eiß- und SSeſebedingungen. 3 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Norgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe binterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 3 b 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt 3 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Nr. Ff. 1 Nk. 50 Pf. 2 Nr— Pf. mutzte, ver⸗ erkes, ſo iſt geſetzt und wird eiterverleihen 15 en, welche die⸗ —-— Der Kreuzfahrer. — Ein Roman 6 nach Valter Scott. 8 * Zweiter Theil. 8 Quedlinburg und Leipzig, 1825, he; Gottfried Baſſe⸗ 3 4 Der Kreuzfahrer. Zweiter Theil. Als Anna am Morgen mit dem Anzuge ihres Sohnes beſchaͤftigt war, der ſeine Sehnſucht nach den Großeltern mit Thraͤ⸗ nen bezeichnete, ſo, daß ſie ſich ſelbſt des Weinens nicht enthalten konnte, kam die liebevolle Mathilde, um ſie zu beſuchen und ihr Geſpraͤch fortzuſetzen. Am Tage erſchien ihr der Knabe noch ſchoͤner, ſie ſchmeichelte 4 ihn mit vielen Liebkoſungen auf ihrem Arm und bedeckte ſein Geſicht mit Kuͤſſen. Auch Anna betrachtete ſie mit geheimem Wohlge⸗ fallen, die ihr ſo reizend, ſo anziehend er⸗ ſchien, als ſie noch nie eine Frau aeſchn hatte. Anmuth und Sanſtheit, Guͤte und 6 ein frommer Sinn zeigte ſich in ihrem Außern.„Die iſt, ſie muß gut ſeyn,“ ſagte eine geheime Stimme in Mathilden;„die Natur, die ſo viel Schoͤnes uͤber dieſes herr⸗ liche Weſen ausgegoſſen hat, kann nicht lugen und taͤuſchen.“ Die Liebe und das Vertraun gegen die Fremde erhielt neuen Zuwachs. Zu der Dienerin, die die Koͤnigin viel⸗ mehr als eine Vaͤchterin und Auflaurerin Annen zugeſellt hatte, ſagte Mathilde: „Wollt Ihr nicht alte Bekannte im Schloſſe aufſuchen?“ Die gewitzte Zofe verſtand die Be⸗ deutung dieſer Worte und fragte mit ſpoͤt⸗ tiſchem Laͤcheln:„Wenn befehlt Ihr, daß ich wieder kommen ſoll?“ „Vor einigen Stunden nicht.“ V V „Mathilde,“ ſagte Anna zu ihr,„mir ſcheint es ſo, daß Ihr mit einer koͤniglichen Zofe zu rauh und hart umgeht.“ „Nicht doch, liebe Anna, dieſer Art Menſchen muß man bisweilen den Zuͤgel ſtraff anziehen, wenn ſie nicht vermeſſen und keck werden ſollen. Laßt Euch nichts von dieſer Perſon bieten und haltet feſt darauf, daß ſie es nie vergißt, daß Ihr die Herrin ſeyd. Haltet Ihr nicht darauf, ſo werdet Ihr bald ihren Launen und Grillen unter⸗ liegen. Ich kenne das Hofgeſchmeiß durch meine Mutter, das ſich oft Rechte anmaßt, die ihm nicht gebuͤhren.“ „Mein Vater iſt mit John auf der Jagd, ſie lieben Beide das Morden der wilden Thiere leidenſchaftlich, wir duͤrfen alſo nicht fuͤrchten von ihnen geſtoͤrt zu werden. Beate, meine juͤngſte Schwaſte 8 ein wahrer Wildfang, begleitet den Vater. Sie kann reiten und mit dem Bogen treffen, wie ein normanniſcher Jaͤger, darum iſt ſie auch der Liebling des Vaters, der weibliche Guͤte und Sitte nicht zu ſchaͤtzen weiß. Die Mutter tummelt ſich mit Gertrud in der Wirthſchaft. Mich nennt man ſpott⸗ weiſe die Heilige, weil ich mich am liebſten in der Einſamkeit mit geiſtigen Betrachtungen beſchaͤftige. Den Stein der Weiſen ſuche ich nicht, aber Geheimniſſe, die die Koͤrper⸗ mit der Geiſterwelt verknuͤpfen, jenes Himm⸗ liſche, was die Sterblichen ahnen, unſere uͤberirdiſche Natur ſuche ich zu erforſchen. „Ein Blick in Euer großes, blaues Auge hat mich Euer Inneres kennen gelehrt.“ „Geſtern Abend unterbrach uns Martha Ely, ich bin Euch die Schilderung Eurer kuͤnftigen Hausgenoſſen ſchuldig geblieben, die ich Eurer Verſchwiegenheit mit aller ———— ——— 9 Treue und Wahrheit mittheilen will. Nicht will ich den Perſonen, wie die Maler, ſchmeicheln, ſondern ſie Euch nach der Wahr⸗ heit darſtellen. Wenn ich manchen Tadel einſtreuen muß, ſo haltet mich nicht fuͤr lieblos und ungerecht. Man ſieht gewoͤhn⸗ lich die Fehler Anderer in hellem Lichte, in⸗ deß die eigenen gleichſam in der Daͤmmerung ſtehen.“ „Mein Vater iſt ein ſehr rechtlicher Mann, dem Falſchheit und Luͤge verhaßt iſt. Den beſſern Menſchen, die er genau kennt, laͤßt er Gerechtigkeit widerfahren. 55 iſt, wie ich geſagt habe, ein Jaͤger aus Leiden⸗ ſchaft. Eine unvertilgbare Rohheit liegt in ſeinem Weſen. Oft ſcheint er, wenn man ihn nach ſeinen Worten beurtheilt, hart zu ſeyn; aber in ſeinem Innern meint er es ſo boͤſe nicht. Ob er ſelbſt ſich nicht durch Thaten ausgezeichnet hat, ſo haͤlt er ſich 10 doch, wegen des Ruhmes, den ſich ſeine 9 Vorfahren in den Kriegen erwarben, fuͤr beſſer, als andere Menſchen. Sein Ahnen⸗ ſtolz iſt ſeine ſchwache Seite, die man nicht unſanft beruͤhren darf. Selbſt kleine Vernach⸗ laͤſſigungen jagen ihn in Feuer und Flamme⸗ Sein Hochmuth litt es darum auch nicht, daß Ihr ſeinen Namen fuͤhren ſolltet. Bei ſeinem großen Vermoͤgen iſt er geizig und der kleinſte Verluſt ſchmerzt ihn lange. An⸗ dere, weniger hervorſtechende Fehler hat er mit Andern gemein. Ihr duͤrft nur ſeinem Adel nicht zu nahe treten, ſparſam ſcheinen, einen etwanigen Ausfall gegen Euch, uͤber Euer Verhaͤltniß mit dem Prinzen leicht verzeihen, ſo habt Ihr ihn zum Freunde.“ „Meine Mutter, die mehrere Jahre bei Hofe lebte, die noch von der Koͤnigin geliebt wird, worauf ſie ſtolz iſt, hat die Schminke der großen Welt angenommen, die ſie noch 11 beibehaͤlt, obgleich die feinern Spuren der⸗ ſelben verwiſcht ſind. Ich glaube, um von einer Koͤnigin ausgezeichnet zu werden, koͤnnte ſie ſelbſt der Tugend und Wahrheit abhold werden. Sie iſt gut, wohlthaͤtig, herablaſſend und, nach ihrer Art, ſehr fromm. Sie verſaͤumt keine Meſſe, ſie hat fuͤr den geiſtlichen Stand eine hohe Ehrfurcht und haͤlt taͤglich mehrere Betſtunden, nicht ſo⸗ wohl zu ihrer Heiligung als aus Gewohn⸗ heit und weil ſie damit den Himmel zu ver⸗ dienen glaubt. Sie haͤlt auf das Außere ſehr viel und moͤchte Pracht und Glanz um ſich her verbreiten, aber der Vater, mit dem ſie deshalb in ewigem Wortwechſel ſteht, reicht kein Geld dazu her. Ihr ſeht im Schloſſe daher auch die alterthuͤmlichen Moͤ⸗ beln aus den Zeiten der Vorfahren, die zu ſeinem rußigen Äußern ſehr gut paſſen. Im Eheſtande hat die Mutter wohl nie gluͤcklich gelebt, da der Charakter und das 12 Betragen des Vaters nicht zu dem ihren ſtimmt. Sie heirathete den reichen Juͤngling aus Zwang weil ihre armen Eltern glaub⸗ ten, daß ein reicher Mann ſeine Frau gluͤck⸗ lich machen koͤnne. Wollt Ihr es alſo mit meiner Mutter nicht verderben, ſo beleidigt nie ihre Eitelkeit, ruͤhmt ihr Gluͤck, daß ſie mit einer Koͤnigin in ſo enger Verbindung ſteht, ſpielt die Rolle einer Nonne, verſaͤumt die Meſſe nicht, und wenn ſie Euch dazu einladet, ſingt und betet eifrig mit ihr.“ „Meine Schweſter Gertrud iſt die Liebe, die Gefaͤlligkeit, die Froͤmmigkeit ſelbſt. Die kann kein Kind betruͤben. Sie hat keine eiteln Wuͤnſche und iſt immer zufrieden. Wenn der Vater ſie bisweilen hart anfaͤhrt, ver⸗ birgt ſie den Schmerz und weint im Stillen. Seyd offen und zutraulich gegen ſie und Ihr habt ihr Herz gewonnen. Die Mutter veerkennt den Werth dieſer Tochter, weil ihr 13 eine vorzuͤgliche Verſtandesgabe fehlt und ſie den aͤußern Firniß, wodurch eine Jungfrau dem Manne gefaͤllt, nicht achtet.“ „Vor meiner juͤngſten Schweſter Beate aber nehmt Euch wohl in Acht. Sie iſt liſtig und klug und lauert auf Worte und Mienen, um davon nach ihrer Willkuͤhr Gebrauch zu machen. Zwiſchen dem Vater und der Mutter hat ſie oft durch ihre Plau⸗ derei Unfrieden geſtiftet; aber wegen ihres ſchmeichelnden, liebkoſenden, unbefangenen Weſens, iſt ſie doch der Liebling von Bei⸗ den. Sie verſteht die Kunſt, als ob ſie ihr angeboren waͤre, alle Rollen zu ſpielen, jede Geſtalt anzunehmen, nur nicht die natuͤrliche und wahre. Wenn ſie es der Muͤhe werth achtet, wird ſie es darauf anlegen, Euer Herz zu erobern und leicht wuͤrdet Ihr es ihr hingeben, wenn ich Euch nicht gewarnt haͤtte.“ 14 „Mein Bruder John aber iſt ein wah⸗ rer Landjunker, der weiter nichts gelernt hat, als die Jagd exerciren, Roſſe zu reiten und Hunde zu dreſſiren. Ein ſchoͤnes Roß und ein eingehetzter Hund ſind ihm lieber als ein Menſch. Da er die Hoffnung hat, einſt Herr des Schloſſes zu werden, ſo traͤgt er ſeine Naſe ziemlich hoch. Kunſt und Wiſſenſchaft gelten ihm fuͤr alberne Poſſen, er achtet keinen Mann von Geiſt und Wiſ⸗ ſenſchaft, wenn er nicht zugleich reich iſt. Er iſt roh und wild und bei ſeinem geringen Verſtande duͤnkt er ſich der Kluͤgſte zu ſeyn. Seine Leidenſchaften ſind heftig und unge⸗ ſtum und er kann, wenn er ſich ſelbſt ver⸗ gißt, in Zorn und Wuth gerathen. Jetzt ſcheint er ein wenig vernünftiger und zah⸗ mer zu werden, da er eine Braut hat, die ſeine Wildheit nicht leiden kann. Fragt er Euch, ſo bleibt ihm die Antwort nicht ſchul⸗ dig, laßt Euch aber mit ihm micht in ein 15 Geſpraͤch ein. Zur Vertraulichkeit wird es unter Euch nicht kommen. Seyd nie da, wo er allein iſt, ſo viel es ſich paßt, geht ihm aus dem Wege. Der Vater haͤlt große Stuͤcke auf ihn, weil er in ihm ſein Eben⸗ bild ſieht, das er nach ſeiner Hand gezogen hat. Der Mutter gehorcht er nicht mehr und ſpielt gegen ſie den freien Herrn, uns Schweſtern macht er manchen Verdruß, und Seuuud beſonders, die ſich nicht verantwor⸗ t, iſt oft die Zielſcheibe ſeines groben W, 44 „Die Hauptſache glaube ich Euch nun geſagt zu haben, die erfordert wird, um Euch, wenn Ihr meine Weiſungen befolgt, in der kleinen, fremden Welt, in die Ihr verſetzt ſeyd, nicht ungluͤcklich zu fuͤhlen. Wie lange aber Euer Aufenthalt hier danern wird, das iſt unbeſtimmt.“ 16 „Das wird doch wohl von meinem Willen abhangen? Ich habe gute, fromme Eltern und bin ihre einzige Tochter, nach denen ich mich jetzt ſchon ſehne. Wollte man mich zwingen, hier zu bleiben, wenn ich meinen Aufenthalt veraͤndern will, ſo waͤre ja Euer Schloß fuͤr mich ein Gefaͤng⸗ niß. Kein Verbrechen habe ich begangen, daß man mich einſperrt.“ „Aber Ihr wißt ja, liebe Anna, daß Ihr gegen fremde Gewalt geſchuͤtzt werden ſollt, und daß man Euch ſo frei auf dem Lande nicht leben laſſen kann. Wie leicht koͤnntet Ihr da nicht die Beute weniger Raͤuber werden, die gedingt ſind, Euch zu entfuͤhren. Vergeßt es auch in der Ge⸗ fangenſchaft nicht, daß der Prinz Robert und die Koͤnigin dieſe Maßregeln nur dar⸗ um getroffen haben, groͤßeres Unheil von Euch abzuwenden. So wenig Ihr Euch in ——Q—C—C—C—C—C—C— — 17 Stirworlay gefallen moͤget, Ihr werdet es einſt doch als eine Wohlthat preiſen, daß Ihr in ruhiger Verborgenheit hier leben koͤnnt.“ Zur Mittagszeit kam der alte, graue Diener und ſagte mit einem muͤrriſchen Geſicht:„Ihr ſollt zur Tafel kommen.. Anna folgte dem Diener die ſteinernen Treppen hinab und trug ihren Sohn auf dem Arm. Reizender, ſchoͤner erſchien ſie jetzt allen Tiſchgenoſſen, als am Abend, da ſie ſich rein und einfach gekleidet hatte. Daß ihr Inneres von einer gewiſſen Trauer beherrſcht wurde, das konnte man deutlich erkennen. Thornton, wie geſagt, ließ bei Tiſche lieber etwas in den Mund hinein und heraus gehen, aber er ſah es gern, wenn die Andern ſprachen und ihn in Ruhe lie⸗ ßen. Als daher Anna wenig ſprach und er ur Trauergeſicht ſah, ſagte er:„Der liebe Der Kreuzfahrer. II. 2 18 Gott hat Euch doch, wie den andern Frauen, eine Zunge gegeben, Ihr aber gebraucht ſie ſo ſparſam, als ob Ihr fuͤrchtetet, daß ſie abgenutzt wird. So ſprecht doch, ich hoͤre es gern, wenn geplaudert wird. Dabei ſeht Ihr ſo traurig aus, als wunder was Euch fuͤr ein Herzleid begegnet ſey. Aus einer Paͤchterhuͤtte ſeyd Ihr in ein großes Schloß verſetzt und was ſind das fuͤr Leute, die mit Euch umgehen? Ich daͤchte, es muͤßte Euch ſeyn, als ob Ihr in ein Paradies ver⸗ ſetzt waͤret. Fuͤr nichts duͤrft ihr ſorgen, Alles wird Euch gereicht und kein Menſch fordert Euch Bezahlung ab. Laßt Harm und Grillen fahren, ſeyd ſo heiter, wie meine Beate, wenn Ihr mir gefallen wollt. Mit finſtern, muͤrriſchen Leuten, wenn ſie uns auch nichts zu befehlen haben, lebt es ſich ſchlecht in einem Hauſe. Wenn Ihr mager von Kummer werdet, ſo ſollte der Prinz wohl gar glauben, daß ich Euch 19 hungern ließ. Nehmt es nicht uͤbel, ich bin noch aus der alten Welt und rede, wie ich es meine.“ Wenn Derbheit, Grobheit und Unart ein Schmuck der alten Welt war, ſo trug Thornton ſeine Zierde. Aber der Sermon, den er Annen hielt, konnte ſie nicht ge⸗ ſpraͤchiger machen, ſie war nicht daran ge⸗ woͤhnt, ſolche Wahrheiten zu hoͤren. Die Dame des Schloſſes wollte das, was ihr Gemahl Arges geredet hatte, wieder gut machen und ſagte:„Wie kann ſie denn viel Redens machen, da ſie unter uns noch eine Fremde iſt. Das wird ſchon kommen, wenn wir mit einander erſt bekannter ſind. Ihre Trauer iſt ihr wohl zu verzeihen, da nicht ein jedes Kind die Trennung von den Eltern gleichguͤltig ertragen kann. Sie ver⸗ dient vielmehr Achtung und Mitleid. Be⸗ denke, die Koͤnigin hat ſie mir anvertraut 20 und ich moͤchte ihre Gnade nicht verſcherzen, wenn Anna ein Recht hat, uͤber ihren hie⸗ ſigen Aufenthalt zu klagen. Anna, die Maͤnner nehmen es ſich nicht uͤbel, biswei⸗ len zu gerade mit uns umzugehen, ſie ken⸗ nen unſer feines Gefuͤhl nicht, das ſo leicht erſchuͤttert wird.“ „Na,“ ſagte Thornton,„Euer Leib be⸗ ſteht aus denſelben Beſtandtheilen, wie der unſere und was Ihr feines Gefuͤhl nennt, iſt weibliche Ziererei. Übrigens iſt Anna muͤndig, und wenn ich ihr nicht recht rede, ſo kann ſie mir widerſprechen.“.... Er aß weiter und ſprach kein Wort mehr. Anna zwang ſich zum Sprechen, um Thornton den Beweis zu geben, daß ſeine Weiſung gefruchtet haͤtte. Als er nicht ſprach, fragte ſie:„Wie lange werde ich denn hier bleiben?“ 21 „Das haͤngt lediglich von der Koͤnigin ab, wenn ſie Euch heute zuruͤckfordert, ſo wollen wir Euch keine Feſſeln anlegen. Keinen Gaſt habe ich ſo ungern im Schloſſe, als dem ich es vor der Stirn leſe, daß es ihm bei mir nicht gefaͤllt. Seyd mit der Auf⸗ nahme, wie Ihr ſie hier findet, zufrieden, und bedenkt, daß ich fuͤr Euch die Erde nicht zum Paradies machen kann.“ „Ich verlange kein Paradies, ich that nur eine Frage.“ „Nun, und die habe ich beantwortet. Bei Tiſche beantworte ich ungern andere Fragen, als die, wo ich ein Ja oder Nein abgeben kann.“ John dachte, wiewohl er ſonſt einen guten Appetit hatte, daß er bei Tiſche fuͤr zwei Mann gelten konnte, vergaß, beim 22 Anblick des ſchoͤnen Weibes Eſſen und Trinken und ſah Annen oft eine Weile ſtarr an. Das bemerkten, außer Thornton, der nur vor ſich niederſah, Alle bei Tiſche. Die Mutter fragte:„John, biſt Du krank? Es will Dir ja nicht ſchmecken.“ „Der Magen iſt gut,“ ſagte er,„aber ſchmecken will es doch nicht.“ „Mit den Braͤutigams iſt es oft eine hbeſondere Sache. Die Liebe raubt uns ſogar den Schlaf.“ „Ohne aufzuwachen,“ entgegnete er, „habe ich die ganze Nacht, wie ein muͤder Jagdhund, geſchlafen, und an die Braut dachte ich gar nicht. Was iſt es denn fuͤr ein Wunder, wenn man einmal nicht ſo eſſen kann, als ein andermal. Ihr habt ein ſcharfes Auge auf mich gerichtet.“. 23 Beate fing an, uͤber ihren Bruder zu witzeln, er aber ſtieß ſie mit Worten ſo ſtark, daß ſie ſchwieg, vom Tiſche auſſtand und wegsins. „Pfui, John,“ ſagte der Vater,„ſo arg mußteſt Du es nicht machen. Beate iſt ſpaßig.“ „Ei was,“ entgegnete John,„wenn es ſich ihr Mops, der den Hunden die beſten Biſſen wegfrißt und zu nichts taugt, gefallen laſſen muß, daß ſie ihn beim Schwanze herumdreht, ſo darf ich das nicht leiden. Wer mich foppen will, den ſtoße ich.“ „Du machſt Dich ja ſehr fuͤrchterlich,“ ſagte die Mutter. „Meine Natur iſt das nicht; aber wer mich gut haben will, muß mich nicht reizen. 24 Nach Tiſche ſagte die Dame zu Annen: „Die kleinen Dispuͤte muͤſſen Euch nicht unangenehm ſeyn. Geſchwiſter zuͤrnen ein Weilchen mit einander, aber ſie lieben ſich doch. John iſt ein guter Burſche, er kann nur das Necken nicht leiden und Beate kann es nicht laſſen. Sie ſticht mit ihrer witzi⸗ gen Laune, will aber nicht wieder er geſtochen ſeyn. Als ich noch bei Ho⸗ Hofe war, hielt die gottſelige Herzogin taͤglich eine Betſtunde, die jetzige Koͤnigin, die ich meine Freundin nennen kann, ſo enge ſind wir derbunden, ſetzte den frommen Gebrauch fort. Ich bin daran gewoͤhnt und kann es nicht unterlaſ⸗ ſen. Seyd Ihr eine Freundin vom Beten, ſo folgt mir in meinen Betſaal nach. Dort finden wir mehrere fromme Seelen, die ſich von der Erde zum Himmel erheben.“ „Anna durfte die Einladung nicht ab⸗ ſchlagen, da ſie auch die Erlaubniß erhielt, 7 25 den kleinen Clito mit ſich nehmen zu duͤrfen. Wunderlich war dieſer Betſaal verziert. Die Waͤnde waren mit ſchwarzem Tuch be⸗ ſchlagen; die Fenſter behangen, ſo, daß das helle Tageslicht nicht durchſcheinen konnte. Im Hintergrunde ſah man einen erhoͤhten Altar, auf dem mehrere Wachskerzen brann⸗ ten, in deren Mitte ein Krucifix ſtand. Zehn oder zwoͤlf alte Frauen waren ſchon verſammelt, lagen um den Altar auf den Knien und beteten ſtill, ſo, daß ſich ihre Lippen nur bewegten. Die Dame des Schloſſes kniete ebenfalls nieder und fing an zu beten. Anna war geruͤhrt, ſie ſank zur Erde nieder und ſlehte, ihr Angeſicht nach dem Krucifix hingerichtet, im Innern: „Erloͤſer, erbarme Dich einer Muͤhſeligen und erquicke ſie mit Deinem Troſte. Hilf mir bald aus dieſem Schloſſe, daß ich das Angeſicht meiner Eltern ſchaue und fuͤhre meinen Robert geſund in meine Arme.“ 26 Die Knienden ſtanden auf, es wurde geſungen, dann fing die Dame an zu reden, was ihr einfiel. Sie ſprach, wie eine Be⸗ geiſterte, manches Schoͤne, aber, wie eine Fiberkranke, ſehr viel myſtiſchen Unſinn, doch nicht ſo arg, wie man ihn jetzt zu hoͤren pflegt und ihn in vielen Schriften lieſet. Mathilde, Gertrud leiſteten Annen taͤg⸗ lich Geſellſchaft, Beate war ſelten bei ihnen. John hatte ſich einige Mal auch in die Geſellſchaft gemiſcht, aber Mathilde ſagte es ihm, daß ſich das nicht ſchicke. Mit dem kleinen Clito ſcherzte er viel und der Knabe hatte ſich an ihn gewoͤhnt. An einem Nachmittage war es, wo Anna auf's heftigſte durch John erſchreckt wurde. Die ganze Familie, John nicht ausgenommen, waren zu einem Nachbar ge⸗ reiſet, wo ein Hochzeitsfeſt gefeiert wurde. 27 Die Dame des Schloſſes lud Annen auf eine Weiſe ein, ſie zu begleiten, aus welcher ſie den Wunſch las, daß ſie zuruͤckbleiben moͤchte. Anna ſagte:„Zur Freude, wie ſie an ſolchen Feſten herrſcht, bin ich nicht geſtimmt. Clito moͤchte auch weinen, wenn die Mutter nicht bei ihm iſt. Es giebt zwar Muͤtter, die in Geſellſchaften lachen und ſcherzen koͤnnen, indeß die Kleinen nach den Undankbaren ſchreien, die der Kinder⸗ liebe nicht werth ſind, zu denen gehoͤre ich nicht.” Anna ſaß mit der Zofe auf ihrem Ge⸗ mach und war mit der Verfertigung eines Guͤrtels beſchaͤftigt, als John in die Thuͤr ſagte:„Diana— ſo hieß die Dienerin— kommt ſchnell hinab, da iſt ein Vetter aus Rouen, der es eilig hat, und Euch zu ſprechen verlangt.“ Sie verließ das Ge⸗ mach, John trat ein, und ohne eine lange 28 Vorrede erklaͤrte er Annen ſeine unwider⸗ ſtehliche Liebe. Sie ſah ihn mit ernſtem und verachtendem Blick an und ſagte:„Treibt mit einer Gefangenen, die in Euerm Schloſſe ſeufzt, nicht unzeitigen Scherz, der moͤchte Euch ſo leicht nicht verziehen werden. Habt Ihr nicht eine Braut? Ihr kennt das Ver⸗ haͤltniß, in dem ich mit dem Prinz Robert ſtehe. Zwingt mich nicht zum lauten Schreien.“ Sie nahm ihren Clito bei der Hand und that einige Schritte nach der Thuͤr hin. John ſperrte beide Arme aus einander, um⸗ klammerte ſie, kuͤßte ihr Geſicht und ſo ge⸗ waltſam ſie ſich aus allen Kraͤften ſtraͤubte, er ließ ſie nicht los. 8 „Was Braut, was Prinz,“ lallte er, wie ein Trunkener,„ich laſſe Euch nicht los und ſollte ich den Tod auf der Stelle ſinden!“ 29 Der kleine Knabe, der es an den Be⸗ wegungen der Mutter und ihrem Geaͤchze merkte, daß ihr Boͤſes geſchah, fing an aus vollem Halſe zu ſchreien. „Erbarmt Euch doch des Kindes,“ flehte Anna,„das Ihr zu lieben ſchienet und laßt mich los.“ „Mag der Bube ſchreien, ich habe kein Ohr, kein Herz fuͤr ihn,“ ſprach John. „Aber, Annchen, thue doch nicht ſo ſproͤde, bei mir iſt das Spiel der Sproͤdigkeit, wodurch die Weiber uns anlocken, übel angebracht. Ich ſage es Dir, daß ich Dich bis zur Raſerei liebe. Geieh Dich, der Augenblick iſt uns günſtig le— — Die Worte verwandelten die ſanfte, liebevolle, aber muthige Anna in eine Furie, ſie ſchrie mit aller Macht, und als ſie eine der Haͤnde losgewunden hatte, faßte ſie ſein linkes Auge und ſchlug es ihm faſt in den Kopf; dann griff ſie ihm nach der Gurgel. Als ſie ſeine Liebkoſungen ſo erwiederte und er ſich durch ſchmerzliche Gefuͤhle uͤberzeugte, es ſey ihr mit der Tugend doch ein Ernſt, da ſchleuderte er ſie wuͤthend von ſich und bruͤllte:„Habe ich doch eine ſo wuͤthende Beſtie noch nicht im Walde gefunden! Die ſollte einem ja das Leben ausblaſe„.. Er trat einige Schritte zuruͤck und ſagte: „Warte, Du Dirne, Beiſchlaͤferin des Prin⸗ zen, das ſoll Dir ſo gut nicht hingehen! Ich nahe mich Dir ſo freundlich und Du, Du mißhandelſt mich? Haͤtte ich meinen Bogen hier, mit dem ſchaͤrfſten Pfeil durch⸗ ſchoͤſſe ich Dir das unkeuſche Herz.“ „Den holt, zielt nach mir, ich will lie⸗ ber von Eurer Hand den Tod empfangen, als daß Ihr mich zur Schande erniedrigen 31 ſollt. Gott kennt die Schmach, die Ihr mir anthun wolltet, er wird ſie raͤchen.“ Als der Unhold zuͤrnend, wie ein auf⸗ gebrachter Loͤwe, aus dem Gemache war, riegelte Anna die Thuͤr hinter ihm zu. Sie bebte an allen Gliedern; aber Gott dankte ſie fuͤr den Sieg und die Kraft, daß ſie dieſen rohen, ſinnlichen, ſtuͤrmiſchen Menſchen uͤberwand. Sie nahm ihr Kind auf den Schooß, das ganz blaß vor Angſt war und ſuchte es wieder zu beruhigen. Sie fuͤhlte die Anwandlung einer Ohnmacht und wollte niederſinken, darum ging ſie zeitig genug, ehe ſie das Bewußtſeyn verlor, nach der Kammer und legte ſich mit Clito auf das Lager nie⸗ der. Ihre Seelenſtimmung war ſchrecklich, da ſie in ihrem ganzen Leben eine ſolche Kraͤnkung noch nicht erfahren hatte. Den John betrachtete ſie als ein rohes, wildes 32 Geſchopf, ohne Achtung fuͤr die Tugend, ohne Erbarmen.. Als ſie ſich mit dieſen und aͤhnlichen Gedanken beſchaͤftigte, klopfte es an der Thuͤr und immer heftiger. Sie hoͤrte es an der Stimme, welche bat, die Thuͤr zu oͤffnen, daß es ihre Dienerin war. „Wenn Ihr nicht allein vor der Thuͤr ſteht, ſo oͤffene ich ſie nicht.“ „Macht doch nur auf, ich bin allein.“ Als ſie eingelaſſen war, riegelte Anna die Thuͤr wieder zu. * „Aber,“ ſo fragte die Zofe mit allen Zeichen der Verwunderung und des Miß⸗ fallens,„was iſt denn vorgefallen? John begegnet mir mit einem blauen Auge und 33 ſagt, Ihr waͤret raſend geworden und haͤttet den Verſtand verloren. In Scherz haͤtte er Euch einen Kuß abgefordert und dafuͤr haͤt⸗ tet Ihr ihn ins Geſicht geſchlagen. So mit dem Sohne des Schloſſes umzugehen, wo wir wie Gaͤſte leben, das koͤnnt Ihr ſelbſt nicht billigen, und was fuͤr ein Ungluͤck waͤre es denn geweſen, wenn Ihr ihm den Willen gethan und einen Kuß gegeben haͤt⸗ tet? Das geſchieht wohl von den unſchul⸗ digſten Frauen.“ „Bei Hofe moͤgt Ihr andere Sitten haben,“ entgegnete Anna,„uͤppige, pflicht⸗ vergeſſene, ſchamloſe, die werde ich nie zu den meinen machen. Es giebt Kuͤſſe, die auch die Unſchuld ohne Erroͤthen giebt, aber auch verbrecheriſche, die die Begierde entzuͤnden, welche ein roher Bube fordert, der keine weibliche Tugend kennt. Fuͤr den Aufenthalt in einem Schloſſe, wo man Der Kreuzfahrer, II. 3 34 groͤßern Gefahren preis gegeben iſt, als die ſind, welche das Leben bedrohen, danke ich Niemanden und wuͤnſchte, heute noch ab⸗ ziehen zu koͤnnen. In einer Raͤuber⸗ und Moͤrderhoͤhle koͤnnte mir nicht Ärgeres ge⸗ boten werden, als in dieſem Schloſſe.“ „Nun, was denn?“ „Euch bin ich keine Rechenſchaft ſchul⸗ dig, Ihr habt darnach nicht zu fragen; aber Thornton ſoll es erfahren, damit er ſieht, was ſein Sohn fuͤr eine Diſtel, welch ein ſauberer Braͤutigam er iſt, was ihm ein blaues Auge zuzog.“ „Davon ſprecht um's Himmels willen nicht, Ihr wuͤrdet Krieg und Streit im Hauſe anrichten und unter der Bedingung daß man Euch aus dem Schloſſe ſieße wuͤrde man Friede marhae 35 „Das mag man thun. Es giebt Kraͤn⸗ kungen, die man nicht verſchweigen muß, wenn man üÜbelthaͤter nicht erdreiſten will, es noch aͤrger zu treiben.“ 3 Nach einem kurzen Schweigen ſagte Anna:„Muß mir es doch ſo vorkommen, da Ihr ſo eifrig fuͤr den ausgearteten John ſprecht, als ob Ihr gemeinſchaftliche Sache mit ihm gegen mich gemacht haͤttet. Wißt, das ſoll die Koͤnigin erfahren. Eure Dienſte nehme ich ferner nicht mehr an.“ Die Zofe beſchwor es bei allen 5ℳ ligen, daß ſie von einem ſolchen Komplott nichts wiſſe. Wenn ſie ſchuldig gefunden werde, wolle ſie die groͤßte Strafe leiden. Es ſey wirklich ein reitender Bote von der Koͤnigin da, nicht ein Vetter aus Rouen, der Briefſchaften und ein Packen gebracht haͤtte, was er nur an Thornton abgeben 36 wolle.—„Geh, frage ihn, ob er nichts von dem Prinz Robert weiß und komm bald wieder.“ Sie kam mit der Nachricht zuruͤck, er wiſſe nur von dem Prinz, daß er noch in England ſey, ſonſt weiter nichts. In⸗ ſtaͤndig aber flehte ſie Annen an, nicht den Verdacht gegen ſie zu hegen, als ob ſie irgend ein verdammliches Einverſtaͤndniß mit John unterhalte. Endlich glaubte Anna ihren Betheurungen. Anna hielt die Thuͤr ſparſam verrie⸗ gelt. Erſt am folgenden Nachmittage, als die Herrſchaft von der Hochzeit zuruͤckge⸗ kehrt war, zeigte es ſich, daß Jemand vor der Thuͤr war.„Wer iſt da? Ich muß es wiſſen, 9e ich zuſſi gele fragte Anna. „Ich bin es, u antwortete Malbibe.. Sie wurde eingelaſſen. 37 „Anna, Anna,“ ſagte Mathilde,„Ihr habt es mit Eurer Keuſchheit viel zu weit getrieben. So zu ſchlagen und zu ſtoßen, daß Jehn die Augen verlieren konnte! Das iſt nicht weiblich, es zeigt von Rohheit und Haͤrte. Forderte er doch nur, im Scherz, Euch auf die Probe zu ſtellen, einen Kuß von ihm und da begegnet man ihm mit einem Fauſtſchlage ins Geſicht. Mein Vater iſt auf Euch zornig, die Mutter kann ihn kaum beſaͤnftigen. Er donnerte:„Muß ein Weib von gemeiner Abkunft ſo gegen einen Juͤngling von Stande ſich vergehen! Den Schimpf kann ich ohne Rache nicht auf einem Zweige meines Stammes ſitzen laſſen. Fort mit ihr aus meinem Schloſſe, ſie ge⸗ hoͤrt in eine Herberge, wo man ſich rauft, ſtoßt und ſchimpft. Eine ſchoͤne Geliebte fuͤr einen Prinz! Die Koͤnigin ſoll es er⸗ fahren, was fuͤr ein Kern in dieſer bittern Schale ſteckt.“ Anna, daß Ihr Euch ſo 38 vergeſſen, daß Ihr in ſolche Wuth gerathen konntet!“ „Fuͤrwahr, ich haͤtte es Euerm Bruder voch nicht zugetraut,“ entgegnete Anna, „daß er ſo viel Verſtand, und Klugheit be⸗ ſaͤße, als zur Luͤge noͤthig iſt, um die eigene Schuld auf mich zu ſchieben. Er hatte mich mit ſeinem Ungeſtuͤm in den traurigen Stand der Nothwehr geſetzt und haͤtte ich einen Dolch in der Hand gehabt, ich wuͤrde ihm das Herz durchbohrt haben. Wer mit Gewalt unſere Unſchuld uns rauben will, der iſt viel aͤrger, als ein Moͤrder. Da Euer Vater von ſeinem Sohne betrogen iſt, klagt hat, da er der Luͤge glaubt, ſo darf der mich, wie eine Furie, bei ihm ver⸗ ich mich nicht wundern, daß er mir ſo bit⸗ ter zurnt. übrigens iſt mir jede Stunde, wo er mich aus ſeinem Schloſſe hinweg⸗ 4 weiſet, die liebſte. Einen Menſchen aber, 39 der ſinnloſer, ſchamloſer waͤre, als es Euer Bruder iſt, habe ich nie gekannt. Was fuͤr eine Jungfrau muß die ſeyn, die ihn lieben kann. Mir iſt er zum groͤßten Abſcheu ge⸗ worden. Es ekelt mich, Euch die Geſchichte zu erzaͤhlen, aber ich muß es, da ſie meine Rechtfertigung enthaͤlt. Konntet Ihr aber, die Ihr mich ſo hart zu richten ſcheint, anders handeln, ſchwach nachgeben, Euch in die Wuͤ iſche eines Verfüͤhrers fugen, Ma⸗ thilde, ſo weiß ich es, Eure Tugend ſteht auf Forſchen Stuͤtzen.“ eie wollte ihre Erzaͤhlung anfangen, ds man die Fußtritte mehrerer Perſonen 1 auf der ſteinernen Treppe hoͤrte, die ſich 1 nahten. Raſch flog die Thüͤr auf, Herr voon Thornton, ſeine Gattin und John tra⸗ . ten ins Zimmer. Thorntons Geſicht gluͤhte . vor Zorn und Grimm, ſeine Lippe zitterte; „ die Dame war leichenblaß, weil ſie beſorgte, 40 es moͤchte zu ſtuͤrmiſchen Auftritten kommen; John ſchien ruhig und dreiſt und trug eine Binde uͤber dem Auge. „Was unterſteht Ihr Euch in einem fremden Schloſſe,“ redete Thornton mit heftiger Stimme,„in dem Ihr aus Gnade und Barmherzigkeit, aus uͤbertriebener Ge⸗ faͤlligkeit, zu der mich meine Gantin zwang, gegen die Koͤnigin, aufgenommn d. Was ſeyd Ihr, als die Geliebte eit, iazen, der Euch von ſich jagt, wenn Ihr a r⸗ gen nicht mehr gefallt! Und Ihr hee Elae verbrecheriſche Hand gegen einen w wig der beruͤhmten Thorntone auf, Ihr, die Toe 9. ter eines gemeinen Paͤchters? Ich bin un.⸗ 2 gewiß, mit welcher Strafe ich ſolch ein Ver⸗ brechen zuͤchtige! Mein gerechter Zorn hat keine Grenzen! Um eines Scherzes willen ſolche Grauſamkeit zu uͤben? Ihr haͤttet John freiwillig den Mund hinhalten koͤnnen, 41 er wuͤrde ihn nicht gekuͤßt haben, und wenn er ſeinen Stand vergaß, ſo mußtet Ihr einen Kuß von ihm fuͤr eine Ehre halten.“ „Herr von Thornton, ich denke nicht wie Ihr,“ entgegnete Anna,„und das ver⸗ argt mir nicht. Ich ſehe aber aus Euerm Betragen, Ihr ſeyd ganz falſch berichtet. Glaubt Ihr er Euerm Sohne mehr, als mir, ſo* mich nicht rechtfertigen und muß tt uͤberlaſſen, wenn er meine Unſ aund mein Recht ans Licht bringen y aoͤnnt Ihr mich aber nicht ruhig an⸗ und John, Euerm Sohne, nicht alles greden verbieten, ſo will ich lieber ſchwei⸗ gen.“— Thornton drehte ſich nach John um und befahl, daß er ſie ſchwatzen laſſen und kein Wort reden ſollte. Anna begann alſo:„John, als ſich die Dienerin aus dem Gemache entfernt hatte, 42 kam mit wildem Ungeſtuͤm hereingebrauſet. Er bekannte mir eine verbrecheriſche Neigung und forderte mich auf, ihr zu froͤhnen. Welches tugendliebende Herz haͤftte ſie nicht mit Abſcheu zuruͤckgewieſen. Die Flamme einer ungeregelten Sinnlichkeit wurde noch mehr in ihm angefacht. Wie Schlangen, ſo umpfingen mich jetzt ſeine Arme, ich flehte, ich bat, ich konnte mich nicht loswinden. Er bedeckte mein Geſicht mit Kuͤſſen und jetzt forderte er mich auf, mit ihm ein Ver⸗ brechen zu begehen. Ich draͤngte ihn von mir, er wich nicht. Er gerieth in eine Art voon Sinnloſigkeit, der nichts mehr heilig iſt. Das Geſchrei meines Kindes konnte ihn nicht ruͤhren. Was blieb mir uͤbrig, als daß ich mich aus allen Kraͤften wehren mußte. Es iſt ſchrecklich, wenn ein Weib einem Manne ſo ins Angeſicht ſchlaͤgt; aber entnehmt daraus, zu welcher Verzweiflung ich gebracht war. Um meine Unſchuld zu retten, haͤtte ich ihn gemordet. Ich rufe Gott zum Zeugen an, daß ich die Wahrheit ſprach. Richtet nun unpartheiiſch zwiſchen mir und Euerm Sohn.“ Thornton wandte ſich zu ſeinem Sohne hin und ſagte:„Ich rathe es Dir, befaſſe Dich kuͤnftig mit keiner Paͤchtertochter, die verſteht keinen Scherz. Komm, laß uns gehen.“ Die Schloßfrau blieb bei Annen und meldete ihr, daß ein Bote von der Koͤnigin angekommen ſey, der ihr ein veiches Ge⸗ ſchenk uͤberbracht haͤtte. „Ach,“ entgegnete ſie,„ſtatt aller Ge⸗ ſchenke erbitte ich mir meine Freiheit. Wie kann ich in dieſem Schloſſe laͤnger bleiben, wo ich eine ſolche Behandlung erfuhr! Laßt mich fort, daß ich der Kraͤnkung Eures * 44 Gatten und der Rache Eures Sohnes ent⸗ gehe.“ „Euern Wunſch wuͤrde ich auf der Stelle erfuͤllen, wenn ich den Beſchluß der Koͤnigin wuͤßte. Nach ihrer Anordnung will ſie Euch ſelber abholen laſſen.“ „Um mich in einen Kerker zu fuͤhren. O, ich ahne es, was man mit mir vor hat! Den Prinz ſoll ich nie wieder ſehen oder zu einer Zeit, wo er vermaͤhlt iſt. Wie grauſam iſt das Spiel, was eine Koͤnigin mit mir treibt! Clito, weine Du mit Dei⸗ ner ungluͤcklichen Mutter. Unſer Loos iſt hart; aber wir haben es nicht verdient. Und Ihr laßt Euch bereit finden, mein Leiden zu verlaͤngern? Ach, ich beneide Euch die Gunſt einer Koͤnigin nicht, die durch meine Pein erkauft wird.“ ———— 45 Die Schloßfrau verließ ſchweigend, aber mit allen Zeichen des Unwillens Annens Gemach. Seit dieſer Zeit war ſie wie eine Einſiedlerin, und ſah ſonſt Niemanden, als Mathilden, die in der Nacht heimlich zu ihr ſchlich, um fie in ihrer großen Traurigkeit zu troͤſten. Sie durfte nicht mehr an der großen Tafel eſſen, ſondern Speiſe und Trank wurde ihr durch den alten Bedienten zuge⸗ tragen. Sie wurde immer trauriger, ſchwer⸗ muͤthig und ihre Augen floſſen von Thraͤnen. Sechs Monat lebte ſie in dieſem peinlichen Zuſtande, ehe ihr der Tag der Rettung von demſelben erſchien. In einer Nacht, wo ſie auf ihrem Lager betete und ſeufzte, klopfte es an der Thuͤr. Sie kannte dies Klopfen und wußte es im voraus, daß es Mathilde war. Leiſe ſagte ſie zu ihr: „Robert iſt in der Normandie ſeit acht Tagen angekommen. Entweder, er bekuͤm⸗ — nicht, den ich an meinen Eltern begehe, eine mert ſich micht mehr um Euch, oder, er weiß es nicht, daß Ihr hier ſeyd. Das Letztere ſoll er durch mich erfahren; aber Ihr duͤrft mich nicht verrathen. Euern Schmerz kann ich nicht mehr ertragen.“ Anna war in den erſten Augenblicken vor Freude außer ſich, als ſie von der An⸗ kunft des Prinzen hoͤrte, dann aber ſagte ſie mit einem Seufzer:„Ihr denkt, daß er ſich nicht mehr um mich bekuͤmmert? Ach, Ihr kennt ſein edles Gemuͤth nicht. Nie wird er mich verlaſſen. Wie aber wollt Ihr es ihm kund thun, daß ich hier bin?“ ..: „ Fuͤr Geld giebt es immer Leute, die fuͤr uns thun, was Recht iſt, und auch welche, die, wenn wir es wollen, Unrecht thun. Tadelt mich um des Verraths willen ,— 47 heilige Pflicht, Euern Tod zu verhuͤten, zwingt mich dazu. Ich werde Euch ſelbſt Beſcheid bringen, wenn der Bote zuruͤck iſt.“ Mit welcher Sehnſucht wurde dieſer er⸗ wartet! Wir erinnern es uns, daß Robert nach ſeiner Ankunft aus England bei der Mutter, die ihn nicht ſo empfing, als er es wuͤnſchte, ſie verließ, nach Ivry hineilte, um ſeine treu geliebte Anna und ſeinen Clito zu ußs armen. Unterwegs vergaß er bald allen Verdruß und uͤberließ ſich der Wonne des Wiederſehns ſeiner Geliebten. Schon ſah er aus der Ferne die im Gebuͤſch zerſtreut lie⸗ genden Wohnungen von Ivry und das hoch 48 emporragende Paͤchterhaus, deſſen Schorn⸗ ſteinrauch im Abendlichte ſich emporkraͤuſelte. Seine ganze Seele athmete Freude und die Ahnung deſſen, was er dort erfahren wuͤrde, blieb ihm fremd. Jetzt war er vor dem Paͤchterhauſe an⸗ gekommen und ſprang raſch vom Roſſe. Niemand trat aus der Thuͤr. Er wollte Alle uͤberraſchen. In einer kleinen Hinter⸗ ſtube fand er den Paͤchter mit ſeiner Frau. Groß war ihr Schreck, groß aber auch ihre 4 Freude, In beiden Seelen flammte augen⸗ blcklich die Hoffnung auf, als ſie den Prinz 8 erkannten, gewiſſe Nachricht von ihrer Toch⸗ ter und dem geliebten Clito zu erhalten, den insbeſondere der Großvater gar ſchmerzlich vermißle. Die Eltern hatten zwar nicht gefuͤrchtet, daß ihrer Tochter Boͤſes begegnen koͤnne, aber ſie waren 9 ihretwegen in X . * 49 den groͤßten Sorgen. Immer war ſie die geliebte und folgſame Tochter in der Naͤhe der Eltern, ſie erleichterte der Mutter die Aufſicht und Muͤhe in der Wirthſchaft und hatte ſich durch eine Menge von Gefaͤllig⸗ keiten, womit ſie dem guten Vater diente, unentbehrlich gemacht. Die Sehnſucht machte ihnen viel Kummer und raubte ihnen ſelbſt den erquickenden Schlaf der Nacht. Beſon⸗ ders war die Mutter ſehr angegriffen, ſie wuͤnſchte, wenn ſie Annen nicht wieder ſehen ſollte, daß ſie ſterben moͤchte, weil ſie nun am Leben keine Freude mehr haͤtte. Der Nachbar Colbine zeigte ſich von einer guten Seite. Die Alltagsfreunde, jene leichte Waare, die uns beſuchen, wenn wir dem Gluͤcke im Schooße ſitzen, und uns eafen wenn wir in Leiden ihrer beduͤrfen, kamen nicht mehr nach Ivry, das ein Der Kreuzfahrer. II. 4 3 Trauerhaus geworden war. Colbine kam und ſagte:„Ich habe mich an Euch ver⸗ ſuͤndigt, ich will den Fehler wieder gut machen und Euch oͤfter beſuchen, wenn Ihr mich haben wollt. Denkt aber ja nicht, daß ich es aus Schadenfreude thue, davor ſoll Gott mich bewahren. Ihr dauert mich von ganzem Herzen. Euern Kummer kann ich mir denken. Acht Kinder habe ich, wenn mir aber eine Tochter aus dem Hauſe ge⸗ fuͤhrt wuͤrde, und ließe ſie der Kaiſer ſelbſt abholen, und ich wuͤßte es in einem halben Jaͤhre nicht, wie es ihr erginge, ob ſie lebte oder todt waͤre, wie wuͤrde ich mich aͤng⸗ ſtigen und graͤmen. Aber denkt nur, es heißt in der heiligen Schrift:„Es ſind alle Haare unſeres Hauptes gezaͤhlt und ohne Gottes Willen wird derſelben keines ge⸗ kruͤmmt.“ Damit ſollt Ihr Euch troͤſten. Der den Daniel aus der Loͤwengrube geſund — 51 und unverletzt hervorfuͤhrte, hat auch die Macht, Eure Tochter zu retten und wenn ſie unter der Erde im tiefſten Kerker ſaͤße. Aber, Nachbar, verſteht mich recht, Ihr habt es mir einſt ſo uͤbel genommen, wenn ich Euch ſage, ich, fuͤr mein Theil, haͤtte meine Tochter einem Prinzen nicht gegeben und wenn er vor mir auf die Knie gefallen waͤre, oder ſich wohl gar auf den Kopf ge⸗ ſtellt haͤtte. Ein Koͤnigsſohn und eine Paͤch⸗ tertochter, das paßt nicht. Und ihm eine Tochter zur Beiſchlaͤferin geben, das moͤchte ich nicht, und wenn er mir Tonnen Goldes boͤte. Aber das ſoll kein Vorwurf fuͤr Euch ſeyn, ich will mich nur rechtfertigen. Nehmt, was ich geſagt habe, fuͤr unnütze Plapperei, denn geſchehene Dinge werden dadurch nicht geaͤndert.“ „Nun, Gott und allen Heiligen ſey 52 Dank gebracht,“ ſagte der Paͤchter,„daß wir Euch nach einer ſo langen Zeit, die uns wie eine Ewigkeit vorkoͤmmt, endlich wieder ſehen! Ihr bringt uns doch auch wohl unſere liebe Tochter und Clito mit, nach denen wir die ſchmerzlichſte Sehnſucht haben. Ein halbes Jahr ſind ſie weg und keine Sylbe erfuhren wir von ihnen. Nicht wahr, das iſt fuͤr Eltern zu hart.“ Der Prinz war erſtaunt, uͤberraſcht, er wußte nicht, was er denken, was er ſagen ſollte. Es ſtuͤrmte in ſeinem Kopfe, es tobte in ſeinem Herzen. „Wie,“ rief er aus, als er der Sprache maͤchtig war,„Ihr glaubt, ich ſoll Euch Annen zufuͤhren? Nichts weiß ich von ihr! Gewiß, Ihr habt ſie verborgen und wollt Scherz mit mir treiben, o, der waͤre ſehr uͤbel angebracht!“ 53 „Um Gotteswillen,“ klagte die Paͤchter⸗ frau,„Ihr wuͤßtet es nicht, wo unſere Anna waͤre? Wer ſoll es denn wiſſen? Ach, taͤuſcht uns nicht! Ich, bin ſchwach und kann nichts mehr tragen! Redet, wo iſ Anna?“ Auf die Verſicherung des Prinzen, daß er ſie in Jvry zu finden geglaubt habe und daß er zu ihrer Entfernung aus dem Va⸗ terhauſe nichts beigetragen haͤtte, zitterten und bebten die Eltern. „Verrath, Luͤge, Betrug,“ rief der Paͤchter zornig aus,„unſere Tochter iſt ver⸗ loren, wir ſehen ſie nicht wieder!“ „Aber,“ fragte Robert, der Boͤſes ah⸗ nete, in dem die Wolken des Zorns auf⸗ ſtiegen,„ſagt doch, wie habt Ihr ſie denn 54 verloren, wie kam ſie von Euch? Wurde ſie geraubt? Verſchwand ſie?“ Er ſchlug mit Heftigkeit an ſein Schwert und donnerte:„Rache, blutige Rache!“ Mit zitternder Stimme und unter Thraͤnen erzaͤhlte der Paͤchter, daß zwei Frauen, begleitet von vier Gewaffneten, ih⸗ nen die Tochter unter dem Vorwande ab⸗ gefordert haͤtten, der Prinz und die Koͤnigin hielten es fuͤr gerathener, daß Anna mit ihrem Kinde auf eine Weile zu ihrer Sicherheit von Jory entfernt werde. Sie habe ſich in den Willen des Prinzen gefuͤgt und waͤre mit blutendem Herzen von ihren Eltern ge⸗ ſchieden. Er habe den Reiſenden vom Dache nachgeſehen, ſie waͤren auf der Straße nach Rouen fortgeritten. 55 „Das iſt ja eine ſchaͤndliche Begeben⸗ heit!“ ſagte der Prinz.„Meinen Namen zur Ausfuͤhrung eines ſolchen Bubenſtuͤcks ſo zu mißbrauchen! Wer der Thaͤter auch ſeyn mag, ich werde ihn ſtrafen! Es haben Mehrere an der Entfuͤhrung Antheil, Einer wird mir, um Geld zu verdienen, das Ge⸗ heimniß verrathen. Aber verzagt nur nicht, noch lebt und wirkt der Gott, welcher die Bosheit im Dunkeln an das Licht bringt. Da ich hier bin, ſoll es bald anders wer⸗ den. Wenn man ſein theuerſtes Gut ver⸗ loren hat, da legt man die Haͤnde nicht muͤßig in den Schooß, man ſorgt und ſtrebt, daß man es wieder finde. O, Du arme, liebe Anna, welche Pein muß Dein Herz martern, daß Du von Deinen Eltern ge⸗ trennt biſt! Was mußt Du empfinden, wenn Du nichts von mir hoͤrſt? Wirſt Du nicht laͤngſt an meiner Liebe und Treue irre 56 geworden ſeyn? Unter welchen Menſchen, an welchem Orte lebſt Du, wie geht es Dir! Eltern, deß ſeyd gewiß, wenn ich Annen und meinen Clito gefunden habe, ſo fuͤhre ich ſie zuerſt an Euer Herz, daß Ihr Eures Lebens wieder froh werdet. Gebt Euch unterdeß zufrieden und haͤrmt Euch nicht zu ſehr. Alle Freude waͤre ja von Annen geſchieden, wenn ſie den Vater oder die Mutter, oder auch Beide im Grabe faͤnde! Laͤnger aber kann hier meines Blei⸗ bens nicht ſeyn, ich muß eilen, dem an mir begangenen Verbrechen auf die Spur zu kommen und ein hoͤheres Licht wird mir leuchten, eine unſichtbare Hand mich fuͤhren.“ Mit Wehmuth druͤckte der Prinz den Eltern die Hand und eilte in geſtrecktem Galopp hinab vom Paͤchterhofe. Nach vie⸗ lem Denken und überlegen kam er doch auf —— 57 den Gedanken, daß die Koͤnigin vielleicht bei der Entfuͤhrung die Hauptrolle ſpiele und vielleicht die einzige Stifterin derſelben ſey. Er wollte leiſe und liſtig forſchen, um zur Entdeckung der Thatſache zu kommen. Die Koͤnigin ließ ihn am Morgen, als er zu ihr gehen wollte, zu ſich rufen und ſagte, als er vor ihr erſchien:„Schon geſtern wollte ich uͤber wichtige Angelegen⸗ heiten im Herzogthum mit Dir reden; aber Du warſt verſchwunden. Ich glaubte nicht falſch zu rathen, wenn ich glaubte, daß Du in Ivry warſt. Nun, wie ſteht es mit Annen, was macht Dein Clito?“ „Mutter, man thut bisweilen Fragen, die man ſich ſelbſt am beſten beantworten kann. Ich fand weder Annen noch Clito. Sie ließ ſich uͤberreden, weil Ihr es ſo zu 58 ihrer Sicherheit angeordnet haͤttet und folgte zwei Frauen und vier Gewaffneten, die ſie begleiteten.“ „So habe ich es angeordnet zu ihrer Sicherheit und zu Deinem Beſten, als Re⸗ gentin und Mutter konnte ich das. Oder willſt Du mir das Recht ſtreitig machen? Es iſt nicht unbekannt geblieben, daß eine Paͤchtertochter Deine Gattin ſey. Du mußt es wiſſen, welche Prinzeſſin der Koͤnig Dir zur Ehe beſtimmt hat. Erfuͤhre er es, daß Du Dich ſo erniedrigt, Stand und Rang vergeſſen haſt, was wuͤrde er ſagen! Glaubſt Du, daß Du dann noch Herzog der Nor⸗ mandie wuͤrdeſt? Um Dich von einer Liebe abzuziehen, von der Du, wenn Fuͤrſtenblut in Deinen Adern fließt, nie oͤffentlich reden darfſt, haͤtte der Koͤnig ſicher Deine Anna mit ihrem Sohne in einen fernen Winkel —— — 59 einſperren laſſen, den Du nie entdecken konn⸗ teſt. Ihr Loos waͤre dann vielleicht ein trauriges geweſen, ich wollte es zu mildern ſuchen. Biſt Du vermaͤhlt und binden Dich heilige Pflichten an eine Gattin, ſo ſoll ſie ihre Freiheit wieder erhalten, nicht fruͤher.“ Robert ſchien in Nachdenken verſunken. Auf ſeiner Stirn bildeten ſich die Falten des Zorns. Er mußte ſeinen geheimen In⸗ grimm zu beherrſchen ſuchen, mit dem er gegen die Mutter hervorbrechen wollte.— „Koͤnigin,“ ſagte er mit bitterm Un⸗ muth,„da habt Ihr Eure Vorſicht zu weit getrieben, wofuͤr ich Euch nicht danken kann. Koͤnnt Ihr es mir erſetzen, wenn Anna er⸗ krankt und ſtirbt?“ „Die lebt und iſt geſund.“ 60 „Dter meint Ihr, daß ich ein lumpiges Herzogthum gegen ſie vertauſchen koͤnnte? Moͤchte mir Einer alle Kronen bieten, fuͤr ſie gaͤbe ich meine Anna nicht hin. Thor⸗ heit, wenn man glaubt, ich koͤnnte ſie ver⸗ laſſen und eine Prinzeſſin heirathen! Nie, nie und Tauſende Eures Ranges nicht, nie habt Ihr es empfunden, was wahre, treue, zarte Liebe iſt. In der Regel werden Prin⸗ zen und Prinzeſſinnen verhandelt, um fuͤr ſie politiſche Vortheile einzutauſchen. Dazu werde ich mich nicht mißbrauchen laſſen. Kann ich nicht Koͤnig oder Herzog mit Annen werden, ſo wird man mir wenigſtens ein Ritterlehn ſchenken, von dem ich beſſer, als der Arbeiter von ſeinem Tageslohn leben kann. Gute Nacht, Du eitles Puppenſpiel der Großen, Du Glanz voll Sorge und Muͤhe, Du falſcher Schimmer eines unge⸗ wiſſen Gluͤcks, Du blendende Erſcheinung, 61 die im Grabe verſchwindet, ohne Dich ſoll mein Leben an der Seite des edelſten Wei⸗ bes, wie ein klares Waſſer, dahin fließen, das von keinem Sturm bewegt und getruͤbt wird.“ 1 „Seht, ſo denke ich. Nun aber ſagt mir auch, wo Anna iſt, daß ich zu ihr hin⸗ eile, ſie troͤſte, ſie in die Arme bekuͤmmerter Eltern zuruͤck fuͤhre.“ „Das ſage ich nicht und Du ſollſt mich nicht dazu zwingen. Die ganze Sache will ich dem Koͤnige vorlegen, der mag entſchei⸗ den, der kann beſtimmen, ob Du Annen wieder ſehen ſollſt, oder“ Robert war voll Grimm und fuhr mit den Worten heraus:„Wahrlich, giebt es doch keine zaͤrtlichere Mutter, wie Ihr ſeyd! 6²2 So, ſchwaͤrzt mich bei dem Koͤnige nur noch mehr an und vollendet den Sieg meiner Bruͤder uͤber mich. Ihr werdet ſchlechten Lohn dafuͤr empfangen. Aber Ihr habt mir ein Eigenthum geraubt, Ihr haltet es in einer Hoͤhle verborgen, ich fordere es zuruͤck. Sagt, wo, wo iſt Anna, wo iſt mein Kind? Koͤnnt Ihr nicht mitleidig gegen die Un⸗ ſchuld ſeyn, ſo ſeyd gerecht. Eine ſolche That, der Ihr den Namen ſelbſt geben moͤgt, wollte ich nicht auf meinem Gewiſſen haben! Wo iſt Annas frage ich, antwortet, daß der Allgerechte nicht ein Zeichen an Euch thut, und Eure Zunge aufi immer laͤhmt.“ „Thor, durch ſolche Reden wirſt Du mich nicht erſchrecken. Warte des Koͤnigs Entſcheidung ab.“ „Wie der entſcheidet, das kann ich —— prophezeien./ Sein Auge blitzte, ſeine Gebehrde war wuͤthend, er ſagte, von Schmerz und Verzweiflung gefoltert:„Weib, waͤrſt Du meine Mutter nicht und waͤreſt Du mehr, als eine Koͤnigin, mit dem Dolche in der Fauſt wollte ich Dich zum Geſtaͤnd⸗ niß bringen!“ Als er ging, hoͤrte er die Koͤnigin ſagen:„Du biſt kein Menſch, ein Unge⸗ heuer biſt Du!“ Sobald Robert zu einiger Beſinnung gekommen war, ſchickte er einen Boten nach Ivry und ließ den Paͤchterleuten ſagen: auf Befehl der Koͤnigin ſey Anna entfuͤhrt und er hege die gute Hoffnung, daß ſie ihm den Ort, wo ſie und Clito ſey, bald anzeigen werde. Bis dahin muͤßten ſie ſich gedulden. 6 4 Robert ſandte nach allen Gegenden hin Kundſchafter aus. Er ſelber ritt umher, Annen auf die Spur zu kommen, alle Muͤhe war vergebens. Mit einem Jagd⸗ gefolge nahte ſich der Prinz einem Walde, um Hirſche zu erlegen, da begegnete ihm ein Pilger. Er hielt vor ihm ſtill und fragte:„Pilgersmann, von wannen kommt 4 Ihr?“ 4 „Das ſollt Ihr erfahren,“ ſagte dieſer, „wenn Ihr mir folgt und Euch von Eurer Schaar trennt. Ihr ſeyd— wer ſeyd Ihr?“ „Der Painn Robert bin ich.“ Recht gehoffen, ſagte der Pilger,„es koͤmmt nun auf Euch an, ob Ihr Zeit und Luſt habt, ein Maͤhrchen zu hoͤren, gar luſtig, was ich Euch erzaͤhlen ſoll.“ 65 Als der Prinz vom Roſſe geſtiegen war und ſich mit dem Pilger von ſeinem Gefolge entfernt hatte, fing dieſer alſo an⸗ „Iſt es nicht ſo, Ihr habt eine Geliebte, die ſich Anna Rotley nennt?“ „So iſt es.“ „Sie ſchmachtet nach Euch, ſie wird vor Gram vergehen, wenn ſie Euch nicht bald wieder ſieht. Wollt Ihr ſie denn nicht wieder ſehen? Haͤttet Ihr denn ein veraͤn⸗ derliches Herz, bei dem die Liebe, wie ein Fieber, koͤmmt und wieder vergeht?“ „Pilger, das habe ich nicht. Die grau⸗ ſame Koͤnigin haͤlt mir Annen verborgen, ich ſuche ſie und kann ſie nicht finden. Glaubt ſie aber, daß ich ihr untreu geworden bin, ſo kennt ſie den Schmerz nicht, den ich um Der Kreuzfahrer, II. 5 66 ſie leide. Wißt Ihr denn ihren Aufenthalt und koͤnnt Ihr mir den anzeigen?“ „Den weiß ich. Mich, einen verſchwie⸗ genen Boten, ſandte Mathilde Thornton, und... Thorntons Tochter von Stirwarlay?“ unterbrach der Prinz den Pilger. „Eben die.“ „In Stirwarlay it Anna²“ „Da werdet Ihr ſi ſinden. Aber ſeyd klug und liſtig, wenn Ihr ſie frei machen wollt. Thornton haͤlt ſie feſt, wie der Geier ſeine Beute. Sie ſoll nur auf Befehl der Koͤnigin in Freiheit geſetzt werden. Ver⸗ rathet Mathilden nicht, ſie verdient einen b V V 67 beſſern Lohn, als daß ſie fuͤr eine gute That leiden muͤßte.“ „Freund,“ ſagte der Prinz,„melde Dich bei mir und Dein Dienſt ſoll nicht unver⸗ golten bleiben.“ Raſch ſtieg Robert auf ſein Roß und ſuchte ſich von ſeinem Jagdgefolge ſechs Nann aus, die ihm folgen mußten. Er ſchlug den Weg nach Stirwarlay ein. Die Sterne funkelten am heitern Himmel, als er vor dem Thore des Schloſſes ankam und eingelaſſen zu werden verlangte. Er nannte ſich einen von der Koͤnigin abgeſandten Boten, der an den Herrn des Schloſſes eine wichtige Beſtellung haͤtte. Thornton war mit ſeinem Sahne ſpaͤt von der Jagd gekommen und ſaß mit ihm 68 zu Tiſche, um mit reichlichen Maſſen den leeren Magen wieder anzufuͤllen. Noch hatte er die Haͤlfte ſeiner Arbeit nicht voll⸗ endet, als der graue Diener in den Saal mit der Meldung trat, daß ein Bote von der Koͤnigin vor dem Thore harre, der ein⸗ gelaſſen zu werden wuͤnſche, weil er Auf⸗ traͤge von Wichtigkeit dem Herrn des Schloſſes zu beſtellen haͤtte. Unmuthig ſagte Thornton:„Nun ſo wollte ich doch, daß der Teufel alle Boten der Koͤnigin an mich in der Luft zerriſſe. Das Geſchmeiß laͤßt mir nicht einmal bei Tiſche Ruhe, daß ich mich ſatt eſſen kann. Das Lieblingsgericht, die gebratene Gans, koͤmmt noch. Kaͤme der Menſch nicht von der Koͤnigin, der Ab⸗ goͤttin meiner Frau, ſo bliebe das Thor ge⸗ ſchloſſen, bis ich ſatt waͤre. Sag, der Burſche ſoll kommen.“— Der Eſſer ver⸗ ſchlang in aller Eile noch einige gute 69 Biſſen und ſchluckte ſie hinab, als ſich die Thuͤr aufthat und der Prinz in den Saal trat. Er nahte ſich Thornton, der noch un⸗ beweglich auf ſeinem Stuhle ſaß und mit raſcherm Kauen beſchaͤftigt war:„Kennt Ihr mich denn nicht, Thornton?“ Er erhob ſich raſch vom Stuhle und ſagte mit ehrfurchtsvoller Verbeugung:„Nun erſt kenne ich Euch! Ihr ſeyd ja Prinz Robert. Wie komme ich denn zu der Ehre, Euch in meiner Behauſung zu ſehen?“ „Das geht ganz natuͤrlich zu. Die Koͤnigin hat mich hierher geſandt, Anna Rotley aus der Gefangenſchaft zu befreien.“ „Mein Gott, Prinz, ſo redet doch nicht von Gefangenſchaft! Mein Haus iſt kein Kerker fuͤr Raͤuber und Diebe und hier 70 wohnen lauter ehrliche Leute. Das aber kommt mir ſonderbar vor, daß Euch die Koͤnigin gebraucht, eine Paͤchtertochter ab⸗ zuholen, das haͤtte ja ein Geringerer thun koͤnnen, als Ihr.“ „Daruͤber wundert Euch nicht. Die Koͤnigin wollte es ſo und ich war gehorſam. Wo iſt Anna Rotley?“ „Die ſitzt auf ihrer Stube, wie der Dachs im Loche und will weder einen Men⸗ ſchen ſehen noch hoͤren. Das iſt ein ſonder⸗ bares Weſen. Sie ſoll viel weinen und wenig eſſen. So hoͤre ich, geſehen habe ich ſie lange nicht.“ „Wollt Ihr mich nicht ſelber zu ihr führen, ſo gebt mir Euern Bedienten mit.. 15 r Aus Leibeskraͤften rief Thornton aus der Thuͤr:„Mathilde! Mathilde!“ Als die Tochter eilig kam, ſagte der Vater:„Das iſt der Prinz Robert, er verlangt, daß Du ihn zu Anna Rotley fuͤhrſt.“ Er ſetzte ſich nieder und ſagte zu John: „Die werden da oben eine lange Unterredung halten, unterdeß eſſen wir uns recht ſatt.“ Aber John war der Appetit vergangen, er ſagte:„Wenn Anna nur dem Prinzen nicht erzaͤhlt, daß ich ihr einen Kuß geben wollte und er mir das uͤbel nimmt.“ „Das nimmt ein Prinz nicht uͤbel. Hat ſie Dir doch faſt ein Auge ausgeſchla⸗ gen, das boshafte Thier.“ „Prinz Robert iſt hier, der Prinz,“ das man im Dienſte ſo lange bezahlt, wie ſie ——y ö— 72 waren die erſten Worte der Schloßfrau, die faſt athemlos in den Saal trat,„und Du ſitzeſt hier und fuͤllſt Dir den. Magen!“ „Lieber Gott, ein Prinz iſt kein Herr⸗ gott! Er wollte zur Rotley, und da konnte ich doch nicht, wie ein Bediente, mitgehen! Mathilde hat ihn hingefuͤhrt. Nur gut, daß wir das unnuͤtze Weſen los werden.“ „Thornton, ich bitte Dich, laß von dem Eſſen und bedenke, unſer küͤnftiger Herzog iſt im Schloſſe, der Sohn der Koͤnigin!“ „Laß ihn nur, er hat oben erwuͤnſchte Unterhaltung, wobei er keine Zeugen ver⸗ langt. Nun fange ich an zu muthmaßen, was das fuͤr eine Bewandniß mit der Rot⸗ ley hat. Sie iſt eine Art Geliebte, die 73³ uns anſtehen. Das haͤtte ich fruͤher wiſſen ſollen. Wie kann die Koͤnigin mit ſolch einer Perſon mein Haus beflecken! Bin ich dazu gut genug, dergleichen Geſindel zu herbergen?“— „Schweig, ſchweig!“ ſagte die Frau und eilte aus dem Saale. „Iſt doch ein Aufſtand im Schloſſe, als ob der große Mogul eingekehrt waͤre,“ ſagte Thornton und leerte den Reſt von Wein, der noch im Pokal war.„John, ich rathe Dir es doch, daß Du auf die Seite gehſt und Dich aus der Schußlinie machſt. Wer weiß, was ihm die Perſon vorgeſchwatzt hat, und wenn er in ſie verliebt iſt, ſo glaubt er ihr Alles und— ſucht Rache. Was will man mit einem Prinzen machen, den ſeine Hoheit ſchuͤtzt, machen, wenn er uns belei⸗ 74 digt? Man muß die Beleidigung einnehmen, wie ein gepeitſchter Jagdhund. Eher laß Dich nicht wieder ſehen, bis die Luft rein iſt.“ Der Lehre und Warnung ſeines Vaters gehorſam, machte ſich John, der kein gutes Gewiſſen hatte, aus dem Staube und wurde erſt dann wieder ſichtbar, als der Prinz mit Annen auf dem Wege nach Jvry war. Da Robert, von Mathilden gefuhrt, vor die Thuͤr des Gemaches kam, das Anna bewohnte, klopfte ſie leiſe an. Es war, wie immer, verriegelt.„Wer da?“ fragte Anna. Als ſich Mathilde meldete, oͤffnete ſie ſo⸗ gleich die Thuͤr. Das Fraͤulein ging voran und Robert folgte nach. Anna fuhr er⸗ ſchrocken zuruͤck, als ſie einen Mann in voller Ruͤſtung erblickte. Sie wollte laut — 79 aaufſchreien, da oͤffnete Robert ſeine Arme und ſprach:„Fuͤrchte Dich nicht, meine Anna, ich bin es.“.... Sie ſtaunte, war außer . ſich, ſank an Roberts Bruſt und hatte nur V Thraͤnen fuͤr den Ausdruck ihres Entzuͤckens. „Ach,“ ſagte ſie,„dies war eine lange, ſchmerzvolle Nacht! Über mich ſelbſt muß ich mich wundern, daß ich noch lebe.“ „Aber, wie koͤmmſt Du hierher?“ fragte Robert. „ So war es Deine Anordnung und die der Koͤnigin.“ 4 „Ja, der Koͤnigin und nicht die meine; dooch davon will ich mit Dir allein reden.“ Als Robert ſeinen Sohn gekuͤßt, Ma⸗ 76 thilden fuͤr ihre Liebe gedankt hatte, da trat die Schloßfrau ins Zimmer. Nach einer tiefen Verbeugung ſagte ſie:„Wie ich hoͤre, wollt Ihr Anna Rotley abholen. Wie wird es uns ſchmerzen, wenn wir uns von ihr trennen muͤſſen, wir haben uns an ihren Umgang gewoͤhnt.“ „So groß kann der Schmerz nicht ſeyn,“ entgegnete Anna,„es vergingen wohl Wochen, wo wir uns nicht ſahen.“ „Aber,“ fragte die Schloßfrau,„Prinz, koͤnnt Ihr uns auch ſchriftlich vorzeigen, daß wir Euch Annen mit ihrem Kinde uͤber⸗ laſſen duͤrfen? Anders ſoll es nicht geſchehen, ſo lautet der Befehl der Koͤnigin.“ „Poſſen,“ entgegnete Robert,„bin ich nicht mehr, als Schriftliches? Hat denn 77 eine Königin ein Recht, Annen eingeſperrt halten zu laſſen, die kein Unrecht gethan hat? Ihr ſprecht ja ſonderbar. Legt mir ja kein Hinderniß in den Weg, Ihr zwingt mich ſonſt, Gewalt zu gebrauchen und den Schaden, der daraus fuͤr Euch entſteht, habt Ihr verſchuldet. Kurz, die Macht der Hoͤlle ſoll mir es nicht verwehren, Annen mit mir zu nehmen.“ „Anna, komm, nicht unfreundlich iſt die Nacht, wir treten die Reiſe in dieſer Stunde an.“ Sie hatte nichts dawider. Herzlich um⸗ armte ſie Mathilden, dankte der Schloßfrau und ſagte:„Der Herr von Thornton mit ſei⸗ nem Sohne wird es nicht von mir verlangen, daß ich Abſchied von ihm nehme, unſer Ver⸗ haͤltniß war in der Zeit meiner Gefangenſchaft kein freundliches. Und Du, Diana, warſt eine treue Waͤchterin, welche die Koͤnigin mir ſetzte, aber fuͤr Gutes, das Du mir erwieſeſt, kann ich nicht danken.“ Wie groß die Freude aber in Jory war, als die Eltern Annen und Clito ſahen, das laͤßt ſich denken. „Hier kann Anna nicht bleiben,“ ſagte Robert.„Wer ſoll ſie beſchuͤtzen, wenn ich nicht hier bin? Die Koͤnigin hat ihren feindlichen Sinn zu deutlich offenbart. Koͤnnte ſie ſie nicht mit Gewalt rauben laſſen und ſie an einem Orte verbergen, wo ich ſie nicht finden kann? Ich muß ſie ſicher wiſſen. Ich werde ſie und meinen Sohn, fern von Rouen, zu meinen Freunden bringen, denen ich einen nicht unbedeutenden Dienſt erwies, die ſie mit offenen Armen aufnehmen. Ihr verkauft Jvry und in kurzer Zeit weiſe ich Euch einen beſſern Wohnſitz in der Naͤhe 8 7 ihr ſo gemeint, aber ſie wandte zweideutige Eurer Tochter an, vielleicht, daß ſie wieder bei Euch wohnen kann.“ Es fuͤgten ſich Alle ohne Widerrede in das Wohlmeinen des Prinzen und ſo reiſete er nach vier Tagen mit ſeinen Geliebten von Ivry ab. Diana brachte zuerſt der Koͤnigin die Botſchaft, daß der Prinz Annen von Stir⸗ warlay abgeholt haͤtte. Sie zuͤrnte Thorn⸗ ton, daß er es nicht geheimer hielt, daß Anna verborgen bei ihm lebte. Das Zuür⸗ nen des Prinzen dachte ſie bald wieder zu beſaͤnftigen, wenn ſie ihm ihre muͤtterliche Abſicht begreiflich machte, daß ſie ihn gegen bittern Verdruß, den er um ſeiner Liebe willen von dem Vater erfahren konnte, haͤtte ſicher ſtellen wollen. Eigentlich war es von 8⁰ Mittel an, die ihre ſcheinbare Guͤte in Roberts Augen verdaͤchtig machte, ſo, daß er ſie vielmehr fuͤr ſeine Feindin hielt. Da der Koͤnig wirklich eine Prinzeſſin fuͤr Ro⸗ bert auserſehen hatte und Anna ein offen⸗ bares Hinderniß war, daß der Sohn ſich nicht in den Willen des Vaters fugte, ſo wollte die Koͤnigin ſie aus ſeinen Augen ruͤcken, um ſein Herz von ihr abzuziehen. Aber ſie wußte nicht, daß er zu den leicht⸗ ſinnigen Juͤnglingen nicht gehoͤrte, die mit Braͤuten und Geliebten, wie mit Kleidern wechſeln, ſie kannte das treue, feſte, zaͤrtliche Gemuͤth Roberts nicht, der leichter einen Thron, als ſeine treu geliebte Anna verlieren konnte. Robert kannte keinen ſicherern Ort, wo Anna mit ihrem Kinde beſſer aufgehoben war und herzlicher aufgenommen wurde, als das 8¹1 Schloß des Grafen von Norfolck. Keinen Au⸗ genblick zweifelte er daran, daß Anna von der Graͤfin wie eine Schweſter behandelt werden wuͤrde. Um ſie ſelbſt zu beruhigen, da ſie unter ihr unbekannten Menſchen leben ſollte, erzaͤhlte er, was er einſt fuͤr Norfolcks Gattin that und wie der Graf ſich mit dem Theuerſten verpfaͤndet, ſeine edle That zu vergelten. Was Anna Gutes, Liebes und Freundliches fuͤr ſich und ihr Kind erwarten konnte, das wurde ihr, weit uͤber ihren Glauben, erwieſen. Nach Verlauf eines Monats wohnten die Eltern in ihrer Naͤhe. Ruhig ließ ſie das Schickſal walten und be⸗ reitete ſich vor, das ſtandhaft zu dulden, was eine hoͤhere Macht uͤber ſie beſchloſſen hatte, Jetzt aber brach ein neuer Sturm los, welcher Roberten leicht um Freiheit und Leben bringen konnte. Der Kreuzfahrer. II. 6 82 England war groͤßtentheils beſchwichtigt und der Koͤnig erntete im Frieden die Fruͤchte ſeiner Siege und Eroberungen, als in der Normandie Unruhe ausbrachen, die ihn noͤthigten, ſein neues Reich zu verlaſſen. Der ſtrebſame Geiſt Roberts fuͤhlte ſich bei der traͤgen Ruhe, zu der er verurtheilt war, nicht gluͤcklich. Von Frankreich noch mehr angereizt, forderte er von ſeinem Vater die Erfuͤllung des Verſprechens, ihm, als Her⸗ zog, die Normandie zu uͤberlaſſen. Er er⸗ hielt vom Koͤnige den Beſcheid:„Ich werde meine Kleider nicht eher ausziehen, bis ich zu Bette gegangen bin.“ Dieſe Antwort erbitterte den Prinz gegen den Koͤnig und er ſagte laut:„Ein Vater, der ſein Wort nicht haͤlt, was er dem Sohne gegeben hat, entbindet ihn ſeiner Kindespflichten und giebt ihm ein Recht, das mit Gewalt zu 8³ erſtreben, was er auf dem Wege der Guͤte nicht erlangen kann.“ Der Koͤnig kam in der Normandie mit einem engliſchen Heere an, um die Miß⸗ vergnuͤgten, die Roberts Parthei gegen ihn ergriffen hatten, zu uͤberwaͤltigen. Viele normaͤnniſche Große und Frankreich ſtanden auf Roberts Seite. An kleinen Gefechten, ohne daß es zu einer entſcheidenden Haupt⸗ ſchlacht kam, fehlte es nicht. Eines Tages ſtießen der Koͤnig und ſein Prinz wuͤthend auf einander, ohne daß ſie ſich kannten. Mit jugendlichem Ungeſtuͤm griff Robert ſei⸗ nen Gegner an, hob ihn mit einem Streich aus dem Sattel, daß der beſiegte Koͤnig vom Roſſe zur Erde niederſtuͤrzte. Über die Schmerzen des Falls ſchrie der Koͤnig laut. Robert erkannte den Vater an der Stimme und es koſtete ihm nur einen Streich, ſo 84 war er nicht mehr und ein Herzogthum, vielleicht ein Koͤnigreich war gewonnen. Wie leicht konnte er ſich mit der Unwiſſen⸗ heit entſchuldigen, wenn er des Vatermordes wegen angeklagt wurde. Aber in dem kindlichen Herzen ſiegte die Natur und Liebe. Der Prinz dachte nicht daran, daß ein Feind vor ihm auf der Erde lag, der mit ihm Krieg fuͤhrte; ein Mann, der ihn mit partheiiſcher Ungerechtigkeit behandelte; der ſelbſt ſein Verdienſt, was er ſich um ſeine Perſon erworben hatte, fuͤr nichts achtete. Schnell ſprang er vom Roſſe, half ſeinem Vater von der Erde auf, beklagte ſeinen Fall, fiel ihm zu Fuͤßen, bat ihn mit Thraͤnen um Verzeihung, und betheuerte, die Waffen niederzulegen, wenn der Koͤnig ſein Verſprechen, was er ſelbſt in einer Krank⸗ ——ꝛy— 85 heit gethan haͤtte, ihm die Normandie abzu⸗ treten, erfuͤllen wuͤrde. Der Koͤnig achtete nicht auf die Worte des Juͤnglings, ſeine Großmuth und Liebe konnte ſein wider ihn eingenommenes Herz nicht zu milderen Geſinnungen ſtimmen, er war wuͤthend uͤber den Fall, es kraͤnkte ſei⸗ nen Stolz, von einem feindlichen Sohne eine Wohlthat annehmen zu muͤſſen. Als er ſchmerzvoll wieder auf ſeinem Roſſe ſaß, rief er ſeinem Sohne einen harten Fluch zu, jagte in ſein Lager und traf nachdruͤcklichere Anſtalten, ſeine Feinde zu beſiegen. Er ſchlug ſie in mehrern Treffen, zerſtreute ſie, vertrieb ſie ſchaarenweiſe aus der Norman⸗ die, verſchenkte an ſeine getreuen Vaſallen die Guͤter der Unruheſtifter und Robert fluͤch⸗ tete ſich mit ſeiner Anna und Clito auf das franzoͤſiſche Schloß Gerbirai. 86 Die Koͤnigin, welche zu kraͤnkeln anfing und gegruͤndete Urſache hatte zu glauben, daß ſie bald ſterben werde, erkannte es reu⸗ voll, daß ſie nicht ſo guͤtig und liebevoll gegen ihren aͤlteſten Sohn, als gegen die andern Kinder gehandelt haͤtte. Sie ſandte mit Bewilligung des Koͤnigs, einen Eilboten nach Gerbirai ab und ließ ihn zu ſich laden, weil ſie ſich vor ihrem Ende noch mit ihm verſoͤhnen wollte. Er ließ ihr wieder ſagen, dieſe Ceremonie ſey vergebens, da er gegen ſeine Feinde keinen Haß in der Bruſt trage, am wenigſten gegen eine Mutter. Von ganzem Herzen wolle er ihr jedes Unrecht verzeihen, was ſie, gewiß nicht in boͤſer Ab⸗ ſicht, an ihm begangen haͤtte. Daß er ſie aber vor ihrem Hinſcheiden nicht mehr ſehen und ihren letzten Segen empfangen koͤnne, wie ſeine Geſchwiſter, das ſey nicht ſeine Schuld. Wenn die ganze Sache nicht eine Liſt ſey, 4 nahme verſprechen koͤnne. Er glaube feſt an weilen, als ſeine Gegenwart noͤthig ſey. 87 um ihn in eine gefaͤhrliche Falle zu locken, ſo muͤſſe er doch den Haß des Koͤnigs fuͤrchten, von dem er ſich keine gute Auf⸗ ein ewiges Leben, wo die hier getrennten Geiſter ſich in Liebe vereinigen wuͤrden. Auf dieſen Beſcheid drang die Koͤnigin inſtaͤndiger in den Koͤnig, daß er Roberten ſchriftlich melden ließ, wie nahe ſeine Mut⸗ ter dem Tode ſey und wie ſie ein ſehnſuchts⸗ volles Verlangen trage. Noch betheuerte er es Roberten bei Gott und ſeiner Krone, daß ihm auch nicht die geringſte Beleidigung begegnen ſollte. Darauf nahm Robert von ſeiner Anna und Clito Abſchied und ſegelte unter Segenswuͤnſchen, die ſie ihm mit be⸗ thraͤnter Wange nachrief, nach England üͤber. Er gelobte, nicht laͤnger da zu ver⸗ * 88 Zu einem ſeiner Perſon wuͤrdigen Empfang hatte der Koͤnig ſolche Anſtalten treffen laſſen, die ihm ſehr auffielen. Wil⸗ helm ſelbſt fuͤhrte ihn ins Zimmer der todt⸗ kranken Mutter. Sie hielt ihm ihre matte Hand entgegen, die er an ſein Herz mit der Betheurung und einem zum Himmel ge⸗ richteten Blick hielt:„Gott, den Allwiſſen⸗ den, rufe ich zum Zeugen an, daß ich nur Liebe fuͤr meine Mutter im Herzen habe. Habt Ihr gefehlt, ſo iſt Gottes Gnade groß, der auch den Suͤnder nicht verſtoͤßt, er wird verzeihen.“ „Nun kann ich ruhiger ſterben,“ ſagte ſie und druͤckte Roberten die Hand. „Wilhelm,“ redete ſie den Koͤnig mit ſchwacher Stimme an, der in tiefer und ſchmerzlicher Ruͤhrung am Krankenlager der 89 hoch geliebten Gattin ſtand,„erfuͤlle die Bitte einer Sterbenden, die Du nie betruͤb⸗ teſt, die Dich mehr, als einen Menſchen liebte und verſoͤhne Dich mit Robert, Du haſt ihn zum Zorn gereizt, Gerechtigkeit und Liebe wird Dir in ihm den treuſten Freund gewinnen. Vergiß es nicht, wie kindlich er bei Haſtings und in der Normandie gegen Dich handelte.“ Der Koͤnig ſprach:„Es ſey Dir Alles vergeben, komm an mein Herz.“ Dieſe Scene erſchuͤtterte die Koͤnigin ſo ſehr, daß ſie eine Stunde nachher ihren Geiſt aufgab. Der Koͤnig weinte bitter und ſprach im Schmerz:„Was nutzt mir nun eine Koͤ⸗ nigskrone, da ich die Ehre derſelben nicht 9⁰0 mit dieſer Gattin theilen kann. Sie war ein edles Weib, groß von Verſtand und herrlicher noch nach ihrer Herzensguͤte.. Alle ihre Kinder weinten. Robert ging nach der Normandie zu⸗ ruͤck. Anna durfte bei ihm wohnen; er hatte dem Koͤnige ſein Geheimniß entdeckt, der ihm damit den erſten Beweis vaͤterlicher Guͤte gab, daß er ſagte:„Kannſt Du Dich nicht von ihr trennen, ſo liebe ſie treu und ſey mit ihr gluͤcklich.“ Fuͤr Annens Sehnſucht viel zu lange, blieb Robert in England. Ob auch ſein Herz uͤber den Tod einer Mutter trauerte, die oft ſeine einzige Stuͤtze war, wenn ihn der Vater verließ, die ſein Gemuͤth aufrich⸗ tete, wenn es in Gram und Kummer nie⸗ derſinken wollte, die durch den Beweis der 91 Liebe in ihrer letzten Lebensſtunde in ihm jede Spur des Andenkens an manche Haͤrte, die er auch von ihr erfahren mußte, vertilgt hatte, groͤßer war doch ſeine Freude uͤber die Ausſoͤhnung mit ſeinem Vater und die Er⸗ laubniß, die er ihm in der guͤnſtigſten See⸗ lenſtimmung, die ihm juſt jetzt eigen war, gab, daß er mit Annen verbunden leben konnte. Es heiterte ſeinen Geiſt ungemein auf, ihr dieſe frohe Nachricht bringen zu koͤnnen, und alle ihre Beſorgniſſe zu zer⸗ ſtreuen, die ſie oft traurig machten, wenn ſie an die Zukunft dachte. So feſt ſie uͤber⸗ zeugt war, daß Roberts treue Liebe gegen ſie nie wanken werde, ſo fuͤrchtete ſie doch, daß er ihr große und ſchwere Opfer bringen muͤſſe. Ihre Sehnſucht nach ihm vergroͤßerte ſich und bald gefellte ſich dazu eine gewiſſe 9² Ängſtlichkeit, daß ihm in London ſelbſt ober bei der Überfahrt Widriges begegnet ſey. Vom Tode der Koͤnigin, und daß er bei ihrem Leichenbegaͤngniſſe ſeyn mußte und nach demſelben nicht ſogleich abreiſen konnte, wußte ſie nichts. An einem Abend, wo ſich ihre Gedanken mit ihm beſchaͤftigten, trat er in ihr Gemach und als er ſie mit vieler Herzlichkeit umart und Clito, ſeinen Lieb⸗ ling, gekuͤßt hatte, ſagte er:„Ich bringe Dir eine traurige, aber auch eine hoͤchſt erfreuliche Nachricht von England mit. Die Koͤnigin iſt geſtorben; aber ſie hat ihren Abſchied von der Erde durch eine edle That verherrlicht. Sie rief mich in der Abſicht nach England, daß ich ihr verzeihen ſollte, wenn ſie mir im Leben Unrecht gethan haͤtte. Wer wird einer Sterbenden, die das Unrecht bereuet, nicht jede Schuld verzeihen. Aber dann flehte ſie vom Koͤnige, daß er 93 ſich mit mir verſoöhnte, mir ein vaͤter⸗ liches Herz zuwendete, wenn er wolle, daß ſie ruhig ſterben ſolle. Am Krankenlager der Gattin war er geruͤhrt, erſchuͤttert und ſagte:„Komm an mein Herz und ſey mein Sohn.“ Dieſe Ausſoͤhnung griff die Koͤnigin ſo an, daß ſie bald verſchied. Ich benutzte, einige Tage nachher, ſeine weh⸗ muͤthige und guͤtige Stimmung und ent⸗ deckte ihm das Geheimniß unſerer Liebe, da ſagte er:„Kannſt Du Dich nicht von ihr trennen, ſo liebe ſie treu und ſey mit ihr gluͤcklich.“ Dies verdanke ich meiner ſter⸗ benden Mutter, ein dankbares Andenken ſey ihr ewig geweiht. Nun laß jeden aͤngſt⸗ lichen Gedanken fahren, unſer Schickſan iſt ſicher geſtellt.“ Eine ſolche Nachricht hatte Anna nicht erwartet. Alle Furcht, der Koͤnig werde auf 94 irgend eine Weiſe Rache an Robert nehmen, war verſchwunden, hell glaͤnzte ihr die Zu⸗ kunft entgegen, ſie wurde mit Entzuͤcken er⸗ fuͤllt und ließ ihre Freude durch Mienen, Worte und daß ſie Roberten feurig umarmte, laut werden. Nach einer Woche bezog Robert mit ſeiner Gattin den herrlichen Pallaſt in Rouen und zeigte ſie oͤffentlich als ſeine Gattin, obgleich die koͤnigliche Beſtaͤtigung zu dieſer Ehe noch fehlte. Alle Welt ſtaunte uͤber die wunderſchoͤne Frau, und freute ſich noch mehr uͤber ihre Guͤte, Milde, Be⸗ ſcheidenheit und Herablaſſung. Anna war der Gegenſtand des allgemeinen Geſpraͤchs in Rouen und die Damen der Vornehmen, da ſie geladen wurden, verſchmaͤhten den Umgang mit der liebenswuͤrdigen Frau nicht. Wochen lang war die Graͤfin von Norfolck 95 bei ihr in Rouen und Beide waren durch die Bande einer ſchweſterlichen Liebe mit einander verbunden, da die Graͤfin immer mehr Gelegenheit hatte, den hohen Seelen⸗ adel Annens kennen zu lernen, die keinen Anſtand nahm, der Tugend jedes Opfer zu bringen. Sie blieb auch die treue, ihre Eltern uͤber Alles achtende und ſie liebende Tochter. Der Koͤnig Wilhelm wurde durch die in der Normandie herrſchende Unruhe von neuem bewogen, dahin zu eilen, um ſie zu ſtillen. Er ahnete es wohl nicht, daß er die engliſche Kuͤſte nicht wiederſehen und daß der Glanz ſeiner Waffenthaten nicht ver⸗ groͤßert werden, ſondern mit ihm im Grabe verſchwinden wuͤrde. Die Vaſallen, welche zu damaliger Zeit 96 auf befeſtigten Schloͤſſern ſaßen und nach Will⸗ kuͤhr ihre Unterthanen beherrſchten, duͤnkten ſich auf ihren Gebieten Selbſtherrſcher und unabhaͤngig von einer hoͤhern Staatsgewalt zu ſeyn, die Gerechtigkeit uͤbt und eine ge⸗ ſetzliche Ordnung unter ſtreitenden Partheien handhabt. Wenn daher ein Vaſall von dem andern beleidigt oder beeintraͤchtigt war, und er ſich mit ſeiner Schaar ſtark genug fuͤhlte, Rache zu uͤben, ſo griff er ſeinen Gegner mit Liſt und Gewalt an und erlaubte ſich alle Graͤuel einer wuden, zuͤgelloſen Horde. Es wurde geraubt, geſchaͤndet und gemordet und die übelthaͤter durſten keine Strafe fuͤrchten. So war das Land der Tummel⸗ platz blutiger Fehden, welche die oͤffentliche Ruhe ſtoͤrten, und Unſchuldige um ihr Eigen⸗ thum, ihre Freiheit und ihr Leben brachten. Man konnte durch Verbote und Strafgeſetze dieſen Zaͤnkereien nicht ſteuern. So fielen 97 Normaͤnner ins franzoͤſiſche Gebiet und Franzoſen in das normaͤnniſche Herzogthum und ſchlugen ſich todt oder die Koͤpfe wund. Hubert Beaumont und die franzoͤſiſchen Befehlshaber von der Stadt Mante, waren die aͤrgſten Raubritter und das Schrecken einer weiten Umgegend. Sie gingen mit ihren Truppen weit hinein in das Gebiet der Normandie, erlaubten ſich die ſchaͤndlich⸗ ſten Raͤubereien und kehrten dann, mit Beute beladen, wieder in ihr Land, um bald wieder zu kommen. Der Koͤnig Wilhelm glaubte nicht irrig, daß Philipp, der Koͤnig von Frank⸗ reich, die Oberhaͤupter dieſes Raubgeſindels unterſtuͤtze. Fruͤhere Feindſeligkeiten hatten ſchon eine große Spannung unter den Koͤnigen erzeugt. Ein Scherz, den ſich Philipp gegen Wilhelm erlaubte, welcher zu ſeiner Kennt⸗ niß kam, blies die Flamme der Rache an. Der Kreuzfahrer, II. 7 98 Wilhelm, der eine uͤberaus ſtarke Lei⸗ besconſtitution hatte, die ihm oft ſelbſt ſehr beſchwerlich wurde, fiel in eine langwierige Krankheit. Es wurde bei der koͤniglichen Tafel, wo etliche Normaͤnner zugegen waren, von dem übelbefinden des Koͤnigs von Eng⸗ land geredet. Philipp ſagte:„Euer Cuarduuid- haͤlt auch ein allzu langes Wochenbette.“ Die ie Normaͤnner ſe ſchwiegen, aber ſie offen⸗ barten dem Koͤnige, ſobald ſie ihn in Lon⸗ don ſahen, den Spott, den Philipp in ihrer Gegenwart auszuſprechen wagte. Es war damals Gebrauch, daß eine Kindbetterin nach ihren Wochen, bei ihrem Kirchgang der Jungfrau Marie Kerzen von Wachs opfern mußte. Wilhelm ließ alſo dem Koͤnig Philipp, als Antwort auf ſeinen ungeziemenden Scherz ſagen: er werde un ſerer lieben Frauen mehrere Kerzen weihen, —— 99 als dem Könige von Frankreich lieb ſeyn wuͤrde. Er erfuͤllte ſein Geluͤbde. Fuͤr den Scherz des Koͤnigs, den Wilhelm uͤbel nahm, mußten nun die ſchuldloſen Unterthanen buͤßen. Der Koͤnig ſetzte eine engliſch⸗ normaͤnniſche Armee nach ſeinem Erbſtaat uͤber, fiel in das franzoͤſiſche Gebiet, wuͤthete mit Feuer und Schwert und hinterließ allenthalben die Spuren einer verwuͤſtenden Rache. Als die Waffen eine Weile ruhten, ſagte der Koͤnig mit freundlicher Miene zu Ro⸗ bert:„Ich, muß es als gewiß glauben, daß das allmaͤchtige, unſichtbare Weſen Dich zu meinem Schutzgeiſt beſtimmt hat. Wo mei⸗ nem Leben und meiner Freiheit Gefahr droht, da ſtehſt Du mir zur Seite. Robert, * 100 glaube meinem Worte, ſeit dem Tode Dei⸗ ner Mutter bin ich ganz mir Dir ausge⸗ ſoͤhnt. Zuͤrne mir nicht, wenn Du nach meinem Abſterben das Ziel nicht erreichſt, nach dem Dein Sinn ſtrebt. Wer als Her⸗ zog von der Normandie nicht gluͤcklich ſeyn kann, der wird es als Koͤnig von England nie werden. Erſt jetzt habe ich die Erfah⸗ rung gemacht, nicht die Außenwelt, nicht Glanz und Hoheit kann uns den Himmel geben, der wohnt in unſerer Bruſt. Wel⸗ cher bittern Ereigniſſe, welcher Sorgen und ſchlafloſen Naͤchte, welcher Gefahren waͤre ich uͤberhoben geweſen, haͤtte ich nie die engliſche Kuͤſte betreten. Welche Buͤrden muß ich nun tragen, ſeit ich ein Koͤnig fe. worden bin.“ Robert merkte es wohl, was der Koͤnig mit dieſen Worten ſagen wollte und er 101 ſprach:„Mich geluͤſtet nicht nach einer Koͤnigskrone, wenn ich ſie erſt erobern ſoll; wird ſie mir aber von der Gerechtigkeit dargeboten, ſo darf ich ſie nicht zuruͤckweiſen. Das Streben nach hoͤhern Dingen lag in Euerm Gemuͤth und der Sohn kann dem Vater nicht unaͤhnlich ſeyn.“ Abſichtlich wollte der Koͤnig das Ge⸗ ſpraͤch auf einen andern Gegenſtand lenken und er ſagte:„Da ich nicht weiß, wie bald ich der Königin folge und die viel Ruͤhmens von der Schoͤnheit der Rotley und ihrem Knaben machte, ſo wuͤrdeſt Du mir einen Gefallen thun, wenn Du mir Gelegenheit gaͤbſt, ihre Bekanntſchaft zu machen.“ „Die Schoͤnheit iſt es nicht allein, die mich an ſie feſſelt,“ entgegnete Robert, nihr 102. Gemuͤth, ihr milder Sinn, ihre zarte Liebe hat mich bezaubert. Ein edleres Weib, wie meine Anna iſt, beſchien die Sonne nie. Ihr ſollt ſie ſehen, ich ſelber will ſie mit dem Knaben vor Euch fuͤhren. Sprecht mit ihr guͤtig, ein hartes Wort von Euch wird ſie erſchrecken.“ 1 „Warum ſoll ich mit ihr ein hartes Wort reden? ſie hat mich nie beleidigt.“ — Reobert eilte nach Rouen zu ſeiner Gattin und lud ſie ein, ihm mit Clito zu folgen, da der Koͤnig den Wunſch geaͤußert haͤtte, im Feldlager ihre Bekanntſchaft machen zu wollen.— Sie erſchrak faſt uͤber dieſen Antrag und ſagte:„Wie koͤmmt ein Koͤnig dazu, mich ſehen zu wollen? Ach, ich nahe mich ihm ungern. Wenn er mir eine finſtere Miene machte; wenn ich einen Vorwurf von ihm hoͤren muͤßte; wenn er 103 mein weibliches Ehrgefuͤhl kraͤnkte, Robert, das wuͤrde mir das Herz zerreißen. Hat er nicht Boͤſes im Sinn? Ich bin doch aͤngſtlich. Nicht traue ich dem Manne, der Dir ein heiliges Verſprechen gab, das er nicht erfuͤllte. Robert, Du liebſt mich, ſetze mich in keine Gefahr. Was vermagſt Du gegen die Macht des Koͤnigs, wenn ſie ſich Dir feindlich entgegen ſtellt. Kannſt Du mein Außenbleiben nicht entſchuldigen?“ „Anna, folge mir, traue mir, Du haſt vom Koͤnige nichts zu fuͤrchten. Erſt muß er mich morden, ehe er Dein Leben und Deine Freiheit antaſten kann. Unmenſchlich iſt er nicht. Sey nur unbefangen, ſey dreiſt und laß Dich durch die Hoheit nicht ſchrek⸗ ken. Der Koͤnig iſt ein Menſch, wie alle Adamskinder, mit Tugend und mit Schwachheit, nichts weiter, als ein Geſchoͤpf 104 des Allmaͤchtigen, wie der Geringſte ſeiner Unterthanen. Der Todesengel ruft auch ihn, dann legt er ſeine vergaͤngliche Krone nieder und wird zu Staub. Ausgezeichnet hat die Natur meinen Vater und zum Herrſcher ſcheint er geboren. Sein Koͤrper iſt eine Art von Rieſenfigur, uͤber Tauſende ragt er um einen Kopf hervor. Geiſt und Leben, Muth und Kuͤhnheit blitzt aus ſeinem Auge. Das Große und Erhabene iſt ihm auf die Stirn geſchrieben. Er kann ernſt doch auch freundlich ſeyn und bisweilen leuchtet es von ſeiner Miene, wie milder Sonnenſchein. Er wird Dich guͤtig empfan⸗ gen, das glaube mir. Wie koͤnnte ich Dich der kleinſten Kraͤnkung bloßſtellen!“ Anna war ſchoͤn, wie ein Engel, als ſie mit Clito im Lager ankam. Schon in der Ferne erkannte Robert ſeinen Vater 105 wegen der Groͤße. Er ſtand vor dem koͤnig⸗ lichen Zelte, umgeben von ſeinen Getreuen. „Sieh, Anna,“ ſagte Robert zu ihr,„dort ſteht der Koͤnig, nun faſſe Dir ein Herz und blicke ihm frei ins Angeſicht.“ Als ſie ſich nahten, traten die Vaſallen von beiden Seiten zuruͤck, der Koͤnig that einige Schritte vorwaͤrts und wirklich, als er die Zuͤge der Schoͤnheit ſah, die uͤber das Geſicht und den ganzen Koͤrper Annens ver⸗ breitet waren, ſagte er, daß es Alle hoͤrten: „Ein Weib, ſo ſchoͤn wie die, hat mein Auge nie geſehen..... Mehrere Schritte vom Koͤnige entfernt ſchwang ſich Anna mit Leichtigkeit vom Roſſe, nahm ihren Clito bei der Hand, nahte ſich, von Robert ge⸗ fuͤhrt und ſagte nach ehrfurchtsvoller Ver⸗ beugung:„Koͤnig, wie Ihr es befohlen habt, erſcheint gehorſam und demuͤthig vor 106 Euch Eure Magd.“ Der Koͤnig nahm ſie bei der Hand, fuͤhrte ſie in ſein Gezelt, hieß ſie auf einen Lehnſtuhl niederſetzen und fing ein Geſpraͤch mit ihr an. Sie mußte die Herablaſſung und Guͤte des Koͤnigs bewun⸗ dern. Sie hatte keine Furcht und Scheu vor ſeiner Naͤhe mehr und ſprach dreiſt und ehrfurchtsvoll. Dem kleinen Clito ſtreichelte er die Wangen. Als er ſie wieder entließ, ſagte er, in Roberts Gegenwart die ſchmei⸗ chelhaften Worte:„Nun, da ich Annen ſelbſt geſehen habe, verarge ich Dir es nicht mehr, daß Du ſie zu Deiner Gattin waͤhl⸗ teſt. Seyd uͤberzeugt, daß ich Euch an Euerm Gluͤcke nie hinderlich bin.“ Noch war Anna, die von der Gnade des Koͤnigs ganz bezaubert war, nicht drei volle Tage in Rouen, als ſie von Robert Nachricht erhielt, daß die Feindſeligkeiten 107 wieder anfingen. Die Stadt Mante wurde gepluͤndert, dann in einen Aſchenhaufen, auf Befehl des Koͤnigs, verwandelt. Schon war der Plan entworfen, in das Innere von Frankreich einzudringen und die Ver⸗ heerungen fortzuſetzen, als der Koͤnig ploͤtz⸗ lich von einer Krankheit uͤberfallen wurde. Er ließ ſich in ſein Schloß nach Rouen bringen. Robert mußte, an der Stelle ſei⸗ V nes Vaters, bei dem Heere bleiben, der ihm das Commando uͤbergab. Anna war bei ihren Eltern. Die andern Kinder des Koͤ⸗ nigs, Heinrich ausgenommen, lebten in England. Der Koͤnig litt unertraͤlliche Schmerzen in den Eingeweiden. Das Übel nahm ſo zu, daß ihm ſeine Arzte riethen, das Weltliche zu verlaſſen und ſich zu dem großen Schritte in ein anderes Leben vor⸗ zubereiten. Viele engliſche Gefangene er⸗ hielten die Freiheit; den Geiſtlichen machte 108 er große Geſchenke. Der in Frankreich an⸗ gerichtete Schade ſollte den Bewohnern, die durch den Krieg gelitten hatten, erſetzt wer⸗ den. Robert ernannte er zum Herzog der Normandie. Der Erzbiſchof Lanfranc mußte ſeinen zweiten Sohn, Wilhelm, zum Koͤnig von England kroͤnen. Heinrich vermachte er ein Jahrgehalt von 5000 Pfund, nebſt der Verlaſſenſchaft ſeiner Mutter Mathilde.“ Mit ſeinem Tode und Begraͤbniß ging es ſonderbar. Als er ſeine Augen geſchloſ⸗ ſen hatte, raubte der Prinz Heinrich die Schaͤtze ſeines Vaters und floh damit nach England, damit ſie ihm Robert nicht wieder abnehmen konnte. Die Vaſallen und Truppenoberſten, welche bisher in der Naͤhe ihres Herrn waren, ergriffen die Flucht, verließen den 109 Leichnam und begaben ſich auf ihre Schloͤſ⸗ ſer. Alle waren es feſt uͤberzeugt, es werde nun unter den drei koͤniglichen Prinzen ein Krieg um das vaͤterliche Erbe, um das Koͤnigreich und Herzogthum ausbrechen. Sie befeſtigten ihre Burgen, ſo gut ſie es ver⸗ mochten, bewaffneten ihre Mannſchaft und wollten es nun erharren, um dann auf die Seite deſſen zu treten, den das Kriegsgluͤck beguͤnſtigte, den es zu ihrem Oberherrn er⸗ waͤhlen wuͤrde. Die Schaar der Bedienten, denen nun die Aufſeher fehlten, raubten die koſtbaren Geraͤthſchaften des Pallaſtes, gin⸗ gen davon und brachten ſie in Sicherheit. Das Schloß war in wenigen Stunden eine ſtille Hde geworden, in dem man keine Menſchenſtimme mehr hoͤrte. Nur der, der ſeinen Koͤnig nie verließ, der ihm Treue und Liebe bis in den Tod geſchworen hatte, der ihn im Herzen, ſeiner großen Eigenſchaften 5 110 wegen, hoch achtete, ob er auch manche Haͤrten in hitziger Übereilung erfuhr, der alte Woltheof ging nicht von ſeiner Leiche und bewachte ſie, wie den theuerſten Schatz. Koͤnige und Fuͤrſten der Erde, dachte der alte, viel erfahrne Mann, was geltet Ihr den Ehrſuͤchtigen, den Schmarotzern und Eigennuͤtzigen noch, wenn die Seele aus dem Leibe entflohen iſt! Wilhelm, die ſich vor Dir buͤckten, Dir ſchmeichelten, jedem Deiner Winke folgten, die wuͤrdigen Dich nicht mehr, bei Deiner Leiche zu bleiben. Der Tod des Koͤnigs iſt, der die ſchlechten Ge⸗ ſinnungen Vieler offenbart hat..„ Thraͤnen rollten uͤber ſeine Wangen. Das Leichenbegaͤngniß eines ſo großen Koͤnigs, an deſſen Hofe Pracht und Glanz herrſchte, war ein aͤrmliches, keiner von den Hoͤflingen, die den lebenden Koͤnig um⸗ 111 ſchwaͤrmten, die er mit Wohlthaten und Gunſtbezeugungen uͤberhaͤufte, war dabei zu⸗ gegen. Einige Prieſter des St. Stephans⸗ ſtiftes, nebſt Gilbert, Biſchof von Liſieux und Gontard, Abt von Jumieges, waren die einzigen Menſchen, aus denen das Lei⸗ chengefolge beſtand. Als die Leiche in die Stadt Caen gefuͤhrt werden ſollteſtüpkach in derſelben ploͤtzlich eine große Feuersbrunſt aus. Das Leichengefolge verließ den Sarg und nur Woltheof und zwei Noͤnche blieben dabei, um den Leib des Eroberers eines Koͤnigreichs nicht dem Poͤbel preis zu geben.. ue Als endlich an der Todtengruft der Biſchof von Evreux dem Koͤnige eine Lei⸗ chenrede hielt, unterbrach ihn der Ritter Oſcelin Fitzartur und ſagte: der Platz, wo die Abtei vom Koͤnige erbaut ſey, waͤre ſein Eigenthum, das man ihm widerrechtlich ge⸗ raubt habe, darum werde er es auch nicht verſtattten, daß die Leiche hier beerdigt werde. Durch Bitten und Vorſtellungen er⸗ ließ er endlich das Fleckchen Erde, das den Sarg eines Koͤnigs aufnahm. Robert war Herzog von der Normandie. Der Gedanke, daß ihm von ſeinem Vater Unrecht geſchehen ſey, der ſeinem zweiten Bruder die Krone Englands verlieh, die ihm, als dem Erſtgebornen, gehoͤrte, fiel ihm doch oͤfter ein. Er fuͤhlte auch gegen ſeine beiden Bruͤder eine perſoͤnliche Abneigung, die er nicht vertilgen konnte. Die ſtaͤten Unruhen und Fehden, die in dem Herzog⸗ thum herrſchten, die er bekriegen mußte, um 113 ſein Anſehen als Herzog aufrecht zu erhalten, verleideten ihm den Aufenthalt in der Nor⸗ mandie gar und machten ihm die Buͤrde eines Regenten immer unertraͤglicher. Mit unausſprechlicher Liebe hing er an ſeiner Anna und ihrem Sohne und gern haͤtte er auf alle Wuͤrden, die ein leerer Prunk ſind, der nur die Eitelkeit blendet, verzichtet, wenn er ſein haͤusliches Gluͤck un⸗ geſtoͤrt genießen konnte. Man war in der Normandie gar nicht damit zufrieden, daß die Herzogin eine Paͤchtertochter war. Die Frauen der Vornehmen und Vaſallen zogen ſich vom Hofe zuruͤck und wenn ſie erſchei⸗ nen mußten, bewieſen ſie Annen eine kalte Hoͤflichkeit. Dieſe Frauen aber waren es, die auch die Maͤnner gegen den Herzag ein⸗ nahmen. Anna war ſchalfſehend genug, um zu erkennen, wie nachtheilig ihre Verbindung Der Kreuzfahrer. II. 8 114 mit dem Herzoge war, und einſt ſagte ſie es ihm unter Thraͤnen:„Ich will Deiner Ruhe und Deinem Glüͤcke das groͤßte Opfer bringen und ſollte es mir auch das Leben koſten. Die Normaͤnner wollen es nicht, daß ich Deine Gattin bleibe, gieb ihnen nach, ſuche es uͤber Dich zu gewinnen und laß mich von Dir. Gern vertraure ich den Reſt meines Lebens ohne Dich, und mein Troſt ſoll es in der freudeleeren Einſamkeit ſeyn, wenn ich Dich ruhiger weiß.“ Faſt zuͤrnend fuhr der Herzog auf und ſagte:„Was fuͤhrſt Du da fuͤr Reden? Faſt muß ich an Deiner Liebe zweifeln. Ein ſolches Opfer biete mir nicht an, ich fordere es nicht. Weißt Du nicht, daß es eine Tugend giebt, die ich unnatuͤrlich nen⸗ nen moͤchte. Ohne mich koͤnnteſt Du leben? Mir trauſt Du es zu, daß ich Dich hingeben 115 koͤnnte, um mir die Gunſt meiner Vaſallen zu gewinnen? Geht es mit ihnen nicht auf gelinden Wegen, ſo will ich ſie mit Ruthen peitſchen. Nein, meine Anna, wenn ich mit Dir im Ungluͤck gluͤcklich bin, ſo koͤnnte ich es ohne Dich im groͤßten Gluͤck nicht ſeyn. So rede nimmer wieder, das kann mich nur betruͤben.“ Wilhelm war in ſeinem Reiche auch nicht ruhig. Viele von den Großen in England hatten Guͤter zum Lehn, die theils auf der Inſel, theils in der Normandie lagen. Sollten ſie es mit dem Koͤnig oder dem Herzoge halten, das war ihnen zwei⸗ felhaft. Beiden Herren zugleich konnten ſie nicht dienen und bei dem erſten Zwiſt, der unter den uneinigen Bruͤdern zu fuͤrch⸗ ten war, konnte es leicht geſchehen, daß ſie mit dem Einen Parthei gegen den Andern 116 machen mußten und dies fuͤhrte ſicher den Verluſt ihrer Guͤter in dem Lande deſſen herbei, gegen den ſie ſich feindlich erklaͤrten. Der unruhige Biſchof Odo, ein Bruder Wilhelm des Eroberers, ſammelte eine Zahl Mißvergnuͤgter um ſich und uͤberredete ſie, darauf zu dringen, daß England und die Normandie wieder unter einem Oberhaupte vereinigt wuͤrden, um allen Gefahren und Verluſten zu entgehen. Odo trug gegen den jungen Koͤnig perſoͤnlichen Haß in ſei⸗ ner Bruſt, der ihn zur Rache anreizte. Fruͤher war er in England nach dem Koͤnig die wichtigſte Perſon, jetzt konnte er ſich als eine Null anſehen, da Lanfranc dem Koͤnige im Schooße ſaß, der ſich ganz von ihm leiten ließ. Odo ſchloß mit dem maͤchtigen Biſchof von Durham und vielen Greßen eine Verſchwoͤrung, den Koͤnig vom Throne zu ſtoßen, der ſich als Werkzeug eines herrſchſuͤchtigen Prieſters gebrauchen laſſe. Man müuͤſſe die Ungerechtigkeit ſeines Bru⸗ ders gegen Robert wieder gut machen und ihm die engliſche Krone aufſetzen, zu der Wilhelm kein Recht habe. Auf einmal brach in allen Gegenden Englands der Tumult aus und die Auf⸗ ruͤhrer, da ſie keinen kraͤftigen Widerſtand fanden, uͤberwaͤltigten mehrere köoͤnigliche Feſtungen. Aber dem Koͤnig blieb das Volk getreu, welches die traurigen Folgen eines allgemeinen Aufſtandes erkannte und verab⸗ ſcheute. Die Empoͤrer wurden geſchlagen und zerſtreut. Als Wilhelm uͤber ſeine Feinde geſiegt hatte, trieb er auch ſeinen Bruder zuruͤck, der mit ſeinem Heere zu den Rebellen ſtoßen wollte. Der Hauptanſtifter der Unruhe, Odo, mußte den engliſchen Boden meiden, alle ſeine Guͤter nebſt denen der Inſurgenten wurden eingezogen und als koͤnigliches Eigenthum verwaltet. Robert hatte dem Koͤnige Wilhelm einen redenden Beweis gegeben, wie eifrig er nach der Krone ſtrebte und in welchem Grade er ſein Feind war. Ob er es auch erkannte, daß Roberts Anſpruͤche auf den * engliſchen Thron gegruͤndet waren, und daß . er ihn nur durch die partheiiſche Gunſt ſei⸗ nes Vaters beſaß, ſo ließ er dem Herzoge doch ſagen: ſo lange ein Athem in ihm ſey, werde er ſich das vaͤterliche Erbgut nicht rauben laſſen. Er werde zu ſeiner Zeit ſchon kommen, um mit reichlichen Zinſen zu vergelten. V — Die Normänner waren mit ihrem Her⸗ zog nicht zufrieden, der ihnen zu friedliebend 119 war und ſie mit kriegeriſchen Unruhen, wo Beute zu gewinnen war, nicht genug be⸗ ſchaͤftigte. Er hielt viel zu ſtrenge auf das Recht und beſtrafte, nach ihrem Ermeſ⸗ ſen, die Schuldigen zu hart. Daß er Ruhe, Ordnung und Sicherheit allgemeiner machen und eine geſetzliche Verfaſſung einfuͤhren, einer zuͤgelloſen Freiheit Schranken ſetzen und den Gemeinſten gegen unerlaubte Be⸗ druͤckungen ſichern wollte, das machte ihn bei den rohen, wilden Vaſallen verhaßt. Sie mochten es auch nicht an ihm leiden, daß er den Geiſtlichen ſo viele Vorzuͤge ein⸗ raͤumte, fleißig die Meſſen beſuchte, ſeine Andachtsſtunden hielt. Man ſagte es laut, fuͤr einen Kloſterabt waͤre er gut genug, zu einem Herzog fuͤr die Normaͤnner aber paſſe er nicht. Wilhelm war es leicht, in der Normandie 120 Freunde heimlich zu werben, die auf ſeine Seite traten. Er ließ ihnen große Ver⸗ ſprechungen machen. War aber, nach ihrer Meinung die Normandie wieder mit Eng⸗ land verbunden und ſie ohne ein eigentliches Oberhaupt, ſo konnten ſie wieder nach alter Willkuͤhr ihr Weſen treiben, und das Spiel der Fehden, an das ſie gewoͤhnt waren, fortſetzen. Die Befehlshaber der Feſtungen Albemarle und Valory, die Vornehmen von Rouen waren die erſten Abtruͤnnigen welche Verraͤther an ihrem rechtmaͤßigen Oberherrn wurden. Robert entdeckte die Verſchwoͤrung zu ſpaͤt. Er ließ einige Glieder derſelben auf⸗ greifen und ſtrafen. Er ſuchte Huͤlfe bei Philipp, Koͤnig von Frankreich, da ſich die⸗ ſer aber ſchon durch engliches Geld hatte beſtechen laſſen, rieth er zu einem bruͤder⸗ 121 lichen Vergleich, der auch zu Rouen zu Stande kam. Es wurde eine Erbveraͤn⸗ derung in der Art geſchloſſen, nach der der Überbleibende in den Staaten des Andern nachfolgen ſollte. Auch mit ſeinem juͤngern Bruder Heinrich gerieth Robert in Streit. Heinrich erklaͤrte die Graſſchaft Contentrie fuͤr ſein Eigen⸗ thum. Robert zog wider ihn zu Felde, und mußte ſeine Rettung in der Feſtung St. Michel ſuchen. Wilhelm, der, als die Bruͤder mit einander in blutige Streitigkeiten verwickelt waren, aus England herbeieilte, um ſie zu ſchlichten, bewies ein bruͤderlich geſinnntes Gemuͤth. In ein ſo gehaͤffiges Licht die Schriftſteller ſeinen Charakter ſtellen; ſo be⸗ weiſet doch die That bei St. Michel, daß ſein Herz nicht ohne Guͤte war.— Durch Üüberlaͤufer, welche aus der Feſtung kamen, 122 wurde dem Koͤnige und Roberten kund ge⸗ than, daß die Beſatzung den groͤßten Man⸗ gel an Waſſer litt und daß der Prinz Heinrich deshalb gezwungen ſey, ſich bald zu uͤbergeben. Als Robert einige Stunden von dem Belagerungscorps ſich entfernt hatte, ſandte der Koͤnig ſeinem Bruder ein Faß Wein und erlaubte es den Belagerten, ſo viel Waſſer zu holen, als ſie koͤnn⸗ ten. Bei ſeiner Nuͤckkehr erfuhr es Robert ſogleich, welcher Noth der Köoͤnig abgeholfen haͤtte, er brach deshalb in Tadel gegen ihn aus und ſagte:„Das war eine unzeitige Guͤte. Was iſt damit anders ausgerichtet, als daß der Krieg ſich noch in die Laͤnge verzoͤgert. Warſt Du nicht auch auf meine Unkoſten gegen Heinrich mitleidig? Bin ich Dir immer noch ein Stiefbruder?“ 123 Wilhelm entgegnete:„Die Feſtung wird ſich ergeben muͤſſen; aber einen Bruder, den 4 N N wir vor Durſt umkommen ließen, kann uns 3d keine Welt erſetzen.“— Endlich erhielt, als eine Beguͤnſtigung von Robert, Heinrich freien Abzug. Er irrte nun umher mit einem kleinen Gefolge, von einem Rittet und drei Knappen. Spaͤter faßte er in England einen feſten Sitz, bis ihm der leuchtende Stern eines großen Gluͤcks auf⸗ ging. Das feindſelige Gemuͤth gegen Ro⸗ XN bert aber verließ ihn nicht wieder. Die dankbare Liebe des Grafen von Norfolck gegen den Herzog bewaͤhrte ſich herrlich. Offenbaren Gefahren ſetzte ſich der Graf aus, um dem wieder, der ſo edel ge⸗ ſinnt und heldenmuͤthig eine Gattin geſchuͤtzt hatte, mit der er gluͤcklich geweſen waͤre, wenn er mit ihr auch ins Elend verwieſen 124 wurde. Der Herzog verlangte nichts von ihm, aber es verband ihn auf's innigſte mit Norfolck, daß er ihm die redlichſten und zaͤrtlichſten Beweiſe einer Zuneigung gab, die ſich nach ihrer Wahrheit und Guͤte nicht bezweifeln laͤßt. Wenn der Herzog bei dem Graf war, da wußte dieſer durch ſeine frohe Laune, durch manche Zerſtreuung, ihm eine ſolche Gemuͤthsſtimmung zu geben, daß er ſeine Sorgen vergaß, daß ſein trüber Sinn ſich aufheiterte. Daher pflegte Robert auch zu ſagen:„Ich arbeite dahin, die rohen Sitten der Normaͤnner zu verbeſſern, ich will das Volk menſchlicher machen, die Vaſallen gewoͤhnen, daß ſie die Wohlthaͤter ihrer Unterthanen werden, und nicht ihre Tyrannen bleiben, dafuͤr wird mir Undank und Haß zum Lohn. Fuͤrwahr, ich habe im ganzen Lande keinen Freund, der mich ſo aufrichtig liebt, als den Graf von Norfolck.“ 444 8 125 Daher tebten Beide mit einander, als ob ſie Bruͤder waͤren. Man mißgoͤnnte dem Grafen das Wohl⸗ wollen des Herzogs nicht; aber man haßte ihn weil er in dem innigen Verhaͤltniß mit einem Manne lebte, in dem die Großen nur den Zertruͤmmerer ihrer Rechte, den Zer⸗ ſtoͤrer ihrer Freiheit, den Despoten ſahen, der ſie zu ſeinen Sklaven machen wollte, Es entſtand eine Verſchwoͤrung der Gro⸗ ßen gegen den Graf, die nichts weniger be⸗ zweckte, als ihn gefangen zu nehmen und fuͤr ſein ganzes Leben einzuſperren, oder ihn zu toͤdten. Durch die Rache, die man an ihm zu nehmen gedachte, wollte man zugleich auch dem Herzog einen empfindlichen Streich verſetzen, wenn man den Freund und Lieb⸗ ling von ihm trennte. 126 Einer der Mitverſchwornen, Edwin von Grote, der wider ſeinen Willen zu dem Bunde trat, um ſich ſelbſt keine Feinde zu erwecken, den er im Innern verabſcheute, offenbarte den verbrecheriſchen Plan dem Herzoge, bat ihn um Verſchwiegenheit und ſagte:„Ich bin kein gemeiner Verraͤther, der darauf ausgeht, Andere ins Ungluͤck zu ſtuͤrzen, aber ich war nie das Mitglied einer Rotte, die Boͤſes ſtiften will.“ Tag und Stunde war in einer Nacht beſtimmt, wo man ſich der Perſon des Grafen mit Liſt oder Gewalt bemaͤchtigen wollte. Der Ort, wo ſich die einzelnen Baſallen mit ihren Leuten verſammelten, war ein dicker Wald, aus dem man dann hervorbrechen, und das nahe belegene Schloß des Grafen uͤberrumpeln und Alle die nie⸗ derſtoßen wollte, die ſich ſeiner Gefang * „ 3 „ 33 15 5 5 8 127 nehmung widerſetzten. Edwin von Grote war einer der Hauptanfuͤhrer.“ Der Herzog traf insgeheim die kraͤf⸗ tigſten Gegenanſtalten, um jede Gefahr von ſeinem Freunde abzuwenden. Es kamen einige Abende immer mehrere Gewaffnete auf dem Schloſſe des Grafen an und Ro⸗ bert ließ ihm ſagen, daß er ſie aufnehmen, fuͤr ihren Unterhalt ſorgen, und es Nieman⸗ den wiſſen laſſen ſolle, daß herzogliche Trup⸗ pen bei ihm eingekehrt waͤren. Er werde ſelbſt zu ihm kommen, um ihm das Geheim⸗ niß aufzuklaͤren. Am Abend der Nacht erſchien der Herzog auf Norfolcks Schloſſe und that ihm kund, daß ſich im nahen Walde, unter der Anfuͤhrung mehrerer Vaſallen, mehr als hun⸗ dert Bewaffnete verſammelt haͤtten, die ſich 128 ſeiner Perſon bemaͤchtigen und auf dem Schloſſe Unheil aller Art anrichten wollten. Das verbrecheriſche Unternehmen ſollte ſchei⸗ tern, was ihm verrathen ſey, um die Ver⸗ ſchwornen mit der Schaͤrfe des Schwertes zu zuͤchtigen, darum habe er ſeine Truppen auf dem Schloſſe verſammelt. Der Graf erſtaunte uͤber dieſe Nachricht und ſagte: „So alſo rechnet man mir es als ein Ver⸗ brechen an, daß ich mich den Anordnungen des Landesherrn nicht widerſetze und daß derſelbe mich ſeiner Huld wuͤrdigt? Herzog⸗ ſetz Euch keiner Gefahr fuͤr mich aus, ich kann mich ſelbſt vertheidigen. Man zwingt mich, ein Land zu verlaſſen, wo ich mit Vorſatz Keinen beleidigt wo mich Bos⸗ hafte verfolgen, weil Ihr mich Eurer be⸗ ſondern Huld wuͤrdigt, die ich doch nie mißbrauchte, um einem Andern zu ſcha⸗ den.“ 129 Der Herzog ſagte:„Ihr ſollt ſicher ſeyn und die Normandie nicht verlaſſen. Ihr zieht mit mir nach Rouen mit den Euern. In meinem Schloſſe iſt Raum genug fuͤr Alle. So ſind wir einander naͤher und unſere Frauen, die ſich wie Schweſtern lieben. Euer Schloß, das ich auf meine Koſten mit einer Beſatzung be⸗ legen will, ſoll gegen alle feindlichen An⸗ griffe geſichert werden.“ Nun traf Robert folgende Anordnun⸗ gen: der Graf mußte im Schloſſe bleiben, um es zu vertheidigen, indeß er ſelbſt mit ſeinen Truppen den Feinden in den Ruͤcken fallen wollte. Es war noch nicht Mitter⸗ nacht, als er auszog und ſich unfern des Schloſſes am Wege mit den Seinen in einem dicken Gebuſche verbarg. Vielleicht hatte er eine Stunde am Wege gewartet, Der Kreuzfahrer. II. 9 130 als er in der Ferne Waffengetoͤſe und das Schnauben der Roſſe hoͤrte. Er befahl, die Bogen zu ſpannen, die ſchaͤrfſten Pfeile dar⸗ auf zu legen, und ſie auf das gegebene Zeichen abzuſchießen. Dann aber ſollten ſie ſich zuruͤckziehen und ſich anſchicken, noch⸗ mals zu ſchießen. Er werde es beſon⸗ ders befehlen, wenn man ſich mit ge⸗ zogenen Sthwertern auf die Feinde ſtuͤrzen muͤſſe. Der Mond ſchien hell und erleuchtete die Graͤuelſcene, die in wenigen Minuten zur Schau geſtellt werden ſollte. Der Her⸗ zog ſaß auf einem fluͤchtigen Roſſe, um, wenn ſein Unternehmen mißlaͤnge, auf einem Seitenwege nach dem Schloſſe hinzueilen, auß er durch ſeine Gegenwart die Freiheit ind das Leben ſeines Freundes, ſelbſt unter ddohenden Gefahren beſchuͤtzte. 131 Als die Verſchwornen mit ihrem Trupp ſo nahe waren, daß die Pfeile ſie erreichen konnten, gab der Herzog das Zeichen zum Abſchießen, Mehrere ſtuͤrzten von ihnen in den Staub, Andere waren verwundet. Ed⸗ win von Grote war einer der Erſten, der durch einen Pfeilſchuß augenblicklich ſein Leben verlor.„Verraͤtherei, ſchaͤndliche Ver⸗ raͤtherei!“ ſchrien mehrere Stimmen.„Vor⸗ waͤrts, raſch vorwaͤrts!“ lautete der Befehl, n„daß wir das Schloß erſtuͤrmen und den Guͤnſtling fangen!“ Robert erreichte mit mehrern der Sei⸗ nen das Schloß und wurde in das Seiten⸗ thor eingelaſſen. Noch hatte er keinen Mann verloren. Unter der Anfuͤhrung des kriegserfahrnen Bodweich ruͤckten die zuruͤck gebliebenen Herzoglichen den Feinden lang⸗ ſam nach und ſtellten ſich hinter eine Anhoͤhe, 13²2 um es abzuwarten, die Feinde anzugreifen oder ſie auf der Flucht zu vertilgen.“ Robert eilte zum Hauptthore hin, wo er den Grafen fand, der an der Spitze der Seinen ſtand und Befehle ertheilte.„Geht zuruͤck ins Schloß,“ gebot der Herzog,„und troͤſtet Eure Gattin und ſucht Euch mit ihr durch die Flucht zu retten, wenn die Gefahr fuͤr Euch groͤßer wird. Der Haufe der Gegner iſt groß, wer kann dafuͤr ſtehen, ob der Kampf nicht einen nachtheiligen Ausgang fuͤr uns nimmt.“ „Das ſoll nimmer geſchehen,“ ſagte Norfolck,„daß ich von Eurer Seite weiche. Meint Ihr, daß ich den Tod mehr fuͤrchte, als Ihr? Wenn ich Euch uͤberlebte, was wuͤrde dann mein Loos ſeyn?“„Er blieb. 133 Es wurde gewaltig an das Thor ge⸗ ſchlagen, die Wuͤthenden wollten es erſtuͤr⸗ men und den Tod ihrer gefallenen Bruͤder raͤchen, die Beſatzung ſollte mit dem Graf niedergehauen werden. Es fielen toͤdtliche Pfeile von der Mauer herab, es wurde hinaufgeſchoſſen. Das Gelaͤrm war ſchreck⸗ lich. Endlich ſtuͤrzte ein Thorfluͤgel ein.. Wie ein wilder Strom, der Damm und Wall durchbricht, drangen die Verſchwornen herein und nun hob ein Blutbad an. Noch war der Sieg unentſchieden und ſchon hatten die Feinde den Herzog und Graf bis auf die Mitte des Schloßhofes zuruͤckgetrieben, als Bodweich mit ſeiner Schaar den Verſchwor⸗ nen in den Ruͤcken fiel. Der Tumult, die Verwirrung wurde groͤßer. Die Leute der Vaſallen warfen die Waffen weg und er⸗ gaben ſich als Gefangene. Nur Einige entkamen. Der Herzog war am Arm. ver⸗ wundet, der Graf blieb unverletzt. 134 Laut erſcholl die Stimme des Herzogs alſo:„Seht, der Herzog iſt hier, um die Schuldigen zu ſtrafen.“— Als man ſeine Stimme hoͤrte, drang ein verwegener Reiter auf den Graf ein, der neben dem Herzog ſtand, um ihn mit den Worten den Todes⸗ ſtreich zu verſetzen:„Das Leben des Her⸗ zogs iſt uns heilig; aber der Graf, ſein Guͤnſtling, ſoll fallen! Ehe der Hieb ge⸗ ſchah und das Schwert ſchon gehoben war, lag der Arm des Vaſallen Cronwellbod, von dem Schwerte des Herzogs durchhauen, in dem Staube.„Bube,“ rief er,„das iſt Dein Lohn, daß Du Dich an einem Un⸗ ſchuldigen vergreifen wollteſt!“ Die gefangenen Gemeinen wurden am Morgen entlaſſen, die ſechs Vaſallen, die ihre Fuͤhrer waren, wurden zu ewiger Ge⸗ fangenſchaft verurtheilt und ihre Guͤter ein⸗ gezogen. 135 Norfolck ging zwar zu ſeiner Sicherheit mit ſeiner Gattin nach Rouen, den der Herzog zu neuem, groͤßerm Danke verpflich⸗ tet hatte; aber er ſuchte, mit Wiſſen des Herzogs, vom Koͤnig Wilhelm die Erlaub⸗ niß zu erhalten, nach England zuruͤck kehren zu duͤrfen. Als die Geſchichte in der Normandie bekannter wurde, und man erfuhr, daß der Herzog die mitſchuldigen Vaſallen hatte ge⸗ fangen nehmen und ihre Guͤter eingezogen hatte, verſammelten ſich mehrere aufruͤhriſche Große, und berathſchlagten, was in der Sache am beſten zu thun ſey. Da trat Culcur in der Verſammlung auf und ſprach: „Warum zerbrechen wir uns denn die Koͤpfe, um den Maͤnnern ihre Freiheit und Guͤter wieder zu verſchaffen. Ein Herzog, der ſeine Gewalt gebraucht, unſere Rechte zu 136 kraͤnken, darf nicht geſchont werden. Wo ſteht denn das Geſetz, daß er ſich in unſere perſoͤnlichen Haͤndel miſchen darf, die mit der Regierung des Landes nichts gemein haben! Sollen ſo viele der Unſern um eines Guͤnſtlings willen Schmach leiden? Wollen wir ſie ohne Huͤlfe in der Gefangenſchaft ſchmachten laſſen und es zugeben, daß ſie ihrer Guͤter beraubt bleiben? Sitzen wir ſtille, ſo wird uns der kuͤhne Robert bald ſeiner Willkuͤhr preis geben und mit uns wie mit ſeinen Knechten ſchalten. Fuͤr feige und furchtſam muß er uns halten und er wird uns endlich unter ſeine Fuͤße treten,. Auf, auf, Ihr tapfern Normaͤnner, rettet und erhaltet die Vorrechte Eures Standes welche die Vorfahren mit Muth und Blut errungen haben. Die Nachwelt muß uns fluchen, wenn wir unſer Anſehen nicht ſchuͤtzen. Wer unter Euch das Herz dazu 137 hat, der komme mit mir nach Rouen, ich will es dem Herzoge begreiflich machen, daß er die Grenzen ſeiner Macht zu weit aus⸗ dehnt und im Namen aller Vaſallen es von ihm fordern, daß er unſere Standesverwand⸗ ten loslaͤßt und ſie in ihre Guͤter wieder einſetzt. Sollen die Familien der Einge⸗ ſperrten, die an dem Bunde keinen Antheil hatten, den Bettelſtab ergreifen? Ihr ſeht, ohne Mitleid und Barmherzigkeit handelt der Herzog. Will er ſo mit uns verfahren, wie es ſein Vater mit den Englaͤndern that?“ Faſt die ganze Verſammlung war ent⸗ ſchloſſen, dem Graf von Culcur nach Rouen zu folgen, um die Beſchwerde deſſelben beim Herzog durch ihre Gegenwart zu unter⸗ ſtuͤzen und ihr mehr Nachdruck zu geben. Als ſich der Graf melden ließ, wurde er 138 1 mit den vier Vaſallen, die ihn begleiteten, in den großen Saal gefuͤhrt. Der Herzog, der eben ein anderes Geſchaͤft hatte, ließ ſie lange warten.„Seht,“ ſagte Culcur,„ſo weit iſt es mit uns gekommen, daß uns der Herzog warten laͤßt, als ob wir gemeiner Poͤbel, ſo eine Art von Bedientenvolk waͤ⸗ ren. Wie gefaͤllt Euch denn das? Verlaſſen muͤßten wir das Schloß, wenn uns nicht eine wichtige Angelegenheit zu bleiben noͤ⸗ thigte.“ „Jetzt thaten ſich die beiden Fluͤgel⸗ thuͤren auf und der Herzog trat in den Saal, dem vier Kriegsoberſte folgten. Er machte eine nachlaͤſſige Verbeugung und fragte:„Nun, Ihr Herren, was habt Ihr mir zu melden? Viel Gutes erfuhr ich noch nicht von Euch. Das gemeine Volk iſt zufrieden und ſtill, nur mit Euch kann 139 es nicht zur Ruhe kommen. Was iſt Euer Begehr? Wer iſt der Sprecher?“ Da trat der Graf Culcur hervor und ſagte mit dreiſtem Tone alſo:„Herzog, wir Alle ſind der Meinung, daß Ihr die Gren⸗ zen der Gewalt uͤberſchreitet, die Euch ge⸗ zogen ſind. Wo ſteht das geſchrieben, daß Ihr Euch zum Nichter unſerer Fehden macht? Duͤrft Ihr ſechs Vaſallen einſper⸗ ren und ſie ihrer Guͤter berauben, hat Euer Vater und Robert, Euer Großvater, ſeine Vaſallen je ſo geſtraft? Wir beſtehen auf die Heilighaltung unſerer Rechte, und ver⸗ langen die Auslieferung ihrer Perſon und die Ruͤckgabe ihrer Guͤter. Wird uns dieſe Bitte verweigert, ſo iſt ein Buͤrgerkrieg un⸗ vermeidlich, wie er noch nie blutiger war.“ „Graf, Ihr raſet,“ entgegnete Robert, 140 „ſonſt koͤnntet Ihr gegen Euer Oberhaupt eine ſolche Rede nicht fuͤhren. Ich denke, daß ich die Macht habe, Ruhe und Ordnung in der Normandie zu handhaben und die Aufruͤhrer, die dagegen freveln, zu beſtrafen. Ich weiß es wohl, Ihr gehoͤrt zu denen, die ſich uͤber den Herzog ſetzen, die ihm den Gang ſeiner Handlungsweiſe vorſchreiben, die gern ohne Richter und Geſetz im Truͤben fiſchen moͤchten. Vaſall, vergeßt nicht, daß Ihr zum Herzog redet und wißt Ihr es nicht, wie man mit dem reden muß, ſo laßt es Euch zuvor lehren.“ „Mit Koͤnigen habe ich geſprochen, Herzog, warum ſollte ich es nicht verſtehen, mit Euch zu reden. Ihr ſeyd der Erſte im Lande und wir, wir ſind nicht die Letzten. Erklaͤrt Euch kurz, ob Ihr die Vaſallen loslaſſen wollt; wir mußten lange harren, 2 — 141 ehe Ihr erſchienet, nun koͤnnen wir nicht laͤnger warten.“ Zornig fuhr Robert den Graf an: „Eure Verwegenheit geht zu weit, Ihr ver⸗ geßt die Achtung, die Ihr mir ſchuldig ſeyd. Ließe ich meinem Zorn freien Lauf, ſo wuͤrde ich auf der Stelle ein hartes Strafurtheil an Euch vollziehen.“ „Und ich, ich, Herzog, wuͤrde mir das ſo ungeahnet nicht gefallen laſſen.”“.... Er trat dem Herzoge ſo nahe, daß er ihn mit dem Schwerte erreichen konnte und fuhr mit der rechten Hand ſchnell wie der Blitz nach dem Gefaͤß.— In demſelben Augenblicke blitzte Roberts Schwert, der Graf ſtuͤrzte entſeelt vor ihm nieder.„Seht,“ ſagte er zu den andern Vaſallen,„ſo ſtraft der Her⸗ zog das Verbrechen. Geht aus meinem 1⁴2 Angeſichte und verkündigt Euern Brüdern wieder, was Ihr geſehen und gehoͤrt habt. Das aber ſchwoͤre ich Euch, mit Skorpionen will ich Euch zuͤchtigen, in den Staub werde ich Eure Keckheit treten und es Euch be⸗ weiſen, daß nicht Ihr die Herren des Landes ſeyd, daß ich Euer Oberhaupt bin. Meine Guͤte iſt erſchoͤpft, nun ſollt Ihr meine Strenge erfahren. Geht!.... Der Herzog mußte beſorgt ſeyn, daß neue Unruhen ausbrechen wuͤrden und unter⸗ hielt ein Heer in den Waffen. Zehn der Vornehmſten ließ er aufgreifen, nach Rouen fuͤhren, ſie bewachen und that den andern Vaſallen kund, wenn ſie ſich aufruͤhreriſche Bewegungen erlaubten, ſo werde er zuerſt Rache an den Zehnen nehmen und dann einen Jeden, der in ſeine Gefangenſchaft ge⸗ riethe, den Kopf vor die Fuͤße legen laſſen. 143 Dieſe Strenge fruchtete eine Weile; aber Robert fuͤhlte ſich unter ſeinen Feinden ſehr ungluͤcklich. Faſt keinen Tag war er ſeines Lebens ſicher. Auch Anna war angſt⸗ voll und fuͤrchtete fuͤr Robert Alles. Er bat den Koͤnig von England, ihm ein Huͤlfs⸗ corps zu ſchicken, dieſer mußte ihm die Bitte abſchlagen, weil er ſeine Krieger gegen den Koͤnig Malcolm und Wales gebrauchen mußte. Er lud ſeinen Bruder ein, nach England zu kommen, um eine Feldherrn⸗ ſtelle zu uͤbernehmen und ließ den normaͤn⸗ niſchen Vaſallen kund thun wenn ſie in der Abweſenheit des Herzogs Unordnungen ſtif⸗ teten, daß die Interimsregierung gegen ſie gegruͤndete Klage fuͤhren koͤnne, ſo werde er, nach beendigtem Kriege mit einem engliſchen Heere nach der Normandie kommen und die Schuldigen, ohne Anſehen der Perſon, mit der Schaͤrfe des Schwertes niederſchlagen. 144 Der Herzog werde ihre Guͤter den Englaͤn⸗ dern ſchenken, die ihren Oberherrn beſſer zu achten und dem Geſetz zu gehorchen gelernt haͤtten. . 72 Der Graf Norfolck war auf die Er⸗ laubniß des Koͤnigs mit ſeiner Gattin, zwei Kindern und den beweglichen Schaͤtzen in England angekommen. Sogleich wurde er nach London zum Koͤnig gefordert, der in einer Unterredung zu ihm ſagte:„Fuͤr Eure Frevel hat der Koͤnig mit Euch die Aus⸗ nahme gemacht und Euch begnadigt. Ich habe Euch ſogar die Erlaubniß ertheilt, das Land wieder betreten zu duͤrfen, wo Ihr Euch mit Verbrechen beflecktet. Lohnt eine unverdiente Großmuth nicht mit Undank und nehmt an neuen Vergehungen Theil. Ihr ſollt mir Treue und Gehorſam ſchwoͤ⸗ ren und wehe dann Euch, wenn Ihr ein Memeidiger werdet.“ 145 „Ja, wehe mir dann,“ erwiederte Nor⸗ folck.„Ich will ſchwoͤren und werde meinen Eid halten. Damit auch nicht der Schatten eines Verdachts auf mich faͤllt, will ich mei⸗ nen Wohnſitz in der Hauptſtadt nehmen. Meine Wildheit hat ausgetobt, ſeit ich ein⸗ geſehen habe, daß es Narrheit iſt, ſich gegen Euern Stamm und ſeine Zweige auflehnen und ihn ausrotten wollen. Ihr ſollt es nun ſehen, daß es keinen treuern, ruheliebendern Unterthan im Lande giebt, als mich. Ich bin Gatte, ich bin Vater geworden und werde meine Freiheit, mein Leben, was ich den Meinen ſchuldig bin, nie wieder auf ein gewagtes Spiel ſetzen. Die Erfahrung, wie ich ſie fruͤher nicht hatte, machte mich klug.“ Der Koͤnig, welcher dem Graf gern glaubte, bewies ihm auf der Stelle ſeine Der Kreuzfahrer. II. 10 — ÿõ 146 Huld und ſprach:„Mein Bruder Robert wird gegen die Schotten zu Felde gehen, wollt Ihr Euch nicht in dem Kriege Ehre erwerben?“ „Der Koͤnig gebeut und ich gehorche!“ Der Graf entfernte ſich. Als Robert unter gewiſſen Bedingun⸗ gen die Vaſallen entlaſſen hatte, und Alles geſchehen war, um in ſeiner Abweſenheit die Ruhe des Landes zu ſichern, wozu die koͤnig⸗ liche Drohung auch beitrug, forderte er die Großen auf, deren Treue ihm verdaͤchtig war, daß ſie ihm in den Krieg gegen die Schotten folgten. Dieſe Einladung wagten ſſie nicht zu verweigern und fuͤgten ſich in das Aufgebot. In dem unruhigen Lande konnte Robert * 147 ſeine Gattin, die ſchwanger war und ſeinen Sohn nicht zuruͤck laſſen. Wie leicht konnte es geſchehen, daß einer ſeiner Feinde ihr eine harte Kraͤnkung zufuͤgte, um ſich an ihm zu raͤchen. Anna folgte dem geliebten Gatten nach England nach, wiewohl ihr Herz blu⸗ tete, daß ſie von den Eltern ſcheiden mußte, welche ihr Vaterland nicht verlaſſen wollten. Der Vater ſagte:„Der Herzog thut wohl, daß er Dich nicht hier laͤßt, Du koͤnnteſt Leben und Freiheit verlieren, und bliebeſt Du hier, unſere Angſt um Dich wuͤrde kein Ende nehmen.“ Die Graͤfin von Norfolck, die ſich an Annens Umgang gewoͤhnt hatte, den ſie nun in London eine Weile entbehren mußte, war ganz entzuͤckt, als dieſe in ihr Gemach mit den Worten trat:„Nun bin ich auch in England und es gereicht mir zum großen — 4 148 Troſte, mit Euch wieder verbunden leben zu koͤnnen. Gluͤcklich wuͤrde ich da ſeyn, wo der Herzog iſt, aber noch kann ich den Schmerz der Trennung von meinen Eltern nicht uͤberwinden und— werde es nie. Mein ganzes Herz haͤngt an ihnen und ohne ſie kann ich keine Freude ungetruͤbt genießen.“ Der ſchottiſche Koͤnig Malcolm, der ſchon unter Wilhelm dem Eroberer durch ſeine Einfaͤlle in das engliſche Gebiet, mit ſeinen wilden, barbariſchen, undisciplinirten Rotten, unerhoͤrte Graͤuel angerichtet hatte, machte jetzt einen neuen Verſuch, ſeinen Schwager, Edgar Atheling, den letzten Sproſ⸗ ſen des ſaͤchſiſchen Regentenſtammes, auf den engliſchen Thron zu erheben. In Cum⸗ berland brach das feindliche Heer ein und bezeichnete ſeine Gegenwart mit Grau⸗ 149 famkeiten und Gewaltthaͤtigkeiten aller Art, ſo, daß die Bewohner aller Ortſchaften ihr bewegliches Eigenthum verließen, um ihr Leben und ihre Freiheit zu retten. Der oberſte Feldherr der engliſchen Heerhaufen war der loͤwenmuthige, kluge und kriegserfahrne Robert. Die Normaͤn⸗ ner, welche bei der Truppenabtheilung des Herzogs ſtanden, die er gegen die Schotten fuͤhrte, die zu den reichſten und maͤchtigſten Vaſallen des Reichs gehoͤrten, betheuerten es ihm, daß ſie mit ihm ſiegen oder ſterben wollten. Es waren unter denſelben vile Bekannte. Zwiſchen dem Herzoge und ihnen erneuerte ſich das alte, freundliche Verhaͤlt⸗ niß wieder, er behandelte ſie mit herab ſender Guͤte, aß und trank mit ihnen und ſchien ihr Waffenbruder zu ſeyn.„Welchen 4 Muth, welche Großherzigkeit hat dieſer 150 Normaͤnner, als ſie verſammelt waren, da der Herzog ins Zelt des Koͤnigs gerufen wurde und alſo nicht zugegen war.„Es iſt unbegreiflich, wie ſein Vater die Unge⸗ rechtigkeit an ihm begehen und den juͤngern Wilhelm zu ſeinem Thronerben ernennen konnte? Sind wir nicht dazu berufen, die Ungerechtigkeit wieder gut zu machen? Wie ſchlaff, wie unthaͤtig bringt Wilhelm ſeine Tage zu. Er iſt der Mann nicht, der ſich mit Kraft und Nachdruck behaupten kann, wenn die erzuͤrnten Englaͤnder wieder in eine große Empoͤrung hervorbrechen, durch die ſie ihr Eigenthum, ihre Vorrechte wieder erobern wollen. Da dem Koͤnige die helle Einſicht fehlt, die rechten Maßregeln zu er⸗ greifen, um den Aufruhr zu daͤmpfen, ſo ſind wir taͤglich in Gefahr, die Guͤter, die uns der Vater zur Belohnung gab, unter der Regierung ſeines Sohnes zu verlieren. 151 Wir muͤßten es uns doch zum großen Schimpf anrechnen, wenn wir als über⸗ wundene von der Inſel vertrieben wuͤrden. In dem alten Vaterlande, wo die Meiſten unter uns keinen Grund und Boden haben, wuͤrde es uns uͤbel ergehen. Ich meine daher, daß wir jetzt die beſte Gelegenheit haben, den Herzog auf den Koͤnigsthron zu heben, der verſtaͤndig, tapfer und klug, wie ſein Vater iſt und es gewiß als Koͤnig nie vergeſſen wird, was wir fuͤr ihn thaten. Wenn Wilhelm Herzog von der Normandie wird, ſo kann er vom Gluͤcke ſagen.“ Einige der Vaſallen waren ganz der Meinung Momnouths und ſagten:„Haben wir die Schotten beſiegt, ſo zieht Robert an der Spitze der Gewaffneten in London ein und wird gekroͤnt. Wilhelm wird nach der Normandie eingeſchifft, es wird Niemand 152 für ihn das Schwert ziehen, um ihm die Krone zu ſichern. Jedes redliche Gemuͤth betrauert es, daß Robert von dem Vater uͤberſehen und daß ihm der juͤngere Bruder vorgezogen wurde.“ Die Normaͤnner trugen doch manch Bedenken gegen dieſen Plan, und aͤußerten, daß ſie kein Recht haͤtten, einen gekroͤnten Koͤnig vom Throne zu ſtoßen und daß ſie keinen Anhang finden wuͤrden, der ſolch einem Unternehmen bei⸗ ſtaͤnde. Niemand haͤtte ihnen das Recht verliehen, der Naͤcher einer Ungerechtigkeit zu ſeyn, welche der vorige Koͤnig an ſeinem aͤlteſten Sohne begangen habe. Momnouth entgegnete:„Ihr werdet es bald bereuen müſſen, daß Ihr uns widerſtrebt, wenn es zu ſpaͤt iſt und uns das Ungluͤck trifft, was ich Euch prophezeiet habe.“.... Ehe die Verſammlung aus einander ging, mußten Alle einen Eid ſchwoͤren, daß Keiner von 1⁵53 ihnen das, was ſie verhandelt hatten, ver⸗ rathen wolle. Sie betheuerten ſich's gegen⸗ ſeitig, ihre Schwerter gegen den zu richten, von dem es kund wuͤrde, daß er dem Koͤnig das Geheimniß entdeckt haͤtte. Robert kam am Abend von dem Koͤnige zuruͤck, er ließ die Truppenanfuͤhrer vor ſeinem Zelte verſammeln und ſprach:„Der Koͤnig hat befohlen, daß morgen der Feind auf allen Punkten angegriffen werden ſoll. Zur Tapferkeit, zum Muthe darf ich Euch, Normaͤnner, nicht ermuntern, da ich es von der Schlacht von Haſtings her weiß, wo ich Euer Mitſtreiter war, welche Thaten Ihr zu thun vermoͤgt. Ich bin Eures Ge⸗ ſchlechts, wie in Euern Adern, ſo fließt auch in den meinen normaͤnniſches Blut und durch die Bande der Natur ſind wir ver: bunden. Wir wollen es beweiſen, daß wir 154 noch die alten Kaͤmpfer ſind und daß uns die Zeit nicht verweichlicht und feige ge⸗ macht hat. Was Ihr meinem Vater waret, das werdet Ihr auch mir ſeyn und ſehr muß ich es betrauern, daß ich in dieſem Lande, wo ich ein Fremdling bin, Euch nicht ſo belohnen kann, wie mein Vater.“ Es entſtand ein Geraͤuſch in der Ver⸗ ſammlung und Momnouth trat dem Herzoge naͤher und ſprach:„Herzog, wir ehren, wir lieben Euch, wir ſind entſchloſſen, mit und fuͤr Euch unſer Leben zu wagen. Unter Eurer Anfuͤhrung ſind wir des Sieges ge⸗ wiß. Vertraut uns, glaubt an unſere Tapferkeit, glaubt, daß wir Euch als den wuͤrdigſten Sohn des Koͤnigs achten, der uns in dies Land fuͤhrte und uns durch Gnadenbezeugungen reich machte,.. Als die Meiſten nach ihren beſtimmten — 155⁵ Plaͤtzen zuruͤck gingen, nachdem ihnen Ro⸗ bert die noͤthigen Verhaltungsbefehle ertheilt hatte, blieb Momnouth mit drei normaͤn⸗ niſchen Edeln noch bei dem Herzoge zuruͤck. Nachdem er ihm den Plan entdeckt hatte, ihn zum Koͤnige zu machen und den Koͤnig Wilhelm als Herzog nach der Normandie zu ſchicken, erwiederte Robert:„Glaubt es ohne Zweifel, daß ich Euer Wohlmeinen, Eure rechtliche Geſinnung nicht verkenne, daß ich ſie ſogar ehre. Aber es iſt ein Verbrechen, daß Ihr den, der Euch von der Vorſehung zum Koͤnig beſtimmt iſt, vom Throne ſtoßen wollt. Kein Recht habt Ihr dazu. Sein Vater hat ihn zu ſeinem Nachfolger erwaͤhlt, Ihr habt ihm gehuldigt. Mir gebuͤhrte die engliſche Krone, nicht dem juͤngern Bruder; aber nichts habe ich gethan, mich derſelben mit Liſt oder Gewalt zu be⸗ maͤchtigen. Seht, der Koͤnig ruft mich aus 156 der Normandie, ich achte auf ſeinen Befehl, ich bin gekommen, um ihm gegen Malcolm beizuſtehen. Sollte ich das Vertrauen, was er in mich ſetzt, ſchaͤndlich mißbrauchen? So lange er lebt bin ich der Erſte, der ihn gegen ſeine Feinde ſchuͤtzt, die Boͤſes wider ihn unternehmen wollen. Liebe und Abnei⸗ gung hat Euren Verſtand verwirrt. Zu Euern Mitverſchwornen werdet Ihr mich nie machen und wenn ich mehr, als eine Krone gewinnen koͤnnte. Als Verbrecher muͤßte ich Euch ſtrafen laſſen, aber ich gebe Euch mein Ehrenwortdaß ich Euch verzeihen will. Habt Ihr noch gutes Gefuͤhl, ſo muͤßt Ihr meine Geſinnung ehren. Das aber ſchwoͤre ich Euch, entdecke ich einen, der gegen den Koͤnig eine Empoͤrung ſtiften will, ſo ſoll ihn die Schaͤrfe meines Schwertes treffen. Nun geht, bleibt Eurer Pflicht getreu und vergeßt nie, daß er der Sohn des Mannes 157 iſt, dem Ihr Ehre, Macht und RNeichthum verdankt.“ Momnouth, von des Herzogs Edelmuth geruͤhrt, ſagte:„Herzog, Ihr ſeyd mehr, als einer Krone werth. Höoͤher achte ich Euch, als einen Sterblichen. Wenn ſich England je wieder empoͤrt, ſo kommt, der Aufruhr wird geſtillt ſeyn. Das aber ſchwoͤre ich Euch, ich werde keinen Finger gegen den Koͤnig aufheben. Habe ich mich vergangen, ſo hat mich Achtung und Liebe gegen Euch dazu gereizt und das koͤnnt Ihr verzeihen. Morgen, unter Eurer An⸗ fuͤhrung will ich es beweiſen, daß mir die Luſt nicht fehlt, fuͤr Wilhelms deaen zu ſtreiten.“ Am Morgen, ehe die Dämmeung an⸗ brach, wurde es im Lager ſchon laut. E⸗ 158 * entſtand ein ſo dicker Nebel, daß die Heere einander nicht erkennen konnten. Etwa um neun Uhr heiterte ſich das Wetter auf. Der Koͤnig befehligte auf dem rechten und Ro⸗ bert auf dem linken Fluͤgel. Das Zeichen zum Angriff wurde gegeben. Die Heere ruͤckten naͤher. Die Englaͤnder, unter dem Commando des Koͤnigs, wichen etliche Mal und nahmen ihre Stellung wieder ein. Ro⸗ bert ſtand mit den Seinen eine Weile in in einem Pfeilregen, der ihm viele Leute koſtete; aber keinen Schritt wich er zuruͤck. „Wollen wir uns denn hier aufreiben laſ⸗ ſen?“ ſagte er;„wenn wir laͤnger in dieſer Stellung bleiben, wird es geſchehen.“ Er ertheilte den Befehl, daß die Nor⸗ maͤnner in dichten Maſſen auf die Schotten einſtuürmten. Es entſtand ein graͤuliches Blutbad. Die Schotten, an deren Spitze —— 159 Malcolm ſtand, konnten der Gewalt nicht widerſtehen, ſie flohen zerſtreut und in Un⸗ ordnung. Robert ſandte ſogleich Momnouth mit einer Schaar ab, um den Feinden, die ſeinen Bruder bedraͤngten, im Ruͤcken zu fallen und ihm ſo den Sieg zu erleichtern. Hier thaten die Normaͤnner Wunder der Tapferkeit. Momnouth ſollte die Fruͤchte ſeines Sieges nicht ernten, ein Pfeil fuhr ihm ins rechte Auge und todt ſtuͤrzte er vom Roſſe. Der Herzog verfolgte dagegen die Fliehenden. Schaarweiſe wurden die bar⸗ bariſchen Schotten niedergehauen und nur Wenige konnten vom Gluͤcke ſagen, daß man ſie zu Gefangenen machte. Ehe die Fluͤchtlinge eine Anhoͤhe erreichten, wohin ſie eilten, ſah Robert einen Reiter, der ſich durch ſeine Ruͤſtung und die koſtbaren 160 Reiherfedern auszeichnete.„Das iſt Mal⸗ colm!“ rief er laut,„wer Muth hat, folge mir.“ Von etwa zwanzig Normaͤnnern be⸗ gleitet, ſtob er durch die Fluͤchtlinge. Als Malcolm es merkte, daß es lediglich auf ihn abgeſehen ſey, ſetzte er ſein Roß in geſtreck⸗ ten Galopp, um der Gefangenſchaft zu ent⸗ kommen. Ein kleines Gefolge war hinter ihm. Robert aber holte ihn ein und bruͤllte hinter ihm:„Gefangenſchaft oder Tod!“ Der Koͤnig hoͤrte die Worte Roberts nicht und ſetzte, ohne ſich umzuſehen, ſeine Flucht fort. Als der Herzog ſo nahe war, daß er ihn mit ſeiner Lanze erreichen konnte, vermied er es, Malcolm in den Ruͤcken zu ſtoßen, dagegen aber traf er ihn an der rech⸗ ten Lende, hob ihn aus dem Sattel, daß er vom Roſſe ſtuͤrzte, welches wild vorwaͤrts jagte. Die Schotten, welche den Koͤnig 161 retten wollten, wurden niedergehauen, ver⸗ wundet und die, welche noch ſo viel Kraft hatten, ſuchten ihr Heil in der Flucht. Der Koͤnig mußte ein lediges Roß beſteigen und Robert zwang ihn mit aufgehobenem Schwerte, daß er ihm folgen mußte. Man nahm einen großen Umweg, um nicht in die Haufen der fliehenden Schotten zu gerathen. Robert befahl, den gefangenen Malcolm zu ſeinem Koͤnige zu bringen, er ſelbſt jagte wieder zu den Normaͤnnern hin, welche die Feinde verfolgten. Ehe die Nacht kam, war Malcolms Heer voͤllig aufgeloͤſet und der Koͤnig Wilhelm trug einen glaͤnzenden Sieg davon. Der Koͤnig ließ ſeinem Bruder Gerech⸗ tigkeit widerfahren und ſagte am folgenden Tage, nachdem er ihn umarmt hatte, vor einer großen Verſammlung:„Naͤchſt Gott Der Kreuzfahrer. II. 11 162 verdanke ich Dir den Sieg. Selbſt als Koͤnig fuͤhle ich mich arm, Dich wuͤrdig zu belohnen.“ „Wer ſeine Pflicht gethan hat,“ ſagte Robert,„der iſt belohnt. Faßt Vertraun zu mir und glaubt nicht, daß ich es boͤſe mit Euch meine, dies forders ich als Belohnung von Euch.“ Malcolm mußte dem Koͤnig wegen der Lehne huldigen, die er auf engliſchem Boden beſaß, und unter noch andern Bedingungen wurde der Friede geſchloſſen. „Der Ruhm, den ſich Robert auch dies⸗ mal erworben hatte, und daß er ſo demuͤthig und beſcheiden alle Dank⸗ und Ehrenbe⸗ zeigungen ablehnte, das verſchaffte ihm all⸗ gemeine Achtung. In Liedern, die man 163 oͤffentlich ſang, wurden ſeine Thaten, die man von ihm wußte, von der Schlacht bei Haſtings an, beſungen. Er glaͤnzte wie ein helles Geſtirn, indeß der Koͤnig gegen ihn im Schatten ſtand. Man dachte es und ſagte es in geſchloſſenen Geſellſchaften laut, wie ungerecht der Koͤnig Wilhelm an dem Herzoge gehandelt haͤtte, daß er ihm nicht die Krone gab. Wo er erſchien, da kam man ihm mit Huldigungen entgegen. Anna nahm Theil an der Ehre ihres Gatten. Die Frauen bewarben ſich um ihre Gunſt und man ließ es ſie nie empfinden, daß ſie eine Paͤchtertochter war. Als ſie eine Tochter geboren hatte, da wurde das Kind mit den koſtbarſten Geſchenken uͤberſchuͤttet. Ganz gluͤcklich waͤre ſie geweſen, wenn ihr die Eltern nicht fehlten. Oft konnte ſie die Schmerzen der Sehnſucht Roberten nicht verbergen. Ihre zaͤrtlichſte und treuſte 1 164 Freundin aber blieb die Graͤfin von Nor⸗ folck. Robert ging mit dem Plane um, An⸗ nens Eltern nach England in ihre Naͤhe zu ziehen. Er trug dem Koͤnige die Bitte vor, ihm ein Beſitzthum in der Naͤhe von London zu uͤberlaſſen, das er dem Paͤchter Rotley, dem Vater ſeiner Anna ſchenken wolle, wel⸗ che die Trennung von den Eltern nicht er⸗ tragen koͤnne. Der Koͤnig ſchien verſtimmt zu ſeyn; aber die Bitte ſchlug er nicht ab und ſagte zu Robert, daß er ihm das Land⸗ gut geben werde, was er waͤhlen wuͤrde. „Ihr ſeyd nicht bei guter Laune,“ ſagte Robert,„druͤckt Euch eine Sorge, die ich erleichtern kann, ſo thue ich es gern.“ „Warum aber,“ ſagte der Koͤnig,„willſt 165 Du den Paͤchter Rotley nach England kom⸗ men laſſen? Als Herzog von der Norman⸗ die kannſt Du hier doch nicht fuͤr immer bleiben. Du haſt mir Deine Dienſte ver⸗ ſprochen, und wenn ich ſie wieder bedarf, laſſe ich Dich rufen. In der Normandie iſt Alles ruhig und man verlangt den Herzog zuruͤck. Taſte die Rechte der Vaſallen nicht an und Du wuiſt ſie, wie unſer Vater einſt, zu Freunden haben.“ Robert ſagte mit Verdruß:„Das alſo waͤre der mir verheißene Lohn, daß Ihr mir die Thuͤr weiſet, da Ihr meiner Dienſte nicht mehr beduͤrft. So alſo lohnt Ihr Eure Getreuen? Wohlan, nach einem Monat bin ich nicht mehr hier, bis dahin werdet Ihr mir doch einen ungeſtoͤrten Aufenthalt in Euerm Lande verſtatten.“... Robert ging weg und hoͤrte nicht darauf, was der Koͤnig ſagte. 166 Anna war bei der Graͤfin von Norfolck, als Robert in ſeinem Pallaſte ankam. Der alte Woltheof, ein Hausfreund Roberts, be⸗ gegnete ihm auf dem Vorſaale, ſtand vor ihm ſtill, ſah ihn an und ſagte:„Seht Ihr doch ſo verdrießlich aus, als ob Euch eine gute That, die Ihr vollbringen wolltet, mißlungen waͤre. Schlechte Nachrichten aus der Normandie? Das Roß wird wilder, wenn der Reiter fehlt, der es im Zuͤgel haͤlt.“ „Stehſt Du mit dem Koͤnige im Com⸗ plott gegen mich? So ſcheint es mir.“ „Herzog,“ ſagte der alte Woltheof, „Ihr werdet beleidigend. Zu den falſchen Teufelsſeelen habe ich nie gehoͤrt, die zu⸗ gleich zweien Herren dienen und Beide be⸗ truͤgen. Was truͤge ich fuͤr einen Lohn 167 davon, wenn ich es mit dem Koͤnige gegen Euch hielte. Nein, ſo pflichtvergeſſen war meine Seele nie. Einen Alten, den Euer Vater ehrte, muß der Sohn nicht ſchimpf⸗ lich behandeln. Meint Ihr, daß ich ſo ſchlecht bin, Euer Brodt eſſe und Euch mit Fuͤßen trete. Herzog, ſchaͤmt Euch, ſo von dem alten Woltheof denken zu koͤnnen, der, wenn es Euch zum Beſten gereicht, fuͤr Euch ſein Leben laſſen koͤnnte. Warum ſeht Ihr denn ſo muͤrriſch aus?“ Der Herzog noͤthigte den Alten ins Zimmer und ſagte dann:„Eben komme ich vom Koͤnige. Ich that ihm eine Bitte, die er mir nicht abſchlagen konnte, er hat ſie mir gewaͤhrt. Mir aber ſcheint es ſo, daß er mich in England nicht laͤnger dul⸗ den will. Mit deutlichen Worten, nur in einer etwas verbluͤmten Sprache ſagte er, 168 mit einer Miene, die geheimen Zorn verber⸗ gen will, ich ſolle in England, wo meine Gegenwart jetzt uͤberfluͤſſig ſey, nicht laͤnger bleiben und mich nach der Normandie hin begeben, wohin ich als Herzog gehoͤre. Dann ertheilte er mir, der Gruͤnbart, Re⸗ geln, wie ich meine Vaſallen behandeln muͤſſe, wenn ſie mit mir zufrieden ſeyn ſoll⸗ ten. Wie thoͤricht, daß ſich ein Herrſcher in die Weiſe derer fuͤgen ſoll, die ihm ge⸗ horchen muͤſſen! Soll ich ungerecht ſeyn, um mich in der Gunſt der Vaſallen zu er⸗ halten? Wehe dem Landesherrn, den die Großen ſeines Reichs unterjochen! Wenn ich die Hochmuͤthigen und Frechen, die ſich üͤber den Herzog erheben wollen, nicht mit Guͤte lenken kann, ſo ſoll ihr Nacken mein Schwert fuͤhlen. Entweder Herzog oder Sklave, ein Drittes giebt es fuͤr mich nicht. Durch feige Nachgiebigkeit ſoll der Sohn 169 dem keine Schande machen, der den hohen Muth beſaß, ein Koͤnigreich zu erobern.“ „Wie Ihr, als Herzog, denkt und zu handeln glaubt,“ ſagte Woltheof,„daruͤber geziemt es mir nicht zu urtheilen; aber den Grund, weshalb es der Koͤnig ungern ſieht, wenn Ihr Euch auf eine laͤngere Zeit in England aufhaltet, kann ich Euch entdecken, und wundern muß ich mich, daß es Euch ſo lange ein Geheimniß blieb. Ihr ſeyd ein tha⸗ tenreicher, ein muthiger, großmuͤthiger Mann. Die Ehre Eures Namens iſt in jedem Her⸗ zen, in aller Munde. Gewiß, es iſt dem Koͤnige nicht unbekannt geblieben, wie hoch Ihr von Normaͤnnern und Engländern ge⸗ achtet werdet. Er will ſich nicht von Euch verdunkelt ſehen. Iſt es ihm auch zu ver⸗ argen, wenn er fuͤrchtet, daß Ihr Beiſtand finden werdet, Euer Recht zur Krone, wenn 170 1 Ihr Koͤnig werden wollt, geltend zu machen? Einen ſolchen Bruder, der uns gefaͤhrlich werden kann, ſucht man aus ſeiner Naͤhe hinwegzuſchaffen. Mißtraun und Furcht iſt das Erbtheil der Schwachheit.“ „Woltheof, Du haſt Recht; aber ich habe dem Koͤnige meine Treue betheuert?“ „Der glaubt er nicht, da er weiß, daß mancher Eid gebrochen wurde, wenn mit dem Eidbruch der Gewinn großer Vortheile verbunden war. Wißk Ihr es, wer von jeher die heiligſten Vertraͤge gebrochen hat, wenn argliſtige Klugheit, wenn Ruhmſucht gleichſam dazu zu berechtigen ſchien? Schwebt Euch das Beiſpiel Haralds, der fuͤr ſeine Schuld bei Haſtings gebußt hat, nicht vor Augen?“ 171 „Du haſt Recht, Alter, Du biſt kluͤger als ich.“ Das Geſpraͤch wurde durch Annens Erſcheinung unterbrochen. Sie entdeckte es augenblicklich, daß auf Roberts Stirn finſterer Ernſt lag. Schnell verließ ſie das Gemach und kam bald wieder. Sie hatte ihre Tochter, Margaretha, auf dem Arm und Clito lief neben ihr her. Der alte Woltheof war nicht bei dem Herzoge. Als ſie vor ihm ſtand, ſagte ſie:„Wenn geheime Sorge Dich plagt, ſo ſieh uns, die Deinen an und Dein Gemuͤth wird erheitern. Bluͤhen nicht Deine Kinder wie Roſen und ſind ſie nicht ſchoͤn wie ſie? Du biſt unſer ganzes Gluͤck, ſind wir nicht auch das Deine?“ „Anna,“ ſagte Robert geruͤhrt,„wenn ich Euch nicht haͤtte, welche Freude hätte ich 172 dann in der Welt? Mein Leben wagte ich fuͤr den Koͤnig, eine Schlacht habe ich ihm gewonnen und dennoch finde ich ihn miß⸗ trauiſch. In einer Huͤtte wuͤrde ich viel gluͤcklicher mit Dir leben, als ein Herzog von der Normandie. Denkt Wilhelm nicht, daß ich Luſt habe, Koͤnig zu werden? Ich koͤnnte es, wenn ich es wollte; doch ſoll die Welt nie von mir ſagen, daß ich einen Bruder vom Throne ſtieß, den der Vater darauf ſetzte. Ich kenne ein hoͤheres Gluͤck, als das iſt, Koͤnig zu ſeyn und— das ver⸗ danke ich Dir. Sollen Tauſende fallen, damit ich der Erſte in dieſem Lande werde? Um eitler Ehre willen ſoll kein Blutstropfen vergoſſen werden. Bin ich nach dem Ur⸗ theile Gottes mehr, wenn ich ein Koͤnig bin? Roberts Miene heiterte ſich auf und er 173 ſagte:„Eine frohe Nachricht will ich Dir verkuͤnden, welche die Sehnſucht Deines kindlichen Herzens ſtillen und Dich erheitern wird.“ Und die waͤre?“ fragte Anna mit hef⸗ tiger Neugierde. „Ich bat den Koͤnig, Deinen Vater in der Naͤhe von London ein Landgut zu ſchenken. Er hat es bewilligt. Er zieht nach Eng⸗ land und Du haſt ihn und Deine Mutter wieder in der Naͤhe, dann wirſt Du ganz gluͤcklich ſeyn.“ 8 „Du biſt der Beſte Deines Geſchlechts,“ ſagte Anna und fiel dem Herzoge in die Arme.„Wie erfuͤllſt Du den kleinſten mei⸗ ner Wuͤnſche! Wie uͤberſchuͤtteſt Du mich mit den Beweiſen Deiner Liebe! Ach, ich 174 kann oft trauern, daß ich Dich nicht in noch hoͤhern Graden zu achten, zu lieben vermag! Das Fehlende ſollen Dir die Kinder erſetzen. Aber nein, Robert, die Normandie verlaͤßt mein Vater nicht. Eng⸗ land iſt ihm der Boden nicht, auf dem er leben moͤchte. In einem fremden Lande wuͤrde er nicht gluͤcklich ſeyn koͤnnen. Wenn Du nur mit den Normaͤnnern zufrieden ſeyn koͤnnteſt, ſo waͤre mir im eigenen Vaterlande auch am wohlſten.“ „Nun, Anna, ich werde nicht noͤthig haben, mich bei dem Koͤnige zu bedanken, daß er mir ein Landgut ſchenkte. Er hat mir ſelbſt den Weg nach der Normandie und ſo gewieſen, daß ich ihn verſtehen konnte. Er ſcheint fuͤr die Fortdauer ſeines Koͤnig⸗ thums beſorgt zu ſeyn und ſieht mich an, wie einen Naͤuber, der ſeine Hand nach 1 175 einer Krone ausſtreckt. Die Gunſt der Nor⸗ maͤnner, die ſie fuͤr mich hegen, meint und argwoͤhnt er, wuͤrde ich benutzen, um zu ſeinem Nachtheil mich des Thrones zu be⸗ maͤchtigen. Fuͤr einen gefaͤhrlichen Neben⸗ 4 buhler haͤlt er mich, den man ſich vom Halſe ſchaffen muß. Nach etlichen Wochen ſegeln wir nach der Normandie ab.“ Anna dachte nur an die Freude, ihre Eltern wieder zu ſehen und wuͤnſchte es, an demſelben Tage von der engliſchen Kuͤſte abzufahren, an die Uneinigkeit, die unter den Bruͤdern eingetreten war, dachte ſie nicht. Als Robert Abſchied von dem Koͤ⸗ nige nahm, fand er bei ihm den Biſchof Laufranc. Der geiſtliche Herr, der ihm verhaßt war, machte ihm eine ſehr nachlaͤſ⸗ ſige Verbeugung. Noch einer kurzen Unter⸗ redung zwiſchen den Bruͤdern ſagte Robert: 176 „Das Landgut koͤnnt Ihr nun einem Günſt⸗ linge ſchenken, da ich nach der Normandie abgehen ſoll, kann ich keinen Gebrauch da⸗ von machen. Übrigens giebt es Leute in England, die ſich mit dem thoͤrichten Ge⸗ danken tragen, als haͤtte ich Luſt, Euch nach der Normandie als Herzog zu ſchicken und als Koͤnig hier zu bleiben. Waͤre unſer Bater gegen mich gerecht geweſen, ſo waͤre ich Herr von England. Aber der Sohn darf nicht die Schuld des Vaters buͤßen. Es iſt mir wahrlich nie eingefallen, Mord und Blutvergießen zu veranlaſſen, um Euern Thron zu erbeuten, den Ihr, naͤchſt dem Vater, auch dieſem Biſchof verdankt, der nichts eiliger hatte, als eine Ungerechtigkeit vollziehen zu helfen. Fuͤr ſeine Gefaͤlligkeit beſoldet Ihr ihn reichlich. Beduͤrft Ihr ferner meiner Dienſte, ſo duͤrft Ihr nur ge⸗ bieten, ich komme und werde es nie 177 vergeſſen, was ein Bruder von mir fordern kann und was ich ihm leiſten muß. Ver⸗ ſagt mir aber auch Euern Beiſtand nicht, wenn ich ihn noͤthig habe, die wilden Va⸗ ſallen meines Landes zu zuͤgeln. Nochmals betheure ich es Euch, daß ich jedes Mittel verabſcheue, was mich zu Euerm Range auf Eure Unkoſten erheben koͤnnte. Sollte es aber das unerforſchliche Schickſal wollen, daß Ihr fruͤher ſtuͤrbet, als ich; ſo ſoll mir Niemand das Recht ſtreitig machen, CEuer Nachfolger zu werden und dann glaube ich, daß es keines Biſchofs bedarf, um die Kroͤ⸗ nung, wie eine Sache, die ſchnell beendet werden muß, zu vollziehen.“ Den Biſchof ſchmerzten die Pfeile gar ſehr, die der erzuͤrnte Robert auf ihn abge⸗ ſchoſſen hatte. Er nahm das Wort und ſprach kaltbluͤtig:„Ich mag die Beleidigung Der Kreuzfahrer. II. 12 178 nicht ruͤgen, die Ihr mir und dem Koͤnige zugleich zugefügt habt, es ſteht dem Groß⸗ muͤthigen wohl an, wenn er verzeihen kann. So koͤnnt Ihr ſprechen, weil Ihr wißt, daß mir die Macht fehlt, Euch einen Gegenbe⸗ ſcheid mit dem Schwerte zu geben. Ihr beſchimpft Euern Vater in der Erde Traut Ihr ihm die Klugheit nicht zu, daß er Euch zu ſeinem Nachfolger erwaͤhlt haͤtte, wenn er Euch dazu fuͤr wuͤrdiger erkannte, als ſeinen juͤngern Sohn? Daß ich den Prin⸗ zen kroͤnte, das that ich, als ein gehorſamer Unterthan, auf Befehl meines Koͤnigs. Haͤtte ich ihm den Gehorſam verweigern und Euch von der Normandie heruͤber rufen ſellen, um die feierliche Ceremonie an Euch zu vollziehen? Ihr waret den Englaͤndern fremd und Euer Bruder war ihnen bekannt, ihn waͤhlten ſie zu ihrem Herrſcher, nicht Euch. An ſchoͤnen Thaten iſt Euer Leben 179 reich, aber ſollen ſie mit einer Krone belohnt werden? Und Ihr goͤnnt mir des Koͤnigs Vertraun nicht und Ihr redet von Lohn und Sold? Die Sprache, die Ihr gegen den Koͤnig gefuͤhrt und die Beleidigung, die Ihr mir zugefuͤgt habt, geziemt ſich wahrhaft fuͤr einen Herzog nicht. übrigens glaube ich auch, man kann ja nicht die geheimen Gedanken in Menſchenſeelen leſen, daß es nicht rath am iſt, daß Ihr hier Wurzel faſ⸗ ſet. Stehen zwei Sonnen zugleich am Himmel, die die Erde beſtrahlen, ſo wird ſie in Aſche verwandelt.“ „Koͤnig,“ ſagte Robert erzurnt„glaubt dieſem Prieſter nicht, der Zwieſpalt unter uns ſtiften will, er meint es mit uns boͤſe. Raͤnkevoll und fein iſt ſein Verſtand, der Luͤge weiß er die Farbe der Wahrheit zu geben. Keinen Dienſt wird er Euch um⸗ 180 ſonſt erweiſen, und jede Belohnung, die er mit beiden Haͤnden von ſich weiſet, verſteht er zehnfach zu erliſten. Thut, was Euer Herz und Euer Verſtand Euch eingiebt, folgt ſeiner Leitung nicht, er erſcheint mir, wie jene Propheten, die in Schaafskleidern zu uns kommen, inwendig aber reißende Woͤlfe ſind.“ Robert verneigte ſich gegen den Koͤnig, zum Biſchof aber ſagte er:„Leſet die Stellen in der Bibel, wo der Taͤufer die Phariſaͤer ſtraft und wendet ſie auf Euch an.. Lanfranc war ſo aufgebracht, daß er keine Sylbe erwiedern konnte. Als ſich der, Herzog entfernt hatte, ſchuͤttete er ſeinen ganzen Zorn uͤber ihn aus. Der Koͤnig ließ ihn eine Weile reden und ſagte dann;„Ihr mußtet doch nicht vergeſſen, daß Robert mein Bruder und daß er ein 181 Herzog iſt, dem Ihr Achtung ſchuldig ſeyd. Ich denke, daß Euch das Verzeihen ſo leicht wird.... Unwillig ging der Biſchof vom Koͤnig und kam nicht eher wieder, bis er ihn rufen ließ. Recht ſchmerzhaft war der Abſchied, den Anna von der Graͤfin Norfolck nahm; aber durch die Freude, ihre Eltern bald wie⸗ der zu ſehen, wurde ſie getroͤſtet. Sie er⸗ kannte es, ungetruͤbt kann keine Erdenfreude genoſſen werden, und es giebt hienieden ſelten ein aͤußeres Gluͤck, was nicht ohne ſehr große Verluſte erkauft wird. Die Graͤfin betheuerte es Annen unter Thraͤnen, ihr mit ihrem Gatten nachzufolgen, wenn in der Normandie fuͤr ſeine Freiheit und ſein Leben nichts mehr zu fuͤrchten ſey. Er fuͤhle ſich, ohne den Herzog, in der Nor⸗ mandie auch nicht gluͤcklich. 182 Der Empfang des Herzogs in der Nor⸗ mandie war ihm ſehr erfreulich. Die Va⸗ ſallen kamen ihm mit gebuͤhrender Achtung entgegen, und gelobten ihm Treue und Ge⸗ horſam, ſo weit er ihn fordern koͤnne. Be⸗ handele er ſie nur gelinder, ſo wuͤrden ihm alle Herzen huldigen, da ſie ſeine Tugend und ſein Verdienſt ehrten. Aber der Herzog konnte kein Vertraun zu den Großen ge⸗ winnen, da ſie ihn immer reizten, hart gegen ſie aufzutreten. Zu einem ruhigen und ſichern Frieden kam es nicht und die Span⸗ nung blieb herrſchend. Im Innern ſehnte er ſich hinweg aus einem Lande, wo viel Rohheit und Wildheit gegen die beſſere, mildere Sitte groͤblich anſtieß. Viel beſſer geſiel es ihm in England. Er ging mit der Abtretung des Herzogthums fuͤr eine Jahrſumme ſchwanger, wofuͤr er ſeinem Stande gemaͤß leben konnte, er wollte ſich 183 dann in Frankreich ein Beſitzthum in einer ſchoͤnen Gegend kaufen und in ungeſtoͤrter Nuhe, im Kreiſe ſeiner Familie, die Annens Eltern vergroͤßern ſollten, ſeine Tage ver⸗ leben. Der Glanz, ein regierender Herr zu ſeyn, hatte ihn nie geblendet, er wußte es auch, mit welcher Aufopferung der erworben und unterhalten wird. Oft pflegte er zu ſeinen beſten Freunden zu ſagen:„Man haͤlt mich fuͤr einen freien Herrn und doch muß ich der Diener von Tauſenden ſeyn, der noch dazu das Ungluͤck hat, daß er es Niemanden recht machen kann. Ein Jeder duͤnkt ſich kluͤger und beſſer zu ſeyn, als ich es bin. Es geht einem Herzog und Koͤnig wie den oberſten Regenten, vor dem wir alle Knechte ſind, der die Sonne ſcheinen laͤßt, wenn es regnen ſoll. Die Narren meinen, es ſollte viel beſſer auf der Erde ſeyn, wenn ſie regieren koͤnnten und ver⸗ 184 moͤchten ſie es, ſo ſtießen ſie den lieben Gott vom Throne und ſetzten ſich darauf. Welche Buͤrden laden die ſich auf, die darnach ſtre⸗ ben, uͤber ein Volk zu herrſchen!“ In der Nacht noch, als der Herzog mit Annen in Rouen angekommen war, ſandte er heimlich einen Boten zu ihren Eltern, der ihnen ſeine Ankunft melden mußte. Er kam am fruͤhen Morgen an, als die Heerde vom Hofe getrieben wurde. Rotley ſaß am Tiſche, ſeine Gattin lag noch im ſuͤßen Schlafe. Als er mit freudigem Herzen die frohe Nachricht vernommen hatte, lief er in die Kammer, ruͤttelte ſeine Gattin wach und ſagte:„Der Herzog iſt ange⸗ kommen und Anna und die Kinder mit ihm!“ Ein freudiger Schreck fuhr ihr durch alle Glieder, ſie richtete ſich raſch auf, ver⸗ ließ das Lager und ſagte zu ihrem Gatten: 18⁵ „Laß doch Anna mit den Kindern zus mir kommen.“ „Nein,“ entgegnete der Paͤchter,„hier ſind ſie nicht, in Rouen. Der Herzog hat uns eingeladen, ſogleich zu ihm zu kommen. Ziehe Dich ſo an, daß Du Dich ſehen laſ⸗ ſen kannſt,. Der Paͤchter verließ ſeine Gattin, traf in ſeiner Wirthſchaft die noͤthigen Anordnungen, damit er laͤnger als einen Tag ohne Schaden wegbleiben konnte. Am Morgen war es Annens erſte Bitte, ihre Eltern bald zu ſehen. Sie hatte vor Freude in der Nacht wenig geſchlafen. Sie dachte ſich das Entzücken der Mutter, die Liebe des Vaters, wenn ſie mit zwei Kindern vor ihnen erſchien. Clito hatte ſeinen Großvater nicht vergeſſen, da Anna das Andenken an ihn in der Seele des 186 Kindes unterhielt. Sie dachte, wie er ſich freuen werde, der kinderliebende Vater, wenn er Clito ſah, der groͤßer und verſtaͤndiger geworden war. Auf Annens Bitte, zu ihren Eltern zu reiſen, erwiederte der Herzog:„Gern moͤchte ich die Freude des Wiederſehns mit Dir thei⸗ len. Allein aber laſſe ich Dich nicht reiſen. Die Wege ſind nicht immer ſicher und den Normaͤnnern traue ich nicht. Viele Ge⸗ ſchaͤfte, die ich nicht unterlaſſen kann, muß ich beſeitigen. Sobald nur einige Ruhe fuͤr mich eintritt, will ich Dich begleiten Wie es ihnen geht ob ſie noch leben und geſund ſind, das ſollſt Du heute noch erfahren. Ein Bote iſt ihnen ſchon zugeſandt, dies war, als ich das Lager verließ, mein erſtes Ge⸗ ſchaͤft“.... Dankbar umarmte ihn Anna und fuͤgte ſich in ſeine Anordnung. 187 „Ach,“ ſagte ſie,„wie gluͤcklich macht es mich, daß Du an den Freuden meines kindlichen Herzens den innigen Antheil nimmſt, darum genieße ich ſie auch doppelt. Welch eine Liebe wohnt in Deinem Gemuͤth! Wie gleichguͤltig uͤberſehen viele Große der Erde ihre Familien und vergeſſen es im Glanze ihrer Hoheit, daß ſie auch Gatten und Vaͤter ſind. Sie weihen ſich andern Geſchaͤften und Zerſtreuungen und bleiben den Ihren fremd. Du aber kannſt Schlach⸗ ten gewinnen, Dir Kriegerruhm erwerben und bleibſt der edle Mann, dem die Gattin und ſeine Kinder mehr gelten, als alle Ehre vor der Welt.“ „Nenne das nicht Tugend und Ver⸗ dienſt,“ ſagte Robert,„was ich als eine Pflicht erkenne, die mich uͤberſchwenglich lohnt. Wo finde ich Ruhe und Frieden, 188 wo Treue und Liebe, als bei Dir! Arm und bedauernswerth ſind die Großen der Erde, die den prunkvollen Tumult des Lebens lieben und es nie empfanden, welche Freuden uns im Schooße ſtiller, friedlicher Haͤuslichkeit bluͤhen!“ Anna war bei ihren Kindern, von denen ſie ſich ſelten trennte, als ſich die Thuͤr aufthat, und der Vater und die Mut⸗ ter, vom Herzoge begleitet, in das Gemach traten. Clito rief laut:„Großvater!“ lief zu ihm hin und umfaßte ſeine Knie. Die Tochter und die Mutter lagen einander in den Armen. Der Herzog war tief geruͤhrt, ſo, daß er ſich die Thraͤnen von den Wan⸗ gen trocknete. Anna hielt der Mutter ihre Tochter hin und ſagte mit bebender Stimme: „Kennt Ihr ein Kind, das ſchoͤner iſt?“— Die Mutter nahm es auf den Arm und 189 kuͤßte es. Jetzt ſiel Anna dem Vater an die Bruſt und weinte laut vor Freude. „Ach,“ ſagte Anna,„das Gluͤck, Euch heute chon zu ſehen, verdanke ich dem Herzoge! O, wie guͤtig iſt er doch?“ „So ſchuͤttet Eure Herzen aus und liebt und ſprecht Euch ſatt,“ ſagte Robert; „Arbeiten, die keinen Aufſchub leiden, for⸗ dern meine Gegenwart.“ Er ver⸗ ließ das Gemach. Drei Tage blieb Rotley mit ſeiner Gattin in Rouen. Die Mutter pries des Himmels Guͤte, daß ſie nun ihre Tochter in der Naͤhe hatte und daß ſie ſo gluͤcklich war. Aber ſchon thuͤrmte das Schickſal Wolken auf, die dies Gluͤck auf eine lange Weile truͤbten und vernichtete die Hoffnung, daß es je wieder erſcheinen werde. 8 190 1— 4 Nach etwa fuͤnf Jahren wurde der Herzog wieder nach England gerufen, um die aufruͤhreriſchen Einmwohner von Wales zu beſiegen, und waͤhrend ſeiner Abweſenheit trug ſich ein Ereigniß zu, das ihm die aller⸗ tiefſte Wunde ſchlug. Der Abſchied von Annen war fuͤr ihn um ſo ſchmerzhafter, da er ſie in den Umſtaͤnden verlaſſen mußte, wo ſie zumeen Male Mutter wurder Sie war hoch betruͤbt und eine ſchwere Ahnung, als ob ſie den Herzog nie wieder ſehen werde, laſtete auf ihrer Seele. „. Der Koͤnig war von der edeln Geſin⸗ nung Roberts geruͤhrt, als er, auf ſeine Einladung, ſogleich in London erſchien, um ihm die Dienſte zu leiſten, die er von ihm 191 fordern wuͤrde. Das Mißtraun, als ob der Herzog insgeheim nach dem engliſchen Throne ſtrebte und die Gelegenheit benutzen werde, ihn zu erobern, war ganz aus ſeiner Seele verſchwunden. Um ſein Anſehen in der Normandie zu ſichern und jede Art des Aufſtandes zu unterdruͤcken, hatte ihm Wil⸗ helm von Zeit zu Zeit ſo viele Huͤlfstruppen gegeben, als er bedurfte, um die wilden, zuͤgelloſen Vaſallen, die ſich uͤber den Her⸗ zog erheben wollten, in Ordnung zu halten. Dafuͤr war Robert ſeinem Bruder dankbar. Da der Koͤnig das Vertraun, die Ach⸗ tung kannte, in der der Herzog bei den Normaͤnnern und Sachſen in England ſtand, ſo glaubte er keinen beſſern Feldherrn waͤh⸗ len zu koͤnnen, von dem er ſich ſicherer den Sieg verſprechen konnte, als eben ſeinen Bruder.„Gebt uns Euern Bruder zum Anfuͤhrer,“ ſagten mehrere Vaſallen zum 192 Koͤnig,„und wir werden die Feinde ſchla⸗ gen.“ Von ihnen, als ſie ihn wieder ſahen, wurde er mit Enthuſiasmus empfangen. Der Koͤnig umarmte Roberten beim Wiederſehen und ſagte:„Nun lerne ich Euch erſt kennen und ehren, durch Mißtraun will ich Euch nie beleidigen und Beweiſe will ich Euch geben, daß ich keine Gefahr von Euch fuͤrchte, wenn ich mein Heil in Eure Haͤnde lege. Es iſt mir kund gewor⸗ den, mit welchen Worten Ihr in der letzten Schlacht mit Malcolm, die Aufruͤhrer zu⸗ ruͤckgewieſen habt, die Euch durch die Ge⸗ walt der Waffen zum Koͤnig machen woll⸗ ten. Ihr habt nicht allein ein bruͤderliches Herz, ſondern auch eine Geſinnung gezeigt, die jede Ehre verabſcheut, welche nur auf dem Wege des Verbrechens errungen wer⸗ den kann. Laßt den alten Groll fahren, 193 gedenkt des Zwiſtes unter uns nicht meht und liebt mich ſo bruͤderlich, wie ich Euch liebe.“ „Bruder Wilhelm, iſt das die Sprache der Wahrheit, die Du redeſt,“ ſagte der Herzog,„ſo haſt Du mein ganzes Herz, ſo theile ich mein Leben mit Dir. Fordere, was Du willſt von mir, ich will es leiſten.“ Die Bruͤder umarmten ſich nochmals, ſie waren verſoͤhnt und alle Feindſchaft, die ſie bisher trennte, war verſchwunden. Der Prinz Heinrich war vor wenigen Tagen aus Flandern wo die Blutsverwand⸗ ten ſeiner Mutter lebten, bei denen er ſich eine lange Zeit aufgehalten hatte, in London angekommen und in dem Zimmer zugegen. Er empfand Verdruß und Unwillen, als er Der Kreuzfahrer. II. 13 194 Zeuge war, daß Wilhelm ſich mit Roberten verſoͤhnte. Er ging mit dem Plane ſchwan⸗ ger, daß ihn der Koͤnig mit Truppen unter⸗ ſtuͤtzen ſollte, um ſeinen Bruder Robert aus der Normandie zu jagen und ſie in Beſitz zu nehmen. Er wußte es, daß es noch viele Vaſallen gab, die dem Herzog abgeneigt waren und eine nicht kleine Zahl war durch Verſprechungen ſchon gewonnen. Mit Recht, da dieſes Verhaͤltniß unter den Bruͤdern eingetreten war, die ſich fruͤher anfeindeten, verzweifelte Heinrich, daß er ihn unterſtuͤtzen werde, um Roberten ſeines Herzogthums zu berauben. Er gluͤhte vor Ingrimm, als die letzte Hoffnung erloſch, ein regierender Herr zu werden, wonach er hochmuͤthig und be⸗ gierig trachtete. Er ſtand fern, ſah die Bruͤder mit innerm Unwillen an, ging ans Fenſter und kehrte ihnen den Ruͤcken zu. 195 „Heinrich,“ rief ihm der Koͤnig zu, „vergiß auch Du alles Unrecht, was uns Bruͤder gehaͤſſig von einander ſchied, reiche Robert Deine Rechte und ſey ihm ein treuer, liebender Bruder.“ „Hier iſt zum Frieden und zur Liebe meine Hand,“ ſagte Robert und ſtreckte ſie ihm entgegen,„zuͤrne nicht mehr, wenn ich Dich auch beleidigte.“ Heinrich erwiederte:„Das falſche Spiel einer betruͤgeriſchen Verſoͤhnung kann ich nicht ſpielen. Ich will Dich mit dem Schein des Friedens und der Einigkeit nicht taͤu⸗ ſchen. Verſcherzt haſt Du auf ewig meine Liebe. Haͤtte Wilhelm ſich meiner nicht er⸗ barmt, als ich auf St. Michel eingeſchloſſen war, Grauſamer, Du ließeſt mich verdurſten, 196 wer in dem Grade mein Feind war, der kann mein Freund nie wieder werden.“.... Er ging aus dem Gemache und ſo lange Robert in London war, vermied er die Ge⸗ legenheit, ihn zu ſehen und zu ſprechen. Die Urſache, weshalb. Robert nach England gerufen wurde, war der Krieg, den die Vaſallen in Wales ohne Unterlaß gegen das Reich fuͤhrten, die Gewaltthaͤtig⸗ keiten und Raͤubereien anrichteten, und wenn ſie verfolgt wurden, in ihre Gebirge flohen, wo ſie gegen alle feindlichen Angriffe ſicher waren. Dieſe ſoll en gedemuthigt, gezuͤchtigt, uͤberwunden und der Krone unterworfen werden. Der Koͤnig glaubte, daß der Her⸗ zog dieſe gewiß ſchwere Aufgabe loͤſen und das zu Stande bringen werde, was Andern, die mit ihren Schaaren gegen ſie ausge⸗ ſchickt waren, nicht gelang. 197 Wir muͤſſen die Leſer, denen die ſpe⸗ eiellere Kenntniß von Wales und ſeinen Ein⸗ wohnern fehlt, davon kuͤrzlich unterrichten, um unſere Erzaͤhlung von dem Kriege mit denſelben richtig aufzufaſſen. Bei allen Stuͤrmen, die in England kobten, hatten ſich die Einwohner von Wa⸗ les von fremder Herrſchaft noch frei erhal⸗ ten. Sie wurden von eigenen Fuͤrſten re⸗ giert, die mit ihren gewaffneten Schaaren Streiferein in dem engliſchen Gebiete mach⸗ ten, raubten, brannten, pluͤnderten, und mit der Beute in ihre ſie beſchuͤtzenden Gebirge flohen. Sie beſtanden aus den Ureinwoh⸗ nern Britanniens, die ſich gegen die unter⸗ jochende Gewalt der Sachſen und ſpaͤter gegen die Eroberungsſucht der Normaͤnner in ihren Felſenſchluchten ſicher ſtellten und wenn die Gefahr groͤßer geworden waͤre, 198 ſich auf der Inſel Angleſay niederlaſſen konn⸗ ten. Von ihren Bezwingern wurde ihnen nichts weiter uͤbrig gelaſſen, als die wilden, unzugaͤnglichen Berg⸗ und Felſenketten an der weſtlichen Kuͤſte. Der Mangel, da die oͤden Gebirge der Volkzahl nicht genugſam Nahrung gab und die Strenge, mit der die Eroberer ihres eigenthuͤmlichen Vaterlandes gegen ſie ver⸗ fuhren, trieb ſie an, in groͤßern und kleinern Schaaren aus ihren Felſenmauern hervorzu⸗ brechen und mit dem Raube in ihre Schlupf⸗ winkel wieder heimzukehren. Um dieſen Raͤubereien zu ſteuern, hatte man die engliſche Grenze durch eine Reihe von Feſtungen zu ſichern geſucht, in denen die engliſchen Vaſallen mit einer Beſatzung lagen. Die Eroberungen, die ſie in Wales 199 machten, gehoͤrten ihnen als ein Eigenthum. Der Krieg gegen die Welſchen war Jedem erlaubt, um ihr Land endlich der Krone zu unterwerfen. Glamorgan, Pembrocke, Breck⸗ nock, Mongomery, Radnor und Denbigh wurden von den Vaſallen erobert. Dieſer Beſitz war aber ſehr ungewiß da die Wel⸗ ſchen mit ihren kriegeriſchen Schaaren die Herren derſelben oft wieder vertrieben. Die Feſtungen, welche die Vaſallen angelegt hat⸗ ten, wurden von den Welſchen zerſtoͤrt. Sie eroberten das Schloß Mongomery, und verheerten aus demſelben das engliſche Gebiet. Es war des Koͤnigs Plan, dieſe kriege⸗ riſchen, barbariſchen Horden, gegen die man immer auf der Wache ſtehen mußte, um ihnen das tiefere Eindringen ins Land zu verwehren, der Krone zu unterwerfen. 200 Es wurde ein Heer verſammelt, welches ſie beſiegen ſollte und das Kommando uͤber daſſelbe erhielt der Herzog Robert. Er verkuͤndete es voraus, daß die Gebirge das Haupthinderniß ſeyn wuͤrden, die Welſchen zu uͤberwaͤltigen. Als die engliſche Armee gegen ſie vorruͤckte, wichen ſie der übermacht, vertheidigten ſich aber herzhaft von ihren Klippen, dennoch wurden ſie bis Snowdon in Nordwales zuruͤckgedraͤngt. Die Welſchen zogen ſich in ihre Wal⸗ dungen zuruͤck, ſtellten ſich an den unzu⸗ gaͤnglichen Orten zur Wehr und verhinderten ſo das weitere Vordringen der Feinde. Die Englaͤnder litten Mangel, da ſie in den Einoͤden keine Lebensmittel fanden, die Rei⸗ terei erfuhr auf den rauhen, felſigten Wegen große Verluſte und ſo mußte der Herzog umkehren, wenn er ſein Heer nicht aufopfern wollte, ohne daß Wales erobert wurde, 201 Als der Herzog in London angekommen war, wurde er vom Koͤnig mit bruͤderlicher Herzlichkeit empfangen, ob auch ſein Unter⸗ nehmen nicht gegluͤckt war.„Haͤtte ich die Felſen wegraͤumen und die Gegend in eine Ebene umſchaffen koͤnnen, ſo waͤre kein Welſcher unbeſiegt geblieben,“ ſagte der Her⸗ zog.„Wo die Natur ſolche Klippen dem Muthe entgegen ſtellt, da muß er ſcheitern und der Feind hat gewonnenes Spiel.“ Hier fiel Robert der Gedanke wieder ein, ſeine Regentſchaft niederzulegen, und um ſeiner Anna willen, ſeine Tage in glanzloſer Stille, als ein Privatmann, zu verleben. Er war der Unruhen ſatt, die ihn plagten und die Buͤrde, die er fuͤr aufruͤhreriſche Undankbare trug, war ihm verhaßt. Als er mit dem Koͤnige einſt allein war, machte er ihm das Anerbieten, daß er ihm ſen 202 Herzogthum fuͤr 10,000 Mark Silbers ver⸗ pfaͤnden wolle. Nach einigen Gegenvorſtel⸗ lungen nahm der Koͤnig dieſen Antrag mit Freuden an. Es wurden ſogleich Anſtalten gemacht, die Summe zuſammen zu bringen. Es war aber ſo wenig Geldvorrath da, daß die Silbermarks von den Unterthanen in aller Eil erpreßt werden mußten. Die Kirchen wurden ihrer Koſtbarkeiten beraubt, Krucifix. Monſtranzen und Behaͤltniſſe der Reliquien wurden eingeſchmolzen, um die geforderte Steuer bezahlen zu koͤnnen. Mehr als ein Monat war verfloſſen, als kaum 5000 Mark eingekommen waren und noch eine laͤngere Zeit verſtrich, ehe die andern 5000 gezahlt werden konnten. Ro⸗ bert wollte England nicht eher verlaſſen, bis ſeine Forderung befriedigt war. Schon waren die noͤthigen Anſtalten zur Abreiſe ge⸗ 2⁰3 troffen, als ein Schreckensbote in England ankam, der dem Herzog eine Nachricht brachte, die ihn ganz zu Boden ſchlug. Er war heiter geſtimmt, wie er es ſeit langer Zeit nicht war. Er glaubte ſeinen Zweck erreicht zu haben. Die Laſt, Herzog zu ſeyn, war ihm abgenommen, von ſeinen unruhigen Vaſallen hatte er nichts mehr zu fuͤrchten, nun konnte er im Kreiſe ſeiner Familie ſelige Tage verleben, wie er ſich ſchon laͤngſt gewuͤnſcht hatte. Im Geiſte dachte er ſich die Freude ſeiner Gattin, wenn er ihr offenbarte, wie ruhig, wie ungeſtoͤrt und unzertrennlich er nun bei ihr bleiben, jede Freude und jeden Schmerz mit ihr thei⸗ len konnte. In der Normandie wollte er nicht bleiben, die ihm verhaßt geworden war, ſondern ſich in einer der reizendſten Gegenden in Frankreich ein Beſitzthum kaufen. 204 Er war bei dem Koͤnige, als ein Diener ins Zimmer trat und meldete, daß ein Bote aus der Normandie da ſey, welcher den Herzog zu ſprechen verlange.„Nun,“ ſagte er,„iſt das Feuer des Aufruhrs dort wieder ausgebrochen? Der Konig von England wird es loͤſchen und die Anſtifter ſtrafen. Wenn ich nur gute Nachrichten von Annen erhalte, ſie war dem Zeitpunkte nahe, als ich ſie verließ, wo ſie ein Kind gebaͤhren mußte. Ein ſchwerer Kampf fuͤr ein Weib, in dem ſchon Viele ſtarben!“ „Der Koͤnig war neugierig und folgte ſeinem Bruder nach. Der alte Woltheof war der Bote. Der Koͤnig ſagte:„Kommt, Alter, in mein Gemach und theilt uns da die Nachricht mit, die Ihr bringt. Giebt es Laͤrm in der Normandie, den der Herzog ſtillen ſoll?“ 4 205 Woltheof ſchuͤttelte mit dem Kopfe und ſagte mit ſchmerzhafter Miene:„Da iſt Alles ruhig, wie im Grabe,“ „Und,“ fragte Robert,„wie ſteht es mit meiner Anna, ſehnt ſie ſich nicht nach mir?“ „Nein, ſie ſehnt ſich nicht,“ antwortete Woltheof. „Sie ſehnt ſich nicht nach mir?“ fragte der Herzog verwunderungsvoll.„Woltheof, Du haſt ſie nicht geſehen, nicht geſprochen. Sie kann ohne mich keinen Tag ruhig leben und immer ſteht ihr mein Bild vor Augen. Weißt Du von meinen Kindern nichts?“ „Die ſind geſund, kurz vor meiner Ab⸗ reiſe ſpielte Clito im Schloſſe mit zwei Edelknaben; aber ſein Geſicht kam mir blaß 206 oor, als ob er von einer Krankheit geneſen waͤre.“ „Nun ſeyd Ihr ſchon eine lange Weile hier,“ ſagte der Koͤnig faſt unwillig,„und wir wiſſen es noch nicht, was Ihr fuͤr eine Nachricht briggt. Es bleibt doch wahr, alte Leute ſind geſchwaͤtzig.“ „Das koͤnnt Ihr doch von mir nicht ſagen,“ erwiederte Woltheof und in ſeiner Stimme lag ÄAngſtliches, als ob ihm der Athem fehlte und tiefe Trauer umwoͤlkte ſeine Stirn, als ob ſchwerer Gram auf ſeinem Herzen laͤge,„da ich die Fragen beantwor⸗ ten mußte, die der Herzog an mich that.“ „Wißt Ihr, wie Ihr ausſeht?“ „Na, wie denn?“ 207 „Wie ein ſchwarzes Ungewitter, das, wenn es naͤher zieht, Blitz und Hagel auf die Erde ſtreut. Spannt unſere ungeduldige Neugierde nicht hoͤher und redet frei heraus, was Ihr uns fuͤr eine Botſchaft bringt. Ihr ſeyd alt, laßt Euch nieder.“ Als ſich Woltheof niedergeſetzt hatte und der Koͤnig und Herzog vor ihm ſtan⸗ den, fing er alſo an:„Frre ich nicht, ſo war es vor elf Tagen, als Eure Anna die erſten Wehen antraten, die es ihr verkuͤn⸗ deten, daß ihre Stunde gekommen ſey, daß ſie gebaͤhren ſollte. Ihr erſtes Verlangen war, ihre Mutter als Troͤſterin und Helferin bei ſich zu haben und dieſer Wunſch wurde ihr gewaͤhrt. Die Mutter kam eilig; aber, aber.“ Erſchrocken und angſtvoll, mit zittern⸗ der Stimme fragte der Herzog:„Was iſt das fuͤr ein Aber? Iſt Anna todt? Lebt ſie noch? Hat ſie ein Kind geboren?“ „Hoͤrt mir ruhig zu, Ihr ſollt es er⸗ fahren. Ja wohl hat ſie ein Kind geboren, eine Tochter. Nach einer Stunde lebte es nicht mehr. Es ſoll ſehr ſchwach geweſen ſeyn und kein Arzt konnte es am Leben er⸗ halten.“ „Wie ſich Anna daruͤber betruͤbke, das kann ich mir denken. Iſt ſie ſchon getroͤſtet?“ „Ja, ſie iſt getroͤſtet, wie alle die Se⸗ ligen, die den Kampf des Todes uͤberwun⸗ den haben.“ „Iſt Anna todt?“ fragte der Herzog unnd erblaßte. man mir geſagt, war Euer Name.“ Der Herzog ſtuͤrzte plötzlich auf einen Lehnſtuhl hin, als ob ihn der Blitz getroffen haͤtte. Seine Augen ſtarrten zur Decke empor, er redete kein Wort, ſeine Arme hingen an beiden Seiten des Koͤrpers ſchlaff herab und ſeine Knie zitterten. Der Koͤnig, von Mitleid geruͤhrt, ergriff ihn bei der Hand und ſagte:„Sey nicht ſo troſt⸗ los und verzweifelt. Du glaubſt an einen Gott, der Alles weiſe lenkt. Preiſe ihn, daß er Dich ſo lange das Gluͤck genießen ließ, mit der edelſten Seele in der innigſten Ver⸗ bindung zu leben: Dort wirſt Du ſie wie⸗ der ſehen“ Der Herzog ſah ſeinen Bruder an, Thraͤnen ſtuͤrzten ihm aus den Augen, aber noch kam kein Wort uͤber ſeine Lippen. „Herzog,“ ſprach der alte Woltheof,„Ihr Der Kreuzfahrer. II. 14 „Ja, ſie hat fuͤr dieſe Erde gelebt und nun nicht mehr. Ihr letztes Wort, ſo hat 210 habt im Leben ſo manchen Schmerz ertragen muͤſſen, laßt Euch von dieſem nicht beſiegen. Ihr wißt es nicht, welch ſchweres Leid der Allbarmherzige dadurch Eurer Gattin erſpa⸗ den wollte, daß er ſie ſo fruͤh vollendete. Mit ſeinen Frommen eilt er hinweg aus die⸗ ſem jammervollen Leben. Nun aͤngſtigt ſich ihre Seele nicht mehr um Euch, ſie iſt in der Ruhe, ſie ſteht unter Gottes Obhut und Ihr duͤrft fuͤr ſie nicht mehr bange ſeyn. Werdet ſtill und ergeben, verſuͤndigt Euch nicht durch Unmuth an dem Hoͤchſten. Ach, ich waͤre gern fuͤr ſie geſtorben, mich aber will der liebe Gott noch nicht haben. Alle, die die Edle kannten, haben um ſie geweint. Ein ehrenvolles Leichenbegaͤngniß, als ob ſie eine Koͤnigin waͤre, iſt ihr geworden. Ich weiß nicht, wie viele Vaſallen ihr die letzte Ehre erwieſen. In einen koſtbaren Sarg wurde die Leiche gelegt und im herzoglichen Gewoͤlbe in Rouen beigeſetzt. Die troſtloſe 211 Mutter ließ ſich nicht von dem Sarge tren⸗ nen und mehrere Naͤchte wachte ſie im Ge⸗ woͤlbe und wollte es nicht zugehen, daß er mit dem Deckel belegt wuͤrde. Unverwandt ſtarrte ſie die Todte an, als ob ſie auf das Wunder ihrer Wiederbelebung hoffte. Krank wurde ſie hinweg gebracht. Am neunten Tage, wo ich abreiſete, ſah ich die Todte ſelbſt. Sie liegt da, wie ein Engel, und die Natur hat die Zuͤge ihrer Milde und Hold⸗ ſeligkeit noch nicht zerſtoͤrt. Gebt Euch nur zufrieden, eine Trauer, die das Herz zerreißt, kann doch die geliebten Todten nicht wieder erwecken.“ Der Herzog machte eine Bewegung, ſank auf ſeine Knie und druͤckte betend die Haͤnde in einander, indem er zum Himmel empor ſchaute. Er ſprach kein lautes Wort, aber ſeine Lippe zuckte und bewegte ſich. Dann ſtand er auf und ſprach:„Gott, welche ſchweren Verſuchungen ergehen uͤber 212 mich! Alles, Alles habe ich nun verloren, was mir das Leben ertraͤglich machte! Mein Herz iſt zermalmt, kein Balſam kann es heilen! Was habe ich Boͤſes gethan, daß ich ſo hart geſtraft werde! Warum muß ich ſie uͤberleben! Nein, nein, die Normandie ſoll mein Auge nie wieder ſehen, ſie iſt das Grab aller meiner Freuden! Die Erde trug nie einen Ungluͤcklichern, als ich bin! Nichts, machts erſetzt mir den Verluſt!“ Jetzt brach ein Thraͤnenſtrom aus den Augen des Herzogs hervor. Der Koͤnig ſagte:„Haͤtte ich es doch nie geglaubt, daß ein Mann ſeine Gattin ſo lieben koͤnnte! Sie muß die Krone ihres Geſchlechts ge⸗ weſen ſeyn.“ „Ach,“ ſagte Robert„ſie war mehr, ſie war ein Engel. Sie lebte nur füͤr mich; in ihrer Naͤhe vergaß ich jede Sorge, ſie war die Tugend, die Unſchuld und lauter Liebe. DO, meine Kinder, ich verlor Alles und Ihr ——— 213 Unerſetzliches! Woltheof, wo ſind meine Kinder?“ „Noch auf dem Schloſſe.“ „Sie ſollen den Eltern meiner Anna uͤberliefert werden, daß ſie ihnen zum Troſte dienen und ſo erzogen werden, wie die frommen Alten ihre Tochter erzogen. Das muͤßt Ihr beſtellen. Ihre Unterhaltung iſt meine Sorge.“ Der Herzog verließ den Koͤnig, er ſchloß ſich zwei volle Tage in ſein Gemach eein und faſtete. In dieſer Zeit war ein Entſchluß zur Reife gekommen, den er ſo⸗ gleich ausfuͤhrte. Gottfried von Bouillon war mit einem zahlreichen Heere nach Palaͤſtina gezogen, wo er den Unglaͤubigen den heiligen Boden entriß, auf dem der Erloͤſer einſt wandelte, wo er lehrte, die Wunder der Wohlthaͤtigkeit that, wo er duldete, aus dem Grabe erſtand und ſich von dem Berge zum Himmel erhob. Seine Waffen waren ſiegreich, er erwarb ſeinem Geſchlechte Ruhm und das Koͤnigreich Jeruſalem. Die Auf⸗ forderung zum Kreuzzuge, die in andern Laͤndern ſo wirkſam war wurde in England weniger beachtet. Als der Herzog dem Koͤnige ſeinen Plan bekannt machte, daß er nach dem ge⸗ lobten Lande ziehen, dort fuͤr die Ehre des Weltheilandes und die Sicherheit der Chri⸗ ſten ſtreiten wollte, billigte der Koͤnig dies Unternehmen gar ſehr, indem er ſagte: „Waͤre ich nicht, als Koͤnig, an dies Land gebunden, ich wuͤrde Dich begleiten. Du folgſt einem heiligen Rufe. Am Grabe des Erloͤſers wirſt Du Balſam fuͤr Deine Wun⸗ den finden.. Eigentlich aber meinte es der Koͤnig nicht redlich mit ſeinem Zu⸗ reden. Robert, das war der Gedanke, der im Hintergrunde ſeiner Seele lag, konnte auf dem Zuge, oder von den Schwertern der 215 Saracenen gemordet, ſterben, dann war er Herr der Normandie. Vielleicht gelang es ihm auch, in Palaͤſtina ein Land zu erobern, das ihn die Normandie vergeſſen ließ. Um den Herzog verſammelte ſich bald eine Zahl von Rittern, da er ihnen Belohnungen ver⸗ ſprach, die von Schulden gedruͤckt wurden, oder die ein Land haßten, in dem ſie nicht nach Verdienſt belohnt zu ſeyn glaubten, die ihn als ihr Oberhaupt anerkannten und un⸗ ter ſein Panier ſtellten. Damit aber Ro⸗ berten der gefaßte Entſchluß nicht wieder leid wuͤrde, ſorgte der Koͤnig ſelbſt dafuͤr, daß Alles mit der groͤßten Eil herbeigeſchafft wurde, was zu der Seerreiſe noͤthig war. Zweitauſend Mark Silbers ließ der Herzog in den Haͤnden ſeines Bruders, die zum Beſten ſeiner beiden Kinder verwandt wer⸗ den ſollten und inſtaͤndig bat er beim Ab⸗ ſchiede den Bruder, ſich mit aller Liebe und Gute der elterloſen Waiſen anzunehmen und 216 ihr Beſtes zu beſorgen. Von den Paͤchter⸗ leuten aber ſollte man ſie nicht nehmen. Robert, der ſich in vielen Zerſtreuungen umhertrieb, ſchien aͤußerlich uͤber den Verluſt ſeiner Anna ruhiger geworden zu ſeyn, ob⸗ gleich geheimer Gram ihm noch am Herzen nagte. Der Wind ſchwellte die Segel und er war drei Tage von der engliſchen Kuͤſte ent⸗ fernt, als eine Nachricht in London einlief, die ihn gewiß bewogen haͤtte, die Fahrt nicht fortzuſetzen, umzukehren, und wenn es ihm moͤglich geweſen waͤre, auf den Fittigen des Windes nach der Normandie zu eilen. Der Koͤnig hielt den Boten mehrere Tage in London zuruͤck, ließ ihn ſogar aus Vor⸗ ſicht bewachen und ertheilte ihm den ſtrengen Befehl, das Geheimniß, was er ihm mitge⸗ theilt haͤtte, Niemanden zu verrathen. Am vierten Tage aber entließ er ihn mit dem Beſcheid, der Herzog waͤre, als Kreuzfahrer, nach dem gelobten Lande mit der Betheurung — 217 abgeſegelt, den europaͤiſchen Boden nie wie⸗ der zu betreten. Die Normandie habe er ihm verpfaͤndet und ihm 2000 Mark Silbers fuͤr die beiden Kinder, Clito und Marga⸗ rethe, hinterlaſſen. Welchen Schreck und Schmerz aber dieſe Nachricht verurſachte, das ſoll im letzten Bande erzaͤhlt werden. Der Koͤnig ließ ſich als Herzog der Normandie huldigen. Die Vaſallen nah⸗ men ihn gern zu ihrem Oberhaupte, ſtatt Roberts, an, weil ſie durch ihn die Frei⸗ heit wieder erlangt zu haben glaubten, ihr wildes, raͤuberiſches Unweſen und ihre Fehden fortſetzen zu koͤnnen. Sie hofften, da der Koͤnig in England war und Maͤnner ihres Srandes das Ruder der Regierung fuͤhrten, daß die es ſo genau nicht nehmen wuͤrden. Der Koͤnig ſelbſt gelobte bei der Ubernahme des Herzogthums, den Adel in ſeinen Rechten und in ſeiner Verfaſſung nicht zu ſtoͤren. Man erkannte es deutlich genug, daß der Koͤnig darauf ausging, ſich die Vaſallen zu Freunden zu machen. Der Graf von Norfolck war mit in— dem Gefolge des Koͤnigs und gehoͤrte, ſeit er ſich mit ſeinem Bruder verſoͤhnt hatte, zu ſeinen Guͤnſtlingen. Als die Huldigungs⸗ feierlichkeit vorüber war, ergriff der Koͤnig die Hand des Grafen, ſtellte ihn mit den Worten der Verſammlung vor:„Dies iſt der Held, der unter der Anfuͤhrung meines Bruders in dem Kriege gegen die Schotten durch die ruͤhmlichſten Beweiſe des Muthes ſich ausgezeichnet hat. Eine glaͤnzende Be⸗ lohnung habe ich ihm angeboten, edelmuͤthig ſchlug er ſie aus und einen Koͤnig hat er zu ſeinem Schuldner gemacht. Er will wieder in die Normandie ziehen. Ihr muͤßt das Vertraun ehren, was er zu Euch hegt, ob ihm gleich hier Unfreundliches begegnete. Der Herzog iſt nicht mehr hier, deſſen Freundſchaft Ihr ihm zum Verbrechen mach⸗ 219 tet. Jetzt aber ſteht er unter meinem Schutze und wer ſeine Perſon, ſein Eigenthum an⸗ taſtet, den werde ich zuͤchtigen, als ob die Beleidigung mir widerfahren waͤre. Eurer Achtung und Liebe iſt der Graf wuͤrdig, darum gebt mir das heilige Verſprechen, daß Ihr ihn als Euern Standesverwandten ehren wollt.“ Die ganze Verſammlung betheuerte es dem Koͤnige einſtimmig. „Nun,“ ſagte der Koͤnig zum Graf, „zieht nach der Euch geliebten Normandie zuruͤck, es wird Euch kein Haar gekruͤmmt werden.“ „Norfolck bezog ſein Schloß und ſeine Familie folgte ihm bald aus England nach. Am ſchmerzlichſten betrauerte die Graͤfin die ungluͤckliche Anna, als ſie erfuhr, daß der Herzog nach Palaͤſtina abgereiſet ſey, da ſie von ihrem Tode nichts erfahren hatte. Sie fuͤrchtete, daß irgend ein Umſtand die lieben⸗ 220 den Herzen getrennt habe. Unmoͤglich konnte Robert nach ihrem Beduͤnken eine Gattin verlaſſen, an der er fruͤher mit ganzer Seele hing, wenn die Liebe und Ernigkeit unter ihnen fortbeſtand. Daß Anna Veranlaſſung gab, daß der Bruch des gluͤcklichen Bundes herbeigefuührt wurde, das konnte ſie nicht glauben, ſie ſchob alſo alle Schuld auf Roberten und ſagte zu ihrem Gatten:„Auch die beſten Maͤnner ſind veraͤnderlich in ihren Neigungen und ihre feurigſte Liebe erkaltet. Kann auch ein Weib mit Sicherheit auf ihre Beſtaͤndigkeit und Treue rechnen. Die Roſen und Lilien unſerer Wangen locken ſie an und bleichen dieſe Farben, dann fliehen ſie davon und uͤberlaſſen uns den Martern einer Taͤuſchung, eines Glaubens, der uns eine Weile entzuͤckte. Moͤge der guͤtige Himmel mich nie eine ſolche Erfah⸗ rung machen laſſen, ſie wuͤrde mich toͤdten. O, Du arme, ungluͤckliche Anna, die Du — —— 221 dieſen Wechſel nie gefuͤrchtet haſt, Dich will ich in meine Arme nehmen und Dich troͤſten. Wahrlich, ein treuloſer Gatte, der einſt vom treuen Weibe geliebt, ſich von ihm ſcheidet, wird fort geliebt, ſein Verluſt wird beweint, ob er auch keiner Thraͤne wuͤrdig iſt.“ Norfolck entgegnete:„Das Urtheil des Herzens, wenn der Verſtand es nicht lei⸗ tet, iſt ſelten ein richtiges. Wie kannſt Du den Herzog verdammen, da Du doch nicht weißt, ob er der ſchuldige Theil iſt. Du kennſt ſeine religioͤſe Schwaͤrmerei, waͤre es es denn nicht moͤglich, daß er es fuͤr ſeinen hoͤhern Beruf achtete, wie es Tauſende thaten, die Weib und Kinder verließen, ſeine letzte Kraft der Bekaͤmpfung der Unglaͤu⸗ bigen und dem Siege der Chriſtenheit zu weihen? Fehlte er, ſo geſchah es in from⸗ mer Abſicht. Es iſt wahrſcheinlich, daß er in Liebe und Frieden von Annen ſchied und ihr verſprochen hat, wenn ein heiliges 222 Geluͤbde erfuͤllt iſt, in ihre Arme zuruͤck zu kehren. Findeſt Du das ſo ſtrafbar? Ihn treibt ein eigener Geiſt, er iſt nicht wie All⸗ tagsmenſchen, ſeiner Stimme mußte er folgen. Vielleicht kannſt Du aus Annens Munde ſeine Rechtfertigung hoͤren.“ Auf der Nuͤckreiſe von England, als der Graf bei dem Koͤnig war, fiel das Ge⸗ ſpraͤch auch auf den Herzog. „Meine Gattin,“ ſagte der Graf,„kann das Raͤthſel nicht loͤſen, daß der Herzog ſeine Familie verlaſſen und die Fahrt nach Palaͤſtina machen konnte, wo Saracenen⸗ ſchwerter das Leben der Chriſten hart be⸗ drohen.“ „Wißt Ihr es denn nicht,“ entgegnete der Koͤnig,„daß Anna Rotley im Wochen⸗ bette ſtarb? Der verzweifelte Schmerz iſt es, der ihn der Gefahr entgegen jagte, die er ſucht, ſein trauriges Leben zu enden?“ 223 „Anna todt? todt? Ach zu hart iſt dieſer Schlag fuͤr den Herzog. Wie wird meine Gattin den Verluſt einer ſchweſterlichen Freundin betrauern!“ Es war ein Hauptgrund, daß die Graͤfin in der Normandie zu leben wuͤnſchte, weil ſie ſich mit Annen dann wieder ver⸗ einigt ſah. Da der Herzog ſich mit Re⸗ gierungsgeſchaͤften nicht mehr befaſſen durfte, ſo glaubte ſie deſto ungeſtoͤrter mit Annen leben zu koͤnnen. Der Graf entdeckte es ſeiner Gattin nicht eher, daß der Herzog darum nach Palaͤſtina gezogen waͤre, weil er den Tod ſeiner Gattin in Nuhe nicht haͤtte ertragen koͤnnen, bis ſie die normaͤn⸗ niſche Kuͤſte erreicht hatten. Die Graͤfin brach in Thraͤnen aus und ſagte:„Ach, was ich fuͤr mein Herz hier wieder zu finden glaubte, werde ich vergebens ſuchen! Die Erde hat das beſte Weib verloren und der Himmel einen Engel gewonnen! 224 Doch ſelbſt die nahe Zukunft iſt den Sterblichen verborgen. Sie ſchauen in eine finſtere Nacht mit ihrem Thraͤnenblick, voll Schmerz in der Seele, hinein, und ehe ſie es ſelbſt ahnen, erleuchtet ſie der Stern der Freude. Ende des zweiten Theils. — . — — . 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