9ö Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Ofkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Jeih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Miickfabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Sunime hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird.. 1 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und heträgt: für wechentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ————— Bu auf 1 Monat: 4 Wer.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 3 01„— II. 1— 1„— 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſe endung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Dieſer unſelige Zwieſpalt zwi⸗ ſchen der Regierung und dem Volke hatte fruͤher ſchon, kurz vor der Mitte des 16ten Jahrhunderts, die heftigſten Erſchuͤtterungen des Staats herbeigefuͤhrt, als die Reforma⸗ tion, welcher die Mehrheit der Bewohner des Landes anhing, ſich bald gegen den of⸗ fenen Widerſtand, bald gegen die Naͤnke des, mit der Geiſtlichkeit verbuͤndeten Hofes Bahn 8½ 2 machen mußte. Der Sieg der neuen Lehre wurde theils durch die Schwaͤche und die Mißgriffe ihrer Feinde, theils aber auch durch die eigennuͤtzigen Abſichten der, gegen die reiche Geiſtlichkeit eiferſuͤchtigen Großen beguͤnſtigt, und durch den Muth und veſten Sinn des unerſchuͤtterlichen Knox entſchie⸗ den. Die, auf Calvins Anſichten gegruͤn⸗ dete presbyterianiſche Lehre und Kirchen⸗ form war ſeit 1560 herrſchend in Schottland. Es ſei erlaubt, auf das Vorwort zu meiner Ueberſetzung des Romans: Die Schwaͤr⸗ mer(2te Auflage Leipzig 1825) zu verwei⸗ ſen, wo ich die Geſchichte dieſes Kampfes umſtaͤndlich erzaͤhlt habe. Waͤhrend der Minderjaͤhrigkeit des Soh⸗ nes der ungluͤcklichen Maria, Jakobs des Sechſten, beveſtigte ſich die Herrſchaft der neuen Lehre; in den erſten Jahren ſeiner Regierung aber entſtand zwiſchen ihm und der presbyterianiſchen Geiſtlichkeit ein hefti⸗ ger Zwiſt, der eine Abneigung gegen die freie Form der ſchottiſchen Kirchenverfaſſung in dem Koͤnig erweckte, und als er den Thron V von England beſtiegen hatte, vollzog er, trotz ſeiner wiederhohlten Verſicherungen, die Vorrechte der Kirche unverletzt zu erhalten, ſeinen laͤngſt gefaßten Vorſatz, die biſchoͤfliche Kirchenverfaſſung einzufuͤhren, die ſeine Ab⸗ ſichten auf unbeſchraͤnkte Koͤnigsgewalt mehr zu beguͤnſtigen ſchien, als der Presbyteria⸗ nismus. Die Folgen dieſes, ſeitdem beharr⸗ lich verfolgten Anſtrebens gegen die, den Schottlaͤndern ſo theure Verfaſſung wurde dem Lande nachtheilig und dem Hauſe Stu⸗ art verderblich. Waͤhrend Jakobs Regierung entwickelten ſich auch in Schottland unter dem Volke die Keime des Widerſtandes, der unter der naͤchſten Regierung die Monarchie ſtuͤrzen ſollte, und die, aus dem Kampfe uͤber das Kirchenthum entſtandenen Zerruͤt⸗ tungen wurden noch verderblicher durch die Parteiungen unter den maͤchtigen Großen. Jakob VI hatte indeß durch ſein Anſe⸗ hen den Fehdegeiſt des Adels zu baͤndigen, und Ordnung im Reiche zu erhalten gewußt, und dieſem Umſtande verdankte ſein Rach⸗ folger, Karl I, die Ruhe, die er waͤhrend VI der erſten zwoͤlf Jahre ſeiner Herrſchaft genoß. Haͤtte zu dieſer Zeit das Volk dieſelben An⸗ ſichten der koͤniglichen Vorrechte, der ſtaͤndi⸗ ſchen Gewalt und der oͤffentlichen Freiheit gehabt, die fruͤher galten, ſo wuͤrde Karl wahrſcheinlich gluͤcklich geherrſcht haben; aber waͤhrend er ſeines Vaters Meinungen uͤber Kirchenthum und Staatsverhaͤltniſſe anhing, hatte die Meinung des Volkes uͤber dieſe Ge⸗ genſtaͤnde eine gaͤnzliche Umwandlung erlit⸗ ten. Auch er hielt die biſchoͤfliche Hierarchie den Grundſaͤtzen der Monarchie fuͤr ange⸗ meſſener als den demokratiſchen Geiſt der Presbyterianiſchen Kirchenverfaſſung, und glaubte in den Biſchoͤfen, die ihr Anſehen allein dem Throne verdankten, eifrige und treue Verfechter der koͤniglichen Vorrechte zu ſinden. Eine ſeiner erſten Maßregeln war der Verſuch, die Zehnten und Pfruͤnden zu⸗ ruͤckzunehmen, die nach der Reformation der Krone zugefallen und nach und nach in den Beſitz der begehrlichen Großen gekommen waren, aber die Strenge, womit dieß durch⸗ geſetzt ward, empörte den Adel, der zeither VIT den Neuerungen in der Kirchenverfaſſung gleichgiltig zugeſehen hatte, und er verband ſich nun mit den Presbyterianern. Will⸗ kuͤhr und Verfolgungen gegen Einzelne wur⸗ den der Sache des Koͤnigs noch verderblicher. Die Klagen des Volkes uͤber Parteilichkeit und Beſtechlichkeit der Gerichtshoͤfe waren alt, aber jene ſchamloſen Verletzungen der Landesgeſetze machten auch die Großen fuͤr ihre Sicherheit ſo beſorgt, daß ſie ſich nun, nach dem Beiſpiele ihrer Vaͤter, zu einem Bunde gegen den Thron vereinigten. Der Koͤnig und ſeine Biſchoͤfe, durch das Gelin⸗ gen ihrer Entwuͤrfe ſicher gemacht, waren eifrig bemuͤht, eine neue, meiſt dem engli⸗ ſchen Kirchengebrauch nachgebildete Liturgie einzufuͤhren, worin das unmuthige Volk nur die Vorbereitung zur Wiederherſtellung des Papſtthumes ſah. Ein drohender Aufſtand, der in Edinburgh waͤhrend des Gottesdien⸗ ſtes(1657) ausbrach, war die Folge der ci⸗ genſinnigen Beharrlichkeit des Koͤnigs. Der Adel, die Geiſtlichkeit und alle Staͤnde ver⸗ banden ſich, die Willkuͤhr abzuwehren, und —— VIII um die Eintracht zu beveſtigen, wurde beſchloſ⸗ ſen, die ſogenannte Glaubenseinigung zu erneuern, wodurch man in den erſten Zeiten der Reformation, um die junge Kir⸗ che zu beſchuͤtzen, ſich gegen die Grundſaͤtze des Papſtthums erklaͤrt hatte. So entſtand (165) die feierliche Glaubenseinig⸗ ung(Solemn league and Covenant), ſeit⸗ dem die Fahne, um welche die Presbyteria⸗ ner ſich ſammelten. Dieſe Verbindung, die ſo kraͤftig ſich anſtrengte, eine beſſere Form des Kirchen⸗ thumes herbeizufuͤhren, beunruhigte den Koͤ⸗ nig, und es ward ein Unterhaͤndler nach Schottland geſchickt, um wenigſtens Zeit zu gewinnen. Ihre Kraft fuͤhlend, verwarfen die Verbundenen den Vorſchlag, ihren Bund aufzuloͤſen, wogegen die Einfuͤhrung des neuen Kirchenbrauches verſchoben werden ſollte. Lieber wollten ſie der Taufe entſa⸗ gen, antworteten ſie, als der Glaubenseinig⸗ ung. Eben ſo fruchtlos war eine neue Un⸗ terhandlung, weil dieſelbe Bedingung dabei gemacht wurde; aber die Verbuͤndeten wil⸗ IX ligten in die Berufung einer Verſammlung der Geiſtlichkeit und eines Parliaments, weil ſie ihres uͤberwiegenden Einfluſſes in beiden gewiß waren. Der erſte Schritt der geiſtli⸗ chen Verſammlung war die Abſchaffung der biſchoͤflichen Kirchenverfaſſung, wogegen die Biſchoͤfe, mit des Koͤnigs heimlicher Zuſtim⸗ mung, vergebens einen Widerſpruch erhoben. Durch den Beitritt des maͤchtigen Grafen von Argyle ermuthigt, ging die Verſammlung weiter; erklaͤrte alle Verordnungen uͤber das Kirchenthum, die ſeit Jakobs VI Gelan⸗ gung zum engliſchen Throne ergangen wa⸗ ren, fuͤr nichtig, und verfuͤgte, daß jeder, der zu ihrer Partei gehoͤrte, den Glaubens⸗ bund bei Strafe des Kirchenbannes unter⸗ ſchreiben ſollte. Nach dieſen kuͤhnen Schrit⸗ ten blieb den Verbundenen nichts uͤbrig, als ſich zur bewaffneten Vertheidigung ihrer Mei⸗ nungen zu ruͤſten, da ſie vorausſehen konn⸗ ten, daß der Koͤnig mißbilligen mußte, was ſie gethan hatten. Sie nahmen ihre Maß⸗ regeln kraͤftig und ſchnell, und da faſt alle Staͤnde den Glaubensbund angenommen hat⸗ ten, ſo fanden ſich leicht geſchickte Anfuͤh⸗ rer, zu welchen der Graf von Argyle, Jakob Graham Marquis von Montroſe und andre angeſehene Maͤnner gehoͤrten. Alerander Leſſly, ſpaͤterhin Graf von Leven, erhielt den Oberbefehl und viele ſchottiſche Offiziere, die ſich in Teutſchland unter Guſtav Adolf Ruhm erworben hatten, kehrten heim, um ihre Lands⸗ leute zu unterſtuͤtzen. Es wurden Kriegs⸗ voͤller geworben; aus Fankreich kam Geld⸗ hilfe und es ward eine enge Verbindung mit den engliſchen Puritanern geſchloſſen, die gleichfalls dem Koͤnige feindlich gegenuͤber⸗ ſtanden. Der Krieg begann alsbald. Das ganze Land wurde der Gewalt der Verbun⸗ denen unterworfen, bis auf einen kleinen Theil des Hochlandes, wo der Marquis von Huntly das Anſehn des Koͤnigs erhielt. Montroſe und Leſſly ſammelten ein Heer von ſiebentauſend Mann in den Grafſchaf⸗ ten Perth und Angus, zwangen die Stadt Aberdeen zur Annahme der Glaubenseinig⸗ ung und fuͤhrten Huntly als Geiſſel nach Edinburgh. Der Koͤnig ruͤſtete ſich, die wi⸗ — — — XI derſpaͤnſtigen Schottlaͤnder zu bezwingen, aber die Verbuͤndeten ruͤckten ihm mit ſchnell verſtaͤrkter Kriegsmacht entgegen, und er ge⸗ rieth in eine ſo gefaͤhrliche Lage, daß er als⸗ bald Unterhandlungen anknuͤpfte. Die Ver⸗ buͤndeten legten die Waffen nieder. Eine Verſammlung der Geiſtlichkeit und ein neues Parliament ſollten den Zwiſt ausglei⸗ chen. Als ſich aber bald zeigte, daß Karl nicht den Willen hatte, den Beſchwerden des Landes abzuhelfen, ſtanden die zerſtreuten Kriegsvölker auf den erſten Ruf wieder un⸗ ter den Waffen. Ein feuriger Eifer regte ſich unter allen Staͤnden. Die Kirchen ga⸗ ben freiwillige Beiſteuern; die Edelleute ſchickten ihr Silbergeſchirr in die Muͤnze, die Reichen liehen Geld dar, und die Wei⸗ ber gaben Leinwand zu Zelten. Karl ſam⸗ melte, bei der Abneigung der Englaͤnder ge⸗ gen den Krieg, nicht ohne Muͤhe ein Heer von ungefaͤhr 20000 Mann, das er alsbald gegen die ſchottiſche Graͤnze aufbrechen ließ. Die Schottlaͤnder lagerten ſich bei Dunſe, und ruͤckten dann in England ein, aber nach XII ihrer Erklaͤrung bloß in der Abſicht, ſich Zu⸗ tritt zu dem Koͤnig zu verſchaffen, und ihre Bitten ihm vorzulegen. Die Englaͤnder zo⸗ gen ſich eilig zuruͤck, und die Schottlaͤnder ruͤckten bis Durham vor. Der Koͤnig war in einer ſo bedraͤngten Lage, daß er ſeine Empfindlichkeit unterdruͤcken mußte. Er knuͤpfte Unterhandlungen an; es ward ein Waffenſtillſtand geſchloſſen, und da den Schottlaͤndern waͤhrend ihres Aufenthaltes in England ein taͤglicher Sold bewilligt wer⸗ den mußte, ſo war Karl in der ſonderbaren Lage, zwei feindliche Heere erhalten zu muͤſ⸗ ſen.“ Der Friede ward endlich(1640) ge⸗ ſchloſſen, und bei den Schwierigkeiten, wo⸗ rein den Koͤnig der Zwiſt mit dem engliſchen Parliament verwickelte, erhielten die Schott⸗ laͤnder, was ſie wollten. Die biſchoͤfliche Kirchenverfaſſ ſung ward abgeſchafft. Getaͤuſcht in ſeinen Erwartungen, von dem engliſchen Parliament Beiſtand zu erhalten, ſuchte der Koͤnig, die Schottlaͤnder auf ſeine Seite zu zichen. Einer ihrer Anfuͤhrer, der Graf von —— XIII Rothes, wurde durch glaͤnzende Verſprechun⸗ gen von der Sache des Volkes abgezogen. Montroſe, ſchon eiferſuͤchtig auf Argyle's Einfluß im Staatsrathe und auf Leſſly's Er⸗ nennung zum Oberfeldherrn, ließ ſich leicht fuͤr den Koͤnig gewinnen, als man aber ſein, die Anhaͤnger der Glaubenseinigung bedro⸗ hendes geheimes Verſtaͤndniß entdeckte, ward er zu Edinburgh eingeſperrt. Karl's Lage ward indeß immer mißlicher. Der Buͤrger⸗ krieg war bei den kuͤhnen Schritten des eng⸗ liſchen Parliaments unvermeidlich. Beide Theile ruͤſteten ſich zum Kampfe. Die Schott⸗ laͤnder blieben bei dieſen unſeligen Vorberei⸗ tungen nicht gleichgiltige Zuſchauer. Das engliſche Parliament warb um ihren Bei⸗ ſtand, und der Koͤnig verlangte, ſie ſollten parteilos bleiben. Die Anhaͤnger der Glau⸗ benseinigung aber glaubten alles von der Rache des Koͤnigs fuͤrchten zu muͤſſen, wenn es ihm gelaͤnge, ſeine Feinde zu beſiegen, und ſie beſchloſſen, mit den Gegnern des Koͤnigs in England ſich zu verbuͤnden. Sie wurden in dieſem Entſchluſſe beſtaͤrkt, als man eine drohende Verſchwoͤrung entdeck⸗ te, welche die Koͤniginn mit Montroſe und andern ſchottiſchen Großen angezettelt hatte, um einige Hochlaͤndiſche Staͤmme ge⸗ gen die unvorbereiteten Anhaͤnger des Cove⸗ nants zu bewaffnen. Glaubenswahn verei⸗ nigte ſich mit dem herrſchenden Streben, die Grundlagen der buͤrgerlichen Freiheit zu ſichern, und nicht zufrieden, die Wiederherſtellung der presbyterianiſchen Kirchenverfaſſung in ihrem Vaterlande erkaͤmpft zu haben, wollten ſie dieſelbe auch in England und Jreland herrſchend machen. Ein Heer von 25000 Mann unter dem Grafen von Leven ging mitten im Winter uͤber den Tweed und ver⸗ einigte ſich mit den Kriegsvoͤlkern des engli⸗ ſchen Parliaments unter Thomas Fairfax. Die ungluͤckliche Schlacht auf der Ebene von Marſton⸗Moor unweit York(1644), die Cromwells eiſerne Schaar entſchied, ver⸗ nichtete Karl's Siegeshoffnungen, und die noͤrdlichen Grafſchaften wurden von den Heerhaufen des Parliaments beſetzt. In Schottland aber fing Montroͤſe den —. XV Krieg alsbald wieder an. Sein Unmuth ge⸗ gen die Widerſacher des Koͤnigs war durch ſeine Gefangenſchaft heftig aufgeregt wor⸗ den, und begierig nach Kriegsruhm, wagte er das kuͤhne Unternehmen, das Anſehen des Koͤnigs in Schottland durch Waffengewalt wieder herzuſtellen, oder wenigſtens die An⸗ haͤnger der Glaubenseinigung zu zwingen, ihre Kriegsvoͤlker aus England zuruͤckzuru⸗ fen. Unter ſehr unguͤnſtigen Umſtaͤnden er⸗ hob er das koͤnigliche Banner in Dumfries. Die wenigen Kriegsvoͤlker, die er zuſammen⸗ bringen konnte, waren meuteriſch, und nicht geneigt, den verwegenen Muth ihres Anfuͤh⸗ rers zu unterſtuͤtzen. Als Reitknecht verklei⸗ det, hielt er ſich mit zwei Begleitern in Stratherne verſteckt, bis er Nachricht von der Annaͤherung einer Hilfmacht von 2000 Mann empfing, die in der Grafſchaft Argyle gelandet waren, und unerwartet erſchien er unter ihnen in der Tracht eines Bergſchot⸗ ten. Er benutzte die Abweſenheit ſeines per⸗ ſoͤnlichen Feindes Argyle, der gegen die em⸗ poͤrten Irelaͤnder focht, und ſchlug bei Tip⸗ XVI permuir einen Heerhaufen der Covenanter, deren zweitauſend blieben. Er nahm Perth, wo er anſehnliche Vorraͤthe von Kriegsbe⸗ duͤrfniſſen fand, und zog ſich dann nord⸗ waͤrts in der Hoffnung, Verſtaͤrkung zu er⸗, halten. Er trieb einen hochlaͤndiſchen Heer⸗ haufen, den der Stamm Gordon bildete, in die Flucht, und beſetzte die wehrloſe Stadt Aberdeen, deren Buͤrger, die er fuͤnf Jahre fruͤher zur Annahme der Glaubenseinigung gezwungen hatte, er nun grauſam behandel⸗ te, weil ſie dem Bunde noch anhingen. Seine Kriegsvoͤlker pluͤnderten fuͤnf Tage lang die Stadt und ermordeten die Bewohner, deren Leichname unbegraben liegen blieben. Endlich erſchien Argyle mit uͤberlegener Kriegsmacht, und Montroſe zog ſich eilig gegen den Fluß Spey zuruͤck. Unerwartet ſtieß er hier auf einen hochlaͤndiſchen Heerhaufen, der ſich ihm entgegen ſtellte. Er vergrub ſein Geſchuͤtz in einem Moor, floh ins Hochland und wußte durch geſchickte Bewegungen die Wach⸗ ſamkeit ſeiner Verfolger zu taͤuſchen. Sein unyerſoͤhnlicher Groll gegen Argyle reizte 1 XVII ihn, an deſſen unſchuldigen Stammgenoſſen, dem Clan Campbell, die blutigſte Nache zu nehmen. Auf kaum gangbaren Wegen drang er mitten im Winter in die Grafſchaft Ar⸗ gyle, wo er, alle Regungen der Menſch⸗ lichkeit verlaͤugnend, einen verheerenden Krieg fuͤhrte. Argyle eilte zur Vertheidigung ſei⸗ ner Landsleute herbei, und als er ſeine zer⸗ ſtreuten Stammgenoſſen geſammelt hatte, ruͤckte er gegen Inverlochy vor, wo er eine drohende Stellung nahm. Montroſe zog ihm ſchnell entgegen, und ſchlug den Clan Camp⸗ bell in die Flucht. Die Hochlaͤnder ſtießen nun zu dem Sieger, der ſich wieder in die Gebirge zuruͤckzog, und alle feindlich behan⸗ delte, die ſich weigerten, die Sache des Koͤ⸗ nigs zu unterſtuͤtzen. Der Sieg folgte ſei⸗ nen Fahnen. Er ſchlug uͤberall die Kriegs⸗ voͤlker, welche die Anhaͤnger des Covenants aus England zuruͤckgerufen hatten, um ihn aufzuhalten, und erkaͤmpfte ſeinen letzten und glaͤnzendſten Sieg bei Kilſyth(1644), wo viertauſend Feinde auf dem Platze blieben. Als er die feindliche Kriegsmacht vernichtet Erſter Theil.*† X ——— XVIII ihn, die ihn zur Beſtaͤtigung der Glaubens⸗ hatte, zog er mit geſchwaͤchten Streitkraͤften gegen die Graͤnze, um nach Ankunft der er⸗ warteten Verſtaͤrkung in England einzuruͤk⸗ ken, und dem bedraͤngten Koͤnige Hilfe zu bringen. David Leſſly, der von dem ſchot⸗ tiſchen Heere in England war entſendet wor⸗ den, uͤberraſchte ihn bei Philiphaugh(1644) und Montroſe wurde trotz ſeiner tapfern Ge⸗ genwehr ſo entſcheidend geſchlagen, daß er mit wenigen Reitern in's Hochland entflie⸗ hen mußte. Die Sieger vergalten ohne Er⸗ barmen die Grauſamkeit, die Montroſe nach der Schlacht bei Kilſyth ausgeuͤbt hatte. Der Koͤnig, deſſen Lage nach dem un⸗ gluͤcklichen Treffen bei Naſeby immer ge⸗ faͤhrlicher wurde, gab dem geſchlagenen Mont⸗ roſe Befehl, die Waffen niederzulegen und nach Frankreich zu gehen. Seitdem lebte Montroſe im Auslande. Als Karl auf dem Blutgeruͤſte ſein Leben verloren hatte, fand ſein Sohn Karl II, der als Fluͤchtling in Breda lebte, alsbald einen maͤchtigen Anhang in Schottland. Man ſchickte Abgeordnete an XIX einigung einluden. Karl verſprach alles, aber zu gleicher Zeit nahm er heimlich Mont⸗ roſe's Anerbieten an, welcher, in dem Ver⸗ trauen auf Wahrſagungen, die ihn zum Wie⸗ derherſteller des Hauſes Stuart beſtimmten, eine Landung in Nord⸗Schottland machen wollte, um das Reich dem Koͤnige ohne Be⸗ dingungen durch Waffengewalt zu unterwer⸗ fen. Montroſe, zum Oberfeldherrn des Koͤ⸗ nigs ernannt, landete(1649) mit ſechshun⸗ dert Teutſchen und brachte ſeinen Heerhau⸗ fen durch gewaltſame Werbungen bald auf 1500 Mann. Mit dieſen Streitkraͤften woll⸗ te er in das Hochland vordringen, wo er ſeine ehemahligen Waffengefaͤhrten bald un⸗ ter ſeine Fahnen zu bringen hoffte. Die Schottlaͤnder waren vorbereitet. Kaum hatte ſich Montroſe den Graͤnzen der Grafſchaft Roſfſ genaͤhert, als ein Reiterhaufen aus ei⸗ nem Hinterhalte gegen ihn hervorbrach. Seine zuchtloſen Hochlaͤnder flohen beim zweiten Angriffe, und die Teutſchen ergaben ſich. Montroſe rettete ſich durch Flucht, aber ein treuloſer Freund verrieth ihn bald nach X/„ 7 der Schlacht und lieferte ihn dem ſchotti⸗ ſchen Feldherrn aus. Man brachte ihn in demſelben ſchlechten Anzuge, worin man ihn entdeckt hatte, bis Dundee, deſſen Bewohner, von ſeinem Ungluͤcke geruͤhrt, ihm großmuͤ⸗ thig die Unbilden verziehen, die er ihnen zu⸗ gefuͤgt hatte, und ihm anſtaͤndige Kleider ga⸗ ben. In Edinburgh ward er ſchimpflich und grauſam behandelt. Stadtbeamte erwarteten ihn am Thore, und ließen ihn auf einen ho⸗ hen Karren ſetzen, worauf man ihn veſt band. So ward er mit entbloͤßtem Haupte von dem Henker durch die Hauptſtraßen der Stadt ins Gefaͤngniß gebracht. Man ver⸗ urtheilte ihn als einen bereits fruͤher Ueber⸗ wieſenen zum Galgen. Sein Kopf ward. uͤber dem Eingange des Gefaͤngniſſes aufge⸗ ſtellt und ſein verſtuͤmmelter Leib neben Ver⸗ brechern begraben. Dresden. L. Theil. Er ſter E inleieun g. Der Feldwebel More Mac⸗Alpin war, waͤh⸗ rend er unter uns lebte, einer der geachtetſten Bewohner von Gandercleugh. Es ſiel Nie⸗ manden ein, ihm ſeinen Anſpruch auf den großen ledernen Stuhl an der bequemſten Seite des Herdes der Schenkſtube in den Abendſtunden des Sonnabends ſtreitig zu ma⸗ chen. Unſer Kirchner, Hans Duirward, wuͤrde es fuͤr eine ungebuͤhrliche Anmaßung gehalten haben, wenn er irgend Jemanden geſtattet haͤtte, ſich in die Ecke des Kirchſtuhls links von der Kanzel zu ſetzen, wo der Feldwebel an Sonntagen regelmaͤßlg Platz nahm. Hier ſaß er in ſeiner ungemein ſorgfaͤltig abgebuͤr⸗ * 1 4 8 ſteten blauen Kriegsalten⸗Tracht. Zwei Ver⸗ dienſtmuͤnzen im Knopfloche, und der leere Aermel der rechten Seite, bezeugten ſeinen beſchwerlichen und ehrenvollen Kriegsdienſt. Sein gebraͤuntes Geſicht, ſein graues Haar, nach altfraͤnkiſcher Kriegerſitte in einen duͤn⸗ nen Zopf gebunden, und die Richtung ſeines Kopfes, den er rechts ein wenig aufwaͤrts hob, um die Stimme des Geiſtlichen deſto beſ⸗ ſer zu hoͤren— alles dieß waren Zeichen ſei— nes Berufes und ſeiner Gebrechlichkeit. Ne⸗ ben ihm ſaß ſeine Schweſter Hanne, ein ſchmuk⸗ kes altes Weibchen, mit einer hochlaͤndiſchen Haube und einem buntgewuͤrfelten Mantel; ſie bewachte jeden Blick ihres Bruders, der fuͤr ſie der groͤßte Mann auf Erden war, und emſig ſuchte ſie ihm in ſeiner Bibel mit ſil⸗ bernen Krampen die Spruͤche auf, die der Pre⸗ diger anfuͤhrte, oder erklaͤrte. Es war, glaube ich, die Achtung, welche Jedermann in Gandercleugh dem wuͤrdigen Altkrieger bewies, was ihn bewog, ſeinen Wohnſitz in unſerm Dorfe zu nehmen, wie⸗ —õÿÿõÿõÿõů; . AE —— 5 wohl er urſpruͤnglich ganz andere Abſichten ge⸗ habt hatte. Mac⸗Alpin war bei beſchwerlichem Kriegs⸗ dienſt in verſchiedenen Erdtheilen zum Ober⸗ ſeldwebel beim Geſchuͤtzweſen aufgeſtiegen, und galt fuͤr einen der erfahrenſten und zuverlaͤſ⸗ ſigſten Maͤnner in der ſchottiſchen Artillerie. Eine Stuͤckkugel, die ihm in einem Feldzuge in Spanien den Arm zerſchmetterte, verſchaffte ihm endlich einen ehrenvollen Abſchied, mit einem Jahrgeld vom Invalidenhauſe in Chel⸗ ſea und einer nicht unbeträchtlichen Gabe von der patriotiſchen Geſellſchaft. Der Feldwebel war uͤberdieß ſo klug als tapfer geweſen und hatte ſich, durch Beutegelder und Erſparniſſe, eine kleine Summe in Staatspapieren ver⸗ ſchafft. G Er hatte ſich vorgeſetzt, ſeine Einkuͤnfte in dem wilden hochlaͤndiſchen Thale zu verzeh⸗ ren, wo er als Knabe Rinder und Ziegen ge⸗ huͤtet hatte, ehe der Trommelton ihn verleite⸗ te, ſeine Muͤtze einen Zoll hoͤher zu ſchieben, und dieſem Tone beinahe vierzig Jahre lang 6— zu folgen. Jene abgelegene Gegend war in ſeiner Erinnerung unvergleichlich ſchoͤner, als die herrlichſten Landſchaften, die er auf ſeinen Wanderungen geſehen hatte. Selbſt das gluͤck⸗ liche Thal des Prinzen Raſſelas wuͤrde bei der Vergleichung ganz verloren haben. Er kam, und ſuchte die geliebte Gegend wieder auf, aber es war nur ein öoͤdes Thal, von wilden Felſen umgeben und von einem Gebirgſtrome durchfloſſen. Dieß war nicht das Schlimmſte. Das Feuer war ausgeloͤſcht auf dreißig Her⸗ den; er konnte nur wenige rohe Steine von ſeines Vaters Huͤtte wieder erkennen; die hei⸗ miſche Sprache war faſt erloſchen, und der alte Stamm, welchem er anzugehoͤren ſich ruͤhmte, hatte eine Zuflucht jenſeits des atlan⸗ tiſchen Meeres geſucht. Ein Meier aus dem Niederlande, drei Hirten in grauen Maͤn⸗ teln*) und ſechs Hunde waren die einzigen Bewohner des Thales, das in den Tagen ſei⸗ *) Die Tracht der Hirten im ſchottiſchen Niederlande. .. 5 1 — 5* 13 3 4— 7 — 5 ner Jugend gegen zweihundert zufriedene, wo nicht wohlhabende Inwohner gezaͤhlt hatte. p Mac⸗Alpin fand indeß in dem Hauſe des neuen Meiers eine unerwartete Quelle der Freude und einen Gegenſtand ſeiner Zunei⸗ gung. Seine Schweſter Johanne war zum Gluͤcke ſo veſt von ihres Bruders Ruͤckkehr uͤberzeugt geweſen, daß ſie ſich geweigert hatte, ihre Verwandten bei der Auswanderung zu be⸗ gleiten. Ja, ſie hatte, wiewohl nicht ohne ein Gefuͤhl der Herabwuͤrdigung, ſich gefallen laſſen, dem eingedrungenen Niederlaͤnder zu dienen, welcher, wenn auch ein Sachſe,*) doch ein freundlicher Mann gegen ſie geweſen war. Das unerwartete Wiederſehen ſeiner Schweſter ſchien ein Heilmittel fuͤr alles Un⸗ 4⁸ gemach zu ſein, das Mac⸗Alpin hatte erdul⸗ den muͤſſen, obgleich er nicht ohne eine wider⸗ ſtrebende Thraͤne die Geſchichte der Auswan⸗ deerung ſeiner Verwandten erzaͤhlen hoͤrte, wie 4 ) Die Hochländer nennen die Süͤdbritten Saſſe⸗ * nach, Sachſen⸗ 8. 3 8— nur eine Hochlaͤnderinn ſo etwas erzaͤhlen konnte. Sie ſprach ausfuͤhrlich von den vergebli⸗ chen Anerbietungen, einen hoͤheren Zins zu bezahlen, den man doch nicht haͤtte erſchwingen koͤnnen, ohne in die groͤßte Armuth zu. gera⸗ then, und dennoch wollte man dieſe gern er⸗ dulden, wenn es waͤre geſtattet worden, auf dem heimathlichen Boden zu leben und zu ſter⸗ ben.*) Sie vergaß auch nicht, von den Vor⸗ zeichen zu reden, welche die Auswanderung des alten rammes und die Ankunft der Fremdlinge verkuͤndet hatten. Zwei Jahre vor der Auswanderung hoͤrte man in den Toͤ⸗ nen des Nachtwindes, wenn er in dem Eng⸗ paſſe W lachin hinab heulte beaiſich die Weiſe *) Seit der tetzten Hälfte des vorigen Jahrhunderts haben die Auswanderungen aus dem Hochlande im⸗ mer fortgedauert, und die Ueberreſte alter Sitte und alter Sprache ſind dadurch immer mehr auf abge⸗ legene Thäler beſchränkt worden. Der Eigennutz hart⸗ verziger Gutsherrn. war in vielen Fällen die Urſache dieſer Erſcheinung.. 15. 1 4 8* ——— des Ha til mi tulidh(wir kehren nie wieder zuruͤck) womit die Auswanderer gewoͤhnlich den heimiſchen Kuͤſten Lebewohl ſagen. Oft hoͤrte man das rauhe Geſchrei fremder Hirten und das Gebell ihrer Hunde in den Nebeln der Berge, lange vor ihrer Ankunft. Ein Barde, der Letzte ſeines Stammes, hatte die Vertreibung der Urbewohner des Thales in einem Liede beſungen, das dem alten Krieger Thraͤnen entlockte. Die erſten Zeilen lauteten ungefaͤhr ſo: Weh weh! dir Sohn des Niederlands, Warum willſt Du dein Graͤnzland fliehen? Warum ſtoͤrſt Du des Hochlands Ruh', Verheerend durch dieß Thal zu ziehen? Mac⸗Alpin's Bekuͤmmerniß wurde durch den Umſtand erhoͤht, daß der Haͤuptling, der dieſe Veraͤnderung bewirkt hatte, nach Ueber⸗ lieferung und Volksmeinung, fuͤr den Ab⸗ kommling der ehemahligen Anfuͤhrer und Stammvaͤter der verjagten Fluͤchtlinge galt, und der Feldwebel war zeither nicht wenig 3 ſtolz darauf geweſen, den Verwandtſchaftgrad darzuthun, worin er mit dieſem Manne ſtand. Seine Geſinnungen gegen ihn wurden nun traurig umgewandelt.„Ich kann ihm nicht fluchen, ſprach er, als er nach geendigter Er⸗ zaͤhlung ſeiner Schweſter aufſtand und in der Stube auf und nieder gieng: ich will ihm nicht fluchen; er iſt der Abkoͤmmling und Erbe meiner Väͤter. Nie aber ſoll ſein Nahme wieder uͤber meine Lippen kommen.“ Er hielt Wort und bis zu ſeinem Todes⸗ tage hoͤrte ihn nie Jemand den eigennuͤtzigen und hartherzigen Haͤuptling nennen. Als er ſich einen Tag lang traurigen Erinnerungen uͤberlaſſen hatte, ſtaͤrkte der kuͤhne Muth, wo⸗ mit er ſo viele Gefahren beſtanden, Mac⸗Al⸗ pin's Bruſt gegen dieſe grauſame Taͤuſchung. Er wollte zu ſeinen Verwandten nach Canada gehen, wo ſie einem Thale die Nahmen ihrer alten Heimath beigelegt hatten. Hanne ſollte ihre Roͤcke ſchuͤrzen, wie eine Marketenderinn⸗ ſagte er. Die Entfernung? Pah! es war nur ein Flohſprung gegen die Reiſen und — 11 Zuͤge, die er bei unbedeutendern Veranlaſſun⸗ gen gemacht hatte. In dieſer Abſicht verließ er das Hochland und kam mit ſeiner Schweſter nach Gander⸗ cleugh, als er auf dem Wege nach Glasgow war, wo er ſich einſchiffen wollte. Der Win⸗ ter aber war vor der Thuͤre, und da er es fuͤr rathſam hielt, bis zum Fruͤhlinge, wo der Lorenzſtrom offen war, mit der Ueberfahrt zu warten, ſo nahm er fuͤr die wenigen Monate ſeines Aufenthalts in Großbritannien ſeinen Wohnſitz unter uns. Der ehrwuͤrdige alte Mann wurde, wie geſagt, von Allen mit Ach⸗ tung und Aufmerkſamkeit behandelt, und war, als der Fruͤhling wiederkam, ſo zufrieden mit ſeiner Wohnung, daß er den Gedanken an ſeine Reiſe aufgab. Seine Schweſter fuͤrch⸗ tete ſich vor dem Meere, und er ſelber fuͤhlte die Schwaͤchlichkeit, die eine Folge ſeines Al⸗ ters und ſeiner harten Kriegsdienſte war, mehr als er anfaͤnglich erwartet hatte. Es waͤre beſſer, ſagte er zu dem Geiſtlichen, und zu mei⸗ nem Goͤnner, Herrn Cleiſhbotham, unter be⸗ 12— kannten Freunden zu bleiben, als weiter zu gehen und ſchlimmer zu fahren. Er ließ ſich daher in Gandereleugh nie⸗ der, zur großen Zufriedenheit aller Bewohner des Ortes, fuͤr welche er, wegen ſeiner Kennt⸗ niſſe vom Kriegsweſen und ſeiner geſchickten Erlaͤuterungen uͤber Zeitungen und Kriegsbe⸗ richte, ein wahres Orakel wurde, das alle ver⸗ gangenen, gegenwaͤrtigen oder kuͤnftigen Kriegs⸗ begebenheiten erklaͤrte. Der Feldwebel war freilich in ſeinem Be⸗ tragen auch nicht frei von Widerſpruͤchen. Er war ein ſtandhafter Freund des Hauſes Stu⸗ art, da ſein Vater und ſeine vier Oheime im Jahre 1745*) ausgezogen waren, aber er war ein nicht minder ſtandhafter Anhaͤnger des Koͤnigs Georg, in deſſen Dienſten er ſein klei⸗ nes Vermoͤgen erworben und drei Bruͤder ver⸗ 4*) Als Karl Eduard Stuart den Thron ſeiner Väter wieder zu erkämpfen ſuchte. S. Vorwort zu meiner Ueberſetzung des Romans Wavieley. Dresden 1821. 4 Theile., — — — 13 loren hatte, und man konnte ihm eben ſo leicht mißfallen, wenn man den Prinzen Karl den Praͤtendenten nannte, als wenn man etwas gegen die Wuͤrde des Koͤnigs Georg ſagte. Es laͤßt ſich auch nicht laͤugnen, daß der Feld⸗ webel am Abend des Tages, wo er ſeine Zin⸗ ſen erhob, gern laͤnger in der Schenke blieb, als es die Maͤßigkeit, oder in der That ſelbſt ſein eigener Vortheil erlaubte; denn bei ſol⸗ chen Gelegenheiten ſuchten ſeine Zechgeſellen ſeinen vorgefaßten Meinungen zu ſchmeicheln, indem ſie Lieder zum Lobe der Stuarte ſan⸗ gen, auf Buonaparte's Verderben und auf Wellington's Wohlſein tranken, bis der Feld⸗ webel ſich nicht nur die Bezahlung der ganzen Zeche hatte abſchmeicheln, ſondern zuweilen auch verleiten laſſen, ſeinen eigennuͤtzigen Ge⸗ ſellſchaftern kleine Summen zu leihen. Nach ſolchen Schaumblaſen, wie er's nannte, dank⸗ te er gewoͤhnlich Gott, und dem Herzoge von York, der es einem alten Kriegsmanne ſchwe⸗ rer gemacht hat, ſich durch ſeine Thorheit zu 14— Grunde zu richten, als es in unſeres Feldwe⸗ bels Jugendzeit der Fall geweſen war. Nicht bei ſolchen Gelegenheiten war ich in Mac⸗Alpin's Geſellſchaft; oft aber, bei freier Zeit, ſuchte ich ihn auf, wenn er, wie er ſagte, auf ſeiner Morgen⸗ und Abend⸗ Parade war, wo er, bei ſchoͤnem Wetter, ſo rrgelmaͤßig erſchien, als ob der Trommelton ihn gerufen haͤtte. Morgens ging er unter den Ulmen des Kirchhofs; denn der Tod, ſag⸗ te er, waͤre ſeit ſo vielen Jahren ſein naͤchſter Nachbar geweſen, daß es nicht zu entſchuldi⸗ gen ſein wuͤrde, die Bekanntſchaft aufzugeben. Am Abend luſtwandelte er auf dem Bleichpla⸗ tze am Fluſſe, wo er zuweilen, auf einer off⸗ nen Bank ſitzend, mit der Brille auf der Na⸗ ſe einem Kreiſe laͤndlicher Politiker die Zei⸗ tungen vorlas, Kriegsausdruͤcke erklaͤrte und den Begriffen ſeiner Zuhoͤrer durch Linien, die er mit der Spitze ſeines ſpaniſchen Rohres auf den Boden zog, zu Hilfe kam. Bei andern Gelegenheiten war er von einem Schwarm von Schulknaben umgeben, die er zuweiſen zu ———— Waffenuͤbungen anleitete, zuweilen aber, mit minderer Zuſtimmung ihrer Aeltern, in den Geheimniſſen der Feuerwerkerkunſt unterrichte⸗ te; denn bei oͤffentlichen Feierlichkeiten war der Feldwebel der Feuerwerker des Dorfes Gandercleugh. Ich begegnete dem Alten gewoͤhnlich auf ſeinen Morgenwanderungen. Noch immer kann ich nicht auf den, von hohen Ulmen beſchatteten Fußpfad im Dorfe blicken, oh⸗ ne zu glauben, daß ich ſeine gerade Geſtalt mit abgemeſſenen Schritten und mit vorwaͤrts geſtrecktem Stocke, bereit, mir den kriegeriſchen Gruß zu geben, auf mich zu kommen ſehe; aber er iſt todt, und ſchlaͤft mit ſeiner treuen Hanne unter der dritten Ulme vom Stege am weſtlichen Ende des Kirchhofes. Der Umgang mit dem Feldwebel machte mir nicht bloß durch die Erzaͤhlung ſeiner Abenteuer, deren er ſo viele in ſeinem unſteten Leben gehabt hatte, viel Freude, ſondern eben ſo unterhaltend waren fuͤr mich ſeine Erinne⸗ rungen an viele hochlaͤndiſche Ueberlieferun⸗ gen, die ſeine Aeltern ihm in ſeiner Jugend erzaͤhlt hatten, und deren Glaubwürdigkeit zu bezweifeln, er in ſpaͤtern Jahren fuͤr eine Art von Ketzerei gehalten haben wuͤrde. Vie⸗ le derſelben bezogen ſich auf Montroſe's Krie⸗ ge, woran einige Vorfahren des Feldwebels, wie es ſchien, ruͤhmlich Theil genommen hat⸗ ten. So viel Ehre auch dieſe Kriege den Hoch⸗ laͤndern bringen, die ſich zuerſt bei dieſer Ge⸗ legenheit ihren niederlaͤndiſchen Nachbarn in Kriegsthaten uͤberlegen, oder doch gleich zeig⸗ ten, ſo ſind ſie doch weit weniger unter ihnen bekannt geworden, als man es bei der Men⸗ ge von Ueberlieferungen, die ſie uͤber weniger anziehende Gegenſtaͤnde aufbewahrt haben, haͤt⸗ te erwarten koͤnnen. Es war daher ein gro⸗ ßer Genuß fuͤr mich, von meinem kriegeriſchen Freunde mir einige, auf jene Zeit ſich bezie⸗ hende merkwuͤrdige Umſtaͤnde erzaͤhlen zu laſ⸗ ſen. Es ſind freilich viele ſeltſame und wun⸗ derbare Dinge beigemiſcht, die dem Zeitgeiſte und dem Erzaͤhler gehoͤren, aber ich werde dem Leſer nicht den mindeſten Vorwurf machen 17 wenn er unglaͤubig dabei iſt, wofern er nur ſo gut ſein will, den natuͤrlichen Ereigniſſen der Geſchichte unbedingt zu glauben, welche, wie alle Erzaͤhlungen, die ich ihm vorzulegen die Ehre gehabt habe, auf einer wahren Grund⸗ lage ruhet. Erſter Theit. 2 J. Wer bauet ſeines Glaubens Grund Auf den Text von Pik' und Feuerſchlund, Entſcheidet allen Streit ohn’ Muͤh' Durch unfehlbare Artillerie, Und zeigt, daß er rechtglaͤubig ſei Durch apoſtoliſche Prugelei. Butler. Unſre Erzaͤhlung beginnt in der Zeit des großen und blutigen Buͤrgerkrieges, der Groß⸗ britannien im ſiebzehnten Jahrhundert erſchuͤt⸗ terte. Schottland war von den Verheerun⸗ gen des inneren Krieges noch frei geblieben, wiewohl das Volk durch verſchiedene Anſichten der Staatsangelegenheiten ſehr getheilt war, und viele Bewohner des Landes, die der Ge⸗ walt des Parliaments muͤde waren, und den kuͤhnen Schritt, den daſſelbe durch die Abſen⸗ dung eines anſehnlichen Heeres zur Unterſtuͤtz⸗ —— — 19 ung des engllſchen Parliaments gewagt hat⸗ te, nicht billigten, hegten ſchon den Entſchluß, ſich bei der erſten guͤnſtigen Gelegenheit fuͤr den Koͤnig zu erklaͤren, und einen ablenken— den Angriff zu machen, der wenigſtens dazu noͤthigen ſollte, Leslie's Heer aus England zu⸗ ruͤck zu rufen, wenn es auch nicht gelaͤnge, ei⸗ nen großen Theil Schottlands wieder unter des Koͤnigs Botmaͤßigkeit zu bringen. Dieſer Entwurf wurde beſonders von den Edelleuten im noͤrdlichen Theile des Landes unterſtuͤtzt, die der Annahme des Glaubensbundes*) ſich hartnaͤckig widerſetzt hatten, und auch von vielen hochlaͤndiſchen Haͤuptlingen beguͤnſtigt, welche ihren Vortheil und ihr Anſehn mit dem Koͤnigthum verbunden glaubten, uͤberdieß d „ 3 *) Die im Jahre 1638 von den Presbyterianern in Schottland feierlich beſchworene Glaubenseinigung (Solemn Leage and Coy enant) welche ſie der vom Könige begünſtigten biſchöflichen Kirche entgegen ſetz⸗ ten. S. das Vorwort zu dem Roman: Die Schwärmer von W. Scott, überſ. von W. A. Lindau, ate verb. Auſl, Lei pzig 1823. 3 Theile. 2* eine entſchiedene Abneigung gegen die presby⸗ terianiſche Glaubenslehre hegten, und endlich in jenem halb wilden Zuſtande ſich befanden, wo Krieg immer willkommener als Friede iſt. Nan erwartete von dieſen zuſammen wir⸗ kenden Umſtaͤnden große Bewegungen, und das Gewerbe der Streifereien und Beraubun⸗ gen, weiche die Hochlaͤnder zu allen Zeiten gegen die Niederlaͤnder ſich erlaubten, nahm ſchon eine veſtere, offenere und geordnetere Ge⸗ ſtalt an, als ob es zu den allgemeinen Kriegs⸗ maßregeln gehoͤrt haͤtte. Die Machthaber verkannten die Gefahr des Augenblickes nicht, und waren aͤngſtlich bedacht, ihr zu begegnen und ſie abzuwehren. Sie ſahen indeß mit Vergnuͤgen, daß noch kein Anfuͤhrer, oder kein angeſehener Nahme auf⸗ geſtanden war, ein Heer von Koͤnigsfreunden zu ſammeln, oder auch nur die Anſtrengungen jener unſteten Haufen zu leiten, die ſich viel⸗ leicht eben ſo ſehr von Pluͤnderungſucht, als von ihren Grundſaͤtzen uͤber die oͤffentlichen Angelegenheiten, zu feindſeligen Maßregeln - ——— * 24 hatten hinreißen laſſen. Man hoffte allge⸗ mein, daß man die hochlaͤndiſchen Haͤuptlinge baͤndigen wuͤrde, wenn man eine hinlaͤngliche Kriegsmacht in die, an das Hochland graͤnzen⸗ den Gegenden des Niederlandes legte. Die uͤb⸗ rigen Edelleute im noͤrdlichen Gebiete, die ſich fuͤr den Glaubensbund erklaͤrt hatten, als der Graf Mareſchal, die angeſehenen Geſchlechter Forbes, Leslie, Irvine, Grant, und andere presbyterianiſche Staͤmme, konnten nicht nur die Macht des Stammes Hauſes Olgivie und andrer Koͤnigsfreunde in den Grafſchaften Angus und Kincardine, ſondern ſelbſt das maͤchtige Geſchlecht Gordon, deſſen Anſehen ſo hoch als ſeine Abneigung gegen die presbyte⸗ vianiſche Lehre heftig war, in den Schranken halten. Im weſtlichen Hochlande hatten die Macht⸗ haber viele Feinde; aber die Macht dieſer mißver⸗ gnuͤgten Staͤmme waͤre gebrochen, glaubte man, und der Muth ihrer Haͤuptlinge eingeſchuͤchtert worden durch den vorherrſchenden Einfluß des Grafen von Argyle, der das unbedingte Ver⸗ trauen der Staͤnde genoß, und deſſen bereits unermeßliche Macht in den Hochlanden durch die, dem Koͤnige bei der letzten Friedeusſtif⸗ tung abgedrungenen Bewilligungen noch war erhoͤht worden. Man wußte ſehr wohl, daß Argyle mehr Unternehmungsluſt in Staatsan⸗ gelegenheiten als perſoͤnlichen Muth beſaß, und beſſer dazu paßte, Staatsraͤnke zu leiten, als die Staͤmme feindſeliger Gebirgwohner im Zaume zu halten; aber man glaubte, die Zahl ſeiner Stammgenoſſen und der Muth ihrer tapfern Anfuͤhrer koͤnnten die perſoͤnli⸗ chen Maͤngel des Haͤuptlings erſetzen, und da der Clan Campbell*) bereits mehre benachbar⸗ te Staͤmme hart gedemuͤthigt hatte, ſo meinte man, dieſe wuͤrden nicht eilig ſein, noch ein⸗ mahl mit einem ſo maͤchtigen Widerſacher in die Schranken zu treten. Die ſchottiſchen Staͤnde geboten uͤber das ganze ſuͤdliche und weſtliche Schottland, un⸗ *) Argyle war deſſen Haupt. L. — —.,— — — 23 ſtreitig den reichſten Theil des Koͤnigreiches, da die Grafſchaft Fife ihnen ganz ergeben war und viele maͤchtige Freunde ſelbſt nordwaͤrts vom Forth und Tay ihnen anhingen. Es konnte unter dieſen Umſtaͤnden keine ſehr drin⸗ gende Gefahr ſie bewegen, von den zeither be⸗ folgten Staatsgrundſaͤtzen abzuweichen, und die zur Unterſtuͤtzung ihrer Bruͤder in Eng⸗ land entſendete Hilfmacht von zwanzig tau⸗ ſend Mann zuruͤck zu rufen, durch deren Mit⸗ wirkung die koͤnigliche Partei auf die Gegen⸗ wehr war beſchraͤnkt worden, als ſie eben im vollen Siegeslaufe war. Die Gruͤnde, welche die ſchottiſchen Staͤn⸗ de bewogen, an dem Buͤrgerkriege in England einen ſo thaͤtigen Antheil zu nehmen, ſind zwar von unſern Geſchichtſchreibern ausfuͤhr⸗ lich dargelegt worden, eine kurze Aufzaͤhlung derſelben aber wird hier an ihrer Stelle ſein. Sie hatten zwar keine neue Beleidigung, kei⸗ nen neuen Angriff von dem Koͤnige erfahren und der zwiſchen Karl und ſeinen ſchottiſchen 24 Unterthanen geſchloſſene Friede*) war ſorg⸗ faͤltig beobachtet worden; aber die Machtha⸗ ber in Schottland wußten wohl, daß dieſer Friede dem Könige durch den Einfluß der Par⸗ liaments-Partei in England und durch die Furcht vor ihren eigenen Waffen war abge⸗ drungen worden. Koͤnig Karl hatte ſeitdem die Hauptſtadt ſeines alten Reiches beſucht, hatte die neue Kircheneinrichtung beſtaͤtigt und unter die Anfuͤhrer der Partei, welche ſich ſei⸗ nen Angelegenheiten ſo feindſelig bewieſen hat⸗ te, Ehrenbezeigungen und Belohnungen ver⸗ theilt, man argwoͤhnte jedoch, daß Auszeich⸗ nungen, die man ungern gegeben hatte, bei der erſten Gelegenheit wuͤrden zuruͤck genom⸗ men werden. Die bedraͤngte Lage des engli⸗ ſchen Parliaments erweckte hohe Beſorgniſſe, und man ſchloß, daß Koͤnig Karl, wenn er ſeine empoͤrten Unterthanen in England durch Waffengewalt beſiegte, nicht zoͤgern werde, *) Nach dem Einfolle der Schottländer in England 1640, L. —— —— 23 die Schottlaͤnder zu der Rache aufzufordern, welche nach ſeiner Meinung denjenigen ge⸗ buͤhren mußte, die zuerſt das Beiſpiel des Aufſtandes gegen ihn gegeben hatten. Dieß veranlaßte die Maaßregel, eine Hilfmacht nach Endland zu ſenden, und man aͤußerte ſich daruͤber in einer Erklaͤrung, welche die Beweg⸗ gruͤnde, dem engliſchen Parliament dieſen zeit⸗ gemaͤßen und wichtigen Beiſtand zu leiſten, aus einander ſetzte. Das engliſche Parlia⸗ ment, ſagten die ſchottiſchen Staͤnde, haͤtte ſich bereits freung lich gegen ſie erwieſen, und wer⸗ de es auch kuͤnftig thun, der Koͤnig hingegen haͤtte zwar neuerlich die Glaubensangelegen⸗ heiten nach ihrem Verlangen geordnet, aber ihnen keineswegs Urſache gegeben, ſeiner koͤnig⸗ lichen Erklaͤrung zu vertrauen, da ſie ſeine Zuſagen mit ſeinen Handlungen in Wider⸗ ſpruch gefunden haͤtten.„Unſer Gewiſſen, ſchloſſen ſie, und Gott, der noch hoͤher iſt, als unſer Gewiſſen, geben uns Zeugniß, daß wir nichts erſtreben, als die Ehre Gottes, den Frie⸗ den beider Laͤnder und des Koͤnigs Ruhm, wenn 26 wir auf geſetzlichem⸗ Wege diejenigen unter⸗ druͤcken und beſtrafen, welche die Unruheſtifter in Israel, die Hoͤllenbraͤnde, die Rotte Korah unſrer Zeit genannt werden koͤnnen, und Bi⸗ leam, Haman und Saneballat zu vergleichen ſind, und iſt dieß geſchehen, ſo ſind wir zufrie⸗ den. Auch haben wir zu einem Kriegszuge nach England, als einem Mittel, jenen unſern gottſeligen Zweck zu erreichen, nicht eher unſre Zuflucht genommen, bis alle uͤbrigen Mittel, worauf wir ſinnen konnten, uns fehl geſchla⸗ gen waren, und nur dieß iſt uns als ultimum et unicum remedium, als letztes und einziges Mittel, uͤbrig gebleden.“ Wer uͤber Gewiſſensfragen gruͤbelt, moͤge es entſcheiden, ob ein vertragſchließender Theil berechtigt ſei, einen feierlichen Vergleich zu verletzen, bei dem bloßen Verdachte, daß der andre Theil bei gewiſſen kuͤnftigen Ereig⸗ niſſen ihn brechen werde. Wir beruͤhren nur noch zwei andre Umſtaͤnde, die wenigſtens eben ſo viel Einfluß auf die Machthaber und das Volk in Schottland hatten, als die Zwei⸗ ——— — —— fel, die man gegen des Koͤnigs Aufrichtigkeit hegte. Der eine war die Einrichtung und der Zuſtand ihres Heeres, an deſſen Spitze arme und mißvergnuͤgte Edelleute ſtanden, und das meiſt von ſchottiſchen Kriegsabenteurern ange⸗ fuͤhrt wurde, die ſo lange in den teutſchen Kriegen gefochten hatten, bis ſie fuͤr allen Unterſchied von Staatsgrundſaͤtzen, fuͤr allen Vaterlandſinn unempfaͤnglich geworden, und zu dem Soͤldnerglauben uͤbergegangen waren, des Kriegers erſte Pflicht waͤre Treue gegen den Staat, oder den Fuͤrſten, der ihn beſoldet, ohne die Gerechtigkeit des Kampfes, oder ſeine Verbindung mit einer der kaͤmpfenden Par⸗ teien zu beachten. Von Menſchen dieſer Art gilt das ſtrenge Wort, das Hugo Grotius aus⸗ ſpricht: Nullum vitae senus est improbius quam eorum, qui sine causae respectu mercede con- ducti militant.*) Fuͤr dieſe Soͤldner, und fuͤr die duͤrftigen Edelleute, die den Heerbe⸗ *) Niemand führt ein gottloſeres Leben, als wer ohne Rückſicht auf die Sache, nur fär Lohn ſtreitet. 28— fehl mit ihnen theilten, und ſich leicht zu den⸗ ſelben Meinungen neigten, war der gluͤckliche Erfolg des kurzen Kriegszugs gegen England im Jahre 1640 ein hinreichender Beweggrund, einen ſo vortheilhaften Verſuch zu wiederhoh⸗ len. Der gute Sold und das freie Quartier in England hatten einen lebhaften Eindruck auf dieſe Abenteurer gemacht, und die Hoff⸗ nung, noch einmahl achthundert und funzig Pfund taͤglich zu erheben, brachte alle andern Gruͤnde, welche Staatswohl oder Sittlichkeit an die Hand geben konnten, zum Schweigen. Eiin anderer Umſtand entflammte eben ſo ſehr die Gemuͤther des Volkes uͤberhaupt, als die Ausſicht auf Englands Reichthuͤmer das Kriegsvolk begeiſterte. Es war uͤber die Form der kirchlichen Verfaſſung von beiden Seiten ſo viel geſchrieben und geredet worden, daß ſie in den Augen der Menge fuͤr weit wichti⸗ ger galt, als die Lehren des Evangeliums, die beide Kirchen annahmen. Die heftigen An⸗ haͤnger der biſchöflichen Kirche und die Ver⸗ fechter der presbyterianiſchen Lehre wurden ſo — —— 29 engherzig, als die Paͤpſtler, und wollten kaum die Moͤglichkeit zugeben, daß man außer ihren Kirchen den Weg zur Seligkeit finden koͤnnte. Man machte dieſen Eiferern vergebens die Ein⸗ wendung, daß der Stifter unſeres heiligen Glaubens, wenn er irgend eine beſondere Form der Kirchenverfaſſung zur Seligkeit nothwen⸗ dig erachtet haͤtte, auch dieſe eben ſo beſtimmt offenbaret haben wuͤrde, als es im alten Te⸗ ſtamente geſchehen waͤre. Beide Theile waren fortdauernd ſo heftig, als ob ſie zur Rechtfer⸗ tigung ihrer Unduldſamkeit die ausdruͤcklichen Gebote des Himmels haͤtten anfuͤhren koͤnnen. Laud*) hatte in den Tagen ſeiner Herrſchaft den Brand entzuͤndet, als er es verſuchte, den Schottlaͤndern die, ihren Gewohnheiten und Meinungen fremden Kirchengebraͤuche vorzu⸗ ſchreiben. Der gluͤckliche Erfolg, womit man ihm Widerſtand geleiſtet hatte, und die ſtatt *) Er hatte als Erzbiſchof eine Patriarchengewalt über die Kirche ausgeübt, war der Urheber der verhaßten neuen Liturgie, und ſtand im Verdachte, das Papſt⸗ thum zu begünſtigen. L. jener Gebraͤuche eingefuͤhrte presbyterianiſche Kircheneinrichtung hatten dieſe, als den Preis des Sieges, dem Volke theuer gemacht. Der feierliche Glaubensbund, den die Mehrzahl der Landesbewohner mit ſo lebhaftem Eifer ange⸗ nommen und Andern durch das Schwert auf⸗ gedrungen hatte, ging auf den Hauptzweck, die Lehre und Kirchenzucht der Presbyterianer ein⸗ zufuͤhren und alle Irrthuͤmer und Ketzereien zu unterdruͤcken, und als die Schottlaͤnder fuͤr ihr Vaterland die Errichtung dieſes goldnen Leuchters errungen hatten, waren ſie großmuͤ⸗ thig und bruͤderlich bedacht, dieſelbe Einrich⸗ tung in England zu gruͤnden. Sie glaubten dieſen Zweck leicht zu erreichen, wenn ſie dem Parliament den wirkſamen Beiſtand der ſchot⸗ tiſchen Kriegsmacht liehen. Die Presbyteria⸗ ner, eine zahlreiche und maͤchtige Partei im eng⸗ liſchen Parliament, waren zeither an der Spitze der Widerſacher des Koͤnigs geweſen, waͤhrend die Independenten und andre Sektirer, die ſpaͤterhin unter Cromwell die Macht des Schwer⸗ tes an ſich riſſen und die presbyterianiſche Leh⸗ * — 31 re in Schottland und England umſtuͤrzten, ſich noch begnuͤgten, unter dem Schutze der reichern und maͤchtigern Partei zu lauern. Die Aus⸗ ſicht, eine gleichfoͤrmige Kirchenzucht u⸗d An⸗ betungweiſe in England und Schottland ein⸗ zufuͤhren, ſchien daher eben ſo wahrſcheinlich zu ſein, als ſie erwuͤnſcht war. Der beruͤhmte Heinrich Vane, einer der Bevollmaͤchtigten, die uͤber das Buͤndniß zwi⸗ ſchen England und Schottland unterhandelten, ſah ein, wie kraͤftig dieſer Koͤder diejenigen anzog, mit welchen er zu thun hatte, und ob⸗ gleich ſelber ein heftiger Independent, ſuchte er doch die eifrigen Wuͤnſche der Presbyterianer zu gleicher Zeit zu befriedigen und zu verei⸗ teln, indem er die Verpflichtung, die engliſche Kirche beſſer einzurichten, darauf beſchraͤnkte. ſie nach Gottes Wort und nach den Einrich⸗ tungen der beßten reformirten Kirchen umzu⸗ wandeln. Die ſchottiſchen Staͤnde und die Anhaͤnger der herrſchenden Kirche wurden durch ihren Eifer getaͤuſcht, und da ſie an dem goͤtt⸗ lichen Rechte ihrer eigenen Kirchengeſellſchaft — 32 nicht zweifelten, und es nicht fuͤr moͤglich hiel⸗ ten, daß Andre Zweifel hegen koͤnnten, ſo glaubten ſie, daß jene Ausdruͤcke ſich nur auf die Gruͤndung der presbyterianiſchen Lehre be⸗ ziehen ließen; ſie kamen auch nicht eher aus dem Irrthume, bis ihr Beiſtand nicht mehr noͤthig war, und die Sektirer ihnen nun zu verſtehen gaben, daß jene Ausdruͤcke eben ſo gut auf die Anſichten der Independenten, oder jede andre Anbetungweiſe angewendet werden koͤnnten, welche die beſtehenden Machthaber. dem Worte Gottes und dem Gebrauche der reformirten Kirche angemeſſen halten moͤchten. Nicht weniger uͤberraſchte ſie die Entdeckung, daß die Entwuͤrfe der engliſchen Sektirer gegen Englands monarchiſche Verfaſſung gerichtet waren, da ſie ſelber zwar wohl die Abſicht ge⸗ hegt hatten, die Macht des Koͤnigs zu be⸗ ſchraͤnken, keineswegs aber geneigt waren, die Koͤnigswuͤrde abzuſchaffen. Sie verfuhren in dieſer Hinſicht wie ein unbeſonnener Arzt, der zuerſt ſeinen Kranken mit Arzneien uͤberladet, und ihn dadurch in eine Schwaͤche bringt, die — ſtaͤrkende Mittel ſpaͤterhin nicht mehr heben koͤnnen. Dieſe Ereigniſſe lagen jedoch noch im Schoo⸗ ße der Zukunft begraben. Das ſchottiſche Par⸗ liament hielt ſeine, gegen England uͤbernom⸗ menen Verpflichtungen mit Gerechtigkeit, Klug⸗ heit und Froͤmmigkeit uͤbereinſtimmend, und ſeine kriegeriſche Unternehmung ſchien ganz nach ſeinem Wunſche zu gelingen. Die Ver⸗ einigung der ſchottiſchen Kriegsmacht mit den, von Fair faxr und Mancheſter angefuͤhrten Hee⸗ ren ſetzten die Kriegsvoͤlker des Parliaments in Stand, York zu belagern und den verzwei⸗ felten Kampf auf der Ebene von Long⸗Mar⸗ ſtonmoor*) zu beſtehen, worin der Prinz Rup⸗ recht**) und der Marquis von Neweaſtle ge⸗ ſchlagen wurden. Die ſchottiſchen Bundgenoſ⸗ ſen hatten freilich weniger Antheil am Sieges⸗ ruhme, als ihre Landsleute wuͤnſchen konnten. David Leslie focht tapfer an der Spitze ihrer * 16aa. * ⁴) Der Sohn des unglücklichen Kurfürſten von der Pfalz und der Tochter Jakobs I. 8, Erſter Theit. 3 4) 4 34 Reiter, und ihnen, wie Cromwells eiſerner Schaar,*) gebuͤhrte die Ehre des Sieges; aber der alte Graf von Leven, der Anfuͤhrer der Presbyterianer, wurde durch den ungeſtuͤm⸗ men Angriff des Prinzen Ruprecht aus dem Felde geſchlagen, und war funfzehn Wegſtun⸗ den vom Schlachtfelde, in voller Flucht nach Schottland, als die Nachricht von dem voll⸗ ſtaͤndigen Siege ſeiner Anhaͤnger ihn einhohlte. Die Macht der ſchottiſchen Staͤnde wurde nicht wenig dadurch geſchwaͤcht, daß die Kriegs⸗ voͤlker auf jenem Kreuzzuge zur Gruͤndung des presbyterianiſchen Glaubens in England waren, und dieß gab Anlaß zu jenen Bewegungen unter den Gegnern des Presbyterianismus, wovon wir im Anfange dieſes Abſchnittes ge⸗ ſprochen haben. *) Iron Brigade. —. — 2 II. Es konnt⸗ ihn ſeine Mutter, ihn zu pflegen, In ihres Mannes roſt'gen Panzer legen, Deß rauher Ton das Kind in Schlaf gebracht, Das auf dem harten Lager nie geklagt. Da traͤumt' es dann von blutig wilden Kriegen, Wacht' auf, und focht, eh' ſtehn es konnt', in Siegen. Hall's Satiren. In den ſpaͤtern Stunden eines Sommer⸗ abends, waͤhrend der unruhigen Zeit, der wir gedacht haben, ritt ein junger Mann von Stande, auf einem wackern Roſſe, wohl be⸗ waffnet, und begleitet von zwei Dienern, de⸗ ren einer ein Saumroß fuͤhrte, langſam einen jener ſteilen Pfade hinan, die aus den Nie⸗ derungen der Grafſchaft Perth ins Hochland fuͤhren. Ihr Weg war eine Zeitlang am Ger ſtade eines Sees gelaufen, auf deſſen tieſer 2 3— ——— 36— Flut ſich der Purpurglanz der Abendſonne ſpie⸗ gelte. Der rauhe Pfad, dem ſie nicht ohne Beſchwerde folgten, war hier von alten Bir⸗ ken und Eichen beſchattet, dort von ungeheu⸗ ren Felſenbloͤcken uͤberwoͤlbt. Der Berg, wel⸗ cher die Nordſeite der ſchoͤnen Waſſerflaͤche be⸗ graͤnzte, bildete an andern Stellen einen ſtei⸗ len, aber minder ſchroffen Abhang und war mit purpurner Heidebluͤte bekleidet. In un⸗ ſern Tagen wuͤrde eine ſo anmuthige Gegend hoͤchſt reizend fuͤr den Wanderer geweſen ſein; wer aber in bedenklichen und furchtbaren Zei⸗ ten reiſet, achtet wenig auf mahleräſch Land⸗ ſchaften. Der Gebieter ritt, ſo oft der Waldwueg es geſtattete, neben einem ſeiner Diener, oder neben beiden, und ſchien ſich angelegentlich mit ihnen zu beſprechen, vermuthlich weil der Rang⸗ unterſchied unter denjenigen, die eine gemein⸗ ſame Gefahr theilen ſollen, leicht vergeſſen wird. Die Geſinnungen der Haͤuptlinge in dieſer wilden Gegend, und ihr wahrſcheinlicher Antheil an den bevorſtehenden buͤrgerlichen 1 —— 37 Unruhen, waren die Gegenſtaͤnde ihrer Unter⸗ haltung. Sie hatten noch nicht die Haͤlfte des We⸗ ges am See zuruͤckgelegt, und der junge Mann zeigte ſeinen Begleitern die Stelle, wo ihr Pfad ſich nordwaͤrts wandte, und vom See⸗ geſtade abweichend, in eine Schlucht zur Rech⸗ ten hinan ſtieg, als ſie einen einzelnen Reiter erblickten, der am Ufer hinab kam, als waͤre er ihnen entgegen geritten. Das Blinken ſeiner Helmhaube und ſeines Panzers in den Strahlen der Sonne verrieth, daß er in voller Ruͤſtung war, und die andern Reiſenden fanden es bei ihren Abſichten noͤthig, ihn nicht unbefragt voruͤber ziehen zu laſſen.„Wir muͤſſen wiſ⸗ ſen, wer er iſt, und wohin er geht,“ ſprach der junge Mann. Er ſpornte darauf ſein Pferd, und waͤhrend ſeine Begleiter ihm folg⸗ ten, ritt er ſo ſchnell, als der rauhe Pfad es erlaubte, vorwaͤrts, bis er auf die Stelle kam, wo der Weg laͤngs dem Geſtade von der, aus der Schlucht abfallenden Straße durchſchnitten wurde, und er machte es dadurch dem Frem⸗ den unmoͤglich, in den Thalweg auszuweichen, ehe ſie ihn erreicht hatten. Der einzelne Reiter hatte ſein Pferd an⸗ getrieben, als er zuerſt bemerkte, daß die drei Reiter ſchnell ihm entgegen kamen; kaum aber hatten ſie Halt gemacht und ſich in eine Reihe geſtellt, die den ganzen Weg einnahm, ſo hielt eer ſein Pferd an, und naͤherte ſich ſo bedaͤch⸗ tig, daß beide Theile Gelegenheit hatten, ſich genau anzuſehen. Der einſame Reiter ritt ein gutes Pferd, das zum Kriege abgerichtet und fuͤr die ſchwere Laſt tauglich war, die es zu tragen hatte, und des Reiters Benehmen ver⸗ rieth, daß er des Kriegſattels, worauf er ſaß, gewohnt war. Er trug einen glaͤnzenden Helm mit einem Federbuſche, und einen Panzer, der gegen eine Flintenkugel probeveſt war, mit ei⸗ nem leichteren Ruͤckenſtuͤck. Dieſe Schutzruͤ⸗ ſtung trug er uͤber einem Buͤffelkoller, und dazu Handſchuhe, die bis an den Elbogen reich⸗ ten, und wie die uͤbrige Ruͤſtung von blankem Stahle waren. Vorne am Sattel hingen ein Paar Piſtolen von ungewoͤhnlicher Groͤße, bei⸗ — 39 nahe zwei Fuß lang, die Kugeln ſchoſſen, deren zwanzig auf ein Pfund gingen. Ein Guͤrtel von Buͤffelleder mit einer großen ſilbernen Spange, trug an der einen Seite ein langes, gerades zweiſchneidiges Schwert mit einem ſtarken Stichblatt und einer zu Hieb und Stich paſſenden Klinge. An der rechten Seite hing ein Dolch, ungefaͤhr achtzehn Zoll lang; an einem Schulterriemen aber trug er auf dem Ruͤcken eine Muskete, oder einen Doppelha⸗ ken, und eine kreuzweiſe daruͤber gelegte Pa⸗ trontaſche enthielt ſeinen Schießbedarf. Staͤh⸗ lerne Beinſchienen, die bis zu dem Rande ſei⸗ ner ungeheuren Stiefeln hinab reichten, voll⸗ endeten den Anzug eines wohl geruͤſteten Rei⸗ ters jener Zeit. Das Aeußere des Reiters paßte gut zu ſeiner kriegeriſchen Ruͤſtung, woran er ſchon lange gewoͤhnt zu ſein ſchien. Er war uͤber Mittelgroͤße, und ſtark genug, ſeine Schutz⸗ und Trutzwaffen mit Leichtigkeit zu tragen. Er ſchien uͤber vierzig Jahre alt zu ſein, und ſeine Zuͤge verriethen einen entſchloſſenen abgehaͤrteten Altkrieger, der manches Schlachtfeld geſehen und mehr als eine Schmarre als Wahrzeichen davon getragen hatte. In einer Entfernung von ungefaͤhr ſechzig Schritten hielt er an, richtete in den Steigbuͤgeln ſich auf, als haͤtte er die Abſicht der Gegner erkunden wollen, und nahm ſein Schießgewehr unter den rech⸗ ten Arm, zum Kampfe bereit, wean es Ver⸗ anlaſſung dazu geben ſollte. Von der Ueber⸗ macht abgeſehen, war er im Vortheil gegen diejenigen, die ihm den Weg verlegen zu wol⸗ len ſchienen. Der Anfuͤhrer der Gegenpartei war wohl beritten und trug einen reich geſtickten Buͤf⸗ felkoller, der kriegeriſche Halbanzug jener Zeit; ſeine Diener aber hatten nur grobe Jacken von dickem Filz, worauf die Schaͤrfe eines Schwertes, von einem ruͤſtigen Manne ge⸗ ſchwungen, ſich kaum umgebogen haben wuͤrde, und keiner von ihnen hatte andre Waffen, als Schwert und Piſtolen, ohne welche in jenen unruhigen Zeiten ein Edelmann, oder deſſen Diener, nie ausritt. — 2 —-— — — 44 Als ſie ſich ungefaͤhr eine Minute lang angeſehen hatten, that der juͤngere Herr den Aufruf, der damahl bei allen Fremden uͤblich war, die ſich unter ſolchen Umſtaͤnden begegne⸗ ten:„Fuͤr wen ſeid Ihr?“ Sagt mir zuerſt, erwiderte der Kriegs⸗ mann, fuͤr wen Ihr ſeid. Der ſtäarkere Theil ſo ſt ſprechen. Wir ſind fuͤr Gott und Koͤnig Karl, hob der erſte Sprecher wieder an. Sagt uns nun eure Partei, Ihr kennt die unſvige. Ich bin fuͤr Gott und meine Fahne, ant⸗ wortete der einzelne Reiter. Und fuͤr welche Fahne? ſprach der Anfuͤh⸗ rer der andern Partei. Stuartsfreund oder Rundkopf? Koͤnig oder Parliament? Meiner Treu', Herr! erwiderte der Sol⸗ dat, ich moͤchte Euch nicht gern mit einer Un⸗ wahrheit antworten, was ſich nicht ziemt fuͤr einen Gluͤcksritter und Soldaten. Soll ich eure Frage mit gebuͤhrender Wahrhaftigkeit beantworten, ſo muͤßte ich ſelber erſt entſchloſ⸗ ſen ſein, welcher der gegenwaͤrtigen Parteiun⸗ 42— gen im Koͤnigreiche ich endlich anhangen wer⸗ de, und das iſt eine Sache, woruͤber ich noch nicht ganz mit mir einig bin. Ich haͤtte gedacht, ſprach der junge Mann, wenn Pflichttreue und Religion auf dem Spie⸗ le ſtehen, koͤnnte kein Edelmann, oder Ehren⸗ mann erſt lange ſeine Partei waͤhlen. Wahrhaftig, Herr, antwortete der Reiter, ſagt Ihr dieß, mich zu tadeln, und meint Ihr meine Ehre, oder meinen Adel anzugreifen, ſo ließe ich's gern darauf ankommen und wag⸗ te in ſolchem Kampfe mich gegen Euch drei. Meint Ihrs aber nur in der Art einer logi⸗ ſchen Schlußfolge, wovon ich in meiner Ju⸗ gend im Mareſchal⸗Collegium zu Aberdeen auch etwas gelernt habe, ſo will ich Euch 10 gice beweiſen, daß mein Entſchluß, die Ergrei⸗ fung einer Partei in dieſen Streitigkeiten noch aufzuſchieben, mir nicht nur als Edel⸗ mann und Ehrenmann ziemr, ſondern auch als einem verſtaͤndigen und klugen Manne, der ſich in fruͤher Jugend auf die Humaniora gelegt hat, und ſeitdem dem Kriege gefolgt iſt 1 43 unter dem Panier des nordiſchen Loͤwen, des unuͤberwindlichen Guſtav und vieler andern heldenmuͤthigen Feldherren, Lutheraner und Calviniſten, Papiſten und Arminianer. Als der junge Mann einige Worte mit ſeinen Dienern geſprochen hatte, gab er zur Antwort:„Ich moͤchte mich gern uͤber eine ſo wichtige Frage mit Euch beſprechen, und wuͤrde ſtolz darauf ſein, wenn ich Euch fuͤr die Sache gewinnen koͤnnte, der ich mich ſelber geweiht habe. Ich reite dieſen Abend zu einem Freunde, der kaum anderthalb Stunden von hier wohnt, und wenn Ihr mich begleiten wollt, ſo ſollt Ihr dieſe Nacht gutes Quartier haben und haͤttet Ihr morgen fruͤh keine Luſt, Euch mit uns zu verbinden, ſo koͤnnt Ihr frei eures Weges ziehen.“ Und weſſen Wort habe ich darauf? er⸗ widerte der vorſichtige Reiter. Man muß ſeinen Buͤrgen kennen, ſonſt koͤnnte man in einen Hinterhalt fallen. Ich bin der Graf von Menteith, antwor⸗ tete der juͤngere Reiter, und ich hoffe, Ihr 44 werdet mein Ehrenwort als hinlaͤngliche Buͤrg⸗ ſchaft gelten laſſen. Ein wuͤrdiger Edelmann, gegen deſſen Wort man keinen Zweifel haben darf, erwi⸗ derte der Kriegsmann. Er ſchob dann ſein Gewehr wieder auf den Ruͤcken, und als er den jungen Grafen nach Kriegerſitte gegruͤßt hatte, fuhr er fort, indem er ihm entgegen ritt: Und ich hoffe, auch meine Verſicherung, daß ich gute Kameradſchaft mit Euer Gna⸗ den halten will, in Frieden wie in Gefahr, ſo lange wir beiſammen ſind, wird nicht ganz gering geachtet werden in dieſen bedenklichen Zeitlaͤuften, wo eines Menſchen Kopf, wie man ſagt, in einer Helmhaube ſichrer iſt, als in einem Marmorpalaſte. Ich verſichre Euch, Herr, erwiderte Graf Manteith, daß ich, nach eurem Aeußern zu urtheilen, eure Begleitung hoͤchlich ſchaͤtze; aber ich hoffe, wir werden keine Gelegenheit ha⸗ ben, unſre Tapferkeit zu erproben, und ich denke, Euch in ein gutes und freundliches Quartier zu fuͤhren. 45 Gutes Quartier, Herr Graf, antwortete der Kriegsmann, iſt jederzeit annehmlich, und nur gutem Sold, oder guter Beute nachzuſe⸗ tzen, nicht zu gedenken der Ehre eines Rit⸗ ters, oder der noͤthigen Stuͤcke der Dienſt⸗ pflicht. Und wahrhaftig, Herr Graf, euer edelmuͤthiges Anerbieten iſt mir um ſo will⸗ kommner, da ich dieſen Abend nicht beſtimmt weiß, wo ich und mein armer Geſelle— er gab ſeinem Pferde einen ſanften Schlag— Herberge finden. Darf ich denn fragen, ſprach Graf Men⸗ teith, weſſen Quartiermeiſter zu ſein ich ſo gluͤcklich bin? Ja, Herr Graf, ich heiße Dalgetti, ant⸗ wortete der Reiter: Dugald Dalgetti, Ritt⸗ meiſter Dugald Dalgetti von Drumthwacket, Euer Gnaden zu Befehl. Ihr habt den Nah⸗ men wohl geleſen im Gallo Belgicus, im ſchwediſchen Correspondenten, oder wenn Ihr Teutſch verſteht, im Leipziger Mercurius. Mein Vater hatte ein huͤbſches Erbe durchgebracht, und ſo blieb mir, als ich achtzehn Jahre alt 46 . d.* war, nichts uͤbrig, als die Gelehrſamkeit, die ich im Mareſchal⸗Collegium zu Aberdeen er— worben, mein edles Blut und meinen Erb⸗ anſpruch auf Drumthwacket, ſammt ſtaͤhler⸗ nen Arm⸗ und Beinſchienen in den teutſchen Krieg zu tragen, um als Gluͤcksritter mein Fortkommen zu ſuchen. Ja, Herr Graf, meine Arme und Beine halfen mir mehr, als mein edler Stamm und mein Schulwitz, und ich lernte als Freiwilliger unter dem alten Lud⸗ wig Leslie mit der Lanze umgehen, wo ich in den Regeln des Dienſtes ſo gut geuͤbt wurde, daß ich ſie ſo bald nicht vergeſſen werde. Acht Stunden, Herr Graf, mußte ich Wache ſte⸗ hen im Schloſſe, das heißt von zwoͤlf Uhr Mittags bis acht Uhr Abends, mit Panzer, Helmhaube und Armſchienen, bis an die Zaͤh⸗ ne in Eiſen, bei hartem Froſt, wo das Eis ſo hart war als ein Flintenſtein, und alles nur, um mit meiner Wirthinn zu ſprechen, als ich zum Verleſen haͤtte gehen ſollen. Und ohne Zweifel habt Ihr auch eure — 47 heißen Tage gehabt, ſo gut als den kalten Wachdienſt, wovon Ihr ſprecht? Allerdings, Herr Graf. Es ziemt mir nicht, davon zu reden, aber wer die Schlacht⸗ felder bei Leipzig und Luͤtzen geſehen hat, weiß wohl, was eine ordentliche Schlacht iſt. Und wer bei der Einnahme von Frankfurt, Muͤnchen, Nuͤrnberg und ſo weiter zugegen war, weiß wohl etwas von Feldlagern, Stuͤr⸗ men, Angriffen und Ausfaͤllen zu ſagen. Aber ohne Zweifel ſind eure Verdienſte und eure Erfahrenheit durch Befoͤrderung be⸗ lohnt worden? Es ging langſam damit, Herr Graf, ver⸗ dammt langſam. Aber meine ſchottiſchen Lands⸗ leute, die Baͤter des Krieges und die Werber jener tapferen ſchottiſchen Regimenter, die Teutſchlands Schrecken waren, fielen endlich ziemlich dick, und wir, ihre Kinder, wurden ihre Erben. Ich war ſechs Jahre lang der Erſte in der Compagnie und drei Jahre lang Ge⸗ freiter, aber nie wollte ich eine Hellbarde tra⸗ gen, weil's unter meinem Stande war. End⸗ ——— lich ward ich dann Faͤhnrich in des Koͤnigs Leibregiment, und ſtieg ſpaͤter zum Lieutenant und Rittmeiſter unter dem unuͤberwindlichen Koͤnig, dem Bollwerk des proteſtantiſchen Glau⸗ bens, dem nordiſchen Loͤwen, dem Schrecken Oeſtreichs, dem ſiegreichen Guſtav Adolf. Und wenn ich Euch recht verſtehe, Herr Rittmeiſter, ſo habt Ihr den Dienſt des gro⸗ ßen Koͤnigs verlaſſen? Das heißt, nach ſeinem Tode, Herr Graf, erſt nach ſeinem Tode, als ich auf keine Wei⸗ ſe gebunden war, ihm ferner anzuhangen. Es iſt etwas in jenem Dienſt, Herr Graf, das ein Mann von Ehre nicht gut verdauen kann. Der Sold war nicht der reichlichſte, nur etwa ſechzig Thaler monatlich fuͤr einen Rittmeiſter, und doch zahlte der unuͤberwindliche Guſtav nie mehr als den dritten Theil davon, der monatlich als Anleihe vertheilt wurde, wie⸗ wehl, genau betrachtet, der große Koͤnig ſel⸗ ber die zwei andern Drittheile, die dem Sol⸗ daten gebuͤhrten, als Anleihe nahm. Ich ha⸗ be geſehen, wie ganze Regimenter von Nie⸗ ——x 49 derländern und Holſteinern ſich auf dem Schlachtfelde empoͤrten, wie elende Kuͤchen⸗ jungen, und Geld! Geld! ſchrien, ſtatt darein zu ſchlagen, wie unſre edlen ſchottiſchen Bur⸗ ſchen, die es immer verſchmaͤhten, die Ehre dem ſchmutzigen Gewinn nachzuſetzen.— Wurden aber nicht jene Ruͤckſtaͤnde den Soldaten zu beſtimmter Zeit bezahlt? fragte Graf Menteith. „Herr Graf, ich kann's auf mein Gewiſ⸗ ſen betheuern, es konnte zu keiner Zeit und auf keine moͤgliche Weiſe auch nur ein Kreuzer davon erlangt werden. Ich ſelber hatte nie zwanzig Thaler in meinem Vermoͤgen, ſo lan⸗ ge ich dem unuͤberwindlichen Guſtap diente, es waͤre denn etwa nach einem Sturm, oder Siege geweſen, oder aus einer Stadt, oder einem Dorf etwas gehohlt worden, bei welchen Ge⸗ legenheiten ein Kriegsmann, der den Waffen⸗ brauch kennt, gewoͤhnlich ſein Vortheilchen macht. Es wundert mich eher, Herr Rittmeiſter, daß Ihr ſo lange in ſchwediſchen Dienſten Erſter Theil. 4 — geblieben ſeid, als daß Ihr euch endlich zu⸗ ruͤck gezogen habt. Ich haͤtte auch nicht bleiben ſollen, erwi— derte Dalgetti, aber jener große Feldherr und Koͤnig, der nordiſche Loͤwe und das Bollwerk des proteſtantiſchen Glaubens, hatte eine Art Schlachten zu gewinnen, Staͤdte zu nehmen, Laͤnder zu uͤberſchwemmen, Kriegſteuern zu er⸗ heben, die ſeinen Dienſt unwiderſtehlich ange⸗ nehm fuͤr alle wohlerzogenen Cavaliere machte, die dem edlen Waffengewerbe folgen. Ich, ein ſchlichter Reiter, wie Ihr mich hier ſeht, Herr Graf, habe doch des Pfalzgrafen Schloß am Rhein ſelber eingenommen, ſeine beßten Weine mit meinen Kameraden ausgetrunken, Kriegſteuern und Lieferungen ausgeſchrieben, und nicht ermangelt, meine Finger zu lecken, wie's einem guten Koche ziemte. Aber mit all' dieſer Herrlichkeit hatte es ein Ende, als unſer großer Gebieter auf dem Schlachtfelde bei Luͤtzen von drei Kugeln war getoͤdtet wor⸗ den. Ich ſah nun, daß das Gluͤck auf die an⸗ dre Seite getreten war, daß man wie zuvor ——yjÿÿü — 51 von unſerm Solde borgte, waͤhrend die Krieg⸗ ſteuern und zufaͤlligen Einkuͤnfte wegfielen, da ſagte ich den Dienſt auf, und ging in Wal⸗ ter Butlers irlaͤndiſches Regiment unter Wal⸗ lenſteins Fahnen. Und darf ich fragen, ſprach der Graf, der an den Abenteuern des Kriegsmannes Gefallen zu finden ſchien: wie Euch der neue Dienſt behagte? Nur leidlich, erwiderte der Rittmeiſter, nicht mehr als leidlich. Ich koͤnnte nicht ſa⸗ gen, daß der Kaiſer beſſer bezahlt haͤtte, als der große Guſtav. Schlaͤge gab's auch die Fuͤlle. Oft mußte ich mit dem Kopfe gegen meine alten Bekannten, die ſchwediſchen Fe⸗ dern, rennen. Das ſind doppelt zugeſpitzte Pfaͤhle, muͤßt Ihr wiſſen, Herr Graf, mit Eiſen beſchlagen an beiden Enden, die man vor den Lanzknechten aufpflanzt, um die Rei⸗ terei abzuwehren. Dieſe ſchwediſchen Federn, die fuͤr's Auge wohl ſchoͤn anzuſehen ſind, gleichen dem kleinen Geſt traͤuch und Unterholz in einem Walde, wogegen die maͤchtigen Lan⸗ 4* 52 zen, die in Schlachtordnung dahinter ſtehen, wie die ſchlanken Fichten ſind, aber es ſtoͤßt ſich nicht ſo weich dagegen, als gegen Gaͤnſe⸗ federn. Trotz der ſchweren Hiebe und trotz des leichten Soldes, kann doch ein Kriegs⸗ mann ſich leidlich im kaiſerlichen Dienſte be⸗ finden, inmaßen man auf ſeine zufaͤlligen Ein⸗ kuͤnfte nicht ſo ſcharf ſieht, als es beim Schwe⸗ den geſchah, und that ein Offizier ſeine Schul⸗ digkeit im Felde, ſo hoͤrte weder Wallenſtein, oder Pappenheim, noch fruͤher der alte Tilly, leicht auf die Vorwuͤrfe der Bauern, oder Buͤrger gegen einen Anfuͤhrer, oder Soldaten, der ſie ein wenig ſcharf geſchoren hatte. So konnte denn ein erfahrener Kriegsmann, der nur halbweg pfiffig war, vom Lande den Sold gewinnen, der vom Kaiſer ſich nicht erlangen ließ. Ohne Zweifel mit vollen Haͤnden, Herr Nittmeiſter, und mit Zinſen? 1 Allerdings, Herr Graf, erwiderte Dalget⸗ ti gelaſſen. Es wuͤrde fuͤr einen Kriegsmann von Stande doppelt ſchmaͤhlich geweſen ſein, — 2 — Ge ſich einer Lumperei wegen zur Verantwortung ziehen zu laſſen. Und warum verließet Ihr denn einen ſo eintraͤglichen Dienſt? fuhr der Graf fort. J nun, Herr Graf, ich hatte mit unſerm Major, einem Irlaͤnder, Nahmens 9 Quil⸗ ligan, einen Streit gehabt uͤber den Werth und Vorrang unſrer beiderſeitigen Nationen. Da ließ er ſich's am andern Tage einfallen, mir ſeine Befehle mit ausgeſtrecktem Stabe zu ge⸗ ben, ſtatt ihn zu ſenken und nachzuſchleppen, wie es einem hoͤflichen Oberoffizier ziemt, wenn er Jemanden vor ſich hat, der zwar von ge⸗ ringerm Kriegsrang, aber von gleichem Stande, iſt. Wir ſchlugen uns, und als es zur Unter⸗ ſuchung kam, beliebte es unſerm Oberſten⸗ Walter Butler, ſeinen Landsmann leicht und mich ſchwerer zu beſtrafen. Solche Parteilich⸗ keit konnte ich nicht verdauen, ich gab meinen Dienſt auf und ging zu dem Spanier. Da ging's Euch beſſer, will ich zaſſen? hob der Graf wieder an. In Wahrheit, ich hatte gerade nicht zu klagen. Mit der Bezahlung des Soldes ging es ziemlich regelmaͤßig, da die reichen Flamaͤnder und Wallonen dafur zu ſorgen hat⸗ ten. Das Quartier war herrlich. Das gute Weizenbrod der Flamaͤnder ſchmeckte beſſer, als das ſchwediſche Commisroggenbrod, und wir hatten mehr Rheinwein, als ich je Roſtocker Braunbier in Guſtavs Lager ſah. Dienſt gab's nicht, Wachen wenig, und dieß Wenige konn⸗ ten wir nach Belieben thun, oder nicht thun. Das war ein herrlicher Ruheſtand fuͤr einen Kriegsmann, welcher der Schlachten und Lager ein wenig muͤde war, mit ſeinem Blute ſo viel Ehre erkauft hatte, als er brauchte, und nun gern ein wenig gemaͤchlich und gut leben wollte. Und darf man fragen, Herr Rittmeiſter, warum Ihr, da Ihr doch wohl in der Lage waret, die Ihr beſchreibt, auch den ſpaniſchen Dienſt verlaſſen habt? Ihr muͤßt bedenken, Herr Graf, der Spa⸗ nier hat einen Selbſtduͤnkel, woruͤber nichts geht, und erweiſet fremden tapfern Kriegsleu⸗ ——— ——— — 55 ten, die Dienſte bei ihm nehmen, nicht die gebüͤhrende Achtung. Es aͤrgert einen wackern Soldaten, wenn er auf die Seite geſchoben und zuruͤckgeſetzt wird, und jedem aufgeblaſe⸗ nen Herrn weichen ſoll, der gern einem ſchot⸗ tiſchen Kriegsmann den Vorrang laſſen wuͤrde, wenn's darauf ankaͤme, wer zuerſt mit einge⸗ legter Lanze durch eine Sturmluͤcke ſteigen ſollte. Dann hatte ich auch Gewiſſensunruhe, des Glaubens wegen. Ich haͤtte nicht gedacht, Herr Rittmeiſter, daß ein alter Soldat, der den Dienſt ſo oft gewechſelt hat, in dieſem Punkte allzu bedenk⸗ lich geweſen waͤre.. Bin's auch nicht, Herr Graf, denn ich denke, es iſt die Schuldigkeit des Feldpredi⸗ gers, ſolche Dinge abzumachen, fuͤr mich und jeden andern tapfern Kriegsmann, inmaßen er, ſo viel ich weiß, fuͤr ſein Gehalt und ſeine Gebuͤhren ſonſt nichts thut. Hier aber war ein ganz beſonderer Fall, Herr Graf, ein ca- sus improvisus, daß ich ſo ſage, wobei kein Prediger meines Glaubens mir Rath geben konnte. Kurz, man ſah zwar durch die Fin⸗ ger, daß ich ein Proteſtant war, weil ich mich 4 tapfer zu ſchlagen wußte, und mehr Kiegser⸗ 4 fahrung hatte, als alle ſpaniſchen Herren zu⸗ ſammen, aber wenn wir in Beſatzung lagen, ſollte ich mit dem Regiment zur Meſſe gehen. 4 Nun mußte ich als redlicher Schottlaͤnder und als Zoͤgling des Mareſchal⸗Collegiums in Aber⸗ deen die Meſſe fuͤr blinde Paͤpſtlerei und gaͤnz⸗ liche Abgoͤtterei halten, die ich durch meine Gegenwart keineswegs bekraͤftigen mochte. Ich— beſprach mich freilich uͤber die Sache mit einem wackern Landsmann, einem Moͤnch im Schot⸗ tenkloſter zu Wuͤrzburg— Und dieſer geiſtliche Vater, ſiel Graf Menteith ein, gab Euch hoffentlich ſeine Mei— nung klar zu erkennen? So klar als es moͤglich war, erwiderte der Rittmeiſter, inmaßen wir ſechs Flaſchen Rhein⸗ wein und gegen zwei Noͤßel Kirſchwaſſer aus⸗ geſtochen hatten. Der fromme Vater ſagte mir, ſo viel er uͤber einen Ketzer, wie ich waͤ⸗ re, urtheilen koͤnnte, haͤtte es nicht viel zu be⸗ deuten, ob ich zur Meſſe ginge, oder nicht, da meine ewige Verdammniß, wegen meiner un⸗ bußfertigen und hartnaͤckigen Beharrlichkeit in meiner verfluchten Ketzerei, doch auf alle Faͤlle beſtimmt und beſchloſſen waͤre. Dieſe Ant⸗ wort machte mich muthlos und ich wandte mich an einen hollaͤndiſchen reformirten Pfar⸗ rer, der mir zur Antwort gab, ich duͤrfte zur Meſſe gehen; weil der Prophet dem Naeman, einem tapfern Mann und achtbaren Kriegs⸗ helden in Syrien, erlaubt habe, ſeinem Herrn ins Haus Rimmons, eines falſchen Gottes, zu folgen und anzubeten, wenn der Koͤnig ſich an ſeine Hand lehnte. Aber dieſe Antwort geſiel mir auch nicht; denn einmahl war ein großer Unterſchied zwiſchen einem geſalbten Koͤnig von Syrien, und unſerm ſpaniſchen Oberſten, den ich haͤtte wegblaſen koͤnnen, wie eine Zwie⸗ belſchale, und die Hauptſache war, daß in den Kriegsartikeln nichts der Art von mir verlangt wurde. Auch bot man mir keine Verguͤtung, weder in Nebengefaͤllen noch im Solde, fuͤr 58 b die Verletzung meines Gewiſſens, deren ich mich dadurch ſchuldig gemacht haͤtte. Ihr verließet alſo wieder den Dienſt? ſprach der Graf. Allerdings, Herr Graf. Ich verſuchte es auf kurze Zeit mit zwei oder drei andern Maͤchten, und diente ſogar eine Zeitlang den V hochmoͤgenden Generalſtaaten von Holland. Und wie geſiel Euch der Dienſt? hob der Graf wieder an. O Herr Graf, ſprach der Kriegsmann mit einer Art von Begeiſterung; wie es da bei der Loͤhnung herging, das koͤnnte ſich ganz Europa zum Muſter dienen laſſen— kein Borgen, keine Anleihen, kein Aufſchub, keine Ruckſtaͤnde, alles ausgeglichen und bezahlt, wie in einem Wechslerbuche. Auch die Quartiere ſind trefflich, und gegen die Rationen laͤßt ſich nichts ſagen; aber die Leute ſind puͤnktlich und aͤngſtlich, und laſſen kein Fehlerchen hingehen. Klagt ein Bauer uͤber einen zerſchlagenen Kopf, ein Bierſchenk uͤber einen zerſchlagenen Krug, oder quiekt ein albernes Maͤdchen ſo 1 6 59 laut, daß man's nur halbweg hoͤrt, ſo wird ein wackerer Soldat nicht vor ſein Kriegsge⸗ richt gebracht, das ſeine Vergehen am beßten beurtheilen und beſtrafen kann, ſondern vor einen gemeinen handwerkiſchen Buͤrgermeiſter geſchleppt, der ihm mit dem Raspelhauſe, mit dem Stricke, und wer weiß womit ſonſt noch drohet, als ob er einer von ihren gemeinen, beidlebigen, zwanzigfach behoſeten Bauern waͤ⸗ re. Ich konnte nicht laͤnger unter dieſem un— dankbaren Poͤbel bleiben, der nicht im Stande iſt, ſich durch eigene Kraft zu vertheidigen, und dennoch dem fremden Kriegsmann, der ihm dient, nicht mehr als den magern Sold gibt, den kein Ehrenmann mit anſtaͤndiger Freiheit und ehrenvollem Schutze in Vergleich ſtellen wird. Ich ſagte dem Mynheer den Dienſt auf, und da ich um dieſe Zeit zu meiner gro⸗ ßen Freude vernahm, daß es dieſen Som⸗ mer hier in meinem lieben Vaterlande etwas fuͤr meinen Beruf zu thun geben ſoll, ſo komme ich her, wie der Bettler zur Hochzeit, nach dem Sprichworte, damit meine lieben 60— Landleute die Erfahrung, die ich in fremden Laͤndern erworben habe, benutzen moͤgen. Ich habe Euer Gnaden nun einen Abriß meiner kurzen Geſchichte gegeben, bis auf jene Thaten auf dem Schlachtfelde, in Feldlagern, bei Stuͤrmen und Angriffen, deren Erzaͤhlung er⸗ muͤdend ſein wuͤrde, und vielleicht beſſer fuͤr einen andern Mund als fuͤr den meinigen paßt. —— — III. Hab. um das Recht der Staatsmann ſeine Noth! Kampf iſt mein Handwerk und mein Lohn iſt Brod, Und mit dem Schweizerkrieger ſtimm' ich ein: Vereint muß beßter Sold und beßte Sache ſein. Donne. Der Weg wurde nun ſo beſchwerlich und ſchmal, daß die Reiſenden ihr Geſpraͤch unter⸗ brechen mußten, und ſein Pferd ruͤckwaͤrts lenkend, unterredete ſich der Graf einen Au— genblick mit ſeinen Leuten. Der Rittmeiſter, der voran ritt, war ungefaͤhr tauſend Schritte langſam und muͤhſelig einen zerriſſenen und rauhen Weg hinan geſtiegen, als er in ein hohes Thal gelangte, das ein Bergſtrom aus⸗ wuſch, an deſſen gruͤnen Ufern die beiden Rei⸗ 62— ſenden Raum genug hatten, ihren Ritt geſel⸗ liger fortzuſetzen. Der Graf knuͤpfte die Unterhaltung wie⸗ der an, die der ſchwierige Weg unterbrochen hatte.„Ich ſollte denken, ſprach er zu Dal⸗ getti: ein ſo achtbarer Mann als Ihr ſeid, der ſo lange den Fahnen des tapfern Koͤnigs von Schweden folgte, und eine ſo geziemende Verachtung gegen die gemeinen Handwerker⸗ Staaten von Holland hat, ſollte ſich nicht lange bedacht haben, lieber fuͤr Koͤnig Karl zu fechten, als fuͤr die gemeinen, rundkoͤpfigen rothwelſchenden Spitzbuben, die im Aufſtande gegen die koͤnigliche Macht ſind. Ihr ſprecht vernuͤnftig, Herr Graf, erwi⸗ derte Dalgetti, und caeteris paribus koͤnnte ich mich wohl bewegen laſſen, die Sache in glei⸗ chem Lichte zu ſehen. Aber es gibt ein ſchot⸗ tiſches Sprichwort, Herr Graf— ſchoͤne Wor⸗ te machen das Kraurt nicht fett. Seit ich hier bin, habe ich genug gehoͤrt, um zu wiſſen, daß ein Ehrenmann in dieſen buͤrgerlichen Strei⸗ tigkeiten auf die Seite treten kann, wo er am 1 — 63 Beßten ſeinen Vortheil findet. Unterthanen⸗ treue iſt eure Loſung, Herr Graf— Freiheit! bruͤllt ein anderes Menſchenkind von der an⸗ dern Seite des Thales— der Koͤnig! ſchreit der Eine— das Parliament! bruͤllt der An⸗ dre— Montroſe hoch! ruft der Hochlaͤnder und ſchwingt ſeine Muͤtze— Argyle und Le⸗ ven! ſchreit ein Burſche aus dem Niederlande und prahlt mit ſeinem Federhute. Fechtet fuͤr die Biſchoͤfe! ſpricht ein Prieſter mit Chorrock — Haltet's mit der Kirche! ruft ein Prediger mit dem Genfer Kaͤppchen und Kragen. Lau⸗ ter gute Parolen— vortreffliche Parolen! Welche Sache die beßte iſt, das kann ich nicht ſagen, aber ſo viel weiß ich gewiß, ich habe viele Tage bis an die Kniee im Blute gefoch⸗ ten, fuͤr eine Sache, die zehnmahl ſchlechter war, als die ſchlechteſte von all dieſen. Aber Herr Rittmeiſter, ſprach der Graf, da nun die Anſpruͤche beider Parteien Euch gleich zu ſein ſcheinen, ſo ſeid ſo gut uns zu ſagen, welche Umſtaͤnde Euch beſtimmen wer— den, den Vorzug zu geben. in ihrer wilden Art zu fechten, die aber von 64 Nur zwei Fragen ſind das, Herr Graf, antwortete der Kriegsmann. Erſtlich kommt's darauf an, von welcher Seite meine Dienſte am Ehrenvollſten wuͤrden geſucht werden, und fuͤr's Andre— was ein Corollarium des Er⸗ ſten iſt— welche Partei ſie am Dankbarſten helohnen wuͤrde. Und offenherzig mit Euch zu reden, Herr Graf, fuͤr jetzt moͤchte ich mich in beider Hinſicht auf die Seite des Parlia⸗ ments neigen. 1 Darf ich um eure Gruͤnde bitten? ſprach Graf Menteith. Vielleicht kann ich andre ent⸗ gegen ſetzen, die ſtaͤrker ſind. Ich werde Gruͤnde annehmen, Herr Graf, vorausgeſetzt, daß ſie ſich an meine Ehre und meinen Vortheil wenden. Da iſt nun eine Art von hochlaͤndiſcher Armada verſammelt, oder ſoll ſich verſammeln, in dieſen wilden Gebirgen, um fuͤr den Koͤnig zu fechten. Ihr wißt, Herr Graf, wie unſre Hochlaͤnder ſind. Ich will's ihnen nicht abſprechen, ſie ſind ruͤſti⸗ ge und herzhafte Leute, und auch tapfer genug Kriegsgebrauch und Kriegszucht ſo weit ent⸗ fernt iſt, als die Kriegfuͤhrung der alten Sey⸗ then, oder der wilden Indianer unſrer Zeit. Sie haben nicht einmahl eine teutſche Pfeife, oder eine Trommel, daß ſie einen Marſch ſchlagen koͤnnten, oder Laͤrm, oder zum Angriff, zum Ruͤckzug, oder den Zapfenſtreich, oder ſonſt eine Kriegsnote, und ihre verdammten ſchrei⸗ enden Pfeifen, worauf ſie ſich verſtehen wol⸗ len, ſind eben ſo unverſtaͤndlich fuͤr das Ohr eines Rittersmanns, der an geſittete Kriegfuͤh⸗ rung gewoͤhnt iſt. Ja, wollt' ich's unterneh⸗ men, ſolch hoſenloſes Geſindel in Zucht zu hal⸗ ten, ich wuͤrde mich ganz und gar nicht ver⸗ ſtaͤndlich machen koͤnnen, und wuͤrde ich ver⸗ ſtanden, ſo ſagt ſelbſt, Herr Graf, ob ich wohl hoffen koͤnnte, bei einer Rotte von Halbwilden Gehorſam zu finden, die gewoͤhnt ſind, ihren Gutsherrn und Haͤuptlingen die Achtung und den Gehorſam zu erweiſen, die Offtzieren ge⸗ buͤhren. Wenn ich ihnen zeigen wollte, ſich in Schlachtordnung zu ſtellen durch Ausziehung der Quadratwurzel, das heißtt, durch Aufſtel⸗ Erſter Theil. das iriſche Fußvolk zu uns ſtoͤßt, das wir er⸗ 66 4 lung eines Bataillon Quarree von einer glei⸗ chen Anzahl von Gliedern, die der Quadrat⸗ wurzel der vollen Zahl der Anweſenden gleich waͤre, ſo haͤtte ich fuͤr die Mittheilung dieſes goldnen Geheimniſſes der Kriegskunſt nichts anders zu erwarten als einen Dolch in den Leib, wofern ich etwa einen Mac Aliſter Mo⸗ re, einen Mac Shemey oder Caperfac auf den Fluͤgel, oder ins Hintertreffen ſtellte, und er in's Vordertreffen kommen wollte. Ja, die heilige Schrift ſagt mit Wahrheit: Wenn Ihr Perlen vor die Saͤue werfet, ſo werden ſie ſich wenden und Euch zerreißen. Ich glaube, Anderſon, ſprach der Graf, ſich zu einem ſeiner Diener umwendend, die beide dicht hinter ihm ritten: Ihr koͤnnt die⸗ ſem Herrn die Verſicherung geben, daß wir erfahrene Offiziere beſſer gebrauchen koͤnnen, und geneigter ſein werden, ihre Lehren zu be⸗ nutzen, als er ſich's zu verſehen ſcheint. Mit Euer Gnaden Erlaubniß, ſprach An⸗ derſon, ehrerbietig ſeine Muͤtze ruͤckend: wenn — —— 67 warten und das ſchon haͤtte landen ſollen, ſo werden wir gute Soldaten noͤthig haben, un⸗ ſre neue Mannſchaft zur Kriegszucht anzu⸗ fuͤhren. Und zu ſolchem Dienſte wollte ich mich gern, recht gern gebrauchen laſſen, ſprach Dal⸗ getti. Die Irelaͤnder ſind wackre Burſchen— recht wackre Burſchen und ich mag keine beſ⸗ ſern im Felde haben. Ich ſah einmahl eine Brigade von Irelaͤndern bei der Einnahme von Frankfurt an der Oder, die focht mit Schwert und Lanze, bis ſie die blaue und die gelbe ſchwediſche Brigade zuruͤck ſchlug, die fuͤr ſo tapfer gehalten wurden, als eine unter den Fahnen des unſterblichen Guſtav. Der wackre Hepburn, der tapfere Lumsdale, der muthvolle Monroe*) nebſt mir ſelbſt und andern Kriegsmaͤnnern, drangen zwar an ei⸗ nem andern Punkte mit gefaͤllter Lanze ein, aber haͤtten wir alle ſolchen Widerſtand ge⸗ funden, ſo waͤren wir mit großem Verluſt und —— *) Schottläͤnder im ſchwediſchen Heere. 2. 5* 68 geringem Vortheil umgekehrt. Dieſe tapfern Irelaͤnder mußten nun zwar uͤber die Klin⸗ ge ſpringen, wie es in ſolchen Faͤllen uͤb⸗ lich iſt, ſie haben jedoch unſterblichen Nuhm und Ehre gewonnen, und um ihretwillen habe ich immer dieſes Volk naͤchſt meinen eigenen Landsleuten am Meiſten geliebt. Ich glanbe, Euch ein Kommando uͤber Jrelaͤnder faſt verſprechen zu koͤnnen, wenn Ihr Luſt haͤttet, die Sache des Koͤnigs zu ver⸗ fechten, ſprach Menteith. Aber meine zweite und groͤßte Bedenk⸗ lichkeit kommt hinterher, erwiderte Dalgetti. Es iſt zwar, meines Bedunkens, gemein und niedrig fuͤr einen Soldaten, nichts anders im Munde zu fuͤhren, als Sold und Geld, wie die niedertraͤchtigen Schufte, die teutſchen Lanz⸗ knechte, wovon ich vorhin geſprochen, und ich will's mit meinem Schwerte behaupten, daß man immer eher an die Ehre denken muß, als an Sold, frei Quartier und Geldruͤckſtaͤn⸗ de, aber da nun contrario der Sold eines Kriegsmannes das Gegenpart ſeiner Dienſt⸗ —4jj— 69 pflicht iſt, ſo ziemt es einem klugen und be— dachtſamen Manne, auch zu bedenken, welche Belohnung er fuͤr ſeine Dienſte zu empfan⸗ gen hat und aus welchen Mitteln ſie bezahlt werden ſoll. Und wahrhaftig, nach allem, was ich ſehe und hoͤre, haben die Staͤnde*) den Geldbeutel. Die Hochlaͤnder laſſen ſich frei⸗ lich wohl bei guter Laune erhalten, wenn man ihnen erlaubt, Vieh zu ſtehlen, und Ihr, Herr Graf, und eure edlen Kriegsgeſellen koͤnnt die Irelaͤnder, wie's in ſolchen Faͤllen Kriegsge⸗ brauch iſt, ſo ſelten oder ſo ſchlecht bezahlen, als es Euch beliebt, oder bequem iſt, aber ei⸗ ne ſolche Behandlung paßt nicht fuͤr einen Kriegsmann, wie ich bin, der ſeine Pferde, Diener, Waffen und Wagen unterhalten muß *) In der frühern ſchottiſchen Geſchichte unterſchied man Ständeverſammlung(convention Of estates) und Parliament. Beide beſtanden zwar aus denſel⸗ ben Gliedern, aber die geſetzgebende Gewalt der erſtern beſchränkte ſich auf Beſteurung, Aufgebot der Kriegsmacht und Handelsverorduungen. 2 4 70 und auf eigene Koſten nicht Krieg fuͤhren kann und will. Anderſon, der Diener, der bereits fruͤher geſprochen hatte, wendete ſich nun ehrerbietig zu ſeinem Herrn, mit den Worten: Ich denke, gnaͤdiger Herr, ich koͤnnte auch wohl die zweite Einwendung des Herrn Rittmeiſters widerle⸗ gen, wenn Ihr's mir erlauben wollt. Er fragt uns, wo wir unſern Sold ſuchen ſollen. Nun, ich daͤchte, uns laͤgen die Mittel ſo nahe, als den Covenantern. Sie beſteuern das Land nach Belieben und vergeuden die Guͤter der Koͤnigsfreunde, aber ſind wir nur erſt im Nie— derlande, mit unſern Hochlaͤndern und Irelaͤn⸗ dern hinter uns, und mit unſern Schwertern in der Hand, ſo koͤnnen wir manchen fetten Verraͤther finden, deſſen unrecht erworbene Reichthuͤmer unſre Kriegskaſſen fuͤllen und unſre Soldaten befriedigen ſollen. Auch wird man Guͤter in Menge einziehen, und wenn der Koͤnig jeden tapfern Kriegsmann, der ſei⸗ nen Fahnen folgt, mit verwirkten Guͤtern be⸗ ſchenkt, wird er zugleich ſeine Freunde beloh⸗ — ——y nen und ſeine Feinde ſtrafen. Kurz, wer zu dieſen Hunden von Rundkoͤpfen uͤbergeht, kann einen armſeligen Antheil vom Sold erhalten, wer aber unſern Fahnen folgt, kann Ritter, Freiherr oder Graf werden, wenn's Gluͤck ihm wohl will. Habt Ihr je gedient, mein Freund? fragte der Rittmeiſter den Sprecher. Ein wenig, Herr Rittmeiſter, in dieſen ourgerlichen Unruhen, erwiderte beſcheiden der Diener. Aber nie in Teutſchland, oder in den Nie⸗ derlanden? fuhr Dalgetti fort. Ich hatte nie die Ehre, ſprach Anderſon. Ich muß geſtehen, wendete ſich Dalgetti zu dem Grafen: euer Diener hat einen ver⸗ nuͤnftigen, natuͤrlichen und leidlichen Begriff von Kriegsangelegenheiten, wiewohl es nicht ganz in der Ordnung iſt, was er davon denkt, und ein wenig zu ſehr danach ſchmeckt, die Baͤrenhaut zu verkaufen, ehe man den Baͤren hat. Ich will die Sache jedoch in Ueberlegung nehmen. Thut das, Herr Rittmeiſter, ſprach der„ Graf. Ihr koͤnnt uͤber Nacht daran denken, denn wir ſind jetzt dem Hauſe nahe, wo ich Euch gaſtfreundliche Aufnahme zu verſchaffen hoffe. Und das wird mir ſehr willkommen ſein, antwortete der Rittmeiſter. Ich habe ſeit Ta⸗ gesanbruche nichts genoſſen, als ein Stuͤck Haferkuchen, das ich mit meinem Pferde theil⸗ te. Darum habe ich meine Degenkuppel gern um drei Loͤcher enger geſchnallt, ſo ausgezehrt war ich, ſonſt haͤtten der hungrige Magen und das ſchwere Eiſen das Degengehenk herab ge⸗ zogen. IV. Es trafen ſich einſt, gleichviel wann— JIn einem Thal zwei Burſchen an, So toll und auf den Kampf ſo wild, Als je mit Dolch und Schwert und Schild, Halbſtrumpf, Strumpfhoſen oder Plaid, Und der Mätz', die auf hartem Schaͤdel ſtehl, Im Hochland Einer ward geſehen; Wer ſie nur ſah, der mußt's geſtehen. Meſton. Die Reiſenden waren nun zu einem Hůͤ⸗ gel gekommen, den ein alter Wald von ſchot⸗ tiſchen Foͤhren bedeckte, deſſen Wipfel mit ih⸗ ren beſchaͤdigten Zweigen vor dem Abendhim⸗ mel wehten, und von den Strahlen der un⸗ tergehenden Sonne beleuchtet wurden. Aus der Mitte dieſes Waldes ragten die Zinnen, oder vielmehr die Schornſteine des Hauſes, oder ſogenannten Schloſſes hervor, das ihr Reiſeziel ſein ſollte. Ein Paar hohe und ſchmale, ſich einander 82 durchſchneidende und durchkreuzende Gebaͤude bildeten den Wohnraum, wie es zu jener Zeit uͤblich war. Vorſpringende Zinnen und kleine, Pfefferbuͤchſen ſehr aͤhnliche, Thuͤrme auf den Ecken, hatten Darnlinvarach den ſtolzen Nah⸗ men eines Schloſſes verſchafft. Es war von einem niedrigen Hofraume umgeben, worin ſich die gewoͤhnlichen Haushaltgemaͤcher befanden. Als die Reiſenden naͤher kamen, bemerk⸗ ten ſie Spuren neuer Beveſtigungen des Ge⸗. baͤudes, wozu die Unſicherheit jener unruhigen Zeiten ohne Zweifel Anlaß gegeben hatte. Es waren neue Schießſcharten fuͤr Flinten in meh⸗ ren Theilen des Gebaͤudes und der Umfaſſung⸗ mauer angebracht worden. Die Fenſter hat⸗ ten neue Eiſenſtangen erhalten, die ſich kreuz⸗ ten, wie die Gitter eines Kerkers. Das Hof⸗ thor war verſchloſſen, und erſt nach vorſichti⸗ gen Aufforderungen ward ein Fluͤgel deſſelben von zwei Dienſtboten geoͤffnet, die beide ruͤſti⸗ 4 — 75 ge Hochlaͤnder und beide bewaffnet waren, wie Bitias und Pandarus in der Aeneide, bereit, den Eingang zu vertheidigen, wenn ein Feind einzudringen wagte. Auch im Hofe fanden die Reiſenden, als man ihnen geoͤffnet hatte, neue Schutzwehren. Die Mauern waren mit Geruͤſten fuͤr Feuer⸗ gewehr verſehen und einige kleine Stuͤcke, ſo⸗ genannte Falkaunen, waren auf den Eckthuͤrm⸗ chen angebracht. Mehre Dienſtboten, in hochlaͤndiſcher und niederlaͤndiſcher Tracht, ſtuͤrzten alsbald aus dem Hauſe, und waͤhrend Einige eilten, die Pferde der Fremden zu halten, waren Andre bereit, ſie in das Wohnhaus zu fuͤhren. Der Rittmeiſter aber lehnte den Beiſtand der Die⸗ ner ab, die ſein Pferd ihm abnehmen woll⸗ ten.„Ich bin gewoͤhnt, meine Freunde, ſprach er, fuͤr Guſtav— ſo hab' ich's genannt nach meinem unuͤberwindlichen Herrn— ſel⸗ ber Sorge zu tragen. Wir ſind alte Freunde und Reiſegefaͤhrten, und wie ich zuweilen ſeine Beine noͤthig habe, ſo leihe ich ihm dagegen 76 meine Zunge, um alles zu fodern, was er braucht.“ Nach dieſen Worten folgte er ſeinem Pferde, ohne weitere Entſchuldigung, in den Stall. Der Graf und ſeine Begleiter waren nicht ſo aufmerkſam gegen ihre Pferde, ſondern lie⸗ ßen die Dienſtboten dafuͤr ſorgen, und gingen in das Haus, wo man in einer Art von dunk⸗ ler gewoͤlbter Vorhalle, unter andern Gegen⸗ ſtaͤnden verſchiedener Art, ein ungeheures Faß mit Duͤnnbier ſah, neben welchem einige hoͤl⸗ zerne Becher ſtanden, deren ſich, wie es ſchien, Jedermann nach Belieben bedienen konnte. Der Graf ging ſelber an den Zapfen, trank ohne Umſtaͤnde und reichte den Becher ſeinem Diener Anderſon, der ſeines Herrn Beiſpiele folgte, als er vorher die Neige ausgegoſſen und den Becher ein wenig ausgeſpuͤlt hatte. Was zum Teufel, Freund, ſprach ein al⸗ ter hochlaͤndiſcher Dienſtbote: koͤnnt Ihr eurem Herrn nicht nachtrinken, ohne den Becher aus⸗ —„ 77 zuſpuͤlen und das Bier auszuſchuͤtten? Daß Ihr verdammt waͤret!. Ich bin in Frankreich erzogen, antwortete Anderſon, wo Niemand einem Andern nach⸗ trinkt, als einem jungen Maͤdchen. Hohl' der Teufel das ekle Weſen! ſprach Donald. Und wenn das Bier gut iſt, was waͤre denn Schlimmes dabei, daß vor Euch ein andrer Bart im Becher geweſen iſt? Der andre Diener trank, ohne die Um⸗ ſtaͤnde zu machen, die fuͤr Donald ſo anſtoͤßig geweſen waren, und Beide folgten dann ihrem Herrn in den niedrig gewoͤlbten Saal, der das gemeinſchaftliche Wohnzimmer einer hochlaͤndi⸗ ſchen Familie war. Ein großes Torffeuer, das in dem ungeheuern Kamin am obern Ende des Gemaches brannte, verbreitete ein truͤbes Licht, und war nothwendig wegen der Feuch⸗ tigkeit, welche den Saal ſelbſt im Sommer unangenehm machte. Zwanzig bis dreißig Tartſchen, eben ſo viele Schwerter und Dolche, buntgewuͤrfelte Maͤntel, Gewehre mit Lunten⸗ ſchloͤſſern und Flintenſchloͤſſern, Bogen und 78 Armbruſte, Streitaͤrte und Panzer, Blechhau⸗ ben und Helme, und die aͤltern Halsbergen, oder netzfoͤrmige Panzerhemden mit dazu ge— hoͤrenden Kappen und Aermeln, alles hing in Unordnung an den Waͤnden, und haͤtte ein Mitglied einer neuern Alterthuͤmlergeſellſchaft einen ganzen Monat hindurch unterhalten koͤn⸗ nen. Solche Dinge aber waren den gegen⸗ waͤrtigern Beſchauern zu bekannt, als daß ſie viel darauf geachtet haͤtten. Mit eiliger Gaſtfreundſchaft ſetzte der Die⸗ ner, der vorhin geſprochen hatte, auf einen großen und plumpen Eichentiſch alsbald Milch, Butter, Ziegenkaͤſe, einen Krug Bier und eine Flaſche Branntwein, zur Erfriſchung des Gra⸗ fen ſelbſt, waͤhrend ein geringerer Dienſtbote am Ende des Tiſches aͤhnliche Vorbereitungen fuͤr die Begleiter deſſelben machte. Der dae zwiſchen liegende Raum war, nach den Sitten der Zeit, ein hinlaͤnglicher Unterſchied zwiſchen Herrn und Diener, ſelbſt wenn jener, wie hier, von hohem Range war. Alle ſtanden indeß am —Q—QO.Q————— 79 Feuer, der junge Edelmann vor dem Kamin und ſeine Diener in einiger Entfernung. Was denkt Ihr, Anderſon, ſprach der Graf, von unſerm Reiſegefaͤhrten? Ein ruͤſtiger Burſche, erwiderte Anderſon, wenn alles ſo gut iſt, als es von außen ſich anlaͤßt. Ich wollte, wir haͤtten zwanzig ſol⸗ cher Leute, die unſre Irelaͤnder ein wenig an Mannszucht gewoͤhnen koͤnnten. Ich bin andrer Meinung, Anderſon, ſprach der Graf. Dieſer Burſche ſcheint mir einer jener Roßigel zu ſein, deſſen Blutgier durch das Blut, das er in fremden Laͤn ern einge⸗ ſogen hat, nur noch heftiger geworden iſt, und der nun vom Blute ſeines eigenen Vaterlandes ſich maͤſten will. Pfui uͤber dieß Geſindel von Miethſoldaten! Sie haben den Nahmen Schottlaͤnder in ganz Europa elenden Söͤld⸗ nern gleich geſetzt, die keine Ehre und keine Grundſaͤtze kennen als ihren Monatſold, die ihre Schwuͤre von einer Fahne zur andern tragen, wie's der Zufall, oder das hoͤchſte Ge⸗ bot fuͤgt, und deren nnerſaͤttlicher Durſt nach 80— Pluͤnderung, Beute und warmen Qnartieren viel Schuld an jener buͤrgerlichen Zwietracht iſt, die jetzt unſre Schwerter gegen unſre ei⸗ genen Eingeweide kehrt. Ich verlor beinahe die Geduld uͤber den Miethfechter und konnte mich doch bei ſeiner ungemeinen Unverſchaͤmt⸗ heit kaum des Lachens enthalten. Verzeiht mir, gnaͤdiger Herr, ſprach Ander⸗ ſon, wenn ich Euch unter den jetzigen Umſtaͤn⸗ den empfehle, dieſen edlen Unwillen wenigſtens zum Theil zu verbergen; denn leider koͤnnen wir unſer Werk nicht ausrichten ohne den Beiſtand ſolcher Menſchen, die nach ſchlechtern Beweggruͤnden handeln als wir. Der Bei⸗ ſtand ſolcher Leute, als unſer Freund, der Kriegsmann, iſt uns unentbehrlich, und im Kauderwelſch der Heiligen im engliſchen Par⸗ liament zu reden, der Kinder Zerujah's ſind noch zu viel fuͤr uns. So muß ich mich denn verſtellen, ſo gut es gehen will, ſprach der Graf, wie ich's zeit⸗ her auf euren Wink gethan habe. Aber ich — 84 wuͤnſche den Kerl von ganzem Herzen zum Teufel. Ja, Ihr muͤßt jedoch immer bedenken, gnaͤdiger Herr, daß man, um einen Skorpion⸗ biß zu heilen, einen andern Skorpion auf der Wunde zerquetſchen muß. Doch ſtill— man hoͤrt uns. Durch eine Seitenthuͤre des Gemaches trat ein Hochlaͤnder herein, deſſen hohe Geſtalt und vollſtaͤndige Tracht, ſo wie die Feder auf ſeiner Muͤtze und die ihm eigene Dreiſtigkeit, einen Mann von hohem Range ankuͤndigten. Er trat langſam zu dem Tiſche, und antwortete dem Grafen nicht, der ihn mit dem Nahmen Allan anredete und nach ſeinem Befinden fragte. Ihr muͤßt jetzt nicht mit ihm ſprechen, fliſterte der alte hochlandiſche Diener. Der lange Hochlaͤnder ſetzte ſich auf den naͤchſten Sitz am Feuer, und ſeine Blicke auf die rothe Glutaſche und den ungeheuren Torf⸗ haufen heftend, ſchien er in tiefes Nachdenken verſunken zu ſein. Seine dunklen Augen und Erſter Theil. 6 82. die wilde Schwaͤrmerei in ſeinen Zuͤgen kuͤn⸗ digten einen Menſchen an, welcher, in ſeine eigenen Betrachtungen verloren, wenig auf aͤußere Gegenſtaͤnde achtet. Bei einem Be⸗ wohner des Niederlandes haͤtte man den Aus⸗ druck eines ſinſtern Ernſtes, der vielleicht die Folge eines beſchaulichen und einſamen Lebens war, leicht der Glaubensſchwaͤrmerei zuſchrei⸗ ben koͤnnen, aber von dieſer Seelenkrankheit, die man in England und im ſchottiſchen Nie⸗ derlande damahl ſo haͤufig fand, waren die Hochlaͤnder zu jener Zeit ſelten angeſteckt. Sie hatten indeß ihren eigenen Aberglauben, der das Gemuͤth eben ſo dick mit Grillen umwöͤlk⸗ te, als Glaubenseiſer bei ihren Nachbarn es that. Ihr muͤßt jetzt nicht mit Allan ſprechen, gnaͤdiger Herr, ſprach der hochlaͤndiſche Die⸗ ner, ſeitwaͤrts zum Grafen, mit ſehr leiſer Stimme: die Wolke liegt eben auf ſeiner Seele. z Der Graf winkte, und achtete weiter niihe auf den verſchloſſenen Mann. ——— — 83 Hab' ich nicht geſagt, ſprach der Hochlaͤn⸗ der, ſeine ſtattliche Geſtalt ploͤtzlich aufrichtend und den Diener anſehend: hab' ich nicht ge⸗ ſagt, es ſollten ihrer vier kommen, und hier ſtehen nur drei in der Halle? Freilich habt Ihr ſo geſagt, Allan, ſprach der alte Hochlaͤnder: und hier iſt auch der vierte Mann. Er kommt eben aus dem Stalle und klirrt herein, denn er iſt wie eine Krabbe mit Eiſen bedeckt auf Ruͤcken und Bruſt, Huͤften und Schenkeln. Soll ich ſei⸗ nen Stuhl neben Menteith ſetzen, oder zu den ehrlichen Leuten unten am Ende? Der Graf beantwortete ſelber die Frage und deutete auf einen Stuhl an ſeiner Seite. Da kommt er, ſprach Donald, als Dal⸗ getti herein trat. Ich hoffe, die Herren wer⸗ den Brod und Kaͤſe nehmen, wie wir in un⸗ ſern Thaͤlern ſagen, bis beſſeres Eſſen fertig iſt. Wenn unſer Herr mit den engliſchen Her⸗ ren aus dem Gebirge zuruͤck kommt, dann wird ſich Koch Dugald mit ſeinem Bockfleiſch und Wildpret ſehen laſſen. 6* 84 Der Rittmeiſter war indeß herein gekom⸗ men, und zu dem Stuhle neben dem Grafen tretend, legte er ſich mit untergeſchlagenen Armen auf die Ruͤcklehne. Anderſon und der andere Diener warteten am Ende des Tiſches in ehrerbietiger Stellung auf die Erlaubniß, ſich zu ſetzen, waͤhrend drei bis vier Hochlaͤn⸗ der unter des alten Donald Anleitung hin und her liefen, um mehr Speiſen zu bringen, oder ſtill ſtanden, den Gaͤſten aufzuwarten. Mitten unter dieſen Vorbereitungen fuhr Allan ploͤtzlich auf, und hielt eine Lampe, die er einem Diener aus der Hand riß, dicht vor des Rittmeiſters Geſicht, deſſen Zuͤge er mit er ernſteſten Aufmerkſamkeit betrachtete. Bei meiner Ehre! ſprach Dalgetti, faſt ungehalten, als Allan mit geheimnißvollem Cre Kopfſchuͤtteln die Unterſuchung aufgab: ich hoffe, dieſer Burſche und ich werden uns beſ⸗ ſer kennen lernen, wenn wir uns wiederſehen. Allan ſchritt indeß zu dem untern Ende des Tiſches, und als er mit Hilfe ſeiner Lam⸗ pe Anderſon und den andern Diener gleich⸗ 85 falls betrachtet hatte, ſchien er einen Augen⸗ blick in tiefes Nachdenken verloren zu ſein. Endlich beruͤhrte er ſeine Stirne, faßte dann ploͤtzlich Anderſons Arm, und ehe dieſer wirk⸗ ſamen Widerſtand entgegenſetzen konnte, wurde er zu dem leeren Sitze am obern Ende des Tiſches halb gefuͤhrt, halb geſchleppt. Allan wies mit ſtummer Gebehrde ihn an, hier Platz zu nehmen, und zog darauf den Kriegsmann eben ſo haſtig und ohne alle Umſtaͤnde ans Ende des Tiſches. Hoͤchſt aufgebracht uͤber dieſe Freiheit, ſuchte Dalgetti ſich mit Gewalt von Allan loszumachen, aber ſo ſtark er war, im Kampfe ſiegte doch der rieſenhafte Hoch⸗ laͤnder, der ihn mit ſolcher Heftigkeit weg⸗ ſchleuderte, daß der Rittmeiſter einige Schritte zuruͤck taumelte, und dann der Laͤnge nach niederſtuͤrzte, waͤhrend das Hallengewoͤlbe vom Klirren ſeiner Ruͤſtung wiederhallte. Als er aufſtand, zog er ſogleich ſein Schwert und rannte auf Allan los, welcher, die Arme un⸗ terſchlagend, den Angriff mit hoͤhniſcher Gleich⸗ giltigkeit zu erwarten ſchien. Graf Menteith 8 6— und ſeine Diener ſchlugen ſich ins Mittel, um Frieden zu erhalten, waͤhrend die Hochlaͤnder, die Waffen von den Waͤnden reißend, bereit zu ſein ſchienen, den Laͤrm zu vergroͤßern. Er iſt verruͤckt, fliſterte der Graf, durch⸗ aus verruͤckt. Es fuͤhrt zu nichts, mit ihm zu ſtreiten. Wenn Ihr gewiß ſeid, daß er non com- pos mentis iſt, ſprach der Rittmeiſter, was auch ſein Benehmen und Betragen zu bewei⸗ ſen ſcheint, ſo muß die Sache hiermit endigen, inmaßen ein Verruͤckter weder beleidigen, noch ehrenvolle Genugthuung geben kann. Aber bei meiner Seele, haͤtte ich meinen Proviant und eine Flaſche Rheinwein unter meiner Degen⸗ kuppel gehabt, ſo wuͤrde ich anders mit ihm umgeſprungen ſein. Und doch iſt es Schade, daß er ſo ſchwach an Verſtand iſt, da er ſo viel Leibesſtaͤrke hat, und wohl faͤhig waͤre, mit Lanze, Morgenſtern*) und jeder andern Kriegswaffe umzugehen. 8 *) Eine Art von Kenle, die man in der frühern Zeit des ſiebzehnten Jahrhunderts zur Vertheidigung der — 3 87 So war der Friede hergeſtellt, und die An⸗ weſenden ſetzten ſich wieder nach der fruͤhern An⸗ ordnung, welche Allan, der zu ſeinem Sitze am Feuer zuruͤckgekehrt war und abermahl in Ge⸗ danken verſunken zu ſein ſchien, nicht wieder ſtoͤrte. Der Graf wendete ſich zu dem alten Diener, und ſuchte ſchnell einen Gegenſtand der Unterhaltung herbei zu rufen, der alle Erinnerung an den ſtattgefundenen Zwiſt ver⸗ wiſchen koͤnnte.„Der Freiherr iſt alſo auf dem Berge, Donald, wie ich hoͤre, und einige Englaͤnder ſind bei ihm?“ Veſten gebrauchte. Als die Teutſchen ein in Stral⸗ ſund belagertes ſchottiſches Regiment beſchimpften, mit der Aeußerung, ſie hätten gehört, es käme ein mit Tabakspfeifen beladenes Schiff aus Dänemark für die Belagerten, da hielt einer unſrer Soldaten— erzählt Monre— einen Morgenſtern über die Man⸗ ern, der aus einem langen, mit Eiſen beſchlagenen Schaft beſtand, an deſſen Ende eine Kugel mit eiſer⸗ nen Spitzen war, und ſprach: Hier iſt eine von den Tabakspfeifen, womit wir Euch den Schädel zerſchlagen wollen, wenn's Euch einfällt, Sturm zu laufen. Der Verf. N⁸ — Ja, auf dem Berge iſt er, und zwei eng⸗ liſche Edelleute ſind allerdings bei ihm, es iſt Ritter Miles Musgrave und Chriſtof Hall, beide aus Cumraik, ſo nannten ſie ihr Land, glaub' ich. Hall und Musgrave? ſprach der Graf mit einem Blick auf ſeine Diener. Nun, die ſind's ja eben, die wir zu ſehen wuͤnſchten. Wahrhaftig, erwiderte Donald, ich wuͤnſch⸗ te, meine Augen haͤtten ſie nie geſehen; ſie werden uns noch aus Haus und Hof quaͤlen. Nun, Donald, ſprach der Graf, Ihr wa⸗ ret ja ſonſt nicht ſo filzig mit eurem Rind⸗ fleiſch und Doppelbier. Wenn's auch Englaͤn⸗ der ſind, ſo werden ſie doch nicht alles Vieh aufzehren, das auf den Gutsweiden geht. Moͤgen ſie's immer thun, darum kuͤmmern wir uns wenig, wenn dieß das Schlimmſte waͤre, ſprach Donald. Wir haben hier ſchon kluge Köpfe unter unſern Leuten, die wuͤrden uns nicht Mangel leiden laſſen, ſo lange es ein Stuͤck Vieh zwiſchen hier und Perth giebt. — Q— —,— — = — — — — 89 Aber dieß iſt ein ſchlimmerer Handel, es iſt nicht geringeres als eine Wette. Eine Wette? wiederhohlte der Graf nich ohne Ueberraſchung. Ja freilich, ſprach Donald, eben ſo begie— rig ſeine Neuigkeit zu erzaͤhlen, als der Graf neugierig war, ſie zu hoͤren. Euer Gnaden iſt ein Freund des Hauſes und Ihr werdet genug davon hoͤren, ehe eine Stunde voruͤber iſt, dar⸗ um kann ich's Euch eben ſo gut ſelber erzaͤh⸗ len. Beliebt alſo zu bemerken, zur Zeit, wo unſer gnaͤdiger Herr in England war, wohin er oͤfter geht, als es ſeinen Freunden lieb iſt, da blieb er in dem Hauſe dieſes Ritters Mi⸗ les Musgrave, und einmahl ſetzte man ſechs Leuchter auf den Tiſch, die, wie man mir ſagt, zweimahl ſo groß waren, als die Leuchter in der Kirche zu Dumblane, und nicht von Eiſen, Kupfer oder Zinn, ſondern von purem Silber. Ueber den engliſchen Stolz! Sie haben ſo viel, und verſtehen ſo wenig damit hauszuhalten. Da neckten ſie nun den gnaͤdigen Herrn, er haͤtte ſolches Geraͤthe nicht in ſeinem armen — ———— 90 Lande, aber der Herr wollte ſein Land nicht herab ſetzen hoͤren, ohne ein Wort dafuͤr zu ſprechen, und er ſchwur wie ein guter Schott⸗ laͤnder, er haͤtte mehr Leuchter und beſſer da⸗ heim in ſeinem Schloſſe, als man je mit Lich⸗ tern beſteckt haͤtte in einem Saale in Cum⸗ berland, wenn das der Nahme des Landes iſt⸗ Das war geſprochen, wie ein Vaterland⸗ freund, hob der Graf an. Allerdings, aber der Herr haͤtte lieber ſchweigen ſollen, denn ſagt man was unter den Englaͤndern, das nicht ganz gewoͤhnlich iſt, gleich ruͤcken ſie Euch mit einer Weite zu Lei⸗ be, ſo ſchnell als ein Schmidt im Niederlande ein hochlaͤndiſches Klepperchen beſchlagen wuͤr⸗ de. Da mußte nun der gnaͤdige Herr entwe⸗ der ſein Wort zuruͤck nehmen, oder zwei hun⸗ dert Mark wetten, und das thut er lieber, als daß er ſich ſolche Schande gemacht haͤtte. Er wird nun wohl die Wette bezahlen muͤſſen, und ich denke, darum wird's ihm heute ſchwer auf dem Herzen liegen, daß er heim kommen muß. — 91 In der That, Donald, ſprach der Graf, ſo viel ich von eurem Silberwerk kenne, wird euer Herr die Wette gewiß verlieren. Darauf koͤnnt Ihr ſchwoͤren, gnaͤdiger Herr, und woher er das Geld nehmen will, weiß ich auch nicht, und wenn er aus zwanzig Beuteln borgte. Ich habe ihm gerathen, die beiden engliſchen Herrn und ihre Leute huͤbſch in den Thurm zn ſtecken, bis ſie den Handel freiwillig aufgaͤben, aber der Herr will keine Vernunft annehmen. Allan fuhr anf, ſchritt vorwaͤrts, und das Geſpraͤch unterbrechend, ſprach er zu dem Die⸗ ner mit einer Donnerſtimme:„Und wie durf⸗ tet Ihr es wagen, meinem Bruder einen ſo ehrloſen Rath zu geben? Oder wie koͤnnt Ihr Euch erkuͤhnen zu ſagen, daß er dieſe, oder ſonſt eine Wette verlieren werde, die er ein⸗ zugehen beliebt?“ Wahrlich, Allan Mac Anlay, erwiderte der Alte, es ziemt ſich nicht fuͤr meines Va⸗ ters Sohn, dem zu widerſprechen, was euers Vaters Sohn zu ſagen fuͤr ſchicklich haͤlt, und 92 ſo kann der gnaͤdige Herr ohne Zweifel ſei⸗ ne Wette gewinnen. Ich weiß nichts dage⸗ gen anzufuͤhren, als daß nichts von einem Leuch⸗ ter, oder etwas dergleichen im Hauſe iſt, als der alte eiſerne Armleuchter, der ſeit des Ael⸗ tervaters Kenneth's Zeiten hier iſt, und die ble⸗ chernen Wandleuchter, die euer Vater von dem alten Keſſelflicker Wilhelm machen ließ. Und hohl' der Henker das Loth Silber, das im ganzen Hauſe iſt, ausgenoömmen den alten Sup⸗ pennapf der gnaͤdigen Frau, und daran fehlt der Deckel und ein Griff. Schweigt, Alter! ſprach Allan heftig. Und Ihr Herren verlaßt dieſes Zimmer, wenn Ihr eure Erfriſchungen genoſſen habt; ich muß es zum Empfange der engliſchen Gaͤſte einrichten. Kommt! ſprach der Diener, den Grafen am Aermel ziehend. Seine Stunde iſt ge⸗ kommen, ſetzte er hinzu, auf Allan blickend, und er will keinen Widerſpruch dulden. Alle verließen das Zimmer. Der Graf und der Nittmeiſter wurden von dem alten Diener begleitet, waͤhrend Menteith's Dienſt⸗ — 93 boten auf einer andern Seite von einem an⸗ dern Hochlaͤnder hinaus gefuͤhrt wurden. Kaum waren die beiden erſten in eine Art von Ge⸗ ſellſchaftzimmer getreten, als der Herr des Hauſes, Angus Mae Aulay, und ſeine Gaͤſte die beiden Englaͤnder, zu ihnen kamen. Men⸗ teith und die Englaͤnder waren alte Bekannte, und der Rittmeiſter Dalgetti, von dem Gra⸗ fen eingefuͤhrt, wurde von dem Hausherrn gut aufgenommen. Der Graf bemerkte jedoch, als der erſte Ausbruch der gaſtfreundlichen Freude voruͤber war, einen Schatten von Trau⸗ rigkeit auf der Stirne ſeines hochlaͤndiſchen Freundes. Ihr werdet gehoͤrt haben, ſprach Ritter Chriſtof Hall, daß unſer ſchoͤnes Unternehmen in Cumberland ganz geſcheitert iſt. Die Land⸗ wehr wollte nicht nach Schottland ziehen, und eure rundkoͤpſigen Covenanter ſind fuͤr unſre Freunde in den ſuͤdlichen Grafſchaften zu maͤch⸗ tig geweſen. Da hoͤrten wir, Musgrave und ich, daß hier etwas los gehen ſollte, und ſtatt muͤßig zu Hauſe zu ſitzen, kommen wir her, 94 um einen Feldzug mit euren Schurzen und bun⸗ ten Maͤnteln zu machen. Ich hoffe, Ihr habt Waffen, Mannſchaft und Geld mitgebracht? ſprach Menteith laͤ⸗ chelnd. Nur ein Paar Dutzend Reiter, die wir im letzten niederlaͤndiſchen Dorfe zuruͤckgelaſ⸗ ſen haben, erwiderte Musgrave, und es hat uns Muͤhe genug gekoſtet, ſie ſo weit zu bringen.. Und was das Geld anlangt, ſprach Hall, ſo erwarten wir einen kleinen Zuſchuß von unſerm Freunde und Wirthe hier. Der Hausherr erroͤthete, fuͤhrte den Gra⸗ fen auf die Seite und geſtand ihm mit Be⸗ dauern, daß er einen albernen Streich gemacht haͤtte. Ich habe es von Donald gehoͤrt, ſprach der Graf und konnte ſich kaum des Laͤchelns enthalten. Der Henker hohle den Alten! erwiderte Mac Aulay. Er wuͤrde alles ausplaudern, und wenn's einem Andern das Leben koſten — 9⁵ ſollte; aber es iſt auch fuͤr Euch kein Spaß, denn ich rechne auf euer freundliches und bruͤ⸗ derliches Wohlwollen, da Ihr, als ein naher Verwandter unſeres Hauſes, mir mit dem Gelde aushelfen werdet, das ich dieſen Pud⸗ dingfreſſern ſchuldig bin. Geſchieht's nicht, ſo ſage ich Euch offenherzig, es ſoll auch nicht ein Mac Aulay beim Aufgebot erſcheinen, und ich will verdammt ſein, wenn ich nicht lieber ein Covenanter werde, als dieſen Bur⸗ ſchen unter die Augen trete, ohne ſie zu be⸗ zahlen, und im gluͤcklichſten Falle komme ich ſchlimm genug davon, da ich Schaden und Spott habe. Ihr koͤnnt leicht denken, Vetter, erwiderte der Graf, daß ich in die ſem Augenblicke nicht allzu reichlich verſehen bin, aber ſeid verſichert, ich werde Euch um alter Verwandtſchaft, Nach⸗ barſchaft und Bundesfreundſchaft willen, zu helfen ſuchen, ſo gut ich kann. 4 Dank Euch— Dank Euch— Dank Euch! ſprach Mac Aulay. Und da man das Geld in des Koͤnigs Dienſten ausgeben will, ſo liegt 96 nichts daran, ob's von Euch, von ihnen, oder von mir bezahlt wird; wir ſind ja Alle eines Mannes Kinder, hoffe ich. Aber Ihr muͤßt mir helfen, ſonſt bin ich dafuͤr, die Sache mit der Klinge auszumachen; denn ich mag mich nicht an meinem eigenen Tiſche als Luͤgner, oder Aufſchneider behandeln laſſen, da ich, Gott weiß es, nur daran dachte, meine, der Meinigen und meines Vaterlandes Ehre zu behaupten. Waͤhrend ſie ſprachen, trat Donald herein, und ſein Geſicht war froͤhlicher, als man, bei dem Schickſale, das ſeines Gebieters Beutel und Rufe drohte, es haͤtte erwarten koͤnnen. „Das Eſſen iſt fertig, edle Herren, und die Leuchter ſind auch angeſteckt“ ſprach er, und legte einen ſtarken Kehllaut⸗Nachdruck auf die letzten Worte. Was zuͤm Teufel kann er meinen? ſprach Nusgrave, ſeinen Landsmann anſehend. Des Grafen Blick that dieſelbe Frage, die Mae Aulay mit einem Kopfſchuͤtteln beant⸗ wortete. / 97 Ein kurzer Streit über den Vorrang ver⸗ anlaßte eine Zoͤgerung, ehe ſie das Zimmer verließen. Der Graf beſtand darauf, den Rang, der ihm gebuͤhrte, aufzugeben, da er in ſeinem Vaterlande, und mit dem Herrn des Hauſes, wo ſie ſich befanden, nahe verwandt war. Die beiden Englaͤnder wurden daher zuerſt in den Speiſeſaal gefuͤhrt, wo ein uͤber⸗ raſchender Anblick ſie erwartete. Der große eichene Tiſch war mit tuͤchtigen Fleiſchſtuͤcken bedeckt, und die Stuͤhle fuͤr die Gaͤſte waren zurecht geſetzt. Hinter jedem Sitze ſtand ein rieſengroßer Hochlaͤnder, nach vaterlaͤndiſcher Sitte vollſtaͤndig gekleidet und bewaffnet, in der Rechten ein nacktes Schwert haltend, deſ⸗ ſen Spitze abwaͤrts geſenkt war, und eine lo⸗ dernde Fackel von Moorſichtenholz in der Lin⸗ ken. Dieſes Holz, das man in den Mooren ſindet, iſt ſo ſehr mit Terpentin durchzogen, daß es, geſpalten und getrocknet, im Hochlan⸗ de haͤufig ſtatt Lichter gebraucht wird. Man ſah die unerwartete und faſt ſchreckende Er⸗ ſcheinung bei dem rothen Lichtglanze, der die wil⸗ Erſter Theil. 5 den Zuͤge, die ungewoͤhnliche Tracht und die blitzenden Waffen der Fackeltraͤger beleuchtete, waͤhrend der Dampf, der zur Decke des Saa⸗ les hinauf wirbelte, eine Rauchwolke uͤber ih⸗ nen bildete. Ehe die Fremden ſich von ihrer Ueberraſchung erhohlt hatten, trat Allan vor, und mit ſeinem unentbloͤßten Schwerte auf die Fackeltraͤger deutend, ſprach er mit tiefer ern⸗ ſter Stimme:„Seht hier, Ihr Herren Rit⸗ ter, die Leuchter in meines Bruders Hauſe, nach der alten Sitte unſeres alten Geſchlech⸗ tes. Keiner dieſer Maͤnner kennt ein anderes Geſetz, als ſeines Oberhauptes Gebot. Duͤrft Ihr ihnen an Werth das koſtbarſte Erz gleich ſtellen, das je aus dem Bergwerke gegraben ward? Nun, was meint Ihr, edle Herren, iſt eure Wette*) gewonnen, oder verloren?““ Verloren, verloren, ſprach Musgrave froͤh⸗ lich. Meine eigenen ſilbernen Leuchter ſind *) Eine ſolche Wette fand wirklich zwiſchen einem Hoch⸗ känder und ſeinem engliſchen Gaſtfreunde ſtatt, und ward auf die oben erzählte Art gewonnen. L. — 99 alle eingeſchmolzen und ſißzen eben jetzt zu Pferde. Ich wuͤnſche, daß die Burſchen, die ich dafuͤr geworben habe, ſo treu ſein moͤgen, als dieſe. Hier iſt euer Geld, wendete er ſich zu dem Haͤuptlinge: es iſt fuͤr Hall's und mei⸗ nen Beutel ein wenig nachtheilig, aber Ehren⸗ ſchulden muͤſſen abgetragen werden. Meines Vaters Fluch treffe meines Va⸗ ters Sohn, wenn er einen Pfennig von Euch nimmt. Es iſt genug, daß Ihr nicht das Recht fodert, ihm etwas abzudringen, was ihm gehoͤrt. Der Graf unterſtuͤtzte lebhaft Allan's Meinung, und der aͤltere Mac Aulay willigte gern ein, mit der Aeußerung, das Ganze ſei nichts als ein thoͤriger Handel geweſen und nicht weiter der Rede werth. Die Englaͤnder ließen ſich, nach einigen hoͤflichen Weigerun⸗ gen, bereden, die Sache als einen Scherz an⸗ zuſehen. Und nun, Allan, ſeid ſo gut, eure Kerzen wegzuſchaffen, ſprach der Hausherr. Die Her⸗ ren aus England haben ſie geſehen, und wer⸗ „ àK ——— den nun eben ſo angenehm bei dem Lichte der alten blechernen Armleuchter eſſen, ohne daß ſie durch Rauch erſtickt werden. Auf Allan's Wink zogen die lebenden Leuchter, die eingeſteckten Schwerter empor haltend, aus dem Saale, und ließen die Gaͤſte beim Mahle zuruͤck. V. Er ward dadurch ſo furchtlos und ſo wild, Daß ſelbſt ſein Vater, der ihm gab das Leben, Von Furcht bei ſolchem Anblick ward erfuͤllt, Und bang beſorgt, die Warnung ihm gegeben, Sich ſeiner Macht nicht kuͤhn zu uͤberheben, Im Kampfe mit des Raubthiers Kraft und Muth. Demuͤthig ſollt' ein Loͤwe vor ihm beben, Und ſchweigen ſelbſt des Leoparden Wuth, Der grimmig bruͤllt' im Durſt nach Rache und nach Blut. Spenſer. Die Genußgier der Englaͤnder war zu je⸗ ner Zeit in Schottland ſprichwoͤrtlich gewor⸗ den, und dennoch nahmen ſich die engliſchen Gaͤſte bei der Tafel nicht ſonderlich aus, wenn man die ungeheure Gefraͤßigkeit des Rittmei⸗ ſters Dalgetty dagegen hielt, obgleich der ta⸗ 102— pfre Kriegsmann ſchon viel ſtandhaften Muth und Hartnaͤckigkeit bei dem Angriffe auf die Erfriſchungen bewieſen hatte, die man ihnen bei ihrer Ankunft als verlornen Poſten preis gab. Er ſprach mit Niemandem, waͤhrend er aß, und erſt als man den Tiſch beinahe abgeraͤumt hatte, ſagte er den uͤbrigen Tiſchgenoſſen, die ihm nicht ohne Befremden zugeſehen hatten, warum er ſo ſehr ſchnell und ſo ſehr lange aͤße. Die erſte Eigenſchaft, ſagte er, haͤtte er ſich erworben, als er ſeinen Platz am Convikt⸗ Tiſche im Collegium zu Aberdeen einnahm. „Wer da nicht ſeine Kinnbacken ſo ſchnell be⸗ wegte, als ob's ein Paar Caſtagnetten gewe⸗ ſen waͤren, der kriegte ſchwerlich etwas dazwi⸗ ſchen. Und was das reichliche Eſſen anlangt, fuhr Dalgetty fort, ſo mogen die geehrten Herren wiſſen, daß es die Pflicht jedes Befehl⸗ habers einer Veſte iſt, ſich bei allen vor⸗ kommenden Gelegenheiten mit ſo viel Kriegs⸗ bedarf und Lebensmitteln zu verſehen, als die Vorrathhaͤuſer nur immer faſſen koͤnnen, da N»v 103 man ja nicht weiß, wann man belagert, oder eingeſchloſſen wird. Nach dieſem Grundſatze, Ihr Herren, thut ein Kavalier, wenn er gu⸗ ten und reichlichen Proviant findet, wie mich daͤucht, ſehr klug daran, ſich wenigſtens auf drei Tage zu verſehen, da ſich nicht vorausſe⸗ hen laͤßt, wann er wieder zu einer andern Mahlzeit kommt. Der Gutsherr erklaͤrte dieſen Grundſatz fuͤr weiſe, und empfahl dem alten Kriegs⸗ manne, noch ein Glas Branntwein und eine Flaſche Franzwein auf die kraͤftige Nahrung zu ſetzen, die er ſchon eingenommen hatte, und der Rittmeiſter ließ ſich's gern gefallen. Als man den Tiſch abgeraͤumt hatte, ent⸗ fernten ſich alle Dienſtboten, bis auf den Edel⸗ knaben des Gutsherrn, oder den vertrauten Diener, der im Zimmer blieb, um alles zu hohlen, was man brauchte, mit einem Worte, den Dienſt der Klingelſchnur unſerer Tage zu verſehen. Das Geſpraͤch kann nun auf Staats⸗ angelegenheiten und auf die Lage des Landes. Graf Menteith erkundigte ſich ſorgfaͤltig und 104 umſtaͤndlich, welche hochlaͤndiſchen Staͤmme zu dem verabredeten Aufgebot der Koͤnigsfreunde ſtoßen wuͤrden. Das wird ſehr davon abhangen, Herr Graf, wer es iſt, der das Banner traͤgt, ant⸗ wortete der Gutsherr. Ihr wißt, wir Hochlaͤnder laſſen uns nicht gern von einem unſrer Haͤupt⸗ linge befehligen, oder daß ich die reine Wahr⸗ heit ſage, uͤberhaupt von Niemand. Das Ge⸗ ruͤcht ſagt, Colkitto— naͤhenlich der junge Colkitto, oder Alaſter Mac Donald— ſei von Ireland heruͤber gekommen mit einem Haufen vom Kriegsvolke des Grafen von Antrim, und ſie ſollen ſchon bis Ardnamurchan gekommen ſein. Sie haͤtten ſchon laͤngſt hier ſein koͤnnen, aber vermuthlich mußten ſie unterwegs pluͤndern. Wird Euch denn Colkitto als Anfuͤhrer nicht angenehm ſein? fragte Graf Menteith. Colkitto! ſprach Allan Mac⸗Aulay hoͤh⸗ niſch. Wer ſpricht von Colkitto? Es gibt nur einen Mann, dem wir folgen wollen, und das iſt Montroſe. Aber Montroſe, fiel Chriſtof Hall ein, “ — — hat nichts von ſich hoͤren laſſen, ſeit unſerm mißlungenen Verſuche, einen Aufſtand im Hoch⸗ kande zu erregen. Man glaubt, er ſei nach Orford zum Koͤnige zuruͤck gegangen, um wei⸗ tre Befehle einzuhohlen. Zuruͤckgegangen! ſprach Allan ſpoͤttiſch la⸗ chend. Ich koͤnnte Euch was ſagen, aber es iſt nicht der Muͤhe werth, und Ihr werdet's fruͤhe genug erfahren. Auf Ehre, Allan, ſprach Graf Menteith, Ihr werdet eure Freunde mit dieſer unertraͤg⸗ lichen, muͤrriſchen und finſtern Laune ermuͤden. Aber ich weiß ſchon, woher es kommt, ſetzte er lachend hinzu: Ihr habt Aennchen Lyle heute nicht geſehen. Wen ſoll ich nicht geſehen haben? ſprach Allan finſter. Aennchen Lyle, die Feenkoͤniginn des Liedes und Minneſangs, erwiderte der Graf. Wollte Gott, ich ſaͤhe ſie nie wieder, ſprach Allan ſeufzend: aber unter der Bedingung, daß Euch daſſelbe Schickſal traͤfe. 406— Und warum mich? fragte Graf Menteith gleichguͤltig. Weil's auf eurer Stirn geſchrieben ſteht, daß Ihr Euch einander ins Verderben bringen ſollt, ſprach Allan. Mit dieſen Worten ſtand er auf und verließ das Zimmer. Iſt es ſchon lange ſo mit ihm? ſprach der Graf zum Gutsherrn. Seit drei Tagen, erwiderte Angus. Der Anfall iſt bald voruͤber und morgen wird's beſſer mit ihm ſein.— Aber wohlan, Ihr Herren, die Flaſche ſoll uns nicht ſelbſt erin— nern, daß ſie geleert ſein will. Des Koͤnigs Geſundheit— Koͤnig Karl's Geſundheit, und moͤge der Hund von Covenanter*) der ſie ausſchlaͤgt, vom Grasmarkt**) aus, den Weg zum Himmel nehmen. Ddie Geſundheit ging ſchnell herum, und *) Anhänger des Covenants. S. Vorwort. 4 5 5. Ueb. * Grassmarket— der Richtplatz in Edinburgh⸗ D. Ueb. — — 107 es folgte ihr bald eine andre, eine dritte und vierte, alle aber waren vom Parteigeiſte ein⸗ gegeben und wurden ernſtlich aufgedrungen. Rittmeiſter Dalgetty fand es noͤthig, eine Einrede dagegen vorzubringen.„Ihr Herren Koͤnigsfreunde,*) ſprach er, ich trinke dieſe Geſundheiten, primo aus Achtung gegen dieſes ehrenwerthe und gaſtfreie Haus, und secundo, weil ich's nicht fuͤr gut halte, es mit ſolchen Dingen inter pocula haarſcharf zu nehmen; aber nach der Verſicherung, die mir der ehren⸗ werthe Graf gegeben hat, verwahre ich mich durch die Erklaͤrung, daß es mir, trotz meiner gegenwaͤrtigen Gefaͤlligkeit, frei ſtehen ſoll, morgen bei den Covenantern Dienſte zu neh⸗ men, wenn ich ſonſt Luſt dazu haͤtte. Mac⸗Aulay und die engliſchen Herren waren hoͤchlich betroffen uͤber dieſe Erklaͤrung, die gewiß neue Stoͤrung erregt haben wuͤrde, wenn nicht Graf Menteith ſich darein gemiſcht *) Cavaliers nannten ſie ſich. D. Ueb. 108 und über die Umſtaͤnde und die verabredeten Bedingungen ſich erklaͤrt haͤtte.„Ich hoffe zuverſichtlich, ſchloß er, wir werden im Stande ſein, des Rittmeiſters Beiſtand fuͤr unſre Par⸗ tei zu gewinnen.“ Und wo nicht, fiel der Gutsherr ein, ſo verwahre ich mich— wie der Rittmeiſter ſagt — durch die Erklaͤrung, nichts von allem, was dieſen Abend geſchehen iſt, auch nicht, daß er mein Brod und Salz gegeſſen, und mir in Branntwein, Bordeaux, oder Gewuͤrzbrannt⸗ wein Beſcheid gethan hat, ſoll mich hindern, ihm den Kopf bis auf den Nacken zu ſpalten. Das moͤget Ihr thun, antwortete der Ritt⸗ meiſter, wenn mein Schwert meinen Kopf nicht mehr ſchuͤtzen kann, und das hat's in ſchlimmern Gefahren gethan, als der Streit mit Euch mir wahrſcheinlich bringen kann. Graf Menteith machte wieder den Ver⸗ mittler, und als die Eintracht der Geſellſchaft nicht ohne Muͤhe hergeſtellt war, wurde ſie durch tuͤchtiges Zechen beveſtigt. Es gelang dem Grafen, unter dem Vorwande von Muͤ⸗ — —— 109 digkeit und Uebelbefinden, die Geſellſchaft feü⸗ her zum Aufbruche zu bewegen, als es im Schloſſe uͤblich war. Der tapfere Rittmeiſter war damit nicht ganz zufrieden, da er unter andern, in den Niederlanden angenommenen Gewohnheiten, auch die Neigung zum Trunke, und die Faͤhigkeit erhalten hatte, eine außer⸗ ordentliche Menge von geiſtigen Getraͤnken zu ſich zu nehmen. Der Wirth ſelber fuͤhrte ſie in einen Schlafſaal, wo eine Bettſtelle mit vier Saͤu⸗ len und Vorhaͤngen von gewuͤrfeltem Zeuge ſich befand, und laͤngs der Wand mehre Krip⸗ pen, oder lange Packkoͤrbe ſtanden, welche mit bluͤhendem Heidekraute gefuͤllt, zum Empfange der Gaͤſte bereit waren. Ich brauche Euch nicht zu ſagen, Herr Graf, ſprach Mac⸗Aulay ein wenig bei Sei⸗ te: wie wir im Hochlande Quartier geben. Ich wollte Euch jedoch nicht gern mit dieſem tentſchen Landſtreicher allein in einem Zimmer ſchlafen laſſen, und darum habe ich befohlen, die Betten eurer Diener hier aufzuſtellen. 110— Wahrlich, Graf Menteith, wir leben in Zei⸗ ten, wo man mit einer Kehle, ſo ganz und geſund, als je eine den Branntwein hinab ſchluckte, zu Bette geht, und ehe der Morgen kommt, klafft ſie wie eine Auſterſchale. Der Graf dankte ihm herzlich. Er wuͤrde ihn, ſetzte er hinzu, gerade um eine ſolche Einrichtung gebeten haben, denn wiewohl er auf keine Weiſe irgend eine Gewaltthaͤtigkeit vom Rittmeiſter Dalgetty beſorgen duͤrfte, ſo waͤre doch Anderſon ein Menſch beſſerer Art, ein halber Herr, den er immer gern um ſich ſaͤhe. Ich habe dieſen Anderſon noch nicht geſe⸗ hen, ſprach Mac⸗Aulay. Habt Ihr ihn in England gemiethet. Ja, antwortete der Graf. Ihr ſollt ihn morgen ſehen. Indeß wuͤnſche ich Euch gute Nacht. 85 Der Wirth nahm Abſchied, um den Gaſt allein zu laſſen, und wollte dem Rittmeiſter dieſelbe Hoͤflichkeit erweiſen; als er ihn aber mit einem maͤchtigen Kruge voll Branntwein⸗ ——————-——— — 111 molken*) eifrig beſchaͤftigt ſah, hielt er's fuͤr Schade, ihn bei einer ſo lieblichen Arbeit zu ſtoͤren, und ging ohne weitre Umſtaͤnde hinaus. Gleich nachher traten die beiden Diener des Grafen herein. Der gute Rittmeiſter, den die reichliche Abendmahlzeit ein wenig beladen hatte, fand es nun etwas beſchwerlich, die Schnallen ſeiner Ruͤſtung zu loͤſen, und wendete ſich zu Anderſon mit folgenden Wor⸗ ten, die ein leicher Schlucken unterbrach: „Freund Anderſon, Ihr koͤnnt in der Schrift leſen, daß derjenige, ſo ſeine Ruͤſtung ablegt, ſich nicht ruͤhmen ſoll, wie jener, der ſie an⸗ legt— es iſt dieß wohl nicht das eigentliche Commandowort, aber der wahre Sinn iſt, daß ich wahrſcheinlich in meinem Harniſch ſchlafen *) Es gibt verſchiedene Arten des Getränkes, das man in Schottland Posset nennt; z. B. Molken mit un⸗ gehopftem Bier plain bosset; Molken mit Salbei saße Posset; eine Miſchung von Sekt, Nuhm, Mus⸗ karen, Zucker und Eiern, sack Dposset, und wenn ſtatt des Sekts Branntwein genommen wird, ſo ent ſteht das oben genannte Getränk. Der Ueb. 112 werde, wie mancher ehrliche Kerl, der nie wieder erwachte, wenn Ihr mir nicht dieſe Schnalle aufmachen wollt. Nehmt ihm die Ruͤſtung ab, Sibbald, ſprach Anderſon zum andern Diener. Bei Sankt Andreas! rief der Rittmeiſter, ſich hoͤchlich erſtaunt umwendend: da iſt ein gemeiner Burſche, der fuͤr vier Pfund jaͤhrlich und einen Rock dient, und ſich doch zu gut duͤnkt, dem Rittmeiſter Dugald Dalgetty von Drumthwacket zu dienen, der die Humaniora im Mareſchal⸗Collegium zu Aberdeen getrie⸗ ben und der Haͤlfte der europaͤiſchen Fuͤrſten gedient hat. HFerr Rittmeiſter, ſprach der Graf, dcſen Loos an dieſem ganzen Abende war, den Frie⸗ denſtifter zu machen: Ihr wollet gefaͤllig be⸗ merken, daß Anderſon Niemanden als mir aufwartet, aber ſehr gern will ich Sibbald hel⸗ fen, um euren Harniſch zu loͤſen. Zu viel Muͤhe fuͤr Euch, Herr Graf, ant⸗ wortete Dalgetty, und doch wuͤrde es Euch gar nicht ſchaden, wenn Ihr lernen wolltet, * — 118 wie ein huͤbſcher Harniſch an und ausgezogen wird. Ich kann meinen anlegen und auszie⸗ hen, als ob's ein Handſchuh waͤre; nur dieſen Abend bin ich zwar nicht ebrius, aber doch, wie der klaſſiſche Ausdruck heißt, vino ciboque gravatus. Er war nun ausgeſchaͤlt, und vor dem Feuer ſtehend, gruͤbelte er mit einem Geſichte, worin der trunkne Muth wie Klugheit aus⸗ ſah, uͤber die Ereigniſſe dieſes Abends. Allan Mac⸗Aulay ſchien ihn beſonders zu beſchaͤfti⸗ gen.„Den Englaͤnder ſo geſchickt anzufuͤhren mit ſeinen hochlaͤndiſchen Fackeltraͤgern— acht hoſenloſe Geſellen fuͤr ſechs ſilberne Leuchter! Ein Meiſterſtuͤck war's— ein tour de passe — ein rechter Taſchenſpielerſtreich. Und dabei doch verruͤckt! Ich glaube, Herr Graf— fuhr er kopfſchuͤttelnd fort— ich werde ihm wohl, trotz ſeiner Verwandtſchaft mit Euch, die Vor⸗ rechte eines vernuͤnftigen Menſchen zugeſtehen muͤſſen, und ihn entweder fuͤr die, mir ange⸗ thane Gewaltthaͤtigkeit gehoͤrig durchpruͤgeln. Erſter Theil. 8 414 oder die Sache mit den Waffen ausmachen, wie es einem beleidigten Kavalier geziemt.“ Wenn Ihr Luſt habt, ſprach der Graf, eine lange Geſchichte in ſo ſpaͤter Nachtzeit an⸗ zuhoͤren, ſo kann ich Euch ſagen, wie die Um⸗ ſtaͤnde, die mit Allans Geburt verbunden wa⸗ ren, ſein ſeltſames Weſen ſo gut erklaͤren, daß von einer ſolchen Genugthuung ganz und gar nicht die Rede ſein kann. Eine lange Geſchichte, Herr Graf, erwi⸗ derte der Rittmeiſter, iſt naͤchſt einem guten Abendtrunke und einer warmen Nachtmütze, das beßte Mittel, ſich in einen geſunden Schlaf zu bringen. Wenn Ihr Euch mit der Erzaͤh⸗ lung bemuͤhen wollt, ſo werde ich euer gedul⸗ diger und dankbarer Zuhoͤrer ſein. Anderſon, ſprach der Graf, und Ihr, Sib⸗ bald, ſeid beide ohne Zweifel auch neugierig, von dieſem ſonderbaren Manne etwas zu er⸗ fahren, und ich glaube, eure Neugier befriedi⸗ gen zu muͤſſen, damit Ihr im Nothfall wißt, wie Ihr Euch gegen ihn zu betragen habt. Kommt naͤher zum Feuer. 115 Als auf dieſe Weiſe die Zuhoͤrer ver⸗ ſammelt waren, ſetzte ſich Graf Menteith auf den Rand des Bettes, und nachdem Dal⸗ getty die Ueberreſte ſeines Branntweintrankes vom Stutzbart und Knebelbark gewiſcht und die Worte: Alle guten Geiſter loben den Herrn— wiederhohlt hatte, warf er ſich auf eines der Ruhebetten und ſeinen zottigen Kopf aus der Decke hervorſtreckend, hoͤrte er auf des Grafen Erzaͤhlung in einem Zuſtande uͤppiger Behaglichkeit, zwiſchen Schlafen und Wachen. Der Vater der beiden Bruͤder, Angus und Allan Mac⸗Aulay, hob der Graf an: war ein geachteter Mann von guter Familie, der Haͤuptling eines hochlaͤndiſchen Clans, der zwar nicht zahlreich war, aber doch in Anſehn ſtand. Seine Frau, die Mutter dieſer jungen Maͤnner, ſtammte aus einem guten Hauſe, wenn ich es mir erlauben darf, dieß von einer Familie zu ſagen, die mit der meinigen nahe verwandt iſt. Ihr Bruder, ein wackrer und lebhafter junger Mann, erhielt von Jakob 8 4 dem Seechſten Jagdgerechtigkeit und andre Vor⸗ rechte in dem koͤniglichen Jagdbezirk unweit dieſes Schloſſes, und er war ſo ungluͤcklich, bei der Ausuͤbung und Vertheidigung jener Rechte in einen Streit mit einigen unſrer hochlaͤndiſchen Freibeuter, oder Raͤnber zu ge⸗ rathen, von welchen Ihr, Herr Rittmeiſter, gehoͤrt haben muͤßt. Ja, das habe ich, erwiderte Dalgetty, ſich anſtrengend, die Frage zu beantworten. Ehe ich das Mareſchal⸗Kollegium in Aberdeen ver⸗ ließ, da ſpielte Dulgald Garr ſchon ſeine Teu⸗ feleien in Garrioch, der Stamm Farquahrſon in der Gegend von Dee, der Clan Chattan im Gebiet des Stammes Gordon und die Staͤmme Grant und Cameron in Moray's Beſitzungen. Ich habe ſeitdem die Kroaten und Panduren in Hungarn und Siebenbuͤrgen geſehen, und die Koſacken von der polniſchen Graͤnze, und Raͤuber, Banditen und Barba⸗ ren aus allen andern Laͤndern, und ſo habe ich wohl einen deutlichen Begriff von euren ver⸗ dorbenen Hochlaͤndern. 147 Der Clan, mit welchem der muͤtterliche Oheim der beiden Bruͤder ſich in Streitigkei⸗ ten verwickelt hatte, fuhr der Graf fort: war ein kleiner Raͤuberſtamm, der von ſeinem heimathloſen Leben und ſeinen ſteten Wande⸗ erungen im Gebirge die Kinder des Ne⸗ bels*) genannt wurde. Sie ſind ein wildes und kuͤhnes Volk, mit all der Reizbarkeit und den unbaͤndigen rachgierigen Leidenſchaften, die Leuten eigen ſind, welche nie den Zwang der geſellſchaftlichen Ordnung gekannt haben. Ein Theil derſelben legte dem ungluͤcklichen Forſt⸗ aufſeher einen Hinterhalt, uͤberfiel ihn, als er allein auf der Jagd war und ermordete ihn mit erfinderiſcher Grauſamkeit. Sie hieben ihm den Kopf ab, und faßten aus Großprah⸗ lerei den Entſchluß, das blutige Haupt im Schloſſe ſeines Schwagers zu zeigen. Der Gutsherr war abweſend, und ungern empfing ) Dieſer Stamm hieß bei den Hochländern Clan Duil Cheire. Der Ueb. — 118— ſeine Gemahlinn Leute, welchen ſie vielleicht aus Furcht ihr Thor nicht zu verſchließen wagte. Man ſetzte den Kindern des Nebels Erfriſch⸗ ungen vor; ſie aber nahmen eine Gelegenheit wahr, das Haupt ihres Opfers aus dem Man⸗ tel, worin es gewickelt war, hervor zu ziehen, ſtellten es auf den Tiſch, ſteckten ein Stuͤck Brod zwiſchen die lebloſen Kinnladen, mit dem Geheiß, nun ihr Amt zu verrichten, da ſie manche gute Mahlzeit an dieſem Tiſche gegeſſen hätten. Die Hausfrau, die wegen eines haͤuslichen Geſchaͤftes hinausgegangen war, kam in dieſem Augenblicke wieder herein, und als ſie ihres Bunders Haupt erblickte, floh ſie pfeilſchnell aus dem Hauſe in den Wald und ſtieß einen Angſtſchrei nach dem andern aus. Die Barbaren entfernten ſich, zufrieden mit dieſem grauſamen Triumph. Als die erſchrockenen Dienſtboten ſich von der erſten Angſt erhohlt hatten, ſuchten ſie ihre ungluͤckliche Herrinn, die aber nirgend zu finden war. Am naͤchſten Tage kam ihr beklagenswerther Ge⸗ mahl zuruͤck, und mit Hilfe ſeiner Leute nahm — 119 er eine genauere Nachforſchung in weiterer Entfernung vor, die aber eben ſo wenig Er⸗ folg hatte. Man glaubte allgemein, ſie muͤß⸗ te ſich im erſten Anfalle des Entſetzens von einer der vielen Klippen, die uͤber den Fluß hangen, oder in den tiefen See geſtuͤrzt haben, der etwa eine Meile vom Schloſſe entfernt iſt. Man beklagte ihren Verluſt um ſo mehr, da ſie ſich im ſechſten Monat ihrer Schwanger⸗ ſchaft befand. Angus Mac⸗Aulay, ihr aͤlte⸗ ſter Sohn, war ungefaͤhr anderthalb Jahre fruͤher geboren.— Aber ich mache Euch Lang⸗ weile, Herr Rittmeiſter, und Ihr ſcheint ſchla⸗ fen zu wollen. Ganz und gar nicht, erwiderte der Kriegs⸗ mann, ich bin gar nicht ſchlaͤfrig. Ich hoͤre immer am beßten mit geſchloſſenen Augen. Das habe ich gelernt, als ich Schildwache ſtand. Und ich glaube, ſprach der Graf bei Seite zu Anderſon: der Unteroffizier der Runde mag ihm die Augen oft mit dem Gewichte ſeiner Hellbarde geoͤffnet haben. Graf Menteith ſchien indeß zum Erzaͤhlen aufgelegt zu ſein, und ohne auf den ſchlum⸗ mernden alten Kriegsmann zu achten, wendete er ſich meiſt an ſeine Diener, als er fortfuhr: „Jeder Edelmann im Lande ſchwur, gegen dieſes ſchreckliche Verbrechen Rache zu uͤben. Sie ruͤſteten ſich mit den Verwandten und dem Schwager des Ermordeten zum Kampfe, und die Kinder des Nebels wurden, wie ich glau⸗ be, mit eben ſo wenig Erbarmen, als ſie ſel⸗ ber gezeigt hatten, gehetzt und erlegt. Sieb⸗ zehn Koͤpfe, die blutigen Siegeszeichen der Rache, wurden unter die Verbuͤndeten ver⸗ theilt, und dienten auf den Thoren ihrer Schloͤſſer den Kraͤhen zur Nahrung. Die Ueberlebenden ſuchten entlegenere Wildniſſe, und zogen ſich dahin zuruͤck.“ Rechts um kehrt Euch! Marſch! In die Stellung zuruͤck! ſprach der Rittmeiſter, da die Erwaͤhnung des Ruͤckzugs ihn an das ent⸗ ſprechende Befehlwort erinnerte, und ſich plötz⸗ lich aufrichtend, betheuerte er, es waͤre ihm kein Wort von der Erzaͤhlung entgangen. — 121 Man pflegt im Sommer, hob der Graf wieder an, ohne auf Dalgetty's Entſchuldigung zu achten: die Kuͤhe auf die hoch liegenden Triften zu ſchicken, und die Maͤgde des Dor⸗ fes wie des Edelhofes gehen Morgens und Abends dahin, ſie zu melken. Bei dieſer Be⸗ ſchaͤftigung bemerkten die Maͤgde dieſer Fami⸗ lie zu ihrem großen Schrecken, daß ſie aus der Ferne von einer bleichen und hagern Ge⸗ ſtalt beobachtet wurden, die einige Aehnlichkeit mit ihrer verſtorbenen Gebieterinn hatte, und daher fuͤr ihren Geiſt gehalten wurde. Wenn einige der kuͤhnſten Maͤdchen ſich entſchloſſen, der welken Geſtalt naͤher zu treten, floh ſie mit einem wilden Schrei in den Wald. Als der Edelmann dieſen Umſtand erfuhr, kam er mit einigen Begleitern ins Thal und traf ſei⸗ ne Maßregeln ſo gut, daß er der Ungluͤcklichen den Ruͤckzug abſchnitt und ſeine bedauerns⸗ wuͤrdige Gemahlinn in ſichre Gewahrſam neh⸗ men konnte. Ihr Verſtand war gaͤnzlich zer⸗ ruͤttet. Wie ſie ſich waͤhrend ihres unſteten Lebens in den Waͤldern erhalten hatte, ließ 122— ſich nicht erfahren; Einige vermutheten, ſie haͤtte von Wurzeln und wilden Beeren gelebt, deren die Waͤlder zu jener Jahrzeit in Ueber⸗ ſluß darboten, die Mehrzahl unter dem gemei⸗ nen Volke aber war uͤberzeugt, ſie muͤßte von der Milch der Rehe ſich genaͤhrt haben, oder von den Feen, oder auf aͤhnliche wunderbare Weiſe erhalten worden ſein. Ihre Wiederer⸗ ſcheinung ließ ſich leichter erklaͤren. Sie hatte aus dem Dickig dem Melken der Kuͤhe zuge⸗ ſehen, und da die Aufſicht uͤber die Viehwirth⸗ ſchaft immer ihre liebſte haͤusliche Beſchaͤfti⸗ gung geweſen war, ſo hatte die Gewohnheit ſelbſt bei Hu zerruͤtteten Gennüthzuſtande geſiegt. 8 Die— Frau wurde zu rechter Zeit von einem Knaben entbunden, den die, von ſeiner Mutter erlittenen Drangſale kei⸗ *) Die vben erzählte Geſchichte iſt bis hierher auf eine Thatſache gegründet, die in Burt's Lerters from a. gentleman in the North of Scotland(n. a. von Zamieſon, Sdinb. 1820. 2 Bde) mitgetheilt wird. D. Ueb. — 123 neswegs angegriffen zu haben ſchienen; er hatte im Gegentheil ein ungemein geſundes und kraͤftiges Anſehen. Die arme Mutter erhielt nach ihrem Wochenbette zwar ihren Verſtand groͤßtentheils wieder, nie aber ihre Geſundheit und ihre Munterkeit. Allan war ihre einzige Freude. Sie widmete ihm eine unablaͤſſige Sorgfalt, und ohne Zweifel hat ſie ſeinem Gemuͤthe fruͤh viele jener aberglaͤubigen Vor⸗ ſtellungen mitgetheilt, wofuͤr ſeine launiſche und ſchwaͤrmeriſche Stimmung ſo empfaͤnglich war. Sie ſtarb, als eer beinahe ſein zehntes Jahr erreicht hatte. Ihre letzten Worte ſagte ſie ihm heimlich, aber es iſt nicht zu bezwei⸗ feln, daß ſie eine Ermahnung zur Rache gegen die Kinder des Nebels waren, welcher er ſeit⸗ dem ſo reichlich Genuͤge geleiſtet hat. Von dieſem Augenblicke an, war Allan Nac⸗Aulay ganz umgewandelt. Er war zeit⸗ her ſtets in der Geſellſchaft ſeiner Mutter ge⸗ weſen, hatte auf ihre Traͤume gehoͤrt, die ſei⸗ nigen ihr erzaͤhlt, und ſeine Einbildung, die vermuthlich ſchon durch die, ſeiner Geburt voran 124 gegangenen Umſtaͤnde in Zerruͤttung gerathen war, mit dem wilden und furchtbaren Aber⸗ glauben genaͤhrt, der unter den Gebirgbewoh⸗ nern ſo gemein iſt, und womit ſeine ungluͤck⸗ liche Mutter nach ihres Bruders Tod ſehr be⸗ kannt geworden war. Bei dieſer Lebensweiſe hatte der Knabe ein furchtſames, wildes, ſcheues Ausſehen erhalten, er ſuchte gern einſame Plaͤtze in den Waͤldern auf, und nichts er⸗ ſchreckte ihn ſo ſehr, als wenn ſich Kinder ſei⸗ nes Alters ihm naͤherten. Ich erinnere mich, wie ich einſt meinen Vater auf einer Beſuch⸗ reiſe hierher begleitete, und wie ſehr ich er⸗ ſtaunte, als der kleine Einſiedler, der einige Jahre aͤlter war als ich, allen meinen Be⸗ muͤhungen auswich, ihn zu den, unſerm Alter angemeſſenen Spielen zu bewegen. Ich kann mich entſinnen, daß ſein Vater gegen den mei⸗ nigen die Stimmung des Knaben beklagte, und dabei bemerkte, er koͤnnte dennoch ſeine Frau unmoͤglich der Geſellſchaft des Knaben berau⸗ ben, der ihr einziger noch uͤbriger Troſt in der Welt zu ſein ſchiene, und die Unterhal⸗ * 25 tung, die ihr Allans Umgang gab, roͤnnte, wie es ſchien, dahin wirken, daß die furcht⸗ bare Krankheit, wovon ſie war heimgeſucht worden, wenigſtens nicht in ihrer vollen Staͤr⸗ ke zuruͤckkehrte. Nach dem Tode ſeiner Mut⸗ ter aber ſchienen ſich die Gewohnheiten und die Lebensweiſe des Knaben auf einmahl zu aͤndern. Er blieb freilich ſo tiefſinnig und ernſt, als vorher, und lange Anwandlungen von Schwei⸗ gen und Zerſtreuung zeigten deutlich, daß ſeine Stimmung in dieſer Hinſicht gar keine Veraͤn⸗ derung erlitten hatte. Zu andern Zeiten aber ſuchte er die Zuſammenkuͤnfte der jungen Leute des Clans auf, die er fruͤher ſorgfaͤltig zu ver⸗ meiden ſchien. Er nahm Antheil an allen ih⸗ ren Leibesuͤbungen, und bei ſeiner ganz au⸗ ßerordentlichen Staͤrke war er bald ſeinem Bruder und andern weit aͤltern Juͤnglingen uͤberlegen. Alle, die ihn zeither verachtet hat⸗ ten, fuͤrchteten ihn, wenn ſie ihn auch nicht liebten, und ſtatt ihn, wie ſonſt, fuͤr einen traͤumeriſchen, weibiſchen und ſchwachſinnigen Knaben zu halten, klagten diejenigen, die ſich 126 mit ihm in Spiele oder Kriegsuͤbungen einlie⸗ ßen, nun daruͤber, daß der junge Menſch, wenn er vom Streite erhitzt waͤre, nur zu leicht aus dem Spiele Ernſt machte, und ver⸗ gaͤße, daß es nur auf eine freundſchaftliche Pruͤfung der Kraͤfte ankaͤme.— Aber ich ſpre⸗ che zu tauben Ohren, fuhr der Graf fort, ſich unterbrechend, als des Rittmeiſters Naſe die unwiderlegbarſten Zeichen gab, daß er veſt in den Armen der Vergeſſenheit lag. Meint Ihr, Herr Graf, erwiderte Ander⸗ ſon, die Ohren dieſes ſchnarchenden Schweins, ſo ſind ſie freilich gegen alles verſchloſſen, was Ihr ſagen koͤnnt. Dieſer Ort iſt jedoch nicht paſſend fuͤr eine vertrautere Unterredung, und darum hoffe ich, Ihr werdet die Guͤte haben, zu Sibbalds und meinem Vortheile fortzufah⸗ ren. Die Geſchichte dieſes armen jungen Mannes iſt recht wunderbar anziehend. So wißt denn, fuhr der Graf fort, daß Allan bis in ſein funfzehntes Jahr an Staͤrke und Gewandtheit zunahm; um dieſe Zeit aber verrieth er einen entſchiedenen Hang zur Un⸗ — 427 abhaͤngigkeit und eine Ungeduld gegen jede Beſchraͤnkung, woruͤber ſein Vater ſehr unru⸗ 4 hig ward. Er blieb ganze Tage und Naͤchte in den Waͤldern, unter dem Vorwande der Jagd, obgleich er nicht immer Wildpret nach Hauſe brachte. Sein Vater war deſto unru⸗ higer, da Mehre von den Kindern des Nebels durch die zunehmende Zerruͤttung des Staats ermuthigt wurden, ſich wieder in ihre alten Schlupfwinkel zu wagen, und er hielt es nicht fuͤr ganz rathſam, ſeine Angriffe gegen ſie zu erneuren. Allan's Gefahr, auf ſeinen Wan⸗ derungen von den rachſuͤchtigen Freibeutern eine Unbilde zu erleiden, war eine ewige Quelle von Beſorgniſſen. Ich war als Gaſt im Schloſſe, als die Sache zur Entſcheidung kam. Seit Tagesanbruche war Allan im Wal⸗ de geweſen, wo ich ihn vergebens geſucht hat⸗ te, und er kam auch nicht heim in der finſtern, ſtuͤrmiſchen Nacht. Sein Vater war aͤußerſt bekuͤmmert, und nahm ſich vor, bei Tagesan⸗ bruche mehre Menſchen auszuſenden, um ihn ſuchen zu laſſen. Wir ſaßen eben beim Abend⸗ 128 eſſen, als ploͤtzlich die Thuͤre ſich oͤffnete, und Allan mit einem ſtolzen, veſten und uver⸗ ſichtlichen Weſen hereintrat. Seine U ent. ſamkeit und ſein ſchwankender Gemuͤthzuſtand hatten ſo viel Einfluß auf ſeinen Vater, daß er alle Zeichen von Mißfallen unterdruͤckte, und bloß die Bemerkung machte, ich haͤtte ei⸗ nen feiſten Rehbock geſchoſſen und waͤre doch vor Sonnenuntergang heimgekehrt, wogegen Allan, der ſeit Mitternacht auf den Bergen geweſen waͤre, vermuthlich mit leeren Haͤnden kaͤme.„Seid Ihr deſſen gewiß? ſprach Allan wild. Hier iſt etwas, das Euch eines andern belehren wird.“ Wir bemerkten nun, daß ſei⸗ ne Haͤnde blutig und Blutflecke auf ſeinem Geſichte waren, und erwarteten ungeduldig den Erfolg, als er ploͤtzlich den Zipfel ſeines Man⸗ tels aufwickelte und einen blutigen, eben ab⸗ gehauenen Menſchenkopf auf den Tiſch rollen ließ, wobei er die Worte ſprach:„Liege, wo vor dir der Kopf eines beſſern Mannes gele⸗ gen hat.“ An den wilden Zuͤgen, und dem verfilzten rothen, zum Theil ſchon ergrauten 129 Haupthaare und Bart erkannten ſein Vater und die andern Anweſenden das Haupt Hec⸗ tor's, eines wohl bekannten, und wegen ſeiner Staͤrke und Grauſamkeit gefuͤrchteten Anfuͤh⸗ rers der Geaͤchteten, der bei der Ermordung des ungluͤcklichen Forſtaufſehers beſonders thaͤ⸗ tig geweſen, und durch ſeine verzweifelte Ge⸗ genwehr und ungemeine Gewandtheit entkom⸗ men war, als ſo viele ſeiner Gefaͤhrten um⸗ kamen. Wir waren Alle, wie ſich denken laͤßt, hoͤchſt erſtaunt, aber Allan wollte unſre Neu⸗ gier nicht befriedigen, und wir konnten nur vermuthen, daß er den Raͤuber erſt nach einem verzweifelten Kampfe beſiegt haben mußte, weil wir bemerkten, daß er mehre Wunden erhalten hatte. Es wurden nun alle Maßre⸗ geln getroffen, ihn gegen die Rache der Naͤu⸗ ber zu ſichern, aber weder durch ſeine Wun⸗ den, noch durch den ausdruͤcklichen Befehl ſei⸗ nes Vaters, noch ſelbſt durch das Verſchließen der Schloßthore und der Thuͤre ſeines Zim⸗ mers, ließ Allan ſich abhalten, die Menſchen aufzuſuchen, die ihm gefaͤhrlich waren. Er Erſter Theil.. 9 130— entſprang zur Nachtzeit aus dem Fenſter, und der vergeblichen Muͤhe ſeines Vaters ſpottend, brachte er einmahl wieder einen, und bei einer andern Gelegenheit zwei Koͤpfe der Kinder des Nebels. So wild dieſe Menſchen waren, der erbitterte Haß und die Verwegenheit, womit Allan ihre Schlupfwinkel aufſuchte, jagte ih⸗ nen Schrecken ein, und da er nie Bedenken trug, ſich in einen Kampf einzulaſſen, ſo ſchloſ⸗ ſen ſie, ſein Leben muͤßte durch einen Zauber geſichert ſein, oder ein uͤbernatuͤrlicher Einfluß ihn beſchuͤtzen. Weder Flinte, noch Dolch, noch Schwert, ſagten ſie, vermoͤchte etwas ge⸗ gen ihn. Sie ſchrieben dieß den merkwuͤrdi⸗ gen Umſtaͤnden zu, worunter er geboren war, und es kam endlich ſo weit, daß fuͤnf bis ſechs der ruͤſtigſten hochlaͤndiſchen Raͤuber auf Al⸗ lans Ruf, oder den Ton ſeines Hornes ent⸗ flohen waͤren. Sie ſetzten indeß ihr altes Ge⸗ werbe fort, und thaten der Familie Mac⸗ Aulay und deren Verwandten und Verbuͤnde⸗ ten ſo viel Schaden als ſie nur konnten. Dieß reizte zu einem neuen Kriegszuge gegen den 131 Stamm, woran auch ich Theil nahm. Wir uͤberſielen ſie, indem wir zu gleicher Zeit alle Paͤſſe der Gegend beſetzten, und rieben ſie mit Feuer und Schwert auf, wie es bei ſolchen Gelegenheiten gewoͤhnlich iſt. Nur ein klei— nes Maͤdchen, das Allans blankem Dolch ent⸗ gegenlaͤchelte, entging auf meine dringende Bitte ſeiner Rache. Sie ward ins Schloß gebracht und hier unter dem Nahmen Aenn⸗ chen Lyle erzogen; gewiß die ſchoͤnſte kleine Fee, die je im Mondſchein auf der Heide tanzte. Es dauerte lange, ehe Allan die Ge⸗ genwart des Maͤdchens ertragen konnte, bis er, vielleicht durch ihre Zuͤge gewonnen, ſich einbildete, daß ſie nicht zu dem verhaßten Stamme ſeiner Feinde gehoͤrte, ſondern auf ihren Raubzuͤgen in Gefangenſchaft gerathen waͤre, was an ſich wohl moͤglich ſein koͤnnte, woran er aber ſo veſt als an die heilige Schrift glaubt. Es entzuͤckt ihn beſonders ihre Ge⸗ ſchicklichkeit in der Muſik, die ſo außerordent⸗ lich iſt, daß ſie die beßten Kuͤnſtler dieſer Ge⸗ gend im Harfenſpiel uͤbertrifft. Man fand, 9* 132— daß dieß auf Allan's verſtörtes Gemuͤth, ſelbſt in ſeiner finſterſten Stimmung eben ſo wohl⸗ thaͤtigen Einfluß hatte, als vor Zeiten der Koͤnig der Iſraeliten erfuhr, und Aennchens Gemuͤthsart iſt ſo einnehmend, die Unſchuld und Froͤhlichkeit ihres Weſens ſo bezaubernd, daß man ſie im Schloſſe eher als die Schwe⸗ ſter des Eigenthuͤmers, denn als eine von ſei⸗ ner Wohlthaͤtigkeit abhaͤngige Fremde betrach⸗ tet und behandelt. Ja, man kann ſie unmoͤg⸗ lich ſehen, ohne von ihrer Unbefangenheit, ih⸗ rer Lebhaftigkeit und Sanftmuth hingeriſſen zu werden. Nehmt Euch in Acht, Herr Graf, ſprach Anderſon. Solche warme Lobpreiſungen ſind nicht ohne Gefahr. Allan Mac⸗Aulay wuͤrde, nach eurer Schilderung, wohl kein ſehr ſiche⸗ rer Nebenbuhler ſein.. Pah! ſprach der Graf lachend, doch auch nicht ohne Erroͤthen: Allan iſt fuͤr Liebe nicht empfaͤnglich, und was mich anlangt— ſetzte er ernſthafter hinzu— ſo iſt Aennchens unbe⸗ kannte Herkunft ein hinreichender Grund ge⸗ — — 133 gen ernſtliche Abſichten, und ihre ſchutzloſe Lage verbietet jede andre Abſicht. Das heißt geſprochen, wie's Eurer wuͤrdig iſt, Herr Graf, erwiderte Anderſon. Aber ich hoffe, Ihr werdet mit eurer anziehenden Ge⸗ ſchichte fortfahren. Sie iſt beinahe zu Ende, ſprach der Graf. Ich habe nur noch eins hinzuzuſetzen; bei ſei⸗ ner großen Staͤrke und Herzhaftigkeit, bei ſei⸗ ner kraͤftigen und unbaͤndigen Sinnesart, und bei der allgemein herrſchenden, von ihm ſelber befoͤrderten Meinung, er habe mit uͤbernatuͤr⸗ lichen Weſen Gemeinſchaft und koͤnne kuͤnftige Ereigniſſe vorher ſagen, ſteht Allan Mac⸗Au⸗ lay bei dem Clan in hoͤherem Anſehen, als ſelbſt ſein Bruder, der ein kuͤhner polternder Hochlaͤnder iſt, aber nichts beſitzt, was mit dem außerordentlichen Charakter ſeines juͤngern Bruders wetteifern koͤnnte. Ein ſolcher Charakter, ſprach Anderſon, muß nothwendig den tiefſten Eindruck auf einen Haufen Hochlaͤnder machen. Wir muͤſ⸗ ſen Allan auf jeden Fall an uns ziehen, Herr 134— Graf. Seine Tapferkeit und ſeine Seher⸗ gabe— Still! fiel der Graf ein, die Eule er⸗ wacht.. Sprecht Ihr von der Sehergabe, oder Deuteroscopia? ſprach der Kriegsmann. Ich erinnere mich, der beruͤhmte Major Monro erzaͤhlte mir, wie Murdoch Mackenzie aus Aſ⸗ ſint, der als Freiwilliger unter ihm diente, ein tapfrer Soldat, den Tod des Donald Tough aus Lochaber, ſo wie einiger andern Leute und auch die Wunde vorherſagte, die der Major ſelbſt bei einem ploͤtzlichen Ausfall waͤhrend der Belagerung von Stralſund erhielt. Ich habe oft von dieſer Gabe gehoͤrt, be⸗ merkte Anderſon, aber es iſt mir immer vor⸗ gekommen, als ob die Leute, die ſie beſitzen wollen, Schwaͤrmer oder Betruͤger ſind. Ich moͤchte meinen Vetter, Allan Mac⸗ Aulay, nicht gern zu einem von beiden rech⸗ nen laſſen, ſprach der Graf. Er hat bei vie⸗ len Gelegenheiten zu viel Scharfſinn und Ver⸗ ſtand gezeigt, wovon er Euch auch dieſen — 13⁵ Abend ein Beiſpiel gegeben hat, als daß man ihn einen Schwaͤrmer nennen koͤnnte, und ſein feines Ehrgefuͤhl und ſeine maͤnnliche Ge⸗ ſinnung ſichern ihn gegen die Beſchuldigung des Betrugs. Ihr glaubt alſo an ſeine uͤbernatuͤrlichen Gaben, Herr Graf? hob Anderſon wieder an. Keineswegs, erwiderte der Graf. Ich glaube, er uͤberredet ſich ſelber, die Vorherſa⸗ gungen, die eigentlich nur die Ausbeute ſeines Scharfſinnes und Nachdenkens ſind, fuͤr uͤber⸗ natuͤrliche Eingebungen zu halten, wie der Schwaͤrmer die Wirkungen ſeiner Einbildung fuͤr goͤttliche Begeiſterung haͤlt. Ich weiß we⸗ nigſtens, wenn Euch dieß nicht genuͤgt, An⸗ derſon, keine beſſere Erklaͤrung zu geben, und es iſt Zeit, daß wir nach der muͤhſamen Tag⸗ reiſe nun alle zur Ruhe gehen. VI. — Die gukunft wirſt ihre Schatten vor ſich her. Campbell. In fruͤher Morgenſtunde ſprangen die Gaͤ⸗ ſte des Schloſſes von ihrem Lager. Als der Graf einen Augenblick heimlich mit ſeinen Dienern geſprochen hatte, wandte er ſich zu dem Kriegsmanne, der in einer Ecke ſaß, und ſeinen Bruſtharniſch mit Rothſtein und Gem⸗ ſenleder rieb, und dabei ein altes Lied zu Eh⸗ ren des ſiegreichen Guſtav Adolf traͤllerte: Laßt bruͤllen Kanonen, die Kugeln laßt fliegen, Der Furcht muß kein Burſche von Ehre erlie⸗ gen. Herr Rittmeiſter, ſprach der Graf, die Zeit iſt nun da, wo wir uns trennen oder Kriegskameraden werden muͤſſen. Doch nicht vor dem Fruͤhſtuͤcke, will ich hoffen, erwiderte Dalgetty. Ich haͤtte gedacht, fuhr der Graf fort, eure Beſatzung waͤre zum wenigſtens auf drei Tage mit Lebensmitteln verſehen. Ich habe noch etwas Raum fuͤr Rindfleiſch und Kuchen, antwortete der Rittmeiſter, und ich laſſe mir nie eine guͤnſtige Gelegenheit ent⸗ gehen, meine Vorraͤthe zu erneuern. Aber ein verſtaͤndiger Befehlhaber erlaubt weder Stillſtandsfahnen, noch Neutralen, laͤn⸗ ger in ſeinem Lager zu bleiben, als es die Klugheit geſtattet; deßhalb muͤſſen wir nun genau wiſſen, wie Ihr geſinnt ſeid, und Ihr ſollt dem zufolge entweder ſicheres Geleit er⸗ halten, um in Frieden abreiſen zu koͤnnen, oder willkommen geheißen werden, wenn Ihr bei uns bleiben wollt. Nun, ſtehen die Sachen ſo, erwiderte Dalgetty, ſo will ich nicht verſuchen, durch ei⸗ ne verſtellte Unterhandlung den Vergleich zu verzoͤgern— wie's Ritter Jakob Ramſay bei der Belagerung von Hanau im Jahre des 138 Herrn 1636 ſo trefflich verſtand— ich will vielmehr offenherzig geſtehen, wenn mir euer Sold ſo gut gefaͤllt, als euer Proviant und eure Geſellſchaft, ſo ſchwoͤre ich gleich zu eurer Fahne. 8 Wir koͤnnen jetzt nur geringen Sold ge⸗ ben, ſprach der Graf, weil wir ihn von dem Gelde bezahlen, das die Wenigen unter uns, die uͤber einige Summen gebieten koͤnnen, zu⸗ ſammengeſchoſſen haben. Der Herr Rittmei⸗ ſter Dalgetty wuͤrde als Major und Adjutant auf nicht mehr als einen halben Thaler taͤg⸗ lich rechnen koͤnnen. Der Teufel hohl' alle Halben und Vier— tel! ſprach der Rittmeiſter. Staͤnde es in meiner Wahl, ſo wuͤrde ich ſo wenig in das Halbiren jenes Thalers einwilligen, als das Weib vor Salomo's Thron in die Zertheilung ihres Kindes⸗.. Der Vergleich paßt ſchwerlich, Herr Ritt⸗ meiſter, denn ich denke wohl, Ihr wuͤrdet es Euch eher gefallen laſſen, den Thaler zu thei⸗ len, als ihn eurem Mitbewerber ganz hinzu⸗ 139 geben. Ich kann Euch jedoch die andre Haͤlf⸗ te des Thalers als Ruͤckſtand am Ende des Feldzugs verſprechen. O die Ruͤckſtaͤnde! ſprach Dalgetty. 3 b mer werden ſie verſprochen, und immer iſt nichts damit. Spanien, Oeſtreich und Schwe⸗ den, alle ſingen daſſelbe Lied. O die Hochmoͤ⸗ genden ſollen leben! Offiziere und Soldaten waren ſie freilich nicht, aber gute Zahlmeiſter. Wenn ich jedoch nur Gewißhheit erhalten koͤnn⸗ te, Herr Graf, daß mein natuͤrliches Erbe, das Gut Drumthwacket, einem Bengel von Covenanter in die Haͤnde gefallen waͤre, den man, wenn wir gluͤcklich waͤren, zu einem Lan⸗ desverraͤther machen koͤnnte; ja, das fruchtba⸗ re und angenehme Guͤtchen iſt mir ſo lieb, daß ich gern den Feldzug mit Euch machte, wenn ſich's ſo verhielte. Ich kann die Frage des Herrn Rittmeiſters beantworten, ſprach Sibbald. Iſt ſein Gut Drumthwacket das lange wuͤſte Moor, das man ſo nennt, fuͤnf Meilen ſuͤdlich von Aber⸗ deen, ſo kann ich ihm ſagen, daß es vor Kur⸗ 140— zem von Elias Strachan gekauft wurde, der ein Erzrebell iſt, wie nur je einer den Cove⸗ nant beſchwur. Der Nundkopf! der Hund! ſprach Dalget⸗ ty wuͤthend: wie kann er ſich unterſtehen, das Erbtheil einer Familie zu kaufen, die ſeit vier⸗ hundert Jahren bluͤht? Cynthius aurem vellet, pflegten wir im Mareſchal⸗Collegium zu ſa⸗ gen— das heißt, ich will ihn bei den Ohren aus meines Vaters Hauſe ziehen. Herr Graf, ich bin der Eurige, mit Hand und Schwert, mit Leib und Seele, bis der Tod uns trennt, oder bis zum Ende des naͤchſten Feldzuges, was nun von dieſen beiden Begebenheiten zu⸗ erſt geſchehen moͤge. Und ich bekraͤftige den Handel durch Vor⸗ ausbezahlung eines Monatſoldes, ſprach der Graf. „ Iſt gar nicht noͤthig, erwiderte Dalgetty, der das Geld jedoch einſtrich. Nun muß ich hinunter, und nach Sattel und Zeug ſehen, und ſorgen, daß Guſtav ſeinen Morgenimbiß be⸗ 8 — 141 kommt, und ihm ſagen, daß wir wieder Dien⸗ ſte genommen haben. Da geht euer herrlicher Rekrut, ſprach der Graf zu Anderſon, als der Ritemeiſter hinaus ging. Ich fuͤrchte, er wird uns wenig Ehre machen. Er paßt aber doch fuͤr die Zeitlaͤufte, ant⸗ wortete Anderſon, und ohne Leute ſeines Glei⸗ chen wuͤrden wir ſchwerlich im Stande ſein, unſer Unternehmen auszufuͤhren. Wir gehen hinunter, und wollen ſehen, was aus unſerm Aufgebot vwerden wird, ſprach der Graf. Ich hoͤre viel Geraͤuſch im Schloſſe. Als ſie in den Saal kraten, zogen ſich die Diener beſcheiden zuruͤck. Graf Menteith, Angus Mac⸗Aulay und die engliſchen Gaͤſte begruͤßten ſich, waͤhrend Allan denſelben Sitz einnahm, wo er am vorigen Abende geſeſſen hatte, und auf Niemand achtete. Der alte Donald ſtuͤrzte haſtig herein. „Ein Bote von Vich Aliſter Möle; er kommt dieſen Abend.“ 142 Mit wie viel Begleitung? fragte Mac⸗ Aulay. Mit fuͤnf und zwanzig, oder dreißig, ſei nem gewoͤhnlichen Gefolge, erwiderte Donald. Laßt in der großen Scheune eine reichliche Streu machen, ſprach der Hausherr. Ein anderer Diener ſtolperte haſtig herein, und verkuͤndigte die erwartete Ankunft Hector Mac⸗Lean's, der mit zahlreichem Gefolge er⸗ ſchien. Bringt ſie in's Malzhaus, ſprach Mac⸗ Aulay, und laßt zwiſchen ihnen und Mac⸗ Donald's Leuten ſo viel Raum, als der Miſt⸗ haufen breit iſt; ſie ſind nicht die beßten Freunde. Donald kam mit einem ziemlich verlaͤn⸗ gerten Geſichte wieder herein.„Das Volk hat den Teufel, ſprach er. Ich glaube, das ganze Hochland ruͤhrt ſich. Evan Dhu von Lochiel iſt in einer Stunde hier, Gott weiß mit wie viel Burſchen.“ 3 In die große Scheune mit ihnen neben Mac⸗Donald's Leute, erwiderte der Hausherr. —᷑—᷑Q—O.ꝗ— 143 Es wurden immer mehr Haͤuptlinge an⸗ gekuͤndigt, von welchen es der Geringſte unter ſeiner Wuͤrde gehalten haͤtte, ohne ein Gefol⸗ ge von ſechs bis ſieben Leuten aufzubrechen. Auf jede neue Meldung gab Angus Mac⸗Au⸗ lay einen Ort zur Aufnahme der Gaͤſte an; der Pferdeſtall, der Boden, der Kuhſtall, die Schuppen, ja jedes Haushaltgemach wurde fuͤr die naͤchſte Nacht zu einem gaſtfreundlichen Zwecke beſtimmt. Bei der Ankunft Mac⸗Dougal's von Lorn aber gerieth er endlich in Verlegenheit, da al— le Mittel erſchoͤpft waren, die Fremden zu be⸗ herbergen.„Was Teufel machen wir, Do⸗ nald? ſprach er. In der großen Scheune haͤt⸗ ten wohl noch Funfzig Platz, wenn ſie wie Kraut und Ruͤben liegen wollten, aber da wuͤr⸗ den ſie's mit Dolchen ausmachen wollen, wer oben liegen ſollte, und wir haͤtten blutige Haͤndel, ehe es Tag waͤre.“ Wozu das alles? ſprach Allan, aufſprin⸗ gend, und trat mit der gewoͤh een rauhen Heftigkeit ſeines Weſens vor. Haben die 144 Hochlaͤnder heutiges Tages weicheres Fleiſch, oder bleicheres Blut, als ihre Vaͤter? Schlagt einem Faſſe Branntwein den Boden aus, und laßt es ihr Nachtzeug ſein, ihre Maͤntel ihre Decken, den blauen Himmel ihr Schirmdach und das Heidekraut ihr Lager. Und kaͤmen noch Tauſend mehr, ſie wuͤrden ſich auf der offenen Heide nicht um den Platz zauken. Allan hat recht, ſprach ſein Bruder. Es iſt ſehr ſonderbar, fuhr er fort, zu Musgrave ſich wendend, daß Allan, der, unter uns ge⸗ ſagt, einen Sparren zu viel hat, zuweilen doch mehr Verſtand zu haben ſcheint, als wir alle zuſammen. Seht ihn nur an. Ja, fuhr Allan fort, einen furchtbaren Starrblick nach der entgegengeſetzten Seite des Saales werfend: ſie moͤgen immer anfangen, wie ſie doch enden muͤſſen. Mancher wird die⸗ ſe Nacht auf der Heide ſchlafen, der, wenn der Wind am Martinstag weht, ſteif genug da liegen, und ſich wenig kuͤmmern wird um Kälte oder Decke. ——— —,— Beſprich uns nicht, Bruder, ſprach Angus, das bringt Ungluͤck. Und was fuͤr ein Gluͤck erwartet Ihr denn? fragte Allan, und ſeine Augen aufreißend, bis ſie faſt aus ihren Hoͤhlen hervo zubrechen ſchienen, ſank er mit einem krampfhaften Schau⸗ der in Donalds und ſeines Bruders Arme, welche, mit der Natur ſeiner Anfaͤlle bekannt, ſich ihm genaͤhert hatten, um ſeinen Fall zu verhuͤten. Sie ſetzten ihn auf eine Bank und unterſtuͤtzten ihn, bis er ſich erhohlt harie und wieder etwas ſagen wollte. um Gotteswillen, ſprach ſein Bruder, der wohl wußte, welchen Eindruck Allans ge⸗ heimnißvolle Worte auf viele Gaͤſte machen muͤßten: ſage nichts, das uns den Muh neh⸗ men koͤnnte. Bin ich's, der Euch den Muth nimmt 2 erwiderte Allan. Laß Jeden ſeinem Schickſal ins Auge ſehen, wie ich es thun werde. Was kommen muß, wird kommen, und wir werden tapfer uͤber manches Siegesfeld ſchreiten, ehe Erſter Theil. 10 146 wir jenes unſelige Blutfeld erreichen, oder auf jene ſchwarzen Blutgeruͤſte treten. Was fuͤr ein Blutfeld? Was fuͤr Blutge⸗ ruͤſte? riefen mehre Stimmen, denn Allan galt uͤberall im Hochlande fuͤr einen kundigen Seher. Ihr werdet das nur zu bald erfahren, ant⸗ wortete Allan. Sprecht nicht mehr mit mir; ich bin eurer Fragen muͤde. 1 Er legte darauf die Hand an die Stirne, ſtuͤtzte den Elbogen auf das Knie und ver⸗ ſank in tiefe Traͤumerei. Laßt Aennchen Lyle und die Harfe hoh⸗ len, fliſterte Angus ſeinem Diener zu, und die Herren, die ſich vor einem hochlaͤndiſchen Fruͤhſtuͤcke nicht fuͤrchten, moͤgen mir folgen. Alle begleiteten ihren gaſtfreien Wirth, Graf Menteith ausgenommen, der unter einer der tiefen Fenſterwoͤlbungen verweilte. Bald nachher ſchlich Aennchen Lyle in's Zimmer. Der Graf hatte ſie treffend genug als die leichteſte feenhafteſte Geſtalt geſchildert, die je im Mondſchein den Raſen betrat. Ihr Wuchs, 447 weit kleiner, als gewoͤhnlich beim weiblichen Geſchlechte, gab ihr ein ſo ungemein jugend⸗ liches Anſehen, daß man ſie, obgleich ſie bei⸗ nahe achtzehn Jahre alt war, fuͤr vier Jahre juͤnger haͤtte halten koͤnnen. Geſtalt, Hand und Fuß, alles war im vollkommenſten Eben⸗ maße bei dem kleinen leichten Weſen, und Ti⸗ tania ſelbſt haͤtte von Niemanden ſo gut vor⸗ geſtellt werden koͤnnen. Ihr dunkel blondes Haar, das in uͤppigen Locken herab hing, paß⸗ te gut zu ihrer ſchoͤnen Geſichtsfarbe und zu dem froͤhlichen, aber einfachen Ausdrucke ihrer Zuͤge. Kommt zu allen dieſen Reizen noch, daß Aennchen in ihrer verwaiſeten Lage das froͤhlichſte und gluͤcklichſte aller Maͤdchen zu ſein ſchien, ſo muß uns der Leſer erlauben, ihr die Theilnahme faſt aller Menſchen, die ſie anſahen, zuzuſprechen. In der That konn⸗ te auch Niemand ſo allgemein beliebt ſein, und oft erſchien ſie unter den rohen Schloßbe⸗ wohnern, wie Allan in einer dichteriſchen Stim⸗ mung es ausdruckte, wie ein Sonnenſtrahl auf einem finſtern Meere, indem ſie allen an⸗ 10* 148— dern die Heiterkeit mittheilte, die ihr eigenes Gemuͤth erfuͤllte. Aennchen laͤchelte erroͤthend, als bei ihrem Eintritte ins Zimmer Graf Menteith aus der Fenſterwoͤlbung hervor trat und ihr freundlich einen guten Morgen wuͤnſchte. Ich wuͤnſche Euch auch guten Morgen, Herr Graf, erwiderte ſie, die Hand ihrem Freunde darreichend. Wir haben Euch in der letzten Zeit ſelten im Schloſſe geſehen, und ich fuͤrchte, Ihr kommt jetzt nicht in friedlicher Abſicht. Laßt mich wenigſtens eure Harmonie nicht unterbrechen, ſprach der Graf, wenn auch mei⸗ ne Ankunft anderswo Mißklang hervorbrin⸗ gen kann. Mein Vetter Allan braucht den Beiſtand eurer Stimme und eurer Harfen⸗ toͤne. Mein Retter hat ein Recht auf meine ge⸗ ringen Bemuͤhungen, antwortete Aennchen. Auch Ihr, Herr Graf, auch Ihr ſeid mein Retter, und Ihr waret am thaͤtigſten, ein Le⸗ ben zu retten, das keinen Werth hat, wenn —— 4 . 149 es meinen Beſchuͤtzern nicht nuͤtzlich werden kann. Bei dieſen Worten ſetzte ſie ſich, nicht weit vom Grafen entfernt, auf die Bank, wo Allan ſaß, und in die Saiten ihrer kleinen, etwa dreißig Zoll hohen hochläͤndiſchen Harfe greifend, begleitete ſie das Spiel mit ihrer Stimme. Sie ſang eine alte galiſche Weiſe, und die Worte, die ſehr alt ſein ſollten, wa⸗ ren gleichfalls galiſch; wir fuͤgen jedoch eine Ueberſetzung derſelben von Herrn Secundus Macpherſon ans Glenforgen hinzu, welche, obgleich in die Feſſeln des Reims gelegt, doch faſt eben ſo unentſtellt geblieben iſt, als die Ueberſetzung der Lieder Oſſians von ſeinem be⸗ ruͤhmten Nahmengenoſſen. Eule, Rab' und Fledermaus, Ungluͤcksvoͤgel, zieht hinaus; Traͤumen laßt den Kranken nun, Euer Schrei ließ ihn nicht ruhn. Fort zu Hoͤhl' und Truͤmmern flieht, Die der Efeu uͤberzieht. Blinzelt da und traͤumt, denn ſchon Fuͤllt die Luft der Lerche Ton. 150— Fort zu Moor und Felſen flugs Raubwolf und verſchlag'ner Fuchs; Fort und nicht mehr umgeſchaut, Wie dem bangen Lamm auch graut. Flieht, was ſicher Euch gemacht, Weichet, wenn entweicht die Nacht. Und ſchon bringt der Wiederhall Fruͤh des Jaͤgers Hoͤrnerſchall. Matt nur ſcheint der Mond und fahl Geiſterbleich im Morgenſtrahl; Drum muß Fee und Alraun flieh'n, Die in Noth den Pilger ziehrn. Nixe, loſch' dein Licht im Moor, Wo er naͤchtlich ſich verlor! Aus dein Reich, vorbei dein Tanz— Benyieglo*) ſah Sonnenglanz. Suͤndgedanke, arg und wild, Der die Seel' im Schlaf erfuͤllt, Flieh' den Geiſt, wie Nebel flieh'n, Wenn des Morgens Strahlen gluh'n. Unholdinn, die grimmig blickt, Unſrer Glieder Kraft erdruͤckt, Sporn' den Rappen, fort von hier— Gottes Sonne ſcheint nicht Dir. *) Berg im Hochland. — 151 Waͤhrend des Geſanges gab Allan Mac⸗ Aulay nach und nach Zeichen wiederkehrender Geiſtesgegenwart und Aufmerkſamkeit auf ſei⸗ ne Umgebungen. Die tiefen Falten ſeiner Stirne loͤſten ſich auf und glaͤtteten ſich, und ſeine Geſichtszuͤge, die von innerer Angſt, wie es ſchien, verzerrt geweſen waren, kamen wie⸗ der in eine natuͤrlichere Lage. Als er ſein Haupt erhob und ſich aufrichtete, war ſein Ge⸗ ſicht zwar immer noch mit tiefer Schwermuth bezeichnet, aber doch frei von der fruͤhern Wild⸗ heit und Grauſamkeit, und wenn auch in die⸗ ſem ruhigen Zuſtande ſeine Zuͤge keineswegs huͤbſch waren, ſo war doch ihr Ausdruck kraͤf⸗ tig, maͤnnlich, ja edel. Seine dicken dunklen Augenbrauen, die er zeither dicht zuſammen⸗ gezogen hatte, waren jetzt ein wenig getrennt, wie in ihrer natuͤrlichen Lage, und in ſeinen grauen Augen, die unter ihnen mit einem un⸗ natuͤrlichen und furchtbaren Glanze gerollt und geblitzt hatten, war nun wieder ein ruhiger und beſtimmter Ausdruck. Gott ſei Dank! ſprach er, nachdem er eine .— ————— — —;ʒʒ;;— * ⸗ 15²2 Minute ſchweigend geſeſſen hatte, bis die letze ten Toͤne der Harfe verklungen waren: meine Seele iſt nicht ſaͤnger verfinſtert, der Nebel iſt von meinem Geiſte gewichen. Vetter Allan, ſprach der Graf, indem er vortrat, Ihr habt dieſe gluͤckliche Veraͤnderung eurer ſchwermuͤthigen Stimmung Aennchen Lyle ſo ſehr als dem Himmel zu danken. Mein edler Vetter Menteith, ſprach Al⸗ lan, aufſtehend, und gruͤßte ihn eben ſo ehrer⸗ bietig als freundlich: kennt meinen ungluͤckli⸗ chen Zuſtand ſo lange, daß ſeine Guͤte keine Entſchuldigung fodern wird, wenn ich ihn erſt ſo ſpaͤt hier willkommen heiße. Wir ſind zu alte Bekannte, Allan, erwi⸗ derte der Graf, und zu gute Freunde, als daß wir's ſo genau mit aͤußern Hoͤflichkeitbeweiſen nehmen ſollten, aber wir werden heute das halbe Hochland hier haben, und Ihr wißt, bei unſern hochlaͤndiſchen Haͤuptlingen darf man Ehrenerweifungen nicht vernachlaͤſſigen. Was wollt Ihr Aennchen dafuͤr geben, daß ſie Ench zu einem paſſenden Geſellſchafter fuͤr Evan Dhu, und wer weiß, fuͤr wie viele Muͤz⸗ zen und Federbuͤſche gemacht hat? Was er mir geben will? ſprach Aennchen laͤchelnd. Nicht weniger, hoffe ich, als das ſchoͤnſte Band auf dem Jahrmarkte zu Doune. Auf dem Jahrmarkte zu Doune, Aenn⸗ chen? erwiderte Allan traurig. Es wird blu⸗ tige Arbeit geben vor jenem Tage, und moͤchte ich ihn nie ſehen! Aber gut, daß Ihr mich an etwas erinnert habt, das ich laͤngſt ſchon be⸗ ſchloſſen hatte. Mit dieſen Worten verließ er das Zim⸗ mer. 4 Sollte er noch laͤnger auf dieſe Art ſpre⸗ chen, hob der Graf wieder an, ſo muͤßt Ihr eure Harfe nicht aus der Stimmung kommen laſſen, liebes Aennchen. Ich denke es nicht, erwiderte Aennchen be⸗ ſorgt. Dieſer Anfall hat lange gedauert, und wird wohl nicht ſo bald wiederkommen. Es iſt ſchrecklich, daß ein von Natur ſo edles und liebevolles Gemuͤth durch dieſe angeerbte Krank⸗ heit geqnaͤlt wird. —— —ꝛÿ— 4 —— 154— Sie ſprach leiſe und vertraulich, und der Graf mußte, um ihre Worte beſſer zu verſte⸗ hen, ihr naͤher treten und ſich zu ihr hinab⸗ beugen. Als nun Allan ploͤtzlich hereintrat, war es ſehr natuͤrlich, daß ſich Beide ſchnell von einander entfernten, und ſich dabei be⸗ nahmen, als ob ſie in einer Unterredung waͤ⸗ ren uͤberraſcht worden, die ſie vor ihm geheim zu halten wuͤnſchten. Allan's Beobachtung entging dieß nicht. Er blieb in der Thuͤre des Zimmers ſtehen, ſeine Augenbrauen zogen ſich zuſammen, ſeine Augen rollten, aber es war nur ein augenblicklicher Anfall. Mit ſei⸗ ner breiten nervigen Hand fuhr er uͤber die Stirne, als haͤtte er jene Zeichen ſeiner innern Bewegung verwiſchen wollen, und trat zu Aennchen, mit einem ſehr kleinen, kuͤnſtlich ausgelegten Kaͤſtchen von Eichenholz in der Hand.„Ich nehme Euch zum Zeugen, Vetter Menteith, ſprach er, daß ich dieſes Kaͤſtchen ſammt dem Inhalte Aennchen Lyle ſchenke. Es enthaͤlt einige Schmuckſachen, die meiner armen Mutter gehoͤrten, von geringem Wer⸗ —— 3 —-õ— 155 the, wie Ihr leicht denken koͤnnt, denn die Frau eines hochlaͤndiſchen Gutsherrn hat ſelten koſtbares Geſchmeide.“ Aber dieſes Geſchmeide gehötte der Fami⸗ lie, ſprach Aennchen Lyle, das Kaͤſtchen freund⸗ lich und ſchuͤchtern ablehnend: ich kann's nicht annehmen. Es gehoͤrt mir allein, Aennchen, ſiel Al⸗ lan ein. Meine Mutter gab es mir bei ihrem Tode als ein Vermaͤchtniß. Es iſt alles, was ich mein nennen kann, außer meinem Plaid und meinem Schwerte. Nehmt's hin, fuͤr mich iſt es nur eine werthloſe Taͤndelei. Be⸗ wahrt es zu meinem Andenken, wenn ich aus dieſem Kampfe nicht zuruͤckkehren ſollte. Bei dieſen Worten oͤffnete er das Kaͤſt⸗ chen, und reichte es dem Maͤdchen dar.„Hat's einigen Werth, ſprach er, ſo benutzt es zu eu⸗ erm Unterhalte, wenn dieſes Haus von feind⸗ lichem Feuer verzehrt ſein wird, und Euch nicht laͤnger Schutz geben kann. Aber behal⸗ tet einen Ring zu Allans Andenken, der zum Danke fuͤr eure Guͤte wenn auch nicht alles, 156 was er wuͤnſchte, doch alles, was er konnte, gethan hat.“. Aennchen ſuchte vergebens die hervorbre⸗ chenden Thraͤnen zu unterdruͤcken, als ſie ſprach: „Einen Ring, Allan, will ich behalten, als ein Andenken an eure Guͤte gegen eine arme Waiſe; aber dringt nicht in mich, mehr zu nehmen, denn ich kann und will ein Geſchenk von ſo unverhaͤltnißmaͤßigem Werthe nicht an⸗ nehmen.“ So waͤhlt denn, ſprach Allan. Euer Zart⸗ gefuͤhl mag Euch wohl recht fuͤhren. Das Uebrige ſoll eine Geſtalt erhalten, worin es Euch nuͤtzlicher werden kann. Denkt nicht daran, ſprach Aennchen, in⸗ dem ſie aus dem Inhalte des Kaͤſtchens einen Ring nahm, der dem Anſcheine nach von dem geringſten Werthe war. Behaltet es fuͤr eure oder eures Bruders Braut.— Aber lieber Himmel, fuhr ſie fort, ſich unterbrechend, und den Ring anſehend: was habe ich da gewaͤhlt? Mit einem Blicke duͤſtrer Beſorgniß ſah Allan den Ring an, wo auf Schmelzwerk ein 157 Todtenkopf uͤber zwei gekreuzten Dolchen ſich zeigte. Als er das Sinnbild erkannte, ſtieß er einen ſo tiefen Seufzer aus, daß Aennchen den Ring auf die Erde fallen ließ. Graf Menteith hob ihn auf, und gab ihn dem er⸗ ſchrockenen Maͤdchen zuruͤck. Ich nehme Gott zum Zeugen, ſprach Al⸗ lan, daß eure Hand, Graf, und nicht die mei⸗ nige dieſe Gabe von boͤſer Vorbedeutung ihr zuruͤckgegeben hat. Es war der Ring, den meine Mutter zur Trauer fuͤr ihren ermorde⸗ ten Bruder trug. Ich fuͤrchte keine Vorbedeutungen, ſprach Aennchen, durch Thraͤnen laͤchelnd: und nichts, was aus den Haͤnden meiner beiden Beſchuz⸗ zer— ſo nannte ſie gewoͤhnlich den Grafen und Allan— kommt, kann einer armen Wai⸗ ſe Ungluͤck bringen. Sie ſteckte den Ring an den Finger, und zu ihrer Harfe greifend, ſang ſie zu einer mun⸗ tern Weiſe folgende Verſe aus einem der be⸗ liebten Lieder jener Zeit, das ſich in die Wild⸗ niſſe der Grafſchaft Perth verloren hatte, und rieth, die unter Koͤnig Karl zum n Zeirgeſchmase neh esee 3 Schau, Weiſer, nicht zum Himmelszelt, Die Sterne wirken nicht. Du fragſt, was Jung und Alt befaͤllt? Sieh Lenchen ins Geſicht. Doch magſt Du ja nicht vorſchnell ſein; Zu theuer kaufteſt Du Vorkunde von der fremden Pein, Verloͤrſt Du eigne Ruh'. Siiee hat recht, Allan, ſprach Graf Men⸗ teith, und alles, was wir durch unſre Verſu⸗ che, in die Zukunft zu blicken, gewinnen wer⸗ den, iſt nicht mehr werth als dieſes Ende eines alten Liedes. . Dramatiſche Unterhaltungen, die man Masken nann⸗ te, ſchrieb z. B. Ven Jonſon. 11. D. Ueb. ſeinen Urſprung aus irgend einer Hofmaske*) durch die Geziertheit und Uebertreibung ver⸗ 159 Sie hat unrecht, Graf Menteith, ſprach Allan finſter, wenn auch Ihr, der Ihr meine Warnungen ſo geringe ſchaͤtzt, die Erfuͤllung der Vorbedeutung nicht erleben moͤget. Lacht nicht ſo hoͤhniſch, fuhr er fort, ſich unterbre⸗ chend: oder lacht lieber ſo laut und ſo lange als Ihr wollt; es wird mit eurem Lachen bald ein Ende haben. Ich fuͤrchte eure Traͤume nicht, Allan, ſprach der Graf. Wie kurz auch meine Span⸗ ne Leben mir zugemeſſen ſein mag, das Ange eines hochlaͤndiſchen Sehers kann ihr Ende nicht abſehen.. Um Gotteswillen, ſiel Aennchen ein: Ihr wißt ja, wie er iſt, und wie wenig er es er⸗ traͤgt— Fuͤrchtet mich nicht, unterbrach Allan, meine Seele iſt jetzt gelaſſen und ruhig. Was aber Euch anlangt, Graf, fuhr er fort, ſich zu Menteith wendend: ſo hat Euch mein Auge geſucht auf den Schlachtfeldern, wo Hochlaͤn⸗ der und Niederlaͤnder ſo dick umher geſtreut 2 lagen, als je die Dohlen auf jenen alten Baͤu⸗ — ———— 160 men ſaßen— er deutete durch das Fen⸗ ſter auf ein Dohlenneſt— mein Auge ſuch⸗ te Euch, aber euer Leichnam war nicht da. Mein Auge ſuchte Euch unter einem Zuge von folgſamen und entwaffneten Gefangenen, die man in die hohen Mauern einer alten finſtern Veſte ſchleppte— Blitz auf Blitz— Schuͤſſe auf Schuͤſſe— die feindlichen Kugeln ſielen unter ſie, aber Ihr waret nicht in ihren Reihen;— Blutgeruͤſte wurden errichtet— Bloͤcke gelegt— Saͤgeſpaͤne geſtreut— der Prieſter war bereit mit ſeinem Buche, und der Henker mit ſeinem Beile, aber auch da fand Euch mein Auge nicht. Der Galgen wird alſo wohl mein Loos ſein? ſprach der Graf. Ich wuͤnſchte doch, man haͤtte mich mit dem Stricke verſchont, waͤre es auch nur um der Adelswuͤrde willen. Er ſagte dieß hoͤhniſch, doch nicht ohne einige Neugier, und mit dem Wunſche, eine Antwort zu erhalten; denn das Verlangen in die Zukunft zu ſpaͤhen, hat oft ſelbſt auf die 1641 Gemuͤther derjenigen Einfluß, die allen Glau⸗ ben an die Moͤglichkeit ſolcher Vorherſagungen verwerfen. Euer Rang, Graf Menteith, wird in eu⸗ rer Perſon, oder in eurer Todesart nicht ent⸗ ehrt werden. Ich ſah einen Hochlaͤnder drei⸗ mahl ſeinen Dolch in eure Bruſt ſtoßen— und dieß wird euer Schickſal ſein. Ich wollte, Ihr beſchriebet ihn mir, er⸗ widerte der Graf, und ich werde ihm die Muͤhe erſparen, eure Profezeihung zu erfuͤllen, wenn Schwert oder Kugel durch ſeinen Man⸗ tel geht. Eure Waffen wuͤrden Euch wenig helfen, ſprach Allan. Auch kann ich Euch die ver⸗ langte Auskunft nicht geben, denn das Geſicht der Erſcheinung war immer von mir abge⸗ wendet. So ſei's denn, antwortete der Graf, und die Sache bleibe in der Ungewißheit, worein eure Vorherſagung ſie geſtellt hat. Ich werde darum heute nicht weniger luſtig unter bunten Maänteln, Dolchen und Schurzen ſpeiſen. Erſter Thell. 11 162— Kann ſein, ſprach Allan, und vielleicht thut Ihr auch wohl daran, dieſe Augenblicke zu genießen, die mir durch Vorzeichen kuͤnfti⸗ ger Ungluͤcksfaͤlle vergiftet werden. Aber noch einmahl ſage ich's Euch, fuhr er fort und be⸗ ruͤhrte den Griff ſeines Schwertes: dieſe Waffe entſcheidet euer Schickſal. Allan, erwiderte der Graf, Ihr habt in⸗ deſſen Aennchen Lyle das Blut aus den Wan⸗ gen weggeſchreckt. Wir wollen dieſes Geſpraͤch abbrechen, mein Freund, und nach Dingen ſe⸗ hen, die wir beide verſtehn— wie weit es mit unſern Kriegsruͤſtungen gekommen iſt. Sie gingen zu Angus Mac-Aulay und ſeinen engliſchen Gaͤſten, und bei den kriege⸗ riſchen Eroͤrterungen, die alsbald ſtatt fanden, zeigte Allan eine Klarheit des Geiſtes, eine Schaͤrfe des Urtheils und eine Beſtimmtheit der Gedanken, die mit dem geheimnißvollen Lichte, worin ſich ſein Weſen uns zeither ge⸗ zeigt hat, ganz unvereinbar waren. ——— VII. Wenn Albin's Stamm zornig ſein Schwert ergreift, Die Haͤuptlinge muthig zum Kampfe ziehn, Der ſtolze Moray und Clanranald kuͤhn, Mit Federbuſch alle, im bunten Gewand— Lochiel's Warnung. Wer an jenem Morgen das Schloß Darn⸗ linvarach ſah, war Zeuge eines lebendigen und muntern Schauſpiels. Die Haͤuptlinge, die mit zahlreichem Gefolge ankamen, das doch nur ihre gewoͤhnliche Begleitung und Leibwa⸗ che bei feierlichen Gelegenheiten war, gruͤßten den Burgherrn und einander, entweder mit uͤberſtroͤmender Freundlichkeit, oder mit ſtolzer und kalter Hoͤflichkeit, nach den freundlichen, oder feindlichen Geſinnungen, die neuerlich 11* 164 zwiſchen ihren Staͤmmen obgewaltet hatten. Jeder auch noch ſo unbedeutende Haͤuptling verrieth, daß er von den Uebrigen die Ach⸗ tung fodern wollte, die einem unabhaͤngigen Fuͤrſten gebuͤhrt, waͤhrend die ſtaͤrkeren und maͤchtigern Stammhaͤupter, durch neuere Zwi⸗ ſtigkeiten, oder alte Fehden entzweit, die Ge⸗ fuͤhle ihrer minder maͤchtigen Bruͤder aus Klugheit ſchonen mußten, um im Nothfalle ſo viele als moͤglich fuͤr ihren Vortheil und ihre Fahne zu gewinnen. So war die Ver⸗ ſammlung der Haͤuptlinge den ehemahligen Reichstagen in Teutſchland nicht unaͤhnlich, wo der kleinſte Graf, der nur eine Burg auf ei⸗ ner Felſenſpitze mit einigen hundert Morgen Landes beſaß, auf den Rang und die Ehrenbe⸗ zeigungen eines unabhaͤngigen Fuͤrſten und auf einen, ſeinem Range gebuͤhrenden Sitz unter den Staͤnden des Reichs Anſpruch machte. Die Begleiter der Anfuͤhrer wurden abgeſon⸗ dert untergebracht und verſorgt, ſo gut Raum und Umſtaͤnde es geſtatteten; jeder Haͤuptling aber behielt ſeinen vertrauten Diener zuruͤck, — 165 der wie ein Schatten bei ihm blieb, um alle Befehle ſeines Gebieters zu vollziehen. Der Schloßhof bot einen ſonderbaren Anblick dar. Die Hochlaͤnder aus verſchiedenen Eilan⸗ den, Schluchten und Thaͤlern ſahen ſich einander aus der Ferne mit Blicken an, die Wetteifer, forſchende Neugier, oder feindſelige Geſinnung verriethen; das Auffallendſte aber bei dieſer Zuſammenkunft war, wenigſtens fuͤr das Ohr eines Niederlaͤnders, die wetteifernde Bemuͤh⸗ ung der Sackpfeifer. Dieſe kriegeriſchen Spiele leute, deren jeder die hoͤchſte Meinung von der Ueberlegenheit ſeines Stammes beſaß und dabei die Wichtigkeit ſeines Berufes mit dem groͤßten Duͤnkel uͤberſchaͤtzte, ließen zuerſt ihre Kriegsgeſaͤnge an der Spitze ihrer Staͤmme hoͤren. Wie die Birkhaͤhne aber, wenn ſie am Ende der Jagdzeit ſich ſammeln, durch ihr ſiegfreudiges Kraͤhen ſich einander anziehen, traten die Pfeifer, ihre Maͤntel eben ſo ſtolz aufblaͤhend, als jene Voͤgel ihre Federn empor⸗ ſtraͤuben, endlich einander ſo nahe, als noͤthig war, ihren Berufgenoſſen eine Probe ihrer 9 166— Kunſtfertigkeit zu geben. In geringer Entfer⸗ nung von einander auf und nieder gehend, und ſich einander mit duͤnkelvollen und trotzi⸗ gen Blicken meſſend, ſpreizten und blaͤhten ſie ſich und ſtrengten ihre ſchreienden Inſtrumen⸗ te an, waͤhrend jeder ſeine Lieblingsweiſe mit ſolchem Laͤrm ſpielte, daß ein italieniſcher Ton⸗ kuͤnſtler, und haͤtte er zehn Meilen weit davon begraben gelegen, von den Todten haͤtte auf⸗ erſtehen muͤſſen, um ſolchen Toͤnen zu ent⸗ rinnen. 1 Die Haͤuptlinge hatten ſich indeß im gro⸗ ßen Saale des Schloſſes zur geheimen Bera⸗ thung verſammelt. Die angeſehenſten Maͤnner des Hochlandes waren zugegen, und unter ihnen Einige, die der Eifer fuͤr die Sache des Königs beſeelte, Viele aber trieb auch von der Abſcheu gegen die Herrſchaft, die der Mar⸗ quis von Argyle, ſeit er zu ſo großem Ein⸗ fluſſe im Staate gelangt war, uͤber ſeine hoch⸗ laͤndiſchen Nachbarn ausuͤbte. Dieſer Staats⸗ mann hatte, bei ausgezeichneten Faͤhigkeiten und ſehr hoher Gewalt, doch einige Fehler, 167 die ihm die hochlaͤndiſchen Haͤuptlinge abhold machten. Die Froͤmmigkeit, die er bekannte, war von finſtrer und ſchwaͤrmeriſcher Art, ſein Ehrgeiz ſchien unerſaͤttlich zu ſein, und die geringern Haͤuptlinge beſchuldigten ihn des Mangels an Milde und Freigebigkeit. Dazu kam noch, daß Gilleſpie Grumach— wie man in den Hochlanden, wo Nangtitel un⸗ bekannt ſind, ihn nannte— obgleich ſelber ein Hochlaͤnder, und der Abkoͤmmling eines, fruͤher und ſpaͤter durch Tapferkeit ausgezeich⸗ neten Geſchlechtes, doch in der oͤffentlichen Meinung mehr fuͤr einen Staatsmann, als fuͤr einen Kriegsmann galt. Er und ſein Stamm waren beſonders den beiden zahlrei⸗ chen Staͤmmen Mac⸗Donald und Mac⸗Lean verhaßt, welche, zwar unter ſich durch alle Fehden entzweit, doch in einer heftigen Abnei⸗ gung gegen den Stamm Campbell, die ſoge⸗ nannten Kinder Diarmid's,*) ſich vereinigten. ») Argyle oder Argyll! war das Haupt dieſes Stam⸗ mes. D. Ueb. ——-———ÿ——— 168 Die verſammelten Haͤuptlinge ſchwiegen eine Zeitlang, in der Erwartung, daß jemand die Verhandlung eroͤffnen werde. Endlich hob Einer der Angeſehenſten an:„Wir ſind hieher berufen worden, Mae⸗Aulay, uns uͤber wich⸗ tige Gegenſtaͤnde zu berathen, die des Koͤnigs und des Staats Angelegenheiten betreffen, und es verlangt uns, zu wiſſen, wer uns Er⸗ laͤuterung geben ſoll.“ Mac⸗Aulay, deſſen Staͤrke die Beredſam⸗ keit nicht war, aͤußerte den Wunſch, daß Graf Menteith die Verhandlungen eroͤffnen moͤchte. Mit großer Beſcheidenheit, aber zugleich mit vielem Geiſte ſagte der Graf, es wuͤrde ihm lieber geweſen ſein, wenn dasjenige, was er eroͤffnen wollte, von einem bekanntern und angeſehenern Manne waͤre vorgetragen wor⸗ den, da er indeß das Amt des Sprechers uͤber⸗ nehmen ſollte, ſo haͤtte er den verſammelten Haͤuptlingen zu eroͤffnen, daß diejenigen, wel⸗ che das entehrende Joch abwerfen wollten, das der Schwaͤrmerwahn ihnen aufzulegen ge⸗ ſucht haͤtte, nicht einen Augenblick verlieren duͤrften. Die Anhaͤnger des Glaubensbundes, fuhr er fort, haͤtten ihren Fuͤrſten zweimahl mit Krieg uͤberzogen, die Gewaͤhrung jedes billigen oder unbilligen Geſuches ertrotzt, das ſie ihm abzufodern fuͤr gut gefunden; ihre Anfuͤhrer waͤren mit Wuͤrden und Ehrenbezeigungen uͤberhaͤuft worden, und ſie haͤtten, als der Koͤ⸗ nig, nach einem huldreichen Beſuche ſeines Heimathlandes, nach England zuruͤckgekehrt waͤre, oͤffentlich erklaͤrt, er waͤre als ein zu⸗ friedener Koͤnig von einem zufriedenen Volke geſchieden, aber nach all dieſem, und ohne auch nur den Vorwand zu einer Volksbeſchwerde, haͤtten eben dieſe Maͤnner, von Zweifel und Argwohn getrieben, die fuͤr den Koͤnig ſo be⸗ ſchimpfend, als in ſich grundlos waͤren, ein ſtarkes Heer abgeſchickt, um den Aufruͤhrern in England beizuſtehen, in einem Kampfe, der Schottland ſo fremd waͤre, als der Krieg in Teutſchland. Es waͤre gut, ſetzte er hinzu, daß der Eifer, womit man dieſen hochverraͤtheri⸗ ſchen Anſchlag ausfuͤhrte, die Machthaber, wel⸗ che die Herrſchaft uͤber Schottland ſich ange⸗ 170 maßt haͤtten, gegen die Gefahr verblendete, der ſie entgegen gingen. Das Heer, das un⸗ ter dem alten Leven nach England gezogen waͤre, beſtaͤnde, ſagte er, aus alten Kriegern, dem Kern jener Heere, die waͤhrend der bei⸗ den fruͤhern Kriege in Schottland waͤren ge⸗ bildet worden.*)— Der Rittmeiſter Dalgetty verſuchte nun aufzuſtehen, um zu zeigen, wie viele alte, im teutſchen Kriege gebildete Offiziere, nach ſeiner genauen Kenntniß, ſich in dem Heere des Gra⸗ fen von Leven befaͤnden. Allan Mac⸗Aulay gber druͤckte mit der einen Hand ihn auf den Sitz nieder und legte den Zeigefinger der an⸗ dern auf ſeinen Mund, wodurch er, jedoch nicht ohne Muͤhe, des Rittmeiſters Einmiſch⸗ ung verhuͤtete. Dalgetty ſah ihn mit einem trotzigen und unwilligen Blicke an, der aber Allan's Ernſthaftigkeit keineswegs erſchuͤtterte, und der Graf fuhr ohne weitre Unterbrechung fört. Es waͤre, ſagte er, fuͤr alle treu geſinn⸗ ten und redlichen Schottlaͤnder ein guͤnſtiger ») S. Vorwort. — 177 Augenblick da, zu zeigen, daß der Vorwurf, den ihr Vaterland neuerlich auf ſich geladen haͤtte, aus dem ſelbſtiſchen Ehrgeize einiger unruhigen und aufruͤhriſchen Menſchen und dem abgeſchmackten Schwaͤrmerwahne, der ſich von fuͤnfhundert Kanzeln wie eine Flut uͤber das ſchottiſche Niederland ergoſſen, entſtanden wäre. Er haͤtte Briefe von dem Marquis von Huntley im Hochlande erhalten, die er je⸗ dem Haͤuptlinge einzeln zeigen wollte. Jener eben ſo treu geſinnte als maͤchtige Edelmann waͤre entſchloſſen, alle Kraͤfte fuͤr die gemein⸗ ſchaftliche Sache aufzubieten, und der maͤchtige Graf von Seafort gleichfalls bereit, derſelben Fahne zu folgen. Der Graf von Airly und die Familie Olgivie in der Grafſchaft Angus haͤt⸗ ten, ſetzte er hinzu, ihm eben ſo entſcheiden⸗ de Eroͤffnungen gemacht, und dieſe wuͤr⸗ den mit den treuen Edelleuten aus den Ge⸗ ſchlechtern Hay, Leith, Burnet und andern, ohne Zweifel bald aufſitzen und einen Heer⸗ haufen bilden, der maͤchtig genng waͤre, die Anhaͤnger des Glaubensbundes im noͤrdlichen 172 Hochlande zu ſchrecken, welche die Tapferkeit jener Treugeſinnten bereits in der wohl be⸗ kannten Niederlage, dem ſogenannten Trab von Turiff, empfunden haͤtten. Suͤdlich vom Forth und Tay, ſagte er, zaͤhlte der Koͤnig viele Freunde, welche unter dem Drucke von aufgezwungener Eide, gewaltſamer Aushebun⸗ gen, ſchwerer, ungerecht aufgelegter und un⸗ gleich erhobener Abgaben, unter der Gewaltherr⸗ ſchaft des Staͤndeausſchuſſes und unter der uͤber⸗ muͤthigen Aufſicht der presbyterianiſchen Geiſt⸗ lichen, nur auf das Wehen des koͤniglichen Banners warteten, um die Waffen zu ergrei⸗ fen. Douglas, Traquair, Rorburgh, Hume, alle Freunde der Sache des Koͤnigs, wuͤrden dem Anhange des Glaubensbundes im Nieder⸗ lande die Wage halten, und zwei anweſende angeſehene und vornehme Herren aus Nord⸗ England wuͤrden den Eifer Cumberlands, Weſt⸗ morelands und Northumberlands verbuͤrgen. So vielen tapfern Maͤnnern, fuhr er fort, könnten die Anhaͤnger des Glaubensbundes in Suͤd⸗Schottland nur neu geworbenes Kriegs⸗ — 173 volk, nur Landleute aus den weſtlichen Graf⸗ ſchaften und die Ackerleute und Handwerker aus dem Niederlande entgegen ſtellen. Im weſtlichen Hochlande haͤtten die Glaubensbuͤnd⸗ ner, ſo viel ihm bekannt, keinen Anhang, ei⸗ nen einzigen Mann ausgenommen, der eben ſo bekannt, als verhaßt waͤre. Aber koͤnnte, fragte er, irgend jemand, der in dieſem Saale ſich umſaͤhe, und die Macht, Tapferkeit und Wuͤrde der verſammelten Haͤuptlinge erkennte, auch nur einen Augenblick zweifeln, ob ſie ge⸗ gen alle Streitkraͤfte, die Gilleſpie Grumach aufbieten koͤnnte, den Sieg erringen wuͤrden? Er haͤtte nur noch hinzuzufuͤgen, ſagte er, daß anſehnliche Vorraͤthe von Geld und Kriegsbe⸗ darf fuͤr das Heer waͤren herbeigeſchafft wor⸗ den, daß geſchickte und in fremden Kriegen ge⸗ bildete Offiziere— hier erhob ſich Dalgetty und blickte umher— von welchen einer eben zuge⸗ gen waͤre, ſich verbindlich gemacht haͤtten, das nen geworbene Kriegsvolk in den Waffen zu aͤben, und daß ein zahlreicher Haufen irelaͤn⸗ diſcher Kriegsvoͤlker, vom Grafen von Antrim 174— aus Ulſter abgeſendet, gluͤcklich in Schott⸗ land gelandet und mit Hilfe des Stammes Clanranald das Schloß Mingarry erobert und befeſtigt haͤtte, trotz aller Bemuͤhungen Argyle's, ihm den Ruͤckzug abzuſchneiden, und ſich nun ſchnell dem Sammelplatze naͤherte. Es waͤre nichts mehr zu thun, fuhr er fort, als daß die verſammelten edlen Haͤuptlinge, alle geringern Ruͤckſichten vergeſſend, ſich mit Herz und Hand zu der gemeinſchaftlichen Sache verbaͤnden, das Feuerkreuz*) durch ihre Staͤm⸗ meſ ſchickten, um alle ihre Kraͤfte zu ſammeln, *) Das Feuerkreuz, Cross Tarie, beſtand aus einem Stücke Holz, das an einem Ende angezündet war, und am andern ein mit Blut beſlecktes Stück weißen Zeuges hatte. Dieſes Sinnbild wurde umhergeſandt, die Männer zu den Waffen zu rufen, und zugleich die Abſichren des auf Verheerung ſinnenden Feindes auzudeuten. Es ging von Hand zu Hand, und jeder trug es im vollen Laufe, indem er das Kriegsgeſchrei des Stammes ausſtieß und den Sammelplatz nannte. Noch 1745 ward das Feuerkreuz auf Befehl des Grafen von Breadalbane rings um den Loch⸗Tay (eine Strecke von 32 Meilen in 3 Stunden) getraͤ⸗ gen, um ſeine Lente aufzubieten. 4 34 3 D. Ueb. 175 und ſich mit ſolcher Schnelligkeit vereinigten, daß dem Feinde nicht Zeit bliebe, ſich zu ruͤ⸗ ſten und von dem Schrecken zu erhohlen, den der erſte Ton ihrer Kriegsgeſaͤnge verbreiten wuͤrde. Er ſelber, ſchloß er, wiewohl keiner der Reichſten oder Maͤchtigſten unter Schott⸗ lands Edlen, fuͤhlte, daß er die Wuͤrde eines alten und achtbaren Volkes aufrecht zu er— halten haͤtte, und dieſer Sache wollte er Leben und Gluͤck opfern. Waͤren Maͤchtigere eben ſo bereitwillig, ſo wuͤrden ſie, meinte er, den Dank ihres Koͤnigs und der Nachwelt ver— dienen. Lauter Beifall folgte dieſer Rede des Gra⸗ fen und verrieth die Zuſtimmung aller Anwe⸗ ſenden zu den von ihm ausgeſprochenen Ge⸗ ſinnungen; nachdem aber der Schrei verhallt war, ſahen ſich die Haͤuptlinge noch immer an, als waͤre noch etwas auszumachen geweſen. Sie fliſterten eine Weile unter ſich, worauf ein alter Mann, den ſein graues Haar ehr⸗ wuͤrdig machte, wiewohl er ſonſt nicht zu den angeſehenſten Haͤuptlingen gehoͤrte, das Wort 176 nahm.„Than von Menteith, hob er an, Ihr habt gut geſprochen, und es iſt Niemand unter uns, in deſſen Bruſt nicht dieſelben Geſinnun⸗ gen wie Flammen gluͤhten. Aber nicht die Kraft allein gewinnt die Schlacht; es iſt der Kopf des Anfuͤhrers ſo gut als der Arm des Kriegsmannes, der den Sieg bringt. Ich fra⸗ ge Euch, wer ſoll das Banner erheben und tragen, worunter wir uns zu ſtellen eingeladen werden? Erwartet man, daß wir unſre Kinder und die Bluͤte unſres Stammes auf's Spiel ſetzen, ehe wir wiſſen, weſſen Fuͤhrung ſie an⸗ vertraut werden ſollen? Das hieße, diejenigen zur Schlachtbank fuͤhren, die wir nach goͤttli⸗ chen und menſchlichen Geſetzen zu beſchuͤtzen verpflichtet ſind. Wo iſt die koͤnigliche Voll⸗ macht, welche die Unterthanen zu den Waffen rufen muß? Man mag uns fuͤr ſchlicht und roh halten, aber wir wiſſen doch etwas von dem eingefuͤhrten Kriegsbrauche, wie von den Geſetzen unſres Landes, und wollen uns nicht gegen den Landfrieden bewaffnen, es waͤre denn auf ausdruͤcklichen Befehl des Koͤnigs und un⸗ —— 177 ter einem Anfuͤhrer, der ſolche Maͤnner be⸗ fehligen kann, als hier verſammelt ſind.“ Wo wolltet Ihr, ſprach aufſpringend ein andrer Haͤuptling, einen ſolchen Anfuͤhrer fin⸗ den, als in dem Erben der Inſelherren,*) dem Geburt und Erbrecht den Anſpruch ge⸗ ben, alle hochlaͤndiſchen Staͤmme zur Schlacht zu fuͤhren, und wo hat dieſe Wuͤrde ihren Sitz, als in Vich Aliſter More's Hauſe? **) Die Herrſchaft der Inſelherren, Lords of the Isles, vom Stamme Mac⸗Donald verliert ſich in die Sagen⸗ und Heldenzeit der Hochländer. Ihr Hauptſitz war auf der Inſel Islay. Aber ihre Be⸗ ſitzungen waren nicht auf die weſtlichen Inſeln einge⸗ ſchränkt, ſondern umfaßten ein anſehnliches Gebiet auf dem ſchottiſchen Veſtlande, das zum Theil noch von ihren Abkömmlingen bewohnt wird. Sie behaupte⸗ ten ihre Gewalt, bis Mac⸗Donald, der Inſelgebieter, in der Schlacht bei Harlaw 1411 dem Heere des Königs von Schottland erlag. Er mußte ſich unter⸗ werfen, und ſeitdem ſank die Macht ſeines Stammes immer mehr. Vergl. das Vorwort zu meiner Ueber⸗ ſetzung des Waverley(Oresden 1821 4 Bde). D. Ueb. Erſter Theik. 12 178— Ich gebe zu, fiel ein andrer Haͤuptling lebhaft ein: wahr iſt, was zuerſt geſagt wur⸗ de, aber nicht die Folgerung. Will Vich Ali⸗ ſter More fuͤr den Erben der Inſelherren gel⸗ ten, ſo mag er erſt beweiſen, daß ſein Blut roͤther als das meinige iſt. Das iſt bald bewieſen, erwiderte Vich Ali⸗ ſter More, die Hand an den Saͤbelkorb le⸗ gend.— Graf Menteith warf ſich zwiſchen ſie, und bat jeden inſtaͤndig„ ſich zu erinnern, daß ſie Schottlands Wohlfahrt, die Freiheit ihres Vaterlandes und die Sache ihres Koͤnigs hoͤher, als ihre perſoͤnlichen Streitigkeiten uͤber Herkunft, Rang und Vorzug halten muͤßten. Mehre hochlaͤndiſche Haͤuptlinge, die nicht ge⸗ neigt waren, einem der beiden Stammhaͤupter ſeine Anſpruͤche zuzugeſtehen, miſchten ſich in gleicher Abſicht ein, und Niemand that es mit groͤßerem Nachdrucke als der beruͤhmte Evan Dhu.„Ich bin von meinen Seen gekommen, ſprach er, wie ein Strom von den Bergen faͤllt, nicht um zuruͤckzukehren, ſondern um meinen Lauf zu vollenden. Wir werden Schott⸗ 179 land oder dem Koͤnig Karl nicht nuͤtzlich wer⸗ den, wenn wir auf unſre eignen Anſpruͤche zuruͤckſehen. Meine Stimme wird dem Feld⸗ herrn gehoͤren, den der Koͤnig ernennen ſoll, und der ohne Zweifel die Eigenſchaften beſitzen wird, die noͤthig ſind, Maͤnner unſeres Glei⸗ chen anzufuͤhren. Adelig muß er ſein, ſonſt werden wir unſern Rang einbuͤßen, wenn wir ihm gehorchen; weiſe und geſchickt, ſonſt gefaͤhrden wir die Sicherheit unſrer Leute; der Tapferſte unter den Tapfern, ſonſt bringen wir unſre Ehre in Gefahr; maͤßig, veſt und mannhaft, um uns einig zu erhalten. So muß der Mann ſein, der uns anfuͤhren ſoll. Seid Ihr im Stande, Than von Menteith, uns zu ſagen, wo ein ſolcher Feldherr zu ſin⸗ den iſt?“ Es giebt nur Einen, ſprach Allan Mae⸗ Aulay, und hier— fuhr er fort, die Hand auf Anderſon’s Schulter legend, der hinter dem Grafen Menteith ſtand: hier ſteht er. Ein neugieriges Gemurmel verrieth die allgemeine Ueberraſchung der Anweſenden, als 42* 180 3— Anderſon, den Mantel zuruͤckwerfend, der ſein Geſicht verhuͤllte, vortrat und alſo ſprach: „Es war nicht meine Abſicht, lange ein ſchwei⸗ gender Zuſchauer dieſes anziehenden Schau⸗ ſpiels zu ſein, wiewohl mein haſtiger Freund mich genoͤthigt hat, etwas fruͤher, als es mein Vorſatz war, mich zu entdecken. Ob ich der Ehre wuͤrdig bin, welche dieſes Pergament mir verleiht, werden die Dienſte, die ich der Sache des Koͤnigs zu leiſten im Stande ſein werde, am beßten darthun. Es iſt eine, un⸗ ter dem großen Siegel ausgefertigte Beſtal⸗ lung, die Jakob Graham, Grafen von Mont⸗ roſe, zum Anfuͤhrer der Kriegsvoͤlker ernennt, welche ſich fuͤr den Dienſt Sr. Majeſtaͤt in dieſem Koͤnigreiche ſammeln werden.“ Ein lauter Beifallruf erſchallte in der Ver⸗ ſammlung. Es gab auch in der That außer ihm keinen Mann, dem dieſe ſtolzen Bergbewohner in Hinſicht auf Rang ſich willig unterworfen haben wuͤrden. Sein eingewurzelter und erb⸗ licher Haß gegen den Marquis von Argyle gab eine Buͤrgſchaft, daß er den Krieg mit — 184 Kraft fuͤhren werde, waͤhrend ſeine wohl be⸗ kannte Kriegserfahrenheit und erprobte Ta⸗ pferkeit jede Hoffnung auf einen gluͤcklichen Erfolg begruͤndeten. VIII. Unſer Anſchlag iſt gut, ſo gut als je ei⸗ ner gemacht wurde; unſre Freunde ſind treu und ſtandhaft; ein guter Anſchlag, gute Freun⸗ de und alles von der beßten Erwartung— ein herrlicher Anſchlag, ſehr gute Freunde. Shakſpeare's Heinrich IV. atr. Th. Als der allgemeine Beifallruf der freudi⸗* gen Ueberraſchung verhallt war, foderte man lebhaft Stillſchweigen, um den koͤniglichen Be⸗ fehl vorleſen zu hoͤren, und die Muͤtzen, wel⸗ b— che die Haͤuptlinge zeither auf dem Kopfe be⸗. halten hatten, weil vermuthlich keiner zuerſt ſie abnehmen wollte, wurden nun auf einmahl zur Ehren des koͤniglichen Briefes abgenom⸗ men. Die in den umfaſſendſten Ausdruͤcken abgefaßte Beſtallung ermaͤchtigte den Grafen von Montroſe, die Unterthanen zu den Waf⸗ 183 fen zu rufen, um den Aufſtand zu unterdruͤk⸗ ken, den verſchiedene Verraͤther und aufruͤhri⸗ ſche Menſchen gegen den Koͤnig mit offenba⸗ rer Uebertretung ihrer Unterthanenpflicht und mit Verletzung des, zwiſchen beiden Koͤnigrei⸗ chen beſtehenden Friedens, erregt haͤtten. Sie ſchaͤrfte allen untergeordneten Behoͤrden ein, dem Grafen von Montroſe zu gehorchen, und ihm Beiſtand in ſeinem Unternehmen zu lei⸗ ſten; ſie verlieh ihm die Gewalt, Verordnun⸗ gen und Aufrufe zu erlaſſen, Vergehen zu be⸗ ſtrafen, Verbrecher zu begnadigen, Befehlhaber in Veſtungen und Kriegsanfuͤhrer zu ernen⸗ nen und zu entlaſſen; kurz, es wurde dem Grafen eine ſo ausgedehnte und volle Gewalt uͤbertragen, als ein Fuͤrſt einem Unterthan nur immer anvertrauen konnte. Als die Vor⸗ leſung geendigt war, erſchallte das Freudenge⸗ ſchrei der verſammelten Haͤuptlinge zum Zei⸗ chen ihrer freudigen Unterwuͤrfigkeit gegen den Willen ihres Koͤnigs. Montroſe begnuͤgte ſich nicht, ihnen im Allgemeinen fuͤr eine ſo guͤn⸗ ſtige Aufnahme zu danken, ſondern redete ſo⸗ 184— gleich jeden insbeſondre an. Die angeſehen⸗ ſten Haͤuptlinge waren ihm ſchon lange per⸗ ſoͤnlich bekannt, aber ſelbſt mit den minder bedeutenden Stammhaͤuptern machte er nun Bekanntſchaft, und ſeine Kenntniß ihrer eigen⸗ thuͤmlichen Benennungen, ſo wie der Verhaͤlt⸗ niſſe und der Geſchichte ihrer Staͤmme, ver⸗ rieth deutlich, daß er die Sinnesart der Berg⸗ bewohner lange erforſcht und ſich ſo auf die Lage vorbereitet hatte, worein er ſich nun ver⸗ ſetzt ſah. Waͤhrend dieſer Hoͤflichkeitbezeigungen ſtan⸗ den ſein liebenswuͤrdiges Benehmen, ſeine aus⸗ druckvollen Zuͤge und die Wuͤrde ſeines We⸗ ſens in einem ſeltſamen Gegenſatze mit ſeiner groben und ſchlechten Kleidung. Montroſe's Geſtalt und Geſicht zeigten dem Beſchauer im erſten Augenblicke nichts Auffallendes, gehoͤrten aber zu jenen, die uns immer mehr anziehen, e laͤnger wir ſie anſehen. Sein Wuchs war nicht viel uͤber Mittelgroͤße, ſeine Geſtalt aber ungemein wohl gebildet, und eben ſo faͤhig zu großer Kraftanſtrengung, als zur Ertragung 185 vieler Muͤhſeligkeiten. Er beſaß in der That eine eiſerne Koͤrperkraft, ohne welche es ihm auch unmoͤglich geweſen waͤre, die Beſchwerden ſeiner außerordentlichen Feldzuͤge zu ertragen, worin er immer jedes Ungemach mit dem ge⸗ ringſten Krieger theilte. Er war Meiſter in allen koͤrperlichen Uebungen, mochten ſie fried⸗ licher oder kriegeriſcher Art ſein, und beſaß jene anmuthige Leichtigkeit des Benehmens, die denjenigen eigen iſt, welchen Gewohnheit jede Stellung leicht gemacht hat. Sein lan⸗ ges braunes Haar war nach der Sitte der vor⸗ nehmen Koͤnigsfreunde geſcheitelt, und hing auf beiden Seiten in Ringellocken herab, wo⸗ von eine, die einige Zoll laͤnger als die uͤbri⸗ gen war, Montroſe's Vorliebe fuͤr die Sitte andeutete, gegen welche der Puritaner Prynne einen Aufſatz unter dem Titel:„die Unlieb⸗ lichkeit der Liebeloͤckchen“ ſchrieb. Die Zuͤge, welche von dieſen Locken eingeſchloſſen waren, gehörten zu jenen, die mehr durch das Weſen des Mannes, der ſie beſitzt, als durch ihre Regelmaͤßigkeit anziehend werden; aber eine 186— Adlernaſe, ein großes, offenes, kuͤhnes, leb⸗ haftes graues Auge und eine friſche Geſichts⸗ farbe milderten den nachtheiligen Eindruck, den einige andre, etwas grob und unregelmaͤ⸗ ßig gebildete Theile des Geſichtes machten, und im Ganzen konnte er fuͤr einen huͤbſchen Mann gelten. Wer ihn jedoch ſah, wenn ſeine See⸗ le mit aller Kraft und, allem Feuer des Gei⸗ ſtes aus jenen Augen blickte, wer ihn mit der Ueberlegenheit, die Geiſtesgaben erwecken, und mit ſeiner natuͤrlichen Beredſamkeit ſpre⸗ chen hoͤrte, wurde ſelbſt von ſeinem Aeußern mehr begeiſtert, als man es nach den, noch vorhandenen Bildniſſen des Grafen vermuthen koͤnnte. Dieß war wenigſtens der Eindruck, den er auf die verſammelten Haͤuptlinge der Bergſchotten machte, auf welche, wie es bei allen, auf derſelben Stufe der Geſittung ſte⸗ henden Menſchen der Fall iſt, das Aeußere keinen geringen Einfluß hat. Bei den Eroͤrterungen, die nun ſtatt fan⸗ den, als er ſich entdeckt hatte, ſprach Montro⸗ ſe von den verſchiedenen Gefahren, wovon er 187 in ſeinem jetzigen Unternehmen bedroht ge⸗ weſen war. Er hatte anfaͤnglich den Verſuch gemacht, die treuen Koͤnigsfreunde in Nord⸗ England zu ſammeln, welche, wie er hoffte, den Befehlen des Marquis von Newcaſtle ge⸗ horſam, nach Schottland ziehen ſollten: aber die Abneigung der Englaͤnder, uͤber die Graͤn⸗ ze zu gehen, und das Ausbleiben des Grafen von Antrim, der mit ſeinen irelaͤndiſchen Kriegs⸗ voͤlkern im Solway⸗Haff landen ſollte, verei⸗ telten die Ausfuͤhrung dieſes Vorhabens, und da auch andre Entwuͤrfe gleichfalls unausfuͤhr⸗ bar geweſen waren, ſo hatte er ſich, wie er ſagte, genoͤthigt geſehen, verkleidet durch Nie⸗ 3 der⸗Schottland zu reiſen, wobei ihm ſein Vet⸗ ter Menteith freundlich Beiſtand geleiſtet hat⸗ te. Er wußte nicht zu erklaͤren, wie es Allan Mac⸗Aulay moͤglich geweſen war, ihn zu er⸗ kennen. Wer Allans Anſpruch auf Seherga⸗ be kannte, laͤchelte geheimnißvoll, er ſelber aber antwortete nur, der Graf von Montroſe duͤrfte ſich nicht wundern, von Tauſenden ge⸗ kannt zu ſein, deren er ſich nicht erinnern koͤnnte. 188 Auf Kavalier⸗Ehre! ſprach Dalgetty, der endlich auch Gelegenheit fand, ſein Wort anzubringen: es macht mich ſtolz und gluͤcklich, daß ich unter Euer Gnaden Befehlen mein Schwert ziehen kann, und ich gebe allen Haß, Unwillen und Groll gegen Herrn Allan Mac⸗ Aulay auf, der mich geſtern auf den unterſten Sitz an der Tafel geſtoßen hat. Wahrhaftig, er hat heute ſo ſehr als ein Mann bei vollem Verſtande geſprochen, daß ich entſchloſſen war, ihm das Vorrecht der Verruͤcktheit nicht zuzu⸗ geſtehen; aber da er mich nur einem edlen Grafen, meinem kuͤnftigen Oberbefehlhaber, nachgeſetzt hat, ſo erklaͤre ich vor allen Anwe⸗ ſenden, daß er den Vorzug mit allem Recht gegeben hat, und ich gruͤße ihn herzlich als ei⸗ nen kuͤnftigen Kriegskameraden. Als er dieſe Worte, die man wenig ver⸗ ſtand oder beachtete, geſprochen hatte, ergriff er, ohne ſeinen Panzer Handſchuh auszuziehen, Allans Hand, die er kraͤftig zu ſchuͤtteln an⸗ fing; Allan aber packte ihn mit einem Grif⸗ fe, wie der Schraubſtock eines Schmidts, und —— — —-—— 189 erwiderte den Druck ſo kraͤftig, daß er ihm die Eiſenſplitter des Handſchuhes in die Hand druͤckte. Dalgetty wuͤrde dies vermuthlich als eine neue Beleidigung aufgenommen haben, wenn nicht, als er ſchnaufte und ſeine Hand ſchuͤt⸗ telte, ſeine Aufmerkſamkeit ploͤtzlich durch Mont⸗ roſe ſelbſt waͤre in Anſpruch genommen wor⸗ den.„Hoͤrt dieſe Neuigkeit, ſprach er, Ritt⸗ meiſter Dalgetty— Major Dalgetty, wollte ich ſagen— die Jrelaͤnder, die eure Kriegser⸗ fahrenheit benutzen ſollen, ſind nur noch eini⸗ ge Meilen von hier.“ Unſre Jaͤger, die ausgegangen waren, Wildpret fuͤr dieſe geehrte Geſellſchaft zu hoh⸗ len, ſprach Angus Mac⸗Aulay, haben aller⸗ dings von fremdem Volke gehoͤrt, das we⸗ der Engliſch noch rein galiſch ſpricht, und ſich den Landleuten nicht leicht verſtaͤndlich ma⸗ chen kann. Sie ziehen bewaffnet hieher, und wie es heißt, unter Alaſter Mac⸗Donald, ge⸗ woͤhnlich der junge Colkitto genannt. Das muͤſſen unſre Leute ſein, ſprach Mont⸗ roſe. Wir wollen ihnen ſchnell Boten entge⸗ gen ſchicken, die ihnen als Fuͤhrer dienen und ihren Beduͤrfniſſen abhelfen ſollen. Das letzte wird wohl nicht ſo leicht ſein, ſprach Angus, denn wie ich hoͤre, haben ſie außer Flinten und etwas Pulver und Blei, nichts von allem, was Soldaten haben ſollten, und es fehlt ihnen inſonderheit an Geld, Schu⸗ hen und Kleidung. Es nuͤtzt wenigſtens zu nichts, dies ſo laut zu ſagen, ſprach Montroſe. Die pur itaniſchen Tuchmacher in Glasgow ſollen ihnen genug fei⸗ nes Tuch liefern, wenn wir aus dem Hochlande hinab gehen, und konnten die Prediger den Weibern in den ſchottiſchen Flecken ihre Lein⸗ wand abpredigen, um fuͤr ihre Leute bei Dun⸗ ſelaw*) Zelte daraus zu machen, ſo will ich ſehen, ob ich nicht dieſe gottſeligen Frauen be⸗ ²) Die Schottländer hatten ihr Laner vei Dunſelam unweit Verwick, als ſie 1639 unter Lesley nach England zogen. 5. ueb. wegen kann, ihre patriotiſchen Gaben zu wie⸗ berhohlen, und ob ſich nicht die buͤbiſchen Nundkoͤpfe, ihre Maͤnner, dahin bringen laſ⸗ ſen, ihre Geldbeutel zu oͤffnen. Und was die Waffen anlangt, ſprach Dal⸗ getty, wenn Euer Gnaden einem alten Kriegs⸗ mann erlauben will, ſeine Meinung zu ſagen, ſo mag nur der dritte Theil von ihnen Ge⸗ wehre haben, und fuͤr die Uebrigen wuͤrde die Pike meine Lieblingswaffe ſein, ſowohl um ſich gegen die Reiterei zu wehren, als in das Fußvolk einzubrechen. Ein gewoͤhnlicher Schmidt kann in einem Tage hundert Lanzeneiſen ma⸗ chen; fuͤr Schaͤfte aber iſt hier Holz genug, und ich will behaupten, daß nach den beßten Kriegsregeln ein Bataillon von Pikenirern, nach der Weiſe des nordiſchen Loͤwen, des un⸗ ſterblichen Guſtav aufgeſtellt, den marcedoni⸗ ſchen Phalanx ſchlagen wuͤrde, wovon ich im Mareſchal-⸗Collegium zu Aberdeen zu leſen pflegte, und ferner wage ich zu behaupten—— Des Rittmeiſters Vorleſung uͤber die Kriegse kunſt wurhe plöͤtzlich durch Allan Mae⸗Aulay 191 ——õmõÿy—— 192 unterbrochen, der haſtig ausrief:„Platz fuͤr einen unerwarteten und unwillkommnen Gaſt!“ In demſelben Augenblicke oͤffnet ſich die Thuͤre, und ein Greis von ſehr ſtattlichem Anſehen, in deſſen Benehmen viel Wuͤrde, ja ſelbſt etwas Gebieteriſches lag, trat in die Verſammlung. Sein Wuchs war uͤber die ge⸗ woͤhnliche Groͤße, und ſein Weſen verkuͤndigte den Mann, der zu befehlen gewohnt war. Er warf einen ernſten, ja ſtrengen Blick auf die verſammelten Haͤuptlinge. Die Angeſehenern unter ihnen erwiderten ſeinen Blick mit hoͤh⸗ niſcher Gleichgiltigkeit, einige minder maͤchtige Haͤuptlinge aus dem weſtlichen Hochlande aber ſahen aus, als ob ſie ſich weit weg gewuͤnſcht haͤtten.„Wer iſt der Anfuͤhrer in dieſer Ver⸗ ſammlung, an welchen ich mich zu wenden ha⸗ be? hob der Fremde an. Oder haͤttet Ihr den Mann noch nicht gewaͤhlt, der ein wenig⸗ ſtens eben ſo gefaͤhrliches als ehrenvolles Amt uͤbernehmen ſoll?“ Wendet Euch an mich, Ritter Duncan Campbell, ſprach Montroſe, vortretend. 193 An Euch? erwiderte der Ritter, faſt hoͤh⸗ niſch. Ja, an mich, wiederhohlte Montroſe: an den Grafen von Montroſe, wenn Ihr ihn ver⸗ geſſen habt. Es hätte mir jetzt wenigſtens etwas ſchwer werden koͤnnen, ihn, als Reitknecht verkleidet, wiederzuerkennen. Und doch haͤtte ich auch er⸗ rathen ſollen, daß es keinem Manne von we⸗ niger boͤſem Einfluſſe, als Ihr, Herr Graf, der als einer der Stoͤrer in Israel beruͤhmt iſt, gelingen konnte, dieſe unbeſonnene Ver⸗ ſammlung irre geleiteter Maͤnner zu berufen. Ich will Euch in dem Tone eurer Puri⸗ taner antworten, ſprach Montroſe. Ich ha⸗ be Israel nicht geſtoͤrt, aber Du haſt's ge⸗ than und Deines Vaters Haus.— Doch laßt uns einen Streit aufgeben, der Niemand als uns allein angeht, und eroͤffnet uns die Bot⸗ ſchaft, die Ihr von eurem Haupte Argyle bringt, denn ich muß vermuthen, daß Ihr in ſeinem Nahmen in dieſe Verſammlung tretet. Ja, im Nahmen des Marquis von Argy⸗ Erſter Theil. 13 ———— 194 le, erwiderte Duncan Campbell, im Nahmen des ſchottiſchen Parliaments verlange ich zu wiſ⸗ ſen, was dieſe ſonderbare Verſammlung bedeu⸗ ten ſoll. Hat ſie die Abſicht, den Landfrieden zu ſtoͤren, ſo haͤttet Ihr ſchon als Nachburn und als Ehrenmaͤnner uns einen Wink geben ſollen, auf unſrer Hut zu ſein. Schottland, ſprach Montroſe, ſich zu der Verſammlung wendend: iſt in einer ſonderbaren und neuen Lage, wenn Schottlaͤnder von Stan⸗ de und guter Herkunft nicht im Hauſe eines gemeinſchaftlichen Freundes zuſammenkommen duͤrfen, ohne daß unſre Gebieter bei uns nach⸗ ſuchen und forſchen laſſen, um den Gegenſtand unſrer Beſprechung zu erfahren. Mich daͤucht, unſre Vorfahren verſammelten ſich zu hochlaͤn⸗ diſchen Jagden, oder in andrer Abſicht, ohne weder den großen Mac⸗Callum More*) ſelbſt, oder einen ſeiner Kundſchafter und Untergebe⸗ nen um Erlaubniß zu bitten. *) Der hochtändiſche Nahme des Häuptlings des Stam⸗ mes Campbell. 8 D. Ueb. 195 Es hat eine Zeit in Schottland gegeben, antwortete Einer der Haͤuptlinge aus dem Weſt⸗ lande: und wird wieder eine Zeit geben, wo diejenigen, die ſich in unſre alten Beſitzungen eingedraͤngt haben, nichts mehr als Gutsherrn von Lochow ſind, ſtatt uns wie ein Schwarm verzehrender Heuſchrecken zu uͤberziehen. Soll ich daraus abnehmen, daß dieſe Zu⸗ ruͤſtungen gegen meinen Nahmen allein gerich⸗ tet ſind? fragte Ritter Campbell. Oder ſollen wir nur gemeinſchaftlich mit den friedlichen und ordentlichen Bewohnern Schottlands leiden? Nur eine Frage, ſprach ein Haͤuptling von grimmigem Ausſehen, haſtig aufſpringend: moͤchte ich an den Ritter von Ardenvohr thun, ehe er mit ſeinen dreiſten Katechismusfragen weiter geht. Hat er mehr als ein Leben in dieſes Schloß mitgebracht, daß er ſich unter uns einzudraͤngen wagt, um uns zu beleidigen? Ich bitte Euch, Ihr Herren, habt Ge⸗ duld, ſprach Montroſe. Ein Abgeordneter, der eine Botſchaft an uns auszurichten hat, iſt berechtigt, Redefreiheit und ſicheres Geleit 13* 196 zu fodern, und da der Ritter ſo dringend fragt, ſo trage ich kein Bedenken, ihm zu ſei⸗ ner Nachachtung zu ſagen, daß er ſich in ei⸗ ner Verſammlung getreuer Unterthanen be⸗ findet, die ich, durch des Koͤnigs Beſtallung dazu ermaͤchtigt, in ſeinem Nahmen und auf ſeinen Befehl berufen habe. 1 Wir werden alſo vermuthlich einen Buͤr⸗ gerkrieg in aller Form haben? ſprach Ritter Campbell. Ich bin zu lange Soldat geweſen, als daß ich ihm furchtſam entgegen ſehen ſoll⸗ te, aber es wuͤrde dem Grafen von Montroſe Ehre gebracht haben, wenn er ſeinen Ehrgeiz weniger und den Frieden des Landes mehr be⸗ achtet haͤtte. Ritter Campbell, erwiderte Montroſe, Die⸗ jenigen ſind ihrem Ehrgeize und ihrem Eigen⸗ nutze gefolgt, die das Land in die Lage verſetzten, worin es ſich jetzt beſindet, und die ſcharfen Mittel nothwendig machten, deren wir uns wider Willen bedienen wollen. Und welchen Rang, fragte der Ritter, ſollen wir unter dieſen Eigennuͤtzigen einem — 197 edlen Grafen anweiſen, der dem Covenant ſo eifrig anhing, daß er im Jahre 1639*) zu⸗ erſt an der Spitze ſeines Regiments durch den Tweed watete, um die koͤnigliche Kriegsmacht anzugreifen? Er war es, denke ich, der den Buͤrgern und der Univerſitaͤt zu Aberdeen den Covenant mit Schwert und Lanze aufdrang. Ich verſtehe euren Hohn, Ritter Kamp⸗ bell, ſprach Montroſe gelaſſen, und ich habe nur hinzuzuſetzen, wenn aufrichtige Reue eine jugendliche Verirrung und Nachgiebigkeit ge⸗ gen die argliſtigen Vorſtellungen ehrgeiziger Heuchler abbuͤßen kann, ſo hoffe ich fuͤr die Verbrechen, die Ihr mir vorwerft, Verzeihung zu erhalten. Hier ſtehe ich, mit dem Schwer⸗ te in der Hand, bereit mein Lebensblut zur Suͤhne fuͤr meine Verirrungen zu verſpritzen, und mehr kann ein Menſch nicht thun. Es thut mir leid, Herr Graf, ſprach der Ritter, daß ich ſolche Reden dem Marguis von Argyle melden muß. Ich habe ferner den *) S. Vorwort. 198— Auftrag, Euch zu ſagen, daß der Marquis, um den blutigen Folgen eines Krieges im Hoch⸗ lande vorzubeugen, es zufrieden ſein will, fuͤr das noͤrdliche Hochland einen Waffenſtillſtand zu bedingen, da es in Schottland Raum ge⸗ nug zum Fechten gibt, ohne daß Nachbarn einander Haus und Hof zerſtoͤren. 3 Das iſt ein friedſamer Vorſchlag, erwi⸗ derte Montroſe laͤchelnd, wie ſich's fuͤr Je⸗ mand ziemt, deſſen Handlungen immer fried⸗ licher waren, als ſeine Maßregeln. Doch koͤnn⸗ ten die Bedingungen eines ſolchen Waffenſtill⸗ ſtandes gleichmaͤßig veſtgeſetzt werden, und wir — was nothwendig iſt, Herr Ritter— Buͤrg⸗ ſchaft erhalten, daß euer Marquis dieſe Be⸗ dingungen puͤnktlich erfuͤllen werde, ſo wuͤrde ich gern den Frieden hinter uns laſſen, da wir nun doch den Krieg vor uns her tragen muͤſſen. Aber, Herr Ritter, Ihr ſeid fuͤr uns ein zu- alter und zu erfahrener Soldat, als daß wir Euch erlauben koͤnnten, in unſerm Lager zu bleiben und unſere Vorkehrungen zu beobach⸗ ten. Wir empfehlen Euch daher, gleich nach 199 eingenommener Erfriſchung, Euch wieder auf den Weg nach Inverary zu machen, und wir werden von unſerer Seite einen Abgeordneten mit Euch abreiſen laſſen, um die Bedingungen des hochlaͤndiſchen Waffenſtillſtandes abzuſchlie⸗ ßen, wenn es dem Marquis mit ſeinem Vor⸗ ſchlage Ernſt geweſen ſein ſollte. Der Ritter gab ſeine Zuſtimmung durch eine Verbeugung zu erkennen. Graf Menteith, fuhr Montroſe fort, Ihr werdet ſo gut ſein, den Ritter Campbell von Ardenvohr zu begleiten, waͤhrend wir beſchlie⸗ ßen, wer mit ihm zu ſeinem Haͤuptlinge zu⸗ ruͤckkehren ſoll. Mac⸗Aulay wird ſo guͤtig ſein, ihn mit gebuͤhrender Gaſtfreiheit zu be⸗ wirthen. Dazu will ich Befehl geben, ſprach Allan Stuart, vortretend. Ich liebe den Ritter Campbell; wir ſind Leidgenoſſen geweſen in fruͤhern Zeiten und ich vergeſſe das jetzt nicht. Graf Menteith, hob der Ritter an, es be⸗ kuͤmmert mich, daß Ihr in ſo fruͤher Jugend 200— Euch in ſo verwegene und aufruͤhriſche Haͤn⸗ del eingelaſſen habt. Ich bin jung, antwortete Menteith, aber alt genug, zwiſchen Recht und Unrecht, zwi⸗ ſchen Treue und Aufruhr zu unterſcheiden, und je eher eine gute Laufbahn betreten wird, deſto laͤnger und deſto beſſer möchte ich ſie zu durch⸗ laufen hoffen koͤnnen. Und auch wir, mein Freund, Allan Mar⸗ Aulay, ſprach der Ritter, Allan's Hand ergrei⸗ fend: auch wir muͤſſen uns Feinde nennen, und ſind doch ſo oft gegen einen gemeinſchaft⸗ lichen Feind verbuͤndet geweſen! Darauf wendete er ſich zu der Verſamm⸗ lung, und ſprach:„Lebt wohl, Ihr Herren. Es ſind ſo viele unter Euch, welchen ich wohl will, daß es mich tief betruͤbt, alle Vermittlung von Euch verworfen zu ſehen. Der Himmel — fuhr er fort, aufwaͤrts blickend— moͤge richten, wer reinere Beweggruͤnde hat, wir, oder die Anſtifter dieſer buͤrgerlichen Unruhen. Amen! ſprach Montroſe. Dieſem Rich⸗ kerſtuhle unterwerfen wir nns alle. —— —— Begleitet von Allan Mac⸗Aulay und dem Grafen Menteith, verließ der Ritter den Saal. „Das iſt ein echter Campbell, ſprach Montro⸗ ſe, als der Geſandte hinausging. Freundlich und falſch ſind ſie immer.“ Verzeiht, Herr Graf, fiel Evan Dhu ein: ich bin zwar ein Erbfeind ſeines Stammes, aber immer habe ich den Ritter von Arden⸗ vohr tapfer im Kriege, redlich im Frieden und aufrichtig im Rathe gefunden. Seine eigene Geſinnung iſt gewiß ſo, er⸗ widerte Montroſe: aber jetzt iſt er das Werk⸗ zeug und Sprachrohr ſeines Haͤuptlings, des Marquis von Argyle, des falſcheſten Mannes, der je athmete.— Mac⸗Aulay, ſprach er dar⸗ auf leiſe zu ſeinem Wirthe: er koͤnnte leicht Eindruck auf Menteith's Unerfahrenheit, oder auf eures Bruders ſonderbare Stimmung ma⸗ chen, darum waͤre es gut, wenn Ihr ihnen Muſik ins Zimmer ſchicktet, damit er ſie nicht zu ciner vertraulichen Unterredung verfuͤhre. Ja wenn ich einen Spielmann haͤtte! er⸗ widerte Mge⸗Aulay. Da iſt Niemand als 202— der Pfeifer, und der hat ſich beinahe den Athem ausgeblaſen in einem Wettſtreite mit drei An⸗ dern von ſeinem Handwerke. Aber ich kann Aennchen Lyle mit ihrer Harfe ſchicken. Mit dieſen Worten ging er hinaus, um ſeine Verfuͤgungen zu treffen. Es fand mittler Weile eine lebhafte Ver⸗ handlung daruͤber ſtatt, wer die gefaͤhrliche Aufgabe uͤbernehmen ſollte, mit dem Ritter nach Inverary zuruͤckzukehren. Den ange⸗ ſehenern Haͤuptlingen, die gewoͤhnt waren, ſich Mac⸗Callum⸗More gleich zu ſtellen, ließ ſich ein ſolcher Auftrag gar nicht anſinnen, und fuͤr die Uebrigen, welche nicht dieſelbe Ent⸗ ſchuldigung vorbringen konnten, war er gar nicht annehmbar. Man haͤtte glauben ſollen, Inverary waͤre das Thal des Todes geweſen, ſo viel Abneigung verriethen die geringern Haͤuptlinge, ſich demſelben zu naͤhern. Nach langer Zoͤgerung ward endlich der wahre Grund deutlich ausgeſprochen, naͤmlich jeder Hochlaͤn⸗ der, der ein fuͤr Mac⸗Callum⸗More ſo unan⸗ genehmes Geſchaͤft uͤbernaͤhme, koͤnnte gewiß 203 ſein, daß jener der Beleidigung gedenken und ihm eines Tages Urſache zu bitterer Reue ge⸗ ben werde. Montroſe hielt den Vorſchlag zu einem Waffenſtillſtande fuͤr eine bloße Liſt des Mar⸗ quis von Argyle, obgleich er es nicht gewagt hatte, den Antrag in Gegenwart der Maͤnner, die ſo ſehr dabei betheiligt waren, geradezu abzuweiſen, und in ſeiner Verlegenheit beſchloß er, die Gefahr und die Ehre des Auftrages dem Rittmeiſter Dalgetty zu uͤberlaſſen, der weder Stammgenoſſen noch Guͤter im Hoch⸗ lande hatte, gegen welche Argyle's Wuth ſich haͤtte auslaſſen koͤnnen. Aber ich habe doch einen Hals, ſprach Dalgetty gerade heraus, und wie, wenn's ihm beliebte, ſich daran zu raͤchen? Ich habe einen Fall erlebt, wo ein achtbarer Abgeſandter ge⸗ haͤngt wurde. Auch die Roͤmer gingen bei der Belagerung von Capua nicht viel barmherzi⸗ ger mit den Geſandten um, wiewohl ich gele⸗ ſen habe, daß ſie ihnen bloß Haͤnde und Na⸗ 204— ſen abſchnitten und die Augen ausſtachen, und ſie dann in Frieden ziehen ließen. Bei meiner Ehre, Rittmeiſter Dalgetty, fprach Montroſe, ſollte der Marquis es wa⸗ gen, Euch gegen den Kriegsbrauch ſo grauſam zu behandeln, ſo koͤnnt Ihr Euch darauf ver⸗ laſſen, ich wuͤrde eine ſo auffallende Rache nehmen, daß es in ganz Schottland laut wer⸗ den ſollte. Das wuͤrde Dalgetty nur wenig helfen, erwiderte der Rittmeiſter. Aber Corragio! ſagt der Spanier. Mit der Ausſicht ins Land der Verheißung, das Moor von Drumthwacket, mea paupera regna, wie wir im Mareſchal⸗ Collegium ſagten, will ich Eurer Erzellenz Auftrag nicht abweiſen, weil ich weiß, daß es einem Kavalier von Ehre ziemt, den Befehlen ſeines Vorgeſetzten zu gehorchen, trotz Galgeß und Schwert. Ein wackerer Entſchluß! ſprach Monteo⸗ ſe. Und unter vier Augen werde ich Euch die Bedingungen fuͤr Mac⸗Callum⸗More mitthei⸗ len, unter welchen wir bereit ſind, ihm einen .—— 205 Waffenſtillſtand fuͤr ſein hochlaͤndiſches Gebiet zu bewilligen.— Wir brauchen unſre Leſer mit dieſen Be⸗ dingungen nicht zu behelligen, die ausweichend und darauf berechnet waren, einem Antrage ent⸗ gegen zu kommen, der nach Montroſe’'s Mei⸗ nung bloß in der Abſicht war gemacht worden, um Zeit zu gewinnen. Als er dem Rittmei⸗ ſter ſeine Vorſchriften vollſtaͤndig mitgetheilt hatte, und der alte Degen mit einer ſoldatiſchen Verbeugung ſich entfernen wollte, rief ihn der Graf durch ein Zeichen zuruͤck. Ich werde ei⸗ nen Offizier, der unter dem großen Guſtav Adolf gedient hat, nicht erſt erinnern duͤrfen, daß Jemand, der mit einer Waffenſtillſtands⸗ flagge abgeſchickt wird, etwas mehr zu thun hat, als ſeine Vorſchriften zu vollziehen, und daß er bei ſeiner Ruͤckkehr ſeinem General manches uͤber die Lage des Feindes muß be⸗ richten koͤnnen, in ſo fern er Gelegenheit zum Beobachten gehabt hat. Kurz, Rittmeiſter Dalgetly muß ein wenig elairvoyant ſein. Aha Eure Exzellenz, ſprach der Rittmei⸗ 206 ſter, indem er ſeine rauhen Zuͤge in einen un⸗ nachahmlichen Ausdruck von Liſt und Pfiffig⸗ keit zwang: wenn man meinen Kopf nicht in einen Sack ſteckt, wie ich weiß, daß es wackern Soldaten begegnet iſt, die in Verdacht gekom⸗ men waren, daß ſie eine ſo kitzliche Botſchaft uͤbernommen hatten— wenn mir das nicht geſchieht, ſo kann Eure Erzellenz darauf rech⸗ nen, daß Dugald Dalgetty von allem, was er hoͤrt oder ſieht, genaue Rechenſchaft ablegen wird, und waͤr' es auch nur, wie viel verſchie⸗ dene Noten in Mac⸗Callum⸗More's Kriegs⸗ melodie,*) oder wie viele bunte Streifen in ſeinem Plaid und ſeinen Strumpfhoſen**) ſind. *) Die hochländiſche Melodie, welche zu der Leidenſchaft paßt, die der Tonkünſtler erwecken oder beſänftigen will, heißt überhaupt Pibroch, insbeſondre aber Kriegsmuſik, von dem gaſiſchen Worte piobaireachd, Sackpfeifenmuſik, D. Ueb. **) Truis, enge anliegende Strumpfhoſen von bunt gewürſeltem Sroffe wurden nach alter Sitte von 1 207 Genug! ſprach Montroſe. Lebt wohl, Herr Rittmeiſter, und wie man ſagt, daß eine Frau ihre Meinung immer in der Nachſchrift eines Briefes ausſpricht, ſo moͤget Ihr beden⸗ ken, daß der wichtigſte Theil eures Auftrags in demjenigen liegt, was ich Euch zuletzt ge⸗ ſagt habe. Dalgetty verrieth durch ein grinſendes Laͤ⸗ cheln, daß er den Grafen verſtanden hatte, und entfernte ſich, um ſein Pferd und ſich ſel⸗ ber fuͤr die Beſchwerden der bevorſtehenden Geſandſchaft mit Erfriſchungen zu ſtaͤrken. An der Stallthuͤre— denn ſein Guſtav hatte immer den erſten Anſpruch auf ſeine Sorgfalt— fand er Angus Mac-Aulay und den Ritter Musgrave, die ſein Pferd beſehen hatten. Sie lobten des Thieres Wuchs und Haltung, und beide widerriethen dem Rittmei⸗ ſter nachdruͤcklich, ein Pferd von ſolchem Wer⸗ Vornehmen zu Pferde, von alten ruten und auch ſonſt zuweilen im Hochlande getragen. k4 d. Ueees. 208 the auf eine ſo beſchwerliche Reiſe mitzuneh⸗ men. Angus ſchilderte mit den ſchrecklichſten Farben die Straßen, oder vielmehr die wilden Pfade, die nach der Grafſchaft Argyle fuͤhr⸗ ten, und die elenden Huͤtten, oder Schuppen, wo der Reiſende ſeine Nachtherberge zu neh⸗ men verurtheilt waͤre, und wo ſich kein Futter fuͤr das Pferd faͤnde, als Staͤngel von altem Heidekraute. Kurz, er hielt es fuͤr ganz un⸗ moͤglich, daß das Pferd nach einer ſolchen Rei⸗ ſe noch auf irgend eine Art zum Kriegsdienſte tauglich ſein koͤnnte. Der Englaͤnder bekraͤf⸗ tigte nachdruͤcklich alls, was Angus geſagt hatte, und verſchwor ſich mit Leib und Seele dem Teufel, wenn er es nicht beinahe fuͤr ei⸗ nen offenbaren Todſchlag hielte, ein Pferd, das nur einen Pfennig werth waͤre, in eine ſo wilde und unwirthliche Wuͤſte zu fuͤhren. Der Rittmeiſter ſah eine Weile erſt den Einen und dann den Andern mit einem veſten Blicke an, und als ob er unſchluͤſſig geweſen waͤre, fragte er ſie dann, was er, nach ihrer Mei⸗ 209 nung, unter ſolchen Umſtaͤnden mit ſeinem Guſtav machen ſollte. Bei meines Vaters Hand, lieber Freund, antwortete Angus, wenn Ihr das Thier bei mir zuruͤcklaſſen wollet, ſo koͤnnt Ihr darauf vechnen, es ſoll nach ſeinem Werthe und Vor⸗ zug gefuͤttert und gewartet werden, und bei eurer gluͤcklichen Ruͤckkehr ſollt Ihr's ſo glatt ſinden, als eine Zwiebel in Butter gebraten. Oder wenn dieſer geehrte Herr, ſprach Ritter Musgrave, Luſt hat, ſein Streitroß fuͤr eine billige Summe abzulaſſen, ſo habe ich noch etwas von den ſilbernen Leuchtern, das in meinem Beutel tanzt, und das ich ſehr gern in den eurigen verſetzen wollte. Mit einem Worte, meine geehrten Freun⸗ de, erwiderte Dalgetty, und ſah beide mit ei⸗ nem komiſchen Scharfblicke an: ich ſehe wohl, es wuͤrde jedem von Euch nicht ganz unange⸗ nehm ſein, ein Andenken von dem alten Kriegs⸗ mann zu haben, wenn es Mar⸗Callum⸗Mo⸗ re gefallen ſollte, ihn am Thore ſeines Schloſ⸗ ſes aufzuhaͤngen. Und ohne Zweifel wuͤrde Erſter Theil. 14 8 ——õ—ꝭ—O—,ůQꝑõ—— ꝑꝓſ 210 es mir in einem ſolchen Falle nicht geringes Vergnuͤgen machen, wenn ein edler und wacke⸗ rer Kavalier, wie Ritter Musgrave, oder ein wuͤrdiger und gaſtfreier Haͤuptling, wie unſer vortrefflicher Wirth, der Vollzieher meines letz⸗ ten Willens ſein wollte. 1 Beide betheuerten ſogleich, daß ihnen ſo etwas nicht eingefallen waͤre, und wiederhohl⸗ ten die Verſicherung, daß die Straßen im Hoch⸗ lande umwegſam waͤren. Angus Mae⸗Aulay murmelte mehre rauhe galiſche Nahmen ſchwieri⸗ ger Paͤſſe, Abgruͤnde und Schluchten, durch wel⸗ che der Weg nach Inverary gehen ſollte, und der alte Donald, der eben hinzukam, bekraͤftigte ſeines Gebieters Schilderung dieſer Schwierig⸗ keiten, indem er bei jedem Kehllaute deſſelben ſeine Haͤnde empor ſtreckte, ſeine Augen er⸗ hob, und den Kopf ſchuͤttelte. 9 Der unerſchuͤtterliche Rittmeiſter aber ließ ſich durch alles dieß nicht bewegen.„Meine werthen Freunde, ſprach er, mein Guſtav iſt ſchon mit Reiſegefahren bekannt, und die Ge⸗ birge in Boͤhmen koͤnnen ſich mit den ſchlech⸗ 8 ———; 211. teſten Straßen in Europa meſſen, meine ich, ohne daß ich dadurch die Schluchten und Spal⸗ ten herabſetzen wollte, wovon Herr Angus Mac⸗Aulay ſpricht, und deren Graͤßlichkeit Ritter Musgrave beſtaͤtigt, ohne ſie je geſehen zu haben. Wahrhaftig, mein Pferd hat eine ganz vortreffliche und geſellige Eigenſchaft, denn wiewohl es nicht mit mir aus meinem Becher trinken kann, ſo theilen wir doch unſer Brod mit einander, und es wird ſchwerlich Hunger leiden, wo es Kuchen oder Haferfladen gibr. Und die Sache kurz abzumachen, ſo ſeht doch nur Ritter Campbells Pferd an. Kann man ein fetteres und ſchoͤneres Thier ſehn? Und um eure Beſorgniß fuͤr mich zu beruhigen. gebe ich Euch ehrlich die Verſicherung, ſo lan⸗ ge der Ritter und ich dieſelbe Straße reiſen, ſoll dieſer Zelter und ſein Reiter eher Man⸗ gel an Futter haben, als Guſtav oder ich.“ Nach dieſen Worten fuͤllte er ein großes Maaß mit Korn und ging damit zu ſeinem Streitroſſe, das durch ſein leiſes Wiehern, ſei⸗ ne aufgereckten Ohren, ſein Scharren verrieth, 14* wie innig die Verbindung zwiſchen ihm und ſeinem Reiter war. Es koſtete auch ſein Futter nicht eher, bis es zur Erwiderung der empfan⸗ genen Liebkoſungen ſeines Herrn Hand und Geſicht beleckt hatte. Nach dieſen wechſelſeiti⸗ gen Begruͤſſungen fiel das Pferd mit einem Eifer uͤber ſein Futter her, der die alte krie⸗ geriſche Gewohnheit verrieth. Der Rittmeiſter ſah das Thier einige Minuten mit großer Zu⸗ friedenheit an, und ſprach:„Wohl bekomme es deinem ehrlichen Herzen, Guſtav! Nun muß ich gehen, und auch Proviant faſſen fuͤr den Feldzug.“ Er entfernte ſich, als er zuvor den Eng— laͤnder und Angus Mac:Aulay gegruͤßt hatte, die ſich eine Weile ſchweigend anſahen und dann in ein lautes Gelaͤchter ausbrachen. Der Burſche iſt dazu gemacht, durch die ganze Welt zu kommen, ſprach Musgrave. Ich werde es auch glauben, antwortete Mac⸗Aulay: wenn er dem Mac⸗Callum⸗Mo⸗ re eben ſo leicht durch die Finger ſchluͤpft, als uns. 213 Meint Ihr denn, ſprach der Englaͤnder, daß der Marquis in dem Rittmeiſter nicht den Kriegsbrauch geſitteter Voͤlker achten werde? Nicht mehr als ich eine Bekanntmachung aus dem Niederlande achten wuͤrde, erwiderte Angus. Aber kommt mit mir, es iſt Zeit, daß ich zu meinen Gaͤſten zuruͤckkehre. IX. 3† — In einem Anfſand, Wo nicht was ſchicklich, ſondern ſein mußte, galt, Da waͤhlte man ſie, doch in beß'rer Stunde Sagt immer: Was ſich ſchick, das muß ſich ſchicken—„ Und werfet ihre Macht in Staub. Shakeſpeare's Coriolan. In einem kleinen Zimmer, entfernt von den übrigen Gaͤſten, wurde Ritter Campbell mit Erfriſchungen aller Art bewirthet, waͤh⸗ rend Graf Menteith und Allan Mac⸗Aulay ihm ihre Aufmerkſamkeit und Achtung bewie⸗ b ſen. Sein Geſpraͤch mit Allan bezog ſich auf b eine feindliche Unternehmung, wozu Beide ſich fruͤher gegen die Kinder des Nebels verbuͤndet hatten, mit welchen der Ritter von Ardenvohr, 245 wie das Haus Mac⸗Aulay, in unverſoͤhnlicher Fehde war. Der Ritter ſuchte jedoch das Ge⸗ ſpraͤch bald wieder auf den Gegenſtand zuruͤck zu fuͤhren, der ihn in das Schloß Darnlinva⸗ rach gebracht hatte. Es waͤre ihm ſehr ſchmerzlich, ſagte er, ſehen zu muͤſſen, daß Freunde und Nachbarn, die immer verbuͤndet ſein ſollten, im Begriffe waͤren, ſich wegen einer Sache zu entzweien, welche ihnen ſehr gleichgiltig ſein koͤnnte. Er fragte, was den hochlaͤndiſchen Haͤuptlingen daran laͤge, ob der Koͤnig, oder das Parlia⸗ ment die Oberhand behielte, und ob es nicht beſſer waͤre, jene ihren Streit ſelber ausma⸗ chen zu laſſen, ohne ſich darein zu miſchen, waͤhrend mittler Weile die Haͤuptlinge die Ge⸗ legenheit benutzten, ihre Macht ſo veſt zu gruͤn⸗ den, daß ſpaͤterhin weder der Koͤnig, noch das Parliament ſie antaſten duͤrfte. Er erinnerte Allan, daß die, unter der letzten Regierung 0) *) Jakob's VI. Die Häuptlinge wurden für das feird⸗ liche Betragen ihrer Stammgenoſſen verantwortlich gemacht. D. Ueb. 216— angeblich zur Beveſtigung des Friedens im Hochlande getroffenen Maßregeln im Grunde nur gegen die patriarchaliſche Gewalt der Haͤuptlinge gerichtet geweſen waͤren, und er deutete auf die beruͤhmte Anſiedlung der Un⸗ ternehmer aus Fife, wie man ſie nannte, auf der Inſel Lewis,*) als einen Theil des wohl uͤberlegten Entwurfes, Fremdlinge unter die celtiſchen Staͤmme zu bringen, ihre alten Ge⸗ braͤuche und ihre Regierungsweiſe allmaͤhlig zu vernichten und ſie des Erbtheiles ihrer Vaͤter zu berauben. Und dennoch, ſetzte er hinzu, zu Allan ſich wendend, waͤren bloß in der Ab⸗ ſicht, dem Könige, der ſolche Entwuͤrfe gehegt —— *) Jakob VI. ließ, um Betriebſamkeit und Gewerbfleiß zu wecken, den Grund zu drei neuen Städten in Lochaber, Cantire und auf der Inſel Lewis legen. Der Plan mißlang. Eine Anfiedlung von Fiſchern aus der Grafſchaft Fife, die auf der Inſel ſich an⸗ ſtedelten, wurden von dem Haſſe und der Eiferſucht der Eingebornen verfolgt, und als einige umgekom⸗ men waren, verließen die Uebrigen die Inſel im J. 1602.. D. Ueb. „ 217 haͤtte, eine willkaͤhrliche Gewalt zu geben, ſo diele Hochlaͤnder nun im Begriffe, mit ihren Nachbarn, Freunden und alten Verbuͤndeten zu ſtreiten und zu kaͤmpfen. Meinem Bruder, erwiderte Allan, dem aͤlteſten Sohne in meines Vaters Hauſe, muß der Ritter von Ardenvohr dieſe Vorſtellungen machen. Ich bin zwar ſein Bruder, aber als ſolcher nur der Erſte unter ſeinen Stammge⸗ noſſen, und verpflichtet, den Uebrigen durch freudigen und ſchnellen Gehorſam gegen ſeine Befehle ein Beiſpiel zu geben. Auch iſt die Sache, fiel Graf Menteith ein: weit allgemeiner, als es Ritter Campbell vorauszuſetzen ſcheint. Sie iſt nicht eingeſchraͤnkt auf Sachſen*) oder Galen, auf Gebirge oder Thaͤler, auf Hochlaͤnder oder Niederlaͤnder. Die Frage iſt vielmehr, ob wir uns laͤnger durch die 6 unbeſchraͤnkte Gewalt wollen beherrſchen laſ⸗ 6 *) Sachſen nennen die Hochländer oder Galen, die Bewohner Süd⸗Schottlands und Englands, als Ah⸗ kömmlinge der Ang elſach ſen. 3 D. Ueb. 218 ſen, welche ſich Leute angemaßt haben, die auf keine Weiſe uͤber uns ſtehen, oder ob wir un⸗ ter die natuͤrliche Herrſchaft des Fuͤrſten zu⸗ ruͤckkehren ſollen, gegen welchen ſie ſich em⸗ poͤrt haben. Was indeß den Nutzen der Hoch⸗ lande insbeſondre anlangt, ſo moͤge Ritter Campbell mir meine Offenheit verzeihen, aber ich glaube deutlich einzuſehen, daß dieſe ange⸗ maßte Herrſchaft keine andre Folge haben wird, als einen uͤbermaͤchtig gewordenen Stamm auf Koſten jedes unabhaͤngigen hochlaͤndiſchen 5 aipeinos zu vergroͤßern. Ich antworte Euch nicht, Graf Men⸗ teith, erwiderte Campbell, weil ich weiß, was fuͤr Vorurtheile Ihr habt, und von wem ſie geborgt ſind; aber Ihr werdet mir verzeihen, wenn ich Euch ſage, daß ich als Haupt eines Geſchlechtes, welches mit dem Hauſe Graham immer um den Rang ſtritt, von einem Gra⸗ fen von Menteith geleſen und gehoͤrt habe, der es verſchmaͤht haben wuͤrde, einen Grafen von Montroſe in Staatsangelegenheiten als —— 219 ſeinen Hofmeiſter und im Kriege als ſeinen Gebieter anzuerkennen. Vergebens bemuͤht Ihr Euch, Herr Rit⸗ ter, ſprach der Graf ſtolz, meine Eitelkeit ge⸗ gen meine Grundſäͤtze zu bewaffnen. Der Koͤ⸗ nig gab meinen Vorfahren Titel und Rang, und dieſe ſollen nie mich abhalten, fuͤr des Koͤnigs Sache zu handeln, unter jedem, der beſſer als ich dazu taugt, den Oberbefehl im Felde zu fuͤhren. Am wenigſten aber ſoll eine armſelige Eiferſucht mich abhalten, meine Hand und mein Schwert von dem tapferſten, treuſten und heldenmuͤthigſten Manne unter dem ſchot⸗ tiſchen Adel leiten zu laſſen. Schade, ſprach Ritter Campbell, daß Ihr eurer Lobrede nicht auch die Beiwoͤrter des Be⸗ ſtaͤndigſten und Veſteſten hinzufuͤgen koͤnnt. Aber es iſt nicht meine Abſicht, uͤber dieſe Sa⸗ che mit Euch zu ſtreiten, ſetzte er hinzu, und machte eine Bewegung mit der Hand, als ob er jede weitere Eroͤrterung haͤtte abwehren wollen. Fuͤr Euch liegt der Wuͤrfel. Laßt mich nur meinen Kummer uͤber das ungluͤckliche Schick⸗ 220 ſal ausſprechen, worein Mac⸗Aulay's Unbe⸗ ſonnenheit und euer Einfluß, Herr Graf, mei⸗ nen tapfern Freund Allan, und ſeines Vaters Stamm und ſo manchen wackern Mann reiſſen werden. Der Wuͤrfel liegt fuͤr uns alle, Ritter Campbell, erwiderte Allan mit finſterem Bli⸗ cke. Die eiſerne Hand des Verhaͤngniſſes hat unſer Schickſal auf unſre Stirne eingebrannt, lange vorher, ehe wir einen Wunſch hegen, oder einen Finger fuͤr uns regen konnten. Waͤ⸗ re es anders, was fuͤr Mittel haͤtte der Seher, die Zukunft aus jenen geſpenſtiſchen Vorzei⸗ chen zu erkennen, die vor ſeinem wachenden und ſchlafenden Auge ſchweben. Nichts kann vorher geſehen werden, als was gewiß ſich er⸗ eignet. 3 Der Ritter wollte antworten, und die dunkelſten und ſtreitigſten Punkte der Meta⸗ phyſik ſollten von zwei Hochlaͤndern eroͤr⸗ tert werden, als ſich die Thuͤre oͤffnete, und Aennchen Lyle mit ihrer Harfe in der Hand hereintrat. Ihr Gang und Blick ver⸗ —— —— 221 kuͤndigten das freie hochlaͤndiſche Maͤdchen. Auf⸗ gewachſen in der innigſten Vertraulichkeit mit Angus Mac⸗Aulay, ſeinem Bruder, dem Gra⸗ fen von Menteith und andern jungen Leuten, die Darnlinvarach beſuchten, hatte ſie nichts von jener Blodigkeit, die ein, meiſt unter Frauen erzogenes Maͤdchen bei einer ſolchen Gelegenheit entweder wirklich gefuͤhlt, oder doch zu verrathen fuͤr nothwendig geachtet ha⸗ ben wuͤrde. Ihr Anzug hatte etwas Alterthuͤmliches; denn neue Trachten drangen ſelten ins Hoch⸗ land, und wuͤrden nicht leicht ihren Weg in ein Schloß gefunden haben, das meiſt nur von Maͤnnern bewohnt war, die ſich bloß mit Krieg und Jagd beſchaͤftigten. Aber Aennchens An⸗ zug war nicht nur anſtaͤndig, ſondern ſelbſt koſtbar. Ihr offnes Jaͤckchen mit hohem Kra⸗ gen war von blauem Tuche, reich geſtickt, und hatte filberne Haͤkchen, womit ſte es nach Ge⸗ fallen zuſammenheften konnte. Die weiten Aermel reichten nur bis auf den Elbogen her⸗ ab und waren am unteren Rande mit gold⸗ nen Franzen beſetzt. Unter dieſem Oberkleide, wenn man es ſo nennen kann, trug ſie ein Ge⸗ wand von blauem Atlas, das gleichfalls reich ge⸗ ſtickt, aber von hellerer Farbe als jenes war. Ihr Rock war von buntgewuͤrfelter Seide, von einem Muſter, worin die blaue Farbe vorherrſch⸗ te, und der unangenehme Eindruck vermieden wurde, den der gaukelbunte gewuͤrfelte Stoff durch den ſchroffen Gegenſatz der Farben ſo oft macht. An einer ſilbernen Halskette von alter⸗ thuͤmlicher Arbeit hing der Stimmſchluͤſſel ihrer Harfe. Ueber den Kragen ragte eine Krauſe hervor, und wurde durch eine Nadel von eini⸗ gem Werthe zuſammen gehalten, ein altes An⸗ denken vom Grafen Menteith. Eine Fuͤlle blonder Locken verbarg beinahe ihre muntern Augen, als ſie laͤchelnd und erroͤthend ſagte, Mac⸗Aulay haͤtte ihr aufgetragen, ſich zu er⸗ kundigen, ob die Herren Muſik hoͤren wollten. Nicht ohne lebhafte Ueberraſchung und Theil⸗ nahme ſtarrte der Nitter von Ardenvohr die liebenswuͤrdige Erſcheinung an, die ſeinen Streit mit Allan unterbrochen hatte. —— — 2²³ Kann ein ſo ſchoͤnes und holdes Geſchoͤpf, fliſterte er ihm zu: als Saͤngerinn in eures Bruders Hauſe dienen? Keineswegs, erwiderte Allan haſtig, und ſetzte zoͤgernd hinzu: ſie iſt eine— eine— nahe Verwandte unſrer Familie, und wird— fuhr er mit veſterem Tone fort— wie eine angenommene Tochter in unſeres Vaters Hau⸗ ſe behandelt. Bei dieſen Worten ſtand er auf, und mit der Hoͤſlichkeit, die jeder Hochlaͤnder, wenn es ihm anſteht, annehmen kann, uͤberließ er dem Maͤdchen ſeinen Sitz. Er bot ihr zugleich von allen aufgetragenen Erfriſchungen mit einer Emſigkeit an, die vermuthlich die Abſicht hat⸗ te, dem Ritter von dem Range und Anſehen des Maͤdchens eine hohe Meinung beizubrin⸗ gen. Hatte Allan dieſe Abſicht, ſo war es ganz unnoͤthig. Der Ritter heftete ſeine Bli⸗ cke auf das Maͤdchen mit einem Ausdrucke in⸗ nigerer Theilnahme, als ſich aus einer noch ſo hohen Meinung von ihrem Stande haͤtte er⸗ klaͤren laſſen koͤnnen. Aennchen ſelbſt wurde 224 verlegen, als der alte Mann ſie ſo ſtarr anſah, und nachdem ſie ihre Harfe geſtimmt und einen beifaͤlligen Wink von dem Grafen und Allan erhalten hatte, ſang ſie nicht ohne Zoͤgern fol⸗ gende Ballade, die unſer Freund Secundus Macpherſon, deſſen Gefaͤlligkeit wir bereits geruͤhmt haben, ins Engliſche uͤberſetzt hat: Novembers Hagelwolke trieb Der Wind; das Schloß, ſo grau, Beſchien Novembers Sonne truͤb', Da kam die Edelfrau. Die Waiſe ſaß am Eichenbaum, Arm und Fuß nackt und bar, Geſchmolzen noch die Schloſſe kaum In ihrem Rabenhaar. Herrinn, ſprach ſie, bei jedem Band, Das Kind und Mutter eint, Helft mir, die nie dieß Gluͤck gekannt, Helft, wo die Waiſe weint. Die Herrinn ſprach:„Gar herben Schmerz Ihr armen Waiſen tragt; Doch haͤrter, wenn der Mutter Herz Gemahl und Kind beklagt.“ —= — 225 „„Zwöoͤlf Jahre ſind's, als ich, bedroht Von wilder Feinde Wuth, Entfloh, da fand mein Kind den Tod In der empoͤrten Flut.“ Zwoͤlf Jahre ſind verfloſſen, ſprach Die arme Pilgermaid, Da fiſcht' man am Brigittentag Von Campſie nicht gar weit. Die Heil'ge keinen Fiſch verlieh; Man fand ein Kind, halb todt, Und zog es auf in Noth und Muͤh, Daß hier es fleht um Brod. Die Herrinn kuͤßt das Kind.„ Dieß Gluͤk— Die Heil'ge gab es mir! Haſt meines Gatten Falkenblick, Mein Erbe laß' ich Dir.“ Es ſchmuͤckt das Kind, das einſt geweint, Nun Seid' und Sammet gar, Und ſtatt der Hagelkoͤrner ſcheint Die Perl' in ihrem Haar.„ *) Die Bewunderer reiner celtiſcher Alterthümlichkeit werden vielleicht eine woͤrtliche Uebertragung des ga⸗ Erſter Theil. 15 Waͤhrend das Maͤdchen ſang, bemerkte * Graf Menteith nicht ohne Ueberraſchung, daß liſchen Originals wünſchen, die wir daher beifügen, mit der Bemerkung, daß wir die Urſchrift bei Herrn Jedediah Cleiſhbotham niedergelegt haben. Der Hagelſturm war auf den Flügeln des Herbſt⸗ windes hinweg geführt worden. Die Sonne blickte aus den Wolken hervor, bleich wie der verwundete Held, der ſein Haupt matt auf der Heide erhebt, wenn das Gebrüll der Schlacht über ihn hinweg gezogen iſt. Finela, die Herrinn der Burg, trat heraus, um ihre Mägde mit den Milcheimern zu den Heerden zie⸗ hen zu ſehen. Da ſaß ein verwaiſetes Mädchen un⸗ ter der alten Eiche. Die welken Blätter ſtreuten ſich um ſie her, und ihr Herz war noch welker als jene. Der Vater des Eiſes(dichteriſch fuür Froſt) hielt die Hagelkörner in ihrem Haare noch gefroren; ſie gli⸗ chen den Flecken von weißer Aſche auf den ver⸗ ſchlungenen Aeſten der ſchwarzen, halb verbrannten Eiche. Und das Mädchen ſprach:„Gebt mir Troſt, edle Frau; ich bin ein Waiſenkind.“ Und die Edel⸗ frau ſprach:„Wie kann ich geben, was ich nicht habe! Ich bin die Witwe eines erſchlagenen Edel⸗ herrn, die Mutter eines verunglückten Kindes. Als — ich aus Furcht vor der Rache der Feinde meines Gemahls floh, ward unſer Boot von der Flut um⸗ 4 geworfen und mein Kind kam um. Es war am Morgen des Brigittentages, nicht von dem mäch⸗ tigen Waſſrfal von Campfte. Ein unglückſeliger Tag!“ Und das Mädchen antwortete:„Es war am — 227 — ihr Lied einen tiefern Eindruck auf den Ritter zu machen ſchien, als man bei ſeinem Alter und ſeiner Gemuͤthsart haͤtte erwarten koͤn⸗ nen. Er wußte zwar wohl, daß der Hochlaͤn⸗ der jener Zeit weit mehr Sinn fuͤr Erzaͤhlun⸗ gen und Geſang beſaß, als man unter den Bewohnern des Niederlandes fand; aber dieß ſchien ihm doch kaum die Verlegenheit zu er— klaͤren, womit der alte Mann ſeine Blicke von der Saͤngerinn abwandte, als ob er ſie ungern auf einem ſo liebenswuͤrdigen Gegenſtande haͤtte ruhen laſſen. Noch weniger ließ ſich erwar⸗ ten, daß Zuͤge, worin Stolz, ernſter Verſtand — Morgen des Brigittentages, vor zwölf Jahren, als die Fiſcher bei Campſie in ihren Netzen weder Lachs⸗ kunze noch Salm ſingen, ſondern ein halb todtes Kind, das ſeitdem in Elend lebte, und ſterben muß, wenn es jetzt nicht Hilfe findet.“ Und die Edelfrau antwortet:„Geſegnet ſei die heilige Brigitta und ihr Tag! Dieß ſind meines erſchlagenen Gemahls dunkle Augen und ſein Falkenblick, und dein ſei das Erbe ſeiner Witwe!“ Sie rief ihre Dienerinnen herbei, und ließ das Mädchen in Seide und Sammet klei⸗ den, und die Perlen, die man ihr in die ſchwarzen Locken ſtocht, waren weißer, als die eiſigen Hagel⸗ körner. 228 und ein rauhes gebieteriſches Weſen ſich aus⸗ druckten, durch einen ſo unbedeutenden Um⸗ ſtand ſo ſehr bewegt werden ſollten. Als des Ritters Stirne ſich bewoͤlkte, zog er ſeine gro⸗ ßen ſtruppigen Augenbrauen ſo tief herab, daß ſie ſeine Augen beinahe verbargen, worin eine Thraͤne zu glaͤnzen ſchien. Er ſchwieg und blieb einige Minuten in ſeiner Stellung, als der letzte Ton der Harfe erklungen war. Er erhob dann ſein Haupt, und nachdem er Aenn⸗ chen Lyle angeſehen hatte, als ob er ſie haͤtte anreden wollen, aͤnderte er ploͤtzlich ſeinen Vor⸗ ſatz und wollte ſich zu Allan wenden, da oͤff⸗ nete ſich die Thuͤre und der Burgherr trat herein. 3 Ende des erſten Theils. Apmn duncgangunnnnmnugaunmunnumm Wennnm mn 10 11 12 13 14 16 17 18 9 9 V L