Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 2 von.*. Eduard Otkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leiß- und Leſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 4 „ 2. Lesepreis. Bei Nückgabe eines geliehenen Buches wirdevon jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.„ 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe dinterlegen⸗ welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. b 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für whchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Ff. 1 Nr. 50 Pf. 2 Mk. f „ 3„„—„„=.„—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das eiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. Der Kv˖reuzfahrer. Ein Roman † nach „ Walter Scott. 5 Erſter Theil. X Duedtinburg und Leipzig, 1825, b e i Gottfrie b Baſ fs Der Kreuzfahrer. Erſter Theil. —y;——õy————,——& Durch die Einfaͤlle der Daͤnen in England und die Eroberungen, die ſie machten, wurde es bedenklicher und zweifelhafter, ob und wie lange ſich Koͤnig Eduard noch auf dem engliſchen Throne behaupten werde. Seine Stützen fingen ſchon zu wanken an, da ihn ſeine Vaſallen, die nur eigennützig auf die Erhaltung ihres Eigenthums bedacht waren, verließen, und das Wohl des Ganzen preis gaben. Da die Macht des Widerſtandes, den er den andringenden Daͤnen leiſten konnte, immer mehr abnahm, der Muth und die Kuͤhnheit der Feinde wuchs und ſich ihre Zahl vergroͤßerte, rief er Wilhelm, den tapfern, kriegserfahrnen Mann, ſpaͤter unter dem Namen des Eroberers beruͤhmt, mit ſeinen mannhaften Normaͤnnern nach Eng⸗ lang, ihm beizuſtehen und die Feinde von der Inſel zu jagen. Wilhelm erſchien mit ſeinen Kerntruppen, ſtieß zur engliſchen Armee, fuͤhrte ſeine Schaaren gegen die Daͤnen, ſchlug ſie in mehrern Treffen, ſie mußten ſich durch die Flucht retten— und Eduards Krone war geſichert. Faär dieſen großen Dienſt, den Wilhelm dem Koͤnige erwies, war er nicht undankbar und waͤhlte ihm, weil ſeine Ehe kinderlos war und Verwandtſchaft unter ihnen beſtand, mit Zuſtimmung des Adels zu ſeinem Thronfolger. Ob auch Viele innerlich fuͤr dieſe Wahl nicht ſtimmten, weil Wilhelm ein Fremdling im Lande und ein Mann * und ſie ihm, ſobald er den engliſchen Bo⸗ 7 war, der zu herrſchen verſtand, ſo wurden ſie mit ihrem Widerſpruche damit laut, weil ſie fuͤrchteten, daß nach Eduards Ableben blutige Kaͤmpfe um den Thron und verderb liche buͤrgerliche Unruhen entſtehen koͤnnten. Harald, ein angeſehener Englaͤnder, ge⸗ lobte es Wilhelm mit einem Eide, im Fall der Koͤnig mit dem Tode abginge, die Krone an ſeiner Stelle in Beſitz zu nehmen den betreten haͤtte, ohne Weigerung zu uͤber⸗ laſſen. Wilhelm traute dem Schwure des Englaͤnders, den dieſer nicht zu halten ge⸗ dachte. Sobald Eduard ſeine Augen geſchloſſen hatte, bemaͤchtigte ſich Harald, von einem zahlreichen Anhange, der mit ihm einverſtan⸗ den war, zwar der Krone und aller koͤnig⸗ lichen Vorrechte, aber mit der beſtimmten 8 Erklaͤrung, ſie weder dem Herzoge Wilhelm, noch irgend einem Andern zu uͤberlaſſen. Hochmuth und Herrſchſucht blendeten ihn, daß er an einem heiligen Verſprechen zum Verraͤther wurde. Der ſaͤmmtliche Adel, mit wenigen Ausnahmen, ſtand auf ſeiner Seite. Man huldigte einem Eingebornen, der ſemne hohe Wuͤrde ſeinen Freunden verdanken mußte, lieber, als daß man ſich einem Auslander unterwarf, der Freiheiten und Rechte be⸗ ſchraͤnken, hergebrachte Gebraͤuche abſchaffen, ſeinen Befehlen durch ſeine kriegeriſchen Nor⸗ maͤnner Nachdruck geben und dieſen Vor⸗ rechte und Beguͤnſtigungen verſtatten konnte, wodurch die Eingebornen benachtheiligt wur⸗ den. Wilhelms anerkannte Klugheit, ſein feſter, entſchloſſener, kuͤhner Charakter, ſein erprobtes, glaͤnzendes Feldherrntalent, dies Alles waren Hinderniſſe, die man ihm auf 7 — — 9 dem Wege zum Throne entgegenſtellte. Man glaubte in ihm nicht den nachgebenden, ver⸗ zeihlichen, furchtſamen, aͤngſtlichen Koͤnig zu finden, wie ſich ihn die Großen des Reichs wuͤnſchten, um auf ihren Beſitzungen wie Despoten und unabhaͤngige Herrn ſchalten zu koͤnnen. Es war vorauszuſehen, daß der hoch⸗ herzige Wilhelm, der nach dem erhabenſten Ziele ſtrebte, nicht unthaͤtig auf ſeine Krone verzichten werde, auf die er gegruͤndete, un⸗ verweigerliche Anſpruͤche hatte, die ihm ſo gewiß zuerkannt war, ohne die kraͤftigſten Verſuche zu wagen, ſie ſeinem meineidigen Gegner zu entreißen, und ſein eigenes Haupt damit zu kroͤnen. Daß Harald ſie erliſtet hatte, daß er ſie ſich auf dem Wege des Betrugs zueignete, und daß ſie dem Herzoge mit unbeſtrittenem Rechte gehoͤrte, das war dem Adel kein Geheimniß. Es war aller⸗ 10 dings zu füͤrchten, daß Wilhelm, wenn ſich ihm die Gelegenheit dazu darbot, nicht allein die empfindlichſte Rache an dem wortbrüchi⸗ gen Harald, ſondern auch an Allen denen nehmen werde, die ſeine Parthei ergriffen hatten. Die Furcht vor einem Einfalle war es, die alle Glieder des großen Staats⸗ koͤrpers zu einem Ganzen verband, den man von der Normandie her in England er⸗ wartete. Man ruͤſtete ſich maͤchtig, um dem. Feinde, wenn er eine Landung verſuchte, mannhaften Widerſtand zu leiſten, ſein Un⸗ ternehmen zu vereiteln und ihm mit Verluſt V den Weg nach der Normandie zu weiſen. Die Nachricht von dem Hinſterben des Koͤnigs Eduard wurde dem Herzoge von dem Grafen Fitzosborn, einem Feinde Haralds und. ſeiner ungerechten Sache, zuerſt nach der Nor⸗ großen Zuruͤſtungen in großer Thaͤtigkeit 11 mandie uͤberbracht. Heimlich in der Nacht und mit großer Gefahr, ſeine Guͤter zu ver⸗ lieren und den engliſchen Boden nie wieder betreten zu duͤrfen, unternahm er das Wage⸗ ſtuck. Zugleich meldete er auch, daß Harald ſich die Krone aufgeſetzt den engliſchen Thron beſtiegen haͤtte, daß ein zahlreicher Adel auf ſeine Seite getreten, daß man mit ſey.— Der Herzog ſchuͤttelte unwillig mit dem Kopfe, druͤckte die Lippen feſt zuſam⸗ men und ſein Auge funkelte feurig, aber er ſagte kein Wort. Gedanken der Rache entflammten ſeine Seele. „Doch,“ ſo ſetzte Fitzosborn hinzu,„ſind nicht alle Englaͤnder ſo gewiſſenlos und pflichtvergeſſen, ſich wider Recht und Eid mit einem Falſchen zu verbinden. Noch ſtehen die rechtlich und treu Geſinnten auf Eurer Seite, ſie erwarten Eure Erſcheinung, 75 12 um ſich Euch anzuſchließen und die Feinde aller Gerechtigkeit unter Euerm Panier zu beſiegen.“ Wilhelms raſch auflodernder Zorn, in dem er einige harte Worte gegen Harald und ſeine Anhaͤnger ausſtieß, legte ſich bald, er hatte ſeine Faſſung wieder gewonnen und ſagte im ruhigen Tone:„Ich muß Euch fuͤr einen Liebesdienſt danken, und das werde ich nicht mit leeren Worten abmachen. Wollen doch ſehen, wer von uns Beiden, ich oder Harald, kuͤnftig Englands Krone tragen wird, ob ein Abentheurer, der dem Gluͤcke vertraut und es auf den Zufall an⸗ kommen laͤßt, oder ich, dem ſie von dem Koͤnige und Adel zuerkannt iſt. Da meine Wahl zum Herrn von England dem Adel wohl bekannt iſt; da ſie keinen Widerſpruch fand ſo muß ich mich doch wundern, daß eine ungerechte Sache, von einem Mein⸗ ——O—O——V—X—x—x—ꝛ—,·— ———— noch geiſtesmunterer, geſunder und recht 13 eidigen vollzogen, ſo viele Freunde fand. Es wird mir eine ſchwere Arbeit aufgegeben, die Boͤſen zu bekriegen. Nun, die Schwer⸗ ter meiner Normaͤnner ſollen das Recht, was aus dem Gleiſe gewichen iſt, mit ihren Lanzen und Streitkolben wohl wieder hin⸗ einbringen. Als der Herzog ſo redete, trat Wolt⸗ heof ins Zimmer, ein ſchon bejahrter, aber kraͤftiger Mann. Er war zwar nur der erſte Diener bei ſeinem Herrn; aber der Vertraute, der Freund und bisweilen der Rathgeber deſſelben. Was der treue Wolt⸗ heof ihm ſagte, wenn es bisweilen auch Tadel und Warnung war, das nahm er ihm nicht uͤbel. Es war ihm unertraͤglich, wenn der Alte ſich beleidigt fuͤhlte und dann urnte, brummte, oder kein Wort ſprach, er h mit ihm wieder verſoͤhnen. Aber 14 der Diener liebte den Herzog auch, wie ſein Leben, und wenn er ihm Gutes ſtiften, Gefaͤlliges erweiſen konnte, da war ihm kein Opfer zu groß. Die Herzogin Mathilde ehrte und liebte den alten Woltheof, wie einen Hausfreund, er ſpielte bisweilen mit den herzoglichen Kindern, und wenn er den Prinzen freundlich verbot, da gehorchten ſie ihm Er war ein Bruder der Arlotte, mit der Robert, der Vater des jetzigen Herzogs, als ſie noch ein Landmaͤdchen war, den be⸗ ruͤhmten Wilhelm außer der Ehe erzeugte. Woltheof haͤtte, durch ſeine Schweſter be⸗ guͤnſtigt, zu Reichthum und Anſehn gelan⸗ gen koͤnnen, aber er wollte weiter nichts, als ein Diener ſeines Herrn ſeyn. Der junge Herzog beehrte ihn nach des Vaters Tode mit Liebe, Vertraun und Achtung. Woltheof blieb an der Thuͤr des Zim⸗ mers z ſehen, in dem der Herzog und Fi — — ———— 15 born waren, und meldete in einer ehrfurehts⸗ vollen Stellung, daß zwei vornehme Eng⸗ laͤnder da waͤren, die ihn zu ſprechen be⸗ gehrten.— * „Fuͤhre ſie zu mir,“ gebot der Herzog, nich weiß ſchon, was ſie wollen. Woltheof, Eduard iſt todt, es geht wieder nach Eng⸗ land, um es mit gewaffneter Hand zu er⸗ obern.“ „Wollen auch die Englaͤnder nicht gut⸗ willig, daß ſie mit den Waffen dazu ge⸗ zwungen werden müͤſſen?“ „Harald hat ſich der Krone bemaͤchtigt und macht mir das Recht zum Throne ſtreitig.“ „Die werdet Ihr dem Raͤuber nicht laſ⸗ ſen wollen; aber es wird von neuem Blut 16 fließen, wenn nur nicht das Eure. Das England ließe ich fahren. Seyd Ihr denn, als Herzog der Normandie nicht groß genug, daß ihr das Leben von Tauſenden auf das Spiel ſetzen wollt, um Euch groͤßere Sor⸗ gen und Unruhen, um eitler Ehre willen, aufzuladen?“ „Woltheof, das verſtehſt Du nicht. Das Leben gilt mir weniger, als die f Ehre. Rufe mir die Englaͤnder, ich will ſie hoͤren.“ Fitzesborn machte eine ruͤckgaͤngige Be⸗ wegung und ſagte, ſich entſchuldigend, alſo zum Herzoge:„Ich kann es doch nicht wagen und wollen, daß es mehrere Eng⸗ laͤnder, die mich kennen, erfahren, daß ich der erſte Bote war, der Euch die Kund⸗ ſchaft von Haralds Kronenraub hinterbrachte. Das koͤnnte mir gefaͤhrlich werden. Die 4 1 17 Welt hat mehr als einen Verraͤther, der Andere ſtuͤrzt, um ſich zu erheben.“ „Ihr traut Euern Landsleuten nicht viel Gutes zu.“ Laͤchelnd und faſt ſpoͤttiſch ſetzte der Herzog hinzu:„Ihr ſcheint an mein Gluͤck nicht feſt zu glauben. Kehrt es mir den Ruͤcken, ſo habt Ihr es mit keiner Parthei verdorben. Entfernt Euch nur, ich will Euch dieſe Vorſicht, die Alles kluͤglich berechnet, nicht uͤbel nehmen, da ſie Nie⸗ manden ſchadet und vielleicht fuͤr Euch von großem Nutzen ſeyn kann. Auf Gewinn und Verluſt zu wagen, das iſt nicht eines Jeden Sache.“ Die Grafen Mongomery und Meutewill erſchienen bald vor dem Herzog und mel⸗ deten ihm im Weſentlichen daſſelbe, was er von Fitzesborn ſchon erfahren hatte. Er empfing ſie mit der Milde und Freundliche Der Kreuzfahrer, I. 2 —— 18 keit, die ihm im hohen Grade eigen war, dankte ihnen fuͤr ihre treue Anhaͤnglichkeit, gelobte, ſie glaͤnzend zu belohnen, wenn ſein Unternehmen gelinge und ſetzte hinzu:„Mir hat der meineidige Harald, dem ich vertraute, eine Krone geraubt, doch warm ſoll ſie auf ſeinem Kopfe nicht werden. Das Laſter zu beſtrafen, dazu erhielt ich die Macht von oben. Daß er aber in England eine ſo zahlreiche Rotte finden werde, die einem Verbrechen Vorſchub leiſten will, das haͤtte ich doch nicht geahnet. Die Englaͤnder wollen mich nicht haben; aber ſie ſollen mich nehmen muͤſſen. Mein Wahlſpruch iſt: kann ich nicht auf Euerm Boden herrſchen, ſo will ih auf ihm ſterben. Die Grafen ſcgalten nach einem kurzen Aufenthalte mit dem Verſprechen wieder ab, ihr Anſehen und ihren Einfluß in ihrem Va⸗ terlande einzig fuͤt den Herzog zu verwenden. 1 1 19 Waͤhrend der Herzog mit allem Nach⸗ druck zu einer Landung an der engliſchen Kuͤſte betrieb, brach ein harter Kampf in England aus. Graf Toſti, der ſein vaͤter⸗ liches Erbe in einer Empoͤrung ſeiner Un⸗ terthanen verlor, die er durch ſeine allzu große Haͤrte dazu reizte, forderte es, und beſonders Northhumberland zuruck. Er war Wilhelms Verwandter. Er verband ſich mit ihm und griff, waͤhrend ſich dieſer ruͤ⸗ ſtete, mit einer Flotte von ſechzig Schiffen an. Sein Unternehmen ſchlug fehl und er mußte mit den Reſten nach Schottland fluͤchten. Er eilte nach Norwegen und uͤber⸗ redete den Koͤnig Haardeade zu einem Zuge nach England. Mit einer ungeheuern Flotte ſegelte der Koͤnig vom norwegiſchen Ge⸗ ſtade ab. Die Truppen wurden an den Ufern des Humber ans Land geſetzt. Durch die 20 Verwuͤſtungen und Graͤuel, die dieſe zahl⸗ reiche Macht in Northhumberland beſonders anrichtete, wurde England in Furcht und Schrecken geſetzt. Siegreich drangen die Feinde vor. Die Armeen ſtießen bei Stane⸗ fordsbridge auf einander, und es wurde aufs hitzigſte gefochten. Haralds Heer ſiegte. Toſti und der norwegiſche Koͤnig, die mit 3 Gewalt und verwegener Kuͤhnheit ihr Waſ⸗ fengluͤck erzwingen wollten, ſielen als tapfere Helden. Der überreſt floh und der eng⸗ liſche Boden war wieder von Feinden frei. Als Toſti und Haardeade an Endlands Kuͤſte landeten, lag Wilhelms Flotte, 3000 Segel ſtark, im Hafen Dire, zum Auslaufen bereit. Anhaltende Stuͤrme verzoͤgerten die Abfahrt. In ſeinem Heere waren mit ihren Huͤlfstruppen der Herzog von Orleans, die beiden Grafen von Anjou, Poitou, Boulog⸗ 21 ne, des Herzogs Hoel von Bretagne Sohn und maͤchtige Ritter, die von der Hoffnung, Herrn großer Beſitzungen zu werden, ge⸗ lockt wurden. Das Heer beſtand aus xb50,000 Köͤpfen. Die Landung wurde da⸗ durch moͤglich und leicht, daß Harald ſeine gegen die Normaͤnner verſammelten Truppen den Norwegern entgegenſtellen mußte, und daß die Kuͤſte, wo Wilhelm landete, ohne ſonderlichen Widerſtand, betreten werden konnte. Am zwanzigſten September geſchah die Einſchiffung und am folgenden Tage wurde das Heer zu Pevenſay in Suſſer ans Land geſetzt. In der Naͤhe der Stadt Haſtings ſchlug man ein Lager auf. Wilhelm er⸗ theilte die ſtrengſten Befehle gegen Raub, Pluͤnderung und Gewalt, um die Englaͤnder nicht zu erzuͤrnen. Da trat einer ſeiner Vaſallen hervor und ſagte:„Koͤnnt Ihr 22 auch Schonung gegen ein Volk gebieten, das ſich mit einem Meineidigen gegen Euch verſchworen hat? Dem Krieger, welcher in Feindes Lande fuͤr Euch ſein Leben wagen ſoll, muͤßt Ihr fuͤr gef hrvolle Arbeit nicht ſchlechten Sold verheißen. Erſt Wunden, Blut und Sieg und dann Beute, ſo geziemt es ſich.“ Wilhelm entgegnete:„Ein Krieger ſoll kein Raͤuber ſeyn. Waͤret Ihr mir darum nur gefolgt, um Beute zu machen, ſo dient Ihr Euch, nicht mir. Euer boͤſes Beiſpiel ſoll Keinen mehr verfuͤhren.“... Wilhelm zog mit Blitzesſchnelle ſein Schwert und hieb den Widerſprecher nieder. „War ich ungerecht,“ ſprach er zu den Umſtehenden,„ſo ſtoßt Eure Schwerter in meine Bruſt. Ein Krieger, der ſich mit ⁴ 23 Schande befleckt, iſt des Sieges nicht werth, und beſchimpft ſeinen Namen.“... Alle ſchwiegen, und ſtaunten uͤber Wilhelms verwegene Kuͤhnheit; aber ſeinen gerechten Sinn mußten ſie doch bewundern. Mathilde, des Herzogs Gemahlin, bat ihn noch am Ufer des Meeres flehentlich, ſie mit nach England zu nehmen, weil ſie lieber mit ihm Noth und Gefahr theilen, als von ihm entfernt, in Angſt und Sorge um ihn, ihr Leben verzehren wollte. Er ſuchte es ihr begreiflich zu machen, daß er ſie nur darum zuruͤck laſſe, weil es ihm in dem fremden Lande und unter Feinden, in dem Meere von Zerſtreuungen und Arbei⸗ ten unmoͤglich ſey, fuͤr ihre Sicherheit zu ſorgen. „Ich werde Dich auf dem beſten Fahr⸗ - 24* zeuge uͤberſetzen laſſen,“ ſagte er, indem er die Thraͤnen von den Wangen trocknete, „wenn ich uͤberwunden habe und Dich als Koͤnigin begruͤßen kann. Deine Liebe treibt Dich zu weit, ich kann nicht nach⸗ geben.“.... Er drückte ſie an ſeine Bruſt, ſprang in das Fahrzeug, ließ von dem Lande ab⸗ ſtoßen, und ſah es, wie ſie die Hände nach ihm 4ſtet⸗ als ſich vom erſten Ockober an, in der Normandie die unguͤnſtigſten Nachrichten füͤr den Herzog verbreiteten und er ihr ſelbſt keinen Boten ſandte, durch den ſie die wahre Lage der Dinge erfuhr, daß man zuletzt gar ſagte, er liege, von einem Tranke vergiftet, ſchwer danieder, da trieb ſie es unaufhalt⸗ ſam fort, ſie konnte nicht bleiben, ſie mußte zur Gewißheit kommen. Sie nahm den 25 Liebling des Vaters, Wilhelm, ſeinen zwei⸗ ten Sohn, mit ſich, ließ die andern Kinder zuruͤk und vertraute die beiden Soͤhne, Robert und Heinrich, insbeſondere dem ge⸗ gen ſie vaͤterlich geſinnten Woltheof an, der dem Herzoge gar ſehr zuͤrnte, daß er ihn, wie eine untaugliche Perſon zuruͤckließ. Als die Mutter von den Kindern Abſchied ge⸗ nommen hatte, war es nicht der Schmerz der Trennung von ihr, der ihn, wie die andern Geſchwiſter erſchuͤtterte, ſondern ein heftiges Zuͤrnen, daß ſie ihn zuruͤckließ, und den juͤngern Wilhelm mitnahm. Der feurige, unverſtellte Robert konnte ſeinen Unmuth nicht verbergen und ſagte: „Noͤchte ich es doch ſchier verwuͤnſchen, der Sohn eines Vaters zu ſeyn, der es mich ſo ungerecht und bitter fuͤhlen laͤßt, daß er mich Wilhelm nachſetzt. Die Mutter kennt ſeine Abneigung gegen mich, ſeine Vorliebe 26 fuͤr den ſchmeichelnden Wilhelm, darum folgt er ihr zum Vater und ich muß zuruͤck⸗ bleiben. Wißt, das durchbohrt mir das Herz. Und womit haͤtte ich dieſe Ungnade verdient? Wahrlich, er waͤhlt nicht die rechte Art, dem Herzen des Sohnes Liebe gegen ſich einzufloͤßen und die Zeit koͤnnte wohl kommen, wo ihn das gereut Aber das ſchmerzt mich nur, daß die Mutter ſich in ſeine Partheilichkeit fuͤgt.“ Woltheof wollte ihn belehren und be⸗ ſaͤnftigen, aber mit einem Zornblick und den Worten:„Euer Pflaſter heilt meine Wunde nicht,“ verließ er das Gemach. Als die Herzogin nach einer gluͤcklichen Überfahrt, im geraͤuſchvollen Lager erſchien, und durch die Befeſtigungen mit Wilhelm an ihrer Seite ritt, von einem zahlreichen Gefolge begleitet, da begegnete ihr der Her⸗ 27 zog mit ſeiner Suite, der eben auf Re⸗ cognoscirung reiten wollte. Sie hielt ihr Roß an, ſtreckte ihm beide Arme entgegen, und ſagte flehend:„Verzeihung der Liebe, wenn ſie Oeinen Befehl uͤbertrat. Wilhelm ſah meine Thraͤnen, die ich um Dich weinte. Krank, todt fuͤrchtete ich Dich zu finden, ſo ſprach von Dir das Geruͤcht und kein Troſt⸗ wort ließeſt Du mir zukommen. Nun habe ich Dich geſund geſehen und wenn Du ge⸗ beutſt, fahre ich in dieſer Stunde cnnach der Normandie zuruͤck.“ Der Herzog war uͤberraſcht, Freude und Schreck hatte ihn ergriffen, aber die heldenmuͤthige Frau mit ihrer Liebe gab ihm eine ſo gerührte Stimmung, daß er ihr kein Wort im Zorn ſagen konnte. Freundlich druͤckte er ihr und dem Sohne die Hand und ſagte: „Deine andern Kinder konnteſt Du ver⸗ laſſen?“ „Weil die Liebe zu Dir jede andere Liebe uͤberwiegt.“ „Wir wird es Dir im Jumult eines Lagers gefallen! Mein Zelt will ich mit Euch theilen. Aber das Ungewitter, was mir oder meinem Gegner den Untergang be⸗ reitet, iſt erſt im Anzuge. Der Kampf wird bald beginnen. Nun, ich kann hier nicht länger warten. Graf Fitzesborn, Ihr bringt meine Gattin mit zwoͤlf Reitern nach meinem Zelte.“ Der Herzog ſprengte fort. Als Ma⸗ thilde von den vornehmern Normaͤnnern er⸗ kannt wurde, erhoben die ein lautes Freu⸗ dengeſchrei, das eine weite Strecke im Lager fortſchallte, und hießen ſie willkommen. Fruͤher, als ſie es erwartet hatte, kam der Herzog wieder. Er ſchloß ſie und den 29 Sohn in ſeine Arme.„Nur Eins aͤngſtigt mich,“ ſagte er.„In die Schlacht duͤrft Ihr mir nicht folgen, und wo waͤre ein Ort, den ich Euch zur Sicherheit anweiſen koͤnnte?“ „Wenn nicht auf dem Lande,“ ſagte Meutenvill,„doch auf der See. So lange der Sturm der Schlacht dauert, und wir den Feinden entgegen ziehen, rettet ſich die Herzogin auf dem Fahrzeuge, das ſie an die engliſche Kuͤſte fuͤhrte.“ Ihr habt Recht, Graf,“ ſagte der Herzog,„das geht.“ Gluͤcklich im Laͤrm und im Getoͤſe eines Feldlagers, bei allen Beſchwerden und Ent⸗ behrungen war die Herzogin doch in der Naͤhe ihres Gatten, nur die Ausſicht auf die nahe, zweifelhafte Zukunft war es, die ſie bisweilen gewaltig aͤngſtigte. Oft flehte 30 ſie ihren Gatten und beſchwor ihn bei eeiner Liebe, nicht das Außerſte zu wagen, er aber erwiederte:„Mathilde, wenn die Ehre und eine Krone auf dem Spiele ſteht, da hat das Wagen keine Grenzen, da gilt nur das Loſungswort: ſiegen oder ſterben! Ihr Frauen rechnet anders, als wir Maͤnner. Das Recht iſt mein, kann ich kein Koͤnig werden, ſo mag ein Anderer an meiner Stelle kuͤnftig Herzog der Normandie ſeyn.“. Der Herzog ſchickte, um den blutigen Kampf zu vermeiden, einen Abgeſandten an Harald und ließ ihn an den geſchwornen Eid, an Eduards letzten Willen ec. erinnern. Der Abgeſandte wurde ſehr unfreundlich aufgenommen, und als er ſeinen Auftrag ausgerichtet hatte, entgegnete Harald mit zornigem Blick:„Sagt dem Herzoge wie⸗ der: ein Herzog taugt fuͤr Engläͤnder nicht 7 31 zum Koͤnig. Der Eid wurde mir abge⸗ zwungen. London und das Reich haben mir gehuldigt, und ich werde meinen Thron gegen jeden Angreifer zu vertheidigen wiſſen.“ Harald betrieb ſeine Zuruͤſtungen zu eilig, nicht mit der gehoͤrigen Umſicht, er ruͤckte vorwaͤrts, ohne die Huͤlfstruppen der noͤrdlichen Provinzen an ſich gezogen zu haben. Viele Mißvergnuͤgte, die mit der Austheilung der Beute nach der Schlacht von Stanefordsbridge nicht zufrieden waren, hatten ſein Heer verlaſſen. Girth, ſein Bruder und die kluͤgſten Truppenanfuͤhrer warnten ihn, daß er es zu keiner Haupt⸗ ſchlacht kommen laſſen ſollte, vielmehr die Feinde ruhig in ihren Stellungen unablaͤſ⸗ ſig zu beunruhigen, ihnen die Zufuhr abzu⸗ ſchneiden und ſie durch Mangel zum Ruͤck⸗ zuge zu zwingen. Harald aber blieb bei ſeinem einmal gefaßten Entſchluſſe, mit 4 32„ einem Hauytſchlage die Normaͤnner zu Grunde zu richten. Er ſchlug zu Sinlai, neun Meilen von Haſtings, ſein Lager auf. Es wurden jetzt unter den ſtreitigen Parthein neue Unterhandlungen angeknuͤpft. Harald ließ Wilhelm eine große Geldſumme bieten, wenn er den engliſchen Boden raͤumte. Wilhelm entgegnete: Es ſey ihm nicht um Geld zu thun, er fordere die Krone. Um unnützes Blutvergießen zu ver⸗ meiden, forderte er Harald zu einem Zwei⸗ kampf heraus, und daß der Überwinder Koͤnig ſeyn ſolle. Da ſie Beide bei ihren Entſchluͤſſen beharrten, war die Schlacht, welche Alles entſcheiden ſollte, unvermeidlich. Wir muͤſſen, um das Menſchliche in dem Charakter des Herzogs kennen und achten zu lernen, hier einen Zug anfuͤhren. Als er an einem Tage mit Osbern, einem 33 heldenmuͤthigen Normann, ausgeritten war, um die Stellung des Feindes in Augen⸗ ſchein zu nehmen, waren die Roſſe, da ſie von einer Feindesſchaar eine Strecke ver⸗ folgt wuͤrden, ſo abgemattet, daß ſie, als man ſich dem Lager nahte, in dem tiefſten Kothe keinen Schritt mehr gehen wollten. Der Herzog ſtieg ab, Osbern folgte ihm nach und Beide fuͤhrten die Roſſe an den Zuͤgeln. Osbern wurde von dem Gehen ſo erſchoͤpft, daß er niederſinken wollte. Da nahm ihm der Herzog ſeine eiſerne Ruͤſtung ab, um ihm das Gehen zu erleichtern und trug ſie bis ins Lager. Welcher Herr thaͤte das ſeinem Diener, der ſich dieſer edeln That, als ob ſie eine Erniedrigung waͤre, nicht ſchaͤmte? Harald und Wilhelm ruͤckten mit ihren Heeren naͤher zuſammen, ſo, daß man es vorausſehen konnte, es mußte in den naͤch⸗ Der Kreuzfahrer, I. 3 4 34 ſten Tagen zu einer Schlacht kommen. Der Herzog drang nun mit allem Ernſt darauf, daß ſeine Gattin das Lager verlaſſen und ſich auf das Fahrzeug begeben mußte. Sie ſtraͤubte ſich, wollte ihn nicht verlaſſen und flehte, daß er es ihr verſtatte, mit ihm die Gekfahr der Schlacht zu theilen. Darauf erwiederte er weiter nichts, als:„Fuͤr Maͤnner iſt die Schlacht.“ Er zeigte ihr die Gefahr, die fuͤr ſie eintreten koͤnne, wenn ſie laͤnger im Lager bliebe, da man in der Naͤhe des Feindes keinen Augenblick vor einem überfall oder einem allgemeinen An⸗ griff ſicher ſeyn koͤnne. Ganz andere Pflich⸗ ten und Sorgen muͤßten ihn dann beſchaͤf⸗ tigen, als an ihre Beſchuͤtzung zu denken. Welch ein Loͤſegeld, wohl gar die Krone, wuͤrde Harald fordern, wenn ſie in ſeine Gefangenſchaft gerathe. Wenn die Sache fuͤr ihn einen ungluͤcklichen Ausgang naͤhme, was doch geſchehen koͤnne, ſo ſey ſie ſelbſt 35 nicht auf dem Meere außer Gefahr. In jedem Falle muͤſſe er zu ihrer ſchleunigen Entfernung rathen und darauf dringen. Jetzt trat der Prinz, ſein Liebling, vor ihn, ergriff ſeine Hand und ſprach:„Vater, ich beſchwoͤre Euch, daß Ihr mich mit in die Schlacht nehmt. Ehre will ich mir zu verdienen ſuchen, daß ich einſt wuͤrdig bin, Euer Sohn zu heißen. Stark iſt mein Arm und jede Waffe kann ich ſchwingen. Von Euch laßt mich es lernen, wie man Feinde beſiegen muß.“ Mit einem beifaͤlligen Blick ſagte der Vater:„Recht ſo geſprochen, mein Sohn, Du ſollſt mir zur Seite reiten.“ „Wilhelm,“ klagte die Mutter, koͤnnteſt Du mich verlaſſen und mein Herz mit einer doppelten Angſt beſchweren!“ „Mutter, Mutter, haltet mich nicht zu⸗ ruͤck, Ihr ſeyd in Sicherheit, dem Vater droht Gefahr, koͤnnte ich ihm nicht einen Dienſt erweiſen? Bedarf er ihn und fehlt er ihm, ſo waͤre das Eure Schuld.“ Nach einem ſehr ſchmerzlichen Abſchiede trennte ſich Mathilde von dem Sohne und dem Gatten und beſtieg ihr Fahrzeug. Dem Fuͤhrer deſſelben hatte der Herzog heimlich gebieten laſſen, ſobald die Herzogin das Schiff beſtiegen haͤtte, mit ihr ſogleich nach der Normandie abzuſegeln. Der Oberſte von den Begleitern, die ſie bis an das Ge⸗ ſtade brachten, mußte ihr in des Herzogs Namen ſagen, daß ſie, ſobald die Schlacht geendigt, von dem Ausgange derſelben die erſte Nachricht erhal ten ſolle. 1gee. ſehr f ie dem Fahreane zuͤrnte, drohte, bat und flehte, als ſich das Fahrzeug 37 weiter vom Ufer entfernte, daß man ſich in der Naͤhe deſſelben halten ſollte, der Steuer⸗ mann ließ ſich nicht irre machen. Es wurde ihr gemeldet, daß es der ernſte Befehl des Herzogs ſey, ſie nach der Normandie uͤber⸗ zuſchiffen, dem ſie gehorchen muͤßten. Sie ſchwieg und erkannte ſeine Liebe. Die Kinder umarmten ſie freudig beim Wiederſehen, fragten nach dem Vater und als ſie ſie umarmt und gekuͤßt hatte, ver⸗ mißte ſie Robert, ihren aͤlteſten Sohn. „Wo iſt Robert,“ fragte ſie,„will der die Mutter nicht willkommen heißen?“ Der alte Woltheof war im Zimmer und antwortete auf die Frage der Herzogin alſo:„Der iſt, wie verſchwunden, und Niemand weiß, wo er geblieben iſt.“ ¹ „Waͤre er nach England gegangen,“ 38 ſagte die Herzogin mit einer zuͤrnenden Miene,„ſo wuͤrde er bei ſeinem Vater kei⸗ nen freundlichen Empfang finden.“ „Und warum das nicht? Iſt er nicht ſo gut ſein Sohn, als Wilhelm und Hein⸗ rich? Glaubt, er fuͤhlt es bitter, daß der Herzog ihn weniger, als ſeine Bruͤder, zu achten ſcheint. Iſt es ſeine Schuld, daß ſein Weſen ſo ernſt und ſinnig iſt; daß er nicht freundlich ſchmeicheln kann? Wo er lieben ſoll, muß er Liebe ſinden. Der Her⸗ zog ſtoͤßt ihn zuruͤck, das kann fuͤr die Zu⸗ kunft boͤſe Folgen haben. Heimlich zuͤrnt er auf Wilhelm, den Guͤnſtling ſeines Va⸗ ters, und nennt den Herzog ungerecht. Auch hat er es Euch ſehr verdacht, daß Ihr ihn zuruͤckließet und Wilhelm mit nahmet. Mir, ſagte er, dem Älteſten gebuͤhrt es, daß ich meine Mutter begleitete. Ich muß die un⸗ verdiente Zuruͤckſetzung ertragen, ſo lange 39 mein Vater lebt; iſt der nicht mehr, dann endet die Kraͤnkung und keine Macht ſoll mir die Normandie entreißen.“ „Woltheof, welche verwegene Reden! Geziemen die ſich fuͤr einen Sohn? Laßt ſie nie den Herzog hoͤren.“ „Vernehmt es, Herzogin, wie es in dem Prinzen ſtuͤrmt, wie ſein Ehrgefuͤhl lei⸗ det und verſucht es, den Herzog guͤtiger, gerechter gegen ihn zu ſtimmen. Die par⸗ theiiſche Liebe der Eltern gegen die Kinder traͤgt immer boͤſe Fruͤchte.“ Robert blieb weg, und im Hafen, von wo immer mehrere Bewaffnete und Geraͤth⸗ ſchaften nach England uͤbergeſetzt wurden, konnte man nichts von ihm erfahren. Wirk⸗ lich war er, wie ein junger Normann ge⸗ ruͤſtet, mit einer normaͤnniſchen Schaar in 40 England angekommen, feſt entſchloſſen, durch eine kuͤhne Waffenthat dem Vater Achtung wenigſtens einzufloͤßen, wenn er auch ſeine Liebe nicht gewinnen koͤnnte. Er vermied ſeine Naͤhe, um unerkannt zu bleiben. Am neunten October 1066 war es, wo man es mit Gewißheit vorausſagen konnte, daß es am folgenden Tage zu einer Haupt⸗ ſchlacht kommen werde. In Haralds Lager herrſchte ein ungeſtuͤmer Freudentumult, als ob man ein großes Feſt erwarte. Es wurde geſchmauſet und wacker gezecht. Man ver⸗ achtete den Feind, glaubte ihn nach einer Niederlage eben ſo leicht in die Flucht zu jagen, als Toſti und ſeine ſcandinaviſchen Verbuͤndeten. Die ausgeſchickten Kund⸗ ſchafter ſchilderten den Feind als eine Rotte unkriegeriſcher Leute und ſchimpften ſie be⸗ ſchorne Moͤnche. Nur von Beute und Siegesruhm war die Rede. Ein falſches 41 Selbſtvertraun, die Verachtung des Feindes hat ihm ſchon oft den Sieg erleichtert. Um das Zelt des Herzogs waren die vornehmſten Anfuͤhrer die Nacht hindurch verſammelt und er hielt mit ihnen Rath, wie die Truppen am beſten zu ſtellen waͤren und wie man die Englaͤnder am vortheil⸗ hafteſten angriffe, um ſie zu werfen. Er hielt eine eindrucksvolle Anrede, erinnerte an die Siege der Vorfahren und die großen Erfolge, die ſie durch ihren Rieſenmuth er⸗ rangen. „Wir haben es mit einem Meineidigen 3 und Treuloſen zu thun,“ ſprach er,„denen kein Recht, keine Pflicht heilig iſt, auf den Beiſtand des Maͤchtigen uͤber den Wolken, der die Siege austheilet, duͤrfen ſie nicht rechnen.“.... Es wurden religiͤſe Lie⸗ der geſungen, Gebete gehalten, indeß das 42 Getoſe der Krieger auf den Wachpoſten fortdauerte. Als der Morgen graute, er⸗ theilte der Herzog die letzten Befehle, ſein Heer griff zu den Waffen, ſetzte ſich in Bewegung und die vom Papſt Alexander geweihte Fahne wurde vorgetragen. Alle Herzen ſchlugen von begeiſtertem Muthe. Heute ſollte ein Koͤnigreich erobert werden. Man verſprach ſich unermeßliche Beute und die Vaſallen dachten ſchon an Ehrenſtellen, an die Guͤter, die ihnen zugetheilt werden wuͤrden, wenn ſie ſiegend den Platz ver⸗ ließen. Sie ermunterten ihre Rotten zur Tapferkeit. Im dritten Treffen, wo Wil⸗ helm ſelbſt den Kern der normaͤnniſchen Truppen, die Vaſallen und die Bluͤthe des Adels commandirte, nicht weit von dem Vater, ſo, daß er ihn und ſeinen Bruder Wilhelm ſehen konnte, ſtand auch Robert. Es war in ihm feſter Entſchluß, das Schlachtfeld nicht zu verlaſſen, ohne ſich „ ruͤhmlich ausgezeichnet zu haben, ſollte es ihm auch das Leben koſten. Als die feindlichen Schlachtreihen ein⸗ ander naͤher geruͤckt waren, fand Wilhelm, daß die Englaͤnder folgende Stellung hat⸗ ten: ſie waren in ein großes Viereck geſtellt, das groͤßtentheils aus Fußtruppen gebildet war, mit Schwertern, Spießen und Streit⸗ aͤrten bewaffnet. Im Vordergliede ſtanden die Kaͤmpfer von Kent, in dem mittelſten die Einwohner von London, wo Harald mit ſeinen beiden Bruͤdern Girth und Leofwin befehligte, in dem Hintertreffen war das Gemenge der Maͤnner, die ſich aus den ver⸗ ſchiedenen Provinzen, zur Vertheidigung des Vaterlandes mit ihren Herren bei dem Heere eingefunden hatten. Die Normaͤnner ſtuͤrzten in drei Tref⸗ fen auf die Feinde. Das erſte, die Reiterei, fuͤhrte die paͤpſtliche Fahne, und wurde von „ Normaͤnner. 44 Montgomery Fitzesborn commandirt. Im zweiten Treffen waren die Huͤlfsvoͤlker von Poitou, Deutſchland und Flandern unter der Anfuͤhrung Gottfried von Martells. Im dritten hielt der Herzog mit ſeinen Normaͤnnern. Die normaͤnniſchen Bogenſchuͤtzen auf beiden Flüͤgeln warfen einen dichten Pfeil⸗ regen auf die Englaͤnder. Jetzt geſchah ein Hauptangriff; aber des Herzogs Reiter konnten die Spieße und Lanzen des Feindes nicht durchbrechen, mußten eine ruͤckgaͤngige Bewegung machen und ein Hagel von Pfeilen flog hinter ſie her. Der Angriff der normaͤnniſchen Infanterie entſchied nichts. Wie eine unerſchuͤtterte Mauer ſtanden die Englaͤnder und wichen keinen Finger breit zuruͤck. Der Sieg ſchwankte. Abwechſelnd uͤberwanden und erlagen die Englaͤnder und 4 5 409 Der Herzog ſprengte auf feinem Roß und ermunterte durch Wort und Beiſpiel den ſchen ſinkenden Muth ſeines Heeres. Ein kleines Gefolge war es, das ihm nach⸗ jagte, um Leben oder Tod mit ihm zu theilen. Dicht hinter ihm ritt Robert und zitterte, daß dem Vater ein Unfall begegnen koͤnne. Der Herzog wurde von ein igen Englaͤndern an ſeiner glaͤnzenden Ruͤſtung erkannt, die wild und brauſend aus ihren geſchloſſenen Reihen hervorſtuͤrzten, um ſich ſeiner, todt oder lebendig zu bemaͤchtigen. Von einem Reitertrupp kam einer der An⸗ fuͤhrer angeſtuͤrmt, er hielt ſein Schwert gezogen und nahm die Richtung nach dem Herzoge hin. Ehe er den Herzog erreicht hatte, warf ſich Robert ihm entgegen, ſing ſeine Streiche auf und ſpaltete ihm mit einem Rieſenhiebe den Kopf. Die An⸗ dern jagten wieder nach ihrem Heere zuruͤck. 4G 46 Als Wilhelm den kuͤhnen Juͤngling nach ſeinem Namen fragen wollte, dem er eine Belohnung zugedacht hatte, war er ver⸗ ſchwunden und hatte ſich in dem Haufen der Normaͤnner verloren. Zwei Streitroſſe waren unter dem Herzoge ſchon durch Pfeilſchuͤſſe getoͤdtet, er ſelbſt blieb unverwundet. Als er ſich noch⸗ mals zu weit vorwagte, weil das Centrum ſeines Heeres zu wanken anfing, ſtuͤrzte unter ihm das dritte Roß zur Erde nieder, er litt durch einen harten Fall, ſprang je⸗ doch raſch wieder auf. In demſelben Augen⸗ blick ſtand derſelbe, dem Anſehen nach ge⸗ meine Normann, mit niedergelaſſenem Viſir ihm zur Seite, der vor einer Stunde ſein Leben fuͤr ihn wagte, reichte ihm ein mu⸗ thiges Streitroß dar, auf das ſich der Herzog eilig ſchwang. Nur die Worte ſagte der Herzog zu ihm:„Normann, wenn 47 die Schlacht geſchlagen iſt, dann melde Dich bei mir, Dein Dienſt ſoll nicht unvergolten bleiben. Fuͤrwahr, Du haſt ein großes Herz!“ Robert entwich. Bald fand er die Gelegenheit, ſich ein Beuteroß zu verſchaffen, indem er einen engliſchen Reiter mit dem Spieß durchbohrte. Es machte ihm eine geheime Freude, daß er ſeinen Bruder Wil⸗ helm nicht bei dem Vater ſah, als die Ge⸗ fahr fuͤr ihn am groͤßten war. Als ſich ein Reitertrupp des Feindes zu weit vorwagte, erbat es ſich Robert von ſeinem Befehlshaber, die Kuͤhnen zu beſtra⸗ fen. Zehn Juͤnglinge folgten ſeinem Aufruf. Im Sturm, mit gezogenen Schwertern, Robert an der Spitze, drangen ſie in die engliſchen Reiter ein, theilten Wunden und Tod aus, und Robert toͤdtete mit eigener Hand den Anfuͤhrer, einen Sohn des Grafen Morcar. Zwei Drshhinn blieben auf dem Platze, die Andern brachten neun Gefaingene zuruͤck. „Bravo!“ rief ihm der oberſte Normann zu,„Ihr ſeyd ein zuͤrnender Loͤwe, muthig wie er, der Herzog ſoll Eure That erfahren. Euer Name iſt?“ „Der unsdange Nobert 6, enggeg nete er. Das Morden dauerte in beiden Heeren fort und unentſchieden blieb der Sieg. Die Erbitterung war ſo groß, daß es ſchien, daß das Schlachtfeld das Grab Aller werden ſollte. Hartnaͤckigkeit, Tapferkeit und uner⸗ erſchuͤtterlicher Muth hatte den gemeinſten Krieger zu einem Helden gemacht. Die Englaͤnder fochten mit unbeſchreiblichem 49 Enthuſiasmus fuͤr ihr Vaterland, fuͤr ihren Koͤnig, und weil ſie den Nacken nicht unter das Joch eines Fremden beugen und Knechte ihrer Sieger werden wollten; die Normaͤnner aber kaͤmpften fuͤr ihren Kriegsruhin, fuͤr Beute, fuͤr den Herzog. Jetzt ſollte die Feldherrnklugheit und die Kriegserfahrenheit entſcheiden, da alle Anſtren⸗ gungen gegen die dicht geſchloſſenen Haufen der Englaͤnder nichts vermochten. Der Herzog merkte es, daß die Seinen nicht mehr mit dem gluͤhenden, unerſchrockenen Eifer foch⸗ ten, daß ſich die Maſſe der Getoͤdteten und Verwundeten vermehrte, und daß ſchon eine große Zahl der Huͤlfsvöoͤlker mit ihren An⸗ fuͤhrern zuruͤckwich, er ließ daher das Zei⸗ chen zum Ruͤckmarſch geben. Er hatte es wohl berechnet, daß die Englaͤnder, in der Hitze des Streites, ihre vortheilhafte Stei⸗ Der Kreuzfahrer, I. 4 50 lung verlaſſen, die Weichenden verfolgen wuͤrden, um ſie ganz zu vertilgen. Als die Englaͤnder ſahen, daß die Normaͤnner ſich eilig zuruͤckzogen, da loͤſete ſich augenblicklich ihr geſchloſſener Haufe auf und des Sieges gewiß, verfolgten ſie in zerſtreuten Haufen die Feinde. Aber jetzt, jetzt, als der Herzog es er⸗ ſah, daß ſein guͤnſtiger Augenblick gekommen ſey, ſtellte ſein Befehl die Ordnung der Schlachtreihe wieder her und der Naupf Wuröe erneuert. Mit ngeſtümer Wuth griffen nun die Normaͤnner in geſchloſſenen Reihen die ein⸗ zelnen engliſchen Corps an, warfen ſie und trieben ſie vor ſich her. Eine große Zahl Gefangener fiel in ihre Haͤnde, ſie mußten uͤber Leichen und Verwundete gehen. 51 Vielleicht haͤtten die Englaͤnder wieder eine feſte Stellung gewonnen, wenn der Ruf nicht durch die Glieder erſcholl:„Der Koͤnig iſt gefallen!“ Harald, ein tapferer Held, war es, der den Nachzug mit deckte. Er wandte ſich gegen die Normaͤnner, um eine Reiterſchaar, die ſich ihm zu weit nahte, zuruͤckzutreiben, da ſprang ihm ein Pfeil ins linke Auge, tief in den Kopf und athemlos ſtuͤrzte er vom Roſſe. Als Wil⸗ helm die Nachricht von dem Tode ſeines Widerſachers hinterbracht wurde, ſagte er: „Nun bin ich Koͤnig! So ſtrafen die Goͤtter den Meineid! Dem Todten ſey verziehen.“ Bei dem uͤbereilten Ruͤckzuge der Eng⸗ laͤnder, die in verwirrten Maſſen flohen, unter denen alle Ordnung aufgeloͤſet war, wo kein Befehl mehr reſpektirt wurde, er⸗ lagen auch Haralds beide Bruͤder Girth und 52 Leofwin. Die Normaͤnner ermuͤdeten im Morden, die Zahl der Gefangenen wuchs und mancher Normann konnte die Laſt ſeiner reichen Beute nicht tragen. 3 Auf dem Wahlplatze ſchlug der Herzog ſein Lager auf, hier ſollten ſeine abgemat⸗ teten Roſſe und Truppen einige Tage raſten, um mit neuer Kraft ſeinen Sieg zu verfol⸗ gen und die Fruͤchte deſſelben zu ernten. Er durfte nichts mehr fuͤrchten, da er die engliſche Armee fuͤr vernichtet hielt. Die allgemeine Freude uͤber den Triumph wurde doch ſehr gemildert, als man die theuern Opfer zaͤhlte, die er gekoſtet hatte. Hoch uͤber einander geſchichtet lagen beſonders die Normaͤnner, die man begrub, und der Ver⸗ wundeten waren ſo viele, daß ſie nicht zur rechten Zeit verbunden werden konnten und unter namenloſen Schmerzen dahin ſtarben. 1 53 Noch weit ſchrecklicher aber war das bei den Englaͤndern auf ihrem Ruͤckzuge angerichtete Blutbad. Weil Robert nicht als der erkannt ſeyn wollte, der dem Herzoge einen Dienſt er⸗ wieſen hatte, ſo tauſchte er mit einem Nor⸗ mann ſeine Ruͤſtung, die ſich durch einen Bruſtharniſch von geſchliffenem Stahl und ein Schwert mit einem ſilbernen Gefaͤß auszeichnete. Der Normann ging dieſen Tauſch gern ein, weil er dabei zu gewinnen glaubte. Es war am Morgen nach der Schlacht, als religioͤfe Geſaͤnge geſungen, Dankgebete verrichtet waren, das erſte Geſchaͤft des Herzoges, daß er die vorzuͤglichſten Helden mit Gnadenbezeugungen uͤberſchuͤttete, daß er ihnen hoͤhere Ehren und die Guͤter der er⸗ 54 ſchlagenen engliſchen Vaſallen und auch der noch lebenden zuſicherte, die ſtrafbarer Weiſe mit Harald ſich wider ihn verbunden haͤt⸗ ten. Bei den fernern Siegen, und wenn er erſt uͤber England zu gebieten haͤtte, ſollten auch die Gemeinſten nicht uͤberſehen werden, die ihn mit Muth und Gefahr den Thron erſtreiten halfen. Es wurde ſogleich auch eine Geſandtſchaft nach der Normandie abgefertigt, um Mathilden, ſeiner Gattin, und dem Volke den glaͤnzenden Sieg zu verkuͤn⸗ den. Er befahl auch durch das ganze Land ein großes Dankfeſt zu feiern. Der Herzogin aber ließ er insbeſondere melden, daß er ihr dann die überfahrt beſtimmen werde, wenn er ſeinen Einzug in London gehalten haͤtte, und keine Gefahr mehr zu fuͤrchten ſey. Ausdruͤcklich bat er, den treuen Woltheof ja mit ſich zu nehmen, den er gar ſchmerzlich, wie einen alten Freund, vermiſſe. Als der Diener von dem Siege und den letzten Worten ſeines Herrn hoͤrte, da ging ein helles Licht in ſeinen Augen auf und er rief aus:„Wenn ich es noch erlebe, daß der Herzog Koͤnig von England iſt, ſo will ich gern in Frieden dahin fahren! Herzogin, bedenkt, das iſt keine Kleinigkeit: Ihr wer⸗ det nun eine Koͤnigin;z aber Euer Herz werdet Ihr deshalb gegen den alten Wolt⸗ heof nicht veraͤndern. Iſt der Koͤnig einſt bei guter Laune, ſo rede ich mit ihm von dem Prinzen Robert, daß er dieſen, wie ſeine andern Kinder liebt, und ihn nicht ſo ausmerzt, als ob er ein raͤudiges Schaf waͤre. Doch wer weiß, ob der Prinz noch lebt, ob er nicht fuüͤr den Ruhm und den Thron ſeines Vaters blutete. Vielleicht hat es dann der Himmel am beſten fuͤr ihn gefuͤgt. Viel Freude fand er am Leber 56 Der Gedanke an Robert und an die Moͤglichkeit, daß er in der Schlacht bei Haſtings ſiel, zerriß das Mutterherz, ſie ſchwieg, ihre Thraͤnen floſſen, ſie ſeufzte. Endlich ſagte ſie:„Woltheof, ſo ſoll es nicht mit ihm bleiben. Lebt er noch, ſo will ich ihm des Vaters Liebe zu gewinnen ſuchen. Er iſt aber auch fuͤr ſein Juͤng⸗ lingsalter zu ernſt, zu ſinnig, ſcheu und faſt muͤrriſch.“ „Fragt lieber, wodurch iſt er das ge⸗ worden? Ein Stein muͤßte er ſeyn, wenn er ſein Schickſal nicht bitter fuͤhlte.“ Als der Herzog von den engliſchen Roſſen ſich andere zu ſeinen Reitpferden ausſuchte und ihm auch das Schlachtroß von Harald zur Wahl vorgefuͤhrt wurde, da ſagte er mit weggewandtem Blick zu den —-——— 57 Umſtehenden:„Wie kann man glauben, daß ich da ſitzen werde, wo Harald ſaß.“ 4 Als der Herzog von Orleans, Mongo⸗ mery, Fitzesborn, Martell und viele An⸗ fuͤhrer und engliſche Vaſallen im Zelte des Herzogs waren und der Wein in großen Pokalen perlte, da trat der Oberſte Cikobear mit einem jungen Normann hinein und ſagte, nach der militairiſchen Begruͤßung: „Das iſt der Normann, der ſich ſo tapfer zeigte, den ich nach Euerm Befehl aufſuchen ſollte, welchen Ihr vorzuͤglich belohnen wollet. Aber der Menſch leugnet und will die ruͤhm⸗ liche That nicht gethan haben.“ Der Herzog ſah ihn mit forſchendem Blick an und ſprach in guͤtigem Tone: „Junger Menich, Du uͤbertreibſt Deinen Edelmuth, Dein Schuldner darf ich nicht 8 58 bleiben. Du haſt ein Recht, von mir eine Belohnung zu erwarten, wenn Du ſie auch nicht forderſt. Mit Gut und Ehre allein laͤßt ſich Deine That nicht belohnen, fuͤr mich wagteſt Du Dein Leben, darum gelobe ich Dir auch meine volle Achtung. Gluͤcklich, wie ein Gott, waͤre ein Herrſcher, der lauter Unterthanen haͤtte, wie Du einer biſt. So nenne Deinen Namen und lege ein freies Geſtaͤndniß ab.“ „Einer Luͤge kann ich mich nicht ſchul⸗ dig machen,“ ſagte der Juͤngling,„und einen Lohn annehmen, der mir nicht gebuͤhrt. Der Betrug kann entdeckt werden. Brav war der Kaͤmpfer, der dieſen Harniſch trug, denn ſeht nur, welche Schlaͤge von Pfeilen und Schwertern auf ihn gefallen ſind. Und — er zog das Schwert— ſchaut dieſe Klinge, wie ſtumpf ſie gehauen iſt.“ 59 4 „Aber,“ fragte der Herzog,„wie koͤmmſt Du zu dem Harniſch und dem Schwerte?“ „Ganz natuͤrlich. Dem Herzoge will ich es bekennen, ob ich gleich Verſchwiegen⸗ heit gelobte. Ein junger Krieger bot mir zum Tauſch gegen meine Ruͤſtung die ſeine an und druͤckte mir ein Stuͤck Geld in die „Hand. Dann ging er davon, ich ſah ihn nicht wieder. Er war ein großer, ſchoͤner Mann.“ „Wer er wohl iſt?“ fragte der Herzog verwunderungsvoll,„etwa ein guter Geiſt? So edel denken wenige Sterbliche! Wuͤrdeſt Du ihn nicht an Deiner Rüſtung wieder kennen?“ „Vielleicht.“ 9 „Bring ihn zu mir, ich gelobe Dir ein gutes Botenlohn..... Viel wurde noch uͤber den edeln Ritter geſprochen und Alle waren der Meinung, er muͤſſe vornehmen Geſchlechts ſeyn, da man in den geringern Volksklaſſen eine ſolche Tugend nicht faͤnde, die nur der Eigennutz regiere. „Und uns,“ ſagte der Herzog,„die Ruhmſucht, wenn man die auch nicht Eigen⸗ nutz nennen kann.“ Als der Herzog gewiß war, daß ſeine Truppen ſich hinlaͤnglich erholt und daß ſie die koſtbaren Stuͤcke ihrer Beute auf Fahr⸗ zeuge in Sicherheit gebracht hatten, da gab er das Zeichen zum Aufbruch, nachdem er die ſtrengſten Befehle in ſeinem Heere ertheilte, 61 daß Niemand Raub und Gewalt uͤben, ſei⸗ nen Beruf nicht ſchaͤnden ſollte. Jedes Verbrechen, von einem Normann begangen, den Gottes Guͤte und Allmacht an dem großen Siege bei Haſtings habe Theil neh⸗ men laſſen, koͤnne nicht hart genug beſtraft werden. Ein beſiegtes Volk ſey immer ein tief gekraͤnktes, zur Empoͤrung leicht gereiz⸗ tes, und man duͤrfe es durch eine ſchlechte, uͤbermuͤthige Behandlung nicht zum Grimm und zur Rache anfeuern. Der Herzog ging in gerader Richtung auf London los und zweifelte nicht, daß es in der Umgegend der Hauptſtadt noch zu ſchweren Kaͤmpfen kommen werde. Dahin waren die Reſte der geſchlagenen Armee ge⸗ fluͤchtet, dort waren Haralds Freunde, ſeine erbitterten Gegner, die ihm gewiß bei ſeiner Erſcheinung die Thore nicht ſo leicht oͤffne⸗ 62 ten, als ob er ein triumphirender Koͤnig waͤre. Nur langſam ruͤckte er auf ſeinem Marſche weiter, weil er Rumnez, Dover, ſtark befeſtigte Plätze, einnehmen ließ, und uͤberhaupt keinen Ort im Ruͤcken be⸗ halten wollte, in dem ſich Bewaffnete ge⸗ ſammelt hielten, die ihm ſchaden konnten. Die Einwohner der Provinz Kent leiſteten nicht den geringſten Widerſtand, ſie kamen ihm huldigend, als ihrem neuen Koͤnig, ent⸗ gegen, unterwarfen ſich, damit ihre theuerſten Guͤter geſchont blieben. In London waren die ſaͤchſiſchen Trup⸗ penanfuͤhrer, dahin hatten ſich die noch un⸗ verwundeten Soldaten gerettet, die vor Wuth und Eifer brannten, ihre Beſieger zu demuͤthigen und den verlornen Ruhm wieder herzuſtellen. Die Reichsſtaͤnde berathſchlag⸗ ten uͤber die Perſon, die man nach Harald —— hielt bei der Wahl die meiſten Stimmen, rechneten, daß ihnen die oberſte Wuͤrde im in der jetzigen ſtuͤrmiſchen Zeit, wo Alles im Aufſtande und aus dem Gleiſe der rraftvollen Regenten bedurfte, wenn Theures 63 zum Koͤnig waͤhlen wolle und wie der Krieg gegen den Herzog mit groͤßerm Nach⸗ druck fortzuſetzen ſey. Edgar Atheling er⸗ aber die maͤchtigen Grafen Mortar und Edwin, die Beide mit Sicherheit darauf Staate zugetheilt werde, wandten Anſehen, Liſt und Raͤnke an, um dieſe Wahl zu ver⸗ eiteln. Man ſah auch ein, daß Edgar, ſei⸗ ner Jugend und Unerfahrenheit wegen, mit dem Herzoge Wilhelm nicht in die Schran⸗ ken treten konnte und daß das Reich eben Ordnung getreten war, eines geiſtesſtarken, erhalten werden und in den Wogen der Unruhe nicht untergehen ſollte. Der Muth, nochmals gegen die Normaͤnner kaͤmpfend aufzutreten, ſing an zu ſinken, und in der Verſammlung ließen ſich ſchon mehrere Stimmen hoͤren, die, um nicht in eine un⸗ abſehbare Noth zu gerathen, fuͤr die Hul⸗ digung des Herzogs ſprachen. Unter den Geiſtlichen war es der Erz⸗ biſchof Stigand, ein Feind der Normaͤnner, der die Wahl des Herzogs zum Koͤnige hartnaͤckig verweigerte und ihre Unzulaͤßlich⸗ keit mit allen Gruͤnden der Klugheit und des Haſſes unterſtützte. Der Herzog ging ohne Widerſtand 3 uͤber die Themſe. Die Ausfaͤlle, die m von London aus gegen ihn machte, wurden mit den blutigſten Verluſten zuruͤckgeſchla⸗ gen. Er bedrohte London mit allen Zuͤch⸗ tigungen, wenn ihm nicht die Thore geoͤffnet wuͤrden. 65 Große, tumultuariſche Volkshaufen, die immer den Privatvortheil dem oͤffentlichen Wohle vorziehen, welche nur Raub, Pluͤn⸗ derung, Mord und Gewaltthaͤtigkeit ſahen, wenn London dem Sieger mit dem Rach⸗ ſchwerte in der Hand, ſich ergeben mußte, umzingelten das Verſammlungshaus und erzwangen mit Drohen und Toben die über⸗ gabe der Stadt. Huldigend ging dem Her⸗ zoge eine Geſandtſchaft entgegen, unter der auch der Prinz Edgar war. Viele ihm abgeneigte Grafen und Herren, auch Morcar und Edwin, waren aus London mit dem Vorſatze entflohen, ſich dem Normann nicht ſo leicht, wie die Hauptſtadt zu unter⸗ werfen. Wenige Tage nach ſeinem Einzuge ließ ſich Wilhelm in der Weſtmuͤnſter⸗Abtei, in Gegenwart der in der Hauptſtadt verſam⸗ Der Kreuzfahrer. I. 5 melten Reichsſtaͤnde und der vornehmen Geiſtlichen, zum Koͤnig von England von dem Erzbiſchof von York kroͤnen. Der Erz⸗ biſchof Stigand durfte der Feierlichkeit nicht beiwohnen. So viel es geſchehen konnte, ſuchte der neue Koͤnig durch die ſtrengſten Befehle die Ruhe und Ordnung zu erhalten. Einige Normaͤnner, die begangener Verbrechen wegen angeklagt wurden, verurtheilte er zum Tode. Seine Gerechtigkeitsliebe, ſeine Herablaſſung, der Ernſt, mit dem er das Recht handhabte, fuͤhrte ihm die Herzen zu, die ihm abgeneigt waren. Er erklaͤrte, Gott habe den Koͤnigen nur darum die Macht verliehen, daß ſie die Wohlthaͤter ihres Volks ſeyn ſollten. Er werde ein Vater der Englaͤnder ſeyn, wie er es bisher ſeinen Normaͤnnern geweſen waͤre. — 1 . 67 Als ſich die Unruhe, Angſt und Furcht gelegt hatten, wurden die glaͤnzendſten Feſte angeſtellt. Man vergaß den Koͤnig Harald und wollte an die Niederlage von Haſtings nicht mehr denken. Haufen draͤngten ſich um den neuen Koͤnig und wo er ſich blicken ließ, entſtand ein lautes Jubelgeſchrei. Fitzes⸗ born, Montgomery, Meutewill und andere Vaſallen waren immer in ſeinem glaͤnzenden Gefolge. Aber in den noͤrdlichen Provinzen war ein Aufruhr ausgebrochen, und die Grafen Morcar und Edwin waren die Stifter deſſelben. 3 1 Der Prinz Robert war als gemeiner Waffentraͤger in London mit eingezogen. Etliche Mal begegnete ihm der Vater auf der Straße, ihm zur Seite ritt ſein Bruder Wilhelm. Er ſchaute ihm nach, ſein Herz ſchlug gewaltig und er dachte: welch ein 68 Widerſpruch in dem Charakter dieſes Man⸗ nes! Alle Welt ruͤhmt ſeine Gerechtigkeit und gegen Dich iſt er ſo ungerecht. Daß Wilhelm eine Ehre genoß, die vielmehr ihm gebuͤhrte, das erweckte in ihm Neid und be⸗ ſtaͤrkte ihn in der Abneignng gegen Wilhelm noch mehr, der ihm, da er den Vater auf ſeiner Seite hatte, ohne Scheu manche Be⸗ b leidigung zufuͤgte. Es konnte prahleriſch und eigennuͤtzig ſcheinen, wenn er mit ſeinem Waffenruhme, den er in der Schlacht von Haſtings ſich erwarb, laut und oͤffentlich hervortrat und ſein Verdienſt verdunkeln; aber er wuͤnſchte es, daß nicht er ſelbſt ſein Lob verkuͤndigte, ſondern daß zufaͤllige um⸗ ſtaͤnde, die er nicht herbeifuͤhrte, den Herzog zu der Kenntniß braͤchten, welcher Gefahr er ſich fuͤr ihn ausſetzte und was er fuͤr ihn that.— Als er, mit mancherlei Gedanken beſchaͤftigt, in der Straße weiter ging, wo —ᷣ— 69 ſein Quartier war, fuͤhlte er ſich ploͤtzlich am Arm ergriffen und als er erſchrocken aufſah, ſtand vor ihm ein junger Menſch, den er nicht ſogleich von Anſehen, als vielmehr an dem Bruſtharniſch und an dem ſilbernen Gefaͤß am Schwerte erkannte, der ſich auf dem Schlachtfelde von Haſtings bereit fin⸗ den ließ, mit ihm die Ruͤſtung zu ver⸗ tauſchen. „So finde ich Dich endlich doch,“ ſagte der junge Normann,„nachdem ich Dich ſo lange vergebens geſucht und nach Dir mich umgeſehen habe. Schon glaubte ich, Du ſeyeſt auch unter den gefallenen Todten. Ehe ich aber weiter rede, mußt Du mir erſt ſagen: warſt Du der Tapfere, der mit Le⸗ bensgefahr dem Koͤnig, als er noch Herzog war, auf dem Schlachtfelde das Roß dar⸗ reichte?“— 70 „Du irrſt,“ entgegnete Robert,„ich habe weder eine Ruͤſtung umgetauſcht, noch dem Herzoge mein Roß gegeben.“ „So ſchwoͤre es mir bei allen Heiligen, daß dieſer Panzer und dieſes Schwert einſt nicht Dir gehoͤrte.“ „um einer kleinen Sache willen that ich noch nie einen großen Schwur. Aber warum haſt Du mich denn geſucht, und warum iſt es Dir denn ſo wichtig, daß Du mich fandeſt?“ „Vom Koͤnig iſt Dir eine große B Aohnung zugedacht und mir ein ſchoͤ⸗ ner Preis, wenn ich Dich vor ihn hin⸗ äahre. „Ich verlange vom Koͤnig keine Be⸗ 71 lohnung. Das, was ich that, kann kein Erdenkoͤnig belohnen.““ „Nun,“ ſagte der Normann,„wenn Du ſo uneigennuͤtzig biſt wie es die wenig⸗ ſten in allen Staͤnden ſind, und ſogar die Belohnung eines Koͤnigs verſchmaͤhſt, ſo ſollſt Du mir die Summe nicht entziehen, die ich verdienen kann, wenn Du mich nach dem Schloſſe hin begleiteſt.“ „Nun, Kamerad, die Pflicht, Dir ein Verdienſt zu verſchaffen, daß ich mit Dir gehe und daß offenbar wird, was ich ver⸗ ſchwiegen halten will, kann ich nicht er⸗ fuͤllen.“. Robert machte ſich von dem Normann los, eiltsdavon, ſah ſich um und wurde es gewahr, daß der Menſch ihm langſam nach⸗ . 72 ging. Er kam in Roberts Quartier und ſagte mit verdrießlicher Miene zu ihm: „Folgſt Du mir nicht gutwillig, ſo verrathe ich es, daß ich Dich fand und man wird ſich Deiner mit Gewalt bemaͤchtigen.“ Die Andern, welche in demſelben Hauſe waren, ſagten zu dem Normann:„Hoͤre, wenn Du Schuld biſt, daß dieſem unſern Kriegsgeſellen Boͤſes widerfaͤhrt, ob er auch gegen Englaͤnder einen Streich ausgehen ließ, ſo wirſt Du unſern Zorn erfahren. Wir Alle haben ihn ſehr lieb. Willſt Du ein Verraͤther Deiner Mitgeſellen ſeyn? Du weißt, der Koͤnig iſt ſo ſtreng, daß er ſtraft, wenn ihm angezeigt wird, daß man ein engliſches Frauenbild liebkoſend anſah. Rede, was hat er denn gethan?“ 1 „Weiter nichts, als daß er in der 73 Schlacht von Haſtings durch ſeine Kuͤhnheit dem Koͤnige einen ſehr wichtigen Dienſt er⸗ wieſen hat, der ihm eine große Belohnung zugedacht hat, die er nicht annehmen will. Weil ich mit ihm die Ruͤſtung vertauſcht hatte, da hielt man mich fuͤr den Braven. Der Oberſt ſelbſt fuͤhrte mich zum Koͤnig. Als ich aber von dem Tauſche ſprach und ein Geſchenk, was mir nicht gehoͤrte, nicht annehmen wollte, da ſagte mir der Herzog:„Bringſt Du mir den edeln Normann, ſo kannſt Du auf ein großes Geſchenk rechnen.“ Nun finde ich ihn auf der Straße, bitte ihn, daß er mich begleiten ſoll, und der ſonderbare Menſch will es nicht.“ Die Normaͤnner wunderten ſich uͤber das ſonderbare Betragen Roberts und mein⸗ ten, die Sache muͤſſe irgend einen Haken 74 haben. Um hinter das Geheimniß zu kom⸗ men, wolle man Roberten mit Gewalt zum Koͤnig bringen.„Nun,“ ſagte er zu dem Normann,„warte noch eine Stunde, dann will ich mit Dir gehen.“ In der Stunde uͤberlegte Robert, ob er es zur Entdeckung kommen laſſen ſollte, oder nicht, und er hielt es fuͤr beſſer, die Enthuͤllung des Geheimniſſes bis zu einer andern Zeit zu verſparen, wo der Geiſt des Koͤnigs, der jetzt in einem Meere von Zer⸗ ſtreuungen umherirrte, von Nebengedanken freier war. Robert verließ das Wohnzimmer, floh eilig aus London, ging nach dem Ha⸗ fen hin, um ſich mit dem erſten abgehenden Schiffe nach der Normandie uͤberſetzen zu laſſen. Eine kurze Zeit nachher, als er im Hafen angekommen war, ſchiffte er ſich auf einem Fahrzeuge ein, was eine große Zahl — 75 Paſſagiere nach der normaͤnniſchen Kuͤſte hinfuͤhrte. Unter mehrern Urſachen, weshalb der damalige Herzog Wilhelm ſeinem aͤlteſten Sohne abgeneigt war, fand ſich auch die, daß er in die Heirath einer franzoͤſiſchen und dann einer flanderiſchen Prinzeſſin, Beide waren von ungemeiner Schoͤnheit, nicht willigte, ſo ſehr der Vater in ihn drang. Durch dieſe Verbindung konnte der Herzog ſein politiſches Gewicht ſehr verſtaͤr⸗ ken und es war ihm hoͤchſt unangenehm, daß Robert ſeinen Plan vereitelte. Weder Guͤte noch Strenge konnten den Sohn be⸗ wegen, in eine der Heirathen zu willigen. Weshalb aber Robert dem Willen des Vaters nicht nachgab, dazu hatte er einen wichtigen Grund, der ſeinem Herzen alle 76 Ehre machte, welchen er aber, ob er gleich zu ſeiner Rechtfertigung dienen konnte, ver⸗ ſchwieg. Er liebte ein normaͤnniſches Land⸗ maͤdchen, die Tochter eines Paͤchters, Anna Rotley, die er kennen lernte, als er einſt bei ſtuͤrmiſcher Witterung im Hauſe ihres Vaters Obdach ſuchte. Er gab ſich fuͤr einen reiſenden Kaufmann aus. Nach acht Tagen kam er wieder und hielt foͤrmlich um die ſchoͤne Anna an. Seine Geſtalt, ſein ganzes Weſen hatte ihm ihr Herz ge⸗ wonnen, ſie ſagte im Herzen ja und wuͤnſchte es, daß auch die Eltern die Bitte des ge⸗ liebten Juͤnglings erfuͤllen moͤchten. „Will Euch meine Tochter ihre Hand geben,“ ſagte der Paͤchter Rotley,„ſo will ich ſie nicht abhalten; aber einem Menſchen, der umherreiſet, ſich fuͤr einen Kaufmann ausgiebt, den man nicht kennt, von dem 77 man nicht weiß, ob er Weib und Kinder ernaͤhren kann, dem uͤberlaͤßt man ſeine Tochter nicht. Erſt bringt uns Siegel und Beweis, dann laͤßt ſich weiter reden. Anna, moͤchteſt Du den Fremden, wenn er iſt, wofuͤr er ſich ausgiebt?“ Das Maͤdchen erroͤthete und ein leiſes Ja ſchwebte uͤber ihre Lippen. „Nun, wie geſagt, da Ihr hoͤrt, daß Alles fuͤr Euch ſtimmt, bringt uns Beweis, ſo kann es zur Heirath mit Euch kommen. Ich bin ein Vater vieler Kinder, und ſehe gern, wenn ſie vor meinem Tode nach der Reihe verſorgt werden.“ Kummervoll harrte Anna ſeit mehrern Wochen auf die Wiederkehr des Geliebten, der ihr beim letzten Abſchiede heiße Kuͤſſe * 78 auf die Lippe druͤckte und wehmuͤthig und troͤſtend zu ihr ſagte, daß er wiederkommen werde, ſich auf ewig mit ihr zu verbinden; aber— er kam nicht.. „Ach,“ klagte Anna,„Ihr habt den Normann durch Euer Mißtrauen beleidigt, nie wird mein Auge ihn wieder ſehen und der Gram verzehrt mein Leben.“ Der Vater entgegnete:„Bleibt er weg, ſo hatte er keine gute Sache und wuͤrde Dich nur ungluͤcklich gemacht haben. Woll⸗ teſt Du Dich einem Abentheurer anver⸗ trauen, der im Lande umherzieht, von dem man nicht weiß, ob er ein ehrliches Ge⸗ werbe treibt oder zu einer Raͤuberbande ge⸗ hoͤrt. Was wuͤrde aus Euch Toͤchtern wer⸗ den, wenn die Eltern nicht ſir Euer Beſter ſorgten!“ 79 An einem Abend kamen drei Reiter auf den Paͤchterhof. Robert ſprang zuerſt vom Roſſe, umarmte ſeine hoch entzuͤckte Anna, die Freudenthraͤnen weinte und ſagte dann zu ihren Eltern:„Da bringe ich Euch lebendige Zeugen, die es beſchwoͤren koͤnnen, daß ich der bin, fuͤr den ich mich ausgab. Ein ſchriftliches Zeugniß, auf Pergament, mit großen Buchſtaben geſchrie⸗ ben und mit des Herzogs Siegelring unter⸗ ſiegelt, will ich Euch auch vorlegen.“ Der eine Begleiter mußte ihm einen ſchweren, mit Goldmuͤnze angefuͤllten Beu⸗ tel darreichen, welchen er dem Paͤchter mit den Worten gab:„Dies Geld iſt Euer, und das Geſchenk ſoll Euch nur beweiſen, daß ich gar wohl eine Frau ernaͤhren kann.“ „Nun,“ ſagte der Paͤchter mit dem * N. 80 Geldbeutel, den er kaum auf dem Arm halten konnte,„wenn das ſo iſt, moͤgt Ihr mein Eidam werden. Anna iſt faſt vor Gram vergangen, daß Ihr ſo lange mit der Erfuͤllung Eures Verſprechens zoͤgertet.“ Als der Paͤchter ſolche Beweiſe vor Augen ſah und in den Haͤnden hatte, blieb ihm kein Zweifel mehr uͤbrig und er pries den Himmel fuͤr das Gluͤck, der ein Unge⸗ witter entſtehen ließ, und den reichen Braͤu⸗ tigam in ſeine Wohnung fuͤhrte. Nach Verlauf von mehrern Tagen wurde die Hochzeit nach normanniſthem Ge⸗ brauche vollzogen. An einem Morgen, als Robert ſeine geliebte Anna im Arm hielt, der Vater und die Mutter mit geheimem Wohlgefallen das . 81 zaͤrtliche Ehepaar betrachteten, ſing Robert alſo an:„Ich darf es Euch nicht ver⸗ ſchweigen, mein Vater weiß von meiner Heirath nichts und darf ſie noch nicht er⸗ fahren.... Der Paͤchter machte große Augen, ſtaunte und ſagte:„Wie kann ein guter Sohn ſo ohne Wiſſen des Vaters eine Ehe ſchließen! Wenn er Euch entdeckte!“ „Darum eben darf er von meiner Heirath nichts erfahren. Zwei Braͤute ſollte ich nehmen, jung ſind ſie und ſchoͤn und reich; aber, als ich Annen geſehen hatte, wie konnte ich da eine Andere zu meiner Gattin waͤhlen! Dir, meine Anna, ſchwoͤre ich ewige Liebe und feſte Treue. Hoͤrt weiter, ich muß Euch Alles ſagen und darf Euch kein Geheimniß verbergen. Ich bin Der Kreuzfahrer, I. 6 4 82 der nicht, fuͤr den ich mich ausgab, ich bin ein Anderer, des Herzogs aͤlteſter Sohn, Robert bin ich.”“ Alle wandelte Schreck und Staunen an, ſelbſt Anna fuhr hinweg aus ſeinen Armen und betrachtete ihn mit ſtarren Augen. „Ach!“ rief der alte Paͤchter aus,„ſo habt Ihr uns einen argen Betrug geſpielt! So wollt Ihr eine ehrliche Jungfrau ſchaͤn⸗ den! So ſoll ſie Euch nur zur Beiſchlaͤ⸗ ferin dienen! Waͤre ſie dazu nur erzogen? Haͤtte doch mein Haus der Blitz getroffen und waͤre es zu einem Aſchenhaufen ge⸗ brannt, als Ihr dieſe Gegend betratet! Und Alle habt Ihr ungluͤcklich gemacht. Geht nur, wohin Ihr wollt und laßt uns unſer Herzleid allein tragen. Wie bald, 83 wenn Euch eine Andere beſſer gefaͤllt, werdet Ihr die Ungluͤckliche verlaſſen, und ihr, fuͤr treue Liebe, ein fruͤhes Grab bereiten. Ich muß Euch gehen heißen, ob Ihr auch ein Prinz unſeres Herzogs ſeyd.“ Im ruhigen Tone entgegnete Robert: „Guter Vater, ich kann verzeihen, ſo ent⸗ ruͤſtet Ihr auch ſeyd. Aber glaubt Ihr denn, daß alle Prinzen mit der Unſchuld und Tugend verbrecheriſch ſpielen? Glaubt Ihr, daß ich ein Leben, was mir das theuerſte iſt, einer veraͤnderlichen Luſt auf⸗. opfern koͤnnte? Ich glaube an den Allge⸗ rechten, der jede Suͤnde ſtraft und ehre ſein Geſetz. Verdammt mich nicht, ehe Ihr nicht wißt, ob ich ein Verbrecher bin. Gott rufe ich zum Zeugen uͤber mir an, daß ich Annen unverbruͤchliche Treue halte. Faͤllt mir die Normandie nach meines Vaters Tode zu, 84 ſo iſt fie Herzogin. Doch laßt uns dieſe Ehe verborgen halten, mein Vater iſt zornig, er koͤnnte mein Gluͤck zerſtoͤren.“ Dieſe Worte Roberts beruhigten die Eltern und Annen einigermaßen wieder. Der Umgang mit der geliebten Gattin hatte bereits ein Jahr gedauert. Man bekuͤm⸗ merte ſich wenig um Robert, wenn er ſich oft von ſeinen Eltern entfernte und gluͤck⸗ liche Tage bei ſeiner Gattin verlebte. Sie war Mutter eines Sohnes geworden, den man Clito nannte, welcher in der Folge eine merkwuͤrdige Rolle, als Praͤtendent der vaͤterlichen Herrſchaft ſpielte. Die Liebe der Gattin mehrte ſich und wurde immer inni⸗ ger. Kein Zweifel von Roberts Redlichkeit ſtoͤrte die Ruhe des Hauſes. An allen Mitteln, daß die Annen die moͤglichſten Be⸗ quemlichkeiten verſchafften, ließ er es nicht — 85 fehlen. Der vorher arme Paͤchter wurde wohlhabend, und Niemand in der Gegend wußte, wie er zu dem Gelde kam. Von einem Gatten Annens, der kaͤme und ginge, ſagte das Geruͤcht Gutes und Boͤſes, wer er war, woher er kam, konnte die Neugierde nicht erforſchen. Oft ließ er ſein Roß und den treuen Begleiter im naͤchſten Orte ſtehen, und kam immer anders gekleidet in der Paͤchterwohnung an. Anna konnte gewiß ſeyn, und ſie war es auch, daß Robert ſich nie von ihr trennte und ſich mit einer Andern verband, ſeit ſie ſein ganzes Innere naͤher kennen gelernt hatte. Die Religion war der Lichtſtrahl vom Himmel, der ſeine ganze Seele er⸗ leuchtete, ob die Verehrung derſelben auch nicht frei von dem Aberglauben jener Zeit war. Sein Glaube an die goͤttliche Wahr⸗ 86 heit war keinem Zweifel unterworfen. Er meinte ſelbſt im Umgange mit unſichtbaren Geiſtern zu leben und war eine Art von Schwaͤrmer. Nichts ſtand in ſeiner Mei⸗ nung hoͤher, als das Ewige und Heilige. Fuͤr die Ehre der Religion und die Liebe, die ſein ganzes Weſen fuͤr den Stifter deſſelben durchdrang, haͤtte er alle Erden⸗ ſchaͤtze, ſein Leben ſelbſt aufgeopfert. Dieſe faſt uͤbertriebene Stimmung des Gemuͤths fuͤr alles Religioͤſe gab ihm ſein Lehrer, der in ihm die Anlage und den Stoff dazu fand und darauf bedacht war, in ihm der Kirche und der Geiſtlichkeit einſt eine maͤch⸗ tige Stuͤtze zu bilden und zu erziehen. Er konnte ſelten lachen und hatte ſchon in ſei⸗ nen Juͤnglingsjahren einen ſinnigen Ernſt. An den Jugendfreuden nahm er nur ge⸗ zwungen Antheil, und beſchaͤftigte ſich lieber in der Einſamkeit mit dem Leſen der 87 heiligen Legenden und Selbſtbeſchauungen. Es ſchien ihm des Lebens hoͤchſter Preis zu ſeyn, fuͤr Gott und Religion als ein Maͤr⸗ tirer zu ſterben. Aber bei dieſem Religions⸗ enthuſiasmus verachtete er doch das Irdiſche nicht, und in ihm war der Sinn fuͤr das Weltleben nicht untergegangen. Er hatte Freunde, mit denen er einen vertrau⸗ ten Umgang pflog, in deren Geſellſchaft es oft zu Scherzen kam und an ſeiner Anna und dem kleinen Clito, der ſich immer mehr zu einem ſchoͤnen Knaben entwickelte, hing mit unbeſchreiblicher Zaͤrt⸗ lichkeit ſeine ganze Seele. Dieſer ſein ſtiller Ernſt, den der Herzog fuͤr eine bloͤde Scheu und Verſtandsmangel erklaͤrte, dieſe Untheil⸗ nahme, die er oft zeigte, ſein ſparſames Reden, der Mangel jener anſchmiegenden Freundlichkeit, der die Eltern oft von den beſten Kindern entſernt, war es auch, was 88 die liebevolle Neigung des Vaters gegen ihn ſchmaͤlerte. „Robert,“ das ſagte der Herzog zu ſeiner Gattin, iſt zum Gehorchen und nicht zum Herrſchen geboren.“ Ihm blieb das innere Weſen dieſes Sohnes gaͤnzlich unbekannt, ſpaͤter ſollte er es kennen lernen. Robert klagte Annen ſeinen Schmerz, daß die Mutter nach England zum Vater uͤbergeſchifft ſey, den juͤngern Wilhelm mit ſich genommen und ihn zuruͤckgelaſſen habe. Anna erwiederte dagegen, wie ſie die Goͤtter preiſe, daß ſie ihn in der Normandie und nicht in einem Lande wiſſe, das mit Schwert und Blut erobert werden ſolle.„Anna,“ ſagte er,„wenn aber der Vater ruft, dann 89 muß ich folgen. Die Liebe darf das Band nicht binden, ſeine Ehre zu verſcherzen. Un⸗ gehorſam darf der Sohn nicht ſeyn, wenn der Vater gebeut. Im Sturm des Kriegs iſt dem Manne ein großes Feld geoͤffnet, wo er ſich Ruhm erwerben kann, und viel⸗ leicht iſt es eine große That, die das abge⸗ neigte Herz des Vaters mit mir verſoͤhnt.“ „Und wenn Du den Ruhm mit dem Tode erkaufteſt, waͤre es dann nicht um mein Leben geſchehen? Ach, Robert, waͤre Dir der theurer, als das treue Weib und koͤnnteſt Du die Mutter Deines Sohns ihm aufopfern? Waͤhle, welche von den Pflichten die heiligſte iſt, die Dein Herz er⸗ fuͤllen muß.“ 1 Anna ſank in tiefe Trauer, als ob ſie es ahnete, welch ein hartes Verhaͤngniß ihr 90 bevorſtand. Sie betete auf den Knien, daß der Himmel es abwendete, daß Robert nicht nach England ging. Als ſie mit ihren Klagen und Beſorgniſſen nicht aufhoͤrte, da ſagte der Paͤchter:„Eine Naͤrrin biſt Du, daß Du das Haus mit dieſem Jammern er⸗ fuͤlllt. Kannſt Du damit aͤndern, was ge⸗ ſchehen muß? Biſt Du beſſer, als die tau⸗ ſend Weiber, deren Maͤnner in den Krieg zogen? Und man leidet es nicht, daß ſich ein Prinz dahin ſtellt, wo die Pfeile Tod und Wunden regnen, wenn ihn Ruhmdurſt und Verwegenheit nicht ſelber dahin treiben. Er kann nicht in der Normandie bleiben, denke an mich, er geht. Faͤllt er in einer Schlacht, ſo mußt Du glauben, ſo wollte es Gott und er hat es wohl gemacht.“ An einem Morgen, als der kleine Clito auf dem Lager neben ihr lag, den ſie in 91 ihren Armen hielt, auf den ſie betend Thraͤnen weinte, hoͤrte ſie den Hufſchlag mehrerer Roſſe. Ein heftiger Schreck er⸗ ſtarrte ihre Glieder. Endlich verließ ſie raſch das Lager, ſah aus dem Fenſter und wurde zwei ſchwer beladene Roſſe gewahr. Sie beeilte ſich mit dem Anzuge und wollte ſchnell hinabgehen, als die Mutter die Thuͤr oͤffnete und mit einer Trauermiene ſagte: „Troͤſte Dich, Robert iſt nach England und ſchickt Dir zum Unterpfande der Liebe alle ſeine Koſtbarkeiten. Der Vater meint, ſie reichen hin, ein Menſchenleben ohne Sorgen zu vollbringen.“ „Ach,“ ſprach Anna vor Schmerz außer ſich,„nicht von den Koſtbarkeiten redet, was werden die Koſtbarkeiten mir nuͤtzen, wenn Robert nicht mehr iſt. O, ich Ungluͤckliche! Armer Clito, wer wird nun fuͤr Dich 92 ſorgen, wenn Du eine Waiſe biſt’"“... Sie weinte heftig. Als ſie den Anzug vollendet hatte, ging ſie mit der Mutter auf den Hausflur hinab, wo die beiden Reiter mit dem Ab⸗ packen der Schaͤtze beſchaͤftigt waren und der Eine zu ihr ſagte:„Der Prinz Ro⸗ bert laͤßt Euch melden, Ihr ſollt Euch troͤ⸗ ſten, er habe dem Befehl des Vaters folgen muͤſſen.“ Sie war troſtlos, bis die Reiter wie⸗ der vom Pachthofe wegritten, ging auf ihr Schlafgemach zuruͤck und fand ihr ge⸗ liebtes Kind, das ſie im Schmerze vergeſſen hatte, laut weinend. Sie nahm es auf ihren Arm und ſagte ſchluchzend:„Weine nur, armer Clito, Dein Vater wird Dich nicht wieder ſehen!“ 93³ Einige Tage kaͤmpfte ſie, ob ſie Rb bert nachfolgen oder bei ihrem Sohne blei⸗ ben ſollte. Da der Gatte bei ihr in der Liebe hoͤher ſtand, als das Kind, faßte ſie den kuͤhnen Entſchluß, mit einer Gelegenheit nach England zu ſegeln, um Robert aufzu⸗ ſuchen. Daß Weiber in voͤlliger Ruͤſtung ihren Maͤnnern in den Krieg, ſelbſt in die Schlacht folgten, denen ſie bisweilen die er⸗ ſprießlichſten Dienſte leiſteten, wenn ſie krank oder verwundet waren, davon hat uns die Geſchichte der alten Zeiten mehrere Beiſpiele aufbewahrt. Anna fehlte es nicht an Mitteln, ſich ein Roß und eine vollſtaͤndige Ruͤſtung an⸗ zuſchaffen. An einem Morgen in aller Fruͤhe verließ ſie das Vaterhaus, entfloh, und großer Schmerzen voll, betrat ſie ein Fahrzeug und ſegelte nach Englands Kuͤſten 4 — 94 ab. Eine Urſache, daß ſie in dem zahl⸗ reichen Heere Roberten nicht finden konnte, war, daß ſie ihn in der Naͤhe ſeines Vaters glaubte, wo er nicht war. Sie fragte mehrere Diener des Herzogs nach ihm, und ein Jeder gab ihr den Beſcheid, daß der Prinz Wilhelm, aber nicht Robert bei dem Vater ſey. In der Schlacht von Haſtings ſtand ſie unter ihren Landsleuten und ſchwang ihr Schwert. Nach derſelben ſuchte ſie Ro⸗ berten unter den Verwundeten und Todten. Als ſie nichts von ihm erfahren konnte, trieb ſie Verzweiflung und Angſt, die Sorge fuͤr ihr Kind nach dem engliſchen Hafen hin, um nach der Normandie uͤberzufahren. Sie ſaß in dem Fahrzeuge auf einer Bank und hatte den Kopf in die Haͤnde geſtuͤtzt. Kummerſchwere Gedanken gingen ihr durch 95 den Kopf und ihr Herz war voll Unruhe. Da hoͤrte ſie auf einmal eine Stimme, die ſie zu kennen glaubte. Der Redende ſchwieg und ſie ſah nicht weit von ſich einen Normann, der ihr den Ruͤcken zu⸗ kehrte. Sie war in der geſpannteſten Er⸗ wartung, daß der Kriegsmann wieder reden ſollte, der in ſeinem Anzuge nichts Aus⸗ zeichnendes hatte, was. die Reichen und Vornehmen von den Armen und Geringen unterſcheidet. Jetzt fing er wieder an zu ſprechen und nichts, nichts war ihr gewiſſer, als, dies ſey Roberts Stimme, er ſelbſt und kein Anderer muͤſſe es ſeyn. Sie war vor Schreck und Freude wie gelaͤhmt, ſie wollte aufſtehen, und konnte es nicht, ſie bemuͤhte ſich ſeinen Namen zu nennen und ihre Zunge klebte am Gaumen. Sie war, wie im Traume und ihrer Beſinnung nicht voͤllig maͤchtig. Wie, ſo dachte ſie endlich, 96 wie ſollte Robert in dieſem Anzuge mit den gemeinen Leuten auf einem Fahrzeuge ſeyn! Jetzt, da in London Jubel und Freude herrſcht, wird er es noch nicht verlaſſen! Nein, ein Wahn hat Dich getaͤuſcht, er iſtt es nicht. Als ſie ſo auf die Taͤuſchungen zuͤrnte und ihr ſorgenſchweres Haupt wieder auf die Haͤnde ſtüͤtzen wollte, drehte ſich der Normann nach ihr um, daß ſie ihm ins Geſicht ſchauen konnte. Sein Anzug machte ihn ihr nicht unkenntlich. Sie ſah ſein großes, feuriges Auge, ſein Geſicht, das von innerer Hoheit des Gemuͤths zeigte, ſeine V ſchwarzen Locken, die ſich auf beiden Schula tern kraͤuſelten und die gebogene Naſe und rief aus:„Seyd Ihr nicht Robert?“ Die letzte Sylbe ſtockte in ihrem Munde, und ſie konnte ſie nur leiſe ausſprechen. daß der junge, ſchoͤne Krieger Anna Rotley, — 97 „Mein Name iſt nicht Robert, ich nenne mich Gascelin und bin aus Rouen,“ ſagte der Prinz, der es ſich nicht einbilden konnte, ſeine Gattin, ſey; doch glaubte er in den Geſichtszuͤgen Ahnlichkeit mit ihr zu finden. „Nennt Ihr Euch nicht Rotley? fragte der Prinz,„Ihr kommt mur ſehr bekannt vor.“ „Ja,“ erwiederte ſie mit bebender Stimme,„ſo nenne ich mich, mein Vater iſt ein Paͤchter.“ Jetzt, jetzt ſiel es Roberten wie Schup⸗ pen von den Augen, er erkannte ſeine Gat⸗ tin, fiel ihr mit Ungeſtüm um den Hals, kuͤßte ihre Wange und beſchwor ſie, kein Wort zu reden. Der Kreuzfahrer. I.. 7 4 98 „Ou alſo biſt es,“ ſagte ſie,„Du biſt es! Dich glaubte ich todt! Ach, Gott, er lebt Beide hielten ſich noch um⸗ armt.... Einer von den Normaͤnnern ſagte laut, daß ſie es hoͤren konnten:„Seyd Ihr Bruͤder, Freunde? Nun, Eure Liebe iſt ſehr groß.. Robert raunte Annen ins Ohr, daß ſie ihr Geſchlecht und das Verhaͤltniß, in dem ſie mit ihm ſtehe, nicht verrathen ſollte. „Laß uns,“ ſprach er,„unſere Gefuͤhle be⸗ herrſchen, hier iſt der Ort nicht, daß ſie laut werden duͤrfen, wenn nicht ein Geheimniß, das noch verborgen bleiben muß, viel zu fruͤh ans Licht kommen ſoll.“ Beide mußten ſich den groͤßten Zwang 99 anthun, um ſich von einander entfernt zu halten, und von gleichguͤltigen Dingen zu reden, doch ſagte Anna:„In den Schlacht⸗ reihen, unter den Verwundeten und Todten bei Haſtings ſuchte ich Dich und als ich Dich nicht fand, kehrte ich, wie eine trauer⸗⸗ volle Verzweifelte zuruͤck.“ So kurz die Überfahrt bis nach der Kuͤſte war den Liebenden duͤnkte ſie uner⸗ traͤglich lang, da ſie ſo Vieles auf dem Herzen hatten, was ſie einander mittheilen wollten. Als ſie am Ufer waren, beſtiegen ſie ihre Roſſe, und Robert ſagte:„Ehe ich meine Mutter ſehe, begleite ich Dich zu Deinen Eltern, um auch meinen Sohn zu umarmen.“ Als Anna ihm ihre Geſchichte erzaͤhlt hatte, da druͤckte er ſie an ſein Herz und 100 ſagte:„Ach, ich bin viel zu arm, als daß ich eine ſolche Liebe je vergelten koͤnnte! Glaube, keine Macht kann ſie erſchuͤttern.“ Wie groß die Freude der Eltern war, als ſie die beiden Gatten ſahen, das laͤßt ſich denken. Der kleine Clito erkannte den Vater und ließ ſich von ihm auf den Arm nehmen. Die Mutter ſchmeichelte und lieb⸗ koſete ihn, aber er blieb ſo lange ſcheu gegen ſie, bis ſie ihre Frauenkleidung angezogen hatte. Nach einem Aufenthalt von wenigen Tagen reiſete Robert ab, ſeine Mutter zu ſehen, er fand ſie nicht, ſie war in London. Als der zweite Diener des Hauſes ihn in der Kleidung eines gemeinen Normanns an⸗ ſichtig wurde, wollte er ihn zuerſt nicht fuͤr den Prinzen halten. Robert ſtieg vom Roſſe, ging in das Schloß und wandte die Zeit, die er noch allein war, dazu an, daß 101 r bei ſeiner geliebten Anna lebte. Sie wollte 95 ſeine ihr geſchickten Koſtbarkeiten zueich geben, er nahm ſie nicht an. Auf die Einladung des Koͤnigs Wil⸗ helm war die neue Koͤnigin Mathilde mit ihren Kindern und dem alten Woltheof nach England abgegangen und in London ange⸗ kommen. Der erſte Gruß, den der Koͤnig mit ſtolzem Selbſtgefuͤhl ihr ſagte, war: „Nun biſt Du eine Koͤnigin!“ 4 „Wenn nur ſo gluͤcklich“ entgegnete ſie, „als ich es als eine Herzogin war.“ „Ihr ſchwachen, zweifelhaften Seelen,“ entgegnete der Herzog„wollt Euerm Gluͤcke nie vertrauen. Wie Raupen kriecht Ihr auf dem Blatte und habt nicht den Muth⸗ Euch mit Adlersſchwingen in die hohen Lufte zu 102 erheben. Ein großes Gemuͤth ſtrebt nur nach hohen Dingen und laͤßt die gemeinen an der Erde kriechen.“ Woltheof war in dem Gemache, der Koͤnig ſchuͤttelte ihm vertraulich die Hand und ſagte laͤchelnd:„Siehſt Du, alter Zweifler, daß ich doch Koͤnig geworden bin?“ „Es iſt bisweilen leicht,“ entgegnete Woltheof,„ein Koͤnig zu werden, aber ſchwer es zu bleiben. Ich denke es giebt fuͤr Euch noch ein gutes Stuͤck Arbeit, ehe Ihr feſt auf dem eroberten Throne ſitzt. Sie⸗ det und brennt es doch noch allenthalben, wie ich gehoͤrt habe. Die Normaͤnner kommen mir auf dieſem Boden vor, wie verhaßte Gaͤſte in einer Herberge, die man aus der Thuͤr ſtoͤßt, wenn man es kann.“ 103 „So mag es noch ſeyn,“ antwortete der Koͤnig, mit ernſter Miene,„aber ſie werden ſich nicht hinausſtoßen laſſen. Wir wurzeln uns bald feſt und da ſoll uns kein Sturm umwerfen. Selbſtvertraun baut ſich Thronen, die Mißtraun und Zaghaftigkeit niederſtuͤrzt.“ Der Herzog umarmte ſeine Kinder der Reihe nach, und fragte dann:„Wo iſt Robert? Wollte der Trotzkopf Euch nicht begleiten? Konnte es ihn nicht reitzen, ſei⸗ nen Vater als Koͤnig zu ſehen? Wie wenig Antheil nimmt der an meinem Schickſale! Wenn er maͤchtig waͤre, ſo muͤßte ich ihn fuͤrchten. Sagt doch, wo iſt er?“ Mathilde entgegnete:„Das moͤgen die Goͤtter wiſſen. Er verſchwand heimlich, waͤhrend ich mit Wilhelm uͤbergeſchifft war⸗ 104 bei meiner Ruͤckkehr fand ich ihn nicht und noch iſt er nicht erſchienen.“ „Vielleicht,“ ſagte Woltheof,„ſchwang er fuͤr Euern Ruhm das Schwert bei Haſtings.“ „Nur das glaubt nicht,“ ſagte der Koͤnig. „Herzog, Koͤnig wollte ich ſagen, Ihr habt zu wenig Vertraun zu dem Sohne, Ihr kennt ſein tiefes Gemuͤth nicht, er iſt viel beſſer, als er ſcheint, Ihr ſtoßt ihn durch Eure Kaͤlte zuruͤck. Fragt Euch nur ſelbſt, ob Ihr ihn, wie die andern Kinder liebt, und doch verlangt Ihr, er ſoll Euch, wie ſie lieben. Fragt Concilien— ſo hieß die aͤlteſte Tochter— wie fromm er iſt und wie ſie ihn ſchon betend auf den Knien, 105 mit naſſer Wange fand, hat ſie Euch das nicht geſagt?“ 1 „Du magſt wohl Recht haben, Wolt⸗ heof,“ ſagte der Koͤnig; naber nimm mir die Lehre nicht üͤbel: ich bin mundig ge⸗ worden und bedarf keines Vormundes mehr.“ Als eine der edelſten Waffenthaten er⸗ zaͤhlte der Koͤnig die, daß ihm ein gemeiner Normann in der Schlacht ſein Roß gab, und ſetzte hinzu, daß eben derſelbe einen Anfuͤhrer vor ihm niederhieb, der auf ihn ſtürzen wollte. Das Edelſte an dem Juͤng⸗ ling aber ſey, daß er unerkannt bleiben wollte. „Ja,“ ſagte Mathilde,„das iſt das Edelſte. Wenn ſo Mancher Kleines gethan * 106 hat, ſo ſchreit er hinaus nach allen vier Welt: gegenden und fordert Lohn dafuͤr. Selten iſt das ſchoͤne Verdienſt, das einen beſſern Lohn kennt, als den, den die Großen der Erde nur reichen koͤnnen und was ſie insgeheim zu ſeinen Schuldnern macht. Den Normann moͤchte ich kennen.“ „Wenn es Robert waͤre,“ ſagte Wolt⸗ heof,„dann koͤnntet Ihr ihn doch lieben.“ „Ehren wuͤrde ich ihn,“ entgegnete der Koͤnig;„aber er iſt es nicht, und ich moͤchte es auch nicht, daß er es waͤre.“ Unter vielen Beſchaͤftigungen und Zer⸗ ſtreuungen, wo Mathilde den Koͤnig nur Minuten lang ſah, floſſen mehrere Tage dahin, als ein Krieger ihn zu ſprechen wuͤnſchte. Er wurde vorgelaſſen und ſagte: — 107 „Ich habe den Juͤngling gefunden, der die Ruſtung mit mir tauſchte, ich wollte ihn zu Euch fuͤhren, aber er iſt mir entwiſcht. In London muß er ſeyn.“ Mit einem Geſchenk und dem Beſcheid:„Wer kann ihn in Lon⸗ don ſuchen?“ wurde der Normann entlaſſen. Durch Wohlthaten, die der Koͤnig aus⸗ theilte, ſuchte er ſich die Gunſt der Eng⸗ laͤnder zu erkaufen und die treue Anhaͤng⸗ lichkeit der Normaͤnner zu befeſtigen. Es war ſchwer, unmoͤglich, jede Parthei zufrie⸗ den zu ſtellen, beide glaubten, daß ſie nicht genug belohnt waͤren und die eine beneidete die Gnadengeſchenke der andern. So er⸗ zeugte das koͤnigliche Wohlthun Mißver⸗ gnugte und feindliche Spaltung und der beabſichtigte Zweck des Koͤnigs blieb uner⸗ reicht. Haralds Schätze ſchenkte er den Geiſtlichen, da er es wohl wußte, wie dieſe durch die Macht der Religion auf die Ge⸗ muͤther wirken konnten, und ſuchte ſie ſich zu verpflichten. Die noch uneroberten Pro⸗ vinzen wurden ohne Schwertſtreich zum Gehorſam gebracht, und die Grafen Morcar und Edwin, Corxo und andere Vaſallen er⸗ kannten ihn als Koͤnig an. In den ver⸗ ſchiedenen Gegenden des Reichs, um kuͤnf⸗ tigen Empoͤrungen zu ſteuern, ließ er Ka⸗ ſtelle anlegen und verſah ſie mit normaͤn⸗ niſchen Truppen. Er legte den Grundſtein zu dem merkwuͤrdigen Tower bei London, um die Ruhe und Ordnung in der Haupt⸗ ſtadt zu beſchuͤtzen. Viele Anhaͤnger des Koͤnigs billigten dieſe Vorſicht, die ihnen nicht uͤberfluͤſſig ſchien, Andere waren dar⸗ uͤber ſehr mißvergnuͤgt und unzufrieden und ſagten, daß das Mißtraun des Koͤnigs kraͤnkend fuͤr ſie ſey, und daß es das An⸗ ſehen habe, als ob er ſie zu Sklaven machen 109 und ſie ſeinen viel zu beguͤnſtigten Nor⸗ maͤnnern ganz unterwerfen wolle. Die Luſt, gegen den Koͤnig aufzuſtehen, wenn ſich eine guͤnſtige Gelegenheit darbot, war vielen Vaſallen noch nicht vergangen durch ſeine Gegenanſtalten aber wurde ihnen jedes Unternehmen erſchwert. Die Koͤnigin war mit ihren Kindern laͤngſt ſchon wieder nach der Normandie abgereiſet. Der Koͤnig hatte den Geiſt des Mißvergnuͤgens und des Aufruhrs noch nicht genug gedaͤmpft, als daß er das er⸗ oberte Land verlaſſen durfte; aber er glaubte es. Er vertraute der Treue und Tapferkeit ſeiner Normaͤnner, welche die Kaſtelle beſetzt hatten und die er durch reiche Geſchenke an ſich gebunden und die Erhaltung ihres Wohls mit dem ſeinen verknuͤpft hatte. Fheils zog die Liebe zu ſeiner Gattin, theils 110 auch die Eitelkeit, von der die groͤßten Seelen nicht frei ſind, nach der Normandie, um als Koͤnig, in Glanz und Herrlichkeit, ſich ſeinen alten Unterthanen zu zeigen. Das Staatsruder uͤbergab er waͤhrend ſeiner Abweſenheit ſeinem Halbbruder, dem Biſchof Odo von Bayeux und ſeinem Guͤnſt⸗ ling Fitzesborn. Um die koͤnigliche, die Augen blendende Pracht noch zu vergroͤßern, nahm er ein zahlreiches Gefolge, insbeſon⸗ dere von Englaͤndern mit ſich, denen er nicht traute, die Anſehen und Macht genug hat⸗ ten, um in ſeiner Abweſenheit gefaͤhrliche Unruhen zu ſtiften. Dem Anſcheine nach freiwillig, aber mit dem groͤßten Wider⸗ willen vermehrten die Zahl ſeiner Beglei⸗ ter der Prinz Edgar Atheling, der Erz⸗ biſchof Stigand, die Grafen Morcar, Ede⸗ win u. ſ. w. Fe 2 .ℳ4 111 Die Gegenwart des Koͤnigs im Reiche, das er viel zu fruͤh verließ, wurde nur zu bald vermißt. Waͤhrend Regierungsange⸗ legenheiten, Luſtbarkeiten, prachtvolle Auf⸗ zuͤge in der Normandie den Koͤnig beſchaͤf⸗ tigten, glimmte in England das Feuer unter der Aſche und ſchlug endlich in die Flamme der Empoͤrung auf. Der normaͤnniſche Oberſt Cibobear, welcher in dem Wahne ſtand, als waͤre der junge Menſch derſelbe, welcher dem Koͤnige in der Schlacht bei Haſtings ſein Roß uͤber⸗ ließ, hatte ihn in ſeine Dienſte genommen. Er beſaß eine beſſere Budung, als ein ge⸗ meiner Normann, und Cibobear entdeckte an ihm ruͤhmliche Eigenſchaften, die ihm den Diener achtungswerth machten. Der Oberſt war commandirt, den Koͤnig mit einer An⸗ zahl ausgeſuchter Reiter zu begleiten und 112 ſein Diener war bei ihm.— An einem Abend trat er raſch in die Stube ſeines Herrn und meldete:„Nun habe ich den wieder geſehen, der den Panzer und das Schwert mit mir tauſchte. Er ritt neben dem Koͤnig ins Schloßthor.“ „Narr, Du irrſt,“ ſagte der Oberſt. „Bei meinem Leben, ich irre nicht.“ Am andern Morgen, wo der Koͤnig Audienz gab, ſagte Cibobear zu ihm leiſe: „Erlaubt Ihr, daß mein Diener in den Saal kommen kann ſo wird er Euch den anzeigen, den Ihr wegen des Dienſtes in der Schlacht bei Haſtings belohnen wolltet.“ „Laßt ihn kommen,“ 11³ * Der Diener trat mit dem ſtaͤhlernen Panzer und dem Schwerte mit dem ſilbernen Griffe in den Verſammlungsſaal, verneigte ſich, muſterte, zu Aller Verwunderung, alle Geſichter. Robert erkannte ſeinen Mann, ihm ſchlug das Herz vor Neugierde, wie ſich der Koͤnig gegen ihn benehmen werde. Der Menſch ſtand vor dem Prinzen Robert ſtul und ſagte mit feſter Stimme:„Leugnet es nicht, daß es dieſer Panzer und dieſes Schwert iſt, was Ihr nach der Schlacht von Haſtings mit meiner Ruͤſtung ver⸗ wechſeltet, Ihr habt es in London einge⸗ ſtanden und wenn Ihr Unwahrheit redet, ſo kann ich Zeugen ſtellen, daß ich nicht lüge“....Der Prinz laͤchelte und ſchut⸗ telte den Kopf. AAnn „Normann, Du kannſt Dich irren. Der Prinz war in Flandern, in der Schlacht Der Kreuzfahrer, I. 8 114 von Haſtings, wo es Pfeile regnete, war er nicht So leicht wagt man ſein Leben nicht. Robert, warſt Du nicht in Flan⸗ dern?“ Mit ernſter Miene ſagte Robert:„Laßt fragen, ob ich da war.“ „Warſt Du in der Schlacht von Haſtings?“ „Da war ich und mehrere Kriegsge⸗ ſellen ſind meine Zeugen.“ „Du haͤtteſt den Schwertſtreich von mir abgewandt, Du mir Dein Roß dar⸗ gereicht?“ „Traut Ihr das auch Euerm Sohne nicht zu, daß er ſein Leben fuͤr den Vater 115 wagen und ihm mit eigener Gefahr dienen kann. Forſcht nach, ob es ein Anderer that, als ich. Meinen Bruder Wilhelm aber ſah ich nicht, als die Noth am groͤßten war.“ „Aber Du haſt gegen meinen Befehl gehandelt, daß Du die Normandie ver⸗ ließeſt.“ „Und verdiente ein Ungehorſam, der mir die Gelegenheit gab, Euch meine Liebe zu beweiſen, Strafe, ſo verſchont mich nicht; ich werde ruhig leiden.“ Der Koͤnig war geruͤhrt und in Ge⸗ genwart aller Großen ſagte er:„Robert, komm an mein Herz, Du biſt ein wurdiger 1 Sohn.“.... Seit dieſer Zeit gewann der Koͤnig 116 mehr Achtung gegen Robert, aber die Liebe, die er gegen Wilhelm hegte, konnte er gegen Robert nicht erzwingen. Die naͤchſte Urſache zu dem Aufſtande in England war, daß die oberſten Befehls⸗ haber in ihrer ſtrengen Mannszucht nach⸗ ließen. Die Krieger merkten es bald, daß die Zuͤgel ſchlaffer gehalten wurden und mißbrauchten ihre Freiheit, allerlei Aus⸗ ſchweifungen und Vergehungen, beſonders gegen das zweite Geſchlecht ſich zu erlauben. Sie ſchalteten mit ungerechter Willkuͤhr, als Sieger gegen die Beſiegten, forderten mit Gewalt Geld und pluͤnderten mehrere Haͤuſer der Reichen foͤrmlich. Kein Eng⸗ laͤnder war ſeines Lebens, ſeines Eigenthums, der Kraͤnkung ſeiner Rechte mehr ſicher. Das erbitterte die Gemuͤther, das ſetzte ihren Haß in Flammen, das erkuͤhnte ſie, 117 ſelbſt ihr Leben gegen die Unholde zu wagen, die ſo grauſam gegen ſie verfuhren. Der Koͤnig ſelbſt hatte es mit den Belohnungen derer, die ihn den Thron er⸗ ſtreiten halfen, viel zu weit getrieben. Ganze vorher reiche Familien verloren ihre Beſitzungen, weil ihre Vaͤter und Verwand⸗ ten fuͤr Harald gegen den Herzog das Schwert zogen. Dies ſchien allen Englaͤn⸗ dern die unverzeihlichſte Rache zu ſeyn, welche der Koͤnig uͤbte. Die Befehlshaber⸗ ſtellen und Reichswuͤrden, die Beſchuͤtzung aller Feſtungen waren in den Haͤnden der Fremden, und es ſchien darauf abgeſehen zu ſeyn, England zu einem armen Sklaven⸗ volke zu machen und es unter die Füße der UAbermuͤthigen Normaͤnner zu treten. Ei⸗ nige Normaͤnner, die nicht reichlich genug vor den Andern belohnt zu ſeyn glaubten, 118 machten ſogar mit den Eingebornen gemein⸗ ſchaftliche Sache. Die Bewohner von Kent griffen zuerſt zu den Waffen, und wagten einen vergeblichen Sturm auf die Beſatzung von Dover. Der Raugraf Erich fiel mit einer zahlreichen Mannſchaft in Hereford⸗ ſhire ein und ließ viele Normaͤnner nieder⸗ hauen. Man wollte die fremde Rotte ver⸗ tilgen. Der Graf Coxo, ein erklaͤrter Freund des Koͤnigs, den er durch beſondere Beguͤnſtigungen gewonnen hatte, erhielt die gemeſſene Aufforderung, ſich mit den Miß⸗ vergnuͤgten zu vereinigen und als er den Antrag ſtandhaft verweigerte, wurde er er⸗ ſchlagen.“ Grafen und Herren verſammelten ſich heimlich und verſchwiegen in der Nacht in einem abgelegenen Thale und beſchloſſen den Mord aller Normaͤnner, durch das ganze 119 Land. Das Blutbad ſollte am Aſchermitt⸗ woch vollzogen werden, wenn die Nor⸗ maͤnner barfuß, ohne Waffen, in Bußklei⸗ dern in die Kirchen gingen, ihre Suünden zu bekennen. Die Verſchwornen wollten die Buͤßenden alle niederhauen; aber ein maͤch⸗ tiger Geiſt wachte uͤber dem Leben der zum Tode auserſehenen Opfer. Einer der Mitverſchwornen, der ſich den Verraͤtherlohn verdienen wollte, eilte heimlich nach der Normandie und meldete die Gefahr, die den Seinen und vielleicht ſeinem Throne bevorſtünde, wenn er nicht auf ſchnellen Schwingen nach England eile. „Ihr habt mir einen großen Dienſt erwie⸗ ſen,“ ſagte er zu dem Englaͤnder, ohne daß er ſeine Faſſung verlor.„Die Englaͤnder ſind nur gereizt, ich werde ſelber kommen, und ſie mit meinen Normaͤnnern wieder 120 ausſoͤhnen.“ Zu ſeinen Vaſallen ſagte er nur die Worte:„Wir gehen morgen nach England ab. Es will dort zu brennen an⸗ fangen, ich muß loͤſchen.“ Dem Dienſte, den Robert ſeinem Va⸗ ter in der Schlacht von Haſtings erwies, wodurch er ſein Vertraun gewann und ſeine Achtung erzwang, hatte er es unſtreitig zu verdanken, daß der Koͤnig ihm und ſeiner Mutter die Regierung der Normandie uͤber⸗ gab. Eine der erſten Handlungen, die er als Regent vollzog, war, daß er dem Paͤch⸗ ter Rotley eine große Meierei zum Geſchenk machte. Der Koͤnig ſaͤumte nach ſeiner ⸗ Ankunft in England nicht, durchgreifende Anſtalten zu treffen, den Aufruͤhrern den Muth zu benehmen, in eine foͤrmliche Empoͤrung, die 121 gefaͤhrlich und drohend werden konnte, aus⸗ zubrechen. Die Hauptanfuͤhrer mit ihren Rotten bedraͤngte er ſo, daß ſie ihre Sicher⸗ heit in den waldichten und moraſtigen Ge⸗ genden Nordenglands ſuchen mußten. Zwar gedaͤmpft aber nicht geloͤſcht war die Flamme der Rebellion. Wilhelm, um große Staatsbeduͤrfniſſe zu beſtreiten, ließ faſt unerſchwingliche Abgaben ausſchrei⸗ ben, ſie von den Nichtbezahlern durch alle Mittel einer erbarmungsloſen Gewalt er⸗ preſſen. Wird aber dem Volke durch die Steuernmaſſe das Leben erſchwert, gehen die geforderten Leiſtungen uͤber ſeine Kraͤfte, ſo ſinkt ihm der Muth, ſo haßt es ein Vaterland, in dem es leiden muß, ſo baͤumt es ſich wider den harten Druck, den es nicht mehr tragen kann.— Sobald die Grafen Morcar und Edwin von der verhaßten 122 Reiſe aus der Normandie, wo ſie dem Koͤnige zum eitlen Prunk hatten dienen muͤſſen, zuruͤckgekommen waren, eilten ſie mit dem Schwure in ihre Geſellſchaft zuruͤck, das Aeußerſte zu wagen, um von dem un⸗ ertraͤglichen Joche der fremden, uͤbermuͤthigen, verachtenden Nation frei zu werden. Edwin insbeſondere haßte den Koͤnig, ſchalt ihn einen wortbruͤchigen Mann, der ihm den aͤrgſten Betrug geſpielt haͤtte, welchen er raͤchen wolle, ſelbſt, wenn es des Konigs Leben koſte. Edwin lernte die ſchoͤne Tochter des Koͤnigs, Conſtantia, bei ſeiner Abweſenheit in der Normandie kennen. Bei ihrem erſten Erblicken war ſein Herz an ſie gefeſſelt. Er ſuchte ihre Naͤhe und wechſelte ſchmei⸗ chelnde Worte mit ihr. Der große, maͤnn⸗ lich ſchoͤne Englaͤnder hatte tiefe Eindruͤcke 123 auf ſie gemacht, und als er oͤfter mit ihr ſprach, wurde es ihm deutlich, daß er, wenn er um ihre Hand warb, keine verneinende Antwort erhalten wuͤrde. Ihrem Bruder, dem Prinzen Robert, offenbarte er das Ge⸗ heimniß ſeiner Liebe zu Conſtantia mit der Bitte, daß er dem Koͤnige ſeinen Wunſch kund thun ſollte. Robert ſaͤumte nicht, dem Vater in Gegenwart der Mutter das Ge⸗ heimniß zu offenbaren. Ein ſo reicher, eng⸗ liſcher Graf, als Edwin war, konnte fuͤr den Eidam einer Prinzeſſin gelten. Der Koͤnig ſprach die Worte:„Robert, morgen vor der Tafel ſoll der Graf in meinem Zimmer erſcheinen.“ Als Edwin zu der beſtimmten Zeit in des Koͤnigs Zimmer erſchien, wurde er mit großer Freundlichkeit empfangen. Er gerieth in große Verlegenheit, als er die Mutter — 124 und Conſtantia und mehrere normaͤnniſche Große daſelbſt verſammelt fand. „Sieh,“ ſagte der Koͤnig zu ſeiner Tochter,„der Graf Edwin hat um Deine Hand geworben, willſt Du ſie ihm geben?“ — Sie blickte ſchaamerroͤthend nieder.— „Nun, Graf,“ ſagte der Koͤnig,„Ihr habt mein Wort, daß ich Eurer Liebe nicht hin⸗ derlich bin, das Weitere, was Euch zum Ziele fuͤhrt, iſt Eure Sache.“ Schweigend verneigte ſich der Graf, blieb bei dem Koͤnige, ſaß bei der Tafel neben der Prinzeſſin, ſprach von Liebe und ſie bat ſich Bedenkzeit aus, ehe ſie ſich gewiß erklaͤrte. Dieſe Erklaͤrung ſchreckte den Graf nicht, er glaubte ſeines Gluͤcks gewiß zu ſeyn; aber ein Nebenbuhler ſtahl ihm das Herz der ſchoͤnen Conſtantia. 125. Der Graf Alan von Bretagne ſchien in aller Hinſicht ein beſſerer Gatte fuͤr ſeine Tochter zu ſeyn, der zum Ungluͤck für Edwin ankam und gleichfalls um Conſtantia warb. Sie war ploͤtzlich vom Hofe verſchwunden, und in einer geheimen Unterredung erklaͤrte der Koͤnig dem Grafen Edwin: Conſtantia wolle ſich mit dem Grafen Alan vermaͤhlen und er duͤrfe ihrer Neigung nicht Zwang anthun. „Koͤnig,“ entgegnete der Graf,„wenn die abſchlaͤgliche Antwort von Eurer Toch⸗ ter kommt, ſo eilt mit der Ehe, daß ſie nicht einen Dritten waͤhlt; aber, aber“.... Er entfernte ſich. Mit Morcar und Edwin vereinigten ſich die maͤchtigen Grafen Marleswegen und Gos⸗ patrik, die ihnen in ihrem Haſſe gegen die Nor⸗ 126 maͤnner, die ſich in ihren Grafſchaften un⸗ geziemende Frevel erlaubt hatten. Sie ſuchten bei den Daͤnen und Schotten Hulfe, um die verabſcheuten Fremdlinge von der Inſel zu jagen. Robert Comyns, einer der erſten nor⸗ maͤnniſchen Feldherrn, der in der Schlacht von Haſtings Wunder der Tapferkeit that, wurde Befehlshaber mehrerer befeſtigten Plaͤtze, war in einzelnen Ausfaͤllen gluͤcklich, aber dadurch konnte die Unruhe nicht geſtillt werden. Malcolm, der Koͤnig der Schotten, der Edgar Athelings Schweſter Margaretha zur Gemablin hatte, uͤberrumpelte die Fe⸗ ſtung Durham, erſtuͤrmte ſie und hieb die Beſatzung nieder. Um die Verwirrung und die Noth zu vergroͤßern, kam Prinz Magnus aus Daͤne⸗ — 127 mark mit 240 Segeln an, die im Humber⸗ ſluſſe landeten. Engliſche Grafen vereinig⸗ ten ſich mit ihren Leuten mit den Daͤnen, und ſuchten zuerſt die Feſtung York zu er⸗ ſtuürmen. Der Befehlshaber wollte einige der Feſtung nahe Buͤrgerhaͤuſer abbrennen, das gaben die Einwohner nicht zu, verban⸗ den ſich mit den Daͤnen, griffen den feſten Platz an, eroberten ihn in verzweifelter Wuth und mordeten die 3000 Mann ſtarke Beſatzung. Das Feuer des Aufruhrs brannte jetzt in allen Gegenden. Nur ein Geiſt, wie der des Koͤnigs konnte Muth und Ruhe behaupten, als das Eroberte in Nichts zuſammenzuſtuͤrzen drohte. Seine Normaͤnner verließen ihn nicht und hie und da wurden Empoͤrerhaufen niedergeſchlagen. Die Daͤnen ließen ſich von ihm beſtechen, ver⸗ ließen ihre Mitverbuͤndeten und raͤumten die Inſel. Die Rebellen wurden bezwungen 128 und Malcolm trieb er in ſeine Gebirge zu⸗ ruͤck. Die rohen wilden, undisciplinirten Schotten wuͤtheten auf ihrem Ruͤckzuge auf Feindesboden mit unmenſchlicher Grauſam⸗ keit. Sie raubten, ſchaͤndeten und mordeten, pluͤnderten Kirchen ꝛc. Die Jugend beider⸗ lei Geſchlechts wurde gefangen nach dem Hochgebirge hingeſchleppt. Die beiden Grafen Nordhumberland hatten den Koͤnige und ſeinen Normaͤnnern einen ewigen Haß geſchworen. Sie ſuchten die Gemüther von neuem zu einem Kriege anzuhetzen, ob ihnen der Koͤnig auch verziehen und ſie in ihre Guͤter wieder eingeſetzt hatte. Sie erfubren es zur rechten Zeit, daß der Koͤnig ſich ihrer Perſonen bemaͤchtigen wollte. Der Graf Morcar fluͤchtete ſich nach der nahen Inſel Ely. Dies war wegen der Waldungen, Sümpfe und Gewaͤſſer ein 129 ſicherer, unzugaͤnglicher Ort. Er fand dort eine große Zahl Mißvergnuͤgter, die ſich dahin begeben hatten. Der Abt und die Noͤnche eines auf dem Eilande befindlichen Kloſters hatten, nach einer Aufforderung des Koͤnigs, ihm Gehorſam und Treue gelobt. Der Abt ge⸗ bot den Rebellen, ſich von der Inſel zu ent⸗ fernen; aber ſie reſpektirten ſeine Befehle nicht, und verachteten ſeine Drohungen. Morcar, Siward, Bearn, Graf Hereward, der Biſchof Egelwin von Durham berath⸗ ſchlagten hier, das Letzte aufzubieten, um die vom Koͤnige beguͤnſtigten Normaͤnner und ihn ſelbſt zu vertreiben. Der Koͤnig ruͤſtete in aller Eil eine Landungsflotte aus, die Rebellen zu beſtra⸗ fen und er ſelbſt war bei dem Unternehmen, Der Kreuzfahrer. I. 9 130 weil er die wilden Ausſchweifungen ſeiner Truppen zuͤgeln wollte, die von Haß und Rache gegen die Rebellen entzuͤndet waren. Sobald die Oberhaͤupter benachrichtigt wur⸗ den, daß der Kampf mit ihnen beginnen und ſie zur Übergabe gezwungen werden ſollten, wurden Vorkehrungen und Gegen⸗ anſtalten getroffen. Der Biſchof Egelwin bedrohte den Abt und die Moͤnche mit Fluch und Bann und Hereward mit der Zerſtoͤrung des Kloſters und der Todesſtrafe, wenn ſie mit den Feinden Englands ge⸗ meinſchaftliche Sache gegen ihre Landsleute machten und die Inſel ihren Raͤuberhaͤnden uͤberlieferten. Der Abt, als die ſtarke Flotte die Inſel umſchwaͤrmte, ließ einige Moͤnche, denen er Muth und Klugheit zutrauen konnte, heimlich zu ſich kommen und er⸗ — — ◻& —— 131 oöͤffnete ihnen, daß ſie mit den Rebellen gleiches Schickſal theilen wuͤrden, wenn die Inſel erobert waͤre, haͤtten ſie nicht vorher einen Beweis gegeben, wie verhaßt ihnen aaller Aufruhr ſey und wie ſie die Freunde der Rebellen nicht waͤren. In dieſer Abſicht ſollten ſich Einige ans Geſtade hinſchleichen und den Normaͤnnern kund thun, wo ein ſicherer Landungsplatz waͤre. Auch diesmal ſiegte der Privatvortheil und die Furcht vor einer groͤßern Gefahr und machte den Abt und die Moͤnche zu Verraͤthern ihrer eigenen Landsleute. Der Abt war es, der dem Koͤnige die ſichere und leichte Landungsſtelle zeigte. Als die Normaͤnner ans Land geſtie⸗ gen waren, fanden ſie finen nur ſchwachen Widerſtand. Die feindlichen Rotten zogen in die Waͤlder, hinter die Moraͤſte 132 zuruck und thaten in kleinern Gefechten und Üüberfaͤllen den Feinden großen Schaden. Es mußten durch den Moraſt Daͤmme ge⸗ macht werden, um einen Hauptangriff auf die Truppen der Grafen machen zu koͤnnen. Nach vielen Verluſten und uͤbermaͤßigen Anſtrengungen mußten ſich die Englaͤnder ergeben; doch der Graf Hereward rettete ſich mit den Seinen auf Fahrzeugen durch die Flucht. Der Graf Morcar und ſeine Mitverbuͤndeten wurden zu lebenswieriger Gefangenſchaft verurtheilt und ihre Guͤter erhielten Normaͤnner vom Koͤnige zum Ge⸗ ſchenk. Morcar ſagte laut:„So lange dies Herz in der Bruſt ſchlaͤgt, bleibe ich ein Feind der Tyrannen meines Vaterlan⸗ des, und wenn Ihr ſie mir nicht ausſchnei⸗ det werde ich laut von Euern Verbrechen gegen das eroberte Land reden. Behandeltet Ihr uns gerecht, ſo waͤre ich Euer treueſter 133 Diener geworden; aber ſo bin ich bis auf den letzten Athemzug Euer Feind. Koͤnig, oder Herzog, huͤtet Euch vor den Englaͤn⸗ dern, die Eure Freunde zu ſeyn ſcheinen, ſie werden den Augenblick benutzen, wo Euch und Eure wilde Schaar ihr Haß vertilgen kann. Wie koͤnnte ein Engländer Euch lie⸗ ben, da Ihr ſein Vaterland ſchaͤndet.“ Der Koͤnig ſchwieg großmuͤthig und ſagte:„Fuͤhrt den Sprecher nach dem Kerker und behandelt ihn ſeines Standes wuͤrdig. Sein Verbrechen zu beſtrafen, das iſt meine Sache.“.... Dem Grafen Hereward wurde verziehen. 1 Waͤbrend dieſe Kaͤmpfe in England fortdauerten und das Land nicht zur Ruhe und zum Frieden kam, herrſchte in der Normandie eine große Stille. Der Koͤnig 134 ließ ſeine beiden Prinzen, Wilhelm und Heinrich nach England kommen, wo ſie von nun an um den Vater bleiben ſollten, von Robert war nicht die Rede. Er erkannte es deutlich, daß er durch alle Beweiſe der Liebe, die ihm abgeneigte vaͤterliche Neigung nicht bezwingen konnte. Das kindliche Wohlwollen, da es nicht genaͤhrt wurde, wich immer mehr aus ſeinem Herzen, und ſtatt deſſen kehrte in daſſelbe eine feindliche Kaͤlte ein. Nie lud ihn ſeine Mutter ein, ſie zu begleiten, wenn ſie nach England reiſete, und unter dem Vorwande, daß man die Normandie nicht ohne Aufſicht laſſen duͤrfe, mußte er zuruͤck bleiben. Oft be⸗ klagte er ſich bei der Mutter uͤber die Un⸗ gerechtigkeit des Vaters und nannte ihn im Verdruß ſelbſt einen Undankbaren, der ihn uͤberſehe, indeß er die Verdienſte Anderer uͤbermaͤßig belohne. Sie erwiederte: er 13⁵ muſſe ſich gedulden, ſie koͤnne den Koͤnig zu einer andern Geſinnung nicht zwingen, durch lautes Mißvergnuͤgen aber, wenn es zur Kenntniß des Vaters komme, wuͤrde er das Ubel nur aͤrger machen. um Regierungsgeſchaͤfte, wenn die Mutter in der Normandie war, bekuͤmmerte ſich der Prinz nur, wenn Wohlthaten zu er⸗ theilen waren. Durch ſeine Guͤte und Her⸗ ablaſſung machte er ſich das Volk geneigt und ſuchte die Freundſchaft der Großen. Er trug einen geheimen Plan im Sinne, dem Vater das Herzogthum zu entreißen, wenn ſeine Ungerechtigkeit ſo weit ging, daß er Wilhelm zu ſeinem Nachfolger waͤhlen und Heinrichen die Normandie zuſichern ſollte. Mehrere der maͤchtigen Vaſallen ſtanden mit ihm im geheimen Bunde, die es kraͤnkte, daß Wilhelm, ſeit er einen Thron erobert hatte, 136 ſie und ſein Herzogthum, mit deren Strei⸗ tern er ihn eroberte, ganz zu vergeſſen ſchien. Es wurde im Lande allgemein gemißbilligt, daß der Koͤnig den edlen Robert, den Alle fuͤr den beſten von ſeinen Prinzen hielten, der Ruͤhmliches fuͤr ihn gethan hatte, ſo wenig achtete. Sein truͤbes, finſteres Gemuͤth heiterte ſich nur in der Naͤhe ſeiner vielgeliebten Anna auf und in ihrem Arm vergaß er den Verdruß, der ihn verſtimmte. Hier war er Menſch, Vater und Gatte. Die Paͤchter⸗ leute trugen ihn, ihren Wohlthaͤter, den edelſten Freund ihrer Tochter, den zaͤrtlichſten Vater des kleinen Clito, auf den Armen. Er kam nie ohne Geſchenke fuͤr Annen und den Knaben, der immer vor Freude laut aufſchrie, wenn er den geliebten Vater ſah. 137 4½ Es war den Bewohnern in der Naͤhe doch ſehr auffallend, daß der Paͤchter Rotley vom Staate ſo beguͤnſtigt war, da man kein Verdienſt kannte, wodurch er ſich aus⸗ gezeichnet hatte. Der Neid regte ſich, die Liſt legte ſich aufs Forſchen, man wollte eine Entdeckung machen, die man zum Schaden des Paͤchters mißbrauchen konnte. Es war doch raͤthſelhaft, daß in dem Hauſe eine wunderſchoͤne Tochter wohnte, die einen eben ſo ſchoͤnen Knaben auf den Armen trug, ohne daß man den Vater deſſelben kannte. Den Eltern wurde es gar ſehr verdacht, daß ſie die Unſchuld, den guten Ruf und ein fortdauerndes eheliches Gluͤck irgend einem Reichen aufopfern konnten, weil er fuͤr ſeine ſinnliche Luſt bezahlte. Man hatte es ſchon in Erfahrung gebracht, daß ſich von Zeit zu Zeit ein Fremder bei Rotley aufhalte, der ſich immer in anderer Kleidung in die 138 Wohnung einſchleiche und wieder ver⸗ ſchwinde. Der Paͤchter Colbine, der neugierigſte und neidiſchſte von Allen, die dem wohl⸗ habenden Rotley ein unverdientes, wie ihm angezaubertes Gluͤck mißgoͤnnten, beſuchte ihn und ſagte es frei heraus, wie ſehr man ſich in der Gegend wundere, daß ſeine Toch⸗ ter Mutter eines Sohnes ſey, ohne daß man den Vater kenne. Er muͤſſe ihre Ehre retten und dieſen oͤffentlich nennen. Reich muͤſſe der Buhler wohl ſeyn, da er ihm ſo viel zugewandt habe. Aber der redliche Vater verkaufe fuͤr alle Guͤter der Erde doch nicht die Unſchuld ſeiner Tochter, an wen es 3 auch ſey. Dieſe Anrede uͤberraſchte Rotley, aber da ihm aͤhnliche Fragen ſchon oft gethan 139 waren, kam er nicht in Verlegenheit, eine Antwort darauf zu geben die, wenn ſie den Neugierigen auch nicht befriedigte, ihn doch warnte, ſolche Fragen nicht wieder zu thun. Mit ruhiger Faſſung ſagte er:„Freund Colbine, ich bekuͤmmere mich nicht um Eure Haus⸗ und Familienangelegenheiten, und wenn Ihr klug waͤret, wuͤrdet Ihr es auch nicht thun. Nicht ſo, was Ihr thut, dafuͤr ſeyd Ihr Euerm Gewiſſen und Gott ver⸗ antwortlich und ich bin es auch? Um Geld habe ich die Unſchuld meiner Anna nicht verkauft. Sie hat mit der Zuſtimmung ihres Herzens ſich den Gatten gewaͤhlt, der wohl zu den edelſten Menſchen im Herzog⸗ thum gehoͤrt. Daß ſeine Liebe zur Tochter ihn bewog, die Umſtaͤnde ihrer Eltern zu verbeſſern, das konnte ich ihm nicht wehren. Goͤnnt mir das Gluͤck, das Euch nicht ſcha⸗ det. Wer er iſt, das weiß ich, und die. 140 Welt wird es auch erfahren. Das ſagt Allen, die eben ſo neugierig ſind und eben keinen ehrenvollen Antheil an meinem Gluͤcke nehmen.“ Der liſtige Colbine, den dieſer Beſcheid nur noch mehr aufbrachte, beruhigte ſich da⸗ mit nicht, er wandte Alles an, das Geheim⸗ niß zu enthuͤllen, um dann eine kleine Rache an Rotley zu uͤben. Als ein Bruder aus der Reſidenz bei ihm zum Beſuche war, er⸗ zaͤhlte er ihm auch die raͤthſelhafte Geſchichte von dem Paͤchter und ſeiner Tochter. Der Bruder ſagte:„Das iſt vielleicht ein Gro⸗ ßer aus der Reſidenz, die kenne ich Alle.“ Colbine ließ waͤhrend des Aufenthalts ſeines Bruders auflauern, ob der vermeinte Große nicht zu einem Beſuche kaͤme, aber er kam nicht. 141 Damit Anna unzertrennlicher um Ro⸗ bert ſeyn konnte, ließ er fuͤr ſie eine maͤnn⸗ liche Kleidung machen und Tage lang war ſie unter dem Namen eines jungen Ritters von Athelbine bei ihm. Alle fanden den Juͤngling ſchoͤn und liebenswuͤrdig. Es wurde Mathilde bekannt, daß Robert den Juͤngling bei ſich hatte. Sie fragte nach ſeinen Eltern. Robert ſagte:„In meine Dienſte wuͤrde ich ihn nehmen, wenn ſeine Eltern ihn entbehren koͤnnten.“ „Fuͤhre ihn zu mir,“ bat Mathilde, „wenn er wieder kömmt, er ſoll ſchoͤn und liebenswüͤrdig ſeyn, daß ich ihn kennen lerne.“.... Das wollte er zu vermeiden ſuchen, weil er die Entdeckung des Geheimniſſes furchtete und der offenen, redlichen Anna 142 keine Verſtellungskunſt zutrauen konnte. Aber das Geheimniß ſollte verrathen wer⸗ den. Der Prinz Robert war in einer Stun⸗ de, wo er ſeine geliebte Anna erwartete, die er gewoͤhnlich auf der Straße in Empfang nahm, auf eine Viertelſtunde abweſend. Als er ihr nicht begegnete, war ſie zweifelhaft, ob ſie umkehren oder weiter reiten ſollte. Hinter ihr kam ein Reiter, in dem ſie, als er ihr vorbei ritt, den Paͤchter Colbine er⸗ kannte. Die Liebe trieb ſie vorwaͤrts. Als ſie aͤngſtlich und beſorgt uͤber den Schloß⸗ hof ritt, kam ihr ein Diener entgegen, der ſie einlud, zur Koͤnigin zu kommen, welche ſie zu ſprechen verlange. Ihr entſank der Muth, ſie bebte, ſie fuͤrchtete mehr fuͤr Ro⸗ bert, als fuͤr ſich. Entfliehen konnte ſie nicht, ohne ſich verdaͤchtig zu machen und 143 ſuchte ſo viel Ruhe zu gewinnen, als ihr moͤglich war. Aber ihr Geſchlecht wollte ſie nicht nsdecköe „ A 3 Colbine hatte das Raͤthſelhafte, was üͤber Rotleys Schickſal ſchwebte, mit allen Nebenumſtaͤnden entdeckt und die Neugierde der Koͤnigin entzundet, das Geheimniß zu erfahren. Er war nicht im Zimmer, als Anna vor Mathilden erſchien. „Ihr ſeyd Athelbinens Sohn,“ ſo redete ſie die Koͤnigin an,„wirklich ſagt mir die Wahrheit, der Liebling des Prinzen Robert, das hat er mir ſelbſt geſtanden. Ihr kommt von dem Pächter Rotley ge⸗ ritten, der hat eine ſchoͤne Tochter, iſt die Eure heimliche Geliebte? Vielleicht ſollen 8 das Eure Eltern nicht wiſſen. Iſt der Sohn, den ſie hat, Euer Kind, und ſeyd — 144 Ihr ſein Vater? Koͤnnt Ihr mir dieſe Fragen beantworten?“ Robert hatte von der Ankunft Annens und davon gehoͤrt daß ſie bei ſeiner Mutter ſey. Er war deshalb unverzagt und fuͤrch⸗ tete nicht, daß ſie ſeine Liebe mißbilligen werde. Er trat ins Zimmer, ehe Anna eine Antwort gegeben hatte. „Athelbine,“ fragte er,„wie kommt Ihr zu meiner Mutter?“ Anna konnte kaum die Worte ausſpre⸗ chen:„Ein Diener fuͤhrte mich zu ihr. Ich bin aͤngſtlich in der Naͤhe einer Koͤnigin.“ „Das duͤrft Ihr nicht ſeyn, ſie hat eine menſchliche Natur, wie Ihr, und Schwaͤchen, wie wir Alle.“— 145 „Robert,“ ſagte die Koͤnigin,„waͤre dies der Juͤngling Athelbine? Ich vermuthe ein Geheimniß. Wirſt Du es der Mutter ſelbſt entdecken? Sieh, Dein Liebling er⸗ roͤthet, kein Bart deckt die Stelle zwiſchen der Naſe und Lippe, es hebt und ſenkt ſich unter dem Bruſtgewande ein weiblicher Buſen, der junge Ritter koͤmmt von dem Paͤchter Rotley. Du ſiehſt, ich weiß Alles, rede.“ „Nun, Mutter, wenn Ihr Alles wißt, wozu ſoll ich noch reden? Sagt mir doch, was Ihr von meinem Ritter wißt und nennt mir den Freund, der es Euch gewiß in guter Abſicht offenbarte, ich bin erkennt⸗ licher, wie Manche und will ihm den Lohn nicht ſchuldig bleiben.“ „Erſchöpfe Dich nicht in Redensarten, Der Kreuzfahrer. I. 10 146 Du wirſt es mir nicht einbilden, daß der ſchoͤne Ritter dort ein Juͤngling iſt. Was ich aber von einer weiblichen Tugend denken ſoll, die ſich ſolche Verkleidungen erlaubt, um freien Zutritt zu Dir zu haben, das weiß ich nicht, verdaͤchtig hat ſie ſich ge⸗ macht.“ Die Koͤnigin ergriff mit Feueraugen den Arm des vorgeblichen Athelbines und ſagte mit ſtarker Stimme:„Maͤdchen, geſtehe mir Dein/ Geſchlecht. Du biſt auf dem Wege zu verderben, laß mich Dein Engel ſeyn, der Dich auf den Weg der Reue und Beſ⸗ ſerung hinfuͤhrt. Werde Deinen Eltern nicht die Urſache des Kummers und der Schande. Wie konnteſt Du Dich einem Prinzen hin⸗ geben, der Dich nie ehelichen kann, ſein Stand haͤtte Dich ſchrecken muͤſſen. Willſt Du Beute und Nahrung fuͤr ſeine Luſt 4 8 89 f A 1.sf e. L 147 ſeyn, ſo lange Du ihm gefaͤllſt? Fuͤr Beſ⸗ ſeres, einen Mann Deines Standes gluͤcklich zu machen, die fromme Mutter guter Kinder zu werden, dazu biſt Du von 1 utt erleſen und nicht geſchaffen, die eines Fuͤrſtenſohns zu ſeyn. Deine Wahl iſt ehr⸗ los, und wenn Robert der erſte Fuͤrſt der Erde waͤre. Robert, Robert, wenn das Dein Vater erfuͤhre!“ „Das mag er tauſendmal erfahren. Er ritzt mein Herz wund, er ſtoͤßt mich von ſich, waͤre es ein Verbrechen, wenn ich mir ein Weſen beigeſellt, das meine Leiden und meine Schmerzen mir verſuͤßt? Sehen mich nicht ſelbſt meine Geſchwiſter fuͤr einen Fremden an? In jedem Menſchen wohnt der Trieb der Liebe, er ſucht im Beſitze einer gleichgeſtimmten Seele ſein Leben, ſeine Freude. Ja, Ihr habt Recht, dieſer A. ſhe F 8 148 Athelbine iſt ein umgekleidetes Weib, ich nenne es meine Gattin, vor Gottes Thron habe ich ihr Treue geſchworen und brechen werde ich nie den Eid, des ſollt Ihr Zeuge ſeyn. Hundert Weiber haben alle vielleicht nicht die Tugend, die in ihrer Bruſt wohnt. Sie liebt mich mehr, als ihr Leben. Sie war in der Schlacht von Haſtings, ſie ſuchte mich, ſie wollte ſterben, wenn ſie mich todt fand, mich verbinden, wenn ich ver⸗ wundet war. Der Zufall macht Prinzeſ⸗ ſinnen, aber Unſchuld und Treue ſind des Weibes hoͤchſter Schmuck und dieſer iſt ihr zugetheilt. Sagt meiner Anna kein boͤſes Wort, es ſticht mich wie ein Dolch in das Herz, es ſchmerzt mich zehnmal mehr, als eine Beleidigung, die ich ſelbſt erfahre.“ Er wandte ſich zu Anna und ſagte: „Sey ruhig, meine Anna, wenn die Mutter 149 menſchliches Gefuͤhl hat, wenn ſie es je empfunden hat, was keuſche, reine Liebe iſt, wenn ſie weiblichen Edelmuth ehrt, muß ſie Dich achten. Man kann Dich nicht kraͤnken, ohne ſich ſelbſt zu erniedrigen.“ Auf Verlangen der Koͤnigin erzaͤhlte ihr Robert die Geſchichte ſeiner Liebe, aber von dem kleinen Clito ſprach er abſichtlich kein Wort. Nur eine kurze Unterhaltung hatte ſie mit Annen, entließ ſie guͤtig und wollte ihr ein reiches Geſchenk geben. Anna nahm es nicht an und ſagte:„Noch, Koͤ⸗ nigin, habe ich Eure Guͤte nicht verdient.“ Am folgenden Morgen ließ die Koͤnigin Robert zu ſich kommen und bat ihn, daß er ſeine Geliebte nicht wieder auſ's Schloß kommen laſſen ſollte, ſeinen anderweitigen Umgang mit ihr verbiete ſie ihm nicht. 150 Sie war nachſichtiger und gelinder gegen ihn, als er es erwartet hatte. Mit allem „Fleiß dachte ſie darauf, Robert aus der Normandie zu entfernen, und dazu fand ſich die Gelegenheit. Waͤhrend ſeiner Abweſen⸗ heit ſollte Anna, deren Wohnung die Koͤ⸗ nigin kannte, in einem Kloſter verborgen gehalten werden, ſie fuͤrchtete, der Koͤnig werde gegen Robert hart handeln, wenn dies Liebesabentheuer zu ſeiner Kenntniß kam, da er ihm eine franzoͤſiſche Prinzeſſin zur Gattin beſtimmt hatte, „Mutter,“ ſagte er mit ſeiner gewohn⸗ ten, unverſtellten Redlichkeit, als etliche Tage verfloſſen waren,„Ihr habt mir nicht unter⸗ ſagt, nach Ivry zu reiſen und meine ge⸗ liebte Anna zu beſuchen. Sie hat gewiß, ſeit Ihr zur Entdeckung unſeres Geheimniſſes kamt, manche Sorge, die ihr Herz traurig bewegt, ich will ſie zufrieden 151 „Reiſe Du, ſollte ein Geſchaͤft Deine Gegenwart fordern, ſo werde ich Dich rufen laſſen. Robert, denke an mich, dieſe Liebe kann ſich fuͤr Anna nicht gut enden, und was haſt Du dann weiter gethan, als ſie ungluͤcklich gemacht. Der Vater, wenn er England beruhigt hat, fordert Dich ſicher auf, daß Du Dich mit einer Prinzeſſin ver⸗ maͤhlſt, und wenn Anna das edle Geſchoͤpf iſt, wie Du ſie mir geſchildert haſt, wie wird ſie das ertragen! Gewiß, als Buh⸗ zerin wird ſie Dir nicht ferner dienen. Setzteſt Du den Umgang fort, welchen Be⸗ trug begingeſt Du an Deiner rechtmaͤßigen Gattin!“— „Mutter, ein verſtaͤrdiger, gut geſinnter Vater wird ſeinen Sohn nicht zum Hei⸗ rathen zwingen und den Schmerz, daß ich mich mit einer Andern verbinde, wird Anna — 8 8 A 5 152 nie erfahren. Waͤre ich leichtſinnig und uͤppig, ſo koͤnnte ich eine Gattin zur Schau vor der Welt und mehrere Nebengeliebte haben. Iſt das nicht bei Grafen ſogar und die guten Frauen muͤſſen ſich das ge⸗ fallen laſſen und ſchweigen dazu.“ „Sag, wie lange iſt Anna Deine Gattin ſchon?“ „Seit Jahren.“ „Hat ſie Kinder?“ „Einen einzigen Sohn, der Clito heißt, ein Knabe, wie ein kleiner Engel.“ „Was aber ſoll aus dieſem Kinde werden?“ „Mutter, das kann die Frage nicht 153 / ſeyn, ſo lange ich lebe, und ſterbe ich, ſo wird er ſeinen Verſorger finden. Mein Wunſch iſt nur, daß er es nie vergißt, wer ſein Vater geweſen iſt.“ „Die Koͤnigin nahm die goldenen Spangen, die Anna von ihr nicht annehmen wollte und gab ſie ihrem Sohne mit den Worten mit:„Gieb ſie Annen und ſage ihr, dies ſey ein freundliches Andenken von der Mutter..... Robert ergriff voll Dank und Liebe die Hand der Koͤnigin und ſagte:„Fuͤrwahr, Ihr ſeyd eine gute Mutter 5 Mehr als je freute ſich Anna mit ihren Eltern diesmal uͤber die Erſcheinung Ro⸗ berts. Alle fuͤrchteten, daß ihm die Koͤnigin die fernern Beſuche verboten haͤtte. Er, als 154 ſie ihre desfalſigen Beſorgniſſe aͤußerten, verſicherte dagegen, die Mutter billige ſeine Liebe und zum Beweiſe uberreichte er Anna die Spangen, die ſie ihr zum freundlichen An⸗ denken ſchenkte.„Fuͤr ihre Guͤte,“ ſagte er, nſoll ſie auch unſern Clito ſehen, ſie wuͤnſcht es, ich nehme ihn mit, und werde ihn Dir ſelbſt wieder uͤberliefern.“ „Wird der Bube nicht weinen,“ ſagte die Paͤchterfrau,„wenn die Mutter nicht bei ihm iſt, ohne die er keine Stunde leben kann?4 „O, es giebt mehr als ein Mittel, ein Kind zu beſchwichtigen.“ „Robert,“ ſagte Anna, die ſich von dem Knaben nicht trennen wollte, weil ſie an ſeinen Schmerz dachte, wenn er von ihr 155 geſchieden war,„gewiß, Du wirſt ihn ſchwer beruhigen. Du willſt es ja auch nicht, daß er bitter weint.“ Man redete uͤber den Punkt, wie die Koͤnigin wohl hinter das Geheimniß ge⸗ kommen waͤre und wer es ihr, gewiß nicht in guter Abſicht entdeckt haͤtte. „O,“ ſagte der Paͤchter,„der Verraͤther iſt nicht weit zu ſuchen. Als Anna das letzte Mal Euch beſuchen wollte, da hielt ſie auf der Straße ſtill und mein Nachbar Colbine, der vor Neid faſt berſtet, daß es mir ſo wohl geht, ritt ihr voruͤber. Gewiß hat er ſie gekannt. Fruͤher that er faſt beleidigende Fragen an mich und machte mir Vorwuͤrfe, daß ich meinet Tochter den Umgang mit einem Manne verſtattete, deſſen Geſchlecht, Namen und Stand Niemanden bekannt 156 ſey. Mit einem derben Abſchiede entließ ich ihn.“ Rotley mußte ihn, auf Roberts Bitten, freundlich einladen, und um keine Fehlbitte zu thun, ritt er ſelber zu ihm.„Hoͤrt, Nachbar,“ ſprach Rotley,„wollt Ihr den Mann meiner Tochter kennen lernen, ſo kommt mit mir. Er wird Euch gewiß gefallen, und will Euch uͤberzeugen, daß er ein ehrlicher Mann iſt. Laßt uns wieder Frieden ſtiften, es iſt nicht gut, wenn zwei Nachbaren, die ſich manche Noth erleichtern koͤnnen, Feinde ſind.“ Die Neugierde trieb Colbinen, der Ein⸗ ladung zu folgen und verderben wollte er es mit Rotley auch nicht, der ihm ſeine Freundſchaft antrug, da er bei Allen, die ihn kannten, in dem Anſehen eines rechtlichen 4157 Mannes ſtand. Unterwegs forſchte Colbine, wer der Mann ſey, Rotley aber erwiederte: „Bezwingt Eure Neugierde nur eine halbe Stunde noch, ich ſoll es nicht verrathen, er will es Euch ſelber ſagen.“ Als ſie Beide in Jory angekommen waren, fuͤhrte Rotley ſeinen Nachbar in die Stube, wo Anna neben Robert ſaß, indeß der kleine Clito ſein Spiel mit der Groß⸗ mutter trieb.„Seht;“ ſagte Rotley,„das iſt mein Nachbar, der Paͤchter Colbine, den ſo ſehr nach der Bekanntſchaft mit Euch verlangt. Sagt ihm ſelber, was er von mir nicht erfahren konnte.“ Robert, eine große, ſtarke Mannsgeſtalt, trat vor den kleinen Colbine hin, und ſagte: „Geſteht und leugnet nicht, daß Ihr es der Köoͤnigin verriethet, daß ſie in Mannskleidern 158 ſich dem Schloſſe nahte, ſonſt zwingt Ihr mich, ſcharfe Mittel anzuwenden, Euch zum Geſtaͤndniß zu bringen. Was mir die Koͤ⸗ nigin ſelber ſagte, das will ich aus Euerm Munde hoͤren. Wißt, ich habe mancher boͤſen That verziehen, welche ein Narr oder ein Boͤſewicht an mir veruͤbte, und wenn Ihr nicht luͤgt, will ich Euch nicht ſtrafen.“ „Redet Ihr doch,“ ſagte Colbine zornig und verlegen,„als ob Ihr mein Gebieter waͤrt!“ „Das bin ich, und zwar, ſo lange der Koͤnig in England iſt, von Gott und Rechts⸗ wegen.“ „Seyd Ihr der Prinz Robert?“ „Kein Anderer. Wollt Ihr mir nicht 159 glauben, ſo kommt mit zu meiner Mutter⸗ ſie wird ihren Sohn nicht verleugnen.“ Colbine war, wie an allen Gliedern erſtarrt, er neigte ſich ehrfurchtsvoll und bat mit ſtammelnder Zunge um Gnade, indem er ſeinen Verrath geſtand.„Ihr ſeht,“ ſagte der Prinz,„zu welchen ſchlechten Hand⸗ lungen Neid und Mißgunſt fuͤhren, aber ich breche mein Wort nicht und laſſe Euch un⸗ beſtraft. Aber verrathet Ihr es einer Seele, daf Ihr mich in Jory bei dem Paͤchter Re ſahet und redet Ihr von meiner Li u ſeiner Tochter noch ein Wort, ſo hr Eurer Freiheit keine Stunde ſeyn und in einem finſtern Ker⸗ ze ich lebe, fuͤr Eure Schwatz⸗ „, das iſt Euer Beſcheid, ver⸗ Saß ihn der Prinz Robert = 2 160 olbine verneigte ſich und pries den Himmel, daß er ſo gnaͤdig davon kam und that einen hohen Schwur, daß er, wenn die ganze Welt das Geheimniß ausplauderte, kein Wort davon reden wolle. Waͤhrend Robert in Jory war, ſchickte die Koͤnigin einen Brief an ihren Gemahl nach England, in dem ſie ihm meldete, wie ungluͤcklich ſich dieſer Sohn fuͤhle, daß ihn der Vater ſo von ſich entfernt halte. Er ſolle ihn einladen, nach England 3 men, ihn eine Zeit dort behalten, mit vaͤte licher Guͤte behandeln, Herz leicht zu gewinnen ſey. Normandie die groͤßte Ruhe herrf es leicht, die Regierung zu fo ſich Robert wenig bekuͤmmere, gebern umgeben ſey. Er ſo gering achten, daß R⸗ 161 Beweiſe von ſeiner Liebe gegeben haͤtte, wie keines der andern Kinder. Es betruͤbe oft ihr Muttergemuͤth, daß ſie Roberten ſo ſtiefvaͤterlich behandelt ſehen muͤſſe, den ſie, wie die andern Kinder, unter ihrem Herzen getragen haͤtte. Dieſer Brief verdroß den Koͤnig, aber er unterdruckte ſeinen Unwillen und ſagte in Gegenwart ſeines Geheimſchreibers:„Eine wahre Affenliebe hat die Koͤnigin zu ihrem aͤlteſten Sohne! Es iſt ihm noch nicht Ehre genug, daß ich ihm die Regierung eines Herzogthums anvertraut habe, er will ſich hier neue Lorbeeren ſammeln! Der denkt wohl gar Koͤnig zu werden. Der finſtere Schwaͤrmer taugt fur ein Kloſter, wo er ſich 8 mit ſeinen Gedanken und Empfindungen den Kopf verwirren kann, nicht fuͤr einen Thron. Schreibt nur,* ſoll kommen, und ſein Der Kreuzfahrer.,. 1 162 Schwert, das er ſo ruhmvoll bei Haſtings fuͤhrte, mitbringen, ich wuͤrde ihm Arbeit vollauf zu thun geben.“ Dies mußte Robert in einem beſondern Schreiben gemeldet werden, an die Koͤnigin ſchrieb der Koͤnig ſelbſt, ſo ſchwer ihm das Schreiben wurde und redete von ſeiner Liebe und Sehnſucht nach ihr.„Die Englaͤnder,“ ſagte er,„machen es ſo kraus und bunt mit mir, daß ich ihren Boden nicht verlaſ⸗ ſen darf; aber ich werde mir Ruhe zu ſchaffen wiſſen. Malcolm mit ſeinen ſchot⸗ tiſchen Bluthunden und Raͤubern droht mit einem neuen Einfall. Wenn Robert Luſt hat, ſich mit den wilden Beſtien herumzu⸗ ſchlagen, ſo kann er die befriedigen ꝛc.“ Recht frohgemuth kam Robert von Ivry zuruͤck und es war ihm lieb, daß 163 ſeine Mutter das Geheimniß ſeiner Liebe wußte. Am Morgen des folgenden Tages, zur gewoͤhnlichen Zeit, ließ ihn die Koͤnigin zu ſich rufen. Als er ihr den Morgengruß geſagt hatte, ſprach ſie, indem ſie nach einem Schranke hinging:„Es iſt ein Brief an Dich von dem Koͤnig angekommen. Viel⸗ leicht kannſt Du mir den Inhalt deſſelben mittheilen. Ich bin neugierig, was er ſchreibt.. Sie reichte ihm den Brief hin, den er mit klopfendem Herzen erbrach. Als er ihn geleſen hatte, ſagte er mit duͤſterer Stirn: „Es muß wieder Alles in Aufruhr ſeyn, da der Koͤnig ſchreibt, daß ich mein Schwert, was ich bei Haſtings füͤhrte, mitbringen ſoll.“ „Dieſe Redensart, die Ruͤhmliches fuͤr Dich enthaͤlt, iſt noch kein Beweis, daß 164 wieder Unordnungen ausgebrochen ſind. Diesmal gilt es die Schotten.“ „Daß ich gerade jetzt hin nach England ſoll! Der Vater glaubt, ich ſey hier eine uͤber⸗ fluͤſſige Perſon und die Regierung der Pro⸗ vinz werde auch ohne mich ihren Gang gehen. Nun, das koͤnnt Ihr mir ſelbſt bezeugen, viel habe ich mich darum nicht bekümmert, aber es beleidigt doch die Eigenliebe, wenn es einem ſo fuͤhlbar gemacht wird. Zum Kaͤmpfer, der ſein Schwert gut fuͤhren kann, ſcheint mich der König noch tauglich zu fin⸗ den und Muth traut er mir auch zu; das aber iſt fuͤr einen Prinzen wenig. Es liegt darin eine Kraͤnkung fuͤr mich, deren Stachel ich fuͤhle.“ Zuͤrnend ſagte die Koͤnigin:„Du weißt ſelbſt nicht, was Du willſt und Dein Vater 165⁵ kann es Dir nicht recht machen. Erſt zuürnſt Du ihm, daß er Dich in der Nor⸗ mandie zuruͤckließ, jetzt, wo er Dich zu ſich einladet, giebſt Du ſeinem Befehle gehaͤſſige Deutungen. Mit dieſer Unzufriedenheit, mit dieſem Mißtraun und launiſchen Weſen wirſt Du die Gunſt des Vaters nie erlangen. Sey gegen ihn, wie Wilhelm und Heinrich, und wie er gegen ſie iſt, wird er gegen Dich ſeyn. Aber ich weiß es wohl, daß es die Liebe zu der Rotley. iſt, die Dich an dieſen Boden feſſelt. Darf ſie Dich unge⸗ horſam gegen den Vater machen? Willſt Du die Gelegenheit, Ruhm zu erwerben, vielleicht die volle Neigung des Koͤnigs von Dir weiſen und lieber im Schooße der Ge⸗ liebten ruhen? Robert, Du haſt keine Zeit zu verſaͤumen, je fruͤher Du in England an⸗ koͤmmſt, deſto lieber wird es dem Koͤnige ſeyn. Du haſt keinen guͤltigen Vorwand, 166 mit dem Du Dein Zoͤgern entſchuldigen koͤnnteſt. Im Hafen liegt das engliſche Fahrzeug bereit, wenn Du in dieſer Stunde abſegeln willſt.“ „Ja,“ entgegnete Robert mit verdrieß⸗ licher Miene,„in dieſer Stunde, damit ich es Euch begreiflich mache, daß die Liebe fuͤr mich kein Hinderniß iſt, meine Pflicht zu erfuͤllen. Anna wird ſich zu beruhigen wiſ⸗ ſen, wenn ich ihr melden laſſe, daß der Koͤnig mich nach England rief und daß ich folgen mußte. Ich nehme jetzt von Euch Abſchied. Wie und wenn ich Euch wieder begruͤßen werde, das ſteht in meinem Kopfe nicht.“ Er verließ die Koͤnigin, ſandte einen Boten an Anna ab, und ehe es Mittag wurde, ſtieß das Fahrzeug, das er beſtiegen 167 hatte, vom Ufer ab. Es war ihr ſchwer um's Herz. Der Koͤnig, bei dem die Prinzen und die vornehmſten Feldherren und Vaſallen zur Tafel ſaßen, empfing ihn guͤtig und ſagte:„So bald hätte ich Dich doch nicht erwartet. Dem Befehlenden iſt es lieb, wenn ihm ſo ſchnell und puͤnktlich gehorcht wird. Wie ſteht es mit der Koͤnigin und Deinen Schweſten?“ „Ich verließ ſie geſund.“ „Ich dachte, es waͤre Dir erwuͤnſchter, die barbariſchen Schotten uͤberwinden zu helfen, als in der Normandie auf dem Kiſ⸗ ſen der Ruhe zu liegen. Wenn man jung iſt, muß man ſich Ruhm erwerben, Du darfſt ihn nur vergroͤßern. Sey mir noch⸗ mals willkommen.. Der Koͤnig raͤumte ihm neben ſich einen Platz bei der Tafel ein und ſprach viel und freundlich mit ihm. „Seyd Ihr denn Fremde?“ fragte der Koͤnig,„Du haſt ja Deine Bruͤder noch nicht begruͤßt.“.... Robert verneigte ſich mit dem Kopfe gegen ſie und der Koͤnig fuhr fort:„Ich denke, Du ſollſt ihnen mit dem Beiſpiele einer erprobten Tapferkeit vorangehen, und gewiß, ſie werden Dir folgen.“ „Das beſte Beiſpiel der Tapferkeit,“ ſagte Robert,„dem ſie ſicher folgen werden, kann ihnen der Koͤnig geben.“ Der Koͤnig laͤchelte und ſagte:„Kannſt Du auch ſchmeicheln 2 ½ 169 „Wahrheit, wenn ſie Lob enthaͤlt, iſt keine Schmeichelei. Wißt Ihr andere Feh⸗ ler an mir, wenn Ihr glaubt, daß ich die Kunſt verſtehe, feine Luͤgen zu reden, womit ſich die Eitelkeit bethoͤren laͤßt? „Nun,“ ſagte der Koͤnig, wie im Scherz, „da ſpricht die alte Empfindlichkeit, die die leiſeſte Beruͤhrung nicht vertragen kann, wie⸗ der aus Dir. Ein Scherz gilt Dir fuͤr Ernſt.“.... Der Koͤnig brach die Unter⸗ haltung ab, und redete, ohne ſich weiter um Robert zu bekummern, von andern Dingen. Köͤnig Malcolm war mit ſeinen Schot⸗ ten in Northumberland eingefallen, um dem Aufruhr, der dort ausgebrochen war, mehr Nachdruck zu geben. Der Koͤnig von Eng⸗ land raffte ſeine ganze Kraft zuſammen, um 170 den barbariſchen Feind niederzuſchlagen, und griff ihn daher zu Waſſer und zu Lande zugleich an. Unter den Tapferſten, die zu Lande ſtritten, war auch Robert. Er ver⸗ achtete Gefahren und wagte kuͤhn ſein Le⸗ ben. Der Koͤnig ließ das geſchehen, indeß die beiden andern Prinzen nicht von ſeiner Seite weichen durften. Der Koͤnig leitete vielmehr die Schlacht, als daß er Gefaͤhr⸗ liches wagte. Edgar Atheling war im ſchot⸗ tiſchen Heere, er kaͤmpfte wie ein Loͤwe, er⸗ munterte die Streiter und wollte ſich den Thron erobern, den, wie er glaubte, ihm Wilhelm durch ſeine Übermacht entriſſen hatte. Robert focht dem Prinzen Edgar gegenuͤber und merkte es an dem großen Helmbuſch von den ſchoͤnſten Reiherfedern und an der vrachtvollen Ruͤſtung, daß die⸗ ſer einer der erſten Anfuͤhrer ſeyn muͤſſe. Er war von einem dichten Haufen Schot⸗ te 171 ten umgeben, die ſich den Englaͤndern am näͤchſten wagten und durch ihre Pfeile Wun⸗ den und Tod unter ihnen verbreiteten.“ Auf einmal rief Robert mit lautem Gebruͤll:„Wer ein Tapferer iſt, der ſtuͤrze mit mir in dieſe Rotte und raͤche den Tod der Gefallenen, die ihre Pfeile trafen!“ Nur klein war die Zahl der Kuͤhnen, die die Bahn zum ſichern Untergange mit ihm verfolgten. Robert war an der Spitze. Ein Pfeil durchbohrte ihm den linken Ober⸗ arm und blieb ſtecken. Er riß ihn aus der Wunde und ſchleuderte ihn von ſich. Der Schmerz befeuerte ſeine Wuth, die es ihn vergeſſen ließ, daß er ſeine Verwegenheit leicht mit dem Leben buͤßen konnte. Wie ein wilder Wolf in eine waffenloſe Heerde, ſo drang er in den feindlichen Haufen, ſchlug ſich durch, bis er zu Edgar kam. 172 Hageldicht fielen im Zweikampf die Hiebe der Schwerter. Die Normaͤnner kamen dem tapfern Prinzen zur Hulfe. Edgars Klinge zerſprang, er mußte ſich zum Gefangenen er⸗ geben und ſprach:„Ihr ſeyd ein Teufel!“ Robert ließ ihn zu ſeinem Vater fuͤh⸗ ren und ſagen:„Dieſen Gefangenen über⸗ liefert der Sohn dem Vater.“.... Die Schotten wichen, und auf dieſem Fluͤgel war der Sieg errungen. Bald verbreitete ſich Flucht und Verwirrung von dieſer Seite her über Malcolms Heer, das die blutigſte Niederlage erlitt, weil Normaͤnner und Eng⸗ laͤnder aus Nache keinen Pardon gaben. Der Erfolg des Sieges war ein Friede, den Malcolm ſehr theuer bezahlen mußte. Edgar Atheling gab nun die Hoffnung auf, ſich den Thron zu erringen, ließ ſich mit einem Jahrgehalt abfinden und beſchloß ſein 822 173 euhmloſes Leben in der Normandie auf einem geſchenkten Ritterlehn. Der Koͤnig ehrte den Prinzen Robert, daß er ihn zur Feldherrnwuͤrde erhob und ihn mit Lob uͤberhaͤufte. Der Prinz machte Miene England zu verlaſſen, ſein Herz zog ihn nach Ipry hin. Seine Armwunde ver⸗ ſchlimmerte ſich. Er ſagte zum Koͤnige: „Die hieſigen Arzte verſtehen ſich nicht auf's Heilen und machen ein leichtes Übel aͤrger. Laßt mich nach der Normandie zuruͤck, daß ich beſſere Ärzte finde und meinen Arm nicht verliere.“ „Robert,“ ſagte der Koͤnig,„Du biſt hier nicht ſo leicht zu entbehren und keiner von den Prinzen erſetzt mir Deine Stelle. Welche ürzte Du nennen magſt, ſie ſollen eilig aus der Normandie herbeigeſchafft werden. 174 Auch wuͤnſche ich es immer zu wiſſen, wie es mit Dir ſteht. Weißt Du es nicht, ich ſage es zu Deiner Beruhigung, erſt wird eine Wun⸗ de boͤſe, ehe ſie zu heilen anfaͤngt. Immer beklagteſt Du Dich, daß Du weniger um den Vater waͤrſt, als Deine Bruͤder, nun, da ich Dich hier zu haben wuͤnſche, willſt Du von mir. Laß ab von Deinen Launen.“ Robert glaubte in den Worten des Vaters den Beweis der Achtung und Liebe zu finden, er unterdruͤckte die Sehnſucht nach ſeiner geliebten Anna und ſchickte einen vertrauten Boten mit Nachrichten und Ge⸗ ſchenken an ſie ab. Es machte ihm Sorge, daß der Menſch nicht zuruͤckkehrte und er kam auf den Verdacht, daß der Diener, der koſtbaren Geſchenke wegen, zu einem Diebe geworden ſep. 175 Jetzt regten ſich neue Unruhen, die drohend und gefaͤhrlich zu werden ſchienen, da die maͤchtigſten Vorbereitungen von den Normaͤnnern getroffen wurden, den Koͤnig und die Englaͤnder mit einem Hauptſchlage niederzuwerfen. Roger, Graf von Hereford hatte ſeine Schweſter dem Grafen Ralph von Norfolck zur Ehe verſprochen. Dieſem Ralph war der Koͤnig abgeneigt, weil man ihm die Treue und Anhaͤnglichkeit deſſelben verdaͤch⸗ tig gemacht hatte, und er bei ihm in dem uͤbeln Rufe ſtand, als ob er insgeheim zu ſeinen Feinden gehoͤrte. Nach einem be⸗ ſtehenden Geſetze Englands mußte der Koͤnig bei den Verheirathungen ſeine Einwilligung geben, und ohne dieſe durfte keine Ehe ge⸗ ſchloſſen werden. Als der Graf von Norfolck um die Erlaubniß bat, Herefords Schweſter 176 ehelichen zu duͤrfen, gab ihm der Koͤnig den Beſcheid: daß er ihm ſeine Bewilligung ver⸗ ſage. Nalph erſtaunte und wollte die Gruͤnde wiſſen, werhalb ihm der Koͤnig ſeine Zuſtimmung verſage:„Der Koͤnig iſt Euch keine Rechenſchaft ſchuldig. Ihr muͤßt es ſelber wiſſen, warum ich Euch nicht ge⸗ faͤllig ſeyn kann. Sorgt, daß Euch nicht Ärgeres widerfaͤhrt.“ RNalph war entruͤſtet, er wollte reden, der Koͤnig ging in ein Nebenzimmer und ließ ihn allein. Dieſe ſchaͤndliche Behand⸗ lung empoͤrte Ralphen und entflammte ſeine Rache. Was ihm auch begegnen moͤchte, entſagen konnte er der Liebe zu der ſchoͤnen und reichen Braut nicht. Die Hochzeit wurde mit aller erſinn⸗ lichen Pracht gefeiert und eine große Zahl 1 177 der vornehmſten Herren verherrlichte das Feſt. Unter den Verwandten beider Fa⸗ milien war auch der Graf von Waltheof, der einzige engliſche Graf, den der Koͤnig ehrte, welchen er mit zwei Grafſchaften be⸗ lehnt hatte. Er hatte eine Enkelin des Königs, Judith, zur Gattin. So ſchoͤn und reich ſie war, er lebte mit ihr in der Ehe nicht gluͤcklich. Ihre Herrſchſucht, ihre Verſchwendungsliebe, ihr Hochmuth, ihre Launen ließen es unter den Gatten nie zum Frieden und zu der begluͤckenden Liebe kom⸗ men. Haͤtte ſie den Zorn des Koͤnigs nicht gefüͤrchtet, ſie wuͤrde ſich von Waltheof ge⸗ trennt haben, und die Beſorgniß, ſich dem Koͤnig abgeneigt zu machen, ſeine Lehne zu verlieren, hielt ihn zuruͤck, daß er ſie nicht von ſich ſtieß. Übrigens gehoͤrte er zu den Wenigen, die dem Koͤnige treu und mit ganzer Seele ergeben waren. Der Kreuzfahrer, I. 12 178 Der Graf von Hereford und Nor⸗ folk mußten Strafe fuͤrchten, daß ſie ein herkoͤmmliches Geſetz gebrochen und dem Verbote des Koͤnigs zuwider gehandelt hat⸗ ten; ſtatt ſeine Verzeihung zu erflehen, gin⸗ gen ſie auf Rache aus. Als der Wein die Geiſter erhitzt hatte und ſie in froͤhlicher Bewegung waren, trat Hereford auf und ſagte:„Wem verdankt der üͤbermuͤthige Koͤnig die Krone? Nicht ſich, lediglich den Schwertern ſeiner Normaͤnner, nicht dem Rechte, der Übergewalt. Wir werden aus⸗ gezogen, Bettler; unſere Freiheiten ſind da⸗ hin, man wird uns zu einem Sklavenvolke erniedrigen. Knechte und Maͤgde haben un⸗ ſere Frauen fuͤr den Dienſt der Fremdlinge geboren. Was will der ehrloſe Baſtard, von einer Beiſchluferin erzeugt, der herrſch⸗ ſuͤchtige Tyrann, der es nicht werth iſt, uͤber Helden zu herrſchen. Laßt uns gegen ihn ℳ 39 — 6 179 aufſtehen, es iſt beſſer ehrenvoll ſterben, als in Schande fortleben.“ Die Rede fruchtete und Alle beſchworen Buͤndniß gegen den Koͤnig. Waltheof ſchwer uͤberreden, den Mitver⸗ treten. Der Graf von Nor⸗ ich Daͤnemark, den Koͤnig zu 1 gegen Wilhelm zu bewegen, die n warben Vaſallen mit ihren Leuten im Lande. Die Ruͤſtung erſtreckte ſich ſehr weit und wurde ſo geheim gehalten, daß der Koͤnig und ſeine Getreuen in der erſten Zeit keine Kunde davon erhielten. „Waltheof, dem es bei nuͤchternen Sin⸗ nen gereute, daß er der Parthei beigetreten war, beging in einem ſchwachen Augenblicke das Verſehen, daß er ſeiner Gattin das Geheimniß entdeckte. Sie ſchwieg dazu und 180 glaubte die Gelegenheit gefunden zu haben, ſich an ihrem Gatten fuͤr die Haͤrten zu raͤchen, mit denen er ſie behandelt hatte. Sie ſchickte an den Koͤnig einen Geheim⸗ boten und entdeckte ihm den Plan der Un⸗ ruheſtifter, beſonders aber ſchilderte ſie heitt Graf, als den vermeſſenſten Theilnehmer an demſelben. Waltheof geſtatttzt ſpaͤter dem Koͤnige ſeine Verirrung und wurde ge⸗ fangen geſetzt. Dies war das Signal fur die Empoͤrer, daß ihr Anſchlag verrathen ſey und eilig griffen ſie zu den Waffen. Noch aber waren ſie zum Kriege nicht voͤllig geruͤſtet und die Mannſchaft, die ihr Heer verſtaͤrken ſollte, hatte ſich noch nicht ver⸗ ſammelt, die Flotte der Daͤnen konnte noch nicht landen; aber der Koͤnig ſiel mit uͤber⸗ wiegender Macht uͤber ſie her und ſchlug ſie auf’'s Haupt. Wulſtan, der Biſchof von Woreeſter zerſtreute, wie ein Held, die, 181 Haufen der Grafen Roger von Hereford und nahm ihn mit eigener Hand gefangen. Unweit Cambridge erlitt der Graf von Nor⸗ folck eine blutige Niederlage, er ſelbſt aber rettete ſich auf ſein befeſtigtes Schloß Nor⸗ wich. In raſcher Bewegung eilten ihm die Sieger nach. Als er fuͤrchten mußte, daß es erſtůrmt werden wuͤrde, entfloh er in einem Fahrzeuge. Sein Schloß wurde ver⸗ wuͤſtet, gepluͤndert und allen Graͤueln rach⸗ ſuͤchtiger Eroberer preis gegeben. Robert war der Erſte, der ins Zimmer trat, wo die reizende, junge Graͤfin wie eine Verzweifelte die Haͤnde rang, laute Klagen ausſtieß und nur das Schickſal ihres Gatten beſeufzte, den ſie in Feindeshaͤnden glaubte. Mehrere weibliche Perſonen von verſchie⸗ denem Alter hatten ſich in dieſes Gemach gefluͤchtet, weil ſie waͤhnten, daß ſie bei der 182 Graͤfin gegen entehrende Ungebuͤhrlichkeiten ſicher ſeyn wuͤrden. In wilder Verzweiflung trat das junge Weib Roberten entgegen und, indem ſie einen Dolch aus dem Buſen zog und im denſelben vorhielt, ſagte ſie:„Wenn Ihr 4 mich beruͤhrt, ſo ſtoße ich mir dieſen Dolch ins Herz, ich mag keine Art der Schande uͤberleben.“ „So denkt ein edles Weib,“ erwiederte Robert,„und meine Pllicht iſt es, die Tu⸗ gend vor Mißhandlungen mit meinem Leben zu beſchuͤtzen. Was Euer Gemahl verbro⸗ chen hat, dafuͤr ſollt Ihr nicht buͤßen. Graͤ⸗ fin, beruhigt Euch, ehe Ihr den Dolch ge⸗ braucht, muß ich nicht mehr ſeyn.“ * 8n dem Augenblicke rief Robert zwoͤlf 183 tapfere Normaͤnner ins Zimmer und ſagte: „Bewacht dieſe Frauen, daß ihnen kein Leid geſchieht. Thut Ihr Eure Pflicht, ſo werde ich Eure Namen dem Koͤnige nennen, daß er Euch belohnt.“ 5 Er hatte kaum das letzte Wort ge⸗ ſprochen, als vier Unholde die Thuͤr erſtuͤrm⸗ ten und durch Mienen und Worte ihre thieriſche Abſicht verriethen, als ſie unter den Frauen mehrere wohlgeſtaltete ſahen. „Zuruͤck!“ donnerte Robert,„wenn ich Euch nicht niederſtoßen ſoll.“ „Wer iſt es,“ bruͤllten ſie,„der es wagt, es uns zu verbieten, daß wir die Fruͤchte des Sieges nicht genießen ſollen?“ „Bube, der Prinz Robert.“ 184 „Ei was,“ ſagte der Eine, nhier gilt kein Prinz, hier gilt kein Befehl.“ Der Normann that einige raſche Schritte vorwaͤrts, die Graͤfin floh mit lautem Ge⸗ ſchrei zuruͤck, Roberts Schwert blitzte und er hatte dem Ungehorſamen den Kopf geſpal⸗ ten, daß er todt niederſtuͤrzte. Die andern drei Normaͤnner zogen ihre Schwerter, um an dem Prinzen Rache zu nehmen. Da that er einen Streich nach dem Angreifer hin, traf ihm den Arm, daß Hand und Klinge auf die Erde fielen.„Entwaffnet die Raſenden!“ gebot Robert und es ge⸗ ſchah. Der Tumult in dem Gemache war groß und der Koͤnig, der mit ſeinem Ge⸗ folge auf dem Flur erſchien, riß haſtig die Thuͤr auf, weil er Boͤſes durch ſeine 185 Gegenwart verhuten zu koͤnnen glaubte. „Der Koͤnig hieß 1u es und Alle traten auf die Seite. Als er den Todten auf der Erde und den Andern ohne Hand ſah, ſprach er: „Wer treibt hier Mord und Todtſchlag?“— Robert trat hervor und ſprach:„Koͤnig, ich ſteuerte einem Verbrechen, was man an die⸗ ſer Graͤfin begehen wollte. Ich warnte, man war trotzig, ich ſah mich gezwungen, zu ſtrafen.“ „Wo Du Böoͤſes ſiehſt,“ ſagte der Koͤ⸗ nig mit huldvoller Miene,„da kannſt Du ein Richter ſeyn. Wir fuͤhren mit Maͤnnern Krieg und ſollen den Weibern keine Kraͤn⸗ kung zufuͤgen, die aͤrger iſt, als der Tod. Ich lobe Deine That.“ Die Zwoͤlf wurden auf Roberts Bit⸗ ten belohnt. Der Koͤnig ſchickte die Graͤſin, 186 zu ihrer eigenen Sicherheit nach London, bis die Ruhe wieder hergeſtellt war. Nachdem die Rebellen zerſtreut und ge⸗ ſchlagen waren, erſchienen die Daͤnen, unter Anfuͤhrung des koͤniglichen Prinzen Canut, an der engliſchen Kuͤſte, aber ſie landeten nicht, als ſie von der Niederlage ihrer Bundesgenoſſen benachrichtigt wurden. Der Graf Hereford wurde zur ewigen Gefangenſchaft und zum Verluſte ſeiner Guͤter verurtheilt. Eine große Zahl Ge⸗ fangener wurde theils gehaͤngt, theils ließ man ihnen die Augen ausſtechen. Nur mit dem Grafen Waltheof verfuhr man unge⸗ recht und grauſam. Haß und Neid hatte ſich gegen ihn verſchworen und faͤllte uͤber ihn das Todesurtheil. Die verraͤtheriſche, rachſuͤchtige Judith, die keine Fuͤrbitte fuͤr 187 ihn einlegte, war vielleicht mit Schuld dar⸗ an, daß man grauſam gegen ihn verfuhr, um ihre Rache zu küͤhlen. Lange konnte der Koͤnig ſich nicht entſchließen, das To⸗ desurtheil an ihm vollziehen zu laſſen, end⸗ lich unterſchrieb er es und Waltheof wurde in Windſor oͤffentlich hingerichtet. Wenige Wochen nachher verſchwand auch Judith und es iſt die Sage, daß einer der Freunde des Grafen ihre unweibliche Haͤrte mit dem Verluſte ihres Lebens beſtraft haͤtte. Der Graf von Norfolck war nach der Normandie geflohen, wo er reiche Guͤter be⸗ ſaß. Hier ſuchte er den Koͤnig von Frank⸗ reich und den Herzog von Bretagne zum Kriege gegen den Koͤnig von England an⸗ zureizen. Wilhelm eilte mit engliſchen Va⸗ ſallen nach der Normandie und belagerte den Grafen in der Stadt Dol. Frankreich und 188 „Bretagne eilten dem eingeſchloſſenen Grafen zu Huͤlfe, das berennte Dol wurde entſetzt und Wilhelm mußte mit großem Verluſte abziehen. In Bayeux kam es zum Frie⸗ den, indem der Graf von Norfolck mit ein⸗ geſchloſſen war. Der Herzog von Betagne erhielt des engliſchen Koͤnigs Tochter Con⸗ ſtantia zur Gemahlin. Norfolck war in angſtvoller Verzweiflung wegen ſeiner Gattin. Der Koͤnig beruhigte ihn. Nach England wagte er nicht zu gehen, um ſie von London abzuholen. Als der Koͤnig in ſeiner Hauptſtadt angekommen war, meldete er der jungen Graͤfin, daß er ihr die Freiheit laſſe, nach der Normandie zu ihrem Gatten zu gehen, mit dem alle feindlichen Verhaͤltniſſe ausgeglichen waͤren. „Und,“ ſagte der Koͤnig,„ich werde Euch einen Begleiter mit geben, deſſen Schutze 189 Ihr Euch ſicher anvertrauen koͤnnt.“. 4. Die Graͤfin war uͤber die Gnade des Koͤnigs entzuͤckt, und dankte ihm, von innerer Ruͤhrung uͤberwaͤltigt, mit Thraͤnen. Wir muͤſſen es hier bemerken, daß der Prinz Robert, waͤhrend der Koͤnig in der Normandie war, auf Befehl des Königs in England bleiben mußte, um neuen Unord⸗ nungen zu ſteuern, die waͤhrend ſeiner Ab⸗ weſenheit losbrechen konnten. Das ganze Verlangen des Prinzen war nach der Nor⸗ mandie gerichtet, er ſehnte ſich angſtvoll nach ſeiner geliebten Anna, da drei Bo⸗ ten, die er nach Jory geſchickt hatte, ihm keine Nachricht von ihr gebracht hatten. Durch Normaͤnner ſelbſt erfuhr er es, wie ſo ſehr unzufrieden die vornehmſten Vaſallen des Herzogthums mit der Behandlung waͤ⸗ ren, die ſie vom Koͤnige erfahren haͤtten. Seit er ſich, lediglich doch durch Normaͤnner, einen Koͤnigsthron erſtritten haͤtte, beachte er ſie nicht mehr und kraͤnke ihren Stolz und ihre Rechte. Es beduͤrfe nur des Prinzen Robert, der ſich an die Spitze der Mißvergnuͤgten ſtelle, um die Normandie von dem engliſchen Throne unabhaͤngig zu machen.* So ſehr das beſſere Gefuͤhl in dem Prinzen mit einer Revolution ſtritt, die der Sohn gegen den Vater entzuͤndete, ſo waren doch Gruͤnde vorhanden, die ihn dazu lock⸗ ten, wie wir hernach ſehen wollen. Es iſt ſchwer zu entſcheiden, ob der Vater oder der Sohn die groͤßere Schuld träͤgt, als der Aufſtand in der Normandie wirklich zu Stande kam, deſſen Stifter Robert war. Der Prinz wurde zum Koͤnige gerufen, K 8 191 bei dem ſeine andern beiden Prinzen waren, die ſeine Erſcheinung kaum zu bemerken ſchienen. 4 „Ich gebe Dir einen Auftrag,“ redete ihn der Koͤnig an,„den Du gewiß gern er⸗ fuͤllen und ihn als Belohnung einer edlen That anſehen wirſt. Du ſollſt die Graͤfin Norfolck in die Arme ihres Gatten fuͤhren. Berede Dich mit ihr ſelbſt uͤber die Stunde der Abfahrt. Ein ſegelfertiges Schiff wirſt Du im Hafen finden.“ Robert haͤtte diesmal ſeinem Vater danken moͤgen. Sein Herz brannte vor Freude, aber mit geſetzter Miene ſagte er: „Ich gehorche, wenn der Koͤnig befiehlt.... Zum Sitzen wurde er nicht genoͤthigt. Der Koͤnig ſtand vor ihm und ſprach von ſchrift⸗ lichen Auftraͤgen an die Koͤnigin, die ihm 192 am Abend uͤberreicht werden ſollten. Er wandte den Bruͤdern keinen Blick zu, als er aus dem Zimmer ging. Seine ganze Seele lebte auf und in ſeiner entzuͤckten Gemuͤthsſtimmung vergaß er allen Verdruß, den die partheiiſche Liebe des Vaters und die Ungerechtigkeit deſſelben gegen ihn, in ihm unterhielt, als er zur Graͤfin ging. Er fand ſie mit Vorbereitung zur Abreiſe in froher Geſchaͤftigkeit. Als er vor ihr erſchien und ihr meldete, daß er, auf Befehl des Koͤnigs, ihr Begleiter nach der Normandie ſeyn werde, ſagte ſie: „Euerm Schutze, edler Prinz, vertraue ich mich mit Freuden an. Nicht fuͤrchte ich, daß es Euerm Herzen ſchwer wied, mir den kleinen Dienſt zu erweiſen, da ihr Groͤßeres fuͤr mich thatet. Mit allen Reichen der Welt koͤnnte ich es nicht vergelten, was Ihr 193 an mir thatet. Meine unſchuld habt Ihr beſchutzt und dem frommen Weibe gilt ſie mehr, als das Leben. Ewig habt Ihr die Hochachtung meines Gatten gewonnen, der ſich, ſo lange er lebt, fuͤr Euern Schuldner bekennen wird.“ Auf dies Lob antwortete Robert nicht, er fragte nur:„Wann ſeyd Ihr zur Ab⸗ reiſe bereit?“ „Morgen, wenn der Tag graut. Ach. koͤnnte ich zu dem geliebten Manne hinflie⸗ gen! Gegen Euern Vater hat er gehandelt, aber hat Euer Vater nicht gegen ihn ge⸗ handelt?“ 3 „Graͤfin, der Koͤnig iſt mein Vater und zwiſchen ihm und Euerm Gatten darf ich nicht Richter ſeyn. Aber das Eine erlaubt Der Kreuzfahrer. J. 48 3 194 mir zu ſagen: es iſt unrecht, die Fackel der Empoͤrung zu ſchwingen und thöricht, Auf⸗ ruhr zu ſtiften, wenn man zehnmal gewarnt iſt und es geſehen hat, daß der Zweck deſ⸗ ſelben nicht erreicht wurde und das Verderben dadurch nur groͤßer geworden iſt. Je wil⸗ der ſich das Roß baͤumt, deſto ſchaͤrfere Mittel muß man anwenden, es zu zaͤhmen.“ Als Robert die Briefſchaften von ſeinem Vater am Abend empfangen und in Sehn⸗ ſucht und Liebe bei dem Angedenken an ſeine Anna die Nacht durchwacht hatte, ging er, als der Morgen daͤmmerte, zur Graͤfin. „Prinz,“ ſagte ſie,„lange ſchon habe ich auf Euch gewartet. Ach, Ihr kennt die Pein der ſehnſuchtsvollen Liebe nicht.“ „Graͤſin, ich kenne ſie, ich theile ſie mit Euch.. 195 Die Roſſe wurden vorgefuͤhrt, raſch be⸗ ſtiegen und ſo traten der Prinz und die Graͤfin mit einem zahlreichen Gefolge den Weg nach dem Hafen an. Der Prinz lernte die Graͤſin von den liebenswuͤrdigſten Seiten kennen. Das Hauptweſen, was ihre ganze Seele erfüllte, war die zaͤrtlichſte, innigſte Liebe zu ihrem Gatten. So war auch Anna Rotley. Über⸗ haupt glaubte er in ihrem Charakter und in ihrer ganzen Denkungsart die groͤßte Ähnlichkeit mit ſeiner Geliebten zu entdecken und eben dies war es, was ihn ſo zutrau⸗ lich und wohlwollend gegen ſie ſtimmte. Im Laufe des Geſpraͤchs erwaͤhnte ſie auch ihres ungluͤcklichen Bruders, des Gra⸗ fen Hereford, und ſuchte ſein Vergehen moͤg⸗ lichſt zu entſchuldigen, ohne ihn rechtfertigen 196 zu wollen. Daß er zu lebenswieriger Ge⸗ faͤngnißſtrafe verurtheilt ſey und daß man ihm ſeine Guͤter genommen habe, das fand ſie zu hart. Sie meinte, der Koͤnig wuͤrde nicht ſo ſtrenge verurtheilt haben, aber er haͤtte ſich durch die Feinde des Grafen gegen ihn erbittern laſſen. Es wuͤrde in England, meinte ſie, Alles viel beſſer gehen, wenn der Koͤnig ſeinen eigenen Gedanken und Gefuͤh⸗ len, als den Maͤnnern folgte, die oft einer Privatrache, dem Hochmuthe und dem Ei⸗ gennutze froͤhnten und ihn als Werkzeug gebrauchten, ihre Abſichten zu erreichen und ihre Plane durchzuſetzen. „Gewiß, Prinz, Ihr muͤßt bei dem Koͤnige in großem Anſehen ſtehen, vielleicht koͤnnt Ihr ein gutes Wort fuͤr meinen Bruder reden, daß ſeine Strafe gemildert wird. Nehmt Euch ſeiner an, er iſt ein edler, dankbarer Menſch.“ 197 .„Nur das fordert nicht von mir,“ ſagte der Prinz.„Wenn ich bitte, ſchlaͤgt es der Koͤnig ab. Die Anderung ſeines Urtheils und ſeine Milderung wuͤrde er als eine Ver⸗ irrung des fruͤher abgefaßten Beſchluſſes anſehen, das koͤnnte man fuͤr Schwaͤche des Verſtandes oder des Herzens halten und dazu laͤßt er ſich nicht bewegen. Es koͤnnen ſich gluͤckliche Umſtaͤnde fuͤr Euern Bruder ereignen, die ſeine Gefangen⸗ ſchaft abkuͤrzen. Wie vieles Ungeglaubte, Wunderbare hat nicht die letzte Zeit herbei⸗ gefuͤhrt, woran man nie glauben konnte.“ Als ſie an der normanniſchen Kuͤſte gelandet waren, dankte die Graͤfin dem Prinz fuͤr die guͤtige Begleitung, weil ſie glaubte, daß er nun von ihr ſcheiden werde.„Der Koͤnig hat mir befohlen, der Beſchuͤtzer auf Eurer Reiſe zu ſeyn,“ ſagte Robert, ndie iſt 198 noch nicht vollendet, wenn Ihr mich nicht ſelbſt zuruͤckweiſet, ſo folge ich Euch, bis Euch der Graf in ſeine Arme ſchließt. Wenn Euch Unangenehmes unterwegs be⸗ gegnete, was ich verhuͤten konnte, ſo waͤre ich ja dafuͤr verantwortlich, Die Graͤfin war ſehr erfreut, daß Robert ſie nicht verließ. Der Graf hatte bereits nach England ein Fahrzeug mit der noͤthigen Mannſchaft und einigen Frauen abgeſandt, die ihm ſeine Gattin mit ihrer Dienerſchaft zufuͤhren ſoll⸗ ten. Unbeſchreiblich groß war ſeine Freude, als er ſie kommen ſah. Er wunderte ſich insbeſondere, daß der Prinz Robert ſie be⸗ gleitete und ſagte:„Die Huld des Koͤnigs und Eure Güte, verehrter Prinz, iſt groͤßer, als ich ſie verdiene. Dasvon, was Robert fuͤr ſeine Gattin gethan hatte, wußte 4— —— 199 er nichts und ſagte:„An Dir, Du theuer⸗ ſtes Weib, beging ich ein Verbrechen, daß ich Dich verließ, um mich zu retten, was ich mir im ganzen Leben nicht verzeihen werde. Wie habe ich mich um Dich ge⸗ aͤngſtigt! Nur das Eine hat mich ge⸗ troͤſtet, daß ich glaubte, die Feinde wuͤrden Dein Geſchlecht und Deinen Stand reſpek⸗ tiren.“ „Das aber,“ ſagte ſie,„haͤtten ſie nicht gethan, wenn der Prinz, mit eigener Ge⸗ fahr, mich gegen Rohheit und Überwaͤl⸗ tigung nicht ſchuͤtzte. Daß ich rein und unangetaſtet vor Dir erſcheinen kann, das iſt ſein Werk. Mußte ich ſchaͤndlichen An⸗ griffen erliegen, ſo haͤtte ein Dolch, den ich verborgen bei mir trug, mein Leben geendet. Auch die unverſchuldete Schande konnte ich nicht uͤberleben.“ 200 Als ſie die Geſchichte ihrer Rettung, die ſie einzig Roberten verdankte, umſtaͤnd⸗ lich erzaͤhlt hatte, da ſprach der Graf: „Muͤndlicher Dank iſt keine wuürdige Be⸗ lohnung fuͤr ſolche That. Bei allen Hei⸗ ligen ſchwoͤre ich es Euch, jeden Dienſt, ſey es der ſchwerſte, den Ihr einſt von mir fordert, will ich Euch leiſten.“ „Graf,“entgegnete Robert,„es koͤnnte wohl eine Zeit kommen wo ich Eures Bei⸗ ſtandes bedarf, dann haltet Wort.“ Robert hatte es eilig und er reiſete, von Segenswünſchen begleitet, bald ab, um der Koͤnigin die Briefſchaften zu uͤber⸗ reichen und dann, ſo bald als moͤglich, ſeine geliebte Anna zu uͤberraſchen, an die er nicht ohne eine aͤngſtliche Ahnung denken konnte. Furcht und Beſorgniß loͤſchten die Freude immer wieder aus, die in ihm aufflammte, wenn er lebhaft an das Wiederſehen dachte. Er fand ſeine Mutter in ihrem Zim⸗ mer, ſeine Schweſtern Concilia, Adelheid, Alice und Gundredda waren bei ihr, die kleinere Agaha hatte ſie auf dem Schooße. Mit den Nußerungen der lebhafteſten Freude kamen ihm die Schweſtern entgegen, um⸗ armten ihn nach der Reihe und hießen den Bruder, nach einer ſo langen Abweſenheit willkommen. Die Mutter ſchien ſich weniger zu freuen und nicht aus ihrer gewoͤhnlichen Faſſung zu kommen, außer daß ſie ihm einige freundliche Worte ſagte. Sie erkun⸗ digte ſich nach dem Befinden des Koͤnigs und ihren Soͤhnen und ſprach von einer baldigen Überfahrt nach England. Er uͤber⸗ reichte ihr die Papiere von dem Koͤnige, die ſie ſorgſam am Fenſter durchlas, indeß er 202 ſich mit den Schweſtern unterhielt. Nach einer Weile ſagte ſie:„Der Koͤnig ſchreibt nichts von Dir, Du biſt doch wohl in Frieden von ihm geſchieden?“ „Was ſollte er von mir ſchreiben, da ich Euch ſelber ſo viel von mir erzaͤhlen kann, als ich will und Ihr hoͤren wollt. Vielleicht ſchien es dem Koͤnige uͤberfluͤſſig, von mir zu ſprechen. Steht von Wilhelm und Heinrich nichts darin? O, gewiß. Die durften bei ihm ſitzen, ich aber mußte ſtehen. Nutter, die Liebe will Nahrung haben und wo dieſe fehlt, vertrocknet ſie. Wenn ich fuͤr meinen Vater auch den Himmel er⸗ ſtuͤrmte, ſeine Geſinnung gegen mich wird er nicht aͤndern. Endlich muß ich ermuͤden, ihm Dienſte zu erweiſen,“ Die Koͤnigin ſagte:„Was verlangſt —— „„— 203 Du denn fuͤr Deine Dienſte, daß ich es dem Koͤnige melden kann? Es iſt dem Vater gewiß nicht angenehm, der Schuldner ſeines Sohnes zu ſeyn.“ „Die Normandie verlange ich, um end⸗ lich ſelbſtſtaͤndig zu werden und nicht laͤnger unter einer laͤſtigen Vormundſchaft zu ſtehen. Ich denke, was ein Vater dem Sohne ver⸗ ſprochen hat, das muß er halten.“ „Das ſage ihm ſelbſt, er wird Dir die Antwort darauf ertheilen. Wie habe ich mich getaͤuſcht, als ich glaubte, Dein Sinn wuͤrde ſich aͤndern, zufriedener, liebevoller, kindlicher gegen den Vater geſinnt, wuͤrdeſt Du nach der Normandie zuruͤckkehren, aber es bleibt mit Dir unveraͤndert.. „Gerahe ſo, wie es mit dem Koͤnige 204 bleibt. Andert die Urſache, ſo werdet Ihr eine andere Wirkung ſehen.“ „Nach Dir alſo ſoll ſich der Koͤnig fuͤgen und ſo ſeyn, wie Du ihn haben willſt, muͤßte das Gegentheil nicht Statt finden? Warum liebt er denn die andern Soͤhne, die keine Klage uͤber den Vater fuͤhren?“ „Das kann ich ſelber nicht begreifen; daß aber Wilhelm ſein einziger Liebling iſt, das weiß ich wohl. Heinrich muͤßte ohne Gedanken ſeyn, wenn er es nicht einſaͤhe, daß er Wilhelmen nachgeſetzt wird, er iſt nur klüger als ich, er verſteht zu ſchweigen. Die Zeit wird auch wohl kommen, wo ſeine 1 Klagen uͤber vaͤterliche Ungerechtigkeit her⸗ vorbrechen.“ „Darf der Sohn den Vater ſo rich⸗ 205 ten? Willſt Du Heinrich gegen ihn em⸗ poͤren?“ „Fuͤrwahr, Ihr traut mir die verwerf⸗ lichſte Geſinnung zu. Ihr ſolltet mich doch beſſer kennen.“ Die Koͤnigin wich von Robert zuruck, ſetzte ſich auf einen fernſtehenden Lehnſtuhl, ließ den Kopf auf die Bruſt ſinken und ſprach kein Wort, auch die Schweſtern ſchwiegen und alle Gemüther waren ver⸗ ſtimmt. Da ſagte Robert:„Welch ein Empfang, welch ein Wiederſehen! Statt der Freude nur Verdruß. Weicht Eure Liebe auch von mir? Soll ich nur wiſſen, daß ich dem Namen nach Eltern habe? Wollt Ihr das letzte Band aufloͤſen, mit dem uns Gott und Natur verknuͤpft hat? Wohlan, ſo kenne ich ein anderes Weſen, das mir 206 dann in der Welt Alles ſeyn wird. Einen Sohn ſo aufzunehmen, der in Gefahr war, ſein Leben zu verlieren; der an die Spitze geſtellt wurde, wo dem Tode viele Opfer ſielen; der, als er das Schwert gegen die Feinde des Koͤnigs ſchwang, nicht vergaß, gegen ſie Menſch zu ſeyn; den der Koͤnig ſelbſt zum Feldherrn machte; dem man keine Übelthat nachſagen kann, Mutter, das iſt hart, ungerecht, kraͤnkend! Meint Ihr, daß ich ohne Gefuͤhl, ohne Achtung gegen mich ſelbſt bin? Iſt mir eine ſo undurchdring⸗ liche Haut uͤber das Herz gezogen, daß kei⸗ ner der Pfeile, die Ihr nach ihm abſchießt, eindringen kann? Es moͤchte Euch zu ſpaͤt gereuen, daß Ihr mich ſo kraͤnken konntet.“ Die Koͤnigin blieb ſchweigend und Robert ging voll Verdruß aus dem Gemach.. Als ſie ihn nach einer Stunde zu ſich rufen ließ, wurde ihr gemeldet, daß er mit zwei Dienern, wie im Fluge, aus dem Schloß⸗ thore geſtoben ſey. „Er jagt nach Jvry,“ ſagte ſie in ſich, „wie wird er wieder kommen, wenn er ſeine Anna nicht findet und es von ihren Eltern nicht erfahren kann, wo ſie geblieben iſt „Sie bereitete ſich, nicht ohne Ängſtlich⸗ keit, vor, ſich durch Verſtellung die noͤthige Faſſung anzueignen. Als ſie ſeine Ruͤckkehr erwarten konnte, lud ſie die vornehmſten Hofbedienten mit ihren Familien zu ſich, um bei ſeinem erſten, leidenſchaftlichen Toben nicht allein zu ſeyn. Ehe wir jedoch von der Ankunft Ro⸗ berts in Jory ein Wort reden, muͤſſen wir 208 vorher von den Ereigniſſen ſprechen, welche Anna Rotley begegneten. Einige Tage nach Roberts Abreiſe kamen vier Bewaffnete und zwei Frauen auf ſtattlichen Roſſen in Jvry an. Ihre Erſcheinung machte großes Aufſehen und war ſehr uͤberraſchend. Anna fuͤrchtete, daß ſie von Robert eine traurige Nachricht hoͤren werde. Sie erblaßte, ihre Glieder bebten. Die Frauen traten auf den Flur und wur⸗ den in die Stube genoͤthigt, indeß die Rei⸗ ter auf den Roſſen blieben. „Gewiß,“ ſo ſprach die eine Frau, ſich achtungsvoll gegen Anna verneigend,„ſeyd Ihr die Geliebte des Prinzen Robert und der Kleine da iſt ſein Sohn?“ „Habt Ihr ein Recht, darnach zu fra⸗ gen“ ſagte Anna. 209 „Das hat uns der Prinz ſelbſt ge⸗ geben.“ „Wo iſt der Prinz?“ fragte Anna, die wieder mehr zu ſich ſelbſt kam. „Gewiß in England bei dem Koͤnig. Wir handeln nach ſeinem Befehl, wenn wir Euch einladen, uns mit ſeinem Sohne zu folgen.“ „Euch folgen, den Fremden, warum das?“ „Wenn Ihr auf Eure Frage eine Ant⸗ wort haben wollt, ſo laßt Euch dieſe dazu dienen: der Prinz hat Urſache, wenn Ihr in Jory bleibt, fuͤr Eure Sicherheit beſorgt zu ſeyn. Er muß doch Gruͤnde haben, weshalb er vorſichtig iſt. Hat etwa der Der Kreuzfahrer. I. 14 210 Koͤnig von ſeiner Liebe gegen Euch erfahren und fuͤrchtet er, daß man Euch auf ewig von dem Prinzen trennen will, das wiſſen wir nicht. Thut, was Ihr wollt, es zwingt Euch Niemand, begegnet Euch aber Un⸗ freundliches, ſo iſt das nicht unſere Schuld.“ 4 4.. Anna ſchwankte, ſie konnte ſogleich kei⸗ nen Entſchluß faſſen und ſagte:„Von mei⸗ nen Eltern ſoll ich mich trennen, die ich uͤber Alles liebe, die meiner nicht entbehren koͤnnen? Hat das der Prinz nicht bedacht? Wer ſollte mir, dem harmloſen Geſchoͤpfe, das keinen Wurm druͤcken kann, ſchaden wollen! Ich kenne keinen Feind, der mir mit Grund und Urſache zuͤrnen koͤnnte. Soll ich bleiben, ſoll ich gehen, ach, die Wahl iſt ſehr ſchwer.“ Die Eltern waren in Traurigkeit ver⸗ 211 ſunken, die Gedanken verwirrten ſich ihren Seelen, ſie konnten nicht rathen und ihre Herzen waren in einer ſchmerzlichen Bewegung. Sie ſahen bald die fremden Frauen an, die koͤſtlich gekleidet waren, bald ihre Tochter mit ihrer peinlichen Unentſchloſ⸗ ſenheit. Die eine von den Frauen redete alſo:„Der Prinz kennt gewiß die Liebe, die die Tochter mit ihren Eltern verbindet und machten es Umſtaͤnde, die nur ihm bekannt ſind, nicht nothwendig, er wuͤrde Euch nicht bon ihnen trennen. Wer weiß, wer dem König vielleicht das Verhaͤltniß verrathen hat, in dem Ihr mit dem Prinzen Robert ſteht, was aufgehoben werden ſoll. Es heißt ja, daß der Prinz mit der Prinzeſſin Margaretha, der Tochter des Grafen von Anjou, vermaͤhlt werden ſoll, hat man es nicht vieſgeicht im Sinne, Euch, als ein Hinderniß dieſer Ver⸗ bindung, auf eine Weile zu entfernen und 212 dann wird Euch die Gewalt zwingen, das Vaterhaus zu verlaſſen. Muͤßtet Ihr es nicht vorziehen, der Stimme des Prinzen zu folgen, der es gewiß am beſten mit Euch meint? Überlegt ſelbſt, die Wahl kann Euch nicht ſchwer fallen. Gewalt koͤnnen und wollen wir nicht gebrauchen, wollt Ihr uns nicht folgen, ſo gebt Ihr Euch dem Schick⸗ ſale preis und ob Euch dies guͤnſtig iſt, das muͤßt Ihr erwarten.“ Der Paͤchter, durch die Gruͤnde der Frauen bewogen, ſagte zu ſeiner Tochter: „So ungern wir Dich von uns laſſen, ich muß doch zu Deiner Entfernung rathen, ſo ſehr ſie uns aͤngſtigen wird. Wie, wenn Du in fremde Haͤnde fieleſt? 30 kann Dich hier nicht ſchuͤtzen, und wenn der Koͤnig Dich mir abfordert ſo muß ich Dich ſeiner Willkuͤhr uͤberliefern. Was aber der Allem verſehen, was Ihr beduͤrft.“ 213 Prinz uͤber Dich beſchloſſen hat, das kann nie zu Deinem Schaden gereichen. Ziehe im Namen des Gottes von uns, der uͤber un⸗ ſerm Leben wacht, uns Schmerz und Freude zuſchickt, ſo iſt es am beſten. Unſere Tren⸗ nung iſt vielleicht nicht von langer Dauer.“ Die Mutter weinte heftig und Anna war ſo betaͤubt, daß ſie nicht weinen konnte. Als man zu der Reiſe viele Sachen ein⸗ packen wollte, ſagte die Frau:„Das iſt uicht nothig, die Köͤnigin wird Euch mit . „Die dön e Koͤnigin?“ ſagte Anna erſtaut,„iſt die mit ihrem Sohne ein⸗ — verſta den? Hat die in ſeinen Plan ge⸗ willigt?“ e „Allerdings. Zuerſt fuͤhren wir Euch 214 zu ihr, und ſie will den Ort beſtimmen, wo Ihr eine Weile im Verborgenen lebt, bis Ihr Euch wieder oͤffentlich zeigen koͤnnt, bis die Gefahr fuͤr Euch voruͤber iſt.“ „Vielleicht heißt das ſo viel, bis der Prinz mit der Prinzeſſin Margaretha ſich verheirathet hat?“ „Kennt Ihr ſeine treue Liebe nicht beſ⸗ ſer, daß Ihr ſo etwas argwoͤhnt? Das laßt ihn nicht hoͤren, er wüͤrde das ſehr 77 4 uͤbel deuten. 8 Die Paͤchterfrau w troſtlos, als ihre Tochter von ihr Aena uenuf Sie druͤckte den kleinen Clito an ihr Herz und A netzte ihn mit ihren Thraͤnen. Anna war ſtarr, ſie ſchwankte aus dem Vaterhauſe. Der Paͤchter ſelbſt machte eine ſolche Trauermiene, 215 als ob ſeine geliebte Anna, als eine Leiche aus der Wohnung getragen wuͤrde. Als er ihr Gluͤck auf die Reiſe und den Beiſtand Gottes wuͤnſchte, da ſtuͤrzten ihm die Thraͤ⸗ nen uͤber die Wangen. Er ſchlich langſam auf den Boden, um der Tochter nachzuſehen und bemerkte, daß man den Weg nach Rouen einſchlug. So viel er es konnte, ſuchte er ſeine niedergeſchlagene Gatti auf⸗ zurichten. Nicht nach Rouen, ſondern nach einem herzoglichen Landſitze dieſſeit der Stadt wur⸗ de Anna mit dem kleinen Clito hingefuͤhrt. Die Reiter folgten in einer kleinen Ent⸗ fernung nach und die Frauen ritten ihr zur Seite. Sie merkte es, daß ſie von ihnen hoͤchſt achtungsvoll behandelt wurde, und daß ſie ſie, wie eine Gebieterin, be⸗ dienten. 216 Als ſie von dem Landſitze einige tau⸗ ſend Schritt entfernt waren, da es ſchon dunkel war, entfernten ſich die Reiter. Die Thorfluͤgel rauſchten auf den Ruf der einen Frau ſogleich aͤuf und Anna ſah vor ſich ein großes Schloß, das in heller Erleuchtung daſtand. Ihr Herz zitterte vor angſtvoller Erwartung, was ihr begegnen werde und wie ſie empfangen werden wuͤrde. Eine der Frauen faßte ſie am Arm, der kleine Clito hielt ſich an der Hand der Mutter, und fuͤhrte ſie in die Hinterthuͤr des Schloſſes durch einen unerleuchteten Gang. Angſtvoll fragte Anna:„Iſt das der Weg zum Kerker?“ „In dieſem Schloſſe wohnen nur freie Menſchen und da, wo die Koͤnigin lebt, darf kein Ungluͤcklicher ſeufzen. Was habt — 217 Ihr fuͤr Gedanken. Bereitet Euch vor, wir ſteigen eine Treppe aufwaͤrts und Ihr ſeyd im Zimmer der Koͤnigin, die Euch mit Euerm Sohne erwartet.“ Die Frau öͤffnete die Thuͤr und noͤthigte Annen hineinzugehen. Es war ein großes, hohes, mit aller Pracht ausgeſchmuͤcktes Zimmer in heller Erleuchtung. Die Koͤnigin ſaß auf einem weiten Lehnſtuhl, vor ihr ſtanden zwei ſilberne Leuchter, auf denen Wachskerzen brannten. Ein Buch lag vor ihr, in dem ſie las. Sie ſah nach der Thuͤr hin und ſagte:„Brigitte, ich haͤtte Dich noch nicht ſo bald erwartet.“ Dieſe erwiederte:„Eurer Gnade ver⸗ trauend, trennte ſich dieſe Frau, zwar mit blutendem Herzen, aber bald von ihren Eltern. 218 Anna ſtand da in einer ehrfurchtsvollen Stellung und redete kein Wort. Der kleine Clito ſchaute ſtaunend in dem großen, glaͤn⸗ zenden Zimmer umher. „ Anna,“ ſagte die Koͤnigin, als ſie Brigitten geboten hatte, ſich zu entfernen, „kommt zu mir, daß ich Euern Clito ſehe. Fuͤrchtet nichts Arges, ich kann es nicht boͤſe mit Euch meinen und will Euch und mei⸗ nem Sohne nur gefaͤllig ſeyn. Vergeßt, daß ich eine Koͤnigin bin, und ſeyd zutrau⸗ lich, ungezwungen und offen. Kommt.“ Als ſie mit dem Sohne vor der Koͤnigin ſtand, bat ſie, daß Anna ſich nie⸗ derſetzte. Sie beſchaute den kleinen Clito genau, nahm ſeine Hand und ſagte:„Fuͤr⸗ wahr, ein ſchoͤner Knabe, ſchoͤner noch, als ſein Vater, als er noch ein Kind war. 219 Die Koͤnigin ſtand auf, holte ſilberne Spielſachen, reichte ſie Clito, der ſie mit freundlichem Geſicht annahm und ſagte zu ihm:„Dieſe bewahre als ein Andenken an mich, wenn Du groß biſt und ich nicht mehr lebe.“ Die Koͤnigin war ſo liebevoll und guͤtig gegen Anna, ſo herablaſſend und herz⸗ lich, daß dieſe im Innern ruhiger wurde und keinen Augenblick an dem Wohlmeinen derſelben mehr zweifelte. Aber haͤrmt Euch nur nicht uͤber die ploͤtzliche Trennung von Euren Eltern, Ihr werdet ſie wieder ſehen. In Jory durftet Ihr nicht laͤnger bleiben, das hat Robert richtig berechnet. Es iſt dem Koͤnige ver⸗ rathen, daß Ihr ſeine Geliebte ſeyd, und man konnte nicht wiſſen, was er uͤber Euch 220 beſchloß. Wenn ich ihn ſelber ſpreche, ſo will ich jede Gefahr entfernen, die Eurer Liebe droht.“ „Mit innerer Ruͤhrung dankte Anna der Koͤnigin, die alſo fortfuhr:„Gern be⸗ hielte ich Euch in meiner Naͤhe, aber Ihr muͤßt es ſelbſt begreifen, daß dies nicht geht, ohne daß Ihr verrathen werdet. Morgen laſſe ich Euch durch die beiden Frauen zu einem Vaſallen bringen, wo Ihr eine Auf⸗ nahme finden werdet, wie Ihr ſie, außer dem Vaterhauſe, wuͤnſchen koͤnnt. Seine Gattin, meine Freundin, iſt die Guͤte und Liebe ſelbſt. Wie eine Mutter wird ſie Euch empfangen. Ihre drei Toͤchter die er⸗ wachſen ſind, werden Euch aufnehmen in ihren ſchweſterlichen Verein. So geht Eurer Zukunft ruhig entgegen, und hofft getroſt daß Ihr zu Euern Eltern zuruckkehrt, wenn keine Gefahr mehr fuͤr Euch zu fuͤrchten ſteht.“ 221 Mit innerm Wohlgefallen betrachtete die Koͤnigin Annen, die ihr wie das Bild des wahren Schoͤnen erſchien. Aus ihren Reden erkannte ſie einen natuͤrlichen, einfach gebildeten Geiſt, ein Gemuͤth von reiner, edler Guͤte und eine Liebe gegen Robert und ihr Kind, die keine Grenzen kannte. Ruͤhrend war es der Koͤnigin, als ſie ihr Verhaͤltniß gegen die Eltern und das fried⸗ liche, patriarchaliſche Leben in der vaͤter⸗ lichen Wohnung ſchilderte. „Der kleine Clito war auf dem Schooße der Mutter eingeſchlafen. Die Koͤnigin ließ die Eine der Frauen kommen, welche Annen das Schlafgemach anwies, welches an das Zimmer der Koͤnigin ſtieß, die zu ihr ſagte: „Angſt und Kummer hat Euch ermuͤdet, Ihr beduͤrft der Ruhe, legt Euch nieder. Wir ſehen uns nicht wieder, da Ihr morgen in aller Fruͤhe abreiſet, von den zwei Frauen begleitet, die Euch hierher brachten. Fuͤr Eure Beduͤrfniſſe will ich reichlich ſorgen, nur verſprecht mir, daß Ihr Euch ruhig in meine Anordnungen fuͤgen und uͤber Euer Geſchick nicht murren wollt.“ „Koͤnigin, das will ich, ſo weit meine Kraft reicht.“ „Lebt wohl mit dem Kinde und ſeyd gewiß, daß Euch nichts Boͤſes begegnet. Anna dankte und ſchied von der Koͤnigin. Schon vor Anbruch des Tages trat man die Reiſe an. Anna hatte dieſelben Frauen zu Begleiterinnen, dieſelben Reiter folgten ihnen nach. Als die eine Frau ſie feagte, wie ihr die Koͤnigin gefallen haͤtte, ſagte Anna:„Wenn mich der Glanz der 223 Hoheit nicht fern hielt, ich wuͤrde mich ihr ge⸗ naht haben wie einer muͤtterlichen Freundin.“ Die Reiſe wurde einige Mal durch eine Stunden lange Ruhe unterbrochen. Noch war die Sonne nicht untergegangen, als Anna auf einer Anhoͤhe ein uraltes Schloß mit mooſigten Mauern entdeckte. Es war ein ſehr großes, hohes Gebaͤude mit Mauern und Waͤllen, wie eine Feſtung, umgeben. Sſtlich breitete ſich eine See von großem Umfange aus, ſdlich ſah man einen duͤſtern Wald und die andere Gegend um das Schloß zeigte Klippen und felſigtes Geſtein. Sie fragte:„Werde ich hier das Ziel meiner Reiſe finden?“ „Hier werdet Ihr es finden. Hat Euch die Koͤnigin nicht geſagt, daß hier ein rei⸗ cher Herr von Thornton mit ſeiner Familie wohnt?“ „Davon hat ſie mir nichts geſagt und ich habe ſie auch nicht darnach gefragt.“ „Er iſt als ein ſehr rechtlicher Mann bekannt und ſeine Gattin war bei Hofe. In ihr findet Ihr eine gebildete Frau mit feiner Lebensmanier. Die Toͤchter ſollen wohl erzogen ſeyn. Von dem Sohne weiß ich nichts.“ Ohne ÄAngſtlichkeit und Scham war Anna nicht. Sie wußte es nicht, welche Aufnahme eine gemeine Paͤchtertochter in dem adlichen Hauſe mit ihrem Clito ſinden wuͤrde. Nach ihrem Urtheile war ſie die rechtmaͤßige Gattin des Prinzen, aber konnte man ſie nicht fuͤr eine Art von Maitreſſe hal⸗ Eiitelkeit oder Leichtſinn dem Prinzen uͤber⸗ ließ? Gegen das Urtheil der Welt war ſie nicht gleichguͤltig und jede Behandlung, die ten, die ſich aus eigennuͤtzigen Abſichten, aus 225 ſie erfuhr, welche ihre Unſchuld und Tugend⸗ wuͤrde kraͤnkte, war die groͤßte Beleidigung fuͤr ſie. Die Reiter blieben vor dem Thore zuruͤck und die Frauen folgten ihr bis vor die Thuͤr des Schloſſes. Ein alter Be⸗ diente, unmodiſch und altvaͤterlich gekleidet, öffnete die Thuͤr und trat die drei Stufen hinab, die zu einem geraͤumigen, großen Platze fuͤhrten. Als die Frauen von den Roſſen geſtiegen waren, ſagte er:„Folgt mir, ich werde Euch fuͤhren.“ Er ging voran, oͤffnete ein geraͤumiges Zimmer, in dem man die herrſchaftliche Familie ver⸗ ſammelt fand. Die Frau von Thornton mit ihren drei Toͤchtern kamen Annen freundlich entgegen, hießen ſie willkom⸗ men, indeß der Herr von Thornton, ein dicker, dicker, großer Mann in ſeiner Behag⸗ Der Kreuzfahrer, I. 15 226 lichkeit auf ſeinem Platze blieb und der Fremden mit dem Kopfe einige Mal vor⸗ 6 nehm zunickte. John, der Sohn, ein Juͤng⸗ ling von zwei und zwanzig Jahren, machte einen langen Hals, riß die Augen weit auf unnd ſtaunte uͤber das junge, ſchoͤne Weib. „Schade,“ dachte er,„daß ſie ſich mit dem Prinz einließ, die haͤtte in der Welt auf eine andere Weiſe ihr Gluͤck machen koͤnnen. Eine ehrliche Freu kann ſie nun nicht werden.“ Als die eine der beiden Frauen ſich ihres Auftrages von der Koͤnigin entledigt hatte, verließen ſie Beide, wie auf ein ge⸗ gebenes Zeichen, das Gemach. Die Dame Thornton ſagte zu Annen: Laßt Euch bei uns nieder, Ihr muͤßt ſehr muͤde von der Reiſe ſeyn. Vor allen 227 Dingen muß ich Euch bitten, legt Euch keine Art des Zwanges auf und thut, als ob Ihr im vaͤterlichen Hauſe waͤret. Kein Leid ſoll Euch geſchehen. Die Koͤnigin bat mich, Euch auf eine ungewiſſe Zeit aufzu⸗ nehmen, und die Bitte der edlen Frau galt mir fuͤr Befehl. Fuͤr Eure Perſon habt Ihr nichts zu fuͤrchten, unſer Schloß gleicht einer Feſtung und Thornton wird Euch Niemanden ausliefern. Es ſoll verborgen bleiben, daß Ihr hier in Stirworlay Euch aufhaltet, Ihr ſelber werdet es nicht ver⸗ rathen. Zu Eurer Bedienung bleibt eine der Frauen hier, die Euch hierher begleitet hät. Was Ihr zu Eurer Bequemüichkeit braucht, das duͤrft Ihr nur fordrrn, es ſoll Euch gern gereicht werden. Meine Toͤchter werden Euch Geſellſchaft leiſten. Euern Namen aber muͤßt Ihr aͤndern, damit Ihr nicht auf Eurer Stube ſitzen muͤßt, wenn 228 Fremde im Schloſſe ſind. Nennt Euch Alice Thornton, eine Verwandte meines Gatten.“ Mit einer ſchnarchenden Stimme und in gerader, aufgerichteter Stellung ſagte der Schloßherr zu ſeiner Gattin:„Nenne ſie, wie Du willſt, mache eine Adliche, eine Graͤfin aus ihr, das ſoll mir Alles gleich⸗ viel gelten, wer aber keine geborne Thornton iſt, ſoll den Namen meiner Vorfahren nicht fuͤhren. Du weißt, wie er in Ehren ſteht.“ „Nun,“ ſagte die Dame,„ein Name iſt bald gefunden, wenn es der Deine nicht ſeyn ſoll.“ Nach einigen gleichguͤltigen Geſpraͤchen, die die Toͤchter mit Annen unterhielten, ging 229 man zur Abendtafel. Herr von Thornton ſprach wenig, da er mit dem Eſſen und Trinken uͤberfluͤſſig beſchaͤftigt war und bis⸗ weilen auf Annen und ihren Sohn hin⸗ ſchielte. John redete faſt keine Sylbe und bewunderte nur das ſchoͤne, junge Weib. Er meinte, waͤre ſie ledig und los und er ſein eigener Herr, ſo ſollte dieſe und keine andere in der Welt, ſeine Gattin werden. Martha, ſeine erklaͤrte Braut, ſey doch nur ein Schattenbild gegen dieſe. Deſto mun⸗ terer floß die Rede unter den Frauen, die auch Annen Gelegenheit zum Sprechen gaben und es fanden, Ihr Verſtand ſey nicht ohne Bildung. Die aͤlteſte Tochter Mathilde ſpielte insbeſondere mit dem klei⸗ nen Clito und dieſe war es auch, zu der Anna vom erſten Augenblicke an das groͤßte Zutraun faßte. Das weibliche Perſonale gefiel ihr ſehr wohl, nicht ſo der Vater und 230 Sohn. Erſterer kam ihr vor, als ob er Ahnenhochmuth, viel uͤble Launen haͤtte, in ſeinem Weſen plump und nach ſeinen Sit⸗ ten ungehobelt waͤre. Den alten Bedienten, der Einzige, der die Aufwartung bei der Tafel hatte, fuhr er grob an, als er ihm das, was er verlangte, nicht ſchnell genug reichte. Haͤtte man es uͤbrigens Annen nicht geſagt, daß in dem Schloſſe reiche Leute wohnten, ſie haͤtte es nicht geglaubt. Die Zimmer waren nicht beſſer ausmoͤblirt, als in ihrer vaͤterlichen Wohnung. Die Frau des Schloſſes allein zeichnete ſich durch einen reichen Anzug aus, die Andern waren einfach und wohlfeil gekleidet. Mathilde wies Annen mit ihrem Sohne fruͤher, als ſie es gewohnt war, ihr Schlaf⸗ gemach und ihr Wohnzimmer an. Sie mußten drei lange Treppen in die Hoͤhe 231 ſteigen, ehe ſie vor der Stube ankamen. In ihr herrſchte eine Art von Daͤmmerung, da die Aufwaͤrterin, welche ſchlafend auf einem Lehnſtuhle ſaß, das helle Licht nicht unterhalten hatte. „Ihr ſeyd muͤde,“ ſagte Nathilde, „legt Euch nieder, ich bleibe noch ein Weil⸗ chen bei Annen, wenn ſie ſich nicht ſchon niederlegen will.“ 3 Die Frau entfernte ſich und als der kleine Clito auch eingeſchlafen war, entſpann ſich unter den Beiden eine Unterhaltung, die bis nach Mitternacht fortgeſetzt wurde. Ihre Seelen floſſen gleichſam in einander und ſie fuͤhlten es, daß eine Übereinſtimmung der Geſinnung und der Gefuͤhle unter ihnen herrſchte und ſie gelobten einander Liebe, Freundſchaft und Verſchwiegenheit. 23² Anna erzaͤhlte Mathilden die Geſchichte ihrer Liebe mit dem Prinzen von Anfang bis zu Ende. Darin lag fuͤr Mathilden ihre ganze Rechtfertigung. Mathilde theilte ihr dagegen ſchmerzhafte Erfahrungen mit, die ſie gemacht hatte, indem ſie zwei Juͤng⸗ linge, deren Betheurungen ſie glaubte, ſchaͤnd⸗ lich betrogen. Sie wurden dafuͤr beſtraft, der Eine verlor bei einer Überfahrt nach England das Leben, der Andere wurde in einem Zweikampf mit einem Oberſten nie⸗ dergehauen. „Ich muß Euch mit der Lage des Hauſes, mit dem Charakter der Perſonen bekannt machen,“ ſagte die gutmuͤthige, offene und underſtellte Mathilde.„Ihr werdet mein Vertraun nicht mißbrauchen. Ich habe bei dieſen Eroͤffnungen die gute Abſicht, daß Ihr wißt, wie Ihr Euch gegen die einzelnen Glieder der Familie zu beneh⸗ men habt und was Ihr von ihnen erwarten koͤnnt. Es wird Euch dann auch um ſo weniger befremden, wenn Ihr Euch nicht ſo behandelt ſeht, als Ihr es in einem Schloſſe erwarten koͤnnt.“ Sie wollte mit ihrer Charakterſchil⸗ derung den Anfang machen, als man raſch die Treppe heraufkommen hoͤrte.„Erſchreckt nicht, wenn Ihr eine ſonderbare Geſtalt ſeht, ich vermuthe, es iſt Martha Ely, eine Schweſter meines Vaters. Sie hat den rechten Verſtand verloren, haͤlt alle Naͤchte im Schloſſe einen Umgang, ohne daß ſie einen Menſchen beleidigt. Sie verlor in der Schlacht von Haſtings ihren Gatten und in dem Augenblicke, wo ſie die Todes⸗ nachricht erhielt, ſing ſie an irre zu reden und kein Arzt kann ihr helfen. Sie iſt 234 reich, darum nahm ſie mein Vater zu ſich.”* Die Thuͤr flog auf und Martha Ely trat herein. Sie war phantaſtiſch gekleidet und hatte ein duͤſteres Anſehen. „Iſt er hier, mein Odo?“ fragte ſie. „Ich ſah vom Garten aus ein Licht brennen und dachte, er waͤre von den Todten aufer⸗ ſtanden. Kann man auferſtehen, wenn man todtliſt, Mathilde, das mußt Du mir ſagen.“ „ Ja wohl, Tante,“ erwiederte ſie. Sie blickte Annen ſtarr an und fragte: „Bringt mir dieſe Fremde Nachricht aus einer andern Welt von meinem Odo, ſo gebe ich das beſte Botenlohn. Bringſt Du Nachricht?“ — 235 Anna verſtummte. Mathilde ſagte: „Die Nachricht koͤmmt erſt morgen an, heute nicht. Geht nur und legt Euch nieder.“ Mathilde faßte die Martha Ely bei der Hand, fuͤhrte ſie mit ſich und ſagte zu Annen:„Morgen, liebe Anna, erzaͤhle ich weiter. Riegelt Eure Thuͤr feſt zu, daß Euch Niemand in der Ruhe ſtoͤrt, das duͤrft Ihr an keinem Abend vergeſſen.“ Anna war ſo aufgeregt, daß ſie nicht einſchlafen konnte. Das Bild der Ely, mit ihrem verzerrten Geſicht, ſtand vor ihren Augen. Hoch erfreut war ſie aber, daß ſie im Schloſſe unter den Fremden an Mathil⸗ den ein gleichgeſtimmtes Weſen fand. Auf die Schilderung der Charaktere war ſie ſehr neugierig. Nicht die Unart des Schloßherrn fuͤrchtete ſie, wohl aber die Zudringlichkeit 236 Johns, da ſie es bemerkt hatte, wie wild und feurig ſein Blick war, wenn er ſie an⸗ ſah. Seine Verſuche, ihrer Tugend zu ſcha⸗ den, konnte ſie leicht abweiſen, aber ſie fuͤrchtete ſeine Rache, und nicht ohne Grund. Ende des erſten Theils. —— — — Folgende neue Unterhaltungsſchriften ſind beſonders zu empfehlen und in allen Buchhandlungen fuͤr beigeſetzte Preiſe zu bekommen: Ahlefeld, C. von(Verfaſſerin der„Maria Muͤller, der Erna“ u. a. m.), Clara, oder das Licht im Huͤttchen. Ein einfacher Noman.. 1 Thlr. Dieſelbe, die Sieilianerin oder das Liebes⸗ pfand. Eine romantiſche Erzaͤhlung aus der Ritterzeit. 20 Gr. Albiny, J., die Baſtardbruder, oder der Fluch der Geburt. Ein romantiſches Gemaͤlde. 2 Theile. 1 Thlr. 20 Gr. Derſelbe, Guilio di Sorento, oder der Bund der heimlichen Raͤcher. Eine romantiſche Geſchichte aus den Papieren eines Unbe⸗ bekannten. 4 Theile. 4 Thlr. Bernardo und Emmelina, oder die Schreck⸗ niſſe der Folterkammer, und Woldemar. Von Alexis dem Wanderer. 1 Thlr. 8 Gr. Brautſchau, die. Komiſcher Roman vom Verfaſſer der Mitternachtsglocke; Pips, des Kleidermachers Sohn Abentheuer. u. a. m.. 1 Thlr. 4 Gr. Entfuͤhrte, der. Ein Roman nach dem Franzoͤſiſchen von Alexis dem Wan⸗ derer. 3 Theile. 3 Thlr. 8 Gr. Geachtete, der, oder Pfaffenmord und Rache. Ein Roman aus der Vorzeit vom Ver⸗ faſſer des Albert von Reinſtein, Ritter Golo u. a. m. 3 Theile. 3 Thlr. Hildebrandt, C., Agathe, oder der Eidſchwur. Eine Kloſtergeſchichte. 3 Theile. 3 Thlr. 4 Gr. 5 ———————— Hildebrandt, Kunz von Kauffungen oder der Prinzenraub. Ein Gemaͤlde aus dem funfzehnten Jahrhundert. 22 Gr. Derfelbe, der Mord am Hochaltar. Eine Geſchichte aus dem funfzehnten Jahrhun⸗ dert. 2 Thle. 1 Thlr. 16 Gr. Mandien, Chr. Fr., Gundobald, oder die Raͤcher mit den ſchwarzen Waffen. Rit⸗ tergemaͤlde aus den Zeiten der Kreuzzuͤge und des Vehmgerichts. 1 Thlr. Scott, W., die Erſtuͤrmung von Selama, oder die Nache. Eine ſchottiſche Sage. 3 Theile. 23 Thlr. Thomas Armenteros, oder das Auto da Fe. Vom Verfaſſer von Wilhelm Meiſters Meiſterjahren. 20 Gr. Wanda bder das geheimnißvolle Schloß. 8 64 4 Thlr. 6 Gr. „— Wehrmann, E., das Turnier zu Hoheneck. Ritterſchauſpiel in 5 Akten. 42 Gr.. Abentheuer, das naͤchtliche; Treue bis zum Tode und andere Erzaͤhlungen von E. Hildebrandt.— 1 Thlr. 5. 4 Berggeiſt, der, des Harzes. Von Eduard Wehrmann. 20 Gr. Buch, das, ohne Titel. Wer lachen will, der leſe es. Mit einem illuminirten Kupfer. geh. 20 Gr. ., .. . ſnſnſniſſ Tnnmſinſinſinſmnſnnſn 8 9 11 12 13 14 15 1 1 1 9 L v