l. eac 2 h weerlatse mioh, aut Golles Mllen med motet aut èm euein Eine Erzaͤhlung aus dem achtzehnten Jahrhundert. „ 1——— Vom Verfaſſer des Waverley. „ Aus dem Engliſchen frei uͤberſetzt von IApl No⸗ Carl Weil. — Ich folge Dir, o Meiſter, nur voran, Dir din ich bis zum Tod getreulich zugethan! (Wie's Euch gefällt.) ——— . Zweites Baͤndchen. 4 Stuttgart, bei Gebruͤder Franckh . 1 3 2 6. Redgauntlet Redgauntlet. —y— Neunter Brief. Alexander Fairford, Signetſchreiber, an Mr. Darſie Latimer. Theuerer Mr. Darſiel Da ich bisher Ihr faotor loco tutoris oͤder richti⸗ ger ausgedruͤ kt da ich ohne gerichtliche Vollmacht han⸗ delte) Ihr negotiorum Bestor war, ſo verurſacht dieſe meine Stellung zu Ihnen, mein gegenwaͤrtiges Schrei⸗ ben. Da ich ferner oͤfters Rechnungen uͤber meine Aus⸗ lagen ablegte, welche gehoͤrig, nicht allein von Ihnen den ich nicht dazu bringen konnte, inehr als die Ue⸗ berſchrift und die Dotalſumma anzuſehn) ſondern auch von dem ehrenwerthen Mr. Samuel Griffichs in Lon⸗ don gutgebeißen wurden, ſo kann ich auch gewiſſerma⸗ ten als Ihr functus officio betrachtet werden; doch hoffe ich, auf jeden Fall werden Sie mich nicht als einen unberufenen Einmiſter zur Rede ſellen, wenn ich mich auch hie und da um Ihr Wohlergehn bekuͤm⸗ mere. Die Gründe, welche mich zum Schreiben bewo⸗ gen, ſind dermalen zwiefach. Sdes 3 Ich habe einen gewiſſen Mr. Herries von Birrens⸗ work, einen Edelmann gus einem ſehr alten Hauſe, ge⸗ troffen, der aber in fruͤheren Zeiten in Mißhelligkeiten verwickelt war, auch weiß ich noch nicht, ob ſie ganz ausgeglichen ſind. Birrenswork behanptet Ihren Va⸗ ter genau gekannt zu haben, von dem er ſagt, er habe Ralph Latimer von Langeote⸗Hall geheißen und in Weſtmoreland gelebt; auch erwahnte er manches von Familien⸗Angelegenheiten, die hoͤchſt wichtig fuͤr Sie zu wiſſen waͤren; er ſchien jedoch nicht Willens, ſie mir mitzutheilen, unde ſomit konnte ich alſo hoͤflicher Weiſe nicht weiter in ihn dringen. So viel aber weiß ich, daß Mr. Herries an der letzten verzweifelten und ungluͤcklichen Geſchichte von Anno 1745 Theil nahm und daruͤber heunrußigt ward, obgleich das nun wahr⸗ ſcheinlich voruͤber iſt. Ueberdieß neigt er ſich, wenn er ſich ſchon nicht oͤfenntlich dazu bekennt, zur papiſti⸗ ſchen Religion. Beide Gründe nun ſchreckten mich ab, ihn einem Juͤnglinge zu empfehlen, deſſen Grundſaͤtze Staat und Kirche betreffend, vielleicht noch nicht ſo feſt gegruͤndet ſeyn moͤgen, daß nicht irgend ein ploͤtz⸗ licher Windſtoß einer abweichenden Lehre ſie umſtuͤrzen koͤnnten. Denn ich habe bemerkt, daß Sie, Mr. Dar⸗ ſie, mit Ihrer Erlaubniß, ein wenig am alten Sauer⸗ teig des Pfaffenthums haͤngen, und obſchon ich, Gott bewahre, nicht behaulpten will, daß Sie der Proteſtan⸗ tiſch⸗Hannoͤbriſchen Erbfolge auch nur im Geringſten abgeneigt waͤren, ſo haben. Sie doch auch immer mit Vergnügen den prahieriſchen, übertriebenen Berichten der hochlaͤndiſchen Edelleute von den damaligen unru⸗ higen Zeiten zugehoͤrt, die jene beſſer mit Stihſchwei⸗ gen uͤbergehen ſollten, da ſie ihnen mehr zur Schande als zur Ehre gereichen. Auch habe ich nebenbei ge⸗ hoͤrt, daß Sie ſich mehr als nölhig in der Nachbar⸗ ſchaft der verpeſteten Sekte der OQuaͤker aufhalten— ein Volk, das weder Prieſter, noch Koͤnig, weder huͤr⸗ gerliche Obrigkeit, noch ſelbſt die Herrſchaft unſerer Geſetze anerkennt, und weder in civilibus noch crimi⸗ nalibus ein Zeugniß oder einen Eid abtegt, waͤre der Verluſt, der ihnen daraus entſteht, auch noch ſo groß. — * Es waͤre gut, wenn Sie üͤber dieſe Ketzereien„die Schlange im Graſe“ oder„den Fuß aus der Schlin⸗ ge“ leien wollten, da beide Abhandlungen uͤber dieſe Lehre mit vielem Beifall aufgenommen wurden. Nun, Mr. Darſie, moͤgen Sie ſelbſt urtheilen, ob Sie, zum Wohl Ihrer Seele, laͤnger unter dieſe n Papiſten und Quaͤkern verweilen loͤnnen, da dieſe ab⸗ weichen zur rechten Hand und jene zur linken abfallen. Haben Sie aber ſo viel Selbſtvertrauen und glauben Sie den koͤſen Beiſpielen dieſer Lehre widerſtehen zu koͤnnen, ſo daͤchte ich, foͤnnten Sie wohl in Il rem gegerwaͤrtigen Aufenthaltsort bleiben, bis Sie Mr. Herries von Birrenswork ſprechen, der gewiß ven Ih⸗ ren Angelegenheiten mehr weiß, als ich von irgend einen Manne in Schottland glaube. Ich haͤtte ihn gern ſelbſt daruͤber ausgefragt, er aber wollte, wie ich ſchon bemerkte, nicht recht mit der Sprache heraus. Um nun von etwas Anderem zu reden, habe ich das Vergnuͤgen, Ihnen zu ſagen, daß Alan ſeine Exanina im Schottiſchen Landrecht mit großem Bei⸗ ſall leſtanden hat— ein großer Stein von meinem Herzet; beſonders weil der ehrenwerthe Mr. Peſt mir ins Oyr raunte, fuͤr den„Burſchen“(wie er ihn ver⸗ traulch nannte) brauche man keine Angſt zu haben; was nir viel Muth einfloͤßt. Seine oͤffentliche Pruͤ⸗ fung, die in Vergleich dagegen gar nichts iſt, wird onf Lefehl, des hochmürdigen Senior der Facultaͤt, naͤchſen Mittwoch ſtatt finden, Freitag wird er mit der Rbe bekleidet und gibt, wie gebranchlich, feinen Freunden und Bekannten ein kleines Mittageſſen. Er und oile ſeiner Freunde werden wohl wünſchen, Sie dabei zu ſehen, Mr. Darſie; doch thut es neir leid, daß ihr Wunſch wos nicht in Erfuͤllung gehn kann, da Sie durch Ihre Angelegenheiten daran verhindert ſeyn weden, auch unſer Vetter Peter Fairford deßwe⸗ gen biehr koͤmmt, und wir kein anderes Zimmer als ihre Bodnkammer ihm anzubieten haben. Ferner will ich, nach meiner Art und Weiſe, offen mit Ihnen re⸗ den, Mr. Barſie; es iſt wohlgethan, daß Sie nicht mit meinem Alan zuſammenkommen, bis er voͤllig an ſeinen neuen Bernf gekettet iſt. Sie ſind ein liedens⸗ wurdiger junger Mann, voller Witz und Scherz, was Ihnen wohl anſtehen mag, da Sie(wie ich hoͤre) Ver⸗ moͤgen genug beſitzen, Ihrer froͤlichen Laune ein Ge⸗ nuͤge zu leiſten. Wenn Sie die Sache reiflich aͤber⸗ legten, ſo wuͤrden Sie wohl einſehen, daß einem wohlhabenden Manne ein ruhiges, geſetztes Berragen ziemt; aber weit entfernt, mit der Zunahme Ihres jaͤhr⸗ lichen Einkommens auch ernſter und bedaͤchtiger zu wer⸗ den, ſcheinen Sie, wie es mich daͤucht, um ſo ſorzloſer, je mehr es ſich vermehrt. Doch faͤlt das, in ſ fern es nur Sie betrifft, ganz Ihrem eignen Willen atheim. Alan hingegen muß ſich(meinen Nothpfennig abgerech⸗ net) erſt ein Vermoͤgen begruͤnden; das Kicher und Lachen aber, das nicht aufhoͤrt, wenn ihr zuſammen ſeyd, wuͤrde bald den Puder aus ſeiner Perruͤck und den Pence aus ſeiner Taſche vertreiben. Doch hoffe ich, werdet ihr euch, wenn Sie Ihre Streifzuͤge vollen⸗ det haben, wieder ſehen; denn wie der Weine ſegt: es gibt eine Zeit zum Sammeln und eine Zeit zun Weg⸗ werfen, der Verruͤnttige aber ſammelt erſt. Ich ver⸗ bleibe, wertheſter Herr, Ihr wohlmeinender, Ihren Befehlen ergebener Freund P. S. Alans Theſis iſt uͤber den Punkt: de perculo et commodo rei venditae, und iſt ein Muſter vm Lati⸗ nitaͤt.— RNoß⸗ Houſe in unſerer Nachbarſhaft iſt jaſt fertig, man fagt, es ſoll in ſeinen Verzerungen Duff⸗Houſe ſelbſt uͤbertreffen. Alexander Fairford. . Zehnter Brief. Darſie Latimer an Alan Fairbrd. Der Knoten verwickelt ſich, Alan. Ich zabe einen Brief von Dir und einen von Deinem VWer. Der 9 Letztere ver etz: mich in die Upmoͤglichkeit, das guͤtige Verlangen des Erſteren zu erfuͤllen. Nein— ich kann nicht zu Dir kommen, Alan— und das aus dem trif⸗ tigſten Grunde, weil ich den aͤngſtlichen Wuͤnſchen Deines Vaters weder entgegen handeln kann noch will. Ich nehme es ihm nicht übel, daß er meine Abweſen⸗ heit wuͤnſcht. Es iſt natuͤrlich, daß er ſeinem Soyne wuͤnſcht, was dieſer ſo ſehr verdient— naͤmlich einen vernuͤnftigeren, geſetzteren Gefaͤhrten, als ich es ihm zu ſeyn ſcheine. Und doch weiß ich bei mir ſelbſt, wie viel Muͤhe ich mir gab, mir jenen Anſtand, jenes ge⸗ ſetzte Weſen anzueignen, das man eben ſo wenig im Verdacht hat, es moͤchte die Schranken durchbrechen, us man einer Eule zutraut, daß ſie Schmetterlinge aͤngt. Aber umeonſt faltete ich die Augenbraunen, bis daß ich Kopfweh davon trug, um den Ruf eines ern⸗ ſten, ſoliden, uͤberlegenden Juͤnglings zu erlangen. Immer glaubte Dein Vater in den Falten meiner Stirn irgend einen jugendlichen Poſſen verſteckt zu ſetzn, der mich zu einem gefaͤyrlichen Geſellſchafter des Conſulen⸗ ten in spe und des Richters in ultimatum machte. In⸗ deſſen troͤſte ich mich mit Corporal Nyms Philoſophie: „Es muß halt ſo ſeyn!⸗— Ich kann nicht in das Haus Deines Vaters kommen„da er es nicht wuͤnſcht; und was Dein Hierherkommen betrifft, ſo ſchwoͤre ich Dir bei allem, was mir theuer iſt, daß wenn Du Dich ener ſolchen unſinnigen Handlung ſchuldig machſt(die gewiſſensloſe Grauſamkeit gegen Deinen Vater gar nicht zu erwaͤhnen), ich, ſo lange ich lebe, nie ein Wort mehr mit Dir wechſeln will. Es iſt mein vöͤlliger Ernſt! Ueberdieß gibt mir Dein Vater, waͤhrend er mir ge⸗ iſer Maßen die Ruͤckreiſe nach Edinburg verbietet, 1 Gruͤnde an Handen, meinen Aufenthalt dahier zu verlangern, indem er mir einen Strahl der Hoffnung leuchten laͤßt, von Deinem alten Freunde Mr. Herries von Birrensvork, genauere Nachrichten uͤber meine Herkunft zu erhalten, mit welcher der alte Oe⸗ magog beiannt zu ſeyn ſcheint. = 10⸗ Dieſer Edelmann nannte den Namen einer Fami⸗ lie in Weſtmoreland, mit welcher er mich fuͤr verwandt haͤlt. Meine hieſigen Nachforſchungen nach einer ſol⸗ chen Familie blieben fruchtlos, da die beiderfeitigen Graͤnzbewohner wenig von einander wiſſen. Doch will ich gewiß noch einsn Englaͤnder ſinden, der im Stande iſt, mir Auskunft zu geben, da mich die verzweifelte Kette, die der alte Griffich meinen Bewegungen anlegt, verhindert, England perſoͤnlich zu bereiſen. Wahr⸗ ſcheinlich bietet ſich hier doch wohl eher die Gelegenheit ar, etwas zu erfahren, als an einem andern Orte; was meinen langen Aufenthalt in dieſer Gegend um ſo mehr entſchuldigen wird, da es mit der Zuſtimmung Deines Vaters geſchieht, deſſen Meinungen mehr Grund haben werden, als die Deines wandernden Cameraden. Waͤre auch der Weg, welcher zu einer ſolchen Ent⸗ deckung fuͤhrt, mit Gefahren gepflaſtert, ſo wuͤrde ich dennoch keinen Augenblick anſtehn, ihn zu betreten. In Wirklichkeit aber iſt keine Gefahr vorhanden. Wenn die Tritonen der Solway die Ebbenetze meines ehrli⸗ chen Joſila's ſelbſt niederreißen follten, ſo bin ich we⸗ der ein Don Quirote in Anſichten, noch ein Goliath in Körperſtaͤre, um ſie zu beſchktzen. Es faͤllt mir nicht ein, ein dem Einſturze nabes, Haus mit meinen Schultern ſtützen zu wollen. Ueberdieß gab mir Joſua zu verſtehen, daß, falls die Drohung ausgefuͤhrt wer⸗ den ſollte, die Geſellſchaft, deren Mitglied er iſt(da einige davon profanen Anſichten huldigen) die Auf⸗ rührer gerichtlich verfolgen und Schadenerſatz ſordern wurde, was er ſtillſchweigend dulden wird, lrotz ſeiner ſtrengen Grundſaͤtze uͤber das Widerſtandleiſten. Folg⸗ lich wird die ganze Sache wohl den Weg Rechtens gehn, und wenn ich mich ja darein miſche, ſo ſoll es nur geſchehn, um die Klage vor Dein Gericht zu brin⸗ gen; ich wünſchte daher, daß Du Dich vorlaͤufig mit allen ſcottiſchen Geſetzen uͤber Salmfiſcherei vom Lex aduarum abwaͤrts, bekannt machen moͤchteſt. 1 1 Was Deine Lady vom Mantel betrifft, ſo wette ich, daß an jenem morkwundigen⸗Morgen die Sonne ſo Deine Augen verblendete, daß Dir alles grün vorkam; und trotz der Erfahrung, die James Wilkinſon bei den Fuͤſi⸗ lieren gemacht haben mag, trotz ſeines verneinenden Pfeifens, wage ich es dennoch, eine halbe Krone einzu⸗ legen, daß ſie am Ende nur ein*** Maͤdchen iſt. Laß Dich ſelbſt durch das Gold nicht bom Gegentheil uͤber⸗ hren. Leicht wird ſie Dir das und(o der ungeheuren Beute) die Sporteln einer ganzen Seſſion obendrein, wieder ablocken, wenn Du nicht ſehr auf Deiner Hut biſt. Aber verhielt es ſich auch wirklich nicht ſo, laͤge auch wirklich unter dieſem Beſuche irgend ein geheimniß⸗ voller Schein verborgen, ſo glaubeemir es, iſt er gewiß von der Art, daß weder Du ihn ergruͤnden, noch ich es wagen darf, ihn zu erklaͤren, da, wenn ich n ich irre (und Irrthum iſt doch moͤglich), ich lieber in den Stier des Phalaris kriechen wollte, ftaͤnde er auch gluͤhend vor mir, als von Deinen Witzen beſpoͤttelt zu werden. Klage mich keines Mangels an Zutrauen an; denn ſobald ich Autch nur das Geringſte in der⸗Sache erfahre, theile ich Dir es mit, waͤhrend ich aber noch im Finſtern taope, werde ich mich wohl huͤten, verſtaͤndige Leitte zu rufen, damit ſie zuſehn moͤgen, wie ich mir wahrſcheinlich die Naſe an einem Pfoſten zerſößen werde. Wunderſt Du Dich darüber: 8 3 2 „ Erſtaune nur, bis einſt die Zeit ans Licht es bringt! Unterdeſſen, beſter Alan, laß mich mit meinem⸗Tage⸗ buche ſortfahren. Am dritten oder vierten Dag nach meiner Ankunft in Mount Sharon, laſtete jener kahle Sanduhrmann, an dem ich Dich eben anwieß, die Zeit viel ſchwerer auf mir als anfangs. Die trockene Moral des Joſua ſowohl, als die Hitgenotiſche Einfachheit ſeiner Schwe⸗ ſter, verloren für mich, mit dem Reiz der Neubeit vieles von ihrer Driginalitaͤt, auch druͤckte mich die Einfoͤrmig⸗ keit meiner Lebensart ganz entſetzlich. Es war, wie Du Dich ausdruͤckſt, als haͤtten die Quaͤker die Sonne in 12 ihre Taſchen geſteckt— war ſchon alles umher ſanft und mild, ja ſelbſt lieblich, ſo war doch in dem ganzen haͤus⸗ lichen Leben und Treiben eine Einfoͤrmigkeit, ein Man⸗ gel an Intereſſe, eine un Lraͤnderliche, hoffnnngsloſe Schlaͤfrigkeit, die mir das Leben dort unausſtehlich machte. Zwei elsohne empfand weder Wirth noch Wir⸗ thin dieſe Leere, dieſen Mangel an Reiz, der dem Gaſte ſo laͤſtig war. Der kleine Kreis ihrer Beſchaͤftigungen, Mildthaͤtigkeiten und Erholungen war beſtimmt; Rahel hatte ihren Huͤhnerhof und ihr Treibhaus, Joſua ſeinen Garien. Ueberdieß gewaͤhrten ihnen, ohne Sweifel, ihre Andachtsuͤbungen manchen Genuß, ſo daß die Zeit ſanft und unmerklich mit ihnen dahin gleitete, waͤhrend ſte mir, der ich mich nach Strörnen und braufenden Waſſer⸗ aͤllen ſehne, ganz unbeweglich da zu ſteln ſe jen. Ich dachte daran, ob ich nicht nach Scaͤfers Buſch zuruͤck⸗ kehren ſobe, und ſing an, den kleinen Benjie und die Angelruthe mit ein ger Sehnſucht zuruͤrzuwuͤnſchen. Der Schurke hat ſich her gewagt und lauert, um mich hie und da zu erblicken; ich vermüthe, der kleine Fiſcher angelt nach einigen Sechsvenceſtuͤcken. Aber das waͤre in Joſua's Augen, als waͤlzte ſich die eben erſt gewa⸗ ſchene Sau von neuem im Koth herum, und ſo lange ich ſein Gaſt bin, habe ich mir feſt vorgenemmen, nicht ſo heftig gegen ſeine Vorurtheile anzteſtoßen Oann wollte ich die beſtimmte Zeit meines Aufenthalts verkürzen, aber ach! auch das war unmoͤglich. Ich hatte eine Woche beſtimmt, und wie voreilig auch mein Verſpre⸗ chen geleiſtet worden war, ſo mußte es doch heilig, ja ſelbſt buchſtaͤblich gehalten werden. Alle dieſe Betrachtungen verſetzten mich geſtern Abend in eine gewiſſe Unge uld; ſo daß ich meinen Hut ergriff und mich zu einem Streifzug au ßerhalb der ange⸗ bauten Meierei und des verziekten Bodens von Mount Sharon vorbereitete, grade als ob ich dem Reicde der Suinſt entſchluͤpfen und mich der freien, ungezwungenen Natür uͤberlaſſen wollte. Kaum empfand ich mehr Vergnügen, als ich zuerſt 13 dieſe friedliche Wohnung betrat, als jetzt—(ſo unbe⸗ ſtaͤndig, unbeharrlich iſt die menſchliche Natur!)— wo ich von ihr zu den weiten Duͤnen zuruͤckkehrte, die mir fruͤher ſo oͤde, ſo traurig ſchienen. Die Luft, die ich einathmete, ſchien mir reiner und wohlduftender. Die Wolken, hoch uͤber mir auf Sommerluftchen dahin ſchwe⸗ bend, tanzten froͤhlice Reigen uͤber meinem Haupte; indem ſie bald die Sonne verdunkelten, bald ihren Strahlen erlaubten, ſich in durchſichtigen atreifen über verſchiedene Theile der Landſchaft zu erſtroͤmen, beſon⸗ ders üͤber den breiten Spiegel des fernen Meerbuſens von Solway. 4 Ich nahete mich der Scene mit dem leichten Schritte eines befreiten Gefangenen, und wie John Bungan's Pilger, hatte ich gehend, in meinem Herzen Stoff zum Singen gefunden: Es war, als ob meine Froͤhlichkeit durch das Unterdruͤcken derſelben zugenommen harte, und als haͤtte ich, in meiner jetzigen freudigen Stimmung ein Recht, die Erſparniſſe der Woche durchzubringen. Eben wollte ich ein(rohliches Lied anſtimmen, als ich zu meiner freudigen Ueberraſchung, drei oder vier Stim⸗ men hoͤrte, die recht brav das alte Trinklied ſangen: „„Denn all; unſre Leute waren ſelig und fröhlich, „Sie ſaßen zuſammen beim Krug; „Zwei waren mein, „Drei waven Dein, „Und dreie gehörten Sir Thom o' Lyne, „Als ſie woliten zur Flöße, waren ſie fröhlich und ſelig, „Sie ſaßen zuſammen beim Krug.“ Als der Chorus endigte, folgte ein lautes, herzli⸗ ches Gelaͤchter zum Beifaäͤllszeichen. Von Toͤnen ange⸗ zogen, die mit meiner gegenwaͤrtigen Laune ſo ſehr uͤber⸗ einſtimmten, nahete ich mich dem Orte, von dem ſie herkamen— dennoch mit Vorſicht denn die Duͤnen hatten, wie mir oft zu verſtehen gegeben wurde, keinen auten Namen; und die Anziehungskraft der Muſik, ohne grade in Melodie mit jener der Syrenen zu wettei⸗ fern, haͤtte doch fuͤr einen unvorſiebtigen Liebhaber aͤhn⸗ liche unangenehme Folgen haben koͤnnen. 14— Ich ging alſo vorwärts, weil ich hoffte, daß die Un⸗ gleichheit des Bodens, auf welchem Hugel und Sand⸗ gruben abwecſelten, mir geſtatten wuͤrde, die Muſtker in Augenſchein zu nehmen, ehe ich von ihnen bemerkt werden koͤnnte. Als ich mich naͤherte, ward das alte Liedlein wieder von neuem begonnen. Die Stimmen ſchienen die eines Mannes und e zier Knaben zu ſeyn; ſie waren rauh, hielten aber richtig Takt und verrie⸗ then zu viel Geſchicklichkeit, um gewoͤhnlichen Landleu⸗ ten anzugehoͤren. „Jaͤck ſah' in die Sonn' und ſchrie Feuer, es brennt „Tom ſchnell mit dem Vieh' in den Sumpf hinein rennt; „Jem ſieht dort ein Kätbchen und ſchreit:„ach ein Reh⸗ „Will reitet Balken ſtatt Pferden, juchhe!“. „ Denn all' unſre Leute waren ſelig und fröhlich, „Sie ſaßen zuſammen beim Krug; „Zwei waren mein, „Drei waren Dein, Und dreie gehörten Sir Them o Lyne, „Als ſie wohtten zur Flöße, waren ſie fröhlich und ſelig, „Sie ſaßen zuſammen beim Krag.“⸗ Die Stimmen, als ſie ſich bei verſchiedenen Stellen vereinigten, andere ſchnell uͤbergingen, als ſie die Glie⸗ der aus der Kette des alten, kuſtigen Trinklieds bald außtoͤßten, bald wieder zuſammenfügten, ſchienen ſelbſt einen Anſtrich des bachanaliſchen Geiſtes, ve ſie beſan⸗ gen, zu bengen, und zeigten deutlich, daß die Muſiker ſich in demfelben freudigen Taumel befanden, wie die Kuappen des alten Sir Thom o' Lyne. Endlich bekam ich ſie zu Geſicht; es waren ihrer dreye, die gemuthlich zuſammen in einer kleinen trockenen Sandgrube ſaßen, die bon einer natuͤrlichen Sandmauer und einer Hecke von Stechpalmen in voller Bluͤthe, umgeben war. Der ein:: 5 S„ 4 ſn Der einzige alls dem Srio, den ich perſoͤnlich kann⸗ te, war der berüchtigte kleine Benlie, der, da er eben ſeinen Geſang beendigt hatte, mit der einen Hand ein maͤchtiges Stück Schwarzöbrod in den Mund ſtopfte, wahrend er in der anderen einen ſchaͤumenden Krug hielt. Dabei ſpruͤhten ſeine Augen vor Luſt bei dem heimlichen Gelage, und ſeine Züge, die ſtets einen boohaften Aus⸗ druck haben, verriethen voͤllig, wie ſuͤß geſtohlenes Waſ⸗ ſer und Brod, geheim gegeſſen, ſey.. b Im Stand der Mannsperſon und des Frauenzim⸗ mers, die dem Benjie bei ſeinem froͤhlichen Mahle Ge⸗ ſellſchaft leiſteten, konnte man ſich nicht irren. Des Mannes langer, loſe anliegender Ueberrock, der Kaſten der Geige mit dem Tragriemen, der neben ihm lag, und ein kleiner Schnappſack, der einige wenige nothwendige Dinge enthalten mochte; ein klares graues Auge; Zuͤge, die Spuren ſtürmiſcher Kaͤmpfe tragend, dennoch den Ausdruck wilder, ſorgenloſer Freuden bezengten, und welche jetzt von der Ausuͤbung der Kunſt erhitzt waren, die ihm ſeinen Lebensunterhalt verſchaffte— alles ver⸗ kuͤndigte einen der peripathetiſchen Juͤnger des Orpheus, die man im gemeinen Leben wandernde Bierſiedler nennt. Als ich ihn aufmerkſamer betrachtete, bemerkte ich deutlich, daß, wenn ſchon die Augenlieder des ar⸗ men Muſikers offen ſtanden, den Augen ſelbſt doch das Licht fehlte, und daß die Entzuͤckung, mit welcher er ſie gen Himmel wendete, nur von dem anſcheinenden Aus⸗ druck ſeiner inneren Bewegung herkam, daß aber die ſichtbaren Gegenſtaͤnde rings umher ihnen keinen Stuͤtz⸗ punkt verliehen. Neben ihm ſaß ſeine weibliche Gefaͤhr⸗ tin, gekleidet in einen Maͤnnerhut, einen blauen Ueberrock, der ebenfalls ein Mal einer maͤnnlichen Gar⸗ derobe angehoͤrt haben mochte, und in einen rothen Leibrock. Sie war in Perſon und Kleidern reinli⸗ cher, als es bei Wanderern dieſer Art gewoͤhnlich der Fall iſt; und da ſie in ihren guten Tagen eine ſtattliche Putzdame geweſen war, ſo unterließ ſie es auch jetzt noch nicht, ihrem Anzuge einige Sorgfalt zuzuwenden, ſie trug ein breites Halsband von Bernſtein, ſilberne Ohr⸗ ringe, und ihr Kleid war uͤber der Bruſt mit einer Spange von demſelben Metall befeſtiat. Auch der Mann ſah, ſeiner gewoͤhnlichen Kleidung ungeachtet, recht reinlich aus, hatte ein ordentliches 16 ſeidenes Halstuch ſchoͤn geknuͤpft um ſeinen Hals, durch das ein reines Oberhemd durchſchaute. Eben ſo floß ſein Bart, ſtatt einen ſtawlichten, mehrere Dage ver⸗ nachlaͤſſiagten Wirwarr zu zeigen, dick und gehoͤrig haͤu⸗ fig, ſechs Zoll lang uͤber die Bruſt herab und ver⸗ miſchte ſich mit ſeinem Hauvthaar, das eben anfing, einen kleinen Anſtrich des Alters zu verrathen. Um den Anzug vollſtaͤndig zu machen, war das loſe ⸗Ge⸗ wand, das ich ſchon beſchrieben habe, mit einem altmo⸗ diſchen Guͤrtel befeſtigt, der mit kupfernen Knoͤpfen ver⸗ ziert war, an welchen Meſſer und Gabel befeſtigt waren. Doch hatte der Mann etwas wilderes, abentheuerliche⸗ res in ſeinem Weſen, als es bei unſeren herumziehen⸗ den Geigern gewoͤhntich der Fall iſt; auch zeigte der Strich ſeines Bogens, wenn er hie und da mit ſeiner Violine das kleine Ehor dirigirte, von ungewoͤhnlichem Dalente. Du mußt wiſſen, daß viele dieſer Bemerkungen die Frucht ſpaͤterer Beobachtungen waren; denn kaum hatte ich mich der Gefellſchaft ſo weit genaͤhert, daß ich ſie von Ferne Ketrachten konnte, als Freund Benjie's lauernder Begleiter, den er ſehr paſſend Hemp*) nennt, die Ohren ſpitzte, und als er meine Anweſenheit be⸗ merkte, bellend wie eine Furie dem Orte zuſprang, wo ich verborgen bleiben wollte, bis ich einen anderen Ge⸗ ſang gehoͤrt haͤtte. Ich war alſo gezwungen, ſchnell aufzuſpringen, und den Hemp, der mich ſonſt gebiſfen haͤtte, mit zwei tuͤchtigen Rippenſtoͤßen einzuſchuͤchtern, worauf er heulend zu ſeinem Herrn zuruͤckkehrte. Der kleine Beniie ſchien uͤber meine Erſcheinung etwas verlegen; aber da er auf meine Langmuth rech⸗ nete, auch wahrſcheinlich daran dachte, daß der mißhan⸗ delte Salomon nicht mein Neitpferd ſey, ſo heuchelte er ſchnell eine freudige Ueberraſchung und erzaͤhlte den Wanderern faſt in einem Athem, ich waͤre:„ein großer err, haͤtte viel Geld, und waͤre ſehr guͤtig gegen Ar⸗ — *⁴) Galgenarick 1 Willie billigte ſein eignes Lob mit einem Kopfſchuͤtteln und dem Ausruf:„Alles, was der Bub' da ſagt, iſt wahr!“Ich frug ihn, ob er aus dieſer Gegend waͤre? Aus diefer Gegend! erwiederte der blinde Mann — ich bin aus jeder Gegend des breiten Schottlands und eines Stuͤckes von England dazu. Doch bin ich, gewiſſermaßen, aus dieſer Gegend, denn ich wurde da geboren, wo man die Solway toſen hoͤrt. Soll i vnh eine Probe von der Faͤhigkeit des alten Geigers eben?“ 3 Waͤhrend er ſo ſprach, praͤludirte er auf eine Art, die wirklich meine Neugierde erregte; darauf nahm er die alte Melodie vom Galashiels zum Thema und ſchmuͤckte ſie mit wild verwickelten, aber entzuͤckend ſchoͤ⸗ nen Variationen gus, waͤhrend welcher es wunderbar zu bemerken war, wie ſein Antlitz, dem doch das Augen⸗ licht fehlte, ſich beim ſelbſtbewußten Stolz, beim innig gefuͤhlten Entzuͤcken an der Kunſt, verklaͤrte, welcher er im vollen Grade maͤchtig war. „Wie gefaͤllt Euch das von einem Zweiundſechs⸗ iger?“. 3 Ich druͤckte mein Erſtaunen und mein Vergnͤ⸗ gen aus. „Ein Capriccio, Freund— ein altes Capriccio, ſagte Willie; es gleicht freilich der Muſik, die ihr in Euren Hallen und Schaufpielhäuſern zu Edinburg habt, iſt noch ein Anderes— es iſt keine ſchottiſche Melodie, aber man haͤlt es dafuͤr— Oswald machte ſie ſelbſt, ich bin es üͤberzeugt— man hat viele dafür gelten laſſen, aber den wandernden Willie kauſcht man nicht.“ Darauf ſpielte er Deine Lieblingsarie vom Roslin Caſtle mit zahlreichen, ſchoͤnen Variationen, von denen einige wenigſtens gewiß ertemporirt waren. W. Scott's Werke XVI. 2 18 „Ihr habt da noch eine Geige, mein Freund,“ ſagte ich—„habt Ihr einen Cameraden?“ aber entwe⸗ der war Willie taub, oder ſeine Aufmerkſamkeit war noch den Toͤnen zugewendet. Die Frau antwortete fuͤr ihn:„Ja, Sir, freilich haben wir einen Gefaͤhrten, ein mißgeſtalteter Kerl wie wir. Wohl koͤnnte es mein Liebſter beſſer haben, wenn er wollte, denn manches ru⸗ hige Plaͤtzchen in gar manchem anftaͤndigen Hauſe iſt meinem lieben Willie angeboten worden, wenn er nur ruhig auf einem Orte bleiben und den Edelleuten vor⸗ ſpielen wollte.“ „Still, Weib, ſtill!“ ſagte der blinde Mann, in⸗ dem er aͤrgerlich ſeine Locken ſchuͤttelte;„betaube den Herrn nicht mit Deinen Thorheiten. Zu Hauſe ſitzen und den Edelleuten vorſpielen! aufſtreichen, wenn es der Lady gefaͤllt und den Bogen niederlegen, wenn My⸗ lord es beſiehlt! Nein, das iſt kein Leben fuͤr Willie.— Schau um Dich, Maggie— lauere doch Weib, ſieh' ob Du den Robin nicht kommen ſiehſt.— Der Deufel hole ihn, er treibt ſich gewiß mit vollen Segeln bei der Punſchbowle eines Schmugglers herum, und wird die ganze Nacht nicht abkommen. 1— „Iſt das das Inſtrument Eures Gefaͤhrten, ſagte ich, wollt Ihr mir erlauben, meine Fertigkeit darauf zu erproben?“ ich ſchob zugleich der Frau einen Schilling in die Hand. „Ich weiß wahrlich nicht, ob ich Euch Robin's Geige anvertrauen darf,“ ſagte Willie gradezu. Seine Frau gab ihm einen Stoß.„Geh’ weg, Maggie,“ ſagte er, den Wink nicht beachtend;„wenn Dir auch der Herr Geld gegeben hat, ſo muß er doch deßwegen nicht grade eine Hand haben, die den Bogen zu fuͤhren verſteht, und ich will Robin's Geige keinem Ignoranten anver⸗ trauen.— Nun das iſt nicht ſo gar arg,“ fuͤgte er hinzu, als ich das Inſtrument probirte;„ich glaube, Ihr verſteht es wohl ein bischen.“ Um ihn nun in ſeiner guͤnſtigen Meinung zu erhal⸗ ten, fing ich an, ſo kuͤnſtlich verwickelt zu phantaſieren, 19 daß ich glaubte, es muͤßte Crowdero ſelbſt vor Neid und Bewunderung in eine Marmorſaͤule verwandelt haben. Ich ging von einer Scalg zur andern üͤber, ließ meine Finger von einer Saite zur anderen fliegen, ſpielte Ar⸗ peggio's und Harmonica⸗Toͤne, ohne jedoch die Be⸗ wunderung zu erregen, die ich erwartet hatte. Willie hoͤrte mir wirklich mit geſpannter Aufmerk⸗ ſamkeit zu; aber kaum hatte ich geendigt, als er augen⸗ blicklich auf ſeinem eignen Inſtrumente die phantaſtiſche Verbindung von Toͤnen, die ich hervorgebracht hatte, nachahmte, und eine ſo laͤcherliche Parodie meines Spiels machte, daß ich, wenn es mich gleich ein wenig verdroß, doch ſelbſt in ein herzliches Gelaͤchter ausbrach, in welches Benjie einſtimmte, den ſeine Ehrfurcht vor mir durchaus nicht daran verhinderte; waͤhrend das arme Frauenzimmer, welches wahrſcheinlich fuͤrchtete, ich moͤchte dieſe Familiaritaͤt uͤbel nehmen, zwiſchen ihrer ehelichen Ehrfurcht vor ihrem Willie und dem Wunſch, ihm einen zurechtweiſenden Wink zu geben, zu ſchwanken ſchien. „ Endlich hoͤrte der alte Mann von ſelbſt auf, als haͤtte er mich jetzt durch ſeine Nachahmung genuͤglich zurecht gewieſen; und ſagte:„ rotz dem allen koͤnnt Ihr mit ein wenig Uebung und guter Anleitung recht gut ſpielen lernen. Aber Ihr müßt lernen, mit Herz zu ſpie⸗ len, Freund— Herz hinein zu legen.“ Ich ſpielte eine Arie im einfacheren Geſchmack und erhielt nun entſchiedeneren Beifall. „ Das iſt ſchon etwas, Freund, wahrhaftig Ihr ſeyd ein gewandter Burſche!“ Die Frau zupfteſihn wieder am Rock.„Der Herr iſt ein Gentleman, Wil⸗ ie, Du mußt nicht ſo mit ihm ſprechen, Schaͤtz⸗ „Den Deufel muß ich!„ſagte Willie,“ warum darf ich nicht? Und waͤre er auch zehn Mal adlich, ſo kann er doch den Bogen nicht ſo fuͤhren wie ich; kann Er es wohl?“ „Nein gewiß kann ich es nicht, mein ehrlicher 2. 20 Freund, ſagte ich, und wenn Ihr mich in das nahgele⸗ gene Haus begleiten wollt, ſo ſoll es mich freuen, eine Nacht mit Euch zubringen zu konnen.“ Hier wandte ich mich um, und bemerkte, daß Ben⸗ jie ein Laͤcheln zu unterdruͤcken ſuchte, in welchem gewiß etwas Boshaftes verſteckt lag. Ich faßte ihn ploͤtzlich beim Ohr und brachte ihn zu dem Geſtaͤndniß, daß er lache, weil er ſich den Empfang vorgeſtellt habe, der wahrſcheinlich dem Geiger von den Quaͤkern auf Mount Sharon werden wuͤrde. Ich ſtieß ihn von mir, indem ich aber doch zugleich recht froh daruͤber war, daß er mich an etwas erinnerte, was ich im Augenblick ver⸗ geſſen hatte; ich lud alſo den Wanderer ein, mit mir nach Schaͤfers Buſch zu gehn, und nahm mir vor, dem Mr. Geddes von dort aus ſagen zu laſſen, daß ich die⸗ ſen Abend nicht nach Haufe kommen würde. Aber der Minſtrel ſchlug auch dieſe Einladung aus. Er waͤre fuͤr heute Nacht zu einem Tanz in der Nachkarſchaft verſprochen, ſagte er, indem er dabei einen derben Fluch uͤber die Nachlaͤſſigkeit oder Faulheit ſeines Ge⸗ faͤhrten ausſtieß, der immer noch nicht an dem beſtimm⸗ ten Ort erſcheinen wollte. 3 „Ich will ſtatt ſeiner mit Euch gehn,“ ſagte ich in einem Anflug toller Laune,„und Ihr ſollt einen Kronenthaler haben, wenn Ihr mich fuͤr Euren Ka⸗ meraden einführen wollt.“ „Ihr, ſtatt Rob dem Landlaͤufer, mich beglei⸗ ten! Wahrhaftig Freund, Ihr ſeyd nicht bloͤde,“ antwortete der wandernde Willie in einem Tone, der meinem Schwank den Untergang drohte. Aber Maggie, der das Bieten eines Kronentha⸗ lers nicht entgangen war, fing an uͤber dieſes Thema eine muͤrriſche Lektion zu leſen.„O Willie! liebſter Willie, wann wirſt Du doch einmal vernuͤnftig werden? Da gibt es eine Krone zu verdienen, wobei Du nichts mehr zu thun haſt, als einem Manne den Namen ei⸗ nes andern zu geben. Und weh' mir! Ich habe wei⸗ ter nichts als einen Schillin, den der Herr mir gab, 21 und eine Scheidemuͤnze; und Du willſt Deinen Ei⸗ genſinn nicht einmal ſo weit beugen, das Silber auf⸗ zuheben, das Dir zu Fuͤſſen faͤllt. Du wirſt wie ein Karrengaul auf dem Miſt ſterben! und was kann ich dann beſſeres thun, als mich niederlegen und mit ſterben? Denn Du willſt weder Dich, noch mich am Leben erhalten.“ „Halt' Deine unſinnige Zunge, Weib,“ ſagte Willte, doch weniger beſtimmt, als vorher,„iſt er denn ein wirklicher Gentleman, oder ein verſtellter?“ „Ich halte ihn fuͤr einen rechten Gentleman,“ ſagte die Frau. „Und ich halte, daß Du wenig davon verſtehſt,“ ſagte Willie;„laßt doch einmal Eure Hand betaſten, Nachbar, wenn es Euch gefaͤllig iſt.“ Ich reichte ihm die Hand. Er ſagte zu ſich ſelbſt: „Ja, ja, dieſe Finger haben noch keine harte Arbeit gethan.“ Dann fuhr er mir mit ſeiner Hand uͤber das Haar, das Geſicht und das Kleid, und fuhr in ſei⸗ nem Selbſtgeſpraͤche fort:„Ja wohl, duftendes Haar, ganz richtig, der Rock vom feinſten Tuch, wenig⸗ ſtens ſiebenzehn hundert Schnuͤrlein auf dem Rüeken, Lanz richtig.— Aber wie, mein lockerer Vogel, wollt Ihr ſo fuͤr einen reiſenden Geiger gehalten werden?“ „Meine Kleidung iſt ganz einfach,“ ſagte ich, denn wirklich hatte ich aus Hoͤflichkeit gegen die Quaͤ⸗ ker meinen gewoͤhnlichſten Anzug angelegt;„ich kann leicht fuür einen jungen Pachter gehalten werden, der auf einen Scherz ausgeht. Kommt, ich will die Kro⸗ ne, die ich Euch verſprach, verdoppeln.“⸗ „Der Deufel hole Eure Kronen,“ ſagte der un⸗ eigennützige Spielmann.„Es iſt wahr, auch ich moͤchte gern ein bischen mit Euch herum ſtreichen— aber ein Pachter mit einer Hand, die nie Pflug oder Egge fuͤhrte, das geht nicht!— Ihr könnt eher für einen Ladendiener aus Dumfries, oder fuͤr einen wandern⸗ den Studenten oder ſo etwas gelten. Aber hoͤre Bur⸗ ſche, wenn Du glaubſt, Du duͤrfteſt Dich mit den 22 Dirnen dort herumtreiben, ſo irrſt Du Dich, und wirſt ſchlimm wegkommen, fags ich Dir; denn die Fi⸗ ſcher ſind wilde Katzen, und vertragen keinen Spaß.“ Ich verſprach, hoͤflich und vorſichtig zu ſeyn, und um mir die gute Frau zu gewinnen, druͤckte ich ihr die verſprochenen Geldſtuͤcke ſchon jetzt in die Hand. Die ſcharfen Organe des blinden Mannes entdeckten den kleinen Kunſtgriff. „Haſt Du es ſchon wieder mit dem Geld zu thun, Du Naͤrrin? Ich ſchwöre darauf, Du hoͤrſt lieber zwei Pfenninge gegen einander klingen, als die Toͤne Rory Dall's, und ſollte er auch aus dem Grabe auf⸗ erſtehn. Gehe hin zu Lucky Gregſon und laß Dir ge⸗ ben, was du brauchſt, warte bis morgen um eilf Uhr; und wenn Du den Robin ſiehſt, ſo ſchicke ihn mir.“ „Ich gehe alſo nicht mit zu dem Feſte?“ ſagte Maggie im Tone getaͤuſchter Hoffnung.. „Wofuͤr denn?“ fagte ihr Herr und Meiſter; „die Nacht durchzutanzen, damit Du morgen keinen Schritt gehen kannſt, waͤhrend wir doch zehn ſchottiſche Meilen zu machen haben? Nein, nein; das Sprich⸗ wort ſagt: wenn Du des Nachts arbeiten mußt, ſo fuͤhre Dein Pferd in den Stall und Deine Frau in's Bert! „Gut, gut, Willie, mein Schäͤtzchen, Du ver⸗ ſtehſt es am beſten; aber ich bitte Dich, ſchone Dich ſelbſt und denke daran, daß Du nicht mit dem Lichte der Augen geſegnet biſt.“. „„Deine Zunge laͤßt mich faſt wuͤnſchen, auch den Segen des Gehoͤrs nicht zu beſitzen, Weib,“ war Willie's Antwort auf dieſe zaͤrtliche Ermahnung. Jetzt miſchte ich mich meines eigenen Vortheils wegen hinein.„Das iſt alles gut, Ihr lieben Leute, bedenkt aber, daß ich den Buben nach Mount Sharon ſchicken muß, und wenn Ihr, ehrliche Frau, nach Schaͤfers Buſch geht, wie, um's Himmels willen, ſoll ich den blinden Mann dahin führen, wohin er will? Ich kenne die Gegend wenig oder gar nicht.“ — — 23 „Ach, Ihr kennt mein Maͤnnchen noch weniger, Sir,“ erwiederte Maggie,„daß Ihr glaubt, er habe einen Fuͤhrer noͤthig; er ſelbſt iſt der beſte Fuͤhrer, den Ihr zwiſchen Criffel und Carlisle finden koͤnnt. Landſtraße und Fußpfad, Dorfſtraße und Kirchſtraße, Chauſſée und Kreuzweg, jeden Fuß breit Landes in Nithsdale kennt er.“ „„Ja, Du kannſt ſagen in ganz Schottland, gu⸗ tes Weib,“ fuͤgte der Geiger hinzu.„Aber jetzt, Maggie, geh' Deiner Wege, das war das erſte ver⸗ nuͤnftige Wort, das ich heute von Dir gehoͤrt habe. Ich wuͤnſche nur, es moͤchte eine recht dunkle Nacht, und Wind und Regen geben, damit der Gentlémnan ſehen kann, daß es zuweilen beſſer iſt, blind zu ſeyn, als ſehend; denn ich bin im Dunklen ein eben ſo ſicherer Fuͤhrer, wie bei Tage.“ Innerlich erfreut, daß mein Gefaͤhrte mir dieſen Beweis ſeiner Ortskenntniſſe nicht ablegen konnte, ſchrieb ich dem Samuel einige Worte, mit welchen ich ihm befahl, meine Pferde gegen Mitternacht an den Ort zu bringen, den ihm die Ueberbringerin an⸗ zeigen wuͤrde, und ſchickte den kleinen Benjie mit ei⸗ ner Entſchuldigung zu dem wackeren Quaͤcker. „Als wir uns nun ſo, nach verſchiedenen Rich⸗ tungen hin, trennten, ſagte das gute Weib:„Ach Sir, bittet den Willie nur, er ſolle Euch eine von ſeinen Geſchichten erzaͤhlen, um den Weg zu verkuͤr⸗ zen. Er kann wie ein Prediger auf der Kanzel re⸗ dede er haͤtte ſelbſt ein Prediger werden koͤnnen, aber— „ Halt Dein Manl, Du Naͤrrin!— aber wart⸗ ein Mal, Meg— gib mir einen Kuß, wir wollen uns nicht in Zank trennen.“ So trennte ſich unſere Geſellſchaft... 24 Eilfter Brief. Derſelbe an Denſelben. Stelle Dir nun unſere Reiſen auf den Dünen nach den verſchiedenen Richtungen vor. Dort nach Norden hin fiiegt der kleine Benjie mit ſeinem Hemp, als gaͤlte es ein Menſchenleben, ſo lange naͤmlich, als er im Geſichtskreiſe ſeines Akfenders iſt, denn ſobald er meinen Augen entſchwunden iſt, wird er gewiß ſo hequem, wie muͤglich, gehen. Weſtwaͤrts ſtehſt Du Maggie einherſchreiten, deren lange Geſtalt durch den aufgekraͤmpten Hut und das Flattern des Plaids auf der linken Schulter noch erhoͤht wird, nach und nach ſiehſt Du ihre Geſtalt im Dunklen ſich verkleinern und endlich ganz verſchwinden, ſobald die letzten Sonnenſtrahlen ſich in's Meer tauchen. Ihre ruhige Reiſe geht dem E gaͤfers Buſche zu. „Wenn Du Dein Auge dann uͤber die Flaͤche hin⸗ ſtreichen laͤſſeſt, ſo ſiehſt Du Deinen Freund Darſie katimer, mit feinem neuen Bekannten, dem wandern⸗ den Willie einherſchreiten. Der Letztere beruͤhrt hin und wieder den Boden mit ſeinem Stabe, doch nicht zweifelnd oder erforſchend, ſondern mit der Sicher⸗ heit eines erfahrenen Piloten, der das Senkblei noch auswirft, wenn er ſchon die Diefe voraus kennt; ſo geht er feſt und kuͤhn daher, als haͤtte er die Augen des Argus. Da gehen ſie, ein jeder ſeine Violine auf dem Ruͤcken, der eine aber wenigſtens in voll⸗ kommener Unwiſſenheit, wohin es eigentlich geht. „Und was bewog Euch, ſo ſchnell in eine ſo tolle Poſſe einzugehen?“ ſagte mein weiſer Nathgeber.— Was? Ich denke, im Allgemeinen war es ein Gefuͤhl der Einſamkeit, eine Sehnſucht nach jener freundli⸗ chen Guͤte, welche die Seele der menſchlichen Geſell⸗ ſchaft iſt, die mich verleitete, fuͤr den Augenblick meine Wohnung zu Monet Sharon aufzuſchlagen; aber die Einförmigkeit des Lebens dort, die ruhige Einfachheit 25 in der Unterhaltung der Geddeſſe, die Gleichfoͤrmig⸗ keit ihrer Beſchaͤftigungen und Unterhaltungen ermuͤ⸗ deten mein ungeduldiges Gemuͤth, und ſo benuͤtzte ich die erſte Gelegenheit, welche der Zufall mir dar⸗ bot, ihr zu entgehen. Was haͤtte ich nicht darum gegeben, wenn ich im Stande geweſen waͤre, das ernſte feierliche Geſicht anzunehmen, mit welchem Du ſv oft Deinen Ausge⸗ laſfenheiten eine gewiſſe Wuͤrde verlieheſt! Du beſitzeſt eine ſo gluͤckliche Art und Weiſe die thoͤrichteſten Dinge auf die weiſeſte Manier zu thun, daß deine Thorhei⸗ ten in den Augen der Vernunft ſelbſt, fuͤr vernuͤnftige Handlungen gelten koͤnnten. 1 Als ich die Richtung beobachtete, welche mein Fuͤhrer nahm, ſo ſing ich an zu fuͤrchten, die Schlucht vor Brokenburn moͤchte unſer wahrſcheinlicher Be⸗ ſtimmungsort ſeyn, und ich uͤberlegte es ernſtlich, ob ich mich mit Anſtand, ja ob ich mich ſogar mit Si⸗ cherheit der Gaſtfreundſchaft meines fruͤheren Wirthes aufdraͤngen koͤnnte. Ich frug alſo den Willie, ob wir zum Laird, wie die Leute ihn nennen, beſtellt waͤren. 2 „Kennt Ihr den Laird?“ ſagte Willie, indem er eine Ouverture von Corelli unterbrach, von welcher er einen Theil mit großer Genauigkeit gepfiffen hatte. „Ich kenne den Laird ein wenig,“ ſagte ich, „und eben deßwegen bin ich ungewiß, ob ich verklei⸗ det ſein Haus betreten ſollte.“ „Und ich, ich wuͤrde mich nicht nur ein bischen, ſondern viel beſinnen, ehe ich Euch mitnehmen wuͤr⸗ de, Buͤrſchchen,“ ſagte der wandernde Willie,„denn ich glaube faſt, ohne zerſchlagene Rippen wuͤrden wir ſchwerlich durchkommen, weder Ihr, noch ich. Nein, nein, mein Burſche, wir gehen nicht zum Laird, ſon⸗ dern zu einem luſtigen Feſte am Fuße des Brokenburn, wo viele wackere Burſche und Maͤdchen hinkommen wer⸗ den. Es iſt wohl moͤglich, daß auch einige von den Leu⸗ ten des Laird's hinkommen, denn er ſelbſt geht nie zu 1 als in dem Ton, in dem er es ſagte. Es ſchien mir, 26 ſolchen Golagen. Er hat nur noch fuͤr die Vogeljagd unn das Salmſiſchen Sinn, ſeitdem Pike und Muskete ruht.“ „Iſt er alſo Soldat geweſen?“ ſagte ich. „Ich will es doch glauben, daß er Soldat war,“ antwortete Willie;„aber folgt meinem Nathe und be⸗ kümmert Euch ſo wenig um ihn, wie er um Euch. Weckt den ſchlafenden Loͤwen nicht. Es iſt beſſer, gar nichts uͤber den Laird zu ſagen, und mir ſtatt deſſen zu erzaͤhlen, was Ihr eigentlich fur ein Geſell ſeyd, der Ihr ſo bereitwillig mit einem alten lumpigen Fied⸗ ler herumzieht? Maggie ſagt zwar, Ihr waͤret ein Edelmann, aber bei ihr macht ein Schilling den gan⸗ zen Unterſchied zwiſchen einem Adlichen und einem Suͤr⸗ gerlichen aus, und Eure Kronen koͤnnen Euch in ihren Augen zum Prinzen von Gebluͤt machen. Ich aber bin einer von denen, die wohl wiſſen, daß ſchoͤne Kleider und eine weiche Hand eben ſo wohl ein Zeichen des Muͤſſiggangs als des Adels ſeyn koͤnnen.“ Ich ſagte ihm meinen Namen mit demſelben Zu⸗ ſatz, den ich gegen den Mr. Joſug Geddes gebraucht hatte; daß ich naͤmlich die Rechte ſtudirte, und da ich mich in meinen Studien zu ſehr angeſtrengt haͤtte, nun zu meinem Vergnuͤgen umherſtreifte. „Iſt es denn ſo Eure Art, Euch mit allen Land⸗ ſtreichern, die Ihr auf der Heerſtraße trefft, herumzu⸗ treiben?“ frug Willie. „Ach nein, nur mit ehrlichen Leuten wie Ihr, Willie,“ war meine Antwort. „Ehrliche Leute wie ich!— Woher wißt Ihr denn, daß ich ehrlich bin, oder was ich ſonſt feyn mag? Ihr wißt ſo wenig von mir, daß ich der leib⸗ haftige Teufel ſeyn koͤnnte, denn er hat die Macht, die Geſtalt eines Engels des Lichts anzunehmen, und uͤberdieß iſt er ein vorzuͤglicher Geiger.— Er ſpielte ja dem Corelli eine Sonate vor, wenn Ihr es wißt.“ Es lag etwas Boshaftes in dieſer Rede ſowohl 2 27 als ob mein Gefaͤhrte nicht immer bei gleicher Laune waͤre, oder als wollte er verſuchen, ob er mich er⸗ ſchrecken koͤnnte. Ich lachte über ſeine uͤbertriebene Sprache und frug ihn, ob er ſo thoͤrig waͤre zu glau⸗ ben, daß der boͤſe Feind eine ſo laͤcherliche Maskerade treiben wuͤrde. „Ihr wißt wenig davon— ſehr wenig,“ ſagte der alte Mann, indem er Kopf und Bart ſchuͤttelte und die Augenbraunen zuſammenzog,„ich koͤnnte Euch etwas davon erzaͤhlen.“ Nun ſiel es mir ein, daß ſeine Frau geſagt hatte, er waͤre ein eben ſo guter Erzaͤhler, als Muſiker; und da Du weißt, daß ich aberglaͤubiſche Erzaͤhlun⸗ gen gar gerne hoͤre, ſo bat ich ihn, im Gehen, um eine Probe ſeiner Fertigkeit.. „Es iſt wahr,“ ſagte der bliude Mann,„daß, wenn ich müde bin, auf den Darmſaiten herumzuſtrei⸗ chen oder Balladen zu ſingen, ſo kommen die Geſchicht⸗ chen an die Reihe und dienen zur Unterhaltung des Landvolks. Ich weiß einige, die ſo fuͤrchterlich ſind, daß die alten Eiſenfreſſer von den Stuͤhlen in die Hoͤhe fahren, und die Kinder im Bette nach den Muͤttern ſchreien. Was ich Euch aber jetzt erzaͤhlen will, iſt eine Sache, die in unſerem eigenen Hauſe zu meines Vaters Zeiten vorſiel— freilich war auch mein Vater damals noch ein junger Burſche; Euch erzaͤhle ich ſie, damit es Euch zur Warnung dienen mag, da ihr noch ein junges, ſorgloſes Voögelchen ſeyd und Euch auf einſamen Wegen mit jedem einlaßt, denn gar viel Kummer und Sorge entſtand meinem Großvater da⸗ von.“ Er ſing alſo ſeine Erzaͤhlung mit deutlicher, wohl⸗ toͤnender Stimme an, die er mit großer Fertigkeit bald erhob und bald ſinken ließ; zuweilen ſenkte er ſie bis zum Liſpeln, und dann richtete er das klare, erloſchene Auge gegen mein Angeſicht, als wolle er den Eindruck, den ſeine Erzaͤhlung auf meine Zuͤge machte, beobach⸗ ten. Ich will Dir keine Sylbe davon ſchenken, ob⸗ 28 ſchon ſie ziemlich lang iſt; ich mache alſo eine kleine 3 Pauſe— und beginne: Die Erzaͤhlung des wandernden Willic. Ihr muͤßt wohl ſchon von Sir Robert Redgaunt⸗ let gehoͤrt haben, der vor Jahren in dieſen Gegenden hauſte. Lange noch wird man ſeiner gedenken im Lan⸗ de; ſchwer auf athmeten unſere Vaͤter, wenn ſie ſei⸗ nen Namen nennen hoͤrten. Zu Montroſe's Zeiten zog er mit den Hochlaͤndern aus und ſchlug ſich, ſechszehn hundert und zwei und fünfzig, in den Gebirgen zum Glencairn; aber als König Carl II. wieder kam, wer ſtand da ſo in Gunſt, wie der Laird von Redgauntlet? Zu London ward er mit des Koͤnigs eignem Schwerdte zum Nitter geſchlagen, und da er ein glühender Bi⸗ ſchoͤflicher war, ſo kam er als Statthalter hieher, un⸗ ſinnig wie ein Loͤwe zu wuͤthen, und alle Whigs und Covenanters im Lande zu vertilgen. Da trieben ſie tolles Zeug; denn die Whigs waren eben ſo hartnaͤ⸗ ckig, wie der Ritter ſtolz war, da galt es denn, wer zuerſt den anderen ermuͤden wuͤrde. Redgauntlet hielt es immer mit der Strenge und ſein Name war eben ſo gefuͤrchtet im Lande, wie der des Claverhouſe, oder des Tam Dalyell. Weder Schlucht noch Schlupfwin⸗ kel, weder Berge noch Hoͤhlen konnte das arme Land⸗ volk verbergen, wenn Redgauntlet mit Jagdhorn und Spuͤrhunden auszog, ſie wie die Rehe zu erjagen. Und wahrhaftig, wenn er ſie fand, ſo machte er auch nicht mehr Umſtaͤnde mit ihnen, als ein Hochlaͤnder mit einem Rehbock— da hieß es nur:„Wollt ihr den Teſt*) beſchwören?“ Wo nicht,„macht Euch fertig — Achtung— Feuer!“ da lag der Widerſpenſtige. Weit und breit umher war Sir Robert gefürchtet *) Der Teſt(Probierſtein) war ein Eid, den das Parlament im Jahre 1673 allen Britten auferlegte. Man mußte dar⸗ in erklaͤren, daß man die Lehre von der Transſubſtantia tion im Abendmahl und die Anbetung der Heiligen ver 29 und gehaßt. Man glaubte, er haͤtte einen Bund mit dem Teufel geſchloſſen, waͤre Hieb⸗ und Stichfeſt— die Kugeln prallten von ſeinem Koller von Buͤffelleder ab, wie der Hagel vom Kieſel abſpringt— er habe einen Zauber, der einen Haſen von Carrifra's Graͤn⸗ zen zuruckrufen koͤnnte und noch mehr ſolcher Dinge, wovon wir noch ſprechen werden. Der beſte Segen, den man ihm gab, war:„der Teufel hole den Red⸗ gauntlet!“ Dennoch aber war er gegen ſeine Unterge⸗ bene nicht hart, ſeine Lehnsleute mochten ihn wohl lei⸗ den; und die Diener und Druppen, die mit ihm auf Verfolgungen, wie die Whigs dieſe Mordzeiten nann⸗ ten, auszogen, haͤtten ſich beſtaͤndig auf ſeine Ge⸗ ſundheit voll getrunken. Nun muͤßt Ihr wiſſen, daß mein Großvater auf Redgauntlet's Grund und Boden lebte— ſie nennen den Ort Primroſe⸗Knowe. Wir lebten auf dieſem Grund und Boden unter den Redgauntlet's ſeit den Ritterzeite n und auch wohl vielleicht noch laͤnger. Es war ein gar liebliches Guͤtchen; und ich glaube, die Luft iſt dort reiner und anmuthiger, als ſonſt irgend⸗ wo im Lande. Nun liegt es wuͤſte; vor drei Tagen ſaß ich auf dem zertruͤmmerten Thorbalken und war recht froh, daß ich die Staͤtte, wo das Haus ſtand, nicht ſehen konnte; aber das füͤhrt uns weit ab. Da wohnte alſo mein Großvater, Steenie S Steenſon; er war ein herumziehender luſtiger Burſche in ſeinen jun⸗ gen Dagen geweſen, verſtand ſich darauf, die Pfeife zu ſpielen, war wegen ſeiner Lieder und Geſaͤnge be⸗ ruͤhmt, und zwiſchen Berwiek und Carlisle ſpielte kei⸗ ner den Dudelſack ſo ſchoͤn wie er. Leute von Stee⸗ e's Art, traf das Schifan nicht, fuͤr Whigs gehal⸗ ten zu werden. So mwurde er ein Tory, wie ſie es nannten, wir nennen ſie jetzt Jacobiten, grade als werfe. Noch heutigen Tags iſt dieſe Akte ein Hauptanſtoß der Emanzipation der Katholiken in Irland. Anm. d. Ueberſ. 30 waͤre es gar nicht anders moͤglich, oder als muͤßte man nothwendiger Weiſe zu der einen oder zu der an⸗ deren Partei halten. Doch war er den Whigs nicht abgeneigt, auch gefiel ihm das Blutoergießen ganz und gar nicht, obgleich er, da er dem Sir Robert im Ja⸗ gen und Hetzen, im Auflauern und im Ergreifen fol⸗ gen mußte, manches Unrecht zuſah, auch es ſelbſt zu thun nicht immer vermeiden konnte. Steenie ſtand alſo in gewiſſer Gunſt bei ſeinem Herrn, kannte alle Leute, die in der Umgegend des Schloſſes wohnten, und ward oft zu ihren Vergnugen gerufen, um auf der Pfeife zu ſpielen. Der Keller⸗ meiſter, der alte Dougal Mac Callum, der den Sir Robert im Gluͤck und im Ungluͤck, durch diek und dunn, durch Suͤmpfe und Stroͤme begleitet hatte, war ein beſonderer Freund der Pfeife, und legte manches gute Wort fuͤr meinen Großvater bei dem Laird ein, denn Dougal konnte ſeinen Herrn um den Finger wickeln. So weit war alles gut, bis die Revolution aus⸗ brach, die dem Dougal und ſeinem Heern faſt das Herz abſtieß. Doch war die Veraͤnderung nicht ſo groß, wie ſie es fürchteten und andere hofften. Die Whigs machten ein arges Geſchrei, was ſie nun wohl mit ihrem alten Feinde, mit dem Sir Nobert Red⸗ gauntlet anfangen ſollten. Aber es waren zu viel große Herren in der Sache verwiekelt, als daß man es haͤtte wagen durfen, eine funkelneue Welt zu ſchaffen. So ging das Parlament leicht daruͤber hinaus, und Sir Robert, der nun Fuͤchſe ſtatt Covenanters jagen muß⸗ te, blieb grade derſelbe Mann, wie vorher. Eben ſo laut waren ſeine Zechgelage, eben ſo hell erleuchtet var ſeine Halle, wenn er ſchon die Strafgelder der Nicht⸗Conformiſten entbehren mußte, die Kuͤche und Keller verſorgten; denn ſo viel iſt einmal gewiß, er wurde ſtrenger auf das Pachtgeld, als fruͤher, und wollten die Untergebenen den Laird nicht unwillig ma⸗ chen, ſo mußten ſie es puͤnktlich berichtigen. Auch war er ſo ein fuͤrchterlicher Menſch, daß ihn niemand — 31 zu erzürnen wagte; denn die Fluͤche, die er ausſtieß, die Wuth, in die er gerieth, und die Blicke, die er ſchoß, machten, daß man ihn manches Mal fuͤr einen eingefleiſchten Teufel haͤtte halten koͤnnen. Nun aber war mein Großvater kein Haushalter — nicht grade als waͤre er ein Verſchwender geweſen, aber er beſaß eben nicht die Kunſt, zu ſparen, und ſo war er zwei Termine ruͤckſtaͤndigen Zins ſchuldig. Den erſten um Pfingſten, ließ er mit ſchoͤnen Worten und mit Pfeifen verſtreichen; aber als Martini kam, da erſchien eine Vorladung des Grundherrn, Steenie ſolle am Verfalltag puͤnktlich mit dem Grundzins einhalten oder das Guͤtchen raͤumen. Sauere Mühe koſtete es, das Silber zuſammen zu bringen, aber er hatte viel gute Freunde und endlich trieb er es doch zuſammen— tauſend Mark— das Meiſte gab ein Nachbar her, Laurie Lapraik— ein feiner Geſell. Laurie beſaß Geld und Gut— konnte mit den Hunden bellen und mit den Haſen laufen— konnte Whig oder Tory, Heiliger oder Suͤnder ſeyn, wie grade der Wind bließ. Jetzt alſo war er ein Anhaͤnger der Revolution, doch liebte er auch eine tuͤchtige Stimme und ein Pfeifen⸗ ſtuͤkchen in ſeinen Nebenſtunden zu hoͤren; und vor Allem glaubte er, das Guͤtchen zu Primroſe⸗Knowe biete fuͤr das Geld, das er meinem Großvater geliehen hatte, Sicherheit genug dar. Mit ſchwerer Baͤrſe und leichtem Herzen wanderte alſo mein Großvater dem Schloſſe Redgauntlet's zu, herzlich froh, dem Zorn des Lairds entgangen zu ſeyn. Gut; das Erſte, das er auf dem Schloſſe hoͤrt, iſt, daß Sir Robert vor Wuth, daß er nicht vor zwoͤlf Uhr gekommen ſey, einen Anfall vom Podagra bekom⸗ men habe. Es waͤre wohl nicht ſo ganz wegen des Geldes, meinte Dougal, ſondern weil er meinen Groß⸗ vater nicht gern fortjagen mochte. Dougal freute ſich⸗ meinen Großvater zu ſehn und fuͤhrte ihn in das mit Eichenholz getaͤfelte Wohnzimmer; da ſaß der Laird in ſeiner gewoͤhnlichen Einſamkeit, nur ein großer, haͤß⸗ A 32 licher Affe ſaß neben ihm, der ſein beſonderer Liebling war; eine verzweifelte Beſtie war das, die manchen boͤſen Streich ſpielte— ſchwer war es, ihm zu gefal⸗ len, leicht, ihn zu erzuͤrnen; ſchreiend und heulend durchlief er das Schloß, biß und kneifte die Leute, be⸗ ſonders wenn es ſchlechtes Wetter oder Unruhen im Staat gab. Sir Robert nannte ihn nach einem Zau⸗ berer, der verbrannt worden war, Major Weir; nur wenige konnten den Namen und die Eigenheiten des Thieres leiden— man glaubte, es ſtaͤke etwas Unge⸗ woͤhnliches dahinter. Auch war es meinem Großvater nicht wohl zu Muth, als die Thuͤr hinter ihm zuge⸗ macht wurde und er ſich mit dem Laird, Dougal Mac Callum und dem Major allein im Zimmer ſah, was ihm fruͤher nie wiederfahren war. 3 Sir Robert alſo ſaß, oder beſſer geſagt, lag in Pheinem großen Armſtuhl, mit ſeinem großen Sammt⸗ kleid, ſeine Fuͤße auf einem Polſterbette; denn er hatte ſowohl die Gicht als das Podagra, und fein Geſicht ſah ſo bleich und geſpenſterartig aus, wie das des Teu⸗ fels ſelbſt. Major Weir ſaß ihm gegenüber in einem rothen, mit Treſſen verziertem Kleide, des Lairds Per⸗ ruͤcke auf dem Hanpt; und ſo wie Sir Robert vor Schmerzen grinzte, ſo grinzte der Affe guch, wie ein Schaafskopf zwiſchen der Zange— ein graͤuliches, ſchreckliches Paar war das. Hinter dem Laird hing ſein büffelledernes Kollet an einem Nagel, ſein Schwerdt und ſeine Piſtolen auf Armsweite; denn er hielt an der alten Gewohnheit, Tag und Nacht das Schwerdt be⸗ reit und ein Pferd geſattelt im Stall zu haben, grade wie er es zu der Zeit machte, als er noch im Stande war, ſich auf das Pferd zu werfen und dem Landvolk nachzujagen, Einige ſagten, es geſchaͤhe aus Angſt, die Whigs moͤchten ſich an ihm raͤchen, ich aber glaube, daß das nur der alten Gewohnheit wegen geſchah— denn ich kann nicht glauben, daß er etwas gefuͤrchtet haͤtte. Das Pachtbuch mit dem ſchwarzen Deckel und den ſtaͤhlernen Spangen, lag neben ihm, ein unzuͤchti⸗ 33 ges Geſangbuch bezeichnete das Blatt, das den ruck⸗ ſtaͤndigen Zins des Ehrenmannes von Primroſe⸗Knowe enthielt. Sir Robert warf meinem Großvater einen Blick zu, als wolle er ihm das Herz im Luſen zer⸗ malmen. Ihr muͤßt wiſſen, daß er ſeine Braunen auf eine Art zuſammenrollte, daß man deutlich das Zeichen eines Hufeiſens auf ſeiner Stirn erblickte, tief einge⸗ praͤgt, als waͤre es hineingeſtempelt. „„Kommſt Du mit leeren Haͤnden, nichtswuͤrdiger Pfeifer?“ ſagte Sir Robert.„Alle Teufel, wenn Du— Mein Großvater nahm eine ſo heitere Miene an, als es ihm moͤglich war, machte eine Verbeugung, und warf den Geldſack auf den Diſch, wie ein Mann, der etwas Freudiges thut. Der Laird zog ihn haſtig zu ſich:„Iſt alles darin, Steenie?“ „Ew. Gnaden werden alles in Ordnung finden,“ ſagte mein Großater. „Dougal,“ ſagie der Laird,„nimm den Steenie mit hinab und gib ihm ein Glas Branntwein, un⸗ terdeſſen will ich das Geld zaͤhlen und die Quittung ſchreiben.”“ Kaum aber hatten ſie das Zimmer verlaſſen, als Sir Robert ein gellendes Geſchrei ausſtieß, das die Felſen des Schloſſes erzittern machte. Dougal lief zu⸗ ruͤck— die Bedienten ſuͤrzten hinein— ein kreiſchen⸗ des Geſchrei nach dem andern ſtieß der Laird aus, immer entſetzlicher und furchtbarer. Mein Grehvater wußte nicht, ob er gehn oder bleiben ſollte, doch wagte er ſich wieder in das Wohnzimmer— da war ein furchtbarer Lumult, niemand ſagte geh' oder bleib. Entſetzlich brüllte der Laird nach kaltem Waſſer fuͤr ſeine Fuͤſſe, und nach Wein um ſeine Gurgel zu loͤ⸗ ſchen, und Hoͤlle, Böſte, Hoͤlle, und ihre Flammen! waren die einzigen Worte, die er hervorbringen konnte⸗ Sie brachten ihm Waſſer, als er aber ſeine geſchwol⸗ lenen Fuͤße in den Zuber ſtellte, ſo ſchrie er, es bren⸗ ne; ja man ſagt, daß es ſiedend und ſchaͤumend ge⸗ W. Scott's Werke XVI. 3 34 6—— worden ſey, wie ein brauſender Waſſerkeſſel. Er warf dem Dougal den Becher an den Kopf, ſchreiend, er habe ihm Blut ſtatt Burgunder gebracht; und man weiß gewiß, daß die Maͤgde den anderen Tag geron⸗ nenes Blut vom Boden aufwaſchen mußten. Der Affe, den ſie Major Welr nannten, ſchnitt Geſichter und ſchrie, als wolle er ſich mit ſeinem Herrn necken; meinem Großvater ſchwindelte der Kopf— er vergaß Geld und Quittung, er flog die Treppe hinab; aber wie er ſo rennt, Wird das Kreiſchen immer ſchwach und ſchwaͤcher; endlich ein tief geathmetes, ſchauer⸗ haftes Stoͤhnen, da hieß es im Schloſſe der Laird ſey verſchieden. Gut alſo,— mein Großvater ging weg, den Finger im Mund, und ſeine beſte Hoffnung beſtand darin, daß Dougal den Geldſack geſehen und den Laird von der Quittung hatte ſprechen hoͤren. Der junge Laird nun, Sir John genannt, kam von Edinburg um alles in Ordnung zu bringen. Sir John und ſein Vater hatten ſich nie gut vertragen, er hatte die Rechte ſtu⸗ dirt, und ſaß im letzten ſchottiſchen Parlament, wo er fuͤr die Union ſtimmte, weil er, wie man ſagt, eine ſchoͤne Belohnung dafuͤr bekommen hatte— haͤtte ſein Vater aus dem Grabe ſteigen koͤnnen, ſo wuͤrde er ihm zum Dank dafuͤr das Gehirn an dem Heerde zerſchmet⸗ tert haben. Einige glaubten, es haͤtte ſich leichter mit dem alten ranhen Ritter, als mit dem zierlich reden⸗ den jungen Herrn abrechnen laſſen— aber davon nach⸗ her ein Weiteres. Dougal Mac Callum, der arme Burſche, weinte und ſchluchzte nicht, ſondern ſchlich, einer Leiche aͤhnlich, im Haus umher und machte, wie es ſeine Pflicht ge⸗ bot, Vorbereitungen zu dem großen Leichenbegaͤngniß. Dougal ſah mit einbrechender Nacht immer ſchlimmer und bleicher aus, war der Letzte, der zu Bette ging, und der ſich in ſeine Kammer ſchlich, die in einem Thurme dem Zimmer gegenuͤber lag, das ſein Herr bei Lebzeiten bewohnte, und wo er nun im Todes⸗ 4 2 35 ſchlaf ruhte! Die Nacht vor dem Begraͤbniß wußte ſich ougal nicht mehr zu helfen; er beugte ſeinen ſtolzen Geiſt, und bat den alten Hutcheon höflichſt, eine Stunde bei ihm in ſeinem Zimmer zuzubringen. Im Thurm angekommen, nimmt Dougal ein Glas Branntwein zu ſic, gibt dem Hutcheon ein anderes, wuͤnſcht ihm Geſundheit und ein langes Leben; was ihn be⸗ traͤfe, ſagte er, er wuͤrde nicht mehr lang am Leben bleiben, denn ſeit Sir Roberts Tod erklinge jede Nacht der Ton ſeines ſilbernen Pfeifchens von ſeinem Parade⸗ bett her, gerade ſo wie er es zu ſeinen Lebzeiten that, wenn er im Bett umgewendet werden wollte. Dougal ſagte ferner, daß er ſich, weil er allein mit dem Tod⸗ ten auf dieſem Schloßfluͤgel wohne(denn niemand trug Sorge, bei dem Sir Robert Redgauntlet wie bei an⸗ deren Leichen zu wachen), bisher nicht getraut haͤtte, dem Rufe zu folgen, nun aber druͤcke ihn das Gewiſ⸗ ſen, daß er ſeine Pflicht vernachlaͤßigt habe; denn„ob⸗ gleich der Tod die Dienſtpflichten vermchtet,“ ſagte Mac Callum,„ ſo ſoll er doch nie meine Dienſte ge⸗ gen Sir. Robert aufyeben; und ſo Du, Hutcheon mir folgſt, will ich ſeinem naͤchſten Pfeifen Folge leiſten.“ Hutcheon hatte gerade keine ſonderliche Freude daran, aber er hatte dem Dongal in Schlacht und Streit zur Seite geſtanden, und wollte ihn nun in der hoͤchſten Gefahr nicht verlaſſen; ſo ſaßen die Maͤnner bei einem Krug Branntwein zuſammen. Hutcheon, der etwas von einem Geiſtlichen an ſich hatte, wollte ein Capitel in der Bibel leſen; aber Oougal wollte hoͤ hſtens ein Lied des David Lindſay hoͤren,— freilich eine ſchlechte Vorbereitung. Als die Mitternachtsſtunde herbei kam, und alles im Haus ruhig war, wie im Grabe, da ertoͤnte rich⸗ tig das ſilberne Pfeifchen ſo ſcharf und ſchneidend, als ob Sir Robert es bliefe; die beiden alten Diener mach⸗ ten ſich auf und nahten ſich zitternd dem Gemache. Hutcheon ſah bei'm erſten Blick ſchon genng; Kerzen brannten im Gemache, bei deren Schein er den bößen 2 Feind in vollem Ornat auf dem Sarge des Lairds ſitzen ſah! Er ſuͤrzte hin, als haͤtte er den Geiſt auf⸗ gegeben. Er konnte nicht beſtimmen, wie lange er be⸗ wußtlos an der Thuͤre lag, als er aber wieder zu ſich kam, rief er ſeinem Gefaͤhrten zu, und da er keine Antwort erhielt, ſo weckte er die Leute im Hauſe, wel⸗ che den Sougal zwei Schritte von der Bahre ſeines Herrn todt am Boden liegen fanden. Das Pfeifchen war verſchwunden; doch ward es noch oft vom Giebel des Hauſes und zwiſchen den alten Caminen und Thuͤr⸗ men, wo die Eulen hauſen, gehört. Sir John ſuchte die Sache zu unterdruͤcken und das Leichenbegaͤngniß ging ohne Stoͤrung voruͤber. Als aber alles voruͤber war, und der Laird an⸗ fing ſeine Geſchaͤfte zu ordnen, da ward jeder Pachter um die Rückſtaͤnde, mein Großvater aber um die volle Summe gemahnt, die im Pachtbuch gegen ihn zeugte⸗ Gut, er ſchlendert alſo dem Schloſſe zu um den Vor⸗ fall zu erzaͤhlen; er wird zu dem Sir John gefährt, der in tiefer Trauer, mit Flor und Binde auf dem Stuhl ſeines Vaters ſitzt; ein kleiner Spatzierſtock ver⸗ tritt an ſeiner Seite die Stelle des alten Schlacht⸗ ſchwerdts ſeines Vaters, das wohl hundertmal ſo ſchwer geweſen ſeyn mochte. Ich habe ihre Unterredung ſo oft erzaͤhlen hoͤren, daß es mir vorkoͤmmt, als waͤre ich zugegen geweſen, wenn ich ſchon damals noch nicht geboren ſeyn konnte.(Wirklich, Alan, ahmte mein Gefaͤhrte mit recht vielem Humor den einſch meicheln⸗ den, beſaͤnftigenden Ton des Pachters und den Aus⸗ druck der ſcheinheiligen Schwermuth in der Antwort des Lairds nach. Sein Großvater haͤtte waͤhrend der Unterredung die Aunen beſtaͤndig auf das Zinsbuch gerichtet, ſagte er, als waͤre es ein Buhenbeißer, von dem er gefuͤrchtet haͤtte, er moͤchte in die Hoͤhe ſprin⸗ gen und ihn be ßen.) 4 „Ich wunſche Euch Glurk, Herr, zu dem Ritter⸗ ſitz, der ſchoͤnen Erbſchaft und der großen Herrſchaft. Euer Vater war ein gutiger Herr gegen Freunde und 37 Diener. Ein rechtes Glukk fuͤr Euch, Sir John, in ſeine Schuhe— ich ſollte ſagen in ſeine Stiefeln— zu treten; denn er trug ſelten Schuhe, außer wenn das Podagra ihn plagte.“ „„Ach, Steenie,“ rief der Laird, indem er tief ſeußzte, und mit dem Taſchentuch das Auge wiſchte, „er ward gar zu ſchnell abgerufen und wird im Land ſehr vermißt werden; keine Zeit blieb ihm, ſein Haus zu beſtellen— doch iſt es ohne Zweifel in goͤttlichen Dingen wohl bei ihm beſtellt geweſen, und das iſt ja die Wurzel von allem.— Aber einen verworrenen Knaͤutel hat er uns aufzuwinden hinterlaſſen, Steenie. Hem, Hem! Wir muͤſſen an's Geſchaͤft gehn, Steenie; es gibt viel zu thun, und wenig Zeit, es zu bewerk⸗ ſtelligen.“ Hier oͤffnete er den ungluͤckſeligen Band; ich habe einmal vom Buche des juͤngſten Gerichts ſprechen hoͤ⸗ ren, gewiß iſt es das Buch uͤber die Grundſteuer ver⸗ armter Pachter. „Stephen,“ ſagte Sir John immer in demſelben zarten weichlichen Tone,„Stephen Stevenſon, oder Steenſon, Ihr ſeyd im Ruͤckſtand mit der Grundſteuer von einem ganzen Jahr; der letzte Zahlungstermin iſt ſchon verſtrichen.“ Stephen.„Verzeihen Ew. Gnaden, Sir John, ich zahlte ihn Eurem Vater.“ Sir John.„Ihr habt dann ohne Zweifel eine Quittung, Stephen, und könnt ſie vorzeigen.“ Stephen.„Dazu blieb mir wirklich keine Zeit übrig, wenn Ew Gnaden verzeihn; denn kaum hatte ich das Silber hingelegt, kaum hatte es Se. Gnaden Sir Robert empfangen, um es zu zuͤhlen und die Quittung zu ſchreiben, als ihn die Schmerzen ergrif⸗ fen, an denen er ſtarb.“ 7 ½ Das war ein recht ungluͤcklicher Zufall,“ ſagte Sir John nach einer Pauſe,„aber Ihr werdet es wohl vor Zeugen bezahlt haben. Ich will nur einen Beweis talis qualis, Stephen. Ich moͤchte es nicht zu genau mit einem armen Manne nehmen.“ 38 Stephen, Auf mein Wort Sir John, es war niemand im Zimmer als Dongal Mac Callum, der Kellermeiſter. Aber wie Ew. Gnaden wohl wiſſen, iſt er ſeinem alten Herrn nachgefolgt.“ „Das iſt wieder ſehr ungluͤcklich, Stephen,„ſagte Sir John ohne ſeine Stimme auch nur um einen Ton zu veraͤndern.„Der Mann, welchem die Zahlung ge⸗ leiſtet ward, iſt todt, und der, der es zuſah, iſt auch todt— auch iſt das Geld nirgends geſehen oder ge⸗ höͤrt worden. Wie ſoll ich nun das alles glauben?“ Stephen.„Ich kann es nicht ſagen, Ew. Gna⸗ den; da iſt aber ein kleines Verzeichniß der Muͤnzſor⸗ ten, aus denen es beſtand; denn, Gott ſteh' mir bei, ich borgte es aus zwanzig Beuteln; auch bin ich über⸗ zeugt, daß ein jeder von dieſen Maͤnnern mit einen heiligen Eid beſchwoͤren wird, zu welchem Gebrauche ich das Geld geborgt habe.“ Sir John. Ich zweiſte gar nicht, daß Ihr das Geld geborgt habt, Steenie, fuͤr die Zahlung aber muß ich Beweiſe haben.“ Stephen. Das Geld muß im Hauſe ſeyn, Sir John. Denn da Ew. Gnaden es nicht bekommen hat, und Ew. gnaͤdiger Herr Vater es nicht mitgenommen hahen kann, ſo muß es doch einer im Hauſe geſehen haben.“ Sir John.„Wir wollen die Leute ausfragen; das iſt nicht mehr als gehoͤrig.“ Aber Bediente und Maͤgde, Pagen und Reitknech⸗ te, alle leugneten ſteif und feſt, je einen Geldſack ge⸗ ſehn zu haben, wie mein Großvater ihn beſchrieben hatte. Zu allem Ungluͤck hatte er keinem von ihnen geſagt, daß er den Grundzins zahlen wollte. Eine Magd nur hatte bemerkt, daß er etwas unter dem Arme trug, hatte es aber füͤr ſeine Pfeife gehalten.— Sir John Redgauntlet befahl den Dienern, hin⸗ auszugehn, und ſagte dann zu meinem Großvater: „Steenie, Ihr ſeht, es geht alles in Form Rechtens; da Ihr aber beſſer als ein Anderer wiſſen muͤßt, wo 39 das Geld iſt, ſo bitte ich Euch hiermit hoͤflichſt, dem Gaukelſpiel ein Ende zu machen; denn Stephen, Ihr muͤßt entweder zahlen, oder auswandern.“ 3 1„Gott vergeb' Euch Eure Meinung,“ ſagte Stee⸗ nie, dem nun der Verſtand ſtill ſtand.—„Ich bin ein ehrlicher Mann.“ 1 „Auch ich bin es, Stephen,“ ſagte Se. Gnaden; „und hoffentlich auch alle Leute in meinem Hauſe. Aber wenn ein Schurke unter uns iſt, ſo muß es noth⸗ wendiger Weiſe der ſeyn, der eine Geſchichte erzaͤhlt, die er nicht beweiſen kann“ Er ſchw eg einen Augen⸗ blick und ſetzte dann ernſter hinzu:„Wenn ich Euere Streiche recht verſtehe, Stephen, ſo wollt Ihr von einigen boshaften Geruͤchten uͤber die Angelegenheiten meiner Familie, und beſonders von dem ploͤtzlichen Tode meines Paters, Nutzen ziehn; Ihr wollt mich um das Geld betruͤgen und wohl gar noch meinen Ruf angreifen, indem Ihr zu verſtehen gebt, ich haͤtte den Grundzins, den ich jetzt fordere, ſchon erhalten.— Wo glaubt Ihr, daß das Geld iſt?— ich verlange es zu wiſſen?“ Da mein Großvater ſah, daß alles gegen ihn zeugte, gerieth er faſt in Verzweiflung— er drehte ſich von einem Fuß auf den anderen, warf ſeine Blicke in alle Ecken der Stube umher und ſchwieg. „Heraus mit der Sprache, Herr!“ rief der Laird, indem er den eigenen Blick ſeines Vaters annahm, wenn dieſer in Zorn gerieth, ja es ſchien ſogar, als bildeten die Falten ſeiner Stirn daſſelbe furchtbare Feßehen des Hufeiſens. d„Heraus damit, Herr) ich will wiſſen, was Ihr denkt;— glaubt Ihr, ich haͤtte das Geld?“ 5 4 Ihi⸗ ich) „Fern ſey es von mir, das zu ſagen,“ erwiederte Stephen. „Habt Ihr denn auf irgend jemand Verdacht, daß er es genommen haͤtte?“ „Ich möchte es keinem Unſchuldigen zur Laſt le⸗ gen, ſagte mein Großvater; und iſt auch einer ſchul⸗ dig, ſo habe ich doch keine Beweije.“ 4 40 „Wenn ein wahres Wort an der Geſchichte iſt,“ ſagte Sir John,„ſo muß das Geld doch irgendwo ſeyn; ich frage Euch, wo glaubt Ihr, daß es ſey?“ —„Ich verlange deutliche Antwort!“ „In der Hoͤlle, wenn Ihr doch meine Gedanken wiſſen wollt,“ ſchrie mein Großvater, aufs Aeußerſte gebracht,—„in der Hoͤlle bei Euerem Vater und ſei⸗ nem ſilbernen Pfeifchen.“ Schnell lief er jetzt die Treppe hinab(denn nach dieſem Worte war das Wohnzimmer kein Aufenthalts⸗ ort mehr für ihn) und hinter ſich hoͤrte er den Laird, ſo arg wie nur je Sir Robert es that, Gift und Hoͤlle fluchen und nach Amtmann und Haͤſcher bruͤllen. Mein Großvater eilte zu ſeinem Hauptglaͤubiger Fauri⸗ Lapraik, um zu verſuchen, ob er etwas mit hm anfangen koͤnnte; aber als er ihm ſeine Geſchichte exzaͤhlte, bekam er nach Scheltworte in den Kauf— ieb, Bettler, Schurke, waren die gelindeſten Aus⸗ drücke; auch die alten Geſchichten rührte Laurie wie⸗ der auf, daß er ſeine Haͤnde mit dem Blut der Hei⸗ ligen Gottes befleckt habe, gerade als koͤnne ein Un⸗ terthan ſich dem Aufgebote ſeines Lairds entziehn, und noch dazu eines Lairds, wie Sir Robert Redgauntlet. Zett waren meinem Großvater die Banden ſeiner Ge⸗ uld ſaͤmmtlich geſprungen, er vergaß im Streit mit dem Laurie unglucklicher Weiſe alles, was er Gott und Menſchen ſchuldig war, ſtieß Redensarten aus, die die Zuhoͤrer ſchaudern machten— kurz, es war nicht mehr derſelbe Menſch; toll und wild verbrachte er den Tag. Endlich trennten ſie ſich und mein Großvater ritt durch den finſteren Tannenwald von Pitmurkie nach Hauſe. Ich kenne den Wald, ob er aber finſter oder hell iſt, das kann ich nicht ſagen.— Am Eingang des Gehoͤlzes iſt ein brachliegendes Alment und am Ende des Alments ein kleines einſames Wirthshaͤus⸗ chen; Steenie verlangte von der Wirthin(Tibbie Faw war ihr Name) ein Glas Branntwein, denn er hatte 41 den lieben langen Tag nicht das Geringſte zu ſich ge⸗ nommen. Tibbie ging ihn ernſtlich an, etwas zu ſich zu nehmen, er aber verweigerte es, zog den Fuß nicht gus dem Steigbuͤgel, leerte das Glas in zwei Zuͤgen und brachte bei jedem einen Toaſt. Der Erſte hieß: „dem Andenken des Sir Robert Reogauntlet, nicht eher moͤchte er im Grabe Ruhe finden, bis er ſeinem armen Unterthan Recht verſchafft.“ Der Zweite:„auf die Geſundheit des boͤſen Feindes, wenn er ihm den Geldſack wieder verſchaffen oder ſagen wollte, wo er bingekommen ſey, denn er ſaͤbe, daß Welt ihn doch fuͤr einen Dieb und einen Betrüger halten wuͤrde, und das waͤre ihm aͤrger, als der Verluſt von Haus und Hof. 74 Fort ritt er, wohin? darum bekuͤmmerte er ſich nichts. Finſtere Nacht ward es, finſterer noch im Dun⸗ kel der Baͤume; er uͤberließ es ſeinem Pferde, ſich ſelbſt den Weg zu ſuchen, als das Thier, ſo ermattet und muͤde es vorher war, plotzlich ſo furchtbar anfing ſich zu baͤumen, um ſich zu ſchlagen und zu toben, daß mein Großoeter ſich kaum im Sattel halten konnte. Unterdeſſen ſteht auif ein Mal ein Reiter ihm zur Seite und ſpricht:„Da habt Ihr ein bitziges Pferd, Freundz wollt Ihr es verkaufen?“— Er ſprichts und beruͤhrt mit der Gerte den Hals des Pferdes, und ſiehe, da geht es wieder ſeinen alten, ſchlaͤfrigen Schritt.„Aber es ſcheint ja, als verrauche das Feuer bald,“ fuhr der Freunde fort,„ſo geht es altch mit dem Muth gar vie⸗ ler Menſchen, die da glauben, ſie koͤnnten große Dinge verrichten, bis es dazu koͤmmt.“ Mein Großbater hörte kaum darauf, ſpornte ſein Pferd und rief:„Guten Abend, Freund.“ Der Fremde aber ſchien noch nicht abbrechen zu wollen; denn Stee⸗ nie mochte reiten wie er wollte, der Fremde hielt im⸗ mer gleichen Schritt. Endlich ward mein Großvater, Steenie Steenſon halb aͤrgerlich, und(um die Wahr⸗ heit zu ſagen) auch halb und halb furchtſam. „Was wollt Ihr von mir, Freund?“ ſagte er 42 „ſeyd Ihr ein Raͤuber, ich habe kein Geld; ſeyd Ihr ein ehrlicher Mann, dem es an Geſellſchaft fehlt, ich bin weder zum Scherz noch zum Sprechen gelaunt; habt Ihr den Weg verfehlt, ich kenne ihn ſelbſt kaum.“ „Exrzaͤhlt mir doch die Urſache Eures Kummers,“ ſagte der Frentde,„zwar genieße ich nicht den beſten Ruf in der Welt, aber ich bin einzig in meiner Art, wenn es gilt, meinen Freunden beizuſtehen.“ 3 Mein Großpvater erzaͤhlte ihm alſo die ganze Ge⸗ ſchichte vom Aufang bis zum Ende, jedoch mehr, um ſein Herz zu Meichtern, als daß er gehofft haͤtte, er wuͤrde ihm helfen koͤnnen. „Es iſt freilich ein ſchwieriger Fall“ ſagte der Fremde,„doch glaube ich, Euch belfen zu koͤnnen.“ „Wenn Ihr mir das Geld auf lange Zeit hinaus borgen wollt, Sir— ſonſt gibt es auf Erden keine Huͤlfe für mich.“ „Aber unter der Erde kann es geben,“ erwie⸗ derte der Fremde.„Kommt her, ich will offen mit Euch reden; ich koͤnnte Euch wohl gegen eine Ver⸗ ſchreibung das Geld leihen, aber ich glaube, Ihr wer⸗ det über die Zahlungsart Bedenken tragen. So wißt denn, daß Euer after Laird Euerer Flüche und des Wehklagens Eurer Familie wegen, im Grabe keine Ruhe findet; wenn Ihr es aber wagen wollt, ihn zu beſuchen, ſo wird er Euch die Quittung geben.“ Bei dem Vorſchlage ſtanden meinem Großvater die Haare zu Berge, aber er dachte, ſein Ge ert waͤre wohl ein launiger Burſche, der ihn nur erſchre⸗ cken wollte und ihm am Ende doch das Geld leihen wuͤrde. Ueberdieß war er vom Branntwein erhitzt, vor Kummer der Verzweiflung nahe; er ſagte alſo:„er habe Muth genug, der Quittung wegen bis an die Pforten der Hoͤlle— und noch einen Schritt darüber zu gehn.“— Der Fremde lachte laut auf. Fort gings alſo durch das dichteſte Gehoͤlze, als ploͤtzlich das Pferd am Thore eines großen Hauſes ſte⸗ hen blieb; haͤtte mein Ahne nicht gewußt, daß er we⸗ 43 nigſtens zehn Meilen davon entfernt waͤre, ſo wuͤrde er ſicher geglaubt haben, das waͤre das Schloß Red⸗ gauntlet. Sie ritten in den Vorhof, uͤber die verwit⸗ terte Zugbruͤcke, dann durch das alte gothiſche Thor; die Vorderſeite des Hauſes war hell erleuchtet, da er⸗ toͤnten Pfeifen und Geigen, da wurde getanzt und ju⸗ bilirt, wie im Hauſe des Sir Robert am Weihnachts⸗ abend und an Jubilate, oder an anderen Feſten. Sie ſtiegen ab und mein Großvater band, wie es ihm ſchien, ſein Pferd an denſelben Ring, an den er es denſelben Morgen befeſtigt hatte, als er zu dem jun⸗ gen Sir John ging. 4 „Gott,“ ſagte mein Ahne,„wenn Sir Roberts Tod nur ein Traum waͤre!“ Er klopfte an das Tyor der Halle, wie er es ge⸗ woͤhnlich that, und ſiche da, wie gewoͤhnlich, oͤffnet ihm auch ſein alter Bekannter Dougal Mac Callum die Chuͤre und ſpricht:„Pfeifer Steenie, ſeyd Ihr da⸗ Burſche? Sir Robert hat eben nach Euch ge⸗ ragt. Mein Ahne glaubt zu traͤumen— er ſieht ſich nach dem Fremden um, der war weg. Endlich, wagt er zu ſagen:„Ha, Dougal, lebt Ihr denn noch? Ich dachte ja, Ihr waͤr't geſtorben.“ „Kuͤmmert Euch nichts um mich,“ ſagte Dougal, ſondern nehmt Euch in Acht; nehmt von niemanden etwas an, weder Eſſen noch Trinken, auch kein Geld; nur eben Euere Quittung.“ Indem er das ſagt, führt er ihn durch Hallen und Vorplaͤtze, die meinem Ahnen wohl bekannt wa⸗ ren, in das große, mit Eichenholz getaͤfelte Wohnzim⸗ mer. Da erſchallten unzuͤchtige Geſaͤnge, da ſunkelte der rothe Wein, da hoͤrte man Gotteslaͤſterungen und Zweideutigkeiten, grade wie zu Schloß Redgauntlet, als es in hoͤchſter Bluͤthe ſtand.— Aber, Gott halte uns in ſeinem heiligen Schutz, welche ſchreckliche Geſpenſtergeſtalten ſaßen um den Tiſch!— Mein Ahne kannte viele von ihnen, die 44 laͤngſt ſchon heimgegangen waren. Da ſaß der ſiol; Middleton, der ausſchweifende Rottes, der geizige Laudercale, auch Dalgell mit ſeinem Kahlkopf und dem Barte, der den Guͤrtel beruͤhrte; Earlshall, die Haͤnde befleckt mit Cameron's Blut, und der wilde Bonshaw, der die Glieder des gottſeligen Cargill's zufammenſchnuͤrte, bis ſein Blut in Stroͤmen floß, Dumbarton Dougals dazu, der zwiefache Verraͤrher an Koͤnig und Vaterland. Der Blut⸗ Advocat Mac Kenyie ſaß auch da, er, den die anderen ſeines welt⸗ lichen Verſtandes und ſeiner Einſicht wegen zu einem Gott machen wollten. Auch Claverhoufe war da, ſchoͤn, wie im Leben, mit ſeinen langen, ſchwarzen Locken, die gekraͤuſelt herabfielen auf das Panzerhemd; die linke Hand lag auf dem rechten Schulterblatte, die Wunde zu berdecken, die ihm die ſilberne Kugel ge⸗ macht hatte. Er ſaß von den Anderen abgeſondert, und ſchaute ſie mit ſchwermuͤthigen, ſtolzen Blicken an, die aber laͤrmten und ſangen und lachten, daß das Zimmer wiederhallte. Aber entſetzlich verzog ſich zuweilen das Laͤcheln, und das Lachen ging in ſo wil⸗ des Kreiſchen uͤber, daß meinem Ahnen die Naͤgel blau wurden und das Mark erbebte in ſeinen Gebeinen. Auch die am Diſche aufwarteten, waren grade eben dieſelben verruchten Diener und Soldaten, die auf Erden ihr ruchloſes Thun und Treiben beendigt hatten. Da war der lange Kerl von Nethertown, der den Argyle fangen half,— da der Gerichtsdiener des Biſchofs, den ſie den Deufelsranzen nannten; auch die ruchloſen Waffenknechte mit ihren verbrann⸗ ten Noͤcken, und die wilden hochlaͤndiſchen Amoriter, die Blut vergoſſen, wie Waſſer; auch mancher ſtolze Diener, mit hochmuͤthigem Herzen und mit blutigen Haͤnden, der vor den Reichen kroch und ſte noch ſchlechter machte, als ſie waren. Und noch gar, gar viele kamen und gingen und verrichteten ihr Geſchaͤft, als lebten ſte noch. Mitten in dem furchtbaren Dumult gebot ploͤtzlich 45 der Sir Robert Redgauntlet mit einer Donnerſtimme dem Pfeiſer Steenie, ſich ſeinem Platze zu naͤhern. Da ſaß er alſo, die Fuͤße ausgeſtreckt und mit Fla⸗ nell umbunden, die Halfter⸗Piſtolen neben ihm, das große Schlachtſchwerdt am Stuhl angelehnt, gerade ſo wie mein Sroßvater ihn zuletzt auf Erden ſah. Auch das Kiſſen fuͤr den Affen lag ihm zur Seite, das Thier aber war nicht da— wahrſcheinlich war das ſeine Zeit nicht; denn als er ſich nahte, hoͤrte er ſte ſagen:„Iſt der Major noch nicht gekommen?“ und ein Anderer antwortete:„Der Affe wird kommen, wenn der Dag anbricht.“ Und als mein Großvater hinzutrat, da ſprach Sir Robert, oder ſein Geiſt, oder auch der Teuel in ſeiner Geſtalt:„Nun Pfei⸗ fer, haſt Du mit meinem Sohne wegen der Grund⸗ ſteuer abgerechnet?“ Mit vieler Muͤhe gelang es meinem Ahnen, die Worte hervorzubringen:„Sir John wolle ſich ohne die Quittung Sr. Gnaden nicht zufrieden ſtellen.“ „Du ſollſt ſie fuür ein Stuͤckchen auf der Pfeife haben, Steenie,“ ſagte Sir Roberts Geiſt,„ſpiele uns guf: Luſtig, lieb' Luckie!“ Das war nun gerade eine Melodie, die mein Großvater von einem Zauberer lernte, der ſie gehoͤrt hatte, als ſie bei ihren Zuſammenkünften den Teufel anbeteten. Zuweilen hatte es mein Großbater wohl bei den laͤrmenden Gelagen im Schloß Redgauntlet vorgeſpielt, nie that er es aber gern; jetzt uͤberlief es ihn eiskalt, als er es nur nennen hoͤrte und darum ſate er zur Ausrede, er haͤtte ſeine Pfeife nicht bei ſich. „Mac Callum, Du Teufelsbrut,“ ſagte der ent⸗ ſetzliche Sir Robert,„bringe doch dem Steenie die Pfeifen, die ich fuͤr ihn aufgehoben habe.“ Mac Callum brachte ein paar Pfeifen, die wohl dem Donald von den Inſeln gehoͤrt haben mochten. Als er ſie ihm aber einhaͤndigte, gab er ihm einen Wink; Steenie blickte verſtohlen aber genau darauf, da bemerkte er, daß die Roͤhren von Stahl und gluͤ⸗ hend heiß waren; ſo war er ſchoͤn gewarnt, ſeine Fin⸗ ger fern davon zu laſſen. Er entſchuldigte ſich aber⸗ mals, indem er ſagte,„er waͤre zu ſehr erſchrocken, auch fehle es ihm an Athem.“ „Nun ſo muͤßt Ihr eſſen und trinken, Steenie,“ ſagte die Erſcheinung;„denn wir thun ſelten etwas anderes hier; und ſchlecht ſpricht es ſich zwiſchen ei⸗ nem Geſaͤttigten und einem Nuͤchternen!“ Nun waren aber das eben die Worte, welche der blutgierige Graf von Douglas ausſprach um den Ab⸗ geſandten des Koͤnigs aufzuhalten, als er im Schloſſe zu Treave dem Mac Lellan von Bombie den Kopf herabſchlug; deß vegen nahm ſich Steenie um ſo mehr in Acht. Maͤnnlich ſprach er:„er waͤre weder des Eſſens noch des Trinkens wegen hergekommen, auch nicht um vorzuſpielen, ſondern um zu erfahren, was aus dem Gelde geworden waͤre, das er ihm bezahlt habe; ja er faßte ſo viel Herz, daß er den Sir Ro⸗ bert bei ſeinem Gewiſſen beſchwor(denn den heiligen Namen auszuſprechen war er nicht im Stande), und ſo er hoffe Frieden und Ruhe im Grabe zu finden, ihm keine Falle zu legen, und nun zu dem Seinigen zu verhelfen.“ 3 Die Erſcheinung fletſchte die Zaͤhne und lachte, dann nahm ſie die Quittung aus einer großen Brief⸗ taſche und haͤndigte ſie dem Steenie ein:„Da iſt Deine Quittung, Du erbaͤrmlicher Wicht, und was das Geld betrifft, ſo wird es mein Hundeſohn in der Katzenwiege ſinden.“ Mein Grozßvater ſtammelte ſeinen Dank, und wollte eben gehen, als Sir Robert laut auf brullte: „Halt, Du ſakdudelnder Hurenſohn! wir ſind noch nicht fertig! hier gibt man nichts umſonſt; ſo wiſſe denn, heute uͤber's Jahr mußt Du wieder kommen, Deinem Meiſter fuͤr ſeinen Schutz zu huldigen!“ Da loͤßte ſich plötzlich meines Ahnherrn Zunge, laut rief er aus:„Ich füge mich in Gortes Willen und nicht in Euren!? 3 3 47 Kaum hatte er das Wort geſprochen, da ward es ploͤtzlich ganz finſter und er fiel mit einem ſo hef⸗ tigen Schlag zu Boden, daß er Athem und Bewußt⸗ ſeyn verlor. Wie lange Steenie da gelegen ſeyn mochte, das konnte er nicht ſagen; als er aber wieder zu ſich kam, da lag er auf dem Kirchhof von Redgauntlet, gerade am Eingange der Familiengruft, das Wappen des al⸗ ten Ritters, Sir Robert, hing uͤber ſeinem Haupte. Ein ſchwerer Morgennebel lag auf dem Graſe und auf den Grabſteinen rings umher, ſein Pferd aber wei⸗ dete ganz ruhig neben den beiden Kuͤhen des Pfarrers. Steenie haͤtte alles fuͤr einen Traum gehalten, aber er hielt die Quittung in der Hand, ſchoͤn geſchrieben und unterzeichnet von der eigenen Hand des Lairds, bloß die letzten Buchſtaben der Unterſchrift waren et⸗ was unleſerlich, wie wenn den Schreiber ein ploͤtzli⸗ cher Schmerz erfaßt haͤtte. Innerlich von heftiger Unruhe bewegt, verließ er den ſchaurigen Ort, ritt im Morgennebel dem Schloſſe Redgauntlet zu, und bekam endlich mit vieler Muͤhe den Laird zu ſprechen.. „Nun, ſpitzbuͤbiſcher Schuldner,“ waren ſeine erſten Worte,„habt Ihr mir den Zins gebracht?“ „Nein,“ antwortete mein Großbater,„das nicht; aber ich bringe Ew. Gnaden Sir Roberts Quittung daruͤber.⸗ „Was. Herr?— Sir Roberts Quittung!— habt Ihr mir nicht geſagt, Ihr haͤttet keine empfangen?“ „Wollen Ew. Gnaden nicht ſehen, ob es mit die⸗ ſer kleinen Schrift ſeine Richtigkeit hat?“ Sir John betrachtete jede Zeile, jeden Buchſta⸗ ben mit der groͤßten Aufmerkſamkeit; zuletzt aber das Datum, das mein Großvater nicht bemerkt hatte: „Von dem mir angewieſenen Orte,“ las er, „den fuͤnf und zwanzigſten November.“— Was!— das war ja geſtern!— Elender, Du mußt deßwegen in der Hoͤlle geweſen ſeyn!“ 48 „Ich erhielt es von Ew. Vaters Gnaden— ob im Himmel oder in der Hoͤlle, das weiß ich nicht,“ ſagte Steenie. „Ich will Euch als einen Zauberer dem gehei⸗ men Nath uͤberliefern,“ ſchrie Sir John.„Ich will Dich mit einem Holzſtoß und einer Fackel zum Teu⸗ fel, Deinem Herrn, ſchicken!“ „Ich habe die Abſicht, mich ſelbſt dem Presby⸗ terium zu entdecken,“ ſagte Steenie, und Ihnen al⸗ les zu erzaͤhlen, was ich die vergangene Nacht ſah. Ohnehin ſind das Gegenſtaͤnde, uͤber die ihnen eher, als einem Layen ein Urtheil zuſteht.“ Sir John ſchwieg, faßte ſich und wunſchte die ganze Geſchichte zu hoͤren; mein Großvoater erzaͤhlte ſie ihm alſo vom Anfang bis zum Ende, wie ich ſie Euch erzaͤhlt habe— Wort fuͤr Wort, keins mehr und keins weniger. 3 Wieder ſchwieg Sir John eine ziemliche Weile, dann ſagte er endlich ſehr ruhig:„Hoͤrt Steenie, Euere Geſchichte betrifft außer der meinigen noch viele edle Farnilien im Lande; habt Ihr ſie zum Zeitver⸗ treib erfunden, oder um Euch aus der Gefahr zu ziehen, ſo iſt ein gluͤhendes Eiſen durch die Zunge noch das Geringſte, was Euch erwartet, und das waͤre noch ſchlimmer, als wenn Ihr Euch die Finger an den gluͤhenden Roͤhren verbrannt haͤttet. Doch kann ſie auch wahr ſeyn; findet ſich alſo das Geld vor, dann freilich weiß ich ſelbſt nicht, was ich davon denken ſoll.— Aber wo ſollen wir die Katzenwiege ſinden? Katzen gibt es freilich genug in dem alten Hauſe, aber ich denke die werfen wohl ihre Jungen, ohne ſich mit Bett und Wiege zu belaͤſtigen.“ „Am Beſten waͤre es, wir fruͤgen den Hutcheon daruͤber,“ ſagte mein Großvater,„er kennt die al⸗ ten Winkel alle ſo gut, wie— ein anderer Diener, der geſtorben iſt und den ich nicht nennen möchte.“ Als man nun den Hutcheon frug, ſo fagte er, daß man vor Alters einen nun zertruͤmmerten Thurm 49 die Katzenwiege genannt haͤtte. Schon laͤngſt waͤre er gaͤnzlich unbrauchbar, nur eine Leiter fuͤhre von der Vorderſeite des Glockenthurms dazu, denn hoch er⸗ hebe er ſich uͤber die Zinnen des Schloſſes. „Da will ich augenblicklich hin,“ ſagte Sir John; ergriff(wozu? das weiß der Himmel) eine von den Piſtolen ſeines Vaters die auf dem Tiſch der Halle lagen, ſeitdem Sir Robert geſtorben war, und eilte auf die Zinnen, Es war ein gefaͤhrlicher Platz zum Klettern, denn die Leiter war alt und muͤrbe, und eine oder zwei Stufen fehlten. Dennoch ging Sir John hinauf und trat in das Dhuͤrchen des Thurmes, ſo daß ſein Kör⸗ per das wenige Licht wegnahm, das durch das ſchmale Pförtchen drang. Da faͤhrt etwas wuͤthend auf ihn zu und ſtuͤrzt ihn faſt ruͤcklings hinab— die Piſtole des Ritters geht los, und Hutcheon, der die Leiter hielt und mein Ahne, der ber ihm ſtand, hoͤrten ein gellendes Geſchrei. Eine Minute darauf wirft ihnen Sir John den Koͤrper des Affen zu, und ruft, das Geld habe ſich vorgefunden, ſte ſollten kommen, ihm zu helfen. Nichtig lag da der Geldſack und noch manche andere Dinge, die ſchon laͤngſt vermißt wur⸗ den. Als Sir John den Thurm genau durchſucht hatte, fuͤhrte er meinen Großvater in das Speiſe⸗ zimmer, ergriff ihn bei der Hand und redete ihm freundlich zu, ſagte, es thaͤte ihm leid, daß er Miß⸗ trauen in ſeine Worte geſetzt habe, er wolle aber in Zukunft ein guͤtiger Herr gegen ihn ſeyn, und ihn auf andere Weiſe zu entſchadigen ſuchen. „Denn ſeht Steenie,“ ſagte Sir John,„wenn ſchon die ganze Erſcheinung im Allgemeinen meinem Vater zur Ehre gereicht, da ſie zeigt, daß er, als ein ehrlicher Mann, ſelbſt nach ſeinem Tode einem armen Manne, wie Ihr, Gerechtigkeit verſchafft, ſo wißt Ihr doch, daß Uebelgeſinnte leicht einen boͤfen Schluß uͤber das Heil ſeiner Seele davon ziehen koͤnn⸗ ten. Ich denke alſo, wir legten den ganzen Wirrwarr Scotts Werk. XVI. 4 50 dem boshaften Geſchoͤpf, dem Major Weir zur Laſt, und verſchwiegen Euren Traum im Walde von Pit⸗ murkie. Ihr hattet ja üͤberdieß zu viel Branntwein zu Euch genommen, als daß Ihr alles mit Gewiß⸗ heit behaupten koͤnntet, auch die Quittung da(die Hand zitterte ihm, als er ſte in die Höhe hob)— das iſt ein wunderliches Aktenſturk, ſo wollen wir ſie denn, denke ich, ruhig in's Feuer werfen.“ „Halt, halt, ſo wunderlich es auch ſeyn mag, ſo iſt es doch ein Zeugniß fuͤr die Zaylung meiner Rente,“ ſagte mein Großvater, der vielleicht fuͤrchten mochte, den Nutzen der Quittung zu verlieren. „Ich will den Inhalt zu Euren Gunſten in das Zinsbuch eintragen, und es Euch mit meiner Hand quittiren,“ ſagte Sir John,„und zwar ſogleich. Und kannſt Du, Steenie, uͤber die Sache Deine Zunge im Zaume halten, ſo ſollſt Du kuͤnftig weni⸗ ger Zins zahlen.“ „Schoͤnen Dank, Cw. Enaden,“ ſagte Steenie, der nun wohl ſah, von melcher Seite her der Wind blies,„ohne Zweifel werde ich genau dem Befehle Ew Gnaden gehyorchen; doch moͤchte ich gern uͤber die Sache mit irgend einem einſichtsvollen Geiſtlichen reden, denn mir will die Art von Vorladung nicht ſonderlich behagen, die der Vater Ew. Gnaden—— „Nenne das Trugbild nicht meinen Vater,“ un⸗ terbrach ihn Sir John. „Nun gut; aſſo das Ding, das ihm aͤhnlich ſah,“ ſagte mein Großvater;„er ſprach davon, daß ich nach einem Jahre wieder kommen ſollte, und das laſtet nun auf meinem Gewiſſen.“ „Auch gut meinetwegen,“ ſagte Sir John, „liegt Euch die Sache ſo ſchwer auf dem Herzen, ſo konnt Ihr mit dem Pfarrer des Kirchſprengels re⸗ den; er iſt ein ſanfter Mann und nimmt um ſo viel mehr Ruͤckſicht auf die Ehre meiner Jamilie, da er guf eine Patronatsſtelle hofft.“ Nun willigte mein Vater gern darin ein, daß 51 die Quittung verbrannt werden ſollte, der Laird warf ſie alſo mit ſeinen eigenen Haͤnden in's Camin. Den⸗ noch aber verbrannte ſie nicht; ſondern weg flog ſie durch den Schornſtein, Funken ſpruͤhend, und ziſchen? wie eine losgelaffene Rakete. Mein Großvater ging hinab in das Pfarrhaus; der Pfarrer aber, nachdem er ihm die ganze Geſchichte erzaͤhlt hatte, ſagte, es waͤre ſeine ernſte Meinung, daß, obgleich mein Großvater ſehr weit gegangen ſey, indem er ſich mit gefaͤhrlichen Dingen ſelbſt in Ver⸗ ſuchung gebracht haͤtte, er aber doch den Lockungen des Deufels(mit Eſſen und Trinken) widerſtanden babe, auch verweigert haͤtte, ihm durch das anbefoh⸗ lene Pfeifen zu huldigen, ſo hoffe er auch, daß wenn Steenie küͤnftig einen ordentlichen, vorſichtigen Lebens⸗ wandel fuͤhren wollte, der Satan vom Laufe der Zeit wenig Nutzen haben wuͤrde Und wirklich verſchwor ſich mein Großvater aus eigenem Antriebe das Pfeifen und den Branntwein auf lange Zeit hinaus— ſelbſt als das Jahr verſtrichen und der verhaͤngnißvolle Tag voruͤber war, wagte er es nur ſelten, das Inſtrument zu ergreifen, oder ſich mit einem Glas Usquebaugh zu erfriſchen. Sir John ſtutzte ſeine Geſchichte mit dem Affen auf, wie es ihm beliebte; ſo daß manche noch heuti⸗ gen Tages glauben, der Grund der ganzen Sache laͤge in der diebiſchen Natur des Thiers. Andere hingegen wollen ſich es nicht ausreden laſſen, daß es keineswego der boͤſe Feind geweſen waͤre, den Dougal und mein Ahne im Zimmer des Lairds geſehen haͤtten, ſondern das boshafte Thier, der Major, der auf dem Sarge ſeine Sprunge trieb; und was das Pfeifen nach dem Tode des Lairds betraͤfe, ſo haͤtte das der ſpitzb ibiſche Affe ſo gut wie der Laird ſelbſt gekonnt, und wohl nuch beſſer. Aber der Himmel kennt die Wahrheit, die zu⸗ 1 5 Predigers herauskam, nachdem Sir John und ihr Ehemann ſchon laͤngſt im Grahe ſchlummerten. Dann aber mußte mein Großvater, um 4.. 5²2 ſeinen guten Namen zu erhalten, ſeinen Freunden die ganze Geſchichte erzaͤhlen, denn wenn ſchon ſein Koͤr⸗ per gealtert war, ſein Verſtand und ſein Gedaͤchtniß hatten noch nichts gelitten. Sonſt haͤtte man ihn wohl beſchuldigen koͤnnen, ein Zauberer zu ſeyn. Der Abendſchatten hatte ſich ſchon bedeutend ver⸗ finſtert, als mein Fuͤhrer ſeine lange Erzaͤhlung mit folgender Moral ſchloß:„Siehſt Du nun, mein Voͤ⸗ gelchen, daß es in einem unbekannten Lande kein klei⸗ nes Wageſtück iſt, einen fremden Reiſenden zum Fuͤh⸗ rer zu nehmen.“”“ „Die Schlußfolge kann ich nicht aus Euerer Erzaͤhlung ziehn,“ ſagte ich.„Eueres Großoaters Abenteuer ſchlug ſehr gluͤcklich fuͤr ihn aus, denn es rettete ihn vom Untergang und von Duͤrftigkeit; auch ſeinem Gutsherrn mußte es erfreuen, da es ihn ab⸗ hielt, eine hoͤchſt ungerechte Handlung zu begehen.“ „Ja, Freund, früher oder ſpaͤter mußten doch beide die Folgen fuͤhlen,“ ſagte der wandernde Willie, „aufgeſchoben iſt nicht aufgehoben. Sir John ſtarb nach einer kurzen Krankheit, ehe er noch viel uͤber ſechszig war. Und obſchon mein Großoater im hohen Alter ſtarb, ſo ſiel doch mein Vater, ein ruͤſtiger Mann von fuͤnf und vierzig Jahren, auf das Pflugei⸗ ſen und ſtand nicht wieder auf. Er hinterließ nur mich, ſein einziges Kind, eine arme, blinde, vater⸗ und mutterloſe Waiſe, die weder an Arbeit noch an Man⸗ gel gewoͤhnt war. Im Anfang gings noch leidlich; denn Sir Redwald Redgauntlet, der einzige Sohn des Sir John, der einzige Abkömmling des Sir Robert und, wehe mir! der latzte Sproͤßling des ehrenwerthen Hauſes, nahm mich von meinem Pachterhaͤuschen in ſein Schloß und forgte fuͤr mich. Er war ein Freund der Muſik, und er hielt mir die beſten vehrer in Eng⸗ land und Schottland. Viele Jahre drachte ich bei ihm zu, aber, ach Gott, in den juͤnf und vierziger Jahren zog er nrbſt anderen Edelleuien aus— ich mag nicht 53 eiter davon ſprechen.— Nie ward es mir wieder echt wohl zu Muth, ſeitdem ich ihn verlor; aber wenn ich noch ein Wort davon rede, ſo kann ich wahrlich heute Abend keinen Strich mit dem Bogen fuͤhren.— Sieh Dich doch um, mein liebes Kind,“ ſagte er mit veraͤnderter Stimme,„Du mußt jetzt die Lichter im Thal von Brokenburn ſchimmern ſehn.“ Zwöͤlfter Brief. Derſelbe an Denſelben. Ich ſetze meine weitlaͤufigen Schreihereien immer fort, obſchon der Gegenſtand nicht immer ſehr anzie⸗ hend ſeyn mag. Moͤge alſo die Anmuth der Erzaͤhlung, und der Antheil, den wir gegenſeitig an unſer Schick⸗ ſal nehmen, die Geringfuͤgigkeit der Dinge ſelbſt auf⸗ waͤgen. Wir Thoren unſerer Einbildungskraft laſſen uns, wie Malvoliv, gern von unſeren eigenen Luft⸗ ſchloͤſern taͤuſchen, doch haben wir wenigſtens den Vortheil vor den Weiſen der Erde, daß die Summa aller Vergnuͤgungen und Genuͤſſe uns ſtets zu Gebote ſteht, und daß wir uns, ohne Beihülfe der aͤußeren Ge⸗ genſtaͤnde zu allen Zeiten geiſtige Gaſtmaͤhler auftiſchen koͤnnen. Freilich gleichen ſie dem Mahle, das der Barmecide dem Alnaschar anbot, und wir werden bei dieſer Diaͤt nicht eben ſonderlich wohlbeleibt werden. Dafür aber bringen ſie weder den Ekel noch den Ueber⸗ druß herpor, welche die gewoͤhnlichen Folgen ſinnliche⸗ rer Genüſſe ſind. Darum bete ich immer mit der Ode vom Schloß Building: „Gib mir die Hoffnung, die das Herz nicht zehret, „Gib mir den Schatz, der nicht verfliegt. 3 „Gib mir das Glück, das Phantaſite gewähret, „ und eine Freundſchaft, die nicht trügt.“ Darum werde ich alſo, trotz Deines feierlichen Laͤ⸗ chelns, trotz Deines weiſen Kopfſchuͤttelns, immer fort⸗ fahren, meinen einfoͤrmigen Abenteuern ſo viel Inte⸗ reſſe unterzuſchieben, als ich nur kann, und ſollte dieſes Intereſſe ſelbſt ein Geſchoͤpf meiner Einbildungskraft ſeyn. Nicht einmal Deine heilig blinkenden Augen will ich mit der Mühe verſchonen, das Papier zu durchleſen, das meine Erzaͤhlungen enthaͤlt. Mein Letztes endigte damit, daß wir im Begriff waren, in das Thal von Brokenburn durch dieſelbe ge⸗ fohrliche Schlucht hinabzuſteigen, die ich fruͤher en croupe hinter einem wuͤrhenden Reiter kennen lernte, und deren Gefahren ich jetzt wieder, unter der unſiche⸗ ren Leitung eines Blinden, Trotz bieten wollte. Es ward dunkel; doch war das fuͤr meinen Fuͤhrer kein Hinderniß, der, wie bisher, mit gleicher Sicher⸗ heit des Schrittes einherging, ſo daß wir bald das Ende der Kluft erreichten, wo ich in meinem fruͤheren Aufenthaltsort die Lichter flimmern ſehen konnte. Aber nicht dahin ging unſer Weg. Wir ließen die Wohnung des Lairds zur Linken liegen, folgten dem Laufe des Baches und erreichten bald einen kleinen Weiler, wel⸗ cher an der Muͤndung des Fluſſes(wahrſcheinlich der Bequemlichkeit wegen, die er den Fiſcherboͤten darbot) erbaut war. Ein langes, niedriges Gebaͤude, deſſen Fronte grade vor uns lag, war hell erleuchtet, und das Licht ſchimmerte nicht nur aus jeglichem Fenſter, und jeglichem Ritze der baufaͤlligen Waͤnde, ſondern ſogar aus den Lochern und Riſſen des Daches, das zum Theil mit Dachziegeln gedeckt, zum Theil mit Stroh und Moos bedeckt war. 3 Waͤhrend dieſe Erſcheinung meine Aufmerkſamkeit in Anſpruch nahm, ward die meines Gefaͤhrten von re⸗ gelmaͤßig folgendem Fußſtampfen, vermiſcht mit einem ſchwachen muſikaliſchem Tone, angezogen, welche Wil⸗ lie's geibtes Hororgan ſchon deutlich unterſchied, waͤh⸗ rend ich es noch kaum hoͤrte. Mit heftiger Leidenſchaft ſtieß der alte Mann den Stock auf die Erde.„Die luͤderliche Fiſchersbrut! Sie haben mir einen anderen Geiger in den Weg geſtellt! Erzſchmugler! Muͤſſen ſo⸗ 55 gar in der Muſik ihren Schleichhandel treiben; aber bei mir ſollen ſie ſchlimmer wegkommen, als bei allen Mauthbeamten in der Grafſchaft. Still— horch— es iſt doch keine Violin— es iſt der Pfeifen⸗ und Trom⸗ meln⸗Baſtard Simon von So wport vom Nicols Wal⸗ de; aber ich will ihn bepfeifen und betrommeln! Laßt mich nur erſt die linke Hand an feinem Halsluch haben, ſo ſollt Ihr ſchon ſehn, was die Rechte thun, wird. Kommt nur— Buͤrſchchen,— kommt nur— liebes Buͤrſchchen— es iſt jetzt keine Zeit dazu, ſorgfaltig die Schritte zu wahlen.“ Er eilte dahin mit großen, ſiche⸗ ren Schritten, und zog mich nach. Mir war es nicht ganz wohl in ſeiner Geſellſchaft; denn nun, da ſein Meiſterſaͤngerſtolz beleidiat war, ver⸗ anderte ſich das ruhige, anſtaͤndige, ich moͤchte faſt ſa⸗ gen, ehrwuͤrdige Ausſehn des Greiſes in das eines ſtol⸗ zen, prahleriſchen und läderlichen Landſtreichers, ſo daß ich beim Eintritt in die Hatte, wo eine große An⸗ zahl von Fiſchern mit Weibern und Tochtern aßen, tran⸗ ken und tanzten, ſehr befuͤrchten mußte, die ungeduldige Heftigkeit meines Gefaͤhrten moͤchte uns einen uͤbeln Empfang bereiten. ber das allgemeine, laute Willkommen, mit wel⸗ chem der wandernde Willie empfangen ward.— das herzliche Gluͤckwuͤnſchen, der wiederholte Nuf:„Seyd Ihr da, Willie“—„Wo habt Ihr denn g keckt, blin⸗ der Geſell?“— Das Trinken auf ſeine Geſundheit, endlich vorzuͤglich die Eile, mit welcher man die wider⸗ waͤrtige Pfeife und die Trommel verſtummen ließ, ga⸗ ben dem alten Manne ſo kraͤftige Beweiſe ſeiner unver⸗ minderten Volksth mlichkeit und ſeines Gewichts, daß ſeine Eiferſucht ſich plotzlich legte, und er den Ton be⸗ leidigter Wuͤrde in einen anderen umaͤnderte, der paſ⸗ ſender war, einen herzlichen Empfang zu erwiedern. Die lungen Maͤnner und Frauen verſammelten ſich, um ihm zu ſagen, wie ſehr ſie gefürchtet haͤtten, es moͤchte ihm ein Unfall begegnet ſeyn und daß ſie zwei rhes drei junge Leute ausgeſchickt haͤtten, um ihn zu uchen . 56 „Kein Unfall iſt mir, Gott Lob, begegnet,“ ſagte Willie,„nur das Ausbleiben des faulen Schlingels, des herumſtreifenden Rob's, meines Kameraden, der auf den Duͤnen zu mir kommen ſollte, hielt mich auf. Aber ich habe einen tuͤchtigen Stellvertreter fuͤr ihn be⸗ kommen, der wohl ein Dutzend ſolcher Galgenſtricke werthy iſt.“ „Wen haſt Du denn aufgetrieben, alter Willie?“ fragten ein halb Dutzend Stimmen, waͤhrend ſich aller Augen auf Deinen gehorſamen Diener richteten, der ſo gut wie moͤglich die Faſſung zu behalten ſuchte, ob⸗ gleich es ihn eben nicht gar ſehr erfreute, der Mittel⸗ punkt zu werden, nach welchem ſich alle Augen rich⸗ teten. 3 „Ich kenne ihn am geſaͤumten Halstuch,“ ſagte ein Burſche:„es iſt Gil Hobſon, der gewandte Schnei⸗ der aus Burgh.— Willkommen in Schottland, Mei⸗ ſter Nadeloͤhr,“ ſchrie er, indem er eine ungeheure Pfole, ſchwarz wie der Ruͤcken eines Dachſes, aus⸗ ſreekte. 4 „Gil Hobſon? ja Gil Deufelsſohn!“ ſchrie der wandernde Willie;„es iſt ein netter Burſche, ich halte ihn für einen Lehrling des Joſug Geddes im Quaͤker⸗ handwerk.“ ¹ „Was mag das fuͤr ein Handwerk ſeyn, Freund?“ fragte der dachsbraun Fauſtige. 3 „Beten und Singen“— ſagte Willie, was ein donnerndes Lachen hervorbrachte;„ich aber will den Geſellen ein beſſeres Geſchaͤft lehren, naͤmlich zechen und geigen.“ Das Willie etwas von meinem wirklichen Stande verrieth, war eigentlich gegen die Abrede; doch freute es mich, daß er es that, denn im Fall einer Entdeckung haͤtte uns Beiden bei dieſen rauhen, wilden Menſchen unſere Liſt uͤbel zu ſtehn kummen koͤnnen, auch uͤberhob es mich der Muͤhe, einen angenommenen Stand zu be⸗ haupten. Die gute Geſellſchaft bekuͤmmerte ſich nicht weiter um mich, ein oder zwei Frauenzimmer vielleicht 57 ausgenommen, die beſſere Bekanntſchaften zu ſuchen ſchienen; aber waͤhrend die Aelteren wieder ihre Plaͤtze bei einer ungeheuren Bowle oder vielmehr bei einem dampfenden Keſſel mit Branntweinpunſch einnahmen, ordneten ſich die Juͤngeren, und riefen den Willie, ihnen aufzuſtreichen. ach einer mir gegebenen Ermahnung:„meinem Rufe Ehre zu bringen, denn die Fiſcher haͤtten gute ren, wenn auch die Fiſche ke ne haͤtten,“ fing Willie kraͤftig zu geigen an, und ich accompagnirte ihn, wie es ſchien, gar nicht zu ſeinem Mißfallen, denn er gab mir hie und da einen beifaͤlligen Wink. Die Taͤnze beſtanden meiſtens in ſchottiſchen Bauern⸗ tänzen, Walzern und dergleichen; fehlte es den Theil⸗ nehmern auch an Anmuth, ſo erſetzte ſie doch der richtige Takt, die Kraft und die Gewandtheit des Schrittes, und die den Nordlaͤndern eigene Beweg⸗ lich keit in reichem Maaße. Auch meine Freude ſtieg mit der allgemeinen Froͤhlis keit, durch Willies mu⸗ ſterhaftes Spiel und durch ſein haͤufig wiederholtes: „ brav gemacht, liel er Schatz, recht brav.“— Ja, ich muß es geſtehn, ich empfand bel dem laͤndlichen Feſte ein bedeutend groͤßeres Vergnuͤgen, als auf den ſteifen Baͤllen und Conzerten, die ich in Euerer hoch⸗ beruͤhmten Stadt beſuchte. Vielleicht kam es auch daher, daß ich der Ton angebenden Dame von Bro⸗ kenburn wichtiger ſeyn mochte, als ich es der weitbe⸗ ruͤhmten Miß Nickie Murray, der Koͤnigin Eurer Edinurger Feſte je ſeyn konnte. Die Perſon, welche ich meine, war eine niedliche Dame von ungefaͤhr 30 Jahren, ihre Finger waren mit vielen ſilbernen und 3— 4 goldenen Ringen geziert; unter ihren vielen blauen, weißen und ſcharlachrothen Unterröcken erblickte man bis weit uͤber dem Knoͤchel ihren ſcioͤn geformten Fuß, in den ſeinſten weißen Strümpfen von Lammwore und Corduanſchuhen mit ſilbernen Schnallen. Sie ſchien mir in Gnaden gewogen, und aͤußerte:„der wackere, junge Gentleman ſollte ſich nicht zu todt geigen, ſondern auch ein paar Mal mit berum tanzen.“ „Und was ſoll denn aus mir werden, Frau Mar⸗ tin?“ ſagte Willie. 3— „ Aus Dir?“ ſagte die Dame;„Der Taufend hole Dich, alter Krausbart! Du koͤnnteſt wohl zwan⸗ zig Stunden lang in einem fort ſpielen, und die ganze Landſchaft mit Danzen ermuͤden, ehe Du Dei⸗ nen Bogen niederlegſt, einen Labetrunk oder ſo etwas ausgenommen“ „Wahrhaftig, Madame,“ antwortete Willie„Ihr habt nicht ganz unrecht; wenn alſo mein Kamerad tanzen ſoll, ſo ſchafft mir nur meinen Schoppen, und dann geht meinetwegen mit ihm auf und davon, wie Magda Middlebie.“ Der Drank ward bald herbei geſchafft; aber waͤh⸗ rend Willie ſich daran ergöotzte, erſchien eine Geſell⸗ ſchaft in der Huͤtte, die ploͤzlich meine Aufmerkſam⸗ keit auf ſich zog, und den Gedanken an die galante Artigkeit verdraͤngte, mit welcher ich mir vorgenommen ſchen Berufe ausgewirkt hatte, meine Hand zu reichen. Es war naͤmlich nichts Geringeres, als die ploͤtz⸗ liche Erſceinung des alten Weibes, das der Laird Mabel genannt hatte, des Chriſtal Nixon, ſeines maͤnn⸗ lihen Dieners und der jungen Dame, welche das Gebet ſorach, als ich bei ihm zu Abend aß. Dieſes junge Frauenzimmer— Alan, Du biſt in Deiner Art ein Hexenmeiſter— dieſes junge Frauen⸗ zimmer, das ich nicht beſchrieb und das Du eben deß⸗ wegen für einen mir nicht gleichguͤltigen Gegenſtand hielteſt— iſt es auch, ich ſage es ungern, nicht ſo roͤlig wie die Klugheit es gebieten wuͤrde. Ich kann es dieſes Mal nicht Liebe nennen, denn zu oft ge⸗ brauchte ich das Wort bei voruͤbergehenden Launen und Einbildungen, als daß ich Deinem Spotte entge⸗ hen könnte, wenn ich das Gefuͤhl ſo nenne, das mich . 59 jetzt beſeelt. Denn ich muß es geſtehen, nach den Jahren zu rechnen, die an mir voruͤber flogen, habe ich den Ausdruck ein wenig zu oft gebraucht(ein Romantiker würde ſagen entweiht). Aber im Ernſt, der ſchoͤne Kaplan von Brokenburn hat meinem Kopfe oft Beſuche abgeſtattet, wenn er ganz und gar nichts darin zu ſuchen hatte. Findeſt Du darin den Schluͤſ⸗ ſel zu den Gruͤnden, die mich bewegen konnten, im Lande umerzuftreichen, und mich fuͤr Willies Ge⸗ faͤhrten auszugehen; in Gottes Namen ſo gebrauche ihn— fuͤr die Erlaubniß brauchſt Du nicht zu danken, denn in jedem Falle baͤrteſt Du es doch gethan, crlaubt oder nicht. So ſiand es mit meinen Gefuͤhlen, und nun denke Dir, was mich durchdrungen haben muß, als, gleich wie die Strablen der Sonne die Wolken zertheilen, ich das entzuͤckend ſchoͤne Maͤdchen in den Tanz aal treten ſah, nicht als kaͤme ſie zu ihres Glei⸗ chen, ſondern einer Gebieterin gleich, die mit ihrer Gegenwart das Freudenfeſt der Untergebenen verherrli⸗ chen wil. Der alte Mann und die Frau folgten ihr mit eben ſo finſteren Blicken, als die ihrigen liebreich waren; es ſchien, als ob zwei rauhe Wintermonate Begleiter des hold laͤcheladen Mai's waͤren Als ſie eintrat, trug ſie— erſtaune Alan— ei⸗ nen gruͤnen Mantel, genau ſo wie Du die Huͤlle Deiner ſchoͤnen Clientin beſchriebſt, was meine Vermu thung noch beſtaͤtigte, daß naͤmlich mein Caxlau und Deine Unbekannte ein und dieſelbe Perſon waͤren. Kaum erkannte ſie mich, als ihre Stirne ſich aus ſchon ſichtlich verfinſterte. Sie gab der weiblichen Die⸗ nerin ihren Mantel, und nach einem Augenblieck, in welchem ſie zu ſchwanen ſchien, ob ſie vor⸗ oder ruͤtk⸗ wärts gehen ſollte, trat ſie mit wuͤrdiger Ruhe in das Zimmer. Alles wich ehrerbietig auf die Seite, die Maͤnner zogen die Mützen ab, die Frauen verbeugten ſich tief, bis ſie ſich auf einen Stuhl niederließ, der achtungsvoll, fern von den uͤbrigen geſtellt worden war Dann entſtand eine Pauſe, bis endlich die geſchaͤ⸗ 60 tige Ceremonienmeiſterin mit ſchuͤchterner, aber herz⸗ licher Hoͤflichkeit der jungen Lady ein Glas Wein an⸗ bot, welches dieſe erſt ablehnte, dann nur in ſo fern annahm, daß ſie ſich gegen die ſaͤmmtliche Geſellſchaft verneigte, und ihnen ſaͤmmtlich Geſundheit und Freude wuͤnſchte; hierauf beruͤhrte die ſchoͤne Beſucherin den Nand des Glaſes mit ihren Lippen und ſtellte es wie⸗ der auf den Teller hin. Wieder eine Pauſe entſtand, und ſo verwirrt hatte mich die unerwartete Erſchei⸗ nung gemacht, daß ich nicht daran dachte, daß es mir zutaͤme, ſie zu unterbrechen. Endlich entſtand ein all⸗ gemeines Murren, da man der fruͤheren Unterredung zufolge erwartete, daß ich den Reigen beginnen, ja ſogar anfuhren ſollte. „Der Deufel ſteckt in dem Geigersbuben,“ brummte man von mehr als einer Seite her—„hat einer je einen ſo unverſchaͤmten Fiedler geſehn?“ EFndlich ſchrie mir ein ehrwuͤrdiger Tritone, der ſeinen Vorſtellungen mit einem tuͤchtigen Schlag auf die Scyulter Nachdruck gab, laut zu:„Auf den DTanzboden— auf den Tanzboden, zeigt wie Ihr ſprin⸗ 8 gen koͤnnt— ſchaut doch, wie die Maͤdchen warten!“ Ich kuhr in die Hoͤhe, ſprang von dem erhoͤhten Sitze, der unſer Orcheſter vorſtellen ſolte, hinsb, ord⸗ nele meine Gedanken ſo ſchnell wie moͤglich, nahte mich dem obern Ende des Zimmers, und ſtatt meine Hand der oben erwaͤhnten weßfuͤßigen Thetis zu rei⸗ chen, faßte ich mir ein Herz, uno bot ſie der Lady von Gruͤnmantel an. Dee lieblichen Augen der Nymphe ſchienen ſich ob der Kuͤhnheit meines Anerbietens vor Erſtaunen zu erweitern, und dem Gemurmel nach zu urtheilen, das ich um mich herum hoͤrte, verſetzte es die Zu⸗ ſchauer in eine eben ſo große Verwunderung, wenn es ſie nicht gar beleidigte. Aber nachdem ſie ſich von dem Gefuͤyle, das ſich ihrer im erſten Augenblicke bemaͤch⸗ tigt hatte, erholte, erhob ſe das Haupt, und indem ſie ſich ſtolz erhob, wie Jemand, welcher zeigen will, 61 daß er ſeine große Herablaſſung fühlt, reichte ſie mir die Hand, einer Fuͤrſtin gleich, welche einem gerin⸗ gen Ritter huldreich eine Gnadenbezeugung gewaͤhrt. Wenn der Grüͤnmantel die Wahrheit geſprochen hat, dachte ich in meinem Herzen, ſo iſt das eitel Ziererei. Denn junge Damen machen doch keine Be⸗ ſuche und ſchreiben keine Briefe, um einen Rechts⸗ gelehrten zu bewegen, ſich in die Handlungen eines Mannes zu miſchen, an welchem ihnen ſo wenig liegt, wie dieſe Nymphe es mich fuͤhlen läßt. Sollte mich guch die Aehnlichkeit der Maͤntel tauſchen, ſo muß ich mich doch immer der Auszeichnung würdig zeigen, mit welcher ſie mich mit ſo viel Stolz und Zuruck⸗ haltung begnadigt hat. Der Tanz, welcher eben be⸗ ginnen ſollte, war der aite ſchottiſche Jigg, in wel⸗ aem ich, wie Du wohl weißt, bei la Pique keine uͤble Figur zu ſpielen pflegte, waͤhrend Beine unge⸗ ſchickten Bewegungen Beinen Knochen haͤufig Fidel⸗ bogenſtreiche des großen Profeſſors zuzogen. Die Wahl der Melodie ward meinem Gefaͤyrten Willie überlaſ⸗ ſen, der, als er ſeinen Trunk beendigt hatte, ſpitz⸗ buͤbiſcher Weiſe das wohlbekannte Volkslied auflpielte: 7, Luſtig tanzte des Quakers Weib, Und tuſtig tanzte der Quäker.“ Ein ſchallendes Gelaͤchter brach auf meine Koſten aus, und ich wurde mich vernichtet gefühlt haben, wenn nicht ein Laͤcheln, das die Lippen meiner Tan⸗ zerin umſchwebte, fern von Spott mir ſagen zu wol⸗ len ſchien:„nimm Dir das nicht zu Herzen.“ Auch that ich es keineswegs, Alan— meine Taͤnzerin tanzte wunderbar, und ich wie einer, der, wenn er ſchon weiß, daß er uͤbertroffen wird, doch nicht ganz ver⸗ duntelt werden moͤchte. Sicher verdienten unſere Leiſtungen ſowohl, als auch Williess Muſtk gebildetere Zuhoͤrer und Zu⸗ ſchauer; dann aber haͤtte uns aug kein ſo ſchallender Beifau begruͤßt, wie der, welcher uns zu Tyeil ward, als ich meine Daͤnzerin auf ihren Platz zurückführte, und einen Sitz neben ihr einnahm, wie jemand, der ein Recht dazu beſitzt, die bei ſolchen Gelegenheiten gewoͤhnlich hen Aufmerkſamkeitsbezeugungen zu erwei⸗ ſen. Sie ſchien ſichtlich verlegen, ich aber war feſt entſchloſſen, es nicht zu bemerken, bis ich eine Gele⸗ genheit finden würde, zu erfahren, ob in der ſchoͤnen Form auch eine ſi oͤne Seele wohne. Doch aber, ſo kühn auch der Entſchluß gefaßt wurvoe, ſo kannſt Du Dir doch nur zu gut die Schwie⸗ rigkeiten v orſtellen, die ſich ſeiner Ausfuͤh rung entgegen ſtellten; da es mir ſtets an Umgang mit den Reizen⸗ den des anderen Geſchlechtes fehlte, ſo bin ich dadurch ein alberner Tropf geworden, der nur einen Gran Wloͤdigkeit weniger beſitzt, als Du. Dann war ſie auch ſo wundervoll ſchoͤn, ſo viel Wuͤrde lag in ih⸗ rem Benehmen, daß ich in den entſetzlichen Irrthum verfiel, ich duͤrfte ſie nur mit einer ausgezeichneten Artigkeit anreden; aber bei allem Hin⸗ und Herſin⸗ nen wollte mir auch nicht eine einzige Idee einfallen, die der Verſtand nicht entweder als kriea ende Schmei⸗ chelei, oder als flachen und faden Witz verdammen mußte. Es war mir, als waͤre mein Denkvermoͤgen nicht mehr mein Eigenthum, ſondern ſtaͤnde bald unter der Herrſchaft des Aldiborpontophoscophornio, bald unter der ſeines naͤrriſchen Freundes Rigdum Funnidos. Ach wie beneidete ich in dieſem Angen⸗ blick unſern Freund Jack Oliver, der mit wohlgefaͤlli⸗ gem Selbſige uͤhl ſein fades Geſchwätz auskramt, der, weil er nie daran zweifelt, daß ſeine Unterhaltung Vergnuͤgen gewaͤhrt, ein jedes ſchoͤne Weib, das ihm in den Weg koͤmmt, kuͤhn anredet, und der die Pau⸗ ſen im Geſpraͤche mit allen Dienſtoflichten eines Ca- valtere servente, mt Faͤchern und Flak kons auszufuͤl⸗ en weiß. Ich verſuchte es auch, doch mo’dte es lin⸗ kiſch genug heraus gekommen feyn, wenigſtens nahm ſie Lady Gruͤnmantel, wie eine Fuͤrſtin die Huldigung eines Leibeignen auf. * Unterdeſſen blieb der Tanzplatz leer, und da die Freude etwas geſtoͤrt worden war, ſo wagte ich es en e nier res ort(als letztes Huͤlfsmettel), ein Menuct vorzuſchlagen. Sie dankte, indem ſie ziemlich ſtolz erwiedeite:„Sie waͤre hier, die guten Leute bei ih⸗ ren harmloſen Vergnügungen aufzumuntern, keines⸗ wegs aber zur Beluſtigung derfelben ihre unbedeu⸗ tende Tanzkunſt zur Schau auszuſtellen.“ Sie ſchwieg einen Augenblick, als wollte ſie mir Zeit zur Antwort goͤnnen, doch da ich ſchuͤcktern ſtille ſchwieg, neigte ſte anmuthsvoll ihr Koͤpfchen und ſprar:„Ich wollte Sie nicht beleidigen, ein laͤnd⸗ licher Danz waͤre wohl paſſender, wenn Sie es auch glauben.“ Wie Eſels dumm war ich doch, Alan, daß ich ihren Wuͤnſchen nicht zuvorkam! Haͤtte ich nicht be⸗ merken ſollen, daß ſich das haͤßliche Paar, die Ma⸗ bel und der Chriſtal auf den beiden Seiten ihres Stuh⸗ les hengeoflanzt hatten, wie die Schildhalter des konig⸗ lichen Wappens? Der Mann dick, unterſetzt, langhaa⸗ rig und trotzig wie der eoͤwe; das Weib, ausgedurrt, ſteif geſchnuͤrt, lang, hager und verhungert, wie das Einhorn. Ich hatte dech bedenken ſolien, daß unter der Aufſicht zwerer ſo wachſamer Beobachter unſere Un⸗ terredung weder ruhig, noch ungeſtoͤrt ſeyn konnte; daß aber das Geraͤuſch, die Bewegungen und Ver⸗ wirrungen eines laͤndlichen Tanzes, wo die ungeuͤbteren heilnehmer jeden Augenblick Stoͤrungen verurſachen und die andern Vaare noͤthigen, eine Zeit lang ſtile zu ſtehen, daß endlich die regelmaͤßigen Ruhepunkte des Tanzes ſelbſt die beſte Gelegenheit darboten ſich unbemerkt und zur rechten Zeit einige Worte zuzu⸗ fluͤſtern Kaum hatten wir die Reihe hinab getanzt, als ſich ſchon eine ſolche Veranlaſſung ereignete; mit der groͤßten Liehlichkeit und Beſcheidenheit redete mich meine Taͤnzerin an:„Es dürfte freilich nicht eben ſehr paſſend ſebn, unaufgefordert eine Bekanniſchaßf 6½ einzugeſtehen; irre ich aber nicht ſo rede ich mit Herrn Darſte Latimer.“ „Darſie Latimer iſt der Name des Mannes, der jetzt die Ehre und das Gluͤck genießt.“— 3 Ich wuͤrde auf dem verkehrten Complimenten⸗Weg forrgaloppirt haben, wenn ſie mir nicht in die Rede gefallen ware:„Wie koͤmmt es denn,“ ſagte ſie, „vaß ich Herrn Latimer hier treffe, verkleidet und in einem angenommenen Berufe, der eines Mannes von Erziehung ſo ſehr unwuͤrdig iſt?— Um Verzeihung, ich moͤchte Sie nicht beleidigen, aber da Sie ſich bis zum Gefäahrten eines ſolchen Menſchen herabwur⸗ ugen——“ Sie ſah meinen Freund Willie an und ſchwieg. Ich fuylte mich im innerſten Herzen beſchaͤmt und ſo beeilte ich mich ihr zu ſagen, es ware eine thoͤrigte Laune, welche der Mangel an Beſchaftigung mir ein⸗ gefloͤßt haͤtte und uͤber die ich keine Reue füͤhlen konnte, da ſie mir das Vergnügen verſchafft haͤtte, deſ⸗ ſen ich mich jetzt erfreute. Ohne auf dieſe Artigkeit Ruͤckſicht zu nehmen, ergriff ſie die nachſte Gelegenheit mir zu ſagen:„Wird woyt Mr. Latimer einer Fremden, die ihm wohl will, die Frage verzeiyn, ob es recht iſt, daß er, in ſeinem kraͤftigen Alter, Beſchaͤftigungen ſo ſeyr ſcheut, daß er eines thörigten Vergnugens wegen ſich ſo leicht in niedrige Geſellſchaften miſcht.“ 4 „Sie ſind ſtreng, Madame,“ antwortete ich; „doch kann ich mich unmöglich durch eine Geſellſchaft entehrt finden, in welcher ich——“ 1 Hier mußte ich mich ſelbſt unterbrechen, weil ich fühlte, daß meine Antwort eine unhöfliche Wendung nahm. Das Argumentum ad nominem, die letzte Zu⸗ flucht des gebildeten Mannes, kann manch Mal durch umſtaͤnde entſchuldigt werden, aber ſelten oder nie das Argumentum ad foeminam. Sie fuͤllte die Luͤcke meiner Rede ſelbſt aus.„In welcher Sie mich treffen, wollten Sie wahrſcheinlich 65 ſagen? Aber der Fall iſt ſehr verſchieden. Mein un⸗ gluͤckſeliges Schickſal zwingt mich, dem Willen Ande⸗ rer zu folgen und Plaͤtze zu beſuchen, welche ich in einer andern Lage, gern vermeiden wuͤrde. Ueberdieß theile ich, wenn ich dieſe Paar Minuten ausnehme, jene laͤrmende Freude nicht— bin bloß Zuſchauer und werde von meinen Dienern begleitet. Ihre Lage iſt aber ſehr verſchieden— aus eigner Wahl ſind Sie hier, Sie ſind Theilnehmer und Befoͤrderer der Ver⸗ gnuͤgungen einer Claſſe von Menſchen die in Erziehung, Geburt und Vermoͤgen ſo tief unter Ihnen ſtehen.— Wenn ich etwas hart rede, Mr. Latimer,“ fuͤgte ſie mit der ſüßeſten Stimme hinzu,„ſo meine ich es doch von Herzen gut.⸗⸗ Ihre Rede brachte mich in Verwirrung, denn „ſtreng war ſie in jugendlicher Weisheit,“ alles Na⸗ türliche und Lebhafte das einem ſolchen Geſpraͤch ziemt, derſchwand aus meiner Erinnerung, ernſt wie ſie ge⸗ than, erwiederte ich:„Es iſt wahr, ich habe mich einer heſſern Erziehung zu erfreuen gehabt, als dieſe armen Leute; aber Sie Madame, deren guͤtige Fuͤr⸗ ſorge ich dankbar anerkenne, Sie muͤſſen von meinem Stande mehr wiſſen als ich ſelbſt.— Ich darf weder ſagen, daß ich ihnen in Geburt, da ich ſie ſelbſt nicht kenne, noch daß ich ihnen in Vermoͤgen uͤberlegen bin, da auch daruͤber ein undurchdringlicher Schleier 3 3 b „Und warum ſollte Sie denn Ihre Unkenntniß die⸗ ſer Punkte zu niederer Geſellſchaft und gemeinen Ge⸗ braͤuchen verleiten?“ antwortete mein weiblicher Men⸗ kor.„Iſt es maͤnnlich, zu warten, bis das Gluͤck Ih⸗ nen freundlich zulachelt, und zwar zu einer Zeit, wo Ihre eigene Thatkraft Sie emporheben kann? Liegt Ihnen nicht das Gebiet der Wiſſenſchaften offen— nicht das des maͤnnlichen Ehrgeizes— des Kriegs?— Aber nein— das Kriegshandwerk nicht, das haben Sie ſchon zu theuer zahlen muͤſſen.“ „ Ich will mich ganz Ihren Wuͤnſchen fuͤgen“ W. Scott's Werke. XVI. 5 66, antwortete ich eifrig—„Sie duͤrfen mir nur den Weg anzeigen, und Sie werden ſehen, ob ich ihm nicht willig folge, waͤre es auch nur, weil Sie mir es befehlen.“ „Nicht weil ich es Ihnen befehle,“ ſagte das Maͤdchen,„ſondern weil Vernunft, geſunder Men⸗ ſchenverſtand und Maͤnnlichkeit, weil Ihnen mit einem Worte, Ruͤckſicht auf Ihre eigene Sicherheit denſel⸗ ben Rath. ertheilt.“ Wie dem auch ſey, gewiß nahm Geiſt und Ver⸗ nunft nie eine ſchoͤnere Form— der Ueberzeugung an“ fügte ich haſtig hinzu, denn ſie wandte ſich von mir ab und gab mir keine Gelegenheit meinen angefan⸗ genen Satz zu beendigen, bis ich entſchloſſen, unſer Geſpraͤch bis zum auf klaͤrenden Ziele zu bringen, die naͤchſte Pauſe im E Danz benuzte, ihr zu ſagen:„Sie nann⸗ ten die Maͤnnlichkeit, Madame, und zugleich ſprachen Sie von perſoͤnlicher Gefahr. Nun aber ſagt mie. mein Begriff von Männlichkeit, daß es feige iſt, vor zweifelhaften Gefahren zu entfliehen. Sie, die Sie ſo viel von meinem Schickſal zu wiſſen ſcheinen, daß ich Sie meinen Schutzengel nennen moͤchte, ſagen Sie mir, welche Gefahren mich bedrohen, damit ich ur⸗ theilen kann, ob mir die Maͤnnlichkeit gebietet, ſie zu erwarten oder ſie zu fliehn.“ Dieſe Aufforderung brachte Sie in große Ver⸗ legenheit. „Sie laſſen es mich theuer entgelten, daß ich Ihnen menſchenfreundlich meinen Rath anbot,“ er⸗ wiederte Sie endlich:„Ich geſtehe es ein, daß ich an Ihrem Schickſale Theil nehme, woher dieſe Sheil⸗ nahme aber entſteht, das darf ich Ihnen eben ſo we⸗ nig ſagen, als woher und von wem Sie gefaͤhrdet ſind; doch iſt es nicht minder wahr, daß die Gefahr ſehr nahe, unendlich groß iſt. Fragen Sie mich nichts mehr daruͤber, um Ihrer ſelbſt willen verlaſſen Sie dieſes Land. Wo Sie auch ſeyn mögen, uͤberall ſind 1 — Sie ſicherer.— gluͤck zu!“ „Muß ich den verlaſſen, da — Ach, ſagen ich wandeln ſol ſcheinlich werde „Wahrſcheinlich 67 Hier ziehen Sie ſich ſelbſt Ihr Un⸗ denn ſo das einzige Weſen auf Er⸗ s Theilnahme an meinen Schickſal zeigt? Sie es nicht— ſagen Sie mir, wir werden uns wiederſehen, dann ſoll die Hoffnung mir ein lieber Leitſtern ſehn, der mir die Bahn zeigt, die I.“ n wir uns Huͤlfe, die ich Ihnen jetzt meinen Kraͤften was ich einem Blin de eines Abgru in Erſtaunen b keit.“ Wieder w Tanz ſich ſeine ſuchen Sie es einmal anzured Sie die Geſellſe auffallend und Ich füͤhrte ſchoͤne Hand, die in ich mit einem leiſen nen gegeben ha ihre Hand zuruͤch Meine Abſicht war den Willie hinzuſchleichen Bogen zu fuͤhren, mein halbes V ſamkeit gegeben ſagte Sie—„höchſt wahr⸗ nie mehr wiederſehn. Die gewaͤhre, iſt alles, was in ſteht; ich that Ihnen nicht mehr, als den thun würde, den ich dem Ran⸗ nds zugehen ſaͤhe; es darf Sie nicht erſetzen, und gebietet keine Dankbar⸗ m andte ſie ſich ſchnell um, als ſie es geſprochen hatte, ſprach auch kein 2 ie 5 Ende nahte, dann ſagte ſie,„ver⸗ ja nicht, mich im Laufe der Nacht noch en, oder ſich mir zu nahen; verlaſſen chaft ſo bald als moͤglich, aber ja nicht — Gott ſchuͤtze Sie.“ ſie bis zu ihrem Sitz und ließ die tte. der meinigen ruhte, nicht los, bis Druck meine Gefuͤhle zu erken⸗ erroͤthete fluͤchtig und zog ne jedoch zu zuͤrnen. Da ich ſo verbeugte ich mich tief und ward beklommen, wider Willen t, als die wogende Menge uns „ wieder zu meinem Kamera⸗ und ſo gut wie moͤglich den ob gleich ich in dem Augenblick gern ermoͤgen fuͤr eine Minute in der Ein⸗ haͤtte. Ab r der Ruͤckzug wurde mir 4 68 von Frau Martin abgeſchnitten, mit der Offenheit— (ich glaube der Ausdruck iſt nicht unpaſſend) laͤndli⸗ cher Gefallſucht, die grade auf das Ziel losgeht. „Ei Buͤrſchchen, Ihr ſcheint ja ſchon ganz muͤde, da Ihr eben noch ſo leicht daher gehuͤpft ſeyd? Ein Pferd, das den ganzen Tag laͤuft, iſt doch beſſer als ein Renner, der eine Meile weit rennt, dann aber nie⸗ der liegt.“ 3 4 Das war nun freilich eine ziemlich deutliche Auf⸗ forderung, die ich nicht gar wohl zuruͤckweiſen konnte. Ueberdieß ſah ich wohl, daß Frau Martin die Koͤnigin des Feſtes war; und ſo viele rauhe und ſonderbare Ge⸗ ſtalten umgaben mich, daß ich keineswegs ſicher war, ob ich nicht einen Schutz in Anſpruch nehmen mußte. Ich ergriff alſo ihre ſehr bereitwillige Hand und wir elten uns in die Reihe, wo ich, wenn auch meine ritte und Bewegungen nicht ſo ganz genau waren wie zuvor, doch den Erwartungen meiner Tänzerin voͤllig entſprach, welche es faſt beſchwor,„daß ich unuͤbertrefflich waͤre—“ Sie, ihrer Seits, ſtrengte ſich entſetzlich an, huͤpfte wie ein Geislein, ſchnappte mit ihren Fingern wie mit Caſtagnetten, jauchzte wie eine Bachantin und hopste wie ein Federball, bis daß die Farbe ihrer Strumpfbaͤnder ſelbſt kein großes Ge⸗ heimniß mehr war. Ich glaube, ſie verbarg ſie um ſo viel weniger, da ſie von himmelblauer Seide und mit Franzen beſetzt waren. Es gab wohl ſchon Zeiten wo mir das einen Hauptſpaß gemacht haben wuͤrde, oder beſſer geſagt, in vier Jahren war die vergangene Nacht die einzige Zeit, wo es dieſe Wirkung nicht auf mich hervor⸗ brachte; denn ich kann Dir noch jetzt nicht beſchretben, wie groß meine Sehnſucht war, mich von Frau Mar⸗ tin los zu machen. Faſt haͤtte ich gewuͤnſcht, ſie moͤch⸗ te ſich einen ihrer, mit ſchoͤnen Zwickeln geierten, Knoͤchel verſpringen; denn als ich, bei den üͤbertrie⸗ benen Bockoͤſpruͤngen meiner Taͤnzerin, die ſchoͤne Un⸗ bekannte den Saal verlaſſen ſah, indem ſie mir, wie 69 es ſchien, einen ausdrucksvollen Blick zuwarf, ſtieg mein Widerwillen gegen den Tanz ſo ſehr, daß ich nicht übel Willens war, ſelbſt ein Vertreten oder Verrenken des Fußes vorzuſchützen, um die Darſtellung zu en⸗ digen. Aber ich war von einer Anzahl alter Weiber umgeben, die mir ausſahen, als wußte eine jede von ihnen irgend ein Univerſal⸗Mittel für einen ſolchen Zufall, und da mir Gil Blas mit ſeiner angeblichen Krankheit in der Raͤuberhoͤhle einfiel, ſo hielt ich es fuͤr rathſamer, mit Frau Martin ſchoͤn zu thun und fort zu tanzen, bis ſie es fuͤr gut finden wuͤrde, mich zu entlaſſen. Da es alſo einmal geſchehen mußte, ſo beſchloß ich, es kraͤftiglich auszufuͤhren; ich ſprang und huͤpfte alſo ſo hoch und wagrecht in die Hoͤhe wie Frau Martin ſelbſt, und erwarb mir dadurch donnern⸗ den Beifall, weil das gemeine Volk kraͤftige Bewe⸗ gungen und Gewandtheit ſtets der Anmuth vorzuzie⸗ hen pflegt. Endlich ward es ſelbſt der Frau Mar⸗ tin unmoͤglich, weiter zu tanzen; ich freute mich, daß ich nun entlaſſen waͤre, benutzte das Taͤnzerprivilegium und fuhrte ſie auf ihren Platz zurüuͤck. „Potz tauſend, meine Herrn,“ rief Frau Martin aus,„ich kann kaum mehr ſchnaufen! Wahrhaftig,. junger Mann, ich glaube, ihr habt mich zu todt tan⸗-⸗— zen wollen.“ Ich konnte das zugefuͤgte Uebel nur mit einigen Erfriſchungen wieder gut machen, die ich herbeiholte und die ſte willig genoß.. „Ich war recht glücklich, mit meinen Saͤnzerin⸗ nen,“ ſagte ich,„erſt die ſchoͤne junge Ladh, dann Euch, Frau Martin.“ „„Geht mir weg, mit Euren Schmeicheleien,“ ſagte Frau Martin.„Geht nur— geht; fluͤſtert mir keine ſolchen Schmeicheleien ins Ohr; mich und Miß Lilias zuſammen zu ſtellen! Nein, nein, Buͤrſchchen — das iſt nichts, ſie mag wohl vier bis fuͤnf Jahre, oder ſo etwas juͤnger ſeyn als ich, und dann das ade⸗ liche, feine Beneymen.“ 70 „Iſt ſie die Dochter des Lairds?“ fragte ich, in einem ſo ſorglos ſcheinenden Ton als moͤglich. „Seine Tochter, Freund? Nein, bloß ſeine Nichte — alſo doch noch verwandt mit ihm.“ „Ja freilich,“ erwiederte ich,„doch glaubte ich, ſie fuͤhre ſeinen Namen?“ „Sie fuͤhrt ihren eigenen Namen und der heißt Lilias.“ „Hat ſie keinen andern Namen?“ frug ich. „Wozu braucht ſie einen andern, bis ſie einmal ei⸗ nen Mann hat?“ antwortete meine Thetis, vielleicht(um mich des Frauen⸗Ausdrucks zu bedienen) ein wenig verſtimmt, daß ich die Unterredung auf meine fruͤ⸗ here Taͤnzerin und nicht auf ſie lenkte. Es entſtand eine kleine Pauſe, welche Frau Mar⸗ tin mit der Bemerkung unterbrach:„Sie ſtellen ſich ſchon wieder zum Tanz.“. „Es iſt wahr,“ ſagte ich, da ich keine Luſt hatte, die gewaltigen Luftſpruͤnge zu erneuen,„ich muß hin⸗ gehen und dem alten Willie helfen.“ 1 Ehe ich mich noch losreißen konnte, hoͤrte ich, wie die arme Thetis ſich an einen Seemann, mit ei⸗ ner blauen Jacke und weiten Matroſen⸗Beinkleidern wendete—(ſie haͤtte, beilaͤufig geſagt, im Vorabend ſeine Hand ausoeſchlagen) und ihm zu verſtehen gab, ſie waͤre jetzt bereit dazu, ein Taͤnzchen zu machen. „Tanz nur zu, mein Schaͤtzchen,“ ſagte der rach⸗ ſuͤchtige Waſſermann, ohne die Hand zu bewegen; „dort“ auf den Tanzboden zeigend,„iſt Platz genug fuͤr Euch.“ 4 Da ich mir nun gewiß einen, vielleicht gar zwei Feinde gemacht hatte, ſo eilte ich meinem fruͤheren Sitze neben Willie zu und fing wieder an, den Bogen zu fuͤhren. Deutlich konnte ich aber bemerken, daß mein Betragen einen unguͤnſtigen Eindruck hervorge⸗ bracht hatte; die Worte„eingebildeter Schlingel“— „gezierter Stutzer“ und endlich die noch beunruhi⸗ gendere Benennung„Spion“ gingen halblaut von 2 — — 1 Mund zu Mund, ſo daß ich herzlich froh war, als ich an der Thür Sam's Angeſicht bemerkte, was mich in ſofern beruhigte, da ich nun ſicher war, ein Rettungs⸗ mittel in Haͤnden zu haben. Ich flüſterte es Willien zu, der, ſeinen Worten nach zu urtheilen, noch mehr von dem unwilligen Murren der Geſellſchaft gehoͤrt hatte, als ich:„Ja, ja— weg mit Euch— Ihr ſeyd nur ſchon zu lang hier— ſchluͤpft unbemerkt hinaus— laßt es nicht ſehen, daß Ihr auf dem Sprung ſteht.“ Ich druͤckte dem alten Mann eine halbe Guinee in die Hand, worauf er antwortete:„Ach was! Thorheit— doch will ich es nicht abſchlagen, weil ich hoffe, Ihr werdet es entbehren koͤnnen.— Jetzt fort mit Euch— und wenn Jemand Euch etwas anha⸗ ben will, ſo ruft nur mich.“ Ich ging alſo, ſeinem Rathe gemaͤß, durch das Zimmer, als ſuchte ich eine Kaͤnzerin, trat zu Sam, den ich mit einiger Schwierigkeit von ſeiner Bowle losriß, und ſo verließen wir, ſo unbemerkt als moͤg⸗ lich, die Huͤtte. Die Pferde waren in einem nahe liegenden Verſchlag angebunden, und da der Mond ſchien und ich nun hinlaͤnglich vertraut mit dem zwar unebenen und ungleichfoͤrmigen Wege war, ſo erreich⸗ ten wir Schaͤfersbuſeh ſehr bald, wo die alte Wirthin uns aͤngſtlich erwartete, weil(wie ſie ſich ausdruͤckte): ſchon mancher aus ihrem Hauſe und aus den benach⸗ barten Staͤdten nach Brockenburn gegangen waͤre, der nicht mit ſo heiler Haut zuruͤckgekommen ſey. „Ohne Zweifel,“ ſagte ſie,„verdankt Ihr es dem Schutze des wandernden Willie.“ Bei dieſen Worten erhob ſich Willies Frau, die in einem Winkel des Camins ihre Pfeife rauch⸗ te, und fuhr im Lobe ihres„Schaͤtzchens,“ wie ſie ihn nannte, fort. Sie ſuchte meine Großmuth von Neuem zu erwecken, indem ſie eingebildete Gefahren beſchrieb, aus denen mich blos das Anſehen ihres Mannes gewiß gerettet haͤtte. Ich war aber nicht in der Laune, mir noch mehr Geld abplaudern zu laſſen und legte mich 72 alſn, beſtuͤrmt von den verſchiedenartigſten Gefuͤhlen, zu Bette. 3 Seitdem habe ich ein paar Tage bald zu Mount Sharon bald hier zugebracht, indem ich bald las, bald Dir dieſe ausfuͤhrliche Erzaͤhlung ſchrieb. Dann wurden wieder Plaͤne geſchmiedet, wie ich es anſtellen muͤßte, um die liebliche Lilias zu ſehn, auch wohl zu⸗ weilen— ich glaube eben des Widerſpruchs wegen— trotz Joſua's Vorurtheile, ein wenig geangelt, da ich, ſeitdem ich Fortſchritte in dieſer Kunſt gemacht habe, auch mehr Freude daran finde. Und nun, mein theuerſter Alan, Da du mein gan⸗ zes Geheimniß beſitzeſt, ſo laß mich auch eben ſo frei in alle Falten Deines Herzens ſchauen. Was fuͤhlſt du fuͤr dieſes ſchoͤne ignis katuus, fuͤr dieſe Lilie in der Wuͤſte? Sag' es mir treu und offen, denn wie lebhaft ſich auch ihr Bild meinem Gemuͤthe eingepraͤgt haben mag, meine Liebe zu Alan Fairford uͤbertrifft doch weit meine Liebe zu dem Maͤdchen. Auch weiß ich wohl, daß wenn Du liebſt, es geſchieht:„Einmal zu lieben und nicht mehr.“ Wenn ſich einmal eine tief verzehrende Leiden⸗ ſchaft in einer kraͤftigen Bruſt, wie die Deinige, ent⸗ zuͤndet, dann verliſcht ſie nur mit dem Lebenslichte. Ich bin von verſchiedenartigerem, fluͤchtigerem Gemlüthe, und obſchon ich Deine Antwort mit zitternder Hand und mit ungewiſſem Herzen erbrechen werde, ſo ſollſt Du ſehn, daß wenn ſie mir ein offenes Geſtaͤndniß bringt, daß dieſe ſchoͤne Unbekannte einen tieferen Eindruck auf Dich gemacht hat, als ich von Deiner Ernſthaftigkelt erwartete, daß ich den Pfeil ſammt ſeinem Widerhaken mir eigenen Haͤnden aus meiner Wunde reißen kann. Unterdeſſen werde ich, verlaſſe Dich darauf, keinen Schritt zur Ausfuͤhrung der Plaͤne thun, die ich mir entworfen habe, um ſie zu ſehn. Ich habe es bis jetzt unterlaſſen, und ich gebe Dir mein Ehrenwort darauf, ich werde es ferner thun. Doch — * 23 was bedarf es fernerer Verſicherungen von einem Man⸗ ne, der ſo ganz Dein eigen iſt, wie Dein 5. 2 P. S. Ich ſitze auf Dornen, bis ich Deine Antwort habe. Ich leſe und uͤberleſe Deinen Brief, und bei meiner Seele, ich kann Deine wahren Gefuͤhle nicht daraus entdecken. Manches Mal ſcheint es, als ſpraͤcheſt Du im Scherz von ihr, und dann kann ich doch nicht glauben, daß dem alſo iſt. Beruhige mich alſo ſo bald, als moͤglich. ——— Dreizehnter Brief. Alan Falrford an Darſie Latimer. Ich ſchreibe Dir augenblicklich, wie Du es wün⸗ ſcheſt; und zwar in einer tragi⸗komiſchen Stimmung, denn eine TChraͤne füllt mein Auge und ein Laͤcheln umſchwebt meinen Mund. Theuerſter Darſie, gewiß, es gab nie ein ſo großmüthiges Weſen, wie Du, aber ſicherlich auch nie ein ſo thoͤrichtes! Ich erin⸗ nere mich noch, daß Du als Knabe, der alten Tante Peggy Deine ſchoͤne neue Peitſche ſchenken wollteſt, blos weil ſie ſie bewunderte; eben ſo willſt Du jetzt mit unuͤberlegter, unzeitiger Freigebigkeit Deine Ge⸗ liebte einem pedantiſchen Sophiſten aufopfern, der, wenn es nicht ſein Beruf erfordert, ſich kein Haͤr⸗ lein um alle Evastoͤchter kummert. Ich, in Deine Lilias verliebt— in Deinen Gruͤnmantel, in Deine unbekannte Zauberin!— Um's Himmels Willen, ich ſah ſie ja kaum fuͤnf Minuten; und ſelbſt waͤh⸗ rend dieſer Zeit war nur die Spitze ihres Kinns ſicht⸗ bar. Sie war ſchoͤn gebaut, das iſt wahr, und die Spitze ihres Kinns ließ das ſchoͤnſte Angeſicht erwar⸗ 74 ten, aber, Gott ſteh' mir bei! Sie kam ja in Ge⸗ ſchaͤften! und wenn ſich ein Juriſt nach einer einzi⸗ gen Conſulation in eine ſchoͤne Clientin verlieben wollte, ſo waͤre das eben ſo vernuͤnftig, als wollte er ſich in einen beſonders ſchoͤnen Sonnenſtrahl vergaf⸗ fen, der augenblicklich ſeine Amts⸗Perrücke vergoldet. Ich gebe Dir mein Wort darauf, mein Herz iſt un⸗ verwundet; und verſichere Dich noch uͤberdieß, daß, ehe ſich ein Weib in mein Herz einſchleicht, ich vor⸗ erſt, ihr volles Angeſicht, ohne Maske und Mantel ſehen, und einen guten Theil ihrer Seele kennen ge⸗ lernt haben muß. Sey alſo meinetwegen unbeſorgt, mein guͤtiger, großmuͤthiger Darſie; aber um Deinet⸗ willen— hab' Acht auf Dich, damit Dich keine ſchnell aufgefangene, thoͤrichte Leidenſchaft in ernſt⸗ liche Gefahren verſetze. Dieſer Gegenſtand beunruhigt mich ſo ſehr, daß. ich, da ich nun mit der ehrenvollen Robe bekleidet bin, meine Laufbahn gleich bei ihrem Beginnen ver⸗ laſſen haben würde, um zu Dir zu eilen, wenn es nicht meinem Vater gelungen waͤre, meine Fuͤße mit den Banden des Berufs zu feſſeln. Ich will Dir die Sache der Laͤnge nach erzaͤhlen, denn ſie iſt drollig genug; und warum ſollteſt Du meinen juriſtiſchen Abenteuern nicht eben ſo gern ein geneigtes Ohr leihen, wie ich denen, die Dir auf Deiner irrenden Geigerritterſchaft zuſtießen? Das Mittageſſen war voruͤber, und ich uͤberlegte eben, wie ich meinem Vater meinen Entſchluß, nach Dumfriesſhire zu reiſen, am beſten beibringen koͤnn⸗ te, oder ob es nicht vielleicht beſſer waͤre, auf und davon zu gehn, und mich ſchriftlich zu entſchuldigen, als er ploͤtzlich den eigenen Blick annahm, mit wel⸗ chem er mir gewoͤhnlich die Abſichten mittheilt, von denen er vermuthet, daß ſie mir nicht ſehr angenehm ſeyn wuͤrden. „Alan,“ ſagte er,„Du traͤgſt nun die Robe— Du haſt, wenn ich mich kaufmaͤnniſch ausdruͤcken ſoll, — — 75 Deinen Laden eroͤffnet; Du glaubſt nun, ohne Zweifel, der Boden der Gerichtshoͤfe waͤre mit Guineen be⸗ ſtreut, und Du durfteſt Dir nur die Muͤhe geben, Dich zu bücken, um ſie zu ſammeln.“ „Ich fuhle wohl, Vater,“ ſagte ich,„daß es mir noch an Wiſſen und an Uebung fehlt und daß ich vor Allem ſtreben muß, ſie zu erlangen.“ „Wohl geſprochen,“ antwortete mein Vater; doch weil er ſtets fürchtet, zu fehr aufzumuntern, ſo fuͤgte er hinzu,„wohl geſprochen, Alan, wenn Du naͤmlich auch danach handelſt. Nach Kenntniß und Uebung ſtreben, das iſt der rechte Wahlſpruch. Du weißt aber, Alan, daß in der andern Facultaͤt, wo man die Ars medendi ſtudirt, die jungen Doctores, ehe ſie vor dem Krankenbette, in Pallaͤſten ſtehn, wie ſie ſich ausdruͤcken, die Hoſpitaͤler beſuchen muͤſſen, daß ſie erſt den Lazarus von ſeinem Ausſatze heilen muͤſſen, ehe ſie dazu gelangen, dem Dives etwas ge⸗ 3 Gicht oder Magenſchwaͤche verſchreiben zu duͤr⸗ ſen.—— „Ich bin es uͤberzeugt, Sir, daß— „Still— unterbrich das Gericht nicht— Gut— ſo haben auch die Wundaͤrzte den löblichen Gebrauch, daß ſie ihre Lehrlinge und Gehuͤlſen ſich an empfin⸗ dungsloſen, todten Koͤrpern uͤben laſſen, denen ſie, wenn auch nichts Gutes, doch auch keinen Schaden zufuͤgen foͤnnen. Auf der andern Seite aber erlangt der Gehuͤlfe oder der Lehrling eine gewiſſe Fertigkeit und Uebung, und lernt nach und nach einem lebenden Gegenſtand einen Arm oder einen Fuß ſo glatt abzu⸗ ſchneiden, wie Du eine Zwiebel ſchaͤlſt.“ „Ich glaube Sie zu verſtehen, Sir,“ erwiederte ich,„und ware nicht eine beſondere Verbindlichkeit— „„Sprich mir nichts von Verbindlichkeiten, ſondern ſey ſtille— Du biſt ein guter Sohn— unterbrich alſo das Gericht nicht.“ Mein Vater pflegt, wie Du weißt— mit aller kindlichen Ehrfurcht ſey es geſagt— etwas weitſchwei⸗ 70 ſig in ſeinen Reden zu ſeyn. Ich konnte alſo weiter nichts thun, als mich anlehnen und zuhören. „Vielleicht deneſt Du, Alan, weil ich von meinen wuͤrdigen Clienten mit der Beſorgung einiger Geſchaͤfte beauftragt bin, ſo wuͤrde ich Dir ſie auch augenblick⸗ lich uͤbertragen, und Dir auf dieſe Weiſe, ſo weit naͤmlich meine kleinen Geſchaͤfte und mein Einfluß teichen, ſogleich eine nicht unbedeutende Praxis verſchaf⸗ fen; und freilich, Alan, hoffe ich auch den Tag noch zu erleben, an welchem es geſchehen ſoll. Aber ehe ich, wie das Sprichwort ſagt, meine eigenen Fiſche meinen eigenen Seemoͤven vorwerfe, muß ich meines ei⸗ genen Charakters wegen, auch ſicher ſeyn, daß meine Seemöve ſie tuͤchtig anpacken kann. Was ſagſt Du dazu?“ . Ich bin ſo weit davon entfernt,“ antwortete ich,„eine zu ſruͤhe Praxis zu wuͤnſchen, daß ich gern einige Dage dazu beſtimmen moͤchte— „Zu weiterem Studio, willſt Du ſagen, Alan. Aber das iſt jetzt auch nicht der rechte Weg— Du mußt die Hoſpitaͤler beſuchen— mußt den Lazarus heilen— Du mußt einen abgeſtorbenen Körper zer⸗ ſchneiden und zerlegen, um dadurch Deine Geſchick⸗ lichkeit zu bezeugen.“ Ich erwiederte:„Gewiß werde ich die Sache ei⸗ nes Armen mit Vergnuͤgen uͤbernehmen, und mir ſo viel Muͤhe dafuͤr geben, als gaͤlte es, einen Herzog zu vertheidigen; aber die naͤchſten zwei oder drei Tage—“ „Muͤſſen ernſtem Studio gewidmet werden, Alan — ſehr ernſtem Studio; denn Du mußt Dich vorbe⸗ reiten, naͤchſten Dienſtag in praesentia Dominorum einen oͤffentlichen Vortrag zu halten.“ „Ich, Sir!“ erwiederte ich voll Erſtaunen,— ich habe ja meinen Mund noch nicht in der Vorzalle aufgethan.“ „HKuͤmmere Dich nichts um die unteren Inſtanzen, Freund,“ ſagte mein Vater;„wir wollen Dich ploͤtz⸗ lich in das Allerheiligſte fuͤhren, uͤher Stock und Stein.“ 5 4 15 1 77 „Aber, Sir, wie leicht koͤnnte ich nicht eine Sache verderben, die mir ſo ploͤtzlich aufgetragen wird?“ „„Dtt kannſt ſie nicht verderben, Alan,“ ſagte mein Vater, indem er ſich vor Vergnuͤgen die Haͤnde rieb;„das iſt eben die Sache, Freund. Es iſt, wie ich vorher ſagte, ein Gegenſtand, an, welchem ſeit fuͤnf⸗ zehn Jahren alle Gehuͤlfen ihre Pröbeſtückchen abgelegt haben; und da ſchon zehn bis zwoͤlf Advokaten in der Sache gearbeitet haben, von denen jeder ſeinen eige⸗ nen Weg einſchlug, ſo iſt ſie in einen ſolchen Zuſtand gerathen, daß weder Stair noch Arniſton ſie verbeſſern koͤnnen; ſo kannſt auch Du, Alan, ſie nicht verſchlim⸗ mern— Du kannſt Dir einen Ruf damit erwerben, aber keinen verlieren.“ „Und, ich bitte Sie, wie heißt denn mein gluͤck⸗ lichet Client?“ ſagte ich ziemlich unfein, wie mir's eucht. „Wohlbekannt iſt ſein Name im Parlamentshauſe,“ ſagte mein Vater,„ich erwarte ihn wirklich jeden Augenblick; es iſt Peter Peebles.“ „Peter Peebles!“ rief ich mit Erſtaunen aus, „das iſt ja der wahnſinnige Bettler— ſo arm wie Hiob, und ſo toll wie ein Maͤrz⸗Haſe.“ „Schon fünfzehn Jahre faͤhrt er bei den Gerich⸗ ten herum,“ ſagte mein Vater im mitlei dsvollen Do⸗ ne, der zu ſagen ſchien, ſchon dieſe Thatſache waͤre hinreichend, ſich des armen Mannes Gemuͤths⸗ und Vermoͤgens⸗ Umſtaͤnde zu erklaͤren. „Ueberdieß, Sir,“ fuͤgte ich hinzu,„ſteht er auf der Armenliſte, und Sie wiſſen, daß es beſtimmte Ad⸗ vokaten gibt, die mit der Beſorgung ihrer Angelegen⸗ Jheiten beauftragt ſind; wie ſollte ich mich nun hinein miſchen.—“ „Still, Alan!— unterbrich das Gericht nicht— das iſt alles ſchon vorbereitet, wie ein Federball(mein Vater entlehnt manchmal ſeine Gleichniſſe und Bilder aus dem, von ihm fruͤßer ſehr geliebten Golfſpiel)— Du mußt naͤmlich wiſſen, daß Peters⸗ Rechtsſache zu⸗ 78 erſt dem jungen Dumtouſtie uͤbertragen werden ſollte — Du kennſt vielleicht den jungen Menſchen, er iſt ein Sohn des gleichnamigen Dumtouſtie, welcher im Parlamente die Grafſchaft*⸗ vertritt, und eine Neffe vom juͤngeren Bruder des Lairds, des ehrenwerthen Lord Bladderskate, was ihm eine faſt ſichere Anwart⸗ ſchaft auf Begünſtigung und vielleicht auf eine She⸗ riffsſtelle gibt, ſo gewiß wie aus einem kleinen Sieb ein großes werden kann. Heute Morgen kam alſo Saunders Drudgeit, des Lairds Schreiber, in der Parlaments Halle zu mir, als haͤtte er den Verſtand verloren; denn es ſcheint mir, daß der junge Dum⸗ totſtie zum Armenadvokaten ernannt iſt, und daß ihm vor Kurzem Peebles Prozeß übertragen wurde. Sobald aber die hirnloſe Gans die Aktenſtöße ſah (und freilich Alan ſind ſie nicht von den kleinſten), bekam er Furcht, ließ ſein Pferd ſatteln und eilte fort auf's Land; daher koͤmmt es, ſagte Saunders, daß Mylord vor Scham und Aerger faſt vergeht, da er ſieht, wie ſein Neffe bei'm Beginnen ſeiner Laufbahn auf und davon geht.„Ich will Euch etwas nagen, Sannders,“ ſagte ich,„waͤre ich Mylord, und ein Freund oder Verwandter von mir verließe waͤhrend der Gerichtsſitzungen die Stadt, ſo duͤrfte mir der Ver⸗ wandte, oder was er auch ſey, nie wieder meine Thuͤre betreten.“ Dann verſuchte ich es, Alan, den Ballen uns zuzuſchleudern, Du, ſagte ich, waͤrſt ein aufge⸗ weckter, ſcharfſinniger Vogel, der eben die Feſſeln ab⸗ geworfen haͤtte, und wenn es dem Lord eine Gefaͤllig⸗ keit waͤre und ſo weiter, ſo wuͤrdeſt Du naͤchſten Dien⸗ ſag des Peters Sache fuͤhren, und die nothwendige Abweſenheit Deines Freundes mit irgend einer ſinn⸗ reichen Wendung eniſchuldigen, wuͤrdeſt z. B. ſagen, wie viel der Gerichtshof ſowohl, als Dein Client durch die Entfernung eines ſo tief gelehrten Sachwalters ver⸗ liere. Saunders ſchnappte den Vorſchlag auf, wie der Hahn ein Gerſtenkorn, denn er ſagte, das einzige Hülfsmittel, das noch ubrig bliebe, waͤre, eine urge⸗ ——— 2 79 uͤbte Hand in die Sache zu bringen, welche die auf⸗ gebuͤrdete Laſt nicht zu beurtheilen verſtaͤnde; denn es gaͤbe keinen jungen Advokaten, der, wenn er auch nur zwei Sitzungen beigewohnt haͤtte, nicht todtkrank uͤber Peter Peebles Prozeß werden wuͤrde. Er rieth mir da⸗ her, Dir die Sache ſchoͤn vorzuſtellen; ich aber ſagte ihm, Du waͤrſt ein guter Sohn, Alan, und haͤtteſt in ſolchen Dingen keinen andern Willen und kein ande⸗ res Vergnuͤgen, als was mir gut duͤnke.“ Was konnte ich wohl, Darſie, gegen eine ſo wohl⸗ gemeinte, dabei aber ſo laͤſtige Uebereinkunft ſagen? Den Fehler und die Flucht des jungen Dumtouſtie nach⸗ ahmen, hieß mit einem Male die Hoffnungen meines Varers auf ewig zu Grunde richten; ja, ſo ernſthaft betrachtet er alles, was Bezug auf meinen Beruf hat, daß ihm dieſer Schritt das Herz brechen koͤnnte. Ich konnte daher nichts weiter thun, als mich zum Zeichen einer kummervollen Einwilligung zu verbeugen, wor⸗ auf mein Vater dem James Wilkinſon befahl, die bei⸗ de Aniannößo⸗ welche auf ſeinem Liſche laͤgen, herbei⸗ zuholen. James geht ab und kommt bald darauf zurück, ge⸗ beugt unter der Laſt zweier großen ledernen Saͤcke, die bis an den Rand mit Papieren gefuͤllt ſind, auf deren Ruͤckſeite die Zauberformel des Gerichtsdieners ſteht: Pechles contra Plainstanes. Dieſe ungeheure Maſſe ward auf den Tiſch hingelegt, und mein Vater mit un⸗ gewoͤhnlicher Freude im Geſichte, fing an, die verſchie⸗ denen Aktenſtoͤße hervorzuziehen, die nicht etwa mit ro⸗ ther Schnur oder dünnem Seil, ſondern mit dicken theerigten Stricken zugebunden waren, die ſchon ein kleines Boot feſt am Anker haͤtten halten koͤnnen. Ich wagte einen letzten verzweifelten Verſuch, mich der drückenden Frohnarbeit zu entziehn.„Ich fuͤrchte wirklich, Sir, daß der Fall zu verwickelt und die Vorbe⸗ reitungszeit zu kurz ſeyn möchte, ſo daß wir wohl beſſer daran thaͤten, wenn wir den Gerichtshof dahin beweg⸗ ten, es bis auf die naͤchſte Seſſion aufzuſchieben.“ * 80 „Wie, Sir?— Was, Alan?“ ſagte mein Va⸗ ter,„willſt Du zu gleicher Zeit billigen und mißbilligen, Sir?— Du haſt nun einmal die Sache des armen Mannes angenommen, und haſt Du auch die Sporteln nicht in der Taſche, ſo liegt die Urſache lediglich und gllein darin, weil er keine zahlen kann; ud nun willſt Du ſie in einem Athem annehmen und zuruckweiſen? Denk' an Deinen Amtseid, Alan, und an Deine Pflich⸗ ten gegen Deinen Vater, mein theuerer Sohn. Noch einmal, was konnte ich ſagen?— Ich ſah an der heftigen, ſtuͤrmiſchen Weiſe meines Vaters, daß ihn nichts mehr aufbringen konnte, als wenn er in der Sache, die er feſt beſchloſſen hatte, Widerſpruch faͤnde. Ich erbot mich alſo nochmals, es ſicher und auf jede Ge⸗ fahr hin, zu uͤbernehmen. „Brav, brav, mein Kind,“ ſagte mein Vater, „ Gott gebe Dir auch langes Leben auf der Erde, weil Du die grauen Haare Deines Vaters ehrſt. Du kannſt vielleicht einen vernuͤnftigeren Rathgeber finden, aber gewiß keinen, der es beſſer meint.“ 3 Du weißt, daß mein Vater in der Regel ſehr ſpar⸗ ſam mit dem Ausdrucke ſeiner Empfindungen iſt; eben ihrer Seltenheit wegen haben ſie alſo um ſo viel groͤße⸗ ren Werth. Meine Augen fuͤllten ſich mit Thraͤnen, als ich die ſeinigen feucht erblickte; rein und ungetrüͤbt waͤre geine kindliche Freude geweſen, haͤtte nicht der Gedanke an Dich mich durchdrungen. Waͤre das nicht geweſen, ſo haͤtte ich mit den Aktenbeuteln leicht fertig werden wollen, und waͤren ſie ſo groß wie Kornſaͤcke geweſen. Um aber das Ernſte ins Laͤcherliche zu ziehen, oͤffnete ſich die Thuͤre und Wilkinſon ſchob den Peter Peebles inein. h Du mußt dieſes Original ſchon geſehen haben, Dar⸗ ſie, das, gleich anderen in derſelben Lage, immerfort in de. Gerichtshoͤfen haust, wo er in Zeit, Vermoͤgen und Verſtand Schiffbruch litt. Solche verruͤckte Arme ſcheinen mir zuweilen einem Schiffswrack zu gleichen, der auf den Sandbaͤnken von Goodwin oder an den 81 Klippen von Yarmonth liegt, und andere Schiffe vor den Gefahren warnen, die ſie ins Ungluͤck ſtürzten; oder auch wie Vogelklappern und Feldſcheuchen, die man im Gerichtshof aufſtellt, die Narren von den Haͤndeln zu entfernen. Der erwaͤhnte Peter alſo traͤgt einen ungeheuern Oberrock, der, obgleich voͤllig abgetragen und befleckt, doch mit den noch uͤbrigen Knoͤpfen und durch ein Huͤlfs⸗ corps von Stecknadeln ſorgfaͤltig ſo geordnet und ver⸗ wahrt iſt, daß er den noch ſchlimmeren Zuſtand der Un⸗ terkleider bedeckt. Die Bauernſchuhe und die Struͤm⸗ pfe konnte man am Knie den ſchwarzbraunen Beinklei⸗ dern begegnen ſehn; ein roſtfarbiges Halstuch, das ſeiner Zeit ſchwarz geweſen ſeyn mochte, umgab ſeinen Hals und ſollte den Mangel an Waͤſche erſetzen. Sein halb graues, halb ſchwarzes Haar draͤngte ſich verwor⸗ ren unter einer ungeheueren flaͤchſenen Perruͤcke hervor, die ſo zuſammengeſchrumpft war, daß ſie kaum mehr die Spitze des Schadels bedeckte. Dieſe wird wiederum, wenn er ſich bedeckt, von einem ungeheuern aufgekraͤmp⸗ ten Hut beſchattet, der gleich der Fahne eines Haupt⸗ lings, Dag taͤglich im regen, lebendigen Gewuͤhl der Außenhalle hervorragt, wo ſein uͤbertriebenes Weſen ihn oft zum Mittelpunkt eines Haufens laͤrmender, aus⸗ gelaſſener Knaben macht, die jegliche Art erfindungsrei⸗ cher Qualen an ihm ausuͤben. Seine Züge, urſprünglich die eines geſetzten, eh⸗ renwerthen Buͤrgers, ſind nun von Armuth und Druck verzerrt und haben durch ein verraͤcktartiges Rollen des Auges einen wilden Ausdruck bek Nachdem wir uns, ziemlich foͤrmlich, gegenſeitis W. Scort'’s Werke. XVI. 6 4 82 vorgeſtellt worden waren, wobei ich deutlich bemerkte, daß mein Vater den Stand und den Charakter des Pe⸗ ter, ſo viel als es nur die Umſtaͤnde erlaubten in mei⸗ nen Augen zu erhoͤhen ſuchen wollte, ſagte er:„Alan, das iſt der Gentleman, der Dich ſtatt des jungen Dum⸗ touſtie zum Advokaten annehmen will.“ „Blos aus Ruͤckſicht gegen meinen alten Bekann⸗ ten, Eueren Vater,“ ſagte Peter mit einem herablaſ⸗ ſenden, goͤnnerartigen Weſen,„blos aus Achtung gegen Eueren Vater und wegen meiner Buſenfreund⸗ ſchaft mit Lord Blatterskate. Denn ſonſt, bei der Regiam Majestatem! haͤtte ich eine Bitt⸗ und Klag⸗ Schrift eingereicht gegen den Daniel Dumtouſtie, Ad⸗ vokaten, mit Vor⸗ und Zu⸗Namen.— Ja, das haͤtte ich ſicherlich gethan.— Ich kenne die Prozeßformen und mit mir iſt nicht zu ſpaßen.“ Hier unterbrach mein Vater meinen Clienten und erinnerte ihn daran, wie viele Geſchaͤfte noch abzumachen waͤren, da er ſich vorgenommen haͤtte, dem zungen Con⸗ ſulenten eine Skizze vom Status des verwickelten Pro⸗ zeſſes, und eine Einſicht in die Hauptpunkte, abgeſehn von den Formen, zu geben.„Ich habe einen kurzen Auszug daraus gemacht, Mr. Peebles, ſagte er, und habe die Nacht und einen Theil des Morgens damit zu⸗ gebracht, dieſe Papiere zu durchwuͤhlen, um meinem Alan dieſe Mühe zu erſparen, nun will ich über das Reſultat Bericht abſtatten.“ „„Ich will es ihm ſelbſt vortragen,“ unterbrach Pe⸗ ter ſeinen Anwalt, ohne alle Ehrfurcht. „Nein, keineswegs,“ ſagte mein Vater,„fuͤr jetzt bin ich Euer Sachwalter.“ „Mein Eilfter der Zahl nach,“ ſagte Peter,„denn jedes Jahr habe ich einen neuen; ich wollte, ich koͤnnte eben ſo ſicher jedesmal auf einen neuen Rock rechnen.“ „Alſo ich bin Euer zeitweiliger Agent,“ ſagte mein Vater,„und da Ihr mit den Formen bekannt ſeyd, ſo muͤßt Ihr auch wiſſen, daß der Client dem Sachwalter Dericht erſtattet und der Sachwalter wieder dem Advo⸗ aten.“ 83 „Der Advokat dem Richter erſter Inſtanz, der Rich⸗ ter erſter Inſtanz dem inneren Gerichtshof, der Praͤſt⸗ dent der Bank. Es iſt grade wie: das Seil an dem Mann, der Mann an dem Ochs, der Ochs ans Waſ⸗ ſer, das Waſſer ins Feuer.“— „Still, ums Himmelswillen, Mr. Peebles,“ ſagte mein Vater, indem er ihm den Faden der Kette ab⸗ ſchnitt;„die Zeit draͤngt, wir muͤſſen an die Arbeit gehn— man darf das Gericht nicht unterbrechen, wie Ihr wißt.— Hem, hem! Aus dem Auszug alſo erhellt”— „Ehe Ihr anfangt,“ ſagte Peter Peebles,„wuͤr⸗ det Ihr mir eine Gefaͤlligkeit thun, wenn Ihr mir ein Stuͤck Brod und Kaͤſe, oder kalte Kuͤche, dder Bruͤhe oder ſonſt einigen Mundvorrath bringen laſſen wolltet; ich habe mich ſo ſehr geeilt, Euren Sohn zu ſprechen, daß ich keinen Biſſen zu Mittag aß. Herzlich froh, eine ſo gute Gelegenheit zu haben, ſeinem Clienten, im buchſtaͤblichen Sinne des Worts, das Maul zu ſtopfen, beeilte ſich mein Vaur, einige kalte Speiſen herbeibringen zu laffen, zu welchen John Wilkinſon, der Hausehre wegen, eine Flaſche Brannt⸗ wein hinzufügen wollte, die er aber, auf einen Wink meines Vaters, mit einem Dierkrug vertauſchen mußte. Peter verſchlang die Speiſen mit der Raubgier eines ausgehungerten Loͤwen. Das Mahl aber nahm ſeine Aufmerkſamkeit ſo ſehr in Anſpruch, daß, waͤhrend mein Vater uͤber ſeinen Prozeß berichtete, er ihn mehr⸗ mals anſah, als wollte er ſeinen Bericht verbeſſern, es aber nie uͤber ſich vermochte, ſeinem Munde die ange⸗ nehmere Beſchaͤftigung zu entziehn, und immer wieder zu ſeinem kalten Braten mit einem Heißhunger zuruͤck⸗ kehrte, der mich uͤberzeugte, daß er ſeit vielen Tagen keine ſolche Gelegenheit gefunden haben mußte, ſeinen Hunger zu ſtillen. Mit Aus fung aller Weitlaͤufigkeit und vieler geſetzlichen Formen ill ich es verſuchen, Dir die Geſchichte eines Pro⸗ ramers, oder vielmehr die Geſchichte ſeines Rechiſtreits, im Tauſch fuͤr Deine Fiedlers⸗Geſchichte, zu erzaͤhlen. 6. 84 „Peter Peebles und Paul Plainſtanes traten im Jahr— in eine Handelsgeſellſchaft als Kaufleute und Leinwandhäaͤndler im Luckenbvoth, und machten zu bei⸗ derſeitigem Vortheil, eine Reihe bedeutender Geſchaͤfte. Aber dem gelehrten Advokaten braucht man wohl nicht erſt zu ſagen, daß societas est mater discordiarum, „aſſociren fuhrt zum prozeſſiren.“ Als ſich naͤmlich im Jahr— die Handelsgeſellſchaft mit beiderſeitiger Ein⸗ willigung auftößte, brach der Streit aus, und nach mehreren vergeblichen Verſuchen, die Sache außerge⸗ richtlich beizulegen, ward ſie endlich, in mehreren un⸗ abhaͤngigen Prozeſſen, vor das Gericht gebracht, das ſeiner Seits wiederum mehrere dieſer Prozeſſe zuſam⸗ men ſchlichten wollte. Die Aufmerkſamkeit des Advo⸗ katen muß nur hauptſächlich dem Zuſtand der reſpectiven Prozeſſe zugewendet werden. Zu Grund liegt eine Ori⸗ ginal⸗Akte des Peebles cantra Plainstanes, worin er dieſen wegen der Zahlung einer Summe von 3000 Pfund belangt, als angeblicher Saldo der Bilanz zu ſeinen. Gunſten. 2tens) Findeſt Du hier eine Gegenklage, in welcher Plainſtanes Klaͤger, Peebles aber Angeklagter iſt, eine Summe von 2700 Pfund betreffend, als dem ihm von Peebles per contra gutkommenden Bilanzſaldo. ztens) Ein Antrag des 7ten Advokaten des Mr. Pee⸗ bles, die Poſten der gegenfeitigen Rechnung zu unter⸗ ſuchen und die fuͤr richtig beſundenen Poſten genau aufzuſtellen. 4tens) Um zweifelhaften Fallen zuvorzu⸗ kommen, und um die Bilanz des Plainſtanes zum Nach⸗ theil des Mr. Peebles zu unterſuchen, ſchlug Mr. Wildgooſe, Peebles achter Advokat, ein Multiple pom- ding*) vor, um alle Parteien in die Sache zu vey⸗ vickeln. Mir ſchwindelte es bei dem Bericht der vielen Pro⸗ zeſſe in den Prozeſſen, die wie die Schachteln in einan⸗ ») Wahrſcheinlich was wir in unſerem Rechtsausdruck: ein Moratorium nennen. 1 Anmerk. d. Ueberſ. 1 , 85 der ſteckten und mit denen ich mich ſaͤmmtlich bekannt machen ſollte. „SIch begreife wohl,“ ſagte ich,„daß Mr. Peebles den Plainſtanes um eine Geldſumme belangt— wie kann er denn aber alsdann ſein Schuldner ſeyn? Und iſt er ſein Schuldner nicht, wie kann er ein Malliple poin- ding fordern, da das Verlangen ſchon vorausſetzt, daß der Bittſteller Geld ſchuldig iſt, das er in gerichtlichen Terminen zahlen will?“ „Ich glaube, Ihr verſteht wenig von der Sache, mein Freund,“ ſagte Mr. Peebles,„ein Multiple poin- ding iſt das beſte remedium juris in der ganzen Rechts⸗ ordnung, ich habe es ſchon in Verbindung mit einer Heirathsanzeige geſehn.“—„Euer Rindfleiſch iſt koͤſt⸗ uch,“ ſagte er zu meinem Vater, der umſonſt den Faden ſeiner gerichtlichen Auseinanderſetzung wieder anzuknuͤpfen ſuchte:„nur etwas zu ſtark gefalzen— auch das Zweipfennigsbier iſt tadellos; nur ein wenig zu ſchwach— mehr Hopfen als Malz.— Mit Euerer Erlaubniß will ich jetzt die dunkle Flaſche da verſuchen.“ Mein Vater wollte ihm ſelbſt und zwar mit Maaß und Ziel einſchenken, aber zu meiner unendlichen Freude ſetzte ſich Peter Peebles fruher als er, in Beſitz der Fla⸗ ſche, und meines Vaters Begriffe von Gaſtfreundſchaft ſind viel zu ſtrenge, als daß er es verſucht haͤtte, ſich ihrer auf irgend eine Weiſe wieder zu bemeiſtern. So kehrte Peter triumphirend wieder zu ſeinem Diſche zuruͤck, die Beute in den Klauen. „Es waͤre beſſer, ein Weinglas zu nehmen, Mr. Pables ſagte mein Vater in einem zurechtweiſenden one,„Ihr werdet ſinden, daß er ſehr ſtark iſt.“ „Iſt die Kirche zu voll, ſo ſingt man die Meſſe im Chor,“ ſagte Peter, indem er ſich in denſelben Becher einſchenkte, aus welchem er das Halbbier getrunken hatte.„Was iſt das, Usquebaugh?— Branntwein, ſo wahr ich ein ehrlicher Mann bin! ich haͤtte faſt den Namen und den Geſchmack des Branntweins vergeſ⸗ en.— Herk Fairford der Aeltere, Euer Wohlſeyn, 86. (ein Schluck Branntwein),— Herr Alan Fairford, ich wuͤnſche Euch Gluͤck zu Euerem muthvollen Unter⸗ nehmen(wieder ein tuͤchtiger Zug).— Und nun ob⸗ ſchon Ihr einen ertraͤglichen Auszug dieſes großen Rechtsſtreits, von dem jeder, der nur je die Schwelle der Außenhalle betrat, gehoͤrt haben muß, gegeben habt (wieder auf Euere Geſundheit als Zwiſchenb), ſo iſt es Euch doch entfallen, ein Wort von der Verhaflung zu ſprechen.“ „Ich wollte eben dieſen Punkt beruͤhren, Mr. Peebles.“ „Aber der Aufſchub der Prozeßkoſten?“ „Da komme ich eben hin.“ „Aber die Vertheidigung des Prozeſſes vor dem Scheriff?“ 3 „Da komme ich eben dran.“. „Ja, wie die Sweed nach Melroſe koͤmmt, glaube ich,“ ſagte der Prozeßkraͤmer, und fuͤllte, wie in Ge⸗ danken, den Becher viertelsvoll mit Branntwein.„Ach Mr. Alan Fairford, welch' ein gluͤcklicher Mann ſeyd Ihr doch, gleich beim Beginnen Eurer Laufbahn einen⸗ Prozeß wie den Meinigen, zu fuͤhren. Er iſt 8 maßen eine Muſterkarte aller anderen, Freun Himmel, es giht im ganzen römiſchen und ſchottiſchen Recht auch nicht ein remedium juris, wovon Ihr nicht hier ein Proͤbchen faͤndet. Alſo auf den Wunſch, daß Ihr gluͤcklich durchkommt— Pſchah— ich trinke, glaube ich, reinen Spiritus. Nun, wenn der Heide allzuſtark iſt, ſo wollen wir ihn mit Bier taufen Thier goß er ein wenig Bier in ſein Getraͤnk, ſchwieg, rollte ſeine Augen, gab mir einen Wink und fuhr fort). Ja, Mr. Fairford— der Sturm und Angriff, Mr. Fair⸗ ford, als ich den elenden Plainſtanes ſo kange reizte, bis er mir kaum zwei Schritte von Kinig Karls S ta⸗ tue, im Vorhof des Parlaments die Naſe entzwei ſchlug — da hatte ich ihn mit ſeinem eignen Netze gefangen. Denn niemand konnte mir ſagen, wie ich den Prozeß angreifen muͤßte— kein Advokat, ſo ſehr ſie ſonſt mit Wind handeln, woltte ſich herablaſſen, mir zu ſagen, 87 ob es beſſer waͤre, eine Bitte oder eine Klag⸗Schriſt ad vindictam publicam einzureichen und zwar mir Be⸗ willigung des Advokaten Sr. Majeſtaͤt, oder mich auf die Statuten uͤber Schlaͤgereien pendente lite zu ſtutzen, was mich meinen Prozeß haͤtte mit einem Male gewin⸗ nen laſſen, und mir eine Hinterthuͤre geoffnet haͤtte, dem gerichtlichen Verfahren zu entgehn. Beim Himmel, das Rinoͤfleiſch und der Branntwein ſind ganz wie ich ſie wuͤnſche.— Ich muß nur wieder einmal das Bier verſuchen(er ſchenkt ſich ein wenig Bier ein); doch weil das Bier zu kalt iſt, ſo will ich auch den Ueberreſt des Branntweins hineinſchuͤtten.“ Er hielt puͤnktlich Wort, und ſetzte ſeinen Vor⸗ trag auf eine ſo lebhafte, hitzige Weiſe fort, ſchlug auf den Tiſch, trank und ſchnupfte abwechſelnd, ſo daß mein Vater alle Hoſnung aufgab, ihn zur Ruhe zu bringen, und ſtill und beſchaͤmt, leidend und ängſtlich den Schluß der Scene abwartete. „Um alſo wieder auf meinen Lieblingsprozeß zu⸗ ruͤckzukommen— auf meinen Sturm⸗ und Pruͤgelpro⸗ zeß, als mir das Gluͤck ſo guͤnſtig war, ihn ſo weit zu reitzen, daß er mir die Naſe an der Schwelle des Gerichts entzwei ſchlug, was mir gerade ſehr gelegen kam— Nir Peſt— Ihr kennt ihn doch, Fairfordchen? — der alte Mr. Peſt fagte, es conſtituire eine Ver⸗ letzung des Hausrechts, denn man köoͤnne den Gericts⸗ hof eigentlich— ja— ei— gent— lich— waͤre er mein Wohnhaus. Ich wohne dort mehr, als ſonſt an einem Orte, und der weſentlichſte Punkt einer Haus⸗ rechesverletzung iſt, einen Mann in ſeinem Wohnhauſe zu pruͤgeln. Merkt Euch das, junger Mann, denn ſo iſt noch Hoffnung vorhanden, daß der Plainſtanes ge⸗ haͤngt werden kann, wie ſchon mancher Andere um ein Geringeres baumlen mußte. Denn Mylords mird Peſt zu den Richtern ſagen,— Mylords, die Parla⸗ mentshalle iſt Peebles Wohnort, ſagt er.— Da ſie commune forum iſt, und commune forum est oommune domicilium.— He da, Burſche, bring mir noch ein . 88 Glas Branntwein und ſemreib's auf— Es iſt Zeit den— Beim Denſel, ich kann den Krug nſcht mehr ſnden— doch meine ich, es waͤren ihrer zwei da erweſen. Bei der Rigia, Fairford— liebes Fair⸗ fordchen— leihe mir zwei Pfennige, um mir Schnupf⸗ tabak zu kaufen, denn meiner iſt alle.— He da, Ge⸗ richtsdicner, ruß' eine andere Sache vor.“— Die Doſe ſiel ihm aus der Hand und ſein Koͤrper wuͤrde zu gleicher Zeit vom Stuhle herab gefallen ſeyn, wenn ich ihn nicht gehalten haͤtte. „Das iſt unausſtehlich,“ ſagte mein Vater.— „James Wilkinſon, ruf' doch einen Saͤnftentraͤger, daß er das erniedrigte, achtloſe, betrunkene Vieh heim träͤgt.“ 3 Nachdem Peter Peebles mit Huͤlfe eines vierſchroͤte⸗ rigen Laſttraͤgers aus dieſer merkwuͤrdigen Conſultation wegveſchafft worden war, band mein Vater ſchnell ſeine Papiere wieder zuſammen, wie ein Taſchenſpieler, dem ſeine Kunſtſtuͤcke mißlungen ſind, ſich beeilt, ſeine Sie⸗ benſachen einzupacken.„Hier ſind meine Memoranda, Alan,“ ſante er eiliger Weiſe;„ſieh ſie ſorgfſaͤltig durch, vergleiche ſie mit den Akten, und arbeite es bis Dien⸗ ſtag ſorgfaͤltig in Deinem Kopfe aus. Schon manche gute Rede ward fuͤr ein Vieh von einem Elienten gehal⸗ en; und boͤre, Burſche— höre.— Ich hatte nie die Ab⸗ ſicht, Dich nach beendigter Sache um Deine Sporteln zu bringen, vögleich ich gern erſt Deine Rede gehoͤrt kaͤtte; aber beſſer iſt's doch, das Pferd noch vor der Reiſe zu fuͤttern. Da haſi Du ſuͤnf Guineen in einem ſeidenen Beutelchen— es iſt noc⸗ eine Arbeit Deiner ſellgen Mutter, Alan.— Wie gluͤcklich wäͤre nicht das ume Weib geweſen, wenn ſie die Freude erlebt haͤtte, ihren juͤngſten Sohn die Amtskleidung tragen zu ſehn. Aber nichts mehr davon.— Sey ein braver Burſche und arbeite wie ein Tieger!“ 3 Ich machte mich an die Arbeit, Darſie; denn wer könnte ſolchen Beweggruͤnden widerſtehn? Mit ülfe meines Vaters habe ich jetzz alle Einzelheiten des 89 Rechtsſtreits inne, ſo verwiekelt ſie auch ſind; und naͤchſten Dienſtag will ich fuͤr den Peter Peebles plai⸗ diren, als ware er ein Herzog. Ja, der Gegenſtand lieat mir ſo klar vor Augen, daß ich im Stande war, Dir dieſen großen Brief zu ſchreiben, in welchem ſich jedoch der Peter und ſein Rechtsſtreit ſo ſehr eingeſchli⸗ chen haben, daß Du wohl daraus erſehen kannſt, wie ſehr ſte gegenwaͤrtig, meine Gedanken beſchaͤftigen. Alſo noch einmal, hab' Acht auf Dich, gedenke meiner, der ſtets mit gleicher Freundſchaft iſt Dein Alan Fairford. 4 Einiger Umſtaͤnde wegen, we lche in der Folge er⸗ gaͤhlt werden ſollen, verſtrich eine geraume Zeit, ehe dieſer Brief an die Perſon gelangen konnte, fuͤr die er beſimmt war. Redgauntlet. Erſtes Kapitel. Erzaͤhlung. r Vortheil, den es gewaͤhrt, wenn man dem geſer die Abentbeuer 1, welche wer haͤtten erzaͤhlen muͤſ⸗ ſen, in den Worten der handelnden Verſonen ſelbſt vor⸗ legt, hat bei anderen Werken die Briefferm, ſo wie ſie von mehreren großen Schriftſ jern und auch von uns in den vorgeh aden Baͤndchen angewandt wurde, ſetr in Aufnahme gebracht. Doch aber kann eine ſolche achte Correſpondenz kun d Eott behüͤte, daß wir es auf irgend eine Weiſe mit eigenen Inierpolationen aus⸗ ſchmuͤcken ſollten) nur ſehr ſelten alles das Noͤthige 90 enthalten, das erforderlich iſt, um den Leſer vom gan⸗ zen Lauf der Geſchichte zut unterrichten. Auch muß es oft vorkommen, daß Weitſchweifigkeiten und Wiederho⸗ lungen im Wechſel der Briefe den Lauf der Erzaͤhlung hemmen. Um dieſes Uebel zu vermeiden haben einige Biographen die Briefe der betheiligten Perſonen, oder Auszuͤge davon. benutzt, um die beſonderen Vor aͤlle oder die Gefuͤhle, welche ſie hegten, zu beſchreiben; waͤhrend ſie dieſe gelegentlich ſo mit ihrer Erzaͤhlung verbanden, daß ſie den Lauf der Geſchichte befoͤrderten. So bewegt ſich der muthige Reifende, der den Gi⸗ pfel des Montblanc beſteigt, jetzt langfam fort auf der tiefen, unebenen Schneematte, ſo daß man ſein Fort⸗ ſchreiten kaum bemerkt, waͤhrend er jetzt, mit Huͤlfe ſei⸗ nes Alpenſtockes uͤber den trennenden Bergſtrom ſpringt, die hindernde Kluft uͤberſchreitet und ſo ſeine Reiſe be⸗ ſchleunigt.— O—der um ein naͤher liegendes Gleichniß zu waͤh⸗ len, gleicht der Lauf unſerer Geſchichtserzaͤhlung, der urſprünglichen Beſtimmung der Dragoner, die zu Pferd und zu Faß dienen mußten, wie die Gelegenheit es erheiſchte. Nach dieſer vorlaͤuſigen Erklaͤrung wollen wir es verſuchen, einige Umſtaͤnde naͤher zu beleuchten, welche Alan Fairford ſeinem Freunde nicht ſchrieb und Wir glauben, unſer Leſer wird ſich einen ziemlich genauen Begriff von den Hauptcharakteren der Perſo⸗ nen gebildet haben, welche in den früheren Baͤnden handelnd auftraten. Aber im Fall, daß unſere gute Meinung von ſeiner Geſchicklichkeit etwas uͤbertrieben waͤre, und um denjenigen Genuͤge zu leiſten, die ſich der loͤblichen Gewohnheit des Blaͤtterns(wozu wir ſelbſt uͤbrigens zuweilen große Neigung fuͤhlen) ergeben ha⸗ ben, moͤgen die folgenden naͤheren Erklaͤrungen viel⸗ leicht nicht uͤberftuͤſſig ſeyn. Mr. Saunders Fairford, wie man ihn gewoͤhnlich nannte, war ein Geſchaͤftsmann aus der alten Schule, maͤ⸗ big in ſeinen Forderungen, okonomiſch, ſelbſt etwas genau 91 in ſeinen Ausgaben freng rechtlich in der Ausfuͤtrung ſeiner eigenen Geſchäße und der ſeiner Clienten, aber durch eine lange Erfahrung belehrt, war er allch auf⸗ meriſam und mißtrauiſch bei den Hondlungen ſeiner Mitmenſchen. Püaktlich, ſo wie die Glocke von Saint Giles neun Uhr ſchlug, ſab man die runde, reinliche Geſtalt des ehrenwerthen alten Herrn an der Schwelle der Gerichtshalle, oder doch mindeſtens am Fuße der ſchwarzen Treppe reinlich gekleidet, in einem vollkom⸗ menen Anzug ven ſchnußftabaksbraunem Duch, mit ſeidenen oder wollenen Strumpfen, wie das Wetter es erlaubte; mit einer Zopfperruͤcke und einem kleinen dreieckigen Huͤtchen, mit Schuben, die ſo reinlich ge⸗ putzt waren, als haͤtten Warren ſelbſt ſie geſchwaͤrzt, mit ſilbernen Schuhſchnallen und einem Stock mit goldenem Knopfe. Ein Blumenſtrauß im Sommer, ein Zweig von Immergruͤn im Winter vollendete ſeine wohlbekannte Kleidung und Geſtalt. Seine Manieren ſtimmten mit ſeiner Kleidung uͤberein: ſireng höflich und nicht wenig umfaͤndlich. Er war Kirchenaͤlteſter und ſolglich bis auf's Blutvergießen eifrig fuͤr Koͤnig Georg und ſeine Regierung, was er auch gezeigt hatte, da er zu ihrer Vertheidigung die Waffen ergriffen hatte. Aber da er unter den Familien beider politi⸗ ſchen Parteien Clienten und Geſchaͤftsverbindungen hat⸗ te, ſo war er ſehr ſorgſam, alle Convenienz⸗Ausdruͤcke zu gebrauchen, welche die Hoͤflichkeit ſeiner Zeit zum Sprachgebrauch zwiſchen beiden Parteien, erfunden hat⸗ te. So ſprach er wohl zuweilen vom Chevalier, nie aßer vom Prinzen, wemit er ſeine eigenen Grund⸗ ſaͤtze aufgespfert, auch nicht vom Pratendenten, womit er die der Andern beleidigt haͤtte. Wiederum bezeichnete er die Rebellion mit der Geſchichte im Jahre 1745, und ſprach er von einer Perſon, welche darin verwickelt war, ſo war ſie zu einer gewiſſen Periode im Feld. So war Mr. Fair⸗ ford im Allgemeinen ein Mann, der von bheiden Sei⸗ ten wohlgelitten und geachtet war, ſo wie es auch ſei⸗ 92 nen Freunden vielleicht keinen dummer verurſacht ha⸗ ben wuͤrde, wenn er oͤtter Gaſtmaͤler gegeben haͤtte, da ſein Keller eine Auswahl alter Weine entbielt, mit denen er, jedoch nur bei ſeltenen Gelegenheiten, nicht eizte. 3 Das einzige Vergnuͤgen, das der gutmuüthige altmo⸗ diſche Mann, außer dem, das ihm die punktliche Be⸗ ſorguns eeiner taͤglichen Beſchaͤftigung gewaͤhrte, ge⸗ noß, war die Hoffnung, daß ſein Alan, die einzige Frucht einer Ehe, welche der Dod fruh wieder aufloͤßte, das erreichen moͤchte, was in den Augen ſeines Va⸗ ters die hoͤchſte Auszeichnung war— den Rang und den Ruhm eines praktiſchen Juriſten. Jeder Stand hat ſeine eigenen Begriffe von Ehre; ſo hatte auch der alte Fairford die Anſichten des ſeinigen ſo fehr eingeſogen, daß er durchaus nichts anders in Werth hielt, als das Ziel welches der Ehr⸗ geiz ſeines eigenen Berufs ihm darbot. Er haͤtte geſchaudert, wenn ſich Alan den Ruhm des Helden, er haͤtte vor Zorn gelacht, wenn er ſich den eben ſo unfruchtbaren Lorbeer⸗Kranz des Dichters errungen haͤtte; nur auf der Bahn der Jurisprudenz wollte er ihn hoch ſteigen ſehn, und die Wahrſſcheinlick keit ſeines glücklichen oder ungluͤcklichen Erfolgs waren die Gedanken ſeines Vaters bei Tag, und Nachts ſein Traum. Alan Fairford's Anlagen und Talente mußten die Hoffnungen ſeines Vaters noch bedeutend erhoͤhn. Er beſaß Schnelligkeit der Faſſungskraft, verbunden mit der Gewohnheit eines anhaltenden, unermudeten Studiums, die durch die ſtrenge Zucht im Hauſe ſei⸗ nes Vaters noch erhoͤht ward, der er ſich, im Allge⸗ meinen, mit dem beſten Willen unterwarf; er fuhlte keinen Wunſch, haͤufigere und groͤßere Freiheiten zu genießen, als ſolche, die mit ſeines Vaters aͤngſtlicher Strenge, wohl beſtehen konnten. Wenn er aber ja hin und wieder einmal an jugendlichen Ausgelaſſen⸗ heiten Theil nahm, ſo war ſein Vater ſo nachſichtig, 7 . 93 einen dritten im Bunde aufzunehmen wuͤnſchte. Alan Fairford liebte, aus enem na uͤrlichen Hange, die großen Geſellſchaften nich⸗, Darſie Latimer aber aus etnem peinlichen Gefuͤhl ſeiner unbekannten Herkunft, das um ſo vie! drückender in einem Lande war, wo Vornehm und Gering geborne Genealogen ſind. Die jungen Maͤnner waren ſich daher Alles in Allem, und 94 es iſt alſo nicht zu verwundern, daß nicht all in ihre Drennung ſchmerzlich war, ſondern, daß auch ihre Wir⸗ kungen, verbunden mit der Angſt, weiche der Inhalt der Briefe ſeines Freundes hervorbrachte, auf Aan Fairford graͤde den Eindruck vergrößerte, dem M. Saun⸗ ders zuvorlommen wollte. Der junge Mann ging zwar ſeinen gewoͤhnlichen Pflichten, ſeinen Studien und den Pruͤfungen denen er untetworfen ward, nach) aber keineswegs mit dem Feiß und dem Sifer, den er bis⸗ her an den Tag geteg: hatte, ſo daß ſein aͤngſtlicher und aufmerkſamer Vater bald nur zu deutlich ſah, daß ſein Herz bei ſein m abweſenden Freunde verweils. Ein Pböiloſo h wuͤrde, auf das Prinzip hin, daß ein Extrem ſich ſelbſt aufloͤßt, und daß alſo ihre ver⸗ traute Freundſchaft ſich ſtufenweiſe von ſelbſt vermin⸗ dern wuͤrde, wenn man den Junglingen erlaubte, eine Zeit lang zuſammen zu leben, dem Strom ſeiner Ge⸗ Jfuͤhle Raum geg den haben; Mr. Fairford aber ſah nur den unmit elbaren Weg, fernerer Beſchraͤnkungen, den er jedoch unter irgend einem annehmbaren Vor⸗ wande zu verſchleyern ſuchen wollte. In der Angſt, die er dabei enpfand, unterredete er ſich mit einem alten Bekannten, Peter Drudgeit, mit dem der Lefer ſchon zum Ty il bekannt iſ.„Mit Alan,“ nagte er, „werde es immer ſchlimmer; er erwarte jeden Augen⸗ blick, doß er dem Laffen Latimer wir eine wild⸗ Gans nachfloͤge; Will Sampfon der Pferdeverleiher in der Lichterzieerſtraße hatte ihm einen Wink gegeben, daß Alan ſieh nach einem tuͤchtigen Pferde umgeſehen ha⸗ be, um auf wenige Dagen aufs Land zu gern. Sich ihm aber grade zu zu widerſetzen, waͤre ihm unmoͤg⸗ lich— es ſiele ihm immer ein, wie ſanell ſeine ar⸗ me Mutter weggerafft worden waͤre.— Wollte Gott ich koͤnate ihn in irgend ein Geſ zaͤft verwickeln, es iſt mir gleich oiel, ob es gut oder ſchlecht bezahlt wird; nur eine Beſchaͤftigung, die ihn zu Hauſe feſt hielt, bis wenigſtens die Geri dtoſitzung aufgehoben würde, waͤre es auch nur Anſtands halber.“ 95 Peter Drudgeit ſtimmte vollkommen mit ihm uͤber⸗ ein, denn er hatte einen Sohn der, mit oder ohne Grund, durchaus die kurzen, barchenten Schreibaͤrmel mit der blauen Jacke, mit weißen A ufſ laͤgen vertauſchen wollte; er gab ihm alſo den Gedanken ein, unſeren Freund Alan mit des armen Peter Peebles Prozeß zu beſchaͤ⸗⸗ tigen, der grade durch die Flucht des jungen Dum⸗ touſtie zu vergeben war, wobei man zu gleicher Zeit die Abwe enheit des Letztern entſchuldigen koͤnnte; da⸗ mit wuͤrde man, wie Drudgeit ſich ausdruͤckte,„zwei Muͤcken mit einem Schlag todt ſchlagen.“ 3 Mit dieſer Erklarung wird der Leſer wohl einen Mann, der wie der alte Fairford, mit Verſtand und rfahrung begabt war, von der gewagten, ungedul⸗ digen Neugierde freiſprehen, mit welcher ein Knabe einen jungen Hund in einen tiefen Brunnen wirft, blos um zu ſehn, ob das Thier auch ſchwimmen kann. So viel Zutrauen er aguch in die, wirklich bedeutenden, Talente ſeines Sohnes ſetzte, ſo würde er doch ſehr geſchwankt haben, ihm bei ſeinem erſten Erſcheinen vor den Schranken, die Pflicht aufzuerlegen, einen ver⸗ wickelten und ſchwierigen Rechtsſtreit zu vertheidigen, wenn es ihm nicht das wirkſamſte Mittel geſchienen haͤtte, den jungen Mann von einem Schritt abzuhal⸗ ten, der ihm, beim erſten Eintritt ſeines Sohnes im Leben, nach ſeiner Denkart, als hoͤchſt verderblich ſchei⸗ nen mußte. Unter den zwei Uebeln waͤhlte Mr. Fairford das, welches er am wenigſten fürchtete; und wie ein tap⸗ ferer Krieger ſchickte er ſeinen Sohn in die Schlacht, damit er lieber auf dem Feld der Ehre bleiben, als ehrlos ſeine Fahne verlaſſen moͤchte. Aber er uͤber⸗ liez ihn auch kelneswegs ſeiner eigenen Thatkraft, ohne weitere Beihuͤlfe. So wie Alpheus dem Herkules vor⸗ anging, bahnte er ihm ſelbſt den Weg im Augiasſtalle des Prozeſſes Peter Peebles. Es war ein Liebesdienſt fuͤr den alten Mann, das wahre Verdienſt der Sache in ein klares, ungetruͤbtes Licht zu ſetzen, da es durch 3 96 3/ die Nachläſſigkeit und die Verſtoͤße der fruͤheren Ad⸗ vokaten in eine unermeßliche, chaotiſche Maſſe un⸗ derſtaͤndlicher Kunſtausdruͤcke verwirrt worden war. Seine Geſchicklichkeit und ſein Fleiß waren dabei ſo. groß, daß er im Stand war, nach zwei oder drei Ta⸗ gen, die er mit muͤhevoller, angeſtrengter Arbeit ver⸗ bracht hatte, dem jungen Advokaten die Hauptfacta des Prozeſſes, einfach und verſtaͤndlich, vorzutragen. Mit Huͤlfe eines ſo ſorgfaͤltigen und unermuͤdlichen Bei⸗ ſtands ward Alan Fairford in den Stand geſetzt, am 3 beſtimmten Tag, in Begleitung ſeines aͤngſtlichen, aber doch ermundernden Vaters, mit einem gewiſſen Selbſtge⸗ fühl, dem Gerichtshofe zu zu wandeln, da er ſicher hof⸗ ſen durfte, bei dieſer wichtigen Gelegenheit keinen Ruym zu verlieren. Am Gerichtshofe begegnete ihnen der arme Peten Noe 92 mAKA rrAE Peebles mit ſeiner gewoͤhnlichen dicken Perruͤcke und ſeinem hervorragenden Hut. Er ergriff ſeinen jungen Vertheidiger wie ein Loͤwe ſeine Beute:„Wie ſtehts Mr. Alan,— wie ſtehts Freund?— endlich iſt der entſcheidende Tag gekommen— ein Tag, deſſen langt noch gedacht werden wird in dieſem Hauſe.— Der arme Peter Peebles gegen Plainſtanes— alle Pro⸗ zeſſe zuſammen— in Pienum zu entſcheiden— ſo heißt es im Verzeichniß— Ich habe ſo viel daran gedacht. daß ich die ganze Woche kein Auge zuthat, und ick wette darauf, es iſt dem Lord Praͤſtdenten eben ſo ge⸗ gangen— denn das iſt ein Prozeß!! Aber neulich, Abends, verleitete min Euer Vater, ein Glaͤschen üͤber die Gebuͤhr zu trinken; man ſoll den Branntwein nicht mit Geſchaͤften vermiſchen, Mr. Fairford. Es wäͤre mir noch ſchlimmer gegangen, wenn ich ſo viel Brannt⸗ wein getrunken haͤtte, wie ihr es wolltet. Aber jedes Ding hat ſeine Zeit, und Ihr ſollt mit mir zu Mit⸗ tag eſſen, wenn die Sache plaidirt iſt, oder was vieh keicht noch beſſer ſeyn mag, ich will mit Euch nach Haufe gehen und dann habe ich nichts gegen ein Glaͤscher 97 einzuwenden, wenn es naͤmlich mit Maaß und Ziel getrunken wird.“ Der alte Fairford zuckte die Schultern, eilte bei ſeinem Clienten doruͤber, ſah ſeinen Sohn mit dem ſchwar⸗ zen Mantel bekleiden, der in ſeinen Augen ehrwürdi⸗ ger war, als der Chorrock des Erzbiſch fs, und konnte ſich nicht enthalten, ihm freundlich auf die Schulter zu klopfen, indem er ihm ins Ohr ftuͤerte:„Faſſe Muth und zeige, daß Du wuͤrdig biſt, ihn zu tragen.“ Sie gingen durch die aͤußern Hallen des Gerichts⸗ hofs(wo einſt die Verſammlungen des alten ſchottiſchen Parlamentes waren) das wie Weſtminſter⸗Hall in Eng⸗ land, zugleich zum Vorplatz des innern Hauſes, wie man ſich ausdrückt, und zum Reſtdenz⸗Sitze gewiſſer ſitzenden Perſonen dient, die man Richter nennt. Den erſten Theil des Morgens benutzte der alte Fairford dazu dem Alan ſeine Inſtruktionen zu wie⸗ derholen und von Einem zum Andern zu laufen, um, wo moͤglich, noch einige Auftlaͤrungen über die Sache ſelbſt oder uͤber die damit zuſammenhaͤngenden Pro⸗ zeſſe zu erhalten. Waͤhrend dierer Zeit hielt ſich der arme Peter Peebles, deſſen ohnehin ſchwaches Gehirn nun ganz unfaͤhig war, die Wichtigkeit des Moments zu ertragen, ſo nahe an ſeinen jungen Advo katen, wie der Schatten am Koͤrper; bald ſchien er laut zu ſpre⸗ chen, bald ihm ins Ohr zu fluͤſtern, jetzt umzog ein haͤmiſches Laͤcheln ſein geſpenſterartiges Angeſicht, im naͤchſten Augenblick, bedeckte es eine Wolke tiefer, ern⸗ ſter Wichtigkeit, die dann wieder einem zornigen, ſpoͤt⸗ tiſchen Gelaͤchter weichen mußte. Dabei war der Aus⸗ druck ſeiner Gefühle von ſonderbaren, uͤbertriebenen, ſpoͤttiſch⸗hoͤhnenden Bewegungen begleiter, welche der ſtreitfuͤchtige, zaͤnkiſche Mann ſeinen Geſichtszuͤgen an⸗ gemeſſen hielt. Jetzt ſtreckte er ſeinen Arm in die Hoͤhe, jetzt ballte er die Fauſt, als wollte er ſeinen Gegner zu Boden werfen. In dieſem Augenblick legte er die Hand auf den Bufen, und im naͤchſten ſchnellte er mit den Fingern in der Luft. Den jungen Muͤſ⸗ W. Scott's Werke. XVI. 7 ſigg ingern in der Halle, entgingen weder dieſe kraͤf⸗ tigen Erklaͤrungen, noch die ſichtliche Scham und Ver⸗ legenheit Alan Fairfords, Zwar naͤherten ſie ſich dem Peter nicht mit ihrer gewoͤhnlichen Vertraulichkeit, weil ein gewiſſes Gefuhl der Achtung gegen Fairford ſie zuruͤckhielt, wenn ihn ſchon manche einer auzugroßen Ei⸗ telkeit beſchuldigten, ſo fruͤh einen Prozeß zu uͤber⸗ nehmen, der ſo viele Schwierigkeiten darbot, wie die⸗ ſer. Doch fuͤhlte es Alan ſehr wohl, daß, ungeachtet aller Schonung gegen ihn, er ſowohl als fein Gefaͤhrte die Zielſcheibe der Witzworte und des Gelaͤchters ſey, welche in dieſem Bezirk zu jeder Zeit erſchallen. Endlich ermuͤdete die Geduld des jungen Advo⸗ katen, denn er fuͤrchtete mit Recht, außer Faſſung zu kommen, und die noͤthigen Facta zu vergeſſen. Alan ſagte alſo ſeinem Vater grade zu, daß, wenn er nicht von der perſönlichen Gegenwart und von den Einfluͤ⸗ ſterungen ſeines Clienten erloͤßt wuͤrde, er kurz ab ſeyn muͤßte und außer Stand ſey, den Prozeß zu fuͤhren. „Still, ſtill, mein theuerſter Alan,“ ſagte der al⸗ te Gentleman, dem bei der Wahl der Verſtand ſtill ſtand,„bekuͤmmere Dich nicht um die müſſigen Tauge⸗ nichtſe, wir koͤnnen es doch dem Manne nicht weh⸗ ren, ſeine eigene Sache vertheidigen zu hoͤren, wenn es ſchon nicht ganz richtig in ſeinem Kopfe iſt.“ „Bei meinem Leben, Sir,“ erwiederte Alan,„ich bin unfaͤhig hervorzutreten— er verſcheucht alle Er⸗ innerungskraft aus meinem Gedaͤchtniß, und wenn ich es wage, ernſthaft von den Beleidigungen zu reden, die er erduldete und von der Lage, in die er verſetzt iſt, kann ich dann etwas Anderes erwarten, als daß die Geſtalt dieſes Kobolts alles in's Laͤcherliche ziehen wird. 4 „Es iſt etwas Wahres daran,“ ſagte Saunders Fairford, indem er einen Blick auf den armen Peter warf, und dann ſorglich ſeinen Finger unter die Zopf⸗ perrücke ſteckte, um ſich die Schlaͤfe zu reiben und ſo⸗ mit ſeiner Erſindungsgabe zu Huͤlfe zu kommen.„Es iſt ———— —— 99 freilich keine Geſtalt, die man ohne Lachen vor den Schranken ſtehen ſehen kann; aber wie ſoll man ihn los wer⸗ den? Ihm vernunftig zuzureden, wird am Wenigſten fruchten. Aber wart,— ja doch— Alan, mein Lieb⸗ ling, habe Geduld, ich will ihn augenblicklich weg⸗ ſchaffen.“ 1 Kaum geſprochen, eilt er zu ſeinem Alliirten Pe⸗ ter Drudgeit, der, wie er ihn mit heftiger Bewegung und mit ſorglichen Mienen auf ſich zukommen ſieht, die Feder hinter das Ohr ſteckt, und fraͤgt:„Was treibt Euch zu mir, Mr. Saunders?— Fehlt's ir⸗ gend wo?“ „Da habt Ihr einen Thaler, Freund,“ ſagte Mr. Saunders,„jetzt oder nie, Peter, müßt Ihr mir eine Gefaͤlligkeit erzeigen. Da, Euer Namensvetter Peter Peebles droht, die Schweine durch unſer ſchoͤnes Netz zu treiben; fuͤhrt ihn auf John's Caffeehaus, Freund— laßt ihm dort ein Mittagsſchnaͤpschen geben und hal⸗ tet ihn dort, betrunken oder nuͤchtern, ſo lange auf, bis die Gerichtsſitzung voruber iſt. „Genug geſagt,“ ſprach Peter Drudgeit, dem der Antheil, den er an dem Geſchäͤfte nehmen ſollte, nicht mißſiel.„Ich will thun wie Ihr geſagt habt.“ Der Abrede gemaͤß, ſah man bald darauf den Schreiber dem Peter Peebles etwas in's Ohr fluͤ⸗ ſtern, deſſen Antworten in folgenden, abgebrochenen Saͤtzen hoͤrbar wurden: „Den Gerichtshof an dieſem großen Urtheilstag verlaſſen 2— nein, ich gewiß nicht— Ei, was ſagt Ihr, Branntwein— Franzbranntwein? Koͤnntet Ihr nicht ein Flaſchchen unter dem Rock verbergen und herbringen, Freund— Unmoͤglich? Nein, es iſt grade zu unmoͤglich, auch braucht man wohl eine gute Stunde dazu bis die Akten und die Referate alle abgeleſen ſind; ich gehe alſo in Gottes Namen mit, freilich brauche ich heute etwas zur Herzſtaͤrkung; aber ich will keinen Augenblick verziehen— nicht uͤber eine 7.. 100 Minnte— vill nicht mehr als ein Schoͤppchen trin⸗ er Einige Minuten darauf ſah man die beiden Peter durch das Parlamentsgehaͤge(das die neumodiſche Zie⸗ rerei Square nennt) dahin wandern, der triumphirende Drudgeit, indem er den willenloſen Peebles gefangen fort führte, ſo daß ſeine Fuͤße ſich dem Branntwein⸗ luden naͤherten, waͤhrend ſeine Augen auf dem Gerichts⸗ hof verweilten. Sie verſchwanden im Gewuͤhle von John's Caffeehaus, das fruͤher der Lieblingsaufenthalt des claſſſſchen und genialen Dr. Pitcairn war, und für jetzt wurden ſie nicht mehr geſehn. Alan Fairford konnte nun, da er von ſeinem Pla⸗ gegeiſt befreit war, die Data in ſein Gedaͤchtniß zu⸗ rückrufen, die ihm bei der Unruhe ſeines Gemuͤths faſt entfallen wären, und er fühlte ſich jetzt im Stan⸗ de, ſich auf ein Geſchaͤft vorzubereiten, deſſen Gelingen oder Mißlingen einen bedeutenden Einfluß auf ſein d küͤnftiges Gluͤck haben mußte. Er beſaß Stolz, war ſich ſeines Talents durchaus nicht unbewußt, und da er noch zudem die Gefühle ſeines Vaters bei dieſer Gelegenheit kannte, ſo ſpornte es ihn zum hoͤchſten Ei⸗ fer an. Und uͤber Alles, beſaß er jene Selbſtbeherr⸗ ſchung, die zur glücklichen Ausführung eines jeden kuͤhnen Unternehmwens unumgaͤnglich noͤthig iſt, war von jener fieberhaften Reisbarkeit frei, durch wel⸗ che diejenigen, deren allzuthaͤtige Einbildungkraft die Schwierigkeiten uͤbertreibt, unfahig werden, denen, wel⸗ che ihnen im Wege liegen, kuhn entgegen zu treten. Nachdem er nun alle zerſtreute und abgebro⸗ chene Gegenſtaͤnde wieder geſammelt und verbunden hatte, wandten ſich Alans Gedanken nach Dumfries⸗ ſhire und auf die gefaͤhrliche Lage in welcher er ſeinen geliebten Freund ſchweben zu ſehem glaubten jeden Au⸗ genblick fah er auf ſeine⸗ Uhr, in der Hofſnung, ſein gegenwaͤrtiges Geſchaͤft bald anzufangen und zu en⸗ den, um ſeinem Darſte zu Hulfe zu eilen. Endlich kam die. Stunde, der Augenblick. Der Gerichtsdie⸗ die Richter auf unſeren Freund Alan herab, da die mei⸗ 1031 ner ſchrie aus vollem Halſen„Der arme Heier Poebles contra Plainstanes, per Dumloustie et Tough:— Herr Daniel Dumtouſtie!“ Aber Dumtouſtie leiſtete dem Aufruf keine Folge, denn ſo laut und ſchallend er auch ertoͤnte, ſo konnte er doch nicht uͤber die Queensferry (die Furt der Koͤnigin) dringen; aber an ſeiner Stelle trat unſer Herr Alan Fairford vor. Der Gerichtshof war gedraͤngt voll mit Zuſchauern aller Art; denn bei fruͤheren Gelegenheiten hatte es al⸗ len viel Vergnügen gewaͤhrt, wenn Peter neben ſeinem Vertheidiger ſtehend, deſſen Worte mit Mienen und Auslegungen begleitete, und, indem er den Ernſt der Richter und des ganzen Verfahrens, ohne es zu wol⸗ 2 len, in's Laͤcherliche zog, ſeinen Advokaten aber nicht den der enparthei, zum Stillſchweigen zwang. Die Richter und Zuhorer ſchienen von der jugend⸗ lichen Geſtalt des jungen Mannes ſehr uͤberraſcht, der an Dumtouſtie’s Stelle erſchien, um einen ver vickelten, ſeit langen Jahren anhaͤngigen Prozeß zu eröffnen; der Poͤbel aber fand ſich in ſeinen Erwartungen getaͤuſcht, da Peter der Cllent, der Polichinell der erwarteten Unterhaltung, ſehlte. Mit freuudlichen Blicken ſahen ſten, mehr oder weniger, mit einem alten Prak vie ſein Vater, bekannt waren, und weil ſie ſaͤmmt lich die erſte Vertheidigungsrede eines Advokaten mit derſelben Gewogenheit aufnehmen wollten, die das Unterhaus der Jungfernrede ſeiner neuen Mitglieder ſchenkt. Nur Lord Bladderskate machte bei dem Aus⸗ druck des Wohlwollens, der ſich in allen Blicken aus⸗ ſprach, eine Ausnahme. Er warf dem Alan unter ſeinen langen, duͤſtern, grauen Augenbraunen Blicke zu, als haͤtte ſich der junge Rechtsgelehrte die Ehre, die ſeinem Neffen zugedacht war, angemaßt, ſtatt ſei⸗ nen Fehler zu bedecken; und, aus Gefuͤhlen, die Sr. Herrlichfeit nicht eben ſehr zur Ehre gereichten, wuͤnſchte zer, daß dem jungen Manne die Sache nicht gelingen moͤchte, die ſein Verwandter im Stich gelaſſen hatte. 103 gen Adookaten, und ſo verfehlte auch unſer Freund Alan nicht, bei den Stuͤtzpunkten ſein Rednertalent zu⸗ zeigen. Er ſtellte ſeinen Clienten als einen einfachen, ehr⸗ lichen, wohlmeinenden Mann dar, der wahrend einer Geſellſchaftshandlung von zwoͤlf Jahren nach und nach verarmte, waͤhrend ſich ſein Aſſocie(ſein vormaliger Schreiber), der doch kein anderes Capital, als eine Aktie an der Handlung hatte, in die er ohne Geldvor⸗ ſchuß aufgenommen wurde, nach und nach in demſelben Verhaͤltniß bereicherte. „Ihre Verbindung,“ ſagte Alan, und das Bild ward mit einigem Beifall aufgenommen,„glich der alten Geſchichte von dem Apfel, der mit einem Meſſer zerſchnitten wurde, das nur auf einer Seite vergiftet war, ſo daß der, dem der vergiftete Theil angeboten ward, Verderben und Dod aus derſelben Frucht ſog, deren andere Haͤlfte dem Verzehrer lieblichen Wohlgo⸗ ſchmack gewaͤhrte.“ Dann warf er ſich kuͤhn in das mare magnum der ſtreitigen Rechnungen; verfolgte je⸗ den falſchen Poſten von der Glatte in das Memorial, vom Memorial ins Jvurnal, vom Journal ins Haupr⸗ buch; verglich die kuͤnſtlich eingeſchobenen und unter⸗ ſchobenen Poſten des betruͤgeriſchen Plainſtanes gegen einander, und gegen die Facta; benutzte darauf aufs Beſte, ſowohl die ſchwierigen Arbeiten ſeines Vaters, als auch ſeine eigenen Einſichten, bei den Rechnungen, in die er ſich verwickelt fand, ſo daß er dem Gerichte eine klare, verſtaͤndliche Ueberſicht der Geſchaͤfte vorleg⸗ te, welche die Handelsgeſellſchaft unternommen hatte; zeigte ſchluͤßlich mit der groͤßten Genauigkeit, daß bei Auſloͤſung der Geſellſchaft ſeinem Clienten ein bedeu⸗ tender Saldo zur Ausgleichung der Bilanz gut kam, der ihn in den Stand geſetzt haͤtte, ſeine Stellung zu der buͤrgerlichen Geſellſchaft als ein unabhaͤngiger, be⸗ triebſamer Geſchaͤftsmann zu behaupten.„Aber ſtatt daß der ehemalige Schreiber dem ehemaligen Herrn, der Wohlthaten Empfangende dem Wohlthaͤter, wie ein 1⁰½ ehrlicher Mann dem anderen freiwillig das haͤtte geben follen, was ihm gebuͤhrte, ward ſein unglucklicher Client in die Nothwendi keit verſetzt, ſeinen gegenwaͤr⸗ tigen Schuldner, ſeinen vormaligen Schreiber, von einem Gerichte zum anderen zu verfolgen; ſeinen gerech⸗ teſten Anſpruͤchen wurden ſchoͤn erdachte, aber unge⸗ grüͤndete Gegenanſpruͤch? entgegengeſetzt, ſo ſchnell und oft wie ein Harlekin ſeine Umwandlungen bewerkſtel⸗ ligt, ſah man ſeinen Gegenpart bald klagend, bald ver⸗ theidigend. So lange, ſo vielfach herumgezogen, ver⸗ luͤckliche Prozeßfuhrende im Laufe der Zeit lor der ungluͦ Nahrung, Ruf und faſt den Geyrauch ſeiner Vernunft n. Herrlich n, ein Ge⸗ 11 ſelbſt; ſo ſteht er da vor( genſtand unuberlegten pottes fuͤr die Gedankenloſen, des Mitleids f die Gutherzigen und zur kummervol⸗ len Betrachtung fuͤr einen jeden, der bedenkt, daß in einem Lande, wo vorzuͤgliche Geſetze von biederen, un⸗ beſtechlichen Richtern verwgltet werden, ein Mann ein. faſt unbeſtreitbares Guthaben durch alle Formen und alle Inſtanzen zu erlangen ſuchen muß; daß er bei der wilden Jagd Vermögen, guten Namen, ja die Ver⸗ nunft ſelbſt verliert, und daß er ſich nun dem hoͤchſten Gerichtshof im Koͤnigreiche nahen muß, in dem ungluͤck⸗ ſeligen Zuſtande ſeines ningluͤcklichen Clienten, ein Opfer verweigerter oder verzoͤgerter Gerechtigkeit, und mit dem Gefühle der ſchwankenden Hoffnung, die das Herz zu Boden druckt.“ Die Staͤrke dieſes Aufrufs der Gefuhle bewirkte einen eben ſo großen Eindruck auf die Richter, wie die Klarheit der Beweisgruͤnde Alans. Gluͤcklicher⸗ veiſe war Pekers abgeſchmackte Geſtalt mit ſeiner Flachs⸗Perruͤcke nicht gegen waͤrtia, um die ernſte Stimmung zu verdraͤngen; als daher der junge Rechts⸗ gelehrte ſeine Rede ſchloß, ſo erfolgte ein beifalliges Gemurmel, die ſuͤßeſten Doͤne, die je das Ohr ſeines Vaters erreichten, der ſie mit Wolluſt einſchluͤrfte. Gar manche Hand ward ihm glück vunſchend darge⸗ veicht, er erwiederte den Haͤndedruck im Anfang vor — 105 Angſt, am Schluſſe vor Entzücken zitternd; faſt ver⸗ ſagte ihm die Stimme den Dienſt, als er erwiederte: „Ja, ja, ich kannte meinen Alan, er iſt der Mann dazu, Schwierigkeiten zu beſiegen.“ Jetzt erhob ſich der Anwalt der Gegenparthei, ein alter Praktikus, der den Eindruck, den Alans Rede hervorbrachte, nur zu deutlich bemerkt hatte, als daß er nicht eine augenblickliche Entſcheidung haͤtte fuͤrch⸗ ten muͤſſen. Er fing damit an, ſeinem noch ſehr jun⸗ gen Collegen die groͤßten Lobeserhebungen zu zollen. „Der Beniamin der gelehrten Facultaͤt, wie ich ihn nennen moͤchte,“ ſagt, die angefuͤhrten Leiden des Mr. Peebles waͤren dadurch ſchon aufgewogen, daß er ſich in einer Lage befaͤnde, wo das Wohlwollen Ew. Herr⸗ lichkeiten ihm freiwillig die Unterſtützung gewaͤhrte, welche ein hoher Preis ihm nicht haͤtte verſchaffen koͤn⸗, zen.— Er geſtand ein, daß ſein junger Amtsbruder manche Dinge aus einem ſo verſchiedenen Geſichtspunkt betrachte, daß er(wenn er ſchon keineswegs daran zweifelte, ſie widerlegen zu können,) doch um einige Stunden Zeit baͤte, ſeine Antwort aufzuſetzen, um den Mr. Fairford Punkt vor Punkt zu widerlegen. Er be⸗ merkte ferner, es waͤre ein Punkt bei der Sache, wel⸗ chem ſein Herr College, deſſen Aufmerkfamkeit ſonſt ſo wunderbar umfaſſend ſey, nicht die Wichtigkeit beige⸗ legt haͤtte, die er erwartet habe; es handele ſich naͤmlich von der Auslegung des Briefwechſels, welcher, kurz nach der Aufloͤſung der Handelsgeſellſchaft, zwiſchen den Partheien Statt gefunden habe. Nachdem der Gerichtshof den Mr. Sough angehoͤrt hatte, bewilligte er ihm zwei Tage, ſich auf die Ant⸗ wort vorzubereiten, gab jedoch dabei zu verſtehen, daß ihm die Aufgabe ſchwer fallen duͤrfte; dem jungen Ad⸗ vokaten aber, den er mit den größten Lobeserhebungen uͤber die Art und Weiſe uberhaͤufte, mit welcher er ſich ſeiner Pflicht entledigt hatte, ſtellte er es anheim, ob er den Punkt, den Plainſtanes Anwalt berührt hatte, jetzt oder in der naͤchſten Sitzung eroͤrtern wolle. 106 Beſcheiden entſchuldigte ſich Alan damit, daß die, in Wirklichkeit Statt gefundene, Auslaffung in einem ſo verwickelten Rechtsſtreit wohl verzeihlich ſey, erklaͤrte ſich aber im Augenblick bereit dazu, die Correſpondenz zu unterſuchen und zu beweiſen, daß ſie der Form und dem Inhalte nach, voͤllig mit den Anſichten von der Sache uͤbereinſtimmte, welche er, ihren Herrlichkeiten vorgelegt habe. Er bat ſeinen Vater, der hinter ihm ſaß, ihm von Zeit zu Zeit die Briefe in der Reihenfolge einzuhaͤndigen, in der er ſie vorleſen und erklaͤren wollte. Wahrſcheinlich war es die Abſicht des alten Advo⸗ katen Tough, die Wirkung der Rede des jungen Juri⸗ ſten mit einem hinterliſtigen Anſchlage zu ſchwaͤchen, in⸗ dem er ihn verleiten wollte, einem wohldurchdachten, klaren und vollſtändigen Vortrag einen eiligen Anhang aus dem Stegreif beizufügen. War das wirklich ſeine Abſicht, ſo ſchien er ſich ſehr zu taͤuſchen, denn Alan war darauf eben ſo gut, wie auf die anderen Gegen⸗ ſtaͤnde des Prozeſſes vorbereitet und begann ſeine Ver⸗ theidigungsrede von Neuem mit ſo viel Lebhaftigkeit, mit ſo viel Geiſt, daß er dadurch ſeinen fruͤheren Be⸗ hauptungen noch groͤßeres Gewicht gab; ſo daß der alte Gentleman es wahrſcheinlich bereut haben wuͤrde, ihm abermals einen Anlaß zur Rede gegeben zu haben, als ſein Vater, welcher ihm die Briefe einhaͤndigte, dem jungen Vertheidiger ein Schreiben in die Hand gab, das einen ſonderbaren Eindruck auf den Advokaten zu machen ſchien. Er ſah auf den erſten Blick, daß der Brief ſich in keiner Hinſicht auf Peter Peebles Prozeß bezog, aber der erſte Blick zeigte ihm auch, daß er ihn ſelbſt in die⸗ ſem Augenblick und in Gegenwart der Richter leſen muͤſſe; bei Beendigung deſſelben ſchien er ganz außer Faſſung zu kommen. Ploͤtzlich ſtockte er in ſeiner Rede — ſtarrte auf das Papier mit Blicken, in denen ſich Er⸗ ſtaunen und Entſetzen ſpiegelte— ſtieß ein Geſchrei aus, warf den Brief, den er in Haͤnden hielt, zur Erde und 10) entfloh aus dem Saale, ohne ein einziges Wort auf die Fragen zu Lutworten, mit denen man ihn von al⸗ len Seiten beſtuürmte,„Was gibt's?“—„Iſt es ihm unwohl geworden?“„Soll man eine Saͤnfte ho⸗ len?“ u. ſ. w. Der aͤltere Fairford, der ſitzen blieb, und bewußt⸗ los vor ſich hin ſtarrie, als waͤre er von Stein, kam endlich durch die. ängſtlichen Nachfragen der Richter und der Advokaten nach der Geſundheit ſeines Soh⸗ nes, wieder zu ſich ſelbſt. Da erhob er ſich mit ei⸗ ner Miene, in welcher ſich die tiefe Hochachtung ſpie⸗ gelte, die er dem Gerichte zu erzeigen gewohnt war, vermiſcht mit dem Ausdrucke innerer Beweaung; mit Muͤhe ſtotterte er etwas von einem Mißverſtaͤndniß— einer ſchlimmen Nachricht— er hoffe, Alan wuͤrde ſich morgen wieder wohl befinden. Dann aber, unfaͤ⸗ hig fortzufahren, ſchlug er die Haͤnde zuſammen, und mit dem Ausrufe:„Mein Sohn, mein Sohn!“ ver⸗ niß er eilig den Gerichtshof, als woute er ihn ver⸗ olgen.* „Was gibt's denn jetzt⸗ nun gar mit dem alten Burſchen,“ ſagte ein ſcharfſinniger, metaphyſiſcher⸗ Nichter.„Es iſt doch eine verzweifelte Sache, Blad⸗ derskate; zuerſt macht ſie den armen Mann⸗ toll, der ſie fuͤhrt— dann geht Euer Vetter aus purer Angſt auf und davon— darauf bringt ſie den jungen, hoff⸗ nungsvollen Mann vor lauter Studinum an's Ueber⸗ ſchnappen, wie ich glaube— und nun wird gar der alte Saunders Fairford ſo mondſuͤrhtig, wie einer von Allen. Was ſagt Ihr zu der ſaubern Geſchichte?“ „Gar nichts, Mylord,“ antwortete Bladderskate, der viel zu ſehr an den Formen hing, als daß er den poetiſchen Schwung, den ſein College manchmal nahm, bewundert baͤtte—„Ich ſage gar nichts, und bitte nur den Himmel, daß er uns den eigenen Verſtand laſ⸗ ſen moͤge.“ „Amen, amen,“ antwortete ſein gelehrter Mit⸗ bruder; denn einige von uns haben ohnehin wenig zu verlieren.“⸗— 108 Der Gerichtshof hob die Sitzung auf, und die Zuhoͤrer zerſtreuten ſich, das Talent hewundernd, das Alan Fairford bei ſeinem erſten Erſcheinen in einer ſo ſchwierigen und verwickelten Sache an den Tag gelegt hatte, aber indem ſie zugleich hundert verſchiedenartige Vermuthungen uͤber die ſonderbare Unterbrechung an. ſtellten, die ſe nen Triumphtag umwoͤlkte. Das Schlimm ſte bei der Sache aber war, daß ſechs Prozeſſirende, die jeder fuͤr ſich den Entſchluß gefaßt hatten, dem Alan beim Herausgehen aus dem Gerichtshof ihre Sache anzuvertrauen, kopfſchuͤttelnd das Geld wieder in die ledernen Katzen ſchoben und ſagten:„der Burſche waͤre freilich ein ganzer Mann, doch wollten ſie noch mehr von ihm ſehen, ehe ſie ſich in Geſchaͤftsverbindungen mit ihm einließen— ihnen geſiele das Fortſpringen, wie ein Floh vom Bettuch, nicht.“ Z weites Kapitel. Wenn unſer Freund, Alexander Fairford, die Folgen vorausgeſehen haͤtte, welche die ploͤzliche Flucht ſeines Sohnes⸗, die wir am Ende des vorigen Kapitels erwaͤhnten, nach ſich zog, ſo kaͤtte leicht die Prophe⸗ zeiung des verſtaͤndigen alten Richters in Erfuͤllung gehen, und er um ſeinen Verſtand kommen können. Doch auch ſo war es ihm ſchon arg genug zu Muth. Sein Sorn, der um zehen Grad in ſeiner Meinung dadurch geſtiegen war, daß er ein juriſtiſches Talent gezeigt hatte, welches ihm den Beifal der Richter und der Rechtsgelehrten verſchaffte, welcher ſeiner An⸗ ſicht nach o viel Werth hatte, als der der ganzen uͤbri⸗ gen Welt: ſein Sohn alſo gab ihm jetzt ein voles Recht zu dem hohen Sclaͤtzungswerthe, den ſelbſt ſeine vater⸗ liche Parleilichkeit ſich von Alans Anlagen gemacht hat⸗ te. Auf der andern Seite aber ſuͤhlte er ſich ſelbſt, einer 109: Verheimlichung wegen, die er gegen den Sohn ſeiner Hoffnungen und ſeiner Wuͤnſche angewandt hatte, et⸗ was gedemuͤthigt. Am Morgen des verkbaͤngnißvollen Tages hatte naͤmlich Mr. Alerander Fairford von ſeinem Correfpon⸗ denten und Freunde, dem Provoſt Grosbie von Dum⸗ fries, einen Brief folgenden Inhalts erhalten: „Mein werther Herr!“ „Ihre geehrte Zuſchrift vom 25. v. Mts. durch Guͤte des Herrn Darſie Latimer ward mir richtig zu⸗ geſtellt, und ich erwies dem jungen Gentleman ſo viel Aufmerkſamkeiten, als er anzunehmen fuͤr gut fand. Der Zweck meines gegenwaͤrtigen Schreibens iſt zwei⸗ fach. Erſtlich glaubt der Magiſtrat, es ſey jetzt Zeit, die Sache mit der Mahl⸗ und Muͤylen⸗Gerechtigkeit in Anregung zu bringen; er glaubt mit Beweiſen no⸗ viter repertum Sie in den Stand ſetzen zu loͤnnen, den Rechten und dem Brauch der Stadt hinſichtlich der grana invecta et illata eine groͤßere Ausdehnung ver⸗ ſchaffen zu koͤnnen. Betrachten Sie ſich alſo als be⸗ vollmaͤchtigt, mit Herrn Peſt daruͤber zu ſprechen, und legen Sie ihm auͤtigſt die Akten vor, welche Sie durch den Poſtwagen erhalten werden. Der Magiſtrat glaubt, zwei Guineen für Sporteln wuͤrden hinreichen, da Mr. Weſt ſchon 3. Guineen für die Original⸗Urkunde erhielt. 1 Ich benutze dieſe Gelegenheit, Sie zu benachrich⸗ tigen, daß unter den Fiſchern am Solway ein großer Aufruhr ausgebrochen iſt, bei welchem ſie nicht allein auf eine höchſt eigenmaͤchtige Weiſe die Pfahlnetze au der Mundung des Fluſſes zerſioͤrten, ſondern voch uͤberdieß das Haus des Quaͤker Geddes(eines der Haupttheilnehmer an der Pfahlnetz⸗Fiſchfang⸗Geſell⸗ ſchafe) angegriffen und ſtark beſchaͤdigt haben. Be⸗ dauere hinzufugen zu muſen, daß der junge Mr. La⸗ timer in den Streit verwickelt war, und daß ſeit der Zeit alle ferneren Nachrichten uͤber ihn mangeln. Man * 5 110 ſpricht von einem Morde, doch mag das nur ſo geſagt ſeyn. Da der junge Gentleman ziemlich unregelmaͤßig lebte, ſo lange er ſich in dieſer Gegend aufhielt, ſo wie er z. B. mehr als einmal meine Einladung zum Mittageſſen ausſchlug, um mit wandernden Bierfied⸗ lern und ſolchem Volke im Lande berum zu ſtreifen, ſo wollen wir hoffen, daß ſeine gegenwaͤrtige Abweſen⸗ heit abermals die Folge eines Jugendſtreichs iſt; weil aber ſein Diener ſich bei mir nach ſeinem Herrn er⸗ kundigt hat, ſo hielt ich es fuͤr wohlgethan, Sie durch die Poſt davon in Kenntniß zu ſetzen. Nur noch ſo viel, daß unſer Sheriff eine Unterſuchung angeſtellt hat, und einen oder zwei von den Aufruͤh⸗ rern in Verhaft nehmen ließ. Kann ich Ihnen in der Sache dienlich ſeyn, indem ich entweder den Mr. La⸗ timer als vermißt anzeige und eine Belohnung für den⸗ jenigen beſtimme, der Nachrichten von ihm geben kann, oder ſonſt auf eine Weiſe, ſo werde ich Ihren wer⸗ then Befehlen gehorchen, da ich ſtets zu Ihren Dien⸗ ſten bereit, mich achtungsvoll nenne 1 William Crosbie.“ Als Mr. Fairford dieſen Brief empfangen und durchgeleſen hatte, war ſein erſter Gedanke, ihn au⸗ genblicklich ſeinem Sohne mitzutheilen und ſogleich eine Eſtaffette oder einen köͤniglichen Gerichtsboten mit den nöthigen Vollmachten abzutſenden, um die ge⸗ naueſten Nachforſchungen nach ſeinem ehemaligen Ga⸗ ſte anzuſtellen. Er wußte wohl, daß die Sitten der Fiſcher zwar ranh, aber doch nicht gerade wild und blutgierig ſind; und man hatte Beiſpiele, daß ſie ſich einiger Perſonen, welche ſich in ihren Schleichhandel miſchen wollten, be⸗ maͤchtigt, und ſie nach der Inſel Man, oder nach ei⸗ nem Orte geſchleppt hatten, wo ſie einige Wochen ge⸗ fangen gehalten wurden. Natuͤrlicherweiſe mußte alſo Mr. Fairford uͤber das Schickſal ſeines ehemaligen Hausgenoſſen ſehr beunruhigt ſeyn, und waͤre der Au⸗ genblick minder wichtig geweſen, ſo haͤtte er ſich gewiß I1II ſelbſt auf die Reiſe gemacht, oder wuͤrde ſeinem Sohne erlaubt haben, auf Nachforſchungen nach ſeinem Freun⸗ de auszugeven. Wiederum ſah er wohl ein, daß des armen Peter Peebles Prozeß vielleicht sine die aufgeſchoben wuͤrde, wenn der Brief in die Hand ſeines Sohnes kaͤme. Er kannte die gegenſeitige ſchwaͤrmeriſche Zuneigung der jungen Leute, und mußte wohl einſehen, daß die Kenntniß von der gefaͤhrlichen Lage ſeines Freundes Latimer ſeinen Sohn nicht allein unwillig, ſondern ſo⸗ gar unfaͤbig machen würde, ſich der Pflichten, welche ihm dieſen Tag oblagen, zu entledigen, worauf doch der alte Gentleman einen ſo großen Werth legte. Obſchon mit widerſtrebendem Gefuͤhle, beſchloß er doch nach reiflicher Ueberlegung, mit der Mittheilung der unangenehmen Nachricht, die er erhalten hatte, zu warten, bis ſein Sohn die Geichaͤfte des Tages be⸗ endigt haͤrte. Er ſuchte ſich ſelbſt zu uͤberreden, daß der Aufſchub dem Darſte Latimer wenig ſchaden loͤnn⸗ te, da ja ſeine eigene Thorheit, wie er's zu ſagen wage, ihn in die Schlinge gefuͤhrt habe, wo er durch eine augenblickliche Beraubung ſeiner Freiheit, die auf dieſe Weiſe nur auf einige Stunden verlaͤngert wuͤrde, ſehr angemeſſen beſtraft waͤre. Ueberdieß wurde er dadurch Zeit gewinnen, mit dem Sheriff der Graf⸗ ſchaft— ja vielleicht ſogar mit dem koͤniglichen Gene⸗ ral⸗Anwald, zu ſprechen, um die Sache regelmaͤßig zu betreiben. Zum Theil gelang der Plan, wie wir geſehen ha⸗ ben, und ward nur zuletzt durch ſeinen, wie er ſelbſt beſchaͤmt geſtand, hoͤchſt ungeſchaͤftsmaͤßigen Mißgriff voͤllig verdorben, daß er den Brief des Provoſt in der Eile und in der Angſt[des Morgens unter andere Pa⸗ piere miſchte, die zu Peter Peebles Prozeß gehoͤrten, und ihn, ohne das Verſetzen zu bemerken, ſeinem Sohne berreichte. Er pflegte bis an ſeinen Todestag noch zu verſichern, daß er nie die Unvorſichtigkeit begangen haͤtte, ein Papier aus den Haͤnden zu geben, ohne die Ueberſchrift zu leſen, außer bei dieſer ungluͤcklichen Gele⸗ T12 genheit, wo er, mehr als ſonſt, Urſache hatte, ſeine Nachlaͤſſigkeit zu bereuen. Von dieſen Betrachtungen beunruhigt, empfand der alte Mann zum erſten Mal in ſeinem Leben, vor Scham und Verwirrung eine gewiſſe Abneigung, ſei⸗ nen Sohn zu ſprechen; um aiſo die Zuſammenkunft, die ihn peinlich druͤkkte, etwas zu verzözern, ging er zum Sheriff, fand aber, daß er in großer Eile nach Dumfries abgereiſt war, um in Perſon die gerichtliche Aufnahme, welche ſein Steilvertreter an Ort und Stelle zemacht hatte, zu unterfuchen. Der Schreiber des Sheriff konnte wenig uͤber den Aufſtand ſagen, er batte nur gehort, daß er ernſthaft geweſen und daß viel Schaden an Eigenthum und körverliche Gewalt⸗ thaͤtigkeiten an Perſonen ausgeuht worden ſeyen; aber ſo viel er wiſſe, wuͤre von keinem Morde die Rede. Mr. Fairford wanderte alſo mit ſeiner Neuiakett nach Haus, und als er den James Wilkinſon frug, wo ſein Sohn ſey, erhielt er zur Antwort:„Herr Ala waͤre auf ſeiner Stube und ſehr beſchaͤftigt.“. „Wir muͤſſen uns verſtaͤndigen,“ ſpricht Saun⸗ ders Fairford zu ſich ſelbſt.„Beſſer einen Finger, als die ganze Hand verlieren,“ geht dann bis an die Thüre der Stube ſeines Sohnes, klopft erſt leiſe, dann ſtaͤrker, erhaͤlt aber keine Antwort. Beunruhigt durch das Stillſchweigen, öffnet er die Thüre des Zimmers — es war leer— unordentlich lagen die Kleider bei juriſtiſchen Werken und Papieren, als haͤtte der Be⸗ wohner ſich ſchnell zu einer Reiſe vorbereitet. Als Mr. Fairford in großer Bewegung um ſich ſah, fiel ſein Blick auf einen verſiegelten Brief, an ihn addreſ⸗ ſirt, welcher auf dem Schreibtiſche ſeines Sohnes lag. Er enthielt folgende Worte: „Mein theuerſter Vater!“⸗ „Es wird Sie hoffentlich weder ſehr uͤberraſchen, noch ſehr betruͤben, wenn Sie hoͤren, daß ich nunmehr auf dem Wege nach Dumfries⸗Shire bin, durch eigne Erkundigungen Gewißheit über die Lage meines theue⸗ 113 ren Freundes zu erhalten, und um ihm wo moͤglich al⸗ len Beiſtand zu leiſten, der in meinen Kraͤften ſteht, und der hoffentlich die gewünſchte Wirkung nicht ver⸗ fehlen wird. Ich will Sie, theuerſter Vater, nicht be⸗ ſchuldigen, mir eine Nachricht, die ſo eng mit der Ruhe meines Gemuͤthes und mit meinem Gluͤcke ver⸗ bunden iſt, verheimlicht zu haben; doch hoffe ich, wird dieſe Ihre Handlung meine gegenwaͤrtige Beleidigung, wenn auch nicht ganz entſchuldigen, doch wenigſtens den wichtigen Schritt mildern, den ich unternommen habe, ohne Sie darum zu fragen, und der, wie ich ferner geſtehen muß, unter den gegenwaͤrtigen Umſtaͤn⸗ den, meinem ganzen Unternehmen Ihre Mißbilligung zuziehen kann. Zu meiner weiteren Entſchuldigung kann ich nur noch hinzufuͤgen, daß, wenn der Perſon, die mir nach Ihnen am theuerſten auf Erden iſt, ein Un⸗ gluͤck,(was Gott verhüten wolle) widerfahren iſt, ewige Reue und Gewiſſensbiſſe auf meinem Herzen laſten ſehen, ſie abzuwenden, doch nicht augenblicklich zu ſei⸗ ner Huͤlfe eilte, ſondern meine Aufmerkſamkeit vor⸗ nung, kurz nichts als Ihre ernſten, oft ausgeſprochenen Wünſche konnten mich bis heute zuruͤckhalten; und da ich nun meinen kindlichen Pflichten dieſes Opfer ge⸗ bracht habe, ſo werden Sie mich hoffentlich entſchul⸗ digen, wenn ich jetzt dem Ruf der Freundſchaft und der Menſchen freundlichkeit folge. Seyn Sie meinet⸗ wegen ganz außer Sorge; ich werde mich bei allen vor⸗ kommenden Vorfaͤllen mit der gehoͤrigen Vorſicht be⸗ nehmen, denn ſonſt haͤtten mich meine vieljaͤhrigen ju⸗ riſtiſchen Studia wenig genutzt. Ich bin, für den Noth⸗ fall, mit Geld und Waffen gehoͤrig berſehn, Sie koͤn⸗ nen ſich aber darauf verlaſſen, daß ich, außer im hoͤchſten Nothfall, eine jede Gelegenheit bermeiden werde, mich W. Scott's Werke. XVI. 3 114 der letzteren zu bedienen. Gott der Allmaͤchtige ſegne Sie, mein theuerſter Vater, und gebe, daß Sie mir den erſten und ich hoffe zugleich den letzten Schritt zum Ungehorſam verzeihen moͤgen, den ich mir jetzt oder in Zukunft vorzuwerfen haben werde. Ich ver⸗ bleibe bis zum Tode, Ihr getreuer und ergebener Sohn „. 8„Alan Fairford.“ „Ich werde Sie mit der groͤßten Pünktlichkeit von meinen Handlungen in Kenniniß ſetzen und Sie um Ihren guͤtigen Rath bitten. Ich hoffe mein Aufent⸗ halt wird nur kurz ſeyn, und ich halte es fuͤr moͤg⸗ lich, Darſien mit zuruͤckzubringen.“ Dem alten Manne entfiel der Brief, der ihm die Gewißheit uͤber das Ungluͤck gab, das er gefürchtet hatte. Sein erſter Gedanke war, die Poſt zu nehmen, um den Fluͤchtling zu verfolgen; dann aber fiel ihm ein, daß wenn ſich Alan bei hoͤchſt ſeltenen Gelegen⸗ heiten widerſpenſtig gegen die pairia potestas gezeigt hatte, ſeine natuͤrliche Geſchmeidigkeit und Nachgie⸗ bigkeit ſich in Eigenſinn verwandelte, und daß es jetzt, wo er volljaͤhrig und Mitglied der gelehrten Facultaͤt, mithin berechtigt ſey, nach eignem Willen zu handeln, nach ſehr die Frage waͤre, ob er, im Falle er ihn ein⸗ holte, im Stande ſeyn wuͤrde ſeinen Sohn zur Ruͤck⸗ kehr zu bewegen. Bei der Moͤglichkeit des Mißlin⸗ gens hielt er es fuͤr kluͤger von dem Unternehmen ab⸗ zuſtehen, da ſogar den beſten Fall angenommen, die Verfolgung immer einen lacherlichen Anſtrich auf die Sache werfen mußte, was dem Charakter ſeines Soh⸗ nes, der bedeutend in der offentlichen Meinung geſtie⸗ gen war, nur nachiheilig ſeyn konnte. Aber bitter genug waren Saunders Fairfords's Betrachtungen, als er ſich in Alan's ledernen Arbeits⸗ ſtuhl warf, den unſeligen Brief wieder aufhob und ei⸗ nen unzuſammenhaͤngenden Commentar daruͤber an⸗ ſtellte.„Den Darſie zuruͤckbhringen? o, daran zwei⸗ —— —— 115 fele ich nicht— der ſchlechte Groſchen kommt nur zu gewiß zuruͤck. Ich wuͤnſche dem Darſie nichts Schlim⸗ meres, als daß er dahin gefuͤhrt wuͤrde, wo der ein⸗ faltige Narr, der Alan, ihn nie wieder zu ſehen be⸗ kaͤme. Zur boͤſen Stunde betrat er meine Schwelle, denn ſeit der Zeit hat Alan ſeinen eigenen früheren Mutterwitz gegen des Anderen ſchellenkappenmaͤßige Thorheit und Unſinn bertauſcht.— Mit Geld verſe⸗ hen? Da müßteſt du mehr haben, als ich weiß, mein Freund, denn ich hielt dich in dem Punkt zu Deinem eigenen Beſten ziemlich genau.— Kann er ſonſt ir⸗ gendwo Sporteln verdient haben? oder glaubt er et⸗ wa fuͤnf Guineen waͤren unerſchoͤpflich?? Gaffen! was will er, oder irgend Jemand, mit Waffen thun, der kein Soldat im Dienſt oder kein Diebshaͤſcher iſt 2 Ich habe die Waffen ſatt, wenn ich ſie ſchon fuͤr Koͤ⸗ nig Georg und ſeine Regierung fuͤhrte. Aber das iſt noch ein ſchlimmerer Handel als der bei Falkirk.— Gott ſteh' uns bei, wir ſind arme unbeſtaͤndige Ge⸗ ſchoͤpfe! Wer haͤtte denken koͤnnen, daß der Burſche, der eben erſt ſo viel Anlagen zeigte, jetzt ſchon einem luftigen Taugenichts nachjagt, wie ein Hund eder fal⸗ ſchen Spur! Ach, lieber Himmel, es iſt doch gar zu traurig, wenn eine brummige Kuh, den ſchaͤumenden, vollen Milcheimer umſtoͤßt.— Aber, bei All⸗ bem, zer⸗ ſtoͤrt doch nur ein boͤſer Vogel ſein eignes Neſt. Ich muß den Scandal ſo gut als moͤglich zu verdecken ſuchen.— Was gibts, James? 4 „Ein Bote,“ ſagte James Wilkinſon,„bom My⸗ lord⸗Praͤſident; er hofft Mr. Alan wuͤrde nicht bedeu⸗ tend krank ſeyn.“ 3 „Vom Lord⸗Praͤſidenten? Gott ſteh' uns bei!— Ich will ſogleich antworten; laß den Burſchen ein we⸗ nig warten und gib ihm etwas zu trinken, James.— Wir wollen ſehen,“ ſagte er, indem er ein Pavier mit Goldrand hervorzog,„wie wir die Antwort einrichten koͤnnen.“. 8.. 116 Ehe aber noch ſeine Feder das Papier beruͤhrte, war James ſchon wieder da. „Was gibts ſchon wieder, James?“. „Lord Bladderskates Bedienter fraͤgt wie ſich Mr. Alan befindet, da er den Gerichtshof verließ——“ hat Aadun ia⸗ jn antwortete Saunders bitter;„er at auch einen Spaziergang bei Mondſchein gemacht, wie Mylords Neffe.“ Bang Mondſchein geimacht, „Soll ich das ausrichten, Sir,“ ſagte James, der als ein alter Soldat alle Dienſtſachen buͤchſtaͤb⸗ lich nahm. 3 „Zum Seufel auch, nein, nein!— Laß den Bur⸗ ſchen warten und gib ihm unſer Bier zu verſuchen. Ich will Sr. Herrlichkeit Antwort ſchreiben.“ Wieder ward das Goldpapier ergriffen, und noch⸗ mals öffnete James die Thuͤre. „Lord— ſchickte ſeinen Bedienten, ſich nach Mr. Alan zu erkundigen.“ „Hol' der Teufel ihre Hoͤflichkeit!“ ſagte der arme Saunders.„Gib auch ihm einen Schoppen— Ich will Sr. Herrlichkeit ſchreiben,“ „Die Burſche werden Euch gern zu Willen ſeyn, Sir, ſo lange der Becher ſchaͤumt. Aber wahrhaftig das Gelaͤute wird noch den Schellenzug zerreißen; da iſt ſchon wieder Jemand.“ 5 Er eilte alſo von Neuem die Thuͤre zu oͤffnen, und kam zuruͤck dem Mr. Fairford zu ſagen, der Decan der Facultaͤt ſey da, ſich nach Mr. Alan zu erkundigen. —„Soll ich ihm auch einen Schoppen geben?“ ſagte James. „Biſt du ein Narr, Kerl,“ ſagte Mr. Fair⸗ ford,„Fuͤhre den Hrn. Decan ins Wohnzimmer.“ Indem er nun Stufe fuͤr Stufe, ganz gemaͤchlich die Treppe hinabſtieg, hatte der verwirrte Geſchaͤfts⸗ mann doch Zeit genug, ſo viel einzuſehen, daß wenn es moͤglich waͤre, einer wahren Geſchichte eine ſchoͤne Form zu geben, die Wahrheit immer leichter zum Ziel führt, als eine mit truͤgeriſcher Liſt erdachte Fabel. Er 117 ſagte alſo ſeinem gelehrten Freunde, daß obſchon ſein Sohn ſich von der Hitze im Gerichtshof und von dem anhaltenden Studium bei Tag und Nacht unwohl be⸗ funden haͤtte, er doch gluͤklicher Weiſe ſo weit wieder hergeſtellt ſey, daß er im Stande geweſen waͤre, einem ploͤtz ichen Ruf aufs Land Folge zu leiſten, welcher eine Sache auf Leben und Dod betraͤfe. „Es muß wirklich eine wichtige Sache ſeyn, die meinen jungen Freund in dieſem Augenblick abruft,“ ſagte der gutmuͤthige Decan,„Ich haͤtte gewuͤnſcht, daß er ſeine Rede vollendet haͤtte, um den alten Lougy ganz zu Boden zu werfen. Ohne Complimente, Mr. Fairford, es war eine ſo ſchoͤne Antrittsrede als ich nur je hoͤrte, nur thut es mir leid, daß Ihr Sohn ſie nicht in der Ruͤckantwort ergaͤnzte. Es iſt doch am Beſten wenn man das Eiſen ſchmiedet, ſo lange es noch heiß iſt.“ Mit bitterer Miene ſtimmte Mr. Saunders Fair⸗ ford einer Meinung bei, die nur zu ſehr auch die ſei⸗ nige war; doch antwortete er klüglich:„Das Geſchaͤft, welches die Gegenwart ſeines Sohnes auf dem Lande unumgaͤnglich noͤthig mache, betraͤfe die Angelegen⸗ heiten einev ſehr reichen jungen Herrn, der ein ver⸗ trauter Freund Alans ſey, und der nie einen wichti⸗ gen Schritt unternaͤhme, ohne ſeinen rechtsgelehrten Freund zu Rath zu ziehn.“ „Gut, gut, Mr. Fgirford, Sie muͤſſens am be⸗ ſten wiſſen“ antwortete der gelehrte Dekan.„Iſt Tod oder Heirath im Spiele, ſo muß man freilich vor einem Deſtament oder vor Ehepaften alles andere liegen laſ⸗ ſen. Mich freut es recht herzlich, daß Mr. Alan ſo weit wieder hergeſtellt iſt, daß er eine Reiſe unterneh⸗ men kann, und wuͤnſche Ihnen einen freundlichen gu⸗ ten Morgen.“— Da er mit dem Decan der Facultaͤt ſo gut durch⸗ gekommen war, ſo ſchrieb Mr. Fairford den drei Rich⸗ tern ſchnell Antwort und erzaͤhlte Alans Abreiſe auf 118 dieſelbe Weiſe. Gehoͤrig verſiegelt und adreſſirt uͤber⸗ lieferte er ſie dem James mit dem Befehl, die Be⸗ dienten zu entlaſſen, welche unter der Zeit einige Maaß Zweipfennings⸗Bier ausgetrunken hatten, wobei ſie uͤber einige Stellen im Corpus juris ſtritten, indem ſie ſich mit den Diteln ihrer Herren anredeten. Die Arbeit, welche ihm das verurſachte und die Theilnahme, die ſo viele Perſonen von Anſehen im Gerichte an dem Wohlbefinden ſeines Sohnes aͤußer⸗ ten, ermuthigten den niedergebeugten Geiſt unſeres Saunders ſehr bedeutend, und unter dem Schleier des Geheimniſſes ſprach er immerwaͤhrend von dem hoͤchſt wichtigen Geſchaͤfte, das ſeinen Sohn abgehalten hatte, den wenigen Sitzungen beizuwohnen, welche das Ge⸗ richt in dieſer Seſſton noch halten würde. Ja er ver⸗ ſuchte es ſogar, ſein eignes Herz mit derſelben Taͤu⸗ ſchung zu hintergehen; aber hier ſiel die Liſt minder gluͤcklich aus, denn ſein eignes Gewiſſen ſagte ihm, daß, wie groß auch der Zweck ſeyn mochte, den er Darſie Latimers Haͤndeln Unterſchob, er doch den Ruf nicht wieder herſtellen konnte, den Alan wahrſcheinlich ver⸗ lor, indem er die Sache des armen Peter Peebles im Stich lien.. Ob ſchon ſich nun einſtweilen der Dunſt, welcher den Prozeß, oder vielmehr die Prozeſſe des unglückli⸗ chen Streitenden umgab, vor Alans Beredſamkeit zer⸗ theilt hatte, wie der Nebel vor dem Donner des Ge⸗ ſchuͤtzes, ſo ſchien er ſich doch wieder, dick wie Finſterniß Egyptens, darauf herabzulaſſen, als am zweiten Sage nach Alans Abreiſe, Mr Tough als Advokat der Ge⸗ genpartei das Wort nahm. Mit hohler Stimme, mit lang gezogenem Athem, mit ausdauernder Beharr⸗ lichkeit, in der Mitte eines jeden Satzes eine Priſe nehmend, weil er ſonſt ohne Ende geweſen waͤre— ſo erwiederte der alte, ausgediente Advokat alle Punkte, welche Alan in ein ſo helles Licht geſetzt hatte, und ſo gelang es ihm den Schleier der Dunkelheit und der 24 119 Unverſtaͤndlichkeit wieder vorzuziehn, der ſo lange Zeit Peebles Prozeß gegen Plainſtanes verdunkelt hatte, ſo ward die Sache zur nochmaligen Berathung und zu abermaligem Vortrage aufgeſchoben. Da der Aus⸗ gang der Sache den Erwartungen des Publikums bei Alans Rede nicht entſprach, ſo gab der Urtheilsſpruch zu den verſchiedenartigſten Vermuthungen Anlaß. Die Meinung des Clienten war, daß die Schuld, erſtens, an ſeiner Abweſenheit am erſten Tage der Verhandlung laͤge, da er, wie er ſich ausdruͤckte, mit Branntwein, Usquebaugh, und anderen hitzigen Ge⸗ traͤnken auf Johns Caſſeehaus verfuͤhrt wurde, und zwar per ambage des Peter Drutgeit, der dazu durch den Rath, den Anſchlag und durch die Hinterliſt de; Saunders Fairford, ſeines Sachwalters, oder vorgeb⸗ lichen Sachwalters, aufgemuntert worden ſey. Zwei⸗ tens, an der Flucht und dem freiwilligen Entlaufen des juͤngern Fairford, des Advofaten; alldieweil und deßwegen wolle er Vater und Sohn zugleich mit einer Bitt⸗ und Klagſchrift wegen G haͤftsberuntreuung be⸗ langen. So ſchien der anſcheinende und wahrſchein⸗ liche Ausgang der Sahe den truͤbſinnigen Saunders Fairford mit neuen Gegenſtaͤnden des Kummers und der Demuͤthigung zu bedrohen, was ihn um ſo viel mehr kraͤnkte, da ſein eigenes Gewiſſen ihm ſagte, daß die Sache wirklich weggeſchleudert worden ſey, und daß es nur einer kurzen Beleuchtung der fruͤheren Gruͤnde, geſtuͤtzt auf die noͤthigen Beweiſe und Facta bedurft haͤtte, um den Alan in den Stand zu ſetzen, mit dem bloſen Hauch ſeines Mundes die Spinnen⸗ gewebe zu zerreißen, mit welchen Mr. Tough den Pro⸗ zeß wieder umgarnt hatte. Aber es geht damit wie mit einem Ausſpruch in contumaciam, man verliert, weil man nicht widerſprechen kann. Unterdeſſen verging faſt eine Woche, ohne daß Mr. Fairford auf direktem Wege etwas von ſeinem Sohne hoͤrte. Zwar erſah er aus einem Briefe des Mr. Crosbie, 12⁰ daß der junge Advokat gluͤcklich in Dumfries angekom⸗ men ſey, aber er erfuhr zugleich, daß er die Stadt ver⸗ laſſen hatte, um einige Nachforſchungen anzuſtellen, de⸗ ren Zweck nicht bekannt war. Der alte Mann, welcher auf dieſe Weiſe peinlichen Erwartungen und quaͤlen⸗ den Ruͤckerinnerungen uͤberlaſſen und des haͤuslichen Umgangs beraubt war, an welchen er ſich gewoͤhnt hatte, ſing an koͤrperlich ſowohl als geiſtig zu leiden. Er hatte den Entſchluß gefaßt, ſelbſt nach Dumfriesſhire zu reiſen, aber, nachdem er ungewoͤhnlich und faſt un⸗ ertraͤglich auffahrend, verdrießlich und muͤrriſch gegen Schreiber und Bediente war, ſo ſetzte ſich die bittere Laune in einem Podagra⸗Anfall im Fuße feſt. Wir wollen ihn alſo fuͤr jetzt dieſem wohlbekannten Zaͤhmer der hochaufſtrebenden Geiſter uͤberlaſſen, da die Fort⸗ ſetzung unſerer Geſchichte in der naͤchſten Abtheilung eine Form annimmt⸗ welche ſowohl von dem erzaͤhlen⸗ den als vom Briefſtyl abweicht, dennoch aber das Ei⸗ genthuͤmliche beider Arten hat. . Drittes Kapitel. — Darſie Latimer's TDagebuch. (Die folgende Anrede ſteht auf der innern Seite des Umſchlags, welcher das Tagebuch enthielt.) In weſſen Haͤnde auch dieſe Blaͤtter fallen moͤ⸗ gen, ſo werden ſie doch immerhin den Finder in Kennt⸗ niß von der Lebensbeſchreibung eines ungluͤcklichen Jüng⸗ lings ſetzen, welcher ſeit einiger Zeit, mitten in einem freiem Lande, und ohne daß man ihm ein Verbrechen zur Laſt legen koͤnnte, einem ungeſetzlichen, gewaltſa⸗ men Zwang unterworfen wurde und noch unterwor⸗ fen iſt. Wer alſo dieſen Brief eroͤffnet, wird hiemit 121 beſchworen, ſich an die naͤchſte richterliche Perſon zu wen⸗ den, und indem er die Angaben benutzt, welche dieſe Papiere enthalten, ſich fuͤr die Befreiung eines Mannes zu verwenden, der, ſo wie er auf der einen Seite das Recht hat, alle Huͤlfe in⸗Anſpruch zu nehmen, welche der unterdrückten Unſchuld gebührt, auf der andern zugleich den Willen und die Mittel hat, ſich ſeinem Befreier dankbar zu bezeugen. Sollte es gber der Perſon, welcher dieſer Brief in die Haͤnde faͤllt, an Muth oder an Mitteln fehlen, die Befreiung des Schreibers zu bewerkſtelligen, ſo wird ſie hiermit bei allen Pflichten, welche ein Menſch ſeinen Mitmenſchen, und ein Chriſt demjenigen ſchuldig iſt, der ſich zu demſelben heiligen Glauben bekennt, beſchworen, die ſchleunigſten Maaßregeln zu treffen, dieſe Blätter ſchnell und ſicher dem Advokaten Alan Fairford, Esgr., welcher bei ſeinem Vater, Alexander Fairford, Esgr., Schreiber des koͤniglichen Inſiegels, Brow'ns Square in Edinburg wohnt, zu uͤberliefern oder zu befoͤrdern. Er darf auf eine freigebige Belohnung rechnen, und ſein eigenes Gewiſſen kann ihm ſagen, daß er der Menſchheit einen wahren Dienſt geleiſtet hat. „Mein theuerſter Alan!“ „Da ich in Ungewißheit und im Unglück noch eben ſo warm fuͤr Dich fuͤhle, wie je in den ſchoͤnſten Tagen unſerer innigen Freundſchaft, ſo wende ich die Erzah⸗ lung einer Geſchichte an Dich, obgleich ſie wahrſa ein⸗ lich in ganz andere Haͤnde fallen wird. Ein Theil meines vorigen Geiſtes beſeelt meine Feder, waͤhrend ich Deinen Namen niederſchreibe; ich will mich in dem Gedanken gluͤcklich traͤumen, daß Du mein Befreier aus meiner jetzigen ungluͤcklichen und beunruhigenden Lage ſeyn wirſt, wie Du bei fruͤheren, gluͤcklicheren Gelegenheiten mein Fuͤhrer und mein Rathgeber warf; ſo will ich den Truͤbſinn verſcheuchen, der mich ſonſt zu Boden druͤckt. Da ich, weiß der Himmel, Zeit ge⸗ nug zum Schreiben habe, ſo will ich es verſuchen, meine Gedanken freimuͤthig und ohne Rukhalt, wie vor Zeiten, auszuſprechen, wenn ſchon wahrſcheinlich die fruͤhere muntere und glürkliche Fröhlichkeit ſie nicht mehr wuͤrzt. Sollte dieſes Papier andere Haͤnde als die Dei⸗ nigen erreichen, ſo werde ich auch dann noch den Aus⸗ druck meiner Gefuͤhle nicht bereuen. Denn wenn ich auch geſtehe, daß Fugend und Unerfahrenheit ihren Theil beigetragen haben, mich in das thoͤrichte Un⸗ ternehmen zu ziehen, ſo fuͤrchte ich doch nicht, daß meine Erzaͤhlung mich ſelbſt be ſchaͤmen wird. Ja ich hoffe ſogar, daß die einfache Offenheit, mit welcher ich jeden beſondern ungluͤcklichen Gegenſtand erzahlen werde, ſelbſt einen Fremden, zu meinen Gunſten ſtim⸗ men wird; und daß unter der Menge der anſcheinend unbedeutenden Umſtaͤnde, welche 5 der Laͤnge nach erzaͤhlen will, ſich doch ein Schluſfel finden wird, der mir die Chore meines Ge fauaniſes oͤfnen kann Noch ein anderer Fall iſt der wahrſcheinlichſte— das Sagebn ch naͤmlich, das ich jetzt ſchreibe, mag viel⸗ leicht nie, weder die Hand des theueren Freundes, den es beſtimmt iſt, noch die eines gle den erreichen, ſondern es wird die 2 der Men⸗ ſchen werden, die mich jetzt gefangen halten. Mag es ſeyn— ſie eeden wenig daraus erſehen, was ſie nicht ſchon wiſſen: daß ſich als Mann als Englaͤn⸗ der, meine Seile in mir uͤber die Beh anzlung em⸗ poͤrt, die ich erdulden muß; daß ich entſchlöſſen, je⸗ des Mittel, das mir zu Gebote ſteht, zu benutzen, um meine Freiheit wieder zu erlangen; daß die Ge⸗ fungenſehaft meinen Geiſt nicht beugte, und daß ich, bſchon ſie ohne Zweifel ihr Verbrechen mit einem Mord beſchließen koͤnnen, immer bereit ſeyn werde, meine gerechte Sache den Gerichten meines Materlandes Stt uͤbergeben. Ich fahre daher in der Erzaͤhlung der Be⸗ gebenheiten fort, die mich ſeit dem Schluſſe meines — 123 letzten Briefes an meinen theueren Alan Fairford, be⸗ trafen, und dieſer war, wenn ich nicht irre, vom s5ten des noch laufenden Monats Anguſt datirt. Nicht zuruͤckſchrecken ſoll mich die Moͤglichkeit, daß man mir meine Papiere entreißen und einem Manne zur Durchſicht vorlegen kann, welcher, da er jetzt ſchon ohne allen Grund mein Feind iſt, noch heftiger gegen mich aufgebracht werden wird, wenn er die Erzaͤhlung des Unrechts liest, das er mir zufuͤgte. Die Nacht zuvor, ehe ich jenen Brief ſchrieb, war ich in einem thoͤrichten Jugendſtreich bei einer Tanz⸗ beluſtigung gegenwaͤrtig, welche im Dorfe Brokenburn, das etwa ſechs Meilen von Dumfries entfernt iſt, ſtatt fand; viele Perſonen muͤſſen mich dort geſehen haben, wenn allenfalls das Factum ſo wichtig ſcheinen ſollte, daß eine gerichtliche Unterſuchung darüber angeſtellt wuͤrde. Ich tanzte, ſpielte Violin, und nahm an dem Feſte bis gegen Mitternacht Theil, wo mein Diener Sa⸗ muel Owen meine Pferde brachte, und ich nach einem kleinen Gaſthofe, Schaͤfers buſch genannt, zuruͤckkehrte, da ich in dieſem Hauſe, wo eine gewiſſe Mrs. Nixon die Wirthſchaft fuͤhrt, fruher etwa vierzehn Tage zu⸗ brachte. Ich wendete den Anfang des Vormittags da⸗ zu an, den ſchon erwaͤhnten Brief zu ſchreiben, den Du, theuerſter Alan, wohl richtig erhalten haben wirſt. Warum befolgte ich den Rath nicht, den Du mir ſo oft gabſt? Warum verzögerte ich meinen Aufenthalt in einer gefaͤhrlichen Nachbarſchaft, vor welcher mich eine gütige Stimme warnte? Doch das ſind jetzt un⸗ nuͤtze Fragen; mein Schickfal hat mich verblendet, wie eine Motte flatterte ich um das Licht, bis ich mir die „Flügel verbrannte. Schon war der groͤßte Theil des Tages verfloſſen und ſchwer laſtete die Zeit auf mir. Freilich ſollte ich erroͤthen, wenn ich bedenke, wie oft mir der theure Freund, fuͤr den dieſer Brief beſtimmt iſt, Vorwuͤrfe uͤber die Leichtigkeit machte, mit welcher ich in muͤſſi⸗ 12²4 gen Augenblicken meine Handlungen von Perſonen lei⸗ ten laſſe, die zufaͤllig in meiner Naͤhe ſind, ſtatt mir die Muͤhe zu geben, fuͤr mich ſelbſt zu denken und zu entſcheiden. Seit einiger Zeit hatte ich einen Diener und Boten, einen Knaben Namens Benjamin in meine Dienſte genommen; er war der Sohn einer gewiſſen Wittwe Coltherd, welche in der Naͤhe des Schaͤferbu⸗ ſches wohnt. Ich geſtehe ein, daß in der letzten Zeit der Knabe einen groͤßeren Einfluß auf meine Handlungen ausübte, als der Unterſchied, welcher zwiſchen unſerem Alter und unſerem Stande obwaltete, es haͤtte zulaſ⸗ ſen ſollen. Jetzt wandte er alle Ueberredungskuͤnſte an, mich glauben zu machen, es waͤre das groͤßte Vergnuͤ⸗ gen, das man ſich denken könne, zuzuſehen, wie man bei der Ebbe die Fiſche aus den Reuſen hole, welche in der Solway aufgeſtellt ſind, er drang ſo ſehr dar⸗ auf, daß ich doch dieſen Abend hingehen ſollte, daß ich, wenn ich es mit den uͤbrigen Umſtaͤnden vergleiche, nicht anders glauben kann, als daß er einen beſonde⸗ ren Beweggrund dazu hatte. Ich erwaͤhne dieſe Klei⸗ nigkeiten, damit, im Falle dieſe Papiere in Freundes Haͤnde fallen, der Knabe aufgeſucht und verhoͤrt werde. Da alle ſeine Beredtſamkeit mich nicht uͤberzeugen konnte, daß das unnüͤtze Zappeln der Fiſche, welche die zurücktretende Fluth in den Reuſen zuruͤck laͤßt, ein großes Vergnuͤgen gewaͤhren koͤnne, ſo fioͤßte er mir hinterliſtiger Weiſe den Gedanken ein, daß Mr. und Mrs. Geddes(eine in der Nachbarſchaft wohl bekann⸗ te, ehrenwerthe Familie, mit welcher ich in freund⸗ ſchaftlichen Verhaͤltniſſen ſtand) es wahrſcheinlich uͤbel nehmen wuͤrden, wenn ich ſie ſo lange nicht beſuchte. Beide, ſagte er, haͤtten ſich eifrig nach der Ürſache erkundigt, die mich bewogen haͤtte, geſtern ſo ploͤtzlich ihr Haus zu verlaſſen. Ich beſcloß alſo, nach Mount Sharon zu wandern und mich zu entſchuldigen, er⸗ laubte zugleich dem Knaben, mich zu begleiten und meine Ruͤckkehr aus dem Hauſe abzuwarten, damit 82. 125 3 ich auf dem Ruͤckwege zu Schaͤfersbuſch ſiſchen koͤnnte, denn dazu, ſagte er, wuͤrde ich die Witterung ſehr guͤnſtig finden. Ich erzaͤhle alle dieſe Umſtaͤnde ſehr genau, weil ich einen ſtarken Verdacht auf den Kna⸗ ben habe, daß er wußte, wie es an dieſem Abende mit mir ausſehen wuͤrde, und den zwar kindiſchen, aber doch eigennuͤtzigen Gedanken hegte, ſich als An⸗ theil an der Beute einer Angelruthe zu bemaͤchtigen, die er oſt bewundert hatte. Es iſt möoglich, daß ich dem Knaben Unrecht thue, aber ſchon fruͤher bemerkte ich, daß er die Kunſt verſtand, den nichtigen Gegen⸗ ſtaͤnden ſeiner Habgier, welche ſeinem Alter angemeſ⸗ ſen waren, mit der planmaͤßigen Gewandtheit eines reiferen Alters nachzuſtreben.„ Als wir unſern Spaziergang angetreten hatten, warf ich ihm die Kühle des Abends, den Oſtwind und noch andere Umſtaͤnde vor, welche unguͤnſtig für das Angeln waren. Er beſtand auf ſeiner Behauptung, warf auch einige Male die Angel aus, als wolle er mich von meinem Irrthume uͤberzeugen, aber er fing keinen Fiſch; auch trug er, wie ich jetzt feſt uͤberzeugt bin, mehr Sorge, meine Bewegungen als ſeine Angel⸗ ruthe zu beobachten. Als ich mich über ſein frucht⸗ loſes Beginnen luſtig machte, antwortete er mit höh⸗ niſchem Laͤcheln,„die Forellen wollten nicht heraut kommen, weil ein Gewitter im Anzuge waͤre,“ eine Aanſpielung, die ich in einem Sinne nur allzu wahr and. Zu Mount Sharon angekommen, ward ich von meinen Freunden mit ihrer gewoͤhnlichen Guͤte aufge, nommen; da ſie ein wenig daruͤber ſpotteten, daß ich ſie den vorigen Abend ſo ploͤtzlich verlaſſen hatte, ſt verſprach ich, als Erſatz die ganze Nacht bei ihner zuzubringen, und entließ den Burſchen, der mich be⸗ gleitet hatte, um es der Wirthin des Schaͤfersbuſcher anzuzeigen. Ich weiß nicht, ob er es ausgerichtet hat oder nicht. 126 Zwiſchen acht und neun Uhr, als es nſing dun⸗ kel zu werden, gingen wir auf der Terr ſpatzieren, um den Anblick des Firmamentes zu genießen, wo Millionen Sterne durch den leichten Anſtrich eines Sommerfroſtes, in zehnfachem Glanze ſchimmerten. Als wir das erhabene Schauſpiel betrachteten, war, glaube ich, Mrs. Geddes die erſte, die unſere Auf⸗ merkſamkeit auf einen fallenden Stern oder Sternſchuß lenkte, der, wie ſie ſagte, einen langen Schweif hinter ſich zuruͤckließ. Als ich nach der Himmelsgegend ſchau⸗ te, die ſie bezeichnete, ſo ſah ich deutlich zwei Rake⸗ ten ſteigen und in der Luft zerplatzen. „Dieſe Lufterſcheinungen,“ ſagte Mr. Geddes, antwortend auf die Bemerkung ſeiner Schweſter,„ſind nicht im Himmel entſtanden, auch ſind ſie kein gutes Zeichen fuͤr die Bewohner der Erde.“ Als er es ſprach, ſah ich nach einer anderen Him⸗ melsgegend, und da ſtieg, als waͤre es ein Signal zur Antwort auf die ſchon geſehenen, eine Rakete von der Erde hoch in die Luft und ſchien erſt unter den Ster⸗ nen zu zerplatzen.. Mr. Geddes ſchien einige Minuten in Nachdenken zu verſinken und ſprach dann zu ſeiner Schweſter: „Nahel, obſchon es ſpaͤt wird, ſo muß ich doch noch zu den Fiſcherhaͤuschen hinab und muß die Nacht in dem Zimmer des Oberaufſehers zubringen.“ „Ach, nicht doch,“ antwortete das Frauenzimmer, „ denn ich bin nur zu gewiß, daß dieſe Kinder Be⸗ lials die Pfahlnetze und Reuſen bedrohen. Joſua, Du biſt ein Mann des Friedens, willſt Du Dich denn freventlich der Verſuchung ausſetzen, den alten Adam in Dir zu reizen und Dich in Zank und Streit zu mi⸗ ſchen?“ „Wohl bin ich ein Mann des Friedens,“ antwor⸗ tete Mr. Geddes,„bin es bis zur hoͤchſten Ausdeh⸗ nung, die unſere Freunde vom Menſchen verlangen; auch habe ich bis jetzt, und hoffe au t, mit Gottes Huͤlfe, 127 kuͤnftighin nie meinen Arm aufheben wollen, um Ungerechtigkeiten zu verhindern oder zu raͤchen⸗ Kann ich aber mit ruhigen Gruͤnden und mit feſtem Betragen dieſe rohen Menſchen davon abhalten, ein Verbrechen zu begehn, kann ich damit mein und anderer Leute Ei⸗ genthum vor Schaden huͤten, ſo erfüͤlle ich nur Men⸗ ſchen⸗ und Chriſten⸗ Pflicht.“ Bei dieſen Worten befahl er, ſein Pferd augenblicklich vorzuführen; die Schweſter verſtummte, faltete die Haͤnde auf den Bu⸗ ſen und blickte gen Himmel mit gottergebenen, aber kummervollen Blicken. Dieſe Umſtaͤnde moͤgen unbedeutend ſcheinen; aber in meiner gegenwaͤrtigen Lage iſt es beſſer, wenn ich meine Seelenkraͤfte an die Erinnerung, an die Ver⸗ gangenheit feßle, als wenn ich ſie in dem großen, wei⸗ ten Felde der Vermuthungen herumſtreifen laſſe, was wohl die Zukunft bringen mag. Es haͤtte ſich nicht wohl von mir Leſchickt⸗ in dem Hauſs zuruͤckzubleiben, von dem der C Eigenthümer ploͤtz⸗ ich abgerufen wurde; ich bat daher um die Erlaubniß, ihn nach der Fiſcherei begleiten zu duͤrfen, und verſi⸗ cherte ſeine Schweſter, daß ich fuͤr ſeine Sicherheit buͤrgen wolle. Der Vorſchlag ſchien Miß Geddes ſehr zu er⸗ freuen.„Gib es zu, Bruder,“ ſagte ſie;„gewaͤhre dem jungen Manne den Wunſch ſeines Herzens, da⸗ mit doch ein getreuer Zeuge Dir beiſteht in der Stunde der Noth, der berichten kann, wie es Dir gehn wird.“ „Nein, Rahel,“ verſetzte der ehrenwerthe Mann, „Du biſt zu tadeln, daß Du, um Deine Aengſtlich⸗ keit um mich zu beruhigen, dieſen Juͤngling, unſeren Gaſt, einer Gefahr ausſetzen willſt, wenn allenfalls Gefahr vorhanden iſt; denn ohne Zweifel wird ein Un⸗ gluͤck, das ihm zuſtoͤßt, eben ſo viele Herzen in Trauer verſetzen, als wenn es uns betraͤfe.“ „Nein, mein guter Freund,“ ſagte ich, indem ich ſeine Hand ergriff,„ich bin nicht ſo glücklich, als . 128 Ihr glaubt. Sollte das Ziel meines Lebens am heu⸗ tigen Abend ſeyn, ſo werden nur Wenige wiſſen, daß je ein Geſchoͤpf wie ich, zwanzig Jahre lang auf der Oberflaͤche der Erde lebte; und ſelbſt von dieſen We⸗ nigen wird nur Einer mich beweinen. Schlagt mir alſo die Gunſt nicht ab, Euch begleiten zu duͤrfen, und raubt mir die Gelegenheit nicht, wenn auch durch eine unbedeutende Handlung, zu zeigen, daß wenn ich auch wenig Freunde habe, ich Ihnen doch nicht weni⸗ ger gerne dienen moͤchte.“ „Wahrlich, Du haſt ein edles Herz,“ ſagte Jo⸗ ſug Geddes, den Druck meiner Hand erwiedernd. „Nahel, der junge Mann ſoll mit mir gehn. Warum ſollte er nicht kuͤhn der Gefahr entgegen gehen, um Recht und Frieden zu erhalten?“„Mir ſagt eine in⸗ nere Stimme,“ fuͤgte er, indem er die Augen gen Himmel hob, mit einem Tone voruͤbergehender Schwaͤr⸗ merei hinzu, den ich bisher nie an ihm bemerkt hatte, und die wohl auch mehr auf Rechnung ſeiner Secte, als ſeines perſoͤnlichen Charakters zu ſchreiben iſt. „Ich ſage Dir, mir verkuͤndet es eine Stimme in mei⸗ nem Innern, wenn auch der Gottloſe toben mag, wie der Sturm auf dem Meere, ſo wird er doch nicht ob⸗ ſiegen.“. Als er das geſprochen hatte, beſtimmte Mr. Ged⸗ des ein Pferd, das zu meinem Gebrauch geſattelt wer⸗ den ſollte; und nachdem wir uns mit einem Korb voll Mundvorrath verſehen und einen Diener beauftragt hatten, die Pferde abzuholen, da in der Fiſcherei kein geeigneter Platz für ſie war, ritten wir um ungefaͤhr neun Uhr des Abends von Mount Sharon weg, und er⸗ reichten nach Verlauf von drei Viertelſtunden unſeren Beſtimmungsort. Die Einrichtung beſteht, oder beſtand damals aus oier oder fuͤnf Fiſcherhutten, einer Böttcherwerkſtaͤtte und Schoppen, und aus einer etwas beſſeren Huͤtte, wo der Oberaufſeher wohnte. Wir uͤbergaben dem Be⸗ 1²9 dienten die Pferde, um ſie nach Mount Sharon zuruͤck⸗ zufuͤhren—(mein Gefaͤhrte ſchien ſehr menſchenfreund⸗ lich beſorgt für ihre Sicherheit)— und klopften an die Hausthuͤre. Zuerſt hoͤrten wir nur das Bellen der Hunde, aber bald beruhigten ſich die Thiere, als ſie, an der Thuͤre ſchnuppernd, die Naͤhe ihres Freundes merkten. Dann frug eine rauhe Stimme in einem un⸗ freundlichen Tone, wer wir waͤren und was wir woll⸗ ten; und nur als Joſua ſeinen Namen nannte und dem Oberaufſeher zu oͤffnen befahl, erſchien der Letztere an der Thuͤre, begleitet von drei großen Hunden, Neu⸗ foundlaͤndiſcher Race. Er trug eine Fackel in der Hand und zwei große, ſchwere Schiffspiſtolen im Guͤrtel. Es war ein kraͤftiger, bejahrter Mann, der, wie ich hoͤrte, in ſeinen fruͤheren Lebensjahren Matroſe war, nun aber das Zutrauen der Fiſchfangs⸗ Geſellſchaft genoß, deren Annel genheiten er unter den Befehlen des Mr. Geddes eſorgte. „Du haſt mich wohl heute Abend nicht erwartet, Freund Davies?“ ſagte mein Freund zu dem alten Manne, der uns Stuͤhle an das Feuer ſtellte. „Nein, Mr. Geddes,“ antwortete er,„und wenn 8 die Wahrheit ſagen ſoll, ſo wünſchte ich es auch nicht. „Das iſt verſtaͤndlich, John Davies,“ antwortete Mr. Geddes. „Ich weiß, daß Ew. Gnaden keine Sonntagsre⸗ den liebt.“ t „Du wirſt es wohl vermuthen, was uns noch ſo ſpaͤt hierher fuͤhrt, John Davies?“ ſagte Mr. Geddes. „Ich vermuthe, Sir,“ antwortete der Obergufſe⸗ her,„es geſchieht, weil die verfluchten Schleichhaͤndler ihre Leuchtkugeln am Ufer loslaſſen, um ſich zu verſam⸗ meln, wie ſie es in der Nacht vor dem Dage machten, an welchem ſie Schleußen und Daͤmme niederriſſen und das Land überſtroͤmten. Iſt das aber wieder der Fall, ſo muß ich noch einmal den Wunſch aͤußern, daß Ew. W. Scott's Werke. XVI. 9 130 Gnaden zu Hauſe geblieben waͤre; denn ich glaube, Ew. Gnaden finden nicht viel Vergnuͤgen am Fechten, und doch wird's, glaub' ich, noch vor Tagesanbruch dazu kommen, Ew. Gnaden.“ „Nur der Himmel iſt gnaͤdig, John Davies,“ ſagte Geddes,„ich habe Dich ſchon oft erſucht, die Titel zu Hauſe zu laſſen, wenn Du mich anredeſt.“ „In Gottes Namen,“ ſagte John;„es war nicht boͤs gemeint: aber wie, in's Teufels Namen, kann ein Menſch ſeine Worte abwagen, wenn's grade eine tuͤch⸗ tige Prügelſuppe geben ſoll?“ „Ich hoffe es nicht, John Davies,“ ſagte Joſun Geddes.„Ruf' mir die uͤbrigen Leute, ich will ihnen Verhaltungsbefehle geben.“ „Ja, da koͤnnte ich ſchreien bis zum juͤngſten Ge⸗ richt, ehe eine Seele antwortete— die feigen Memmen ſind mit allen Segeln davon— der Boͤttcher ſowohl wie die uͤbrigen, ſobald ſie hoͤrten, daß der Feind in die See ſtaͤche. Sie haben das lange Boot ausgeſetzt und das Schiff der Brandung überlaſſen, außer dem kleinen Phil und ich ſelbſt— haben ſie beim—! 4 „Schwoͤre doch nicht, John Davies— Du biſt ja ein ehrlicher Mann, und ich glaube es ungeſchworen, daß Deine Kameraden ihre Rippen lieber haben, als mein Hab' und Gut.— Alſo haſt Du außer dem klei⸗ nen Phil keine weitere Huͤlfe gegen ein⸗ oder zweihun⸗ dert Mann?“ „Um Verzeihung, da ſind die beiden Hunde Nep⸗ tun und Thetis— auch der Junge iſt ſchon zu gebrau⸗ chen; und dann, obgleich Ew. Wohlgeb., mit Verlaub zu ſagen— wohl kein großer Fechter ſeyn mag, ſo kann doch der junge Herr da huͤlfreiche Hand leiſten.“ „Nun ja, und wie ich ſehe, haſt Du Dich ja auch mit Waffen wohl verſehn,“ ſagte Mr. Geddes,„laß doch ſehen.“ 6, „Ja, ja Sir; da die beiden Piſtolen beißen und bellen tuͤchtig— die werden wenigſtens zweien Schur⸗ 131 ken den Garaus machen. Es waͤre doch eine Schande, ſich ohne Schuß zu ergeben.— Nehmi Euch in Acht, gnaͤdiger Herr, ſie ſind doppelt geladen.“ „Ich will mich ſchon in Acht nehmen, John Da⸗ vies,“ erwiederte der Quaͤker, indem er ſie in einen Waſſerbehaͤlter warf, der neben ihm ſtand,„und ich wuͤnſchte recht ſehr, daß ich in dieſem Augenblick das ganze Geſchlecht derſelben ſo nutzlos machen koͤnnte.“ Ein Schatten tiefen Mißvergnuͤgens verfinſterte fuͤr einen Augenblick die ohnehin melancholiſchen Zuͤge des John Davies.„Es ſcheint alſo, Ew. Gnaden wollen das Commando ſelbſt uͤbernehmen?“ ſagte er nach einer Pauſe.„In Gottes Namen, aber dann werde ich wenig mehr nützen; und da Ew. Gnaden oder Ew. Wohlgeboren, oder was Sie ſeyn mögen, es im Guten auszufuͤhren glauben, ſo denke ich, wird es beſſer gehen, wenn ich meines Weges wandere, denn ich ſchlage gern darauf los; aber ohne Ordre werde ich nie meinen Poſten verlaſſen.“ „Die will ich Dir geben, John Davies; gehe alſo gleich nach Mount Sharon und nimm den Knaben Phil mit. Wo iſt er?“ „Ex ſteht auf der Lauer, um die Ankunft dieſes Abſchaums der Menſchheit zu erſpaͤhen,“ antwortete Davies,„aber wozu braucht man es zu wiſſen, wenn ſie kommen, wenn man nicht die Waffen ergreift.“ „Nur Vernunft und Ruhe ſollen unfere Waffen ſeyn.“ „Es wuͤrde eben ſo viel nuͤtzen, wenn Sie Spreue gegen den Wind werfen wollten, als mit ſolchen Schur⸗ ken von Waͤhrheit und Recht zu reden.“ 4 „„Gut, gut, es ſey ſo,“ ſagte Joſua;„und nun n Davies, ich weiß, daß Du ein tapferer Mann ſ, wie die Welt ſagt, und habe immer gefunden, daß Du auch ein ehrlicher biſt. Ich befehle Dir alſo, nach Mount Sharon zu gehn, Phil aber ſoll ſich an's Ufer hinlegen(ſorge dafur, daß der arme Knabe einen 9.* 13²2 Mantel umhat) und Dir ſagen, was es Neues gibt; ſollte auch das Gut dort gewaltſam angegriffen wer⸗ den, ſo vertraue ich auf Deine Treue, daß Du meine Schweſter nach Dumfries in das Haus unſeres Freun⸗ des Corſack fuͤhren, und die bürgerlichen Behoͤrden von dem Unfall in Kenntniß ſetzen wirſt.“ Der alte Seemann ſchwieg einen Augenblick.„Es iſt eine harte Aufgabe fuͤr mich,“ ſagte er dann,„Ew. Gnaden in der Noth zu verlaſſen; und dennoch wird meine Gegenwart die Sache noch verſchlimmern, auch muß man freilich fuͤr Ew. Gnaden Schweſter, Miß Rahel ſorgen, das iſt gewiß, denn wenn die Schurken einmal Unheil anzuſtiften anfangen, ſo werden ſie auch nach Mount Sharon kommen, nachdem ſie dieſes kleine Rhede⸗Plaͤtzchen zerſtoͤrt haben werden, wo ich lebens⸗ laͤnglich vor Anker zu liegen hoffte.“ „Recht ſo, John Davies, ganz recht,“ ſagte Jo⸗ ſug Geddes 3 es waͤre am beſten, wenn Du auch die Hunde mitnaͤhmeſt.“ „Ja, ja, Herr,“ ſagte der Veteran,„ſie haben ohnehin meine Gemuͤthsſtimmung und würden nicht ru⸗ hig Unheil anſtiften ſehen; ſo koͤnnte ſte leicht ſelbſt ein Unglück treffen, die armen gutmuͤthigen Thiere. Alſo Gott ſegne Ew. Gnaden.— Ich meine Ew. Wohl⸗ geboren— ich kann es nicht uͤber mich bringen, Lebe⸗ wohl zu fagen.— He da, Neptun, Thetis; kommt, ihr Hunde, kommt.“ Indem er das ſagte, verließ John Davies mit ge⸗ beugtem Gemuͤthe die Huͤtte. „Nun da geht eines der beſten und getreuſten Ge⸗ ſchoͤpfe, das je geboren ward,“ ſagte Mr. Geddes, als der Oberaufſeher die Thuͤre zumachte.„Die Natur gab ihm ein Herz, das es nicht zugelaſſen haben wür⸗ de, eine Fliege zu toͤdten; aber Du ſiehſt, Freund La⸗ timer, ſo wie die Menſchen ihre Kettenhunde mit Sta⸗ chelhalsbaͤndern, und ihre Haͤhne mit ſtaͤhlernen Sporen bewaffnen, um ſie zum Kampf zu reizen, ſo verderben 133 3 ſie auch mit ihrer Erziehung die beſten, mildeſten Na⸗ turen, bis Charakterſtaͤrke und Geiſt in Starrſinn und Wildheit ausartet. Glaube mir, Freund Latimer, eben ſo gut wuͤrde ich meinen getreuen Hofhund einem unnuͤ⸗ tzen Kampfe mit einer Heerde Woͤlfe ausſetzen, als jenes getreue Geſchoͤpf der Wuth der raſenden Menge. Aber ich brauche Dir, Freund Latimer, wohl wenig daruͤber zu ſagen, da Du wahrſcheinlich auch zu glauben geneigt biſt, daß es nicht von Muth zeigt, und daß es keine Ehre bringt, wenn wir maͤnnlich dasjenige ertragen, was das Schickſal uns auferlegt, und dasjenige thun, was die Gerechtigkeit gebietet, weil auch Du bereit biſt, Gewalt mit Gewalt zu vertreiben, und die kleinſte Be⸗ leidigung fuͤr einen hinlaͤnglichen Grund haͤltſt, Blut zu vergießen, ja ſogar das Leben zu rauben.— Wir wol⸗ len aber dieſen ſtreitigen Punkt auf eine gelegenere Zeit aufſchieben, und jetzt laß uns ſehn, was unſer Korb wohl fuͤr Mundvorrath enthalten mag, denn um die Wahrheit zu geſtehen, Freund Latimer, ſo muß ich Dir ſagen, daß ich einer von denen bin, denen weder Furcht noch Angſt ihren gewoͤhnlichen Appetit raubt.“ Wir fanden den Korb mit guten Speiſen wohl ver⸗ ſehn, die ſich Mr. Geddes ſo wohl ſchmecken ließ, als aͤße er mit der vollkommenſten Sicherheit; ja ſeine Un⸗ terhaltung ſchien noch froͤhlicher, als gewoͤhnlich zu ſeyn. Nachdem wir unſer Abendeſſen verzehrt hatten, verließen wir gemeinſchaftlich die Huͤtte, und gingen einige Augenblicke am Ufer des Mceres ſpatzieren. Voll und klar ſpiegelte ſich der Mond auf der ebenen Oberflaͤche des Meerbuſens, und ließ das leichte An⸗ ſchlagen der Wellen an den Reuſen bemerken, deren außerſte Spitzen ein wenig aus den Wogen hervorrag⸗ ten, ſo wie auch die ſchwaͤrzlichen Pfaͤhle, welche den fernſten Winkel des Gehaͤges bezeichneten. In weiterer Entſernung,— denn der Meerbuſen iſt hier fehr breit — ſah man die Graͤnze der engliſchen Kuͤſten den Meer⸗ buſen ſchließen, die den Nebelbaͤnken glichen, von de⸗ — 134 nen man ſagt, daß die Seefahrer nicht wiſſen, ob es wirkliches Land oder eine atmosphaͤriſche Taͤuſchung iſt. „Sie werden uns noch einige Stunden in Ruhe laſſen,“ ſagte Mr. Geddes;„denn ſie werden wohl nicht herabkommen, bis die Ebbe ihnen erlaubt, die Pfahlnetze zu zerſtoͤren. Iſt es nicht ſonderbar, wenn man denkt, daß die menſchliche Leidenſchaft einen ſo gemuͤthlichen Anblick, wie dieſen, zu einer Scene der Verwirrung und der Zerſtoͤrung umſchaffen wird?“ Wirklich ſchien eine koſtliche Ruhe auf allem rings umher zu liegen, ja die ſtürmiſchen Wellen der Solway ſogar ſchienen, wenn auch nicht grade zu ſchlafen, doch zu ſchlummern; kein Nachtvoͤgelchen ward gehoͤrt— der Hahn hatte den Morgen noch nicht zum erſten Male begrüßt, wir ſelbſt traten leiſer auf, als bei Tag, als wollten wir es vermeiden, mit dem Geraͤuſch unſerer Tritte die heitere Ruhe um uns zu ſtoͤren. Endlich un⸗ terbrach das klaͤgliche Geſchrei eines Hundes die Stille, und als wir in die Huͤtte traten, fanden wir das jüngſte der drei Thiere, die mit John Davies gegangen waren, das wahrſcheinlich, an weite Reiſen noch nicht gewoͤhnt, ſeine Gefahrten verlaſſen hatte und zu ſeinem Geburts⸗ orte zuruckgekehrt war. „Wieder ein kleiner Zuwachs unſerer kleinen Gar⸗ niſon,“ ſagte Mr. Geddes, als er den Hund ſtreichelnd in die Hütte trat.„Armer Geſell! noch kannſt Du nichts Uebles thun, hoffentlich wird Dir auch nichts Uebles widerfahren. Wenigſtens kannſt Du uns doch als Schildwache gute Dienſte thun, und ſo koͤnnen wir uns ruhig dem Schlafe uͤberlaſſen„da wir ſicher ſeyn koͤnnen, daß Du uns erwecken wirſt, wenn der Feind Ich aber lag eine Zeitlang in zwei lhaften, aͤngſtlichen Gedanken, beobachtete das Feuer und die 135 Bewegungen des Hundes, der wahrſcheinlich durch die Abweſenheit des John Davies beunruhigt, bald vom Heerd zur Thuͤre, bald wieder zuruͤcklief, dann nahete er ſich meinem Bette, leckte mir Hand und Geſicht, und da ich ihn nicht fortjagte, ſo legte er ſich zu mei⸗ nen Fuͤßen und ſchlief ein, und ich folgte bald darauf ſeinem Beiſpiele. Die Wuth zu erzaͤhlen, mein theu⸗ erſter Alan(denn ich gebe noch immer die Hoffnung nicht auf, daß mein Schreiben einſt in Deine Hand fallen wird), hat mich noch immer, hat mich ſelbſt in meiner Gefangenſchaft nicht verlaſſen, und die große Menge, groͤßtentheils unwichtiger Umſtaͤnde, die ich erzaͤhlte, zwingt mich, ein anderes Blatt zu beginnen. Gluͤckli⸗ cherweiſe kann ich bei meiner kleinen Schrift viele Worte in wenig Raum zwaͤngen.