b 1 V—à Leihbibliothek von.. Eduard Ofkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 1 3 „ 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ binterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 3 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————²*bueher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 M. Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. 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Sie war jetzt ſelbſt der Meinung ihres Gatten, daß ſie durch ihren Abſchied von der Erde vielleicht großen Ubeln und ſchmerzhaften Erfahrungen entgangen ſey, die ihr das Leben in Angſt und Qual ver⸗ wandeln konnten. An den Herzog war ihr ganzes Herz geknuͤpft, wie wuͤrde ſie den Schmerz ertragen haben, wenn er in einer Gefahr umkam, in die er ſich immer mit allzu großer Dreiſtigkeit wagte. Da der 6 Koͤnig ihn bei jedem Aufſtande nach England rief, den er daͤmpfen ſollte, ſo hatte es faſt das Anſehen, daß er ſich mit guter Manier dieſes Bruders entledigen wollte, der bei den Normaͤnnern in ſo großem Anſehen ſtand, daß ſie ihm zu jedem Dienſte bereit waren, den er von ihnen forderte. Da es einem Koͤnige unmoͤglich iſt, den Wuͤnſchen eines Jeden zu genügen und ſein Verlangen zu befriedigen, ſo gab es im Lande Mißver⸗ gnuͤgte genug, die immer bereit waren, wenn ſich ein tuͤchtiger Anfuͤhrer, beſonders der Herzog Robert fand, in einen neuen Aufruhr auszubrechen.— 1 Oft ſprach die Graͤfin von Annens Kindern, ſie wollte ſie ſehen und fuͤgte die Bitte hinzu, daß ſie ſie mit ſich nehmen und mit ihren Kindern erziehen duͤrfe. Dagegen hatte der Graf nichts, aber er ſuchte es ihr 7 begreiflich zu machen, daß die Paͤchterleute, welche die einzige Tochter verloren haͤtten, ſich von den nachgelaſſenen Kindern derſelben gewiß nicht trennen wuͤrden. „Nun,“ ſagte die Graͤfin,„ſo wirſt Du mir verſtatten, daß ich Rotley beſuchen und die Lieblinge meiner entſchlafenen Freun⸗ din umarmen darf.“ „Das kann und will ich Dir nicht wehren. Koͤnnteſt Du Cliton auf einige Zeit hierher bringen, den ſaͤhe ich gern, er muß ein preislicher Knabe geworden ſeyn.“ Ein Diener des Grafen war in Rouen geweſen, wohin ihn ſein Herr in gewiſſen Angelegenheiten geſchickt hatte. Als er dem Graf den erwuͤnſchten Beſcheid ſchriftlich uͤberreicht hatte, fagte er:„Ich habe in 8 Rouen eine ſonderbare Geſchichte gehoͤrt, die ich bezweifele, die Leute aber glauben, daß ſie wahr ſey. Da iſt eine Frau geſtorben, die hat neun Tage im Grabe gelegen, iſt im Sarge erwacht, ſie lebt wieder und ißt und trinkt.“ & „Das iſt ein Maͤhrchen,“ ſagte der Graf,„das man Dir aufbinden wollte und Du haſt recht gethan, es zu bezweifeln. Wer geſtorben iſt, kann nicht wieder auf⸗ leben. Wie kann er den Sarg zerbrechen, die auf denſelben geworfene Erde wegſchar⸗ ren, das iſt unmoͤglich. Dergleichen habe ich nie erlebt.“ „Aber,“ fiel die Graͤfin ein,„wenn es nicht wahr waͤre, warum ſollten es denn die Leute erzaͤhlen?“ „Wie geſagt, um dund Ligen Narren zu machen, die ſie glauben.“ 3 Als der Diener aus dem Zimmer war, ſprach die Graͤfin:„Welcher Troſt und welche Freude waͤre das fuͤr mich, wenn Anna die Frau iſt, welche aus dem Sarge ins Leben wieder hervorging?“ „Mit welchen Vorſtellungen Du Dich taͤuſcheſt! Wie Du doch ans Unmoͤgliche glauben kannſt! Waͤre Anna die wieder aufgelebte Frau, ſo haͤtten wir ſicher Nach⸗ richt davon erhalten. Sie iſt in der Nor⸗ mandie keine unbekannte, gleichguͤltige Per⸗ ſon. Wenn die Geſchichte wahr iſt, ſo hat ſie ſich neuerdings ereignet und Anna iſt mehrere Wochen iodt. Setze doch nicht Un⸗ gereimtes zuſammen, um Dir eine taͤuſchende Hoffnung, einen falſchen Glauben zu erkuͤn⸗ 10 ſteln. Wenn Du Annen liebſt, mußt Du es nicht wuͤnſchen, daß ſie vom Tode wie⸗ der erwacht iſt, es waͤre das fuͤr ſie kein Gluͤck.“ „Kein Gluͤck?“ „Auch fuͤr Dich nicht. Bitterer als der Tod waͤre ihr das Leben, da ſie erfahren muͤßte, Robert ſey nach Palaͤſtina gegen die Unglaͤubigen gezogen. Kann ſie es hoffen, ihn wieder zu ſehen, da ſie es gehoͤrt haben muß, daß das Chriſtenblut in mehrern Schlachten mit den Saracenen, wie Waſſer, gefloſſen iſt. Wuͤnſche es, daß ſie todt bleibt und nicht, daß ſie wieder aufgelebt iſt. Mit welchen Gruͤnden koͤnnteſt Du ſie troͤſten? Was wuͤrde ihr Aufenthalt bei Dir anders ſeyn, als ein ſtetes Jammern und Wehkla⸗ gen, und ſo mitleidig Dein Herz iſt, die — — 11 Außerungen des Schmerzes und ihre Sehn⸗ ſucht nach dem Herzoge wuͤrden Dir zuletzt doch unertraͤglich werden.“ Die Graͤfin ließ den Hausarzt holen und legte ihm die Frage vor:„Iſt es moͤglich, daß ein Menſch, der neun Tage im Sarge lag, wieder aufleben kann?“ Der Arzt gab nicht ſogleich eine Ant⸗ wort, er ſah ernſt vor ſich nieder und ſchien ſich in tiefem Nachdenken zu verlieren, endlich ſagte er:„Graͤfin, wer wirklich todt iſt, der bleibt todt, die aber, welche wieder aufleben, ſind nicht todt geweſen. Wer im Sarge liegt und mit ſechs Fuß hoher Erde bedeckt iſt, der ſoll das Aufleben wohl laſſen. Er kann erwachen; aber er muß erſticken, da iſt bei Gott keine Gnade.“ „Ihr gebt mir einen ſchlechten Troſt.“ 12 „Wo nichts zu troͤſten iſt,“ ſagte der Arzt,„da kann man keinen Troſt gehen. Einſt werden alle Todten auferſtehen, ſagt die Schrift, am juͤngſten Tage; wann der aber koͤmmt, das wiſſen wir nicht.“ „Neues und Troͤſtendes habe ich von Euch nicht erfahren; aber ich danke Euch fuͤr Eure Muͤhe.“ „Sie war alſo eine vergebliche,“ ſagte der Arzt beim Weggehen,„ſo duͤrft Ihr mir auch nicht dafuͤr danken. Man muß ja in der Welt gar vieles thun, und hat wohl gar Undank zum Lohn.“ Die Graͤfin ſuchte ſich die Geſchichte von der wieder aufgelebten Frau aus dem Sinne zu ſchlagen und dachte nicht mehr daran, indeß ſie war auf Wahrheit gegruͤndet, — — 13 das ſollte ſie bald auf eine Weiſe erfahren, die keinen Zweifel uͤbrig ließ. Wir muͤſſen umſtaͤndlicher von dem Ereigniß reden, da es in dieſer Erzaͤhlung zu den wichtigern ge⸗ hoͤrt. Robert, wie wir gehoͤrt haben, verließ ſeine Gattin ſchwanger, als er nach Eng⸗ land ging. Als ſie ſchmerzliche Wehen fuͤhlte, verlangte ſie es, daß ihre Mutter, zu ihrem Troſte und Beiſtande, eilig nach Rouen geholt werden ſollte. Das Kind war noch nicht geboren, als die Paͤchterfrau ankam. Sie umarmte die geliebte Tochter und ſagte:„Mutter, ich ſterbe, meine Ah⸗ nung trüͤgt mich nicht. Zu ſchwer iſt der Kampf, ich kann ihn nicht uͤberſtehen. Nehmt Euch meiner Kinder an, troͤſtet den Herzog und meinen Vater und gebt Euch ſelbſt zu⸗ frieden. Bald folgt Ihr mir nach. Em⸗ 14 pfanget meinen großen Dayk fuͤr Eure Liebe.“ Die Mutter vergoß Thraͤnen und ſprach:„Verzweifle nicht am Leben. Gott iſt den Schwachen maͤchtig, und er verleiht die Kraft, den groͤßten Schmerz zu uͤber⸗ winden.“ Im Innern war die Mutter ſelbſt fuͤr das Leben der Tochter beſorgt. Sie fand ſie ganz abgemattet. Seit vier und zwan⸗ zig Stunden hatte die Noth ſchon gedauert und noch war keine Hoffnung da, wann ſie ſich enden werde. Die Wehmutter geſtand es der Rotley insgeheim, als ſie ſie darum befragte, daß die Gefahr ſehr groß ſey, wenn Gottes Gute nicht ein Wunder thaͤte. Dieſer Beſcheid ſtuͤrzte die arme Mutter in die groͤßte Traurigkeit. Alle Mittel, die —— — 8 15 man anwandte, die Geburt zu erleichtern, waren fruchtlos. Anna lag wie eine Sterbende auf dem Lager, nur das Zucken der Mienen, die Be⸗ wegung der Lippen, das gewaltſame Zu⸗ ſammenpreſſen der Haͤnde verrieth das Ge⸗ fuͤhl der Schmerzen, die in ihrem Innern wuͤtheten. Endlich gebar ſie ein Kind, das eine kurze Zeit athmete und dann ſtarb. Etwa eine Stunde ſpaͤter entdeckte man auch an der Mutter kein Lebenszeichen mehr. Vergebens rang die Rotley ſich die Haͤnde, ſeufzte und flehte zu Gott, daß er ſie auch ſterben ließe. Am dritten Tage wurde die Leiche in den Sarg gelegt, den Woltheof ſo koſtbar beſtellt hatte, als ob er fuͤr eine Herzogin ſey. Nicht, wie Woltheof ſagte, mit großem 16 Leichengepraͤnge, ſondern ganz im Stillen wurde der entſeelte Koͤrper in dem Gewoͤlbe der alten Herzoge beigeſetzt. Der Mutter ſchwebte immer noch die troͤſtende Hoffnung vor die aus dem Glauben entſprang, Gott koͤnnte ihr die einzige Tochter nicht nehmen, da er lauter Liebe und Guͤte ſey, ſie werde wieder ins Leben zuruͤckkehren, darum litt ſie auch nicht, daß der Deckel auf den Sarg gelegt wurde. Sie ſelbſt ſetzte ſich bei die Leiche und fah ſie mit unverwandten Blicken an, ob ſie nicht irgend eine Bewagung wahrnaͤhme. Oft war es ihr ſo, als ob ſich die Augenlieder ruͤhrten; aber es erfolgte keine weitere Offaung derſelben. Am dritten Morgen kam ihr Gatte, ſah ſeine Tochter, weinte bei dem Sarge und ſprach:„Nie haſt Du mich betruͤbt; Froͤmmigkeit und Unſchuld war der Schmuck b 17 Deines Lebens; ruhe in Frieden. Er nahm ſeine Gattin mit ſich, die noch⸗ mals die Leiche kuͤßte. Als ſie aus dem Gewoͤlbe waren, ſagte die Paͤchterfrau: „Anna hat mir ihte Kinder auf die Seele gebunden, ſie gehen mit uns und wir erziehen ſie, wie wir ihre Mutter erzogen. Ihr Ab⸗ blick wird mich ſchmerzen, aber auch troͤſten. Wer weiß, ob die Waiſen den Vater je wieder ſehen, der ſich gewiß freudig dem Tode opfert. Die Kinder ſolgten den Großeltern gern. Zum alten Woltheof ſagte die Rotley: „Ich uͤberliefere Euch hier den Schluͤſſel zum Grabgewoͤlbe, bewahrt ihn als ein Hei⸗ ligthum, und uͤberlaßt ihn Niemandes Haͤn⸗ den. Geht bisweilen dahin und ſeht zu, ob Gott nicht das Wunder der Wiederbelebung an ihr thut. Wollt Ihr das?“* Der Kreuzfahrer. 41I. 2 * 18 „Das verſpreche ich. Mein Wort habe ich nicht gebrochen, auch wenn ich einſah, daß es zu nichts dienen konnte. Dieſe Anna war ſo gut, ſie iſt ſelig, damit muͤßt Ihr Euch troͤſten.“ Mit Schmerz ſchieden die Eltern von Rouen und fuͤhrten die Kinder mit ſich. Clito weinte unterwegs oft, daß er keine Mutter mehr hatte und er ſehnte ſich 2 nach ihr. „Am neunten Tage, des Morgens in aller Fruͤhe war es, wo Woltheof nach dem Grabgewoͤlbe hinging, in dem gewiſſen Glauben, daß mit Annen keine Veraͤnderung vorgegangen ſey, wiewohl er ſich wunderte, daß die Geſichtszuͤge dieſelben blieben und daß er keinen Leichengeruch bemerkte. Nach demevierzehnten Tage wollte er die Beſuche 19 einſtellen, da man ſeiner ſchon ſpottete, daß er eine Todte beſuchte, die erwachen ſollte. Ohne alle Hoffnung, daß er irgend etwas wahrnehmen werde, was in der Ferne auf ihre Wiederbelebung hindeutete, ſchloß er die Thuͤr des Grabgewoͤlbes auf und ging nach dem Sarge hin. Schaudern und Schreck ergriff den alten, muthigen Mann, als er den Sarg leer fand. Sein heftiges Gefuͤhl, das ihn beſtuͤrmte, preßte ihm die Worte aus:„Waͤre ſie geſtohlen, entflohen? Un⸗ moͤglich, was iſt hier vorgegangen!“ Er war im Begriff, aus dem Gewoͤlbe zu eilen und es kundbar zu machen, daß die Leiche nicht mehr im Sarge ſey, als er leiſe ſeinen Namen nennen hoͤrte. Scheu und aͤngſtlich ſah er umher und— erblickte Annen im Leichengewande, die auf einem Kinder⸗ ſarge ſaß und ihm winkte, naͤher zu e 20 men. Er nahte ſich mit zagender Seele und zitterndem Schritte und meinte ein Ge⸗ ſpenſt zu ſehen. Daß ihm aber Anna Boͤſes anthun werde, das fuͤrchtete er nicht. Als er vor ihr ſtand und ſie anſtarrte, ſagte ſie:„Wie bin ich doch in dieſes Gewoͤlbe unter dieſe Todten gekommen. In einem feſten Schlafe lag ich vergraben, in dem ich von mir ſelbſt nicht wußte Als ich erwachte, meine Beſinnung erhielt, ſah ich mich in einem Sarge. Sicher hielt man mich fuͤr todt. Wie ging dies Alles zu, wo iſt meine Mutter?“ Woltheof erzaͤhlte, was er wußte und ſagte ihr, daß ſie neun Tage in dem Todes⸗ ſchlafe gelegen haͤtte. Die Mutter habe die Kinder mit ſich genommen und ſey mit ihrem Gatten, unausſprechlicher Schmerzen 21 voll, von Rouen geſchieden. Seitdem habe ſie zweimal Boten geſandt und ſich erkun⸗ digen laſſen, ob die Todte nicht aufgelebt ſey. Er habe ihr Untroͤſtliches zuruͤck ſagen laſſen muſſen.“. „Wißt Ihr nichts von dem Herzog ²“ „Ich ſelbſt brachte ihm die Nachricht von Euerm Tode. Ach, da haͤttet Ihr ihn ſehen ſollen, wie jammervoll er ſich ge⸗ behrdete! Sein Anblick zerriß mir das Herz, er war außer ſich, ich konnte ihn nicht mehr anſehen, noch reden hoͤren.“ „Zwar,“ ſagte Anna,„fuͤhle ich mich ſchmerzlos, abet ſo abgemattet, daß ſelbſt das Reden meine letzte Kraft erſchoͤpft hat. Waͤrt Ihr nicht gekommen, ſo glaube ich, daß ich heute eines wirklichen Todes ſtarb. 22 Wer hat Euch das geheißen, lüether zu den Todten zu gehen?“ „Eure Mutter und meine Liebe.“ „So mag Euch der Herzog dafuͤr be⸗ lohnen, ich kann Euch nur mit Worten danken.“ „Ach, ich preiſe die Guͤte des Allmaͤch⸗ tigen, die Euch neu belebte, von ihm ſeyd Ihr auserſehen, noch viele Freuden zu ge⸗ nießen und viel Gutes zu ſtiften.“ Um alles Aufſehen zu vermeiden, bat Anna den alten Woltheof, keine Sylbe von ihrem Erwachen aus dem Todesſchlafe zu ſagen. Sie forderte Staͤrkungsmittel, die er ihr eilig holte. In der Zwiſchenzeit betete ſie:„Großer, unbegreiflicher Gott, 23 welch ein Wunder der Barmherzigkeit haſt Du an mir gethan! Mein ganzes Leben ſoll nur Dir geheiligt ſeyn. Beſchuͤtze den Her⸗ zeg, erhalte mir die Kinder, nimm Dich in Gnaden meiner Eltern an. Herrlich iſt Dein Name, Herr des Todes und des Lebens!“ Woltheof kam bald wieder und brachte Speiſe und koſtbaren Trank. Anna genoß wenig davon, aber ſie fuͤhlte ſich nach dem Genuſſe geſtaͤrkter. Als ſie aufſtehen und einen Verſuch zum Gehen machen wollte, ſank ſie auf den Kinderſarg wieder nieder. „Ihr muͤßt mich fuͤhren,“ bat ſie.... Er wollte ſie aufheben, da ſagte ſie:„Ehe der Abend nicht graut, verlaſſe ich dies Ge⸗ woͤlbe nicht und morgen in aller Fruͤhe, wenn es die Kraft erlaubt, begleitet Ihr mich zu meinen Eltern. Das aber mache 24 ich Euch zur heiligſten Pflicht, daß Ihr gleich einen Boten an den Herzog nach England abſendet, damit er durch meine Wiederbelebung getroͤſtet wird. Sicher eilt er nach der Normandie.“ Woltheof ſandte den Boten ab und kam dann mit andern Kleidern zu Annen, die ſie gegen das Leichengewand vertauſchte. So vorſichtig man war, es wurde doch ver⸗ rathen, daß die geglaubte Todte ins Leben zuruͤckgekehrt ey, die meiſten Menſchen hielten es fuͤr eine Fabel. Den Schluͤſſel zum Ge⸗ woͤlbe gab Woltheof Niemanden. Ehe der Abend kam, konnte Anna ſchon auf und nieder gehen und als die Nacht eintrat, ſchlich ſie im Dunkeln, von Woltheof ge⸗ fuͤhrt, auf ihr Zimmer, in dem kein Menſch war. Sie ſchlief ruhig und feſt ein und fuͤhlte ſich ſtark genug, die Reiſe zu ihren 25 Eltern anzutreten. Von Woltheof und zwei Gewaffneten begleitet, ritt ſie langſam und in maͤnnlicher Tracht vom Schloßhofe, daß ſie Niemand erkannte. Ach, wer kann die Gefuͤhle mit Wor⸗ ten darſtellen, die ſich in Annens Herzen bewegten, als ſie ſich der Wohnung der Eltern nahte. Sie kam ſich vor, wie ein von Gott geſandter Engel, um die Trau⸗ rigen zu troͤſten und ihren Schmerz in Freude zu verwandeln. Sie dachte ſich das Entzuͤcken der Kinder, wenn ſie die Mutter wieder ſahen, die ihr hoͤchſtes Gluͤck war. Sie blieb am Eingange des Fleckens halten und ſchickte Woltheof vorauf, den Eltern ihre Wiederbelebung vorſichtig zu melden, damit der Schreck der Freude ihnen nicht ſchadete. Mit aller Klugheit richtete er den Auftrag aus. Man wollte ihm nicht glau⸗ 4 26 ben. Als er aber ſagte:„Ein Greis, wie ich bin, treibt keine jugendliche Poſſen mehr, Eure Tochter koͤmmt, wenn ich ſie rufe.“ Da faltete die Mutter die Haͤnde und ſprach: „Großes hat der Allmaͤchtige gethan, ihm ſey Ehre in Ewigkeit!“ Sie Beide wollten der Tochter entgegen eilen, faßten die Kinder bei der Hand und riefen:„Eure Mutter koͤmmt!“ Da ſagte Woltheof:„Das hat ſie ausdruͤcklich ver⸗ boten, bleibt hier.“ „Sie blieben zwar zurück, aber die Er⸗ wartung, die todt gelaubte Tochter wieder lebendig zu ſehen, war auf's Hoͤchſte ge⸗ ſpannt. „Der iſt kein Menſch,“ rief der Paͤch⸗ ter,„der nicht an die wunderbare Macht 27 eines Allguͤtigen glaubt! Er kann mehr thun, als wir wiſſen und verſtehen. Und wenn er mich in die Tiefe des Meeres ſenkt, ſo will ich doch an ſeiner Rettung nicht verzweifeln. Der Allmaͤchtige lebt noch, der den Daniel unverletzt aus der Loͤwen⸗ grube fuͤhrte. Gnaͤdig und barmherzig iſt der Herr, alle Voͤlker muͤſſer ihn preiſen!“ Die Mutter ſprach:„Gewiß rief Gott unſere Tochter darum ins Leben zuruͤck, daß wir im Alter noch viele Freude an ihr er⸗ leben ſollen. Ach, wie war doch unſer Schmerz uͤber ihren Verluſt ſo vergebens! So ploͤtzlich hat ſich unſere Traurigkeit in Freude verwandelt. Gewiß, ſie iſt ſehr mager, blaß und abgemattet. Wir wollen ſie warten und pflegen, ſie auf unſern Haͤn⸗ den tragen. Viele Kinder haͤtten uns nicht die Freude machen koͤnnen, als dieſes einzige. . 28 Wie wird der Horzog von der Inſel zu uns eilen, wenn er das wunderbare Ereig⸗ niß erfaͤhrt! Wie wird er der Guͤte des Himmels danken, die ihm die geliebte Gattin erhielt!“ Beide Eltern ſtanden erwartungsvoll in der Thuͤr.„Ach, da koͤmmt ſie, da koͤmmt ſie, die aus dem Sarge ins Leben kam!“ Die Mutter konnte nicht in der Thuͤr ſtehen bleiben, ſie eilte der Tochter mehrere Schritte entgegen, ſie ergriff ihre Hand und weinte vor Freude und Wehmuth. Anna hatte eine ſo todtenblaſſe Farbe, als ob ſie aus dem Grabe auferſtanden waͤre. „Ich muß meine Freude beherrſchen,“ ſagte ſie,„damit ſie den ſchwachen Funken meines Lebens nicht ausloͤſcht. Hebt mich 29 vom Roſſe, legt mich auf ein Lager, ich be⸗ darf nichts ſo ſehr, als der Ruhe. Die Kinder entfernt aus meinen Augen, daß ihr Anblick mich nicht ſo tief ruͤhrt. Ich bin Euch wieder gegeben, und wollte Gott, zu unſerer Freude!“ Anna wurde in ein Gemach gefuͤhrt und legte ſich auf ihr Lager nieder. Alle mußten ſich entfernen, nur die Mutter blieb bei ihr und reichte ihr einige Staͤrkungs⸗ mittel. Sie ſprach wenig. Nach einer halben Stunde ſank ſie in einen feſten Schlaf und die Schweißtropfen perlten ihr von der Stirn. Wohlthaͤtig war dieſer Schlummer; aber die Mutter war hoͤchſt be⸗ ſorgt, daß Anna nicht wieder erwachen wer⸗ de. Sie weckte ſie nach zwei Stunden auf und die Tochter bat:„Laßt mich ruhig ſchlafen, ich kann nicht wachen.“ Sie ſchlief 30 wieder ein und erwachte um Mitternacht. „Nun fuͤhle ich mich geſtaͤrkter,“ ſagte ſie, „bringt mir meine Kinder, daß ich ſie um⸗ arme, und ruft den Vater.“ „Liebe Tochter, es iſt Mitternacht, die Kinder liegen im tiefen Schlafe, warte, bis ſie am Morgen erwachen. Den Vater will ich rufen, er ſitzt bei dem alten Woltheof, der ihm die Geſchichte Deiner Wiederbelebung zehnmal erzaͤhlen muß.“ Der Vater kam, Anna druͤckte ihm die Hand und ſagte:„Gewiß, Eure Freude iſt groß, daß ich nicht geſtorben bin. Ich ſelbſt muß uͤber das Wunder ſtaunen, das der Herr an mir gethan hat. Wenn Robert nur erſt hier iſt, dann werde ich deſto fruͤher geneſen. Er wird es nicht glauben, daß die 31 Verwandlung vom Tode zum Leben mit mir vorgegangen iſt.“ „Ach,“ ſagte der Vater,„ſein Kommen iſt ungewiß. Hoffe nicht, daß er f bald erſcheint.“ „Wie wird er ſich aͤngſtigen! Er weiß nur, daß ich todt bin und Woltheof hat ihm einen Boten zugeſchickt, daß ich wieder lebe.“ „Wenn das iſt, dann zoͤgert er in Eng⸗ land nicht.“ Mit Annens Geneſung ging es ſo ſchnell nicht, als man es dachte. Sie fiel in eine ſchwere Krankheit, wo man fuͤr ihr Leben Alles fuͤrchten mußte. Der Arzt zweifelte ſelbſt an ihrer Geneſung und ſagte:„Mit der Reiſe von Rouen hat ſie ſich am mei⸗ 32 ſten geſchadet. Ihr Gemuͤth iſt auch viel zu unruhig und laͤßt den Koͤrper zu keiner Kraft kommen. Wo die Seele ſo leidet, da iſt die Huͤlfe des beſten Arztes nur eine ſchwache. Es iſt ein Wunder Gottes, wenn ſie mit dem Leben davon koͤmmt.“ Der Schmerz, die Angſt der Eltern war ſehr groß. Es traten Perioden ein, wo ſie phantaſirte und in dieſem Zuſtande ſprach ſie einzig vom Herzoge, als ob er zugegen waͤre. Wenn ſie bei Beſinnung war, fragte ſie immer, ob der Herzog nicht ſelbſt oder ein Bote von ihm angekommen waͤre. Man ſuchte ſie eine Weile damit zu beruhigen, daß man ſagte: gewiß ſey es ihm unmoͤglich, jetzt ſchon England zu verlaſſen. Der Bote war allerdings angekommen, aber die Nachricht, die er uͤberbrachte, daß der Herzog, voll Berzweiflung uͤber den Tod ſeiner Gattin, 9 — 33 nach Palaͤſtina mit mehrern Rittern gezogen ſey, durfte man ihr nicht mittheilen, wenn man ſie nicht toͤdten wollte. Die Krankheit ging voruͤber und Anna nahte ſich immer mehr ihrer Geneſung. Ihre ſchmerzlichſte Sorge war immer die, daß Robert nicht nach der Normandie kam und daß mehrere Boten, die ſie nach Eng⸗ land ſchickten, mit dem Beſcheid zuruͤck kamen, der Herzog werde kommen, wenn die Hin⸗ derniſſe ſeiner Abreiſe gehoben waͤren. Anna hatte es von ihren Eltern er⸗ fahren, daß der Graf von Norfolck mit ſei⸗ ner Gattin ihr Schloß wieder bewohnten, dieſe Freundin wollte ſie beſuchen, weil ſie hoffte, von dem Graf Beſcheid zu erhalten⸗ welche Feſſeln dem Herzoge angelegt waͤren, daß er nicht nach der Normandie kam. Der Kreuzfahrer. III. 3 34 Die Eltern hatten nichts gegen die Reiſe und glaubten, daß es Anna bei dem Graf erfahren werde, wie ſie auf den Herzog nicht hoffen koͤnne. Sie ſelber wagten es nicht zu ſagen, daß ihn der Gram uͤber ihren Tod zu einem Kreuzzuge gegen die Unglaͤubigen bewog. Allein aber ließ ſie die Mutter nicht reiſen, ſie begleitete ſie. Daß aber die Graͤfin von Norfolck ihren Vorſatz nicht ausfuͤhrte, die Eltern Annens zu beſuchen, um ihre Kinder zu ſehen, daran war ein großes Ungluͤck Schuld, was ihrem Gatten begegnete und ihm faſt das Leben koſtete. Um ſich mit ſeinen Nachbaren immer mehr zu befreunden, hatte er eine glaͤnzende Jagd angeſtellt. Es ſtieß ein Fuchs auf, als die Hetze faſt zu Ende war. Er jagte ihm nach und hatte ihn noch nicht voͤllig erreicht, als das Roß uͤber 35 eine Baumwurzel im geſtreckten Galopp nie⸗ derſtuͤrzte und auf der Stelle todt blieb. Der Graf fiel auf den Kopf und be⸗ ſinnungslos wurde er nach dem Schloſſe ge⸗ tragen. Nach mehrern Wochen war zwar die Lebensgefahr voruͤber, aber er litt perio⸗ denweiſe immer noch an dem heftigſten Kopf⸗ ſchmerz. Die Graͤfin hatte durch die Be⸗ ſorgniß um ein theures Leben ſehr gelitten, deſto groͤßer war jetzt die Freude, daß der Graf ſich beſſer fuͤhlte. In der ganzen Zeit war ihre Seele mit dem eigenen Leide ſo beſchaͤftigt, daß ſie weder an Annens Tod noch an ihre Kinder dachte. Haͤtte ſie nur nach Rouen geſchickt, um ſich genauer nach der Frau erkundigen zu laſſen, die wie⸗ der aufgelebt ſey, ſo wuͤrde ſie das Wahre erfahren haben; aber das bedachte ſie mit keinem Gedanken.— In Annens Gefolge war auch der alte Woltheof, der nicht von 36 ihrer Seite wich und es betheuerte, daß er ihr und dem Herzog dienen wolle, ſo lange er lebe, nie aber dem Koͤnige von England oder dem Prinzen Heinrich, die es mit dem Herzoge nicht bruͤderlich meinten. Um der Graͤfin keinen Schreck einzujagen, die es vielleicht nicht erfahren hatte, daß ſie aus dem Sarge auferſtand, ſchickte Anna den alten Woltheof voraus, um ſie auf ihren Beſuch vorzubereiten. Sie ſagte ausdruͤck⸗ lich, daß ſie ſich nicht eher dem Schloſſe nahen werde, bis er ſelber kaͤme und ſie rufe. Woltheof war dem Graf und der Graͤ⸗ fin ſehr wohl bekannt. Sie machten ihm ein freundliches Geficht und hießen ihn willkommen. Er wurde in den großen Saal gefuͤhrt, wo ihm ſogleich Speiſe und Trank vorgeſetzt wurde. 37 „Alter,“ ſagte der Graf,„wir Beide haben an dem Herzog den beſten Freund verloren. Ihr ſollt ſehen, er koͤmmt nicht wieder.“ „Nun,“ entgegnete der Alte,„man kann das doch ſo eigentlich nicht wiſſen, denn ich kann Euch den Glauben in die Haͤnde geben, daß bei Gott kein Ding unmoͤg⸗ lich iſt.“ „Wie gut iſt es doch,“ ſprach die Graͤfin,„daß Anna geſtorben iſt, wie wuͤrde ſie ſich gequaͤlt haben, daß Hersos Robert nach Palaͤſtina zog.“ „Graͤfin, wenn er ihren Tod nicht er⸗ fuhr, ſo waͤre er nach dem heiligen Lande nicht gezogen, wo die Saracenen unter unſern Mitchriſten wuͤthen, er ſucht den 7 38 Tod, er wird ihn finden, er will und mag ohne ſeine Anna nicht leben. Ja, waͤre ich noch jung und ruͤſtig und koͤnnte ich die weite Reiſe aushalten, ich braͤchte ihm eine Nachricht, die ihn zur Ruͤckkehr bewegte und ob er Koͤnigreiche erobern koͤnnte.“ „Und,“ fragte die Graͤfin mit brennen⸗ der Neugierde,„welche waͤre das?“ Woltheof bat um die Erlaubniß, ſich niederſetzen zu duͤrfen und fuhr dann alſo fort:„Habt Ihr denn nicht von einer Frau gehoͤrt, die in Rouen ſtarb und am neunten Tage wieder auflebte?“ „So haben wir gehoͤrt,“ ſagte die Graͤ⸗ ſin,„ich ließ den Arzt holen und befragte ihn, ob das moͤglich waͤre. Er gab mir, wie die Ärzte pflegen, eine Antwort, die 39 zugleich bejahte und verneinte. Aber, in aller Welt, Woltheof, wie kommt Ihr denn auf einmal auf dieſe Frau, und was geht ſie uns an. Wunders halber moͤchte ich es wohl wiſſen, ob ſie am neunten Tage vom Scheintode wieder erwacht iſt.“ 1 „Ja, ja, das iſt ſie. Ich kann es be⸗ zeugen, denn ich ſah es zuerſt.“ „Wie denn ſo?“ „Je nun, als ich in das herzogliche Gewoͤlbe kam, da ſaß die todt geglaubte Frau auf einem Kinderſarge.“ „Im herzoglichen Gewoͤlbe, im Ge⸗ woͤlbe?“ fragte die Graͤfin ſinnig und nach⸗ denkend.„Die Frau iſt doch nicht Anna?“ „Ihr habt es errathen.“ 40 „Alter, Ihr werdet doch nicht faſeln,“ ſagte der Graf, indeß die Graͤfin die Ge⸗ fuͤhle der Freude und des Entzuͤckens laut⸗ werden ließ. Mit Ungeſtuͤm ſagte ſie zu dem Gatten:„Nein, keine Stunde warte ich laͤnger, ich muß ſie ſehen, laß mich reiſen. „Ihr braucht nicht zu reiſen,“ erwiederte Woltheof,„und wenn Ihr es mir verſprecht, daß Ihr im Gemache bleiben wollt, bis ſie mit ihrer Mutter und ihren Kindern kömmt, ſo will ich ſie holen. Eins aber thue ich Euch kund, ſie iſt traurig, da ſie es nicht weiß, daß der Herzog ein Kreuzfahrer ge⸗ worden iſt, daß er aus England nicht nach der Normandie koͤmmt. Troſt ſucht ſie bei Euch. Ihr muͤßt ihr das traurige Geheim⸗ niß offenbaren, darum laſſen Euch die El⸗ tern bitten.“ „Geht nur, Woltheof.“ V † 41 „Soll denn auf Erden keine Freude ohne bittern Wermuth genoſſen werden,“ ſeufzte die Graͤfin.„Ewige Vorſehung, wer kann Deine Wege deuten! Sie muß aus dem Sarge ins Leben treten und findet ihn den alten Gefahren preis gegeben, der ihr auf Erden das hoͤchſte Gut iſt.“. „Die Aufgabe, welche Annens Eltern Dir machten,“ ſagte der Graf,„wie wirſt Du ſie loͤſen, ohne das zarte, lcwache Leben zu Merlütenes Es woheein hoͤchſt ruͤhrender Anblick, als die beiden Freundinnen ſich umarmten. Anna mußte, als die heftig aufgeregten Ge⸗ fuhle ruhiger geworden waren, erzaͤhlen, was ſie von ihrem todtenaͤhnlichen Zuſtande wußte. Die Mutter ſchilderte den Schmerz uͤber den Verluſt der Tochter und die Freude, als ſie vor ihr wieder lebend er⸗ 42 ſchien. Die Graͤfin bemerkte es leicht, daß in Annens Geſichtszuͤgen eine große Veraͤn⸗ derung vorgegangen war. Es lag in ihrer Miene Geiſtiges, Wehmuͤthiges, in ihrem Auge Verklaͤrtes, Truͤbes, in ihrer Stimme Weiches, Melodiſches und in ihrem ganzen Weſen ein ſtiller Ernſt. * „Ja,“ ſagte ſie,„wenn mein kuͤnftiges Leben, was mir hienieden zugetheilt iſt, ein gluͤckliches ſeyn ſoll, ſo muß ihm Robert nicht fehlen. Den Todesſchlaf hatte ich ge⸗ wonnen, ohne den Herzog waͤre mein Er⸗ wachen ein ſchreckliches fuͤr mich. Haͤtte mich der Himmel zur haͤrteſten Pruͤfung ins Leben zuruͤckgerufen, die ich nicht beſtehen werde?“ . 3„Ach, meine Anna,“ ſagte die Graͤſin,„ich ſah meinen Gatten auf dem Sterbelager, die 43 Hoffnung, daß er geneſen werde, war ver⸗ ſchwunden. Was mein Herz empfand, es iſt ſo groß und ſchwer, daß ich es nicht beſchreiben kann, und dennoch hat der hoͤchſte Schmerz, die qualvollſte Angſt mich nicht getoͤdtet. Von Stahl und Eiſen ſcheint unſere Natur zu ſeyn, daß ſie die Macht aller Martern im Gemuͤthe nicht zerbrechen kann, und wunder⸗ bar und ungeglaubt iſt die uns verliehene Kraft, die ſtechendſten Leiden zu ertragen.“ „Ach,“ ſeufzte Anna,„drei Boten kamen von England zupuͤck, die ich dahin ſandte, und keiner brachte mir beruhigende Nach⸗ richten zuruͤck. An der Fortdauer der Liebe des Herzogs kann ich nicht zweifeln, keine Macht, alle überredungen, ſelbſt die Drohun⸗ gen des Koͤnigs vermoͤgen es nicht, ſie aus ſeiner Seele zu verbannen. Um mich zu retten, giebt er mehr als ſein Herzogthum, 44 ſich ſelber hin. Iſt er gegen die Welſchen auf dem Schlachtfelde geblieben? Feſſelt ihn eine Krankheit ans Lager? Ich weiß es nicht. Vielleicht will man mich taͤuſchen und durch eine erſchuͤtternde Wahrheit, die ich endlich doch erfahren muß, jetzt noch nicht niederſchlagen. Man bedenkt aber nicht, daß Zweifel, Furcht und Angſt das Leben langſamer nur verzehrt, indeß es eine ſchauderhafte Gewißheit ploͤtzlich zu Boden wirft. Die Liebe hat mich hierher gezogen, aber auch der Glaube und Wunſch, vielleicht naͤhere Auskunft uͤber den Herzog t von Euch zu vernehmen.“ „Nun,“ ſagte der Graf,„wenn Ihr ſie haben wollt, ſo will ich ſie Euch geben, ſie iſt nicht erfreulich, wie Ihr ſie wuͤnſcht, doch auch nicht ſo ſchrecklich, wie Ihr ſ. Euch denkt. 45 Alle waren in der groͤßten, angſtvollſten Erwartung, wie ſeine Erzaͤhlung fuͤr Annen enden werde. Sie ſelbſt ſagte mit Heftig⸗ keit:„Redet, redet; aber laßt mich die Wahrheit erfahren!— Der Graf begann alſo:„Der Herzog war bei dem Koͤnige, als ihm Woltheof die Schreckensbotſchaft uͤberbrachte, daß Ihr in Kindesnoͤthen ge⸗ ſtorben waͤret. Fuͤrchterlich wirkte dieſe Nachricht auf das ganze Weſen des Herzogs, er war wie an allen Sinnen gelaͤhmt. Der Mann, welcher die haͤrteſten Schlaͤge des Schickſals, die Andere zu Boden warfen, mit wunderſamer Ruhe und Ergebung er⸗ trug, gerieth uͤber Euern Tod in Verzweif⸗ lung, Wahnſinn moͤchte ich es nennen. Er klagte Gott und Vorſehung an. Als der heftigſte Sturm voruͤber war, da ſagte er zum Koͤnig:„Wenn ich mich meinen Kindern, aus Liebe zu meiner Gattin, erhalten will, 2 46 ſo darf ich hier nicht bleiben, in ein Meer von Zerſtreuungen muß ich mich ſtuͤrzen“ Er verpfaͤndete ſein Herzogthum fuͤr 10,000 Mark Silbers und ſetzte 2000 ſeinen Kin⸗ dern aus. Unter einem angenommenen 8 Namen will er die Laͤnder Europa's durch⸗ reiſen und hat verſprochen, wenn ſein Geiſt nicht mehr zerruͤttet iſt, nach einem Jahre zuruͤckzukehren, um ſeinen Kindern ein Vater zu ſeyn und in der Einſamkeit mit ihnen zu leben.“ In der Erzaͤhlung des Grafen war allerdings, beſonders, was die Reiſe des Herzogs betraf, Erdichtetes und Unwahres, aber Klugheit und Schonung verbot es ihm, mit der reinen Wahrheit hervorzutreten, welche Anna zu einer Zeit erfahren ſollte, wenn ſie ſie ertragen konnte, jetzt wuͤrde dieſelbe vielleicht einen toͤdtlichen Eindruck 47 auf ſie gemacht haben. Sie aͤußerte es in den ſchmerzlichſten Ausdruͤcken, wie ſchrecklich es fuͤr ſie ſey, Roberten auf der Reiſe mit dem Kummer im Herzen uͤber ihren Tod zu wiſſen, wo ihm, wer weiß welche Gefahren zuſtoßen koͤnnten. Er koͤnne ſogar in der Fremde ſterben. Sie traue ſich kaum die Kraft zu, ein volles Jahr ohne ſeine Naͤhe, ohne zu wiſſen, wie es ihm ergehe, zu ertragen. „Anna,“ ſprach die Graͤfin,„das ſeyd Ihr dem Herzoge und den Kindern ſchul⸗ dig... Haͤtte ſie aber erfahren, daß er nach Jeruſalem in Schlachten mit den Unglaͤu⸗ bigen gezogen ſey, ſie waͤre in ihrem Kum⸗ mer und Gram vergangen. Alle dankten dem Graf im Herzen, daß er ſeine Er⸗ 48 zaͤhlung ſo kluͤglich und ſchonend eingerichtet, daß Anna noch durch die Hoffnung auf⸗ recht erhalten wurde, Roberten wieder zu ſehen. Als die Rotley abreiſen wollte, gab es die Graͤfin nicht zu, daß Anna ſie zugleich verlaſſen durfte. Sie mußte es ihr ver⸗ ſprechen, einige Monate auf dem Schloſſe zu bleiben und hier ihre volle Geneſung ab⸗ zuwarten. In der Zeit wollte ſie mit ihr auch zu den Eltern reiſen, um dieſe zu be⸗ ſuchen. Die Mutter rieth ſelbſt, daß ihre Tochter bei der Norfolck blieb. Hier bluͤhte ſie wieder zur Schoͤnheit auf, obgleich gehei⸗ mer Gram an ihrem Herzen nagte. Am meiſten beſchaͤftigte ſich der Graf mit Clito und nahm ihn und ſeinen Sohn Heinrich mit ſich, wenn er auf die Jagd 49 ritt, oder die Nachbaren beſuchte. Er zeigte ungemeine Verſtandesgaben, den redlichſten Sinn, ein Herz ohne Falſch, einen Muth, der keine Gefahr ſcheute. Stark und kraͤf⸗ tig, wie ſein Vater, war er nach ſeinem Koͤrper, die Schoͤnheit des Geſichts hatte er von ſeiner Mutter geerbt. Spaͤter trat er maͤchtig auf. Er war der Liebling des Grafen, den er ſeinem Sohne zum Muſter ſtellte. Heitere und truͤbe Stunden verleb⸗ ten die Freundinnen mit einander und Anna empfand und ſagte: daß ſie ſich, ohne die Theilnahne der Graͤfin hoͤchſt ungluͤcklich fuͤhlen wuͤrde. Sie verlaͤngerte auch, aus eigener Bewegung ihren Aufenthalt auf dem Schloſſe, ein ſicherer Beweis, da ſie eine zaͤrtlich liebende Tochter war, wie wohl ſie ſich hier fuͤhlte. Zu ihrer Aufheiterung und Beruhigung that die Graͤfin auch Alles, die es dem Herzog nie vergaß, daß er ſie einſt Der Kreuzfahrer. III. 4 50 gegen die verbrecheriſche Gewalt der Bar⸗ baren mit ſeinem Leben beſchirmte, und durch die Liebe gegen ſeine Gattin dachte ſie einen Theil der Schuld an ihn abzu⸗ tragen. Die Normandie wurde von neuen Un⸗ ruhen heimgeſucht. Der Koͤnig von Eng⸗ land wollte die Grafſchaft Maine mit der Normandie vereinigen, er hatte dazu ein entferntes Recht und mehr noch die Gewalt. Der zeitige Beſitzer, Graf Elie de la Fleſche, verweigerte es ſtandhaft, dem Koͤnige den Huldigungseid zu leiſten. Der engliſche Hof glaubte ſehr viel zu thun, wenn er ſich in Unterhandlungen mit dem Grafen einließ und ihm eine beliebige Summe bot, wenn 51 er ſeine Grafſchaft abtreten wuͤrde. Elie de la Fleſche erwiederte: ſeine Grafſchaft waͤre ihm nicht verkaͤuflich, auch habe er ſie Niemanden feil geboten. Noͤchte ſie ihm zehnfach bezahlt werden, ſo gaͤbe er ſie doch nicht hin. Mit keinem Rechtsgrunde koͤnne ihm ſein Beſitzthum entriſſen werden, man werde es ihm doch nicht mit Raͤubermanier nehmen wollen? Auch in dieſem Falle werde er ſich bis auf den letzten Blutstropfen wehren. Dieſe dreiſte, beſtimmte Antwort hatte den Erfolg, daß ſie den Koͤnig gegen den Graf um ſo mehr aufbrachte, daß er nicht nur Anſtalken zur Eroberung der Grafſchaft treffen ließ, ſondern der Perſon des Grafen ſelbſt eine empfindliche Zuͤchtigung zugedacht hatte. Der Koͤnig ließ ihm ſagen: er werde den kleinen Graf mit Speer und Schwert 52 angreifen und ihn uͤber den Haufen werfen, fuͤr ſeine Schmaͤhungen behalte er ſich ſeine beſondere Beſtrafung noch bevor. Als ſchon ein engliſcher Heerhaufen in die Normandie eingeruͤckt war, ließ de la Fleſche dem Koͤnige zu wiſſen thun: er ſey ein Kreuzfahrer, er ſtehe, als ein ſolcher, unter dem Schutze der Kirche und kein V König duͤrfe ſeine Grafſchaft, bei der Strafe des ſchwerſten Kirchenbanns anfallen. Der Koͤnig erwiederte: ſeiner Perſon gelobe er volle Sicherheit, aber gegen ſeine Schloͤſſer wolle er Krieg fuͤhren und ſie erobern. Ohne weitere Verhandlungen ruͤckten die Koͤniglichen in die Grafſchaft ein, Alles er⸗ gab ſich ihren Waffen und der Graf, der ſeinen Feinden entfliehen wollte, fiel in ihre Gewalt und wurde ein Gefangener. Unter 53 harten Bedingungen erhielt er ſeine Freiheit wieder. Nun ſuchte er Rache an dem Koͤ⸗ nige zu nehmen. Er ſammelte einen Hau⸗ fen Mißvergnuͤgter, ſchlug die engliſchen Truppen und eroberte einige Hauptplaͤtze von Maine wieder, aus denen er ſich nicht vertreiben ließ. Von der Zeit an, als Robert ſeine Kreuzfahrt unternommen hatte, wich der Prinz Heinrich nicht aus England. So viel es geſchehen konnte, war er um die Perſon des Koͤnigs und ſuchte auf alle Weiſe ſeine Gunſt zu erſchleichen. Nicht umſonſt ver⸗ ſchwendete er ſeine Schmeichelei, im Hinter⸗ grunde lag die Abſicht, daß Wilhelm ihn zum Koͤnig und Herzog nach ſeinem Tode beſtimmen ſollte. Er fuͤrchtete die Ruͤckkehr Roberts nicht, und kam er auch wieder, ſo konnte er in ſeiner Ohnmacht doch nichts 54 ausrichten. Bei einer Gelegenheit, wo der Koͤnig heiter geſtimmt war und ſich insbe⸗ ſondere liebevoll gegen Heinrich bewies, trat dieſer in einer beſtimmten Erklaͤrung mit ſeinem Wunſche und ſeiner Bitte hervor. Der Koͤnig laͤchelte, ſah ihn mit unverwand⸗ tem Blick an und ſagte:„Bruder, ich denke gegen Robert ſo zu handeln, daß ich die Haͤrte, die er von unſerm Vater er⸗ fuhr, aus ſeinem Gedaͤchniſſe verloͤſche. Weder mir noch Dir gehoͤrt die Krone, ich erlangte ſie nur durch partheiiſche Be⸗ guͤnſtigung, Robert hat die erſten Anſpruͤche darauf. Wenn ich ihn zu meinem Nach⸗ folger erwaͤhle, ſo mußt Du eben darin den Beweis meiner Gerechtigkeitsliebe finden. Du ſollteſt mich zu keiner Ungerechtigkeit verleiten wollen. Meinſt Du, daß Du wuͤrdiger biſt, Englands Krone zu tragen, als Robert? Vergleiche ſein thatenvolles 55 Leben mit dem Deinen. Sobald denke ich auch noch nicht zu ſterben. Wie viel bin ich denn aͤlter als Du? Sollte Roberts Tod erwieſen ſeyn, ſo bleibt es mir uͤberlaſſen, welchen ich zu meinem Nachfolger waͤhlen will. Damit laß Dich beſcheiden.“ Heinrich fuͤhlte ſich beleidigt, ſein Plan war mißlungen, der Koͤnig hatte ihm eine harte Antwort gegeben, es brauſete in ihm vor Zorn auf; aber er mußte ſeinen hef⸗ tigen Unwillen unterdruͤcken und die Ant⸗ wort, die er dem Koͤnige geben wollte, zu⸗ ruͤckhalten. Zu ſeinem Feinde durfte er ihn nicht machen, oder ihn wider ſich auf⸗ bringen. Eigentlich fuͤhrte der Prinz ein tha⸗ tenloſes Leben. Seine Gegenwart in Eng⸗ land, wo er nun ſeinen feſten Wohnſitz 56 nahm, zeigte ſich durch keine Art des Ruͤhm⸗ lichen aus. Er ſuchte ſich Freunde zu ma⸗ chen, ſich den Englaͤndern gefaͤllig zu machen, ohne das Mißtrauen des Koͤnigs zu erregen, als ob er Vorbereitungen treffe, ſich der Krone mit Gewalt zu bemaͤchtigen. Seine Tage fuͤllte er mit Vergnuͤgungen aus und in den muͤßigen Stunden beſchaͤftigte er ſich auch mit dem Studium der Wiſſenſchaften. Sorgfaͤltig forſchte er nach ſeinem Bruder Robert und wuͤnſchte nichts ſehnlicher, als eine gewiſſe Nachricht, die ihm den Tod deſſelben meldete. Ihn hielt er fuͤr das Haupthinderniß auf dem Wege, zum Throne zu gelangen. Das Andenken an den Her⸗ zog war noch nicht erloſchen, er hatte noch maͤchtige Freunde, die ſich gewiß nie uͤber⸗ reden ließen, als Gegner gegen ihn aufzu⸗ treten. Man ruͤhmte ſeine Tapferkeit, ſeinen Edelmuth, ſein Feldherrntalent und noch 57 wurden ſeine Thaten in Liedern oͤffentlich beſungen. Wie konnte dieſer Mitbewerber um den Thron fuͤr Heinrichen unſchaͤdlich gemacht werden? Das war die große Frage, die er vergebens zu loͤſen ſuchte. Es iſt nun Zeit, daß wir des Herzogs gedenken, der nach einer gluͤcklichen Fahrt vor Nicaͤa ankam, welches von Gottfried von Bouillon belagert wurde. Der Schmerz, den er im Herzen uͤber den Verluſt ſeiner geliebten Anna fuͤhlte, war grenzenlos. Durch das ermuͤdende Einerlei auf dem Meere wurde ſein Gram noch vergroͤßert. Es that ſich ihm kein Quell auf, aus dem er Troſt ſchoͤpfen konnte. Verſtimmter wurde ſeine Seele noch, wenn er uͤber die Unge⸗ rechtigkeiten nachdachte, die er von ſeiner fruͤhen Jugend an erlitten hatte. Annens Liebe war die einzige Freude, die ihm das 58 harte Schickſal und mit ihr Alles, was ihn Hoheit und Macht, Thron und Krone ver⸗ achten ließ, aber auch die wurde ihm durch den Tod geraubt. Er ſing an zu zweifeln, ſo fromm und glaͤubig ſeine Seele auch war, ob ein weiſes und gerechtes Weſen die Schickſale der Menſchen regiere, oder ob ſie nicht vielmehr dem Ohngefaͤhr und dem blinden Zufall preis gegeben waͤren. Er hatte den feſten Entſchluß gefaßt, mit kuͤh⸗ nem, unverzagtem Muthe ſich in die groͤßten Gefahren zu wagen, um ſein Daſeyn bald zu enden und mit der wieder vereinigt zu werden, nach der er ſich ſehnte, von der ge⸗ ſchieden er nicht laͤnger leben wollte. Als er mit ſeinem Gefolge ans Land geſtiegen war und erfuhr, daß die Haupt⸗ armee mit dem Befehl des frommen, tapfern Herzogs von Bouillon in der Gegend von 59 Nicaͤg ſtand, eilte er mit ſeinem Gefolge dahin und ließ dem Glaubenshelden ſeine Ankunft melden. Gottfried war mit ſeinen Kriegsoberſten im Feldherrnzelte verſammelt und berathſchlagte uͤber die Einnahme der Stadt, die mit Sturm genommen werden ſollte. Robert erhielt, zu ſeinem Verdruß, den Beſcheid, daß er noch warten muͤſſe, bis der Kriegsrath geendigt ſey. Die Heer⸗ haufen, der Waffenlaͤrm, das Getoͤſe, das Kommen und Gehen, die abwechſelnden Auf⸗ tritte, die in den Feldlagern vorgehen, der frohe Muth der Krieger, der aus ihrem Weſen ſprach, dies Alles war ein Balſam, der auf die ſchmerzliche Wunde des Herzogs gegoſſen wurde. Dieſe Außenwelt, wo Alles in der groͤßten Thaͤtigkeit und Beſchaͤftigung war, wo ihn Alle von Hoffnung und Er⸗ wartung zu gluͤhen ſchienen, wo Alle fuͤr einen Zweck arbeiteten, die ihr Vaterland, 60 Weib, Kind, Verwandte verließen, ſich einer heiligen Sache zu weihen, wirkte auf ſein Inneres, ließ ihn ſeinen Gram vergeſſen und ſtimmte ihn ruhiger. Es erinnerte ihn lebendig an ſein fruͤheres Leben und er ſchwor ſich es, ſo lange noch eine Kraft in ihm ſey, durch große, ruhmvolle Thaten ſich auszuzeichnen, da er uͤberdies den Tod nicht fuͤrchtete, ſondern ihn wuͤnſchte. Als die Kriegsoberſten endlich aus dem Zelte Gottfrieds kamen, nahte ſich ihm ein MNann, der ſich nicht durch ſeine Kleidung, wohl aber durch einen durchdringenden, ſcharfen Blick, durch denkenden Ernſt, eine empfehlende Miene, durch einen ſtarken Koͤr⸗ perbau und eine edle Haltung, wie ſie die Natur großen Seelen oft mitgetheilt hat, auszeichnete.„Herzog Robert von der Nor⸗ mandie,“ ſagte der ihm unbekannte Krieger, — 61 in dem er einen von den Helden zu erken⸗ nen glaubte, der ihn zum oberſten Befehls⸗ haber ins Zelt fuͤhren wollte,„Ihr ſeyd ein wackerer Kaͤmpfer und kennt des Krieges Gebrauch, Ihr werdet es alſo auch leicht verzeihen, daß ich Euch warten ließ. Be⸗ rathſchlagungen von ſo großer Wichtigkeit, von denen das Leben oder der Tod vieler Tauſende, der Sieg oder die Niederlage, Ruhm oder Unehre abhaͤngt, duͤrfen nicht unterbrochen werden. Nun kommt, wir koͤnnen allein ſprechen.“ „Seyd Ihr der hochverehrte Held der Chriſtenheit?“ fragte Robert,„dem von Gotk das Schwert gegen die Unglaͤubigen in die Haͤnde gegeben iſt, der Jeſusreligion Licht und Raum zu gewinnen, die Ehre des Gekreuzigten zu retten und ſeinen Feinden den Boden zu entreißen, wo der heilige Fuß des Erloͤſers wandelte?“ 6² Demuͤthig und beſcheiden ſagte der Mann:„Ich bin weiter nichts, als Gott⸗ fried von Bouillon, ein Werkzeug des All⸗ maͤchtigen, ausgeruͤſtet mit ſeiner Kraft, Gutes zu wirken, ſo lange es ihm gefaͤllt.“ Robert verneigte ſich tief und voll Ehrfurcht vor ihm. „Nicht vor mir,“ ſagte er,„ſollt Ihr Euer Haupt ſo tief neigen, ſondern vor dem, der den Waffen den Sieg verleiht, von dem die Starke kömmt und der unüberwindliche Muth. Ich bin ein Menſch, wie Ihr, ſchwach und ſterblich, vor der Welt ſind wir im Range gleich. Fruͤher, als ich, habt Ihr große, ehrenvolle Thaten gethan, ſie ſind mir nicht unbekannt geblieben und glaubt mir, ich rede ohne Schmeichelei, daß ich Euch ſehr hoch achte.“ 63 „Was ich that, achte ich fuͤr gering, es war meine Pflicht und iſt von meinem Va⸗ ter und Bruder ſehr ſchlecht erkannt.“ „Herzog, wer um Dank und Anſehen arbeitet, der hat ſeinen Lohn dahin, genug, wenn Ihr wißt, daß Ihr Eure Schuldigkeit thatet und der es weiß, her ins Verborgene ſieht, und uns dort, wonn hier das Leben fuͤr eine edle That aufgeopfert wird, Ewig⸗ keiten hindurch lohnt. Der Goͤttliche, für deſſen Ehre wir hier ſtreiten, hatte fuͤr alle Arbeit nicht ſo viel, wohin er ſein Haupt legte und er predigte:„Laßt uns Gutes. thun ohne Aufhoͤren, denn zu ſeiner Zeit werden wir ernten, ohne Aufhoͤren.“ Nicht urdiſche, wohl aber himmliſche Kronen ſind hier zu gewinnen. Eitelkeit und Ruhmſucht, die nur das Schwert aus Eigennutz und Ehrbegierde fuͤhrten, muͤßt Ihr in der Nor⸗ 64 mandie zuruͤck gelaſſen haben. Nur ein Kreuz kann ich Euch anbieten und Euch des Erloͤſers Vorbild vor Augen ſtellen, der in die Welt kam, nicht ſich, ſondern Andern zu dienen. Ihr muͤßt mir dieſe Rede nicht ubel nehmen, ſie koͤmmt vom treuen, aufrich⸗ tigen Herzen und iſt wohl gemeint.“ Robert ſchwieg und fuͤhlte es, welch ein erhabener und verklaͤrter Sinn in der Rede des Herzogs lag; aber er fuͤhlte es auch, daß er den Verweis nicht verdiente und ſagte:„Als ich dem mir abgeneigten Vater das Leben das erſte Mal rettete, das zweitemal ſchenkte, da habe ich den Lohn, der mir nicht gereicht wurde nicht gefordert, auch nicht empfangen. Ich haͤtte das von mir nicht geſagt, wenn ich mich gegen Euch nicht rechtfertigen wollte.“ „Keine Rechfertigung, Herzog, Ihr 65 bedurft ihrer nicht und ich fordere ſie nicht, Gelegenheit werdet Ihr hier finden, ſo viel Ihr wuͤnſcht, zu zeigen, wer Ihr ſeyd und auf der Laufbahn ruhmvoll fortzuſchreiten, die Ihr betreten habt.“ Gottfried bot ihm eine Stelle bei einer Heeresabtheilung, als Unterbefehlshaber mit der Erklaͤrung an:„Nach Euerm Range gebuͤhrt Euch der erſte Platz, darauf aber wird hier nicht geachtet, wir ſind alle Bruͤ⸗ der und dienen einem Herrn. Habt Ihr Proben der Klugheit, der Kriegskenntniß und eines Muthes abgelegt, der Andern zum Vorbilde dienen kann, ſo wird Euer Ver⸗ dienſt gerechte Beruͤckſichtgung, da hier ohne Ahnen und Geburt entſcheidet. Zu einer andern Zeit eroͤffnet mir, was Euch bewog, Euer Herzogthum zu verlaſſen und Euch zu den Kreuzfahrern zu geſellen.“ Der Kreuzfahrer, III. 5 66 Der Herzog Robert wurde unter den Oberbefehl Euſtachs von Bouillon, eines Bruders Gottfrieds, geſtellt, mit dem er ſich bald, ſo wie auch mit dem zweiten Baudoin befreundete. Die Tuͤrken drohten mit einem Ausfall in großer Maſſe und Euſtach ging ihnen mit ſeiner Schaar bis auf eine ge⸗ wiſſe Weite entgegen und machte Halt. Roberten aber gab er tauſend Mann, um den Feind, deſſen linker Fluͤgel zu weit vor⸗ gerückt war, aufzuhalten, oder zuruͤckzuſchla⸗ gen, da Euſtach Succurs erwartete, damit V es zu einem entſcheidenden Siege kam. Ro⸗ bert machte ſo geſchickte Wendungen, die von geübter Kriegserfahrenheit zeigten, daß er ſich eine viel groͤßere Zahl von Saracenen zu⸗ lockte, welche ihn umzingeln und ſeine Schaar niederhauen oder gefangen nehmen wollten. Als ſie von der Hauptmacht weit genug entfernt waren, griff er ſie mit 500 67 Mann an, ſchickte 500 Mann ihnen in den Ruͤcken, ſo, daß unter den Saracenen eine allgemeine Verwirrung entſtand. Die Fein⸗ desmaſſe zerſtreute ſich. Ehe ſie aber Bei⸗ ſtand erhielt, war ein großer Theil nieder⸗ gehauen, ein anderer gefangen genommen. Jetzt machten die Saracenen den Haupt⸗ angriff. Euſtach wurde gleich im Anfange ſchwer verwundet und mußte aus dem Ge⸗ tuͤmmel getragen werden. An ſeiner Stelle uͤbernahm Robert das Hauptcommando und mit ſo gluͤcklichem Erfolg, daß er dem Feinde eine große Niederlage beibrachte und an 3000 Gefangene machte. Vor Nicaͤa, wenige Tage nach ſeiner Ankunft, gab Robert den erſten Beweis, daß das Chriſtenheer an ihm einen kriegserfahrnen, tapfern und heldenmuͤthigen Anfuͤhrer ge⸗ wonnen hatte. Die Oberſten, die unter ihm 68 fochten, brachten ihm ihre Huldigung dar, die er beſcheiden annahm, indem er ſagie: „Nur mit Maͤnnern und Rittern, wie Ihr ſeyd, konnte der Sieg gewonnen werden. Ich habe nur befohlen und Ihr habt voll⸗ bracht. Schenkt mir Euer Vertraun, und mit der Huͤlfe des Allmaͤchtigen werden wir große Thaten thun.“ Mehr als einmal wagte er ſich in die dickſten Haufen der Saracenen, focht wie ein Loͤwe und Helm und Bruſtharniſch war mit den Zeichen bedeckt, die es bekundeten, daß er die Lebensgefahr nicht ſcheute. Ehe ihn Gottfried zu ſich rufen ließ, um ihm zu danken, hatte er es von allen Seiten ſchon gehoͤrt, daß Robort, durch eine eigene, neue Art, den Feind anzugreifen, dieſen vollſtaͤndigen Sieg uͤber ihn gewann. 69 Als Robert vor ihm erſchien, ſagte er: „Ihr habt ein zu großes Probeſtuͤck gleich im Anfange abgelegt, daß Ihr mein ganzes Vertraun gewonnen habt. Nur eins muß ich an Euch tadeln, Ihr habt zu viel ge⸗ wagt, Euch augenſcheinlicher Gefahr bloßge⸗ ſtellt, ars ob Ihr Euch des Lebens, wie einer laͤſtigen Buͤrde entledigen wolltet. Ihr muͤßt es uns und der Chriſtenheit zu erhal⸗ ten ſuchen, ſeht, das iſt Eure Pflicht. Im Namen der großen und guten Sache und Aller, die unter Euerm Befehl ſiegten, ſage ich Euch einen nicht gewoͤhnlichen Dank.“ „Herzog, ich handle nach Euern Grund⸗ ſaͤtzen, wenn ich mir Euern Dank verbitte, ſeyd mit mir zufrieden und glaubt, daß ich der heiligen Sache die letzte meiner Keaͤfte weihe.“ 70 Bei dieſer Gelegenheit geſtand es Ro⸗ bert dem Herzoge aufrichtig, daß es der Tod ſeiner Gattin war, der ihn nach dem heiligen Lande hintrieb. Gottfried ſagte: „So hat die Vorſehung wunderbare, viel⸗ fache Mittel, um unſer Heer zu verſtaͤrken! Euch muß der Verluſt einer theuern Gelieb⸗ ten uns zufuͤhren. Ich darf es von Euerm frommen Gemuͤthe hoffen, daß mit der Zeit edlere Gruͤnde eintreten, die Euch bewegen, dem Glauben, der Lehre unſeres Herrn Euch ganz zu weihen.“. In einem Kriegsrath, der von neuem gehalten wurde, erhielt Robert den Oberbe⸗ fehl iner Heeresabtheilung von mehr, als 30,000 Mann. In dieſer Verſammlung wurde zugleich Tag und Stunde beſtimmt, wann Nitcaͤa mit Sturm erobert werden ſollte. Dahin, wo die ſchwierigſte Stelle 71 war, wurde Robert mit ſeiner Macht geſtellt. Man hoffte, er werde durch beſondere Kunſt⸗ griffe die Einnahme der Stadt moͤglich ma⸗ chen, die man auf dem Zuge durch Natolien nicht im Ruͤcken laſſen wollte. Unter den gefangenen Saracenen war einer der Unteranfuͤhrer, den Robert durch eine guͤtige, freundliche Behandlung zu ge⸗ winnen ſuchte. Er wußte ihm Vertraun einzufloͤßen. Der Saracen geſtand ihm: er werde nicht ſo traurig in ſeiner Gefangen⸗ ſchaft ſeyn, wenn nicht ein großer Kummer ihm am Herzen nagte. „Und welcher waͤre das?“ fragte Ro⸗ bert.„Ich weiß es auch, was es heißt, am Herzen Schmerzen leiden, entdecke mir die Urſache Deines Grams, kann ich ihn Dir erleichtern, ſo ſoll es geſchehen.“ 72² Der Saracen erzaͤhlte:„Waͤhrend der Belagerung von Nicaͤa lernte ich eine Skla⸗ vin kennen, Mathilde iſt ihr Name, die mein ganzes Herz gewonnen hat. Von einem Kaufmann, in deſſen Dienſte ſie ſteht, wur⸗ de ſie als Gefangene gekauft. Oft ſah ich ſie mit Thraͤnen in den Augen. Die Roͤthe wich von ihren Wangen, und ſie hat ſich blaß gehaͤrmt. So viel ich von ihr erfah⸗ ren konnte, iſt ſie die Geliebte eines chriſt⸗ lichen Ritters, dem ſie in das fremde Land nachfolgte. Vater und Mutter hat ſie ver⸗ laſſen. Bei einem Ausfall wurde ſie gefan⸗ gen, und als der Kaufmann ſie laͤnger als eine Woche in ſeinem Hauſe hatte, entdeckte ſie der Gattin deſſelben ihr Geſchlecht und bat um ihre Freiheit, indem ſie die Ge⸗ ſchichte ihrer Liebe erzaͤhlte. Der Unbarm⸗ herzige wird ſie nie loslaſſen! Mit einem Eid, bei dem großen Propheten, habe ich es 73 ihr geſchworen, ihr die Gelegenheit zu ver⸗ ſchaffen, wieder zum Chriſtenheere zu kom⸗ men, und ach, nun kann ich nicht Wort halten.“ „Menſch,“ ſagte Robert,„Du erzaͤhlſt mir eine Luͤge. Was kuͤmmert einen Sara⸗ cenen eine Sklavin, wenn ſie ihm nicht ihrer Reize wegen gefaͤllt, die uͤberdies eine Chri⸗ ſtin iſt. Unſer Glaube iſt Euch verhaßt, Ihr wollt ihn ausrotten, Tod und Verderben habt Ihr der ganzen Chriſtenheit ge⸗ ſchworen. 1 „Chriſt,“ ſage der Saracene,„ſo magſt Du vom ganzen Volke glauben und urthei⸗ len; aber den Einzelnen verdamme nicht. Im Innern bin auch ich ein Chriſt, wie Du es biſt, und ob Du den Erloͤſer treuer ver⸗ ehrſt, oder ob ich ihn inbruͤnſtiger anbete, 74 das iſt die große Frage, die nur der All⸗ wiſſende entſcheiden kann. Meine Mutter war eine Chriſtin. Mein Vater, vielleicht der ſchoͤnſte Juͤngling ſeiner Zeit, lernte ſie kennen, lieben und er entzuͤckte ihr Herz. „Martha,“— dies iſt ihr Name— fragte mein Vater,„willſt Du Deinem Glauben entſagen und Dich zur Lehre des großen Propheten bekennen, ſo ſollſt Du meine einzige Gattin werden?“ „Ach,“ ſeufzte ſie,„Du haſt meine ganze Seele, meine ganze Liebe, doch ſolch ein ſchweres Opfer fordere nicht von mir.“ Sie verlaſſen, ſich von ihr trennen, da er ſie mehr, als ſein Leben liebte, das konnte er nicht. In dieſer Zeit ſtarb ſein Vater, der reichſte Kaufmann in Antiochia, in deſſen Hauſe ſie Sklavin war und meine Schwe⸗ ſter bediente.“ —— 75 „Meine Mutter kaͤmpfte einen ſchweren Kampf, ſie konnte ihre gluͤhende Neigung nicht beſiegen. Der Kummer, die Schwer⸗ muth ſprach aus ihrem ganzen Weſen. Mein Vater ließ ſie zu ſich rufen und ſprach: „Martha, ich fuͤhle, mein Herz kann ſich Dir nicht entfremden, meiner Liebe zu Dir gleicht keine Liebe. Wenn es die Muſelmaͤnner duldeten, ich ließe Dir Deinen Glauben; aber ich darf keine Chriſtin zur Gattin waͤh⸗ len, welche ſich zu einer Religion hekennt, deren Ausrottung uns zum Geſetz gemacht iſt. Du weißt es, wie ich Dich liebe, Du ſiehſt, ich beſitze große Guͤter und ich habe kein groͤßeres Verlangen, als das, Dich glüͤcklich zu machen und es durch Dich zu werden. Nicht hindern will ich Dich, Deinen Pro⸗ pheten im Innern zu verehren und nach ſeiner Lehre zu leben; kannſt Du Dich nicht entſchließen, aͤußerlich nach dem Geſetze des Al⸗ 76 Korans zu leben? Mehr kann ich Dir nicht verſtatten.“ Die Liebe meiner Mutter uͤberwand endlich alle Bedenklichkeiten, ſie bekannte ſich oͤffentlich zur Lehre meines Vaters, aber ſie blieb im Innern eine deſto treuere Beken⸗ nerin der Religion, die der Jeſus ſtiftete, der auf Golgatha am Kreuze ſtarb. Sie troͤſtete ſich mit den Worten:„Wer recht thut in allerlei Volk, iſt Gott angenehm.“ Von fruͤher Jugend an war ſie die eifrige, fromme Lehrerin der Religion des Welt⸗ heilandes fuͤr ihre Kinder. Mein Vater, der mit meiner Mutter gluͤcklich lebte, war durch ſie der Chriſtenlehre gewonnen, und traten nicht unuͤberſteigliche Hinderniſſe ein, er waͤre mit ſeiner Familie nach Sicilien gezogen, und haͤtte ſich auf den Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geiſtes taufen — 8₰ 77 laſſen. Laß mich pruͤfen durch einen Deiner Prieſter, ob mir die Chriſtenlehren alle nicht bekannt ſind? Haͤtte ich Fatimen, eine Tuͤr⸗ kin, bewegen koͤnnen, die meine Verlobte iſt, ihre Eltern zu verlaſſen und mir heimlich in ein chriſtliches Land zu folgen, ich waͤre, wie Du es biſt, auch im Außern ein Chriſt ge⸗ worden. Ungern und gezwungen muß ich das Schwert gegen meine Glaubensbruͤder fuͤhren; ich haſſe die im Herzen, die ſie ver⸗ tilgen wollen und kann ich Dir einen Dienſt erweiſen, ſo ſoll es geſchehen. Daß ich treu und redlich gegen Dich handele, das ſchwoͤre ich Dir bei dem Heiland, durch den ich ſelig zu werden hoffe.“ Robert war erſtaunt, er reichte dem Saracenen freundlich die Hand, und ſprach: „Ich traue Deinem Worte, ſey kein Ver⸗ raͤther, heute noch erhaͤltſt Du Deine Frei⸗ 78 heit. Wie Du dieſes Geſchenk lohnen willſt, das muß ich Dir uͤberlaſſen.“ „Chriſt, halte Dich zum Sturm gefaßt, nach zwei Tagen komme ich wieder, fruͤher greife Nicaͤn nicht an. übermorgen feiern die Belagerten ein großes Feſt.“ Der Tuͤrke erhielt ſeine Freiheit und ging nach Nicaͤa zuruͤck. Robert erzaͤhlte die Geſchichte den Truppenanfuͤhrern ſeines Corps und ſprach auch von Mathilden, der Sklavin, der er gelobt hatte, daß er ihr behuͤlflich ſeyn wollte, damit ſie wieder zu ihrem Geliebten bei dem Chriſtenheere kaͤme. Als der Ritter Gueslin, der in der Naͤhe des Herzogs ſtand, den Namen Mathilde hoͤrte, rief er aus:„Mein Heiland, das iſt meine 79 NMathilde! Ihr Verluſt zerriß mir das Herz! Meine Seele hoͤrt nicht auf, um ſie zu weinen! Ach, wenn ich die wieder ſaͤhe! Vaterland, Eltern und Geſchwiſter hat ſie verlaſſen und iſt mir nachgefolgt. Oft ſuchte ich den Tod, und fand ihn nicht. In Ni⸗ caͤg iſt ſie? Gott, ich kann nicht zu ihr kommen, verleihe Du uns Sieg!“ Der Herzog, und Niemand beſſer, als er, konnte den ganzen Schmerz fuͤhlen, den Gueslin empfand, da ihm der Verluſt ſeiner Anna einfiel. Er ſagte zu dem Ritter: „Noch habt Ihr Hoffnung, Eure Geliebte wieder zu ſehen, ein gutes Geſchick kann Euch mit ihr wieder vereinen; aber die mei⸗ nige iſt mir entriſſen, meine Anna iſt ge⸗ ſtorben. Gewiß Ihr werdet bei dem Sturme wacker käapfen. 80 Als Robert dem Herzoge von Bouillon die Veranlaſſung erzaͤhlte, weshalb er dem Tuͤrken die Freiheit ſchenkte, ſagte dieſer mit ernſter Miene:„So habt Ihr die Zahl unſerer Feinde um Einen vermehrt und Euch durch eine Luͤge taͤuſchen laſſen. Glaubt doch den Feinden unſeres Glaubens nicht! Auf Eurer Hut muͤßt Ihr ſeyn und einen überfall fuͤrchten.“ „Nein, Herzog,“ erwiederte Robert, „dieſem Tuͤrken traue ich, fuͤrwahr er iſt ein ungetaufter Chriſt, der ſeinen Glauben nicht verleugnet. Wie edelmuͤthig iſt das nicht, daß er eine Chriſtin retten und ſie in Frei⸗ heit ſetzen will?“ „Der Betrug iſt fein ausgedacht, die Wahrheit wird ihn widerlegen. Denkt an mich, der Saracene koͤmmt nicht wieder.“ 81 Am Nachmittage des zweiten Tages erſchien der Tuͤrke im Lager des Herzogs. Er wurde mit Freundlichkeit empfangen. „Seht,“ ſagte er,„daß ich Wort halte. „Aber,“ fragke der Herzog Robert,„wie kam das, daß man Dich frei ins feindliche Lager gehen ließ. Willſt Du uns Deinen Freunden nicht verrathen?“ „Das werde und will ich nie. Habt Ihr mich doch in Eurer Gewalt und koͤnnt mich ſtrafen, wie Ihr wollt, wenn ich Euch Boͤſes zubereitete. Chriſt, die Wahrheit ſage ich Dir und Du willſt mir nicht glau⸗ ben? Mathilden habe ich geſehen und ihr Herz mit der Hoffnung einer nahen Er⸗ loͤſung getroͤſtet. Heute wird in Nicaͤa, zu Der Kreuzfahrer. III. 6 82 Ehren des Propheten ein großes Feſt gefeiert, es dauert bis in die Nacht. Soll es Euch leichter werden, als je, Nicaͤa zu erſtuͤrmen, ſo macht den Angriff, wenn der erſte Stern am Himmel ſteht. Vertraut mir, ich will Euer Fuͤhrer ſeyn und Euch die Gegend zeigen, wo Ihr den Sturm anfangen muͤßt.“ „Saracen, betruͤge mich nicht, Dein Leben ſteht in meiner Macht.“ Auf Verlangen des Saracenen wurde er wie ein Ritter des Chriſtenheeres geklei⸗ det und legte ſeine orientaliſche Tracht ab. Der Herzog gab den Befehl zum Angriff. Mit mehr als tauſend Reitern, die Robert anfuͤhrte, indeß die Fußtruppen ihm folgten, ruͤckte er Nicaͤa naͤher. Ihm zur Seite ritt der Tuͤrke. Die feindlichen Vorpoſten wur⸗ den uͤber den Haufen geworfen. Die Rei⸗ 83 ter drangen in die Befeſtigungen ein, die Fußtruppen folgten, und ehe die Belagerten geruͤſtet waren, ſich verſammelt hatten, um Widerſtand zu leiſten, war Robert ſchon vor dem Stadtthore. Es wurden ſogleich An⸗ ſtalten getroffen, das Thor einzureißen. Jetzt fing ein graͤßliches Blutbad an. Die Sara⸗ cenen auf den Straßen, welche Roberts Heer vor ſich her trieb, flohen, wurden nie⸗ dergehauen oder gefangen. Am hartnaͤckig⸗ ſten vertheidigten ſich die Feinde aus den Fenſtern, von wo aus ſie ihre Pfeile und felbſt Speere und Lanzen auf die Chriſten niederwarfen und Wunden und Tod unter ihnen verbreiteten. Faſt jedes Haus war eine Feſtung geworden, die erſtuͤrmt werden mußte. Da befahl Robert, die groͤßern Haͤuſer in Brand zu ſtecken. Wer jetzt nicht im Feuer umkommen wollte, der mußte ſich dem Feinde uͤbergeben. Als der Sieg 84 zu ſchwanken anfing, erſchien ein neues Huͤlfscorps in Nicaͤa, das Gottfried Rober⸗ ten zu Huͤlfe ſandte. Mit neuen Kraͤften wurde nun geſtritten, die Saracenen muß⸗ ten weichen, ſie waren uͤberwaͤltigt, der Sieg war fuͤr die Chriſten entſchieden. Die Krieger beluden ſich mit Beute. Am fruͤhen Morgen kam der Herzog von Bouillon nach Nicaͤa. Er ſchuͤttelte den Kopf uͤber die angerichtete Zerſtoͤrung und betrauerte die Todten, die von ſeinem Heere geblieben waren und noch auf den Straßen lagen. „Heiland,“ ſagte er,„ſey uns gnaͤdig, wir bringen der Liebe zu Dir, der Du fuͤr uns ſtarbſt, große Opfer dar!“ 8&. Einige Stunden ſpaͤter erſchien Robert 85⁵ vor ihm, der von ſeiner Ankunft gehoͤrt hatte. Sieben Wunden, Zeugen ſeiner Tapferkeit, von denen aber keine lebensge⸗ faͤhrlich war, hatte er aufzuweiſen. Als ihn Gottfried erblickte, ergriff er Roberts Hand, druͤckte ſie feſt und ſagte:„Herzog, was Ihr gethan habt und was Euch ge⸗ lungen iſt, das mag Euch der belohnen, der den Seinen die Krone des Himmels verheißen hat, Jeſus Chriſtus. Euſtach und Baudoin freuen ſich mit mir Eures Ruhms. Herr⸗ lich habt Ihr Euer Werk mit Gottes Huͤlfe angefangen, ſo moͤgt Ihr es vollenden. Ehe wir zum Ziele kommen, werden wir noch manchen ſauern Kampf kaͤmpfen muͤſſen. Der Herr der Heerſcharen ſey mit Euch. Mir zur Seite ſollt Ihr ſtehen und gleichen Rang theile ich mit Euch.“ „Mit nichten, Herzog,“ ſagte Robert, * 86 „nur unter Euerm Befehl will ich Thaten thun, Ihr ſeyd das Haupt, ich achte mich fuͤr eins Eurer Glieder. Seht Ihr wohl, der Saracene hat mich nicht betrogen, fuͤr⸗ wahr er traͤgt in ſeiner Bruſt ein Chriſten⸗ 38. „Das muß ich jetzt ſelber glauben; aber doch weiß ich es nicht, wie ich es mit einem Chriſtenherzen reimen ſoll, daß er ein Ver⸗ raͤther an ſeinem Volke wurde.“ „Was er gethan hat, that er fuͤr den Chriſtenglauben und ſtreiten wir nicht auch für ihn? Ihm ſind wir einen großen Dank ſchuldigz denn ohne ihn wurde Nicaͤg nicht ſo leicht erobert. Er hat das Leben vieler der Unſern durch ſeinen Dienſt erhalten. Ihr muͤßt ihn belohnen.“ 87 „Laßt ihn zu mir fuͤhren, Ihr ſelber ſollt den Lohn beſtimmen.“ Allenthalben ließ Robert den Sara⸗ cenen ſuchen, Niemand konnte ihn finden. Der Herzog fuͤrchtete ſchon, daß er unter den Todten ſey. Der Ritter Gueslin be⸗ gegnete dem Herzog und klagte es ihm mit Verzweiflung auf dem Geſichte, bei allen Kaufleuten in Nicaͤa habe er umhergeſchickt und ſeine Mathilde ſuchen laſſen; aber nir⸗ gens ſey ſie zu finden. Robert bedauerte ihn und ſagte:„Der Saracene, der von ihr ſprach und ihr aus Chriſtenliebe die Freiheit zu verſchaffen ge⸗ lobte, iſt auch nicht zu finden. Gottfried von Bouillon hat ihm eine Belohnung zu⸗ gedacht.“ 4 1 m 88 Als Gueslin mit dem Herzoge auf der Straße weiter ging, begegnete ihnen ein lothringſcher Ritter und ſagte:„Dort in dem Hauſe liegt ein Ritter an einer Fuß⸗ wunde ſchwer danieder. Er will Euch ſpre⸗ chen, ehe er ſtirbt. Ein ſonderbarer Menſch, der ein gebrochenes, faſt unverſtaͤndliches Franzoͤſiſch und fertig die Tuͤrkenſprache redet. „Was gilt's,“ rief der Herzog aus, ndas iſt der Saracene. Gueslin, folgt mir, vielleicht kann er vor ſeinem Ende noch ſagen, wo Eure Geliebte iſt.” Der Saracene ſaß auf einem Lehnſtuhl. Ein Pfeil hatte ihm das dicke Bein durch⸗ bohrt. Er litt große Schmerzen. Als er den Herzog ſah, ſagte er:„Wie bin ich fuͤr meine That beſtraft! Ruhig will ich 89 leiden, da ich die Überzeugung habe, daß ich den Chriſten einen Dienſt erwies.“ Robert erwiederte:„Der Herzog will ihn belohnen. Keine Stunde ſollt Ihr laͤnger ohne Wundarzt ſeyn und man wird Euch die beſte Huͤlfe leiſten. Abes⸗ wo iſt Mathilde?“ „Die konnte ich nicht retten, da ich durch die Wunde verhindert wurde, einen Schritt zu gehen. Herzog, laßt mich ver⸗ binden und nach dem Hauſe hintragen, ich weiß es, wo ſie wohnt.“ „Seht,“ ſagte Robert, indem er auf Gueslin hinzeigte,„dieſer iſt ihr Geliebter.“ „Kam ſie im Sturm nicht um,“ ſprach 90 der Verwundete,„ſo ſollt Ihr dieſe Mathilde ſehen. Schafft Maͤnner, die mich tragen und ſogleich will ich Euch die Wohnung des Kaufmanns zeigen.“ Gueslin rief einige Krieger zuſammen, verſprach ihnen eine gute Belohnung, wenn ſie einen Verwundeten durch einige Straßen nach einem Hauſe hintruͤgen. Sie waren dazu bereit. Robert befahl Gueslin, den Verwundeten in die Wohnung bringen zu laſſen, in der er ſein Quartier genommen hatte und ſagte zu dem Saracenen, indem er ihm die Hand druͤckte:„Eure Heilung will ich an Euch beſorgen laſſen. Betrach⸗ tet mich von heute an, als Euren Freund und Bruder. Wollt Ihr nicht zu Euerm Volke zuruͤckkehren, ſo betrachtet mich als Euern Freund und Bruder und lebt unzer⸗ trennlich an meiner Seite.“ 91 Achmet— ſo hieß der Saracene— zeigte denen, die ihn trugen, die Straße, in wel⸗ cher der Kaufmann wohnte. Als er in dem Hauſe deſſelben angekommen war, das von der Flamme unzerſtoͤrt war, forderte er von ihm die Freilaſſung der Chriſtenſklavin. Der Kaufmann entgegnete:„Wie kannſt Du mit mir von einer Chriſtenſklavin reden, da ich von keiner weiß.“ „Nicht? Und ich lag vor der Erſtuͤr⸗ mung Niecaͤa's in Deinem Hauſe, ich habe die ſchoͤne und ungluͤckliche Mathilde geſehen und mit ihr geſprochen.“ Zornig erwiederte der Kaufmann: „Menſch, Du raſeſt, Du ſuchſt nur Ge⸗ legenheit, mich an die Feinde zu verrathen, wie Du Dein Volk verrathen hal. Sch kenne Dichn 92 „Menſch, habe Erbarmen und halte die Sklavin nicht zuruͤck, ſieh, dieſer Ritter da, iſt ihr Geliebter.“ „uUnd kaͤmen ihre Eltern und forderten ſie, ich kann ſie nicht geben, da ich von keiner Chriſtenſklavin weiß. Eine Feindin meines Glaubens haͤtte ich in meinem Hauſ⸗ nie geduldet.“ „Nun,“ ſagte Gueslin zornig,„wenn Du die Wahrheit leugneſt, ſo will ich Dich be⸗ ſtrafen. Es gilt gleich viel, ob ein Unglaͤu⸗ biger mehr oder weniger ſtirbt. Du kannſt Dein Leben erkaufen, wenn Du mir meine Mathilde giebſt.“ Gueslin zog ſein Schwert und hielt es drohend nach dem Kopfe des Kaufmanns hin. Er rief laut:„Lehrt Euer Glaube 93 Euch das, unſchuldiges Blut zu vergießen? Schont den Vater um meiner Kinder wil⸗ len,“ flehte der erſchrockene Kaufmann,„und verlangt nicht Unmoͤgliches von mir.“ „Plöͤtzlich oͤffnete ſich eine Seitenthuͤr und zwei Maͤdchen von reizender Geſtalt kamen ins Zimmer geſtuͤrzt und flehten: „Schont, ach, ſchont unſeres Vaters. Er weiß es nicht, daß wir uns, als der Sturm losbrach, in einem unterirdiſchen Gewoͤlbe ver⸗ bargen. Da iſt die Sklavin. Wartet einen Augenblick, wir wollen ſie holen.“ „Bewacht den Kaufmann,“ befahl Gues⸗ lin,„daß er nicht entſpringt. Maͤͤchan ich folge Each 4 Als ſie mehrere Stufen hinabgegangen waren, ſchloſſen ſie eine Thuͤr auf und 94 Gueslin ſah in eine finſtere Nacht hinein. Er rief:„Mathilde, ich bin es!“ „Du, Gueslin?“ war ihre Antwort, nach, hier glaubte ich zu ſterben. Als eine Gefangene bin ich hier eingeſperrt.“.... Sie kam ans Licht, ſie erkannte den Gelieb⸗ ten, fuͤr ihr inner:s Entzuͤcken konnte ſie keine Worte finden. Sie ſank an die Bruſt des Geliebten und Dank gegen Gott war das erſte Gefuͤhl ihres Herzens fuͤr ihre Erloͤſung. Als er mit ihr im Zimmer ankam, wo der Kaufmann war, ſagte er:„Waͤre meine Freude, daß ich meine Mathilde wieder fand, als mein gerechter Zorn gegen Dich, Du falſcher Luͤgner, ohne Mitleid und menſch⸗ liches Gefuͤhl, es gebuͤhrte Dir, daß ich Dir die Bruſt durchſtieße, aber dieſen erſten gluͤcklichen Augenblick, nach einet langen 95 Trauer will ich mit Deinem Blute nicht beflecken.“ Mathilde erzaͤhlte unterwegs, daß man ſie in das Gewoͤlbe einſchloß, als die Chri⸗ ſten Nicaͤa erſtuͤrmt hatten. Sie habe laut um Huͤlfe gerufen, aber Niemand habe ſie gehoͤrt, als der Kaufmann, der ſie mit einem Dolche bedrohte, wenn ſie noch einen Laut von ſich gaͤbe; in der uͤbrigen Zeit, wo ſie ihm als Sklavin diente, habe er ſie guͤtig und menſchlich behandelt. Wer aber be⸗ ſchreibt die Wonne dieſer Geliebten, die ſich auf ewig getrennt glaubten, als ſie wieder mit einander vereinigt waren! Sie mußte es ihm feierlich verſprechen, daß ſie mit dem erſten Schiffe zu ſeinen Eltern zuruͤckkehren wolle, wenn ſie fuͤrchte, vor ihren Eltern zu erſcheinen.— Dem Befehle Roberts gemaͤß, wurde der verwundete Achmet, den Gueslin 96 und Mathilde mit Dankbezeugungen uͤber⸗ ſchuͤtteten, zum Herzog gebracht. Schon hatte er fuͤr einen Wundarzt geſorgt, der ihn ver⸗ band. Waͤhrend ſeiner Krankheit beſuchte ihn der Herzog von Bouillon und ruͤhmte ſeine That, wodurch die Wegnahme von Nicaͤa erleichtert wurde, machte aber auch zugleich die Bemerkung, wie unverantwort⸗ lich er ſeinem Volke geſchadet haͤtte. „Herzog,“ entgegnete Achmet,„den Vorwurf habe ich mir ſelbſt gemacht und erkenne das Unrecht, was ich beging; aber die maͤchtige Liebe, die ich geheim von zar⸗ ter Kindheit an fuͤr die Chriſten hegte, muß mich entſchuldigen. Dieſe Liebe verſchmaͤhte die Warnung des Verſtandes und Gott wird mir, um ſeines Sohnes willen, das Unrecht, was ich beging, verzeihen. Ein Muſel⸗ mann bin ich nur dem Außern nach, im 97 Innern war ich laͤngſt ein Chriſt, wie Ihr es ſeyd.“ „Warum bekennſt Du Dich nicht aͤußer⸗ lich zu einer Räligion, der Du im Herzen huldigſt?“ „Das will ich,“ erwiederte Achmet. „Sendet mir einen Eurer Geiſtlichen, dem ich mein Glaubensbekenntniß ablege, daß er mich dann durch die heilige Tauſe in den Bund der Chriſten aufnehme. In Antiochia lebt Selima, meine Geliebte, gelingt Euch die Eroberung dieſer Stadt, wozu ich Euch vielleicht behuͤlflich ſeyn kann, ſo ſoll auch ſie eine Chriſtin werden. Nie verlaſſe ich Euch wieder und ziehe, wenn der Krieg ge⸗ endet iſt, in ein Land, wo Gott angebetet wird im Geiſte und in der Wahrheit, nicht, Der Kreuzfahrer. III. 7 93 wie es der falſche Prophet, ſondern wie es Jeſus Chriſtus lehrte.“ Als Achmets Wunde ziemlich geheilt war, wurde die Handlung der Taufe durch einen Geiſtlichen feierlich an ihm vollzogen, der Herzog von Bouillon, ſeine beiden Bruͤ⸗ der, der Herzog Robert und Gueslin und Mathilde waren dabei, als Zeugen, zugegen. Er erhielt die Namen Gottlieb Chriſtian Normann. Robert nahm ihn in ſeinem Ge⸗ folge auf, fand in ihm einen trefflichen Juͤngling und ſchenkte ihm ſeine ganze Ach⸗ tung und Liebe, er kam nicht von der Seite des Herzogs, ging mit ihm unerſchrok⸗ ken jeder Gefahr entgegen und leiſtete ihm aus herzlicher Neigung die groͤßten Dienſte. Oft troͤſtete er ſeinen Goͤnner wenn der uͤber ſein hartes Geſchick und uͤber Annens Ver⸗ luſt in laute Klagen ausbrach und wenn ſich 99 Normann uͤber die Trennung von ſeiner Geliebten beklagte, da ſagte der Herzog: „Wenn Antiochia erobert iſt, dann wird ſie in Deinen Armen ruhen.“ Den Kreuzfahrern war eine zahlloſe Menge Geiſtlicher, theils aus Enthuſiasmus fuͤr die heilige Sache, theils, weil ihnen das Leben in den Zellen zuwider war, nachge⸗ folgt, von denen eine große Zahl ſich den wildeſten Leidenſchaften uͤberließ und ein zuͤgelloſes Leben, wider Geſetz und Ordnung fuͤhrten. Sie dienten den Laien, die ein frvmmer Sinn regierte, zum Anſtoß und Argerniß. Mit den zuchtloſen Weibern, die dem Heere folgten, trieben ſie Laſter. Da das Chriſtenheer aus 100,000 Reitern und 500,000 Fußvolk beſtand, die nicht immer hinreichende Nahrung fanden und die Unter⸗ haltungsmittel unnuͤtz durch die Geiſtlichen 100 und Weiber verringert wurden, ſo erbat ſich der Herzog Robert von dem Herzoge von Bouillon die Erlaubniß aus, von dem Heere, das er befehligte, die frevelhaften Geiſtlichen und die unkeuſchen Weiber ent⸗ fernen zu duͤrfen und ſie in ihr Vaterland zuruͤckzuſchicken, weil ſie ihm die Unterhal⸗ tung ſeiner Streiter erſchwerten. Der Her⸗ zog gab ihm die Erlaubniß, machte aber auch die Bemerkung:„Auch ich wüͤnſche das heilloſe Geſindel vom Heere entfernen zu koͤnnen; aber ich ſehe es auch ein, wie ſchwer es iſt. Macht den Verſuch und laßt mich es wiſſen, wie er Euch gelingt. Denkt an mich, Ihr kommt nicht zum Ziele.“ Robert ließ ſo viele Geiſtliche, Moͤnche und Weiber auf einem Platze verſammeln und ihnen bekannt machen, da ſie bei dem Heere nur ſchaͤdlich und verderblich waͤren, 101 durch Laſter und Ausſchweifungen ſich ent⸗⸗ ehrten; Gottes gerechte Strafe auch uͤber die Unſchuldigen braͤchten, und dazu beitruͤ⸗ gen, daß das große Werk nicht den er⸗ wuͤnſchten Erſolg haͤtte, ſo werde er Schiffe fuͤr ſie beſtimmen, die ſie beſteigen ſollten, um nach Europa in ihre Heimath zuruͤck zu ſegeln. Als er den Befehl bekannt gemacht hatte, entſtand in dem Haufen, der uͤber ſechs Tauſend ſtark war, ein Tumult. Es traten mehrere Geiſtliche hervor, die ſich der treuſten Erfüllung ihrer Pflicht ruͤhmten und es dem Herzoge zu beweiſen ſuchten, daß ſie keinem Laſter froͤhnten. Mehrere Weiber betheuerten, daß ſie lieber ſterben, als ſich von ihren Naͤnnern trennen laſſen wollten. Der Herzog erklaͤrte: die gewiſſenhaften, untadelichen Geiſtlichen, die zuͤchtigen und 102 frommen Weiber werde er bei ſich behalten, die andern aber, die ihren heiligen Beruf, ihren guten Namen geſchaͤndet haͤtten, werde er, wenn ſie nicht gutwillig gingen, mit Gewalt und dem Schwerte nach dem Hafen treiben laſſen. In der darauf folgenden Nacht erſchien im Zelte des Herzogs eine geſpenſteriſche Geſtalt. Normann, der in ſeiner Naͤhe ſchlief, fuͤhlte ſich durch einen Dolchſtich ver⸗ wundet. Er zog das neben ihm liegende Schwert und ſtieß es nach dem moͤrderiſchen Unweſen mit lautem Gelaͤrm hin. „Dem ſoll der Dolch gelten,“ ſcholl eine Stimme,„der die Geiſtlichen verbannen will.“ Der Herzog war erwacht und ſah es, wie Normann mit dem Geſpenſte kaͤmpfte 103 und es mit einem Streich zu Boden hieb. Bei naͤherer Beſichtigung fand man, es war ein Moͤnch, welcher Rache ſuchte und den Herzog auf die Seite raͤumen wollte. Wirk⸗ lich war der Herzog ſeines Lebens nicht mehr ſicher und durfte ohne Gefahr ſich nie von ſeinem Heere entfernen. Aber dennoch ſetzte er ſeinen Plan durch und an 4000 Nichtswuͤrdige mußten die Fahrt nach Europa antreten. Durch dieſe wurde es in allen Gegenden verbreitet, daß Robert, der Her⸗ zog von der Normandie, ſicher ein geheimer Freund der Unglaͤubigen, darauf ausgehe, das Heer der Chriſten zu ſchwaͤchen. Das Jahr war verfloſſen, wo Robert, wie man Annen geſagt hatte, umherirrrte, ſeinen Gram zu lindern und— er erſchien nicht. Sie ging in troſtloſer Traurigkeit umher und wollte ſich nicht beruhigen laſſen. 104⁴ Mit jedem anbrechenden Morgen, wo ſie erwachte, flehte ſie zu Gott, daß heute der Tag ſeyn moͤchte, wo Robert ihr wieder er⸗ ſchiene. Daß er nach dem gelobten Lande gegangen war, erfuhr ſie nicht und man entfernte Alles, daß es nicht zu ihrer Kennt⸗ niß kaͤme. Bei allem Kummer genoß ſie doch eine vollkommene Geſundheit und keine Schwaͤche wandelte ſie mehr an. Ihre Kin⸗ der waren es, die ihre Seele aufheiterten. Clito insbeſondere, der ſeinem Vater ganz aͤhnlich wurde, machte ihr große Freude, er zeigte vorzuͤgliche Geiſtesanlagen, unerſchrock⸗ nen Muth und gegen ſeine Mutter die zaͤrt⸗ lichſte Liebe. Mit ihm konnte ſie von dem Vater reden, er fragte oft nach ihm, trauerte mit ihr, daß er nicht aus der Fremde heim⸗ kehrte. Der Koͤnig Wilhelm ſandte ihr monat⸗ *— — lich eine beſtimmte Summe zur Unterhal⸗ tung ihrer Kinder zu, die dem Graf von Norfolck eingehaͤndigt wurde, der ihr das Geld auszahlte. Sie bedurfte nicht den vierten Theil, um davon ihre Kinder zu unterhalten, den Überfluß hob ſie ſorgfaͤltig auf. Jetzt ereignete ſich in England eine hoͤchſt wichtige Veraͤnderung, die auch zu Annens Kenntniß kam und ihr die Hoff⸗ nung gab, Robert wuͤrde, wenn er davon Nachricht erhielt, ſicher aus der Fremde zu⸗ ruͤckkommen, wiewohl ſie zugleich auch fuͤrch⸗ tete, das unerwartete Ereigniß werde ihn in neue Unruhen und Gefahren ſtuͤrzen. Der Koͤnig Wilhelm war auf der Jagd und verlor auf eine gewaltſame Weiſe ploͤtzlich ſein Leben. über die Art, welche 106 ſeinen ſchnellen Tod herbeifuͤhrte, giebt es verſchiedene Meinungen. Einige behaupten, Walter Tyrrel, ein franzoͤſiſcher Ritter von Pontoiſe, der einen Hirſch erlegen wollte, habe den Koͤnig, ohne die Abſicht eines Mordes zu haben, durch einen Pfeilſchuß getoͤdtet. Andere ſagen, das Roß des Koͤnigs ſey im ſchnellen Laufe geſtuͤrzt und beim Fall habe er ſich mit ſeinem Gewehr ſelbſt verwundet. Johann von Salisbury ſchreibt, der Tod des Koͤnigs ſey als eine gerechte Strafe des Himmels zu betrachten und ſein Moͤrder habe ihn entweder abſichtlich oder zufaͤllig um's Leben gebracht. Kurz, der Koͤnig war todt. Er ſtarb ohne Kinder und der Herzog Robert allein hatte nun ein gegruͤndetes Recht zum engliſchen Thron. Als ſich die Nachricht von dem Tode des Koͤnigs verbreitete, war der Prinz 107 Heinrich in England, ja, er war mit auf der Jagd und beim Hinſcheiden ſeines Bru⸗ ders. Er eilte ſogleich nach London, wandte alle erſinnlichen Mittel an, Verſprechungen, Belohnungen, Drohungen und Gewalt, um ſich in Abweſenheit ſeines aͤltern Bruders der Krone zu bemaͤchtigen. Zuerſt eilte Heinrich, der Thronraͤuber, nach Wincheſter, wo die Reichsinſignien und der koͤnigliche Schatz verwahrt lagen. Wilhelm von Bre⸗ teuil, dem die Kleinodigen zur Bewahrung anvertraut waren, wollte Heinrichen nicht aufnehmen und erklaͤrte, daß er Niemanden anders fuͤr den Nachfolger Wilhelms er⸗ kenne, als ſeinen aͤlteſten Bruder, den Her⸗ zog Robert. Der Prinz eroberte das feſte Schloß, ſetzte dem Ritter die Spitze ſeines Schwertes auf die Bruſt und fragte, ob er ihm die Reichsinſignien und den koͤniglichen Schatz ausliefern und die Parthei ſeines 108 Bruders verlaſſen wolle, oder nicht. Leben oder Tod ſtehe jetzt in ſeiner Gewalt. Bre⸗ teuil, von Furcht geſchreckt, erklaͤrte, /daß er ſich dem Befehle des Prinzen, zu thun, was er gebiete, nicht mehr widerſetzen koͤnne. „Aber,“ ſagte er,„bedenkt Ihr denn nicht, daß Ihr an Euerm aͤltern Bruder eine Ungerechtigkeit begeht?“ „Habt Ihr darnach zu fragen?“ ſprach Heinrich mit zorniger Miene,„und muß ich Euch eine Antwort geben. Robert, der Abentheurer, den mein Vater des Thro⸗ nes nicht wuͤrdig hielt, wird nie wiederkeh⸗ ren. Habt Ihr etwa Luſt, Koͤnig von England zu werden?“— Heinrichs maͤchtige Freunde, die Grafen von Meulant und Warwick, zogen umher 109 und wandten ihre ganze Beredſamkeit an, um die zu der Parthei des Prinzen hin⸗ uͤber zu ziehen, die unentſchloſſen waren, und in der Meinung ſtanden, daß dem Herzog Robert die Krone gebuͤhre. Am folgenden Tage ſchon wurde die Kroͤnung vollzogen. Durch die Abweſenheit Roberts wurde das Unternehmen Heinrichs unſtreitig beguͤnſtigt und am meiſten dadurch, daß der normaͤn⸗ niſche Adel fuͤrchtete, der Herzog werde es als Koͤnig ſchwer ahnden, daß ſie dem juͤn⸗ gern Bruder Wilhelm die Krone zuwandten. Heinrich gelobte auch, um die Zuneigung der Englaͤnder zu gewinnen, alle Beſchwer⸗ den zu mildern, er verſchwendete Gunſtbe⸗ zeugungen, die Herzen zu gewinnen. Man huldigte lieber einem Koͤnige, der gegenwaͤrtig war, als daß man mit Ungewißheit einen Abweſenden erwartete. 110 Heinrich, der alle Hinderniſſe beſeitigt zu haben glaubte, der es wußte, daß die Zahl ſeiner Freunde gꝛoͤßer war, als die der Gegner, die insgeheim noch an ſeinem Bru⸗ der hingen duͤnkte ſich ſicher auf dem Throne. Sein Herz hegte ſchon laͤngſt das Verlangen, ſich mit der ſchoͤnen Mathilde, der Tochter des ſchottiſchen Koͤnigs Malcolms des Dritten zu vermaͤhlen. Als, nach ihres Vaters Tode in Schottland Unruhen aus⸗ brachen, wo Niemand ſeines Lebens und Eigenthums ſicher war, fluͤchtete eine Ver⸗ wandte muͤtterlicher Seite mit ihr nach Eng⸗ land. Von dieſer wurde ſie im Kloſter Rumney erzogen, und als ſie in jugendlicher Schoͤnheit aufgebluͤht und erwachſen war, nahm ſie den Nonnenſchleier. Der damalige Prinz Heinrich hoͤrte von der jungen Nonne, von ihren unuͤbertreff⸗ 111 lichen Reizen reden, und ſuchte voll Neu⸗ gierde die Gelegenheit, ſie zu ſehen und Bekanntſchaft mit ihr zu machen. Er ver⸗ kleidete ſich als ein Bote und unter dem Vorwande, daß er Nachrichten aus Schott⸗ land bringe, wurde er in die Zelle gelaſſen, in der Mathilde mit ihrer Baſe ſich aufhielt. Die Schoͤnheit der Nonne machte ihn ſo beſtuͤrzt, daß er Alles vergaß, wodurch er ſeiner Sendung einige Wahrſcheinlichkeit geben wollte und in hoͤchſter Verlegenheit daſtand, indem er abgebrochene Worte ſtammelte. Die Baſe fragte:„Menſch, ſeyd Ihr bei Sinnen? Gebehrdet Ihr Euch doch als ein Verruͤckter.“ Sie ſtand auf, wollte nach der Thuͤr hingehen und ſagte:„Ich werde Huͤlfe rufen, daß man Euch aus unſerer Zelle entfernt.“ 112 Heinrich ergriff die Baſe bei der Hand und ſagte mit bittendem Tone:„Macht keinen Laͤrm und hoͤrt mich ruhig an. Ich bin der Prinz Heinrich, Sohn des verſtor⸗ benen und Bruder des jetzigen Koͤnigs. Das Geruͤcht von Mathildens unuͤbertreff⸗ lichen Reizen drang aum zu meinen Ohren. Die Neugierde, ſie zu ſehen, um die weib⸗ liche Schoͤnheit zu bewundern, trieb mich hierher. Ich uͤberzeuge mich, daß ich nie ein ſchoͤneres weibliches Weſen erblickte. Das ſchwoͤre ich Euch, iſt mir Mathilde nicht abgeneigt, und wenn ich nicht Koͤnig werden kann, bin Herzog von der Norman⸗ die, daß ihre Reize in dieſem oͤden Gemaͤuer nicht verbluͤhen ſollen.“ „Sie iſt eine Nonne,“ ſagte die Baſe, „und kann weder eine Koͤnigin, noch eine Herzogin werden. Daͤmpft eine jugendliche 113 Leidenſchaft und ſtoͤrt die Ruhe einer Nonne nicht, die fuͤr den Himmel lebt und jeder irdiſchen Verbindung entſagt hat. Aber womit wollt Ihr es beweiſen, daß Ihr ein Prinz und nicht ein Betruͤger ſeyd, der ſeine Nragierde nur befriedigen will?“ „Das ſoll Euch in dieſer Woche noch Mrie und Siegel beweiſen.“ Nach einer kurzen Unterredung mit der Baſe entfernte ſich Heinrich, Mathilde hatte kein Wort geſprochen. Als Heinrich den engliſchen Thron beſtiegen hatte, erwachte in ihm die Neigung zu der ſchoͤnen Nonne mit maͤchtiger Staͤrke. Er ſandte einen Boten— an Mathilden, ließ ihr einen Brief uͤber⸗ reichen, in dem er ihr ſeine Thronbeſteigung meldete und ſie zugleich um ihre Hand bat. Es hieß in dem Schreiben, daß er ihr Der Kreuzfahrer. III.— 8 114 Gelegenheit geben wollte, ihn naͤher kennen zu lernen, ehe ſie einen entſcheidenden Ent⸗ ſchluß faßte. Die Baſe Kantißortete, 1 Malhiddens alſo: „Eine Nonne hat ſich fuͤr den ehelofen Stand entſchieden und kann ihr Geluͤbde nicht brechen, wenn Ihr derſelben auch alle Herrlichkeiten anbietet. Sie kennt nur Euer Geſicht, nur den Ton Eurer Stim⸗ me, wie kann ſie irgend eine Neigung fuͤr Euch empfinden. Stellt ja keine Verſuche an, Euch ihr bekannt zu machen, da Ihr den Pabſt und die Kirche wider Euch habt, werden alle Eure Unternehmungen, die ſte ſelber mißbilligen muß, nicht gelingen. Soll⸗ tet Ihr aber dennoch, von der Leidenſchaft verführt, unerlaubte Schritte wagen und das mit Eurer Macht erzwingen wollen, was ihr auf dem Wege des Rechts nicht 115 erlangen koͤnnt, ſo zwingt Ihr mich, den geiſtlichen Obern Anzeige davon zu machen, damit keine Art der Schuld auf mich oder Mathilden faͤllt. Wenn Ihr ſelber kommt, werdet Ihr ſie in Rumney nicht mehr ſinden. Zu ihrer Sicherheit ſoll ſie Euer Koͤnigreich meiden und dann habt Ihr keine Gewalt mehr an ihr.“ Auf dieſes Schreiben erfolgte ſogleich ein ſchriftlicher Befehl des Koͤnigs an die Vor⸗ ſteherin des Kloſters, den ſie geheim halten ſollte, alle Veranſtaltungen zu treffen, daß die Prinzeſſin nicht aus dem Kloſter ent⸗ weiche. Es konnte Mathilden nicht verborgen gehalten werden, daß Heinrich Koͤnig von England geworden ſey. Der Gedanke, eine Koͤnigin zu werden, reizte ihre Eitelkeit. 116 Es fand ſich bei ihr das druͤckende Gefuͤhl ein, daß es ein trauriges Loos ſey, ſein ganzes Daſeyn in der Einſamkeit, unter wie⸗ derkehrenden, langweiligen Beſchaͤftigungen zu verleben. Sie hatte es fluͤchtig bemerkt, der Koͤnig, als Bote verkleidet, war von ſchoͤner Geſtalt, ſeine Sprache war maͤnnlich und ſtark. Er trug ihr ſein Herz entgegen, das ſchmeichelte ihrem Gefuͤhle. Die Baſe konnte ihr das koͤnigliche Schreiben nicht verborgen halten, da es der Bote auf aus⸗ druͤcklichen Befehl des Koͤnigs ihr ſelbſt uͤberreichen mußte. Sie zitterte, als ſie den Inhalt deſſelben las. Sie zuͤrnte der Baſe, daß ſie nicht mit eigener Hand antworten duͤrfte und war lange traurig, da ſie mit Recht fuͤrchtete, ſie habe dem Koͤnige einen Abſagebrief geſchrieben. So gruͤndlich die Vorſtellungen auch * 117 waren, welche die Baſe Mathilden machte, daß ſie eine Nonne bleiben muͤſſe, der Glanz, das Gluͤck, was ihr angeboten wur⸗ de, hatte fuͤr ein jugendliches, feuriges Ge⸗ muͤth zu viel Anziehendes, als daß man den Bitten und Warnungen geneigtes Ge⸗ hoͤr gab. Die Baſe entdeckte der Äbtiſſin das Geheimniß und erklaͤrte, daß ſie das Kloſter verlaſſen muͤſſe, um groͤßern Unan⸗ nehmlichkeiten zu entgehen. Die Äbtiſſin erwiederte:„Ich kann es nicht rathen, daß Ihr heimlich das Klo⸗ ſter verlaßt, Ihr koͤnntet damit ein kleineres Ubel zu einem groͤßern machen. Wenn da⸗ mit offenbares Unrecht geſchieht, daß der Koͤnig eine Nonne, die ihm gefaͤllt, ehelichen will, ſo laßt ihn das verantworten, der Papſt und die Kirche werden ihm Hinder⸗ niſſe entgegenſtellen, die er mit aller ſeiner 118 Macht nicht beſiegen kann. Hat denn die Schweſter Mathilde die boͤſe Luſt, wenn ihr Gelegenheit dazu gegeben wird, den heiligen Bund zu brechen?“ „So ſcheint es mir.“ „So iſt ſie fleiſchlich und nicht geiſtlich geſinnt, ſo taugt ſie mit der weltlichen Nei⸗ gung nicht fuͤr ein Kloſter, wo nur Hei⸗ liges die Seele beſchaͤftigen und das Herz anziehen ſoll. Verlieren wir eine ſolche Nonne, ſo haben wir vielmehr gewonnen, denn an⸗ ſteckend und verfuͤhreriſch iſt ſolch ein Bei⸗ ſpiel. Aber laßt Euch rathen, fromme Frau, widerſtrebt dem Koͤnige nicht, der alle Mit⸗ tel hat auch das Unrecht zu vollbringen, er moͤchte es hart an Euch ahnden. Bleibt mit Mathilden hier, ich bitte Euch, um Eures eigenen Beſten muß ich Sorge tragen, 119 daß Euch die Flucht, wenn Ihr ſie im Sinne hattet, nicht gelingt.“ Recht unerwartet erſchien der Koͤnig mit einem kleinen Gefolge vor dem Kloſter Rumney und verlangte eingelaſſen zu wer⸗ den. Er wollte unerkannt bleiben und gab ſich fuͤr einen ſchottiſchen Vornehmen aus. Als ihm allein, nicht aber ſeinem Gefolge, die Pforte geoͤffnet wurde, verlangte er, zur Abtiſſin gefuͤhrt zu werden. Er gab ſich ihr zu erkennen und bat ſie, daß ſie die Prinzeſſin zu ſich laden ſolle, die er allein zu ſprechen wuͤnſchte. „Koͤnig,“ entgegnete die Abtiſſin,„nach den Geſetzen des Kloſters darf ich es nicht zugeben, daß ein Mann von Euern Jah⸗ ren mit einer Nonne ſpricht und unver⸗ ſchleiert koͤnnt Ihr ſie nicht ſehen. Werde 120 ich aber mit Gewalt dazu gezwungen, ſo bin ich nicht ſtrafbar, wenn es mir unmög⸗ lich war, dem Geſetze Gehorſam zu leiſten. Thut, was Ihr wollt, Ihr muͤßt es ver⸗ antworten.“ „So befehle ich es Euch, als Koͤnig, daß Ihr ſelbſt hingeht und die Prinzeſſin herfuͤhrt.“ „Koͤnig, mein Herr und Oberhaupt iſt der Papſt, Ihr ſeyd es nicht, von Euch erwarte ich nur Schutz und Sicherheit. Geht hin zur Nonne, wenn Ihr wollt, den Weg werde ich Euch nicht zeigen. Genug glaube ich Euch gefaͤllig geweſen zu ſeyn, daß ich ihre Flucht verhuͤtete. Ließ ich ihrer muͤtterlichen Freundin freien Willen; ſo fan⸗ det Ihr beide nicht mehr hier.“ 121 Eilig und zuͤrnend verließ der Koͤnig das Gemach der Äbtiſſin und fragte ſich nach der Zelle, die von der Prinzeſſin be⸗ wohnt wurde. In einem gewoͤlbten Gange fand er fuͤr ein Geldgeſchenk eine bereit⸗ willige Kloſterdienerin, die ihm voranging und vor der Thuͤr der Zelle ſagte:„Hier wohnt die Prinzeſſin.“ Als der große, ſchoͤne, koͤniglich ge⸗ ſchmuͤckte Mann eintrat, uͤberfiel die Baſe und Mattiden ein Schreck. Beide ahneten ſogleich, daß es kein Anderer ſeyn koͤnne, als er ſelbſt. Nach hoͤflicher Begruͤßung ſagte er: „Der Bote, der vor Euch erſchien und ſich Euch als einen Prinz entdeckte, erſcheint jetzt in Eurer Zelle als Koͤnig von England und wiederholt, mit groͤßerm Gewicht, ſeine Bitte um der Prinzeſſin Hand. Kein Zwang ſoll 122 ſie dazu bewegen, das Werk der Liebe muß aus freiem Herzen kommen.“ „Koͤnig,“ ſagte die Baſe,„wie koͤnnt Ihr ein ſolches Wort von Mathilden for⸗ dern, Ihr ſeyd ihr ein Fremder, und ich weiß es nicht, ob Ihr der Koͤnig ſeyd. Soll 3 ich ſie einem Manne anvertrauen, der viel⸗ leicht ein Abentheurer iſt? Eher mordet mich, als ich das zugebe.“ „Nun, Ihr folgt mir, dann will ich Eurer Unglaͤubigkeit Schein und Beweis in die Haͤnde geben. Verhaltet Euch eine Weile ſchweigend und laßt mich mit der Prinzeſſin reden.“ „Mathilde,“ redete er ſie an,„es ge⸗ ziemt der Tochter des Koͤnigs Malcolm nicht, daß ſie, als eine Nonne, im Kloſter 123 ihre Tage beſchließe. Einen Thron biete ich Euch an und ſeinen Glanz will ich mit Euch theilen. Vertraut mir, daß ich den Willen habe, Euch gluͤcklich zu machen. Ich glaube es, daß Eure Seele ſchoͤn iſt, wie Euer Leib. Sagt, ſpricht in Euch kein Gefuͤhl gegen mich und koͤnnt Ihr mich lieben?“ Niathilde erroͤthete und ſprach mit zit⸗ ternder Stimme:„Solch eine Antwort muͤßt Ihr von mir nicht fordern Gegen Euch ſpricht mein Gefuͤhl nicht; aber, wie könnte ich mich entſchließen, Euch meine Hand zu geben, da ich nur Euern Namen kenne.“ „Nun, Ihr ſollt mich naͤher kennen lernen und erſt dann will ich Euch fragen, ob Ihr eine armſelige Nonne bleiben, oder eine Koͤnigsbraut werden wollt.“ 1 124 Heinrich traf Anſtalten, daß Mathilde zum Graf Warwick gebracht wurde. Die Baſe, die dieſes Verfahren fuͤr hoͤchſt ſtraͤflich hielt, ließ ſich nicht bewegen, das Kloſter zu verlaſſen, ob man ſie auch durch glaͤnzende Verſprechungen dazu bewegen wollte. Der Graf Warwick, der mit ſeiner Gattin und ſeinen zwei Toͤchtern von der Ankunft der Prinzeſſin und der Abſicht des Koͤnigs unterrichtet war, empfing ſie auf ſeinem Schloſſe mir allen Ehrenbezeugungen, die ihrem Range gebuͤhrten. Bei dem Graf, wo ſie nur das Lob des Koͤnigs hoͤrte und durch den oͤftern Umgang ſein guͤtiges, lie⸗ bevolles Weſen kennen lernte, ſich fuͤr ſeine Perſon eingenommen fuͤhlte, gab ſie ihm endlich ihr Jawort. Nun aber war noch die groͤßte Schwie⸗ rigkeit zu heben, ob es auch verſtattet wer⸗ 125 den koͤnne, daß der Koͤnig eine Nonne, die er idem Kloſter entfuͤhrt hatte, heirathen duͤrfe. Ohne Zuſtimmung der geiſtlichen Vaͤter durfte ſie den Schleier nicht ablegen. Es kam zu einer Verſammlung der vor⸗ nehmſten Praͤlaten, die in Lambeth, unweit Rocheſter, gehalten wurde, wo die critiſche Sache zur Entſcheidung gebracht werden ſollte. Hier bewieſen einige Praͤlaten, nicht ohne Einfluß des Primas von England, Anſelm, den der König auf ſeiner Seite hatte, daß vornehme und geringe Jung⸗ frauen, ſeit der normanniſchen Regierung, ſich als Nonnen haͤtten einkleiden laſſen, ohne das Geluͤbde einer ewigen Keuſchheit abzulegen, bloß um den haͤufigen Entfuͤh⸗ rungen und den gewaltſamen Angriffen roher Maͤnner zu entgehen. Mathilde alſo, die aus Furcht den Nonnenſchleier genommen hatte, wurde von ihrem Kloſtergeluͤbde los⸗ 126 geſprochen und ward Heinrichs Gemah lin. Sie war die ſchoͤnſte Frau ihrer Zeit und zugleich die guͤtigſte, wohlthaͤtigſte und allver⸗ ehrteſte. Durch alle Bitten aber konnte ſie die Baſe nicht bewegen, zu ihr zu kommen und ferner Mutterſtelle bei ihr zu vertreten, die nach der Hochzeit, welche in aller Pracht vollzogen wurde, nach Schottland zuruͤck⸗ ging, weil ſie, nach ihrem Gewiſſen, keinen Antheil an einem Unrechte nehmen wollte, das ihre Pflegetochter begangen hatte Bei ihrem nicht großen Vermoͤgen wies ſie ſelbſt die Unterſtuͤtzung zuruͤck, die ihr die Koͤnigin anbot, um ihr ein ſorgenfreies Leben zu verſchaffen. 6 127** Anna kam an einem Abend, ziemlich ſpaͤt, nachdem ſie ſich mit ihren Kindern mehrere Wochen bei der Graͤfin von Nor⸗ folck aufgehalten hatte auf dem Gebiete ihres Vaters an. Nicht weit von ſeinem Land⸗ gute an der Straße hoͤrte ſie im Vorbeireiten den Zuruf:„Erbarmt Euch eines Pilgers, der aus Palaͤſtina koͤmmt, laßt ihn nicht hungern und verſtattet ihm fuͤr dieſe Nacht eine Herberge in Eurer Wohnung.“ Anna war aͤngſtlich und fürchtete, daß der vorgebliche Pilger vielleicht ein verkapp⸗ ter Raͤuber oder irgend ein Menſch waͤre, der hier auf der Lauer laͤge, um ihr zu ſchaden. Schweigend und mit klopfendem Herzen ritt ſie weiter und hoͤrte ſich nach⸗ rufen:„Wer nicht Barmherzigkeit uͤbt, dem wird auch nicht Barmherzigkeit widerfahren. Es moͤge der Alggerechte in der Todesſtunde 128 Euer Gebet nicht erhoͤren“„. Clito ſelbſt wunderte ſich uͤber die Haͤrte der Mutter und ſagte:„Ihr nahmt Euch ſonſt aller Huͤlfloſen an, und gegen den, der am Wege liegt, den hungert, welcher um die Herberge fleht, ſeyd Ihr ohne Mitleid 1 Siie beruhigte ihren Sohn damit, daß ſie ſagte:„Mein Vater ſoll den Pilger in ſeine Wohnung fuͤhren laſſen. Clito, es iſt faſt dunkel und ich kann nicht wiſſen, ob der Unbekannte Boͤſes im Schilde fuͤhrt, oder nicht.“ Als im Paͤchterhauſe die erſten Freu⸗ densbezeugungen des Wiederſehns⸗ nach einer langen Trennung, voruͤber waren, dachte Anna an den Pilger am Wege und bat ihren Vater, daß er denſelben holen ließe und ihm Speiſe und Obdach geben wolle. 129 Der Vater war ſogleich dazu bereit. Der Menſch, den Rotley beordert hatte, den Pilger zu holen, meldete ſeinem Herrn: der Fremde ſey kein gemeiner Mann, ſondern ein Moͤnch oder ein Geiſtlicher, den er doch nicht in das Gemach des Geſindes fuͤhren koͤnne. „Iſt er ein Geiſtlicher,“ ſagte Rotley, nſo bringe ihn zu mir, daß er an unſerer Tafel ſich ſaͤttigt, und in einem reinen La⸗ ger ſchlaͤft, wie es den Freunden meines Hauſes zuſteht. Der Geiſtliche, als er ehrerbietig vor Rotley erſchien, ſagte:„Ich war vom Gehen ſo matt, daß ich niederſank, bei Euch, da Ihr mich aufnehmt, werde ich mich durch Eure Guͤte wieder erquicken. Brecht den Hungrigen Euer Brodt und ſtillet mit Der Kreuzfahrer. III. 9 1 130 einem Trunk Waſſer ſeinen Durſt. Thut Ihr das mit einem Herzen voll Liebe, ſo wird es der Erloͤſer ſo anſehen, als ſey es ihm ſelbſt geſchehen.“ „Redet Ihr doch ſo aus der Bibel, als ob Ihr alle Tage darin leſet. Gewiß, Ihr ſeyd ein Geiſtlicher.“ „Ihr habt es errathen und haͤttet es an meiner Kleidung ſehen koͤnnen. Freilich, mein Gewand iſt ſehr unſcheinbar geworden und faſt ſchaͤme ich mich, vor ehrlichen Leu⸗ ten zu erſcheinen, indeß koͤmmt es vielen Narren auch auf den Rock an, die Verſtaͤn⸗ digen ſehen auf’s Innere. Aber wie ſchnell das Mitleid doch der Haͤrte folgt! Da lag ich von der weiten Reiſe und von Verdruß abgemattet, nicht weit entfernt von Eurer Wohnung. Mehrere Reiſende ritten vor⸗ 131 uͤber, ich flehte ihr Mitleid, unbarmherzig, ohne meiner zu achten, zogen ſie die Straße.“ „Und doch,“ ſagte Rotley,„verdankt Ihr es eben der Perſon, die Euch keine Antwort gab, daß Ihr unter Obdach ſeyd. Hier, meine Tochter war es, die mich bat, Euch zu herbergen. Ihr muͤßt nicht zu vor⸗ eilig urtheilen und ſogleich verdammen, das ſoll Niemand Eures Standes.“ Dem Prieſter wurde Speiſe und Trank in Menge aufgetragen und waͤhrend er Durſt und Hunger ſtillte, ſprach Anna mit ihren Eltern von Norfolcks, von England und dem Koͤnige. Sie wußte auch die Neuig⸗ keit, daß ſich der Koͤnig mit einer Nonne, der Prinzeſſin Mathilde, Malcolms Tochter, verheirathet haͤtte. 132 „Das iſt nicht moͤglich,“ erwiederte Rotley. „In einem ketzeriſchen Lande,“ fiel der Geiſtliche in die Rede,„iſt Alles moͤglich.“ Weiter ſagte er nichts und hatte es eilig, ſeine Eßluſt zu befriedigen. Die Eltern erzaͤhlten Annen dage⸗ gen, welche haͤuslichen Ereigniſſe ſich waͤh⸗ rend ihrer Abweſenheit zugetragen haͤtten. Clito aber theilte dem Großvater die wich⸗ tige Begebenheit mit, daß er im Walde des Grafen mehreres Wild erlegt haͤtte und ſchien ſtolz darauf zu ſeyn, daß er ein ſo tuͤchtiger Jaͤger war. Als der Geiſtliche ſeine Mahlzeit ge⸗ halten hatte, ſagte er:„Ich will nach Evreux reiſen, mich meinen Verwandten 133 zeigen, die es kaum glauben werden, daß ich noch am Leben bin. Fuͤr meinen Eifer, fuͤr meine Muͤhe und Arbeit habe ich ſchlech⸗ ten Lohn empfangen.“ „Das laßt Euch nicht wundern, die Welt iſt voll Undankbarer,“ ſagte Rotley. „Wißt Ihr auch, woher ich komme?“ „Wie kann ich das rathen! Die Welt iſt groß, wer kann es wiſſen, von welcher Himmelsgegend Ihr herkommt.“ „Vom Orient.“ „Alſo aus dem Morgenlande?“ „So iſt es Recht,“ ſagte der Prieſter. „Mit dem Heere Gottfrieds von Bouillon 134 ging ich dahin, mit den Worten der Religion und des Glaubens die Streiter zum Kampfe gegen die Saracenen anzufachen, die Ver⸗ wundeten zu troͤſten, die Sterbenden mit ſeligen Hoffnungen zu erquicken und zu lehren, daß ein Chriſt ſelbſt gegen ſeine Feinde nicht grauſam ſeyn muß. Den Himmel kann ich zum Zeugen anrufen, daß ich treulich meine Pflicht erfuͤllt habe. Hungern mußte ich oft und durſten, die Strahlen der gluͤhenden Sonne brannten auf meinen Scheitel und in den kalten Naͤchten war mein Lager die Erde. Durch Beute konnte ich mich, als ein Geiſtlicher, nicht bezahlt machen und blieb arm, wenn Andere reich wurden. Aber der Gedanke, der Religion zu dienen, machte mir alle Beſchwerden und Anſtrengungen leicht.“ „Ihr wißt wohl,“ fuhr der Geiſtliche fort,„es giebt in jedem Stande faule, pflichtvergeſſene Menſchen, die ihm Schande machen und iſt es auch mit den Gliedern der Geiſtlichkeit. Verbotenes und Unſitt⸗ liches erlaubten ſich Viele. Das kam zu den Ohren des Herzogs und eine Schaar von Moͤnchen und Prieſtern, die fuͤr ſchuldig er⸗ kannt wurden, mußten auf ſeinen Befehl die Ruͤckfahrt antreten. Ich wurde mit Meh⸗ rern erwaͤhlt, die Aufſicht uͤber die Rotte Koras zu fuͤhren. Sie gehorchte mir ſchlecht und zweimal, als ich eine Strafpredigt auf dem Schiffe hielt, war ich in Gefahr, ins Meer geſtuͤrzt zu werden. Nun, Gott ſey geprieſen, ich ſtehe wieder auf feſtem Boden und werde die Reiſe nach Palaͤſtina nicht wieder antreten.“ „Alſo,“ ſagte Rotley,„waret Ihr kein Mitglied der Rotte, ſondern ihr Aufſeher?“ „Wie ich geſagt habe.“ 136 „Aber der Herzog hatte doch Recht, daß er das heilloſe Prieſtervolk verbannte und ich ehre Eure Aufrichtigkeit, die es ge⸗ ſteht. In der Regel ruͤhmen die Geiſtlichen ihre Tugenden himmelhoch und wiſſen liſtig und geſchickt ihre Fehler zu verbergen. Man hoͤrt es ſelten, daß Einer von dem Andern das Boͤſe ſagt, was dieſer begangen hat. Ich lobe den Herzog, daß er mit gerechter Strenge die ungeſunden, unnuͤtzen Glieder vom Koͤrper trennte, beſonders, da es Geiſt⸗ liche, Prieſter und Moͤnche waren, die durch ihr Beiſpiel mehr Unheil anrichten, als An⸗ dere. Man meint, was ein Diener der Religion thut, das koͤnne man ſich unge⸗ ſtraft auch erlauben. Ja, dieſer Herzog von Bouillon, der mit ſolcher Strenge darauf haͤlt, daß die, welche die Religion verkuͤnden, auch nach ihren Vorſchriften leben, iſt ein wahrer Glaubensheld und in der Ewig⸗ 137 keit wird er die Krone der Herrlichkeit empfangen.“ „Nicht doch,“ fiel der Geiſtliche dem Paͤchter ins Wort,„nicht von dem Herzog von Bouillon geſchah die Verbannung der Geiſtlichen vom Kreuzheere, ſondern von dem Herzog Robert, von Euerm Herzog, als er Nicaͤa mit Sturm eingenommen hatte.“ „Mein Heiland,“ rief Anna aus,„ſeyd Ihr ein Bote, der mir vom Herzog Robert Botſchaft bringen ſoll?“ „Nein, fuͤrwahr, er hat mir keinen Auf⸗ trag an Euch gegeben. Was ſoll ein Her⸗ zog auch mit Euch zu ſchaffen haben. Ihr ſcherzt mit mir.“ Bei unſerm Gott beſchwoͤre ich Euch 138 und bei den Sacramenten, daß Ihr mir es ſagt, ob der Herzog Robert im gelobten Lande iſt.“ „Da iſt er, ich habe ihn mehr, als einmal mit ſeinem Gefolge geſehen; wollt Ihr mir aber nicht glauben, ſo geht nach Paris, da kann es Euch Jeder auf der Straße ſagen. Seine Perſon ſcheint Euch ſo wichtig zu ſeyn und Ihr wißt es nicht, daß er in Palaͤſtina iſt? Das koͤmmt mir ſonderbar vor.“ „Seht, das ſind ſeine beiden Kinder und ich bin ſeine Gattin.“ „Treibt nicht mit mir Narrenſpiel! Ihr ſollt mir nicht einbilden, daß eine Her⸗ zogin, ſtatt auf dem Schloſſe in Rouen zu wohnen, in einem Paͤchterhauſe ſich aufhaͤlt, 139 und die Einwohner deſſelben Vater und Mutter nennt.“ „Ach,“ ſeufzte Anna,„alſo in Palaͤ⸗ ſtina iſt Robert, wo unter den Schwertern der Saracenen Chriſtenblut in Stroͤmen vergoſſen wird? Nie werde ich ihn wieder ſehen.“ „O, glaubt nur, daß die Chriſten mit den Saracenen auch nicht ſpielen. Ob aber der Herzog lebendig in ſein Land zuruͤck⸗ kehren wird, das kann kein Menſch ver⸗ buͤrgen, es iſt Gottes Sache. Indeß, wo wir auch ſeyn moͤgen, haͤlt er ſeine Hand uͤber uns, und tauſend Leben hat er in moͤr⸗ deriſchen Schlachten ſchon beſchuͤtzt.“ Waͤhrend Anna ſich die Haͤnde rang, wie eine Verzweifelte auf und nieder ging, 1⁴⁰ erzaͤhlte es Rotley dem Geiſtlichen mit kur⸗ zen Worten, in welchem Verhaͤltniß ſeine Tochter mit dem Herzoge ſtand. „Ach,“ ſagte ſie,„die Kinder und El⸗ tern muß ich verlaſſen und zu ihm eilen, ohne ihn kann ich nicht leben. Gewiß, er kehrt mit mir zuruͤck! Um von dem ge⸗ heimen Grame frei zu werden, ſucht er den Tod. Geiſtlicher, ſagt mir, welchen Weg muß ich nehmen, um nach dem gelobten Lande zu kommen?“ „Sagte ich Euch den Weg, Ihr wuͤrdet den Zweck einer weiten und gefahrvollen Reiſe dennoch nicht erreichen. In jedem Hafen iſt es auf's ſtrengſte verboten, daß kein Weib ein Schiff beſteigen darf, um nach Palaͤſtina uͤberzufahren. Jede Perſon von verdaͤchtigem Anſehen, muß ſich einer 141 Unterſuchung unterwerfen, findet es ſich, daß ſie weiblichen Geſchlechts iſt, ſo wird ſie zuruͤckgewieſen. Dies Gebot koͤmmt von Euerm Herzog und er wird es ſich nicht erlauben duͤrfen, mit Euch eine Aus⸗ nahme zu machen. Zleibt hier und laßt Euch von der Liebe nicht ins Ungluͤck fuͤh⸗ ren. Welche Feinde ſtellen dort dem Leben nach! Ihr ſeyd nicht allein Gattin, Ihr ſeyd auch Mutter. Erzieht Eure Kinder fromm und laßt den Herzog fuͤr die Ehre des Erloͤſers kaͤmpfen. Großen Ruhm hat er ſich ſchon erworben, das ganze Heer kennt ſeine Thaten und er wird ſeine Ehre vergroͤßern. Noch ziehen ganze Schwaͤrme nach Palaͤſtina hin, durch ſie koͤnnt Ihr es dem Herzoge beſtellen laſſen, wie Ihr Euch nach ihm ſehnt; aber, ſo denke ich mir ihn, er kehrt nicht im Laufe ſeiner Siege zuruͤck und die Pflicht ſteht bei ihm hoͤher ange⸗ 142 ſchrieben. Ihr muͤßt Euch auch mit den tauſend Frauen troͤſten, die in Armuth und Noth, geſchieden von ihren Maͤnnern, die ihre Verſorger waren, leben muͤſſen.“ Nach vielem Harm und Gram fiel Anna auf den Gedanken, daß der Graf von Norfolck die beſte Gelegenheit haͤtte, dem Herzoge es wiſſen zu laſſen, daß ſie noch lebe und wie ſchmerzlich ſie ſich nach ſeiner Naͤhe ſehne. Daß Robert in Palaͤſtina ſey, wußte der Graf ſchon laͤngſt und hatte es mehrern Kreuzfahrern beſtellt, es dem Her⸗ zoge zu melden, daß Anna im Sarge wie⸗ der aufgelebt ſey; aber er erhielt keine Nach⸗ richt davon. Auf ihr Bittſchreiben erwie⸗ derte er, daß er Alles aufbieten werde, da⸗ mit der Herzog Nachricht von ihr erhalte. Inſtaͤndig aber bat er ſie, ſich zu gedulden und ſo viel ſie uͤber ſich vermoͤge, fuͤr ihr Leben zu ſorgen, damit es nicht von Gram und Kummer verzehrt werde und ſie der Herzog bei ſeiner Heimkehr geſund faͤnde. Die Graͤfin aber verſprach ihr einen budigen Beſuch mit ihren Kindern. Indeß ſich die bedauernswerthe Anna aͤngſtigte und fuͤrchtete, der Herzog haͤtte vielleicht ſein Leben ſchon eingebuͤßt, oder er werde es in einer der Schlachten verlieren, trieb er ſich in großen, gewaltigen Zer⸗ ſtreuungen umher, die ihn zwangen, mehr an die Gegenwart und Zukunft, als an die Vergangenheit zu denken. Bisweilen ſtellte ſich ihm das Bild ſeiner theuern Anna vor Augen, ſie erſchien ihm, wie ein verklaͤrter Engel, aber er bot Alles auf, um das An⸗ denken an ein verlornes Gluͤck, was ihn ſo traurig ſtimmte, mehr und mehr aus ſeiner Seele zu verbannen. Ganz gab er ſich 144 ſeiner Kriegerpflicht hin, traf die weiſeſte Anordnung in der Beſiegung der Feinde und kaͤmpfte mit unerſchrockenem Loͤwenmuth. Es war keine Gefahr ſo groß, in die er ſich nicht wagte, wo er nicht den Seinen das Beiſpiel wahrer Heldentapferkeit gab, uͤber die ſie ſtaunten. Unbegreiflich war ihm ſelbſt der beſondere Schutz, den ihm die Vorſehung angedeihen ließ. Das Leben war, da Anna nicht mehr fuͤr ihn lebte, ihm in ſeinem Preiſe ſehr geſunken, fuͤr ihn hatte es keinen Werth mehr, er wuͤnſchte die Er⸗ haltung deſſelben nur ſo lange, bis das hei⸗ lige Land, Jeruſalem und das Grab des Erloͤſers in der Gewalt der Chriſten war. Überhaupt wollte er nach Europa nicht wie⸗ der zuruͤckkehren, wo er nur niederſchlagende Schickſale dulden mußte und in frommer Stille, in Faſten und Gebet dachte er in der heiligen Stadt ſeine Tage zu beſchließen. 145 Im ganzen Heere wurde er als der erſte Feldherr geehrt und es war zweifel⸗ haft, wem man von Beiden das groͤßere Verdienſt zuſchreiben ſollte ihm oder Gott⸗ fried von Bouillon. Es gab ſehr Viele, die Roberten uͤber Gottfried erhoben. Noch hatte er kein Treffen verloren und immer uber die Feinde den Sieg davon getragen. Cs draͤngten ſich Tauſende zu ihm hin, die unter ſeinem Befehl Ehre erwerben wollten. Immer feſter gruͤndete ſich der Glaube, daß er im Kreuzheer der erſte Anfuͤhrer ſey und das Vertraun, was ihm ſelbſt der gemeinſte Krieger zollte, war ohne Schranken. Was er auch Kuͤhnes wagte, die Seinen folgten ihm und wenn das fen Grahe vor ihren Augen fand. 1d= Der fromme, beſcheidene Gottfried von Bouillon uͤberhaͤufte ihn mit allen Ehrenbe⸗ Der Kreuzfahrer. III. 10 146 zeugungen, nannte ihn ſeinen Waffenbruder und betrachtete ohne Neid die großen Waf⸗ fenthaten, wodurch ſich Robert auszeichnete. Er ſagte es laut und vor dem Heere, daß die Chriſtenheit in dem Herzoge von der Normandie die groͤßte Stuͤtze gefunden haͤtte, daß er von Gott vorzuͤglich beſtimmt ſey, das große Werk zu vollenden. Eben ſo be⸗ ſcheiden wie Gottfried, war auch Robert, und es herrſchte unter den Beiden der edle Wett⸗ ſtreit, daß der Eine weniger Verdienſt haben wollte, als der Andere. Der Koͤnig Heinrich von England konnte es auf keine Weiſe verhuͤten, daß der Ruf der großen Thaten ſeines Bruders bis zu ſeinem Throne erſcholl und ſich im gan⸗ zen Lande verbreitete. Man redete insge⸗ heim davon, daß Robert, der von jeher ſich als Held und Menſch ausgezeichnet habe, 147 vor ſeinem Bruder des Thrones wuͤrdig ſey. Heinrich ſey ohne Verdienſt und Werth, er habe die Krone, die Roberten gehoͤre, erliſtet und mit Gewalt erpreßt. Es verſchworen ſich Viele, ſobald der Herzog in England erſchiene, auf ſeine Seite zu treten, ſeine Gegner zu bekriegen und ihm zu dem Rechte zu helfen, das ihm gebuͤhrte. Es war fuͤr Annen doch eine geheime Freude, als ſie ſo viel Ruͤhmliches von dem Herzoge hoͤrte; aber ſie fürchtete auch aͤngſt⸗ lich, daß er im Streben, ſeine Ehre und Verdienſt zu vergroͤßern, endlich ſeinen Tod finden werde. Der Graf von Norfolk kam von einer Reiſe nach England zuruck und verkuͤndete Annen, daß der Koͤnig fuͤr ſeine Sicherheit und ſeine Krone ſehr beſorgt ſey, wenn der Herzog nach England kaͤme, da er das Verbot habe ausgehen laſſen, daß 148 Niemand ſeines Bruders laut erwaͤhnen ſolle. Es ſchlichen Auflaurer und Spione im Lande umher, um die zu entdecken, die Roberts Freunde waͤren, daß ſie beſtraft wuͤrden. Dadurch aber mache er das übel nur aͤrger. Es ſey ſaſt keinem Zweifel un⸗ terworfen, zeigte ſich der Herzog in Eng⸗ land, daß ſeine Parthei ſiegen und daß er den Thron beſteigen werde. „Beruhigt Euch,“ ſagte der Graf, „und glaubt es feſt, der Herzog ſteht un⸗ ter dem beſondern Schutz des Allmaͤchtigen. Ich habe die geheime Ahnung, daß Ihr ihn wieder ſeht, und dieſe truͤgt mich nicht.“ n8 „Wenn ſeine Erſcheinung in England neue, gefaͤhrliche Kriege veranlaßt, in denen der Herzog umkommen kann, wie ſoll ich 149 mich troͤſten! Mag er ſeinen Bruder die ſchimmernde Buͤrde, ein Koͤnig zu ſeyn, tragen laſſen, vermoͤgen meine Bitten etwas uͤber ihn, ſo laͤßt er die Ehre vor der Welt fahren und lebt mit mir in glanzloſer, zu⸗ friedener Stille.“ „Anna, ein Naͤnnergeiſt denkt anders, als der Eure. Denkt an mich, der Herzog laͤßt ſich ſein Recht nicht nehmen und be⸗ ſcheidet ſich nicht, daß Heinrich ſeine Krone traͤgt. Doch laßt uns jetzt von andern Dingen reden. Die Zukunft wird die Raͤthſel loͤſen. Seit Ihr vom Tode wieder erſtanden ſeyd, kann ich ſelbſt das Unmoͤg⸗ liche glauben.“ 150 Der Gang des Chriſtenheers nach An⸗ tiochien glich einem Siegeszuge. Die Sa⸗ racenen wurden, wo ſie dem vordringenden Feinde entgegen kaͤmpften, mit großen Ver⸗ luſten zuruͤckgeſchlagen. Im Vorderzuge des zahlreichen Heeres focht immer die Schaar des Herzogs Robert. Der getaufte Nor⸗ mann bewies es dem Herzoge, daß er nicht allein tapfer und muthig focht, ſondern daß er bei den kleinern Unternehmungen, die ihm aufgetragen waren, mit Vorſicht und Klug⸗ heit zu Werke ginge Der Herzog liebte ihn dagegen auch, wie einen Sohn und er liebte den Herzog ſo, daß er fuͤr ihn ſein Leben gelaſſen haͤtte. Normanns Herz wallte in freudigen Be⸗ wegungen, als er die Thuͤrme von Antiochia erblickte. Er naͤhrte die Hoffnung, ſeine geliebte Fatime wieder zu ſehen; aber Angſt 151 und Wehmuth beſiel ihn auch, wenn er daran dachte, daß ſie in der allgemeinen Verwirrung, wenn die Stadt erſtuͤrmt ſey. mehr als ihr Leben verlieren koͤnne. Das groͤßte Hinderniß, je mit ihr vereinigt zu werden, war ſeine Glaubensveraͤnderung, daß er zum Chriſtenthume uͤbergegangen war, und daß er in der Wohnung ihres Vaters nicht in ſaraceniſcher Tracht, ſondern wie ein chriſtlicher Ritter erſcheinen mußte. Das hatte er ſich feſt vorgenommen, wenn ſie Neigung zeige, ihm zu folgen, daß er ſie mit Gewalt aus dem Vaterhauſe fuͤhren wolle. Antiochia wurde angegriffen, erſtuͤrmt und unter den Feinden ein graͤuliches Blur⸗ bad angerichtet. Selbſt die Sieger waren des Mordens muͤde. Robert ſteuerte dem Blutvergießen, ſo weit ſeine Befehle reich⸗ ten und that ihm Einhalt.. 152 Normann eilte zur vaͤterlichen Wohnung und fand nur ſeine Mutter noch am Leben. Der Vater wurde vor acht Tagen begraben, weil die Angſt vor der gefahrvollen Zukunft ſeinem Leben durch einen Schlagfluß ein Ende machte. Als die Mutter den Sohn erkannte, ſtaunte ſie, daß er wie ein Kreuz⸗ ritter gekleidet war. „Mutter,“ ſprach er,„ich bin getauft und ein Bekenner der Religion, die Du mich von Jugend an gelehrt haſt.“ Sie umarmte ihn und pries ſich gluͤck⸗ lich, daß ſie einen Sohn hatte, der ein Chriſt war. Sie erklaͤrte daß ſie mit ihren Schätzen ins Land der Chriſten zuruͤckkehren werde, wenn ſie ſicher und ohne Gefahr da⸗ hin kommen koͤnne. Normann verſprach, wenn ſie ſich am andern Morgen mit den 153 Schweſtern reiſefertig halten koͤnne, ſo wolle er es durch den Herzog bewirken, daß ihr auf dem Wege nach dem Hafen kein Unfall begegnen ſolle und er ſelbſt werde mit einem gewaffneten Gefolge ihr Begleiter ſeyn. Sie war dazu entſchloſſen und ſagte:„In dem Lande dieſer Unglaͤubigen kann ich nicht laͤnger bleiben, ich fuͤhle ein unwiderſtehliches Verlangen, mit andern Chriſten Gott zu verehren, wie es der Heiland gelehrt hat.“ Jetzt eilte Normann nach der Wohnung Selims hin, des Vaters ſeiner Braut. Er war außer ſich, in Verzweiflung und Angſt und fuͤrchtete Alles fuͤr ſein Leben. Nor⸗ mann gab ſich ihm zu erkennen und ſagte: „Ich werde Euch beſchuͤtzen.“ „Verraͤther Deines Volks,“ donnerte Selim an,„zu unſern Feinden biſt Du 154 uͤbergegangen?“.... In der Wohnung des Kaufmanns waren mehrere Kreuzfahrer. Selim zog einen Dolch aus dem Buſen und wollte ihn Normann in die Bruſt ſtoßen. Er ſprang zuruͤck und entging ſo dem Stoße. In demſelben Augenblicke blitzte ein Schwert auf Selims dedf und todt ſtuͤrzte er danieder. Nach vielem Suchen fand Normann, der alle Gemaͤcher und Gewoͤlbe des Hau⸗ ſes kannte, Fatimen und ihre Mutter. Er berichtete das Ungluͤck, was Selim begegnet war und ſagte:„Folgt Ihr mir, ſo ver⸗ heiße ich Euch Sicherheit vor jeder Gefahr.“ In der gaͤnzlichen Zerruͤttung des Ge⸗ muͤths that die ungluͤckliche Frau, was ihr geheißen wurde. Nachdem das Haus mit einer Wache beſetzt war, die das weitere 1⁵⁵ Pluͤndern verhuͤtete, brachte Normann Selims Gattin und ſeine Fatime, die in Schmerz und Freude aufgeloͤſet war, zu ſeiner Mut⸗ ter und ſagte:„Krieg und Gefahr wird lange noch in dieſem Lande herrſchen, Ihr muͤßt aus ihm entfliehen. Geht mit meiner Mutter in ein Land, wo Friede und Sicher⸗ heit herrſcht. Ihr koͤnnt, wenn die Roth voruͤber iſt, zuruͤckkehren.“ Die Frau that, in der Verwirrung ihres Gemuͤths und von der gegenwaͤrtigen Gefahr bedroht, Alles, was Normann rieth und gebot. Fatime lag in ſeinen Armen, ‚betheuerte ihm ihre Liebe und geſtand, daß ſie, außer ihm keinen andern Gatten waͤh⸗ len koͤnne. Am folgenden Morgen nahm er von ſeinen Lieben ſchmerzlichen Abſchied, die 156 Antiochia verließen, begleitet von einem ſie beſchuͤtzenden Reiterſchwarme. Nun war Normann ruhig, ſeine Fatime war in Sicher⸗ heit, er wußte es, daß ſie ihn liebte, alle Hinderniſſe, der Verbindung mit ihr waren beſeitigt und ſein Herz erfuͤllte die frohe Hoffnung, wenn er mit dem Leben davon kam, in gluͤcklicher Vereinigung mit Fatimen zu leben.“ Aber welch ein Gluͤck war es, daß er die Abreiſe ſeiner Lieben ſo beeilte. Schon am dritten Tage nach der Einnahme von Antiochia nahte ſich ein ungeheures Feindes⸗ heer, welches die in der Stadt eingeſchloſ⸗ ſenen Kreuzfahrer belagerte. Die Ausfaͤlle der Belagerten waren fruchtlos und ſie wur⸗ den mit großen Verluſten zuruͤckgeſchlagen. Der Mangel an Lebensmitteln ſtieg zu ſolch einer Hoͤhe, daß man Kameele und Roſſe 157 ſchlachten mußte, deren Fleiſch in kleinen Portionen vertheilt wurde, um nicht dem Hunger zu erliegen. Als die Noth auf's aͤußerſte gekommen war, trat ein Geiſtlicher auf, mit einer Lanze in der Hand, die er eine heilige nannte, und verkuͤndete den Seinen, nach einer goͤttlichen Offenbarung, die er gehabt haͤtte, den Sieg uͤber die Feinde. In den aberglaͤubiſchen Zeiten fruchtete dies Vor⸗ geben, es erfuͤllte die Kriegerſeelen mit un⸗ geſtuͤmem Muth, die nicht mehr zweifelten, daß Gott ſelber fuͤr ſie ſtreiten werde. Sie machten einen Ausfall, die Tuͤrken konnten der Gewalt nicht widerſtehen, ſie wurden auf's Haupt geſchlagen und Alle ſtimmten Lobgeſaͤnge an, daß ihnen vom Himmel der glaͤnzende Sieg verliehen war.— Nichts hielt ihren Lauf mehr auf. Nun ſollte 158 Jeruſalem, die heilige Stadt, wo das Grab des Erloͤſers war, erobert werden. Ein Sa⸗ racenenheer, zahlreicher, als das in Antiochia, vertheidigte Jeruſalem gegen die Feinde. Mit feuriger Beredſamkeit entflammten die Geiſt⸗ lichen die Kreuzſoldaten zum unuͤberwind⸗ lichen Muthe und ſtellten die Eroberung dieſer Stadt als die Krone, als den hoͤchſten Preis ihrer bisherigen Siege dar. Aber, aller Anſtrengungen ungeachtet, konnte Jeruſalem erſt nach einer fuͤnfwoͤchentlichen Belagerung eingenommen werden. Aber hier, wo der Erloͤſer lehrte:„Liebt Eure Feinde,“ wo er am Kreuze ſprach:„Vater, vergieb ihnen, denn ſie wiſſen nicht, was ſie thun!“ hier wuͤthete der Tod in allen Geſtalten. Ohne Barmherzigkeit wurden die Saracenen nie⸗ dergehauen und das Ende des Mordes ſchien nicht kommen zu wollen. Man hatte alles menſchliche Gefuͤhl ausgezogen und glaubte, 159 je mehr Unglaͤubige man umbraͤchte, Gott und der Religion einen deſto groͤßern Dienſt zu thun. Das Mitleid und Erbarmen war aus den Kriegerſeelen gewichen. Dem Wuͤthen und Wuͤrgen war in den erſten Stunden gar nicht zu ſteuern. Alle Graͤuel erlaubte man ſich. Endlich machte die Macht dem Blutvergießen ein Ende. Der Herzog Robert, an deſſen Seite Normann ritt, war Zeuge, das er, von einem Pfeilſchuß getoͤdtet, vom Roſſe ſtuͤrzte. Der Verluſt eines ſo edeln Juͤnglings, der mit treuer Freundesliebe an ihn gekettet war, ſchmerzte ihn einen Augenblick, denn unter dem Sturme gewaltſamer Auftritte, konnte das Gefuͤhl einer aufrichtigen Wehmuth in ſeiner Seele nicht von anhaltender Dauer ſeyn. Als er eine Straße Jeruſalems hinauf ritt, von ſeinem Kriegerſchwarm um⸗ 160 ringt, traf ihn, der bisher in den hitzigſten Gefechten unverwundet geblieben war, ein Pfeil, der aus einem Fenſter abgeſchoſſen wurde, dergeſtalt in den rechten Arm, daß ſeiner Hand das empor gehaltene Schwert entfiel und der Arm gelähmt am Koͤrper niederhing. „ſ das mein Lohn?“ wuue der Her⸗ zog mit ruhiger Miene. Das Haus wurde erſturmte und ale Bewohner deſſelben wünden von der Siharft des Schweues hemnd dete Als der Heßhog von dem verunndeten Robert hoͤrte, ging er ſogleich zu ihm und bedauerte ihn aufrichtig. Robert aber ent⸗ gegnete:„Mein Arm iſt lahm; damit hat mir die Vorſehung den Reiſepaß geſchrieben, 161 in mein Vaterland zuruͤckzukehren. Die ſchwerſte Arbeit half ich vollenden. Ein Krieger, der das Schwert nicht fuͤhren kann, iſt unnuͤtz bei dem Heere. Ich gehe.“ „Kann uns auch Euer Arm nicht mehr dienen,“ ſagte Gottfried,„ſo kann es doch Euer Kopf.“ „O,“ entgegnete Robert,„wo Ihr be⸗ fehligt, da braucht es keines zweiten Kopfs. Herzog, haltet mich hier nicht auf, ich will ein Bote ſeyn, der Euern Ruhm im Vater⸗ lande verkuͤndigt.“— Noch acht Tage blieb Robert, ſeines Arms wegen, der ihn ſehr ſchmerzte, in Je⸗ ruſalem und war Zeuge, daß der Herzog von Bouillon von den Haͤuptern des Heeres und von ihm zum Koͤnig des Landes und Der Kreuzfahrer, III. 11. 162 der Stadt erwaͤhlt wurde.„Nein,“ ſagte der demuͤthige, fromme Bouillon,„da, wo Chriſtus eine Dornenkrone trug, will ich keine Koͤnigskrone tragen. Der Herzog Robert von der Normandie hat ſie eben ſo wohl verdient, als ich. Nicht mir, gebt Gott die Ehre, vom Himmel kamen unſere Siege.“— Als Robert von dem Herzog Abſchied nahm und ſeine Nuͤckreiſe antreten wollte, umarmte ihn dieſer unter Thraͤnen, dankte ihm im Namen des Heeres fuͤr ſeine Dienſe und ſagte:„Das Große, was Ihr fuͤr die Religion gethan habt, muß Euch uͤber die harten Verluſte troͤſten, die Ihr erlittet. Gott wird Euer Schutz auf der Reiſe ſeyn, Ihr habt Jeſu, ſeinem Sohn gedient. Die Hochachtung aller Herzen, denen Eure Thaten kund werden, wird Euch umpfangen. Betes 163 fuͤr mich und fuͤr das Heer! Euer Name ſteht in meinem Innern eingegraben und keine Zeit kann ihn verloͤſchen. Erhaltet in Euch das Andenken an mich und glaubt, daß ich auf Erden Euer beſter Freund bin.“ Alle Oberſten des Heeres, das Robert befehligt hatte, trauerten, als er von ihnen ſchied.„Wer,“ hieß es,„da Ihr nicht mehr hier ſeyd, wird uns nun zu neuen Siegen fuͤhren?“ Es ſchmerzte ihn gar ſehr, ſeine getreuen Waffenbruͤder verlaſſen zu muͤſſen. Nach einer gluͤcklichen Überfahrt, aber nicht ohne große Schmerzen, kam der Her⸗ zog in Apulien an und begab ſich, weil es ſein Arm nicht zuließ, die Reiſe fortzu⸗ ſetzen, zu dem normaͤnniſchen Grafen von Converſana, der ein Bekannter von ihm war, ſeine Heilung bei ihm abzuwarten. 164 Hier war Alles bekannt, was er Ehrenvolles im Kriege gegen die Saracenen gethan hatte und ſein Empfang war ein ehrenvoller und herzlicher. „Wie viel hat ein Heer verloren, das Ihr nicht mehr befehligt,“ ſagte der Graf. „Ich waͤre nicht von ihm gewichen,“ entgegnete der Herzog,„wenn mich der lahm Arm bei ihm nicht uͤberfluͤſſig gemacht haͤtte. Laßt mir einen Wundarzt holen, der ihn heilt und mich von den Martern der empfindlichſten Schmerzen frei macht.“ Bald erſchienen auch im Zimmer die Gattin des Grafen und Sibille, ihre Toch⸗, ter. Sie hatten von der Ankunft des Hel⸗ den gehoͤrt, von deſſen Ruhm Apulien voll war und wuͤnſchten ſeine perſoͤnliche Be⸗ 165 kanntſchaft zu machen. Auf Sibillen machte der erſte Anblick des großen, wohlgeſtalteten Mannes einen tiefen Eindruck. Sie war verlegen, erroͤthete und im Innern ſprach es: „Das iſt der Mann, den Deine Seele lieben koͤnnte.“ Gleichguͤltig blieb der Herzog auch nicht, als er die reizvolle Jungfrau betrach⸗ tete da er in ihren Geſichtszuͤgen und dem Bau ihres Koͤrpers die groͤßte Ähnlichkeit mit ſeiner geliehten und betlauerten Aung vergaß er eine Weile emin en, peinigten. Der Wundarzt kam, Sibille entfernte ſich mit ihrer Mutter, denn ſie fuͤhlte es, daß ſie die ſchmerzhaften Außerungen des Herzogs nicht haͤtte ertragen koͤnnen, ohne das innigſte Mitleid und eine zaͤrtliche 166 Neigung, die ploͤtzlich in ihr aufgeflammt war, zu verrathen. Frei und offen, wie ſie gegen die Mutter immer zu ſeyn pflegte, geſtand ſie es ihr ohne Ruͤckhalt, daß ſie von einer wunderbaren, ihr ſelbſt unbegreif⸗ lichen Liebe gegen den Herzog ploͤtzlich uͤber⸗ fallen ſey. Sie wuͤnſchte es aufrichtig, daß ſein Aufenthalt im Schloſſe nicht von lan⸗ ger Dauer ſeyn moͤge, in dieſem Falle wer⸗ de ihr keine Kunſt, keine Verſtellung die⸗ nen, daß ſie ihm ihr inneres Gemuͤth nicht offenbare. Waͤre es der Ruhm, der ihm vorangegangen ſey oder ſeine aͤußere Geſtalt, ſie ſelber koͤnne es nicht begreifen, woher die geheime Macht kaͤme, die ihr Herz zu ihm hingezogen haͤtte. Er ſey ihr zwar an Jahren weit voraus und kein Juͤngling mehr, aber dennoch flamme in ihr die Liebe gegen dieſen Mann, wie noch nie gegen einen andern. 167 Erſtaunt ſagte die Mutter:„Daß die Liebe in einem Herzen ſo ploͤtzlich durch den Anblick eines Mannes entſtehen kann, das iſt mir wohl begreiflich und deshalb tadele ich Dich auch nicht; aber uͤberlege, Robert iſt ein Herzog, dem es wohl nie in den Sinn koͤmmt, ſich mit einer Grafentochter zu vermaͤhlen. Ein Mann von ſeinen Jah⸗ ren hat laͤngſt die Gefaͤhrtin gewaͤhlt, mit der er durch das Leben gehen will, wir koͤnnen es von ihm erfahren. Mache Dir nicht vergeblichen Kummer und uns keine Unruhe, unterdruͤcke Dein Gefuͤhl, das in Dir nur durch ſinnliches Anſchauen ent⸗ ſtanden iſt.“ Der Arzt, der Roberts Wunde unter⸗ ſuchte, zuckte die Achſeln und erklaͤrte, daß die Kur ſehr ſchlecht und ungeſchickt betrie⸗ ben ſey, er wünſchte vielmehr, daß ihm die 168 Heilung an dem Tage uͤbertragen ſey, wo der Herzog durch den Pfeil verletzt wor⸗ den ſey. „Bedenkt auch,“ ſagte der Herzog,„daß ich von Palaͤſtina bis in den Hafen von Salerno faſt nichts zur Heilung meines Armes beitragen konnte und daß ſich in die⸗ ſer Zeit die Schmerzen ſehr vermehrten.“ „Nun,“ ſagte der Arzt,„wenn es einen Ort in der Welt giebt, wo Kranke Eurer Art wieder hergeſtellt werden, ſo iſt es Sa⸗ lerno. Aus Vorſicht werde ich einen meiner Kollegen mitbringen, der ſeine Kunſt mit der meinen vereinigt, um Eure Geneſung deſto eher zu beſorgen.“ Als ein Verband um den Arm gelegt war, entfernte ſich der Arzt mit dem Ver⸗ 169 ſprechen, Nachmittags mit dem Kollegen wieder zu kommen. Der Herzog ſprach wenig von ſeinen Thaten, er wollte ſich nicht ruͤhmen und ſchrieb vielmehr die Siege, die uͤber die Saracenen erfochten waren, den weiſen An⸗ ordnungen Gottfrieds von Bouillon zu, deſſen Befehle er puͤnktlich befolgt habe. Die Beſcheidenheit, mit welcher der Herzog ſprach, floͤßte Sibillen, neben der feurigen Liebe, auch Achtung fuͤr ihn ein. Alle innern Stimmen wurden in ihr laut und riefen ihr zu:„Das iſt der edelſte ſeines Geſchlechts!“ Es war mehr, als eine Woche verfloſ⸗ ſen, in der es zwiſchen Sibillen und dem Herzoge zu einer vertraulichen Bekanntſchaft gekommen war. Sie erwies ihm lauter 170 Gutes und ſuchte es ihm bemerklich zu machen, welchen zaͤrtlichen Antheil ſie an ſeiner vorſchreitenden Wiedergeneſung nahm. Der Herzog ſprach mit den Eltern uͤber die fromme, liebreiche Gemuͤthsart der Toch⸗ ter und ruͤhmte zugleich ihre weiblichen Reize. Die Mutter ſtimmte in das Lob ein, was er ihrer Tugend und Menſchlich⸗ keit zeigte und ſagte:„Sie iſt barmherzig gegen Nothleidende aller Art, aber Euer Schmerz, als Ihr noch empfindlicher littet, hat ſie ſehr erſchuͤttert und manche Nacht konnte ſie vor Sorge und Theilnahme um Euch nicht ſchlafen.“ Nicht ohne Abſicht ſagte das die Graͤ⸗ fin, auch in Roberts Herzen wollte ſie Achtung und Liebe gegen die Tochter ent⸗ zuͤnden. Sibillen zu einer Herzogin erhoben zu ſehen, wie es jetzt ſo manche Mutter ſchmeichelt, wenn die buͤrgerliche Jungfrau zu einer gnaͤdigen Frau wird, das war auch das Verlangen der Graͤfin. Von ſeinen widrigen Erfahrungen erzaͤhlte Robert manches, vom Tode ſeiner Anna aber ſchwieg er, weil er nicht ohne heftige Erſchuͤtterung davon reden konnte. Lebhaf⸗ ter dachte er jetzt in den ſchlafloſen Naͤchten an ſe, als in dem wilden, unruhevollen Leben in Palaͤſtina. Sie erſchien ihm in den Traͤumen, wie eine Selige, und oft, wenn er erwachte, war ſeine Wange von Thraͤnen naß. Noch war es ihm in friſchem Andenken, daß er durch ſie mehr verlor, als ihm die ſichtbare Welt geben konnte. „Waret Ihr nie vermaͤhlt?“ fragte ihn an einem Abend im traulichen Geſpraͤch die Graͤfin. 172 Lange zoͤgerte er mit der Antwort und ſagte dann:„Das iſt eine Sache, die ich ungern beruͤhre, ich kann es nicht ohne Schmerz.“ „So waret Ihr ungluͤcklich in der Ehe.“ 4 „Graͤfin, da irrt Ihr Euch gar ſehr. Ich war in der Ehe glüͤcklich mit einem Weibe, wie es die Sonne froͤmmer, ſchoͤner, liebevoller und zaͤrtlicher nie beſchienen hat. Ich war in England, als mir ihr Tod ge⸗ meldet wurde. Ein Schlag des Schmerzes laͤhmte mein Herz, der mich fuͤr den Genuß aller Freuden dieſes Lebens unfaͤhig gemacht hat. In der hoͤchſten Verwirrung meines Gemuͤths verpfaͤndete ich mein Herzogthum an meinen Bruder. 2000 Mark Silbers ließ ich meinen beiden Kindern, die andern 8 . 173 8000 nahm ich mit nach Palaͤſtina. Da ſuchte ich den Tod, um frei zu werden von dem Leben, das mir durch den haͤrteſten Verluſt zur Qual geworden iſt; aber eine hoͤhere Macht hat es beſchuͤtzt, ich ſollte nicht ſterben. Nun will ich einzig meinen Kin⸗ dern leben und mit ihnen von ihrer liebe⸗ vollen Mutter reden.“ „Herzog,“ ſagte die Graͤfin,„Ihr ſeyd ein Mann ſonder Gleichen. Wie ſelten iſt es doch, daß eine Frau von ihrem Gatten auch nach dem Tode ſo geehrt und geliebt wird, wie Ihr Eure Anna liebt und ehrt. Man graͤmt ſich ein Weilchen und ſucht dann turch eine neue Heurath ſich zu troͤſten. Ja, wer kann den Maͤnnern trauen. Aber, Herzog, was ich doch auch finde, Ihr geht mit Eurer Trauer zu weit. Was nützt Euer Kummer, durch ihn vermoͤget Ihr die 174 Entſchlafene nicht wieder zu erwecken. Lei⸗ den, vom Himmel uns zugefuͤgt, ſollen ge⸗ duldig und ruhig ertragen werden, ſie ſind Wohlthaten, die uns, wenn wir ſie weiſe gebrauchen, großen Segen bringen.“ „Graͤſin, was Ihr mir da ſagt, das habe ich mir hundertmal vorgeredet; aber bedenkt, daß das Gefühl des Herzens nur zu oft die Vernunft und den Verſtand nicht zur Herrſchaft kommen laͤßt. Haͤttet Ihr dieſe Erfahrung nie gemacht?“ Der Herzog fuͤhlte ſich in dem Schloſſe des Grafen ſehr wohl. Seine Wunde war ſo weit geheilt, daß er haͤtte reiſen koͤnnen; aber er gab den inſtaͤndigen Bitten der guten Menſchen gern nach und verlaͤngerte ſeinen Aufenthalt. Nur Liebe und Guͤte kam ihm entgegen und er fuͤhlte es, daß er 175 der willkommenſte Gaſt war. Oft ſagte er es ſich ſelbſt:„Womit habe ich es denn verdient, daß man mich hier, wie auf Haͤn⸗ den traͤgt? Leichter wuͤrde mir der Kummer werden, wenn ich in meinem Vaterlande ſolch eine Familie faͤnde.“ Ohne beſondere Abſichten des Grafen und ſeiner Gattin genoß der Herzog die liebevolle Aufnahme nicht, die ſeinem Herzen ſo wohl that. Die Graͤfin hatte ihrem Gatten das Geheimniß der zaͤrtlichen Nei⸗ gung mitgetheilt, welche Sibille fuͤr den Herzog empfand. Der Anſchein war dazu da, daß er ihr zum ehelichen Bunde die Hand reichte. Oft beſuchte er ſie auf ihrem Zimmer, ſprach freundlich mit ihr und bat ſie, daß ſie ihm mit ihrer melodiſchen Stimme Lieder ſang, die ſie geſchickt mit der Laute begleitete. Sie erſchien ihm als 176 eine durch Talent und Seelenadel Ausge⸗ zeichnete ihres Geſchlechts. Roſen bluͤhten auf ihren Wangen, purpurn waren ihre Lippen und eine ſtolze Erhabenheit lag auf ihrer Stirn. Bei aller Schoͤnheit zeigte ſie Beſcheidenheit, Einfachheit und ſanfte Milde. Sich aber mit ihr zu vermaͤhlen, das kam ihm bei aller Neigung, die er fuͤr ſie hegte, nicht in den Sinn. Bisweilen kam es ihm ſo vor, als ob ſie mehr als Achtung und freundſchaftliches Wohlwollen fuͤr ihn empfaͤn⸗ de; aber er glaubte ſich zu irren, da die Verſchiedenheit der Jahre zwiſchen ihr und ihm ſehr groß war. Was bei ihr Liebe war, das hielt er fuͤr achtungsvolles Wohl⸗ wollen. 1 Einſt aber, als er allein mit ihr im Garten auf und nieder ging und mit ihr uͤber ſeine Kinder und ihre Guͤte und 177 Schoͤnheit ſprach, da ſagte ſie in ihrer Unſchuld, ohne daß ſie den Sinn bedachte/ den der Herzog in ihre Worte legte:„Kleine Kinder ſind ungluͤcklich, wenn ihnen der Vater durch den Tod entriſſen wird, ſie haben, wie die Mutter, den beſten Freund, den Verſorger und Beſchuͤtzer verloren; aber ungluͤcklicher ſind ſie noch, wenn ihnen die Mutter abſtirbt. Wo iſt ein muͤtterliches Weſen, das ihnen die Liebe und Zaͤrtlichkeit, die Theilnahme und Guͤte der rechten Mut⸗ ter, deren auch der beſte Vater, nach ſeiner Natur nicht faͤhig iſt, wieder zu erſetzen vermoͤchte!“ Der Herzog that an ſie die Frage, die ihm entſchluͤpfte, die er vorher nicht uͤber⸗ legt hatte, welche er gern wieder zuruͤck ge⸗ nommen haͤtte:„Fuͤhlt Ihr Euch nicht ſtark genug, im ganzen Sinne des Worts, Der Kreuzfahrer. III. 12 178 Mutterſtelle bei verwaiſten Kindern zu ver⸗ treten?“ Sibille zoͤgerte eine Weile mit der Antwort, indem ſich ihre Wange hoch roth faͤrbte und ſagte dann mit ungewiſſer Stimme:„Herzog, Ihr habt mich handeln ſehen, Ihr kennt meinen Charakter, Ihr koͤnnt Euch ſelbſt die Antwort geben.“ Der Herzog gerieth in Verlegenheit, er wußte ſogleich nicht, was er ſagen ſollte. In Sibillens Worten lag fuͤr ihn eine Er⸗ klaͤrung, die ihm die Neigung des herrlichen Geſchoͤpfs offenbarte, die ſie gegen ihn hegte. „Ach, ja,“ erwiederte er,„Euerm Her⸗ zen traue ich es zu, daß Ihr in jedem Lebensverhaͤltniß edel handelt und daß Ihr 9½ 179 Eure naͤchſten Umgebungen gluͤcklich mach koͤnnt.“ Kluͤglich lenkte er, ſo gut es geſchehen konnte, das Geſpraͤch auf einen andern Ge⸗ genſtand. Von dieſer Stunde aber merkte er es, daß Sibille mehr zuruͤckhaltend, faſt aͤngſtlich in ſeiner Naͤhe war. Sie hegte die Hoffnung, daß der Herzog ihr ſeine Hand anbieten werde, als dies aber nicht geſchah, entſtanden bei ihr kummexrvolle Zweifel. Er ſah ſie ſeltener, ſie ſprach in ſeiner Naͤhe weniger und er bemerkte es, daß ſie mit einem geheimen Schmerze kaͤmpfte. Als er einſt mit dem Graf und der Graͤfin allein war, ſagte er:„Es iſt hohe Zeit, daß ich Euer Schloß verlaſſe. Wie ich die Guͤte lohnen ſoll, mit der Ihr mich 180 gepflegt, bemitleidet und geliebt habt, für⸗ wahr, das weiß ich ſelber nicht. Ich fuͤhle es, daß ich ewig Euer Schuldner bleiben muß. Aber Unheil und Kummer moͤchte ich in Eurer Familie doch nicht anrichten. Ob ich gleich erklaͤrt habe, daß ich nie ein zwei⸗ tes Ehebuͤndniß ſchließen wuͤrde, ſo ſcheint es mir doch ſo, als ob Eure Tochter eine geheime Neigung fuͤr mich empfindet. Ich kann mich wohl irren und lieb ſollte es mir ſeyn, wenn ich ſie mißverſtanden haͤtte. Sibille waͤre vielleicht die Einzige, die mei⸗ nen Entſchluß wankend machen koͤnnte, wenn er nicht ſo unerſchuͤtterlich gegruͤndet waͤre. In jener Stunde, wo mir der Tod meiner geliebten Anna gemeldet wurde, als ich vor Gott auf meinen Knien lag, und ihn um die Gnade anflehte, mich durch einen ſchnel⸗ len Tod zu ihr, in die Wohnungen der Seligen zu. fuͤhren, that ich den Schwur 181 mir nie eine Gattin wieder zu waͤhlen, den will und muß ich halten.“ „Herzog, da Ihr ſo redlich und aufrich⸗ tig ſeyd,“ erwiederte die Graͤfin„und es frei geſteht, daß Ihr Euch nie wieder vermaͤhlen wollt, ſo muß ich Euer Vornehmen billigen, daß Ihr Euch auf unſerm Schloſſe nicht laͤnger aufhaltet. Ohne Vorſatz habt Ihr in dem Herzen unſerer Tochter eine Nei⸗ gung erweckt, die Ihr, da ſie unbefriedigt bleiben muß, lange Schmerzen verurſachen muß. Ihre Seele ehrt an Euch das Große, Heldenmaͤßige und Eure Anſpruchsloſigkeit. Mehr Euer inneres Weſen und der Ruhm Eurer Thaten hat ſie gefeſſelt, als Eure Perſon. Sie hat einen regen Sinn fuͤr alles Großartige und Erhabene, das ſie an Euch findet. Es macht uns große Freude, daß die Heilung Eures Arms faſt vollendet 182 iſt, ob Eure Entfernung durch Theilnahme an Sibillens Kummer uns manche truͤbe Stunde verurſachen wird. Ohne Mitleid kann ich das edle, herrliche Geſchoͤpf nicht leiden ſehen, ſie iſt mein Kind und ich bin ſeine Mutter.“ Die Abreiſe des Herzogs war fuͤr den kommenden Morgen beſtimmt. Als er eine Weile in ſeinem Gemache war, oͤffnete ſich die Thuͤr, und Sibille, von ihrer sſc be⸗ ſtes⸗ trat ein. „Herzog,“ ſagt ſte mit unerſchuͤtterter Faſſung,„meine Mutter hat es Euch offen⸗ bart, wie groß die Liebe war, die ich fuͤr Euch empfand und welche Hoffnungen ich fuͤr die Zukunft hegte. Aber wißt, daß mein Verſtand ſtark genug iſt, die Regun⸗ gen des Herzens zu bekaͤmpfen. Eben habe 183 ich es meinen Eltern geſchworen, daß ich uͤber die Vereitlung eines Wunſches nicht trauern will, von dem ich mein hoͤchſtes Lebensgluͤck erwartete, und ich werde ihnen Wort halten. Nur das Eine geſteht mir ohne Hehl, ob Ihr mich zu Eurer Gattin erwaͤhlt haͤttet, wenn Ihr den Eid nicht thatet, Euch nach Annens Tode nie wieder zu vermaͤhlen.“ „Sibille, ich muß Euch achten und ehren, wie, außer meiner Anna, ich nie ein weibliches Weſen achtete und ehrte. Mit dieſer Erklarung laßt Euch genügen, ſie koͤmmt aus einem Herzen, das nie heuchelte. Haͤtte ich aber auch den Eid nicht geſchwo⸗ ren, ich wuͤrde mich dennoch nie wieder ver⸗ maͤhlt haben. Eine, nur Eine bete ich an, liebe ich, wie einen Engel, fuͤr eine Zweite haͤtte ich das ſeyn koͤnnen, was ich der 184 Erſten war? Sie iſt in meine Seele ein⸗ geſchloſſen und nichts, nichts kann das An⸗ denken an Annen aus ihr verbannen.“ „O, Du Selige,“ ſagte Sibille in einer Art von Begeiſterung,„wie groß muß Deine Liebe, wie herrlich Deine Froͤmmig⸗ keit geweſen ſeyn, daß Dir Dein Herzog im Tode noch ſo huldigt! Haͤtte ich Dich nur gekannt!“ „Nun, Herzog, eine Bitte thue ich an Euch und die muͤßt Ihr erfuͤllen. Acht Tage noch bleibt Ihr hier, damit Ihr es ſelber ſeht, wie ich mich uͤberwinden kann. Ihr beſucht mich wieder, ich ſinge Euch Lieder und ſpiele auf der Laute. Wollt Ihr das?“ „Eure Mutter ſcheint es zu wuͤnſchen, 185⁵ daß ich mich vom Schloſſe entferne und ſie hat Recht, ich deute Ihr das nicht uͤbel. Sibille, Ihr ſeyd ein wunderbares Weſen, wie es mir in der Wirklichkeit noch nie er⸗ ſchien. Mit welcher Gewalt wißt Ihr Euer Herz zu bekaͤmpfen!“ „Muß ich es nicht? Wuͤnſcht mir Gluͤck, daß ich es kann, das iſt nur Wenigen mei⸗ nes Geſchlechts gegeben, die ihr Leben in Gram verzehren, wenn ihnen der Stern einer hoffnungsvollen Liebe untergeht. Ihr verlaͤngert noch den Aufenthalt im Schloſſe, wenn Euch meine Eltern darum bitten. Ihr habt ihre Guͤte, die ſie Euch aus Hochach⸗ tung und Liebe erwieſen, ſo oft geruͤhmt, ſeyd ihnen nun auch gefaͤllig und reiſet morgen noch nicht von uns.“ „Ja, Sibille, ich will bleiben, und gern 186 thun, was Eure Eltern wuͤnſchen, wenn ich ihnen damit gefaͤllig ſeyn kann.“ Der Herzog wurde von der Graͤfin inſtaͤndig gebeten, ſeine Reiſe noch aufzu⸗ ſchieben und Sibille ſelbſt wuͤnſche es. Der Herzog verweilte noch acht Tage und in der Zeit hatte er Gelegenheit, den Heroismus zu bewundern, mit dem ſich die junge Graͤ⸗ fin beherrſchte. Keine Klage kam uͤber ihre Lippen, keine Thraͤne weinte ihr Auge, auf ihrer Miene ſah man nur die Zuͤge der Heiterkeit und Ruhe. Der Herzog wun⸗ derte ſich ſelbſt uͤber die Ruhe und Selbſtver⸗ leugnung, die aus ihrem ganzen Weſen ſprach und ſagte zu ihr:„Sibille, kaum kann ich es glauben, daß Ihr es mit der Neigung gegen mich ſo meintet, als Ihr es mir einbilden wolltet, ein maͤchtiges Gefuͤhl iſt ſie nicht geweſen, ſonſt haͤttet Ihr Euch 187 ſo leicht nicht uͤberwinden und beruhigen koͤnnen.“ „Nur der Verſtellung und Falſchheit müßt Ihr mich nicht beſchuldigen, wenn Ihr auch eine weibliche Schwaͤche an mir wahrgenommen habt, die Ihr mir nicht uͤbel anrechnen koͤnnt. Wollt Ihr es aber wiſſen, was mich von meiner Leidenſchaft geheilt hat, die mich zu Euch hintrieb? Ein edler Stolz, ein frommes Selbſtgefuͤhl. Herzog, ſeit der Erklaͤrung, die Ihr mir gegeben habt, koͤnnte ich Eure Gattin nicht werden, wenn Ihr mir alle Wonnen und Guͤter der Welt anbieten koͤnntet. Was mir Eure Liebe, Euer freier Wille nicht gewaͤhren konnte, das naͤhme ich nun nicht an, und wenn Ihr es mir aufdringen wolltet. Wißt, daß mich Euer Stand nicht blendete, denn eine Grafentochter kann auch eine Koͤnigin 188 werden. Nun aber laßt uns von der Sache nicht mehr reden, es iſt mir widrig, daß ich mich einem Manne ſo verrieth.“ Ign den letzten Tagen, als der Herzog noch in Salerno war, erſchien im Schloſſe ein Anverwandter des Grafen aus Frank⸗ reich, ein Graf Norrine, der mit ſeinem Gefolge auf dem Zuge nach Palaͤſtina be⸗ griffen war. Er wollte ſeinen Vetter be⸗ ſuchen und ſich insbeſondere von der be⸗ ſchwerlichen Reiſe ausruhen, ehe er mit ſeinen Leuten das Fahrzeug beſtieg. Er wurde mit freundlicher Guͤte aufgenommen. Der Graf Norrine ſprach uͤber verſchiedene Gegenſtaͤnde, beſonders uͤber den angefachten Eifer, die Saracenen zu beſiegen, der in Frankreich herrſchte.— Converſana fragte: „Fehlt dieſer Eifer in England? Ich muß es glauben.“ 1 189 „Ja, wohl fehlt er. Da iſt man nur mit ſich beſchaͤftigt und unbekuͤmmert, ob die Chriſtenheit im Orient ſiegt, oder nie⸗ dergeſchlagen wird.“ „Sprecht nicht ſo frei,“ ſagte Conver⸗ ſana,„Ihr ſeht hier den Herzog von der Normandie, den Bruder des Koͤnigs von England.“ „Den Glaubenshelden, deſſen Name in Europa mit Chrfurcht und Achtung genannt wird?“ Norrine ſah den Herzog eine Weile mit Staunen und Bewunderung an und ſagte dann:„Gewiß iſt es Euch bekannt, daß der Koͤnig Wilhelm auf der Jagd im Walde, wie man ſagt, auf eine gewaltſame 190 Weiſe ſein Leben verlor. Ein Pfeil hat ihn getoͤdtet.“ „Mein Bruder iſt todt, wirklich? Eines gewaltſamen Todes ſtarb er? Das iſt gewiß?“ „Ihr duͤrft daran nicht zweifeln.“ „Und wer ſitzt jetzt auf dem engliſchen Throne?“ „Des verſtorbenen Koͤnigs Bruder, Heinrich.“ 8 Der Herzog verlor einige Minuten ſeine ruhige Faſſung und ſagte:„Welch ein Bruder! Welche Englaͤnder! So hat er mir, waͤhrend ich nicht zu Hauſe war und mich in blutigen Schlachten umher⸗ ——— 191 trieb, den Thron geraubt? Nun, ich werde ihm die Beute wieder abjagen. Daß es einzelne Ungerechte, Falſche und Eigennuͤtzige unter den Vornehmen in einem Volke giebt, das habe ich laͤngſt ſchon gewußt; daß Alle aber eine Rotte waͤren, die ſich wider mich verband, das haͤtte ich nie geglaubt.“ „Das ſind ſie auch nicht. Herzog, Ihr werdet viele Freunde finden,“ ſagte Norrine, „die bereit ſind, Euch zu Euerm Rechte zu helfen. Die unterdruͤckte Parthei, wenn Ihr Euch in England zeigt, wird aufſtehen und Euch helfen, den Thron mit dem Schwerte zu erobern.“ Nun hatte der Herzog keine Ruhe mehr, er ließ ſich nicht laͤnger halten, traf Anſtalten zur Abreiſe, und verließ am fol⸗ genden Morgen das Schloß, wo ihn gute 192 Menſchen mit Wohlthaten uͤberhaͤuft hatten. Als er auch von Sibillen Abſchied nehmen wollte, war ſie verſchwunden, man konnte ſie nicht finden. Unterwegs beſchaͤftigte ſich ſein Geiſt mit verſchiedenartigen Gedanken. Vorherr⸗ ſchend war in ſeinem Herzen das Gefuͤhl des Haſſes gegen ſeinen Bruder Heinrich, der ihm den ſchaͤndlichen Betrug geſpielt hatte Er war feſt entſchloſſen, wenn ihm die Krone nicht durch guͤtlichen Vergleich uͤberlaſſen wurde, ſie mit Gewalt zu erobern. 5 Er hielt es fuͤr rathſam und klug, ehe er nach England ging, es erſt zu erfahren, wie man in der Normandie gegen ihn geſtimmt ſey. Fand er da eine Parthei, die auf ſeine Seite trat, ſo hatte er eine Macht, um ſein Unternehmen mit einigem Nachdruck zu beginnen, und leichter ſchloſſen 193 ſich ſeine Freunde in England dann an ihn an. Um es mit Gewißheit zu erfahren, was er von den Normaͤnnern zu erwarten haͤtte, wollte er, ehe er ſich in Rouen oͤffentlich zeigte, zu ſeinem Vertrauten, dem Grafen Norfolck gehen, von dem er gewiſſe, zuver⸗ laͤſſige Nachricht einziehen konnte. Welch einen freudigen Schreck welch eine Üüber⸗ raſchung richtete er an, als er vor dem Graf erſchien, der es kaum glauben wollte, daß er es ſelber waͤre. Die Graͤfin war abweſend und ſchon ſeit mehrern Tagen bei Anna Rotley. „Wo iſt Eure Gattin?“ fragte der Herzog.„Sie iſt doch nicht geſtorben? Da haͤttet Ihr ja mit mir zugleich ein Unglüch zu betrauern“ 8 id 2 „Der Kreuzfahrer, III. 13 194 Dem Graf ſiel der Gedanke ein, daß es vielleicht den Herzog zu ſehr erſchittterte, wenn er ihm gleich anfangs ſagte, daß Anna im Sarge wieder aufgelebt ſey. „Nein,“ entgegnete der Graf,„meine Gattin lebt und iſt bei ihren Eltern.“ „Wißt Ihr, welches mein erſter Gang ſeyn ſoll, wenn ich nach Rouen komme?“ „Welcher?“ „Daß ich das Grab meiner Anna be⸗ beſuche. Da will ich beten: Herr, erloͤſe mich von dem Übel des Lebens. Jetzt da ich wieder im Lande bin, wo ſie das Licht der Welt erblickte, wo ich eine Weile durch ſie der gluͤcklichſte Sterbliche war, wo ſie mir durch den Tod viel zu fruͤh entriſſen wurde, G 195 jetzt fuͤhle ich von neuem die ganze Groͤße meines Verluſtes. In Palaͤſtina, wo mich die Wogen vielfacher Zerſtreuungen hin und her warfen, traten Stunden ein, wo ich meinen Kummer vergaß. Graf, das glaubt, ich wagte kuͤhn, den Tod wollte ich gewin⸗ nen, aber er ſchien vor mir zu fliehen. Eine Armwunde war Alles, die ich bei der Er⸗ oberung Jeruſalems erhielt, an der ich große Schmerzen litt. Habt Ihr von mei⸗ nen Kindern nichts gehoͤrt?“ „Die leben, ſind geſund und bluͤhen, wie die Roſen. Ihr wißt, es giebt große Schmerzen, die der ſchwache Verſtand der Kinder noch nicht denken kann, ſie fuͤhlen das Weh nicht. Ein Ungemach, was ſie trifft, macht ihnen nur eine kurze Trauer und der frohe Sinn kehrt bald wieder zu⸗ ruͤck. Clito insbeſondere giebt alle Hoffnung, 196 ein ſchoͤner Juͤngling zu werden. Er zeigt Verſtand und Muth, wie ſein Vater.“ „Wenn ich auch beides habe, ſagt, was hat es mir geholfen? Es ſcheint faſt ſo, daß der Dumme und Feige, der nur Liſt und Verſchlagenheit hat, ſein Gluͤck in der Welt am ſicherſten macht.“ Jetzt kam das Geſpraͤch auf die Nor⸗ mandie und der Herzog fragte den Graf: „Wie denkt man hier von mir? Ich bin in eine Lage verſetzt, wo ich des Beiſtandes der Normandie bedarf und ihn mir wuͤnſche, wie ſonſt nie.“ „Herzog, was Ihr bei Nicaͤa und An⸗ tiochien gethan habt und in kleinen Gefech⸗ ten, das iſt hier durch heimkehrende Kreuz⸗ fahrer bekannt geworden. Sie ſagten uns, 197 es waͤre unentſchieden, ob Ihr der groͤßere Held waͤret, oder der Herzog von Bouillon. Das ganze Heer nenne mit Achtung Euern Namen. Die Normaͤnner ſind ſtolz auf ihren Herzog. Ihr moͤgt das Ruͤhmen nicht; aber das betheure ich Euch, Euer Lob iſt in jedem Munde. Daher muß ich es auch glauben, daß man Euch gern ge⸗ waͤhren wird, was Ihr verlangt. Die Ur⸗ ſache aber, weshalb Ihr den Beiſtand der Normaͤnner in Anſpruch nehmt, kann ich leicht errathen. Straͤflich hat ſich Euer Bruder an Euch vergangen und wer mag es Euch verdenken, wenn Ihr Rache an ihm nehmt. überdies iſt es auch ſehr zweifel⸗ haft, wodurch eigentlich der vorige Koͤnig ſo ſchnell ſein Leben verlor. Es giebt Men⸗ ſchen, die ſich nicht ſcheuen, ihr Gewiſſen mit einem Verbrechen zu belaſten, wenn es ihnen nur dazu dient, eigenſuͤchtige Zwecke 198 zu erreichen. Es muͤßte aus den Seelen der Englaͤnder alles Rechtsgefuͤhl verſchwun⸗ den ſeyn, wenn Ihr dort nicht Freunde faͤndet, die fuͤr Euch wagen und ſtreiten. Waͤret Ihr auf der Inſel geweſen, als den Koͤnig der toͤdtliche Pfeil traf, ſo waͤre die Krone auf kein anderes Haupt, als das Eure gekommen. Iſt es doch wenn ich die Ereigniſſe Eures Lebens durchdenke, als ob Ihr, wie es ſo manchem Menſchen ergeht, dem nichts gelingen will, zum Ungluͤcke ge⸗ boren waͤret. Was oft dem Nichtswuͤrdigen in den Schooß geſchuͤttet wird, das kann der Edle und Kluge mit aller Muͤhe und Anſtrengung nicht erreichen.“ 1 8 „Graf, das koͤnnt Ihr von mir nicht 1 ſagen,“ entgegnete der Herzog.„Verband mich die Vorſehung nicht mit einem Weibe, wie es herrlicher auf Erden nicht gefunden ——QO·——ę—᷑—᷑—VQÿ—ꝑ—ÿñÿB— 199 wird? War ich in allen Schlachten nicht Sieger? Leiſtete ich der Chriſtenheit im ge⸗ lobten Lande nicht Dienſte? Auch der Gluͤcklichſte traͤgt Narben von den Schlaͤgen des Schickſals. Ich habe es nie vergeſſen, daß ich auf Erden und nicht im Himmel bin. Alſo meint Ihr doch, daß ich in der Normandie und in England Freunde finden werde?“ „O, gewiß.“ „Ich fuͤhle mich berufen, das offenbare Unrecht, das ein Bruder an dem andern be⸗ ging, zu beſtrafen. Ließe ich es mir gefal⸗ len, ohne es zu ahnden, ſo ſollte die Welt zu meiner Unehre, wohl denken, daß ich feige und muthlos waͤre, und es nicht ver⸗ ſtanden haͤtte, ein Volk zu regieren. Alſo zum großen Werke, kann ich es nicht voll⸗ 200 enden, ſo will ich unter ſeinen Truͤmmern mich begraben laſſen!“ Am Abend noch ſchickte der Graf einen Boten an ſeine Gattin, dem er befahl, es der Graͤſin als ein Geheimniß mitzutheilen, daß der Herzog angekommen ſey, und ſie zu bitten, daß ſie es Anna Rotley mit aller Vorſicht offenbarte. Annen aber ſollte ſie ſagen, das gute Nachrichten von Roberten eingelaufen waͤren und daß er noch lebe. Am folgenden Tage begleitete der Graf den Herzog nach Rouen. Hier verhielt er ſich etliche Tage ruhig, ehe er ſeine Baſallen zu ſich lud, ſchickte Kundſchafter nach Eng⸗ land, die die Stimmung der vornehmſten Normaͤnner erforſchten. Er dachte uͤber ſein Unternehmen nach, was er im Sinne trug und es beſchaͤftigte ihn ſo, daß er an 201 den Gang nach Annens Grabe ſich nicht erinnerte. Der Bote kam bei dem Paͤchter Rot⸗ ley an und verlangte ſie allein zu ſprechen. Das ſiel Annen auf, ſie fuͤrchtete Boͤſes zu erfahren. Als die Graͤfin von dem Boten zuruͤckkam, lag Schreck und Staunen auf ihrer Miene. „Iſt der Herzog in einer Schlacht ge⸗ fallen?“ fragte Anna mit bebender Lippe und erblaßtem Geſicht.„Sollt Ihr mich auf ſeinen Tod vorbereiten? Ich leſe es Euch von der Miene, der Graf ließ Euch Wichtiges ſagen.“ „Daß Ihr immer das Argſte fuͤrchtet,“ entgegnete die Graͤfin und hatte zum Spre⸗ chen kaum Athem genug. 202 „Daran hat mich mein Schickſal ge⸗ woͤhnt.“ „Hoͤrt nur,“ fuhr die Graͤfin fort, „Norfolck laͤßt mir ſagen, daß von dem Herzoge guͤnſtige Nachrichten aus Palaͤſtina angekommen ſind, daß Robert noch lebt und neue Siege uͤber die Unglaͤubigen davon traͤgt.“ „Und damit iſt er ſo geheimnißvoll? Ach, wie bald kann ſich meine Freude, wenn ich mich ihr uͤberließe, in Schmerz verwan⸗ deln! Wer kann es verbuͤrgen, daß der Herzog heute noch lebt. Es ſtehen wohl Tauſende von Streitern friſch und geſund am Morgen auf, die am Abend verwundet oder todt auf dem Schlachtfelde liegen. Ehe ich den Herzog nicht ſelber ſehe, will ich an ſein Leben nicht glauben. Was 203 ſchmerzt mehr, als der Glaube an ein Gluͤck, das uns entriſſen wird.“ Nach kurzem Beſinnen ſagte die Graͤ⸗ fin:„Wie aber wuͤrdet Ihr die Nachricht ertragen, daß der Herzog angekommen iſt, das er noch lebt?“ „Wie ich die ertragen wuͤrde, das weiß ich nicht. Mag auch der erſte Augenblick des Wiederſehens der letzte meines Lebens ſeyn, mit der groͤßten Freude, deren ein Menſchenherz faͤhig iſt, ſcheide ich dann von der Erde.“ „Und ihn und Eure Kinder wolltet Ihr in tiefer Trauer zuruͤcklaſſen? Ich merke es wohl, Ihr gehoͤrt auch zu den Seelen, die das Ungluͤck leichter ertragen koͤnnen.“ 204 „Aber, Graͤfin, wozu dieſe Rede! Fuͤhrt den Herzog an mein Herz, dann werdet Ihr ſehen, wie ich mich gebehrde.“ 1 Nach Verlauf mehrerer Tage kam des Abends ein Hirte mit der Heerde vom Felde, welcher erzaͤhlte, daß im Lande gewiß wieder Krieg und Unruhe entſtehen werde. Ritter eilten nach Rouen mit ihrem Gefolge hin, und reitende Boten kaͤmen von da zu⸗ ruͤck. Er habe einen ſolchen Boten gefragt, was das bedeute und der haͤtte ihm geant⸗ wortet, der Herzog von der Normandie waͤre angekommen. G Dieſe Rede des Hirten kam bis zum Paͤchter Rotley, der das Geſchwaͤtz verbot 3 und Allen Stillſchweigen auflegte. Er ſagte ſeiner Gattin wieder, was er gehoͤrt haͤtte, die meinte, die Ankunft des Herzogs 205 waͤre ein Maͤhrchen. Sey der in Rouen, ſo wuͤrde er zuerſt zu ſeiner Gattin und ſeinen Kindern geeilt ſeyn, da er es gewiß erfahren haͤtte, welch ein Wunder Gott an Annen gethan habe. Der Herzog war ſo in vielerlei Ge⸗ ſchaͤfte vergraben, daß er noch keine Zeit ge⸗ winnen konnte, ſeine Kinder zu beſuchen. Er berathſchlagte mit ſeinen Vaſallen uͤber eine Landung an der engliſchen Kuͤſte und fertigte mehrere Boten nach England ab, um es zu erfahren, auf welchen Beiſtand er rechnen duͤrfe. Das Geſpraͤch fuͤhrte nicht auf ſeine Gattin. Wer konnte es auch denken, daß ihm ihre Wiederbelebung noch ein Geheimniß waͤre. „Es geht ein ſonderbares Geruͤcht um,“ ſagte die Paͤchterfrau, als ſie mit der Graͤfin 206 im Zimmer allein war,„daß der Herzog in Rouen angekommen iſt. Es iſt ein Reiten und Gehen nach der Hauptſtadt, daß man ſo etwas vermuthen kann. Ich meine, es iſt eine Luͤge. Waͤre der Herzog in Rouen, ſo haͤtte er gewiß ſeine Gattin und Kinder beſucht; denn es muß ihm kund geworden ſeyn, daß Anne wieder aufgelebt iſt.“ „Euch kann ich es ſagen, daß es mit der Ankunft des Herzogs ſeine Richtigkeit hat, er iſt wirklich da, daß er aber nicht zu Euch koͤmmt, das iſt mir unbegreiflich. Haͤtte ſich ſein Sinn geaͤndert? Beabſich⸗ tigt er eine Trennung von Annen?“ „Ach, nein, das kann er nicht, das ſprecht nicht von ihm, das iſt unmoͤglich. Koͤnnte er ſich von ihr losſagen, wie lange meint Ihr, daß ſie noch leben koͤnnte? 207 Sie wuͤrde vor Kummer bald ſterben. Beſ⸗ ſer waͤre es geweſen, er ſtarb im gelobten Lande, ſo haͤtte ſie ſich mit Gottes Schik⸗ kung troͤſten muͤſſen. Morgen ſoll ein Bote, der alte Woltheof, nach Rouen abgefertigt werden, der uns gewiſſen Beſcheid bringt.“ „Eines ſolchen Boten bedarf es ja gar nicht, Norfolck hat es mir ſagen laſſen, der Herzog iſt angekommen. Aber, weil er nicht hierher koͤmmt, iſt mir aͤngſtlich, Annen ein Wort von ihm zu ſagen. Wenn ſie auch wuͤßte, daß er da iſt, ſo moͤchte ich es doch nicht rathen, daß ſie ihn mit ihren Kindern beſucht. Wie, wenn er ſie nicht vor ſich ließe? Wenn er ſie durch einen kalten Empfang bis in den Tod betruͤbte 2 Die Menſchenherzen ſind veraͤnderlich und in Wahrheit koͤnnt Ihr es doch nicht wiſ⸗ ſen, ob der Herzog Eure Tochter mit un⸗ 208 geſchwaͤchter Zaͤrtlichkeit fortliebt. Gern will ich es Euch uͤberlaſſen, Annen von der Ruͤckkehr des Herzogs zu ſagen, was Ihr wollt, ich wage es nicht. Ach, wenn ihr Schmerz und Traurigkeit verwandelt wuͤrde!“ „Graͤfin, wie die Sachen auch ſtehen, erfahren muß ſie es doch, daß der Herzog richt auf die beſte Weiſe mittheilen.“ Anna war mit ihren und den Kindern ber Graͤfin im Garten und wand ihnen Voͤgeln ab, um ſie zu erlegen. Zu lange blieb ſie der Mutter weg, ſie ging alſo nach dem Garten, um ſie in die Wohnung zu noͤthigen und ihr dann das Geheimniß, Entzuͤcken, ihre unausſprechliche Freude in angekommen iſt und ich kann ihr die Nach⸗ Blumenkraͤnze Clito ſchwaͤrmte unterdeß im Gebuͤſche umher und ſchoß Pfeile nach den 209 was ſie von der Graͤfin gehoͤrt hatte, im Beiſeyn ihres Gatten zu entdecken. Die Graͤfin erklaͤrte, daß ſie das Entzuͤcken Annens nicht aushalten koͤnne, da ſie fuͤrch⸗ ten muͤſſe, daß eine ſchmerzliche Trauer auf die Freude folgen koͤnne, ſie werde ſich alſo in der Zeit, wo ihr die wichtige Neuigkeit mitgetheilt werden ſollte, auf ihrem Zimmer halten. Waͤhrend die Mutter nach dem Garten ging, entfernte ſich die Norfolck aus der Wohnſtube. „Nun, liebe Anna,“ ſagte die Mutter, als ſie ſich der Tocher genaht hatte,„Du mußt die Kinder wohl nach der Stube fuͤh⸗ ren, es faͤngt an kuͤhl zu werden und Gra⸗ fenkinder koͤnnen die Abendluft nicht ver⸗ tragen.“ „Ja wohl, Mutter. Recht froh habe Der Kreuzfahrer. III. 14 210 ich eine Stunde unter den Kindern zuge⸗ bracht und es iſt mir wirklich leichter um's Herz geworden. Man kann im Umgange mit dieſen unſchuldigen, ſorgenfreien und lebens⸗ frohen Geſchoͤpfen eine Weile ſeinen Gram vergeſſen. Welche Weisheit liegt in den Worten des Weltheilandes:„Werdet wie die Kinder.“ Der Blumenkranz, den ſie auf den Koͤpfen tragen, der morgen ſchon ver⸗ welkt ich, gilt ihnen mehr, als eine Koͤnigs⸗ krone und belaſtet ihr Haupt nicht.“ „Wo iſt Clito?“ „Der wilde Bube ſtreift auf der Jagd umher und ſchießt Voͤgel.“ Als die Mutter ſeinen Namen mit lauter Stimme gerufen hatte, kam er herbei geſprungen. 211 Damit die Kinder nicht gegenwaͤrtig ſeyn ſollten, wenn die Nachricht von der Ruͤckkehr des Herzogs auf Annen einen er⸗ ſchutternden, zu heftigen Eindruck machte, ſchickte man ſie zur Graͤfin. Die Mutter hielt es nicht fuͤr gut, durch lange Vorbereitungen die Tochter zur Ent⸗ deckung des Geheimniſſes hinzufuͤhren. Sie fing alſo an:„Anna wie wuͤrde Dir wohl ſeyn, wenn Jemand Dir die Nachricht braͤchte, daß der Herzog in Rouen ange⸗ kommen iſt?“ „Mutter, ich wuͤrde an der Nachricht zweifeln. O, gewiß koͤmmt er eher hierher, als nach Rouen.“ „Es iſt ja moͤglich, daß es ihm Nie⸗ mand ſagt, daß Du den Sarg verließeſt, wieder auflebteſt.“ 212 „So wird er es doch erfahren, wenn Liebe und Wehmuth ihn treibt, mein Grab zu ſehen.“ „Wenn ihm aber ein zu großer Schmerz den Gang nach dem Grabe verbietet?“ „ Die Begebenheit in Rouen iſt eine bekannte und Einer wird ſich finden, der mit ihm davon redet.“ „So ſcheint es doch nicht. Hoͤre und nimm Deine ganze Staͤrke zuſammen, damit der Augenblick der Freude fuͤr Dich nicht der des Todes wird, wir haben es erfahren, wir wiſſen es gewiß, der Herzog iſt in Rouen.“ „Mein Heiland,“ rief ſie aus,„da iſt er? Er weiß es nicht, daß ich lebe! O, 213 Du barmherziger Gott, wie biſt Du mir gnaͤdig! Vom Tode laͤſſeſt Du mich auf⸗ erſtehen und fuͤhrſt den Herzog in meine Arme! Ach, wie haſt Du meine Zweifel in Glauben verwandelt!“ Sie bebte, ſie zitterte, ſie fing an zu taumeln und ſank auf einen Lehnſtuhl nie⸗ der. Die Sprache war ihr vergangen, ihr Geſicht erblaßte. Als ſie ihrer wieder maͤch⸗ tig war, bat ſie den Vater, ſogleich Anſtal⸗ ten zur Reiſe nach der Hauptſtadt zu tref⸗ fen. Er machte ihr Vorſtellungen, daß ſie bis morgen warten ſollte, aber ſie beſtand auf die Abreiſe. Die Graͤfin kam in das Wohnzimmer, Anna theilte ihr ihre Freude mit, fuͤr deren Ausdruck ſie kaum Worte finden konnte. Anna umarmte ſie und rief aus:„Nun 214 wünſche ich nichts mehr zu meinem Gluͤck lu Auch ihre Kinder umarmte ſie und ſprach unter Thraͤnen:„Kinder, nun ſeyd Ihr keine Waiſen, Euer Vater lebt, er ſſi in Rouen, Ihr ſollt ihn ſehen!“ „Anna, Anna,“ ſagte die Graͤfin zu ihr,„Ihr wißt, der hoͤchſten Wonne folgt oft der Schmerz. Maͤßigt Euch. Ein Au⸗ genblick kann uns rauben, was wir mit Gewißheit zu beſitzen glauben Bitteres iſt dem Vergnuͤgen oft beigemiſcht.“ „Ach, Graͤfin, durch ſolche Klugheits⸗ lehren, ſo wahr ſie ſind, ſollt Ihr mein Entzuͤcken nicht ſchwaͤchen.“ Sie zog ſich einfach und ohne Glanz an, wie ſie pflegte, den Anzug der Kinder beſorgte die Mutter, ſo waren ſie nach einer . 215 Stunde reiſefertig. Mit Gefuͤhlen, die keine Sprache zu nennen vermag, trat ſie die Reiſe mit ihren Kindern an, von der Graͤfin, von dem Diener Woltheof und vier Geruͤſteten begleitet. Als die Morgenſonne den Schloßthurm vergoldete, war Anna vor dem Thore und wurde eingelaſſen. Sie fragte den Thor⸗ waͤchter, dem ſie nicht unbekannt war, ob der Herzog im Schloſſe ſey und als dieſer die Frage bejahte, ſprengte ſie im Galopp nach dem Schloſſe hin. Gewaltig ſchlug ihr das Herz ſie war kaum ihrer Sinne maͤchtig. Ihre beiden Kinder faßte ſie an die Hand Es lag noch Alles im tiefen Schlafe. Nach vielem Klopfen oͤffnete ein Diener die Thuͤr, der mit dem Herzog in Palaͤſtina geweſen war. Er fuhr, wie vor einem Geſpenſte, zuruͤck, als er ſie erb ickte 216 und rief aus:„Ihr ſeyd von den Todten auf⸗ erſtanden!“ Als er ſich von ſeinem Schreck erholt und uͤberzeugt hatte, daß ſie eine Le⸗ bende ſey, gebot ſie, daß man ſie zum Her⸗ zog fuͤhre. „MNein,“ ſagte der Diener,„dieſem Be⸗ fehl kann ich nicht gehorſamen. Freude und Schreck koͤnnte dem Herzoge toͤdtlich werden. Er glaubt an nichts gewiſſer, als an Euern Tod. Sein Schmerz uͤber Euern Verluſt hat bei ihm noch nicht nachgelaſſen. Erlaubt, daß ich ihm Eure Erſcheinung vorher melde. Aber ſeyd Ihr denn wirklich eine Lebende von dieſer Erde? Noch muß ich es ſelbſt bezweifeln.“ 44 „Zweifelt nicht, laßt mich nicht laͤnger warten. Verlangen und Sehnſucht ſtoͤßt mir faſt das Herz ab. Eilet, eilet und kommt bald wieder.“ 217 Der Diener oͤffnete die Thuͤr eines Zimmers, in welches Anna mit der Graͤfin und ihren Kindern hineinging. Sier ging langſam auf und nieder. Jeder Augenblick hatte fuͤr ſie die Dauer einer Ewigkeit. Die Graͤfin aber war nicht mehr zweifelnd, wie Anna vom Herzoge empfangen wuͤrde und ſie wuͤnſchte ihr nun Gluͤck zu der Freude, der groͤßten ihres Lebens. Als der Diener den Herzog aus dem Schlafe geweckt hatte, fragte dieſer:„Was giebt es? Gutes oder Boͤſes?“ „Gutes, aber Unglaubliches.“ „Etwa, daß Einer v⸗ auferſtanden iſt?“ „Herz 218 „Das moͤgt Ihr rathen, es iſt der Menſch, den Ihr von allen Sterblichen am meiſten liebt.“ „Meine Anna?“ „Eben die. Sie iſt im Schloſſe mit ihren Kindern und der Grafin von Norfolck.“ „Traͤume ich, traͤumſt Du? Menſch, haſt Du den Verſtand verloren. Wehe, wenn Du mir eine Poſſe ſpielſt! Scherze nicht mit ernſten Dingen.“ rsoo wie ſollte ich das gegen Euch vehen. Der amt ſie ———— 219 Der Herzog richtete ſich im Bette auf und ſah mit aͤngſtlichem Erwarten nach der Thuͤr hin, ſie oͤffnete ſich, und Anna, mit den beiden Kindern an der Hand, trat ins Schlafzimmer. Jetzt konnte ſie ſich nicht mehr halten, als ſie den Herzog erblickte, ſie ſtuͤrzte mit ausgebreiteten Armen nach ihm hin und ſank ohnmaͤchtig vor ihm auf dem Lager nieder. Er betrachtete ſie, er fuͤhlte es, daß ſie athmete, ihr Buſen hob und ſenkte ſich gewaltig. „Clito,“ fragte der Herzog ſeinen Sohn, „iſt das Deine Mutter?“ „Ja, ſie iſt es. Sie lag todt im Sarge und iſt wieder lebendig geworden. Ach, wenn ſie nur nicht wieder ſtirbt’”.. Der Herzog druͤckte ſie an ſeine Bruſt und kuͤßte ihre Wange. 220 Jetzt kam ſie zum Bewußtſeyn, ſchlug die Augen auf und ſah den Herzog mit verklaͤrten Blicken an. Die erſten Worte, die ihre Lippe lallte, waren:„Robert, mein Robert! Dieſe Freude, Dich wieder zu ſehen, glaubte ich nicht zu erleben!“ „Ach, und ich beweinte Deinen Tod und finde Dich lebendig! Dem Himmel Preis fuͤr dieſes Gluͤck!“ Als ſie ſich umarmt hielten und die herbei gerufenen Kinder die Eltern umfaß⸗ ten, da trat der alte Woltheof ins Gemach. Seine Augen liefen von Thraͤnen uͤber, er faltete die Haͤnde und ſprach: „Wunder hat der Herr an Euch ge⸗ than, lobt ſeinen Namen! Nun will ich gern ſterben!“ 221 Der Herzog reichte ihm die Hand und druͤckte ſie innig. Woltheof erzaͤhlte es mit kurzen Wor⸗ ten, daß er Anna Rotley, als er das Grabgewoͤlbe beſuchte, auf einem Kinder⸗ ſarge ſitzend und lebendig fand. Bald verneute und vergroͤßerte die Er⸗ ſcheinung der Graͤfin Norfolck die allgemein⸗ Freude. An demſelben Tage ließ der Herzog die Eltern Annens zu ſich holen, die er hoch achtete, damit ſeiner Theuern zu ihrem— Gluͤcke nichts fehlte. Er blieb der treuſte, der zaͤrtlichſte Gatte bis in den Tod, und wie eine fromme Kaͤmpferin ging ſie mit ihm durch alle Ungluͤckswolken hindurch, die 222 ihn umhullten, bis ſie Beide in die Arme des Todesſchlafes ſanken, aus dem Nie⸗ mand erwacht. Ende. — . Folgende neue Unterhaltungsſchriften ſind ganz beſonders zu empfehlen und in allen Buchhandlungen Deutſchlands fuͤr beige⸗ ſetzte Preiſe zu haben. Geweiheten die, der Nacht, oder die Raͤu⸗ berkolonie im Drachenthale. Ein Roman von T. Baron von P***rXn. 4 Theile. 4 Thlr. Herzlande von Rappoltſtein, oder die Ver⸗ brecherin aus Eiferſucht; das Strafgericht und der Reinſteiner. Rittergeſchichten aus dem Mittelalter von J. Albiny, Verfaſſer des grauen Felſenmaͤnnchens. 1 Thlr. 4 Gr. Janequeo, das Heldenmaͤdchen von Chili. Eine Geſchichte aus den Zeiten der Er⸗ oberung von Amerika. Von Heinrich Muͤller. 3 Theile. 3 Thlr. Johanna die Heldin der Bluthochzeit. Ein Roman vom Verfaſſer der Paulowna. 3 Thle. 2 Thlr. 20 Gr. Lady Glami, oder der Kerker von Stirling. Ein Roman nach Walter Scott von H. Muͤller. 3 Theile. 3 Thlr. 4 Gr. Lindenhorſt, Heinrich von, oder die erfuͤllte Wahrſagung, Ritter⸗ Pfaffen⸗ und Gei⸗ ſtergeſchichte von J. Albiny, Verfaſſer des grauen Felſenmaͤnnchens. 3 Thle. 3 Thlr. 4 Gr. Loda, die Lautenſpielerin, und andere Er⸗ zaͤhlungen von Alexis dem Wanderer. 1 Thlr. nnnmntn ſennnſc 2 WAnn! ſanni TMrqunmnqnnnmnn 13 1 4 15 16 17 8 9 11 1 9 L v 9 1ie Lln.. 1l 4 4 o 2* 5