] b — 4 15 Teih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Piüliothet ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 1 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 2 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu forgen. .*6. Sehadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defeete Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſ mutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren erkes, ſo iſt der Leſer jun Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage ſeſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ elben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 84ᷣ— für wöchentlich 2 Bücher:— 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 3 3 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung eiterverleihen 3 , liere e DAS KAOSTER. Ein Roman, nach dem Engliſchen . des Walter Seott, Verfaſſer des JIvanhoe, Robin des Rothen, u. a. — von* 3 1 K. L. Methu ſ. Mäller. Zweiter Theil. Berlin, bei Duncker und Humblot. 1 8 2 1. Erſtes Kapit e. Am folgenden Morgen war Chriſtie von Clin⸗ thill nirgends mehr zu ſehen. Da dieſes wuͤrdige Subiekt ſelten in die Trompete ſtieß, wenn er Et⸗ was vornehmen wollte, wunderte ſich auch Niemand uͤber ſein naͤchtliches Verſchwinden, wenn gleich einige Beſorgniß deshalb entſtand, ob er nicht vielleicht Etwas mitgehen heißen. Allein es fand ſich Alles in Ordnung; der Stallſchluͤſſel lag uͤber der Thuͤr, und der des Eiſengitters auf der innern Seite des Verſchluſſes. Kurz, der Ruͤck⸗ zug war nicht ohne ſorgfaͤltige Aufmerkſamkeit auf die Sicherheit der Beſatzung gemacht wor⸗ den, und in ſofern durfte man uͤber Chriſtie gar nicht klagen. Davon hatte ſich Halbert uͤberzeugt, der, anſtatt ſein Feuerrohr oder ſeine Armbruſt zu er⸗ greifen, und vor Tagesanbruch ins Freie zu ei⸗ len, wie er ſonſt pflegte, heut mit einer, ſeiie Jahre uͤberſteigenden, Wuͤrde, Alles um den A 2 Thurm her genau beſichtigte, und dann in das gemeinſame Wohnzimmer zuruͤckkehrte, wo, um die ſiebente Stunde, der Morgenimbiß bereit ſtand. Hier fand er denn auch den Euphuiſten in derſelben ſchoͤnen Stellung abſtrackten Nachden⸗ kens, die er den Abend zuvor angenommen hat⸗ te, die Arme noch unter dem nehmlichen Win⸗ kel gefaltet, die Augen noch auf die nehmlichen Spinngewebe geheftet, und ſeine Ferſen noch auf derſelben Stelle des Bodens ruhend. Verdruͤß⸗ lich uͤber dieſe Affektation gefuͤhlloſer Bedeutſam⸗ keit, und nicht ſehr geſchmeichelt durch die Wahr⸗ nehmung, daß ſein Gaſt in derſelben immerfort beharrte, entſchloß ſich Halbert, auf einmal das Eis zu durchbrechen, und zu erforſchen, welche Umſtaͤnde einen ſo hochmuͤthigen und ſtummen Gaßſt in den Thurm von Glendearg gefuͤhrt haͤtten. „Herr Ritter,“ ſagte er mit einiger Feſtig⸗ keit:„ich habe Euch zweimal einen guten Mor⸗ gen geboten, allein Eure Geiſtesabweſenheit hat Euch vermuthlich verhindert, darauf zu achten, und den Gruß zu erwiedern. Dieſe Hoͤflichkeits⸗ erwiederung ſteht zwar in Eurem Belieben, al⸗ lein da das, was ich Euch ferner zu ſagen habe, ₰ Eure Bequemlichkeit und Angelegenheiten ganz beſonders angeht, ſo bitte ich Euch, mir einige Zeichen Eurer Aufmerkſamkeit zu geben, damit ich ſicher ſein kann, meine Worte nicht in den Wind geſprochen zu haben.“ Bei dieſer unerwarteten Anrede oͤffnete Sir Piereie Shafton ſeine Augen, und warf dem Sprecher einen trotzigen Blick zu; allein als Hal⸗ bert dieſen Blick ohne Verwirrung oder Muth⸗ loſigkeit erwiederte, hielt es der Ritter fuͤr gut, ſeine Stellung zu aͤndern, ſeine Augen aufzu⸗ ſchlagen, die Beine anzuziehen, ſeine Augen auf den jungen Glendinning zu heften, und den Schein eines Menſchen anzunehmen, der auf das, was ihm geſagt wird, genau Acht giebt. um ihm ſeine Abſicht noch deutlicher zu machen, ließ er ſeinen Entſchluß in folgenden Worten laut werden: Sprich! Wir hoͤren zu! „Herr Ritter,“ ſagte der Juͤngling:„es iſt in dem Kloſterbezirk hier Sitte, keinen Gaſt durch Ausfragen zu belaͤſtigen, der unſere Gaſt⸗ freundſchaft genießt, ſobald er nicht laͤnger als von einem Sonnenauf⸗ oder Untergang bis zum andern bei uns verweilt. Wir wiſſen, daß Ver⸗ brecher und Schuldner hierher kommen, um Zu⸗ flucht zu finden, und wir erpreſſen von keinem Pilger, den das Schickſal zu unſerm Gaſte macht, ein Geſtaͤndniß der Urſache ſeiner Wallfahrt und ſeiner Buße. Allein wenn Jemand, der ſo hoch uͤber uns ſteht als Ihr, Herr Ritter, beſonders wenn ihm der Beſitz eines ſolchen Vorzuges nicht gleichguͤltig iſt, ſeinen Entſchluß kund werden laͤßt, auf laͤngere Zeit unſer Gaſt ſein zu wol⸗ len, ſo iſt es Sitte bei uns, ihn zu fragen, wo⸗ her er komme, und was die Veranlaſſung ſeiner Reiſe ſei?“ Der engliſche Ritter gaͤhnte zwei oder drei mal, ehe er antwortete, dann aber verſetzte er im ſpoͤttiſchen Tone: In der That, guter Villa- sio! Deine Frage hat Etwas Verlegenheit erre⸗ gendes an ſich, denn Du fraͤgſt mich nach Din⸗ gen, in deren Hinſicht ich noch gar nicht ent⸗ ſchloſſen bin, welche Antwort ich darauf geben ſoll. Laß Dir es genuͤgen, guter Juͤngling, daß Du den Befehl des Lord Abts erhalten haſt, mich ſo gut zu bewirthen, als es in Deinen Kraͤften ſteht, und das iſt doch gewiß nicht ſo, daß einer von uns recht zufrieden damit ſein koͤnnte. „Ich muß eine beſtimmtere Antwort bekom⸗ men, als dieſe, Herr Ritter,“ verſetzte der junge Glendinning. Freund, ſagte der Ritter: werde nicht belei⸗ digend. Es mag Euren noͤrdlichen Sitten viel⸗ leicht angemeſſen ſein, die Geheimniſſe hoͤherer Fremden roh zu erpreſſen, aber glaube mir, eben ſo, wie eine ungeſchickte Hand nur Mißlaute aus den Saiten lockt, ſo. In dieſem Augenblicke oͤffnete ſich die Thuͤr des Gemaches, und Maria von Avenel trat her⸗ ein. 3 „Wer kann von Mißlaut ſprechen,“ ſagte der Ritter, indem er ſeinen ſcherzhaften, eomplimen⸗ tariſchen Ton wieder annahm:„wenn die Seele der Harmonie in der Geſtalt uͤberirdiſcher Schoͤn⸗ heit zu uns herabſteigt! Denn, ſo wie Fuͤchſe, Loͤlfe und andere Verſtand⸗ und Vernunftloſe Thiere vor dem Anblick der ſtrahlenden Sonne fliehen, wenn ſie ſich in ihrer Glorie am Him⸗ mel erhebt, eben ſo verſchwindet Zorn, Unmuth und jede gehaͤſſige Leidenſchaft vor dem Ange⸗ ſicht, welches uns jetzt beſtrahlt, mit der Macht unſere bittern Gefuͤhle zu beſchwichtigen, Irr⸗ thuͤmer und Schwierigkeiten aufzuhellen, unſer verwundetes Gemuͤth zu beſaͤnftigen, und unſere unordentlichen Regungen einzuſchlaͤfern; denn was die Waͤrme und Hitze des Auges des Tages fuͤr die materielle und phyſiſche Welt iſt, das iſt das Auge, welches ich jetzt mit Ehrfurcht vor mir ſchaue, fuͤr das des intellektuellen Mikrokos⸗ mus.“ Hier ſchloß er mit einer tiefen Verbeugung. Maria von Avenel aber, welche Einen nach dem Andern anſahe und wohl merkte, daß Etwas zwi⸗ ſchen ihnen nicht ganz recht ſein konnte, ſagte: „Ums Himmels Willen, was ſoll das bedeuten!“ Der neuerlich erſt erworbene Takt und feine Sinn ihres Milchbruders war nicht hinreichend, ihm darauf eine paſſende Antwort geben zu laſ⸗ ſen. Er war uͤberhaupt ungewiß, wie er ſich gegen einen Gaſt henehmen ſolle, der, ob er gleich einen ſehr hohen Ton von Ueberlegenheit und Bedeutſamkeit annahm, demohngeachtet in dem, was er ſagte, ſo wenig Ernſt zeigte, daß es faſt unmoͤglich war zu unterſcheiden, ob Etwas im Scherz oder Ernſt gemeint ſei. Da er es ſich jedoch bei ſich vorgenommen hatte, an einem paſſenden Orte und bei anderer Gelegenheit den Sir Piereie Shafton zur Er⸗ kenntniß zu bringen, ſo wollte er jetzt die Sache 9 nicht weiter treiben; und der Eintritt ſeiner Mutter mit dem Muͤllermaͤdchen, ſo wie die Ruͤckkehr des ehrlichen Muͤllers aus der Scheune, wo er den Betrag der zu mahlenden Koͤrner be⸗ rechnet hatte, machte die fernere Verhandlung der Sache fuͤr den Augenblick unmoͤglich. Im Verfolge der Berechnung konnte es dem Muͤller nicht anders als wichtig ſein, daß, wenn auch die Dame Glendinning alles der Kirche Schuldige abgetragen haͤtte und Alles abgezogen worden waͤre, was er ſelbſt nur irgend ſich zu⸗ eignen konnte, ihr dennoch immer noch ein An⸗ ſehnliches uͤbrig bleiben mußte. Ich wage aber nicht zu behaupten, daß dies den Muͤller veran⸗ laßt habe, aͤhnliche Plaͤne zu naͤhren, wie Els⸗ peth; ſo viel iſt indeſſen gewiß, daß er mit eili⸗ ger Dankbarkeit eine Einladung annahm, welche Dame Glendinning an ſeine Tochter richtete, ein Paar Wochen als ihr Gaſt zu Glendearg zu verweilen. Da auf dieſe Weiſe die Hauptperſonen mit einander in gutem Vernehmen ſtanden, uͤberließ man ſich der Heiterkeit des Morgenimbiſſes, und Sir Piercie Shafton ſchien uͤber die Aufmerk⸗ ſamkeit, welche das nußbraune Muͤllermaͤdchen je⸗ 10—— dem ſeiner Worte ſchenkte, ſo erfreut, daß er, ſeines hohen Ranges und ausgezeichneten Weſens ungeachtet, ihr mehr als gewoͤhnliche Blumen ſeiner Beredſamkeit zuſpendete. Marie von Avenel, befreit von dem druͤckenden Gefuͤhle, die Laſt ſeiner Unterhaltung allein tra⸗ gen zu muͤſſen, ſing nun an, ſich derſelben zu freuen, und der gute Ritter, aufgemuntert durch dieſe gewinnenden Zeichen des Beifalls, von ei⸗ nem Geſchlechte, fuͤr welches er eigentlich ſeine Rednertalente ausbildete, ließ ſich ſeinen Vorſatz deutlich merken, jetzt mittheilender ſein zu wol⸗ len, als er ſich in ſeiner Unterredung mit Hal⸗ bert Glendinning bewieſen hatte, und gab ih⸗ nen zu verſtehen, daß er in Folge einer drin⸗ genden Gefahr gegenwaͤrtig unwillkuͤhrlich ihr Gaſt ſei. Der Beſchluß des Fruͤhſtuͤcks war das Zei⸗ chen der Trennung fuͤr die ganze Geſellſchaft. Der Muͤller ſchickte ſich zu ſeiner Abreiſe an, und die Tochter ſuchte ſich zum laͤngern Verwei⸗ len hier einzurichten; Eduard wurde von Mar⸗ tin wegen einiger Geſchaͤfte des Landbaues zu Rathe gezogen, wofuͤr Halbert ſich auf keine Art intereſſiren wollte; die Frau verließ das Gemach, 7 11 haͤuslicher Geſchaͤfte wegen, und Marie ſtand eben im Begriffe ihr zu folgen, als ſie ſich ploͤtzlich beſann, daß, wenn ſie das thaͤte, der fremde Rit⸗ ter und Halbert allein beiſammen bleiben muͤß⸗ ten, und daß dann leicht abermals Streit zwi⸗ ſchen beiden entſtehen koͤnne. Kaum hatte das Maͤdchen dieſen Umſtand bedacht, als ſie ploͤtzlich von der Thuͤr des Ge⸗ maches zuruͤckkehrte, und indem ſie ſich auf ei⸗ nen kleinen Sitz in der Fenſtervertiefung nieder⸗ ließ, beſchloß ſie den Zaum feſtzuhalten, den, wie ſie bemerkt hatte, ihre Gegenwart Halbert Glen⸗ dinning auflegte, von deſſen heftiger Gemuͤthsart ſie allein Etwas fuͤrchtete. 3 Der Fremde bemerkte ihre Gemuͤthsbewe⸗ gungen, und indem er ſie entweder ſo auslegte, als wuͤnſche ſie ſeine Geſellſchaft, oder indem er nur den Geſetzen der Galanterie folgte, welche ihm nicht erlaubten, eine Dame ſchweigend und verlaſſen ſitzen zu laſſen, ſetzte er ſich ſogleich ne⸗ ben ſie, und eroͤffnete die Unterhaltung folgen⸗ dermaßen: „Glaubt mir, ſchoͤne Lady, es muß mich ſehr freuen, daß ich, da ich von den Freuden meines Vaterlandes verbannt bin, hier in dieſer niedern laͤndlichen Huͤtte des Nordens eine ſchoͤne Ge⸗ ſtalt und eine offene Seele finde, mit der ich meine Empfindungen tauſchen kann. Laßt mich Euch, liebenswuͤrdige Lady, beſonders erſuchen, daß Ihr, in Gemaͤßheit der allgemeinen Sitte an unſerm Hofe— dem Garten des feinern Wit⸗ zes— mit mir einige Beiworte oder Zunahmen wechſelt, wodurch Ihr meine Ergebenheit in Eu⸗ rem Dienſte bezeichnen moͤgt. Ich werde Euch z. B. meine Protektion nennen, und mich laßt Eure Affabilitaͤt ſein.*) *) In alten Dramen kommen viele Beiſpiele ſol⸗ cher ſcherzhaften und witzigen Benennungen vor, wodurch das innigere Verhältniß gewiſſer Perſonen bezeichnet zu werden pflegte. In Every Man out of his Honour findet ſich ein humoriſtiſcher Streit über die paſſendſten Nahmen, das Verhaltniß zwiſchen Sagliardo und Cava⸗ liero Shift anzudeuten. Endlich nimmt man Counte- nance und Resolution an. In Cyntia's Revels ſpricht ein Wollüſtling und Hofmann folgendermaßen: Ihr wißt, daß ich Madame Philantia meille Ehre nenne, und ſie mich ihren Ehrgeiz. Wenn ich nun mit ihr zuſam⸗ mentreffe, da ſag' ich zu ihr: Süße Ehre, ich habe mich bisher bloß mit den Lilien Ihrer Hand begnügt, ich möchte doch nun auch die Roſen Ihrer Lippen koſten Worauf ne dann nicht anders als mit Erröthen antworten kann: 1 Unſere noͤrdlichen und laͤndlichen Sitten, Herr Ritter, erlauben uns nicht, ſolche Beiworte zu tauſchen, zu denen wir nicht paſſen, verſetzte Marie von Avenel. „Sieh nur,“ ſagte der Ritter:„wie ſeltſam das iſt! Gleich einem ungezaͤhmten Roſſe, wel⸗ ches ſcheu vor einem geſchwenkten Schnupftuche auf die Seite ſpringt, da es doch bisweilen flat⸗ ternden Fahnen entgegen gehen muß. Dieſer Austauſch ehrender Beiwoͤrter iſt nichts weiter, als ein Compliment zwiſchen Tapferkeit und Schoͤnheit, wenn ſie ſich unter irgend einem Ver⸗ haͤltniß begegnen. Eliſabeth von England nennt den Philipp Sidney ſelbſt ihren Muth, und er nennt dagegen die Prinzeſſin ſeine Begeiſte⸗ rung. Daher, meine ſchoͤne Protektion— denn ſo werde ich Euch von nun an, benennen—“» Doch aber nicht ohne der jungen Lady Ein⸗ willigung, Sir! entgegnete Halbert; ich denke doch, Eure hoͤſiſche und feine Bildung wird Euch Ihr ſeid jetzt gar zu ehrgeizig! darauf entgegne ich dann: Ich kann nicht ehrgeizig genug ſein auf die Ehre, ſüße Lady! Wollt Ihr nicht ſo gut ſein?— 14— die gemeinen Regeln eines guten Betragens nicht vergeſſen laſſen!— „Du ehrlicher Beſitzer eines unbedeutenden Lehngutes!“ verſetzte der Ritter mit derſelben Kaͤlte und Artigkeit, doch in einem etwas ſtol⸗ zern Tone, als er gegen die junge Lady gebraucht hatte:„in unſern ſuͤdlichen Gegenden ſprechen wir nicht viel mit Leuten, außer mit ſolchen, mit denen wir auf den Fuß der Gleichheit ſte⸗ hen, und ich muß Euch mit aller Beſcheidenheit erinnern, daß die Nothwendigkeit, welche uns zu Bewohnern derſelben Huͤtte macht, uns ſonſt keinesweges auf gleichen Standpunkt ſtellt.“ Bei der heiligen Jungfrau, das denk' ich wohl! entgegnete der junge Glendinning: denn jeder vernuͤnftige Menſch muß einſehen, daß der, welcher Zuflucht ſucht, dem Dank ſchuldig iſt, der ſie ihm verleiht Daher iſt denn unſer Rang gleich, ſo lange uns Beide dieſes Dach bedeckt!— „Du irrſt abermals,“ verſetzte Sir Piercie: „wenn Du hier ein gleiches Verhaͤltniß zwiſchen uns aufſtellen willſt. Denn wiſſe, ich erkenne mich gar nicht fuͤr Deinen Gaſt, fondern fuͤr den Deines Herrn, des Lord Abtes von St. Ma⸗ ria, der, aus Gruͤnden, die ihm ſelhſt und mir f 15 am Jeſtt bekannt ſind, ſeine Gaſtfreundſchaft mir durch Dich, ſeinen Diener und Vaſallen, erweiſen ließ! Du biſt daher eigentlich nur ein leidendes Inſtrument zu meiner Bewirthung, wie der ſchlecht gezimmerte Stuhl, auf den ich ſitze, oder der hoͤlzerne Teller, von dem ich meine ſchlechte Speiſe genieße. Daher,“ ſetzte er, zu Marien ſich wendend, hinzu:„daher, ſchoͤnſte Lady, oder, wie ich vorher ſagte, meine liebens⸗ wuͤrdige Protektion!...“ Marie wollte eben neankanttborter. als der ernſte, ſtolze und zornige Ausdruck der Stimme und Haltung, mit dem Halbert ausrief:„Nicht der Koͤnig von Schottland, wenn er lebte, ſollte mich ſo behandeln!“ ſie veranlaßte, ſich zwiſchen ihn und den Fremden zu ſtellen, mit dem Aus⸗ ruf: Ums Himmels Willen, Halbert, bedenke was Du thuſt! „Fuͤrchte nicht, ſchoͤne Protektion,“ verſetzte Sir Piercie mit der groͤßten Heiterkeit:„daß ich mich von dieſem baͤueriſchen und ſchlecht unter⸗ richteten Juͤnglinge zu irgend einer Handlung hinreißen laſſen moͤchte, die Eurer Gegenwart und meiner eigenen Wuͤrde unangemeſſen waͤre. Eher moͤchte der Zuͤndſtock aus einem Eiszapfen 16 Feuer locken, als der Funken einer Leidenſchaft mein Blut entflammen, da es durch die Achtung, welche der Gegenwart meiner liebenswerthen Pro⸗ tektion gebuͤhrt, zur Stille und Sanftmuth ge⸗ mildert wird.“ Ihr moͤgt ſie immer Eure Protektion nen⸗ nen, Herr Ritter, ſagte Halbert: beim heiligen Andreas, das iſt das verſtaͤndigſte Wort, das ich Euch habe ſprechen hoͤren, allein wir werden uns ſchon irgendwo ſinden, wo ihre Protektion Euch nichts helfen wird. „Schoͤnſte Protektion,“ fuhr der Hoͤfling fort: die Drohung des erzuͤrnten Halbert nicht eines Blickes, viel weniger einer beſtimmten Antwort wuͤrdigend:„zweifelt nicht, daß Eure getreue Af⸗ fabilitaͤt durch dieſe Reden eines Ungebildeten eben ſo wenig ſich erhitzen laͤßt, als der heitere Mond auf das Anbellen eines Hofhundes achtet, der ſtolz auf der Hoͤhe eines Miſthaufens ſteht, der ihn, ſeiner Meinung nach, dem glaͤnzenden Geſtirne naͤher bringt.“ Wozu ein ſo geſchmackloſes Gleichniß Hal⸗ berts Unwihlen gebracht haben wuͤrde, iſt nicht zu beſtimmen; allein in dem Augenblicke trat Eduard ins Gemach mit der Nachricht, daß die 17 zwei wichtigſten Beamten des Kloſters, der Kuͤ⸗ chenmeiſter und Refektoriumsaufſeher, nebſt ei⸗ nem mit Lebensmitteln beladenen Maulthiere ſo eben eintraͤfen, und meldeten, daß der Lord Abt, der Unterprior und der Sakriſtan, ſich auf dem Wege hierher befaͤnden. Ein ſolcher Um⸗ ſtand war in den Annalen des Kloſters der hei⸗ ligen Jungfrau oder in den Traditionen zu Glendearg noch nicht vorgekommen, ob man gleich eine ſchwache Sage hier kannte, daß einſt in ganz alter Zeit ein Lord Abt hier geſpeißt habe, nachdem er ſich auf einer Jagdparthie in der wildeſten noͤrdlichen Gegend des Thales verirrt gehabt. Daß aber der gegenwaͤrtige Lord Abt frei⸗ willig nach einem ſo rauhen und unangenehmen Orte, dem eigentlichen Kamtſchatka des Kloſter⸗ reviers kommen wuͤrde, davon hatte ſich Nie⸗ mand Etwas traͤumen laſſen, und die Neuigkeit erweckte bei allen Gliedern der Familie, Halbert allein ausgenommen, die hoͤchſte Verwunderung. Der ſtolze Juͤngling fuͤhlte zu tief die Be⸗ leidigung, die er empfangen hatte, als daß er an Etwas anders haͤtte denken koͤnnen.„Ich freue mich,“ ſagte er:„daß der Abt ſelbſt hierher kommt; von ihm will ich hoͤren, mit welchem Rechte die⸗ 18 ſer Fremde uns unter dem vaͤterlichen Dache als Selaven behandeln darf. Ich will dem ſtolzen Prieſter ins Angeſicht ſagen...“ Liebſter, beſter Bruder, ſagte Eduard: be⸗ denke, was Dich dieſe Worte koſten koͤnnen. „Was kann es mich koſten?“ entgegnete Hal⸗ bert:„ſoll ich mein menſchliches Gefuͤhl und mei⸗ nen gerechten Zorn der Furcht vor des Abts moͤglicher Behandlung aufopfern?“ Aber unſere Mutter! unſere Mutter! rief Eduard: bedenke, wenn ſie ihres Heerdes, ihres Eigenthums beraubt wird, wie kannſt Du das erſetzen, was Deine Uebereilung verdorben hat? „Das iſt nur zu wahr!“ ſagte Halbert, ſich vor die Stirn ſchlagend, dann ſtampfte er mit dem Fuße auf den Boden, um die volle Gewalt der Leidenſchaft auszudruͤcken, der er fernerhin nicht mehr nachgeben wollte, drehte ſich um und verließ das Zimmer. Maria von Avenel ſchaute den Fremden an, und verſuchte, auf eine Bitte zu ſinnen, daß er die ungeſtuͤme Heftigkeit ihres Milchbruders, der ganzen Familie beim Abte nicht moͤchte zum Nachtheile gereichen laſſen. Allein Sir Piercie, als ein aͤchter Hofmann, errieth ihre Abſicht ſchon ——— 19 aus ihrer Verlegenheit, und wartete die Bitte nicht erſt ab.. „Glaubt mir, ſchoͤnſte Protektion,“ ſagte er: „Eure Affabilitaͤt iſt nichts weniger als im Stan⸗ de, etwas Ungeziemendes zu ſehen oder zu hoͤ⸗ ren, viel weniger zu wiederholen und anzufuͤh⸗ ren, was ſich in der Zeit ereignen mochte, wo ich das Elyſium Eurer Gegenwart genoß. Die Stuͤrme eitler Leidenſchaft moͤgen wohl roh die Bruſt des Rohen bewegen, allein das Herz ei⸗ nes Hofmannes iſt dagegen geſtaͤhlt. So wie der gefrorne Waſſerſpiegel dem Einfzuſſe des Luft⸗ hauchs widerſteht, eben ſo...“ Hier verlangte die Stimme der Dame Glen⸗ dinning in ſchneidenden Toͤnen die Beihuͤlfe Ma⸗ riens von Avenel, welche derſelben auch ſogleich Folge leiſtete, nicht wenig erfreut, daß ſie ſo den Complimenten und Gleichniſſen des galan⸗ ten Hoͤflings entkommen konnte. Allein auch fuͤr ihn war dies eine Art von Erleichterung, denn nicht ſobald hatte jene die Thuͤr hinter ſich zugemacht, als er den Ausdruck ſtudirter Artig⸗ keit, womit er jedes Wort bisher begleitet hatte, in den der aͤußerſten Verdruͤßlichkeit und Langen⸗ weile verwandelte; nachdem er zwei bis dreimal 20—— ſchrecklich gegaͤhnt hatte, brach er in folgendes Selbſtgeſpraͤch aus: „Muß auch der boͤſe Feind dieſe Dirne her ſenden! Als wenn's nicht genug waͤre, daß ich in einem Loche herbergen muß, kaum gut genug zu einer Hundehuͤtte in England, von einem ro⸗ hen Bauerkerl angegrunzt, und von eines elen⸗ den Soͤldners Willkuͤhr abhaͤngig! Doch, ich hatte ja nicht Zeit, uͤber mein Mißgeſchick nachzugruͤ⸗ beln, ſondern mußte das bleiche, hektiſche Ge⸗ ſpenſt unterhalten, da denn doch einmal edles Blut in ihren Adern fließt! In der That, alles Vorurtheil bei Seite geſetzt, iſt die Muͤllerdirne doch hundertmal anziehender, als jene!— Aber Geduld, Piercie Shafton, Du darfſt den wohl erworbenen Anſpruch nicht aufgeben, fuͤr einen devoten Diener des ſchoͤnen Geſchlechts gehalten zu werden, ſo wie fuͤr einen witzigen, gewand⸗ ten, vollendeten Hofmann. Danke vielmehr dem Himmel, daß er Dir einen Gegenſtand geſendet hat, woran Du, ohne Delllem Nang Etwas zu vergeben— denn der Adel der Familie Avenel iſt unbeſtreitbar— Dich in witzigen Complimen⸗ ten uͤben kannſt. Denn ſo wie eine Bilbaoklin⸗ ge, je mehr man ſie reibt, deſto glaͤnzender und ——— 21 ſchaͤrfer wird, eben ſo... Doch was erſchoͤpf⸗ ich mich denn in Gleichniſſen fuͤr mich ſelbſt⸗ Dort kommt ſchon die Moͤnchsgeſellſchaft, gleich einem halben Dutzend Naben, welche gemaͤchlich den ſchweren Flug durchs Thal hin nehmen. Ich hoffe doch, ſie werden meine Koffer nicht vergeſ⸗ ſen haben, unter der Menge von Lebensmitteln, die ſie fuͤr ſich ſelbſt mitgeſchleppt! Da waͤr⸗ ich ſchoͤn betrogen, wenn die Sachen den raͤuberiſchen Grenzreutern in die Haͤnde gerathen waͤren.“ Von dieſem Gedanken ergriffen, eilte er die Treppe hinab, ließ ſich ſein Pferd ſatteln und ritt dem Abte entgegen, damit er ſobald als moͤg⸗ lich uͤber dieſen Punkt Gewißheit erhalten moͤch⸗ te. Er hatte erſt einen kleinen Weg zuruͤckge⸗ legt, als er mit der Geſellſchaft zuſammentraf, welche ſich mit jenem Anſtande und jener Lang⸗ ſamkeit bewegte, die fuͤr Perſonen von ihrer Wuͤrde und ihrem Berufe allein paſſend ſchien. Der Ritter unterließ nicht, den Lord Abt mit aller der Freundlichkeit zu begruͤßen, womit Leute von Stande in jener Zeit ſich zu bewillkommen pflegten. Er hatte aber auch die Freude, zu be⸗ merken, daß ſich ſeine Koffer ebenfalls unter dem Gepaͤcke der Geſellſchaft befanden. Beruhigt 22 wandte er ſogleich ſein Pferd und begleitete den Abt nach dem Thurme von Glendearg. Groß war unterdeſſen das Wirken und We⸗ ben der guten Dame Elspeth und ihrer Gehuͤl⸗ fen geweſen, um dem Vater Lord Abt und ſei⸗ nem Gefolge einen ſchicklichen Empfang zu be⸗ reiten. Die Moͤnche hatten indeſſen Sorge ge⸗ tragen, nicht zu viel auf den Zuſtand ihrer Spei⸗ ſekammer rechnen zu duͤrfen, obgleich ſie ſich's eifrigſt angelegen ſein ließ, ſolche Zuſaͤtze auf ih⸗ rem Tiſche zu machen, wodurch ſie ſich den Dank ihres Lehnsherrn und geiſtlichen Vaters zu er⸗ werben hoffen durfte. Eben begegnete ſie Hal⸗ Bert, als er, ſein Blut noch ganz in Flammen, von dem Streite mit ihrem Gaſte kam, und nun befahl ſie ihm, ſogleich ſich in den Wald zu be⸗ geben, und nicht ohne ein Stuͤck Wild zuruͤckzu⸗ kehren, indem ſie ihm ſagte, daß er die Geſchick⸗ lichkeit, die er ſonſt zu ſeinem Vergnuͤgen uͤbe, jetzt zur Ehre des Hauſes benutzen ſolle. Der Muͤller, der ſeine Ruͤckreiſe nach Hauſe beſchleunigte, verſprach, durch ſeinen Diener ei⸗ nige Fiſche zu ſenden. Dame Elspeth, der es eingefallen war, daß ſie Gaͤſte genug habe, fuͤhlte bald einige Reue uͤber ihre Einladung der ar⸗ 4 23 men Myſia, und hatte ſchon daruͤber nachgedacht, wie ſie, ohne Beleidigung, das Muͤllermaͤdchen ih⸗ rem Vater nachſenden koͤnnte, indem ſie ihre Luft⸗ ſchloͤſſer auf eine gelegenere Zeit verſchob, als der unerwartete Edelmuth von Seiten des Va⸗ ters jeden Verſuch, ſeine Tochter zuruͤckzuſenden, ihr doch gar zu unartig erſcheinen ließ. Der Muͤller reiſete daher allein nach Hauſe. Dame Elspeth's Sinn fuͤr Gaſtfreundſchaft fand bei dieſer Gelegenheit ſogleich ſeine Beloh⸗ nung, denn Myſta hatte dem Kloſter zu nah ge⸗ wohnt, um in der edlen Kochkunſt gaͤnzlich un⸗ erfahren zu ſein, die ihr Vater dergeſtalt beguͤn⸗ ſtigte, daß er an Feſttagen auch ſolche Leckereien verſpeiſte, wie ſie in der Kuͤche des Abtes berei⸗ tet wurden, alle durch die Haͤnde der Tochter nachgeahmt. Das gutwillige Maͤdchen legte die Feſttagskleider ab, und vertauſchte ſie mit an⸗ dern, die mehr zu dieſem Geſchaͤfte paßten, wor⸗ auf ſie die weißen Arme bis zum Ellbogen ent⸗ bloͤßte, und ihren Antheil redlich an den Ge⸗ ſchaͤften des Tages nahm. Sie entwickelte nun ein ſeltenes Talent und einen unermuͤdeten Fleiß in Bereitung von allerlei Delikateſſen, welche Dame Glendinning ohne ihren Beiſtand nim⸗ 3— mermehr zu Stande gebracht haben wuͤrde, ja von denen ſie zum Theil nie ein Wort gehoͤrt hatte. Sie ließ nun dieſe geſchickte Stellvertrete⸗ rin in der Kuͤche, und voller Bedauern, daß ſie Marien von Avenel kein haͤusliches Geſchaͤft an⸗ vertrauen konnte, außer daß ſie das große Ge⸗ mach ihrer Wohnung mit Binſen beſtreute und mit Blumen und Zweigen ſchmuͤckte, wie ſie eben die Jahreszeit lieferte, legte Dame Elspeth ſchleu⸗ nigſt ihren beſten Anzug an, und ſtellte ſich mit hochklopfendem Herzen an die Thuͤre des kleinen Thurmes, um den Lord Abt, ſobald er ihre nie⸗ dere Schwelle betreten haben wuͤrde, ihre Auf⸗ wartung zu machen. Eduard ſtand an der Seite ſeiner Mutter, und fuͤhlte das nehmliche Herz⸗ klopfen, woruͤber ihm ſeine Philoſophie keine rechte Auskunft geben konnte. Er lernte es ein⸗ ſehen, wie lange es dauert, ehe unſere Vernunft uͤber den Eindruck aͤußerer Umſtaͤnde ſiegen lernt, und wie ſehr unſere Empfindungen durch Neu⸗ heit aufgeregt und durch Gewohnheit abgeſtumpft werden. mit Verwunderung und Ehrfurcht die Annaͤhe⸗ rung von mehrern geſetzten Maͤnnern auf geſetz⸗ ten, Im gegenwaͤrtigen Augenblicke gewahrte er — 25 ten, ruhigen Roſſen, in ihre langen ſchwarzen Gewaͤnder gehuͤllt, die nur durch die weißen Seapuliere ein wenig gehoben wurden, und in dieſem Aufzuge mehr einem Leichenzuge, als ſonſt Etwas gleichend, auch ihre Schritte nicht mehr beſchleunigend, als es ihnen fuͤr eine leichte Unter⸗ haltung und zu einer leichten Verdauung erſprieß⸗ lich ſeyn mochte. Das Einfoͤrmige des Anblicks wurde indeſſen einigermaßen durch die Begleitung des Piereie Shafton gehoben, der, um auch ſeine Geſchicklichkeit in der Reitkunſt zu zeigen, ſein munteres Roß allerlei Spruͤnge und kuͤnſtliche Bewegungen machen ließ, woruͤber ſich denn zu⸗ letzt der Lord Abt ſehr aͤrgerte, da ſein Gaul, durch die Lebendigkeit ſeines Gefaͤhrten, endlich auch aufgeregt ward, ſo daß Seine Hochwuͤrden voller Angſt ausriefen:„Halten Sie doch, Herr Ritter! Prr! Prr! ruhig! ruhig!“ indem Sie Al⸗ les moͤgliche verſuchten, was ein furchtſamer Reuter in ſolcher Gefahr zu Beruhigung ſeines Roſſes nur verſuchen kann. Mit einem aufrich⸗ tigen Deo gratias ſtiegen endlich Seine Hochwuͤr⸗ den an dem Thurme von Glendearg ab. Saͤmmtliche Einwohner knieeten ſogleich nie⸗ der, dem Lord Abt die Hand zu kuͤſſen, eine D. Kloſter. II. B 26— Ceremonie, zu deren Beybachtung auch die Moͤnche bisweilen verurtheilt wurden. Der gute Abt aber war durch die Vorfaͤlle auf dem letzten Theile ſeines Weges dergeſtalt mitgenommen wor⸗ den, daß er dieſe Ceremonie eben nicht ſehr fei⸗ erlich machte, ſondern ſchnell davon zu kommen ſuchte. Mit der einen, von einem ſchneeweißen Handſchuhe bedeckten, Hand wiſchte er ſich die Stirne, und die andere uͤberließ er der Huldi⸗ gung ſeiner Vaſallen; dann machte er das Zei⸗ chen des Kreuzes und ſprach:„der Herr ſegne Euch, meine Kinder!“— hierauf eilte er in das Haus und murmelte Etwas uͤber die Dunkelheit und Engigkeit der verfallenen Wendeltreppe, er⸗ reichte aber endlich doch das fuͤr ihn beſtimmte Gemach, und von der Beſchwerde der Reiſe er⸗ ſchoͤpft, warf er ſich, man kann nicht ſagen, in einen bequemen Stuhl, doch aber in den be⸗ quemſten, der ſich in dem Gemache befand. 27 Zweiter Kavitel. Da der Lord Abt ſich ſo ſchnell und hochmuͤ⸗ thig den Augen ſeiner harrenden Vaſallen ent⸗ zogen hatte, ſuchte der Unterprior dieſe Ver⸗ nachlaͤſſigung durch die freundliche und liebevolle Art wieder gut zu machen, womit er alle Glie⸗ der des Hauſes, beſonders Dame Elspeth, ihre Pflegetochter und ihren Sohn Eduard begruͤßte, Er ließ ſich ſogar herab, zu fragen, wo ſich denn der kecke Nimrod Halbert befaͤnde?„Er hat doch nicht etwa,“ fuͤgte er hinzu:„ſeinem großen Vor⸗ bilde aͤhnlich, ſeinen Jagdſpieß gegen Menſchen gerichtet?“ O nein, Ihro Ehrwuͤrden! verſetzte Dame Glendinning: Halbert iſt in das Thal hinaus⸗ gegangen, nach einem Wildprete; er wuͤrde ſich ſonſt gewiß nicht entfernt haben, da ein ſolcher Tag uͤber mich und die Meinigen aufgegangen iſt. „Nun,“ murmelte der Unterprior vor ſich hin:„ein ſolch ſchmackhaftes Gericht zu erbeu⸗ 6 B 2 3 ten, das unſere Seele ſo liebt, iſt doch zu allen Zeiten ein angenehmes Geſchenk!— Lebt wohl, gute Dame, ich muß mich nun zu dem Herrn Abt begeben.“ O, ehrwuͤrdiger Herr! ſagte die gute Frau⸗ indem ſie ihn zuruͤckhielt: ſeid doch ſo gut, ein Wort fuͤr uns zu ſprechen, wenn nicht Alles ſo iſt, wie es ſein ſollte; macht einige Entſchuldi⸗ gungen in unſerm Nahmen, Ihr verſteht das beſſer als wir ſelbſt! Ach Gott! jedes Stuͤck Sil⸗ bergeſchirr haben wir an dem Tage von Pinkie⸗ Clench verloren, wo ich auch den guten, ehrli⸗ chen Simon Glendinning verlor, was denn doch das Schlimmſte von Allem war⸗ „Seid ohne Sorgen!“ entgegnete der Un⸗ kerprior, indem er ſich ſanft von Elspeth loszu⸗ machen ſuchte, welche ihn am Kleide feſthielt: „der Refektoriumsaufſeher hat des Abts Tiſchge⸗ räth und Trinkſchaale bei ſich, und ich bitte Euch, zu glauben, daß, was etwa an Eurer Bewir⸗ thung fehlen moͤchte, reichlich durch Euren gu⸗ ten Willen erſetzt wird.“ Mit dieſen Worten machte er ſich los und begab ſich nach dem Speiſezimmer, wo man ſchon Anſtalten zu dem Mittageſſen des Abts und des 29 engliſchen Ritters machte, ſo gut es in Eil ſich thun ließ. Er fand hier auch den Lord Abt ſelbſt, fuͤr den man alle Plaids*) im ganzen Hauſe zuſammengebracht hatte, um ihm den al⸗ ten Armſtuhl Simons Glendinning zu einem be⸗ quemen Ruheſitze einzurichten. „Benedicite!“ ſagte der Abt Bonifazius:„ver⸗ dammt ſeien dieſe harten Baͤnke! ſie ſind ja ſo unbequem, wie die scabella unſerer Novizen. Wie habt Ihr nur, Herr Ritter, die Nacht in dieſem Loche uͤberſtehen koͤnnen? Wenn Euer Bett nicht weicher geweſen iſt, als dieſer Sitz, ſo habt Ihr auf dem ſteinernen Bette des heiligen Pa⸗ comius gelegen. Wenn man zehn Meilen gerit⸗ ten iſt, kann ein Mann, wie ich, ſchon einen weicheren Sitz begehren, als mir hier zu Theil geworden iſt.“ Mit dem Ausdruck inniger Theilnahme auf ihren Geſichtern eilten alsbald der Sakriſtan und der Kuͤchenmeiſter herbei, um ihm den Sitz mehr nach Geſchmack einzurichten, welches endlich, nach vieler Muͤhe, gelang, ob er gleich noch im⸗ *) Das bekannte ſchottiſche Kleidungsſtück, welches um die Schulter geſchlagen wird und als Mantel dient, 3⁰— mer nicht aufhoͤren konnte, ſeiner Strapatzen zu erwaͤhnen, und ſich Etwas darauf zu gut zu thun, daß er ein ſo ſchweres Geſchaͤft vollbracht habe. „Ihr irrenden Ritter,“ ſagte er zu dem Fremden:„Ihr werdet doch nun wohl einſehen, daß andere Leute auch ihre Noth und Plage ha⸗ ben, ſo gut wie Ihr! und das muß ich fuͤr mich und die Soldaten der heiligen Jungfrau ſagen, deren Hauptmann ich mich nennen mag, daß es nicht unſere Gewohnheit iſt, die Hitze des Dien⸗ ſtes zu vermeiden, oder aus einem guten Kampfe zu fliehen. Nein! bei der heiligen Jungfrau, nicht ſo bald hatte ich gehoͤrt, daß Ihr Euch hier befaͤndet, und aus gewiſſen Urſachen nicht ins Kloſter zu kommen wagtet— wo wir Euch beſſer haͤtten bewirthen wollen und koͤnnen— als ich mit dem Hammer auf den Tiſch ſchlug, ei⸗ nen Bruder rief. Dimotheus! ſagte ich, laß den Benedict meinen ſchwarzen Zelter ſatteln, und den Unterprior erſuchen, daß er ſich nebſt einem halben Dutzend Begleitern morgen nach der Morgenhora bereit halten moͤge, wir wollen nach Glendearg reiten!— Bruder Timotheus ſtaunte und glaubte wohl, er habe nicht recht gehoͤrt, allein ich wiederholte meine Befehle, und ſagte, — 32 der Kuͤchenmeiſter und Tafelaufſeher ſollten im⸗ mer vorausgehen, und den armen Vaſallen, de⸗ nen der Ort zuſteht, ein paffendes Mahl berei⸗ ten helfen. So koͤnnt Ihr wohl ermeſſen, Herr Piercie, daß wir beiderſeits Beſchwerden gehabt haben, und werdet es entſchuldigen, wenn nicht Alles in der Ordnung iſt!“ Bei meiner Ehre, verſetzte Sir Piercie Shaf⸗ ton: da iſt gar nichts zu entſchuldigen, wenn Ihr als geiſtliche Krieger Euch ſo großen Be⸗ ſchwerden, wie der Herr Abt ſie ſchildert, habt unterwerfen muͤſſen, ſo wuͤrde es ſich fuͤr mich, als einen ſuͤndhaften weltlichen Mann, wenig ſchicken, wenn ich mich uͤber ein Bett beſchwe⸗ ren wollte, hart wie der Erdboden, uͤber Brot das gerade ſo ſchmeckte, als ſei es von gebrann⸗ ter Wolle bereitet, und uͤber Fleiſch, das, in ſe⸗⸗ ner ſchwarzen und verſengten Geſtalt, mich an Richard Loͤwenherz erinnern zu wollen ſchien/ als er von dem Kopfe eines gerͤſteten Mohren ſpeiſte, oder uͤber andere Gerichte, die nach der Rauheit dieſer noͤrdlichen Gegenden ſchmecken. „Bei allen Heiligen, Sir,“ ſagte der Abt/ ei⸗ nigermaßen geruͤhrt, wegen des ihm eigenen Zu⸗ ges von Gaſtfreundſchaft, deren treuer und eifri⸗ 3³ ger Bekenner er ſtets gewefen war:„es thut mir herzleid leid, daß Ihr unſere Vaſallen zu Eurem Empfange nicht beſſer vorbereitet gefun⸗ den habt. Ich bin indeß ſo frei zu bemerken, daß, wenn dem Sir Piercie Shafton ſeine Ge⸗ ſchaͤfte erlaubt haͤtten, mit feiner Geſellſchaft un⸗ ſer armes Kloſter zu beehren, er weniger Urſache gefunden haben wuͤrde, in Hinſicht der Bequem⸗ lichkeiten des Lebens ſich zu beſchweren.“ 1 Euer Hochwuͤrden die Gruͤnde anzugeben, ſagte Sir Piereie Shafton: warum ich zur Zeit mich Eurer Schwelle noch nicht naͤhern, oder mich Eurer wohlbekannten und unbezweifelten Gaſtfreundſchaft bedienen konnte— dies erfo⸗ dert entweder noch einigen Aufſchub, oder, fuͤg⸗ te er ſich umſchauend hinzu: weniger Zuhoͤ⸗ rer! Deerr Lord Abt ließ ſogleich an den Refekto⸗ riumsaufſeher den Befehl ergehen:„Begieb Dich ſchleunigſt in die Kuͤche, Bruder Hilarius, und frage hier bei dem Bruder Kuͤchenmeiſter nach, wann er glaubt, daß er mit unſerm Mahle zu Stande zu kommen gedenke, denn es waͤre doch Suͤnde und Schande, wenn wir, in Betracht der von dem edlen und tapfern Nitter uͤberſtan⸗ 33 denen Beſchwerlichkeiten— unſerer eigenen nicht einmal zu gedenken oder ſie zu waͤgen— die Eſ⸗ ſensſtunde uͤber die Zeit hinausſchieben wollten, wo die Speiſen zum Aufſetzen fertig und bereit ſind.“ Eiligſt entfernte ſich auf dieſe Weiſung der Bruder Hilarius, um den Willen ſeines Obern puͤnktlich zu vollziehen. Bald kehrte er auch mit der Verſicherung zuruͤck, daß das Mahl ganz beſtimmt zu Mittage bereit ſein ſolle. Vor dieſer Zeit, ſetzte der gewiſſenhafte Re⸗ fektoriumsaufſeher hinzu: werden die Paſteten und aͤhnliche Dinge wohl ſchwerlich den Grad von Feuerung bekommen koͤnnen, der von geſchickten Koͤchen dazu fuͤr nothwendig gehalten wird; auch meint der Bruder Kuͤchenmeiſter, wenn der Wild⸗ pretsbraten auch nur zehn Minuten uͤber eine Stunde am Spieße ſtecke, ſo wuͤrde er, trotz der Geſchicklichkeit des kleinen Bratenwenders, den er Eurer Heiligkeit empfohlen habe, doch leiden! „Wie?“ rief der Abt:„ein Wildpretsbraten! Von wannen kommt denn das Gericht? Ich er⸗ innere mich doch nicht, daß Du das haͤtteſt mit unter den Lebensmitteln aufladen laſſen.“ Eure Heiligkeit und Hochwuͤrden wollen ſich 34 ſagen laſſen, erwiederte der Refektoriumsaufſe⸗ her: daß es der Sohn der Frau vom Hauſe ge⸗ weſen iſt, der das Wild eben erſt geſchoſſen hat, von dem der Braten genommen iſt. Da die thie⸗ riſche Waͤrme das Thier noch nicht ganz verlaſ⸗ ſen hatte, meint der Kuͤchenmeiſter, muͤſſe es ſo zart ſein, als ein junges Huͤhnlein; der junge Menſch hat uͤberdies eine ganz beſondere Ge⸗ ſchicklichkeit im Schießen, denn er fehlt nie das Herz oder den Kopf, ſo daß das Blut nicht durchs Fleiſch getrieben wird, wie es bei uns ſo oft zu geſchehen pflegt. Es iſt ein fuͤnftaͤhriger fetter Hirſch,— Eure Heiligkeit werden ſelten einen ſolchen Braten gegeſſen haben. „Still, Bruder Hilarius,“ ſagte der Abt, in⸗ dem er ſich den Mund wiſchte:„es ſchickt ſich nicht fuͤr unſern Orden, ſo ernſtlich vom Eſſen zu ſprechen, beſonders wann unſere Koͤrperkraͤfte durch Faſten und Strapatzen erſchoͤpft ſind, und wir dadurch— da wir denn doch nur Sterbliche ſind und bleiben— den Zeichen des Appetits (hier wiſchte er ſich abermals den Mund) noch mehr unterworfen ſind, die ſich bei Erwaͤhnung von Lebensmitteln bei einem hungrigen Men⸗ ſchen kaum unterdruͤcken laſſen. Indeſſen ſoll 3⁵ der Name des jungen Menſchen aufgezeichnet werden,— ſein Verdienſt heiſcht Belohnung, und er kann einmal ein Frater ad succurrendum in der Kuͤche und Speiſekammer werden.“ Hochwuͤrdiger Vater, erwiederte der Refek⸗ toriumsaufſeher: ich habe mich nach dem jungen Menſchen erkundigt, und erfahren, daß er den Helm der Kutte vorzieht, und das weltliche Schwert den geiſtlichen Waffen. „Wenn das auch der Fall iſt,“ verſetzte der Abt:„ſo ſiehe doch zu, daß Du ihn als einen Waffenmann oder als Jagdgehuͤlfen fuͤr uns ge⸗ winnen kannſt, nicht als Laienbruder des Klo⸗ ſters, denn der alte Talbey, unſer Foͤrſter, wird ganz ſchwach am Geſichte, und hat einen treffli⸗ chen Rehbock faſt zu Grunde gerichtet, indem er ihn unbedachtſam in den Zimmel geſchoſſen hat. Man muß doch auch die guten Geſchoͤpfe, die nun einmal zu unſerm Gebrauch erſchaffen ſind, nicht muthwillig verſtümmeln. Suche alſo den jungen Menſchen, auf eine Art, die Dir die beſte ſcheint, bei uns feſtzuhalten. Und nun, Sir Piereie Shafton, da wir noch eine gute Stunde werden warten muͤſſen, ehe wir Etwas mehr als die Duͤnſte von unſerm Mittagsmahl ein⸗ nehmen koͤnnen, moͤchte ich Euch wohl erſuchen, mir die wahre Urſache Eures Beſuchs zu erken⸗ nen zu geben, vorzuͤglich aber uns zu belehren, warum Ihr Euch nicht unſerm angenehmern und mit Allem beſſer verſehenen Hospitium mehr naͤhern wollt.“ Hochwuͤrdiger Vater, ſagte Sir Piercie Shaf⸗ ton: es iſt Eurer Weisheit wohl bekannt, daß oft die Waͤnde Ohren haben, und daß man bei Dingen, welche eines Menſchen Leben betreffen, daß groͤßte Geheimniß beobachten muß. Der Abt gab ſeinen Begleitern, den Unter⸗ yrior ausgenommen, ein Zeichen, das Gemach zu verlaſſen, und ſagte dann:„Ihr moͤgt Euch, ta⸗ pferer Sir Piercie, ganz freimuͤthig vor unſerm treuen Freunde und Rathgeber, dem Vater Eu⸗ gachius, erklaͤren, deſſen weiſen Rath wir nur zu hald werden entbehren muͤſſen, da ſeine Ver⸗ dienſte ihn ſchnell zu einem hoͤhern Poſten em⸗ pfehlen werden, indem er, wie wir uͤberzeugt ſind, die Belohnung finden wird, die er fuͤr ſeine uns geleiſteten Dienſte ſo reichlich verdient hat, denn wir moͤgen wohl von ihm ſagen, was die alten Reime gusdruͤcken: —.— — 37 Dixit Abbas ad prioris, Tu es homo boni moris, Quia semper sanioris, Mihi das consilia! In der That,“ ſetzte er hinzu:„das Geſchaͤft ei⸗ nes Unterpriors iſt ganz unter der Wuͤrde un⸗ ſers theuern Bruders; allein zu dem eines Pri⸗ ors, welches, aus gewiſſen urſachen, eben unter uns erledigt iſt, koͤnnen wir ihn nicht erheben. Indeſſen beſitzt der Vater Euſtach unſer volles Vertrauen, und iſt auch des Euren werth. Ich darf wohl von ihm ſagen: Intravit in secretis nostris.“* Sir Piercie Shafton verbeugte ſich gegen den ehrwuͤrdigen Bruder, und indem er ſo tief Athem holte, als wohte er ſeinen Stahlharniſch zerſprengen, begann er folgende Rede: „In der That, verehrte Herren, ich darf wohl ſo tief aufſeufzen, da ich aus dem Himmel in das Fegfener gekommen bin, indem ich die glaͤn⸗ zenden Sphaͤren des Koͤnigshofs von England mit dem abgelegenen Winkel dieſer unzugaͤngli⸗ chen Wuͤſte vertauſcht habe,— verlaſſend den Tur⸗ nierplatz, wo ich mich ſtets bereit finden ließ, mit meines Gleichen, entweder fuͤr die Liebe der N 1 38 Ehre, oder fuͤr die Ehre der Liebe, eine Lanze zu brechen, dagegen aber auch meinen ritterlichen Speer gegen Raͤuber und Pluͤnderer geſtreckt zu halten; vertauſchend die erleuchteten Gemaͤcher, wo ich mich bald im leichten, bald im wuͤrdevol⸗ len Tanze anmuthig bewegte, gegen dieſes be⸗ raͤucherte, verfallene Gefaͤngniß;— entbehrend der luſtigen Schaubuͤhne, um den Platz an dem einſamen Kamine einer ſchottiſchen Hundehuͤtte 3 vermiſſend die Toͤne einer entzuͤckenden Laute, und liebeweckenden Viole de Gamba um die Mißtoͤne eines nordiſchen Dudelſacks;— vorzuͤg⸗ lich aber vertauſchend das Laͤcheln jener Schoͤn⸗ heiten, welche den Thron Englands gleich einer Glorie umgeben, gegen die todte Hoflichkeit ei⸗ ner ungebildeten Jungfrau oder das rohe An⸗ ſtaunen eines Muͤllermaͤdchens. Ich koͤnnte noch der Entbehrung der Unterhaltung der tapfern Ritter und luſtigen Hoͤflinge von meinem Stande und meinen Faͤhigkeiten erwaͤhnen, deren Ein⸗ faͤlle glaͤnzen und ſchimmern gleich Blitzen, ge⸗ gen die von Moͤnchen und Geiſtlichen— doch, das wuͤrde ja ganz unhoͤflich ſein.“ Der Abt hoͤrte den Klagen allen mit gro⸗ ßen Augen zu, welche bewieſen, daß er die Mei⸗ —-— — 39 nung des Redners nicht ganz verſtanden habe; und als der Ritter eine Pauſe machte, um Athem zu ſchoͤpfen, ſahe er den Unterprior mit zweifel⸗ vollen und forſchenden Blicken an, nicht recht wiſſend, in welchem Tone er einen ſo ganz un⸗ gewoͤhnlichen Eingang beantworten ſollte. Der Unterprior eilte daher ſogleich ſeinem Prinzipal zu Huͤlfe. „Wir nehmen innigen Antheil,“ ſagte der Un⸗ terprior:„an den mancherlei Kraͤnkungen und Un⸗ annehmlichkeiten, denen Euch das Schickſal aus⸗ geſetzt hat; vorzuͤglich daran, daß es Euch in die Geſellſchaft von Leuten gefuͤhrt hat, die, weil ſie uͤberzeugt waren, einer ſolchen Ehre nicht wuͤrdig zu ſein, auch kein Verlangen dar⸗ nach ſpuͤren ließen. Alles dieſes aber macht uns die Urſach dieſer Reihe von Unfaͤllen nur wenig klar, oder, mit deutlichern Worten, enthuͤllt uns den Grund nicht, warum Ihr Euch in eine Lage verſetzt habt, die ſo wenig Reizendes fuͤr Euch hat.“ Verzeiht, ehrwuͤrdiger Herr, einem Ungluͤck⸗ lichen, verſetzte der Ritter: der bei der Darle⸗ gung ſeiner Unfaͤlle vielleicht zu umſtaͤndlich ge⸗ weſen iſt; ſo wie derjenige, der von einer Hoͤhe 40 herabgeſtuͤrzt iſt, noch immer aufwaͤrts blickt, dieſe zu meſſen und die Groͤße ſeines Sturzes zu betrachten. 3 „Mich duͤnkt aber,“ erwiederte Vater En ſtach:„es waͤre weiſer, wenn er denen, die ihm aufzuhelfen kommen, ſagte, welches von ſeinen Beinen er zerbrochen habe.“ Ihr habt, ehrwuͤrdiger Vater, verſetzte der Ritter: in dem Witzkampfe beſondere Geſchick⸗ lichkeit, weshalb ich denn gewiſſermaßen ſagen darf, daß ich meine Lanze nicht ganz recht ge⸗ brochen habe. Ihr verzeiht mir, daß ich mich der Ausdruͤcke des Turnierplatzes bediene, die Euer Ehrwuͤrden Ohren wahrſcheinlich fremd ſind. Ah! herrlicher Sammelplatz des Edlen, Schoͤnen und Heitern! Thron der Liebe, Feſtung der Ehre! Ach! Ihr himmliſche Schoͤnheiten, de⸗ ren glaͤnzende Augen ihn beſtrahlen! Nie mehr zieht Piereie Shafton einher als der Gegenſtand Eurer ſtrahlenden Blicke, ſenkend die Lanze, ſpornend das Roß auf den Klang der Trompe⸗ ten, die zum Kampfe rufen; nie wird er dem Gengner kuͤhn wieder entgegentreten, ſeine Lanze zierlich und geſchickt brechen, und in den Kreis der Damen umherreiten, um den Dank zu em⸗ 4¹ pfangen, den die Schoͤnheit der Ritterlichkeit zollt. Hier machte er eine Pauſe, rang die Haͤnde, blickte aufwaͤrts, und ſchien in Betrachtung uͤber das ihn betroffene Mißgeſchick verſunken. „Er iſt toll, ganz toll,“ ſagte der Abt leiſe zu dem Unterprior:„ich wollte, ich waͤre ihn auf gute Art los, denn ich fuͤrchte, er wird noch ganz wahnſinnig und wuͤthend⸗ Waͤre es nicht beſſer, auch die andern Bruͤder hereinzurufen*“ Der Unterprior aber wußte beſſer, als der Abt, das Geſchwaͤtz der Ziererei von dem Aus⸗ drucke des Wahnſinnes zu unterſcheiden, und ob⸗ gleich des Ritters Heftigkeit und Leidenſchaftlich⸗ keit ein wenig phantaſtiſch ausſahen, war ihm doch auch wohl bekannt, zu welchen Wunderlich⸗ keiten die Mode des Tages ihre Geweihten zu fuͤhren pflegte⸗ Er geſtattete daher dem Ritter noch einige Minnten, um ſeinen Empfindungen Luft zu ma⸗ chen, dann aber machte er ihn ziemlich ernſtlich aufmerkſam darauf, daß der Aht eine, fuͤr ſein Alter und ſeine Lebensweiſe ſo ungewohnte, Neiſe bloß in der Abſicht unternommen habe, zu erfah⸗ ren, womit er dem Sir Piercie Shafton dienen 4²— könne, und daß er dieſes nicht vermoͤge, wenn er nicht eine ganz genaue Auskunft uͤber die Lage erhalte, worinnen ſich der Letztere befinde.„Der Tag entflieht,“ ſagte er, ans Fenſter tretend: „und wenn der Abt nach dem Kloſter zuruͤckkeh⸗ ren muß, ohne die noͤthige Auskunft erhalten zu haben, wird zwar das Bedauern gegenſeitig, al⸗ lein der daraus entſtehende Nachtheil einzig und allein auf Seiten des Sir Piercie ſein.“ Der Wink war nicht umſonſt gegeben. O, Goͤttin der Hoͤflichkeit! ſagte der Ritter: konnte ich Deine Geſetze ſo weit vergeſſen, des guten Praͤlaten Zeit und Bequemlichkeit meinen Klagen aufzuopfern! So wiſſet denn, ſehr ver⸗ ehrter und verehrungswuͤrdiger Herr, daß ich, Euer armer Gaſt und Beſucher, nahe verwandt bin mit dem Piercie von Northumberland, deſ⸗ ſen Ruhm durch alle Theile der Welt verbreitet iſt, ſo weit nur die engliſche Sprache reichen mag. Nun, dieſer gegenwaͤrtige Earl von Nor⸗ thumberland, deſſen Geſchichte ich Euch kuͤrzlich mittheilen will.... „Das iſt ganz unnoͤthig,“ verſetzte der Abt: „wir wiſſen recht wohl, daß er ein guter, aͤchter Edelmann iſt, und ein geſchworner Vertheidiger — 43 unſers katholiſchen Glaubens, trotz des ketzeri⸗ ſchen Weibes/ welches gegenwaͤrtig auf dem Throne Englands ſitzt. Beſonders in Hinſicht dieſes Eu⸗ res Verwandten, und da wir wiſſen, daß Ihr gleich ihm, unſerer heiligen Mutter Kirche auf das froͤmmſte und treueſte ergeben ſeid, heißen wir Euch, Sir Piereie Shafton, herzlich will⸗ kommen, und erklaͤren uns fuͤr bereit und wil⸗ lig, Euch in Eurer Verlegenheit, ſobald wir wiſ⸗ ſen wie, beizuſpringen.“ Fuͤr dieſes freundliche Anerbieten, ſagte Sir Piercie Shafton: bleibe ich Euer demuͤthigſter Schuldner! fuͤr jetzt brauche ich Euch nicht mehr zu ſagen, als daß mein verehrter Couſin von Northumberland,— nachdem er ſich mit mir und andern auserleſenen und aufgeweckten Gei⸗ ſtern der Zeit berathen hatte, wie und auf welche Art die Verehrung Gottes, in Gemaͤßheit der Vorſchriften der katholiſchen Kirche, in dieſem zerruͤtteten England wiederherzuſtellen ſei(ſo wie ſich jemand mit ſeinen Freunden berathet, um unter ihrem Beiſtande ein wildes, durchgehendes Roß zu zaͤumen und zu beherrſchen)— mich in dieſen Mittheilungen ſo tief einzuweihen beliebt hat, daß meine perſoͤnliche Sicherheit dadurch in Gefahr gebracht worden. Denn wir haben guten Grund zu glauben, daß die Prinzeſſin Eliſabeth, welche um ſich her ſolche Raͤthe verſammelt hat, die wohl im Stande ſind, alle Plaͤne auszuſpuͤ⸗ ren, die ihre Nechte auf die Krone zweifelhaft machen koͤnnen, oder die katholiſche Religion wie⸗ derherzuſtellen bezwecken, einige Kenntniß erhal⸗ ten habe von den Minen, welche wir gelegt, ehe wir noch Feuer darunter bringen konnten. Mein ſehr verehrter Couſin von Northumberland hielt es daher fuͤr's Beſte, daß Einer die Schande und Schmach fuͤr das Ganze truͤge, und lud deshalb die ganze Laſt dieſer Haͤndel auf meine Schul⸗ tern, eine Laſt, welche ich auch um ſo lieber tra⸗ ge, da er ſich ſonſt immer als einen ehrbaren und guͤtigen Verwandten gegen mich bewieſen hat, auch meine Einkuͤnfte, ich weiß ſelbſt nicht, warum, ſeit einiger Zeit nicht mehr zu Beſtrei⸗ tung des Aufwandes hinreichen wollen, den ich meiner ritterlichen Verhaͤltniſſe wegen, machen muß... „So machten Euch Eure Privatangelegenhei⸗ ten,“ fagte der Unterprior:„eine Reiſe ins Aus⸗ land minder unbequem, als ſie es fuͤr Euren — 42 wuͤrdigen Couſin, den edlen Earl, geweſen ſein wuͤrde..“ Allerdings, ehrwuͤrdiger Herr, erwiederte der Hofling, rem acu.... Ihr habt den Punkt mit der Nadel getroffen. Meine Koſten und Ausgaben bei den letzten Tournieren und Siegesfeſten ſind in der That ziemlich bedeutend geweſen, und die engherzigen Buͤrger haben ſich nicht bereit fin⸗ den laſſen, meine Taſchen von Neuem zu Aus⸗ gaben fuͤr die Ehre der Nation, ſo wie fuͤr mei⸗ nen eignen Ruhm zu fuͤllen, und um die Wahr⸗ heit zu geſtehen, es war zum Theil die Hoffnung, dieſe Maͤngel verbeſſert zu ſehen, welche mich eine neue Ordnung der Dinge in England wuͤn⸗ ſchen ließ⸗ „So hat alſo das Mislingen Eurer offent⸗ lichen Unternehmung, verbunden mit dem zer⸗ ruͤtteten Zuſtande Eurer Privatangelegenheiten, Euch veranlaßt, in Schottland einen Zufluchts⸗ ort zu ſuchen?“ ſagte der Unterprior⸗ Rem acu.... verſetzte abermals Sir Piercie: und nicht ohne gute Urſgche, denn mein Nacken wuͤrde wohl, wenn ich geblieben waͤre, eine Art von Halfter bekommen haben; daher ging denn auch meine Reiſe nordwaͤrts ſo ſchnell, daß ich 46 kaum Zeit hatte, meinen pfirſichfarbenen Wamms von Genueſer Sammt, reich mit Gold geſtickt und belegt, gegen dieſen Harniſch zu vertauſchen, den Bonamico aus Malland verfertigt hat. Im⸗ mer ging es nun eiligſt nordwaͤrts, denn ich dachte, ich wuͤrde wohl thun, meinen ſehr ver⸗ ehrten Couſin von Northumberland auf einem ſeiner zahlreichen Schloͤſſer zu beſuchen. Allein eben, als ich nach Alnwick hinfuhr, und zwar mit der Eile eines Sterns, der, aus ſeinem urſpruͤng⸗ lichen Gleiſe getrieben, wild niederſchießt, traf ich zu Northallerton einen gewiſſen Heinrich Vaughan, einen Diener meines verehrten Ver⸗ wandten, der mir zu verſtehen gab, daß ich mich mit Sicherheit nicht vor ihm ſehen laſſen koͤnn⸗ te, indem er eben Befehle vom Hof erhalten habe, mich verhaften zu laſſen. „Das ſcheint denn doch,“ ſagte der Abt:„eine harte Maßregel von Seiten Eures Verwandten!“ Es mag wohl ſo ſcheinen! erwiederte Sir Piereie: indeſſen will ich auf Tod und Leben be⸗ haupten, daß mein verehrter Couſin von Nor⸗ thumberland ſich dabei als ein Ehrenmann be⸗ nommen hat. Heinrich Vaughan gab mir alſo, auf Befehl meines Couſins, ein gutes Pferd⸗ ei⸗ nen Beutel mit Geld und zwei Grenzreuter, wie man ſie nennt, zu Fuͤhrern, welche mich denn auf Wegen und Schlichen, wie man ſie ſeit Lan⸗ celots und Triſtrams Zeiten vielleicht nicht ver⸗ ſucht hat, in dieſes Koͤnigreich Schottland, und in das Haus eines gewiſſen Barons,⸗ oder eines Mannes, der ſich wenigſtens dafuͤr ausgiebt, Ju⸗ lian Avenel mit Namen, brachten, bei dem ich eine Aufnahme fand, wie ich ſie nach Ort und Umſtaͤnden erwarten durfte. „Und das muß,“ ſagte der Abt:„ſchlecht ge⸗ nug geweſen ſein, denn aus dem Appetite zu ſchließen, den Julian zeigt, wenn er zu Gaſte iſt, muß er eben nicht viel zu Hauſe haben.” Ganz recht! Sir,— Euer Hochwuͤrden haben ganz Recht! wir hatten nur Faſtenſpeiſe und muß⸗ ten doch tuͤchtig bluten; Julian Avenel foderte uns zwar keine Erkenntlichkeit ab, allein er be⸗ wunderte meinen Dolch doch ſo außerordentlich— der Griff nehmlich war von Silber, ſehr ſchoͤn gearbeitet, und die Waffe ſelbſt eine der ausge⸗ ſuchteſten und ſeltenſten— daß ich nicht umhin konnte, ihm denſelben anzubieten; er ſteckte ihn dann in ſeinen groben ledernen Gurt, wo der Dolch, das koͤnnt Ihr mir glauben, hochwuͤrdiger — 48 Vater, eher ausſahe, wie das Meſſer eines Flel⸗ ſchers, als wie die Waffe eines Edelmannes. „Eine ſo treffliche Gabe haͤtte Euch wenig⸗ ſtens auf einige Tage Bewirthung ſchaffen ſol⸗ len,“ ſagte Bruder Euſtach. Ehrwuͤrdiger Herr, ſagte Piercie: haͤtte ich laͤnger dort verweilen wollen oder muͤſſen, ſo wuͤrde man mir gewiß den ganzen Reſt meiner Garderobe abeomplimentirt haben. Sir, der Menſch hatte meinen gewoͤhnlichen Oberrock und meine weiten Schifferhoſen in Verwahrung ge⸗ nommen; ich mußte wohl auf den Nuͤckzug den⸗ ken, ehe ich ganz ausgeſchaͤlt war. Noch zu rech⸗ ter Zeit empfing ich einen Brief von meinem verehrten Couſin, woraus ich ſah, daß er mei⸗ netwegen an Euch geſchrieben, und Euch zwei Koffer mit meinen Anzuͤgen zur Verwahrung zu⸗ geſandt habe, nehmlich: mein karmoiſin ſeidnes Oberkleid mit Goldſtoff gefuͤttert und verbraͤmt, das ich bei den letzten Banketten trug— es ge⸗ hoͤrt auch ein Bandelier und Guͤrtel von aͤhnli⸗ chem Stoff dazu— dann zwei Paar ſchwarzſei⸗ dene weite Beinkleider, mit Kniebaͤndern von fleiſchfarbener Seide, ferner ein fleiſchfarbenes ſeidenes Wamms mit Pelz verbraͤmt, worinnen ich 49 ich bei der Gray⸗Inn's Maskerade den wilden Mann tanzte— ferner.. 4 „O! Herr Ritter,“ ſagte der Unterprior: „ſpart das weitere Inventarium Eurer Garde⸗ robe. Die Moͤnche der heiligen Jungfrau ſind keine raubluſtigen Barone, und was irgend von Euren Kleidungsſtuͤcken in unſer Haus gebracht worden, iſt auch jetzt ganz treulich, nebſt den Kof⸗ fern, worinnen ſie ſich befanden, hierher geſchafft worden. Indeſſen vermuthe ich aus dem Geſag⸗ ten, ſo wie aus dem, was uns durch den Earl von Northumberland zu verſtehen gegeben wor⸗ den iſt, daß Ihr fuͤr jetzt unerkannt und unbe⸗ merkt, ſo viel es mit Eurem hohen Werthe und Range vertraͤglich ſein mag, hier verweilen wollt*“ Leider, ehrwuͤrdiger Vater! verſetzte der Hoͤf⸗ ling: kann ein Schwert nicht blitzen, wenn es in der Scheide ſteckt, noch ein Diamant ſchim⸗ mern, wenn er in einer Schachtel liegt; ſo kann auch das Verdienſt, wenn es durch Umſtaͤnde ſich ſelbſt verdunkeln muß, die Aufmerkſamkeit nicht auf ſich ziehen;— meine Zuruͤckgezogenheit ver⸗ mag einzig die Bewunderung derer wenigen zu erregen, mit denen mir die Umſtaͤnde zuſammen zu kommen erlauben. D. Kloſter. II. C 50 „Ich bin uͤberzeugt, hochwuͤrdiger Herr und Abt,“ ſagte der Unterprior:„daß Eure Weisheit dem edlen Ritter ein ſolches Benehmen vorſchrei⸗ ben wird, welches mit ſeiner eigenen Sicherheit ſowohl, als mit der der Bruͤderſchaft des Klo⸗ ſters uͤbereinſtimmt; denn es iſt Euch keineswe⸗ ges unbekannt, daß in dieſer kecken Zeit gefaͤhr⸗ liche Verſuche zu Zerſtoͤrung und Aufloͤſung aller geiſtlichen Stiftungen gemacht worden ſind, und daß unſere heilige Gemeinde ebenfalls wieder⸗ holt bedroht worden iſt. Bisher haben ſie uns nichts anhaben koͤnnen, allein eine, der Koͤnigin von England ſowohl, als den ketzeriſchen Lehren der ſchismatiſchen Kirche, wenn nicht noch ſchlech⸗ tern und rohern Formen der Ketzerei, ergebene Parthei herrſcht gegenwaͤrtig am Hofe, und unſere Monarchin wagt daher nicht, der leidenden Geiſt⸗ lichkeit den Schutz zu gewaͤhren, den ſie ſo gern auf ſie ausdehnen moͤchte.“ Mylord und ſehr verehrter Herr! ſagte der Ritter: ich will Euch, indeß Ihr den Punkt Eu⸗ rer Freiheiten verhandelt, von meiner Gegen⸗ wart befreien; aufrichtig geſprochen ſehne ich mich zu ſehen, in welchem Zuſtande der Kammerdie⸗ ner meines edlen Verwandten meine Garderohe 51 gefunden, und wie er ſie eingepackt, und ob ſie nichts durch die Reiſe gelitten hat. Es befin⸗ den ſich vier Anzuͤge darunter ſo nett und ele⸗ gant, als ſie ſich nur die Phantaſie einer ſchoͤ⸗ nen Dame ausdenken koͤnnte; jeder iſt mit ei⸗ ner eigenen Garnitur von Baͤndern, Sticke⸗ reien, Frangen u. ſ. w. verſehen, auch kann die Beſetzung im Nothfalle gewechſelt werden, ſo daß es ausſieht, als waͤren's zwoͤlf. Ich bitt' um Vergebung! Ich muß in der That nachſe⸗ hen, wie es damit ſteht! Mit dieſen Worten verließ er das Ge⸗ mach, und der Unterprior ihm nachſehend, ſagte:„Wo Euer Schatz iſt, da iſt auch Euer Herz!“ Der Himmel erhalte uns den Verſtand! ſagte der Abt, ganz verbluͤfft uͤber den Fluß der Rede in des Ritters Munde.— Haͤtte ich doch kaum gedacht, daß eines Mannes Gehirn, ſo mit geſtickten und ſeidenen Kleidern angefuͤllt ſeyn koͤnnte! Was konnte aber nur den Earl von Northumberland bewegen, einen ſolchen putzſuͤchtigen Gecken zu ſeinem Vertrauten in Sachen von Bedeutung und Gefahr zu ma⸗ chen? C 2 5²—— „Waͤre er anders geweſen, als ſo, ehrwuͤrdi⸗ ger Vater,“ erwiederte der Unterprior:„ſo wuͤr⸗ de er auch zu der Rolle eines Suͤndenbocks— wozu ihn der verehrte Couſin wahrſcheinlich be⸗ ſtimmt hatte, wenn ſeine Plaͤne fehlſchluͤgen— weniger paſſend geweſen ſeyn. Dieſer Piercie Shafton, iſt mir nicht ganz unbekannt. Die rechtmaͤßige Abſtammung ſeiner Mutter von der Familie Piercie, ein Punkt, auf den er aͤu⸗ ßerſt eiferſuͤchtig iſt, iſt bezweifelt worden⸗ Al⸗ ein, wenn ein faſt verwegener Muth und ei⸗ ne uͤbertriebene Galanterie ſeine Anſpruͤche auf die hohe Abſtammung begruͤnden koͤnnen, ſo ſind ihm dieſe Eigenſchaften nie ſtreitig gemacht wor⸗ den. Uebrigens iſt er einer jener gekraͤuſelten Elegants der Zeit, wie Rowland Yorke, Stuckely and Andere, welche auf eitle Beweiſe der Tapfer⸗ keit ihr Vermoͤgen verſchwenden, und ihr Leben in Gefahr ſetzen damit ſie unter die Bluͤthe der Ritterſchaft gerechnet werden moͤgen; her⸗ nach ſuchen ſie dadurch ihre umſtaͤnde zu ver⸗ beſſern, daß ſie ſich zur Ausfuͤhrung von An⸗ ſchlaͤgen und Verſchwoͤrungen brauchen laſſen, welche geſcheutere Menſchen entworfen haben. um mich eines ſeiner eigenen Gleichniſſe zu be⸗ — — 53 dienen, ſo gleichen ſolche muthige Narren den Falken, welche der Jaͤger verkappt auf der Fauſt traͤgt, bis er den Raub erblickt, auf den er ſie dann losſtuͤrzen laͤßt.“ 3 Heilige Jungfrau, ſagte der Abt: das waͤ⸗ re ein ſchlechter Gaſt in unſerm ruhigen ſtillen Haushalt! Unſere jungen Moͤnche haben ohne⸗ dies Hang genug, und mehr als ſich fuͤr Die⸗ ner Gottes ſchickt, zu weltlicher Luſt und eitlem Putze; dieſer Ritter koͤnnte ihnen leicht die Koͤpfe ganz und gar verruͤcken, von dem Veſtiarius an, bis zum unterſten Kuͤchenjungen. „Etwas noch weit ſchlimmeres, koͤnnte dar⸗ aus entſtehen,“ ſagte der Unterprior:„in dieſer verderbten Zeit, wird das Eigenthum der Kir⸗ che verhandelt, wie gemeines Gut; bedenkt, Herr, welche Strafe wuͤrde uns erwarten, wenn man uns beweiſen koͤnnte, daß wir einen Rebellen, gegen die, die ſich Koͤnigin von England nennt, beherbergt haͤtten. Es wuͤrde nicht an ſchotti⸗ ſchen Schmeichlern fehlen, denen nach den Laͤn⸗ dereien unſerer Stiftungen geluͤſtete, und nicht an einer Armee aus England um des Heilig⸗ thums Beſitzungen zu verwuͤſten. Einſtmals wa⸗ ren die Einwohner Schottlands wahre Schot⸗ 54 3 ten, feſt und innig in der Liebe zum Vater⸗ lande, jeder andern Ruͤckſicht vergeſſend, wenn ihre Grenzen bedroht wurden,— aber jetzt, jetzt! Wie ſoll man ſie nennen? Ein Theil iſt franzoͤſiſch, der andere engliſch, ihr Vaterland bloß anſehend als einen Kampfplatz, auf dem Fremde ihre Streitigkeiten aünzukäͤmyfen will⸗ kommen ſind. Benedicite! verſetzte der Abt, es ſind frei⸗ lich gefaͤhrliche und ſehr ſchlechte Zeiten!— „Daher,“ fuhr Vater Enſtach fort: muß man behntſam gehen, und zum Exempel, dieſen Men⸗ ſchen, dieſen Sir Piereie Shafton, nicht in un⸗ ſer Kloſter aufnehmen!“ Was ſollen wir aber ſonſt mit ihm machen? ſagte der Abt; iſt er denn nicht ein Maͤrtyrer fuͤr die Sache der heiligen Kirche, und iſt ſein Patron, der Earl von Northumberland nicht ſtets unſer Freund geweſen, und wohnt dieſer uns nicht ſo nahe, daß er uns Gutes oder Schlimmes erweiſen kann, je nachdem wir mit ſeinem Verwandten verfahren?— „Dieſe Gruͤnde ſo wohl,“ verſetzte der Unter⸗ prior:„als die 2 Pflicht der chriſtlichen Liebe, muͤſ⸗ ſen uns freilich beſtimmen, dem Menſchen Unter⸗ — 55 ſtuͤtzung und Schutz zu gewaͤhren. Er moͤge da⸗ her nicht wieder zu Julian von Avenel zuruͤck⸗ gehen; der gewiſſenloſe Baron wuͤrde ſich kein Bedenken machen, den verwieſenen Fremdling vollends zu pluͤndern; laßt ihn hier bleiben, hier! Der Ort iſt einfam, verborgen, und wenn er auch nicht die ihm gebuͤhrende Bequemlich⸗ keit findet, ſo wird er deſto weniger leicht zu entdecken ſeyn. Wir koͤnnen ja Alles, was wir vermoͤgen, zu ſeiner Bewirthung vorkehren!“ Wird er ſich's gefallen laſſen? Meynſt Du? ſagte der Abt: ich will ihm gern mein eige⸗ nes Reiſebett uͤberlaſſen, und ihm auch einen recht beauemen Stuhl ſchicken.— „Dann darf er ja uͤber gar nichts klagen;* verfetzte der Unterprior:„wird er von irgend ei⸗ ner ploͤtzlichen Gefahr bedroht, ſo kann er im⸗ mer ſchnell genug in das Heiligthum ſich bege⸗ ben, wo wir ihn wohl verborgen halten koͤnnen, ſo lange bis ſich Mittel finden, ihn ſicher zu entlaſſen. Waͤre es aber nicht beſſer, ſagte der Abt: wenn wir ihn an den Hof ſendeten, und ſo ſei⸗ ner auf einmal los wuͤrden? „Ja, aber auf Koſten unſerer Freunde! In 56 der kalten Luft von Glendearg, liegt der Schmet⸗ terling mit eingezogenen Fluͤgeln; waͤre er aber zu Holyrood*), ſo wuͤrde er, und wenn es ſein Leben koſten ſollte, ſeinen Putz in den Augen der Koͤnigin und des Hofes entfalten wollen. Die Augen aller Menſchen, wuͤrden binnen drei Tagen auf ihn gerichtet ſeyn, und der Friede zwiſchen den Voͤlkern, auf den beiden Enden der Inſel, wegen eines Geſchoͤpfes bedroht wer⸗ den, welches, gleich einer Motte, ſich nicht ent⸗ halten kann, um das Licht zu flattern.“ Du haſt Recht, Vater Euſtach! ſagte der Abt; ich thu' es ungern, aber ich billige Dei⸗ nen Plon; ich werde ihm heimlich nicht nur allen Hausbedarf ſenden, ſondern auch Wein und Weisbrod. Es iſt auch ein junger Purſch hier, der recht gut Wild ſchießt, dem will ich befehlen, er ſoll's jenem nicht daran fehlen laſſen. „Jede Bequemlichkeit, die wir ihm ſchaffen annen, ohne daß man eine Entdeckung dabei zu fuͤrchten hat“ ſagte der Unterprior:„ſind wir verpflichtet, ihm zu Theil werden zu laſſen.“ — *) Holyrood⸗Houſe, die Reſidenz der Maria Stugrt bei Edinburg. 57 Ja, ſagte der Abt: wir wollen noch mehr thun, ich werde Augenblicks einen Expreſſen an unſern Bruder Aufſeher uͤber die Kleiderkammer ſchicken, um Alles holen zu laſſen, was er ſelbſt dieſe Nacht beduͤrfen koͤnnte. Beſorgt doch das, guter Vater! „Recht gern!“ verſetzte Vater Euſtach:„aber ich hoͤre ihn ſchon ſchreien nach Jemanden, der ihm ſeine poims*) zubindet. Er wird ſehr gluͤcklich ſeyn, wenn er Jemand findet, der ihm als Kammerdiener behuͤlflich iſt.“ Ich wollte, er kaͤme nun! ſagte der Abt: denn da erſcheint auch der Tafeldecker mit dem Eſſen! Wahrhaftig, der Ritt hat mir tuͤchtigen Appetit gemacht!— *) So nannte man die Bänder an dem Wamms und den Beinkleidern, die in jener Zeit Mode waren. Drittes Kapitel. Wie muͤſſen des Leſers Aufmerkſamkeit wieder auf Halbert Glendinning richten, der den Thurm von Glendearg unmittelbar nach ſeiner Strei⸗ tigkeit mit ſeinem neuen Gaſte, Sir Piercie Shafton, verließ. Als er ſo mit raſchen Schrit⸗ ten in dem Thalgrunde hinging, folgte ihm der alte Martin, und bat ihn, nicht ſo haſtig zu ſeyn. „Halbert,“ ſagte der alte Mann:„Ihr wer⸗ det es nicht bis zum weißen Haare bringen, wenn Ihr bei jeder Aufreitzung gleich ſo Feuer fangen wollt.“ Warum ſollt' ich das auch wuͤnſchen, alter Mann? verſetzte Halbert: wenn ich die Ziel⸗ ſcheibe ſeyn ſoll, nach welcher jeder Narr ſein Geſchoß richten darf. Was hilft Dir's denn, Alter, daß Du ſchlaͤfſt und erwachſt, Deine ſpaͤrliche Koſt verzehrſt⸗ und Dich dann auf Dein hartes Lager hinſtreckeſt? Macht es Dir denn 59 ſo viel Vergnuͤgen, daß Dich der Morgen zu den Muͤhen und Beſchwerden des Tages ruft, und daß Du am Abend als ein abgearbeiteter Menſch, Dich zur Ruhe legſt? Waͤre es denn nicht beſſer, gar nicht mehr einzuſchlafen und aufzuwachen, als ſo dumpfe Gefuͤhlloſigkeit mit Arbeit, und Arbeit mit Gefuͤhlloſigkeit auszu⸗ tauſchen? „'s iſt was Wahres an dem, was Ihr hier ſagt!' entgegnete Martin—„aber geht doch ein wenig langſamer, denn meine alten Beine koͤn⸗ nen mit Euren jungen nicht gleichen Schritt halten— geht langſamer! und ich will Euch ſagen, warum mir mein Alter, wenn es gleich nicht eben ſehr lieblich iſt, dennoch ertraͤglich ſcheint.“ Nun ſo rede! ſagte Halbert, ſeinen Schritt maͤßigend: aber bedenke, daß wir Wild ſu⸗ chen muͤſſen, um die heiligen Maͤnner nach ih⸗ ren Beſchwerden wieder zu ſtaͤrken, denn ſie haben ja dieſen Morgen einen Weg von ſechs Meilen zuruͤckgelegt, und wenn wir nicht die Heide von Brocksburn erreichen, koͤnnen wir nicht hoffen, einen Hirſch zu ſehen. „So wiſſe denn, mein guter Halbert, den 69— ich wie meinen Sohn liebe,“ ſagte Martin:„daß ich gern lebe, bis der Tod mich abruft, weil es einmal des Schoͤpfers Wille iſt. Und wenn ich auch, was die Leute ein hartes Leben nen⸗ nen, fuͤhren muß, im Winter vor Kaͤlte faſt er⸗ ſtarrend, und im Sommer jeder Hitze preis ge⸗ geben, ob ich gleich ſchlecht eſſe, und nicht beſ⸗ ſer liege, und von Jedermann verachtet werde, ſo duͤnkt mich doch, daß, wenn ich nicht zu Etwas nütze waͤre, in dieſer ſchoͤnen Schoͤpfung, Gott mich ſchon zu ſich genommen haben wuͤrde.“ Armer alter Mann, ſagte Halbert: wie kann eine ſo eitle Vorſtellung von Deinem ein⸗ gebildeten Rutzen, Dich mit einer Welt verſoͤh⸗ gen, in der Du eine ſo elende Rolle ſpielſt? „Elende Rolle?“ ſagte Martin:„war ſie das wirklich, als ich meine Herrſchaft und ihr Kind, vom Tode in der Wildniß rettete“ Recht Martin, verſetzte Halbert: hier thatſt Du, was einem ganzen unbedeutenden Leben zur Entſchuldigung gereichen mag⸗ 3 „ und nehmt Ihr denn das fuͤr nichts, daß ich Euch, Halbert, eine Lektion in der Geduld und Unterwerfung unter den Willen der Vor⸗ ſicht, gehen kann? Mich duͤnkt, das iſt ſchon — ein Nutzen, von den grauen Haaren auf dem alten Schaͤdel, daß Sie durch Lehre und Bei⸗ ſpiel juͤngere unterrichten koͤnnen. Halbert ſchaute zu Boden und ſchwieg ei⸗ nige Minuten, dann begann er das Geſpraͤch von neuem.— Martin, ſagte er: ſindeſt Du Et⸗ was an mir veraͤndert, ſeit Kurzem? „Ja wohl,“” verſetzte Martin:„ich habe Euch ſonſt nicht anders gekannt, als vorſchnell, wild, unbedachtſam, oft ohne Nachdenken redend was Euch ſo einkam; allein jetzt ſcheint mir Euer gan⸗ zes Weſen, ohne Etwas von ſeinem natuͤrlichen Feuer verloren zu haben, mehr Kraft und Wuͤrde zu verrathen, als ehemals, es ſcheint faſt, wie wenn Ihr, als ein Bauer eingeſchla⸗ fen und als ein Edelmann wieder aufgewacht waͤret.“ Kannſt Du denn von einem edlen Beneh⸗ men urtheilen? ſagte Halbert. „Einigermaßen wohl,“ entgegnete Martin: „denn ich habe mit meinem Herrn, Walter Avenel, Hof, Lager und Stadt durchzogen, ob er mir gleich nicht mehr dafuͤr geben konnte, als Raum um ein Paar Dutzend Schaafe auf dem Huͤgel weiden zu koͤnnen. Eben jetzt, wo ich mit Euch 6² ſpreche, fuͤhle ich ganz deutlich, daß meine Sprache weit feiner iſt, als ſie ſonſt zu ſeyn pflegt, und daß, wenn ich auch den Grund nicht einſehe, der rauhe noͤrdliche Dialekt, der mir ſo gelaͤufig iſt, einer mehr ſtaͤdtiſchen Ausſpra⸗ che Platz gemacht hat.“ und kannſt Du von dieſer Veraͤnderung an Dir und mir einen Grund angeben? „Veraͤnderung!“ erwiederte Martin:„bei un⸗ ſerer Frau! es iſt nicht ſo wohl eine Veraͤn⸗ derung, die ich empfinde, als vielmehr eine Er⸗ neuerung von Gedanken und Empfindungen, die ich ſchon vor dreißig Jahren gehabt habe, ehe Tibb und ich unſere kleine Haushaltung gruͤn⸗ deten. Es iſt ſeltſam, daß Eure Geſellſchaft ei⸗ nen ſolchen Einſluß auf mich aͤußert, Halbert, und daß ich das nicht eher bemerkt habe, als jetzt!— Glaubſt Du, ſagte Halbert: in mir Etwas zu ſehen, was mich dereinſt aus dieſem niedern und verachteten Stande erheben koͤnnte, ſo daß ich mit den ſtolzen Menſchen, die jetzt meine Armuth verachten, auf gleichem Fuße ſtuͤnde? Martin ſchwieg einen Augenblick, dann aber fuhr er fort:„Ohne Zweifel Halbert, auch ein — — 63 beſchaͤdigt Schiff erreicht das Land! Habt Ihr nicht von Hughie Dun gehoͤrt, der vor ohnge⸗ faͤhr fuͤnf und dreißig Jahren den Kloſterbezirk verließ. Es war ein unterrichteter, geſcheuter Burſche, er konnte leſen und ſchreiben, war ein Prieſter, und Speer und Schild fuͤhren, wie der beſte Reutersmann; ich weiß noch recht wohl, ſeines Gleichen hatte man in dem Hei⸗ ligthume nie geſehen, daher hat ihm Gott auch einen großen Vorzug verliehen!“ 9. Welchen denn? fragte Halbert, mit neu⸗ gierig forſchenden Blicken. 3 „Keinen geringern, als daß er Leibdiener bei dem Erzbiſchoff von St. Andreas wurde.“ Hier verlor Halbert die Faſſung.— Diener, und bei einem Prieſter? ſagte er: das war Alles, wozu ihn Kenntniſſe und Thaͤtigkeit ver⸗ helfen konnten? 3 Martin ſeiner Seits aber ſtarrte mit Ver⸗ wunderung ſeinen jungen Freund an:„und was haͤtte ihm das Gluͤck denn groͤßeres gewaͤhren ſollen?“ ſagte er:„der Sohn eines Kirchen⸗ lehnmannes, iſt kein Stoff, aus dem ſich Lords und Ritter machen laſſen. Muth und Kennt⸗ niſſe vermoͤgen doch, wie ich meine, Bauern⸗ 64— blut nicht in Edelmannsblut zu verwandeln! Ich habe uͤberdies gehoͤrt, daß Hughie Dun ge⸗ wiß fuͤnfhundert Pfund ſchottiſcher Muͤnze ſei⸗ ner einzigen Tochter hinterlaſſen hat, welche der Amtmann von Pittenweem heirathete.“ In dieſem Augenblicke, und indem eben Halbert verlegen war, eine paſſende Antwort zu finden, rannte ein Wild queer uͤber den Weg, ſogleich ergriff er ſeine Armbruſt, der Pfeil flog, und das Thier lag, nachdem es noch einen hef⸗ tigen Sprung gethan, todt auf dem Boden. „Da liegt ja das Wild, das die Frau vom Hauſe wuͤnſcht,“ ſagte Martin:„wer haͤtte den⸗ ken ſollen, daß in dieſer Jahreszeit ein Hirſch ſo weit ins Thal herunter kommen ſollte: und wie fett iſt er, gewiß drei Zoll ſitzt es ihm auf dem Bruſtbeine. Ihr ſeid ein Gluͤckskind, Hal⸗ bert; es kann Euch nicht fehlen, Ihr moͤgt ma⸗ chen was Ihr wollt; wenn Ihr's recht benutzen wolltet, ich wette, Ihr koͤnntet noch einer von des Abts Geomenreutern werden, die in einem pur⸗ purnen Wamms einherziehen, ſo gut als Einer.“ Schweig, verſetzte Halbert: ich mag Nie⸗ manden dienen, als der Koͤnigin; ſchaffe indeſ⸗ ſen nur das Wild nach dem Thurme, denn man — 65 wartet darauf. Ich gehe noch nach der Moor⸗ gegend; ich habe zwei bis drei Nagelbolzen bei mir, da kannte ich vielleicht noch einiges wilde Gefluͤgel erhaſchen. 4 Er beſchleunigte ſeinen Schritt, und kam ſo dem alten Martin bald aus dem Geſichte. Die⸗ ſer blieb einen Augenblick ſtehen, und ſchaute ihm nach.„Wahrlich, ein recht braver Sproͤß⸗ ling; es kann ſchon Etwas aus ihm werden, wenn ihn nur die Ehrſucht nicht darum bringt.— Der Koͤnigin dienen! ſagte er. Nun bei mei⸗ ner Treue, ſie hat wohl ſchlechtere Diener ge⸗ habt, als er iſt, nach Allem, was ich von ihm weiß! Und warum ſollte er denn den Kopf nicht ein wenig hoch tragen? Wer auf den Gipfel einer Leiter will, muß doch anfangen zu ſteigen. Wer nach einem Kleide von Goldſtoff ſtrebt, erreicht doch wenigſtens eine Schleife da⸗ von. Aber, komm hex,“ fuhr er zum Hirſch ſich wendend fort:„du ſollſt nun auf meinen zwei Beinen nach Glendearg wandern, das wird freilich etwas langſamer gehen, als du auf dei⸗ nen vieren lebendig hingekommen waͤrſt. Wenn du mir aber zu ſchwer biſt, da begnuͤge ich mich mit dem beſten Theile von dir, und dann mag das nebrige auf dem alten eichenen Wagen mit ei⸗ nem unſerer Zugpferde nachgebracht werden.“ Indeß Martin mit dem Wildprete nach Glendearg zuruͤck ging, ſetzte Halbert ſeinen Weg fort, freier Athem ſchoͤpfend, ſeit er ſich von ſeinem Gefaͤhrten befreit ſahe.„Der Diener ei⸗ nes ſtolzen, faulen Prieſters, der Leibdiener des Erzbiſchoffs zu St. Andreas“ wiederholte er ſich immer:„das, und das Privilegium, ſein Blut mit dem der Familie des Amtmanns zu Pittenweem vermiſchen zu duͤrfen, das haͤlt man fuͤr eine Auszeichnung, wonach ein braver Mann ſtreben ſoll? Das ſoll alle Hoffnungen des Sohnes ei⸗ nes Kirchenvaſallen, kuͤnftig und gegenwaͤrtig beſchraͤnken? Beim Himmel! wenn ich nicht in mir einen Widerwillen gegen die naͤchtlichen Naͤubereien empfaͤnde, ich wollte eher die Jacke und Lanze nehmen und mich an die Grenzreu⸗ ter anſchließen. Etwas aber muß ich vorneh⸗ men. Entehrt und verachtet kann ich hier nicht leben, als eine Zielſcheibe des Spottes fuͤr je⸗ den der Fremdlinge aus Suͤden, die ſich Alles fuͤr erlaubt halten, weil ſie klingende Sporen an den fahlen Stiefeln tragen!— Ich muß das Phantom, das ſeltſame Weſen, was es auch ſein 67 mag, noch einmal aufſuchen! Seitdem ich mit ihm geſprochen und ſeine Hand beruͤhrt habe, ſind Gedanken und Gefuͤhle in mir wach gewor⸗ den, wovon ich mir vorher nichts traͤumen ließ; ſoll ich denn nun, der ich mein vaͤterliches Thal zu klein fuͤr meinen aufſtrebenden Geiſt fuͤhle, mich zum Spielwerk fuͤr einen elenden Hoͤfling hergeben, und das noch dazu in Gegenwart Ma⸗ riens von Avenel? Nein! daraus wird nichts⸗ heim Himmel, nicht!“— Unter dieſem Selbſtgeſpraͤch gelangte er zu dem abgelegenen Thale von Corrienan⸗Shian, als es eben bald Mittag war. Er ſchaute eini⸗ ge Augenblicke ſchweigend in den Quell, und be⸗ dachte bei ſich ſelbſt, wie ihn wohl die weiße Frau empfangen wuͤrde. Ausdruͤcklich hatte ſie ihm nicht verboten, ſie wieder aufzurufen, allein in ihrem Abſchiede hatte ſo Etwas einem Ver⸗ bote aͤhnliches gelegen, denn ſie empfahl ihm hierbei, einen andern Fuͤhrer zu erwarten. Halbert Glendinning vermochte demunge⸗ achtet nicht lange, unthaͤtig zu verweilen. Kuͤhn⸗ heit war der herrſchende Charakterzug ſeines Gei⸗ ſtes, und bei der Erweiterung und Veraͤnderung, die ſeine Gefuͤhle erſt kuͤrzlich erlitten hatten, 68 war ſie eher vermehrt, als vermindert worden. Er zog daher das Schwert, legte die Stiefeln ab, verbeugte ſich drei Mal gegen den Quell und drei Mal gegen den Baum, und wieder⸗ holte dieſelben Verſe, wie vorher: Drei Mal dem Diſtelſtrauch!? Dret Mal der Quelte auch! Ich bitt' erwache zur Stell, Weiße Maid von Avenel! Mittag glänzt auf dem See Mittag auf ferner Höl', Erwache, erwache zur Stell, Weiße Maid von Apenel! Seine Augen waren bei dieſen Verſen auf den Diſtelſtrauch geheftet, und nicht ohne einen un⸗ willkuͤrlichen Schauder bemerkte er, daß die Luft zwiſchen ihm und dieſem Gegenſtande etwas dichter und undurchſichtiger werde, und ſich endlich zu einer Geſtalt ausbilde, durch welche jedoch, gleich wie durch eine transparente Flaͤ⸗ che, oder einen Schleier, die Umriſſe des Diſtel⸗ buſches geſehen werden konnten. Allein allmaͤh⸗ lich wurde die Erſcheinung immer koͤrperlicher, und endlich ſtand die weiße Frau vor ihm, mit dem Ausdrucke der Unzufrledenheit in ihrem Ge⸗ — — 69 ſichte. Sie ſprach, und ihre Rede war noch im⸗ mer Geſang, oder vielmehr rhythmiſche Ton⸗ folge; indeß vertauſchte ſie, als waͤre ſie nun mit dem Zuhoͤrer vertrauter geworden, das lyri⸗ ſche Versmaß, deſſen ſie ſich bei ihrer fruͤhern Erſcheinung bedient hatte, mit einem freiern, und dieſes wieder mit jenem. Dies iſt der Tag, wo das Geſchlecht der Feen Ihr hoffnungslos Geſchick beweint allein. Waldmädchen klagen in des Windes Wehen, Meermädchen in kryſtallner Grotten Schein! Denn dieſer Tag ſah eine That vollbringen An welcher wir nie haben können Thell. Nux Erdenkindern mocht' er Glück exringen, Doch nie für See⸗ und Luftgeſtalten Heil! Der Sterbliche darf ſein Geſchick nicht ſegnen, Dem an dem Freitags⸗Morgen wir begegnen. „Geiſt!“' ſagte Halbert Glendinning mit kuͤh⸗ nem Muthe:„es iſt vergebens, Jemanden zu drohen, fuͤr den das Leben keinen Werth hat. Dein Unwille kann hoͤchſtens blos toͤdten, allein ich glaube, weder Deine Macht, noch Dein Wille koͤnnen ſich ſo weit erſtrecken. Die Schreck⸗ niſſe, womit Euer Geſchlecht andere Menſchen erfuͤllt, ſind bei mir ohne Wirkung. Mein Herz 7 iſt geſtaͤhlt gegen alle Furcht durch Verzweif⸗ lung! Wenn ich, wie Deine Worte mir zu ver⸗ ſtehen geben, einem Geſchlechte angehoͤre, wel⸗ ches dem Himmel werther iſt, als das Deine, ſo darf ich wohl fragen, und Du nur antwor⸗ ten. Ich bin das edlere Weſen.“ Bei dieſen Worten ſchaute ihn die Geſtalt mit einer ſtolzen und zornverkuͤndenden Haltung an, ſo daß ſie, ohne die Aehnlichkeit mit ihren ſonſt gewoͤhnlichen Zuͤgen zu verlieren, nur ge⸗ reizter und wilder ausſahe. Ihre Augen ſchie⸗ nen ſich zu verduͤſtern und in Unwille zu gluͤ⸗ hen, und leichte Zuckungen liefen uͤber das Ge⸗ ſicht, gleich als ob ſie im Begriff ſei, ſich in eine fuͤrchterliche Erſcheinung umzuwandeln. Ih⸗ re Zuͤge glichen denen eines Menſchen, der ſei⸗ ne Einbildungskraft durch Laudanum erhitzt hat. Sie ſind nicht mehr in ſeiner Gewalt, ſondern arten, ſo ſchoͤn ſie an ſich ſeyn moͤgen, in das Wilde, Groteske aus, ohne daß es der Menſch verhindern kann. Als jedoch Halbert ſeine kuͤhne Rede geen⸗ digt hatte, ſtand die weiße Frau vor ihm, mit demſelben bleichen, ſtarren, melancholiſchen Bli⸗ cke, den ſie gewoͤhnlich zeigte. Er hatte erwar⸗ 71 tet, die Gemuͤthsbewegung, die ſie verrieth, moͤch⸗ te ſich mit einer furchtbaren Verwandlung am Ende kund geben; allein ſie faltete die Arme uͤber der Bruſt und antwortete folgendermaßen: Heil, kühner Jüngling, Dir! Daß, als Du mich riefſt am düſtern Orte, Das Herz Dir nicht bebte, der Muth nicht entwich, Und daß Du ertrugſt mit Blicken ſo hell Und heiter, die düſtern und kummervollen Der von Avenel!. Wenn nur ein Beben Dein Körper verrieth, Nur ein leichtes Zucken Dein Augenlied, So warſt Du unrettbar verloren! und obgleich ich gebildet aus Aethers Blau Und mein Blut iſt ungefallener Thau, Obgleich Dein Körper aus Staub nur geworden Darfſt Du doch fragen, ich nur antworten!— „So frage ich Dich denn,“ ſagte der Juͤngling: „durch welchen Zauber bin ich denn ſo in meiner Geſinnung und meinen Wuͤnſchen verwandelt worden, daß ich nicht laͤnger an Wild oder Hunde, Pfeile und Bogen denke, daß meine Seele immer uͤber die Grenzen dieſes engen Thales hinausſtrebt, daß mein Blut kocht bei der Beleidigung eines Menſchen, an deſſen „2 Steigbuͤgel ich ſonſt laufen waͤre, zufriede auch nur ein Wort zuge ganze Tage mit herumge⸗ n und geehrt, wenn er mir wendet haͤtte? Warum it Fuͤrſten und Rittern und Edlen Bin ich noch Derſelbe, der ich und in ruhiger Dunkelheit, und heut aufgewacht zu Ruhm und Ehrgeiz? Sprich! Sage mir, wenn Du kannſt, was be⸗ deutet dieſe Verwandlung? Bin ich jetzt durch Zauber gebunden⸗ oder war ich es bisher, daß ich mich als ein an noch daſſelbe bin? S Dein Einfluß⸗ der mich a ſuche ich jetzt m zu verkehren? geſtern war⸗ ſchlummer prich, ſage mir, iſt es lſo umgewandelt hat?“ Die weiße Frau erwiederte: t'gerer Zaub'rer, als ich bin, Macht über Welten hin! Er ſchuf den Adler, der Wolken theilt, Und die Turteltaub', die in Büſchen weilt; Vielfach an Geſtalt, doch mächtig vor Allen Lenkt er das Menſchenherz nach Gefallen, Vom Guten zum Böſen, vom Böſen zum Guten b ſie in Hütten, oder in Schlöſſern ruhten!— Ein mäch Erſtreckt ſeine „Rede nicht ſo dunke deres Weſen fuͤhle, und doch Ibn verſehte der Juͤng⸗ ling, und ſein Geſicht, Nacken und Haͤnde⸗ 4 wur⸗ ☛ mir auch verſtaͤndlich, was Du ſyrichſt“ Der Geiſt antwortete: Frage Dein Herz, deſſen heimliche Zell Iſt erfüllt mit Marien von Avenel! Frag Deinen Stolz, warum ſein Blick Vor Mariens Antlitz bebt ſcheu zurück! Frag' ihn, warum Du Dich ſuchſt zu erheben, um unter Weiſen und Mächt'gen geehrt zu leben! Warum Du Dein niedriges Loos verachteſt Und Deiner Zeitvertreibe nicht achteſt! Warum Du im blutigen Kampf' Dein Leben Ausſetzen willſt, Dein Geſchick zu erheben! Frage Dein Herz, es wird's Dir ſagen Seufzend aus ſeiner geheimſten Zell: Es iſt für Marien von Avenel! „Nun denn,“ ſagte Halbert, deſſen Wange noch dunklere Roͤthe uͤbergoß:„weil Du mir denn ent⸗ huͤllt haſt, was ich mir ſelbſt nicht zu geſtehen wagte, auf welche Weiſe ſoll ich meine Leiden⸗ ſchaft zu erkennen geben, ihr Befriedigung ſchaffen?“ Die weiße Frau antwortete: So, Sterblicher! darfſt Du mich nicht fragen? Ueber ſolche Dinge weiß ich nichts zu ſagen. D. Kloſter. II. D 8 73 wurden wie mit Blutfarbe uͤberzogen:„mache Wir ſehen in unbewegter Ruh' Den Wogen der menſchlichen Leidenſchaft zu, Wie des Menſchen Auge des Nordlichts Schein, Wenn er glänzt in das Dunkel der Nacht herein, Mit Erſtaunen erblicket, doch weiter nicht Einen Einfluß verſpürt von dem wechſelnden Licht. „Aber Dein eigenes Geſchick, erwiederte Halbert: „iſt doch, wenn die Menſchen nicht ſehr irren, mit dem der Sterblichen verbunden?“ Die Erſcheinung antwortete darauf: Geheimnißvolle Bande ſind's, die uns Mit dem Geſchlecht der Menſchen ſtreng verbinden. Der Stern, der aufging über Avenels Haus, Als Normann Ulrich dieſen Namen einſt Zuerſt annahm, der Stern ließ, als am höchſten Er glänzt', aus ſeinem Kreiſe einen Tropfen Demantnen Thau's herniederfallen, und ihn nahm Der Quell hier auf— ſogleich erhob ein Geiſt Sich aus dem Quell, und ſein Geburtstag hängt Zuſammen mit dem Hauſe Ayenel und mit dem Sterne, welcher es beherrſch t!— „Sprich deutlicher!“ verſetzte der junge Glen⸗ dinning:„von Allem dieſen verſtehe ich nichts. Sage, was hat das geheimnißvolle Band des Geſchickes, wodurch das Haus von Ayenel mit —— 75 Euch zuſammenhaͤngt, geknuͤpft? Sprich, wel⸗ ches Schickſal iſt noch uͤber dieſes Haus ver⸗ haͤngt?“ Die weiße Frau antwortete folgendes: Schau hier in meinem Gürtel dieſen Faden Vom feinſten Gold, es ruht ein Zauber drinn, Kaum mag er noch die Falten meines Kleides, So fein ſie ſind, zuſammenhalten. Erſt, Als er geſchenkt mir ward, da war er Wie eine ſtarke Kette, die den Helden Judäa's ſelbſt, als ſeine Locken noch Am längſten waren, feſſeln mochte, Jetzt Hat ihre Stärke ſie verloren, da 1 Die Größe ſank des Hauſes Avenel. Wann dieſer ſchwache Faden bricht, dann geb' ich Den Elementen die Atome wieder, Die ſte zu meinem Leben mir geliehen. Frag' mich nichts mehr! der Stern verbietet es: „So kannſt Du alſo doch in den Sternen le⸗ ſen,“ ſagte der Juͤngling;„verkuͤnde mir denn das Schickſal meiner Liebe, wenn Du ſie nicht beguͤnſtigen kannſt!“ Die weiße Frau erwiederte abermals: Matt glänzt der Stern des Hauſes Avenel, Matt wie das Feuer im Leuchtthurm, wenn der Morgen D 2 75— Sich naht, und ſchläfrig ſich der Wächter Entfernt. Ein furchtbar unglücksvoller 4 Einfluß drückt nieder ſeinen Lauf. Sein Anblick Verkündet unglücksvolle Leidenſchaft, Stolz, Haß des Nebenbuhlers, und ſo ſinkt Des Hauſes Glück... „Nebenbuhler!“ entgegnete Glendinning:„al⸗ ſo war meine Befuͤrchtung doch gegruͤndet! Aber ſoll denn dieſer engliſche Seidenwurm, es ſich herausnehmen duͤrfen, mich in dem Hauſe mei⸗ nes Vaters und in Mariens von Avenel Gegen⸗ wart zu verhoͤhnen? Laß mich mit ihm zuſam⸗ mentreffen, Geiſt! Hebe die eitle Unterſchei⸗ dung des Ranges auf, um derentwillen er mir den Zweikampf verweigert, ſtelle uns auf glei⸗ chen Fuß, und moͤgen dann die Sterne ſcheinen wie ſie wollen, das Schwert meines Vaters ſoll ſchon ihren Einfluß ausgleichen.“ Sie antwortete eben ſo ſchnell als vorher: Klage mich nicht an, Du des Staubes Kind, Wenn meine Ohren Deinem Kummer verſchloſſen ſind. Wir, die hoch über Eurer Sphäre ſchweben, Zennen Liebe und Haß nicht in Eurem Leben. Wie Weisheit oder Thorheit Dein Weſen lenkt⸗ Meine Gabe Dir Gutes oder Böſes ſchenkt. * 77 „Laß mich meine Ehre einloͤſen!“ Sagte Hal⸗ bert Glendinning:„laß mich meinem ſtolzen Ne⸗ benbuhler die Beleidigungen zuruͤckgeben, die er auf mich gehaͤuft hat, und das Uebrige mag kommen, wie es will. Kann ich das erlittene Unrecht raͤchen, dann werde ich ruhig ſchlafen, und Alles vergeſſen.“ Die Erſcheinung unterließ nicht, ſich alſo vernehmen zu laſſen:— Treffen Piercie Shafton's Prahlereien Dein Ohr, So halt ihm dieſes Geſchenk nur vor!— Vom Quell entweicht der Sonne Bild, Leb' wohl, leb' wohl, Dein Wunſch iſt erfüllt. Mit dieſen Worten loͤſte ſie eine ſilberne Nadel aus ihrem Haar und uͤbergab ſie Halbert Glendinning, dann ließ ſie ihre zerſtreuten Lo⸗ cken gleich einen Schleier um's Haupt fallen, und nun verſchwand ſie, indem die Zuͤge ihrer Geſtalt immer blaͤſſer und blaͤſſer wurden, bis ſie nicht mehr ſichtbar waren. Wir gewoͤhnen uns zuletzt auch an Wunder, allein der Juͤngling ſtand jetzt an dem Quell, beim Verſchwinden der Geſtalt, doch nicht, ohne, wenn auch in geringerem Grade, jene heftige Bewe⸗ gung zu empfinden, die ihm das erſte Erſchei⸗ nen verurſacht hatte. Ein Zweifel druͤckte ſein Gemuͤth, nemlich ob es gerathen ſei, ſich der Ga⸗ be eines Geiſtes zu bedienen, der ſelbſt nicht Anſpruch darauf machte, zu den Engeln gerech⸗ net zu werden, und der vielleicht in einer noch ſchlimmern Verwandtſchaft ſtand, als er ſelbſt bekannte.„Ich will doch mit Eduard davon ſpre⸗ chen,“ ſagte er:„der iſt ja ſchon ein halber Geiſt⸗ licher, und wird mir rathen koͤnnen. Aber Eduard iſt zu bedenklich, zu vorſichtig.— Nein! Ich werde die Gabe an Sir Pierey pruͤfen, ſobald er mich wieder beleidigt; der Erfolg muß es ja lehren, ob Gefahr dabei iſt oder nicht. Nach Hauſe alſo, nach Hauſe! bald werde ich erfahren, ob ich dieſe Heimath noch laͤnger be⸗ halten ſoll; denn Beſchimpfungen ertrage ich nicht mehr, mit dem Schwerte meines Vaters an der Seite, und Marien als Zuſchauerin mei⸗ ner Kraͤnkung.“ Viertes Kapitel. De Sitten der Zeit erlaubten den Bewohnern von Glendinning nicht, an dem Mahle Theil zu nehmen, das in dem Speiſezimmer des alten Thurms fuͤr den Lord Abt und ſein Gefolge, ſo wie fuͤr Sir Piercie Shafton, aufgetragen wur⸗ de. Dame Glendinning wurde ſowohl durch ihren niedern Stand, als durch ihr Geſchlecht davon ausgeſchloſſen, denn es war eine, wenn auch zuweilen uͤbertretene Regel, daß der Su⸗ perior des Kloſters zur heiligen Jungfrau nicht in weiblicher Geſellſchaft ſpeiſen durfte. Bei Marien von Avenel und Eduard Glendinning traten dieſelben Gruͤnde ein; allein es gefiel dem Herrn Abt ihre Anweſenheit in dem Zimmer zu begehren, und ihnen uͤber den gaſtfreundlichen Empfang und die ſchnellen Anſtalten zur Bewir⸗ thung, einige freundliche Worte zu ſagen. Der dampfende Wildpretsbraten ſtand ſchon auf dem Tiſche; der Refektoriumsaufſeher befe⸗ 80— ſtigte dem Abte eine Serviette, weiß wie Schnee, unter dem Kinne, und es fehlte zum Anfange der Mahlzeit nichts weiter, als Sir Piercie Shaf⸗ ton. Der erſchien endlich, ſtrahlend, wie die Sonne, in einem ſleiſchfarbenen ſammtenen Wamms, vorgeſtoßen und ausgeputzt mit ſilber⸗ nen Treſſen und Schnuͤren; der Huth war von der neueſten Form, rings eingefaßt mit einem Bande von maſſivem Golde; um den Hals trug er eine goldene Kette, mit Rubinen und Topa⸗ fen beſetzt, und zwar ſo reich, daß ſeine Aengſt⸗ lichkeit wegen der Sicherheit ſeines Gepaͤckes ſehr erklaͤrlich wurde, und nicht bloß ſeiner Putz⸗ ſucht zugeſchrieben werden konnte. Dieſe unge⸗ heure Kette, aͤhnlich denen, welche Ritter vom hoͤchſten Range zu tragen pflegten, ſiel weit auf die Bruſt herunter, und unten hing ein Me⸗ daillon daran. Wir haben auf Euch gewartet, Sir Piercie Shaſton, ſagte der Abt, und nahm ſchnell ſei⸗ nen Platz in dem großen Stuhle ein, den der Kuͤchenmeiſter ſogleich an den Tiſch anſchob. „Ich bitte ſehr um Verzeihung, hochwuͤrdiger Vater und Herr,“ verſetzte der Hofmann:„ich habe mir nur ſo viel Zeit genommen, meine “ 3² Reiſekleider abzulegen und mich auf eine ſolche Art zu kleiden, welche beſſer fuͤr dieſe achtungs⸗ werthe Geſellſchaft paßt.“ Ich muß Eure Artigkeit loben, Herr Ritter, ſagte der Abt: ſo wie auch Eure Klugheit, daß Ihr die rechte Zeit gewaͤhlt habt, um in ſol⸗ chem Schmucke zu erſcheinen, denn waͤre dieſe goldene Kette auf einem Theile Eures letzten Weges ſichtbar geworden, ſo haͤtte leicht der rechtmaͤßige Beſitzer Geſellſchaft finden koͤnnen, die ebenfalls Anſpruͤche darauf gemacht haͤtte. „Dieſe Kette, hochwuͤrdiger Herr,“ verſetzte Sir Piercie:„iſt Etwas ſehr Unbedeutendes; auf dieſen Wamms nimmt ſie ſich noch leidlich aus, allein, wenn ich das dunkelbraune von dem fein⸗ ſten Genueſer Sammt trage, mit koͤſtlichem Pelz⸗ werk aufgeſchlagen und mit Edelſteinen beſetzt, welche auf dem dunkeln Grunde des Stoffes, wie Sterne leuchten, die durch finſtere Wolken ſchimmern, dann.. Ich zweifle nicht im Geringſten daran, ſag⸗ te der Lord Abt: allein ich bitte Euch jetzt, Platz zu nehmen!— Aber Sir Piercie war nun in ſein Element gerathen und ließ ſich nicht leicht unterbrechen. 3²— „Ich geſtehe/ fuhr er fort:„daß, ſo unbedeutend auch die Kette iſt, ſie doch wohl eine Verſu⸗ chung fuͤr Julian haͤtte werden koͤnnen... Heilige Jungfrau, was habe ich ſagen wollen“ unterbrach er ſich ſelbſt:„und zwar in Gegenwart meiner reitzenden und ſchoͤnen Protektion, oder ſoll ich beſſer ſagen, Diskretion?—— Es wuͤr⸗ de ſehr indiskret geweſen ſeyn von Eurer Affa⸗ bilitaͤt, meine liebenswuͤrdige Diskretion, wenn ich ein verirrtes Wort aus der Umzaͤunung meines Mundes haͤtte wollen hervorbrechen laſ⸗ ſen, welches dann vielleicht die Schranken der Hoflichkeit uͤberſprungen und einen Einfall ins Gebiet des Schicklichen gethan haben wuͤrde!“ Ach! Spaß! ſagte der Abt ein wenig un⸗ geduldig: die groͤßte Diskretion, die ich hier finden kann, iſt, unſere Speiſen warm zu ver⸗ zehren. Vater Euſtach, ſprecht das Benedicite, und zerlegt dann den Braten! Den erſten Theil des Befehles vollzog der Unterprior ohne Bedenken, allein bei dem zwei⸗ ten nahm er ein wenig Anſtand.„Es iſt Frei⸗ tag, hochwuͤrdiger Vater,“ ſagte er lateiniſch, da⸗ mit der Wink wo moͤglich, nicht von den Frem⸗ den verſtanden werden moͤchte. 83 Wir ſind ja Reiſende, verſetzte der Abt und viatoribus licitum est... Ihr kennt ja die Regel— ein Reiſender muß jede Koſt genie⸗ ßen, die das harte Schickſal ihm auftiſcht. Ich bewillige Euch Allen Dispenſation, heute Fleiſch zu eſſen, unter der Bedingung, daß Ihr, lieben Bruͤder, das Confiteor ſprecht bei der Abendhora, und daß der Ritter ein Allmo⸗ ſen gebe nach Vermoͤgen, auch daß Ihr Alle Euch des Fleiſches enthaltet an einem Tage des naͤchſten Monats, der Euch dazu am bequemſten iſt. Genießt daher Eure Koſt ruhig und unbe⸗ ſorgt, und Ihr, Vater Refektoriumsaufſeher, da Mixtus! Indeß der Abt ſo die Bedingungen be⸗ ſtimmte, unter denen er ſeine Dispenſation er⸗ theilen wollte, hatte er ſchon ein gutes Stuͤck des trefflichen Bratens verzehrt, und ſpuͤlte es mit einem Becher Rheinweins, maͤßig mit Waſ⸗ ſer vermiſcht, hinunter. „Ja! ja! es iſt wohl wahr,“ ſagte er, und verlangte von dem Vorſchneider noch ein Stuͤck: „die Tugend belohnt ſich ſelbſt! Denn ob dieſes gleich nur ein aͤrmliches, in Eil zubereitetes Mahl iſt, und in einem ſchlechten Zimmer ge⸗ 84½ noſſen wird, kann ich mich doch nicht erinnern, einen ſolchen Appetit gehabt zu haben, ſeit ich gemeiner Bruder in dem Kloſter Dundrennan geweſen bin, und gewohnt war in dem Garten von Morgen bis zur Veſper zu arbeiten, indeß der Abt das Cymbalum ſchlug. Da hatte ich denn tuͤchtigen Hunger und Durſt— da mihi vi- num quaeso, et merum sit— und genoß Alles was mir vorgeſetzt ward mit dem groͤßten Ap⸗ petite, es mochte ein Feſt⸗ oder Faſttag ſeyn(ca- ritas oder poenitentia) es war ganz daſſelbe! Veber meinen Magen durfte ich nicht klagen; jetzt verlangt er freilich die Unterſtuͤtzung des Weines und der feinern Kochkunſt, um meine Koſt dem Gaumen angenehm und leicht verdau⸗ lich zu machen.“ 3 So ein gelegentlicher Ritt, heiliger Vater, ſagte der Unterprior: nach dem aͤußerſten Ende von dem Kloſterbezirke, moͤchte wohl auf Eure Geſundheit denſelben gluͤcklichen Einfluß haben, als die Luft in dem Garten von Dundrennan. „Vielleicht,“ ſagte der Abt:„koͤnnen uns, mit Huͤlfe unſerer Schutzpatronin, dergleichen Wan⸗ derungen erſprießlich ſeyn, nur muß man ein ſorgſames Auge darauf richten, daß das Wild —— * 3 8⁵ fuͤr uns von einem Jaͤger geſchoſſen wird, der ganz Meiſter in ſeiner Kunſt iſt.“ Wenn der Herr Abt mir erlauben, ſagte der Kuͤchenmeiſter: ſo duͤnkt mich, waͤre es das Beſte, Eure Herrlichkeit uͤber dieſen Punkt zu beruhigen, wenn Sie den aͤlteſten Sohn der guten Frau von Glendinning, die hier eben uns die Aufwartung macht, als Yeoman oder Leibjaͤger in Dienſte nehmen wollten. Er ver⸗ ſteht ſich darauf, was zum Schuß eines Stuͤckes Wild gehoͤrt, und ich kann betheuren, daß we⸗ der ich, noch ein anderer coquinarius, einen ſo trefflich abgeſchoſſenen Bolzen geſehen haben. Gerade das Herz des Thieres hatte er getroffen. Was erhebt Ihr nur den einen Schuß, Va⸗ ter, ſagte Sir Piercie Shafton: der macht ge⸗ rade eben ſo wenig einen guten Schuͤtzen, als eine Schwalbe den Sommer; ich habe den Purſchen, von dem Ihr da ſprecht, auch geſehen! Ja, wenn ſeine Hand Pfeile und Bolzen mit eben der Kuͤhnheit abſchießt, als ſeine Zunge unziemliche Reden von ſich giebt, ſo mag ich ihn wohl fuͤr einen eben ſo guten Schuͤtzen hal⸗ ten, als Robin Hood geweſen. „Die Sache iſt wichtig!“ ſagte der Abt:„die 86 Frau ſelbſt ſoll uns die Wahrheit ſagen, denn wir wuͤrden ſehr uͤbel berathen ſeyn, wenn wir hier zu vorſchnell handelten, und die Gaben, die uns der Himmel und unſere Frau zukommen laſſen will, durch Ungeſchicklichkeit fuͤr den Ge⸗ brauch wuͤrdiger Menſchen verdorben werden ſollten. Tretet alſo hervor, Dame Glendinning, und ſagt uns, als Eurem Lehnsherrn und geiſt⸗ lichen Obern, ohne Scheu und Furcht und oh⸗ ne Gunſt oder Ruͤckſicht in einer uns ſo leb⸗ haft intereſſirenden Sache: Verſteht Euer Sohn den Bogen ſo gut zu brauchen, als der Kuͤchen⸗ meiſter behauptet 2“ Ach! verſetzte Dame Glendinning, mit ei⸗ ner tiefen Verbeugung, ich habe von dem Bo⸗ genſchießen ſchon Etwas erfahren, leider aber, auf meine Koſten, denn mein Mann, Gott hab' ihn ſelig, wurde durch einen Bogenſchuß auf dem Schlachtfelde von Pinkie getoͤdtet, als er unter der heiligen Kirche Fahnen focht, wie es einem treuen Lehnsmanne des Heiligthums ge⸗ ziemt. Er war ein tapferer und rechtſchaffener Mann, und wenn er nicht einen Biſſen Wild⸗ pret geliebt, und zuweilen Etwas fuͤr ſeinen Le⸗ bensunterhalt erliſtet haͤtte, wie das wohl die 87 Grenzreuter manchmal thun, ſo waͤre keine Suͤn⸗ de an ihm geweſen. Und, ob ich gleich Meſſe fuͤr Meſſe mit vierzig Schillingen bezahlt habe, außer einem Scheffel Weitzen, bin ich doch nicht ganz gewiß, ob ſeine Seele auch aus dem Fe⸗ gefeuer erldſt iſt. „Dame!“ ſagte der Lord Abt:„das ſoll ganz genau unterſucht werden; wenn Dein Ehemann, wie Du ſagſt, wirklich in einem Streite der Kirche, und unter ihren Fahnen fiel, ſo kannſt Du Dich darauf verlaſſen, daß wir ihn bald herausbekommen, vorausgeſetzt, daß er ſich wirk⸗ lich drinnen befindet. Aber jetzt wollten wir nicht von Deinem Manne, ſondern von Dei⸗ nem Sohne ſprechen, nicht von einem erſchoſſe⸗ nen Schotten, ſondern von einem erſchoſſenen Wilde.— Daher antworte mir nur auf die Fra⸗ ge:„Iſt Dein Sohn ein geuͤbter Bogenſchuͤtze, oder iſt er's nicht 29 Ach! hochwuͤrdiger Herr, verſetzte die Witt⸗ we: es wuͤrde beſſer um die Beſtellung meiner Felder ſtehen, wenn ich Euer Hochwuͤrden ſagen koͤnnte, er iſt es nicht. Geuͤbter Schuͤtze! ach, heiliger Vater, ich wollte er triebe Etwas An⸗ deres.— Armhruſt, Bogen, Feuergewehr, das 88 iſt ihm Alles eins. Wenn es dem ſehr verehr⸗ ten Herrn Edelmann hier, unſerm Gaſte, gefal⸗ len wollte, ſeinen Huth auf ungefaͤhr Hundert Schritte hinzuhalten, unſer Halbert wuͤrde ihn ſicherlich mit Bolzen oder Kugel durchſchießen, (nur muͤßte der Herr nicht wanken, ſondern recht feſt halten) und ich wette dazu, er verletzt ihm ſonſt nicht ein Band an ſeiner Kleidung. Ich habe geſehen, daß das der alte Martin oft ge⸗ than hat, wie ſich auch der Herr Unterprior ge⸗ faͤlligſt erinnern wird. Das werde ich gewiß nicht vergeſſen! ſagte Vater Euſtach: und ich wußte nicht, was ich mehr bewundern ſollte, die Haltung des zielen⸗ den Juͤnglings, oder die Feſtigkeit des alten Zie⸗ les. Indeſſen mag ich doch dem Sir Piercie Shafton nicht rathen, ſeinen theuern Caſtor⸗ hut oder ſeine noch theurere Perſon einer ſol⸗ chen Gefahr auszuſetzen, wenn er nicht etwa eine ganz beſondere Luſt dazu hat. Nein! das iſt gar nicht der Fall! ſagte Sir Piercie ſchnell: Nein! Nein! heiliger Vater, gewiß nicht! Ich ziehe die Eigenſchaften des jungen Menſchen gar nicht in Zweifel. Aber Bogen ſind nur Holz, Sehnen nur Flachs oder 39 hoͤchſtens Exkremente des Seidenwurms; Bogen⸗ ſchuͤtzen ſind nur Menſchen, Finger koͤnnen ab⸗ gleiten, Augen geblendet werden, ſo daß der Blinde oft das Ziel trifft, und der beſte Zieler um eines Bogens Laͤnge daneben ſchießt. Da⸗ her wollen wir doch in keine gefaͤhrlichen Erpe⸗ rimente machen. „Ganz nach Eurem Gefallen, Sir Piereie,“ ſagte der Abt:„unterdeſſen wollen wir den jun⸗ gen Menſchen zum Bogenſchuͤtzen in dem Wal⸗ de ernennen, den uns der gute Koͤnig David verliehen hat, damit die Jagd unſere ermatte⸗ ten Lebensgeiſter erfriſche, das Fleiſch des Wil⸗ des unſere armen Bruͤder ſtaͤrke, und die Haͤute die Buͤcher unſerer Bibliothek einſchließen, und ſo die Erhaltung von Seele und Leib zugleich beruͤckſichtigt werde.“ Knieet nieder, Weib, Knieet nieder! ſag⸗ te der Refektoriumsaufſeher und der Kuͤchen⸗ meiſter faſt zugleich zur Dame Glendinning: und kuͤßt dem Herrn Abte die Hand fuͤr die Gnade, die er Euerm Sohne erwieſen hat. Sie ſingen nun an, gleich als ob ſie in der Kirche ſaͤngen, in einer Art von Duett, alle Vor⸗ theile ſeiner Stelle auseinander zu ſetzen. ———ʒÿʒ—— 90 „Ein gruͤnes Kleid und ein Paar lederne Beinkleider zu jedem Pfingſten,“ ſagte der Kuͤ⸗ chenmeiſter.“ „Vier Mark Silbers jaͤhrlich zu Lichtmeſſe,“ erwiederte der Refektoriumsaufſeher. „Ein huͤbſches Faͤßchen Doppelbier zu Mar⸗ tini, und vom einfachen ſo viel er will, je nachdem er ſich mit dem Kellermeiſter einver⸗ ſteht.“— „Ach! das iſt ein honetter Mann,“ ſagte der Abt:„und wird einen thaͤtigen Diener des Kloſters nicht verkuͤmmern laſſen.“ „Eine Portion Fleiſchbruͤhe mit Schoͤpſen⸗ oder Rindfleiſch an jedem Feiertage, nach des Kuͤ⸗ chenmeiſters Gefallen,“ ſagte dieſer.—„Weide fuͤr zwei Kuͤhe und ein Pferd auf den Wieſen unſerer Frau,“ fuhr der Bruder Aufſeher fort. „Eine Ochſenhaut jaͤhrlich zu Stiefeln,“ er⸗ wiederte der Kuͤchenmeiſter⸗—„Und noch viel an⸗ dere Sachen, quae nunc praescsibere longum,“ ſagte der Abt, und faßte ſo mit ſeiner eigenen herrſchaftlichen Stimme alle Vortheile zuſam⸗ mmen, welche ein Bogenſchuͤtz des Kloſters in Anſpruch nehmen durfte. Dame Glendinning lag waͤhrend der b1. 9¹ zen Unterhaltung auf den Knieen und wandte den Kopf mechaniſch von einem Sprechenden zum andern. Als ſie fertig waren, kuͤßte ſie die wohlthaͤtige Hand des Abtes; allein da ſie Hal⸗ berts Halsſtarrigkeit in manchen Punkten kann⸗ te, ſo konnte ſie ſich nicht enthalten hinzuzu⸗ fuͤgen, daß ſie hoffe, Halbert werde die Weis⸗ heit und Milde des Lord Abts zu ſchaͤtzen wiſ⸗ ſen, und ſie dankbarlichſt annehmen. „Wie?“ ſagte der Abt, die Augenbraunen zu⸗ ſammenziehend:„hoffen? annehmen? Weib, iſt Dein Sohn bei Sinne?“ Elspeth, erſchrocken uͤber den Ton, womit der Abt dieſe Worte ausſprach, war nicht im Stande darauf zu antworten. Haͤtte ſie aber auch antworten wollen oder koͤnnen, ſo haͤtte man ſie kaum vernehmen moͤgen, denn es be⸗ liebte den beiden Wuͤrdentraͤgern des Abts ih⸗ ren Dialog von Neuem zu beginnen. „Nicht annehmen?“ ſagte der Kuͤchenmeiſter. „Nicht annehmen?“ klang es im Echo von dem Munde des Refektoriumsaufſehers, jedoch in einem Tone noch lauterer Verwunderung. „Nicht annehmen vier Mark des Jahres,“ rief der Eine. 92 „Und Doppelbier und einfaches, und Brod und Fleiſch, Futter fuͤr Kuͤhe und Pferde?“ der Andere.. „Rock und Hoſen zs begann wieder jener. „Still einen Augenblick! mein Bruder!“ erwiederte der Unterprior:„laßt uns nicht ſo er⸗ ſtaunen, ehe wir die Urſache unſerer Verwun⸗ derung unterſucht haben. Die gute Frau kennt doch am Beſten den Geiſt und die Neigungen ihres Sohnes; ſo viel kann ich ſelbſt ſagen, daß er keinesweges zur Wiſſenſchaft und Gelehrſam⸗ keit Neigung bezeigt, und daß ich mich verge⸗ bens bemuͤht habe, ihm ſolche einzufloͤßen. Dem⸗ ohngeachtet iſt er ein junger Menſch von nicht gemeinen Gaben, allein er gleicht, nach meiner geringen Meinung, denen, welche Gott zuwei⸗ len unter einem Volke erweckt, wenn er ſeine Befreiung durch die Staͤrke des Armes und Tapferkeit des Herzens bewirken will. Solche Menſchen zeigten oft etwas Widerſpenſtiges und Hartnaͤckiges in ihrem Charakter, welches denen, unter denen ſie verweilten, und mit denen ſie umgingen, als Unbeugſamkeit und Stupiditaͤt erſchien, bis endlich die Gelegenheit eintrat, wo — 93 der Wille der Vorſehung ſie als Werkzeuge zu Ausfuͤhrung großer Dinge brauchen wollte.“ Ihr habt Recht, Vater Euſtach, ſagte der Abt: und wir wollen den jungen Menſchen erſt in Augenſchein nehmen, ehe wir uns uͤber die Art, ihn zu brauchen, entſcheiden. Was ſagt Ihr denn, Sir Piercie Shafton, iſt es nicht Sitte am Hofe, den Mann fuͤr das Amt, und nicht das Amt fuͤr den Mann zu ſuchen? „Mit Eurer Herrlichkeit und Hochwuͤrden Erlaubniß,“ verſetzte der Ritter aus Northum⸗ berland:„ich billige zum Theil, das heißt ge⸗ wiſſermaßen, was Eure Weisheit ſo eben geaͤu⸗ ßert hat. Demohngeachtet ſehen wir uns, mit Erlaubniß des Herrn Unterprior, nach tapfern Anfuͤhrern und Befreiern von Nationen nicht un⸗ ter der Hefe des ganz gemeinen Volkes um. Glaubt mir, wenn ſich auch in dem jungen Menſchen Spuren eines kriegeriſchen Geiſtes zei⸗ gen, die ich ihm keinesweges abſtreiten will(ob ich gleich ſelten bemerkt habe, daß Stolz und Anmaßung am Ende durch That und Handlung gut gemacht worden iſt) ſo werden dieſe doch nicht im Stande ſeyn, ihn anderswo als in ſei⸗ ner eigenen, beſchraͤnkten Sphaͤre auszuzeichnen, 94 ſo wie der Gluͤhwurm, der ſich zwar recht gut ausnimmt auf dem Graſe und im Geſtraͤuche, auf einem Leuchtthurme gar nicht an ſeiner Stelle ſeyn wuͤrde.“ „Hier kommt ja der Jüngling ſelbſt/“ ſagte der Unterprior: nun koͤnnen wir mit ihm ſpre⸗ chen.— Er ſtand nehmlich gerade dem Fenſter gegenuͤber, und konnte wahrnehmen, wie Hal⸗ bert eben den kleinen Huͤgel herauffieg⸗ auf dem der Thurm ſtand. „Er moͤge vor uns erſcheinen!“ ſagte der Lord Abt, und mit Blicken des Gehorſams ent⸗ fernten ſich ſogleich zwei Moͤnche aus ſeinem Gefolge, ſeinen Befehl zu vollziehen. Dame Glendinning ſprang ebenfalls fort, theils um einen Augenblick zu gewinnen, ihrem Sohne Ge⸗ horſam zu empfehlen, theils um ihn zu bewe⸗ gen, ſeine Kleidung zu wechſeln, ehe er ſich dem Abte vorſtellte. Allein der Kuͤchenmeiſter und ſein College hatten Halbert ſchon jeder an einem Arme gefaßt, und fuͤhrten ihn in Triumph in's Gemach, ſo daß die Mutter nur ausrufen konn⸗ te:„Ach! wenn er doch nur die Sonntagsho⸗ ſen angehabt haͤtte!“ So beſchraͤnkt und demuͤthig auch dieſes — 95 Verlangen war, ſo ließ es das Schickſal doch nicht erfuͤllt werden, ſondern Halbert Glendin⸗ ning mußte ohne den Sonntagsputz vor den Abt treten. Indeſſen lag doch in ſeiner Erſcheinung Etwas, was ihm eine Art von Achtung von Sei⸗ ten der Geſellſchaft errang, von der der groͤßte Theil ihn eher mit Stolz und Verachtung zu behandeln geneigt war. Die Beſchreibung ſei⸗ nes Eintritts und ſeiner Aufnahme aber muͤſſen wir fuͤr das naͤchſte Kapitel verſparen. Fünftes Kapitel. Wir muͤſſen jetzt eine kurze Zeit auf dem Be⸗ nehmen und aͤußern Anſehen des jungen Glen⸗ dinning verweilen, ehe wir ſeine Unterredung mit dem Abte des Kloſters der heiligen Jung⸗ frau in dieſem entſcheidenden Momente ſeines Lebens beſchreiben. 8 Halbert war jetzt ohngefaͤhr neunzehn Jahr alt, mehr ſchlank und beweglich, als ſtark und muskuloͤs, indeſſen zeigte ſein Koͤrperbau doch eine Feſtigkeit der Glieder, welche große Kraft verſprach, wenn ſein Wuchs vollendet und gaͤnz⸗ lich ausgebildet ſeyn wuͤrde. Er war vollkom⸗ men wohl gebaut, und beſaß, wie viele Maͤn⸗ ner, denen dieſer Vorzug eigen iſt, eine natuͤr⸗ liche Grazie und Anmuth in Haltung und Be⸗ nehmen, welche machte, daß ſeine Laͤnge nicht fuͤr den ausgezeichnetſten Theil ſeines Aeußern gehalten wurde. Erſt dann, wenn man ſeine Geſtalt mit der der Andern, unter welchen er ſich .. — 97 ſich befand, verglich, wurde man aufmerkſam darauf, daß er faſt ſechs Fuß groß war. In Hinſicht der Vereinigung ungewoͤhnlicher Laͤnge mit vollkommenem Ebenmaße, wahrer Anmuth und Leichtigkeit des Benehmens, hatte der junge Erbe von Glendinning, trotz ſeiner niedern Her⸗ kunft und Erziehung, doch Vieles vor Sir Pier⸗ eie Shafton ſelbſt voraus, deſſen Statur etwas kleiner war, und deſſen Glieder, wenn ſich auch gerade nichts Beſtimmtes gegen ſie einwenden ließ, doch minder regelmaͤßig gebildet waren. Dafuͤr aber gab dem Pierceie Shafton ſeine ſchoͤ⸗ ne Haltung ſo wohl als die Regelmaͤßigkeit der Geſichtszuͤge, ſo wie die glaͤnzende Farbe der Haut einen entſcheidenden Vorzug vor jenem, deſ⸗ ſen Zuͤge mehr ſtark bezeichnet, als ſchoͤn zu nen⸗ nen waren, und auf deſſen Haut der Einfluß der Sonne und des Wetters, dem er unaufhoͤr⸗ lich ausgeſetzt war, ſich ſo abdruͤckte, daß man das Roth und Weiß in dem Nußbraun gar nicht wieder erkannte, welches nun Wangen, Nacken und Stirn auf gleiche Weiſe bedeckte, und auf der letztern ſogar in eine dunkle Gluth uͤberging. Halberts Augen machten den aus⸗ drucksvollſten Theil ſeines Geſichts aus. Sie D. Kloſter. II. E 98 waren groß und von braͤunlicher Farbe, und glaͤnzten im Augenblicke ſtarker Gemuͤthserre⸗ gung in ſo ungewoͤhnlichem Feuer, daß es ſchien⸗ als ſtröme wirklich Licht von ihnen aus. Sein dunkelbraunes Haar fiel in natuͤrlichen Locken herab, und erhob dadurch noch mehr die geſchil⸗ derten Zuͤge ſeines Geſichts, auf dem ſich ein ſo küͤhnes und feuriges Weſen ausdrüͤckte, wie man es von ſeinen Lebensverhaͤltniſſen und ſeinem bisherigen Benehmen, welches immer mehr de⸗ muͤthig und ſchuͤchtern geſchienen hatte, nicht haͤtte erwarten ſollen. Halberts Anzug war keinesweges ſo beſchaf⸗ fen, daß er ſeine gewinnenden Naturgaben haͤt⸗ te in ein glaͤnzendes Licht ſetzen können. Seine Weſte und Hoſen waren von ganz grobem Tu⸗ che, ſeine Muͤtze desgleichen⸗ Ein Guͤrtel um den Leib diente zugleich dazu, das breite Schwert zu tragen, welches wir ſchon beſchrieben haben, und fuͤnf bis ſechs Pfeile oder Bolzen zu hal⸗ ten, welche auf der rechten Seite ſtaken, nebſt einem großen Meſſer oder Dolche mit einem Griff von Hirſchhorn. Dazu kamen noch die weiten Stiefeln von Hirſchleder, die man nach Belieben bis über die Knie heraufziehen oder bis 99 auf die Waden herablaſſen konnte. Man bediente ſich ihrer in jener Zeit beſonders bei Wanderun⸗ gen durch Waͤlder, auf der Jagd u. ſ. w., weil ſie die Fuͤße gegen Dornen und kleines Geſtruͤpp ſchuͤtzten, durch welches man dem Wilde oft fol⸗ gen muß. Alle dieſe Kleinigkeiten gehoͤrten zum Weſentlichen ſeiner Erſcheinung. Nicht ſo leicht aber laͤßt ſich die Art und Weiſe ſchildern, wie des jungen Glendinnings Seele jetzt durch ſeine Augen ſprach, als er ſo ploͤtzlich in die Geſellſchaft derer verſetzt wurde, welche er durch ſeine fruͤheſte Erziehung ſchon als Gegenſtaͤnde der Ehrfurcht hatte betrachten gelernt. Die Verlegenheit, die ſich in ſeinem Benehmen zeigte, hatte weder Etwas niedrig Kriechendes, noch Etwas außerordentlich Beſtuͤrz⸗ tes. Sie war nicht groͤßer, als man ſie von ei⸗ nem edlen, freimuͤthigen, ja kuͤhnen aber uner⸗ fahrnen, Juͤnglinge erwarten darf, wenn er zum erſten Male in ſeinem Leben aufgefodert wird, in ſolcher Geſellſchaft, und unter ſo unvortheil⸗ haften Verhaͤltniſſen fuͤr ſich ſelbſt, zu denken und zu handeln. Er kniete nieder und kuͤßte dem Abte die Hand, dann ſtand er wieder auf, trat zwei Schritte E 2 100 zuruͤck, verbeugte ſich achtungsvoll gegen den gan⸗ zen Kreis umher, laͤchelte freundlich, als ihn ein ermuthigender Blick aus den Augen des Unter⸗ priors traf, dam er allein perſonlich bekannt war⸗ und erroͤthete, als er dem aͤngſtlichen der Marie von Avenel hegegnete, welche mit quaͤlender Theil⸗ nahme die Art von Ordalien betrachtete, der ihr Pſfegebruder unterworfen werden ſollte. Von der voruͤbergehenden Verwirrung, worein ihn das Begegnen ihrer Blicke verſetzt hatte, ſich allmaͤh⸗ lig erholend, ſtand er gefaßt da, und erwartete des Abtes Anrede. Der Ausdruck von Freimuͤthigkeit in dem Benehmen des Juͤnglings/ ſeine edle Bildung, ſeine anmuthsvolle Haltung, verfehlten nicht, die Geiſtlichen, vor denen er ſtand, zu ſeinem Vor⸗ theile einzunehmen. Der Abt ſchaute ſich um, und wechſelte freundliche und billigende Blicke mit dem Bruder Euſtach, wenn gleich die An⸗ ſtellung eines Bogenſchuͤtzen und Jaͤgers unter diejenigen Dinge gehoͤrte, worinnen er ohne des Unterpriors Rath zu entſcheiden geneigt ſein mochte, waͤre es auch nur geweſen, um ſeinen freien Willen zu beweiſen. Allein das empfeh⸗ lende Aeußere des anzuſtellenden Juͤnglings mach⸗ 101 te, daß er eher ſich und dem Kloſter Gluͤck wuͤnſch⸗ te, ein ſo wuͤrdiges Subjekt zu dem erledigten Poſten gefunden zu haben, als daß er an Befrie⸗ digung eines andern Gefuͤhls hätte denken ſol⸗ len. Vater Euſtach genoß das Vergnuͤgen, das ein gutgeartetes Gemuͤth immer empfindet, wenn es einen Menſchen, der es verdient, gluͤcklich werden ſieht; denn da er Halbert ſeit den Vor⸗ faͤllen nicht geſehen hatte, welche eine ſo bedeu⸗ tende Veraͤnderung in ſeiner Geſinnung und ſeinem Benehmen bewirkten, zweifelte er nicht, daß die ihm gebotene Anſtellung, trotz der Mutter un⸗ gewißheit, der Neigung des Juͤnglings ganz ent⸗ ſprechen wuͤrde, der dem Gewerbe des Jaͤgers und Foͤrſters ſo geneigt, und ein ſolcher Feind jeder ſitzenden Lebensart zu ſein ſchien. Der Re⸗ fektoriumsaufſeher ſo wie der Kuͤchenmeiſter wa⸗ ren mit Halberts einnehmendem Aeußern eben⸗ falls ſo zufrieden, daß ſie glaubten, Gehalt, Emolumente, die Viehweide, die Jacke und Ho⸗ ſen koͤnnten durchaus nicht beſſer angewandt wer⸗ den, als bei der muntern, anmuthigen Geſtalt, die vor ihnen ſtand. Sir Piercie Shafton, ſei es nun, daß er zu tief in ſeinen eigenen Gedanken verſunken war⸗ 102 oder daß ihm die Perſon ſeiner Aufmerkſamkeit nicht eben werth duͤnkte, ſchien den allgemeinen vortheilhaften Eindruck nicht zu theilen, den des Juͤnglings Gegenwart hervorgebracht hatte. Er ſaß mit halbgeſchloſſenen Augen und gefalteten Armen da, gleich als ſei er in Betrachtungen verloren, viel bedeutender, als die Scene vor ihm zu erwecken vermoͤge. Seiner ſcheinbaren Geiſtesabweſenheit aber ohngeachtet zeigte ſich doch in Sir Piereie's ziemlich gefaͤlliger Stellung ein Anſtrich von Eitelkeit; er wechſekte jene dfter, und bemüuͤhte ſich, eine immer bedeutſamere, an⸗ ziehendere zu finden, auch warf er zuweilen ver⸗ ſtohlne Blicke auf den weiblichen Theil der Ge⸗ ſellſchaft, um zu erſpaͤhen, in wie weit es ihm gelinge, die Aufmerkſamkeit deſſelben zu erregen, welche bei weitem mehr auf den minder regel⸗ maͤßigen und ſtrengen Zuͤgen Halberts Glendin⸗ dinning, ſo wie auf ſeinem maͤnnlichern gefaß⸗ tern, entſchloſſenern Weſen verweilte. Von den Frauen, welche zur Familie in Glendearg gehoͤrten, fand die Muͤllerstochter al⸗ lein hinreichende Muße, von Zeit zu Zeit die an⸗ muthsvollen Stellungen Sir Piercie's zu bewun⸗ dern; denn ſowohl Marie von Avenel, als Dame 103 Glendinning, warteten mit Beklommenheit und Beſorgniß auf die Antwort, welche Halbert auf des Abts Antrag geben wuͤrde, und ahneten ſchon alle Folgen ſeiner wahrſcheinlichen Weige⸗ rung. Das Benehmen ſeines Bruders Eduard war fuͤr einen von Natur ſcheuen, und ſogar furcht⸗ ſamen Juͤngling, edel und gefuͤhlvoll herzlich zu⸗ gleich. Dieſer juͤngere Sohn der Elspeth ſtand unbemerkt in einem Winkel, nachdem ihn der Abt auf Anregung des Unterpriors mit einem fluͤchtigen Blicke beehrt, und in wenigen Gemein⸗ plaͤtzen um ſeine Fortſchritte im Donatus und dem Prompiuarium paxvulorum, jedoch ohne ſeine Antworten zu erwarten, befragt hatte. dens die⸗ ſem Winkel nun ſchlich er ſich an ſeines Bru⸗ ders Seite, ſchlang ſeinen rechten Arm in deſſen linken, indem er ihn ſanft an ſich druͤckte, und bezeugte ihm dadurch ſowohl ſeine Theilnahme, als den Entſchluß, ſein Loos auf jeden Fall zu theilen. So ſtand die Gruppe, als, nach einer Pauſe von zwei bis drei Minuten,— welche der Abt be⸗ nutzte, um langſam ſeinen Becher mit Wein zu leeren, damit er mit der gehͤrigen beſonnenen Wuͤrde ſeinen Vortrag moͤchte halten koͤnnen— derſelbe endlich alſo ſich auszudruͤcken begann: „Mein Sohn! wir, Euer rechtmaͤßiger Ober⸗ herr, und von Gottes Gnaden Abt des Kloſters zur heiligen Jungfrau, haben von Euren man⸗ nigfachen vorzuͤglichen Eigenſchaften vernommen, — hem! hem!— beſonders was das Waidwohl betrifft, ſo wie die Geſchicklichkeit, womit Ihr Euer Wild zu erlegen verſteht, recht wie es ei⸗ nem braven Yeoman geziemt, des Himmels gute Gaben nicht mißbrauchend, durch Verderbung des Fleiſches, wie dies ſo oft unbeſonnene Jaͤger thun,— hem! hem!— Hier machte er eine Pauſe, allein als er be⸗ merkte, daß Halbert nur durch eine Verbeugung auf ſein Compliment antwortete, fuhr er alſo fort: „Mein Sohn, wir empfehlen Dir Beſchei⸗ denheit! Demohngeachtet aber wollen wir, daß Du frei ſprecheſt gegen uns uͤber das, was wir zu Deiner Befoͤrderung beſchloſſen haben, indem wir geneigt ſind, Dir die Stelle eines Bogen⸗ ſchuͤtzen und Jaͤgers zu uͤbertragen, ſowohl uͤber die Forſte und Waldungen, worinnen unſerm Kloſter Privilegien verliehen worden durch die 3 1⁰5 Beſchenkungen frommer Koͤnige und Edlen, de⸗ ren Seelen nun die Fruͤchte ihrer wohlthaͤtigen Geſinnung gegen die heilige Kirche erndten, als auch derjenigen, welche uns durch das ausſchlie⸗ ßende Recht des Eigenthums auf ewige Zeiten zuſtehen. Beuge Deine Knie, mein Sohn, daß wir mit unſerer eigenen Hand und ohne Zeit⸗ verluſt Dich in Dein Amt einfuͤhren moͤgen!⸗ „Knie nieder,“ rief der Kuͤchenmeiſter auf der einen,„Knie nieder!“ der Refektoriumsaufſeher auf der andern Seite. Allein Halbert blieb aufrecht ſtehen. Sollte ich bloß meine Dankbarkeit gegen die edlen Anerbietungen Ew. Herrlichkeit und Hoch⸗ wuͤrden ausdruͤcken wollen, ſagte er: ſo koͤnnte ich nicht demuͤthig genug knieen, und nicht lange genug knieend verweilen; allein um die Beleh⸗ nung mit Eurem edlen Geſchenk zu empfangen, mein Herr Abt, mag ich nicht knieen, denn ich bin feſt entſchloſſen, mein Gluͤck anderwaͤrts zu ſuchen.. „Was iſt das?“ ſagte der Abt, ſeine Augen⸗ braunen zuſammenziehend:„hoͤr' ich recht, was Ihr ſprecht? Ihr, ein geborner Vaſall des Klo⸗ ſters, wollt in dem Augenblicke, wo ich Euch ei⸗ 106 nen vorzuͤglichen Beweis meines guten Willens zu geben im Begriffe ſtehe, meine Dienſte mit denen eines andern Herrn vertauſchen?“ Herr! verſetzte Halbert Glendinning! es thut mir weh, zu denken, daß Ihr mich fuͤr faͤhig hal⸗ tet, Euer edles Anerbieten nicht nach dem Wer⸗ the zu ſchaͤtzen, oder Eure Dienſte mit denen eines andern Herrn vertauſchen zu wollen. Euer edles Anerbieten hat die Ausfuͤhrung des Ent⸗ ſchluſſes nur beſchleunigt, den ich ſchon ſeit laͤn⸗ gerer Zeit gefaßt habe. „So? ſos' ſagte der Abt:„wirklich? Ei, Ihr habt ja recht fruͤhzeitig gelernt, Entſchlie⸗ ßungen zu faſſen, ohne diejenigen zu fragen, von denen Ihr natuͤrlich abhaͤngt! Aber worinnen beſteht denn dieſer kluge Entſchluß, wenn ich bit⸗ ten darf?5 Meinem Bruder und meiner Mutter meinen Antheil an dem Lehne von Glendearg zu uͤber⸗ laſſen, das mein Vater, Simon Glendinning zu⸗ letzt beſaß, und wenn ich Ew. Herrlichkeit ge⸗ beten habe, dieſer ein eben ſo edelmuͤthiger Herr zu ſein, als Eure Vorfahren, die edlen Aebte des Kloſters zur heiligen Jungfrau, meinen Vor⸗ eltern in vergangener Zeit geweſen ſind⸗ fuͤr mich 8 197 ſelbſt mein Gluͤck da zu ſuchen, wo ich es am heſten finden mag. Dame Glendinning verſuchte hier, kuͤhn ge⸗ macht durch Mutterangſt, das Stillſchweigen durch die Ausrufung zu brechen:„O! mein Sohn!“ Eduard, an ſeines Bruders Seite haͤngend, lis⸗ pelte ihm gleichfalls in aͤngſtlichem Tone zu: „Bruder! Bruder!“ Der Unterprior nahm den Gegenſtand in dem Tone ernſter Mißbilligung auf, den, wie er glaubte, der Antheil erfoderte, den er immer an der Familie zu Glendearg genommen hatte. „Trotziger Juͤngling!“ ſagte er zu ihm: „welche Unbeſonnenheit treibt Dich, die Hand von Dir zu ſtoßen, die ſich zu Deiner Huͤlfe aus⸗ ſtreckt? Welches phantaſtiſche eingebildete Ziel haſt Du vor Dir, das Dich entſchaͤdigen koͤnnte fuͤr die anſtaͤndige Unabhaͤngigkeit, die Du jetzt ſo mit Verachtung von Dir weiſeſt!“ „Vier Mark des Jahres blank und baar!“ ſagte der Kuͤchenmeiſter. „Weide fuͤr Kuͤhe, auch eine Jacke und Hy⸗ ſen!“ rief der Refektoriumsaufſeher. „Ruhig, meine Bruͤder,“ ſagte der Unter⸗ prior:„und moͤge es Ew. Herrlichkeit, hochwuͤr⸗ 108 diger Vater/ gefallen,/ auf mein Bitten dem hart⸗ koͤpfigen jungen Menſchen einen Tag Bedenkzeit zu gewaͤhren; ich werde es auf mich nehmen, ihn unterdeſſen zu belehren und zu uͤberzeugen von dem, was er bei dieſer Gelegenheit Ew. Herrlichkeit, ſeiner Familie und ſich ſelbſt ſchul⸗ dig iſt. Eure Guͤte, ehrwuͤrdiger Vater, erwiederte der Juͤngling: erfodert meinen lebhafteſten Dank; ſie iſt die Fortſetzung einer langen Reihe von Wohlthaten, wofuͤr ich Euch leider nichts, als meine Dankbarkeit bieten kann. Es iſt mein Unſtern, nicht Eure Schuld, wenn Eure Abſich⸗ ten mit mir nicht erfuͤllt werden. Allein mein jetziger Entſchluß iſt feſt und unabaͤnderlich. Ich kann das großmuͤthige Anerbieten des Lord Abts nicht annehmen, mein Schickſal ruft mich an⸗ derswohin, zu Scenen, wo es ſich enden oder wenden wird.. „Bei unſerer Frau!“ ſagte der Abt:„mir kommt es vor, als ſei der Juͤngling toll; oder Ihr, Sir Piercie, habt ihn richtig beurtheilt, als Ihr prophezeitet, daß er ſich zu der Befoͤrderung⸗ welche ich mit ihm beabſichtigte, nicht paſſend zeigen wuͤrde. Haht Ihr wielleicht ſchon fruͤher 109 Etwas gewußt von dieſer widerſpenſtigen Ge⸗ muͤthsſtimmung? Ganz und gar nicht, entgegnete Sir Piercie Shafton mit ſeiner gewoͤhnlichen Gleichguͤltig⸗ keit: ich urtheilte bloß nach ſeiner Geburt und Erziehung, denn ſelten kommt ein guter Falke aus einer Sperberei!— Du biſt ſelbſt ein Sperber, verſetzte Halbert Glendinning, ohne einen Augenblick ſich zu be⸗ ſinnen.. „Dies in unferer Gegenwart, und einem Manne von Stande!“ ſagte der Abt, und das Blut trat ihm ins Geſicht. Ja, mein gnaͤdiger Herr, verſetzte der Juͤng⸗ ling: gerade in Eurer Gegenwart gebe ich dem Manne hier die Beſchimpfung zuruͤck, die er ohne alle Urſache meinem Ramen angehaͤngt hat. Mein braver Vater, der fuͤr die Sache des Landes ſiel, fodert Gerechtigkeit von den Haͤn⸗ den ſeines Sohnes. „Ungezogener Knabe!“ ſagte der Abt. Laßt's gut ſein, gnaͤdiger Herr! ſagte der Ritter: zuͤrnt nicht auf den Bauerpurſchen! Glaubt mir, ſo wenig als der Nordwind einen Eurer Felſen von ſeiner Grundfeſte hinwegbla⸗ 110—— ſen mag, eben ſo wenig ſoll Etwas ſo Unbedeu⸗ tendes, als fuͤr mich die unbedachte Rede eines ungebildeten Bauern iſt, den Unwillen des Pier⸗ eie Shafton erregen. „Ihr ſeid ſehr ſtolz, Herr Nitter, in Eurer eingebildeten Ueberlegenheit,“ ſagte Halbert: „vertraut nur nicht zu ſehr darauf, daß Ihr nicht zu erſchuͤttern waͤret!“ Verlaß Dich darauf, ſagte Piercie: wenig⸗ ſtens durch Nichts, was von Dir kommen koͤnnte! „Kennſt Du dieſes Geſchenk?“ fragte nun der junge Glendinning, indem er dem Ritter die ſilberne Nadel zeigte, die er von der weißen Frau erhalten hatte. Selten wird man wohl einen ſolchen ploͤtzli⸗ chen Uebergang von der verachtendſten Gleichguͤl⸗ tigkeit zu der wildeſten Leidenſchaft geſehen ha⸗ ben, als ſich bei Sir Piercie Shafton jetzt zeigte. Es war ein Unterſchied, wie zwiſchen einer Ka⸗ none, wenn ſie geladen auf ihrer Stelle ſteht, und derſelben Kanone, wenn ſie von dem Zuͤnd⸗ ſtocke beruͤhrt wird. Er ſprang auf, vor Wuth an allen Gliedern zitternd, ſeine Geſichtszuͤge entflammten ſich durch die wildeſte Leidenſchaft, ſo daß er mehr einem Beſeſſenen glich, als ei⸗ 1 ½ 4 8 ⁸ nem Menſchen, der den vollen Gebrauch ſeines Verſtandes hat. Er ballte beide Faͤuſte, und hielt ſie wuͤthend dem jungen Glendinning unters Ge⸗ ſicht. Dieſer aber war nicht minder außer ſich vor Schrecken uͤber den Zuſtand von Wuth und Erbitterung, den er durch ſeine Handlung erzeugt hatte. Im naͤchſten Augenblicke aber ſchien ſich der Ritter zu beſinnen, er zog die Faͤuſte zuruͤck, ſchlug ſich mit der flachen Hand vor die Stirn, und ſtuͤrzte in dem Zuſtande unbeſchreiblicher Aufregung aus dem Zimmer; das Ganze begab ſich ſo ploͤtzlich und unvermuthet, daß kein Menſch Zeit hatte, ſich dazwiſchen zu legen. Als Sir Piercie Shafton das Zimmer ver⸗ laſſen hatte, entſtand fuͤr einen Augenblick, eine Pauſe des Erſtaunens; hierauf aber verlangte man allgemein, daß Halbert Glendinning ſo⸗ gleich erklaͤren ſollte, auf welche Art er eine ſo auffallende Veraͤnderung in dem Benehmen des engliſchen Ritters hervorgebracht habe. 3 Ich habe ihm nichts gethan, erwiederte Hal⸗ bert Glendinning: als was Ihr Alle mit ange⸗ ſehen habt; wie kann ich denn fuͤr ſeine wun⸗ derliche Laune verantwortlich gemacht werden? „Bube!“' ſagte der Abt in dem Tone ſeiner 112 ganzen Autoritaͤt:„dieſe Ausfluͤchte helfen Dir nichts. Das iſt kein Mann, der ſich ohne hin⸗ reichende Urſache von ſeinen Launen hinreißen laͤßt! Du haſt die Veranlaſſung dazu gegeben, und Du mußt darum wiſſen! Ich befehle Dir alſo, ſogleich, wenn Du Dich nicht ſtrengern Maßregeln ausſetzen willſt, uns offen darzule⸗ gen, wie Du unſern Freund ſo in Bewegung gebracht haſt? Wir leiden es nicht, daß unſere Vaſallen unſere Gaͤſte in unſerer Gegenwart aufs Aeußerſte treiben, und wir nicht wiſſen, wie das zugeht.“— Nun! ſagte Halbert Glendinning: ich habe ihm bloß dieſes Ding gezeigt!— und mit die⸗ ſen Worten uͤberlieferte er die Nadel dem Ab⸗ te, der ſie mit vieler Aufmerkſamkeit betrachtete, und dann mit einigem Kopfſchuͤtteln dem Unter⸗ prior uͤbergab, jedoch ohne auch nur ein Wort zu ſprechen. Vater Euſtach ſahe das geheimnißvolle Ge⸗ ſchenk gleichfalls mit einiger Aufmerkſamkeit an⸗ dann ſagte er mit ernſtem Tone, zu Halbert ge⸗ wendet:„Junger Menſch! wenn Du nicht willſt, daß wir Dich bier eines falſchen Spiels beſchul⸗ digen ſollen, ſo laß uns augenblicklich wiſſen, 183 woher Du dieſes Geſchenk erhalten haſt, und wie es einen ſolchen Einfluß auf Piereie Shaf⸗. ton zu aͤußern vermag?“ Es wuͤrde fuͤr Halbert gleich bedenklich ge⸗ weſen ſein, eine ſo kitzliche Frage, ſo hart ge⸗ draͤngt, entweder zu beantworten oder zu umge⸗ hen. Haͤtte er die Wahrheit geſtehen wollen, ſo wuͤrde er in jener Zeit wahrſcheinlich lebendig verbrannt worden ſein, in der unſrigen dagegen haͤtte ihn ſein Bekenntniß hoͤchſtens in den Verdacht eines unvernuͤnftigen, frechen Luͤgners bringen koͤnnen. Gluͤcklicher Weiſe wurde er durch das Wiedererſcheinen Sir Piercie Shafton's ſelbſt⸗ der bei ſeinem Eintreten die Frage des Unter⸗ priors vernommen hatte, aus der Verlegenheit geriſſen. Ohne Halberts Antwort zu erwarten, trat er vor, und lispelte dieſem im Voruͤbergehen zu: „Sei verſchwiegen! Du ſollſt die Genugthuung bekommen, die Du ſo kuͤhn verlangt haſt!* Als er ſeinen Platz wieder eingenommen hatte, bemerkte man noch immer Spuren von Verlegenheit auf ſeinem Geſichte, allein er wurde allmaͤhlich gefaßter und ruhiger, ſchaute um ſich her, und entſchuldigte ſich wegen der Unſchick⸗ 114—— lichkeit, die er begangen habe, und die er einer ploͤtzlichen, bedeutenden Unpaͤßlichkeit zuſchrieb. Alle ſchwiegen und ſahen einander mit Verwun⸗ derung an. Der Lord Abt befahl nun Allen, außer Sir Piereie Shafton und dem Unterprior, das Ge⸗ mach zu verlaſſen.—„Und habt ein Auge auf den kuͤhnen Juͤngling,“ fetzte er hinzu:„damit er nicht entkommen kann! denn hat er durch Zau⸗ berei oder auf aͤhnliche Weiſe die Geſundheit un⸗ ſers Gaſtes gefaͤhrdet, ſo ſchwoͤre ich bei der Mitra, die ich trage, ſeine Strafe ſoll exempla⸗ riſch ſein!— 8 Mylord und ſehr ehrwuͤrdiger Vater! ſagte Halbert, ſich achtungsvoll verbeugend, fuͤrchtet nicht, daß ich meine Wohnung verlaſſe. Ich denke, Ihr werdet von dem verehrlichen Ritter ſelbſt erfahren, welches die Urſache ſeines Uebel⸗ befindens iſt, und wie geringen Antheil ich daran habe. „Sei verſichert,“ ſagte der Ritter, ohne je⸗ doch bei ſeiner Rede die Blicke aufzuſchlagen, „ich werde den Lord Abt ſchon befriedigen.“ Nach dieſen Worten entfernten ſich die An⸗ — 115 weſenden, und mit ihnen auch der junge Glen⸗ dinning Als ſich der Abt, der Unterprior und der engliſche Ritter allein befanden, konnte ſich Va⸗ ter Euſtach, ganz gegen ſeine Gewohnheit, nicht enthalten, zuerſt zu ſprechen.„Erklaͤrt uns nun⸗ edler Ritter,“ ſagte er:„auf welche geheimniß volle Art vermochte denn das Vorzeigen dieſes unbedeutenden Dinges Euren Geiſt ſo zu ergrei⸗ fen, und Eure Geduld ſo zu uͤberwaͤltigen, nach⸗ dem Ihr jeder Herausfoderung des ſeltſamen, ſelbſtzufriedenen Juͤnglings ruhig Trotz geboten?“ Der Ritter nahm die Nadel aus des Paters Hand, betrachtete ſie mit großer Faſſung, und nachdem er ſie ringsum unterſucht hatte, gab er ſie dem Unterprior zuruͤck, und ſagte: In Wahr⸗ heit, ehrwuͤrdiger Vater⸗ ich muß mich ſehr wun⸗ dern, daß Eure, durch Eure weißen Haare eben ſo ſehr, als durch Euren hohen Nang verbuͤrgte Weisheit, gleich einem klaffenden Hunde,(ver⸗ gebt mir dieſes Gleichniß) ſo laut auf falſcher Faͤhrte ſich vernehmen laͤßt. Ich muͤßte in der That leichter zu bewegen ſein, als die Blaͤtter einer Eſpe, welche der leiſeſte Lufthauch beben macht, wenn ich mich. durch eine ſolche Kleinig⸗ * 116 keit ruͤhren ließe, welche auf keine Art mehr auf mich wirkt, als wenn dieſelbe Quantitaͤt Silber in einige Muͤnzen ausgepraͤgt waͤre. Ich bin von meiner Jugend an ſolchen Krankheitsanfaͤl⸗ len unterworfen geweſen, wie Ihr mich jetzt be⸗ fallen ſaht,— ſie ſind freilich peinlich und hart, und gehen durch Mark und Bein, wie ein gutes Schwert in der Hand eines tapfern Kriegers Sehnen und Glieder durchſchneidet— allein es geht ſchnell voruͤber, wie Ihr Euch nun ſelbſt uͤberzeugen koͤnnt. „Allein,“ ſagte der Unterprior:„dieſes ent⸗ ſchuldigt doch den Juͤngling keinesweges, daß er Euch dieſes Silberſtuͤck vorgewieſen hat, in der Abſicht, wie es ſcheint, Euch etwas Unangeneh⸗ mes damit zu verſtehen zu geben.“ Euer Ehrwuͤrden, ſagte Sir Piercie: mag vermuthen was Sie will, allein ich kann doch Euer Urtheil nicht auf einer falſchen Spur ſchwei⸗ fen laſſen, wenn ich das Gegentheil weiß. Ich denke doch, ich bin nicht verbunden, umſtaͤndlich Rechenſchaft zu geben uͤber die thoͤrichten Hand⸗ lungen eines ungeſchickten Purſchen. „Wir wollen auch,“ ſagte der Unterprior: „eine Unterſuchung gar nicht fortſetzen, welche 2* — 117 unſerm Gaſte unangenehm zu ſein ſcheint. Dem⸗ ohngeachtet,“ ſagte er, den Abt anblickend:„moͤch⸗ te dieſer Vorfall doch den Plan einigermaßen aͤndern, den Eure Herrlichkeit wegen eines kur⸗ zen Aufenthalts Ihres verehrten Gaſtes in die⸗ ſem Thurme, als einem Orte des Gehemniſſes und der Sicherheit, gefaßt hatten; denn auf bei⸗ des muͤſſen wir doch, unter den Verhaͤltniſſen, worinnen wir mit England ſtehen, Ruͤckſicht nehmen.“ 6 In der That, ſagte der Abt: iſt der Zweifel nicht ungegruͤndet, wenn er nur auch ſo ſchnell zu heben waͤre, denn ich keune in dem ganzen Koſterbezirke keinen ſo paſſenden Zufluchtsort; freilich aber wage ich ihn nun unſerm verehrten Gaſte nicht laͤnger zu empfehlen, denn in Be⸗ tracht des uͤbermuͤthigen Benehmens des hart⸗ koͤpfigen Purſchen... „Laſſen Sie das, hochwuͤrdiger Herr! was den⸗ ken Sie mit mir anzufangen!“ ſagte Sir Piereie Shafton:„ich betheure Ihnen bei meiner Ehre, daß ich in dem Hauſe bleibe, wohin mich der Zu⸗ fall gefuͤhrt hat. Daß der Juͤngling einen Fun⸗ ken von Geiſt gezeigt hat, verdrießt mich gar nicht, wenn er gleich damit mein Haupt getrof⸗ 118— fen hat; ich achte ihn deshalb und bleibe hier, wir wollen zuſammen auf die Jagd gehen. Da er ein ſolcher Schuͤtze iſt, muͤſſen wir Freunde werden, und ich denke, wir wollen dem Mylord Abte ſchon einen Hirſch erſter Groͤße ſenden, ſo kunſtreich geſchoſſen, daß ſich der ſehr ehrwuͤrdige Kuͤchenmeiſter ſelbſt daruͤber freuen ſoll.“ Dieſes Alles wurde mit ſo viel anſcheinend guter Laune geſagt, daß der Abt nicht weiter von dem Vorgefallenen ſprach, ſondern ſeinen Gaſt ſogleich umſtaͤndlich mit allen Geraͤthſchaften und Lebensmitteln bekannt machte, welche er zu ſei⸗ ner Bequemlichkert in den Thurm von Glende⸗ arg ſenden wollte⸗ Dieſe Unterredung, mit ein Paar Becher Wein gewuͤrzt⸗ diente dazu, die Zeit zu verlaͤngern, bis der hochwuͤrdige Abt befahl⸗ die Pferde in Bereitſchaft zu ſetzen, um nach dem Kloſter zuruͤckzukehren. „Da wir,“ ſagte er:„in dem Laufe dieſes Muͤhevollen Tages unſere Mittagsruhe verlieren, ſo ſoll denen von unſerm Gefolge, welche aus Muͤdigkeit nicht im Stande ſind, die prima zu beſuchen, Indulgenz zu Theil werden!“ Nachdem der gute Abt ſeinen treuen Be⸗ gleitern auf dieſe Art eine Gefaͤlligkelt erwieſen 119 hatte, die, wie er mit Grund vermuthete, ihnen gar nicht unerwuͤnſcht ſein wuͤrde, und da er be⸗ merkte, daß Alles zu ſeiner Abreiſe bereit ſei, er⸗ theilte er den verſammelten Hausgenoſſen ſeinen Segen, reichte der Dame Glendinning die Hand zum kuͤſſen, kuͤßte ſelbſt die Wange der Marie von Avenel, und ſogar die des Muͤllermaͤdchens⸗ als beide herzutraten, ihm dieſelbe Ehre zu er⸗ weiſen, befahl Halbert, ſeine Hitze zu maͤßigen und dem engliſchen Ritter in Allem huͤlfreich und gewaͤrtig zu ſein, ermahnte Eduard ein di- scipulus impiger atque strenuus zu ſein, nahm dann von Sir Piercie Shafton einen hoͤflichen Abſchied, indem er ihm rieth, ſich ja wohl ver⸗ borgen zu halten, denn die engliſchen Grenzreu⸗ ter moͤchten ihn ſonſt doch wegkapern;— nach⸗ dem er alle dieſe Pflichten der Hoflichkeit erfuͤllt hatte, begab er ſich auf den Hof an dem Thur⸗ me, begleitet von dem Gefolge des ganzen Haus⸗ ſtandes. Mit einem Seufzer, der faſt wie ein Stoͤhnen klang, beſtieg hier der ehrwuͤrdige Va⸗ ter ſeinen Zelter, deſſen Purpurdecken bis zur Erde herabhingen, und aͤußerſt zufrieden, daß der ruhige Schritt des guten Thieres nicht durch die Spruͤnge von Sir Piercie's muthigem Streitroſſe 4 geſtoͤrt werden konnte, ließ er es im maͤßigen ru⸗ higen Tritte nach dem Kloſter zuruͤckſchreiten. Als der Unterprior gleichfalls aufgeſtiegen war, ſeinen Obern zu begleiten, ſuchten ſeine Augen Halbert, der, zum Theil durch einen Vor⸗ ſprung der aͤußern Hofmauer verborgen, ganz al⸗ lein ſtand und die ſcheidenden Reuter, ſo wie die um jene verſammelte Gruppe, ſchweigend be⸗ trachtete. Unbefriedigt durch die Erklaͤrung, die er in Betreff des geheimnißvollen Vorfalls mit der ſilbernen Nadel erhalten hatte, und doch voll Theilnahme an dem Juͤnglinge, von deſſen Cha⸗ rakter er ſich eine ſehr guͤnſtige Meinung gebil⸗ det hatte, beſchloß der wuͤrdige Mann, die Sache bei der erſten Gelegenheit genauer zu unterſu⸗ chen. Indeſſen ſchaute er Halbert mit ernſten und warnenden Blicken an, und hob zum Zei⸗ chen des Lebewohls ſeinen Finger gegen ihn in die Hoͤhe. Hierauf ſchloß er ſich den uͤbrigen Geiſtlichen an, und folgte ſeinem Obern das Thal hinab. Sechſtes Sechſtes Kapitel. Da Blick und das Zeichen der Warnung, wel⸗ che der Unterprior beim Abſchiede dem Halbert Glendinning gegeben hatte, war dieſem zu Her⸗ zen gegangen; denn obgleich er viel weniger, als Eduard, von des guten Mannes Unterweiſung Nutzen gezogen hatte, hegte er doch eine aufrich⸗ tige, perſoͤnliche Hochachtung gegen ihn, und ſelbſt die kurze Zeit, die er zum Nachdenken gehabt, zeigte ihm, daß er ſich in ein gefaͤhrliches Wag⸗ ſtuͤck verwickelt hatte. Die eigentliche Natur der Beleidigung, die er dem Sir Piercie Shafton erwieſen, konnte er freilich nicht vermuthen, al⸗ lein er ſahe wohl ein, daß ſie von Bedeutung geweſen ſei, und daß er nun die Folgen davon tragen muͤſſe. Um dieſe Folgen aber nicht durch eine vor⸗ eilige Erneuerung ihrer Streitigkeit ſchneller her⸗ beizufuͤhren, beſchloß er, eine Stunde auszuge⸗ hen, und zu bedenken, wie er dem ſtolzen Frem⸗ D. Kloſter. II. F 122——;— den kuͤnftig zu begegnen habe. Die Zeit dazu hielt er fuͤr guͤnſtig, ohne daß es ſchien, als gebe er dadurch eine Bloͤße, denn alle Glieder des kleinen Haushaltes hatten ſich zerſtreut, entwe⸗ der um Geſchaͤfte zu vollenden, welche durch die Ankunft der hohen Gaͤſte unterbrochen worden waren, oder um dasienige in Ordnung zu brin⸗ gen, was durch ihren Beſuch in Unordnung ge⸗ rathen ſein mochte. Er verließ daher den Thurm, und ſtieg un⸗ bemerkt, wie er glaubte, die Anhoͤhe hinunter, worauf derſelbe ſtand. So erreichte er den ebenen Platz, der ſich unter dem Abhange des Huͤgels dicht an der erſten Anſchwemmung des Baches befand, der, den Fuß des Huͤgels, auf dem der Thurm ſtand, beſpuͤhlend, ſich zu einem kleinen Gebuͤſch von Eichen und Birken hinſchlaͤngelte, wo Halbert vor jeder Beobachtung geſchuͤtzt zu ſeyn glaubte. Allein kaum hatte er dieſen Ort er⸗ reicht, als er einen leichten Schlag auf der Schul⸗ ter fuͤhlte, und, indem er ſich umſah, dicht hin⸗ ter ſich Sir Piercie Shafton bemerkte. Wenn unſer Muth, entweder aus Urſachen, die in unſerm phyſiſchen Zuſtande liegen, oder aus Mangel an Vertrauen auf die Gerechtigkeit — 123 unſerer Sache, oder aus einem andern Grunde, nicht ſo recht feſt ſteht, ſo ſetzt uns nichts mehr in Verlegenheit, als ein ploͤtzliches keckes Her⸗ vortreten von Seiten unſers Gegners. Halbert Glendinning erblickte jetzt, trotz ſeiner morali⸗ ſchen und phyſiſchen unerſchrockenheit, den Frem⸗ den, deſſen Zorn er gereizt hatte, und der jetzt mit einer Miene, die auf eine feindliche Stim⸗ mung ſchließen ließ, vor ihn trat, nicht ohne einige Verlegenheit. Indeſſen zeigte er in ſei⸗ nem Aeußern keine Spur davon, ſondern fragte mit anſcheinender Faſſung, ſeinem Gegner unter die Augen tretend:„Was beliebt, Sir Piercie“ Was beliebt? verſetzte dieſer: das iſt auch wohl eine Frage, nach der Art, wie Ihr Euch gegen mich benommen habt. Junger Menſch! ich kann nicht begreifen, welcher Hochmuth Dich verfuͤhrt hat, ſo geradezu und ſo ungeziemend Dich einem Manne entgegen zu ſtellen, der ein Gaſt Deines Lehnsherrn, des Abtes, iſt, und der auch ſchon weil er unter Deiner Mutter Dache verweilt, auf Hoͤflichkeit Anſpruch machen konn⸗ te und vor aller Beleidigung haͤtte geſchuͤtzt ſeyn ſollen. Ich will auch nicht fragen, auf welche Art Du in den Beſitz des ungluͤcklichen Geheim⸗ F 2. 124 niſſes gekommen biſt, welches Dir Muth gemacht hat, mich offentlich zu beſchimpfen. Allein das muß ich Dir nun ſagen: daß der Beſitz deſſel⸗ ben Dich Dein Leben koſten wird! „Gewiß nicht⸗“ verſetzte Halbert kuͤhn:„ſo lange meine Hand ein Schwert zu fuͤhren im Stande iſt. Ich will Dich, ſagte der Englaͤnder: des Mittels der Selbſtvertheidigung keinesweges be⸗ rauben, ich glaube nur, daß es Dir bei Deiner Jugend und Erziehung wenig helfen wird. So viel aber muß ich Dir doch auch ſagen, daß ich in dieſem Streite auf keine Weiſe Pardon gebe! „ Verlaß Dich drauf, ſtolzer Mann,“ erwie⸗ derte der Juͤngling:„ich werde auch keinen ver⸗ langen. Und wenn Du gleich ſprichſt, als laͤge ich Dir ſchon zu Fuͤßen, ſo kannſt Du verſichert ſein, daß mir Dein Mitleid ganz gleichguͤltig iſt, und daß ich gar nicht fuͤrchte, es je zu heduͤrfen.“ So willſt Du denn gar nichts thun, ſagte der Ritter: das gewiſſe Schickſal abzuwenden, das Du ſo unbeſonnen Dir zugezogen haſt? „Und wie ſollt ich das denn anfangen?“ verſetzte Halbert, mehr um genauer noch zu er⸗ fahren, wie er eigentlich mit dem Fremden ſte⸗ 4 125 he, als um irgend einem Verlangen von Seiten deſſelben zuvorzukommen. Du ſollſt mir augenblicklich und ohne Zwei⸗ deutigkeit erklaͤren, auf welche Art und Weiſe Du in den Stand geſetzt wurdeſt, meine Ehre ſo tief zu verletzen; und kannſt Du mir dadurch einen meines Zornes wuͤrdigern Feind bezeich⸗ nen, ſo will ich Deiner eigenen Unbedeutenheit er⸗ lauben, einen Schleier uͤber Dein ungeziemendes Benehmen zu werfen. „Ey!“ ſagte Glendinning mit Stolz:„Du ſetzeſt Dich auch auf ein gar zu hohes Pferd. So viel ich vermuthen kann, biſt Du in mein vaͤterliches Haus als ein Fluͤchtling und Verwie⸗ ſener gekommen, und doch war Deine erſte Be⸗ gruͤßung ſeiner Bewohner Verachtung und Be⸗ leidigung. Auf welche Art ich in den Stand ge⸗ ſetzt worden, dieſe Verachtung zu erwiedern, das laß Dir Dein eigenes Gewiſſen beantworten. Genug fuͤr mich, daß ich des Vorrechtes eines freien Schotten genieße, und daß ich keine Be⸗ „ leidigung unerwiedert, und kein Unrecht unver⸗ golten laſſen werde.“ Gut! ſagte Piercie Shafton: ſo wollen wir die Sache Morgen fruͤh mit unſern Schwertern 126—— ausmachen. Die Zeit ſei der Anbruch des Ta⸗ ges, und Du ſelbſt ſollſt den Platz dazu beſtim⸗ men. Wir thun, als gingen wir aus⸗ um Wild zu erlegen. „Damit bin ich zufrieden,“ verſetzte Halbert Glendinning:„ich werde Dich an einen Ort fuͤhren, wo wohl hundert Mann fechten und fal⸗ len koͤnnen, ohne daß Jemand des Geringſte da⸗ von merkt.“* Wohl! ſo ſey's, ſagte Piereie Shafton. Man wird freilich ſagen, daß ich dadurch, daß ich dem Sohne eines unedel gebornen Bauern die Rechte eines Edelmanns bewillige, meinem Rang ver⸗ gebe, ſo wie die Sonne ſich vergeben wuͤrde, wenn ſie ihre goldenen Strahlen mit dem blei⸗ chen, ſterbenden Schimmer einer Pechfackel wollte vergleichen laſſen; allein keine Ruͤckſicht auf Rang ſoll mich abhalten, eine von Dir erlittene Be⸗ ſchimpfung zu raͤchen. Vor den achtungswerthen Bewohnern der Huͤtte dort, Sir Villagio, zei⸗ gen wir ein heiteres Geſicht, und Morgen ma⸗ chen wir unſere Sache mit dem Schwerte aus.. Mit dieſen Worten wandte er dem Halbert den Ruͤcken, und ging dem Thurme wieder zu. Es duͤrfte vielleicht der Bemerkung nicht un⸗ & 2 127 werth ſcheinen, daß nur in ſeiner letzten Aeuße⸗ rung Sir Piercie Shafton ſich einiger jener rhe⸗ toriſchen Blumen bediente, welche den Styl ſei⸗ ner Unterhaltung ſonſt gewoͤhnlich zu bezeichnen pflegten. Wahrſcheinlich war das Gefuͤhl gekraͤnk⸗ ter Ehre, und das tiefe Verlangen, die erlittene Beleidigung zu raͤchen, zu ſtark geweſen fuͤr die fantaſtiſche Affektation ſeiner ſonſtigen Sitten⸗ In der That iſt auch der Einſiuß von Geiſtes⸗ ſtaͤrke, wo er ſich zeigt, ſo groß, daß Sir Pier⸗ eie Shafton in den Augen ſeines jungen Geg⸗ ners niemals ſo achtungswerth erſchienen war, als waͤhrend dieſes kurzen Geſpraͤches, worinnen ſie ihre gegenſeitige Ausfoderung gewechſelt hat⸗ ten. Als er ihm nun langſam nach dem Thurme folgte, konnte er ſich nicht enthalten, bei ſich ſelbſt zu denken, daß, haͤtte der Ritter immer ei⸗ nen ſolchen wuͤrdigen Ton in ſeinem Benehmen gezeigt, er ſich wahrſcheinlich nicht ſo leicht wuͤrde zu einer Beleidigung deſſelben haben hinreißen laſſen. Toͤdtlich war aber die Beleidigung ge⸗ genſeitig geweſen, und toͤdtlich mußte alſo auch die Entſcheidung daruͤber ſein. Die Familie ſetzte ſich zum Abendeſſen, und Sir Piercie Shafton erſtreckte ſein gefaͤlliges 128— freundliches Benehmen und ſeine anmuthige Un⸗ terhaltung mehr allgemein uͤber die Geſellſchaft, als er es bisher gethan hatte. Den groͤßten Theil derſelben widmete er freilich ſeiner goͤttlichen und unnachahmlichen Diſeretion, wie er Marien von Avenel noch immer zu nennen beliebte; al⸗ lein demohngeachtet ließ er auch einige Blumen davon dem Muͤllermaͤdchen zukommen, unter dem Titel der liebenswuͤrdigen Demoiſelle! ja ſelbſt die Frau vom Hauſe ging nicht leer aus, unter der Benennung: der wuͤrdigen Matrone! Um die allgemeine Bewunderung aber noch ſicherer zu erwerben, fuͤgte er dem Zauber ſeiner Redner⸗ kunſt auch den ſeiner Stimme bei⸗ und nachdem er ſich bitterlich beklagt, daß er ſeine Viole de Gamba nicht bei der Hand habe, erfreute er ſie mit einem Geſange, den, wie er ſagte, der unuͤ⸗ bertreffliche Aſtrophel, welchen die Sterblichen Philipp Sidney nennen, in dem Ingendalter ſei⸗ ner Muſe verfaßte, um der Welt zu zeigen, was ſie von ſeinen reifern Jahren zu erwarten haben wuͤrde, und der einſt in der unvergleichliche Sammlung des menſchlichen Witzes erſcheinen ſollte, die er ſeiner Schweſter,⸗ der tadelloſen Par⸗ thenope, welche die Menſchen Graͤfin von Pem⸗ 1 — 129 broke nennen, gewidmet hatte; ein Werk, fuhr er fort: woran mich ihre Freundſchaft, wenn auch als einen Unwuͤrdigen, gelegentlich hat An⸗ theil nehmen laſſen, und von dem ich wohl ſa⸗ gen mag, daß die tief angreifende Erzaͤhlung, welche unſern Kummer erweckt, ſo von glaͤnzen⸗ den Gleichniſſen, ſuͤßen Schilderungen, gefaͤlli⸗ gen Empfindungen, reizenden Zwiſchenſpielen ge⸗ hoben wird, daß ſie wie Sterne am Firmamente erſcheinen, die den dunkeln Mantel der Nacht verſchoͤnern. Und ob ich gleich weiß, wie viel die ſchoͤne, herrliche Sprache durch meine Stimme ohne Begleitung meiner Viole de Gamba ver⸗ lieren muß, ſo will ich doch verſuchen, Euch ei⸗ nen kleinen Vorſchmack der unnachahmlichen Ppe⸗ ſie des Aſtrophel zu geben. Und nun ſang er, ohne Erbarmen, wohl fuͤnfhundert Verſe, welche alle gleich langweilig und voll ſchrecklichen Bombaſtes waren. Da der Saͤnger mit halbgeſchloſſenen Augen ſang, ſo bemerkte er erſt am Schluſſe ſeines rei⸗ zenden Geſanges, daß der groͤßte Theil der Zu⸗ hoͤrer um ihn her unterdeſſen ſich den Armen des Schlafs uͤberlaſſen hatte. Marie von Avenel hatte ſich wohl aus einem natuͤrlichen Gefuͤhle 130 von Artigkeit, waͤhrend aller Weitſchweifigkeiten des goͤttlichen Aſtrophel wach zu erhalten ge⸗ wußt, allein Myſia war im Traum zur ſtaͤubi⸗ gen Atmosphaͤre der Muͤhle ihres Vaters zuruͤck verſetzt worden. Eduard ſelbſt, der einige Zeit aufmerkſam zugehoͤrt hatte, war am Ende in Schlaf verſunken, und die Naſe der guten Dame Elspeth moͤchte wohl, wenn man ihre Toͤne haͤtte auf Noten ſetzen koͤnnen, den Baß zu der ſchmerz⸗ lich vermißten Viole de Gamba abzugeben ver⸗ mocht haben. Halbert allein, welcher nicht ver⸗ ſucht wurde, ſich dem Zauber des Schlummers hinzugeben, blieb mit offenen, feſt auf den Saͤnger gehefteten, Augen ſitzen, nicht weil er ſich durch das Vorgetragene beſſer unterhalten fand, als die uͤbrige Geſellſchaft, ſondern weil er die Faſſung bewunderte und vielleicht benei⸗ dete, womit jener den Abend alſo verſingen konn⸗ te, da doch der naͤchſte Morgen dem toͤdtlichen Kampfe gewidmet war. Indeſſen konnte es doch der natuͤrlichen Schaͤrfe ſeines Blickes nicht ent⸗ gehen, daß das Auge des tapfern Ritters dann und wann, und zwar heimlich und verſtohlen, ei⸗ nen ſpaͤhenden Blick auf ſeine Haltung fallen ließ, gleich als wolle er zu erforſchen ſuchen, wie — 131 die vermeintliche Faſſung und Heiterkeit des Ge⸗ muͤths des Gegners auf ihn wirke. „Er ſoll nichts in meinem Benehmen leſen,“ ſagte Halbert ſtolz vor ſich:„was ihn glauben machen koͤnnte, ich ſei weniger gleichguͤltig als er ſelbſt.“ So nahm er denn von dem Geſims, wo eine Menge Materialien zum Angeln lagen, Ver⸗ ſchiedenes herunter, und begann mit großer Em⸗ ſigkeit Fliegen an die Haken der Angelſchnuren zu ſtecken, indeſſen Sir Piercie in ſeinem lang⸗ weiligen Geſange ſich nicht ſioͤren ließ, bis er ganz damit zu Ende war. Da es ſpaͤt geworden war, begab ſich die Familie zu Glendearg zur Ruhe, und Sir Pier⸗ eie ſagte zue bun Frau vom Hauſe:„Euer Sohn Albert. Halbert! verſeßte Elspeth mit Nachdruck: Halbert! nach ſeinem Großvater, Halbert Bry⸗ done!— „Nun, denn! ich habe Euren Sohn Halbert gebeten, daß er Morgen fruͤh mit Sonnenauf⸗ gang mit mir auf die Jagd gehe, um einen Hirſch in ſeinem Lager aufzuſpuͤren. Ich will 232— doch ſehen, ob er immer ſo jagdfertig iſt, als ihn der Ruf ausgiebt.“ Ach, Sir! ſagte Dame Elspeth: er iſt lei⸗ der nur zu ſchnell fertig und bereit fuͤr Alles, was an dem einen Ende Stahl und an dem andern Ungluͤck zeigt. Allein er ſteht Euch ganz zu Befehl, und ich hoffe, Ihr werdet ihn leh⸗ ren, daß er dem Willen unſers ehrwuͤrdigen Va⸗ ters und Herrn, des Abtes, Gehorſam ſchuldig iſt, und ihn vermoͤgen, die Stelle eines Bogen⸗ ſchuͤtzen anzunehmen, da, wie die beiden wuͤrdi⸗ gen Moͤnche ſagten, dies eine große Huͤlfe fuͤr eine arme Wittwe ſein wuͤrde. „Verlaßt Euch darauf, gute Frau,“ verſetzte Sir Piercie:„es iſt mein feſter Wille, ihn zu belehren, daß er ſich in ſeinem Benehmen gegen Hoͤhere nicht ſo leicht wieder von der ihnen ſchul⸗ digen Achtung entfernen ſoll. Wir treffen uns alſo“ ſagte er zu Halbert:„Morgen, ſobald der Tag ſeine Augenlieder geoͤffnet hat, auf der Ebene unter den Birken!“ Halbert antwortete mit einem Zeichen der Beiahung, und der Ritter fuhr alſo fort:„Und nun, nachdem ich meiner reizenden Diseretion ſo angenehme Traͤume, als ihre Fluͤgel gewoͤhn⸗ — 133 lich um das Bette der ſchlafenden Schoͤnheit zu ſchwingen pflegen, und dieſer lieblichen Demoi⸗ ſelle alle Gunſt des Morpheus, ſo wie den ſaͤmmt⸗ lichen Uebrigen gute Nacht gewuͤnſcht habe, er⸗ ſuche ich Alle um die Erlaubniß, mich zu mei⸗ ner Ruheſtelle begeben zu duͤrfen, ob ich gleich mit dem Dichter ſagen moͤchte: Ach! Ruhe?— Nein! nur Lag' und Ort gewechſelt! Ach! Schlaf? Nein! nur Erſchöpfung der Natur! Ach! Bett? Nein! nur ein ſteingefülltes Kiſſen! Ruh, Schlaf und Bett ſind nicht ſür den Verwieſnen! Mit einer hoͤchſt zierlichen Verbengung ver⸗ ließ er nun das Gemach, der Dame Glendinning ausweichend, welche ſich beeilte, ihn zu verſichern, daß er dieſe Nacht mehr Bequemlichkeit finden werde, als er die Nacht zuvor gehabt, denn der Abt habe warme Decken und ein weicheres Fe⸗ derbett fuͤr ihn hergeſchickt. Allein der gute Rit⸗ ter dachte wahrſcheinlich, die Anmuth und der Eindruck ſeines Weggehens moͤchte vermindert wer⸗ den, wenn er von ſeinem dichteriſchen Schwunge zu ſolchen weltlichen und irdiſchen Dingen ſich herablaſſen ſollte, deshalb eilte er von dannen, ohne die gute Frau vollſtaͤndig ausreden zu laſſen. „Ein artiger, feiner Mann,“ ſagte Dame Glendinning:„allein ich wollte wetten, auch lau⸗ nenhaft!— Er ſingt recht huͤbſch, aber doch ein wenig zu lange. Es iſt recht angenehm in ſei⸗ ner Geſellſchaft!'s ſoll mich wundern, wann er wieder gehen wird.“. Nachdem ſie ſo ihre Achtung gegen den Gaſt ausgedruͤckt, und zugleich zu verſtehen gegeben hatte, daß ſie in ſeiner Geſellſchaft eigentlich recht herzliche Langeweile gefuͤhlt, gab ſie das Zeichen zum Auseinandergehen fuͤr die Fami⸗ lie, indem ſie zugleich Halbert befahl, bei Tages Anbruch dem Sir Shafton ja, wie er gewuͤnſcht, aufzuwarten. Als ſich Halbert auf ſeine Strohmatte an der Seite ſeines Bruders hingeſtreckt hatte, mußte er den geſunden Schlaf beneiden, der Eduard ſogleich die Augen ſchloß, ihm aber ſeine wohl⸗ thaͤtige Wirkung verſagte. Er ſahe nun nur zu wohl ein, was der Geiſt dunkel angedeutet hat⸗ te, daß er ihm nehmlich durch Bewilligung der gewuͤnſchten Gabe mehr Schmerz als Freude ge⸗ macht habe. Er fuͤhlte nun, leider aber zu ſpaͤt, die mancherlei Gefahren und unbequemlichkeiten, womit ſeine theuerſten Freunde bedroht wurden, 135 der beabſichtigte Zweikampf mochte fuͤr ihn aus⸗ fallen, wie er wollte. Fiel er, ſo konnte er wohl fuͤr ſeine Perſon Allen gute Nacht! ſagen, allein es war nicht minder gewiß, daß er ſeiner Mut⸗ ter und Familie ein ſchlimmes Vermaͤchtniß von Kummer und Verlegenheit hinterlaſſen wuͤrde; ein Vorgefuͤhl, welches nicht geeignet war, den Anblick des Todes, der an ſich ſchon ſo grauſend iſt, ſeiner Phantaſie angenehmer darzuſtellen. Sein Bewußtſeyn ſagte ihm, die Nache des Abts werde ſich gewiß auf ſeine Mutter und ſeinen Bruder erſtrecken, wenn ſie nicht durch den Edel⸗ muth des Siegers abgewendet werde. Und Ma⸗ rie von Avenel... konnte er noch ihr Schutz ſein, wenn er in dem Zweikampfe unterlag?— Eben ſo wenig, als er unndthiger Weiſe Ungluͤck uͤber ſie und das Haus gebracht hatte, in dem ſie von Kindheit auf Schirm und Zußuucht gefunden hat⸗ te. Allen dieſen Anſichten geſellten ſich jene bit⸗ tern und aͤngſtlichen Gefuͤhle zu, womtt der ta⸗ pferſte Mann, auch bei einem beſſern oder min⸗ der zweifelhaften Streite, dem Ausgange deſſel⸗ ben entgegen ſieht, wenn er ſich zum erſten Mal in eine Angelegenheit ſolcher Art verwickelt ſin⸗ det. 136—— So wenig teoͤſtlich aber auch die Ausſicht fuͤr Halbert war, im Fall er unterlag, ſo konnte er doch von dem Siege auch wenig mehr, als Net⸗ tung ſeines eigenen Lebens und Befriedigung ſei⸗ nes verletzten Selbſtgefuͤhls erwarten. Fuͤr ſeine Freunde, ſeine Mutter und ſeinen Bruder, be⸗ ſonders fuͤr Marien von Avenel,⸗ mußten die Fol⸗ gen ſeines Sieges auf jeden Fall verderblicher werden, als wenn er ſelbſt beſiegt und getoͤdtet wuͤrde. Denn blieb der engliſche Ritter am Le⸗ ben, ſo konnte er, aus Artigkeit, ſie in ſeinen Schutz nehmen, ſiel er aber, ſo vermochte ſie wahr⸗ ſcheinlich Nichts vor den ſtrafenden Maßregeln des Abtes und Kloſters zu ſichern, welche dieſe gegen Verletzung des Friedens des Heiligthums ſo wie gegen die Toͤdtung eines von ihnen empfoh⸗ lenen Gaſtes durch einen ihrer Vaſallen, in deſ⸗ ſen Wohnung ſie jenen huͤlfreich aufgenommen, ergreifen wuͤrden. Dieſe und aͤhnliche Gedanken waren denn die Dornen auf dem Kiſſen Halbert Glendinnings, und benahmen ihm den Frieden des Herzeus, ſo wie ſeinen Augen den erquicken⸗ den Schlaf⸗ Es gab hier durchaus keinen Mittelweg, au⸗ ßer dem einen, der aber mit Entwuͤrdigung fuͤr ihn verbunden war, und der, auch wenn er ihn einſchlagen wollte, nicht ganz gefahrlos ſchien. Er durfte nemlich dem engliſchen Ritter nur die ſeltſamen Umſtaͤnde enthuͤllen, welche ihn ver⸗ anlaßten, dieſem die Nadel zu zeigen, womit ihn (in ihrem Zorne, wie es ſchien) die weiße Frau beſchenkt hatte. Allein zu dieſem Bekenntniſſe konnte ſich ſein Stolz unmoͤglich bequemen, und der Verſtand, der in ſolchen Faͤllen wunderbar bereit iſt, jenen mit Gruͤnden zu unterſtuͤtzen, bot nicht wenig dar, um zu zeigen, daß es eben ſo nutzlos als klein ſein wuͤrde, ſich ſo weit zu erniedrigen.„Erzaͤhle ich eine ſo wunderbare Geſchichte,“ dachte er:„werde ich dann nicht entweder als ein Luͤgner angeſehen, oder als ein Zauberer beſtraft werden? Waͤre Sir Piercie Shafton edelmuͤthig und wohlwollend, wie die Ritter, welche in den Dichtungen geſchildert werden, ſo koͤnnte ich hoffen, ſein Ohr zu gewin⸗ nen, und ohne mich ſelbſt zu entehren, der Lage zu entgehen, worinnen ich mich befende. Allein er iſt, oder ſcheint wenigſtens, hochmuͤthig, eitel und von ſich eingenommen,— ich wuͤrde mich daher vergeblich erniedrigen, und... Nein! Nein! Das will ich nicht!“— 1 Mit dieſen Worten ſprang er von ſeinem Lager auf, ergriff ſein breites Schwert, ſchwang es in dem Lichte des Mondes, welches durch die Oeffnung ſiroͤmte, die dem Gemache als Fenſter diente, als ploͤtzlich, zu ſeinem hoͤchſten Erſtau⸗ nen und Schrecken, eine Luftgeſtalt vor ihm ſland, deren leiſe kaum hoͤrbare Stimme ihm zu erkennen gab, daß er die weiße Frau vor ſich ſehe. Noch nie war ihm ihre Erſcheinung ſo ſchreck⸗ lich vorgekommen, denn wenn er ſie ſelbſt an⸗ gerufen hatte, ſo war dies geſchehen mit der Er⸗ wartung ihres Erſcheinens und der feſten Ent⸗ ſchloſſenheit, dem Erfolge davon Trotz zu bieten. Allein jetzt kam ſie ungerufen, und ihre Gegen⸗ wart erfuͤllte ihn mit der Furcht eines bevorſte⸗ henden Ungluͤcks, und mit dem furchtbaren Ge⸗ danken, daß er ſich mit einem Daͤmon verbun⸗ den habe, von deſſen Eigenſchaften und Macht er keine genaue Kenntniß beſaß. Er ſtarrte da⸗ her die Erſcheinung fortwaͤhrend an, und ſie ſang oder rezitirte vielmehr folgende Zeilen: Wem Durſt nach Rache das Herz erfüllt, Darf auch nicht ſchaudern, daß Blut ihn ſtillt. Den Knoten, den Du geknüpft mit dem Wort, Löſt nur Dein Schwert am beſtimmten Ort. 139 „Hebe Dich weg von mir, falſcher Geiſt!“ rief Halbert Glendinning:„ich habe Deinen Rath ſchon zu theuer bezahlt.— Entferne Dich! im Namen des Hoͤchſten—“ Der Geiſt lachte, und der kalte, unnatuͤr⸗ liche Ton dieſes Gelaͤchters hatte Etwas an ſich, was furchtbarer klang, als der gewoͤhnliche, me⸗ lancholiſche Ton ihrer Stimme. Sie erwiederte: Du haſt mich eins, zwei Mal heraufbeſchworen, Doch unbeſchwor'n komm' ich zum dritten Mal! Du kamſt zu meeinem Thal ungefodert, unbeſtellt, So hab' ich unverlangt auch mich Dir zugeſellt! Halbert Glendinning konnte ſich fuͤr einen Au⸗ genblick des Schauders nicht erwehren, er rief ſeinen Bruder Eduard:„Erwache, Erwache! um unſerer gebenedeieten Frau willen!“ Eduard wachte ſogleich auf und fragte, was er begehre. „Blick auf, fagte Halbert:„ſiehſt Du Nie⸗ mand in dem Gemache?“ Nein! Niemand! bei meiner Ehre! verſetzte Eduard, indem er ſich umſchaute. „Wie? ſiehſt Du wirklich Nichts in dem Mondſchein auf dem Boden hier? Gewiß nicht! entgegnete Eduard: außer Dich 140 ſelbſt, geſtuͤtzt auf Dein bloßes Schwert. Ich ſage Dir, Halbert, Du ſollteſt Dich mehr auf Deine geiſtlichen Waffen und weniger auf Stahl und Eiſen verlaſſen. Du haſt ja ſchon manche Nacht geſtoͤhnt und biſt aufgeſprungen, haſt von Schlachten und Kaͤmpfen, von Geſpenſtern und Geiſtern geredet; der Schlaf hat Dich nicht er⸗ quickt, und Du haſt wachend ſelbſt getraͤumt. Glaube mir, lieber Halbert, ſprich Dein Pater und Credo, empfiehl Dich Gottes Schutze, und Du wirſt ruhig ſchlafen, und immer geſeaͤrkt er⸗ wachen! „Das kann ſeyn!“ ſagte Halbert leiſe, die Augen immer feſt auf die weibliche Geſtalt ge⸗ heftet, welche er ganz deutlich zu erkennen ver⸗ mochte:„das kann wohl ſein! Aber ſage mir, lieber Eduard, erblickſt Du denn auch gar Rie⸗ mand, außer mir, in dem Gemache?9 Niemanden, verſetzte Eduard, und ſtuͤtzte ſich auf den Ellbogen: lieber Bruder, ich bitte Dich, lege doch Deine Waffe bei Seite, ſprich Deine Gebete und begieb Dich wieder zur Ruhe! Indeß er dies ſprach, ſchaute die geiſtige Geſtalt auf Halbert wie mit Verachtung; ihre Wange erblaßte in dem hlaſſen Mondlichte, noch 1441 ehe ſie den Blick von ihm wandte, und Halbert ſelbſt erblickte nun die Erſcheinung nicht laͤnger mehr, auf die er ſeines Bruders Aufmerkſamkeit ſo aͤngſtlich gelenkt hatte.„Gott bewahre mir meinen Verſtand!“ ſagte er, legte ſein Schwert bei Seite, und ſich ſelbſt wieder zur Ruhe auf ſein Lager. Amen, mein theuerſter Bruder! ſagte Eduard: aber wir muͤſſen auch dem Himmel nicht trotzen in unſerer Vermeſſenheit, wenn wir ihn in un⸗ ſerm Elende anſtehen. Zuͤrne nicht auf mich, theuerſter Bruder, ich weiß nicht, warum Du Dich mir in der letzten Zeit ſo gaͤnzlich entfrem⸗ det haft. Es iſt wahr, ich bin nicht von ſo kraft⸗ vollem Koͤrperbau, nicht ſo muthvoll, wie Du von Kindheit an geweſen biſt; allein bis auf die ganz letzte Zeit hatteſt Du Dich doch nicht ganz und gar meinem Umgange entzogen. Glaube mir, ich habe im Stillen geweint, ob ich mich gleich nicht von ſelbſt in Deine Geheimniſſe draͤn⸗ gen wollte. Es war eine Zeit, wo Du mich nicht ſo verachteteſt, und wo, wenn ich auch nicht das Wild gleich Dir verfolgen, oder es ſo geſchickt erlegen konnte, doch in unſern Freiſtun⸗ den Dich durch anmuthige Geſchichten alter Zei⸗ 1492— ten, die ich gehoͤrt oder geleſen hatte, zu unter⸗ halten vermochte, und Du hoͤrteſt ſie immer mit Vergnuͤgen, wenn wir unſere Koſt zuſammen vielleicht an einem muntern Quell ſitzend ver⸗ zehrten. Jetzt aber habe ich, ohne zu wiſſen warum, Deine Achtung und Aufmerkſamkeit ganz verloren. Schlage nicht ſo wild mit den Ar⸗ men um Dich, ich fuͤrchte, ein Fieber hat Dich ergriffen, laß mich Dir Deinen Mantel feſter umgeben. „Sei ruhig!“ ſagte Halbert:„Deine Furcht und Deine Klagen ſind grundlos!“ Aber, lieber Bruder, ſagte Eduard: Deine Reden im Schlafen, ſelbſt Deine wachenden Traͤume betreffen Weſen, welche nicht dieſer Welt und unſerm Geſchlechte angehoͤren. Unſer guter Vater Euſtach ſagt: daß, wenn wir auch nicht wohl thun, alle leere Fabeln von Geſpenſtern und Geiſtern glaͤubig anzunehmen, die heilige Schrift uns doch warne und belehre, wie die Feinde der Menſchen oͤde und einſame Gegen⸗ den bewohnten, und diejenigen, welche ſolche Wildniſſe allein beſuchten, leicht die Beute die⸗ ſer umherirrenden Daͤmonen wuͤrden. Laß mich doch daher, lieber Bruder, ſobald Du wieder den — 1413 einſamen Theil des Thales beſuchſt, wo es, wie Du weißt, Stellen giebt, die uͤbel beruͤchtigt ſind, mit Dir gehen. Du wirſt Dir zwar aus meiner Begleitung nicht viel machen, Halbert, allein ſolchen Gefahren geht man beſſer entge⸗ gen mit Klarheit im Kopfe, als mit Kuͤhnheit im Buſen, und ob ich ſchon nicht eben Urſache habe, auf meine eigene Weisheit ſtolz zu ſein, ſo unterſtuͤtzt mich doch meine Kenntniß alter Zei⸗ ten, die ich aus Buͤchern geſchoͤpft habe. Waͤhrend dieſes Geſpraͤches gab es einen Augenblick, wo Halbert beinahe zu dem Ent⸗ ſchluſſe gelangte, ſein Herz zu erleichtern, und Eduard mit Allem bekannt zu machen, was auf ihm laſtete. Allein als ihn der Bruder erinner⸗ te, daß heute ein Feſttag ſei, und daß er, alle uͤbrigen Geſchaͤfte oder Vergnuͤgungen vergeſ⸗ ſend, nach dem Kloſter gehen, und bei dem Va⸗ ter Euſtach beichten wolle, erwachte wieder der Stolz in ihm, und beſtaͤrkte den ſchon wanken⸗ den fruͤhern Entſchluß.„Nein!“ dachte er:„ich kann unmoͤglich eine ſo ganz außerordentliche Geſchichte erzaͤhlen, man wuͤrde mich gewiß fuͤr einen Betruͤger, wo nicht fuͤr Etwas noch Schlim⸗ meres halten. Ich fliehe nicht vor dieſem Eng⸗ 144 laͤnder, deſſen Arm und Schwert nicht beſſer ſein werden, als die meinigen. Meine Vaͤter haben es auch mit ſolchen Menſchen aufgenom⸗ men.“ Der Stolz, von dem man ſagt, daß er zu weilen den Menſchen vor dem Falle ſchuͤtze, hat doch einen noch ſtaͤrkern Einfluß auf das Ge⸗ muͤth, wenn er ſich auf die Seite der Leiden⸗ ſchaft ſchlaͤgt, und ſelten verfehlt er dann ſeines Zweckes, uͤber Gewiſſen und Vernunft zu ſiegen. Einmal entſchloſſen, wenn auch nicht zum Beſ⸗ ſern, ſiel Halbert endlich in einen tiefen Schlaf⸗ von dem er erſt durch den Auteach des Tages erweckt wurde. Siebentes Siebentes Kapitel. Mae den erſten Strahlen des Morgens ſtand Halbert Glendinning auf, kleidete ſich ſchnell an, guͤrtete ſein Schwert um, und nahm eine Arm⸗ bruſt in die Hand, gleich als wollte er ſeinen gewoͤhnlichen Spaziergang machen. Er ſchlich leiſe die dunkle Wendeltreppe hinab, und zog eben ſo leiſe die Riegel des innern Thores, ſo wie die des aͤußeren Gitters zuruͤck. Endlich ſtand er auf dem Hofe, und indem er zum Thurme aufblickte, ſahe er ein Zeichen mit einem Schnupf⸗ tuche aus dem Fenſter. Da er glaubte, es komme von ſeinem Gegner, ſo blieb er wartend ſtehen. Allein es war Marie von Avenel, welche wie ein Geiſt unter der niedern alten Thuͤr hervor⸗ ſchluͤpfte. Halbert erſchrak, und es kam ihm faſt vor, als fuͤhle er ſich auf einem unloͤblichen Begin⸗ nen ertappt. Bis jetzt war ihm ihr Erſcheinen niemals unangenehm geweſen. Der Ton ihrer D. Kloſter. II. G 146— Stimme hatte aber jetzt etwas aus Kummer und Vorwurf Gemiſchtes, als ſie ihn fragte: Was er denn ſo eben vorhabe? Er zeigte ihr ſeine Armbruſt, und wollte ſchon den Vorwand, den er ſich ausgedacht hat⸗ te, vorbringen, als ihn Marie unterbrach: „Nein, Halbert! dieſe Ausflucht iſt eines Menſchen unwerth, der bisher immer ſo wahr und aufrichtig geweſen iſt. Nicht ein gewoͤhnli⸗ ches Wild willſt Du erlegen, Deine Hand und Dein Herz haben ſich ein anderes Ziel geſteckt, Du willſt mit dem Fremden kaͤmpfen!”“— uUnd warum ſollt' ich denn mit unſerm Gaſte Streit beginnen?— entgegnete Halbert, hoch er⸗ roͤthend. „Es giebt viele Gruͤnde, warum Du es nicht ſollteſt,“ ſagte das Maͤdchen:„und keinen einzi⸗ gen, warum Du's ſollteſt,— wenigſtens keinen ſolchen Streit, als Du jetzt aufſucheſt!“ Was bringt Dich denn auf dieſe Vermu⸗ thung, Marie? erwiederte Halbert, indem er verſuchte, die Regungen ſeines Gewiſſens zu ver⸗ bergen: er iſt ja der Gaſt meiner Mutter, er ſteht im Schutze des Abts und des Kloſters⸗ welche unſere Herren ſind, er iſt uͤberdies von hohem 147 Range; warum alſo denkſt Du, ich koͤnne oder werde es wagen, ein raſches Wort zu ruͤgen, welches er wohl mehr aus Mangel an Beſon⸗ nenheit, als aus hoͤslicher Abſicht gegen mich ge⸗ ſprochen? „Ach!“ entgegnete das Maͤdchen:„ſchon dieſe Fragen ſetzen Deinen Entſchluß außer Zweifel. Von Kindheit an biſt Du immer voller Kuͤhn⸗ heit geweſen, haſt Gefahren aufgeſucht, ſtatt ſie zu meiden, und haſt eine Luſt an Allem gezeigt, was abentheuerlich ausſahe; aus Furcht wirſt Du Deinen Plan jetzt auch nicht aufgeben. Thue es alſo aus Mitleid, aus Mitleid, Halbert! mit Deiner Mutter, die Dein Tod oder Sieg auf gleiche Weiſe der Stuͤtze ihres Alters berauben muß.“ Sie hat ja meinen Bruder Eduard, ſagte Halbert, ſich ſchnell von ihr wendend. „Den hat ſie wohl,“ verſetzte Marie:„den ſtillen, edelmuͤthigen, beſonnenen Eduard, der Deinen Muth beſitzt, Halbert, ohne Deinen Un⸗ geſtuͤm, Deinen Stolz, Deinen hochſtrebenden Geiſt, doch mit mehr Vernunft zu ſeiner Lei⸗ tung. Er wuͤrde ſeine Mutter, ſeine angenom⸗ mene Schweſter nicht vergebens ſich haben be⸗ G 2 148 ſchwoͤren laſſen, ſich nicht ſelbſt zu verderben, und damit ihre Hoffnung auf Gluͤck und Schutz in der Zukunft zu zerſtoͤren.“ Nicht ohne Empfindlichkeit antwortete Hal⸗ bert auf dieſe Vorwuͤrfe: Wohl denn! was hilft dies Reden? Ihr habt ihn ja, der beſſer iſt als ich, weiſer, beſonnener, tapferer auch ſo viel ich weiß; Ihr beſitzt einen Beſchuͤtzer, und beduͤrft dazu meiner nicht!— Er wollte gehen, akkein Marie legte ſo ſanft ihre Hand auf ſeinen Arm, daß er es kaum fuͤhl⸗ te, und doch konnte er ſich nicht von ihm los⸗ machen. So ſtand er, einen Fuß vorgeſetzt, um den Hof zu verlaſſen, und doch ſo wenig ent⸗ ſchloſſen, ſeinen Vorſatz auszufuͤhren, daß er einem Reiſenden glich, den ein Zauber beſtrickt hat, und der daher ſeine Stellung zu veraͤndern ſich nicht im Stande fuͤhlt. Marie von Avenel benutzte dieſen Zuſtand⸗ und ſagte zu ihm:„Hoͤre mich, Halbert, hore mich! ich bin eine Waiſe, und ſelbſt der Himmel hoͤrt die Waiſen! Ich bin die Gefaͤhrtin Deiner Kindheit geweſen, und wenn Du mich nicht ei⸗ nen Augenblick anhoren willſt, von wem ſoll — 149 denn Marie Avenel ſonſt dieſe Gefaͤlligkeit er⸗ warten?“— Ich hoͤre Dich ja! erwiederte Halbert Glen⸗ dinning: aber faſſe Dich kurz, Marie! Du ver⸗ kenneſt die Natur meines Geſchaͤftes, es iſt blos ein Morgenſpaziergang, den wir Beide machen wollen. „Nein!“ ſagte das Maͤdchen, ihn unterbre⸗ chend:„Andre magſt Du taͤuſchen, mich nicht. Von der fruͤheſten Jugend an lebt Etwas in mir, wovor jede Luͤge entweicht, das kein Trug zu beruͤcken vermag. Wozu das Schickſal mir das verliehen hat, weiß ich nicht, aber, obgleich als ein unwiſſendes Maͤdchen in dieſem einſamen Thale erzogen, kann ich mit meinen Augen doch oft Etwas entdecken, was die Menſchen gern verhehlen moͤchten. Ich bemerke den duͤſtern Vorſatz, wenn er ſich auch unter der laͤchelnden Niene verbirgt, und ein Blick des Auges ſagt mir oft mehr, als Andern Petheurunden und Eide ſagen.“ Wenn Du denn ſo in dem menſchlichen Her⸗ zen leſen kannſt, liebe Marie, ſagte Halbert: ſo ſage mir, was lieſeſt Du in dem meinen? ſage mir, daß das, was Du in dieſer Bruſt ſiehſt 150— und lieſeſt, Dich nicht beleidigt, ſage mir nur das, und Du ſollſt mein Fuͤhrer bei Allem ſein, was ich thue, und mich von nun an zu Ehre oder Entehrung treiben koͤnnen, nach Deinem freien Willen. Marie von Avenel erroͤthete erſt, dann er⸗ blaßte ſie bei dieſen Worten Halberts. Aliein als er beim Ende ſeiner Rede ſich umwandte und ihre Hand ergriff, entzog ſie ſie ihm ſanft und ſagte:„Ich vermag nicht in den Herzen zu leſen, Halbert, und ich moͤchte auch in dem Deinigen nichts finden, als was wir Beide ein⸗ geſtehen koͤnnen; ich kann blos uͤber Zeichen, Worte 4 und Handlungen von geringer aͤußerer Bedeu⸗ tung ſicherer urtheilen als die, welche um mich ſind, ſo wie meine Augen, wie Du weißt, Dinge ſchauen, die Andern verborgen bleiben.“ So laß ſie denn auf Einen fallen, den ſie nie wiederſehen werden! ſagte Halbert, indem er ſich von ihr abwandte, und, ohne wieder zuruͤck⸗ zuſchauen, aus dem Hofe fortſtuͤrzte. Marie ſtieß einen lauten Schrei aus, und ſchlug beide Haͤnde feſt vor die Augen und die Stirn. Sie hatte ohngefaͤhr eine Minute in dieſer Stellung ſich befunden, als ſie durch eine 151 Stimme hinter ſich angeredet wurde:„Es iſt recht edelmuͤthig von Euch, meine guͤtige Dis⸗ eretion! dieſe glaͤnzenden Augen vor den niedern Strahlen zu bergen, welche eben jetzt den oͤftli⸗ chen Himmel zu vergolden beginnen. Gewiß,⸗ es koͤnnte leicht kommen, daß Phoͤbus, an Glanz uͤberſtrahlt, voll Scham ſeinen Wagen wieder zuruͤckwendete, und lieber die Welt in Dunkel⸗ heit ließe, ehe er dem Nachtheile einer ſolchen Begegnung ſich ausſetzte. Glaubt mir, liebliche Diseretion!“ Allein als Sir Piercie Shafton— denn der Leſer wird wohl ſchon vermuthet haben, von wem allein dieſe Redensarten herruͤhren konn⸗ ten— Mariens Hand zu ergreifen verſuchte, um in ſeiner Begeiſterung fortzufahren, zog ſie ſie ſchnell zuruͤck, und ſahe ihn mit einem Blicke an, worinnen ſich Schreck und unruhe malte, und eilte dann nach dem Thurme zuruͤck. Der Ritter ſtand da, ihr nachſchauend, mit einer Miene, worin ſich Verachtung mit Kraͤn⸗ kung gemiſcht ausſprach.„Bei meiner Ritter⸗ ſchaft!“ rief er:„ich habe an dieſe rohe, baͤue⸗ riſche Phidéls eine Rede verſchwendet, welche die ſtolzeſte Schoͤnheit an dem Hofe der Felicia 182 (ſo winl ich das Elyſtum nennen, aus dem ich mich verbannt ſehe) gewiß fuͤr Cupidv's Morgen⸗ ſtunden erklaͤrt haben wuͤrde. Hart und uner⸗ ditttich war doch das Schickſal, das Dich hier⸗ her brachte, Piercie Shafton, Deinen Witz und Geiſt nur an Bauerdirnen zu vergeuden, und Deine Tapferkeit an dickhaͤutige Toͤlpel! Aber dieſe Beſchimpfung, dieſe Beleidigung— waͤre ſie mir auch von dem Niedrigſten aus dem Poͤ⸗ bel angethan worden, er haͤtte von meiner Hand dafür ſterben muͤſſen, denn die Groͤße derſelben gleicht die Ungleichheit aus, welche zwiſchen beiden Theilen ſonſt wohl ſtatt findet. Run, ich denke, ich werde doch den baͤueriſchen Prahlhaus nicht minder bereit finden, Hiebe zu wechſeln, als Stichelreden!“ 3 unter dieſen Worten, die er an ſich ſelbſt richtete, gelangte Sir Piercie Shafton zu dem kleinen Birkenbuſche, der als Ort der Zuſam⸗ menkunft beſtimmt worden war. Er begruͤßte ſeinen ſchon daſelbſt befindlichen Gegner auf eine hoͤfliche Art, und fuͤgte dann folgende Erlaͤute⸗ rung hinzu:„Ich bitte Euch zu bemerken, daß ich meinen Hut vor Euch abnehme, ob Ihr gleich an Range ſo tief unter mir ſteht, ohne deshalb * mir das Geringſte vergeben zu wollen, denn da ich Euch ſo geehrt habe, daß ich Eure Ausfode⸗ rung angenommen, ſo ſeid Ihr nach dem Ur⸗ theile aller Kampfpverſtaͤndigen, fuͤr dieſe kurze Zeit, zu mir auf gleiche Rangſtufe erhoben wor⸗ den, eine Ehre, welche Ihr ſelbſt mit dem Ver⸗ luſte Eures Lebens, wenn der Ausgang des Zwei⸗ kampfs es ſo mit ſich bringen ſollte, nicht zu theuer erkaufen koͤnnt.“ Eine Herablaſſung, ſagte Halbert: wofuͤr ich wohl der Nadel zu danken habe, die ich Euch zeigte?— 3 Der Ritter veraͤnderte die Farbe und grin⸗ ſete mit den Zaͤhnen.„Das Schwert gezogen!“ ſagte er zu Glendinning. 5 Hier nicht, verſetzte der Juͤngling: wir koͤnn⸗ ten hier geſtoͤrt werden. Folgt mir, ich werde Euch an einen andern Ort fuͤhren, wo wir dies nicht zu fuͤrchten haben. Er ſchritt nun das Thal aufwaͤrts, in der Abſicht, den Kampfplatz am Eingange zu Cor⸗ rienan⸗Shian zu beſtimmen, weil dieſer Ort in dem Rufe ſtand, von Geiſtern bewohnt zu ſein, und daher ſelten von Jemanden beſucht wurde, und dann auch, weil er ihn als einen ſolchen an⸗ 254 ſah, der mit ſeinem Schickſale in enger Verbin⸗ dung ſtand, und den er daher gern zum Zeugen ſeines Todes oder Sieges machen wollte. — Schweigend gingen die Gegner neben ein⸗ ander in dem Thale fort, wie edle Feinde, die nicht mit Worten fechten wollen, und nichts freundſchaftlich mit einander zu beſprechen haben. Das Schweigen war indeſſen fuͤr Sir Piereie Shafton ein unangenehmer Zuſtand, und uͤber⸗ dies war ſein Zorn gewoͤhnlich auch nur eine ſchnell voruͤbergehende, nicht tiefgreifende Lei⸗ denſchaft. Er fand daher auch keinen Grund, ſich dem ihm ſo peinlichen Zwange des Still⸗ ſchweigens laͤnger zu unterwerfen, und ſing zu⸗ erſt an, Halbert ein Compliment zu machen aber die Behendigkeit und Geſchicklichkeit, wo⸗ mit er alle Beſchwerden und Hinderniſſe des We⸗ ges zu uͤberwinden im Stande ſey. „Glaubt mir, ehrlicher Landmann,“ ſagte er:„wirzeigen keinen leichtern und feſtern Schritt bei unſern hoͤfiſchen Luſtbarkeiten, und wenn Ihr ſeidene Hoſen truͤgt, und Euch einer ſteten Ue⸗ bung und Ausbildung unterwerfen koͤnntet, ſo wuͤrden Eure Beine in einer Gaillarde oder ei⸗ 2 155 nem Pavin) keine ſchlechte Figur machen. und ich zweifle nicht,“ ſetzte er hinzu:„daß Ihr auch die Gelegenheit benutzt haben werdet, Euch in der Fechtkunſt zu vervollkommnen, die bei un⸗ ſerm jetzigen Vorhaben von groͤßerer Bedeutung iſt, als der Tanz.“ Ich verſtehe von der Fechtkunſt Nichts wei⸗ ter, ſagte Halbert: als was mich unſer alter Schaͤfer, Martin, gelehrt hat, auch habe ich wohl Etwas von Chriſtie von Clinthilz gelernt,— uͤbrigens aber muß ich mich auf mein gutes Schwert, meinen kraͤftigen Arm und meinen fri⸗ ſchen Muth verlaſſen. „Das freut mich! das freut mich, meine junge Kuͤhnheit: denn ich werde Euch meine Kuͤhnheit nennen, und Ihr koͤnnt mich uuae meine Herablaſſung nennen, ſo lange wir auf dem Fuße unnatuͤrlicher Gleichheit ſtehen. Ja! Eure Unwiſſenheit in dieſem Punkte iſt mir gar nicht unangenehm, denn wir ſtreitbaren Maͤn⸗ ner meſſen die Beſtrafung, die wir unſern Geg⸗ nern beſtimmen, immer nach der Kuͤhnheit und Laͤnge des Widerſtandes ab, den ſie leiſten. Und *) Ein ernſter und luſtiger Tands. 156 ich ſehe nicht ein, warum ich Euch, als einen Anfaͤnger, fuͤr Eure Vermeſſenheit und Anma⸗ ßung nicht hinlaͤnglich beſtraft achten ſollte, durch den Verluſt eines Ohres, oder eines Auges, oder eines Fingers, nebſt einigen tiefen und ſchmer⸗ zenden Fleiſchwunden. Waͤret Ihr dagegen im Stande geweſen, Euch geſchickter zu vertheidi⸗ gen, ſo haͤtte ich doch nichts weniger, als Euer Leben fuͤr eine hinreichende Buße Eures Hoch⸗ muths halten und annehmen koͤnnen.“ Wahrlich, bei Gott und unſerer Frau! ſagte Halbert, der jetzt ſich nicht laͤnger zuruͤckzuhalten vermochte: Du ſelbſt biſt anmaßend und hochmuͤ⸗ thig uͤber alle Maßen, daß Du ſo kecklich von dem Ausgange eines Gefechtes ſprichſt, das noch gar nicht begonnen hat. Biſt Du ein Gott, daß Du uͤber mein Leben und meine Gliedma⸗ ßen zu beſtimmen wagſt? Oder biſt Du ein Rich⸗ ter auf der Gerichtsbank, daß Du nach Belieben und ohne Gefahr befehlen kannſt, wie es mit dem Kopfe und den Gliedern eines verurtheil⸗ ten Verbrechers gehalten werden ſoll? „O! keinesweges, Freund! dem ich erlaubt habe, Dich meine Kuͤhnheit zu nennen! Ich,⸗ Deine Herablaſſung, bin weder ein Gott, um 157 den Ausgang eines Kampfs zu wiſſen, ehe er ge⸗ fochten worden, noch bin ich ein Richter, um nach Belieben und Bequemlichkeit uͤber das Haupt und die Glieder eines verurtheilten Verbrechers zu verfuͤgen; allein ich bin ein recht guter Fech⸗ ter, denn ich bin der erſte Schuͤler des erſten Meiſters der erſten Fechtſchule, welche es in un⸗ ſerm koͤniglichen England giebt; beſagter Mei⸗ ſter aber iſt kein andrer, als unſer unausſprech⸗ lich geſchickter Vincentio Saviola, von dem ich den feſten Schritt, das ſichere Auge, die ge⸗ wandte Hand habe, wovon Du, meine liebe baͤueriſche Kuͤhnheit, die Fruͤchte einaͤrndten wirſt, ſobald wir den Platz erreicht haben werden, der zu dergleichen Experimenten paſſend iſt.“ Sie hatten jetzt den Eingang zu der Schlucht erreicht, wo Halbert erſt zu bleiben die Abſicht hatte: allein als er die geringe Breite des ebe⸗ nen Grundes bemerkte, ſiel ihm auch ein, daß er nur durch groͤßere Beweglichkeit und Ge⸗ wandtheit den Mangel an Geſchicklichkeit in der Vertheidigungskunſt ausgleichen koͤnne. Er fand keine Stelle, welche ihm zu dieſem Zwecke hin⸗ reichenden Raum zu gewaͤhren ſchien, bis er die wohlbekannte Quelle erreichte, an deren Rande, 158— dem ſtarren Felſen gegenuͤber, aus dem ſie ent⸗ ſprang, ein Amphitheater von Torferde ſich bildete⸗ das zwar ſchmal war in Vergleichung der gro⸗ ßen Hoͤhe der Felſenmaſſen, wovon es auf jedem Punkte umſchloſſen wurde, außer auf dem, wo der kleine Bach hervorſprudelte, indeſſen doch immer breit genug zu der gegenwaͤrtigen Abſicht. Als ſie dieſen Ort erreicht hatten, der durch ſeine einſame Lage und Duͤſternheit ſich ganz dazu eignete, die Scene eines toͤdtlichen Kam⸗ pfes zu werden, waren Beide nicht wenig er⸗ ſtaunt, als ſie am Fuße des Felſens ein Grab bemerkten, das mit der groͤßten Sorgfalt und Genauigkeit gemacht war; der gruͤne Torfraſen lag auf der einen Seite, und auf der andern war die Erde aufgehaͤuft. Hacke und Schaufel lag dicht daneben. Mit ungewoͤhnlichem Ernſte richtete Sir Piereie Shafton bei dieſem Anblicke ſeine Au⸗ gen auf Halbert Glendinning, und fragte ihn nſter:„Iſt das Verraͤtherei, junger Menſch? Wollt Ihr mich hier in einen Hinterhalt lok⸗ ken? Gewiß nicht, beim Himmel! Nein! verſetzte der Juͤngling: ich habe keinem Menſchen Etwas ——— — — — — 159 von unſerm Vorhaben geſagt, auch wuͤrde ich, um den Thron von Schottland ſelbſt, gegen ei⸗ nen Einzelnen mich keines fremden Vortheils bedienen. „Ich glaube Dir das, meine Kuͤhnheit,“ ſagte der Ritter, wieder in den affektirten Ton ver⸗ fallend, der ihm ſo ganz zur andern Natur ge⸗ worden war:„allein das Grab iſt doch außeror⸗ dentlich gut gemacht, und kann als ein Meiſter⸗ ſtuͤck des letzten Bettbereiters der Natur, ich meine des Todtengraͤbers, gelten. Daher laß uns dem Zufalle oder irgend einem unbekannten Freunde danken/ daß er fuͤr Einen von uns Bei⸗ den auf ein anſtaͤndiges Begraͤbniß bedacht ge⸗ weſen iſt, und nun zur Entſcheidung ſchreiten, wer an dieſer Stelle des nicht zu ſtoͤrenden Schlummers genießen ſoll.» Mit dieſen Worten nahm er ſeinen Wamms und ſeinen Mantel ab, faltete beides ſorglich zu⸗ ſammen, und legte ſie auf einen großen Stein, indeß Halbert Glendinning, nicht ohne einige innere Bewegung, ſeinem Beiſpiele folgte. Die Naͤhe des Lieblingsaufenthaltes der weißen Frau brachte ihn auf mancherlei Vermuthungen in Anſehung des Grabes.„Es iſt gewiß ihr Werk!“ 260 dachte er:„der Geiſt ſahe die Entſcheidung des Gefechtes voraus, und ſorgte fuͤr das Noͤthige; ich muß entweder als Todtſchlaͤger von dieſem Orte gehen, oder fuͤr immer hier bleiben!“— Die Bruͤcke ſchien hinter ihm abgebrochen, und die Moglichkeit, ohne zu toͤdten oder getoͤd⸗ tet zu werden, ehrenvoll aus dem Gefechte zu gehen(eine Hoffnung, die den ſinkenden Muth manches Duellanten aufrecht erhalten hat) war nun gaͤnzlich verſchwunden. Indeſſen gab ihm, nach augenblicklichem Beſinnen, das Verzweifelte ſeiner Lage Feſtigkeit und Muth, indem er ſich in den unabwendbaren Fall verſetzt ſahe, ent⸗ weder zu ſiegen oder zu ſterben. „Da wir uns hier befinden,“ ſagte Sir Pier⸗ cie Shafton:„ohne Secundanten bei uns zu ha⸗ ben, ſo wuͤrde es gut ſein, wenn Ihr Eure Hand meinen Leib befuͤhlen ließt, wie ich es bei Euch auch thun werde, nicht weil ich glaubte, Ihr moͤchtet Euch einer geheimen Nuͤſtung bedienen, ſondern um einen alten loͤblichen, bei allen ſol⸗ chen Gelegenheiten gewoͤhnlichen, Gebrauch zu hbeobachten.“ Indeß ſich Halbert Glendinning in ſeines Gegners Laune fuͤgte, und ſich dieſe Ceremonie 161 gefallen ließ⸗ verfehlte Sir Piercie Shafton nicht, 3 Jenes Aufmerkſamkeit auf die Feinheit ſeines ge⸗ ſtickten Hemdes zu richten.„In dem nehmli⸗ chen Hemde, meine Kuͤhnheit!“ ſagte er:„in dem nehmlichen, worinnen ich jetzt mit einem ſchottiſchen Bauern, wie Du biſt, fechte, war es ein beneidetes Loos, die ſiegende Parthei in dem bewundernswuͤrdigen Kampfſpiele anzufuͤhren, welches zwiſchen dem goͤttlichen Aſtrophel(un⸗ ſerm tadelloſen Sidney) und dem ſehr ehrwuͤr⸗ digen Lord von Orford Statt fand. Alle Schoͤn⸗ heiten der Felieia edenn mit dieſem Namen be⸗ lege ich noch immer unſer geliebtes England) ſtanden auf der Gallerie, und ſchwenkten bei jedem Gange des Spiels ihre Schnupftuͤcher, indem ſie die Siegenden durch ihren Beifall aufmunterten. Nach dieſem edlen Spiele wur⸗ den wir durch ein angemeſſenes Banket geſtaͤrkt, wobei es der edlen Urania(das iſt die tadelloſe Graͤfin von Pembroke) geſtel, mich mit ihrem eigenen Faͤcher zu dedienen, um mein entflamm⸗ tes Geſichts etwas zu kuͤhlen, auf welche Artig⸗ keit ich dann mit einem gewiſſen melancholiſchen Laͤcheln erwiederte: O gottliche Urania, nehmt dieſe ungluͤckliche Gunſt zuruͤck, denn ſie kuͤhlt 162 mich nicht wie der milde Hauch des Zephyrs, ſon⸗ dern, wie der gluͤhende Athem des Siroeco, erhitzt ſie nur noch mehr mein ſchon entflammtes Blut. Sie ſahe mich hierauf ein wenig veraͤchtlich an, doch keinesweges ſo, daß ein erfahrner Hofmann nicht leicht einen Blick Beifall ſpendender Zu⸗ neigung haͤtte bemerken koͤnnen.“ Hier wurde der Ritter von Halbert unter⸗ brochen, der mit hoͤflicher Geduld eine ziemliche Zeit gewartet hatte, bis er fand, daß Sir Pier⸗ cie Shafton doch, ſtatt die Sache zu Ende zu bringen, vielmehr geneigt ſchien, in ſeinen Re⸗ miniſcenzen ein wenig weitſchweifig zu werden. Herr Ritter, ſagte der Juͤngling: da dieſe Sache zu unſerm Plane doch ſo eigentlich Nichts beitraͤgt, ſo daͤcht' ich, wir ſchritten, wenn Ihr ſonſt Nichts dagegen habt, zu dem, was wir vorhaben. Ihr haͤttet in England bleiben ſol⸗ len, wenn Ihr die Zeit mit Worten hinbringen wolltet, hier pflegen wir ſie mit Streichen aus⸗ zufuͤllen. „Ich bitt' um Verzeihung, meine ſehr baͤue⸗ riſche Kuͤhnheit,“ entgegnete Sir Piereie:„ich vergeſſe leicht Alles außer mir, wenn die Erin⸗ nerungen an den goͤttlichen Hof der Felicia auf 163 mein geſchwaͤchtes Gedaͤchtniß eindringen, ſo wie ein Heiliger ſich ſelbſt entruͤckt wird, wenn er ſich einer beſeligenden Erſcheinung erinnert. Ach! gluͤckſelig machende Gluͤckſeligkeit! zarte Amme des Schoͤnen, erleſener Aufenthalt der Weisheit, Geburtsſtaͤtte und Wiege des Adels, Tempel der Hoͤflichkeit und des Anſtandes, Leucht⸗ thurm des glaͤnzenden Ritterthums— Ach! himmliſcher Hof, oder vielmehr hofgleicher Him⸗ mel! erfreut durch Taͤnze, in den Schlaf geſun⸗ gen durch Harmonie, erweckt durch geiſtreiche Spiele und Tourniere, mit Sammt und Seide geziert, glaͤnzend von Diamanten und Juwelen, rings erfuͤllt von Atlaß, und Atlaßartigen Ge⸗ weben aller Art im reichſten Maße!— Die Nadel! Herr Ritter! Die Nadel! rief hier Halbert Glendinning dazwiſchen, dem nun das unerſchoͤpfliche Rednertalent ſeines Gegners Langeweile machte, und der ſo ihn an die Ver⸗ anlaſſung ihres Streites erinnern wollte, das beſte Mittel, ihn an den eigentlichen Zweck ih⸗ rer Zuſammenkunft an dieſem Orte zu mahnen. Er hatte richtig vermuthet, denn Sir Pier⸗ eie Shafton hatte nicht ſohald dieſes Wort ver⸗ 164 nommen, als er ausrief:„Deine Todesſtunde hat geſchlagen! Nimm Dein Schwert! Schnell!“ Beide Schwerter waren in dieſem Augen⸗ blicke entbloͤßt, und die Streitenden begannen das Gefecht. Halbert fuͤhlte ſogleich, daß er, wie er vermuthet hatte, ſeinem Gegner in der Fuͤhrung der Waffen ſehr nachſtand. Sir Pier⸗ cie Shafton hatte ſich bloß Gerechtigkeit wider⸗ fahren laſſen, als er ſich einen guten Fechter nannte, und Glendinning wurde uͤberzengt, daß es große Schwierigkeiten fuͤr ihn haben wuͤrde, wenn er mit Ehre und Leben aus dem Kampfe mit einem ſolchen Meiſter des Schwertes ent⸗ kommen wolle. Der engliſche Ritter verſtand ſich auf alle Kuͤnſte der Stoccata, imbroccata, punto-reverso, incartata u. ſ. w., welche erſt kuͤrzlich die italiaͤniſchen Fechtmeiſter in Gebrauch und Uebung gebracht hatten. Allein Glendin⸗ ning war doch ſeiner Seits kein Neuling in den Grundſaͤtzen dieſer Kunſt, nur nach altſchottiſcher Sitte, auch war ihm das erſte aller Erfoder⸗ niſſe, ein ruhiger, gefaßter Muth, eigen. Da er erſt mit der Geſchicklichkeit und dem Spiele des Gegners ſich bekannt machen wollte, hielt er ſich nur vertheidigungsweiſe, Fuß, Hand, 163 Auge und Leib in vollkommener Harmonie; das Schwert hielt er kurz vor ſich hin, mit der Spitze auf des Gegners Geſicht, ſo daß Sir Piercie, um jenen anzufallen, einige Paſſaden machen mußte, und ſich ſeiner Geſchicklichkeit in Finten gar nicht bedienen konnte. Halbert hingegen parirte dieſe Anfaͤlle entweder dadurch, daß er ſeine Stellung veraͤnderte, oder mit dem Schwer⸗ te. Die Folge davon war, daß nach zwei bis drei ſtarken Angriffen von Seiten Sir Piercie's, welche durch die Gewandtheit ſeines Gegners unwirkſam gemacht worden waren, dieſer nun eine defenſive Stellung annahm, weil er ſich fuͤrchtete, durch widerholte Ausfaͤlle vielleicht ihm nachtheilige Bloͤßen zu geben. Allein Halbert Glendinning war zu behutſam, um auf ſeinen Gegner lebhaft einzudringen, da er durch deſſen Geſchicklichkeit dem Tode ſchon mehr als einmal nahe gebracht worden war, ſo daß es ihm nur durch ungemeine Wachſamkeit und Gewandtheit gelingen konnte, dem Verderben zu entgehen. Als ſie ein Paar Gaͤnge gemacht hatten, entſtand eine Pauſe, und Beide ſenkten, wie durch gemeinſame Verabredung, die Schwerter, und ſahen einander an, ohne ein Wort zu ſpre⸗ 166 chen. Endlich konnte Halbert Glendinning, der vielleicht in Hinſicht ſeiner Familie mehr Beſorg⸗ niſſe zu hegen begann, als anfangs, ehe er die Staͤrke des Gegners erprobt hatte, ſich nicht ent⸗ halten zu ſagen:„Iſt denn der Gegenſtand un⸗ ſers Streites wirklich ſo beſchaffen, Herr Ritter, daß Einer von uns Beiden durchaus mit ſeinem Leichnam dieſes Grab ausfuͤllen muß? oder koͤn⸗ nen wir mit Ehre, da wir uns einander, wer wir ſind, gezeigt haben, die Schwerter einſtecken und als Freunde ſcheiden?“ Meine tapfere und ſehr baͤueriſche Kuͤhn⸗ heit! verſetzte der Ritter aus Suͤden: Nieman⸗ den auf Erden haͤttet Ihr eine Ehrenfrage paſ⸗ ſender vorlegen koͤnnen, denn Niemand konnte Euch dieſelbe beſſer beantworten. Laßt uns jetzt eine Pauſe von der Dauer eines Ganges ma⸗ chen, bis ich Euch meine Meinung uͤber dieſen Gegenſtand eroͤffnen kann, denn ſo viel iſt doch ausgemacht, daß tapfere Maͤnner nicht wie wil⸗ de unvernuͤnftige Thiere, dem Tode ſich entge⸗ genſtuͤrzen, ſondern einander recht mit Anſtand und Beſonnenheit, ja mit Vernunft toͤdten ſollen. Wenn wir daher den Zuſtand unſeres Kampfes jetzt recht kalt unterſuchen, ſo werden wir um ſo — 167 beſſer vermuthen koͤnnen, ob die drei Schweſtern wirklich einen von uns Beiden verurtheilt ha⸗ ben, denſelben mit ſeinem Blute zu ſuͤhnen. Verſtehſt Du mich, Freund? „Ich habe,“ ſagte Halbert nach einigem Be⸗ ſinnen:„den Vater Euſtach von den drei Furien ſprechen hoͤren, mit ihren Faͤden und ihren Scheeren.“ Genug! unterbrach ihn Sir Shafton von Neuem, ganz roth vor Zorn und Aerger: der Faden Deines Lebens iſt abgeſponnen. Und mit dieſen Worten griff er aufs wuͤ⸗ thendſte den jungen Schotten abermals an, der kaum ſo viel Zeit hatte, ſich in eine vertheidigende Stellung zu ſetzen. Allein, wie das oft geſchieht, die Wuth des Angreifenden vereitelte ſeinen ei⸗ genen Vorſatz, denn indem er eben einen ver⸗ zweifelten Ausfall gegen Halbert Glendinning that, parirte dieſer denſelben, und ehe der Rit⸗ ter ſeiner Waffe wieder maͤchtig wurde, verſetzte ihm jener eine ſo herzhafte Stoccata, daß ihm das Schwert durch den Leib fuhr, und Sir Pier⸗ cie Shafton entſeelt zu Boden ſank. 168 Achtes Kapitel. △ 3 Ich glaube, daß wohl wenige gluͤckliche Duel⸗ lanten(wenn man anders das Wort gluͤcklich von einer ſo ungluͤcklichen Ueberlegenheit brau⸗ chen darf) ihren Gegner todt vor ſich auf den Boden hingeſtreckt werden geſehen haben, ohne zu wuͤnſchen, daß ſie mit ihrem eigenen Blute das hier von ihnen vergoſſene zuruͤckkaufen koͤnn⸗ ten. Am wenigſten unter Allen aber konnte eine ſolche Gleichguͤltigkeit die Eigenſchaft eines jun⸗ gen Menſchen wie Halbert Glendinning ſein, der, ungewohnt des Anblicks von Menſchenblut, nicht nur von Gram, ſondern auch von Schreck ergriffen ward, als er Sir Piercie Shafton auf dem Raſen vor ſich liegen, und Stoßweiſe Stroͤme von ſchwarzem Blute von ſich geben ſah. Er ſteckte ſein blutiges Schwert ſogleich in den Bo⸗ den neben ſich, knieete bei dem Verwundeten nieder, und bemühte ſich obwohl vergebens, ſeine Wunde Wunde zu verſtopfen, welche jedoch mehr inner⸗ lich als aͤußerlich zu bluten ſchien. Der ungluͤckliche Ritter ſprach indeß in den Zwiſchenraͤumen, wo es ihm ſeine Schwaͤche ge⸗ ſtattete; und ſeine Worte verriethen, ſo viel ſich verſtehen ließ, ſeinen zwar affektirten und duͤn⸗ . kelhaften, aber nicht unedelmuͤthigen Charakter. „Junger Bauer!“ ſagte er:„Dein gutes Gluͤck hat Dich uͤber die ritterliche. Geſchicklich⸗ keit ſiegen laſſen, und die Kuͤhnheit hat die Her⸗ ablaſſung uͤbertroffen, ſo wie wohl zuweilen der Sperber den edlen Falken zu Boden geriſſen hat. Flieh nun, und rette Dich ſelbſt! Nimm meine Boͤrſe, ſie ſteckt in der Taſche meiner ſeiſchfar⸗ benen Beinkleider, und iſt ſchon fuͤr einen Bauer annehmenswerth. Sieh, daß meine Koffer und meine Kleider nach dem Kloſter zur heiligen Jungfrau gebracht werden“ Hier wurde ſeine Stimme ſchwach und ſeine Beſinnung ſchien ihn zu verlaſſen.„Ich ſchenke mein kurzes blaues Sammtwamms mit den dazu paſſenden Bein⸗ kleidern— ach! o! das Heil meiner Seele..„ Faßt Muth, Sir, ſagte Halbert, von Angſt, Mitleid und Rene zerriſſen: ich hoffe, Ihr ſollt D. Kloſter. II. H 169 170— wieder beſſer werden; ach, wenn nur ein Wund⸗ arzt zu haben waͤre! „Wenn auch zwanzig Wundaͤrzte zugegen waͤren, meine edelmuͤthige Kuͤhnheit! Das waͤre wohl ein wuͤrdiger Anblick, allein mein Leben waͤre doch nicht zu retten, es iſt ſchon faſt ent⸗ flohen! Empſiehl mich der laͤndlichen Nymphe⸗ die ich meine Discretion zu nennen pflegte.— O, Claridiana! wahre Beherrſcherin dieſes blu⸗ tenden Herzens, das nun im bitterſten Ernſte blutet!—— Lege mich der Laͤnge nach am Boden, baͤueriſcher Sieger! damit der Stolz des glaͤnzenden Hofes meiner Felicia wie ein glim⸗ mendes Licht verloͤſche.— O Heilige und Engel! Ritter und Damen!— Masken und Theater! Stickerei, Ketten von Gold und Silber! Liebe⸗ Ehre und Schoͤnheit!“— Indeß Sir Piercie Shafton dieſe letzten Wor⸗ te, die ihm gleichſam unwillkuͤhrlich zu entſchluͤ⸗ pfen ſchienen, und womit er vermuthlich den ihm unvergeßlichen Glanz des engliſchen Hofes bezeichnen wollte, vor ſich hinmurmelte, ſtreckte er die Glieder aus, ſtoͤhnte aus tiefer Bruſt, ſchloß die Augen und wurde ganz bewegungslos. Der Sieger raufte ſich das Haar aus hor 171 Gram, als er ſeine Blicke auf das bleiche Ge⸗ ſicht ſeines Schlachtopfers richtete.„Das Leben,“ dachte er:„iſt doch wohl noch nicht ganz ent⸗ flohen, allein ohne beſſere Huͤlfe, als die meini⸗ ge, ſeh' ich wohl, kann es nicht erhalten werden.“ „O! warum,“ rief er in fruchtloſer Reue: „warum foderte ich ihn zu einer ſo ſchrecklichen Entſcheidung! Wollte Gott, ich haͤtte mir lieber die haͤrteſte Beſchimpfung gefallen laſſen, die ein Mann von dem andern erleiden kann, als daß ich das blutige Werkzeug dieſer blutigen That geworden waͤre! Doppelt verwuͤnſcht ſei dieſer unheilbringende Ort, der, wie ich wußte, von Geiſtern und Hexen bewohnt iſt, und den ich doch zum Kampfplatze mir auserſah! An je⸗ dem andern Orte, als dieſem, waͤre doch Huͤlfe zu erlangen geweſen durch die Schnelligkeit mei⸗ ner Fuͤße, oder durch Anſtrengung der Stimme 3 aber hier iſt kein Menſch zu erreichen, Niemand hoͤrt mein Rufen, als der boͤſe Geiſt, der mir zu dieſem Ungluͤck gerathen hat. Es iſt zwar nicht ihre Stunde, allein ich will doch den Zauber verſuchen, und wenn ſie mir helfen kann, ſo ſoll ſie es auch, oder ſie mag erfahren, was ein Wahn⸗ 192— ſinniger vermag ſelbſt gegen die Bewohner einer andern Welt.“— . Er zog hierauf ſogleich ſeinen blutbefleckten Schuh vom Fuße, und ſprach die Zauberformel mehrmals aus, welche dem Leſer bereits bekannt eine Erſcheinung, noch das Zeichen einer Ant⸗ wort. Der Juͤngling, voll ungeduldiger Ver⸗ zweiflung, und in der raſchen Kuͤhnheit/ welche der Grundzug ſeines Charakters war, ſchrie nun laut:„Here! Zauberin! boͤſer Geiſt! biſt Du taub gegen meinen Huͤlferuf, und doch ſo bereit, zu erſcheinen und zu antworten auf den der Ra⸗ che? Erhebe Dich und ſtehe mir Rede, oder ich will Deinen Quell verſchuͤtten, Deinen Diſtel⸗ ſtrauch ausreißen, und Deinen Aufenthalt ſo ver⸗ wuͤſten und verheeren, wie Du mein Gemuͤth verheert und verwuͤſtet haſt durch Deinen unſe⸗ ligen Beiſtand!“—. Dieſer wutherfuͤllte Ruf wurde ploͤtzlich un⸗ terbrochen durch einen entfernten Ton, der dumpf aus dem Schlunde des Hohlweges zu toͤnen ſchien.„Nun! Dank der heiligen Jungfrau!“ ſagte der Juͤngling, indem er ſchnell den Schuh wieder anlegte:„ich hoͤre die Stimme eines le⸗ iſt, allein nirgends weder eine Stimme, noch 173 benden Menſchen, er wird Rath und Huͤlfe fuͤr mich haben in dieſer entſetzlichen Lage!“— Nachdem er den Schuh befeſtigt, rannte Halbert, in gewiſſen Pauſen den Ruf als Ant⸗ wort auf die Stimme, die er vernommen hatte, wiederholend, mit der Eile eines gejagten Wil⸗ des den rauhen Pfad hinab, und es ſchien, als ob vor ihm das Paradies laͤge, und hinter ihm alle Furien der Hoͤlle tobten, und als ob ſeine ewige Gluͤckſeligkeit oder Verdammniß von der Eil abhinge, womit er jetzt dahin flog. In ei⸗ ner unglaublich kurzen Zeit fuͤr jeden Andern, au⸗ ßer einem ſchottiſchen Bergjaͤger, deſſen Seh⸗ nen durch das leidenſchaftlichſte Intereſſe ange⸗ ſpannt werden, erreichte der Juͤngling den Ein⸗ gang des Hohlweges, wodurch der Bach ſich er⸗ gießt, der nach Corrienan⸗Shian hinunter fiießt, und ſich dann mit dem vereinigt, der das kleine Thal von Glendearg waͤſſert. Hier blieb er ſtehen und ſahe ſich um, ruͤck⸗ waͤrts und vorwaͤrts, ohne daß er eine menſch⸗ liche Geſtalt entdecken konnte; der Muth ſank ihm; indeß die Kruͤmmungen des Thales unter⸗ brachen die freie Ausſicht, ſo konnte die Perſon, deren Stimme er vernommen hatte, demohnge⸗ 174 achtet nicht gar weit entfernt, wenn ſchon ihm noch unſichtbar, ſein. Die Aeſte einer alten Ei⸗ che, welche von einer ſchmalen Felſenſpitze. her⸗ vorragten, gewaͤhrten ſeinem kuͤhnen Muthe und ſeinen ſtarken und beweglichen Gliedern, die Mittel, daran hinauf zu klimmen, gleich als auf eine hohe Warte, ein Unternehmen, welches die meiſten Menſchen, als hoͤchſt gefaͤhrlich, abge⸗ ſchreckt haben wuͤrde. Ein Sprung von der Erde half den Juͤngling auf den niedrigſten Aſt, und von dieſem ſchwang er ſich auf den Gipfel des Baumes, und ſo auf die Spitze des Felſen, von der er dann ganz deutlich eine menſchliche Ge⸗ ſtalt das Thal herabkommen ſah. Es war kein Schaͤfer oder Jaͤger, und doch pflegte ſonſt Nie⸗ mand dieſe Eindde zu beſuchen, zumal gegen Norden zu, woher jene Geſtalt kam, denn der Leſer wird ſich erinnern, daß der Bach ſeinen Urſprung aus einem großen und gefaͤhrlichen Moraſte nahm, der oben in dieſer Richtung lag. Halbert Glendinning aber dachte nicht lange daruͤber nach, wer der Reiſende, oder was der Zweck ſeiner Reiſe ſein moͤchte. Zu wiſſen, daß er ein menſchliches Weſen ſah, und daß er viel⸗ leicht in ſeiner verzweifelten Lage von einem . 175 ſeiner Mitmenſchen Rath und Unterſtuͤtzung er⸗ halten koͤnnte, war ihm in dieſem Augenblicke genug. Er ſchwang ſich daher von dem Gipfel des Felſen ſogleich wieder auf die Aeſte des Baums, der ſeine Wirzeln tief in die Spalten von jenem geſchlagen hatte, indeß ſeine Zweige frei in der Luft ſchwebten, und ſorang dann aus bedeutender Hoͤhe auf den ebenen Boden herab. Er nahm auch dabei ſo wenig Schaden, wie der Falke, der ſich auf ſeinen Schwingen zur Erde herablaͤßt. Siich zuſammen raffen und in voller Haſt das Thal aufwaͤrts eilen, war das Werk eines Au⸗ genblicks; aber, als er nun eine Kruͤmmung des Thals nach der andern hinter ſich hatte, ohne den zu treffen, den er ſuchte, wurde ihm bange, daß die Geſtalt, die er aus der Ferne geſehen, bereits in Luft zerfloſſen, oder daß ſie gar eine bloße Taͤuſchung ſeiner Phantaſte geweſen, oder einer der Elementargeiſter ſein moͤchte, welche, wie man glaubte, das Thal bewohnten. Allein zu ſeiner unausſprechlichen Freude er⸗ blickte er, wie er ſich um den Fuß einer großen allein ſtehenden Steinklippe wandte, ganz nahe, faſt dicht vor ſich, einen Menſchen, deſſen An⸗ 176— zug, ſo viel er in der Eil bemerken konnte, dem eines Pilgers glich. Es war ein ſchon bejahrter Mann, mit ei⸗ nem langen Barte und einem breiten, herabhaͤn⸗ genden Hute, doch ohne Band. Seine Kleidung beſtand in einem Gewande von ſchwarzer Ser⸗ ge, welches eine Art von Ueberwurf hatte, der die Arme bedeckte und hinten weiter hinabfiel; eine Taſche und eine kleine Flaſche, die ihm an der Seite hingen, nebſt einem Stocke in der Hand, vollendeten das Bild der fremden Erſcheinung. Sein Schritt war ſchwach und langſam, wi der eines, von beſchwerlicher Reiſe erſchoͤpften derers. 3 „Seid gegruͤßt, guter Vater!“ ſagte der Juͤngling:„Gott und unſere Frau haben Euch mir zur Unterſtützung geſendet.“ Und worinnen, mein Sohn, kann ein ſo ſchwaches Geſchopf, wie ich hin, Dir dienen? ſagte der alte Mann, nicht wenig erſtaunt, mit einem ſo wohlgebildeten Juͤnglinge zuſammen zu treffen, auf deſſen Geſicht Angſt und Verle⸗ genheit ſich ausdruͤckte, und deſſen Haͤnde und Kleider mit Blut befleckt waren. „Ein Mann blutet ſich zu Tode hier im Thale, nicht weit von uns! Kommt mit mir! kommt mit mir! Ich bitte Euch! Ihr ſeid be⸗ jahrt, Ihr habt Erfahrung, Ihr habt wenigſtens Eure Sinne beiſammen, und die meinigen ſind mir faſt vergangen.“ Ein Mann ſich zu Tode blutend, hier in diefem einſamen Thale? ſagte der Fremde. „Ach, Vater, fragt nicht, verwundert Euch nicht!“ ſagte der Juͤngling:„ſondern kommt, eilt zur Huͤlfe. Folgt mir, ohne einen Augen⸗ blick laͤnger zu verziehen!“ Aber, mein Sohn, ſagte der Alte: man folgt nicht ſo leicht einem Fuͤhrer, der ſich einem ſo ploͤtzlich in einer ſolchen Wildniß darbietet. Ehe ich Dir folge, mußt Du mir erſt Deinen Na⸗ men, Deine Abſicht und Deine Angelegenheit mittheilen. „Hier iſt nicht Zeit dazu,“ erwiederte Hal⸗ bert:„ich ſage Dir ja, es ſchwebt ein Men⸗ ſchenleben in Gefahr, und Du mußt helfen, oder ich ziehe Dich mit Gewalt fort.ꝰ Das haſt Du nicht noͤthig, entgegnete der Fremde: wenn Alles ſo iſt, wie Du ſagſt, ſo folge ich Dir freiwillig, und zwar um ſo mehr, da ich nicht ganz unerfahren in der Wundarz⸗ 178 neikunſt bin, und auch in meiner Taſche Etwas bei mir fuͤhre, was Deinem Freunde nuͤtzlich ſein moͤchte. Aber geh Etwas langſamer, ich bitte Dich, denn ich bin von meiner Reiſe ſchon faſt ganz erſchoͤpft. Mit der feurigen Ungeduld eines edlen Roſ⸗ ſes, wenn es der Reuter noͤthigt, mit irgend einem langſam ſchreitenden Klepper gleichen Schritt zu halten, begleitete Halbert den Wan⸗ derer, gluͤhend vor aͤngſtlicher Unruhe, die er je⸗ doch zu bezaͤhmen ſuchte, um ſeinen Gefaͤhrten nicht zu beunruhigen, der ihm offenbar nicht recht zu trauen ſchien. Als ſie ſich an der Stelle befanden, wo ſie aus dem weitern Thale nach dem Corri einlenken mußten, blieh der Fremde zweifelnd ſtehen, gleich als wolle er die breitere Straße nicht verlaſſen. „Junger Menſch,“ ſagte er:„wenn Du Et⸗ was Boͤſes gegen dieſe grauen Haare im Sinne haſt, ſo wirſt Du mit Deiner Grauſamkeit we⸗ nig gewinnen, ich habe keine irdiſchen Schaͤtze, welche Raͤuber oder Moͤrder verſuchen koͤnnten. Und ich, ſagte der junge Mann: bin keines von Beiden— Gott im Himmel! ich kann aber wohl ein Moͤrder werden, wenn Ihr dem Ver⸗ ——— ——— — 179 wundeten nicht ſchnell genug Euren Beiſtand leiſtet. „So?“ entgegnete der Reiſende:„und wird von menſchlichen Leidenſchaften die Bruſt der Natur auch in ihrer tiefſten Einſamkeit beunru⸗ higt? Doch warum wundere ich mich, daß, wo die Finſterniß herrſcht, auch die Werke der Fin⸗ ſterniß gedeihen? An ſeinen Fruͤchten erkennt man den Baum. Fuͤhre mich, ungluͤcklicher Juͤngling, ich folge Dir!“— Nun ſtrengte der Reifende ſeine Kraͤfte aufs Aeußerſte an, und ſchien ſeine eigene Ermuͤdung zu vergeſſen, um mit ſeinem ungeduldigen Fuͤh⸗ rer gleichen Schritt zu halten. Allein wer ſchildert Halbert Glendinnings Erſtaunen, als er, an dem ungluͤcklichen Orte angekommen, keine Spur von Sir Piereie Shaf⸗ ton's Koͤrper erblickte. Die Spuren des Zwei⸗ kampfs waren indeß noch uͤberall ſichtbar. Des Ritters Mantel war zwar mit dem Leichnam ver⸗ ſchwunden, aber ſein Wamms lag noch da, wie er es hingelegt hatte, und der Raſen, wo jener gelegen, war an manchen Stellen mit dunkeln Blutſlecken bedeckt. Als er ſo voll Erſtaunen und Schrecken um 180—— ſich ſchaute, ſielen Halberts Augen auf die Stelle des Grabes, welches zur Aufnahme eines der Schlachtopfer beſtimmt geweſen zu ſein ſchien. Es ſtand nicht mehr offen, und es ſchien, als habe die Erde den erwarteten Bewohner aufge⸗ nommen, denn der gewoͤhnliche kleine Huͤgel war daruͤber erhoͤht, und die gruͤne Bekleidung deſ⸗ ſelben mit der Genanigkeit eines erfahrenen Tod⸗ tengraͤbers geordnet. Halbert ſtand wie entgeiſtert. Unwillkuͤhrlich draͤngte ſich der Gedanke in ſein Herz, daß der Erdhuͤgel vor ihm das einſchloͤſſe, was noch vor Kurzen ein lebendes⸗ bewegliches, fuͤhlendes Mitgeſchoͤpf geweſen war, das ſeine ungluͤckliche Hand, wegen eines leichten Zwiſtes, zu einem Erdenkloße gemacht habe, gefuͤllos wie der Raſen, unter dem es lag. Die Hand, welche das Grab gegraben, hatte ihr Werk auch vollen⸗ det; und weſſen Hand konnte das anders gewe⸗ ſen ſein, als die des geheimnißvollen Weſens, daß er ſo unbeſonnen angerufen, und ſich in ſein Geſchick hatte miſchen laſſen?— Als er ſo mit verſchlungenen Armen und offen ſtarrenden Augen daſtand, ſeine raſche That beweinend, wurde er durch die Stimme des Fremden aufgeſchreckt, deſſen Verdacht gegen 181 ſeinen Fuͤhrer aufs Neue rege geworden war, da er die Scene ſo ganz anders fand, als ſie ihn Halbert hatte erwarten laſſen. „Junger Mann,“ ſagte er:„haſt Du Deine Zunge mit Falſchheit befleckt, um vielleicht die wenigen Lebenstage eines Mannes zu verkuͤrzen, den die Natur ohnedies bald hinrufen wird, ohne daß Du die Schuld auf Dich laden darfſt, ſeine Reiſe zu beſchleunigen?⸗ Nein! beim ewigen Himmel, bei unſerer ge⸗ benedeieten Frau! Nein! rief Halbert laut. „Schwoͤre nicht,“ ſagte der Fremde ihn un⸗ terbrechend:„weder beim Himmel, denn er iſt Gottes Thron, noch bei der Erde, denn fie iſt ſeiner Fuͤße Schemel, noch bei den Geſchoͤpfen, die er gemacht hat, denn ſie ſind Erde und Staub wie wir; laß Deine Rede ſein: Ja, ja! und Nein, nein! Mit einem Worte ſage mir, warum und zu welchem Ende haſt Du eine Geſchichte erfunden, um einen verirrten Wanderer noch mehr von ſeinem Ziele abzulocken?“ So wahr ich ein Chriſt bin, verſetzte Glen⸗ dinning: ich habe ihn hier blutend und mit dem Tode ringend verlaſſen, und doch erdlicke ich ihn nirgends, ſo viel ich auch mich umſchaue, mir 182 ahnet, das Grab, welches Du hier vor Dir ſiehſt, hat ſeine ſterblichen Ueberreſte umſchloſſen. „Aber, wer iſt denn derjenige, um deſſen Schickſal Du ſo beſorgt biſt?“ fragte der Frem⸗ de:„oder wie iſt es moͤglich, daß der Verwun⸗ dete von hier weggebracht, oder an einem ſo einſamen Platze begraben werden konnte 2* Sein Name, ſagte Halbert nach einer au⸗ genblicklichen Pauſe: iſt Piereie Shafton— hier, an dieſer Stelle verließ ich ihn blutend, und welche Macht ihn von hinnen gefuͤhrt hat, das weiß ich ſo wenig, als Du es weißt. „Piercie Shafton?“ ſagte der Fremde:„Sir Piereie Shafton von Wilverton, ein Verwand⸗ ter, wie man ſagt, des großen Piereie von Nor⸗ thumberland? Wenn Du ihn erſchlagen haſt, ſo lieferſt Du Dich durch Deine Ruͤckkehr auf das Gebiet des Abtes gerade an den Galgen. Er iſt ſehr bekannt, dieſer Piereie Shafton, das ver⸗ mittelnde Werkzeug weiſerer Erfinder— der thoͤ⸗ richte Zwiſchenhaͤndler des Verraths der Kaͤmpfer des Pabſtes, den dieienigen politiſchen Koͤpfe, welche mehr Willen haben, Ungluͤck zu ſtiften, als Muth, der Gefahr zu begegnen, als eine ver⸗ lorne Poſt gebrauchen. Komm mit mir, Juͤng⸗ —— 1835 ling, und rette Dich felbſt vor den boͤſen Folgen Deiner That— fuͤhre mich nach dem Schloſſe von Avenel, und Dein Lohn ſoll Schutz und Sicherheit ſeyn.“ Halbert bedachte ſich, um einen Entſchluß zu faſſen. Die Nache, welche der Abt wahr⸗ ſcheinlich wegen der Toͤdtung Shafton's, ſeines Freundes und gewiſſermaßen auch ſeines Gaſtes, nehmen wuͤrde, konnte nicht anders als ſtreng ſein; allein bei Betrachtung der mancherlei moͤg⸗ lichen Faͤlle, die er vor dem Zweikampfe ange⸗ ſtellt hatte, war es ihm doch entgangen, zu be⸗ denken, was er zu thun habe, im Fall Sir Pier⸗ eie von ſeiner Hand fallen ſollte. Kehrte er nach Glendearg zuruͤck, ſo war er gewiß, auf ſeine ganze Familie, Marien von Avenel mit einge⸗ ſchloſſen, den Unwillen und Zorn des Abtes und der Moͤnche zu ziehen, da es hingegen wohl moͤglich war, daß er durch ſeine Flucht als all⸗ einiger Urheber der That erſchiene, und ſo den Unwillen des Kloſters von den uͤbrigen Einwoh⸗ nern ſeiner vaͤterlichen Beſitzung ablenkte. Auch gedachte Halbert der Gunſt, welche der Unter⸗ prior immer fuͤr ſeine Hausgenoſſen, und ganz beſonders fuͤr Eduard, geaͤußert hatte, und es 184— wurde ihm klar, daß, wenn er ſeine Schuld die⸗ ſem wuͤrdigen Geiſtlichen aus einiger Entfer⸗ nung von Glendearg bekennte, er der wirkſamen Verwendung deſſelben zum Beſten ſeiner Fami⸗ lie wohl gewiß ſein koͤnne. Dieſe Gedanken gingen ihm ſchnell durch den Kopf, und ſo ent⸗ ſchloß er ſich zur Flucht. Die Geſellſchaft des Frremden und der ihm verſprochene Schutz deſ⸗ ſelben, unterſtuͤtzten dieſen Entſchluß. Allein demohngeachtet konnte er die Einladung, die er von dem Alten erhielt, ihn, um ſeiner Sicher⸗ heit willen, nach dem Schloſſe Avenel zu beglei⸗ ten, nicht mit den Verbindungen Julians, des jetzigen unrechtmaͤßigen Beſitzers dieſes Erbes, in Uebereinſtimmung bringen. Guter Vater! ſagte er: ich fuͤrchte, Ihr habt eine falſche Meinung von dem Manne, bei dem Ihr mir eine Zuſlucht bereiten wollt. Avenel nahm Piercie Shafton in Schottland auf, und ſein Wehrmann, Chriſtie von Clinthill, brachte denſelben hierher. „Das weiß ich!“ ſagte der alte Mann:„al⸗ lein wenn Du mir ſo vertrauſt, wie ich Dir un⸗ bedenklich vertraut habe, ſo wirſt Du bei Ju⸗ — 195 lian Avenel willkommene Aufnahme, oder we⸗ nigſtens Sicherheit finden.“ Vater! verſetzte Halbert: ob ich gleich das, was Du ſagſt, mit dem, was Julian Avenel ge⸗ than hat, ſchwerlich vereinigen kann, ſo will ich doch, da mir an der Rettung eines verlornen Geſchoͤpfes, wie ich bin, wenig gelegen iſt, und Deine Worte die der Wahrheit und Treue ſelbſt zu ſein ſcheinen, und da Du auch Dich meiner Fuͤhrung freiwillig uͤberließeſt, Dir ein gleiches Vertrauen beweiſen, und Dich nach dem Schloſſe Avenel auf einem Wege geleiten, den Du ſelbſt wohl ſchwerlich entdeckt haben wuͤrdeſt. Er ſchlug ſogleich den Weg ein, und der Alte kolgte ihm, einige Zeit in Schweigen ver⸗ ſunken. Neuntes Kapitel. Das Gefuͤhl der Reue und Zerknirſchung, wel⸗ ches Halbert Glendinning bei dieſem traurigen Vorfalle ergriff, war tiefer, als man es in ei⸗ nem Zeitalter und einem Lande erwarten konnte, wo Menſchenleben gerade nicht im hohen Preiſe ſtand. Freilich war es noch weit entfernt von dem, welches ein, mit beſſern Neligionsgrund⸗ ſaͤtzen genaͤhrtes, und ſtrengern geſellſchaftlichen Geſetzen unterworfenes, Gemuͤth empfunden ha⸗ ben wuͤrde, indeß es war doch tief und ernſtlich, und fand in Halberts Herzen nur noch den Schmerz neben ſich, mit dem er ſich von Marien von Ave⸗ nel, und dem Thurme ſeiner Vaͤter getrennt hatte. Der reiſende Alte ging einige Zeit ſchwei⸗ gend neben ihm her, dann wandte er ſich zu ihm mit folgenden Worten: „Mein Sohn, man ſagt, der Bekuͤmmerte muß ſprechen oder ſterben, warum biſt Du ſo 187 niedergeſchlagen? Erzaͤhle mir Deine Ungluͤcks⸗ geſchichte, es koͤnnte doch wohl ſein, daß mein graues Haar fuͤr Dein junges Leben Rath und Huͤlfe faͤnde.“ Ach! ſeufzte Halbert Glendinning: kann es Dich wundern, warum ich niedergeſchlagen bin? Ich bin in dieſem Augenblicke ein Fluͤchtling von dem vaͤterlichen Hauſe, von meiner Mutter und meinen Freunden, und ich trage das Blut eines Menſchen auf meiner Seele, der mich bloß durch leere Worte beleidigte, und dem ich dafuͤr ſo blutig gelohnt habe. Mein Herz ſagt mir nun, daß ich ſehr uͤbel gethan; es maͤre haͤrter als der Fels hier, wenn es unbewegt bei dem Gedanken bliebe, daß ich dieſen Mann zu einer langen Rechenſchaft geſandt habe, ohne daß er ſein Haus beſtellen, und ſeine Suͤnden beichten konnte. 25: „Sei ruhig, mein Sohn!“ ſagte der Frem⸗ de:„Du haſt zwar Gottes Ebenbild in der Per⸗ ſon Deines Naͤchſten entſtellt, Du haſt in eit⸗ lem Zorne und noch eitlerm Hochmuth Staub zu Staube geſellt, das iſt allerdings eine ſchwere, ſchwere Suͤnde; daß Du ihm die Zeit abgeſchnit⸗ ten haſt, die ihm der Himmel zur Neue gegoͤnnt 188 hatte, macht ſte noch ſchwerer; allein fuͤr das Alles giebt es Balſam in Gilead.“ Ich verſtehe Euch nicht, Vater, ſagte Hal⸗ bert, ergriffen von dem feierlichen Tone, womit ihn ſein Gefaͤhrte anredete. Der Alte fuhr fort:„Du haſt Deinen Feind erſchlagen, das war eine grauſame That! Du haſt ihn vielleicht in ſeinen Suͤnden hingeopfert, das macht Deine Schuld groͤßer. Folge daher meinem Rathe, und verſuche, ſiatt deſſen, den Du dem Neiche des Satans vielleicht uͤberliefert haſt, einen Andern aus dem Reiche des einzig Boͤſen zu erretten.“ Verſteh' ich Euch, Vater? ſagte Halbert. Ihr wuͤrdet meine raſche That fuͤr verſoͤhnt hal⸗ ten, wenn ich Etwas fuͤr die Seele meines Geg⸗ ners thaͤte? Aber wie kann ich das? ich habe kein Geld, Meſſen zu kaufen, und mit Freuden wuͤrde ich barfuß nach dem heiligen Lande zie⸗ hen, um ſeine Sele aus dem Fegefeuer zu erlo⸗ ſen/ allein— „Mein Sohn,“ ſagte der Alte, ihn unter⸗ brechend:„der Suͤnder, fuͤr den ich Dich zu ringen bitte, iſt kein Todter, ſondern ein Leben⸗ der. Nicht fuͤr die Seele Deines Feindes⸗ moͤchte —, —, — 189 ich Dich bitten, zu beten— der hat ſchon ſein entſcheidendes Urtheil erhalten von dem Richter, der eben ſo barmherzig als gerecht iſt; auch wuͤrde es dem abgeſchiedenen Geiſte nichts helfen, wenn Du die Felſen alle hier in Dukaten umwandeln koͤnnteſt, und fuͤr jeden eine Seelenmeſſe erhiel⸗ teſt. Wohin der Baum gefallen iſt, da bleibt er liegen. Aber der Sproͤßling, in dem noch Saft und Lebenskraft iſt, laͤßt ſich nach dem Punkte biegen, wohin man ihn wenden wills— Biſt Du ein Prieſter? Vater, ſagte der Juͤng⸗ ling: oder in weſſen Auftrag ſprichſt Du von ſo hohen Dingen? „In dem Auftrag meines allmaͤchtigen Herrn,“ entgegnete der Wanderer:„unter deſſen Panier ich als Krieger diene.“ Halberts Kenntniſſe in Religionsſachen er⸗ ſtreckten ſich nicht weiter, als auf den Katechis⸗ mus des Erzbiſchofs von St. Andreas und die kleine Schrift:„der zwei Pfennig Glaube“ ge⸗ nannt, welche beide von den Moͤnchen des Klo⸗ ſters zur heiligen Jungfrau emſig verbreitet und empfohlen wurden. Ein ſo gleichguͤltiger und oberflaͤchlicher Theolog er aber auch war, ſo fing er doch an, zu vermuthen, daß er es mit einem 190 Evangeliſchen oder Ketzer zu thun habe, vor de⸗ ren Einfluſſe das alte Religionsſyſtem jetzt bis auf den Grund zu wanken begann⸗ Erzogen, wie man ſich wohl denken kann, in einer heili⸗ gen Scheu vor dieſen furchtbaren Sektirern, naͤhrte der Juͤngling nur ſolche Geſinnungen, wie ſie einem rechtlichen und treuen Vaſallen der Kirche geziemten. Alter Mann, ſagte er: wenn Du im Stande waͤrſt, die Worte, die Deine Zunge gegen unſere heilige Mutterkirche geſprochen hat, mit dem Schwerte in der Hand zu vertreten, ſo wollten wir gleich auf dieſem Moorboden verſuchen, wel⸗ cher von unſern Glauben den beſten Verfechter habe.— „Wenn Du ein rechter Soldat Roms biſt,* verſetzte der Fremde:„ſo giebſt Du Deinen Vorſatz nicht auf, weil Du die Jugend und die Kraft des Arms fuͤr Dich haſt. Hoͤre mich, mein Sohn! Ich habe Dir gezeigt, wie Du Deinen Frieden mit dem Himmel machen kannſt⸗ und Du haſt mein Anerbieten zuruͤckgewieſen. Jetzt will ich Dir zeigen, wie Du Deine Ver⸗ ſoͤhnung mit den Maͤchten dieſer Welt zu Stande bringen kannſt. Trenne dieſes graue Haupt von — 191 dem ſchwachen Koͤrper, der es traͤgt, und bringe es dem ſtolzen Abt Bonifazius, und wenn Du ihm dann geſteheſt, daß Du den Piercie Shaf⸗ ton erſchlagen haſt, und ſein Zorn ob dieſer That entbrennet, dann lege ihm das Haupt Heinrich Wardens zu Fuͤßen, und Du wirſt ſtatt Tadels, Lob einaͤrndten.“ Halbert Glendinning wich erſtaunt zuruͤck. Was? Ihr ſeid Heinrich Warden, der unter den Ketzern ſo beruͤchtigt iſt, daß man kaum Knox's Namen öfter unter ihnen nennen hoͤrt? Der biſt Du, und wagſt es, dem Heiligthume zur hei⸗ ligen Jungfrau zu nahen? „Jaf“ verſetzte der Alte:„ich bin Heinrich Warden, aber unwuͤrdig, mit Knor gemeinſchaft⸗ lich genannt zu werden, ob ich gleich gern jeder Gefahr Trotz biete, wozu mich der Dienſt mei⸗ nes Meiſters aufruft.“ So hoͤre mich denn, ſagte Halbert: Dich zu toͤdten, dazu habe ich nicht das Herz; Dich zum Gefangenen zu machen, wuͤrde gleichfalls Dein Blut uͤber mich bringen; Dich aber in dieſer Wildniß ohne Fuͤhrer zu laſſen, waͤre um nicht viel beſſer. Ich werde Dich alſo, wie ich ver⸗ ſprochen habe, wohlbehalten nach dem Schloſſe 192— Avenel bringen; allein waͤhrend wir unterweges ſind, darfſt Du kein Wort gegen die Lehren der heiligen Kirche aͤußern, deren unwuͤrdiges, wenn gleich eifriges und unwiſſendes Mitglied ich bin. Biſt Du dort angekommen, dann ſorge fuͤr Dich ſelbſt, denn es iſt ein hoher Preis auf Deinen Kopf geſetzt, und Julian von Avenel liebt den Glanz der goldenen Muͤtzenſtuͤcke.“) „um Gewinn alſo ſollte er das Blut ſeines Gaſtes vergießen?“ Rein! wenn Du als ein eingeladener Frem⸗ der kommſt, ſeiner Treue vertrauend, ſo bin ich gewiß, ſagte der Juͤngling: Julian wird, ſo ſchlecht er ſonſt ſein mag, die Rechte der Gaſt⸗ freundſchaft nicht verletzen. Denn ſo locker auch wohl alle andere Bande unter uns ſein moͤgen, dieſe werden mit einer Art von Abgoͤtterei von uns verehrt, und ſeine naͤchſten Verwandten ſelbſt wuͤrden es als eine Obliegenheit betrach⸗ ten, ſeines Blutes nicht zu ſchonen, um den Flecken —— *) Eine Goldmünze Jakobs V, die ſchönſte unter den andern ſchottiſchen Münzen. Man nannte ſie des⸗ halb ſo, weil das Bild des Monarchen darauf eine Mütze trägt. . 193 Flecken abzuwaſchen, den ein ſolcher Verrath auf ihren Namen und Stamm bringen wuͤrde. Kommſt Du aber von Dir ſelbſt, ohne ſeine Ein⸗ ladung und Verbuͤrgung der Sicherheit, ſo muß ich Dir ſagen, Du wagſt viel!— „Ich ſtehe in Gottes Hand,“ ſagte der Pre⸗ diger(denn das war Heinrich Warden)„ich durchſtreife dieſe Wildniſſe unter Gefahren aller Art, bloß in den Geſchaͤften dieſes Herrn; ſo lange ich noch nuͤtzen kann in meines Herrn Dienſte, wird mir Niemand Etwas anhaben koͤn⸗ nen, und kann ich, gleich dem duͤrren Feigen⸗ baume, laͤnger keine Fruͤchte mehr tragen, ſo iſt es einerlei, wer die Art an ſeine Wurzel legt.“ Euer Muth und Eure Hingebung, ſagte Glendinning: waͤren einer beſſern Sache werth. „Das iſt unmoͤglich,“ verſetzte Warden:„denn meine iſt die beſte.“ Sie ſetzten nun ſchweigend ihren Weg fort. Halbert Glendinning wand ſich mit der groͤßten Vorſicht durch die gefaͤhrlichen Moraͤſte, welche das Kloſter von der Baronie Avenel trennten; von Zeit zu Zeit mußte er ſtehen bleiben, um ſeinen Gefaͤhrten uͤber die wankenden Stellen zu belfen, welche im Schottiſchen hags heißen, un D. Kloſter, II. J 2 194— die ſich zwiſchen den feſtern Theilen der Suͤmpfe hinziehen. Muth, Alter! ſagte Halbert, als er be⸗ merkte, daß ſein Gefaͤhrte faſt ganz an Kraften erſchoͤpft war: Muth! wir werden uns bald auf feſterm Boden befinden! So weich aber auch die⸗ ſer Moraſt iſt, ſo habe ich doch luſtige Falco⸗ niere ſo leicht hier dahin laufen ſehen, als das Wild, wenn ihm die Hunde auf den Ferſen wa⸗ ren. „Ja, ja, mein Sohn, verſetzte Warden:„denn ſo werde ich Dich immer nennen, ob Du mir gleich den Ramen: Vater! nicht mehr giebſt— ſo pflegt die Jugend ihren Freuden nachzujagen, ohne an die Gefahren des Pfades zu denken, auf dem ſie dahin eilt.“ Ich habe Dir ſchon geſagt, entgegnete Hal⸗ bert Glendinning ſehr ernſt: daß ich Nichts von Dir hoͤren will, was nach einer Lehre ſchmeckt. „Aber, mein Sohn,“ ſagte Warden:„Dein geiſtlicher Vater ſelbſt wird gewißlich die Wahr⸗ heit deſſen nicht bezweifeln, was ich ſo eben zu Deiner Erbauung geſagt habe.“ Glendinning entgegnete darauf feſt: Das weiß ich nicht! allein ſo viel weiß ich wohl,⸗ —— — — 195 daß Eure Bruͤderſchaft mit ſchoͤnen Reden ihre Beute zu locken pflegt, und daß ſie ſich ſelbſt als Engel des Lichtes aufſtellen, um deſto beſſer das Reich der Finſterniß verbreiten zu koͤnnen. „Moͤge Gott denen vergeben,“ verſetzte der Prediger:„welche Euch alſo von ſeinen Dienern berichtet haben. Ich will Dich nicht beleidigen, mein Sohn, dadurch, daß ich eine unpaſſende Zeit waͤhlte, Dich zu belehren. Du ſprichſt, wie Du biſt gelehrt worden, allein ich glaube feſtig⸗ lich, ein ſo guter, trefflicher Juͤngling wird wie ein Brand aus dem Feuer gerettet werden.“ Unter dieſen Geſpraͤchen war das Ende des Moraſtes erreicht worden, und ſie gingen nun laͤngs dem Abhange einen Fußpfad hinab. Der Boden war gruͤner Raſen, der aus der Ferne, von Stel⸗ len voll dunkelbraunen Heidekrautes unterbro⸗ chen, wie eingelegte Arbeit ausſah, ob man gleich den Unterſchied, wenn man darauf ging, nicht ſo leicht bemerken konnte. Der Alte ſetzte ſeinen Weg verhaͤltnißmaͤßig ziemlich leicht fort, und ſprach, weil er den Eifer des Juͤnglings fuͤr den roͤmiſchen Glauben nicht wieder erwek⸗ ken wollte, uͤber mancherlei andere Gegenſtaͤnde. Der Ton ſeiner Unterhaltung war immer gleich J 2. 196— ernſt, moraliſch und belehrend. Er hatte viele Reiſen gemacht, und kannte die Sprache und Sitten vieler Laͤnder; da nun Halbert Glendin⸗ ning ſchon die Moͤglichkeit ſich dachte, daß er wegen ſeiner That Schottland koͤnnte verlaſſen möͤſſen, ſo war ihm eine ſolche Belehrung na⸗ tuͤrlich ſehr anziehend. Allmaͤhlich wurde er durch das Angenehme in der Unterhaltung des Fremden immer mehr gewonnen, als er durch die Furcht vor ſeinem gefaͤhrlichen Charakter⸗ als den eines Ketzers, zuruͤckgeſchreckt ward, und ſo kam es,⸗ daß Halbert ihn mehr als einmal wieder Vater nannte, ehe die Thuͤrme des Schloſſes Avenel ſich ihren Blicken zeigten. Die Lage dieſer alten Veſte war ſehr merk⸗ wuͤrdig⸗ Gie ſtand auf einer kleinen, felſigen Inſel in einem Gebirgsſee oder tarn⸗ wie man dergleichen Waſſerbehaͤlter in Weſtmoreland zu nennen pflegt. Der See mochte ohngefaͤhr eine Meile im Umfange haben, und war umgeben von Huͤgeln von betraͤchtlicher Hoͤhe, die, außer da, wo alte Baͤume und Buſchwerk die Spalten⸗ die ſie trennten, ausfuͤllten, kahl und nur mit Heidekraut bewachſen waren. Das Auge fand ſich beſonders dadurch uͤberraſcht, daß man einen 8 . 197 Waſſerſpiegel in einer ſo hohen Berggegend fand, und die Landſchaft umher hatte Zuͤge, die man mehr wild als romantiſch oder erhaben nennen mochte, doch fehlte es derſelben nicht an Reizen. Bei der brennenden Hitze des Sommers erfriſchte der klare Azur des tiefen, ruhigen Sees das Auge, und erfuͤllte das Gemuͤth mit der ange⸗ nehmen Empfindung tiefer Einſamkeit. Im Winter, wenn der Schnee ringsum auf den Bergen liegt, ſcheinen ſich dieſe ſeltſam geſtal⸗ teten Maſſen uber ihre natuͤrliche Groͤße zu er⸗ heben, indeß der See, der ſich zwiſchen ihnen hindehnt, und ihren Buſen mit all ſeinen ge⸗ frornen Wellen ausfuͤllt, wie die Oberflaͤche ei⸗ nes dunkeln und zerbrochenen Spiegels um die ſchwarze Felſeninſel und die Waͤlle des grauen Schloſſes, womit ſie gekroͤnt iſt, herumliegt. Da das Schloß entweder mit den Haupt⸗ gelbaͤnden, oder mit ſeinen Seiten⸗ und Außen⸗ werken, jeden hervortretenden Punkt des Felfen, auf dem es lag, bedeckte, ſo ſchien es, als gaͤnz⸗ lich von Waſſer umgeben, wie das Neſt eines wilden Schwanes, außer da, wo ein ſchmaler Nothweg ſich zwiſchen der Inſel und der Kuͤſte hinzog. Dennoch ſchien es von Weitem hetraͤcht⸗ 198— licher, als es wirklich war, da von den Gebaͤu⸗ den und dem Zubehoͤr manches verfallen und un⸗ bewohnbar geworden war⸗ In den Zeiten des Glanzes und der Groͤße der Familie Avenel, hatte darin eine betraͤchtliche Beſatzung von Mannſchaft aus ihren Dienſtleuten gelegen, al⸗ lein jetzt waren ſie groͤßtentheils verlaſſen, und Julian Avenel wuͤrde wahrſcheinlich ſeinen Wohn⸗ ſitz in einem, fuͤr ſeine verminderten Vermoͤ⸗ gensumſtaͤnde beſſer geeigneten, Gebaͤude genom⸗ men haben, waͤre es nicht der großen Sicherheit halber geweſen, welche die Lage des alten Schloſ⸗ ſes einem Manne von ſeiner ungewiſſen und ge⸗ faͤhrlichen Lebensart darbot. In der That konnte auch der Ort in dieſer Hinſicht kaum gluͤcklicher gewaͤhlt werden, denn man konnte ihn leicht, nach Gefallen des Bewohners, vollkommen un⸗ zugaͤnglich machen. Die Entfernung des naͤch⸗ 3 ſten Ufers von der Inſel betrug nicht uͤber hun⸗ dert Ellen, und der außerordentlich ſchmale Weg der ſie verband, war zweimal durchſchnitten; ein Mal in der Mitte, und das andere Mal dicht unter dem aͤußerſten Thore des Schloſſes. Da⸗ durch wurde einer feindlichen Annaͤherung ein furchtbares, faſt unuͤberſteigliches Hinderniß ent⸗ —.,.,.,— — —.— 199 gegengeſetzt. Jeder dieſer Durchſchnittspunkte war mit einer Zugbruͤcke verſehen, wovon die eine, dem Schloſſe am naͤchſten liegende, den Tag uͤber jederzeit aufgezogen war. Des Hauhte. zog man beide auf. Julian Avenels Lage, die ihn in mannigfache Fehden verwickelte, und an allen dunkeln, geheim⸗ nisvollen Haͤndeln Theil nehmen ließ, welche in jener wilden, militaͤriſchen Grenzgegend ſich ent⸗ ſpannen, machte dieſe Vorkehrungen zu ſeiner Sicherheit nothwendig. Seine eigene wankel⸗ muͤthige und zweideutige Politik vermehrte dieſe Gefahr; denn da er ſich zu beiden Partheien im Staate hielt und gelegentlich bald die eine, bald die andere verſtaͤrkte, ſo wie es ſein unmit⸗ telbarer naͤchſter Vortheil ihm zu erheiſchen ſchien, ſo konnte man auch nicht ſagen, daß er weder ſichere Bundesgenoſſen und Beſchüͤtzer/ noch beſtimmte, entſchiedene Feinde hatte. Sein Leben war ein Leben voll unruhe und Gefahr, und indem er bei Verfolgung ſeines Vortheils alle Liſt und Falſchheit gebrauchte, die er dazu fuͤr noͤthig fand, verfehlte er nicht ſelten ſein Ziek, und verlor das, was er erreicht haben wuͤrde, wenn er einen geradern Weg eingeſchlagen haͤtte. 200 Zehntes Kapitel. As die Wanderer, beim Ausgange eines Paſ⸗ ſes, der ſich am Ufer des Sees endigte, das alte Schloß Avenel zu Geſichte bekamen, blieb der Alte ſtehen, lehnte ſich auf ſeinen Pilger⸗ ſtab und betrachtete die vor ihm liegende Scene mit vieler Aufmerkſamkeit. Das Schloß war, wie wir bereits bemerkt haben, an⸗ manchen Stellen verfallen, wie man dies ſelbſt in dieſer Entfernung, aus der unterbrochenen, hie und da ganz unregelmaͤßigen⸗ Auſſenſeite der Waͤlle und Thuͤrme abnehmen konnte. An andern aber ſchien es noch ganz, und eine dicke Rauchſaͤule welche von den Schornſteinen aufſtteg, und ihre dunkeln Wolken durch den klaren Luftraum ver⸗ breitete, zeigte an⸗ daß es nicht unbewohnt ſei. Allein weder Kornfelder noch umſchloſſene Wei⸗ deplaͤtze auf der Seite des Sees deuteten je⸗ ne vorſorgende Aufmerkſamkeit fuͤr den Lebens⸗ * 201 unterhalt an, die man gewoͤhnlich um die Woh⸗ nungen der groͤßern, ſelbſt der kleinern Barone jener Zeit, gewahr wurde. Auch fand man keine Huͤtten mit ihren Stuͤckchen urbaren Landes und ihren Hoͤfen und Gaͤrten darum, von einem fe⸗ ſten Zaune und Pfahlwerk umfriedigt, auch keine Kirche mit ihrem einfachen Thurme im Thale, keine Schaafheerden auf den Huͤgeln, kein Horn⸗ vieh in den niedern Gegenden, kurz gar Nichts was auf Betreibung der Kuͤnſte des Friedens, auf eine Art von Induſtrie hindeutete; vielmehr war es klar, daß die Bewohner, mochten ſie zahlreich ſein oder nicht, bloß als Beſatzung des Schloſſes betrachtet werden konnten, in der ver⸗ theidigten Umgebung lebend, und ſich durch Mittel ernaͤhrend, welche man nichts weniger als friedlich nennen konnte. Vermuthlich war es dieſe Ueberzeugung, welche den Alten bei dem Anblicke des Schloſ⸗ ſes zu den, vor ſich hin gemurmelten, Worten veranlaßte:„Lapis offensionis et petra scandali.“ dann wandte er ſich zu Halbert Glendinning mit dem Zuſatze:„Man koͤnnte wohl von die⸗ ſem Schloſſe hier das ſagen, was Koͤnig Jakob von einer andern Veſte dieſes Landes ſagte, daß 202 der Erbauer derſelben in ſeinem Herzen ein Raͤu⸗ ber war.“ Und doch war dem nicht ſo, erwiederte Glen⸗ dinning: denn jenes Schloß wurde von den al⸗ ten Lords von Avenel erbaut, Maͤnnern, welche eben ſo geliebt waren im Frieden, als geachtet im Kriege. Sie waren das Bollwerk der Gren⸗ zen gegen fremden Einbruch, und die Schuͤtzer der Eingebornen gegen inlaͤndiſche Unterdruͤk⸗ kung. Der gegenwaͤrtige Uſurpator ihres Erbes gleicht ihnen ganz und gar nicht, ſo wenig, wie eine Nachteule dem Falken, weil ſie imit ihm auf einem Felſen niſtet. „Dieſer Julian Avenel ſteht alſo bei ſeinen Nachbarn nicht ſehr in Liebe und Achtung?“ ſagte Warden. So wenig, entgegnete Halbert: daß ich, au⸗ ßer den Freibeutern, mit denen er ſich verbun⸗ den hat, und von denen er mehrere zu ſeiner Verfuͤgung hat, Niemanden kenne, der gern ſich ihm anſchloͤſſe. Er iſt mehr als ein Mal in Eng⸗ land und Schottland geaͤchtet worden, ſo wie ſeine Laͤndereien fuͤr verwirkt erklaͤrt, und auf ſeinen Kopf iſt ſogar ein Preis geſetzt worden. Allein in ſo unruhigen Zeiten, wie jetzt, findet ein ſo unter⸗ —— 2⁰3 nehmender Mann, wie Julian Avenel, immer einige Freunde, die bereit ſind, ihn gegen die Strenge der Geſetze in Schutz zu nehmen, un⸗ ter der Bedingung, daß er ihnen in Geheim wieder diene. „Ihr ſchildert einen gefaͤhrlichen Mann,“ ſagte Warden. Ihr werdet das wohl ſelbſt erfahten, ver⸗ ſetzte der Juͤngling: wenn Ihr Euch nicht aͤu⸗ ßerſt vorſichtig benehmt. Indeſſen kann es wohl auch ſein, daß er die Gemeinſchaft unſerer Kirche verlaſſen und den Pfad der Ketzerei betreten hat. „Was Ihr in Eurer Blindheit den Pfad der Ketzerei nennt,“ entgegnete der Reforma⸗ tor:„das iſt eigentlich der gerade und ſchmale Weg, von dem, wer ihn einmal betreten hat, weder um weltliche Guͤter, noch aus weltlicher Leidenſchaft abweicht.— Wollte Gott, dieſer Mann wuͤrde von keinem andern und ſchlechtern Geiſte getrieben, als dem, der meine geringen Bemuͤhungen zur Ausbreitung des Reiches Got⸗ tes leitet. Dieſer Baron Avenel iſt mir per⸗ ſoͤnlich ganz unbekannt, gehoͤrt nicht zu unſerer Gemeinheit und zu unſerm Rathe; allein ich habe Auftraͤge an ihn in Betreff meiner Sicher⸗ 2⁰½— heit, von denen, die er fuͤrchten muß⸗ wenn er jene nicht beachten wollte; und in dieſer Zuver⸗ ſicht wage ich mich in ſeinen Aufenthalt.— Ich fuͤhle mich durch dieſe wenigen Minuten Ruhe hinlaͤnglich erquickt.” So laßt Euch wenigſtens einige Winke zu Eurer Sicherheit dienen, die ſich auf die Sitten dieſes Landes und ſeiner Einwohner gruͤnden. Koͤnnt Ihr Euch beſſer vorſehen, ſo begebt Euch nicht in das Schloß Avenel, wollt Ihr's aber doch wagen, ſo laßt Euch, wo miglich, ſicheres Geleit von ihm geben, und ſeht zu, daß er das bei dem ſchwarzen Kreuze beſchwoͤre. Dann gebt Acht, ob er mit Euch von Einer Schuͤſſel ißt und aus Einem Becher trinkt, denn wenn er Euch dieſe Zeichen nicht giebt, ſo hat er Uebles gegen Euch im Sinne⸗ „Leider“ ſagte der Prediger:„habe ich nur jetzt keine andere irdiſche Zuflucht, als eben dieſe drohenden Thuͤrme; allein ich verlaſſe mich auf eine Huͤlfe, welche nicht von dieſer Erde iſt. Aber Du, junger Menſch, mußt Du Dich denn in dieſen gefaͤhrlichen Ort wagen?“ Ich, verſetzte Halbert: bin nicht in Gefahr. ch bin mit dem Dienſtmanne Julians, Chriſtie .O[.— 2⁰5 von Clinthill, gut bekannt, und was noch beſſer iſt, ich habe Nichts an mir, was entweder die Bosheit reizen, oder zum Raube auffodern koͤnnte. Jetzt vernahm man den Tritt eines Roſſes, welches laͤngs den unwegſamen Ufern des Sees daher kam; man ſchaute ſich um, und erkannte einen Reuter, deſſen Stahlhaube und Lanzen⸗ ſpitze in der Sonne glaͤnzte, indem er daher ge⸗ ritten kam. Halbert Glendinning erkannte bald Chriſtie von Clinthill, und machte ſeinen Gefaͤhrten dar⸗ auf aufmerkſam, daß dieſes eben der Dienſtmann Julians von Avenel ſei. „Ha! Juͤngelchen!“ ſagte Chriſtie zu Hal⸗ bert, als er ihm ganz nahe gekommen war: „haſt Du Dich endlich beſonnen, und kommſt nun, bei meinem edlen Herrn Dienſte zu neh⸗ men? Nicht ſo? Nun, Du ſollſt an mir einen treuen und aufrichtigen Freund finden, und ehe wir wieder den St. Barnabastag feiern, ſollſt Du gewiß jeden Paß zwiſchen Migburn Plain und Notherby ſo gut kennen, als wenn Du mit der Lanze in der Hand und dem Panzerhemde am Leibe geboren waͤreſt. Was haſt Du denn fuͤr einen alten Kerl da bei Dir? der gehoͤrt 206 nicht zur Bruͤderſchaft der heiligen Jungfrau, wenigſtens hat er nicht das Brandzeichen dieſes ſchwarzen Viehes!—“ Er iſt ein Reiſender, ſagte Halbert: der mit Julian von Avenel Geſchaͤfte abzuthun hat. Ich ſelbſt bin im Begriff, nach Edinburg zu gehen, um den Hof und die Koͤnigin zu ſehen, und wenn ich von da wieder zuruͤckkomme, dann ſpre⸗ chen wir weiter uͤber Deinen Antrag. Unter⸗ deſſen, da Du mich ſo oft nach dem Schloſſe eingeladen haſt, ſo bitte ich Dich auf dieſe Nacht fuͤr mich und meinen Gefaͤhrten um gaſt⸗ freundliche Aufnahme. „Du ſollſt willkommen ſein! junger Kame⸗ rad; aber Pilgrimme, oder was wie dergleichen ausſieht, beherbergen wir nicht gern.“ Erlaubt! ſagte Warden: ich habe Empfeh⸗ lungsſchreiben an Deinen Herrn von einem Freunde, dem er wohl einen groͤßern Gefallen gern bewilligen wuͤrde, als mir einen kurzen Schutz und Aufenthalt zu gewaͤhren. Auch bin ich kein Pilgrim, ſondern lehne dieſen Namen ganz ab, mit allen ſeinen aberglaͤubiſchen Ge⸗ braͤuchen. ⸗ 207 Er uͤbergab hierbei ſeine Briefe dem Dienſt⸗ mann, der den Kopf ſchuͤttelte. „Das ſind Dinge fuͤr meinen Herrn/ ſagte er:„und es mag ſchon gut ſein, wenn er ſie ſelbſt nur leſen kann, denn fuͤr mich ſind Schwert und Lanze meine Buͤcher und Pſalter, und ſind das geweſen von meinem zwoͤlften Jahre an. Aber jetzt will ich Dich ins Schloß fuͤhren, und der Baron von Avenel mag uͤber Deine Auf⸗ traͤge entſcheiden.“ unterdeſſen hatten Alle zuſammen den ſchma⸗ len Weg erreicht, auf dem Chriſtie voraustrabte und ſeine Anweſenheit den Thurmwaͤchtern durch ein beſonderes Pfeifen zu erkennen gab. Auf dieſes Zeichen wurde ſogleich die vordere Zug⸗ bruͤcke niedergelaſſen. Der Reuter ritt daruͤber hin, und verſchwand in dem finſtern Eingange jenſeits. Glendinning und ſein Gefaͤhrte, welche je⸗ nem langſamer folgten, ſtanden endlich an dem⸗ ſelben Thorwege, uͤber welchem, in dunkelrothen Stein gehauen, das alte Wappen des Hauſes Avenel ſichtbar war, eine weibliche Geſtalt, wel⸗ che in einem Grabtuche eingehuͤllt und vermummt ſchien, und das ganze Wappenfeld einnahm. Die 208— Urſache, warum jene ein ſo ſeltſames Zeichen angenommen hatten, war unbekannt, allein man glaubte allgemein, daß dieſe Geſtalt das geheim⸗ heimnißvolle Weſen bedeute, das man gewoͤhn⸗ lich die weiße Frau von Avenel nannte.*) Der Anblick dieſes Wappenſchildes erweckte in Hal⸗ berts Geiſte die Erinnerung der ſeltenen Um⸗ ſtaͤnde, welche ſein Schickſal mit dem Mariens von Avenel verbunden hatten, ſo wie mit dem des geſpenſtiſchen Weſens, welches an ihr Haus geknuͤpft war, und das er hier eben ſo in Stein abgebildet ſahe, wie er es vorher ſchon auf dem Siegelringe Walters von Avenel geſehen hatte, der nebſt andern fruͤher erwaͤhnten Sachen aus der Pluͤnderung gerettet, und nach Glendearg gebracht worden war, als Mariens Mutter ihre Wohnung hatte verlaſſen muͤſſen. „Du ſeufzeſt, mein Sohn,“ ſagte der Alte, als er bemerkte, daß in der Seele ſeines Ge⸗ faͤhrten mancherlei Gefuͤhle ſich regten, deren Urſache er jedoch mißverſtand:„wenn Du Dich — ) Es giebt noch eine alte engliſche Familie, welche ein ſolches ſchwarzes Phantom im ſilbernen Felde, im Wappen führt oder führte. —— 209 fuͤrchteſt hier einzutreten, ſo oͤnnen wir ja noch umkehren.“ „Das koͤnnt Ihr nicht, ſagte Chriſtie von Clinthill, der in dieſem Augenblicke aus der Seitenpforte unter dem Eingange hervortrat: „Seht dorthin, und waͤhlt, ob ihr, wie ein fluͤch⸗ tiges Wild, durchs Waſſer ſchwimmen, oder wie ein Geier Euch durch die Luft ſchwingen wollt.“ Sie ſahen ſich um und hemerkten, daß die Zugbruͤcke wieder aufgezogen war, und nun ihre Planken zwiſchen die ſinkende Sonne und das Portal des Schloſſes ſtellte, den duͤſtern Bogen, unter dem ſie ſtanden, noch mehr verdunkelnd. Chriſtie lachte, und hieß ſie, ihm folgen, indem er zugleich, gleichſam zur Ermunterung, Halber⸗ ten ins Ohr lispelte:„Antworte nur keck und ſchnell auf Alles, was der Baron Dich fragt, ſuche die Worte nicht lange, vorzuͤglich aber laß Dir nicht merken, daß Du Dich vor ihm fuͤrch⸗ teſt.— Der Teufel iſt nicht ſo ſchwarz, als er gemahlt wird.“ Mit dieſen Worten fuͤhrte er ſte in die große ſteinerne Halle, an deren aͤußerſtem Ende ein gro⸗ ßes Feuer unterhalten wurde. Der lange ei⸗ chene Tiſch, der, der Sitte gemaͤß, in der Mitte 210 des Gemaches ſtand, war mit rohen Zubereitun⸗ gen zu dem Abendeſſen des Barons und ſeiner vornehmſten Diener beſetzt, von denen fuͤnf bis ſechs, große Athletengeſtalten von wildem Anſe⸗ hen, an dem untern Ende der Halle auf und ab gingen. Dieſe ertoͤnte von dem Klirren ih⸗ rer langen Schwerter, die bei jeder Bewegung raſſelten, und von dem ſchweren Tritte ihrer, mit hohen Abſaͤtzen verſehenen, ſchweren Stie⸗ feln. Eiſerne Panzer oder lederne Koller mach⸗ ten den Hauptbeſtandtheil ihrer Kleidung aus,⸗ und Stahlhauben oder breite Huͤte mit ſpani⸗ ſchen Federn, ruͤckwaͤrts fallend, waren ihr Kopf⸗ ſchmuck. Der Baron von Avenel war eine jener mnuskuldſen, kriegeriſchen Geſtalten, welche die Lieblingsgegenſtaͤnde von Salvator Roſa ſind. Er trug einen Mantel, der einſtmals recht ſchoͤn geſtickt geweſen, allein durch langes Tragen und den Einfluß des Wetters in ſeinen Farben ziem⸗ lich verſchoſſen war. Nachlaͤſſig um die große Geſtalt geſchlagen, verbarg und enthuͤllte er zum Theil ein kurzes Wamms von Buͤffelhaut, unter dem an einigen Stellen das leichte Panzerhemd ſichtbar war, welches man ein secreit nannte, 211 weil es, ſtatt der mehr ſichtbaren Ruͤſtung getra⸗ gen, gegen meuchelmoͤrderiſche Anfaͤlle ſchuͤtzen ſollte. Ein lederner Guͤrtel hielt an der einen Seite ein großes gewichtiges Schwert, und an der andern den ſchoͤn gearbeiteten Dolch, der ſonſt dem Piercie Shafton zugehoͤrt hatte, und deſſen Vergoldungen und Zierrathen, entweder durch rohen Gebrauch oder Vernachlaͤſſigung, ſehr gelitten hatten. Indeſſen hatte doch Julian Avenel, trotz ſeiner rauhen Außenſeite, in ſeinem Benehmen und Weſen weit mehr Edles und Vornehmes, als alle ſeine, ihn umgebenden, Genoſſen. Er mochte ohngefaͤhr funfzig Jahr alt ſein, denn ſein dunkles Haar war ſchon mit einigen grauen vermiſcht, allein das Alter hatte weder das Feuer ſeines Auges getruͤbt, noch dem Kuͤhnen und Unternehmenden ſeines Weſens Etwas benommen. Er war ſonſt ſehr huͤbſch geweſen, denn Schoͤn⸗ heit war von jeher eine Eigenſchaft ſeiner Fa⸗ milie, allein die ſtete Anſtrengung und das Ver⸗ weilen im Freien bei jedem Wetter, hatten ſeine Zuͤge rauh gemacht; was denn auch noch durch die taͤgliche Befriedigung ſeiner unregelmaͤßigen Leidenſchaften vermehrt wurde. 2¹12— Er ſchien in tiefes, finſteres Nachſinnen ver⸗ loren, und ging in einiger Entfernung von ſei⸗ nen Gefaͤhrten oder Dienern am obern Ende des Gemaches hin und her, indem er von Zeit zu Zeit ſtehen blieb, um einen großen Falken zu liebkoſen und zu fuͤttern, der ihm auf der Fauſt ſaß, und ſich mit ſeiner ledernen Beinbedeckung an den Fingern feſtgeklammert hatte. Der Vo⸗ gel, der gegen die Guͤte ſeines Herrn nicht un⸗ empfindlich ſchien, beantwortete deſſen Liebkoſun⸗ gen dadurch, daß er die Federn vorwaͤrts ſtraͤub⸗ te, und ſpielend auf ſeiner Hand hackte. In ſolchen Augenblicken laͤchelte der Baron, allein er ſiel ſogleich in ſein duͤſteres Nachdenken zu⸗ ruͤck, und warf nicht einmal einen Blick auf ei⸗ nen Gegenſtand, dem wohl Wenige ſo oft voruͤ⸗ bergegangen waͤren, ohne wenigſtens einen fluͤch⸗ tigen Blick darauf zu richten. Dieſer Gegenſtand war ein Weib von un⸗ gemeiner Schoͤnheit, mehr zierlich als reich ge⸗ kleidet, welches dicht an dem großen unfoͤrmli⸗ lichen Kamine ſaß. Die goldenen Ketten um Hals und Arme, der nette geuͤne Leibrock, der auf den Boden niederfloß, der ſilbergeſtickte Guͤrtel mit dem Schluͤſſelbunde, welches an ei⸗ — — — 213 ner ſilbernen Kette, als ein hausmuͤtterlicher Putz, herabhing, der gelbe ſeidene couvrechef, (ſchottiſch curch) der um ihr Haupt geſchlungen war, und zum Theil die ſchoͤne Fuͤlle ſchwarzer Haare bedeckte, vor Allen aber der Umſtand, der in einer alten Ballade ſo zart beruͤhrt wird: daß der Rock zu kurz und der Guͤrtel zu eng war, fuͤr die gegenwaͤrtige Geſtalt der Traͤgerin— dies Alles haͤtte wohl auf des Barons Gemah⸗ lin koͤnnen ſchließen laſſen. Aber auf der an⸗ dern Seite der niedrige Sitz, der Ausdruck tie⸗ fer Schwermuth, der ſich in ein furchtſames Laͤ⸗ cheln verwandelte, ſo oft ſie ſahe, daß Julian Avenel wenigſtens nach ihr hinzublicken ſchien, der bezaͤhmte Blick des Kummers, und die her⸗ vorquellende Thraͤne, welche ſogleich an die Stelle des erzwungenen Laͤchelns trat, wenn ſie ſich ganz und gar nicht beachtet ſah— dies Alles waren doch keine Eigenſchaften einer Hausfrau, wenn dieſe nicht zu den verachteten und bekuͤm⸗ merten gehoͤrte. Julian Avenel ſchritt, wie wir ſchon bemerkt haben, immerfort in der Halle hin und her, ohne auch nur eine jener ſtummen Aufmerkſamkeiten blicken zu laſſen, welche man faſt jedem weibli⸗ 214— chen Weſen, entweder aus Zuneigung oder Ar⸗ tigkeit, zu erweiſen pflegt. Er ſchien ihre An⸗ weſenheit gar nicht zu beachten, ſo wenig als die der Andern, welche um ihn waren; bloß der Falke ſchien ihn aus ſeinen duͤſtern Sinnen zu wecken, und darauf gab denn auch das Frauen⸗ bild ſorgfaͤltig Achtung, gleich als wollte ſie da⸗ bei eine Gelegenheit aufzufinden ſuchen, mit dem Baron zu ſprechen, oder irgend Etwas Be⸗ ziehungsfaͤhiges in den Ausdruͤcken aufzuſpuͤren, deren er ſich gegen den Vogel bediente. Dies Alles hatten die Fremden Gelegenheit, genau zu beobachten, denn kaum waren ſie in das Gemach eingetreten, als ihr Fuͤhrer, Chriſtie von Clin⸗ thill— nachdem er einen bedeutenden Blick mit den Hausgenoſſen am untern Ende des Raums gewechſelt hatte— dem Halbert Glendinning und ſeinem Gefaͤhrten ein Zeichen gab, nahe an der Thuͤr ſtehen zu bleiben, indeß er ſelbſt naͤher zu dem Tiſche trat und eine ſolche Stellung an⸗ nahm, wodurch er des Barons Aufmerkſamkeit auf ſich ziehen mußte, wenn ſich dieſer geneigt zeigen ſollte, ſich umzuſchauen, ohne daß er ſich jedoch von ſelbſt ſeines Herrn Blicken geradezu aufdrang. In der That ſchien das ſonſt ſo kuͤhne — 275 und verwegene Benehmen dieſes Mannes gaͤnz⸗ lich veraͤndert, ſeit er ſich in der Naͤhe ſeines Herrn befand, und er glich faſt einem klaffenden Hunde, wenn ihn ſein Beſitzer ſtraft, oder wenn er ſich gezwungen ſieht, die Ueberlegenheit ei⸗ nes Gegners von ſeiner eigenen Gattung anzu⸗ erkennen. Trotz der Neuheit ſeiner eigenen Lage und dem damit verbundenen peinlichen Gefuͤhle, fuͤhlte Halbert, daß ihn die Frauengeſtalt, welche un⸗ bemerkt und unbeachtet am Kamine ſaß, lebhaft intereſſire. Er bemerkte, mit welcher Aengſtlich⸗ keit ſie auf die abgebrochenen Worte Julians lauſchte, wie ſich ihr Blick zu ihm hinſtahl, da⸗ mit es ihr ja nicht entgehe, wenn er auf ſie zu achten ſchiene. Unterdeſſen fuhr der Baron unablaͤßig fort, ſich mit dem geſtederten Lieblinge ſpielend und neckend zu beſchaͤftigen, indem er ihm den Biſſen, den er ihm zugedacht hatte, bald gab, bald vorent⸗ hielt, und ſo ſeinen Appetit befriedigte und taͤuſchte.„Nun, was noch mehr? Garſtiges Thier! wenn man dir ein Stuͤck giebt, gleich willſt du Alles haben! Ja! ſtraͤube nur die Fe⸗ dern auf und hacke mit dem Schnabel! Ich 216— kenne dich recht gut! Auch wenn du ſchmeichelſt/ iſt es nur, um Futter zu erhaſchen, du gefraͤßi⸗ ges Vieh! So, nimm nur! durch Kleinigkeiten ſchon bringt man's weit mit dir und deinem ganzen Geſchlechte. Und ſo muß es auch ſein!“ Er ſahe den Vogel nicht mehr an, und ſchritt abermals durch das Gemach. Dann nahm er wieder ein kleines Stuͤck von dem Teller, auf dem die Speiſe lag, und begann von neuem den Vogel auf die vorige Art zu reizen und zu nek⸗ ken, bis dieſer ganz wild wurde.„Was? Du willſt dich gegen mich ſtraͤuben, willſt mich mit dem Schnabel und den Klauen angreifen? Willſt davon fliegen? haſt du denn nicht Feſſeln an den Klauen? Narr, du kannſt dich ja nur regen, wenn ich will! Nimm dich in Acht! treib's nicht zu arg! ſchlechtes Geſchoͤpf! oder ich drehe dir naͤchſter Tage den Kopf ab!—— Jenkin! Jenkin!“— Sogleich trat einer von den Die⸗ nern hervor.„Nimm das garſtige Thier mit Dir, ſperre es in den Kaͤſich! ich bin ſeiner überdruͤßig! Siehe nach, daß er ſich ordentlich baden kann, morgen wollen wir ihn fliegen ſe⸗ hen!— Nun Chriſtie! ſo bald zuruͤck?“ Chriſtie trat auf ſeinen Herrn zu, und ſtat⸗ tete — 217 tete ihm Bericht uͤber ſich und ſeine Reiſe ab, eben ſo ohngefaͤhr, wie ein Polizeioffteiant mit ſeinem Obern ſich beſpricht, d. h. eben ſo durch Zeichen, als durch Worte. Edler Herr! ſagte der wuͤrdige Diener: der Laird von— hier nannte er keinen Ort, ſon⸗ dern machte mit dem Finger eine nach Suͤdwe⸗ ſten deutende Bewegung— will nicht mit Euch reiten an dem beſtimmten Tage, weil der Lord Oberrichter gedroht hat, daß er ihn wolle— hier machte er wieder ein ziemlich verſtaͤndliches Zei⸗ chen, indem er mit dem linken Vorderfinger ſei⸗ nen eigenen Nacken berührte und ſich ein we⸗ nig auf eine Seite neigte. „Feiger Schurke!“ ſagte Julian:„beim Himmel, die ganze Welt hat ſich umgekehrt; ſie iſt nicht werth, daß noch ein braver Mann auf ihr lebt; man kann Tag und Racht reiten, und ſieht keinen Federbuſch wehen, und hoͤrt kein Roß ſchnauben; der Geiſt unſerer Vaͤter iſt ganz unter uns erſtorben— ſelbſt die Thiere ſind ausgeartet, das Vieh, das wir mit Lebens⸗ gefahr nach Hauſe bringen, hat nur Haut und Knochen; unſere Falken taugen nichts, unſere Hunde ſind Tellerlecker und Schwanzwedler;— D. Kloſter. II. K 218 unſere Maͤnner ſind Weiber, und unſere Wei⸗ ber.» Zum erſten Male ſahe er das Weibsbild an, und hielt ploͤtzlich in dem, was er ſagen wollte⸗ inne, dabei lag aber Etwas ſo veraͤchtliches in ſeinem Blicke, daß ſich das Fehlende leicht alſo ergaͤnzen ließ: Unſere Weiber ſind ſo wie dieſe. Er ſagte dies zwar nicht, aber ſte, gleich als wollte ſie ſeine Aufmerkſamkeit, es koſte was es wolle, auf ſich ziehen, ſtand auf, und trat naͤber zu ihm hin, obgleich mit einiger Furcht⸗ ſamkeit und Aengftlichkeit, welche ſie, unter ei⸗ ner affektirten Luſtigkeit nur ſchlecht verbarg. „Unſere Weiber, Julian!— nun, was woll⸗ teſt Du von den Weibern ſagen?“ „Nichts,“ verſetzte Julian Avenel:„als daß ſie wenigſtens gutherzige Geſchoͤpfe ſind, wie Du ſelbſt, Kaͤthe!“— Das Frauenzimmer erroͤthete und kehrte auf ihren Sitz zuruͤck. „Was fuͤr Fremde haſt Du denn mitge⸗ bracht, Chriſtie?“ fuhr der Baron fort:„ſie ſte⸗ hen ja dort, wie zwei ſteinerne Statuen.“ Der groͤßere, ſagte Chriſtie: iſt ein junger 219 Menſch, Namens Halbert Glendinning, der aͤl⸗ teſte Sohn der alten Wittwe von Glendearg. „Was fuͤhrt ihn her? Hat er etwa einen Auftrag von Marien von Avenel 2“ So viel ich weiß, nein! ſagte Chriſtie: der Juͤngling zieht umher; er war immer eine wilde Ranke, denn ich hab' ihn gekannt, als er noch ſo groß war, wie mein Schwert. „Was hat er fuͤr Eigenſchaften?“ fragte der Baron. O! gar viele, verſetzte der Dienſtmann: er verſteht einen Hirſch zu ſchießen, wie Einer, die Spur des Wildes aufzufinden, einen Falken zu leiten, Hunde anzuhetzen, er ſchießt Euch mit Bogen und Armbruſt auf ein Haar breit, fuͤhrt Schwert und Lanze faſt ſo gut, als ich, baͤndigt ein Pferd, wie ein Mann, und mit Anſtand; mehr, daͤcht' ich, brauchte doch ein tapferer Mann nicht zu verſtehen. „Und wer iſt denn das alte Geſi cht, das be; ihm ſteht?“ fragte weiter der Baron. Eine Art von Prieſter, glaub' ich, er ſagt, er habe Briefe an Euch abzugeben. „Laß ſie vorwaͤrts kommen,“ ſagte der Ba⸗ ron; allein kaum hatten ſich Beide ihm genaͤ⸗ K 2 220 hert, als er, von der ſchoͤnen kraftvollen Geſtalt Halberts Glendinning ergriffen, ihn alſo anre⸗ dete: „Ich hoͤre, junger Menſch, daß Ihr in der Welt herumſtreift, Euer Gluͤck zu ſuchen, wollt Ihr bei Julian von Avenel Dienſte nehmen, ſo praucht Ihr nicht weiter zu gehen.“ Erlaubt! verſetzte Glendinning: es iſt mir Etwas begegnet, weshalb ich es fuͤr gerathener halte, das Land zu verlaſſen; ich will nach Edin⸗ burg. „Wie? haſt Du etwa Wild des Koͤnigs er⸗ legt? Ganz gewiß! oder haſt Du Etwas Vieh von den Weiden des Kloſters weggetrieben? oder im Mondlichte einen Streifzug uͤber die Grenze gemacht?“ Nein, Sir! mein Fall iſt ganz anders! „So wett' ich, Du haſt einen Kloſterbruder im Streit um eine Dirne erſchlagen— ſo Et⸗ was ſieht Dir wohl aͤhnlich.” Beeleidigt durch dieſen Ton, ſchwieg Hal⸗ bert, und es fuhr ihm der Gedanke durch den Kopf, was Julian Avenel geſagt haben wuͤrde, haͤtte er erfahren, daß der Streit, von dem er 221 ſo leichtſinnig ſprach, wegen ſe ner eigenen Bru⸗ derstochter entſtanden ſei. „Mag die Urſache Deiner Flucht ſein, welche ſie will,“ ſagte Julian, in ſeiner Rede fortfah⸗ rend:„glaubſt. Du, das Geſetz oder ſeine Voll⸗ ſtrecker koͤnnten Dir bis auf dieſe Inſel folgen, oder Dich verhaften unter den Fahnen Juliaus von Avenel? Blicke in die Tiefe dieſes Sees, auf die Staͤrke dieſer Mauren, auf den langen, ſchmalen Verbindungsweg, blick' auf meine Leu⸗ te, und ſage mir, obeſie ſo ausſehen, als wuͤr⸗ den ſie einen Kameraden kraͤnken laſſen, oder ob ich ſelbſt, ihr Herr, der Mann bin, der einen treuen Anhaͤnger im Guten oder Boͤſen verlaſ⸗ ſen kann?— Ich ſage Dir, es wird von dem Augenblicke an, wo Du meine Farben auf Dei⸗ nem Hute traͤgſt, ein ewiger Waffenſtillſtand zwi⸗ ſchen Dir und dem ſein, was ſie die Gerechtig⸗ keit nennen. Du kannſt dem Oberrichter vor der Naſe vorbei reiten, wie einem alten Markt⸗ weibe, und kein Hund von ſeinem Gefolge wird Dich anbellen.“. Ich danke Euch fuͤr Euer Anerbieten, edler Herr, verſetzte Halbert: allein ich muß Euch in aller Kuͤrze erwiedern: ich kann es nicht anneh⸗ 2²² men— mein Schickſal fuͤhrt mich anderswo⸗ hin! „Du biſt ein eigenwilliger Narr, zu Deinem Schaden!“ ſagte Julian, ſich von ihm wendend und Chriſtie ein Zeichen gebend, daß er naͤher treten ſollte; hierauf lispelte er dieſem ins Ohr: „Es liegt Etwas Vielverſprechendes in des jun⸗ gen Menſchen Blicken, und wir brauchen Leute von ſolchen Gliedern und Sehnen! Die, welche Du mir zuleht gebracht haſt, ſind der Auswurf der Menſchheit, kaum werth, daß man ſie mit Pfeilen todt ſchießt,— der junge Menſch hier iſt ja wie ein heiliger Georg, groß und ſtark! Traktire ihn recht mit Wein und Wildpret, und laß die Dirnen ihn mit ihren Retzen, wie Spin⸗ nen, umweben.— Du verſtehſt mich“ Chriſtie machte ein Zeichen, daß er ſeinen Herrn recht wohl verſtehe, und trat achtungsvoll in einige Entfernung von ſeinem Herrn zuruͤck. „Und Du, alter Mann,“ ſagte der Baron, zu dem aͤltern Neiſenden ſich wendend:„durch⸗ ſtreifſt du auch die Welt dem Gluͤcke nachjagend? Es ſcheint nicht, als ob es Dir in den Weg ge⸗ kommen waͤre.“ ——— — 223 Mit Eurer Erlaubniß, verſetzte Warden: ich waͤre vielleicht des Mitleids wuͤrdiger, als ich es jetzt bin, wenn ich das Gluͤck wirklich angetrof⸗ fen haͤtte, dem ich, wie Andere, in meinen blü⸗ hendern Jahren nachgeſtrebt habe. „Verſtehe mich, Freund,“ ſagte der Baron: „wenn Du mit Deinem ſchlechten Rocke und dem Pilgerſtabe zufeieden biſt, kann ich mirs auch gefallen laffen, daß Du ſo arm und ver⸗ aͤchtlich bleibſt, als es fuͤr das Heil Deines Koͤrpers und Deiner Sele gut ſein mag. Alles, was ich jetzt von Dir zu wiſſen begehre, iſt die Veranlaſſung, welche Dich zu mir aufs Schloß gebracht hat, denn hier nißen wenig ſolcher Kraͤ⸗ hen. Du biſt gewiß irgend ein vertriebener Moͤnch eines aufgehobenen Kloſters, der nun in alten Tagen die Schuld des ſchwelgeriſchen Muͤßig⸗ gangs buͤßt, dem er ſich in der Jugend ergeben hatte; vielleicht auch ein Pilgrim mit einem Pack Luͤgen vom heiligen Jakob von Compos⸗ tella, oder unſerer Frau zu Loretto; kannſt auch ein Ablaßtraͤmer ſein, mit einem Packet Reli⸗ quien von Rom die Suͤnden vergebend, ein Dutzend fuͤr einen Pfennig. Jetzt errathe ich auch, warum ich Dich in der Geſellſchaft des 224 jungen Purſchen finde, gewiß brauchſt Du einen ſolchen kraͤftigen Buben, um Dir Deinen Queer⸗ ſack tragen zu laſſen, und Deine lahmen Schul⸗ tern zu erleichtern. Deine Pfiffe ſollen Dir aber nichts helfen, das ſchwoͤr' ich Dir! Ein ſo huͤb⸗ ſcher Junge ſoll doch nicht laͤnger mit einem ſolchen alten Schurken, wie Simmie und ſein Bruder,*) im Lande herum ſtreifen.— Fort mit Dir! Packe Dich!“ ſetzte er zornig auffahrend hinzu, und ſprach ſo ſchnell, daß er dem Befrag⸗ ten gar keine Zeit zur Antwort ließ, indem er wahrſcheinlich die Abſicht hatte, den aͤltern Gaſt dergeſtalt zu ſchrecken, daß er ſchleunigſt die Flucht ergreifen ſollte.„Packe Dich fort mit Deinem geflickten Nocke, Deiner elenden Fla⸗ ſche und Taſche! fort! oder bei dem Namen Avenel, ich laſſe die Hunde auf Dich hetzen!“ Warden wartete mit großer Geduld, bis Julian Avenel, erſtaunt, daß ſeine Drohungen und harte Reden keinen Eindruck auf den Frem⸗ den machten, eine Weile ſchwieg, und in einem *) Zwei quaestionarii oder Vettelmönche, deren li⸗ ſtige Streiche den Inhalt einer alten ſchottiſchen Ballade ausmachen, weniger herriſchen Tone ſagte:„Zum Henker, warum antworteſt Du mir nicht?“ Wann Ihr ganz ausgeredet habt, erwiederte Warden in derſelben gefaßten und ruhigen Ma⸗ nier: dann iſt es noch volle Zeit, zu antworten. „„Rede, ins Teufels Namen, Menſch! aber nimm Dich in Acht, betteln darfſt Du hier nicht! Auch nicht eine Kaͤſerinde, nicht was die Ratten uͤbrig laffen, nicht einen Biſſen, den meine Hunde nicht moͤgen, kein Korn, keine Brotkrume gebe ich einem ſolchen falſchen Luͤm⸗ mel in Deinem Rocke.“ Ich denke aber doch, entgegnete Warden: Ihr wuͤrdet gegen meinen Rock nicht ſo einge⸗ nommen ſein, wenn Ihr wuͤßtet, was er eigent⸗ lich bedeckt. Ich bin weder ein Moͤnch noch ein Bettler, und wuͤrde Euch recht gern eifern hoͤren gegen dieſe Betruͤger der heiligen Kirche, die ſich die Rechte derſelben uͤber die chriſtliche Heerde frech anmaßen, wenn das nur aus chriſt⸗ licher Liebe geſchaͤhe. „Aber wer biſt Du denn, Menſch,“ ſagte Avenel:„daß Du dieſes Grenzland betrittſt, und doch weder Moͤnch, noch Soldat, noch Bett⸗ ler ſein willſt.“ 226 Ich bin ein demuͤthiger Verkuͤndiger des heiligen Wortes, verſetzte Warden: dieſer Brief,⸗ von einer ſehr erlauchten Perſon, wird Dir ſa⸗ gen, warum ich mich gegenwaͤrtig hier befinde. Er uͤberlieferte dem Baron den Brief, der das Siegel mit einigem Erſtaunen betrachtete, und dann in den Brief ſelbſt blickte, der jenes nooch zu vermehren ſchien. Er ſahe hierauf den Fremden feſt an, und ſagte mit drohendem Tone zu ihm:„Ich glaube nicht, daß Du es wagen wirſt, mich zu taͤuſchen oder zu betruͤgen.“ Ich bin nicht der Mann, das zu unterneh⸗ men, war die Antwort. Julian Avenel trat mit dem Briefe zum Fenſter, wo er ihn mehr als einmal durchlas, oder wenigſtens zu durchleſen verſuchte, indem er dabei oft von dem Papiere nach dem Frem⸗ den hinſchaute, der ihn uͤberbracht hatte, gleich gls wollte er den Inhalt des Schreibens auf dem Angeſichte des Ueberbringers leſen. End⸗ lich rief Julian die Weibsperſon und ſagte:„Ka⸗ tharine! hole mir einmal den Brief, den ich Dir befahl, in Deinem Kaſten zu verwahren, da ich ſelbſt keinen wohlverſchloſſenen Platz in mei⸗ nem Eigenthume habe.“ K — — 227 Katharine gehorchte mit der Bereitwilligkeit eines Menſchen, der Etwas gern thut, und in⸗ dem ſie fortſchritt, wurde der Zuſtand noch be⸗ merklicher, wo ein weiterer Rock und Guͤrtel zum Beduͤrfniß wird, und die Frauen die Un⸗ terſtuͤzung und Sorge der Maͤnner doppelt in Anſpruch nehmen. Bald kehrte ſie mit dem Pa⸗ pier zuruͤck, und wurde dafuͤr mit einem kalten: „Ich danke Dir, Maͤdel, Du biſt ein ſorgfaͤlti⸗ ger Sekretair!“ abgelohnt. Dieſes zweite Papier durchlief er gleichfalls, und zwar mehr als einmal, und warf dabei im⸗ mer im Leſen einen aufmerkſamen Blick auf Heinrich Warden. Dieſe Unterſuchung und Wie⸗ derunterſuchung hielt der Prediger, obgleich der Mann und der Ort ſehr gefaͤhrlich waren, mit der gefaßteſten und ruhigſten Stimmung aus⸗ und zeigte ſich unter den Adler⸗ oder vielmehr Geierblicken des Barons eben ſo unerſchuͤttert, als unter den Augen eines gewoͤhnlichen, frieh⸗ lichen Landmanns. Endlich faltete Julian die beiden Papiere zuſammen, ſteckte ſie in die Ta⸗ ſche ſeines Kleides, machte ein heiteres Geſicht, und ſagte, etwas vorwaͤrts tretend, zu ſeinem weiblichen Gefaͤhrten:„Katharine, ich habe dem 228 ehrlichen Manne ſehr Unrecht gethan, daß ich ihn fuͤr eine der roͤmiſchen Hummeln gehalten habe. Er iſt ein Prediger, ein Prediger der neuen Lehre der Lords der Congregation.“ Der Lehre der heiligen Schrift, ſagte der Prediger: gereinigt von den Erfindungen der Menſchen. „So?“ ſagte Julian:„Nun, meinetwegen nenne es ſo, wie Du willſt, mir empfiehlt ſie ſich ſchon, weil ſie alle die dummen Ideen von Heiligen und Engeln und Teufeln vertreibt, und die faulen Moͤnche aus dem Sattel hebt, die uns ſo lange geritten und ſo tuͤchtig geſpornt haben. Keine Meſſen, keine Zehnten mehr, die Leute arm zu machen, keine Gebete und Pſalmen mehr, die Menſchen feige zu machen, keine Tau⸗ fen, keine Bußen, keine Beichten und keine Ehen mehr!“— Mit Eurer Erlaubniß, entgegnete Warden: nur gegen die Mißbraͤuche, nicht gegen die Grund⸗ lehren der Kirche, ſind unſere Bemuͤhungen ge⸗ richtet, dieſe wollen wir bloß wieder herſtellen, nicht abſchaffen. „Still, ſtill, ich bitte Dich,“ ſagte der Ba⸗ „ron:„wir Laien bekuͤmmern uns nicht um das, 229 was Ihr aufſtellen wollt, wenn Ihr nur nie⸗ derreißt, was uns im Wege ſteht. Beſonders iſt es uns ganz recht, wenn das Land im Suͤ⸗ den faͤllt; denn es iſt unſer eigentliches Gewer⸗ be, die Welt umzukehren, und wir befinden uns am Beſten dabei, wenn das Unterſte zu oberſt gekehrt wird.“ Warden haͤtte ihm gern ſeine Meinung dar⸗ auf geſagt, allein Julian ließ ihm nicht Zeit da⸗ zu, ſondern ſchlug mit dem Griffe des Dolchs auf den Tiſch und rief:„Nun, Ihr faulen Knech⸗ te, ſchnell das Eſſen hereingebracht! Seht Ihr nicht, daß der heilige Mann hier ganz erſchoͤpft iſt aus Mangel an Nahrung? Habt Ihr wohl von einem Prieſter oder Prediger gehoͤrt, der nicht ſeine fuͤnf Mahlzeiten der Tages gehalten haͤtte?“ Die Diener eilten von dannen, und brach⸗ ten bald mehrere große rauchende Schuͤſſeln her⸗ ein, angefuͤllt mit ungeheuren Stuͤcen gekochten und gebratenen Fleiſches, aber ohne alle Veraͤn⸗ derung, ſelbſt ohne Gemuͤſe und Brot, ausge⸗ nommen einige Gerſtenkuchen, die in einem Korbe auf dem obern Ende des Tiſches ſtanden. Ju⸗ 230—— lian Avenel machte Warden dieſtrdald eine Art von Entſchuldigung. „Ihr ſeid uns empfohlen, Herr Prediger, denn ſo nennt Ihr Euch ja ſelbſt, und zwar von Jemand, den wir ſehr hoch achten.“ Ich bin uͤberzeugt, ſagte Warden: daß der edle Lord— „Still, ſtill, Freund,“ verſetzte Avenel:„was braucht es der Namen, wenn wir uns nur ver⸗ ſtehen. Ich erwaͤhnte ſeiner bloß in Anſehung der Sicherheit und Bequemlichkeit, die er fuͤr Euch bei uns zu finden wuͤnſcht. Nun, was die Sicherheit betrifft, da ſeht nur meine Mauern und das Waſſer an. Die Beguemlichkeit aber anlangend, ſo muß ich Euch ſagen, wir bauen ſelbſt kein Korn, und die vollen Saͤcke aus Suͤ⸗ den laſſen ſich nicht ſo leicht fortbringen, als die Ochſen, denn ſie haben keine Beine zum Gehen. Aber was thut das: Eine Schaale Wein ſollſt Du haben, und vom beſten, auch ſollſt Du zwiſchen Katharinen und mir am obern Ende des Tiſches ſitzen. Du, Chriſtie, ſorge fuͤr den jungen Springinsfeld, und laß Dir auch vom Kellermeiſter eine Flaſche vom Beſten geben.“” Der Baron nahm ſeinen gewoͤhnlichen Platz — 231 am Ende der Tafel ein, Katharine ſetzte ſich ne⸗ ben ihn und deutete ſehr artig auf einen Sitz zwiſchen ſich und jenem fuͤr den verehrten Gaſt. Allein des Einfluſſes von Hunger und Ermuͤ⸗ dung ungeachtet, verharrte Warden in ſeiner ſte⸗ henden Stellung. 5 23² Eilftes Kapitel. Julian von Avenel betrachtete mit Erſtaunen das Benehmen des verehrten Fremden.„Wahr⸗ haftig!“ ſagte er!„die Geiſtlichen nach der neuen Art haben auch Faſttage. Die alten pflegten ſonſt dergleichen Vergnuͤgungen hauptſaͤchlich den Laien aufzubuͤrden.“ Wir erkennen keine ſolche Regel an, ſagte der Prediger: unſer Glaube beſiehlt uns nicht, gewiſſer Speiſen an gewiſſen Tagen uns zu ent⸗ halten, und wenn wir faſten und Buße thun, ſo zerreißen wir unſere Herzen und nicht unſere Kleider. „Deſto beſſer fuͤr Euch, deſto ſchlimmer fuͤr den Schneider,“ entgegnete der Baron:„aber komm! ſetze Dich! oder mußt Du uns ja eine Probe Deines Amtes ſehen laſſen, ſo murmele Deine Zauberſpruͤche!“ Herr Baron! ſagte der Prediger! ich vin in einem Lande, wo man weder mein Amt noch — 233 meine Lehren kennt, ja wo man, wie es ſcheint, beide gar ſehr verkennt. Es iſt meine Pficht, mich ſo zu benehmen, daß in meiner, wenn auch unwuͤrdigen, Perſon die Wuͤrde meines Meiſters geachtet werde, und daß die Suͤnde ſich nicht eermuthigt fuͤhle durch Erſchlaffung des Bandes der Zucht.— „Genug davon,“ ſagte der Baron:„Du biſt, denk' ich, Deiner Sicherheit wegen hierher geſchickt worden, und nicht, um mir vorzupredi⸗ gen, oder um mich zu beobachten. Was willſt Du eigentlich, Herr Prediger? Bedenke, daß Du mit Jemand ſprichſt, der ziemlich wenig Geduld hat, der eine kurze Geſundheit, aber einen lan⸗ gen Trunk liebt.“ Mit einem Worte alſo, ſagte Heinrich War⸗ den: dieſe Dame hier— „Was?“ ſagte der Baron, ſtutzig werdend: „was iſt mit ihr? was haſt Du von der Dame zu ſagen?“— Iſt ſie Deine Hausfrau? fuhr der Prediger nach einer Pauſe von wenig Augenblicken fort, worinnen er das beſte Wort fuͤr das zu ſuchen ſchien, was er ſagen wollte: iſt ſie Dein Weib? Das ungluͤckliche junge Weib druͤckte hier 234 beide Haͤnde vor das Geſicht, gleich als wollte ſie es verbergen, allein die dunkle Roͤthe, welche ihr Stirn und Nacken bedeckte, zeigte, daß auch ihre Wangen damit bedeckt waren, und die her⸗ vorbrechenden Thraͤnen, welche ihren Weg durch die niedlichen Finger hindurch fanden, zeugten eben ſo von ihrem Kummer, als von ihrer Schaam. „Nun, bei der Aſche meines Vaters!“ rief der Baron, indem er den Stuhl mit ſolcher Ge⸗ walt hinter ſich zuruͤck ſtieß, daß er an die ent⸗ gegenſtehende Wand des Gemaches fiog; ſich dann gleich wieder faſſend, murmelte er fuͤr ſich:„Was erbittere ich mich denn, ſo wegen der Rede eines Narren?“ er nahm hierauf ſei⸗ nen Sitz wieder ein, und verſetzte kaͤlter, doch noch voll Zorn:„Nein! Herr Prieſter, oder Herr Prediger, Katharine iſt nicht mein Weib— Hoͤre auf zu weinen, thoͤrichtes Geſchoͤpf!— ſie iſt nicht mein Weib! allein ſie iſt mit mir ge⸗ handfeſtet, und das macht ſie Wenſals zu einem ehrlichen Weibe.“ Gehandfeſtet? wiederholte Warden. „ Kennſt du dieſe Sitte nicht, heil'ger Mann?* ſagte Avenel in demſelben ſpoͤttiſchen Tone; — — 235 „nun ſo will ich Dir's ſagen.— Wir Grenzleute ſind ein wenig behutſamer als ihr inlaͤndiſchen Bauern von Fife und Lothian— wir machen keinen Sprung im Dunkeln— wir legen uns keine Feſſeln um die Haͤnde, bis wir wiſſen, wie ſie uns paſſen— wir nehmen unſere Weiber, wie unſere Pferde, erſt auf die Probe. Sind wir gehandfeſtet, wie wir es nennen, dann ſind wir Mann und Weib auf ein Jahr und Tag; iſt dieſe Zeit vorbei, dann kann ſich jedes eine andere Parthie ſuchen, oder, gefaͤllt es ihnen, nun, ſo laſſen ſie den Prieſter kommen, um ſie auf Lebenszeit zu verbinden,— ſiehſt Du! das nennen wir handfeſten.“ Dann, ſagte der Prediger: muß ich Dir, edler Baron, aus herzlicher Liebe fuͤr Deine Seele, ſagen, das iſt ein ſchaͤndlicher, roher, ſchlechter Gebrauch, und wenn man dabei be⸗ harrt, gefaͤhrlich, ija hoͤchſt ſtrafbar. Er knuͤpft Dich an das ſchwaͤchere Weſen bloß ſo lange es der Gegenſtand Deiner Begierden iſt, und loͤſt das Band, wann ſie erſt recht der Gegen⸗ ſtand Deiner Theilnahme werden ſollte; er uͤber⸗ laͤßt dem thieriſchen Triebe Alles, nichts aber der edlern Zuneigung. Ich ſage Dir, daß der⸗ 236 jenige, der an die Aufloͤſung einer ſolchen Ver⸗ bindung denken kann, indem er das getaͤuſchte Weib und den huͤlfloſen Sproͤßling verlaͤßt, ſchlim⸗ mer iſt als der Raubygel, denn der bleibt doch mit dem Weibe zuſammen, bis die Jungen im Neſte ihre Fluͤgel gebrauchen koͤnnen. Vor Al⸗ lem aber muß ich Dir ſagen: dieſe Sitte wi⸗ derſtreitet der reinen Lehre des Chriſtenthums, welches das Weib dem Manne zutheilt, als Ge⸗ faͤhrtin ſeiner Muͤhen, Theilnehmerin ſeiner Ge⸗ fahren, Freundin in jedem Kummer, nicht aber als Spielwerk fuͤr ſeine muͤßigen Stunden, oder als eine Blume, die er, einmal gepfluͤckt und genoſſen, nach Gefallen von ſich werfen mag. „Ei!“ ſagte der Baron:„bei allen Heili⸗ gen, eine rechte Tugendpredigt, artig erfunden und wundervoll gehalten, und vor einer auser⸗ waͤhlten Verſammlung. Glaubt Ihr denn, Herr Evangeliſcher, daß Ihr es mit einem dummen Teufel zu thun habt? Ich weiß recht wohl, daß Eure Sekte durch den verwegenen Harry Tu⸗ dor aufkam, bloß weil Ihr ihn halft, ſeine Kaͤte zu wechſeln; warum alſo ſollt' ich denn nicht dieſelbe chriſtliche Freiheit mit der meinigen ha⸗ ben? Schweig glſo! Laß Dir's ſchmecken, und kuͤmmere Dich nicht um Etwas, was Dich nichts angeht.— Du betruͤgſt und taͤuſcheſt den Ju⸗ lian von Avenel nicht!“ Er ihat ſich ſelbſt getaͤuſcht und betrogen, ſagte der Prediger: geſetzt auch, er ſollte der ar⸗ men Theilnehmerin ſeiner haͤuslichen Sorgen diejenige unvollkommene Genugthuung verſchaf⸗ fen wollen, welche ihm uͤbrig bleibt. Kann er ſie zu dem Range einer reinen und unbefleckten Ehefrau erheben? Kann er dem Kinde das Elend erſparen, einer verirrten Mutter das Daſein zu danken? Zwar vermag er beiden den Rang und Stand eines verehelichten Weibes und rechtmaͤ⸗ ßigen Kindes zu ſichern, allein in der oͤffentli⸗ chen Meinung tragen ihre Namen doch ſtets einen Flecken an ſich, den ſeine zu ſpaͤten Be⸗ muͤhungen nicht mehr ganz verwiſchen koͤnnen. Indeß, Baron Avenel, laßt ihnen doch dieſe, wenn auch ſpaͤte und unvollkommene, Gerechtig⸗ keit wiederfahren. Laßt mich Euch fuͤr immer verbinden, und feiert Euren Hochzeittag nicht mit Feſten und Mahlzeiten, ſondern mit Reue uͤber Eure begangenen Suͤnden und dem feſten Entſchluſſe, von nun an ein beſſeres Leben zu fuͤhren. Dann werde ich den Zufall ſegnen, der 238 mich in dies Schloß gefuͤhrt hat, ob ich gleich, von Ungluͤck getrieben, kam, und nicht weiß, wo⸗ hin ich meinen Weg richten ſoll, gleich dem fal⸗ lenden Blatte, das der Nordwind treibt.— Die unbedeutenden, ja faſt gemeinen, Ge⸗ ſichtszuͤge des eifrigen Sprechers wurden durch die Wuͤrde ſeiner Begeiſterung belebt und vere⸗ delt, und der wilde Baron, ſo geſetzlos er ſonſt lebte, und ſo wenig er gewohnt war⸗ ſich dem heilſamen Zwange der Religion oder Moral zu unterwerfen, fuͤhlte doch, vielleicht zum erſten Male in ſeinem Leben, daß er ſich vor einem hoͤhern Gemuͤthe, als das ſeine war, demuͤthigen muͤſſe. Er ſaß ſtumm da, wankend zwiſchen Zorn und Schaam, und ungewiß, was er thun ſolle, doch aber niedergedruͤckt durch die Laſt der ge⸗ rechten Vorwuͤrfe, welche wie Blitze auf ihn ge⸗ fallen waren. Das ungluͤckliche junge Weib, welches aus ihres Tyrannen Schweigen und anſcheinender unentſchloſſenheit Hoffnung ſchoͤpfte, vergaß bei⸗ des, ihre Furcht und ihre Schaam, in der ſchuͤch⸗ ternen Erwartung, daß Avenel milder werden wuͤrde, und indem ſie ihre angſtvollen und bit⸗ tenden Blicke auf ihn richtete, ruͤckte ſie immer — 239 naͤher und naͤher zu ſeinem Sitze hin, bis ſie endlich, ihre zitternde Hand auf ſein Gewand le⸗ gend, zu ihm zu ſagen wagte:„O! Julian! gieb dem guten Manne Gehoͤr!“⸗ Dieſe Rede und Bewegung waren jedoch nicht gut berechnet, und bewirkten in dem ſtol⸗ zen und widerſpenſtigen Gemuͤthe gerade das Gegentheil von dem, was ſie wuͤnſchte. In voller Wuth ſprang Julian auf, und rief:„Was? Du tolles Geſchoͤpf! haſt Du Dich mit dieſem Landſtreicher verſchworen, der mich, wie Du geſehen haſt, in meinem eigenen Hauſe beſchimpft hat? Fort mit Dir, und bedenke, daß ich maͤnnlicher und weiblicher Verſtellung die Spitze zu bieten weiß.“ Die arme Dirne erſchrak heftig, gleich als ſei ein Blitzſtrahl vor ihr niedergefallen, und, bleich wie der Tod, ſich abwendend, verſuchte ſie, ſeinen Befehlen zu folgen, und wankte der Thuͤre zu. Ihre Glieder verſagten ihr faſt den Dienſt, und ſie ſiel auf den ſteinernen Fußboden mit ſolcher Heftigkeit nieder, daß es ihr in ih⸗ rer Lage leicht ſehr nachtheilig haͤtte werden koͤnnen. Das Blut rann ihr uͤber das Geſicht. Halbert Glendinning konnte dieſen Anblick nicht 240— ruhig ertragen, ſondern ſprang, eine heftige Ver⸗ wuͤnſchung ausſtoßend, von ſeinem Sitze auf, legte die Hand ans Schwert, und wuͤrde es wahr⸗ ſcheinlich dem hartherzigen, grauſamen Buben durch den Leib geſtoßen haben, wenn nicht Chri⸗ ſtie von Clinthill, ſeine Abſicht errathend, ihm in den Arm gefallen waͤre, und ihn verhindert haͤtte, ſeinen Plan auszufuͤhren. Der Antrieb zu ſolch einer gewaltthaͤtigen Handlung war nur voruͤbergehend, da Avenel ſelbſt, erſchrocken, wie es ſchien, uͤber die Wir⸗ kungen ſeiner Heftigkeit, aufſtand, und auf ſeine eigene Art die arme Katharine zu beſaͤnftigen ſuchte. „Sei nur ruhig! albernes Ding! wenn ich auch nicht auf den unberufenen Prediger hoͤre, ſo kann doch auch wohl was geſchehen, wenn Du mir einen ſtaͤmmigen Knaben bringſt. Weine ticht mehr! rufe deine Weiber. Nun, wo ſtek⸗ ken denn die Nichtswuͤrdigen? Chriſtie, Rowley, Hutcheon! ſchleppt ſie doch mit den Haaren her.“ In dem Augenblicke ſtuͤrtzten ein paar Dut⸗ zend Frauensperſonen von ziemlich wildem An⸗ ſehen ins Gemach, und trugen diejenige hinaus, die man entweder ibre Gefaͤhrtin oder ihre Herr⸗ 241 Herrſchaft nennen mußte. Dieſe gab nur we⸗ nige Lebenszeichen von ſich, ausgenommen, daß ſie ſchwach weinte, und dabei die Hand auf ihre Seite hielt. 1 Kaum aber hatte man das ungluͤckliche Weib aus dem Gemache getragen, als der Baron auch wieder zum Tiſche trat, einen Becher mit Wein fuͤllte, und ſogleich austrank. Dann wandte er ſich, ſeine Leidenſchaftlichkeit ein we⸗ nig beherrſchend, zu dem Prediger, der, von Schrecken ergriffen, den Auftritt mit angeſehen hatte, und ſagte:„Ihr habt uns doch zu hart behandelt, Herr Prediger, allein da Ihr mir ſolchen Empfehlungen zu mir kamt, wie Ihr mit eingehaͤndigt habt, ſo zweifle ich nicht, daß Eure Abſicht gut war. Wir aber ſind ein viel wilde⸗ res Volk als Eure Maͤnner von Fife und Lo⸗ thian. Laßt es Euch daher von mir zur War⸗ nung geſagt ſein: Spornt ein ungerittenes Pferd nicht! preſſt Eure Pflugſchaar nicht zu tief in unbebautes Land! Predigt uns geiſtige Freiheit, und wir werden Euch mit Freuden zuhdren. Aber geiſtiger Knechtſchaft unterwerfen wir uns nicht. Setze Dich alſo nieder, thue mir ordentlich D. Kloſter. II.. L 7 242—— Beſcheid, und laß uns von andern Dingen ſpre⸗ chen.“ Eben von geiſtlicher Knechtſchaft, ſagte der Prediger in demſelben ſtrafenden Tone: bin ich gekommen Euch zu befreien, einer Knechtſchaft, welche furchtbarer iſt, als die ſchrecklichſte, die ein irdiſches Gefaͤngniß droht— nemlich von Eunren eigenen boͤſen Leidenſchaften und Luͤſten. „Setze Dich!“ ſagte Avenel ſtolz: ſetze Dich, weil noch Alles gut unter uns ſteht, ſonſt— bei dem Helme meines Vaters, und der Ehre meiner Mutter....“ Wenn er ſich nicht ſetzen will, ſagte Chriſtie von Elinthill, zu Halbert: ſo gebe ich keine taube Nuß fuͤr ſeinen Kopf. Lord Baron! ſagte Warden: Du haſt mich in eine große Verlegenheit geſetzt. Wenn aber davon die Rede iſt, ob ich das Licht verbergen ſoll, welches ich zu zeigen berufen bin, oder ob ich das Licht dieſer Welt verlaſſen ſoll, ſo iſt meine Wahl getroffen. Gleich dem Heil. Taͤu⸗ fer zu Herodes, ſage ich zu Dir: es iſt nicht Recht, daß Du dieſes Weib haſt. Und dies ſage ich, obgleich Banden und Tod die Folge davon ſein moͤgen, denn ich achte mein Leben f 243 Nichts, in Vergleichung des Dienſtes, zu wel⸗ chem ich berufen bin. Julian von Avenel, wuͤthend uͤber dieſe feſte entſchloſſene Antwort, warf mit der Rechten die Schaale, woraus er ſo eben trinken wollte, nach dem Gaſte, und aus der andern ließ er den Falken los, der nun in dem Gemache umher flog. Seine erſte Bewegung war, die Hand an den Dolch zu legen. Allein ſchnell ſeinen Ent⸗ ſchluß aͤndernd, rief er:„Ins Gefaͤngniß mit dieſem unausſtehlichen Landſtreicher! Ich will kein Wort mehr von und fuͤr ihn hoͤren! Sieh nach dem Falken, Chriſtie— entkommt er, ſo muß mir Jedermann ihm nachlaufen.— Fort, fort, mit dem heuchleriſchen Traͤumer! reißt ihn weg, wenn er ſich widerſetzt.“ In beiden Punkten wurde ihm Gehorſam geleiſtet. Chriſtie von Clinthill hielt den Fal⸗ ken auf, indem'er ſich der Feſſeln an ſeinen Fuͤßen bemaͤchtigte, indeß Heinrich Warden fort⸗ gefuͤhrt ward, ohne daß er auch nur das ge⸗ ringſte Zeichen von Schreck und Furcht merken ließ. Julian ſchritt eine kurze Zeit in dumpfem Schweigen in dem Gemache hin und her, und indem er einen der Diener, mit einer leis ihm . L 2 een zugefluͤſterten Botſchaft fortſchickte, vermuthlich um nach dem Befinden der ungluͤcklichen Ca⸗ tharine ſich zu erkundigen, rief er laut:„dieſe heftigen, ſich in Alles miſchenden Prieſter! ſie ma⸗ chen uns ſchlimmer, als wir ohne ſie ſein wuͤrden!“ Die Antwort, welche er jetzt erhielt, ſchien ſeine zornige Stimmung ein wenig zu beſaͤnfti⸗ gen, und er nahm ſeinen Platz an dem Tiſche ein, indem er ſeinen Leuten befahl, ein Glei⸗ ches zu thun. Alle ſetzten ſich ſchweigend, und begannen zu ſpeiſen. Waͤhrend des Mahles ſuchte Chriſtie ſeinen jungen Gefaͤhrten umſonſt zum Zechen oder zur Unterhaltung zu bewegen. Halbert Glendinning gab Ermuͤdung vor, und weigerte ſich durchaus⸗ ein ſtaͤrkeres Getraͤnk zu genießen, als das Bier, welches man damals gewoͤhnlich bei Mahlzeiten zu trinken pflegte. So ſchwand endlich jede Luſtigkeit, bis der Baron, mit der Hand auf den Tiſch ſchlagend, gleich als koͤnne er das tiefe Schweigen nicht laͤnger ertragen, laut ausrief: „Wie, ihr Herren! ſeid Ihr Grenzreuter? ſitzt Ihr doch ſo ſtumm bei Tiſche, wie eine Geſellſchaft von Moͤnchen und Kloſterbruͤdern! So ſinge doch Einer etwas, wenn Niemand ſprechen will! Man 4 — 245 verdaut ſchlecht, wenn man ohne Frdͤhlichkeit und Muſik eſſen ſoll. Louis!“ ſetzte er hinzu, indem er ſich zu einem der Juͤngſten aus ſeinem Gefolge wendete:„Du biſt ja ſonſt immer zum Singen bereit, wenn es Dir auch Niemand be⸗ fiehlt.“ Der Juͤngling ſahe erſt ſeinen Herrn an, dann blickte er an die Decke des Gemaches, dann trank er das Horn mit Bier oder Wein gefuͤllt, aus, welches bei ihm ſtand, und mit einer rau⸗ hen, doch keinesweges unmelodiſchen, Stimme ſang er folgendes Lied, nach der alten bekannten Weiſe: Blaue Muͤtzen uͤber die Grenze! Auf! Auf! Ettrick und Teviotdale, Richtet vorwärts in Ordnung euren Lauf! Auf! auf! Eskdale und Liddesdale, Nach der Grenze brechen alle blaue Mützen auf! Wie manches Banner, o ſeht, Schon über euren Häuptern weht! Wie mancher Helm ſchimmert, durch Ruhm bekannt! Auf! hüllet euch ſchnell in Staht, Ihr Söhn' aus dem Bergesthal, Für die Königin kämpft und das ſchottiſche Land? Von den Höhen eilt, aus den Thälern zuſammen, Wo die Heerhen euch gehn, die durchſtreiſet das Wild, 246 Nach den Felſen zieht, wo die Wachtfeuer flammen, Mit Schwert und mit Lany und dem mächtigen Schild. Schlachtroſſe ſpringen, Trompeten erklingen, Mit den Waffen herbei in geordnetem Lauf! England noch manchen Tag An den blut'gen Strauß gedenken mag, Als die Blauen zogen über die Grenzen herauf. Der Geſang hatte, ſo rauh er war, doch je⸗ nen kriegeriſchen Ausdruck, der zu jeder andern Zeit Halberts Muth entflammt haben wuͤrde, allein jetzt aͤußerte die Kunſt des Minſtrels kei⸗ nen Eindruck auf ihn. Er bat im Gegentheile Chriſtie von Clinthill: daß er ihm erlauben moͤge, ſich zur Ruhe zu begeben, eine Bitte, welche dieſer wuͤrdige Mann endlich, da er ſahe, daß er auf ſeinen beabſichtigten Proſeliten, in ſeiner gegenwaͤrtigen Stimmung, keinen guͤnſti⸗ gen Eindruck machen koͤnne, zu erfuͤllen ſich ge⸗ neigt zeigte. Allein kein Werbeoffizier kann auf⸗ merkſamer darauf ſein, daß ihm ſeine Beute nicht entſchluͤpfe, als es Chriſtie von Clinthill war. Er fuͤhrte Halbert Glendinning in ein kleines Gemach, deſſen Fenſter auf den See ging, und welches mit einem Schiebebette ver⸗ 247 ſehen war. Allein ehe Chriſtie ihn verließ⸗ ver⸗ fehlte er nicht, ſorgfaͤltig nach dem Eiſengitter zu ſehen, welches das Fenſter von Auſſen verwahr⸗ te, und als er das Gemach verließ, drehte er den Schluͤffel doppelt um, ein Umſtand, der den jun⸗ gen Glendinning uͤberzeugte, daß man nicht ge⸗ ſonnen ſei, ihn nach ſeinem eigenen Belieben aus dem Schloſſe Avenel ſich entfernen zu laſ⸗ ſen. Indeſſen hielt er es fuͤr beſſer⸗ ſich zu ſel⸗ len, als bemerke er alle dieſe beunnuhigenden Anſtalten gar nicht. Kaum fand er ſich ungeftef allein, als er ſchnell alle Begegniſſe des Tages noch einmal an ſich voruͤbergehen licß, und zu ſeinem Erſtan⸗ nen fand er, daß ſein eigenes ungewiſſes Schick⸗ ſal, ja ſelbſt der Tod des Piereie Shafton, ei⸗ nen minder tiefen Eindruck auf ihn mache, als das ausgezeichnet kuͤhne und entſchloſſene Be⸗ nehmen ſeines Gefaͤhrten, Heinrich Warden. Die Vorſehung, welche alle Dinge zu dem Ende leitet, welches ſie zu nehmen beſtimmt ſind, hatte bei der Sache der Reformation in Schott⸗ land Prediger erweckt, von mehr Energie als Feinheit, voll kuͤhnen Muthes, feſt im Glauben, verachtend Alles, was ſich zwiſchen ſie und ih⸗ 24— ren Hauptzweck ſtellte, und bloß bedacht, die große Sache, wofuͤr ſie arbeiteten, zu foͤrdern, waͤre es auch auf dem rauheſten Wege geweſen, wenn er nur der kuͤrzeſte war. Der ſanfte Hauch des Zephyrs mag wohl die Weidenzweige bewe⸗ gen, allein es erfodert das Toben des Sturms, um die Aeſte der Eiche zu regen; fuͤr ſanftere Hoͤrer, und in einem minder rauhen Zeitalter, wuͤrden ihre Sitten ſehr unpaſſend geweſen ſein, allein bei ihrer Sendung zu einem rohen Volke waren ſie von gluͤcklicher Wirkung. Aus dieſen Gruͤnden war Halbert Glendin⸗ ning, der die Beweiſe und Ueberredungen des Predigers von ſich abgewieſen hatte, dennoch aufs lebhafteſte ergriffen von der Feſtigkeit und Entſchloſſenheit ſeines Benehmens gegen Julian von Avenel. Es mochte unhoͤflich, und auf alle Faͤlle unvorſichtig ſein, ſolch einen Platz und ſolch eine Verſammlung zu waͤhlen, um den Ba⸗ ron wegen ſeiner Suͤnden Vorwuͤrfe zu machen, denn ſeine Lage, ſo wie die Sitten der Zeit, ſetzten ihn in den vollen Beſitz unbeſchraͤnkter Macht. Allein das Benehmen des Predigers war freimuͤthig, maͤnnlich, feſt, und offenbar auf der tiefſten Ueberzeugung begruͤndet, welche 249 Pflicht und Grundſaͤtze nur gewaͤhren konnten; und Glendinning, der Avenels Benehmen mit dem groͤßten Abſcheu betrachtet hatte, nahm in gleichem Maße Antheil an dem braven Alten, der lieber ſein Leben hatte in Gefahr ſetzen, als der Schuld die ihr gebuͤhrende Strafe erlaſſen wollen. Dieſe Hoͤhe der Tugend ſchien ihm in der Religion das zu ſein, was das Ritterthum von ſeinen Geweihten im Kriege foderte; ein vollkommenes Hingeben aller ſelbſtſuͤchtigen Em⸗ pfindungen, und eine Vereinigung aller dem menſchlichen Gemuͤthe eigenen Energie, um das zu leiſten, was die Pflicht verlangte. Halbert ſtand in derjenigen Periode des Le⸗ bens, wo die Iugend am empfaͤnglichſten fuͤr edelmuͤthige Ruͤhrungen iſt, und ſie auch an Andern am beſten zu ſchaͤtzen weiß; und er füͤhl⸗ te, wenn er auch nicht wußte warum, daß ihn die Rettung dieſes Mannes, mochte er Katho⸗ lik oder Ketzer ſein, ſehr am Herzen lag. Neu⸗ gier miſchte ſich zu dem Gefuͤhl, und er konnte die Natur ſolcher Lehren nicht begreifen, welche die ihnen Geweihten ſich ſo ganz ſelbſt entfrem⸗ deten, und ſie bei ihrer Vertheidigung dem Ge⸗ faͤngniß oder dem Tode trotzen ließen. Er hatte zwar wohl von Heiligen und Maͤrtyrern fruͤhe⸗ rer Zeiten gehoͤrt, welche fuͤr ihre religioͤſe Ue⸗ berzeugungen Qualen und Tod erduldet hatten; allein der Geiſt des frommen Enthuſiasmus, der ſie beſeelt hatte, war laͤngſt entſchlummert in der bequemen indolenten Lebensweiſe ihrer Nach⸗ folger, und ihre Thaten und Schickſale wur⸗ den, gleich denen der irrenden Ritter, mehr zur Unterhaltung als zur Erbauung geleſen. Ein neuer Antrieb war noͤthig geweſen, um dieſe Kraft religioͤſer Begeiſterung wieder zu entzuͤn⸗ den, und dieſer Antrieb wirkte nun zum Vor⸗ theil einer reinen Religion, und mit einem ih⸗ rer eifrigſten Bekenner war der Juͤngling zum erſten Male zuſammengetroffen. Das Gefühl, daß er ſelbſt ein Gefangener fei, in der Gewalt dieſes wilden Haͤnptlings, ver⸗ minderte Halberts Theilnahme an dem Schick⸗ ſale ſeines Mitgefangenen keinesweges, ja es beſtimmte ihn vielmehr, ſeiner feſten Entſchloſ⸗ ſenheit nachzueifern, ſo daß weder Drohungen noch Leiden ihn antreihen konnten, in die Dien⸗ ſte eines ſolchen Herrn zu treten. Die Moͤg⸗ lichkeit des Entkommens trat ihm zunaͤchſt vor die Seele, und wenn auch mit wenig Hoffnung, ſie auf dieſem Wege zu bewirken, unterſuchte Glendinning doch aufmerkſam und genau das Fenſter des Gemaches. Dieſes war in dem erſten Stocke des Schloſſes gelegen, und nicht eben ſehr weit von dem Felſen entfernt, auf dem das Schloß lag, ſo daß ein gewandter und kuͤhner Mann, mit wenig Huͤlfe, bis auf die Felſenkante gelangen mochte, welche ſich un⸗ mittelbar unter dem Fenſter befand, und von da konnte man ſich wohl in den See hinab laſſen, oder hinab ſpringen, den er blau und klar in dem ſtillen Lichte des Vollmondſcheins vor ſei⸗ nen Augen ſich ausbreiten ſahe. „Waͤre ich erſt auf dieſer Felſenkante,“ dachte Halbert:„dann ſollte Julian von Ave⸗ nel und Chriſtie mich zum letzten Mal geſehn haben.“ Die Lage des Fenſters beguͤnſtigte al⸗ lerdings dieſes Unternehmen, allein die Eiſen⸗ ſtaͤbe ſchienen ein unuͤberſteigliches Hinderniß ihm entgegenzuſtellen. Indeß Halbert Glendinning aus dem Fen⸗ ſter ſahe, mit jener unruhigen Hoffnung, welche durch die Energie ſeines Charakters und den Entſchluß, den Umſtaͤnden nicht nachzugeben, er⸗ regt wurde, vernahm ſein Ohr einige Toͤne von * 251 252 unten herauf, und indem er aufmerkſamer hin⸗ horchte, konnte er die Stimme des Predigers unterſcheiden, der in ſeinen einſamen Andachts⸗ uͤbungen begriffen war. Ein Verſtaͤndniß mit ihm ſich zu eroͤffnen, wurde ſogleich der Gegen⸗ ſtand ſeines Nachdenkens, und da ihm dies nicht durch ſchwach bezeichnete Toͤne gelingen wollte, verſuchte er es endlich, lauter zu ſprechen, und erhielt bald von unten die Antwort:„Biſt du es, mein Sohn?» Die Stimme des Gefangenen erklang nun deutlicher, als da er ſie zum erſten Male gehoͤrt hatte, denn Warden war jetzt an die ſchmale Oeffnung getreten, die ſeinem Ge⸗ faͤngniſſe zum Fenſter dienend, ſich zwiſchen der Mauer und dem Felſen befand, und nur wenig Licht durch die ungeheuer dicke Mauer fallen ließ. Da dieſes Luftloch ſich gerade unter Hal⸗ berts Fenſter befand, ſo konnten die Gefangenen der Naͤhe halber ſich ſchon leiſe beſprechen. Halbert erklaͤrte nun ſeinen Plan, zu entſliehen, ſahe auch die Moͤglichkeit vor ſich, denſelben auszu⸗ fuͤhren, nur die Eiſenſtaͤbe vor dem Fenſter—— „Pruͤfe Deine Kraft, mein Sohn! im Na⸗ men Gottes,“ ſagte der Prediger! Halbert ge⸗ horchte, mehr aus Verzweiflung als Hoffnung, 253 allein zu ſeinem großen Erſtaunen, auch wohl Schrecken, brachen die Staͤbe in der Mitte wirk⸗ lich entzwei, und da der lengere Theil ſich leicht nach Auſſen biegen ließ, auch oben nicht feſt eingelaſſen war, ſo zog ihn Halbert ganz aus der Mauer. Er lispelte nun ſo ſtark und ſo ver⸗ nehmlich als es dieſer Ton vertragen wollte, ſei⸗ nem Gefaͤhrten zu: beim Himmel das Eiſen hat nachgegeben! „Dank' dem Himmel, mein Sohn, aber ſchwoͤre nicht bei ihm!“ verſetzte Warden aus ſeinem Gefaͤngniſſe. Mit geringer Anſtrengung zwaͤngte ſich nun Halbert Glendinning durch die ſo wunderbar be⸗ reitete Oeffnung, und indem er ſich ſeines le⸗ dernen Degenguͤrtels als Seils bediente, ließ er ſich gluͤcklich und wohlbehalten auf die Fel⸗ ſenkante herab, auf die ſich des Predigers Fen⸗ ſter oͤffnete. Allein durch dieſes ließ ſich durch⸗ aus kein Durchgang verſuchen, denn es war nicht breiter als eine Schießſcharte fuͤr Flinten und war auch wahrſcheinlich dazu beſtimmt ge⸗ weſen. Giebt es denn hier kein Mittel, wohurch ich ⸗ * 254 Euer Entkommen, mein Vater, bewirken koͤnnte? ſagte Halbert. „Keins mein Sohn,“ verſetzte der Prediger: allein fuͤr meine Rettung kannſt Du auf andere Weiſe wirken.“ Sehr gern, erwiederte der Juͤngling: „Nimm den Brief, den ich ſogleich ſchrei⸗ ben will, denn ich habe die Mittel, mir Licht zu machen und zu ſchreiben, in meiner Taſche, eile damit nach Edinburg zu, unterwegs wirſt Du wohl auf einen Haufen Reiter ſtoßen, welche nach Suͤden ziehen. Gieb den Brief ihrem An⸗ fuͤhrer, und unterrichte ihn von dem Zuſtande, worinnen Du mich verlaſſen haſt. Auf dieſe Art kannſt Du Dir vielleicht auch ſelbſt nuͤtzlich wer⸗ den.“ In ein Paar Minuten glaͤnzte das Licht durch die Luke, und kurz nachher reichte der Prieſter, mit Huͤlfe ſeines Stockes, dem Halbert Glen⸗ dinning einen Brief durchs Fenſter. „Gott ſegne Dich, mein Sohn,“ ſagte der Alte:„vollende das wunderbare Werk, welches er begonnen hat.“. Amen! verſetzte Halbert feierlich, und ſchritt ſogleich zu ſeinem Unternehmen.— Er bedachte ſich einen Augenblick, ob er an der Kante des Felſens hinabſteigen ſollte, allein die Steile deſſelben und die Dunkelheit der Nacht machten die Sache gefaͤhrlich. Er ſchlug daher die Haͤnde auf den Kopf zuſammen, und ſprang kuͤhn von der Hoͤhe in den See, jedoch weit hinaus, um die vielleicht verſteckten Klippen zu vermeiden, und mit ſolcher Gewalt, daß er mit dem Kopfe zuerſt tief ins Waſſer tauchte. Allein an ſolche nebungen gewoͤhnt, ſchwamm Halbert, trotz der Wucht des Schwertes an der Seite, in noͤrdlicher Richtung, quer durch den See. Als er am ufer war, ſchaute er nach dem Schloſſe zuraͤck, und bemerkte, daß es dort le⸗ bendig war, denn es gingen Lichter von Fen⸗ ſter zu Fenſter, und er hoͤrte, daß man die Zug⸗ bruͤcke niederließ, auch daß Pferde auf dem ſchma⸗ len Wege hingingen. Allein, wenig ſich darum kuͤmmernd in der Dunkelheit, rang er das Waſ⸗ ſer aus ſeinen Kleidern, und eilte durch die Mo⸗ raͤſte, nach dem Polarſtern ſich richtend, in nord⸗ ſtlicher Richtung weiter. 256. Zwölftes Kapitel. Wi äberlaſſen vor der Hand Halbert Glen⸗ dinning der Leitung ſeines Muthes und ſeines Schickſals, und kehren nach dem Thurme von Glendearg zuruͤck, wo indeſſen Dinge vorgingen, mit denen der Leſer bekannt gemacht werden muß. Das Mahl war zu Mittag mit aller der Sorgfalt bereitet worden, welche Elspeth und Tibb, unterſtuͤtzt, von den mancherlei Huͤlfsmit⸗ teln, die ihnen das Kloſter hatte zukommen laſ⸗ ſen, nur anwenden konnten. Waͤhrend der Zwi⸗ ſchenraͤume der Arbeit beſprachen ſi ſie ſich, theils wie Herrſchaften und Diener es zu thun pflegen, theils aber auch wie Verwandte, die auf glei⸗ chem Fuße ſtehen. „Sieh einmal nach dem Hahne dort, Tibb!— Nun, Simmie! laͤßt Du denn den Braten⸗ wender ganz ſtill ſtehen?“— ſagte Elspeth. „Deine Gedanken ſind gewiß bei den Vogelne⸗ 257 ſtern, Kind!— Ja, Tibb! es waͤre ein ſchoͤner Spaß, wenn der Sir Piercie ſich noch laͤnger hier bei uns herlegen wollte— wer kann denn wiſſen, wie lange das dauert!“— Ja! ein ſchoͤner Spaß, wahrhaftig! erwie⸗ derte die treue Dienerin: und wenig Gutes haben doch dieſe Piercies von Rorthumberland dem ſchoͤ⸗ nen Schottland immer gebracht. Ihr koͤnnt leicht Eure Haͤnde noch voller von ihnen bekommen, als ſie jetzt ſchon ſind.— Sie haben den ſchottiſchen Weibern und Kindern das Herz ſchon oft recht ſchwer gemacht, wenn ſie die Maͤnner aufſpießten; da war der Hotſpur und noch Mehrere von der blutigen Verwandtſchaft, welche, wie Martin ſagt, ſeit Malcolms Zeiten in unſern Kleidern einhergegangen ſind. „Martin ſollte doch huͤbſch ſein Maul hal⸗ ten,“ ſagte Ekspeth:„und ſich an Niemanden vergehen, der in Glendearg Quartier bekommen hat,— der Piercie Shafton ſteht gar ſehr in Anſehen bei den heiligen Vaͤtern des Kloſters, und ſie werden es uns nicht vergeſſen, wenn wir gut mit ihm umgegangen ſind in Worten und Thaten, das weiß ich!— Der Lord Abt iſt gar ein angeſehner Herr!“— 258— und ein recht ſaftiges Stuͤck vom Hinter⸗ theile des Wilds, das liebt er, ſagte Tibb: auch habe ich ſchon manchen weltlichen Baron auf einer nackten Bank ſitzen ſehen, und keinen Ta⸗ del daran finden hoͤren, aber er.—— Nun, wenn Ihr's Euch gefallen laßt, liebe Herrſchaft, ſo iſes mir auch recht! „Da kommt ja Myſia aus der Muͤhle recht zu gelegener Zeit! Nun, wo biſt Du denn ge⸗ weſen, Maͤdel?“ fragte Elspeth:„'s geht ja hier nicht ohne Dich.“ Ich bin nur einen Augenblick dort am Bache geweſen, ſagte Myſia: die junge Lady hat ſich zu Bette gelegt, ſie iſt nicht wohl, da bin ich, wie geſagt, nur einen Augenblick hinausgeſprun⸗ gen. „Um zu ſehen, ob die jungen Purſche von der Jagd kommen, nicht wahr“ ſagte Elspeth: „Ja, ja, Tibb! ſo macht's das junge Volk mit uns; uns laſſen ſie arbeiten, und ſie laufen fort, ihrer Luſt nach.“ Rein! Nein! das war's nicht, ſagte das Muͤl⸗ lermaͤdchen, und ſtreifte ihre runde niedlichen Arme auf, indem ſie munter und froͤhlich ſich umſchaute, wo es Etwas fuͤr ſie zu thun gaͤbe. 3 —— 259 Ich dachte nur, fuhr ſie fort: Ihr wuͤrdet es ganz genau wiſſen wollen, wann ſie kaͤmen, da⸗ mit Ihr gleich das Eſſen auftragen koͤnntet. „Nun? haſt Du denn Etwas von ihnen ge⸗ ſehen?“ fragte Elspeth. Auch nicht einen Schatten von ihnen, ver⸗ ſetzte Myſia: ob ich gleich auf den Gipfel eines Huͤgels geſtiegen bin, und der ſchoͤne weiße Fe⸗ derbuſch des engliſchen Ritters uͤber alle Ge⸗ ſtraͤuche in der Niederung haͤtte ſichtbar werden muͤſſen. „Des Ritters weiße Federn!“ ſagte Dame Glendinning:„was Du doch fuͤr ein dummes Ding biſt, den Kopf meines Halberts haͤtte man doch viel weiter ſehen muͤſſen, als des Ritterg Federbuſch, und wenn er auch noch ſo weiß ge⸗ weſen waͤre.“ Myſia erwiederte Nichts darauf, ſondern fing an, den Teig zu dem weißen Brote einzu⸗ kneten, indem ſie bemerkte, daß Piercie das gern aͤße, und am Taage zuvor ausdruͤcklich beſtellt haͤtte. Und um nun das eiſerne Blech, worauf die Kuchen gebacken werden ſollten, recht ans Feuer zu bringen, ruͤckte ſie einen Dampftiegel weg, worinnen Tibb ihte Delikateſſen recht mit 260— Aufmerkſamkeit bereiten wollte. Tibb murmelte daher fuͤr ſich:„Das iſt ja fuͤr meine liebe Kran⸗ ke! und ich ſoll Platz damit machen fuͤr das Weiß⸗ brot des Mannes aus Suͤden? Es war doch eine ſchoͤne Zeit in Wight Wallace's Tagen,⸗ oder des guten Koͤnigs Robert, als ſich die geputzten Wind⸗ beutel hier nichts holen konnten als blutige Na⸗ ſen und Beulen am Kopfe! Run! wir wollen ſehen, wo das hinaus will!“— Elspeth hielt es nicht fuͤr gut, auf die un⸗ zufriedenen Aeußerungen Tibbie's Etwas zu er⸗ wiedern, allein dieſe griffen doch tief in ihre Seele; denn ſie war gewohnt, jene als eine Art von Autoritaͤt in allen Kriegs⸗ und Staatsange⸗ legenheiten zu betrachten, womit ſie freilich, als das Weih eines Bogenſchuͤtzen auf dem Schloſſe Avenel, beſſer bekannt geworden ſein mußte, als die friedlichen Einwohner des Kloſterbezirks es ſein konnten. Sie beſchraͤnkte ſich daher bloß darauf, ihre Verwunderung auszudruͤcken, daß die Jaͤger noch nicht zuruͤck waͤren. „Und wenn ſie nicht bald kommen,“ ſagte Tibb:„ſo muß das Eſſen ganz zu Kohlen bra⸗ ten; der arme Simmie kann auch den Spieß nicht laͤnger drehen, er ſchmilzt ja wie Eis in 261 warmen Waſſer.— Geh ein wenig hinaus, Kind, und ſchoͤpfe einen Mund voll friſcher Luft, ich will den Bratſpieß ſo lange drehen, bis Du wiederkommſt!s⸗ „Lauf hinauf auf die Warte des Thurms,“ ſagte Dame Glendinning:„die Luft iſt da noch friſcher als vor dem Thore; dann kannſt Du uns auch gleich melden, wenn Du den Halbert und den Edelmann zuruͤck nach dem Thale kommen ſtehſt.“ Der Knabe blieb ſo lange aus, daß ſeinem Stellvertreter, Tibb Tacket, endlich ihr Edelmuth faſt zu gereuen anfing, denn ihr Platz am Feuer war eben nicht der angenehmſte. Endlich kam der Knabe mit der Nachricht zuruͤck, daß er kei⸗ nen Menſchen geſehen habe. In Betreff Halbert's hatte dieſer Umſtand nichts Außerordentliches, denn er, der ſich aus Strapazen und Entbehrungen wenig machte, blieb oft bis zur Vesperzeit in dem Walde und im Freien. Allein von Sir Piercie Shafton ließ ſich gerade nicht vermuthen, daß er ein ſo uner⸗ muͤdeter Jaͤger ſei, und der Gedanke, daß ein Englaͤnder die Jagd ſeinem Mittagsmahle vor⸗ ziehen ſollte, vertrug ſich keinesweges mit der 262— Idee, die man von dem engliſchen Nationalcha⸗ rakter hier hegte. Unter mancherlei Vermuthun⸗ gen und Verwunderungen war die gewoͤhnliche Stunde des Mittageſſens laͤngſt voruͤber gegan⸗ gen, und die Bewohner des Thurmes, welche fuͤr ſich ſelbſt in aller Eil ſpeiſeten, verſchoben das feſtlichere Mahl bis zur Ruͤckkehr der Jaͤger auf den Abend, denn es ſchien ihnen nun aus⸗ gemacht, daß ſie entweder durch die Jagd wei⸗ ter verlockt worden, als es anfangs ihr Plan ge⸗ weſen, zu gehen, oder daß ſie ſich dabei laͤnger, als ſie erwarten konnten, haͤtten verweilen muͤſ⸗ ſen. 1. um vier Uhr ohngefaͤhr Nachmittags er⸗ ſchien— keiner der erwarteten Jaͤger, ſondern ein ganz unvermutheter Beſuch, der Unterprior aus dem Kloſter. Die Scene des vorhergehenden Tages war dem Pater Euſtach tief im Gedaͤcht⸗ niſſe geblieben, und er gehoͤrte zu den muthvol⸗ len und ſcharfſehenden Geiſtern, welche nicht gern Etwas unerforſcht laſſen, was ſich ihnen als geheimnißvoll und ſeltſam darſtellte; dazu kam, daß er an der Familie zu Glendearg, die er nun ſchon ſeit langer Zeit kannte, einen recht berzlichen Antheil nahm; auch war uͤberdies dem Kloſter ſehr daran gelegen, daß der Friede zwi⸗ ſchen Sir Piercie Shafton und dem jungen Landmann erhalten werden moͤchte, denn es konnte nicht fehlen, daß Alles, was die Aufmerk⸗ ſamkeit auf den erſtern lenkte, dem Kloſter nach⸗ theilig werden mußte, welches ſchon durch die Hand der Gewalt ſehr bedroht wurde. Er fand die ganze Familie beiſammen, außer Marien von Avenel, und erfuhr, daß Halbert den Fremden auf einer Jagdparthie begleitet habe. So weit war Alles gut. Sie waren noch nicht zuruͤck; allein wann haͤtte ſich die Jugend oder ein Jaͤ⸗ ger an beſtimmte Stunden gebunden? Auch die⸗ ſer Umſtand konnte keine Beſorgniß in ihm er⸗ regen. 8 Indeß er ſich mit Eduard Glendinning uͤber die Fortſchritte in dem Studieren unterhielt, welche dieſer unter ſeiner Leitung trieb, wurden ſie durch einen Schrei erſchreckt, der aus dem Gemache Mariens von Avenel hervordrang und die ganze Familie veranlaßte, aufs eiligſte nach jenem Gemache zu ſtuͤrzen. Sie fanden Marien ohnmaͤchtig in den Armen des alten Martin, der ſich ſelbſt anklagte, ſie getoͤdtet zu haben. Ihr bleiches Geſicht und ihre geſchloſſenen Augen 264 ließen ſie auch eher fuͤr eine todte als lebendige Verſon anſehen. Alles gerieth in die hoͤchſte Beſtuͤrzung, und mit der Eil des liebenden Schrecks riß man ſie ſogleich aus Martins Ar⸗ men. Eduard trug ſie ſogleich ans Fenſter, da⸗ mit ſie wenigſtens friſche Luft ſchoͤpfen moͤchte; der Unterprior, der, wie viele ſeines Standes⸗ einige Kenntniß in der Heilkunde beſaß, ſchrieb aufs eiligſte die zweckmaͤßigſten Heilmittel vor, die ihm beiſielen, und die erſchrockenen Weiber beeilten ſich wetteifernd, und einander ſelbſt oft hindernd, alle Dienſte zu leiſten, welche man fodern konnte. 3 „Sie hat wieder einen ihrer ſchlimmen Zu⸗ fälle gehabt,“ ſagte Dame Glendinning. „Ja, ſie bekommt manchmal gerade ſolche Nervenerſchuͤtterungen, wie ihre ſelige Mutter auch oft bekam,“ ſagte Tibh. „Sie hat wohl gar wieder Etwas Schlim⸗ mes geſehen,“ ſagte die Muͤllerstochter, indeß verbrannte Federn, kaltes Waſſer, und alle Mit⸗ tel, die man gewoͤhnlich zur Wiederbelebung des Ohnmaͤchtigen anzuwenden pflegt, abwechſelnd, wiewohl mit geringer Wirkung, angewendet wurden. End⸗ —,—— —— —-ꝛ— — 265 Endlich bot ein neu Hinzugekommener, der unbemerkt zu der Gruppe getreten war, ſeine Huͤlfe in folgenden Ausdruͤcken an:„Was iſt Ihnen denn, meine ſchoͤnſte Diſeretion? Was hat denn den raſchen Strom des Lebens ſo ſchnell zu der Citadelle des Herzens zuruͤckge⸗ draͤngt, und das Geſicht erbleichen laſſen, wo er mit Vergnuͤgen ewig haͤtte verweilen ſollen? Laßt mich zu ihr treten“ fuhr er fort:„mit dieſer uͤberaus koͤſtlichen Eſſenz, deſtillirt durch die ſchoͤnen Haͤnde der goͤttlichen Urania, kraͤf⸗ tig genug, das fliehenbe Leben zuruͤckzurufen, wenn es auch ſchon auf der Graͤnze des Schei⸗ dens ſtaͤnde.“ Mit dieſen Worten kniete Sir Viercie Shaf⸗ ton nieder, und hielt Marien von Avenel ein ſil⸗ bernes Buͤchschen unter die Naſe, ausgeſucht gearbeitet, und einen Schwamm enthaltend, ge⸗ taucht in die Wundereſſenz, die er ſo eben an⸗ geprieſen hatte. Ja, lieber Leſer, es war Sir Piercie Shafton ſelbſt, der hier ſo ganz uner⸗ wartet ſeine Dienſte anbot. Seine Wangen wa⸗ ren allerdings ſehr blaß, und ſeine Kleider hie und da mit Blut beſleckt, ſonſt aber konnte man Nichts an ihm bemerken, was anders geweſen D. Kloſter. II. M 266— waͤre, als den Abend vorher. Allein kaum hatte Marie von Avenel die Augen aufgeſchlagen und ſie auf die Geſtalt des dienſtfertigen Hoͤflings fallen laſſen, als ſie wieder ohnmaͤchtig zu wer⸗ den drohte und ausrief:„Verhaftet den Moͤr⸗ der!“* Alle ſtanden bei dieſem Ausrufe wie verſtei⸗ nert, Niemand aber mehr als der Euphuiſt, der ſich ſelbſt ſo ploͤtzlich und ſo ſeltſam von der Leidenden, der er huͤlfreich beiſpringen wollte, und die ſeine Bemuͤhungen dieſerhalb mit ſo viel Abſcheu verwarf, verklagt ſahe. „Schafft ihn hinweg, ſchafft den Moͤrder hinweg,“ ſchrie ſie. „Bei meiner Ritterſchaft!“ verſetzte Sir Piercie:„Eure liebenswuͤrdigen Eigenſchaften, ſowohl des Geiſtes als des Leibes, meine ſchoͤnſte Discretion, ſind von irgend einem ſeltſamen Blendwerke umnebelt; denn Eure Augen unter⸗ ſcheiden entweder nicht mehr, daß es Sir Pier⸗ cie Shafton, Eure allerergebenſte Affabilitaͤt, iſt, welche jetzt vor Euch ſteht, oder wenn auch Eure Augen nicht irren, ſo hat doch Euer Geiſt faͤlſch⸗ lich geſchloſſen, daß er ſich irgend eines Verbrechens oder einer Gewaltthaͤtigkeit ſchuldig gemacht hat⸗ — 269 wovon ſeine Hand nichts weiß. Kein Mord, meine hoͤchſt erzuͤrnte Diseretion, iſt heute began⸗ gen worden, außer dem, den Eure zornigen Blicke jetzt eben an Euren ergebenſten Gefan⸗ genen begehen.“ Hier wurde er von dem Unterprior unter⸗ brochen, der unterdeſſen mit Martin ſich beſon⸗ ders beſprochen, und von dieſem Bericht uͤber die Umſtaͤnde empfangen hatte, durch welche Marie von Avenel— weil ſie ihr unvorbereitet mitgetheilt wurden— in dieſen Zuſtand verſetzt worden war. „Herr Ritter,“ ſagte der Unterprior, in ei⸗ nem feierlichen Tone, doch mit einigem Beden⸗ ken:„es ſind uns ſcheinbare Umſtaͤnde von ſo außerordentlicher Natur mitgetheilt worden, daß, ſo ungern ich mir auch ein ſolches Anſehen uͤber einen Gaſt unſerer ehrwuͤrdigen Gemeinheit an⸗ maße, ich doch gezwungen bin, Euch um eine Erlaͤuterung daruͤber zu bitten. Ihr verließt doch dieſen Thurm fruͤh Morgens in Beglei⸗ tung eines Juͤnglings, Halberts Glendinning, des aͤlteſten Sohnes dieſer guten Frau, und jetzt kehrt Ihr ohne ihn zuruͤck. Wo und um welche Stunde habt Ihr Euch von ihm getrennet?“ Der engliſche Ritter ſchwieg einen Augen⸗ M 2 265. 1 blick, dann erwiederte er: Ich wundre mich, daß Ew. Ehrwuͤrden ſich eines ſo feierlich ern⸗ ſten Tons bedient, um eine ſo leichte Frage her⸗ aus zu bringen. Ich trennte mich von Halbert Glendinning ein oder zwei Stunden nach Son⸗ nenaufgang. „Und an welcher Stelle? ſagt mir,“ fuhr der Moͤnch fort. In einer tiefen Felsſchlucht, wo am Fuße eines maͤchtigen Felſen, eine Quelle entſpringt, ein erdgeborner Titane, der ſein graues Haupt erhebt, ganz wie.. „Spart uns die fernere Beſchreibung,“ ſagte der Unterprior:„wir kennen den Ort. Allein daß man ſeitdem von dem Juͤnglinge nichts wie⸗ der gehoͤrt hat, davon werdet t Ihr Rechenſchaft geben muͤſſen.“ „Ach, mein Kind! mein Kind!“ rief Dame Elspeth:„Ja, ja, heiliger Vater, der Boͤſewicht muß uns Rechenſchaft geben, wegen meines Kin⸗ des; zwingt ihn dazu!⸗ Ich ſchwoͤre, gute Frau, bei Brot und Waſ⸗ ſer, welches die Stuͤtzen unſers Lebens ſind. „Schwoͤrt lieber bei Wein und Weißbrot, denn das ſind die Stuͤtzen Eures Lebens, Ihr —— 269 gefraͤßiger Suͤdlaͤnder;“ ſagte Dame Glendin⸗ ning:„erſt kommt Ihr zu uns, um uns zu be⸗ ſchmauſen, und dann macht Ihr Euch an unſer Leben, da wir Euch doch das Eurige ſchirmen.. Ich ſage Dir, aber Weib, unterbrach ſ ie Piercie Shafton: daß ich mit Deinem Sohn bloß auf die Jagd gegangen bin. Eine traurige Jagd, iſt es fuͤr ihn gewor⸗ den, den armen Jungen, ſagte Tibb;— was ich ſagte, ſo bald ich den falſchen Suͤdlaͤnder ſahe, iſt eingetroffen; von eines Piereie's Jagd iſt nie etwas Gutes gekommen, von Cheyy⸗Chace an, bis auf unſere Zeiten⸗ .„Schweig, Weib!“ ſagte der Unterprior: „und beleidige den engliſchen Ritter nicht; wir haben ja noch nichts weiter als bloßen Verdacht.“ „Wir muͤſſen ſein Herzblut haben, ſag⸗ te Dame Glendinning, und unterſtuͤtzt von der treuen Tibbie, machte ſie einen ſo plotzli⸗ chen Ausfall auf den ungluͤcklichen Euphuiſten, daß gewiß etwas darnus erfolgt ſeyn wuͤr⸗ de, waͤre nicht der Moͤnch mit Myſia Hap⸗ pers Huͤlfe dazwiſchen getreten, um ihn vor ih rer Wuth zu ſchuͤtzen. Eduard hatte das Ge⸗ mach in dem Augenblicke verlaſſen, wo der Streit 270 ausgebrochen war, und jetzt trat er herein, das Schwert in der Hand, gefolgt von Martin und Kaspern, von denen der eine einen Jagdſpieß, der andere eine Armbruſt in der Hand trug. Beſetze die Thuͤre, ſagte er zu einem ſei⸗ ner Begleiter, und ſchieß oder ſtoß ihn ohne Gnade nieder, wenn er es unternehmen ſollte, zu entwiſchen; macht er nur einen Verſuch, beim Himmel, ſo muß er ſterben! „Wie, Eduard?“ ſagte der Unterprior:„wie kannſt Du Dich ſo vergeſſen, auf Gewaltthaͤtig⸗ keit ſinnen gegen einen Gaſt, und in Gegenwart meiner, der ich Deinen Lehnsherrn vorſtelle?“ Mit dem gezogenen Schwerte in der Hand trat Eduard hervor, und ſagte: Verzeihung! ehr⸗ wuͤrdiger Vater, allein in dieſem Punkte ſpricht die Stemme der Natur lauter als die Eurige. Ich kehre die Spitze meines Schwertes gegen dieſen ſtolzen Mann, und fodere das Blut mei⸗ nes Bruders von ihm, das Blut von meines Vaters Sohne, das Blut des Erben unſers Namens! Weigert er ſich, mir daruͤber aufrich⸗ tige Rechenſchaft zu geben, ſo ſoll er meiner Rache nicht entgehen.. Ob Piercie Shafton gleich in großer Verle⸗ 271 genheit war, zeigte er dennoch keine perſoͤnliche Furcht. „Stecke Dein Schwert ein, junger Mann! ſagte er:„an einem Tage kaͤmpft Piercie Shafton nicht mit zwei Bauern.“ Hoͤrt! er bekennt die That, heiliger Vater. ſagte Eduard⸗ „Sei ruhig, mein Sohn!“ entgegnete der Unterprior, indem er die Empfindungen zu be⸗ ſaͤnftigen ſuchte, die er anders nicht beherrſchen konnte:„ſei ruhig, Du wirſt durch meine Mit⸗ tel Dir leichter Gerechtigkeit verſchaffen, als durch Deine eigene Heftigkeit.— Und Ihr, Ihr Wei⸗ ber, ſchweigt! Tibb, bringe Deine Herrſchaft und Marie von Avenel, weg von hier!“ Indeß Tibbie, mit Huͤlfe der uͤbrigen Frauen des Hauſes, die arme Mutter und Marien von Avenel in beſondere Gemaͤcher brachte, und indeß Eduard, der ſein Schwert noch immer in der Hand hielt, mit haſtigen Schritten um⸗ herging, gleich als wolle er dem Piercie Shaf⸗ ton jedes Entkommen unmoͤglich machen, drang der Unterprior in den beſtuͤrzten Ritter, um die naͤheren, Halbert Glendinning betreffenden Um⸗ ſtaͤnde zu erfahren. Seine Lage wurde dadurch 272— außerordentlich peinigend, denn was er mit Ge⸗ wißheit und Sicherheit von dem Ausgange des Kampfes haͤtte melden koͤnnen, war ſo verwun⸗ dend fuͤr ſeinen Stolz, daß er es nicht uͤber ſch gewinnen konnte, umſtaͤndlich davon zu ſpre⸗ chen, und von Halberts gegenwaͤrtigem Zuſtande wußte er, wie dem Leſer bereits bekannt iſt, durchaus gar Nichts. Der Unterprior drang unterdeſſen immer lebhafter mit Vorſtellungen auf ihn ein, und bat ihn, zu bedenken, daß er ſich ſelbſt ſchaden wuͤrde, wenn er nicht uͤber alle Ereigniſſe des Tages eine vollſtaͤndige Auskunft zu geben be⸗ reit ſich zeige. „Ihr koͤnnt doch nicht kargnen, ſagte er: „daß es geſtern ſchien, als wuͤrdet Ihr durch das Benehmen des jungen Menſchen auf das empfindlichſte beleidigt, und daß Ihr zu unſer Aller Erſtaunen, auf einmal wieder Eure Em⸗ pfindlichkeit unterdruͤcktet. Vorige Nacht thut Ihr ihm den Vorſchlag zu einer Jagdparthie auf Heute, und ihr brecht zuſammen mit fruͤ⸗ hem Morgen auf. Ihr trenntet Euch, wie Ihr ſagt, an der Quelle beim Felſen, eine Stunde oder zwei nach Sonnenaufgang, und es ſcheint, 273 als haͤttet Ihr, ehe Ihr Euch, trenntet, einen Kampf mit einander gehabt.“ Das hab' ich nicht geſagt! verſetzte der Nitter: iſt es doch ein Laͤrm um einen lehns⸗ pflichtigen Bauer! Iſt er fortgegangen, ſo hat er ſich, das wag' ich zu behaupten, vermuthlich an die naͤchſte Freibeuterbande angeſchloſſen. Ich ſoll, wie Ihr begehrt, ich, ein Ritter aus dem Stamme der Piereie's, Rechenſchaft geben wegen eines ſolchen unbedeutenden Fluͤchtlings; ich aber erwiedere: laßt mich den Preis ſeines Kop⸗ fes wiſſen, und ich zahl' ihn an Euren Kloſter⸗ ſchatzmeiſter. Ihr gebt alſo zu, daß Ihr meinen Bru⸗ der erſchlagen habt? ſagte Eduard, ſich noch⸗ mals einmiſchend: jetzt will ich Euch denn zei⸗ gen, um welchen Preis wir Schotten das Le⸗ ben unſerer Freunde verkaufen. „Still, ſtill, Eduard, ich bitte Dich! ich be⸗ fehle es Dir“ ſagte der Unterprior:—„und Ihr, Herr Ritter, ſolltet beſſer von uns denken, als zu glauben, daß man ſchottiſches Blut ver⸗ gießen, und es dann wie Wein bezahlen koͤnne, bei einem naͤchtlichen Gelage verzehrt. Dieſer Juͤngling war kein Leiheigener, und Du wußteſt 274 gewiß recht gut, daß Du es in Deinem eigenen Lande nicht haͤtteſt wagen duͤrfen, Dein Schwert gegen den geringſten Unterthan Englands zu er⸗ heben, denn die Geſetze wuͤrden Dich wegen die⸗ ſer That ohnfehlbar zur Rechenſchaft gezogen haben. Hier darfſt Du auch nichts anders hof⸗ fen, ſonſt wirſt Du Dich ſehr taͤuſchen.“ Ihr treibt mich ſo weit, daß ich alle Ge⸗ duld verliere, ſagte der Euphuiſt: und ſelbſt ein zu ſehr angetriebener Ochſe wird wuͤthend.— Was kann ich Euch von dem jungen Purſchen ſagen, den ich feit der zweiten Stunde nach Sonnenaufgang nicht geſehen habe? „Aber Ihr koͤnnt doch angeben, unter was fuͤr Umſtaͤnde Ihr Euch von ihm getrennt habt,“ ſagte der Moͤnch. Was ſind denn das fuͤr Umſtaͤnde, in des Teufels Namen, die ich Euch klar machen ſoll? erwiederte Piercie: denn wenn ich gleich gegen dieſen Zwang als unwuͤrdig und ungaſtfreund⸗ ſchaftlich proteſtiren muß, ſo wuͤrde ich doch die⸗ ſen Streit gern beendigen, wenn er ſich nur durch Worte beendigen ließe. Wenn ihn dieſe nicht beendigen, ſagte . 275 Eduard: ſo werden es wohl Streiche thun, und das recht bald.. „Still! ungeduldiger Menſch!“ ſagte der Un⸗ terprior:„aber Ihr, Sir Piercie Shafton, ſagt mir doch, warum der Boden am Nande des Quells von Corrienan⸗Shian blutig geweſen, an der Stelle, wo Ihr Euch, wie Ihr ſelbſt ſag⸗ tet, von Halbert Glendinning getrennt habt 2“* Entſchloſſen, ſein Unrecht wo moͤglich nicht einzugeſtehen, verſetzte der Ritter in einem hoch⸗ fahrenden Tone: daß es doch nichts Ungewoͤhnli⸗ ches ſei, wenn der Boden an einer Stelle Blut⸗ ſpuren zeige, wo Jaͤger ein Wild erlegt haͤtten. „Und habt Ihr etwa auch das Wild an dem Orte begraben, wo Ihr es erlegtet?“ ſagte der Moͤnch:„Wir muͤſſen es von Euch erfahren, was das Grab enthaͤlt, das neugemachte Grab an der Seite des Quells, deſſen Rand mit Blut gefaͤrbt war. Du ſiehſt, Du kannſt mir nicht entgehen, ſei daher aufrichtig und mache uns bekannt mit dem Schickſale dieſes ungluͤcklichen Junglings, deſſen Koͤrper wahrſcheinlich unter jenem Grabe liegt.“— Wenn das iſt, ſagte Piercie Shafton: dann muß er lebendig begraben worden ſein, denn ich 1 276 ſchwoͤre es Dir, ehrwuͤrdiger Vater, dieſer junge Bauersmann iſt in vollkommener Geſundheit von mir geſchieden. Laßt das Grab unterſuchen, und wenn ſein Koͤrper ſich dort findet, dann verfahrt mit mir, wie es Euch gut duͤnkt! „Mir kommt es nicht zu, Dein Schickſal zu beſtimmen,“ ſagte der Unterprior:„ſondern dem Lord Abt und dem hochwuͤrdigen Kapitel; es iſt bloß meine Pflicht, ſolche Nachforſchungen anzu⸗ ſtellen, welche jene mit dem, was vorgegangen iſt, ſo viel moͤglich genau bekannt machen.“ Ehrwuͤrdiger Vater, ſagte der Ritter: ich moͤchte wohl wiſſen, wer den Verdacht, der mich ſo ohne allen Grund druͤckt, gegen mich erregt, und womit er ihn bewieſen hat? „Das ſollt Ihr ſogleich erfahren,“ entgeg⸗ nete der Unterprior:„ich werde Euch Nichts verhehlen, was Euch zu Eurer Vertheidigung von Nutzen ſein kann. Dieſes Maͤdchen, Marie von Avenel, fuͤrchtend, daß Ihr gegen ihren Milchbruder, unter einer freundlichen Auſſenſei⸗ te, einen Groll naͤhren moͤchtet, ſendete Euch den alten Mann, Martin Tacket, nach, damit er Euren Fußtapfen folgen, und ein moͤgliches Un⸗ gluͤck verhuͤten moͤchte. Allein es ſcheint doch, 277 als ob Eure bdſe Leidenſchaft die Vorſicht ge⸗ taͤuſcht habe, denn als er zu der Stelle kam, ge⸗ leitet von Euren Fußtapfen auf dem Thaue, fand er nur den blutbefleckten Raſen und das fri⸗ ſche Grab, und nachdem er lange, aber verge⸗ bens, nach Euch und Halbert in der wilden Ge⸗ gend geforſcht, brachte er die traurige Nachricht zuruͤck, daß er keinen gefunden.“ Sah' er denn auch meinen Wamms nicht? ſagte Sir Piereie Shafton: denn als ich wieder zu mir ſelbſt kam, fand ich mich in meinen Man⸗ tel gewickelt, allein ohne mein Unterkleid, wie Euer Ehrwuͤrden bemerken werden. Mit dieſen Worten ſchlug er ſeinen Mantel zuruͤck, nach der ihm eigenen Inconſequenz, ver⸗ geſſend, daß er ein mit Blut beflecktes Hemd zeigen mußte. „Wie? grauſamer Menſch,“ ſagte der Moͤnch, als er dieſe Beſtaͤtigung ſeines Verdachtes be⸗ merkte:„willſt Du die Schuld noch laͤugnen, da Du das vergoſſene Blut ſelbſt an Dir traͤgſt? Willſt Du noch laͤnger es laͤugnen, daß Deine raſche Hand eine Mutter des Sohnes, unſere Gemeinheit eines Vaſallen, die Koͤnigin von Schottland eines Unterthanen beraubt hat? und 278 was kannſt Du anders erwarten, als daß wir Dich wenigſtens nach England ausliefern, als unwuͤrdig unſers fernern Schutzes?“ Bei allen Heiligen! ſagte der Ritter, der ſich nun zum Aeußerſten gebracht ſahe: wenn dies Blut gegen mich zeugen ſoll, ſo iſt es auf⸗ ruͤhreriſches Blut, da es dieſen Morgen bei Sonnenaufgang noch in meinem Adern floß. „Wie iſt dies moͤglich?“ ſagte der Moͤnch: vich ſehe ja keine Wunde, aus der es gefloſſen ſein koͤnnte?“ Das iſt eben das Geheimnispolſte bei der Sache.— Seht her! Mit dieſen Worten riß er das Hemde auf der Bruſt auf, und zeigte auf die Stelle, durch welche Halberts Schwert gedrungen war; allein ſie war ſchon vernarbt, und ſahe aus wie eine ſchon lang geheilte Wunde. „Das erſchoͤpft meine Geduld, Herr Rit⸗ ter,“ ſagte der Unterprior:„denn es fuͤgt zu Gewalt und Beleidigung noch Hohn. Haltet Ihr mich denn fuͤr ein Kind oder einen Dumm⸗ kopf, daß Ihr mich wollt glauben machen, das friſche Blut, womit Euer Hemd beſfeckt iſt, ſei 279 aus einer Wunde gefloſſen, welche ſeit Wochen oder Monden bereits geheilt iſt?“ Nach einer kurzen Beſinnung verſetzte der Nitter darauf: Ich will offen gegen Euch ſein, mein Vater, aber laßt dieſe Leute ſo ferne tre⸗ ten, daß ſie uns nicht hoͤren koͤnnen; dann will ich Euch Alles enthuͤllen, was mir von der ge⸗ heimnißvollen Geſchichte bekannt iſt. Aber zuͤrnt nicht, guter Vater, wenn es Euch unmoͤglich ſein ſollte, es zu begreifen, denn ich muß Euch geſte⸗ hen, es geht auch uͤber meinen Verſtand.“ Der Moͤnch befahl nun Eduard und ſeinen Begleitern, ſich zuruͤck zu ziehen, indem er ihm verſicherte, daß ſeine Unterredung mit dem Ge⸗ fangenen nur kurz ſein werde, und daß er ihm erlauben wolle, unterdeſſen an der Thuͤr des Ge⸗ maches Wache zu halten. Dies mußte er ihm geſtatten, denn ſonſt wuͤrde er ſich ſchwerlich Gehorſam verſchafft haben. Eduard hatte nicht ſo bald das Gemach verlaſſen, als er Boten an ein oder zwei Familien des Kloſterbezirkes ſen⸗ dete, mit deren Soͤhnen ſein Bruder und er zu⸗ weilen in Verbindung waren, um ihnen zu melden, daß Halbert Glendinning von einem Englaͤnder umgebracht worden ſei, und ſie zu 2. —————— 280 bitten, unverzuͤglich in dem Thurme zu Glende⸗ arg zu erſcheinen. Die Pflicht der Rache wurde in ſolchen Faͤllen fuͤr ſo heilig gehalten, daß er nicht zweifeln durfte, ſie wuͤrden ſogleich mit einem ſolchen Beiſtande erſcheinen, der die Ver⸗ haftung des Gefangenen ſichern konnte. Hier⸗ auf beſah er die Thuͤren des Thurmes, ſowohl die innere als aͤußere, desgleichen das Thor des Hofes. Nachdem er dieſe Vorſichtsmaßregeln getroffen, machte er ſchleunigſt einen Beſuch bei den Frauen im Hauſe, und erſchoͤpfte ſich in Bemuͤhungen ſie zu troͤſten, und in Betheurun⸗ gen, daß er fuͤr ſeinen ermordeten Bruder gewiß Nache nehmen werde. Ende des zweiten Theils, Gedruckt bei Johann Friedrich Starcke. 8 EEʒEEEEREEEEEEEEEEx 8 9 11 12 13 14 15 16 17 9 9 r L Rnann Meueee h