Leihbibliothe deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von 1 Eduard Ofkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Veiß- und Leſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 1 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.. 3 „3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe binterlegen⸗ welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. S b 4 Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für öpchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk. Pf. 43 7„—„„ 75. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Er begann ſeine Rede mehrmahl auf verſchiedene Weiſe und blieb immer ſtecken; ehe es ihm endlich gelang, dem Ritter zu melden, daß der, zu ſeinem Begleiter auser⸗ ſehene Kriegsmann ihn erwartete, und alles zu ſeiner Ruͤckkehr nach Inverary bereit waͤre. Campbell erhob ſich ſehr unwillig von ſeinem Sitze, und die Sdrn die in dieſer * 14 7 Bothſchaft lag, verſcheuchte alsbald die Erin⸗ nerung an die Ruͤhrung, welche durch die Muſik in ſeiner Seele war erweckt worden. Ich habe dieß kaum erwartet, ſprach er mit einem unmuthigen Blick auf Angus. Es kam mir kaum in den Sinn, daß es einen Haͤuptling im weſtlichen Hochlande gaͤbe, der nach dem Willen eines Sachſen dem Ritter von Ardenvohr vorſchreiben wuͤrde, ſein Schloß zu verlaſſen, als die Sonne ſchon am Abend⸗ himmel ſtand und ehe der zweite Becher ge⸗ fuͤllt war. Aber lebt wohl, die Rahrung, die ein Filz gibt, ſtillt nicht den Hunger, und wenn ich wieder nach Darnlinvarach komme, habe ich ein entbloͤßtes Schwert in der einen Hand und einen Feuerbrand in der andern. und wenn Ihr ſo kommt, ſprach Angus, auf mein Worr, ſo will Euch gebuͤhrend em⸗ pfangen, und wenn Fuͤnfhundert vom Stamm Campbell hinter Euch waͤren, und will Euch und ſi ſie ſo bewirthen, daß Ihr nicht noch ein⸗ mahl uͤber die Gaſtfreundſchaft in Darnlin⸗ zatach klagen ſollt.. ———— — ☛ 0 Der Bedrohte lebt lange, erciderte Campbell. Eure Neigung zur Großſprechereꝛ, Angus Mac Anlay, iſt zu bekannt, als daß ein Ehrenmann auf Eure Prahlereien achten ſollte. Euch, Graf Menteith, und Euch, Al⸗ lan, danke ich dafuͤr, daß Ihr die Stelle mei⸗ nes geizigen Wirthes erſetzt habt. Und Ihr, hHoldes Maͤdchen, wollet dieß als ein Andenken behalten, weil Ihr eine Quelle geoͤffnet habt, die ſchon viele Jahre trocken war. Mit dieſen Worten verließ er das Zim⸗ mer, und befahl, ſeine Diener herbeizurufen⸗ Angus Mac Aulay, eben ſo verlegen als un⸗ muthig uͤber den Vorwurf der Ungaſtlichkeit, die groͤßte Beleidigung, die man einem Hoch⸗ laͤnder zufuͤgen konnte, folgte dem Ritter nicht in den Hof. Campbell fand hier ſeine ſechs berittenen Diener, und de dlen Rittmeiſter ſeinen Guſtav am Zuͤgel haltend, ihn erwartete, doch nicht eher den Gurt ſchnallte und aufſtieg, bis der Rit⸗ ter erſchien. Campbell ſetzte ſich zu Pferde, und verließ mit ſeinem Gefolge das Schloß. n Die Reiſeuden hatten einen langen und beſchwerlichen Weg, doch keineswegs ſo viele Entbehrungen zu erdulden, als Angus Mae Aulay angekuͤndigt hatte. Der Ritter war freilich ſehr darauf bedacht, jene naͤhern und geheimeren Pfade zu vermeiden, welche auf der Abendſeite in die Grafſchaft Argyle fuͤhr⸗ ten, denn ſein Verwandter und Haͤuptling, der Marquis, pflegte ſich zu ruͤhmen, er moͤchte nicht für hunderttauſend Kronen, daß irgend einem Sterblichen die Paͤſſe bekannt waͤrden, auf welchen eine bewaffnete Macht in ſein Gebiet dringen koͤnnte. Ritter Campbell ließ daher die, ins Gebirge fuͤhrenden Wege liegen⸗ und zog an den Graͤnzen des Niederlandes nach dem naͤchſten Seehafen, wo mehre halb⸗ deckige Galeeren zu ſeiner Verfuͤgung bereit lagen. Sie ſchifften ſich in eines dieſer Fahr⸗ zeuge ein, und nahmen Guſtav mit, der an Wagniſſe ſo gewoͤhnt war, daß ihm Land und Meer eben ſo gleich zu gelten ſchienen, als ſeinem Herrn. n Bei guͤnſtigem Winde, mit Hilfe von Se⸗ geln und Rudern, wurde der Weg ſchnell zu⸗ rückgelegt, und fruͤh am naͤchſten Morgen er⸗ fuhr der Rittmeiſter, als er noch in einer klei⸗ nen Kajuͤte unter dem Halbdeck ſich befand, daß die Galeere unter den Mauern von Camp⸗ hell's Schloſſe lag. 15 Ardenvohr erhob ſich hoch uͤber ihm, als er auf das Deck der Galeere trat. Es war eine duͤſtre viereckige Veſte, von betraͤchtlichem Umfange und anſehnlicher Hoͤhe, auf einem Vorgevirge, das ſich in den Seearm hinaus⸗ ſtreckte, worein ſie am vorigen Abende gelau⸗ fen waren. Eine, mit ſchuͤtzenden Thuͤrmen an jeder Ecke verſehene Mauer umgab das Schloß auf der Landſeite; an der Seeſeite aber lag es ſo nahe am Rande des Abſturzes, daß nur Raum zu einer Bettung von ſieben Stuͤcken uͤbrig war, welche das Schloß gegen einen Angriff von dieſer Seite ſchuͤtzen ſollte, wiewohl ſie zu hoch lag, als daß ſie bei der neuern Kriegfuͤhrung wirkſamen Nutzen haͤtte leiſten koͤnnen. Die Morgenſonne, die hinter der alten ——õ nn „ Veſte aufging, warf den Schatten derſelben auf den See, und das Verdeck der Galeere, wo Dalgetty jetzt auf und ab ging, und nicht ohne Ungeduld das Zeichen zur Landung er⸗ wartete. Der Ritter war bereits, wie Dal⸗ getty von den Dienern erfuhr, im Schloſſe, Niemand aber wollte ſich in des Rittmeiſters Vorſchlag, gleichfalls an's Land zu gehen, eher einlaſſen, bis der Burgherr es ausdrhalich er⸗ kaubt oder befohlen haͤtte n Bald nachher kam der Befehl, und zu⸗ gleich ein Boot mit einem Pfeifer, der des Ritters, in Silber geſtickte Helmzier auf dem linken Arme trug und den Marſch des Stam⸗ mes, genannt:„Clan Campbell zieht hernn⸗s aus allen Kraͤften blies. Er ſollte Montroſe’s Geſandten in's Schloß bringen. Die Galeere war dem Geſtade ſo nahe, daß es kaum des Beiſtandes der, mit Muͤtzen, kurzen Roͤcken und Strumpfhoſen betleideten, acht ruͤſtigen Ruderer bedurfte, die das Fahrzeug in die kleine Bucht, den gewoͤhnlichen Anlandeplatz, brachten, ehe man nur gewahr wurde, daß — * 1 man die Galeere verlaſſen hatte. Zwei Schif⸗ fer hoben den Rittmeiſter, trotz ſeines Straͤu⸗ bens, auf den Nuͤcken eines andern Hochlaͤn⸗ ders, und mit ihm durch die Brandung wa⸗ tend, brachten ſie ihn trocken und wohlbehal⸗ ten an den Strand unter dem Schloßfelſen⸗ An der Vorderſeite dieſes Felſens ſah' man ei⸗ ne Oeffnung, die dem Eingangeneiner niedri⸗ gen Hoͤhle glich, wohin die Hochlaͤnder unſern Freund Dalgetty bringen wollten, als er ſich nicht ohne Muͤhe von ihnen los riß, und er⸗ klaͤrte, nicht einen Schritt weiter gehen zu wollen, bevor er nicht ſeinen Guſtav ſicher ge⸗⸗ landet ſaͤhe. Die Hochlaͤnder konnten nicht begreifen, was er wollte, bis einer derſelben, der ein wenig Engliſch oder vielmehr Nieder⸗ ſchottiſch aufgeſchnappt hatte, mit dem Ausru⸗ fe einfiel:„Oh er meint ſein Pferd, das un⸗ nuͤtze Vieh!“ Dalgetty's weitere Vorſtellun⸗ gen wurden unterbrochen, als Campbell ſelber am Eingange der erwaͤhnten Hoͤhle erſchien, und den Rittmeiſter einlud, ſich eine gaſt⸗ freundliche Aufnahme in der Burg Ardenvohr gefallen zu laſſen, wobei er ihm auf ſein Eh⸗ renwort verſicherte, daß Guſtav behandelt werden ſollte, wie es der Achtung gegen den Helden, deſſen Nahmen er fuͤhrte, gemaͤß waͤ⸗ re, und dem angeſehenen Manne gebuͤhrte⸗ dem er jetzt gehoͤrte. Dieſer hinlaͤnglichen Burgſchaft ungeachtet, wuͤrde der Rittmeiſter bei ſeinem lebhaften Wunſche, erſt Zeuge von dem Schickſale ſeines Gefaͤhrten Guſtav zu ſein, doch noch gezoͤgert haben, wenn nicht zwei Hochlaͤnder ihn beim Arme gefaßt und zwei Andre ihn von hinten geſchoben haͤtten, waͤhrend ein Fuͤnfter ausrief:„Fort mit dem tollen Sachſen! Hoͤrt er denn nicht, daß der Herr ihn in ſein Schloß ruft, und das iſt doch Ehre genng fuͤr Seinesgleichen. So angetrieben, konnte der Rittmeiſter nur einen Blick auf die Galeere zurückwerfen, wo er den Gefaͤhrten ſeiner Kriegsbeſchwerden zuruͤckgelaſſen hatte. Nach wenigen Minuten war er auf einer dunkeln Treppe, die aus der Hoͤhlenoͤffnung durch das Innere des Felſens ſich hinaufwand. 1.e * 6 — Daß die wilden Hochlaͤnder verdammt waͤ⸗ ren! murmelte der Rittmeiſter halb laut. Was ſoll aus mir werden, wenn Guſtav, der Nah⸗ mengenoſſe des unuͤberwindlichen Loͤwen des proteſtantiſchen Glaubensbundes, unter ihren ungeſchlachten Haͤnden lahm wuͤrde! Seid deßhalb unbeſorgt, ſprach der Ritter⸗ der ihm naͤher war, als Dalgetty glaubte. Meine Leute ſind gewohnt, mit Pferden um⸗ zugehen, ſowohl ſie einzuſchiffen als zu ſtrie⸗ geln, und Ihr werdet euern Guſtav bald ſo unverſehrt wiederſehen, als er in dem Augen⸗ blicke war, wo Ihr zuletzt abgeſtiegen ſeld. Der Rittmeiſter beſaß zu viel Weltkennt⸗ niß, als daß er noch weitre Gegenvorſtellungen haͤtte machen moͤgen, welche unangenehmen Ge⸗ fuͤhle er auch in ſeiner Bruſt verſchließen moch⸗ te. Als er einige Stufen hoͤher geſtiegen war, ſah er wieder das Tageslicht, und ein Pfoͤrt⸗ chen mit einem Eiſengitter fuͤhrte ihn auf ei⸗ nen, in den Felſen gehauenen offenen Gang, der gegen acht Ellen fortlief, bis er an eine andre Thuͤre kam, die wieder in das Innere 41 des Felſens fuͤhrte, und gleichfalls mit einem eiſernen Fallgatter verwahrt war.„Das iſt eine herrliche Traverſe, bemerkte der Rittmei⸗ ſter, und wenn ſie durch ein Feldſtuͤck, oder auch nur einige Musketen vertheidigt wuͤrde, koͤnnte der Platz gegen Sturmlaufen voͤllig geſi chert ſein. 4 Der Ritter antwortete nicht dorauf⸗„ als ſee aber einen Angenblick nachher in die zwei⸗ te Hoͤhle getreten waren, ſtieß er mit ſeinem Stocke erſt an die eine und dann an die an⸗ dre Seite des Pförtchens, und der dumpf hal⸗ lende Ton, der darauf folgte, verrieth dem Rittmeiſter, daß auf jeder Seite ein Geſchůtz angebracht war, um den Gang zu beſtreichen, durch welchen ſie gekommen waren, wiewohl man die Schießſcharten von Außen mit Raſen und lockern Steinen verdeckt hatte. Als die zweite Treppe erſtiegen war, kamen ſie wieder auf einen offenen Felſengang, wo ein Feind dem Feuer des kleinen Gewehrs und des Ge⸗ ſchuͤtzes der Veſte ausgeſetzt geweſen waͤre, wenn er ſich weiter gewagt haͤtte. Eine dritte, gleich⸗ — 13 falls in den Felſen gehauene, aber nicht von ei⸗ ner Hoͤhle uͤberwoͤlbte Treppe brachte ſie end⸗ lich zu der Stuͤckbettung am Fuße der Burg. Auch dieſe letzte Treppe war enge und ſteil, und nicht zu gedenken, daß ſie von oben her⸗ ab beſtrichen werden konnte, haͤtten zwei ent⸗ ſchloſſene Maͤnner den Paß gegen Hunderte vertheidigen können; denn es konnten nur zwet Menſchen neben einander auf der Treppe ge⸗ hen, die weder durch Bruſtwehr noch Gelaͤnder gegen den gaͤhen und ſchroffen Abſturz ver⸗ wahrt war, an deſſen Fuße die Flut nun don⸗ nernd toſete. Durch dieſe aͤngſtliche Vorſicht war die alte celtiſche Veſte ſo gut geſchützt, daß ein Menſch von ſchwachen Nerven, oder wer zum Schwindel geneigt war, es ziemlich ſchwer gefunden haben wuͤrde, ins Schloß zu kommen, ſelbſt wenn er keinen Widerſtand gefunden haͤtte.— Der Rittmeiſter war ein zu alter Kriegs⸗ mann, als daß er von ſolcher Bangigkeit waͤ⸗ re befallen worden, und kaum war er im Burghoſe angelangt, als er heilig betheuerte des Ritters Schloß erinnerte ihn mehr an die beruͤhmte Veſte Spandau in der Mark Bran⸗ denburg, als an irgend einen andern Platz, den er waͤhrend ſeiner Kriegsfahrten zu ver⸗ theidigen ſo gluͤcklich geweſen waͤre. Er tadele te jedoch nicht wenig die Art, wie das Ge⸗ ſchuͤtz auf der erwaͤhnten Bettung aufgeſtellt war, mit der Bemerkung, daß Geſchuͤtz, wel⸗ ches, gleich Waſſerraben, oder Seemoͤven, auf dem Gipfel eines Felſens laͤge, wie er ſtets bemerkt haͤtte, mehr durch ſein Geraͤuſch in Erſtaunen ſetzte, als durch angerichteten Scha⸗ den ſchreckte. DO hne zu antworten, fuͤhrte Campbell den Kriegsmann in die Burg, die durch ein Fall⸗ gatter und eine mit Eiſen beſchlagene Thuͤre von Eichenholze verwahrt war, und der Raum zwiſchen beiden Pforten war der Dicke der Mauer gleich⸗ Kaum hatte der Rittmeiſter eine mit Tapeten bekleidete Halle betreten, als er ſeine kriegswiſſenſchaftlichen Bemerkun⸗ gen wieder aufnahm. Er unterbrach ſich jedoch bei dem Anhlicke eines koͤſtlichen Fruͤhſtuͤckes, 4 —— — wovon er ſehr gierig ſeinen Antheil zu ſich nahm; ſobald er aber ſeine Eßluſt befriedigt hatte, ging er rings umher in dem Saale, und betrachtete aufmerkſam aus jedem Fenſter die Umgebungen des Schloſſes, warf ſich dann auf ſeinen Stuhl, ſeiner ganzen Laͤnge nach ſich ausdehnend, ſtreckte ein kraͤftiges Bein aus, und mit der Reitgerte an ſeine großen Stiefeln ſchlagend, wie ein Menſch von unvollkommener Erziehung, der ſich in der Geſellſchaft vorneh⸗ merer Leute das Anſehn eines leichten und freien Benehmens geben will, ſprach er mit folgenden Worten ſeine unverlangte Meinung aus:„Dieſes euer Haus, Herr Ritter, iſt ein recht huͤbſches Stuͤckchen Veſtung, aber doch ſchwerlich von der Art, daß ein ehrlie⸗ bender Kriegsmann glauben koͤnnte, bei ihrer Vertheidigung ſeinen Ruf viele T Tage lang zu behaupten. Denn beliebt zu bemerken, Hert Ritter, euer Haus kann beherrſcht, oder beſtri⸗ chen werden, wie, wir Kriegsleute ſagen, dort von dem kleinen runden Huͤgel auf der Landſeite, wo der Feind eine ſolche Batterie auffahren 16— koͤnnte, daß Ihr gern in zweimahl vier und zwanzig Stunden Chamade ſchluͤget, wenn’s anders nicht dem Himmel gefiele, Euch beſon⸗ dre Barmherzigkeit zu erweiſen.“ Es gibt keinen Weg, worauf Geſchuͤtz ge⸗ gen Ardenvohr gebracht werden koͤnnte, erwi⸗ derte der Ritter etwas kurz. Ihr wuͤrdet mit Eurem Pferde kaum uͤber die Suͤmpfe und Moraͤſte kommen, außer auf ſolchen Wegen, die in wenigen Stunden unzugaͤnglich gemacht werden koͤnnten. 12e u Es belieht Euch, dieß zu glauben, Her Ritter, und doch ſagen die Krie gsläute, wo es eine Seekuͤſte gibt, da gibt's auch eine angreif⸗ bare Seite, weil Kanonen und Munition, wo ſie nicht zu Lande fortgeſchafft werden koͤnnen, ſich ſehr leicht zur See dem Platze nahe brin⸗ gen laſſen, wo ſie gebraucht werden ſollen. Auch gibt's keine Burg, wie ſicher immer ihre Lage ſein mag, die man fuͤr ganz unuͤberwind⸗ lich, oder uneroberlich halten koͤnnte; denn ich verſichre Euch, Herr Ritter, ich habe es er⸗ lebt, wie fuͤnf und zwanzig Mann, bloß durch 1 — — 17 Ueberrumpelung und kuͤhnen Angriff, nur mit Piken bewaffnet, eine eben ſo ſtarke Veſte als dieſe Burg eroberten, und die zehnmal ſtaͤrkere Beſatzung niedermachten, gefangen nahmen, oder bis auf Loͤſegeld behielten. Der Ritter ſchien, trotz ſeiner Weltkennt⸗ niß, und der Selbſtbeherrſchung, womit er ſei⸗ ne innerſten Regungen zu verbergen wußte, doch empfindlich und gekraͤnkt zu ſein, als er jene Bemerkungen hoͤrte, die der Rittmeiſter mit der unbekuͤmmertſten Ernſthaftigkeit mach⸗ te, da er dieſen Gegenſtand des Geſpraͤches bloß darum gewaͤhlt hatte, weil er hier glaͤn⸗ zen, oder entſcheiden zu koͤnnen glaubte, ohne ſich eben daran zu erinnern, daß dieſer Ge⸗ ſpraͤchſtoff ſeinem Wirthe keineswegs eben ſo angenehm ſein koͤnnte. Die Sache kurz abzumachen, ſprach der Ritter, in deſſen Stimme und Zuͤgen ſich eini⸗ ge Aufregung verrieth: Ihr braucht mir nicht zu ſagen, Herr Rittmeiſter, daß man ein Schloß, wenn es nicht tapfer vertheidigt wird, einnehmen, oder uͤberrumpeln kann, wenn es Zweiter Theil. 2 ZSZö—ö—ö—öZ 18 nicht ſorgfaͤltig bewacht wird. Ich hoffe, die⸗ ſes mein geringes Haus wird nicht in ſolche Faͤlle kommen, ſelbſt wenn es dem Rittmei⸗ ſter Dalgetty belieben ſollte, es zu bela⸗ gern. Bei all dem, Herr Nitter, erwiderte der ſtandhafte Kriegsmann, moͤchte ich Euch als Freund rathen, dort auf dem runden Huͤgel eine Schanze mit einem tuͤchtigen Graben an⸗ zulegen, als welches ſich leicht ausfuͤhren ließe, wenn man die Bauern in der Gegend dazu aufboͤte, wie es denn auch die Art des tapfern Guſtav Adolf war, eben ſo ſehr mit Spaten und Schaufel, als mit Schwert, Lanze und Muskete zu fechten. Auch wollte ich Euch ra⸗ then, gedachte Schanze nicht nur durch einen Graben zu ſichern, ſondern auch durch gewiſſe Verpfaͤhlungen, oder Paliſaden. Der Ritter wurde hier ſo ungeduldig, daß er hinausging, aber der Rittmeiſter folgte ihm bis an die Thuͤre, und immer lauter redend, je weiter ſein Wirth ſich entfernte, rief er ihm nach:„Als welche Verpfaͤhlungen oder Pali⸗ — 49 ſaden kuͤnſtlich mit einſpringenden Winkeln und Schießſcharten fuͤr die Musketiere verſehen ſein muͤſſen, und es wird ſich daraus ergeben, daß die Feinde——„Das hochtaͤndiſche Vieh — das alte hochlaͤndiſche Vieh! Sie ſind alle ſtolz wie Pfauen, und ſtoͤrrig wie Widder⸗ Da laͤßt er ſich nun die Gelegenheit entgehen, ſein Haus zu einer ſo huͤbſchen unregelmaͤßi⸗ gen Veſtung zu machen, als es je eine gab, woran ein Feind ſich den Kopf einrannte.— Aber ich ſehe, fuhr er fort, aus dem Fenſter in die Tiefe hinabſchauend: da haben ſie den Guſtav gluͤcklich an's Land gebracht. Der ſchmucke Kerl! Wie er den Kopf wirft! Dar⸗ an wollte ich ihn unter einer ganzen Schwa⸗ dron erkennen. Ich muß hinunter, und ſehen, was ſie mit ihm machen.“ Kaum aber war er im Burghofe nach der Seeſeite hingegangen, und im Begriff, die Treppe hinab zu gehen, als zwei hochlaͤndiſche Schildwachen, ihre Streitaͤrte ihm vorhaltend, ihm zu verſtehen gaben, daß er ein gefaͤhrli⸗ ches Wagniß beſtehen wollte. Diavolo! ſprach der Kriegsmann. Und ich weiß die Parole nicht. Ich koͤnnte nicht eine Silbe von ihrem rohen Kanderwelſch nachſprechen, und muͤßte ich mich aus den Haͤn⸗ den des Generalprofoßen retten. Ich will euer Buͤrge ſein, Herr Rittmei⸗ ſter, ſprach Ritter Campbell, der ſich wieder genaͤhert hatte, ohne daß Dalgetty bemerkte, woher. Wir gehen mit einander und ſehen, was euer liebes Pferd macht. Er fuͤhrte ihn die Treppe hinab, und an den Strand, wo ein kurzer Weg ſie hinter ei⸗ nem vorſpringenden großen Felſen brachte, der die Staͤlle und andre Wirthſchaftgebaͤude ver⸗ barg. Der Rittmeiſter bemerkte zugleich, daß die Burg auf der Landſeite durch eine Schlucht ganz unzugaͤnglich gemacht wurde, die theils Werk der Natur, theils mit großer Sorgfalt und Muͤhe in den Felſen gehauen war, und nur mittels einer Zugbruͤcke uͤberſchritten wer⸗ den konnte. Der Ritter deutete mit ſiegſtolzer Miene auf ſeine Schutzwehren, aber deß un⸗ geachtet beſtand Dalgetty darauf, es muͤßte — 21 auf der Anhoͤhe öſtlich vom Schloſſe eine Schanze angelegt werden, weil die Burg von jenem Punkte mit gluͤhenden Kugeln aus Ka⸗ nonen beſchoſſen werden koͤnnte, nach der merk⸗ wuͤrdigen Erfindung des polniſchen Koͤnigs Stephan Bathori, der dadurch die große Mos⸗ kowiten⸗Stadt Moskwa gaͤnzlich zerſtoͤrt haͤtte. Der Rittmeiſter geſtand, er waͤre mit dieſer Erfindung noch nicht aus eigener Anſicht be⸗ kannt, ſetzte aber hinzu, es wuͤrde ihm ein be⸗ ſonderes Vergnuͤgen gewaͤhren, ſie gegen Arden⸗ vohr, oder ein anderes Schloß von gleicher Veſtigkeit erprobt zu ſehen, da ein ſo merk⸗ wuͤrdiger Verſuch alle Bewunderer der Kriegs⸗ kunſt hoͤchlich erfreuen muͤßte. Der Ritter brach das Geſpraͤch ab, in⸗ dem er den Kriegsmann in den Stall fuͤhrte, wo er es ihm uͤberließ, nach eigenem Willen und Gefallen fuͤr Guſtav zu ſorgen. Als Dal⸗ getty dieſes Geſchaͤft ſorgfaͤltig abgemacht hat⸗ te, wuͤnſchte er in's Schloß zuruͤckzukehren, und aͤußerte, er wollte die Zeit bis zum Eſſen, das, wie er meinte, nach dem Wachaufzug ge⸗ 22— gen Mittag bereit ſein wuͤrde, damit zubrin⸗ gen, ſeine Waffen zu putzen, die von der Seeluft ein wenig gelitten haͤtten, und daher, wie er fuͤrchtete, in Mac Callumore’'s Augen ihm keine Ehre machen wuͤrden. Auf dem Ruͤckwege zur Burg aber ermangelte er nicht, den Ritter aufmerkſam zu machen, welcher große Nachtheil fuͤr ihn entſtehen koͤnnte, wenn man bei einem ploͤtzlichen feindlichen Ueberfalle ihn von ſeinen Pferden, ſeinem Vieh und ſeinen Getreide⸗Vorraͤthen abſchnit⸗ te und ſie zu ſeinem großen Schaden wegnaͤh⸗ me, weßhalb er ihn denn noch einmahl drin⸗ gend beſchwor, eine Schanze auf dem runden Huͤgel, Drumsnab genannt, zu errichten, und ſeine freundlichen Dienſte anbot, den Riß da⸗ zu zu machen. Ohne auf dieſen uneigennuͤtzigen Rath zu antworten, fuͤhrte der Ritter ſeinen Gaſt in das, ihm beſtimmte Gemach, und be⸗ merkte, daß das Laͤuten der Schloßglocke ihm ſagen wuͤrde, wann das Eſſen hereit waͤre. ——- II. Dieß Deine Burg, Baldwin? Das dunkle Banner Der Schwermuth weht auf ihrem Thurm', und ſchwaͤrzt Die Meereswooge, die dort unten ſchaͤumt. Bewohnt' ich ſie, und ſaͤh' ich, wie dieß Dunkel Das Antlitz der Natur befleckt, und hoͤrt' ich Der Woge ſteten Laut, der Moͤwe Schrei, Ich ſehnte mich zur Huͤtte, je erbaut Vom aͤrmſten Bauer, als ein zeitlich Obdach. Brown. Der tapfre Rittmeiſter haͤtte ſeine Muße gern dazu benutzt, das Aeußere der Burg des Ritters zu betrachten, und ſeine kriegswiſ⸗ ſenſchaftlichen Anſichten uͤber die Beſchaffenheit ihrer Bepeſtigungen zu bewaͤhren; aber eine trotzige Schildwache, die mit einer Streitaxt vor der Thuͤre ſeines Zimmers ſtand, gab ihm durch ſehr bedeutende Zeichen zu veeſtehen, daß er in einer Art von ehrenvoller Gefangen⸗ ſchaft war. Es iſt ſonderbar, dachte Dalgetty, wie gut ſich dieſe Wilden auf die Regeln und Ge⸗ braͤuche des Kriegs verſtehen. Wer haͤtte ge⸗ dacht, daß ſie mit dem Grundſatze des großen und goͤttlichen Guſtav Adolphs bekannt waͤren, der einen Waffenſtillſtandsboten zugleich fuͤr einen halben Kundſchafter hielt? Als er nun ſeine Waffen geputzt hatte, ſetzte er ſich geduldig nieder, um nachzurech⸗ nen, wie viel ein halber Thaler taͤglichen Sol⸗ des am Ende eines ſechsmonatlichen Kriegs⸗ dienſtes betragen wuͤrde, und nach der Loͤſung dieſer Aufgabe ging er zu den verwickelten Berechnungen uͤber, worauf ſich die Aufſtel⸗ lung eines Bataillons von zweitauſend Mann nach dem Grundſatze der Ausziehung der Qua⸗ dratwurzel*) gruͤndete. te Der feoͤhliche Ton der Tiſchglocke weckte ihn aus ſeinem Nachdenken, und der Hoch⸗ ³) S. Th. 1. S. 65. 66. laͤnder, ſein bisheriger Waͤchter, wurde nun ſein Kammerdiener, und fuͤhrte ihn in den Saal, wo eine Tafel mit vier Gedecken reich⸗ liche Beweiſe hochlaͤndiſcher Gaſtfreiheit trug. Der Ritter erſchien, und fuͤhrte ſeine Gemah⸗ lin herein, eine ſchlanke, bleiche, ſchwermü⸗ thige Frau, in tiefe Trauer gekleidet. Ihnen folgte ein presbyterianiſcher Geiſtlicher in ſei⸗ nem Genfer Prieſterrocke, mit einem ſchwarz⸗ ſeidenen Kaͤppchen bedeckt, welches ſeine kurzen Haare ſo dicht umſchloß, daß ſie kaum zu ſe⸗ hen waren, und die freiſtehenden Ohren un⸗ gebuͤhrlich auffallend machte. Dieſe ungefaͤlli⸗ ge Sitte war zu jener Zeit allgemein und gab zum Theil Anlaß zu den Spottnahmen: Rund⸗ koͤpfe, ſpitzohrige Schaͤferhunde u. ſ. w., wo⸗ mit uͤbermuͤthige Koͤnigsfreunde ihre Gegner im Staate ſo freigebig belegten. Der Ritter ſtellte ſeinen kriegeriſchen Gaſt ſeiner Gemahlin vor, die den handwerksmaͤßi⸗ gen Gruß des Fremden mit einer ſteifen und ſtummen Verbeugung erwiderte, aber es war ſchwer zu beſtimmen, ob ſich mehr Stolz oden ——— — — Schwermuth darin verrieth. Der Geiſtliche, dem er darauf vorgeſtellt wurde, betrachtete ihn mit einem Blicke„ worin Mißfallen und Neugier ſich miſchten. Der Rittmeiſter aber, an ſchlimmere Blticke gefaͤhrlicherer Leute ge⸗ woͤhnt, achtete ſo wenig auf der Edelfrau als des Geiſtlichen Blicke, ſondern ſeine ganze Seele war auf den Angriff eines ungeheuren Stuͤckes Rindfleiſch gerichtet, das am untern Ende der Tafel dampfte. Der Sturm, wie er es genannt haben wuͤrde, mußte jedoch bis nach dem Schluſſe eines ſehr langen Tiſchge⸗ betes aufgeſchoben werden, zwiſchen deſſen Ab⸗ ſchnitten Dalgetty jedesmahl zu Meſſer und Gabel griff, wie er, zum Kampfe gehend, Muskete oder Lanze gefaßt haben wuͤrde, aber eben ſo oft legte er ſie ungern wieder weg, wenn der weitſchweiſige Geiſtliche einen neuen Satz ſeines Tiſchſegens anhob. Der Ritter hoͤrte mit Anſtand zu, wiewohl man von ihm glaubte, daß er mehr aus Ergebenheit gegen ſeinen Haͤuptling, als aus wahrer Achtung fuͤr die Sache der Freiheit, oder des Presbs —*——— —— terianismus, zu den Covenantern getreten waͤ⸗ re. Seine Gemahlin allein achtete mit Zei⸗ chen inniger Theilnahme auf das Gebet. Bei Tiſche herrſchte beinahe ein Karthaͤu⸗ ſerſchweigen; denn der Rittmeiſter war gar nicht gewohnt, ſeinen Mund zum Sprechen zu gebrauchen, wenn er ihn nuͤtzlicher beſchaͤf⸗ tigen konnte. Der Ritter ſprach gar nicht, und ſeine Gemahlin und der Geiſtliche wech⸗ ſelten nur zuweilen einige leiſe und undeutlich geſprochene Woyrte. Als aber die Schuͤſſeln vorſchwunden und Getraͤnke verſchiedener Art an ihre Stelle ge⸗ kommen waren, hatte der Rittmeiſter nicht mehr dieſelben wichtigen Gruͤnde zum Still⸗ ſchweigen, und ſing an, ſich bei dem Schwei⸗ gen der uͤbrigen Geſellſchaft zu langweilen. Er begann einen neuen Angriff gegen ſeinen Wirth, und zwar auf dem fruͤher gewaͤhlten Kampfplatze.„Was jenen runden Huͤgel oder die Anhoͤhe, Drumsnab genannt, anlangt, ſo wuͤrde ich mich hoͤchlich geehrt finden, Herr Ritter, wenn ich mit Euch einen Zwieſprach halten könnte uͤber die Beſchaffenheit der Schanze, die daſelbſt zu errichten iſt, und ob die Winkel derſelben ſpitzig oder ſtumpf ſein ſollen, als woruͤber ich den großen Feldmars ſchall Banner einen gelehrten Disput mit dem General Tiefenbach waͤhrend eines Waffenſtill⸗ ſtandes fuͤhren hoͤrte.“ 1 Herr Rittmeiſter, antwortete der Ritter ſehr trocken, es iſt nicht Gebrauch bei uns im Hochlande, mit Fremden uͤber Kriegsangele⸗ genheiten zu verhandeln. Dieſes Schloß wird ſich wohl gegen einen ſtaͤrkern Feind halten koͤnnen, als jede Kriegsmacht, welche die un⸗ gluͤcklichen Maͤnner, die wir in Darnlinvarach zuruͤckgelaſſen haben, je dagegen aufbringen koͤnnen. 2 Die Edelfrau ſtieß einen tiefen Seufzer bei den letzten Worten ihres Gemahls aus, die ſie an einen ſchmerzlichen Umſtand zu er⸗ innern ſchienen. Er, der gegeben, hat auch genommen, ſprach der Geiſtliche mit feierlichem Tone zu ihr. Moͤget Ihr noch lange im Stande ſein, —— —yʒ * 29 edle Frau, zu ſagen: Sein Nahme ſei ge⸗ prieſen! Auf dieſe Ermahnung, die an ſie allein gerichtet zu ſein ſchien, antwortete die Ritter⸗ frau mit einer demuͤthigeren Kopfneigung, als Dalgetty bis jetzt bei ihr bemerkt hatte. In der Vorausſetzung, ſie nun in einer geſpraͤchi⸗ gern Stimmung zu finden, redete er ſie an: „Es iſt ſonder Zweifel ſehr natuͤrlich, daß Ihr niedergeſchlagen ſeid, edle Frau, wo von krie⸗ geriſchen Zuruͤſtungen die Rede iſt, welche, wie ich bemerkt habe, unter den Frauen aller Voͤlker und faſt aller Staͤnde Beſtuͤrzung ver⸗ breiten. Indeß war Pentheſilea vor Alters, ſo wie Johanna d'Arc und manche Andre, nicht von gleichem Schlage. Und wie ich ge⸗ hoͤrt habe, als ich unter den Spaniern dien⸗ te, ſo hatte der Herzog von Alba vor Zeiten Lagermaͤdchen, die dem Heere folgten; ſie wa⸗ ren in Tertias eingetheilt, oder Regimenter, wie wir ſagen, hatten Offiziere ihres Geſchlechts und ſtanden unter einem Oberbefehlhaber, der im Teutſchen Hurenweibel heißt, das iſt Die⸗ 30 nenhauptmann. Es waren freilich nicht Per⸗ ſonen, die ich mit Euch vergleichen duͤrfte, ed⸗ le Frau, ſondern ſolche, quae quaestum cor- poribus faciebant, wie wir von der Hanne Drochiels im Mareſchal⸗Collegium ſagten, naͤmlich was die Franzoſen courlisanes nen⸗ nen, und wir in unſrer Sprache—— Meine Frau will Euch die Muͤhe weitrer Erklaͤrung erlaſſen, Herr Rittmeiſter, ſprach ſein Wirth, ein wenig finſter, und der Geiſt⸗ liche ſetzte hinzu, ein ſolches Geſpraͤch paßte eher fuͤr die Wachſtube ruchloſer Kriegsleute, als an die Taͤfel eines achtbaren Mannes und fuͤr die Gegenwart einer Frau von Stande. Verzeiht mir, Domine oder Doctor, aut quocunque alio nomine gaudes— denn Ihr ſollt wiſſen, ich habe die ſchoͤnen Wiſſenſchaf⸗ ten ſtudirt— ſprach der Rittmeiſter, den nichts beſtuͤrzt machen konnte, und fuͤllte ſein Kelchglas mit Wein: aber ich ſehe keinen Grund zu euerm Vorwurfe, weil ich jene tur⸗ pes personae nicht genannt habe, als ob ihre Lebensweiſe, oder ihr Charakter ein ſchicklicher —— — — ——— 31 Gegenſtand der Unterhaltung in Gegenwart dieſer edlen Frau waͤre, ſondern nur per acci- Adens, als eine Erlaͤuterung des beſprochenen Gegenſtandes, naͤhmlich ihres natuͤrlichen Mu⸗ thes und ihrer Verwegenheit, die allerdings durch ihre verzweifelte Lage ſehr erhoͤht wer⸗ den muͤſſen. Herr Rittmeiſter, um dieſes Geſpraͤch abzu⸗ brechen, ſprach der Ritter, muß ich Euch melden, daß ich dieſen Abend einige Geſchaͤfte abzuma⸗ chen habe, um morgen fruͤh mit Euch nach Inverary zu reiten, und folglich— Miit dieſem Herrn morgen reiten! ſiel die Edelfrau ein. Das kann unmoͤglich Deine Ab⸗ ſicht ſein, wenn Du anders nicht vergeſſen haſt, daß morgen ein trauriger Gedenktag iſt, und einer eben ſo traurigen Feier geweiht. Ich hatte es nicht vergeſſen, erwiderte Ritter Campbell, und wie koͤnnte ich's je ver⸗ geſſen! Aber die Zeitumſtaͤnde machen es noͤ⸗ thig, dieſen Offizier ohne Zoͤgerung nach In⸗ verary zu ſchaffen. 8 ——y—. — 32. Aber doch gewiß nicht, ſelber ihn zu be⸗ gleiten? fragte die Edelfrau. Es waͤre freilich am beſten, erwiderte Ritter Campbell, ich kann indeß dem Marquis ſchreiben und uͤbermorgen nachfolgen.— Herr Rittmeiſter, ich will einen Brief an den Mar⸗ quis ſchreiben, worin ich ihm Nachricht über euren Stand und Auftrag gebe, und Ihr wer⸗ det ſo gefaͤllig ſein, Euch bereit zu halten, morgen fruh damit nach Inverary abzureiſen. Herr Ritter, ſprach Dalgetty, Ihr habt ohne Zweifel in dieſer Sache nach Belieben uͤber mich zu verfuͤgen, wollet aber wohl be⸗ denken, daß ein Makel auf euer Wappenſchild kommen wuͤrde, wenn Ihr dulden wolltet, daß ich, als ein Waffenſtillſtandsbote, dabei hintergangen wuͤrde, es ſei clam, vi vel pre- cario; nicht, als ob ich ſagen wollte, daß es durch eure Zuſtimmung zu einer, mir zuge⸗ fuͤgten Unhilde geſchehen koͤnnte, aber Ihr wuͤr⸗ det ſchon Schuld daran ſein, wenn Ihr die noͤthige Sorgfalt verſaͤumtet, ſo etwas zu ver⸗ huͤten. —,— 33 Ihr ſeid unter den Schutze meines Ehren⸗ wortes, Herr Rittmeiſter, erwiderte Campbell, und das iſt eine voͤllig hinlaͤngliche Buͤrgſchaft. Und nun, fuhr er fort, indem er ſich erhob: muß ich wohl das Beiſpiel zum Aufbruche geben.— Dalgetty war genoͤthigt, dem Winke zu folgen, wiewohl es noch fruͤh am Tage war; aber wie ein geſchickter Feldherr benutzte er je⸗ den Augenblick zur Zoͤgerung, den ihm die Umſtaͤnde geſtatteten.„Ich verlaſſe mich auf euer geehrtes Wort, ſprach er, ſeinen Becher fuͤllend, und trinke auf euer Wohl, Herr Rit⸗ ter, und auf die Fortdauer eures geehrten Hauſes. 27 Der Ritter antwortete nur mit einem Seufzer. 8 dle Frau, fuhr der Kriegsmann fort, ſeinen Becher ſo ſchnell als moͤglich wieder an⸗ fuͤllend, ich trinke auch auf euer Wohlſein, und ehrwuͤrdiger Herr— ſetzte er hinzu, nicht ver⸗ geſſend, mit den Worten die Handlung zu ver⸗ binden— ich fuͤlle dieſen Becher, um alle Un⸗ Zweiter Thell. 3 ———— 34 freundlichkeit wegzuſchwemmen, die zwiſchen Euch und dem Rittmeiſter— ich ſollte ſagen Major— Dalgetty vorhanden iſt. Und in⸗ maßen die Flaſche gerade noch einen Becher euthaͤlt, ſo leere ich ihn auf das Wohlſein aller ehrenwerthen Koͤnigsfreunde und tapfern Soldaten, und nun, da die Flaſche leer iſt, bin ich bereit, Herr Ritter, mich von eurer Schildwache nach meinem Ruheplatze fuͤhren —,— zu laſſen. Er empfing die foͤrmliche Erlaubniß ſich zu entfernen, und dabei die Verſicherung, daß er, da der Wein ihm zu ſchmecken ſchiene, noch eine Flaſche von demſelben Gewaͤchſe erhalten ſollte, um ſich die Stunden der Einſamkeit zu verſuͤßen. Dalgetty war kaum in ſeinem Zimmer, als jenes Verſprechen erfuͤllt wurde, und eine Paſtete von Rothwildpret, die bald nachher kam, gab ihm eine Erquickung, wobei ihm die Gefangenſchaft und der Mangel an Geſell⸗ ſchaft ziemlich ertraͤglich wurden. Der Die⸗ ner, der dieſe leckre Schuͤſſel brachte, uͤbergab 3⁵ dem Rittmeiſter in Paͤckchen, das verſiegelt, nach damaliger Sitte mit rinem ſeidenen Fa⸗ den umwunden, und mit vielen ehrerbietigen Jormeln an den hochgebornen und hochgehie⸗ tenden Herrn, Archibald, Marguis von Argy⸗ le, und ſo weiter, uͤberſchrieben war. Der Kammerdiener meldete dabei, daß der Rittmei⸗ ſter bei Tagesanbruche nach Inverary aufbre⸗ chen muͤßte, wo des Ritters Schreiben ihm als Beglaubigung und als Paß dienen wuͤrde. Dalge tty vergaß nicht, daß er nicht nur einen Geſandten abgeben, ſondern auch Erkundigun⸗ gen einziehen ſollte, und nengierig, zu erfah⸗ ren, warum Ritter Campbell niche ſelber ihn begleiten wollte, fragte er den Diener mit al⸗ ler Vorſicht, die ſeine Erfahrung ihm eingab, aus welchen Gruͤnden der Ritter am folgenden Tage zu Hauſe bliebe. Der Dienſtbote, der aus Nieder⸗Schottland war, gab ihm zur Antwort, der Ritter und ſeine Gemahlinn waͤren gewohnt, durch Faſten und Demuͤthi⸗ gung vor Gott das Andenken des Tages zu feiern, wo einſt eine Rolle hochlaͤndiſcher Raͤu⸗ 3* — ber die Burg durch Ueberfall genommen und die vier Kinder der Herrſchaft grauſam umge⸗ bracht haͤtte, waͤhrend der Ritter mit dem Marquis von Arayle auf einem Kriegszuge ge⸗ gen den Clan Maelean auf der Vuſes Mull ab⸗ weſend geweſen waͤre. Ja, euer Herr und ſeine Gemahlinn ha⸗ ben allerdings Urſache zu Faſten und Demuͤ⸗ thigung. Indeß darf ich wohl ſagen, wenn er den Rath eines erfahrenen Soldaten ange⸗ nommen haͤtte, der in der Vertheidigung veſter Pläͤtze geſchickt iſt, ſo wuͤrde er eine Schanze auf dem kleinen Huͤgel, links von der Zug⸗ bruͤcke, gebaut haben. Ich kann Euch das leicht beweiſen, mein ehrlicher Freund, denn geſetzt dieſe Paſtete waͤre das Schloß— Wie heißt Ihr denn, Freund? Lorimer, Herr Rittmeiſter, antwortete der Diener. Auf euer Wohlſein, ehrlicher Lorimer! Ich ſage, geſetzt dieſe Paſtete waͤre die Cita⸗ delle des Platzes, der vertheidigt werden ſoll, und wenn wir nun dieſen Markknochen fuͤr die Schanze annehmen— Es thut mir leid, Herr Rittmeiſter, fiel der Diener ein, daß ich nicht laͤnger bleiben kann, euren uͤbrigen Beweis anzuhoͤren. Man wird gleich laͤuten. Der ehrwuͤrdige Herr Gra⸗ neangowl, der Kaplan des Marquis von Argyle, haͤlt hier Hausgottesdienſt, und da nur ſieben unter ſechzig Hausgenoſſen das Schottiſche ver⸗ ſtehen, ſo wuͤrde ſich's fuͤr keinen ziemen, ab⸗ weſend zu ſein, und mir bei meiner gnaͤdigen Frau ſehr ſchaden. Hier habt Ihr Pfeifen und Tabak, wenn's Euch etwa beliebt, zu rau⸗ chen, und braucht Ihr ſonſt noch etwas, ſo ſoll's in zwei Stunden hier ſein, ſo bald das Gebet vorbei iſt. Mit dieſen Worten ging er hinaus, und kaum hatte er das Gemach verlaſſen, als der dumpfe Klang der Schloßglocke die Bewohner der Burg zuſammen rief. Alsbald hoͤrte man gellende Weiberſtimmen, womit die tiefern Toͤ⸗ ne der Maͤnner ſich miſchten, und Alle ſchwatz⸗ zen aus voller Kehle galiſch, waͤhrend ſie von 38— allen Seiten durch einen langen und ſchmalen Gang herbei eilten, der zu verſchiedenen Ge⸗ maͤchern und auch zu dem Zimmer fuͤhrte, wo der Rittmeiſter ſich befand.„Da gehen ſie, als ob man zum Verleſen getrommelt haͤtte, dachte der Soldat. Wenn ſie Alle zur Parade gehen, ſo ſehe ich hinaus, ſchoͤpfe ein Mundvoll friſche Luft und mache meine Bemerkungen uͤber die Art, dieſe Burg anzugreifen.“ Als alles ruhig war, oͤffnete er die Thuͤre ſeines Zimmers und wollte hinausgehen, aber ſein Freund, bald pfeifend, bald ein galiſches Liedchen traͤllernd, kam mit ſeiner Streitaxt vom andern Ende des Ganges ihm entgegen. Es wuͤrde eben ſo unklug. als einem Kriegs⸗ manne unanſtaͤndig geweſen ſein, Mißtrauen zu zeigen, und daher machte der Rittmeiſter eine gute Miene zum boͤſen Spiele, pfiff einen ſchwediſchen Ruͤckzugsmarſch in einem hoͤhern Tone als die Schildwache, und zog ſich Schritt fuͤr Schritt gleichgiltig zuruͤck, als ob er nur die Abſicht gehabt haͤtte, friſche Luft zu ſchoͤ⸗ pfen. Endlich ſchlug er ſeinem Waͤchter die —,— — 39 Thuͤre vor die Naſe zu, als der Burſche nur noch wenige Schritte vor ihm war. Durch die Wachſamkeit des Hochlaͤnders in ſeiner Hoffnung betrogen, ging Dalgetty in ſein Zimmer zuruͤck, wo unter kriegswiſ⸗ ſenſchaftlichen Berechnungen und den gelegent⸗ lichen werkthaͤtigern Angriffen auf Weinflaſche und Paſtete, der Abend verfloß, bis die Zeit zum Schlafengehen kam. Bei Tagesanbruch erſchien Lorimer, der ihm meldete, daß gleich nach dem Fruͤhſtuͤcke, wozu er reichliche Vor⸗ raͤthe mitbrachte, ein Fuͤhrer mit einem Pfer⸗ de zum Aufbruche nach Inverary bereit ſein ſollte. Als er den gaſtfreundlichen Wink des Kammerdieners befolgt hatte, erhob ſich der Kriegsmann, um zu ſeinem Pferde zu gehen. In dem großen Saale, durch welchen ſein Weg ging, waren die Dienſtboten eifrig be⸗ ſchaͤftigt, die Waͤnde ſchwarz zu behaͤngen, wie es, nach ſeiner Angabe, auch geſchehen war, als der unſterbliche Guſtav Adolf im Schloſſe zu Wolgaſt auf dem Prachtbette lag, ölͤͤa 7 40 und was daher nach ſeiner Meinung ein Zei⸗ chen der ſtrengſten und tiefſten Trauer war. Als der Rittmeiſter ſein Roß beſtieg, ſah er ſich von fuͤnf bis ſechs Maͤnnern vom Stamme Campbell begleitet, oder vielleicht be⸗ wacht, die wohl bewaffnet waren, und einen Anfuͤhrer hatten, der durch die Tartſche auf der Schulter, die kleine Hahnenfeder auf der Muͤtze und durch ſein Vornehmthun den An⸗ ſpruch auf den Rang eines Duniewaſſel, oder angeſehenen Stammgenoſſen, verrieth, und in der That, nach ſeinem wuͤrdevollen Benehmen zu urtheilen, wenigſtens im zehnten oder zwoͤlf⸗ ten Grade mit dem Ritter von Ardenvohr verwandt ſein mußte. Es war jedoch unmoͤg⸗ lich, daruͤber, oder üͤter irgend etwas genau Auskunft zu erhalten, da weder der Anfuͤhrer, noch einer ſeiner Gefaͤhrten engliſch ſprache Dalgetty's Begleiter waren zwar ſaͤmmtlich zu Fuße, aber ihre Behendigkeit war ſo groß, und der Weg hatte ſo viele Schwierigkeiten fuͤr einen Reiter, daß er keineswegs durch die Langſamkeit ſeiner Reiſegefaͤhrten aufgehalten 41 wurde, ſondern vielmehr Muͤhe hatte, mit ih⸗ nen Schritt zu halten. Er bemerkte, daß ſie ihn zuweilen mit ſcharfen Blicken beobachteten, als ob ſie geargwoͤhnt haͤtten, daß er entflie⸗ hen wollte, und einſt, als ſie durch einen Bach gingen und er hinter ihnen zoͤgerte, blies einer von ihnen die Lunte an ſeinem Flinten⸗ ſchloſſe an, um ihm anzudeuten, daß ein Ver⸗ ſuch, die Geſellſchaft zu verlaſſen, gefaͤhrlich ſein wuͤrde. Dalgetty erwartete nichts Gutes von der ſtrengen Wachſamkeit, womit man ihn beobachtete; aber es blieb ihm kein Mittet dagegen uͤbrig, da ein Verſuch, ſeinen Beglei⸗ tern in einer unwegſamen und unbekannten Gegend zu entfliehen, nicht viel weniger als Wahnſinn geweſen ſein wuͤrde. Er arbeitete ſich daher geduldig durch eine wuͤſte und wilde Einoͤde, auf Pfaden, die nur Hirten und Viehhaͤndlern bekannt waren, und zog mit mehr Unmuth als Vergnuͤgen durch viele je⸗ ner erhabenen Gebirglandſchaften, die jetzt ſo viele Reiſende aus allen Gegenden Englands herbeilocken, welche ihre Augen an der groß⸗ — artigen Natur des Hochlands weiden, und ih⸗ ven Gaumen bei hochlaͤndiſcher Koſt abtoͤdten. Endlich kamen ſie an das ſuͤdliche Geſtade jenes herrlichen Sees, an welchem Inverary liegt, und ein Jaͤgerhorn, das der Anfuͤhrer durch Felſen und Waͤlder erſchallen ließ, gab einer wohl bemannten Galeere ein Zeichen, welche nun aus einer Bucht, wo ſie verborgen lag, her⸗ vor ruderte, und die Geſellſchaft an Bord nahm, Guſtav nicht ausgenommen, das kluge Thier, das als erfahrener Reiſender zu Waſſer und zu Lande, mit menſchenaͤhnlicher Behusſaantei ins Boot und hinaus ging. Als ſie nun uͤber den Spiegel des Loch⸗ Fine fuhren, haͤtte Dalgetty eines der großar⸗ tigſten Schauſpiele bewundern koͤnnen, welche die Natur darbietet. Er konnte hier die bei⸗ den wetteifernden Stroͤme Aray und Shiray ſehen, welche, aus dunkler Waldeinſamkeit hervorbrechend, dem See ihr Opfer bringen. Er konnte das edle, alte gothiſche Schloß auf der, vom Geſtade ſanft ſich erhebenden Anhoͤ⸗ he ſehen, das mit ſeinen mannigfaltigen Um⸗ — — 43 riſſen, ſeinen mit Zinnen verſehenen Mauern, ſeinen Thuͤrmen, innern und aͤußern Hoͤfen, hinſichtlich des mahleriſchen Eindrucks einen weit großartigern Anblick darbot, als das jetzi⸗ ge maͤchtige und einfoͤrmige Gebaͤude. Er haͤt⸗ te jene duͤſtern Waͤlder bewundern koͤnnen, die meilenweit die Veſte und fuͤrſtliche Burg um⸗ gaben, und ſein Auge auf dem mahleriſchen Felſen von Duniquoich koͤnnen ruhen laſſen, der ſchroff aus dem See hervorragte und ſeine verwitterte Stirne in die Wolkennebel em⸗ porhob, waͤhrend ein einſamer Wartthurm, der auf deſſen Gipfel, wie eines Adlers Horſt, ruhte, dem Landſchaftsbilde noch mehr Wuͤrde gab, indem er den Gedanken an moͤgliche Gefahr erweckte. All dieß und alle andern Zubehoͤrungen dieſer edeln Landſchaft, haͤtte Dalgetty bemerken koͤnnen, wenn er dazu ge⸗ neigt geweſen waͤre; aber die Wahrheit zu ge⸗ ſtehen, der tapfere Rittmeiſter, der ſeit Ta⸗ gesanbruche nichts gegeſſen hatte, wurde beſon⸗ ders durch den, aus den Schornſteinen des Schloſſes aufſteigenden Rauch angezogen, und —. ——— 44— durch die Erwartung, die dieſes Zeichen ihm zu verbuͤrgen ſchien, daß er einen reichlichen Vorrath von Proviant, wie er es nannte, ſinden würde. Das Boot erreichte bald den ſchroffen Steindamm, der ſich in den See von dem Staͤdtchen Inverary her erſtreckte, das zu je⸗ ner Zeit nur ein Haufe armſeliger Huͤtten war, mit ſehr wenigen ſteinernen Haͤuſern. untermiſcht, und ſich vom Seegeſtade bis zum Hauptthore des Schloſſes hinauf zog. Hier bot ſich ein Anblick dar, der leicht ein min⸗ der kuͤhnes Herz haͤtte entmuthigen und zar⸗ tere Nerven erſchuͤttern koͤnnen, als der Ritt⸗ meiſter Dugald Dalgetty, ſogenannter Herr von Drumthwacket, beſaß. III. Er taugt zu tiefer Liſt, zu boͤſem Rath; Scharfſichtig, kuͤhn, geneigt zu wilder That; Raſtlos, unſtet ſein Sinn, unſtet im Leben; Bei Macht nicht froh, im Ungluͤck nicht ergeben. Abſolom und Achitophel. Das Dorf Inverary, jetzt ein freundliches Landſtaͤdtchen, zeigte in dem armſeligen Anſehn der Haͤuſer und den unregelmaͤßigen ungepfla⸗ ſterten Straßen die Rohheit des Zeitalters. Noch ſtaͤrker und furchtbarer aber erſchien die Eigenheit dieſer Zeit auf dem Markte, einem Platze von unregelmaͤßiger Breite, der zwi⸗ ſchen dem Hafen oder Steindamme und der finſtern Schloßpforte, die mit ihrem duͤſtern Bogengange, ihren Fallgattern und Flanken⸗ werken die Ausſicht ſchloß. Mitten auf die⸗ ſem Platze war ein plumper Galgen errichter, woran fuͤnf Leichname hingen, deren zwei nach 46 ihrer Kleidung aus dem Miederlande geweſen zu ſein ſchienen, waͤhrend die drei Andern in das hochlaͤndiſche Plaid gehuͤllt waren. Unter dem Galgen ſaßen zwei bis drei Weiber, wel⸗ che zu trauern, und mit leiſer Stimme die Todtenklage zu ſingen ſchienen. Das Schau⸗ ſpiel aber war, dem Auſehen nach, von zu gewoͤhnlicher Art, als daß es unter den In⸗ wohnern im Ganzen viel Theilnahme erweckt haͤtte. A lle draͤngten ſich herbei, Dalgetty's kriegeriſche Geſtalt, ſein Pferd von ungewoͤhn⸗ licher Groͤße und ſeine glaͤnzende Ruͤſtung zu ſehen, und ſchienen auf den traurigen Anblick, der ſich auf ihrem DMkthlalss ihuen duybae⸗ gar nicht zu achten. e Montroſe’s Geſandter war keinesweges eben ſo gleichgiltig dabei, uͤnd als er einen anſtaͤndig ausſehenden Hochlaͤnder einige engli⸗ ſche Worte ausſprechen hoͤrte, hielt er ſogleich ſein Pferd an, und ſprach zu ihm:„Der Ge⸗ neralprofoß iſt hier geſchaͤftig geweſen, mein Freund. Darf ich Euch fragen, warum man dieſe Verbrecher hingerichtet hat?“ — 47 Er blickte bei dieſer Frage nach dem Gal⸗ gen hin, und der Hochlaͤnder, dem dieſe Ge⸗ berde mehr als die Worte den Sinn der Rede andeutete, gab ſogleich zur Antwort:„Drei Herren vom Viehverkehr*)— Gott ſegne ſie! ſetzte er hinzu und machte das Kreuz. Zwei Leutchen vom Sachſenvolke, die nicht thun wollten, was Mac Callummore ihnen befohlen hatte.“ Mit dieſen Worten wandte er ſich gleichgiltig von dem Frager weg, und entfern⸗ te ſich, ohne ihm weiter Rede zu ſtehen. Dalgetty zuckte die Achſeln, und ging wei⸗ ter, da Ritter Duncan Campbell's Vetter im zehnten oder zwoͤlften Grade ſchon einige Zei⸗ chen von Ungeduld verrathen hatte. Am Schloßthore zeigte ſich ihm ein an⸗ deres furchtbares Zeichen der lehnherrlichen Ge⸗ walt. Zwiſchen der Verpfaͤhlung, die man erſt vor Kurzem zur beſſern Beveſtigung des Ein⸗ ganges angelegt zu haben ſchien, und die von *) Caterans— das heißt Räuber, die aus dem Nie⸗ derlande Vieh wegtrieben oder Getraide und andre Dinge wegnahmen. L. 48— zwei leichten Feldſtuͤkken vertheidigt wurde, ſah man auf einem eingeſchloſſenen Platze ei⸗ nen großen Block, worauf ein Beil lag. Bei⸗ de waren mit friſchem Blute befleckt, und Spuren einer kurz zuvor vollzogenen Hinrich⸗ tung wurden durch umhergeſtreute Saͤgeſpaͤne theils verrathen, theils verdeckt. 112 Waͤhrend Dalgetty auf dieſen neuen Ge⸗ genſtand des Schreckens blickte, zupfte ihn der Anfuͤhrer ſeines Geleites am Schoße ſeines Wamſes, und als er ihn dadurch aufmerkſam gemacht hatte, deutete er auf einen Pfahl in der Verpfaͤhlung, der ein Menſchenhaupt trug, das ohne Zweiſel dem Hingerichteten gehoͤrt hatte. Dalgetty bemerkte an dem Hochlaͤnder, als dieſer auf den grauſigen Anblick hindeutete, einen Querblick, der ihm nichts Gutes zu ver⸗ kuͤnden ſchien. Der Rittmeiſter ſtieg am Schloßthore ab, und. Guſtav wurde ihm abgenommen, ohne daß man ihm erlaubte, mit ſeinem Gefaͤhrten, wie gewoͤhulich, in den Stall zu gehen. Dieß erregte in dem Kriegsmanne eine ſchmerzlichere „ 49 Empfindung, als die Bilder des Todes⸗ hatten hervorrufen koͤnnen.„Der arme Guſtav? ſprach er zu ſich ſelbſt. Wenn mir etwas Boͤ⸗ ſes begegnen ſollte, haͤtte ich doch beſſer ge⸗ than, ihn in Darnlinvarach zu laſſen, als ihn unter dieſe hochlaͤndiſchen Wilden zu bringen, die den Kopf eines Pferdes kaum von ſeinem Schwanze zu unterſcheiden wiſſen. Aber die Pflicht muß den Mann pom Naͤchſten und Liebſten trennen.“ Wenn Kanonen laut bruͤllen und Fahnen wehen, Muß ein Krieger dem Tode ins Angeſicht ſehen, Drum 1 uns, ihr Tapfern, im Kampfe uns plagen, Fuͤr Gottes Wort, fuͤr Schwedens Koͤnig uns ſchlagen. So ſtillte er ſeine Beſorgniſſe mit den Schlußzeilen eines kriegeriſchen Geſanges, und folgte ſeinem m Fuͤhrer in eine Wachſtube, die mit hochlaͤndiſchen Soldaten angefuͤllt war. 38 deutete ihm an, daß er hier bleiben muͤß⸗ „ bis ſeine Ankunft dem Marquis waͤre ge⸗ ede worden. In der Abſicht, dieſe Meldung Zweiter Theil. 4 verſtaͤndlicher zu machen, gab er ſeinem Be⸗ gleiter das, vom Ritter Campbell erhaltene Schreiben, indem er ſo gut als moͤglich durch Zeichen ausdruͤckte, daß es in des Marquis eigene Haͤnde abgegeben werden ſollte. Sein Fuͤhrer nickte und ging hinaus.. Der Rittmeiſter mußte ungefaͤhr eine hal⸗ be Stunde in der Wachſtube bleiben, und es gleichgiltig ertragen, oder mit Verachtung er⸗ widern, wenn ihn die bewaffneten Hochlaͤnder forſchend und zugleich feindſelig anblickten, da ſein Aeußeres und ſein Aufzug ihre Neugier eben ſo ſehr reizte, als ſeine Perſoͤnlichkeit und ſeine Heimath ihnen zuwider zu ſein ſchie⸗ nen. Alles dieß ertrug er mit ſoldatiſcher GSleichgiltigkeit, bis endlich, nach Verlaufe je⸗ ner Zeit, ein in ſchwarzen Sammet gekleideter Mann, der eine goldne Kette trug, wie in unſern Tagen ein Stadtbeamter in Edin⸗ urgh, aber Niemand als der Haushofmeiſter des Marquis war, in's Zimmer trat, und den 3 Rittmeiſter mit feierlichem Ernſte einlud, ihm zu ſeinem Gebieter zu folgen. 4 * 1 — 5⁴ Die Zimmer, durch welche er kam, waren mit Dienern und Beſuchern verſchiedener Art angefuͤllt, die man vielleicht nicht ohne Prah⸗ lerei vertheilt hatte, um Montroſe's Abgeſand⸗ ten einen Begriff von der uͤberlegenen M acht und Hoheit des Hauſes Argyle zu geben, das immer der Nebenbuhler des Geſchlechts Mon⸗ troſe geweſen war. In einem Zimmer ſtan⸗ den in zwei Reihen piele Diener, welche Braun und Gelb, die Farben des Hauſes, trugen, und den Rittmeiſter ſchweigend anſtarrten, als er zwiſchen ihnen hindurch ging. In einem an⸗ dern Gemache waren hochlaͤndiſche Herren und Haͤuptlinge kleiner Staͤmme, die ſich mit Schachſpiel, Trictrac und andern Spielen un⸗ terhielten, welche ſie kaum unterbrachen, um den Fremden neugierig anzuſtarren. In ei⸗ nem dritten Zimmer waren mehre Edellente und Beamte aus dem Niederlande, die gleich⸗ falls Dienſtgeſchaͤfte zu haben ſchienen und end⸗ lich ſah der Rittmeiſter in dem Empfangzim⸗ mer den Marquis ſelbſt in der Mitte einer 4 ———— zahlreichen Verſammlung, welche die hohe Wichtigkeit des Haͤuptlings verrieth. Dieſes Zimmer, deſſen Fluͤgelthuͤren ſich vor dem Rittmeiſter oͤffneten, war eine lange, mit Tapeten und Familienbildniſſen geſchmuͤck⸗ te Halle mit einer gewoͤlbten und getaͤfelten Decke, wo die vorſpringenden Enden der Bal⸗ ken reich geſchnitzt und vergoldet waren. Das Gemach wurde durch lange, ſpitzig zulaufende gothiſche Fenſter erleuchtet, die durch ſchwer⸗ faͤllige ſteinerne Pfeiler getrennt waren. Die DSonne ſchien truͤbe durch die bemahlten Fen⸗ ſter, wo man Eberkoͤpfe, Galeeren, Feldherru⸗ ſtaͤbe und Schwerter ſah, die Wappenzeichen des maͤchtigen Hauſes Argyle, und Sinnbilder der erblichen Wuͤrden eines Oberrichters von Schottland und eines koͤniglichen Oberhofmei⸗ 4 ſters, die es ſeit langer Zeit beſeſſen hatte. Am obern Ende dieſer prachtvollen Halle ſtand der Marquis ſelbſt, im Mittelpunkte einer glaͤnzenden Verſammlung von reich gekleideten Herren aus dem Hochlande und dem Niederlan⸗ de, worunter ſich auch einige Geiſtliche befan⸗ * — 53 den, die vielleicht waren herbei gerufen wor⸗ den, um Zeugen ſeines Eifers fuͤr den Glau⸗ bensbund zu ſein. Der Marquis war nach der Sitte jener Zeit gekleidet, die Vandyke ſo oft gemahlt hat, aber ſein Anzug war von ernſter einfacher Far⸗ be, und eher koſtbar als lebhaft. Seine dunk⸗ le Geſichtsfarbe, ſeine gefurchte Stirne und der geſenkte Blick, gaben ihm das Anſehn ei⸗ nes Mannes, der oft in Nachdenken uͤber wich⸗ tige Angelegenheiten verſunken, und dem durch lange Gewohnheit ein ernſtes und geheimniß⸗ volles Weſen eigen geworden iſt, das er ſelbſt da nicht ablegen kann, wo es nichts zu ver⸗ hehlen gibt. Der Blick ſeines Auges, der ihm im Hochlande den Spottnahmen Gilleſpie Grumach— der Sauerſichtige— zug. 1 hatte, war weniger merklich, wenn er n 8 r⸗ ſah, weßhalb er auch dieſe Gewohnheit wohl angenommen haben mochte. Er war lang und hager, wiewohl nicht ohne jene Wuͤrde in Haltung und Betragen, die ſeinem hohen Range ziem⸗ te. Es war eine gewiſſe Kaͤlte in ſeinem Be⸗ „ 54 nehmen und etwas Unheil drohendes in ſei⸗ nem Blicke, ſelbſt wenn er mit der, bei ei⸗ nem M anne ſeines Ranges gewoͤhnlichen Freis heit ſprach und handelte. Er wurde von ſei⸗ nem Stamm angebetet, deſſen Vergroͤßerung er ſich ſehr angelegen hatte ſein laſſen, wie⸗ wohl andre hochlaͤndiſche Staͤmme, deren eini⸗ ge ſchon durch ihn um ihre Beſitzungen ge⸗ kommen waren, ihm eben ſo ſehr abgeneigt waren, Gähedsd wieder andre vor ſeinen kuͤnf⸗ tigen Entwuͤrfen zitterten, und Alle die Hoͤhe fürchteten, die er bereits erreicht hatte. Wir haben ſchon angedeutet, daß der Her⸗ zog von Argyle, als er ſich mitten unter ſei⸗ nen Raͤthen, Hausbeamten, Lehnleuten, Ver⸗ ndeten und Dienern ſehen ließ, wahrſcheinlich unſch hegte, einen erſchuͤtternden Ein⸗ druck auf den Rittmeiſter zu machen. Der tapfre Degen aber hatte ſich, bald in dieſem Dienſte, bald in jenem, durch den groͤßten Theil des dreißigjaͤhrigen Krieges in Teutſchland durchge⸗ fochten, in einer Zeit, wo ein muthvoller und gläͤcklicher Krieger ein Geſellſchafter fuͤr Für⸗ 55 ſten war. Der Koͤnig von Schweden, und nach ſeinem Beiſpiele ſelbſt die ſtolzen Reichs⸗ fuͤrſten, hatten oft gern von ihren Rangan⸗ ſpruͤchen etwas nachgelaſſen, und ihre Krieger, wenn ſie die Geldfoderungen derſelben nicht befriedigen konnten, durch Bewilligung unge⸗ woͤhnlicher Vorrechte und Vertraulichkeiten zu beſchwichtigen geſucht. Der Rittmeiſter Dal⸗ getty konnte ſich ruͤhmen, mit Fuͤrſten bei Gaſt⸗ mahlen geſeſſen zu haben, die fuͤr Koͤnige ge⸗ macht waren, und war daher nicht der Mann, der ſich ſelbſt durch die Pracht, die Mac Cal⸗ lummore umgab, aus der Faſſung bringen ließ. Er war allerdings von Natur keineswegs der be⸗ ſcheidenſte Mann, ſondern hatte im Gegentheil eine ſo gute Meinung von ſich ſelbſt, daß er in jeder Geſellſchaft, worein der Zufall ihn warf, ſeinen Duͤnkel zeigte, und er war ba⸗ her in der vornehmſten Geſellſchaft ſo unge⸗ zwungen, als unter ſeinen gewoͤhnlichen Ge⸗ faͤhrten. In dieſer hohen Meinung von ſein nem Range ward er nicht wenig durch ſeine Anſichten vom Kriegerberufe beſtaͤrkt, der, nach ſeinem Ausdrucke, einem Geſellſchafter fuͤr oinen Kaiſer machte. Als er daher in das Zimmer des Mar⸗ quis eingefuͤhrr wurde, ging er mit mehr Zu⸗ einen tapfern Mann zu verſicht ais Anſtand gerade nach dem obern Ende, und wuͤrde, ohne ein Wort zu ſagen, dicht vor den Marquis getreten ſein, wenn dieſer ihm nicht durch ein Zeichen mit der Hand angedeutet haͤtte, ſtehen zu bleiben. Er befolgte den Wink, und als er ihn mit unge⸗ zwungener Dreiſtigkeit nach Kriegerſitte ge⸗ gruͤßt hatte, redete er den Marquis alſo an: „Guten Morgen, Herr Marquis— oder viel⸗ mehr ſollte ich ſagen: guten Abend. Reso las manos à Vsted, wie der Spanier ſagt.“ Wer ſeid Ihr, und was wollt Ihr? frag⸗ te der Marquis mit einem Tone, der die be⸗ leibtgende Vertraulichkeit des Kriegsmannes zu⸗ ruͤckweiſen ſollte. Das iſt eine billige Frage, Herr Mar⸗ quis, erwiderte Dalgetty, und ich werde ſie ſofort beantworten, wie's einem Kriegsmanne 84‿ — 57 ziemt, und zwar peremptorie, wie wir im Mareſchal⸗Collegium zu ſagen pflegten. Seht doch zu, Neal, wer und was er iſt, ſprach der Marquis finſter zu einem, neben ihm ſtehenden Manne. Ich will dem geehrten Herrn die Muͤhe der Unterſuchung erſparen, fuhr Dalgetty font. Ich bin Dugald Dalgetty, von Drumthwacket, wie's heißen ſollte, zeither Rittmeiſter in ver⸗ ſchiedenen Dienſten, und jetzt Major in einem irlaͤndiſchen, ich weiß nicht welchem Regiment, und ich komme mit einer Waffenſtillſtandfahne von einem hohen und maͤchtigen Herrn, Jakob „Grafen von Montroſe, und andern edlen Herren, die anjetzt unter den Waffen ſind fuͤr Seine Majeſtaͤt, Koͤnig Karl, den Gott er⸗ halte. Wißt Ihr, wo Ihr ſeid, hob der Mar⸗ Ka! quis wieder an, und wie gefaͤhrlich es iſt, mit uns zu ſcherzen, daß Ihr mir antwortet, als o ich ein Kind, oder ein Narr waͤre? Der Graf von Montroſe iſt bei den engliſchen Uebelge⸗ ſinnten, und ich argwoͤhne, Ihr ſeid Einer der 58— irlaͤndiſchen Ueberlaͤufer, die in unſer Land ge⸗ kommen ſind, um zu ſengen und zu morden, wie ſie unter Phelim O'Neile*) gethan haben. Herr Marquis, antwortete Dalgetty, ich bin kein Ueberlaͤufer, obgleich Major unter den Irlaͤndern, und ich kann Euer Gnaden dieſerwegen an den unuͤberwindlichen Guſtav Adolf, den nordiſchen Loͤwen, verweiſen, an Banner, Oxenſtierna, den tapfern Herzog von Weimar, Tilly, Wallenſtein, Piecolomini und andre große Feldherren, verſtorbene und leben⸗ de, und was den edlen Grafen von Montroſe anlangt, ſo bitte ich Euer Gnaden, Ihr wol⸗ *) Er war der Hanptanführer des Aufſtandes der ir⸗ kändiſchen Katholiken, die von Karl I. ſelbſt aufger reizt, im J. 1641 gegen die engliſchen Anſiedler ſich erhoben, und die abſcheulichſten Grauſamkeiten verüb⸗ ten. Die oft beſtrittene Behauptung, daß Phetim Z' Reile vom Könige ſelbſt ſeine Befehle erhalten ha⸗ be, har neuerlich Godwin in ſ. History of the commonwealth of England— Band 1. S. 225 F(London, 184.) durch viele Gründe vertheidiat. 89 2. 3 — 59 let leſen, was dieſe meine Vollmacht beſagt, mit Euch im Nahmen jenes edlen Feldherrn zu unterhandeln. Der Marquis warf einen geringſchaͤtzigen Blick auf das unterſchriebene und beſiegelte Blatt, das Dalgetty ihm aͤbergab, und als er es mit Verachtung auf einen Tiſch geworfen hatte, fragte er die Umſtehenden, was derje⸗ nige verdiente, der nach eigenem Geſtaͤndniſſe der Abgeſandte und Geſchaͤftsfuͤhrer boͤsgeſinn⸗ ter, gegen den Staat bewaffneter Verraͤther waͤre?— Einen hohen Galgen und eine kurze Beich⸗ te, antwortete augenblicklich Einer der Anwe⸗ ſenden. Ich will den ehrenwerthen Herren, der zuletzt geſprochen hat, gebeten haben, nicht ſo vorſchnell in ſeinen Schluͤſſen zu ſein, und Euer Gnaden bitte ich, Ihr wollet ſie nicht unvorſichtig befolgen, da man ſolche Drohun⸗ gen nur gegen elende Rekruten und nicht ge⸗ gen muthige und wackere Maͤnner ausſprechen kann, die verpflichtet ſind, ſich eben ſo dreiſt 60— bei Dienſten dieſer Art in Gefahr zu ſetzen, als bei Belagerungen, Schlachten, oder An⸗ griffen aller Art. Und obgleich ich weder eine Trompete, noch eine weiße Fahne bei mir ha⸗ be, inmaßen unſer Herr noch nicht voͤllig ein⸗ gerichtet iſt, ſo muͤſſen doch dieſe geehrten Herren und Euer Gnaden ſelbſt mir zugeben, daß die Unverletzlichkeit eines Geſandten, der wegen eines Waffenſtillſtandes, oder einer Un⸗ terhandlung kommt, gar nicht auf Trompeten⸗ geſchmetter beruhet, das doch nur ein Ton iſt, oder auf dem Wehen einer weißen Fahne, die doch an ſich nichts als ein alter Fetzen iſt, ſon⸗ dern auf dem Vertrauen, das die Partei, die da ſendet, und die Partei, die geſandt wird, auf die Ehre derjenigen ſetzen, an welche die Botſchaft gerichtet iſt, und auf der veſten Zu⸗ verſicht, daß ſie das jus gentium ſowohl, als die Kriegsgeſetze in dem Abgeſandten ehren werden. 1 Ihr ſeid nicht hergekommen, uns uͤber die Kriegsgeſetze zu belehren, die auf Empoͤrer und Aufruͤhrer nicht anwendbar ſind und ſein — 61 können, antwortete der Marquis. Aber Ihr ſollt die Strafe fuͤr die Verwegenheit und Thorheit erleiden, eine verraͤtheriſche Botſchaft dem Oberrichter von Schottland zu bringen, dem ſeine Pflicht gebietet, ein ſolches Verge⸗ hen mit dem Tode zu beſtrafen. Ihr Herren, ſprach Dalgetty, dem die Wendnung, die es mit ſeiner Geſandtſchaft neh⸗ men zu wollen ſchien, doch ſehr unangenehm zu werden anfing: ich bitte Euch, es wohl zu bedenken, daß der Graf von Montroſe Euch und Eure Beſitzungen verantwortlich machen wird fuͤr jede Beleidigung, die mir oder mei⸗ nem Pferde durch dieſes unziemliche Beneh⸗ men widerfahren koͤnnte, und daß er berech⸗ tigt ſein wird, an Euch und euern Guͤtern Nache zu nehmen. ter Dieſe Drohung wurde mit Hohngelaͤchter aufgenommen, und ein Campbell antwortete: „Nan hat weit zu ſchreien bis Lochow“ eine ſprichwoͤrtliche Redensart des Stammes, deren Sinn war, daß ein einbrechender Feind das 62 alte erbliche Gebiet des Clans nicht erreichen koͤnnte. 86 Ihr Herren, fuhr der ungluͤckliche Ritt⸗ meiſter fort, der ſich nicht gern verurtheilen laſſen wollte, ehe er nicht wenigſtens vollſtaͤn⸗ dig waͤre gehoͤrt worden: es iſt zwar nicht mei⸗ ne Sache, zu ſagen, wie weit es bis Lochow ſein mag, da ich in dieſen Gegenden fremd bin, aber ich werde hoffen duͤrfen, daß Ihr die Buͤrgſchaft anerkennet, die mir ein ehrenwer⸗ ther Herr eures Nahmens, Ritter Duncan Campbell von Ardenvohr, fuͤr meine Sicherheit bei dieſer Geſandtſchaft gegeben hat, und ich bitte Euch, zu bedenken, daß Ihr ſeiner Ehre und ſeinem guten Rufe hoͤchlich ſchaden wuͤr⸗ det, wenn Ihr das Waffenſtillſtandsrecht an mir verletzen wolltet. Dieſe Nachricht ſchien mehren anweſenden „Herren neu zu ſein. Sie ſprachen leiſe mit einander, und in den Geſichtszuͤgen des Mar⸗ uis las man, ungeachtet der Selbſtbeherr⸗ ſchung, womit er alle aͤußeren Zeichen leiden⸗ — 63 ſchaftlicher Aufregung unterdruͤckte, Unmuth und Verdruß.. Hat Ritter Duncan von Ardenvohr ſeine Ehre fuͤr dieſes Mannes Sicherheit verpfaͤn⸗ det, Herr Marquis? fragte Einer der Anwe⸗ ſenden.. Ich glaube es nicht, erwiderte Argyle, aber ich habe noch nicht Zeit gehabt, ſeinen Brief zu leſen. Wir bitten Euer Gnaden, es zu thun, ſprach ein anderer Campbell. Unſer Nahme darf nicht zu Unehren kommen, eines ſolchen Geſellen wegen.— Eine todte Fliege macht des Apothekers Salbe ſtinkend, ſprach der Geiſtliche. Ehrwuͤrdiger Herr, antwortete Dalgetty, um des Nutzens willen, der daraus fließen kann, vergebe ich Euch eure uͤbelriechende Ver⸗ gleichung, wie ich auch dem Herrn mit der rothen Muͤtze das herabſetzende Beiwort Ge⸗ ſell verzeihe, das er mir gegeben hat, wie⸗ wohl es keinesweges auf mich paßt, es waͤre denn, in ſo fern der große Guſtay Adolf, der nordiſche Löwe, und andre große Feldherren in Teutſchland und in den Niederlanden, mich ihren Kriegsgeſellen genannt haben. Was aber des Ritters Buͤrgſchaft fuͤr meine Sicherheit anlangt, ſo ſetze ich mein Leben zum Pfand, er wird ſein Wort halten, wenn er morgen hierher kommt. Wenn Ritter Dunean ſo bald hier ſein wird, ſprach Einer der Fuͤrſprecher, ſo wuͤrde es Schade ſein, mit dieſem armen Manne voreilig zu verfahren. 812 AUnd uͤberdieß, Herr Marquis, eae ein Andrer hinzu: mit aller Ehrerbietung ſage ich's, Ihr ſolltet doch wenigſtens den Brief von Ardenvohr einſehen, um zu erfahren, un⸗ ter welchen Bedingungen dieſer Major Dal⸗ getty, wie er ſich nennt, hierher geſchickt wor⸗ den iſt. 1 Alle ſchloſſen einen Kreis um den Mar⸗ auis, und ſprachen leiſe, theils gaͤliſch, theils eaaliſch. Die Haͤuptlinge beſaßen eine ausge⸗ dehnte patriarchaliſche Gewalt, und der Mar⸗ nis von Argyle, den ſeine erbliche Nichterge⸗ — 65 walt ſehr maͤchtig machte, herrſchte vor andern unumſchraͤnkt. Aber wie ſelbſt die willkaͤhr⸗ lichſte Herrſchaft auf die eine oder die andre Art ihr Gegengewicht findet, ſo ward auch die Gewalt der hochlaͤndiſchen Haͤuptlinge durch die Nothwendigkeit gemildert, die Verwandten zu gewinnen, welche die untern Volksklaſſen in die Schlacht fuͤhrten, und in Friedenszei⸗ ten gewiſſermaßen den Volksrath des Stammes bildeten. Der Marquis glaubte bei dieſer Ge⸗ legenheit genoͤthigt zu ſein, auf die Vorſtellun⸗ gen der Raͤthe, oder Couroultai, des Stam⸗ mes Campbell zu achten, und aus dem Kreiſe tretend, gab er Befehl, den Gefangenen in ſichere Verwahrung zu bringen. Gefangener! rief Dalgetty, und machte eine ſo kraͤftige Anſtrengung, aß er ſich bei⸗ nahe von zwei Hochlaͤndern losgeriſſen haͤtte, die ſchon einige Minuten dicht hinter ſeinem Ruͤcken auf das Zeichen gewartet hatten, ihn zu ergreifen. Der Kriegsmann war ſo nahe daran, ſeine Freiheit zu erlangen, daß der Marquis erblaßte, und die Hand an ſein Zweiter Theil. 5 Schwert legend, ein Paar Schritte zuruͤcktrat, waͤhrend mehre Stammgenoſſen mit bereitwil⸗ liger Ergebenheit ſich zwiſchen ihn und den Gefangenen ſtellten, deſſen Rache zu befuͤrch⸗ ten war. Die Hochlaͤnder aber waren zu ſtark, als daß er ſich haͤtte losreiſſen koͤnnen, und nachdem man dem ungluͤcklichen Rittmeiſter ſeine Waffen abgenommen hatte, ſchleppte man ihn durch mehre finſtre Gaͤnge zu einer klei⸗ nen, mit Eiſenſtangen verwahrten Seitenthuͤ⸗ re, hinter welcher ſich eine andre hoͤlzerne be⸗ fand. Ein muͤrriſcher alter Hochlaͤnder mit einem langen weißen Barte, oͤffnete die beiden Pforten, und es zeigte ſich eine ſteile und ſchmale Treppe, welche in die Tiefe hinabfuͤhr⸗ te. Die beiden Waͤchter ſtießen den Rittmei⸗ ſter einige Stufen hinab, ließen dann ſeine Arme los und er mußte, ſo gut er konnte, ſeinen Weg in die Tiefe ſuchen, was ſchwierig und ſogar gefaͤhrlich wurde, als man die bei⸗ den Thuͤren nach einander verſchloß und der Gefangene in gaͤnzlicher Finſterniß war. IV. Der Fremdling iſt beklagenswerth, Der hier wird abgeladen; Es waͤr' denn jemand, der verehrt Den Großherrn— Seine Gnaden! Burns bei einem Beſuche in Inverary. Als der Rittmeiſter, wie wir erzaͤhlt haben, ſich im Dunkeln, und in einer ſehr unſichern Lage fand, ging er ſo vorſichtig als oͤglich die ſchmale und zerbrochene Treppe hinab, in der Hoffnung, unten einen Ruheplatz zu ſin⸗ den. Bei aller Sorgfalt aber konnte er ſich doch endlich nicht vor einem Fehltritte huͤten, der ihn die letzten vier bis fuͤnf Stufen ſo ſchnell hinabbrachte, daß er das Gleichgewicht verlor. Er ſtolperte unten uͤber eine weiche Maſſe, die ſtoͤhnend ſich bewegte, wodurch Dal⸗ 68 getty voͤllig zum Straucheln kam, und vor⸗ waͤrts uͤberſtuͤrzend, lag er endlich auf Haͤnden und Knieen auf dem feuchten Steinpflaſter des Kerkers. Kaum hatte er ſich erhohlt, als ſeine erſte Frage war, uͤber wen er geſtrauchelt waͤre. Vor einem Monate war's ein Menſch, antwortete eine hohle und gebrochene Stimme. Und was iſt er jetzt, fragte Dalgetty, daß er's fuͤr ſchicklich haͤlt, auf der unterſten Stu⸗ fe einer Treppe zu liegen, und achtbare Kriegs⸗ maͤnner, die in Ungemach gerathen, in Gefahr bringt, uͤber ihn zu ſtraucheln und ſich die Naſe zu zerſchlagen? Was er jetzt iſt? erwiderte dieſelbe Stim⸗ me. Er iſt ein elender Stamm, dem man ei⸗ nen Zweig nach dem andern abgehauen hat, und dem wenig daran liegt, wie bald man ihn ausreißt und zu Ofenſcheiten zerhackt. Ich bedaure Euch, Freund, ſprach Dal⸗ getty. Aber paciencia, wie der Spanier ſagt. Waͤret Ihr ſtill gelegen, gleich einem Stuͤcke Holz, wie Ihr ſelber Euch nennt, ſo haͤt⸗ 69 te ich mich nicht an Haͤnden und Knieen ge⸗ ſchunden. Ihr ſeid ein Soldat, antwortete der Mit⸗ gefangene, und klagt uͤber einen Fall, woru⸗ ber ein Knabe nicht jammern wuͤrde. Ein Soldat? wiederhohlte der Rittmeiſter. Wie koͤnnt Ihr in dieſer verfluchten finſtern Hoͤhle ſehen, daß ich ein Soldat bin? Ich hoͤrte eure Ruͤſtung klirren, als Ihr fielet, erwiderte der Gefangene, und jetzt ſehe ich ſie ſchimmern. Wenn Ihr erſt ſo lange als ich in dieſer Finſterniß geweſen ſeid, wer⸗ den eure Augen die kleinſte Eidechſe erkennen, die auf dem Boden kriecht. Ich wollte lieber, daß der Teufel ſie auf⸗ laͤſe, ſprach Dalgetty. Wenn's dahin kommen ſollte, wuͤnſchte ich, mit einem kurzen Umdre⸗ hen des Stricks, einem Soldatengebete und einem Sprunge von der Leiter davon zu kom⸗ men. Aber was fuͤr Proviant habt Ihr hier — was fuͤr Nahrung, meine ich, Bruder in der Truͤbſal? 70— Waſſer und Brod taͤglich einmahl, ant⸗ wortete die Stimme. Laßt mich doch euer Brod koſten, Freund, ſprach Dalgetty. Ich hoffe, wir werden gute Kameradſchaft halten, ſo lange wir in dieſer abſcheulichen Grube beiſammen ſind. Das Brod und den Waſſerkrug findet Ihr in der Ecke, zwei Schritte zu eurer Rechten. Nehmt davon, ich geb' es Euch gern. Ich werde bald keine irdiſche Nahrung mehr noͤ⸗ thig haben. Dalgetth wartete nicht auf eine zweite Einladung, und als er tappend die Lobensmit⸗ tel gefunden hatte, biß er ſo gierig und mun⸗ ter in das verſchimmelte ſchwarze Haferbrod, als wir ihn bei beſſern Speiſen es thun ſahen. Dieſes Brod, ſprach er, ſeinen Biſſen kauend, iſt nicht ſonderlich ſchmackhaft, aber doch auch nicht viel ſchlimmer, als wir's in dem beruͤhmten Lager bei Werben*) hatten, wo der tapfre Guſtav alle Bemuͤhungen des *) 1631. 71 beruͤhmten Tilly zu Schanden machte, des furchtbaren alten Helden, der zwei Koͤnige aus dem Felde geſchlagen hatte, Friedrich von Boͤhmen, und Chriſtian von Daͤnemark.— Und in dieſem Waſſer, das nicht das aller ſuͤ⸗ ßeſte iſt, trinke ich auf eure baldige Befreiung, Kamerad, die meinige nicht zu vergeſſen, und wuͤnſche andaͤchtig, es moͤchte Rheinwein ſein, wenigſtens ſtarkes Luͤbecker Bier, und waͤre es auch nur zu Ehren der Geſundheit, die ich trinke. Waͤhrend Dalgetty ſo ſchwatzte, waren ſeine Zaͤhne ſo thaͤtig als ſeine Zunge, und er hatte bald die Lebensmittel verzehrt, welche ſeines Ungluͤcksgefaͤhrten Guͤte oder Gleichgil⸗ tigkeit dem Gierigen uͤberlaſſen hatte. Als er damit fertig war, wickelte er ſich in ſeinen Mantel, und ſetzte ſich in eine Ecke des Ker⸗ kers, wo er auf beiden Seiten eine Stuͤtze finden konnte, da er, nach ſeiner Bemerkung, von Jugend auf ein Verehrer der Armſtuͤhle geweſen war. Er begann nun ſeinen Mitgefangenen aus⸗ 6 zufragen.„Mein ehrlicher Freund, als Bett⸗ und Tiſch⸗Kameraden muͤſſen wir naͤher be⸗ kannt werden. Ich bin Dugald Dalgetty von Drumthwacker, und ſo weiter, Major in ei⸗ nem Regimente treugeſinnter Irlaͤnder, und außerordentlicher Abgeſandter des hohen und maͤchtigen Herrn, Jakob Grafen von Montro⸗ ſe. Und darf ich nach euerm Nahmen fra⸗ gen?“— 14 Es wird Ench wenig nuͤtzen, ihn zu wiſ⸗ ſen, antwortete ſein ſchweigſamerer Mitge⸗ fangener! Laßt daruͤber mich ſelber urtheilen, hob der Kriegsmann wieder an. Nun denn— Ranald Mac Eagh heiß ich, das iſt, Ranald Sohn des Nebels. Sohn des Nebels! rief Dalgetty. Sohn der tiefſten Finſterniß, ſage ich. Aber Ranald, wenn Ihr denn ſo heißt, wie kamet Ihr in die Wachſtube des Profoßen? Welcher Teufel brachte Euch hierher, meine ich? Mein Ungluͤck und meine Verbrechen, er: ‿ 72 — 73 widerte Ranald. Kennt Ihr den Ritter von Ardenvohr? Ich kenne den ehrenwerthen Mann, ſprach Dalgetty. Und wo iſt er jetzt? Er faſtet heute in Ardenvohr, um morgen in Inverary zu ſchmauſen. Sollte dieß nicht geſchehen, ſo koͤnnte es mit meinen Kriegs⸗ dienſten wohl ſchlimm ausſehen. Wenn er kommt, ſo ſagt ihm, daß ihn Jemand um Fuͤrſprache bittet, der ſein aͤrgſter Feind und ſein beßter Freund iſt. Wahrhaftig, ich moͤchte doch lieber eine unverdaͤchtigere Botſchaft uͤbernehmen, erwi⸗ derte Dalgetty. Ritter Duncan iſt nicht der Mann, der Raͤthſelrathen mit ſich ſpielen laͤßt. Feiger Sachſe! ſprach der Gefangene. Sagt ihm, ich ſei der Rabe, der vor funfzehn Jahren auf ſeine veſte Burg herab ſchoß, und auf die lieben Pfaͤnder, die er da zuruͤckgelaſ ſen— ich der Wolf, der ſeine Felſenhoͤhle auffand, und ſeine Kinder verdarb— ich der Anfuͤhrer der Bande, die geſtern vor funfzehn 74 Jahren Ardenvohr uͤberſiel und ſeine vier Kin⸗ der dem Schwerte preisgab. Wahrlich, mein ehrlicher Freund, ſprach Dalgetty, wenn Ihr Euch der Gunſt des Rit⸗ ters nicht beſſer als dadurch empfehlen koͤnnt, ſo moͤchte ich es unterlaſſen, meine Fuͤrſprache darauf zu ſtuͤtzen, weil ich bemerkt habe, daß ſelbſt die unvernuͤnftigen Thiere gegen diejeni⸗ gen erbittert ſind, die gewaltſame Hand an ihre Jungen legen, wie viel mehr alſo ver⸗ nuͤnftige und chriſtliche Geſchoͤpfe. Aber ich bit⸗ te Euch hoͤflich, mir zu ſagen, ob Ihr das Schloß von dem Huͤgel, genannt Drumsnab, angegriffen habt, als welcher, wie ich behaup⸗ te, der wahre Punkt zu einem Angriffe iſt, wenn er nicht durch eine Schanze verwehrt wird. Wir ſtiegen auf Strickleitern den Felſen hinan, erwiderte der Gefangene. Es half uns dabei Einer von unſern Stammleuten, der ſechs Monate im Schloſſe gedient hatte, um in dieſer einen Nacht volle Rache zu genießen, Die Eule ſchrie um uns, als wir zwiſchen — 75 Himmel und Erde hingen; die Flut rauſchte am Fuße des Felſens und zerſchlug unſer Schiff, aber Niemand ließ den Muth ſinken. Am Morgen ſah man Blut und Aſche, wo bei Sonnenuntergang Friede und Freude ge⸗ weſen waren. Es war ein huͤbſcher naͤchtlicher Angriff, ich zweifle gar nicht, Ranald Mac Eagh, ein gehoͤriger Angriff und wacker ausgefuͤhrt. Ich haͤtte indeſſen doch das Schloß vom kleinen Huͤ⸗ gel Drumsnab angegriffen. Aber Ihr habt euren Krieg nach der unregelmaͤßigen Art der Scythen gefuͤhrt, Ranald, wie Tuͤrken, Ta⸗ taren und andre aſiatiſche Voͤlker. Aber, mein Freund, der Anlaß, die Urſache dieſes Krie⸗ ges, die teterrima causa, ſo zu ſagen? Sagt s mir doch, Ranald. Wir waren vom Stamme Mac Aulay und andern weſtlichen Staͤmmen ſo lange angegrif⸗ fen worden, bis wir in unſern Beſitzungen nicht mehr ſicher waren. O ich habe eine dunkle Erinnerung, etwas davon gehoͤrt zu haben, erwiderte Dalgetty. 76— Stecktet Ihr nicht Brod in einen Mund, wo⸗ zu kein Magen mehr gehoͤrte, der es haͤtte verdauen koͤnnen? Ihr habt alſo die Geſchichte unſrer Rache gegen den ſtolzen Forſtaufſeher gehoͤrt? fragte Ranald. Ich daͤchte, antwortete Dalgetty, und zwar iſt's nicht lange her. Es war ein luſti⸗ ger Scherz, dem Todten das Brod in den Mund zu ſtopfen, aber doch ein bischen zu wild und grauſam, abgeſehen davon, daß Ihr die gute Speiſe verwuͤſtetet. Ich, habe es bei einer Belagerung, oder in einem Feldlager wohl erlebt, Ranald, daß eine Brodrinde, wie Ihr ſie unnuͤtzer Weiſe in einen todten Mund ſtecktet, einem lebenden Soldaten viel werth geweſen waͤre. Wir wurden vom Ritter Duncan ange⸗ griffen, antwortete Mac Eagh. Mein Bruder wurde erſchlagen; ſein Kopf verſchrumpfte auf den Mauern, die wir erklimmten; ich ſchwur Rache, und es iſt ein Gelubde⸗ was ich nie gebrochen habe. 8 —— 77 Es mag wohl ſein, ſprach Dalgetty, und feder echte Soldat muß geſtehen, Rache ſchmeckt ſuͤß. Aber ich kann gar nicht einſehen, wie dieſer Geſchichte wegen der Ritter ſich um eure Hinrichtung anders bekuͤmmern koͤnnte, als daß er ſich etwa bewogen faͤnde, den Marquis zu bitten, Euch nicht haͤngen, ſondern auf dem Rade Euch mit einer Pflugſchaar die Ge⸗ beine zerſchmettern zu laſſen, oder Euch ſonſt zu einem qualvollen Tode zu bringen. Waͤre ich an eurer Stelle, Ranald, ich wuͤrde mich dem Ritter nicht zu erkennen geben, mein Ge⸗ heimniß fuͤr mich behalten, und ruhig mich er⸗ droſſeln laſſen, wie es eure Vorfahren gethan haben. 4 Aber hoͤrt mich an, fremder Mann, ſprach der Hochlaͤnder. Ritter Duncan von Arden⸗ vohr hatte vier Kinder. Drei ſtarben unter unſern Dolchen, aber das vierte lebt, und er wuͤrde lieber dieſes vierte Kind auf ſeinen Knien ſchaukeln, als dieſe alten Knochen fol⸗ kern, die ſich wenig daraus machen wuͤrden, wenn er ſeine aͤußerſte Wuth ausließe. Woll⸗ 78— te ich ſprechen ,ſo koͤnnte ein Wort dieſen Tag der Demuͤthigung und des Faſtens in einen Tag des Dankes, der Freude und des Schmau⸗ ſens verwandeln. O ich weiß es von meinem eigenen Herzen! Mir iſt das Kind Kenneth, das den Schmetterling am Ufer des Aven jagt, lieber als zehn Soͤhne, die in der Erde modern, oder ein Raub der Voͤgel in der Luft ſind. Ich vermuthe, Ranald, ſprach Dalgetty, die drei huͤbſchen Burſchen, die ich auf dem Marktplatze aufgehaͤngt ſah, wie getrocknete Schellfiſche, moͤgen Euch etwas angehen. Erſt nach einer kurzen Pauſe antwortete der Hochlaͤnder mit dem Tone lebhafter Be⸗ wegung:„Es waren meine Soͤhne, fremder Mann, es waren meine Soͤhne— Blut von meinem Blute— Gebein von meinem Gebei⸗ ne— fluͤchtig auf ihren Fuͤßen, nie fehlend, wenn ſie zielten, unbeſiegt von Feinden, bis Diarmid’s Soͤhne ſie durch Uebermacht be⸗ zwangen. Warum wuͤnſche ich, ſie zu uͤberle⸗ ben? Der alte Mann wird es weniger fuͤhlen, — 79 wenn man ihn mit den Wurzeln ausreißt, als er das Abhauen ſeiner ſchoͤnen Zweige fuͤhlte. Aber Kenneth muß zur Rache auferzogen wer⸗ den, der junge Adler muß vom alten lernen, wie er auf ſeine Feinde herabſchießen ſoll. Ich will um ſeinetwillen mein Leben und meine Freiheit erkaufen, und darum dem Ritter von Ardenvohr mein Geheimniß entdecken.“ Ihr koͤnnt leichter zum Ziele kommen, ſprach eine dritte Stimme, die ſich in das Ge⸗ ſpraͤch miſchte: wenn Ihr's mir entdeckt. Alle Hochlaͤnder ſind aberglaͤubig.„Der boͤſe Feind iſt unter uns“ ſprach Ranald, aufſpringend. Seine Ketten klirrten, als er aufſprang, und ſich ſo weit, als ſie es ihm geſtatteten, aus der Gegend zuruͤckzog, woher die Stimme zu kommen ſchien. Seine Furcht ging einiger Maßen auf den Rittmeiſter Dal⸗ getty uͤber, der in einem vielſprachigen Kau⸗ derwelſch alle Beſchwoͤrungen wiederhohlte, die er je gehoͤrt hatte, ohne daß er ſich mehr als einiger Worte von jeder erinnern konnte.„In nomine Domini, wie ſwir im Maxreſchal⸗ Colle⸗ 80—ö— gium ſagten— santisima madre de Dios, wie der Spanier ſpricht— alle guten Geiſter loben den Herrn, wie es in Doctors Luthers Ueber⸗ ſetzung des heiligen Pſalmiſten heißt.“ Still mit euren Beſchwoͤrungen, ſprach die Stimme, die ſich ſchon einmahl hatte hoͤren laſſen. Ich komme zwar auf ſonderbare Weiſe unter Euch, aber ich bin ein Menſch, wie Ihr, und mein Beiſtand kann Euch in dieſen euren Noͤthen von Nutzen ſein, wenn Ihr nicht zu ſtolz ſeid, Euch rathen zu laſſen. Waͤhrend der Fremde ſo ſprach, zog er den Schieber einer Diebsleuchte weg, bei de⸗ ren mattem Schein Dalgetty nur ſo viel ſehen konnte, daß der Sprecher, der ſich ſo geheim⸗ nißvoll in ihre Geſellſchaft geſchlichen und in ihr Geſpraͤch gemiſcht hatte, ein langer Mann war, der die Dienertracht des Marquis trug. Dalgetty ſah ihm zuerſt nach den Fuͤßen, aber er erblickte weder den geſpaltenen Huf, den die Wim ue Sagen dem boͤſen Feinde beile⸗ gen, noch den Pferdefuß, den man ihm in Teutſch u nd zuſchreibt. Seine erſte Frage war, — 81 wie der Fremde unter ſie gekommen waͤre. „Man haͤtte das Knarren dieſer roſtigen Rie⸗ gel gehoͤrt, wenn die Thuͤre waͤre geoͤffnet wor⸗ den, und ſeid Ihr durch das Schluͤſſelloch ge⸗ kommen— wahrlich, wie Ihr auch dazu aus⸗ ſehen moͤget, ſo taugt Ihr nicht, unter ein Re⸗ giment lebendiger Menſchen aufgenommen zu werden.“ Ich behalte mein Geheimniß, antwortete der Fremde, bis Ihr die Entdeckung durch die Mittheilung einiger von euren Geheimniſſen verdient. Vielleicht laſſe ich mich bewegen, Euch da hinauszulaſſen, wo ich hereingekom⸗ men bin. Durch das Schluͤſſelloch kann ich aber nicht kommen, ſprach Dalgetty. Mein Bruſtharniſch wuͤrde ſtecken bleiben, wenn ich auch mit dem Helm durchkommen koͤnnte. Was aber Ge⸗ heimniſſe anlangt, ſo habe ich keine eigenen, und nur wenige fremde. Aber ſagt uns, was fuͤr Geheimniſſe Ihr zu wiſſen begehrt, oder wie Profeſſor Snufflegreek im Mareſchal⸗Col⸗ Zweiter Theil, 6 legium zu Aberdeen zu ſagen pfleste 1 ſer, damit ich dich erkenne. Ich habe nicht zuerſt mit Euch zu thun, antwortete der Fremde, und ließ den Schein ſeiner Leuchte auf die wilden und abgezehrten Züge und die kraͤftigen Glieder des Hochlaͤn⸗ ders fallen, der ſich dicht an die Wand des Kerkers geſtellt hatte, und noch ungewiß zu ſein ſchien, ob ſein Gaſt ein lebendes Weſen waͤre. Ich habe Euch etwas gebracht, mein Freund, um eure Koſt zu verbeſſern, ſprach der Frem⸗ de mit ſanfterem Tone. Muͤßt Ihr morgen ſterben, ſo iſt das kein Grund, daß Ihr nicht dieſen Abend das Leben genießen ſolltet. Gar nicht, ganz und gar kein Grund, ſiel Dalgetty ſchnell ein, und fing alsbald an, einen kleinen Korb auszupacken, den der Fremde un⸗ ter dem Mantel mitgebracht hatte, waͤhrend der Hochlaͤnder, entweder argwoͤhniſch, oder verſchmaͤhend, der guten Nahrung nicht ach⸗ tete. 5 Dieß gilt Dir, mein Freund! ſprach Dal⸗ 83 getty, der ſchon ein derbes Stuͤck Ziegenbraten zu ſich genommen hatte, und nun einen Zug aus der Weinflaſche that. Wie iſt dein Nah⸗ me, mein Freund? Murdoch Campbell, erwiderte der Fremde, bin in Dienſten des Marquis von Argyle und mache zuweilen den Unteraufſeher hier. Alſo noch einmahl gilt's Dir, Murdoch, ſprach Dalgetty. Ich trinke unter deinem Nah⸗ men auf dein Wohl, daß es Dir beſſer bekom⸗ Den Wein halte ich fuͤr Carcavelo.*) Ja, ehete⸗ Murdoch, ich ſage es dreiſt, Du verdienſt Oberaufſeher zu ſein, denn Du weißt es zwanzigmahl beſſer, als dein Vorge⸗ ſetzter, wie ehrliche Leute, die in Noͤthen ge⸗ rathen ſind, mit Lebensmitteln verſorgt werden muͤſſen. Waſſer und Brod? Pfui uͤber ihn! Es war genug, Murdoch, das Gefaͤngniß des Marquis um ſeinen Ruf zu bringen.— Aber ich ſehe, Ihr wollt mit meinem Freunde, Ra⸗ — *) Weißer portugieſtſcher Wein, der bei dem gleichnah⸗ migen Orte unweit Eintra wächſt. L. 6 à 84 nald Mac Eagh, ſprechen. Laßt es Euch nicht abhalten, daß ich da bin. Ich ſetze mich hier in die Ecke mit dem Korbe, und meine Kinn⸗ laden ſollen ſo viel Laͤrm machen, daß meine Ohren Euch nicht hoͤren. Trotz dieſes Verſprechens aber hoͤrte der alte Kriegsmann ſo aufmerkſam als moͤglich auf die Unterredung, oder wie er ſelber es be⸗ ſchrieb, er legte ſeine Ohren in den Nacken zuruͤck, wie Guſtav, wenn er den Schluͤſſel in der Futterkiſte umdrehen hoͤrte. Er konnte da⸗ her in dem engen Kerker das falsende Geſpraͤch leicht abhorchen. Wißt Ihr, Sohn des Nebels, ſprach der Campbell, daß Ihr dieſen Ort nicht anders verlaſſen werdet, als auf dem Wege zum Gal⸗ gen? Die mir die Liebſten ſind, gingen auf die⸗ ſem Wege voran, erwiderte Mae Eagh. Ihr wollt alſo, fragte der Fremde, nichts thun, um ihnen nicht folgen zu muͤſſen? Der Gefangene wand ſich in ſeinen Ket⸗ ten, ehe er eine Antwort gaͤb.„Ich moͤchte 8⁵ viel thun, ſprach er endlich, nicht fuͤr mein Le⸗ ben, aber wegen des Kindes im Thgle Strath⸗ Aven.“ Und was moͤchtet Ihr thun, um die bittre Stunde abzuwenden? Es kuͤmmert mich nicht, aus welcher Urſache Ihr ſie vermeiden wollet. Ich moͤchte thun, was ein Mann thun kann, ohne daß er darum aufhoͤren darf, ſich einen Mann zu nennen. Ihr nennt Euch einen Mann, fuhr der Frager fort, und habt doch gehandelt, als ob Ihr ein Wolf waͤret? Ja, ich thu' es, erwiderte der Geaͤchtete, ich bin ein Mann, wie meine Voraͤltern. Wir waren Laͤmmer, als wir in den Mantel des Friedens gekleidet waren; Ihr habt ihn uns abgeriſſen und nennt uns nun Woͤlfe. Gebt uns die Huͤtten wieder, die Ihr verbrannt habt, unſre Kinder, die Ihr gemordet, unſre Witwen, die Ihr habt verhungern laſſen— ſammelt vom Galgen und vom Pfahl die ver⸗ ſtuͤmmelten Leichname, und die gebleichten Schaͤ⸗ 86 del unſrer Verwandten; heißt ſie aufleben und uns ſegu. und wir wollen eure Lehnleu⸗ te und Bruͤder ſein; bis dahin aber mag Tod und Blut und gegenſeitige Unbill einen ſchwar⸗ zen Schleier der Zwietracht zwiſchen uns zie⸗ hen. Ihr wollet alſo nichts fuͤr eure Frrihei thunz ſprach der Campbell. Alles, nur nicht einen Freund eures Stam⸗ mes mich nennen, antwortete Ranald. Wir verſchmaͤhen die Freundſchaft von Banditen und Viehraͤubern, ſprach Murdoch, und wüͤrden uns nicht herabwuͤrdigen, ſie an⸗ zunehmen. Ich will Euch die Freiheit wieder⸗ geben, und verlange dafuͤr nur zu wiſſen, wo die Tochter und Erbinn des Ritters von Ar⸗ denvohr jetzt zu finden iſt. um ihr einen bettelhaften Vetter eures großen Herrn zum Manne zu geben, wie's bei den Kindern Diarmid's Sitte iſt! ſprach Ranald. Ruft man nicht im Thale Glenor⸗ quhi bis auf dieſe Stunde Pfui uͤber die Ge⸗ waltthat, die einem hilfloſen Kinde widerfuhr, 2 4 87 das ihre Verwandten an den Hof des Koͤnigs bringen wollten? Mußten nicht ihre Begleiter ſie unter einem Keſſel verbergen, um welchen ſie fochten, bis keiner uͤbrig blieb, die Both⸗ ſchaft zu bringen? Und wurde nicht das Maͤd⸗ chen in dieſes ungluͤckliche Schloß gebracht, und ſpaͤter an Mac Callummore's Bruder ver⸗ heirathet, und all dieß um ihrer anſehnlichen Laͤndereien willen? Und wenn die Geſchichte wahr iſt, erwi⸗ derte Murdoch, ſo kam ſie zu hoͤheren Ehren, als ihr der Koͤnig von Schottland haͤtte geben koͤnnen.„Aber das gehoͤrt nicht zur Sache. Die Tochter des Ritters von Ardenvohr iſt von unſerm eignen Blute, und keine Fremde, und wer haͤtte ein ſo gutes Recht, ihr Schick⸗ ſal zu kennen, als Mac Callummore, der Haͤupt⸗ ling ihres Stammes? JIhr wollt es alſo in ſeinem Nahmen wiſ⸗ ſen? fragte der Geaͤchtete. Der Diener bejahte es. Und Ihr wollet dem Maͤdchen kein Leid zufuͤgen? Ich habe ihr ſchon Leid genug angethan. 88— Kein Leid, ſo wahr ich ein 9 we widerte Murdoch. Und Leben und Freiheit ſoll mein Lohn ſein? So haben wir's ausgemacht, ſprach der Campbell. So wiſſe denn, das Kind, das ich aus Mitleid ſchonte, als wir ihres Vaters veſtes Schloß pluͤnderten, ward als angenommene Tochter unſers Stammes erzogen, bis wir ge⸗ ſchlagen wurden im Paß Ballenduthil von dem eingefleiſchten Teufel und dem Todfeinde un⸗ ſeres Stammes, Allan Mae⸗Aulay mit der blutigen Hand, und von den Lennor⸗Reitern unter dem Erben des Hauſes Menteith. Fiel ſie in die Gewalt Allans mit der blu⸗ tigen Hand, ſie, die vermeinte Tochter deines Stammes? ſprach Murdoch. Dann hat ihr Blut den Dolch geroͤthet, und Du haſt nichts geſagt, dein verwirktes Leben zu retten. Wenn mein Leben an dem ihrigen haͤngt, ſo iſt es ſicher, denn ſie lebt noch, antwortete der Geaͤchtete. Aber es hat eine ungewiſſere 8 89 Bäegſchaft— das ſchwache Derſheachen eines Sohnes Diarmid's. Dieſes Verſprechen ſoll treulich gehalten werden, ſprach der Campbell, wenn Ihr mir ſicher ſagen koͤnnt, daß ſie noch lebt, und wo ſie zu finden iſt. Im Schloſſe Darnlinvarach, ſprach Ra⸗ nald, unter dem Nahmen Annot Lyle. Mei⸗ ne Verwandten, die wieder in die Naͤhe ihrer heimathlichen Waͤlder gekommen ſind, haben mir oft von ihr erzaͤhlt, und es iſt nicht lan⸗ ge her, als meine alten Augen ſie ſahen. Ihr, ein Haͤuptling unter den Kindern des Nebels, ſprach Murdoch erſtaunt, Ihr habt es gewagt, eurem Todfeinde ſo nahe zu kommen? 126 Sohn Diarmid's, ich that noch mehr, er⸗ widerte der Geaͤchtete, ich war in der Halle des Schloſſes, verkleidet als ein Harfner von den wilden Kuͤſten Skianach's. Es war mein Vorſatz, dem Mae Aulay mit der blutigen Hand, vor welchem unſer Stamm zittert, mel⸗ nen Dolch in den Leib zu ſtoßen, und dand 90— as Schickſal zu tragen, das Gott mir zuſen⸗ den wuͤrde. Aber ich ſah Annot Lyle, als meine Hand ſchon am Griffe meines Dolchs war. Sie ſpielte die Harfe zu einem Liede der Kinder des Nebels, das ſie gelernt hatte, als ſie unter uns lebte. Die Waͤlder, worin wir froͤhlich gelebt hatten, ließen ihre gruͤnen Blaͤtter im Liede rauſchen, und unſre Stroͤme waren darin mit all ihren Gewaͤſſern. Meine Hand ließ den Dolch los; die Quellen meiner Augen oͤffneten ſich, und die Stunde der Rache war voruͤber.— Und nun, Sohn Diarmid's, habe ich nicht das Löſtgeld fuͤr meinen Kopf bezahlt? 8. 2 Ja, wenn die Geſchichte mahr iſt, erwi⸗ derte Murdoch. Aber welchens Beweis koͤnnt Ihr geben 7 1 dau Himmel und Erde. ſei Zeuge, rief der Geaͤchtete, ſieht er nicht ſchon zu, wie er ſein Wort umgehen kann? Nicht doch, antwortete Murdoch. Zedes Verſprechen ſoll Euch gehalten werden, ſo bald ich verſichert bin, daß Ihr mir die Wahr⸗ 94 heit geſagt habt. Aber ich muß nun ein Paar Worte mit eurem Mitgefangenen ſprechen. Glatt und falſch— immer glatt und falſch! murmelte der Mitgefangene, als er ſich wieder auf den Boden des Kerkers warf. Der Rittmeiſter, dem kain Wort des Ge⸗ ſpraͤchs entgangen war, machte im Stillen ſei⸗ ne Bemerkungen.„Was zum Henker, dachte er, kann der ſchlaue Geſell mir zu ſagen ha⸗ ben? Ich habe ja kein Kind, weder ein eige⸗ nes, ſo viel ich weiß, noch ein fremdes, wo⸗ von ich ihm etwas erzaͤhlen koͤnnte. Mag er kommen! Er ſoll manche Bewegung machen, ehe er einem alten Soldaten in die Flanke fal⸗ len kann.. Als ob er mit einer Pike in der Hand eine Sturmluͤcke vertheidigt haͤtte, erwartete er vorſichtig, aber furchtlos den Angriff.„Ihr ſeid ein Weltbuͤrger, Herr Rittmeiſter, ſprach Murdoch Campbell, und kennt gewiß unſer aͤl⸗ tes ſchottiſches Sprichwort: wie Du mir, ſo ich Dir— das unter allen Voͤlkern und in je⸗ dem Dienſte gilt.“ — Dann maͤßte ich's wohl kennen, antworte⸗ te Dalgetty, denn die Tuͤrken ausgenommen, gibt's wenig europaͤiſche Maͤchte, welchen ich nicht gedient haͤtte, und es iſt mir zuweilen auch eingefallen, es einmahl mit Bethlen Gabor, oder mit den Janitſcharen zu verſuchen. Ein ſo erfahrener und vorurtheilfreier Mann als Ihr ſeid, antwortete Murdoch, wird mich ſogleich verſtehen, wenn ich ſage, eure Freiheit ſoll abhangen von eurer wahrhaften unnd aufrichtigen Antwort auf ein Paar unbe⸗ deutende Fragen uͤber die Maͤnner, die Ihr vor Kurzem verlaſſen habt, uͤber ihre Kriegs⸗ ruͤſtungen, die Anzahl ihrer Kriegsvoͤlker, ihre Anſtalten, und ſo viel Ihr's etwa wißt, uͤber den Plan ihrer Unternehmung. Bloß um eure Neugier zu befriedigen und ſonſt ohne weitre Abſicht? ſprach Dalgetty. 4 Ohne alle Abſicht, erwiderte Murdoch. Was koͤnnte einem armen Teufel wie ich bin, an ihren Unternehmungen liegen? So fragt denn, ſprach Dalgetty, und ich will peremptorie antworten. 93 Wie viel Irlaͤnder moͤgen wohl auf dem Wege ſein, zu dem boͤsgeſinnten Jakob Gra⸗ hame zu ſtoßen? Vermuthlich zehntauſend, erwiderte Dal⸗ getty. Zehntauſend! ſprach Murdoch unwillig. Wir wiſſen, daß kaum zweitauſend in Ardna⸗ murchan gelandet ſind. Dann wißt Ihr mehr von ihnen, als ich weiß, ſprach Dalgetty mit großer Faſſung. Ich habe ſie noch nie bei einer Muſterung geſehen, nicht einmahl unter den Waffen. und wie viele Kriegsleute von den Staͤm⸗ men mag man erwarten? fuhr Murdoch fort. So viel als man aufbringen kann, ſprach Dalgetty. Ihr antwortet nicht, wie's zur Sache ge⸗ hoͤrt, hob Murdoch wieder an. Sagt aufrich⸗ tig, werden es fuͤnftauſend Mann ſein?. Ungefaͤhr ſo viel, antwortete Dalgetty. Ihr ſpielt mit eurem Leben, Herr Ritt⸗ meiſter, wenn Ihr Scherz mit mir treibt, er⸗ widerte der Frager. Ich darf nur pfeifen, 94— und in weniger als zehn Minuten ſieht man enern Kopf auf der Zugbruͤcke hangen. Aber aufrichtig geſprochen, Freund Mur⸗ doch, haltet Ihr’s denn fuͤr billig, mich nach den Geheimniſſen unſerer Kriegsmacht zu fra⸗ gen, da ich mich verpflichtet habe, waͤhrend des ganzen Feldzugs zu dienen? Wenn ich Euch ſage, wie Montroſe geſchlagen werden kann, was wird aus meinem Solde, aus den Ruͤck⸗ ſtaͤnden, aus meiner Hoffnung auf Beute? 8Ich ſage Euch, antwortete Muͤrdoch, wenn Ihr hartnaͤckig ſeid, ſo wird euer Feldzug an⸗ fangen und endigen mit einem Marſche zu . dem Blocke am Schloßthore, der da bereit ſteht fuͤr ſolche Landſtreicher. Antwortet Ihr aber aufrichtig auf meine Fragen, ſo will ich Euch in meine— in Mac Callummore's Dien⸗ ſte nehmen. Gibt der Dienſt guten Sold? fragte Dal⸗ getth. ⅜ ne Er wird Euch dodpelten Sold geben, wenn Ihr zu Montroſe zuruͤckkehren und handeln wollet, wie Mar Callummore Euch anweiſet. —— 95 Ich wollte, ich haͤtte Euch geſehen, ehe ich mich mit ihm eingelaſſen habe, ſprach Dalget⸗ ty, der nachzudenken ſchien.. Ich kann Euch im Gegentheile jetzt vor⸗ theilhaftere Bedingungen verſprechen, erwider⸗ te Campbell, verſteht ſich, wenn Ihr treu ſeid. Treu, das heißt Euch treu, und ein Ver⸗ raͤther gegen Montroſe, ſprach der Rittmei⸗ ſter. Treu der Sache der Religion und der gu⸗ ten Ordnung, antwortete Murdoch. Sie hei⸗ ligt jeden Betrug, den Ihr ſpielen moͤget, um ir zu dienen. 1e. Und wenn ich denn Luſt haͤtte, in die Dienſte des Marquis zu treten, iſt er ein guͤ⸗ tiger Herr? fragte Dalgetty. Es gab nie einen guͤtigern, ſosdch d Mur⸗ doch. Und freigebig gegen ſeine Offiziere? dußs der Rittmeiſter fort. Die freigebigſte Hand in Schottland, ant⸗ wortete Murdoch. 1 Treu und redlich in ſeinen Verpflichtun⸗ gen? fragte Dalgetty weiter. 1 Ein ehrenwertherer Edelmann lebt nicht, ſprach der Campbell. So viel Gutes habe ich vorher nie von ihm gehoͤrt, erwiderte Dalgetty. Ihr muͤßt den Marquis gut kennen, oder Ihr muͤßt es ſelber ſein. 2 Narquis von Argyle, fuhr er fort, ploͤtzlich ſich auf den Verkleideten wer⸗ fend: ich verhafte Euch im Nahmen des Koͤ⸗ nigs als einen Verraͤther. Wagt es nicht, um Hilfe zu rufen, oder ich drehe Euch den Hals um.— 8 Dalgetty's Angriff war ſo ploͤtzlich und unerwartet, daß er den Marquis ohne Muͤhe zu Boden warf, und ihn mit einer Hand nie⸗ derhielt, waͤhrend ſeine Rechte, womit er die Kehle ſeines Widerſachers faßte, bereit war, ihn bei dem geringſten Verſuche eines Hilferu⸗ fes zu erdroſſeln.. 11 Marquis von Argyle, ſprach er, nun iſt die Reihe an mir, die Bedingungen der Ueber⸗ gabe vorzuſchreiben. Wolltet Ihr mir den ge⸗ — 97 heimen Weg zeigen, der Euch in den Kerker gefuͤhrt hat, ſo ſollt Ihr loskommen, unter der Bedingung, daß Ihr mein locumtenens ſeid, wie wir im Mareſchal⸗Collegium ſagten, bis euer Aufſeher ſeine Gefangenen beſucht. Wo nicht, ſo erdroſſele ich Euch erſt— ich ha⸗ be die Kunſt von einem polniſchen Heiducken gelernt, der Sklave in dem osmaniſchen Se⸗ rail geweſen war— und dann ſuche ich meine Freiheit zu gewinnen. Elender! Ihr wolltet mich doch nicht er⸗ morden fuͤr meine Guͤte? murmelte Argyle. Nicht fuͤr eure Guͤte, Herr Marquis, antwortete Dalgetty. Aber fuͤr's Erſte, um Euer Gnaden zu lehren, wie man das jus gen- tium gegen Kavaliere zu beobachten hat, die unter ſicherem Geleite kommen, und fuͤr's Zwei⸗ 4 te, Euch zu zeigen, daß es gefaͤhrlich iſt, ei⸗ nem wackern Soldaten ehrloſe Antraͤge zu ma⸗ chen, um ihn zu verſuchen, waͤhrend der be⸗ dungenen Dienſtzeit gegen ſeine Fahne untreu zu werden. Zweiter Theil. 98— Schonet mein Leben, und ich will thun, was Ihr verlangt, ſprach Argyle. Dalgetty hatte die Kehle des Marquis noch gefaßt. Er druͤckte ſie ein wenig, waͤhrend er ſei⸗ ne Fragen ausſprach, und ließ ſie nur ſo viel los, um ihm das Antworten moͤglich zu ma⸗ chen. Wo iſt die geheime Thuͤre ins Gefaͤngniß? fragte er. Haltet die Leuchte gegen die Ecke zur Rech⸗ ten, und Ihr werdet das Eiſen ſehen, das die Feder deckt, antwortete der Marquis. So weit gut. Wohin fuͤhrt der Gang? In mein Zimmer durch eine Tapetenthuͤ⸗ re, antwortete Argyle. Und wie komme ich von da zum Schloß⸗ thore?— Durch den großen Saal, das Vorzimmer, die Dienſtbotenſtube, die große Wachſtube— Alles mit Soldaten, Schildwachen und Dienſtboten angefuͤllt? Das geht nicht, Herr Marquis. Habt Ihr keinen geheimen Weg zu dem Schloßthore, wie zu eurem Kerker? Ich habe ſolche in Teutſchland geſehen. Es geht ein Gang durch die Kapelle, wor⸗ ein man aus meinem Zimmer kommt, antwor⸗ tete der Marquis. Und wie heißt die Parole am Thore? Das Schwert Levi's, erwiderte Argy⸗ le. Aber wenn Ihr mein Ehrenwort anneh⸗ men wollet, ſo gehe ich mit Euch, fuͤhre Euch durch alle Wachen, ſetze Euch ganz in Freiheit und gebe Euch einen Paß. Ich koͤnnte Euch wohl trauen, Herr Mar⸗ quis, wenn nicht eure Kehle ſchon ſchwarz vom Griffe meiner Finger waͤre. Aber ſo— beso las manos à Vsted, wie der Spanier ſagt. Aber einen Paß koͤnnt Ihr mir doch geben. Iſt Schreibzeug in eurem Zimmer? Allerdings, und ein Blankett zum Paß, das nur unterſchrieben zu werden braucht. Ich gehe ſogleich mit Euch. 1 Es waͤre zuviel Ehre fuͤr meines Gleichen, ſprach Dalgetty. Ihr bleibt hier, Herr Mar⸗ quis, unter der Aufſicht meines ehrlichen Freun⸗ 7* 100 des, Ranald Mac Eagh, und Ihr werdet ſo gut ſein, Euch ſo weit ſchleppen zu laſſen, daß er Euch in ſeiner Kette erreichen kann.— Ehrlicher Ranald, Ihr ſeht, wie die Sachen hier ſtehen. Ich werde ohne Zweifel Mittel finden, auch Euch in Freiheit zu ſetzen. Mitt⸗ lerweile macht es, wie Ihr es mich machen ſeht. Druͤckt eure Hand auf die Kehle dieſes hochanſehnlichen und maͤchtigen Herrn, gleich hier unter der Halskrauſe, und will er ſich wehren, oder ſchreien, ſo unterlaßt's nicht, mein wackrer Ranald, ihn tuͤchtig zu quetſchen, und waͤre es auch ad deliqium, Ranald, das heißt bis zur Ohnmacht, das hat nichts zu bedeu⸗ ten, angeſehen er eurer und meiner Gurgel eine weit haͤrtere Behandlung zugedacht hat. Will er ſprechen, oder ſich wehren, ſo ſtirbt er unter meiner Hand, ſprach Ranald. Recht ſo, Ranald, das heiße ich Muth! Ein ruͤſtig zugreifender Freund, der einen Wink verſteht, iſt eine Million werth. Mitt dieſen Worten uͤberließ er die Be⸗ wachung des Marquis ſeinem neuen Verbuͤn⸗ 101 deten. Er druͤckte nun auf die Feder, und die geheime Thuͤre oͤffnete ſich, deren Angeln aber ſo glatt und ſo gut eingeoͤhlt waren, daß man nicht das mindeſte Geraͤuſch hoͤrte. Die Ruͤckſeite der Thuͤre war durch ſtarke Riegel und Stangen verwahrt, neben welchen einige Schluͤſſel hingen, die zur Oeffnung von Ket⸗ tenſchloͤſſern beſtimmt zu ſein ſchienen. Eine ſchmale Treppe, die durch die dicke Schloß⸗ mauer aufſtieg, fuͤhrte, wie der Marquis ge⸗ ſagt hatte, zu einer Tapetenthuͤre in ſeinem Zimmer. Solche Verbindungen waren in der Zeit des Lehnweſens gewoͤhnlich in alten Schloͤſ⸗ ſern, und gaben dem Burgherrn Gelegenheit, wie ein anderer Dionyſius die Unterredung ſeiner Gefangenen anzuhoͤren, oder, wenn er wollte, verkleidet zu ihnen zu gehen, ein Ver⸗ ſuch, der fuͤr den Marquis von Argyle ſo un⸗ angenehme Folgen gehabt hatte. Dalgetty un⸗ terſuchte zuvor, ob jemand im Zimmer waͤre, und als er die Luft rein fand, trat er hinein, ergriff ſchnell einen Paß, deren mehre auf dem Tiſche lagen, nahm das Schreibzeug zu ſich, und ver⸗ gaß nicht, den Dolch des Marquis und eine ſeidne Schnur, die er von der Tapete abriß, zu ſich zu ſtecken. Er ſtieg dann wieder in die Kerkerhoͤhle hinab, wo er, einen Augenblick an der Thuͤre lauſchend, die halberſtickte Stim⸗ me des Marquis hoͤrte, der dem Hochlaͤnder große Anerbietungen machte, wenn er Laͤrm ſchreien duͤrfte. Nicht fuͤr einen ganzen Wald von Rehen — nicht fuͤr tauſend Stuͤck Vieh, antwortete der Naͤuber, nicht fuͤr alle Laͤndereien, die je ein Sohn Diarmid's beherrſchte, breche ich das Wort, das ich dem Manne im eiſernen Kleide gegeben habe. Der Mann im eiſernen Kleide, ſprach Dalgetty, hereintretend, iſt Euch verbunden, dac Eagh, und nun ſoll auch dieſer edle Herr gebunden werden. Zuvoͤrderſt aber muß er in dieſen Paß die Nahmen des Majors Dugald Dalgetty und ſeines Wegweiſers ſchreiben, oder er koͤnnte leicht zu einem Paß in die andre Welt kommen. Der Marquis unterzeichnete und ſchrieb 103 bei dem Scheine der Leuchte, wie der Kriegs⸗ mann ihm befahl. Und nun, Ranald, fuhr Dalgetty fort, lege dein Oberkleid ab, dein Plaid, meine ich, Ranald; ich will den Mac Callummore dar⸗ ein wickeln, und ihn fuͤr jetzt zu einem Kinde des Nebels machen.— Ja, ich muß es Euch uͤber den Kopf werfen, Herr Marquis, um uns gegen euer unzeitiges Schreien zu ſichern.— So, nun iſt er genug eingehuͤllt.— Haltet eure Haͤnde her, oder beim Himmel! ich ſtoße Euch euern eigenen Dolch ins Herz. Ja, Ihr ſollt mit nichts geringerem als einer ſeidenen Schnur gebunden werden, wie's eurem Range gebͤhrt.— So, nun iſt er veſt, bis jemand kommt, ihn los zu machen. Hat er uns ein ſpaͤtes Mittageſſen beſtellt, Ranald, ſo wird⸗ er wohl darunter leiden.— Zu welcher Stun⸗ de, mein lieber Ranald, kam der Kerkermei⸗ ſter gewoͤhnlich. Nie, bis die Sonne untergangen war, ant⸗ wortete Mac Eagh. 3 Dann haben wir drei gute Stunden vor 104 uns, mein Freund, ſprach der vorſichtige Ritt⸗ meiſter. Laß uns dieſe Zeit benutzen, Freiheit zu gewinnen. Nanalds Feſſeln zu unterſuchen, war das naͤchſte Geſchäft. Die Ketten wurden mittels eines der Schluͤſſel geoͤffnet, die hinter der ge⸗ heimen Thuͤre hingen, und hier wahrſcheinlich ihren Platz hatten, damit der Marquis, wenn es ihm beliebte, einen Gefangenen entlaſſen, oder an einen andern Ort ſchaffen konnte, oh⸗ ne den Aufſeher rufen zu muͤſſen. Der Ge⸗ achtete ſtreckte ſeine betaͤubten Arme aus, und entzuͤckt uͤber die wieder erlangte Freiheit, ſprang er vom Boden auf. 3 Nehmt den Rock des edlen Gefangenen, ſprach Dalgetty, zieht ihn an und folgt mir auf dem Fuße. 3339 9 Ranald gehorchte. Sie ſtiegen die geheime Treppe hinan, und als ſie die Thuͤre hinter ſich verriegelt hatten, kamen ſie gluͤcklich in das Zimmer des Marquis. V. Der Eingang hier, die Treppe— wohin nun? Wen auf dem Lande Untergang bedroht, Der mag ſich nicht um Kart' und Kompaß kuͤmmern Und ohne Steuermann auf's Meer ſich wagen Aus dem Trauerſpiele Brennovall. Saet den geheimen Weg durch die Kapelle, Ranald, ſprach Dalgetty. Ich will indeß ſchnell dieſe Sachen anſehen. Bei dieſen Worten ſtreckte er eine Hand nach einem Packete der geheimſten Schriften des Marquis, und die andere nach einem Beu⸗ tel mit Golde aus, die beide in einem Fache eines koſtbaren Schreibepultes lagen, das recht einladend offen ſtand. Er unterließ auch nicht, ein Schwert und Piſtolen, nebſt Pulverhoun 106— und Kugeln, die er ſaͤmmtlich im Zimmer fand, ſich zuzueignen.„Jeder achtbare Kriegsmann, ſprach der Rittmeiſter, als er ſeinen Raub einſteckte: ſollte auf Kundſchaft und Beute be⸗ dacht ſein, die eine fuͤr ſeinen General, die andre fuͤr ſich ſelber. Dieſes Schwert iſt ein Andreas Ferrara, und die Piſtolen ſind beſſer als meine eigenen. Aber ein ehrlicher Tauſch iſt kein Naub. Soldaten muͤſſen nicht in Ge⸗ fahr gebracht werden, und nicht freiwillig in „Gefahr, Herr Marquis von Argyle.— Aber gemach, gemach, Ranald! Weiſer Mann des Nebels, wohin willſt Du: Es war in der That hohe Zeit, Mac Eagh aufzuhalten. Als er den geheimen Gang nicht ſogleich fand und vermuthlich uͤber laͤn⸗ gern Aufenthalt ungeduldig war, nahm er ein Schwert und eine Tartſche, und war im Begriff, in den großen Durchgang zu gehen, ohne Zweifel in der Abſicht, ſich durchzu⸗ ſchlagen. Halt, wenn Euch euer Leben lieb iſt, ſprach Dalgetty, ihn veſt haltend. Wir muͤſ⸗ 107 ſen, wenn's moͤglich iſt, uns nicht zu verlore⸗ nen Schildwachen machen. Wir verriegeln dieſe Thuͤre, daß es ausſehe, als ob Mac Callummore allein ſein wollte. Und nun will ich eine Recognoscirung nach dem geheimen Gange machen. Der Rittmeiſter ſah an verſchiedenen Stellen hinter die Tapeten, und fand endlich eine geheime Thuͤre, und hinter dieſer einen krummen Gang, der zu einer andern Thuͤre fuͤhrte, die ohne Zweifel in die Kapelle ging. Aber wie unangenehm war er uͤberraſcht, als er jenſeit dieſer zweiten Thuͤre die hellklingen⸗ de Stimme eines predigenden Geiſtlichen hoͤr⸗ te.„Darum hat der Elende uns dieſen ge⸗ heimen Gang empfohlen, ſprach er. Ich haͤt⸗ te große Luſt, wieder umzukehren und ihm den Hals abzuſchneiden.“ Er oͤffnete nun leiſe die Thuͤre, die in ei⸗ ne vergitterte Gallerie fuͤhrte, welche fuͤr den Marquis ſelbſt beſtimmt war. Die Vorhaͤnge waren zugezogen, vielleicht in der Abſicht, auf die Vermuthung zu fuͤhren, daß er der Got⸗ tesverehrung beiwohnte, waͤhrend er zu weltli⸗ chen Zwecken abweſend war. Es war ſonſt Niemand im Kirchenſitze, da die Angehoͤrigen des Marquis, nach der Prunkſitte jener Zeit, waͤhrend des Gottesdienſtes in einer andern Gallerie ſaßen, die etwas tiefer als jener, ausſchließend fuͤr den großen Mann beſtimmte Sitz lag. Unter dieſen Umſtaͤnden wagte es der Rittmeiſter, ſich in die Gallerie zuruͤckzu⸗ ziehen, deren Thuͤre er ſorgfäͤltig verſchloß. Nie— es iſt wohl eine kuͤhne Behaup⸗ tung— wurde eine Predigt mit mehr Unge⸗ duld und geringerer Erbauung von wenigſtens einem Anweſenden angehöͤrt. Der Rittmeiſter hoͤrte— ſechzehntes, ſtebzehntes, acht⸗ zehntes und zum Schluſſe mit einer Re⸗ gung, die einer fortdauernden Verzweiflung glich. Endlich aber war der Prediger fertig, und ermangelte nicht, eine tiefe Verbeugung gegen die vergitterte Gallerie zu machen, we⸗ nig ahnend, wem er dieſe Ehrenbezeigung er⸗ wies. Die Dienſtboten des Marquis waren, nach der Eile zu urtheilen, womit ſie ſich zer⸗ —,— * 109 ſtreuten, mit der Unterhaltung nicht beſſer zu⸗ frieden geweſen, als der ungeduldige Nittmei⸗ ſter; aber Viele unter ihnen, die Hochlaͤnder waren, konnten freilich die Entſchuldigung vor⸗ bringen, daß ſie nicht ein einziges Wort von des Geiſtlichen Rede verſtanden haͤtten, ob⸗ gleich ſie, auf ausdruͤcklichen Befehl des Mar⸗ quis, der Predigt beiwohnten, was ſie gethan haben wuͤrden, ſelbſt wenn der Redner ein tuͤrkiſcher Jmam geweſen waͤre. Waͤhrend die ganze Verſammlung ſich ſchnell zerſtreute, blieb der Geiſtliche in der Kapelle zuruͤck, und in dem gothiſchen Gebaͤude auf und nieder gehend, ſchien er entweder uͤber den eben gehaltenen Vortrag nachzudenken, oder ſich auf eine neue Rede fuͤr die naͤchſte Gelegenheit vorzubereiten. Dalgetty war bei aller, ihm eigenen Verwegenheit doch unſchluͤſe ſig. Die Zeit aber draͤngte, und jeder Au⸗ genblick erhoͤhte die Gefahr, daß ihre Flucht ruchbar wurde, wenn etwa der Kerkermeiſter das Gefaͤngniß fruͤher als gewoͤhnlich beſuchte, und die ausgefuͤhrte Vertauſchung entdeckte. 4110— Endlich fliſterte er ſeinem Begleiter, der alle Bewegungen des Kriegmannes beobachtete, die Weiſung zu, ihm zu folgen, und ſeine Faſſung zu behalten, und ſtieg dann ſehr gelaſſen die Stufen hinab, die aus dem Betſtuͤbchen in die Kapelle fuͤhrten. Ein minder erfahrener Gluͤcks⸗ ritter wuͤrde es verſucht haben, an dem Geiſt⸗ lichen ſchnell voruͤber zu gehen, in der Hoff⸗ nung, unbemerkt zu entwiſchen. Der Rittmei⸗ ſter aber, der die offenbare Gefahr erkannte, bei einem ſolchem Verſuche zu verungluͤcken, ſchritt ernſthaft voran, um dem Geiſtlichen mitten im Chore zu begegnen, und er wollte eben, ſeine Muͤtze abziehend, mit einer hoͤfli⸗ chen Verbeugung voruͤbergehen, als er zu ſei⸗ nem großen Erſtaunen in dem Prediger den⸗ ſelben Mann erkannte, in deſſen Geſellſchaft er im Schloſſe Ardenvohr geſpeiſet hatte. Er bekam jedoch ſehr bald ſeine Faſſung wieder, und ehe der Geiſtliche reden konnte, ſprach der Rittmeiſter zu ihm:„Ich konnte dieſes Haus nicht verlaſſen, hochehrwuͤrdiger Herr, ohne Euch meinen gehorſamſten Dank fuͤr die Homilie — 1141 darzubringen, womit Ihr uns dieſen Abend be⸗ gluͤckt habt.“ Ich habe Euch in der Kapelle nicht be⸗ merkt, erwiderte der Geiſtliche. Seiner Gnaden hat geruht, mich mit ei⸗ nem Platze in der Gallerie zu beehren, ant⸗ wortete Dalgetty beſcheiden. Der Prediger machte bei dieſer Nachricht eine tiefe Verbeugung, da er wußte, daß der Marquis eine ſolche Ehre nur Perſonen von ſehr hohem Range erwies.„Es iſt mein Loos geweſen, ehrwuͤrdiger Herr, ſprach Dalgetty, in meinem unſteten Leben viele Prediger ver⸗ ſchiedener Glaubensbekenntniſſe zu hoͤren, als da ſind Lutheraner, Evangeliſten, Reformirte, Calviniſten u. ſ. w., aber nie hoͤrte ich eine ſolche Homilie als die eurige.“„ Nennt es eine Leſung, werther Herr, ſo heißt es in unſrer Kirche, ſprach der Geiſt⸗ liche... Leſung oder Homilie, erwiderte Dalgetty, genug, ſie war ganz vortrefflich, und ich konn⸗ te dieſen Ort nicht verlaſſen, ohne Euch zu 11² ſagen, welche innere Bewegungen ich waͤhrend eures erbaulichen Vortrages gefuͤhlt habe, und wie ich bis ins Innerſte geruͤhrt bin, daß ich geſtern, waͤhrend der Mahlzeit, es dem An⸗ ſcheine nach an der Ehrerbietung habe erman⸗ geln laſſen, die einem Manne, wie Ihr ſeid, gebuͤhrt. 4 Ach! mein werther Herr, ſprach der Geiſt⸗ liche, wir begegnen uns in dieſer Welt, wie in dem Thale der Schatten des Todes, und wiſ⸗ ſen nicht, mit wem wir zuſammentreffen koͤn⸗ nen. Es iſt wahrlich nicht zu verwundern, daß wir zuweilen gegen diejenigen anrennen, welchen wir, wenn wir ſie kennten, alle Ehr⸗ erbietung bezeigen wuͤrden. Gewiß, werther Herr, ich haͤtte Euch eher fuͤr einen ruchloſen Boͤsgeſinnten gehalten, als fuͤr den frommen Mann, den ich jetzt in Euch finde, und der den Herrn der Welt ſelbſt in dem geringſten ſeiner Diener ehret. Es iſt immer meine Art ſo, hochgelehrter Herr, erwiderte Dalgetty: denn als ich unter dem unſterblichen Guſtav diente— Aber ich 4 — 413 halte Euch von euren Betrachtungen ab, un⸗ terbrach er ſich, und ſein Wunſch, von dem Koͤnige von Schweden zu ſprechen, wurde dies⸗ mahl von der Deinglichkeit der Umſtaͤnde be⸗ ſiegt, worin er ſich befand. 3 Keineswegs, mein werther Herr, antwor⸗ tete der Geiſtliche. Sagt mir doch, wie hielt es denn jener große Koͤnig, deſſen Andenken jedem Proteſtanten ſo theuer iſt? Die Trommeln riefen Morgens und Abends ſo regelmaͤßig zum Gebete, als zur Parade, und wenn ein Soldat bei dem Feldprediger voruͤber ging, ohne ihn zu gruͤßen, mußte er zur Strafe eine Stunde kang auf dem hoͤlzer⸗ nen Pferde reiten. Ich wünſche Euch gute Nacht, ehrwuͤrdiger Herr, ich muß mit Mac Callummore's Paß das Schloß verlaſſen. Verweilt noch einen Augenblick, werther Herr, ſprach der Geiſtliche. Kann ich nichts thun, einem Zoͤglinge des großen Guſtav und einem ſo trefflichen Beurtheiler der Puedinerranſ meine Achtung zu beweiſen? Nichts, ehrwuͤrdiger Herr, antwortete der Zweiter Theit. 8 114 Rittmeiſter, als daß Ihr mir den uaͤchſten Weg zum Schloßthore zeigt. Und wenn Ihr ſo guͤtig ſein wolltet, ſetzte er unverſchaͤmt ge⸗ nug hinzu, ſo laßt mir durch einen Dienſtho⸗ ten mein Pferd bringen, den dunkelgrauen Wallachen, der ſeine Ohren aufreckt, wenn Ihr ihn Guſtav nennt. Ich weiß nicht, wo dir Sraͤlle ſind, und mein Wegweiſer hier ericht nichr Engliſch. Ich gehe ſogleich, dafuͤr zu ſorgen, ant⸗ wortete der Geiſtliche. Euer Weg geht durch jenen Saͤulengang. „Gott ſegne deine Eitelkeit! ſprach der Sirtintaſte zu ſich ſelbſt. Ich war ſchon ban⸗ ge, daß ich ohne Guſtav abziehen muͤßte. Der Geiſtliche bemuͤhte ſich ſo wirkſam fuͤr einen ſo trefflichen Beurtheiler redneriſcher Vortraͤge, daß, waͤhrend Dalgetty an der Zug⸗ bruͤcke mit der Schildwache ſprach, ſeinen Paß vorzeigte und die Parole ſagte, ein Dienſtbote ihm ſein geſatteltes Pferd brachte. An jedem andern Orte wuͤrde der Umſtand, den Rittmei⸗ ſter, den man oͤffentlich ins Gefaͤngniß gefuͤhrt — — 445 hatte, ſo vts lic in Freiheit geſetzt zu ſehen, Verdacht erweckt und eine Unterſuchung ver⸗ anlaßt haben; aber die Beamten und Diener des Marquis waren an die geheimnißvolle Po⸗ litik ihres Gebieters gewöhnt, und vermuthe⸗ ten nichts anders, als daß ihr Herr den Ge⸗ fangenen frei gelaſſen und ihm irgend einen geheimen Auftrag anvertraut haͤtte. In dieſer Vorausſetzung ließen ſie ihn ungehindert ge⸗ hen, ſobald er die Loſung gegeben hatte. Dalgetty ritt langſam durch das Staͤdt⸗ chen Inverary, und der Geaͤchtete ging dicht neben dem Pferde. Als ſie an dem Galgen voruͤber kamen, blickte der alte Mann auf die Leichname und rang die Haͤnde. Blick und Gebehrde waren ſchnell voruͤbergehend, verrie⸗ then aber unbeſchreibliche Seelenangſt. Ra⸗ nald faßte ſich jedoch ſchnell, und im Vorbei⸗ gehen fliſterte er einer der beiden Weiber, die wie Rizpah die Tochter Aja's,*) die Opfer der lehnherrlichen Gerechtigkeit und Grauſam⸗ 2 Sam. 23, 8— 10. 116 keit zu bewachen und zu betrauern ſchienen, ei⸗ nige Worte zu. Sie fuhr bei ſeiner Stimme auf, aber alsbald ſich faſſend, antwortete ſie mit leichtem Kopfnicken. 19 224 Dalgetty ſetzte ſeinen Weg durch das Staͤdtchen fort, unſchluͤſſig, ob er ein Boot weg⸗ zunehmen, oder zu miethen ſuchen ſollte, um aͤber den See zu fahren, oder ob er in den Wald eilen und hier gegen Verfolger ſich verbergen wollte. In dem erſten Falle mußte er erwarten, alsbald von den Galeeren des Marquis verfolgt zu werden, die ſegelfertig lagen und ihre langen Segelſtangen nach dem Winde ausſtreckten, und er hatte wenig Hoff⸗ nung, in einem gewoͤhnlichen hochlaͤndiſchen Fiſcherkahne ihnen entgehen zu koͤnnen. Waͤhl⸗ te er das Andre, ſo war es hoͤchſt ungewiß, ob es ihm gelaͤnge, ſich in den oͤden und un⸗ bekannten Wildniſſen zu erhalten, oder zu ver⸗ bergen. Die Stadt lag nun hinter ihm, aber noch wußte er nicht, wohin er ſich wenden ſoll⸗ te, um Rettung zu ſuchen, und er ſah ein, daß die Flucht aus dem Kerker in Inverary — 117 nur der leichteſte Theil der ſchwierigen Unter⸗ nehmung geweſen war. Wurde er wieder er⸗ griffen, ſo war ſein Schickſal gewiß, denn die perſoͤnliche Beleidigung, die er einem ſo maͤch⸗ tigen und rachgierigen Manne zugefuͤgt hatte, konnte nur mit augenblicklichem Tode gebuͤßt werden. Waͤhrend er ſich dieſen bekuͤmmern⸗ den Betrachtungen uͤberließ, und in ſeinem Ge⸗ ſichte, als er ſich umſah, ſeine Unſchluͤſſigkeit ſich deutlich verrieth, that Ranald ploͤtzlich die Frage, welchen Weg er einſchlagen wollte. Ja, ehrlicher Kamerad, erwiderte Dalget⸗ ty, das iſt gerade die Frage, die ich Euch nicht beantworten kann. Ich komme wahrhaf⸗ tig bald zu der Meinung, Ranald, daß wir doch beſſer gethan haͤtten, bei unſerem ſchwar⸗ zen Brode und dem Waſſerkruge zu bleiben, bis Ritter Duncan gekommen waͤre, der um ſeiner Ehre willen fuͤr mich haͤtte ſtreiten muͤſſen. Sachte, antwortete Mac Eagh, bereut nicht, daß Ihr die abſcheuliche Kerkerluft mit der freien Himmelsluft vertauſcht habt, und 118 vor allen Dingen bereut nicht, einem Sohne des Nebels gedient zu haben. Laßt Euch von mir fuͤhren, und ich ſtehe Euch mit meinem Kopfe fuͤr eure Sicherheit. Koͤnnt Ihr mich ſicher durch dieſe Gebir⸗ ge und zu Montroſe's Kriegsvolk zuruͤckfuͤhren? fragte Dalgetty. AA t Ich kann's, erwiderte Mac Eagh. Nie⸗ mand kennt die Bergpaſſe, die Hoͤhlen, die Thaͤler, die Dickige und die Schluchten beſ⸗ ſer, als ſie den Kindern des Nebels bekannt ſind. Andre Menſchen kriechen auf der Ebe⸗ ne, am Ufer der Seeen und Stroͤme, aber uns gehoͤren die tiefen Schluchten der unzugaͤngli⸗ chen Gebirge, die Geburtsſtaͤtten der Baͤche in der Wildniß. Alle Spuͤrhunde Argyle's können die Bergveſten nicht aufüinden, wo⸗ durch ich Euch führen kann. 5 Sprichſt Du ſo, ehrlicher Nanald? ant⸗ wortete Dalgetty. Nun, ſo mache Dich auf den Weg, denn wahrlich, ich werde das Schiff nicht retten, wenn ich ſelber am Steuer ſitze. Der Geaͤchtete ging nun in den Wald 119 voran, der das Schloß in einem Umfange von mehren Meilen umgibt. Seine Schritte wa⸗ ren ſo raſch, daß Guſtav nur im Trabe ihm nachkommen konnte, und er nahm ſo viele Querpfade und Wendungen, daß Dalgetty bald nicht mehr wußte, wo er ſein moͤchte, und die Weltgegenden nicht mehr beſtimmen konnte. Endlich verlor ſich der Weg, der nach und nach beſchwerlich geworden war, gaͤnzlich in Dickige und Strauchholz. Man hoͤrte das Rauſchen eines Stromes in der Naͤhe, und der Boden wurde hier zerriſſen, dort ſumpfig und uͤberall war zu Pferde nicht mehr fort⸗ zukommen.— Was zum Teufel iſt hier zu thun? ſprach Dalgetty. Ich muß wohl den Guſtav zuruͤck⸗ laſſen, fuͤrchte ich. Kuͤmmert Euch nicht um euer Pferd, ant⸗ wortete Ranald, man ſoll's Euch bald wieder⸗ bringen. Bei dieſen Worten pfiff er leiſe, und als⸗ bald erſchien ein Burſche, deſſen Bloͤße nur zum Theil ein Stuͤck Tartan verhuͤllte. Kopf 120— und Geſicht ſchuͤtzte nur ſein zottiges Haar, das mit einem Riemen gebunden war, gegen Sonne und Wetter; er war hager, von ver⸗ hungertem Ausſehen, und ſein wildes graues Auge ſchien weit uͤber das Verhaͤltniß zu ſein, das es gewoͤhnlich im Menſchenantlitze hat. Wie ein wildes Thier kroch er aus einem Di⸗ ckige von Brombeergeſtraͤuch und Hagebutten hervor. 1 Gebt dieſem Burſchen euer Pferd, ſprach Ranald, euer Leben haäͤngt davon ab. Oh! Oh! ſprach der verzweifelnde Kriegs⸗ mann. Ebeu! wie wir im Mareſchal⸗Colle⸗ gium zu ſagen pflegten— Muß ich den Gu⸗ ſtav einem ſolchen Stallknechte uͤberlaſſen? Seid Ihr wahnſinnig, daß Ihr ſo die Zeit verliert? fiel der Wegweiſer ein. Stehen wir auf Freundesboden, daß Ihr von eurem Pferde ſcheiden wollet, als ob es euer Bruder waͤre? Ich ſage Euch, Ihr ſollt es wieder ha⸗ ben, aber wenn Ihr das Thier auch nie mehr ſaͤhet, iſt nicht das Leben beſſer, als das beß⸗ te Fuͤllen, das je eine Stute warf? —,— 124 Da haſt Du wieder recht, mein ehrlicher Freund, ſeufzte Dalgetty. Aber wenn Ihr nur wuͤßtet, was Guſtav werth iſt, und wie viel wir beide gethan und gelitten haben— Seht, er dreht ſich nach mir um! Gehe freund⸗ lich mit ihm um, mein guter Freund Ohne⸗ hoſen, und ich will's Dir gut belohnen. Bei dieſen Worten ſchnuͤffelte er ein we⸗ nig, um ſeinen Gram niederzuwuͤrgen, und von dem herzzerreißenden Anblicke ſich weg⸗ wendend, folgte er ſeinem Fuͤhrer. Seinem Fuͤhrer zu folgen aber war nicht leicht, und es gehoͤrte dazu bald mehr Behen⸗ digkeit, als der Rittmeiſter beſaß. Gleich der erſte Sturz, nachdem er von ſeinem Streit⸗ roſſe geſchieden war, brachte ihn, ohne daß einige uͤberhangende Zweige, oder vorragende Baumwurzeln viel Hilfe leiſteten, acht Fuß tief hinab in das Bett eines Waldbaches, an deſſen Ufer hinauf der Sohn des Nebels ſei⸗ nen Weg nahm. Ungeheure Felſenbloͤcke, die uͤberklettert werden mußten, Dickige von Dorn⸗ ſtraͤuchern und Brombeergebuͤſch, durch welche 12² ſie ſich ſchleypen mußten, Felſen, die man auf der einen Seite muͤhſam und beſchwerlich er⸗ kletterte, um auf der andern eben ſo unſicher hinabzuſteigen, all dieß und viele aͤhnliche Un⸗ terbrechungen uͤberwand der leichtfuͤßige und halbnackte Gebirgswohner mit einer Leichtig⸗ keit und Schnelligkeit, die Dalgetty's Erſtau⸗ nen und Neid erweckten. Unter der Laſt ſei⸗ nes Helmes, ſeines Harniſches, und ſeiner uͤbrigen Waffen, ſeiner ſchweren Stiefeln nicht zu gedenken, war der Rittmeiſter endlich von Muͤdigkeit und von den Beſchwerden des We⸗ ges ſo ſehr erſchoͤpft, daß er ſich auf einen Stein niederſetzte, um ſich zu erhohlen, waͤh⸗ rend er ſeinem Wegweiſer den Unterſchied zwi⸗ ſchen einem Wanderer, der expeditus und im. peditus iſt, wie man dieſe Ausdruͤcke in kriegs⸗ kundiger Bedeutung im? Nareſchal Collegium zu Aberdeen verſtanden hatte. Ranald legte, ſtatt aller Antwort, ſeine Hand auf des Kriegs⸗ mannes Aum, und wies ruͤckwaͤrts nach der Richtung, woher der Wind kam. Dalgetty konnte nichts erſpaͤhen, da der Abend anbrach 423 und ſie in der Tiefe einer finſtern Schlucht waren; aber er hoͤrte deutlich den dumpfen Ton einer großen Glocke. Das muß das Laͤrmzeichen ſein, ſprach er, die Sturmglocke, wie man in Teutſchland ſagt. 1 Sie ſchlaͤgt die Stunde eures Todes, er⸗ widerte Ranald, wenn Ihr mich nicht ein we⸗ nig weiter begleiten koͤnnt. Bei jedem Tone dieſer Glocke hat ein tapfrer Mann das Leben eingebuͤßt. Wahrlich, Ranald, mein treuer Freund, ich will nicht laͤugnen, daß dieß bald bei mir der Fall ſein koͤnnte, denn ich bin ſo bepackt— das will ſagen impeditus, wie ich's Euch vorhin er⸗ klaͤrt habe, denn waͤre ich expeditus geweſen, ſo machte ich mir gar nichts aus einer Fuß⸗ reiſe— ſo bepackt, ſage ich, daß es wohl am beßten waͤre, wenn ich mich in einem dieſer. Buͤſche verſchanzte, und ruhig das Schickſal erwartete, das Gott mir zugedacht hat. Ich bitte Euch, Ranald, rettet Euch, und uͤber⸗ laßt mich meinem Schickſale, wie der nordiſche 7 124 Löͤwe, der unſterbliche Guſtav Adolf, mein un⸗ vergeßlicher Gebieter— Ihr habt gewiß von ihm gehoͤrt, Ranald, wenn Ihr auch ſonſt nichts gehoͤrt hättet— zu dem Herzoge Franz Albert von Sachſen Lauenburg ſagte, als er auf der Ebene bei Luͤtzen toͤdlich verwundet ward. Ihr duͤrft auch nicht ganz an meiner Rettung ver⸗ zweifeln, Ranald, angeſehen ich in Teutſchland wohl eben ſo ſehr als jetzt in der Klemme ge⸗ weſen bin, zumahl, wie ich mich erinnere, nach der ungluͤcklichen Schlacht bei Noͤrdlingen, nach welcher ich in andre Dienſte ging. Wenn Ihr euren Athem ſchonen wolltet, um Euch aus der Noth zu helfen, anſtatt bei alten Geſchichten Euch aufzuhalten, ſprach Ra⸗ nald, der uͤber die Geſchwaͤtzigkeit des Ritte meiſters ungeduldig zu werden anfing: oder wenn eure Beine ſo ſchnell waͤren, als eure Zunge, ſo wuͤrdet Ihr euer Haupt dieſe Nacht wohl noch auf ein unblutiges Kiſſen legen koͤnnen. 3 Es iſt etwas in eurer Rede, das wie nach Kriegskunſt ausſieht, erwiderte der Rittmeiſter, — 125 wiewohl es gegen einen angeſehenen Offizier zu frei und unehrerbietig geſprochen iſt. Aber ich halte es fuͤr gut, ſolche Freiheiten auf einem Marſche zu verzeihen, inmaßen man unter den Truppen aller Nationen in ſolchen Faͤllen die ſaturnaliſche Freiheit geſtattet. Und nun, Freund Ranald, tritt dein Amt wieder an, dieweil ich wieder zu Athem gekommen bin, oder deutlicher zu reden, I prae, sequar, wie wir im Mareſchal Collegium zu ſagen pflegten. Die Bewegungen des Rittmeiſters verrie⸗ then dem Wegweiſer deutlicher als ſeine Wor⸗ te, was er wollte, und der Sohn des Nebels ging wieder voran, und fuͤhrte ihn mit einer Sicherheit, die gleichſam Naturtrieb war, uͤber die ſchwierigſten und rauheſten Pfade. Seine ſchweren Stiefeln fortſchleppend, belaſtet von Beinſchienen, Panzerhandſchuhen, Bruſthar⸗ niſch und Ruͤckenſtuͤck, die Buͤffeljacke nicht zu erwaͤhnen, die er unter der Nuͤſtung trug, folgte Dalgerty ſeinem Fuͤhrer eine ziemliche Strecke weiter, und ſchwatzte immer von ſei⸗ nen fruͤhern Kriegsthaten, obgleich Ranald gar 426— nicht darauf achtete, als man in der Nichtung des Windes das tiefe Bellen eines Hundes hoͤr⸗ te, der auf der Faͤhrte ſeines Wildes anzu⸗ ſchlagen ſchien⸗ u WNeAl Du ſchwarzer Hund, deſſen Maul einem Kinde des Nebels nie Gutes verkuͤndigte, moͤ⸗ ge die Alte umkommen, die dich geworfen hat! ſprach Ranald. Haſt Du ſchon unſre Spur gefunden? Aber Du kommſt zu ſpaͤt, ſchwar⸗ zer Hund der Finſterniß, und das Reh iſt zur Heerde gekommen. Ie a Nach dieſen Worten pfiff er ſehr leiſe, und man antwortete in gleichem Tone von dem Gipfel eines Engpaſſes, den ſie ſeit einiger Zeit hinangeſtiegen waren. Sie verdoppelten ihre Schritte, und waren bald auf der Hoͤhe, wo Dalgetty bei dem Scheine des nun glaͤn⸗ zend und hell aufgegangenen Mondes zehn bis zwoͤlf Hochlaͤnder und ungefaͤhr eben ſo viele Weiher und Kinder ſah, von welchen Mac Eagh mit ſo freudigem Entzuͤcken empfangen wurde, daß ſein Begleiter leicht vermuthen konnte, mitten unter den Kindern des Nebels zu ſein. Der Ort, wo ſie ſich befanden, paßte — 127 gut zu ihrem Nahmen und ihrer Lebensweiſe. Es war eine hervorragende Felſenklippe, um welche ſich ein ſchmaler und rauher Fußpfad wand, der an mehren Orten von der Stellung, welche die Gebirgwohner einnahmen, beherrſcht wurde. A Ranald ſprach aͤngſtlich und haſtig mit ſei⸗ nen Stammgenoſſen, und die Maͤnner kamen, einer nach dem andern, dem Rittmeiſter die Hand zu druͤcken, waͤhrend die Weiber, mit lauten Dankaͤußerungen, ſich an ihn draͤngten, und ſogar den Saum ſeines Kleides kuͤßten. Sie geloben Euch ihre Treue, ſprach Ra⸗ nald Mac Sagh, zum Lohne fuͤr die Wohl⸗ that, die Ihr heute dem Stamme erwieſen habt. Genug geſagt, Ranald, antwortete der Kriegsmann, genug geſagt! Sagt ihnen, ich. koͤnnte dieß Haͤndegeben nicht leiden. Es ver⸗ wirrt Rang und Grade im Kriegsdienſte, und was das Kuͤſſen der Panzerhandſchuhe, der Schulterſtuͤcke und andrer Ruͤſtungen anlangt, 128 7— ſo erinnere ich mich an den unſterblichen Gu⸗ ſtav, als er durch die Straßen von Nuͤrnberg ritt und ſo von dem gemeinen Volke verehret wurde, deſſen er doch weit wuͤrdiger war, denn ein armer, wiewohl ehrbarer Kriegsmann wie ich, da ſagte er verweiſend zu den Leuten: „Wenn Ihr mich auf ſolche Weiſe wie einen Gott verehrt, wer kann Euch dann verſichern, daß nicht die Rache des Himmels bald zeigen werde, ich ſei ein Menſch.“ Und hier wollet Ihr wohl, fuhr der Rittmeiſter fort, gegen eure Verfolger Stand halten, Ranald? Voto à Dios, wie der Spanier ſagt, eine ſehr huͤb⸗ ſche Poſition; eine ſo huͤbſche Poſition fuͤr ein kleines Peloton, als ich in meinen Kriegs⸗ dienſten geſehen habe. Kein Feind kann her⸗ ankommen, ohne von Kanonen und Musketen beſtrichen zu werden. Aber, Ranald, treuer Kamerad, Ihr habt keine Kanonen, darf ich wohl ſagen, und ich ſehe auch nicht, daß dieſe Leute Musketen haͤtten. Mit welchem Ge⸗ ſchuͤtze Ihr nun den Paß vertheidigen wollet, ehe Ihr mit dem Feinde handgemein werdet, wahrlich, Ranald, das geht uͤber meine Be⸗ — 129 griffe. Mit den Waffen und dem Muthe unſerer Vaͤter, erwiderte Mac Eagh, und machte dem Rittmeiſter bemerklich, daß die Leute mit Bo⸗ gen und Pfeilen bewaffnet waͤren. Bogen und Pfeile! rief Dalgetty. Ha! ha! ha! Sind Robin Hood und der kleine Hans*) wieder zu uns gekommen? Bogen und Pfeile! Nun, ſo was hat man in der geſitteten Welt ſeit hundert Jahren nicht mehr geſehen. Bogen und Pfeile! Und warum nicht auch Weberbaͤume, wie in den Ta⸗ gen Goliath's? Daß Dugald Dalgetty von Drumthwacket es erleben mußte, Leute mit Bogen und Pfeilen ſtreiten zu ſehen!— Der unſterbliche Guſtav wuͤede es nie geglaubt ha⸗ ben, ſo wenig als Wallenſtein, oder Butler, oder der alte Tilly. Aber wohlan, Ranald, eine Katze hat nichts als ihre Krallen, und da es nun einmahl Bogen und Pfeile ſein — Berüchtigte Näubes in England. 9. Zweiter Theit. — müͤſſen, ſo wollen wir ſie benutzen. Ich ver⸗ ſtehe mich aber nicht auf die Schußweite ſol⸗ cher altfraͤnkiſcher Artillerie, und Ihr muͤßt freilich nach eurer eigenen Einſicht eure Dis⸗ poſition machen, ſo gut Ihr koͤnnt; denn daß ich das Commando aͤbernehme, was ich gern gethan haben wuͤrde, wenn Ihr mit chriſtli⸗ chen Waffen ſtrittet, davon kann nicht die Rede ſein, wenn Ihr fechtet wie Numidier mit ihren Koͤchern. Ich will indeß mit mei⸗ nen Piſtolen in dem bevorſtehenden Gefechte das Meinige thun, da mein Karabiner leider an Guſtav's Sattel hängt.— Meinen ſchoͤn⸗ ſten Dank! fuhr er fort, zu einem Gebirg⸗ wohner ſich wendend, der ihm einen Bogen anbot: Dugald Dalgetty kann von ſich ſagen, wie er im Mareſchal⸗Collegium gelernt hat: Non eget Mauris jaculis, neque arcu Nec venenatis gravida sagitlis, Pusce, Pharetra— das will ſagen—— Ranald gebot dem geſchwaͤtzigen Anfuͤhrer wieder, wie fruͤher, Schweigen, indem er ihn ————’— * — 131 am Aermel zupfte, und auf den Paß hinab⸗ wies. Das Bellen des Schweißhundes kam immer naͤher, und man konnte die Stimmen mehrer Menſchen hoͤren, die dem Thiere folg⸗ ten, und ſich einander zuriefen, wenn ſie ſich zuweilen zerſtreuten, mochte es nun beim ei⸗ ligen Anruͤcken, oder in der Abſicht geſchehen, die Dickige am Wege genauer zu unterſuchen. Sie kamen offenbar jeden Augenblick naͤher. Mac Eagh ſchlug indeß dem Rittmeiſter vor, ſich ſeiner Ruͤſtung zu entladen, und gab ihm zu verſtehen, daß die Weiber ſie in Sicherheit bringen ſollten. Verzeiht mir, Herr Ranald, ſprach Dalget: ty, das iſt nicht Regel in unſerm fremden Kriegs⸗ dienſte, und ich erinnere mich, daß das Regi⸗ ment finlaͤndiſcher Kuͤraſſiere einen Verweis erhielt, und auf Befehl des unſterblichen Gu⸗ ſtav ſeine Pauken abgeben mußte, weil es ſich unterfangen hatte, ohne Bruſtharniſche zu mar⸗ ſchiren, und ſie beim Gepaͤcke zu laſſen. Das beruͤhmte Regiment erhielt auch ſeine Pauken nicht eher wieder, bis es ſich auf dem Schlacht⸗ . 9 13²— felde bei Leipzig ſo tapfer bewies, und die Leh⸗ re iſt ſo unvergeſſen, als der Ausruf des un⸗ ſterblichen Guſtav:„Nun werde ich erfahren, ob meine Offiziere mir ihre Liebe dadurch be⸗ weiſen, daß ſie ihre Ruͤſtung anlegen, denn wenn meine Offiziere umkommen, wer ſoll dann meine Soldaten zum Siege fuͤhren?“ Indeß, Freund Ranald, hindert dieß nicht, daß ich meine etwas ſchweren Stiefeln ablege, wofern ich ein anderes Surrogat erhalten kann, denn ich vermeſſe mich nicht, zu ſagen, ich haͤtte ſo harte Fußſohlen, daß ich's aushalten koͤnnte, auf Kieſel und Dornen zu treten, wie es bei euern Leuten der Fall zu ſein ſcheint. Dem Rittmeiſter ſeine ſchweren Stiefeln auszuziehen und ſeine Fuͤße mit hirſchledernen Schuhen zu bekleiden, die ein Hochlaͤnder aus⸗ zog, war das Werk weniger Augenblicke, und Dalgetty fuͤhlte ſich durch den Tauſch ſehr er⸗ 5 leichtert. Er empfahl eben dem Gebirgwoh⸗— ner, einige Leute ein wenig tiefer hinabgehen zu laſſen, damit ſie den Paß aus ſpaͤhten, und zugleich, um ſeine Fronte auszudehnen, ein paar 133 Bogenſchuͤtzen auf jede Seite als beobachtende Poſten zu ſtellen, da verkuͤndigte das nahe Bellen des Hundes, daß die Verfolger unten am Fuße des Engpaſſes waren. Es herrſchte nun tiefes Schweigen, denn der Rittmeiſter, ſo ſchwatzhaft er bei andern Gelegenheiten war, wußte doch wohl, daß ſich ein Hinterhalt nothwendig verborgen halten muß. Das Mondlicht beſchien den rauhen Pfad, und die vorragenden Klippen, um welche er ſich wand, und hier und da wurde der Strahl von den Zweigen der Buͤſche und verkruͤppelten Baͤume aufgefangen, die in den Felſenſpalten Nahrung gefunden hatten, und an einigen Stellen den Rand des Abſturzes beſchatteten. Unten lag ein Dickig in tiefem und dunkelem Schatten, den Wogen eines halb geſehenen Meeres nicht unaͤhnlich. Aus dieſem dunkeln Gehoͤlze, dicht am Fuße des Felſenabſturzes, hoͤrte man den Hund von Zeit zu Zeit furcht⸗ bar bellen, und die Toͤne wurden durch den Wiederhall der Waͤlder und Felſen umher ver⸗ doppelt. Zuweilen folgte tiefes Schweigen, 7 welches nur durch das plaͤtſchernde Geräuſch eines Baͤchleins unterbrochen wurde, das theils vom Felſen herabfiel, theils auf einem ſtillern Wege von der vorragenden Klippe in den Ab⸗ grund rann. Man hoͤrte auch Menſchenſtim⸗ men unten in gedaͤmpften Tönen reden, und es ſchien, als ob die Verfolger den ſchmalen Pfad, der auf den Felſengipfel fuͤhrte, noch nicht entdeckt haͤtten, oder haͤtten ſie ihn ent⸗ deckt, die Gefahr der Erſteigung, zumahl bei dem matten Mondlicht, und die Ungewißheit, ob er vertheidigt waͤre, ſie unſchluͤſſig machten, das Unternehmen zu wagen. Endlich erblickte man eine dunkle Geſtalt, die ſich aus dem finſtern Abgrunde unten er⸗ hob, und im matten Mondſcheine vorſichtig und langſam den Felſenpfad zu erſteigen begann. Der Umriß der Geſtalt war ſo ſcharf begraͤnzt, daß Dalgetty nicht nur den Hochlaͤnder ſelbſt, ſondern auch das lange Gewehr in ſeiner Hand, und den Federbuſch auf ſeiner Muͤtze, deutlich erkennen konnte.„Tauſend Teufell daß ich ſo ſagen kann, und ſo nahe vor meinem En⸗ .. 135 de— rief der Rittmeiſter mit gedaͤmpfter Stim⸗ V me: was wird aus uns werden, da ſie nun mit Musketen gegen unſre Bogenſchuͤtzen an⸗ V ruͤcken!“ Kaum aber hatte der Verfolger ein vor⸗ ſpringendes Felſenſtuͤck, ungefaͤhr auf der Haͤlf⸗ te des anſteigenden Pfades, erreicht, und gab eben, ſtill ſtehend, ſeinen Gefaͤhrten am Fuße des Felſens ein Zeichen, ihm zu folgen, als einer der Soͤhne des Nebels einen Pfeil von ſei⸗ nem Bogen fliegen ließ, der den Feind ſo ge⸗ faͤhrlich verwundete, daß er, ohne eine Anſtren⸗ gung zu ſeiner Rettung zu machen, das Gleich⸗ gewicht verlor, und von der Klippe, wo er 6 ſtand, in die Finſterniß hinabſtuͤrzte. Dem Krachen der Zweige, die ihn aufnahmen, und dem dumpfen Tone ſeines Falles, als er in die Tiefe hinabkam, folgte ein Schrei des Entſez⸗ zens und der Ueberraſchung, den ſeine Gefaͤhr⸗ ten ausſtießen. Die Beſtuͤrzung, welche die es erſte Siegesgluͤck unter den Verfolgern erweck⸗ te, ermuthigte die Kinder des Nebels, die je⸗ nen Schrei mit einem lauten und gellenden 136 Freudenrufe erwiderten, und am Rande des Abgrundes ſich zeigend, durch wildes Geſchrei und rachgierige Gebehrden ihren Feinden eine hohe Meinung von ihrem Muthe, ihrer An⸗ zahl und ihren Anſtalten zur Gegenwehr bei⸗ zubringen ſuchten. Selbſt der Rittmeiſter, ein ſo behutſamer Kriegsmann er ſonſt war, ließ ſich nicht abhalten, hervorzutreten, und lauter, als es die Klugheit erlaubte, ſeinem treuen Ranald zuzurufen: Carocco, Kamerad! wie der Spanier ſagt. Der Bogen ſoll leben! Nach meiner geringen Einſicht ſolltet ihr nun ein Glied vorruͤcken und Poſto faſſen laſſen— „Der Sachſe! rief eine Stimme von un⸗ ten. Merkt Euch den Sachſen⸗Soldaten! Ich ſehe ſeinen Bruſtharniſch glaͤnzen.— In demſelben Augenblicke fielen drei Flintenſchuͤſ⸗ ſe, und waͤhrend eine Kugel von dem ſchußve⸗ ſten Harniſch abprallte, dem unſer tapferer Rittmeiſter mehr als einmahl ſein Leben ver⸗ dankt hatte, drang eine andre durch die Schie⸗ ne vor ſeinem linken Beine und ſtreckte ihn zu Boden. Ranald hob ihn augenblicklich auf⸗ verluſte. Ranald benutzte dieſen Umſtand, das — 137 und trug ihn vom Rande des Abgrundes weg, waͤhrend der Kriegsmann klaͤglich ausrief: „Ich habe es dem unſterblichen Guſtav, Wal⸗ lenſtein, Tilly und andern Kriegshelden immer geſagt, daß nach meiner geringen Ein ſicht Bein⸗ ſchienen ſchußveſt ſein ſollten.“ Ranald empfahl den Verwundeten mit ei⸗ nigen lebhaft geſprochenen Worten der Sorg⸗ falt der Weiber, die ſich hinter den wehrhaf⸗ ten Maͤnnern befanden. Er wollte in den Kampf zuruͤckkehren, als Dalgetty, ſein Plaid ergreifend, ihn aufhielt.„Ich weiß nicht, ſprach er, wie die Sache endigen wird, aber ich bitte Euch, Ihr wollet Montroſe melden, daß ich als ein Zoͤgling des unſterblichen Gu⸗ ſtav geſtorben bin. Und ich bitte Euch, ſeid auf eurer Hut, wofern Ihr dieſe eure veſte Stellung verlaſſet, waͤre es ſelbſt, den Feind zu verfolgen, wenn Ihr Vortheile erlangt, und — und—. Dalgetty's Athem ſtockte hier und es wurde ihm dunkel vor den Augen bei dem ſtarken Blut⸗ 138— Ende ſeines Mantels loszumachen, und das Plaid eines Weibes unterzuſchieben, das der Ritt⸗ meiſter veſt hielt, in der Meinung, ſich da⸗ durch der Aufmerkſamkeit des Gebirgwohners auf ſeine kriegeriſchen Belehrungen zu⸗ verſi⸗ chern, die er fortdauernd ausſchuͤttete, ſo lan⸗ ge er noch ein wenig Athem hatte, wiewohl ſeine Worte allmaͤhlig unzuſammenhangender wurden.„Und Kamerad, Ihr muͤßt eure Musketiere vor den Leuten mit Piken, Loch⸗ 7 aber⸗Aerten und Schwertern auruͤcken laſ⸗ ſen— Haltet Stand, Dragoner auf der lin⸗ ken Flanke!— Wo war ich?— Ja— und Ranald, wenn Ihr Euch zuruͤckziehen wollet, ſo laßt angezuͤndete Lunten an den Baum⸗ zweigen zuruͤck— das ſieht aus, als ob ſie langhin mit Geſchuͤtz beſetzt waͤren— Aber ich vergeſſe ja, Ihr habt weder Luntenſchloͤſſer, noch Bruſtſtuͤcke— nur Bogen und Pfeile — Bogen und Pfeile— Hal ha! ha!“ Hier ſank der Rittmeiſter erſchoͤpft nieder, unvermoͤgend dem laͤcherlichen Eindrucke zu widerſtehen, den der Gedanke an dieſe alten — — 39 Kriegswaffen auf ihn machte. Es waͤhrte lange, ehe er wieder zur Beſinnung kam, aber wir uͤberlaſſen ihn der Pflege der Ne⸗ beltoͤchter, die ſich als Waͤrterinnen eben ſo wohlwollend und aufmerkſam erwieſen, als ihr Aeußeres wild und roh war. VI. Wenn auf Dein Wort kein Makel fiel, Nie Schande Dich entehrt, So bringt Dir Ruhm mein Federkiel, Verherrlicht Dich mein Schwert. Ich dien' Dir auf ſo edle Weiſ' Als nie gekannt vorher; 4 Wind' um Dein Haupt das Lorberreis Und lieb' Dich mehr und mehr. Wir muͤſſen nun, wenn auch ungern, von dem tapfern Rittmeiſter Dalgetty ſcheiden, und es dem Schickſale uͤberlaſſen, ob es ihn von ſeinen Wunden heilen will, um nun eine kurze Ueverſicht von Montroſe's Kriegsunter⸗ nehmungen zu geben, die freilich verdienen, in einem bedeutendern Werke und von einem beſſern Geſchichtſchreiber erzählt zu werden.* —— „) Malcolm Laing in ſ. History of Scotland und neuerlich Godwin in dem oben genannten * / 141 Es gelang ihm, durch den Beiſtand der Haͤupt⸗ linge, deren wir gedacht haben, und beſon⸗ ders durch die Vereinigung mit den Staͤmmen Murray, Stewart und andern Clanen in Athol, die der Sache des Koͤnigs beſonders ei— frig ergeben waren, bald ein Heer von zwei bis dreitauſend Hochlaͤndern zu ſammeln, mit welchen er die Irlaͤnder unter Kolkitto gluͤck⸗ lich vereinigte. Dieſer Anfuͤhrer, deſſen Er⸗ waͤhnung in einem Sonett von Milton die Erklaͤrer dieſes großen Dichters nicht wenig in Verlegenheit geſetzt hat,*) hieß eigentlich Werke, haben Montroſe's merkwürdigen Feldzug un⸗ partheilich erzählt. 8 L. *) Milton's Buch, Tetrachordon, wurde, wie es ſcheint, von den, in Weſtminſter verſammelten Theo⸗ logen und Andern, wegen des hart klingenden Ditels lächerlich gemacht. Milton übt dagegen Vergeltung an den barbariſchen ſchottiſchen Nahmen, womit der Bürgerkrieg engliſche Ohren bekannt gemache hatte: — Why is it harder, sirs, than Gordon, Colkitto, or l'Donald, or Gallasp, These rugged names to our like mouth grow 3 sleek, „ 142 Aliſter oder Alexander Mac Donnell, ſtamm⸗ te von ſchottiſchen Anſiedlern in Irland und war mit dem Grafen von Antrim verwandt, deſſen Gunſt er die, ihm uͤbertragene Befehl⸗ haberſtelle unter den irlaͤndiſchen Kriegsvoͤlkern verdankte. In mancher Hinſicht verdiente er auch dieſe Auszeichnung. Er war tapfer bis zur Unerſchrockenheit, ja faſt bis zur Gefuͤhl⸗ loſigkeit, ſehr ſtark und behende, ganz Meiſter im Gebrauche ſeiner Waffen, und immer be⸗ reit, in der drohendſten Gefahr durch ſein Bei⸗ ſpiel vorzuleuchten. Dieſe guten Eigenſchaften wurden aber aufgewogen von Unerfahrenheit in der Kriegskunſt und von Eiferſucht und That would have made Quintilian stare and gasp. 1 Vermuthlich waren dieſe Männer, ſagt Biſchof New⸗ ton, angeſehene Perſonen unter den ſchottiſchen Pre⸗ digern, die das Aufdringen des Covenants empfahlen⸗ da doch Milton nur die barbariſchen ſchottiſchen Nah⸗ men überhaupt lächerlich machen will, und ohne Un⸗ terſchied Gilleſpie, einen der Apoſtel des Covenants, und die Nahmen Kolkitto und M' Donnell, einer Perſon angehörend, einen der bitterſten Feinde des Glaubensbundes, in dieſer Abſicht anführt. beide — —— Morge E — 143 Duͤnkel, wodurch Montroſe oft die Fruͤchte der Tapferkeit Kolkitto's verlor. Aeußere perſöͤnliche Vorzuͤge aber ſind in den Augen. eines rohen Volkes ſo uͤberwiegend, daß die Thaten, worin dieſer Anfuͤhrer ſeine Kraft und ſeinen Muth zeigte, einen ſtaͤrkeren Ein⸗ druck auf die Gemuͤther der Hochlander ge⸗ macht zu haben ſcheinen, als die kriegeriſche Geſchicklichkeit und der ritterliche Geiſt des großen Marquis von Montroſe. In den Thaͤ⸗ lern des Hochlandes leben noch unzaͤhlige Ueberlieferungen uͤber Aliſter Mac Donnell, wogegen Montroſe's Nahme dort ſelten er⸗ waͤhnt wird. Montroſe ſammelte ſein kleines Heer in Strathearn, an der Graͤnze des gebirgigen Theiles der Grafſchaft Perth, deren Haupt⸗ ſtadt er bedrohte. Seine Feinde waren nicht unvorbereitet, ihn zu empfangen. Argyle folgte an der Spitze ſeiner Hochlaͤnder den Irlaͤndern auf dem Fuße von Abend nach n, und hatte durch Gewalt, Furcht oder kinſtuß ein Heer zuſammen gebracht, das bei⸗ 4 144 nahe anſehnlich genug war, Montroſe's Kriegs⸗ macht im Felde die Spitze bieten zu koͤnnen. Das ſchottiſche Niederland war gleichfalls ge⸗ ruͤſtet, aus Gruͤnden, die wir im Eingange dieſer Erzaͤhlung angegeben haben. Ein Heer⸗ haufen von ſechstauſend Mann Fußvolk und etwa ſiebenhundert Reitern, der ſich den Nah⸗ men Gottesheer entweihend beigelegt hatte, war eilig in den Grafſchaften Fife, Angus, Perth, Stirling und den angraͤnzenden Ge⸗ 3 bieten zuſammen gezogen worden. Eine weit geringere Kriegsmacht wuͤrde in fruͤhern Zei⸗ ten, ja ſelbſt unter der vorigen Regierung*) hinlaͤnglich geweſen ſein, das Niederland ge⸗ gen eine ſtaͤrkere hochlaͤndiſche Macht zu ſchuͤ⸗ tzen, als unter 2 Nontroſe vereinigt war; aber die Zeiten hatten ſich in den letzten funfzig Jahren ſehr geaͤndert. Vor jener Zeit waren die Bewohner des Niederlandes immer im Kriege mit den Gebirgwohnern, und dieſen in Kriegszucht und Bewaffnung weit uͤberle⸗ *) Jakobs II. 145 gen. Die beliebte ſchottiſche Schlachtordnung war der macedoniſchen Phalanx nicht unaͤhn⸗ lich. Das Fußvolk bildete einen dicht geſchloſ⸗ ſenen, mit langen Speeren verſehenen Hau⸗ fen, den ſelbſt die Bewaffneten jener Zeit, ungeachtet ſie wohl beritten und vollkommen geruͤſtet waren, nicht durchbrechen konnten. Es laͤßt ſich daher leicht denken, daß ihre Rei⸗ hen bei dem unordentlichen Angriffe eines Fußvolkes, das nur mit Schwertern bewaffnet, mit Wurfgeſchuͤtze ſchlecht verſehen und gaͤnz⸗ lich ohne Artillerie war, nicht wankten. Dieſe Kampfart wurde ſehr veraͤndert, ſeit man un⸗ ter dem Kriegsvolke des Niederlandes die Flin⸗ ten einfuͤhrte, welche, da ſie keine Bajonete hatten, eine furchtbare Waffe in der Ferne waren, aber keine Sicherheit gegen einen Feind gaben, der ungeſtuͤm auf geſchloſſene Reihen eindrang. Die Pike war zwar noch nicht ganz außer Gebrauch im ſchottiſchen Hee⸗ re, aber doch nicht mehr Lieblingswaffe, und die Krieger, in deren Haͤnden ſie war, ver⸗ ließen ſich nicht mehr ſo ſehr darauf, als in ggweiter Theil. 10 146 fruͤhern n Zeiten, und Daniel Luplon, ein kriegs⸗ wiſſenſchaftlicher Schriftſteller jener Zeit ſchrieb ein eigenes Werk uͤber die Vorzüge der Flinte. Dieſe Veraͤnderung begann ſchon mit den Feld⸗ zuͤgen Guſtav Adolfs, deſſen Maͤrſche mit ei⸗ ner ſolchen Schnelligkeit gemacht wurden, daß man die Pike bald wegwarf, und mit Feuer⸗ gewehr vertauſchte. Ein Umſtand, der mit dieſer Veraͤnderung, und mit der Errichtung ſtehender Heere, wodurch der Krieg ein Hand⸗ werk wurde, nothwendig ſich verknuͤpfte, war die Einfuͤhrung einer muͤhſamen und verwickel⸗ ten Kriegszucht, womit eine Menge verſchie⸗ dener Befehlwoͤrter und davon abhangender Verrichtungen und Bewegungen verbunden war, wovon keine vernachlaͤſſigt werden konn⸗ te, ohne das Ganze in Unordnung zu brin⸗ gen. Der Krieg, wie er von den meiſten Voͤl⸗ kern Europa's gefuͤhrt wurde, hatte daher⸗ mehr als in fruͤhern Zeiten, die Eigenheit ei⸗ nes Gewerbes, oder eines Geheimniſſes ange⸗ nommen, deſſen unumgaͤngliche Erforderniſſe vorgaͤngige Uebung und Erſahrung waren. „ 7 Dieß war die nothwendige Folge ſtehender Heere, die beinahe uͤberall, und beſonders waͤhrend der langen Kriege in Teutſchland, ab⸗ geſchafft hatten, was man die natuͤrliche Kriegs⸗ zucht der Lehnſoldaten nennen koͤnnte. Die Landwehr des ſchottiſchen Niederlau⸗ des war daher in einem doppelten Nachtheile, wenn ſie Hochlaͤndern entgegenſtand. Sie hat⸗ te die Lanze verloren, eine Waffe, die in den Haͤnden ihrer Vaͤter ſo oft die ungeſtuͤmen Angriffe der Gebirgwohner abgewehrt hatte, und ſie waren einer neuen und verwickelten Kriegszucht unterworfen, welche vielleicht fuͤr regelmaͤßige Kriegsvoͤlker, die voͤllig darin ein⸗ geuͤbt werden konnten, gut paſſen mochte, aber nur dazu diente, die Reihen der Buͤrgerſolda⸗ ten zu verwirren, welche ſie ſelten ausuͤbten und nur unvollkommen verſtanden. Es iſt in unſern Tagen ſo viel gethan worden, die Kriegskunſt wieder auf ihre urſpruͤnglichen Grundſätze zuruͤckzufuͤhren, und ſich von der Schulfuchſerei in der Kriegfuͤhrung loszuma⸗ chen, daß wir leicht die Nachtheile ermeſſen 10* 148— koͤnnen, worunter eine halb eingeuͤbte Land⸗ wehr litt, welche man anhielt, den Sieg als die Folge der genauen Ausuͤbung einer Kriegs⸗ kunſt zu betrachten, die ſie vermuthlich nur in ſo fern begriff, daß ſie einſehen konnte, wo ſie gefehlt hatte, ohne darum im Stande zu ſein, es beſſer zu machen. Es laͤßt ſich auch nicht laͤugnen, daß die Bewohner des ſchotti⸗ ſchen Niederlandes im ſiebzehnten Jahrhunderte in kriegeriſcher Gewohnheit und kriegeriſchem Geiſte weit unter den Hochlaͤndern ſtanden. Von den aͤlteſten Zeiten bis zur Vereini⸗ gung mit England, war das ganze Koͤnigreich Schottland, das Niederland, wie das Hochland, der ſtete Schauplatz fremder und einheimiſcher Kriege geweſen, und es gab vielleicht kaum Einen unter ſeinen kuͤhnen Bewohnern zwi⸗ ſchen ſechzehn und ſechzig Jahren, der nicht eben ſo bereitwillig geweſen waͤre, als er ge⸗ ſetzlich gebunden war, auf das Gebot ſeines Lehnherrn, oder eines koͤniglichen Aufrufes zu den Waffen zu eilen. Das Geſetz hatte noch eben ſo viel Kraft im Jahre 1645, als hun⸗ — 149 dert Jahre fruͤher, aber das Geſchlecht der Menſchen, die ihm gehorchten, war unter ganz andern Gefuͤhlen aufgewachſen. Sie hatten ruhig unter ihren Reben und Feigenbaume ge⸗ ſeſſen, und der Ruf zur Schlacht machte eine veraͤnderte Lebensweiſe noͤthig, die eben ſo neu als unangenehm war. Die Graͤnzanwohner des Hochlandes waren in einer ſteten und un⸗ angenehmen Beruͤhrung mit den unruhigen Gebirgwohnern, die ihren Nachbarn das Vieh wegtrieben, ihre Wohnungen beraubten, ſie perſoͤnlich beleidigten, und jene Ueberlegenheit uͤber ſie erlangt hatten, welche die Folge eines beſtaͤndigen Angriffskrieges iſt. Auf die Nie⸗ derlaͤnder, welche entfernter und außerhalb des Bereiches jener Raͤuber wohnten, wirkten die uͤbertriebenen Geruͤchte von den Hochlaͤn⸗ dern, welche ſie als ein, in Geſetzen, Sprache und Tracht ihnen ganz unaͤhnliches Volk von Wilden betrachteten, die ohne Furcht und ohne Menſchlichkeit waͤren. Dieſe vorgefaßten Mei⸗ nungen, verbunden mit dem minder kriegeri⸗ ſchen Sinne der Niederlaͤnder und ihrer un⸗ 150—— vollkommenen Kenntniß einer Krieaszucht, wel⸗ che ſie mit ihrer angeſtammten Kampfart ver⸗ tauſcht hatten, ſetzten ſie in großen Nachtheil, wenn ſie den Hochlaͤndern auf dem Schlacht⸗ felde gegenuͤber ſtanden. Die Hochlaͤnder hin⸗ gegen beſaßen neben den Waffen und dem Muthe ihrer Vaͤter auch ihre einfache und na⸗ tuͤrliche Art der Kriegskunſt, und ſtuͤrzten mit voller Zuverſicht auf einen Feind, welchen alles, was ſie von Kriegszucht wußten, wie Saul's Ruͤſtung dem David, mehr hinderlich als hilf⸗ reich war, weil ſie es nicht erprobt hatten. Unter ſolchen Nachtheilen auf der einen Seite, und ſolchen Vortheilen auf der andern, welche den Unterſchied uͤberlegener Anzahl und den Beiſtand von Geſchuͤtz und Reiterei auf⸗ wogen, traf Montroſe das Heer des Lords Eilcho auf dem Schlachtfelde von Tippermuir.*) Die presbyterianiſchen Geiſtlichen hatten alles aufgeboten, den Muth ihrer Partei zu erwek⸗ ken, und Einer derſelben, der das Kriegsvolk — *) unweit Perth, am 1, September 1644.. -—— 151 am Tage der Schlacht anredete, ſagte unbe⸗ denklich, Gott ſelbſt ſpraͤche durch ſeinen Mund, und verhieß im Nahmen des Herrn einen gro⸗ ßen und entſcheidenden Sieg. Man hielt die Reiterei und das Geſchuͤtz auch fuͤr eine ſiche⸗ re Buͤrgſchaft des Sieges, da die Neuheit ei⸗ nes Angriffes mit dieſen Mitteln die Hoch⸗ laͤnder bei fruͤhern Gelegenheiten entmuthigt hatte. Der Kampfplatz war eine offene Hei⸗ de, und das Gelaͤnde gewaͤhrte keiner Partei beſondre Vortheile, außer daß die Reiterei der Presbyterianer wirkſam angreifen konnte. Eine Schlacht, wovon ſo viel abhing, wurde nie leichter entſchieden. Die Reiterei der Niederlaͤnder ſchickte ſich zum Angriffe an; aber ſei es, daß ſie durch das Gewehrfeuer in Unordnung gebracht, oder daß ſie durch eine Abneigung gegen den Kriegsdienſt, die unter den Vornehmern geherrſcht haben ſoll, abge⸗ ſchreckt wurde, ſie konnte nichts ausrichten, und wich in Unordnung von den Reihen des Fußvolks, das weder Bajonete noch Piken hatte, ſie zu beſchuͤtzen. Montroſe bemerkte 152 und benutzte alsbald dieſen Vortheil. Er gab ſeinem ganzen Heere den Befehl zum Angrif⸗ fe, welchen es mit der, den Hochlaͤndern eige⸗ nen wilden und verwegenen Tapferkeit aus⸗ fuͤhrte. Ein Anfuͤhrer der Presbyterianer al⸗ ljein, der in den italieniſchen Kriegen ge⸗ fochten hatte, that verzweifelte Gegenwehr auf dem linken Fluͤgel. Auf allen andern Punk⸗ ten wurde ihre Linie beim erſten Angriffe durchbrochen, und als dieſer Vortheil einmahl gewonnen war, ſahen ſich die Hochlaͤnder r gaͤnz⸗ lich außer Stande, mit ihren gewandteren und ruͤſtigern Feinden in geſchloſſenen Reihen zu kaͤmpfen. Viele wurden auf dem Schlachtfel⸗ de und ſo Viele beim Verfolgen getoͤdtet, daß uͤber ein Drittheil der Presbyterianer umge⸗ kommen ſein ſollen, worunter jedoch viele fet⸗ te Buͤrger waren, die auf der Flucht den Athem verloren und ohne Schwertſtreich ſielen.*) *) Wir wollen unſre Quelle für eine ſo ſonderbare That⸗ fache angeben.„Viele Bürger wurden getödtet, und fünf und zwanzig Inwohner von Aberdeen— Viele waren auf der Flucht geborſten und kamen ohne 1 53 Der Sieger nahm Perth in Beſitz, und erbeutete betraͤchtliche Geldſummen und reich⸗ liche Vorraͤthe von Waffen und Kriegsbeduͤrf⸗ niſſen. Dieſe Vortheile aber wurden von ei⸗ nem beinahe unabwendlichen N. achtheile aufge⸗ wogen, der gewoͤhnlich in einem hochlaͤndiſchen Heere eintrat. Man konnte die Clane auf keine Weiſe dazu bringen, ſich als regelmaͤßige Kriegsvoͤlker zu betrachten, und als ſolche zu handeln. Noch im Jahre 1746, als Karl Edu⸗ ard Stuart, um ein abſchreckendes Beiſpiel zu geben, einen Ausreißer erſchießen ließ, wur⸗ den die Hochlaͤnder in ſeinem Heere eben ſo ſehr von Unwillen als von Furcht ergriffen.*) Sie konnten nicht begreifen, nach welchem Rechtsgrundſatze man einem Mann das Leben nehmen koͤnnte, der nach Hauſe gegangen war, Schwertſtreich um.“ So ſagt Baillie in ſ. Brie⸗ feu, Vd. II. S. 92.(Er ſagt auch— S. 64.—. daß Montroſe mit einem Theile der Kriegsvölker des Lords Elcho ein heimliches Verſtändniß unterhalten habe. 2.) *) Vergleiche den Roman Waverrle ye teutſch: Ores⸗ den, 1821— 22. 4 Theile. 154— weil's ihm nicht mehr geſtel, im Heere zu dienen. So hatten es ihre Vaͤter immer ge⸗ halten. Nach einer Schlacht war, ihrer Mei⸗ nung nach, der Feldzug geendigt; wenn ſie verloren war, ſuchten ſie Sicherheit in ihren Bergen, war ſie gewonnen, ſo kehrten ſie heim, um die Beute in Sicherheit zu bringen. Zu andern Zeiten mußten ſie nach ihrem Viehe ſehen, ihre Ernte ſaͤen, oder einbringen, um ihre Angehoͤrigen nicht Mangel leiden zu laſ⸗ ſen. In jedem Falle war es eine Zeitlang mit ihren Kriegsdienſten vorbei, und obgleich die Ausſicht auf neue Kriegsabenteuer und mehr Beute ſie leicht genug wieder zuruͤckrief, ſo war doch die Gelegenheit zu gluͤcklichen Er⸗ folgen mittlerweile verloren gegangen und konnte ſpaͤterhin nicht wieder erlangt werden⸗ Aus dieſem Umſtande allein geht ſchon hervor, wenn uns auch die Geſchichte nicht daſſelbe er⸗ zaͤhlte, daß die Hochlaͤnder nie gewohnt geweſen ſind, mit der Abſicht auf dauernde Eroberungen Krieg zu fuͤhren, ſondern nur in der Hoff⸗ e nung, zeitlichen Vortheil zu gewinnen. Daraus — 1⁵⁵ erklaͤrt ſich auch, warum Montroſe, bei allen ſeinen glaͤnzenden Siegen, nie veſten Fuß im Nie⸗ derlande faſſen konnte, und warum ſelbſt die vor⸗ nehmen und angeſehenen Bewohner deſſelben Mißtrauen und Abneigung zeigten, ſich mit einem Heere zu vereinigen, deſſen Wankelmuth und Un⸗ ordnung immer zu der Beſorgniß Anlaß gaben, daß die Hochlaͤnder ſich durch einen Ruͤckzug in ihre Berge retten, und die Niederlaͤnder, die ſich mit ihnen vereinigt haͤtten, der Willkuͤhr eines beleidigten und uͤbermaͤchtigen Feindes uͤberlaſſen wuͤrden. Eben dieſe Umſtaͤnde er⸗ klaͤren die ploͤtzlichen Maͤrſche, die Montroſe machen mußte, um ſein Heer in den Gebir⸗ gen zu ergaͤnzen, und die ſchnellen Gluͤcks⸗ wechſel, die ihn oft in die Nothwendigkeit ſetz⸗ ten, ſich vor denſelben Feinden zuruͤckzuziehen, uͤber welche er eben erſt geſiegt hatte. Sollte jemand dieſe Geſchichten nicht bloß zu dem Zwecke augenblicklicher Unterhaltung leſen, ſo wird er es der Muͤhe werth halten, dieſer Be⸗ merkungen ſich zu erinnern. In ſolchen Umſtaͤnden, in der Schlaffheir 156 der niederlaͤndiſchen Koͤniasfreunde und in dem zeitlichen Ausreißen der Hochlaͤnder, lag der Grund, daß Montroſe, ſelbſt nach dem ent⸗ ſcheidenden Siege von Tippermuir, nicht in der Lage war, dem zweiten Heere, das Argy⸗ le aus dem Weſtlande gegen ihn fuͤhrte, die Spitze zu bieten. In dieſer Bedraͤngniß er⸗ ſetzte er durch Schnelligkeit den Mangel an Staͤrke, und zog von Perth ploͤtzlich gegen Dundee, und als man ihn in dieſer Stadt die Aufnahme verweigerte, wandte er ſich nord⸗ waͤrts nach Aberdeen, wo er ſich mit dem Stamme Gordon und andern Koͤnigsfreunden zu vereinigen hoffte. Der Eifer dieſer Maͤn⸗ roſe, obgleich unr halb ſo ſtark, griff ſie kuͤhn an. Die Schlacht ward unter den Mau⸗ ern der Stadt gefochten, und der entſchloſſene Muth der Anhaͤnger Montroſe's war, bei al⸗ len Nachtheilen, noch einmahl ſiegreich. Es war aber das Schickſal dieſes großen Heerfuͤh⸗ ner aber wurde zu jener Zeit durch ein Heer 4 von vielleicht dreitauſend pereeranen ter Lord Burley in Schranken gehalten. Mont⸗ 8 —ͦ—᷑—V———— 157 rers, immer Ruhm, jedoch ſelten die Fruͤchte des Steges zu erjangen. Ehe er Zeit hatte, ſein kleines Heer in Aberdeen ausruhen zu laſ⸗ ſen, fand er, daß die Glieder des Stammes Gordon von der Vereinigung mit ihm, ſo⸗ wohl durch die bereits erwaͤhnten, als durch einige, ihrem Haupte, dem Marquis von Huntley,*) eigene Gruͤnde, von der Vereini⸗ gung mit ihm abgeſchreckt wurden. Argyle, deſſen Kriegsmacht mehre Edelleute aus dem Niederlande Verſtaͤrkung zugefuͤhrt hatten, ruͤckte dagegen an der Spitze eines zahlreiche⸗ ren Heeres heran, als Montroſe bis jetzt zu bekaͤmpfen gehabt hatte. Dieſer Heerhaufen bewegte ſich freilich mit einer Langſamkeit, die dem behutſamen Charakter ihres Anfuͤhrers angemeſſen war, aber eben dieſe Behutſam⸗ 4) Er erinnerte ſich zu lebhaft an die Unbilden und Ver⸗ folgungen, die er fünf Jahre früher von Montroſe, dem heftigen Verfechter des Glaubensbundes, erlitten hatte, als daß er ſich unter die Fahne eines Feld⸗ herrn hätte ſtellen mögen, dem alles, außer den Rück⸗ fichten perſönlichen Ehrgeizes, gleichgiltig zu ſein ſchien. L. 5 158 keit machte Argyle's Annaͤherung furchtbar, da dieſes Anruͤcken ſchon verrieth, er an der Spitze einer unwiderſtehlich uͤberlegenen Macht kam. Montroſe hatte noch einen Weg zum Ruͤck⸗ zuge offen, und waͤhlte ihn. Er ging ins Hochland, wo er der Verfolgung Trotz bieten konnte, und erwarten durfte, in jedem Thale jene Neugeworbenen wieder zu finden, die ſei⸗ ne Fahne verlaſſen hatten, um ihre Beute in ihren heimiſchen Bergveſten zu ſichern. So machte die eigene Beſchaffenheit des Heeres, das Montroſe anfuͤhrte, zwar auf der einen Seite ſeinen Sieg einiger Maßen unnuͤtz, auf der andern aber ward er dadurch in Stand geſetzt, ſelbſt unter den nachtheiligſten Umſtaͤn⸗ den ſeinen Ruͤckzug zu bewirken, ſich zu ver⸗ ſtaͤrken, und ſich furchtbarer als je dem Fein⸗ de zu machen, vor welchem er kurz zuvor hat⸗ te weichen muͤſſen. Er zog ſich nach Badenoch*) zuruͤck, und *) Eine gebirgige Landſchaft. — 159 dieſes Gebiet, ſo wie das angraͤnzende Athol ſchnell durchziehend, beunruhigte er die Pres⸗ byterianer durch verſchiedene Angriffe, die er nach einander auf verſchiedene unvorbereitete Punkte machte, und verbreitete ſo viel Schre⸗ cken, daß Argyle durch wiederhohlte Befehle des Parliaments angewieſen wurde, ſeinen Gegner auf alle Faͤlle anzugreifen und zu zer⸗ ſtreuen. Dieſe Befehle ſeiner Obern paßten weder fuͤr den ſtolzen Geiſt, noch fuͤr die nachgiebige und vorſichtige Politik des Marquis. Er be⸗ achtete ſie daher nicht, und beſchraͤnkte ſeine Bemuͤhungen auf Raͤnke unter den wenigen niederlaͤndiſchen Anhaͤngern Montroſe's, deren eine große Anzahl mit der Ausſicht auf einen Feldzug im Hochlande, der ſie unertraͤglichen Beſchwerden ausſetzte und ihre Guͤter der Will⸗ kühr der Glaubensbuͤndner uͤberließ. Mehre derſelben verließen Montroſe's Lager um dieſe Zeit. Es vereinigten ſich dagegen mit ihm Kriegsvoͤlker von verwandterem Geiſte, die beſſer fuͤr die Lage paßten, worin er ſich — 160 befand. Dieſe Verſtaͤrkung beſtand aus einem betraͤchtlichen Haufen von Hochlaͤndern, die Kolkitto, der zu dieſem Zwecke war entſendet worden, in der Grafſchaft Argyle ausgehoben hatte. Unter den Ausgezeichnetſten waren Jo⸗ hann von Moidart, genannt der Hauptmann des Clan's Ranald, die S der Clan Gregor, der Clan Mac Nab und andre geringere Staͤmme. Montroſe's Heer wurde auf dieſe Weiſe ſo anſehnlich verſtaͤrkt, daß Argyle nicht laͤnger als Heerfuͤhrer ihm gegenuͤber ſtehen mochte, ſondern nach Edin⸗ burgh zuruͤckkehrte, und ſeine Anſtellung auf⸗ gab, unter dem Vorwande, daß man ſein Heer nicht gehoͤrig mit Verſtaͤrkungen und Be⸗ duͤrfniſſen verſorgt haͤtte. Von hier ging er nach Inverary zuruͤck, uͤm in voller Sicherheit ſeine Lehnleute und Anhaͤnger zu beherrſchen, und ſich auf das bereits erwaͤhnte Sprichwort zu verlaſſen:„Man hat weit zu ſchreien bis Lochow.“ tewarte von Alpin, VII. Von ſteilen Bergen und von Felſenreih'n Umgeben war das Heer auf einer Seite, Und anf der andern ſchloſſen Schluchten ein, Bedeckt mit Sumpf und Moor in ihrer. Breite. 2 Der Graf, als ihm die Kunde ward gebracht, Berief zum Rathe ſeine Hauptleut' alle, Und trauernd ſprachen ſie: Den Kampf gewagt, Und nehmt das Schickſal, wie es immer 4 8 falle. N Montroſe hatte nun eine glaͤnzende Lauf⸗ bahn vor ſich, wenn er anders die Zuſtim⸗ mung ſeiner tapfern aber wankelmuͤthigen Kriegsvoͤlker und ihrer unabhaͤngigen Haͤupt⸗ linge erhalten konnte. Das Niederland lag offen vor ihm, ohne eine Kriegsmacht, die 4 ih haͤtte aufhalten koͤnnen, da Argyle's An⸗ 3. ſich von dem Heere der Presbyterianer Zweiter Theil. 11 162— getrennt hatten, als der Marquis den Ober⸗ befehl niederlegte, und viele andere Kriegsvoͤl⸗ ker, die des Krieges muͤde waren, hatten gleich⸗ falls dieſe Gelegenheit benutzt, ſich zu zer⸗ ſtreuen. Zog nun Montroſe in dem Strath⸗ Tay, einem der bequemſten Paͤſſe aus dem Hochlande, hinab, ſo wuͤrde bei ſeiner erſten Erſcheinung im Niederlande der ſchlummernde Geiſt der Ritterlichkeit und Treue erwacht ſein, der die angeſehenern Maͤnner nordwaͤrts des Forth beſeelte. Der Beſitz dieſes Gebietes wuͤrde ihm, mochte er zugleich eine ſiegreiche Schlacht geliefert haben, oder nicht, einen rei⸗ chen und fruchtbaren Theil des Koͤnigreiches unterworfen, und ihn in Stand geſetzt haben, ſein Heer durch regelmaͤßige Bezahlung auf den Fuß zu bringen, bis zur Hauptſtadt und dann vielleicht bis an die Graͤnze vorruͤcken zu koͤnnen, wo Montroſe mit des Koͤnigs noch immer unbeſiegten Streitkraͤften ſich in Ver⸗ bindung zu ſetzen fuͤr moͤglich hielt. Dieß war der Feldzugsplan, wodurch der cgieße Ruhm gewonnen und der Sache d 163 Koͤnigs der wichtigſte Vortheil geſichert werden konnte, und er entging daher auch nicht dem ehrgeizigen und kuͤhnen Geiſte des Mannes, dem ſeine Dienſte bereits den Nahmen des großen Marquis erworben hatten. Andre Beweggruͤnde aber wirkten auf Viele ſeiner Anhaͤnger, und hatten vielleicht auch auf ihn einen geheimen, nicht eingeſtandenen Einfluß. Die Stammhaͤupter aus dem Weſtlande, die unter Montroſe fochten, hielten faſt einmuͤ⸗ thig den Marquis von Argyle fuͤr den naͤch⸗ ſten und eigenſten Gegenſtand der Feindſelig⸗ keiten. Faſt alle hatten ſeine Macht empfun⸗ den; faſt alle hatten, als ſie ihre waffenfaͤhige Mannſchaft aus ihren Thaͤlern zogen, ihre Angehoͤrigen und ihr Eigenthum ſeiner Rache bloß geſtellt; alle, ohne Ausnahme, wuͤnſchten ſeine Macht zu vermindern, und die meiſten wohnten ſeinem Gebiete ſo nahe, daß ſie wohl hoffen konnten, durch einen Theil ſeiner Beu⸗ te belohnt zu werden. Fuͤr dieſe Haͤuptlinge war der Beſitz des Staͤdtchens und des Schloſ⸗ ſes Inverary ein weit wichtigeres und er⸗ 11* 164— wuͤnſchteres Ereigniß, als die Einnahme von Edinburgh. Dieſe konnte nur ihren Stamm⸗ genoſſen eine fluͤchtige Gelegenheit verſchaffen, Sold oder Beute zu erhalten, jener aber ſicher⸗ te den Häuptlingen ſelbſt Entſchaͤdigung fuͤr das Vergangene und Sicherheit fuͤr die Zu⸗ kunft. Außer dieſen perſoͤnlichen Gruͤnden, ſtͤtzten ſich die Anfuͤhrer, welche dieſer Mei⸗ nung zugethan waren, noch auf den ſcheinba⸗ ren Grund, daß Montroſe zwar beim erſten Einfalle ins Niederland dem Feinde uͤberlegen ſein koͤnnte, aber, wenn er ſich weiter vom Gebirge entfernte, mit jedem Tage ſeine Streit⸗ kraͤfte abnehme und von der zunehmenden n berle eines Heeres bedroht ſein wuͤr⸗ den,.s bie Presbyterianer durch Werbungen und durch Beſatzungen im Niederlande verſtaͤr⸗ ken konnten. Gelang es ihm dagegen, Argy⸗ le zu unterdruͤcken, ſo konnte er nicht nur ſei⸗ ne Freunde aus dem Weſtlande in Stand ſetzen, diejenigen Streitkraͤfte herauszuziehen, die ſie ſonſt zur Beſchuͤtzung ihrer Angehoͤri⸗ 3 gen zuruͤcklaſſen mußten, ſondern auch mehre, 165 bereits freundlich geſinnte Staͤmme zu ſeinen Fahnen ziehen, die nur durch Furcht vor Mac Callummore abgehalten wurden, ſich mit ihm zu vereinigen. Dieſe Gruͤnde fanden in Montroſe's Bruſt eine verwandte Regung, die mit dem, ihm ei⸗ genen Heldenſinne nicht ganz vereinbar war. Die beiden Haͤuſer Argyle und Montroſe wa⸗ ren fruͤher im Kriege und in Staatsangelegen⸗ heiten oft einander entgegen geſetzt geweſen, und die hoͤheren Vorzuͤge, die jenem zu Theil geworden waren, hatten es zum Gegenſtande des Neides und der Abneigung des nachbarli⸗ chen Geſchlechts gemacht, das gleicher Verdien⸗ ſte ſich bewußt, doch nicht elen ſo reileich war belohnt worden. Dieß war nicht alles Die gegenwaͤrtigen Haͤupter der beiden eifer⸗ ſuͤchtigen Haͤuſer hatten ſeit dem Anfange der buͤrgerlichen Unruhen ſich feindlich gegenuͤber geſtanden. Montroſe, der ſich ſeiner aͤberlege⸗ nen Geiſtesgaben und der, dem Glaubensbun⸗ de beim Anfange des Krieges geleiſteten gro⸗ ßen Dienſte bewußt war, hatte erwartet, daß 166 dieſe Partei ihm den Vorrang im Rathe und im Kriegsbefehl verleihen wuͤrde, welchen ſie den beſchraͤnkteren Geiſtesgaben und der aus⸗ gedehntern Macht ſeines Nebenbuhlers Argyle anzuvertrauen fuͤr ſicherer hielt. Er verzieh den Glaubensbuͤndnern nie die Beleidigung, dieſen Vorzug zuerkannt zu haben, und war noch weniger geneigt, ſeine Verzeihung auf Argyle auszudehnen, der ihm war vorgezogen worden. Durch jede Regung des Haſſes, die ein feubiges Gemuͤth in einem rohen Zeitalter beſeelen konnte, ward er daher angereizt, an einem Feinde ſeines Hauſes und ſeiner Perſon ſich zu rächen, und es iſt wahrſcheinlich, daß dieſe beſondern Beweggruͤnde nicht wenig Ein⸗ fluß auf ihn hatten, als er fand, daß die Mehrzahl ſeiner Anhaͤnger entſchloſſen war, lieber einen Kriegszug gegen Argyle's Gebiet zu unternehmen, als den entſcheidendern Schritt zu thun, auf einmahl in das Niederland zu gehen. 2 Haßt. Wie ſehr aber auch Montroſe ſich verſucht fand, ſeinen Angriff gegen Argyle’s Gebiet 167 auszufuͤhren, ſo ward es ihm doch nicht leicht, dem glaͤnzenden Unternehmen eines Einfalles in das Niederland zu entſagen. Er hielt mehr als einmahl mit den vornehmſten Haͤuptlingen Rath, und beſtritt vielleicht ſeine eigene ge⸗ heime Neigung ſo ſehr als die ihrige. Er ſprach von der ungemeinen Schwierigkeit, ſelbſt ein hochlaͤndiſches Heer von Morgen her in die Grafſchaft Argyle zu fuͤhren, durch Eng⸗ paͤſſe, die kaum fuͤr Schaͤfer und Jaͤger gang⸗ bar waren, und über Berge, womit ſelbſt die benachbarten Staͤmme ganz bekannt zu ſein ſich keineswegs anmaßten. Die Schwierigkei⸗ ten wurden durch die Jahrzeit noch erhoͤht, die gegen den December vorruͤckte, wo die, an ſich ſchwierigen Gebirgpaͤſſe durch Schneeſtuͤrme ganz ungangbar zu werden drohten. Die Haͤuptlinge wurden durch dieſe Gruͤnde weder aͤberzengt, noch zum Schweigen gebracht, und ſie beriefen ſich auf ihre alte Sitte der Krieg⸗ fuͤhrung durch Wegtreibung des Viehes, das nach dem hochlaͤndiſchen Ausdrucke vom Gra⸗ ſe ihres Feindes ſich naͤhrte. Der Kriegsrath 168 ging erſt ſpaͤt in der Nacht aus einander, oh⸗ ne zu einem Beſchluſſe zu kommen, außer daß die Haͤuptlinge, welche fuͤr einen Einfall in Argyle's Gebiet waren, ſich anheiſchig mach⸗ ten, unter ihren Anhaͤngern Leute auszuſu⸗ chen, welche ſich am beßten zu Wegweiſern eigneten. b 4 Montroſe hatte ſich in die Huͤtte zuruͤckge⸗ zogen, die ihm ſtatt eines Zeltes diente, und ſich auf einem Lager von duͤrrem Farnkraute ausgeſtreckt, dem einzigen Ruheplatze, der ſich darbot. Er ſuchte vergebens den Schlaf, denn die Traͤume des Ehrgeizes verſcheuchten die Traͤume des Schlummergottes. Jetzt dachte er ſich, wie er das koͤnigliche Banner auf dem wiedereroberten Schloſſe zu Edinburgh, auf⸗ pflanzte, und einem Koͤnige Beiſtand ſandte, deſſen Krone von ſeinen Siegen abhing, und wie er dafuͤr zum Lohne alle Vorzuͤge und Be⸗ förderungen erhielt, womit derjenige uͤberhaͤuft werden konnte, den ein Koͤnig gern ehren wollte. Baldſaber ſchwand dieſer glaͤnzende Traum vor dem Traumgeſichte befriedigter Ra⸗ — 169 che und des Sieges uͤber einen Feind. Argyle in ſeiner Veſte zu Inverary zu uͤberraſchen, in ihm den Nebenbuhler ſeines Hauſes und zugleich die Hauptſtuͤtze der Presbyterianer zu vernichten, dem Glaubensbunde den Unter⸗ ſchied zwiſchen dem vorgezogenen Argyle und dem zuruͤckgeſetzten Montroſe zu zeigen, war fuͤr die Rachgier ein zu ſchmeichelhaftes Ge⸗ maͤhlde, als daß es ſich leicht haͤtte aufgeben laſſen. Waͤhrend dieſe Hederſprochenden Gedanken und Gefuͤhle den Feldherrn⸗ beſchaͤftigten, mel⸗ dete der Soldat, der vor der Hutte Schild⸗ wache ſtand, daß zwei Maͤnner den Marquis zu ſprechen wuͤnſchten. Wie heißen ſie? erwiderte Montroſe. Und warum dringen ſie zu einer ſolchen Zeit auf Gehoͤr? Die Schildwache, ein Irlaͤnder aus Kol⸗ kitto's Heerhaufen, konnte daruͤber keine Aus⸗ kunft geben. Nontroſe, der es zu einer ſol⸗ chen Zeit nicht wagen durfte, Jemanden Zu⸗ tritt zu verſagen, um nicht etwa die Gelegen⸗ 170— heit zur Einziehung wichtiger Nachrichten zu verſaͤumen, gab alsbald Befehl, nothwendiger Vorſicht halber, die Wache unter das Gewehr treten zu laſſen, und bereitete ſich dann, den Beſuch zu empfangen. Sein Diener hatte kaum ein Paar Fackeln angezuͤndet und Mon⸗ troſe ſich eben von ſeinem Lager erhoben, als zwei Maͤnner hereintraten, der Eine in einer niederländiſchen Tracht von beinahe ganz zer⸗ lumptem Gemſenleder, der Andre, ein langer gerader alter Hochlaͤnder, deſſen Geſichtsfarbe beinahe eiſengrau war, von Froſt ünd üt⸗ terſturm aufgerieben und abgenutzt. Was verlangt Ihr von mir, meine Freun⸗ de? ſprach der Marquis, und unwillkuͤhrlich griff ſeine Hand nach einer ſeiner Piſtolen, da die Zeitumſtaͤnde und die ſpaͤte Nachtſtunde wohl auf einen Verdacht fuͤhren konnten, den die gute Miene der Fremden keineswegs 45 entfernen im Stande war. Erlaubt mir, mein Herr General und hochgeborner Herr, ſprach der Niederlaͤnder, Euch Gluͤck zu wuͤnſchen zu den großen Schlach⸗ 171 ten, die Ihr gefochten habt, ſeit ich ſo gluͤck⸗ lich war, von Euch abgeſandt zu werden. Das Gefecht bei Tippermuir war ein huͤbſches Treffen, wenn ich mir indeß erlauben darf, zu rathen— Ehe Ihr das thut, ſprach der Marquis, moͤget ihr ſo gefaͤllig ſein, mir zu ſagen, wer denn ſo guͤtig iſt, mich mit ſeiner Meinung bekannt zu machen. Wahrlich, Herr Marquis, erwiderte jener, ich haͤtte gehofft, das waͤre unnoͤthig, inma⸗ ßen ich vor nicht langer Zeit in eure Dienſte getreten bin, gegen das Verſprechen, als Ma⸗ jor angeſtellt zu werden, und eaͤglich einen Thaler Sold baar, und einen halben Thaler als Ruͤckſtand zu gute zu behalten, und ich hoffe, Ihr habt Euch meiner Bezahlung ſo gut als meiner ſelbſt erinnert. Mein guter Freund, Major Dalgetty, ſprach Montroſe, der ſich nun des Mannes vollkommen erinnerte. Ihr muͤßt bedenken, daß wichtige Dinge vorgegangen ſind, die mir die Geſichtszuͤge meiner Freunde wohl aus dem 172— Gedaͤchtniſſe bringen konnten, und uͤberdieß iſt es hier nicht ganz hell; aber alle Bedingun⸗ gen ſollen treulich erfuͤllt werden. Und was bringt Ihr uns Neues aus der Grafſchaft Ar⸗ gyle, mein guter Major? Wir haben Euch ſchon lange fuͤr verloren gehalten, und ich war jetzt im Begriff, die auffallendſte Rache an dem alten Fuchs zu nehmen, der die Kriegsge⸗ ſetze in Euch verletzt hat. Wahrlich, Herr Marquis, ſprach Dalgetty, ich wuͤnſche keineswegs, daß meine Ruͤckkehr eine ſo angemeſſene und geziemende Abſicht aufſchieben ſollte, und auf keine Weiſe verdan⸗ ke ich es der Gunſt oder Gnade des Marquis von Argyle, daß ich jetzt vor Euch ſtehe, und ich werde nicht ſein Fuͤrſprecher ſein. Ich ha⸗ be mein Entkommen naͤchſt dem Himmel, und der Gewandtheit, die ich als ein alter und er⸗ fahrener Kriegsmann dabei zeigte— naͤchſt dieſen ſage ich, habe ich ſie dem Beiſtande dieſes alten Hochlaͤnders zu danken, den ich Euer Gnaden beſonderer Gunſt empfehle, als das Werkzeug, wodurch Dugald Dalgetty von 173 Drumthwacket fuͤr euer Gnaden Dienſt gevettet worden iſt, um eure Befehle erfuͤllen zu koͤnnen. Ein dankenswerther Dienſt, ſprach der Marquis mit Ernſt, und er ſoll nach Verdienſt belohnt werden. Kniet nieder, Ranald, ſprach der Major Dalgetty, wie wir ihn nun nennen muͤſſen: kniet nieder und kuͤßt Seiner Erzellenz die Hand. Die vorgeſchriebene Art der Erkenntlich⸗ keit war nicht nach der Sitte von Ranald's Heimath, und er begnuͤgte ſich, ſeine Arme auf der Bruſt zu kreuzen, und eine tiefe Kopf⸗ verbeugung zu mache Dieſer gute Mann, Herr Marquis, ſprach Dalgetty, und fuhr fort, eine Beſchuͤtzermiene gegen Ranald Mac Eagh anzunehmen: hat alle ſeine geringen Mittel angewendet, mich ge⸗ gen meine Feinde zu beſchuͤtzen, obgleich er nichts beſſeres von Wurfgeſchuͤtz beſitzt, als Bogen und Pfeile, was Euer Gnaden ſchwer⸗ lich glauben wird. Ihr werdet ſolcher Waffen viele in mei⸗ 8 174 nem Lager ſehen, ſprach Montroſe, und wir ſinden ſie dienlich. Dienlich, Herr Marquis? ſprach Dalget⸗ ty. Ihr werdet mir wohl erlauben, mich dar⸗ uͤber zu wundern. Bogen und Pfeile! Ich hoffe, Ihr werdet mir verzeihen, wenn ich rathe, bei der erſten paſſenden Gelegenheit Flinten dafuͤr zu nehmen. Aber dieſer ehrliche Hochlaͤnder hat mich nicht nur vertheidigt, ſondern ſich auch die Muͤhe genommen, mich zu heilen, inmaßen mir auf meinem Ruͤckzuge der Feind ein Denkzeichen an den Krieg gege⸗ ben hat, und verdienter Maßen bezeige ich ihm meine beßte Ertewenihden wenn ich ihn hier Euer Gnaden Aufmerkſamkeit und Schutz em⸗ pfehle. „ Wie heißt Ihr⸗ mein Freund? nrach Nons⸗ roſe, ſich zu dem Hochlaͤnder wendend. Das laͤßt ſich nicht ſagen, antwortete Ra⸗ nald. daß er ſeinen Nahmen zu verbergen wuͤnſcht, dieweil er in fruͤhern Zeiten ein Schloß ge⸗ Er meint, ſiel Datgety erthenn ein, den, bloß weil ſie gegen das Landvolk Solda⸗ 3 ſchuͤtzen koͤnnen. 175 nommen, gewiſſe Kinder getoͤdtet, und andre Dinge gethan hat, welche, wie Euer Gnaden bekannt iſt, oft in Kriegszeiten vorfallen, aber bei den Freunden der Beleidigten kein Wohl⸗ wollen gegen den Thaͤter erwecken. Ich habe es in meinem Kriegsleben erfahren, daß viele tapfre Soldaten von Bauern erſchlagen wur⸗ tenfreiheit gebraucht hatten. Ich verſtehe Euch, erwiderte Montroſe. Dieſer Mann iſt in Fehde mit einigen unſrer Anhaͤnger. Er mag zur Wache gehen, und wir wollen uͤberlegen, nie wir ihn am beßten Ihr hort, Nanald, ſprach Dalgetty mit. einer Miene der Ueberlegenheit: Seine Ex⸗ zellenz will geheimen Rath mit mir halten,* und ihr muͤßt zur Wache gehen.— Aber er weiß nicht, wo die iſt, der arme Kerl. Er iſt 3 ein junger Soldat fuͤr einen ſo alten Mann. Ich will ihn unter den Schutz einer Schild⸗ wache ſtellen, und ſogleich zu Eurer Erzeſtenz zuruͤckkehren. 176 Er that es und kam bald nachher zuruͤck. Montroſe fragte zuerſt nach dem Erfolge der Geſandtſchaft nach Inverary und trotz der weit⸗ ſchweiſigen Erzaͤhlung des Majors hoͤrte er die Antwort deſſelben aufmerkſam an. Der Mar⸗ quis mußte ſich Gewalt anthun, ſeine Aufmerk⸗ ſamkeit veſtzuhalten, aber Niemand wußte beſſer, daß man Leute wie Dalgetty ihre Ge⸗ ſchichte auf ihre eigene Art erzaͤhlen laſſen muß, wenn ſich aus ihren Berichten Belehrung gewinnen laͤßt. Seine Geduld wurde daher endlich belohnt. Unter der Beute, die Dalget⸗ ty ſich zugeeignet hatte, war auch ein Buͤndel geheimer Schriften des Marquis. Er uͤber⸗ lieferte ſie ſeinem Feldherrn; doch ging ſeine Laune, Rechenſchaft abzulegen, nicht weiter, denn ſo viel ich weiß, erwaͤhnte er nicht des Beutels mit Golde, deſſen er ſich zu derſelben Zeit mit den erwaͤhnten Schriften bemaͤchtigt hatte. Montroſe nahm eine Fackel von der Wand, und war bald in das Leſen der Urkun⸗ den vertieft, worin er wahrſcheinlich etwas fand, das ſeine Erbitterung gegen ſeinen Ne⸗ henbuhler Argyle erhoͤhte.„Fuͤrchtet er mich nicht, ſprach er, ſo ſoll er mich fuͤhlen. Mein Schloß Murdoch will er in Brand ſtecken! In⸗ verary ſoll zuerſt rauchen. O was gaͤbe ich um einen Fuͤhrer durch die Graͤnzgegend Strath⸗ Fillan's. Wie viel Selbſtintel Dalgetty auch haben mochte, er verſtand ſein Gewerbe gut genug, um alsbald Montroſe's Meinung zu errathen. Er unterbrach ſogleich ſeine weitſchweiſige Erzaͤhlung von dem vorgefallenen Gefechte, und der Wun⸗ de, die er auf dem Ruͤckzuge erhalten hatte, und ſprach von dem Gegenſtande, welcher, wie er ſah, ſeinem Feldherrn wichtig war. 5 Wenn Eure Exzellenz wuͤnſcht, einen Ein⸗ fall in die Grafſchaft Argyle zu machen, ſo wißt, dieſer arme Mann, Ranald, von dem ich Euch geſagt habe, und ſeine Kinder und Gefaͤhr⸗ ten kennen jeden Paß in jenes Land von Mor⸗ gen und von Mitternacht her. 1 So? Und warum glaubt Ihr, daß ſie ſo genaue Kenntniß haben?— Eure Exzellenz geruhe zu vernehmen, daß Zweiter Theil. 12 dieſe Leute waͤhrend der Zeit, wo ich meiner Wunde wegen bei ihnen blieb, oft ihren Wohn⸗ platz aͤndern mußten, weil Argyle mehrmahl Verſuche machte, ſich eines Offiziers wieder zu bemaͤchtigen, der mit Eurer Exzellenz Vertrauen beehret war. Da habe ich denn Gelegenheit ge⸗ habt, die merkwuͤrdige Behendigkeit und Kennt⸗ niß der Landesgegend zu bewundern, womit ſie abwechſelnd ihren Ruͤckzug und ihr Vorruͤcken bewirkten. Als ich endlich im Stande war, wie⸗ der zu Eurer Erzellenz Fahne mich zu begeben, hat dieſer ehrliche Kerl, Ranald Mac Eagh, mich auf Wegen gefuͤhrt, die mein Gaul Gu⸗ ſtav, deſſen Ihr Euch wohl erinnert, Herr Mar⸗ quis— ganz ſicher betreten konnte, und ich dach⸗ te, wenn Wegweiſer, Spione und Kundſchafter bei einem Feldzuge im weſtlichen Hochlande noͤ⸗ thig waͤren, koͤnnte man keine erfahrenern Leute finden, als ihn und ſeine Gefaͤhrten. Und koͤnnt Ihr fuͤr ſeine Treue ſtehen? ſprach Montroſe. Wie heißt er und was iſt er? Er iſt geaͤchtet und ſeines Gewerbes ein Raͤuber, erwiderte Dalgetty. Sein Nahme iſt 4 Ranald Mac Eagh. das heißt, Rauald der Sohn des Nebels. Es iſt mir etwas von dieſem Nahmen erin⸗ nerlich, ſprach Montroſe nach einer Pauſe. Ha⸗ ben nicht dieſe Kinder des Nebels eine Grau⸗ ſamkeit gegen Mac Aulay's Haus begangen? Dalgetty erinnerte an die Ermordung des Forſtauſſehers und Montroſe's treues Gedaͤcht⸗ niß rief ſich ſogleich alle Umſtaͤnde dieſer Fehde zuruͤck. Dieſer unverſöhnliche Zwiſt zwiſchen dieſen Leuten und Mar Aulay's Haus iſt ſehr ungluͤck⸗ lich, ſprach der Marquis. Allan hat ſich in die⸗ ſem Feldzuge tapfer bewieſen, und er hat durch ſein ſeltſam geheimnißvolles Benehmen und Re⸗ den ſo viel Einfluß auf ſeine Landsleute, daß es ernſthafte Folgen haben koͤnnte, ihn zu belei⸗ digen. Und dagegen koͤnnen dieſe Leute uns ſo gute Dienſte leiſten, und ſind, wie Ihr ſagt, Ma⸗ jor, ſo ganz zuverläſſig— Ich will meinen Sold und meine Ruͤckſtaͤn⸗ de, mein Pferd und meine Waffen, meinen Kopf und Hals fuͤr ihre Treue verpfaͤnden, fiel Dal⸗ 12* 180 getty ein, und Eure Erzellenz weiß, ein Soldat koͤnnte nicht mehr fuͤr ſeinen Vater ſagen. Richtig, erwiderte Montroſe, aber in einer Sache von ſo beſonderer Wichtigkeit moͤchte ich doch gern die Gruͤnde einer ſo beſtimmten Ver⸗ ſicherung hoͤren. Mit kurzen Worten alſo, Herr Marquis, ſrach der Major, ſie verſchmaͤhten nicht nur den Vor⸗ theil einer huͤbſchen Belohnung, die der Mar⸗ quis auf dieſen meinen geringen Kopf zu ſetzen, mir die Ehre anthat, ſie enthielten ſich nicht nur, meine Habſeligkeiten zu pluͤndern, deren Betrag wohl alle Soldaten in jedem europaͤiſchen Dien⸗ ſte in Verſuchung gefuͤhrt haben wuͤrde, und ſi e haben mir nicht nur mein Pferd wiedergegeben, das von Werthe iſt, wie Eure Exzellenz weiß, ſondern ich konnte ſie auch nicht bewegen, einen Stuͤber, Deut oder Maravedi fuͤr ihre Muͤhe und Koſten an meinem Krankenbette zu nehmen. Sie ſchlugen mein gutes Geld aus, als ich es ihnen freiwillig anbot, und ſo was hoͤrt man ſelten in einem Chriſtenlande. Ich gebe zu, ſprach Montroſe nach kurzem 181 dachdenken, ihr Benehmen gegen Euch iſt ein guter Beweis fuͤr ihre Treue, aber wie laͤßt ſich der Ausbruch der Fehde verhuͤten? Er ſchwieg und ſetzte dann ploͤtzlich hinzu: „Ich vergaß, daß ich zu Abend gegeſſen habe, waͤhrend Ihr, Major, bei Mondſcheine gereiſet ſeid.“ Er befahl ſeinen Dienern, einen Krug Wein und einige Erfriſchungen zu hohlen. Dalgetty, der den Hunger eines, aus hochlaͤndiſchem Auf⸗ enthalte zuruͤckgekehrten Geneſenden hatte, brauch⸗ te nicht zum Zulangen genoͤthigt zu werden, ſon⸗ dern verzehrte die Speiſen mit ſolcher Behendig⸗ keit, daß der Marquis, indem er einen gefuͤllten Becher auf des Majors Wohlſein trank, die Be⸗ merkung nicht unterdruͤcken konnte, er muͤßte, ſo ſchlecht die Speiſen in ſeinem Lager waͤren, doch fͤrchten, daß der Major waͤhrend ſeiner Reiſe in die Grafſchaft Argyle noch weit ſchlechter gelebt haͤtte. 1 Darauf kann Eure Erzellenz einen koͤrperli⸗ ſchen Eid ablegen, erwiderte der achtbare Major, mit vollem Munde ſprechend. Ja, die Speiſen, 182 welche die Kinder des Nebels, die armen hilfloſen Geſchopfe, fuͤr mich herbeiſchafften, waren fuͤr meinen Leib ſo unerquicklich, daß ich, in meine Ruͤſtung eingeſchloſſen, die ich, des ſchnellern Fort⸗ kommens wegen, gern zuruͤckgelaſſen habe, darin klepperte, wie der zuſammengeſchrumpfie Kern in einer Nuß, die man von einem Allerheiligen⸗ Abend zum andern aufbewahrt hat. Ihr muͤßt die gehoͤrigen Mittel ergreifen, dieſen Verluſt zu erſetzen, Major Dalgetty. Wahrhaftig, ich werde das kaum vermögen, antwortete der Soldat, wenn anders nicht die 8 ruͤckſtehenden Summen in baare Zahlung ver⸗ wandelt werden. Ich betheure Eure Exzellenz, die ſechzig Pfund Gewicht, die ich verloren habe, veerdankte ich nur der regelmaͤßigen Bezablung der General⸗Staaten. Wenn das der Fall iſt, ſprach Montroſe ſo ſeid Ihr nur auf die gute Marſchordnung her⸗ abgebracht. Und was die Bezahlung anlangt, ſo laßt uns nur erſt einen Sieg— einen Sieg gewinnen, Major, und eure Waͤnſche, alle eurt 183 Waͤnſche, ſollen vollkommen erfuͤllt werden. Schenkt Euch indeß noch einmahl ein. Auf Eurer Erzellenz Geſundheit! ſprach der Major, das Glas bis an den Rand fuͤllend, um zu zeigen, mit welchem Eifer er den Trinkſpruch braͤchte. Auf euern Sieg uͤber alle eure Feinde und beſonders uͤber Argyle! Ich hoffe, ihm auch noch eine Handvoll Haare aus dem Barte zu raufen; eine habe ich ihm ſchon ausgeriſſen. Sehr wahr, antwortete Montroſe. Aber laßt uns wieder auf die Kinder des Nebels zu⸗ ruͤckkommen. Ihr begreift, Dalgetty, es muß ein Geheimniß zwiſchen uns beiden bleiben, daß ſie hier ſind, und wozu wir ſie gebrauchen. Der Major war, wie Montroſe geahnet hatte, uͤber dieſen Beweis des Vertrauens ſeines Feldherrn erfreut„ und den Finger an die Naſe legend, verrieth er durch Nicken, daß er verſtan⸗ den hatte.. Wie viele Gefaͤhrten mag wanald haben? fragte Montroſe. So viel ich weiß, ſind ſie auf acht bis zehn 184 Mann und einige Weiber und Kinder efcwolhn antwortete Dalgetty. We ſind ſie jetzt? fuhr Montroſe fort. In einem Thale, anderthalb Stunden von hier, und warten auf Eurer Exzellenz Befehle. Ich hielt es nicht fuͤr paſſend, ſie ohne Eurer Exzellenz Geheiß in euer Lager zu bringen. Sehr gut geurtheilt, erwiderte Montroſe. Es wuͤrde paſſend ſein, wenn ſie blieben, wo ſie waren, oder in einer entfernteren Gegend Zuflucht ſuchten. Ich will ihnen Geld ſchicken, obgleich es damit jetzt knapp bei mir ausſteht.. Iſt ganz unnoͤthig, ſprach Dalgetty. Eure Exzellenz braucht nur den Wink zu geben, daß die Bruͤder Mac Aulay mit ihrem Anhange in jener Richtung gehen ſollen, und meine Freun⸗ de vom Nebel werden ſogleich rechts um kehrt euch machen und gerade aus gehen. SDas waͤre nun nicht eben hoͤflich, ſprach der Marquis. Beſſer, wir ſchicken ihnen einige Tha⸗ ler, damit ſie ſich etwas Vieh zum Unterhalt 4 — rer Weiher und Kinder kaufen. Sie wiſſen wohlfeiler zu ihrem Vieh zu G 185 kommen, antwortete Dalgetty. Aber Eure Er⸗ zellenz moͤge es nach Belieben machen. Ranald Mac Eagh mag einige ſeiner Leute ausſuchen, die zuverlaͤſſig und verſchwiegen ſind, ſprach Montroſe, und ſie ſollen uns zu Weg⸗ weiſern dienen. Laßt ſie morgen bei Tagesan⸗ bruche vor meinem Zelte ſein, und ſeht wo moͤg⸗ lich darauf, daß ſie weder meine Abſicht errathen, noch unter ſich heimlich ſprechen. Hat dieſer alte Mann Kinder? Man hat ſie erſchlagen oder gehaͤngt, ein ganzes Dutzend an der Zahl, glaube ich, aber ein Kind iſt ihm uͤbrig geblieben, ein munterer, hoff⸗ nungsvoller Knabe, der immer einen Kieſelſtein in ſeinem Plaid hat, um ihn jedem an den Kopf zu werfen, der ihm in den Weg kommt. Das iſt ein Kennzeichen, daß er in der Folge ein un⸗ ternehmender Krieger werden wird, wie David, der gewohnt war, glatte Steine zu ſchleudern, die er aus dem Bache nahm. Dieſer Knabe ſoll mich bedienen, Maſor Dalgetty, ſprach Monrroſe. Ich hoffe, er wird 186— verſtaͤndig genug ſein, ſeinen Nahmen geheim zu halten. Eure Erzellenz braucht das nicht zu fuͤrch⸗ ten, antwortete Dalgetty. Sobald dieſe hoch⸗ aͤndiſchen Kleinen aus der Schale kriechen— Gut, ſiel Montroſe ein, dieſer Knabe ſoll Buͤrge fuͤr ſeines Vaters Treue ſein, und wenn er ſich gut auffuͤhrt, werde ich zum Lohne fuͤr ſein Fortkommen ſorgen.— Und nun, Major Dal⸗ getty, entlaſſe ich Euch fuͤr dieſen Abend. Mor⸗ gen ftuͤh bringt Ihr dieſen Mac Eagh zu mir, unter welchem Nahmen es ihm gefaͤllt. Ich glaube, ſein Gewerbe hat ihn in Verkleidungen aller Art erfahren gemacht; oder wir koͤnnten auch Johann Moidart mit unſern Abſichten be⸗ kannt machen. Er hat Verſtand, Anſtelligkeit und Klugheit genug, und wird dieſen Mann ei⸗ ne Zeitlang verkleidet unter ſeinem Gefolge blei⸗ ben laſſen. Mein Kammerdiener wird heute euern Quartiermeiſter machen, Major. Dalgetty beurlaubte ſich mit froͤhlichem Her⸗ zen, ſtolz auf den Empfang, den er erhalten hatte, und ſehr zufrieden mit dem Benehmen 187 ſeines neuen Feldherrn, welcher, wie er dem al⸗ ten Ranald umſtaͤndlich aus einander ſetzte, ihn in mancher Hinſicht an das Betragen des un⸗ ſterblichen Guſtav Adolfs, dieſes nordiſchen Lo⸗ wen, dieſes Bollwerkes des proteſtantiſchen Glau⸗ bens erinnerte. VIII. Der Zug beginnt mit krieg'riſchem Gepraͤnge, Und bange harrt auf den Erfolg die Menge. Vom Hunger wird bewacht der oͤde Strand, Des Winters Strenge ſperrt des Froſtes Land. Er kommt— nicht Noth, nicht Froſt hemmt ſeinen Lauf— Die Eitelkeit menſchlicher Wuͤnſche. Bei Tagesanbruche empfing Montroſe in ſeiner Huͤtte den alten Mac Eagh, und befragte ihn lange und genau uͤber die Mittel, ſich der Graf⸗ ſchaft Argyle zu naͤhern. Er ſchrieb des Hoch⸗ laͤnders Antworten auf, die er mit den Angaben einiger Leute ſeines Gefolges verglich, welche er als die Verſtaͤndigſten und Erfahrenſten zu ſich berief. Er fand voͤllige Uebereinſtimmung in al⸗ lem, aber noch immer bedenklich, wo Vorſicht ſo noͤthig war, verglich er die empfangenen Nach⸗ richten mit den Bemerkungen, welche die Haͤupt⸗ — 1489 linge, die dem bedrohten Gebiete am naͤchſten wohnten, ihm mittheilten, und als er ſich von der durchgaͤngigen Richtigkeit der erhaltenen An⸗ gaben uͤberzeugt hatte, beſchloß er, mit voͤlliger Zuverſicht vorzuruͤcken. In einem Punkte aber aͤnderte er ſeinen Entſchluß. Er hielt es fuͤr unpaſſend, den Kna⸗ ben Kenneith in ſeine Dienſte zu nehmen, damit nicht, wenn deſſen Herkunft entdeckt werden ſoll⸗ te, die zahlreichen Staͤmme, die in erblicher Feh⸗ de mit dem geaͤchteten Geſchlechte deſſelben lebten, ſich beleidigt finden moͤchten. Er bat den Ma⸗ jor, den Knaben zu ſich zu nehmen, und da er ſein Geſuch mit einem huͤbſchen Geſchenke beglei⸗ tete, das zur Bekleidung und Ausruͤſtung des jungen Menſchen dienen ſollte, ſo war dieſe Ver⸗ aͤnderung allen Parteien angenehm. Als Dalgetty zur Fruͤhſtuͤckzeit von dem Marquis entlaſſen wurde, ſuchte er ſeine alten Bekannten, den Grafen von Menteith und die Bruͤder Mac Aulay auf, um ihnen ſeine Aben⸗ teuer zu erzaͤhlen und dagegen umſtaͤndliche Nach⸗ richten von dem Feldzuge zu erhalten. Es laͤßt 199— ſich denken, daß er mit großer Frende von Maͤn⸗ nern empfangen wurde, welchen bei der Einfoͤr⸗ migkeit ihres Kriegslebens jede andre Geſellſchaft eine anziehende Neuigkeit war. Allan Mae Au⸗ lay allein ſchien vor ſeinem ehemaligen Bekann⸗ ten zuruͤckzufahren, wiewohl er, als ſein Bruder ihn deßhalb tadelte, keinen andern Grund ange⸗ ben konnte, als daß er einen Widerwillen em⸗ pfaͤnde, mit einem Manne umzugehen, der erſt vor Kurzem bei Argyle und andern Feinden ge⸗ weſen waͤre. Dalgetty wurde ein wenig unru⸗ hig, als er glauben mußte, daß die Geſellſchaft, worin er neuerlich gelebt hatte, von Allan gleich⸗ ſam waͤre erahnet worden; er konnte ſich jedoch bald uͤberzeugen, daß die Wahrnehmungen des Sehers in dieſem Punkte nicht unfehlbar waren. Dalgetty hielt es fuͤr noͤthig, den Hochlaͤn⸗ der, der unter ſeinen Schutz und ſeine Aufſicht geſtellt war, denjenigen vorzuſtellen, mit welchen er umgehen zu muͤſſen glaubte. Der alte Mann hatte mittlerweile den Tartan ſeines Clans) ——. 2) Viete Stämme halten ihr eigenes Muſter des bunt gewürfeltem Zeuges, des Tartans, wovon das Plaid 191 mit einem Anzuge vertauſcht, der den Bewoh⸗ nern der entlegenen Inſeln eigen iſt, und aus einem Wamms mit Aermeln und einem Schurze, beide aus einem Stuͤcke, beſteht. Dieſer Anzug war vorne von oben bis unten mit Schnuͤren beſetzt, und glich dem ſogenannten polniſchen Ro⸗ cke, den noch die Kinder der geringern Staͤmme in Schottland tragen. Strumpfhoſen von ge⸗ wuͤrfeltem Zeuge und eine Muͤtze, vollendeten den Anzug, den alte Maͤnner im letzten Jahrhun⸗ derte ſich deutlich erinnerten bei den Inſelbewoh⸗ nern geſehen zu haben, die im Jahre 1715 mit der Fahne des Grafen von Mar*) kamen. Dalgetty heftete ſein Auge auf Allan, waͤh⸗ rend er Ranald Mac Eagh unter dem Nahmen Ranald Mae Gillihuron von Benbecula vorſtell⸗ und andre Theile des Anzuges gemacht wurden. S. das Vorwort zu meiner Ueberſetzung des Wavet⸗ ley(Dresden 1821— 22. 4 Bde. 8.) wo üͤber die Verfaſſung der hochländiſchen Clane geſprochen wird. L. ) *) S. das Vorwort zu meiner Ueberſetzung des Ro⸗ mans: Robin der Rothe. ate Auſtage. Berlin 1823. 3 Pde,. 3. L. — ͤ 192— te, der mit ihm aus Argyle's Kerker entflohen waͤre. Er empfahl ihn als einen geſchickten Harfner und Geſchichtenerzaͤhler, der uͤberdieß die Eigenſchaften eines Sehers in nicht geringem Grade beſaͤße. Der Major ſtammelte und zoͤger⸗ te bei dieſer Erlaͤuterung auf eine, ſeinem ge⸗ woͤhnlichen vorlauten Weſen ſo ungleiche Weiſe, daß Allan Mac Aulay Verdacht haͤtte ſchoͤpfen maͤſſen, wenn er nicht mit ſeiner ganzen Auf⸗ merkſamkeit die Zuͤge des Mannes erforſcht haͤt⸗ te, der ihm vorgeſtellt wurde. Dieſer veſte Blick machte Ranald ſo beſtüͤrzt, daß er ſchon an ſeinen Dolch griff, in der Erwartung eines ploͤtzlichen Angriffes, als Allan auf einmahl auf ihn zukam und ihm die Hand zum freundlichen Gruſſe entgegen hielt. Sie ſetzten ſich neben einander, und ſprachen mit leiſem und geheimniß⸗ vollem Tone. Menteith und Angus Mae Aulay waren daruͤber nicht erſtaunt, da zwiſchen den Hochlaͤndern, die auf die Sehergabe Anſpruch machten, eine Art von Geheimbund beſtand, kraft deſſen ſie, wenn ſie ſich trafen, uͤber die Natur — 496 und den Umfang ihrer eingebildeten Erfahrungen ſich unterhielten. Tritt das Geſicht finſter vor eure Seele? fragte Allan ſeinen neuen Bekannten.— Finſter, wie der Schatten auf dem Monde, wenn er bei ſeinem Laufe am Himmel verdun⸗ kelt wird und die Profeten boͤſe veiten verkuͤn⸗ den, erwiderte Ranald, Kommt hierher, fuhr Allan fort, mehr hierher, ich moͤchte gern allein mit Euch ſpre⸗ chen, denn man ſagt, es kaͤme in euren entlege⸗ nen Inſeln das Geſicht klaͤrer und maͤchtiger vor die Seele, als bei uns, die wir den Sachſen nahe wohnen.. Waͤhrend ſie in ihre geheimn ßvonſ Unterre⸗ dung ſich vertieften, traten die beiden engliſchen Herren ſehr aufgeraͤumt in die Huͤtte, und ſagten zu Angus, es waͤre Befehl gegeben worden, daß Alle ſich bereit halten ſollten, alsbald nach dem Weſtlande aufzubrechen. Als ſie dieſe Botſchaft freudig gemeldet hatten, begruͤßten ſie ihren alten Bekannten, den Major, deſſen ſie ſich augen⸗ Zweiter Theil. 13 194— blicklich erinnerten, und ſragten ihn nach dem Gefinden ſeines Schlachtroſſes Guſtav. Ich danke Euch gehorſamſt, ihr Herren, erwiderte der Kriegsmann, Guſtav iſt wohl, je⸗ doch, wie ſein Herr, ein wenig duͤnner auf den Rippen, als zu der Zeit, wo Ihr in Darnlin⸗ varach mich von ihm befreien wolltet. Aber glaubt mir, ihr lieben Herren, ehe Ihr einige jener Mäaͤrſche gemacht habt, worauf Ihr Euch ſo ſehr zu freuen ſcheint, werdet Ihr wohl etwas von euerm engliſchen Rindfleiſch und vermuthlich auch ein Paar engliſche Pferde hinter Euch laſſen. Beide antworteten, es waͤre ihnen ziemlich gleichgiltig, was ſie finden oder zuruͤcklaſſen ſoll⸗ ten, wenn es nur etwas anders gaͤbe, als ewig hin und her ziehen durch Angus und Aberdeen, um einen Feind zu verfolgen, der weder fechten, noch ausreißen wollte. Wenn dieß der Fall iſt, ſprach Angus Mac Aulay, ſo muß ich meinen Leuten meine Befeh⸗ le geben, und Anſtalten treffen, Aennchen Lyle ſicher fortzuſchaſſen, denn beim Vorruͤcken in Mac Callummore's Gebiet werden wir eine laͤngere und — 195 3 ſchlechtere Straße vor uns haben, als dieſe Blu⸗ men der cumberlaͤndiſchen Ritterſchaft vermuthen. Mit dieſen Worten verließ er die Huͤtte. Aennchen Lyle? ſprach Dalgetty. Iſt ſie denn im Lager? Allerdings, erwiderte Ritter 9 Nusgrave, und warf einen fluͤchtigen Blick auf Menteith und Allan Mac Aulay. Wir koͤnnen ja weder mar⸗ ſchiren noch fechten, weder vorruͤcken noch wei⸗ chen, ohne den Einfluß der Harfenprinzeſſinn. Der Schwert⸗ und Tartſchen⸗ Prinzeſſinn, moͤchte ich ſagen, ſprach der andre Englaͤnder. 3 Montroſe's Gemahlinn ſelbſt koͤnnte nicht hoͤfli⸗ cher behandelt werden; ſie hat vier hochlaͤndiſche Maͤgde und eben ſo viele nacktbeinige Burſchen, die auf ihre Befehle warten. 4 Und was habt Ihr dagegen, Ihr Herren? ſprach Allan, und wendete ſich ploͤtzlich von dem Hochlaͤnder weg, mit welchem er ſich unterhielt. Wuͤrdet Ihr ſelber ein unſchuldiges Maͤdchen, die Gefaͤhrtinn eurer Kindheit, der Gefahr ausſetzen. . wollen, eines gewaltſamen Todes zu ſterben, oder durch Hunger umzukommen? Es iſt jetzt kein 13* 196 Dach mehr auf der Wohnung meiner Vaͤter; unſre Ernten ſind zerſtoͤrt und unſer Vieh iſt weggetrieben worden. Ihr habt Gott zu danken, daß Ihr aus einem freundlichern und geſittetern Lande kommt, und nur euer eigenes Leben in die⸗ ſem grauſamen Kriege wagt, ohne zu beſorgen, daß eure Feinde mit ihrer Rache die wehrloſen Lieben heimſuchen, die Ihr zuruͤckgelaſſen habt. Die Englaͤnder gaben gern zu, daß ſie in dieſem Punkte ein guͤnſtigeres Loos haͤtten, und als die Geſellſchaft ſich zerſtreute, ging jeder zu ſeinem Geſchaͤfte. Allan blieb noch einen Augenblick zuruͤck, und fragte den ſich ſtraͤubenden Ranald noch im⸗ mer uͤber einen Umſtand in ſeinen vermeinten Traumgeſchichten, der ihn ſehr in Verlegenheit ſetzte.„Ich habe mehrmahl, ſprach er, einen Hochlaͤnder geſehen, der ſeinen Dolch dem Gra⸗ fen Menteith in die Bruſt zu ſtoßen ſchien, dem jungen Edelmann im Scharlachmantel mit Treſ⸗ ſen, der jetzt eben hinausgeht. Aber trotz aller meiner Anſtrengungen, und obgleich ich hinſtarr⸗ te, bis meine Augen faſt in ihren Hoͤhlen veſt geworden waren, kann ich doch nie das Geſicht des Hochlaͤnders erblicken, oder auch nur erra⸗ then, wer er ſein mag, wiewohl ſeine Geſtalt und ſein Weſen mir bekannt vorkommen?“ Habt Ihr denn auch euer Plaid umgewen⸗ det, wie's in ſolchen Faͤllen die erfahrenen Se⸗ her zu thun pflegen? fragte Ranald. Allerdings, erwiderte Allan mit leiſer Stim⸗ me und ſchien vor innerer Angſt zu ſchaudern. Und in welcher Geſtalt erſchien Euch dann das Geſicht? fuhr Ranald fort. Auch mit umgewendeten Plaid, antwortete Allan mit leiſem und krampfhaftem Tone. So ſeid verſichert, eure Hand und keine an⸗ dre wird die That begehen, deren Schatten Ihr geſehen habt, ſprach Ranald. Das hat meine bange Seele mir hundert⸗ mahl zugefliſtert, erwiderte Allan. Aber es iſt unmoͤglich! Und wenn ich's im ewigen Buche des Schickſals aufgezeichnet ſaͤhe, ich wuͤrde ſagen, es kann nicht ſein. Wir ſind durch die Bande des Blutes verbunden, und durch hundert veſtere Bande; wir haben neben einander in der Schlacht 198 gefochten, und an unſern Schwertern hat das Blut derſelben Feinde geraucht. Es iſt unmoͤg⸗ lich, ich kann ihm kein Leid zufuͤgen. Daß Ihr es thun werdet, iſt gewiß, wie⸗ wohl die Urſache im Dunkel der Zukunft verbor⸗ gen liegt, antwortete Ranald. Ihr ſagt, fuhr er fort, ſeine innere Bewegung kaum unterdruͤ⸗ ckend? Ihr haͤttet an feiner Seite eure Beute verfolgt wie Hetzhunde, und habt Ihr denn nie geſehen, wie Hetzhunde ihre Fangzaͤhne gegen einander kehrten, und auf dem Leichname eines erwuͤrgten Rehes kaͤmpften? Es iſt nicht wahr, ſprach Allan, aufſprin⸗ gend. Es ſind nicht die Vorbedentungen des Ver⸗ haͤngniſſes; es iſt die Verſuchung eines boͤſen Geiſtes aus dem Abgrunde der Hölle. Mit dieſen Worten eilte er aus der Huͤtte. Du haſt's! ſprach der Sohn des Nebels, und ſah ihm mit jubelndem Blicke nach. Der Widerhaken des Pfeiles ſitzt in deiner Seite.— Freut Euch, Geiſter der Erſchlagenen! Bald werden eure Moͤrder ihre Schwerter mit dem eigenen Blute faͤrben. 3 199 Am naͤchſten Morgen war alles zum Auf⸗ bruche bereit. Montroſe zog*) mit ſchnellen Maͤrſchen am Tay hinauf, und drang mit ſeinen wankelmuͤthigen Kriegsvoͤlkern in das anmuthige Thal um den gleichnahmigen See, dem jener Strom entfließt. Die Bewohner waren vom Stamme Campbell, wiewohl ſie nicht Argyle's Lehnleute waren, ſondern zu dem verbuͤndeten und befreundeten Hauſe Glenurchy gehoͤrten, das jetzt Breadalbane heißt. Von der feindlichen Macht uͤberfallen, waren ſie gar nicht zum Wi⸗ derſtande geruͤſtet, und mußten unthaͤtige Zeugen der Verheerungen ſein, die ihre Heerden trafen. Montroſe ruͤckte gegen das Thal des Loch Dochart vor, und die Umgegend verwuͤſtend, kam er nun zu dem ſchwierigſten Theile ſeiner Unternehmung. Selbſt in unſern Tagen wuͤrde ein Heer auf dem Zuge durch dieſe weit ausgedehnten Wildniſ⸗ ſe mit Schwierigkeiten zu kaͤmpfen haben, ob⸗ 1 zu dem Loch Awe hinauffuͤhrt. Zu jener Zeit *) Im December 1644. 8. gleich jetzt eine gute Heerſtraße uͤber Teinedrunm 200 aber, und noch lange nachher, gab es hier weder eine Straße, noch ſonſt einen gebahnten Pfad, und die Schwierigkeit wurde noch groͤßer, da die Berge bereits mit Schnee bedeckt waren. Die Landſchaft bot ein erhabenes Schauſpiel dar. In maͤchtigen Maſſen uͤber einander aufgethuͤrmt, war die vorliegende Bergkette blendend weiß, waͤhrend die hinter ihr auſſteigenden Hoͤhen bei dem Untergange einer klaren Winterſonne in ro⸗ ſigem Lichte glaͤnzten. Der Ben Cruachan, der hoͤchſte Berg, gleichſam die Veſte des Genius dieſes Gebietes, ragte uͤber die andern Gipfel empor, und ſeine glaͤnzende und zerkluͤftete Spi⸗ tze war in einer Entfernung von mehren Meilen ſichtbar. Montroſe's Gefaͤhrten waren Maͤnner, die der erhabene, aber furchtbare Anblick, der ſich ihnen darbot, nicht erſchrecken konnte. Viele derſelben gehoͤrten zu jenem alten Stamme von Hochlaͤndern, die nicht nur gern ihr Nachtlager auf dem Schnee nahmen, ſondern es ſogar fuͤr weibiſche Ueppigkeit hielten, einen Schneeball als Kopfkiſſen zu gebrauchen. Pluͤnderung und Ra⸗ 201 che ſollten ſie jenſeit der eiſigen Berge finden, 3 die vor ihnen lagen, und ſie ließen ſich durch die Schwierigkeit des Ueberganges nicht erſchre⸗ cken. Montroſe ließ ihrem Muth nicht Zeit, zu ermatten. Er befahl den Pfeifern, an der Spi⸗ tze der Vorhut den alten Kriegsmarſch, genannt Hoggal nam bo— das heißt: Wir kommen durch Windwehen, den Raub zu jagen — aufzuſpielen, deſſen gellende Toͤne oſt die Thaͤler in Lennox mit Schrecken erfuͤllt hatten.*) Die Kriegsvoͤlker ruͤckten mit der fluͤchtigen Be⸗ hendigkeit der Gebirgwohner vor, und waren bald in dem gefaͤhrlichen Engpaſſe, von Ranald ge⸗ fuͤhrt, der mit einem erleſenen Haufen voran zog, den Weg zu bahnen. Nie erſcheint menſchliche Macht verichricher als wenn ſie mit einem furchtbaren und erhabenen Naturſchauſpiel im Gegenſatze ſteht. Montr roſe's ſiegreiches Heer, deſſen Thaten ganz Schottland —ix;- *) Es iſt der Marſch des Geſchlechts Mac Farlane, eines kriegeriſchen und räuberiſchen Clans, der auf dem weſtt ichen Geſtade des Loch Lomond wohnte, 1 Der Verf. 202—— mit Schrecken erfuͤllt hatten, ſchien, als es dieſen furchtbaren Paß hinanſtieg, nur ein veraͤchtliches Haͤuflein von Irrlaͤufern zu ſein, das der Schlund des Berges, der ſich uͤber ihnen zu ſchließen ſchien, verſchlingen wollte. Selbſt Mont⸗ roſe bereute beinahe ſein kuͤhnes Unternehmen, als er von dem Gipfel der erſtiegenen erſten Hoͤ⸗ he auf ſein zerſtreutes kleines Heer hinabſchaute. Die Schwierigkeit des Vorruͤckens war ſo groß, daß die Reihe des Zuges durch weite Luͤcken un⸗ terbrochen wurde, und die Entfernung zwiſchen Vorhut, Mittetreffen und Nachhut wurde mit jedem Augenblicke unbequemer und gefaͤhrlicher. Mit großer Beſorgniß blickte Montroſe auf je⸗ den guͤnſtigen Punkt, wo die Berggegend dem Feinde Vortheile darbieten konnte, immer beſorgt, daß feindliche Schaaren hier zur Vertheidigung geruͤſtet waͤren, und ſpaͤterhin hoͤrte man ihn oſt die Ueberzeugung ausſprechen, daß man, wenn die Engpäſſe von Strath⸗Fillan nur mit zwei⸗ hundert entſchloſſenen Kriegern beſetzt geweſen waͤren, ſein Vorruͤcken nicht nur haͤtte hemmen, ſondern ſein ganzes Heer in die Gefahr bringen 8 — 203 koͤnnen, voͤllig abgeſchnitten zu werden. Die Sorgloſigkeit aber, die ſchon manchem Lande und mancher ſtarken Veſte verderblich wurde, uͤber⸗ lieferte auch bei dieſer Gelegenheit Argyle's Ge⸗ biet dem Feinde. Die einbrechenden Kriegsvoͤlker hatten nur mit den natuͤrlichen Schwierigkeiten des Weges und mit dem Schnee der noch nicht ſehr tief lag, zu kaͤmpfen. So bald der Heer⸗ haufen den Gipfel der Berge erreicht hatte, wel⸗ che die Grafſchaft Argyle von dem Gebiete von Breadalbane trennen, ſtuͤrzte er auf die, dem Verderben geweihten Thaͤler mit einer Wuth herab, welche die Beweggruͤnde, die zu einer ſo ſchwierigen und gefaͤhrlichen Unternehmung ge⸗ fuͤhrt hatten, hinlaͤnglich verrieth. Montroſe theilte ſein Heer in drei Haufen, um in deſto weiterem Umfange Schrecken zu verbreiten. Die erſte Abtheilung wurde von dem 3 Haͤuptlinge des Clans Ranald, die andre von Kolkitto, die dritte von ihm ſelber angefuͤhrt. Auf dieſe Weiſe konnte er auf drei Punkten in die Grafſchaft Argyle einruͤcken. Er fand nirgend Widerſtand. Die Flucht der Hirten von den 204— Bergen verkuͤndigte zuerſt den furchtbaren Ein⸗ fall, und wo man die Stammgenoſſen zu den Waffen rief, wurden ſie von einem Feinde, der von ihren Bewegungen unterrichtet war, getoͤdtet, entwaffnet und zerſtreut. Dalgetty, der mit den wenigen dienſtfaͤhigen Reitern des Heeres gegen Inverary war entſendet worden, traf ſeine Vor⸗ kehrungen ſo gut, daß er den Marquis von Ar⸗ gyle beinahe, wie er ſagte, inter pocula, uͤber⸗ raſcht haͤtte, und nur durch eine ſchnelle Flucht uͤber den See rettete ſich das Stammhaupt von Tod oder Gefangenſchaft. Die Zuͤchtigung aber, welcher Argyle ſelber entging, fiel ſchwer auf ſein Gebiet und ſeinen Stamm, und die Verhee⸗ rungen, die Montroſe in jenem, dem Verder⸗ ben geweihten Gebiete ausuͤbte, hat man mehr⸗ mahl als einen Schandfleck ſeiner Thaten und ſeines Charakters angefuͤhrt, wiewohl ſie mit der Sitte ſeines Landes und dem Geiſte der Zeit nur zu ſehr uͤbereinſtimmten. Argyle war indeß nach Edinburgh geflohen, und brachte ſeine Beſchwerden bei der Staͤndever⸗ ſammlung an. Es wurde nun, um der dringen⸗ — den Gefahr zu begegnen, ein anſehnliches Heer. aufgebracht, das Balllie, ein geſchickter und treuer Feldherr anfuͤhrte, dem der beruͤhmte Urrie*) zur Seite ſtand, ein Parteigaͤnger, wie Dalgetty, der ſchon zweimahl waͤhrend des Buͤrgerkrieges zu ei⸗ ner andern Fahne uͤbergegangen war, und vor dem Ende deſſelben zum drittenmahl um ſatteln ſollte. Auch Argyle, von Unwillen entbrannt, machte Anſtalten, ſeine eigenen zahlreichen Kriegs⸗ voͤlker zu bewaffnen, um ſich an ſeinem Feinde zu raͤchen. Er nahm ſein Hauptquartier in Dum⸗ harton, wo bald eine anſehnliche Kriegsmacht zu ihm ſtieß, die meiſt aus ſeinen Stammgenoſſen und Abhaͤnglingen beſtand. Als Baillie und Urrie hier mit einer ſehr betraͤchtlichen Anzahl geübter Kriegsvoͤlker zu ihm geſtoßen war, ruͤſtete er ſich, nach der Grafſchaft Argyle vorzuruͤcken, um den Verheerer ſeines S Stammgebietes zu zuͤchtigen. Waͤhrend dieſe beiden furchtbaren Heere ſich vereinigten, hatte Manaſe bereits das Ker ———— *) Godwin in dem angeführten Werke ſchreiht den Rahmen Hurry⸗ L. 206—— ſtete Gebiet verlaſſen, da ein drittes Herr an⸗ ruͤckte, das ſich im Hochlande unter dem Grafen von Seaforth geſammelt hatte, welcher, nach ei⸗ nigem Zoͤgern, zu den Glaubensbuͤndnern uͤberge⸗ gangen war, und nun, durch die, aus alten Krie⸗ gern beſtehende Beſatzung in Inverneß verſtaͤrkt, eine betraͤchtliche Macht anfuͤhrte, womit er Montroſe bedrohte. In einem verwuͤſteten und feindlichen Lande eingeſchloſſen, von allen Sei⸗ ten von anruͤckenden und aͤberlegenen Feinden bedroht, ſchien Montroſe ſeinem Verderben nicht entgehen zu koͤnnen. Gerade unter ſolchen Um⸗ ſtaͤnden aber wußte der thaͤtige und unternehmen⸗ de Geiſt des großen Marquis das Erſtaunen und die Bewunderung ſeiner Freunde zu erwecken und ſeine Feinde in Beſtuͤrzung und Schrecken zu ſetzen. Wie durch einen Zauberſchlag, rief er ſeine zerſtreuten Kriegsvoͤlker von der verheerenden Arbeit herbei, womit ſie beſchaͤftigt geweſen wa⸗ alehAnd kaum waren ſie wieder geſammelt, als Argyle und ſeine Mitſeldherren erfuhren, daß die königliche Macht ploͤtzlich aus der Grafſchaft Ar⸗ gyle verſchwunden war, und ſich nordwaͤrts in — 207 die ſinſtern und unzugaͤnglichen Gebirge von Loch⸗ aber zuruͤckgezogen hatte. Montroſe's ſcharfſichtige Gegner erriethen alsbald, daß ihr thaͤtiger Feind die Abſicht hat⸗ te, den Grafen von Seaforth anzugreifen und wo moͤglich zu vernichten, ehe ſie ihrem Verbuͤn⸗ deten Beiſtand leiſten koͤnnten. Dieſer Umſtand aͤnderte den Plan ihrer Unternehmungen. Urrie und Baillie uͤberließen es dem Marquis von Argyle, ſich ſo gut als moͤglich zu vertheidigen, und als ſie ihre Kriegsvoͤlker, die meiſt aus Rei⸗ terei und Fußvolk aus dem Niederlande beſtan⸗ den, von den ſeinigen getrennt hatten, zogen ſie auf der Suͤdſeite der Grampianberge gegen die Grafſchaft Angus, entſchloſſen, von hier weiter nach der Grafſchaft Aberdeen vorzuruͤcken, um Montroſe abzuſchneiden, wenn er ihnen in jener Richtung zu entgehen verſuchen ſollte. Argyle nnternahm es, mit den, von ihm aus⸗ gehobenen und andern Kriegsvoͤlkern Montroſe auf dem Fuße zu folgen, um ihn, wenn er mit Seaforth, oder Baillie und Urrie in ein Gefecht gerathen ſollte, durch dieſes dritte Heer, das in 208— ſicherer Entfernung ſeinem Nachtrabe ſolgte, zwi⸗ ſchen zwei Feuer zu bringen. In dieſer Abſicht ruͤckte Argyle wieder nach Inverary vor, und hatte bei jedem Schritte Veranlaſſung die Haͤrte zu beklagen, womit die feindlichen Staͤmme ſeine Anhaͤnger und ſein Gebiet behandelt hatten. Die Hochlaͤnder beſaßen viele edle Eigenſchaften, doch gehoͤrte dazu keineswegs milde Behandlung eines feindlichen Gebietes; aber ſelbſt die von den Fein⸗ den veruͤbten Verwuͤſtungen trugen dazu bei, Ar⸗ gyle's Heerhaufen zu verſtaͤrken. Es iſt noch jetzt ein Sprichwort im Hochlande: Deijenige, deſſen Haus verbrannt iſt, muß ein Soldat werden— und viele hundert Bewohner die⸗ ſer ungluͤcklichen Thaͤler konnten nun auf keine andye Weiſe ihren Unterhalt ſinden, als daß ſie die Grauſamkeit, die ſie ſelbſt erduldet hatten, gegen Andre ausuͤbten, und hatten keine Aus⸗ ſicht auf kuͤnfliges Gluͤck, als die Befriedigung ihrer Rache. Argyle's Schaaren wurden daher durch dieſelben Umſtaͤnde, die ſein Gebiet der Verheerung preisgegeben hatten, verſtaͤrkt, und er war bald an der Spitze von dreitauſend ent⸗ —— 209 ſchloſſenen, durch Lebhaftigkeit und Muth ausge⸗ zeichneten Kriegern, die von Maͤnnern ſeines Stammes angefuͤhrt wurden, welche in jenen Eigenſchaften Niemanden wichen. Unter ihm ſtanden als Anfuͤhrer des Heerhaufens Ritter Campbell von Ardenvohr und ein andrer Ritter Campbell von Auchenbreck, ein erfahrener alter Kriegsmann, den er zur Ausfuͤhrung ſeiner Ab⸗ ſichten von dem Heere in Irland abgerufen hatte. Argyle's froſtiger Geiſt aber hemmte die Entwuͤr⸗ fe ſeiner unerſchrockenen Gefaͤhrten, und es wurde beſchloſſen, ungeachtet ihrer verſtaͤrkten Macht, denſelben Kriegsplan beizubehalten, und Montro⸗ ſe, wohin er ſich auch wenden moͤchte, nordoſtwaͤrts zu folgen, und ein Gefecht zu vermeiden, bis ſich eine Gelegenheit zeigen wuͤrde, dem Marquis in den Ruͤcken zu fallen, waͤhrend er vorne mit einem andern Feinde beſchaͤftigt waͤre. Zweiter Thek. 14 IX. Piobrachet au Donuil Dhu, Piobrachet au Donuil, Piobrachet agus spreittach Feacht an Innerlochy. Der Kriegston Donald's des Schwarzen, Der Kriegston Donald's, Die Pfeifen und die Banner, Sie treſfen ſich all' in Inven⸗ochy. Die Kriegſtraße, welche die Kette der ſogenann⸗ ten Veſten verbindet.*) und längs dem jetzigen caledoniſchen Kanale laͤuft, hat das große Thal voͤllig geoͤffnet, das beinahe durch die ganze In⸗ ſel ſich erſtreckt, in fruͤhern Zeiten unſtreitig ein — *) Dieſe treffliche Heerſtraße wurde nach der Dämpfung des Aufſtandes, der 1715. ausbrach, von den engli⸗ ſchen Kriegsvölkern unter der Aufſicht des Generals Wade angelegt, und war eines der erſten Beförde⸗ zungmittel der Geſitrung des Hochlandes. L. — — See war, und noch immer das Bett jener langen Reihe von Seen iſt, mittels welcher die Kunſt der neuern Zeit die Nordſee und das atlantiſche Neer verbunden hat. Die Pfade, auf welchen die Ingeborenen durch dieſes ausgedehnte Thal zogen, waren im Jahre 1645 in demſelben Zu⸗ ſtand, als zu jener Zeit, wo ſie einen irlaͤndiſchen Ingenieur⸗Offizier, der bei dem Bau der, durch daſſelbe angelegten Straße gebraucht wurde, zu dem Gedichte begeiſterten, das mit folgenden Wor⸗ ten beginnt, und ſo viel ich weiß, auch endigt: Wer dieſen Weg geſehn, eh' neu er ward ge⸗ 3 macht, 5 Der haͤtte frommen Dank dem wackern Wade gebracht. Montroſe aber mied die ſchlechten gewoͤhn⸗ lichen Wege, und fuͤhrte ſein Heer, Rudel wilder Rehe, von Berge zu Berge, von Walde zu Walde, wo ſeine Feinde nichts von. ſeinen Bewegungen erſpaͤhen konnten, waͤhrend er die genaueſte Kenntniß der ihrigen von den ſreundlich wie ein geſinnten Staͤmmen Cameron und Mac Donnell erhielt, durch deren gebirgiges 24* 212— Gebiet er zog. Es waren ſcharfe Befehle gege⸗ ben worden, Argyle's Vorruͤcken genau zu beob⸗ achten, und alles, was von ſeinen Bewegungen verlautete, dem Feldherrn ſogleich zu melden. In einer Mondnacht hatte Montroſe, von den Beſchwerden des Tages ermuͤdet, ſich in ei⸗ ner elenden Huͤtte zum Schlafen niedergelegt, und nur erſt zwei Stunden geſchlummert, als je⸗ mand ſeine Schulter beruͤhrte. Er blickte auf, und die ſtattliche edle Geſtalt und die tieſe Stims me, verriethen ihm alsbald den Haͤuptling des Stammes Cameron. Ich habe Neuigkeiten, ſprach der Haͤupt⸗ ling, und es iſt der Muͤhe werth, deßhalb auf⸗ zuſtehen und ſie anzuhoͤren. Mac Ilduy kann nur wichtige Neuigkeiten bringen, erwiderte Montroſe, ihn mit ſeinem Stammnahmen anredend. Sind es gute oder ſchlimme? Wie Ihr's nehmt, ſprach der Haͤuptling. Sind ſie gewiß? Ja, antwortete Mac Ilduy, ſonſt haͤtte ein andrer Bote ſie gebracht. So wißt denn, ich 213 war der aufgelegten Arbeit mude, den leidigen Dalgetty und ſeine Handvoll Reiter zu begleiten, die mich ſtundenlang aufhielten, daß ich wie ein ver⸗ kruͤppelter Hoͤker fortſchleichen mußte, und da ging ich mit ſechs von meinen Leuten vorwaͤrts nach In⸗ verlochy hin, wo ich Jan von Glenroy fand, der auf Kundſchaft geweſen war. Argyle ruͤckt gegen Inverlochy mit dreitauſend Mann erleſenen Volks, die unter den edelſten Soͤhnen Diarmid's ſtehen. So lauten meine Nachrichten; ſie ſind ſicher, und es iſt nun eure Sache, ihren Inhalt zu deuten. Ihr Inhalt muß gut ſein, antwortete Mont⸗ roſe ſchnell und froͤhlich. Mae Ilduy's Stimme iſt immer angenehm fuͤr Montroſe's Ohr, und doppelt angenehm, wenn ſie von einer bevorſte⸗ henden tapfern Unternehmung ſpricht. Wir wol⸗ len doch unſre Muſterrollen anſehen. Er foderte Licht, und fand leicht, daß ein großer Theil ſeiner Kriegsvoͤlker, wie gewoͤhnlich, ſich zerſtreut hatten, um ihre Beute in Sicher⸗ heit zu bringen, und daß er nicht uͤber zwoͤlf bis vierzehn hundert Mann bei ſich hatte. 1 Nicht viel uͤber ein Drittheil von Argyle's 214 Kriegsmacht, ſprach Montroſe, nach einer Pauſe: und Hochlaͤnder gegen Hochlaͤnder. Bei Gottes Se⸗ gen mit des Koͤnigs Sache wuͤrde ich nicht zoͤ⸗ gern, wenn nur Einer gegen Zwei waͤren. So zoͤgert denn nicht, ſprach Cameron. Wenn eure Trompete zum Angriffe gegen Mac Callum⸗ more ruft, wird nicht ein Mann in dieſen Thaͤ⸗ lern bei dem Aufrufe taub bleiben. Glengary, Keppoch und ich ſelber, wir wuͤrden den Elenden mit Feuer und Schweit vernichten, der unter irgend einem Vorwande zuruͤck bleiben wollte. Morgen oder uͤbermorgen ſoll ein Tag des Kam⸗ pfes ſein fuͤr Alle, die den Nahmen Mac Don⸗ nell 8& Cameron fuͤhren, was auch der Erfolg ſein mag. Wacker geſprochen, mein edler Freund, ſprach Montroſe, des Haͤuptlings Hand ergreifend, und ich waͤre ſchlimmer als ein Feigling, wenn ich nicht ſolchen Kriegsgefaͤhrten dadurch Gerechtigkeit erwieſe, daß ich die zuverſichtlichſte Hoffnung auf gluͤcklichen Erfolg hegte. Wir wollen um⸗ kehren gegen dieſen Mae Callummore, der uns— wie ein Rabe folgt, um die Ueberreſte unſeres Heeres zu verzehren, wenn wir auf Krieger ſtie⸗ ßen, die tapfrer als wir, und im Stande waͤ⸗ ren, unſre Kraft zu brechen. Laßt die Haͤupt⸗ linge und Anfuͤhrer ſo ſchnell als moͤglich ſich verſammeln, und Ihr, die Ihr uns die erſte Nachricht von dieſem frohen Ereigniſſe gebracht habt— und es ſoll ein fr hes ſein— Ihr ſol⸗ let es auch zu einem frohen Ausgange bringen, indem Ihr uns den beßten und naͤchſten Weg gegen den Feind zeigt. Das will ich gern thun, ſprach Mac Ilduy. Ich habe Euch die Wege zum Ruͤckzuge durch dieſe finſtern Wildniſſe gezeigt, und noch weit lieber will ich Euch zeigen, wie Ihr gegen euern Feind vorruͤcken muͤßt. 8 Es erfolgte nun eine allgemeine Bewegung, und uͤberall wurden die Anfuͤhrer von ihrem har⸗ ten Lager aufgeſtoͤrt, wo ſie kurze Ruhe geſucht hatten. Ich haͤtte nie gedacht, ſprach Dalgetty, als man ihn von einem Lager rauher Heidewurzeln rief; daß ich ſo ungern ein Bett v ieße, das hart wie ein Stallbeſen iſt, Aber nis 216— hat nur einen kriegserfahrenen Mann in ſeinem Heere, darum kann man's ihm wohl verzeihen, wenn er ihm einen ſchweren Dienſt gibt. Mit dieſen Worten begab er ſich in den Kriegsrath, wo er, trotz ſeiner Schulfuchſerei, von Montroſe immer, wie es ſchien, aufmerkſam angehoͤrt wurde; tir ils weil Dalgetty wirklich ein kundiger und erfahrener Krieger war, und oft Winke gab, die man vortheilhaft fand, theils aber, weil der Feldherr dadurch der Nothwen⸗ digkeit uberhoben wurde, die Meinung der hoch⸗ laͤndiſchen Haͤuptlinge unbedingt anzunehmen, und einen Grund mehr erhielt, ſie zu beſtreiten, wenn ſie ſeinen Anſichten entgegen war. Bei dieſer Ge⸗ legenheit ſtimmte Dalgetty freudig dem Vorſchlage bei, umzukehren und gegen Argyle vorzuruͤcken, und er verglich ihn mit dem tapfern Entſchluſſe des großen Guſtav, der ſich gegen den Kurfuͤr⸗ ſten von Baiern in Bewegung ſetzte, und ſeinen Kriegsvoͤlkern Gelegenheit gab, ſich durch die Pluͤnderung jenes Landes zu bereichern, ungeachtet ihn von Mitternacht her das anſehnliche Heer 217 bedrohte, das Wallenſtein in Boͤhmen geſam⸗ melt hatte. Die Haͤuptlinge von Glengary, Keppoch und Lochiel, deren Staͤmme, an Muth und Kriegsruhm jedem andern im Hochlande gleich, in der Naͤhe des Kampfplatzes wohnten, ließen das Feuerkreuz*) unter ihren Lehnleuten umher ge⸗ hen, um jeden Waffenfaͤhigen aufzurufen, zu des Koͤnigs Statthakter zu ſtoßen, und ſich unter den Fahnen ihrer Stammhaͤupter zu ſammeln, als ſte gegen Inverlochy vorruͤckten. Dem nachdruͤck⸗ lichen Aufgebote wurde ſchnell und willig gehorcht. Ihre natuͤrliche Neigung zum Kriege, ihr Eifer fuͤr die Sache des Koͤnigs, den ſie als einen, von ſeinen Stammgenoſſen verlaſſenen Haͤuptling be⸗ trachteten, und ihr unbedingter Gehorſam gegen ihre Stammhaͤupter, fuͤhrten Montroſe's Heere nicht nur alle ſtreitfaͤhigen Maͤnner zu, ſondern ſelbſt Manche, die, wenigſtens ihrem Alter nach, zur Fuͤhrung der Waffen nicht mehr tauglich zu ſein ſchienen. Waͤhrend er am naͤchſten Tage, *) S. die Anmerk. zu S. 174. des iſten Theiles. L. 218— ohne daß der Feind es argwoͤhnen konnte, gerade durch die Gebirge von Lochaber zog, wurde ſein Heer durch kleine Haufen verſtaͤrkt, die aus allen Thalern hervorkamen und ſich unter die Banner ihrer Haͤuptlinge ſtellten. Dieſer Umſtand trug viel dazu bei, den Muth des uͤbrigen Heeres zu erhoͤhen, deſſen Staͤrke, als es ſich dem Feinde naͤherte, um mehr als ein Viertheil angewachſen war, wie es der tapfre Fuͤhrer des Stammes Cameron geweiſſagt hatte. An der Spitze ſeines tapfern Heeres war Ar⸗ „gyle, waͤhrend Montroſe jene Bewegung gegen ihn ausfuͤhrte, an der Mittagſeite des Loch⸗Eil hin⸗ aufgezogen und kam an den Fluß Lochy, der je⸗ nen See mit dem Loch⸗Lochy verbindet. Das alte Schloß Inverlochy, einſt, der Sage nach, eine koͤnigliche Burg, und obgleich geſchleift, doch immer noch ein ziemlich veſter und bedeutender Punkt, bot ein ſchickliches Hauptquartier dar, und in dem Thale, wo der Lochy mit dem Loch⸗Eil ſich vereinigt, fand Argyle's Heer Raum genug, ſich rings um ihn zu lagern. Mehre Fahrzeuge mit Lebensmitteln waren dem Heere gefolgt, das — 219 in jeder Hinſicht ſo gut verſorgt war, als ſolche Kriegsvoͤlker wuͤnſchten, oder erwarteten. Als Argyle mit den Rittern von Augenbreck und Ar⸗ denvohr ſich berieth, aͤußerte er die zuverſichtliche Hoffnung, daß Montroſe nun am Rande des Verderbens waͤre, daß ſeine Kriegsvoͤlker ſich nach und nach veimindern muͤßten, waͤhrend er in oͤſklicher Richtung auf ſo rauhen Pfa⸗ den zoͤge, daß er auf Baillie und Urrie ſtoßen muͤßte, wenn er ſich nach Morgen richtete, auf Seaforth, wenn er nordwaͤrts ginge, oder ſich der Gefahr ausſetzen wuͤrde, von drei Heeren zugleich angegriffen zu werden, wenn er trgends wo Halt machen wollte. Herr Marquis, ſprach Auchenbreck, ich kann mich nicht freuen uͤber die Hoffnung, daß Jakob Graham erdruͤckt werden ſoll, ohne viel Mithil⸗ ſe von unſrer Seite. Er hat eine ſchwere Schuld in Argyle zuruͤckgelaſſen, und es verlangt mich, mit ihm abzurechnen, Blutstropfen fuͤr Blutstropfen. Solche Schulden laſſe ich nicht gern durch die dritte Hand bezahlen. Ihr ſeid zu bedenklich, erwiderte Argyle. Was 220 ſiegt daran, von welchen Haͤnden das Blut der Graham vergoſſen wird. Es iſt Zeit, daß das Blut der Soͤhne Diarmids aufhoͤrt zu fließen. Was meint Ihr, Ardenvohr? Ich meine, ſprach Ritter Duncan, Auchen⸗ breck wird befriedigt werden, und ſelber Gelegen⸗ heit haben, fuͤr Monrroſe's Raͤubereien mit ihm abzurechnen. Bei unſern Vorpoſten ſind Nach⸗ richten eingekommen, daß ſich der Stamm Ca⸗ meron am Fuße des Ben Nevis ſammelt. Dieß kann nur geſchehen, um zu dem vorruͤckenden Montroſe zu ſtoßen, nicht um ſeinen Ruͤckzug zu decken. Es mag wohl ein Anſchlag zu einer Placke⸗ rei und Raͤuberei ſein, von Mae Ilduy s einge⸗ wurzelter Feindſeligkeit erſonnen, die er Pflicht⸗ treue nennt, erwiderte Argyle. Sie koͤnnen wei⸗ ter nichts im Schilde fuͤhren, als unſre Vorpo⸗ ſten anzugreifen, oder uns morgen auf dem Mar⸗ ſche zu necken. Ich habe nach allen Richtungen Kundſchafter ausgeſandt, um Nachricht einzuziehen, ſprach Ritter Duncan von Ardenvohr. Wir werden 221 bald erfahren, ob ſie wirklich Kriegsvoͤlker ver⸗ ſammelt haben und auf welchem Punkte, oder zu welchem Zwecke. 8 Es war ſchon ſpaͤt geworden, ehe Nachrich⸗ ten eintrafen, als aber der Mond aufgegangen war, entſtand eine auffallende Bewegung im La⸗ ger, und ein Geraͤuſch, das man bald nachher im Schloſſe hoͤrte, verkuͤndigte die Ankunft wich⸗ tiger Botſchaften. Einige der Streifwachen, die Ardenvohr zuerſt entſendet hatte, waren zuruͤck⸗ gekehrt, ohne etwas andres zu erfahren, als ungewiſſe Geruͤchte von Bewegungen im Gebiete des Stammes Cameron. Es ſchien, als ob am Fuße des Ben Nevis jene unerklaͤrbaren Toͤne von boͤſer Vorbedeutung laut geworden waͤren, worin man zuweilen die Ankuͤndigung eines na⸗ hen Sturmes finde. Andere, die ihr Eifer wei⸗ ter gefuͤhrt hatte, waren von den Bewohnern der Gebirgsveſten, worein ſie zu dringen ſuchten, uͤberfallen, getoͤdtet oder gefangen worden. Bei Montroſe's raſchem Vorruͤcken wurden endlich ſein Vortrab und Argyle's Vorpoſten einander gewahr, und als ſie ſich mit einigen Flintenſchuͤſſen und 222— Pfeilen begruͤßt hatten, zogen ſich beide auf ihr Hauptheer zuruͤck, um Nachricht zu bringen und Beſehle einzuhohlen. Ritter Duncan Campbell und Auchenbreck ſetzten ſich albbald zu Pferde, um die Vorpoſten zu beſuchen, und der Marquis von Argyle be⸗ hauptete ſeine Wuͤrde als Oberfeldherr, indem er ſeine Kriegsmacht in der Thalebene aufſtellte, da man entweder auf einen naͤchtlichen Ueberfall, oder doch auf einen Angriff bei Tagesanbruche gefaßt ſein mußte. Montroſe hatte ſeine Kriegs⸗ voͤlker ſo vorſichtig in den Gebirgſchluchten zuruͤck⸗ gehalten, daß ihre wahrſcheinliche Staͤrke, trotz jeder Bemuͤhung, die Auchenbreck oder Arden⸗ vohr behutſam wagte, ſich nicht ausmitteln ließ⸗ Sie wurden jedoch ſo viel gewahr, daß Montro⸗ ſe's Macht, wenigſtens der Zahl nach, unter den Streitkraͤften ihrer Partei ſein muͤßte, und ſie kehrten zu Argyle zuruͤck, um ihm ihre Beobach⸗ tungen mitzutheilen. Der Marquis wollte nicht glauben, daß Montroſe ſelber in der Nähe waͤ⸗ re. Einer ſolchen Tollheit, ſagte er, waͤre ſelbſt Jakob Graham, wie hoch auch ſein wahnſinni⸗ — 223 ger Duͤnkel geſtiegen ſein moͤchte, doch nicht fa⸗ hig, und er war uͤberzeugt, daß nur ihre alten Feinde, Glenco, Keppoch und Glengary ihren Marſch ſtoͤrten, und daß vielleicht Mac Vourigh, der Haͤuptling des Stammes Mar Pherſon, ei⸗ nen Heerhaufen geſammelt haͤtte, dem er aber gewiß weit uͤberlegen waͤre, und den er daher durch Gewalt zerſtreuen, oder zur Uebergabe noͤ⸗ thigen zu koͤnnen, zuverſichtlich hoffe. Argyle's Kriegsgefaͤhrten waren von hohem Muthe beſeelt, und begierig, die Verheerungen zu raͤchen, die ihr Gebiet neuerlich erlitten hatte. Die Nacht verfloß bei der ungeduldigen Hoff⸗ nung, daß der Morgen den Tag der Rache her⸗ beifuͤhren werde. Die Vorpoſten beider Heere waren aͤußerſt wachſam, und Argyle's Kriegsvöl⸗ ker ſchliefen in der Schlachtordnung, ſte bald einnehmen ſollten. Kaum hatte ein mattes Morgenlicht die Gipfel der ungeheuren Berge erhellet, als die Fuͤhrer beider Heere ſich zu dem Tagewerke ruͤ⸗ ſteten. Es war am zweiten Hornung des Jah⸗ res 1645. Algyle's Stammgenoſſen waren in 224— zwei Reihen aufgeſtellt, unweit des Winkels zwiſchen dem Fluſſe und dem See, und ihr An⸗ ſehen war eben ſo entſchloſſen als furchtbar. Au⸗ chenbreck haͤtte die Schlacht gern durch einen An⸗ griff auf die feindlichen Vorpoſten begonnen, der behutſamere Argyle aber wollte ſich lieber angrei⸗ fen laſſen als angreifen. Alsbald verkuͤndeten Zeichen, daß man darauf nicht lange vergebens warten ſollte. Die Soͤhne des Stammes Camp⸗ bell hoͤrten aus den Gebirgsſchluchten die Kriegs⸗ melodien der verſchiedenen Clane hervorſchallen, die zum Angriffe anruͤckten. Das Kriegslied des Stammes Cameron, mit den Worten boͤſer Vor⸗ bedeutung, an Woͤlſe und Raben gerichtet: „Kommt zu mir und ich geb' euch Fleiſch“ wiederhallte laut aus ihren heimiſchen Thaͤſern. Glengary's Kriegsſtimme war, wie die ochlaͤndiſchen Barden ſagen, nicht ſtumm, und die kriegeriſchen Toͤne der uͤbrigen Staͤmme ließen ſich deutlich unterſcheiden, als ſie nach einander an's Ende der Gebirgpaͤſſe kamen, durch welche ſi ſie in die Ebene hinabſtiegen. 5 Ihr ſeht nun, ſprach Argyle zu ſeinen Vet⸗ tern, ich habe Recht, wir haben nur mit unſern Nachbarn zu thun. Jakob Graham hat es nicht gewagt, uns ſein Banner zu zeigen. In dieſem Augenblicke erſchallte aus einer Gebirgſchlucht ein lauter Trompetenſtoß, in je⸗ ner Weiſe, womit nach altſchottiſcher Sitte das koͤnigliche Banner begruͤßt wurde. 5 Da hoͤrt Ihr das Zeichen, Herr Marquis, ſprach der Ritter von Ardenvohr, daß derjenige, der ſich fuͤr des Koͤnigs Statthalter ausgibt, in eigener Perſon unter dieſem Kriegsvolke ſein muß. MUInd er hat wahrſcheinlich Reiterei bei ſich, was ich nicht haͤtte ahnen koͤnnen, ſetzte Auchen⸗ breck hinzu. Aber ſollen wir darum erblaſſen, Herr Marquis, wenn wir mit Feinden zu kaͤm⸗ pfen und Unbilden zu raͤchen haben? Argyle ſchwieg, und blickte auf den Arm, 4 den er in einer Binde trug, weil er neuerlich durch einen Fall auſ dem Marſche ſich beſctdige hatte. Allerdings, Herr Marguis, fiel Ardenvohr ebhaft ein, ſeid Ihr nicht im Stande, Schwert oder Piſtol zu gebrauchen. Ihr muͤßt an Bord Zweiter Theil, 15 der Galeeren gehen. Wir wuͤnſchen, daß Ihr als unſer Haupt euer theures Leben ſchonet, da Ihr als Kriegsmann mit eurer Hand uns nicht nuͤ⸗ tzen koͤnnt. Nein, ſprach Argyle, deſſen Stolz mit ſeiner unſchluͤſſigkeit kaͤmpfte: man ſoll nie ſagen, ich waͤre vor Montroſe geflohen, und wenn ich nicht fechten kann, will ich wenigſtens in der Mitte meiner Kinder ſterben. Mehre andre Haͤuptlinge des Clans Camp⸗ bell beſchworen und baten einmuͤthig ihr Stamm⸗ haupt, ſie fuͤr dieſen Tag der Fuͤhrung Arden⸗ vohrs und Auchenbrecks zu uͤberlaſſen, und dem Kampfe aus ſicherer Ferne zuzuſehen. Wir duͤr⸗ fen Argyle darum nicht mit dem Vorwurfe der Feigheit ſchmaͤhen; denn obgleich ſein Leben durch keine tapfere That ſich auszeichnete, ſo betrug er ſich doch beim Schluſſe dieſer Fehde mit ſo viel Faſſung und Wuͤrde, daß man ſein Betragen bei dieſer Gelegenheit und andern eher einer Unſchluͤſ⸗ ſigkeit als einem Mangel an Muthe zuſchreiben muß. Wenn aber das leiſe Stimmchen in eines Menſchen Bruſt, das ihm ſagt, ſein Leben ſei 227 fuͤr ihn wichtig, durch viele fremde Stimmen un⸗ terſtuͤtzt wurde, die verſicherten, ſein Leben waͤre eben ſo wichtig fuͤr die Welt, ſo haben, wie die Geſchichte in vielen Beiſpielen zeigt, wohl eher Maͤnner von weit kuͤhnerem Geiſte als Argyle, nur an ihre Selbſterhalrung gedacht, wenn die Verſuchungen dazu ſo ſehr verſtaͤrkt wurden. Bringt ihn an Bord, Ritter Duncan, wenn Ihr wollt, ſprach Auchenbreck zu ſeinem Vetter. Ich muß darauf ſehen, daß ſich dieſer Geiſt nicht weiter unter uns verbreite. Mit dieſen Worten eilte er in die Rei⸗ hen der Kriegsvoͤlker, und bittend, befehlend und beſchwoͤrend, ermahnte er ſie, ihres alten Ruh⸗ mes und ihrer gegenwaͤrtigen Ueberlegenheit ein⸗ gedenk zu ſein, der Unbilden, die ſie zu raͤchen haͤtten, wenn ſie gluͤcklich waͤren, und des Schick⸗. ſales, das ſie bedrohte, wenn ſie unterlaͤgen, und er entzuͤndete in jedem Buſen etwas von dem Feuer, das in dem ſeinigen gluͤhte. Argyle ließ 's Ufer des Sees ziehen und ward an Bord 15* ſich indeß langſam, und dem Anſcheine nach, wi⸗ der Willen von ſeinen dienſtfertigen Verwandten 228—— einer Galeere gebracht, auf deren Deck er freilich ſehr ſicher, aber nicht zu ſeinem Ruhme Zeuge der folgenden Ereigniſſe war.*) Der Ritter von Ardenvohr blieb, ungeach⸗ tet die Umſtaͤnde des Augenblickes ihn dringend riefen, eine Weile ſtehen, und heftete ſeine Bli⸗ cke auf das Boot, das ſein Stammhaupt vom Schlachtfelde hinwegfuͤhrte. Es waren Gefuͤhle in ſeiner Bruſt, die er nicht ausdruͤcken konnte, en ein Haͤuptling wurde wie ein Vater ange⸗ ſehen, und das Herz eines Stammgenoſſen wag⸗ te es nicht, die Fehler deſſelben ſo ſtrenge zu rich⸗ ten, als die Vergehungen Anderer. Argyle war uͤberdieß, wenn auch barſch und ſtrenge gegen Andre, doch großmuͤthig und freigebig gegen ſei⸗ ne Verwandten, und Ardenvohr's edles Herz wurde von bittrer Qual gedruͤckt, wenn er be⸗ dachte, welche Deutung man dem Betragen des Stammhauptes geben koͤnnte.„Beſſer, daß es ſo kommt, ſprach er zu ſich ſelber, ſeine Bewe⸗ ») Nicht bloß Wishart, Montroſe's Freund und Bio graph, macht dem Marauis von Argyle elnen Vo wurf daruͤber. 2. — 229 gung unterdruͤckend, aber— in der Reihe ſeiner hundert Ahnen kenne ich nicht Einen, der ſich zuruͤckgezogen haͤtte, wenn Diarmid's Banner in der Luft wehte.“ 2 Ein lautes Geſchrei mahnte ihn nun, um⸗ zukehren, und auf ſeinen Poſten zu eilen, der auf dem linken Fluͤgel von Argyle's kleinem Hee⸗ re war. 1 1 Argyle's Nuͤckzug war ſeinem wachſamen Feinde nicht entgangen, welcher auf der Hoͤhe, die er beſetzt hatte, alles beobachten konne, was unten vorging. Es verrieth ſich leicht, daß die drei Reiter, die ſich zum Nachtrabe Kenaden. angeſehene Maͤnner waren. Da gehen ſie, ſprach Dalgetty, ihre Pferde außer Gefahr zu bringen, wie vorſichtige Kriegs⸗ maͤnner. Dorr reitet Ritter Dunran Campbell auf einem braunen Wallachen, den ich mir zu meinem zweiten Schlachtpferde Sehlachtroß aus? erſehen hatte. Ihr habt Unrecht, Major, ſprach Montro⸗ ſe, bitter laͤchelnd, ſie wollen ihr treffliches Stammhaupt in Sicherheit bringen. Sogleich 230 das Zeichen zum Angriffe! Laßt den Befehl durch 1 die Reihen laufen. Edle Haͤuptlinge— Glen⸗ gary, Keppoch, Mac Vourigh— ſtuͤrzt ſchnell auf ſie los! Reitet zu Mac Ilduy, Major Dal⸗ getty, und ſagt ihm, er ſolle angreifen, wenn er Lochaber liebt. Kommt zuruͤck, und bringt euer Haͤuflein Reiter zu meiner Fahne. Sie ſollen bei den Irlaͤndern als Ruͤckhalt ſtehen. X. Wie ein Fels auf tauſend Wogen trifft, ſo traf Inisfail Lochlin. Oſſian. De Trompeten und Sackpftifen, dieſe laͤrmen⸗ den Verkuͤndiger von Blut und Tod, vereinten ſich auf einmahl in der Loſung zum Angriffe, welche das Geſchrei von mehr als zweitauſend Kriegern und der Wiederhall in den Gebirgthaͤ⸗ lern hinter ihnen beantworteten. In drei Heer⸗ haufen getheilt, brachen Montroſe's hochlaͤndiſche Kriegsvoͤlker aus den Schluchten hervor, wo ſie zeither vor dem Feinde verborgen geweſen waren, und ſtuͤrzten mit der groͤßten Entſchloſſenheit auf den Stamm Campbell, der ihren Angriff mit der aͤußerſten Standhaftigkeit empfing. Hinter dieſem angreifenden Haufen ruͤckten die Irlaͤnder 232 unter Kolkitto vor, die den Ruͤckhalt bilden ſoll⸗ ten. Bei ihnen war das koͤnigliche Banner und Montroſe ſelbſt, und auf den Flanken ſtanden gegen funfzig Reiter unter Dalgetty, die man durch erſtaunliche Anſtrengungen einigermaßen dienſtfaͤhig gemacht hatte. Den rechten Fluͤgel des koͤniglichen Heeres fuͤhrte Glengary, den linken Lochiel und das Mitteltreffen der Graf von Menteith, der lie⸗ ber in hochlaͤndiſcher Tracht zu Fuße feahten als bei der Reiterei bleiben wollte. Die Hochlaͤnder brachen mit ihrer allbekann⸗ ten Wuth hervor, und ſchoſſen ihre Gewehre und Pfeile in geringer Entfernung von den Feinden ab, die den Angriff mit der entſchloſ⸗ ſenſten Tapferkeit empfingen. Argyle's Kriegs⸗ voͤlker waren beſſer mit Feuergewehr verſehen, als ihre Gegner, und konnten, da ſie einen ve⸗ ſten Stand behaupteten, beſſer zielen, weshalb denn ihr Feuer zerſtoͤrender war, als fuͤr ſie das feindliche. Die Clane drangen, da ſie dieß be⸗ merkten, in die feindlichen Reihen, und es ge⸗ lang ihnen im Handgemenge, ſie an zwei Punk⸗ — 233 ten in Unorbnung zu bringen. Bei regelmaͤßi⸗ gen Kriegsvoͤlkern wuͤrde dieß den Sieg entſchie⸗ den haben; aber hier fochten Hochlaͤnder gegen Hochlaͤnder, und auf beiden Seiten waren die Waffen, und die Behendigkeit derleiene die ſie fuͤhrten, voͤllig gleich. Der Kampf war wuͤthend, und das Klir⸗ ren der Schwerter und Streitaͤrte, als ſie zu⸗ ſammentrafen, oder auf die Tartſchen fielen, vermiſchte ſich mit dem abgebrochenen, wilden, ermunternden Geſchrei, womit Hochlaͤnder jede heftige koͤrperliche Anſtrengung begleiten. Viele der kaͤmpfenden Feinde waren perſoͤnlich mit ein⸗ ander bekaunt, und bald durch Rachgier getrie⸗ ben, bald aus einem edlern Wetteifer in der Tapferkeit, ſuchten ſie ſich einander gleich zu kom⸗ men. Keine Partei wollte einen Zoll breit wei⸗ chen, waͤhrend die Gefallenen— und auf beiden Seiten fielen ſie ſchnell— alsbald durch Andre erſetzt wurden, die ſich vorwaͤrts draͤngten, wo die Gefahr drohte. Ein Dampf, wie aus einem ſiedenden Keſſel, ſtieg in die duͤnne, kalte, froſti⸗ ge Luft empor und ſchwebte uͤber den Kaͤmpſenden. 234 So ſtand das Gefecht auf dem rechten Fluͤ⸗ gel und im Mitteltreffen, ohne entſchiedenen Er⸗ folg, außer daß auf beiden Seiten Verwundete und Todte waren. Auf dem rechten Fluͤgel des Stammes Campbell gewann der Ritter von Ar⸗ denvohr, durch ſeine kriegeriſche Geſchicklichkeit und die Ueberlegenheit ſeiner Streitkraͤfte, einige Vortheile. Er hatte die aͤußerſte Flanke ſeiner Linie in ſchraͤger Richtung vorgeruͤckt, in dem Augenblicke, als das Handgemenge vom koͤnigli⸗ chen Heere begonnen wurde, das dadurch vorne und in der Flanke dem Gewehrfeuer ausgeſetzt war, und trotz aller Anſtrengungen ihres An⸗ fuͤhrers, in einige Verwirrung gerieth. Der Rit⸗ ter von Ardenvohr gab nun Befehl zum Angrif⸗ fe, und brach unerwartet gegen die Feinde los in dem Augenblicke, wo man ihn anzugreifen drohte. Ein ſolcher Wechſel der Umſtaͤnde iſt im⸗ mer entmuthigend und oft verderblich. Die ent⸗ ſtandene Unordnung wurde jedoch durch das Vor⸗ ruͤcken der Irlaͤnder wieder gut gemacht, deren heſtiges und wohl unterhaltenes Feuer den Rit⸗ 3 ier von Ardenvohr zwang, ſeinen Vortheil auf — 235 zugeben und ſich mit der Abwehrung des Feindes zu begnuͤgen. Der Marquis von Montroſe be⸗ nutzte mittlerweile den Vortheil, den ihm einige zerſtreute Birken und der Pulverdampf des ra⸗ ſchen Gewehrfeuers der irlaͤndiſchen Musketiere gewaͤhrten, um ſeine Bewegung zu verbergen; er rief Dalgetty mit ſeinen Reitern zu ſich, und als er, ſo gedeckt, den Feind auf der rechten. Flanke und ſelbſt im Ruͤcken umgangen hatte, ließ er von ſeinen ſechs Trompetern das Zeichen zum Angriffe geben. Der Ton von Reitertrom⸗ peten und der Hufſchlag der anſprengenden Roſ⸗ ſe machte einen Eindruck auf Argyle's rechten Fluͤgel, den kein andrer Ton haͤtte hervorbringen koͤnnen. Die Gebirgwohner hatten in jener Zeit eine aberglaͤubige Furcht vor dem Kriegsroſſe, wie fruͤher die Peruaner, und hegten ſeltſame Mei⸗ nungen uͤber die Art, das Pferd zur Schlacht abzurichten. Als ſie daher ihre Reihen unerwar⸗ tet zerriſſen und den eutſetzlichen Gegenſtand ploͤtzlich unter ſich ſahen, wurde das Schrecken allgemein, trotz aller Bemuͤhungen des Ritters von Ardenvohr, dieſer Regung Einhalt zu thun. Schon die Geſtalt des Majors Dalgetty, der in einer undurchdringlichen Ruͤſtung ſteckte und ſein Pferd ſich wenden und baͤumen ließ, daß jeder Streich mit verdoppeltem Gewichte fiel, wuͤrde an ſich allein eine erſchreckende neue Erſcheinung fuͤr diejenigen geweſen ſein, die nie etwas ande⸗ res geſehen hatten, das einem ſolchen Reiter aͤhn⸗ lich war, als einen Klepper, der unter einem Hochlaͤnder, weit dicker als das Thier ſelbſt, da⸗ her watſchelte. Die zuruͤckgeworfenen Koͤnigs⸗ freunde machten nun einen neuen Angriff, und die Irlaͤnder, ihre Reihen ſchließend, unterhielten ein heftiges und zerſtoͤrendes Feuer. Der Kampf wurde ungleich. Argyle's Kriegsvoͤlker wichen und flohen, die Meiſten nach dem See und die Uebrigen in verſchiedenen Richtungen. Die an ſich ſchon entſcheidende Niederlage des rechten Fluͤgels wurde vollends verderblich, als Auchen⸗ breck ſiel, waͤhrend er die Ordnung wieder her⸗ zuſtellen ſich bemuͤhte. A Der Ritter von Ardenvohr ſuchte mit zwei bis dreihundert Tapfern von edler Herkunft hel⸗ denmuͤthig den unordentlichen Ruͤckzug ſeines — 237 Heerhaufens zu decken. Ihre Entſchloſſenheit wurde ihnen nur verderblich, da ſie immer wie⸗ der von friſchen Gegnern angegriffen und ſich zu trennen gezwungen wurden, bis endlich nichts an⸗ ders mehr ihr Zweck zu ſein ſchien, als durch die ſtandhafteſte Gegenwehr einen ehrenplhen Tod zu erwerben. Gutes Quartier, Herr Ritter! rief Dalget⸗ th, als er ſah, daß ſein ehemahliger Wirth ſich mit einigen Andern gegen mehre Hochlaͤnder ver⸗ theidigte, und um ſeinem Anerbieten Gewicht zu geben, ritt er mit geſchwungenem Schwerte auf ihn zu. Duncan's Antwort war das Abfeuern eines aufgeſparten Piſtols, das aber nicht den Reiter, ſondern ſein wackeres Roß raf, welches, durch das Herz geſchoſſen, todt unter ihm nie⸗ derſtuͤrzte. Ranald Mac Eagh, einer der Geg⸗ ner, die dem Ritter hart zugeſetzt hatten, benutz⸗ te die Gelegenheit, ihn mit ſeinem Schwerte nie⸗ derzuhauen, waͤhrend Duncan beim Abfeuern des Piſtols ſich von ihm abwendete. Allan Mac Aulap kam in dieſem Augen⸗ bllicke herbet. Es waren, mit Ausnahme Na⸗ 238— nalds, Anhaͤnger ſeines Bruders, die auf dieſem Theile des Schlachtfeldes kaͤmpften.„Elende! rief er, wer von Euch hat ſich unterſtanden, dieß zu thun? Habe ich nicht ausdruͤcklich befohlen, den Ritter von Ardenvohr nur lebendig zu fan⸗ gen?“ A n Ein halbes Dutzend geſchaͤftiger Haͤnde, eif⸗ rig bemüht, den gefallenen Ritter zu pluͤndern, deſſen Waffen und Anzug von einer, ſeinem Ran⸗ ge angemeſſenen Pracht waren, ließen alsbald . davon ab, und mehre Stimmen rechtfertigten ſich, indem ſie dem Manne von Skye*⁴), wie ſie Ranald nannten, die Schuld zuſchrieben. Hund! rief Allan, in ſeiner Wuth die Bru⸗ derſchaft in der Sehergabe vergeſſend: folge der Jagd, und thue ihm kein Leid mehr an, wenn Du nicht von meiner Hand ſterben willſt. Beide waren in dieſem Augenblicke beinahe allein. Allan's Drohungen hatten ſeine Stamm⸗ genoſſen weggeſcheucht, und Alle drangen vor⸗ waͤrts nach dem See, verbreiteten Laͤrm, Schre⸗ ») Sine Inſel weſtlich von Schottläand.. 2. cken und Verwirrung vor ſich her und ließen nur die Todten und die Sterbenden hinter ſich. Der Augenblick ſchien fuͤr Ranald's Rachgier guͤnſtig zu ſein.„Daß ich von eurer Hand ſterben ſoll⸗ te, ſo roth ſie iſt von dem Blute meiner Ver⸗ wandten, ſprach er, Allan's Drohung mit glei⸗ chem Tone erwidernd: iſt nicht wahrſcheinlicher, als daß Ihr von der Meinigen fallen ſolltet.“ Mitt dieſen Worten fuͤhrte er einen ſo unerwar⸗ teten Streich, daß Allan kaum Zeit hatte, den Hieb mit ſeinem Schilde aufzufangen. Elender! ſprach Mac Aulay erſtaunt, was bedeutet das? Ich bin Ranald, der Sohn des Nebels, erwiderte der Hochlaͤnder, einen neuen Hieb fuͤh⸗ rend, und nun folgte ein wuͤthender Kampf. Es ſchien vom Schickſale beſchloſſen zu ſein, daß in Allan Mac Aulay der Naͤcher der Unbilde ſei⸗ ner Mutter gegen den wilden Stamm aufgeſtan⸗ den war, wie der Ausgang dieſes Kampfes ſo⸗ wohl als der fruͤhern bewies. Nach wenigen ge⸗ wechſelten Hieben, empfing Ranald Mac Eagh eine tiefe Kopfwunde, die ihn niederwarf, und 240 Allan, der ſeinen Fuß auf ihn ſetzte, war im Begriff, ihn zu durchbohren, als die Spitze ſei⸗ nes Schwertes durch einen Dritten, der ploͤtzlich hinzukam, emporgeworfen wurde. Es war Nie⸗ mand als Dalgetty, der von ſeinem Falle be⸗ taͤubt, und von der Laſt ſeines todten Pferdes gedruͤckt, endlich wieder auf ſeine Beine und zur Beſinnung gekommen war.„Herauf mit eurem Schwerte, ſprach er zu Allan, und fuͤgt dieſem Manne kein Leid mehr zu, dieweil er hier unter einem ſichern Geleit iſt, und in Seiner Exzel⸗ lenz Dienſte ſteht, und in Betracht, daß es kei⸗ nem achtbaren Kavalier nach dem Kriegsgeſetze erlaubt iſt, ſelbſt erlittene Kraͤnkungen zu raͤchen flagrante bello, multo majus flagrante praelio- Thor! ſprach Allan, bleibe bei Seite und wage es nicht, zwiſchen den Tiger und ſeinen Raub zu kommen. 4 Dalgetty war weit entfernt, ſeinen Vorſatz aufzugeben, und uͤber den gefallenen Ranald ſchreitend, ſagte er, Allan koͤnnte, wenn er ſich einen Tiger nennte, nun leicht einen Löwen in ſeinem Wege finden. Es bedurſte nicht mehr als — 241 der Gebehrde und des Tones der Herausfode⸗ rung, um die ganze Wuth des kriegeriſchen Se⸗ hers gegen den Mann zu reizen, der es wagte, in der Befriedigung der Nache ihn zu ſtoͤren, und es kam ohne weitere Umſtaͤnde zu Schwert⸗ hieben. 1 hatn. Der Kampf zwiſchen Allan und Ranald war von den herumſtreifenden Soldaten nicht beachtet worden, da der Sohn des Nebels Montroſe's Anhaͤngern wenig bekannt war; das Gefecht aber zwiſchen Dalgetty und Mac Aulay, die Jeder⸗ mann kannte, wurde alsbald bemerkt, und zum Gluͤcke von Montroſe ſelbſt, der eben herbet kam, um ſeine kleine Reiterſchaar zu ſammeln, und dem fliehenden Feinde nach dem Loch⸗Eil zu folgen. Er fuͤhlte, wie verderblich Zwietracht in ſeinem kleinen Heere werden muͤßte, und als er, zu dem Kampfplatze ſprengend, Nanald auf der Erde liegen und Dalgetty in der Stellung ſah, ihn gegen Mac Aulay zu beſchuͤtzen, errieth er mit ſchnellem Blicke die Urſache des Zwiter, und erſann eben ſo ſchnell das Mittel, ihm Ein⸗ halt zu thun.„Schaͤmt Euch, ihr Herren, ſprach Zweiter Theit. 16 242 er, auf einem ſo glorreichen Schlachtfelde zu ha⸗ dern! Seid ihr wahnſinnig? Oder ſeid ihr be⸗ rauſcht von dem Ruhme, den ihr beide an die⸗ ſem Tage gewonnen habt?“ Eure Exzellenz kann mir die Schuld nicht zuſchreiben, ſprach Dalgetty. Ich bin ein bonus socius, ein bon camarado in allen europaͤiſchen Dienſten geweſen; aber wer einen Mann an⸗ ruͤhrt, der unter meinem ſichern Geleite iſt— und wer es wagt, ſprach Allan zu gleicher Zeit, meiner gerechten Rache in den Weg zu treten— 1 Schaͤmt Euch, ihr Herren! wiederhohlte Montroſe. Ich habe andre Geſchaͤfte fuͤr Euch beide, Geſchaͤfte wichtigerer Art, als Privatzwi⸗ ſte, fuͤr deren Schlichtung ihr leicht eine ſchickli⸗ chere Zeit finden werdet. Ihr, Major Dalgetty, kniet nieder! Knien? ſprach Dalgetty. Ich habe nicht ge⸗ lernt, dem Commandoworte zu gehorchen, au⸗ ßer wenn's von der Kanzel kommt. Nach dem ſchwediſchen Kriegsbrauche kniet zwar das erſte 243 Glied, aber nur wenn das Regiment ſechs Glie⸗ der tief ſteht. Kniet dennoch nieder, wiederhohlte Montro⸗ ſe, ich ſage es Euch im Nahmen des Königs Karl, als ſein Stellvertreter. Als Dalgetty ungern gehorchte, gab Mon⸗ troſe ihm einen leichten Schlag mit der flachen Schwertklinge auf den Nacken, und ſprach: „Zum Lohne fuͤr tapfte Dienſte am heutigen Tage, im Nahmen und in Vollmacht unſeres Herrn, des Koͤnigs Karl, ſchlage ich Dich zum Ritter. Sei tapfer, treu und gluͤcklich!— Und nun, Ritter Dugald Dalgetty, eure Pflicht gethan! Sammelt ſo viele Reiter als Ihr koͤnnt, und ver⸗ folgt die Feinde, die am Ufer des Sees hinab fliehen. Laßt eure Leute ſich nicht zerſtreuen, und wagt Euch nicht zu weit, ſondern hindert nur, daß ſich die Feinde nicht wieder ſammeln, was Ihr leicht ausrichten werdet. Wohlan, Ritter Dugald, ſteigt auf und thut eure Pflicht.“ Aber worauf ſoll ich ſteigen? erwiderte der neue Ritter. Der arme Guſtav ſchlaͤft auf dem Bette der Ehre, wie ſein unſterblicher Nahmen⸗ 16 244 verwandter, und ich bin zu einem Ritter ge⸗ macht, in dem Augenblicke, wo ich kein Pferd habe, einen Ritt zu machen. Das ſoll man nicht ſagen, antwortete Mon⸗ troſe, abſteigend. Ich ſchenke Euch das Meini⸗ ge, das man fuͤr ein Gutes gehalten hat. Aber ich bitte Euch, geht wieder an die Pflicht, die Ihr ſo gut erfuͤllt. Mit vielen Dankaͤußerungen beſtieg der Rit⸗ ter das Pferd, das ihm ſo freigebig geſchenkt wurde, und als er den Marquis gebeten hatte, nicht zu vergeſſen, daß Mac Eagh unter ſeinem ſichern Geleite waͤre, fing er ſogleich an, die ihm ertheilten Befehle ſehr eifrig und munter zu voll⸗ ziehen. Montroſe wendete ſich darauf zu dem Hoch⸗ laͤnder, welcher, ſein Schwert auf die Erde ſtem⸗ mend, den Ritterſchlag ſeines Gegners mit dem Hohnlaͤcheln muͤrriſcher Verachtung angeſehen hat⸗ te.„Und Ihr, Allan Mac Aulay, ſprach er, der Ihr Euch uͤber die gewoͤhnlichen Menſchen erhebt, die ſich durch ſolche armſelige Beweg⸗ gruͤnde, als Pluͤnderung, Sold und perſoͤnliche 245 Auszeichnung, leiten laſſen, Ihr, den tiefe Kenntniſſe zu einem ſo ſchaͤtzbaren Rathgeber machen— Ihr kaͤmpft mit einem Mann wie Dalgetty um das Recht, einem ſo veraͤchtlichen Feinde, als hier liegt, den letzten Lebensreſt aus⸗ zutreten? Kommt, mein Freund, ich habe andre Arbeit fuͤr Euch. Wenn wir den Sieg geſchickt benutzen, werden wir Seaforth fuͤr unſre Partei gewinnen. Nicht aus Treuloſigkeit, ſondern weil er an der guten Sache verzweifelte, hat er ſich verleiten laſſen, die Waffen gegen uns zu ergrei⸗ fen. In dieſem Augenblicke einer guͤnſtigern Vorbedeutung kann er wohl bewogen werden, ſich mit unſern Waffen zu vereinigen. Ich ſchicke meinen tapfern Freund, den Oberſten Hay, vom Schlachtfelde zu ihm, aber es muß ein Hochlaͤn⸗ der mitgehen, der mit Seaforth von gleichem Range iſt, und Geiſt und Einfluß genug hat, Eindruck auf ihn zu machen. Ihr ſeid nicht nur in jeder Hinſicht der Tauglichſte zu dieſem wich⸗ tigen Auftrage, ſondern ich kann Euch auch, da Ihr keine Heerabtheilung befehligt, leichter ent⸗ behren, als einen Haͤuptling, deſſen Gefolge im „ 246— Felde iſt. Ihr kennt jeden Paß und jedes Thal im Hochlande, wie die Sitten und Gebraͤuche je⸗ des Stammes. Geht zu Hay auf dem rechten Fluͤgel. Er hat ſeine Weiſungen und erwartet Euch. Ihr findet ihn bei Glenmorriſon's Leu⸗ ten. Seid ſein Fuͤhrer, ſein Dollmetſch und ſein Gehilfe.“ Allan Mac Aulay heſtete einen finſtern und durchdringenden Blick auf den Marquis, als haͤtte er ausforſchen wollen, ob dieſem ſo ploͤtz⸗ lich ertheilten Auftrage nicht eine geheime und unausgeſprochene Abſicht zum Grunde laͤge. Mon⸗ troſe aber, der ſich darauf verſtand, die Beweg⸗ gruͤnde Anderer zu erforſchen, war eben ſo ge⸗ ſchickt, ſeine eigenen zu verbergen. Er hielt es fuͤr hoͤchſt wichtig, in dieſem Augenblicke der Be⸗ geiſterung und aufgeregten Leidenſchaft, Allan Mac Aulay auf einige Tage aus dem Lager zu entfernen, um mittlerweile fuͤr die Sicherheit ſeiner Wegweiſer ſorgen zu koͤnnen, wie es ſeine Ehre foderte. Der Streit zwiſchen dem Seher und Dalgetty ſchien ſich leicht ausgleichen zu laſ⸗ ſen. Allan empfahl ihm beim Abſchiede, fuͤr 247 den Ritter von Ardenvohr Sorge zu tragen, den Montroſe ſogleich in Sicherheit bringen ließ. Mit gleicher Vorſicht ſorgte er fuͤr Ranald, den er aber einigen Irlaͤndern uͤbergab, mit dem Be⸗ fehle, darauf zu ſehen, daß kein Hochlaͤnder von irgend einem Stamme ſich ihm nahte. Der Marquis beſtieg darauf ein Handpferd, das ihm ein Diener vorfuͤhrte, und entfernte ſich, um den Schauplatz ſeines Sieges zu uͤber⸗ ſehen, der entſcheidender war, als ſeine kuͤhnſten Hoffnungen geahnet hatten. Von Argyle's ta⸗ pferm Heere von dreitauſend Mann war die Haͤlf⸗ te in der Schlacht, oder auf der Flucht umge⸗ kommen. Die geſchlagenen Feinde waren meiſt in jenen Theil der Thalebene gedraͤngt worden, wo der Fluß einen Winkel mit dem See bildet, und wo ſich weder zum Ruͤckzug noch zur Flucht ein Ausweg oͤffnete. Mehre hundert wurden in den See gejagt und ertranken. Von den Ueber⸗ lebenden entkam ungefaͤhr die Haͤlfte, die uͤber den Fluß ſchwamm, oder ſich fruͤh durch Flucht laͤngs dem linken Ufer des Sees rettete. Die Uebrigen warfen ſich in das alte Schloß Inver⸗ 248— lochy, mußten ſich aber, da ſie weder Lebensmit⸗ tel, noch Hoffnung auf Entſatz hatten, unter der Bedingung friedlicher Ruͤckkehr in ihre Heimath bald ergeben. Waffen, Kriegsvorraͤthe, Fahnen und Gepaͤcke, alles ward eine Beute des Siegers. Dieß war die groͤßte Niederlage, die der Stamm Diarmid, wie man den Clan Campbell im Hochlande nannte, je erlitt, da man ihm ſonſt das allgemeine Zeugniß gab, daß er eben ſo gluͤcklich in dem Ausgange ſeiner Unterneh⸗ mungen, als klug im Entwurfe und tapfer in der Ausfuͤhrung waͤre. Unter den Gefallenen waren gegen fuͤnfhundert Duniewaſſel, oder Maͤnner, die von bekannten und achtbaren Ge⸗ ſchlechtern abſtammten. Nach der Meinung vie⸗ ler Stammgenoſſen aber wurde dieſer harte Ver⸗ luſt noch von der Schande uͤberwogen, die aus dem unruͤhmlichen Betragen ihres Stammhaup⸗ tes entſtand, deſſen Galeere, als die Schlacht ver⸗ loren war, die Anker lichtete, und ſo ſchnell, als Segel und Ruder ſie treiben konnten, den See hinabfuhr. XI. Fernher kam der Laͤrm des Kampfes Matt mit dumpfem Windeston; Tod und Wunden blieben hinten, Waͤhrend Krieg und Schrecken floh'n. Penroſe. Meontroſe hatte den glaͤnzenden Sieg uͤber ſei⸗ nen maͤchtigen Nebenbuhler nicht ohne Verluſt erkauft, der aber nicht den zehnten Theil des feindlichen betrug. Die hartnaͤckige Tapferkeit des Stammes Campbell hatte manchem wackern Feinde das Leben gekoſtet, aber noch groͤßer war die Zahl der Verwundeten, worunter beſonders der tapfre Graf von Menteith zu erwaͤhnen iſ, der das Mitteltreffen befehligt hatte. Er war jedoch nur leicht verletzt, und ſein Anblick kei⸗ neswegs erſchreckend, ſondern eher gefaͤllig, als 250 er ſeinem Feldherrn Argyle's Fahne uͤberreichte, die er dem Fahnentraͤger, den er im Kampfe er⸗ legte, mit eigener Hand abgenommen. Montro⸗ ſe liebte innig ſeinen edlen Vetter, der ſich durch jenen großherzigen, romantiſchen und uneigennuͤ⸗ tzigen Ritterſinn der alten Heldenzeit auszeichne⸗ te, ganz entſchieden von dem lohnſuͤchtigen, be⸗ rechneten und ſelbſtiſchen Charakter, den die Sitte, Soldkrieger zu unterhalten, in den mei⸗ ſten Laͤndern Europa's eingefuͤhrt hatte, eine Ausartung, wovon Schottland, das beinahe je⸗ dem Lande Soldaten lieferte, in hohem Grade angeſteckt war. Montroſe, dem urſpruͤnglich derſelbe Geiſt inwohnte, obgleich Erfahrung ihn belehrt hatte, wie die Beweggruͤnde Anderer ſich benutzen laſſen, belohnte Menteith weder durch Lobſpruͤche, noch Verſprechungen, ſondern ſchloß ihn an ſeine Bruſt mit dem Ausruſe:„Mein tapferer Vetter!“ Dieſer Erguß eines, dem Her⸗ zen entſpringenden Beifalles erweckte in Menteith ein waͤrmeres Wonnegefuͤhl, als wenn ſein Lob in einem, an den Koͤnig geſandten Siegesberich⸗ te waͤre ausgeſprochen worden. —; 51 Es ſcheint jett nichts mehr uͤbrig zu ſein worin ich Beiſtand leiſten koͤnnte, ſprach er, darum erlaubt mir, Herr Marquis, eine Pflicht der Menſchlichkeit zu erfuͤllen. Der Ritter von Ardenvohr iſt unſer Gefangener, wie ich hoͤre, und ſchwer verwunder. Und er hat es verdient, ſprach Ritter Dal⸗ getty, der in dieſem Augenblicke zu ihnen kam, und ſich eine wichtigere Miene als je gab. Schoß er doch mein gutes Pferd in dem Augenblicke todt, als ich ihm ehrenvolles Quartier anbot, und ich muß ſagen, das paßt eher fuͤr einen unwiſ⸗ ſenden hochlaͤndiſchen Raͤuber, der nicht Verſtand genug hat, ſein altes Neſt von Schloß durch ei⸗ ne Schanze zu vertheidigen, als fuͤr einen wackern Soldaten von guter Herkunft. Wir muͤſſen Euch alſo unſer Beileid uͤber den Verluſt des beruͤhmten Guſtavs bezeigen? ſprach Menteith. 2. So iſt es, Herr Graf, antwortete der Kriegsmann mit einem tiefen Seufzer: diem clausit supremum, wie wir im Mareſchal⸗Col⸗ legium zu Aberdeen ſagten. Beſſer ſo, als wie 9„ 52— ein Hauſtrer⸗Klepper in einem Sumpfe oder ei⸗ ner Windwehe umzukommen, was wohl ſein Schickſal haͤtte ſein koͤnnen, wenn dieſer Winter feldzug laͤnger dauerte. Aber es hat Seiner Ex⸗ zellenz gefallen,— ſetzte er hinzu, ſich gegen Montroſe verbeugend— ihn durch das Geſchenk eines edlen Roſſes zu erſetzen, und ich bin ſo frei geweſen, es Treulohn zu nennen, zum Gedaͤchtniſſe dieſer denkwuͤrdigen Gelegenheit. Ich hoffe, ſprach Montroſe, Ihr werdet Treulohn, wie Ihr ihn genannt habt, zum Feld⸗ dienſte wohl abgerichtet finden; aber ich muß Euch den Wink geben, daß zu dieſen Zeiten in Schottland Treue haͤufiger mit einem Stricke als mit einem Pferde belohnt wird. 9! es beliebt Eurer Exzellenz, zu ſpaßen. Treulohn iſt ſo vollkommen abgerichtet, als Gu⸗ ſtav und weit ſchoͤner gebaut. Aber freilich, ſei⸗ ne geſelligen Eigenſchaften ſind weniger ausgebil⸗ det, ſintemahl er zeither in geringer Geſellſchaft geweſen iſt. Ihr meint doch hoffentlich nicht Seine Ex⸗ 253 zellenz, den Herrn General, ſprach Menteith. Das waͤre ſchmaͤhlich, Herr Ritter. Herr Graf, erwiderte Dalgetty ernſthaſt, ich bin nicht faͤhig, etwas ſo ganz Unſchickliches zu meinen. Ich will nur behaupten, daß Seine Exzellenz der Herr Marquis mit ſeinem Pferde eben ſo umgeht beim Exerciren, als mit ſeinen Soldaten bei den Uebungen, und beide zu allen Kriegsthaten abrichten kann, die er vornehmen will, und daß daher dieſes edle Schlachtroß vor⸗ trefflich abgerichtet iſt. Aber es iſt der Verkehr im Privatleben, was den geſelligen Charakter bildet, und darum glaube ich nicht, daß der ge⸗ meine Soldat durch den Umgang mit dem Kor⸗ poral, oder dem Feldwebel ſich ſonderlich bilden koͤnnte, oder daß Treulohn durch den Umgang mit den Stallknechten Seiner Erzellenz viel ſauf⸗ ter und beſſer geworden waͤre; denn die begegnen den Thieren, die ihnen uͤbergeben ſind, mehr mit Fluͤchen, Stoͤßen und Puͤffen, als mit Freund⸗ lichkeit und Liebkoſungen, und daher kommt es denn, daß manches edle Thier gleichſam men⸗ ſchenfeindlich wird, und ſein Lebelang mehr Luſt 254.— zeigt, ſeinen Herrn zu ſchlagen und zu beißen, als ihn zu lieben und zu ehren. Wie ein Orakel geſprochen, hob Montroſe wieder an. Waͤre mit dem Mareſchal⸗Collegium zu Aberdeen eine Akademie zur Erziehung der Pferde vereinigt; ſo ſollte Niemand als Ritter Dugald Dalgetty den Lehrſtuhl einnehmen. Weil er ein Eſel iſt, ſprach Menteith leiſe zu Montroſe, wuͤrde eine entfernte Verwandt⸗ ſchaft zwiſchen dem Lehrer und den Schuͤlern ſein. Mit Eurer Erzellenz Erlaubniß, ſprach der neu gemachte Ritter, gehe ich nun, um den Ueberbleibſeln meines alten Kriegsgefaͤhrten den letzten Beſuch zu machen. Doch nicht, um ihn feierlich zu beerdigen? antwortete Montroſe, der nicht wußte, wie weit ſich Dalgetty von ſeiner Begeiſterung koͤnnte hin⸗ reißen laſſen. Bedenkt, daß unſre tapfern Kame⸗ raden ſelbſt nur ein eiliges Begraͤbniß erhalten werden. 2 n Um Verzeihung, Erzellenz, ſprach Dalget⸗ ty, mein Vorhaben iſt nicht ſo romantiſch. Ich will die Hinterlaſſenſchaft des armen Guſtavs — —— 2 5 6 1 mit den Voͤgeln des Himmels theilen; ſie ſollen das Fleiſch haben, und ich will ſeine Haut be⸗ halten, woraus ich mir, zum Zeichen eines zaͤrt⸗ lichen Andenkens, ein Wamms und Beinkleider will machen laſſen, wie's bei den Tataren Ge⸗ brauch iſt, um ſie unter meiner Ruͤſtung zu tra⸗ gen, da meine Unterkleider jetzt ſchmaͤhlich abge⸗ tragen ſind. Ach armer Guſtav, warum konn⸗ teſt Du wenigſtens nicht noch eine Stunde leben, um die ehrenvolle Laſt der Ritterſchaft auf deinem Nuͤcken zu tragen! Er wendete ſich eben um, als der Marquis ihm nachrief:„Es wird Euch in dieſem Bewei⸗ ſe eures Wohlwollens gegen euren alten Freund und Gefaͤhrten ſchwerlich jemand zuvorkommen, und ich hoffe, Ihr werdet vorher mir und unſern geachtetſten Freunden beiſtehen wollen, Argyle's gute Speiſen zu unterſuchen, die wir im Schloſ⸗ ſe im Ueberfluſſe gefunden haben.“ 4 Sehr gern, Eurer Exellenz zu dienen, ſprach Ritter Dalgetty, denn Mahlzeit und Meſſe hin⸗ dern nie die Arbeit, wie das Sprichwort ſagt. Ich fuͤrchte auch nicht, daß Woͤlfe oder Adler 256— dieſen Abend ſchon uͤber den Guſtav herfallen, ſintemahl ſo viel beſſeres Futter umherliegt. Aber — fuhr er fort— da ich nun mit zwei achtba⸗ ren engliſchen Rittern, und andern Herren glei⸗ ches Ranges in Eurer Exzellenz Armada zuſam⸗ menkommen ſoll, ſo muß ich bitten, ihnen zu erklaͤren, daß ich jetzt und kuͤnftig den Vorrang vor ihnen allen behaupten werde, in Betracht ich den Ritterſchlag auf dem Schlachtfelde erhalten habe. 1 e Hohl' ihn der Henker! ſprach der Marquis fuͤr ſich. Er will das Feuer im Ofen wieder an⸗ brennen, ſo ſchnell als ich es ausgeloͤſcht habe. — Ritter Dugald, ſprach er ernſt zu ihm, das werde ich Seiner Majeſtaͤt eigener Erwaͤgung üͤberlaſſen. In meinem Lager muß Gleichheit herrſchen, wie unter den Rittern der Tafelrunde⸗ und jeder ſeinen Platz nehmen, wie s fuͤr Sol⸗ daten paßt, nach dem Grundſatze, wer zuerſt kommt, wird zuerſt bedient. Dann werde ich Sorge tragen, ſprach Menteith leiſe zu Montroſe, daß Don Dugald heute nicht zuerſt ſeinen Platz einnimmt.— „— 257 Herr Ritter, ſprach er laut, da Ihr ſagt, daß eure Kleider in ſchlechtem Zuſtande ſind, ſo thäͤ⸗ tet Ihr vielleicht beſſer, wenn Ihr zum ſeindli⸗ chen Gepaͤcke ginget, wozu wir eine Schildwache geſtellt haben. Ich habe ein herrliches Wamms von Buͤffelleder darunter geſehen„ vorne mit Seide und Silber geſtickt. Voto a Dios! wie der Spanier ſagt, rief der Major. Und vielleicht nimmt's ein bettel⸗ hafter Page, waͤhrend ich hier ſtehe und ſchwaße Bei der Hoffnung auf Beute, dachte er nicht mehr an Guſtav und Proviant, ſpornte ſeinen Treulohn und ritt uͤber das Schlachtfeld. Da geht der Hund, ſprach Menteith, und ſetzt uͤber den Leichnam manches beſſern Mannes weg, als er ſelber iſt, ſo gierig auf ſeine ſchmu⸗ bige Beute, als ein Geier, der auf das Aas herabſchießt. Und dieſen Menſchen nennt die Welt einen Soldaten, und Ihr, Herr Mar⸗ quis, achtet ihn der Ehre der Ritterwuͤrde werth, Ihr habt den Schmuck der Ritterwuͤrde zur Zierde eines Schweißhundes gemacht. Zweiter Theit., 258 Wie kann ich anders? erwiderte Montroſe. Ich hatte keine Knochen fuͤr ihn, und allein kann ich nicht jagen. Ueberdieß hat der Hund gute Eigenſchaften. Hat die Natur ſie ihm gegeben, ſprach Menteith, ſo hat Gewohnheit ſie in heſtige Selbſucht umgewandelt. Er mag auf ſeinen Ruf etwas halten und in der Erfuͤllung ſeiner Pflicht ſich tapfer zeigen, aber nur darum, weil er ohne dieſe Eigenſchaften ſich im Kriegsdienſte nicht emporſchwingen kann. Ja, ſelbſt ſein Wohlwollen iſt eigennuͤtzig. Er wird ſeinen Waf⸗ fenbruder vielleicht vertheidigen, ſo lange er ihn auf den Beinen ſieht, aber ſobald er ihn zu Boden geſtreckt findet, wird Ritter Dugald eben ſo eilig ſein, ihm ſeinen Beutel zu nehmen, als er jetzt begierig iſt, die Haut ſeines Guſtavs in ein Koller zu verwandeln. 8 Aber wenn all dieß auch wahr waͤre, Vet⸗ ter, antwortete Montroſe, es iſt doch bequem, über einen Soldaten zu gebieten, bei welchem man auf Beweggruͤnde und Antriebe zu Hand⸗ — 259 lungen mit mathematiſcher Gewißheit rechnen kann. Ein edler Geiſt, wie der Eurige, Vetter, wird durch tauſend Gefuͤhle aufgeregt, wofuͤr die⸗ ſes Mannes Seele ſo unzugaͤnglich iſt, als ſein Panzer, und dieſe muß dein Freund beachten, wenn er ſeinen Rath gibt. Er aͤnderte darauf ploͤtzlich ſeinen Ton, und fragte, wann Menteith Aennchen Lyle geſehen haͤtte. Der junge Graf erröthete gluͤhend, und antwortete:„Seit geſtern Abend nicht; außer — ſetzte er zoͤgernd hinzu— auf einen Augen⸗ blick, etwa eine halbe Stunde vor dem Snhans der Schlacht.“ Lieber Menteith, ſprach Montroſe ſehr lieb⸗ reich, wenn Ihr zu den muntern Hofkavalieren gehoͤrtet, die in ihrer Art eben ſo arg ſelbſuͤch⸗ tig ſind, als unſer Freund Dalgetty, warum ſollte ich Euch dann damit quaͤlen, nach einer ſolchen Liebelei mich zu erkundigen! Es waͤre ei⸗ ne Geſchichte, woruͤber man nur lachen koͤnnte. Aber wir t ſind hier im Lande der Bezauberung, 17* 260— wo aus Fkauenlocken eiſenſtarke Netze geflochten werden, und Ihr ſeid gerade der Ritter, der damit zu ſeſſeln iſt. Dieſes arme Maͤdchen iſt ſo ungemein ſchoͤn, und ihre Geiſtesgaben ſind von der Art, eure romantiſche Stimmung zu rei⸗ zen. Ihr koͤnnt nicht daran denken, ſie zu be⸗ ſchimpfen, Ihr koͤnnt nicht daran denken, ſie zu heirathen. Herr Marquis, erwiderte Menteith, Ihr habt dieſen Scherz— denn nur ein Scherz ſoll es ſein, hoffe ich— ſchon mehrmahl ein wenig uͤbertrieben. Aennchen Lyle iſt von unbe⸗ kannter Herkunft— eine Gefangene— wahr⸗ ſcheinlich die Tochter irgend eines unbekannten Geaͤchteten, und lebt von Mac Aulays Gaſt⸗ freiheit. Erzuͤrnt Euch nicht, Menteit, fiel Montro⸗ ſe ein. Ihr liebt die Klaſſiker, obgleich Ihr nicht im Mareſchal Collegium eure Bildung er⸗ halten habt, und Ihr werdet Euch erinnern, wie manches tapfre Herz von einer gefangenen Schoͤnheit Hehupae wurde: 261 Movit Ajacem Jelamone natum, Forma captivae dominum Tecmessae— Nit einem Worte, die Sache liegt mir ſehr am Herzen. Ich wuͤrde vielleicht nicht Zeit haben, fuhr er ſehr ernſthaft fort, Euch mit meinen Straſpredigten uͤber dieſen Gegenſtand zu belaͤſti⸗ gen, wenn eure und Aennchens Gefuͤhle hier al⸗ lein betroffen waͤren; aber Ihr habt einen ge⸗ faͤhrlichen Nebenbuhler in Allan Mac Aulay, und es iſt nicht abzuſehen, wie weit ihn ſeine Empfindlichkeit fuͤhren koͤnnte. Meine Pflicht gebietet mir, Euch zu ſagen, daß des Koͤnigs Dienſt durch Streitigkeiten zwiſchen Euch beiden ſehr leiden wuͤrde. 3 4 Herr Marquis, erwiderte Menteith, ich weiß, daß eure Abſicht wohlwollend und freund⸗ lich iſt, und ich hoffe, Ihr werdet zufrieden ſein, wenn ich Euch verſichere, daß ich mit Al⸗ lan Mae Aulay dieſe Sache beſprochen, und ihm erklaͤrt habe, es ſei mit meinem Charakter durch⸗ aus unvertraͤglich, unwuͤrdige Abſichten gegen dieſes unbeſchuͤtzte Maͤdchen zu hegen. Ihre dunk⸗ le Herkunft aber hindert mich, auf andre Weiſe 262 an ſie zu denken. Ich will Euch nicht verheh⸗ len, was ich Allan nicht verſchwiegen habe, wenn naͤhmlich Aennchen Lyle von edler Herkunft waͤ⸗ re, ſo ſollte ſie meinen Nahmen und Stand theilen, was aber bei dieſer Lage der Dinge un⸗ moͤglich iſt. Ich hoffe, Herr Marquis, Ihr werdet mit dieſer Erlaͤuterung zufrieden ſein, da ſie einen weniger verſtaͤndigen Mann befrie⸗ digt hat. Montroſe zuckte die Achſeln.„Und wie echte Romanritter, ſprach er, ſeid Ihr einig ge⸗ worden, daß Ihr beide dieſelbe Gebieterinn ver⸗ ehren wollet, wie Goͤtzendiener daſſelbe Bild, und daß doch keiner ſeine Miſpuuche weiter aus⸗ dehnen ſoll?“ So weit bin ich nicht gegangen, erwiderte Menteith. Ich habe nur geſagt, daß ich unter den gegenwaͤrtigen Umſtaͤnden, die ſich allem An⸗ ſcheine nach nicht aͤndern werden, aus Achtung 4 gegen mich und meine Angehoͤrigen zu Aennchen Lyle nur in dem Verhaͤltniſſe eines Freundes oder Bruders ſtehen koͤnnte. Aber Ihr muͤßt 2 mich entſchuldigen, Herr Marquis, fuhr er fort, auf ſeinen Arm blickend, um welchen er ein Tuch gebunden hatte: ich habe eine leichte Wun⸗ de, die einige Pflege fodert. 1 Eine Wunde? ſprach Montroſe bekuͤmmert. Laßt mich ſehen. Ach! fuhr er fort, ich wuͤrde wohl nichts von dieſer Wunde erfahren haben, heätte ich nicht gewagt, eine andere heimlichere und gefaͤhrlicher entzuͤndete zu unterſuchen. Ich bedaure Euch, Menteith. Auch ich habe erfah⸗ ren— Doch wozu einen Kummer wieder er⸗ wecken, der lange entſchlummert iſt! Mit dieſen Worten reichte er ſeinem edlen BVetter die Hand und ging ins Schloß. Aaennchen Lyle beſaß, wie es unter den Hochlaͤnderinnen nicht ungewoͤhnlich war, einige aͤrztliche und ſelbſt wundaͤrztliche Kenntniſſe. Es laͤßt ſich leicht denken, daß es etwas Unbekann⸗ tes war, Wundarzneikunſt und Heilkunde als be⸗ ſondere Gewerbe zu treiben, und daß die weni⸗ geen einfachen Regeln, die man beobachtete, von Wieibern oder Greiſen ausgeuͤbt wurden, welchen ſtete Ungluͤcksfaͤlle nur zu viele Gelegenheiten ga⸗ ben, Erfahrung zu erwerben. Aennchen, ihre 264 Dienerinnen, und andere Weiber, die unter ih⸗ rer Leitung ſtanden, hatten ſich durch die Sorge falt und Wartung, welche ſie den Kranken wid⸗ meten, waͤhrend dieſes ſonderbaren Feldzuges ſehr nuͤtzlich erwieſen, und gern Freunden und Feinden Dienſte geleiſtet, wo ſie nur immer wohlthaͤtig wirken konnten. Sie war nun in einem Zimmer des Schloſſes, wo ſie uͤber die Zubereitung von Heilkraͤutern fuͤr die Verwunde⸗ ten ſorgfaͤltige Aufſicht fuͤhrte, die Berichte meh⸗ rer Weiber uͤber die, ihrer beſondern Pflege an⸗ vertrauten Kranken anhoͤrte, und austheilte, was ſie zur Erleichterung derſelben beſaß. Allan Mac Aulay trat plötzlich herein. Sie fuhr auf, da ihr die Nachricht zugekommen war, daß er das Lager verlaſſen haͤtte, um in der Ferne einen Auftrag auszurichten, und ſo wenig es ſie je uͤberraſchen konnte, einen finſtern Ausdruck in ſeinem Geſichte zu ſehen, ſo ſchien es doch in dieſem Augenblicke einen dunklern Schatten als gewoͤhnlich zu haben. Er ſtand ſtumm vor ihr, und ſie fuͤhlte die Nothwendigkeit, das Schwei⸗ gen zu brechen.„Ich dachte, ſprach ſie, nicht — 265 ohne innere Anſtrengung: Ihr waͤret ſchon abge⸗ reiſet.“ Mein Gefaͤhrte erwartet mich, erwiderte Allan. Ich gehe ſogleich. Er ſtand noch immer vor ihr, und hielt ih⸗ ren Arm, mit einem Drucke, der ihr zwar kei⸗ nen Schmerz verurſachen konnte, aber doch ſeine große Koͤrperſtaͤrke ihr fuͤhlbar machte, da ſeine Hand ſie wie eine Feſſel umſchloß. Soll ich die Harfe hohlen? ſprach ſie mit ſchuͤchternem Tone. Iſt— iſt der Schatten eben auf Euch gefallen? Statt ihr zu antworten, fuͤhrte er ſie an das Fenſter, das eine Ausſicht auf das Schlacht⸗ feld und all ſeine Schreckniſſe gewaͤhrte. Es war mit Leichen und Verwundeten bedeckt, und die Pluͤnderer waren begierig, den Opfern des Krie⸗ ges und des Ehrgeizes die Kleider ſo gleichgiltig abzureißen, als ob ſie nicht zu derſelben Gattung gehoͤrt hätten, und nicht ſelbſt in Gefahr gewe⸗ ſen waͤren, vielleicht am naͤchſten Tage gleiches Schickſal zu erfahren.. Gefaͤllt Euch der Anblick? fragte Mae Aulay. 266 Er iſt graͤßlich! ſprach Aennchen, ihr Ge⸗ ſicht mit den Haͤnden bedeckend. Wie koͤnnt Ihr mir ſagen, daß ich dahin blicken ſolll Ihr muͤßt Euch daran gewöhnen, antworte⸗ te er, wenn Ihr bei dieſem Heere bleiben wollet, das dem Verderben geweiht iſt. Auf einem ſol⸗ chen Felde muͤßt Ihr bald meines Bruders— Menteith's— meinen Leichnam ſuchen— Aber das wird ein gleichgiltigeres Geſchaͤft ſein— Ihr liebt mich nicht. Zum Erſtenmahl werft Ihr mir Unfreund⸗ lichkeit vor, ſprach Aennchen weinend. Ihr ſeid mein Bruder— mein Retter— mein Beſchuͤ⸗ tzer, und wie ſollte ich Euch nicht lieben! Aber cure duͤſtre Stunde kommt. Ich will die Harfe hohlen- Bleibt hier, erwiderte er, ihren Arm noch immer veſt haltend. Moͤgen meine Geſichte aus dem Himmel, oder aus der Hoͤlle ſtammen, oder aus dem mittlen Gebiete entkoͤrperter Geiſter, oder wie die Suͤdlaͤnder ſagen, nur die Verblen⸗ dungen einer erhitzten Fantaſie ſein, ſie haben ſetzt keinen Einfluß auf mich; ich rede die Spra⸗ laͤugnet, ſprach ſie, eure Wuͤrde und Adel, wenn Ihr ein ſo hilfloſes Weſen beleidigt, gen mich zu aͤußern. Ihr wißt, von welchem — 267 che der natuͤrlichen, der ſichtbaren Welt. Ihr liebt mich nicht, Aennchen— Ihr liebt Menteith, wie er Euch, und Allan iſt füͤr Euch nicht mehr als eine der Leichen, die dort die Heide be⸗ decken.*— Niemand wird glauben, daß dieſe ſonderba⸗ re Anrede derjenigen, an welche ſie gerichtet war, etwas Neues geſagt haͤtte. Es gab nie ein weib⸗ liches Weſen, dem nicht unter gleichen Umſtaͤn⸗ den der Gemuͤthzuſtand des Liebenden ſchon lan⸗ ge klar geworden waͤre. Als aber Allan ſo plotzlich den duͤnnen Schleier zerriß, mußte ſie Folgen erwarten, deren wilde Heftigkeit mit der ſchwaͤrmeriſchen Stimmung ſeines Gemuͤthes in Einklang ſtand. Sie war ſichtbar bewegt, als ſie den Vorwurf abzulehnen ſuchte.„Ihr ver⸗ euren das von dem Schickſale ſo ganz in eure Gewalt gegeben wurde. Ihr wißt, wer und was ich bin, und wie wenig es fuͤr Menteith, oder Euch moͤglich iſt, andre Zuneigung als Freundſchaft ge⸗ 268 ungluͤcklichen Geſchlechte ich waheſcheinih ent⸗ ſproſſen bin.“ Ich will's nicht glauben, ſprach Allan hef⸗ tig. Nie floß ein Kiflnohſen aus einer un⸗ reinen Quelle. Aber eben der Zweifel ſollte Euch abhalten, eine ſolche Sprache gegen mich zu fuͤhren, erwi⸗ derte Aennchen. Ich weiß, fuhr Allan fort, dieß zringt eine Scheidewand zwiſchen uns, aber ich weiß auch, daß es Euch nicht ſo unzertrennlich von Menteith ſcheidet. Hoͤret mich, mein geliebtes Aennchen. „Verlaſſet dieſen Schauplatz des Schreckens und der Gefahr. Geht mit mir nach Kintail. Ich will Euch in das Haus der edlen Frau von Seaforth bringen, oder Ihr ſollt ſicher nach Icolmkill ge⸗ bracht werden, wo ſich ſchon einige Frauen dem Dienſte Gottes nach dem Gebrauche unſerer Vaͤ⸗ ter widmen. 8 Ihr bedenkt nicht, was Ihr verlangt, ant⸗ wortete. Aennchen. Wenn ich eine ſolche Reiſe unter eurer alleinigen Obhut unternehmen wollte, wuͤrde ich mich weniger bedenklich zeigen, als — 269 Maͤdchen ſollen. Ich will hier bleiben, Allan, unter dem Schutze des edlen Montroſe, und wenn er ſich wieder dem Niederlande naͤhert, will ich Mittel ſuchen, Euch von derjenigen zu befreien, die jetzt, ſie weiß nicht warum, euer Mißfallen ſich zugezogen hat. Allan blieb ſtehen, als waͤre er ungewiß ge⸗ weſen, ob er ſich der Theilnahme an ihrem Un⸗ gluͤcke, oder dem Zorne uͤber ihre Weigerung uͤberlaſſen ſollte.„Aennchen, ſprach er, Ihr wißt nur zu gut, wie wenig eure Worte zu mei⸗ nen Gefuͤhlen gegen Euch paſſen. Aber Ihr be⸗ dient Euch eurer Gewalt, und freut Euch uͤber meine Abreiſe, die Euch von einem Kundſchafter hei eurem Umgange mit Menteith befreit. Huͤtet Euch beide! ſetzte er mit finſterm Tone hinzu. Wann hoͤrte man je, daß Allan Mac Aulay ei⸗ ne Unbilde waͤre zugefuͤgt worden, wofuͤr er nicht zehnfache Rache genommen haͤtte!“ Mit dieſen Worten druͤckte er heftig ihren Arm, zog die Muͤtze ins Geſicht und ging mit ſchnellen Schritten aus dem Zimmer. .— XII. — Als Ihr gegangen wart, Da ſah' ich klaͤrer in mein Herz, und forſchte, Was ſo es aufgeregt. Ach! Liebe war's. Doch nicht Begier;, denn haͤtt' ich nur gelebt An eurer Seite, waͤr' mein Ziel erreicht. Philaſter. 4 Aennchen Lyle mußte nun in den furchtbaren Abgrund ſchauen, den Allan's deulich ausge⸗ ſprochene Liebe und Eiferſucht um ſie her geoͤff⸗ net hatten. Es war ihr, als ob ſie am Rande des Abgrundes ſtaͤnde und auf einmahl jeder Zu⸗ flucht und aller menſchlichen Hilfe entbehrte. Sie 8 hatte ſchon lange gefuͤhlt, daß ihr Menteith theurer als ein Bruder war. Wie haͤtte es auch anders ſein koͤnnen, bei ihrem traulichen Verkeh⸗ re ſchon in fruͤhern Zeiten, bei ſeinen perſoͤnlichen Vorzuͤgen, bei ſeiner eifrigen Auſmertſamtei ge⸗ — 271 gen ſte, und bei der Ueberlegenheit, die ihm ſei⸗ ne freundliche Gemuͤthſtimmung und ſein gefaͤlli⸗ ges Benehmen uͤber die rauhen Krieger gaben, bei welchen ſie lebte. Aber ihre Zuneigung war von jener ſtillen, ſchuͤchternen, ſinnenden Art, die eher des Wiederſcheins der Gluͤckſeligkeit des Geliebten ſich freut, als vermeſſene oder kuͤhne Hoffnungen faßt. Ein kleines galiſches Lied, worin ſie ihre Gefuͤhle ausſprach, hat der geiſt⸗ reiche und ungluͤckliche Alexander Mac Donald uͤberſetzt, und gern theilen wir es hier mit. Waͤr'ſt Du bei mir im Lebensthal', Gern wollt' ich alles mit Dir theilen; Mit Dir zu ſtiehn, waͤr leichte Wahl, Bei mildem Wind, bei Sturmesheulen. Doch trennt uns harte Schickſalsmacht, AUns iſt nicht gleiches Loos geſchrieben; Mein Gluͤck iſt, wenn Dir Freude lacht, Ich wein' und bete fuͤr den Lieben. Es wird mein thoͤrig Herz vergeh'n, Wenn's alle Hoffnung ſieht verſchwinden; Doch ſoll's nie ſeinen Gram geſteh'n, Nie muͤrriſch klagend ihn verkuͤnden. Und druͤckt des Lebens Laſt das Herz, Soll nie den matten Blick ſie truͤben, So lange mein geheimer Schmerz Ein Kummer waͤre fuͤr den Lieben. 272 Allan's ungeſtuͤme Erklaͤrung hatte ihren romantiſchen Vorſatz geſtoͤrt, heimlich ihre ſchwer⸗ muͤthige Zaͤrtlichkeit zu naͤhren, ohne einen an⸗ dern Lohn zu ſuchen. Schon lange vorher war Allan ein Gegenſtand ihrer Furcht geweſen, ſo⸗ viel dieß moͤglich war bei ihrer Dankbarkeit, und bei dem Gefuͤhle, daß er gegen ſie ſeine ſtolze und heftige Gemuͤthſtimmung milderte; nun aber betrachtete ſie ihn mit einem unperminderten Entſetzen, das durch ihre genaue Bekanntſchaft mit ſeiner Stimmung und ſeiner fruͤhern Ge⸗ ſchichte nur zu ſehr gerechtfertigt wurde. Wie edel auch in andrer Hinſicht ſeine Geſinnungen ſein mochten, ſo wußte man doch, daß er nie der eigenſinnigen Laune widerſtanden hatte; er ging in dem Hauſe und dem Gebiete ſeiner Vaͤ⸗ ter wie ein gezaͤhmter Loͤwe umher, dem Nie⸗ mand zu widerſprechen wagte, um nicht die na⸗ tuͤrliche Heftigkeit ſeiner Leidenſchaft aufzuregen. Es waren ſo viele Jahre verſloſſen, ſeit er Wi⸗ derſpruch, oder auch nur Beſchwerden gehoͤrt hat⸗ te, daß wahrſcheinlich nur der geſunde Verſtand, der uͤberall, wo ſeine Schwaͤrmerei nicht ins 273 Spiel kam, die Grundlage ſeines Weſens war, ihn abhalten mochte, eine Plage und ein Schre⸗ cken der Umgegend zu werden. Aennchen hatte nicht Zeit, ſich ihren Beſorg⸗ niſſen zu uͤberlaſſen, da ſie durch die Ankunft des Ritters Dalgetty geſtoͤrt wurde. Es lͤßt ſich leicht denken, daß dieſer Mann unter den Auf⸗ tritten ſeines fruͤhern Lebens nicht eben gelernt hatte, bei Frauen zu gläͤnzen. Er fuͤhlte es auch einiger Maßen ſelber, daß die Sprache der Baracke, der Wachſtube und des Paradeplatzes ſich nicht dazu eignete, die Schoͤnen zu unterhal⸗ ten. Die einzige ruhige Zeit ſeines Lebens waren die im Mareſchal Collegium zu Aberdeen verleb⸗ ten Jahre geweſen, aber das Wenige, das er da gelernt hatte, war voͤllig vergeſſen, bis auf die Kunſt, ſeine Struͤmpfe zu flicken und ſeine Koſt mit ungemeiner Schnelligkeit zu verzehren, und in beiden Kuͤnſten war er, bei der Nothwen⸗ digkeit haͤufiger Ausuͤbung, gut bewandert geblie⸗ ben. Eine unvollkommene Erinnerung an das, in jener friedlichen Zeit Erlernte gab ihm Stoff Zur Unterhaltung, wenn er bei Frauen war, mit Zweiter Theil. 18 274 andern Worten, er ſprach wie ein Schulfuchs, ſobald er aufhoͤrte, als Kriegsmann zu ſprechen. Fraͤulein Aennchen Lyle, hob er an, ich gleiche anjetzo dem Gewehr oder dem Speere des Achilles, deſſen eines Ende verwunden, das an⸗ dre heilen konnte, was eine Eigenſchaft iſt, die weder der ſpaniſchen Pike, noch der Hellebarte, Partiſane, Lochaber⸗Axt, oder irgend einer an⸗ dern neuern Schaftwaffe zukommt.— Er ſagte dieſe Arrigkeit zweimahl, aber da Aennchen ſie das Erſtemahl nicht hoͤrte, und ſie beim Zweitenmahl nicht verſtand, ſo mußte er ſie wiederhohlen.„Ich will ſagen, Fraͤulein Aennchen Lyle, ſprach er, da in dem heutigen Gefechte ein ehrenwerther Ritter meinetwegen ei⸗ ne ſchwere Wunde erhalten hat, angeſehen er, faſt gegen die Kriegsgeſetze, mein Pferd, das nach dem unſterblichen Koͤnige von Schweden benamſet war, durch einen Piſtolenſchuß zu Bo⸗ den geſtrecket, ſo wuͤnſche ich, ihm ſolche Er⸗ leichterung zu verſchaffen, als Ihr, mein Fraͤu⸗ lein, geben koͤnnet, dieweil Ihr dem heidniſchen 4 Gotte Aesculapius gleichet, vermuthlich Apollo, 275 der nicht nur in Geſang und Muſik, ſondern auch in der edlen Wundarzneikunſt bewandert war— qpiferque per orbem dicor. „Wollt Ihr nicht ſo gut ſein, mir eine Er⸗ klaͤrung zu geben, ſprach Aennchen, deren Herz zu krank war, als daß ſie an Dalgetty's ſchul⸗ ſteifer Schoͤnthuerei Geſallen haͤtte finden koͤnnen. Mein Fraͤulein, das moͤchte nicht ſo leicht ſein, erwiderte Dalgetty. Ich bin mit dem Con⸗ ſtruiren ein wenig aus der Gewohnheit gekom⸗ men. Aber ich will’s doch verſuchen. Dicor, dar⸗ unter wird verſtanden ego, ich werde genannt. Opifer? Opifer? Ich erinnere mich an signifer und furciſer. Ich glaube opifer ſteht hier fuͤr Me- dicinae Doctor, das heißt der Arzueikunſt Doctor. Es iſt heute ein geſchaͤftiger Tag fuͤr uns alle, ſprach Aennchen, darum ſeid ſo gut, und Kagt mir auf einmahl, was Ihr von mir wollet. Nichts, als daß Ihr meinen Buuder in der Ritterwuͤrde beſuchet, und von euren Maͤgden einige Medicamente fuͤr ſeine Wunden heubei⸗ boingen laſſet; es iſt zu fuͤrchten, daß ſie ein damnum ſatale wird, wie's die Gelehrten nennen. 4 18 † 276 Aennchen zoͤgerte nie, wenn eine Pflicht der Menſchlichkeit zu erfuͤllen war. Sie erkundigte ſich ſchnell nach der Beſchaffenheit der Wunde, und der wuͤrdige alte Haͤuptling, den ſie in Darnlinvarach geſehen, und deſſen Anblick ſie ſo lebhaft bewegt hatte, floͤßte ihr ſo viel Theilnah⸗ me ein, daß ſie eilte, das Gefuͤhl ihres eigenen Kummers auf einige Zeit zu verlieren, bei dem Bemuͤhen, Andern nuͤtzlich zu ſein. Dalgetty fuͤhrte Aennchen Lyle ſehr ſeierlich in das Zimmer des Kranken, wo ſie zu ihrem Erſtaunen den Grafen von Menteith fand. Sie konnte ſich bei ſeinem Anblicke des Erroͤthens nicht erwehren, das ihre Wange faͤrbte, und um ihre Verwirrung zu verbergen, unterſuchte ſie ſogleich die Wunde des Ritters von Arden⸗ vohr, wobei ſie ſich leicht uͤberzeugte, daß ihre Geſchicklichkeit zur Heilung derſelben nicht hin⸗ laͤnglichwr. Dalgetty begab ſich wieder in ein großes Hintergebaͤude, wo unter andern Verwundeten auch Ranald, der Nebelſohn, auf der Erde lag⸗ Mieein alter Freund, ſprach der Ritter, wie — 277 ich Euch ſchon geſagt habe, ich will Euch gern alles zu Gefallen thun, zur Vergeltung fuͤr die Wunde, die Ihr empfangen habt, als Ihr un⸗ 3 ter meinem ſichern Geleite waret. Auf eure dringende Bitte habe ich Aennchen Lyle abge⸗ ſchickt, die Wunde des Ritters von Ardenvohr zu verbinden, wiewohl ich nicht begreifen kann, was fuͤr Nutzen Ihr davon haͤttet. Ich daͤchte, Ihr haͤttet einmahl von Verwandtſchaft zwiſchen ihnen geſprochen, aber ein Soldat, der auf Com⸗ mando und im Dienſte iſt, wie ich, hat ſeinen Kopf fuͤr andre Dinge, als fuͤr hochlaͤndiſche Stammbaͤume. und in der That, man muß dem wuͤrdigen Major die Gerechtigkeit widerfahren laſſen, daß er andrer Leute Angelegenheiten nie ausſforſchte, nie darauf hoͤrte und nie ſie aufſammelte, außer wenn ſie ſich entweder auf die Kriegskunſt bezo⸗ gen, oder auf irgend eine Weiſe ſeinen eigenen Vortheil beruͤhrten, und in dieſen beiden Faͤllen war ſein Gedaͤchtniß ſehr treu. Und nun, Freund Nebelmann, fuhr er fort, koͤnnt Ihr mir ſagen, was aus eurem trefflichen 8 2783 4 Enkel getborden iſt? Ich habe ihn nicht geſehen, ſeit er mir nach dem Treffen beim Ablegen der Ruͤſtung behilflich geweſen iſt. Fuͤr die Nachlaͤſ⸗ ſigkeit ſollte er billig den Riemen bekommen. Er iſt nicht weit von hier, ſprach der Ver⸗ wundete. Aber legt nicht Hand an ihn, er iſt Mann genug, fuͤr eine Elle Riemen mit einer halben Elle harten Stahls zu bezahlen. Das iſt eine ſehr ungebuͤhrliche Großſpreche⸗ rei, ſprach Dalgetty, aber ich verdanke Euch ei⸗ nige Gefaͤlligkeiten, Nmand, und darum mag's hingehen. Und wenn Ihr laußt, mir irgend etwas zu verdanken, erwiderte der Geaͤchtete, ſo koͤnnt Ihr's mir vergelten, wenn Ihr mir eine Gunſt erweiſet. 4 8 Freund Ranald, ſprach Dalgetty, ich habe in albernen Hiſtorienbuͤchern von ſolchen Gunſt⸗ bezeigungen geleſen, wodurch einfaͤltige Ritter zu ihrem großen Schaden in Haͤndel gezogen wur⸗ den, weshalb denn kluge Ritter heutiges Tages nie etwas verſprechen, bis ſie wiſſen, ob ſie ihr Wort halten koͤnnen, ohne ſich ſelbſt Verdruß und Ungelegenheit zuzuziehen. Es koͤnnte ja ſein, daß ich die Feldſcherinn bewegen ſollte, eure Wun⸗ de zu unterſuchen, aber Ihr habt zu bedenken, Ranald, daß die Unreinlichkeit des Ortes, wo Ihr Euch befindet, ihre huͤbſchen Kleider beſchmu⸗ tzen koͤnnte, fuͤr deren Erhaltung die Weiber, wie Ihr bemerkt haben werdet, gar leicht un⸗ maͤßig beſorgt ſind. Ich verlor die Gunſt der Gemahlinn des Groß⸗Penſionaͤrs zu Amſter⸗ dam, als ich mit meiner St efelſohle auf die Schleppe ihres ſchwarzen Sammetkleides trat, die ich fuͤr einen Fußteppich hielt, weil ſie um die halbe Zimmerlaͤnge von der Dame entfernt war. 48 Ihr ſollt Aennchen Lyle nicht hierher brin⸗ gen, antwortete Ranald, ſondern mich in das Zimmer, wo ſie den Ritter von Ardenvohr pflegt. Ich habe etwas zu ſagen, das fuͤr Bei⸗ de ſehr wichtig iſt. Es iſt wohl eine Verletzung des gebuͤhren⸗ den Ranges, einen verwundeten Geaͤchteten vor einen Ritter zu bringen, angeſehen die Ritteꝛ⸗ wuͤrde vor Zeiten die hoͤchſte Ehrenſtufe eines 280 . Kriegsmannes war, wie auch gewiſſermaßen noch heutiges Tages der Fall iſt, ausgenommen die Offiziere, die nach dem Alter ihrer Patente den Rang haben. Die verlangte Gunſt, wie Ihr's nennt, iſt jedoch ſo gering, daß ich ſelbiger die Gewaͤhrung nicht verſagen will. Mit dieſen Worten befahl er einigen Sol⸗ daten, den Hochlaͤnder auf ihren Schultern in des Ritters Zimmer zu tragen, und er ſelber ging voran, um die Urſache der Ankunft des Verwundeten zu melden. Die gewaͤhlten Sol⸗ daten waren aber ſo behende, daß ſie ihm auf den Ferſen folgten, und mit ihrer graͤßlichen Buͤrde herein tretend, legten ſie den Hochlaͤnder auf den Boden. Seine Zuͤge, von Natur wild, waren nun durch den Schmerz verzerrt; ſeine Haͤnde und nothduͤrftigen Kleider mit ſeinem ei⸗ genen und fremden Blute befleckt, das keine freundliche Hand abgewiſcht hatte, wiewohl die Wunde in ſeiner Seite verbunden war. Seid Ihr, ſprach er, ſein Haupt ſchmerz⸗ voll nach dem Lager wendend, wo ſein Gegner .281 lag: ſeid Ihr es, den man Ritter von Arden⸗ vohr nennt? Ich bin's, erwiderte Duncan. Und was wollt Ihr von einem Manne, deſſen Stunden gezaͤhlt ſind? 8 Meine Stunden ſind zu Minuten geſchwun⸗ den, ſprach der Geaͤchtete, und um ſo mehr Gunſt beweiſe ich, wenn ich ſie dem Dienſte ei⸗ nes Mannes widme, deſſen Hand immer gegen mich geweſen iſt, wie meine Hand hoͤher gegen ihn erhoben war. Deine Hand hoͤher gegen mich!— Zertrete⸗ ner Wurm! ſprach der Ritter, auf ſeinen elen⸗ den Gegner hinabblickend.. Ja, antwortete Ranald mit ernſtem Tone, mein Arm war am hoͤchſten erhoben; die Wun⸗ den, die ich verſetzt habe, waren die tiefſten, obgleich die Wunden, die Du ſchlugſt, auch tra⸗ ſen und gefuͤhlt wurden. Ich bin Ranald Mac Eagh— ich bin Ranald, der Sohn des Nebels. Zu der Nacht, wo ich dein Schloß in Flam⸗ men auflodern ließ, iſt nun der Tag gekommen, wo Du unter dem Schwerſe meiner Vaͤter ge⸗ 282 fallen biſt.— Erinnere Dich der Kraͤnkungen, die Du unſerm Stamme zugefuͤgt haſt. Nie wurden ſoͤlche Unbilden angethan, ausgenommen durch noch Einen, außer Dir. Ihn habe das Schickſal veſt und ſicher gemacht gegen unſre Ra⸗ che, ſagt man. Das wird ſich in Kurzem zeigen. Graf von Menteith, ſprach der Ritter von Ardenvohr, ſich im Bette aufrichtend: Dieſer Menſch iſt ein geaͤchteter Boͤſewicht, ein Feind des Koͤnigs, wie des Parliaments, Gottes und der Menſchen— ein geaͤchteter Raͤuber vom Ge⸗ ſchlechte der Kinder des Nebels, ein Feind eures Hauſes, eurer Freunde Mac Aulay und meines Stammes. Ich hoffe, Ihr werdet es nicht dul⸗ den, daß Augenblicke, die vielleicht meine letzten ſind, durch dieſen grauſamen Triumph verbittert werden. er ſoll behandelt werden, wie er's verdient, ſprach Menteith. Schafft ihn hinaus. Dalgetty ſchlug ſich ins Mittel. Er ſprach von den Dienſten, die Ranald als Wegweiſer geleiſtet hatte, und von der Sicherheit, die er dem Geaͤchteten verſprochen; aber Ranalds rau⸗ — 283 he Doͤne uͤbertaͤubten ſeine Stimme.„Nein, rief er, laßt Folter und Galgen mein Schickſal ſein, laßt mich zwiſchen Himmel und Erde ver⸗ weſen und den Habichten und Adlern des Ben Nevis zur Speiſe dienen, und dann ſoll. dieſem hochmuͤthigen Ritter und dieſem ſtolzen Thane das Geheimniß auf immer verborgen bleiben, das ich allein entdecken kann; ein Geheimniß, woruͤber Ardenvohr's Herz vor Freude erbeben wuͤrde, und wenn er im letzten Todeskampfe laͤ⸗ ge, und das der Graf von Menteith gern fuͤr ſeine veiche Grafſchaft erkaufte.— Komm zu mir, Aennchen Lyle, fuhr er fort, ſich mir un⸗ erwarteter Kraft aufrichtend. Fuͤrchte nicht den Anblick des Mannes, der in deiner Kindheit deine Stuͤtze war. Sage dieſen ſtolzen Maͤn⸗ nern, die Dich verachten, weil ſie glauben, Du ſeieſt von meinem alten Stamme, ſage ihnen, daß Du nicht von unſerm Blute biſt, nicht die Toch⸗ ter der Kinder des Nebels, ſondern in ſo herrli⸗ chen Zimmern geboren, und auf einem ſo wei⸗ chen Lager gewiegt, als je Kinder in Lhien ſtol⸗ zeſten Schloͤſſern.“ 284 Um Gotteswillen, ſprach Menteith, heftig bewegt, wenn Ihr irgend etwas wißt von der Herkunft dieſes Maͤdchens, ſo erleichtert euer Ge⸗ wiſſen, und macht es frei von dem Geheimniſſe, ehe Ihr aus dieſer Welt ſcheidet. Und ich ſoll meine Feinde ſegnen mit meinem letzten Athem? ſprach Ranald, ihn boshaft an⸗ blickend. Das ſind die Lehren, die eure Prie⸗ ſter predigen, aber wann und gegen wen uͤbt man ſie aus? Laßt mich erſt hoͤren, was mein Geheimniß werth iſt, ehe ich mich von ihm tren⸗ ne. Was wuͤrdet Ihr darum geben, Ritter von Ardenvohr, wenn Ihr wuͤßtet, daß euer aber⸗ glaͤubiges Faſten umſonſt geweſen waͤre und daß es noch einen Abkoͤmmling eures Hauſes gaͤbe? — Nun, ich warte auf Antwort, ſonſt ſage ich kein Wort mehr.— Ich koͤnnte, ſprach der Ritter, und ſeine Stimme verrieth den Kampf zwiſchen Zweifel, Haß und Angſt: ich koͤnnte— wenn ich nicht wuͤßte, daß deine Sippſchaft aus Luͤgnern und Moͤrdern, wie der Erzfeind, von Anbeginn be⸗ ſtand; aber wenn Du die Wahtheit ſagteſt, ich — könnte Dir beinahe die Unbilden vergeben, die Du mir angethan haſt. Hoͤrt! ſprach Ranald. Er hat viel auf's Spiel geſetzt fuͤr einen Sohn Diarmid's.— Und Ihr, edler Thane— Ihr wollt, wie man im Lager ſagt, Leben und Gut fuͤr die Botſchaft ge⸗ ben, daß Aennchen Lyle nicht die Tochter eines geaͤchteten Stammes ſei, ſondern von einem Ge⸗ ſchlechte gehoͤre, daß nach eurer Meinung ſo edel als das eurige iſt. Nein, aus Liebe ſage ich's Euch nicht. Es war eine Zeit, wo ich fuͤr dieſes Geheimniß Freiheit haͤtte erkaufen moͤgen, aber jetzt gebe ich es fuͤr etwas hin, das theurer als Freiheit oder Leben iſt.— Aennchen Lyle iſt das juͤngſte, das einzige noch uͤbrige Kind des Rit⸗ ters von Ardenvohr, und ſie allein wurde geret⸗ tet, als alles in ſeiner Burg dem Shwert⸗ und dem Feuer geopfert wurde. Kann dieſer Mann die Wahrheit reden? ſprach Aennchen Lyle, und wußte kaum, was ſie ſagte. Oder iſt dieß eine wunderbare Taͤuſchung? Maͤdchen, erwiderte Ranald, haͤtteſt Du laͤn⸗ ger unter uns gelebt, ſo wuͤrdeſt Du die Toͤne 286 der Wahtheit beſſer unterſcheiden gelernt haben. Dem Grafen aus dem Suͤdlande und dem Rit⸗ ter von Ardenvohr will ich ſolche Beweiſe mei⸗ ener Ausſage geben, daß die Unglaͤnbigkeit ſelbſt eͤberzeugt werden ſoll. Entferne Du Dich indeß. 8— Ich liebte deine Kindheit und haſſe deine zugend nicht. Kein Auge haſſer die bluͤhende Roſe, obgleich ſie auf Dornen waͤchſt, und nur um Deinetwillen bedaure ich, was nun bald er⸗ folgen wird. Aber wer ſich an ſeinem Feinde raͤ⸗ ſchen will, den muß es nicht kuͤmmern, wenn auch die Schuldloſen mit ins Wdeubeh ge⸗ rathen. d dns 1 Sein Rath iſt gut, Aennchen, ſprach Menteith. Um Gotteswillen geht hinaus! Wenn — wenn Wahrheit darin iſt, muß eure Zuſam⸗ menkunft mit dem Ritter von Ardenvohr um eurer Beiden willen mehr vorbereitet werden. Ich will mich nicht von meinem Vater tren⸗ nen, wenn ich ihn gefunden habe, ſprach Aenn⸗ chen. Ich will nicht von ihm ſcheiden unter ſo furchtbaren Umſtaͤnden. Und einen Vater ſollſt Du immer in mir finden, ſprach leiſe der kranke Ritter. — 287 Ich will Ranald in das anſtoßende Zimmer ſchaffen, und ſelber die Beweiſe ſeiner Er zaͤhlung ſammeln. Ritter Dalgetty wird mich begleiten und mir beiſtehen. Recht gern, Herr Graf, ſprach Dalgetty. Ich will euer Beirath oder Beiſitzer ſein, oder beides. Niemand kann dazu ſo gut paſſen; ich habe ja die ganze Geſchichte ſchon vor vier Wo⸗ chen im Schloſſe zu Inverary gehoͤrt, aber Un⸗ faͤlle, wie das Unglück des Ritters von Arden⸗ vohr, verwirren alles in meinem Gedaͤchtniſſe, das uͤberdieß mit wichtigern Dingen beſchaftigt iſt. Als Menteith dieſe oſſenherzige Erklaͤrung hoͤrte, die Dalgetty beim Hinausgehen aus dem Krankenzimmer ausſprach, warf er einen Blick des Unmuthes und der Verachtung auf den Kriegsmann, den aber ſein Selbſtduͤnkel ganz unempfindlich dagegen machte. XIII. Frei bin ich, wie der Menſch einſt kam aus Gottes Hand, 3 Bevor man das Geſetz der Sklaverei erfand, und als durch dichten Wald der edle Wilde ſchweifte. * Die Eraberung von Granaba. Der Graf von Menteith unterſuchte nun ige⸗ nauer die von Ranald erzaͤhlte Geſchichte, wel⸗ che durch das Verhoͤr ſeiner beiden Begleiter, b die gleichfalls als Wegweiſer gedient hatten, be⸗ kraͤftigt wurde. Er verglich dieſe Ausſagen ſorg⸗ fäͤltig mit den Umſtaͤnden, die der Ritter von Ardenvohr uͤber die Zerſtoͤrung ſeines Schloſſes und die Ermordung ſeiner Kinder mittheilen konnte, und es laͤßt ſich denken, daß dieſer nichts vergeſſen hatte, was ſich auf ein ſo furchtbar 9 —— 289 wichtiges Ereigniß bezog. Es war von der groͤß⸗ ten Wichtigkeit, darzuthun, daß der Geaͤchtete nicht ein Maͤhrchen erſonnen hatte, um dem Ritter von Ardenvohr eine Tochter und eine Er⸗ binn unterzuſchieben. Menteith, dem ſo viel daran lag, die Erzaͤhlung fuͤr wahr zu halten, war vielleicht nicht ganz dazu geeignet, die Wahr⸗ heit zu erforſchen; aber die Ausſagen der Kinder des Nebels waren einfach, genau und durchaus einſtimmig. Auch ein Muttermahl„ das auf Aennchens linker Schulter zu ſehen war, diente zum Beweiſe. Man erinnerte ſich uͤberdieß, daß man zwar die traurigen Ueberreſte der andern Kinder, aber nie des Maͤdchens aufgefunden hat⸗ te. Andre Umſtaͤnde, deren Erwaͤhnung unno⸗ thig iſt, gaben nicht nur dem Grafen, ſondern ſelbſt dem unbefangenen Montroſe die volleſte Ueberzeugung, daß man in dem demuͤthigen und abhaͤngigen Aennchen Lyle von nun an die Er⸗ binn des Hauſes Ardenvohr ehren mußte. Waͤhrend Menteith eilte, das Ergebniß ſei⸗ ner Nachforſchungen denſenigen zu eroͤffnen, die am Meiſten dabei betheiligt waren, wuͤnſchte der Zweiter Theil. 19 290 Geaͤchtete mit ſeinem Enkel zu ſprechen, den er ſeinen Sohn zu nennen pflegte. Man wuͤrde ihn, ſagte er, in dem Hintergebaͤude finden, wo er ſel⸗ ber anfaͤnglich waͤre niedergelegt worden. Nach langem Suchen fand man den jungen Wilden in ei⸗ nem Winkel unter vermodertem Stroh verſteckt, und brachte ihn zu dem Alten. Kenneth, ſprach der Geaͤchtete, höre die letz⸗ ten Worte deines Vaters. Ein Kriegsmann der Sachſen und Allan Rothhand haben vor wenigen Stunden das Lager verlaſſen, um nach Caberfae zu reiſen. Verfolge ſie wie der Schweißhund das verwundete Reh— ſchwimme durch den See— erklettere den Berg— dringe durch den Wald — zandre nicht, bis Du ſie triffſt. Das Geſicht des jungen Menſchen verfiuſterte ſich, als ſein Großvater ſprach, und er legte die Hand an ein Meſſer, das in einem ledernen Streif am Rande ſeines duͤrftigen Plaids ſteckte. Nein, fuhr der alte Mann fort, durch dei⸗ ne Hand muß er nicht fallen. Man wird nach Neuigkeiten aus dem Lager fragen. Sage ihnen, man haͤtte entdeckt, Aennchen Lyle, das Harfen⸗ 1 2941 maͤdchen, waͤre die Tochter des Ritters von Arden⸗ vohr; der Thane von Menteith wollte ſich mit ihr trauen llaſſen und Du waͤreſt ausgeſchickt, die 1 Hochzeitgaͤſte zu bitten. Warte nicht auf ihre Ant⸗ wort, ſondern verſchwinde wie der Blitz, wenn die ſchwarze Wolke ihn verſchlingt.— Und nun gehe hin, geliebter Sohn meines Geliebteſten! Ich werde nie wieder dein Geſicht ſehen, und den leich⸗ ten Ton deines Trittes nicht mehr hoͤren. Aber bleibe noch einen Augenblick und vernimm meine letzte Ermahnung. Gedenke an das Schickſal un⸗ ſeres Stammes und verlaſſe nicht die alten Sitten der Kinder des Nebels. Wir ſind jetzt ein zerſtreu⸗ tes Haͤuflein, aus jedem Thale getrieben durch die Schwerter aller Staͤmme, die in den Beſitzungen herrſchen, wo ihre Voraͤltern fuͤr die unſrigen Holz faͤllten und Waſſer trugen. In dem Dickig der Wildniß, in dem Nebel der Berge, Kenneth, Sohn Erorcht's, bewahre unbefleckt die Freiheit, die ich Dir als ein angebornes Recht hinterlaſſe. Vertauſche es nicht gegen ein koſtbares Gewand, nicht gegen das ſteinerne Haus, nicht gegen den gedeckten Tiſch, nicht gegen das Dunenbett. Auf 19 4 292 dem Felſen, oder im Thale, bei Ueberfluſſe, ode in Hungersnoth, in dem laubigen Sommer wie in den Tagen des eiſernen Winters, ſei frei, Sohn des Nebels, wie deine Vaͤter. Erkenne keinen Herrn; laß Dir kein Geſetz auflegen; nimm kein iethgeld; gib keinen Lohn; baue keine Huͤtte; friedige kein Weideland ein; ſaͤe kein Getreide; *23 die Rehe auf den Bergen deine Heerde ſein, und wenn ſie Dich in Mangel laſſen, ſo beraube die Guͤter unſerer Unterdruͤcker, der Sachſen, und der Galen, die in ihrem Herzen Sachſen ſind und ihre Heerden mehr als Ehre und Freiheit achten. Wohl uns, daß ſie es thun; unſre Rache hat da⸗ bei freiern Lauf. Gedenke derer, die unſerm Stamme Wohlthaten erwieſen haben, und bezah⸗ le ihre Dienſte mit deinem Blute, wenn die Gele⸗ genheit es verlangt. Kaͤme ein Mae Lean zu Dir mit dem Haupte des Koͤnigſohnes in der Hand, ſo gib ihm Schutz, und waͤre das raͤchende Heer des Vaters hinter ihm; denn in Glencoe und Ardnamurchan haben wir in den vergangenen Jahren in Frieden gewohnt. Die Soͤhne Diar⸗. mid's— das Geſchlecht Darnlinvarach— die Reii 293 ter von Menteith— ſchone keine von ihnen, wenn die Zeit kommt, ſie alle zu vernichten, oder mein Fluch falle auf dein Haupt, Sohn des Nebels. Und die Zeit wird kommen; denn ihre Schwerter werden ſie unter einander aufreiben, und ihre Ueberbleibſel werden im Nebel Schutz ſuchen, und umkommen durch die Kinder des Nebels. Wohl⸗ an— gehe hin! Schuͤttle den Staub von deinen Fuͤßen gegen die Wohnungen der Menſchen, moͤ⸗ gen ſie fuͤr Frieden, oder fuͤr Krieg verbunden ſein. Lebe wohl, mein Geliebter! Moͤgeſt Du ſterben, wie deine Vaͤter, ehe Schwachheit, Krank⸗ heit, oder Alter deinen Muth bricht! Geh! Geh! Lebe frei— vergelte Guͤte— raͤche die Unbilden deines Stammes.* Der junge Wilde buͤckte ſich und kuͤßte die Stirne ſeines ſterbenden Großvaters; aber von Kindheit an gewoͤhnt, jedes aͤußere Zeichen inne⸗ rer Bewegung zu unterdruͤcken, ſchied er ohne Thraͤne oder Lebewohl, und war bald weit uͤber Montroſe's Lager hinaus. Dalgetty, der den Schluß dieſes Auftrittes mit angehoͤrt hatte, war uͤber Mae Eagh's Be⸗ 294 tragen bei dieſer Gelegenheit wenig erbaut.„Ich kann mir nicht denken, Freund Ranald, ſprach er, daß Ihr auf dem beßten Wege fuͤr einen Ster⸗ benden waͤret. Stuͤrme, Angriffe, Metzeleien, Vorſtaͤdteverbrennen, ſind das Tagewerk eines Sol⸗ daten, und die Nothwendigkeit rechtfertigt es, an⸗ geſehen die Dienſtpflicht es erheiſchet; denn was inſonderheit das Verbrennen der Vorſtaͤdte an⸗ langt, ſo kann man ſelbige Verraͤtherinnen und Meuchelmoͤrderinnen aller beveſtigten Staͤdte nen⸗ nen. Es iſt daraus klar zu erſehen, daß des Sol⸗ daten Beruf unter des Himmels beſonderem Schu⸗ tze ſteht, dieweil wir auf die Seligkeit hoffen duͤr⸗ fen, ungeachtet wir taͤglich ſo große Gewaltthaͤtig⸗ keiten begehen. Aber, Ranald, in allen europaͤi⸗ ſchen Dienſten iſt es bei dem ſterbenden Soldaten herkoͤmmlich, mit ſolchen Thaten nicht zu prahlen, oder ſie ſeinen Kriegsgefaͤhrten zu empfehlen, ſon⸗ dern im Gegentheile Reue daruͤber zu zeigen, und ein Troſtgebetlein zu ſprechen, oder ſich vorſprechen zu laſſen, und wenn's Euch beliebt, will ich den Kaplan Seiner Erzellenz bewegen, Euch darin ſeinen Beiſtand zu leiſten. Es gehoͤrt ſonſt nicht 295 zu meinen Dienſtpflichten, Euch an ſolche Dinge zu erinnern, und ich thue es nur, um euer Ge⸗ wiſſen zu erleichtern, daß Ihr mehr wie ein Chriſt und nicht wie ein Tuͤrke aus der Welt gehet, wozu Ihr auf gutem Wege zu ſein ſcheint. Der Sterbende antwortete nur mit der Bit⸗ te, ihn aufzurichten, damit er aus dem Fenſter ſehen koͤnnte. Der dicke Froſtnebel, der ſchon lange auf dem Gipfel der Berge gelegen hatte, waͤlzte ſich nun in alle wilden Thaͤler und Schluch⸗ ten herab, und die felſigen Hoͤhen zeigten ihre dunkeln und unregelmaͤßigen Umriſſe, wie oͤde Inſeln uͤber dem Nebelmeere emporragend.„Geiſt des Nebels! ſprach Ranald: Du, den unſer Stamm unſern Vater und Erhalter nennt, Du wolleſt ihn, den Du im Leben ſo oft geſchuͤtzt haſt, in das Gezelt deiner Wolken aufnehmen, wenn die⸗ ſe Angſt voruͤber iſt.“ Mit dieſen Worten ſank er in die Arme derjenigen zuruͤck, die ihn aufge⸗ richtet hatten, ſprach kein Wort mehr, und kehr⸗ te ſein Geſicht eine Weile nach der Wand hin. Ich glaube, ſprach Dalgetty fuͤr ſich, mein Freund Ranald iſt nicht viel beſſer als ein Hei⸗ de.— Der Ritter wiederhohlte dann ſeinen Vor⸗ ſchlag, ihm dem Beiſtand des Doctors Wiſhart,*) der Montroſe als Feldkaplan begleitete, zu ver⸗ ſchaffen.„Der Mann verſteht ſeine Sache, ſetz⸗ te er hinzu, und um mit euern Suͤnden fertig zu werden, wird er nicht ſo viel Zeit brauchen, als ich zu einer Pfeife Taback.“ Sachſe, ſprach der Sterbende, ſage mir nichts mehr von deinem Prieſter; ich ſterbe zu⸗ frieden. Hatteſt Du je einen Feind, gegen wel⸗ chen deine Waffen nichts vermochten, den deine Kugel verfehlte, an welchem der Pfeil zerbrach, und deſſen bloße Haut fuͤr Schwert und Dolch ſo undurchdringlich war, als dein ſtaͤhlernes Ge⸗ wand? Haſt Du je von einem ſolchen Feinde ge⸗ hoͤrt? *) Wiſhart beſchrieb ſpäterhin Montroſe's Feldzüge, abe die Abſicht, ſeinem Gebieter eine gute Aufnahme an den fremden Hoͤfen zuverſchaffen, die der Verbannte beſuchte, verleitete ihn beſonders im erſien Theile dieſer Denk⸗ würdigkeiten, die Thaten ſeines Helden in ein fabel⸗ haftes Licht zu ſtelen. W. Scott iſt dieſer par⸗ teilichen Darſtellung, beſonders auch in der ungerech⸗ zen Herabſetzung Argyle's, nur zu ſehr gefolgr. 8. 1 297 Sehr oͤſt, als ich in Teutſchland diente, er⸗ widerte Dalgetty. In Ingolſtadt war ein ſol⸗ cher Geſell, der veſt war gegen Blei und Stahl. Die Soldaten ſchlugen ihn mit den Flintenkol⸗ ben todt. Dieſem unzugaͤnglichen Feinde, ſprach Ra⸗ nald, ohne auf Dalgetty's Unterbrechung zu ach⸗ ten; ihm, der mein theuerſtes Blut an ſeinen Haͤnden hat, ihm habe ich jetzt Seelenangſt, Ei⸗ ferſucht, Verzweiflung und ploͤtzlichen Tod ver⸗ macht, oder ein Leben, das elender iſt als ſelbſt der Tod. Dieſes Loos ſoll Allan Rothhand haben, wenn er hoͤrt, daß Aennchen Menteith's Weib wird, und ich begehre nichts als die Gewißheit, daß es ſo kommen wird, um meinen blutigen Tod zu verſuͤßen, den ſeine Hand mir gege⸗ ben hat. Wenn das der Fall iſt, habe ich nichts mehr zu ſagen, antwortete der Major: aber ich will dafuͤr ſorgen, daß ſo wenig Menſchen als moͤglich Euch ſehen; denn ich kann nicht glauben, daß euer Abſchied aus der Welt fuͤr eine chriſtli⸗ che Armada ruͤhmlich, oder ein gutes Beiſpiel ſei. 298— Mit dieſen Worten verließ er das Zimmer, und bald nachher that der Sohn des Nebels feinen letzten Athemzug. Waͤhrend die wiedervereinten Verwandten ſich den gemiſchten Regungen uͤberließen, die ihr Inneres bewegten, ſprach Menteith angelegent⸗ lich mit Montroſe uͤber die Folgen dieſer Entdek⸗ kung.„Wenn ich es auch nicht ſchon fruͤher bemerkt haͤtte, mein lieber Menteith, ſprach der Marquis, daß eure Theilnahme an dieſer Entdek⸗ kung nicht wenig Einfluß auf euer Gluͤck hat, ſo wuͤrde ich es jetzt ſehen. Ihr liebt dieſes wie⸗ dergefundene Fraͤulein, und eure Zuneigung wird erwidert. In Anſehung der Herkunft kann nun keine Einwendung mehr ſtatt finden, und in je⸗ der andern Beziehung ſind die Vortheile, die ſie darbieten kann, allem gleich, was Ihr ſelber be⸗ ſitzet, aber Ihr wollet doch noch einen Augenblick nachdenken. Der Ritter von Ardenvohr iſt ein Schwaͤrmer, wenigſtens ein Presbyterianer, ge⸗ gen den Koͤnig bewaffnet; er iſt nur als Gefan⸗ gener bei uns, und ich fuͤrchte, wir ſind erſt im Anfange eines langen Buͤrgerkrieges. Glaubt — 2909 Ihr, Menteith, dieß ſei eine paſſende Zeit fuͤr Euch, ſeiner Tochter Antraͤge zu machen? Oder läßt ſich erwarten, daß er jetzt darauf eingahen werde?“ Die Leidenſchaft, eine eben ſo ſinnreiche als beredte Sachwalterinn, gab dem jungen Grafen tauſend Antworten auf jene Einwendungen an die Hand. Er erinnerte den Marquis, daß der Rit⸗ ter von Ardenvohr weder in Staatsangelegenhei⸗ ten, noch im Glauben blind an einer Meinung hinge. Er berief ſich auf ſeinen anerkannten und bewaͤhrten Eifer fuͤr die koͤnigliche Sache, und gab den Wink, daß der Einſluß deſſelben durch ſeine Vermaͤhlung mit des Ritters Tochter ausgebreitet und verſtaͤrkt werden koͤnnte. Er ſprach von des Ritters bedenklichem Zuſtande, von der Gefahr, die ihm ſelber drohte, wenn er das Fraͤulein in das Gebiet des Stammes Camp⸗ bell gehen laſſen wollte, wo ſie, bei ihres Va⸗ ters Tode, oder bei deſſen fortdauernder Unpaͤß⸗ lichkeit, unter Argyle's Vormundſchaft kommen mußte, und in dieſem Falle glaubte Menteith ſeine Hoffnungen zerſtoͤrt zu ſehen, wofern er nicht die Gunſt des Stammhauptes durch Ab⸗ truͤnnigkeit von der koͤniglichen Sache erkaufen koͤnnte.. 3 Montroſe gab das Gewicht dieſer Gruͤnde zu, und geſtand, daß, ungeachtet der Schwierig⸗ keiten, womit dieſe Angelegenheit verknuͤpft war, es dennoch, dem Anſcheine nach, mit des Koͤ⸗ nigs Vortheile beſtehen koͤnnte, die Sache ſo ſchnell als moͤglich abzumachen. Ich koͤnnte wuͤnſchen, ſagte er, alles waͤre ſo oder ſo in’s Reine gebracht, und dieſe ſchoͤne Briſeis aus unſerm Lager, ehe unſer Achilles, Allan Mac Aulay, zuruͤckkehrt. Ich fuͤrchte eine ungluͤckliche Fehde von dieſer Seite, Menteith, und ich glaube, es waͤre am beßten, daß wir den Ritter von Ardenvohr auf ſein Wort entlie⸗ ßen, und daß Ihr ihm und ſeiner Tochter das Geleite gaͤbet. Die Reiſe kann meiſt zu Waſſer gemacht werden, und wird daher fuͤr ſeine Wun⸗ de keine ſonderliche Beſchwerde ſein. Eure Wun⸗ de, mein Freund, iſt eine ehrenvolle Entſchuldi⸗ gung einer kurzen Abweſenheit aus meinem Lager.. Se— 1 — 301 Nimmermehr! antwortete Menteith. Und follte ich die Hoffnung verlieren, die mir kaum erſt aufgegangen iſt, nie verlaſſe ich euer Lager, ſo lange das koͤnigliche Baͤnner wehet. Ich wuͤr⸗ de verdienen, daß dieſer unbedeutende Ritz zu einem Krebsſchaden wuͤrde, und meinen Arm ver⸗ zehrte, wenn ich faͤhig waͤre, es damit zu ent⸗ ſchuldigen, daß ich in dieſem bedenklichen Vgene blicke des Koͤnigs Sache verließe. Euer Lalaßn daruͤber alſo veſt? ah Montroſe. Veſt wie der Ben Desie⸗ euiderfe Menteith. MNun, dann züͤrft Ihr keine Zeit verlieren, Euch mit dem Ritter von Ardenvohr zu verſtaͤn⸗ digen. Gelingt dieß, ſo will ich ſelber mit dem aͤl⸗ tern Mae Aulay ſprechen, und wir wollen auf Mit⸗ tel denken, ſeinen Bruder vom Heere entfernt zu halten, bis er ſich mit der Vereitelung ſeiner Hoffnung verſoͤhnt hat. Gaͤbe doch der Himmel, daß ſich ihm eine Erſcheinung zeigte, die ſchoͤn genug waͤre, alle Spuren von Aennchen Lyle aus ſeiner Seele zu verwiſchen! Haltet Ihr dieß —-—— —— 302 vielleicht fuͤr unmoͤglich, Menteith?— Wohlan, gehe nun jeder an ſeinen Dienſt. Euch ruft Amor, mich Mars. Sie ſchieden, und der genommenen Abrede zufolge, ſuchte Menteith fruͤh am naͤchſten Mor⸗ gen eine Unterredung mit dem verwundeten Rit⸗ ter von Ardenvohr, und eroͤffnete ſeine Bewer⸗ bung um die Hand des Fraͤuleins. Dem Ritter war die gegenſeitige Zuneigung der jungen Leute nicht entgangen, aber auf eine ſo fruͤhe Erklaͤrung von Seiten des Grafen war er nicht vorbereitet. Er antwortete anfaͤnglich, er haͤtte ſich viel⸗ leicht ſchon zu ſehr den Gefuͤhlen ſeines perſoͤn⸗ lichen Gluͤckes zu einer Zeit uͤberlaſſen, wo ſein Clan ſo große Verluſte und Demuͤthigungen er⸗ litten haͤtte, und er wollte daher nicht laͤnger an die Erhoͤhung ſeines Hauſes in einer ſo drang⸗ ſalvollen Zeit denken. Als aber der verliebte Menteith dringender wurde, erbat ſich der Ritter einige Stunden, um ſich zu bedenken, und mit ſeiner Tochter eine ſo wichtige Frage zu be⸗ rathen. Das Ergebniß dieſer Beſprechung war fuͤr 3 Menteith guͤnſtig. Der Ritter von Ardenvohr uͤberzeugte ſich, daß das Gluͤck ſeiner wiederge⸗ fundenen Tochter von ihrer Verbindung mit dem Geliebten abhing, und wenn ſie nicht auf der Stelle geſchloſſen wurde, ſo ließ ſich vorausſe⸗ hen, daß Argyle einem Buͤndniſſe, das in jeder Hinſicht fuͤr ihn ſelber erwuͤnſcht ſein mußte, tauſend Hinderniſſe entgegenſetzen wuͤrde. Men⸗ teith's Geſinnung war ſo vortrefflich, und ſein Vermoͤgen und ſeine verwandtſchaftlichen Ver⸗ haͤltniſſe gaben ihm ſo viel Anſehen, daß dieſe Vorzuͤge, nach des Ritters Meinung, die Ver⸗ ſchiedenheit ihrer beiderſeitigen Anſichten der Staatsangelegenheiten aufwogen. Aber ſelbſt wenn ſeine Meinung uͤber die Vortheile dieſer Verbindung weniger guͤnſtig geweſen waͤre, wuͤr⸗ de er ſich vielleicht nicht haben entſchließen koͤn⸗ nen, den Waͤnſchen des wiedergefundenen Kin⸗ des ſeiner Hoſſnungen entgegenzutreten. Eine Regung von Stolz hatte auch Antheil an ſei⸗ nem Entſchluſſe. Es lag eine Demuͤthigung darin, die Erbinn von Ardenvohr, als ein Maͤdchen, das arm, abhaͤngig und als Harfne⸗ 304 rinn im Schloſſe Darnlinvarach war auferzogen worden, in die Welt einzufuͤhren; wenn ſie hingegen als die verlobte Braut, oder als die Gemahlinn des Grafen von Menteith, deſſen Zuneigung ſie waͤhrend ihrer Erniedrigung ge⸗ wonnen, eingefuͤhrt werden konnte, ſo war dieß fuͤr die Welt eine Buͤrgſchaft, daß ſie im⸗ mer des Ranges wuͤrdig geweſen war, wozu ſie ſich nun erhoben ſah. Dieſe Erwaͤgungen beſtimmten den Rit⸗ ter von Ardenvohr, den beiden Liebenden an⸗ zukuͤndigen, daß ſie ſo heimlich als moͤglich durch Montroſe’'s Kaplan in der Schloßkapelle getraut werden ſollten. So bald aber Montroſe aus ſeinem Lager aufbraͤche, wozu man in we⸗ nigen Tagen Befehl erwartete, ſollte die junge Graͤfinn mit ihrem Vater auf ſein Schloß rei⸗ ſen, und daſelbſt bleiben, bis die oͤffentlichen Angelegenheiten ihrem Gemahle erlaubten, ſich mit Ehre dem Kriegsdienſte zu entziehen. Als dieſer Entſchluß einmahl gefaßt war, wollte der Ritter den jungfraͤulichen Bedenklichkeiten ſei⸗ ner Tochter nicht geſtatten, die Vollziehung auf⸗ zuſchieben, und es wurde veſtgeſetzt, daß die Hochzeit am naͤchſten Abende, als am zweiten Tage nach der Schlacht, ſtatt finden ſollte. Zweiter Thell. XIV. Doch wir nahmen nur eben die Herold' aus dem Gezelte Briſes Tochter hinweg— Ilias. E⸗ war aus vielen Gruͤnden nothwendig, daß Angus Mac Aulay, der ſo lange Zeit Aennchens wohlwollender Beſchuͤtzer geweſen war, mit der umgewandelten Gluͤckslage ſeines ehemahligen Pfleglings bekannt gemacht wurde, und Montro⸗ ſe eroͤffnete ihm, wie er ſich vorgenommen hat⸗ te, dieſe merkwuͤrdigen Ereigniſſe. Mit der ſorg⸗ loſen und heitern Gleichgiltigkeit, die ſeinem Ge⸗ muͤthe eigen war, aͤußerte Angus weit mehr Freude als Erſtaunen uͤber Aennchens Gluͤck, und zweifelte nicht, daß ſie ſich deſſen wuͤrdig zeigen, und da ſie ſtets in den Grundſaͤtzen der Pflicht⸗ treue erzogen waͤre, endlich die Guͤter ihres muͤr⸗ riſchen und ſchwaͤrmeriſchen Vaters einem ehrli⸗ chen Burſchen zubringen werde, der den Koͤnig liebte.„Ich haͤtte nichts dagegen einzuwenden gehabt, ſetzte er hinzu, wenn auch mein Bruder Allan ſein Gluͤck verſucht haͤtte, obgleich der Rit⸗ ter Duncan Campbell der Einzige iſt, der dem Schloſſe Darnlinvarach je den Vorwurf der Un⸗ gaſtfreundlichkeit machte. Aennchen Lyle konnte Allan immer aus ſeiner finſtern Laune zaubern, und wer weiß, ob er nicht in der Ehe mehr ein Menſch von dieſer Welt wuͤrde.“ Montroſe eilte, dieſem Luftſchloßbau Einhalt zu thun, indem er meldete, daß das Fraͤulein bereits gefreiet und gewonnen waͤre, daß ſie, mit ihres Vaters Einwilligung, alsbald dem Grafen von Menteith, ſeinem Vetter, angetraut werden ſollte, und daß er, aus gebuͤhrender Achtung ge⸗ gen Mae Aulay, Aennchens vieljaͤhrigen Beſchuͤ⸗ tzer, ihn zu erſuchen haͤtte, der Feierlichkeit bei⸗ zuwohnen. Mac Aulay empfing dieſe Nachricht mit einem ſehr ernſthaften Geſichte, und ſein ganzes Benehmen verrieth, daß er vernachlaͤſſigt zu ſein meinte. Er glaubte, ſagte er, fuͤr die 20 † immer guͤtige Behandlung, die das Fraͤulein ſo viele Jahre lang in ſeinem Hauſe genoſſen haͤt⸗ te, bei einer ſolchen Gelegenheit wohl etwas mehr erwarten zu koͤnnen, als ein bloßes Ehren⸗ wort. Er haͤtte, meinte er, wohl ohne Anma⸗ Hung Anſpruch darauf machen duͤrfen, auch be⸗ fragt zu werden. Er wuͤnſchte ſeinem Vetter Menteith alles moͤgliche Gluͤck, glaubte aber, daß derſelbe in dieſer Angelegenheit vorſchnell gehan⸗ delt haͤtte. Allan's Neigung gegen Aennchen waͤre bekannt genug geweſen, und er koͤnnte nicht einſehen, warum man ſeines Bruders gilti⸗ ge Anſpruͤche auf ihre Dankbarkeit haͤtte uͤberſe⸗ hen wollen, ohne ſie wenigſtens vorher zu er⸗ oͤrtern. Montroſe, der deutlich ſah, worauf all dieß zielte, bat Mac Aulay, er moͤchte doch ruhig er⸗ waͤgen, ob es ſich erwarten ließe, daß der Rit⸗ ter von Ardenvohr bewogen werden koͤnnte, die Hand ſeiner einzigen Erbinn einem Manne von Allan's Gemuͤthsart zu geben, deſſen unlaͤugbare Vorzuͤge durch andre Eigenſchaften in Schatten ge⸗ ſetzt wuͤrden, die ihn Jedermann furchtbar machten. 309 Herr Marquis, ſprach Angus Mac Aulay, mein Bruder hat ſeine Fehler und ſeine Vorzuͤ⸗ ge, wie nun einmahl Gott uns Menſchen alle geſchaffen hat, aber er iſt der beßte und tapferſte Mann in unſerm Heere, mag der Andre ſein, was er will, und er hat es daher nicht verdient, daß Eure Exzellenz, daß ſein naher Verwandter, und ſelbſt ein Maͤdchen, das ihm und ſeinen Angehoͤrigen Alles verdankt, ſein Gluͤck ſo we⸗ nig im Auge gehabt haben. Montroſe bemuͤhte ſich vergebens, die Sache in einem andern Lichte zu zeigen; Angus wollte ſie nun aus jenem Geſichtspunkte betrachten, und er gehoͤrte zu den Leuten, deren Verſtand gegen alle Ueberzeugung ſich verſchließt, wenn ſie ein⸗ mahl von einem Vorurtheile befangen ſind. Mont⸗ roſe nahm nun einen hoͤhern Ton an, und er⸗ mahnte Angus, gegen Geſinnungen ſich zu huͤ⸗ ten, die der Sache des Koͤnigs nachtheilig wer⸗ den koͤnnten. Er gab ihm zu verſtehen, daß er vor allen Dingen wuͤnſchte, Allans Bemuͤhungen in dem, ihm ertheilten Auftrage nicht geſtoͤrt zu ſehen. Dieſer Auftrag, ſagte er, waͤre fuͤr Allan 310 ſehr ehrenvoll, und moͤchte leicht ein ſehr guͤnſti⸗ ges Ergebniß fuͤr des Koͤnigs Sache haben. Er hoffte, ſetzte er hinzu, Angus werde ſeinem Bru⸗ der keine Mittheilungen uͤber andre Angelegenhei⸗ ten machen, die ſeine Aufmerkſamkeit von einem ſo wichtigen Gegenſtande ablenken koͤnnten. Angus erwiderte ein wenig muͤrriſch, er waͤre kein Friedenſtoͤrer, kein Aufhetzer, ſondern wollte eher ein Friedenſtifter ſein. Sein Bruder verſtände es ſo gut als die meiſten Menſchen, in ſeinen Streitigkeiten ſich Recht zu verſchaffen, und was die Wege anlangte, worauf Allan Nach⸗ richten erhielte, ſo glaubte man allgemein, daß er andre Mittel dazu haͤtte, als gewoͤhnliche Bo⸗ ten. Es wuͤrde ihn gar nicht uͤberraſchen, ſetzte er hinzu, wenn ſein Bruder ſruͤher Enntaafeg als man ihn erwartete. „ Das Verſprechen, ſich nicht einzumiſchen, war alles, wozu Montroſe dieſen Mann bringen konnte, der ſich immer gutmuͤthig zeigte, aus⸗ genommen wenn ſein Stolz, ſein Eigennutz, oder ſeine Vorurtheile ins Spiel kamen. Er war froh, — 311 daß er fuͤr jetzt die Sache nur ſo weit bringen konnte. 3: Einen bereitwilligern Hochzeitgaſt, und ge⸗ wiß einen bereitwilligern Theilnehmer am Hoch⸗ zeitmahle, konnte man in dem Ritter Dalgetty erwarten, den Montroſe, als den Vertrauten der vorhergegangenen Umſtaͤnde, auch einladen woll⸗ te. Aber ſelbſt Dalgetty war bedenklich, blickte auf die Elbogen ſeines Wammſes und auf die Kniee ſeiner ledernen Beinkleider, und murmelte, nicht ohne Straͤuben, etwas von bereitwilliger Annahme der Einladung, wenn es ſich nach vor⸗ gaͤngiger Beſprechung mit dem edlen Braͤutigam moͤglich machen ließe. Montroſe war ein wenig uͤberraſcht, aber er verſchmaͤhte es, Mißfallen zu verrathen, und uͤberließ es dem Majzor, ſei⸗ nen eigenen Weg zu gehen. Dalgetty begab ſich ſogleich in das Zimmer des Braͤutigams, der eben unter dem aͤrmlichen Vorrathe, den ſein Feldgepaͤcke enthielt, ſolche Kleider ſuchte, die ſich bei der bevorſtehenden Gelegenheit noch am beßten ausnehmen koͤnnten. Der Ritten machte bei ſeinem Eintritte dem Gra⸗ 312 fen ſeinen Gluͤckwunſch, und aͤußerte ſein Be⸗ dauern, daß er nicht Zeuge der frohen Feierlich⸗ keit ſein koͤnnte.„Aufrichtig zu ſprechen, ſetzte er hinzu, ich wuͤrde der Feierlichkeit nur Schan⸗ de machen, maßen es mir an einem hochzeitli⸗ chen Kleide fehlt. Riſſe, getrennte Saͤume und Fetzen am Elbogen in der Kleidung der Anwe⸗ ſenden, köͤnnte ja eine aͤhnliche Aufloͤſung der Beſtaͤndigkeit eures ehelichen Gluͤckes vorbedeu⸗ ten, und daß ich die Wahrheit ſage, Herr Graf, Ihr ſelber ſeid zum Theil Schuld an dieſer ver⸗ fehlten Erwartung, weil Ihr mich in den April geſchickt habt, ein Koller von Buͤffelleder aus der Beute zu hohlen, die ſchon in den Haͤnden der Cameronier war. Ihr haͤttet mich eben ſo gut ſchicken koͤnnen, einem Hunde ein Pfund friſche Butter aus dem Rachen zu reißen. Ich kriegte keine andre Antwort, als geſchwungene Dolche und Schwerter, und ein Gebrumme und Ge⸗ ſchnatter, das ſie ihre Sprache nennen. Ich fuͤr mein Theil glaube, dieſe Hochlaͤnder ſind nicht viel beſſer als blinde Heiden, und ich habe gro⸗ ses Aergerniß genommen an der Art, wie mein 313 Bekannter, Ranald Mac Eagh, vor einer klei⸗ nen Weile ſeinen letzten Marſch geſchlagen hat.“ Menteith war in der Stimmung, alles von der froͤhlichen Seite zu nehmen, und Dalgetty's ernſte Klage gab ihm eine neue Beluſtigung. Er bat ihn, einen huͤbſchen Anzug von Buͤffelleder anzunehmen, der auf dem Fußboden lag.„Ich wollte ihn, ſprach er, zu meinem Hochzeitkleide waͤhlen, da er unter meinen Kriegsanzuͤgen am Wenigſten furchtbar iſt, und ich habe kein fried⸗ lichs Kleid hier.“ Der Nitter machte die gebuͤhrlichen Ent⸗ ſchuldigungen, bis es ihm zum Gluͤcke einſiel, es paßte beſſer zum Kriegsgebrauche, daß ſich der Graf in ſeinem Panzer trauen ließe; denn in ſolchem Aufzuge hatte er einſt den Braͤutigam geſehen, als ein teutſcher Fuͤrſtenſohn unter dem Schutze des tapfern Guſtav Adolphs, des nordi⸗ ſchen Loͤwen, und ſo weiter, ſich vermaͤhlte. Menteith gab lachend ſeine Zuſtimmung, und als er auf dieſe Weiſe wenigſtens ein froͤhliches Geſicht bei ſeiner Hochzeit ſich verſchafft hatte, legte er einen leichten, verzierten Harniſch an, 2 314 den er theils durch ein Sammetkleid, theils durch eine breite blauſeidene Schaͤrpe verbarg, die er, ſeinem Range und der Sitte der Zeit gemaͤß, uͤber die Schulter legte. Alles war vorbereitet, und man hatte ver⸗ abredet, daß ſich, nach ſchottiſcher Sitte, Braut und Braͤutigam erſt vor dem Altare treffen ſoll⸗ ten. Die Stunde, die den Braͤutigam dahin rief, hatte ſchon geſchlagen, und er wartete in einem Vorzimmer der Kapelle auf den Marquis, der den Brautdiener zu machen gewillfahrt hat⸗ te. Ein ploͤtzlich eingetretenes Dienſtgeſchaͤft aber hielt den Feldherrn ſo lange auf, daß Menteith ziemlich ungeduldig ſeine Ruͤckkehr erwartete, und als die Thuͤre des Zimmers ſich öͤffnete, rief er lachend:„Ihr kommt ſpaͤt zur Parade!“ Ihr werdet wohl ſehen, daß ich zu fruͤh komme, ſprach Allan Mac Aulay, in's Zimmer ſtuͤrzend. Zieht, Menteith, und wehrt Euch wie ein Mann, oder ſterbt wie ein Hund. Ihr ſeid wahnſinnig, Allan! erwiderte Menteith, erſtaunt uͤber Mae Aulay's ploͤtzliche Erſcheinung, und die unbeſchreibliche Wuth, die ſich in ſeinem ganzen Weſen zeigte. Seine Wangen gluͤhten dunkel, ſeine Augen ſtarrten in ihren Hoͤhlen, ſein Mund ſchaͤumte und er ge⸗ behrdete ſich wie ein Beſeſſener. 2 Du luͤgſt, Verraͤther! rief er wuͤthend. Du luͤgſt darin, wie in allem, was Du mir geſagt haſt. Dein Leben iſt eine Luͤge. 34 Wenn ich nicht ſchon meine Meinung⸗ aus⸗ geſprochen haͤtte, als ich Euch einen Wahnſinni⸗ gen nannte, ſprach Menteith unwillig, ſo wuͤrde euer Leben nur kurz ſein. Se chen Trug werft Ihr mir vor? Gaad Ihr habt mir geſagte erwiderte Allan, Ihr wolltet Aennchen Lyle nicht heirathen. Falſcher Verraͤther! Sie erwartet Euch jetzt am Altare. Ihr ſprecht unwahr, antwortete Menteith. Ich habe Euch geſagt, ihre dunkle Herkunft wäͤ⸗ re das eeinzige Hinderniß unſrer Verbindung. Dieß iſt nun weggeraͤumt, und fuͤr wen haltet Ihr Euch, daß ich meine Alpiüche um euret⸗ willen aufgeben ſollte? dnn d. 4 So zieht denn! ſprach Allan. Wir nn hen ununs. —— Jetzt nicht, antwortete Menteith, und hier nicht. Allan, Ihr kennt mich gut; wartet bis morgen und Ihr ſollt des Fechtens genug haben. Dieſe Stunde— dieſen Augenblick, oder nie! ſprach Mac Aulay. Euer Sieg ſoll nicht uͤber die Stunde hinausgehen, die eben geſchla⸗ gen hat. Menteith, ich bitte Euch bei unſrer Verwandtſchaft— bei unſern gemeinſchaftlichen Kaͤmpfen und Arbeiten— zieht euer Schwert, und vertheidigt euer Leben! Bei dieſen Worten faßte er Menteith's Hand, und druͤckte ſie mit einem ſo wuͤthenden Eifer, daß das Blut unter den Naͤgeln hervor⸗ drang. Menteith ſtieß ihn mit Heftigkeit hin⸗ weg, und rief:„Geh Wahnſinniger!“ Nun ſo werde die Vorbedeutung erfuͤllt! rief Allan, und ſeinen Dolch ziehend, ſtieß er ihn mit ſeiner ganzen Rieſenkraft gegen des Gra⸗ fen Bruſt. Die Dolchſpitze glitt an dem harten Bruſtſtucke aufwaͤrts, aber eine tiefe Wunde drang zwiſchen Hals und Schulter ein, und vom 3 Blutverluſte entkraͤftet, ſank der Braͤutigam zu Boden. Montroſe trat in dieſem Augenblicke — 317 herein. Die Hochzeitgaͤſte, welche, beſtuͤrzt uͤber das Geraͤuſch, herbeikamen, waren eben ſo be⸗ ſorgt als erſtaunt, aber ehe Montroſe nur ſehen konnte, was ſich ereignet hatte, war Allan Mar Aulay an ihm vorbei geeilt, und flog die Schloß⸗ treppe blitzſchnell hinab.„Wachen, ſchließt das Thor! rief Montroſe. Greiſt ihn! Toͤdret ihn, wenn er ſich widerſetzt. Er ſoll ſterben, und waͤre er mein Bruder.“ Allan aber warf mit einem zweiten Dolch⸗ ſtoße eine Schildwache nieder, fiog wie ein Reh durch das Lager, ſtuͤrzte ſich in den Fluß, und als er auf das jenſeitige Ufer hinuͤbergeſchwom⸗ men war, verlor er ſich bald im Walde. An demſelben Abende verließ ſein Bruder Angus mit ſeinen Anhaͤngern Montroſe's Lager, und zog heim, ohne je wieder zu ihm zu ſtoßen. Man erzaͤhlt, Allan waͤre, in wunderbar kurzer Zeit nach der blutigen That, in ein Zim⸗ mer des Schloſſes zu Inverary geſtuͤrzt, wo Ar⸗ gyle Kriegsrath hielt, und haͤtte den blutigen Dolch auf den Tiſch geworfen. Iſt es Jakob Graham's Blut? ſprach Ar⸗ 318 gyle, und ein graͤßlicher Ausdruck der Hoffnung miſchte ſich mit dem Schyecken, das die ploͤtzliche Erſcheinung nothwendig erregen mußte. Es iſt das Blut ſeines Lieblings, erwider: te Allan. Es iſt. Blut, das ich nache des Schickſals Vorherbeſtimmung vergießen) ſollte, wiewohl ich lieber mein eigenes vergoſſen haͤtte. Mit dieſen Worzen ſich umwendend, verließ Per das Schloß, und ſeit dieſem Augenblicke iſt nichts Gewiſſes von ſeinem Schickſale bekannt geworden. Man hatte den jungen Kenneth mit . drei Kindern des Nebels bald nachher uͤber den Loch⸗Fine fahren ſehen, und daraus geſchloſſen, daß ſie Allan’s Spur aufgefunden, und ihn in irgend einer oͤden Wildniß umgebracht haͤtten. Nach’ einer andern Meinung war Allan ins Ausland gegangen und als Moͤnch in einem Kartheuſerkloſter geſtorben, aber keine von bei⸗ den Meinungen ließ ſich eandereale durch blo⸗ ße aestushheg unterſtuͤtzen. 82 zann Seine Rache war minder vollfändig, ais er d wumnurhlche geglaubt hatte. Menteith, ob⸗ gleich ſo ſchwer verwundet, daß er lange in Ge⸗ — 319 fahr ſchwebte, verdankte es ſeiner Folgſamkeit gegen Dalgetty's gluͤcklichen Rath, einen Har⸗ niſch zum Hochzeitſchmucke zu waͤhlen, daß er den ſchlimmſten Folgen des Dolchſtoßes entging. Montroſe mußte die Dienſte ſeines Freundes ent: behren, und man hielt es fuͤr das Beßte, den 1 Grafen mit ſeiner Verkobten, die nun in der That eine trauernde Braut*) war, und ihren kranken Vater in das Schloß Ardenvohr bringen zu laſſen. Dalgerty begleitete ſie bis an's Ufer, und erinnerte den Grafen an die Nothwendigkeit,. eine Schanze auf dem Huͤgel Drumsnab errich⸗ ten zu laſſen, um das wieder gewonnene Erbe ſeiner Braut zu ſichern. Sie legten ihre Reiſe gluͤcklich zuruͤck, und Memeith war in einigen Wochen wieder ſo ge⸗ ſund, daß ſeine Vermaͤhlung mit Aennchen in ihres Vaters Schloſſe gefeiert werden konnte. Die Hochlaͤnder waren ziemlich in Verlegen⸗ heit, wie ſie Menteich's Wiederherſtellung mit — Anſpielung auf Congreve's Trauerſpiel dieſes Nah⸗ mens. L. Zweiter Thell, 21 Allans vorbedeutenden Erſcheinungen vereinigen ſollten, und die erfahrenern Seher nahmen es ihm uͤbel, daß er nicht geſtorben war. Andre aber glaubten, das Anſehen der Erſcheinung waͤ⸗ re dadurch hinlaͤnglich gerettet worden, da die Wun⸗ de von derſelben Hand und derſelben Waffe ge⸗ kommen waͤre, welche das Vorzeichen angedeutet haͤtte, und Alle meinten, daß der Ring mit dem Todtenkopfe auf den Tod des Vaters der Braut zu beziehen waͤre, der Aennchens Vermaͤhlung nur wenige Monate uͤberlebte. Die Unglaͤubigen behaupteten dagegen, alles waͤre nichts als leere Traͤumerei, und Allans vermeintliches Geſicht bloß eine Folge der Eingebungen ſeiner Leiden⸗ ſchaft geweſen, welche in Menteith ſchon lange einen beguͤnſtigten Nebenbuhler erblickt, und mit ſeiner beſſern Natur kaͤmpfend, ihm gleichſam unwillkuͤhrlich den Gedanken aufgedrungen haͤtte, ſeinen Mitbewerber zu toͤdten. Mennteith wurde nicht ſo voͤllig wiederherge⸗ ſtellt, daß er Montroſe laͤnger auf ſeiner kurzen und ruhmvollen Laufbahn haͤtte begleiten koͤnnen, und als der heldenmuͤthige Feldherr ſein Heer — 321 aufgelbſet und Schottland verlaſſen hatte, ent⸗ ſchloß ſich der Graf, in der Zuruͤckgezogenheit zu leben, wo er bis zur Herſtellung der koͤniglichen Herrſchaft blieb. Nach dieſem gluͤcklichen Ereig⸗ niſſe kam er in ſeinem Vaterlande in eine, ſei⸗ nem Nange gebuͤhrende Lage, lebte lange und gluͤcklich, durch oͤffentliche Achtung wie im haͤus⸗ lichen Kreiſe, und ſtarb in hohem Alter. Der Helden unſrer Geſchichte ſind ſo weni⸗ ge, daß wir, außer Montroſe, deſſen Thaten und Schickſale die Geſchichte erzaͤhlt, nur noch des Ritters Dugald Dalgetty gedenken muͤſſen. Er fuhr fort, mit der ſtrengſten Puͤnktlichkeit ſeine Dienſtpflicht zu erfuͤllen, und ſeinen Sold einzu⸗ nehmen, bis er mit Andern bei Philiphaugh) in Gefangenſchaft gerieth. Er wurde bei dieſer Gelegenheit verurtheilt, das Schickſal der uͤbri⸗ gen gefangenen Offiziere zu theilen, die nicht ⸗) Wo Montroſe, der nach ſeinem letzten Siege bei Kilſyth ſeine gewöhnliche Vorſicht verläugnet hatte, im September 1645. geſchlagen wurde. 4 7. „ 21 322 ſowohl durch den Ausſpruch eines Gerichts, als durch Ankuͤndigungen von der Kanzel dem Tode geweiht wurden, da man ihr Blut als eine Art von Suͤhnopfer anſah, die Schuld des Landes zu tilgen, und das, den Kanaanitern durch be⸗ ſondre Fuͤgung auferlegte Schickſal gottlos uns grauſam auf ſie anwenden wollte. Mehre Offiziere aus dem Niederlande, im Dienſte der Glaubensbuͤndner, verwendeten ſich fuͤr Dalgetty, den ſie als einen Mann ſchilder⸗ ten, deſſen kriegeriſche Geſchicklichkeit ihrem Heere nuͤtzlich werden koͤnnte, und der ſich leicht ene laſſen wuͤrde, unter ihrer Fahne zu die Man fand den Ritter in dieſem Punkte unerwartet hartnaͤckig. Er hatte ſich verpflichtet, dem Köͤnige auf eine beſtimmte Zeit zu dienen, vor deren Ablaufe ſeine Grundſaͤtze ihm durch⸗ aus keine Abtruͤnnigkeit erlaubten. Die Anhaͤn⸗ ger des Glaubensbundes wollten von einer ſo ſpitzfindigen Unterſcheidung nichts wiſſen, und er war in der groͤßten Gefahr, ein Maͤrterer, nicht ſowohl irgend eines politiſchen Grundſatzes, als vielmehr ſeiner ſtrengen Begriffe von Anwer⸗ — 3²³ bung, zu werden. Zum Gluͤcke fanden ſeine Freunde durch Nachrechnen, daß nur noch vier⸗ zehn Tage bis zur Erloͤſchung der eingegangenen Verpfſichtung uͤbeig waren, welcher er, obgleich gewiß, daß ſie nicht erneuert werden koͤnnte, ſich durch keine Macht auf Erden untren machen ließ. Sie wirkten ihm, nicht ohne Muͤhe, eine Begnadigung fuͤr dieſe kurze Friſt aus, nach de⸗ ren Ablauf ſie ihn ganz bereitwillig fanden, jede Verpflichtung zu uͤbernehmen, die ſie ihm aufle⸗ gen wollten. Er trat in die Dienſte der Staͤn⸗ deverſammlung, und brachte es zum Major in Gilbert Ker's Heerabtheilung, die man gewoͤhn⸗ lich die Reiter der Kirche nannte. Wir wiſſen nichts von ſeiner ſpaͤtern Geſchichte, bis wir ihn im Beſitze ſeines väͤterlichen Stammgutes Drumthwacket finden, das er freilich nicht durch das Schwert, ſondern durch friedliche Verheiras thung mit Johanna Strachan, einer ziemlich be⸗ jahrten Frau, der Witwe des Covenanters aus Aberdeen, erworben hatte. Man glaubt, Ritter Dalgetty habe die 324— „ Revolution*) uͤberlebt, da er, nach der Ausſage nicht ſehr alter Ueberlieferungen, ſich in jener Gegend herumtrieb, ſehr alt, ſehr taub und voll endloſer Geſchichten von dem unſterblichen Gu⸗ ſtav Adolf, dem nordiſchen Loͤwen und dem Boll Hett. des proteſtantiſchen Glaubens 1 9 1688— 39. 3 E n dee. 3 u 4 6 Seite a68 kommt zu dem Worte Jtol mtiuln nachſtehende Note. *) Eine Inſel unweit Staffa, früher Jona genannt, und der halbe Mittelpunkt, woraus über das rohe Caledonien und ſelbſt einen Theil des übrigen Euro⸗ pa's, durch die, von dem heiligen Columba im 6ten Jahrhunderte angelegte Pflanzſchule fleißiger Mön⸗ che das Chriſtenthum verbreitet wurde. Man ſiehr hier noch viele Trümmer von Kirchen und Klöſtern. S. Garnett's Reiſe durch die ſchottiſchen Hochlan⸗ de und einen Theil der Hebriden— teutſch von Ko, ſegarten B. 1. S. 254. ff. L. Verbeſſerungen. Bei der Entfernung des Druckortes haben ſich mehrere Ungleichheiten in der Wortſchreibung und Druckfehler eingeſchlichen, wovon man beſonders fol⸗ gende zu verbeſſern bittet: I. Theil. S. XI Z. 2 v. u. l. Dunſelaw. S. XVII Z. 3 v. u. l. 1645. S. XVIII Z. 7 l. 1645. S. 12 Note. Z. 2 v. u. l. Waverley. S. 19 Note. 3. 3 l. League. S. 46 3. 3. v. u. ſtreiche man das Komma nach nur. S. 122 Note. Z. 3 ſt. n. a. l. N. A. S. 172 3. 6 ſtreiche man von. S. 197 3. 8. l. Campbell. S. 228 3. 7 v. u. l. verklungen. II. Theil. S. 9 3. 7 l. ſah. S. 35. letzte 3. I. Rotte ſt. Rolle. S. 54. 3. 13. I. Marquis. S. 56 Z. 9 v. u. l. Beso. ſt. Reso. S. 60 3. 5 I. Heer ſt. Herr. S. 76 3. 2 v. u. l. das ſt. was. S. 108 Z. 9 v. u. J. ſechzehntens, ſiebzehntens, achtzehntens. S. 111 3. 9 v. u. l. Evangeliſche. S. 149 3. 4 l. Feigenbaͤume. S. 150 3. 9 l. Feinde. S. 156 3. 10 l. ihm. S. 159 3. 7 v. u. l. im Hochlande ſehr unzufrieden war. S. 182 3. 6 l. klapperte. S. 190 Note. Z. 1 l. hatten ſt. halten. S. 202 3. 12 1. Mitteltreffen. . deuenunun peuuaaauununnm duinaaumnanng 6 8 9 11 12 13 16 17 L 9 9 V L 1ea e lelsluala Eerer 4