1 11 1 1 5 ¹ 1Iͤe Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Ednard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und LCeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 1—— 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe vinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——-———— auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— pf. 2„ 1 u. 9— 7— 5. Auswärtige Abonuenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern dc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer ſum Erſatz des Ganzen verpflichtet.. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſett und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 4 35—— 4 eee JAS KXOSTER . 4 ⁴ 85 7 2 Ein Roman, nach dem Engliſchen des TWtalter Scott, Verfaſſer des IJvanhoe, Robin des Rothen, u. a. von K. L. Methuſ. Muͤller. Dritter Theil. Berlin, bei Duncker und Humblot. 1 8 2 1. A —4j. Erſtes Kapitel. Indeß Eduard Vorbereitungen zur Feſthaltung und Beſtrafung des vermeintlichen Moͤrders ſei⸗ nes Bruders mit einem Durſte nach Rache traf, den man bisher in ſeinem Charakter noch gar nicht bemerkt hatte, machte Sir Piercie Shaf⸗ ton dem Unterprior ſolche Mittheilungen, als er fuͤr gut fand, und dieſer hoͤrte ihm mit der groͤßten Aufmerkſamkeit zu, obgleich des Ritters Darſtellung nicht eben unter die deutlichſten ge⸗ hoͤrte, da vornehmlich ſeine große Einbildung ihn verleitete, die Umſtaͤnde, welche zum Ver⸗ ſtaͤndniß durchaus nothwendig waren, entweder zu verhehlen oder zu verkuͤrzen. „Ihr werdet wiſſen, ehrwuͤrdiger Vater,“ ſagte er:„daß dieſer junge Bauer mir, in Ge⸗ genwart Eures ehrwuͤrdigen Superiors, Eurer Selbſt und anderer trefflicher und wuͤrdiger Per⸗ ſonen, das Fraͤulein Marie Avenel, die ich in aller Ehre und Gewogenheit meine Diſeretion nenne, ungerechnet, eine grobe Beleidigung zu⸗ A 2 — gefuͤgt hat, welche durch Zeit und Ort um ſo unertraͤglicher wurde, und mein gerechter Zorn behielt uͤber meine Beſonnenheit in ſofern die Oberhand, daß ich ihm das Vorrecht eines Eben⸗ buͤrtigen zugeſtand, und ihm den Zweikampf ge⸗ waͤhrte.“ Aber, Herr Ritter, ſagte der Unterprior: Ihr laßt noch immer zwei Dinge im Dunkeln. Zuerſt, warum die Nadel, welche er Euch zeig⸗ te, Euch ſo beleidigen konnte, wie ich und Andre geſehen haben, und dann, wie der Juͤngling, den Ihr damals zum erſten oder hoͤchſtens zum zwei⸗ ten Male ſahet, ſo viel von Eurer Geſchichte wußte, daß er im Stande war, Euch ſo tief zu kraͤnken? 4 Der Ritter wurde blutroth. „Eure erſte Frage, ehrwuͤrdiger Vater,“ ſagte er:„wollen wir, wenn es Euch gefaͤllig iſt, als nicht weſentlich zur Sache gehoͤrig, mit Still⸗ ſchweigen uͤbergehen; in Anſehung der zweiten aber betheure ich Euch, daß ich es eben ſo wenig weiß, als Ihr ſelbſt, und daß ich feſt uͤberzeugt bin, er ſtehe mit dem Satanas im Bunde, wo⸗ von gleich mehr!“— Nun dann! Sir!—„Am Abend zuvor unterließ ich nicht, mein Vorhaben — Sear * — 5 unter einer heitern Miene zu verbergen, wie das unter uns Kriegskundigen Sitte iſt, welche nie die blutigen Farben der Ausfoderung in ihrem Benehmen darlegen, bis ihre Hand zum Kampf unter denſelben bewaffnet iſt. Ich unterhielt die ſchoͤne Diſcretion mit einigen Canzonetten und andern Geſangsproben, welche ihren unerfahr⸗ nen Ohren nicht anders als hoͤchſt angenehm ſein konnten. Am Morgen ſtand ich auf, und fand meinen Gegner, der, um die Wahrheit zu ſagen, fuͤr einen unerfahrnen Bauersmann ſich ſo maͤnnlich benahm, als man nur wuͤnſchen konnte. Als es nun zum Gefechte ſelbſt kam, ehrwuͤrdiger Herr, ſo verſuchte ich ſeine Klinge mit einem halben Dutzend ganz geraden Gaͤngen, mit deren jedem ich leicht ihn haͤtte durch und durch bohren koͤnnen, wenn ich mich eines ſo un⸗ gluͤcklichen Vortheils haͤtte bedienen wollen; al⸗ lein da ich lieber Gnade mit meinem gerechten Zorn verbinden wollte, ſo dachte ich bloß dar⸗ auf, ihm eine ganz leichte Fleiſchwunde beizu⸗ bringen. Allein mitten in meiner milden Be⸗ handlung mußte er, wie ich glaube, vom Teufel von neuem gereizt werden, ſo daß er auf ſeine erſte Beleidigung nun eine neue derſelben Art folgen ließ. Ich wurde dadurch erbittert, wollte ihn zuͤchtigen, machte einen ungewoͤhnlichen Aus⸗ fall, und da ich mit dem Fuße dabei ausgleite⸗ te— nicht eines Fehlers von meiner Seite, oder einer beſondern Geſchicklichkeit von der ſeinigen wegen, ſondern weil ſich, wie geſagt, gewiß der Teufel in die Sache miſchte, und das Gras ſchluͤpfrig war— ſo ſtuͤrzte ich, ehe ich mich be⸗ ſinnen konnte, mit meiner unvertheidigten Per⸗ ſon in ſein Schwert, welches er gerade vor ſich hinhielt, ſo daß ich, wie ich dachte, faſt durch und durch geſtochen ward. Mein junger Menſch erblaßte außerordentlich uͤber dieſes unerwartete und unvermuthete Gluͤck in dieſem ſeltſamen Gefechte, ergriff die Flucht und ließ mich lie⸗ gen; ich ſank, wegen des Blutverluſtes, in Ohn⸗ macht. Als ich wieder, wie aus einem tiefen Schlafe, erwachte, fand ich mich, in meinen Mantel gehuͤllt, am Fuße einer der Birken, welche truppweiſe an dieſer Stelle ſtehen. Ich fuͤhlte wenig Schmerzen, ſondern war nur aͤu⸗ ßerſt ſchwach. Ich legte meine Hand auf die Wunde, und ſiehe! ſie war zu und vernarbt, wie Ihr ſie jetzt ſeht— ich ſtand auf und begab mich 5 hierher. In dieſen Worten habt Ihr nun meine ganze Geſchichte.“ 4 Auf eine ſo ſeltſame Erzaͤhlung, ſagte der Moͤnch: kann ich bloß erwiedern, daß es kaum moͤglich iſt, daß Sir Piercie Shafton erwarten kann, ich ſolle ſie glauben. Ein Streit, deſſen Veranlaſſung Ihr verhehlt, eine Wunde, am Morgen empfangen, welche am Abend wie eine alte, laͤngſt geheilte, ausſieht, ein zugefuͤlltes Grab, worinnen ſich kein Leichnam befindet, der Beſiegte lebendig und wohl, der Sieger entwi⸗ chen, kein Menſch weiß, wohin;— alle dieſe Dinge, Herr Ritter, hangen nicht ſo zuſammen, daß ich ſie als ein Evangelium annehmen koͤnnte⸗ „Ehrwuͤrdiger Vater,“ verſetzte Sir Piercie: „ich bitte Euch vor allen Dingen zu bemerken, daß, wenn ich eine friedliche und willfaͤhrige Recht⸗ fertigung meines Benehmens, und eine Beſtaͤti⸗ gung deſſen darlege, was ich bereits, als der Wahrheit gemaͤß, angegeben habe, ich das bloß thue aus ſchuldiger Achtung gegen Eure Klei⸗ dung und Euren Orden, indem ich betheure, daß ich jedem andern Gegner, außer einem Geiſtli⸗ chen oder einer Dame, oder meinem Lehnsherrn⸗ nicht anders als mit der Spitze meines Schwer⸗ 8 tes das beweiſen wuͤrde, was ich einmal als wahr und zuverlaͤſſig angegeben. Dieſes vorausgeſchickt⸗ habe ich bloß noch hinzuzufuͤgen, daß ich meine Ehre als Edelmann, und meinen Glauben als ein katholiſcher Chriſt verpfaͤnden kann, daß Al⸗ les, was ich Euch geſchildert habe, mir gerade ſo, wie ich es geſchildert habe, begegnet iſt.” Das iſt eine hohe Betheurung, Herr Rit⸗ ter, verſetzte der Unterprior: allein bedenkt, es bleibt immer nur eine Betheurung, und es laͤßt ſich kein Grund anfuͤhren, warum man Dinge glauben ſoll, welche aller Vernunft ſo ſehr wi⸗ derſtreben. Ich bitte Euch, ſagt mir, ob das Grab, das man an der Stelle Eures Gefechts bemerkte, offen war oder geſchloſſen, zu der Zeit, als Euer Kampf vorſiel⸗ „Ehrwuͤrdiger Vater,“ ſagte der Ritter:„ich will Euch nichts verhehlen, ſondern Euch das innerſte Geheimniß meines Buſens enthuͤllen, ſo wie der klare Quell den kleinſten Kieſel ſehen laͤßt, der ſich auf dem ſandigen Boden des kry⸗ ſtallenen Spiegels befindet, und wie...“ Sprecht doch, ums Himmels willen, in ganz gewoͤhnlichen Ausdruͤcken, ſagte der Geiſtliche: die feſtlichen Phraſen paſſen nicht zu ſo ernſten —,.— 9 Angelegenheiten.— War das Grab offen, als Ihr Euren Streit begannet? „Es war offen!“ verſetzte der Ritter:„ich erinnere mich deſſen ohngefaͤhr ſo, wie ſich einer erinnert, daß..“ Ol ich bitt' Euch, keine Gleichniſſe! Hoͤrt, was ich ſage! Geſtern Abend befand ſich kein Grab an der Stelle, denn der alte Martin ging zufaͤllig, gegen ſeine Gewohnheit, dahin, um ein verlaufenes Schaf zu ſuchen. Bei Tages An⸗ bruch aber war, Eurem eigenen Geſtaͤndniſſe zu⸗ folge, ein offenes Grab an der Stelle zu ſehen; es fand hier das Gefecht Statt, nur einer der Kaͤmpfenden erſcheint wieder, er iſt mit Blut befleckt, und, allem Anſcheine nach, unverwun⸗ det.— Hier machte der Ritter ein Zeichen von Un⸗ geduld. Hoͤrt mir nur einen Augenblick zu, mein ſchoͤner Herr! das Grab iſt geſchloſſen und mit Raſen bedeckt, was kann man anders glauben, als daß es den blutigen Koͤrper des im mhal⸗ kampfe Gefallenen enthalte? „Beim Himmel! Nein! Nein! das enthält es nicht! verſetzte der Ritter:„der junge Menſch 10 müßte ſich denn ſelbſt getoͤdtet und begraben ha⸗ ben, um mich als ſeinen Moͤrder darzuſtellen.“ Das Grab ſoll unterſucht werden, und zwar beim Anbruch des naͤchſten Morgens, ſagte der Moͤnch: und ich will ſelbſt Zeuge davon ſein. „Doch,“ ſagte der Gefangene:„proteſtire ich gegen jeden Beweis, der aus ſeinem Inhalte hergenommen werden moͤchte, und beſtehe vor der Hand darauf, daß, was man auch in dieſem Grabe finden moͤge, mir in meiner Vertheidigung nicht hinderlich werde. Ich bin in dieſer Sache durch teufliſchen Trug dergeſtalt behext worden, daß ich nicht anders denken kann, als der Teu⸗ fel muͤſſe wohl gar die Geſtalt des jungen Bau⸗ ern angenommen haben, am mich fernern Quaͤ⸗ lereien auszuſetzen. Ich muß Euch betheuern, heiliger Vater, daß es mir ſcheint, als ob wirk⸗ lich Bezauberung bei dem ſtatt gefunden ha⸗ be, was mir widerfahren iſt. Seitdem ich die⸗ ſes noͤrdliche Land betreten habe, wo es, wie man ſagt, an Zauberei nicht fehlen ſoll, bin ich, den die gebildetſten feinſten Maͤnner am Hofe der Felicia mit Achtung behandelt haben, von ei⸗ nem Bauertoͤlpel beſchimpft und verhoͤhnt wor⸗ den. Ich, den Vincenzo Saviolg ſeinen ge⸗ 11 wandteſten Schuͤler nannte, ward, um es geradezu zu ſagen, von einem Hirtenjungen beſiegt, der nicht mehr von der Fechtkunſt verſtand, als man bei jeder Bauernſchlaͤgerei braucht. Ich werde, ſo ſchien es mir wenigſtens, durch den Leib geſtoßen, mit einer tuͤchtigen Stoccata, und liege ohnmaͤchtig am Boden; und doch finde ich mich, als ich zu mir komme, weder verletzt noch verwundet, nichts vermiſſend von meinem Anzuge, als mein dun⸗ kelbraunes, mit Atlas gefuͤttertes, Wamms, nach dem Ihr doch gefaͤlligſt moͤchtet ſuchen laſſen, ob nicht der Teufel, der mich fortbrachte, es un⸗ terwegs vielleicht auf einen Baum oder in einen Buſch geworfen habe; denn es iſt ein ganz aus⸗ geſuchtes, herrliches Kleidungsſtuͤck, das ich zum erſten Male bei der Koͤnigin Aufzuge in South⸗ wark trug.“ Herr Ritter, ſagte der Moͤnch: das iſt keine Materie, welche wir jetzt abhandeln wollen. Ich. befrage Euch um Dinge, welche das Leben eines Andern, und vielleicht Euer eigenes, ſehr nahe an⸗ gehen, und Ihr bringt eine Geſchichte von ei⸗ nem alten Wamms vor!. „Alt ꝛ0 rief der Ritter:„Nun, bei. den Göt⸗ tern und allen Heiligen! wenn es an dem britiſchen 12 Hofe Jemand giebt, der geſchmackvoller uͤberlegt, und uͤberlegter geſchmackvoll, netter auserleſen, ſo wie auserleſener nett bei dem haͤufigen Wech⸗ ſel reicher Kleidung, die ſich fuͤr Jemand ſchickt, den man fuͤr den erſten Hofmann haͤlt, erſcheint, ſo erlaube ich Euch, mich einen Sklaven und Luͤgner zu nennen.“ Der Moͤnch dachte zwar, wenn er es auch nicht ſagte, daß er ſchon das Recht erhalten ha⸗ be, an der Wahrheit des Euphuiſten in Hinſicht auf die wunderbare Geſchichte, welche er erzaͤhlt hatte, zu zweifeln. Indeſſen ſchwebte ihm doch ſeine kigene ſeltſame Begebenheit, ſo wie die des Pater Philipp, vor der Seele, wodurch er zu keinem beſtimmten Schluſſe kommen konnte⸗ Er bemerkte daher bloß, daß dies allerdings ſelt⸗ ſame Umſtaͤnde waͤren, und wuͤnſchte zu erfah⸗ ren, ob Sir Piercie Shafton noch irgend einen andern Grund zu der Vermuthung habe, daß er ſelbſt auf eine ſo ganz beſondere Weiſe zum Gegenſtande der Bezauberung und Beherung auserſehen ſei. „Sir Unterprior,“ ſagte der Euphuiſt:„der außerordentlichſte Umſtand iſt noch zuruͤck, ein umſtand, der, wenn ich auch nicht im Gefechte ——— — ———— -—— 13 unterlegen, nicht in Verlauf weniger Stunden verwundet und geheilt worden waͤre, an ſich ſelbſt ſchon, und ohne Unterſtuͤtzung irgend ei⸗ nes andern, mich zu dem Glauben gebracht ha⸗ ben wuͤrde, ich ſelbſt muͤſſe der Gegenſtand ir⸗ gend einer boͤsartigen Bezauberung ſeyn. Ehr⸗ wuͤrdiger Herr, nicht Euch ſollte man eigent⸗ lich Geſchichten der Liebe und Galanterie er⸗ zaͤhlen, auch gehoͤrt Sir Piercie Shafton nicht zu denen, welche vor Jedermanns Ohren ſich der Aufnahme zu ruͤhmen pflegen, die ſie bei den erſten Schoͤnheiten des Hofes finden; um ſo mehr, da mich eine Lady, und zwar keine der geringſten unter den glaͤnzenden Geſtirnen, die in dieſer Hemiſphaͤre der Ehre, des Vergnuͤ⸗ gens und der Schoͤnheit ſich bewegen, deren Na⸗ men ich jedoch hier verſchweigen muß, ihre Ver⸗ ſchloſſenheit zu nennen beliebte. Demohnge⸗ achtet aber muß ich die Wahrheit bekennen und als die allgemeine Anſicht des Hofes, die von Kriegern anerkannt, und im Echo von Stadt und Land wiederholt wurde, anfuͤhren, daß in Anſehung der zaͤrtlichen Feinheit des Blickes, der Gewandtheit im Anreden und Antworten, der Beweglichkeit der Phantaſie und des anmuthig 14— nachläßigen Weſens, Piercie Shafton fuͤr den erſten und einzigen wahrhaft galanten Nitter ſeiner Zeit gehalten wurde, und bei den auser⸗ leſenſten Schoͤnheiten ſo beliebt war, daß kein ſeidenbehoſeter Kammerherr oder befiederter Tur⸗ nierheld ihm auf eines Bogens Laͤnge nur nahe kam in dem Blicke der Damen, welche das Ziel ſind, nach dem jeder edelgeborne Juͤngling ſeine Pfeile richtet. Demohngeachtet, ehrwuͤrdiger Herr, habe ich— da ich an dieſem rauhen Orte nie Etwas gefunden habe, was man durch Ge⸗ burt und Abſtammung eine Lady nennen kann, und um meine galante Laune in Uebung zu erhalten, ſo wie um meine, dem ſchoͤnen Geſchlechte im all⸗ gemeinen geſchworene Verehrung zu bezeigen— einige Complimentenpfeile nach dieſer Marie Ave⸗ nel abgeſchoſſen, indem ich ſie meine Discretion genannt, auch ihr noch andere wohl ausgedachte Hoͤflichkeiten erwieſen habe, die ſie jedoch mehr meiner Guͤte als ihrem Verdienſte verdankt; ſo wie der, welcher auf eine Vogeljagd ausgeht, lieber ſein Geſchoß auf Kraͤhen und dergleichen Gefluͤgel richtet, als gar nicht ſchießt.“ Marie Avenel muß ſich durch Eure Auf⸗ merkſamkeit ſehr geſchmeichelt fuͤhlen, verſetzte 15 der Moͤnch: allein zu was ſoll denn dieſe Auf⸗ zaͤhlung aller vergangenen und gegenwaͤrtigen Galanterieen uns jetzt fuͤhren? „Zu dem Schluſſe,“ ſagte der Nitter:„daß entweder meine Diseretion, oder ich ſelbſt ein wenig mehr als bezaubert ſind, denn anſtatt meine Annaͤherung mit einer dankbaren Verbeugung anzunehmen, meinen Blick mit halb unterdruͤck⸗ tem Laͤcheln zu erwiedern, mein Gehen und Kom⸗ men mit einem leiſen Seufzer zu begleiten,— Ehrenbezeugungen, womit, das kann ich Euch be⸗ theuern, die ſchoͤnſten Taͤnzerinnen und ſtolzeſten Schoͤnheiten in Feliciana meine geringen Dienſte belohnt haben— hat ſie mir ſo kalte und bedeu⸗ tungsloſe Blicke zugeworfen, als waͤre ich ein ungeſchlachter Bauer dieſer ſchwarzen Berge. Ja! noch heute, als ich zu ihren Fuͤßen kniete, um ihr Huͤlfe zu leiſten durch die Quinteſſenz des reinſten Spiritus, den die ſchoͤnſten Haͤnde am Hofe von Feliciana deſtillirt haben, ſchreckte ſie mich zuruͤck mit Blicken, welche Widerwillen ver⸗ riethen, ja beruͤhrte mich ſogar, wie ich glaube, mit dem Fuße, gleich als wollte ſie mich aus ihrer Raͤhe fortſtoßen; dieſe Dinge, ehrwuͤrdiger Vater, ſind ſeltſam wunderbar, ungeheuer und — paſſen gar nicht in den gewoͤhnlichen Gang menſchlicher Begebenheiten,/ ſondern ſind wirkliche— Symptome von Bezauberung oder Beherung. Ich uͤberlaſſe es nun ganz Eurer Weisheit, das aufzuloͤſen, was in dieſen Raͤthſeln aufloͤsbar iſt⸗ denn es iſt mein feſter Vorſatz, morgen mit Ta⸗ ges Anbruch mich auf die Reiſe nach Edinburg zu hegeben.“ 3 Das wird ſchwerlich geſchehen koͤnnen, ver⸗ ſetzte der Monch: und ich bedaure, daß ich ſelbſt Euch daran hindern muß. „Wie, ehrwuͤrdiger Vater?“ ſagte der Rit⸗ ter mit dem Ausdrucke des hoͤchſtens Erſtaunens: „wenn das, was Ihr ſagt, ſich auf meine Ab⸗ reiſe bezieht, ſo muß ich Euch ſagen, daß ſie ſtatt finden muß, denn ich habe es einmal ſo beſchloſſen.“ Herr Nitter! jich muß es Euch nochma nicht ſein, ſo lange bis des ſer Hinſicht bekannt iſt⸗ „Ehrwuͤrdiger Herr!“ ſagte der Ritter, in⸗ dem er ſich das Anſehen der hoͤchſten Wuͤrde gab:„ich bitte dem Abte meine herzlichen und dankbaren Empfehlungen zu aherbringen, allein 16 wiederholte der Unterprior: ls wiederholen: es kann Abts Meinung in die⸗ 17 in dieſem Punkte habe ich mit ſeiner verehrten Meinung nichts zu thun, ſondern wuͤnſchte bloß meiner eigenen zu folgen.“ Verzeiht mir, ſagte der Unterprior: die Stim⸗ me des Abts iſt gerade in dieſem Punkte ſehr ge⸗ wichtig⸗ Sir Piercie Shafton's Geſicht faͤrbte ſich mit hoͤherer Roͤthe.„Ich wundere mich,“ ſagte er: „Euch alſo ſprechen zu hoͤren. Wie? Ihr woll⸗ tet wegen des vermeintlichen Todes eines rohen, niedrig gebornen Hitzkopfs es wagen, die Frei⸗ heit eines Verwandten vom Hauſe Piercie an⸗ zutaſten 2“ Herr Ritter, erwiederte der Unterprior ſehr hoͤflich: Eure hohe Abkunft, ſo wie Euer auf⸗ glimmender Zorn wird Euch bei dieſer Sache nichts helfen. Ihr ſolltet doch nicht hieher kommen, eine Zuflucht zu ſuchen, und dann un⸗ ſer Blut verſpritzen als waͤre es Waſſer. „Ich erklaͤre Euch nochmals,“ ſagte der Ritter:„ſo wie ich bereits erklaͤrt habe, daß hier kein anderes Blut vergoſſen worden iſt, als das meine.“ Das ſteht noch zu erweiſen, verſetzte der Unterprior: wir von der Bruͤderſchaft zur hei⸗ 18. ligen Jungfrau zu Kennaquhair ſind nicht ge⸗ wohnt ſchoͤne Dichtungen anzunehmen im Tauſch gegen das Leben unſerer getreuen Vaſallen. 3„Und wir vom Hauſe Piercie,“ ſagte Sha⸗ fton:„kehren uns weder an Drohungen noch Zwang. Ich ſage, ich will morgen reiſen, es geſchehe was da wolle.“ Und ich, entgegnete der Unteryrior mit glei⸗ cher Entſchloſſenheit: ich ſage Euch, daß ich Eure Reiſe nicht zugeben werde, komme was da wolle. „Wer will mich hindern, wenn ich meinen Weg mir mit Gewalt oͤffne? ſagte der Nitter. Ihr werdet wohl thun, das erſt zu beden⸗ ken, ehe Ihr es verſucht, erwiederte der Moͤnch mit Faſſung: es giebt Maͤnner genug im Be⸗ zirke des Kloſters, welche die Rechte deſſelben gegen diejenigen ſchuͤtzen moͤgen, die ſie zu ver⸗ letzen trachten. „Mein Vetter von Northumberland wird dieſes Benehmen gegen einen ſo nahen Bluts⸗ verwandten gewiß zu raͤchen wiſſen,“ ſagte der Englaͤnder. Der Lord Abt, ſagte der Moͤnch: wird ſchon die Rechte ſeines Territoriums,⸗ ſowohl mit dem — 19 Schwerte der geiſtlichen als weltlichen Macht, zu beſchuͤtzen wiſſen. Ueberdies bedenkt wohl⸗ wenn wir Euch morgen an Euren Verwandten zu Alnwick oder Warkworth ſenden, ſo wird er nichts anders zu thun wagen, als Euch in Feſſeln der Koͤniginn von England zu uͤberliefern. Ihr ſteht alſo, wie Ihr wohl ſeht, auf ſehr ſchluͤpfri⸗ gem Grunde, Herr Ritter, und es duͤrfte leicht beſſer fuͤr Euch ſein, ſo lange hier als Gefange⸗ ner zu verweilen, bis der Abt ſeine Entſcheidung bekannt gemacht hat. Ueberdies ſind Bewaffnete genug hier, um alle Eure Verſuche zur Flucht zu vereiteln. Laßt Euch alſo Geduld und Ent⸗ ſagung zu einer nothwendigen Unterwerfung fuͤhren. Mit dieſen Worten ſchlug er in die Haͤnde und rief mit lauter Stimme. Eduard trat her⸗ ein, begleitet von zwei jungen Leuten, die ſich ſchon an ihn angeſchloſſen hatten, und we che wohl bewaffnet waren. „Eduard,“ ſagte der Unterprior:„Du wirſt den engliſchen Ritter hier mit paſſender Koſt und aller Bequemlichkeit fuͤr die Nacht verſehen, urd ihn uͤberhaupt auf eine ſolche Art behandeln, als ob nicht das Geringſte zwiſchen Euch vor⸗ — 20 gefaͤllen waͤre. Allein Du ſtellſt auch eine hin⸗ laͤngliche Wache auf, und ſorgſt dafuͤr, daß er nicht entkommt. Sollte er durchzubrechen wa⸗ gen, ſo widerſetze Dich ihm auf's aͤußerſte, in keinem andern Falle aber darfſt Du ihm ein Haar kruͤmmen. Du biſt dafuͤr verantwortlich.» Eduard Glendinning antwortete darauf: da⸗ mit ich Euren Befehlen nachkommen kann, ehr⸗ wuͤrdiger Herr, will ich ſelbſt nicht wieder die⸗ ſem Manne mich perſoͤnlich nahen, denn es waͤre eine Schande fuͤr mich, wenn ich den Frieden des Kloſterbezirkes ſtoͤrte, allein nicht minder auch, wenn ich den Tod meines Bruders unge⸗ raͤcht laſſen wollte. Indem er ſprach, wurden ihm die Lippen bleich, das Blut trat aus ſeinen Wangen zuruͤck und er war eben im Begriff, das Gemach zu verlaſſen, als ihn der Unterprior zuruͤckrief und im feierlichen Tone zu ihm ſagte: „Eduard, ich habe Dich von Kindheit auf gekannt, ich habe Alles zu Deinem Beſten ge⸗ than, was nur im Bereich meiner Kraͤfte lag, ich erwaͤhne Nichts von dem, was Du mir als dem Repraͤſentanten Deines geiſtlichen Ober⸗ herrn ſchuldig biſt, ich ſage auch nichts von der * — 2¾ Pflicht des Vaſallen gegen den Unterprior; aber Vater Euſtach erwartet von ſeinem Zöglinge, er erwartet von Eduard Glendinning, daß er durch keine That offner Gewalt, wuͤrde ſie auch durch die Ausfoderung vor ſeinem Gewiſſen ge⸗ rechtfertigt, die der oͤffentlichen Gerechtigkeit ſchuldige Achtung oder das verletzen will, was ich ein beſonderes Recht habe, von ihm zu ver⸗ langen.“ Fuͤrchtet Nichts, ehrwuͤrdiger Vater, denn in hundert Beziehungen darf ich Euch ſo nennen, ſagte der Juͤngling: fuͤrchtet nicht, wollte ich ſagen, daß ich Etwas thun moͤchte, wodurch die Achtung vermindert wuͤrde, die ich der ehrwuͤrdi⸗ gen Gemeinheit ſchuldig bin, welche uns ſo lange beſchuͤtzt hat, noch weniger aber, daß ich der Achtung gegen Euch ſelbſt Etwas vergeben ſollte. Allein das Blut meines Bruders darf nicht um⸗ ſonſt um Rache ſchreien. Euer Ehrwuͤrden kennen den Glauben von uns Grenzleuten. „Die Rache iſt mein, ich will vergel⸗ ten, ſpricht der Herr,“ entgegnete der Moͤnch. „Der heidniſche Gebrauch toͤdtlicher Befehdung, der in dieſem Lande herrſcht, wodurch Jedermann auf ſeine eigene Hand Rache ſucht, wenn der Tod 88—— eines Verwandten oder Freundes ſich ereignet hat, iſt ſchon Urſache geweſen, daß unſere Thaͤler mit dem Blute ſchottiſcher Maͤnner, vergoſſen durch die Hand unſerer Landsleute und Freunde, uͤber⸗ ſchwemmt wurden. Endlos waͤre es, die ſchreck⸗ lichen Folgen davon anzufuͤhren. Auf der oͤſtli⸗ chen Grenze ſind die Homes in Fehde mit den Swintons und Cockburns, in unſerer Mittel⸗ mark haben die Schotten und Kerrs ſo viel tap⸗ feres Blut in haͤuslichen Zwiſten vergoſſen, als kaum in einer ordentlichen Schlacht in England gefloſſen ſein wuͤrde, da ſie eine zufaͤllige Strei⸗ tigkeit nicht hatten vergeſſen koͤnnen, die ihre Namen in eeine feindliche Stellung brachte. Auf der weſtlichen Grenze befinden ſich die John⸗ ſtones im Kriege mit den Marwells, die Jardi⸗ nes mit den Bells, und reißen die Bluͤthe des LCandes, welche ihre Bruſt zum Bollwerke gegen England machen ſollte, mit ſich fort zu blutigen Privatkaͤmpfen, deren Ende doch kein anderes iſt, als daß die ſchon getheilten Kraͤfte des Lan⸗ des ganz geſchwaͤcht und aufgerieben werden. Laß dieſes blutige Vorurtheil, mein theurer Eduard, ſich Deines Geiſtes nicht bemeiſtern. Ich kann von Dir freilich nicht fodern, daß Du — 23 das vorausſetzliche Verbrechen ſo anſehen ſollſt, als wenn das vergoſſene Blut Dir minder theuer waͤre; leider weiß ich, daß dies nicht moͤglich iſt. Allein das fodre ich von Dir, daß Du, je theu⸗ rer Dir der vermeintlich Gekraͤnkte iſt,(denn jetzt beruht Alles nur noch auf Vermuthung) um ſo mehr den Beweis, worauf die Schuld der angeklagten Perſon beruht, in Deiner Seele erwaͤgen moͤgeſt. Er hat mit mir geſprochen, und ich muß geſtehen, ſeine Erzaͤhlung iſt ſo außerordentlich, daß ich ſie, ohne Weiteres, als ganz unglaublich verworfen haben wuͤrde, wenn mir nicht ſelbſt Etwas in dieſem Thale begegnet waͤre— doch davon mehr zu einer andern Zeit!— Jetzt laß Dir ſo viel genuͤgen, daß ich, nach dem was ich ſelbſt erfahren habe, ſie fuͤr moͤglich halten muß.“ Vater! ſagte Eduard Glendinning, als er ſahe, daß ſein Lehrer eine Pauſe machte, indem es ſchien, als wolle er die Gruͤnde nicht weiter angeben, warum er der Erzaͤhlung des Piercie Shafton einen gewiſſen Grad von Glaubwuͤrdig⸗ keit zugeſtehen muͤſſe, ſo unwahrſcheinlich er ſie auch an ſich finde.— Vater! das ſeid Ihr mir in jedem Sinne geweſen, Ihr wißt, daß meine 24 Hand lieber nach dem Buche als dem Schwerte griff, und daß ich des kuͤhnen und muthigen Geiſtes ganz ermangele, der ſo ſehr das Erbtheil meines—— Hier ſtockte ſeine Stimme, er ſchwieg einen Augenblick, allein bald fuhr er mit Entſchloſſenheit fort: ich wollte ſagen: daß ich dem Halbert an kraͤftigem Muthe und ge⸗ wandter Fauſt nicht gleich kam; allein Halbert iſt fort, und ich bin nun ſein und meines Va⸗ ters Stellvertreter, ſein Nachfolger in allen ſei⸗ nen Rechten(bei dieſen Worten ſchienen ſeine Augen Feuer zu ſpruͤhen) und daher verbunden, ſie zu behaupten, ſo wie er es ſelbſt gethan ha⸗ ben wuͤrde. Deswegen bin ich auch jetzt ein ganz anderer Menſch, groͤßer an Muth, ſo wie an Rechten und Anſpruͤchen. Und, ehrwuͤrdiger Vater, ahnungsvoll, aber feſt und beſtimmt, ver⸗ ſichere ich Euch: iſt ſein Blut von dieſem Manne vergoſſen worden, ſo ſoll es geraͤcht werden. Halbert ſoll nicht vernachlaͤſſiget in ſeinem ein⸗ ſamen Grabe ſchlafen, gleich als waͤre mit ihm der Geiſt meines Vaters auf immer entwichen. Sein Blut fließt in meinen Adern, und waͤre das ſeine ungeraͤcht vergoſſen worden, ſo wuͤrde mir das meine keine Ruhe laſſen. Nein, Armuth und und Riedrigkeit, mein Loos, ſollen nicht des Moͤr⸗ ders Schutz werden, meine ſtillen und friedlichen Beſchaͤftigungen ſollen es auch nicht werden, ſelbſt die Verbindlichkeiten, heiliger Vater, die ich Euch ſchuldig bin, ſollen es nicht werden. Ich erwarte indeſſen geduldig die Entſcheidung des Abts und Kapitels wegen des Mordes an ei⸗ nem ihrer aͤlteſten Vaſallen. Laſſen ſie meines Bruders Andenken Gerechtigkeit wiederfahren, nun ſo iſt es gut! Aber ich ſag' es Euch, Vater, wollen ſie mir dieſe Gerechtigkeit nicht erwei⸗ ſen, ſo hab' ich ein Herz und eine Hand, wel⸗ che— wenn ich auch ſonſt ſo heftigen Mitteln nicht geneigt bin— im Stande ſein werden, einen ſolchen Irrthum zu verbeſſern. Wer meines Bru⸗ ders Erbſchaft annimmt, muß ſeinen Tod raͤchen. Mit Erſtaunen bemerkte der Moͤnch, daß Eduard, trotz ſeines Mangels an Selbſtvertrauen, ſeiner Demuth und gehorſamen Ergebung— dies waren im Allgemeinen die Grundzuͤge ſeines Charakters— doch die wilden Grundſaͤtze derer in voller Glut naͤhrte, von denen er abſtammte und von denen er umgeben war. Seine Augen gluͤhten, ſeine ganze Geſtalt war erſchuͤttert, und ſein außerordentlicher Durſt nach Nache D. Kloſter. III. B 2 26— ſchien ſeinen Bewegungen eine Heftigkeit zu ge⸗ ben, welche denen der Freude glichen. „Moͤge Gott uns helfen!“ ſagte Vater Eu⸗ ſtach:„denn wir ſchwachen Geſchͤpfe koͤnnen uns unter ſolchen ploͤtzlichen und heftigen Verſu⸗ chungen nicht ſelbſt helfen.— Eduard! ich ver⸗ laſſe mich auf Dein Wort, Du unternimmſt nichts Unbeſonnenes.“ Rein! ſagte Eduard: Rein! das werde ich nicht.— Aber das Blut meines Bruders, die Thraͤnen meiner Mutter und die Thraͤnen Ma⸗ riens von Avenel ſollen nicht umſonſt gefloſſen ſein. Ich will Euch nicht taͤuſchen, Vater! hat dieſer Piercie Shafton meinen Bruder wirklich erſchlagen, dann muß er ſterben⸗ und wenn das ganze Blut des Hauſes Piercie in ſeinen Adern floͤſſe · In den Aeuſſerungen Eduards Glendinning lag der feierliche Ausdruck eines tief gewurzel⸗ ten, unvertilgbaren Entſchluſſes. Der Unter⸗ prior ſeufzte aus tiefer Bruſt und gab fuͤr den Angenblick den Umſtaͤnden nach, indem er nicht weiter in ſeinen Pflegbefohlelen drang. Er be⸗ fahl, daß man Licht in den unteren Theil des „ . 27 Gemaches braͤchte, in welchem er ſchweigend auf und ab ſchritt. Tauſend Ideen und ganz verſchiedene Grund⸗ — ſaͤtze ſtritten mit einander in ſeiner Seele. Er bezweifelte zwar die Erzaͤhlung des engliſchen Ritters von dem Duell, und von dem, was da⸗ auf erfolgt war, gar ſehr; indeſſen bewirkten die außerordentlichen und uͤbernatuͤrlichen um⸗ 3 ſtaͤnde, welche dem Sakriſtan und ihm ſelbſt in demſelben Thale begegnet waren, daß er der Erwaͤhnung der wundervollen Wunde und Wieder⸗ herſtellung Sir Piercies ſeinen Glauben nicht ganz verſagen konnte, ſo wenig er uͤberhaupt Etwas als unmoͤglich verwerfen mochte, was ihm un⸗ wahrſcheinlich vorkam Er war daher auch ſehr in Verlegenheit, wie er die Regungen der Bru⸗ derliebe bei Eduard beherrſchen ſollte, gegen den er ſich in der Lage eines Mannes ſah, der ein wildes Thier, einen Loͤwen oder Tiger, regiert, . den er zwar von Jugend an unter ſeiner Herr⸗ ſchaft gehalten hat, der aber, zur vollen Kraft erwachſen, bei einer ploͤtzlichen Veranlaſſung ſeine — Klauen entfaltet, ſeine Maͤhne aufrichtet, ſich in ſeiner natuͤrlichen Wildheit zeigt, und ſeinem . Wärter, wie jedem Andern, Troz bietet. Wie ein Zorn zu bezaͤhmen und zu mildern ſei, der nach dem allgemeinen Beiſpiel des Zeit⸗ altets todtlich und feſt gewurzelt war, dies war des Vaters Euſtach aͤngſtlichſte Sorge. Allein auf der andern Seite mußte er auch die Lage des * Kloſters in Betrachtung ziehen, welches entehrt und herabgewuͤrdigt ward, wenn es den gewalt⸗ 2 ſamen Tod eines ſeiner Vaſallen ganz ungeraͤcht laſſen wollte; ein umſtand der in dieſen ſchwie⸗ rigen Zeiten an ſich ſchon einen Vorwand zu ei⸗ nem Aufſtande unter ſeinen wankenden Anhaͤn⸗ gern und Unterthanen geben, und ſo die Ge⸗ b meinheit großer Gefahr ausſetzen konnte. Dieſe war aber nicht minder groß, wenn man gegen einen engliſchen Unterthan von hohem Range,⸗ der mit dem Hauſe Northumberland und an⸗ deren vornehmen Familien des Norden ver⸗ wandt war, eine Unterſuchung beginnen wollte; denn von dieſen konnte man, da ſie die Mittel dazu beſaßen, nicht vorausſetzen, daß es ihnen an Neigung fehlen werde, dem Kloſter zur hei⸗ ligen Jungfrau zu Kennaquhair jede Gewalt reichlich entgelten zu laſſen, welche an ihren An⸗ verwandten ausgeuͤbt worden. In beiden Faͤllen wußte der Unterprior, daß⸗ 29 wenn erſt durch Aufſtand oder Einfall eine ſchein⸗ bare Veranlaſſung zur Fehde gegeben ſei, die Sache weder durch Vernunft, noch durch Be⸗ weiſe ausgemacht werden wuͤrde, und er ſeufzte im Geiſte, als er die moͤglichen Faͤlle in dieſer bedenklichen Lage uͤberſahe, daß er nur unter Schwierigkeiten zu waͤhlen habe. Er war zwar ein Moͤnch, allein er fuͤhlte doch auch als Menſch und gedachte nicht ohne Unwillen daran, daß der junge Glendinning durch einen Mann koͤnne getoͤdtet worden ſein, der in allen Waffenuͤbun⸗ gen geſchickt war, an denen es hoͤchſt wahrſchein⸗ lich dem Vaſallen des Kloſters gaͤnzlich fehlen mußte. Zu dieſem Schmerze und Zorn, den er uͤber den Verluſt eines Juͤnglings empfand, den er von Jugend an gekannt hatte, kam nun noch in voller Staͤrke das Gefuͤhl der Entehrung, welche ſeiner Gemeinheit daraus erwachſen mußte, wenn ſie eine ſo grobe Beleidigung ungerochen hin⸗ gehen ließ. Nicht minder wurde ſeine Beſorgniß durch den Gedanken erregt, in welchem Lichte die Sache von denen angeſehen werden moͤchte, welche gerade jetzt an dem ſtuͤrmiſchen Hofe von Schott⸗ land den meiſten Einfluß hatten, da ſie der Re⸗ formation ſehr geneigt, und durch gleichen Glan⸗ 30— ben und gleiches Intereſſe mit der Köͤnigin Eli⸗ ſabeth verbunden waren. Er wußte wohl, wie ſehr ſie nach den Einkuͤnften der Kirche geluͤſ⸗ teten, und wie gern und ſchnell ſie einen ſol⸗ chen Vorwand, als ſich ihnen dadurch darbot, daß man den Tod eines gebornen Schotten durch einen katholiſchen Englaͤnder und RNebel⸗ len gegen die Koͤnigin Eliſabeth ungeraͤcht ließ⸗ ergreifen wuͤrden, um die des Kloſters der hei⸗ ligen Jungfrau zu beeintraͤchtigen. Auf der andern Seite aber war die Aus⸗ lieferung eines engliſchen Ritters, der durch po⸗ litiſche Plane und Verwandtſchaft mit dem Pier⸗ eieſchen Hauſe in Verbindung ſtand, und, ein treuer Anhnger der katholiſchen Kirche, ſeine Zuflucht in dem Bezirke des Kloſters genommen hatte, an England, oder was ziemlich auf das nehmliche hinauslief, an die ſchottiſche Regierung, in der Anſicht des Unterpriors an ſich eine unwuͤrdige Handlung, welche den Fluch des Himmels ver⸗ diente,— abgeſehen noch davon, daß ſie mit großer irdiſcher Gefahr verbunden war. Denn, wenn auch die Regierung von Schottland jetzt groͤßtentheils in den Haͤnden der proteſtantiſchen Parthei ſich befand, ſo war doch die Koͤnigin 31 ſelbſt katholiſch, und man konnte bei dem ploͤtz⸗ lichen Wechſel der Dinge, der ſich in dieſem ſtuͤrmiſchen Lande oft ereignete, nicht wiſſen, ob ſie ſich nicht bald an der Spitze ihrer eigenen Angelegenheiten befinden, und im Stande ſein duͤrfte, die Anhaͤnger ihres Glaubens zu beſchuͤ⸗ tzen. Und wenn auch der engliſche Hof und ſeine Koͤnigin eifrig proteſtantiſch waren, ſo lebten doch in den noͤrdlichen Gegenden, deren Freundſchaft oder Feindſchaft fuͤr die Gemein⸗ heit des Kloſters zur heiligen Jungfrau von den hedeutendſten Folgen war, viel Katholiken, de⸗ ren Haͤupter im Stande, und wie man vermu⸗ then mußte, auch geneigt waren, jede Beleidi⸗ gung zu raͤchen, welche dem Sir ierrie Shaf⸗ ton wiederfahren konnte. Wohin auch der fuͤr das Gluͤck und die Sicherheit ſeines Kloſters beſorgte Unterprior ſchauen mochte, uͤberall fand er die groͤßte Ge⸗ fahr von Schaden, Schande, Einfall und Con⸗ fiscation. Der einzige Entſchluß, den er zu faſ⸗ ſen vermochte, war der, gleich einem muthigen Piloten am Steuerruder zu ſtehen, jedes Begeg⸗ niß ſorgfaͤltig ins Auge zu faſſen, alle Kraͤfte an⸗ zuſtrengen, um jedes Riff und jede Kliype zu 3² vermeiden, und das Uebrige dem Himmel und ſeinen Schutzheiligen anheim zu ſtellen. Als er das Gemach verließ, rief ihm der Ritter nach, er moͤchte ihm ſeine Koffer hieher ſchicken, da er ſaͤhe, daß er die Nacht hier bleiben muͤſſe, und daher ſich Etwas umzukkeiden geſonnen ſey. „Nun denn meinetwegen,“ murmelte der Moͤnch, indem er die Wendeltreppe hinaufſtieg: „bringt ihm alle ſeine Narrenſpielwerke her! Bei ſo wichtigen Sorgen und Gegenfͤnden kann ſich der Menſch wie ein Kind vergnuͤgen mit geſtickten Kleidern und Schellenkappen!— Jetzt muß ich zu einem traurigen Geſchaͤfte, Troſt zu ſpenden, da, wo Keiner helfen kann,— eine Mutter aufzurichten, die um den Tod ihres Erſtgebornen weint.“ Nach leiſem Anklopfen trat er in das Ge⸗ mach der Frauen. Er fand Marien von Avenel ſchon zu Bett, weil ſie ſehr unwohl war, und Dame Glendinning ſo wie die Tibb, ihrem Kum⸗ mer ſich hingebend, zur Seite eines eben erld⸗ ſchenden Feuers und beim Licht einer kleinen eiſernen Lampe. Die arme Elspeth hatte ſich den Schleier uͤbers Haupt gezogen, und ſie weinte und ſchluchzte bitterlich um ihren ſchoͤnen bra⸗ 33 ven Sohn, das wahre Ebenbild ihres theuern Simon Glendinning, die Stuͤtze ihrer Wittwen⸗ ſchaft und den Troſt ihres Alters. Die treue Tibb theilte ihre Klagen, und noch heftiger und lauter weinend, rufte ſie Ver⸗ wuͤnſchungen und Rache auf Sir Piercie Shaf⸗ ton herab:„So lange noch ein Mann in Schott⸗ land lebt, der ein Knittel ſchwingen, oder ein Weib,⸗ das ein Raſpeleiſen fuͤhren kann, muͤſſe... Der Eintritt des Unterpriors hemmte den Lauf dieſer Aeußerungen. Er ſetzte ſich zur un⸗ gluͤcklichen Mutter hin und verſuchte durch aller⸗ lei Gruͤnde, die ihm Religion und Vernunft an die Hand gab, den Sturm der Gefuͤhle in Dame Glendinnings Seele zu beſchwichtigen. Al⸗ lein ſeine Verſuche waren umſonſt, obgleich ſie mit einiger Theilnahme zuhoͤrte, als er ſein Wort und das des Abts verpfaͤndete, daß die Familie— welch? dadurch, daß ſie auf den Befehl von je⸗ nem einen Gaſt deſſelben bei ſich aufgenommen, den Erſtgebornen verloren hatte— ſich der be⸗ ſondern Gewogenheit und Unterſtuͤtzung des Klo⸗ ſters erfreuen, auch das Lehn, das dem Simon Glendinning zugehoͤrt hatte, mit erweiterten 34 Vorrechten und Vortheilen auf Eduard uͤbertra⸗ gen werden ſollte. Indeſſen wurden der Mutter Thraͤnen und Seufzer doch nur auf Augenblicke gefillt. Bald tadelte ſie ſich ſelbſt deshalb, daß ſie ihre Ge⸗ danken auf irdiſche Vortheile gewendet habe, in⸗ deß der arme Halbert in ſeinem blutigen Bette liege. Der Unterprior war auch nicht gluͤcklicher mit dem Verſprechen, daß Halberts Leichnam in geweiyhte Erde gebracht, und fuͤr ſeine Seele durch die Gebete und Fuͤrſprache der Kirche ge⸗ ſorgt werden ſolle; der Kummer mußte ſeinen natuͤrlichen Gang nehmen, und die Stimme des Troͤſters verhallte vergebens. 8* 35 Iweites Kayvptte. Au der Unterprior des Kloſters zur heiligen Jungfrau von dem Orte ſchied, wo Sir Piercie Shafton gefangen gehalten wurde, und wo man einige Anſtalten traf, damit er die Nacht hier zubringen koͤnnte, und daß er dabei gehrig be⸗ wacht ſei, ließ er mehr als eine Perſon in Be⸗ ſtuͤrzung und Verlegenheit hinter ſich. Mit die⸗ ſem Gemach in Verbindung, und mit einem Aus⸗ gange in dieſes verſehen, war ein kleiner Vor⸗ ſprung oder hervorſtehender Theil des Gebaͤudes, worinnen ſich ein Schlafgemach befand, welches gewoͤhnlich fuͤr Marien von Avenel beſtimmt war, das aber, bei der ungewoͤhnlichen Menge von Gaͤſten, die am vorigen Abende in dem Thurme angekommen waren, fuͤr Myſia Happer, des Muͤl⸗ lers Tochter, war eingerichtet worden; denn vor Alters, wie jetzt, war ein ſchottiſches Wohnhaus faſt immer zu eng und beſchraͤnkt fuͤr des Beſiz⸗ zers gaſtfreundliche Neigung, und es waren ſtets 36— einige Entbehrungen und Beſchraͤnkungen zu erdulden, wenn man bei ungewoͤhnlichen Gele⸗ genheiten allen Gaͤſten nur einige Bequemlich⸗ keit verſchaffen wollte. Die ungluͤcklichen Nachrichten von Halbert Glendinnings Tode hatten alle fruͤheren Ein⸗ richtungen in Verwirrung gebracht. Marie Ave⸗ nel, deren Zuſtand unmittelbare Aufmerkſamkeit erfoderte, war in das bisher von Halbert und ſei⸗ nem Bruder bewohnte Gemach gebracht worden, da der letztere ſich erbot alle Naͤchte zu wachen, damit der Gefangene nicht entkommen moͤchte. Die arme Myſia hatte man gaͤnzlich uͤberſehen ſie hatte ſich daher ganz natuͤrlich in das kleine Gemach zuruͤckgezogen, welches ſie bisher be⸗ wohnt hatte, ohne zu wiſſen, daß das Speiſezim⸗ mer, durch welches man allein zu jenem gelangen konnte, dem Sir Piercie Shafton zum Schlafge⸗ mache angewieſen worden war. Die Maßregeln ihn hier zu verhaften, waren ſo ploͤtzlich getroffen worden, daß ſie es gar nicht bemerkt hatte, bis ſie fand, daß die andern Frauen durch des Unter⸗ priors Anweiſung aus dem Speiſegemach entfernt worden waren; und da ſie ſo die Gelegenheit verloren hatte, ſich mit denſelben zugleich zu —— 37 entfernen, ſo hielt ſie nun Schamhaftigkeit und die hohe Achtung welche ſie gegen die Moͤnche zu hegen gelehrt worden war, ab, allein hervor⸗ zutreten und ſich dem Vater Euſtach wider deſſen Willen vor Augen zu ſtellen, indem er eben in geheimer Unterredung mit dem Englaͤnder aus Suͤden ſich befand. Sie mußte nun warten, bis ihre Unterredung zu Ende war, und da die Thuͤr ſehr duͤnn war, auch nicht recht feſt an⸗ paßte, ſo konnte ſie jedes Wort vernehmen, das zwiſchen beiden gewechſelt wurde. So geſchahe es, daß ſie, ohne ein abſichtli⸗ ches Eindraͤngen von ihrer Seite, die Vertraute der ganzen Unterredung des Unterpriors und des engliſchen Ritters wurde, und daß ſie gleichfalls aus dem Femſter ihres kleinen Gemachs bemerken konn⸗ te, daß mehr als einer von den, von Eduard aufge⸗ botenen jungen Leuten, nach und nach in dem Thur⸗ me eintraf. Alle dieſe Umſtaͤnde brachten ſie dahin, ernſtliche Beſorgniß zu hegen, daß das Leben des Sir Piercie in großer und naher Gefahr ſchwebe. Das Weib iſt von Natur mitleidig, und zwar um ſo mehr, wenn Jugend und Schoͤnheit auf der Seite deſſen iſt, der das Mitgefuͤhl in An⸗ ſpruch nimmt. Die huͤbſche Geſtalt, der ausge⸗ 38— ſuchte Anzug und das feine Benehmen Sir Piercie Shafton's, welches auf den ernſten und hoͤheren Charakter Mariens von Avenel keinen Eindruck gemacht hatte, war dagegen fuͤr die Muͤllerstochter wahrhaft bezaubernd geweſen. Der Ritter hatte dies wohl bemerkt, und geſchmei⸗ chelt dadurch, daß ſeine Verdienſte doch nicht allge⸗ mein verkannt wuͤrden, hatte er der Myſia ein gutes Theil mehr Hoͤflichkeit erwieſen, als, nach ſeiner Meinung, fuͤr ihren Stand ſchicklich war. Dieſe wurde denn auch mit demuͤthiger Anerken⸗ nung ſeiner Herablaſſung und voller Dankbarkeit fuͤr ihre perſoͤnliche Auszeichnung aufgenommen, ſo daß dadurch, im Verein mit der Furcht wegen ſeiner Sicherheit und der natuͤrlichen zaͤrtlichen Stimmung ihres Herzens, in dem letztern ein großer Aufruhr erregt wurde. Sie dachte uͤber den Fall ohngefaͤhr folgen⸗ dermaßen: Es ſey freilich nicht recht, daß Pier⸗ cie den Halbert Glendinning erſchlagen habe, allein er war doch ein geborner Edelmann, ein Soldat und von ſo feinen und artigen Sitten, daß ſie uͤberzeugt ſein muͤſſe, der Streit ſei von dem jungen Glendinning abſichtlich herbeigefuͤhrt worden; denn es war hinlaͤnglich bekannt, daß 39 die beiden jungen Purſche von Marien Avenel ſo eingenommen waren, daß ſie kein anderes Maͤdchen im Kloſterbezirke anſehen mochten, gleich als waͤren ſie von ganz anderer Natur. Dann war ja auch Halberts Anzug eben ſo baͤueriſch, als ſein Benehmen hochfahrend und ſtolz, und dieſer junge Edelmann(der wie ein Prinz ge⸗ kleidet war), verbannt aus ſeinem Vaterlande, wurde durch einen rohen zankſuͤchtigen Menſchen zuerſt in einen Streit verwickelt und dann von des letztern Verwandten und Verbuͤndeten ver⸗ folgt und vielleicht gar getoͤdtet!— Myſia weinte bitterlich bei dieſem Gedan⸗ ken, aber bald empoͤrte ſich ihr Herz gegen eine ſolche Grauſamkeit und gegen die Unterdruͤckung ei⸗ nes Fremdlings, der ohne Schutz und geſchmackvoll gekleidet war, und mit ſo viel Anmuth zu ſpre⸗ chen wußte. Sie fing nun an, darauf zu ſinnen, ob es ihr nicht moͤglich ſei, ihm in ſeiner ge⸗ faͤhrlichen Lage einige Dienſte zu leiſten. Ihr Gemuͤth hatte nun ganz von dem zu⸗ erſt gefaßten Entſchluß ſich abgewandt. Denn ihre Sorge war anfangs bloß die geweſen, aus dem innern Gemache, ohne von Jemand bemerkt zu werden zu entkommen; nun aber dachte ſie, 40 daß der Himmel ſie zur Rettung und zum Schutze des verfolgten Fremdlings gerade hierher gefuͤhrt habe. Sie hatte eigentlich einen einfachen und zur Zaͤrtlichkeit ſich neigenden Charakter, allein ſie war doch auch unternehmend und feurig, und mochte ſie auch geneigt ſein, ſich durch galante Form in Kleidung und Sprache bethoͤren zu laſ⸗ ſen, ſo beſaß ſie doch mehr denn weibliche Koͤr⸗ perkraft, und mehr als weiblichen Muth. Ich will ihn retten! dachte ſie, das iſt das erſte, wozu ich entſchloſſen bin, und dann ſoll es mich wundern, was er zu dem armen Muͤllermaͤdchen ſagen wird, welches mehr fuͤr ihn gethan hat, als alle die vornehmen Damen in London oder Holyrood fuͤr ihn wohl ſchwer⸗ lich gewagt haben wuͤrden. Die Klugheit zupfte ſie zwar am Ermel, als ſie ſo kuͤhnen Spekulationen nachhing, und gab ihr zu verſtehen, daß je waͤrmer ſich Sir Piercie Shafton's Dankbarkeit gegen ſie zeigen wuͤrde, um ſo wahrſcheinlicher auch die Gefahr fuͤr ſeine Wohlthaͤterin ſein werde. Aber ach! Du arme Klugheit, du kannſt wohl mit unſern Sittenlehrern ſagen: 8 5 Ich predige immer, doch ich predige umſonſt! — 41 Das Muͤllermaͤdchen hatte, indeß ſich dieſe War⸗ nung in ihrem widerſtrebenden Gemuͤthe verneh⸗ men ließ, ihre Augen auf den kleinen Spiegel fallen laſſen, an den ſie ihre kleine Lampe geſtellt hatte, und dieſer zeigte ihr jetzt im Wiederſchein eine Geſtalt und Augen, die, ſchoͤn und feurig zu jeder Zeit, doch jetzt durch einen Ausdruck von Kraft gehoben wurden, der denen eigen zu ſein pflegt, die große, edelmuͤthige Thaten aus⸗ zufuͤhren im Begriff ſind⸗ Sollten denn dieſe Zuͤge und dieſe Augen, verbunden mit dem Liebesdienſte, den ich dem Sir Piercie Shafton zu erweiſen Willens bin, nichts dazu beitragen, um die Scheidewand des Standes unter uns aufzuheben? Dies war die Frage, welche die weibliche Eitelkeit in ihrer Seele aufwarf, und wenn dieſe auch die Frage mit nicht beſtimmter Gewißheit zu bejahen wagte, ſo wurde doch eine mittlere Ent⸗ ſcheidung angenommen.„Erſt will ich dem ga⸗ lanten Juͤngling beiſtehen, das uͤbrige bleibe dem Schickſal anheim geſtellt!—» Alles, was ihre eigene Perſon betraf, vor der Hand ſich aus dem Sinne ſchlagend, wandte das kuͤhne und edelmuͤthige Maͤdchen ihre Gedanken * einzig und allein auf die Mittel, ihr Unterneh⸗ men auszufuͤhren⸗ Die Schwierigkeiten, die ſich dem ſelben ent⸗ gegenſtellten, waren keinesweges unbedeutend; die Nachſucht der Menſchen in dieſer Gegend, im Fall einer toͤdtlichen Fehde, d. h. einer ſol⸗ chen, welche durch Toͤdtung eines ihrer Anver⸗ wandten erregt worden war, gehoͤrte zu den cha⸗ rakteriſtiſchen Eigenheiten derſelben, und Eduard, ſo ſanft er in anderer Hinſicht war, liebte doch ſeinen Bruder dergeſtalt, daß man nicht zwei⸗ feln konnte, er werde ſich bei ſeiner zu nehmen⸗ den Nache nicht von den Sitten des Landes be⸗ ſchaͤmen laſſen wollen; dann mußten auich die in⸗ nere Thuͤr des Gemaches,⸗ die zwei Thuͤren des Thurmes ſelbſt und das Thor des aͤußeren Ho⸗ fes paſſirt werden, ehe ſich der Gefangene ganz in Freiheit ſehen konnte. Ueberdies mußten dann noch ein Fuͤhrer und andere Mittel in Bereitſchaft ſtehen, wenn das endliche Entkommen ganz ge⸗ lingen ſollte. Indeſſen, wenn der Wille der Weiber ſich einmal auf die Ausfuͤhrung eines ſolchen Planes geſtellt hat, dann fehlt es ihnen auch ſelten an Verſtand, die groͤßten Schwierig⸗ keiten zu uͤberwinden. 43 Der Unterprior hatte nicht lange das Zim⸗ mer verlaſſen, als Myſia auch ſchon einen Plan zu Piercie Shafton's Befreiung erſonnen hatte, einen Plan, der allerdings kuͤhn war, allein wahr⸗ ſcheinlich gluͤcklich ausſchlug, wenn er nur klug geleitet wurde. Indeſſen war es nothwendig, daß ſie da, wo ſie jetzt ſich befand, blieb, bis es ganz ſpaͤt geworden, und Alles im Thurme ſich zur Ruhe begeben hatte, ausgenommen diejeni⸗ gen, deren Pflicht es war, zu wachen. Die Zwi⸗ ſchenzeit benutzte ſie dazu, die Bewegungen der Perſon zu beobachten, in deren Dienſt ſie als ein kuͤhner Freiwilliger eingetreten war. Sie konnte deutlich hoͤren, wie Sir Piercie Shafton in dem Gemache auf und ab ſchritt, vermuthlich in Gedanken uͤber ſein eigenes un⸗ gewiſſes Schickſal. Nach und nach hoͤrte ſie ihn ein Geraͤuſch machen unter den Koffern, welche auf Befehl des Unterpriors in das Zimmer, wo⸗ rinnen er eingeſchloſſen war, gebracht worden waren, und die er, um ſeine ſchwermuͤthigen Ge⸗ danken zu zerſtreuen, wahrſcheinlich durchſahe und anders ordnete. Dann hoͤrte ſie ihn wieder durch's Gemach gehen, und gleich als waͤre ſein Muth durch Muſterung ſeiner Garderobe von neuem erweckt und geſtaͤrkt worden, konnte ſie deutlich unterſcheiden, wie er bei einer Wendung ein Son⸗ net halb rezitirte, bei einer andern eine Galliarde lispelte und bei der dritten eine Sarabande ſummte. Endlich vernahm ſie, daß er ſich auf das Lager hinſtreckte, welches man ihm ein fiwei⸗ len bereitet hatte, indem er ſeine Gebete eiligſt herſagte, und nach wenig Augenblicken ſchien er eingeſchlafen zu ſein. Sie benutzte dieſe Zwiſchenzeit zur Betrach⸗ tung ihres Unternehmens unter jedem moͤglichen Geſichtspunkte, und ſo gefaͤhrlich es auch war, ſo fuͤhrte ſie doch der feſte und ſtete Blick auf die mancherlei damit verbundenen Gefahren, endlich darauf, wie ſie dieſen wohl begegnen koͤnnte. Liebe und edelmuͤthiges Mitleid, wel⸗ che einzeln ſchon ſo viel uͤber ein weibliches Herz vermoͤgen, waren in dieſem Falle vereinigt, und machten, daß ſie auch das Aeußerſte nicht ſcheute. Es war eine Stunde nach Mitternacht. Alles in dem Thurme ſchlief/ außer denienigen welche es uͤbernommen hatten, den engliſchen Gefangenen zu bewachen; oder wenn auch Kummer und Schmerz den Schlaf von dem Lager der Dame Glendin⸗ 45 ning und ihrer Pffegetochter entfernte, ſo waren ſie doch zu ſehr in ihr eigenes Leiden verſenkt, als daß ſie haͤtten auf aͤußere Toͤne hoͤren ſollen. Mittel, Licht zu erhalten, waren in dem kleinen Gemache zur Hand, und ſo gelang es dem Muͤl⸗ lermaͤdchen eine kleine Lampe anzuzuͤnden. Mit bebenden Schritten und hochklopfendem Herzen oͤfnete ſie die Thuͤr, welche ſie von dem Zimmer trennte, in dem der Ritter aus Suͤden gefangen ſaß, und faſt haͤtte ſie ihr Entſchluß gereut, als ſie ſich ſelbſt mit dem ſchlafenden Gefange⸗ nen in einem und demſelben Raume befand. Sie wagte es kaum, auf ihn hinzuſchauen, wie er ſo in ſeinen Mantel gehuͤllt feſt eingeſchlafen auf dem Bette lag, und mit abgewandten Blik⸗ ken faßte ſie ihn nur ſo leiſe am Mantel, als ge⸗ rade noͤthig war, um ihn zu erwecken. Er be⸗ wegte ſich jedoch nicht eher, als bis ſie ihn zum zweiten und dritten Mahle am Kleide gezupft hatte, dann aber ſchaute er ſich um, und wollte in ſeiner Verwunderung einen lauten Schrei von ſich geben. Myſia's Schamhaftigkeit wurde jetzt durch ihre Furcht beſiegt. Sie legte ihm den Finger auf den Mund, zum Zeichen, daß er das tiefſte 46 Stillſchweigen beobachten ſolle, und dann zeigte ſie auf die Thuͤr, um anzudeuten, daß er bewacht werde. Sir Piercie Shafton ſammelte ſeine Beſin⸗ nung und ſetzte ſich aufrecht auf ſeinem Lager. Er betrachtete mit Erſtaunen die anmuthsvolle Geſtalt des jungen Maͤchens, welches vor ihm ſtand, ihre wohlgebildete Perſon, ihr wallendes Haar, die Umriſſe ihrer Zuͤge, welche durch das ſchwache Licht der Lampe, die ſie in der Hand hielt, zwar nur zum Theil⸗ doch nicht zu ihrem Nachtheile beleuchtet wurden. Die romantiſche Einbildungskraft des galanten Ritters wuͤrde wohl bald ein Compliment, paſſend fuͤr dieſe Gelegenheit, erſonnen haben, allein Myſia ließ ihm keine Zeit dazu. „Ich komme,“ ſagte ſie:„Euer Leben zu retten, welches in großer Gefahr ſchwebt, ſobald Ihr mir das mindeſte antwortet; ſprecht, wenn ihr ja muͤßt, ſo leiſe als moͤglich, denn ſie ha⸗ ben Eure Thuͤr mit bewaffneten Maͤnnern be⸗ ſetzt.“ Lieblichſte der Muͤllertoͤchter! verſetzte Sir Piercie, der ſich unterdeſſen ganz aufgerichtet hatte: fuͤrchte nichts fuͤr meine Sicherheit! 47 Glaube nicht, daß ich wirklich den rothen Saft— den dieſe Bauern Blut nennen— ihres hoͤchſt un⸗ hoͤflichen Verwandten vergoſſen habe. Daher hege ich denn auch keine Beſorgniß wegen des Ausgangs dieſer Begebenheit, da ich gewiß vor⸗ ausſehe, daß ſie fuͤr mich ohne alle Nachtheile ſein muß. Demohngeachtet aber bringe ich Dir, reizende Muͤllerſchoͤnheit! den Dank dar, den Deine Artigkeit mit Recht fodern mag. „Ach! Herr Ritter,“ verſetzte das Maͤdchen in einem eben ſo bebenden als leiſen Tone:„ich ver⸗ diene gar keinen Dank, wenn Ihr meinem Rath nicht folgen wollt. Eduard Glendinning hat nach Dan von Howlet⸗Hirſt und nach dem jun⸗ gen Adie von Aikenſchaw geſandt, und ſie ſind noch mit drei Andern gekommen, mit Bogen Pfeilen und Spießen verſehen, und ich hoͤrte ſie zu einander und zu Eduard ſagen, als ſie im Hofe von den Pferden ſtiegen, daß ſie Rache haben wollten fuͤr ihren erſchlagenen Verwand⸗ ten, und wenn dabei den Moͤnchen die Kutten anbrennen ſollten;— und die Vaſallen ſind jetzt ſo unruhig, daß der Abt ſelbſt ſie kaum im Zaum zu halten wagt, aus Furcht, ſie moͤchten ——ʒ—y—·— 43 ketzeriſch werden, und ihre Lehnsabgaben zu zah⸗ len ſich weigern.“ Das mag freilich, ſagte Sir Piercie Shaf⸗ ton: eine nicht geringe Verſuchung ſein, und es koͤnnten ſich die Moͤnche vielleicht aus aller Ver⸗ legenheit retten, wenn ſie mich uͤber die Grenze an Sir John Forſter, oder Lord Hundsdon, die engliſchen Aufſeher, auslieferten, und ſo mit ih⸗ ren Vaſallen und mit England zugleich Friede machten. Ich bin daher bereit, ſchoͤnſte Muͤllers⸗ tochter, Deiner Leitung zu folgen, und bringſt Du mich wirklich gluͤcklich aus dieſem Hunde⸗ ſtalle, ſo will ich Deinen Verſtand und Deine Schoͤnheit preiſen, dergeſtalt, daß ſelbſt das Baͤk⸗ kermaͤdchen Raphaels von Urbino nur als eine Zigeunerin in Vergleichung mit meiner Muͤllerin erſcheinen ſoll. „Ich bitte Euch ſlehentlich, ſchweigt!“ ſagte das Maͤdchen:„denn wenn Eure Rede Euch als wachend verraͤth, ſo kann mein Plan unmoͤglich gelingen, und es iſt dem Himmel und unſerer Frau nicht genug zu danken, daß wir nicht ſchon gehoͤrt und entdeckt worden ſind.“ Ja, ich ſchweige, wie die ſternenloſe Nacht, ſagte der Ritter: aber wenn Dein Unternehmen 3— Dich — 49 Dich ſelbſt in Gefahr bringen ſollte, Du ſchoͤnes und nicht minder gutes als ſchoͤnes Maͤdchen, dann wuͤrde ich meiner unwerth handeln, wenn ich damit meine Rettung erkaufen wollte. „O! denket nicht an mich,“ verſetzte Myſta eilig:„ich bin nicht in Gefahr, und werde ſchon auch an mich ſelbſt denken, wenn ich Euch nur erſt außerhalb dieſes Gebaͤudes ſehe; wollt Ihr Euch indeß noch mit einem Theile Eurer Klei⸗ dung und Habſeligkeiten verſehen, ſo verlieret keine Zeit ⸗ Der Ritter verlor aber wirklich einige Zeit, ehe er ſich entſchließen konnte, was er von ſei⸗ nen Kleidern mitnehmen, was im Stiche laſſen ſollte, denn jedes Stuͤck ſchien ihm theuer, wegen der Erinnerung der Feſtlichkeiten und Gelage, wobei er es einſt getragen hatte. Myſia verließ ihn eine Weile, damit er nach Belieben waͤhlen moͤchte, denn ſie hatte auch fuͤr ſich ſelbſt einige Anſtalten zur Flucht zu machen. Als ſie aber aus ihrem Gemache zuruͤckkehrte, ein kleines Buͤndel in der Hand tragend, fand ſie ihn noch immer un⸗ entſchloſſen, und ſie beſtand nun mit klaren Wor⸗ ten darauf, daß er entweder ſein Gepaͤck ſchnen zuſammennehmen oder es ganz aufgeben ſollte. D. Kloſter, III. C —— 5⁰ So gedraͤngt packte der ungluͤckliche Mann we⸗ nige Kleidungsſtuͤcke in ein kleines Buͤndel zu⸗ ſammen, ſchaute ſeinen Koffer noch mit einem Blicke des Kummers an, und erklaͤrte endlich ſeine Be⸗ reitwilliskeit, der freundlichen Fuͤhrerin zu folgen. Sie ging nun auf die Thuͤr des Gemaches zu, und befahl dem Ritter ſich ganz dicht hinter ihr zu halten, dann klopfte ſie zwei bis drei Mahle ganz leiſe an die Thuͤre. Endlich ant⸗ wortete Eduard Glendinning, und fragte, wer von innen klopfe und was man begehre?„Sprecht leiſe b' ſagte Myſia Happer:„ſonſt weckt Ihr den Ritter auf. Ich bin es, Myſia Happer, welche pocht; ich moͤchte gern heraus, Ihr habt mich auch mit eingeſchloſſen, und ich mußte warten, bis der Englaͤnder eingeſchlafen war.“ Ihr eingeſchloſſen, verſetzte Eduard voll Ver⸗ wunderung. „Ja, ja entgegnete die Muͤllerstochter:„Ihr habt mich eingeſchloſſen in dieſem Gemache, denn ich war eben in dem Schlafzimmer Mariens von Avenel!“— und koͤnnt Ihr denn nicht bleiben bis Morgen fruͤh? fragte Eduard: da es nun ein⸗ mal geſchehen iſt? 5¹ „Was?“ ſagte die Muͤllerstochter in dem Tone beleidigten Zartgefuͤhls:„ich ſollte einen Augenblick laͤnger hier bleiben, als ich unentdeckt entkommen kann? Nicht um alle Schaͤtze des Kloſters zur heiligen Jungfrau moͤchte ich eine Minute laͤnger in der Naͤhe von dem Gemach eines Mannes bleiben, als es durchaus noͤthig iſt. Wofuͤr haltet Ihr mich denn? Ich ſage Euch, meines Vaters Tochter iſt beſſer erzogen worden, als daß ſie ihren guten Namen leicht⸗ ſinnig auf's Spiel ſetzen ſollte.“ Nun, ſo komm nur heraus, und geh ganz ſtill auf Dein Zimmer! ſagte Eduard. Mit dieſen Worten riegelt er auf. Die Treppe war außen ganz dunkel, das hatte Myſia ſchon vorher erforſcht. So wie ſie außerhalb ſtand, faßte ſie Eduard an, als ſollte er ihr helfen, und ſo ſtellte ſie ſich zwiſchen Sir Piereie Shaf⸗ ton, der ihr auf dem Fuße folgte, und jenem. Auf den Zehen ſchlich ſich nun der Englaͤnder fort, und das Maͤdchen beklagte ſich gegen Eduard, daß ſie kein Licht habe und ſich doch ohne ſol⸗ ches nicht zu helfen wiſſe. Ich kann Euch kein Licht ſchaffen, ſagte er, C 2 —— 5² denn ich darf dieſen Poſten nicht verlaſſen; al⸗ lein es iſt Feuer unten! „Nun ſo will ich unten mich hinſetzen bis morgen fruͤh⸗“ ſagte das Muͤllermaͤdchen, und ſo ſtieg ſie die Stiegen hinab und hoͤrte, wie Eduard die Thuͤre des nun leeren Gemachs mit vergeb⸗ licher Vorſicht wieder verſchloß. Am Fuße der Treppe fand ſie den Gegen⸗ ſtand ihrer Bemuͤhungen ihrer harrend, um wei⸗ tere Anweiſung zu vernehmen⸗ Sie empfahl ihm das ſtrengſte Stillſchweigen, das er auch, zum erſten Mahle in ſeinem Leben, nicht ungern zu zu beobachten ſchien, fuͤhrte ihn mit eben ſo viel Sorgfalt und Behutſamkeit, als ob es uͤber ge⸗ borſtenes Eis ginge, nach einem ganz dunkeln abgelegenen Orte, der zum Aufbewahren des Holzes diente, und befahl ihm, ſich hinter die Reißbundel zu verſtecken. Sie ſelbſt zuͤndete hierauf ihre Lampe an dem Kuͤchenfeuer an und nahm Nocken und Spindel zur Hand, damit ſie nicht unbeſchaͤftigt ſchiene, im Fall jemand in das Gemach kommen ſollte. Von Zeit zu Zeit ſchlich ſie indeſſen auf den Zehen zum Fenſter⸗ den erſten Strahl des anbrechenden Tages zu beobachten, um ihren abentheuerlichen Plan 5³ vollends auszufuͤhren. Endlich erblickte ſie zu ihrer großen Freude den erſten Schein des Mor⸗ gens auf den grauen Wolken im Oſtem und ihre Haͤude zum Dank gegen unſere liebe Frau fal⸗ tend, flehte ſie zugleich um ihren Beiſtand zu dem noch uͤbrigen Theile des Unternehmens. Ehe ſie noch ihr Gebet vollendet hatte, fuͤhlte ſie ei⸗ nen Mannsarm auf ihrer Schulter, und eine rauhe Stimme rief ihr ins Ohr:„Wie? Myſia aus der Muͤhle ſchon ſo fruͤhe bei ihrem Gebete? Nun geſegnet ſeien die huͤhſchen Augen, die ſich ſchon ſo fruͤhe oͤffnen. Ich muß aber auch einen Kuß haben zum guten Morgen!“ Dan von Howlet⸗Hirſt— denn der war der galante Mann, der Myſia dieſes Compliment machte— begleitete ſeine Worte ſogleich mit der Handlung, allein dieſe wurde durch eine Ohr⸗ feige belohnt, welche Dan eben ſo hinnahm, wie ein artiger junger Herr einen Faͤcherſchlag empfaͤngt. Indeſſen wußte der kraftvolle Arm der Muͤllerstochter eine ſolche Energie hineinzu⸗ legen, daß ein weniger robuſter Liebhaber gewiß ſehr dadurch in Schrecken gerathen ſein wuͤrde. „Nun! Nun, Herr Hanswurſt!“ ſagte ſie: „muß Er denn ſeine Wache bei dem engliſchen Ritter verlaſſen, um ruhige Leute mit ſolchen Narrenspoſſen zu beſchweren?“ Ihr irrt Euch, ſchoͤne Myſia, ſagte der Bauer: ich habe den Eduard ia noch nicht abgeldſt, und wenn ich mich nicht ſchaͤmte, ihn laͤnger noch ſtehen zu laſſen, bei meiner Treue, ich koͤnnte es nicht uͤber mich gewinnen, unter ein Paar Stun⸗ den von Euch zu ſcheiden!— „O! Ihr habt noch Stunden genug uͤbrig, unſer Eins zu ſehen,“ ſagte Myſia:„allein Ihr muͤßt Euch doch auch des Hauſes ein wenig an⸗ nehmen; eilt daher, den armen Eduard abzuldͤſen und ihn ein Weilchen ſchlafen zu laſſen, da er dieſe Nacht wachend zugebracht hat.“ Erſt muß ich noch einen Kuß bekommen! verſetzte der Dan von Howlet⸗Hirſt. Allein Myſia war auf ihrer Hut, und der Raͤhe des Holzſtalles vielleicht gedenkend, leiſtete ſie einen ſo herzhaſten Widerſtand, daß der Bau⸗ ersmann die uͤble Laune der Dirne in nicht ganz hoͤflichen Phraſen und Worten verwuͤnſchte und dann ſogleich die Treppe hinauflief, um ſeinen Kameraden an dem Wachtpoſten abzuldſen. An 6 der Thuͤr lauſchend hoͤrte ſie, wie die neue Schild⸗ wacht mit Eduard ein kurzes Geſpraͤch hielt und 55 dann den Poſten uͤbernahm. Der Letztere ent⸗ fernte ſich hierauf. Myſia ließ jenen eine Weile ungeſtoͤrt hin und her gehen, bis es voller Tag wurde und ſie vermuthen konnte, daß er die Ohrfeige verdaut haben moͤchte, dann erſchien ſie wieder vor dem Wachtpoſten und verlangte von ihm die Schluͤſ⸗ ſel zu dem aͤußern Thore des Thurmes und dem des Hofes. „Und zu welchem Endzwecke?“ fragte der Wachhaltende. Die Kuͤhe zu melken und auf die Weide zu treiben, ſagte Myſia: die armen Thiere koͤnnen doch nicht den ganzen Morgen im Stalle blei⸗ ben, und die Familie iſt in ſolcher Noth, daß kein Menſch Etwas beſorgen kann, als ich und die Viehmagd. „Wo iſt denn die Viehmagd?“ fragte Dan. In der Kuͤche mit mir, wenn etwa die ar⸗ men Leute etwas beduͤrfen. „Da nimm denn die Schluͤſſel Myſia P“ ſagte die Schildwacht. Tauſend Dank! guter Dan verſetzte dieſe, und in einem Augenblicke war ſie auch ſchon die Treppe hinunter. Nach dem Holzbehaͤltniſſe eilen und dort den 56 engliſchen Ritter mit einem Weiheranzuge be⸗ kleiden, womit ſie ſich zu dieſem Zwecke verſehen hatte, dies war das Werk des zweiten Augen⸗ blicks. Dann oͤffete ſie die Thuͤre des Thurms, und ging nach dem Stalle, der in einem Winkel des Hofraumes ſtand. Sir Piercie Shafton machte gegen den Aufenthalt, den dies verurſa⸗ chen muͤſſe, Vorſtellungen. „Schoͤne und edelmuͤthige Muͤllerin,“ ſagte er:„waͤre es denn nicht beſſer, das aͤußerſte Thor zu oͤffnen und durch daſſelbe ſchleunigſt zu ent⸗ kommen zu ſuchen, gleich einem Paar Seemoven, welche ſich auf einen Felſen fluͤchten, wenn der Sturm zu toben beginnt.“ Erſt muͤſſen wir die Kuͤhe austreiben, ſagte das Maͤdchen: denn es waͤre ja Suͤnde, wenn wir das Vieh der armen Wittwe wollten darben laſſen, theils um ihrer, theils um des Viehes ſelbſt willen, auch bin ich ſicher, daß uns Nie⸗ mand in dem Thurme ſo eiligſt und ſchleunigſt verfolgen wird. Ueberdies muͤßt Ihr ja auch Euer Pferd haben, denn Ihr beduͤrft ſchon ei⸗ nes Renners und mit dieſem werdet Ihr dann um ſo ſchneller davon kommen. Mit dieſen Worten ſchloß ſie das innere 57 und aͤußere Thor des Thurmes auf, begab ſich in den Kuhſtall, ließ das Vieh hinaus, uͤbergab dem Ritter ſein Pferd und trieb Alles vor ſich her in der Abſicht, wieder zuruͤckzukehren, um auch fuͤr ſich ein Pferd zu holen. Allein das mit dieſen Bewegungen verbundene Geraͤuſch hatte des wachſamen Eduards Aufmerkſamkeit erregt, der, aus dem Fenſter ſchauend, ſogleich fragte, was es gebe? Mit der groͤßten Schnelligkeit antwortete My⸗ ſia: ſie treibe das Vieh auf die Weide, denn es koͤnne nun doch nicht laͤnger warten. „Vielen Dank, liebes Maͤdchen, ſagte Edu⸗ ard:„aber“— fuͤgte er nach der Pauſe eines Augenblicks hinzu!„wer iſt denn das andere Maͤdchen, das Du da bei Dir haſt“ Myſia war eben im Begriffe zu antworten, als Sir Piercie Shafton, der wahrſcheinlich nicht wollte, daß das große Werk ſeiner Befreiung ohne ſeine Mitwirkung vollbracht werden ſollte, von unten hinauf rief: Ich, ich bin es, mein laͤndlicher Juͤngling, ich fuͤhre jetzt die Aufſicht uͤber die milchende Heerde der Mutter. „Hoͤlle und Teufel! rief Eduard in einem Ausbruche von Wuth und Erſtaunen:„das iſt ia 58 Piereie Shafton— Was? Verraͤtherei! He! Ver⸗ raͤtherei! Dan! Caſper! Martin! der Gipunſe entßiieht!⸗ Zu Pferde! Zu Pferde! rief Myſia, und in einem Augenblick ſaß ſie hinter dem Ritter auf der Croupe. Eduard ergriff ſchnell eine Armbruſt und ſchoß einen Bolzen nach ihm ab, der Myſien ſo nahe am Ohre hinflog, daß ſie ihrem Gefaͤhrten zurief:„Geſpornt! Geſpornt! Herr Ritter, der naͤchſte wird ſein Ziel nicht verfehlen! Waͤre das Halbert, ſtatt des Eduard geweſen, es waͤre auch um uns geſchehen geweſen. Der Ritter ſpornte nun ſein Pferd, welches bald die Kuͤhe hinter ſich ließ und den Huͤgel hinab rannte, auf dem der Thurm ſtand. Dann ging es in dem Thale hin, und bald hatte das brave Thier ſeine doppelte Laſt ſo weit fortge⸗ tragen, daß man den Laͤrm und Aufruhr gar nicht mehr hoͤren konnte, der nach dieſer Flucht ſich in dem Thurme von Glendearg erhoben hatte. So geſchah es, daß zwei Menſchen zu glei⸗ cher Zeit in ganz verſchiedenen Richtungen ent⸗ gohen, von welchen jeder als der Moͤrder des Andern angeſehen war. Drittes Kaditen. Der Ritter fuhr fort ſein Roß in einem ſo ſchnellen Laufe zu erhalten, als es die Beſchaf⸗ fenheit des Weges nur immer erlaubte, bis er endlich das Thal von Glendearg im Ruͤcken hatte und in das breitere der Tweede kam, welche jetzt in kryſtallener Schoͤnheit vor ihm dahin rollte, indeß auf dem entgegenſtehenden Ufer ſich das alte graue Kloſter zur heiligen Jungfrau er⸗ hob, deſſen Thuͤrme und Zinnen von der eben aufgehenden Sonne kaum erſt beruͤhrt wurden, da das Gebaͤnde ſo ſehr von den Bergen uͤber⸗ ragt ward, die ſich auf der ſuͤdoͤſtlichen Seite erhoben. Linis ſich wendend ſetzte der Ritter, an dem noͤrdlichen Ufer des Fluſſes hinab, ſeinen Weg fort, bis man nahe an die Stelle kam, der gegen⸗ uͤber ſich das Wehr befand, wo Vater Philipp ſeine ſeltſame Waſſerparthie beſchloſſen hatte. Sir Piercie Shafton, deſſen Gehirn ſelten 60 mehr als eine Idee auf einmal zu faſſen ver⸗ mochte, hatte bisher ſeinen Weg verfolgt, ohne recht eigentlich zu wiſſen, wohin er ſich begeben wolle. Allein der Anblick des ſo nahen Kloſters erinnerte ihn, daß er ſich noch immer auf ge⸗ faͤhrlichem Boden beſinde, und daß er nun ernſt⸗ lich darauf denken muͤſſe, einen beſtimmten Plan zu ſeiner Rettung zu entwerfen. Auch ſchwebte ihm die Lage ſeiner Fuͤhrerin und Befreierin vor, denn er war weder ſelbſtſuͤchtig noch undankbar. Er lauſchte hinter ſich und bemerkte, daß die Muͤllerstochter bitterlich weinte, indeß ſie ihr Haupt ſanft auf ſeine Schulter gelegt hatte. „Was fehlt Dir denn? meine edelmuͤthige Muͤllerin,“ ſagte er:„iſt Piereie Shafton im Stande, Etwas zu thun, was ſeiner Befreierin ſeine Dankbarkeit beweiſen kann?“ Myſia zeigte mit dem Finger uͤber den Fluß, hatte aber nicht den Muth, ihre Augen in dieſer Richtung aufzuſchlagen. „Sprich deutlich, edelmuͤthiges Maͤdchen, denn ich ſchwoͤre Dir, daß ich durchaus nicht ver⸗ ſtehe, was Du mit dem Ausſtrecken Deines ſohd⸗ nen Fingers ſagen willſt.“ Dort iſt meines Vaters Haus, nute Muſn 8 —— 61 mit einer durch den immer ſteigenden Schmerz unterbrochenen Stimme⸗ „Und ich fuͤhrte Dich ſo unhoͤflicher Weiſe in einer Deiner Heimath entgegengeſetzten Rich⸗ tung fort,“ ſagte Shafton, indem er glaubte, daß er nun den wahren Quell ihres Kummers auf⸗ gefunden habe.„Wehe der Stunde, wo Pier⸗ cie Shafton, nur mit ſeiner Rettung beſchaͤftigt, die Wuͤnſche irgend eines Frauenzimmers, vor⸗ zuͤglich aber ſeiner edlen Wohlthaͤterin unbeach⸗ tet laſſen konnte! Steige daher ab, liebenswuͤr⸗ dige Muͤllerin, wenn Du es nicht vorziehſt, daß ich Dich zu Pferde nach der Wohnung Deines Vaters bringe, wozu ich, wenn Du mir nur ein Wort ſagſt, ſogleich bereit und willig bin, indem ich allen Gefahren Trotz biete, welche entweder durch die Moͤnche oder den Muͤllleerr mir bereitet werden koͤnnten.“ Myſia unterdruͤckte ihre Seufzer und ſtam⸗ melte nicht ohne bedeutende Schwierigkeiten den Wunſch hervor, abſteigen zu koͤnnen, um nun al⸗ lein fuͤr ſich zu ſorgen. Sir Piercie Shafton, der ein den Damen zu ergebener Ritter war, als daß er auch der niedrigſten ſeine achtungsvolle Aufmerkſamkeit haͤtte verſagen ſollen, ſtieg, ohne 62— der Anſpruͤche beſonders zu gedenken, welche die Muͤllerstochter darauf machen konnte, ſogleich vom Pferde und empfing das arme noch immer weinende Maͤdchen in ſeinen Armen, das/ als es den Boden erreicht hatte, kaum faͤhig ſchien, ſich aufrecht zu erhalten, und daher faſt bewußtlos ſich feſt an dem anhielt, der ſie un⸗ terſtuͤtzte. Er fuͤhrte ſie unter eine Thraͤnen⸗ weide, welche auf einem gruͤnen Huͤgel ſtand, um den ſich die Straße herumwand, und nach⸗ dem er ſie hier ſanft auf den Boden niederge⸗ laſſen hatte, ermahnte er ſie, ſich zu faſſen. Eine ſtarke Regung des Naturgefuͤhls bekaͤmpfte und beſiegte die angenommene Affektation, und er ſagte:„Glaube mir, mein edelmuͤthiges Maͤdchen, Piercie Shafton wuͤrde den Dienſt, den Du ihm erwieſen haſt, fuͤr viel zu theuer erkauft gehalten haben, haͤtte er vorausſehen koͤnnen, daß er Dich dieſe Thraͤnen und Seufher koſten wuͤrde. Ent⸗ decke mir die Urſache Deines Kummers/ und kann ich das Geringſte thun, ihn zu entfernen, ſo glaube gewiß, daß ich wegen der Rechte, die Du uͤber mich erworben haſt, Deine Befehle eben ſo hei⸗ lig halten werde, als die einer Kaiſerin. Sprich alſo, ſchoͤne Muͤllerin, und gebiete uͤber den, den 63 das Schickſal zu Deinem Schuldner und zu Dei⸗ nem Ritter zugleich gemacht hat. Was wüͤn⸗ ſcheſt Du 25 Ich wuͤnſche bloß, daß Du flieheſt und Dich retteſt, ſagte Myſia, indem ſie nur mit der groͤß⸗ ten Anſtrengung dieſe wenigen Worte hervorzu⸗ bringen wußte. „Indeß/“ ſagte der Ritter:„vermag ich nicht von Euch zu ſcheiden, ohne Euch ein Zeichen der Erinnerung zu hinterlaſſen.“ Gern haͤtte Myſia geſagt, daß es deſſen bei ihr nicht beduͤrfe, allein ſie vermochte vor Wei⸗ nen nicht zu ſprechen. „Piercie Shafton iſt zwar arm,“ fuhr er fort: „allein laßt dieſe Kette Euch beweiſen, daß er nicht undankbar gegen ſeine Befreierin iſt.“ Er nahm hierbei die ſchwere goldne Kette nebſt dem Medailion von ſeinem Halſe, deſſen ſchon fruͤher erwaͤhnt worden, und legte es dem armen Maͤdchen in die zitternde Hand, die es dann weder annahm noch zuruͤckwies, ſondern, mit den tiefern Empfindungen ihres Herzens beſchaͤftigt, kaum wußte, was ſie that. „Wir werden uns wiederſehen!“ ſagte Pier⸗ cie Shafton:„wenigſtens hoffe ich es zuyerſicht⸗ 64 lich; weine aber nicht mehr, ſchoͤne Muͤllerin, wenn Du mich wirklich liebſt.“ Dieſe letzten Worte wurden zwar nur, als ein zu der Zeit gewoͤhnlicher Gemeinplatz aus⸗ geſprochen, allein ſie drangen doch mit einem tieferen Sinn zu Myſiens Ohren. Sie trocknete ihre Thraͤnen, und als der Ritter voll ritterli⸗ cher Artigkeit ſie noch zum Abſchiede umarmen wollte, ſtand ſie demuͤthig auf, um dieſe darge⸗ botene Ehre in einer paſſendern Stellung mit mehr Demuth zu empfangen, und ſo bot ſie ſich der dankbaren Begruͤßung freundlich dar. Sir Piercie Shafton beſtieg nun ſein Roß, und war ſchon in Begriff davon zu reiten, als ihn Neu⸗ gier oder auch ein maͤchtigeres Gefuͤhl veranlaßte, ſich noch einmal umzuſehen. Da erblickte er denn die Muͤllerstochter noch immer regungslos auf dem Orte ſtehend, wo er ſte verlaſſen hatte, ihre Augen nach ihm hingewandt und die Kette an ihrer Hand herabhaͤngend⸗ In dieſem Augenblicke regte ſich in Sir Piereie Shafton's Seele eine Ahnung von der wahren Natur der Zuneigung der Muͤllerstoch⸗ ter, ſo wie des Bewegungsgrundes, aus dem ſie in der ganzen Angelegenheit gehandelt hatte. — 65 Die galanten Maͤnner jener Zeit, waren bei ih⸗ rem uneigennuͤtzigen, hochſtrebenden Geiſte, und einer ſelbſt in Spielereien ſich zeigenden edlern Denkart, ganz fremd jenen entwuͤrdigenden und unedeln Raͤnken, welche man gewoͤhnlich niedere Liebſchaften zu nennen pflegt. Sie machten nicht Jagd auf die Maͤdchen niederer Staͤnde, und entwuͤrdigten ſich nicht ſelbſt, um die laͤnd⸗ liche Unſchuld des Friedens und der Tugend zu berauben. Daraus folgte denn auch natuͤrlich, daß, da Eroberungen unter dieſer Klaſſe kein Ge⸗ genſtand ihres Ehrgeizes waren, ſie auch gaͤnz⸗ lich uͤberſehen, ja nicht einmal gerechnet wurden, wenn dergleichen zufaͤllig ſtatt fanden. Der Ge⸗ faͤhrte Aſtrophels und die Blume des Turnier⸗ platzes der Feliciana hatte eben ſo wenig eine Idee davon, daß ſeine Anmuth und uͤbrigen em⸗ pfehlenden Eigenſchaften die Liebe der Myſia Happer entzuͤnden konnten, als ſich die erſte Schoͤn⸗ heit in den Logen eines Theaters etwas davon traͤumen laͤßt, daß ihr Zauber dem romantiſch geſinnten Schreiber eines Advokaten auf dem Parterre eine unheilbare Wunde beigebracht ha⸗ ben koͤnne. Ich glaube, als Regel annehmen zu duͤrfen, daß der Rangſtolz hier gegen den nie⸗ 66 deren Bewunderer daſſelbe Urtheil geſprochen ha⸗ ben wuͤrde, welches Fieldings ſchoͤner Juͤngling gegen die ganze weibliche Welt ausſpricht: Laßt ſie ſchauen und ſterben! Allein die Verbindlichkei⸗ ten, welche er gegen das verliebte Muͤllermaͤd⸗ chen hatte, ließen den Sir Piercie Shafton gar nicht daran denken, die Sache cavalieèrement zu behandeln, und in nicht geringer Verlegenheit, wenn gleich dabei ein wenig geſchmeichelt, ritt er zuruͤck, um zu verſuchen, was ſich zur Unter⸗ ſtuͤtzung des Maͤdchens unter dieſen Umſtaͤnden thun laſſe. Die der armen Myſia angeborene Beſchei⸗ denheit hinderte ſie nicht, einige Zeichen der Freude uͤber Piercie Shafton's Ruͤckkehr blicken zu laſſen. Sie verrieth ſich durch die gluͤhenden Blicke des wiederbelebten Auges und durch die liebkoſende Hand, womit ſie, wenn auch nur mit Schuͤchternheit, den Hals des Pferdes ſtreichelte, welches den geliebten Reiter wieder hergetragen hatte. „Was kann ich noch fuͤr Euch thun, reizende Muͤllerin⸗s ſagte Piercie Shafton, ſelbſt ſtotternd und erroͤthend, denn, zur Ehre jenes Zeitalters ſey es geſagt, die Hofleute trugen damals mehr 67 eine ſtahlbedeckte Bruſt als eine eiſerne Stirn zur Schau, und ſelbſt bei ihren Phantaſieſpielen zeigte ſich der zwar ſchon im Abnehmen begrif⸗ fene Geiſt der Chevalerie, der ehedem ſchon Chaucers artigen Ritter beſeelt hatte, der an Beſcheidenheit ſchier einem Mädchen glich. Myſiens Wangen wurden mit hoher Roͤthe bedeckt, und ihre Augen hafteten am Boden. Der Ritter aber fuhr mit verlegener Artigkeit in demſelben Tone fort:„Fuͤrchtet ihr Euch, allein nach Hauſe zuruͤckzukehren, ſchoͤne Muͤllerin?. wollt Ihr, daß ich Ench begleiten ſoll?“ Ach! ſagte Myſia aufblickend, und ihre Wan⸗ gen waren jetzt eben ſo bleich, als ſie vorher roth geweſen waren— eine Heimath habe ich nicht mehr. „Wie? keine Heimath?“ ſagte Piereie Shaf⸗ ton:„meine edelmuͤthige Muͤllerin hat keine Hei⸗ math, und doch ſteht dort das Haus ihres Vaters, und dazwiſchen iſt nur ein kryſtallener Strom 29 Ach! verſetzte die Muͤllerstochter: leider habe ich keine Heimath und keinen Vater mehr! Er iſt ein dem Kloſter geweihter Diener, und ich habe den Abt beleidigt, Kehre ich nach Hauſe zu⸗ ruͤck, ſo wird mich mein Vater gewiß toͤdten. „Beim Himmel,“ fagte Sir Pierrie:„er ſoll es nicht wagen, Dich zu beleidigen! Bei meiner Ehre und Ritterſchaft ſchwoͤre ich Dir, daß mein Vetter von Northumberland mit all ſeiner Macht das ganze Kloſter anfallen und dergeſtalt vom Boden vertilgen ſoll, daß kein Pferd ſtolpern wird, wenn es daruͤber hinlaͤuft, ſo wie er nur ein Haar Dir auf dem Haupte zu kruͤmmen wagt! Sei daher ruhig und heiter, liebe Myſia, und denke, daß Du Dir einen Mann verpflichtet haſt, der das geringſte Dir angethane Unrecht raͤchen wird.² Er ſprang vom Pferde bei dieſen Worten, und in dem Feuer der Rede ergriff er die willige Hand der Myſia, oder Myſinda, wie er ſie nun getauft hatte. Er begegnete den dunkeln ſchwar⸗ zen Augen, die ſich auf die ſeinen mit einem Ausdrucke richteten, den man, trotz der ihn be⸗ herrſchenden maͤdchenhaften Schaam, nicht miß⸗ verſtehen konnte, blickte auf Wangen, wo Etwas, wie aufkeimende Hoffnung die natuͤrliche Farbe wiederherzuſtellen begann, und auf ein Paar Lip⸗ pen, welche gleichend einer doppelten Roſenknospe, durch die Erwartung ein wenig geoͤfnet wurden und eine Reihe von Zaͤhnen ſehen ließen, die den — Perlen glichen. Dies Alles ließ ſich natuͤrlich nicht ohne Gefahr anſchauen, und Sir Piercie Shafton bat endlich, nachdem er mit immer ge⸗ ringerem Nachdrucke das Verlangen ausgeſprochen hatte, daß ſie ihm erlauben moͤchte, ſie nach dem vaͤterlichen Hauſe zuruͤckzubringen, ſie moͤchte ſich nun lieber entſchließen, mit ihm zu gehen— wenigſtens, fuͤgte er hinzu, bis er im Stande ſein werde, ſie an einen ganz ſichern Ort zu bringen. Myſia Happer ließ keine Antwort hoͤren, al⸗ lein von Freude und Schreck wie mit Purpur uͤbergoſſen, gab ſie ihre Einwilligung dadurch zu erkennen, daß ſie ihr Buͤndel dichter zuſam⸗ menſchnuͤrte, und ſich anſchickte, ihren Sitz hin⸗ ten auf dem Pferde wieder einzunehmen. Und was wollt Ihr, ſagte ſie: daß ich damit machen ſoll?— dabei hielt ſie dem Ritter die goldene Kette entgegen, welche ſie in den Haͤn⸗ den hielt, gleich als wenn ſie ſie jetzt erſt be⸗ merkte. „Behalte ſie, ſchoͤne Myſia,“ ſagte er:„zu meinem Andenken!“ Nein! Sir! entgegnete Myſia ernſt: die Maͤdchen in meiner Gegend nehmen keine ſolche 70 Geſchenke von Vornehmen, und ich bedarf kei⸗ nes Andenkens, um mich an dieſen Morgen zu erinnern.. Der Ritter drang nun mit Ernſt und Artig⸗ keit in ſie, das Geſchenk anzunehmen, allein in dieſem Punkte war Myſig entſchloſſen; ſie fuͤhlte vielleicht, daß, wenn ſie Etwas annaͤhme, das ausſaͤhe wie Belohnung, der Dienſt, den ſie den Fremden geleiſtet hatte, in die Klaſſe der Lohn⸗ dienſte herabgeſetzt werde. Indeſſen ließ ſie es ſich endlich gefallen, die Kette bei ſich zu verber⸗ gen, damit nicht der Eigenthuͤmer dadurch ver⸗ rathen werde, ſo lange bis Sir Piereie in voll⸗ kommener Sicherheit ſein wuͤrde. Sie beſtiegen nun Beide das Roß, und ſetz⸗ ten ihre Reiſe fort. Myſia, welche in manchen Stuͤcken eben ſo kuͤhn und ſcharfſehend war, als furchtſam und einfaͤltig in andern, uͤbernahm jetzt die Leitung derſelben, indem ſie bloß im All⸗ gemeinen nach dem Ziel fragte, wo ſie denn er⸗ fuhr, daß Sir Piercie Shafton ſich nach Edin⸗ burg zu begeben wuͤnſche, wo er Freunde und Schutz zu ſinden hoffte. Nachdem Myſia dies er⸗ fahren, benutzte ſie ſogleich ihre Kenntniß der Oertlichkeit, um ſo ſchnell als moͤglich aus den —— 71¹ Grenzen des Kloſterbezirkes zu kommen, und die des weltlichen Barons zu erreichen, der den Leh⸗ ren der reformirten Kirche ergeben ſein ſollte, und wohin wenigſtens, wie ſie meinte, ihre Ver⸗ folger ihnen keine gewalthaͤtigen Verſuche nach⸗ zuſenden wagen wuͤrden. Ueberhaupt fuͤrchtete ſie eine Verfolgung nicht ſehr, denn ſie konnte ziemlich ſicher darauf rechnen, daß die Bewoh⸗ ner des Thurmes von Glendearg der Schwierig⸗ keiten genug ſinden wuͤrden, um die Hinderniſſe zu beſeitigen, die ihnen von ihren eigenen Schloͤſ⸗ ſern und Riegeln entſtehen mußten, womit ſis ſelbſt jene ſorgfaͤltig verwahrt hatte, ehe ſie ſich zur Flucht anſchickte. Sie reiſten daher in ziemlicher Sicherheit, und Sir Piereie Shafton hatte Muße, ſich die Zeit mit hochtrabenden Reden und langen Anek⸗ doten von dem Hofe zu Feliciana zu vertreiben, denen Myſia nicht minder ernſthaft und aufmerk⸗ ſam zuhoͤrte, ob ſie auch von drei Worten, welche aus dem Munde ihres Reiſegefaͤhrten gingen, kaum eines verſtand. Sie horchte und bewun⸗ derte, was er auch ſprechen mochte, und er ſchien nichts von der Verlegenheit zu empfin⸗ den, in der wohl ein weiſerer Mann iſt, wenn 72—— er mit einem ſchoͤnen aber dummen Frauen⸗ zimmer eine Unterhaltung fuͤhren ſoll. Sir Piercie befand ſich vielmehr ganz in ſeinem Ele⸗ mente, und da er der Theilnahme und des vol⸗ len Beifalls ſeiner Zuhoͤrerin gewiß war, ſo uͤber⸗ ließ er ſich einem Euphuism, von mehr als ge⸗ woͤhnlicher Dunkelheit und Laͤnge. So verging der Morgen, und der Mittag brach herein, als ſie ſich im Angeſicht eines ſich kruͤmmenden Stro⸗ mes befanden, an deſſen Seiten ſich ein altes freiherrliches Schloß⸗ umgeben von großen Baͤn⸗ men, erhob. In einiger Entfernung von dem Thore des Wohnhauſes dehnte ſich, wie es in jener Zeit gewoͤhnlich war, eine Art von Dorf in einzelnen Huͤtten hin, in deren Mittelpunkt eine Kirche ſtand. „In dieſem Dorfe,“ ſagte Myſia:„befinden ſich zwei Gaſthoͤfe⸗ allein der ſchlechteſte iſt der beßte fuͤr unſer Vorhaben, denn er ſteht von den uͤbrigen Haͤuſern entfernt, und ich kenne den Beſitzer wohl, denn er hat mit meinem Varer oft des Mahlens halber zu thun gehabt.“ Dieſe caussa scientiae, um uns eines gelehr⸗ ten Ausdrucks zu bedienen, war fuͤr Myſiens Zweck ſchlecht gewaͤhlt; denn Piercie Shafton hatte 73 hatte im Fluſſe ſeiner Geſchwaͤtzigkeit eine hohe Achtung fuͤr ſeine Gefaͤhrtin zu faſſen begonnen, und, durch ihre Aufmerkſamkeit geſchmeichelt, gaͤnz⸗ lich vergeſſen, daß ſie nicht zu den hochwohlge⸗ bornen Schöͤnheiten gehoͤrte, von denen er eben ſo mancherlei Geſchichten zu erzaͤhlen wußte, als dieſes ungluͤckliche Wort auf einmal die nachtheiligſten Umſtaͤnde ihrer Herkunft ihm wie⸗ der ins Gedaͤchtniß rief. Er ſagte indeſſen nichts. Was konnte er auch ſagen? Nichts war natuͤrli⸗ cher, als daß eines Muͤllers Tochter mit den Leuten bekannt ſein mußte, welche mit ihrem Vater des Mahlens wegen in Verbindung wa⸗ ren; das, woruͤber man ſich wundern mußte, war plos das Zuſammentreffen von Umſtaͤnden, welche ein ſolches Maͤdchen zum Gefaͤhrten und Fuͤhrer des Sir Piercie Shafton von Wilverton, eines Verwandten des großen Earl von Northumber⸗ land, den Fuͤrſten und Monarchen ſelbſt we⸗ gen ſeiner Abſtammung Vetter nannten,*) ge⸗ ———— *) Froiſſart erzählt irgendwo Romanemeſer küm⸗ niern ſich nicht ſehr um zu große Genauigkeit) daß der König von Frankreich einen der Piercie's Vetter ge⸗ nannt habe, wegen des Blutes der Northumberland. D. Kſoſter, III. D 74— macht hatten. Er fuͤhlte tief das Unangenehme, mit einer Muͤllerstochter hinter ſich auf der Croupe des Pferdes das Land zu durchſtreifen, und war ſogar undankbar genug, ſich ein wenig zu ſchaͤmen, als er das Pferd an der Thuͤr der kleinen Herberge anhalten mußte. Allein der Myſia Happer aufgeweckter Ver⸗ ſtand erſparte ihm das Gefuͤhl fernerer Entwuͤr⸗ digung, denn ſie ſprang augenblicklich vom Pfer⸗ de und beſchaͤftigte die Ohren des Wirths— der ſogleich heraustrat und ſich uͤber die Ankunft ei⸗ nes ſolchen Gaſtes nicht genug wundern konnte— mit einer erdichteten Erzaͤhlung, worinnen alle Umſtaͤnde ſo wohl und feſt verſchlungen waren, daß ſie auch den Sir Piereie Shafton mit Er⸗ ſtaunen erfuͤllten, zumal da ſeine Einbildungs⸗ kraft gerade nicht die glaͤnzendſte war. Sie er⸗ oͤffnete dem Wirthe, daß der Reiſende ein hoher engliſcher Ritter ſey, der aus dem Kloſter komme und an den ſchottiſchen Hof gehe, nachdem er dort ein Geluͤbde erfuͤllt; daß ſie ihm als Fuͤh⸗ rerin auf dem Wege zugegeben worden; daß ihr Pferd unterweges ſeine Kraͤfte verloren habe, weil es zuvor durch eine Laſt Mehl, die es habe wegtragen müͤſſen, uͤberladen worden ſey, und — 75 daß es noch jetzt unbeweglich auf einem Flecke ſtehe, wie Loth's verwandeltes Weib; der Ritter habe ſie hierauf freundlich dringend erſucht, hin⸗ ter ihm auf ſeinem Roſſe Platz zu nehmen, und ſo habe ſie ihn denn lieber zu ihrem alten Be⸗ kannten bringen wollen, als zu dem ſtolzen Pe⸗ ter Peddie, der ſein Getraide in der Mellerſta⸗ ner Muͤhle mahlen laſſe; er, der Wirth, muͤſſe nun aber auch das Beſte, was ſein Haus ver⸗ moͤge, herbeiſchaffen, und zwar ſo ſchnell als moͤg⸗ lich, auch ſei ſie ſelbſt gern erboͤtig, ihm in der Kuͤche zu helfen. Alles dieſes rann leicht und ſchnell von My⸗ ſtens Zunge, wie Waſſer, auch zweifelte der Wirth nicht im Geringſten an der Wahrheit des Erzaͤhl⸗ ten. Man fuͤhrte das Roß des Gaſtes nach dem Stalze, und ihn ſelbſt an den reinlichſten Ort und Sitz, der in dem ganzen Raume zu finden war. Myſia war immer dienſtfertig und aufmerkſam, zugleich mit Zubereitung der Speiſe, mit dem De⸗ cken des Tiſches und mit einer beſſern Einrichtung des Aufenthalts, wie ſie ſolche, nach ihrer Erfah⸗ rung, fuͤr die Anſpruͤche und die Bequemlichkeit ihres Reiſegefaͤhrten erforderlich hielt, beſchaͤftigt. Gern wuͤrde er dies zwar verhindert haben, denn D 2 76 7 ob es ihm gleich unmdglich war, ſich der gut⸗ muͤthigen, muntern Thaͤtigkeit nicht zu freuen,⸗ womit Myſinda in ſeinem Dienſte ſich bemäͤhte, ſo fühlte er doch auch eine peinliche Unbehag⸗ lichkeit, ſie mit ſo kleinen geringen Leiſtungen beſchaͤftigt, und dieſe doch ſo vollziehen zu ſehen, als waͤren ſie ihr immer eigen geweſen. Indeſ⸗ fen wurde dieſes ihm ſo widrige Gefuͤhl gemil⸗ dert durch die ungemeine Anmuth, womit das Maͤdchen alle dieſe Geſchaͤfte vollzog, und ſo dem elenden Aufenthalte in einer ſchlechten Schenke das Anſehen eines Ortes zu geben wußte, in dem eine verliebte Fee, oder wenigſtens arkadiſche Schaͤferin, mit unermuͤdeter Geſchaͤftigkeit ihre Linſchlaͤge auf das Herz eines Ritters entfaltete, den ſein Geſchick zu hoͤhern Ausſichten und ei⸗ ner glaͤnzenderen Verbindung beſtimmt hatte. Die Leichtigkeit und Grazie, womit Myſia den kleinen runden Tiſch mit einem ſchneewei⸗ ßen Tuche bedeckte, und mit einem, in aller Eil gebratenen, Kapaun beſetzte, wozu ſie eine Fla⸗ ſche Bourdeaut geſellte, waren an ſich freilich nur anmuthige Zuͤge aus dem Volksleben, allein je⸗ ber Blick erweckte doch in des Nitters Seele recht angenehme, ſchmeichelhafte Gedanken. Sie —, 77 war ſo wohl gewachſen, ſo beweglich und dabei ſo grazids, ihre Hand und ihr Arm waren ſo ſchneeweiß, auf ihrem Geſichte kaͤmpfte ein ſuͤ⸗ ßes Laͤcheln ſo ſchoͤn mit dem Erroͤthen, ihre Augen, welche Shafton immer anſahen, ſobald er anderswohin blickte, ſenkten ſich, wenn ſie auf die ſeinigen trafen, ſo bedeutungsvoll zu Boden, daß ſie wirklich unwiderſtehlich war. Mit einem Worte, die zaͤrtliche Feinheit ihres ganzen Benehmens, verbunden mit der Ent⸗ ſchloſſenheit und Kuͤhnheit, welche ſie erſt kuͤrz⸗ lich bewieſen hatte, trugen gar ſehr dazu bei, die geleiſteten Dienſte zu adeln,— gleich als ob irgend eine ——— aanft bezaubernde Grazie, Verkleidet hier erſchienen ſei, die Stelle des Hausbedienten klüglich zu verſehen. Allein auf der andern Seite draͤngte ſich der Gedanke mit auf, daß alle dieſe Dienſte ihr nicht durch die Liebe bloß gelehrt worden, um dem Geliebten ſich gefaͤllig zu zeigen, ſondern, daß ſie eine bloße Gewohnheit der Muͤllerstochter waͤ⸗ ren, welche gewiß jedem reichen Bauer, der die Muͤhle ihres Vaters beſuchte und beſchaͤftigte, gerade dieſelben zu leiſten angewieſen worden. 78—— Dies verſtopfte der Eitelkeit und der Liebe, welche durch jene genaͤhrt worden war, den Mund, gerade ſo wie es eine Hand voll literariſcher Floskeln nur haͤtte thun moͤgen. Aller dieſer verſchiedenartigen Gemuͤthsbe⸗ wegungen ohngeachtet unterließ doch Sir Pier⸗ eie Shafton keinesweges, den Gegenſtand derſel⸗ ben einzuladen, ſich zu ihm zu ſetzen, und die gute Mahlzeit mit ihm zu theilen, die ſie ihm mit ſo viel Sorgfalt bereitet und aufgetragen hatte. Er erwartete ſicher, daß dieſe Einladung, wenn auch vielleicht mit Verſchaͤmtheit, doch ge⸗ wiß mit Dank angenommen werden wuͤrde, al⸗ lein er fuͤhlte ſich zum Theil geſchmeichelt, zum Theil gekraͤnkt durch die eigene Miſchung von Entſchloſſenheit und Demuth, womit Myſta dieſe Einladung ablehnte. Kurz darauf verſchwand ſie aus dem Gemache, und uͤberließ den Euphniſten der Betrachtung, ob er ſich uͤber ihr Verſchwin⸗ den mehr freuen oder betruͤben ſolle. In der That war dies ein Punkt, uͤber den er ſchwerlich mit ſich ins Reine gekommen ſein wuͤrde, wenn dies anders durchaus nothwendig geweſen waͤre. Allein da es dies nicht war, ſo trank er ſein Glas Wein, und ſang lſich ſelbſt 34 4⸗ — — —, 79 nehmlich) ein Paar Strophen aus den Canzonet⸗ ten des goͤttlichen Aſtrophel. Allein des Weins und Geſanges ohngeachtet, kehrte doch der Ge⸗ danke an das Verhaͤltniß, worinnen er mit der liebenswuͤrdigen Muͤllerin oder Myſinda, wie er Myſia Happer ſelbſt zu taufen beliebt hatte, jetzt ſtand und in Zukunft ſtehen wuͤrde, immer in ſeine Seele zuruͤck. Gluͤcklicher Weiſe traf, wie wir ſchon bemerkt haben, die Sitte der Zeit mit ſeiner ihm von Natur eigenen edelmuͤthigen Ge⸗ ſinnung zuſammen, um es ihm als eine Tod⸗ fuͤnde gegen Galanterie, Chevalerie und Moral darzuſtellen, wenn er die Dienſte, welche ihm das arme Maͤdchen geleiſtet hatte, dadurch haͤtte ver⸗ gelten wollen, daß er ihr Vertrauen auf ſeine Ehre und Rechtlichkeit mißbrauchte. Um dem Sir Piercie Shafton Gerechtigkeit wiederfahren zu laſſen, muͤſſen wir ſagen, daß ein ſolcher Ge⸗ danke nicht entfernt in ſeine Seele kam; und gewiß wuͤrde er die ſchulgerechteſte imbrocata, stoccata oder punto riverso, die er in Vincent Saviola's Schule gelernt hatte, Jedem haben fuͤhlen laſſen, der ſich unterfangen haͤtte, ihm ein ſo eigenſuͤchtiges und undankbares Benehmen anzudichten. Auf der andern Seite aber war er 80 doch immer ein Mann, und er ſahe alſo ver⸗ ſchiedene Umſtaͤnde voraus, welche ihre Reiſe zuſammen auf dieſem vertrauten Fuße eben ſo aͤrgerlich fuͤr Andre, als gefaͤhrlich fuͤr ihn ſelbſt machen koͤnnten. Ueberdies war er ein Hofmann, der der Mode gehorchte, und fand daher etwas Laͤcherliches darinnen, daß er, mit einer Muͤllers⸗ tochter hinter ſich im Sattel, das Land durch⸗ ziehe, indem es zu einem Verdacht Veranlaſſung geben mußte, der fuͤr Beide nicht eben ſehr eh⸗ rend ſeyn konnte. „Ich wuͤnſchte doch,“ ſagte er haltlaut zu ſich ſſelbſt:„daß es ſich, ohne die ehrliebende und ſcharfſichtige Muͤllerin zu kraͤnken, ſo ein⸗ richten ließe, daß wir uns trennen muͤßten, und jedes ſeine Straße fuͤr ſich in verſchiedenen Rich⸗ tungen hinzöge. So wie wir das befrachtete Schiff nach entfernten Gegenden die Seegel richten und auf das hohe Meer hinausſteuern ſe⸗ hen, indeß das kleine Hafenboot die Freunde wieder nach der Kuͤſte zuruͤckfuͤhrt, welche mit verwundetem Herzen und thraͤnenerfuͤllten Au⸗ gen die kuͤhnen Abentheurer auf dem wohlbe⸗ mannten Schiffe, dem Himmel und ihrer hoͤhern Beſtimmung empfohlen hahen.“ — — jp— — . 31 Kaum hatte er dieſen Wunſch laut werden laſſen, als er auch ſchon erfuͤllt wurde, denn der Wirth trat ins Zimmer und meldete dem ge⸗ ſtrengen Herrn Ritter, daß ſein Pferd geſattelt und gezaͤumt bereit ſtehe, wie er es befohlen habe. Auf die Frage aber nach der Demoiſelle oder dem jungen Maͤdchen. „Myſia Happer?“ fagte der Wirth:„o! die iſt zu ihrem Vater zuruͤckgekehrt; allein ſie bat mich, Euch zu ſagen, daß der Weg nach Edinburg nicht zu verfehlen ſei, indem die Staaße gerade fort⸗ gehe.“ Es iſt Etwas hoͤchſt ſeltenes, daß unfere Wuͤnſche in dem Augenblicke, wo wir ſie aͤußern, genau erfuͤllt werden, vielleicht weil der Him⸗ mel weiß, daß, wenn er uns unſer Verlangen gewaͤhrte, es oft mit Undankbarkeit gaufgenommen werden wuͤrde. So war es wenigſtens in dem gegenwaͤrtigen Falle, denn als der Wirth ſagte, daß Myſia nach Hauſe zuruͤckgekehrt ſei, haͤtte der Ritter faſt mit dem Ausdrucke des Erſtaunens und der Kraͤnkung gefragt, wann und wohin ſie gegangen? Den bemerkten Ausdruck wußte er je⸗ doch kluͤglich zu unterdruͤcken, ſo daß er es bei der einfachen Frage bewenden ließ. 5 8²— „Wohin ſie gegangen iſt?“ ſagte der Wirth, ihn anblickend und die Frage langſam wiederho⸗ lend—„nun! nach Hauſe zu ihrem Vater iſt ſie gegangen! Das iſt auch hoͤchſt wahrſcheinlich— erſt aber befahl ſie, Euer Pferd zu ſatteln und ſahe auch ſelbſt nach, ob es gehoͤrig gefuͤttert worden; ſie haͤtte ſich zwar auf mich verlaſſen können, aber Muͤller und Muͤllerskinder halten andere Leute meiſt auch fuͤr Diebe, wie ſie ſelbſt ſind;— jetzt kann ſie vielleicht ſchon drei Meilen zuruͤckgelegt haben.“ So iſt ſie alſo fort? murmelte Sir Piereie vor ſich hin, indeß er mit kleinen Schritten in dem Zimmer auf und nieder ging;— fort alſo? Nun mag ſie gehen. Sie haͤtte vielleicht, wenn ſie laͤnger bei mir geblieben waͤre, doch ei⸗ nen Unfall erleiden koͤnnen, und ich wuͤrde von ihrer Geſellſchaft nicht eben viel Ehre gehabt haben. Haͤtte ich doch kaum gedacht, daß es ihr ſo leicht werden wuͤrde, ſich von mir zu trennen! Ich wette, ſie lacht mich ſchon aus, bei einem jun⸗ gen Bauer, den ſie unterweges getroffen, und dann kommt ihr meine ſchwere Kette als gute Mitgabe zu Statten. Und ſollte denn das nicht ſein? Kat ſie ſie nicht reichlich verdient, und wenn —- re — 83 ſie auch noch zehn Mal mehr werth waͤre? Piercie Shafton, Piercie Shafton, willſt du deine Befrei⸗ erin um eine Gabe beneiden, die ſie ſo wohl verdient hat? Die ſelbſtſuͤchtige Denkart dieſer Nordlaͤnder hat dich angeſteckt, und die Bluͤten deines Edelmuths erſtickt, wie das Land die des Maulbeerbaumes erſticken ſoll. Ich dachte aber doch— ſetzte er nach einer augenblicklichen Pauſe hinzu— ſie wuͤrde ſich nicht ſo leicht und gern von mir getrennt haben. Indeß, ich will mir das aus den Gedanken ſchlagen! Erſt meine Rech⸗ nung, Herr Wirth, dann laßt den Aufwaͤrter mir das Pferd vorfuͤhren. Der gute Wirth ſchien eine Art von Ge⸗ wiſſensſache mit ſich abzuthun zu haben, denn er antwortete nicht ſogleich, indem er vielleicht bei ſich ſelbſt erwog, ob dies nicht einer von den Faͤllen ſei, wo er ſich eine doppelte Bezahlung fuͤglich zueignen duͤrfe. Vermuthlich aber ver⸗ neinte ſein Gewiſſen die Frage, denn er erwie⸗ derte endlich nach einigem Stottern:„die Rech⸗ nung iſt ſchon bezahlt, ich darfs nicht verheh⸗ len. Wenn indeſſen Euer Herrlichkeit noch Et⸗ was außerdem ſchenken wollen, wegen der groͤ⸗ ßeren Arbeit und Unruhe...“ 84 Wiee ſagte der Ritter: die Rechnung iſt he⸗ zahlt? von wem denn? das muß ich wiſſen. „Ebenfalls von Myſia Happer wenn ich die Wahrheit ſagen ſoll, ſo wie ich ſie vorher ge⸗ ſagt habe,“ verſetzte der Gaſtwirth mit eben ſo viel Bedenklichkeit und Aengſtlichkeit, als haͤtte er eine Luͤge vorbringen ſollen:„und zwar von dem Gelde, welches ihr von dem Abte zu Eurer Reiſe vorgeſtreckt worden iſt; ſo hat ſie mich wenigſtens berichtet. Auch bin ich weit entfernt, einen rechtlichen Mann, der bei mir einkehrt, zu uͤbertheuern,“ fuͤgte er mit der Frei⸗ muͤthigkeit hinzu, wozu ihn ſein voriges Be⸗ kenntniß zu berechtigen ſchien:„demohngeach⸗ tet, wenn es, wie geſagt, Enre⸗Herrlichkeit ge⸗ fallen ſollte, aus gutem freien Willen und in Hin⸗ ſicht auf die ungewoͤhnliche Unruhe und Arbeit..“ Der Ritter machte dieſem Gerede dadurch ein Ende, daß er dem Wirthe einen Roſenobel zuwarf, der wahrſcheinlich mehr als um die Haͤlfte die ſchottiſche Rechnung uͤberſtieg, ob er gleich an anderen Orten kaum zur Ausloͤſung eines halben Gaſtes hingereicht haben wuͤrde. Dieſe Guͤte des Fremden erfreute den Wirth dergeſtalt, daß er eiligſt davon rannte, den Stegreifstrunk — — 85 und zwar aus einem andern Faſſe zu holen, als aus welchem er den vorigen Wein genommen hatte, ohne ſich dafuͤr noch Etwas zahlen zu laſ⸗ ſen. Der Ritter ging langſam auf ſein Pferd zu, nahm die Artigkeit des Wirths freundlich auf, dankte ihm mit aller am Hofe der Eliſa⸗ beth gewoͤhnlichen Herablaſſung, ſetzte ſich dann auf, und zog nun ſeines Weges nach Norden zu, der ihm als der naͤchſte nach Edinburg an⸗ gegeben worden war, und der, wenn er auch ei⸗ ner unſerer Heerſtraßen nichts weniger als aͤhn⸗ lich ſahe, doch immer noch als ein vielbetretener oͤffentlicher Weg erkannt werden konnte. Ich werde, wie es ſcheint, ihrer Fuͤhrung nicht beduͤrfen, ſagte er zu ſich ſelbſt, als er langſam dahin, ritt, und ich denke, ihre ſchnelle Abreiſe hat eine ganz andere Urſache gehabt, als man vermuthen ſollte. Nun! ich bin ihrer doch los. Sollen wir nicht beten: fuͤhre uns nicht in Verſuchung! Aber, wie ſie nur auch ihr und mein Verhaͤltniß ſo ſehr verkennen konnte, daß ſie meine Rechnung bezahlt hat! Ich moͤchte ſie nur noch einmal ſehen, um ihr das Unſchick⸗ liche davon begreiflich zu machen, wozu ſie durch Unerfahrenheit verleitet worden. Und ich 86 fuͤrchte, ſetzte er hinzu, als er ſich eben aus dor⸗ nigen Straͤuchen losgewickelt hatte und auf eine rauhe morige Gegend hinſchaute, wo ſich eine Reihe kleiner Huͤgel hinzog, ich fuͤrchte, ich werde doch bald des Beiſtands dieſer Ariadne beduͤrfen, um mir durch ihren Faden aus dieſem Huͤgellabyrinthe herauszuhelfen. Als der Ritter dies bei ſich ſelbſt uͤberdach⸗ te, wurde er durch den Schall eines Hufſchlages aus ſeinen Traͤumen geweckt, und ein junger Menſch kam auf einem kleinen ſchottiſchen Pferde, das kaum vierzehn Haͤnde hoch ſein mochte, hin⸗ ter den Baͤumen ploͤtzlich hervor, und ſchloß ſich ihm auf der Heerſtraße an, wenn man dieſe an⸗ ders ſo nennen konnte. Ddie Kleidung des Knaben war ganz im laͤnd⸗ lichen Geſchmack, jedoch nett und recht gefaͤllig. Er trug ein Wamms von grauem Tuch, zierlich aufgeſchlagen und beſetzt, und ſchwarze Tuchho⸗ ſen nebſt kurzen wildledernen Stiefeln mit ſil⸗ bernen Sporen. Ein dunkelrother Mantel war dicht um den oberen Theil ſeines Koͤrpers geſchla⸗ gen, und die Muͤtze von ſchwarzem Sammt mit einer kleinen Feder bedeckte zum Theil das Ge⸗ ſicht. 87 Sir Piercie Shafton, froh, Geſellſchaft zu bekommen und einen Fuͤhrer, und von dem ge⸗ faͤlligen Anſehn des Fremden zu ſeinem Vortheil eingenommen, fragte ſogleich, von wannen er kaͤme und wohin er wollte? Der Juͤngling wandte das Geſicht ab, als er antwortete: er wolle nach Edinburg, um bei einer adeligen Familie Dienſte zu ſuchen. „Ihr ſeid wohl,“ ſagte Sir Piercie:„Eurem letzten Herrn aus dem Dienſte entlaufen, denn Ihr getraut Euch ja nicht, mich anzuſehen.“ Nein! wahrhaftig nicht! verſetzte verſchaͤmt der Knabe, indeß er mit ſcheinbarem Widerſtre⸗ ben das Geſicht dem Fremden zuwandte, jedoch es ſogleich wieder abkehrte. Es war nur ein Blick, allein ihm folgte alsbald die Erkennung. Das ſchwarze, feurige Auge, die Wange, wo die Verlegenheit den Ausdruck einer komiſchen Laune nicht ganz verſtecken konnte, und die ganze Ge⸗ ſtalt dazu genommen, verriethen unter dieſer Ver⸗ mummung auf einmal— die Muͤlerstochter. Die Wiedererkennung war froͤhlich, und Sir Pier⸗ eie Shafton freute ſich zu ſehr, ſeine Gefaͤhrtin wieder zu haben, als daß er der mancherlei ganz 88 15 guten Gruͤnde ſich haͤtte erinnern ſollen, welche ihn uͤber ihren Verluſt troͤſten konnten. Ihre Bekleidung, ſagte ſie: habe ſie von ei⸗ nem Freunde in der Stadt erhalten; es ſei der Sonntagsanzug eines Sohnes deſſelben, der eben mit ſeinem Lehnsherrn ins Feld gezogen ſey. Sie habe den Anzug unter dem Vorwande ge⸗ borgt, daß ſie einer laͤndlichen Mummerei darin⸗ nen beiwohnen wolle. Dafuͤr habe ſie ihren ei⸗ genen zum Pfande zuruͤckgelaſſen, denn der ſei gewiß um die Haͤlfte mehr werth als dieſer. „Und das Pferdchen? meine ſinnreiche Muͤl⸗ lerin, woher iſt denn das Pferdchen ⸗“ fragte Sir Piereie⸗ Ich borgte es mir von unſerm Wirthe, wo wir einkehrten, ſagte ſie, und fuͤgte mit einem halben Laͤcheln hinzu: Er hat ſich dafuͤr unſern Rappen wollen holen laſſen, den ich in Tasker's Park zu Cripplecroß zuruͤckgelaſſen habe. Er mag froh ſein, wenn er ihn dort findet⸗ „So kann aber der arme Mann um ſein Pferd kommen, Du Schlaue!“ verſetzte Sir Pier⸗ cie, deſſen engliſche Begriffe von Eigenthum ſich nicht ſo recht mit einer Erwerbungsart vertra⸗ gen wollten, welche den Vorſtellungen einer Muͤl⸗ —— 89 lerstochter(die noch dazu unter Freibeutern lebte) freilich angemeſſener war, als denen eines Eng⸗ laͤnders von Stande. Und wenn er auch das Pferd verliert, ſagte Myſia lachend: er iſt gewiß nicht der erſte, der im Handel ſo einen Mißtauſch gemacht hat, aber ich wette, er wird nichts einbuͤßen, denn er wird ſich an das Geld halten, das er meinem Vater in dieſen Tagen bezahlen muß. „Aber dann wird Euer Vater in Verluſt kommen,“ entgegnete Sir Piercie Shafton mit ſeinem hartnaͤckigen Rechtlichkeitsgefuͤhle. Warum erwaͤhnt Ihr denn jetzt meines Va⸗ ters? ſagte das Maͤdchen mit einiger Laune; al⸗ lein ſogleich ſetzte ſie mit dem Tone tiefer Em⸗ pfindung hinzu: Mein Vater hat in dieſen Ta⸗ gen das verloren, was ihm theurer war, als all der Plunder den er noch beſiht. Ergriffen von dem Tone des Kummers und der Reue, womit ſeine Gefaͤhrtin dieſe wenigen Worte ausſprach, fuͤhlte ſich der engliſche Ritter verbunden, ihr die ernſthafteſten Vorſtellungen uͤber die Gefahr des Schrittes zu machen, den ſie jetzt gethan habe, ſo wie ihr anzurathen, ſich ſchleunigſt zu ihrem Vater zuruͤckzuhegeben. Der 90— Inhalt der Rede, obgleich mit viel unndthigen Floskeln verziert, machte ſowohl ſeinem Kopfe als ſeinem Herzen alle Ehre. Die Muͤllerstochter hoͤrte ſeine Rede an, das Haupt auf die Bruſt geſenkt, wie Jemand, der in tiefen Gedanken oder noch tieferem Kum⸗ mer verſunken iſt. Als er geendet hatte, erhob ſie das Haupt, ſahe ihn feſt an, und verſetzte mit großer Feſtigkeit: „Wenn Ihr meiner Geſellſchaft uͤberdruͤſſig ſeid, Sir Piercie Shafton, ſo duͤrft Ihr es nur ſagen, und die Muͤllerstochter wird Euch nicht mehr belaͤſtigen. Glaubt auch nicht, daß ich Euch beſchwerlich fallen werde, wenn wir zuſammen nach Edinburg reiſen; ich bin zu ſtolz und ver⸗ ſtändig, um mit Willen Jemanden zu beſchwe⸗ ren. Wenn Ihr aber meine Geſellſchaft gegen⸗ waͤrtig nicht verſchmaͤht, und nicht fuͤrchtet, daß ich Euch ſpaͤter laͤſtig werden moͤchte, ſo ſprecht mir nicht weiter von der Ruͤckkehr. Alles, was Ihr mir ſagen koͤnnt, habe ich mir ſchon ſelbſt geſagt, allein daß ich hier bin, zeigt Euch auch, daß es nichts geholfen hat. Laßt daher dieſen Gegenſtand unter uns fuͤr immer abgethan ſein! Ich habe Euch ſchon einen kleinen Dienſt zu * 91 leiſten Gelegenheit gefunden, und es wird eine Zeit kommen, wo ich Euch groͤßere leiſten kann, denn dies iſt nicht Euer England, wo, wie man ſagt, die Gerechtigkeit geuͤbt wird gegen Vor⸗ nehme und Geringe, ohne Furcht und Gunſt, ſondern es iſt ein Land, wo nur Staͤrke als Ge⸗ ſetz gilt, und Klugheit zur Vertheidigung erfo⸗ dert wird; ich kenne beſſer als Ihr ſelbſt, die Ge⸗ fahren, denen Ihr ausgeſetzt ſeid.” Sir Piereie Shafton fuͤhlte ſich ein wenig gekraͤnkt, daß das Maͤdchen ihre Gegenwart, als Beſchuͤtzerin und Fuͤhrerin, fuͤr ihn noͤthig fand, und ſagte ſo Etwas davon, daß er bloß von ſeinem Arme und ſeinem guten Schwerte Schutz hoffe. Myſia antwortete ſehr ruhig, daß ſie an ſeiner Tapferkeit gar nicht zweifle, allein gerade dieſe Eigenſchaft fei es, welche ihn wahrſchein⸗ lich in Gefahr bringen werde. Sir Piercie Shaf⸗ ton, deſſen Kopf ſich nicht gern mit anhalten⸗ dem Nachdenken beſchaͤftigte, erwiederte nichts darauf, ſondern dachte bei ſich ſelbſt, daß das Maͤdchen dieſen Vorwand bloß gebrauche, um den wirklichen Bewegungsgrund, ihre Neigung zu ſeiner Perſon nehmlich, zu verſtecken. Das Romantiſche dieſer Situation ſchmeichelte ſeiner 9² Eitelkeit, und erhob ſeine Einbildungskraft, in⸗ dem es ihn einem jener Helden gleich ſtellte, von denen er in Geſchichtsbuͤchern geleſen hatte, wo aͤhnliche Verwandlungen eine große Rolle ſpielen. Er warf manchen langen Seitenblick auf feinen Pagen, deſſen Sitten, durch den laͤndli⸗ chen Aufenthalt und die laͤndlichen Geſchaͤfte erzeugt, ihn geſchickt machten, den angenomme⸗ nen Charakter paſſend durchzufuͤhren. Sie wußte das kleine Roß mit vieler Geſchicklichkeit zu re⸗ gieren, auch fand ſich nichts an ihr, was ſie haͤtte verrathen koͤnnen, außer wenn ſie beſchaͤmt fuͤhlte, daß ihres Gefaͤhrten Auge auf ihr ruhe, wodurch ſie dann das Anſehn augenblicklicher Verlegenheit bekam, welches jedoch ihre Schoͤn⸗ heit gar ſehr erhoͤhte. Das Paar ſetzte nun ſeinen Weg fort wie am Morgen, Eines des Andern ſich freuend, bis ſie endlich in das Dorf kamen, wo ſie die Racht zu⸗ bringen wollten, und wo alle Einwohner des klei⸗ nen Gaſthauſes, Weiber und Maͤnner, ſich in dem Lobe der Anmuth und des artigen Benehmens des engliſchen Ritters und der ungemeinen Schoͤn⸗ heit ſeines jungen Dieners vereinigten. 95 Hier war es, wo Myſia Happer zuerſt Sir Piercie Shafton mit der Strenge und Zuruͤckge⸗ zogenheit bekannt machte, welche ſie waͤhrend ih⸗ res Zuſammenlebens beobachten wollte. Sie kuͤn⸗ digte ihn ſogleich als ihren Herrn an, und be⸗ diente ihn mit dem ehrerbietigen Benehmen ei⸗ nes wirklichen Dieners, und geſtattete ihm nicht die geringſte Vertraulichkeit, nicht einmal eine ſolche, welche der Ritter ſich auch mit der hoͤch⸗ ſten Unſchuld haͤtte erlauben koͤnnen. So war Piercie, wie wir wiſſen, ein großer Kenner des Anzugs, und entwickelte ihr die vortheilhafte Veraͤnderung, welche er bei ihrer Ankunft zu Edinburg mit ihrer Kleidung vorzunehmen ge⸗ denke, indem er ſie ſeine eigenen Farben, dun⸗ kelroth und fleiſchfarben, tragen laſſen wolle. Myſia Happer horchte mit vieler Gefaͤlligkeit auf die Salbung, womit er ſich uͤber Bordirung, Schleifen, Beſetzung u. ſ. w. ausließ, bis er endlich, fortgeriſſen durch den Enthuſtasmus, mit dem er die Schoͤnheit eines ſich uͤberſchla⸗ genden ſpaniſchen Kragens pries, der Erlaͤute⸗ rung wegen, ſeine Hand nach dem Kragen von ſeines Pagen Wamms ausſtreckte. Sogleich trat das Maͤdchen zuruͤck, und erinnerte ihn, daß ſie allein mit ihm ſei, und unter ſeinem Schutze ſtehe.— „Ihr muͤßt Euch der Urſache erinnern, welche mich hierher gebracht hat,“ fuhr ſie fort:„er⸗ laubt Ihr Euch die mindeſte Vertraulichkeit, welche Ihr Euch nicht gegen eine von ihrem Hofe umgebene Prinzeſſin erlauben wuͤrdet, ſo habt Ihr des Muͤllers Tochter zum letzten Male geſehen. Sie wird verſchwinden, wie die Spreu von der Tenne, wenn das Korn geworfelt wird.“ Ich betheure, ſchoͤne Muͤllerin! ſagte Pier⸗ cie Shafton... allein die ſchoͤne Muͤllerin war bereits verſchwunden, ehe er noch ſeine Betheu⸗ rung ausſprechen konnte.— Ein hoͤchſt ſeltſames Maͤdchen! ſagte er zu ſich ſelbſt, und warlich eben ſo ſittſam und beſcheiden, als wohlgebil⸗ det. Gewiß, es waͤre eine Schande, ihr nur das geringſte Entehrende zuzumuthen. Haͤtte ſie nur den Euphues geleſen, und braͤchte ſie nicht die Gleichniſſe aus der Muͤhle und der Scheune an, ſo wuͤrde ihre Unterhaltung ſicher⸗ lich ſo erleſene Perlen der Artigkeit zeigen, als die der redneriſcheſten Dame an dem Hofe von Felieiana. Ich denke, ſie ſoll ſchon zu meiner Geſellſchaft zuruͤckkehren. 9⁵ Allein das lag keinesweges in Myſtens klu⸗ gem Plane. Die Daͤmmerung war ſchon herein⸗ gebrochen, und ſo ſah er ſie nicht eher, als am andern Morgen wieder, als die Pferde zur Fort⸗ ſetzung der Reiſe vor die Thuͤre gefuͤhrt wurden. Indeß muß unſere Erzaͤhlung jetzt den Rit⸗ ter und ſeinen Pagen verlaſſen, und nach dem Thurme von Glendearg zuruͤckkehren. VBiertes Kapitel. Wir muͤſſen den Faden unſerer Erzaͤhlung wie⸗ der zu der Zeit aufnehmen, als Marie von Ave⸗ nel in das Gemach gebracht worden war, wel⸗ ches fruͤher die beiden Glendinnings bewohnten, und ihre treue Dienerin Tibbie alle ihre Kraft vergebens aufgeboten hatte, ſie zu troͤſten und zu beruhigen. Vater Euſtach ſpendete nun auch mit wohlgemeinter Guͤte jene Gemeinſpruͤche des Troſtes, welche die Freundſchaft gewoͤhnlich fuͤr den Kummer in Bereitſchaft haͤlt, obgleich ſie meiſtens nutzlos angebracht werden. Man uͤber⸗ ließ ſie endlich ihren ſchmerzlichen Gefuͤhlen. Ihre Gefuͤhle aber waren eben ſo wie Aller de⸗ rer, die, wenn ſie zum erſten Male lieben, das⸗ was ſie lieben, verlieren; bis endlich die Zeit und wiederholtes Ungluͤck ſie belehren, daß je⸗ der Verluſt, bis auf einen gewiſſen Grad wenig⸗ ſtens, erſetzlich und ertraͤglich iſt. Ein ſolcher Kummer laͤßt ſich beſſer empfin⸗ den⸗ vE 97 den als beſchreiben, wie Allen bekannt iſt, die ihn empfunden haben. Allein Marie von Avenel war durch das Seltſame ihrer Lage dahin ge⸗ bracht worden, ſich als das Kind des Schickſals zu betrachten; und die Neigung ihres Gemuͤths zu Schwermuth und Nachſinnen gab ihrem Schmerz eine Tiefe und einen Umfang, der mit ihrem Charakter im Verhaͤltniß ſtand. Das Grab— und es war ein blutiges Grab— hatte ſich, wie ſie glaubte, uͤber dem Juͤnglinge geſchloſſen, dem ſie zwar in Geheim, jedoch mit der waͤrmſten Liebe ergeben war, da die Kraft und das Feuer in Halberts Charakter eine ganz eigene Ueber⸗ einſtimmung hatte mit der Energie, deren der ihrige ebenfalls faͤhig war. Ihr Kummer er⸗ ſchoͤpfte ſich nicht in Seufzern und Thraͤnen, aber, wenn der erſte Sturm voruͤber war, dann ſammelte ſie ſich zu tiefem und ernſtem Nachden⸗ ken, gleich dem ehemals Beguͤterten, deſſen Wohl⸗ ſtand im Banquerott aufgegangen und der nun den vollen Betrag ſeines Verluſtes recht ermeſſen will. Es ſchien, als ob Alles, was ſie an die Erde gekettet hatte, mit dieſem Bande aufgeldſt ſey. Nie hatte ſie zwar die Moͤglichkeit einer dereinſtigen Verbindung mit Halbert in Voraus D. Kloſter. III. E 98 ſich zu denken gewagt, allein jetzt ſchien es ihr doch, als ſey mit ſeinem Tode auch der einzige Baum gefallen, der ihr Schutz gegen den Sturm gewaͤhren konnte. Sie achtete zwar den ſanftern Charakter und die friedlichen Neigungen des juͤngern Glendinning ebenfalls, allein es war ihr doch nicht entgangen(was auch in der That unter ſolchen Umſtaͤnden nie einem Weibe ent⸗ gehen mag), daß er ſich gern ſeinem aͤltern Bru⸗ der auch in dem gleichſtellen wollte/ was ſie, als die — Tochter eines ſtolzen und kriegeriſchen Stammes, fuͤr die maͤnnlichern Eigenſchaften hielt, und es giebt wohl keine Zeit, wo ein Weib weniger geneigt iſt, dem Charakter des uͤberlebenden Liebhabers Gerechtigkeit wiederfahren zu laſſen, als wenn ſie ihn mit dem Beguͤnſtigten vergleicht, von dem ſie erſt kuͤrzlich durch den Tod getrennt worden. Die muͤtterliche aber etwas rohe Guͤte der Dame Glendinning, ſo wie die oft wunderliche Freundlichkeit ihrer alten Dienerin, ſchienen die einzigen liebenden Gefuͤhle zu ſeyn, deren Ge⸗ genſtand ſie ausmachte, allein ſie konnte ſich doch nicht enthalten zu denken, wie wenig dieſe wa⸗ ren, in Vergleichung mit der treuen Ergebenheit eines hochherzigen Juͤnglings, der ſich von dem — 99 kleinſten Blicke ihres Auges regieren ließ, wie das ſtolze Roß von dem Zaume des Reuters be⸗ berrſcht wird. Wenn Marie von Avenel in dieſe troſtloſen Gedanken verſunken war, dann fuͤhlte ſie die Leere des Gemuͤths, welche aus der be⸗ ſchraͤnkten und bigotten Unwiſſenheit entſteht, worinnen damals die roͤmiſche Kirche ihre Kin⸗ der zu erziehen pflegte. Ihre ganze Religion war ein bloßes Rituale, und ihre Gebete waren bloß foͤrmliche Wiederholung unbekannter Worte, welche doch, in Stunden des Kummers, denen, die durch Uebung allein daran gewoͤhnt waren, wenig Troſt geben konnten. Unbekannt mit dem Gottesdienſte im Geiſte und der verſoͤnlichen Annaͤherung zu Gott im Gebete, mußte ſie frei⸗ lich in ihren Kummerſtunden ausrufen: Auf Er⸗ den iſt keine Huͤlfe fuͤr mich, und wie ich ſie vom Himmel erflehen ſoll, weiß ich nicht! Als ſie ſo ſprach, ſchaute ſie in ihrem Ge⸗ mache umher, und erblickte auf einmal den ge⸗ heimnißvollen Geiſt, der uͤber die Schickſale ihres Hauſes wachte, wie er im Mondlichte mitten im Zimmer ſtand. Dieſelbe Geſtalt, wel⸗ che der Leſer ſchon kennt, hatte mehr als ein⸗ mal ſchon ihren Blicken ſich dargeſtellt, und ent⸗ E 2 100 weder die ihr von Natur eigene Kuͤhnheit des Geiſtes, oder Etwas Anderes, was ſie von der Geburt an mit der Erſcheinung verknuͤpfte, machte, daß ſie ſie jetzt ohne Schrecken erblickte. Allein die weiße Frau von Avenel war jetzt viel deutlicher zu ſehen und erſchien viel koͤrperli⸗ cher, als ſie je ſich hatte erblicken laſſen, daher denn Marie bei ihrem laͤngern Anblicke erblaßte. Sie wuͤrde ſie indeſſen doch angeredet haben, wenn nicht eine Sage gegangen waͤre, daß, wenn auch Andere, welche die weiße Frau geſehen und iſie gefragt, Antwort von ihr erhalten, doch die Glieder der Familie Avenel, welche dieſes gewagt, das Geſpraͤch nie lange uͤber⸗ lebt haͤtten. Die Geſtalt ſchien uͤberdies, wie Marie, welche im Bette aufſaß und feſt auf ſie hinſchaute, ſehr deutlich bemerken konnte, ſie zum Schweigen zu ermahnen, und zu gleicher Zeit ihre Aufmerkſamkeit ganz in Anſpruch zu nehmen⸗ Die weiße Frau ſchien nun abſichtlich auf eine Diele des Bodens im Gemach mit dem Fuß zu treten, indeß ſie in ihren gewoͤhnlichen, leiſen, melancholiſchen und muſikartigen Toͤnen folgende Verſe ausſprach: Mädchen, die Du weinſt um den lebenden Todten, Deren Auge den Todten lebend wird ſehn, Merk' auf mein Wort: Hier unter dem Boden Liegt das Wort, das Geſetz, der Pfad, den Du mußt gehn! Du ſuchſt ihn und kannſt ihn nicht finden!— o wär' es vergönnet Den Geiſtern, zu weinen um ihr Geſchick, Ich weint' um das meine, das ewig mich trennet Von dem Pfad, den mein Fuß Dir nur zeiget zum Glück. Schlaf! ewger Schlaf, die dunkle, kalte, lange Vergeſſenheit nur iſt mein Loos! Dir ſey vor Menſchenleiden nimmer bange, Die Heilung liegt hier im verborgnen Schooß Für jedes Weh, das Adams Kinder quält; Ergreife ſie! Mir bleibt ſie ſtets verhehlt!— Es ſchien, als ob die Erſcheinung ſich nach dem Boden zu neigte, gleich als wollte ſie die Hand auf die Stelle legen, auf welcher ſie ſtand⸗ Allein ehe ſie noch dieſe Bewegung vollendet hatte, wurde ihre Geſtalt unkenntlich, ſo daß ſie bloß dem Schatten einer zwiſchen der Erde und dem Monde voruͤberziehenden Wolke glich, bis ſie endlich ganz unſichtbar wurde. Ein ſtarkes Gefuͤhl von Furcht, das erſte, 102— was ſie in ihrem Leben in dem Maße empfun⸗ den hatte, uͤberwaͤltigte jetzt auf einmal Ma⸗ riens Gemuͤth, und ſie fuͤhlte ſich einen Augen⸗ hlick lang einer Ohnmacht nahe. Sie bekaͤmpfte es indeſſen, rief ihren Muth auf, und wandte ſich betend zu den Engeln und Heiligen, wie ſie die Vorſchrift ihrer Kirche lehrte. Endlich ſchlich ſich ein oft unterbrochener Schlummer in ihre Augenlieder, und ſie ſchlief bis zum Anbruch des Morgens, wo ſie durch den Ruf:„Verraͤthe⸗ rei, Verraͤtherei! Setzt ihnen nach!“ aufgeweckt wurde. Dieſer nehmlich erſcholl unten aus dem Thurme herauf, als man fand, daß Sir Piercie Shafton entflohen ſey. Neues Ungluͤck befuͤrchtend ordnete Marie Avenel eilig ihre Kleidung, welche ſie noch nicht abgelegt hatte, und indeni ſie aus ihrem Zim⸗ mer gehen wollte, hoͤrte ſie von der Tibbie, die mit ihrem zerſtreuten grauen Haare gleich einer Sibylle von Gemach zu Gemach flog, daß der blutbefleckte, elende Suͤdlaͤnder entflohen ſei, und Halbert Glendinning nun, ungerochen und unruhig in ſeinem blutigen Grabe ſchlummere. In den untern Gemaͤchern tobten die jungen Maͤnner, wie der Donner, und erſchoͤpften in * * 105 Verwuͤnſchungen und Fluͤchen gegen die Fluͤcht⸗ linge die Wuth, welche ſich in ihnen entzuͤndete, als ſie fanden, daß ſie in dem Thurme einge⸗ ſchloſen und von der raͤchenden Verfolgung durch die Vorſichtsmaßregeln der Myſia Happer abgehalten worden ſeyen. Die befehlende Stimme des Unterpriors, welche Schweigen gebot, konnte kaum vernommen werden; daher begab ſich denn Marie von Avenel, deren gefuͤhlvolleres Weſen an dem Rathe und der Geſellſchaft der Uebri⸗ gen ohnmoͤglich Theil nehmen konnte, auch wie⸗ der auf ihr einſames Zimmer zuruͤck. Der Reſt der Hausgenoſſen hielt in dem Speiſezimmer Rath, Ednard faſt außer ſich vor Zorn und Wuth, und der Unterprior nicht we⸗ nig beleidigt durch die Frechheit der Myſia, welche einen folchen Plan mit dieſer Miſchung von Kuͤhnheit und Geſchicklichkeit ausgefuͤhrt hatte. Die Fenſter mit Eifenſtaͤben wohl ver⸗ wahrt, und ſo ein ſicherer Schutz gegen aͤu⸗ ßere Angriffe, bewieſen nun auch ihre Staͤrke eben ſo ſehr gegen die Einwohner des Hauſes ſelbſt; die oben zur Vertheidigung gemachten Einrichtungen waren allerdings offen, allein ohne Leitern und Seile, welche ſtatt der Fluͤ⸗ 104 gel dienen konnten, war keine Moͤglichkeit von denſelben herabzukommen. Leicht zwar gelang es ihnen, die Bewohner der Huͤtten außer⸗ halb des Hofraums in Aufruhr zu bringen, al⸗ lein die Maͤnner waren ſaͤmmtlich zu Verſtaͤrkung der Wache fuͤr die Nacht in den Thurm entboten worden, und es waren daher bloß Weiber und Kinder da, welche in dieſer Noth nichts helfen konnten, und nur durch nutzloſes Verwunderungs⸗ geſchrei Lerm erregten, da ſich mehrere Meilen in der Nunde keine Nachbarn weiter befanden. Dame Elspeth indeſſen, obgleich in Thraͤnen auf⸗ geloͤſt, konnte ſich doch der aͤußern Angelegen⸗ heiten nicht ſo ganz entſchlagen, ſondern ver⸗ ſuchte noch die Kraft ihrer Stimme, um den Weibern und den Kindern zuzurufen, daß ſie Alles ſtehen und liegen laſſen, und nach den Kuͤhen ſehen ſollten, die die abſcheuliche Metze wohl auch wie in einem ehernen Gefaͤngniſſe eingeſchloſſen haben wuͤrde. Da unterdeſſen die Maͤnner jede andere Art des Ausganges unmoͤglich fanden, ſo beſchloſſen ſie einmuͤthig, die Thuͤre mit allen Inſtrumen⸗ ten, die ſich im Hauſe vorfinden wuͤrden, zu er⸗ brechen. Allein dieſe eigneten ſich dazu nicht 105 ſehr, und die Thuͤren waren ſehr ſtark. Die in⸗ nere allein, von Eichenholz verfertigt, beſchaͤf⸗ tigte ſie drei volle Stunden, und die eiſerne Thuͤre ſchien vielleicht noch einmal ſo viel Zeit zu erfodern. Indeß jene mit dieſer undankbaren Arbeit beſchaͤftigt waren, hatte Marie von Avenel, mit weit weniger Muͤhe ſich gleich eine genaue Kennt⸗ niß von dem verſchafft, was ihr der Geiſt in ſeinem myſtiſchen Geſange angedeutet hatte. Bei der Unterſuchung der Stelle, auf die das Phantom durch ſeine Bewegungen gedentet hat⸗ te, war es nicht ſchwer zu entdecken, daß eine Diele locker war, welche ſich nach Gefallen auf⸗ heben ließ. Als Marie Avenel dieſe aufhob, er⸗ ſtaunte ſie nicht wenig, das ſchwarze Buch zu finden, welches ihr noch von ihrer Mutter her, die ſo oft darinnen las, ſo wohl bekannt war. Sie nahm es zu ſich mit all der Freude, deren ſie in ihrem jetzigen Zuſtande nur immer faͤhig war. DOopbgleich mit dem Inhalte deſſelben groͤß⸗ tentheils unbekannt, war doch Marie von Ave⸗ nel von Kindheit auf gelehrt worden, diefes Buch ſehr hoch zu achten. Wahrſcheinlich hatte 106 die verſtorbene Lady von Avenel es bloß verſcho⸗ ben, ihre Tochter in die Geheimniſſe des goͤtt⸗ lichen Wortes einzuweihen, bis ſie beſſer im Stande ſeyn wuͤrde, die Lehren zu faſſen, welche es enthielt, und die Gefahr zu wuͤrdigen, wo⸗ mit in jenen Zeiten das Leſen dieſes Buchs ver⸗ bunden war. Der Tod kam dazwiſchen, und entruͤckte ſie der Erde, ehe die Zeitumſtaͤnde den Andersdenkenden guͤnſtig wurden und ehe ihre Tochter dasjenige Alter erreicht hatte, welches zur Aufnahme eines religioͤſen Unterrichts von dieſer Wichtigkeit geſchickt war. Allein die zaͤrt⸗ liche Mutter hatte Vorbereitungen zu dem irdi⸗ ſchen Werke getroffen, welches ihr am meiſten am Herzen lag. Es waren Papierſtreiſchen in dem Buche bemerklich, worauf, nebſt Verglei⸗ chung mehrerer Schriftſtellen und Berufung dar⸗ auf, die Irrthuͤmer und menſchlichen Erfindun⸗ gen angegeben waren, wodurch die herrſchende Kirche das Gebaͤude des Chriſtenthums, ſo wie es von ſeinem Stifter war aufgefuͤhrt worden, entſtellt hatte. Dieſe Streitſaͤtze waren hier mit einem Geiſte der Ruhe und chriſtlichen Milde behandelt, welche den Gottesgelehrten jener Zeit zum Muſter haͤtte dienen koͤnnen, und doch 107 waren ſie klar, ſchoͤn und vollſtaͤndig ausge⸗ fuͤhrt und durch die noͤthigen Beweiſe und An⸗ fuͤhrungen uͤberall unterſtuͤtzt. Noch andere Blaͤt⸗ ter hatten ganz und gar keine Beziehung auf irgend eine Streitigkeit, ſondern enthielten bloß Ergießungen eines frommen Gemuͤths, das ſich mit ſich ſelbſt beſchaͤftigt. Eines derſelben ſchien ſehr abgenutzt zu ſeyn, und auf demſelben hatte Mariens Mutter beſonders ſolche Schriftſtellen geſchrieben, zu denen das Herz gern im Zu⸗ ſtande des Kummers ſeine Zuflucht nimmt, und welche uns des Mitleids und des Schutzes ver⸗ ſichern, den die Kinder der Verheißung erwar⸗ ten duͤrfen. In Mariens Gemuͤthszuſtande zo⸗ gen dieſe ſie vor Allen andern an, da ſie aus ſo geliebten Haͤnden in einer ſo bedenklichen Zeit und auf eine ſo ruͤhrende Weiſe ihr zuge⸗ kommen waren. Sie las die Verheißung: Ich will Dich nicht verlaſſen noch verſaͤumen! ſo wie die kraftvolle Ermahnung: Rufe mich an in der Zeit der Truͤbfal und ich will Dich er⸗ retten! Sie las ſie mit Innbrunſt, und ihr Herz beruhigte ſich bei dem Schluſſe: das iſt gewiß Gottes Wort!— Es giebt Menſchen, denen der Sinn fuͤr 108 Religion in Sturm und Ungewitter aufgeht, Andere, in denen er erwacht, mitten unter den Seenen der Luſt und eitler Beſchaͤftigun⸗ gen, noch Andere wieder, welche die leiſe Stim⸗ me derſelben vernehmen, unter laͤndlich ſtillen Umgebungen, und bei zufriedener Seele. Allein am haͤufigſten erringt das Gemuͤth jene von al⸗ lem Irrthume freie Erkenntniß in der Zeit des Kummers, und Thraͤnen ſind der milde Regen, der die Saat des Himmels zum Aufgehen bringt, und ſie feſt in der Bruſt des Menſchen wurzeln laͤßt. Wenigſtens war dies der Fall bei Marien von Avenel. Sie war gaͤnzlich unem⸗ pfindlich gegen den toſenden Laͤrm unter ihr, ge⸗ gen das Droͤhnen der Schloͤſſer und Riegel und die furchtbare Symphonie der Brechſtangen, wel⸗ che man anwandte um die Thuͤren zu ſpregen, ſo wie gegen die Fluͤche und Verwuͤnſchungen, wel⸗ che in den Pauſen der Anſtrengung von den Ar⸗ beitenden gegen die Fluͤchtlinge ausgeſtoßen wur⸗ den, die jenen bei ihrer Entweichung eine ſolche ſchwere und erſchoͤpfende Arbeit verurſacht hat⸗ ten. Aller dieſer Laͤrm, dies ganze widerwaͤr⸗ tige Concert um ſie her, welches nach nichts weniger klang als nach Frieden, Liehe und Ver⸗ — 5 4 109 ſoͤhnung, vermochte Marien von Avenel keines⸗ weges von der neuen Richtung des Geiſtes und Gemuͤthes abzulenken, welche ſie ſo unvermu⸗ thet bekommen hatte.„Die Heiterkeit des Him⸗ mels ſagte ſie, iſt uͤber mir; die Toͤne aber, welche um mich erſchallen, gehoͤren der Erde und irdiſchen Leidenſchaften an.“ Unterdeſſen war die Stunde des Mittags voruͤbergegangen, und noch war man mit der Oeffnung des eiſernen Thores nicht weit ge⸗ kommen, da erhielten die, welche daran arbei⸗ teten, eine ploͤtzliche Verſtaͤrkung durch die un⸗ vermuthete Ankunft des Chriſtie von Clinthill. Er erſchien an der Spitze eines kleinen Haufens, beſtehend aus vier Berittenen, welche auf ihren Helmen den Diſtelzweig trugen, das Zeichen des Hauſes von Avenel. „Holla! Ihr Herren! Seht doch! ich bringe Euch einen Gefangenen!“ ſagte er. »„Beſſer waͤr, Ihr haͤttet uns Freiheit ge⸗ bracht!' verſetzte Dan von Howlet⸗ hirſt. Chriſtie betrachtete den Stand der Sachen mit dem groͤßten Erſtaunen. und ſollt' ich auf der Stelle gehangen werden, ſagte er, ich koͤnnte mich des Lachens nicht enthalten, da ich 110—— hier Maͤnner ſehe, die durch ihre eigenen Ver⸗ gitterungen kucken, wie Ratten in der Falle, und der mit dem Barte da hinten ſieht recht aus, wie die aͤlteſte Ratte im ganzen Keller. „Schweig! Du ungezogener Purſche!“ ſagte Eduard:„es iſt ja der Unterprior; und hier iſt weder Zeit, Ort, noch Geſellſchaft fuͤr Deine gemeinen Spaͤße!“ Wie? iſt mein junger Herr noch trotzig?— ſagte Chriſtie: wahrhaftig! und waͤre es mein leiblicher Vater, ſtatt daß er der halben Welt Vater iſt, ich haͤtte erſt lachen muͤſſen. Aber nun iſt's voruͤber, und ich ſehe wohl, ich muß Euch beiſtehen, denn Ihr ſeid ja in gewaltiger Arbeit um das große Thor,— nur den Hebel naͤher an die Angeln! werft mir ein Brecheiſen durchs Gitter! Ich habe ſchon manches Thor von außen erbrochen, ſo wie ich durch manches von innen herausgebrochen bin, wie der Haupt⸗ mann von dem Schloß Lochmaben wohl weiß!— Chriſtie ruͤhmte ſich keiner groͤßern Geſchick⸗ lichkeit, als er wirklich beſaß, denn als ſie ihre Kraͤfte unter der Anleitung eines ſo erfahrnen Ingenieurs vereinigten, gab endlich Schloß und Riegel nach, und in weniger als einer halben —— 111 Stunde, ſtand das Thor, das ihrer Anſtrengung ſo lange geſpottet hatte, offen vor ihnen. „Und nun zu Roß! meine Freunde!“ ſagte Eduard:„fort, dem ſchaͤndlichen Shafton nach!“ Halt noch! ſagte Chriſtie von Clinthill: Euren Gaſt, meines Herrn Freund, und meinen eigenen wollt Ihr verfolgen? Nur zwei Worte uͤber den Handel! Welcher boͤſe Feind treibt Euch denn an, Ihn zu verfolgen? „Laßt mich! ſagte Eduard mit Heftigkeit: „ich laſſe mich von Niemanden aufhalten, der Elende hat meinen Bruder ermordet!“ Was ſagt der?— erwiederte Chriſtie zu den Andern ſich wendend— gemordet? wer iſt denn ermordet, und von wem? Der Englaͤnder, Sir Piercie Shafton, ſagte Dan von Howlet⸗hirſt: hat den jungen Hal⸗ bert Glendinning geſtern fruͤh ermordet, und wir Alle ſind im Begriff Ihn dafuͤr zu ſtrafen. Es kommt mir hier faſt vor wie in einem Tollhauſe! ſagte Chriſtie— hier finde ich Euch Alle in Eurem eigenen Thurme eingeſchloſſen, und zwar damit Ihr nicht einen Mord raͤchen ſollt, der nie begangen worden iſt. „Ich ſag' Euch aber,“ verſetzte Eduard:„daß . 112—— mein Bruder von dem falſchen Englaͤnder ge⸗ ſtern erſchlagen und begraben worden iſt.“ und ich ſag' Euch, rief Chriſtie, daß ich ihn lebendig und wohl vorige Nacht noch ge⸗ ſehen habe. Ich wollte, ich verſtaͤnde das Kunſt⸗ ſtuͤck, wieder aus dem Grabe zu kommen; die meiſten Menſchen ſinden es viel ſchwerer durch eine gruͤne Raſendecke zu brechen, als durch eine Gitterthuͤr. Jedermann ſchwieg, und ſchaute Chriſtie mit Verwunderung an, bis endlich der Unter⸗ prior, der bisher alle Gemeinſchaft mit ihm vermieden hatte, hervortrat, und ernſtlich zu wiſſen verlangte, ob er in der That behaupten koͤnne, daß Halbert Glendinning noch lebe? „Vater!“ ſagte er mit mehr Achtung, als er ſonſt gegen Jemand außer ſeinem Herrn, zu zeigen gewohnt war: ich geſtehe, daß ich zuwei⸗ len mit Andern in Eurem Rocke zu ſcherzen pflege, aber mit Euch gewiß nicht; ich bin Euch ja, wie Ihr Euch wohl erinnern werdet, ein Leben ſchuldig. Halbert Glendinning hat, ſo gewiß als die Sonne am Himmel ſteht, letzte Nacht im Hauſe meines Herrn, des Baron von Avenel, zu Nacht geſpeiſt, und er iſt dorthin mit 113 einem alten Manne gekommen, von dem ich gleich mehr ſagen werde.“ Und wo iſt er jetzt? „Darauf kann Euch der Teufel bloß ant⸗ worten,“ verſetzte Chriſtlie:„denn der Teufel muß die ganze Familie beſeſſen haben. Der thoͤ⸗ richte Purſche wurde uͤber eins und das andere boͤfe, was unſer Baron in ſeiner unfreundlichen Laune geaͤußert hatte, und ſo ſprang er Euch, mir nichts dir nichts, in den See und ſchwamm queer durch, wie ein Hirſch. Robin von Red⸗ caſtle hat ſeinem Wallachen gut zugeſetzt bei der Verfolgung.“ Und warum hat er denn den Juͤngling verfolgt? ſagte der Unterprior: was hat er denn Uebles gethan? „Nichts, ſo viel ich weiß, verſetzte Chriſtie: aber der Baron hatt' es ſo befohlen, er war in ſchlechter Laune, und alle Welt war toll gewor⸗ den, wie ich ſchon vorher ſagte.“— Wohin denn nun ſo eilig, Eduard? fragte der Moͤnch. „Nach Corrienan⸗Schian, Vater!“ antwor⸗ kete der Juͤngling:„Martin und Dan ſollen Haken und Spaten mitnehmen und mir folgen.“ 114 Gut! fagte der Moͤnch: und unterlaßt nicht, uns den Augenblick Nachricht von dem zu geben, was Ihr findet. „Wenn Ihr dort was findet, was wie Hal⸗ bert Glendinning ausſieht“ fagte Chriſtie, Eduard noch nachrufend:„ſo will ich ihn ungeſalzen ver⸗ ſpeiſen!—* iſt eine Luſt zu ſehen, wie der Pur⸗ ſche ausgreift! Ja, wenn's Ernſt gilt, da ſieht man, was Einer vermag. Halbert ſprang wie ein Rehbock immer hin und her, und der Bru⸗ der hockte am Feuer mit einem Buche in der Hand; aber es ſcheint, er habe einer alten Flinte geglichen, die ruhig, wie ein Stock, im Winkel ſteht, bis Ihr den Hahn aufſpannt— dann iſt Alles auf einmal in Feuer und Rauch. Aber da kommt ja mein Gefangener! Nun ein Wort mit Euch, Herr Unterprior,'s betrifft ihn. Ich wollte ſchon vorher die Sache zur Sprache bringen, aber ich wurde durch die wun⸗ derlichen Auftritte bei Euch hier unterbrochen.“ Bei dieſen Worten ritten noch zwei von des Barons von Avenel Bewafneten in den Thurmhoff, und fuͤhrten zwiſchen ſich ein Pferd, auf dem, die Haͤnde auf den Ruͤcken gebunden, der reformirte Prediger Heinrich Warden ſaß. 115 Snnites Kapitel. Da Unterprior hatte nicht ermangelt, auf Verlangen des Grenzreuters, in den Thurm zu⸗ ruͤckzukehren, wohin ihm Chriſtie von Clinthill gefolgt war, der, nachdem er die Thuͤre des Gemaches verſchloſſen hatte, ihm naͤher trat, und mit großem Zutrauen und vieler Vertrau⸗ lichkeit ſeine Rede begann. „Mein Herr,“ ſagte er:„ſendet mich mit ſeiner Empfehlung an Euch, Herr Unterprior, an Euch vorzugsweiſe, vor dem ganzen Kloſter, und beſonders vor dem Abte ſelbſt; denn ob der gleich Mylord heißt u. ſ. w. ſo weiß doch alle Welt, daß Ihr die Zunge der Trompete ſeid.“» Wenn Ihr mir Etwas zu ſagen habt in Be⸗ treff des Kloſters, verſetzte der Unterprior: ſo waͤre es gut, wenn Ihr ohne weitere Umſtaͤnde damit anſinget. Die Zeit draͤngt, und das Schick⸗ ſal des jungen Glendinning liegt mir auf dem Heerzen. „Ich buͤrge fuͤr ihn, Mann fuͤr Mann,“ ſagte Chriſtie von Clinthill:„und betheure Euch, daß er ein eben ſo lebendiger Menſch iſt, als ich es bin.“ Sollte ich dieſe frohe Nachricht nicht der ungluͤcklichen Mutter mittheilen? ſagte Vater Euſtach,— indeß es iſt doch beſſer, ſie wartet, bis man von dem Grabe zuruͤckgekehrt iſt. Nun denn, Herr Reutersmann, Eure Botſchaft fuͤr mich von Eurem Herrn! „Mein Herr und Meiſter,“ ſagte Chriſtie: „hat guten Grund zu glauben, daß, auf Einfluͤſte⸗ rung einiger dienſtfertigen Freunde, die er bei mehr Muße ablohnen wird, Euer ehrwuͤrdiges Kloſter verleitet worden ſei, ſeine treue An⸗ haͤnglichkeit an die heilige Kirche zu bezweifeln, ihn fuͤr einen Verbuͤndeten der Ketzer und de⸗ rer, welche die Ketzerei beguͤnſtigen, zu halten, und zu glauben, daß er luͤſtern ſei nach der Beute Eurer Abtei“ Befleißige Dich der Kuͤrze, mein Sohn, ſagte der Unterprior: denn der Teufel iſt nie mehr zu fuͤrchten, als wann er predigt. „Kurz alſo! mein Herr wuͤnſcht Eure Freund⸗ ſchaft! und um ſich gegen alle boͤſe Verlaͤum⸗ — 117 dungen zu rechtfertigen, ſo ſendet er Eurem Abte den Heinrich Warden zu, deſſen Reden alle Welt faſt auf den Kopf geſtellt haben, da⸗ mit die heilige Kirche mit ihm verfahre, wie es ihr und dem Herrn Abte gefallen mag.” Des Unterpriors Augen funkelten bei dieſer Nachricht, denn es wurde als etwas hoͤchſt Be⸗ deutendes angeſehen, daß der Mann verhaftet wurde, der ſo viel Eifer und Popularitaͤt be⸗ ſaß, daß kaum die Predigten des beruͤhmten Knor ſelbſt das Volk mehr aufgeregt hatten und der roͤmiſchen Kirche furchtbarer geworden waren. In der That hatte das alte Syſtem, wel⸗ ches ſeine Lehren den Beduͤrfniſſen und Wuͤn⸗ ſchen eines barbariſchen Zeitalters ſo trefflich an⸗ zupaſſen wußte, ſeit Erfindung der Buchdrucker⸗ kunſt und der allmaͤhlichen Verbreitung der Auf⸗ klaͤrung, umhergeſchwommen, wie ein großer Wallſiſch, in den viel tauſend reformirende Fi⸗ ſcher ihre Harpunen geſchlagen hatten. Die roͤ⸗ miſche Kirche in Schottland beſonders lag gleich⸗ ſam in den letzten Zuͤgen, indem ſte Blut und Waſſer von ſich gab, demohngeachtet aber un⸗ ablaͤſſig, wie in unwillkuͤrlichen Zuckungen, den Kampf mit den Angreifenden unterhielt, welche 116 auf allen Seiten ihre Waffen in den feiſten Koͤr⸗ per einbohrten. In manchen großen Staͤdten waren die Kloͤſter durch die Wuth des Volkes unterdruͤckt worden; an andern Orten hatten die reformirten Edelleute ſich ihrer Beſitzungen bemaͤchtigt; indeß machte doch die Hierarchie noch immer einen Theil des Grundgeſetzes des Reichs aus, und konnte, wo es nur die Mit⸗ tel erlaubten, ihre Privilegien und ihr Eigen⸗ thum in gegruͤndeten Anſpruch nehmen. Man betrachtete das Kloſter zur heiligen Jungfrau zu Kennaquhair als ganz vorzuͤglich in ſolcher Lage ſich befindend. Es hatte ſeine Territorialmacht und ſeinen Einfluß bis jetzt unvermindert erhal⸗ ten, und die groͤßten Barone in der Nachbar⸗ ſchaft hatten, theils aus Anhaͤnglichkeit an die⸗ jenige Parthei im Staate, welche das alte Re⸗ ligionsſyſtem aufrecht erhielt, theils weil eines dem andern den Antheil an der Beute beneidete, worauf dieſes Anſpruch machen mußte, ſich ent⸗ halten, den Kloſterbezirk zu berauben. Auch wußte man, daß die Bruͤderſchaft unter dem Schutze der maͤchtigen Earls von Northumberland und Weſtmoreland ſtand, deren eifrige Anhaͤnglichkeit an den katholiſchen Glauben in ſpaͤterer Zeit, — 119 unter der Eliſabeth, den großen Aufſtand ver⸗ urſachte. In dieſer gluͤcklichen Lage glaubten die Freunde der in Verfall gerathenden Sache des roͤmiſch⸗katholiſchen Glaubens, daß ein entſchie⸗ denes Beiſpiel von Muth und Entſchloſſenheit, da gegeben, wo die Freiheiten der Kirche noch unangetaſtet waren und ihre Gerichtsbarkeit ge⸗ achtet wurde, die Fortſchritte der neuen Lehren wirkſam aufhalten moͤchte und, geſchuͤtzt von den noch beſtehenden Geſetzen und der Gunſt des Herrſchers, das Mittel werden koͤnnte, das Grund⸗ eigenthum zu erhalten, welches Rom noch in Schottland beſaß, ja vielleicht gar das Ver⸗ lorne wieder zu gewinnen. Dieſer Gegenſtand war mehr als einmal von den Katholiken des noͤrdlichen Schottlands in Erwaͤgung gezogen, und denen in Suͤden wohnenden mitgetheilt worden. Vater Euſtach hatte, in Gemaͤßheit ſeines öffentlichen und Pri⸗ vatgeluͤbdes, die Flamme geſchuͤrt, und die Mei⸗ nung mit Nachdruck geaͤnßert, daß man das ur⸗ theil uͤber die Ketzerei an dem erſten reformir⸗ ten Prediger, oder, ſeiner Anſicht nach, dem erſten Ketzer von Bedeutung, vollziehen ſollte, 120 der ſich in dem Bezirke des Heiligthums betre⸗ ten laßen wuͤrde. Ein von Natur wohlwollen⸗ des und edles Herz war bei dieſer Gelegenheit, ſo wie es bei mancher andern geſchehen war, durch ſeinen eigenen Edelmuth betrogen wor⸗ den. Vater Euſtach wuͤrde ein ſchlechter Ver⸗ walter der Inquiſitionsgewalt in Spanien ge⸗ weſen ſein, zu der Zeit, wo ſie noch allmaͤchtig war und wo das Urtheil vollſtreckt werden konnte ohne alle Gefahr fuͤr diejenigen, welche es ſprachen und vollzogen. In einer ſolchen Lage waͤre ſeine Strenge leicht zu Gunſten des Angeſchuldigten gemildert worden, den er nach Gefallen vernichten oder in Freiheit ſetzen konn⸗ te. Allein in Schottland war, waͤhrend dieſer Kriſis, der Fall ganz anders. Die Frage war, ob es einer von der Geiſllichkeit mit Gefahr ſeines eigenen Lebens wagen wollte, hervorzu⸗ treten, um die Rechte der Kirche zu behaupten und auszuuͤben. Gab es noch Jemanden, der es verſuchte zum Beſten derſelben den Blitz zu ſchleudern, oder ſollte er, wie der in den Haͤn⸗ den eines gemalten Jupiter, unſchaͤdlich ruhen, mehr ein Gegenſtand des Spottes als der Furcht? Dieſe Kriſis war ganz berechnet, Euſtach's Ge⸗ muͤth —. 121 muͤth aufzuregen, denn er wußte gar wohl das Bedeutende der Frage zu empfinden: ob er mit Gefahr fuͤr ſich ſelbſt es unternehmen ſollte, mit ſtoiſcher Strenge eine Maßregel auszufuͤhren, welche nach der gemeinen Meinung, der Kirche vortheilhaft, und, dem alten Geſetze und ſeinem feſten Glauben gemaͤß, nicht nur zu entſchuldi⸗ gen, ſondern ſogar verdienſtlich war? Indeß ſolche Anſichten und Entſchließungen unter den Katholiken herrſchten, wurde ein „Schlachtopfer ihnen in die Haͤnde gegeben. Heinrich Warden hatte mit dem, den enthuſtaſti⸗ ſchen Reformern jener Zeit eigenen Feuereifer, in der Hitze deſſelben die Grenzen einer beſchei⸗ denen, ſeiner Sekte geſtatteten Freiheit ſo weit uͤberſchritten, daß man glaubte, die verſoͤnliche Wuͤrde der Koͤniginn ſei dabei intereſſirt, daß er der Gerechtigkeit uͤberliefert werde. Er ſlohe von Edinburg, jedoch mit Empfehlungen von Lord James Stewart, nachmals dem beruͤhmten Earl von Murray, an Einen und den Andern der Haͤuptlinge von niederem Nange, welche in Geheim beſchworen wurden, ihm an der Gren⸗ ze freies Geleit nach England zu verſchaf⸗ fen. Einer der vornehmſten, denen eine ſolche D. Kloſter. III.. F 122 Empfehlung zugekommen war, war Julian Ave⸗ nel, denn jetzt ſo wohl als eine betraͤchtliche Zeit nachher zog den Lord James ſein Einver⸗ ſtaͤndniß und ſein Intereſſe mehr zu den unter⸗ geordneten Fuͤhrern als zu den maͤchtigern Haͤuptern und denjenigen, welche einen ausge⸗ zeichneten Einfluß auf der Grenze hatten. Ju⸗ lian Avenel hatte es ohne Bedenken mit beiden Partheien gehalten; indeſſen, ſo ſchlecht er auch im Grunde war, wuͤrde er doch gewiß Nichts gegen den Gaſt unternommen haben, den Lord James ſeiner Gaſtfreundſchaft empfohlen hatte, waͤre es nicht deshalb geſchehen, was er eine Einmiſchung des Predigers in ſeine Familienan⸗ gelegenheiten nannte. Denn da er beſchloſſen hatte, den Heinrich Warden wegen der Vorhal⸗ tung, die er ihm gethan, und wegen der aͤr⸗ gerlichen Scene die er in der Halle veranlaßt hatte, buͤßen zu laſſen ſo verſuchte Julian auch mit der ihm eigenen Schlauheit, ſeine Rache mit ſeinem Eigennutze zugleich zu befriedigen. An⸗ ſtatt daher ſich an der Perſon Heinrich Wardens innerhalb ſeines eigenen Schloſſes zu vergreifen, beſchloß er vielmehr, ihn dem Kloſter der heili⸗ — gen Jungfrau auszuliefern, um dieſes ſo wohl 123 zum Inſtrumente ſeiner Rache zu machen, als auch um einen Anſpruch auf perſoͤnliche Belohnung— entweder an Geld oder durch Belehnung mit Klo⸗ ſterlaͤndereien gegen Entrid, tung einer unbedeu⸗ tenden Abgabe— zu begruͤnden, welches letztere die gewoͤhnliche Form zu werden anfing, unter der weltliche Edele die Geiſtlichkeit zu berauben pflegten. Der Unterprior erblickte jetzt ganz unerwar⸗ tet den entſchloſſenen, thaͤtigen und unbeugſa⸗ men Feind der Kirche ſeinen Haͤnden uͤberliefert, und fuͤhlte ſich daher aufgefodert, ſeine Verſpre⸗ chungen gegen die Freunde des katholiſchen Glau⸗ bens dadurch zu erfuͤllen, daß er die Ketzerei in dem Blute eines ihrer eifrigſten Anhaͤnger er⸗ ſtickte. Indeſſen muͤſſen wir, zur Ehre mehr des Herzens des Pater Euſtach als ſeiner Charakter⸗ ſtaͤrke, bemerken, daß die Nachricht, Heinrich Warden befinde ſich in ſeiner Gewalt, ihn eher mit Kummer als mit Freude erfuͤllte; allein ſeine naͤchſte Empfindung war doch die des Triumphs. Es iſt freilich bitter, ſagte er zu ſich ſelbſt, ei⸗ nem Menſchen Leiden zu verurſachen, es iſt ſchrecklich Menſchenblut vergießen zu laſſen, al⸗ F 2 1924 lein der Richter dem das Schwert des heili⸗ gen Paulus, ſo wie die Schluͤſſel des heiligen Petrus anvertraut ſind, darf nicht vor ſeinem Berufe erſchrecken. Unſere Waſſen kehren in unſern eigenen Buſen zuruͤck, wenn ſie nicht mit feſter Hand und unnachlaͤßlich gegen die unver⸗ ſoͤhnlichen Feinde der heiligen Kirche geſchwun⸗ gen werden. Pereat iste! das iſt das Urtheil, welches er verwirkt hat, und ſtaͤnden alle Ketzer in Schottland ihm bewaffnet zur Seite, ſie ſoll⸗ ten nicht hindern, daß es gegen ihn gefaͤllt, und wo moͤglich auch vollzogen wuͤrde. Bringt den Ketzer vor mich! ſagte er endlich im Tone des Anſehens, und den Befehl mit lauter Stimme ausſprechend⸗ Heinrich Warden wurde hereingefuͤhrt, mit noch immer gebundenen Haͤnden, allein die Fuͤße waren von den Feſſeln befreit. „Entfernt Euch Alle aus dem Gemache,“ ſag⸗ te der Unterprior:„die nicht zur Bewachung des Gefangenen durchaus noͤthig ſind.“ Alle zogen ſich ſogleich zuruͤck, Chriſtie von Clinthill ausgenommen, der, nachdem er die ihm untergebenen Bewaffneten entlaſſen hatte, das Schwert zog, und ſich ſelbſt an die Thuͤre 125 ſtellte, gleich als wollte er die Stelle einer Schildwacht verſehen. Der Richter und der Angeklagte ſtanden einander nun von Angeſicht zu Angeſicht gegen⸗ uͤber, allein in dem des letztern thronte das edle Selbſtyertrauen des unſchuldig Leidenden. Der Moͤnch war im Begriffe, auch mit der aͤußerſten Gefahr fuͤr ſich ſelbſt und ſeine Bruͤderſchaft, das zu thun, was er in ſeiner Unwiſſenheit fuͤr ſeine Pflicht hielt. Der Prediger, von beſſerer Ueberzeugung getrieben, und von nicht minder gluͤhendem Eifer beſeelt, war entſchloſſen, ſich dem Gerichte und Gottes Willen zu unterwer⸗ fen und, wenn es noͤthig ſeyn ſollte, ſeine Sen⸗ dung mit ſeinem Blute zu beſiegeln. Wir, durch einen ſo großen Zeitraum von ihnen geſchieden, vermoͤgen deshalb ſchon die Natur und Tendenz der Grundſaͤtze, nach welchen ſie handelten, beſ⸗ ſer zu wuͤrdigen, wir koͤnnen daher auch nicht in Zweifel ſtehen, wem hier die Palme zu er⸗ kennen ſeyn moͤchte. Indeſſen war der Eifer des Pater Euſtach doch eben ſo frei von Leidenſchaft und perſoͤnlicher Nuͤckſicht, als wenn er ſich bei einer beſſern Sache offenbart haͤtte. Sie traten einander jetzt naͤher, jeder he⸗ 126— waffnet und vorbereitet zu einem Geiſteskampfe, und Einer den Andern mit den Augen meſſend, gleich als hoffte er, irgend einen Mangel, irgend eine Luͤcke in der Ruͤſtung des Gegners auszu⸗ ſpuͤren. Als ſie aber einander ſo feſt anſchauten, begannen beim Anblick ſo lange nicht geſehener, ſo veraͤnderter und doch nicht vergeſſener Zuͤge, alte Erinnerungen in ihrem Buſen zu erwachen. Die Stirn des Unterpriors verlor allmaͤhlich den Ausdruck von befehlender Haͤrte, der Blick ei⸗ nes ruhigen, aber ernſten Mißtrauens verſchwand nach und nach aus Wardens Augen, und Beide legten fuͤr einen Augenblick das duͤſter feierliche Weſen ab. Sie waren in ihrer Jugend alte und genaue Freunde auf einer auswaͤrtigen Uni⸗ verſitaͤt geweſen, allein lange, lange hatten ſie voͤllig getrennt gelebt. Der veraͤnderte Name, den der Prediger ſeiner Sicherheit wegen ange⸗ nommen hatte, ſo wie der Moͤnch in Gemaͤßheit der in Kloͤſtern herrſchenden Sitte, hatte es gleichfalls unmoͤglich gemacht, daß ſich Beide, je⸗ der auf der entgegengeſetzten Seite ſeine Rolle in dem großen polemiſchen und politiſchen Dra⸗ ma ausfuͤhrend, wieder erkennen konnten. Jetzt aber rief der Unterprior: Heinrich Wellwood! und 127 der Prediger erwiederte: William Allan!— und maͤchtig erſchuͤttert durch den Ton dieſer alten bekannten Ramen, ſo wie durch die unvergeß⸗ lichen Erinnerungen aus den Zeiten ihrer ge⸗ meinſchaftlichen Bildung, legten ſie fuͤr einen Augenblick ihre Haͤnde feſtgeſchloſſen in einander. „Weg mit dieſem Bande!“ ſagte der Un⸗ terprior, und half Chriſtie mit eigener Hand bei dem Geſchaͤfte, obgleich der Gefangene kaum in das losgebunden werden willigen wollte, in⸗ dem er mit Nachdruck wiederholte, daß er ſich freue, um der Sache willen, welche er verthei⸗ dige, Schmach zu leiden. Als aber ſeine Haͤnde frei waren, zeigte er ſein dankhares Gefuͤhl da⸗ durch, daß er nochmals mit dem Unterprior Hand⸗ druck und freundliche Blicke wechſelte. Der Gruß war redlich und edelmuͤthig von beiden Seiten, allein es war doch nur die freund⸗ liche Erkennung und Begruͤßung, welche zwiſchen zwei kaͤmpfenden Gegnern Statt finden, die Nichts aus Haß, ſondern Alles um der Ehre willen thun. Als jeder das beengende und druͤ⸗ ckende der Lage fuͤhlte, worinnen ſie ſich be⸗ fanden, ließen ſie Einer des Andern Hand los, und traten zuruͤck, indem ſie ſich wieder mit 128 Blicken maßen, in denen ſich mehr Kummer und Gram als irgend eine andere Leidenſchaft ausdruͤckte. Der unterprior fing zuerſt zu ſpre⸗ chen an:„Und iſt dies alſo das Ende jener raſt⸗ loſen Geiſtesthaͤtigkeit, jerer kuͤhnen und uner⸗ muͤdlichen Liebe zur Wahrheit, welche die For⸗ ſchung bisan die aͤußerſten Grenzen trieb, und den Himmel ſelbſt mit Sturm einnehmen zu wollen ſchien— iſt dieß das Ende von Wardens Laufbahn? Und muͤſſen wir uns, nachdem wir uns in den beſten Jahren des Lebens ſo genau gekannt und geliebt haben, in unſern alten Ta⸗ gen als Richter und Angeklagter begegnen? Richt als Nichter und Angeklagter, ſagte Heinrich Warden— denn um Verwirrung zu vermeiden, werden wir ihn immer mit dem letztern Namen bezeichnen— nicht als Richter und Angeklagter ſtehen wir hier vor einander, ſondern als ein mißgeleiteter Unterdruͤcker, und ein geduldiges, dem Tode geweihtes Schlacht⸗ opfer. Ich meiner Seits moͤchte dagegen fra⸗ gen: ſind das die Fruͤchte der reichen Hoff⸗ nungen, erweckt durch klaſſiſche Gelehrſamkeit, ſcharfes logiſches Denken, und der mannichfachen Kenntniſſe William Allan's, daß er nun zum — 129 unnuͤtzen Bewohner einer Zelle herabgeſunken iſt, vor dem andern Schwarme bloß ausgezeich⸗ net durch den hohen Auftrag, die Bosheit Roms an Allen auszuuͤben, welche ſich ihr entgegen zu ſetzen wagen? „Nicht Dir“ verſetzte der Unterprior:„das kannſt Du gewiß glauben, nicht Dir, auch ſonſt keinem Sterblichen, werde ich je Rechenſchaft ab⸗ legen von der Gewalt, womit mich die Kirche bekleidet haben mag. Sie wurde mir anver⸗ traut zu Befoͤrderung ihrer Wohlfahrt; zu ihrer Wohlfahrt ſoll ſie auch von mir unter jeder Ge⸗ fahr, ohne Furcht und Gunſt ausgeuͤbt werden.“ dicht weniger habe ich von Eurem mißge⸗ leiteten Eifer, erwartet, erwiederte der Predi⸗ ger, und an mir habt Ihr Einen gefunden, an dem Ihr Eure Gewalt und Euer Anſehn furcht⸗ los ausuͤben koͤnnt, ſicher, daß ſein Geiſt we⸗ nigſtens Eurem Einfiuße nicht nachgeben wird, ſo wie der Schnee des Mont Blane, den wir einſt zuſammen erblickten, nicht unter der ſtaͤrk⸗ ſten Sonnenhitze ſchmilzt. „Ich glaube Dir' ſagte der Unterprior: ich glaube, daß Dein Geiſt ein Metall iſt, das ſich durch Gewalt nicht anders formen laͤßt. Laß ——;—— ———— —————————————— ᷓʒᷓxʒ; 130— uns alſo den Weg der Ueberzeugung verſuchen. Laß uns dieſe Glaubensſaͤtze ſo verhandeln, wie wir einſt unſere ſcholaſtiſchen Streitigkeiten zu fuͤhren pflegten, wann uns Stunden, ja Tage oft in wechſelſeitiger Uebung unſerer Geiſtes⸗ kraͤfte verſchwanden. Vielleicht, daß Du noch die Stimme des guten Hirten vernimmſt und zur gemeinſamen Heerde zuruͤckkehreſt.“ Nein Allan, verſetzte der Gefangene: hier iſt keine durch traͤumende Scholiaͤſten erſonnene Streitfrage, an der man die Schaͤrfe ſeines Verſtandes uͤben mag, bis die wahre Geſtalt davon gaͤnzlich entſchwunden iſt. Die Irrthuͤ⸗ mer, welche ich beſtreite, gleichen jenen Fein⸗ den, welche bloß durch Faſten und Beten aus⸗ getrieben werden koͤnnen. Ach! nicht die Wei⸗ ſen des Volks, nicht die Gelehrten find die Aus⸗ erwaͤhlten; nein! die Hutten ſollen in unſern Tagen Zeugniß ablegen gegen die Schulen und ihre Zoͤglinge. Deine Weisheit, welche jedoch nur Thorheit iſt, hat Dich, gleich den alten Griechen, das als Thorheit betrachten laſſen, was doch die aͤchte Weisheit iſt. 4 „Dies“ ſagte der Unterprior ernſt:„iſt bloß die Sprache des unwiſſenden Enthuſiasmus, der — 131 von der Gelehrſamkeit und der Autoritaͤt, von der ſichern Fuͤhrung des Lichtes, welches Gott uns in den Concilien und den Kirchenvaͤtern hat zu Theil werden laſſen, zu jener raſchen, ſelbſterwaͤhlten, willkuͤhrlichen Erklaͤrung der hei⸗ ligen Schrift ſich wendet, welche nach der Pri⸗ vatmeinung jedes ſpeknlativen Ketzers gemodelt wird.“ Auf dieſen Vorwurf zu antworten, ver⸗ ſetzte Warden: halte ich unter meiner Wuͤrde. Die Hauptfrage, welche als Scheidewand zwi⸗ ſchen Eurer Kirche und der meinen ſteht, iſt die, ob wir gerichtet werden ſollen durch die heilige Schrift ſelbſt, oder durch Erfindungen und Ent⸗ ſcheidungen von Menſchen, die dem Irrthum eben ſo gut unterworfen ſind, als wir ſelbſt, und die unſere heilige Religion durch eitle Traͤu⸗ mereien entſtellt und Bilder von Stein und Holz in Geſtalt derer aufgerichtet haben, die bei ihrem Leben ebenfalls ſuͤndhafte Geſe hoͤpfe wa⸗ ren, damit ſie die dem Schoͤpfer allein gebuͤh⸗ rende Verehrung theilten,— welche zwiſchen Himmel und Hoͤlle ein Zollhaus errichtet haben, jenes ſo eintraͤgliche Fegefeuer nehmlich, wozu ddeer Pabſt die Schluͤſſel hat, gleich einem unge⸗ 232——— rechten Richter die Strafe gegen Beſtechung ver⸗ wandelt, und.— „Schweig! Du Gotteslaͤſterer!“ ſagte der Unterprior ernſt:„oder ich will Deine unver⸗ ſchaͤmten Reden mit einem Knebel ſtopfen.“ Das iſt alſo, verſetzte Warden: die Frei⸗ heit chriſtlicher Verhandlung und Mittheilung, wozu uns Roms Prieſter ſo freundlich einladen. Knebel, Folter und Beil iſt die ultima ratio Romae. Aber wiſſe, mein alter Freund, der Charakter Deines fruͤhern Lebensgefaͤhrten iſt durch das Alter nicht ſo veraͤndert worden, daß er nicht fuͤr die Sache der Wahrheit Alles mu⸗ thig zu erdulden bereit ſeyn ſollte, was Deine ſtolze Hierarchie ihm aufzulegen fuͤr gut fin⸗ den wird. „O! daran,“ ſagte der Moͤnch:„habe ich nie gezweifelt; Du warſt ja immer mehr ein Loͤwe, der gegen den Speer des Jaͤgers anſtuͤrmt, denn ein Reh, welches beim Klang ſeines Hornes die Flucht ergreift.“— Schweigend ſchritt er nun durch das Zimmer.„Wellwood“ ſagte er endlich: „wir koͤnnen nicht laͤnger Freunde ſeyn! Unſer Glaube, unſere Hoffnung, unſer Anker in der Zukunft iſt nicht mehr der nehmliche!“— 153 Tief iſt mein Kummer, daß Du wahr ſprichſt. Und ſo moͤge Gott mich richten, ſagte der Re⸗ former: als ich die Bekehrung einer Seele wie die Deinige, mit meinem Herzblute erkaufen moͤchte. „Ich gebe Dir dieſen Wunſch mit beſſerm Grunde zuruͤck,“ ſagte der Unterprior:„ein ſol⸗ cher Arm, wie der Deine, ſollte die Bollwerke der Kirche vertheidigen, und jetzt richtet er die Zerſtoͤrungsmaſchinen ſelbſt gegen dieſelbe, und macht die Breſche gangbar, wodurch Alles was habgierig und ſchlecht, Alles was veraͤnderlich und hitzkoͤpfig in dieſem Zeitalter iſt, eindringt, und Beute in der Verwuͤſtung zu machen hofft. Da es indeſſen das Schickſal will, daß wir nicht als Freunde neben einander fechten koͤnnen, ſo laß uns wewigſtens als edelmuͤthige Feinde han⸗ deln. Du kannſt die Stelle nicht vergeſſen haben: O gran bonta dei cavalieri antichi Erano nemici eran de fede diversa etc. Doch vielleicht“ ſetzte er, in der Anfuͤhrung des Verſes inne haltend, hinzu:„vielleicht verbietet Euch Euer neuer Glaube, fuͤr das, was große Dichter uͤber Treue und edelmuͤthige Empfin⸗ 154 dungen geſungen haben, eine Stelle in Eurem Gedaͤchtniſſe zu laſſen“ Buchanan's und Beza's Glaube, erwiederte der Prediger: koͤnnen der Literatur durchaus nicht unguͤnſtig ſeyn. Allein der Dichter, den Ihr anfuͤhrt, enthaͤlt Zuͤge, welche ſich eher fuͤr ei⸗ nen uͤppigen Hof als fuͤr ein Kloſter ſchicken. „Gegen Euren Theodor Beza,“ ſagte der Un⸗ terprior:„koͤnnte ich viel einwenden, allein ich haſſe das Urtheil, welches gleich der Fleiſch⸗ fliege leicht uͤber das Geſunde hinſchluͤpft und nur an verdorbenen Stellen verweilt und ſie auf⸗ deckt. Doch zur Sache! Wenn ich Dich als Gefangenen nach dem Kloſter zur heiligen Jung⸗ frau fuͤhre oder ſende, dann biſt Du fuͤr dieſe Nacht ein Bewohner der dortigen Gefaͤngniſſe und Morgen eine Laſt des Galgens. Laſſe ich Dich aber frei von hinnen gehen, ſo begehe ich ein Unrecht an der heiligen Kirche und breche mein eigenes feierliches Geluͤbde. In dem Ka⸗ pitel moͤgen vielleicht andere Beſchluͤſſe gefaßt werden, oder es koͤnnen ſchnell beſſere Zeiten eintreten. Willſt Du ein treuer Gefangener bleiben auf Dein Ehrenwort, auf Moͤglichkeit der Befreiung oder nicht, wie es die Krieger 155 dieſes Landes nennen? Willſt Du feierlich ver⸗ ſprechen, daß Du das halten willſt, und daß Du Dich, auf meine Auffoderung, ſelbſt zu ſtel⸗ len bereit biſt vor dem Abt und dem Kapitel des Kloſters, und daß Du Dich von hier nicht uͤber eine Viertelmeile entfernen willſt? Willſt Du mir, ſag' ich, Dein Wort darauf geben, dann ſollſt Du, ſo groß iſt mein Vertrauen auf Deine Redlichkeit, ungekraͤnkt und ſicher als Gefangener hier leben, bloß verpflichtet, vor un⸗ ſerm Gerichte zu erſcheinen, ſo oft Du geladen wirſt?5 Der Prediger ſchwieg einen Augenblick, dann ſagte er: ich bin zwar nicht Willens, mei⸗ ne natuͤrliche Freiheit durch eine freiwillig uͤber⸗ nommene Verpflichtung zu binden. Allein ich beſinde mich bereits in Eurer Gewalt, und Ihr moͤgt mich wohl zu ſolcher Verpflichtung noͤthi⸗ gen. Durch ein Verſprechen aber, mich auf ge⸗ wiſſe Grenzen zu beſchraͤnken, und auf jede Auf⸗ foderung zu erſcheinen, entſage ich keiner der Freiheiten, welche ich gegenwaͤrtig beſitze und ausuͤben kann; im Gegentheil, bin ich in Ban⸗ den und ganz Eurer Willkuͤhr Preiß gegeben, dann erhalte th dadurch eine Freiheit, die ich r — 136— gegenwaͤrtig nicht beſitze. Ich nehme daher Dein Anerbeiten an, in ſofern es von Deiner Seite hoͤflich und anſtaͤndig gegeben wird, und von der meinigen mit Ehren angenommen werden kann. „Halt!” ſagte der Unterprior:„noch ein wichtiger Punkt Deiner Verpflichtung iſt ver⸗ geſſen worden! Du mußt auch verſprechen, daß Du, waͤhrend der Zeit dieſer Deiner Freiheit, weder direkt noch indirekt eine jener verderbli⸗ chen Ketzereien lehren und predigen willſt, wo⸗ durch in unſern Tagen ſo viel Seelen von dem Reiche des Lichts in das der Finſterniß verlockt worden ſind.» Hier muß unſer Vertrag abgebrochen wer⸗ den, ſagte Warden mit Feſtigkeit— Wehe mir! wenn ich das Evangelium nicht predigen wollte! Des Unterpriors Faſſung ging hier zu Ende, und er ſchritt abermals in dem Gemache auf und nieder, indeß er vor ſich hin murmelte: Verdammt ſei doch der halsſtarrige Thor!— dann blieb er ploͤtzlich ſtehen, und fuhr in ſei⸗ ner Rede alſo fort:„Deinem eigenen Geſtaͤnd⸗ niſſe zufolge, iſt Deine Weigerung hier nur verkehrte Halsſtarrigkeit. Es ſteht in meiner — 137 Macht, Dich an einen Ort zu bringen, wo Dei⸗ ne Predigten kein menſchliches Ohr vernehmen kann; wenn Du alſo verſprichſt, Dich derſelben zu enthalten, ſo gewaͤhrſt Du Nichts, was Du verweigern koͤnnteſt.“ Das weiß ich nicht, verſetzte Heinrich War⸗ den; Du kannſt mich freilich in ein Gefaͤngniß werfen, allein kann ich denn vorausſehen, wel⸗ ches Werk mir mein Meiſter und Herr ſelbſt in dieſem furchtbaren Aufenthalte zu vollbringen auftragen wird? Die Ketten der Heiligen ſind oft die Mittel geworden, die Bande des Sata⸗ nas zu loͤſen. In einem Gefaͤngniſſe fand der heilige Paulus den Kerkermeiſter, den er nebſt ſeinem ganzen Hauſe zur Annahme des Wortes des Heiles brachte. „Nun denn!“ ſagte der Unterprior in ei⸗ nem Tone aus Zorn und Verachtung gemiſcht: „weil Du Dich denn mit dem geſegneten Apo⸗ ſtel ſelbſt vergleichſt, ſo haben wir nichts mehr mit einander zu ſchaffen; mache Dich alſo bereit zu erdulden, was Dir Deine Thorheit und Dei⸗ ne Ketzerei ſelbſt zugezogen haben. Bindet ihn Soldaten!“ Mit ſtolzer Unterwerfung unter ſein Schick⸗ ſal und mit einem Blicke auf den Unterprior, der Etwas von dem Laͤcheln der Ueberlegenheit zeigte, hielt der Prediger geduldig ſeine Arme hin, ſo daß ihm die Feſſeln wieder feſt angelegt werden konnten. „Schont meiner nicht!“ ſagte er zu Chriſtie, denn auch dieſer gemeine Menſch wollte die Bande nicht feſt zuſchnuͤren. unterdeſſen ſchaute der Unterprior unter ſei⸗ ner Kutte, die er ſich uͤbers Haupt gezogen hatte, gleich als wollte er ſeine eigene Ruͤh⸗ rung verhuͤllen, hervor nach ihm hin. So blickt der Jaͤger, dem ein edler Hirſch zum Schuß kommt, nach dieſem hin, denn die Maieſtaͤt des Thieres hindert ihn, feſt auf daſſelbe zu zielen; ſo ſteht der Schuͤtze, der ſein Feuerrohr nach einem prachtvollen Adler erhob, und kaͤmpft mit ſich ſelbſt, ob er ſich ſeines Vortheils bedienen ſoll, wenn er ſieht, wie der koͤnigliche Vogel ſich in den Luͤften wiegt, und Alles ſtolz zu verachten ſcheint, was gegen ihn unternommen werden koͤnnte. Das Herz des Unterpriors, ſo bigott er auch war, erweichte ſich, und er zoͤ⸗ gerte, ob er durch ſtrenge Erfuͤllung deſſen, was er ſeine Pflicht nannte, die Gewiſſensbiſſe er⸗ 1 1 139 kaufen ſollte, welche er ſpaͤter gewiß uͤber den Tod eines ſo edlen, an Geiſt und Charakter wahrhaft unabhaͤngigen Mannes fuͤhlen wuͤrde, der noch dazu der Freund ſeiner eigenen gluͤck⸗ lichen Jugend war, waͤhrend welcher ſie, treu ver⸗ bunden, das Gebiet des Wiſſenswuͤrdigen durch⸗ ſtreift, und in Stunden der Muſe den leichtern Studien der claſſiſchen und allgemeinen Litera⸗ tur ſich hingegeben hatten. Der Unterprior verdeckte mit der Hand ſei⸗ ne halbbeſchattete Wange, und ſein immer duͤ⸗ ſtrer werdendes Auge ſuchte den Boden, gleich als wolle es die Regungen ſeiner ſich erweichen⸗ den Natur verbergen. Waͤre nur Eduard von aller Anſteckung frei zu halten, dachte er bei ſich ſelbſt, Eduard, deſ⸗ ſen enthuſiaſtiſches Gemuͤth Alles verfolgt, was nur einen Schatten von Kenntniß zeigt, ich wuͤrde dieſen Schwaͤrmer hier bei den Weibern laſſen, freilich nicht ohne ſie zu warnen, daß ſie nicht ohne ein Verbrechen ſeinen Traͤume⸗ reien Gehoͤr geben duͤrften. Indeß der Unterprior dieſes Alles bei ſich uͤberlegte, und den entſcheidenden Befehl, der das Schickſal des Gefangenen beſtimmen ſollte, noch verzoͤgerte, lenkte ein plotzliches Geraͤuſch am Eingange des Thurmes ſeine Aufmerkſamkeit ei⸗ nen Augenblick ab, und mit voller Glut auf Stirn und Wangen ſtuͤrzte Eduard Glendinning in das Gemach⸗ 141 Sechstes Kapitel. Da erſten Worte, welche Eduard hervor⸗ brachte, waren:„mein Bruder lebt! ehrwuͤrdi⸗ ger Vater, er lebt! und iſt gerettet! Gott ſei Dank dafuͤr! Es befindet ſich in Corrienan⸗ Schian kein Grab, nicht einmal eine Spur da⸗ von. Der Raſen rund um den Quell iſt nie, weder durch Spaten, noch Hacke oder ſonſt ein Inſtrument aufgewuͤhlt worden. Mein Bruder lebt, ſo gewiß als ich ſelbſt lebe.” Das ernſte Weſen des Juͤnglings, die Leb⸗ haftigkeit ſeiner Blicke und Bewegungen, ſein raſcher Gang, ſeine ansgeſtreckte Hand und ſein gluͤhendes Auge erinnerten Heinrich War⸗ den an Halbert, der noch kuͤrzlich ſein Fuͤhrer geweſen war. Die Bruͤder hatten auch wirkllich eine unverkennbare Familienaͤhnlichkeit, obgleich Halbert athletiſcher gebaut und regſamer, auch ſchoͤner von Geſtalt war. Eduard hatte dage⸗ gen im gewoͤhnlichen Leben mehr Schaͤrfe des 142 Blicks, und den Ausdruck tiefen Nachdenkens. Der Prediger zeigte ihm eine eben ſo große Theilnahme als der Unterprior. „Von wem ſprichſt Du denn, mein Sohn ſagte jener, in einem Tone gleich als laͤge ſein eigenes Schickſal nicht zu gleicher Zeit mit auf der ſchwankenden Waage, und als muͤſſe er kei⸗ nesweges Gefaͤngniß oder Tod von der naͤchſten Zeit erwarten.„Von wem ſprichſt Du? Meinſt Du einen Juͤngling, etwas aͤlter, als Du zu ſeyn ſcheinſt, braunhaarig, mit offenen Geſichts⸗ zuͤgen, ſtaͤrker und groͤßer als Du, aber mit demſelben Tone der Stimme und demſelben aͤu⸗ ßern Benehmen— iſt dieſer der Bruder, den Du ſuchſt, ſo kann ich Dir vielleicht Nachricht von ihm geben.“ Sprecht, o ſprecht! um's Himmels Wil⸗ len, ſagte Eduard: Leben oder Tod liegt auf Eurer Zunge! Der Unterprior vereinigte ſeine Bitten mit denen des Juͤnglings, und ohne weiter in ſich dringen zu laſſen, gab der Prediger eine ſo ge⸗ naue Beſchreibung von den Umſtaͤnden, unter welchen er den aͤltern Glendinning getroffen hatte, ſo wie von ſeiner Perſon, daß kein Zwei⸗ 443 fel an der Identitaͤt derſelben uͤbrig blieb. Als er erwaͤhnte, wie Halbert Glendinning ihn an die Stelle gefuͤhrt habe, wo ſie das Gras blu⸗ tig, und ein neu bereitetes Grab dicht daneben fanden, und wie der Juͤngling ſich des an Sir Piercie Shafton begangenen Mordes ſelbſt an⸗ geklagt habe, ſo blickte der Unterprior Eduard mit Erſtaunen an. „Sagteſt Du nicht ſo eben erſt, daß ſich keine Spur eines Grabes an dieſer Stelle be⸗ finde?“* Keine der Raſen liegt da, als wenn er ſeit Adams Zeiten hier fortgegruͤnt haͤtte, ver⸗ ſetzte Eduard Glendinning,— das aber iſt wahr, fuͤgte er hinzu: daß das Gras in der Naͤhe nie⸗ dergetreten und blutig war. „Das ſind Taͤuſchungen des boͤſen Feindes,“ ſagte der Unterprior, indem er ſich bekreuzte— „kein Chriſtenmenſch mag laͤnger daran zwei⸗ feln!“ Waͤre dem auch ſo, ſagte Warden: ſo wuͤr⸗ den Chriſten ſich doch durch das Schwert des Gebets beſſer vorſehen, als durch die leere Form eines cabaliſtiſchen Zaubers. „Das Zeichen unſerer Erloͤſung kann nicht 144 ſo genannt werden,“ ſagte der unterprior:— „das Zeichen das Kreutzes hat ſtets die boͤſen Gei⸗ ſter entwaffnet.“ Aber— verſetzte Heinrich Warden, der nun einmal zum Streit aufgelegt war— aber es ſollte nur im Herzen getragen, und nicht mit den Fingern in die Luft gezeichnet werden: die untheilnehmende Luft, durch welche Eure Hand ſtreicht, behaͤlt eben ſo wenig den Eindruck Eu⸗ rer Handlung, als die aͤußere Handlung ſelbſt dem Aberglaͤubiſchen etwas helfen wird, der bloße Koͤrperbewegungen und Kniebeugungen und Zeichen des Kreutzes an die Stelle von lebendi⸗ ger, aus dem Herzen kommender Pflichterfuͤl⸗ lung, und wahrhaft guter Werke ſetzen will. „Ich bemitleide Dich,“ ſagte der Unterprior, der eben ſo bereit zum Polemiſiren war, als je⸗ ner:„ich bemitleide Dich, Heinrich, aber ich antworte Dir nicht! Du magſt eben ſo wohl den Ocean durch ein Sieb erſchoͤpfen, als die Gewalt und Wirkung heiliger Worte, Handlun⸗ gen und Zeichen, durch Deine eigene, dem Irr⸗ thum ſo ſehr unterworfene Vernunft.“ Nicht durch meine eigene Vernunft will ich ſie waͤgen und meſſen, ſagte Warden, ſondern durch 145 durch ſein heiliges Wort ſelbſt, dieſes nie er⸗ loͤſchende, ſichere Licht unſers Pfades, gegen wel⸗ ches die menſchliche Vernunft nur ein matter, glimmender Docht iſt, und Eure geruͤhmte Tra⸗ dition nichts weiter als ein verlockendes Irrlicht. Zeigt mir eine Stelle aus der Schrift, welche ſolchen leeren Zeichen und Bewegungen eine wirk⸗ ſame Kraft zuſchreibt? „Ich bot Dir ein ſchoͤnes Feld zu ſtreiten⸗ der Verhandlung dar,“ ſagte der Unperprior: „aber Du nahmſt mein Erbieten nicht an. Jetzt bin ich nicht geſonnen, die Streitigkeit wieder aufzunehmen.“ und waͤren dies meine letzten Worte, ſagte der Reformer, und ſpraͤche ich ſie aus auf dem Scheiterhaufen, ſchon halb vom Rauche erſtickt, und ſchluͤgen rings um mich her die Flammen zuſammen, ſo wuͤrde ich mit meinem letzten Hauche noch gegen die aberglaͤubiſchen Erfendun⸗ gen Roms zeugen. 3 Der Unterprior unterdruͤckte mit Muͤhe die Antwort, welche ihm ſchon auf den Lippen ſchwebte, und ſagte, zu Eduard Glendinning ſich wendend:„Jetzt kann man doch wohl der Mut⸗ D. Kloſter. III. G 146 ter unbedenklich die Nachricht mittheilen, daß ihr Sohn noch am Leben iſt?“⸗ Ich ſagte Euch das ja ſchon vor zwei Stun⸗ den, ſagte Chriſtie von Clinthill: wenn Ihr mir nur haͤttet glauben wollen. Allein es ſcheint, das Wort eines alten Traͤumers, der ſein gan⸗ zes Leben lang nur Ketzerei ausgeſaͤet hat, gilt noch mehr als meines, ob ich gleich nie einen Ritt gemacht habe, ohne vorher treulich mein Paternoſter zu beten! „So geh denn,“ ſagte Vater Euſtach zu Eduard:„und melde Deiner trauernden Mutter, daß ihr der Sohn aus dem Grabe wiedergege⸗ ben iſt, gleich dem Kinde der Wittwe von Za⸗ rephtha,— durch Vermittlung nemlich,“ ſetzte er mit einem Blicke auf Heinrich Warden hinzu: „des gebenedeiten Heiligen, den ich deßhalb anrief.“ Selbſt getaͤuſcht, erwiederte Heinrich War⸗ den ſogleich: biſt Du auch geneigt Andere zu taͤuſchen. Es war kein Todter, kein Geſchoͤpf des Staubes, das der geſegnete Prophet anrief, als er, durch die Vorwuͤrfe des ſunamitiſchen Weibes aufgeregt, betete, daß die Seele ihres Sohnes in den verlaſſenen Korper zuruͤckkehren moͤchte.— 4 — 147 „Und doch geſchahe es auf ſeine Verwen⸗ dung,“ wiederholte der Unterprior:„denn was ſagt die Vulgata« Es ſteht hier geſchrieben:„Et exaudivit Dominus vocem Heliae et reversa est anima pueri intra eum et revixit,“ und glaubſt Du denn die Verwendung eines vollendeten Hei⸗ ligen werde ſchwaͤcher ſein, als wenn er auf der Erde wandelt, gehuͤllt in das Gewand des Stau⸗ bes, nur ſehend mit den Augen des Fleiſches? Waͤhrend dieſer Streitigkeit, ſchien Eduard Glendinning voller Unruhe und Ungeduld, be⸗ wegt durch ein ſtarkes inneres Gefuͤhl; ob dies aber Freude, Kummer oder Erwartung ſei, ließ ſich aus ſeinem Aeußern nicht deutlich abneh⸗ men. Er nahm ſich jetzt die ungewoͤhnliche Frei⸗ heit, das Geſpraͤch des Unterpriors zu unterbre⸗ chen, der, ſeines vorigen Entſchluſſes zum Ge⸗ gentheil ohngeachtet, von dem Geiſte der Con⸗ troverſen entzuͤndet worden war, und den Edu⸗ ard davon ablenkte, indem er ſeine Ehrwuͤrden dringend beſchwor, ihm zu erlanben, daß er nur wenig Worte in Geheim mit ihm ſprechen duͤrfe. „Entferne den Gefangenen!“ ſagte der Un⸗ terprior zu Chriſtie:„gieb ſorgfaͤltig Acht, daß er G 2 148 nicht entkomme, allein thue ihm nichts zu Leide, bei Deinem Leben!“— Nachdem ſeine Befehle vollzogen, Eduard und der Moͤnch allein waren, redete der letztere jenen alſo au: „Was iſt denn uͤber Dich gekommen, Edu⸗ ard, daß Deine Blicke ſo wild funkeln, und Deine Wange bald blaß, bald roth wird? War⸗ um unterbrachſt Du mich ſo haſtig und unge⸗ ſtuͤm, in der Entwickelung der Gruͤnde, womit ich den Ketzer zu Boden zu ſchlagen im Begriff war? Und weßhalb meldeſt Du Deiner Mutter nicht, daß ihr Sohn ihr wiedergegeben iſt, auf Verwenduung, wie die heilige Kirche uns lehrt, des gebenedeiten Heiligen, Benedict's, des Pa⸗ trons unſers Ordens? Denn wenn je mein Gebet aus vollem Herzen zu ihm aufgeſtiegen iſt, ſo iſt es zum Beſten dieſes Hauſes geſchehen, und Deine Augen haben ja den Erfolg geſehen— geh' alſo und melde es Deiner Mutter!“ Dann muß ich ihr aber auch melden, ſagte Eduard, daß, wenn ſie einen Sohn wieder er⸗ halten hat, ihr der andere verloren iſt. „Was meinſt Du damit Eduard? welche Sprache iſt dies?“ ſagte der Unterprior!— 149 Vater, verſetzte der Juͤngling, indem er vor ihm nieder kniete, ich will Dir meine Suͤnde und meine Schaam enthuͤllen, und Du ſollſt meine Reue mit eigenen Augen ſehen. „Ich verſtehe Dich nicht,“ ſagte der Unter⸗ prior:„was kannſt Du verbrochen haben, um ſolcher Selbſtanklage Dich unterwerfen zu muͤſſen? Haſt Du vielleicht“ ſetzte er mit finſterer Stirn hinzu:„dem Daͤmon der Ketzerei Dein Ohr gelie⸗ hen, welcher gerade diejenigen am ſtaͤrkſten ver⸗ ſucht, die, wie jener Ungluͤckliche dort, durch Liebe zur Wiſſenſchaft am meiſten ſich auszeich⸗ nen?“ In dieſer Hinſicht bin ich unſchuldig, er⸗ wiederte Eduard: ich habe mich nicht unterfan⸗ gen anders zu denken, als Du, mein guter Va⸗ ter, mich gelehrt haſt, und die Kirche es geſtattet. „Nun, was iſt es denn ſonſt, mein Sohn,“ ſagte der Unterprior ſehr mild:„das Dein Ge⸗ wiſſen alſo bekuͤmmert? Entdecke es mir, daß ich Dir antworten kann, durch Worte des Troſtes, denn die Gnade der Kirche iſt groß, gegen die⸗ jenigen ihrer gehorſamen Kinder, welche nicht an ihrer Gewalt zweifeln.“ Mein Bekenntniß wird ihre Gnade in An⸗ 150 ſpruch nehmen, verſetzte Eduard; mein Bruder Halbert, ſo brav, ſo gut, ſo edel, der Nichts ſprach, dachte und that, als aus Liebe zu mir, deſſen Arm mir in ſo mancher Verlegenheit bei⸗ geſtanden hat, deſſen Auge uͤber mich wachte, wie das Auge des Adlers uͤber ſeine Jungen, wenn ſie zuerſt den Flug aus dem Neſte verſu⸗ chen,— dieſer ſo gute, milde, liebende Bruder— ich vernahm ſeinen ploͤtzlichen, blutigen, gewalt⸗ ſamen Tod, und freute mich,— ich hoͤrte von ſeiner unerwarteten Wiederhelebung, und das war mir unangenehm. „Eduard,“ ſagte der Pater:„Du biſt wohl nicht ganz bei Dir! was koͤnnte Dich denn zu ſo verhaßter Undankbarkeit veranlaſſen?— In der Stoͤrung deines Gemuͤthes, haſt Du wohl den verwirrten Ton Deiner Empfindungen mißver⸗ ſtanden.— Geh, mein Sohn, bete und ſuche Dich zu faſſen, wir ſyrechen zu einer andern Zeit davon.“ Nein! Vater, nein! ſagte Eduard ſehr hef⸗ tig: jetzt oder nie! Ich muß Mittel finden, dies rebelliſche Herz zu bezaͤhmen, oder ich will es mir aus dem Buſen reißen. Mißverſtehen ſeine Lei⸗ denſchaften? Nein, Vater! Kummer kann man 4 15¹ nicht fuͤr Freude halten. Alles weinte, Alles ſchluchzte rings um mich, meine Mutter, das Ge⸗ ſinde, auch ſie, die Urſache meines Verbrechens— Alles, Alles weinte, und ich— ich konnte kaum meine rohe, meine unvernuͤnftige Freude, unter dem Scheine der Rache verbergen.— Bruder, ſagte ich, ich kann Dir keine Thraͤnen zollen, aber ich will Dir Blut geben. Ja, Vater, ich zaͤhlte Stunde auf Stunde, indeß ich uͤber den engliſchen Gefangenen wachte, und ſagte mir immer, nun bin ich wieder eine Stunde naͤher der Hoffnung und der Gluͤckſeligkeit. „Ich verſtehe Dich nicht, Eduard“, ſagte der Moͤnch:„auch kann ich nicht begreifen, auf welche Art der vermeintliche Mord Deines Bru⸗ ders Dich mit ſo unnatuͤrlicher Freude erfullt haben ſollte.— Gewiß, das niedrige Begehren, ſein kleines Eigenthum von ihm zu erben...» Moͤge aller dieſer Plunder verderben! ſagte Eduard, mit derſelben Bewegung.— Nein, Va⸗ ter! es war das Gefuͤhl eines Nebenbuhlers! Eiferſucht war es, wilde Eiferſucht! Es war Liebe zu Marien von Avenel, welche mich zu dem un⸗ natuͤrlichen Verbrecher machte, fuͤr den ich mich bekenne!— 152 „Liebe zu Marien von Avenel?“ ſagte der Prieſter:„zu einer Lady, die an Stand und Rang ſo hoch uͤber Dir ſteht? Wie konnte es Halbert, wie konnteſt Du es wagen, die Augen zu ihr anders als mit Achtung und Ehrfurcht zu erheben?“ 1 Wann hat je die Liebe auf die Beſtaͤtigung der Heraldik gewartet? verſetzte Eduard: und wodurch anders, als durch eine Reihe todter Vorfahren, war Marie, unſerer Mutter Gaſt und Pflegekind, von uns unterſchieden, mit denen ſie auferzogen ward? Genug! wir liebten, wir Beide liebten ſie. Aber Halberts Leidenſchaft ward ver⸗ golten. Er wußte es nicht, er ſahe es nicht, aber mein Blick war ſchaͤrfer. Ich bemerkte, daß wenn man mich mehr lobte, Halbert mehr geliebt wurde. Mit mir ſaß ſie Stunden lang, gleichguͤltig und unbefangen, wie eine Schweſter, bei der ge⸗ meinſchaftlichen Arbeit; mit Halbert aber traute ſie ſich ſelbſt nicht. Sie wechſelte die Farbe, ſie zitterte, wenn er ſich ihr naͤherte, und wenn er ſie verließ, war ſie duͤſter, nachdenkend und ſuchte, die Einſamkeit. Ich trug das Alles, ich ſahe meines Nebenbuhlers Fortſchritte in ihrer Gunſt— — 153 ich trug es, Vater, und doch haßte ich ihn nicht, ich konnte ihn nicht haſſen!— „Und wohl Dir, daß Du ihn nicht haßteſt!“ ſagte der Pater:„wollteſt Du denn Deinen Bru⸗ der deshalb auch haſſen, weil er Theil genom⸗ men hat an Deiner Thorheit?“ Vater, verſetzte Eduard: die Welt haͤlt Dich fuͤr weiſe, und achtet Deine Menſchenkenntniß ſehr hoch, allein Deine Frage beweiſt mir, daß Du nie geliebt haſt. Nur durch große Anſtren⸗ gung gelang es mir, mich ſelbſt davor zu retten, daß ich meinen, mich ſo zaͤrtlich liebenden Bru⸗ der nicht haßte, meinen Bruder, der ohne Ah⸗ nung meiner Leidenſchaft mich mit allen Bewei⸗ ſen der Liebe uͤberhaͤufte. Ja, es gab wohl Au⸗ genblicke und Stimmungen, wo ich auch dieſe Liebe auf einige Zeit mit aller Staͤrke erwiedern konnte. Das fuͤhlte ich nie ſo tief, als in der Nacht, wo wir getrennt wurden; allein ich konnte mich doch der Freude nicht erwehren, als er von meinem Pfade verdraͤngt ward, konnte mich nicht enthalten, mißmuthig zu werden, als er wieder wie ein hemmender Stein auf dieſen Pfad ge⸗ ſchlendert wurde. „»Moͤge Gott Dir gnaͤdig ſein, mein Sohn,“ 154— ſagte der Moͤnch:„das iſt ein hoͤchſt bedenklicher Gemuͤthszuſtand! Gerade in einer ſolchen Stim⸗ mung erhob der erſte Moͤrder den Arm gegen ſei⸗ nen Bruder, deſſen Opfer Gott angenehmer war.“ Ich will kaͤmpfen mit dem boͤſen Geiſt, der mich beſeſſen hat, Vater, verſetzte der Juͤngling mit Entſchloſſenheit: ich will mit ihm kaͤmpfen, und ich werde ihn beſiegen. Allein ich darf die Auftritte nicht mit anſehen, welche hier nun folgen werden. Ich kann es nicht ertragen, zu ſehen, daß Mariens Augen vor Freude glaͤnzen, weil ihr Geliebter ihr wiedergegeben iſt. Das waͤre wirklich ein Anblin, der mich zu einem zweiten Cain machen koͤnnte. Wie mag ich den Wahnſinn meiner Verzweiflung ermeſſen? „ ungluͤcklicher! Wahnſinniger!“ ſagte der Unterprior:„zu welch furchtbaren Vergehen kann noch Deine Wuth Dich treiben 2* Mein Loos iſt feſt beſtimmt, Vater, ſagte Eduard in entſchloſſenem Tone: ich werde den geiſtlichen Stand ergreifen, den Ihr mir ſo oft empfohlen habt. Es iſt mein feſter Vorſatz, mit Euch ins Kloſter zuruͤck zu kehren um mit Er⸗ lanbniß der heil. Jungfrau und des heil. Bene⸗ diet dem Abte mein Geluͤbde darzuhringen. p255 Nicht jetzt, mein Sohn,“ ſagte der Unter⸗ prior:„nicht in dieſem verſtimmten Gemuͤths⸗ zuſtande. Der weiſe und gute Menſch ſchon nimmt keine Gabe an, welche mit blutendem Herzen geboten wird und die den Geber ſpaͤter gereuen koͤnnte, und der ewigen Weisheit und Guͤte ſollten wir unſere Gaben mit weniger ernſter Entſchloſſenheit, weniger Innigkeit des Herzens darbringen wollen, als noͤthig iſt, um ſie unſern ſchwachen Begleitern in dieſem dun⸗ keln Erdenthale angenehm zu machen? Ich ſage Dir dies, mein Sohn, nicht um Dich von dem guten Pfade abzuſchrecken, den zu erwaͤhlen Du geneigt biſt, ſondern damit Du Deines Berufes und Deiner Wahl recht ſicher und gewiß werdeſt.“ Es giebt Handlungen, mein Vater, welche keinen Aufſchub geſtatten, und dies iſt eine ſolche. Sie muß jetzt vollbracht werden, oder ſie wird vielleicht nie vollbracht. Laßt mich mit Euch gehen, laßt mich nicht Zeuge ſein von Halberts Ruͤckkehr in dieſes Haus! Schaam und das Ge⸗ fuͤhl der Ungerechtigkeit, die ich an ihn veruͤbt habe, wuͤrde ſich mit der furchtbaren Leidenſchaft vereinigen, welche mich draͤngt, auch ferner un⸗ 156— gerecht gegen ihn zu ſein. Laßt mich alſo mit Euch gehen. „Mit mir, mein Sohn, ſollſt Du gehen!“ ſagte der Unterprior:„aber unſere Regel, ſo wie Ver⸗ nunft und Ordnung, gebieten, daß Du erſt eine Zeitlang als Novize, zur Pruͤfung Deiner ſelbſt, bei uns bleibſt, und dann erſt das entſcheidende Geluͤbde ausſprichſt, welches Dich auf immer von der Welt trennt, und dem Dienſte des Himmels weiht.“ Und wann gehen wir, Vater?— ſagte der Juͤngling mit ſo draͤngender Eil, als ob der Weg, den er antreten wollte, ihn zu den Freu⸗ den eines Feſtes fuͤhren ſollte. „Gleich jetzt, wenn Du willſt,“ verſetzte der Unterprior, ſeinem Ungeſtuͤm nachgebend:„mache alſo Alles fertig zu unſerer Abreiſe! Aber halt!“ ſetzte er hinzu, als Eduard mit der aufgeregten Begeiſterung ſeines Weſens ſich ſchnell entfernen wollte— komm hierher mein Sohn, und knie nieder!* Eduard gehorchte und kniete vor ihm hin. Seiner kleinen und unanſehnlichen Geſtalt ohn⸗ geachtet, vermochte der Unterprior doch durch das Nachdrucksvolle ſeines Tones, und den Ernſt 1 —,— 157 ſeiner frommen Stimmung, ſeinen reuigen Pfleg⸗ befohlenen mit nicht gewoͤhnlichen Gefuͤhlen per⸗ ſoͤnlicher Verehrung zu erfuͤllen. Er war ſtets, wie es ſchien, mit voller Seele dabei, wenn er eine Pflicht erfuͤllte, und dem geiſtlichen Fuͤhrer, der ſelbſt eine tiefe Ueberzeugung von der Wich⸗ tichkeit ſeines Amtes zeigt, wird es ſelten miß⸗ lingen, ſeine Zuhoͤrer mit gleichen Empfindun⸗ gen zu durchdringen. Bei ſolchen Gelegenheiten, wie die gegenwaͤrtige, ſchien ſein kleiner Koͤrper eine majeſtaͤtiſche Haltung zu gewinnen, ſein Benehmen erhielt Etwas Impoſantes, ſeine Stimme, die ſonſt ſehr ſchoͤn war, ſchien unter dem unmittelbaren Einfluſſe der Gottheit wie zu leben, kurz Alles an ſeinem ganzen Weſen verrieth keinesweges den gewoͤhnlichen Menſchen, ſondern das Organ der Kirche, das von derſel⸗ ben mit der hohen Macht bekleidet worden war, die Cuͤnder von der Laſt ihrer Schulden zu be⸗ freien. „Haſt Du auch, mein lieber Sohn,“ ſagte er:„die Umſtaͤnde treulich angegeben, welche Dich ſo plöͤtzlich zu Ergreifung des Moͤnchsle⸗ bens beſtimmt haben?“ Meine Suͤnden habe ich bekannt, Vater, er⸗ 158 wiederte Eduard, allein von der ſeltſamen Er⸗ ſcheinung habe ich Euch nichts geſagt, welche durch ihren Einfluß auf mein Gemuͤth, wie ich glaube, viel dazu beigetragen hat, meinen Ent⸗ ſchluß zu beſtimmen. „So entdecke ſie mir jetzt,“ erwiederte der unterprior:„es iſt Deine Pflicht, mich von Allem zu unterrichten, damit ich daraus die Verſu⸗ chung ermeſſen kann, die Dich befallen hat.“ Ich will Dir's, wiewohl ungern, enthuͤllen, ſagte Eduard: denn ob ich gleich nichts ſage, als die lautere Wahrheit, ſo duͤnkt es doch meinen eignen Ohren nur wie eine Fabel. „Demohngeachtet ſage mir Alles ohne Ruͤck⸗ halt,“ verſetzte Vater Euſtach:„denn ich kann vielleicht Gruͤnde haben, das fuͤr wahr zu hal⸗ ten, was Anderen nur wie eine Erdichtung vor⸗ kommen duͤrfte.” So wiſſet denn, Vater, verſetzte Eduard⸗ daß ich zwiſchen Hoffnung und Verzweiflung— und o Himmel, welche Hoffnung!— der Hoffnung, den verſtuͤmmelten Koͤrper in dem blutigen Grabe zu finden, welches der Fuß des verachtenden Sie⸗ gers uͤber meinem guten, liebevollen, tapf rn Bruder zugetreten hatte, nach dem Thalgrunde 4 —V⏑ꝛ——— 159 eilte, der den Namen Corrienan⸗ſchian fuͤhrt; allein, wie Euer Ehrwuͤrden bereits vernommen haben, war weder das Grab, welches meine un⸗ ſeligen Wuͤnſche, meinem beſſern Selbſt zum Trotze, ſo gern daſelbſt gefunden haͤtten, noch ir⸗ gend eine Spur, daß die Erde dort aufgegra⸗ ben worden, an der einſamen Stelle ſichtbar, wo Martin, noch geſtern Morgens, den ungluͤck⸗ lichen Huͤgel bemerkt hatte. Ihr kennt unſere Thalbewohner, Vater! die Stelle iſt uͤbelberuͤch⸗ tigt, und dieſe Taͤuſchung des Geſichts beſtimmte ſie, ſich zu entfernen. Meine Gefaͤhrten ergriff endlich die Furcht, und wie Menſchen, welche uͤber einem Vergehen ergriffen werden, eilten ſie das Thal hinab. Meine Hoffnung war zu ſehr getaͤuſcht, und mein Gemuͤth zu ſehr bewegt, als daß ich den Lebenden oder den Todten haͤtte fuͤrchten ſollen. Langſamer als ſie, ging ich nun das Thal hinunter, oft mich umſchauend, und nicht unzufrieden mit der Furchtſamkeit meiner Gefaͤhrten, welche machte, daß ſie mich meiner duͤſtern, verworrenen Stimmung uͤberließen, und ſie mit aller Eil dem breitern Thale zu trieb. Schon hatte ich ſie in den Windungen des Tha⸗ les ganz aus dem Geſichte verloren, als ich mich nochmals umſchaute, und die Geſtalt eines weiblichen Weſens neben dem Quell ſtehen ſah. „Wie, mein Sohn?“ ſagte der Unterprior: „huͤte Dich ja, mit Deiner jetzigen Lage zu ſcher⸗ zen.» Ich ſcherze nicht, mein Vater, ſagte der Juͤngling: und es kann ſein, daß ich nie wieder ſcherze, wenigſtens ſo bald nicht. Ich erblickte, ſag' ich Dir, die Geſtalt eines Weibes, in wei⸗ ßer Kleidung, gerade ſo wie der Geiſt zu tragen pflegt, der, wie man ſagt, uͤber den Schickſalen des Hauſes Avenel waltet. Glaube mir, Vater! ich ſchwoͤre es Dir bei Himmel und Erde, ich ſage Nichts, als was ich mit dieſen meinen Au⸗ gen geſehen habe. „Ich glaube Dir auch,“ ſagte der Moͤnch: „fahre nur fort in Deiner ſeltſamen Geſchichte!*— Die Erſcheinung, ſagte Eduard Glendin⸗ ning: ſang, und ſo ſeltſam Euch dies vorkommen mag, ihre Worte ſind mir feſt im Gedaͤchtniſſe geblieben, gleich als haͤtte ich ſie ſchon von mei⸗ ner Jugend an gehoͤrt: Du, der Du meinen einſamen Quell willſt ſehn, Mit Hoffnungen, die Du nicht wagſt zu geſtehn, Deſſen Herz eine ſtürmiſche Freud⸗ erfüllt, I 161 Indeß Deine Stirn' in Wolken ſich hüllt, Entferne Dich ſchnell, denn es zeiget hier, Weder Körper, noch Sarg, noch Grab ſich Dir! Der Todte lebt, er iſt entflohn, Du findeſt an anderm Ort ihn ſchon! Der lebende Todte verhüllt' in der Bruſt Oft Gedanken, wie Du Dir ſelbſt jetzt bewußt. Von Leidenſchaften heilt nie ein Herz, Durch ſtreng entſagender Gelübde Schmerz, Und unterm dunkeln, feierlichen Gewand, Glüht fort eitler Wünſch' und Hoffnungen Brand; Drum eilſt Du in des Kloſters heiligen Schoos, Sei ernſtes Gebet und Wachen Dein Loos; Weg mit dem Grün, weg mit dem Grau, Nur feſt nach jenem Ziele ſchau! „Das iſt ja ein furchtbarer Geſang,“ ſagke der Unterprior:„und ich fuͤrchte, nicht in der beſten Abſicht vorgebracht; indeß wir haben Macht, die Liſten des Satans ſelbſt zu Schanden zu machen. Eduard, Du ſollſt mit mir gehen, wie Du gewuͤnſcht haſt, Du ſollſt Dich einem Leben weihen, wozu ich Dich ſtets am geſchickte⸗ ſten gefunden habe, Du ſollſt, mein Sohn, dieſe meine zitternde Hand unterſtuͤtzen, wenn ſie die heilige Arche zu erhalten ſucht, welche kuͤhne und unheilige Menſchen zu entweihen und zu wandeln vermag.“ 162 vernichten trachten. Aber willſt Du nicht vorher Deine Mutter beſuchen 2⸗ Ich mag Niemanden ſehen, ſagte Eduard: ich will mich keiner Gefahr ausſetzen, wodurch der Entſchluß meines Herzens erſchuͤttert wer⸗ den koͤnnte. Aus dem Kloſter der heiligen Jung⸗ frau ſollen Alle erſt die Entſcheidung meines Schickſals erfahren. Meine Mutter, Marie von Avenel, mein neu uns geſchenkter, gluͤcklicher Bruder, Alle ſollen es erfahren, daß Eduard ihnen nun nicht laͤnger als ein Hinderniß ihres Gluͤckes im Wege ſteht. Marie ſoll nicht laͤn⸗ ger ihre Blicke und Worte bewachen duͤrfen, weil ich in der Naͤhe bin, Sie ſoll nicht laͤnger... „Mein Sohn,“ ſagte der Unterprior, ihn unterbrechend:“ wir duͤrfen nicht zuruͤckſchauen auf die Eitelkeiten und Verfuͤhrungen der Welt, wenn wir uns zur Vollbringung der Pflichten geſchickt machen wollen, die uns jetzt obliegen. Geh, mache unſre Pferde bereit, und indem wir das Thal zuſammen hinabreiten, will ich Dich ſolche Wahrheiten lehren, wodurch unſre weiſen Voraͤltern jene koͤſtliche Alchymie erlernten, welche ſelbſt Leiden in Gluͤckſeligkeit zu ver⸗ U — 163 Siebentes Kapitel. Eßpuard bereitete mit der Haſt eines Menſchen, der der Feſtigkeit ſeiner eigenen Entſchließungen nicht ſicher iſt, die Pferde zur Abreiſe, und ent⸗ ließ zugleich mit Dank die Nachbarn, welche zu ſeiner Unterſtuͤtzung herbeigeeilt waren, und die ſich nicht wenig, ſo wohl uͤber ſeine ſo ſchnell beſchloſſene Abreiſe, als uͤber die Wendung, wel⸗ che die Angelegenheiten genommen hatten, ver⸗ wunderten. 4 „Hier herrſcht ziemlich kalte Gaſtfreund⸗ ſchaft,“ ſagte Dan von Howlet⸗ hirſt zu ſeinen Kameraden:„meinetwegen moͤgen die Glendin⸗ nings kuͤnftig ſterben und wieder lebendig wer⸗ den, ich ſetze deswegen keinen Fuß wieder in den Steigbuͤgel.“ Martin beſaͤnftigte ſie, indem er zu eſſen und zu trinken ihnen vorſetzte. Sie aßen mit duͤſte⸗ rem Weſen, und ſchieden in uͤbler Laune. Die frohe Nachricht, daß Halbert Glendin⸗ 164 ning am Lehen ſei, verbreitete ſich ſchnell in der bekuͤmmerten Familie. Die Mutter weinte bald, und bald dankte ſie dem Himmel, bis endlich die erwachende Sorge fuͤr die haͤuslichen Ange⸗ legenheiten ihre Gefuͤhle beruhigte, und ſie aͤu⸗ ßerte: Es muͤßten denn doch, und vor allen Din⸗ gen, die Schloͤſſer und Riegel wieder ausgebeſ⸗ ſert werden, denn die waͤren doch ganz zu Grunde gerichtet. Und zu offnen Thuͤren, liefen ja die Hunde herein. Tibb bemerkte: Sie haͤtte gleich gedacht, daß Halbert ſich nicht ſo leicht von einem Piercie wuͤrde toͤdten laſſen, wenn er eine Waffe in den Haͤnden gehabt, und man moͤchte von den Suͤd⸗ laͤndern ſagen was man wollte, aber mit einem Schotten koͤnnten ſie's doch nicht aufnehmen, wenn es zum Ernſt kaͤme. Auf Marien von Avenel machte die Sache aber einen weit tiefern Eindruck. Sie hatte erſt kuͤrzlich wahrhaft beten gelernt, und es ſchien ihr nun, als haͤtten ihre Gebete augenblicklich Erhoͤrung gefunden, als ſei das Mitleid des Him⸗ mels, den ſie nun mit den Worten der Schrift ſelbſt anflehen konnte, auf eine wundervolle Weiſe an ihr verherrlicht worden, indem der Todte auff 165 ihre Klagen, aus der Gruft geſtiegen ſei. In dem Gange dieſer Empfindungen war allerdings ein gefaͤhrlicher Grad von Schwaͤrmerei nicht zu verkennen, allein die Quelle war doch lauter Froͤmmigkeit. Ein ſeidnes und geſticktes Tuch, eines der wenigen koſtbaren Geraͤthe, die ſie beſaß, wurde zu dem Zwecke ausgeſucht, das heilige Buch hin⸗ einzuſchlagen, und dadurch zu verhuͤllen; das Buch, welches ſie von nun an als ihren vor⸗ nehmſten Schatz betrachtete, wobei ſie freilich beklagte, daß es, in Ermangelung eines geſchick⸗ ten Auslegers, fuͤr ſie immer verſchloſſen, und wie eine verſiegelte Quelle blieb. Die noch groͤ⸗ ßere Gefahr aber, der ſie ſich ausſetzte, manchen Lehren deſſelben, welche ſehr verſtaͤndlich ſchie⸗ nen, doch einen unvollkommenen, oder ſogar fal⸗ ſchen Sinn unterzulegen, ahnete ſie nicht. In⸗ deſſen hatte der Himmel auch far dieſe beiden Zufaͤlle geſorgt. Indeß Eduard die Pferde in Bereitſchaft ſetzte, erbat ſich Chriſtie von Clinthill abermals die Befehle des Unterpriors, in Anſehung des re⸗ formirten Predigers, Heinrich Wardens, und in der Seele des Moͤnchs, kaͤmpften wiederum Mit⸗ 166— leid und Achtung, welche er wider ſeinen Willen faſt gegen den alten Jugendgefaͤhrten empfinden mußte, mit der Pflicht, die er gegen die Kirche zu haben glaubte. Eduards unerwartete Ent⸗ ſchließung hatte, wie er meinte, das vornehmſte Hinderniß gehoben, warum er ihn nicht zu Glen⸗ dearg laſſen koͤnnte. Bringe ich dieſen Wellwood oder Warden nach dem Kloſter, dachte er; ſo muß er ſterben, ſterben in ſeiner Ketzerei, und ſo an Leib und Seele verderben; und wenn auch eine ſolche Maß⸗ regel ehedem zweckmaͤßig ſeyn mochte, um die Ketzer zu ſchrecken, ſo iſt doch ſeitdem ihre Staͤrke faſt taͤglich dergeſtalt gewachſen, daß man ſie dadurch nur mehr zur Wuth und Rache entflammen wuͤrde. Er weigerte ſich frei⸗ lich, das Verſprechen zu geben, ſich des Ausſaͤens von unkraut unter den Weizen zu enthalten, allein der Boden iſt hier auch zu hart, um je⸗ nes aufzunehmen. Ich fuͤrchte nicht, daß er auf dieſe armen Weiber einen Eindruck machen wird; ſie ſind ja Vaſallen der Kirche, und im ſchuldigen Gehorſam gegen ihre Lehren auferzo⸗ gen. Der kuͤhne, forſchende, nachdenkende Geiſt Eduards, der haͤtte dem Feuer Nahrung geben 167 koͤnnen, allein der iſt ja nun entfernt, und ſonſt iſt nichts da, was die Flamme verbreiten moͤchte. So wird der Gefangene kein Mittel haben, ſeine boͤſen Lehren auswaͤrts zu verbreiten, und doch wird ſeines Lebens geſchont, und ſeine Seele kann noch als eine Beute aus des Vogelſtellers Netzen gerettet werden. Ich ſelbſt will mich bloß auf geiſtige Waffen gegen ihn beſchraͤnken, denn als wir noch zuſammen ſtudirten, gab ich ihm auch nicht nach, und die Sache, wofuͤr ich kaͤmpfe, wird mich ſelbſt unterſtuͤtzen, waͤre ich auch noch ſchwaͤcher, als ich mir ſelbſt erſcheine. Koͤnnte dieſer Mann von ſeinen Irrthuͤmern zu- ruͤckgebracht werden, ſo muͤßte der Kirche durch ſeine geiſtliche Wiedergeburt hundert mahl mehr Vortheil erwachſen, als durch ſeinen leiblichen Tod. Nachdem der Unterprior mit dieſen Betrach⸗ tungen zu Ende war, worinnen ſich aber ſo viel Guͤte des Herzens, als Beſchraͤnktheit der An⸗ ſichten, verbunden mit einem guten Theile von Selbſtgenuͤgſamkeit und Selbſttaͤuſchung, darlegte, befahl er, daß der Gefangene vor ihn gebracht wuͤrde. „Heinrich,“ ſagte er:„was auch die ſtrenge 168—— Pflicht eigentlich von mir fordern mag, die alte Freundſchaft und chriſtliches Mitleid verbieten mir, Dich zum gewiſſen Tode zu fuͤhren. Du pflegteſt ſonſt immer edelmuͤthig, wenn auch ſtreng und hartnaͤckig in Deinen Entſchluͤſſen zu ſein; laß Dich das Gefuͤhl von dem, was Du Deine Pflicht nennen magſt, nicht weiter fuͤh⸗ ren, als mich die meine gefuͤhrt hat. Be⸗ denke, das jedes Schaaf, welches Du hier von dem Stalle verlockſt, in Zeit und Ewigkeit von dem wird wieder gefodert werden, der Dir die Freiheit ließ, ſolches Uebel zu thun. Ich fo⸗ dere keine Verpflichtung von Dir, außer der, daß Du auf Dein Wort ein Gefangener in dieſem Thurme bleibſt, und Dich ſtellen willſt, wenn man Dich auffodert.“ Du haſt ein Mittel gefunden, ſagte der Pre⸗ diger: meine Haͤnde feſter zu binden, als es die ſchwerſten Bande in den Gefaͤngniſſen Deines Kloſters vermocht haben wuͤrden. Ich werde nichts unbeſonnen thun, was Dich bei Deinen Obern in Gefahr bringen koͤnnte, und ich werde um ſo vorſichtiger ſein, je mehr bei fernern Ge⸗ legenheiten der Unterredung, ich vielleicht Deine eigene Seele wie einen Brand aus dem Feuer retten, 169 retten, und Dir, wenn Du die Zeichen des An⸗ tichriſt's, dieſes Suͤnden⸗ und Seelenmaͤklers, von Dir werfen willſt, helfen kann, Dich an den Felſen der Jahrhunderte feſtzuhalten. Der Unterprior vernahm dieſe Aeußerungen mit demſelben Gefuͤhl des aufſtrebenden Muthes, wie jeder Kaͤmpfer die Auffoderungen ſeines Nebenbuhlers hoͤrt und beantwortet. „Ich danke Gott und unſerer Frau,“ ſagte er:„daß mein Glaube ſchon feſten Anker ge⸗ worfen hat auf dem Felſen, auf dem der heilige Petrus ſeine Kirche gruͤndete.“ Das iſt eine Verdrehung des Textes, dogte der eifrige Heinrich Warden, welche ſich auf ein bloßes Wortſpiel gruͤndet, eine leere Parono⸗ maſie! Wahrſcheinlich haͤtte ſich jetzt die Controverſe von neuem entzuͤndet, und wahrſcheinlich— denn wer mag ſich auf die Gutmuͤthigkeit und Maͤßi⸗ gung der Polemiker verlaſſen?— wuͤrde das Ende davon das geweſen ſein, daß der Prediger als Gefangener nach dem Kloſter abgefuͤhrt wor⸗ den waͤre, haͤtte nicht Chriſtie von Clinthill die Bemerkung gemacht, daß es ſpaͤt werde, daß ſie noch das ganze Thal durchziehen muͤßten, wel⸗ D. Kloſter. III. H 170 ches doch gar nicht im beſten Rufe ſtehe, und daß er nicht eben gern nach Sonnenuntergang unter⸗ weges ſey. Der Unterprior bezwang daher ſeine Luſt zum Streiten, ſagte dem Prediger noch⸗ mals, daß er ſich feſt auf ſeine Dankbarkeit und ſeinen Edelmuth verlaſſe, und ſchied mit einem Lebewohl von ihm. „Sei verſichert, mein alter Freund,“ ver⸗ ſetzte Warden:„daß ich mit Willen nichts thun werde, was Dir zum Nachtheil gereichen koͤnnte. Allein wenn mir mein Meiſter ein Werk auf⸗ traͤgt, dann muß ich Gott mehr gehorchen als den Menſchen.“ Dieſe zwei Maͤnner, beide von trefflichen Na⸗ turanlagen und Kenntniſſen, waren in mehrern Punkten mit einander uͤbereinſtimmend, als ſie ſelbſt zugeben wollten. Eigentlich war der Haupt⸗ unterſchied zwiſchen Beiden der, daß der Katho⸗ lik, indem er eine Religion vertheidigte, welche dem Gefuͤhl wenig Intereſſe gewaͤhrte, mehr dem Kypfe als dem Herzen folgte, und ſchlau, vorſichtig und faſt raͤnkevoll ſich zeigte, da hin⸗ gegen der Proteſtant, von tiefer begruͤndeter, lang genaͤhrter Ueberzeugung getrieben, und von einem groͤßern und gerechtern Vertrauen zu ſei⸗ 171 24* ner Sache belebt, voller Begeiſterung und Eifer erſchien, und faſt voreilig in ſeinem Beſtreben, die⸗ ſer Sache zu dienen. Der Prieſter war mit der Vertheidigung zufrieden, der Prediger wollte ero⸗ bern; der Impuls, der den letztern bewegte, war thaͤtiger und entſcheidender. Sie konnten nicht von einander ſcheiden, ohne ſich zum zweiten Male die Hand gedruͤckt zu haben, und jeder ſchaute, beim Abſchiede, dem alten Freunde mit dem lebhafteſten Ausdrucke des Grams, der Liehe und des Mitleids ins Geſicht. Vater Euſtach erklaͤrte hierauf der Dame Glendinning mit wenig Worten, daß dieſer Mann auf einige Tage ihr Gaſt ſein werde, al⸗ lein er verbiete ihr zugleich, unter hohen geiſt⸗ lichen Strafen, irgend ein Geſpraͤch uͤber reli⸗ gioͤſe Gegenſtaͤnde mit ihm anzuknuͤpfen, dage⸗ gen aber befehle er ihr, alle ſeine uͤbrigen Be⸗ duͤrfniſſe bereitwillig zu befriedigen. „Moͤge es mir unſere liebe Frau vergeben, ehrwuͤrdiger Vater!“» ſagte die Dame Glendin⸗ ning, uͤber dieſe Nachricht ein wenig verdrieß⸗ lich:„allein ich muß Euch ſagen, daß viel Gaͤſte, ſchon vieler Haͤuſer Verderben geweſen ſind, und ſie werden gewiß auch Glendearg herunter brin⸗ 2 172 gen. Erſt kam die Lady Avenel— ihre Seele moͤge in Frieden ruhen, ſie meinte es nicht boͤſe— aber ſie brachte ſo viel Zauberei und Feeerei mit, daß das ganze Haus ſeitdem in Un⸗ ruhe lebt, und uns Alles faſt wie ein Traum vorgekommen iſt; dann kam der engliſche Rit⸗ ter, und wenn der auch meinen Sohn nicht umgebracht hat, ſo hat er ihn doch aus dem Hauſe vertrieben, und es kann lange dauern, ehe ich ihn wiederſehe— der Schade am aͤußern und innern Thore gar nicht gerechnet. Und nun uͤbergeben mir Euer Ehrwuͤrden gar einen Ketzer, der ganz gewiß den gehoͤrnten Teufel ſelbſt zu uns bringen wird; der aber kehrt ſich weder an Thuͤren noch Fenſter, ſondern nimmt wohl gar ein Stuͤck des alten Thurmes ſelbſt mit, wenn er fort muß. Indeſſen, Ehrwuͤrdiger Va⸗ ter, Euer Wille ſoll von uns nach Kraͤften er⸗ fuͤllt werden.“ Laß nur Werkleute holen, Frau, ſagte der Unterprior: um die Thuͤren wieder in Stand zu ſetzen, die Koſten der Reparatur ſoll das Klo⸗ ſter tragen, ich werde dem Schatzmeiſter ſchon die Anweiſung dazu geben. Wegen der Unruhen und Sorgen im Hauſe, denen Du Dich jetzt un⸗ —— 173 terziehen mußt, ſollſt Du einen Erlaß an den Lehnsabgaben erhalten, und nach Deinem Sohne will ich die genauſten Nachforſchungen anſtellen laſſen. Die Dame machte bei jeder guͤnſtigen Aeu⸗ ßerung des Unterpriors eine tiefe Verbeugung, und als derſelbe zu ſprechen aufgehoͤrt hatte, fuͤgte ſie die fernere Hoffnung hinzu, daß der Unterprior mit ihrem Geyvatter, dem Muͤller, in Hinſicht des Schickſals ſeiner Tochter ſich be⸗ ſprechen und ihm zu verſtehen geben moͤchte, daß der Zufall, der ſie betroffen, keinesweges durch eine Nachlaͤſſigkeit von ihrer Seite veranlaßt worden ſei. „Ich weiß nicht, mein Vater,“ ſagte ſie: „ob Myſia ſich wieder zur Muͤhle zuruͤckfinden wird, aber es war ja doch ihres Vaters Schuld, daß er ſie ſo im Lande herumreiten ließ, und zur haͤuslichen Arbeit wenig anhielt, außer, daß ſie bisweilen ein leckeres Gericht zubereiten mußte.“ Ihr erinnert mich an Etwas Anderes ſehr dringendes, ſagte Vater Euſtach: und Gott weiß, wieviel dergleichen mir jetzt auf dem Herzen lie⸗ gen. Der engliſche Ritter muß aufgeſucht, und ₰ 174 von den ſeltſamen Vorfaͤllen, die ſich zugetragen haben, unterrichtet werden. Auch das Muͤller⸗ maͤdchen muß man wieder zu bekommen ſuchen. Sollte ſie, durch das ungluͤckliche Mißverſtaͤndniß, an ihrem guten Rufe gelitten haben, ſo kann ich mich nicht fuͤr ganz unſchuldig an dem Unfalle halten. Aber wie Beide auszukundſchaften, das weiß ich nicht. „Das nehm' ich auf mich, wenn Ihr wollt,“ ſagte Chriſtie von Clinthill:„und bringe ſie Euch in Guten oder Boͤſen zuruͤck; denn ob Ihr mich gleich immer fuͤr einen ſchwarzen Nachtvo⸗ gel gehalten habt, habe ich's Euch doch nicht vergeſſen, daß, waͤrt Ihr nicht geweſen, mein Hals die Laſt des uͤbrigen Koͤrpers haͤtte tragen muͤſſen. Ich ſinde ihre Spur gewiß auf. Doch erſt habe ich noch Etwas in Betreff meines Herrn mit Ench zu verhandeln, wenn Ihr mir alſo er⸗ lauben wollet, das Thal mit Euch hinabzurei⸗ ten. Aber, Freund, verſetzte der Unterprior: be⸗ denkſt Du denn nicht, daß ich eben keine große Urſache habe, mich Deiner Geſellſchaft an einem ſo einſamen Orte zu vertrauen. „Still, Still?“ ſagte der Waffenknecht:„es —j 175 wuͤrde mir wohl am ſchlimmſten bekommen, die Jagd noch einmal zu verſuchen! Ueberdies habe ich Euch nicht ſchon oft geſagt, daß ich Euch ein Leben zu danken habe? und wem ich ein⸗ mal was ſchuldig bin, im Guten oder Böͤſen, dem zahl' ich's redlich, fruͤher oder ſpaͤter. Al⸗ lein, oder ſelbſt mit meinen Leuten, die doch auch tuͤchtige Kerle ſind, bringt Ihr mich nicht wieder durchs Thal; wenn alſo Euer Ehrwuͤrden Gebet⸗ buch und Pſalter naͤhmen, und ich mit Speer und Lanze hinterdrein kaͤme, ſo naͤhmt Ihr's mit dem Teufel in der Luft, und ich's mit den Men⸗ ſchen auf der Erde auf.“ Hier erſchien Eduard, und meldete, daß die Pferde bereit ſtaͤnden. In dieſem Augenblicke traf ſein Auge auf das der Mutter, und der Entſchluß, den er gefaßt hatte, wurde faſt er⸗ ſchuͤttert, als er an die Nothwendigkeit dachte, Abſchied von ihr zu nehmen. Der Unterprior bemerkte ſeine Verlegenheit und kam ihm zu Huͤlfe. „Frau“ ſagte er:„ich habe vergeſſen Euch zu ſagen, daß Eduard mit mir ins Kloſter geht, und daß er in zwei bis drei Tagen nicht zu⸗ ruͤckkehrt.“ Ihr wollt ihm gewiß helfen, ſeinen Bruder aufzufinden.? Moͤgen Euch alle Heiligen dafuͤr belohnen.. Der Unterprior erwiederte den Wunſch, den er in dieſem Augenblicke eben nicht ſehr verdient hatte, und er und Eduard machten ſich auf den Weg. Es waͤhrte nicht lange, ſo folgte ihnen guch Chriſtie von Clinthill in ſolcher Eil, daß man's ihm wohl anſahe, wie ſehr er das geiſtli⸗ che Geleit durch das Thal wuͤnſchte. Er hatte freilich auch noch andere Gruͤnde zur Eil, denn er mußte dem Unterprior noch eine Botſchaft ſeines Herrn, Julians von Avenel, ausrichten, welche mit der Befreiung des gefangenen War⸗ den im Zuſammenhange ſtand. Er bat daher den Unterprior, mit ihm einige Schritt vor Eduard vorauf reiten zu duͤrfen, dann begann er ſeine Rede, ſie oft auf eine Art unterbrechend, welche dentlich verrieth, daß ſeine Furcht vor uͤbernatuͤrlichen Weſen durch ſein Vertrauen zu der Heiligkeit ſeines Begleiters keinesweges ganz beruhigt ſei. Mein Herr! ſagte der Reuter: glaubt, daß er Euch durch Zuſendung des ketzeriſchen Predigers kein unangenehmes Geſchenk gemacht hat; allein es ſcheint, daß, da —,— —,— 177 Ihr ſo wenig Sorge um ihn tragt, das Geſchenk Euch eben nicht bedeutend duͤnkt. „Keinesweges!“ ſagte der Unterprior:„das Kloſter bleibt Deinem Herrn hoͤchlich dafuͤr ver⸗ pflichtet, und wird ihm dieſes gewiß auf gute Art zu erkennen geben. Allein ich und dieſer Mann ſind alte Freunde, und ich denke, ihn noch von den Pfaden des Verderbens zuruͤckzubringen.“ Ja, ſagte der Reuter: als ich ſahe, wie Ihr Euch die Haͤnde ſchuͤtteltet, da dacht' ich gleich, Ihr wuͤrdet Alles in Ehre und Liebe aus⸗ fechten, und es wuͤrde zwiſchen Euch wohl nicht zum Aeußerſten kommen... indeß, dies iſt mei⸗ nem Herrn Alles eins... Heilige Jungfrau! ſeht doch, Herr Moͤnch, was iſt denn das dort? „Ein Weidenzweig, der uͤber den Weg haͤngt!“ Sah das Ding doch aus, wie eine Hand, die ein Schwert haͤlt! ſagte Chriſtie: aber, auf meinen Herrn zu kommen, der hat ſich wie ein kluger Mann, in dieſen unſichern Zeiten, huͤbſch in der Ferne gehalten, bis er genau ſe⸗ hen konnte, wo er Fuß faſſen ſollte. Es ſind ihm lockende Antraͤge gemacht worden, von den Lords der Congregation, die Ihr Ketzer nennt, und, um es Euch oſſen zu ſagen, er war einige 178 Zeit nicht ganz abgeneigt dagegen, denn er wußte, daß Lord James an der Spitze eines huͤbſchen Trupps von Reiterei dieſe Straße ziehen wuͤrde. Dieſer rechnete auch auf ihn, und ſandte ihm den Warden zu, oder wie er ſonſt heißen mag, damit ihn mein Herr, als ein gepruͤfter Freund, in Schutz naͤhme; zugleich ließ er melden, daß er mit einem anſehnlichen Haufen von Reutern hierher im Anzuge ſei. „Gott bewahre uns!“ ſagte der Unterprior. Amen! verſetzte Chriſtie: ſaht Ihr was, Ehrwuͤrdiger Herr⸗ „Gar nichts!“ ſagte der Moͤnch:„Deine Er⸗ zaͤhlung hat mir dieſen Ausruf entriſſen.“ Nicht ohne Urſache! denn wenn der Lord James hierher kommen ſollte, ſo wuͤrde Euer Heiligthum das gewiß empfinden. Aber ſeid ohne Sorgen, die Expedition iſt zu Ende, ehe ſie an⸗ gefangen hat. Der Baron von Avenel hat ſichere Kunde, daß Lord James ſich mit ſeinen Leuten weſtlich hat wenden muͤſſen, um dem Lord Sem⸗ ple gegen Caſſilis und die Kennedy's beizuſte⸗ hen. Das kann ihm aber theuer zu ſtehen kom⸗ men, bei meiner Treue! „Der veraͤnderte Plan von Lord James iſt —— 3 1279 glſo die Urſache geweſen, daß Heinrich Warden auf Avenels Schloß ſo kalt iſt empfangen worden?“ Mein Herr wuͤrde in dieſen ungewiſſen Zeiten, ſagte Chrlſtie: gewiß nicht gewagt ha⸗ ben, einem Manne Etwas zu Leide zu thun, der ihm von einem ſo furchtbaren Partheihaupte, als Lord James, zugeſandt worden war. Allein, um die Wahrheit zu geſtehen, der boͤſe Feind mußte den alten Mann anreitzen, ſich darein zu miſchen, daß mein Herr nach chriſtlicher Freiheit die Katharine von Newport gehandfeſtet hat. Da war's aus mit dem Frieden zwiſchen ihnen, und Ihr koͤnnt nun meinen Herrn und Alles, was er an Streitkraͤften aufbringen mag, zu Euerm Willen haben, denn Lord James hat noch nie eine ihm erwiefene Beleidigung vergeben, und kaͤme er ſo unerwartet her, ſo muͤßte er Julians Kopf haben... Nun habe ich Euch mehr von meines Herrn Angelegenheiten erzaͤhlt, als er vielleicht wuͤnſcht, aber Ihr habt mir auch einſt freimuͤthig beigeſtanden, und ich kaun das wohl einmal wieder beduͤrfen. „Deine Offenheit,“ ſagte der Unterprior:„ſoll Dir gewiß Vortheil bringen, denn es muß der Kirche in dieſer Zeit viel daran liegen, die 2 180 Plaͤne und Motive derer um ſie her zu erfah⸗ ren. Aber was erwartet Dein Herr von un, als Lohn fuͤr ſeine Dienſte? Denn ich halte ihn nicht fuͤr einen Mann, der Etwas fuͤr Nüühts thut.“ Das kann ich Euch wohl ſagen. Lord Ja⸗ mes verſprach ihm, im Fall er auf ſeiner Seite ſein wollte, ein huͤbſches Stuͤck Land, was in⸗ nerhalb der Grenzen ſeiner Baronie liegt, nehm⸗ lich Cranberrymoor. Und nicht wenißer wird er guch von Euch wuͤnſchen. „Aber der alte Gilbert von Eranberrymvor lebt ja noch,“ ſagte der Unterprior:„was ſollen wir mit dem machen? Der ketzeriſche Lord Ja⸗ mes kann ſich wohl herausnehmen, uͤber die Guͤter und Laͤndereien des Heiligthums nach Belieben zu verfuͤgen, weil er, wenn es anders Gott und die Barone zulaſſen, welche noch ih⸗ rem Glauben treu geblieben ſind, uns derſelben 4 mit Gewalt zu berauben kein Bedenken ſinden wird; allein ſo lange ſie das Eigenthum des Klo⸗ ſters ſind, koͤnnen wir doch den alten und treuen Vaſallen ihre Lehne nicht entziehen, um die Habſucht derer zu befriedigen, welche Gott bloß aus Liehe zum Gewinne dienen.“ 18 Das iſt alles gut, Herr Prieſter, ſagte Chriſtie: aber wenn Ihr bedenkt, daß Gilbert nicht mehr als ein Paar ausgehungerte feige Bauern zu ſeinem Gefolge hat, und nur ein al⸗ tes Roß, das beſſer zum Pfluge paßt als zum Reuterdienſte, daß der Baron Avenel aber nie anders als mit zehn Bewaffneten, oft auch mit funfzig kommt, welche Alle mit Roſſen verſehen ſind, ſo ſtattlich, als gaͤlte es den Kampf um ein Koͤnigreich— ich ſage, wenn Ihr das Alles be⸗ denkt, dann koͤnnt Ihr auch leicht ermeſſen, weſ⸗ ſen Dienſt Eurem Kloſter am vortheilhafteſten ſein wird.— 4 „Freund“, ſagte der Moͤnch:„gern wuͤrde ich Deines Herrn Beiſtand auf ſeine Bedingungen erkaufen, da uns die Zeitumſtaͤnde keine beſſere Vertheidigungsmittel gegen die kirchenraͤuberiſchen Anfaͤlle der Ketzerei geſtatten, allein einen armen Mann aus ſeinem Beſitzthume ſetzen...“ Nun, ſagte der Bewafnete: er wird da⸗ rum nicht ſichrer dabei ſein, wenn mein Herr gllauben ſollte, daß Gilberts Intereſſe zwiſchen ihm und dem, was er wuͤnſcht, liegen moͤchte. Das Kloſter hat Land genug, und Gilbert kann jg leicht anderswo untergebracht werden. „Wir wollen uns das uͤberlegen,“ ſagte der Moͤnch:„und einſtweilen Deines Herrn thaͤtigen Beiſtand mit allem Gefolge, welches er zur Ver⸗ theidigung des Kloſters aufbringen kann„ gegen jede Macht von der es bedroht werden moͤchte erwarten.“ Eines Mannes Hand, und eiſernen Hand⸗ ſchuh darauf! ſagte der Bewaffnete: Sie nen⸗ nen uns Freibeuter, Diebe, und was ſonſt noch, aber auf welche Seite wir treten, bei der halten wir feſt. Es ſoll mich ſehr freuen, wenn der Baron endlich zu einem Entſchluſſe kommt, mit wem er es halten will, denn unſer Schloß iſt eine Art von Hoͤlle— Unſere Frau mag mir das Wort an dieſer Stelle hier verzei⸗ hen— ſo lange er in ſeiner jetzigen Laune iſt, und auf nichts weiter denkt, als wie er am be⸗ ſten fuͤr ſich ſorgen will.— Nun endlich, dem Himmel ſei Dank! ſind wir ja in dem offenen Thale, und ich ſchwoͤre rund weg, wenn mich etwas dazu auffodert. „Freund,“ ſagte der Unterprior:„wenn DuDich bloß aus Furcht vor boͤſen Geiſtern des Schwoͤ⸗ rens und Fluchens enthaͤltſt, ſo haſt Du wenig Verdienſt dabei.“ 5 — 183 Ei, ich bin auch noch kein rechter Kirchenvaſall, ſagte der Bewaffnete: und wenn Ihr einem jungen Pferde den Zuͤgel zu ſtreng anzieht, baͤumt ſich's leicht, und ſchlaͤgt uͤber. Alte Gewohn⸗ heiten laſſen ſich nicht ſogleich ablegen. Die Nacht war ſchoͤn, ſie ſetzten alſo uͤber den Fluß, gerade an dem Orte, wo der Sakriſtan mit dem Geiſte zuſammengetroffen war. So⸗ bald ſie an der Kloſterpforte ankamen, rief ihnen der Pfoͤrtner, der ſchon aͤngſtlich auf ſie gewar⸗ tet hatte, zu:„Ehrwuͤrdiger Vater, der Herr Abt wuͤnſcht ſehnlichſt Euch ſogleich zu ſprechen.“ Laß dieſe Fremden in die große Halle fuͤh⸗ ren, ſagte der Unterprior: und den Kellermeiſter ſie aufs beſte bewirthen; erinnere ſie aber dabei an den Anſtand und die Beſcheidenheit, welche Gaͤſten in dieſem Hauſe geziemt. „Der Abt wuͤnſcht Euch den Augenblick zu ſprechen, mein ehrwuͤrdiger Bruder,“ ſagte Pa⸗ ter Philipp, welcher eiligſt daher kam:„ich habe ihn in keiner groͤßern Verlegenheit und Muth⸗ loſigkeit geſehen, ſeit der Schlacht von Pinkie⸗ eleugh.“ Ich komme, mein guter Bruder, ich komme ſogleich, ſagte Vater Euſtach: laß indeß den 4 4 jungen Eduard Glendinning nach dem Zimmer der Novizen bringen, und uͤbergieb ihn ihrem Inſtructor. Gott hat ſein Herz geruͤhrt, und er iſt entſchloſſen, den Eitelkeiten der Welt zu entſagen und ein Mitglied unſers heil. Ordens zu werden, und wenn ſich ſein guter Wille mit Gelehrigkeit und Demuth verbindet/ ſo mas ihm wohl einſt zur Zierde dienen. „Mein ſehr ehrwuͤrdiger Bruder!“ rief der alte Vater Nikolas, der mit der dritten Auf⸗ foderung des Abtes herbeigehumpelt kam:„ich bitte Dich, eile! mache, daß Du zum Herrn Abt kommſt! Die heilige Jungfrau ſchuͤtze uns! Nie habe ich noch den Abt des Kloſters zur heiligen Maria, in ſolcher Beſtuͤrzung geſehen.“ Ich komme, ich komme, ehrwuͤrdiger Bru⸗ der, entgegnete der Vater Euſtach: und nach⸗ dem er das noch mehrmals mit Nachdruck wie⸗ derholt hatte, machte er ſich im Ernſte auf den Weg zum Abte. 185 Achtes Kavitel. Der Abt empfing ſeinen Rathgeber mit einem aͤngſtlich⸗ freudigen Willkommen, welches dem Unterprior die ungemeine Bewegung ſeines Ge⸗ muͤths, ſo wie den gaͤnzlichen Mangel an gutem Rathe verrieth. Auf dem kleinen Tiſche, neben dem großen Lehnſtuhle, ſtand diesmal weder eine gefuͤllte Trinkſchale, noch Backwerk, es lag bloß ſein Roſenkranz da, gleich als haͤtte er bei die⸗ ſem Rath und Troſt in ſeinem Kummer geſucht. Neben dem Roſenkranze lag auch die Muͤtze des Abts, von alterthuͤmlicher Form, reich beſetzt mit Edelſteinen, und an dem Tiſche war der reich und zierlich geſchmuͤckte und gearbeitete Bi⸗ ſchofsſtab angelehnt. Der Sacriſtan und der alte Vater Nicolas, waren dem Unterprior in das Gemach des Abtes nachgefolgt, vielleicht in der Hoffnung, Etwas von der intereſſanten Materie, welche verhandelt werden wuͤrde, zu erfahren. Dieſe Hoffnung wurde auch nicht getaͤuſcht, denn nachdem ſie den Unterprior hineingebracht hatten und im Begriff waren ſich wieder zu entfernen, gab ih⸗ nen der Abt ein Zeichen, daß ſie bleiben ſollten. „Meine Bruͤder!“ ſagte er:„es iſt Euch wohl bekannt, mit welchem Eifer wir ſtets die wichtigen Geſchaͤfte dieſes Hauſes, die unſerer unwuͤrdigen Hand uͤbergeben wurden, beſorgt ha⸗ ben. Eurer Brot iſt Euch ſtets gereicht wor⸗ den, auch an Waſſer hat es Euch nicht gefehlt. Ich habe die Einkuͤnfte des Kloſters nicht in eit⸗ len Vergnuͤgungen, in Jagden, oder reicher Kleidung, oder dadurch vergeudet, daß ich Saͤn⸗ ger und Schauſpieler gehalten, außer denen, welche der alten Sitte gemaͤß zu Oſtern und Weihnachten angenommen wurden. Eben ſo wenig habe ich meine Anverwandten oder fremde Weibsperſo⸗ nen auf Koſten des Patrimoniums bereichert.“ Einen ſolchen Abt, ſagte Vater Nieolas: hat es nicht gegeben, ſeit den Tagen des Abts In⸗ gilram, der.. Bei dieſem ominoͤſen Worte, welches immer der Vorlaͤufer einer ſehr langen Geſchichte war, fiel der Abt ein: „Gott ſei ſeiner Seele gnaͤdig! von ihm iſt 187 jetzt nicht die Rede. Was ich von Euch zu er⸗ fahren wuͤnſche, meine Bruͤder⸗ iſt: ob ich, nach Eurer Anſicht, die Obliegenheiten meines Am⸗ tes getreulich ausgerichtet habe?“ Nie hat daruͤber eine Klage gefuͤhrt werden koͤnnen, erwiederte der Unterprior. Der Sacriſtan verbreitete ſich weitlaͤnftiger aͤber die mancherlei Beweiſe der Nachſicht und Milde, welche der Abt Bonifaz, waͤhrend ſeiner Regierung der Bruͤderſchaft der heiligen Jung⸗ frau gegeben habe, gedachte der indulgentiae, der gratias, der biberes, der woͤchentlichen Spendun⸗ gen gekochter Speiſen, der beſſern Einrichtung des Refektoriums und der Kellerei, der Erhoͤ⸗ hung der Einkuͤnfte des Kloſters, der Vermin⸗ derung der Entbehrungen der Bruͤder u. ſ. w⸗ „Ihr koͤnntet noch hinzufuͤgen, mein Bru⸗ der,“ ſagte der Abt, indem er mit melancholi⸗ ſcher Freude der Aufzaͤhlung ſeiner Verdienſte zuhoͤrte:„daß ich die ganz eigene Schirmwand habe bauen laſſen, wodurch das Kloſter gegen die Nordoſtwinde geſchuͤtzt wird. Allein das Al⸗ les hilft uns jetzt nichts! Wir leſen ja in dem Buche der Maccabaͤer: capta est civitas per vo- luntatem Dei. Es hat mich nicht wenig Nach⸗ 188 denken und nicht gemeine Muͤhe gekoſtet, alle dieſe wichtigen Angelegenheiten immer ſo in Ordnung zu halten, wie Ihr geſehn habt. Scheu⸗ nen und Brotſchraͤnke mußten immer voll er⸗ halten werden, das Krankenhaus, Schlafhaus, Gaſtzimmer und Refektorium bedurften ſteter Auf⸗ ſicht, Prozeſſionen mußten gehalten, Beichte mußte gehoͤrt, Fremde mußten bewirthet, veniae bewil⸗ ligt oder verweigert werden; ich kann Euch ver⸗ ſichern, der Abt lag oft noch, indeß ein jeder von Euch in ſeiner Zelle ſchlief, eine volle Stunde wachend auf ſeinem Kiſſen, um mit Ernſt zu uͤberlegen, wie alle dieſe Angelegenheiten paſſend und geſchickt beſorgt werden moͤchten.“ Duͤrfen wir fragen, hochwuͤrdiger Herr, ſagte der Unterprior; welche neue Sorge jetzt eben auf Euch gewaͤlzt worden iſt, da Eure Reden dahin zu deuten ſcheinen? „Ach!“ ſagte der Abt:„jetzt iſt nicht die Rede von biberes, noch caritas oder gekochten Allmoſen, ſondern es kommt ein Haufen Eng⸗ laͤnder gegen uns daher von Herham, unter den Befehlen des Sir John Foſter; auch kommt es nicht darauf an, uns vor den Nordoſtwinden iu ſchuͤtzen, ſondern, wie wir dem Lord James — 189 Stuart entgehen wollen, der daher zieht, uͤber⸗ all Verwuͤſtung mit ſeinen ketzeriſchen Soldaten zu verbreiten.“ Ich dachte, ſagte ſchnell der Unterprior: der Plan waͤre durch die Fehde zwiſchen Semple und den Kennedys vernichtet worden⸗ „Sie haben wie gewoͤhnlich,“ verſetzte der Abt:„die Sache auf Koſten der Kirche ausgegli⸗ chen; der Earl von Caſſilis erhaͤlt die Striche Landes, welche das Kloſter von Corſeregal be⸗ kommen ſollte, und ſo hat er gemeinſame Sache gemacht mit dem Stuart, der jetzt Murray heißt— principes convenerunt unum adversus dominum. Hier ſind die Briefe.“ Der Unterprior nahm die Briefe, welche durch einen Erpreſſen von dem Primas von Schottland gekommen waren, der ſich noch immer beſtrebte, das wankende Gebaͤunde des Syſtems aufrecht zu erhalten, das ihn endlich begrub, und zum Licht tretend, las er ſie mit tiefer und geſammleter Auf⸗ merkſamkeit. Der Sacriſtan und Vater Nikolas ſahen einander an, wie die Huͤhner auf einem Hofe, wenn ein Geier uͤber ihnen dahinſchwebt; der Abt ſchien unter der Laſt einer kummervol⸗ len Beſorgniß gebeugt, allein ſein Auge heftete 190 ſich immer aͤngſtlich auf den Unterprior, gleich als wollte er ſchon aus dem Ausdrucke ſeines Benehmens einigen Troſt ſchoͤpfen. Als er aber endlich bemerkte, daß dieſer nach dem zweiten aufmerkſamen Durchleſen der Briefe noch immer ſtill und in Gedanken wie verſunken blieb, fragte er ihn mit beſorglichem Tone:„Was iſt nun zu thun?“* unſere Pflicht! erwiederte der Unterprior: das Uebrige ſteht in Gottes Hand. „Unſere Pflicht, unſere Pflicht!“ ſagte der Abt ungeduldig:„die muͤſſen wir freilich thun, aber was iſt unſere Pflicht? oder was ſoll uns das helfen? Werden Glocken und Meßbuch und Lichter die engliſchen Ketzer zuruͤcktreiben? oder wird ſich Murray an Sang und Pſalmen kehren? oder kann ich fechten fuͤr das Heiligthum, wie Judas Maccabaͤus, gegen dieſe ungerechten Ni⸗ canors? oder den Sacriſtan ſenden gegen dieſen neuen Holofernes, ſeinen Kopf mir auf einer Schuͤſſel zu bringen?“ Freilich, Mylord Abt, ſagte der Unterprior: koͤnnen wir nicht fechten mit weltlichen Waffen; ſchon unſere Kleidung und unſeres Geluͤbdes wegen, allein wir koͤnnen ſterben fuͤr unſer Klo⸗ 191 ſter und unſern Orden. Ueberdies koͤnnen wir auch diejenigen bewaffnen, welche fechten koͤnnen und wollen; die Englaͤnder ſind nicht eben zahl⸗ reich, und ſcheinen ſich auf Murray's Beiſtand zu verlaſſen, deſſen Zug aber unterbrochen wor⸗ den iſt. Wagt es aber Foſter mit ſeinen Ban⸗ diten aus Cumberland und Gerhamſhire nach Schottland zu ziehen, um unſer Kloſter zu pluͤn⸗ dern, ſo bieten wir unſere Lehnsleute auf, und ich bin gewiß, wir werden ſtark genug ſein, es mit ihm aufzunehmen. „Im Namen unſerer gebenedeiten Frau,“ ſagte der Abt:„denkſt Du denn, daß ich ein Peter der Einſiedler bin, um mich als Fuͤhrer an die Spitze des Haufens zu ſtellen?“ So laßt einen kriegserfahrenen Mann un⸗ ſere Leute anfuͤhren, verſetzte der Unterprior: da iſt der Julian von Avenel, ein verſuchter Soldat!— „Aber ein Wuͤſtling, ein Raͤuber, kurz ein Satanskind,“ ſagte der Abt. Nun, ſagte der Moͤnch: wir muͤſſen ſeine Dienſte in dem benutzen, wozu er erzogen wor⸗ den iſt. Wir koͤnnen ihn reichlich belohnen, auch weiß ich ſchon den Preis, um den er unſer iſt: — de die Englaͤnder wollen den Piereie Shafton hier aufheben, weil ſie wiſſen, daß er ſich zu uns ge⸗ fuͤchtet hat, wenigſtens nehmen ſie das zum Vorwande ihres unerhoͤrten Einfalls. „Ja, ja,“ ſagte der Abt:„ich dachte gleich, daß das Maͤnnchen in Seide und Federputz, uns nichts Gutes bringen wuͤrde.“ Und doch muͤſſen wir, wo moͤglich, ſeinen Beiſtand zu erhalten ſuchen, ſagte der Unter⸗ prior: er kann den großen Piercie, auf deſſen Freundſchaft er ſo ſtolz iſt, fuͤr uns gewinnen, und dieſer gute und treue Lord mag Foſter's Plan wohl vereiteln. Ich werde dieſen Waffen⸗ reuter eiligſt hinter ihn drein ſchicken. Haupt⸗ ſaͤchlich baue ich indeſſen auf den kriegeriſchen Geiſt des Landes, das nicht ruhig zuſehen wird, wenn der Friede an der Grenze gebrochen wird. Glaubt mir, Mylord, das bringt Manche auf unſere Seite, deren Herzen ſich ſchon auf die der fremden Lehren hinuͤberneigen. Die groͤßten Haͤupter und Barone werden ſich ſchaͤmen, die Lehnsleute friedlicher Moͤnche ohne Unterſtuͤtzung gegen die alten Feinde Englands fechten zu laſſen. „Foſter wird auf Murray warten, ſagte 8 der —— 19 der Abt:—„deſſen Plan nur auf kurze Zeit ver⸗ ſchoben worden iſt.“ Das wird er wohl nicht, ſagte der Unter⸗ prior: wir kennen dieſen John Foſter beſſer— es iſt ein furchtbarer Ketzer, es geluͤſtet ihn nach der Zerſtoͤrung der Kirche; ein geborner Grenzraͤuber, durſtet er laͤngſt nach ihren Schaͤ⸗ tzen, und nur zu gern wird er in Schottland einfallen. Es giebt viele Urſachen, die ihn dazu bewegen muͤſſen. Wenn er ſich mit Murray ver⸗ einigt, ſo kann er aufs Hoͤchſte nur als Huͤlfs⸗ mann Theil an der Beute nehmen; kommt er ihm aber zuvor, ſo wird er glauben, die ganze Erndte fuͤr ſich allein behalten zu koͤnnen. Ju⸗ lian Avenel hat uͤberdies, wie ich gehoͤrt habe, einen Groll gegen Sir John Foſter; treffen ſie zuſammen, ſo werden ſie mit doppelter Erbitte⸗ rung fechten. Sakriſtan, laßt den Amtmann kommen! Wo iſt das Verzeichniß der ſtreitbaren Maͤnner, welche dem Kloſter Dienſt und Folge zu leiſten ſchuldig ſind?— Schickt an den Baron von Meigallot, der kann ſechszig Pferde und mehr ſtellen; laßt ihm ſagen, das Kloſter werde ſich wegen der Bruͤckenabgabe mit ihm vertra⸗ gen, wenn er ſich jetzt als Freund thaͤtig be⸗ D. Kloſter. III. J 194 weiſe.— Und nun, Mylord, laßt uns unſere moͤglichen Streitkraͤfte, ſo wie die des Feindes, berechnen, damit Menſchenblut nicht umſonſt vergoſſen werde. Laßt uns daher berechnen.. „Der Kopf iſt mir ganz ſchwindlich,”“ ſagte der Abt:„ich bin, denk' ich doch, nicht feiger als Andere, in ſo fern es meine eigene Perſon be⸗ trifft; aber wenn Ihr mit mir von Marſchiren und Soldatenwerben und Berechnen von Streit⸗ kraͤften ſprecht, ſo iſt es, als ob Ihr mit dem zuͤngſten Novizen redet. Indeß⸗ mein Entſchluß iſt gefaßt. Bruͤder!“ ſagte er, aufſtehend und mit jener Wuͤrde hervortretend, die ſeine ſtatt⸗ liche Perſon ſo wohl kleidete:„vernehmt zum letzten Male die Stimme Eures Abtes Boni⸗ fazius. Ich habe fuͤr Euch gethan, ſo viel ich nur konnte; in ruhigern Zeiten, wuͤrde ich viel⸗ leicht noch mehr gethan haben, denn der Ruhe wegen ſuchte ich eben das Kloſter, das nun fuͤr mich ein Ort der Qual geworden iſt, gleich als ſaͤße ich an einer Zolleinnahme, oder als ritte ich als Fuͤhrer an der Spitze eines bewaffneten Hau⸗ fens. Allein es wird immer ſchlimmer und ſchlim⸗ mer, und ich, ich werde alt, kann alſo nicht mehr arbeiten und mich muͤhen wie ſonſt. Daher ziemt — 195 ₰ es mir denn auch nicht, eine Stelle laͤnger zu behalten, deren Pflichten, ſey es nun aus Man⸗ gel an Faͤhigkeiten, oder durch Ungluͤck, ich nicht hinlaͤnglich erfuͤllen kann. Ich habe mich daher entſchloſſen, mein hohes Amt niederzulegen, ſo daß es nach der Ordnung gegenwaͤrtig auf den Vater Euſtach, unſern geliebten Unterprior, uͤbergeht, und ich freue mich jetzt, daß er noch nicht anderwaͤrts ſeinen Verdienſten gemaͤß verſorgt worden iſt, denn ich hoffe, er wird die Muͤtze und den Stab nach mir erhalten, den ich jetzt niederzulegen feſt entſchloſſen bin.“ Im Namen unſerer Frau, uͤbereilt Euch nicht, Mylord, ſagte Vater Nikolas. Ich er⸗ innere mich noch, daß, als der wuͤrdige Abt In⸗ gilram, in ſeinem neunzigſten Jahre ſtand— denn er konnte ſich recht gut der Abſetzung Benediets des Dreizehnten erinnern— er gerade bettlaͤgrig und ſehr unwohl war, als die Bruͤder um ihn her ſtanden, und ihm ins Ohr raunten, es waͤre beſſer, wenn er ſein Amt ſelbſt niederlegte. Was, ſagte da der ſcherzhafte Mann: Nein! ſo lange ich noch einen Finger kruͤmmen kann, werde ich ihn auch um den Krummſtab kruͤmmen!— J 2 b b ————— 196— Der Sakriſtan machte die ernſteſten Vor⸗ ſtellungen gegen den Entſchluß ſeines Obern, und ſchrieb es ſeiner uͤhergroßen natuͤrlichen Beſcheidenheit zu⸗ daß er ſich fuͤr ſo unfaͤhig halte. Der Abt hoͤrte mit ſchweigender Nieder⸗ geſchlagenheit zu, und ſelbſt die Schmeichelei fand keinen Zugang mehr zu ſeinen Ohren⸗ Bater Euſtach nahm einen edlern Ton gegen den muthloſen Obern an, und ſagte: Mylord! wenn ich mich nicht geaͤußert habe, uͤber die Vorzuͤge, womit Ihr dieſes Haus bisher regiert habt, ſo bin ich deshalb nicht unempfindlich da⸗ gegen. Ich weiß, daß Niemand je zu Eurem hohen Amte einen reinern Willen gebracht hat, Jedermann Gutes zu thun, als Ihr, und wenn Cuer Leben auch nicht durch jene kuͤhnen Unter⸗ nehmungen ſich ausgezeichnet hat, wie das man⸗ cher Eurer geiſtlichen Vorgaͤnger, ſo ſind dafuͤr auch ihre Fehler Eurem Charakter fremd ge⸗ weſen. „Ich glaubte nicht,“ ſagte der Abt, indem er ſeine Blicke mit einiger Verwunderung auf Vater Euſtach verweilen ließ:„daß Ihr gerade mir dieſe Gerechtigkeit wuͤrdet wiederfahren laſſen.“ — — — 197 In Eurer Abweſenheit, ſagte der Unter⸗ prior: habe ich dies noch vollſtaͤndiger gethan. Vernichtet die gute Meinung, welche Alle von Euch hegen, doch nicht dadurch, daß Ihr Eurer Stelle entſagt, gerade da Enre ſorgſame Thaͤtig⸗ keit am noͤthigſten iſt. „Aber, mein Bruder,“ entgegnete der Abt: „ich laſſe ja einen weit Faͤhigeren an meiner Stelle.“ Enre Abdankung, fagte Vater Enſtach: iſt gar nicht nothwendig dazu, daß Ihr das benutzen moͤ⸗ get, was mir vielleicht von Erfahrung oder Ta⸗ lent beiwohnen mag. Ich habe lange genug in dieſem Stande gelebt, um zu wiſſen, daß alle individuelle Eigenſchaften, welche irgend Jemand von uns beſitzen mag, nicht ſein eigen ſind, ſon⸗ dern das Eigenthum der Gemeinde, und nur in ſofern nuͤtzlich und achtungswerth, als ſie den gemeinſamen Vortheil befoͤrdern. Wenn Ihr Euch, Mylord, nicht in Perſon mit dieſen unan⸗ genehmen Dingen befaſſen wollt, ſo bitte ich Euch, nach Edinburgh zu gehen, und dort uns ſo viel Freunde zu machen, als Ihr koͤnnt; ich will in Eurer Abweſenheit als Unterprior fuͤr die Vertheidigung des Heiligthums meine Pflicht er⸗ füllen. Gelingt es mir, dann mag Preis und Ehre dafuͤr Euch zu Theil werden; gelingt es nicht, dann laßt die Schande auf mir haften. Der Abt ſchwieg eine Weile, dann verſetzte er:„Nein, Vater Euſtach, Ihr ſollt mich nicht durch Edelmuth beſiegen. In Zeiten, wie die⸗ ſe, muß dies Haus einen ſitaͤrkern Steuermann haben, und wer das Schiff leitet, muß auch das Haupt der Mannſchaft ſein. Schande waͤre es, ſich den Preis fuͤr anderer Menſchen Arbeit zu⸗ zueignen, und nach meiner geringen Einſicht iſt alles Lob, was dem, der ein ſo gefahrvolles und verwickeltes Geſchaͤft unternimmt, zu Theil wer⸗ den moͤchte, noch kein hinreichender Lohn fuͤr ſein Verdienſt. Wehe dem, der ihm auch nur ein Jota davon entziehen wollte! Uebernimm alſo noch dieſen Abend Dein Anſehen, und mache alle Dir noͤthig ſcheinende Vorbereitungen. Laß das Kapitel auf Morgen, nachdem wir die Meſſe gehoͤrt haben, zuſammenrufen, und Alles geſchehe dann, wie ich es Dir geſagt habe. Benedicite, meine Bruͤder, Friede ſei mit Euch! Moͤge der neue Expectant zur Abtswuͤrde ſo geſund und ruhig ſchlafen, wie der, der ſeiner Wuͤrde zu entſagen im Begriff ſteht.“ — 199 Bis zu Thraͤnen geruͤhrt, entfernten ſie ſich⸗ Der gute Abt hatte jetzt einen Zug ſeines Cha⸗ rakters enthuͤllt, der ihnen bisher ganz fremd geweſen war. Selbſt Vater Euſtach hatte ſei⸗ nen Obern bisher bloß fuͤr einen gutmuͤthigen⸗ indolenten, und ſich ſelbſt viel nachſehenden Mann gehalten, deſſen vornehmſtes Verdienſt die Abweſenheit grober Fehler ſei, ſo daß das dem Pflichtgefuͤhle gebrachte Opfer der Macht— wenn es auch ein wenig durch niedere Bewe⸗ gungsgruͤnde, und durch Furcht vor moͤglichen Schwierigkeiten mit veranlaßt wurde— ihn in der Achtung des Unterpriors betraͤchtlich hob. Er fuͤhlte ſogar eine Abneigung dagegen, durch die Entſagung des Abts, ſich einen Vortheil zuzu⸗ eignen, und gewiſſermaßen durch ſeinen Ruin zu ſteigen; allein dieſes Gefuͤhl konnte ſich nicht lange gegen das behaupten, weſches aus der Be⸗ trachtung des Vortheils der Kirche entſtehen mußte⸗ Es ließ ſich nicht laͤugnen, daß Bonifaz fuͤr ſeine Lage, in der gegenwaͤrtigen Kriſis, ganz und gar nicht gemacht war, und daß der Unterprior wohl einſahe, er koͤnne, wenn er bloß als ein Be⸗ vollmaͤchtigter handle, lange nicht ſo entſchei⸗ dende Maßregeln ergreifen, als die Zeit verlange⸗ 200 das Wohl des Kloſters erfodere alſo ſeine Er⸗ hebung. Wenn ſich nun auch damit ein gewiſ⸗ ſes angenehmes Gefuͤhl uͤber die Erlangung ei⸗ ner hohen Wuͤrde, ſo wie die natuͤrliche Freude eines hochſtrebenden Geiſtes verband, der beru⸗ fen wird, drohende Gefahren zu bekaͤmpfen, die ſich mit einer ſo ausgezeichneten Stelle verlnuͤ⸗ pfen, ſo wurden doch dieſe Gefuͤhle, von andern weniger eigennuͤtzigen dergeſtalt gemildert und veraͤndert, daß der Unterprior ſelbſt ſich ihrer nicht bewußt war, und wir, die wir Achtung ge⸗ gen ihn hegen, fuͤhlen uns nicht berufen, ſie zu enthuͤllen. Der neuerwaͤhlte Abt zeigte ſich von einer noch ehrwuͤrdigern Seite als vorher, indem er ſolche Anſtalten traf, welche die Zeitverhaͤltniſſe drin⸗ gend nothwendig machten; und Diejenigen, wel⸗ che ſich ihir naͤherten, konnten in ſeinem Falken⸗ blicke ein ungewoͤhnliches Feuer, und auf ſei⸗ nen bleichen Wangen eine ungewoͤhnliche Roͤthe bemerken. Mit Kuͤrze und Beſtimmtheit ſchrieb und diktirte er verſchiedene Briefe an mehrere Barone, und meldete ihnen, daß das Heilig⸗ thum, durch einen Einfall der Englaͤnder bedroht werde, indem er ſie zugleich auffoderte, ihm ih⸗ ren Beiſtand, als zu einer gemeinſchaftlichen Sache, nicht zu verſagen. Denen, die er fuͤr das Motiv der Ehre nicht empfaͤnglich glaubte, zeigte er die Lockung von Vortheilen in der Ferne, Alleu aber legte er das Gefuͤhl des Patriotismus ans Herz. Es war freilich eine Zeit geweſen, wo es ſolcher Ermahnung nicht bedurft haͤtte, und wo der Haß gegen England allein wirkſam genug war. Allein jetzt war die Unterſtuͤtzung der Eli⸗ fabeth der reformirten Parthei in Schottland ſo hedeutend, und dieſe Parthei ſelbſt uͤberall ſo maͤchtig, daß man wohl vermuthen konnte, ein großer Theil wuͤrde im gegenwaͤrtigen Falle neu⸗ tral bleiben wollen, wenn ſie ſich nicht gar am Ende bereitwillig finden ließen, ſich mit den Englaͤndern gegen die Katholiken zu vereinigen. Als Vater Euſtach die Zahl der unmittelba⸗ ren Kirchenvaſallen bedachte, welche er geſetzlich aufbieten konnte, ſo ſank ihm das Herz bei dem Gedanken, daß er ſie unter die Fahnen des ſtol⸗ zen und nichtswuͤrdigen Julian von Avenel ſtel⸗ len ſollte⸗ Sollte der junge enthuſtaſtiſche Halbert Glen⸗ dinning aufgefunden werden koͤnnen, dachte Va⸗ ter Euſtach in ſeiner Angſt, ſo wuͤrde ich ihm, 202 ſo jung er auch iſt, und mit groͤßerm Vertrauen auf Gottes Huͤlfe, die Anfuͤhrung in dem Streite uͤbergeben. Der Amtmann aber iſt zu kraftlos, und einen andern namhaften Anfuͤhrer als die⸗ ſen Avenel, kenne ich nicht, dem ich bei dieſer wichtigen Angelegenheit mein Vertrauen ſchen⸗ ken koͤnnte. Er klingelte mit einer Glocke, welche auf dem Tiſche ſtand, und befahl, daß Chriſtie von Clinthill ſogleich vor ihm erſcheinen ſollte.„Du haſt mir ein Leben zu danken,“ ſagte er zu ihm, als er eintrat:„und ich kann Dir einen andern Dienſt erweiſen, wenn Du aufrichtig mit mir ſeyn willſt.. Chriſtie hatte bereits zwei Humpen Wein ge⸗ leert, und das wuͤrde, bei anderer Gelegenheit, ſeine zudringliche Vertraulichkeit nur vermehtet haben, Allein jetzt lag in dem Benehmen des Vater Euſtach eine ſo erhoͤhte Wuͤrde, daß er dadurch ſich eingeſchuͤchtert fuͤhlte⸗ Indeſſen verriethen ſeine Antworten noch den gewoͤhnli⸗ chen Charakter unerſchrockenen Selbſtvertrauens. Er erklaͤrte ſich bereit, auf alle Fragen der Wahr⸗ heit gemaͤß zu antworten. „Hat der ſo genannte Baron von Ayenel N 203 irgend eine freundſchaftliche Verbindung mit Sir John Foſter, dem Huͤter der weſtlichen Marken von England* Eine ſolche Freundſchaft beſteht auch zwi⸗ ſchen der wilden Katze und dem Dachshunde, verſetzte der Reuter. „Wird er ihn bekaͤmpfen, wenn ſie zuſam⸗ mentreffen? So gewiß, als ein Hahn am Faſtnachts⸗ Abende, ſagte Chriſtie. „Und wuͤrde er gegen Foſter fechten, in der Kirchenſtreitigkeit?“ Streitigkeit oder nicht, das iſt einerlei,— entgegnete der Waffenknecht. „Wir wollen daher an ihn ſchreiben, und ihm zu wiſſen thun, daß wenn Sir John Foſter den gefuͤrchteten Einfall unternehmen ſollte, er ſeine Streitkraͤfte mit den unſern vereinigen moͤchte; er ſoll dann unſere Mannſchaft anfuͤh⸗ ren, und dafuͤr nach ſeinen Wuͤnſchen belohnt werden. Jetzt noch ein Wort. Du ſagteſt doch, Du wuͤrdeſt es ausfindig machen koͤnnen, wohin der engliſche Ritter Piercie Shafton ſich auf ſeiner Flucht gewendet habe.” Das kann ich, auch bringe ich ihn zuruͤck 2⁰% im Guten oder Boͤſen, wie es Eure Ehrwuͤrden fuͤr gut finden. „Es darf ihm keine Gewalt angethan wer⸗ den. In welcher Zeit gedenkſt Du ihn aufzu⸗ finden?“ In dreißig Stunden, wenn er nicht ſchon uͤber Lothian hinaus iſt. Iſt's Euch gefaͤllig, ſo mache ich mich ſogleich auf; ich werde Euch he⸗ dienen, wie der beſte Spuͤrhund den Jaͤger be⸗ dient. „Bringe ihn nur hierher, und Du ſollſt eine Belohnung aus unſern Haͤnden empfangen, die ich Dir dann nach Gefallen werde zumeſſen koͤnnen. Dank! Dank! Ich gebe mich ganz in Euer Ehrwuͤrden Haͤnde. Wir Leute von Spieß und Schwert, fuͤhren ein nicht ganz regelmaͤßiges Leben, aber der Menſch mag auch ſein wie und was er will, ſo muß er doch leben, und Euer Ehrwuͤrden weiß ja, bei uns geht das nicht ohne ein wenig Liſt. „Still! Still! beginne Dein Unternehmen; Du ſollſt einen Brief von uns an Sir Piercie bekommen.“ Chriſtie machte zwei Schritte nach der Thuͤr, — — — 2⁰⁵ dann kehrte er um und fragte, wie Jemand, der einen unpaſſenden Scherz machen will, was er denn mit Myſia Happer machen ſollte, die der Ritter aus Suͤden mit ſich genommen habe? Soll ich ſie auch hierher bringen, Ihro Ehr⸗ wuͤrden? „Hierher? einfaltiger Purſche!“ ſagte der Moͤnch:„bedenkſt Du denn nicht, mit wem Du ſprichſt?“ Nun! Nun! nichts fuͤr ungut! derſeßte Chri⸗ ſtie: aber wenn das Euer Wille nicht iſt, ſo bringe ich ſie nach Schloß Avenel, wo ein huͤb⸗ ſches Frauenzimmer ſtets willkommen geweſen iſt. „Bringe das ungluͤckliche Maͤdchen zu ihrem Vater, und mache hier keine Spaͤße,“ ſagte der Unterprior:„ſieh, daß Du ſie ſicher und mit Ehre geleiteſt.“— Sicher gewißlich, verſetzte Chriſtie: und mit ſo viel Ehre als ihr ihr Davonlaufen uͤbrig ge⸗ laſſen hat. So nehme ich denn Abſchied von Cuer Ehrwuͤrden, denn ich muß vor dem erſten Hahnenſchrei zu Pferde ſein. „Wie, in dieſer Dunkelheit? weißt Du denn auch, welchen Weg Du zu nehmen haſt?“ 206 Ich habe auf meinem letzten Ritte die Spu⸗ ren von des Ritters Pferde aufgefunden, bis an den Furth, ſagte Chriſtie: und dann habe ich bemerkt, daß er ſich noͤrdlich gewandt hat. Er iſt nach Edinburgh zu gezogen, das verſichere ich Euch; ſobald es nur Tag wird, mache ich mich gleich wieder auf den Weg. Die Hufſpur iſt nicht zu verkennen, der alte Eckie von Cannobie hat den Beſchlag gemacht, darauf wollt' ich ſchwoͤren!— Mit dieſen Worten entfernte er ſich. „Haſſenswerthe Nothwendigkeit!“ ſagte Ba⸗ ter Euſtach, indem er ihm nachſahe:„welche ſolche Inſtrumente nothwendig macht. Aber an⸗ gegriffen von allen Seiten, und von aller Art Menſchen, welche Wahl bleiht uns denn? Doch nun muß ich zu meinen dringendſten Geſchaften gehen”“— Deer erwaͤhlte Abt ſetzte ſich nun ſogleich, Briefe zu ſchreiben, Anſtalten zu treffen, und die ganze Leitung einer Anſtalt auf ſich zu nehmen, welche ſichtbar ihrem Falle entgegenwankte; er zeigte dabei ganz den ſtolzen und treuen Sinn eines Feſtungscommandanten, der, aufs Aeußerſte gedraͤngt, alle Mittel berechnet, welche ihm noch * uͤbrig ſind, die ungluͤckliche Stunde eines wahr⸗ ſcheinlich gluͤcklichen Sturms der Feinde abzu⸗ wehren. Unterdeſſen war Abt Bonifaz⸗ nachdem er den entſchwundenen Vorzuͤgen der abgelegten Wuͤrde, die er ſo lange unter ſeinen Bruͤdern bekleidet hatte, einige Seufzer nachgeſchickt, feſt eingeſchlafen, alle Sorgen und Muͤhen des ho⸗ hen Amts ſeinem Beiſtande und Nachfolger uͤber⸗ laſſend. 20) 208 Neuntes Kapitel. Wir kehren zu Halbert Glendinning zuruͤck, der, wie ſich unſere Leſer erinnern, die hohe Straße nach Edinburgh eingeſchlagen hatte. Sein Verkehr mit dem Prediger, Heinriche Warden, von dem er im Augenblicke ſeiner Befreiung ei⸗ nen Brief erhielt, war ſo kurz geweſen, daß er nicht einmal den Namen des Edelmannes von ihm erfahren hatte, dem er empfohlen wurde. Von einem Namen war wohl die Rede gewe⸗ ſen, allein er hatte bloß ſo viel verſtanden, daß er einem Fuͤhrer an der Spitze eines Reuterhau⸗ fens begegnen wuͤrde, der nach Suͤden ziehe⸗ Als der Tag zu daͤmmern begann,⸗ befand er ſich noch in derſelben Ungewißheit. Ein beſſerer Schuͤler wuͤrde ſich durch die Aufſchrift des Brie⸗ fes unterrichtet haben, allein Halbert hatte noch nicht ſo viel aus Vater Euſtach's Unterricht ge⸗ lernt, daß er dieſe zu entziffern im Stande war. Sein Mutterwitz lehrte ihn uͤbrigens, daß er in — 2⁰9 dieſen unſichern Zeiten nicht zu haſtig ſein muͤſſe mit Erkundigungen, und als er nach einer lan⸗ gen Tagereiſe bei einem Dorfe von der Nacht uͤberraſcht ward, fing er an, uͤber den Ausgang ſeiner Reiſe ungewiß und aͤngſtlich zu werden. In einem armen Lande wird die Gaſtfreund⸗ ſchaft meiſtens ohne Ruͤckſicht auf Gewinn aus⸗ geuͤbt, und als Halbert um ein Nachtquartier bat, that er weder Etwas Entwuͤrdigendes noch ungewoͤhnliches. Das alte Weib, an welches er ſeine Bitte richtete, gewaͤhrte ſie ihm um ſo lieber, je mehr ſie eine Aehnlichkeit zwiſchen ihm und ihrem Sohne, Saunders, zu entdecken glaub⸗ te, der in einer der haͤufigen Fehden jener Zeit geblieben war. Freilich war der Saunders ein kleiner, vierſchroͤtiger Menſch, mit rothem Haar⸗ und Sommerſproſſen im Geſichte, auch ein we⸗ nig krummen Beinen, dagegen der Fremde brau⸗ nes Haar hatte, und von großer wohlgebildeter Statur war. Indeſſen die Wittwe fand ganz klar eine große Aehnlichkeit zwiſchen ihrem Gaſte und Saunders, und bat ihn daher hoͤchſt lieb⸗ reich, ihr Abendeſſen zu theilen. Sie hatte noch einen Kraͤmer zum Gaſte, der mit vielen Klagen die Noth und das Elend ſeines Gewerbes, in .4 b 210 einer Zeit des Krieges und Aufruhrs, wie die jetzige, ſchilderte. „Wir halten zwar viel von Soldaten und Rittern,“ ſagte er:„allein der Kraͤmer, der das Land durchzieht, bedarf des Muthes mehr als ſte Alle. Auf alle Faͤlle befindet er ſich in weit groͤßerer Gefahr. Endlich bin ich denn bis hier⸗ her gekommen, weil ich glaubte, der gute Earl von Murray wuͤrde ſich auf dem Zuge nach der Grenze befinden, denn er wollte bei dem Baron von Avenel einſprechen, allein ſtatt deſſen er⸗ fahre ich, daß er den Weg nach Weſten zu ge⸗ nommen hat, wegen einiger Streitigkeiten in Ayrfhire. Was ich nun anfangen ſoll, weiß ich nicht, denn wenn ich mich ohne eine Sauvegarde nach Suͤden zu wage, ſo wird mich der erſte beſte Freibeuter, auf den ich ſtoße, um Sack und Pack leichter machen, vielleicht verliere ich's Leben noch obendrein; will ich aber durch die Suͤmpfe gehen, ſo iſt es nicht minder ſchlimm, ehe ich mich an die Leute des guten Lords an⸗ ſchließen kann.“ Niemand konnte ſchneller einen Wink auf⸗ faſſen, als Halbert Glendinning. Er ſagte: er wuͤnſche ebenfalls, ſich nach Weſten zu begeben. 2¹1 Der Kraͤmer ſahe ihn zweifelnd an⸗ als die alte Frau, welche vielleicht meinte, ihr iunger Gaſt gleiche nicht nur ihrem Saunders von Anſehen, ſondern auch darin, daß er gern vom Fange lebe— eine Reigung, welche der Verſtorbene gar ſtark beſeſſen haben ſoll— ihm mit den Augen winkte, und zugleich verſicherte, der Kraͤmer köͤnne ganz ruhig ſein, denn ihr junger Vetter ſei ein ganz zuverlaͤſſiger Menſch. „Vetter?“ ſagte der Kraͤmer:„ich dachte, der junge Menſch waͤre ein Fremder!”¹ Wer nicht gut hoͤrt, erzaͤhlt nicht gut! ſagte die alte Frau: er iſt mir freilich ein Fre remder von Anſehen, aber das macht ihn mir nicht zum Fremden in Anſehung der Verwandtſchaft, zumal da er eine ſo große Aehnlichkeit mit meinem ar⸗ men Sohne Saunders hat. Des Kraͤmers Bedenklichkeiten waren nun gehoben oder wenigſtens beſchwichtigt, und die Reiſenden beredeten ſich, daß ſie den naͤchſten Morgen mit Tages Anbruch ſich zuſammen 8 den Weg machen wollten; der Kraͤmer ſollt nemlich dem Glendinning zum Wegweiſer de nen, und der junge Menſch dafuͤr Jenes Schutz⸗ wacht ſein, bis ſie auf die Reiterabtheilung des 212 Murray ſtoßen wuͤrden. Es ſchien, als wenn die alte Frau gar nicht zweifelhaft waͤre, was das Ende von dieſem Vertrage ſeyn wuͤrde, denn in⸗ dem ſie den Glendinning bei Seite nahm, ſagte ſie zu ihm:„er ſollte es mit dem armen Teu⸗ fel nur nicht zu arg machen. Indeſſen koͤnnte er auf alle Faͤlle ein Stuͤck ſchwarzen ſeidnen Zeuges nehmen, um ihr, der Alten, ein neues Kleid zu ſchagen.“ Halbert lachte, und nahm Abſchiedli⸗ Der Kraͤmer erblaßte nicht wenig, als ihm der Juͤngling mitten auf der wuͤſten Haide von dem Auftrage Kenntniß gab, womit ihn ſeine Wirthin beehrt hatte. Er faßte ſich indeſſen bald wieder ein Herz, da er das offene, freundliche Benehmen des Juͤnglings ſahe, und ergoß nun ſeine Verwuͤnſchungen einzig gegen die undank⸗ bare Alte.„Ich habe ihr noch geſtern Abend,“ ſagte er:„eine gute Elle von dem ſchwarzen Seidenzeuge zu einer Haube gegeben; ich ſehe aber, es iſt nicht klug, der Katze den Weg zur Speiſekammer zu zeigen.“⸗ So beruhigt uͤber die Geſinnungen ſeines Gefaͤhrten,— denn in jener Zeit war von einem Fremden immer das Schlimmſte zu erwarten,— —— — 213 machte nun der Kraͤmer Halberts Fuͤhrer, durch Moor und Sumpf, uͤber Huͤgel und Ebenen, in einer ſolchen Richtung, welche ſie am erſten auf den Weg von Murray's Haufen bringen konnte. Endlich ge⸗ langten ſie auf eine Anhoͤhe, welche eine weite Aus⸗ ſicht auf ein großes Stuͤck oͤdes und wildes Moor⸗ land, untermiſcht mit einigen Huͤgeln und Waſſer⸗ tuͤmpeln gewaͤhrte. Ein kaum bemerklicher Pfad wand ſich ſchlaͤngelnd durch dieſe Wildniß, und der Kraͤmer ſagte, darauf hindeutend:„das iſt der Weg von Edinburgh nach Glasgow. Hier muͤſſen wir warten, und wenn Murray und ſeine Leute nicht ſchon voruͤber ſind, ſo muͤſſen wir ſie erblicken, ſie muͤßten denn ihren Plan ganz ge⸗ aͤndert haben, eines neuen Ereigniſſes wegen, denn in dieſen Tagen weiß kein Menſch, und ſtaͤnde er dem Throne ſelbſt ſo nahe wie der Earl von Murray, ob er ſein Haupt auf derſelben Stelle morgen zur Ruhe legen wird, wo er es heute hingelegt hat.“ Sie machten alſo hier einen Stillſtand, und ſetzten ſich nieder. Der Kraͤmer nahm vorſich⸗ tig zum Sitz den Kaſten, der ſeine Schaͤtze ent⸗ hielt, indem er ſeinem Gefaͤhrten nicht verhehl⸗ te, daß er unter ſeinem Mantel ein Piſtol auf den Fall der Noth im Guͤrtel fuͤhre. Uebrigens war er ſehr hoͤflich, und bot Halbert an, von den Lebensmitteln zu genießen, die er mit ſich fuͤhrte. Dieſe waren freilich nicht koͤſtlich, ſon⸗ dern beſtanden aus ſchlechtem Haferbrodte, ein Paar Zwiebeln, und einem Stuͤcke geraͤucherten Fleiſches. Indeſſen war doch das ſo, daß kein Schotte jener Zeit, und waͤre er auch von hoͤ⸗ herm Stande geweſen, als Glendinning, es aus⸗ geſchlagen haben wuͤrde, beſonders da der Kraͤ⸗ mer noch auf eine geheimnißvolle Weiſe ein Widderhorn, welches ihm von den Schultern herabhing, hervorzog, das, als ſein Inhalt un⸗ terſucht wurde, fuͤr jeden einen tuͤchtigen Schluck trefflichen Usquebaugh's hergab, eines geiſtigen Getraͤnks, welches, nur in dem ſuͤdlichen Schott⸗ land bekannt, wohin es aus Frankreich gebracht wurde, Halbert ganz und gar nicht kannte. Der Kraͤmer pries es ihm als ganz vortrefflich an, indem er ſagte: er habe es ſich bei ſeiner letzten Wanderung nach den Gebirgen von Doune ver⸗ ſchafft, wohin er, unter dem Geleite des Laird von Buchanan, ſichern Handel getrieben. Er reichte das Horn, nachdem er ſelbſt einen Schluck genommen, dem jungen Halbert hin, mit den —— Worten:„Auf den baldigen Untergang des An⸗ tichriſts!“— Kaum hatten ſie ihr ſpaͤrliches Mahl been⸗ det, als ſich auf der Straße Staub erhob, und man konnte ohngefaͤhr ein halbes Dutzend Rei⸗ ter erkennen, welche mit raſcher Eil daher gezo⸗ gen kamen, indem ihre Helme, ſo wie die Spi⸗ tzen ihrer Lanzen, in der Sonne blitzten, wenn dieſe gerade einen Strahl darauf werfen konnte. „Dieſe,“ ſagte der Kraͤmer:„muͤſſen die Vorlaͤufer von Murray's Trupp ſein, laß uns in den Hecken uns niederlegen, und uns ihrem An⸗ blick entziehn.“» 3 Warum denn? ſagte Halbert: wir wollen doch lieber hinunterſteigen und ihnen ein Zei⸗ chen geben. „Gott behuͤte,“ verſetzte der Kraͤmer:„kennt Ihr denn die Sitten unſers ſchottiſchen Volks ſo wenig? Dieſer Lanzenhaufe, der da ſo ſchnell daher kommt, wird gewiß von einem wilden An⸗ verwandten Morton's, oder ſonſt einem Abentheu⸗ rer, befehligt, der weder Gott noch Menſchen fuͤrchtet. Sie ſollen eigentlich den Weg von feindlichen Haufen ſaͤubern, auf die ſie eben ſto⸗ ßen; der Hauptanfuͤhrer aber erfaͤhrt nicht, was 216— geſchieht, denn der kommt gewoͤhnlich mit ſeinen vernuͤnftigern und gemaͤßigtern Freunden eine ganze Meile hinterdrein. Wenn wir den Ker⸗ len zu nahe kaͤmen, wuͤrde Euch Euer Brief wenig helfen, und mein Pack wuͤrde mich am laͤngſten auf dem Ruͤcken gedruͤckt haben, ſie wuͤrden uns ſelbſt die Kleider vom Leibe neh⸗ men, und uns dann nackt, wie wir auf dieſe ſuͤn⸗ dige Welt gekommen ſind, mit einem Steine um den Hals in ein tiefes Sumpfloch werfen, und weder Murray noch ſonſt ein Menſch auf der Welt erfuͤhre das Geringſte davon. Und wenn er's dann auch am Ende erfuͤhre, was koͤnnt' es uns helfen? Es hieße dann: es waͤre ein Miß⸗ verſtaͤndniß, und ſo waͤr's abgethan. Glaubt mir, junger Menſch, wenn die Leute den kalten Stahl im Vaterlande gegen einander zuͤcken⸗ dann koͤnnen oder wollen ſie die Ausſchweifun⸗ gen derer nicht beachten, deren Schwerter ihnen nuͤtzlich ſind.“ Sie ließen alſo den Vortrab von des Earl von Murray Truppen vorbei ziehen, und es waͤhrte nicht lange, ſo erhob ſich nordwaͤrts eine dich⸗ tere Staubwolke. „Nun,“ ſagte der Kraͤmer:„laß uns ſchnell von —— —— 2¹7 von dem Huͤgel herunter eilen.“ Er zog auch Halbert eiligſt mit ſich fort, indem er zu ihm ſagte:„Der Marſch eines ſchottiſchen Edelmanns gleicht einer Schlange. Am Kopfe ſitzen die Zaͤhne, und der Schwanz hat ſeinen Stachel, bloß den Koͤrper kann man ohne Schaden he⸗ ruͤhren.“ Ich folge Euch ſo ſchnell Ihr wollt, ſagte der Juͤngling: aber ſagt mir nur, warum ſoll der Nachtrab eines Heeres, eben ſo wie der Vor⸗ trab, gerade allein ſo gefaͤhrlich ſeyn? „Der Vortrab beſteht hier in Schottland meiſt aus wildem, zu jedem Unheil und Unrecht entſchloſſenem, Volke, welches weder Gott noch Menſchen achtet und ſcheut, und ſich fuͤr ver⸗ pflichtet haͤlt, die Straße von Allem, ohne Un⸗ terſchied, zu ſaͤubern, was ihm mißfaͤllt; der Nachtrab wird aus Dienern und andern ſolchen Leuten gebildet, welche, bei dem Gepaͤcke ange⸗ ſtellt, durch ihre Erpreſſungen von reiſenden Kauf⸗ leuten und Andern, ihre eigenen Betruͤgereien an dem Eigenthume ihrer Herren zu bedecken ſuchen. Die Franzoſen nennen den Vortrab en- fans perdus, und das ſind ſie denn auch wirklich, verlorne Kinder, die nichts ſingen als ſuͤndliche D. Kloſter. III. K 4 218 Lieder, und nichts als liederliche Reden fuͤhren. Nach dieſen kommt der Mittelzug, da hoͤrt man nur Pſalmen und gute Lieder, welche die refor⸗ mirten Edlen und rechtlichen Buͤrger, ſo wie die fromme Geiſtlichkeit, ſingen, die jene zu be⸗ gleiten pflegt. Zuletzt von Allem werdet Ihr immer ein Heer gottloſer Lakaien, Stallknechte und Troßbuben finden, die nur immer an's Trinken, Spielen, Pluͤndern u. ſ. w. denken.” Unter dieſen Reden des Kraͤmers hatten ſie die Heerſtraße erreicht, und bekamen Mur⸗ ray's Haupttrupp zu Geſicht, der ohngefaͤhr aus drei Hundert Pferden beſtand, die mit aller Regelmaͤßigkeit, und in feſt geſchloſſenen Rei⸗ hen, daherzogen. Einige von den Reitern tru⸗ gen die Abzeichen ihrer Herren, allein das war nicht allgemein. Die Meiſten waren in Farben gekleidet, wie ſie der Zufall an die Hand gege⸗ ben hatte, doch bemerkte man hauptſaͤchlich Blau, und was noch eine Gleichfoͤrmigkeit hervorbrachte, war, daß Alle einen Bruſtharniſch trugen mit einem Ruͤckenſtuͤcke; dazu Schuppen⸗Ermel, Handſchu⸗ v gleiche Hoſen und tuͤchtige Stiefeln, ſo daß das Ganze doch Etwas einer Uniform Aehnliches dar⸗ bot. Manche von den Anfuͤhrern trugen vollſtaͤn⸗ 219 dige Ruͤſtungen, Alle aber wenigſtens eine halb mi⸗ litairiſche Kleidung, welche kein Mann von eini⸗ gem Anſehen, in dieſen unruhigen Zeiten, mit dem Gefuͤhle der Sicherheit abzulegen pfegte. Der, welcher an der Spitze dieſer Abthei⸗ lung ſich zeigte, ritt ſogleich auf den Kraͤmer und Halbert Glendinning zu, und fragte ſie: wer ſie waͤren? Der Kraͤmer erzaͤhlte ſeine Geſchichte, und der junge Glendinning zeigte ſeinen Brief vor, den ſogleich ein Edelmann dem Murray uͤberbrachte. Einen Augenblick darauf vernahm man das Wort: Halt! und der ganze Zug hielt ſo, daß auch kein Pferdetritt mehr vernommen wurde. Menſchen und Pferde ſollten nehmlich eine Stunde ſich erholen. Der Kraͤmer fuͤhlte ſich nun in Sicherheit, und erhielt auch den Gebrauch eines Packpferdes, allein er mußte ſich zu gleicher Zeit zum Nachtrabe begeben, und druͤckte daher dem Halbert bedeutungsvoll die Hand, als ſie ſich trennten. Der junge Erbe von Glendearg wurde un⸗ terdeſſen zu einer etwas erhabenen, und darum trockenen Stelle des Sumpfbodens gefuͤhrt. Hier wurde ſogleich, ſtatt des Tiſchtuches, ein Teppich auf den Boden gebreitet, und darum ſetzten ſich K 2 220 die Fuͤhrer des Trupps, ein Mahl einnehmend, welches, in Beziehung auf ihren Rang, eben ſo ſchlecht war, als das, welches kuͤrzlich der junge Glendinning getheilt hatte. Murray ſtand auf,⸗ als dieſer naͤber trat, und ging ihm einen Schritt entgegen. Dieſer beruͤhmte Mann hatte in ſei⸗ nem Aeußern, ſo wie in ſeinem Innern, viele von den bewunderten Eigenſchaften ſeines Va⸗ ters, Jakobs V. Haͤtte nicht der Flecken der Il⸗ legitimitaͤt auf ſeiner Geburt gehaftet, er wuͤrde den ſchottiſchen Thron mit eben ſo viel Ehre ein⸗ genommen haben, als einer aus dem Geſchlechte der Stuarts. Allein, indem die Geſchichte ſeine großen Talente, ſo wie das Fuͤrſtliche, ja Koͤnig⸗ liche ſeines Benehmens anerkennt, darf ſie auch nicht vergeſſen, daß ihn der Ehrgeiz weiter fuͤhr⸗ te, als Ehre und Rechtlichkeit erlaubten. Ta⸗ pfer, wie der Tapferſten einer, geſchickt in Lei⸗ tung der verwickeltſten Angelegenheiten, faͤhig⸗ ſich dieienigen zu gewinnen, welche wankten, und durch das Unerwartete und die Unerſchro⸗ ckenheit in ſeinen Unternehmungen dieienigen zu uͤberwaͤltigen und zu laͤhmen, welche eutſchloſ⸗ ſenen Widerſtand leiſteten, errang er⸗ und zwar in Hinſicht ſeiner perſoͤnlichen Vorzuͤge verdien⸗ 221 ter Weiſe, den hoͤchſten Platz im Koͤnigreiche. Allein unter dem Einfluſſe ſtarker Verſuchungen mißbrauchte er die guͤnſtigen Gelegenheiten, wel⸗ che ſeiner Schweſter Maria Ungluͤck und Un⸗ vorſichtigkeit ihm entgegenfuͤhrte, und brachte ſei⸗ ne Monarchin und Wohlthaͤterin um einen Theil ihrer Macht. So ſtellt uns die Geſchichte in ihm einen jener gemiſchten Charaktere auf, in denen die Grundſaͤtze oft der Klugheit aufgeo⸗ pfert werden, und wo wir den Staatsmann ver⸗ dammen muͤſſen, indeß wir den Menſchen mit Theilnahme und Mitleiden betrachten. Manche Ereigniſſe ſeines Lebens beſtaͤtigen wohl den Ver⸗ dacht, daß er ſelbſt nach der Krone ſtrebte, und es iſt nur zu wahr, daß er auf den Einfall kam, in dem ſchottiſchen Staatsrathe ein engliſches, d. h. ein fremdes und feindliches Intereſſe zu begruͤnden. Allein ſein Tod kann als ein Suͤhn⸗ opfer fuͤr ſein Unrecht angenommen werden, und zugleich zum Beweiſe dienen, daß der aͤchte Pa⸗ triot weit ſicherer lebt, als das Haupt einer Faktion, welches fuͤr Alles zur Verantwortung gezogen wird, was auch der Geringſte ſeiner Anhaͤnger begeht. Als Murray auf den jungen Landmann zu⸗ 222— trat, fuͤhlte ſich dieſer, bei dem Anblick des wuͤr⸗ devollen Mannes, mit Demuth erfuͤllt. Die ge⸗ bietende Geſtalt, die Haltung, welche von ſteter Beſchaͤftigung mit großen, erhebenden Gedanken zeugte, die Geſichtszuͤge, worinnen ſich die Aehn⸗ lichkeit mit der langen Reihe von Schottlands Koͤnigen deutlich ausſprach— das Alles mußte Achtung und Verehrung einfloͤßen. Seine Klei⸗ dung unterſchied ihn uͤbrigens wenig von den Edelleuten und Baronen, welche ihn umgaben. Ein Wamms von Buͤffelhaut, ſchoͤn mit Seide geſtickt und beſetzt, vertrat bei ihm die Stelle der Ruͤſtung, und eine ſchwere goldene Kette mit einem Medaillon, hing von ſeinem Nacken herab. Um das ſchwarze Sammtbarett wand ſich ein Schnur ſchoͤner großer Perlen, auch zierte ſie ein kleiner Federbuſch; an der Seite hing ihm ein langes Schwert, und an den Stiefeln trug er goldene Sporen.— 5 „Dieſes Schreiben,“ ſagte er:„iſt von dem trefflichen Prediger des goͤttlichen Worts, Hein⸗ rich Warden— iſts nicht ſo, junger Menſch⸗“ Halbert beantwortete dies bejahend. „Er ſchreibt uns, wie es ſcheint, in einer boͤſen Lage, und weiſet uns wegen der naͤhern —. 223 umſtaͤnde an Euch. Sagt uns alſo, wie ſteht es mit ihm?“ In einer gewiſſen Verlegenheit, ſtellte nun Halbert Glendinning treu die Umſtaͤnde dar, mit denen des Predigers Verhaftung verbunden ge⸗ weſen war. Als er bis zu dem Streite wegen der Sitte des Handfeſtens gekommen war, erſchrak er nicht wenig uͤber den Ausdruck des Mißfallens auf Murray's Geſichte, der ihm nichts Gutes zu bedeuten ſchien; da er wohl ſahe, daß Etwas hier nicht recht war, ob er gleich nicht wußte was, ſo ſtotterte er, und waͤre in ſeiner Erzaͤhlung faſt ganz ſtecken geblieben. „Was hat der Narr?“ ſagte der Earl, in⸗ dem er die Augenbraunen zuſummenzog, und die⸗ ſelbe dunkte Glut in ſeinem Blicke brannte: „„kannſt Du nichts erzaͤhlen, ohne zu ſtottern?“ Erlaubt! verſetzte Halbert, mit ziemlicher Gewandtheit: ich habe nie vor einem ſolchen Manne geſprochen! „Es ſcheint ein beſcheidener Juͤngling zu ſein,“ ſagte Murray, zu einem der Umſtehenden ſich wendend:„und doch bei einer guten Sache weder Freund, noch Feind zu fuͤrchten. Sprich weiter, Freund, und freimuͤthig.“ 224— Halbert erzaͤhlte nun die Streitigkeit zwi⸗ ſchen Julian Avenel und dem Prediger, indeß der Earl, ſich auf die Lippen beißend, das An⸗ ſehen haben wollte, als ſei ihm die Sache gleich⸗ guͤltig. Anfangs ſchien er ſelbſt die Parthei des Barons nehmen zu wollen. „Heinrich Warden,“ ſagte er:„iſt nicht ſel⸗ ten in ſeinem Eifer zu hitzig. Goͤttliche und menſchliche Geſetze erlauben gewiſſe Verbindun⸗ gen, wenn ſie gleich nicht ganz nach der Form ſind, und die daraus Entſproſſenen ſind erb⸗ faͤhig.“ Dieſe allgemeine Erklaͤrung begleitete er mit einem Blicke auf die wenigen Krieger, die bei dieſer Unterredung gegenwaͤrtig waren. Die meiſten von ihnen erwiederten: das iſt nicht zu laͤugnen! allein ein oder zwei ſchlugen die Au⸗ gen zu Boden und ſchwiegen. Murray blickte hierauf wieder den jungen Glendinning an, und befahl ihm, zu erzaͤhlen, was ſich nun begeben, ohne den geringſten Umſtand wegzulaſſen. Als er der Art gedachte, wie Julian ſeine Coneubine von ſich geſtoßen hatte, athmete Murray tief auf, biß die Zaͤhne zuſammen, und legte die Hand an den Griff ſeines Dolches. Nachdem er 225 einige Male im Kreiſe umher geblickt hatte, der durch ein Paar reformirte Prediger vergroͤßert worden war, ſchien er ſeine Aufwallung nieder⸗ zukaͤmpfen, und befahl dem Halbert abermals, fortzufahren. Als dieſer bis dahin kam, wo War⸗ den ins Gefaͤngniß geworfen wurde, ſchien der Earl auf dem Punkte zu ſein, wo er ſeinem Zorne freien Lauf laſſen konnte, der Billigung aller Anweſenden ſicher. „Seid Nichter,“ ſagte er, indem er um ſich ſchaute:„ſeid Richter, meine Pairs und edlen Gentleman von Schottland, zwiſchen mir und dieſem Julian von Avenel; er hat ſein Wort ge⸗ brochen, er hat mein ſicheres Geleit verletzt— auch das bedenkt, verehrte Bruͤder, er hat ſeine Hand an einen Prediger des Evangeliums ge⸗ legt, und wird vielleicht ſein Blut den Anhaͤn⸗ gern des Antichriſt Preis geben.“ Laßt ihn den Tod eines Verraͤthers ſterben! ſagten die weltlichen Anfuͤhrer; ſeinen Meineid zu raͤchen, moͤge des Henters Eiſen ſeine Zunge durchboren. Er moͤge zu Grunde gehen wie die Baals⸗ Prieſter, ſagten die Prediger: und ſeine Aſche in alle Winde zerſtreut werden. 226 Murray hoͤrte ihnen mit dem Laͤcheln gehoff⸗ ter Rache zu, allein es iſt wahrſcheinlich, daß die rohe Behandlung der Frauensperſon, deren Verhaͤltniſſe Etwas Aehnliches von denen der eignen Mutter des Earls hatten, eine Mitur⸗ ſache des wilden Laͤchelns war, welches jetzt uͤber ſeine, von der Sonne verbrannte Wangen, und ſeine trotzigen Lippen flog. Mit Halbert Glen⸗ dinning redete er, als dieſer ſeine Erzaͤhlung be⸗ endet hatte, ſehr freundlich. 8. „Er iſt ein muthiger und tapferer Juͤng⸗ ling,“ ſagte er, zu den Umſtehenden:„aus einem Stoffe gebildet, der fuͤr die ſtuͤrmiſchen Zeiten paßt. Es giebt Perioden, die den Muth des Mannes erſt recht enthuͤllen. Ich will ihn naͤ⸗ her kennen lernen.“ Er befragte ihn hierauf genauer uͤber des Barons von Avenel muthmaßliche Streitkraͤfte, die Staͤrke ſeines Schloſſes, die Geſinnungen ſeines naͤchſten Erben, und dies brachte denn quch die ungluͤckliche Geſchichte von ſeines Bru⸗ ders Tochter, Marien von Avenel, zur Sprache, welche mit einer Verlegenheit erzaͤhlt wurde, die dem Murray nicht entging. „Ha! Julian Avenel,“ ſagte er:„und Du ·— — 227 foderſt meine Rache heraus, da Du doch alle Urſache haͤtteſt, meiner Gerechtigkeit auszuwei⸗ chen! Ich kannte Walter von Avenel, er war ein treuer Schotte und ein guter Soldat. Un⸗ fere Schweſter, die Koͤnigin, muß ſeiner Tochter Gerechtigkeit verſchaffen; und iſt ſie wieder in ihre Beſitzungen eingeſetzt, dann wird ſie eine paſſende Braut fuͤr irgend einen tapfern Mann, der unſere Gunſt mehr verdient, als dieſer Ver⸗ raͤther Julian. Er ſahe hierauf Halbert an, und ſagte:„Biſt Du von edler Herkunft, junger Menſch?“ Mit wankender und ungewiſſer Stimme be⸗ gann Halbert nun, von ſeinen entfernten An⸗ ſpruͤchen auf die Abſtammung von den alten Glendowynes von Galloway zu reden, als ihn Murray mit einem Laͤcheln unterbrach: „Ach! uͤberlaß Du die Stammbaͤume den Heraldikern. In unſern Tagen iſt Jedermann der Sohn feiner eignen Thaten. Das glorreiche Licht der Reformation hat Fuͤrſten und Bauern auf gleiche Art erleuchtet, und der Bauer wie der Fuͤrſt verherrlicht ſich nur, wenn er zur Verthei⸗ digung deſſelben kaͤmpft. Es iſt eine aufgeregte Welt, wo Diejenigen nur vorwaͤrts kommen, 228 welche muthige Herzen und ſtarke Arme haben. Sage mir aufrichtig, warum Du Dein Vater⸗ haus verlaſſen haſt“ Halbert Glendinning geſtand nun frei ſei⸗ nen Zweikampf mit Piercie Shafton, und ge⸗ dachte auch des vermeintlichen Todes deſſelben. „Wahrlich,“ verſetzte Murray:„Du biſt ein kuͤhner Falke, daß Du Dich ſo fruͤh an einen Raubvogel, wie Piereie Shafton gewagt haſt. Die Koͤnigin Eliſabeth wuͤrde ihren Handſchuh mit goldnen Kronen gefuͤllt darum geben, wenn ſie erfuͤhre, daß dieſer in Alles ſich miſchende Narr unter dem Boden laͤge. Meinſt Du nicht, Morton?“. Gewiß! und den Handſchuh noch fuͤr eine beſſere Gabe halten, als die Kronen, verſetzte Morton. „Was ſollen wir aber mit dem jungen Todt⸗ ſchlaͤger anfangen?“ ſagte Murray:„was wer⸗ den unſere Prediger dazu ſagen?“ Sprich ihnen nur von Moſes und Benajah, ſagte Morton: es iſt ja nur von dem Erſchla⸗ gen eines Egypters die Rede. „So ſey's,“ ſagte Murray lachend:„wir verſcharren die Geſchichte, wie der Prophet den 4 3. 229 Koͤrper in den Sand verſcharrte. Ich nehme den Purſchen in meinen Schutz! Du ſollſt bei uns bleiben, Glendinning! weil das Dein Name iſt. Wir behalten Dich als Squire in unſerm Gefolge. Unſer Stallmeiſter ſoll fuͤr Deine Be⸗ waffnung und Ausſtattung ſorgen.“ Murray fand, waͤhrend der Unternehmung, womit er jetzt beſchaͤftigt war, manche Gelegen⸗ heit, Glendinnings Muth und Geiſtesgegenwart auf die Probe zu ſtellen; und dieſer ſtieg bald in der Achtung des Earls dergeſtalt, daß Alle, welche dieſen kannten, das Gluͤck des jungen Mannes als feſt begruͤndet anſahen. Es fehlte nur noch ein Schritt, um ihn auf eine noch hoͤhere Stufe des Vertrauens und der Achtung zu erheben, und dies war die Abſchwoͤrung der papiſtiſchen Religion. Die Geiſtlichen in Mur⸗ ray's Gefolge, welche ſeine Hauptſtuͤtze unter dem Volke waren, fanden Halbert Glendinnings Bekehrung auch nicht ſchwer, denn er hatte ſchon von Anfang ſeines Lebens an nicht viel Erge⸗ benheit gegen den katholiſchen Glauben empfun⸗ den, und gab gern den neuen Religionsan⸗ ſichten Gehdr. Dadurch, daß er den Glauben ſeines Herrn annahm, kam er dieſem immer naͤ⸗ 230— her, und war immerwaͤhrend um deſſen Perſon, waͤhrend ſeines verlaͤngerten Aufenthaltes in dem weſtlichen Schottland, der durch die Unfuͤgſam⸗ keit derjenigen, mit denen der Earl zu thun hatte, von Tage zu Tage, und von Woche zu Woche verzoͤgert wurde. Zehntes Kapitel,. De Herbſt war ſchon weit vorgeruͤckt, als der Earl von Morton, eines Morgens ganz uner⸗ wartet in Murray's Vorzimmer trat, wo Hal⸗ bert Glendinning ſchon ſeines Dienſtes wegen ſtand. „Ruft Euern Herrn, Halbert,“ ſagte der Earl:„ich habe Neuigkeiten fuͤr ihn von Te⸗ viotdale, auch fuͤr Euch, Glendinning!“ Neuigkeiten, Neuigkeiten, Mylord Murray! rief er an der Thuͤr von des Earls Schlafge⸗ mache— kommt gleich heraus!— Der Earl er⸗ ſchien, gruͤßte ſeinen Verbuͤndeten, und fragte begierig nach ſeiner Zeitung. „Ich habe einen ſichern Freund aus Suͤden geſprochen,“ ſagte Morton:„er iſt im Kloſter zur heiligen Maria geweſen, und bringt wichtige Nachrichten.“. Von welcher Art? ſagte Murray: und koͤnnt Ihr dem Ueberbringer trauen? „Er iſt zuverlaͤſſig, bei meinem Leben!“ ſagte Morton:„ich wuͤnſchte Euer Herrlichkeit nur lauter ſolche Leute!“ Was iſt es denn? was meint Ihr? „Der Egypter des guten Halbert Glendin⸗ ning, unſers ſchottiſchen Moſes, lebt noch, und iſt friſch und geſund, wie ſonſt, in dem Goſen von Teviotdale, dem Heiligthume von Kenna⸗ quhair.“ Ich verſtehe Euch nicht! ſagte Murray. „Nun, Euer neuer Waffenrenter hat Euch eine falſche Nachricht aufgebunden. Piercie Shafton lebt, und iſt wohl. Man ſagte, er werde von Liebe zu einer Muͤllerstochter dort zuruͤckgehal⸗ ten, welche verkleidet mit ihm im Lande herum⸗ geritten ſei.“ Glendinning, ſagte Murray, mit aͤußerſt nnſterer Stirne: ich will nicht hoffen, daß Du's gewagt haſt, mich zu beluͤgen, um mein Ver⸗ trauen zu gewinnen. Mylord, verſetzte dieſer, ich kann nicht luͤ⸗ gen. Wer das ſagt, ſoll mirs mit ſeinem Leben buͤßen! Ich behaupte aber, dieſes Schwert mei⸗ nes Vaters hier, iſt ihm durch den Leib durch und durch gedrungen, ſo daß ihm der Griff auf „ 233 der Bruſt geſeſſen hat. Wer mich der Luͤge da⸗ bei beſchuldigt, dem ſtoße ich's wieder in den Leib! „Wie, Purſche“' ſagte Morton:„Du willſt einen Edelmann herausfodern?“ Still, Halbert! ſagte Murray: und Ihr, My⸗ lord von Morton, verzeiht Ihm! Ich ſehe die Wahrheit auf ſeinem Geſichte. Ich wuͤnſche, daß der Inhalt des Manuſcriptes mit der Aufſchrift uͤbereinſtimme. Seht Euch vor, Mylord! Ihr koͤnnt noch einmal daran ſeyn, das Leben durch zu großes Vertrauen einzubuͤßen. „Und Ihr, Ihr werdet Eure Freunde ver⸗ lieren, wenn Ihr zu mißtrauiſch ſeid,“ erwie⸗ derte Murray:„doch genug davon, laßt mich jetzt die Neuigkeiten vernehmen!“— Sir John Foſter, der engliſche Graͤnzwaͤch⸗ ter(Warden), ſagte Morton: ſchickt eben einen Trupp nach Schottland, um das Kloſtergebiet zu verwuͤſten. „Was, ohne meine Gegenwart, oder Erlaub⸗ niß abzuwarten* rief Murray:„er muß toll ſein! Als Feind will er in das Land der Koni⸗ gin einruͤcken 2 Er hat ausdruͤcklichen Befehl von der Eli⸗ 234— ſabeth, verſetzte Morton: und mit der laͤßt ſich nicht ſpaßen! In der That, ſein Zug iſt mehr als ein⸗ mal entworfen und wieder bei Seite gelegt wor⸗ den, waͤhrend wir hier geweſen ſind, und er hat große Beſtuͤrzung zu Kennaquhair verurſacht. Bonifazius, der alte Abt, hat reſignirt, und wen denkt Ihr daß man an ſeine Stelle gewaͤhlt habe? „Riemanden!“ ſagte Murray:„ſollten ſie es denn wagen, zu einer Wahl zu ſchreiten, bis mein und der Koͤnigin Wille ihnen hekannt ge⸗ worden?“ Morton zuckte die Achſeln. Sie haben den Zoͤgling des alten Cardinal Beatoun gewaͤhlt, den entſchloſſenen Kaͤmpfer Roms, den Buſen⸗ freund unſers geſchaͤftigen Primas von St. An⸗ dreas. Euſtachius, fuͤngſt Unterprior von Kennaqu⸗ hair, iſt jetzt ihr Abt, und wie ein anderer Pabſt Julius, hebt er Mannſchaft aus, und macht Plane, mit Foſter zu kaͤmpfen, wenn er vorruͤcken ſollte. „Das muͤſſen wir verhindern,“ ſagte ſchnell Murray:„welche Parthei auch ſiegen moͤchte, ſo waͤre es fuͤr uns immer ein unangenehmer Handel. Wer befehliget die Leute des Abts?“ — 235 Niemand anders, als unſer treuer, alter Freund, Julian Avenel, erwiederte Morton. „Gkendinning,“ ſagte Murray:„laß zum Aufſitzen blaſen! Alle, welche es mit uns halten, muͤſſen unverzuͤglich ausruͤcken! Ja, ja, Mylord! wir ſind hier in einer fatalen Klemme. Treten wir zu unſern engliſchen Freunden, wird das Vaterland uͤber uns ſchreien, ſelbſt die alten Weiber werden uns mit Rocken und Spindeln angreifen, die Steine auf der Straße werden ſich gegen uns erheben, wir koͤnnen zu einer ſol⸗ chen beſchimpfenden Handlung ohnmoͤglich uns bequemen. Und meine Schweſter, deren Ver⸗ trauen ich ohnedies nur mit Muͤhe behaupten kann, wird es mir dann ganz entziehen. Setzen wir uns aber dem engliſchen Graͤnzwaͤchter ent⸗ gegen, ſo wird das Eliſabeth als ein Beſchuͤtzen ihrer Feinde und was ſonſt noch anſehen, und wir verlieren ihre Gunſt.“ Die Dame iſt freilich die beſte Karte in un⸗ ſerm Spiel, ſagte Morton: aber doch moͤcht' ich nicht gern engliſche Klingen in ſchottiſches Fleiſch hauen ſehn. Was meint Ihr? wenn wir huͤbſch langſam marſchirten, recht mit Bequemlichkeit, um unſere Pferde nicht zu ſehr anzugreifen? Moͤgen ſie fechten, 256 mag geſchehen was da will, uns kann doch dann Niemand die Schuld des Ausgangs beimeſſen, wenn wir nicht gegenwaͤrtig geweſen ſind. „Alle wuͤrden uns dann Vorwuͤrfe machen, James Douglas,“ verſetzte Murray:„wir wuͤr⸗ den beider Partheien Gunſt verlieren. Beſſer, wir eilen ſo viel wir koͤnnen, und thun ſo viel wie moͤglich, um den Frieden zwiſchen ihnen zu erhalten. Ich wollte, die Maͤhre, die den Pier⸗ eie Shafton hierher gebracht hat, haͤtte den Hals unterweges gebrochen. Der Phantaſt! das iſt ge⸗ rade der rechte Mann, Alles aufzuruͤhren, und vielleicht gar einen Nationalkrieg zu veranlaſſen.“ Haͤtten wir das fruͤher gewußt, ſagte Dou⸗ glas: ſo haͤtten wir ihm privatim an der Graͤnze aufwarten koͤnnen; da giebets kecke Purſche ge⸗ nug, die uns, bioß um ſeine Sporen zu gewin⸗ nen, von ihm geholfen haͤtten. Indeß, weil's nun einmal nicht anders iſt, James Stuart, zu Pferde! Ich hoͤre ſchon Eure Trompeten. Wir werden bald ſehen, weſſen Klepper am beſten bei Athem iſt. Gefolgt von ohngefaͤhr drei Hundert wohl berittenen Bewaffneten, nahmen dieſe beiden maͤchtigen Barone ihre Richtung nach Dumfries, 237 und von da oͤſtlich nach Teviotdale. Sie mar⸗ ſchirten mit ſolcher Eil, daß, nach Morton's Vorausſagung, ein guter Theil ihrer Pferde nicht aushielt, ſo daß, als ſie dem Orte des er⸗ warteten Gefechtes ſich naͤherten, kaum zwei Hundert von dem Zuge noch zuſammenhielten, und viele von dieſen hatten doch auch nur Pfer⸗ de, die aͤußerſt erſchoͤpft waren. Sie hatten bisher die verſchiedenſten Nach⸗ richten von dem Vordringen derrengliſchen Trup⸗ pen, ſo wie von dem Grade des Widerſtandes erhalten, den der Abt jenen zu leiſten im Stande ſei. Allein, als ſie ohngefaͤhr noch ſechs bis ſie⸗ ben Meilen von dem Kloſter zur heil. Jungfrau zu Kennaquhair entfernt waren, kam ein Edel⸗ mann aus der Gegend, den Murray zu ſich ent⸗ boten hatte, und auf deſſen Einſicht und Ver⸗ ſtand er ſich verlaſſen konnte, mit zwei bis drei Dienern in vollem Roſſeslaufe auf ihn zu. Sei⸗ nem Berichte nach war John Foſter, nachdem er ſeinen Einbruch ofter angekuͤndigt, und eben ſo oft aufgeſchoben hatte, endlich durch die Nach⸗ richt, daß Piercie Shafton oͤffentlich ſich inner⸗ halb des Heiligthums aufhalte, ſo aufgeregt wor⸗ den, daß er ſich entſchloß, die Befehle ſeiner 8 233 Herrin auszufuͤhren, welche ihm aufgetragen hatte, ſich der Perſon des Euphuiſten, auf jede Gefahr, zu bemaͤchtigen. Der Abt hatte durch ſeine unablaͤſſigen Anſtrengungen einen Haufen bewaffneter Graͤnzreuter zuſammengebracht, der an Zahl denen des engliſchen Graͤnzwaͤchters ziemlich gleich kam, wenn er auch nicht ſo in den Waffen geuͤbt war. Er ſtand unter dem Oberbefehle Julians von Avenel, und man fuͤrch⸗ tete, es wuͤrde an den tifern eines kleinen Fluſ⸗ ſes, der die Graͤnze des Kloſterbezirkes bildete, zum Gefecht kommen. „Wer kennt den Ort?' fragte Murray. Ich! Mylord, verſetzte Glendinning. „Gut!“ ſagte der Earl⸗„nimm ein Dutzend der am beſten Berittenen, eile, was Du nur kannſt, und melde dort, daß ich augenblicklich ſelbſt mit einer bedeutenden Macht erſcheinen, und jeden ohne Unterſchied und Mitleid, in Stuͤcken hauen werde, der den erſten Streich zu fuͤhren wagt. Davidſon!“ ſagte er zu dem Edel⸗ manne, der ihm die Nachricht gebracht hatte: „Du ſollſt mein Fuͤhrer ſein! Beeile Dich, Glen⸗ dinning, ſage dem Foſter: ich laſſe ihn beſchwoͤ⸗ ren, ſo lieh ihm der Dienſt ſeiner Gebieterin 239 ſei, die ganze Sarhe meinen Haͤnden zu uͤber⸗ laſſen. Dem Abt ſage: ich wuͤrde ihm das Klo⸗ ſter uͤber dem Kopfe anzuͤnden, wenn er vor mei⸗ ner Ankunft einen Streich thun ließe. Dem Julian Avenel aber, dem Nichtswuͤrdigen, ſage: er haͤtte ohnedies noch eine ſtarke Rechnung mit mir abzuthun, und ich wuͤrde ſein Haupt auf die oberſte Zinne des Kloſters zur heil. Jungfrau pflanzen laſſen, wenn er ſich unterſtuͤnde, eine neue anzufangen. Eile, und ſchone der Pferde nicht,'s giebt mehrere!“ Euer Befehl ſoll vollzogen werden, Mylord! ſagte Glendinning, und nachdem er diejenigen ausgeſucht hatte, die ihm am beſten beritten ſchie⸗ nen, eilte er ſo ſchnell davon, als es der Zu⸗ ſtand der angegriffenen Roſſe erlaubte. Sie harten kaum die Haͤlfte des Weges zu⸗ ruͤckgelegt, alsſſe einigen Verſprengten begeg⸗ neten, welche gerade von dem Schlachtfelde ka⸗ men, und deren Erſcheinen ihnen den Anfang des Gefechts ankuͤndigte. Zwei unterſtuͤtzten mit ihren Arſtien einen dritten, ihren aͤltern Bruder, der mit einem Pfeile durch den Leib geſchoſſen war. Halbert, welcher wußte, daß ſie zu dem Kloſter gehoͤrten, rief ſie bei ihren. Namen, und 24⁰ befragte ſie uͤber den Stand der Dinge. Allein gerade in dem Augenblicke ſank ihr Bruder, al⸗ ler Anſtrengung ohngeachtet, ihn aufrecht zu er⸗ halten, vom Pferde, und ſie ſtiegen ellig ab, ſeinen letzten Athem zu empfangen. Von dieſen war alſo keine Nachricht zu erhalten. Glendin⸗ ning ritt daher mit ſeinem Gefolge weiter vor⸗ waͤrts, um ſo aͤngſtlicher je mehr Verſprengte er gewahr wurde, welche das Kreuz des heil. Andreas auf ihren Muͤtzen und Kollern trugen. Die Meiſten aber hielten ſich, ſobald ſie den Trupp Reuter auf der Straße daher kommen ſahen, auf der einen oder der andern Seite, und zwar in einer ſolchen Entfernung, daß es zu kei⸗ ner Unterredung kommen konnte. Andere, welche auf der Straße geblieben waren, ſprengten im ſchnellſten Galopp dahin, und gaben denen, welche ſie auriefen, durchaus nicht die geringſte Ant⸗ wort. Halbert erkannte Manche von ihnen, un zweifelte daher nicht, daß das Gefecht zum Nach⸗ theile der Kloſtertruppen ausgefallen ſei. Er wurde nun unausſpyrechlich beſorgt uͤber das Schick⸗ ſal ſeines Bruders, welcher in dieſe Fehde ge⸗ wiß mit verwickelt war. Er ritt daher auch im⸗ mer ſchneller, ſo daß kaum fuͤnf bis ſechs aus ſei⸗ 3 A — 241¹ ſeinem Gefolge ihm nachkommen konnten. End⸗ lich erreichte er einen kleinen Huͤgel, an deſſen Abhange, um den ſich halbzirkelfoͤrmig der kleine Fluß wand, die Ebene lag, welche eben die Scene des Gefechtes geweſen war. Es war ein trauriger Anblick. Krieg und Schrecken, um den Ausdruck des Dichters zu brauchen, waren uͤber die Flur gezogen, und hatten bloß Wunden und Tod zuruͤckgelaſſen. Man hatte gegenſeitig mit heftiger Erbitterung gefochten, wie es faſt immer in dieſen Graͤnzge⸗ fechten der Fall war, wo alter Haß und gegen⸗ ſeitige Beleidigungen die Menſchen hartnaͤckig auf Behauptung der Sache ihres Vaterlandes beharren ließen. Gegen die Mitte der Ebene zu lagen die Koͤrper derer, welche in dem ei⸗ gentlichen Handgemenge gefallen waren, und hier fand man noch Zuͤge, welche den duͤſtern Ausdruck unvertilgbaren Haſſes an ſich trugen, Haͤnde, welche den Griff des zerbrochenen Saͤ⸗ bels faßten, oder den toͤdtlichen Pfeil aus der Wunde zu ziehen ſuchten. Einige waren nur verwundet, und des Mutheßs, den ſie kuͤrzlich erſt gezeigt hatten, beraubt, flehten ſie in dem Tone melancholiſcher Verzweißlung um Huͤlfe, oder D. Kloſter. III. L 242 nur um einen Tropfen Waſſers, indeß Andere mit matter Zunge halb vergeſſene Gebete her⸗ vorzuſtammeln ſuchten, welche ſie, als ſie gelernt wurden, kaum halb verſtanden hatten. Hal⸗ bert, ungewiß, welchen Weg er zunaͤchſt ein⸗ ſchlagen ſollte, ritt durch die Ebene, um zu ſe⸗ hen, ob er unter den Todten nicht vielleicht eine Spur von ſeinem Bruder Eduard entdecken koͤnnte. Die Englaͤnder hinderten ihn daran nicht. Eine entfernte Staubwolke verkuͤndigte, daß dieſe noch immer die zerſtreuten Fluͤchtlinge verfolgten, und er meinte, daß, wenn er ſich mit ſeinen Begleitern an ſie heranwagen wollte, ehe ſie wieder unter einem Oberbefehl ſich befaͤn⸗ den, er ſein Leben, ſo wie das ſeines Gefol⸗ ges, geradezu aufopfere, denn die Sieger wuͤrden ſie gewiß mit den Schotten verwechſeln, gegen welche ſie in dieſem Gefechte ſo gluͤcklich geweſen waren. Er beſchloß daher, zu warten, bis Murray mit ſeiner Schaar eintreffen wuͤrde, und dies zwar um ſo mehr, da er ſchon die Trompeten des engliſchen Graͤnzwaͤchters hoͤrte, welche zum Ruͤckzuge blieſen, und von der weitern Verfol⸗ gung abriefen. Er zog ſeine Leute zuſammen, und nahm auf einer vortheilhaften Stelle eine 243 Poſttion, welche die Schotten im Anfange des Gefechts inne gehabt, und waͤhrend deſſelben mit feſtem Muthe vertheidigt hatten. Indeß ſie hier ſtanden, ſchlug an Halberts Ohr das ſchwache Gewimmer eines Weibes, welches er hier auf keine Weiſe eher zu verneh⸗ men erwarten konnte, als bis der Ruͤckzug des Feindes den Verwandten der Erſchlagenen ge⸗ ſtattete, dieſen die letzte Pflicht zu erweiſen. Er ſchaute ſich aͤngſtlich um, und bemerkte end⸗ lich, daß bei dem Leichname eines Ritters in glaͤnzender Nuͤſtung, deſſen, wenn auch beſchmutz⸗ ter und zerbrochener, Helm einen Mann von Rang und Stande bezeichnete, ein weibliches Weſen ſaß, gehuͤllt in einem Reutermantel, und Etwas an ihren Buſen druͤckend, was er hald fuͤr ein Kind erkannte. Er ſahe ſich nun nach den Englaͤndern um. Sie naͤherten ſich nicht, und der fortdauernde Trompetenruf, nebſt dem Rufen der Anfuͤhrer, verkuͤndete nur zu deut⸗ lich, daß ihre Mannſchaft nicht ſogleich wieder geſammelt werden koͤnne. So konnte er ſchon einen Augenblick nach dem ungluͤcklichen Weibe ſehen. Er ſtieg vom Roſſe, gab dieſes einem Lanzentraͤger, naͤherte ſich der Frauensperſon, L 2 und fragte ſie in dem mildeſten Tone, den er in ſeiner Stimme finden konnte, ob er ihr in ihrem Elend beiſtehen koͤnne. Die Trauernde antwortete ihm nicht ſogleich, ſondern bemuͤhte ſich nur, mit zitternder und ungeſchickter Hand die Federn oder Baͤnder des Viſirs und Hals⸗ kragens zu loͤſen, und ſagte endlich im Tone des tiefſten Schmerzes:„Ach, er wuͤrde ſich gewiß erholen, wenn ich ihm Luft ſchaffen koͤnn⸗ te; Ehre und Leben, Alles, Alles wollte ich hingeben, wenn ich im Stande waͤre, dieſe ab⸗ ſcheulichen Eiſenbaͤnder zu loͤſen, welche ihn er⸗ ſticken muͤſſen!' Wer den Kummer lindern will, darf das Eitle vergeblicher Hoffnungen nicht zur Sprache bringen. Der Koͤrper lag da, wie der eines Menſchen, der den letzten Odem ausge⸗ haucht hat, und nie wieder in unſerer Luft Athem ſchoͤpfen wird. Allein Halbert Glendin⸗ ning ermangelte doch nicht, das Viſir zu oͤffnen und den Halskragen zu loͤſen, und erkannte nun zu ſeinem Erſtaunen das bleiche Angeſicht Julians von Avenel. Er hatte ſeinen letzten Kampf ge⸗ kaͤmpft, und der kuͤhne und unruhige Geiſt, war in dem Getuͤmmel ſelbſt, woran er immer ſo viel Gefallen fand, vom Leben geſchieden. Er iſt heim gegangen, ſagte Halbert zu dem jungen Weibe: in dem er bald die ungluͤck⸗ liche Katharine erkannte. „O Nein! Nein! Nein!“ rief ſie:„er iſt nicht todt! er iſt nur ohnmaͤchtig! Ich habe auch kange in einer Ohnmacht gelegen, und ſeine Stimme hat mich doch erweckt, als er mir freund⸗ lich zurief: Katharina! blick' auf aus Liebe zu mir!— Ach! Julian, blick' auch Du auf, aus Liebe zu mir!“— So redete ſie den empfin⸗ dungsloſen Koͤrper an.„Ich weiß, ich weiß/“ fuhr ſie fort, und machte dabei graͤßliche Verſuche zu lachen:„Du willſt mich nur zu fuͤrchten ma⸗ chen! Aher ich fuͤrchte mich nicht!— In dem⸗ ſelben Augenblick aber aͤnderte ſie ihren Ton, und hat ihn ſlehentlich:„Sprich doch nur, und waͤr' es auch, meine Thorheit zu ſchelten! Ach! das rauheſte Wort, was Du mir je geſagt haſt, wuͤrde mir ſo ſuͤß klingen, als das ſanfteſte, das Du mir gabſt, ehe ich Dir Alles hingab. O! hebt ihn auf! Hebt ihn auf, um Gottes Willen, habt Ihr kein Mitleid? Er verſprach mir, mich zu ehelichen, wenn ich ihm einen Knaben braͤchte, und dieſes Kind iſt ſeinem Vater ſo aͤhnlich! Wie kann er denn fein Wort halten, wenn Ihr 246 mir nicht helft, ihn zu erwecken? Chriſtie von Clinthill, Rowley, Hutcheon, Ihr waret bei je⸗ dem ſeiner Feſte, und ſeid nun im Gefechte von ihm gewichen, Ihr treuloſen falſchen See⸗ len!“— 4 „Ich nicht! beim Himmel nicht!“ ſagte ein Sterbender, der ſich mit Anſtrengung auf den Ell⸗ bogen zu ſtuͤtzen ſuchte, und in dem Halbert die wohlbekannten Zuͤge Chriſtie's enthuͤllte.„Ich bin keinen Fuß gewichen, aber ein Mann kann nur fechten, ſo lange ſein Athem waͤhrt.... der meine iſt faſt hin!— So, junger Purſch“ ſetzte er hinzu, Glendinning anſehend, und ſeine mi⸗ litairiſche Kleidung betrachtend:„haſt Du end⸗ lich auch den Helm genommen, das iſt eine beſ⸗ ſere Haube, drinnen zu leben, als zu ſterben. Ich wollte das Schickſal haͤtte Deinen Bruder hergeſandt, ſtatt— er war gut, recht gut— aber Du biſt wild, und wirſt auch ein Bube werden, wie ich bin.» Das verhuͤte Gott! ſagte Halbert ſchnell. „Amen! Amen! von ganzem Herzen!“ ſtam⸗ melte der Verwundete:„ich werde da, wohin ich komme, auch ohne Dich Geſellſchaft genug finden. Aber, Gott ſei dank, an dieſer Schlechtigkeit habe 3 ,— 247 ich nicht Theil,“ ſagte er, auf die arme Katharine blickend; und mit einem Ausrufe, der zwiſchen einem Gebete und einem Fluche mitten inne zu ſchweben ſchien, entfloh Chriſtie's von Clinthill Seele zu ihrer letzten Rechenſchaft⸗ In ſchmerzliche Gedanken verſunken, welche durch die letzten Ereigniſſe in ſeinem Gemuͤthe waren erweckt worden, verlor Glendinning fuͤr einen Augenblick ſich ſelbſt und ſeine Pflichten aus den Augen, und wurde erſt durch das Ge⸗ raͤuſch nahenden Hufſchlags und den Ruf:„Hei⸗ liger Georg fuͤr England!“ deſſen ſich die engli⸗ ſchen Truppen noch immer zu bedienen pflegten, zu ſich ſelbſt gebracht. Seine Handvoll Leute— denn die Meiſten hatten mehr ruͤckwaͤrts Murray's Ankunft erwartet— blieben zu Pferde, ihre Lanzen aufrecht haltend, da ſie weder Befehl hatten ſich zu unterwerfen, noch Widerſtand zu leiſten. „Hier ſteht unſer Fuͤhrer!“ ſagte einer von ihnen, als ein ungleich ſtaͤrkerer Haufen Eng⸗ laͤnder, der Vortrab von Foſters Parthei, herbei kam. Euer Fuͤhrer, das Schwert in der Scheide, und zu Fuß, im Angeſichte des Feindes? Ey! das mag ein rechter Soldat ſein! fagte der eng⸗ 248 liſche Anfuͤhrer. Nun! junger Mann, habt Ihr ausgetraͤumt? werdet Ihr mir nun antworten, ob Ihr fechten oder fliehen wollt? „»Keines von Beiden!“ verſetzte Halbert Glen⸗ dinning mit großer Ruhe⸗ Nun, ſo lege Dein Schwert ab und ergieb Dich! ſagte der Englaͤnder. „Richt eher, als bis ich mir gar nicht mehr anders helfen kann,“ erwiederte Halbert mit der⸗ ſelben Maͤßigung im Ton und Benehmen. Stehſt Du auf Deine eigene Hand, Freund, oder wem dienſt Du? fragte der engliſche An⸗ fuͤhrer. „Dem edlen Earl von Murray!“ Dann dienſt Du, ſagte der Suͤdlaͤnder: dem unrechtlichſten Mann, der lebt, falſch gegen Eng⸗ land und Schottland. Du luͤgſt! verſetzte Glendinning, ohne Ruͤck⸗ ſicht auf irgend eine Folge dieſer Aeußerung. Wie jetzt ſo hitzig, und noch eine Minute zuvor ſo kalt? Ich luͤge? ich? Willſt Du darauf mit mir kaͤmpfen— „Mann gegen Mann! auch einer gegen zwei, oder zwei gegen fuͤnf, wie Ihr wollt!- ſagte 8 — 249 Halbert Glendinning:„nur muß ich einen or⸗ dentlichen Raum haben.“ Den ſollſt Du haben! Tretet zuruͤck, brave Kameraden! ſagte der Englaͤnder: falle ich, ſo kaßt ihn mit ſeinen Leuten ungekraͤnkt abziehen. „Lange lebe unſer edle Kapitain!“ riefen die Soldaten, voll Verlangen, dem Gefechte zuzuſe⸗ hen, als waͤr's ein Stiergefecht. Er wird's nicht mehr lang treiben, ſagte der Sergeant: wenn er, als ein alter Mann von ſech⸗ zig Jahren, ſo mit jedem, den er antrifft, und beſonders mit ſo jungem Volke, deſſen Vater er ſein koͤnnte, ſich einlaſſen will. Aber da kommt jg auch der John Foſter, der wird dem Kampf⸗ ſpiele wohl auch zuſehen wollen. In der That kam auch Foſter mit einem an⸗ ſehnlichen Reuterhaufen herbei, gerade als ſein Hauptmann, deſſen Alter ihn zum Gefechte mit einem ſo jungen und kraftvollen Manne, wie Glendinning, ganz unfaͤhig machte, ſein Schwert verlor. „Heb' es auf, und ſchaͤme Dich, alter Sta⸗ warth Bolton,“ ſagte Foſter:„und Du, junger Mann, ſage: wer und was biſt Du?“ Aus dem Gefolge des Earl von Murray, 250 und ich uͤberbringe Euch ſeine Willensmeinung; verſetzte Glendinning: aber da kommt er ja ſelbſt des Weges her, ich ſehe ſchon den Vortrab ſei⸗ ner Reuter uͤber die Huͤgel reiten. „Stellt Euch in Ordnung, Leute,“ ſagte Fo⸗ ſter zu ſeinem Gefolge:„Ihr, die Ihr Eure Lanzen zerbrochen habt, zieht die Schwerter. Zu einem zweiten Gefechte ſind wir freilich eben nicht vorbereitet; wenn uns aber jene dunkle Wolke uͤber den Huͤgeln ſchlechtes Wetter brin⸗ gen ſollte, nun, ſo muͤſſen wir's ertragen, ſo gut es mit unſern zerfetzten Maͤnteln gehen will! Unterdeſſen, Stawarth, haben wir doch das Wild gefangen, auf das wir Jagd gemacht haben. Hier wird der Piercie Shafton eben zwiſchen zwei Reutern daher gefuͤhrt. Wer? dieſer Purſche? ſagte Bolton: das iſt Piercie Shafton eben ſo wenig, als ich es bin. Freilich traͤgt er ſeine bunten Kleider, aber Pier⸗ eie Shafton iſt ein Dutzend Jahr aͤlter, als die⸗ ſer erbaͤrmliche, verpfuſchte Schelm. Ich habe ihn gekannt, als er kaum ſo groß war. Habt Ihr ihn denn nie auf dem Turnierplatze oder in Geſellſchaft geſehen? „Zum Henker mit ſolchen Eitelkeiten!“ ſagte 25¹ Sir John Foſter:„wann haͤtte ich denn Muße gehabt, mich nach ſo was umzuſehen? Hat ſie mich denn nicht auf die ganze Lebenszeit zum Dienſte eines Buͤttels beſtimmt? Immer ſoll ich nach Dieben und Verraͤthern Jagd machen, in taͤglicher Furcht fuͤr mein Leben. Nie kann ich die Lanze in meiner Halle aufhaͤngen, nie den Fuß aus dem Steigbhuͤgel bringen, nie meinen Roſſen die Saͤttel von den Ruͤcken nehmen, und da ich jetzt in der Perſon eines Menſchen mich vergriffen, den ich nie geſehen habe, ſo wett' ich, werde ich in dem naͤchſten Schreiben aus dem Geheimen Rathe mitgenommen wie ein Hund— ſtatt ſolche Quaͤlerei zu dulden, wollt' ich lieber todt ſein.“ Foſters Klagen wurden hier durch einen Trom⸗ petenſtoß unterbrochen, und ſogleich erſchien ein ſchottiſcher Herold und meldete: daß der edle Earl von Murray in aller Ehre und Sicherheit eine perſoͤnliche Zuſammenkunft mit Sir John Foſter wuͤnſche, und zwar in der Mitte ihrer Leute, mit ſechs Gefaͤhrten von jeder Seite, und zehn Minuten freies Geleit zu kommen und zu gehen. „Jetzt,“ ſagte der Englaͤnder:„kommt eine 252 andre Plage. Ich muß doch mit dem falſchen Schotten reden, und der verſteht ſich darauf, Pffffe zu drehen, und einem geraden, ehrlichen Manne Staub in die Augen zu ſrreuen. In Worten, da kann ich's nicht mit ihm aufnehmen, und fuͤr derbe Streiche ſind wir zu ſchlecht ver⸗ ſehen. Herold, wir bewilligen die Unterredung, und Ihr, Herr Knappe(zum jungen Glendin⸗ ning ſich wendend) zieht mit Euren Leuten nur wieder zu den Eurigen, folgt der Trompete Eu⸗ res Earls. Stawarth Bolton, ſtellt unſere Leute in Ordnung, und ſeid bereit, auf das Zeichen mit einem Finger, vorzuruͤcken. Run! Marſch! fort zu Euren Freunden, Sir Squire! verweilt Euch nicht laͤnger umſonſt hier ⸗ 3 Ohngeachtet dieſes beſtimmten Befehles, onnte ſich Halbert Glendinning doch nicht ent⸗ halten, noch einen Blick auf die ungluͤckliche Katharine zu werfen, welche, ohne der Gefahr, von den Pferden zertreten zu werden, zu achten, noch immer da lag; allein ein zweiter aufmerkſa⸗ mer Blick uͤberzeugte ihn, daß es mit ihr fuͤr immer aus ſei. Glendinning freute ſich faſt, als er ſahe, daß das letzte Schmerzliche des Lebens bei ihr uͤberſtanden ſei, daß die Hufe der Pfer⸗ 233 —3 de, unter denen er ſie verlaſſen mußte, bloß ei⸗ nen empfindungsloſen Leichnam verletzen konn⸗ ten. Das Kind aber nahm er ihr aus den Ar⸗ men, faſt ſich ſchaͤmend, wegen des Gelaͤchters, das ſich jetzt von allen Seiten hoͤren ließ, da man ſahe, daß ſich ein bewaffneter Mann, in ſolcher Lage, mit einer ſo ungewohnten und un⸗ paſſenden Buͤrde belud. „Schultert doch Euer Kind!“ rief ihm ein Arquebuſir zu. „Gerade das Kind getragen!“ ſagte ein Lan⸗ zenknecht. 3 „Schweigt, Ihr rohen Kerle! ſagte Sta⸗ warth Bolton:„und achtet die Menſchlichkeit wenigſtens an Andern, wenn Ihr ſie auch nicht in Euch fuͤhlt. Ich verzeihe es dem jungen Pur⸗ ſchen, daß er meinen grauen Haaren gerade nicht viel Achtung erwieſen hat, da er ſich nun des huͤlfloſen Geſchoͤpfes angenommen, uͤber das ihr gewiß weggeritten waͤret, als waͤr's ein junger Wolf geweſen.“ 4 Indeß dieſes vorging, trafen die Fuͤhrer je⸗ der Seite auf dem neutralen Platze zwiſchen den Truppen zuſammen, und der Earl redete den engliſchen Graͤnzwaͤchter alſo an:„Iſt das recht 2654 und erlaubt, Sir John, oder fuͤr wen haltet Ihr den Earl von Morton und mich ſelbſt, daß Ihr in Schottland mit fliegenden Fahnen ein⸗ brecht, Euch ſchlagt und Gefangene macht, ganz nach eigenem Gefallen? Glaubt Ihr, es ſei wohl⸗ gethan, unſer Land zu verwuͤſten, unſer Blut zu vergießen, nachdem wir Eurer Herrin ſo viel Beweiſe unſerer Ergebenheit, ſo weit es nehm⸗ lich die Treue und Pflicht gegen unſere eigene Monarchin zuließ, gegehben haben?“ Mylord Murray! verſetzte Foſter: alle Welt kennt Euch als einen Mann von vielem Ver⸗ ſtande und tiefer Einſicht, und dieſe Wochen da⸗ her habt Ihr mich ſtets durch Verſprechungen hingehalten, den Empoͤrer gegen meine Monar⸗ chin, den Piercie Shafton zu verhaften, und im⸗ mer habt Ihr Euer Wort nicht gehalten, indem Ihr Unruhen in Weſten, und, was weiß ich, was ſonſt noch fuͤr Hinderniſſe vorgeſchuͤtzt habt. Jetzt, da er die Freiheit gehabt hat, hierher zu⸗ ruͤckzukehren, und innerhalb zehn Meilen von England, öͤffentlich umherzugehen, konnte ich nicht laͤnger zuſehen; ich habe daher die Macht meiner Monarchin angewendet, des Rebellen 8 255 mich mit Gewalt zu bemaͤchtigen, wo ich ihn finden wuͤrde. „Und iſt denn Piercie Shafton in Eurer Gewalt?“ ſagte der Earl von Murray:„Be⸗ denkt wohl, daß Ihr ihn, wenn ich nicht Schande davon haben ſoll, ohne ein Treffen zu liefern nicht von hier fort bringen duͤrft.“ Wollt Ihr denn, Lord Earl, nach allen Vor⸗ theilen, die Ihr aus den Haͤnden der Koͤnigin von England empfangen habt, die Sache eines Emprers gegen ihr Anſehen verfechten? „Nein! Sir John!“ verſetzte der Earl! „allein die Freiheiten unſers freien Koͤnigreichs Schottland, will ich bis auf den Tod verfech⸗ ten.“ Nun, ſagte John Foſter, mein Schwert iſt nicht ſchartig geworden durch das, was ich bis jetzt gethan habe. „Bei meiner Ehre, Sir John,“ ſagte Sir George Reiger von Gipchaſe: wir haben auch gar keine Urſache mit dem ſchottiſchen Herrn hier zu fechten, denn ich bin ganz der Meinung des alten Stawarth Bolton, daß der Gefan⸗ gene dort keinesweges der Piercie Shafton iſt, ſo wenig wie der Earl von Northumberland; 256— es waͤre nicht wohl gethan, den Frieden zwiſchen zwei Laͤndern, wegen eines ſo unbedeutenden Gefangenen aufs Spiel zu ſetzen.“ Sirr George, entgegnete Foſter: ich habe oft gehoͤrt, Ihr Reiger fuͤrchtetet Euch vor den Fal⸗ ken; und legt die Hand nur nicht aus Schwert, ich habe nur geſpaßt,— den Gefangenen aber laßt doch einmal hierher bringen, daß wir ſe⸗ hen, wer er iſt, aber Alles in Frieden, Mylords— fuhr er fort, zu den Schotten ſich wendend. „Auf unſer Ehrenwort!“ ſagte Morton: „wir werden keine Gewalt brauchen!“— Das Lachen wandte ſich ziemlich ſtark gegen Sir John Foſter, als der Gefangene herbeige⸗ bracht ward, und es ſich auswieß, daß er nicht nur eine von Sir Piercie Shafton ganz verſchie⸗ dene Perſon, ſondern— ein Frauenzimmer in Mannskleidern ſei. „Reißt der frechen Diene den Mantel ab, und jagt ſie, zu den Troßbuben!“ ſagte Foſter: „denn in ſolcher Geſellſchaft ſcheint ſie bisher geweſen zu ſeyn.“ Selbſt Murray konnte ſich des Lachens nicht enthalten, als er den engliſchen Graͤnzwaͤchter alſo getaͤuſcht ſahe; allein er geſtattete nicht, daß 257 der ſchoͤnen Muͤllerin, welche ſo zum zweiten Male mit perſoͤnlicher Gefahr den Sir Piercie Shafton befreit hatte, indem ſie waͤhrend der Flucht ſeine Perſon vorſtellte, irgend eine Ge⸗ walt geſchaͤhe⸗ „Ihr habt ſchon mehr Unheil verurſacht, als Ihr verantworten koͤnnt,“ ſagte der Earl: „und es wuͤrde ſchimpflich fuͤr mich ſein, wenn ich geſtatten wollte, daß der jungen Frauensper⸗ ſon nur ein Haar gekruͤmmt wuͤrde.” Mylord! ſagte Morton: wenn Sir John ſich mit mir abſeits begeben will, nur auf einen Augenblick, ſo will ich ihm genug Gruͤnde an⸗ geben, ſich zu entfernen, und dieſes ungluͤckliche Tagewerk dem Urtheit der Commiſſion zu uͤber⸗ laſſen, welche zu Unterſuchung der Streitigkei⸗ ten auf der Grenze niedergeſetzt iſt.“ Er fuͤhrte hierauf Sir John Foſter auf die Seite, und redete ihn folgendermaßen an:„Sir John Foſter, ich muß mich wundern, daß ein Mann, der die Koͤnigin Eliſabeth kennt, wie Ihr, nicht weiß, daß, wenn Ihr Etwas von ihr hofft, dies durch nuͤtzliche Dienſte, die Ihr ihr leiſtet, erkauft werden muß, nicht aber dadurch, daß Ihr ſie in unvortheilhafte Streitigkeiten 258— mit ihren Nachbarn verwickelt. Herr Ritter, ich will Euch offen ſagen, was ich fuͤr die Wahr⸗ heit halte Haͤttet Ihr auch durch dieſen unvor⸗ ſichtigen Einbruch, Euch der Perſon des wahren Piercie Shafton bemaͤchtigt, und haͤtte dieſe Eure That, wie hoͤchſt wahrſcheinlich, einen Bruch zwiſchen beiden Laͤndern zu veranlaſſen gedroht, ſo wuͤrde Eure ſtaatskluge Fuͤrſtin und ihr eben ſo ſtaatskluger Rath eher den Sir John Foſter mit Ungnade belohnt, als ſeinetwegen einen Krieg an⸗ gefangen haben. Aber da Ihr jetzt Euer Ziel verfehlt habt, koͤnnt Ihr Euch darauf verlaſſen, daß Ihr wenig Dank verdienen werdet, wenn Ihr die Sache noch weiter treiben wolltet. Ich will den Earl von Murray zu vermoͤgen ſuchen, daß er den Sir Piercie Shafton aus den Graͤn⸗ zen Schottlands entfernt. Seid vernuͤnftig und laßt die Sache nun ruhen, Ihr gewinnt durch fernern Gewaltthaͤtigkeit nichts, denn wenn es zum Gefechte kommt, koͤnnt Ihr leicht als die Schwaͤchern an Zahl und Kraͤften, wegen der fruͤhern Aktion, den Kuͤrzern ziehen.“ Sir John Foſter hoͤrte dieſer Rede zu, das Haupt auf die Bruſt geſenkt. “ iſt doch ein verwuͤnſchter Handel! ſagte 259 er: und ich werde fuͤr mein Tagewerk wenig Dank erndten. Hierauf ritt er zu Murray, und ſagte: daß er aus Achtung gegen ihn, den anweſenden Lord, und Mylord Morton, ſich entſchloſſen habe, mit ſeiner Macht den Nuͤckzug anzutreten, ohne weiter das geringſte zu unternehmen. „Halt! Sir John Foſter!“ verſetzte Mur⸗ ray:„ich kann Euch nicht ſo ruhig abziehen laſſen, wenn Ihr mir nicht Jemand als Buͤr⸗ gen fuͤr Schottland ſtellt, daß der Schaden, den Ihr uns zugefuͤgt habt, vollſtaͤndig erfetzt wer⸗ den ſoll, denn Ihr werdet ſelbſt einſehen, daß durch Geſtattung Eures Ruͤckzugs, ich meiner Monarchin verantwortlich werde, welche mich wegen des Blutes ihrer Unterthanen zur Re⸗ chenſchaft ziehen wuͤrde, ließ ich die, welche es vergoſſen, ſo leicht davon kommen.“ Nie ſoll man in England ſagen, verſetzte der Graͤnzwaͤchter: daß John Foſter, wie ein Ue⸗ berwundener, Pfand und Buͤrgen ſtellte auf dem Felde, wo er als Sieger geſtanden. Doch, ſetzte er nach der Pauſe eines Augenblicks hinzu, wenn Stawarth Bolton aus freier Wahl bei Euch bleiben will, ſo habe ich nichts dagegen; —- und wie mich duͤnkt, waͤre es auch beſſer, wenn er bliebe, um zu ſehen, wie Piercie Shafton fortgeſchickt wird. 4 „Demohngeachtet nehme ich ihn als Eure Geißel an, und werde ihn auch ſo behandeln,“ ſagte der Earl von Murray. Allein Foſter wandte ſich ab, gleich als gaͤbe er dem Bolton und ſei⸗ ner Mannſchaft Verhaltungsbefehle, und ſich ſtel⸗ lend, als habe er dieſe Bemerkung gar nicht ge⸗ hoͤrt. „Ein recht treuer Diener ſeiner ſchoͤnen Be⸗ herrſcherin! ſagte Murray leiſe zu Morton: „Gluͤglicher Mann! er weiß nicht, ob ihn die Vollziehung ihrer Befehle nicht ſelbſt den Kopf koſtet! und doch iſt er auch ſicher, daß, wenn er ſie nicht befolgt, Ungnade, und wohl auch der Tod ſein Loos iſt. Ungluͤckliche! die nicht allein den Launen der Dame Fortuna unterworfen, ſondern fuͤr dieſe ſelbſt verantwortlich ſind, und das zwar einer Beherrſcherin, welche jener All⸗ beherrſcherin an Launen nichts nachgiebt!“ Wir haben auch eine Beherrſcherin, My⸗ lord! ſagte Morton. „Das weiß ich wohl, Douglas,“ ſagte der Earl mit einem unterdruͤkten Seufzer:„allein * 11 261 es iſt auch noch nicht ausgemacht, wie lange eine weibliche Hand die Zuͤgel der Macht, in einem ſo wilden Reiche, wie dieſes, wird halten koͤn⸗ nen. Wir wollen uns doch nun ſelbſt nach dem Kloſter zur heil. Jungfrau begeben, und uns nach dem Stande der Dinge daſelbſt erkundi⸗ gen. Glendinning! habe Acht auf dieſes Frau⸗ enzimmer, und beſchuͤtze ſie! Aber, Menſch, was haſt Du denn in den Armen? Ein kleines Kind! wo haſt Du denn das an ſolchem Orte und zu ſolcher Zeit gefunden:“. Halbert Glendinning erzaͤhlte kurz die Ge⸗ ſchichte. Der Earl ritt nun ſogleich nach der Stelle hin, wo Julians von Avenel Koͤrper lag, umſchlungen von der ungluͤcklichen Freundin und Gefaͤhrtin Armen, gleich dem Stamme einer Eiche, den der Sturm mit allen um ihn her ſich ſchlingenden Ranken entwurzelt hat. Beide waren todt und kalt. Murray wurde in unge⸗ woͤhnlichem Grade geruͤhrt, denn er erinnerte ſich vielleicht ſeiner eigenen Herkunft.„Welche Verantwortung, Douglas, laden die auf ſich,“ ſagte er:„welche ſo die ſchoͤne Gabe der Liebe mißbrauchen?— 1 Der Earl von Morton, unglu klich in ſei⸗ 26² ner Ehe, war in ſeinen Liebſchaften ziemlich un⸗ gebunden. Das muͤßt Ihr Heinrich Warden fragen, Mylord, oder John Knor! ich bin ein ſchlechter Rathgeber in Allem, was die Weiber betrifft. „Vorwaͤrts nach dem Kloſter!“ ſagte der Earl:„gieb das Kind dem weiblichen Reuter, Glendinning, der mag dafuͤr ſorgen! Laß dem todten Koͤrper keine Beſchimpfung zufuͤgen, und rufe Leute zuſammen, um ſie entweder zu be⸗ graben, oder wegzubringen. Vorwaͤrts⸗ Ihr Her⸗ ren! Vorwaͤrts!“. 263 Eilftes Kapitel. Da Nachricht von der verlornen Schlacht, welche die Fluͤchtlinge ſchnell nach dem Dorfe und Kloſter gebracht hatten, verbreitete unter den Bewohnern die groͤßte Beſtuͤrzung. Der Sakriſtan und andere Moͤnche riethen zur Flucht, der Schatzmeiſter meinte, man ſolle das Kir⸗ chenſilber benutzen, um den engliſchen Befehls⸗ haber zu beſtechen; der Abt allein blieb unbe⸗ weglich, und unerſchrocken. „Meine Bruͤder!“ ſagte er:„weil es Gott nicht gefallen hat, unſern Truppen den Sieg im Gefechte zu verleihen, ſo fodert er wohl von uns, ſeinen geiſtlichen Truppen, den guten Kampf des Maͤrterthums zu kaͤmpfen, einen Kampf,⸗ worinnen nur unſere eigene Feigherzigkeit uns den Sieg zu entreißen vermag. Laßt uns daher die Ruͤſtung des Glaubens anlegen, und uns, wo noͤthig, gefaßt machen, unter den Truͤmmern dieſes Heiligthumes zu ſterben, deſſen Dienſte 264 wir uns geweiht haben. Hoͤchlich ehrt uns Alle dieſe erhabene Auffoderung,— von unſerm theuern Bruder Nikolas an, deſſen graues Haar nur deshalb ſo lange erhalten worden, damit es mit der Krone des Maͤrterthums geſchmuͤckt werden konnte, bis zu meinem geliebten Sohn Eduard herab, der, in der letzten Tagesſtunde in dem Weinberge angekommen, die Arbeit und Muͤhe noch mit denen theilen durfte, welche ſchon vom Morgen an beſchaͤftigt waren. Seid gutes Mu⸗ thes, meine Kinder; ich wage es freilich nicht, wie meine heiligen Vorfahren, Euch eine un⸗ mittelbare Rettung durch Wunder zu verſpre⸗ chen; ich und Ihr, wir Alle ſind der beſondern Huͤlfe unwerth, welche in fruͤhern Zeiten das Schwert des Kirchenſchaͤnders gegen die eigene Bruſt deſſelben kehrte, oder die verhaͤrteten Her⸗ zen der Ketzer durch Mirakel ſchreckte, und Schaa⸗ ren von Engeln herabrief, um das Heiligthum des Herrn und der heil. Jungfrau zu vertheidi⸗ gen. Indeſſen ſollt Ihr heute, mit des Him⸗ mels Huͤlfe, ſehen, daß Euer Vater und Abt ſei⸗ nen hohen Poſten nicht entehren wird. Geht in Eure Zellen, meine Kinder, und verrichtet dort Eure Privatandacht. Kleidet Euch in Eure Feſt⸗ 265„ 4 Feſtgewande, und ſeid bereit, wenn die Schlaͤge der großen Glocke die Annaͤherung des Feindes verkuͤnden, Euch in feierlicher Prozeſſton ihm entgegen zu begeben. Laßt die Kirche oͤffnen, damit ſie denen von unſern Vaſallen zur Zu⸗ flucht diene, welche, wegen ihrer Dienſte an dem Tage des ungluͤcklichen Treffens, oder aus an⸗ dern Urſachen, die Rache des Feindes vorzuͤglich zu befuͤrchten haben moͤchten. Sagt dem Sir Piercie Shafton, wenn er der Schlacht entkom⸗ men iſt....» Hier bin ich, ehrwuͤrdiger Abt, verſetzte Piercie Shafton: und iſt es Euch anders genehm, ſo will ich ſogleich ſo viel Truppen ſammeln, als dem Gefechte entkommen ſind, und den Wi⸗ derſtand bis aufs Aeußerſte erneuern. Gewiß Alle werden's Euch ſagen, daß ich in der un⸗ gluͤcklichen Sache mein Moͤllichſtes gethan habe. Haͤtte Julian von Avenel meinen Rath geach⸗ tet, beſonders darin, ſein Mitteltreffen ein we⸗ nig zuruͤckzuziehen, gleich dem Reiger, der dem Stoße des Falken geſchickt auszuweichen ſucht, und ihm eher den Schnabel zeigt, als den Fluͤ⸗ gel, ſo wuͤrde, glaub' ich, Alles anders ſtehen, und wir haͤtten auf eine ſtreitbarere Weiſe den D. Kloſter. III. M Kampf beſtehen moͤgen. Indeſſen will ich das nicht geſagt haben, um Julian von Avenel her⸗ abzuſetzen, denn ich habe ihn fechtend fallen ſe⸗ hen, das Al geſicht dem Feinde zugewandt, und das hat denn auch den ungeziemenden Ausdruck: „in Alles ſich miſchender Narr!“ womit er mich ein wenig unbeſonnen. meinen Rath belegte, gus meinem Gedaͤchtniſſe verwiſcht, wiewohl ich, wenn's dem Himmel gefallen haͤtte, das Le⸗ ben des trefflichen Mannes zu verlaͤngern, mir gelobt hatte, ihn dafuͤr mit eigener Hand in's Todtenreich zu ſenden⸗ „Sir Piercie,“ ſagte der Abt, ihn endlich unterbrechend:„unſere Zeit erlaubt uns nicht, von dem zu ſprechen, was haͤtte geſchehen koͤn⸗ Ren...— Ihr habt ſehr Recht, ehrwuͤrdiger Abt und Vater, verſetzte der unverbeſſerliche Euphuiſt: das praeteritum, wie es die Grammatiker nen⸗ nen, geht die ſchwache Menſchheit weit weniger an, als das futurum, und unſere Gedanken be⸗ ſchaͤftigen ſich hauptſaͤchlich mit der Gegenwart. Mit einem Wort, Ihr ſeht mich bereit, diejeni⸗ gen anzufuͤhren, welche mir folgen wollen, und den Englaͤndern, ob ſie gleich meine Landsleute 267 ſind, bei ihrem Vordringen ſolchen Widerſtand zu leiſten, wie ein Mann und ein Sterblicher nur vermag. Seid verſichert, Piercie Shafton wird mit ſeiner Laͤnge, welche fuͤnf Fuß ehn Zoll be⸗ traͤgt, eher den Boden meſſen, als zwei Ellen zuruͤckweichen, welches doch der gewoͤhnliche Raum iſt, wenn wir zuruͤckazgen. „Ich danke Euch, Herr Ritter, und ich zweifle nicht, daß Ihr Wort halten wuͤrdet; allein es iſt nicht der Wille des Himmels, daß ſterb⸗ liche Waffen uns befreien ſollen. Wir ſind be⸗ rufen zu dulden, nicht zu widerſtehen, und duͤr⸗ fen das Blut unſerer unſchuldigen Bruͤder nicht umſonſt verſchwenden. Fruchtloſer Widerſtand ziemt Maͤnnern meines Standes nicht, ſie haben Befehl von mir, Schwert und Speer niederzule⸗ gen.— Gott und unſere Frau haben unſere Fah⸗ nen nicht geſegnet.“ Bedenkt aber, ehrwuͤrdiger Lord, ſagte Pier⸗ eie Shafton mit großem Eifer: ehe Ihr die Vertheidigung aufgebt, welche in unſerer Macht ſteht— da ſind manche Poſten am Eingange dieſes Dorfes, wo brave Maͤnner mit Vortheil fechten und ſterben koͤnnten; ich habe noch au⸗ ßerdem einen Beweggrund, die Vertheidigung M 2 268 zu verſuchen, die Rettung einer ſchoͤnen Freun⸗ din nehmlich, die, wie ich hoffe, den Haͤnden der Ketzer entkommen iſt. „Ich verſtehe Euch, Sir Piercie, Ihr meint die Tochter unſers Kloſtermuͤllers.“) Sehr ehrwuͤrdiger Lord, ſagte Sir Piercie nicht ohne Stottern: die ſchoͤne Myſinda iſt zwar, wie man gewiſſermaßen ſagen kann, die Tochter eines Mannes, welcher mechaniſch Korn ſo zubereitet, daß es in Brot verwandelt werden kann, ohne das wir nicht beſtehen koͤnnen, und welches alſo ein an ſich ehrenwerthes, ja noth⸗ wendiges Gewerbe iſt. Wenn jedoch die reinſten Geſinnungen eines edeln Gemuͤths, welche den Strahlen ver Sonne gleichen, die der Diamant zuruͤckſtrahlt, ein Frauenzimmer zu adeln vermoͤ⸗ gen, das die Tochter eines Muͤhlenmechanikers iſt.. „Das Alles, Herr Ritter,“ ſagte der Abt: „kann mich jetzt nicht beſchaͤftigen. Genug, es iſt unſer Wille, nicht laͤnger mit irdiſchen Waffen zu ſtreiten. Wir Geiflliche wollen Euch Weltliche lehren, wie man mit kaltem Blute ſtirbt, die Haͤnde nicht zum Widerſtande erho⸗ ben, ſondern zum Gebete gefaltet, unſre Herzen nicht von Haß, ſondern von chriſtlicher Milde und Verſoͤhnlichkeit erfuͤllt, unſere Ohren nicht be⸗ taͤubt, und unſere Sinne nicht verwirrt durch den Klang kriegeriſcher Inſtrumente, ſondern viel⸗ mehr unſere Stimme erhoben zum Halleluja, Kyrie⸗Eleiſon und Salve Regina, unſer Blut ruhig und kalt, wie derjenigen, welche ſich mit Gott verſoͤhnen, nicht an ihren Mitmenſchen raͤchen wollen!“— Lord Abt, ſagte Piereie: das hilft meiner Myſia nichts, die ich, das bitte ich Euch zu be⸗ merken, durchaus nicht verlaſſen werde, ſo lange der goldene Griff und die gute Klinge meines Schwertes halten. Ich hatte ihr nicht befohlen, uns in das Feld zu folgen, und doch, duͤnkt mich, ſahe ich ſie, im Anzuge eines Pagen, unter dem Nachtrabe der Fechtenden. „Wollt Ihr die Perſon, fuͤr deren Schick⸗ ſal Ihr Euch ſo intereſſirt, aufſuchen,“ ſagte der Abt:„ſo moͤget Ihr jetzt in der Kirche nach ihr zu forſchen, denn hier haben alle un⸗ ſere vertheidigungsloſen Vaſallen eine Zuflucht gefunden. Es iſt mein Rath, daß Ihr auch die Hoͤrner des Altars umfaſſet, und, Sir Piercie Shafton,“ ſetzte er hinzu:„auf Eins koͤnnt Ihr 270 Euch ſicher verlaſſen, verſucht Ihr Widerſtand, ſo fuͤhrt das den Untergang der ganzen Bruͤder ſchaft herbei, denn nie, nie wird der Geringſte von uns ſeine Rettung durch Auslieferung eines Freundes oder Gaſtes erkaufen. Verlaßt uns, mein Sohn, und moͤge Gott Euch beſchuͤtzen!“ Als ſich Sir Piercie Shafton entfernt hatte, und der Abt im Begriff war, ſich in ſeine Zelle zu begeben, wurde ihm gemeldet, daß eine unbe⸗ kannte Perſon ihn um eine Unterredung erſuchen laſſe, und als dieſe erſchien, erſtaunte er nicht we⸗ nig, daß dieſes Niemand anders war, als Heinrich Warden. Der Abt rief bei ſeinem Eintritte ihm unmuthig entgegen:„Sollen denn auch die wenigen Stunden, fuͤr welche dem Abte das Schickſal noch ſeinen Schmuck geſtattet, nicht von dem Ein⸗ dringen der Ketzerei frei ſein? Kommſt Du, der Hoffnung Dich zu freuen, die das Schickſal Dei⸗ ner verworfenen Sekte zeigt, mit der Zornruthe der Zerſtoͤrung den Stolz der alten Religion vernichtet, unſere Heiligthuͤmer entweiht, die Leichname unſerer Wohlthaͤter beunruhigt und verſtuͤmmelt, und die heiligen Gefaͤße des Hau⸗ ſes Gottes und unſerer Frau geraubt zu ſehen?“ Schweig! William Allan, ſagte der proteſtan⸗ 271 tiſche Prediger mit Wuͤrde und Anſtand: aus keiner dieſer Urſachen komme ich hierher! Ich haͤtte freilich gewuͤnſcht, daß dieſe Goͤtzenbilder verſchwunden waͤren, die nicht bloß als Abbil⸗ dungen des Guten und Edlen betrachtet, ſondern goͤttlich verehrt werden. Ich wuͤnſchte freilich, daß dieſe Zierrathen nicht Fallſtricke ſeyn oder werden moͤchten fuͤr die Seelen der Menſchen; allein ich billige keinesweges die Verheerungen, von der Wuth des Volkes begangen, das durch blutige Verfolgungen ſeinen Eifer gegen den fal⸗ ſchen Gottesdienſt beweiſt. Gegen ſo ſchaͤndliche Zerſtoͤrung werde ich mein Zeugniß erheben⸗ „Feiger! Elender!“ ſagte der Abt, ihn un⸗ terbrechend:„was ſoll der Vorwand, unter dem Du das Heiligthum Gottes beraubſt? und warum willſt Du durch Deine Unheil verkuͤndende Ge⸗ genwart in dieſer Noth den Vorſteher deſſelben noch verhoͤhnen? Du biſt ungerecht, William Allan, ſagte Warden: allein ich bleibe nichts deſto weniger feſt auf meinem Entſchluſſe. Du haſt mich vor einiger Zeit, mit Gefahr Deiner Wuͤrde, und was Du, wie ich weiß, noch theurer achteſt, mit Gefahr Deines Rufes, bei Deiner eigenen Sek⸗ 272— te, beſchuͤtzt. Unſere Parthei iſt jetzt im Vor⸗ theil, und ich bin bloß in das Thal herabgekom⸗ men, wo Du mich einſt bis zu Faͤllung des Ur⸗ theils aufbewahrteſt, um meine Verpflichtungen gegen Dich zu erfuͤllen. 4 „Ja,“ verſetzte der Abt:„es iſt wohl moͤg⸗ lich, daß, weil ich dem weltlichen Mitleid nach⸗ gegeben habe, das fuͤr Dein Leben in mir ſprach, das drohende Ungluͤck dafuͤr jetzt Rache nimmt. Wohl moͤglich, daß der Himmel den irrenden Hirten geſchlagen und die Schaafe zerſtreut hat.“ O! denke beſſer von Gottes Gericht! ſagte Warden: nicht Deiner Suͤnden wegen, William Allan, welche nur in Deiner fruͤhen Verblen⸗ dung, und in den Umſtaͤnden ihren Grund ha⸗ ben, nicht dieſer Deiner Suͤnden wegen, Wil⸗ kiam Allan, wirſt du geſchlagen, ſondern wegen der Schuld, die Deine Kirche auf ihr Haupt, ſo wie auf das ihrer Anhaͤnger gehaͤuft hat. „Bei meinem feſten Glauben an den Fels des heiligen Petrus,“ ſagte der Abt:„Du blaͤ⸗ ſeſt den letzten Funken menſchlichen Unwillens, fuͤr den mein Buſen noch Nahrung hat, in mir auf. Ich dachte, ich wuͤrde keinen Antrieb zu ei⸗ ner irdiſchen Leidenſchaft mehr in mir verſpuͤ⸗ — 19 273 ren, und es iſt Deine Stimme, welche mich noch einmal zu Aeußerungen menſchlichen Zor⸗ nes aufregt, ja es iſt Deine Stimme, die mich in den Stunden des Kummers, durch die gottes⸗ laͤſterlichen Anklagen der Kirche kraͤnkt, welche das Licht des Chriſtenthums von den Zeiten der Apoſtel bis jetzt hell und rein erhalten hat.“ Von den Zeiten der Apoſtel? ſagte der Pre⸗ diger mit Eifer! Negatur Gulielme Allan! Die erſte urſpruͤngliche Kirche, iſt von der heutigen roͤmiſchen ſo verſchieden, wie das Licht von der Dunkelheit! Das koͤnnte ich, wenn es die Zeit erlaubte, ſogleich beweiſen. Ungerechter aber ur⸗ theilſt Du von mir, wenn Du ſagſt: Ich wollte Dich in den Stunden Deines Kummers beleidi⸗ gen, da ich doch, Gott weiß! in der chriſtlichen Abſicht hier bin, eine Verpflichtung zu erfuͤllen, die ich gegen den uͤbernommen habe, der mich einſt aufnahm, und um mich Deinem Willen zu fuͤgen, ſo lange er noch die Macht hat, mich zu Etwas zu vermoͤgen, und wo moͤglich zu Deinem Beſten die Wuth der Sieger zu mildern, welche Gott als eine Geißel Deiner Hartnaͤckigkeit ge⸗ ſendet hat.. „Ich verſchmaͤhe Deine Vermittlung,“ ſagte 274 ſtolz der Aht:„die Wuͤrde, zu der mich die Kir⸗ che erhoben hat, wuͤrde ſelbſt in den Zeiten des hoͤchſten Gluͤckes meine Bruſt nicht ſtolzer ge⸗ hoben haben, als ſie ſich in dieſer Noth hebt. Ich verlange nichts weiter von Dir, als die Verſi⸗ cherung, daß meine Milde und Nachſicht nicht das Mittel geweſen iſt, eine Seele dem Satan zuzuwenden, daß ich dem Wolfe keines der Laͤm⸗ mer Preis gegeben habe, welche mir von dem großen Hirten der Seelen zur Bewahrung an⸗ vertraut worden.“ William Allan, verſetzte der Proteſtant: ich will aufrichtig gegen Dich ſein. Was ich ver⸗ ſprach, hab' ich gehalten. Ich habe meine Zunge heherrſcht, daß ſie ſelbſt nichts Gutes geſprochen. Allein es hat dem Himmel doch gefallen, das Fraͤu⸗ lein Maria von Avenel zu einem beſſern Glau⸗ hen zu fuͤhren, als Du, und alle Zoͤglinge Roms lehren moͤgen. Ihr habe ich mit meiner gerin⸗ gen Kraft geholfen. Ich habe ſie aus den Schlin⸗ gen boͤſer Geiſter errettet, denen ſie und ihr Haus waͤhrend der Verblendung ihres roͤmiſchen Aber⸗ glaubens ausgeſetzt waren, und Dank ſei mei⸗ nem großen Meiſter, ich darf nicht fuͤrchten, daß 275 ſie abermals in dieſen Schlingen werde gefan⸗ gen werden. „Ungluͤcklicher Mann,“ ſagte der Abt, un⸗ faͤhig ſeinen aufgluͤhenden Unwillen zu bekaͤm⸗ pfen:„gegen den Abt des Kloſters zur heiligen Jungfrau ruͤhmſt Du Dich, die Seele eines Be⸗ wohners des Heiligthums unſrer lieben Frau auf die Pfade des Irrthums und verdammenswerther Ketzerei verleitet zu haben? Du ndͤthigſt mich mit Gewalt, die wenigen Augenblicke der Macht, die mir noch vergoͤnnt ſind, dazu zu benutzen, daß ich einen Menſchen von der Erde vertilge, deſſen ihm von Gott verliehene Gaben ſo zum Dienſte des Satans von ihm gemißbraucht wor⸗ den ſind.“ Handle nach Deinem Gefallen, ſagte der Prediger, Dein eitler Zorn ſoll mich nicht hin⸗ dern, meine Pflicht zu Deinem Beſten zu thun, wo ich es ohne Verletzumg meines hoͤhern Be⸗ rufes vermag. Ich gehe zu dem Earl von Murray. Ihre Unterredung, welche eben in einen heftigen Streit ausarten wollte, wurde hier durch den dumpfen Schall der groͤßten Glocke des Kloſters unterbrochen; einem in den Anna⸗ 276 len deſſelben beruͤhmten Schall, denn er hatte Ungewitter zerſtreut und boͤſe Geiſter verjagt; allein jetzt kuͤndigte er bloß die Gefahr an, ohne ein Mittel zum Schutz dagegen zu gewaͤhren. Schnell wiederholte der Abt ſeinen Befehl, daß alle Bruͤder ſich im Chor verſammeln und zu einer feierlichen Prozeſſion ordnen ſollten; er ſelbſt beſtieg durch eine geheime Treppe den Kloſterthurm, und traf hier den Saeriſtan, der eben, ſeiner Pflicht gemaͤß, die große Glocke ge⸗ laͤutet hatte. „Jetzt werde ich wohl zum letzten Male meine Pflicht erfuͤllt haben, ehrwuͤrdiger Vater und Lord,“ ſagte er zu dem Abte:„denn dort kommen ſchon die Philiſter! Alein ich wollte doch nicht, daß die große Glocke des Kloſters anders als in gehorigen Toͤnen zum letzten Male erklingen ſollte. Ich bin zwar nur ein ſuͤndiger Mann, unwuͤrdig eines heiligen Geſchaͤftes, al⸗ lein ich wage es doch, zu behaupten, nie hat eine Glocke von dem Thurme unſers Kloſters ſo lange Vater Philipp dieſelben heſorgt hat, in falſchen Toͤnen geklungen.” Ohne darauf zu antworten, ſchaute der Abt ſcharf nach der Straße, welche, um den Berg „ 9277 ſich windend, von Suͤden her nach Kennaquhair ſich hinzieht; da bemerkte er denn in einiger Ent⸗ fernung eine Staubwolke, und vernahm die An⸗ naͤherung von Roſſen, indeß zuweilen der Glanz der Speere durchblitzte, und ſo den Zug bewaff⸗ neter Maͤnner verrieth⸗ „Ach! uͤber meine Schwaͤche!“ ſagte der Abt Euſtachius, indem er ſich die Thraͤnen aus den Au⸗ gen trocknete:„mein Geſicht iſt zu dunkel, ihre Bewegungen zu beobachten, ſchaue Du hin, mein Sohn Eduard!“— ſein Liebling, der junge No⸗ vize, war nemlich indeß an ſeine Seite getre⸗ ten—„ſchaue hin, und ſage mir, was fuͤr Feld⸗ zeichen ſie tragen? Es ſind Schotten! rief Eduard, ich ſehe ihre weißen Kreutze? Es moͤgen wohl die weſtli⸗ chen Grenzhuͤter ſein, oder Fernieherſt und ſein Clan.. „Sieh nach dem Banner,“ ſagte der Abt: „welches Wappenbild traͤgt es?“ Das Wappen von Schottland! ſagte Edu⸗ ard: den Loͤwen mit ſeiner Maͤhne, durch drei Balken getheilt. Sollte dies die koͤnigliche Fahne ſein? „Ach! Nein! Nein!“ verſetzte der Abt:„es 278 iſt die des Earl von Murray. Er hat mit ſeiner neuen Eroberung auch das Wappen des tapfern Randolf angenommen, und an dem ſeinen die Binde ausgeloͤſcht, welche ſeine niedere Geburt andeutete; wollte doch Gott! er haͤtte ſie nicht auch aus ſeinem Gedaͤchtniſſe verloͤſcht.“ Er wird uns doch wenigſtens, mein Vater, ſagte Eduard: vor der Gewalt der Maͤnner aus Suͤden ſchuͤtzen. „Ja, mein Sohn, wie der Schaͤfer ein Lamm vor dem Wolfe ſchuͤtzt, das er zu ſeiner Zeit fuͤr ſich ſelbſt zum Mahle beſtimmt hat. O! mein Sohn, ſchwere Zeiten hangen uͤber uns! Man iſt in die Mauer unſers Heiligthums eingebro⸗ chen— Dein Bruder iſt von ſeinem Glauben abgefallen. Murray hat ſchon davon geſprochen, ſeine Dienſte durch die Hand Mariens von Avenel zu belohnen.“ Mariens von Ayenel! rief der Novize, und wankte gegen die Mauer, wo er ſich an einer der hervorſpringenden Zierrathen anhielt, welche dieſes ſtolze Gebaͤude ſchmuͤckten. „Ja, mein Sohn, Mariens von Avenel, welche den Glauben ihrer Vaͤter gleichfalls abge⸗ ſchworen hat. Weine nicht, mein Eduard, weine 279 nicht, oder, wenn Du weinen willſt, ſo weine nur uͤber ihre Abtruͤnnigkeit, nicht uͤber ihre Verbindung! Preife Gott, der Dich zu ſich ge⸗ rufen hat aus dem Aufenthalte der Suͤnde. Du warſt ja auch ein Verlorner!“ Ich will mich bemuͤhen, mein Vater, ſagte Eduard: ich will mich bemuͤhen, ſie zu vergeſſen; aber ach! ſie iſt der einzige Gedanke meines fruͤ⸗ hern Lebens geweſen. Murray wagt es aber wohl nicht, eine in Anſehung der Geburt ſo un⸗ gleiche Heirath zu beguͤnſtigen. „Er wagt Alles, was mit ſeinem Plane uͤber⸗ einſtimmt. Das Schloß Avenel iſt feſt, und be⸗ darf eines guten, ihm ganz ergebenen Waͤchters. Der Unterſchied der Geburt kuͤmmert ihn nicht mehr als die Unebenheit des Bodens, wenn er auf demſelben militairiſche Linien und Verſchan⸗ zungen anlegen will. Aber laß deshalb Deinen Muth nicht ſinken! Erwecke Deine beſſere Seele in Dir! Denke, Du ſcheideſt nur von einem Traume, den Du in Einſamkeit und Thatenlo⸗ ſigkeit genaͤhrt haſt. Sieh! ich weine nicht, und welcher Verluſt ſteht mir wahrſcheinlich bevor!— Blicke auf dieſe Thuͤrme, wo Heilige wohnten, wo Helden begraben liegen. Bedenke, daß ich, — —y —— —— — —— 280—— erſt vor Kurzen zum Hirten der frommen Heerde berufen, welche hier ſich aufgehalten hat ſeit dem erſten Lichte des Chriſtenthums, und heute vielleicht als der letzte dieſer heil. Gemeinde werde aufgezeichnet werden! Komm, laß uns her⸗ abſteigen und unſerm Schickſal muthig entge⸗ gen gehen! Ich ſehe, ſie naͤhern ſich ſchon dem Dorfe.“ Der Abt ſtieg herab, der Novize warf noch einen Blick um ſich; allein das Gefuͤhl der dem ſtattlichen Gebaͤude, worinnen er nun einheimiſch geworden, drohenden Gefahr, vermochte doch nicht, Marien von Avenel aus ſeiner Seele zu verban⸗ nen.„Seines Bruders Braut!“— er zog die Kaputze uͤber das Geſicht, und folgte ſeinem Obern. Alle Glocken des Kloſters vermiſchten nun ihren Klang mit dem der groͤßten, welche ſchon ſo lange getoͤnt hatte. Die Moͤnche weinten und beteten, als ſie ſich, wie es ſchien, zum letzten Male, zu einer Prozeſſion in Ordnung ſtellten. „Es iſt recht gut, daß unſer Vater Bonifaz ſich zuruͤckgezogen hat ins tiefere Land,“ ſagte Vater Philipp:„er wuͤrde dieſen Tag gewiß 28¹1 nicht uͤberlebt haben, er haͤtte ihm das Herz ge⸗ brochen.* „Gott troͤſte den guten Abt Ingilram,“ ſagte der alte Vater Nikolas: ‚zu feiner Zeit kamen ſolche Dinge nicht vor. Man ſagt, wir ſollen aus dem Kloſter geſtoßen werden; wie ich aber anderswo leben ſoll, als wo ich nun ſiebenzig Jahre lang gelebt habe, das weiß ich nicht.— Das Beſte iſt, daß ich uͤberhanupt nicht lange mehr zu leben haben werde.“ Einige Minuten darauf oͤffnete ſich das große Thor des Kloſters, und die Prozeſſion bewegte ſich langſam feierlich aus dem hohen und reich geſchmuͤckten Portale. Kreuze und Fahnen, Kelche und andere Gefaͤße, Kaͤſtchen mit Reliquien, und Weihrauchkeſſel wurden vorausgetragen, und waren untermiſcht mit dem langen und feierli⸗ chen Zuge der Bruͤderſchaft, in ihren langen ſchwarzen Gewaͤndern und Kappen, mit den wei⸗ ßen daruͤber hangenden Scapuliren, begleitet von den verſchiedenen Kloſterbeamten, von denen je⸗ der das Zeichen ſeines Amtes trug. In der Mitte des Zuges ging der Abt, umgeben und unterſtuͤtzt von ſeinen vornehmſten Gehuͤlfen. Er trug die feſtlichſte Kleidung, und ſchien ſo ruhig und un⸗ 1 —— ——— befangen als haͤtte er an einer gewoͤhnlichen Fei⸗ erlichkeit Theil nehmen ſollen. Nach ihm ka⸗ men die untern Perfonen des Kloſters, die No⸗ vizen in ihren Alben oder weißen Gewaͤndern, und die Laienbruͤder, durch ihre Baͤrte zu unter⸗ ſcheiden, welche die Geiſtlichen ſelbſt ſelten wachſen ließen. Weiber und Kinder, mit einigen Maͤn⸗ nern, folgten und betrauerten die gefuͤrchtete Verheerung ihres alten Heiligthums. Alles be⸗ wegte fich in Ordnung vorwaͤrts, und man ver⸗ nahm nur in den Zwiſchenpauſen des Geſanges der Moͤnche den Ton der Klage und des Jam⸗ mers. So kam kendlich der Zug auf den kleinen Marktplatz des Dorfes Kennaquhair, welcher ſchon damals, wie jetzt, durch ein altes Kreuz von ſeltner Arbeit, das Geſchenk eines alten ſchottiſchen Koͤnigs, geziert war. Dicht neben dem Kreutze ſtand eine alte Eiche, welche viel⸗ leicht ſchon den Gottesdienſt der Druiden geſe⸗ hen hatte, lange zuvor ehe das ſtattliche Kloſter, zu dem ſie gehoͤrte, ſich zur Ehre des chriſtlichen Glaubens erhoben hatte. Dieſer Baum war, gleich dem Bentangbaum in den afrikaniſchen Doͤrfern, oder der in White's Naturgeſchichte von Selbourne erwaͤhnten Plaiſtow⸗Eiche, das Verſammlungszeichen der Dorfbewohner, und wurde mit beſonderer Verehrung betrachtet, ei⸗ nem Gefuͤhle, welches den meiſten Voͤlkern ei⸗ gen iſt, und das ſich vielleicht bis zu der entfern⸗ ten Periode zuruͤckfuͤhren laͤßt, wo Patriarchen die Engel unter den Baͤumen von Mamre be⸗ wirtheten. Die Moͤnche ſtellten ſich, jeder an ſeinem Platze, rund um das Kreutz, indeß ſich unter den Ueberreſten des alten Baumes der Haufe der Alten und Schwachen ſammelte, nebſt einigen Andern, welche die gemeinſame Beſtuͤrzung mit empfanden. Als ſie Alle ſo ſich aufgeſtellt hat⸗ ten, erfolgte eine tiefe und feierliche Stille. Die Moͤnche brachen ihren Geſang ab, und die Laien unterdruͤckten ihre Klagen, Alles erwar⸗ tete voller Angſt und ſchweigend die Ankunft der ketzeriſchen Truppen, welche ſie ſo lange ge⸗ fuͤrchtet hatten. Endlich vernahm man das Geraͤuſch vom Hufſchlag der Roſſe, und man erblickte den Glanz der Waffen durch die Baͤume jenſeits des Dorfes. Der Schall vermehrte ſich, und man konnte nun dentlich den Zug des anruͤckenden 284 Kriegerhaufes erkennen. Sie zogen zwei und zwei langſam durch den Eingang des Dorfes nach dem Platze zu, der den Mittelpunkt deſſel⸗ ben bildete. Hier umgaben ſie auf allen Seiten die Mitte mit einer vierfachen Reihe von Reu⸗ tern. Es erfolgte eine Pauſe, welche der Abt dazu benutzte, der Bruͤderſchaft zu befehlen, daß ſie nun den feierlichen Geſang: de profundis clamavi, anſtimmten. Er ſchaute dabei auf die Bewaffneten vund umher, um zu beobachten, welchen Eindruck die feierlichen Toͤne auf ſie machen wuͤrden. Alle ſchwiegen, allein auf den meiſten Geſichtern zeigte ſich Verachtung oder aauch dumpfe Gleichguͤltigkeit; ſie waren zu lange in ihrem jehigen Leben befangen geweſen, als daß der erloſchene Enthuſiasmus durch derglei⸗ chen Feierlichkeiten haͤtte von Neuem erweckt werden koͤnnen. „Ihre Herzen ſind verhaͤrtet,“ ſagte der Abt entmuthigt, doch nicht in Verzweiflung, zu ſich ſelbſt:„es bleibt nun noch uͤbrig, zu erforſchen, ob die der Fuͤhrer es im gleichen Grade ſind.“ Unterdeſſen kamen die Anfuͤhrer langſam herbei, und Murray ritt mit Morton in tiefem Geſpraͤche vor einem auserleſenen Trupy ihrer — beſten Leute, unter denen ſich auch Halbert Glen⸗ dinning befand. Der Prediger Heinrich Warden aber, der, nachdem er das Kloſter verlaſſen, ſich ſogleich zu ihnen begeben hatte, war die einzige Perſon, die ihre Unterredung theilte. „Ihr ſeid alſo entſchloſſen,“ ſagte Morton zu Murray:„die Erbin von Avenel, nebſt allen ihren Anſpruͤchen, dem namenloſen jungen Manne zu uͤberlaſſen?„ Hat Euch denn Warden nicht geſagt, ver⸗ ſetzte Murray: daß ſie zuſammen erzogen wor⸗ den ſind und ſich von Kindheit an geliebt ha⸗ ben? Und daß Beide, fuͤgte Warden hinzu: auf eine, man kann ſagen wundervolle Art von den Taͤuſchungen Roms befreit und in den Schooß der wahren Kirche gebracht worden ſind. Mein Aufenthalt zu Glendearg hat mich mit allen die⸗ ſen Dingen genau bekannt gemacht. Es wuͤrde ſich fuͤr meine Kleidung und meinen Beruf nicht ſchicken, wenn ich mich mit dem Stiften von Heirathen befaͤſſen wollte, allein noch ſchlechter waͤre es von mir, ruhig zuzuſehen, wenn Euer Herrlichkeit ohne Noth, Gefuͤhlen Gewalt anthun wollten, die unſerer Ratur angemeſſen ſind, und⸗ 286 unter dem Einfluſſe der Religion anſtaͤndig be⸗ friedigt, ein Pfand werden haͤuslichen Gluͤckes auf Erden, und der Gluͤckſeligkeit in einer zu⸗ kuͤnftigen Welt. Ich behaupte, Ihr thut nicht wohl, wenn Ihr dieſe Bande trennen wollt, und das Maͤdchen dem Anverwandten des Lord Morton gebt. „Ey,“ ſagte Morton:„das ſind rechte Gruͤn⸗ de, Mylord Murray, warum Ihr mir den Ge⸗ fallen verweigern wolltet, das einfaͤltige Maͤd⸗ chen dem jungen Bennygas zu geben. Erklaͤrt Euch deutlich, Mylord! wollt Ihr das Schloß von Avenel lieber in den Haͤnden eines Man⸗ nes ſehen, der ſeinen Namen und ſeine Exiſtentz bloß Eurer Huld und Gnade verdankt, oder in den Haͤnden eines Douglas und meines Ver⸗ wandten?“ Mylord Morton, ſagte Murray: ich habe in dieſer Sache nichts gethan, was Euch kraͤnken koͤnnte. Dieſer junge Mann, Glendinning, hat mir bedeutende Dienſte geleiſtet, und wird mir dergleichen ferner leiſten. Ich hatte ihm mein Verſprechen ſchon gegeben, als Julian von Aye⸗ nel noch lebte, und er außer der weißen und weichen Hand des Madchens auf Nichts Rech⸗ nung machen konnte; Ihr aber dachtet auf eine ſolche Heirath fuͤr Euern Verwandten erſt dann, als Julian ſchon todt auf dem Schlachtfelde lag, und Ihr wußtet, daß ſein Land eine Beute von dem werden wuͤrde, der ſich deſſen zuerſt bemaͤchtigte. Bedenkt Euch, Mylord, Ihr meint es mit Eurem Verwandten gewiß nicht gut, wenn Ihr eine Braut fuͤr ihn begehrt, die nur unter Milchnaͤpfen erzogen worden, denn dieſes Maͤdchen iſt, bis auf ihre Herkunft, doch eine bloße Bauerndirne. Ich denke, Ihr werdet mehr Achtung hegen gegen die Ehre des Ge⸗ ſchlechtes der Douglas. „Die Ehre der Donglas wird durch mein Benehmen nicht gefaͤhrdet,“ verſetzte Morton mit Stolz:„allein die Ehre anderer alten Fa⸗ milien wird eben ſo leiden, als der Name Ave⸗ nel, wenn Bauern ſich mit dem Blute unſerer alten Freiherren vermiſchen duͤrfen.“ Das iſt ein leeres Geſchwaͤtz, verſetzte Lord Murray: in Zeiten, wie dieſe, muß man mehr auf Maͤnner als auf Stammbaͤume ſehen. Tha⸗ tenvolle Zeiten machen aus Fuͤrſten Bauern, und aus Bauern Freiherren. Alle Familien ſind von irgend einem gemeinen Manne entſprungen, und ——— — —-— ——— 288 wohl ihnen, wenn ſie nie von der Tugend aus⸗ geartet ſind, wodurch ſie ſich einſt aus der Dun⸗ kelheit erhoben. „Mylord Murray wird wohl ſo gut ſein, das Haus Douglas auszunehmen,“ ſagte Morton mit Stolz:„man hat dies wohl als Baum, aber nie als Sproͤßling, wohl als Strom, aber nie als Quelle geſehen. In den fruͤheſten Zeiten unſerer ſchottiſchen Jahrbuͤcher waren die Dou⸗ glas eben ſo maͤchtig und ausgezeichnet, als jetzt.“ O! ich beuge mich vor dem Hauſe Douglas in Demuth, verſetzte Murray etwas ſpoͤttiſch: ich weiß wohl, daß ſelbſt das koͤnigliche Haus nicht mit ihm ſich meſſen kann. Ob wir gleich einige Menſchenalter hindurch Kronen und Scep⸗ ter getragen haben, ſteigt doch unſere Ahnen⸗ reihe nicht weiter hinauf als bis zu dem nie⸗ dern Alanus Dapifer. Mortons Wange entflammte eine dunkle Roͤ⸗ the, als er darauf antworten wollte; allein Heinrich Warden bediente ſich der Freiheit, die der prote⸗ ſtantiſche Clerus ſchon lange beſaß/ und unterbrach eine Unterredung, welche zu perſoͤnlich und zu hitzig zu werden begann, a um freundſchaftlich zu bleiben⸗ Meine 2) 289 „Meine Lords,“ ſagte er:„ich muß in der Uebung der Pflicht meines Meiſters kuͤhn ſein. Es iſt eine Schande zu hoͤren, wie zwei Edle, welche das Werk der Reformation ſo ernſtlich befoͤrdert haben, ſich um ſolche Nichtigkeiten ſtreiten, als Euch jetzt beſchaͤftigen. Bedenkt doch, wie lange Ihr mit Einem Geiſte gedacht, mit Einem Auge geſehen, mit Einem Ohre gehoͤrt habt, wie Ihr durch Eure Eintracht die Vereini⸗ gung der Kirche befoͤrdert, und durch Euer An⸗ ſehen die Macht des Antichriſts gebrochen habt; wolltet Ihr Euch nun entzweien, wegen eines alten Schloſſes und einiger nackten Huͤgel, we⸗ gen der Liebe und der Wahl eines gemeinen Lanzentraͤgers und eines Maͤdchens, ihm an Stande gleich oder in gleicher Dunkelheit er⸗ zogen, oder wegen noch unbedeutenderer Fragen aus der Genealogie?0 Der Mann hat Recht, edler Douglas, ſagte Murray, dieſem die Hand reichend: unſere Ein⸗ tracht iſt zu bedeutend fuͤr die gute Sache, als daß ſie durch ſo leere Streitigkeiten aufgeldſt werden ſollte. Ich bin entſchloſſen, dem Glen⸗ dinning in dieſer Sache zu Willen zu ſein. Er hat mein Verſprechen deshalb. Die Kriege, wo⸗ O. Kloſter. III. N 3 —õ—— -—õ— —— ran ich Antheil genommen, haben manche Fa⸗ milie elend gemacht: ſo will ich wenigſtens ver⸗ ſuchen, ob ich nicht eine gluͤcklich machen kann. Es giebt ja noch Maͤdchen und Guͤter genug in Schottland— ich verſpreche Euch, mein edler Verbuͤndeter, daß der junge Bennygask eine reiche Frau bekommen ſoll. „Mylord!“ ſagte Warden:„Ihr ſprecht edel und wie ein Chriſt. Ach, dies iſt ja ein Land des Haſſes und Blutvergießens, laßt uns nicht die letzten Spuren von Liebe und haͤuslichem Gluͤck daraus vertilgen! Strebt nicht ſo nach Reich⸗ thum fuͤr Euern edlen Verwandten, Mylord Morton, denn Ihr ſeht ja, daß die Zufrieden⸗ heit in der Ehe keinesweges davon abhaͤngt.“ Wenn Ihr auf mein haͤusliches Ungluͤck an⸗ ſpielt, ſagte Morton— deſſen Gemahlin, die er des Standes und der Ehre wegen geheirathet hatte, gemuͤthskrank war— ſo ſchuͤtzt Euch bloß Euer Kleid, und die Freiheit, oder vielmehr Frechheit, Eures Gewerbes vor meiner Rache. „Ach, Mylord!“ verſetzte Warden:„wie em⸗ pfindlich iſt doch die Selbſtliebe! Wenn wir, auf dem Pfade unſerer Pflicht kuͤhn fortſchreitend, die Verirrungen der Fuͤrſten ſtraften, wer pries — 291 da unſere Kuͤhnheit mehr, als der edle Morton? Aber beruͤhren wir ſeine eigenen Wunden nur mit der aͤußerſten Spitze einer Nadel, ſo bebt er voll Furcht und Schreck vor den Haͤnden des treuen Wundarztes zuruͤck.“» Genug davon, ehrwuͤrdiger Herr, ſagte Mur⸗ ray: Ihr uͤberſchreitet ſonſt ſelbſt die Grenzen der Klugheit, welche Ihr uns eben empfohlen habt. Wir ſind nun dicht an dem Dorfe, und der ſtolze Abt iſt an der Spitze ſeiner Heerde herausgegangen. Du haſt ſeine Sache gut ge⸗ fuͤhrt, Warden, denn ſonſt haͤtte ich bei dieſer Gelegenheit das ganze Neſt zerſtoͤrt, und die Brut verjagt. „Ihr habt Recht gethan,“ ſagte Warden: „denn dieſer William Allan, der hier der Abt Euſtachius heißt, iſt ein Mann, deſſen Ungluͤck un⸗ ſerer Sache mehr ſchaden wuͤrde, als ſein Gluͤck. Ihr koͤnnt ihm nicht mehr auffegen, als er zu tragen im Stande iſt, und je mehr er zu dulden und zu tragen hat, deſto hoͤher wird der Einfluß ſeiner Talente und ſeines Muthes ſteigen. Auf ſeinem kloͤſterlichen Throne ſieht man ihn kalt, oder nur mit Mißgunſt und Neid an. Aber laßt ihn das Land durchziehen, als ein Unter⸗ N 2 — — — ——— b 1 292 druͤckter, Verarmter, Verfolgter, und ſeine Ge⸗ duld, ſeine Beredſamkeit, ſeine Kenntniſſe wer⸗ den mehr Herzen von der guten Sache ab⸗ und ihm zuwenden, als alle infulirte Aebte von Schott⸗ land in den letzten Hundert Jahren nicht ver⸗ mochten.“ Still! Still! ſagte Morton: die Einkuͤnfte des Kloſters werden mehr Menſchen, Pferde und Lanzen an einem Tage ins Feld bringen, als all ſein Predigen lebenslang. Wir leben nicht mehr zu den Zeiten Peters des Einſiedlers, wo Moͤnche Armeen von England nach Jeruſalem marſchiren ließen. Gold und Thaten ſind jetzt wirkſamer, als je. Haͤtte Julian von Avenel nur Etwas mehr Mannſchaft dieſen Morgen gehabt, ſo wuͤrde John Foſter ſchon anders aufgenom⸗ men worden ſein. Ich behaupte: den Moͤnchen ihre Einkuͤnfte entziehen, heißt, ihnen die Fang⸗ zaͤhne ausbrechen. „GWir wollen ihn ſchon bluten laſſen,“ ſagte Murray:„und wuͤnſcht er, auf ſeiner Pfruͤnde zu bleiben, ſo wird er wohl thun, den Piercie Shafton auszuliefern.“ unter dieſen Reden zogen ſie auf den Markt⸗ platz, gusgezeichnet durch ihre vollſtaͤndige Ruͤ⸗ 293 ſtung und ihre hohen Federbuͤſche, ſo wie durch das zahlreiche Gefolge, welches ihre Farben und Zeichen trug. Beide, beſonders aber Murray, der der Krone ſo nahe verwandt war, beſaßen zu jener Zeit einen Hausſtand und ein Gefolge, das nicht viel geringer war, als das der ſchotti⸗ ſchen Monarchen ſelbſt. Als ſie ſich ſo dem Marktplatze naͤherten, ritt ein Herold aus dem Zuge, und redete die Moͤnche mit folgenden Wor⸗ ten an:„Dem Abte des Kloſters zur heil. Jung⸗ frau wird befohlen, vor dem Earl von Murray zu erſcheinen.“ Der Abt zum Kloſter der heil. Jungfrau, ſagte Euſtach: iſt, innerhalb des Gebietes deſ⸗ ſelhen, uͤber jeden weltlichen Lord erhaben. Wuͤnſcht der Earl von Murray ihn zu ſprechen, ſo moͤge er zu ihm kommen. Ein Laͤcheln des Zornes uͤberftog Murray's Geſicht bei dieſer Antwort, und von dem hohen Roſſe ſteigend, ging er, von Morton und An⸗ dern begleitet, auf die um das Kreuz verſam⸗ melten Moͤnche zu. Es ſchien, als wenn ſich bei dem Anblick des ketzeriſchen Lords, der ſo maͤch⸗ tig und gefuͤrchtet war, ein Schrecken unter ih⸗ nen verbreitete. Allein der Aht warf einen Blick — —— — —— V — — — —— ——— 294 der Mißbilligung und Ermunterung zugleich auf ſie, trat dann aus ihren Reihen hervor, gleich einem tapfern Anfuͤhrer, wenn er ſieht, daß er ſeine perſoͤnliche Tapferkeit entfalten muß, um den ſinkenden Muth der Seinigen zu beleben. „Lord James Stuart,“ ſagte er:„oder Earl von Murray, wenn dies Dein Titel iſt, ich, Eu⸗ ſtachius, Abt des Kloſters zur heil. Jungfrau, frage Dich, mit welchem Rechte haſt Du unſer friedliches Dorf mit dieſen bewaffneten Haufen erfuͤllt und unſere Bruͤder hier eingeſchloſſen? Sucht Ihr Gaſtfreundſchaft, ſo haben wir dieſe noch keinem Bittenden verſagt; ſinnt Ihr aber auf Gewalt gegen friedliche Geiſtliche, ſo laßt uns wenigſtens den Vorwand und den Zweck dayvon wiſſen.“ Herr Abt, ſagte Murray: Eure Sprache wuͤrde in einer andern Zeit und gegen einen Geringern, als ich bin, wohl ſich beſſer ziemen. Wir ſind nicht hier, um uns von Euch verhoͤren zu laſſen, die Ihr den Frieden gebrochen habt, indem Ihr Eure Vaſallen unter die Waffen ge⸗ ſtellt, und der Koͤnigin Lehnsleute aufgerufen habt, als wobei viel Menſchen erſchlagen, und X —xxix — 295 viel Unruhe erregt worden iſt, ja vielleicht gar Englands Freundſchaft verloren werden kann. „Lupus in Fabula!“ verſetzte voll Zorn der Abt:„der Wolf klagt wieder das Schaf an, daß es den Fluß, aus dem es trank, truͤbe, da er doch oberhalb ſteht; allein das iſt nur ein Vor⸗ wand, es zu verſchlingen. Der Koͤnigin Lehns⸗ leute zuſammengerufen? Ja, das that ich, um der Koͤnigin Land gegen Fremde zu vertheidigen. Ich erfuͤllte dabei nur meine Pflicht, und ich bedaure nur, daß ich es nicht mit mehr Erfolg zu thun vermochte.“ 4 So war es wohl auch ein Theil Eurer Pflicht, den Empoͤrer und Verraͤther an der Koͤ⸗ nigin Englands aufzunehmen, und einen Krieg zwiſchen Schottland und England zu entzuͤnden? ſagte Murray. „In meinen juͤngern Tagen,“ erwiederte der Abt mit derſelben Unerſchrockenheit:„war ein Krieg mit England eben nichts ſo aͤußerſt Furchtbares, und nicht bloß ein infulirter Abt, den ſeine Regel ſchon zur Gaſtfreundſchaft gegen Jedermann verpflichtet, ſondern ſelbſt der aͤrmſte ſchottiſche Bauer wuͤrde ſich geſchaͤmt haben, Furcht vor England vorzuſchuͤtzen, um einem — OQ[.Q— — — — — — ——— —— ——· 296 verfolgten Fluͤchtlinge ſeine Thuͤr zu verſchlie⸗ ßen. Allein in jenen alten Zeiten ſahen die Englaͤnder auch ſelten das Angeſicht eines ſchot⸗ tiſchen Edelmannes anders, als durch die Staͤbe ſeines Viſir's.» Moͤnch! ſagte der Earl von Morton:„dieſe Grobheit wird Dir wenig helfen; die Tage ſind auch vorbei, wo Rom's Prieſter ungeſtraft ta⸗ pfern Edellenten trotzen konnten. Gebt uns den Piercie Shafton heraus, oder, bei meines Vaters Helm, Ihr ſeht das Kloſter in Flammen aufgehen. „Dann, Lord Morton, werden die Truͤm⸗ mer auf die Graͤber Deiner eigenen Ahnherren fallen. Mag der Ausgang ſein wie Gott will, der Abt des Kloſters zur heiligen Jungfrau lie⸗ fert Keinen aus, dem er ſeinen Schutz zugeſagt hat.“ Abt! ſagte Murragy: beſinne Dich! laß uns nicht zum Aeußerſten ſchreiten. Die Haͤnde die⸗ ſer rohen Krieger werden in den Zellen und an den heiligen Orten garſtig wirthſchaften, wenn wir ſie nach dem Englaͤnder muͤßten ſuchen laſſen. „Das habt Ihr nicht noͤthig!“ erſcholl jetzt ——-— 297 eine Stimme aus der Menge, und mit Anſtand trat der Euphuiſt vor die Earls, warf ſeinen Mantel von ſich, und ſagte:„Weg mit der Wolke, welche Shafton umhuͤllet! Seht in mir, Mylords, den Ritter von Wilverton, der Euch die Schuld erſpart, das Heiligthum entweiht zu haben.“. „Ich proteſtire vor Gott und Menſchen ge⸗ gen jede Verletzung der Rechte dieſes Hauſes durch Ergreifung der Perſon dieſes edlen Rit⸗ ters,“ ſagte der Abt:„Wohnt noch einiger Muth in dem ſchottiſchen Parlamente, ſo werden wir Euch anderwaͤrts zur Rechenſchaft ziehen, My⸗ lords!“— Spart Eure Drohungen! ſagte Murray: meine Abſicht mit Sir Piercie Shafton iſt viel⸗ leicht nicht die, welche Ihr vermuthet. He⸗ rold, er bleibt unſer Gefangener auf Gnade und Ungnade.— „Ich uͤbergebe mich ſelbſt, ſagte der Euphu⸗ iſt, und behalte mir das Recht vor, Mylord von Murray und Mylord von Morton zum Zwei⸗ kampfe zu fodern, ſo wie ein Edelmann von dem andern Genugthuung verlangen darf.“ Ihr werdet nicht auf ſolche zu warten brau⸗ chen, welche Eure Ausfoderung annehmen, Herr RNitter, verſetzte Morton, ohne daß Ihr Eure Augen auf Maͤnner zu erheben braucht, die ſo hoch uͤber Euch ſtehen. „Und wo waͤren denn dieſe außerordentli⸗ chen Kaͤmpfer zu finden,“ ſagte der engliſche Nitter:„deren Blut reiner waͤre, als das der Piercie Shafton? Der fliegt hoch, Mylord! ſagte Murray. „Wie eine wilde Gans!“ ſagte Stawarth Bolton, der ſich jetzt vor die Fronte des Trupps begeben hatte.“ 4 Wer wagte das Wort? ſagte der Enphuiſt: das Geſicht mit gluͤhender Roͤthe bedeckt. „Still! Still! Maͤnnchen!' ſagte Bolton:„Dei⸗ ner Mutter Vater war ja nichts als ein Schnei⸗ der, der alte Croß⸗ſtitch von Holderneß. Was? Weil Du ein ausgeartetes Kind biſt, und Deine eigene Herkunft verachtet haſt, weil Du in un⸗ bezahltem Sammt und Seide einherſtolzireſt, und mit galanten Herren umgeheſt, ſollen wir das An⸗ denken daran verlieren? Deine Mutter, Moll Croß⸗ ſtitch, war die huͤbſcheſte Dirne in der gan⸗ zen Gegend; ſie heirathete den Wild Shafton — V — —— 299 von Wilverton, der, wie man ſagt, mit den Piercie's von der linken Seite verwandt war. Kommt dem Ritter doch mit Etwas geiſti⸗ gem Waſſer zu Huͤlfe, ſagte Morton: er iſt ſo hoch herabgefallen, daß er ſich nicht erholen kann. In der That ſahe auch Piereie Shafton aus, wie ein Menſch, den der Blitz getroffen hat, indeß Niemand von den Gefangenen, nicht ein⸗ mal der Abt ſelbſt, trotz der eben vorgefallenen ſehr ernſthaften Scene, ſich des Lachens enthal⸗ ten konnte, uͤber den Ausdruck von Beſtuͤrzung auf dem Geſichte des Piercie⸗ Lacht nur! ſagte er endlich: lacht nur, Ihr Heerren, es beleidigt mich nicht. Allein, ich moͤchte doch wiſſen, wie dieſer Squire, der am lauteſten mitlacht, den ungluͤcklichen Flecken in einer ſonſt untadeligen Abſtammung entdeckt hat, und zu welchem Ende er ihn bekannt ge⸗ macht hat? „Ich, ihn bekannt gemacht habe?“ ſagte Halbert Glendinning, voller Verwunderung; denn an ihn war jene pathetiſche Anrede ge⸗ richtet geweſen—„ich habe ja bis auf dieſen Augenblick nicht das Geringſte davon gehoͤrt.“ Was? ſagte der Ritter mit ſteigendem Er⸗ ſtaunen, hat es nicht jener alte rauhe Krieger von Dir erfahren? „Nein! beim Himuel!“ ſagte Bolton:„ich habe den jungen Menſchen in meinem Leben zuvor nicht geſehen!“— „Doch, doch!“ ſagte Dame Glendinning, welche jetzt aus dem Haufen hervortrat:„Ihr habt Euch ſchon geſehen. Mein Sohn, das iſt ja der Stawarth Bolton, dem wir das Leben und die Mittel es zu friſten verdanken; ſollte er ins Gefäͤngniß kommen, wie es mir wahrſcheinlich iſt, ſo bediene Dich Deines Einfluſſes bei die⸗ ſen edlen Lords, dem Freunde und Trͤſter ei⸗ ner Wittwe nuͤtzlich zu werden.“ O! Dame des Glen, ſagte Bolton: Deine Stirne hat, wie die meine, manche Falte mehr bekommen, ſeit wir uns nicht gefehen haben, al⸗ lein Deine Zunge hat die Probe beſſer beſtanden, als mein Arm. Dein Bube hat mir tuͤchtig ein⸗ geheitzt dieſen Morgen. Der Schwarzkopf iſt ein tuͤchtiger Soldat geworden, wie ich prophe⸗ zeihte, aber wo iſt denn der Blonde? „Ach! ſagte die Mutter, die Augen nieder⸗ 3⁰¹1 ſchlagend:„Eduard hat das Ordenskleid genom⸗ men und iſt Moͤnch hier im Kloſter geworden.“ Ein Moͤnch und ein Soldat! Schlechter Handel bei Beiden, meine gute Dame! Beſſer waͤr's geweſen, wenn einer wenigſtens ein guter Kleidermacher geworden waͤre, wie der alte Croß⸗ ſtitch von Holderneß. Ich habe Euch einſt um die beiden ſchoͤnen Kinder beneidet, allein jetzt moͤchte ich weder den Soldaten noch den Moͤnch meinen Sohn nennen, der Soldat kommt auf dem Felde um, der Moͤnch lebt kuͤmmerlich im Kloſter. Liebſte Mutter, ſagte Halbert: wo iſt denn Eduard? kann ich ihn denn nicht ſprechen. „Er hat uns eben jetzt verlaſſen,“ ſagte Va⸗ ter Philipp:„weil er eine Botſchaft von dem Lord Abt ausrichten ſoll.“» Und Marie, theuerſte Mutter? ſagte Hal⸗ bert.— Marie von Avenel war nicht weit ent⸗ fernt, und bald hatten ſich die Drei von der Menge entfernt, um ſich gegenſeitig ihre Schick⸗ ſale mitzutheilen. 3 Indeß ſo die untergeordneten Perſonen un⸗ tereinander ſich beſprachen, hielt der Abt mit den beiden Earls eine ernſthafte Verhandlung, und 3⁰² indem er zum Theil ihrem Verlangen nachgab, zum Theil ſich mit Geſchicklichkeit und Bered⸗ ſamkeit vertheidigte, brachte er einen Vergleich fuͤr das Kloſter zu Stande, der es in keine ſchlim⸗ mere Lage verſetzte, als es ſich vorher befunden hatte. Die Earls wollten die Angelegenheit auch nicht gern aufs Aeußerſte treiben, denn der Abt betheuerte, daß, wenn man ihn weiter draͤngen wollte, als ihm ſein Gewiſſen zu gehen erlaubte, er die ganzen Laͤndereien des Kloſters in die Haͤnde der Koͤnigin von Schottland geben wuͤr⸗ de, damit dieſe nach Gefallen daruͤber verfuͤgen moͤchte. Dieſes aber wuͤrde den Planen der Earls keinesweges entſprochen haben; daher be⸗ gnuͤgten ſie ſich auch vor der Hand mit einem maͤßigen Opfer an Land und Geld. Als die Sa⸗ chen ſo ausgeglichen waren, wurde der Abt we⸗ gen des Schickſals von Piereie Shafton beſorgt, und bat um Schonung fuͤr ihn. „Er iſt freilich ein Phantaſt, ein Narr,“ ſagte der Abt:„allein er iſt doch auch gut ge⸗ finnt, und ich glaube, Ihr habt ihn heute tie⸗ fer verletzt, als wenn Ihr ihm einen Dolch in den Leib geſtoßen haͤttet.“ Eine Nadel, Herr Abt, meint Ihr vielleicht, — —— 3⁰³ ſagte der Earl von Morton: bei meiner Ehre, ich dachte, dieſer Enkel eines Kleidermachers ſtamme wenigſtens von einem gekroͤnten Haupte ab. „Ich bin des Abtes Meinung,“ ſagte Mur⸗ ray:„es wuͤrde wenig Ehre dabei ſeyn, wenn wir ihn der Eliſc eth ausliefern wollten; indeß muß er irgend wohin gebracht werden, wo er ihr nicht ſchaden kann. Unſer Herold und Bol⸗ ton ſollen ihn nach Dunbar bringen, und dann nach Flandern einſchiffen laſſen.— Still! hier kommt er, und ein Frauenzimmer an ſeiner Seite.“ „Ihr, Lords und Andern,“ ſagte der eng⸗ liſche Ritter mit großer Feierlichkeit:„macht Platz fuͤr die Gemalin des Piercie Shafton!— ein Geheimniß, das ich nicht eher bekannt laſſen werden wollte, als bis das Schickſal, welches verrathen hat, was ich vergebens zu verhehlen ſuchte, mich weniger wuͤnſchen ließe, das zu ver⸗ bergen, was ich Euch eben ankuͤndige.“ Das iſt ja Myſia Happer, die Muͤllerstoch⸗ ter, bei meinem Leben! ſagte Tibb Tacket: Ei! der Stolz dieſer Piercie's iſt doch ſehr kleinlaut geworden. „Ja! es iſt die liebenswuͤrdige Myſinda,“ 3⁰4 ſagte der Ritter:„deren Verdienſte um ihren ergebenen Diener wohl noch einen hoͤhern Rang verdienten, als er ihr geben kann.“ Ich denke doch, ſagte Murray: wir wuͤrden nicht gehoͤrt haben, daß die Muͤllerstochter eine Lady geworden ſei, wenn der Ritter ſich nicht als den Enkel eines Schneiders ausgewieſen haͤtte. „Mylord!“ ſagte Piereie Shafton:„es ver⸗ raͤth wenig Tapferkeit, den zu ſchlagen, der es nicht wieder kann, und ich hoffe, Ihr werdet bedenken, was Ihr einem Gefangenen ſchuldig ſeid, und nichts weiter von dem verhaßten Ge⸗ genſtande erwaͤhnen. Bin ich einſt wieder mein eigener Herr, dann will ich ſchon einen neuen Weg zur Ehre finden.“ * Zu einem Schatten davon, denk ich, ſagte der Earl von Morton. „Macht ihn nicht toll, Douglas!“ ſagte Mur⸗ ray:„aguch hahen wir ganz andre Dinge zu thun! Ich muß Warden den Glendinning mit Marien von Avenel trauen ſehen, und dieſen dann in den Beſitz von ſeines Weibes Schloß ſetzen. Das geſchieht am Beſten, ehe unſere Truyyen dieſe Gegenden verlaſſen.“⸗ —— — 3⁰⁸ Und ich, ſagte der Muͤller, moͤchte auch gern, ſolch Korn zum Mahlen bringen; ich hoffe, es wird doch auch einer von den guten Vaͤtern mein Maͤdel mit ihrem Braͤutigam trauen. Iſt nicht noͤthig, ſagte Shafton, dieſe Feier⸗ lichkeit iſt ſchon vollzogen worden. „s koͤnnte doch nicht ſchaden, wenn's noch einmal geſchaͤhe, ſagte der Muͤller, man iſt deſto ſicherer. Geſchieht es doch auch wohl, daß ich das Mahlgeld zwei Mahl nehme von dem nehm⸗ lichen Sacke. O! ſagte Murray, befreit doch den Piercie von dem Muͤller. Er quaͤlt ihn ſonſt zu Tode! Der Abt, meine Lords, bietet uns gaſtfreundliche Aufnahme in dem Kloſter an; ich daͤchte, wir begaͤben uns jetzt Alle dahin, Sir Piercie auch mit. Ich muß das Fraͤulein von Avenel kennen lernen, und Morgen will ich Vaters Stelle bei ihr vertreten. Ganz Schottland ſoll ſehen, wie Murray einen treuen Diener belohnt. Marie von Avenel und ihr Geliebter vermie⸗ den es, mit dem Abte zuſammen zu treffen, und nahmen ihren Aufenthalt einſtweilen in einem Hauſe des Dorfes, wo am folgenden Tage ihre Haͤnde durch den proteſtantiſchen Prediger, in. 3⁰6 Gegenwart der beiden Earls, zuſammen gefuͤgt wurden. An demſelben Tage reiſ'ten auch Pier⸗ eie Shafton und ſeine Braut ab, und zwar un⸗ ter einer Escorte, welche ſie nach der Seeſeite zu geleitete und wartete bis ſie ſich nach den Niederlanden eingeſchifft hatten. Den andern Tag mit fruͤhem Morgen ſetzten ſich die Trup⸗ pen der Earls in Bewegung, um nach dem Schloße Avenel zu ziehen, und den jungen Braͤu⸗ tigam mit dem Eigenthume ſeines Weibes zu belehnen, welches ihnen auch ohne allen Wider⸗ ſtand uͤberliefert wurde. Allein nicht ohne jene vorbedeutenden Zei⸗ chen, welche jedes merkwuͤrdige Ereigniß, das die Familie betraf, ankuͤndigten, nahm Marie Beſitz von dem alten Schloſſe ihrer Vorfahren. Die⸗ ſelbe kriegeriſche Geſtalt, welche zu Glendearg mehr als ein Mahl erſchienen war, wurde auch hier von Tibb Tacket und Martin erblickt, wel⸗ che beide mit ihrer jungen Herrſchaft zogen, um ihr veraͤndertes Geſchick zu theilen. Die Ge⸗ ſtalt bewegte ſich vor dem Zuge her, wie er uͤber den langen Verbindungsgang ſchritt, blieb bei jeder Zugbruͤcke ſtehen, und winkte wie trium⸗ phirend mit der Hand, als ſie unter dem duͤſtern —— hohen Thorwege, uͤber dem das Wappen des Hauſes von Avenel prangte, verſchwand. Die beiden treuen Diener machten, was ſie geſehen hatten, bloß der Dame Glendinning bekannt, welche mit ſuͤßem Stolze ihren Sohn begleitet hatte, um zu ſehen, wie er unter den Baronen des Landes ſeine Stelle einnehmen wuͤrde. „O! mein Sohn!“ rief ſie, als ſie von der Erſcheinung hoͤrte:„das Schloß iſt wohl ſehr groß und ſchoͤn, aber ich wuͤnſche doch, daß Ihr Euch nicht wieder zuruͤck ſehnen moͤget zu dem ſtillen Aufenthalte zu Glendearg, denn das Spiel, ſcheint mik, iſt noch nicht ausgeſpielt. Dieſe natuͤrliche Bemerkung, welche ihren Grund in der Aengſtlichkeit einer Mutter hatte, wurde jedoch bald vergeſſen unter den Zerſtreuun⸗ gen, welche die Unterſuchung und Bewunderung des neuen Aufenthaltes ihres Sohnes herbei⸗ fuͤhrte. Indeß dieſes Alles vorging, hatte ſich Eduard nebſt ſeinem Grame in dem vaͤterlichen Thurme zu Glendearg verborgen, wo jeder Gegenſtand ihm ſchmerzliche Erinnerungen erneute. Des Abts Guͤte hatte ihn dahin geſandt unter dem Vorwande, als ſolle er einige der Abtei gehdͤ⸗ — 0 3⁰⁸G rige Papiere in Sicherheit bringen; allein eigent⸗ lich wollte er ihn nicht Zeuge ſein laſſen von dem Triumphe ſeines Bruders. Durch die ver⸗ oͤdeten Gemaͤcher ſchien ihm ſeine Jugend wie ein unzufriedener Geiſt zu ſchweben, und ihm bei jedem Schritte neue Gegenſtaͤnde des Kum⸗ mers und der Selbſtpeinigung vorzufuͤhren. End⸗ lich konnte er den Zuſtand, worinnen er ſich be⸗ fand, nicht laͤnger ertragen. Er ſtuͤrmte daher fort aus dem Hauſe, das Thal entlang, gleich als wollte er ſich auf dieſe Art von der Buͤrde befreien, welche auf ihm laſtete. Eben war die Sonne untergegangen, als er den Eingang von Corrienan⸗ſchian erreicht hatte, und die Erinne⸗ rung des Anblicks, der ſich ihm zuletzt hier dar⸗ geboten hatte, trat wieder vor ſeine Seele. Ueber⸗ dies war er auch in einer Stimmung, wo er eher Gefahren aufſuchen, als vermeiden mochte. „Ich will dem geheimnißvollen Weſen wie⸗ der unter die Augen treten!“ ſagte er:„ſie hat mir ja das Schickſal voraus geſagt, welches mich in dieſes Gewand gehuͤllt hat. Ich will doch hoͤren, ob ſie mir nicht Etwas ſagen wird uͤber ein Leben, das doch nur elend ſeyn kann.“ In der That erblickte er auch die weiße ——— 3⁰9 Frau in der gewoͤhnlichen Geſtalt, und hoͤrte, wie ſie wieder in leiſen und ſanften Toͤnen ſang. Waͤhrend des Geſanges ſchien ſie aber mit Kum⸗ mer auf ihren goldenen Guͤrtel zu blicken, der nun zur Duͤnne eines ſeidenen Fadens geſchwun⸗ den war. Der Geſang war folgender: Leb wohl! du grünender Diſtelſtrauch, Leb wohl! Selten nur wirſt du mit wehenden Zweigen Mir zum freundlichen Gruße dich neigen. Das ſchüchterne Wild wirſt du nicht mehr verſcheuchen, Das, erſchreckt, dein Wehen ohne Hauch erblickt. Leb wohl, o Quell! nun wirſt du nicht lang Murmelnd mehr ſtimmen in meinen Geſang, Nicht mehr werden in myſtiſchen Tänzen Deine cryſtallenen Wellen erglänzen. Wie die Blaſen des Waſſers aufſteigen und ſinken, So der Menſchen Entwürfe vor des Schickſals Winken. Der Knoten des Verhängniſſes iſt geſchlungen! Zur Braut hat die Maid, zum Lord der Bauer Sich aufgeſchwungen! Vergebens meine Liſt und Zaubermacht Auf der Liebenden Trennung war bedacht. Das Haus Avenel von ſtolzer Höh Ich fallen ſeb!— 310 —— Es ſchien, als laſſe die Erſcheinung waͤh⸗ rend des Geſanges ein leiſes Weinen vernehmen, und Eduards Gemuͤth ſchoͤpfte aus den Worten die traurige Ueberzeugung, daß Mariens Ver⸗ maͤhlung mit ſeinem Bruder Beiden wohl ver⸗ derblich werden koͤnnte. Hier endigt ſich der erſte Theil des Manu⸗ ſeripts des Benedictiners. Ich habe mich um⸗ ſonſt bemuͤht, die Zeit der Geſchichte mit Be⸗ ſtimmtheit aufzufinden, da die hier angegebenen Thatſachen ſich nicht wohl mit denen der glaub⸗ wuͤrdigern Geſchichtbuͤcher vereinigen laſſen. Indeſſen iſt es erſtaunenswuͤrdig, wie ſorglos die Schriftſteller in Utopia bei ſolchen wichtigen Gegenſtaͤnden ſind. Ich bemerke, daß der ge⸗ lehrte Herr Lawrence Templeton in ſeinem letz⸗ ten Werke, unter dem Titel: Jvanhoe, nicht nur das Bett Eduard des Bekenners mit einem der Geſchichte unbekannten Sproͤßlinge geſegnet hat, andere Soldeismen der Art nicht zu geden⸗ ken, ſondern daß er ſogar die Ordnung der Natur umkehrt, und ſeine Schweine mitten im Son⸗ 3¹¹² mer mit Eicheln maͤſten laͤßt. Alles, was von den waͤrmſten Verehrern des Verfaſſers zu ſeiner Vertheidigung angefuͤhrt werden kann, beſchraͤnkt ſich darauf— daß die beſtrittenen Umſtaͤnde eben ſo gegruͤndet ſind, als die ganze uͤbrige Geſchichte; was mir dann aber(beſonders in Beziehung auf die Eicheln) eine ſehr unvollkom⸗ mene Vertheidigung zu ſeyn ſcheint, und ich daͤchte, der Verfaſſer wuͤrde wohl thun, wenn er ſich des Kapitains Abſolute's Rath an ſeinen Diener auch geſagt ſeyn ließe, und nicht mehr loͤge, als eben unumgaͤnglich noͤthig iſt. End e. Gedruckt bei Johann Friedrich Starcke. In demſelben Verlage iſt erſchienen. Woreaccid, das Dekameron, überſetzt voan O. W. Sol⸗ tau, 3 Bände. 8... 6 Rthlr. Elixiere, die, des Teufels. Nachgelaſſene Papiere des Bruders Medardus, eines Kapuziners; herausge⸗ geben vom Verf. der Fantaſieſtücke in Callots Ma⸗ nier(E. T. A. Hoffmann) 2 Bde. 3 Rthlr. Maͤrchen⸗Saal. Sammlung alter Maͤrchen; mit Anmerkungen, herausgegeben von Fr. W. Val. Schmidt. Bd. 1. die Märchen des Stra⸗ parola. a. d. Italieniſchen überſetzt. 1 Rthlr. 16 Gr. Muͤchler, Anekdoten⸗Almanach für das J. 1821. mit Kupf, geheftet... 1 Rthlr. 8 Gr. (Die Sammlung beſteht jetzt aus 12 Bänden, indem bereits für die Jahre 1808. 1809. 1810. 1811. 1812. 1813. 1315. 1817. 1318. 1819. 1320 und 1821 ein Bändchen etſchienen iſt, Hierzu iſt mit dem Jahrg. 1819 ein Regiſterband erſchie⸗ nen, welcher den Inhalt der erſten 10 Jahrgänge alphabetiſch nachweiſet und die Stelle eines Anek⸗ doten⸗Lexicons vertritt.) Oſſians Gedichte; rhythmiſch überſetzt von J. G. Rhode, 3 Theile. Zweite verbeſſerte Auflage. Mit vielen Kupf. und Vignetten.„ 4 Rthlr. Naͤchſter erſcheint. Kenilworth; a romance, by the author of „Wayverley“,„Ivanhoe“ etc. 3 Vol. Von dieſem neueſt Romane Walter Scott's geben wir einen Abdruck des engliſchen Originals, und machen damit den Anfang zur Erfüllung des von mel⸗ 8* reren Seiten geäußerten Verlangens: die Reihe der ſo be⸗ rüͤhmt gewordenen Romane dieſes Dichters in Deutſch⸗ land in einer Ausgabe zu beſitzen, deren Anſchaffung durch eeinen mäßigeren Preis, als den der koſtbaren engliſchen Srua ua⸗ Ausgabe, eher geſtattet wäre, 3 eeemnnanaaunanxunaangannum 12 14 16 17 9 9 1 8 u I lul Miie 3 — 8 4* 1 ————“