) l . 3 3 Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Otkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Aeih- und LCeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 lhhr offen..— 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3.. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 1 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und deträgt: 3 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mt.— Pf. 1 8 — . — — — „ 3„„—„„=— v„—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bucher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, herriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Brſe zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. — —— e She mahe doch Rein bastwirth ume nich cine achnung Aeshcel!, STll maohlen Redgauntlet. — Eine Erzaͤhlung aus dem achtzehnten Jahrhundert. * 3 Vom Verfaſſer des Waverley. Aus dem Engliſchen frei uͤberſetzt . von 11 Carl Weil. Ich folge Dir, o Meiſter nur voran, Dir bin ich bis zum Tod getreulich zugethan! (Wie's Euch gefällt.) 5 Erſtes Baͤndchen. 4 Stuttgar 4„ 4. bei Gebruder Franckh. 1 8 22 6, Redgauntlet. Erſter Brief. Darſie Latimer an Alan Fairford. Dumfries, Cur me exanimas querelis tuis? zu deutſch, warum betaͤubſt Du mich mit Deinen Zaͤnkereien? Hallt doch noch immer in meinen Ohren der betruͤ⸗ bende Ton wieder, mit welchem Du zu Noble⸗Houſe Abſchied von mir nahmſt, Dein elendes Gaͤulchen be⸗ ſtiegſt, um zuruͤck zu kehren zur Sklaverei der Juris⸗ prudenz. Er ſchien mir ſagen zu wollen:„O du gluͤckliches Thier! Du kannſt nach Herzensluſt uͤber Berg und Thal laufen, kannſt jeden neuen Gegen⸗ ſtand, der ſich deiner Neugierde darbietet, verfolgen, und die Jagd aufgeben, wenn ſie das Intereſſe ver⸗ liert; und ich— ich aͤlter und beſſer als du, ich muß in der Bluͤthenzeit zuruͤckkehren in meine enge Stube, zu meinen ſtaubigen Buͤchern.“ Das war wohl ſo ziemlich der Inhalt der Be⸗ trachtungen, mit welchen Du die Abſchiedsflaſche verbit⸗ 4. Stott's Werke. XV. 4 6 terteſt, und ſo muß ich nothwendiger Weiſe die me⸗ lancholiſchen Ausdruͤcke deines Lebewohls erklaͤren. Aber warum muß es denn ſo ſeyn, Alan? warum um alle Welt kannſt Du mir in dieſem Augenblick in eben dieſer behaglichen*) Herberge zum Ritter St. Georg nicht gerade gegenuͤber ſitzen, die Fuͤße an der Kaminthuͤre, in Gedanken vertieft, indem Du deine juriſtiſchen Augenbraunen wie eine Paͤonie zuſammen⸗ ziehſt? Warum kann ich endlich, wenn ich dieſes Glas mit Wein fuͤlle, es nicht gegen das deinige anſtoßen und ſagen:„Fairford, ich trinke Dir vor!“ Warum kann das Alles nur darum nicht ſeyn, weil Alan Fairford nicht den wahren Freundſchaftsſinn gegen Darſie Latimer hegt, und meine Boͤrſe nicht wie meine Empfindungen theilen will? Ich ſtehe allein da in der Welt; mein einziger Verſorger ſchreibt mir von einem großen Vermoͤgen, welches mir eingehaͤndigt werden ſoll, wenn ich das 25ſte Jahr voͤllig erreicht habe; mein gegenwaͤrtiges Einkommen iſt, Du weißt es wohl, mehr als hinrei⸗ chend faͤr alle meine Beduͤrfuiſſe; und dennoch beraubſt Du, Verrather an der Sache der Freundſchaft, mich *) Das Wort comfortable gebraucht der Engländer ſehr oft von einem Zuſtande behaglicher Bequemlichkeit, die er über Alles liebt. Sollte dem geehrten Leſer allenſalls der genau den Sinn des Wortes. Anmerkung des Reberſetzers, Studentenausdruck: pomadig bekannt ſeyn, ſo kennt er — 7 des Vergnuͤgens deiner Geſellſchaft, und unterwirfſt Dich lieber, damit mich nur meine Reiſe nicht einige Guineen mehr koſte, deine Selbſtuͤberwindung ganz abgerechnet. Sage, geſchieht das aus Schonung fuͤr meine Börſe, oder iſt es ein Lelhut, Deinem Stolze dargebracht? Aber iſt es nicht gleich abgeſchmackt und unvernuͤnftig, es komme nun, aus welcher Quelle es auch ſey. Was mich betrifft, ſo habe ich Dir ja ſchon geſagt, daß ich mehr als genug fuͤr uns beyde habe und haben werde. Eben dieſer puͤnktliche Mr. Samuel Griffiths in der Jronmonger⸗Gaſſe in Guild⸗ hall zu London, deſſen Briefe eben ſo ſicher wie das Quartal ankommen, hat mir, wie ich Dir ſagte, auf meinen 21ſten Geburtstag die doppelte Summe ge⸗ ſchickt, und hat mich nach ſeiner lakoniſchen Weiſe da⸗ bei verſichert, daß ſie die zukuͤnftigen Jahre noch ver⸗ doppelt werden wuͤrde, und zwar ſo lange, bis ich die Verwaltung meines eigenen Vermoͤgens uͤbernehmen kann. Bis zu meinem zuruͤckgelegten 25ſten Jahre foll ich es vermeiden, Englands Boden zu betreten, und er empfiehlt mir an, alle Nachforſchungen, meine Familie und meine Verhaͤltniſſe betreffend, fuͤr jetzt noch zu unterlaſſen. Erinnerte ich mich nicht meiner armen Mutter in ihrem traurigen Wittwengewande, mit einer Mie⸗ ne, die nie laͤchelte, ſie muͤßte denn mich angeblickt haben— und ſelbſt dann duͤſter und truͤbe, gleich der Sonne, wenn ſie durch Aprilwolken ſcheint; entfernte 1„. nicht ihr mildes Matronenartiges Angeſicht und ihre Geſtalt ſolch einen Verdacht, ſo wuͤrde ich mich fuͤr den Sohn eines Directors der indiſchen Compagnie, oder irgend eines reichen Burgers halten, der mehr Reichthum als Grazie beſaß, und eine kleine Doſis Scheinheiligkeit obendrein, und der jemanden, deſſen Daſeyn ihn beſchaͤmt, heimlich erziehen und bereichern will. Aher wie geſagt, ich denke an meine Mutter, und bin eben ſo ſehr uͤberzeugt, daß auch nicht der leiſeſte Gedanke an Schande aus einer Sache entſte⸗ hen kann, worin ſie verwickelt iſt, wie ich es vom Da⸗ ſeyn meiner Seete bin. Indeſſen bin ich wohlhabend, bin allein, was kann nun meinen einzigen Freund zu⸗ ruͤckhalten, meinen Wohlſand zu theilen? Biſt Du denn nicht mein einziger Freund? Haſt Du Dir denn nicht ein Recht erworben, meinen Wohlſtand zu theilen? Beantworte mir das, mein Alan. Als ich von der ſtillen Einſamkeit der Woh⸗ nung meiner Mutter, in den Tumult der Elaſſe auf die hohe Schule kam— als ich meines engliſchen Accentes wegen— als ein engliſches Schwein mit Schneeballen geworfen— als ein ſaͤchſiſcher Pudding in der Rinne herum gewaͤlzt ward, wer war da mit kraͤftigen Gruͤnden und noch kraͤftigeren Stoͤßen mein Beſchätzer— wer als Alan Fairford? Wer pruͤgelte mich aber auch wacker durch, wenn ich in unſrer klei⸗ nen Republik die Anmaßung eines einzigen Sohnes, und ſpaͤterhin die eines verzo Lenen a Buben durchſetzen — 9 wollte? wer anders als Alan? Wer lehrte mich den Ball zu ſchlagen, den Drachen ſteigen zu laſſen, auf dem Eiſe ſchleifen? wieder mein Alan. Bin ich der Stolz des Schulhofes und der Schrecken der Troͤdler in den Gaͤngen der hohen Schule geworden, ſo geſchah' es unter Deinem Schutz; ja Deinetwegen haͤtte ich mich ſelbſt begnuͤgt, durch die Waͤlle des Kuhthors zu gehn, ohne auf die Anhoͤhen zu klettern, haͤtte ſelbſt Riltle nine- sleps*) nie naͤher als von Bareford's Park aus geſehen. Du lehrteſt mich, meine Finger fern von dem Schwachen zu halten, aber meine Fauſt gegen den Starken zu ballen— lehrteſt mich nicht aus der Schule zu ſchwatzen— da zu ſtehn, wie ein wahrer Mann— dem ſtrengen Befehl des Pande ma- num gehorchend, meine Schlaͤge ohne Klage zu ertra⸗ gen, gleich einem, der entſchloſſen iſt, ſich deßwegen nicht zu beſſern. In einem Worte, ehe ich Dich kannte, kannte ich nichts. Im College war es eben ſo. War ich ſo traͤge, daß lein Lehrer mich beſſern konnte, Dein Beyſpiel, Deine Auſmunterungen ſpornten mich zu geiſtigen Ue⸗ bungen an, zeigten mir den Weg zu geiſtigen Genuͤſ⸗ ſen. Du machteſt einen Geſchichtsforſcher, einen Me⸗ taphyſiker aus mir(invita Minerva)— ja, beym 0) Ein enger Wieg am Felſen des Caſtels, wo es nur einer Ziege oder einem Schuſbuben moͤglich iſt, zu gehen, ohne in den Abgrund zu ſtuͤrzen. 40 Himmel, Du haͤtteſt faſt einen Advokaten aus mir ge⸗ macht, weil Du es biſt. Um mich nur nicht von Dir zu trennen, habe ich lieber ein langweiliges Se⸗ meſter in dem College uͤber das ſchottiſche Landrecht, und ein noch langweiligeres in dem uͤber das buͤrger⸗ liche Recht zugebracht; und kann mein noch vorhande⸗ nes Heſt, angefuͤllt mit Carricaturen von Profeſſoren und Studenten, mir nicht noch jetzt bezeugen, mit welchem Nutzen ich ſie hoͤrte? „So war ich ſtets mit ganzer Seel' dir nah'“ und das, in Wahrheit, blos um denſelben Weg mit Dir gehen zu koͤnnen. Aber es geht wirklich nicht, mein Alan. Ich haͤtte eben ſo viel Neigung, einer der geſchaͤftigen Kraͤmer in den Hallen des Parlamentes zu werden, welche den kleinen Knaben Kreiſel, Baͤlle, Stoͤcke und hoͤlzerne Degen verkaufen, als ein Mit⸗ glied der langroͤckigen Bruͤderſchaft im Innern, welche den Land⸗Edelleuten mit ihren geſtickten Maͤnteln im⸗ voniren. Aber ich bitte Dich, leſe es ja Deinem Va⸗ ter nicht vor, Alan, denn ſo viel ich weiß, mag er mich Samſtag Abends wohl leiden; aber in den uͤbri⸗ gen Wochentagen haͤlt er mich fuͤr keine ſonderlich em⸗ pfehlenswerthe Geſellſchaft; und darin liegt, glaube ich, auch der wahre Grund warum du es ausſchlaͤgſt, bey dieſem koͤſtlichen Wetter einen Streifzug mit mir durch die ſuͤdlichen Grafſchaften zu machen. Ich glaube, der gute Mann denkt uͤbel von mir, daß ich ſo unruhigen Geiſtes bin, Edinburg zu verlaſſen, ehe noch die Ge⸗ — — 41 richtsſitzungen geſchloſſen worden ſind, vielleicht aͤrgert ihn auch, nicht zwar mein Mangel an Ahnen, ſondern mein Mangel an Bekanntſchaften. Er haͤlt mich fuͤr ein verlaſſenes Geſchöpf, Alan, und wirklich bin ich es auch, weil ich keinen Antheil von gemeinen Weſen fordern kann, ſo ſcheint ihm das ein hinlaͤnglicher Grund zu ſeyn, daß Du meinen Umgang meiden ſollteſt. Glaube aber nicht, daß ich vergeſſe, was ich ihm ſchuldig bin dafuͤr, daß er mich vier Jahre lang un⸗ ter ſeinem Dache beherbergte; liebt er mich nicht, ſo muß meine Dankbarkeit dafuͤr um ſo viel groͤßer ge⸗ gen ihn ſeyn. Er iſt noch üͤberdieß boͤſe daruͤber, daß ich kein Juriſt werden will oder kann, und betrachtet mich alſo in Bezug auf Dich als ein pessimi exempli, wie er ſich ausdruͤcken wuͤrde. Aber er braucht wahrlich nicht zu fuͤrchten, daß ein junger Mann mit Deiner Ausdauer ſich von einem vom Wind bewegten Rohre, influenciren laſſen wuͤrde. Du wirſt Deinen Gang fortgehn, mit Dirleton zwei⸗ feln, mit Steward dieſe Zweifel loͤſen, bis endlich von der Ecke der Bank more solito mit bedecktem Haupte die pathetiſche Nede gehalten werden wird— bis Du geſchworen haſt, die Freiheiten und Privi⸗ legien des Juſtizcollegii aufrecht zu erhalten— bis der ſchwarze Mantel um Deine Schultern gehaͤngt wird und Du ſo gut wie einer aus der hochehrwuͤrdi⸗ gen Facultaͤt, die Erlaubniß haſt, anzuklagen und zu vertheidigen. Dann aber will ich vortreten, Alan, 12 8 und zwar mit einem Karakter, den ſelbſt Dein Vater nuͤtzlicher fuͤr Dich halten wird, als haͤtte ich den glaͤnzenden Beſchluß Deiner Nechtsſtudien getheilt. In einem Worte, kann ich auch kein Conſulent ſeyn, ſo will ich doch ein Client werden, und zwar eine ſolche Perſon, ohne welche der Prozeß ſo lang⸗ weilig waͤre wie eine aufgeſtellte Rechtsfrage. Ja, ich bin entſchloſſen, Dir die erſten Sporteln zu loͤſen zu geben. Man kann, ich bin es uberzeugt, leicht in ei⸗ nen Rechtsſtreit gerathen, nur muͤßte man darauf den⸗ ken, ihn ein wenig verwickelt zu machen. Dann ſol⸗ len ſchon einige Seſſionen meine Geduld nicht ermuͤ⸗ den, habe ich nur Deinen lieben Vater zum Sachwal⸗ ter, Dich zu meinem rechtsgelehrten Conſulenten, und den ehrlvuͤrdigen Mr. Samuel Griffith im Ruͤckhalt. Kurz und gut, ich werde wohl ſchon Eingang in das Gericht bekommen, ſollte es mich auch die Muͤhe koſten, ein deliot oder wenigſtens ein quasi delict zu begehen. Du ſiehſt, daß nicht alles an mir verloren ging, was Erskine ſchrieb und Wallace lehrte. So weit haͤtte ich nun geſcherzt, doch, Alan, iſt mir innerlich nicht wohl. Ich fuͤhle ſchmerzlich, daß ich allein da ſtehe, und dieſe Einſamkeit iſt mir um ſo viel druͤckender, da ſie nur mir allein eigen iſt. In einem Lande, wo jedermann einen Cirkel von Bluts⸗ verwandten hat, der ſich bis auf den ſechsten Grad erſtreckt, bin ich ein einſames Individnum, das nur ein theures Herz beſitzt, das gleich ſchlaͤgt mit dem 13 feinigen. Muͤßte ich mein Brod verdienen, ich wuͤr⸗ de, glaube ich, dieſe mir eigne Art von Entbehrung weniger fuͤhlen. Die nothwendigen Verbindungen zwi⸗ ſchen Herrn und Diener wuͤrden wenigſtens einen Kno⸗ ten knuͤpfen, der mich dem uͤbrigen menſchlichen Ge⸗ ſchlechte naͤher braͤchte— doch wie es jetzt iſt, ſcheint meine Unabhaͤngigkeit ſelbſt, die Eigenheit meiner La⸗ ge zu vergroͤßern. Ich bin wie ein Fremder in ei⸗ nem beſuchten Caffsehauſe, er koͤmmt, verlangt irgend eine Erfriſchung, zahlt ſeine Rechnung, und wird vergeſſen, ſobald der Aufwaͤrter:„Ich danke Ihnen, mein Herr,“ ſagt. Ich weiß, Dein guter Vater nennt das eine Suͤn⸗ de gegen die Dankbarkeit und fragt: wie es mir wohl zu Muthe ſeyn wuͤrde, wenn ich, ſtatt daß ich jetzt meine Rechnungen wegwerfen kann, die Nache des Wirthes ertragen mußte, wenn ich ſie nicht zah⸗ len koͤnnte. Ich weiß nicht, wie es iſt; aber obſchon dieſe ganz richtige Bemerkung meine Gedanken durch⸗ kreuzt, obſchon ich geſtehen muß, daß 400 Pfund jaͤhrliches Einkommen jetzt, 300 in Zukuuft und Gott weiß, wie viel Hunderte noch kuͤnftig eine ganz huͤb⸗ ſche und annehmliche Sache ſind, ſo gaͤbe ich doch gerne die Haͤlfte dieſer Summe darum, Deinen Vater Wate nennen zu koͤnnen, ſollte er mich, auch ſtünd⸗ lich meiner Traͤgheit wegen zanken, und Dich, mein Alan, meinen Bruder, wenn auch die Verdienſte die⸗ ſes Bruders die meinigen gaͤnzlich verdunkeln wuͤrden⸗ 14. Oft koͤmmt mir der ſchwache, unwahrſcheinliche Gedanke ein, daß Dein Vater mehr von meiner Ge⸗ burt und von meinen Verhaͤltniſſen weiß, als er ſa⸗ gen will; es iſt doch hoͤchſt unwahrſcheinlich, daß man mich in einem Alter von 6 Jahren in Edinburg ge⸗ laſſen habe, ohne andere Empfehlung, als die regel⸗ maͤßige Zahlung meines Koſtgeldes an den alten M. in der hohen Schule. Von dem, was fruͤher geſchah, erinnere ich mich nur, wie ich Dir ſchon ſagte, einer unbegraͤnzten Nachſicht von Seite meiner Mutter und der tvranniſchſten Ausübung meiner Launen von der meinigen. Ich erinnere mich immer noch, wie bitterlich ſie ſeufzte, wie vergebens ſie mich zu be⸗ ſaͤnftigen ſuchte, wenn ich mit aller Energie des De⸗ ſpotismus wie zehn Kaͤlber um eine Sache ſchrie, die man mir unmoͤglich verſchaffen konnte. Sie iſt dahin, die liebende, ſchlecht belohnte Mutter! Ich erinnere mich der langen Geſichter— der finſteren Srube— der ſchwarzen Umhaͤnge— des geheimnißvollen Ein⸗ drucks, den die Trauer⸗ und Leichenwagen auf mein Gemuͤth machten und wie ſchwer es mir ward, das Alles mit dem Verſchwinden meiner Mutter zuſam⸗ men zu reimen. Ich wuͤßte nicht, daß ich vor dieſer Begebenheit eine Idee vom Tode gehabt haͤtte, oder daß ich nur von dem nothwendigen Ende aller leben⸗ den Geſchoͤpfe haͤtte reden hoͤren. Die erſte Bekannt⸗ ſchaft, die ich mit ihr machte, beraubte mich meiner einzigen Verwandten. —— —— — Ein Geiſtlicher von ehrwuͤrdigem Anſehn, der ein⸗ zige Menſch, der uns beſuchte, war mein Fuͤhrer auf einer ziemlich großen Reiſe; unter der Auſſicht eines anderen aͤltlichen Mannes, der ſeine Stelle einnahm, vollendete ich meine Reiſe nach Schottland, doch weiß ich weder wie, noch wie ſo— und das iſt alles, deſſen ich mich erinnere. Ich wiederhole dieſe kleine Geſchichte jetzt, ſo wie ich es fruͤher ſchon hundert Mal that, nur um einen Zuſammenhang darin zu finden. Wende alſo Deinen ſcharfen, weitſehenden Juriſten⸗Verſtand auf denſel⸗ ben Gegenſtand— bearbeite meine Geſchichte, als protocollirteſt Du das toͤlpelicht ausgedruͤckte Zeugniß eines blau⸗bemuͤtzten, hartkoͤpfigen Clienten in einer Auseinanderſetzung der Facta und Umſtaͤnde, dann ſollſt Du, nicht mein Apollo— quid tibi cum lyra? — ſondern mein Lord Stair ſeyn. Unterdeſſen habe ich mich aus meiner uͤhlen Laune heraus geſchrieben blos dadurch, daß ich daruͤber bruͤtete, und nun will ich mich eine halbe Stunde mit dem Roan Robin im Stalle unterhalten. Der Burſche kennt mich ſchen und wiehert, ſobald ich nur den Fuß auf die Schwelle des Stalles ſetze. Der Rapve, den Du geſtern morgen rittſt, ver⸗ ſpricht ein vortrefflicher Renner zu werden, jetzt trabt er eben ſo leicht mit Sam und dem Felleiſen, wie mit Dir und Deiner Laſt Rechtsgelehrſamkeit. Weil ſich in meinen Gedauken alles um die Are des großen Geheimniſſes meiner Geburt dreht; ſo will 16 ich Dir in's Gedaͤchtniß zuruͤckrufen, was mir ein 4 Mal Dein Vater ſagte, als er mich mit Sam in vertrautem Geſpraͤch uͤberraſchte.„Es ziemt Ihres Vaters Sohn nicht, ſo vertraut mit Sam's Vaters Sohn zu ſprechen.“ Ich frug Dich, was wohl Dein Vater moͤglicher Weiſe von dem meinigen wiſſen koͤnn⸗ te; und Du antworteteſt:„Ich denke, er weiß ſo viel von Deinem Vater, als er von Sam's Vater weiß⸗ es iſt ſo ein ſprichwörtlicher Ausdruck.“ Das genuͤg⸗ te mir nicht, ob ich gleich nicht weiß, warum. Aber ich komme auf einen fruchtloſen und erſchoͤpften Ge⸗ genſtand zuruͤck. Fürchte nicht, daß ich wieder auf 4 dieſes oft betretene und doch bahnloſe Feld von Ver⸗ muthungen zuruͤckkommen moͤchte. Ich kenne nichts— nutzloſeres, faderes und veraͤchtlicheres, als das Ohr des Freundes mit nichtigen Klagen zu erfüllen. Ich will Dir gern verſprechen, daß meine Brieſe eben ſo unterhaltend, als regelmaͤßig und von gehori⸗ ger Laͤnge ſeyn ſollen. Wir haben einen bedeutenden Vortheil voraus, vor jeglichem Paare der Freunde in den Tagen der Vorzeit. Weder David und Jona⸗ than, weder Oreſtes und Pylades, noch Damon und Pythias— obzwar beſonders den letzteren ein Brief durch die Poſt gewiß recht angenehm geweſen ſeyn muͤßte— correſpondirten je zuſammen; wahrſcheinlich konnten ſie nicht ſchreiben*), und gewiß hatten ſie —5) Ei, ei Mr. Darſie Latimer, ſell wohl der große Pſalmen⸗ dichter niast ſchreiben gekonnt haben? Schrieb er z. B⸗— Brief des Urlas? nicht den Brief des U Anmerk, des Ueberſetzers⸗ — gazin nich verſtehen guhß t, es geſchehe auf K weder Poſt noch Freiſchein, ſich gegenſeitig ihre4 zensergießungen mitzutheilen. Dahingegen D Du, we nu Du den Freibrief des alten Pairs ſchonſam bennzeſt vorſichtig oͤffneſt, und mir zuruͤckſchickſt, uns meiner vorhabenden Reiſe ganz von Sr. Maje Poſt⸗Porto befreien kannſt. Gott ſey uns 91 Alan, was fuͤr Briefe werde ich Dir nicht mit Be⸗ richten von allen den Dingen ſchicken in uͤſſen, die ich auf meinem wilden Streifzuge ſammeln kaum⸗ ſie ſeyen nun annel hmlich oder ſelten. Alles was ich mi , daß Du ſie dem Schot kiſchen M öt mittheilſt; denn obzwar Du mir ul chritte in den hoͤhern 3* limente nagſ, dabei bedinge, iſt meine Fer ort diums der Re chtsgelehrſ⸗ aunkeit, ſo kuͤhn genug, in die Pforte eingehen zu wollen, wel⸗ che der gelehrte Ruddinam ſo guͤt g den Zöglingen der Muſen oͤffnet. Vale, Sis memor mei. Deine Brieſe an das Poſtamt bier. ſo anordnen, daß man mir ſie nach⸗ —— W. Scott's Werte. XV. 18 Zweiter Brief⸗ Alan Fairford an Darſie Latimer. Negatur, mein theurer Darſie— Du haſt ja Lo⸗ gik und Jus genug ſtudirt, um das Wort der Ver⸗ neinung zu verſtehen. Ich greife Deinen Schluß an, obſchon ich die Praͤmice annehme. Daß ich naͤmlich, als ich den hölliſchen Gaul ritt, wohl ſo etwas Seuf⸗ zeraͤhnliches ausgeſtoßen haben mag, obzwar ich glaub⸗ te, es muͤßte ſich unter dem Schnauben und Schnar⸗ chen des windbruͤchigen Viehes verloren haben, das mag ſeyn. Uebrigens mas wohl das Thier einzig in ſeiner Art ſeyn, denn an Gebrechen aller Art gleicht ihm vie der da ſtarb, geprieſen im Geſange: „Eine Meile weit von Dundee.“ Aber glaube mir, Darſie, der Senfzer, welcher mir entſchluͤpfte, galt mehr Dir als mir, und betraf weder Dein vorziglicheres Reitpferd, noch Deine beſſer verſe⸗ hene Reiſeboͤrſe. Ich hatte freilich ein paar Tage fröͤh⸗ lich mit Dir im Lande herumſtreichen koͤnnen; und ich verſichere Dich, daß ich keinen Angenblick gezoͤgert haͤtte, Deinen wohlverſehenen Geldbeutel fuͤr unſere gemeinſchaftlichen Reiſekoſten in Anſpruch zu nehmen. Aber Du weißt, daß mein Vater jeden, dem Rechts⸗ ſtudium entzogenen. Augenblick als einen Schritt ruͤck⸗ warts betrachtet, und ich verdanle dieſer ſeiner Aengſt⸗ jelleicht nur des armen Mannes Karrengaul — 19 lichkeit gar viel, obzwar ſie manches Mal laͤſtig iſt. Zum Beiſ 5 Ich fand bei meiner Zuruͤckkunft an dem La in Browu's 3 Seaard, daß der alte Herr zuruͤckgekom⸗ men ſey, beunruhigt, eine Nacht Kherhe des Schil⸗ tzes ſeigern haͤuslichen Laren zuzubringen. Da ich von Jakob, deſſen Augen ein! Ungewitter ve reun deten, dieſe Nachricht erhielt, ſchickte ich ſogleich einen hochlaͤndi⸗ ſchen Lohnbedienten mit meinem Burephalus in den Stall, ſel lich mich ſo geraͤuſchlos als moͤglich in meine eine Zelle, und ſieng an, uͤber eine halb begriffene und hald verdaute Lehre unſeres Municipal⸗Coder 3u Prnen Ich ſaß noch nicht lange, als das Geſicht meines Vaters ſaſt lauſchend durch die halboffene Thuͤre 1 tbar ward: als er meine Beſchaͤftigung ſah, zog er mit einem halb⸗artikulirten„hm,“ welches ei Zreifet l in meinen Fleiß zu ſetzen ſchien, wieder zu⸗ ruͤck. Hatte es auch dieſe Bedeutung, ſo kann ich⸗ ihm doch nicht Unrecht geben; denn die Ruckerinne⸗ nns an Dich hatte eine Stunde lang meine Seele ſo anz ergriffen, daß, obzwar Stairs**) Werke vor mir kagen und ich zwei oder drei Blaͤtter unwandte, der Sinn mir doch gaͤnzlich ent chluͤpfte, wenn ſchon ſeine ten klaren und deutli ichen Styl ſchreibt; ſo daß ich die Demuͤthigung ertrage en mußte, zu fin⸗ den, daß meine Arbeit v voͤllig in — ₰ 1 erfi ueſ Herrlichkeit *) Stsit, ain berühmter ſcot⸗iſcher uriſt. erk. d. Ueberſet. Ich war mit meinem Laviren, um den rechten Wind zu treffen, noch nicht fertig, als Jakob mir ſchon das frugale Abendeſſen ankuͤndigte. Da ſtanden Ra⸗ dieschen, Kaͤſe und eine Flaſche alter Ale's, ferner nur zwei Gedecke; auch hatte der aufmerkſame Jakob Wil⸗ kinſon keinen Stuhl fuͤr M. Darſie hingeſtellt. Be⸗ ſagter Jakob, mit ſeinem langen Geſichte, ſeinen her⸗ unterhaͤngenden Haaren, ſeinem langen mit Leder um⸗ wundenen Zopfe, ſtand, wie gewoͤhnlich, hinter mei⸗ nes Vaters Stuhl, kerzengrade wie eine hoͤlzerne Schildwache vor einem Marionetten⸗Theater.„Du kannſt gehen, Jakob,“ ſagte mein Vater, und Wilkin⸗ ſon ging. Jetzt dachte ich, was wird wohl nun kom⸗ men, dennoch hat ſich das drohende Ungewitter nicht am Horizont der vaͤterlichen Stirn verzogen. Seine mißvergnuͤgten Blicke trafen zuerſt meine Stiefeln und er frug mich, mit ſpoͤttiſchem Laͤcheln, wohin ich denn geritten waͤre. Er erwartete, daß ich „nirgends“ antworten wuͤrde, und dann haͤtte er ſich uͤber meine Laune, in Schuhen, von welchen das Paar zwanzig Schilling koſtet, ſpatzieren zu gehen, luſtig ge⸗ macht. Aber ich antwortete ruhig, ich waͤre zum Mit⸗ tageſſen bis nach Noble⸗Houſe geritten. Er ſtarrte mich an(Du kennſt ja ſeine Art), als haͤtte ich ge⸗ ſagt, ich haͤtte zu Jericho geſpeist; und da ich mich ſtellte, als bemerkte ich ſein Erſtaunen nicht, ſon⸗ dern in Gemuͤthsruhe mein Radieschen weiter kaute, ſo fuhr er zornig auf. 4 „In Noble⸗Houſe, Sir? und was hatteſt Du zu Noble⸗Houſe zu thun, Sir? Denkſt Du nicht daran, daß Du Jurisprudenz ſtudirſt, Sir?— daß die Pruͤ⸗ ſung im Schottiſchen Landrecht herannaht, Sr?— daß im gegenwaͤrtigen Augenblick eine jede Minute mehr werth iſt, als ganze Stunden zu anderen Zei⸗ ten?— Und Du, Sir, haſt Muße, nach Noble⸗Honſe zu gehen, und Deine Buͤcher ſo lange zu verlaſſen? 3a, waͤre es noch ein Spatziergang in den dired oder ſelbſt ein Golf⸗ Spiel*) geweſen— abe Noble⸗ Houſe, was denkſt Du, Sir?“ „Sir, ich begleitete den Darſie Latimer ein Stuͤck Wegs auf ſeiner Reiſe.“ Darſie Latimer,“ erwiederte er in gelinde Tone,„hm! nun ja, ich tadle Dich eben nicht egen, daß Du freundlich mit Darſie biſt. Aber ch denke, wenn Du ihn nur bis zum Sollhauſe begleitet, und ihm dann Lebewohl geſagt haͤtteſt, ſo waͤre das eben ſo gut geweſen, und Du wuͤrdeſt obendrein das Miethgeld fuͤr das Pferd und die Rechnung fuͤr das Mittageſſen geſpart h haben!“ „Das bezahlte Lati mer, Sir,“ antwortete ich, denn ich glaubte die Sache damit zu verbeſſern, aber ich haͤtte beſſer ſtill geſchwiegen. „Die Rernang. Sir! und Du warſt ſo niedri auf eines Anderen en Rechnung zu zehren? Niemand eue Art Bauſpiel. ß⸗ „. rem 8 de i Anmerk. d. Ueberſetz. ſollte ein Gaſthaus betreten, ohne ſeine Schuldigkeit zahlen zu koͤnnen.“ „Das nehme ich im Allgemeinen an, Vater, er⸗ wiederte ich; aber das war ein Abſchiedstrunk zwiſchen Darſie und mir, und ſo, meine ich, gehoͤrt es zu den Ausnahmen des Dochan dorroch.“ „Du haͤltſt Dich fuͤr einen Witzling,“ ſagte mein Vater und laͤchelte dabei grade ſo viel, als es der Ernſt ſeiner Zuͤge erlaubte;„aber ich denke, Du aßeſt doch Dein Mittageſſen nicht ſtehend, wie die Juden das Oſterlamm? Denn es eriſtirt ein Beſcheid vom Stadtrichter zu Eupar⸗Angus in Sachen Luckie Simp⸗ ſon contra Luckie Jamieſon, daß, als des Erſteren Kuh das gebrannte Bier des Letzteren trank, der An⸗ geklagte keinen Schadenerſatz zu zablen habe, weil be⸗ ſagte Kuh es austrank, ohne ſich dabei niederzuſetzen. Nur ein ſolcher Umſtand kann alſo einen Dochan dor- rock conſtituiren, d. i. ein ſtehendes Trinken, wof ͤr keine Zahlung geleiſtet wird. Nun, mein Herr, was denkt dero juriſtiſche Weisheit dazu? Exoeptio firmat regulam.— Aber komm, fuͤlle Dein Glas, Alan, mich aͤrgert es nicht, daß Du dem Darſte Latimer dieſe Aufmerkſamkeit erwieſen haſt, denn fuͤr die jetzi⸗ ge Zeit iſt er doch ein guter Burſche; und da er ja, ſeitdem er die Schule verließ, unter meinem Dache lebte, nun, ſo iſt es auch eben kein Ungluͤck, daß Du eine kleine Verbindlichkeit gegen ihn haſt“ Als ich ſah, daß meines Vaters Unmuth durch bas —— Bewußtſeyn ſeiner Ueberlegenheit in jnriſtiſcher Bele⸗ ſenheit ſich gelegt hatte, ſo nahm ich gerne ſeine Ver⸗ zeihung mehr als eine Sache der Gnade, als der Ge⸗ rechtigkeit auf, und antwortete nur, wir wuͤrden un⸗ ſere Abende gar viel langweiliger zubringen muͤſſen, da Du nun abweſend wareſt. Ich gebe Dir hierkei meines Vaters Antwort in ſeinen eignen Worten. Du kennſt ihn ſo gut, Darſie, daß ſie Dich wohl nicht beleidigen wird, auch weißt Du, daß man bei des guten Mannes Genauigkeit und Foͤrmlichkeit, doch oft eine Fundgrube ſcharfen Beobachtungsgeiſtes und praktiſchen Verſtandes entdeckt. „Es iſt wahr“ ſagte er,„Darſie war ein ange⸗ nehmer Geſellſchafter, aber zu muthwillig, Alan, ſo ein Springinsfeld und leichtſinnig dazu.— Nebenkei muß ich doch auch dem Wilkinſon ſagen, daß er jetzt unſer Ale nur in engliſchen Noͤßelſlaſchen abzapft, denn eine Quart⸗Bouteille jede Nacht iſt doch fur uns beide, ohne ſeine Hulfe zu viel.— Aber der Darſie, wie ich ſage, das iſt ein durchtriebener Geſell, ein we⸗ nig leicht da im obern Stockwerk— ich wuͤnſche, es moͤchte ihm in der Welt wohlergehn, aber Alnn, er beſitzt wenig Soliditaͤt, wahrlich, ſehr wenig.“ Ich wuͤrde mich ſchaͤmen, einen abweſenden Freund zu verlaſſen, Darſie, und deßwegen ſagte ich auch zu Deiner Vertheidigung etwas mehr, als es mein Ge⸗ wiſſen ſtreng genommen erlaubt haͤtte; aber daß Du der Rechtsgelehrſamkeit entlaufen biſt, das hat Dir in meines Vaters guter Mernung viel geſchader, ſchlimwer fuͤr ihn. Braucht er auch die 24 Waſſer, es wird nichts aus 1* inta ſagt adua— non crescat.“ Er geh in Ich ſuchte dieſe Bemerkungen zu pariren, indem ich einwendete, daß der Beſuch der Tanzhaͤuſer ſich auf eine Nacht, auf la Pique's Ball und das Leſen der Nuvellen(ſo weit naͤmlich notoriſch bekannt iſt, Darſie) auf einen einzigen Band des Tom Jones beſchraͤnke. „Aber er tanzte ja von Abends bis Morgens“ mein Vater,„und er las das nichtige Zenig, Verfaſſer gepeitſcht zu werden verdiente, Mal durch. Es kam nie aus ſeinen 4 Haͤnden. daß wahrſcheinlich Deine Ver zum nzend waͤren, daß ſie Dich der Muͤhe uͤberheben konnten, die Rechtsgelehrſamkeit weiter zu ſtudiren, als Du es bis jetzt ſchon gethan haͤtteſt, und daß Du daher wohl glauben koͤnnteſt, Du habeſt einigen Anſpruch auf Vergnuͤgungen zu machen. Das wollt ihm nun am wenigſten behagen. „Wenn eer kein Vergnügen an der Rechtsgelehr⸗ ſamkeit ſindet,“ ſagte mein Vater aufahrend,„deſto Rechte nicht zu ſtudiren, um Vermögen zu erwerben, ſo braucht er ſie doch gewiß, um zu lernen, wie man es erhalt. Viel beſſer wuͤrde ihm dieſes Studinm ziemen, als, 25 3 einem Landſtreicher gleich, das Land zu durchziehen, amzureiſen, ohne di wiſſen, wohin? zu ſehen, e zu wiſſen, was? und zu N oble⸗Houſe Narren ſeines Gleichen(dabei warf er miir einen zorunjgen Blick zu) zu bewirthen. Noble Houſe, wirklich, Noble⸗ Houſe! wiederholte er mit erho öholer Sti ime und aleis em T Tons, als ob in dem leidigendes laͤge, obgleich ich uhn 46 41 5 4 4 1 aß ein ſeder s 3 Tla wo Du ſo g aus zug ezogen haͤtte. on deinem Gedanken eingenommen, daß mein Vat r von De einen Verhaͤltniſſen mehr e uͤßte, als er zu fage fuͤr gut findet, wagte ich kön ihm mit einer Vemerkung auf den Zahn zu fuͤhlen.„Ich ſehe nicht ein, ſagte ich, wie das ſchottiſ he Recht einem jungen Mante nuͤtzlich ſeyn kann, deſſen Vermoͤgen in Eng⸗ land placirt zu ſeyn ſcheint!“— Ich glaubte wirklich mein Vater wollt mich ſchlagen. „Glaubſt du mich per aml age zu lingehe 4 Herr, wie der Rath Peſt ſagt? Was kuͤmmert es O ich, wo Darſie Latimers Vermoöͤgen p 8 er welches hat, oder kein's? Und was wuͤrde ihm denn das ſchot⸗ tiſche Recht— und verſtaͤnde er es auch wie Stair oder Bankton? Sind nicht die Inſtitutionen des römiſchen Rechts die Grundlagen unſerer Muni⸗ cipal⸗Geſetze, und wurden dieſe Inſtitutionen nicht 2³ zu einer Zeit gegeben, wo das roͤmiſche Reich wegen A 26 ſeiner Vildung und Gelehrſamkeit beruͤhmt war? Geht in Euer Bett Herr, nach der ſchoͤnen Expedition nach Noble⸗Houſe, und mache, daß Deine Lampe brennt und Dein Buch vor Dir liezt, ehe die Sonue aufgeht. Ars longa, vila brevis— ware es nicht eine Sunde, die goͤttliche Wiſſenſchaft der Rechtsgelehrſamkeit mit dem geringeren Namen: Kunſt zu betiteln.“ So brannte denn auch meine Lampe, theurer Darſie, den naͤchſten Morgen, wenn ſchon der Eigen⸗ thuͤmer die Gefahr einer haͤuslichen Nachſuchung wag⸗ te, und heimlich im Bette liegen blieb, in der Hoff⸗ nung, daß der Schein, ohne weitere Unterſuchung, als ein hinlaͤnglicher Beweis meiner Wachſamkeit ge⸗ halten werden wuͤrde. Jetzt, den dritten Morgen nach Deiner Abreiſe, ſteht die Sache noch immer nicht beſſer; denn obzwar Voet uͤber die Pandecten, ſeine Weisheit vor mir ausbreitet, ſo gebrauche ich ihn doch nur als ein Unterlegeblatt, worauf ich dieſe Blaͤtter, mit Thorheiten angefuͤllt, an Darſie Latimer ſchreibe; wahrſcheinlich wird wohl die Nachbarſchaft meine Stu⸗ dien wenig ſoͤrdern. Und unn, duͤnkt es mir, hoͤre ich Dich, wie Du, mich einen affectirten, ſcheinheiligen Menſchen nen uſt, der unter einem ſolchen Zwangs⸗ und Einſchraͤnkungs⸗ Syſtem lebend, wie mein Vater fuͤr gut findet, es anzunehmen, dennoch Deine Freiheit und Unabhaͤngig⸗ keit nicht beneiden will. Dann aber kann ich auch wieder in meinem Herzen die Beweggruͤnde dieſer 27 Strenge nicht tadeln. Denn wo auch ihre Quelle ſey, ſo koͤnnen ſie nur in einer aͤngſtlichen, liebevollen und unaufhoͤrlichen Neigung meines Vaters entſtehen, in ſeinem Eifer fuͤr meine Vervollkommnung, und in einem lobenswerthen Gefuͤhl der Ehre des Standes, zu welchem er mich beſtimmte. Da wir keine nahen Verwandte haben, ſo iſt der Knoten, welcher uns knuͤpft, von ungewoͤhnlicher Feſtig⸗ keit, wenn er ſchon an und fuͤr ſich einer der ſtaͤrk⸗ ſten iſt, welchen die Natur bilden kann. Ich bin und war immer der ausſchließliche Gegenſtand der angſtli⸗ chen Hoffnung, noch mehr aber der aͤngſtlichen Furcht meines Vaters. Welches Recht habe ich alſo, mich zu beklagen, wenn auch hie und da Furcht und Hoff⸗ nung ihn dazu bewegen, laͤſtig und unaufhoͤrlich alle meine Schritte zu beobachten? Dabei ſollte ich denken, und, Darſie, ich thue es auch, daß mein Vater mir ſchon bei verſchiedenen wichtigen Gelegenheiten zeigte, daß er eben ſowohl nachſichtsvoll als ſtreng ſeyn kann. Seine alte Wohnung im Luckenbooth zu verlaſſen, war ihm wie eine Scheidung der Seele vom Koͤrper; doch brauchte Dr. K. nur einen Wink zu geben, daß die reinere Luſt des neuen Stadtviertels zutraͤglicher fuͤr meine Geſundheit waͤre, weil ich damals an den Lei⸗ den eines zu ſchnellen Wachſens litt, als er ſchon ſeine alte geliebte Wohnung 2 welche ganz nahe am Herzen von Mid⸗Lothian lag, gegen eines jener neuen Ge⸗ baͤude verwechſelte, welche der neuere Geſchmack erſt küͤrzlich bei uns einfuͤhrte.— Fernerer Beweis, die unſchaͤtzbare Gunſt, die er mir erzeigte, daß er Dich in ſein Haus aufnahm, da Du nur die unangenehme Wahl hatteſt, als ein erwachſener Juͤngling in der Geſellſchaft kleiner Knaben zu bleiben. Das war doch eine Sache, die den Anſichten, welche mein Vater von Zuruͤckgezogenheit und Sparſamkeit hatte, eben ſowohl ſchnurgerade entgegen lief, als den Mitteln, welche er zur Befoͤrderung meiner Moralitaͤt und meines Fleißes anwandte, indem er mich von der Geſellſchaft anderer junger Leute entfernen wollte; ſo daß ich, auf mein Wort, immer mehr daruͤber erſtaune, wie ich die Unverſchaͤmtheit hatte, es zu fordern, auf daß er es gewaͤhrte. Was nun den Gegenſtand ſeiner Aengſtlichkeit be⸗ triſſt— lache nicht, hebe deine Hand nicht auf, Darſie, denn wahrlich ich liebe den Stand, zu welchem ich er⸗ zogen werde, und ernſtlich verfolge ich meine vorberei⸗ tenden Studien. Die Rechte ſind mein Beruf— in einer beſonderen, ja, ich moͤchte ſagen in ſeiner erblichen Weiſe, mein Beruf. Denn habe ich auch nicht die Ehre, zu einer jener großen Familien zu gehoͤren, welche in Schottland, wie in Frankreich la noblesse de la robe (den Adel der Rechtsgelehrten) bilden, und welche bei uns wenigſtens, die Koͤpfe ſo hoch, wo nicht hoͤher, als der Schwerdtadel tragen— da dieſe meiſtens aus den Erſtgebornen Egyptens beſtehen— ſo hatte doch mein Großvater, welcher, wenn ich es ſagen darf, 29 ein ſehr vorzuͤglicher Mann war, die Ehre, in dem eh⸗ renwerthen Charakter als Stadtſchreiber des alten Flek⸗ kens Birlthegroat, eine bittere Proteſtation gegen die Union zu unterſchreiben. Ja es iſt ſogar einiger Grund vorhanden,— ſoll ich ſagen zu hoffen, oder zu ver⸗ muthen?— daß er der natuͤrliche Sohn eines nahen Vetters des Fairford war, welcher zu den geringern Baronen gerechnet ward. Mein Vater nun ſtieg auf der Leiter der Jurisprudenz eine Stufe hoͤher hinauf, da er, wie Du ſo gut wie ich weißt, erſter und ehren⸗ werther Schreiber Sr. Majeſtaͤts Inſtegel ward, und ich wiederum bin dazu beſtimmt noch eine Stufe hoͤ⸗ her zu klimmen, die verehrte Robe*) zu tragen, von welcher man ſagt, daß ſſe, wie die Mildthaͤtigkeit, oft eine Menge Suͤnden bedecke. Ich habe daher keine an⸗ dere Wahl, als entweder empor zu klimmen, da wir ſchon ſo hoch geſtiegen ſind, oder ſichtliche Gefahr, den Hals zu brechen, wenn ich herabfalle. So habe ich mich denn mit meinem Schickſale ausgeſohnt, und waͤh⸗ rend Du von den Bergſpitzen herab dich nach fernen Seen und Meerbuſen umſchauſt, troͤſte ich mich de apicibus juris mit der Ausſicht auf carmoiſin rothe und ſcharlachene Kleider mit dem Zugehoͤr, von tuͤch⸗ tigen Kiſten mit Sporteln wohl gefuͤll Du lachſt Darſie, more tuo und ſcheinſt ſagen zu wollen, es ſeye nichts werth, ſich von ſolchen gewoͤhnli⸗ 2) Der richterliche Ornat. 50 chen Traͤumen einwiegen zu laſſen. Die Deinigen hin⸗ gegen von hoher und heldenmuthiger Art gleichen den Meinigen eben ſo ſehr, wie eine mit purpurnem Tuche beſchlagene und mit Akten beſchwerte Bank, einem go⸗ thiſchen, mit indiſchen Perlen und mit Gold geſchmuͤck⸗ tem Throne. Aber was willſt du haben?— sua qaam- que trahit voluptas— und meine Viſionen von Befoͤrde⸗ rung, obzwar ſie noch vorerſt auf nichts beruhen, ſind doch eher zu erreichen müalich als Dein Streben nach Gott weiß— was. Denn wie ſagt meines Vaters Sprichwort?„Strebe nach einem goldenen Kieide ſo⸗ wirſt Du wenigſtens eine Schleiſe davon erhaſchen!“ Das iſt nun mein Zweck, aber wonach ſtrebſt Du?2 Das Dunkel, welches auf dem Geheimniſſe Deiner Ge⸗ burt und Deiner Verwandtſchaft liegt, wie Du Dich ausdruͤckſt, ſoll ſich auf eine unausſprechliche und un⸗ begreiflich glaͤnzende Weiſe aufhellen, und zwar ohne Muͤhe und Auſtrengung von Deiner Seite, lediglich und allein durch einen Gluͤckszufall. Ich kenne den Stolz und den Hochmulh Deines Herzens, und wuͤn⸗ ſche herzlich, daß Du mir noch andere Schlaͤge zu danken haͤtteſt, als die, welche Du ſo dankbar aner⸗ kennſt. Denn haͤtte ich Dir dieſe Don Mderuniſ ſad Erwartungen ausg elt, ſo glaubteſt Du jetzt der Held irgend einer romantiſchen Geſchichte zu. 8 und verwandelteſt den ehrlichen Buͤrger und Maͤkler, der in ſeinen vierteliaͤhrigen Epiſteln nur das ſtreng Nuͤthige ſchreibt, nicht in irgend einen weiſen Blean⸗ 34 der oder gelehrten Alquife, der myſtiſch und magiſch dein Schickſal lenkt. Aber ich weiß nicht wie es zu⸗ ging, daß nach und nach Dein Hirnſchaͤdel haͤrter, und meine Faͤuſte ſanfter wurden, wenn Du auch mit der Zeit nicht ein gewiſſermaßen gefaͤhrliches Feu⸗ er gezeigt haͤtteſt, welches ich, wenn auch nicht fuͤrch⸗ ten, doch achten mußte. Da ich doch einmal davon ſpreche, ſo iſt es wohl nicht ungelegen, Dich zu ermahnen, dieſe Deine uͤber⸗ muͤthige Kuͤhnheit ein wenig zu maͤßigen. Ich fuͤrchte ſehr, daß ſie Dich, wie ein hitziges Pferd ſeinen Rei⸗ ter, in irgend eine gefaͤhrliche Lage bringe, aus wel⸗ cher es Dir ſchwer werden wird, Dich heraus zu reiſ⸗ ſen, beſonders wenn der kuͤhne Geiſt, welcher Dich hineinbrachte, in dem gefaͤhrlichen Momente verſchwaͤn⸗ de. Bedenke, Darſie, daß Du von Natur nicht mu⸗ thig biſt, Du geſtandeſt mir im Gegentheil ſchon ein, daß ſo ruhig ich bin, der Vortheil in dieſem wichti⸗ gen Punkte auf meiner Seite ſei. Ich glaube, mein Muth beſteht in meiner Nervenſtärke und in meiner natuͤrlichen Gleichguͤltigleit gegen Gefahr; welche, wenn ſie mich auch nie zu Abentheuern treibt, mich doch, wenn die Gefahr wirklich heranbricht, im vollen Gebraich meiner Seelenkraͤfte laͤßt, ſo daß ich meiner voͤlig maͤchtig bin. Der Deinige aber ſcheint mehr ein geiſtiger Muth zu ſeyn, oder Geiſtesgroͤße, oder Streben nach dem Außerordentlichen; ſie treiben Dich maͤchtig zum Ehrgeiz an, machen Dich taub gegen Warnung vor Gefahr, bis ſie ploͤtzlich auf Dich los⸗ ſtürmen wird. Sey es nun, daß ich von der Aengſt⸗ lichkeit meines Vaters angeſteckt bin, oder daß eigene Gruͤnde mich bewegen, ich geſtehe ein, daß ich oft fuͤrchte, dieſes wilde Jagen nach romantiſchen Verhaͤlt⸗ niſſen und Abentheuern koͤnnte Dich in's Ungluͤck ſtur⸗ zen; und was würde dann aus Alan Fairford wer⸗ den? Dann mögen ſie zum General⸗Advocaten oder zum General⸗Procurator nehmen, wen ſie wollen, ich werde dann den Muth nicht haben, darnach zu ſtreben. Alle meine Anſtrengungen gehen darauf hin, mich einſt in Deinen Augen zu rechtfertigen, und gewiß wuͤrde ich mich. nicht einen Pfenning mehr um das geſtickte ſeidene Oberkleid, als um die Schuͤrze eines alten Weibes kuͤmmern, haͤtte ich nicht die Hoſſuung, daß Du einſt vor den Schranken ſtehen wirſt, um mich zu bewundern, vielleicht gar um mich zu beneiden. Damit dieſes einſt ſeyn konne, ſo bitte ich Dich — ſey vorſichtig. Halte nicht jedes ſchlappſchuhige Maͤdchen, mit blauen Augen und ſchoͤnen Haaren, wel⸗ ches in einem zerriſſenen Plaid, mit einer Weidengerte bewaffnet, die Kuͤhe auf die Weide treibt, halte ſie doch, ich bitte Dich, nicht fuͤr i Glaube nicht einen galanten Valle en Rei⸗ ter, oder einen Orſon in jeden diſchen Viehtrei⸗ ber zu ſehen. Betrachte die Gegenſtaͤnde ſo, wie ſie find, und nicht wie Deine ſru hibare Phantaſte ſie aus⸗ ſchmuͤckt. Habe ich Dich doch einmal eine alte Sand⸗ grube 12 33— grube ſo lange betrachten ſeben, bis daß Du Wor ſebirge, 214325 Bayen, Muͤndungen, Felſen und Abgrunde, kurz die Zanze bewunderungswurdige Landſchaft der Inſel Ferrs darin entdeckteſt, wo profane Angen eine gewoͤhnliche Pferdeſchwemme ſahen. Fand ich Dich nicht einſt, als Du eine Eideche mit eben ſo großer Achtung anſtaun⸗ teſt, wie jemand, der ein Crocodil erblickkt? Das wa⸗ ren freilich völlig unſchuldige Imaginations⸗Uebungen, denn Du konnteſt in der Mfuͤhe eben ſo wenig ertrinken, als der liliputiſche Aligator Dich auffreſſen konnte. Ein Auderes aber, Darſie, iſt es in der menſchlichen Ge⸗ ſellſchaft, wo Du den Charakter derer, mit welchen Du umgehſt, weder verkennen noch Deiner Einbil⸗ dungskraft erlauben darfſt, ihre guten oder boͤſen Ei⸗ genſchaften zu uͤbertreiben, wenn Du Dich nicht laͤ⸗ cherlich machen und Dich nicht in ernſte und gefaͤhr⸗ liche Haͤndel verwickeln willſt. Bewache als Deine Einbildungskraft, beſter Darſie, und glaube der Ver⸗ ſicherung eines alten Freundes, daß es der Punkt in Deinein Charakter iſt, der ſeinen gutmuͤthigen und edlen Beſitzer am leichteſten in Gefahr ſtuͤrzen kann. Lebe wohl, laſſe das Franco des edlen Pairs nicht unbenutzt; und hauptſaͤchlich§is memor mei. A. F. . Etatt's Werke. XV. 3 Dritter Brief. Darſie Latimer an Alan Fairford. Shepherd“s Buſch. Ich habe Deine abgeſchmackte und hochſt anmaf⸗ fende Epiſtel erhalten. Es iſt ſehr gut fuͤr Dich, daß wir wie Lovrlace und Belford uͤbereingekommen ſind, uns gegenſeitig jede Art von Freiheit zu verzeihen, die ſich Einer gegen den Andern verausnehmen wuͤrde; denn auf mein Wort, Dein Letztes enthaͤlt einige er⸗ bauliche Betrachtungen, welche mich ſonſt gezwungen hatten, augenblicklich nach Edinburg zuruͤckzukehren, blos um Dir zu zeigen, daß ich das nich bin, wofuͤr Du mich haͤltſt. Du haſt uns beide ſonderbar vorgeſtell!— Mich, indem ich mich in Schwieri⸗ gkeiten verwickele, ohne Muth, mir herauszuhelfen; Deine hochweiſe Perſon, die es kaum wagt, einen Fuß vor den andern zu ſtellen, fuͤrchtend er moͤchte ſeinem Gefaͤhrten entlaufen, und ei⸗ ner Schildwache gleich, aus bloßer Schwaͤche und Kaͤlte des Herzens ſtille ſtehend, waͤhrend alle Welt in voller Eile bei Dir vorbei eilt. Du biſt mir ein lieber Por⸗ traitmaler! Ich ſage Dir, Alan, ich ſah einſt einen beſſern auf der vierten Sproſſe einer Leiter ſitzend, wel⸗ cher einen Hoſenloſen Hochlaͤnder malte, der ein Noͤßel⸗ 35 maaß, ſo dick wie er ſelbſt, in der Hand trug; und einen geſtieſelten Nieberlaͤnder*) mit einer Stutzpe⸗ ruͤcke daneben, welcher ein Glas von gleichem Umfang hielt. Das Ganze ſollte naͤmlich ſymboliſch das Zei⸗ chen der Erloͤſung vorſtellen. Wie konnteſt Du nur auch, ich bitte Dich, Deine eigene hochwerthe Perſon, mit allen Deinen Bewegun⸗ gen, welche denen einer großen hollaͤndiſchen Glieder⸗ puppe gleichen, darſtellen, welche bloß von dem Druck gewiſſer Federn, als z. B. Pflicht, Ueberlegung ꝛc. ab⸗ haͤngt. Moͤchteſt Du mich wohl glauben machen, Du waͤrdeſt ohne deren Impuls nicht um einen Zoll breit weichen? Aber habe ich Dich, Signor Gravitaͤt, nicht ſchon um Mitternacht außer dem Bette geſehen? ſoll ich Dich denn geradezu an gewiſſe ziemlich tolle Streiche er⸗ innern? Du hatteſt immer mit den ernſteſten Senten⸗ zen im Munde und der ſtrengſten Zuruͤckhaltung in Dei⸗ nen Manieren einen gewiſſen Hang zu boshaften Strei⸗ chen, obzwar mit mehr Neigung ſie in's Werk zu ſetzen, als Gewandtheit ſie durchzufuͤhren; innerlich muß ich herzlich lachen, wenn ich denke, daß ich meinen ehrwuͤr⸗ digen Mentor, Praesident in Spe, irgend eines hohen ſchottiſchen Gerichtshofs geſehen habe, wie einen plum⸗ pen Karrengaul im Moraſte, ſchnaufend, ſtoͤhnend und 0) gs iſt wohl unnoͤthig zu bemerken, daß man Schottland in das ſchotriſche Hoch⸗und Mederlank eintbeilt, und daß man küͤr das Letztere auch wohl kurz weg die iederkande ſagt. Bnmerk. des Ueberſ. 5.. achzend, wenn alle Anſtrengungen, ſich herauszuhel⸗ fen, ihm bey jeden unbehuͤlftlichen Verſuch noch tieſer hineinſtuͤrzen, bis irgend jemand— ich ſelbſt zum Beiſpiel— Mikleid mit dem klagenden Ungeheuer bekam, und es mit Haut und Haaren herauszog. Was mich betrifft, ſo iſt, wenn es moͤglich waͤre, mein Bild noch ſcandaloͤſer in das Carikaturartige ge⸗ zogen. Ich habe uur wenig oder keinen Geiſt mich auf⸗ recht zu erhalten. Wo kannſt Du mir das geringſte Merkmal des feigen Gemuths zeigen, mit welchem Du mich, wie ich glaube, blos deswegen begabſt, um die ſichere und gleichfoͤrmige Waͤrde Deiner eigenen thoͤrich⸗ ten Gleichguͤltigkeit in ein helleres Licht zu ſtellen? Sah'ſt Du mich je zittern, ſo gieng es mir wie jenem alten ſpaniſchen General, mein Korper zitterte nur vor der Gefahr, in welche mein Geiſt ihn fuͤhren wollte. Im Ernſt, Alan, die Armuth des Geiſtes, welche Du mir andichteſt, iſt eine niedrige Anklage Deines Freundes. Ich habe mich ſo ſtreng als moͤglich gepruͤft, indem ich mich wirklich ein wenig gekraͤnkt daruͤber fuͤhle, daß Du mich ſo hart beurtheilſt, und, bei meiner Ehre, ich ſinde kei⸗ nen Grund dafur. Ich geſtehe ein, daß Du vielleicht an Feſtigkeit und Gleichguͤltigkeit des Gemuͤths einige Vorzuͤge vor mir beſitzen magſt, aber ich wuͤrde mich ſelbſt verachten, waͤre ich mich des Mangels an Muth bewußt, den Du mir gar zu gerne andichten moͤchteſt. Aber ich denke, der unſreundliche Wink hat ſeinen Grund nur in der allzugroßen Vorſorge meines Freundes fuͤr . . 37 meine Sicherheit, und da ich es ſo betrachte, ſo ver⸗ ſchlucke ich es wie die Arznei eines wohlmeinenden Arztes, wenn ich guch im K Herzen glaube, er mißver⸗ ſtehe mein Uebel.— Abſtrahiren wir aber von dieſer beleidigenden Be⸗ merkung, ſo danke ich Dir, Alan, fuͤr das Uebrige Dei⸗ ner Epiſtel. Ich meine, ich hoͤrte Deinen guten Va⸗ ter das Wort Noble-House, mit einer Miſchung von Verachtung und Nigwergungen ausfprechen, als waͤre der bloße Name des armen kleinen Weilers ihm zuwi⸗ der, oder als! b5 tteſt Du von ganz Schottland gerade den Ort ausgeſucht, wo Du am Wenigſten zu Mittag eſſen ſollteſt. Aber wenn er eine beſondere Abneigung gegen dieſes unſchuldige Doͤrſchen und gegen das unbe⸗ deutende Wirthshaus hat, iſt es nicht ſein Fehler, da er mich ja abhielt, die Einladung des Laird von Glengal⸗ lacher anzunehmen, der mich bat mit ihm, wie er ſich pathetiſch ausdruͤckte,„auf ſeinen Laͤndereien“ einen Rehbock zu jagen? Einen Rehbock zu jagen! Denke Dir, welch' eine glaͤnzende Idee fuͤr jemanden der nie andere Thiere als Heckenſperlinge ſchoß, und das mit einer Sackpiſtole, welche er in einer Troͤdlersbude in der Kuhgaſſe kaufte.— Du, der Du Dich mit Dei⸗ nem Muthe bruͤſteſt, magſt Dich erinnern, das ich die Gefahr, beſagte Piſtole loszufeuern, zuerſt wagte, waͤhrend Du zwamzig Ellen weit davon ſtan⸗ deſt, und daß, als Du ſicher uͤberzeugt warſt, daß ſie nicht zerſpringen wuͤrde, Du alle Rechte, außer dem des Ael⸗ keren und des Starkeren, vergaßeſt und Dich der Pi⸗ fiole, fuͤr den ganzen Reſt des Feiertages, ausſchließ⸗ lich bemaͤchtigteſt. Nun iſt zwar freilich die Beluſti⸗ gung eines ſolchen Tages keine vollkommne Vorſchule der edlen Kunſt der Rehjagd, ſo wie man ſie im Hoch⸗ lande ausuͤbt; dennoch haͤtte ich mir keine Bedenklich⸗ keiten gemacht, des ehrlichen Glengallachers Einladung, ſelbſt auf die Gefahr, zum erſtenmal einen Fehlſchuß zu thun, anzunehmen, ware es nicht wegen des Laͤr⸗ mens, welchen Dein Vater in der ganzen Hitze ſeines Eifers für Koͤnig Georg, die hannoͤvriſche Erbfolge und den presbyterianiſchen Glauben daruͤber gemacht haͤtte. Jetzt wollte ich, ich haͤtte darauf beſtanden, da ich durch meine Unterwerfung ſo wenig in ſeiner guten Mei⸗ nung gewonnen habe. Alle ſeine Vorurtheile, die Hoch⸗ laͤnder betreffend, datiren ſich vom Jahre fuͤnf und vier⸗ zig her, als er und die anderen Froibili en vom Weſt⸗ Port Telirirde⸗ ein jeder um ſich in ſeiner eigenen Woh⸗ nung zu verſchanzen, ſo bald ſie gehoͤrt hatten, daß der Abentheuder mit ſeinen Clans ſich Kirkliſtyn n naͤhere. Die Flucht von Falkairk- parma non bene de Alerla— an welcher, wie ich glaube, Dein Ahnherr, ſeligen Anden⸗ kens, mit dem unerſchrockenen weſtlichen Negimente auch wohl Antheil gehabt haben mag— ſcheint ſeinen Ge⸗ ſchmack nach hochlaͤndiſcher Geſellſchaft nicht eben ſehr erhoͤht zu haben;(unterſuche doch einmal, Alan, ob Dir wohl der Muth, deſſen Du Dich ruͤhmſt, nach ſchottiſchem Erbrecht anheim ſiel?) und die Geſchichten 39 vom Rob Rog Macgregor und vom Sergeanten Alan Mhor Cameron dienten ſeiner Einbildungskraft, ſte mit noch ſchwaͤrzeren Farben auszumalen. So viel ich nun davon verſtehe, ſind dieſe Ideen, wenn man ſie auf den gegenwaͤrtigen Zuſtand des Lan⸗ des anwendet, ein voͤlliges Hirngeſpinnſt. Des Praͤ⸗ tendenten wird in den Hochlanden ſo wenig mehr ge⸗ dacht, als waͤre auch er ſchon eingegangen zu ſeinen hundert und acht Ahnen, deren Bilder die alten Mauern von Holyrood zieren. Die breiten Schwerd⸗ ter ſind in andere Haͤnbe uͤbergangen, die Tartſchen werden dazu gebraucht, die Butterfaͤſſer zuzudecken, das Geſchlecht iſt geſunken und ſinkt taͤglich weiter, von ſtürmiſchen Halbwilden zu zahmen Betruͤgern. Es war wahrlich zum Theil meine Ueberzeugung, daß es im Norden nur wenig mehr zu ſehen giebt, welche, freilich aus andern Gruͤnden als denen Deines Va⸗ ters hervorgehend, doch mit ſeinem Schluſſe uͤberein⸗ ſtimmte, welche meine Reiſe nach dieſer Richtung lenk⸗ te, wo ich wahrſcheinlich eben ſo wenig ſehen werde. Eins aber habe ich geſehen; und es geſchah mit einem unbeſchreiblichen Vergnuͤgen; meine Augen ha⸗ ben naͤmlich, wie die des ſterbenden Propheten, vom Gipfel des Pisga das Land anſchauen duͤrfen, das mein Fuß nicht betreten ſoll.— In einem Worte, ich ſah die Ufer des froͤhlichen Englands; des froͤtlichen Englands! deſſen Erzeugter zu ſeyn ich ſtolz bin, und welches ich mit den Augen eines dankbaren Srhnes be⸗ trachte, wenn ſchon die tobenden Fluthen und der be⸗ wegliche Triebſand uns trennen. Du kaunſt es nicht vergeſſen haben, Alan— denn wann vergaͤſſeſt Du je erwas, das Deinen Freund be⸗ traͤfe?— daß derſelbe Brief meines Freundes Grifſiths, welcher meine Einkunſte verdoppelte und meine Hand⸗ lungen meinem freien Willen anheimſtellte, eine Eiau⸗ fel enthielt, nach welcher mir es, ohne Urſache, verbo⸗ ten ward, falls ich meine kunftige Ruhe und mein kuͤnf⸗ tiges Gluſck wuͤnſchte, England zu bereiſen. Jeder an⸗ dere Theil der beittiſchen Beſihzungen, ſelbſt eine Relſe guf dem Continent, war meiner Wahl uͤberlaſſen.— Erinnerſt Du Dich des Maͤhrchens, Alan, von einer zugedeckten Platte mitten in einem koͤniglichen Gaſtmahl, auf die immerwaͤhrend die Augen der Gaͤſte gerichtet Karen, welche alle Lecereien, mit welchen der Tiſch be⸗ laden wor, vernachlaͤſſigten? Dieſe Verbannungsklau⸗ ſel aus England— aus meinem Vaterlande— aus dem Lande der Tapfern, der Weiſen und der Freien, betruͤbt mich mehr, als mich die Freiheit und Unabhaͤn⸗ giskeit, welche man mir in jeder andern Hinſicht laͤßt, erfreut. Indem ich nun ſo die Außerſte Graͤnze des Lan⸗ des aufſuche, das zu betreten mir unterfagt iſt, gleiche ich dem armen angebundenen Pferde, welches, wenn Du es bemerkt haſt, immer am Nande des Cirkels grast, auf welchen es, durch ſeinen Zaum, beſchraͤnkt iſt. Klage mich nickt uͤber Nomantik an, weil ich die⸗ ſer Neigung zum Suͤden gehorche; oder vermuthe nur 41 nicht, dan, um dem eingebildeten Schmachten nach ei⸗ ner nichtigen Neugierde Genuge zu leiſten, ich mich der Gefahr ausſetzen wmerde⸗ die ſichere Stuͤtz e meiner gegenwaͤrtigen Lage zu verlieren. Wer bis j jetzt meine Schritre leitete, hat mir dnrch redende Beweiſe mehr als durch Verſicherungen, die er ſich erſparte, gezeigt, daß mein wirklicher Vortheil Hauptzweck war. Ich waͤre daher wohl aͤrger als ein Narr, wenn ich gegen ihre Antoriraͤt Einwuͤrfe machen wollte, ſelbſt wenn dieſe nach Launen ausgeuͤbt waͤre. Denn gewiß in meinem Alter— und wenn man mir noch dazu in jeder andern Hinſicht die Wahl meiner Einrichtung und die Sorge fuͤr mich uberlaͤßt— haͤtte ich wohl erwarten koͤnnen, daß man den Grund, warum man mich aus England verbannt, frei und offen meiner eigenen Ueberlegung und Einſicht uͤberli eße. Dennoch will ich nicht dagegen murren. Ich vermuthe, eines Tages werde ich doch ſchon den Zuſ ſammenhang der ganzen Geſchichte erfahren; und dann werde ich viel⸗ leicht einſehen, wie Du zuweilen andeuteſt, daß an der ganzen Sache nicht viel Wichtiges iſt. Ich kann mich nicht enthalten, mich zu verwundern — aber, Gott weiß es, wenn ich ſo fortfahre, ſo wird mein Brief ſo voll Wunder werden, wie 5 Katterfelto's*) Ankuͤndigungen. Ich denke, ich will Dir jetzt ſtatt der verzweifelten ewigen Wiederholungen von Vermuthun⸗ —. *) Waseſcheinlih ein Taſchenſpieler. Anmerk⸗ des Uekerſ⸗ gen und Ahnungen die Geſchichte eines kleinen Aben⸗ theuers erzaͤhlen, das mir geſtern zuſtieß; obzwar ich uͤberzeugt bin, daß Du, wie gewöhnlich, Dein Per⸗ ſpectiv umwenden und meine arme Erzaͤhlung fuͤr eine unbedentende Begebenheit halten und fuͤr einen Um⸗ ſtand, von welchem Du mich wieder anklagen wirſt, falſche Schlusfolgen gezogen zu haben. Zum Henker aber auch, Alan, Du biſt ſo wenig zum Vertrauten eines jungen Abentheurers, der mit einiger Einbil⸗ dungskraft begabt iſt, geeignet, wie der alte einſilbige Sekretaͤr des Facardie von Trebizonde. Dennoch muͤſ⸗ ſen wir beide, jeder ſeinem beſondern Schickſale folgen. Meine Beſtimmung iſt es zu ſehen, zu handeln, zu erzaͤhlen;— die Deinige, wie ein alter Hollander in demſelben Yoſtwagen mit einem Gasconier zu ſitzen, zu hoͤren und die Achſel zu zucken. Von Dumfries, der Hauptſtadt dieſer Grafſchaft, habe ich nur wenig zu bemerken, denn ich will Deine Geduld nicht mißbrauchen, wenn ich Dir ſage, daß es an den Ufern des lieblichen Fluſſes Nith liegt und daß man vom hoͤchſten Standpunkte der Stadt, vom Kirch⸗ hofe aus, eine weite und ſchoͤne Gegend vor ſich liegen ſieht. Auch will ich keinen Gebrauch von dem Privile⸗ gium der Reiſenden machen, Dir die ganze Geſchichte vom Bruce zu wiederholen, welcher an dieſem Orte in der Dominikaner⸗Kirche den rothen Comin erſtach, und deß wegen, weil er den Gottesfrieden brach und ein Meu⸗ chelmoͤrder wurde, den Dank des Koͤnigs und des a Va⸗ 43 terlandes einerndtete. Die jetzigen Bewohner von Dumfries erinnern ſich deſſen und vertheidigen die That, indem ſie bemerken, daß es nur eine papiſtiſche Kirche geweſen waͤre— denn zum Beweis ſind die Mauern der Kirche ſo voͤllig niedergeriſſen, daß man auch nicht eine Spur mehr davon ſieht. Beſagte Her⸗ ren Buͤrger von Dumfries ſind eine derbe Klaſſe acht, blauer Presbyterianer, Maͤnner nach dem Herzen Dei⸗ nes Vaters, und um ſo viel eifriger fuͤr die prote⸗ ſtantiſche Erbfolge, da viele der großen Familien in der uUmgegend im Verdacht anderer Geſinnungen ſte⸗ hen, und, ſelbſt zum Theil thaͤtig, an der Inſurrec⸗ tion im Jahre Fuͤnſzehn, andere ſogar an den neueren Haͤndeln im Jahre Fuͤnf und vierzig Antheil nahmen. In der letzteren Periode litt die Stadt; denn Lord Elcho mit einem bedeutenden Corps Rebellen legte den Buͤrgern der Stadt Dumffries eine ſchwere Contribution auf, weil ſie dem Nachtrabe des Chevalier*) auf ſeinem Zuge nach England bedeutenden Schaden zugefuͤgt hatten. Viele dieſer Umſtaͤnde erfuhr ich vom Provoſt C—, welcher ſich, da er mich auf dem Markt erblickte, erin⸗ nerte, daß ich ein Hausgenoſſe Deines Vaters bin und mich ſehr hoͤflich zum Mittageſſen einlud. Ich bitte Dich, ſage doch Deinem Vater, daß ich uͤberall die Ein⸗ ²) Beiname des Praͤtendenten, Prinz Carl von Stuart, denn die Anhaͤnger des Hauſes Hannsver verweigerten dem ka⸗ eholiſchen ehemaligen Regentenbauſe den Fürentitel, Anmerk, des Ueberf⸗ . 44 wirkungen ſeiner Guͤte gegen mich fuͤhle. Nach vier und zwanzig Stunden aber wurde ich dieſes, ſonſt ganz hubſchen Stadtchens, uͤberdruͤſſig und ſo ſchlenderte ich oſtwaͤrts der Kuͤſte entlang, indem ich mich damit un⸗ terhielt, Antiquitaͤten aufzuſuchen und manchmal meine neue Angelruthe zu benuͤtzen, oder doch zu benuͤtzen ver⸗ ſuchte. Nachdem ich vier volle Stunden gewartet hatte, erfuhr ich es durch einen bioßen Zufall, daß ich das Fiſchen nicht verſtand. Ich werde nie den unverſchaͤm⸗ ten zwoͤlfjaͤhrigen Buben, den Kuhhirten vergeſſen, der die Frechheit hatte, mich ſpoͤttiſch uͤber mein Fiſchernetz, mein Senkblei und die große Anzahl wollener Wuͤrmer, die ich mir geſammelt hatte, auszulachen, er, der we⸗ der Holzſchuhe noch eine Muͤtze harre, mit bloßen Fuͤ ßen und zerriſſenen Hoſen einherſtolzirte. Zuletzt war ich dennoch gezwungen, dem ſyottenden Schlingel die Angelruthe zu uͤberlaſſen, um zu ſehen, was er damit machen wuͤrde; und ſiehe da in einer Stunde hatte er nicht nur meinen Korb bis zur Haͤlfte gefuͤllt, ſon⸗ dern er lehrte mich wirklich mit meinen eigenen Haͤn⸗ den zwei Forellen toͤdten. Das, und weil Sam Heu und Hafer,(das Bier nicht zu vergeſſen) in dem Wirths⸗ haus recht gut fand, foͤßte mir zuerſt den Gedanken ein, einen oder zwei Tage hier zu bleiben; dem la⸗ chenden Spitzbuben von Fiſcherknaben habe ich, weil ich einen andern Hirten fuͤr ihn miethete, die Er⸗ laubniß verſchafft mich begleiten zu duͤrfen. Eine ordentliche reinliche Englaͤnderin iſt Gaſt⸗ 45 geberin dieſes kleinen Wirthshauſes, meine Schlaf⸗ ſtube wird mit Lavendel geraͤuchert, hat ein nettes Schiebfenſterchen und uberdieß ſind die Mauern mit Balladen von der ſchoͤnen Roſamunde und der grauſa⸗ men Barbara Allan bedeckt. Wie unrein auch die Ausſprache der Wir hin ſeyn mag, meinem Ohre künnt ſie hoͤchſt lieblich; denn noch habe ich die traurige Wi kung nicht vergeſſen, die eure breite, langſame, nor⸗ diſche Ausſprache(fur mich der Ton eines fremden Lan⸗ des) auf meine kindlichen Organe hervorbrachte. Ich weiß wohl, daß ich ſeitdem das Schottiſche voͤllig er⸗ lernt habe und wohl noch manchen ſchottiſchen Provin⸗ zialismus dazu. Immer aber noch ſcheint der engli⸗ ſche Accent meinem Ohre, wie eines Freundes Stim⸗ me, und wenn ich ihn, ſelbſt in dem Munde eines wandernden Bettlers hoͤrte, ſo verfehlte er doch nie, mir ein Almoſen zu entlocken. Ihr Schotten, die Ihr auf Enere eigene Nationalitat ſo ſtolz ſeyd, muͤßt ſie auch in Anderen ehren. Den naͤchſten Morgen wollte ich wieder an den Strom gehen, wo ich die vorige Nacht zu angeln ange⸗ fangen hatte, ward aber durch einen gewaltigen Re⸗ genſchauer, der den ganzen Vormittag anhielt, daran verhindert. Waͤhrend dieſer Zeit hoͤrte ich meinen Schur⸗ ken von Fuͤhrer ſeine unzuͤchtigen Spaͤße ſo laut in der Kuͤche, wie einen Bedienten auf dem Paradieſe treiben, ſo wenig ſind Laͤndlichkeit und Zurückgezogen⸗ heit immer mit Beſcheidenheit und Unſchuld gepaart. Als Nachmittags das Wetter ſich aufklaͤrte und wir endlich an das Ufer gelansten, ſand ich, daß mein vollkommener Lehrer mir einen neuen Streich geſpielt hatte. Wahrſcheinlich wollte er lieber ſelbſt fiſchen, als ſich die Muͤhe geben, einen ungelehrigen Neuling, wie ich, zu unterrichten; um alſo meine Geduld zu ermuͤ⸗ den und um mich zu bewegen, ihm die Angel wie ge⸗ ſtern, zu uͤberlaſſen, erdachte ſich mein Freund die Liſt, mich mehr als eine Stunde mit einer Angel oh⸗ ne Spitze im Waſſer herumplaͤtſchern zu laſſen. Zuletzt kam ich dem Poſſen auf die Spur, indem ich bemerk⸗ te, daß der Schurke immer vor Freude laut auflachte, wenn er leine Forelle ſich naͤhern und ruhig bei der Augel vorbeiſchwimmen ſah. Ich gab ihm einen ge⸗ ſunden Hieb, Alan; aber ich bereute es ſchon im ich ihn den uͤbrigen Abend im ruhigen Beſitz der An⸗ gel, wogegen er die Verpflichtung uͤbernahm, mir, um ſeine Beleidigung wieder gut zu machen, ein Gericht Forellen zum Abendeſſen heimzubringen. Da ich mich auf dieſe Weiſe der Laſt entledigt hat⸗ te, mich auf eine Art, die mich nicht mehr anſprach, zu unterhalten, ſo wendete ich meine Schritte zum Meere oder beſſer geſagt, zum Meerbuſen von Sol⸗ way hin, welcher hier die beiden Schweſterkoͤnigreiche trennt und der ungefahr ein Stuͤndchen entfernt war. Mein Weg fuͤhrte mich uͤber ſandige Daͤnen, welche mit niedrigen Heidekraͤutern bewachſen waren. naͤchſten Augenblick und um ihn zu entſchaͤdigen, ließ 47 Meine Finger wurden ermuͤden, Dir den Fort⸗ gang meines Abentheuers zu erzaͤhlen, ich muß es da⸗ her auf morgen aufſchieben, wo Du die Fortſetzung erfahren ſollſt. um Dich indeſſen vor einem ubereil⸗ ten Schluſſe zu bewahren, muß ich Dir bemerken, daß Obiges nur der Anfang des Abentheuers war, das ich Dir erzaͤhlen will. Vierter Brief. Derſelbe an Denſelben. Schaͤfers Muſch. Ich erwoͤhnte in meinem Letzten daß, als ich meine Angelruthe als einen unnuͤtzen Zeitvertreib perlaſſen hatte, ich uͤber die offenen Duͤnen, welche mich von dem Ufer des Solways trennten, einherſchritt. Als ich das Ufer des großen Meerbuſens erreichte, mar die Fluth von einer breiten, ſich weit erſtrecenden Sandebene zu⸗ ruͤckgewichen, durch welche ſich ein jetzt ſchwacher, ſeich⸗ ter Strom einen Weg zum Ocean gebahnt hatte. Die ganze Landſchaft war von den Strahlen der unterge⸗ henden Sonne matt beleuchtet, welche wie ein Krieger, der ſich zur Vertheidigung ruͤſtet, die roͤthiche Stirne uͤbex ungeheure Baſtionen und aufgethuͤrmte Waͤlle von * wagte. Beſonders erregten die Thaten eines Neiters* 48 ſcharlachrothen und ſchwarzen Wolken zeigte, die wie eine unermeßlich roße gothiſche Veſtung ſchienen, in die ſich der Herr des ages zuruͤckzog. Die untergehenden Strahlen ſchimmerten glaͤnzend wieder auf der naſſen Oberflaͤche des Sandes und in den unzaͤhligen Waſſer⸗ gruben, mit denen ſie deckt war, welche die Ebbe in dem ungleichen Bode zuruͤckgelaſſen hatte.. Die Scene war dure eine Anzahl von Reitern, welche ſich mit der Salmjagd beſchaͤftigten, noch mehr belebt. Ja, Alan, erhebe nur Hand und Auge wie Du willſt, ich kann dieſer Art zu fiſchen keinen andern Namen geben; denn ſie erjagten die Fiſche im vollen Galopp und packten ſie mit ihren krumm gebogenen Spießen, wie man auf alten Tapeten Isger Baͤren todt⸗ ſtechen ſieht. Natuͤrlich geht es mit dem Salmen leich⸗ ter, als mit dem Baren; doch ſind ſie ſo ſchnell in ih⸗ rem Elemente, daß, un ſie auf dieß Weiſe zu verfol⸗ gen und zu fangen, ein tuͤchtiger Reiter, ein ſcharfes Auge, eine feſte Hand und Gewa t, Pferd und Waſſe zu regieren, erſorderlich ſind. Das Geſchrei der Burſche, wenn ſſe bei ihrer lebh Beſchaͤftigung hinauf und hinunter jagten— das ſhallende Gelaͤchter, wenn einer von ihnen ſtuͤrzte— das laute Beifallru fen, wenn einer einen Meiſterſtreich mit der Lanze ausfuͤhrte— gaben der Scene ſo viel Leben, daß auch mich die Begeiſterung der Jaͤger ergriff, ſo daß ich mich eine bedeutende Strecke in den Sand hinein — ſo 49 ſo haͤufig das lermende Beifallsrufen ſeiner Gefaͤhr⸗ ten, daß die fernſten Ufer davon wiederhallten. Es war ein ſchlanker Mann, der ein ſchoͤnes ſchwarzes Pferd ritt, welches er, wie ein Vogel in der Luft, wenden und drehen konnte; er trug einen laͤngeren Speer als die Anderen, und eine Pelzkappe mit einer kurzen Feder darauf, welches ihm, im Ganzen, ein ſtattlicheres Anſehn als den uͤbrigen Fiſchern gab. Er ſchien ein gewiſſes Anſehn unter ihnen zu genießen, und leitete oͤfters ihre Bewegungen mit Hand und Stimme; dann ſchien mir ſeine Haltung ehrfurchtein⸗ floͤßend, ſeine Stimme ungewoͤhnlich wohltoͤnend und gebietend.. 8 Schon zogen ſich die Reiter an das Ufer zuruͤck, ſchon verſchwand nach und nach das Anziehende der Scene, und immer noch verweilte ich auf den D hinſchauend mit ſehnſuchtsvollen Blicken nach meines Englands Ufern, welche, vergoldet vom letzten Strahle nmnon anen, der untergehenden Sonne, kaum eine Stunde von mir entfernt ſchienen. Die aͤngſtlichen Gedanken die ich naͤhre, ſtiegen mit erneuerter Kraft auf, in mei⸗ nem Bußen, langſam und mir ſelbſt unbewußt naͤherte ſich mein Fuß, abſichtslos dem Fluſſe, der mich von dem verbotenen Bezirke trennte. Da erreichte ploͤtz⸗ lich der Klang eines Pferdes im geſtreckten Galopp mein Ohr, und als ich mich umwendete eief mir der Reiter(derſelbe Fiſcher, deſſen ich fru aͤhnte) laut und barſch entgegen:„O ho! Bruder, es iſt zu V W. Scott's Werke. XV. 4 56 ſwaͤt, noch heute Nacht Vownehs zu erreichen— die Fluth wird ſogleich eintreten.“ Ich wandte den Kopf und ſah ihn an ohne zu ant⸗ worten, denn ſein ploͤtzliches Erſcheinen(beſſer geſagt, fein unerwartetes Herannahen) im wachſenden Schat⸗ ten und im daͤmmerenden Lichte, hatte für mich etwas Wildes und Schauerliches. „Seyd Ihr taub“ ſchrie er,„oder toll?— oder habt Ihr Luſt nach der kuͤnſtigen Welt 2 „Ich bin ein Fremder, autwortete ich, und wollte nur dem Fiſchfange zuſehen— Ich will eben nach dem Orte zuruͤckgehn woher ich kam. 1 „So eilt Euch denn ſo ſehr Ihr koͤnnt!“ ſagte er. „Wer am Uſer des Solway's traͤumt, kann in der andern Welt erwachen. Der Himmel droht mit ei⸗ nem Sturme, der in einem Augenblick die Wellen drei Fuß hoch treiben wird.“ Indem er es ſagte, wandte er ſein Pferd und ritt davon, waͤhrend ich, beunrnhigt uͤber das was ich ge⸗ hoͤrt hatte, ſchnell dem ſchottiſchen Uſer zueilte; denn die Fluth nimmt auf dieſem verzweifelten Sande ſo reißend zu, das ſelbſt wohlberittene Reiter alle Hoff⸗ nung auf Rettung anfgeben, wenn ſie, ſelbſt ſchon eine Strecke vom Ufer eutfernt, von Weitem die weiße Brandung ſich nahen ſehen. Meine Angſt ſtieg in jedem Augeunblick, und ſtatt vorſichtig zu gehen, ſieng ich an ſo ſchnell als möglich zu laufen; ich kuͤhlte, oder glaubte doch wenigſtens zu 51 fuͤhlen, daß jeder Waſſerpfuhl, durch den ich wadete, immer tiefer und tiefer wurde. Zulgtzt Chien die Oberſlaͤche des Sandes immer haͤufiger mit Gruben und Löcher, welche mit Waſſer gefuͤllt waren, bedeckt zu feyn, ſey es nun, daß die Fluth wirklich ſich der Bucht naͤherte, oder hatte ich mich nie es ehen ſo leicht moͤglich iſt, in der Eile und Verwirrung meines Ruͤckzugs in Schwierigkeiten verwi kelt, welche ich bei ruhigerer Ueberlegung haͤtte vermeiden koͤnnen dem auch ſey, ſtets verzweifelter ward moine immer lockerer ward der Sand, kaum hatte i nen Fußſtapfen verlaſſen, als er ſich guch ſchon mit Waſſer fuͤllte. Da befielen mich wunderliche Gedanken von der Sicherheit des Wohnzimmers Deines Vaters, und von dem feſten Tritt, den das Pflaſter von Brown's Sguare und Scott'’s Cloſe geſtattet, als mein guter Genius, der ſchlanke Fiſcher, wieder nah⸗ an meiner Seite erſchien; er und ſein ſchwarzes Pferd gigantiſch groß im Schatten der Daͤmmerung. „Seyd Ihr toll“, ſagte er mit demſelben tieſen Tone, der fruͤher in meinem Ohre toͤnte,„feyd Ihr koll oder des Lebens uberdruͤfſig? Ihr werdet den Augenblick in den Triebſand gerathen.“ Zch kekannte. daß ich des Weges unkundig waͤre, worauf er blos antwortete:„Es iſt keine Zeit zum Schwatzen— ſteigt hinter mir auf.“ Er erwartete wahrſchrinlich, ich wuͤrde vor Po⸗ den aus hinauf ſpringen koͤngen, eins Gen anat 8 4. Mie Wie welche dieſe Graͤnzbewohner durch ſtete Uebung in al⸗ len Reiterkuͤnſten, erlangt haben; aber da ich un⸗ ſchlaͤßig ſtehen blieb, ſtreckte er ſeine Hand aus und indem er die Meinige faßte, beſahl er mir, meinen Fuß auf die Spitze ſeines Stiefels zu ſetzen, und ſo erhob er mich in einem Nu auf den Ruͤcken ſeines Pferdes. Kaum ſaß ich ſicher, als er ſchon die Zuͤgel ſeines Pferdes ſchuͤttelte, welches augenblicklich vor⸗ waͤrts ſorang, aber wahrſcheinlich durch die ungewoͤhn⸗ te Laſt, ſcheu gemacht, bedrohere es uns mit zwey oder drei Spruͤngen, wobei es eben ſo oft mit den Hinterfuͤßen ausſchlug. Der Reiter ſaß wie ein Thurm, obgleich mich die unerwartete Sprunge des Pferdes auf ihn geworfen hatten. Sporn und Zaum brachten das Pferd bald wieder in den gehorigen Gehorſam, ſo das es im A geſtred en Galoyp davon eilte; ſchnell war der eegelegt, den der NReiter nach Norden hin ſchlug um dem Triebſande auszuweichen. Mein Freund, faſt mochte ich ihn meinen Erret⸗ ter nennen;— denn fuͤr einen Fremden war meine Lage mit wirklicher Gefahr verbe en— fuhr fort in tiefer Stiſle auf gleiche Wei e fortz n, und ich war zu beſorgt, um ihn mit Fragen zu ſtigen. Zuletzt kamen wir an eine Stelle des Uſers, welche mir voͤl⸗ lig unbekaunt war, 15 3 c gbitiez und ihm, ſo gut als ich es vermoeht. ir den wichtigen Dienſt, den er mir ehen geleiſtet hatte, dankte. Der Fremde anwortete mir nur mit einem un⸗ * 298 zur! ie mit der ſelbſtbewußten W 53 geduldigen:„Pah“ und wollte eben weiter reiten, mich meinen eigenen Huͤlfsquellen uüber laſſend, als ich ihn bat, ſeine menſchenfreundliche Handl lung zu vollen⸗ den, und mir den Weg nach dem Schaͤfersbuſch zu zeigen, welches, wie ich ihm ſagte, mein g gegenwaͤrti⸗ ger Aufenthaltsort ſey. „Nach dem Schaͤfersbuſch?“ ſagte er,„ſind es zwar nur drei Stunden, kennt Ihr aber das Land nicht beſſer als den Sand, ſo koͤnnt Ihr den Hals brechen, ehe Ihr hinkommt, das iſt in einer ded Nacht kein Weg für traͤumeriſche Knaben; uͤberdie gibt es Baͤche und Suͤmpfe zu durchwaden!“ Bei der Kunde ſo vieler Schwierigkeiten, mit denen zu kaͤmpfen ich nicht gewoͤhnt mar, erſchreckte ich nicht wenig. Schon wieder dachte ich an Deines Vaters traulichen Camin; und gerne haͤtte ich mei⸗ ne romantiſche Lage ſammt der glaͤnzenden Unabhaͤn⸗ gigkeit, in welcher ich mich in dieſem Angenblick be⸗ fand, gegen die gemuthliche Behaglichkeit des Eckchens beim Camine vertauſcht, waͤre ich auch genoͤthigt ge⸗ eſen, meine Augen auf Erskine's Commentar der Inſtitution en zu heften. Ich frug meinen neuen Freund, ob er mich nicht fuͤr heute Nacht in irgend ein oͤffentliches Gaſthaus geleiten koͤnne; und da 13 vermi thete, daß er wahr⸗ ſcheit dere, ſo fuͤgte ich, 9 lich ſelbſt ein arm 54 Laft henbu h 3 5) hinzn, daß ich im Stande waͤre ſolch' eiſie Muͤhe wohl zu belohnen. Da der Fiſcher keine Antwort gab, ſo wandte ich mich aa ertend gleich⸗ guͤltig von ihm weg und ſchlug den Weg ein, von welchem ich glaubte, daß es der waͤre den er mir ge⸗ zeigt hatte. Seine tiefe Stimme toͤnte mir au genblicklich nach, um mich zueue czurufen.„Halt, junger Mann, halt — Ihr habt ſchon den falſchen Weg einge chlagen.— Ich wundere mich, daß Eure Freunde ſolch einen un⸗ ſi Jüngling ohne Aufſicht eines Kluͤgeren hin⸗ ickten, der auf ihn wachen koͤnnte.“ rſcheinlich waͤre es auch nicht geſchehen, ſagts ich, w. bin ich einen Freund haͤtte der ſich darum kum merte. „ Hoͤrt, Herr,“ ſagte er,„es ir meine Art Aal. Fremden mein Haus zu oͤffnen, aber Eure Lage iſt wirklich gefaͤhrlich; denn außer den Geſahren, mit wel⸗ chen der ſchlechte Weg, Sumpfe und Abgruͤnde und die Nacht, welche ſchwarz und duͤſter hinein ſieht, Euch bedrohen, gibt es zuweilen auch noch boͤſe Geſellſchaft auf dem Wege— wenigſtens ſteht er nicht im beſten Rufe, und Manchen widerfuhr ſchon Uebels darauf; darum muß ich wohl meine Regel Eurer Noth aufop⸗ fern und Euch in meiner Huͤtte Nachtherberge geben.“ — 1¹e) Bekanntlich zählt man in England und Schoteland faſt des mit Banknoten. (Aumest. des Ueberl.) Woher mag es wohl gekommen ſeyn, Alan, daß ich mich eines unwillkuͤhrlichen Schauders nicht erweh⸗ ren konnte, als ich eine Einladung empfieng, welche ſo ſehr an ihrem Platze war und meinem natuͤrlichen Forſchungsgeiſte zuſagen mußte? Doch leicht unter⸗ druͤckte ich dieſes unzeitige Gefuͤhl, druͤckte ihm mei⸗ nen Dank und die Hoffnung aus, daß ich ſeiner Fa⸗ milie nicht zur Laſt fallen wuͤrde; dabei ließ ich wie⸗* der einen Wink fallen, daß ich wuͤnſchte Gelegenheit zu bekommen, die Unruhe, die ich ihm verurſachen moͤchte wieder mit Etwas gut zu machen. Ganz kalt . erwiederte er mir:„Ohne Zweifel wird Eure Gegen⸗ 4 wart, Sir, mich ſtoͤren, aber auf eine Art die Eure Boͤrſe nicht verguͤten kann; mit einem Worte, willige ich auch ein, Euch als meinen Gaſt zu empfangen, ſo bin ich doch kein Wirth der um's Geld beherbergt.“ 1 Ich bat ihn wieder um Verzeihung und ſetzte mich, auf ſein Bitten, wieder hinter ihm auf das Pferd, welches raſch davon eilte, wie zuvor.— Wenn dann der Mond die Wolken, die ihn umhuͤllten, durch⸗ dringen konnte, ſo erſchien der lange Schatten des Thieres mit ſeiner doppelten Buͤrde, ſchauerlich auf dem wilden, kahlen Boden uͤber den wir eilten. Magſt Du immerhin lachen bis daß der Brief Dir aus den Haͤnden fäͤllt, aber es erinnerte mich an den Zauberer Atlantes auf ſeinem Hyppogriph, mit ei⸗ nem Ritter hinter ſich auf, ſo wie Arioſt ihn uns be⸗ ſchrieb. Ich weiß es wohl, Du biſt proſaiſch genug⸗ 56 eine gewiſſe Verachtung gegen das bezaubernde, herr⸗ liche Gedicht zu heucheln; aber glaube nur nicht, daß ich, um Deinem ſchlechten Geſchmacke zu ſchmeicheln, irgend eine paſſende Citation unterlaſſen werde, die mir hie und da daraus einfallen moͤchte. Fort gings, indem der Himmel ſich ſchwarz um⸗ woͤlkte und der Wind eine ſo wilde, ſchauerliche Me⸗ lodie dazu blies, daß ſie trefflich mit den tiefen Toͤ⸗ nen der herannahenden Fluth harmonirte, welche ich in der Ferne hoͤrte, gleich dem Bruͤllen eines furcht⸗ baren Ungeheuers, dem man ſeine Beute raubt. Endlich fuͤhrte uns unſer Weg durch eine tiefe Schlucht oder Hohlweg, welcher bei dem oft verhuͤllten Schein des Mondes abſchuͤfſig, ſteil und von Baum⸗ ſtaͤmmen unterbrochen ſchien, obgleich im Allgemeinen Baͤume ziemlich ſelten an dieſem Ufer zu finden ſind. Der Weg, durch den wir durch die Schlucht kamen, war jaͤh', abſchuͤſſig und holprig, man mußte zwei oder dreymal, neben tiefen Abgruͤnden, umwenden. Aber weder Gefahr noch Finſterniß konnten die raſchen Be⸗ wegungen des Nappen hemmen, der den Engpaß mehr auf ſeinen Huͤften heranter zu gleiten als zu galoppi⸗ ren ſchien, indem er mich wiederholt gegen die Schul⸗ tern des ahtletiſchen Reiters warf, welcher dadurch keinerley Beſchwerlichkeit leidend, das Pferd mit den Sporen antrieb und zugleich mit den n Zuͤgel zuruͤckhielt, bis wir in Sicherheit den Fud des Abhangs erreich⸗ 57 ten, was mich, wie Du, Freund Alan, leicht denken kannſt, herzlich erfreute. Kurz nach dieſer halsbrechenden Reiterei erreich⸗ ten wir zwei oder drei Huͤtten, von welchen die eine, wie ein abermaliger voruͤbergehender Mondſchein mich belehrte, um ein Bedeutendes anſehnlicher ſchien als die in dieſem Theile des Landes gewöohnlichen ſchotti⸗ ſchen Bauernhaͤuſer; denn die Fenſter waren verglast und im Dache waren, ſogenannte Sturmfenſter ange⸗ bracht, welche ein Zeichen der Pracht eines zweiten Stockwerks ſchienen. Die Lage ſchien ſehr anziehend, denn die Wohnung und der Hof lagen auf einem Werder von ungefaͤhr zwei Acker, welchen ein Bach, der ſeinem Rauſchen nach nicht unbedeutend ſchien, an der linken Seite des kleinen Thals bildete; waͤh⸗ rend er ſeinen Lauf nach der fernen Meereskuͤſte rich⸗ tete, welcher von Baͤumen beſchattet und verdunkelt zu werden ſchien. Der ebene Raum daneben erfreuete ſich einiger Mondblicke, ſo wie die ſtuͤrmiſche Nacht ſie gewaͤhren konnte. Es blieb mir wenig Zeit uͤbrig Betrachtungen anzuſtellen, denn auf das laute Pfeifen meines Ge⸗ faͤhrten, welchem ein eben ſo lantes Hallo! folgte, er⸗ ſchien augenblicklich an der Thuͤre des auſeh Gebaͤudes ein Mann und eine Frau, denen zwei⸗ Neufundlaͤndiſche Hunde ſolgten, deren lautes Bellen ich ſchon eine Strecke weit gehoͤrt hatte. Ein oder zwei kreiſchende Windhunde, welche in das Conzert 5⁸ eingeſtimmt hatten, waren augenblicklich ſtille, ſobald ſie meinen Fuͤhrer ſahen, wedelten, winſelten und ſprangen auf ihn. Das Frauenzimmer entfernte ſich als ſie einen Fremden erblickte, der Mann aber, der eine brennende Laterne trug, naͤherte ſich, empfteng ohne weitere Bemerkung das Pferd aus den Haͤnden mei⸗ nes Wirthes, und ich folgte meinem Fuͤhrer in das Haus. Als wir durch die Hausflur gegangen maren, traten wir in ein nett ausſehendes Zimmer mit rein⸗ lichem Boden von Backſteinen, wo in einem gewoͤhn⸗ lichen ſchottiſchen Camine mit einem Vorſprung zu meiner großen Freude, ein helles Feuer flackerte. Rings herum waren ſteinerne Baͤnke angebracht, ge⸗ woͤhnliche Hausgeraͤthe, Fiſchſpeere, Netze und andere zum Fiſchfang noͤthige Werkzeuge hinge n an den Waͤn⸗ den. Das Frauenzimmer, welches zuerſt an der Thuͤ⸗ re erſchienen war, hatte ſich nun in ein Nebenzimmer zuruͤckgezogen. Jetzt folgte ihr mein Fuͤhrer, nachdem er mir zuvor ſtillſchweigend einen Sitz bezeichnet hatte; an ihrer Stelle erſchien eine aͤltliche Frau, in einem grauen ſtoffenen Kleide, mit bunter Schuͤrze und Ka⸗ putze, ſichtlich eine Dienerinn, obzwar ſie zierlicher gekleidet war als es in ihrem wahrſcheinlichen Stande gebraͤuchlich iſt,— ein Vortheil dem ein hoͤchſt ab⸗ ſchreckendes Aeußere die Spitze bot. Der auffallendſte Theil ihres Anzugs aber war, in dieſer erzproteſtan⸗ tiſchen Gegend—ein Roſenkranz, an welchem die klei⸗ neren Knoͤpſe von ſchwarzem Holze, diejenigen aber, * 59 welche das paier noster anzeigten, von Silber waren, mit einem Cruziſix ven demſelben Metall. Dieſe Perſon machte Vorbereitungen zum Abend⸗ eſſen inden ſie aaf einen grozen eichenen Tiſch, ein zwar grobes aber doch reinliches Tiſchtuch ausbreitete, Gedecke und Salz darauf ſtellte, und das Feuer zu⸗ recht legte, um einen Bratroſt darauf hinſtellen zu können. Ich ſah ihren Bewegungen ſtille zu, denn ſie ſchien weder mich bemerken zu wollen, noch reitzten mich ihre, auf eine eigene Weiſe, zuruͤckſtoßende Blicke, ein Geſpraͤch mit ihr anzuknuͤpfen. Als die Duenna alle dieſe Vorkehrungen getroffen hatte, nahm ſie aus der wohlgefuͤllten Taſche meines Begleiters, welche er uͤber die Thuͤre gehangt hatte, einen oder zwei Salme oder Grilſen, wie man hier zu Lande die kleinere Art nennt, waͤhlte die beſten her⸗ aus, zerſchnitt ſie in Stuͤcken und bratete ſie auf dem Roſt; mich aber ergriff der duͤftende Geruch des Ge⸗ richtes ſo maͤchtiglich, daß ich herzlich wuͤnſchte, es moͤchte kein Hinderniß zwiſchen der Platte und den Lippen entſtehn. Als dieſer Wunſch in mir aufſtieg, kam der Mann, der das Pferd in den Stall gefuͤhrt hatte, in das Zimmer und zeigte mir eine noch unempfehlen⸗ dere Miene, als die des alten Weibes war, welche mit ſo vieler Geſchicklichkeit die Verrichtungen eines Koches uͤbernommen hatte. Er mochte ungeſaͤhr ſechs⸗ zig Jahre alt ſeyn; doch war ſeine Stirne noch nicht 60 ſtark gefurcht, und ſein noch ſchwarzes Haar war, durch das Alter, nur ein wenig ergraut, aber durch⸗ aus nicht gebleicht worden. Alle ſeine Bewegungen verkuͤndeten eine noch unverſehrte Staͤrke; ohzwar von mittlerer Statur, hatte er doch breite Schultern, war regelmaͤßig gebaut, ſchlank in den Huͤften, und ver⸗ band, angenſcheinlich, mit dieſem Rieſenkoͤrper Mus⸗ kelkraft und Thaͤtigkeit; letztere durch die Jahre viel⸗ leicht ein wenig geſchwaͤcht, doch die erſtere noch in voller Bluͤthe. Harte, ſchroffe Zuͤge— die Augen tief liegend unter den hervorſtehenden Augenbraunen, die wie ſein Haar zu ergrauen, begannen— ein weiter Mund von einem Ohr bis zum anderen mit zwei Reihen unverdorbener, ſchneeweißer Zaͤhne beſetzt, wel⸗ che ſo groß und breit waren, daß ſie in der Kinnlade eines Menſchenfreſſers gepaßt hatten, ſetzten dem koͤſt⸗ lichen Bilde die Krone auf. Er war wie ein Fiſcher gekleidet, in einer blauen Jacke und weiten Hoſen von dem blauen Zeuge, welches die Seeleute gewoͤhnlich zu tragen pflegen, ein großes hollaͤndiſches Kaͤſemeſſer, dem der Hamburger Schiffer ahnlich, ſtak in einem breiten ledernen Guͤrtel, welcher ausſah, als koͤnnte r, bei Gelegenheit auch Waffen enthalten, welche minder zweideutig auf Gewaltthaͤtigkeit berechnet ſind. Dieſer Mann warf mir einen forſchenden, und, wie mich's deuchte, drohenden Blick zu, als er in das Simmer trat; aber ohne weitere Notiz von mir zu nehmen, bemächtigte er ſich des Amtes den Tiſch zu ordnen, welches die alte Dame verlaſſen hatte um Fiſche zu kochen, und ſtellte, mit mehr Gewandtheit als ich ihm, ſeinem rauhen Anſehen nach, zugetraut hatte, zwei Seſſel an das obere Ende des Tiſches und zwei Stühle an das untere; bereitete vor jedem Sitze ein Cottvert, welches er mit Gerſtenbrod und einem kleinen Kruge verſah, den er aus einem großen ſchwar⸗ zen Schlauch mit Bier fuͤllte. Drey Kruͤge waren von gewohnlichem Thon, zu dem Gedecke rechter Haud am oberen Ende des Tiſches, ſtellte er aber ein fil⸗ bernes Flackon mit Wappenſchildern verſehen. An dem oberen Ende des Tiſches ſtand ein Salzfaß von Silber, ſchoͤn gearbeitet, mit Salz von blendender Weiße, Pfeffer und anderen Gewuͤrzen. Eine zer⸗ ſchnittene Citrone ward ebenfalls auf einer kleinen ſil⸗ bernen Platte vorgeſtellt. Die zwey großen Waſſer⸗ hunde, welche dieſe Vorbeitungen vollkommen zu be⸗ greifen ſchieuen, ſetzten ſich jeder auf einer Seite des Tiſches, und machten ſis bereit, ihre Portion von der Mahlzeit zu erhalten. Nie ſah ich ſchoͤnere T Thiere, die mehr an ein gewiſſes Gefühl des Anſtands gewoͤhnt waren, nur wenn der Duft vom Camin bis zu ihrer Naſe drang, erregte er ihnen ein luſrernes Se iup⸗ pern. Die kleinen Hunde aber nahmen ihren Platz unter dem Tiſche ein. Ich fuͤhle wohl, daß ich mich ber gering defſinen n, gewoͤhnlichen Umſtaͤnden aufhalte, und daß ich r ſcheinich Deine Eeduld dadrch ermade. al 1 dente 62 Dich an meiner Stelle, allein an dieſem abgelegenen Orte der nach dem allgemeinen Stillſchweigen zu ur⸗ theilen, der Tempel des Harpoerates ſelbſt zu ſeyn ſchien— erinnere Dich daran, daß es mein erſter Ausflug von Hauſe war, vergiß dabey nicht, daß die Weiſe wie ich hieher kam, etwes Abentheuenliches hat⸗ te, daß ein geheimnißvoller Schleyer alles das zu um⸗ gehen ſchien, was ich bisher geſehen hatte; und dann wirſt Du, glaube ich, nicht mehr uͤberraſcht ſeyn, daß, an und fuͤr ſich geringfugige Umſtaͤnde, mir ſeiner Zeit auffielen, und meinem Gedaͤchtniſſe auch ſpaͤter⸗ hin eingepraͤgt blieben. 11 Daß ein Fiſcher, der dem Fiſchfang wahrſcheinlich eben ſo wohl ſeines Vergnuͤgens als ſeines Nutzens wegen, nachgeht, beſſer beritten iſt, bequemer wohnt als die niedrere Claſſe der Bauern, nun, das iſt frei⸗ lich nichts Bewundernswerthes; abey Alles was ich ſah, ſchien anzudeuten, daß ich mich eher in der Be⸗ hauſung eines zuruckgekommenen Ebelmannes, der noch an den Formen und Gebraͤuchen ſeines fruͤheren Stan⸗ des hing, befaͤnde, als in dem Hauſe eines gewohn⸗ lichen Vauern, der ſich von ſeinen Standesgenoſſen nur durch verhaͤltnißmaͤßig groͤßeren Wohlſtand aus⸗ zeichnete. Außer dem ſchon erwaͤhnten Silbergeſchirr ſiellte der alte Mann nun eine filberne Lampe, Cruisie wie ihr Schotten ſie nennt, auf den Tiſch und zundete ſie an. Sie war mit gelaͤutertem Oel gefuͤllt, welches, 6³ als man die Lampe anzuͤndete, einen lieblichen Duft verbreitete; ſie gab mir Gelegenheit, die Waͤnde des Zimmers, welche ich bisher nur bey dem ſchwa⸗ chen Lichte des Feuers geſehen hatte, genauer zu be⸗ trachten. Der Kuͤchenſtaͤnder mit ſeiner gewoͤhulichen Anordnung von Ziun⸗ und Irden⸗ Geſchirr, puͤnktlich und ſorgfaͤltig gereinigt, ſtrahlte, auf der einen Seite des Zimmers freundlich wieder im Scheine der Lampe. In einem Erker, den die Niſche des gewoͤlbten Fen⸗ ſters bildete, ſtand ein großer Schreibepult von Nuß⸗ baumholz, ſeltſam eingelegt; uͤber demſelben Geſaͤcher von demſelben Holze, auf welchen einige Buͤcher und Papiere lagen. Auf der Seite welche dem Erker ge⸗ genüber war, waren, ſo viel ich unkerſcheiden konnte, (denn ſie lag im Schatten, und von meinem Platze aus konnte ich es nur unvollkommen betrachten) eine oder zwey Flinten, Schwerdter, Piſtolen und andere Waffen gufgehaͤuft— eine Sammlung, die in einer armen Huͤtte und in einer ſo friedlichen G⸗ egend nicht allein ſonderbar, ſondern ſogar etwas verdaͤchtig ſchien. Du kannſt Dir wohl vorſtellen, daß ich alle dieſe Bemerfungen ſchneller machte, als erzaͤhlte, oder als Du(wenn Du ſſe nicht uͤberſchlagen haff) im Stande warſt, ſie zu leſen. Schon waren ſie beendigt, und ich dachte darauf wie ich eine Rnterhaltung mit den ſtummen Einwohnern des Gebandes anknupfen ſollte, als mein Fuͤhrer, in der Seitenthuͤre, durch welche er abgegangen war, wieder erſchien. 64 4 Er hatte jetzt ſeine grobe Reitermutze, und ſei⸗ nen engen Jockey⸗Rock abgeworfen, und ſtand vor mir da in einer grauen, enganliegenden, ſchwarz be⸗ ſetzten Jacke, welche ſeine breite, nervige Geſtalt zeig⸗ te, und ſeine Beinkleider von lichterer Farbe lagen ſo enge an dem Koͤrper au⸗ ui die Hochlaͤnder ſie zu tragen pflegen. Sein g er Anzug war von feinerem Tuche als der des alten rJia nns⸗ und ſeine Waͤſche, ſo genau merkte ich auf, rein und unbeſchmutzt. Sein Kemd hatte keine Streifen und war am Halſe mit einem ſchwarzen Bande befeſtigt, uͤber das ſich ſein ſtarker muskuloͤfer Nacken, gleich d. eines alten Herkules, erhob. Der Kopf war klein, mit einer ho⸗ hen Stirne und gut geformten 8 hnen. Er trug we⸗ der Peruͤcke noch Haarpuder; und die taſtantenbraunen Locken, welche, wie bey einer alten Statue, von ſei⸗ nem Kopfe herab fielen, trugen nicht die geringſte Spur des Alters, obſchon er uͤber Funfzig ſeyn mußte. Seine Zuͤge waren ſo erhaben und kraͤftig, daß man ſchwankte, ob man ſie rauh oder ſchoͤn nennen ſollte. Doch gab das ſunkelnde dunkle Auge, die Ad⸗ lersnaſe, der wohlgeformte Mund, ſeiner Phyſiogno⸗ mie Adel und Ausdruck. Ein Zug von Niedergeſchla⸗ genheit oder von Strenge, oder von beiden zugleich, ſchieuen ein melancholiſches, hochſtrebendes Gemuͤth zu verrathen. Ich konnte mich nicht enthalten, die Hel⸗ den der Vorwelt vor meinem Geiſte doruͤbergehn zu laſſen, um einen zu finden, mit dem ich die edle Ge⸗ 3 ſtalt —— ſtalt und Halkung vor mir, vergleichen koͤnnte. Er war zu jung, ſchien ſich zu wenig in ſein Schickſal ge⸗ funden zu haben, um dem Beliſarius zu gleichen. Naher moͤchte ihm Coriolanus am Heerde des Tullus Auftdius kommen, aber der duͤſtere, hochmuthige Blick des Fremden, war mehr der des Marius, ſitzend auf den Ruinen des zerſtoͤrten Carthagos. Waͤhrend ich nun, verloren in meinen Traumbil⸗ dern, ſaß, ſtand mein Wirth am Feuer und betrach⸗ tete mich mit derſelben Aufmerkſamkeit, die ich ihm 1— widmete, bis ich, durch ſeine Blicke in Verlegenheit geſetzt, mich entſchloß, auf jede Gefahr hin, das Still⸗ ſchweigen zu orechen. Aber das Abendeſſen, das man nun auftrug, erinnerte mich an ein gewiſſes Gefuͤhl, welches ich bey meinem Staunen uͤber die ſchoͤne Ge⸗ ſtalt meines Fuͤhrers, faſt vergeſſen hatte. Endlich ſprach er, und faſt erſtarrte ich vor dem tiefen, vollen Ton ſeiner Stimme, obgleich er mich nur einlud, mich zu Tiſche zu ſetzen. Er ſelbſt nahm den Ehrenplatz ein, neben welchem das ſilberne Flackon ſtand und wink⸗ te mir mich neben ihn zu ſetzen. Du weißt, daß Deines Vaters genaue und treff⸗ liche Hauszucht mich daran gewoͤhnt hat, einen Segen ſprechen zu horen, ehe wir das taͤgliche Brod brech um das wir bitten— Ich ſchwieg einen Auze f. und ob ich es nicht ſagte ſo v muͤſſen meine B egungen, meine Gedanken 2 haben. Die beiden Diener oder Untergebenen ſaßen . Seotts Werke. XV. 5 66 ſchon, wie ich es haͤtte fruͤher bemerken ſollen, am um teren Ende des Tiſches, als mein Wirth dem alten Manne einen ausdrucksvollen Blick zuwarf, indem er dabei, faſt ſpottiſch laͤchelnd hinzufuͤgte:„Chriſtal Nixon, ſprich doch das Gebet— der Herr ſcheint es zu erwarten.“„Der boͤſe Feind werde Meßgehuͤlfe und ſage Amen, wenn ich Kaplan werde,“ brummte die angeredete Perſon in einem Tone entgegen, der einem 1 erbenden Baͤren wohl geziemt hatte;„iſt der Gent⸗ leman ein Whig, ſo mag er ſich ſelbſt ſeine Maſkerade ſpielen. Mein G laube beſteht nicht in Wort und Schrift, wohl aber in Gerſtenbrod und Braunbier.“ „Mabel Mofeat“, ſagte mein Fuͤhrer, indem er auf das alte Weib ſchaute, und wahrſcheinlich weil ſie harthorig war, ſeine toͤnende Stimme erhob,„kannſt du einen Segen uͤber unſere Speiſen ſprechen?“ Die alte Frau ſchuͤttelte den Kopf, kuͤßte das Kreuz das an ihrem Roſenkranze hing, und ſchwieg. „Mabel will das Gracias fuͤr keinen Ketzer ſagen“ erwiederte der Herr vom Hauſe mit demſelben hoͤhni⸗ ſchen Laͤcheln in Geſicht und Ausdruck. In demſelben Augenblick oͤfffete waͤhnte, Seitenthuͤr, und das junge welches ich zuerſt am Thore der Wohnung erblickte, trat einige Schritte vor, dann aber blieb ſie beſcheiden die, ſchon er⸗ ſtehen, als haͤtte ſie bemerkt, daß ich ſie betrachte, und frus den Herrn des Hauſes„ob er gerufen habe?“ e pprach nur ſo laut, damit die alte Mapel nenzimmer, 1— mich hoͤren konnte,“ erwiederte er,„und doch“ fuͤgte er hinzu, als ſie ſich umwandte um wieder zu gehen,„es iſt eine Schande, daß ein Fremder ein Haus ſehen 3 ſoll, wo nicht einer aus der Familie das Gebet ſprechen koͤnnte oder wollte— ſey du unſer Kaplan!“ Das Maͤdchen, welches wirklich ſchoͤn war, nahete ſich mit ſchuchterner Beſcheidenheit und, wie es ſchien, ohne zu wiſſen daß ſie eine, hier ungewoͤhnliche Hand⸗ lung verrichte, ſprach ſie den Segen mit einem Tone gleich dem einer ſilhernen Glocke, mit ruͤhrender Ein⸗ fachheit aus— ihre Wangen roͤtheten ſich dabei ſo viel, daß ſie anzudenten ſchienen, bey minder feyerlicher Ge⸗ legenheit wuͤrde ſie verlegner geworden ſeyn. Wenn Du nun eine ſchoͤne Beſchreibung dieſes jungen Frauenzimmers erwarteſt, Alan Fairford, um Dich mit mir zu necken, daß ich eine Duleines in der Bewohnerinn einer Fiſcherhuͤtte am Meerbuſen von Solway gefunden haͤtte, ſo ſollſt Du für dieſes Mal getaͤuſcht werden; denn wenn ich ſage, daß ſie ein recht huͤbſches, liebes, gewandtes Geſchoͤpf zu ſeyn ſchien, ſo iſt das alles, was ich ſagen kann. Sie verſchwand, als der Segen geſprochen war. — Mein Wirth, brummte etwas von der Kaͤlte un⸗ ſeres Rittes, und von der rauhen Luft der Solway Kuͤſte in einer Art, als wolle er es nicht beantwortet haben, und belud dann meinen Keller mit Mabels Grillade, welche, nebſt einer großen hoͤlzernen Schuͤſſel voll Kartoffeln, unſer ganzes Mahl ausmachte. Eini⸗ 1 5„ nen hoͤheren Wohlgeſchmack als die gewöhn liche Zu⸗ bereitung mit Eſſig, und ich verſichere Dir, die Gefuͤhle, die mich bis dahin ergriſſen hatten, Neu⸗ gierde ſowohl als Verdacht, nichts hinderte mich, tuͤch⸗ tig zuzugreifen und es mir recht wohl ſchmecken zu laſ⸗ ſen. Auch fiel waͤhrend dieſer Zeit nichts Erhebliches zwiſchen mir und meinem Geſe llſchafter vor, auſſer daß er mir die gewoͤhnlichen Ehrenbezeugungen des Tiſches (die honneurs de la table) zwar mit Höͤflichkeit, doch nicht mit jener herzlichen Gaſtfreundſchaft, erzeigte, welche Leute ſeines(anſcheinenden) Standes bei ſol⸗ chen Gelegenheiten gewohnlich zeigen, ſelbſt wenn ſie ſie nicht wirklich fuͤhlen. Im Gegentheil, ſeine Ma⸗ nieren ſchienen die eines höflichen Wirthes gegen ei⸗ nen unerwarteten, ja ſelbſt unwillkommnen Gaſt au ſeyn, welchen er ſeines Anſehns wegen, hoͤflich, doch weder gut noch bereitwillig empfaͤngt. Fragſt Du, woraus ich es ſchließe, ſo kann ich Dir es wahrlich nicht ſagen; ja wenn ich Dir ſelbſt die unbedeutenden Geſpraͤche, die zwiſchen uns gewech⸗ ſelt wurden, der Laͤnge nach her ſchriebe, ſo wuͤrden ſie auch dieſe Vemerkung nicht rechtfertigen koͤnnen. Genug, wenn er ſeine Hunde fütterte, welches er von Zeit zu Zeit mit großer Freigebigkeit that, ſo ſchien er eine erfreulichere Pflicht zu erfuͤllen als wenn er ſeinem Gaſte, dieſelbe Aufmerkſamkeit widmete. Im Allgemeinen machte er auf meinen Geiſt den ſchon er⸗— waͤhnten Eindruck. ge Tropfen aus der Eitrone gaben dem Salm ei⸗ 69 Als das Abendeſſen geendigt war, ward eine klei⸗ ne Umhaͤngflaſche mit Branntwein in einem ſeltſamen Geſtell von geflochtener Silberarbeit den Gaͤſten dar⸗ gereicht. Ich hatte ſchen ein kleines Glas Liqueur ge⸗ trunken, da konnte ich mich, als Mabel und Chriſtal ſich deſſen bedient hatten und die Flaſche wieder her⸗ auf gereicht wurde, nicht enthalten, das Wappen ge⸗ nauer zu betrachten, welches auf dem ſilbernen Ge⸗ ſtelle eingegraben war. Als aber mein Auge dem mei⸗ nes Wirthes begegnete, bemerkte ich augenblicklich, daß ihm meine Neugierde im hoͤchſten Grade mißfiel; er runzelte die Stirne, biß ſich in die Lippen, und zeigte ſo deutliche Spuren der Ungeduld, daß ich die Flaſche ſogleich hinſtellte und mich zu eutſchuldigen verſuchte. Doch er wuͤrdigte mich keiner Antwort, ja er ſchien nicht einmal darauf zu hoͤren und, auf ein Zeichen von ſeinem Herrn, entfernte Chriſal den Gegenſtand mei⸗ ner Neugierde ſowohl als die Schaale, worauf das Wappen geſtochen war. Nun erfolgte ein druͤckendes Stillſchweigen, wel⸗ ches ich dadurch zu brechen verſuchts, daß ich bemerk⸗ te: nich fuͤrchtete, meine Zudringlichkeit haͤtte ſeiner Familie Unannehmlichkeiten verurſacht.“ „Ich hoffe, Ihr ſeht keine Spur davon, Sir, erwiederte er mit kalter Hoͤflichkeit,„welche Unan⸗ nehmlichkeiten auch eine. ſo zuruͤckgezogene Fa nilie wie die unſerige durch einen unerwarteten Gaſt, erlei⸗ den mag, ſo ſind ſie doch ſehr gering, in Vergleichung mit dem, was der Gaſt ſelbſt durch den Mangel an gewohnter Bequemlichkeit, erduldet. So weit ſich nun unſere Bekanntſchaft ausdehnt, ſteht alſo unſere Rech⸗ nung gleich.“ 3 Dieſer entmuthigenden Antwort ungeachtet, mach⸗ te ich, wie es in ſolchen Faͤllen gewoͤhnlich geht, eine Thorheit, und indem ich hoͤflich ſcheinen wollte, war ich, wahrſcheinlich, in Wirklichkeit gerade das Gegen⸗ theil.„Ich fuͤrchtete,“ ſagte ich einen Blick auf die Seitenthuͤre werſend,„meine Gegenwart haͤtte jemand von der Familie vom Tiſche verdraͤngt.“ „Wenn, erwiederte er kalt, ich das junge Frauen⸗ zimmer meinte, welches ich im Zimmer geſehen haͤtte, ſo koͤnnte ich ja wohl bemerken, daß Platz zum Sitzen und Speiſe zum Eſſen genug füͤr ſie da waͤre. Ich koͤnnte daher uͤberzengt ſeyn, daß ſie mit gegeſſen ha⸗ ben wuͤrde, wenn ſie es gewuͤnſcht haͤtte.“ zt konnte ich aber bei dieſem oder einem andern Gegenſtande nicht laͤnger verweilen; denn mein Wirth bemerkte, indem er die Lampe ergriff, daß weine naß⸗ ſen Kleider mich wohl fuͤr heute Nacht mit ihrer Sitte ausſohnen wurde, fruͤh zu Bette zu gehen; daß er ge⸗ zwungen waͤre morgen mit Tages Anbruch fort zu rei⸗ ten, und daß er mich zu derſelben Zeit abholen wuͤrde, um mir den Weg zu zeigen den ich einſchlagen muͤßte, um nach dem Schaͤfersbuſch zuxuͤck zu kommen. Somit ließ er mir keine Gelegenheit zu ferneren Erlaͤuterungen, oder zu den gewohnlichen Hoͤſlichkeits⸗ „. — 74— Bezeugungen; denn da er weder nach meinem Namen frug, noch den geringſten Antheil an meinen Stand verrieth, ſo durfte auch ich es nicht wagen, ihn mi ſolchen Fragen zu belaͤſtigen. Er ergriff die Lampe und fuͤhrte mich durch die Seitenthuͤr in ein ſehr enges Zimmer, wo in der Eile ein Bett fuͤr mich aufgeſchlagen worden war, und in⸗ dem er die Lampe hinſtellte, wies er mich an, meine naſſen Kleider vor die Thuͤre zu haͤngen, damit ſie, waͤhrend der Nacht, at Feuer trocknen konnten. Dann verließ er mich, 1 etwus vor ſich hin brummte, das wahrſcheinlich ſov el als:„gute Nacht“ heißen ſollte. Ich gehorchte ſeiner Anwei iſung, meine Kleider betreſſend, um ſo wiel mehr, da trotz der geiſtigen Ge⸗ traͤnke, welche ich zu mir genommen hatte, meine Zaͤh⸗ ne ſchnatterten und ich durch aͤngſtliche Gefuͤhle ver⸗ ſchiedene Winke erhielt, daß ein, in der Stadt erzo⸗ gener Juͤngling wie ich, nicht ungeſtraft plötzlich die Muͤhſeligkeiten laͤndlicher Unterhaltungen theilen koͤnnte. Aber mein Bett wenn ſchon grob und hart, war doch trocken und reinlich, und bald dachte ich ſo wenig an Hitze und Froſt, daß ich mit Aufmerkſamkeit auf ei⸗ nen ſchweren Tritt horchte, der meinem Wirthe an⸗ zugehoͤren ſchien, welcher in dem Zimmer uͤber mir auf und ab ging. Sobald ich meine Lampe ausge⸗ loͤſcht hatte, ſchimmerte Licht durch die rohen Balken, und da das Geraͤuſch des langſamen, feyerlichen und regelmaͤßigen Schrittes nicht aufhoͤrte, und ich wohl 72 unterſcheiden konnte, daß die Perſon ſich immer wfe⸗ der ummandte, ſobald ſie das Ende des Zimm ne reicht hatte, ſo ſchien es mir klar, daß keine haͤus tigung verrichtete, fan dern ledig⸗ lich t inem Vergnuͤgen auf und b. de zierre. Eine narreſche Un tterhaltung iſt das, dachte ich, fuͤr jenraitden, de der wenigſtens einen Theil des verfloß⸗ ſenen Tages in heſtiger Lei besbewegung zugebracht hat, und der davon redet, den naͤchſten Margen beim Au⸗ bruch der Daͤmmerung aufzuſtehen. Unterdeſſen begann der S der Ehon den gan⸗ zen Abend dumpf brauste, ſetzlicher Wuth los⸗ zubrechen; ein Getoͤſe, ahnlich dem in der Ferne rol⸗ lenden Donner(wahrſcheinlich das Brauſen der Wel⸗ jen, die ſich an dem Ufer brachen) vermiſcht mit dem Nauſchen des nahen Stromes, dem Aechzen, Knarren und Krachen der Baͤume der Schlucht, in beren Aeſte der Wirbelwind ſauste. Im Hauſe ſelbſt klap perten die Fenſter, die Thuͤren ſielen zu, ja ſelbſt die Mau⸗ ern, obzwar fuͤr ein ſolches Gebaͤude foſt genug, ſchie⸗ nen vom Sturm zu zittern. Immer aber noch hoͤrte ich in dem Zimmer uͤber mir die ſchweren Schritte; trotz dem Toben und Wuͤ⸗ then der Elemente, gleichförmig auf und nieder gehn. Mehrmals glaubte ich ſelbſt einen Seufzer zu verneh⸗ men, doch geſtehe ich offen, daß in einer ſo unheimli⸗ chen Lage, meine Phantaſte mich irre gefuhrt haben kann. Oft kam ich in Verſuchung, laut zu rufen, um zu — fragen, ob der Sturm um uns das Gebaͤude nicht ge⸗ faͤhrte; aber wenn ich dann an den iinſteren, ungeſel⸗ ligen Herrn des Hauſes dachte, der menſchliche Geſell⸗ ſchaft fliehend, ſelbſt im Kampf der Elemente in un⸗ geſtoͤrter Ruhe blieb, ſo kam es mir vor, daß, wenn 1 ich jetzt mit ihm ſpraͤche, ich den Geiſt des Sturmes ſelbſt bannete, da es mir ſchien, kein ande 2 könne ſo ruhig und gelaſſen bleiben, waͤhrend um es Wind und Waſfer ſo entſetzlich tobten. Doch mit der Zeit ſiegte die Ermudung uͤber Angſt und Neugierde. Entweder der Sturm ließ nach, oder meine Sinne ſtumpften ſich gegen ſeine Schrecken ab, genug, ich ſchlief ein, ehe noch der geheimnißvolle Schritt meines Wirthes aufgehoͤrt hatte, die Decke meines Zimmers zu erſchuͤttern. Man ſollte glauben, das Neue meiner Lage haͤtie meinen Schlaf, wenn auch nicht verhindern, doch ſei⸗ ne Ruhe ſtoͤren, ſeine Dauer verkuͤrzen ſollen. Doch war es gerade das Gegentheil, denn nie ſchlief ich ſe⸗ ſter, und erwachte nun erſt dann, als beim Anbruch der Daͤmmerung, mein Wirth mich am Arme ſchuͤt⸗ telte und einen Traum ſeoͤrte, den ich zu Deinem Gluͤcke vergeſſen habe, denn ſonſt waͤrſt Du gewiß da⸗ mit begluͤckt werden, in der Hoffnung, daß Du dich dabei als ein zweiter Daniel zeigen wuͤrdeſt. „Ihr ſchlaft geſund,“ ſagte er mit tiefer Stim⸗ me;„doch ehe noch fuͤnf Jahre uͤber Euer Haupt da⸗ hin ſchwinden, wird Euer Schlummer leichter ſeyn— 74 wenn Ihr dann nicht ſchon in dem Schlafe befangen liegt, aus dem man nie erwacht!“ „Wie,“ ſagte ich, indem ich mich ſchnell im Bette aufrichtete,„wißt Ihr etwas von mir, von meinen Verhaͤltniſſen, meinen Ausſichten? „Nicht das Geringſte,“ antwortete er mit bitte⸗ rem Laͤcheln,„aber Ihr tretet in die Welt jung, un⸗ erfahren und hoffnungsvpoll, darum prophezeihe ich Euch, wie ich es jedem anderen in Eurer Lage gethau haͤtte.— Aber, kommt, dort liegen Eure Kleider— ein Stuͤck ſchwarz Brod und eine Schale Milch er⸗ marten Euch, wenn Ihr fruͤhſtuͤcken wollt, doch muͤßt Ihr Euch eilen. 4 „Ich muß mir erſt,“ erwiederte ich,„die Freiheit ausbitten, einige Minuten allein zubringen zu duͤrfen, ehe ich die gewoͤhnlichen Tagsgeſchaͤfte beginne.“ „Ia ſo, ich bitte Eure Andacht um Verzeihung,“ antwortete er und verließ das Zimmer. Alan, es iſt etwas Schreckliches um dieſen Mann! Meinem Verſprechen gemaͤß, folgte ich ihm in die Kuͤche, wo wir geſtern zu Nacht aßen, und fand dort, was er mir zum Fruͤhſtuͤck angeboten hatte, nichts mehr und nichts weniger. Waͤhrend ich Brod und Milch verzehrte, ging er wieder auf und ab; und der langſame, abgemeſſene, ſchwere Tritt ſchien derſelhe, welchen ich die vergan⸗ gene Nacht gehoͤrt hatte. Sein Schritt, bedaͤchtig als folge er einem Leichenzuge, ſchien der Ausdruck einer ——— 75 inneren, dunklen, Herhoroene, tiefgewurzelten Leiden⸗ ſchaft zu ſeyn.— Da dachte ich innerlich, wir laufen und ſpringen neben einem lebhaften, murmelnden Ba⸗ che, als wollten wir mit ihm um die Wette laufen; aber neben tiefen Gewaͤſſern, die ſchauerlich, einſam daher fließen, iſt unſer Schritt abgemeſſen und ruhig wie ihr Lauf. Welche Gedanken moͤgen jetzt wohl auf⸗ ſteigen in jener tief gefurchten Stirne, was mag der ſöhiwere Tritt verkuͤnden? 5 Wenn Ihr geendigt habt,“ ſagte er, indem er mich mtt einem ungeduldigen Blick anſah, als er bemerk⸗ te, daß ich nicht mehr aß, ſondern ihn nur mit den Au⸗ gen firirte,„ſo bin ich bereit, Euch den Weg zu zeigen.“ Wir gingen alſo zuſammen fort, waͤhrend kein Glied der Familie, außer mein Wirth, zu ſehen war. Mich verdroß es, daß ich keine Gelegenheit gefunden hatte, den Dienern, oder denen die es ſchienen, etwas geben zu koͤnnen. Aber dem Herrn des Hauſes eine Erkenntlichkeit anzubieten, dazu fehlte mir der Muth. Was haͤtte ich nicht darum gegeben, einen Theil Deines geſetzten Weſens zu beſitzen, der einem Man⸗ ne, der deſſen beduͤrftig ſchien, im Bewußtſeyn eine gerechte Handlung au 3inüben, ohne Weiteres einen halben Kronenthaler in die Hand gedruͤckt, und Dich keinen Pfennig darum bekuͤmmert haͤtteſt, ob Du nicht damit das Gefuͤhl deſſen, dem Du dienen moͤch⸗ teſt, beleidigſt. Ich ſah Dich einſt, einem Manne mit einem langen Barte, der ſeinem wurdigen Ausſehen nach, einen Solon haͤtte vorſtellen koͤnnen, ganz kalt⸗ bluͤtig einen penny geben. Ich hatte Deinen Muth nicht, Alan, bot alſo auch meinem geheimnißvollen Wirthe nichts an, obgleich troh des Prunkens mit ſil⸗ bernen Gefaͤßen, alles im Hauſe Duͤrftigkeit, ja faſt wirkliche Armuth verriett. 2 Wir verließen alſo den Ort zuſammen. Doch ich hoͤre Dich ſchon Deinen Lieblingsausruf brummen, O, jam gatis! das Uebrige auf eine andere Zeit. Ich werde, denke ich, meine Mittheilungen verſchieben, bis ich ſehe, ob Du auch meine Guͤte anerkennſt, —————— X 8 Fuͤnfter Brief. 3. Alan Fairford an Darſie Latimer, Ich habe, mein theurer Darae, Deine zwei letzten 4 Epiſtel erhalten, und das dritte erwartend, war ich 3 nicht ſehr eilig ſie zu beantworten. Glaube nicht, daß mein Stillſchweigen meinem Mangel an Intereſſe dar⸗ an, zuzuſchreiben waͤre, denn wahrlich ſie uͤbertreffen 4 (und das war doch gewiß ſchwer) Deine gewoͤhnlichen Vortrefflichkeiten. Seit dem erſten Mondkalb, das in einem erloͤſchenden Waldfeuer Miltons Pandemonium entdeckte, ſeit dem erſten erfinderiſchen Knaben der— Seiſenblaſen aus Waſſer und Seife blies, haſt Du, — mein beſter Freund, den hoͤchſten Grad der Kunſt er⸗ langt, aus einem Nichts— Geſchichten zu ſchmieden. Haͤtteſt Du im Ammenmarchen die Bohne zu pflanzen gehabt, Du wuͤrdeſt es ſchon beim erſten Keimen erra⸗ then haben, daß auf dem Gipfel das Rieſenſchlos ſeine Waͤlle erheben wuͤrde. Alles was Dir begegnet, erhaͤlt von Deiner lebhaften Vorſtellungsgabe einen Anſtrich des Wundervollen und Erhabenen. Haſt Du wohl ſchon ein Claude Lorrain⸗Glas geſehen, wie die Kuͤnſt⸗ ler es nennen, das der ganzen Land chaft, welche man Kaburch ſieht, einen ganz eigenen Anſtrich verleiht? Dir erſcheinen nun die gewoͤhnlichſten Begebenheiten durch eben ſolch' ein Zauberglas. 4 Ich habe die Facta, welche Dein langer Brief ent⸗ . haͤlt, ſorgfaͤltig gepruͤft, und ſiehe da, ich finde ſie ſehr aͤhnlich mit denen, die einem kleinen Taugenichts von der hohen Schule begegnen koͤnnten, der am Strande der Leith ſpatzieren ging, Hoſen und Schuhe durch⸗ 4 naͤßte und zuletzt, aus Mitleid von einem Fiſcherweibe 3 heimgetragen ward, welche waͤhrend der Zeit, dem Tau⸗ genichts flucht der ihr die Muͤhe verurſacht. Ich bewundere die Figur, die Du gemacht haben . mußt, als Du, um Dein theures Leben zu friſten, Dich an den Nuͤcken des alten Geſellen anklammerteſt — Deine Kinnbacken ſchnatternd vor Furcht, Deine Muskeln krampfhaft bewegt vor Angſt. Noch eher mͤchte das abſcheuliche Abendeſſen von geröſtetem Salm, Sas mir guf ein Jahr lang den Alp zuziehen koͤnnte) ein wirkliches Unheil genannt werden; aber was den Sturm von Donnerſtag(denn da war es, glaub' ich) betraf, ſo tobte, heulte, laͤrmte und ſtoͤhnte er eben ſo arg in den alten Schornſteinſpitzen von Cadlemaker- Tow, als er es nur an den Ufern des Solway's konn⸗ te, denn eben dieſer Wind— teste me per lotam noctem vigilante!— Ja ſelbſt noch den folgenden Mor⸗ gen, als— Gott ſtehe Dir in deiner ſentimentalen Delikateſſe bei— Du dem armen Manne Lebewohl ſagteſt, ohne ihm einen halben Krouenthaler fuͤr Abend⸗ eſſen und Logis anzubieten. 3 Du lachſt mich aus, daß ich einem alten Manne einen penny gab(obgleich Du genau genommen ſechs Penze ſagen muͤßteſt) den Du, im hohen Schwunge deiner Begeiſterung nuͤchtern heimgeſchickt haͤtteſt, weil er dem Solon oder dem Beliſarius gleich. Aber Du vergaßeſt, daß die ſogenaunte Beleidigung von dem al⸗ ten Bettler als eine Wohlthat aufgenommen wurbe, der ſich in Segenswuͤnſchen uͤber den großmuͤthigen Geber ergoß, waͤhrend er weit entfernt geweſen waͤre, Dir, Darſie, fuͤr Deine trockene Ehrfurcht vor ſeinem Barte und Auſtand zu danken. Ferner lachſt Du uͤber meines guten Vaters Flucht von Falkirk, gerade als waͤre es unziemend fuͤr einen Mann, ſich aus dem Staube zu machen, wenn drey oder vier Bergſchlingel⸗ mit gezogenem Flamberg und Ferſen ſo gewandt wie ihre Finger, ihm nachſpringen, und„ſurinisch“ rufen. Du erinnerſt Dich wohl noch, was er ſagte, als der 79 Laird von Bucklivat ihm erklaͤrte, daß furinisch ſo eiel heißt, als:„bleib doch einmal ſtehn.“ „Was Teufel auch;“ ſehrie er, ſeine presbyteria⸗ niſche Strenge ob der unvernuͤnftigen Forderung bei ſolchen Umſtaͤnden vergeffend,„haben die Spitzbuben denn gedacht, ich follte ſtehen bleiben, um mir den Kopf abſchneiden zu laſſen?“ Denke Dir ſolch' ein Gefolge hinter Dir, Darſie, und ſrage Dich dann ſelbſt, ob Du alsdann Deine Schenkel nicht eben ſo in Anſpruch genommen haͤtteſt, als Du es thateſt zur Zeit, wo Du vor der Fluth vom Uſer des Solways fluͤchteteſt. Und dennoch ſprichſt Du meinem Vater allen Muth ab. Ich aber ſage Dir — er hat Muth genug, das Rechte zu thun und das Unrechte zu verfolgen— Muth genug, mit Hand und Borſe eine gerechte Sache zu vertheidigen, und die Sache des Armen gegen ſeinen Draͤnger zu fuͤhren, ohne die Folgen fur ſich ſelbſt zu fuͤrchten. Das iſt Buͤrgermuth, Darſie, und wahrlich in unſerem Zeit⸗ alter, und in unſerem Vnterlande, iſt es fuͤr die mei⸗ ſten Menſchen hoͤchſt unwichtig, ob ſie militaͤriſchen Muth beſitzen oder nicht. Glaube aber nicht, daß ich boͤſe auf Dich waͤre, obſchon ich es verſuche, Deine Meinung uͤber meinen Vater zu verbeſſern. Ich weiß es nur zu gut, daß im Ganzen, ich ihn kaum mit mehr Ehrfurcht betrach als Du. Und, da ich doch einmal ernſt geſtimmt bin, Gwras wahrlich ſchwer iſt, wenn man zuit jemanden 2 80 ſpricht, der ſtets reitzt, uͤber ihn zu lachen) ſo bitte ich Dich, beſter Darſie, laß dich doch von Deinem Eifer nach Abentheuern nicht mehr in ſo gefaͤhrliche Lagen brin⸗ gen, wie die an den Duͤnen des Solway. Der uͤbri⸗ ge Theil der Erzaͤhlung iſt bloſe Einbildung; wohl aber haͤtte die ſtuͤrmiſche Nacht werden können, wie der Narr zum Lear ſagt:„eine boͤſe Nacht darin zu ſchwimmen.“ Doch wenn Du uͤbrigens aus alten, querkoͤpfigen Fiſchern, geheimnißvolle, romantiſche Helden machen kannſt, warum ſollte nicht auch ich mich mit den Me⸗ tamorphoſen unterhalten duͤrfen? Doch halt, ſelbſt da, da noch muß man bedaͤchtig zu Werke gehn. Eben der weibliche Caplan— Du ſprichſt ſo wenig von ihm, ſo viel von allen anderen, daß einiger Zweifel darob in meinem Gemuͤthe entſteht. „Sehr ſchoͤn iſt ſie, wie es ſcheint”— und das iſt alles, wovon mich Deine Verſchwiegenheit in Kennt⸗ niß ſetzt; nun gibt es aber Faͤlle, wo das Stillſchwei⸗ gen andere Dinge als eine Einwilligung bedeutet. Schaͤmteſt Du dich, oder warſt Du erſchreckt, Darſie, daß Du es nicht wagteſt, das Lob der ſchoͤnen Gracias⸗ Sprecherinn zu verkuͤnden?— So wahr ich lebe, Du erroͤtheſt! Ach, kenne ich Dich denn nicht fuͤr einen eingefleiſchten Kavalier aller Damen? genoß ich nicht ſchon Dein Zutrauen? Ein zierlicher Ellenbogen den Du ſahſt, wenn ſelbſt die ganze ubrige Geſtalt in ei⸗ nem Mantel gehuͤllt war, oder ein wohlgeſormter Kut⸗ chel, den Du zufaͤllig erblickteſt, wenn die Inhaberinn u. 9 81 nach Old Ahsembly Close ging, konnten Dir auf acht Tagen den Kopf verdrehen. Schon war, wenn ich mich recht erinnere, einſt Dein Herz von einem Blicke ei⸗ nes unvergleichlichen, einzigen Auges gefangen, und als die Schoͤne den Schleier zuruͤckſchlug, ſiehe— da war es wirklich ein zig im buchſtaͤblichen Sinne des Worts. Warſt Du nicht zu einer anderen Zeit in ei⸗ ne Stimme verliebt— in eine bloſe Stimme, welche ſich in der alten, grauen Bruͤderskirche in die Pſal⸗ men gemiſcht hatte— bis daß Du entdeckteſt daß die Beſitzerinn des ſuͤßen Organs Miss Dolly Mas Lzzard war, die vorn und hinten einen Buckel hatte. Wenn ich dieſe Facta wohl erwaͤge, und dagegen Dein feines Schweigen uͤber Deine Nereide vergleiche, ſo muß ich Dich bitten, in Deinem Naͤchſten ausfuͤhr⸗ licher daruͤber zu ſeyn, wenn ich nicht den Schluß zie⸗ hen ſoll, daß Du mehr davon denkſt als Du zu ſagen fuͤr gut findeſt. Du wirſt keine große Neuigkeiten von hier erwar⸗ ten, da Du die Einfoͤrmigkeit meines Lebens kennſt und wohl weißt, daß es gegenwaͤrtig nur einem un⸗ unterbrochenen Studium gewidmet iſt. Du haſt es mir ja tauſend Mal geſagt, ich wurde meinen Weg nur durch Nachgruͤblen machen, alſo— nachgegruͤbelt muß werden! Mein Vater ſcheint jetzt Deine Abweſenheit ſchmerz⸗ licher zu fuͤhlen als das erſte Mal. Er bemerkt, wie es mir ſcheint, daß unſeren einſamen Mahlzeiten das Liht W. Scott's Werke. XV. 6 — 82 fehlt, mit welchem Deine heitere Laune ſie erhellte, er empfindet Schwermuth, ſo wie ſie manche Menſchen fuͤhlen, wenn die Sonne die Landſchaft nicht mehr be⸗ leuchtet. Nach ſeinen Gefuͤhlen kannſt Du erſt auf die meinigen ſchließen, und denken wie herzlich ich Dei⸗ nen Streifzug beendigt, und Dich wieder als unſern Hausgenoſſen zu erblicken wuͤnſchte. Nach einem Zwiſchenraume von einigen Stunden, ergreife ich von Neuem die Feder, um Dich von ei⸗ ner Begebenheit in Kenntniß zu ſetzen, auf welche Du hundert Luftſchloͤſſer bauen wirſt, und auf die, ſo wenig Geſchmack ich an grundloſen Erdichtungen finde, ich ſelbſt ſonderbare Vermuthungen gruͤnden muß. Mein Vater hat mich ſeit Kurzem haͤufig mitge⸗ nommen, wenn er in die Gerichtsſitzung ging, um mich in den praktiſchen Geſchaͤftsgang einzuweihen. Ich fuͤhle wohl, daß ſeine allzugroße Aengſtlichkeit uns beide laͤcherlich macht. Aber was hilft Widerſtreben? Mein Vater ſchleppte mich zu ſeinem rechtsgelehrten Anwalt,—„Sind Sie bereit heute zu plaidir n, Mr. Croſſbide,— Das iſt men Sohn, er iſt fuͤr die Schranken beſtimmt— Ich bin ſo frey, ihn heute mit in die Rathsverſammlung zu nehmen, blos damit er ehe, wie man dieſe Dinge behandelt.“ Mr. Croſſbide laͤchelt, verbeugt ſich, wie ein Juriſt dem Clienten zulachelt, der ihn gebraucht, beißt ſich 33 auf die Zunge, und fluͤſtert der erſten beſten großen Peruͤcke, die bey ihm vorbeigeht ins Ohr:„Was der Teufel will der alte Fairford, daß er ſeine Brut auf mich loslaͤßt?“ 1 Ich aber ſtand daneben, zu argerlich uber die kin⸗ diſche Nolle, die ich ſpielen ſollte, als daß ich aus den trefflichen Argumenten des Mr. Eroſſbide großen Nut⸗ zen haͤtte ziehen koͤnnen, vielmehr beobachtete ich einen aͤltlichen Mann, der meinen Vater immer feſt im Auge behielt, als warte er nur das Ende des Geſchaͤfts ab, in welchem er verwickelt war, um ihn auzureden. Mir ſchien es, als liege in dem Aeußeren des Man⸗ nes etwas, das Aufmerkſamkeit erregte. Doch war ſeine Kleidung nicht nach dem gegenwaͤrtigen Geſchmack, und obgleich einſt prachtvoll, ſchien ſie nun veraltet und unpaſſend. Sein Rock war von geſtreiſftem Saumt, mit Seide gefuͤttert, die Weſte von violetfarbigem Seidenzeuge, reich geſtickt, die Beinkleider von demſel⸗ ben Stoffe wie der Rock. Er trug faſt viereckige Schu⸗ he mit hohen Abſaͤtzen und ſeine ſeidene Struͤmpfe wa⸗ ren an den Knieen zuſammengerollt, wie man es auf alten Gemaͤlden oder hie und da an Originalien ſieht, die einen Stolz darin ſuchen, ſich nach der Mode zu den Zeiten Methuſalah's zu kleiden. Ein Chapeaubras und ein Degen mußten natuͤrlich den Anzug vollſtaͤndig ma⸗ chen, welcher, wenn ſchon außer Mode, dennoch einen Mann von Stande bezeichnete. Kaum hatte Mr. Croſſbide ſeine Rede geendigt, 6 ◻ 84 als der Herr auf meinen Vater zukam:„Ihr Die⸗ ner, Herr Fairford— es iſt lange her, ſeitdem wir uns nicht ſahen!“ 3 Mein Vater, deſſen puͤnktliche und foͤrmliche Hoͤf⸗ lichkeit Du kennſt, verbeugte ſich, huſtete, gerieth in Verlegenheit, geſtand zuletzt, daß, da der Zeitraum ſeit welchem er ihn nicht geſehen habe, ſo groß ſey— ob⸗ gleich er ſich des Geſichtes vollkommen erinnere— daß es ihm leid thaͤte— daß er wirklich— ſeinen Namen vergeſſen habe. „Habt Ihr den Herries von Birrenswork vergeſ⸗ ſen?“ ſagte der Herr; mein Vater verbeugte ſich noch tiefer als zu uvor, wenn es mir gleich ſchien, als habe der Empfang des alten Freundes etwas von der ehr⸗ furchtsvollen Hoͤflichkeit verloren, die dem unbekann⸗ ten vergoͤnnt worden war. Nun ſchien es mehr Lip⸗ pen⸗Hoͤflichkeit zu ſeyn, welche, haͤtte die Ceremonie es erlaubt, das Herz nicht erzeigt haben wuͤrde. Indeſen verbeugte ſich mein Vater ſehr tief, und hoffte, er wuͤrde ſich doch wohl befinden. „So wohl, mein Freund,“ ſaste Mr. Herries von Birrenswork,„daß ich in der Abſicht hieher kam, mei⸗ ne Bekanntſchaft mit einem oder zwei alten Freunden und vorzuͤglich mit Ihnen, zu erneuen.— Ich logiere in meinem alten Abſteigequartier. Sie muͤſſen heute mit mir bey Taterſon im Pferdekopf eſſen— es iſt nahe dey Ihrer neumodrſchen Wohnung; ich habe Ge⸗ ſchaͤfte mit Ihnen zu verhandeln.“ 85 Mein Vater entſchuldigte ſich ehrfurchtsvoll, doch nicht ohne Verlegenheit—„er waͤre zu Hauſe uͤber⸗ ſchaͤſtigt.. „Dann eſſe ich mit Ihnen, mein guter Mr. Fair⸗ ford; ein paar Minuten, welche Sie mir nach Tiſch ſchenken, werden fuͤr mein Geſchaͤft hinlaͤnglich genng ſeyn, denn ich will Sie nicht von den Ihrigen abhal⸗ ten.— Auch bin ich kein Flaſchenfreund.“ Du haſt oft bemerkt, daß mein Vater, der die Regeln der Gaſtfreundſchaft gemiſſenhaft beobachtet, ſie doch mehr der Pflicht als des Vergnugens wegen, ausuͤbt, und wahrlich, hieße ihm nicht ſein Gewiſſen den Hungrigen zu ſpeiſen und den Fremden zu em⸗ pfangen, ſo wuͤrde ſich ſeine Thuͤre den Fremden noch ſeltener oͤffnen, als es der Fall iſt. Nie ſah ich ein ſtaͤrkeres Beiſpiel dieſer Eigenheit,(die ich ſonſt Dei⸗ ner Beſchreibung nach fuͤr eine Carricatur gehalten haͤtte) als in der Art, wie er die Selbſteinladung des Mr. Herries aufnahm. Die verlegene Miene und das erzwungene Laͤcheln, welches das:„Wir werden die Ehre haben, Sie um drei Uhr in Brown's Square zu erwarten,“ begleitete, konnte niemanden truͤgen, und imponirten dem alten Laird durchaus nicht. Mit zornigem Blicke erwiederte er,„ich entlaſſe Sie alſo bis dahin, Mr. Fairford,“ dabei ſchien ſein ganzes Weſen ſagen zu wollen;„Ich habe nun Luſt bei Dir zu eſſen, und kuͤmmere mich nicht darum, ob ich Dir willkommen bin oder nicht,“ —y 86 Als er ſich weg wandte, frug ich meinen Vater, wer das waͤre. „Ein ungl cklicher Edelmann,“ antwortete er.„Er ſieht doch bey ſeinem Ungluͤck ganz gut aus,“ erwie⸗ derte ich, ich haftte nicht gedacht, daß eine ſo froͤhl iche Außenſeite ein Mittageſſen noͤthig haͤtte.“ „Wer hat Dir denn geſagt, daß es ſo iſt,“ ver⸗ ſetzte mein Vater,„er iſt omni suspicione major, ſo weit es ſich von weltlichen Umſtaͤnden handelt— hof⸗ fentlich wird er einen guten Gebrauch davon machen; obzwar es— wenn er es thaͤte— zum erſten Mal in ſeinem Leben waͤre.“ 4 „Er hat alſo unregelmaͤßig gelebt?“ ſagte ich. Mein Vater erwiederte mit ſeinem beruͤchtigten Lieblingsaus⸗ druck, mit welchem er alle unzeitigen Fragen, welche ſich auch nur im Eutfernteſten auf die Fehler des Naͤch⸗ ſten beziehen, beſchwichtigt,—„Wenn wir nur unſe⸗ re eigene Fehler verbeſſern, Alan, ſo haben wir genug zu thun, ohne uͤber Andere zu Gericht zu ſitzen.“ Da war ich alſo wieder nicht recht angekommen; aber ich knuͤpfte von Neuem an und bemerkte, er ha⸗ be das Anſehn eines Mannes von hohem Rang und hoher Familie. „Das mag wohl ſeyn,“ ſagte mein Vater,„da Mr. Herries von Birrenswork aus einer Nebenlinie der großen, einſt ſo maͤchtigen Familie der Herries ab: ſtammt, wovon die aͤltere Branche in dem Hauſe Ni⸗ thesdale mit dem Tode des Lord Robin, des Philoſo⸗ 87 phen Anno Domini ſechszehn hundert ſieben und ſechs⸗ zig ausſtarb.“ „Iſt er denn noch im Beſitze des, dieſem Hauſe gehoͤrigem Majorat's.“. „Nein,“ erwiederte mein Vater, denn ſchon zu ſeines Vaters Zeiten war es ein bloſer Titel*) da die Guͤter des Hauſes ſchon im Jahre 1715 eingezo⸗ gen wurden, als Herbert Herries ſeinem Verwandten, dem Grafen von Derwentwater in der Schlacht von Preston folgte. Immer aber noch behalten ſie den Ti⸗ tel bei, da ſie ohne Zweifel hoffen, ihre Anſpruͤche zu einer Zeit erneuen zu koͤnnen, die fuͤr Jacobiten und Pabſtthuͤmler guͤnſtiger waͤre als die unſerige; Leute aber, welche keineswegs ihre thoͤrigten Launen und Hoffnungen theilen, laſſen ihnen die Thorheit unan⸗. gefochten hingehn, ex oomitate wenn nicht ex miseri- oordia. Aber waͤre er auch der Pabſt und der Praͤten⸗ dent zugleich, ſo muͤſſen wir doch ein Mittageſſen fuͤr ihn richten, da er es fuͤr gut gefunden hat, ſich ſelbſt einzuladen. Eile alſo heim, mein Burſche, und befehle der Hanna, dem Koch Epps und dem James Wilkin⸗ ſon ihr Moͤglichſtes zu thun, und hole Du ein oder zwei Noͤſſel vom beſten Macwell herauf— er liegt im fuͤnften Verſchlag— da ſind die Schluͤſſel zum Wein⸗ — ) In Grotbrittanien naͤmlich ſind die Titel des hohen Adels an das Majorat geknuͤpft. Der Verluſt des Letzteren ziehr auch den des Erſteren nach ſich⸗ (Anmerk, des Ueberſ.) 88 ner, laß ſie aber nicht ſtecken, Du kennſt ja des ar⸗ men James ſchwache Seite, obgleich er bey jeder andern Verſuchung, ein braver Kerl iſt— ich habe nur noch Heine oder zwey Bouteillen von dem alten Branntwein — wir muͤſſen ihn fuͤr allenfallſige Krankheiten aufhe⸗ ben, Alan.“ Ich ging weg— machte meine Vorbereitungen— die Mittagsſtunde kam, und ſo auch Mr. Herries von Birrenswork. Beſaße ich jetzt die Groͤße Deiner Einbildungs⸗ kraft, oder die Gabe zu ſchildern wie Du, mein Dar⸗ ſie, ich wollte Dir von dieſem Fremden ein ſo ſchoͤnes, dunkles, myſteriſches, Rembrandt⸗artiges Gemaͤlde ma⸗ chen, daß er ſich zu Deinem Fiſcher verhalten ſollte, wie ein Panzerhemd zu einem Fiſchernetze. Ich ver⸗ ſichere es Dir, er bietet genug Stoff zu Beſchreibungen dar; aber da ich meine Schwaͤche in der Malerey ken⸗ ne, ſo kann ich nur ſagen, daß ich ihn im hoͤchſten Grade unangenehm finde, und fuͤr ſchlecht erzogen hal⸗ te.— Nein, ſchlecht erzogen iſt nicht der rechte Aus⸗ druck, er ſchien, im Gegentheil, die Regeln des Wohl⸗ anſtandes genau zu kennen, aber zu glauben der Rang ſeiner Geſellſchaft enthebe ihn der Muͤhe, ſie auszu⸗ uͤben— eine Anſicht, die viel beleidigender iſt, als waͤre ſein Betragen eine Folge natuͤrlicher Rohheit oder Mangel an Bildung. Waͤhrend mein Vater das Ge⸗ bet ſprach, pfiff der Laird, und als ich, auf meines Vaters Wunſch, das Dankgebet herſagte, zog er ſeinen 89 Zahnſtecher heraus, als haͤtte er dieſen Augenblick ab⸗ gewartet, um ihn zu gebrauchen. So ging es mit der Kirche— mit dem Koͤnige aber gings noch ſchlimmer. Du weißt, daß mein Va⸗ ter voller Ehrerbietung gegen ſeine Gaͤſte iſt und im vorliegenden Fall ſchien er mehr als gewoͤhnlich geneigt, jedem Anlaßſe zum Streit auszuweichen. Er ging ſo gar ſo weit, daß er ſeine Nechtlichkeit umging und den erſten Toaſt nach Tiſch blos:„Dem Koͤnige“ dar⸗ brachte, ſtatt der gewoͤhnlichen pathetiſchen Form„dem Koͤnig Georg.“ Unſer Gaſt machte eine Bewegung mit dem Glaſe, ſo daß es auf die andere Seite des Waſſerkrugs zu ſtehen kam der neben ihm ſtand, und fuͤgte hinzu:„jenſeits des Waſſers!“ Mein Vater erroͤthete, doch ſtellte er ſich, als hoͤre er es nicht. Noch groͤßeren Mangel an Aufmerk⸗ ſamkeit und an gebuͤhrender Ehrfurcht zeigte der Frem⸗ de in ſeinen Manieren und in dem Ton ſeiner Unter⸗ haltung, ſo daß ich kaum meinen Vater entſchuldigen zu koͤnnen glaube, daß er ſo ſtille die Frechheit dul⸗ dete, mit welcher der aufgedringliche Gaſt ihn an ſei⸗ nem eigenen Tiſche behandelte; wenn ich ſchon ſeine Vorurtheile fuͤr Nang und hohe Geburt kenne, und obgleich ich weiß, daß ſein, ſonſt maͤnnlicher Geiſt, nie der ſelaviſche Ehrfurcht vor den Großen der Erde ganz entſagen konnte, welche in ſeinen Jugendjahren das Regiment fuͤhrten. Du kaunſt es einem Reiſenden in demſelben Wagen 9⁰ wohl verzeihn, wenn er Dir zufaͤllig oder ſelbſt aus Nachlaͤßigkeit auf die Zehen tritt; aber ein großer Un⸗ terſchied iſt es, wenn er, die zarte Beſchaffenheit die⸗ ſes Theils kennend, dennoch fortfaͤhrt, mit ſeinen Hu⸗ fen darauf herum zu tappen. Meiner ſchwachen Mei⸗ nung nach— und ich bin doch gewiß friedlich geſinnt — kannſt Du, in dieſem Falle, nur mit Muͤhe eine Kriegserklaͤrung vermeiden. 4 Ich glaube, mein Vater las meine Gedanken in meinen Augen, denn er zog die Uhr und ſagte:„halb fuͤnf, Alan,— Du ſollteſt zu dieſer Zeit auf Deiner Stube ſeyn— Birrenswork wird Dich entſchuldigen.“ Unſer Gaſt nickte nachlaͤſſig und ich hatte keinen fuͤglichen Grund zu bleiben. Als ich aber das Zimmer verlaſſen wollte, hoͤrte ich den Magnaten von Ni⸗ thesdale deutlich den Namen Latimer ausſprechen. Ich zauderte; doch endlich befahl mir ein deutlicher Wink meines Vaters, mich zuruͤck zu ziehen; als ich, eine Stunde ſpaͤter zum Thee gerufen wurde, hatte unſer Gaſt uns verlaſſen. Er hatte dieſen Abend in der ho⸗ hen Straße Geſchaͤfte, und konnte ſich ſelbſt die Zeit nicht nehmen Thee zu trinken. Ich konnte die Be⸗ merkung nicht unterdruͤcken, daß ſein Weggehn mich erſreute, da es uns von Unhoͤflichkeiten befreyte.„Wer hat ihn berufen,“ ſagte ich,„uns die Veraͤnderung unſrer Wohnung von einem unbequemen in ein beſſe⸗ res Stadtviertel vorzuwerfen? Was geht es ihn an, wenn wir die Bequemlichkeit, ja ſelbſt den Lurus ei⸗ 91 nes engliſchen Wohnhauſes nachahmen, ſtatt zuaam⸗ mengepackt wie die Heringe zu leben? Gibt ihm denn ſeine patriciſche Geburt oder ſein ariſtocratiſches Ver⸗ moͤgen ein Recht, diejenigen zu tadeln, welche die Fruͤchte ihres eignen Fleißes nach ihrem Gutduͤnken verwenden?“ Mein Vater nahm eine Priſe Taback, und nach⸗ dem er ſie langſam geſchnupft hatte, erwiederte er: „Necht brav, Alan, wahrhaftig, recht brav. Ich wuͤnſch⸗ te Mr. Croſſbide oder der Rath Pest haͤtten Dir zu⸗ gehoͤrt; ſie haͤtten geſtehen muͤſſen, daß Du Anlagen zur gerichtlichen Beredtſamkeit beſitzeſt; es moͤchte ganz und gar nicht unnuͤtzlich ſeyn, wenn Du zur Uebung manchmal zu Hauſe verſuchteſt einen kuͤhnen, kraͤfti⸗ gen Vortrag zu bekonngen. Was aber den Gegenſtand der langen Rede betrifft, der iſt keine Priſe Taback werth. Glaube nur nicht, daß ich mich um Mr. Herries von Birrenswork auch nur im Geringſten mehr be⸗ kuͤmmere, als um jeden Anderen, welcher Geſchaͤfts wezen zu mir koͤmmt, wenn ich ihn auch nicht an de Kehle packte, als er ſo gaͤnſenmaͤßig ſchwatzte. Aber genug von ihm, ich Vh Darſie Latimer's gegenwaͤr⸗ tige Adreſſe haben, denn es iſt moͤglich, daß ich ihm ſelbſt einige Zeilen ſchreiben muß— doch weiß ich es noch nicht gewiß— auf jeden Fall gib' mir ſeine Adreſſe.“ Ich that es, wenn Du alſo von meinem Vater et⸗ was gehoͤrt haſt, ſo weißt Du wahrſcheinlich vom Ge⸗ genſtand dieſes Briefs mehr als ich, der ich ihn ſchreibe. 9²2 Iſt das nicht der Fall, ſo habe ich die Pflicht des Freun⸗ des erfuͤllt, indem ich Dich davon in Kenntniß ſetze, daß zwiſchen dem zuruͤckſtoßenden Laird und meinem Vater etwas im Werk iſt, das Dich hoͤchlich intereſſirt. Lebe wohl! und obgleich ich Dir Stoff zu Traͤu⸗ mereien gab, ſo baue doch kein zu ſchweres Schloß auf das Fundament, welches fuͤr jetzt nur auf dem Worte: „Latimer“ beruht, welches im Geſpraͤche eines Edel⸗ manns von Dumfries⸗Shire und eines Koͤnigl. Schrei⸗ bers ausgeſprochen wurde— Cactera prorsus ignoro. Sechster Brief. Darſie Latimer an Alan Fairford. (Fortſetzung des Zien und 4ten Brieſes.) . Ich erzihlle Dir, daß ich mit meinem ernſten, finſtern Wirthe ins Freye trat. dun konnte ich deut⸗ licher als in der vergangenen Nacht das einſame Thal ſehen, in welchem zwei oder drei Hutten ſtanden, die ihm und ſeine er Familie zur Wohnung zu dienen ſchienen. Es iſt in Verhaͤltniß zu ſeiner Tiefe ſo ſchmal, daß kein Strahl der Morgenſonne es erreichen kann, und es wird nur dann beleuchtet wann die Sonne hoch am Horizonte ſteht. Blickſt Du in das Thaͤl⸗ chen hinab, ſo ſiehſt Du einen ſchaͤumenden Bach, der in fluͤchtiger Schnelle jenem Dicktig enteilt, wie ein Renner, ungeduldig das Ziel zu errei⸗ 8 93 chen; ſchauſt Du noch aufmerkſamer hin, ſo kannſt Du einen Theil eines hohen Waſſerfalls bemerken, der durch das Laub durchſchimmert und, ohne Zweifel den ſchnellen Lauf des Baches verur acht. Tiefer hinab wird der Strom ſanfter und erweiterte ſich zu einem ruhigen Waſſerbecken, welches zweyen oder dreyen Fi ſcherboͤten zu einem natuͤrlichen Haven diente; weil es grade Ebbe war, lagen ſie auf dem trockenen Sand. Einige elende Huͤtten, wahrſcheinlich von den Eigen⸗ thuͤmern der Boͤte bewohnt, waren am Ufer des klei⸗ nen Hafens ſichtbar, doch ſtanden ſie in jeder Hinſicht dem Gebaͤude meines Wirthes, nach, wenn ſchon das elend genug war. Es blieben mir nur eine oder zwey Minuten, dieſe Bemerkungen anzuſtellen, aber ſelbſt waͤhrend dieſer kurzen Zeit, konnte mein Gefaͤhrte den Ausbruch ſei⸗ ner Ungeduld nicht maͤßigen, und rief mehr als ein⸗ mal,„Chriſtal, Chriſtal Niron,“ bis der alte Manu, welchen ich den Abend zuvor geſehen hatte, an der Thu⸗ re einer der benachbarten Hutten oder vielmehr Ne⸗ bengebaͤuden erſchien, das fruͤher erwaͤhnte ſchwarze, kraͤf⸗ tige Pferd, geſattelt und gezaͤumt herbeifuͤhrend. Mein Fuͤhrer winkte dem Chriſtal mit dem Finger, und, in⸗ dem er ſich wegwandte, ſchlug er den Weg nach dem ſteilen Hohlwege ein, der das abgeſchloſene Thal mit dem offenen Lande verbindet. 3 Haͤtte ich den Weg, welchen ich den vergangenen Abend mit ſolchem Ungeſtuͤmm' hinab geeilt war, ge⸗ 94 enauer gekannt, ich zweifle ſehr, ob ich es gewagt haͤt⸗ te, hinab zu ſteigen; denn er verdiente eigentlich nur den Namen eines Canals, welcher zum guten Theil mit Waſſer gefuͤllt, die Stroͤme des naͤchtlichen Regens ſchaͤumend und brauſend in das Thal leitete. Mit ei⸗ nigen Schwierigkeiten erſtieg ich den boͤſen Weg zu Fuße, aber mir ſchwindelte, wenn ich aus den Spuren, welche der Regen nicht verloͤſcht hatte, ſah⸗ daß das Pferd Abends zuvor auf ſeinen Huͤſten faſt hinabgegleitet zu ſeyn ſchien. Mein Wirth ſchwang ſich auf ſeines Pferdes Ruͤk⸗ ken, ohne den Fuß in den Steigbuͤgel zu ſetzen— fam mir den gefaͤhrlichen Weg hinauf, zuvor, und pornte ſein Roß als koͤnne es wie eine wilde Katze klettern. Waſſer und Schmutz ſpritzten beim wilden Lauf von ſeinen Huſen; einige Saͤtze nur— und da ſtanden, an der Spitze der Kluft wo ich ſie einholte,— Pferd und Reiter wie Bildſaͤulen da, das erſtere die breiten Na⸗ ſenloͤcher aufſwerrend, den Morgenwind aufzufangen, der Letztere bewegungslos, die Augen hingewendet zu den erſten Strahlen der aufgehenden Sonne, welche im Oſten emporſtieg und die entfernten Gebirge von Cum⸗ berland und Liddesdale vergoldete. Er ſchien in Treumen vertieft zu ſeyn, aus de⸗ nen er emporchreckte; als ich mich ihm nahte und, indem er ſein Pferd in Bewegung ſetzte, ſchlug er ei⸗ nen ungebahnten, ſandigen Weg ein welcher eine wei⸗ te, ſlache, unangebante Sandebene, von Moraͤſten un⸗ 1 9. terbrochen, durchſchnitt, die der Umgegend von Shey⸗ herd's Buſch, aͤhnlich war. Im Allgemeinen bietet dieſer ganze Strich Landes, da wo er ſich der Se naht, einige beguͤnſtigtere Stellen ausgenommen, den ſelben einfoͤrmigen ſchauerlichen Anblick dar. Ungeſaͤhr hundert Ellen vom Rande der Schlucht genoſſen wir einen noch ausgedehnteren Ueberblick uͤber⸗ dieſe wuͤſte Einoͤde, ſchauerlicher noch durch den Ge⸗ genſatz, welchen die jenſeitigen Kuͤſten von Cumber⸗ land bildeten, die von tauſenden von Baͤumen in Al⸗ leen gepflanzt, durchkreuzt, und durchſchnitten, beſchat⸗ tet von Waͤldern und Bosquets, belebt von Doͤrfern und Landhaͤnſern, aus denen duͤnnen Rauchwolken em⸗ porſtiegen, ein liebliches Bild menſchlichen Treibens und menſchlichen Kunſtfleißes gewaͤhrten. Mein Fuͤhrer hatte den Arm ausgeſtreckt, um mir den Weg nach Shepherd's Buſch zu zeigen, als man von Ferne den Tritt eines Pferdes hoͤrte. Er ſah ſich forgfaͤltig um und als er bemerkte wer ſich naͤherte, fuhr er in ſeiner Erklaͤrung fort, indem er zu gleicher Zeit den Weg verſperrte, welcher auf dieſer Stelle durch einen Sumpf zur Rechten und einem Sandhuͤ⸗ gel zur Linken eingeengt war. 3 Ich bemerkte daß der Reiter welcher ſich naͤher⸗ te, den langſamen Trab ſeines Pferdes in Schritt uͤbergehen ließ, als wolle er uns den Vortritt laſſen, oder wenigſtens vermeiden, uns auf einer Sielle zu begegnen, wo er nahe bei uns vorbei reiten mußte. 96 Du kennſt meinen alten Fehler, Alan, meine Auf⸗ merkſamkeit lieber jedem anderen Gegenſtande zu wid⸗ men, als dem, von welchem die Rede iſt. Dieſer liebenswuͤrdigen Eigenheit zufolge uͤberleg⸗ te ich gerade vor mir, was wohl der Grund ſeyn moͤch⸗ te, daß der Reiter ſich immer in gewiſſer Entfernung von uns hielt, als mein Gefaͤhrte ſeine tiefe Stimme ſo ploͤtzlich und ſo ernſthaft ſteigerte, daß meine um⸗ herirrenden Gedanken ſich mit einem Male wieder ſammelten.„In des Teufels Namen, junger Mann,“ rief er aus,„glaubt Ihr, andere Leute koͤnnten ihre Zeit nicht nuͤtzlicher anwenden als Ihr, daß Ihr mich dieſelbe Sache dreymal wiederholen laßt? Seht Ihr, ſage ich, dort, ungefaͤhr eine Meile von hier, jenes Ding, das wie ein Wegezeiger, oder vielmehr wie ein Galgen ausſieht?— Ich wollte, es hinge irgend ein traͤumeriſcher Narr daran, allen nachdentlichen Mond⸗ kälbern zum warnenden Beiſpiel.— Jener galgenar⸗ tige Pfahl wird Euch zur Bruͤcke fuͤhren, dort geht Ihr alſo uͤber den breiten Bach, immer gradaus, bis ſich bey einem Steinhaufen mehrero Wege kreuzen— der Henker auch, da rraͤumet er ſchon wieder!“ Es war wirklich an dem, daß, da in dieſem Au⸗ genblick der Reiter ſich uns naͤherte, meine Aufmerk⸗ ſamkeit ſich dieſem zuwandte, als ich auswich, ihm Platz zu machen. Sein ganzes Aeußere zeigte, daß er zu der Geſellſchaft der Freunde gehoͤre, oder wie die Welt und die Weltgeſetze ſie nennen, daß er ein Quaker ſey. Ein 97 Ein ſtarker brauchbarer, eiſengrauer Klepper zeigte durch Glatte und Wohlbeleibtheit, daß der barmherzige Mann auch barmherzig gegen ſein Vieh ſey. Seine Kleidung war, zwar nicht uͤbertrieben, doch reinlich und ordent⸗ lich wie dieſe Sektirer ſih zu kleiden pflegen. Ein langer Ueberrock vr. ausgezeichnet ſeinem Tuche wel⸗ cher bis auf die Fuͤße herab fiel war bis aus Kinn zugeknoͤpft, um ihn gegen die Morgenluft zu ſchuͤtzen. Der Nand ſeines nach Quaͤker⸗Art, ohne Knopf oder Schleife herabhaͤngende Biberhuts, beſchattete gutmuͤ⸗ thige, freundliche Zuͤge deren Ernſt mit einer Doſis Humor's gemiſcht war, welcher mit dem finſteren Pu⸗ ritaniſchen Weſen welches die Froͤmmler heucheln, nichts gemein zu haben ſchien. Eine hohe Stirne frey von den Falten des Alters oder der Heuchelei, ein klares Auge, ruhig und geſetzt, ſchien doch einen An⸗ ſtrich von Aengſtlichkeit, wenn nicht von Furcht zu ver⸗ rathen; und als er den gewoͤhnlichen Gruß:„Ich wuͤn⸗ ſche Dir einen guten Morgen, mein Freund“ aus⸗ ſprach, draͤngte er ſein Roß ſo nahe an die eine Seite des Wegs, als ſpreche er damit den Wunſch aus bei uns mit ſo wenig Umſtaͤnde als moͤglich, vorbei zu ſchluͤpfen, gerade wie ein Wanderer bei einem Bullen⸗ beißer voruͤbergeht auf deſſen friedliche Geſinnungen er keineswegs vertraut. Aber menn Freund hatte wahrſcheinlich die Abſicht nicht ihn ſo friedlich vorüͤberziehn zu laſſeen, denn er ſtellte ſein Pferd der Breite nach ſo in den Weg, daß der Quaͤker unmoͤglich vorbei konnte ohlte entweder durch den Sumpf zu waden, oder den Sandhuͤgel zu erſteigen; und zu keinem von beiden ſchien er ſonder⸗ liche Neigung zu haben. Er machte alſo Halt, als wol⸗ le er warten bis mein Geſaͤhrte ihm Platz machen wuͤrde, und waͤhrend ſie ſo gegenuͤber ſtanden„konnte ich mich des Gedankens nicht eerwehren daß ſie kein uͤbles Sinnbild des Kriegs und des Friedens abgeben W. Scot:'z Werke. XV. 7 — 1 koͤnnten. Denn oboleich mein Fuͤhrer unbewaffnet war, ſo glich doch ſein ganzes Weſen, ſein ernſter Blick, ſei⸗ ne grade Haltung zu Pferd, voͤllig einem Soldaten in Civilkleidung. Er redete den Quaͤker mit folgenden Worten an:„— Ha, ha Freund Joſua— Du biſt heute fruͤhe auf dem Wege, hat der Geiſt Dich und Deine rechtlichen Bruͤder bewogen einmal ehrlich zu handeln, und Eure Fiſchnetze abzureißen welche die Fiſche verhindern den Strom hinab zu ſchwimmen?“ „Gewiß nicht, mein Freund,“ antwortete Joſua glaubt nicht, daß es dabei bleibt. Ich warne Euch hier⸗ mit ernſtlich, wir werden uns eines Morgens über Euch aufmachen, und dann ſoll auch nicht ein Pfahl 99 in dem Grunde des Solway ſtehen bleiben, die Fluth ſoll ſie wegſchwemmen; gluͤcklich fuͤr Euch, wenn nicht ein Pachter mit ſchwimmt.“ 4. „Freund,“ erwiederte Joſua mit einem erzwun⸗ genen Laͤcheln,„wuͤßte ich nicht daß Du nicht denkſt wie Du ſprichſt, ſo wurde ich Dir ſagen, daß wir un⸗ ter dem Schutz der Landesgeſetze ſtehn; und wir ver⸗ laſſen uns um ſo viel mehr auf deren Schirm, da un⸗ ſere Grundſäͤtze uns nicht erlauben, uns mit offener Gewalt zu beſchuͤtzen.“ „Lauter niedriges Geſchwaͤtz und Feigheit,“ ſchrie der Fiſcher,„das Euern ſcheinheiligen Geiz bemaͤnteln ſoll!“ „Nenne es nicht Feigheit, mein Freund,“ ant⸗ wortete der Quaͤker,„da Du wohl weißt, daß wenig⸗ ſtens eben ſo viel Muth dazu gehoͤrt zu dulden wie zu handeln; dieſer Juͤngling oder irgend ein anderer, urtheile, ob nicht— ſelbſt in der Meinung der Welt, deren Anſichten Du huldigſt— ob es nicht feiger iſt, bewaffnet zu unterdruͤcken und zu ſchmaͤhen, als wehr⸗ los zu dulden und zu leiden!“. „Ich werde keinen Wortwechſel mehr mit Euch daruͤber fuͤhren,“ ſagte der Fiſcher, welcher von dem letzten Grund des Mr. Geddes ergriffen, ihm nun Platz machte ſeinen Weg fortzuſetzen,—„doch vergeßt nicht,“ fuͤgte er hinzu,„daß Ihr nun foͤrmlich gewarnt worden ſeyd, und glaubt ja nicht, daß wir ſchoͤne Wor⸗ te zur Entſchuldigung fuͤr ſchlechte Handlu gen anneh⸗ men werden. Dieſe Eure Netze ſind ungeſetzlich— ſie beeintraͤchtigen uns in unſerer Fiſcheret— und wir werden ſie umwerfen auf jede Gefahr hin! Ich bin ein Mann von Wort, Freund Joſua!“ „Ich glaube es gerne, ſagte der Quaͤker;„aber um ſo vorſſchtiger ſollteſt Du dann auch feyn, das zu ſagen, was Du nie ausführen wirſt. Denn ich ſage Dir, Freund, obzwar ein ſo großer Unterſchied zwi⸗ ſchen Dir und einem unſres Volkes iſt wie zwiſchen 7„, 100 einem Loͤwen und einem Schaafe, ſo glaube ich doch daß Du auch die Eigenſchaft des Loͤwen beſitzeſt, Deine Staͤrke und Deine Wuth nicht an denen zu zeigen die keine Mittel zum Widerſtand beſitzen. Der Sage nach ſoll das Gute an Dir ſeyn, wenn auch wenig mehr.“ „Die Zeit wird es lehren,“ antwortete der Fiſcher, „doch hoͤre Joſua, ehe wir uns trennen, will ich Dir Gelegenheit verſchaffen, eine gute That zu thun, wel⸗ che, glaube mir, beſſer iſt als zwanzig moraliſche Re⸗ den. Da iſt ein fremder Jungling welchen der Him⸗ mel ſo ſpaͤrlich mit Gehirn verſehen hat, daß er ſich, wie geſtern Nacht im Sand verirren wird, wenn Du dir nicht die Muhe gibſt ihm den Weg nach dem Schaͤ⸗ fers Buſch zu zeigen, denn ich habe es umſonſt ver⸗ ſucht ihm denſelben begreiflich zu machen— Traͤgſt⸗ Du wohl ſo viel Menſchenliebe unter dem Mantel Dei⸗ ner Einfachheit, Quaͤker, das gute Wert zu thun?“ „Nein, Dir Freund,“ antwortete Joſua,„muß es an Menſchenfreundlichkeit fehlen weil Du nur ver⸗ muthen kannſt es koͤnne jemand eine ſo kleine Gefaͤl⸗ ligkeit verweigern.“ „Du haſt Recht— ich haͤtte bedenken ſollen, daß es Dich nichts koſtet— junger Herr, dieſes fromme Muſter patriarchialiſcher Einfachheit wird Dir den rech⸗ ten Weg nach dem Schaͤfers Buſch zeigen— ja, aber dennoch wird er Dich ſcheren wie ein Schaaf wenn Du allenfalls von ihm kaufen oder ihm verkaufen willſt.“ Dann frug er mich ploͤtzlich, wie lang ich wohl in Schaͤfers Buſch zu bleiben gedaͤchte. 4 Ich erwiederte, das waͤre fuͤr jetzt noch ungewiß — doch waheſcheinlich ſo lange, als ich in der Nachbar⸗ ſchaft Unterhaltung finden wurde. 4 „Ihr liebt die Fiſchjagd?“ fuͤgte er in demſelben kurzen Frageton hinzu. Ich bejahte es, doch bemerkte ich, daß ich voͤllig unerfahren darinn waͤre. „Wenn Ihr vielleicht noch einige Tage dort wohnt.“ 101 ſagte er,„ſo werden wir uns wieder begegnen, und ich konnte Euch vielleicht Unterricht darin geben.. Ehe ich noch Dank und Einwilligung ausdruͤcken konnte, wandte er ſich, indem er ſtatt des Lebewohls mit der Hand winkte, hinweg, und ritt zuruͤck bis an den Hohlweg von welchem wir ausgegangen waren; als er am Rande ſtille hielt, konnte ich noch lange ſei⸗ ne Stimme hoͤren, wie er den Bewohnern des Thals urief. 4 4 Unterdeſſen ſetzten der Quaker und ich einige Zeit unſere Reiſe ſtillſchweigend fort; er zwang ſein gehor⸗ ſames Pferd zu einem Schritt dem ſelbſt ein minder ruͤſtiger Fußganger wie ich leicht haͤtte folgen koͤnnen, indem er mich von Zeit zu Zeit mit wohlwollender Neugierde betrachtete. Ich meines Theils hatte keine Neigung die Unterhaltung zu eroͤffnen. Ich war bis⸗ her mit keinem Anhaͤnger dieſer Sekte in Geſellſchaft geweſen, und um zu vermeiden in der Anrede, ohne es zu wiſſen, gegen eins Ihrer Vorurtheile oder Ei⸗ genheiten anzuſtoſſen, ſchwieg ich lieber ſtille. Zuletzt frug er mich ob ich ſchon lange im Dienſte des Lairds, wie man ihn nenne, ſtaͤnde. Ich wiederholte die Worte:„in ſeinem Dienſte?“ mit einem Ausdruck des Erſtaunens, welcher ihn zu ſagen bewog:„Nein, Freund, ich wolle Dich nicht beleidigen, vermuthlich haͤtte ich mich beſſer ausge⸗ druͤckt, wenn ich geſagt haͤtte, in ſeiner Geſellſchaft— ein Bewohner ſeines Hauſes— meine ich?“ „Ich kenne den Mann, von dem ich mich eben trennte, gar nicht,“ ſagte ich,„und unſere Bekannk⸗ ſchaft war nur voruͤbergehend— Er war ſo guͤtig, mir den Weg von den Dunen zu zeigen, und mir eine Nachtherberge gegen den Sturm zu gewaͤhren. Damit ſing unſere Bekanntſchaft an, und wahrſcheinlich wird ſie auch damit enden, denn Ihr werdet wohl bemer⸗ ken daß unſer Freund keineswegs geneigt ſcheint, Freundſchaftsbuͤndniſſe anzuknuͤpfen.“ 10² „uUm ſo viel weniger,“ antwortete mein Gefäͤhrte, „als das, glaube ich, das erſte Mal iſt daß er einen Fremden in ſeinem Hauſe aufnahm; naͤmlich, wenn Du wirklich die Nacht bei ihm zubrachteſt.“ „Warum zweifelt Ihr daran?“ erwiederte ich, „welchen Grund koͤnnte ich haben Euch hintergehen zu wollen? auch iſt ja die ganze Sache der Muͤhe nicht werth.“ „Sey nicht boſe auf mich,“ ſagte der Quaker, „aber Du weißt, daß Dein eignes Volk ſich nicht an die einfache Wahrheit bindet, wie wir es in der De⸗ muth unſeres Herzens zu thun ſtreben, ſondern daß es die Sprache der Falſchheit nicht allein ſeines Nutzens, ſondern auch der Hoflichkeit, la manchmal ſogar des bloßen Zeitvertreibs wegen, gebraucht. Ich habe man⸗ cherlei Geſchichten von meinem Nachbar gehort von denen ich freilich nur wenigen Glauben ſchenke, doch ſind auch dieſe ſchwer in Einklang zu bringen. Da ich aber jetzt zum erſten Mal hoͤrte, daß er einen Frem⸗ den in ſeine Wohnung aufnahm, ſo konnte ich einen Zweifel nicht unterdruͤcken. Ich bitte Dich, laß es Dich nicht beleidigen.“ „Er ſcheint,“ ſagte ich,„nicht eben ſehr reichlich: die Mittel zur Ausuͤbung der Gaſtfreundſchaft zu be⸗ ſitzen, und folglich duͤrfte er wohl zu entſchuldigen ſeyn, wenn er ſie in gewoͤhnlichen Fallen nicht anbietet.“ „Das heißt ſo viel mein Freund,“ erwiederte Jo⸗ ſua,„als Du haſt ſchlecht zu Nacht gegeſſen und wahr⸗ ſcheinlich noch ſchlechter gefruͤhſtuͤckt. Nun liegt uns aber mein kleines Wirthſchaftsgebaude, Mount Sharon genannt, zwei Meilen naͤber als Dein Gaſthaus und obgleich Dein Weg weiter iſt wenn Du mich dahin begleiteſt, als der gerade Weg nach Shepherd's Buſch, ſo denke ich, wird Bewegung denen jungen Gliedern ſo wenig ſchaden, wie ein vollſtaͤndiges gutes Mahl Deinem Appetit. Was ſagſt Du dazu, mein junger Bekannter?“. 5 „Wenn es Euch nicht ſtoͤrt,“ erwiederte ich, denn 103 die Einladung war herzlich, und das Brod und die Milch hatte ich ſchnell verſchlungen, und in geringer Quantitat. „Nein,“ ſagte Joſua,„gebrauche nicht die Spra⸗ che der Complimente mit denen welche darauf ver⸗ zichten, denn waͤre mir dieſe geringe Hoͤflichkeit ſehr ſtoͤrend geweſen, ſo haͤtte ich ſie wahrſcheinlich nicht angeboten.“ „Ich nehme alſo mit derſelben Bereitwilligkeit die Einladung an, mit der Ihr ſie anbietet.“ „Der Quaker lachelte, reichte mir die Hand, ich ſchuͤttelte ſie ihm herzlich, und ſo gehen wir in groͤß⸗ ter Vertraulichkeit unſern Weg weiter fort zuſammen. In Wahrheit unterhielt es mich in meinem Herzen, die offene Weiſe des gutmuͤthigen Joſua Geddes, mit dem harten, finſtern und zuruͤckſtoßenden Betragen mei⸗ nes geſtrigen Wirthes zu vergleichen. Beide waren derb und ohne Ceremoniel; doch trug die Offenheit des Quaͤckers einen Anſtrich frommer Einfachheit, und war mit ſo viel achter Herzensguͤte gepaart, als woll⸗ te der ehrliche Joſua durch Freimuͤthigkeit die aͤußere Hoͤflichkeit erſetzen. Die Manieren des Fiſchers aber waren die eines Mannes, der wohl vertraut mit den Regeln eines feinen Betragens zu ſeyn ſchien, der aber, ſey es aus Stolz oder aus Menſchenfeindſchaft, ſie zu beobachten, vernachlaͤſſigte. Doch gedachte ich ſeiner mit Intereſſe und Neugierde, trotz dem daß er ſo manches Abſtoßende in ſeinem Weſen hatte, und ich nahm mir vor im Laufe des Geſpraͤchs von dem Quaͤker zu erfahren was er von ihm wuͤßte. Er aber lenkte das Geſpraͤch auf einen anderen Gegenſtand, und frug mich uͤber meine eigene Lebensweiſe und uͤber meine Abſicht, warum ich dieſe entlegene Graͤnze beſuchte. Ich fand es nun fuͤr noͤthig, meinen Namen zu nennen, und hinzufuͤgen, daß ich mich den Rechten gewidmet haͤtte, daß ich aber, weil ich unabhangig maͤ⸗ re, mir eine Erholung erlaubt haͤtte, und nun in 104 Shephard's Buſch wohnte um beſſer das Vergnuͤgen zu angeln genießen zu koͤnnen. „Ich wuͤnſche Dir gewiß nichts Boͤſes, junger Mann,“ ſagte mein neuer Freund,„wenn ich Dir fuͤr Deine ernſte Stunden eine beſſere Beſchaͤftigung und ein menſchlicheres Vergnuͤgen(wenn Du doch Ver⸗ gnuͤgen ſuchſt) fuͤr Deine Erholungsſtunden wuͤnſche.“ „Ihr ſeyd ſtreng, Sir,“ erwiederte ich—„denn vor einem Augenblick hoͤrte ich erſt, wie Ihr Euch auf den Schutz der Landesgeſetze berufen habt— gibt es alſo Geſetze und Rechte, ſo muß es doch auch Rechts⸗ gelehrte geben ſie zu erkkaͤren und Richter, um ſie in Anwendung zu bringen.“ Joſua laͤchelte und zeigte auf die Schaafe welche eben auf der Wieſe graſten, bei welcher wir vorbei gingen,„Kaͤme jetzt ein Wolf unter dieſe Heerde, ſie wuͤrden ſich ohne Zweiſel um den Schaͤfer und ſeinen Hund verſammeln und um Schutz flehen; und doch werden ſie taͤglich von dieſem gebiſſen und geplagt, von jenem geſchoren und zuletzt umgebracht. Doch ſage ich das nicht um Dich zu beleidigen, denn obgleich Rechte und Rechtsgelehrte ein Uebel ſind, ſo ſind ſie doch bey dem gegenwaͤrtigen Zuſtand der Geſellſchaft ein noth⸗ wendiges Uebel, bis endlich die Menſchen. lernen wer⸗ den, aus dem eignen Drange ihres Gewiſſens und aus keinem andern Grunde ihren Mitmenſchen das zu geben, was ihnen gebuͤhrt. Doch habe ich rechtliche Maͤnner gekannt welche Deinen zukuͤnftigen Stand mit Gradheit und Rechtlichkeit verwalteten. Das Ver⸗ dienſt deſſen iſt um ſo viel groͤßer, der aufrecht wan⸗ delt auf ſchluͤpfrigem Pfade.“ „Und das Anglen—“ ſagte ich—„was koͤnnt Ihr gegen dieſes Vergnuͤgen einwenden, Ihr, der wenn ich anderſt das recht verſtand, was zwiſchen Euch und meinem vormaligen Wirthe vorging, ſelbſt Beſitzer von Fiſchereien ſeyd?? 3 „Nicht gerade ein Beſitzer,“ erwiederte er,„ich 10⁵ bin nur mit anderen dabei betheiligt, ein Pachter, wenn Du ſo willſt, einer etwas bedeutender Salm⸗ Fiſcherei am unteren Ende der Kuͤſte. Aber mißverſte⸗ he mich nicht. Das Schlimme bein Anglen, worun⸗ ter ich auch alle Arten der Jagd wie man es nennt, verſtehe, welche das Leiden des Thieres bezweckt, be⸗ ſteht nicht im bloßen Fangen und Toͤdten der Thiere, mit welchen die Guͤte der Vorſehung die Erde zum Beſten der Menſchen bevoͤlkerte, ſondern darin, daß man aus ihren Leiden einen Gegenſtand des Vergnuͤ⸗ gens und des Genuſſes macht. Ich betreibe dieſe Fi⸗ ſcherei, naͤmlich das nothwendige Fangen, Toͤdten und Verkaufen der Fiſche grade ſo wie ich, wenn ich ein Pachter waͤre, meine Laͤmmer zu Markt ſchicken wuͤrde. Doch wuͤrde ich eben ſo leicht darauf verfallen, Freude am Metzgerhandwerk zu finden, wie an dem eines Fiſchers.“ * Wir beruͤhrten dieſen Punkt nicht wei ter; denn wenn ich ſchon ſeinen Grund fur allzu ſtreng hielt, ſo ſprach mich doch mein Gewiſſen von jeder andern Freude, auſſer der an der Theorie der Feldjagd frei, darum fuͤhlte ich alſo keinen Beruf in mir eine Beſchaͤfti⸗ gung, welche mir noch ſo wenig Freude gewaͤhrt hat⸗ te, zu vertheidigen. Wir waren waͤhrend der Zeit an den Ueberbleib⸗ ſeln des alten Wegweiſers vorbeigekommen, den mein Wirth vorher als Markſtein bezeichnet hatte. Ich aing uͤber eine verfallene hoͤlzerne Bruͤcke, welche auf lan⸗ gen, kruͤckenaͤhnlichen Pfoſten ruhte, waͤhrend mein neuer Freund Strom aufwaͤrts eine ſichere Furt zum durchreiten ſuchte, denn der Strom war bedeutend angeſchwollen. Als ich ihn am jenſeitigen Ufer erwartete, beob⸗ achtete ich einen Angler, welcher eine Forelle nach der anderen faſt ſo ſchnell fing als er die Schnur aus⸗ warf. Ich geſtehe daß ich mich, trotz meines Freun⸗ des Joſua's Vorleſungen uͤber Humanitaͤt, nicht ent⸗ halten konnte ſeine Gewandtheit und ſeinen guten Er⸗ 106 folg zu beneiden, ſo natuͤrlich iſt unſerem Gemuͤthe die Liebe zur Jagd, oder wir gewoͤhnen uns vielmehr ſo leicht daran einen gluͤcklichen Erfolg der Feldjagd mit einer Idee von Vergnugen und mit dem Lob, wel⸗ ches der Gewandthelt und Geſchicklichkeit gebuͤhrt, zu verbinden. Bald erkannte ich in dem gluͤcklichen Ang⸗ ler den kleinen Benjie der, wie Du aus meinen fruͤ⸗ heren Briefen erſehen haſt, mein Lehrer und Unter⸗ weiſer in dieſer edlen Kunſt war. . Ich rief— ich pfiff— der Burſche erkannte mich, und als haͤtte ich ihn auf einem Verbrechen ertappt, ſchien er zu ſchwanken, ob er ſich naͤheren oder fort laufen ſollte; als er ſich zu dem Letzteren entſchloß, beſtuͤrm⸗ te er mich mit einem lauten, laͤrmenden und uͤbertrie⸗ benen Bericht uͤber die Angſt, welche ſich aller Bewoh⸗ ner des Schaͤfersbuſches, meiner perſonlichen Sicherheit wegen, bemaͤchtigt haͤtte. Wie meine Gaſtwirthin ge⸗ weint, wie Sam und der Hausknecht das Herz nicht gehabt haͤtten ſich ins Bett zu legen, ſondern die gan⸗ ze Nacht beim Krug geblieben waͤren— und endlich, wie er ſelbſt lange vor Tagesanbruch aufgeſtanden ſey, um Erkundigungen uͤber mich einzuziehen.. „Wahrſcheinlich plaͤtſcherteſt Ou im Waſſer,“ ſag⸗ te ich,„um meinen Leichnam aufzufiſchen?“ Der ertappte Suͤnder ſtotterte ein verlegenes Nein, doch fuͤgte er ſogleich mit ſeiner natuͤrlichen Unver⸗ ſchaͤmtheit und im Vertrguen auf meine Guͤte hinzu: „er glaube eine oder zwei Forellen wuͤrden mir wohl zum Fruͤhſtuͤck behagen, und weil das Waſſer gerade zum Fiſchfang ſo ſehr geeignet waͤre, ſo hatte er ſich nicht enthalten koͤnnen die Angel auszuwerfen.“ Waͤhrend wir in dieſem Wortwechſel begriffen wa⸗ ren, kam der wuͤrdige Quaker am anderen Ende der Bruͤcke zuruͤck um mir zu ſagen, daß er es nicht wa⸗ gen koͤnnte bei ſeiner jetzigen Groͤße durch den Bach zu reiten, ſondern daß er gezwungen waͤre eine ſtei⸗ nerne Bruͤcke außuſuchen welche eine und eine halbe 107 Meile oberhalb ſeiner Wohnung laͤge. Er wollte mir zeigen, wie ich den Weg ohne ihn finden und ſeine Schweſter auskundſchaften koͤnnte, als ich ihm den Ge⸗ danken einfloͤßte er ſolle, wenn er es fuͤr gut hielte, ſein Pferd dem kleinen Benjie anvertrauen, der es uber de Brucke fuͤhren koͤnnte, waͤhrend wir auf dem kuͤrzeren, lieblicheren Wege zu Fuß nach ſeiner Woh⸗ 1 Dennoch aber, um mich nicht zu ver⸗ illigte er darinsein ſein Pferd auf eine kur⸗ iner Ob hnte er lebertreten ſei⸗ erſprechungen koſteten meinen Benjie wenig, er ote noch mehr ais man verlangte, bis ihm der Quaͤcker endlich die Zuͤgel uͤberließ, indem er ſeinen Auftrag wiederholte und ihm mit den Fingern dro⸗ hete. Ich, meiner Seits, trug dem Benjie auf, die Fiſche welche er gefangen hatte, in Mount Sharon zu laſſen, indem ich mich zugleich bey meinem neuen Freunde entſchuldigte, da ich nicht wiſſen konnte ob ihm als einem Gegner der Jagd und des Fiſchfangs, eine ſolche Hoͤflichkeitsbezeugung willkommen waͤre. Er verſtand mich ſogleich und rief mir ſeine Defi⸗ nition von dem Unterſchied ins Gedaͤchtniß zuruͤck, der zwiſchen dem Fangen eines Thiers zur grauſamen Luſt und zwiſchen der geſetzmaͤßigen Nahrung obwalte, wann es gekoͤdtet waͤre. Was Letzteres betraf ſo hegte er kei⸗ nen Gewiſſenszweifel daruͤber, ſondern verſicherte mich im Gegentheil, dieſer Bach enthalte die wahre Art der rothen Forellen, welche von allen Kennern ſo geſchaͤtzt 108 wuͤrde und denen,(wenn ſie nach einer Stunde, nach⸗ dem ſie gefangen wurden, gegeſſen werden) eine eigne Feſtigkeit des Fleiſches und ein Wohlgeſchmack eigen waͤre die ſie zu einer willkommnen Zug be eines Fruͤh⸗ ſtuͤcks machten, beſonders wenn es wie das unſeige durch Fruhaufſtehn und kraͤftige koͤrperliche Bewegung ge⸗ wuͤrzt wuͤrde. Sey nur ruhig, Alan, noch haben wir die Fiſche nicht ohne ferneres Abentheuer verzehrt. Lediglich und allein um Deine Geduld und meine Augen zu ſchonen, ſchließe ich dieſen Brief, und verweiſe Dich uͤber den weiteren Hergang meiner Geſchichte auf meinen fol⸗ genden Brief⸗ 1 Siebenter Brif. Derſelbe an Denſelben. (Fortſetzung.) Der kleine Benjie mit dem Pferde wanderte glſo auf der linken Seite des Baches, waͤhrend der Quaͤker und ich auf dem jenſeitigen Ufer ſpazierten, wie Ca⸗ vallerie und Infanterie derſelben Armee die beiden Ufer eines Fluſſes beſetzen. Aber waͤhrend mein wuͤrdiger Gefaͤhrte mich von den freundlichen Wieſen um ſeiner Wohnung unterhielt, wich der kleine Benjie, obgleich ihm befohlen worden war in unſerem Geſichtskreiſe zu bleiben, von dem vorgeſchriebenen Wege ab und fuͤhr⸗ te, indem er ſich rechts wandte, den auvertrauten Sa⸗ lomon vor unſeren Augen fort. „Der Elende will ihn reiten,“ ſchrie Joſua mit groͤßerer Lebhaftigkeit, als ſich mit ſeinen Grundſaͤtzen von leidender Duldung vertrug. Als er heftig fort eilte und ſich die Falten von der Stirne zu verſcheu⸗ chen bemuͤhte, verſuchte ich es ihn zu beruhigen, in⸗ dem ich ihm beweiſen wollte daß wenn auch der Kna⸗ 109 be das Pferd beſteigen ſollte, er doch, ſeiner eigene Sicherheit wegen, langſam reiten wuͤrde. „Ihr kennt ihn nicht,“ rief Joſug allen Troſt zu⸗ ruͤckweiſend,„er ſoll etwas anſtaͤndig und langſam thun— nein er wird auf dem Salomon galoppiren— er wird die ruhige Geduld des armen Thieres, das mich ſo lange trug, mißbrauchen! Ja, ich bin ſelbſt Schuld daran, daß ich ihn nur die Zugel beruͤhren ließ⸗ denn ein ſolch' ein kleiner Boſewicht gab es vor ihm noch nicht im Lande.“ Dann rechnete er alle Landfrevel her, deren er Beniie beſchuldigte. Er ſtand im Verdacht, den Reb⸗ huͤhnern Fallen zu ſtellen— war von Joſua ſelbſt dar⸗ auf ertappt worden, als er den Singvoͤgeln mit Leim⸗ ruthen nachgeſtellt— ein ſchwerer Verdacht laſtete auf ihm, daß er, mit Huͤlfe eines eben ſo boshaften, hin⸗ terliſtigen, heimtuckiſchen Dachshundes wie er, meh⸗ rere Katzen gequaͤlt und geplagt haͤtte, endlich und haupt⸗ ſaͤchlich wurde er angeklagt, eine Ente geſtohlen zu ha⸗ ben indem er ſie mit eben dieſem Dachshunde erjag⸗ te, welcher ſo gewandt im Waſſer wie auf dem Lande war. Um meinen Freund nicht noch mehr zu erzuͤr⸗ nen, ſtimmte ich mit ihm ein, und erklaͤrte daß auch ich— aus eigner Erfahrung— den Buben zur Satans⸗ brut rechnete. Joſua Geddes aber tadelte den Ausdruck gls zu uͤbertrieben und unziemend im Munde eines uschdenkenden Mannes, und ich wollte den Ausdruck eben als eine gebrauchliche Redensart vertheidigen, als wir vom jenſeitigen Ufer des Bachs her ein Geraͤuſch hoͤrten welches anzuzeigen ſchien, daß Salomon und Benjie im Streit begriffen waͤren. Die Sandhuͤgel, hinter welchen er ſich verbarg, hatten ihn ſeiner Ab⸗ ſicht gemaͤß, unſeren Blicken entzogen, er hatte den Salomon beſtiegen und ihn tuͤchtig angetrieben, ſo waren ſie in guter Freundſchaft fort galoppirt bis ſie ſich der Furt naͤherken, bey welcher des Pferdes geſetz⸗ maͤgiger Eigenthumer ſchon vorbei war. 1¹⁰ Hier aber entſtand eine Verſchiedenheit in den Anſichten zwiſchen Pferd und Reiter. Der Letztere naͤm⸗ lich wollte nach Vorſchrift, den Salomon den Weg zur ſteinernen Bruͤcke zu fuhren, aber Salomon glauhte wahrſcheinlich, die Furt waͤre der naͤchſte Weg zu ſei⸗ nem Stalle. Die Anſichten wurden von beiden Seiten heftig beſtritten, und wir hoͤrten Benjies„halloh ja— vorwaͤrts“ und haupt Vhlich ſein m achtiges 9 Peit⸗ ſchen, waͤhrend Salomon, ſo fromm er ſonſt war, nun die Geduld verloren zu haben ſchien, ſt ampfte und aus⸗ ſchlug. Dieſer vereinigte Larm war es alſo, den wir hoͤrten, obſchon wir ſie nicht 5 hen konnten, und deſ⸗ ſen Grund Joſna wohl vermut hen konnte. Beunruhigt uͤber dieſe T Wahrjeichen, ſchrie der Quaͤker:„Benjie— Du Schur ke— Salomon— du Narr“, als ploͤtzlich beide in voller Haſt erſchienen. Salomon hatte geſiegt, und ſtuͤrzte ſich uun ſammt ſei⸗ nem widerſtrebenden Reiter in vollem Gal die Furt. Nie wechſelte noch Zorn d ſchnell mit menſchen⸗ freunde icher Beſorgniß⸗ wie jetzt bey meinem(Geſel „Der Vurſche wird rrin a Der Sohn einer Witt⸗ we!— ihr einziger Sohn!— und ertrinken!— laß mich loß!? ſchrie er, indem er ſich mit Gewalt loß⸗ reihen wollte, als ich ihn verhinderte ſich in die Jurt zu ſtuͤrzen. Ich fürchtete durchaus nichts fuͤr Benfie, denn konnte er ſchon das wider ſpenſtige Pferd nicht zaͤhmen, ſo ſaß er doch wie ein Affe im Sattel. Salomon Benjie durchſchritten die Furt mit wenin Muͤ he, und ſetzten am diesſeitigen Ufer unaufh jaltſam ihren Ga⸗ lopp fort. Es iſt unmoͤglich zu beſti mmen, ob bey dieſer Ge⸗ legenheit der Benj ie mit dem Salomon, oder Sglomon mit Benjie durchging, doch, Charakter und Beweg⸗ gruͤnden nach zu urtheilen, vermuthe ich eher das Er⸗ ſtere. Ich konnte mich des Saahen nicht enthalten als der Schurke gu mir porbei eilte, grinzend vor Augſt 111 und Wonne zu gleich r Zeit, wie er am Sattelknopf hing, und mit ausgeſtreckten Armen Zuͤgel und Maͤh⸗ ne ergriff, waͤhrend Salomon ſch⸗ nend im feſten Ge⸗ biß, den Kopf zwiſchen den Vorderfuͤßen in ungewoͤhn⸗ licher Haſt ganz dicht neben ſeinem Herrn vorbeyeilte. „Der boshafte Baſtard,“ ſchrie der Quaͤker im Schrecken die gewoͤhnliche Maͤßigung vergeſſend,—„der Galgenvogel!— er wird dem Salomon die Nippen zer⸗ ſchlagen, gewiß, gewiß!“. Ich bat ihn, ſich zu troͤſten, verſicherte ihn, ein tuͤchtiger Galopp wuͤrde ſeinem Liebling nichts ſchaden, und erinnerte ihn daß er mich eben erſt wegen eines harten Ausdruckes von dem Knaben getadelt haͤtte. Joſug war um Antwort nicht verlegen—„Jun⸗ ger Freund, Du ſprachſt von der Seele des Bur⸗ ſchen von welcher Du behaupteteſt, ſie waͤre dem boͤ⸗ ſen Feinde verfallen, und das konnteſt Du doch nicht wiſſen; ich aber ſprach von ihm als Menſch, und wenn er ſeine Lebensart nicht aͤndert wird er dem Strick gewiß nicht entlaufen. Ja, man ſagt ſogar er gehoͤre ſchon, ſo jung er iſt, zu der Bande des Laird's.“ „Zu der Bande des Laird's!“— ſagte ich, er⸗ ſtaunend die Worte wiederholend—„meint Ihr damit den Mann, bei dem ich uͤbernachtete?— Ich hoͤrte, wie Ihr ihn Laird nauntet— Iſt er denn der An⸗ fuͤhrer einer Bande?“ „Nein, ich wolte nicht gerade eine Bande ſagen⸗— erwiederte der Quaker, der in Eile wahrſcheinlich mehr geſagt hatte, als er Willens war—„eine Verbruͤde⸗ rung, eine Partei haͤtte ich ſagen ſollen; aber, Freund Latimer, ſo geht es ſelbſt den weiſeſten Maͤnnern, wenn ſie ſich von ihren Leidenſchaften nreißen laſſen, dann ſprechen ſie wie im Fieber tis gt und vorſchnell.“ Das war alſo eine Beſtaͤtigung meines bisher ge⸗ hegten Verdachtes— daß meines Freundes natuͤrliche Herzensguͤte verbunden mit der angenommenen Ruhe ſeiner Sefte, dennoch hie und da das Aufbrguſen ſei⸗ 112 nes von Natur feurigen und heftigen Gemuͤthes nicht ganzlich hatten verdraͤngen koͤnnen. Nun aber, als fuͤhle er, daß er bei dieſer Gelegenheit einen groͤ jeren Grad von Bewegung gezeigt hatte, als ſich fuͤr ſeinen Charakter ziemte, vermied Joſua alle fernere Anſpie⸗ lungen auf Benjie und Salomon, und ſuchte meine Aufmerkſamkeit auf die uns umgebende Natur zu len⸗ ken, welche an Schoͤnheit und Anmuth zunahm, als wir dem geſchlaängelten Laufe des Baches folgend, das brachliegende Land verließen, und ein ubnd angebau⸗ tes von Zaͤunen durchſchnittenes Land betraten, wo Aecker und Wieſengrund lieblich mit Baͤumen und Hek⸗ ken abwechſelten. Nahe am Strome hinabſteigend, fuͤhr⸗ te uns unſer Weg durch ein kleines Thor zu einem reinlichen Fußpfad, deſſen Seiten mit Baͤumen und hochſproſſenden bluͤhenden Strauchern beſetzt waren; endlich fuhrte eine liebliche Terraſſe uns aus dem Thale heraus, und ploͤtzlich ſtanden wir vor einem niedrigen, aber freundlichen Gebaͤude von unregelmaͤßiger Form; mein Fuͤhrer ſchuͤttelte mir freundlich und herzlich die Hand, und hieß mich zu Mount Sharon Willkommen. Das Gehoͤlze, durch welches wir uns dem kleinen Gebande genaͤhert hatten, umgab es auf der Nord und Nord⸗Weſt Seite; von da aber zertheilte es ſich in verſchiedene Richtungen, und ward von gut bewaͤſſer⸗ ten und gut angebauten Feldern unterbrochen. Das Haus gewaͤhrte die Ausſicht nach Suͤd⸗Oſt; liebliche Anlagen oder Gaͤrten fuͤhrten zum Waſſer. Ich erfuhr nather, daß der Vater des gegenwartigen Beſitzers, der einen großen Hang zum Gartenbau hatte, und ihn ſeinem Sohne vererbte, dieſe Garten angelegt hatte, welche mit ihren ebenen Raſen, verſchlungenen Alleen, mit ihren wilden kuͤhn emporſproſſenden Baͤumen und Straͤuchern, alles gar ſehr verdunkelten, was man in dieſer Art in der Umgegend verſucht hatte. 5* Wenn auch ein wenig Eitelkeit in dem wohlaefil⸗ 3 igen 113 ligen Laͤcheln verborgen lag, mit welchem mich Joſua Geodes anſah, als ich mit Entzucken eine Gegend be⸗ trachtete, die von der nakten Haide, welche wir heute uſennnen durchwandert hatten, ſo verſchieden war, ſo arf man es wohl einem Manne zu gut halten, der, wie er ſelbſt ſagte, korperliche Geſundheit und geiſtige Erholung darin fand, daß er die Schoͤnheiten der Na⸗ tur anbaut und erhoͤht. Am Ende des weitlaͤu n Gartens bildete der Bach in einem Halbeirkel die na⸗ tuͤrliche Graͤnze. Auf dem jenſeitigen Ufer beſaß Joſua keine Beſitzungen mehr, dort ward der Bach von ab⸗ ſchuͤſſigen Kalkfelſen zuruckgedraͤngt, als wollte die Na⸗ tur eine Ringmauer ziehen um dlees kleine Eden der Schoͤnheit, der Laͤndlichkeit und des Friedens. „Aber vergiß nicht“ ſagte der guͤtige Quaͤker,„bei Deiner Bewunderung der Schonheiten unſres kleinen Erbtheils, daß Du nur ein ſparſames Fruͤhſtuͤck ein⸗ genommen haſt.“ Indem er dieſes ſagte, oͤffnete Joſna ein kleines Gitterthor, welches durch einen Lauben Gang, der mit Geisblatt und Waldrebe umrantt war, in ein maͤßig roßes Wohnzimmer fuͤhrte, deſſen Moͤbel mit Reinlich⸗ eit und Einfachheit das deutliche Kennzeichen der Sekte trugen, zu welcher der Eigenthuͤmer gehoͤrte. Deines Vaters Hanna wird allgemein als eine Ausnahme von allen Schottiſchen Haushalterinnen an⸗ geſehen, und in Reinlichkeit iſt ihres Gleichen nicht zu finden unter allen Weibern Alt⸗Schottlands; aber Hanna's Reinlichkeit iſt noch Nach keit im Vergleich mit dem ſorgfaͤltigen Scheuren und Putzen dieſer Leute, welche auf die geringſten Dinge des Lebens jene Strenge übertragen, die ſie ihren moraliſchen Handlungen zei⸗ gen wollen. Das Wohnzimmer wuͤrde, da es niedrig war und kleine Fenſter hatte, ſehr duͤſter gewoſen ſeyn, hatre der Eigenthuͤmer es nicht durch eine Glasthuͤre erhellt W. Scott's Werke. XV. 8 114 zie in ein, ebenfalls mit Glas gedecktes, Treibhaus fuͤhrte. Ich hatte nie zuvor eine ſo liebliche Verei⸗ nigung der Bequemlichkeiten einer Stube mit den Au⸗ nehmlichkeiten eines Gartens geſehen, ich wundere mich, daß die Großen es nicht oͤfter anwenden. Doch findet ſich in einem Blatte des Spectator ein Wink daruͤber. Als ich mich dem Treibhaus naͤherte, um es ge⸗ nauer zu betrachten, zog das Camin des Wohnzimmers meine Aufmerkſamkeit auf ſich. Es war ein Pfeiler aus einem einzigen Stein, der mit der Hoͤhe des Zim⸗ mers ganz außer Verhaͤltniß ſtand. Einſt ſchien er ein Wappenſchild getragen zu haben, denn der Hammer oder der Meiſel, der Schild und Viſir zerſtoͤrte, hatte den Baldachin unverletzt gelaſſen, der das fromme Motto trug: Vertrau' auf Gott! Ich hatte von je her, wie Du wohl weißt, eine beſondere Freude an alt⸗go⸗ thiſchen Buchſtaben, und die Grabſteine auf dem Kirch⸗ hofe zu Grey Friar's ſuchte ich oft zu entziffern, um zu erfahren, was ſie von laͤngſt vergeſſenen Todten ſagen. Joſug ſah mich ſchweigend an, als er mich dieſe Religuie des Alterthums betrachten ſah.„Kannſt Du es leſen?“ frug er endlich. 4 4 Ich wiederholte das Motto, und fuͤgte hinzu, es waͤre noch eine Spur von einer ehemaligen Jahres⸗ zahl vorhanden. 3 „Es ſoll wohl 1537 he ßen,“ ſagte er,„denn ſo lange iſt es weniaſtens, daß meine Voreltern, in den blinden Zeiten des Pabſtthums dieſe Wohnung bauten.“. „Das iſt ein alter Urſprung,“ ſagte ich, indem ich das Monument mit Ehrfurcht betrachtete,„es thut mir jeid, daß das Wappen ausgeloͤſcht iſt.“ Wahrſcheinlich war es meinem Freunde, obwohl er ein Quater war, unmoglich, ſo ganz allen Mangel an Ehrfurcht vor ſeinem Stammbaum zu verleugnen, obzwar er beſtaͤndig gegen dieſe Eitelkeit eiferte, ungefaͤhr ſo, wie Jack Fawkes uns im Collegium mit einer Miene, in wei⸗ 115 cher S th, Reue und Selbſtgeſuhl vermiſcht la⸗ sen, die ungluͤckſe ige Verwicklung ſeiner Vorfahren in der Pulverve ſchwoͤrung erzaͤhlte. „O, Eitelkeit der Eitelkeiten, ſagt der Prediger“ — fing Joſua Geddes von Mount Sharon ſeine Rede an —„wenn mir ſelbſt ein Nichts ſind in den Augen Got⸗ tes, wie viel weniger als Nichts muß nicht unſere Ab⸗ ſtammung von vermoderten Gebeiner Staube ſeyn, deren unſterbliche Geiſte gangen ſind, Rechnung abzulege Freund Latimer, meine Vorfahren war den raͤuberiſchen und blutduͤrſtigen dieſes unterdruͤckte und geplagte Land bew 3 beruͤchtigt waren ſie wegen ihrer gluͤcklichen Freibeuterei, ihrer Raͤubereien und ihrer Mordluſt, daß man ſagt, ſie haͤtten den Namen Geddes von dem Raubfiſche bekom⸗ men, der in der Landesſprache Ged genannt wird— wahrlich eine ehrenwerthe? Zzeichnung fuͤr einen Chri⸗ 91 er mei⸗ licher dem Raub⸗ enſchaft, theilten Wohnſitzes den Namen ute, die dort zwiſchen ihnen und ihren Helfers Helfern getheilt wurde. Eine beſſere Einſicht wurde erſt meinem Großvater Philipp Geddes zu Theil, der, nachdem er vielfach verſucht hatte, ſein Licht an einem der wild flackerenden Feuer, die da⸗ mals in allen Buͤrgerverſammlungen loderten, anzuzun⸗ den, endlich einen Funken von der Lampe des geſegneten 3 8. 116 Georg For auffing, welcher nach Schottland kam, das Licht verbreitend in tiefer Finſterniß, ſo reichlich, wie er ſelbſt ſich ausdruͤckt, wie die Funken ſpruͤhen von den Hu⸗ fen des Pferdes, das in geſtrecktem Laufe auf ſteinigen Wegen dahin eilt.“— Hier unterbrach ſich der gute Quaͤker—„Ach es iſt wahr, ich muß gleich nachſehen, wie es mit dem Salomon ſteht!“ 1 Ein Diener, ebenfalls ein Quaͤker, trat jetzt in das Zimmer, neigte den Kopf gegen ſeinen Herrn, aber nicht wie jemand, der ſich verbeugt, und ſagte gelaſſen:„Sey willkommen in Deinem Hauſe, Freund Joſug, wir er⸗ warteten Dich nicht ſo fruͤhe, aber was iſt denn Dei⸗ nem Pferde Salomon zuseſtoßen?“ „Was ihm zugeſtoßen iſt,“ ſagte mein Freund, „hat ihn denn der Knabe, den ſie Benjie nennen, nicht hieher zuruͤck gebracht?“ „Freilich hat er das,“ ſagte der Bediente,„aber auf eine ſonderbare Art; denn es kam wuͤthend ſchuell her⸗ gelaufen, und warf den Knaben Benjie von ſeinem Nuͤcken auf den Duͤngerhaufen, der im Hof liegt.“ „Das freut mich,“ ſagte Joſua ſchnell—„das freut mich von ganzem Herzen! Aber nein, er iſt der Sohn ener Wittwe— hat ſich der Knabe beſchaͤdigt?“ „Ganz und gar nicht, denn er ſtand eilig auf und lief davon.“. Joſua, murmelte etwas von der Peitſche, dann frug er nach dem jetzigen Zuſtande des Pferdes. „Es ſchwitzt wie ein dampfender Keſſel,“ antwor⸗ tete der Diener,„Bauldie, der Burſche, fuͤhrt es im Hofe am Halfter umher, daß es ſich nicht erkaͤltet.“ Geddes eilte in den Stallhof, um ſelbſt nach dem Zuſtand ſeines Liehlings zu ſehen, und ich ſolgte ihm, um ihm meinen Rath als Stallknecht(ache uicht, Alan, ich habe Stallknechtskenntniſſe genng, einem Quaker beizuſtehn) in dieſer unangenehmen Unterſu⸗ chung anzub 7 ieten. 3 Der Burſche, der das Pferd herumführte, ſchien 112 kein Quaͤker zu ſeyn, doch hatte ihm ſein Umgang mit der Kamilie einen Anſtrich ernſter Maͤßigung in Blick und Weſen gegeben. Er verſicherte Joſua, das Pferd habe durchaus nichts gelitten, und ich gab zu verſtehen, daß ihm die Uebung ſogar zutraͤglich waͤre. Salomon ſelbſt neigte ſeinen Kopf gegen ſeinen Herrn, und rieb ihn an den Schultern des guten Quaͤkers, als wolle er ihn uͤber ſein Wohlbefinden beruhigen, ſo daß Joſug, zufrieden in das Wohnzimmer zuruͤckkehrte, wo nun das Fruͤh⸗ ſtuͤck aufgetragen werden ſollte. Seitdem habe ich erfahren, daß Joſua's Neigung fuͤr ſein Pferd von einigen ſeiner Glaubensbruder als ungehoͤrig betrachtet wird; und daß er vielfachem Tadel unterliegen mußte, daß er ihm einen Namen, und gar einen bibliſchen beilegte; doch genoß er einer ſo großen Achtung und eines ſo großen Einfluſſes unter ihnen, daß ſie dieſe Schwaͤche üͤberſahen. Waͤhrend nun der alte Diener, Jehrjachim aus und ein ging, und mit den Vorbereitungen zum Fruͤhſtuͤck ar nicht ſertig werden wollte, erfuhr ich von meinem Freunde Joſua, daß ſein Großvater Philipp, der Con⸗ vertite des Georg Fox, in den Verfolgungen, welche dieſe unſchuldigen Andaͤchtigen in jenem unduldſamen Zeitalter von allen Seiten erduldeten, viel gelitten hatte, und daß ein großer Theil ihres vaͤterlichen Erbes zu Grund gegangen war. Beſſere Tage waren dem Vater unſeres Joſua vorbehalten, der, nachdem er ſich mit ei⸗ ner reichen Quaͤkerfamilie in Lancaſhire verſchwaͤgert hatte, verſchiedene Handelszweige mit Erfolg betrieb, den Reſt des Gutes einloͤste, und ihm ſtart des Namens Sharing-Knowe, wie die Graͤnzbewohner es nannten, die evangeliſche Benennung Mount⸗ Sharon hbeilegte. Erwaͤhnter Philipp Geddes hatte, wie ſchon geſagt, den Geſchmack am Gartenbau und an Blunien, der ohne⸗ bin ſeiner Sekte eigenthumlich iſt, hier einheimiſch ge⸗ macht. Er riß die Ueberbleibſel des alten Hauſes nieder, baute das neue Gebaͤude dahin, und wahrend er die 118 Wohnſtaͤtte ſeiner Vorfahren, ihrer Gaſtfreundſchaft wegen, und das fromme Motto, das ſie zufaͤllig ange⸗ nommen hatten, verehrte, vernichtete er auf der ande⸗ ren Seite die weltlichen und militaͤriſchen Zeichen, die Schild und Helm ſchmuͤckten, ſammt allen Wappenzierden. Nachdem Mr. Geodes den Bericht von ſich und ſei⸗ ner Familie geendigt hatte, trat ſeine Schweſter Rahel, das einzige noch lebende Mitglied derſelben in das Zim⸗ mer. Sie war wunderbar lieblich anzuſehen, denn ob⸗ gleich ſie wenigſtens dreißig Jahr alt ſeyn mußte, hatte ſie doch noch das Anſehen und die lebhaften Bewegungen eines juͤngeren Alters. Der Mangel an Verzierungen und an Putz wurde durch Zierlichkeit und Reinlichkeit des Anzugs reichlich erſetzt; eine einfache, anliegende Haube ſtand gar wohl zu den Augen, aus denen Sanft⸗ muth und Taubeneinfalt ſprach. Auch ihre Zuge waren gar angenehm, doch hatten ſie ein wenig von dem erklaͤr⸗ ten Feinde aller Schoͤnheit, von den Blattern, gelitten; ein Nachtheil, der zum Theil von einem ſchoͤn geform⸗ ten Munde, von Zaͤhnen wie Perlen, von einem freund⸗ lich laͤchelnden Zug aufgewogen wurde, der einem jeden, mit dem ſie ſprach, zeitliche und ewige Gluͤckſeligkeit zu wuͤnſchen ſchien. Du kannſt hier keine niedrige? ſpie⸗ lung machen, Alan, denn ich habe Dir ein getreues Vild der Rahel Geddes gegeben; folglich kannſt Du hier nicht, wie in Deinem Briefe, den ich eben empfange, ſagen, daß ich ſie, als einen Gegenſtand, den ich zu erwaͤhnen, fuͤrch⸗ tete, uͤbergangen hatte. Doch bald ein Mehreres daruͤber. Wir begannen alſo das Fruͤhſtuͤck nach einem Se⸗ gensſpruch, oder vielmehr nach einem Gebete aus dem Stegreif das Joſua hielt, und das der Geiſt ihn mehr zu verlaͤngern antrieb, als es mir angenehm war. Dann aber, Alan, griff ich ſo kraͤftig beim Morgenimbiß zu, mie Du den Darſie Latimer wohl noch nie beim Fruͤhſtuͤck ſahſt, Thee und Chocolade, Eyer, Schinken und Paſte⸗ ten, die gebackenen Fiſche nicht zu vergeſſen, kurz alles verſchwand mit einer Schnelligkeit, die den gutmuͤthigen 119 Quaͤker ſtaunen machte, der meinen Teller immer von neuem belud, als wollte er ſehen, ob es gar nicht moͤg⸗ lich waͤre, mich zu ermuͤden, dennoch aber bekam ich ei⸗ nen Wink, der mich erinnerke, wo ich war. Miß Ged⸗ des hatte mir naͤmlich ſuͤßen Kuchen angeboten, den ich fuͤr den Augenblick ablehnte, doch als er mir gleich dar⸗ auf wieder unter Haͤnden kam, nahm ich mir in Gedan⸗ ken ein Stuͤck davon, und wollte es eben auf meinen Tel⸗ ler legen, als mein Wirth Joſua(doch keineswegs in der Manier des Arztes des Sancho, Lirtea Puera, ſon⸗ dern kalt und ruhig) es mir wieder weg nahm, und es auf den Tiſch legte, indem er trocken ſagte:„Du ſchlugſt es eben aus, Freund Latimer.“ Dieſe guten Leute erkennen das Recht nicht an, ſein Wort zuruͤcknehmen zu duͤrfen, was Dein guter Vater das Privilegium der Bewohner von Aberdeen neunt; oder wie die Weiſen ſagen, den zweiten Gedanken. Dieſen kleinen Wink abgerechnet, der mich belehr⸗ te, daß ich mich unter ſehr pänktlichen, eigenthuͤmlichen Menſchen befand, war in meinem Empfang nichts aus⸗ gezeichnetes— nur bemerkte ich die aͤngſtliche, gleichfoͤr⸗ mige Zuvorkommenheit, von welcher alle Aufmerkſam⸗ keitsbezeugungen meiner neuen Freunde deutliche Spuren trugen; als waͤren ſie beſorgt, dafur mich fuͤhlen zu laſ⸗ ſen, daß die Vernachlaͤſſigung der gebraͤuchlichen Hoͤflich⸗ keitsbezeugungen, die ihnen ihr Glaube verbietet, nur ihre Gaſtfreundſchaftlichkeit noch herzlicher mache. End⸗ lich war mein Hunger geſtillt, und der wuͤrdige Quaͤ⸗ ker, der mit gutmuthigen, Blicken meinen Appelit be⸗ obachtet hatte, wandte ſich mit folgenden Worten au ſeine Schweſter. „Dieſer junge Mann, Nahel, hat in den Zelten unſeres Nachbars, den man den Laird nennt, ubernach⸗ tet. Es thut mir Leid, daß ich ihm nicht geſtern Abend begegnete, denn unſeres Nochbars Gaſtfreundſchaft wird zu ſelten in Ausuͤbung gebracht, als daß er mit den Mitteln zum Empfang gut vorbereitet ſeyn konnte.“ 120 „Nicht ſo, Joſua,“ ſagte Rahel,„wenn unfer Nachbar etwas Gutes that, ſo ſollteſt Du ihn bei dieſer Gelegenheit nicht ſchelten; hat unſer junger Freund ei⸗ ne Nacht ſchlecht zugebracht, ſo mag ihn das Beſſere, das Gott ihm kuͤnftig ſchickt, um ſo viel mehr erfreun.“ „Und damit er das beſſer koͤnne,“ ſagte Jofua,„ſo wollen wir ihn bitten, Rahel, ein oder zwei Tage bei uns zu verweilen: er iſt jung, tritt eben in die Welt, ſo moͤge ihm, wenn er will, unſere Wohnung zum Ruhe⸗ platz, dienen, von wo aus er die Pilgerfahrk, die ihm bevorſteht, und den Weg, den er wandern ſoll, uͤberſe⸗ hen mag.— Was ſagſt Du dazu, Freund Latimer? Wir zwingen unſere Freunde nicht zu unſerer Lebensart, und Du wirſt wohl ſo vernuͤnftig ſeyn, keinen Anſtoß daran zu nehmen, wenn wir der unſerigen folgen, ſelbſt wenn wir Dir hie und da einen wohlgemeinten, freundſchaft⸗ lichen Rath geben, ſo denke ich wirſt Du auch daruͤber nicht boͤſe werden.“ 3 3 Du weißt, Alan, wie leicht mich auch nur ein An⸗ ſchein von Herzlichkeit hinreißt, darum nahm ich alſo— wenn ich mich ſchon vor den Umſtaͤndlichkeiten ein we⸗ nig fuͤrchtete— die Einladung an, und bat nur, man moͤchte einen Boten nach dem Schaͤfersbuſch ſchicken, üm, mehden Diener und meinen Mantelſack kommen zu laſſen. 3 „Du haſt recht, Freund,“ ſagte Joſua,„Dein Aeu⸗ ßeres wuͤrde durch reinere Waͤſche wohl gewinnen; ich will Deinen Auftrag im Gaſthaus der Wittwe Gregſon ſelbſt vollfuͤhren, und Dir deinen Burſchen mit den Kleidern hieher ſchicken. Unterdeſſen wird Dir Rahel unſere Gaͤrten zeigen, und Dich in den Stand ſetzen, Deine Zeit nuͤtzlich zuzubringen, bis uns um zwei Uhr das Mittageſſen ruft. Fuͤr jetzt ſage ich Dir Lebewohl, denn ich habe noch eine ziemliche Strecke zu gehen, da ich dem Salomon jetzt Ruhe goͤnnen muß.“ 3 Mit dieſen Worten ging Mr. Joſua Geddes ſeines Wegs, Gar manche Frauenzimmer, die wir kennen, 121 wuͤrden Verlegenheit gefuͤhlt oder affectirt haben, wenn man ſie mit einem—(frei heraus geſagt, Alan) ar⸗ tigen, jungen Manne, mit einem Fremden allein gelaf⸗ ſen haͤtte, die honneurs de la maison(die gaſtlichen Pflichten) zu machen. Sie ging einige Minuten hinaus, und kam dann wieder mit ihrem einfachen Gewand, ih⸗ rer Haube, und mit Handſchuhe an bereit, mir mit eben ſo einfacher Unbefangenheit zum Fuͤhrer zu dienen, als hatte es Deinem Vater gegolten Alan. So machte ich mich alſo mit meiner ſchoͤnen Quakerin auf den Weg. Wenn auch das Haus zu Mount Sharon nur eine geraͤumige, anſtaͤndige Wohnung von maͤßiger Groͤße und geringer Bedeutung iſt, ſo koͤnnen doch die Gaͤrten und Oekonomie⸗Gebaͤude, obſchon ſie nicht ſehr weitlaͤu⸗ fig ſind, was Sorgfalt und Aufwand betrifft, ſich kuͤhn mit denen eines Grafen meſſen. Zuerſt fuͤhrte mich Rahel auf ihren Lieblingsort, in den Huͤhnerhof, wo al⸗ lerley Arten Federvieh, das ſeltenſte ſowohl wie das ge⸗ wöhulichſte zu finden war, und welche alle, jede Gattung nach ihrer Weiſe, wohl verſorgt waren. Ein Baͤchlein, das ſich zur Bequemlichkeit des Waſſergefluͤgels in ein Becken bildete, rieſelte uͤber Kiesſand in den Hof, der dem Gefluͤgel beſtimmt war, das ſich auf dem Lande aufhaͤlt, und ſo waren beide Gattungen wohl verſorgt. Alle dieſe Geſchoͤpfe ſchienen ihre Gebieterinn zu erkennen, und einige beſonders Beguͤnſtigte eilten zu ih⸗ ren Fuͤßen, und folgten ihr, ſo weit es ihre Graͤnze er⸗ laubte. Sie kannte ihre Eigenheiten und Eigenſchaften ſo genau, wie jemand, der ſich dem Studium der Natur⸗ geſchichte gewidmet hat. Ich geſtehe, daß ich nie zuvor das Hofgefluͤgel mit ſo vielem Antheil betrachtet habe— es muͤßte denn gebraten oder geſotten geweſen ſeyn. Ich konnte mich nicht enthalten, ihr die verfaͤngliche Frage vorzulegen, wie ſie das Toͤdten eines der Geſchopfe, die ſie mit ſo viel Sorgfalt pflege, anorbnen koͤnne. Es waͤre ihr freilich hart, ſagte ſie, doch aber waͤre es den Geſetzen ihres Daſeyns gemaͤß. Sie muͤßten ſterben, 12² doch wuͤßten ſie nicht, wenn der Tod herannahe; und wenn man ihnen nur ein ertraͤgliches, angenehmes Le⸗ ben verſchaffe, ſ. truͤge man zu ihrem Gluͤcke ſo viel bei, wie die Bedingung ihres Daſeyns erlaube. Ich bin nicht ganz ihrer Meinung, Alan, ich glaube weder Schweine noch Gefluͤgel wuͤrden zugeben, daß das beſtimmte Ende ihres Daſeyns waͤre, getoͤdtet und ge⸗ geſſen zu werden. Doch beruͤhrte ich den Punkt nicht wei⸗ ter, dem meine Quaͤkerinn entſchluͤpfen wollte, denn als ſie mich in das Pflanzenhaus fuͤhrte, das geraͤumig und mit den ſeltenſten Pflanzen verſehen war, zeigte ſie mir einen Vogelbauer, der am aͤußeren Ende ſtand, deſſen Bewohner ſie verſorgte, ohne, wie ſie ſaͤgte, von den traurigen Gedanken au ihre Zukunft geſtoͤrt zu werden. Ich will Dich mit keinem Berichte von den verſchie⸗ denen Treibhaͤuſern und Gaͤrten und ihrem Inhalte be⸗ laͤſtigen. Es muß wahrlich keine geringe Summe Gel⸗ des verwendet worden ſeyn, um ſie in dieſem ausgezeich⸗ neten Grade von Ordnung aufzubauen und zu erhalten. So viel ich hoͤrte, war die Familie mit der des beruͤhm⸗ ten Millar bekannt, und hatte von dieſer den Geſchmack am Blumen⸗ und Gartenbau angenommen. Statt aber botgniſche Namen zu radebrechen, will ich Dich lieber in den Luſtgarten fuͤhren, den Joſug oder ſein Vater ge⸗ ſchmackvoll zwiſchen Haus und Garten angelegt hat. Auch dieſer war, im Sigenihs zu der ſonſt vorherrſchenden 3 Einfachheit, ungewoͤhnlich verziert. Da gab es verſchie⸗ dene Partien, welche aber ſo gut verbunden waren, daß die ganze Flaͤche, die nicht groͤßer als 5— 6 Acker Lan⸗ des war, wohl viermal ſo groß ſchien. Die Zwiſchen⸗ raume enthielten dichte Alleen und offene Spaziergaͤnge, einen ſehr huͤbſchen, kuͤnſtlichen Waßferfall, und einen Springbrunnen, der einen bedeutenden Bogen beſchrieb, und in deſſen Stroͤme die Sonnenſtrahlen einen beſtaͤn⸗ digen Regenbogen bildeten. Da fand man ferner ein Laube Cabinet, wie es die Franzoſen nennen, um ſich in der Hitze des Sommers abzukuͤhlen, und eine Terraſſe, 123 die gegen Nord⸗Oſt von einer Hecke vonz Stechpalmen mit glaͤnzenden Dornen beſchuͤtzt war, wo Du in heite⸗ ren, kalten Wintertagen Dich der erwaͤrmenden Son⸗ nenſtrahlen erfreuen kannſt. Ich weiß, daß Du, Alan, das Alles gls ſchlecht und alt verwerfen wirſt, denn ſeit⸗ dem Landſeer die Anlagen zu Leaſowes beſchrieben und von Brown's Nachahmung der Natur geſchwatzt hat, und ſeitdem Horacius Walpole ſeine Verſuche uͤber den Gar⸗ tenbau bekannt machte, biſt Du nur fuͤr einfache Natur⸗ anlagen— verdammſt es, Terraſſen in freyer Luft auf⸗ zufuͤhren, und findeſt nur an Waldern und Wildniſſen Wohlgefallen. Aber ne quig nimis. Ich moͤchte frei⸗ lich großartige Naturſchoͤnheiten nicht durch kuͤnſtliche Anlagen verderben, wo aber die Lage keine beſondere Schoͤnheiten darbietet, da ſind ſie, glaube ich, an ih⸗ rem Platze. Häͤtte ich alſo ein Landhaus(wer weiß, wie lang es bis dahin noch dauert?) ſo wirſt Du Grorten, Waſſer⸗ faͤlle und Springbrunnen ſehen, ja wenn Du mich mit Widerſpruch aͤrgerteſt, ſo koͤnnteſt Du mich ſogar daſi bringen, einen Tempel hin zu bauen— reitze mich alſo nicht.. den Du ſiehſt, zu welchen ungeheuern Dingen ich faͤhig bin. Wann Du auch, Alan, allen uͤbrigen Grund und Boden meines Freundes Geddes als Kuͤnſteleien ver⸗ dammt haͤtteſt, ſo hat er doch ſcharf am Rande des Stro⸗ mes einen Weidengang, ſo duſter, ſo feyerlich, ſo ſtille, daß er Deine Bewunderung erzwungen haͤtte. Der Bach, am aͤußerſten Ende des Guts, durch einen natuͤr⸗ lichen Damm oder Felſenſchleuſe eingeengt, ſchien, ſelbſt angeſchwollen wie er war, kaum ſauft dahin zu gleiten, und die blaſſe Trauerweide ſammelle, um ihre in den Strom hinab haͤngende Aeſte, kieine Kronen von Schaum, die der fruͤher reißende Fluß hieher fuͤhrte. Kaum ſah man durch die Aeſte die hohen Felſen des jen⸗ ſeitigen Ufers, deren bleiche, glaͤnzende Stirn mit lan⸗ gen Hecken von wilden Roſen und anderen niederen 124 Straͤuchern bekraͤnzt, ein Schlagbaum ſchien, der den ruhigen Pfad, den wir wandelten, abſchied von der ge⸗ ſchaftigen, unruhigen Welt jenſeits. Der Pfad ſelbſt beſchrieb, indem er den Kruͤmmungen des Stromes folg⸗ te, einen ſanft gebogenen Halbeirkel, doch ſo, daß er das Ende des Weges verbarg, bis man es erreicht hatte. Ein dumpfes, duͤſteres Brauſen, das zunimmt, je mehr Du Dich ihm naͤherſt, bereitet Dich auf dieſes Ende vor, wo Du auf einem einfachen Baumſtamme ſitzend, einen ſechs bis ſieben Fuß hohen Waſſerfall erblickſt, wo, wie ſchon erwaͤhnt, der Fluß ſich uͤber den Felſendamm ſtuͤrzt. Die Stille, die Daͤmmerung, die Abgelegenheit die⸗ ſes Ganges ſtimmten zu vertraulichen Mittheilungen; und da ich meiner ſchoͤnen Quaͤkerinn nichts Anziehen⸗ deres zu ſagen wußte, ſo nahm ich mir die Freiheit, ſie um die Verhaͤltniſſe des Lairds zu fragen; denn Du weißt oder ſollteſt es wiſſen, Alan, daß naͤchſt den Her⸗ zensangelegenheiten, das ſchoͤne Geſchlecht ſich am mei⸗ ſten mit denen der Nachbarn beſchaͤftigt. Ich verbarg ihr weder meine Neugierde, noch die Art, wie Joſua ſie zuruͤckgewieſen hatte; meine Beglei⸗ terinn antwortete verlegen:„Ich kann nur die Wahr⸗ heit reden, darum geſtehe ich Dir, daß meinem Bru⸗ der der Mann, deſſen Du erwaͤhnteſt, mißfaͤllt, daß ich ihn fuͤrchte. Vielleicht haben wir beide Unrecht — aber er iſt ein gewaltthatiger Mann, und ubt uͤber viele einen großen Einfluß aus, die ihrem Gewerbe als Schiffer oder Fiſcher nachgehend ſo unempfindlich wer⸗ den, wie das Element, das ihnen ihre Nahrung dar⸗ bietet. Sie geben ihm(was nichts Ungewoͤhnliches un⸗ ter ihnen iſt) keinen beſtimmten Namen, denn es iſt ein roher Gebrauch bei ihnen, ſich gegeſeitig durch Beina⸗ men zu bezeichnen. Sie nennen ihn den Herrn der Seen, (ich will gar nicht erwaͤhnen, daß man niemand Herr nen⸗ nen ſollte, als nur den Einen) thoͤrichte Lacherlichkeit! denn man nennt die Pfuͤtzen von Salzwaſſer, welche die Ebbe im Sande zurucklaͤßt, die Seen der Solway.“ 125 „Hat er denn keine andere Einkunfte, als die, welche er aus dieſen Duͤnen zieht?“ „Das kann ich nicht beautworten,“ erwiederte Ra⸗ hel,„man ſagt, es fehle ihm nicht an Geld, und er thei⸗ le den Armen in ſeiner Umgegend freigebig von ſeinem Ueberfluſſe mit, obſchon er wie ein gewoͤhnlicher Fiſcher lebt. Sie geben zu verſtehen, daß er ein Mann von Be⸗ deutung ſey, der in der ungluͤcklichen Empoͤrungsge⸗ ſchichte ſo tief verwickelt waͤre, daß ihm noch zu viel Ge⸗ fahr drohe, wenn er ſeinen eigentlichen Namen annaͤh⸗ me. Auch iſt er manchmal Wochen und Monden lang von ſeiner Wohnung zu Brokenburn ⸗Cliffs abweſend.“ „Jch glaubte,“ ſagte ich,„die Regierung wurde bei jetziger Zeit ſelbſt den hartnaͤckigſten Rebellen nicht in Anklagezuſtand verſetzen. Gar viele Jahre ſind ſeit⸗ dem verſtrichen.“— 4 „Das iſt wohl wahr,“ erwiederte ſie,„doch begrei⸗ fen Leute der Art wohl, daß ihr Leben nur geſichert iſt, ſo lange ſie im Stillen leben. Man kann aber von die⸗ ſen rohen Menſchen nichts Gewiſſes erfahren. Sie ge⸗ hen nicht mit Wahrheit um— nur wenige ſind unter ihnen, die nicht an dem ungeſetzmaͤßigen Handel zwi⸗ ſchen dieſen Gegenden und den benachbarten Ufern Englands Theil nehmen; jede Art von Falſchheit und Bekrug iſt ihnen wohl bekannt.“ „Es iſt Jammerſchade,“ bemerkte ich,„daß Ihr Bruder ſolche Nachbarn hat, beſonders da ich bemerk⸗ te, daß er in einige Streitigkeiten mit ihnen ver⸗ wickelt iſt.“ „Wo, wann, warum?“ frug Miß Geodes mit heftiger, geſpannter Angſt, die mich bereuen machte, daß ich den Gegenſtand beruͤhrt hatte. Ich tnhahlte ihr alſo, ſo ſchonend wie moͤglich den Workwechſel, der heute Morgen zwiſchen ihrem Bruder und dem Herrn der See Statt gefunden hatte. „ Du erſchreckſt mich ſehr,“ antwortete ſie,„eben dieſer Umſtand verſcheucht den ruhigen Schlaf der Nacht 126 von mir. Als mein Bruder Joſug ſich von der Theilnah⸗ me an den Handelsgeſchaͤften meines Vaters zuruͤckzog, zufrieden mit dem Antheil an weltlichen Guͤtern, die ihm zugefallen waren, blieb er nur bei einem oder zwei Unternehmungen betheiligt, entweder, weil ſein Zuruͤck⸗ ziehn ſeinen Freunden geſchadet haͤtte, oder weil er auf irgend eine Weiſe ſeine Zeit nuͤtzlich anwenden wollte. Unter den wichtigern gehoͤrt eine Fiſcherei an der Kuͤſte, wo durch eine verbeſſerte Art Reuſen ſo zu legen, welche ſich beim Herannahen der Ebbe oͤffnen, und bei der Fluth ſchließen, bei weitem mehr Fiſche gefangen werden, als wenn man ihrer, wie die Leute von Broken⸗Burn mit Netz, Speer und Fiſchangel, habhaft werden will. Sie beklagen ſich uͤber dieſe Ebbe⸗Netze als eine Neuerung, und glauben ein Recht zu haben, ſie mit Gewalt nieder⸗ zureißen und zu zerſtoͤren. Ich fuͤrchte ſehr, dieſer ge⸗ waltthaͤtige Mann, den ſie Laird nennen, wird ſeine Drohung ausfuͤhren, was nicht ohne Verluſr und Ge⸗ fahr fuͤr meinen Bruder geſchehen kann.“ „Mr. Geddes,“ ſagte ich,„ſollte ſich an die buͤrger⸗ liche Behoͤrde wenden; es liegen Soldaten in Dumfries, die man zu ſeinem Schutz abſenden koͤnnte.“ „Du ſprichſt,“ antwortete die Dame,„wie jemand, der noch in der Galle der Bitterkeit in dem Verbande der Ungerechtigkeit befangen iſt. Gott bewahre uns, Netze von Flachs und Pfaͤhle von Holz, oder den Mammon von Gewinnſt, den ſie uns verſchaffen, mit den Haͤnden der Kriegsleute zu beſchuͤtzen, auf die Gefahr hin Menſchenblut zu vergießen!“ „Ich ehre Ihre Bedenklichkeiten,“ erwiederte ich, „aber wenn Ihr dieſe Geſinnungen hegt, ſo ſollte doch Ihr Bruder der Gefahr durch Vertrag oder durch Nachgeben ausweichen.“ „Das ware wohl auch das Beſte,“ verſetzte Rahel, „aber was kann ich ſagen?— Selbſt in dem beſtgear⸗ keten Gemuͤthe koͤnnen noch Spuren vom alten Adam zu⸗ ruͤcebleiben; auch weiß ich nicht, ob es dieſer oder ein d 127 beſſerer Geiſt iſt, der meinen Bruder Joſua dazu bringt, daß er, obgleich er nicht Gewalt mit Gewalt vertreiben will, dennoch ſein Recht nicht leeren Drohungen aufop⸗ fern, oder ſie durch ſein Nachgeben nicht ermuntern will, auch Andern Schaden zuzufuͤgen. Er ſagt, ſeine Mit⸗ genoſſen vertrauten auf ſeine Feſtigkeit, und er wolle ſie nicht kaͤuſchen, indem er ihre Rechte aufgaͤbe, aus Furcht vor den Drohungen der Menſchen, deren Athem in der Naſe iſt.“ Dieſe Bemerkung uͤberzeugte mich, daß der Geiſt der alten Beutetheiler aus dem Buſen des friedfertigen Quaͤkers noch nicht gaͤnzlich verbannt war, und in mei⸗ nem Inneren mußte ich geſtehn, daß Joſua Recht hatte, als er behauptete, daß eben ſo viel Muth zum Dul⸗ den wie zum Handeln gehoͤre. Als wir uns dem aͤußerſten Ende des Weidengangs nahten, ward das dumpfe und anhaltende Brauſen des herabſtuͤrzenden Waſſers immer toſender, ſo daß es uns zuletzt ſchwer fiel mit einander zu ſprechen. Die Unter⸗ haltung ſtockte, doch ſchienen die Gedanken meiner Ge⸗ faͤhrtinn immerwaͤhrend an den truͤben Ahnungen zu haͤngen, die es erregt hatte. Am Ziele des Wegs genof⸗ ſen wir einer Ausſicht auf den Waſſerfall, wo der ange⸗ ſchwollene Bach, ſchaͤumend und toſend, uber den natuͤr⸗ lichen Felſendamm ſtuͤrzte, der vergeblich ſeinen Lauf hemmen zu wollen ſchien. Entzuckt blickre ich hin, als ich mich aber umwandte, meiner Gefaͤhrtinn meine Ge⸗ fuͤhle auszudruͤcken, bemerkte ich, daß ſie die Haͤnde gefal⸗ tet hatte, in einer Stellung kummervoller Ergebung, welche anzeigte, daß ihre Gedanken fern von der vor uns liegenden Naturſcene waren. Da ſie ſah, daß ihre Zerſtreuung bemerkt wurde, nahm ſie die fruͤhere Ruhe in ihren Manieren mieder an; und als ſie mir hinlaͤng⸗ lich Zeit gelaſſen hatte, das Ziel unſeres ſtillen, einſamen Spaziergangs zu bewundern, ſchlug ſie mir vor, auf ei⸗ nem Weg durch die Laͤndereien ihres Bruders zuruckzu⸗ kehren.„Selbſt wir Quzͤker wie man uns nennt,“ 128 ſagte ſie,„haben unſeren kleinen Stolz, und mein Bru⸗ der Joſua wuͤrde es mir nicht verzeihn, wenn ich es ver⸗ ſaͤumte, Dir die Felder zu zeigen, die er mit der groͤß⸗ ten Freude, nach den neueſten und beſten Arten anbaut; woruͤber er, von guͤltigen Richtern viel Lob erhalten hat, aber auch von denen laͤcherlich gemacht wurde, die es fuͤr eine Thorheit halten, die Gebraͤuche unſerer Vaͤter verbeſſern zu wollen.“ Waͤhrend ſie ſprach, oͤffnete ſie ein niedriges Thor, das durch eine mit Moos und Epheu bedeckte Mauer, welche die Graͤnze des Luſtgartens bildete, in das freye Feld fuͤhrte; hier wanderten wir auf einem ordentlichen Fußpfad, der in einem guten, einfachen Geſchmack an⸗ gelegt, zwiſchen Hecken und Zaͤunen, durch Wieſen, Aecker und Waldungen ging, ſo daß der gute Mann, bei gewoͤhnlichem Wetter die Runde um ſeine Oekonomie⸗ Gebaͤude machen konnte, ohne auch nur den Schuh zu be⸗ ſchmutzen. Auch Ruheſitze waren angebracht; und wa⸗ ren ſie auch weder mit Inſchriften geziert, noch ſo haͤu⸗ fig wie die Beſchreibung der Anlagen zu Leaſowes es erwaͤhnt, ſo war doch ihre Stellung ſo gewaͤhlt, daß ſie entweder eine ferne Ausſicht beherrſchten, oder ei⸗ nen Blick heimwaͤrts gewaͤhrten. 4 Aber was mir in Joſua's Gebiet am meiſten auffiel, war die Anzahl und die Zahmheit des Wildes. Kaum verließ das Rebhuhn den Zweig der Hecke, wo es ſeine Brut um ſich verſammelt hatte, obſchon der Weg dicht daran vorbei fuͤhrte. Der Hafe blieb in ſeiner Lage lie⸗ een und ſchaute uns, wenn wir vorbeigingen, mit vol⸗ en dunkeln Augen an, oder er huͤpfte eine kleine Strecke und ſtellte ſich dann aufrecht hin, um uns mit groͤßerer Nengierde als Furcht zu betrachten. Ich machte Miß Geddes auf die Zahmheit dieſer aͤngſtlichen und ſcheuen Thiere aufmerkſam, und ſie belehrte mich, daß ihr Zu⸗ trauen von dem Schutz deſſen im Sommer, und von der Nachſicht, deren ſie ſich im Winter erfrenten, herrüͤhrte. „Sie ——— 2 — ———-—ÿy y— —— „ Sie ſind Schuͤtzlinge „der ihnen um ſo viel groͤß 1 einraͤumt, da ihr Geſchlecht von der Welt in 129 meines Bruders,“ ſagte ſie, eren Anſpruch auf ſeine Guͤte Allgemei⸗ nen verfolgt wird. Er verſagte ſich es ſelbſt einen Hund zu halten, damit dieſe Geſchoͤpfe hier einer ungeſtoͤrten Sicherheit genießen können. Und ſelbſt dieſe harmloſe, menſchliche Neigung oder Laune hat unſere gefaͤhrli⸗ hen Nachbarn beleidigt.“ Sie erklaͤrte es, indem ſie mir ſagte, daß mein Wirth von geſtern Nacht Jagd beruͤchtigt waͤre, der Wuͤnſche derjenigen, uͤber wegen ſeiner Leidenſchaft zur er ſich ohne Ruckſicht auf die deren Felder er jage, uͤber⸗ ließe. Die unbeſtimmte Miſchung von Ehrfurcht und Angſt, mit welcher man ihn allgemein betrachte, verleite viele der benachbarten Gutsbeſitzer, von ihm zu dulden, — 2 1,5 was ſie an jedem anderen als Waldfrevel beſt Aber Joſua Geddes erlaubte keinen Eingrif Rechte, und ſo wie er fruͤher mehrere ſeiner beleldigt hatte, die ihn, weil er das Wir. at jagte, noch zu jagen erlaubte, mit einem Hunde in ei⸗ ner Fleiſcherbude verglichen hatten; ſo vermehrte er nun die Abneigung, die der Laird ſchon gegen ihn gefaßt hatte, indem er ihm ein fuͤ auf ſeinen Grund und B ich gar oft wuͤnſche,“ ſagte r alle Mal verbot, dem Wild oden nachzujagen.„So daß Rahel Geddes,„unſer Loos moͤchte uns an einem anderen Orte gefallen ſeyn, als an dieſen lieblichen Ufern, wo wir, wenn auch weniger Schonheiten uns umgaͤben, doch eine friedliche, wohl⸗ meinende Nachbarſchaft haͤtten.“ „Endlich kehrten wir nach Haus zuruͤck, wo mir Miß Geddes eine kleine Bibliothek zeigte, die in zwei Schraͤnken aufbewahrt war.„Dleſe“ ſagte ſie, indem ſie auf den kleineren Se wenn Du ihnen Deinen ſeyn, und jene(indem ſi Schrank zeigre) werden O W. Scott's Werke. XV. Hir hrank zeigte,„werden Muße leihſt, gewiß nuͤtzlich e auf den anderen groͤßeren ir, glauhe ich, nicht ſchaden, 9 130 Einige unſerer Voͤlker glauben freilich, ein jeder Schrift⸗ ſteller, der nicht fuͤr uns iſt, waͤre gegen uns, aber mein Bruder Joſug iſt gemaͤßigt in ſeinen Meinungen, und fteht mit unſerem Freunde John Scott von Amwell, der doch Verſe gemacht hat, die ſelbſt in der Welt Beifall fanden, in Briefwechſel.— Ich wuͤnſche Dir recht viel Gutes, bis wir uns Mittags wieder treffen.“ Als ich nun allein war, unterſuchte ich beide Sammlungen; die erſte beſtand blos aus theologiſchen und polemiſchen Abhandlungen, die zweite aber aus einer kleinen hiſtoriſchen Bibliother und aus morali⸗ ſchen Schriften in Proſa und in Verſen. Da ich mir nicht einer Epoche zu leſen. Sam, der immer noch haͤufiger betrunken als nuͤch⸗ tern iſt, kam zur rechten Zeit mit meinem Mantelſack an, und ſetzte mich alſo in den Stand, meine Kleidung ſo zu ordnen, daß ſie ſich fuͤr dieſen Tempel der Reinlichkeit und s Wohlauſtandes beſſer ziemt, da ich(ſchließlich) wahr⸗ ſcheinlich mehrere Tage hier verweilen werde. P. S. 9 n 1i H. Jit Uesh 3 3 onderes ilt an der Geſchich⸗ — — 131 te, beſonders da Mr. Herries das Majorat verſoren und nur noch den Titel beibehalten hat.— Der Laird be⸗ trug ſich hochmuͤthig und frech— auch das weicht vom Character nicht ab; daß er die Treppe nicht hinab ge⸗ worſen wurde, das liegt daran, daß Alan Fairford nicht ganz der Mann iſt, wie ſein Freund ihn wuͤnſchte. Nun, was iſt denn daran, wenn ein junger Rechtsgelehrter ſtatt den guten Freund zur Thuͤre hinaus zu werfen ſie lieber ſelbſt ergriff, und den eben erwaͤhnten Laird, den glten Rechtsgelehrten etwas fragen hoͤrte, was den Dar⸗ ſie Latimer betraf? Wahrſcheinlich frug er nach dem ſchoͤnen, liebenswuͤrdigen Familiengliede, das erſt kuͤrz⸗ lich der Themis ſeine Verbeugung gemacht hat, und die Ehre zuruͤckwieß, ihr ferner zu folgen. Du lachſt mich wegen meiner Luftſchloͤſſeer aus; aber geſtehe es nur ein, beruhen ſie im allgemeinen nicht auf beſſeren Gruͤnden als auf vei Worten, die ſolch' ein Mann wie Herries ſprach? Und doch— doch Alan, moͤchte ich ei⸗ nen Zuſammenhang in der Sache finden, denn in finſte⸗ rer Nacht wird ſelbſt ein Johanniswuͤrmthen ein Gegen⸗ ſtand des Glanzes, und fuͤr jemanden, der in meiner Unwiſſenheit und Ungewißheit ſchwebt, iſt der ſchwaͤchſte Strahl, der Aufklaͤrung verſpricht, anziehend. Mein Leben gleicht dem unterirdiſchen Strome in dem Felſen zu Derby, der nur da ſichtbar wird, wo er die beruͤhmte Hoͤhle durchſtroͤnt. Da bin ich, ſo viel weiß ich, aber 1 lamme, wohin mein Lebenslauf mich führen wied, wer kaun mir das ſagen? Anch Dein Vater ſchien alſo Antheil daran zu nehmen und beſtuͤrzt zu ſeyn, er ſprach davon mir zu ſchreiben; wollte der Himmel, es geſchaͤhe!— Ich ſchicke taͤglich auf die naͤchſte Poſt unh Briefen. —— 1³3² Achter Brief. — Alan Fairford an Darſie Latimer. Du magſt Deine Fluͤgel zuſammen ſchlagen und kraͤhen ſo viel Du willſt. Du gehſt auf Abentheuer aus, zu mir kommen ſie ungeſucht, ach und wie lieblich kamen meine, da ſie in Form eines Clienten— einer ſchoͤnen Clientinn ſogar, erſchienen. Was denkſt Du dabei, Darſie, der Du ſo ein geſchworener Anhaͤnger der Damen biſt? Kann ſich das nicht mit Deinem Aben⸗ theuer, Salme zu Pferd zu erjagen meſſen, und die Ge⸗ ſchichte von einem ganzen Stamme Breitrandiger ver⸗ dunkeln?— Doch ich muß methodiſch verfahren, Als ich heute aus dem College zuruͤck kam, erſtaun⸗ te ich ſehr, ein breitgezogenes Lachen die ſtarre Phiſiog⸗ nomie des treuen James Wilkinſon ausdehnen zu ſehen; was, da der Umſtand vielleicht nur ein Mal im Jahre rorfallt, allerdings Verwunderung erregen mußte. Zu⸗ dem lag ein hinterliſtiger Blick in ſeinem Auge, den ich eben ſo leicht von einem ſtummen Diener erwartet haͤtte, (denn damit iſt James in ſeiner He dahinlichen Laune gar gut zu vergleichen)„Was Teufe gibts denn, James?“ „Der Teufel mag wohl im Spiel ſeyn, ſo viel ich verſtehe“ ſagte James mit einem anderen bedeutungs⸗ vollen Laͤcheln,„denn es war ein rauenzimer dog, das nach Ihnen, Master AMlan frug.“ „Ein Frauenzimmer das nach mir frug?“ ſaste ich erſraunt;(denn Du weißt wohl, daß außer der alten Tante Teggie, die Sonntags zum Mittagseſſen kommt, und der noch aͤlteren Lady Bedrooket, die zehnmal jaͤhr⸗ lich nacl er vierteljaͤhrigen Zahlung ihrer Leibrente knachfraͤgt, kaum eine weibliche Perſon ſich ürſchwelle naͤhert, da mein Vater alle ſeine lienten in ihren Wohnungen beſucht) James wiederholt, es ſey eine Dame da geweſen die 1³³ namentlich nach mir gefragt habe.„So ein huͤbſches Ding,“ fuͤgte James hinzu,„wie ich nur je ſah, ſeit ich mit Peg Baxter bei den Fuͤſeliren ſtand.“ Du weißt, daß alle freudige Erinnerungen des James ſich an die Periode ſeines Militaͤrdienſts anreihen, denn die Jahre, welche er in dem unſerigen zubrachte, moͤgen langweilig genug geweſen ſeyn. „Hinterließ die Dame denn weder Name noch Adreſſe?“ „Nein,“ erwiederte James,„aber ſie frug wann Ihr zu Hauſe ſeyn wuͤrdet, und da beſtimmte ich ihr die Mittagsſtunde, wo das Haus ruhig und Ihr Vaer in der Sitzung iſt.“ „Schaͤme Dich, James! wie kannſt Du denken es ſey bei der Sache etwas daran gelegen, ob mein Vater zu Hauſe iſt oder nicht? die Dame wird doch hoffentlich eine anſtaͤndige Perſon ſeyn?“ „Das will ich meinen, Sir— ſie iſt keine von Eu⸗ rer—(hier fuͤllte James die Luͤcke mit einem leiſen Pfeiſen aus)— doch kenne ich ſie nicht— mein Herr tobt gar gewaltig, wenn ein Frauenzimmer herein koͤmmt.“ Ich ging in meine Stube, keineswegs boͤſe daruͤber daß mein Vater abweſend war, obgleich ich es fuͤr noͤthig gehalten hatte, dem James einen Verweiß daruͤber zu geben daß er es ſo eingerichtet hatte. Ich legte meine Buͤcher in Unordnung, um ihnen einen Anſtrich reitzen⸗ der Verwirrung zu geben, kreuzte meine Pappiere, die ſeit Deiner Abreiſe unbenutzt da lagen, an der Wand, damit die Lady ſehen moͤge, daß ich lam Marie quam Mercurio waͤre— Ich verſuchte es meine Kleider zu ordnen, daß ſie einem eleganten Morgen⸗ negligs aͤhnlich waren, gab meinem Haare den ſchwachen Schatten von Puder der den Gentleman bezeichnet, legte meine Uhr und meine Cachets auf den Tiſch, um damit anzuzeigen, daß ich den Werth der Zeit zu ſchaͤtzen wuͤßte, und als ich nun alle dieſe Verrichtungen getroffen, bei deren Erinnerung ich mich ein wenig ſchaͤme, wußte ich nichts Beſſeres zu Ae 1³⁴ fhun als das Zifferblatt anzuſchauen, bis der Zeiger zwoͤlf Uhr zeigen wuͤrde. Fuͤnf Minnten verſtrichen, die ich der Verſchiedenheit unter den Uhren zuſchrieb— fuͤnf Minuten weiter machten mich aͤngſtlich und zweiſelhaft — fernere fuͤnf Minuten wurden mich in die hoͤchſte Ungeduld verſetzt haben. Lache nur ſo viel Du willſt; aber erinnere Dich, Darſie, daß ich ein Juriſt war, der ſeinen erſten Clienten erwartete, ein junger Mann, wie ſtreng erzogen brauche ich Dir nicht zu ſagen, dem eine geheime Zu ammenkunft mit einem jungen, ſchoͤnen Frauenzimmer bevorſtand. Aber ehe noch der dritte Termin von fuͤnf Minuten abge⸗ laufen war, höoͤrte ich die Glocke leiſe und beſcheiden er⸗ toͤnen, als waͤre ſie von einer ſchuͤchternen Hand be⸗ ruͤhrt worden. James Wilkinſon, in nichts ſchnell, iſt, wie Du weißt, beſonders traͤge beim Schellen der Hausglocke ſo⸗ gleich aufzumachen; ich rechnete daher auf gute fuͤnf Mi⸗ nuten, bis ſein abgemeſſener Schritt die Treppe hinab gegangen ſeyn wuͤrde. Zeit genug, ein wenig durch die Jalouſien zu ſchauen, dachte ich und eilte demnach zum Fenſter. Aber ich hatte die Rechnung ohne den Wirth gemacht, denn James, der eben ſo wohl neugierig war wie ich, lag auf der Hausſlur im Hinterhalt, bereit beim erſten Schellen ſogleich zu oͤffnen; ich hoͤrte ſeine Stim⸗ me:„Hieher, Madame— ja, Madame die Lady Mr. Alan—“ bebor ich noch den Stuhl erreicht hatte, auf welchem ich mir vorgenommen hatte, in aller juriſtiſcher Wuͤrde daſitzend, uberraſcht zu werden. Das Bewußt⸗ ſeyn im Lauſchen halb und halb ertappt worden zu ſeyn, vereint mit meiner natuͤrlichen Schuͤchternheit, die das offeutliche Vertheidigen mir abgewoͤhnen ſoll, machten, daß ich verwirrt da ſtand, waͤhrend die Lady, ihrer Seits ebenfalls in Verlegenheit, auf der Schwelle der Stube ſtehen blieb. James Wilkinſon, der noch die Faſſung am meiſten behalten hatte, und wahrſcheinlich ſeinen Aufent⸗ halt in der Stube verlaͤngern wollte, beſchaͤftigte ſich da⸗ — 135 mit, der Dame einen Stul 7 hin zu ſtellen, und rief mir durch dieſen Wink die Regeln einer guten Erzie⸗ hung ins Gedaͤchtniß zuruͤck. Meine Beſucherinn war, ohne Zweifel eine Lady, und wahrſcheinlich nicht geringen Ranges; ſehr beſchei⸗ den, dazu wenn ich nach der Schuͤchternheit und Grazie urtheilen darf, mit der ſie ſich bewegte und auf meine Bit⸗ ten niederſetzte. Auch ihre Kleidung war, wie es mir ſchien, ſchoͤn und m odern; doch war ſie mit einem phanta⸗ ſtiſch geſtickten Mantel von gruͤner Seide verhuͤllt, in welchein ſo druͤckend es auch in dieſer Jahres Szeit ſeyn mußte, ihr Koͤrper ganz eingehuͤllt und der noch oben⸗ drein mir einer Enputze verſehen war. Der Teufel hole die Caputze, Darſie! denn ich konn⸗ te grade ſo viel erſehen, daß ſie mich, da ſie uͤber das Ge ſüchr gezogen war, es lieblichſten Anblicks beraubte, ah aß ſie aus Verlegenheit tief zu erroͤthen ſchien. Ich konnte ſehen, daß ihr Teint wundervoll ſchoͤn war— das Kinn! llebtg gerundet— die Lippen wie Corallen— die Zaͤhne w tteifernd mit Elfenbein. Aber weiter vermoch⸗ te der kuͤhne Blick nicht zu dringen, denn ein goldenes Schloß mit einem Saphir geziert, ſchloß den neidiſchen Nantel am Hals der ſchoͤnen Unbekannten, und die ver⸗ zweiſelte Caputze verbarg den oberen Theil des Geſichts. Ich hilie zuerſt ſprechen ſollen, das iſt unleugbar: aber ehe i ch noch meine Saͤtze geordnet hatte, eroͤfnete die junge Dame ſelbſt die Unterredung, wahr ceinlich durch mein Schwanken in Verzweiflung gebracht. „88 chte aufdringlich zu ſeyn, Sir— ich g laub⸗ lichen Herrn zu finden.“ Das beacchte mich wieder zu mir ſelbſt.„Wahrſchein⸗ lich mein Vater, Madar me. Aber Sie frugen nach Alan Fairford— meines Vaters Name iſt Alexander.“ „Es iſt ohne Zweiſel Mr. Alan Fairford, den ich zu ſprechen wi inſe hte,“ ſagte ſie mit noch groͤßerer Verwir⸗ rung,„doch ſagte man mir, er waͤre ſchon bei. Jahre n. „We aorſcheinlich eine Verwechſelung, Madame zwir 136 ſchen meinem B. ater und mir— unſere Taufnamen haben denſelben Anfangsb ichſtaben, obgleich ſie verſchieden en⸗ den— Ich— ich— ich wurde es fuͤr ein ſehr gluͤckliche ; Verſehen halten wenn ich die Ehre haͤtte, meines Vaters Stelle in irgend etwas, das Ihnen dienen koͤnnte, zu vertreten.“ „Sie ſind ſehr guͤtig, Sir!“ Pauſe in weicher ſie zweifelhaft ſchien, ob ſie aufſtehen oder ſitzen bleiben ſollte. esweags „Ich hoffe Madame, ſie werden nicht ſo grauſam feyn, mich nicht ſo peinigen. Bedenken Sie, daß Sie ſultation— machen Sie mir das Mißvergnuͤgen nicht, mir Ihr Vertrauen zu entziehen, weil ich einige Jahre juͤnger bin gls Sie erwarteten— Mein Fleiß, meine Aufmerk⸗ ſamkeit wird meinen Mangel an Erfahrung aufwiegen.“ „Ich zweifle keineswegs daran,“ ſagte die Lady in einem Tone, der darauf berechnet ſchien, die zuvorkom⸗ mende Weiſe, mit der ich es gewagt hatte ſie anzureden, in die gehoͤrigen Schranken zuruͤckzuweiſen.„Aber wann Sie meinen Brief erhalten haben, ſo werden Sie ſelbſt die Gruͤnde billigen muͤſſen, warum eine ſchrif tliche Mittheilung fuͤr meinen Zweck geeigneter iſt. Ich wun⸗ ſche Ihnen guten Morgen, Sir!“ Und ſo ver de das Zimmer indem ſie ihren getaͤuſchten Conſulenten ſchar⸗ rend, verbeugend, das entſchuldigend zuruͤckließ, was ihr allenfalls mißfallen haben moͤchte, obgleich die ganze Beleidigung darin zu beſtehen ſchien daß ſie mich juͤn⸗ ger fand als meinen Vater. 4 Sie oͤffnete die Thuͤre— ging hinaus— eilte uͤber den Gang; wandte ſich um die Straſſenecke, und ſteckte, glaub' ich, die Sonne in die Taſche indem ſie verſchwand, ſo ſchnell ſchien vor meinen Augen Finſterniß und Nacht die Straße zu verdunkeln, als ſie nicht mehr ſichtbar war. Beſinnungslos ſtand ich einen Augenblick da, und dachte nicht daran, welchen Schatz an Unterhaltung ich unſe⸗ ren wachſginen Freunden auf der anderen Sei des ſeus gewaͤhren mußte. Dann ſtieg der G auf, ihr nachzulaufen, um wenigſtens Gewißh r langen wer oder was ſie war. Ich aufund davon— ren⸗ ne durch den eingezaͤunten Raſenplatz, wo ſie nicht mehr zu ſehn war und frug einen der Faͤrbersburſchen, ob er keine Lady den Raſenplatz hinab habe gehen ſehen, oder ob er nicht bemerkt haͤtte, welchen Weg ſie eingeſchlagen habe. ine Leddyk!“— ſagte der Faͤrber indem er mich mit einer Regenbogenmiene anſtarrte,„Mr. Alan was rackt Euch an daß Ihr, wie unſinnig, ohne Hut her⸗ umlauft?“ „Der Teufel hole meinen Hut!“ antwortete ich, rann aber doch zuruͤck ihn zu holen, raffte ihn auf, und lief ſpornſtreichs wieder davon. Als ich aber die Ecke des Raſenplatzes zum zweiten Mal erreichte, hatte ich doch ſo viel Einſicht, einzuſehen, daß nun alle Nachforſchungen unnuitz ſeyn wuͤrden. Dann ſah ich auch meinen Freund, den Farbersgeſellen in vertraulicher Unterredung mit ei⸗ nem Genoſſen ſeiner Zunft und war uͤberzengt daß ſte von mir ſprachen, denn ſie lachten zuſammen. Auch hatte ich keine Luſt durch ein nochmaliges Rennen das Gericht zu beſtaͤtigen das wahrſcheinlich vom Campells Platz bis zu den Stufen des Mealmarket gedrungen waͤre, daß naͤm⸗ lich der Adyocat Fairford toll geworden waͤre; alſo ſchlich ich fille wieder in mein Zimmer zurtck. 3 1³3⁸ Meine erſte Beſchaͤftigung war es nun alle Spuren der eleganten und phantaſtiſchen Zurichtungen hinweg zu raumen, von denen ich einen ſo guͤnſtigen Eindruch er⸗ wartet hatte; denn nun war ich beſchaͤmt und aͤrgerlich daruͤber, daß ich auch nur einen Augenblickan die Art und Weiſe gedacht hatte, wie ich einen Beſuch empfangen ſoll⸗ te, der ſo angenehm begonnen, ſo ungenugend geendet hat⸗ te. Ich ſtellte die Folio⸗Baͤnde wieder auf ihren Platz — warf die Rappiere in ven Kleiderſchrank, indem ich mich dabei immer mit fruchtloſen Zweifeln quaͤlte ob eine Gelegenheit ungenutzt vorbei gegangen, oder ob ich ei⸗ ner Falle entgangen ſey, oder ob die junge Dame wirklich von der allzugroßen Jugend ihres Rechrsanwalts zuruͤck⸗ geſchreckt worden ſey. Unwillkuͤhrlich rief ich den Spiegel zu Huͤlfe und dieſer geheime Cabinets⸗Rath that den Aus⸗ ſpruch daß ich kurz und unterſetzt ſey, daß meine Phyſlog⸗ nomie ſich mehr fuͤr die Schranken als fuͤr einen Ball eigne— nicht ſchoͤn genug erroͤthende Jungfraun zum Schmachten nach mir zu bewegen, oder daß ſie gar Rechts⸗ faͤlle erdenken ſollten um in mein Zimmer zu gelangen— doch auch nicht haͤßlich genug diejenigen zu verſcheuchen, die wirklicher Geſchaͤfte wegen kommen— ſchwaͤrzlich, das muß wahr ſeyn, aber— migri sunt hyacinthi— man kann gar viel Schoͤnes zu Gunſten dieſer Geſichtsfarbe ſagen. Endlich— da der geſunde Menſchenverſtand immer, wenn man nur will, die Oberhand behaͤlt— uͤberzeugte ich mich in mir ſelbſt, daß ich mich vor der Unterredung wie ein Eſel betragen hatte, indem ich zu viel erwartet hatte — wie ein Eſel waͤhrend der Unterredung, weil ich es verſaͤumt hatte die wahre Abſicht der Lady heraus zu bringen— und beſonders als ein Eſel, nun da es vorbei war— ſo viel daruͤber nachzudenken Da ich aber nicht im Stande bin an etwas anderes zu denken, ſo bin ich entſchloſſen, kuͤnftiger Vorfalle wegen, daran zu denken. Du erinnerſt Dich wohl noch Muriough O'haras Vertheidigung der katholiſchen Lehre von der Ohren⸗ Beichte; weil„ſeine Sunden immer ſchwer auf ſeinem 159 Herzen laſteten, bis er ſie dem Prjeſter erzaͤhlt habe, waͤ⸗ ren aber einmal gebeichtet, ſo daͤchte er nicht mehr da⸗ ran.“ Ich habe alſo das Recept erprobt; und da ich nun meine geheime Demuͤthigung Deinem vertrauten Ohre mitgetheilt habe, ſo will ich auch feruer nicht mehr an das Maͤchen des Nebels denken,„die ohne Blick, des Blickes mich beraubte.“ — vier Uhr. Verwuͤnſcht ſey ihr gruͤner Mantel, ſie kann nichts beſſer als eine Fee ſeyn; immer noch iſt ſie im Beſitze mei⸗ nes Kopfes! Waͤhrend des ganzen Mittageſſens war ich entſetzlich zerſtreut; gluͤcklicherweiſe aber ſuchte mein Va⸗ ter den Grund meiner Traͤumereien im abſtrackten Sinn des Lehrſatzes Vinco vincentem, ergo vinoo te; über wel⸗ che juridiſche Lehre der Profeſſor heute Morgen las. So ward ich fruͤhzeitig entlaſſen in mein eignes Zimmer zu⸗ ruͤckzugehen, und da ſtudire ich auch wirklich in meinem Sinne uͤber den Spruch vincere vineentem, um beſſer die thoͤrigte Neugierde zu unterdruͤcken.— Ich denke, denn weiter iſt es nichts, was ſich wohl ſo gaͤnzlich im Be⸗ ſitz meiner Einbildungskraft geſetzt haben mag und mich beſtaͤndig mit der Frage qualt— wird ſie ſchreiben oder nicht? Sie wird nicht— ſie wird nicht ſchreiben, ſagt die Vernunft*, und fuͤgt hinzu:„warum ſollte ſie ſich die Müuͤhe geben in einen Briefwechſel mit jemanden zu tre⸗ ten der ſtatt kuͤhn, gewandt und zuvorkommend zu ſeyn, ſich als ein haſenfuͤßiger Bube bewieß, und ihr allein das Muͤhſelige einer naͤhern Erklaͤrung uͤberließ, ſtatt ihr auf halbem Wege zuvorzukommen? Dann aber ſagt Phanta⸗ ſie:„ſie wird ja ſchreiben denn ſie trug gar nichts von einer Perſon an ſich wie Ihr, Herr Vernunft, in Eurer Weisheit ſie Euch vorſtellt. Sie war ſchon voͤllig außer Faſſung ehe ich ihren Kummer durch ein unverſchaͤmtes *²¹) Die Form dieſer und der folgenden Periode iſt dem Laurence Stern(Joriks sentimental Iour leys 1734. pag. A4) nachgeahmt.(Anmerk. des Ueberſ.) 440 Betragen meiner Seits vermehrte. Sie wird ſchreiben denn Himmel, ſie hat geſchrieben, Darſie, welche g! Hier iſt ihr Brief der von einem Knaben ewoͤrfen ward, der zu ehrlich war eine Be⸗ ſtechung von Geld oder Wiskey, anzunehmen und weiter nichts ſagte als, er habe ihn nebſt ſechs Pence von einer gewoͤhnlich ausſehenden Frau bekommen, als er nahe am Kreutze geſpielt hatte. An Alan Fairford Esquire, der Rechte Befliſſener. „Sir! fuhr zufaͤllig daß Mr. Darſie Latimer einen vertrauten ich nach dieſer Perſon frug wies man mich zum Kreutze bte daß er wohnte, nachfrug, gebrauchte ich den Sie in der Sache uke, am thaͤtigſten ſeyn ich bedaure ſehr daß Umſtaͤnde, welche von Verhaͤltniſſen herruͤhren, mich verhin⸗ nen perſoͤnlich das ſagen zu koͤnnen, was ich Ih⸗ in dieſer Sache mittheilen will. 4 0 eng⸗ haftlich er ſich ur dem Aufonthalts⸗ ſt gefäͤhrlichen Nachbarenatr ge⸗ unige Ruckkehr uach Sdinburg ort in einer, fuͤr ihn hu waͤhlt; und nur eine ſchle 141 oder wenigſtens eine Reiſe nach entlegeneren Theilen Schottlands, kann ihn den Machinationen deren, die er als Feinde zu fuͤrchten hat, entreißen. Ich muß geheim⸗ nißvoll reden, doch ſind deßwegen meine Worte nicht minder gewiß, und ich glaube, Sie werden ſoweit die Verhaͤltniſſe Ihres Freundes kennen, daß Sie erſehen werden, daß ich Gegenwaͤrtiges nicht haͤtte ſchreiben koͤn⸗ nen ohne darin eingeweihter zu ſeyn als Sie. Kann oder will er den hiermit gegebenen Rath nicht annehmen, ſo iſt es meine Meinung daß Sie ihm mit moͤglichſter Eile nachreiſen und durch Ihre perſoͤnliche Gegenwart und Ihr Zureden die Gruͤnde geltend machen, die ſchriftlich ohne Wirkung bleiben moͤchten. Nun nur noch ein Wort und ich bitte Sie, es guͤtigſt ſo aufzuneh⸗ men wie es gemeint iſt. Niemand kann den Gedanken hegen als koͤnne man Mr. Fairfords Eifer fur den Dienſt ſeiner Freunde durch kaͤufliche Mittel befluͤgeln. Aber das Geruͤcht ſagt, daß dem Mr. Fairford, der ſeinen Be⸗ rufsſtand noch nicht angetreten hat, im einen Falle wie der vorliegende, wohl die Mittel fehlen koͤnnten, wenn es ihm ſchon gewiß nicht an Eifer fehlt mit Schnelligkeit zu handeln. Moͤge Hr. Alan Fairford die einliegende Note als den erſten Ertrag ſeiner Berufsgeſchaͤfte be⸗ trachten, und ſie die es ſendet, hofft, daß es ein Omen eines unbegraͤnzt gluͤcklichen Erfolgs ſeyn moͤge, ob⸗ gleich 15 von einer ſo unbekannten Hand koͤmmt wie die de „Gruͤn⸗Mantels.“ Eine Bank⸗Note von zwanzig Pfund war einge⸗ ſchloſſen und der ganze Vorfall machte mich vor Erſtaunen ſprachlos. Ich bin nicht im Stande den Anfang meines Briefes, der die Einleitung zu dieſer außerordentlichen Mittheilung bildet, zu uberleſen. Ich weiß nur daß er, obgleich mit einer Menge von Thorheiten vermiſcht(Gott weiß wie verſchieden ſie von meinen gegenwaͤrtigen Ge⸗ fuͤhlen ſind) dennoch eine gehoͤrig genaue Beſch eibung der geheimnißvollen Perſon gibt, von der dieſer Brief 14² koͤmmt, doch habe ich weder Zeit noch Geduld den abge⸗ ſchmackt ten Commentar von dem Texte zu trennen, den Du ſo noͤthig wiſſen mußt. . rbinde nun dieſe, üf ſo ſeltſame Weiſe empfan⸗ gene, Warnung mit dem Verbote da Dein Lond⸗ ner Correſpondent Iffr 62 Srziand ichen, auf⸗ erlegte— mit den zgaracker De er Sylway Seen— mit dem geſetzloſen Znſtand kkes in diefer Granzgegend, wo 2 erhaftsbe ausgefuͤhrt werden koͤnnen, weil beid de L auf Rechkseingriffe ſind; eri John Fielding meinem Vate Fnredne von Dumfries der nachgehen— denke d Whigs und Torys, P gend immer noch in ei geſetzloſen Zuſtand er Darſte, bedenke daß milie wohnſt die in waltre haͤtigkeiten b Seite durch it Ank⸗ 15 gibt, auf der bunde en glaubt, ke in 1 znrwnn Mol d ſie at af. der n valtthatigkeiten ren, ſch durch 6 rundſiße ge⸗ Biderſtand leiſten zu duͤrfen. Laß Dir fer 9 n, daß die Geſetzmaͤ⸗ ßigkeit der Art t Fiſche z u fangen wie unſer Freu nd Joſua ſie anwendet, voe unf eren! beſten Rechte Sgelohrten ſehudn Zweifel gez 5, w renn Nfainehe wirklich Brem ſennen derreißt und gen des Nie ter, kelnes Aufr. uhrs Du, wenn Du in Dei nei gegen⸗ rt verweilſt, rſcheinli⸗ ch in ei⸗ erden wirſt d— Dich nichts angeht, de, wer ſie auch ſeyn moͤgen, in den zer wirrung eines allgemeinen Auf⸗ gegen Deine perſoͤnliche Sicher⸗ u moͤgen, leicht auszufuͤhren. 143 Schmutzige Fiſcher, Wilddiebe und Schleichhaͤndler ſind eine Klaſſe Menſchen, die weder die ſchoͤnen Worte Deines Quaͤkers noch Deine Ritterthaten zuruͤckſchrecken werden. Wenn Du Don Ouixole genug biſt zur Vertheidigung der Inhaber der Pfahlnetze und der Schwarzroͤcke die Lanze an⸗ zulegen, ſo biſt Du wahrlich ein verlorner Ritter; Peun⸗ wie geſagt, ich zweifle ſehr, daß die maͤchtigen Beſchuͤtzer der Unſchuld, die Gerichtsdiener und Conſtabels ſih fuͤr befugt halten werden, thaͤtlich einzuſchreiten. Mit einem Worte, kehre zuruͤck, theurer Amadis; das mit den Solway⸗ Pfaͤhlen iſt Ew. lgeboren gedacht. Komme zur ſchung die mehr Hoffnung d Sancho Panza ſeyn. A. ir wollen; chen, jene Urganda, jene Unbekan forgfaltig ausſpaͤhen, die zten Knoten Deines Schickſals beſſ entheuer † έ r loͤſen kann, als die weiſe Eppie von Buckhaven, ja als Caſſaudra ſelbſt. Ich ſcherze, Darſie, denn um Dich zu uͤber gelangt man oft eher mir erz als mit den zum Ziel; doch iſt es mir ſchwer ums Herz, ich kann den Ton nicht halten. Nimmſt Du auf die Freundſchaft, die wir uns ſo oft zugeſchworen! ben, auch nur einen Augenblick Ruͤckſicht, ſo laſſe doch, ich bitte Dich, fuͤr dieſes Mal nur, den Antrieb Deines kuhnen, romantiſchen Gemuͤths meinen Wuͤnſchen nach ehen. Truͤbe Gedanken floßt es mir ein, daß die Nachricht die meinem Vater om dieſen Mr. Herries mitgetheilt wurde, mit den 2 ings⸗ brief der jungen Dame uͤben mmen moͤchte, und daß Du, wenn Du h em einen oder von der anderen etwas was uͤber und Verm 5 5 2 urde, dem 141 anzuvertrauen. Doch weißt Du, daß der Tag meiner Prüfung feſtgeſetzt iſt; ſchon bin ich den Examinatoren vorgeſtellt worden, ſchon iſt meine Theſis beſtimmt. Frellich ſollte mich das Alles nicht zuruͤck halten, aber mein Vater wuͤrde eine Unregelmaͤßigkeit bei dieſer Gele⸗ genheit als einen Todesſtreich betrachten, fuͤr alle Hoff⸗ nungen denen er in ſeinem Leben am meiſten nachhing, naͤmlich daß ich mein Examen mit einigem Glanz beſtehen wuͤrde. Ich, meines Theils, weiß wohl daß es nicht viel Schwierigkeiten hat dieſe Pruͤfung zu beſtehen, wie haͤt⸗ ten ſie ſonſt manche aus unſerer Bekanntſchaft beſtehen koͤnnen? Aber fuͤr meinen Vater ſind dieſe Formalitaͤten eine erhabene, ernſte Feyerlichkeit nach welcher er ſich ſchon lange ſehnte, und wenn ich mich in dieſem Augen⸗ blick entfernte, ſo konnte es ihn nah an Wahnſinn bringen. Doch werden meine Gedanken ſtets abweſend von mir ſeyn, wenn Du mich nicht umgehend verſicherſt daß Du hieher eilſt. Unterdeſſen habe ich die Hanna gebeten, Dein kleines Zimmerchen in den moͤglichſt beſten Stand zu richten. Ich kann nicht erfahren ob mein Vater Dir ſchon geſchrieben hat; auch hat er von ſeiner Unterredung mit Birrenswork nichts mehr geſprochen; aber wenn ich ihn auch nur eine Spur von der Gefahr merken laſſe, in welcher Du ſchwebſt, ſo bin ich uͤberzeugt daß er meine Bitte um Deine ſchleunige Ruͤckkehr gut heißen wird. Noch ein Grund— Ich muß herkoͤmmlicher Weiſe, unſern Freunden bei meiner Aufnahre ein Mittageſſen geben, und mein Vater der bei dieſer Gelegenheit alle ſeine gewoͤhnlichen Ruͤckſichten auf Oekonomie beſeitigt, wuͤnſcht daß es recht glaͤnzend werde. Komme alſo her, beſter Darſie, oder ich ſchicke, ich ſchwoͤr' es Dir zu, Pruͤfung, Mittageſſen und Gaͤſte zum Treufel, und komme, perſoͤnlich Genngthuung von Dir zu fordern. Der Deinige, in großer Angſt. A. F.