Leihbiblivthek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. eih- und Sgeſebedingungen. 1 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bucher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends§ Uhr offen.. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. — ——— — — eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. S 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wochentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———er: auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 3 8 „„ 2„—„ 3„—„„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurück g der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr felbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſ hmutzte, ver⸗ 3 lorene oder deferte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer ſunn Erſatz des Ganzen verpflichtet. 4— 8 7. Aus. 2 — “ ſ endung eihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ elben von mir geliehen, auch dafür zu ſt 4** 8 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme 3 6 . 8 5 — ———— ͤͤſͤſͤſſſſſſ ———* das KIOSTVER. Ein Roman, nach dem Engliſchen des Wtalter Seott, Verfaſſek des Ivanhoe, Robin des Rothen, u. a. 4 von. 8 4 K. L. Methuſ. Muͤller. 1 4— 4 Erſtor Theil. Berlin, Mei Duncker und Humblot. 4 3 21. Vorwort des Ueberſetzers. Dem nachſtehenden Romane des beruͤhmten Berfaſſers von Ivanhoe und anderen aͤhn⸗ lichen Werken, ſind in der Urſchrift als Ein⸗ leitung zwei Briefe vorgeſetzt, welche die Entſtehung dieſes Buches zn erlaͤutern be⸗ ſtimmt ſind. Der erſte, iſt von einem Ka⸗ pitain Clutterbuck an den Verfaſſer von Waverley(Walter Scott) datirt aus dem Dorfe Kennaquhair, vom April 18.., worinnen genannter Kapitain meldet, 83 11 daß eines Tages ein Fremder in dem Wirths⸗ hauſe ſeines Wohnortes eingetroffen ſey, mit dem Wunſche, einen gebildeten Mann zu ſprechen, der von der Ortsgeſchichte einige Kenntniß habe und Willens ſey, ihn zu den dicht bei Kennaquhair befindlichen Ruinen eines ehemaligen Benediktiner Kloſters zu begleiten. Man ſchlug ihm den Kapitain vor; dieſer verfuͤgt ſich zu dem Fremden und nach kurzer Unterredung begeben ſich beide nach den Ruinen, wo der Benediktiner(ein ſolcher war der Fremde) einen Schatz aus vergangener Zeit aufzuſuchen im Begriff iſt. Dieſer Schatz aber beſteht nicht in Gold und Silber oder aͤhnlichen Dingen, ſondern in ei⸗ nem Herzen, welches der Aufſuchende mit ſich nehmen will, da es einem nahen Ver⸗ wandten von ihm zugehoͤrt habe, welcher, in der Zeit des erſten Ausbruchs der Kirchen⸗ .* 111 trennung in Schottland, daſelbſt verſtorben ſey. Man findet, nach einigen Nachforſchun⸗ gen, wirklich auch ein Kaͤſtchen; dieſes wird geoͤffnet, und enthaͤlt eine faſt vermoderte Subſtanz, die der Fremde doch fuͤr das ge⸗ ſuchte Herz erkennt.„Nachdem alſo,/ faͤhrt der Briefſteller fort:„der Benediktiner den Zweck „ſeiner Reiſe in dem Lande ſeiner Voreltern „erreicht hatte, kuͤndigte er mir an, daß er den „folgenden Tag abzureiſen gedenke, vor der „Abreiſe aber noch mich zum Fruͤhſtuͤck bei „ſich zu ſehen wuͤnſche. Ich fand mich ein, „und nachdem wir dieſes eingenommen, zog „der Fremde ein großes Packet Schriften aus „der Taſche, und indem er ſie mir uͤbergab, „ſagte er: Kapitain Clutterbuck, dieſes ſind vuͤchte Denkwuͤrdigkeiten aus dem ſechszehnten „Jahrhundert. Sie ſtellen die Sitten jener * 2 aVv „Zeit, wie mir es ſcheint, unter anziehenden „Geſichtspunkten dar, und ich darf glauben, daß „ihre Bekanntmachung dem Publikum in „England wohl willkommen ſeyn werde. Gern überlaſſe ich Ihnen den Vortheil, den Sie „aus einem ſolchen Unternehmen ziehen koͤnn⸗ „ten.— „Ich bemerkte, daß mir die Papiere fuͤr .„das angegebene Alter zu neu erſchienen, wo⸗ „rauf der Benediktiner erwiederte: „Mißverſtehen Sie mich nicht, mein Herr, „ich behanpte nicht, daß die Denkwuͤrdigkeiten „in dem ſechszehnten Jahrhundert geſchrieben „worden ſind, ſondern nur, daß ſie aus Ma⸗ „terialien jener Zeit zuſammengeſetzt, aber im „Geſchmack der heutigen abgefaßt worden. „Mein Oheim(derſelbe, deſſen Herz der Frem⸗ „de aufgeſucht hatte) fing das Buch an; und „ ich habe es, in meinen Mußeſtunden, ſort⸗ V „geſetzt, und vollendet. Sie werden leicht ſe⸗ „hen, wo meines Oheims Arbeit aufhoͤrt und „die meine anfaͤngt. Der Inhalt bezieht ſich „großentheils auf verſchiedene Perſonen und „verſchiedene Zeiten.— „Indeß ich ſo die Papiere in meinen „Haͤnden hielt, erklaͤrte ich ihm meine Zweifel, „ob ich auch, als ein guter Proteſtant, ein „Werk ans Licht ſtellen koͤnnte, welches ver⸗ „muthlich im Geiſte des Pabſtthums verfaßt „ſey. „Sie werden, ſagte er: in dieſen Blaͤt⸗ „tern ganz und gar keine Streitigkeiten, noch „irgend Anſichten und Geſinnungen finden, „welche nicht die Gutgeſinnten aller Confeſſio⸗ „nen theilen koͤnnten. Ich bedachte, daß ich „fuͤr ein Land ſchrieb, das vom katholiſchen „Glauben abgefallen iſt, und ich bin beſorgt „geweſen, nichts zu aͤußern, was, richtig verſtan⸗ den, mich mit Grund der Partheilichkeit uͤber⸗ fuͤhren koönnte. Wenn Sie jedoch, bei dem Zuſammenhalten meiner Erzaͤhlung mit den Beweiſen, auf die ich Sie verwieſen— denn Sie werden Copien von verſchiedenen Ori⸗ ginalpapieren in dieſer Sammlung finden— der Meinung ſeyn ſollten, daß ich zu par⸗ theiiſch fuͤr meinen Glauben geweſen waͤre, ſo gebe ich Ihnen gern die Erlaubniß, meine Irrthuͤmer in dieſer Hinſicht zu berichtigen. Ich geſtehe indeſſen, daß ich eines ſolchen Fehlers mir nicht bewußt bin, vielmehr fuͤrchte ich, die Katholiken werden der Meinung— ſeyn, ich haͤtte Umſtaͤnde in Bezug auf den Verfall der Kirchendisciplin, welcher der großen Trennung, von Ihnen Reformation genannt, vorausgegangen ſey und ſie zum Theil veranlaßt haben, beruͤhrt, uͤber die ich 1 immer einen Schleier haͤtte werfen ſollen. VI1 „Und dies iſt auch ein Grund, warum ich „wuͤnſchen muß, daß dieſe Blaͤtter in einem „fremden Lande und durch die Hand eines „Fremden bekannt gemacht werden moͤchten.— „Dieſen Gruͤnden hatte ich nichts ent⸗ „gegenzuſetzen; allein, weil ich fuͤrchtete, dem „Unternehmen, in Hinſicht auf die Darſtel⸗ „lung, nicht gewachſen zu ſein, ſo erhielt ich „die Erlaubniß, mich dieſerhalb an einen Ge⸗ „lehrten zu wenden. So ſchieden wir, und ich „habe ſeitdem nichts wieder von ihm gehoͤrt.“ Nun wendet ſich der Briefſteller an den Verfaſſer des Wawerley,“) mit der Bitte, das Buch durchzuſehen, zu corrigiren und zum Druck einzurichten. *) Wawerley war der erſte von den Romanen, welche dem berühmten Dichter Walter Scott zuge⸗ ſchrieben werden, daher die Sammlung aller ſeiner Ro⸗ mane, in der 1820 erſchienenen neuen Auflage, alſo — In dem darauf folgenden, andern Briefe uͤbernimmt Walter Scott dieſe Arbeit, und liefert ſo den nachfolgenden Roman. Da deutſche Leſer aber, beſonders ſolche die zur Unterhaltung leſen, ſich nicht gern mit etwas, was Vorrede heißt, beſchaͤftigen, ſondern lieber gleich in mediam rem ge⸗ fuͤhrt ſeyn wollen, ſo finden ſie auch hier nur den Inhalt der genannten beiden Briefe im Auszuge, in ſo fern dadurch das Ver⸗ ſtaͤndniß des Folgenden erleichtert werden kann. heißt: Novels and tales by the author of Wawerley, indem er auch hier noch hartnäckig ſeinen Namen ver⸗ ſchweigt. Dieſe Ausgabe beſteht aus 12 Bänden in gr. 8. und enthält außer Wawerley: the Antiquary; Guy Mannering, or the Astrologer; Tales of my Land- lord, in 5 series; Rob Roy; Ivanhoe. Das Kloſter. Erſter Theil. D. Kloſter. I. A Erſtes Kaypitel,. Dou Dorf, welches in dem Manuſkripte des Benediktiners unter dem Namen Kennaqu⸗ hair beſchrieben wird, traͤgt die nehmliche cel⸗ tiſche Endung, die in den Namen Traquhair, Caquhair, und andern aͤhnlichen Zuſammenſe⸗ tzungen vorkommt. Der gelehrte Chalmers lei⸗ tet dieſes Wort von den Kruͤmmungen des Stro⸗ mes ab,— eine Ableitung, welche auf eine merk⸗ wuͤrdige Weiſe mit dem geſchlaͤngelten Laufe des Fluſſes Dweed nahe bei dem Dorfe, von dem die Rede iſt, zuſammentrift. Es iſt ſeit langer Zeit beruͤhmt geweſen durch bas praͤchtige Klo⸗ ſter der heiligen Maria, welches David I. von Schottland ſtiftete, unter deſſen Regierung in demſelben Lande auch die nicht minder glaͤn⸗ zenden Stiftungen von Melroſe, Jedburgh und Kelſo zu Stande kamen. Die Schenkungen an Laͤndereien, womit der Koͤnig dieſe reichen Bruͤ⸗ derſchaften verſah, erwarben ihm bei den moͤn⸗ 9 2 chiſchen Geſchichtſchreibern den Zunamen des Heiligen und bei einigen ihrer vermeinten Ab⸗ zoͤmmlinge den mißguͤnſtigen Tadel: daß er fuͤr die Krone ein ſchmerzlicher Heiliger geweſen ſey. Demohngeachtet iſt es wahrſcheinlich, daß David, der ein eben ſo weiſer als frommer Fuͤrſt war, zu dieſen bedeutenden Beweiſen ſei⸗ ner Freigebiskeit gegen die Kirche nicht bloß durch religidſe Gruͤnde bewogen ward, ſondern daß er damit auch politiſche Abſichten verband⸗ Seine Beſitzungen in Rorthumberland und Cum⸗ berland wurden nach dem Verluſte der Schlacht der Fahne ſehr unſicher; und ſeitdem das ver⸗ haͤltnißmaͤßig fruchtbare Thal von Teviotdale muthmaßlich die Graͤnze ſeines Reiches werden mußte, mochte er wohl wuͤnſchen, wenigſtens ei⸗ nen Theil dieſer ſchaͤtzbaren Beſitzungen dadurch ſicher zu ſtellen, daß er ſie in die Haͤnde der Moͤnche gab, deren Eigenthum ſelbſt unter den Verheerungen eines Krieges an den Grenzen, noch lange Zeit geachtet wurde. Auf dieſe Art allein konnte der Koͤnig hoffen, den Anbau dieſes Bodens einigermaßen zu ſchuͤtzen; und in der That waren auch dieſe Abteien einige Menſchen⸗ alter hindurch eine Art von Goſen, im Genuß merwaͤhrenden Militairdienſt geplagt wurden, des milden Lichtes des Friedens und der Frei⸗ heit, waͤhrend das uͤbrige Land, unter wilde Clans und vom Raube lebende Baronen ver⸗ theilt, eine duͤſtere Seene der Verwirrung, des Bluts und unaufhoͤrlicher Befehdungen darſtellte⸗ Aber dieſe Befreiungen dauerten nicht fort bis zur Vereinigung der Kronen. Lange vor dieſem Zeitpunkte hatten die Kriege zwiſchen England und Schottland ihren urſpruͤnglichen Charakter nationeller Feindſeligkeiten verloren, und waren von engliſcher Seite ein Unterjoch⸗ ungskrieg, von ſchottiſcher eine verzweifelte und wuͤthende Vertheidigung alter Freiheiten gewor⸗ 4 den. Auf beiden Seiten entſtand dadurch Wuth und Erbitterung in einem Grade, der in der ſruͤhern Periode ihrer Geſchichte ganz unbe⸗ kannt war; und da zugleich religioͤſe Spal⸗ tungen dem Nationalhaß, durch Raubſucht er⸗ hoͤht, freien Spielraum gaben, war auch das Eigenthum der Kirche nicht laͤnger vor Einfaͤllen von beiden Seiten geſichert. Indeſſen hatten doch noch immer die Paͤchter und Vafallen der großen Abteien manche Vortheile vor denen der weltlichen Barone voraus, da dieſe durch im⸗ bis ſie am Ende ganz verzweifelt und der Kuͤn⸗ ſte des Friedens voͤllig uͤberdruͤſſig wurden. Die Vaſallen der Kirche waren dagegen bloß verpflichtet, bei allgemeinen Veranlaſſungen un⸗ ter den Waffen zu erſcheinen, und konnten zu an⸗ derer Zeit ihre Pachtungen und Lehne*)(Feus) in verhaͤltnißmaͤßig ſicherer Ruhe beſitzen. Da⸗ her zeigten ſie auch in Allem, was ſich auf die Bebauung des Bodens bezog, weit mehr Ge⸗ ſchicklichkeit, und waren deshalb reicher und ge⸗ bildeter, als die kriegeriſchen Dienſtmannen der unruhigen Barone und Adlichen in ihrer Nach⸗ barſchaft. Der Aufenthalt dieſer kirchlichen Vaſallen war gewoͤhnlich in einem kleinen Dorfe oder Flecken, wo, der gegenſeitigen Unterſtuͤtzung und *) Kleine an Vaſallen und ihre Erben ausgegebene Beſitzungen, wofür eine kleine beſtimmte Abgabe und ein mäßiger quantitatiper Fruchtertrag erlegt werden mußte. Dies war eine Lieblingsart der Geiſtlichkeit, die Beſitzungen ihrer Klöſter zu bevöl⸗. kern, und manche Nachkommen ſolcher Lehnsleute (Feuars) wie ſie hießen, ſind noch jetzt im Beſitz ihres Familien⸗Erbes in der Nachbarſchaft der gro⸗ ßen Klöſter in Schottland. — — 7 Beſchuͤtzung wegen, einige dreißig bis vierzig Familien zuſammen zu wohnen pflegten. Dies nannte man die Stadt(town), und die Laͤn⸗ dereien die den verſchiedenen Familien gehoͤrten, welche die Stadt bewohnten, wurden das Stadtrevier(townfſhip) genannt. Sie be⸗ ſaßen das Land gewoͤhnlich gemeinſchaftlich, ob⸗ gleich nach verſchiedenen Verhaͤltniſſen in Ge⸗ maͤßheit ihrer verſchiedenen Belehnung. Der eigentlich urbare und als ſolcher ſtets unter dem Pfluge gehaltene Theil des Stadtreviers hieß In-field(beſtelltes Land). Hier erſetzte einiger⸗ maßen die Menge des Duͤngers die Erſchoͤpfung des Ackers, und die Lehnsleute aͤrnteten ziemlich viel Hafer und Gerſte, die man in abwechſeln⸗ den Furchen ſaͤte, und woran die ganze Gemeinde ohne Unterſchied arbeitete, indem der Ertrag, nach der Ernte, in Gemaͤßheit jener Verhaͤlt⸗ niſſe vertheilt wurde. Außerdem gab es auch noch Out- field-Land (unbeſtelltes) von dem man nur zuweilen einen Erndteertrag hoffen durfte, worauf es dann wie⸗ der dem Einfluſſe des Clima und der Witterung uͤberlaſſen wurde, bis die erſchoͤpften Kraͤfte der Vegetation gaͤnzlich erſetzt waren. Dieſe Flecken unbeſtellten Landes waͤhlte ſich jeder Lehnsmann nach Belieben unter den Schaaftriften und Huͤ⸗ geln, welche ſtets mit dem Stadtreviere verbun den waren um als Weidexlaͤtze fuͤr die Gemeinde zu dienen. Die Muͤhe und Beſchwerden des An⸗ baues ſolcher Stuͤcke von Out-field, und die Un⸗ gewißheit, ob der Ertrag die Arbeit lohnen wuͤrde, gaben nach der allgemeinen Anſicht jedem Lehns⸗ mann, der das Ungewiſſe unternehmen wollte, ein Recht auf den moͤglichen Gewinn. Es blieben nun noch große Weideplaͤtze von Moorland uͤbrig, wo in den Vertiefungen oft ſehr gutes Gras wuchs, und worauf das ſaͤmmt⸗ liche der Gemeinde zugehoͤrige Vieh den Som⸗ mer uͤber unter der Hut eines Stadthirten ge⸗ trieben wurde, der es regelmaͤßig des Morgens austrieb, und mit Einbruch der Nacht zuruͤck⸗ fuͤhrte, eine Vorſicht, ohne welche die Heerden leicht die Beute der in der Nachbarſchaft her⸗ umſtreifenden Schnapphaͤhne haͤtten werden koͤn⸗ nen. Hieruͤber werden ſich nun freilich die mo⸗ dernen Landbebauer hoͤchlich verwundern, allein dieſelbe Art der Agricultur iſt noch jetzt einiger⸗ maßen in entferntern Gegenden Nord⸗Englands — auch meiſtens ſo, daß ſich das Feuer von dem 9 gebraͤuchlich, und wird in voller Ausuͤbung in dem Shetlands⸗Archipel gefunden. Die Wohnungen der Kirchen⸗Lehnsmaͤnner waren nicht minder dem Naturſtande nahe, als ihr Ackerbauſyſtem. In jedem kleinen Dorfe oder Staͤdtchen(town) befanden ſich einige kleine Thuͤrme oder Caſtelle, mit Befeſtigungswerken, welche uͤber die Seitenmauern hervorſtanden, und gewoͤhnlich mit einer oder zwei hervorſprin⸗ genden Ecken mit Schießloͤchern verſehen waren, um das Thor zu beherrſchen, welches durch eine ſtarke eichene, mit Naͤgeln beſchlagene Thuͤr ver⸗ wahrt war, die oft von Außen durch ein eiſer⸗ nes Gitterthor vertheidigt wurde. Dieſe kleinen Caſtelle wurden gewoͤhnlich nur von den vor⸗ nehmſten Vaſallen und ihren Familien bewohnt, allein bei drohender Gefahr draͤngten ſich die faͤmmtlichen Einwohner aus ihren elenden Huͤt⸗ ten, welche rings umher lagen, zur Beſatzung dieſer Vertheidigungspunkte zuſammen. Es wurde dann einer feindlichen Parthei nicht ſo leicht, in das Dorf einzudringen, denn die Leute waren an die Fuͤhrung des Bogens und Feuergewehrs gewoͤhnt, und die Thuͤrme und Caſtelle lagen 40 einen mit dem von einem andern kreuzte, und es ſo unmoͤglich ward, einen allein anzugreifen. Das Innere der genannten Haͤnſer war mei⸗ 4 ſtens ſehr aͤrmlich, denn es wuͤrde thoͤricht gewe⸗ ſen ſeyn, wenn man ſie haͤtte mit Dingen ver⸗ ſehen wollen, welche die Habſucht raubgieriger Nachbarn zu reizen vermocht haͤtten. Die Fa⸗ milien ſelbſt aber zeigten in ihrem Aeußern ei⸗ nen Grad von Wohlbeſinden, Bildung und Un⸗ abhaͤngigkeit, den man kaum haͤtte erwarten ſol⸗ len. Ihr beſtelltes Land verſah ſie mit Brot, auch brauten ſie Bier, ihre Heerden lieferten ihnen Rind⸗ und Schaaffleiſch(denn an den Lu⸗ rus, Laͤmmer und Kaͤlber zu ſchlachten, wurde 4 damals noch nicht gedacht). Jede Familie ſchlach⸗ tete im November einen fetten Ochſen, der dann fuͤr den Winter eingeſalzen wurde, und dazu konnte eine gute Hausfrau bei feſtlichen Gele⸗ genheiten auch noch ein Gericht Tauben oder einen fetten Kapaun fuͤgen; der ſchlecht beſtellte Garten lieferte doch einiges Gemuͤſe, und der Fluß gab Fiſche, um waͤhrend der Faſten ausreichen zu koͤnnen.* An Brennmaterial war gleichfalls kein Man⸗ gel, denn die Moorgegenden verſahen ſie mit 21 Torf, und die Ueberreſte abgenutzter Waldungen lieferten ihnen immerfort Baͤumſtaͤmme zur Feue⸗ rung und Nutzyolz fuͤr die Beduͤrfniſſe des Haus⸗ haltes. Außer allen dieſen Bequemlichkeiten ging dann der Hausvater auch dann und wann in den Forſt und erlegte mit ſeiner Armbruſt oder Flinte einen Rehbock oder ſonſtiges Wild, und der Beichtvater verweigerte dem Suͤnder ſelten die Abſolution, wenn er gebuͤhrend zum Schmauſe eingeladen wurde. Einige Reichere machten auch wohl, entweder mit ihren eigenen Leuten, oder in Geſellſchaft mit Wildſchuͤtzen, Streifzuͤge auf Nachbargebiete, und die goldenen Ketten und der ſeidene Kopfputz der Frauen, in einer oder der andern bedeutenden Familie, wurden von den Nachbarn auf Rechnung ſolcher gluͤcklichen Strei⸗ fereien geſchrieben. Das war indeſſen in den Augen des Abtes und der Bruͤderſchaft der hei⸗ ligen Marie ein weit unverzeihlicheres Verge⸗ hen, als wenn ſich jemand einmal ein Wildpret des guten Koͤnigs zueignete, und ſie unterlie⸗ ßen nicht, durch jedes ihnen zu Gebote ſtehende Mittel, Beleidigungen zu ſtrafen und zu verhin⸗ dern, welche zu vergeltenden Angriffen auf das Eigenthum der Kirche fuͤhren konnten und wo⸗ durch der Charakter ihrer friedlichen Vaſallen⸗ ſchaft gaͤnzlich umgeaͤndert werden mußte. Anlangend aber die Bildung ſolcher Lehns⸗ 6 leute von Kloſterguͤtern, ſo konnte man wohl behaupten, daß ſie beſſer noch genaͤhrt als ge⸗ lehrt wurden, waͤre ihre Nahrung auch ein we⸗ nig ſchlechter geweſen als ſie in der That war. Indeſſen genoſſen ſie doch auch manche Gelegen⸗ heiten, Etwas zu lernen, welche Andern fehlten. Die Moͤnche ſtanden uͤberhaupt mit ihren Va⸗ ſallen und Paͤchtern im guten Vernehmen, und hatten in den Familien der beſſern Klaſſe von ihnen vertraulichen Zutritt. Sie wurden hier immer mit der doppelten Achtung aufgenom⸗ men, die ihnen als geiſtlichen Vaͤtern und welt⸗ lichen Herren gebuͤhrte. So geſchahe es oft, daß, wenn ein Knabe Talente und Luſt zum Studi⸗ ren zeigte, einer der geiſtlichen Herren, entweder um ihn fuͤr die Kirche zu erziehen, oder um ſich ſelbſt die Zeit zu vertreiben, wenn er kein beſſe⸗ res Motiv hatte, ihn in dem Geheimniß des Leſens und Schreibens unterrichtete, und ihm ſo⸗ viel beibrachte als er gerade ſelbſt wußte. Die Haͤupter dieſer Familien ſtanden auch, da ſie mehr Zeit zum Nachdenken und mehr Ge⸗ — 13 ſchicklichkeit, auch ſtaͤrkere Bewegungsgruͤnde zu Verbeſſerung ihres kleinen Eigenthums hatten, unter ihren Nachbarn in dem Anſehen geſcheu⸗ ter und geſchickter Menſchen, welche, wegen ih⸗ res Wohlſtandes, Anſpruͤche auf beſondere Ach⸗ tung machen konnten, ob ſie gleich wegen ihres minder kriegeriſchen und unternehmenden Cha⸗ rakters gering geſchaͤtzt wurden. Sie lebten auch, ſo viel ſie konnten, immer unter ſich indem ſie die Geſellſchaft Andrer vermieden, und nichts mehr fuͤrchteten, als in die unaufhoͤrlichen verderbli⸗ chen Haͤndel der weltlichen Vaſallen verwickelt zu werden.. Dies war der Zuſtand dieſer Gemeinheiten im Allgemeinen. Waͤhrend der ungluͤcklichen Kriege im Anfange der Regierung der Koͤnigin Maria hatten ſie durch die feindlichen Einfaͤlle ſchrecklich gelitten. Denn das nunmehr prote⸗ ſtantiſche engliſche Volk ſchonte nicht nur die Laͤndereien der Kirche nicht, ſondern behandelte ſie mit weit unnachlaͤßlicher Strenge, als ſelbſt die Beſitzungen der Weltleute. Indeſſen hatte der Friede von 1550 dieſen ungluͤcklichen, ſo hart mitgenommenen Gegenden einige Ruhe wie⸗ der geſchenkt, und es fingen die Dinge nun wie⸗ 14 der an allmaͤhlich auf den vorigen Fuß zu kom⸗ men. Die Moͤnche fuͤllten von Neuem die ge⸗ leerten Vorrathshaͤuſer, der Lehnsmann beſſerte die kleine Befeſtigung aus, die der Feind be⸗ ſchaͤdigt hatte, und der arme Landmann baute ſeine Huͤtte wieder auf,— ein leichtes Geſchaͤft, wo wenige Steine und wenige Holzſtuͤcke aus dem naͤchſten Reviere alle noͤthige Materialien hergaben. Das Vieh wurde endlich wieder aus den Waldgehegen und Dickichten hervorgetrieben, wo man den Ueberreſt davon geborgen gehalten hatte, und die maͤchtigen Bullen ſchritten an der Spitze ihrer Serails, einher um von den ge⸗ wohnten Weiden von Neuem Beſitz zu nehmen. So war denn auch, ſo viel es das Verhaͤltniß der Zeit und des Volkes erlaubte, fuͤr das Klo⸗ ſter zur heiligen Jungfrau, Friede und Ruhe fuͤr einige Jahre abermals geſichert. Zweites Kapitelk. Wir haben bemerkt, daß die meiſten Lehns⸗ leute(Feuars) in dem Flecken wohnten, welcher der Mittelpunkt ihres Landreviers war; indeſſen war dies doch nicht allgemein der Fall. Ein einſamer Thurm, in den ſich der Leſer jetzt muß geleiten laſſen, machte wenigſtens eine Ausnahme von der allgemeinen Regel. Er war von geringem Umfange, doch groͤ⸗ ßer als diejenigen, welche in dem Dorfe ſtan⸗ den, und ſchien anzudeuten, daß im Fall eines Angriffs, der Eigenthuͤmer ſich ohne Huͤlfe auf ſeine eigene Staͤrke werde verlaſſen muͤſſen. Zwei oder drei elende Huͤtten am Fuße der Befeſti⸗ gung hatten Leibeigene und Paͤchter des Lehn⸗ manns inne. Sie lag auf einem ſchoͤnen freien Hugel, der ſich in der Schlucht eines wilden und engen Thales erhob, und da er, auf der einen Seite ausgenommen, rings von einem Fluſſe um⸗ 16 geben war, bot er eine Poſition von ziemlicher Staͤrke dar. Allein die groͤßte Sicherheit von Glende⸗ arg, ſo hieß der Platz, lag in ſeiner abgeſonder⸗ ten und verſteckten Lage. Um zu dem Thurme, oder der kleinen Feſtung, zu gelangen, mußte man drei Meilen uͤber die Ebene, und ohnge⸗ faͤhr zwanzig mal uͤber den kleinen Fluß gehen, der, durch das enge Thal ſich windend, alle hun⸗ dert Schritte auf einen Felſen ſtieß, der ſeinen Lauf aͤnderte und ihn zwang, in einer oft entge. gengeſetzten Richtung hinzuſtroͤmen. Die Huͤgel, welche auf jeder Seite des Thalgrundes empor⸗ ſtiegen, waren ſehr ſteil, und erhoben ſich kuͤhn uͤber dem Strom, der nun ſo innerhalb ihrer Schranken hinfloß. Die Abhaͤnge laͤngs des Thales waren fuͤr Pferde gar nicht zugaͤnglich und konn⸗ ten bloß durch ſchmale Fußpfade begangen wer⸗ den, die ſich an denſelben hinzogen. So vermu⸗ thete man gar nicht, daß dies der Zugang zu ei⸗ ner andern Wohnung, als der Sommerhuͤtte ei⸗ nes Hirten ſeyn koͤnne. Indeſſen war dieſer einſame und unfrucht⸗ bare Thalgrund doch nicht von aller Schoͤnheit enthloßt. Der Moor, der ſich auf heiden Seiten 17 des Fluſſes auf der Ehene hinzog, war ſo dicht und gruͤn bewachſen, als wenn er von hundert Gartenarbeitern bepflanzt worden waͤre, auch war er mit allerlei wilden Blumen geſtickt, wel⸗ che die Gaͤrtner gewiß nicht wuͤrden haben auf⸗ kommen laſſen. Der kleine Bach, jetzt zwiſchen engern Grenzen eingeſchloſſen, jetzt in freierer Bewegung durch das ſchmale Thal hingleitend, tanzte ſorglos in einen hellen, ungetruͤbten See, gleich den beſſern Geiſtern, welche durch das Leben wallen, unuͤberſteiglichen Hinderniſſen nachgebend, aber eben ſo wenig von ihnen be⸗ ſtegt als der Schiffer, der mit unguͤnſtigen Winden zu kaͤmpfen hat, und ſeinen Lauf ſo einrichtet, daß er ſo wenig als moͤglich ruͤckwaͤrts getrie⸗ ben wird. Die Berge, wie man ſie in England ge⸗ nannt haben wuͤrde,(ſchottiſch braes) erhoben ſich in ſteiler Richtung uͤber die kleine Ebene; ſie boten dem Auge hier den Anblick grauer Felſenmaſſen, von denen die Erde durch Gieß⸗ baͤche weggeſchwemmt worden war, dort kleine Streifen von Gehoͤlz und Geſtruͤpp, das dem Zahne des Viehes und der Sichel des Lehnman⸗ nes entgangen war, und das an den Borden der 18— Waldbaͤche emporſprießend, oder auch in den lee⸗ ren Betten derſelben wachſend, der Landſchaft Mannigfaltigkeit und Schoͤnheit verlieh. Ueber dieſes waldige Revier ragte der Berg in un⸗ fruchtbarer, aber purpurner Majeſtaͤt empor, und ſeine dunkle Farbenmiſchung bildete beſonders im Herbſte einen ſchoͤnen Gegenſatz mit dem lichten Gruͤn der Eichen, Birken, Eſchen und andrer Baͤume, welche die tiefern Abhaͤnge ſchmuͤckten, ſo wie mit dem ſammtenen Raſen⸗ grunde, der den Fuß umgab und die Ebene be⸗ deckte. Dem allen ohngeachtet aber konnte man die Gegend weder erhaben noch ſchoͤn, kaum maleriſch oder ergreifend nennen. Indeſſen machte die tiefe Einſamkeit einen großen Ein⸗ druck auf das Gemuͤth, und der Wandrer fuͤhlt, bei der Ungewißheit, wohin er ſich wenden ſoll, oder wo ſein Pfad ſich enden wird, ſeine Ein⸗ bildungskraft oft ſtaͤrker angeregt, als durch die großen Zuͤge einer prangenden Landſchaft, wo er die Entfernung des Wirthshauſes genan kennt, in dem er ſein Mittags⸗ oder Abendeſſen be⸗ ſtellt hat. Dies ſind jedoch bloß Ideen ſpaͤterer Zeit, denn in jener, von der hier die Rede iſt⸗ — — “ — 49 war das Maleriſche, Schoͤne, Erhabene, nebſt all ſeinen Schattirungen, den Bewohnern oder zufaͤlligen Beſuchern von Glendearg gaͤnzlich fremd. Indeſſen hatten ſie an dieſe Gegenden der Zeit gemaͤße Anſichten angeknuͤpft. Ihr Name der das rothe Thal bedeutet, ſcheint nicht bloß von der purpurnen Farbe des Heidekrautes entlehnt zu ſeyn, womit die Felſen zum Theil bekleidet waren, ſondern auch von den rothen Farben der Felſenmaſſen ſelbſt, ſo wie der Ab⸗ gruͤnde, die in dieſen Gegenden scaurs genannt werden. Ein anderes Thal auf den Hoͤhen von Ettrick hat denſelben Namen aus gleichem Grunde erhalten, und es mag leicht deren noch mehrere in Schottland geben. Da unſer Glendearg an ſterblichen Beſu⸗ chern keinen Ueberſluß hatte, ſo war es, damit es doch nicht ganz von Bewohnern entbloͤßt ſeyn moͤchte, von dem Aberglauben in ſeinen einſa⸗ men Parthieen mit Weſen einer andern Welt bevoͤlkert worden. Der wilde und launenhafte braune Mann der Suͤmpfe, ein Weſen, welches der gerade Abkoͤmmling der noͤrdlichen Zwerge zu ſeyn ſcheint, ſollte ſich hier oft, be⸗ 20 ſonders nach der Herbſtnachtgleiche ſehen laſſen, wenn die dicken Nebel kommen, und die Gegen⸗ ſtaͤnde ſich von fern nicht leicht mehr erkennen laſſen. Die ſchottiſchen Feen, ein wunder⸗ liches, reizbares und uͤbelwollendes Geſchlecht, das, wenn auch bisweilen gutgeſinnt, doch oͤfter den Sterblichen gehaͤſſig ſich zeigte, hatten ih⸗ ren Aufenthalt in einer befonders wilden Ein⸗ ſamkeit der Thals aufgeſchlagen, welche dann auch in Beziehung auf dieſen umſtand, Corrie nan Shian, d. h. in verſtuͤmmeltem Celtiſch: Fe⸗ enhoͤhle, genannt wurde. Die Nachbarn wa⸗ ren daher vorſichtiger, wenn ſie von dieſem Orte ſprachen, und nannten ihn lieber gar nicht, weil in allen britiſchen und celtiſchen Provinzen Schottlands die Idee herrſchend war und auch noch iſt, daß, man mag nun gut oder uͤbel von dieſen uͤbernatuͤrlichen Weſen ſprechen, man doch dadurch ihren Zorn erregte, und daß ſie vor Al⸗ lem Geheimniß und Schweigen von denen fo⸗ dern, welche ihren Aufenthalt entdecken moͤchten. Ein geheimnißvoller Schauer lag auf dieſe Art uͤber dem kleinen Thalgrunde, der von dem breitern der Tweede auf das Gebiet fuͤhrte, wel⸗ ches wir ſo ehen beſchrieben haben, und wo die Befe⸗ 21 ſtigung lag, die der Thurm von Glendearg hieß. Jenſeits der Huͤgelſpitze, auf der, wie be⸗ merkt, der kleine Thurm ſtand, wurden die Huͤ⸗ gel ſteiler und ruͤckten dem kleinen Bache naͤ⸗ her, ſo daß nun kaum ein Fußpfad dazwiſchen blieb. Hier endigte ſich das Thal in einem wil⸗ den Waſſerfalle, wo ein ſchmaler Waſſerſtreifen ſich uͤber zwei bis drei Abhaͤnge gleich einem Schaumfaden herabſtuͤrzte. Weiterhin aber, in derſelben Nichtung und uͤber dieſen Waſſerfaͤllen hinaus, lag ein wilder großer Moraſt, einzig von Waſſervoͤgeln beſucht, und ſcheinbar ohne Ende ſich hindehnend, wodurch die Bewohner des klei⸗ nen Thales von denen getrennt wurden, welche mehr nordwaͤrts lebten, Die unermuͤdeten und raſtloſen Freibeuter indeſſen kannten dieſe Moraͤſte ſehr wohl, und oft fanden ſie in denſelben Zuflucht und Schutz. Oftmals kamen ſie auch nach dem Thale ſelbſt hinab, und begehrten, dem Thurme ſich naͤhernd, Gaſtfreundſchaft, die ſie auch erhielten; indeſſen hielten ſich doch die friedlichern Einwohner im⸗ mer von ihnen in einiger Entfernung, und ſie wurden ohngefaͤhr ſo aufgenommen, wie ein Zug nordamerikaniſcher Indianer, wenn ſie zu einem 22 neuen europaͤiſchen Pflanzer kommen, bei dem die Furcht eben ſo wirkſam iſt als die Gaſtfreund⸗ ſchaft, und der ſich gern je eher je lieber von den wilden Gaͤſten wieder befreit ſaͤhe. Dieſes war jedoch nicht immer die herr⸗ ſchende Denkungsart in dem kleinen Thale und ſeinem Thurme geweſen. Simon Glendin⸗ ning, ſein fruͤherer Bewohner, ruͤhmte ſich ſei⸗ ner Blutsverwandtſchaft mit der alten Familie der Glendonwyne auf der weſtlichen Grenze des Landes. Er pflegte in den Herbſtabenden, am Feuer ſitzend, die Thaten der Familie zu erzaͤh⸗ len, der er angehoͤrte, und von der ein Glied an der Seite des tapfern Earl von Douglas bei Otterbourne gefallen war. Bei ſolchen Gelegen⸗ heiten legte er gewoͤhnlich ein altes Schlacht⸗ ſchwert auf den Schoos, das ſeinen Vorfahren zugehoͤrt hatte lange zuvor ehe einer von der Familie ein Lehn unter der friedlichen Herr⸗ ſchaft der Moͤnche von St. Marie anzunehmen ſich bewogen gefunden hatte. In neuern Zeiten wuͤrde Simon vielleicht gern bequem auf ſei⸗ nem Eigenthume gelebt und ruhig gegen das Geſchick gemurrt haben, welches ihm hier ſeine Wohnung anwies und ihm den Zugang zu allem — 23 kriegeriſchen Ruhme abſchnitt. Allein jetzt fan⸗ den ſich ſo viel dringende Auffoderungen und guͤnſtige Gelegenheiten fuͤr Simon Glendinning, ſeine Worte durch ſeine Handlungen zu bewaͤh⸗ ren, daß er ſich bald in der Nothwendigkeit ſahe, unter den Truppen des Heiligthums von St. Marie, wie man ſie nannte, jenen ungluͤcklichen Feldzug mitzumachen, der ſich durch die Schlacht bei Pinkie endigte. Die katholiſche Geiſtlichkeit war bei dieſem Nationalſtreite, deſſen Hauptzweck war, die Ver⸗ bindung der unmuͤndigen Koͤnigin Maria mit dem Sohne des ketzeriſchen Heinrichs VIII. zu hindern, gar ſehr intereſſirt. Die Moͤnche hat⸗ ten ihre Vaſallen unter einem erfahrnen Anfuͤh⸗ rer zuſammengerufen. Einige von ihnen hatten auch die Waffen ergriffen, und zogen mit einer Fahne ins Feld, welche eine Frau darſtellte, die die ſchottiſche Kirche bedeutete, knieend in beten⸗ der Stellung, mit der Umſchrift: Afflictae spon- sae ne obliviscaris(Vergiß der betruͤbten Braut nicht!) Den Schotten fehlte es indeſſen in allen ihren Kriegen mehr an guten und vorſichtigen Feldherren, als an politiſchem Enthuſiasmus. f 1 — 8 24 Ihr ungeduldiger unbeſonnener Muth veranlaßte ſie meiſtentheils, ſich blind ins Gefecht zu ſtuͤr⸗ zen, ohne weder ihre eigene, noch die Lage des Feindes gehrig zu wuͤrdigen, und ſo kam es denn, daß ſi e haͤuſtge Niederlagen erleiden muß⸗ ten. Mit der ungluͤcklichen Schlacht von Pinkie haben wir jedoch hier nichts zu thun, außer in ſofern, daß unter zehntauſend Mann hoͤhern und niedern Standes auch Simon Glendinning, aus dem Thurme von Glendearg, in den Staub ſank⸗ ohne durch ſeinen Tod das alte Geſchlecht zu beſchimpfen von dem er ſich abzuſtammen ruͤhmte. Als die traurige Nachricht, welche Schrecken und Angſt durch ganz Schottland verbreitete, den Thurm von Glendearg erreichte, befand ſich Simons Wittwe, Elspeth Brydone, nach ihrem Familiennamen, allein in dieſer verlaſ⸗ ſenen Wohnung, ausgenommen ein oder zwei Knechte und die huͤlfloſen Wittwen und Fami⸗ lien derer, welche mit ihren Herren gefallen wa⸗ ren. Die Troſtloſigkeit war allgemein— allein was half das⸗ Die Moͤnche, ihre Beſchuͤtzer und Pa⸗ trone, wurden aus ihren Abteien durch die eng⸗ liſchen Truppen vertrieben, welche nun die Ge⸗ gend überſchwemmten, und wenigſtens eine ſchein⸗ 6* ſcheinbare Unterwerfung von Seiten der Ein⸗ wohner zu erzwingen ſuchten. Der Protektor Somerſet bildete ein feſtes Lager unter den Truͤmmern des alten Schloſſes von Rorburgh, und noͤthigte die umliegende Land⸗ ſchaft, ſich dorthin zu begeben, Tribut zu zah⸗ len, und Sicherheit bei ihm zu nehmen, wie man es nannte. In der That blieb auch keine Macht zum Widerſtande mehr uͤbrig, und die wenigen Baronen, deren hoher Sinn ſelbſt den Schein einer Uebergabe ſcheute, konnten ſich bloß in die rauheſten Gegenden des Landes zuruͤck⸗ ziehen, und ihre Haͤuſer und Guͤter dem Zorne der Englaͤnder uͤberlaſſen, welche Truppenabthei⸗ lungen ausſandten, um durch Militairzwang die⸗ jenigen zu aͤngſtigen, welche ſich zu unterwerfen geweigert hatten. Da ſich der Abt und die Moͤn⸗ che jenſeits des Forth's zuruͤckgezogen hatten, wurden ihre Laͤndereien hart mitgenommen, beſon⸗ ders da man glaubte, daß ſie einem Buͤndniſſe mit England abgeneigt waͤren. Unter den zu dieſem Ende abgeſandten Truppen, befand ſich auch ein kleiner Haufe, befehligt von Stawarth Bolton, einem Ka⸗ pitain in der engliſchen Armee, von jener rau⸗ D. Kloſter. I. B 26 hen und anſpruchloſen Tapferkeit und Großmuth, wodurch ſich dieſes Volk ſo oft ausgezeichnet hat. Widerſtand war vergeblich. Elspeth Bry⸗ done, welche von weitem ein Dutzend bewaffne⸗ ter Reuter durch das Thal daher traben ſahe, einen Mann an ihrer Spitze, den ſein ſcharlach⸗ ner Mantel, ſeine glaͤnzende Ruͤſtung und ſein wallender Federbuſch ſogleich als den Fuͤhrer an⸗ küͤndigte, ſahe keine andere Rettung fuͤr ſich ſelbſt, als außerhalb des eiſernen Gitterthors ſich zu begeben, bedeckt mit einem langen Trauer⸗ ſchleier, an jeder Hand einen ihrer Soͤhne fuͤh⸗ rend, den Englaͤndern entgegen zu gehen, ihnen ihre verlaſſene Lage zu ſchildern, den kleinen Thurm ihrem Befehle zu uͤbergeben, und um Gnade zu bitten. Mit wenig Worten gab ſie ihre Abſicht zu erkennen und ſetzte dann hinzu: Ich ergebe mich, weil ich keine Mittel zum Widerſtande habe. „Und ich detlange aus demſelben Grunde Eure Ergebung gar nicht;“ erwiederte der Eng⸗ laͤnder:„Eurer friedlichen Geſinnung verſichert ſeyn zu koͤnnen, iſt Alles was ich begehre, und nach Allem was Ihr mir ſagt, habe ich keinen Grund datan zu zweifeln.“ 7 Theilt wenigſtens mit uns, ſagte Elspeth, was unſere Speiſekammern und Scheuern her⸗ zugeben vermoͤgen. Eure Roſſe ſind ermuͤdet, und Eure Leute beduͤrfen der Erquickung. „Nicht das Mindeſte,“ verſetzte der edle Eng⸗ laͤnder:„man ſoll nicht ſagen, daß eine um ihren Gemal trauernde Wittwe von einem braven Sol⸗ daten beſchmaußt worden ſey. Kameraden! Vor⸗ waͤrts! Doch halt!“ ſetzte er ſogleich hinzu:„meine Leute ſtreifen in jeder Richtung umher, ſie muͤſ⸗ ſen ein Zeichen haben, woran ſie erkennen, daß Eure Familie unter meinem Schutze ſteht. Hoͤr, kleiner Purſche,“ ſagte er zu dem aͤlteſten Kna⸗ ben, der ohngefaͤhr neun bis zehn Jahre alt ſeyn mochte:„gieb mir'nmal deine Muͤtze!“ Der Knabe machte ein finſteres Geſicht und wollte ſich nicht dazu verſtehen, endlich aber brachte es die Mutter durch ſanftes Zureden da⸗ hin, daß er die Muͤtze hergab und dem engli⸗ ſihen Kapitain einhaͤndigte. Stawarth Bolton nahm hierauf das geſtickte rothe Kreutz von ſeinem Barett, heftete es an den Rand von der Muͤtze des Kleinen, und ſagte zur Miſtreß(denn der Titel Lady wurde damals Frauen von ihrem Stande noch nicht gegeben) B 2 —— „dieſes Zeichen, welches alle meine Leute achten werden, wird Euch vor jeder Zudringlichkeit un⸗ ſerer Freibeuter ſchuͤtzen!“ Er ſetzte hierauf dem Knaben die Muͤtze wieder auf, allein der Knabe, in deſſen Augen ordentlich Flammen durch die Thraͤnen hervorbrachen, und dem das Blut in den Adern kochte, riß ſie ſogleich wieder herun⸗ ter, und warf ſie, ehe es die Mutter hindern konnte, in den Bach; der andere aber lief ſogleich hin⸗ zu, ſie herauszufiſchen, welches ihm auch gelang, worauf er das Kreutz herunter nahm, es mit großer Verehrung kuͤßte und in den Buſen ſteckte. Der Englaͤnder war halb ergoͤtzt, halb erſtaunt uͤber dieſe Scene⸗ „Was wollteſt Du damit ſagen⸗ daß Du das rothe Kreutz des heiligen Georg wegwarfſt?“ fragte er den aͤltern Knaben, in einem Tone, der— halb wie Scherz, halb wie Ernſt klang. Der heilige Georg iſt ein ſuͤdlicher Heili⸗ ger! verſetzte der Knabe unmuthig. „Gut!“ ſagte Stamarth Bolton:„und was meinteſt Du damit, daß Du es wieder aus dem Bache holteſt?“ fragte er den juͤngern Bruder. Der Prieſter ſagt, es ſey das allgemeine Zei⸗ chen des Heils fuͤr alle gute Chriſten. „Sehr gut!“ ſagte der edle Krieger:„ich ver⸗ ſichere Euch, Miſtreß, ich beneide Euch um dieſe Knaben. Sind ſie beide die Eurigen?“ Stawarth Bolton hatte Urſach zu dieſer Frage, denn Halbert Glendinning, der aͤl⸗ teſte dieſer Knaben, hatte Hagre ſo ſchwarz wie das Geſteder des Raben, dabei ſchwarze große, kuͤhne, feurige Augen, die unter Brauen von gleicher Farbe hervorblitzten; ſeine Hautfarbe war dunkelbraun, obgleich ſie nicht ins Schwarze ſtel, und eine gewiſſe Regſamkeit, Freimuͤthig⸗ keit und Entſchloſſenheit gab ihm das Anſehen eines reifern Alters. Eduard dagegen, der juͤn⸗ gere Bruder, hatte lichtes Haar, und blaue Au⸗ gen, und war von zarterem Koͤrperbau, ſeine Hautfarbe war blaß, und auf ſeinen Wangen er⸗ blickte man nicht die Roſenfarbe einer recht kraͤf⸗ tigen Geſundheit. Indeſſen zeigte der Knabe nichts Schwaͤchliches oder Mißgeſtaltetes in ſei⸗ nem Weſen, ſondern konnte vielmehr fuͤr ein ſchoͤnes Kind gelten, zumal da in ſeinem Blicke etwas ſehr Sanftes und Mildes ſich offenbarte Die Mutter warf erſt einen recht muͤtterlich lie⸗ bevollen Blick auf Beide, ehe ſie dem Englaͤnder wird in unſern Tagen, denk' ich, wohl nicht ab⸗ 3⁰ antwortete: Ja! Herr, es ſind beide meine Kinder!. „Und von demſelben Vater, Miſtreß?“ fragte Stawarth; allein da er das Erroͤthen des Miß⸗ fallens in ihrem Geſichte bemerkte, ſetzte er ſo⸗ gleich hinzu:„Nein! ich wollte Euch nicht belei⸗ digen, ich wuͤrde dieſelbe Frage an meine Ge⸗ vatterin in Morry Lincoln gethan haben. In der That, Ihr babt zwei ſchoͤne Knaben, ich wollte, ich koͤnnte einen von Euch borgen, denn Dame Bolton und ich, wir leben kinderlos auf unſerm alten Schloſſe. Hoͤrt'nmal Kinder, wer von Euch beiden will wohl mit mir ziehen?“ Die zitternde Mutter, voll Furcht bei die⸗ ſer Rede, zog die Kinder an ſich, jedes an einer Hand, indeß beide dem Fremden antworteten. Ich gehe nicht mit Euch, ſagte der kuͤhne Hal⸗ bert, denn Ihr ſeyd ein falſchgeſinnter Mann aus Suͤden, und die Maͤnner daher erſchlugen meinen Vater; aber ich gehe mit Euch in den Krieg auf Leben und Tod, ſobald ich erſt mei⸗ nes Vaters Schwert fuͤhren kann. „Nun, nun, kleiner Tollkopf/“ ſagte Stawarth: „die gute Sitte, auf Leben und Tod zu koͤmpfen, 31 kommen. Aber Du, mein niedlicher Weißkopf, willſt Du nicht mit mir gehen, auf ein Stecken⸗ pferdchen zu reiten*“ Nein! verſetzte Eduard, ein wenig zoͤgernd, denn Du biſt ein Ketzer! „Haſt Recht!“' ſagte Stawarth Bolton.— „Nun denn, Dame,, ich ſehe wohl, ich ſinde bei Euch keine Rekruten fuͤr meine Truppen, und doch beneide ich Euch um dieſe beiden drolligen Knaben.“— Er ſeufzſte einen Augenblick, wie man Trotz des Harniſches und Halskollers ſehen konnte, dann ſetzte er hinzu:„Und doch, meine Dame und ich, wir wuͤrden uns nur ſtreiten, welcher von den Knaben uns am beſten geſiele, denn ich, ich wuͤrde noch fuͤr den ſchwarzaͤugi⸗ gen entſcheiden, und ſie, da will ich wetten, fuͤr den blauaͤugigen, blondhaarigen Sproͤßling. So aber muͤſſen wir unſre einſame Ehe tragen, und denen Gluͤck wuͤnſchen, welche ein heſſeres Loos haben als wir.— Sergeant Britſon, Du bleibſt hier bis Du abgerufen wirſt, beſchuͤtze dieſe Fa⸗ milie, ſie ſteht unter meiner Obhut, thue ihr kein Leides, und laß ihr keines thun, denn Du biſt dafuͤr verantwortlich. Dame! Britſon iſt verheirathet, alt und zuyerlaͤſſig. Geht ihm zu nicht nach denen aus einem andern Hauſe. Lebt 3 3² eſſen, ſo viel er will, aber heim trinken haltet ihn im Zaum.“ Dame Glendinning bot dem Fremden aber⸗ mals Erfriſchungen, aber mit wankender Stimme und dem geheimen Wunſche, daß ihr Anerbieten nicht angenommen werden moͤchte, denn ſie ver⸗ muthete, daß, da ihre Knaben dem Englaͤnder eben ſo zu gefallen ſchienen als ihr ſelbſt, die Bewunderung, welche er geaͤußert hatte, am Ende gar damit enden moͤchte, daß er ihr einen oder den andern mit Gewalt entfuͤhrte. Sie hielt ſie da⸗ her ſo feſt ſie konnte an der Hand, gleich als wuͤrde ihr dieſe ſchwache Anſtrengung etwas geholfen Haben, wenn man Gewalt haͤtte brauchen wol⸗ ken; und mit einer Freude, die ſie nicht verber⸗ gen konnte, erblickte ſie endlich den kleinen Trupy Reuter abmarſchiren, um das Thal hin⸗ ab zu ziehen. Ihre Empfindungen entgingen dem Stawarth Bolton keinesweges. „Ich vergebe Euch, Dame,“ ſagte er:„daß Ihr meint ein engliſcher Falke koͤnne uͤber eure ſchot⸗ tiſche Sumpfbrut herfallen. Aber ſeyd ruhig! Wer die wenigſten Kinder hat, hat die wenig⸗ ſten Sorgen, und ein vernuͤnſiiger Mann ſtrebt 33 wohl, Dame, und wenn der ſchwarzaͤngige Bube im Stande iſt, einen Kriegszug nach England zu machen, ſo ſagt ihm, daß er der Weiber und Kin⸗ der ſchonen ſoll, um Stawarth Bolton's Willen.“ Gott ſey mit Euch, tapfrer Englaͤnder! ſagte Elspeth Glendinning, aber nicht eher, als bis er es nicht mehr hoͤren konnte, denn er ſpornte ſein Roß, um ſeinem Truppe nachzukommen, und bald ſahe man ſeinen wehenden Federbuſch und ſeine glaͤnzende Ruͤſtung in der fernen Kruͤmmung des Thales verſchwinden. Mutter, ſagte der aͤltere Knabe, ich kann nicht Amen ſagen zu dem Gehete fuͤr einen Mann aus Suͤden. Mutter, ſagte der juͤngere, mit mehr Ehrer⸗ bietung: iſt es auch recht, fuͤr einen Ketzer zu beten? „Daß weiß Gott allein, zu dem ich bete,“ ant⸗ wortete die arme Elspeth:„aber die heiden Worte: fuͤdlich und ketzeriſch haben Schottland ſchon zehntauſend ſeiner bravſten und beſten Bewoh⸗ ner, mich einen Gemal und Euch einen Vater gekoſtet; und ich will weder im Boͤſen noch im Guten wieder Etwas davon hoͤren. Folgt mir zum Thurme, Sir,“ ſagte ſie zu Britſon:„und was wir haben, ſoll zu Euern Dienſten ſeyn.“ Drittes Kaypitel. Ban verbreitete ſich durch das Beſitzthum des Kloſters zur heiligen Maria und die benachbarte Gegend die Nachricht, daß Miſtreß Glendinning von einem engliſchen Kapitain Schutz und Si⸗ cherheit erhalten habe, und daß weder ihr Vieh weggetrieben noch ihr Vorrath verbrannt wor⸗ den ſey. Unter Andern, welche dieſe Nachricht hoͤrten, befand ſich auch eine Lady, die, wenn auch von hoͤherm Nange als Elspeth Glendin⸗ ning, doch durch die nehmlichen Unfäͤlle in noch groͤßeres Ungluͤck geſtuͤrzt worden war. Sie war die Wittwe eines tapfern Kriegers, Walter Ayenels, und ſtammte von einer ſehr alten Familie auf der Grenze ab/ welche ehedem ſehr große Guͤter in Eskdale beſeſſen hatte. Dieſe waren laͤngſt in andere Haͤnde uͤbergegangen, doch beſaßen die Avenels noch eine alte Baronie von anſehnlichem Umfange, nicht weit von den Beſitzungen des Kloſters der heili⸗ — 35 gen Jungfrau, und auf derſelben Seite des Fluſ⸗ ſes gelegen, wo das kleine Thal von Glendearg lag, an deſſen Spitze ſich eben Glendinnings Thurm befand. Hier hatten ſie lange gelebt, einen anſehnlichen Rang unter dem Adel der Provinz behauptend, obgleich weder reich noch maͤchtig. Dieſe allgemeine Achtung war noch erhoͤhet worden durch die Geſchicklichkeit, den Muth und Unternehmungsgeiſt, den Walter Avenel, der letzte Freiherr, entfaltet hatte. Als ſich Schottland von dem furchtbaren Schlage wieder zu erholen begann, den es durch die Schlacht von Pinkie Clench erlitten hatte, war Avenel einer der erſten, welche eine kleine Macht ſammelten und ein Beiſpiel jener bluti⸗ gen und ſchonungsloſen Kaͤmpfe aufſtellten, wel⸗ che bewieſen, daß ein, wenn auch von Fremden be⸗ ſiegtes und unterjochtes Volk doch im kleinen Krieg gegen den Feind noch Unternehmungen wagen darf⸗ die dieſem am Ende verderblich werden. In ei⸗ nem ſolchen Kampfe ſiel indeſſen Walter Avenel, und die Nachricht, welche davon in das vaͤter⸗ liche Haus kam, war von der nicht minder nie⸗ derſchlagenden begleitet, daß ein Trupp Eng⸗ laͤnder im Anzuge ſey, um die Wohnung und A. Laͤndereien ſeiner Wittwe zu pluͤndern, und da⸗ durch Andere abzuſchrecken, ein gleiches Wagniß zu unternehmen. Die ungluͤckliche Lady hatte keine beſſere Zuflucht, als die elende Huͤtte eines Schaͤfers zwiſchen den Huͤgeln; hier wurde ſie in ſolcher Eile hingebracht, daß ſie faſt nicht wußte, wohin und weshalb ihre erſchrockenen Dienſtleute ſie und ihre ganz junge Tochter aus ihrem eigenen Hauſe fuͤhrten. Hier wurde ſie aber auch von dem Weibe des Schaͤfers, Tibb Tacket, wel⸗ che in heſſere Zeit ihre eigene Kammerfrau ge⸗ weſen war, mit aller Treue und Liebe alter Zei⸗ ten aufgenommen. Einige Zeit lang kannte die Lady ihr Elend gar nicht; allein als der erſte ſchreckliche Anfall des Grams in ſo weit vor⸗ über war, daß ſie ihre Lage uͤberſchauen konnte, fand die Wittwe Avenels Grund, das Loos ih⸗ res Gemals in ſeinem dunkeln und ſtillen Zu⸗ Hfluchtsorte zu beneiden. Die Diener, welche ſie zu ihrem Aufenthalte geleitet hatten, waren nun genoͤthigt, ſich zu zerſtreuen, um fuͤr ihre eigene Sicherheit zu ſorgen, oder den noͤthigen Unterhalt zu ſuchen, und der Schaͤfer und ſein Weib ſahen ſich bald auch der Mittel berauht, ihrer ehemaligen 37 Herrſchaft die ſchlechte Nahrung zukommen zu— laſſen, die ſie ſo gern mit ihr getheilt haͤtten. Einige engliſche Freibeuter hatten nehmlich die wenigen Schaafe, die ihren erſten raubgierigen Nachforſchungen entgangen waren, aufgeſpuͤrt und hinweggetrieben. Zwei noch uͤbrige Kuͤhe hatten ebenfalls das Schickſal der andern, und da von ihnen die Familie allein noch ihren Un⸗ terhalt gezogen hatte, ſchien nun der Hunger ih⸗ nen ſein furchtbares Antlitz zu zeigen. „Wir ſind Bettler uͤber und uͤber!“ fagte der alte Schaͤfer Martin, indem er verzweiflungs⸗ voll die Haͤnde rang;„die Raͤuber, die ſchaͤndli⸗ chen Raͤuber! auch nicht eine Klaue unſers ge⸗ ſunden Viehes uns zu laſſen.“ Ach! verſetzte die Frau, haͤtteſt Du erſt die arme Grizzy und Crumbie geſehen, wie ſie ſich nach dem Stalle umſahen, als die hartherzigen Buben ſie mit ihren Lanzen forttrieben! „Und doch waren's nur vier,“ ſagte Martin: „ich weiß die Zeit noch, wo ſich ihrer vierzig nicht ſo weit gewagt haben wuͤrden; aber mit unſerm Herrn haben wir auch unſere Kraft und Mann⸗ heit verloren.“ Beim heiligen Kreutze, Martin, rede nicht 38„ ſo laut, unſere arme Dame iſt ſchon halb todt; wenn ſie Dich hoͤrte, koͤnnte ihr ein Wort den Garaus machen⸗ „Ich wollte wir waͤren Alle todt, denn ich ſehe nicht, was wir nun anfangen wollen. Nicht fuͤr Dich oder mich iſt mir bange, Tibbie, wir kdunen dem Elende wohl Trotz bieten, arbeiten und entbehren, aber ſie— was ſoll aus ihr werden?“ So unterhielten ſie ſich frei in Gegenwart der Lady, durch ihr blaſſes Ausſehen ſo wie durch ihre faſt erloſchenen Augen uͤberzeugt, daß ſie weder gehoͤrt noch verſtanden habe, was ſie geſprochen. „Es gaͤb' wohl noch ein Mittel,“ ſagte der Schaͤfer:„allein ich weiß nicht, ob ich ſie dazu bringen kann. Glendinning's Wittwe hat von einem Schurken aus Suͤden eine Sicherheits⸗ wache erhalten, ſo daß ſich kein Menſch ihrer Wohnung nahen und ſie ſtoͤren darf. Wenn ſich nun die Lady entſchließen koͤnnte, ihre Zu⸗ flucht zu Elspeth zu nehmen, bis die Zeiten beſ⸗ ſer werden.... Das wuͤrde ja eine Ehre fuͤr Elspeth ſeyn, ſelbſt nach ihrem Tode noch, aber...» Eine Ehre? verſetzte Tibb, ja meiner Treue; viele Jahre nach ihrem Tode, wenn ihre Ge⸗ 29—— 39 beine laͤngſt verweſt waͤren. Aber eine ſolche Dame, wie Lady Avenel, ſollte Zuflucht ſuchen bei der Wittwe eines Kirchenvaſallen? „Was ſoll's aber ſonſt werden,“ entgegnete Martin:„was wollen wir anfangen? Hier bleiben in dieſem Elende? und wo ſonſt hin? ich bin da ſo dumm wie ein Schaaf!“ „Nichts mehr davon!“ ſagte die Wittwe Ave⸗ nel, ſich ploͤtzlich ins Geſpraͤch mſchend:„ich gehe nach dem Thurme! Dame Elspeth iſt von guter Herkunft, eine Wittwe und die Mutter von Waiſen,— ſie wird uns einen Platz im Hauſe geben, bis auf beſſere Zeit. In ſolchem Wetter iſt's beſſer im Grunde als auf den Hoͤhen zu ſeyn.“ Siehſt Du, ſagte Martin, die Lady hat zwei Mal ſo viel Verſtand, als wir. Natuͤrlich,— ſagte Tibb,— iſt ſie doch auch im Kloſter erzogen, kann naͤhen, ſticken, leſen... „Glaubt Ihr nicht,“ fuhr die Lady fort, in⸗ dem ſie ihr Kind feſt an den Buſen druͤckte, und ihnen die Gruͤnde darlegte, warum ſie dieſe Zuflucht waͤhle:„glaubt Ihr nicht, daß uns Dame Glendinning gern aufnimmt?“ Gern, ſehr gern! verſetzte Martin freund⸗ lich, wir werden ihr gewiß willkommen ſeyn; die Menſchen ſind rar geworden in dieſen Krie⸗ gen, ich kann ja auch noch eben ſo viel arbeiten, als jemals in meinem Leben, und Tibbie be⸗ ſchickt das Vieh, wie nur irgend ein Weib auf Gottes Erde! Ach! ich koͤnnte noch mehr— ſagte Tibbie— wenn ich in einem vornehmen Hauſe waͤre; aber dort giebt es keine Robe zu ſchnuͤren, keinen Kopfputz zu ſtecken... Geh' mir mit dem Hochmuthe, Weib, ſagte der Schaͤfer, Du wirſt Außen und Innen ge⸗ nug zu thun finden, wenn Du nur willſt; es waͤre doch ſchlimm, wenn wir zwei nicht ſollten fuͤr drei, ungerechnet unſrer jungen Herrſchaft, den Unterhalt erwerben koͤnnen. Komm, laß uns hier nicht laͤnger zoͤgern! wir haben fuͤnf ſchottiſche Meilen uͤber Berge und Suͤmpfe, und das iſt kein Spatziergang fuͤr eine vornehm erzogene Dame⸗ Man hatte wenig oder gar keinen Hausrath mitzunehmen. Ein alter Klepper der den Pluͤn⸗ derern entgangen war, theils, weil er ſchlecht gusſah, theils, weil er ſich durchaus nicht hatte fangen laſſen, wurde beſtimmt, die kleinen Pa⸗ kete zu tragen. Als das Thier auf die Pfeife ſeines Herrn herbeikam, fand man, daß es, wenn auch nur leicht, durch einen Pfeil verwundet war, den ein Freibeuter im Zorn nach ihm ge⸗ ſchoſſen hatte. „Haſt du auch den Bogen fuͤhlen muͤſſen, wie wir Alle? armer Shagram,“ ſagte der alte Mann, als er dem Pferde etwas auf die Wunde legte. Wo iſt man davor ſicher in Schottland? ſagte die Lady von Avenel. „Freilich wohl, gnaͤdige Frau/“ ſagte Martin; „Gott ſchuͤtze die guten Schotten nur vor den el⸗ lenlangen Pfeilen, vor dem Hiebe werden ſie ſich ſchon ſelbſt ſchuͤtzen. Aber laßt uns nun unſers Weges gehen, was noch zuruͤck iſt, kann ich ſchon nachholen; es iſt ja Niemand hier herum, als die guten Nachbarn, und dieſe..* ums Himmels Willen, fagte ſein Weib in einem verweiſenden Tone, bedenk' was Du ſagſt! wir muͤſſen noch durch wilde, unheimliche Ge⸗ genden wandern, ehe wir an dem Gitterthore an⸗ kommen. 3 Der Mann ſchwieg, ſeinem Weibe Beifall zunickend, denn man hielt es fuͤr hoͤchſt unklug, von den Feen, ſelbſt unter dem Namen der 4² guten Nachbarn, oder ſonſt einem, zu ſpre⸗ chen, beſonders, wenn man Orte betreten muͤſſe, wo man glaubte, daß ſie ihren Aufenthalt haͤtten. Es war der letzte Oktober, an dem ſie ihre Wanderſchaft begannen.„Das iſt Dein Ge⸗ hurtstag, meine liebe Marie!“ ſagte die Mut⸗ ter, indem ein Stachel bittrer Erinnerung ihr Gemüͤth verletzte:„o wer haͤtte glauben ſol⸗ len, daß das Haupt, daß heute vor ſechs Jahren in der Mitte theilnehmender Freunde gewiegt wurde, vielleicht dieſe Racht umſonſt ein Obdach ſuchen wuͤrde.“ Die fluͤchtende Familie ſetzte ihren Weg fort. Marie Avenel, ein liebliches kleines Maͤdchen, ritt wie eine Jaͤgerin auf dem Roſſe, zwiſchen zwei Paketen von Betten; Lady Avenel ging an der Seite des Thieres, Tibbie hielt den Zaum, und der alte Martin ſchritt ein wenig weiter vorwaͤrts, immer beſorgt um ſich ſchauend, den Weg zu finden. Martins Geſchaͤft als Wegweiſer, wurde nach zwei bis drei Meilen, die man zuruͤckgelegt hat⸗ te, ſchwieriger als er ſelbſt geglaubt hatte, oder als er eingeſtehen wollte. Die lange Strecke von Weideplaͤtzen nehmlich, wo er ſehr bekannt —— 4³ war, lag nach Weſten zu, und um das kleine Thal von Glendearg zu erreichen, mußte man ſich oͤſtlich halten. In den rauhern Gegenden von Schottland iſt der Weg von einem Thale zum andern, wenn man nicht ſtets bergauf, bergab ſteigen will, oft ſehr ſchwer zu treffen⸗ Hoͤhen und Tiefen, Heiden und Moraͤſte legen ſich dazwiſchen und bringen den Wanderer leicht von dem rechten Pfade ab. Martin war daher wohl ſicher, daß er die grade Nichtung genom⸗ men, allein er mußte doch endlich eingeſtehen, daß er den rechten Weg nach Glendearg verfehlt habe, ob er gleich behauptete: es koͤnne nicht mehr weit entfernt ſeyn.„Koͤnnen wir nur erſt uͤber dieſen großen Moraſt kommen,“ ſagte er:„ſo wett' ich, wir haben auch den Thurm im Ge⸗ ſichte.“ Allein uͤber den Moraſt zu kommen, war keine geringe Schwierigkeit. Je weiter ſie fort⸗ ſchritten, deſto unſicherer wurde der Boden; al⸗ lein nachdem ſie erſt mehrere hoͤchſt gefaͤhrliche Stellen mit der groͤßten Behutſamkeit zuruͤckge⸗ legt hatten, entſchloſſen ſie ſich, doch weiter zu gehen, weil die Ruͤckkehr mit denſelben Gefah⸗ ren verbunden war⸗ 44 Die Lady Avenel war zwar von zarter Con⸗ ſtitution, allein was vermag eine Mutter nicht auszuhalten, wenn ihr Kind in Gefahr iſt? Sie beklagte ſich weit weniger uͤber die Gefahren und Beſchwerden des Weges als ihre Begleiter, ob⸗ gleich dieſe von Kindheit an an Dornen gewoͤhnt waren; ſie ſchritt dicht an der Seite des Pfer⸗ des hin, auf jeden ſeiner Tritte achtend, ſtets be⸗ reit, wenn es in dem Moraſte ſollte erſinken wol⸗ ken, das Kind ihm ſchnell von den Seiten zu nehmen. Endlich kamen ſie an eine Stelle, wo der Fuͤhrer aͤußerſt zweifelhaft wurde, denn überall um ihn her war zerriſſenes Heideland, und da⸗ zwiſchen ein zaͤher, unſicherer Moorboden. Mar⸗ tin uͤberdachte Alles genau, ergriff endlich den Zaum des Thieres ſelbſt, und fing an, es da, wo er es am ſicherſten fand, vorwaͤrts zu leiten. Al⸗ lein Shagram flutzte, er legte die Ohren zuruͤck⸗ ſtreckte die Vorderfuͤße vor ſich hin, und zog die hintern dicht an, ſo, daß es unmoglich ward, ihn auch nur einen Schritt von der Stelle zu brin⸗ gen. Der alte Martin wußte nicht recht, ob er Gewalt brauchen oder dem Pferde ſeinen Willen laſſen ſollte. Da ermunterte ihn eben nicht die 45 Bemerkung ſeines Weibes: daß Shagram wahr⸗ ſcheinlich mehr ſaͤhe, als ſie erblicken koͤnnten— denn dies beweiſe ſeine ganze Stellung. In dieſer zweifelhaften Lage rief das Kind ploͤtzlich aus:„die gute Dame zeigt uns den Weg nach dem Thore!“ Alle ſchauten nach der Rich⸗ tung, wohin das Kind mit der Hand zeigte, al⸗ lein ſie erblickten nichts, als einen aufſteigenden Dunſt, dem nux die Phantaſie eine menſchliche Geſtalt leihen konnte; Martin aber hielt es fuͤr einen Nebel, wodurch ihre Lage nur noch ge⸗ faͤhrlicher werden mußte. Er verſuchte, das Pferd noch einmal vorwaͤrts zu bringen, allein das Thier war unbeweglich, und wollte durchaus nicht in der Richtung weiter, wohin es Martin leiten wollte.„Nun, ſo geh denn deinen Weg, ſagte er endlich, und laß ſehen, was du fuͤr uns thun kannſt!“ Shagram, der ſich nun ſelbſt uͤberlaſſen war, ſchlug kuͤhn die Richtung ein, welche das Kind angedeutet hatte. Das war aber nichts Wunderbares, ſo wenig als das, daß das Roß Alle gluͤcklich durchbrachte, denn der Inſtinkt dieſer Thiere im Auffinden ſicherer Wege durch Suͤmpfe, iſt eine der ſeltſamſten Eigenſchaften ihrer Natur, und allgemein beſtaͤtigt. Allein merk⸗ wuͤrdig war es, daß das Kind mehr als einmal der ſchoͤnen Frau erwaͤhnte und ihrer Zeichen, und daß Shagram um das Geheimniß zu wiſſen ſchien, indem er ſich in derſelben Richtung vor⸗ waͤrts bewegte. Die Lady nahm indeß jetzt we⸗ nig Notiz davon, denn ihr Gemuͤth war immer mit der drohenden Gefahr beſchaͤftigt; ihre treuen Begleiter aber wechſelten mehr als einmal aus⸗ drucksvolle Blicke. „Aller Heiligen Abend!' ſagte Tibbie leiſe zu Martin. „Ums Himmels Willen, kein Wort davon jetzt,“ verſetzte Martin:„ſprich Deine Ave's, Weib, wenn du nicht ſchweigen kannſt.“ Als ſie ſich auf etwas feſterm Boden ſahn, erkannte Martin gewiſſe Landmarken oder Zei⸗ chen auf den benachbarten Huͤgeln, welche ihn nun den Weg leicht finden ließen, und es waͤhrte nicht lange, ſo ſtanden ſie an dem Thurme von Glendearg. 1 Beim Anblick der kleinen Feſtung ſiel der armen Lady von Avenel das Ungluͤckliche ihres Schickſals ſchwer aufs Herz. Wenn ſie ſonſt zu-⸗ faͤllig in der Kirche, auf oͤffentlichen Plaͤtzen, oder 47. ſonſt mit der Gattin des demuͤthigen Lehnsman⸗ nes zuſammengekommen war, wurde ſie als die Gemalin eines kriegeriſchen Freiherrn, von je⸗ ner ſtets mit Aeußerungen der tiefſten Achtung angeredet und behandelt, und jetzt ward ihr Stolz ſo gedemuͤthigt, daß ſie dieſelbe Lehnmanns⸗ Wittwe um Aufnahme in ihren halbſichern Auf⸗ enthalt und um unterhalt bitten mußte, der vielleicht noch unſicherer war. Martin errieth vermuthlich, was in ihrer Seele vorging, denn er ſahe ſie mit einem Blicke an, der ihr zu ver⸗ ſtehen geben ſollte, daß ſie ihren Entſchluß ja nicht aufgeben moͤchte. Sie beantwortete denſel⸗ ben, indeß ein Strahl des bezwungenen Stolzes noch aus ihren Augen blitzte, mit den Worten: „Waͤre ich allein, ſo koͤnnte ich ſterben, aber um dieſes Kindes willen, des letzten Pfandes von Avenel——* Recht, Mylady! ſagte Martin ſchnell; und gleich, als wollte er ihr die Moͤglichkeit rauben, ihr Wort zuruͤck zu nehmen, ſetzte er hinzu: Ich werde ſogleich Dame Elspeth aufſuchen, ich kannte ihren Gemal recht gut, und habe manchen Han⸗ del mit ihm geſchloſſen, ſo vornehm er auch war. Martin hatte ſeine Erzaͤhlung bald vollen⸗ 48 det, und fand alle Gaſtfreundſchaft, welche er wuͤnſchen konnte. Lady Avenel war im Gluͤck freundlich und mild geweſen, daher fand ſie Mit⸗ gefuͤhl im Ungluͤck. Außerdem lag ein großes Ge⸗ fuͤhl des Stolzes darinnen, einem Weibe von hoͤ⸗ herm Range Unterſtuͤtzung und Zuflucht zu ge⸗ waͤhren. Allein Elspeth Glendinning empfand auch in der That Mitleid mit einer Dame, de⸗ ren Schickſal in mancher Hinſicht dem ihrigen aͤhnlich war, und vielleicht noch haͤrter. Man nahm alſo die ungluͤcklichen Wanderer mit Ach⸗ tung und Liebe auf, und bat ſie, ſo lange zu Glendearg zu verweilen, als es die Umſtaͤnde noͤ⸗ thig machen wuͤrden oder ſie ſonſt wollten. 49 Viertes Kapitel. As es in der Gegend ruhiger geworden war, wuͤrde die Lady gern zu ihres Gemals Wohnung zuruͤckgekehrt ſeyn. Allein das ſtand nun nicht mehr in ihrer Gewalt. Es war eine minderjaͤh⸗ rige Regierung,*) wo der Staͤrkſte das meiſte Recht hatte, und wo Handlungen der Willkuͤhr haͤuftg bei denen vorkamen, welche viel Macht und wenig Gewiſſen hatten. Zu den Perſonen dieſer Art gehoͤrte auch Julian Avenel, der juͤngere Bruder des ver⸗ ſtorbenen Walter. Er machte ſich kein Beden⸗ ken daraus, ſeines Bruders Wohnung und Laͤn⸗ dereien in Beſitz zu nehmen, ſo bald es nur der Ruͤckzug der Englaͤnder ihm erlaubte. Anfangs beſetzte er dieſes Eigenthum im Namen ſeiner Nichte; allein als die Lady mit ihrem Kinde ins Haus ſeines Vaters zuruͤckkehren wollte, gab er *) Maria Stuart war 1542 geboren, und in dem⸗ ſelben Jahre Königin, durch den Tod ihres Vaters; ihre Mutter, Maria von Lothringen, führte die Regentſchaft. O. Kloſter. I. C 50 ihr zu verſtehen, daß, da Avenel ein Mannlehn ſey, dieſes, ſtatt auf die Tochter, auf den Bru⸗ der des letzten Beſitzers uͤbergehe. Ein alter Philoſoph wollte nicht ſtreiten mit dem Kaiſer, der zwanzig Legionen befehligte, und die Wittwe des Walter Avenel ſahe ſich eben ſo wenig im Stande, einen Streit anzufangen mit einem Manne, der als Anfuͤhrer von Freibeutern einem Freunde im Nothfalle ſchon den Ruͤcken decken konnte, und daher ſicher war, unter den herr⸗ ſchenden Gewalten Beſchuͤtzer zu finden. Kurz, ſo klar auch das Recht der kleinen Maria auf ihres Vaters Beſitzthuͤmer war, ſo ſahe die Mut⸗ ter doch die Nothwendigkeit ein, nachzugeben, wenigſtens fuͤr den Augenblick.— Ihre Geduld und Nachſicht war ihr auch in ſo fern vortheilhaft, daß Julian, bloß weil er ſich ſchaͤmte, nicht laͤnger dulden konnte, daß ſie einzig und allein von Elspeth Glendinnings Milde abhaͤngig waͤre. Er ſandte dayer einen Zug von Vieh und einen Bullen(den man vermuthlich einem engliſchen Paͤchter genommen hatte) auf die Weide von Glendearg; dieſem folgten reichliche Geſchenke von Lebensmitteln und Hausrath, auch etwas Geld, letzteres frei⸗ 2 * 6. 51 lich ſparſamer; denn Leute, wie Julian Avenel, konnten leichter zu Naturalien kommen, als zu Gelde, und zahlten daher auch meiſtens in ſolchen. Unterdeſſen hatten ſich die Wittwen Wal⸗ ters Avenel und Simons Glendinning gegenſei⸗ tig an einander gewoͤhnt und wuͤrden ſich un⸗ gern getrennt haben. Die Lady konnte keinen geheimeren und ſicherern Aufenthalt wuͤnſchen, als den Thurm von Glendearg, und ſie war nun auch im Stande, ihren Antheil an der wechſel⸗ ſeitigen Haushaltung zu beſtreiten. Auf der an⸗ dern Seite war Elspeth ſtolz darauf, ſo wie es ſie freute, in der Geſellſchaft eines ſo vornehmen Gaſtes zu lehen; daher war ſie ſtets geneigt, der Wittwe Walters von Avenel eine tiefere Ehrer⸗ bietung zu erweiſen, als dieſe abznehrden ſich entſchließen konnte. Martin und ſeine Frau dienten der vereinig⸗ ten Familie in ihren verſchiedenen Berufszwei⸗ gen, und leiſteten beiden Frauen Gehorſam, ob ſie ſich gleich vorzuͤglich als die beſondere Die⸗ ner der Lady Avenel betrachteten. Dieſe Unter⸗ ſcheidung verurſachte denn zuweilen eine kleine Zwiſtigkeit zwiſchen Frau Elspeth und Tibbie; indem die erſtere ſich als Hausfrau fuͤhlte, die C 2 53 letztere aber oft zu viel Bedeutung auf den Rang und die Familie der Herrſchaft legte, welcher ſie angehoͤrte. Allein beide ſuchten doch der⸗ gleichen kleine Streitigkeiten vor der Lady zu ver⸗ bergen, indem die Wirthin vor ihr faſt dieſelbe Achtung hegte, als ihre alte Bedienung. Auch arteten dieſe Zwiſtigkeiten nie ſo weit aus, daß dadurch das allgemeine gute Vernehmen der Fa⸗ milien haͤtte geſtoͤrt werden koͤnnen, und die eine gab gewoͤhnlich ſogleich nach, wann die andere warm zu werden begann, und wenn auch Tib⸗ bie oft die erſte Veranlaſſung dazu gab, ſo war ſie doch auch ſo vernuͤnftig, zuerſt nachzugeben. Die Welt, welche jenſeits der Berge lag, wurde allmaͤlig von den Bewohnern des einſa⸗ men Thals ganz vergeſſen, und wenn Alice von Avenel nicht zuweilen an hohen Feſttagen in der Kloſterkirche die Meſſe hoͤrte, dachte ſie gar nicht mehr daran, daß ſie mit den ſtolzen Frauen der benachbarten Baronen und Adelichen, welche bei ſolchen Gelegenheiten ſich haͤufig in dem Heilig⸗ thume einfanden, gleichen Rang gehaht hatte. Die Erinnerung daran machte ihr wenig Kummer. Sie hatte ihren Gemal um ſeiner ſelbſt willen geliebt, und in ſeinem unerſetzlichen Verluſte gin⸗ 53 gen alle andere Veranlaſſungen zu Schmerz und Gram taͤglich unter. Bisweilen kam ſie freilich auf den Gedanken, den Schutz der Koͤnigin Re⸗ gentin(Maria von Guiſe) fuͤr ihr vaterloſes Kind anzuflehen, allein die Furcht vor Julian Avenel ließ ſie dieſen Gedanken immer wieder aufgeben. Sie glaubte, er werde ſich kein Be⸗ denken daraus machen, das Kind vielleicht aus dem Wege zu raͤumen, ſobald er es als ein Hin⸗ derniß ſeines Vortheils betrachten muͤßte. Ue⸗ berdies fuͤhrte er auch ein ſehr unordentliches Le⸗ ben, und miſchte ſich in alle Kaͤmpfe und Strei⸗ tigkeiten, ſo daß es, da er unverheirathet zu blei⸗ ben Willens war, nicht unwahrſcheinlich wurde, das Schickſal moͤchte ihn endlich ſelbſt von ſei⸗ ner uſurpirten Erbſchaft verdraͤngen. Daher hielt es denn Alice von Avenel fuͤr weiſe, alle ehrgeizigen Gedanken vor der Hand von ſich zu weiſen, und in ihrem aͤrmlichen aber ſichern Au⸗ fentbalte ruhig zu verweilen, da ſie die Vorſicht ſelbſt hierher gefuͤhrt zu haben ſchien. Es war am Vorabende aller Heiligen, als der Kreis der Familie, die nun ſchon faſt drei Jahre zuſammen gelebt hatte, in der alten en⸗ gen Halle des Thurms von Glendearg bei einem 54 lodernden Feuer ſaß. Die Herrſchaft und die Diener lebten in jener fruͤhern Zeit noch nicht von einander getrennt. Der oberſte Platz am Tiſche, und der bequemſte beim Feuer— das war das einzige Unterſcheidungszeichen, und die Die⸗ ner miſchten ſich achtungsvoll, aber ohne Furcht und freimuͤthig, in das Geſpraͤch uͤber jeden moͤg⸗ lichen Gegenſtand. Zwei bis drei Dienſtleute, die man bloß des Ackerbaues wegen hielt, hatten ſich in ihren Huͤtten, außerhalb des Thores, zu⸗ ruͤckgezogen, und mit ihnen ein Paar Maͤgde, die man im Hauſe brauchte, die Toͤchter eines von jenen Knechten. Nachdem dieſe fort waren, ſchloß Martin zuerſt das eiſerne Gitterthor zu, dann auch das Innere des Thurmes ſelbſt. Dame Elspeth drehte fleißig ihre Spindel, und Tibbie beobachtete die kochende Milch, welche in einem Topfe ſich be⸗ fand, der an einer Kette uͤber dem Feuer im Ka⸗ mine aufgehangen war, indeß Martin einiges Hausgeraͤthe ausbeſſerte, und dabei ein wachſa⸗ mes Auge auf die drei Kinder hatte. Es war dieſen nehmlich geſtattet, ihre ju⸗ gendlichen Kraͤfte durch ein Hin⸗ und Herlaufen in der Halle, nicht nur hinter den Sitzen der 55 aͤltern Perſonen, zu uͤben, ſondern ſie durften ſich auch in ein oder ein Paar anſtoßende Gemaͤcher begeben, wo ſie denn die beſte Gelegenheit fan⸗ den, Verſtecken und dergleichen zu ſpielen. Die⸗ ſen Abend aber ſchienen die Kinder nicht geneigt, ſich dieſer Erlaubniß zu bedienen, und jene dun⸗ keln Regionen zu beſuchen, ſondern ſie blieben lieber mit ihren Spielen in der Naͤhe des Lichtes. Unterdeſſen ſaß Alice von Avenel bei einem eiſernen Leuchter, der eine uͤbelgeſtaltete Fackel von eigener Fabrik trug, und las einige Seiten aus einem, mit ſtarken Schloͤſſern verſehenen Buche, welches ſie mit der groͤßten Sorgfalt auf⸗ bewahrte. Die Kunſt zu leſen hatte die Lady waͤhrend ihres Aufenthaltes als Jungfrau in ei⸗ nem Nonnenkloſter, erlernt, und ſie uͤbte ſie in der letzten Zeit ſelten zu einem andern Zwecke, als um das Buch zu leſen, welches ihre ganze Bibliothek ausmachte. Die Familie hoͤrte dem, was ſie Stuͤckweis vorlas, mit Achtung zu, als Etwas unbezweifelt Gutem, ſie mochte es nun verſtehen oder nicht. Ihrer Tochter wollte Alice ihr Gehelmniß einſt ausfuͤhrlicher mittheilen, al⸗ lein die Kenntniß deſſelben war zu jener Zeit nicht ohne perſoͤnliche Gefahr und konnte einem Kinde nicht fuͤglich mitgetheilt werden. Das Getoͤs der ſpielenden Kinder unterbrach die Lady von Zeit zu Zeit im Leſen, und zog ihnen von Elspeth manchen Verweis zu. „Koͤnnt ihr nicht weiter gehn, wenn ihr ſol⸗ chen Laͤrm machen wollt, der die Lady in dem ſchoͤnen Leſen ſtoͤrt?“ ſagte ſie, und dieſe Worte waren von der Drohung begleitet, die ganze kleine Geſellſchaft zu Bett zu ſchicken, wenn das Ver⸗ bot nicht puͤnktlich gehalten wuͤrde. Dieſem Be⸗ fehle zufolge, ſpielten die Kinder erſt in einer groͤßern Entfernung von der Geſellſchaft, und auch etwas ſtiller, allein endlich verloren ſie ſich in die anſtoßenden Gemaͤcher, da ihnen der Zwang, dem ſie hier unterworfen waren, zu beſchwerlich wurde. Mit einem Male aber kamen die beiden Knaben mit offenem Munde in die Halle zuruͤck, und erzaͤhlten, daß ſich ein Bewaffneter in der Vorraths⸗Kammer befinde. „Das muß Chriſtie von Clinthill ſeyn,“ ſagte Martin aufſtehend:„aber was mag ihn um dieſe Zeit hierher gefuͤhrt haben?“ Und wie iſt er hereingekommen? ſagte Els⸗ peth.— 4 „ 57 2 4— „Was kann er denn wollen?“ fragte die Lady von Avenel aͤngſtlich; denn dieſer Mann, der zu dem Gefolge von ihres Gemals Bruder gehoͤrte, und bisweilen feine Auftraͤge zu Glendearg aus⸗ richtete, war ihr ein Gegenſtand geheimen Ver⸗ dachtes und mancherlei Befuͤrchtungen.„Gott im Himmel!“ rief ſie aufſtehend:„wo iſt mein Kind?—“ Alle begaben ſich nach der Vorraths⸗ kammer; Halbert Glendinning war mit einem roſtigen Schwerte bewaffnet, indeß der juͤngere Bruder das Buch der Lady zu ſich genommen hatte. Sie eilten nach dem Speiſegemach, und wurden zum Theil von ihrer Angſt befreit, als ſie Marien an der Thuͤr des Gemaches antra⸗ fen. Sie ſchien nicht im geringſten ſich zu fuͤrch⸗ ten, oder beſtuͤrzt zu ſeyn. Man trat in das Ge⸗ mach ſelbſt, welches der Familie zur Zeit des Sommers auch zum Eßzimmer diente, fand aber Niemanden in demſelben. „Wo iſt denn Chriſtie von Clinthill⸗“ fragte Martin. Das weiß ich nicht, verſetzte die kleine Ma⸗ rie, den habe ich nicht geſehen. „Was macht ihr Taugenichtſe denn fuͤr ei⸗ nen Laͤrm⸗“ ſagte Dame Elspeth zu ihren beiden 58 Knaben:„bruͤllt wie die Stiere, und erſchreckt die Lady, und alles um Nichts?“— Die Kna⸗ ben ſahen einander an, ſchweigend und beſtuͤrzt, und die Mutter fuhr in ihrer Lektion fort: „Konntet Ihr keine andere Zeit dazu finden, als Aller Heiligen Abend, und indem uns die Lady aus der heil. Schrift vorleſen wollte? Ihr ſollt Euer Theil tuͤchtig bekommen, wenn ihr noch einmal ſo was vornehmt!“— Der aͤltere Knabe ſchlug die Augen zu Boden, der juͤngere fing an zu weinen, aber keiner ſprach ein Wort. Die Mutter wuͤrde ſich vielleicht zum Aeuſſerſten ha⸗ ben hinreißen laſſen, allein das kleine Maͤdchen ſagte entſchuldigend: „Dame Elspeth, ich bin ſchuldig! ich ſagte es ihnen, daß ich den Mann in dem Speiſegemache ſah.“— Aber warum, Kind, erſchreckſt Du uns denn Alle ſo? fragte ihre Mutter. „Weil ich,“ ſagte Marie mit leiſer Stimme: „mir nicht anders helfen konnte.“ 8 Nicht helfen! Marie! Du verurſachſt alle den nichtigen Laͤrm, und kannſt Dir nicht anders helfen? Was meinſt Du denn damit, liehes Kind? 59 „Es war wirklich ein bewaffneter Mann in dem Speiſegemache,“ ſagte Marie:„und weil ich mich wunderte, ihn hier zu ſehen, ſo rief ich Halbert und Eduard zu.“ 3 Sie hat es ſelbſt erzaͤhlt, ſagte Halbert Glen⸗ dinning, ſonſt haͤtte es Riemand von mir er⸗ fahren. Auch von mir nicht! fuͤgte Eduard wettei⸗ fernd hinzu. „Miß Marie,“ ſagte Elspeth:„ihr habt uns nie zuvor Etwas Unwahres geſagt, ſprecht! war's nnr ein Spaß zum heil. Abend? Macht ein Ende.“ Die Lady Avenel ſahe aus, als wollte ſie darein reden, allein ſie wußte nicht, was ſie ſa⸗ gen ſollte, und Elspeth, welche zu neugierig war, um einen entfernten Wink zu beachten, fuhr in ihrer Unterſuchung fort: War es wirk⸗ lich Chriſtie von Clinthill? Ich moͤchte um Al⸗ les in der Welt nicht, daß er hier im Hauſe waͤre und man wuͤßte nicht woꝛ „Es war Chriſtie nicht,“ verſetzte Marie:„es war— es war ein ſtattlicher, vornehmer Mann, mit einem glaͤnzenden Bruſtharniſche, ſo wie ich 60— welche geſehen habe, als wir noch zu edenes wohnten.“ Und wie ſah' er denn aus? fragte Tibbie, welche nun auch an der Unterſuchung Theil nahm. „Er hatte ſchwarze Augen, ſchwarzen Bart, ſchwarzes Haar,“ antwortete das Kind:„er trug um den Hals mehrere Perlenſchnuͤre, welche bis auf den Harniſch herabſtelen; auf der linken Hand trug er einen ſchoͤnen Falken mit ſilbernen Gloͤckchen und einer rothen ſeidenen Haube uͤber dem Kopfe.“ Ums Himmels Willen, fragen Sie nicht mehr, ſagte die aͤngſtliche Hausgenoſſin zu Els⸗ peth: unſere arme Lady!— Aber Lady Ave⸗ nel nahm die kleine Marie auf den Arm, und eilte ſchnell davon nach der Halle, wodurch eben jene nicht bemerken konnten, welchen Eindruck des Kindes Erzaͤhlung, die ſie ſo kurz abgeſchnit⸗ ten, auf ſie gemacht hatte. Was Tibbie davon dachte, erhellet daraus, daß ſie ſich oft kreuzte und Elspeth ins Ohr lispelte:„Heilige Maria, ſchuͤtze uns! das Kind hat ſeinen Vater geſehen!⸗ Als ſie in die Halle kamen, fanden ſie die Lady ihre Tochter auf den Knieen haltend, und ſie oft kuͤſſend. Sie ſtand aber jetzt auf, und —— ““ 61 ging in das kleine Gemach, wo ihr Kind mit ihr in dem nehmlichen Bette ſchlief. Auch die Knaben wurden kurz darauf in ihre Kammer geſchickt, und es blieb Niemand in der Halle, als die treue Tibbie und Dame Elspeth, beides treffliche Perſonen, aber geſchwaͤtzig, wie nur je Eine die Zunge geruͤhrt hatte. Nichts war natuͤrlicher, als daß beide nun weiter uͤber die uͤbernatuͤrliche Erſcheinung— denn dafuͤr hielten ſie ſie— ſprachen, welche dieſen Abend die Familie erſchreckt hatte. „Ich wollte, es waͤre lieber der leibhafte Teu⸗ fel geweſen— Gott behuͤte uns!— als der Chriſtie von Clinthill,“ ſagte die Frau vom Hauſe: „denn es geht ja uͤberall von ihm die Rede, daß er einer der meiſterhafteſten Spitzbuben iſt, die je ein Pferd beſtiegen.“ O! Dame Elspeth, ſagte Tibbie, von Chri⸗ ſtie habt Ihr nichts zu fuͤrchten. Kroͤten halten gern ihre eigenen Loͤcher rein. Ihr Kirchenvolk macht aber auch ein gewaltig Aufhebens, wenn ein Anderer Etwas zu ſeinem Lebensunterhalt verſucht. Unſere Grenzherren im Suͤden wuͤr⸗ den uns bald im Nacken ſitzen, wenn die 6² leichtfuͤßigen Jungen ſie nicht noch im Saunne hielten. 4 „Ey, ich wollte doch,“ ſagte Dame Elspeth:. „ſie unterließen das lieber, als daß ſie das Land ſo durchſtreifen, wie ſie thun.“ und wer ſoll ſich den fremden Naͤubern entgegenſetzen, wenn Ihr ihnen ihre Lanzen und Schwerter nehmt? Wir Weiber werden's wahr⸗ haftig mit Spindel und Rocken eben ſo wenig vermoͤgen, als die Moͤnche mit Buch und Glocke. „Haben Lanzen und Schwerter die Fremden zuruͤckgehalten? Ich fuͤr meine Perſon fuͤhle mich einem Mann aus Suͤden, dem Stawarth Bolton, weit mehr verpflichtet, als einem jener Grenzreuter, die je ein Kreuz des heil. Andreas trugen. Ihre Einfaͤlle und Pluͤnderungen ſehe ich als die Haupturſache der Streitigkeiten zwi⸗ ſchen England und Schottland an, und ihnen ſchreibe ich daher auch den Verluſt meines guten Mannes zu. Sie reden zwar immer von der Vermaͤhlung des Prinzen und unſerer Koͤnigin, aber das iſt nur ein Vorwand; indem ſie die Einwohner von Cumberland pluͤndern, machen ſie, daß dieſe wie Drachen uͤber uns herfallen.“ Unter andern Umſtaͤnden wuͤrde Tihbie keine 4 63 Antwort auf ſolche Bemerkungen ſchuldig ge⸗ blieben ſeyn, die auf keine Weiſe zur Ehre ihrer Landsleute gereichten, allein ſie bedachte, daß Dame Elspeth die Frau des Hauſes war; ſo un⸗ terdruͤckte ſie ihren patriotiſchen Eifer und lenkte ſchnell das Geſpraͤch auf einen andern Gegenſtand. Iſt es nicht ſeltſam, ſagte ſie, daß die Er⸗ bin von Avenel ihren Vater in dieſer geſeg⸗ neten Nacht geſehen hat? „Und Ihr glaubt wirklich, daß es ihr Vater war?“ 4 Was kann ich denn ſonſt denken? verſetzte Tibbie: die Aehnlichkeit war groß, das kann ich beſchwoͤren; wie Miß Maria ihn beſchreibt, ſahe er ja gerade ſo aus, als wie er immer auf die Jagd mit dem Falken zu gehen pflegte. Den Panzer legte er auch ſelten ab, wenn er Feinde im Lande wußte. Und ich, ich denke immer, ein Mann ſieht gar nicht aus wie ein Mann, wenn er nicht Stahl auf der Bruſt und an der Seite hat. „Ich kann mich uͤber Euren Stahl auf der Bruſt und an der Seite nicht eben freuen,“ ſagte Dame Glendinning:„allein das weiß ich, daß Erſcheinungen am Aller Heiligen Abende nichts Gutes bedeuten, ich habe auch eine gehabt.“ 64 — Wirklich? ſagte die gute Tibbie, und ruͤckte ihren Seſſel dichter an den Armſtuhl, in dem ihre Freundin ſaß; ſo was hoͤr ich recht gern!— „So wiſſe denn, Tibbie,“ verſetzte Dame Glen⸗ dinning:„als ich eine Dirne von neunzehn bis zwanzig Jahren war, lag es nicht an mir, wenn ich mich nicht bei allen Luſtbarkeiten jener Zeit befand.) 3 Das war ſehr natuͤrlich, ſagte Tibbie: aber ſeitdem ſeid Ihr viel vernuͤnftiger geworden; nur ſolltet Ihr auch von unſern braven Leuten mit mehr Achtung ſprechen. „Was ich erlebte,“ ſagte die Dame:„haͤtte wohl jedes Weib vernuͤnftig machen muͤſſen. Ue⸗ brigens, Tibb, war ich damals eine Dirne, der es nicht an Liebhabern fehlte, denn ich war nicht ſo haͤßlich, daß mich die Hunde angebellt haͤtten.“ O! gewiß, gewiß, Dame Elspeth, das ſieht man Euch noch jetzt an! „Still! ſtill!“ ſagte die Frau von Glendearg, indeß ſie ihren Ehrenſitz nun auch dem Stuhle naͤher ruͤckte, auf dem Tibbie ſaß:„meine Zeit iſt vorbei; ich war dazumal nicht uͤbel, auch trug ich wohl ein huͤbſches Stuͤckchen Landes 8 65 an meinem Bruſtlatze. Mein Vater war der Be⸗ ſitzer von Little Dearg.“ Das habt Ihr mir ſchon geſagt, verſetzte Tib⸗ bie: aber nun von dem Aller Heiligen Abende!— „Nun, ich hatte manche Liebhaber, allein ich beguͤnſtigte keinen. Am Aller Heiligen Abende ſaß einſtmals Vater Niklas, der Kellermeiſter— das war er vor dem jetzigen, dem Vater Clemens— bei uns, aß ſeine Nuͤſſe und trank ſein Braun⸗ bier; da neckte man mich, daß ich forſchen ſollte, wen ich einſt wohl zum Manne bekommen wuͤrde. Der Moͤnch ſagte mir, das ſei nichts Uebles, und waͤre es auch das, er wollte mich ſchon da⸗ von abſolviren. Da gehe ich eben in die Scheu⸗ ne, um den Weizen zu wuͤrfeln, und war nicht wenig in Sorgen, was ich erfahren wuͤrde, denn mein Muth war nicht der ſtaͤrkſte. Kaum hatte ich die letzte Schwinge voll abgethan, der Mond ſchien ganz hell auf die Tenne, da trat mein lieber, jetzt ſeeliger, Simon Glendinning, vor mich hin. Schoͤner hab' ich ihn in meinem Le⸗ ben nicht geſehen, als in dieſem Augenblicke; er hielt einen Pfeil in der Hand, als er an mir voruͤber ging, und ich fiel vor Angſt in Ohn⸗ macht. Mit Muͤhe wurde ich wieder zu mir ge⸗ 66 bracht. Da wollte man mir einreden, es waͤre ein Streich geweſen, den Simon und der Va⸗ ter Niklas unter ſich verabredet haͤtten, und der Pfeil bedeute die Waffen Amors. Simon ſelbſt hat mich das nach der Heirath wollen glauben machen, denn er ſah es nicht gern, daß man ſagte: er waͤre einmal außer ſeinem Leibe er⸗ ſchienen. Aber, Tibbie, merket das Ende davon! Wir vermaͤhlten uns, und der beſtederte Schaft wurde die Urſache ſeines Todes.“ Wie der ſo vieler andern Tapfern! Ich wuͤnſchte, es exiſtirte keine Gans in der ganzen Welt, außer der Brut, die wir in unſerm Hof haben! „Aber ſagt mir nur, Tibbie, warum lieſt denn Eure Frau immer in dem dicken ſchwarzen Buche, mit den ſilbernen Schloͤſſern? Es ſtehen recht viel Sachen drinnen, die doch nur ein Prie⸗ ſter leſen ſollte. Wenn's von David Lindſay oder von Robin Hood handelte, da koͤnnte man's beſſer verſtehen, und wuͤßte, was man davon denken ſollte; ich hege deshalb gerade keinen Ver⸗ dacht gegen Eure Herrſchaft, allein es iſt Einem doch auch nicht gleichguͤltig, das Haus voll Gei⸗ ſter und Geſpenſter zu haben.» — 67 Ihr wuͤrdet ſehr Unrecht thun, Miſtreß, er⸗ wiederte Tibbie, wenn Ihr das geringſte Miß⸗ trauen in das ſetzen wolltet, was meine Herr⸗ ſchaft lieſt oder thut; und in Anſehung des Kin⸗ des, ſo wißt ihr ja, daß es vor neun Jahren am Aller Heiligen Abend geboren worden, und ſolche Kinder ſehen immer mehr, als andre. „Deshalb iſt auch wohl das Kind nicht uͤber das erſchrocken, was es geſehen hat. Waͤre es Halbert oder gar Eduard geweſen, der haͤtte ge⸗ wiß die ganze Nacht durch geſchrien. Allein es iſt wahrſcheinlich, daß dergleichen Erſcheinungen Marien gewoͤhnlicher ſind.» Natuͤrlich, da ſie, wie ſchon geſagt, am Al⸗ ler Heiligen Abende geboren iſt— demohngeach⸗ tet iſt das Kind, wie Ihr Euch ſelbſt uͤberzeugen koͤnnt, gerade wie ein anderes, nur dieſen Abend ausgenommen, und dann, wo wir uns in dem Sumpfe veriert hatten,— ſonſt weiß ich nicht, daß ſie mehr geſehen haͤtte, als andere Leute. „Was hat ſie denn in dem Sumpfe geſehen, außer den Waſſervoͤgeln?5 Eine weiſſe Frau hat ſie geſehen, welche uns den Weg zeigte, ſonſt waͤren wir wahrſchein⸗ lich nicht durchgekommen. Shagram wollte durch⸗ aus nicht von der Stelle, und Martin ſagte. das ſei ihm im ganzen Leben noch nicht vorgekommen. „Habt Ihr keine Vermuthung, wer die weiße Frau geweſen ſeyn mag.“ Das iſt ja bekannt, Dame Elspeth, und wenn Ihr, wie ich, mit vornehmen Leuten ge⸗ lebt haͤttet, wuͤrde es Euch auch nicht unbekannt ſeyn. „Gott ſey Dank,“ erwiederte Elspeth, ein we⸗ nig beleidigt:„ich bin auch nicht unterm Poͤbel groß geworden, und wenn ich nicht mit den Vor⸗ nehmen gelebt habe, ſo haben die Vornehmen mit mir gelebt!“— Nun! nun! Dame Elspeth, nehmt's nicht uͤbel! ich wollte Euch nicht beleidigen. Aber Ihr muͤßt wiſſen, daß die großen und alten Fa⸗ milien nicht von den gewoͤhnlichen Heiligen, wie dem heil. Anton und dem heiligen Cuthbert be⸗ dient werden koͤnnen, die auf den Wunſch des erſten beſten Fiſchers kommen und gehen, ſon⸗ dern daß es eine Art von Heiligen oder Engeln, oder, was weiß ich, giebt, die nur fuͤr ſie be⸗ ſtimmt ſind; und die weiße Frau von Avenel iſt im ganzen Lande bekannt, man erblickt ſie im⸗ mer und hoͤrt ſie weinen, wann Eins aus der 69 Familie ſterben ſoll, wie das denn zwanzig Per⸗ ſonen vor dem Tode des Walter von Avenel be⸗ zeugen koͤnnen. „Wenn ſie weiter nichts vermag, als ſolchen Dienſt zu leiſten,“ ſagte die Wittwe Glendinning: „ſo iſt es nicht der Muͤhe werth, ihr Kerzen an⸗ zuzuͤnden. Hat ſie denn nie etwas Beſſeres ge⸗ than?“ Sie hat immer die Familie beſchuͤtzt, wie man aus den alten Chroniken erſehen kann; aber zu meiner Zeit hat ſie, ſoviel ich mich erinnere, nichts fuͤr ſie gethan, als daß ſie uns aus der Gefahr in dem Sumpfe errettet hat. „Nun, TDibbie,“ ſagte Elspeth aufſtehend und die Lampe anzuͤndend:„wenn das die Vorrechte Eurer vornehmen Leute ſind, ſo beneide ich ſie nicht darum. Der heil. Paul und Peter ſind fuͤr mich eben ſo große Heilige, und ich wette, ſie werden mich auch nicht in einem Sumpfe ſtecken laſſen, wenn ſie mich heraus ziehen koͤn⸗ nen, denn ich ſende ihnen ja alle Jahre, am Lichtmeßtage, vier Kerzen in ihre Kapelle; und wenn ſie auch nicht, wenn ich ſterben ſoll, wei⸗ nen, ſo werden ſie doch lachen, wenn ich aufer⸗ 70— ſtehe zum ewigen Leben, und das wuͤnſche ich Euch, ſo wie mir.“ Amen! verſetzte Tibbie mit Andacht, aber nun iſt's Zeit, das Feuer auszuloͤſchen und die Kohlen zu bedecken, wenn wir morgen wieder welches finden wollen. Indeß dies geſchahe, ſchaute ſich die Wittwe Simon Glendinnings in dem Gemache um, um zu ſehen, ob Alles in ſeiner Ordnung ſei, wuͤnſchte dann der Tibbie eine gute Nacht, und entfernte ſich. „Wahrhaftig,“ ſagte Tibbie, als ſie ſich allein ſah:„weil ſie die Frau eines kleinen Herrn ge⸗ weſen iſt, eines Kirchenvaſallen, ſo duͤnkt ſie ſich ſo viel, als die Kammerfrau einer vorneh⸗ men Dame.“ Nachdem ſie ihrer Eigenliebe durch dieſe Ergießung ihr Opfer gebracht hatte, begab ſie ſich gleichfalls in ihr Schlafgemach. —-——— ——— —:— 7¹ Fünftes Kapiter. Da Geſundheit der Lady Avenel hatte ſeit ih⸗ rem Ungluͤcke ſehr gelitten. Es ſchien, als wenn die wenigen Jahre, welche auf ihres Gemals Tode gefolgt waren, wie ein halbes Jahrhun⸗ dert auf ſie gewirkt haͤtten. Sie verlor die fri⸗ ſche Elaſtizitaͤt der Geſtalt, die Farbe und das Anſehen der Geſundheit, und wurde matt und abgezehrt. Indeſſen ſchien ſie ſich uͤber Nichts eigentlich beklagen zu koͤnnen, wenn ſchon Je⸗ dermann, der ſie erblickte, bemerken mußte, daß ihre Kraͤfte taͤglich mehr ſchwanden. Ihre Lip⸗ pen wurden endlich bleich, und ihre Augen ver⸗ loren ihr Feuer, jedoch aͤußerte ſie kein Verlan⸗ gen, einen Prieſter zu ſehen, bis Elspeth Glen⸗ dinning in ihrem Eifer ſich nicht enthalten konn⸗ te, einen Punkt zu beruͤhren, der ihr zur Se⸗ ligkeit ſo nothwendig ſchien. Alice von Avenel nahm ihren Wink freundlich auf, und dankte ihr dafuͤr. „Wollte ein gut geſinnter Prieſter,“ ſagte ſie:„die Muͤhe einer ſolchen Reiſe uͤbernehmen, ſo ſollte er mir willkommen ſeyn, denn die Ge⸗ bete und Lehren guter Menſchen ſind einem zu gllen Zeiten nuͤtzlich.“ Dieſes ruhige Sich gefallen laſſen, war aber nicht das, was Elspeth Glendinning gewuͤnſcht oder erwartet hatte. Ihr eigener Enthuſiasmus trieb ſie an, den Mangel an Eifer bei der Lady zu erſetzen, und ſie mit geiſtlicher Berathung zu unterſtuͤtzen; daher wurde Martin abgeſandt, ſo eilig, als Shagram laufen wollte, einen der Moͤnche im Kloſter der heil. Maria zu bitten, daß er der Wittwe Walters von Avenel die letzte Troͤſtung moͤchte angedeihen laſſen. Als der Sacriſtan dem Herrn Abte gemel⸗ det hatte, daß die Wittwe des verſtorbenen Wal⸗ ter von Avenel ſich in dem Thurme zu Glende⸗ arg bei ſchwacher Geſundheit befinde, und den Beiſtand eines Beichtvaters begehre, ſagte der ſtolze Moͤnch nach einigem Beſinnen:„Wir erin⸗ nern uns des Walter Avenel ſehr wohl; er war ein guter und tapferer Ritter, verlor ſein Land und ward von den Englaͤndern erſchlagen. Aber kann denn die Lady nicht hierher kommen, zum Sa⸗ 73 Sakramente der Beichte? Der Weg iſt weit und die Reiſe beſchwerlich!“ Ddiee Lady iſt krank, erwiederte der Sakriſtan, und kann nicht reiſen. „Nun, ſo muß einer von unſern Bruͤdern zu ihr. Weißt Du nicht, ob ſie ein Witthum von Walter von Avenel bekommen hat?“ Ein ſehr kleines, heiliger Vater, ſagte der Sakriſtan, ſie hat ſeit ihres Mannes Tode zu Glendearg gewohnt, und faſt nur von der Milde einer armen Wittwe, Namens Elspeth Glendin⸗ ning, gelebt. „Wie? Du kennſt ja alle Wittwen hier zu Lande?“ ſagte der Abt, indem er ſich vor Lachen die Seiten hielt. Der Sakriſtan lachte im Echo nach, doch in einem Tone, wie ein Untergebener die Spaͤße ſeines Vorgeſetzten aufzunehmen pflegt; dann aber ſetzte er mit heuchleriſchem Gemurmel und ſaty⸗ riſchen Blicken hinzu: Es iſt ja unſere Pflicht, heiliger Vater, die Wittwen zu troͤſten! He! hel he! Das letztere Lachen war gemaͤßigter, denn der Abt hatte dem Spaße ſeine Beſtaͤtigung noch nicht gegeben.—. 5„500! ho!“ ſagte der Abt:„ſo beſteige denn D 74 Deinen Gaul, Vater Philipp, und nimm der Dame Avenel die Beichte ab.“ Aber, entgegnete der Sakriſtan.. „Aber— kein Aber! Weder Aber noch Wenn⸗ muß zwiſchen dem Abte und einem Moͤnche vor⸗ kommen, Vater Philipp; die Bande des Gehor⸗ ſams duͤrfen nie locker werden; die Ketzerei greift um ſich, wie ein Schneeball; die Menge erwar⸗ tet Beichte und Predigt von den Benediktinern ſo gut, wie von manchen Bettelmoͤnchen; wir duͤrfen den Weinbau des Herrn nicht verlaſſen, wenn gleich das Tagewerk uns beſchwerlich wird.“ und mit ſo wenig Vortheil fuͤr das heilige Kloſter? ſagte der Sakriſtan. „Freilich, Vater Philipp! Aber glaubſt Du nicht, daß das, was Reue verhuͤtet, gut iſt? Dieſer Jultan von Avenel fuͤhrt ein leichtes und ſchlechtes Leben; wollten wir nun die Wittwe ſeines Bruders vernachlaͤſſigen, ſo koͤnnte er unſere Beſitzungen verheeren, und wir wuͤßten am Ende ſelbſt nicht, wo wir uns vor ihm ver⸗ bergen ſollten; uͤberdies iſt es auch unſere Pflicht, gegen eine alte Familie, welche zu ihrer Zeit eine Wohlthaͤterin unſers Kloſters geweſen iſt. Mache Dich daher ſogleich auf⸗ Bruder, und reite — 75 Tag und Nacht, wenn's noͤthig iſt, und laß mich ſehen, wie eifrig Abt Bonifaz und ſeine treuen Kinder in der Erfuͤllung ihrer geiſtlichen Pflichten ſind. Muͤhe muß ſie nicht ſchrecken, denn das Thal iſt fuͤnf Meilen lang, Furcht ſie nicht abhalten, denn man ſagt, es hauſ'ten Gei⸗ ſter daſelbſt; Nichts, nichts darf ſie an der Be⸗ folgung ihres geiſtlichen Berufs hindern, wenn es gilt, die verlaͤumderiſchen Ketzer zu beſchaͤmen, und die treuen und glaͤubigen Kinder der katho⸗ liſchen Kirche zu unterſtuͤtzen. Es ſollte mich wundern, was unſer Bruder Euſtach dagegen ſagen koͤnnte.“ Faſt athemlos durch das Gemaͤlde der Ge⸗ fahren, die er zu beſtehen, ſo wie des Ruhms, den er ſich zu erwerben gedachte, verſteht ſich in der Perſon eines Bevollmaͤchtigten, ging der Abt langſam nach dem Refektorium zuruͤck, um ſein begonnenes Mahl vollends einzunehmen; der Sa⸗ kriſtan aber begleitete, wenn auch nicht eben ganz gutwillig, den alten Martin bei ſeine? Nuͤk⸗ kehr nach Glendearg; das groͤßte Hinderniß auf der Reiſe aber war dies, das Feuer des wohlge⸗ naͤhrten Maulthiers zu maͤßigen, damit es eini⸗ d2 76— germaßen mit dem armen magern Shagram glei⸗ chen Schritt hielte..„ Nachdem der Moͤnch eine Stunde mit der Beichtenden allein geweſen war, kehrte er ge⸗ dankenvoll und verſtimmt von ihr zuruͤck. Dame Elspeth, welche einige Erfriſchungen fuͤr den verehrten Gaſt in der Halle aufgetragen hatte, war uͤber die Verlegenheit, die ſich in ſeinem ganzen Weſen zeigte, ganz außer ſich. Sie be⸗ obachtete ihn mit der groͤßten Aufmerkſamkeit, und glaubte zu bemerken, daß er eher ausſaͤhe wie Jemand, der das Bekenntniß eines unge⸗ heuren Verbrechens vernommen, als wie ein Beichtvater, der den Reuigen, wenn auch nicht mit der Erde, doch mit dem Himmel, verſoͤhnt V hatte. Nach langem Beſinnen konnte ſie ſich doch nicht enthalten, eine Frage zu wagen. Sie waͤre uͤberzeugt, ſagte ſie, daß die Lady nur leichte Fehltritte begangen haben koͤnnte. Fuͤnf Jahre habe ſie nun mit ihr gelebt, und koͤnne behaup⸗ ten, kein Weib ſei jemals beſſer geweſen, als ſie. „Weib,“ verſetzte der Sakriſtan:„Du weißt nicht, was Du ſprichſt; was hilft es, die Auſſen⸗ ſeite eines Gefaͤßes rein zu halten, wenn das Inwendige von Ketzerei befleckt iſt?“ o 77 Unſere Tiſche und Geraͤthe ſind freilich nicht ſo rein, als ſie ſeyn koͤnnten, heiliger Vater, ſagte Elspeth, nur halb den Sinn ſeiner Rede verſtehend, und begann, den Staub von den Schuͤſſeln und Tellern mit ihrer Schuͤrze zu wi⸗ ſchen. „Verzeiht, Dame Elspeth,“ ſagte der Moͤnch: „Eure Schuͤſſeln ſind ſo rein, als hoͤlzerne Ge⸗ raͤthe der Art nur immer ſeyn koͤnnen; die Un⸗ reinlichkeit, von der ich ſpreche, iſt die verderb⸗ liche, einer Peſt gleichende, Ketzerei, welche taͤglich mehr um ſich greift in unſerer heiligen ſchottiſchen Kirche, ſie iſt ein giftiger Wurm in dem Roſenkranze der Braut!“ Heilige Mutter des Himmels! ſagte Dame Elspeth ſich bekrenzend, alſo habe ich mit einer Ketzerin zuſammen gelebt!— „Nein! Nein!“ verſetzte der Moͤnch:„das wuͤrde zu ſtreng ſeyn, wenn ich die ungluͤckliche Da⸗ me dazu machen wollte, allein ich wuͤnſchte ſagen zu koͤnnen, ſie ſei frei von ketzeriſchen Meinun⸗ gen. Ach! dieſe fliegen umher, wie die Peſt im Dunkeln, und ſtecken ſelbſt die vornehmſten und beſten Schaafe der Heerde an. Denn das laͤßt 78 ſich der Dame leicht anſehen, daß ſie eben ſo hoch am Verſtande, als am Nange geweſen iſt.“ Und ſie kann ſchreiben und leſen, ſo gut als Ew. Ehrwuͤrden, ſagte Elspeth. „An wen ſchreibt ſie denn, und was ließt ſie,“ fragte der Moͤnch ſehr angelegentlich. Ich, verſetzte Elspeth, kann gerade nicht ſa⸗ gen, daß ich ſie jemals ſchreiben geſehen, aber ihre Kammerfrau, die jetzt in der Familie dient, ſagte, daß ſie ſchreiben kann, und was das Leſen anbelangt, ſo hat ſie uns recht ſchoͤne Sachen aus einem dicken ſchwarzen Buche mit ſilbernen Schloͤſſern vorgeleſen. „Laßt mich doch das Buch ſehen,“ ſagte der Moͤnch haſtig;„bei Eurer Pflicht als treue Vaſal⸗ lin, bei Eurem Glauben als eine katholiſche Chri⸗ ſtin— ſchnell, augenblicklich, laßt michs ſehen.“ Das gute Weib zöͤgerte, beſtuͤrzt gemacht durch den Ton, womit der Beichtvater ihre Nach⸗ richt aufnahm, und uͤberdies in der Meinung, daß das, was ein ſo gutes Weib, wie die Frau von Avenel, ſo eifrig ſtudiere, durchaus keine uͤble Tendenz haben koͤnne; allein, durch das Be⸗ nehmen und die, wie Drohungen klingenden Be⸗ fehle des Vater Philipp uͤberwaͤltigt, brachte ſie —— 79 ihm endlich das ungluͤckliche Buch. Dies konnte leicht geſchehen, ohne daß die Eigenthuͤmerin Verdacht ſchoͤpfte; denn ſie lag auf ihrem Bette, erſchoͤpft durch die lange Unterhaltung mit ih⸗ rem Beichtvater, und das kleine Gemach oder Kloſet, worinnen ſich das Buch und ihr ſonſtiges unbedeutendes Eigenthum befand, war durch eine andere Thuͤr zugaͤnglich. Von allen ihren Ef⸗ fekten war das Buch auch das letzte, welches ſie ſtreng zu verwahren ſuchte, denn welches In⸗ tereſſe konnte es fuͤr eine Familie haben, wo Niemand ſelbſt leſen konnte, und die auch Nie⸗ mand bei ſich ſahe, der es konnte. Dame Els⸗ peth ſetzte ſich alſo ohne Schwierigkeit in den Beſitz deſſelben, obgleich ihr Gewiſſen ſagte: daß ſie dadurch unedelmuͤthig und ungaſtfreund⸗ lich gegen ihre Freundin und Hausgenoſſin han⸗ dele. Die doppelte Gewalt eines Guts⸗ und Lehnsherrn ſchwebte ihr vor, und um die Wahr⸗ heit zu ſagen, die Kuͤhnheit, womit ſie ſich wohl ſonſt dieſer doppelten Gewalt widerſetzt haben wuͤrde, wurde jetzt ſehr durch die Neugier— welche ihr, wie allen Eva's Toͤchtern, eigen war— geſchwaͤcht, irgend Etwas uͤber das ge⸗ heimnißvolle Buch zu erfahren, das die Lady 80 ſo liebte, und deſſen Inhalt ſie nur mit Behut⸗ ſamkeit mitzutheilen pflegte. Denn vie Lady las nicht eher Etwas aus dem Buche vor, als bis das eiſerne Thor des Thurmes geſchloſſen war, und durchaus Niemand hereinkommen konn⸗ te. Allein auch dann hatte ſie ſtets durch die Auswahl beſonderer Stellen gezeigt, daß ſie mehr die Grundſaͤtze, welche das Buch enthielt, ih⸗ ren Gemuͤthern einpraͤgen, als ihnen neu Glaubenslehren mittheilen wollte. Als Elspeth, halb neugierig, halb voll Ge⸗ wiſſensbiſſe, das Buch dem Moͤnche uͤbergeben hatte, rief dieſer, nachdem er darin geblaͤttert, aus:„Bei meinem Orden! ganz wie ich gedacht hatte.— Mein Maulthier! mein Maulthier!— ich kann nicht laͤnger verweilen! Du haſt recht wohl gethan, Frau, das gefaͤhrliche Buch mei⸗ nen Haͤnden zu uͤberliefern!“ Iſt's denn Zauberei oder Teufels⸗Werk? fragte Elspeth in großer Bewegung. „Gott behuͤte,“ verſetzte der Moͤnch ſich be⸗ kreuzend:„es iſt die heilige Schrift! Allein ſie iſt in die gewoͤhnliche Sprache uͤbertragen, und darum, nach Verordnung der heiligen katholiſchen Kir⸗ che, den Laien nicht in die Haͤnde zu geben.“ — ——— — 8¹ Und doch iſt die heilige Schrift zu unſer Aller Heil mitgetheilt, ſagte Elspeth, guter Va⸗ ter. Ihr muͤßt meine Unwiſſenheit beſſer beleh⸗ ren! Mangel an Einſicht kann ja keine Todſuͤnde ſein, und meiner Anſicht nach, muͤßte ich mich ſehr freuen, die heilige Schrift leſen zu koͤnnen... „In, ja, das glaub' ich,“ ſagte der Moͤnch: „unſere Mutter Eva machte es auch ſo, und wollte das Gute vom Boͤſen unterſcheiden lernen, und ſo kam die Suͤnde in die Welt und der Tod durch die Suͤnde.“ Das iſt wahr, verſetzte Elspeth, o, daß ſie doch dem Gebote des heiligen Peter und heili⸗ gen Paul gefolgt waͤre! „Huͤtte ſie nur dem Befehle des Himmels gehorcht,“ ſagte der Moͤnch:„der, als er ihr Leben und Gluͤckſeligkeit ſchenkte, damit ſolche Bedingungen verband, welche am beſten mit ſei⸗ nem heiligen Willen uͤbereinſtimmen. Ich ſage Dir, Elspeth, das Wort toͤdtet, d. h. der Text allein geleſen mit ungeſchicktem Auge und unheiligen Lippen, gleicht jenen ſtarken Arzneien welche die Kranken nur nach Anleitung und Vor⸗ ſchrift des Arztes brauchen koͤnnen. Solche Kranke geneſen dann auch, anſtatt daß die, welche ſie — 82— auf ihre eigene Hand nehmen, durch ſich ſelbſt zu Grunde gehen muͤſſen.“ Ja, ja, ſagte das arme Weib, daß muß Eur Ehrwuͤrden am Beſten verſtehen! „Nicht ich!“ ſagte Vater Philipp in einem ſo demuͤthigen Tone, als er glaubte, daß ſich fuͤr den Sakriſtan des Kloſters der heiligen Ma⸗ ria ſchicke:„nicht ich, ſondern der heilige Va⸗ ter der Chriſtenheit, und unſer eigener heiliger Vater, der Herr Abt. Ich, der arme Sakriſtan, kann bloß wiederholen, was ich von meinen Obern erſt hoͤre. Das aber, gutes Weib, das koͤnnt Ihr glauben, das Wort, das bloße Wort toͤdtet! Allein die Kirche hat ihre Diener, um daſſelbe in ihren glaͤubigen Verſammlungen zu erforſchen und zu erklaͤren, das aber gilt nicht ſowohl, meine geliebten Bruͤder!— wollte ſa⸗ gen, meine geliebte Schweſter!“ denn der gute Sakriſtan war in den Schluß einer alten Pre⸗ digt gerathen:„das gilt nicht ſowohl von den Rek⸗ toren, Pfarrern und dem weltlichen oder Seku⸗ lar⸗Clerus— ſo genannt, weil ſie nach Art der Welt oder des Saeculi(Zeitalters) leben— auch nicht von den Bettelbruͤdern, weder ſchwarzen noch grauen, bekreuzten oder unbekreuzten, ſon⸗ —— ꝛ—— 83 dern von den Moͤnchen, beſonders von den Be⸗ nediktinern, welche nach der Regel des Heiligen Bernard von Clairvaur reformirt ſind, daher Ciſterzienſer genannt, welche Moͤnche, chriſtliche Bruͤder,— Schweſter! wollt' ich ſagen,— ſich's zur Gluͤckſeligkeit und Ehre rechnen, die heilige Diener der heiligen Maria unter die Ihrigen zu zaͤhlen, und welche, ich mag es wohl behaup⸗ ten, wenn ich gleich nur ein unwuͤrdiger Bruder bin, mehr Heilige, Biſchoͤfe und Paͤbſte— moͤ⸗ gen wir dies mit Dank erkennen!— der Welt geſchenkt haben, als irgend eine heilige Stiftung in Schottland; und welche ferner... Doch, ich ſehe, Martin hat mir ſchon den Eſel geſattelt, und ſo gruͤße ich Euch mit dem Kuſſe der Ge⸗ ſchwiſter, deſſen man ſich nicht ſchaͤmen darf und ſchicke mich zu meiner beſchwerlichen Ruͤck⸗ kehr an, denn man ſagt, das Thal ſtehe wegen des Aufenthalts der boͤſen Geiſter nicht in dem beſten Rufe. Ueberdies koͤnnte ich auch leicht zu ſpaͤt an die Bruͤcke kommen, und ich muͤßte dann durch den Fluß ſelbſt, der, wie ich bemerkt habe, etwas angewachſen war.“ Er nahm daher Abſchied von Frau Elspeth, welche uͤber den Fluß ſeiner Rede und Lehren 84 noch ganz verwundert war, und der ihr Gewiſ⸗ ſen, in Anſehung des Buches, den Vorwurf machte, daß ſie es ohne der Eigenthuͤmerin Wiſ⸗ ſen und Willen nicht haͤtte weggeben ſollen. Trotz der Eilfertigkeit, womit der Moͤnch ſowohl als ſein Eſel ein beſſeres Quartier zu erreichen ſuchten, als ſie in Glendearg gefunden hatten, trotz dem feurigen Verlangen des Vater Philipp, der Erſte zu ſeyn, der dem Abte melde⸗ te, daß ſich eine Kopie des Buches, welches ſie ſo ſehr fuͤrchteten, innerhalb der Beſitzungen der Abtei vorgefunden habe; trotz dem eigenen Ge⸗ fuͤhl endlich, welches ihn draͤngte, ſo ſchnell als moͤglich durch das duͤſtere und uͤbelberuͤchtigte Thal zu kommen, machten doch die Beſchwerden des Weges und die Ungewohnheit des Reuters an ſolche Bewegung, daß das Zwielicht herein⸗ brach, ehe er noch den Ausgang des engen Thales erreicht hatte. Es war in der That ein ſchauerlicher Ritt. Die beiden Seiten des Thales waren einander ſo nahe, daß bei jeder Kruͤmmung des Fluſſes die Schatten von Weſten ſich uͤber das oͤſtliche ufer hinſtreckten und es gaͤnzlich verfinſterten. Das Rauſchen der Waͤlder klang dem Moͤnche furchtbarer ins Ohr, und die Felſenmaſſen ſchie⸗ nen ihm hoͤher und grauſender, als ſie ihm vor⸗ gekommen waren, da er am Tage und in Geſell⸗ ſchaft gereiſet war. Vater Philivp war daher herzlich froh, als er endlich das offene Thal des Tweed erreicht hatte, welcher, mit einer ihm, un⸗ ter den Fluͤſſen Schottlands beſonders eigenen Majeſtaͤt, ſeinen Lauf bald in einen Landſee ver⸗ wandelt, bald weiter fortſtroͤmt; denn, wenn es auch noch ſo trocken iſt, fuͤllt der Tweed den⸗ noch ſtets ſein Bett aus, und laͤßt ſelten ſolche Stellen von Schilf unbedeckt, dergleichen mei⸗ ſtens die bekannteſten Fluͤſſe Schottlands ent⸗ ſtellen. Gefuͤhllos gegen die Schoͤnheiten der Natur, freute ſich der Moͤnch wie ein kluger General, als er endlich das enge Thal hinter ſich hatte, wo ihn der Feind unbemerkt haͤtte uͤberfallen koͤnnen. Er zog den Zaum an, und brachte ſein Thier in den natuͤrlichen bequemen Schritt, da dies, zu des Reuters nicht geringer Unbequem⸗ lichkeit, bisher einen lebhaften und ungleichen Trab gegangen war. Die Augen erhebend, ſchaute er nun ganz bequemlich in den vollen Mond, der ſein Licht noch mit der Abenddaͤm⸗ 86 merung miſchend, eben uͤber Flur und Wald aufgegangen war und vornehmlich das ſtattliche Kloſter mit ſeinen blaſſen Stralen, weithin ſicht⸗ bar machte. Das Uebelſte bei dieſem praͤchtigen Anblicke war, nach des Moͤnchs Ermeſſen, daß das Klo⸗ ſter auf der andern Seite des Fluſſes ſtand, und daß damals keine der ſchoͤnen Bruͤcken erxiſtirte, welche ſpaͤterhin uͤber dieſen klaſſiſchen Strom gebaut worden ſind. Dafuͤr aber befand ſich damals eine Bruͤcke daſelbſt, welche ſeitdem ver⸗ ſchwunden iſt, obgleich ihre Ruinen noch jetzt von den Neugierigen aufgeſucht werden. Sie war von ganz beſonderer Geſtalt. An jeder Seite, und da, wo der Strom gerade am ſchmaͤlſten war, hatte man ein feſtes Gemaͤuer gebaut. In der Mitte deſſelben aber erhob ſich auf einem Felſen eine Art von Pfeiler, der mit einer Ecke in den Strom vortrat und ſo hoch war wie die beiden Mauerwerke an beiden Sei⸗ ten, dann aber ſich zu einer Art von Thurm bil⸗ dete. Der untere Theil deſſelben beſtand bloß aus einer Woͤlbung zum Durchgang, und auf je⸗ der Seite bemerkte man eine Zugbruͤcke, welche den mittleren Theil mit den Seiten verband. 87 Waren dieſe Zugbruͤcken niedergelaſſen, ſo konnte man auch wohl bequem uͤber den Fluß gehen. Der Bruͤckenwaͤchter, der von dem benach⸗ barten Baron beſtallt wurde, wohnte mit ſeiner Familie in dem zweiten und dritten Stockwerke des Thurmes, der, wenn die Zugbruͤcken aufge⸗ zogen waren, eine Art von Inſelfeſtung mitten im Strome bildete. Er mußte von den Ueber⸗ gehenden einen kleinen Zoll erheben, uͤber den dann nicht ſelten zwiſchen ihm und dem Reiſen⸗ den Streit entſtand. Doch darf nicht uͤberſehen werden, daß der Bruͤckenwaͤchter hier immer am beſten ſich befand, denn er konnte entweder den Reiſenden ganz am Ufer ſtehen laſſen, oder, wenn er ihn den halben Weg kommen ließ, ihn als Gefangenen in dem Thurme behalten, bis er den Zoll erlegt hatte. Am oͤfterſten gerieth der Bruͤckenwaͤchter mit den Moͤnchen des Kloſters der heiligen Maria in Streit. Dieſe heiligen Maͤnner hatten nach viel⸗ fachem Dringen und Bitten, zur großen Unzu⸗ friedenheit des Waͤchters, die Befreiung von die⸗ ſer Abgabe erlangt. Nun begehrten ſie dieſe auch fuͤr die zahlreichen Pilger, welche ihre Re⸗ liquien beſuchten. Das wollte aber der Waͤchter 83 nicht zugeben, und ſein Herr beſtaͤrkte ihn in die⸗ ſem Widerſtande. In dieſer Streitigkeit erbitterte man ſich auf beiden Seiten. Der Abt drohte mit dem Kirchenbann, und der Bruͤckenwaͤchter, obgleich unfaͤhig, Gleiches mit Gleichem zu ver⸗ gelten, ließ doch jeden Moͤnch, der uͤber den Fluß wollte, eine Art von Fegefeuer durchgehen, ehe er ihm den Uebergang geſtattete. Dies war dann eine große Unbequemlichkeit, welche noch groͤßer geweſen ſein wuͤrde, wenn der Fluß bei gewoͤhnlichem Waſſerſtande nicht von Menſchen und Pferden haͤtte durchwadet werden koͤnnen. Es war eine herrliche Mondnacht, wie wir geſehen hahen, als Vater Philipp an dieſe Stelle des Weges gelangte, wo der ſeltſame Bau einen recht anſchaulichen Begriff von der uUnſicherheit jener Zeiten gewaͤhrte. Der Fluß war ſtaͤrker als gewoͤhnlich mit Waſſer erfuͤllt,— es war groß Waſſer, nach dem Ausdrucke der Ge⸗ gend— und der Moͤnch hatte nicht eben Luſt, durchzureiten, wenn er beſſer wegkommen konnte. „Peter! guter Freund,“ rief der Sakriſtan mit lauter Stimme:„Liebſter, beſter Freund Peter, ſei ſo gut und laß die Bruͤcke herunter! Peter! 89 hoͤrſt Du denn nicht? es iſt ja Dein Gezutter Vater Philipp, der Dich ruft!—“ Peter hoͤrte ihn recht gut, und ſah ihn auch in der Verlegenheit, allein da er den Sakriſtan vorzuͤglich als ſeinen Feind in der Streitigkeit mit dem Kloſter betrachtete, ging er ganz ru⸗ hig zu Bette; zu ſeiner Frau ſagte er, nach⸗ dem er jenen noch durch ſein Fenſterlein beobach⸗ tet hatte:„es wird dem Sakriſtan nicht ſchaden, wenn er auch einmal bei Mondenſchein durch das Waſſer reitet, da lernt er doch den Werth einer Bruͤcke ſchaͤtzen, uͤber die man hoch und trocken im Sommer und Winter, bei Flut und Ebbe wandeln kann.“ Nachdem Vater Philipp ſeine Stimme in Bitten und Drohungen faſt erſchoͤpft hatte, welche Peter von der Bruͤcke, wie man ihn zu nen⸗ nen pflegte, nicht achtete, begab er ſich end dlich am Ufer hin nach der Stelle der Furth. Ob er gleich die unhoͤfliche Hartnaͤckigkeit Peters ſehr verwuͤnſchte, begann er ſich doch zu uͤberreden, daß der Uebergang uͤber den Fluß, vermittelſt der Furth, nicht nur gefahrlos, ſondern ſogar angenehm ſei. Die ufer und die zerſtreuten Baͤume an denſelben⸗ ſpiegelten ſich ſo ſchoͤn in dem dunkeln Strome, das ſtille reizende Bild ſtand in ſo gefaͤlligem Contraſte gegen ſeine letzte Bewegung und Erhitzung, durch den Verſuch, den unerbittlichen Bruͤckenwaͤchter zu ruͤhren, daß ihm Alles freundlicher vorkam, als ſonſt. Als Vater Philipp endlich an die Stelle der Furth ſelbſt kam, fand er unter einem alten Eichbaume ein weibliches Weſen ſitzend, welches weinte, die Haͤnde rang, und feſt auf den Strom hinblickte. Der Moͤnch erſtaunte, um ſolche Zeit ein weibliches Weſen hier zu finden. Allein er war in allen Ehrendingen— ob auch in andern, wollen wir ſeinem Gewiſſen anheim ſtellen— ein treuer Diener der Damen. Nachdem er das Weib einen Augenblick beobachtet hatte, ob er es gleich kaum zu bemerken ſchien, wurde er durch ihren Kummer geruͤhrt und zur Huͤlfe ge⸗ neigt.„Maͤdel!“ ſagte er:„Du ſcheinſt in kei⸗ ner gewoͤhnlichen Verlegenheit; vielleicht hat man Dir auch, wie mir, den Uebergang uͤber die Bruͤcke verweigert, und Dein Bekreuzen ſcheint auf die Erfuͤllung eines Geluͤbdes oder eines andern wichtigen Geſchaͤftes hinzudeuten.“ Das Maͤdel ließ einige unverſtaͤndliche Toͤne vernehmen, blickte nach dem Fluſſe, und dann 9¹ dem Sakeiſtan in's Angeſicht. Da fiel dem Va⸗ ter Philipp ſogleich ein, daß ein vornehmer Mann des Hochlandes ſeit einiger Zeit ins Kloſter er⸗ wartet werde, der den Reliquien ſeine Ehrfurcht bezeigen wollte; daß alſo dieſes nette Maͤdchen zu ſeiner Familie gehoͤren koͤnnte, und entweder eines Geluͤbdes wegen allein reiſe, oder durch einen Zufall zuruͤckgelaſſen worden ſei; er han⸗ dele deshalb auch recht und klug, wenn er ſo hoͤflich als moͤglich gegen die Fremde ſei⸗ zumal da ſie mit der Sprache des Niedern Landes un⸗ bekannt zu ſein ſcheine. Dies war wenigſtens der Beweggrund zur Hoͤflichkeit, den ſich der Sakri⸗ ſtan ſelbſt geſtand, ob es noch einen andern gab,⸗ mag ſein Gewiſſen entſcheiden. Um ſich durch Zeichen, der allgemeinen Sprache aller Voͤlker, verſtaͤndlich zu machen, zeigte der kluge Sakriſtan erſt nach dem Fluſſe, dann auf die Croupe ſeines Maulthieres, worauf er, ſo anmuthsvoll er konnte, ein Zeichen mach⸗ te, daß die ſchoͤne Fremde ſich hinter ihm auf⸗ ſetzen ſollte. Sie ſchien ſeine Meinung zu ver⸗ ſtehen, denn ſie ſtand auf, als wollte ſie das An⸗ erbieten annehmen, und indeß der Moͤnch, der eben kein großer Reuter war, ſich faſt zerarbei⸗ tete, um den Eſel ihr ſo nahe zu bringen, daß ſie mit Leichtigkeit aufſteigen koͤnnte, ſchwang ſie ſich mit bewundernswerther Geſchicklichkeit vom Boden mit einem Satze auf des Eſels Ruͤcken, und zeigte ſich nun als den feſteſten Reuter von Beiden. Dem Eſel aber ſchien die doppelte Laſt keinesweges zu gefallen; er ſprang, baͤumte ſich, und wuͤrde wahrſcheinlich den guten Philipp ab⸗ geworfen haben, haͤtte ihn das Maͤdchen nicht mit feſter Hand im Sattel gehalten. 5 Endlich wurde das Maulthier zahmer, und ſtatt ſich vor dem Waſſer zu ſcheuen, ſtreckte es die Nafe heimwaͤrts, und ſchritt, ſo ſchnell es konnte, in die Furth hinein. Ein neuer Schrek⸗ ken befiel aber hier den Moͤnch, denn die Furth ſchien ungewoͤhnlich tief, das Waſſer ſchlug in ſtarken Wellen an dem Thiere auf, und ſchien es bedecken zu wollen. Philipp verlor die Ge⸗ genwart des Geiſtes, welche zu keiner Zeit ſehr groß bei ihm war, gaͤnzlich, der Eſel gab der Gewalt des Stromes nach, und ſo verlor er den Grund und ſchwamm den Strom hinab. Allein das Seltſamſte war, daß trotz der augen⸗ ſcheinlichſten Gefahr, das Maͤdchen zu ſingen be⸗ gann, wodurch denn die Furcht des Sakriſtans 9⁵ noch vermehrt wurde, wenn ſie der Vermehrung faͤhig war. Ihr Geſang lautete folgendermaßen: Wir ſchwimmen luſtig! der Mond ſcheint hell! Im Glanze dahin rauſcht die Flut ſo ſchnell! Ihr habt den nächtlichen Raben erweckt, Er krächzt, in der alten Eiche verſteckt, Die die Zweige ſtreckt über das Waſſer hin. Ihr Schatten tanzt zitternd mitten darin; „Wer weckt mir die Jungen?“ der Rabe droht: „Mein Schnabel wird in ſeinem Blute roth, „Eh es tagt noch! Ein geſchwollner Leichnam iſt „Ein herrliches Mahl zu dieſer Friſt „und ich nehme mein Theil mit Schnabel und Klauen!“¹ Wir ſchwimmen luſtig! Auf ferner Höh' Im Mondlicht einen goldnen Schimmer ich ſeh! Ein ſilberner Duft durch die Erlen ſchwebt und am Ufer die ſchaͤumende Welle ſich hebt; Ich ſehe mit Mauer und Thurm die Abtei, Die Veſperſtunde rückt ſo eben herbei. Die Mönche verlaſſen ſchon Alle die Zellen— Wo iſt Vater Philipp, mit der Glocke zu ſchellen? Wir ſchwimmen luſtig! der Mond ſcheint hell: Durch Licht und Schatten wir ſchweifen ſchnellz Dort unter dem nackten Felſen ſo tief Lang ſchon der ſchaudernde Strudel ſchlief; 94 Da hebt mit der Todesfackel Schein Die Kelby*) ſich über das rauhe Geſtein! Sieh, Vater! ſieh! kommt Dir's nicht lächerlich für? Sie ſchaut ja mit gierigen Augen nach Dir! Glück zu zum Fiſchfang! was hofft ihr die Nacht? Einen Geringen oder einen Mann von Macht? Iſt's ein Lai oder Prieſter, den ihr heut erreicht, Oder ein Liebender, der zu dem Liebchen ſchleicht? Hört'ſt Du nicht, als wir vorhin zogen vorbei, Was die Kelby uns zurief mit dumpfem Geſchrei? „Heil dem Wächter, der die Brücke ſo ſeſt verſchloß! „Alle, die zu mir kommen in dieſer Stund, 3 „Lai' oder Prieſter, begrabt der Schlund 11 Wie lange das Maͤdchen noch fortgeſungen, oder wo ſich des erſchrockenen Moͤnches Weg ge⸗ endet haben wuͤrde, iſt ungewiß. Als ſie die letzte Stanze ſang, gelangten ſie zu, oder viel⸗ mehr in einen ſtillen breiten Waſſerſtrom, der durch ein, quer durch den Fluß laufendes Wehr verurſacht wurde. Der Eſel, entweder aus Wahl, oder durch den Zug des Waſſers geleitet, ſtrebte dem Waſſerſtrome nach, der nach der Kloſter⸗ *) Kelby iſt eine Art von Waſſergeiſtern, womit der Aberglaube jene Gegenden bevölkert hat, — 95 müuͤhle hinfuͤhrte, indem er, halb ſchwimmend, halb wadend, ſich forthalf, und den ungluͤcklichen Moͤnch furchtbar im Sattel umherwarf. Bei dieſem Schwanken wurde des Moͤnchs Gewand locker, und weil er es zuſammen halten wollte, nahm er die Hand von dem Buche der Lady von Avenel, welches er im Buſen verſteckt hatte. Kaum hatte er dies gethan, als ihn ſeine Gefaͤhrtin aus dem Sattel und in den Strom warf, wo ſie ihn, beim Kragen haltend, zwei bis drei Mahl tuͤchtig untertauchte, ſo daß er durch und durch naß wurde; als er aber dem ufer ſo nahe war, daß er es mit leichter Anſtrengung (denn einer großen war er nicht faͤhig) erreichen konnte, ließ ſie ihn fahren. Er erreichte es gluͤck⸗ lich, und als er ſich nach ſeiner, ſo ungewoͤhnli⸗ chen, Gefaͤhrtin umſah, war ſie nirgends mehr zu ſehen, allein man hoͤrte durch das Geraͤuſch des Waſſers immerfort ein Stuͤck ihres grauſen Geſanges, welches ohngefaͤhr ſo lautete: Gelandet! das ſchwarze Buch hat gewonnen, Sonſt ſah Dich Berwick mit der Morgenſonnen! Du biſt wohl und geſund! Glück wünſche Dir! Das geſchieht nur ſelten, wer ſchwimmt mit mir! * 96 Der Schreck des Moͤnchs war unbeſchreih⸗ lich, er konnte ihn kaum laͤnger ertragen; der Kopf ſchwindelte ihm, er rannte einige Schritte vorwaͤrts, traf auf eine Mauer, und ſank, in ei⸗ nem Zuſtande von Bewußtloſigkeit, zu Boden. +— —,— 97 Sechſtes Kapitel. Da Veſper in der Kloſterkirche der heiligen Maria war jetzt voruͤber. Der Abt hatte die koſtbaren Ceremonienkleider abgelegt, und ſich wieder in ſeine gewoͤhnliche Kleidung geworfen, welche aus einem ſchwarzen Gewande uͤber ei⸗ nem weißen Leibrocke mit ſchmalem Scapulier beſtand; eine anſtaͤndige und ehrwuͤrdige Klei⸗ dung welche wohl berechnet war, das ſtattliche Anſehen des Abtes Bonifaz in ein vortheil⸗ haftes Licht zu ſetzen. In ruhigen Zeiten haͤtte Niemand beſſer die Stelle eines infulirten Abtes, denn dies war ſeine Wuͤrde, ausfuͤllen koͤnnen, als dieſer wuͤrdige Praͤlat. Er hatte freilich die Gewohnheit, ſich ſelbſt viel nachzuſehen, wie dies bei den meiſten Men⸗ ſchen der Fall iſt, die fuͤr ſich ſelbſt zu leben pflegen. Ueberdies war er ziemlich eitel, und wenn man ihm kuͤhn zuſetzte, zeigte er Symp⸗ tome von Furchtſamkeit, die ſich mit den ho⸗ D. Kloſter. I. E 9³ hen Anſpruͤchen, die er als ein ausgezeichnet hohes Glied der Kirche machte, oder mit der puͤnktlichen Verehrung, die er von ſeinen Bruͤ⸗ dern und Allen, unter ſeinen Befehlen Stehenden, zu fodern pflegte⸗ nicht recht zu vertragen ſchien. Indeſſen war er gaſtfreundlich, wohlthaͤtig, und nicht im geringſten geneigt, mit Strenge gegen irgend Jemand zu verfahren. Kurz, zu andern Zeiten wuͤrde er recht ruhig, ſo gut als jeder andre bepurpurte Abt, und mit Anſtand, auf dem Kiſſen ſeiner Vorzuͤge fortgeſchlummert ha⸗ ben, ohne ſich durch Traͤume zu beunruhigen. Allein die große Aufregung, welche durch die Fortſchritte der Lehren der Reformation in der catholiſchen Kirche bewirkt wurde, ſtoͤrte die Ruhe des Abtes Bonifazius außerordentlich, und ffnete ihm ein weites Feld von Zweifeln und Sorgen, von denen er ſich nie Etwas hatte traͤu⸗ men laſſen. Es mußten Meinungen beſtritten, und angetaſtete Gebraͤuche unterſucht, Ketzer ent⸗ larvt und beſtraft, Abgefallene zuruͤckgerufen, Wankende befeſtigt, Aergerniſſe von der Kirche entfernt, und die Strenge kirchlicher Disciplin wieder hergeſtellt werden. Immerfort kamen ganz erſchoͤpfte Boten zu Fuß und Roß in dem ——— — — 99 Kloſter zur heiligen Jungfrau an, bald von dem Geheimen Rathe, bald von dem Primas von Schottland, und dann auch von der Koͤnigin Mutter, mit Ermahnungen, Belobungen, Tadel, Nachfragen und Unterſuchungen uͤber dieſes und jenes. Dergleichen Sendungen empfing Abt Boni⸗ fazius gewoͤhnlich mit einer wichtigen Miene von Huͤlfloſigkeit, oder mit einer huͤlfloſen Miene von Wichtigkeit, welche zugleich ſeine befriedigte Ei⸗ telkeit und die tiefe Unruhe ſeines Gemuͤths he⸗ wies. Der ſcharfſichtige Primas von St. Andreas hatte die Maͤngel und Gebrechen des Abts von St. Maria vorausgeſehen, und ihnen dadurch ab⸗ zuhelfen geſucht, daß er als Unterprior in das Kloſter einen Ciſterzienſer ſandte, einen Mann von Kenntniſſen und Talenten, dem Dienſte der eatholiſchen Kirche treu ergeben, und vollkommen geſchickt, nicht nur bei ſchwierigen Faͤllen dem Abte mit Nath an die Hand zu gehen, ſondern ihn auch an ſeine Pflicht zu mahnen, wenn er aus Gutmuͤthigkeit oder Furchtſamkeit in Gefahr kommen ſollte, davon abzuweichen. Vater Euſtach ius ſpielte in dem Kloſter die D 2 100 nehmliche Nolle, die ein General in fremden Ar⸗ meen ſpielt, der einem Prinzen vom Gebluͤte zur Seite geſetzt wird, der zwar dem Namen nach kommandirt, aber unter der Bedingung, nichts ohne den Rath ſeines Vormundes zu unterneh⸗ men; auch theilte derſelbe das Loos aller ſolcher Vormuͤnder, von ſeinem Prinzipal herzlich ge⸗ haſſt und gefuͤrchtet zu werden. Indeſſen hatte doch der Primas ſeine Abſicht vollkommen er⸗ reicht. Vater Euſtach wurde wirklich ein Schreck⸗ bild fuͤr den wuͤrdigen Aht, ſo daß dieſer end⸗ lich kaum wagte, ſich im Bette umzudrehen, ohne zu bedenken, was jener davon denken wuͤrde. In jedem ſchwierigen Falle wurde Vater Euſtach um ſeine Meinung befragt, allein kaum war die Ver⸗ legenheit gehoben, ſo dachte der Abt darauf, wie er ſich des Rathgebers entledigen koͤnnte. In jedem Briefe, den er an die Regierungsglieder ſchrieb, empfahl er den Vater Euſtach zu irgend einer kirchlichen Befoͤrderung, einem Bißthume oder einer Abtei, und da eine nach der andern anderwaͤrts vergeben wurde, ſo dachte er, und bekannte dies auch dem Sakriſtan, mit bittern Gefuͤhlen, daß das Kloſter zur heiligen Jungfrau b ordentlich eine Leibrente fuͤr den Subprior ge⸗ worden ſei. Wie ſehr wuͤrde er aber erſt ergrimmt ſein, wenn er vermuthet haͤtte, daß die Ehrſucht des Vater Euſtachius auf ſeine eigene Inful gerichtet ſei, welche, wegen der ſchlagartigen Zufaͤlle, die des Abts Freunde fuͤr gefaͤhrlicher hielten als er ſelbſt, vielleicht in Kurzen erledigt werden konn⸗ te. Allein das Vertrauen, das der Aht, wie alle Pfruͤndner, in ſeine Geſundheit ſetzte, ließ den Gedanken daran gar nicht in ihm aufkommen. Die Nothwendigkeit, worinnen ſich Bonifaz befand, ſeinen Rathgeber in allen ſchwierigen Faͤllen um ſeine Meinung zu fragen, machte ihn beſonders geneigt, in allen gewoͤhnlichen Verwaltungsgeſchaͤften, ohne ihn zu handeln, wenn gleich nicht ohne Ruͤckſicht auf des Vater Euſtachius moͤgliche Anſicht. Daher hielt er es auch nicht fuͤr noͤthig, den Subprior von der kuͤhnen Idee zu unterrichten, den Bruder Philipp nach Glendearg abzuſenden; allein als die Veſper herankam, ohne daß dieſer wieder erſchien, wurde er doch ein wenig unruhig, zumal da noch an⸗ dre Dinge auf ſeinem Herzen laſteten. Die Strei⸗ tigkeit mit dem Bruͤckenwaͤchter ſchien unange⸗ nehme Folgen herbeifuͤhren zu wollen, da ſich der kriegeriſche Baron, unter dem dieſer diente darein miſchte; auch waren Briefe unangeneh⸗ men Inhalts von dem Primas ſo eben angekom⸗ men. Gleich einem Lahmen, der die Kruͤcke feſt⸗ haͤlt, indeß er die Schwaͤche verwuͤnſcht, die ſie ihm noͤthig macht, fand ſich der Abt, wiewohl mit Widerwillen, gedrungen, den Vater Euſtach zu erſuchen, ſich nach dem Gottesdienſte in ſei⸗ ner Wohnung oder Pallaſt einzufinden, der einen Theil des Kloſters ſelbſt ausmachte. Der Abt Bonifaz ſaß auf einem Stuhle, deſ⸗ ſen Lehne, grotesk verziert, ſich in eine Bi⸗ ſchofsmuͤtze endigte, vor einem Feuer, wo zwei bis drei große Holzſcheite in glimmende Kohlen verwandelt waren. Auf einem eichenen Tiſche ſtand ihm zur Seite der Reſt eines gebratenen Kapauns, der ſeiner Ehrwuͤrden zum Abendimbiß gedient hatte, und daneben eine tuͤchtige Flaſche trefflichen Bourdeaur Weines. Mit großer In⸗ dolenz blickte er in das Feuer, theils in Gedan⸗ ken uͤber ſein vergangenes und gegenwaͤrtiges Geſchick vertieft, theils verſuchend, Feſtungen und Kirchthürme in die gluͤhende Aſche zu zeichnen. „Ja,“ dachte der Abt bei ſich ſelbſt:„hier kann x 103 ich mir die friedlichen Thuͤrme von Dun Dren⸗ nan vorbilden, wo ich mein Leben hinbrachte, ehe ich zu Pracht und Unruhe berufen ward. Wir waren eine ſiille Bruͤderſchaft, regelmaͤßig unſere moͤnchiſchen Pflichten erfuͤllend, und wenn ja die Schwaͤchen der Menſchheit uns uͤberwaͤltig⸗ ten, ſo beichteten wir, und abſolvirten uns unter⸗ einander. Ich ſehe noch im Geiſte den Kloſter⸗ garten vor mir, wo ich mit eigener Hand die Birnbaͤume pfropfte: und wofuͤr hab' ich Alles dieſes hingegeben? Um mit Geſchaͤften uͤberhaͤuft zu werden, die mich nichts angehen, um mich Milord Abt nennen zu laſſen, und um von Vater Euſtachius bevormundet zu werden. Ich wollte,⸗ dieſe Thuͤrme waͤren die Abtei Aberbrothock, und Vater Euſtach der Abt, oder er waͤre in dem Feuer ſelbſt, ſo waͤre ich doch ſeiner los. Der Primas ſagt zwar, unſer heiliger Vater, der Pabſt, habe ſelbſt einen Rathgeber, aber ich wette, er wuͤrde mit einem ſolchen, wie dem meinen, nicht eine Woche leben koͤnnen. Nicht eher theilt der Vater Euſtachius Euch ſeine Weisheit mit, als bis ihr eure Unwiſſenheit ſelbſt bekannt habt; er ver⸗ ſteht keinen Wink, und oͤffnet nicht eher den Sek⸗ kel, als bis der Beduͤrftige ſeine aͤußerſte Armuth offen dargelegt hat. So werde ich aber in den Augen meiner Brudermoͤnche, die mich wie ch Kind betrachten, das ſich nicht ſelbſt zu rathen weiß, entehrt— Nein! Nein! das ertrag ich nicht laͤnger! Bruder Bennet!(ein Laienbru⸗ der antwortete auf dieſen Ruf) ſage dem Vater Euſtachius, daß ich ſeiner Gegenwart nicht bedarf.“ Ich komme eben, Euer Hochwuͤrden zu mel⸗ den, daß der heilige Bater gerade aus dem Klo⸗ ſter heruͤber kommt. „Nun, ſo ſey er willkommen!“ ſagte der Abt:„ſchaffe dieſe Dinge da weg!— oder lege lieber ein Meſſer dazu, der heilige Vater koͤnnte ein wenig Hunger haben! Doch nein! nimm's nur weg!— Die Weinflaſche aber laß hier, und ſetze noch einen Becher her!“— Der Laienbruder vollzog dieſe widerſprechen⸗ den Befehle, ſo wie er es fuͤr's Beſte hielt, er nahm die Schuͤſſel mit dem halben Kapaun weg, und ſetzte dafuͤr zwei Becher neben die Weinfla⸗ ſche. In dem Augenblicke trat Vater Euſtachius ein. Es war ein kleiner, magerer, zartgebauter Mann, deſſen ſcharfe graue Augen die Perſon durchſchauen zu wollen ſchienen, auf die ſie ſich hefteten. Sein Koͤrper war ſehr ausgezehrt, nicht — 6 8 105 allein durch das Faſten, welches er mit ſtrenger Puͤnktlichkeit beobachtete, ſondern auch durch die ſtete Thaͤtigkeit und Uebung ſeines ſcharfen Ver⸗ ſtandes. Miit kloͤſterlicher Demuth wandte er ſich zu dem Lord Abte, und wie ſie ſo zuſammenſtanden, konnte man kaum einen vollkommenern Gegen ſatz in Form und Ausdruck ſehen. Das gutmuͤ⸗ thige, roſigglaͤnzende Angeſicht, und das laͤchelnde Auge des Abtes, das ſich, ſelbſt in ſeiner gegen⸗ waͤrtigen Angſt, nicht merklich umwoͤlkte, bildete einen wunderbaren Contraſt mit den bleichen duͤrren Wangen, und den ſchnell durchdringen⸗ den Blicken des Moͤnches, bei dem ein unruhi⸗ ger, kuͤhner Geiſt aus Augen blickte, denen er einen uͤbernatuͤrlichen Glanz zu geben ſchien. Der Abt eroͤffnete die Unterredung damit, daß er den Moͤnch erſuchte, einen Stuhl zu neh⸗ men, und ſich einen Becher Weins gefallen zu laſſen; dieſe Hoͤflichkeit wurde mit Demuth ab⸗ gelehnt, doch nicht ohne die Bemerkung: daß der Veſperdienſt nun voruͤber ſey. „In Anſehung des Magens, Bruder!“ ſagte der Abt, ein wenig oiß merdend;„ſo kennt Ihr jg den Tett.. Es iſt doch gefaͤhrlich, verſetzte der Moͤnch, es allein zu thun, und zwar zu ſpaͤter Tages⸗ zeit. Der Genuß der Traube wird eine gefaͤhr⸗ liche Geſellſchaft in der Einſamkeit, deshalb ver⸗ meide ich ihn. Abt Bonifazius hatte eben einen Becher vor ſich ſtehen, der vielleicht eine halbe engliſche Pinte faſſen konnte; allein, entweder durch die Wahrheit der Bemerkung getroffen, oder ſich ſchaͤmend, wenn er gerade das Gegentheil da⸗ von thun ſollte, ließ er ihn unangeruͤhrt ſtehen, und brachte ſogleich die Rede auf etwas Anderes. „Der Primas hat uns geſchrieben,“ ſagte er:„innerhalb unſerer Grenzen ſtrenge Nachfor⸗ ſchung nach den ketzeriſchen Perſonen anzuſtellen, welche auf dieſer Liſte ſtehen, und die ſich ſelbſt der Strafe entzogen haben, die ihre Meinungen verdienen. Wahrſcheinlich werden ſie uͤber un⸗ ſere Grenzen nach England ſich fluͤchten, und der Primas erſucht mich, ein wachſames Auge auf ſie zu haben.“ Gewiß, ſagte der Moͤnch, die Obrigkeit ſollte das Schwert nicht umſonſt tragen,— dieſe ſind es eben, die die Welt verwirren— und ohne Zweifel wird Ener Hochwuͤrden Weisheit mit ge⸗ 107 buͤhrender Sorgſamkeit die Anſtalten des ſehr ehrwuͤrdigen Vaters in Gott unterſtuͤtzen, da es die Vertheidigung der heiligen Kirche gilt. „Ja wohl! Aber wie iſt das anzufangen?“ verſetzte der Abt:„Heilige Jungfrau, unterſtuͤtze uns! Der Primas ſchreibt an mich gerade, als wenn ich ein weltlicher Baron waͤre, ein Mann/ der immer Soldaten ſchlagfertig hat. Er ſpricht: reinigt das Land! bewacht die Paͤſſe! Dieſe Men⸗ ſchen aber reiſen nicht wie Leute, die ihr Leben um Nichts hingeben wollen; der Letzte ging bei Riding⸗Bura uͤber die Grenze, mit einem Ge⸗ folge von dreißig Lanzen, wie uns der ehrwuͤr⸗ dige Bruder, Abt von Kelſo, meldete. Wie koͤn⸗ nen denn da Seapuliere den Weg verrennen?“* Euer Vogt, heiliger Vater! ſagte Euſtach, wird fuͤr einen guten Soldaten gehalten, Eure Vaſallen ſind verpflichtet, zur Vertheidigung der Kirche aufzuſtehen— unter dieſer Bedingung beſitzen ſie bloß ihre Laͤndereien— kommen ſie nicht zum Schutze der Kirche, die ihnen Brod giebt, nun, ſo gebt ihre Beſitzungen an Andere— „Wir werden nicht unterlaſſen,“ ſagte der Abt ſich faſſend und mit Wuͤrde:„was zum Be⸗ ſten der heiligen Kirche gereichen kann. Du 103 ſelbſt ſollſt unſerm Vogte und Offizialen den Be⸗ fehl bringen— aber unſer Streit mit dem Bruͤ⸗ ckenwaͤchter und dem Baron von Meigallot!— heilige Jungfrau! es fallen doch Unannehmlich⸗ keiten ſo viel auf dies Haus, daß man nicht weiß, wohin man ſich zuerſt wenden ſoll. Du ſagteſt ja, Vater Euſtachius, Du wollteſt unſre Beweiſe pruͤfen, in Anſehung des freien Ueber⸗ ganges fuͤr die Pilger!“ Ich habe die brieflichen urkunden des Hau⸗ ſes nachgeſehen, erwiederte Euſtachtus, und finde darinnen ausdruͤcklich beſtaͤtigt, den Nachlaß al⸗ ler Abgaben und Gefaͤlle, die an der Zugbruͤcke von Brigton zu zahlen ſind, nicht nur fuͤr die Geiſtlichen dieſer Stiftung, ſondern auch fuͤr je⸗ den Pilger, der ſein Geluͤbde in dieſem Hauſe loͤſen will, desgleichen fuͤr den Abt Ailford, und die Moͤnche des Kloſters zur heiligen Jungfrau in Kennaquhair, fuͤr jetzt und auf ewige Zeiten. Die Urkunde iſt ausgeſtellt am St. Brigitten Abend, im Jahre der Erloͤſung 1437, und traͤgt das Siegel des Bewilligers, Karls von Meigal⸗ Jot, des Groß⸗großvaters des jetzigen Barons, und ſoll gehalten werden, bei der Seligkeit ſei⸗ ner eigenen Seele, und bei dem Seelenheile ſei⸗ 8 1⁰9 nes Vaters und ſeiner Mutter, und Aller ſeiner Vorfahren und Nachfolger, welche Barone von Meigallot ſind. „Aber er fuͤhrt an,“ ſagte der Abt:„daß die Bruͤckenwaͤchter ſeit laͤnger als funfzig Jahren im Beſitz der Erhebung dieſes Zolles waͤren— auch droht der Baron mit Gewalt, und indeſ⸗ ſen wird die Reiſe der Pilger unterbrochen, zum Nachtheile ihrer eigenen Seelen und zur Ver⸗ minderung der Einkuͤnfte des Kloſters zur heili⸗ gen Maria. Der Sakriſtan hat uns gerathen, ein Boot anzulegen, allein der Bruͤckenwaͤchter, den Du ſchon als einen gottloſen Mann kennſt, hat geſchworen, der Teufel ſolle ihn holen, wenn er es nicht zerſtoͤren laſſe, ſobald es auf dem trome ſeines Herrn ſich zeige;— dann ſagen auch Einige, wir ſollten doch die Anſpruͤche mit einer kleinen Geldſumme aufwiegen.“ Hiir ſchwieg der Abt einen Augenblick, eine Antwort erwartend, als er aber keine erhielt, ſetzte er hinzu!„Nun, was denkſt Du denn, Va⸗ ter Euſtach? Warum ſo ſtill?“ 1 Weil ich erſtaune, daß der Lord Abt zu St. Maria, dem zuͤngſten ſeiner Bruͤder eine ſolche Frage vorlegt. „Dem juͤngſten wohl, der Zeit des Aufent⸗ haltes bei uns nach, Bruder Euſtach, aber nicht dem juͤngſten an Jahren, oder an Erfahrung denk⸗ ich— auch Unterprior dieſes Kloſter.“ Ich erſtaune, fuhr Euſtachius fort: daß der Abt dieſes ehrwuͤrdigen Hauſes uͤberhaupt nur fragen kann, ob er das Eigenthum unſerer heiligen und goͤttlichen Herrin veraͤußern, und einem gewiſ⸗ ſenloſen, vielleicht gar ketzeriſchen, Barone die Rechte zuruͤckgeben darf, welche ſein frommer Vorfahr der Kirche uͤberlaſſen hat. Paͤbſte und Concilien verbieten dies, die Ehre der Lebenden, ſo wie das Heil der Abgeſchiedenen verbietet es gleichfalls; es kann nicht ſein! Der Gewalt, wenn er ſich deren zu bedienen wagt, muͤßten wir freilich nachgeben, allein nie duͤrfen wir darein willigen, daß die Guͤter der Kirche be⸗ raubt werden. Erhebt Euch, hochwuͤrdiger Va⸗ ter, und zweifelt nicht, daß die gute Sache ſie⸗ gen wird. Zieht das geiſtliche Schwert, und braucht es gegen den Boͤſewicht, der unſere hei⸗ ligen Rechte anzutaſten wagt. Zieht auch das weltliche Schwert, wenn es noͤthig iſt, und regt den Muth und Eifer Eurer treuen Vaſal⸗ len auf. ——— Der Abt ſeufzte aus tiefer Bruſt.„Das laͤßt ſich Alles leichter ſagen, als ausfuͤhren,“ ſagte er:„allein... Hier wurde er durch Ben⸗ net's eiliges Eintreten unterbrochen. Der Eſel, ſagte dieſer: auf den der Sakri⸗ ſtan dieſen Morgen ausgeritten, iſt in den Klo⸗ ſterſtall ganz ledig zuruͤckgekehrt, und er hat den Sattel unter dem Bauche gehabt. „Heilige Jungfrau!' rief der Abt:„unſer theurer Bruder iſt unterwegs verungluͤckt!“ Vielleicht auch nicht, ſagte Euſtachius eiligſt, laßt die Glocke ziehen, die Bruͤder Fackeln neh⸗ men, das Dorf aufregen, nach dem Fluſſe eilen, ich ſelbſt will der Erſte ſein! Der wirkliche Abt ſtand erſtaunt und ſprach⸗ los, als er auf einmal ſeine Pflicht erfuͤllt, und Alles ausgefuͤhrt ſahe, was er haͤtte anordnen ſollen, und zwar auf Befehl des juͤngſten Moͤn⸗ ches in dem Kloſter. Allein, ehe noch die Be⸗ fehle des Vater Euſtachuis, denen Riemand zu wi⸗ derſprechen wagte, ganz in Lusfuͤhrung gebracht wurden, erſchien der Sakriſtan ſelbſt, deſſen ver⸗ meinte Gefahr den ganzen Aufſtand erregt hatte. Siebentes Kapitel.) Bbend vor Angſt und Froſt, von Waſſer trie⸗ fend, und geſtuͤtzt auf den Arm des freundlichen Kloſtermuͤllers, kaum faͤhig, ein Wort hervorzu⸗ bringen, trat der Sakriſtan vor ſeinen Superiox. Nach verſchiedenen Verſuchen zu ſprechen, brachte er endlich zuerſt die Worte hervor: Wir ſchwimmen luſtig! der Mond ſcheint helt! „Schwimmen luſtig!' verſetzte der Abt voll Unwillen:„da habt Ihr eine huͤbſche Nacht zum Schwimmen gewaͤhlt, und eine ſehr paſſende Begruͤßung fuͤr Euren Obern! Unſer Bruder iſt ganz außer ſich, ſagte Euſta⸗ chius; ſprecht, Vater Philipp, was iſt Euch denn⸗ Glück zu zum Fiſchfang! fuhr der Sakriſtan fort, und verſuchte, den weh⸗ muͤthigen Ton ſeiner wunderharen Gefaͤhrtin nachzuahmen. „Gluͤck zu zum Fiſchfang!“ wiederholte der Abt immer erſtaunter und unwilliger: bei meiner Wuͤr⸗ 113 de! der Menſch iſt betrunken! und kommt noch voll von ſeinen tollen Streichen zu uns! Wenn Brod und Waſſer dieſe Narrheit curiren kann..“ Mit Eurer Erlaubniß, hochwuͤrdiger Vater! ſagte der Subprior, Waffer hat unſer Bruder genug, allein mich duͤnkt, die Verwirrung in ſei⸗ nem Geſichte ruͤhrt mehr von Schreck her, als von einem ſeines Standes unwuͤrdigen Unter⸗ fangen. Wo fandſt Du ihn denn, Happer? „Mit Euer Ehrwuͤrden Erlaubniß, ich wollte eben die Muͤhlenſchleuſe ſchließen, und da ich nun ging, die Schleuſe zu ſchließen, ſo hoͤrte ich nahe bei mir Etwas grunzen! Doch ich dachte, es waͤre etwa eines von Giles Fletcher's Schwei⸗ nen, mit Eurer Erlaubniß! denn der macht ſein Thor immer nicht zu; ſo nahm ich meinen He⸗ bel auf die Achſel, und wollte ſchon,— Heilige Jungfrau! vergieb mir!— wollte ſchon dahin ſchlagen, wo ich den Ton hoͤrte, da vernahm ich ein zweites Geheule, juſt wie das eines lebendi⸗ gen Menſchen. Da rief ich denn meine Leute, und ſiehe, es war der Vater Sakriſtan; der lag ganz naß und bewußtlos an der Wand unſers Backofens. So wie er ein wenig zu ſich ge⸗ kommen war, bat er, daß man ihn zu Euer Hoch⸗ 4 wuͤrden bringen moͤchte; unterweges dachte ich, er haͤtte den Verſtand verloren, allein hier fing er an, ein wenig vernuͤnftiger zu ſprechen.“ Gut! ſagte der Bruder Euſtach, Du haſt recht wohl gethan, Hob! doch jetzt gehe, und beſinne Dich ein ander Mal erſt, ehe Du im Dunkeln zuſchlaͤgſt!— „„Das will ich mir ſchon zur Lehre dienen laſſen,“ ſagte der Muͤller:„ich werde, ſo lang' ich lebe, keinen heiligen Mann mehr fuͤr ein Schwein halten!— Er machte eine tiefe Ver⸗ beugung und entfernte ſich. „Nun aber, da der Mann fort iſt,“ ſagte Vater Euſtaz:„willſt Du denn dem hochwuͤrdigen Superior nicht ſagen, was Dir eigentlich wider⸗ fahren iſt? Biſt Du Vino gravatus, Menſch? Nun, dann ſollſt Du in Deine Zelle gebracht werden!“ Waſſer! Waſſer! nicht Wein! murmelte der erſchoͤpfte Sakriſtan. „Iſt das Deine Klage,“ ſagte der Moͤnch: „da kann Dir Wein vielleicht helfen!“— Da⸗ mit reichte er ihm einen Becher voll dar, wel⸗ chen der Leidende ſogleich mit großem Nutzen fuͤr ſich ausleerte. 1¹5 „ 9 Laßt ihn die Kleider wechſeln, ſagte der Abt: oder bringt ihn lieber in's Krankenhaus, denn es koͤnnte unſerer Geſundheit ſchaden, wenn wir ſeine Erzaͤhlung von ihm anhoͤren wollten, wie er hier ſteht und raucht und dampft, wie eine Nebelwolke. „Ich will mir ſein Abentheuer erzaͤhlen laf⸗ ſen,“ ſagte Euſtachius:„und Euer Hochwuͤrden dann Bericht davon erſtatten.“ So fuͤhrte er denn den Sakriſtan nach ſeiner Zelle, und kehrte eine halbe Stunde darauf zum Abte zuruͤck. Wie ſteht's mit dem Vater Philipp? fragte der Abt, und wodurch gerieth er in dieſen Zuſtand? „Er kommt von Glendearg! hochwuͤrdiger Herr,“ ſagte Euſtachius:„und hat mir ein Maͤhr⸗ chen erzaͤhlt, vergleichen in dieſem Kloſter lange Zeit nicht erhoͤrt worden iſt“ Er gab nun dem Abte die Umriſſe von des Sakriſtans Abentheuer auf ſeinem Heimwege, und fuͤgte hinzu, daß er einige Zeit lang geneigt geweſen ſei, zu glauben, es ſei mit ſeinem Verſtande nicht ganz richtig, denn der Bruder Sakriſtan habe in einem Athem geſungen, gelacht und geweint. Wunderbar iſt es doch immer, ſagte der Abt: 8 116— daß es dem Satan verſtattet ward, die Hand an einen unſerer geweihten Bruͤder zu legen. „Freilich!“ ſagte Vater Euſtachius:„doch fuͤr jeden Text giebt es eine Paraphraſe; und ich habe einigen Verdacht, daß, wenn die Durchnaͤſ⸗ ſung von einem doͤſen Geiſte herruͤhrt, Vater Philipp nicht ganz ohne Schuld daran iſt.“ Wie? ſagte der Vater Abt: ich will nicht glauben, daß Du zweifelſt, dem Satan ſei in fruͤ⸗ herer Zeit verſtattet worden, auch heilige und ge⸗ weihte Menſchen zu kraͤnken, wie er den from⸗ men Hiob kraͤnkte? „Gott verhuͤte, daß ich das in Zweifel zie⸗ hen ſollte,“ erwiederte der Moͤnch ſich bekreu⸗ zend:„wenn es indeſſen eine Erklaͤrung der Ge⸗ ſchichte des Sakriſtans giebt, welche minder wun⸗ derbar iſt, ſo halt' ich es fuͤr gerathen, dieſe we⸗ nigſtens zu beachten, wenn auch nicht ſich bei ihr zu beruhigen. Nun aber hat dieſer Hob der Muͤller, eine mannſuͤchtige Tochter. Angenom⸗ men— ich ſage blos angenommen— daß unſer Sakriſtan ihr an der Furth, bei ihrer Ruͤckkehr von ihrem Onkel auf der andern Seite des Fluſ⸗ ſes, wo ſie dieſen Abend gewefen, begegnet ſey— angenommen, daß, agus Hoͤflichkeit, und um ihr 1 117 das Ausziehen von Struͤmpfen und Schuhen zu erſparen, er ſie hinter ſich habe aufſetzen laſſen— angenommen, daß er ſeine Vertraulichkeiten wei⸗ ter getrieben habe, als es das Maͤdchen zu ge⸗ ſtatten Willens geweſen— dann kann ja wohl dieſe Taufe das Reſultat davon geweſen ſeyn.“ Und er haͤtte dieſe Fabel erfunden, uns zu betruͤgen, ſagte der Superior, vor Zorn ganz roth werdend. Das muß ſtreng unterſucht werden. Va⸗ ter Philipp ſoll nicht hoffen, ſeine eigene ſchlech⸗ ten Streiche fuͤr Werke des Satans gegen uns auszugeben. Morgen ſoll das Maͤdel vor uns erſcheinen, wir wollen examiniren und beſtrafen. „Mit Euer Hochwuͤrden Erlauhniß!“ ſagte Euſtach:„das wuͤrde ſehr unklug ſein. Wie die Sachen jetzt ſtehen, lauern die Ketzer auf jedes fluͤchtige Geruͤcht, das ſich zur Beſchimpfung der Kirche benutzen laͤßt. Wir muͤſſen das Uebel aus⸗ rotten, nicht allein durch Schaͤrfung der Dis⸗ ciplin, ſondern auch dadurch, daß wir die Stimme des Aergerniſſes unterdruͤcken und beſchwichtigen. Wenn meine Vermuthungen mich nicht truͤgen, wird des Muͤllers Tochter ſchon um ihrer ſelbſt willen ſchweigen, und Euer Ehrwuͤrden Autoritaͤt kann ihrem Vater, ſo wie dem Sakriſtan, Still⸗ ſchweigen auflegen. Sollte es ſich abermals fin⸗ den, daß er Gelegenheit gaͤbe, Unehre uͤber ſei⸗ nen Orden zu bringen, ſo kann er ſtreng, aber auch heimlich beſtraft werden. Denn was ſagen die Dekretalen: Facinora ostendi dum punien- tur, flagitia autem abscondi debent.(Verbrechen muͤſſen bei der Beſtrafung geoffenbart, Schand⸗ thaten aber verborgen gehalten werden.)“ Eine lateiniſche Sentenz hatte, wie Euſtach ſchon vorher bemerkt, oft großen Einfluß auf den Abt, weil er ſie nicht ganz verſtand, und ſich doch auch ſchaͤmte, ſeine Unwiſſenheit einzugeſte⸗ hen. Auf dieſe Art ſchieden ſie fuͤr die Nacht. Am folgenden Tage befragte der Abt Boni⸗ faz den Vater Philipp ſtreng und genau uͤber die wahre Urſache ſeines Unfalls in der voryer⸗ gehenden Nacht. Der Sakriſtan beharrte feſt auf ſeine Erzaͤhlung; er wich auch nicht in ei⸗ nem Punkte davon ab, obgleich ſeine Antworten zum Theil unzuſammenhaͤngend waren, indem er immer von Zeit zu Zeit darein Stellen aus dem Geſange des Maͤdchens miſchte, welcher auf ſeine Einbildungskraft einen ſolchen Eindruck gemacht hatte, daß er ſich nicht enthalten konnte⸗ ihn wiederholentlich im Laufe des Verboͤrs nach⸗ 119 zuahmen. Der Abt hatte Mitleid mit des Sa⸗ kriſtan's unwinkuͤhrlicher Schwachheit, bei der doch etwas Uebernatuͤrliches zu ſein ſchien, und wurde endlich der Meinung, daß des Vater Eu⸗ ſtachius natuͤrlichere Erklaͤrung mehr ſcheinbar als richtig ſey. Und in der That, ob wir gleich die Geſchichte erzaͤhlt haben, wie wir ſie niederge⸗ ſchrieben fanden, ſo koͤnnen wir doch nicht un⸗ terlaſſen, hinzuzufuͤgen, daß uͤber dieſen Gegen⸗ ſtand die Meinungen im Kloſter getreunt waren, und daß einige von den Bruͤdern gute Gruͤnde zu haben glaubten, zu vermuthen, daß die ſchwarz⸗ aͤugige Muͤllerstochter doch am Ende die Ver⸗ anlaſſung des Abentheuers ſey. Man mochte die Sache indeſſen erklaͤren wie man wollte, ſo ka⸗ men doch endlich Alle darin uͤberein, daß man ſie nicht auskommen laſſen duͤrfe, weshalb denn auch der Sakriſtan, bei ſeinem Geluͤbde des Ge⸗ horſams, verpflichtet wurde, nicht weiter von ſei⸗ ner Tauchergeſchichte zu ſprechen, ein Gebot, das er um ſo lieber erfuͤllte, da er ſein Herz ſchon durch einmaliges Erzaͤhlen derſelben erleichtert hatte. Des Vater Euſtachius Aufmerkſamkeit wurde jedoch weniger durch die wunderbare Erzaͤhlung 120— des Sakriſtans gefeſſelt, als durch deſſen Erwaͤh⸗ nung des Buches, das er mit ſich aus dem Thurme von Glendearg gebracht habe. Eine Kopie der heiligen Schrift, in die Volks⸗Sprache uͤberſetzt, hatte ſonach den Weg gefunden auf das Territorium der Kirche, und war in einem der verborgenſten Winkel der Beſitzungen des Kloſters der heiligen Jungfrau entdeckt worden⸗ Mit Begierde verlangte er das Buch zu ſe⸗ hen. Alein hierinnen konnte ihm der Sakriſtan nicht willfahren, denn er hatte es, ſo viel er ſich erinnern konnte, in dem Augenblicke verlo⸗ ren, wo das uͤbernatuͤrliche Weſen, wofuͤr er es hielt, Abſchied von ihm genommen hatte. Vater Euſtach ging ſelbſt an den Ort hinab und durch⸗ ſuchte Alles genau, in Hoffnung das Buch noch zu finden, allein alle ſeine Muͤhe war umſonſt. Er kehrte daher nach der Abtei zuruͤck, und aͤu⸗ ßerte, daß es ins Waſſer gefallen ſeyn muͤſſe; „Denn ich kann nicht glauben,“ ſetzte er hinzu: „daß Vater Philipp's muſikaliſche Freundinn mit einer Kopie der heiligen Schrift davon gegangen ſei. 8 Da es, ſagte der Abt, eine ketzeriſche Ueher⸗ ſetzung etzung iſt, ſo laͤßt ſich wohl denken, daß der Sa⸗ tan Gewalt daruͤber habe. „Freilich,“ ſagte Vater Euſtachius:„iſt ſie das Hauptartilleriemagazin, wenn er hochmuͤthige und unternehmende Menſchen antreibt, ihre eigene Meinungen und Erklaͤrungen der Schrift laut werden zu laſſen; allein dieſes Mißbrauchs unge⸗ achtet, bleibt ſie doch der Quell unſers Heils, und kann dadurch eben ſo wenig an ihrem ho⸗ hen Werthe verlieren, als eine kraͤftig wirkende Arznei verachtet, oder fuͤr Gift gehalten werden darf, weil freche und unwiſſende Quackſalber ſie zum Schaden ihrer Kranken gebraucht haben. Mit Euer Hochwuͤrden Erlaubniß moͤchte ich doch, daß dieſe Sache genauer unterſucht wuͤrde. Ich ſelbſt will mich nach dem Thurme von Glende⸗ arg begeben, und da ich doch einige Stunden aͤlter bin, ſo wollen wir ſehen, ob ein Geſpenſt oder eine weiße Frau es wagen wird, auch meine Reiſe zu unterbrechen. Hab' ich Euer Hochwuͤr⸗ den Erlaubniß und Beifall?“ Das letztere aber ſagte er in einem Tone, der nur zu deutlich verrieth, daß er eben kein großes Gewicht auf beides lege. Du haſt beides, mein Bruder, verſetzte der D. Kloſter. I. F * 122 Abt; allein kaum hatte Euſtach das Zimmer ver⸗ laſſen, als Bonifaz ſich nicht enthalten konnte, gegen den Sakriſtan in den aufrichtigen Wunſch auszubrechen, daß irgend ein Geiſt, mit ſchwar⸗ zen, grauen oder weißen Haaren, dem Rathge⸗ ber eine Lektion geben moͤchte, welche ihn von ſeiner Anmaßung, ſich kluͤger als das ganze Klo⸗ ſter zu duͤnken, heilen moͤchte. Ich wuͤnſche ihm keine ſchlechtere Lektion, ſagte der Sakriſtan: als die, mit einem Geiſte hinter ſich luſtig den Fluß hinabzuſchwimmen, und zu ſehen, wie der Kelby naͤchtliche Kraͤhen und Eulen ihn umſchwaͤrmen und nach ihm hacken. Wir ſchwimmen luſtig in des Mondſcheins Pracht! Glück zu zum Fiſchfang, wen erharrt ihr die Nacht? „Bruder Philipp, ſagte der Abt:„wir er⸗ mahnen Dich, Deine Gebete zu verrichten, Dich zu faſſen, und den thoͤrichten Sang ganz aus Deiner Seele zu verhannen; es iſt jg nur ein Trug des Boͤſen!'— Ich will's verſuchen, hochwuͤrdiger Vater, verſetzte der Sakriſtan: aber der Ton haͤngt mir ſo feſt im Gedaͤchtniſſe, wie eine Klette in eines 123 Bettlers Lumpen; er vermiſcht ſich mit dem Pſalter, ſelbſt die Glocken des Kloſters ſcheinen die Worte zu widerholen und in den Ton ein⸗ zuſtimmen. Ja, wolltet Ihr mich in dieſem Au⸗ genblicke toͤdten, ich glaube, ich muͤßte ſingen: Wir ſchwimmen luſtig u. ſ. w. es iſt gerade, als waͤre ich behert. Hierauf begann er wieder zu murmeln: Glück zu zum Fiſchzug! und indem er ſich mit Muͤhe im Lauf des Stuͤcks unterbrach, rief er aus:'s iſt gewiß, ich bin ein verlorner Prieſter! Wir ſchwimmen lu⸗ ſtig! das werd' ich ſelbſt in der Meſſe ſingen. Weh! Weh mir, vielleicht auch mein ganzes uͤbri⸗ ges Leben lang, ohne dieſen Ton je los werden zu koͤnnen! Der hochwuͤrdige Abt erwiederte: er kenne manchen guten Menſchen in gleicher Lage, und ſchloß ſeine Bemerkung mit einem ho! ho! ho! denn ſeine Hochwuͤrden waren, wie der Leſer zum Theil wohl bemerkt haben wird, einer von jenen ſtumpfſinnigen Meuſchen, welche gern uͤber ſich ſelbſt lachen.. Der Sakriſtan, wohl hekannt mit des Su⸗ F 2 124 periors Laune, verſuchte es, in das Lachen ein⸗ zuſtimmen, allein der ungluͤckliche Geſang kam ihm immer dazwiſchen, und unterbrach die Hei⸗ terkeit ſeines gewoͤhnlichen Echo's. „Aber, Bruder Philipp,“ ſagte der Abt ziem⸗ lich aufgebracht:„Ihr werdet nun faſt unaus⸗ ſtehlich! und ich bin uͤberzeugt, daß ſolch eine Hexerei uͤber eine kirchliche Perſon und in einem kirchlichen Hauſe nicht Statt haben kann, wenn die Perſon nicht in einer Todſuͤnde befangen iſt. Sprich daher die ſieben Bußpſalmen, brauche fleißig die Geiſſel und das haͤrene Kleid, enthalte Dich drei Tage lang aller Nahrung, außer Brod und Waſſer, ich ſelbſt will Dich Beichte hoͤren, und da wollen wir doch ſehen, ob der ſingende Teufel nicht ausgetrieben werden ſoll, wenig⸗ ſtens denk' ich, Bruder Euſtachius ſelbſt koͤnnte keinen beſſern Exorcism erfinden.“ Der Sakriſtan ſeufzte aus tiefer Bruſt, wußte aber, das Gegenvorſtellungen hier vergeblich waͤ⸗ ren. Er zog ſich daher in ſeine Zelle zuruͤck, um zu verſuchen, ob die Pfalmen im Stande waͤren, die Toͤne zu verſcheuchen, die ſo feſt in ſeinem Gedaͤchtniſſe hafteten. Unterdeſſen war Vater Euſtachius auf ſeinem — 1 125 Wege nach dem einſamen Thale von Glendearg bis zur Zugbruͤcke gekommen. In einer kurzen Unterredung mit dem ungeſchliffenen Waͤchter war er ſo geſchickt, ihn in der Streitigkeit zwi⸗ ſchen ihm und dem Kloſter ſchon nachgebender zu machen. Er erinnerte ihn, daß ſein Vater ein Vaſall der Bruͤderſchaft geweſen, daß ſein Bruder kinderlos ſei, und daß deſſen Guͤter bei ſeinem Tode an die Kirche zuruͤckfallen wuͤrden, und dann entweder ihm, dem Waͤchter, verliehen, oder— wie die Sachen jetzt zwiſchen ihnen ſtaͤn⸗ den— von dem Abte einem andern Beguͤnſtig⸗ tern zu Theil werden koͤnnten. Der Subprior ließ ihn alſo die nothwendige Verbindung des Vortheils zwiſchen dem Kloſter und dem Dienſte erblicken, den er jetzt bekleidete. Er hoͤrte ſeine rohen Antworten mit Geduld an, und indeß er ihm ſtets ſeinen eigenen Vortheil in der Ferne zeigte, hatte er die Zufriedenheit, zu bemerken, wie der Ton des Mannes immer milder wurde, und dieſer endlich verſprach, jeden Pilger, der zu Fuß komme, frei von aller Abgabe bis zum naͤchſten Pfingſten paſſiren zu laſſen; die, welche zu Pferde oder auf andere Weiſe reiſeten, ſoll⸗ ten allein die gewoͤhnliche Abgabe zahlen. 126 Nachdem Vater Euſtachius eine Angelegenheit geſchlichtet hatte, wobei das Heil des Kloſters ſo ſehr intereſſirt war, ſetzte er ſeine Reiſe kort. 127 Achtes Kapitek, Ei November⸗Rebel hatte ſich uͤber das kleine Thal gebreitet, durch welches der Moͤnch Enſtach langſamen aber feſten Schrittes dahin ritt. Er war nicht unempfaͤngkich gegen die Gefuͤhle der Schwermuth, die durch die Jahreszeit und die Umgebungen erweckt wurden. Der Stronm ſchien in tiefen und gedaͤmpften Aecorden zu murmeln, gleich als betraure er den Abſchied des Herbſtes. unter den zerſtreuten Gebuͤſchen, womit hier und da das ufer bedeckt war, hatten die Eichen allein das blaſſe Gruͤn noch behalten, welches der rothselben Farbe der Blaͤtter vorauszugehen pflegt. Die Blaͤtter der Weiden hingegen waren mei⸗ ſtens von den Zweigen abgeſtreift und lagen am Boden, ein Spiel jedes Luͤftchens und aufgeſtoͤrt durch jeden Tritt des Maulthiers; die uͤbrigen Baͤume waren zwar vor der Hand noch im Be⸗ ſitz ihres Blaͤtterſchmucks, allein jeder Windhauch drohte, ihnen denſelben zu entreißen. 128 Der Moͤnch verſank in jenes tiefe Sinnen und Nachdenken, welches dieſe herbſtlichen Em⸗ bleme menſchlicher Hoffnungen beſonders zu erre⸗ gen geſchickt ſind.„Hier!“ ſagte er, mit einem Blicke auf die Blaͤtter, die zerſtreut umher la⸗ gen:„hier liegen die Hoffnungen der erſten Ju⸗ gend; ſie ſchimmern ſo reizend im Fruͤhlinge, um deſto veraͤchtlicher zu werden im Winter; aber ihr, ihr Zauderer!“ ſetzte er hinzu, indem er auf eine Gruppe von Buchen hinſchaute, welche noch immer ihr verwittertes Laub trugen:„ihr gleicht den ſtolzen Planen des kuͤhnern Mannes, ſpaͤter gebildet, aber feſt noch bleibend im Ge⸗ muͤthe des Greiſes, bis er zuletzt auch ihre Ei⸗ telkeit erkennt. Nichts, nichts dauert! nichts als die Blaͤtter der harten Eiche, welche erſt dann hervorbrechen, wann die uͤbrigen Baͤume des Waldes ſchon halb ihre Sommerzeit vollendet haben. Doch auch ſie ſind welk und duͤrr, wenn ſie ſchon noch Spuren der Lebenskraft ahnen laſſen. So auch Du, Vater Euſtach! Die glaͤnzen⸗ den Hoffnungen meiner Jugend habe ich unter die Fuͤße getreten, wie dieſe rauſchenden Blaͤt⸗ ter; nach den ſtolzern Traͤumen meiner maͤnnli⸗ chen Jahre ſchaue ich zuruͤck, wie nach luftigen — 5 — —— —.,—— Schattenbildern, deren Glanz und Weſen laͤngſt entſchwunden iſt; aber meine religidſen Geluͤbde, die Treue, die ich der Kirche in ſpaͤtern Alter gelobt habe, ſollen Leben behalten, ſo lange Eu⸗ ſtach ſelbſt lebt. Gefaͤhrlich mag es fein, aber dennoch ſoll feſt in mir der Entſchluß beſte⸗ hen, der Kirche zu dienen, deren Glied ich bin, und die Ketzerei zu bekaͤmpfen, von der ſie bedroht wird.“ So ſprach, ſo dachte wenigſtens ein Mann, voller Eifer nach dem Maaße ſeiner unvollkommenen Einſicht, der aber das wahre Intereſſe der Chriſtenheit mit den ausſchweifen⸗ den Anmaßungen einer kirchlichen Parthei ver⸗ wechſelte und ihre Sache mit einem Eifer ver⸗ theidigte, der eines beſſern Gegenſtandes werth geweſen waͤre. Waͤhrend er ſo, in Nachdenken verſunken, wei⸗ ter ritt, konnte er ſich nicht enthalten, mehr als einmal zu glauben, er ſehe auf ſeinem Wege die Geſtalt eines weiblichen Weſens vor ſich, in wei⸗ ßer Kleidung, und in der Stellung einer Kla⸗ genden. Allein es war nur ein voruͤbergehen⸗ der Eindruck, und wenn er feſt nach dem Punkte hinſchaute, wo er die Geſtalt zu bemerken glaub⸗ 4 430 te, fand er, daß er ſich durch einen andern Ge⸗ genſtand hatte taͤuſchen laſſen.“ Vater Euſtachius hatte zu lange in Rom ge⸗ lebt, um die aberglaͤubiſchen Vorſtellungen der Unwiſſendſten der ſchottiſchen Geiſtlichkeit theilen zu koͤnnen; indeſſen fand er es doch ſeltſam, daß die Fabel des Sakriſtans einen ſo tiefen Eindruck auf ſein Gemuͤth gemacht habe.„Wunderbar!” ſagte erzu ſich ſelbſt:„daß dieſe Geſchichte— ohne Zweifel bloß eine Erfindung des Bruders Phi⸗ lipp, ſein ungeſchicktes Benehmen zu bemaͤnteln— mir ſo in dem Kopfe herumgeht, und mich in ernſthaftern Betrachtungen ſtoͤrt. Ich habe doch ſonſt mehr Herrſchaft uͤber meine Sinne. Ich will nur meine Gebete wiederholen, und ſolche thoͤrichte Dinge aus meinem Gedaͤchtniſſe ver⸗ bannen.“ 3 Der Moͤnch begann nun, in Gemaͤßheit ſei⸗ ner Ordensregel, andachtsvoll ſeine Gebete zu ſprechen, und wurde weiter nicht durch die Traͤume ſeiner Einbildungskraft unterbrochen, bis er ſich unter den Mauern der kleinen Feſtung von Glen⸗ dearg befand. Dame Glendinning, welche gerade am Thore ſtand, ſtieß einen Schrei des Erſtaunens und der — —— 131 Freude aus, als ſie den guten Vater erblickte. „Martin!“ rief ſie:„Kaſper! wo iſt denn das Volk? Helft doch dem ehrwuͤrdigen Herrn Sub⸗ prior abſteigen, und nehmt ihm den Eſel ab!— O! beſter Vater! Gott hat Sie uns in unſerer Noth geſendet! Eben war ich im Begriff, einen Mann zu Pferde nach dem Kloſter zu ſchicken, ob ich mich gleich ſchaͤmen mußte, Euer Ehrwuͤr⸗. den ſo viel Beſchwerde zu verurſachen.“ Unſere Beſchwerde kommt nicht in Rech⸗ nung, gute Frau, ſagte Vater Euſtachius: worinnen kann ich Euch denn dienen? ich kam eigentlich hierher, um die Lady von Avenel zu beſuchen. „Schoͤn!“ ſagte Dame Elspeth:„und eben ih⸗ rentwegen wollte ich mir die Freiheit nehmen, Euch rufen zu laſſen, denn die gute Lady wird ſchwerlich den heutigen Tag uͤberleben. Wolltet ihr Euch gefaͤlligſt in ihr Gemach begeben?“ Hat ſie denn nicht bei Vater Philipp ge⸗ beichtet? fragte der Moͤnch. „Allerdings!“ verſetzte die Frau von Glende⸗ arg:„aber ich wuͤnſchte doch, es waͤre eine recht vollſtaͤndige Beichte geweſen; mich duͤnkt, Vater Philipp ſahe recht wunderlich nachher aus, auch nahm er ein Buch mit ſich weg, das„ Hier 132— hielt ſie inne, gleich als wollte ſie nicht weiter ſprechen. Sprecht weiter, Dame Glendinning, ſagte der Vater: gegen uns duͤrft Ihr kein Geheim⸗ niß haben. 3„Ei! ich will auch Euer Ehrwuͤrden ganz und gar nichts vorenthalten; allein ich fuͤrchte, ich moͤchte die Lady um Eure gute Meinung bringen, und doch iſt ſie eine treffliche Frau. Monathe und Jahre hat ſie nun ſchon in dem Thurme hier gewohnt, und ſich ſtets hoͤchſt mu⸗ ſterhaft betragen, aber in dieſer Angelegenheit wird ſie ſich ohne Zweifel ſelbſt gegen Euer Ehr⸗ wuͤrden erklaͤren.“ Ich wuͤnſchte aber doch, es zuerſt von Euch zu erfahren, Dame Glendinning, ſagte der Moͤnch: ich wiederhole es nochmals, es iſt Eure Phicht, mir Alles zu ſagen. „Das Buch, welches Vater Philipp, von Glendearg mit ſich nahm, iſt uns dieſen Mor⸗ gen auf eine ſeltſame Weiſe wieder zugebracht worden!“ ſagte das gute Weib. Wieder zugebracht? Wie denn? fragte der Noͤnch. „Das moͤgen die Heiligen wiſſen! Genug, — —— 133 wir haben es wieder. Der alte Martin, der mir fuͤr Taglohn arbeitet, und der Lady Diener iſt, trieb die Kuͤhe auf die Weide— denn wir haben drei Stuͤck gute Milchkuͤhe, ehrwuͤrdiger Vater, Dank ſei es dem heiligen Kloſter und dem hei⸗ ligen Waldaf.“ Der Moͤnch ſeufzte vor Ungeduld; allein er bedachte, daß ein Weib, von der Natur dieſer Frau, einem Kreiſel gleicht, der, wenn man ihn unberuͤhrt laufen laͤßt, endlich doch zum Stehen kommt; treibt man ihn aber durch Peitſchen an, ſeiner Schwingungen kein Ende zu finden vermag. „Aber um der Kuͤhe nicht weiter zu geden⸗ ken, ehrwaͤrdiger Herr, ob ſie gleich Vieh ſind, wie es nur irgend Jemand zum Stalle getrieben hat, ſo ſage ich nur: der Tagelbhner trieb ſie aus, und die Buben, nehmlich mein Halbert und mein Eduard, die Euer Ehrwuͤrden an Feſttagen in der Kirche geſehen haben, und vorzuͤglich der Halbert— Sie haben ihm ja die Haͤnde aufs Haupt gelegt, und das Bild vom heil. Curhbert geſchenkt, das er immer bei ſich traͤgt— ſo wie die kleine Maria Aveuel, nehmlich die Tochter der Lady, die Alle rannten denn hinter dem Viehe her, und tummelten ſich auf dem Weide⸗ 154 platze herum, wie es ſolch junges Volk zu machen pflegt. Endlich verloren ſie den Martin und die Kuͤhe aus dem Geſichte, und da liefen ſie denn auf eine kleine Anhoͤhe, wo ſich eine Art von Brunnen beſindet, und hier erblickten ſie— Gott ſchuͤtze uns!— eine weiße Frau, die die Haͤnde ringend, an der Seite des Brunnens ſaß. Alle waren erſchrocken, das fremde Weib hier ſitzen zu ſehen, aber Halbert, der auf Pfingſten ſechs⸗ zehn Jahr wird, und ſonſt immer ſehr unerſchro⸗ cken iſt, wollte ſich naͤher an ſie heranwagen, ſiehe! da war ſie fort!» Schaͤmt Euch, gute Frau! ſagte Vater Eu⸗ ſtachius, ein Weib von Eurem Verſtande, und ſolche Maͤhrchen zu glauben; das junge Volk hat Euch eine Luͤge aufgeheftet, weiter nichts! „Nein, Herr! es war Etwas mehr,“ ſagte die gute Alte:„denn außerdem, daß ſie mich in meinem Leben nicht belogen haben, muß ich Euch ſagen, daß ſie an derſelben Stelle, wo die weiße Frau geſeſſen, das Buch der Lady Avenel fanden, und es hierauf in den Thurm zuruͤck brachten.“ Das iſt wenigſtens bemerkenswerth, ſagte der Moͤnch: iſt Euch keine andere Copie dieſes Buchs innerhalb dieſer Mauern bekannt? „Nein! ehrwuͤrdiger Herr,“ verſetzte Els⸗ peth:„was ſollte es auch hier, es kann ja Nie⸗ mand leſen.“ Alſo ſeid Ihr gewiß, daß dies das nehm⸗ liche Buch iſt, welches Ihr dem Vater Philipp gegeben? fragte der Moͤnch. „So gewiß, als ich es bin, daß ich jetzt mit Euer Ehrwuͤrden ſpreche.“ Sonderbar! ſehr ſonderbar! ſagte der Moͤnch, und ſchritt in nachdenkender Stellung in dem Gemache auf und ab⸗. „Ich habe ordentlich auf Kohlen geſtanden, zu hoͤren, was Euer Ehrwuͤrden dazu ſagen wuͤr⸗ den,“ fuhr Dame Glendinning fort.„Ach! ich wollte gern alles moͤgliche fuͤr die Lady von Avenel und ihre Familie thun, wie ich's denn auch bewieſen habe, auch wohl fuͤr ihre Dienſt⸗ leute, Martin und die Tibb, wenn gleich die Tibb nicht immer ſo boͤflich iſt, als ich wohl er⸗ warten duͤrfte; allein ich kann mir's doch nicht recht angenehm denken, Engel oder Geiſter, oder Feen oder dergleichen als Aufwartung einer Dame zu ſehen, wenn ſie ſich im Hauſe einer andern 136 Frau befindet; es macht Einem keinen guten Ruf! Ueberdies muß ich geſtehen, daß mir ganz unheimlich zu Muthe wird, wenn ich ſolche wunderliche Geſchoͤpfe um mich wiſſen ſollte. Den Buben hab' ich ſogleich rothe Baͤnder um den Hals gebunden, jedem auch ein Stuͤckchen von dem Eſchenbaume in die Jacke genaͤht.— Sagen ſie ſelbſt, ehrwuͤrdiger Herr, kann ein ehrliches Weib mehr thun, wenn ſie mit Gei⸗ ſtern und Feen zu ſchaffen hat?”“ Dame Glendinning! ſagte der Moͤnch ein wenig abgebrochen, als jeue ihre Erzaͤhlung be⸗ endigt hatte: Kennt Ihr etwa die Muͤllers⸗Toch⸗ ter? 4 „Kate Happer?“ verſetzte die Wittwe:„ja wohl, wie der Bettler ſeinen Sack kennt, es war eine garſtige Vettel vor ohngefaͤhr zwanzig Jahren!“— Das kann die nicht ſein, die ich meine! ſagte Vater Eußtachius: die, nach der ich frage, iſt kaum funfzehn Jahr, ein ſchwarzaͤugiges Maͤdel. Ihr muͤßt ſie in der Kirche geſehen haben!— „Euer Ehrwuͤrden koͤnnen Recht haben, 8 iſt gewiß meines Gevatters Nichte, von der Ihr ſprecht; ich bin aber zu andaͤchtig in der Meſſe, — 137 als daß ich wiſſen ſollte, ob die jungen Dirnen ſchwarze oder graue Augen haben.“ Vielleicht aber kennt Ihr doch ihre gewoͤhn⸗ liche Kleidung? fragte er. 4 „Ach ja, ehrwuͤrdiger Vater,“ erwiederte die Frau ziemlich ſchnell:„das Maͤdel traͤgt immer einen weißen Rock, vermuthlich damit man den Muͤllerſtaub nicht ſehen ſoll, und dazu noch eine blaue Kappe, die ſie aber erſparen koͤnnte,'s iſt bloß Stolz!“ Nun, doͤnnte es denn alſo nicht dieſe ſeyn, ſagte der Pater: die das Buch zuruͤckgebracht, und ſich dann fortbegeben hat, als ihr die Kin⸗ der ſich naͤhern wollten? Die Frau ſchwieg, und wollte nicht gern die von dem Moͤnch vorgebrachte Erklaͤrung beſtrei⸗ ten, allein ſie konnte doch auch gar nicht begrei⸗ fen, warum ſich das Muͤllermaͤdchen ſo weit von Hauſe, in einen ſo abgelegenen Winkel gewagt haben ſollte, bloß um ein altes Buch drei Kin⸗ dern zu bringen, vor denen ſie ſich dann verbor⸗ gen zu halten gewuͤnſcht haͤtte. Ueberdies ſehe ſie nicht ein, warum beſagtes Maͤdchen aus der Muͤhle, da ſie in der Familie bekannt war, und die Dame Glendinning immer ihr Mahlgeld und andere Gebuͤhren ordentlich bezahlt hatte, nicht ein wenig hereingekommen ſey, etwas genoſſen, und die Neuigkeiten vom Waſſer erzaͤhlt haben ſollte. Dieſe Einwendungen uͤberzeugten den Moͤnch aber auch, daß ſeine Vermuthungen nicht un⸗ gegruͤndet waͤren. Frau! ſagte er: Ihr muͤßt vorſichtig ſeyn in dem, was Ihr ſagt! Das iſt ein Beiſpiel— und ich wollte, es waͤre das ein⸗ zige— von der Macht des Boͤſen in dieſer Zeit. Die Sache muß mit ſorgſamer Hand geſichtet werden.. „Ja, ia,“ ſagte Elspeth, indem ſie verſuchte, in die Ideen des Unterpriors einzugehen:„ich habe oft gedacht, daß das Muͤllervolk in der Kloſtermuͤhle nicht ſo gar gewiſſenhaft in der Sichtung und dem Beuteln unſers Mehles iſt, manche Leute ſagen ſogar, daß ſie Aſche unter das Mehl anderer Chriſtenleute miſchen.“ Das wollen wir hernach unterſuchen, ſagte der Unterprior, indem er es nicht ungern ſahe, daß die Frau ſich auf einer ſoichen Spur befand. Jetzt will ich mit Eurer Erlaubniß die Lady be⸗ ſuchen, geht zu ihr, und bereitet ſie erſt auf meinen Beſuch vor. —— 139 Dame Glendinning verließ das untere Ge⸗ mach, worinnen der Moͤnch in aͤngſtlichen Be⸗ trachtungen auf und ab ging, uͤberlegend, wie er am beſten und mit ſo viel Menſchlichkeit und Wirkung als moͤglich, das ihm obliegende bedeu⸗ tende Geſchaͤft vollbringen moͤchte. Er beſchloß, ſich dem Bette der Kranken mit Vorwuͤrfen zu naͤhern, jedoch gemildert durch Ruͤckſicht auf ihre Lage, und ſich, im Fall des Widerſpruchs von ihrer Seite, wozu ſie wohl durch die Beiſpiele hartnaͤckiger Ketzer ermuthigt werden koͤnnte, auf Beantwortung der gewoͤhnlichen Zweifel gefaßt zu machen. Alſo mit Eifer geruͤſtet gegen ihr unberufenes Einmiſchen in das prieſterliche Ge⸗ ſchaͤft, durch das Studiren der heiligen Schrift, wollte er Alles, was die neue ketzeriſche Schule gegen ihn aufbringen koͤnnte, widerlegen; dieſe Widerlegung ſollte die Streitende der Gnade des Beichtvaters uͤberliefern, und die heilſame, aber ernſte Ermahnung, die er, unter Androhung der Verweigerung des letzten Troſtes der Religion, der Reuigen zu geben gedachte, wollte er mit der Auffoderung verbinden, daß ſie ihm Alles entdecken ſollte, was ſie von dem dunkeln Ge⸗ heimniſſe wiſſe, wodurch ſich die Ketzerei bis in 140 den verborgenſten Winkel der Beſitzungen der Kirche ſelbſt verbreitet hotte; welche Helfershel⸗ fer man gebraucht habe, um das Buch, das die Kirche an den Orten, von denen ſie die Ketzerei ſo eifrig abzuhalten geſucht, ausdruͤcklich verbo⸗ ten habe, dahin zuruͤckzubringen, und wer, durch Aufmunterung des kuͤhnen und unheiligen Dur⸗ ſtes nach verbotener Erkenntniß, den Seelenraͤu⸗ ber ermuthigt haben moͤchte, ſeine alte Lockſpeiſe der Ehrſucht und des eitlen Ruhms abermals mit Wirkſamkeit zu gebrauchen. Viel von dieſer wohlausgedachten Rede ging indeß dem guten Vater verloren, als Elspeth mit thraͤnenden Augen zuruͤckkehrte, und faſt au⸗ ßer Faſſung ihn bat, ihr ſogleich zu folgen. „Wie?“ ſagte der Moͤnch:„iſt denn ihr Ende ſo nahe? Nun, wenn der Menſch des Troſtes bedarf, dann darf die Kirche nicht erſchuͤttern oder kraͤnken wollen...“ und aller ſeiner Polemik vergeſſeud, eilte der gute Unterprior nach dem kleinen Gemache, wo auf dem elenden Bette, welches die Wittwe Walters von Avenel einge⸗ nommen, ſeit ſie ſich in dem Thurme von Glen⸗ dearg befand, ſie ſo eben dem Schoͤpfer ihren Geiſt zuruͤckgegeben hatte. 8 —— 141 „Mein Gott!“ ſagte der kinterprior:„ ſo waͤre ſie durch mein unſeliges Zandern ohne den Troſt der Kirche aus der Welt gegangen? Seht doch nach! Frau,“ rief er dringender:„iſt denn nicht ein Funke Lebens mehr in ihr? Sollte ſie nicht auf einen Augenblick koͤnnen wieder zu ſich gebracht werden? Wenn ſie nur durch ein ſchwa⸗ ches Wort oder Zeichen ihre Theilnahme an dem nothwendigen Bußgebete ausdruͤcken koͤnnte! Ath⸗ met ſie denn wirklich nicht mehr? Wißt Ihr das gewiß?“ Sie wird nie mehr athmen, ſagte die Ma⸗ trone, o! das arme vaterloſe, nun auch mutter⸗ loſe Maͤdchen! Ach! welche freundliche Gefaͤhr⸗ tin hatte ich die wenigen Jahre an ihr, und ich ſoll ſie nie wiederſehen!! Doch, ſie iſt gewiß im Himmel, wenn jemals ein Weib dahin gekom⸗ men iſt. Denn ein beſſeres Geſchoͤpf... „Wehe, wehe mir!“ ſagte der gute Moͤnch: „wenn ſie nicht dahin gekommen iſt— wehe dem unbedachtſamen Schaͤfer, der den Wolf ein Schaaf von ſeiner Heerde entfuͤhren ließ, indeß er ſeine Waffen ſchmuͤckte und putzte, um das Unthier zu bekaͤmpfen! O! wenn in dem langen Jenſeits der arme Geiſt etwas Anderes als Heil finden 142 ſollte, was haͤtte mein Verzug gekoſtet? Nichts geringeres als eine unſterbliche Seele!“ Dann trat er naͤher zu dem Leichnam hinzu, voller Gewiſſensbiſſe, die einem ſo guten Men⸗ ſchen ſeines Glaubens natuͤrlich waren. Ach!⸗ ſagte er, indem er auf den blaſſen Koͤrper blick⸗ te, von dem der Geiſt ſo ſtill und ſanft geſchie⸗ den war, daß er noch auf den duͤnnen blauen Lippen ein Laͤcheln zuruͤckgelaſſen hatte, und auf dem Angeſichte keine Spur gewaltſamer Verzer⸗ rung zu bemerken war—„Ach! da liegt nun der entblaͤtterte Baum, und wie er fiel, bleibt er liegen! Schrecklicher Gedanke fuͤr mich, wenn ihn meine Nachlaͤſſigkeit in uͤbler Richtung haͤtte fallen laſſen!“ Er beſchwur dann die Frau Glen⸗ dinnig, ihm Alles mitzutheilen, was ihr von dem gewoͤhnlichen Betragen und den Sitten der Verſtorbenen bekannt ſey. Alles gereichte dieſer zur Ehre, denn ihre Gefaͤhrtin, welche ſie ſchon bei Lebzeiten nicht wenig bewunderte, wenn auch zuweilen die Ei⸗ ferſucht rege wurde, vergoͤtterte ſie nach dem Tode⸗ und fand keine Lobeserhebung zu groß, um ihr Andenken damit zu ſchmuͤcken. und in der That, obgleich die Lady von —— 143 Avenel fuͤr ſich einige der, von der roͤmiſchen Kirche angenommenen, Lehren bezweifeln mochte, und ob ſie ſchon vermuthlich im Geheim von dem verderbten Syſtem des Chriſtenthums zu dem Buche ſelbſt ſich gewandt hatte, worauf das wahre ſich gruͤndet, ſo hatte ſie doch den Dienſt der Kirche redlich beobachtet, und ihre Zweifel nicht ſo weit erſtreckt, daß alle Gemeinſchaft mit derſelben aufgeloͤſt worden waͤre. Das war auch gewiß die Meinung der erſten Reformatoren, die, wenigſtens eine Zeit lang, nichts weniger beab⸗ ſichtigt haben, als eine Trennung der Kirche, wenn nicht des Pabſtes Heftigkeit ſie unvermeid⸗ lich gemacht haͤtte. Vater Euſtach achtete, bei der gegenwaͤrtigen Gelegenheit, ſehr genau auf Alles, was ihm die Ueberzeugung gewaͤhren konnte, die Lady ſei in den Hauptpunkten nicht von dem rechten Glau⸗ ben abgewichen, denn ſein Gewiſſen konnte ſich wegen der Zoͤgerung, die er bewieſen, wo ſeine Gegenwart ſo dringend nothwendig geweſen waͤ⸗ e, gar nicht beruhigen. „Wenn Du,“ ſagte er, zu dem Leichnam ſich wendend:„frei biſt von den haͤrteſten Strafen, welche die Anhaͤnger falſcher Lehren treffen, wenn 144— Du nur einige Zeit leideſt, um Fehler zu buͤßen, die Du im Leben begingſt, ohne Dich einer Tod⸗ ſuͤnde ſchuldig gemacht zu haben, dann fuͤrchte nicht, daß Dein Aufenthalt lang ſeyn wird in den Regionen der Strafe, zu denen Du viel⸗ leicht verdammt biſt.— Wenn Wachen, Meſſe⸗ leſen, Buͤßungen, Kaſteiung meines Koͤrpers bis zur voͤlligen Abzehrung, Deine Erloͤſung bewir⸗ ken koͤnnen, dann ſollſt Du nicht lange dulden. Die heilige Kirche, unſre gebenedeiete Schutz⸗ frau ſelbſt, wird ſich fuͤr eine Seele verwenden, deren Irrthuͤmer durch ſo viel Tugenden aufge⸗ wogen werden. Laßt mich hier arn Bette, Frau! Hier will ich die Pflichten erfuͤllen, welche der traurige Fall erfodert.“ Elspeth verließ den Moͤnch, der ſich nun in gluͤhenden, wenn auch mißverſtandenen, Gebeten fuͤr das Heil der entflohenen Seele ergoß. Eine Stunde ohngefaͤhr verweilte er in dem Gemache der Todten, dann kehrte er in die Halle zuruͤck, wo er die Freundin der Verſtorbenen noch im⸗ mer in Thraͤnen fand⸗ Allein man wuͤrde der Gaſtfreundſchaft der Miß Elspeth Glendinning Unrecht thun, wenn man glauben wollte, ſie habe in der ganzen Zwi⸗ ſchen⸗ . — 145 ſchenzeit nur geweint, oder waͤre durch ihren Gram und Schmerz ſo gaͤnzlich von Allem ab⸗ gezogen worden, daß ſie nicht einmal die Rechte des heiligen Beſuchs haͤtte ehren ſollen, da der Beichtvater Unterprior und in allen geiſtlichen und weltlichen Beziehungen fuͤr die Vaſal⸗ len des Kloſters eine hoͤchſt bedeutende Per⸗ ſon war. Das Gerſtenbrodt war geröſtet, das beſte Faͤß⸗ chen des ſelbſt gebrauten Bieres angezapft, und die beſte Butter nebſt dem ſchmackhafteſten Kaͤſe auf den Tiſch geſetzt, ehe ſie ſich ihrem Kummer und Schmerze ganz hingab. Nun erſt, nachdem der Tiſch reinlich und nett geordnet war, ſetzte ſie ſich an den Kamin, zog ſich ihre alte Muͤtze uͤber den Kopf, und ließ den Thraͤnen und Seuf⸗ zern freien Lauf. In dem Allen war nicht die mindeſte Affektation oder Grimaſſe. Die gute Dame hielt die Pflicht der Bewirthung, beſon⸗ ders wenn ein Moͤnch den Beſuch machte, faͤr der wichtigſten eine, und erſt, wann dieſe gewiſ⸗ ſenhaft erfuͤllt war, mochte ſie ſich dem Schmerze um ihre verlorene Freundin hingeben. Als ſie den eintretenden Subprior bemerkte, ſtand ſie mit gleicher Aufmerkſamkeit auf, ihn D. Kloſter. I. G 146 zu empfangen; allein er lehnte alle Anerbietungen der Gaſtfreundſchaft ab, und weder die Butter, ſo gelb wie Gold und die beſte, welche, wie ſie verſicherte, auf den Guͤtern des Kloſters bereitet werde, noch das Gerſtenbrod, das, nach ihrem Ausdruck, die verſtorbene Heilige— Gott hab' ſie ſelig— ſo gut gefunden hatte, noch auch das Bier und andere Trefflichkeiten, welche der ar⸗ men Elspeth Speiſekammer hergab, vermochte des Subpriors Eßluſt zu erregen. „Heut,“ ſagte er:„darf ich bis nach Son⸗ nenuntergang keine Speiſe anruͤhren, gluͤcklich ge⸗ nug, wenn ich dadurch meine eigene Nachlaͤſſig⸗ keit abbuͤßen kann, gluͤcklicher noch, wenn ſo ge⸗ ringes Dulden, in Reinheit des Herzens unter⸗ nommen, der Seele der Verſtorbenen nuͤtzlich werden kann. Doch, Dame,“” ſetzte er hinzu:„darf ich in meiner Sorge um die Todte, des Lebens nicht ſo ganz vergeſſen, daß ich das Buch zu⸗ ruͤckließe, das fuͤr den Unwiſſenden gerade das iſt⸗ was fuͤr unſere erſten Eltern der Baum des Er⸗ kenntniſſes war,— trefflich zwar an ſich ſelbſt, aber ſchaͤdlich dann, wann es von denen ge⸗ braucht wird, denen es verboten iſt.“ O! gern, ſagte die Wittwe Simon Glen⸗ 147 dinnings, will ich Euch das Buch geben, wenn ich es nur von den Kindern erhalten kann; doch die armen Dinger ſind ſo bekuͤmmert, daß man ihnen das Herz aus dem Leibe nehmen koͤnnte, ſie merkten's nicht. „So gebt ihnen dafuͤr dieſes Meßbuch, liebe Frau,“ ſagte der Pater, und zog ein's aus der Taſche, welches mit Malereien recht artig ver⸗ ziert war;„ich komme ſelbſt einmal wieder, oder ſende einen Bruder, der ihnen die Bedeutung der Bilder erklaͤren ſoll.⸗ Ei! die ſchoͤnen Bilder, ſagte die Frau Glen⸗ dinning, indem ſie einen Augenblick ihren Kum⸗ mer uͤber der Bewunderung derſelben vergaß: ich will wohl wetten, das iſt eine ganz andere Art von Buͤchern, als das der armen Lady von Avenel. Wie gluͤcklich koͤnnten wir vielleicht heute ſeyn, wenn Euer Ehrwuͤrden, ſtatt des Va⸗ ter Philipp, geſtern den Weg ins Thal gemacht haͤtten, obgleich der Sakriſtan auch ein maͤchti⸗ ger Mann iſt, und ſpricht, als wenn er das Haus fortſchleudern koͤnnte wenn ſeine Mauern nicht ſo feſt waͤren. Aber dafuͤr haben Simon's Vorfahren ſchon geſorgt. G 2 Der Moͤnch befahl, ſeinen Eſel vorzufuͤhren, und ſchickte ſich zum Abſchiede an. Die gute Frau hielt ihn aber noch mit Fragen uͤber das Leichenbegaͤngniß auf, als ein vollſtaͤndig bee: waffneter Reuter in den kleinen Hof einritt, deer den Thurm von Glendearg umgab. 149 Nenntes Kaypitel, Da ſchottiſchen Geſetze, welche an ſich eben ſo vernuͤnftig und weiſe waren, als ſie ſchlecht gehalten und zur Ausfuͤhrung gebracht wurden, hatten vergebens verſucht, den Schaden zu be⸗ ſchraͤnken, den der Ackerbau dadurch erlitt, daß die großen Landeigenthuͤmer und Haͤuptlinge Leute in ihrem Solde hielten, die man Jack⸗ man nannte, von den Jack oder Koller mit Stahl beſetzt, den ſie als Vertheidigungswaffe zu fuͤhren pflegten. Dieſe militatriſchen Diener betrugen ſich mit der groͤßten Frechheit gegen den arbeitſamen Theil der Landesbewohner, leb⸗ ten groͤßtentheils vom Raube, und waren ſtets bereit, jeden noch ſo geſetzwidrigen Befehl ihrer Herren auszufuͤhren. Bei dieſer Lebensweiſe ent⸗ ſagten ſie zwar den ruhigen und regelmaͤßigen Arbeiten der Betriebſamkeit gegen ein, vom Zu⸗ fall abhaͤngendes, gefaͤhrliches Gewerbe; allein dieſes hatte einen ſolchen Reiz fuͤr dieienigen, welche es einmal ergriffen hatten, daß ſie ſich zu keinem andern wieder bequemen wollten. Chriſtie von Clinthill, der Reuter, der jetzt bei dem kleinen Thurme von Glendearg anka, war einer von jener hoffnungsvonlen Geſellſchaft, über die Jedermann ſo gerechte Klage fuͤhrte. Außer den Eiſenplatten auf ſeinem Koller trug er große verroſtete Sporen an den Fuͤßen, und eine lange Lanze in der Hand. Auf dem eiſer⸗ nen Helme, der nicht zu den glaͤnzendſten gehbr⸗ te, trug er als Auszeichnung einen Diſtelzweig, der ſich in Avenels Wappen befand. Ein lan⸗ ges, zweiſchneidiges Schwert, mit etnem polirten 4 Griffe von Eichenholz, hing an ſeiner Seite. Die Magerkeit des Pferdes und das wilde und abgezehrte Ausſehen des Reuters zeigten, daß ihre Beſchaͤftigung weder leicht noch eintraͤglich ſei. Er gruͤßte die Dame Glendinning mit we⸗ nig Artigkeit, und den Moͤnch mit noch weni⸗ ger, denn die Nichtachtung der Moͤnchsorden hatte ſich ſchon auch unter einer Klaſſe von Men⸗ ſchen verbreitet, die ein ſo regelloſes Leben fuhr⸗ 4 ten, ob ſie gleich ſonſt gegen die alten, wie ge⸗ gen die neuen Lehren, dieſelbe Gleichguͤltigkeit bewieſen. 5 6 —— b „So iſt alſo unſere Lady todt, Dame Glen⸗ dinning„ ſagte der Jackman:„mein Herr ſen⸗ det Euch eben einen fetten Ochſen zu ihrem Ge⸗ burtstage, nun kann er zu ihrem Leicheneſſen dienen. Ich hab' ihn auf der obern Weide ge⸗ laſſen, da er etwas geſprenkelt iſt, und auch ein eingebranntes Zeichen hat— doch je eher die Haut herunter und er im Salzfaſſe iſt, deſio we⸗ niger habt Ihr Sorge um ihn, Ihr verſteht mich!— Nun gebt mir etwas Hafer fuͤr mein Pferd, und Fleiſch und Butter fuͤr mich ſelbſt, denn ich muß noch nach dem Kloſter;— doch, der Moͤnch da, denk ich, koͤnnte ja wohl auch meinen Auftrag ausrichten.“ Deinen Auftrag, roher Menſch⸗ ſagte der Unterprior, und zog die Augenbraunen zuſammen. „Um Gottes Willen!“ rief die arme Frau, erſchrocken bei dem Gedanken, daß ſich vielleicht ein Streit zwiſchen den Maͤnnern erheben koͤnn⸗ te—„Chriſtie! es iſt der Herr Subprior.— Ehr⸗ wuͤrdiger Herr! das iſt Chriſtie von Clinthill, des Lords von Avenel erſter Jackmann! Ihr wißt ja, daß man gerade nicht viel Artigkeit von dieſer Art von Leuten erwarten darf.“ Ihr ſieht in Dienſten des Lords von Ayenel, 152 dend: und ſprecht ſo unhöſtich mit einem der des Kloſters der heiligen Jungfrau, gegen welches Euer Herr ſo vielfache Werinolichkeiten hat?— mahl in ihrem Kloſter halten wolle, und daß er ſich daher mit ohngefaͤhr zwanzig Pferden und einigen Freunden auf drei Tage und drei Naͤchte bei ihm zu Gaſte biete, und zwar Alles auf Ko⸗ ſten der Bruͤderſchaft; er will es daher ſchuldi⸗ germaßen melden laſſen, damit man ſich auf den Empfang vorbereiten koͤnne.“ Freund! ſagte der Unterprior: glaube nicht, daß ich dem Vater Abte die Kraͤnkung zufuͤgen werde, eine ſolche Botſchaft auszurichten. Glauhſt Du denn, die Kirche habe ihre Guͤter von from⸗ men Fuͤrſten und Edlen bloß dazu erhalten, daß ſie von jedem nichtswuͤrdigen Laien verpraßt wer⸗ den, der mehr Leute haͤlt, als ey auf ehrliche ſagte der Maͤnch, an den Reuter ſelbſt ſich wen⸗ „Er will eben gegen Euer Haus noch meh⸗ 215 rere haben, Herr Moͤnch,“ erwiederte der Nann „denn da er vernahm, daß ſich ſeine Schwaͤge⸗ rin, die Wittwe Walters von Avenel, auf dem Todbette befaͤnde, ſandte er mich ab, dem Abte und den Bruͤdern zu ſagen, daß er das Leichen⸗ 9—er —.,— ——„—— —— —,.— Weiſe, oder durch ſein eigenes Einkommen, er⸗ halten kann? Sage Deinem Herrn, im Namen des Unterpriors des Kloſters zur beiligen Jung⸗ frau, daß der Primas uns ausdruͤcklich befohlen hat, uns nicht laͤnger den Erpreſſungen der Gaſt⸗ freundſchaft unter ſo nichtigen Vorwaͤnden zu unterwerfen. Unſere Guͤter und Laͤndereien wur⸗ den uns zur Unterſtuͤtzung frommer Perſonen und Pilger, aber nicht 3 Feſten fuͤr rohe Soldaten verliehen.. „Das mir?“ ſagte der rohe Lanzentraͤger: „das mir und meinem Herrn? So ſeht denn zu, Ihr Herren Prieſter, ob Eure Ave's und Credo's Eure Ochſen vor dem Auswandern, oder Eure Scheunen vor dem Brande werden ſchuͤtzen koͤn⸗ nen.“ Dae bedrohſi das Eigenthum der heiligen Kirche mit Verheerung und Feuer, ſagte der Un⸗ terprior: und das im Angeſichte aller Welt! Ich rufe jeden, der ſie gehoͤrt hat, zum Zeugen der Worte auf, die der Boͤſewicht hat vernehmen laſſen. Bedenke, daß Lord James ſolche Men⸗ ſchen, wie Du, Schockweiſe in dem ſchwarzen Teiche zu Jeddart hat erſaͤufen laſſen. Ihm und dem Primas will ich's klagen. 154 Der Krieger bewegte ſeine Lanze, und brachte ſie in gleicher Richtung mit der Bruſt des un⸗ 8 terpriors. ein Mann der heiligen Kirche!“ Ich fuͤrchte ſeinen Speer nicht, ſagte der Unterprior: werde ich getoͤdtet, wenn ich die Rechte und Privilegien meiner Gemeinheit ver⸗ theidige, ſo wird der Primas ſchon wiſſen, wie er mich raͤchen ſoll. „Nehme er ſich nur ſelber in Acht! b ſagte Chriſtie, lehnte aber zugleich ſeine Lanze an die Wand:„wenn die Maͤnner von Fife Recht ha⸗ ben, welche bei dem letzten Zuge hierher gekom⸗ men ſind, ſo iſt der Normann Leslie mit ihm in Fehde, und wird ihm derb zuſetzen. Der Normann iſt ein Bluthund, und laͤßt ſeinen Fang nicht ſo leicht aus den Zaͤhnen. Aber ich wollte den heiligen Vater nicht beleidigen, ſetzte er hinzu, weil er fuͤhlte, daß er wohl ein wenig zu weit gegangen waͤre: ich bin ein roher Menſch, zu Lanze und Steigbuͤgel erzogen, und unge⸗ wehnt, mit gelehrten Maͤnnern und Prieſtern Dame Glendinning fing an, um Huͤlfe. ſchreien.„Tibb! Tacket! Martin, wo ſeid ihr nur Alle? Chriſtie bedenkt doch nur, es iſ ig umzugehen, ich will Ihn gern um Verzeihung bitten, wenn ich Etwas Unſchickliches geſagt habe.“ 3 Um Gottes Willen, Euer Ehrwuͤrden, ſagte die Wittwe von Glendearg leiſe zu dem Unter⸗ prior: gebt ihm Eure Verzeihung, wie koͤnnten wir armen Leute ſicher ſchlafen in den dunkeln MNaͤchten, von denen das Kloſter mit ſolchen Men⸗ ſchen, wie er iſt, in Fehde iſt. „Ihr habt Recht, Dame,” ſagte der Unter⸗ prior:„Eure Sicherheit muß zu allererſt beruͤck⸗ ſichtigt werden.— Ich verzeihe Dir! Kriegs⸗ knecht! moͤge Gott Dich ſegnen und Dich beſ⸗ ſern.“ Chriſtie von Clinthill neigte den Kopf ein wenig, und murmelte fuͤr ſich: das heißt gerade ſo viel, als Gott laſſe dich hungern! Aber, Herr . Prieſter, was ſoll ich denn meinem Herrn fuͤr 1 eeine Antwort bringen? „Daß der Leichnam der Wittwe Walters von Avenel in dem Begraͤbniſſe ihres tapfern Gatten beigeſetzt werden ſoll, ſo wie es ihrem „ Stande zukommt. Eures Herrn Beſuch anlan⸗ gend, ſo kann ich nichts darauf erwiedern, daruͤ⸗ 4 ber muͤßt Ihr mit dem ehrmürdigen Lord Abt 3 1 ſelbſt ſprechen. 156— Das koſtet mich alſo noch einen Nitt, ſagte der Mann: doch, der Tag iſt ja lang!— Nun Bube, ſagte er zu Halbert, der mit der langen Lanze ſpielte, die er an die Wand gelehnt hatte, wie gefaͤllt Dir ein ſolches Spielwerk? Willſt Du mit mir gehen, und ein Freibenter werden? „Gott bewahre uns davor!“ verſetzte die arme Mutter; aber fuͤrchtend, Chriſtie dadurch beleidigt zu haben, fuͤgte ſie ſogleich die Erklaͤ⸗ rung hinzu:„ſie koͤnne ſeit Simons Tode kei⸗ nen Speer oder Bogen, oder ſonſtiges Zerſtoͤrungs⸗ werkzeug, ohne zu zittern, erblicken.“— Ach was! entgegnete Chriſtie: Du ſollteſt einen andern Mann nehmen, Frau, und Dir ſolche Sachen aus den Gedanken ſchlagen, was ſagſt Du zu einem ſo ſtraffen Purſchen, als ich bin? Der alte Thurm hier iſt feſt genug; auch Waͤlder, Suͤmpfe, Felſen giebt es hier umher, wenn Eins hart gedraͤngt wuͤrde;— es koͤnnte Eins ſchon hier leben, und ſich ein halb Dutzend Buben halten; man naͤhme vor, was Einem vor die Hand kaͤme, und Dir, alte Hexe, ſollt' es guch an Nichts fehlen!— „»Wie Ihr auch ſo mit einem verlaſſenen Wei⸗ be reden koͤnnt, und eine Todte im Hauſe.. Verlaſſenes Weib! Nun, darum eben ſollſt Du wieder heirathen! Dein alter Freund iſt todt! Gut! Waͤhle Dir einen andern von etwas feſterer Natur, der nicht ſogleich den Pips be⸗ kommt, wie ein Huhn! Run! ˙s wird ſich fin⸗ den! Jetzt bring' mir was zu eſſen, Frau. Obgleich Frau Elspeth den Mann wohl kann⸗ te, und ihn eben ſo ſehr fuͤrchtete, als er ihr ſonſt mißfiel, konnte ſie ſich doch nicht enthalten, zu dem Antrage, den er ihr machte, zu laͤcheln. Sie lispelte dem Subprior zu: nich will ihn ſchon zur Nuhe bringen!“ ging in den Thurm und trug dem Kriegsmann auf, was er begehrte, indem ſie feſt uͤberzeugt war, ihn durch die gute Mahlzeit und die Macht ihrer Reize ſo zu un⸗ terhalten, daß ſich der Streit zwiſchen ihm und dem Prieſter nicht wieder erneuerte. Der Unterprior wollte ebenfalls keinen un⸗ noͤthigen Bruch zwiſchen dem Kloſter und einem Manne, wie Julian von Ayenel, herbeifuͤhren; er fuͤhlte, daß Maͤßigung und Feſtigkeit allein die wankenden Angelegenheiten der Kirche auf⸗ recht erhalten koͤnnten, und daß die Streitigkei⸗ ten zwiſchen den Geiſtlichen und den Laien jetzt gewoͤhnlich zum Vortheil der letztern auszuſchla⸗ 158 gen pflegten. Daher ließ er allen fernern Zwiſt ruhen, und ſuchte ſich bloß in den Beſitz des Buches zu ſetzen, das der Sakriſtan den Abend zuvor mitgenoinmen hatte, das aber auf eine ſo wunderbare Art wieder in den Thurm zuruͤckge⸗ kommen war. Eduard, der juͤngere von Elspeths Knaben, hatte gegen die Wegnahme des Buches viel ein⸗ zuwenden, und Marie wuͤrde wahrſcheinlich der⸗ ſelben Meinung geweſen ſein; dieſe befand ſich aber eben in ihrem kleinen Schlafgemache, wo Tibb ihre einfache Kunſt verſuchte, die junge Lady uͤber der Mutter Tod zu troͤſten. Allein der juͤngere Glendinning ſtand zur Vertheidigung ihres Eigenthumes auf, und er⸗ klaͤrte mit einer Beſtimmtheit, die man bisher gar nicht an ihm gekannt hatte, daß, da nun die gute Lady tod ſei, das Buch Marien gehoͤ⸗ re, und keinem Menſchen ſonſt, als ihr, daruͤber zu verfuͤgen zuſtehe. S „Wenn es nun aber fuͤr Marien nicht paßte, jieber Knabe!“ ſagte der Pater ſanft:„dann wuͤrdeſt Du doch ſo nicht ſprechen?“ Die Lady las darinnen,— verſetzte der junge Verfechter fremden Eigenthumsrechtes: ſo kann 159 es kein ſchlechtes Buch ſein. Niemand ſoll es wegnehmen. Ich wundre mich nur, wo Halbert iſt? er horcht gewiß Chriſtie's 2 lufſchneidereien zu; er will doch ſonſt immer fechten, und jetzt iſt er gerade nicht hier„⸗ Wie, Eduard, Ihr wolltet doch nicht mit mir fechten, da ich ein Prieſter und ein alter Mann bin?— „Und wenn Ihr auch ein ſo guter Prieſter waret, wie der Pabſt ſelhſt, und ſo alt, wie un⸗ ſere Berge umher, ſo ſollt Ihr doch Mariens Buch nicht mitnehmen, ohne ihre Erlaubniß. Ich wage den Kampf dafuͤr!“ Aber ſieh doch, lieber Knabe, ſagte der Moͤnch, dem die entſchloſſene Freundſchaft deſ⸗ ſelben geſiel: ich will's ja nur borgen, nicht behalten, ich laſſe Dir dafuͤr zum Pfande mein eigenes ſchoͤnes Meßbuch; ich bringe Dir's auch ganz gewiß wieder. Neugierig oͤffnete Eduard das Meßbuch und freute ſich uͤber die ſchoͤnen Bilder, womit es verziert war.— Ei, der heilige George mit dem Drachen! das wird Halbert gern ſehen! und der heilige Michael, der ſein Schwert uͤber einen boͤſen Geiſt ſchwingt! Das wird Halbert guch ge⸗ fallen! Ach! ſieh! der heilige Johannes, der ſein Lamm in der Wildniß fuͤhrt, mit dem kleinen Kreuze aus Ruthen und der Taſche lund dem Stabe, das iſt mein Lieblingsbild! Aber, wo ſin⸗ den wir denn eins fuͤr Marien? Ach! Hier iſt ein ſchoͤnes Weib; das weint und klagt! 8 „Die heilige Maria Magdalena, die ihre Suͤnden bereut, liebes Kind!“ ſagte der Pater. Das paßt fuͤr unſere Marie nicht, denn ſie begeht keine Suͤnde, auch iſt ſte niemals boͤſe auf uns, außer wenn wir Etwas Unrechtes thun!— „So will ich Dir denn eine Marie zeigen,“ ſagte der Pater:„die ſie und Dich beſchuͤtzen wird, und alle gute Kinder! Sieh, wie ſchoͤn ſie hier abgebildet iſt, in ihrem, mit goldenen Ster⸗ nen beſaͤten Kleide!“ Der Knabe war ganz auſſer ſich vor Bewun⸗ derung des Bildes der heiligen Jun frau, wel⸗ ches ihm der Unterprior nun aufſchlug. Das ſieht wirklich unſerer huͤbſchen Marie aͤhnlich, ſagte er: ich glaube, ich kann Euch ſchon das ſchwarze Buch dafuͤr mitnehmen laſſen, denn ſo Etwas ſteht da nicht drinnen. Marie mag dieſes einſtweilen behalten. Aber wiederbringen muͤßt Ihr das Buch durchaus, lieber Vater, — — 261 denn Marie wird doch das am liebſten haben, was ihre Mutter beſaß. „Ich werde gewiß wieder kommen,“ ſagte der Moͤnch, einer Antwort ausweichend:„und vielleicht lehre ich Euch ſchreiben und leſen ſolche ſchoͤne Buchſtaben, wie Ihr hier findet, und ſie blau, gruͤn und gelb malen, auch mit Gold aus⸗ legen.“ Auch ſolche Figuren machen, wie dieſe Hei⸗ ligen, vorzuͤglich die beiden Marien? fragte der Knabe. „Mit ihrem Beiſtande,“ entgegnete der Sub⸗ prior:„kann ich Euch auch dieſe Kunſt lehren, in ſofern ich Geſchick dazu beſitze, und Ihr zum Lernen welches habt.“ Ei, dann male ich Mariens Bild, ſagte Eduard: aber vor Allen vergeßt nicht das Buch wiederzubringen, das muͤßt Ihr mir verſprechen. Der Unterprior, der gern der Zudringlich⸗ keit des Knaben überhoben ſein, und nach dem Kloſter zuruͤckkehren wollte, ohne etwas weiter mit Chriſtie zu thun zu haben, gab das verlangte Verſprechen, beſtieg ſeinen Eſel und machte ſich auf den Ruͤckweg. Der Novembertag ging ſchon faſt zu Ende, 162 ehe der Unterprior ſeine Nuͤckreiſe beginnen konn⸗ te, denn die Beſchwerlichkeit des Weges, ſo wie der noͤthige Aufenthalt in dem Thurme zu Glen⸗ dearg, hatten ihm die Zeit mehr beſchraͤnkt, als er anfangs gedacht hatte. Ein kalter Oſtwind blies durch das welke Laub, und warf es von den erſtarrten Zweigen auf den Boden. „Eben ſo,“ ſagte der Moͤnch:„werden un⸗ ſere Ausſichten in dem Thale des Lebens duͤſte⸗ rer, je weiter der Strom deſſelben uns vorwaͤrts treibt. Wenig hab' ich durch meine Reiſe ge⸗ wonnen, außer der Gewißheit, daß die Ketzerei mit mehr als gewoͤhnlicher Thaͤtigkeit unter uns geſchaͤftig iſt, und daß die Neigung zur Verhoͤh⸗ nung der geiſtlichen Orden, zur Beraubung des Eigenthums der Kirche, welche in den öͤſtlichen Gegenden Schottlands ſo allgemein iſt, nun auch uns naͤher ruͤckt.“ Seine Phantaſten wurden durch das Getrap⸗ pel eines Pferdes hinter ihm unterbrochen; er erblickte auch bald den nehmlichen wilden Reu⸗ ter, den er in dem Thurme von Glendearg zu⸗ ruͤckgelaſſen hatte. „Guten Abend, mein Sohn!“ ſagte der Un⸗ terprior, wie jener vorbeiritt, allein der rauhe 2 — 163 Krieger dankte ihm kaum durch ein leiſes Kopf⸗ nicken; er trieb ſein Pferd an, und bald hatte er den Moͤnch und ſeinen Eſel weit hinter ſich gelaſſen.„Das,“ dachte der Unterprior:„iſt eine andere Plage der Zeit; ein Menſch, beſtimmt, die Erde zu bebauen, und jetzt durch den unchriſtli⸗ chen, heilloſen Zwiſt des Landes in einen frechen Naͤuber verwandelt. Schottlands Edle ſind jetzt meiſterliche Diebe und Schurken geworden, welche den Armen unterdruͤcken, und die Kirche, durch Erpreſſung freien Aufenthaltes in Kloͤſtern und Abteien, ohne Schaam und Scheu beſtehlen.— Ich fuͤrchte, mein Rath kommt zu ſpaͤt, daß der Abt dieſem verwegenen Sorners*) ſich muthvoll widerſetze. Doch! ich muß eilen! Er trieb nun ſein Maulthier an, ſo viel er konnte; allein ploͤtz⸗ lich ſtutzte das Thier und wandte ſich vom Wege ab, ohne daß es der Reuter wieder vorwaͤrts bringen konnte. *) To sorne, heißt in Schottland frei Quartier gegen den Willen des Grundherrn fordern. Es wird in einem Statute vom Jahre 1445 dem Diebſtahle gleich geſtellt. Klöſter und Abteien wurden dadurch beſonders hart mitgenommen. 3 16 1— „Biſt Du auch von dem Zeitgeiſte angeſteckt,” fagte der Unterprior:„Du warſt ia fonſt ſo folg⸗ ſam und dienſtfertig, und jetzt biſt Du wider⸗ ſpenſtig, wie ein wilder Jackmann oder hartnaͤk⸗ kiger Ketzer!“ 8 Indeß er ſo mit dem ſich ſtraͤubenden Eſel kaͤmpfte, ließ ſich dicht an ſeinem Ohre eine Stimme hoͤren, die wie eine weibliche klang: Guten Abend! wohin zu ſo ſputer Zeit, Auf dem Eſel ſo ſchön, mit dem Mantel ſo weit? Du magſt durch's Thal, über Berge reiten, Mir iſt befohlen, Dir zu bleiben zur Seiten. Zurück, zurück! Das ſchwarze Buch muß zurlick: Mir iſt befohten, es zu bringen zurück? Der Unterprior ſchaute ſich um, allein es war kein Gebuͤſch in der Naͤhe, wo ſich die Saͤngerin haͤtte verſtecken koͤnnen.„Moͤge mir unſere Frau gnaͤdig ſein,“ ſagte er:„Haben mich denn meine Sinne verlaſſen? Wie kaͤme ich aber von ſelbſt auf Reime, die ich verachte? Auf Mu⸗ ſik, um die ich mich nicht bekuͤmmere? Oder wie klaͤnge mir denn eine weibliche Stimme in den Ohren, da mir dieſer Ton ſo lange gleichguͤltig .— 165 eweſen iſt? Waͤre des Sakriſtans Geſicht etwas Wirkliches? Komm, gutes Thier, mache, daß wir fortkommen, ſo lange wir unſern Verſtand noch beiſammen haben.“ hA ber der Eſel ſtand, als wenn er eingewur⸗ 3 zelt waͤre, und wollte durchaus nicht dahin, wo⸗ hin ihn ſein Reuter trieb; er legte die Ohren zuruͤck, und die Augen traten ihm faſt aus dem Kopfe, zum Beweiſe, daß er in großer Angſt war. Indeß der Unterprior ſich bemuͤhte, durch Guͤte und Gewalt das widerſtrebende Thier zu ſeiner Pflicht zuruͤckzubringen, ließ ſich die wild muſikaͤliſche Stimme abermals dicht neben ihm hoͤren: Wie, Unterprior! Du ſcheut'ſt nicht die Gefahr, Zu nehmen ein Buch von der Todtenbahr? Sei klug und rette Dich, hier iſt's nicht geheuer! Reit' zurück mit dem Buch oder Du büßeſt es theuer! Zurück, zurück! Hier iſt der Tod Dein Geſchick! Im Namen meines Herrn! bring' es gleich zurück!— „Und ich beſchwoͤre Dich im Ramen mei⸗ nes Herrn, vor dem die ganze Schoͤpfung bebt/ ſagte der Moͤnch:„ſage mir, wer biſt Du, der 1 mich hier zu beunruhigen wagt?⸗ A 166 Darauf erwiederte die nehmliche Stimme: Das, was weder böſe noch gut man nennt, Was als ſein, weder Himmel noch Hölb erkennt, Ein Gebilde von Nebel, von Waſſerſchaum, Ein Ding, nicht Gedank und nicht nächtlicher Traum. Durch des halbgeſchloſſnen Auges Spalt Erkennt der Menſch wohl meine Geſtalt, 4 Wenn ſie im Strahl der ſinkenden Sonne wallt!— „Das iſt mehr als bloße Phantaſie,“ ſagte der Unterprior ſich ſchuͤttelnd, denn, trotz ſeiner ihm natuͤrlichen Herzhaftigkeit, machte doch die Gegenwart eines uͤbernatuͤrlichen Weſens ihm das Blut in den Adern erſtarren und das Haar ſich emporſtraͤuben.„Ich beſchwoͤre Dich,“ ſagte er endlich laut:„was auch Dein Auftrag und Ge⸗ ſchaͤft ſei, Dich zu entfernen und mich nicht weiter zu ſtoͤren. Falſcher Geiſt, nur der kann vor Dir zittern, der ſeiner Pflicht untreu iſt.” Die Stimme antwortete ſogleich folgender⸗ maßen: Umſonſt, Herr Prior, ſeid ihr bedacht, dein Recht mir zu ſchmälern; ich durchſtreife die Nacht Wie der Schimmer der Sterne, ich reit' auf der Luft, Ich tany auf dem Strom, auf Roſſen von Duft — 16 Durchwandr' ich die Welt; ich ſehe Dich wieder, Wieder! Wieder! In der Krümmung des Thalk, dort ſeh' ich Dich wieder! Nun war der Weg dem Anſcheine nach of⸗ fen; der Eſel gewann Faſſung, ob er gleich noch immer ſehr keuchte, und ſchien nun ſeinen Weg ordentlich fortſetzen zu wollen. „Ich zweifelte bisher an der Exiſtenz der Ca⸗ baliſten und Roſenkreutzer,“ dachte der Unter⸗ prior:„aber bei meinem heiligen Orden, ich weiß nicht laͤnger, was ich ſagen ſoll! Mein Puls ſchlaͤgt doch nicht fieberhaft, ich bin Herr aller meiner Kraͤfte; entweder iſt es einem boͤſen Geiſte geſtattet, mich zu beunruhigen, oder die Erzaͤh⸗ lungen von Cornelius Agrippa, Paracelſus und Andern, die von geheimer Weisheit handeln, ſind nicht ohne Grund.— An der Kruͤmmung des Thales! Ich moͤchte wohl der abermaligen Be⸗ gegnung aus dem Wege gehen; allein ich bin ja im Dienſte der Kirche, und die Pforten der Höoͤlle ſollen mich nicht uͤberwaͤltigen“ Er ſahe ſich bei dieſen Worten rings um, doch nicht ohne Vorſicht und Furcht, denn er kannte weder die Art, wie, noch den Ort, wo ſeine Reiſe von der unſichtbaren Begleitung un⸗ terbrochen werden koͤnnte. Er zog in dem Thale eine gute Meile weiter, als gerade da, wo der Bach ſich dem Huͤgel ſo weit naͤherte, daß kaum Naum genug fuͤr ein Pferd blieb, der Eſel aber⸗ mals von denſelben Symptomen des Schreckens befallen wurde, die ſchon vorher ihn aufgehalten hatten. Beſſer als vorher mit der Urſache die⸗ ſes Widerſtrebens bekannt, brauchte der Prieſter keine Gewalt, ſondern wandte ſich an den Ge⸗ genſtand ſelbſt, der, wie er gewiß glaubte, der nehmliche war, der ihn vorher aufgehalten hatte, und bediente ſich der Worte des feierlichen Ex⸗ oreismus, den die roͤmiſche Kirche bei ſolchen Gelegenheiten vorſchreibt. Als Antwort darauf ſang die Stimme aber⸗ mals: Gute Menſchen ſind kühn, weil ſie ſchuldlos ſind, Rohe Menſchen ſind wild, doch nicht bös geſinnt. In des Hügels Spalten Mußt Du ſtill Dich halten, Die vor Dir ſind, wollen Dir nicht wohl!— Indeß der Unterprior den Kopf lauſchend nach der Gegend hingewandt hielt, woher ihm 3 die — 169 die Toͤne zu kommen ſchienen, fuͤhlte er Etwas wie einen leiſen Stoß, und ehe er noch die Ur⸗ ſache davon ergruͤnden konnte, war er ſchon mit ſanfter, aber unwiderſtehlicher Gewalt aus dem Sattel gehohen. Ehe er den Boden erreichte, hatte er das Bewußtſein verloren, und er lag lange in dieſem Zuſtande, denn die Sonne ver⸗ goldete noch den Gipfel des fernen Huͤgels, als er ſank, und als er wieder zu ſich kam, beleuch⸗ tete der Mond ſchon die Landſchaft. Er erwachte in einem Zuſtande des Schreckens, von dem er ſich einige Minuten lang gar nicht zu befreien vermochte. Endlich ſetzte er ſich auf das Gras, und fand daß er weiter keinen Schaden genom⸗ men, ſondern von der ſtrengen Kaͤlte bloß wie gelaͤhmt ſei. Die Bewegung von Etwas neben ihm machte ihm das Blut von Neuem zum Her⸗ zen dringen; er ſtrengte alle Kraͤfte an, um auf⸗ zuſtehen, und als er ſich umſahe, bemerkte er, daß das Geraͤuſch von ſeinem Eſel herruͤhre, der waͤhrend des Vorfalls ruhig bei ſeinem Herrn ſtehen geblieben war, und ſich jetzt in dem ho⸗ hen Graſe guͤtlich that, das an dem unbeſuchten Orte ſo reichlich wuchs. Nach einiger Anſtrengung ſammelte er ſich, D. Kloſter. I.. H beſtieg ſein Thier von Neuem, und zog, uber ſein Abentheuer nachdenkend, das Thal hinab, bis zur Verbindung deſſelben mit dem breitern, durch welches die Tweede fließt. Die Zugbruͤcke wurde bei ſeinem erſten Rufe herabgelaſſen, und ſo ſehr hatte er die Zuneigung des rauhen Waͤch⸗ ters daſelbſt gewonnen daß dieſer ſelbſt mit ei⸗ ner Laterne erſchien, um den Unterprior uͤber die gefaͤhrliche Stelle zu leuchten. „Bei meiner Treu!“ ſagte er, indem er dem Prior das Geſicht beleuchtete:„Ihr ſeht ja ganz mitgenommen und todtenblaß aus, aber Euch Zellenleute kann eine kleine Beſchwerde ſchon ſehr angreifen. Ich, der ich mit Euch ſpreche, bin, ehe ich hier auf den Pfeiler zwiſchen Luft und Waſſer geſetzt ward, wohl dreißig ſchottiſche Mei⸗ len geritten, ehe mir Etwas gereicht wurde, es hat mir aber nicht das Mindeſte geſchadet.— Wollt Ihr etwa'was genießen, ein Glaͤschen Schnapps v“ 3 Ich danke! verſetzte Vater Euſtach; ich ſtehe unter einem Geluͤbde! Allein ich bitte Euch, was ich nicht annehmen darf, dem naͤchſten Pilger zu geben, der blaß und matt hierher kommt; ſo wird es mit ihm hier, und mit Euch jenſeits beſſer ſtehen. „Das will ich, meiner Treu“ ſagte der Bruͤk⸗ kenwaͤchter:„Pater, das will ich! um Euret⸗ willen! ¹s iſt doch wunderbar, wie der Unter⸗ prior Einen ums Herz zu gehen weiß, ganz an⸗ ders, als die andern Kutten-Leute, die immer nur an Saufen und Freſſen denken!— Weib ich ſage Dir, der naͤchſte ankommende Pilger ſoll ſeinen Schluck Branntwein und ein Stuͤck Brod bekommen; wir heben die Neige auf in dem Grau⸗ barte,*) und das ſchlecht gebackne Gerſtenbrod, das die Kinder nicht wollten.“ Indeß Peter dieſe liebreichen und klugen Anweiſungen ertheilte, war der Unterprior, der jenen zu ſo ungewohntem Edelmuthe aufgeregt hatte, auf dem Wege nach dem Kloſter weiter gezogen. Unterweges hatte er viel zu kaͤmpfen gehabt mit ſeinem eigenen widerſpenſtigen Her⸗ zen, einem Feinde, der, wie er wohl wußte, furchtbarer war, als irgend einer, den die Macht *) So nannte man einen irdenen Krug zur Aufbe⸗ wahrung geiſtiger Getränke, 3 H 2 172,— des Satans ihm aͤußerlich in den Weg ſtellen konnte. Vater Euſtachius hatte allerdings große Ver⸗ ſuchung, das ungewoͤhnliche Ereigniß, welches ihn betroffen, zu unterdruͤcken, und zwar um ſo mehr, je ſtrenger ſein Urtheil uͤber Vater Phi⸗ lipp geweſen war, der, wie er nun nicht Beden⸗ ken fand, zu geſtehen, auf der Nuͤckkehr von Glen⸗ dearg aͤhnliche Hinderniſſe auf ſeiner Reiſe an⸗ getroffen hatte. Der Unterprior glaubte dies deſto eher, da er, indem er in ſeinem Gewande nach dem Buche ſuchte, welches er aus dem Thurme von Glendearg mitgenommen hatte, die⸗ ſes durchaus nicht finden konnte, und daher glaub⸗ te, es muͤſſe ihm, waͤhrend ſeiner Bewußtloſig⸗ keit, geſtohlen worden ſeyn. „Wenn ich nun aber dieſes wunderbare Be⸗ gegniß bekenne,“ dachte der Unterprior:„werde ich nicht von allen meinen Bruͤdern ausgelacht werden? Ich, der ich vom Primas hierher ge⸗ ſandt worden bin, um ihre Thorheiten zu be⸗ wachen, und, wo noͤthig, zu ſtrafen? Ich gebe dem Abte einen Vortheil uͤber mich, den ich nie wieder erhalten werde, und der Himmel weiß, wie er ihn, in ſeiner Thorheit und Einfalt, zur — 173 Schande und zum Nachtheil der heiligen Kirche mißbrauchen wird. Aber,— wenn ich meine Schande nicht offen eingeſtehe, mit welcher Stirn darf ich dann Andere ermahnen und ſtrafen? Geſtehe es nur, ſtolzes Herz,“ fuhr er zu ſich ſelbſt fort:„das Heil der Kirche liegt Dir bei dieſer Sache weniger am Herzen, als Deine ei⸗ gene Demuͤthigung. Ja, der Himmel hat Dich gerade da geſtraft, wo Du Dich ſelbſt am ſtaͤrk⸗ ſten glaubteſt, in Deinem geiſtlichen Stolze und deinem fleiſchlichen Wiſſen. Du haſt Deiner Bruͤder Unerfahrenheit verlacht und verſpottet— nun, ſo ſtelle Dich auch ihrem Spotte bkoß! Er⸗ zahle, was ſie nicht werden glauben wollen! be⸗ kraͤftige, was ſie nur einer nichtigen Furcht oder wohl gar abſichtlicher Taͤuſchung werden zuſchrei⸗ ben moͤgen! Unterwirf Dich dem Schimpfe eines einfaͤltigen Traͤumers, oder eines vorſetzlichen Be⸗ truͤgers!— Ja, ſo ſei es! Ich will meine Pflicht thun, und meinen Obern ein offenes Bekenntniß ablegen! Werd' ich meines Amtes und meiner Wirkſamkeit in dieſem Hauſe auch entbunden, ſo wird Gott und unſere Frau mich anderwaͤrts hinſenden, wo ich ihnen beſſer dienen kann!“— Es lag gewiß nicht wenig Verdienſt in die⸗ 2 7 21 174 ſem frommen und deltbnen Entſchluſſe des Vater Euſtachius. Menſchen von einigem Range iſt die Achtung von ihres Gleichen natuͤrlich ſehr theuer, aber in dem Moͤnchsleben, welches von allen Gegenſtaͤnden der Ehrſucht, ſo wie von al⸗ len aͤußern Freundſchafts⸗ oder Verwandtſchafts⸗ verhaͤltniſſen abgeſchnitten iſt, muß die Stelle, die Einer in der Meinung ſeiner Bruͤder ein⸗ nimmt, Alles in Allem ſeyn. Und doch ver⸗ mochte die Ueberzeugung, wie ſehr der Abt und die meiſten uͤbrigen Moͤnche des Kloſters— welche ſich ſeiner unvermeidlichen, und eigentlich unge⸗ ſetzlichen Aufſicht, die er gewohnt war in allen Angelegenheiten des Kloſters geltend zu machen, nur ungern unterwarfen,— ſich freuen wuͤrden, daß ihn ſein Bekenntniß in einem laͤcherlichen, vielleicht auch gar verbrecheriſchen, Lichte erſchei⸗ nen laſſe, nicht das Gefuͤhl der Pflicht in der Seele des Vater Enſtachius wankend zu machen. So wie er ſich aber, feſt in ſeinem Ent⸗ ſchluſſe, der aͤußerſten Pforte des Kloſters naͤher⸗ te, erſtaunte er, brennende Fackeln und Maͤnner dabei zu erblicken, deren einige zu Pferde, an⸗ dere zu Fuße waren, indeß mehrere Moͤnche, welche ſich in der Nacht durch ihre weißen Scapuliere 175 auszeichneten, in dem Haufen geſchaͤftig umher gingen. Als er aber erkannt wurde, ward er mit einem allgemeinen Freudenrufe empfangen, wor⸗ aus er abnahm, daß er ſelbſt der Gegenſtand ih⸗ rer Beſorgniffe geweſen war. „Da iſt er! da iſt er! Gott ſei Dank!“ riefen die Vaſallen des Kloſters, und die Moͤnche rie⸗ fen:„Te Deum laudamus! das Blut Deiner Knechte iſt koſtbar vor Deinen Augen!“ Was heißt das, Kinder? was iſt das, meine Bruͤder? ſagte Vater Euſtach, indem er zugleich an der Kloſterpforte abſtieg⸗ „Wenn Du's nicht weißt, Bruder,“ erwie⸗ derten die Moͤnche:„ſo wollen wir Dir's erzaͤh⸗ len, wenn wir ins Refektorium kommen. Der Lord Abt hat dieſe, unſere treuen und dienſtfer⸗ rigen Vaſallen und Lehnsleute aufgeboten, ſich ſogleich aufzumachen, um Dich vor drohen⸗ der Gefahr zu ſchuͤtzen. Jetzt koͤnnt Ihr Enre Pferde abzaͤumen, Kinder, und nach Hauſe ge⸗ hen. Morgen mag ein Jeder, der ſich heute hier eingefunden, in der Kloſterkirche ein anſehnliches Stuͤck Rinderbraten und eine Flaſche Dopel⸗ bier abholen laſſen.“ 8 176 Die Vaſallen zerſtreueten ſich unter freudi⸗ gem Ausruf, und die Monche fuͤhrten unter gleichem Jubel den Unterprior in das Refekto⸗ rium. 3 Zehntes Kapitet, Kaum war der Unterprior von ſeinen froͤhli⸗ chen Gefaͤhrten in das Refektorinm geleitet wor⸗ den, als ſein erſter Blick auf Chriſtie von Clin⸗ thill fiel, welcher gefeſſelt und bewacht in einer Ecke am Feuer ſaß. Seine Zuͤge druͤckten jene tuͤckiſche, finſtere Entſchloſſenheit aus, mit der folche in Schuld Verhaͤrtete der Annaͤherung der Strafe entgegen zu ſehen pflegen. Als ihm aber der Unterprior naͤher kam, erhielten ſeine Ge⸗ ſichtszuͤge den aufgeregten wilden Ausdruck wie⸗ der, und er rief:„der Teufel, ja der Teufel ſelbſt muß den Todten wieder unter die Leben⸗ den zuruͤckbringen?⸗ Nein! ſagte ein Moͤnch zu ihm: ſage lieber unſere Frau vereitelt die Angriffe der Boͤſen auf ihre treuen Diener— unſer guter Bruder lebt und iſt wohl. „Lebt und iſt woͤhl!“ rief der Menſch, und erhob ſich drohend gegen den Unterprior, ſo 178 weit es die Feſſeln ihm geſtatteten:„Nein! dann traue ich keinem eſchenen Schafte und keiner Ei⸗ ſenſpitze mehr. Ja, ja,“ ſetzte er hinzu, den Un⸗ terprior mit Erſtaunen betrachtend:„weder ver⸗ wundet noch befleckt!—“» Und woher ſollten denn die Wunden kom⸗ men? fragte Vater Euſtach. „Von meiner guten Lanze, die nie zuvor ge⸗ fehlt hat,“ entgegnete Chriſtie von Clinthill. Der Himmel verzeihe Dir Deinen Vorſatz, ſagte der Unterprior: wuͤrdeſt Du einen Diener des Altars haben toͤdten wollen? „Die Fifemen ſagen,“ erwiederte Chriſtie, „und wenn das ganze Pack von Euch erſchlagen wuͤrde, das haͤtte nichts zu bedeuten, auf Flod⸗ denſield waͤren ſchon mehr darauf gegangen.” Schurke! ſo biſt Du ein Ketzer und Moͤrder zugleich? »Rein, wahrlich nein! das bin ich nicht!“ verſehte der Reuter:„Ich hoͤrte dem Lord von Monance wohl aufmerkſam zu, als er mir ſagte: Ihr waͤrt Alle Betruͤger und Schurken; allein haͤtte er mich zu ſo einem Evangeliumsprediger, wie ſie ſie nennen, geſchickt, ſo haͤtte ich ihm ſo gehorcht, wie ein Roß, das den Reuter abge⸗ —. 179 worfen hat, wenn es einen Andern aufſttzen laſ⸗ ſen ſoll.“ Nun, ſagte der Sakriſtan zu dem Abte, der in dem Augenblicke hereintrat: ˙s iſt doch noch was Gutes an ihm. Er hat keinen ketzeriſchen Prediger hoͤren wollen. „Deſto beſſer fuͤr ihn in der andern Welt/⸗ ſagte der Abt:„bereite Dich zum Tode, mein Sohn, wir uͤberliefern Dich dem weltlichen Arme unſers Amtmanns, Du wirſt mit Tagesanbruch auf Gallow⸗Hill hingerichtet“ Amen! ſagte der Menſch, dazu muß es ein⸗ mal fruͤher oder ſpaͤter bei mir kommen; und was kuͤmmert's mich, ob mich die Raben beim Kloſter zur Jungfrau oder zu Carlisle freſſen? „Laßt mich Euer Hochwuͤrden Geduld einen Augenblick in Anſpruch nehmen,“ ſagte der Un⸗ terprior:„dann will ich unterſuchen.. Wie? rief der Abt, der ihn hier zum erſten Male wieder ſah, unſer theurer Bruder iſt uns wieder geſchenkt, als man an ſeinem Leben ver⸗ zweifelte?— Nein! Kniee vor keinem Suͤnder, wie ich bin, ſteh auf, Du haſt meinen Seegen! Als jener Elende ans Thor kam, von ſeinem ei⸗ genen boͤſen Gewiſſen getrieben, und ausrief, er 130 habe Dich erſchlagen, da dacht⸗ ich, der Haupt⸗ pfeiler unſers Hauſes ſei zertruͤmmert. Nein! ein ſo koſtbares Leben, wie das Deine, ſoll ſol⸗ chen Gefahren nicht ferner bloßgeſtellt werden, als in dieſer Gegend an der Grenze vorkommen; nicht laͤnger ſoll ein vom Himmel ſo Geliebter und Beſchuͤtzter, einen ſo niedern Poſten in der Kirche bekleiden, als der eines Unterpriors iſt, ich werde ausdruͤcklich an den Primas ſchreiben, und ihn bitten, Dich ſchnell anderwaͤrts zu be⸗ foͤrdern. „ Nein! Nein! Aber laßt mich wiſſen,“ ſprach der Unterprior:„ſagte denn der Soldat aus, daß er mich erſchlagen habe 29 Daß er Dich mit ſeiner Lanze im vollen Roſſeslauf durchbohrt habe, verſetzte der Abt: allein ſobald Du, wie er geglaubt, toͤdtlich ver⸗ wundet zu Boden geſtuͤrzt, ſei ihm, wie er be⸗ hauptet, unſere gebenedeiete Beſchuͤtzerin erſchie⸗ nen... „Das hab' ich nicht behauptet,“ ſagte der Gefangene: eine weiße Frau unterbrach mich, als ich im Begriff war, den Nock des Prieſters zu unterſuchen, weil ſie immer wohl gefuͤttert ſind. Sie hielt eine Binſenruthe in der Hand/ — 181 und mit einer einzigen Beruͤhrung derſelben warf ſie mich vom Pferde, ſo leicht, wie ich ein Kind von vier Jahren mit einem Eiſenſtabe nieder⸗ werfen wuͤrde, dann aber ſang ſie mir folgen⸗ des vor: Danke der heiligen Diſtel, Die auf dem Haupte Dir nickt! Sonſt hätte die Binſenruthe Dich ſicherlich würgend umſtrickt. Mit Angſt und Muͤhe ſtand ich wieder auf, ſchwang mich aufs Pferd, und kam hierher wie ein Rarr, um mich als einen iebelthuter haͤn⸗ gen zu laſſen.“ Du ſiehſt, verehrter Bruder, ſagte der Abt zu dem Unterprior: in welcher Gunſt Du bei unſerer gebenedeieten Beſchuͤtzerin ſteheſt, da ſie ſelbſt die Waͤchterin Deiner Pfade wird. Seit den Zeiten unſers heiligen Stifters hat ſie Nie⸗ manden ſolche Gnade erwieſen. Wir Alle ſind unwuͤrdig, ein geiſtiges Uebergewicht uͤber Dich zu behaupten, und wir bitten Dich, bereite Dich vor zu Deiner ſchnellen Befoͤrderung nach Ahel⸗ brothok. „Ach, mein Herr und Vater,“ verſetzte der Unterprior:„Eure Worte durchſchneiden mir die — Seele. Unter dem Siegel der Beichte will ich Euch jetzt entdecken, warum ich vermuthe, daß mich ein Geiſt von ganz anderer Art geneckt hat. Allein zuvoͤrderſt laßt mich nur ein oder zwei Fragen an dieſen ungluͤcklichen Menſchen richten.“ Thu, wie Du willſt, verſetzte der Abt: al⸗ lein Du wirſt mich nicht uͤberzeugen, daß es füͤr Dich paffe, in dieſer niedern Stelle im Kloſter zur heiligen Jungfrau zu bleiben. „Ich moͤchte wohl wiſſen,“ ſagte Vater Eu⸗ ſtach:„weshalb der Ungluͤckliche den Gedanken gefaßt hatte, einen Menſchen zu toͤdten, der ihm nie ein Leides gethan?“ Ei, ſagte der Menſch: haſt Du mir nicht gedroht? und nur ein Thor läht ſich zwei mal drohen. Weißt Du noch, was Du ſagteſt von Primas und von Lord James und dem ſchwarzen Pfuhle zu Jedwood? Haͤltſt Du mich denn fuͤr ſo dumm, zu warten, bis Du mich an den Strick oder zum Sacke geliefert haſt? Das waͤre doch eben ſo einfaͤltig geweſen, als daß ich hierher gekommen bin, meine eigenen Miſſethaten zu er⸗ zaͤhlen,— der Teufel muß mich verblendet ha⸗ ben! Ich dachte wohl an das Sprichwort: Kein Moͤnch vergißt eine Fehde! ——., 3 183 „Und bloß deswegen, wegen des einzigen, vielleicht zu ſchnell geſprochenen, Wortes, das ich faſt vergeſſen hatte, ehe es herauskam d“ Deswegen, ja, und wegen Deines goldenen Crueiſixes, ſagte Chriſtie von Clinthill. „Gott im Himmel! konnte das gelbe Metall, die glaͤnzende Erde, je das Gefuͤhl fuͤr das, was es darſtellt, ſo ganz unterdruͤcken!— Vater Abt, ich bitte Euch inſtaͤndigſt, uͤberlaßt dieſe ſchuldige Perſon meiner Gnade!“ Nein, Bruder! redete der Sakriſtan dazwi⸗ ſchen, Eurer Beſtrafung, aber nicht Eurer Gna⸗ de! Bedenkt, wir werden nicht Alle auf gleiche Art von unſerer lieben Frau beguͤnſtigt, auch iſt es nicht wahrſcheinlich, daß jeder Rock im Klo⸗ ſter als Panzer dienen wird, wenn eine Lanze dagegen anfaͤhrt. „Eben deswegen,“ ſagte der unterprior: wuͤnſchte ich nicht, daß wegen einer unbedeuten⸗ den Perſon die ganze Bruͤderſchaft mit Julian von Avenel, dem Herrn dieſes Menſchen, in Fehde geriethe.“ Bewahre uns unſere Frau davor, ſagte der Sakriſtan, das iſt ein zweiter Julianus Apo⸗ ſtatg!— —— „Mit unſers ehrwuͤrdigen Vater Abts Er⸗ laubniß⸗“ ſagte Euſtachius:„wuͤnſche ich, daß dieſem Manne die Feſſeln abgenommen werden, und daß man ihn ungekraͤnkt entlaſſe— und hier, Freund,“ ſetzte er hinzu, indem er ihm das gol⸗ dene Cruciſix uͤbergab:„Hier! nimm das Bild, um das Du Deine Hand mit Blut beflecken woll⸗ teſt. Betrachte es wohl, moͤge es Dir andere und beſſere Gedanken einfloͤßen! Draͤngt Dich die Noth, ſo trenne Dich davon, und kaufe Dir eines, das durch des Mammons Schimmer Dich nicht zu Vorfaͤtzen verleitet, welche dieſer zu er⸗ zeugen pflegt. Es war das Andenken eines theu⸗ ern Freundes, allein einen beſſern 2 Dienſt kann es mir nie leiſten, als wenn es eine Seele dem Himmel gewinnt.“ Der Graͤnzreuter, nun von ſeinen Ketten befreit, betrachtete mit Erſtaunen bald den Un⸗ terprior, bald das goldene Crucefix. Beim Him⸗ mel, ſagte er: ich begreife Euch nicht! Ihr gebt mir Gold dafuͤr, daß ich meine Lanze ge⸗ gen Euch verſuchte, was gebt Ihr mir, wenn ich ſie gegen einen Ketzer fuͤhre? „Die Kirche /“ verſetzte der unterprior:„ver⸗ ſucht erſt die Wirkung geiſtlicher Zuͤchtigungen, —— — 185 um dieſe verirrten Schaafe zur Heerde zuruͤckzu⸗ fuͤhren, ehe ſie ſich des Schwertes des heiligen Petrus bedient.“ Aber, erwiederte der Reuter: man ſagt ja, der Primas empfehle ein wenig Sengen und Brennen zur Unterſtuͤtzung jener Zuͤchtigungen, und des Schwertes... Lebt wol indeſſen, ich danke Euch mein Leben, und werde meine Schuld nie vergeſſen. Keuchend trat der Amtmann ein, in ſeinem blauen Wams und ſeinen Bandelieren, von zwei oder drei Hellebardieren begleitet.„Ich habe wohl Euer hochwuͤrdige Herrlichkeit ein wenig zu lange auf mich warten laſſen, ich bin aber ſeit der Schlacht von Pinkie ein wenig fetter gewor⸗ den, und kann nicht mehr ſo leicht, wie vorher, in mein ledernes Koller ſchluͤpfen; doch das Ge⸗ faͤngniß iſt bereit, wenn ich ſchon, wie geſagt, ein wenig ſpaͤt kamme.“ Hier trat der vermeintliche Gefangene dem Amtmann gravitaͤtiſch unter die Naſe, zum nicht geringen Erſtaunen deſſelben. Ihr habt Ench freilich ein wenig verſpaͤtet, Amtmann, ſagte er: allein ich bin Eurem Koller viel Dank ſchuldig, ſo wie Euch ſelbſt, daß Ihr 186—— ziemlich viel Zeit gebraucht, um ihn anzulegen. Waͤre der weltliche Arm eine Viertelſtunde fruͤ⸗ her gekommen, ſo befaͤnde ich mich jetzt au⸗ ßer dem Bereiche der geiſtlichen Gnade; aber ſo wie es ſteht, wuͤnſche ich Euch einen guten Abend, und daß ihr gluͤcklich hinwiederum aus Eurem Koller herauskommen moͤget, in dem Ihr nicht viel anders als ein Schwein in Ruͤſtung ausſehet. Der Amtmann, uͤber dieſes Compliment nicht wenig aufgebracht, polterte im Zorn:„Waͤre es nicht wegen Anweſenheit des hemürdigen Lord Abtes, du Schurke! du ſollteſt. Wollt Ihr's verſuchen, ſagte Chrißie von Ginthill, ſo trefft Ihr mich morgen mit Tages 4 Anbruch beim Quell der heiligen Jungfrau Kuͤhner Suͤnder! ſagte Vater Euſtach: Du biſt kaum dem Tode entgangen und traͤgſt Dich ſchon wieder mit Mordgedanken. „Ich werde Dich ſchon erwiſchen, ehe es zu ſpaͤt iſt, und Dich Dein Oremus lehren,“ ſagte der Amtmann. Und ich will zuvor erſt Dein Vieh ein we⸗ nig unterſuchen, entgegnete Chriſtie „Da nehm' ich Dich gewiß an einem neblich⸗ — — 187 ten Morgen beim Schopfe, du frecher Dieb“, rief der Amtmann. Du biſt ja ſelbſt ein Dieb, wie nur je⸗ mals einer umherzog, entgeguete Chriſtie: und wenn die Wuͤrmer ſich dereinſt von Deinem Leich⸗ nam maͤſten, ſo hoff ich, durch die Gunſt dieſer ehrwuͤrdigen Herren, Deine Stelle zu erhalten. „Ein Geſchenk kannſt Du wohl aus ihren Haͤnden und aus den meinigen erhalten,“ verſetzte abermals der Amtmann:„nehmlich einen Beicht⸗ vater, und einen Strick!“— „Ihr Herren,“ ſagte der Unterprior, da er bemerkte, daß ſeine Bruͤder anfingen, mehr An⸗ theil an dieſem Streite zu nehmen, als ſchicklich zu ſein ſchien:„entfernt Euch Beide! Ihr, Herr Amtmann, mit Euern Hellebardieren, laßt den Mann in Ruhe, den wir entlaſſen haben, und Du, Chriſtie, oder wie Du fonſt heißen magſt, be⸗ denke, daß Du Dein Leben der Gnade und Milde des Lord Abtes zu verdanken haſt.“ Der wohl nicht, erwiederte Chriſtie, ich denke nur der Eurigen! doch ſchreibt es zu, wem ihr wollt, ich danke es doch einem von Euch, und damit gut!— Pfeifend verließ er hierauf das Gemach, gleich als hielte er das verwirkte und 2 188— wieder erhaltene Leben keines weitern Dankes werth. „Hartnaͤckig bis zur aͤußerſten Rohheit!“ ſagte Vater Euſtach:„und doch— wer weiß ob nicht ein beſſerer Kern unter der rauhen Schale ver⸗ borgen liegt.“ Rette einen Dieb von dem Galgen u. ſ. w. ſagte der Sakriſtan, Du kennſt das Sprichwort ſchon; und geſetzt, unſere Glieder und unſer Le⸗ ben wuͤrden auch von dem Himmel vor dem kecken Boͤſewichte geſchuͤtzt, wer buͤrgt uns fuͤr unſer Getraide, unſere Rinder und Schaafe? „Ich! meine Bruͤder,“ ſagte ein bejahrter Moͤnch:„Ihr wißt nicht, was aus einem reui⸗ gen Raͤuber werden kann. Zu Abt Ingilrams Zeiten— ich erinnre mich derſelben noch wie des geſtrigen Tages— waren die Freibeuter ge⸗ rade die willkommenſten im Kloſter zur helligen Jungfrau. Sie zahlten richtig den Zehnten von jedem Trupp Vieh, den ſie von Suͤden her ge⸗ trieben brachten, und weil ihnen ihr Gewinn oft eben nicht ſchwer wurde, verwandelten ſie wohl auch den Zehnten in den Siebenten, wenn nehm⸗ lich ihr Beichtvater ſich auf ſein Geſchaͤft ver⸗ ſtand.— Sahen wir nun von dem Thurme eine 1 839 Heerde fetter Ochſen, oder eine Schaafheerde, das Thal herabkommen, mit zwei oder drei Be⸗ waffneten zur Begleitung, ſo pflegte der gute Abt Ingilram immer zu ſagen— denn er war ein ſpaßhafter, luſtiger Mann— da kommen die Zehnten von der Beute Egyptens! Ach, ich habe geſehen, wie der beruͤchtigte John Armſtrong— es war ein ſchoͤner und auch ein guter Mann, ſchade nur, daß er an einer hanfenen Halekrauſe ſterben mußte— ich habe geſehen, wie der in die Kloſterkirche trat, mit neun goldenen Quaſten an ſeiner Muͤtze, jede aus neun engliſchen Nobles beſtehend, und wie er dann von Kapelle zu Ka⸗ pelle, von Bild zu Bild, von Altar zu Altar ging, und zwar auf den Knien, und wie er hier einen Nobel, dort eine ganze Quaſte zuruͤckließ⸗ bis noch ſo viel Gold an ſeiner Muͤtze war, als an meinem Hute iſt— ſolche Graͤnzraͤuber wer⸗ det Ihr jetzt nicht mehr ſinden.“ Gewiß nicht, Bruder Nicolaus, verſetzte der Abt: ſte nehmen lieber das Geld aus den Kir⸗ chen und was das Vieh anbelangt, ſo kuͤm⸗ mern ſie ſie ich wenig darum, ob es auf den Wei⸗ den von Lamereoſt Abtei, oder auf denen der beiligen Jungfrau gefuͤttert worden. „os iſt kein gutes Haar mehr an ihnen,“ ſagte Vater Nicolaus:„ſie taugen gar nichts mehr! Ach! die Spitzbuben zu meiner Zeit, das waren Leute! dabei mitleidig und fromm!“ Was hilft uns die Erinnerung daran, Bru⸗ der Nicolaus, ſagte der Abt!— ich entlaſſe Euch nun, meine Bruͤder; die Verſammlung, welche wir wegen der Gefahr unſers verehrten Unter⸗ priors gehalten haben, ſoll Euch ſtatt der Hora's dieſen Abend angerechnet werden. Indeſſen laßt die Glocken laͤuten, zur Erbauung der Laien au⸗ ßerhalb, und damit die Novizen ihre Pflicht nicht verſaͤumen. Und nun, meinen Seegen, ihr Bruͤ⸗ der! Der Kellermeiſter ſoll Jedem noch einen Be⸗ cher Wein ertra geben, und ein Stuͤck Butter⸗ brot dazu, denn Ihr habt Fuch heute doch ſehr geaͤngſtigt, und es iſt gefaͤhrlich, in ſolchem Falle mit leerem Magen zu Bette zu gehen. „Gratias agimus quam maximas, domine re- verendissime!“ verſetzten die Bruͤder, und ent⸗ fernten ſich in gehoͤriger Ordnung. Der Unterprior aber blieb zuruͤck, und fiel vor dem Abte auf die Knie, als dieſer eben im Begriff war, ſich zu entfernen. Zugleich bat er ihn dringend, unter dem Siegel der Beichte die —— 19 1 Abentheuer des Tages von ihm zu vernehmen. Der ehrwuͤrdige Lord Abt gaͤhnte, und haͤtte ſich gern mit Ermuͤdung entſchuldigt, allein gegen den Vater Euſtach wollte er am wenigſten als gleichguͤltig gegen ſeine religidſen Pflichten er⸗ ſcheinen. Das Bekenntniß fand daher ſogleich ſtatt, und Vater Euſtach enthuͤllte in demſelben die außerordentlichen Umſtaͤnde, welche ihn auf ſeiner Neiſe betroffen hatten. Und als ihn der Abt fragte, ob er ſich keiner geheimen Suͤnde bewußt ſei, wodurch er vielleicht fuͤr einige Zeit den Anfechtungen boͤſer Geiſter ausgeſetzt ſein koͤnnte, erklaͤrte der Unterprior unverhohlen, daß er dieſe Strafe wohl deshalb verdient habe, weil er mit ſo unbruͤderlicher Strenge uͤber den Be⸗ richt des Vater Philipp, des Sakriſtans, ſich ge⸗ aͤußert habe. „Der Himmel,“ ſagte der Reuige:„mag mich wohl haben uͤberzeugen wollen, daß er nicht nur nach Gefallen eine Verbindung zwiſchen uns und Weſen von einer ganz verſchiedenen, und wie wir zu ſagen pflegen, uͤbernaruͤrlichen Ordnung er⸗ zeugen, ſondern auch unſern Stolz auf hoͤhere Einſicht, hoͤhern Muth, oder hoͤhere Gelehrſam⸗ keit beſtrafen kann.“ Die Tugend traͤgt zwar immer ihren Lohn in ſich, aber es iſt die Frage, ob die Erfuͤllung der Pflicht je vollſtaͤndiger belohnt worden ſei, als durch die Anboͤrung der Beichte, welche der Abt ſo ungern dem Unterprior bewilligte. Daß der Gegenſtand ſeiner Furcht oder ſeines Neides,— oder der von beiden— ſich ſelbſt des Irrthums anklagte, deſſen er ihn im Geheim beſchuldigt hat⸗ te, war eines Theils dem Abt eine hoͤchſt ange⸗ nehme Beſtaͤtigung ſeines Urtheils, andern Theils aber ſchmeichelte es ſeinem Stolze und milderte ſeine Furcht. Das Gefuͤhl des Triumphes ver⸗ mehrte indeſſen eher ſeine Gutmuͤthigkeit, ſtatt ſie zu mindern, und der Abt Bonifaz war ſo weit entfernt von der Neigung, dem Unterprior in Folge dieſer Entdeckung, ſein Uebergewicht fuͤh⸗ len zu laſſen, daß er in ſeiner Ermahnung ein wenig komiſch zwiſchen dem natuͤrlichen Ausdrucke befriedigter Eitelkeit und der Furcht ſchwankte, die Empfindung des Vater Euſtachius zu ver⸗ letzen. Mein Bruder! jagte er ex cathedra, es kann Euch nicht entgangen ſein, daß wir oft unſer eigenes Urtheil zum Beſten Eurer Meinung un⸗ terdruͤckt haben, ſelbſt bei ſolchen Dingen, welche die 193 die Bruͤderſchaft ſehr nahe angingen. Demohn⸗ geachtet wuͤrde es uns leid thun, wenn Ihr glauben koͤnntet, daß wir dies deswegen thaten, weil wir unſere eigene Meinung fuͤr weniger bedeutſam, oder unſere Einſicht fuͤr minder tief hielten, als die unſerer Bruͤder. Es geſchahe allein deshalb, um unſern juͤngern Bruͤdern, als wozu Ihr Euch doch auch rechnen muͤßt, mein theuerſter Bruder, jenen Muth zu verſchaffen, der zu freier Aeußerung ihrer Meinungen noͤthig iſt;:— wir balten oft unſer Urtheil zuruͤck, damit un⸗ ſere Untergebenen, beſonders unſer theurer Bru⸗ der, der Unterprior, in der Mittheilung ſeiner Anſichten und Gedanken ermuntert werde. Dieſe unſere Nachſicht und Demuth, verehrteſter Bru⸗ der, mag wohl in Eurem Gemuͤthe jene Ein⸗ bildung auf Eure Kenntniß erzeugt haben, welche Euch ungluͤcklicher Weiſe zur Ueberſchaͤtzung Eu⸗ rer Faͤhigkeiten, und dadurch, wie nur zu ſicht⸗ bar iſt, zur Verſpottung durch boͤſe Geiſter ge⸗ bracht hat; denn es iſt nur zu gewiß, daß uns der Himmel gerade am wenigſten ſchaͤtzt, wenn wir uns am hoͤchſten achten; auch ſind wir an⸗ derer Seits wohl zu ſehr von dem abgewichen, was ſich fuͤr unſern hohen Poſten in dieſer Abtei D. Kloſter. 1. J 194 geziemte, indem wir uns von der Stimme un⸗ ſers Untergebenen und deſſen Aufſicht leiten lie⸗ ßen. Deshalb, fuhr der Abt fort: muß es in Zukunft anders werden auf beiden Seiten; in⸗ deſſen wuͤnſchten wir doch auch nicht, des Vor⸗ theils beraubt zu ſeyn, der uns bisher aus Eu⸗ ren weiſen Rathſchlaͤgen erwuchs, welche uns ſo oft von unſerm hochverehrten Primas empfohlen worden ſind. Daher werden wir bei wichtigen Angelegenheiten Euch privatim zu uns rufen laſ⸗ ſen, um Eure Meinung zu vernehmen, welche wir, wenn ſie mit unſerer eigenen uͤbereinſtimmt, dem Kapitel als direkt von uns ſelbſt ausgehend, mittheilen werden; ſo erſparen wir Euch, theu⸗ erſter Bruder, den anſcheinenden Sieg, der ſo geſchickt iſt, den geiſtlichen Stolz zu naͤhren, und uns ſelbſt die Verſuchung, in jene beſchei⸗ dene Nachgiebigkeit zu verfallen, wodurch unſer Amt und unſere Perſon in den Augen der Ge⸗ meinde, der wir vorſtehen, herabgeſetzt wird. Trotz der hohen Meinung, welche Vater Eu⸗ ſtach, als ein ſtrenger Katholik, von dem Sakra⸗ mente der Beichte hegte, ſtand er doch in Ge⸗ fahe, eine Empfindung des Laͤcherlichen zu be⸗ kommen, als er hoͤrte, daß ſein Oberer ſo ganz 195 einfaͤltiglich mit ſeinem Plane herausruͤckte, ſich des Unterpriors Kenntniß und Erfahrung zu Nutze zu machen, und zugleich alles Anſehen des⸗ halb fuͤr ſich zu behalten. Indeſſen ſagte ihm ſein Gewiſſen ſogleich, daß er hier kein Unrecht leide. „Ich haͤtte,“ dachte er bei ſich ſelbſt:„mehr an das geiſtliche Amt des Superiors, als an ſeine Perſon denken ſollen. Ich haͤtte den Man⸗ tel chriſtlicher Liebe uͤber die Schwaͤchen meines Vorgeſetzten decken und Alles thun ſollen, um ſein Anſehen aufrecht zu erhalten, und ſeine nuͤtz⸗ liche Wirkſamkeit unter den Bruͤdern und nach Außen hin zu verſtaͤrken. Der Abt kann nicht erniedrigt werden, ohne daß die Kirchengemeine zugleich mit in ſeiner Perſon herabgeſetzt werde. Es iſt ihr Stolz, daß ſie uͤber alle ihre Kinder, beſonders uͤber ſolche, welche zu hohen Stellen berufen ſind, diejenigen Gaben ausſchuͤtten koͤn⸗ ne, welche noͤthig ſind, um ihnen Ruhm zu ver⸗ leihen.“ 3 Von dieſen Geſinnungen erfuͤllt, unterwarf ſich Vater Euſtach freiwillig dem Auftrage, den ihm ſein Oberer, in dieſem Momente der Auto⸗ ritaͤt, mehr geboten als gegeben hatte, und er⸗ klaͤrte demuthsvoll, daß er ſtets bereit ſein werde, . J 2 196 dem Abte ſeinen Rath, wie er wünſchen moͤchte, zu ertheilen, auch keiner Verſuchung zum Stolze auf eigene Weisheit je wieder Gehoͤr zu geben. Dann erſuchte er noch den ehrwuͤrdigen Vater, ihm eine, ſeinem Vergehen angemeſſene, Buße aufzulegen, indem er zugleich bemerkte, daß er ſchon von ſelbſt den ganzen Tag gefaſtet habe. „Das eben tadele ich,“ verſetzte der Abt, ſtatt ihn wegen ſeiner Enthaltſamkeit zu loben:„alle dieſe Bußen, dieſes Faſten und Wachen gefaͤllt mir nicht, denn es verurſacht nur zu leicht Duͤnſte der Eitelkeit, welche aus dem Magen in den Kopf ſteigend, uns mit Hochmuth und Stolz anſtecken. Daß Novizen faſten und wachen, iſt ſehr paſſend und ſchicklich, denn ein Theil der Kloſtergemeinde muß ſich dem unterwerfen, und junge Magen koͤnnen das auch am beſten ver⸗ tragen. Außerdem ſchlaͤgt es bei ihnen auch allerlei boͤſe Gedanken und die Sehnſucht nach weltlichen Freuden nieder. Allein fuͤr diejeni⸗ gen, ehrwuͤrdiger Bruder, welche, wie ich und Du, der Welt ſchon abgeſtorben ſind, iſt es ein Werk der Superarrogation, und gibt nur Veran⸗ laſſung zu geiſtlichem Stolze. Deshalb befehle ich Dir auch, ſehr ehrwuͤrdiger Bruder, in die 8 197 Speiſekammer Dich zu begeben, und wenigſtens ein Glas guten Wein zu trinken, und Etwas Staͤrkendes zu eſſen, wie es Deinem Geſchmacke und Magen zuſagt. Und da Dich die Einbildung von Deiner eigenen hohen Weisheit zuweilen weniger duldſam und gefaͤllig gegen Deine ſchwaͤ⸗ chern und minder unterrichteten Bruͤder gemacht hat, ſo lege ich Dir auf, waͤhrend Deines Mah⸗ les den ehrwuͤrdigen Bruder Nieolas zum Ge⸗ ſellſchafter zu waͤhlen, und eine ganze Stunde, ohne Unterbrechung und Ungeduld, ſeiner Er⸗ zaͤhlung deſſen zuzuhoͤren, was zu den Zeiten unſers ehrwuͤrdigen Vorfahren, des Abts Ingil⸗ ram deſſen Seele Gott gnaͤdig ſeyn moͤge!— ſich ereignet hat. Was fuͤr geiſtliche Uebungen Dir fernerhin nuͤtzlich ſeyn und die Fehler verſoͤhnen moͤgen, deren Du Dich zerknirſchten Herzens ſelbſt ſchuldig befunden haſt, daruͤber wollen wir wei⸗ ter nachdenken, und Dir morgen unſere Mei⸗ nung wiſſend machen.“ Es iſt nicht unbemerkt zu laſſen, daß nach dieſem merkwuͤrdigen Abende der wuͤrdige Abt gegen ſeinen Rathgeber weit freundlicher und artiger wurde, als er es geweſen war, da er den Unterprior noch fuͤr eine Perſon ohne Suͤnde —— 198 und Fehl hielt, in deſſen Tugendkleide ſich auch nicht der kleinſte Flecken nachweiſen laſſe. Es ſcheint, als habe das Selbſtgeſtaͤndniß des Vater Euſtachius ihn der Freundſchaft des Abtes ganz beſonders empfohlen, obgleich dieſes zunehmende Wohlwollen auch mit einigen Umſtaͤnden beglei⸗ tet war, welche einem Manne von des Unterpriors natuͤrlichem Stolze druͤckender und widriger ſein mußten, als das Anhoͤren der Maͤhrchen des dum⸗ men und ſchwatzhaften Bruder Nicolaus. Der Abt gedachte zum Beiſpiel ſeiner ſelten gegen die an⸗ dern Moͤnche, ohne ihn„unſer armer Bruder Euſtach“ zu nennen; auch warnte er dann und wann die jaͤngern Bruͤder gegen die Fallſtricke der Eitelkeit und des geiſtlichen Stolzes, welche der Satan den Strengern und Gerechtern zu legen pflege, und zwar mit Blicken und Zeichen, welche beſtimmt andeuteten, daß der Unterprior einer von denen ſei, welche in ſolchen Fallſtricken gefangen worden. Bei ſolchen Gelegenheiten erfoderte es all den Gehorſam, alle philoſophi⸗ ſche Schuldisciplin eines Moͤnchs, und alle Ge⸗ duld eines Chriſten, um den Vater Euſtach in den Stand zu ſetzen, die prahleriſche, vornehm⸗ thuende Gleisnerei ſeines hochwuͤrdigen, aber doch 299 etwas ſchwachkoͤpfigen Superiors zu ertragen. Er fing an, nun ſelbſt den Wunſch zu naͤhren, das Kloſter zu verlaſſen, wenigſtens wich er offenbar jeder Gelegenheit aus, ſich in die Angelegenhei⸗ ten deſſelben auf jene bemerkbar entſcheidende Art zu miſchen, welche er anfangs angenommen hatte. Eilftes Kapitel. Zwei bis drei Jahre gingen voruͤber, waͤhrend welcher der Sturm der herannahenden Veraͤnde⸗ 6 rung in der Kirchenregierung mit jedem Tage gefaͤhrlicher und lauter wurde. Zufolge der Um⸗ ſtaͤnde, deren wir zu Ende des vorigen Kapitels gedacht haben, ſchien der Unterprior Euſtachius ſeine gewoͤhnliche Lebensweiſe gaͤnzlich geaͤndert zu haben. Er unterſtuͤtzte den Abt, bei allen au⸗ Ferordentlichen Gelegenheiten, ſowohl allein, als in dem verſammelten Kapitel, mit ſeiner Weis⸗ heit und Erfahrung; allein fonſt ſchien er jetzt 1 mehr fuͤr ſich ſelbſt, als fuͤr das Kloſter zu leben. Er war oftmals ganze Tage lang aus dem Kloſter abweſend, und da die Begebenheit zu Glendearg ihm noch lebhaft im Gedaͤchtniſſe war, machte er oft Beſuche in dem einſamen Thurme, und intereſſirte ſich aufs lebhafteſte fuͤr die Waiſen, welche unter dem Dache deſſelben ihre Zuflucht gefunden hatten. Außerdem wuͤnſchte 201 er auch gar zu gern, zu erfahren, ob das Buch das er verloren hatte, als er auf ſo ſeltſame Weiſe vor der Lanze des Moͤrders geſchuͤtzt worden war, den Weg etwa abermals zuruͤck nach dem Thurme von Glendearg gefunden habe.„Es waͤre doch ſeltſam,“ dachte er:„wenn ein Geiſt,“— denn da⸗ fuͤr konnte er ſich nicht enthalten, das Weſen zu nehmen, deſſen Stimme er gehoͤrt hatte—„auf der einen Seite die Ketzerei befoͤrdern, und auf der andern fuͤr die Lebensrettung eines eifrigen katholiſchen Prieſters ſich verwenden ſollte.“ Allein trotz allem Nachforſchen bei den ver⸗ ſchiedenen Bewohnern des Thurmes von Glen⸗ dearg, konnte er nicht erfahren, ob die Kopie der Ueberſetzung der heiligen Schrift, die ihm ſo ſehr am Herzen lag, von einem derſelben wieder ge⸗ ſehen worden ſei⸗ Unterdeſſen waren des guten Vaters Beſuche von nicht unbedeutenden Folgen fuͤr Eduard Glendinning und Marie von Avenel. Der Er⸗ ſtere entwickelte ein Tulent zum Erlernen und Behalten desjenigen, was ihn gelehrt wurde, welches den Vater Euſtach mit Bewunderung erfuͤllte. Er war zugleich ſcharfſichtig und flei⸗ ßig, munter und ſehr ſorgfaͤltig: eine ſeltene Ver⸗ „½ 202 einigung von Eigenſchaften, die nur bei wenig, von der Natur beſonders beguͤnſtigten Perſonen vorkommt.* Es war der ernſtliche Wunſch des Vater Eu⸗ ſtachius, daß die trefflichen, ſo fruͤh ſich entwi⸗ ckelnden, Eigenſchaften Eduards dem Dienſt der Kirche gewidmet werden moͤchten, wozu, wie er glaubte, der Knabe ſich auch leicht verſtehen wuͤrde, da er von ſtiller, zuruͤckgezogener, be⸗ ſchauender Gemuͤthsart zu ſein, und Wiſſenſchaft fuͤr das hoͤchſte Ziel des Strebens, und deren Erweiterung fuͤr das groͤßte Vergnuͤgen zu ach⸗ ten ſchien. In Anſehung der Mutter zweifelte der Unterprior nicht, daß ſie, da ſie die Moͤnche des Kloſters zur heiligen Jungfrau mit ſo tiefer Ehrfurcht zu betrachten pflegte, ſich ſehr gluͤck⸗ lich ſchaͤtzen wuͤrde, den einen ihrer Soͤhne in dieſe ehrenvolle Gemeinſchaft aufgenommen zu ſehen. Allein der gute Vater hatte ſich in bei⸗ den Hinſichten geirrt. Wenn er mit Elspeth Glendinning von dem ſprach, was dem Ohr einer Mutter am meiſten ſchmeichelt, den Fortſchritten und Faͤhigkeiten ih⸗ res Sohnes, ſo hoͤrte ſie ihm mit Entzuͤcken zu. Allein wenn Vater Euſtach auf die Pflicht hin, —— 203 deutete, dem Dienſte der Kirche Talente zu wid⸗ men, welche beſtimmt ſchienen, ſie zu zieren und zu beſchuͤtzen, ſo ſuchte die Frau ſtets dem Ge⸗ ſpraͤche eine andere Wendung zu geben, und wenn der Pater weiter in ſie drang, verbreitete ſie ſich umſtaͤndlich uͤber ihre eigene Unfaͤhigkeit, als ein verlaſſenes Weib die Haushaltung zu fuͤhren, oder uͤber den Vortheil, den ihre Nachbarn von ih⸗ rem ſchutzloſen Zuſtande zu ziehen ſuchen wuͤr⸗ den, ſo wie uͤber den Wunſch, den ſie naͤhrte, daß Eduard dereinſt ſeines Vaters Stelle ein⸗ nehmen, in dem Thurme bleiben, und ihr die Augen zudruͤcken moͤchte. Bei ſolchen Gelegenheiten pflegte der Unter⸗ prior gewoͤhnlich zu erwiedern: daß ſelbſt in weltli⸗ cher Hinſicht das Wohl der Familie am beſten da⸗ durch befoͤrdert werden koͤnnte, wenn einer ihrer Soͤhne dem Kloſter zur heiligen Jungfrau ſich wei⸗ he, da ſich nicht annehmen laſſe, daß er ſeiner Fa⸗ milie anderwaͤrts den bedeutenden Schutz werde verleihen koͤnnen, den er dann leicht auch uͤber ſie auszudehnen vermoͤge. Welche Ausſicht, meinte er, koͤnnte reizender ſein, als ihn in hohen Eh⸗ ren zu ſehen? oder was angenehmer, wenn die letzten Pflichten ihr von einem Sohne geleiſtet 2⁰4 wuͤrden, der wegen ſeiner Heiligkeit und muſter⸗ haften Sitten allgemein verehrt werde? Ueber⸗ dies verſuchte er, der Dame begreiflich zu ma⸗ chen, daß ja ihr aͤlteſter Sohn Halbert, deſſen kuͤhnere Gemuͤthsart und hartnaͤckige Neigung zu einem unſtaͤten Leben, ihn zur Gelehrſamkeit unfaͤhig mache, ſchon aus dieſem Grunde, und dann auch, weil er der aͤlteſte waͤre, am geſchick⸗ teſten ſei, mit den Angelegenheiten der Welt ſich zu befaſſen, und das kleine Lehn zu verwalten. Elspeth durfte nicht geradezu anderer Mei⸗ nung ſein, wenn ſie den Pater nicht beleidigen wollte, allein ſie fand doch immer Etwas dage⸗ gen einzuwenden.„Halbert,“ ſagte ſie:„ſei gar nicht wie ein anderer Knabe aus der Nachbar⸗ ſchaft; er ſei um einen ganzen Kopf groͤßer und um die Haͤlfte ſtaͤrker, als irgend einer ſeines Alters in dem Bezirke des Kloſterreviers; allein er ſei zu keiner fyiedlichen Arbeit zu bringen; wenn er die Buͤcher nicht liebe, ſo liebe er eben ſo wenig den Pflug oder die Hacke. Er habe ſeines Vaters altes Schlachtſchwert vom Roſte gereinigt, und es ſich umgeſchnallt, und pflege ſelten ohne daſſelbe auszugehen; er ſei zwar von ſanfter und artiger Gemuͤthsart, wenn man 2⁰05 freundlich mit ihm rede, allein auch ein wahrer Teufel, wenn er Widerſtand ſinde. Mit einem Worte,“ ſagte ſie endlich, in Thraͤnen ausbre⸗ chend:„nehmt ihr mir den Eduard, guter Vater⸗ ſo beraubt ihr mein Haus ganz eigentlich des ſtuͤtzenden Pfeilers, denn mein Herz ſagt es mir, Halbert wird ſeines Vaters Gewerbe ergreifen, und des Vaters Schickſal theilen.“ Wenn die Unterhaltung bis auf dieſen Punkt gekommen war, ſo ſuchte der gutmuͤthige Moͤnch das Geſpraͤch einſtweilen abzubrechen, und eine andere Gelegenheit abzuwarten, ihre Vorurtheile gegen Eduards vorgeſchlagene Beſtimmung, denn dafuͤr hielt er ſie, zu beſiegen. Wenn nun aber der Unterprior, nach dem Abſchiede von der Mutter, ſich an den Sohn ſelbſt wandte, und ſeine Liebe zur Gelehrſamkeit und Wiſſenſchaft zu beleben ſuchte, indem er ihm dar⸗ ſtellte, wie reichlich er dafuͤr belohnt werden wuͤrde, wenn er die heiligen Weihen naͤhme, ſo fand er denſelben Widerſtand, den Dame Elspeth vorher gezeigt hatte. Eduard wandte dann Man⸗ gel an hinlaͤnglichem Berufe zu einem ſo ernſt⸗ lichen Geſchaͤfte vor, auch wollte er nicht gern die Mutter verlaſſen, und was er ſonſt noch fuͤr 2⁰6 Gruͤnde anfuͤhrte, welche der Unterprior ſaͤmmt⸗ lich nur fuͤr ausweichend hielt. „Ich ſehe nun klar,“ ſagte er eines Tages zur Antwort darauf:„daß der Teufel eben ſo ſeine Diener habe, wie der Himmel, und daß beide gleich— oder vielleicht die erſtern mehr noch— thaͤtig ſind, ihm Arbeiter und Helfer zu verſchaffen. Ich glaube, junger Mann, daß weder Faulheit noch Wolluſt, noch Liebe zum weltlichen Gewinn und weltlicher Ehre und Hoheit, der Haupt⸗ koͤder, deſſen ſich der große Seelenfiſcher zu be⸗ dienen pflegt, die Urſachen Eurer Abneigung ge⸗ gen eine Laufbahn ſind, zu der ich Euch aufmun⸗ tern moͤchte. Allein vor Allem will ich glau⸗ ben und hoffen, daß die Eitelkeit hoͤherer Er⸗ kenntniß— eine Suͤnde, womit diejenigen, welche in der Gelehrſamkeit Etwas geleiſtet haben, am meiſten behaftet ſind— Euch nicht zu dem kuͤh⸗ nen Wageſtuͤcke verfuͤhrt haben wird, den gefaͤhr⸗ lichen Lehren Euer Ohr zu leihen, welche jetzt in Anſehung der Religion verbreitet werden. Beſſer fuͤr Euch, Ihr ſeid ſo unwiſſend, als die Thiere, denn daß Euch der Stolz auf tiefere Erkenntniß verleiten ſollte, der Stimme der Kez⸗ zer Euer Ohr zu leihen.“ —— 2⁰7 Eduard Glendinning hoͤrte ſolchen ſtrengen Ermahnungen mit niedergeſchlagenen Blicken zu, und unterließ nicht, ſobald ſie beſchloſſen waren, ſich gegen die Beſchuldigung, als habe er ſeine Forſchung auf Etwas gewendet, was die Kirche verboten, zu vertheidigen; und ſo blieb es denn dem Moͤnche uͤberlaſſen, allerlei leere Vermu⸗ thungen in Anſehung dieſes Widerſtrebens gegen den Stand des Moͤnchthums ſich zu bilden. Es iſt ein altes, ſchon von Chaueer gebrauch⸗ tes, und von der Eliſabeth oft angefuͤhrtes Sprichwort: daß die groͤßten Gelehrten nicht immer die weiſeſten Maͤnner ſind! und es wuͤrde wahr bleiben, wenn es auch kein Dichter erfunden, und keine Koͤnigin benutzt haͤtte. Haͤtte Vater Euſtach ſeine Gedanken nicht einzig und allein auf die Fortſchritte der Ketzerei, ſondern auch auf das gerichtet gehabt, was in dem kleinen Thurme vorging, ſo wuͤrde er in den ſprechen⸗ den Augen Mariens von Avenel, die nun zwi⸗ ſchen dem vierzehnten und funfzehnten Jahre ſtand, wohl die Gruͤnde geleſen haben, welche ihren jungen Geſpielen dem Moͤnchsleben abge⸗ neigt machten. Wir haben ſchon bemerkt, daß Marie ebenfalls eine vielverſprechende Muͤndel 208 des guten Vaters war, auf den ihre kindliche und unſchuldsvolle Schoͤnheit einen Eindruck machte, deſſen er ſelbſt ſich vielleicht nicht ein⸗ mal bewußt war. Ihr Rang und ihre Erwar⸗ tungen berechtigten ſie dazu, in der Kunſt des Leſens und Schreibens unterrichtet zu werden, und jede Lektion, dir ihr der Moͤnch aufgab, wurde mit Eduard gelernt, von ihm erklaͤrt und wieder erklaͤrt und erlaͤutert, bis ſie endlich voll⸗ kommen Herr der Sache wurde Im Anfange ihrer Studien war Halbert ihr Schulgefaͤhrte geweſen. Allein die Unruhe und Kuͤhnheit ſeines Weſens kam bald in Streit mit einer Beſchaͤſtigung, in der, ohne anhaltende Auf⸗ merkſamkeit und ſtrengen Fleiß, keine Fort⸗ ſchritte zu machen ſind. Der Unterprior wieder⸗ holte ſeine Beſuche nur unregelmaͤßig, und es ſielen oft ganze Wochen dazwiſchen; in dieſem Falle hatte dann Halbert gewiß Alles vergeſſen, was er hatte lernen ſollen, ja ſelbſt Vieles von dem, was er bereits fruͤher gewußt hatte. Er fuͤhlte daruͤber nun zwar wohl einige Reue, al⸗ lein ſie war nicht von der Ant, welche zur Beſ⸗ ſerung fuͤhrt. Bisweilen verſuchte er, wie Alle, welche den ——— 209 Muͤßigang lieben, ſelbſt die Aufmerkſamkeit des Bruders und Mariens von ihrem Penſum abzu⸗ lenken, und es entſpannen ſich nicht ſelten Ge⸗ ſpraͤche, wie folgende⸗ „Komm! Nimm Deine Muͤtze, Eduard! der Lord von Colmslie zieht eben ins Thal ein mit ſeinen Jagdhunden!“ Darum bekuͤmmere ich mich nicht! verſetzte der juͤngere Bruder: moͤgen ſeine Hunde den Hirſch doch jagen, wenn ich auch nicht dabei bin; ich muß Marien bei ihrer Lektion helfen! „Du wirſt wohl die Moͤnchslektionen lernen und lehren, bis Du ſelbſt ein Moͤnch wirſt!“ er⸗ wiederte Halbert:„willſt Du etwa mit mir ge⸗ hen, Marie? ich will Dir das Neſt zeigen, wo⸗ von ich Dir letzthin geſagt habe“ Ich kann nicht, Halbert, entgegnete dieſe: denn ich muß lernen, was mir aufgegeben iſt! Ach! ich bringe gewiß lange, lange damit zu, denn ich bin nicht ſo klug wie Eduard; waͤre ich wie der, dann koͤnnte ich vielleicht mit Dir gehen! „Nun! ſo will ich warten, bis Du Deine Lektion kannſt, und, wahrlich! ich will verſu⸗ chen, meine auch zu lernen!“— und laͤchelnd und ſeufzend ergriff Halbert 210— das Buch, und begann, ſeinem Gedaͤchtniſſe das, was ihm aufgegeben worden war, einzupraͤgen. Getrennt von den beiden Andern, ſetzte er ſich in einen Winkel des Gemaches, und nach ver⸗ geblichen Verſuchen, die Schwierigkeiten ſeiner Aufgabe zu uͤberwinden, fand er ſich unwillkuͤhr⸗ lich damit beſchaͤftigt, die Bewegungen der bei⸗ den Andern, ernſtlich ihrem Penſum Obliegen⸗ den, zu beobachten. Der Anblick, deſſen Halbert hier genoß, war zwar an ſich ſehr reizend, allein dieſes und jenes dabei gewaͤhrte ihm gerade nicht das groͤßte Vergnuͤ⸗ gen. Das ſchoͤne Maͤdchen beugte ſich mit wahr⸗ haft aͤngſtlichen Blicken uͤber das Buch, um die Schwierigkeiten zu entwirren, welche ſich ihren Fortſchritten entgegen ſtellten, und ſchaute dabei von Zeit zu Zeit nach Eduard, gleichſam um ſei⸗ nen Beiſtand zu erbitten. Dieſer ſaß dicht bei ihr, aufmerkſam bedacht, jedes Hinderniß zu ent⸗ fernen aus ihrem Wege, und ſtolz, wie es ſchien, auf die Fortſchritte ſeiner Schuͤlerin, ſo wie auf den Beiſtand, den er ihr zu leiſten im Stande war. Ein inniges, hoͤchſt intereſſantes Band ver⸗ einigte Beide, das Verlangen, Kenntniſſe zu er⸗ werben, und der Stolz, Schwierigkeiten zu be⸗ ſiegen. Verletzt im tiefſten Innern, aber unbekannt mit der Natur und der Quelle ſeiner Empfin⸗ dung, vermochte Halbert nicht lange, den Anblick dieſer ſtillen Seene auszuhalten; er ſprang auf⸗ warf das Buch von ſich, und rief:„Zum Hen⸗ ker mit all den Buͤchern und mit den Traͤumern, die ſie machen! Ich wollte, es kaͤmen ſo ein Schock Maͤnner aus Suͤden ins Thal, wir ſollten bald lernen, wie all das Murmeln und Scribeln zu Nichts nuͤtze iſe!“ Marie von Avenel und ſein Bruder ſahen ihn mit Verwunderung an, indeß er mit gro⸗ ßer Bewegung umherging, und Thraͤnen in ſei⸗ nen Augen ſich zeigten.„Ja, Marie!“ rief er: „ich wollte, es kaͤme eine Bande aus Suͤden her⸗ ein ins Thal, Ihr ſolltet bald ſehen, daß eine tapfere Fauſt und ein gutes Schwert Euch mehr beſchuͤtzen werden, als alle Buͤcher, die man je aufgeſchlagen, und alle Federn, die je in einem Gaͤnſefluͤgel gewachſen ſind.“ Marie ſah ein wenig erſtaunt und erſchrok⸗ ken uͤber ſeine Heftigkeit aus, allein ſie erwie⸗ derte ſogleich mit liebevollem Tone: Ihr ſeid 218— unzufrieden, Halbert, weil Ihr Eure Lexktion nicht ſo ſchnell lernt, als Eduard; aber es geht mir ja auch ſo; ich bin ſo dumm als Ihr! Aber kommt nur, Eduard ſoll ſich zwiſchen uns ſetzen und uns lehren. „Mich ſoll er nichts lehren,“ entgegnete Hal⸗ bert in dem nehmlichen mißmuthigen Tone: „denn ich kann ihn nicht lehren, etwas zu thun, was maͤnnlich und ehrenvoll iſt; auch ſoll er mir ſeine moͤnchiſchen Pfiffe gar nicht beibringen. Ich haſſe die Moͤnche mit ihrem dehnenden Na⸗ ſentone, wie die Froͤſche, und ihren langen ſchwar⸗ zen Kutten, wie die Weiber, und ihren Buͤcklin⸗ gen, ihren Herrſchaften, ihren faulen Vafallen, welche nichts thun, als mit Pflug und Harke von Oſtern bis Michael in dem Boden zu kratzen. Ich nenne Niemanden Lord, als den, der ein Schwert fuͤhrt, ſeine Rechte geltend zu machen, und keinen einen Mann, als den, der ſich maͤnn⸗ lich und meiſterlich zu benehmen weiß.“ Ums Himmels Willen, ſei ruhig, Bruder, ſagte Eduard: wenn dieſe Reden aufgefangen und außer dem Hauſe bekannt wuͤrden, ſie koͤnnten unſere Mutter ungluͤcklich machen!— „Mache ſie doch lieber ſelbſt bekannt, ſie 943 werden Dir viel Rutzen, und Niemanden, als mir, Schaden bringen. Sage nur, daß Halbert Glendinning nie der Vaſall eines alten Mannes mit einer Kutte und geſchornem Kopfe ſein wird, da es zwanzig Barone giebt, welche beſtederte Helme tragen, und kuͤhne Mannen ſuchen. Laß Dich mit dem elenden Stuͤckchen Landes beleh⸗ nen, das Dir Mehl genug liefern wird, um Deinen Brochan) bereiten zu koͤnnen.“ Er verließ ſchnell das Gemach, kehrte aber bald zuruͤck und fuhr fort, in demſelben Tone des gereizten Gefuͤhls zu ſprechen. „Ihr braucht Euch nicht ſo viel zu wiſſen, vorzuͤglich Du, Eduard, mit Eurem pergamente⸗ nen Buche, und daß Ihr drinnen leſen koͤnnt. O! ich will gewiß auch eben ſo bald leſen ler⸗ nen, als Ihr, und ich kenne einen beſſern Lehrer als Euren graͤmlichen Moͤnch, und ein beſſeres Buch, als das gedruckte Brevier! Und weil Ihr denn das Schulhandwerk ſo liebt, Marie, ſo ſollt Ihr ſehen, ob Eduard oder ich ſich beſſer darauf verſteht.“ ) Brochan iſt ein Brei aus Hafermehl, den man in jener Zeit und Gegend häufig genoß. 4 814—— Hiermit verließ e er das Zimmer und kehrte nicht zuruͤck. Was mag er nur eigentlich haben? ſagte Marie, indem ſie ihn mit ihren Augen, zum Fenſter herausſehend, folgte, wie er mit haſtigen und unglei⸗ chen Schritten durch das rauhe Thal hinrannte. Wohin geht denn Euer Bruder, Eduard? fragte ſte: welches Buch und welchen Lehrer meint er? „Es lohnt die Muͤhe nicht, das zu rathen!“ ſagte Eduard:„Halbert iſt aͤrgerlich, er weiß nicht warum, und ſpricht, er weiß nicht was! Laß uns wieder an unſere Lektion gehen, er wird ſchon nach Hauſe kommen, wenn er ſich durch Klettern in den wilden Felſen herum genugſam ermuͤdet hat.“ Marie aber naͤhrte in Anſehung Halberts eine tiefer wurzelnde Angſt und Beſorgniß. Un⸗ ter dem Vorwande, Kopfweh zu haben, wollte ſie das Werk nicht fortſetzen, womit ſie worher ſo angenehm beſchaͤftigt geweſen waren, auch konnte Eduard ſie den ganzen Morgen uͤber nicht wieder dazu vermoͤgen. 3 Unterdeſſen ſchritt Halbert, ohne Mute auf dem Kopfe, ſein Geſicht von Eiferſucht entſtellt, und die Thraͤnen noch in den Augen, nr der 2¹5 Schnelle eines Rehes, nach dem aͤußerſten rau⸗ hen Ende des Thales zu, und ſuchte ſich, gerade als wollte er alle Schwierigkeiten des Weges er⸗ meſſen, die wildeſten und gefaͤhrlichſten Pfade auf, indeß er ſich hundertmal Gefahren ausſetzte, welche er durch einen geringen Umweg auf das leichteſte haͤtte vermeiden koͤnnen. Es ſchien faſt⸗ als wollte er einen ſo geraden Weg nehmen, wie der Pfeil vom Bogen nimmt. Endlich gelangte er zu einer ſchmalen Fels⸗ ſchlucht, durch welche ſich ein kleiner Bach nach dem Gewaͤſſer ergoß, welches die Gegend von Glendearg traͤnkte. Hier ſchritt er mit derſelben Eile vorwaͤrts, mit der er den Thurm verlaſſen hatte, hielt nicht an, und ſchaute nicht um ſich, bis er die Quelle erreicht hatte, welche den klei⸗ nen Bach erzeugte. Hier blieb Halbert ſtehen, und warf du⸗ ſtere, erſchrockene Blicke um ſich. Ein ſtarrer Fels erhob ſich ihm gegenuͤber, aus deſſen Spal⸗ ten wildes Diſtelgeſtraͤuch hervorwuchs, und ſich mit dunkelgruͤnem Gezweig uͤber die Stelle bog, aus der der Quell hervorbrach. Die Felswaͤnde an beiden Seiten erhoben ſich ſo ſteil, und naͤ⸗ herten ſich ſo ſehr’ daß nur, wenn die Sonne 216 gerade im Mittage ſtand, und nur waͤhrend des Sommerſolſtitiums ihre Strahlen den Grund der Schlucht erreichen konnten, wo er jetzt ſtand. Allein es war eben Sommer, und die Stunde des Mittags, ſo, daß der ungewohnte Sonnen⸗ ſtrahl wirklich auf dem hellen Waſſer ſchimmerte. „Jetzt iſt es Zeit und Stunde,“ ſagte Hal⸗ bert zu ſich ſelbſt:„und nun moͤcht' ich— ja ich moͤchte weiſer werden, als Eduard mit all ſei⸗ ner Muͤhe. Marie ſoll ſehen, ob er allein ge⸗ ſchickt iſ, ihr Rathgeber zu ſein, und an ihrer Seite zu ſitzen, ſich uͤber ſie zu beugen, wann ſie lieſet; und ihr jedes Wort und jeden Buch⸗ ſtaben zu zeigen. Und ſie liebt mich gewiß mehr als ihn— das weiß ich— denn ſie ſtammt ja aus edlem Blute, und verachtet Feigheit und Traͤgheit. Aber ſtehe ich denn nicht ſelber hier, ſo traͤg und feig, wie ein Prieſter? Warum fuͤrchte ich mich denn, dieſe Geſtalt, dieſen Schatten, zu beſchwoͤren? Ich habe ja das Geſicht ſchon einmal beſtanden, warum ſollt' ichs nicht zum zweiten Mahle beſtehen? Was kann es mir anhaben? Bin ich nicht kraͤftig und ſtark, und trage mei⸗ nes Vaters Schwert an der Seite? Schlaͤgt mir das Herz, ſtraͤuben ſich mir die Haare empor bei dem 217 dem Gedanken, einen gemalten Schatten zu rufen, wie werde ich einer Schaar von Maͤnnern aus Suͤden von Fleiſch und Blut entgegen zu treten vermoͤgen? Bei der Seele des erſten Glen⸗ dinning! ich will eine Probe des Zaubers ma⸗ chen Er zog den ledernen Halbſtiefel von ſeinem rechten Fuße, ſetzte ſich in eine feſte Stellung, zog ſein Schwert aus der Scheide und ſchaute ſich rings um, um ſich Muth zu machen, dann beugte er ſich drei Mal bedaͤchtig gegen den Di⸗ ſtelſtrauch und eben ſo oft gegen die kleine Quel⸗ le, indem er mit entſchloſſenem Tone folgende Verſe ausſprach: Drei Mal dem Diſtelſtrauch— Drei Mal der Quelle auch— Ich bitt', erſteh zur Stell' Weiße Maid von Avenel! Sonne glimmt auf dem See, Sonw in der Schlucht ich ſeh! Erſteh', erſtehe zur Stell', Weiße Maid von Avenel! Kaum hatte er dieſe Worte ausgeſprochen, als ſich ihm eine weibliche Geſtalt zeigte, in wei⸗ D. Kloſter. I. K 218 ßer Kleidung, und drei Schritte von ihm ſte⸗ hen blieb.. Schrecklich, mein' ich, war's doch immer, Eine Frau ſo wunderſchön Und wie ſie geſchmückt, vor ſich zu ſehn!— (Coleridge Christabelle.) — 219 Zwölftes Kapitel. Da junge Halbert Glendinning hatte kaum die myſtiſchen Worte ausgeſprochen, als, wie wir am Schluß des vorigen Kapitels bemerkt haben, eine Erſcheinung, einem ſchoͤnen weißgekleideten Frauenbilde gleichend, einige Schritte weit vor ihm ſtand. Der augenblickliche Schreck uͤberwaͤl⸗ tigte doch ſeinen natuͤrlichen Muth und den feſten Entſchluß, den er gefaßt hatte, daß die Geſtalt, die ihm nun ſchon zwei Mal erſchienen war, ihn nicht zum dritten Male beſtuͤrzt machen ſollte. Allein es ſcheint doch, als habe es fuͤr Fleiſch und Blut Etwas ganz eigen Schauderhaftes, wenn man weiß, daß man in der Naͤhe eines Weſens iſt, das uns zwar an Geſtalt gleich, aber an ſich ſelbſt ſo von uns verſchieden iſt, daß wir⸗ weder ſeine Plane verſtehen, noch die Mittel zu Ausfuͤhrung derſelben berechnen koͤnnen. Halbert ſtand ſchweigend und ſchnappte nach Luft, ſeine Haare ſtraͤubten ſich empor, ſein Mund 1 5 K 2 2²2 blieb offen, ſeine Augen ſtarrten auf einen Fleck, und als das einzige Zeichen ſeines erſten Ent⸗ ſchluſſes hielt er das Schwert mit der Spitze gegen die Erſcheinung gekehrt. Endlich ſang oder ſummte ihm die weiße Frau— denn mit dieſem Namen wollen wir fortan dieſes Weſen bezeichnen— mit unausſprechlich ſuͤßem Tone folgende Worte zu: Jüngling mit dem dunkeln Auge, warum rufſt Du . mich? Warum kamſt Du her, wenn der Schrecken bleichet Dich? Wer mit uns verkehrt, darf die Furcht nicht kennen, Anerfreulich ſind die Gaben Die wir zu vertheilen haben, Unſre Reden dunkel Allen Die ſich Feige müſſen nennen! De Lüftchen, das mich hergeführt, weht über Egyptens Sand,. Die Wolb, auf der ich fahre, muß kühlen Arabiens Brand! Mit Uugeduld verweilen ſie bei mir Denn über tauſend Meilen, Muß, eh der Tag ſich neigt, ich ſegeln noch von hier. Halberts Erſtaunen wich endlich ſeiner Entſchloſ⸗ ſenheit, und er fand Faſſung genug, mit ſchwan⸗ kender Stimme zu fragen:„Im Namen Got⸗ 281 tes! wer biſt Du-— Die Antwort kam in einer Melodie von ganz verſchiedener Art: Wer ich bin, darf ich nicht merken laſſen, Wer ich bin, kannſt Du nicht faſſen. Etwas zwiſchen Höll' und Himmel, Etwas, was nicht ſteht noch fällt, Was Dir wohl und weh thun kann, Je nachdem Du's ſelbſt fängſt an! Weder Körper noch Schatten, Schweb' ich über einſame Triften und Matten, Tanz' ich auf der leichten hüpfenden Welle, Fahr' ich daher mit des Wirbelwinds Sahneler Jede menſchliche Leidenſchaft Aeffen wir nach in phantaſtiſchen Formen, Aber ſie mögen ohne alle Kraft Nicht in unſere kalten Seelen Sich wie in die menſchlichen ſtehlen; Gleich dem Bilde, das im Spiegel lebt, Sind ſie über uns hingeſchwebt⸗ Wunderlich, ſchwächlich iſt unſer Muth, Schwankend ſtets zwiſchen Bös und Gut? Glücklicher als die Menſchen, weben Wir uns ein zehnmal längeres Leben; Aber unglücklicher noch als ſie, Finden wir jenſeit des Grabes nie Hülf' oder Hoffnung.— Zu Freud' oder Sorgen Wecket den Menſchen ein jeglicher Morgen, 222—— Unſer Schlaf kennt kein Morgenroth! Dieß iſt Alles was ich darf ſagen, Altes was Deine Bruſt mag tragen! Die weiße Frau ſchwieg und ſchien auf eine Antwort zu warten; allein, da Halbert nicht recht wußte, wie er ſeine Gedanken ausdruͤcken ſollte, ſchien die Geſtalt immer mehr zu erblei⸗ chen, und immer unkdrperlicher zu werden. Da Halbert dies fuͤr ein Zeichen des baldigen gaͤnz⸗ lichen Verſchwindens hielt, ermuthigte er ſich zu ſagen:„Dame! als ich Euch in dem Thale ſah, und als Ihr das ſchwarze Buch Mariens von Avenel zuruͤckbrachtet, verſpracht Ihr mir, ich ſollte einſt darinnen leſen lernen!“ worauf ſo⸗ gleich die weiße Frau erwiederte: Ja! ich lehrte Dich Zeichen und Wort Mich zu wecken an dieſem Zauberort! Doch größer iſt zu Falken und Spieß Dein Hang, Als auszuſpähen meinen ſtillen Gang. Auch ſcheint Dir Lany und Schwert mehr Gewinn, Als des heiligen Wortes Text und Sinn! Zu verfolgen jagend ein ſcheues Wild, Gilt mehr Dir als der Buchſtaben Bild. Für Haiden und Wälder lebſt Du nur⸗ Und verſchmähſt die Nahrung einer höhern Natur! „ — 223 „So will ich nicht laͤnger ſein, ſchoͤne Maid!“ ſagte Halbert:„ich will gerne lernen! und Du verſprachſt mir ja, wenn ich das wollte, mir huͤlfreich zu ſein; Deine Gegenwart ſchreckt mich nicht mehr, und ich werde Deinem Unterrichte mich nicht fuͤrder entziehen.“ Als er dieſe Worte ſprach, wurde die Geſtalt wieder ſo koͤrperlich und ſichtbar, als ſie vorher geweſen war, obgleich die Farben minder leb⸗ haft, und die Umriſſe weniger ſcharf und beſtimmt ſchienen, als die, welche ſich bei den gewoͤhnli⸗ chen Bewohnern der Erde wahrnehmen laſſen. „Willſt Du meine Bitte erfuͤllen, ſchoͤne Dame?“ ſagte er:„und mir das heilige Buch wiederfinden laſſen, um das Marie von Avenel ſo oft geweint hat?“— Dein Mißtrauen hat meine Treue verklagt, Deine Trägheit mir nicht beſſer behagt— Wer ſich zu ſpät eine Herberg' erkor Muß draußen ſchlafen oder ſprengen das Thor! Dir ging ein glänzender Stern einſt auf, Doch nun hat geändert er ſeinen Lauf! Muth und Beſtändigkeit mag allein Zurück Dir byingen des Glückes Schein! — 224— „Ja, Dame,“ entgegnete der junge Glendin⸗ ning:„ich habe zu lange gezaudert, allein Du ſollſt mich nun bereit ſinden, mit verdoppelter Eil vorwaͤrts zu ſchreiten. Andere Gedanken ha⸗ ben in einem kurzen Zeitraume mein Gemuͤth er⸗ fuͤllt, und beim Himmel! andere Beſchaͤftigungen ſollen hinfort auch meine Zeit ausfuͤllen. Ich habe Jahre gelebt, an dieſem Tage,— ich kam ein Knabe hierher und kehre als Mann zuruͤck, als Mann, der nicht nur mit ſeines Gleichen zu verkehren weiß, ſondern mit Allem, was ihm Gottes Nathſchluß je mag erſcheinen laſſen. Ich will den Inhalt jenes geheimnißvollen Buches erforſchen lernen, ich will lernen, warum es die Lady von Avenel ſo ſehr liebte, warum es die Prieſter fuͤrchteten und ſtehlen wollten, und warum Du es ihren Haͤnden wieder entriſſeſt!— Welches Geheimniß liegt in ihm verborgen? Sprich! ich beſchwoͤre Dich!' Die Dame nahm ein ganz beſonders duͤſteres und feierliches We⸗ ſen an, dann ſenkte ſie das Haupt, faltete die Haͤnde uͤber der Bruſt und erwiederte: In dieſem ehrwürdigen Buche ruht Der Geheimniſſe aller, Geheimniß! Wie glücklich der Menſch, dem Gott verliehn 1 Durch ſeine Gnade mit weiſem Bemühn Zu leſen, zu fürchten, zu hoffen, zu beten⸗ Den Vorhang zu lüften, den Pfad zu betretem⸗ Den richtigen, der zum Leben führt!— Doch möcht' er lieber nimmer geboren ſein, Lieſt er, um's dem Zweifel und Spotte zu weihn. „Gebt mir das Buch, Dame,“ ſagte der junge Glendinning:„ſie nennen mich traͤge, ſie nen⸗ nen mich dumm, hier wird mein Bemuͤhen ge⸗ wiß geſegnet ſein. Gebt mir das Buch, ich flehe Euch!“ Die Erſcheinung erwiederte darauf: Wohl tiefer, als es Dein Sinn ſich denkt, Hab' ich das Buch zur Ruhe verſenkt; 5 Aetheriſches Feuer ringsum erglitht, Und Himmelsmuſik durch die Lüfte ziehr, Das Pfand der ewigen Güte, In ihren Sphären Alle Weſen verehren, Nur der Menſch nicht, dem die Weisheit hier blühte, Reich mir die Hand, Du ſollſt erſpähen, Was nimmer ein menſchliſches Auge geſehen. Halbert Glendinning reichte ſogleich der weißen Frau muthig und kuͤhn die Hand. Fuͤrchteſt Du Dich doch mit mir zu gehen? 926 ſagte ſie, als ſie bemerkte, daß ſeine Hand in der ſanften aber kalten ihrigen bebte⸗ Fürchteſt Du Dich, mit mir zu gehen? Noch ſolt es völlig frei Dir ſtehen, Ruhig als Landmann Dein Feld zu bauen? Magſt Du das ſtüchtige Wild erjagen, Treiben den Stier, doch nie es wagen, 3 Wieder den heiligen Quelt zu ſchaun! „Iſt, was du ſageſt, wahr,“ ſagte der uner⸗ ſchrockene Knabe:„dann iſt meine Beſtimmung groͤßer als Deine eigene. Es giebt weder Quell noch Wald, den ich zu beſuchen fuͤrchtete. Keine Furcht, weder vor natuͤrlichen noch uͤbernatuͤrli⸗ chen Erſcheinungen, ſoll meinen Pfad durch meine vaterlaͤndiſche Gegend hemmen.“ Kaum aber hatte er dieſe Worte ausgeſpro⸗ chen, als Beide, mit einer Schnelligkeit, welche Halbert den Athem und jedes Bewußtſein, au⸗ ßer dem, im reißendſten Fluge fortgeriſſen zu werden, benahm, in die Tiefen der Erde hinah⸗ ſtiegen. Endlich hielten ſie an, und zwar mit einem ſo heftigen Sroße, daß der durch dieſe unbe⸗ kannte Regionen Re ſende gewiß zu Boden ge⸗ ſtuͤrzt ſein wuͤrde, waͤre er nicht durch ſeine uͤber⸗ irdiſche Gefaͤhrtin mit aller Kraft aufrecht er⸗ halten worden. Es waͤhrte laͤnger als eine Minute, ehe er, um ſich ſchauend, eine Grotte oder natuͤrliche Hoͤhle erblickte, welche aus dem reinſten Kriſtall beſtand, und in tauſendfachem Schimmer das Licht einer glaͤnzenden Flamme widerſtrahlte, die auf einem Altar von Alabaſter brannte. Dieſer Altar mit ſeiner Flamme bildete den Mittelpunkt der Grotte, welche rund war und ſehr hoch, ſo, daß ſie einigermaßen dem Dome einer Kathe⸗ drale glich. Entſprechend den vier Strichen des Compaſſes liefen vier lange Gallerien oder Ar⸗ caden aus, gebaut aus demſelben glaͤnzenden Ma⸗ terigle, wie der Dom ſelbſt, deren Enden ſich ins Dunkel verloren. Keine menſchliche Einbildungskraft iſt im Stande, ſich die Fuͤlle des Glanzes und Schim⸗ mers zu denken, der, von ſo viel tauſend Punk⸗ ten zuruͤckgeſtrahlt, das Auge ermuͤdete. Das Feuer ſelbſt auf dem Altare blieb nicht unbeweglich, ſondern ſtieg und ſenkte ſich. Bisweilen erhob es ſich in einer Glanzpyramide von verdichteter Flamme bis zur Haͤlfte der luftigen Hoͤhe, bis⸗ weilen ſchwand es in einem ſanften und roſigen 228 Schimmer dicht auf der Oberflaͤche des Altars ſelbſt, gleichſam um Kraͤfte zu einem neuen glaͤn⸗ zenden Aufſtreben zu ſammeln. Auch bemerkte man keine ſichtbare Nahrung deſſelben, ſo wenig als man irgend eine Art von Rauch oder Dampf gewahrte. Das Seltfamſte aber war dies, daß das ſchwarze Buch nicht nur unverzehrt, ſondern guch nicht im mindeſten beſchaͤdigt, mitten in dem Feuer lag, welches, ob es gleich einen Dia⸗ mant durch ſeine Kraft ſchmelzen zu koͤnnen ſchien, doch keine Wirkung auf das, allem ſeinen Einfluſſe ausgeſetzte, Buch zu aͤußern vermochte. Die weiße Frau ließ dem jungen Glendin⸗ ning Zeit genug, Alles um ſich her in genauen Augenſchein zu nehmen, dann ſang ſie ihm in ihrer gewoͤhnlichen Melodie zu: Hier liegt das Buch in dem flammenden Feuer, Berühr' es und nimm's, man erkauſet es theuer: Mit Wundern einigermaßen vertraut, und voll gluͤhenden Verlangens, den Muthazu beweiſen, deſſen er ſich geruͤhmt hatte, ſtreckte Halbert ohne Zoͤgerung ſeine Hand in die Flamme, indem er glaubte, er werde durch die Schnelligkeit der 229 Bewegung die Wirkung des Feuers ſehr ſchwaͤ⸗ chen. Allein er hatte ſich getaͤnſcht. Die Flamme ergriff augenblicklich ſeinen Ermel, und ob er gleich die Hand ſo ſchnell als moͤglich zuruͤckzog, ſo war doch ſein Arm ſo furchtbar verletzt wor⸗ den, daß er ſich kaum enthalten konnte, vor Schmerz laut aufzuſchreien. Indeſſen unter⸗ druͤckte er dieſen natuͤrlichen Ausdruck der Pein, und ließ dieſe bloß durch krampfhafte Bewegung und dumpfes Wimmern merken. Die weiße Frau ſtrich ihm aber ſogleich mit ihrer kalten Hand uͤber den Arm, und ehe ſie den folgenden Ge⸗ ſang geendigt hatte/ war ſein Schmerz verſchwun⸗ den, und keine Spur der Verbrennung mehr ſichtbar. 1 Kein ſterblich Gewand, Schützt die kühne Hand, Die ſich nahet unſterblichen Flammen; Auf Staub nur baut Wer ſelbſt ſich vertraut, Wann Schuld ihn und Schwäche verdammen! Streife ganz die eitle Decke zurück, und dann verſuche don neuem Dein Glück! Gehorſam dem Winke ſeiner Fuͤhrerin, den er ganz zu verſtehen meinte, entbloͤßte Halbert ſei⸗ 230 nen Arm ſogleich bis zur Schulter, und riß die Reſte ſeines Aermels vollends herab. Dieſe aber waren nicht ſobald auf den Boden gefallen, auf den er ſtand, als ſie ſich von ſelbſt ſammelten, und ohne eine ſichtbare Flamme in Aſche ver⸗ wandelt wurden, worauf ein ploͤtzlicher Windſtoß dieſe in die Luft zerſtreute. Die weiße Frau, des Juͤnglings Erſtaunen bemerkend, wiederholte ſogleich: Alles was menſchliche Kunſt erfand Hält unſrer Zaubermacht nicht Stand! Geſchmolzenes Gold wird wieder zu Sand, Und es ſchmilzt der geſchliffene Diamant. Alles muß hier ſich dem Wechſel weihn, Nichts ſteht feſt als die Treue allein; Gieb deswegen Dein Streben nicht auf, Muth verſuche noch einmal des Glückes Lauf! Kuͤhn gemacht durch dieſe Worte, machte Halbert Glendinning einen zweiten Verſuch, und indem er ſeinen Arm nackend in die Flamme ſtreckte, zog er das heilige Buch heraus, ohne daß er die geringſte Beſchaͤdigung empfand. Er⸗ ſtaunt oder vielmehr erſchreckt durch den gluͤckli⸗ chen Erfolg, ſahe er, wie ſich die Flamme ver⸗ dichtete und dann in einem langen Strome em⸗ 231 porhob, ſo, daß ſie das Dach der Hoͤhle zu er⸗ reichen ſchien, dann ſank ſie ploͤtzlich zuruͤck und erloſch gaͤnzlich. Die tiefſte Finſterniß folgte darauf; allein Halbert hatte nicht Zeit, ſeine Lage genauer zu betrachten, denn die weiße Frau ergriff ſeine Hand, und ſtieg eben ſo ſchnell mit ihm zur Oberwelt zuruͤck, als ſie in die Tiefen der Erde verſunken waren. Sie ſtanden bei der Quelle in Corrienan Schi⸗ an, da, wo ſie aus dem Boden hervorſprudelt; allein als der Juͤngling einen wilden Blick um ſich her that, bemerkte er mit Erſtaunen, daß die Schatten ſchon weit nach Morgen zu ſielen, und daß der Tag faſt ganz voruͤber ſei. Er blickte ſeine Fuͤhrerin an, um Erklaͤrung bittend, allein die Geſtalt fing an, vor ſeinen Augen zu ver⸗ ſchwinden, ihre Wangen wurden bleicher, ihre Zuͤge weniger beſtimmt, ihre ganze Form ſchat⸗ tenartig, und ſo ſchien ſie ſich mit dem Nebel zu vermiſchen, der aus der engen Schlucht em⸗ porſtieg. Sie glich dem blaſſen Geiſte eines Maͤdchens, das vor Liebe ſtarb, wenn ihn der un⸗ treue Liebhaber im Mondenlichte erblickt. „Bleib! fluͤchtiger Geiſt!“ ſagte der Juͤng⸗ ling, kuͤhn gemacht durch ſein Gluͤck in der un⸗ 232 8 terirdiſchen Hoͤhle:„Du darfſt mich ſo nicht ver⸗ laſſen, wie einen, der eine Waffe fuͤhrt, und ſie nicht zu gebrauchen verſteht. Du mußt mich le⸗ ſen lehren in dem Buche, und es verſtehen; was hilft mir ſonſt ſein Beſitz?“ Allein die Geſtalt der weißen Frau ſchwand immer mehr vor ſeinen Augen, bis ſie endlich, nachdem ſie kaum den folgenden Geſang geen⸗ det, ganz unſichtbar wurde: Ach: nicht uns iſt es vergönnt, Dieſe heil'ge Schrift zu leſen! Leere, luft'ge Schattenweſen Haben wir auf ein Gut kein Recht, Welches verliehen ward Adams Geſchlecht! Hab' Geduld, Einſtens wird des Himmels Huld Zeit und Führer Dir beſtimmen! Die Geſtalt war verſchwunden, und die Stimme verſchmolz in ſanfte, melancholiſche Toͤne, gleich als entferne ſich die Singende nur allmaͤlig von dem Orte, wo ſie geſtanden. In dieſem Augenblicke aber empfand Hal⸗ bert die volle Gewalt des Schreckens, den er bisher ſo maͤnnlich niedergekaͤmpft hatte. Die Nothwendigkeit der Kraftanſtrengung hatte ihm — 23³3 auch den Muth dazu gegeben, und die Gegen⸗ wart des geheimnißvollen Weſens war, wenn auch der Gegenſtand der Furcht ſelbſt, doch auch fuͤr ſein Gefuͤhl eine Art von Schutz geweſen. Als er mit voller Ruhe uͤber das Geſchehene nachdachte, goß ſich erſt ein Zittern durch ſeine Glieder, ſein Haar ſtraͤubte ſich empor, und er ſchaute ſich aͤngſtlich um, gleich als moͤchte er vielleicht Etwas noch Furchtbareres neben ſich gewahren. Einige Minnten blieb der Juͤngling ſchweigend ſtehen, es ſchien, als umſchwebe ihn noch immer das entſchwundene Weſen unſicht⸗ har.„O! rief er mit ausgeſtreckten Armen aus: „o! erſcheine mir nur noch einmal, liebliches Geſicht! Drei Mal habe ich Dich nun geſehen, und doch macht der Gedanke Deiner unſichtba⸗ ren Gegenwart um und neben mir, daß mir das Herz raſcher klopft, als wenn die Erde ſich ſpal⸗ tete und einen Daͤmon von ſich gaͤbe! Aber weder Ton noch Erſcheinung zeugte von der Ge⸗ genwart der weißen Frau, und nichts Ueberna⸗ tuͤrliches ließ ſich fernerhin vernehmen. Halbert hatte indeſſen durch den Muth, das geheimniß⸗ volle Weſen ſelbſt zu beſchwoͤren, ſeine natuͤr⸗ liche Kuͤhnheit wieder gewonnen. Er ſchaute 234 ſich nochmals um, dann ſchlug er der einſamen Pfad durch das Thal wieder ruͤckwaͤrts ein. Richts konnte in ſtaͤrkerm Contraſte ſtehen, als der Sturm der Leidenſchaft, der ihn uͤber Stock und Stein getrieben hatte, um ſich ſelbſt in den CorrienanSchian zu verſtecken, und die Ge⸗ laſſenheit, womit er jetzt nach Hauſe zuruͤckkehr⸗ te, indem er die ebenſten Pfade aufſuchte, nicht um Gefahren zu vermeiden, ſondern um ſich ganz ungeſtoͤrt ſeinem Nachdenken uͤberlaſſen zu koͤn⸗ nen. Mit der Miene mehr eines Pilgers als eines Jaͤgers, kam Halbert, als es ſchon ganz dunkel geworden, in dem vaͤterlichen Thurme an. Dreizehntes Kapitel. E⸗ war nach Sonnenuntergang, wie wir be⸗ reits bemerkt haben, als Halbert Glendinning in ſeine vaͤterliche Wohnung zuruͤckkehrte. Die Stunde des Mittageſſens ſiel zu dieſer Jahres⸗ zeit gerade zur Mittagsſtunde, und die des Abend⸗ eſſens ohngefaͤhr eine Stunde nach Sonnenun⸗ tergang. Die erſtere war voruͤbergegangen, ohne daß Halbert erſchien; allein dies war gerade nichts Ungewoͤhnliches, denn die Jagd, oder ein ande⸗ rer Zeitvertreib, ließ Halbert oft der Stunden vergeſſen, und ſeine Mutter war, ob es ihr gleich ein unangenehmes Gefuͤhl erweckte, wenn ſie ihn nicht bei Tiſche ſah, doch ſo an ſolche Abweſen⸗ heiten gewoͤhnt, und wußte ſo wenig, wie ſie ihn zu groͤßerer Regelmaͤßigkeit bringen ſollte, daß ſie, bei dergleichen Unterlaſſungsſuͤnden, ihr Mißfallen meiſtens nur durch eine etwas unfreund⸗ liche Bemerkung aͤußerte⸗ Im gegenwaͤrtigen Fals aber ſtieg der un⸗ 236 5 wille der guten Frau Elspeth hoͤher als gewoͤhn⸗ lich, und zwar nicht bloß wegen der Kalbsfuͤße, des Schoͤpfenfleiſches und der guten Wurſt, wo⸗ mit ihr Tiſch heute beſetzt war, ſondern wegen des Beſuchs, den ſie von keiner geringern Per⸗ ſon, als Hob dem Muͤller, wie er gewoͤhnlich hieß, obgleich ſein eigentlicher Name Happer, erhalten hatte. Der Zweck von des Muͤllers Beſuche in dem Thurme von Glendearg glich dem der Geſandtſchaf⸗ ten mancher Hoͤfe, indem er theils oſtenſibel, theils geheim war. Dem aͤußern Anſcheine nach kam Hob, um ſeine Freunde in dem Kloſterbe⸗ zirke zu beſuchen, und an den, unter dem Land⸗ volke gewoͤhnlichen, Luſtbarkeiten nach vollbrach⸗ ter Erndte Theil zu nehmen, und die alten, ver⸗ traulichen Bekanntſchaften zu erneuern; allein eigentlich und in Geheim erſchien er zugleich, um ein wachſames Auge auf den Inhalt jegli⸗ ches Speichers zu richten, und ſich genau von der Menge und Guͤte des, von jedem Paͤchter oder Lehnsmann geaͤrndteten, Getraides zu be⸗ lehren, damit die moͤgliche Unterſchlagung des Mahlgeldes verhindert wuͤrde.— Alle Welt weiß, daß die Landhebauer Buf je⸗ 4 257 der Baronie, oder jedem koͤniglichen Gute, welt⸗ lichen oder geiſtlichen, in Schottland, verpflichtet ſind, ihr Getraide zum Mahlen in die Muͤhle des Guts zu bringen, und daß ſie dafuͤr eine ſchwere Abgabe, unter dem Titel: intown mul⸗ ꝛures(einheimiſches Mahlgeld) zu erlegen haben. Ich konnte auch von dem Zins der illatorum et mnvectorum(des Eingebrachten oder Eingefuͤhr⸗ ten) ſp rechen, allein jenes iſt ſchon hinreichend, anzudeuten, daß ich nicht ohne Buch ſpreche. Die Bauern nun von einem Sucken oder nicht⸗ freien Grund und Boden verſielen in Strafe, wenn ſie der Zinsentrichtung ſich entziehen und ihr Getraide auf eine andere Muͤhle bringen wollten. Eine ſolche andere Muͤhle aber lag ſehr lockend und bequem auf dem Gebiete eines welt⸗ lichen Barons, nicht weit von Glendearg, und der Muͤller war hier ſo zuvorkommend und maͤ⸗ ßig in ſeinen Foderungen, daß es Hob Muͤllers aͤußerſter Wachſamkeit bedurfte, um die Verlez⸗ zungen ſeines Monopols zu verhindern. Das beſte Mittel dazu war nun eben der Beſuch bei ſeinen lieben Nachbarn und Bekann⸗ ten, und unter dieſem Vorwande machte er jaͤhr⸗ lich eine Wanderung durch die Baronie, und he⸗ —õ — 233 rechnete den ohngefaͤhren Betrag jedes Kornbo⸗ dens, ſo daß er aus den Garben ohngefaͤhr ſchließen konnte, ob die rechte Quantitaͤt auch auf ſeine Muͤhle gebracht worden ſei⸗ Dame Elspeth mußte dieſe vertraulichen Be⸗ ſuche, wie ihre Nachbarn, als Hoͤflichkeiten aufneh⸗ men, indeſſen hatten ſie ſeit dem Tode ihres Man⸗ nes nicht Statt gefunden, wahrſcheiulich weil der Thurm von Glendearg ziemlich entfernt lag, und dann, weil nur wenig beſtellbares Land(in- field) damit verbunden war. In dieſem Jahre hatte man, auf des alten Martin Speculation, einiges Getraide in das Brach feld(outfeld) ge⸗ ſaͤet, welches denn auch, da die Witterung guͤn⸗ ſtig geweſen war, ſehr gute Ausbeute gegeben hatte. Vielleicht war dies der Grund, warum der edle Muͤller dies Jahr auch Glendearg mit in ſeine jaͤhrliche Runde einſchloß. Dame Glendinning empfing mit Vergnuͤgen einen Beſuch, den ſie fruͤher nur mit Geduld er⸗ tragen hatte; dieſe Anſicht hatte ſie, wo nicht allein, doch hauptſaͤchlich deshalb geaͤndert, weil der Muͤller ſeine Tochter, Myſia, mitgebracht hatte, deren Geſicht ſie dem Unterprior nur vom — 259 3 Hoͤrenſagen hatte beſchreiben koͤnnen, ob ſie gleich ihren Anzug ganz genau anzugeben wußte. Bisher war das Maͤdchen in den Augen der guten Wittwe nur ein ſehe unbedeutender Ge⸗ genſtand geweſen, allein des Unterpriors beſon⸗ dere, und einigermaßen geheimnißvolle, Nach⸗ forſchungen, hatten ihr uͤber die Myſia aus der Muͤhle den Kopf ziemlich warm gemacht, und ſie hatte uͤberall herum gehorcht und gefragt, um Etwas recht Gruͤndliches uͤber die arme My⸗ ſia zu erfahren. Endlich hatte ſie doch ſo viel zuſammengebracht, das Myſia eine ſchwarzaͤugi⸗ ge, lachluſtige Dirne ſei, mit rothen Wangen und einer Haut, ſo weiß, wie ihres Vaters fein⸗ ſtes Mehl, aus dem des Abtes eigenes Tafel⸗ brod gebacken wurde. Ihre Laune anlangend, ſo ſang ſie und lachte vom Morgen bis Abend; ihr Vermoͤgen aber, einen Hauptpunkt, betref⸗ fend, ſo hatte Myſia, außer dem, was der Muͤl⸗ ler vermittelſt ſeines ſogenannten goldenen Dau⸗ mens zuſammengebracht hatte, noch die Hoffnung, ein recht huͤbſches Stuͤck Landes zu erben, und die Ausſicht, daß die Muͤhle und die dazu gehoͤ⸗ rigen Aecker gegen einen leichten Zins auch auf ibren kuͤnftigen Mann uͤbergehen wuͤrden, wenn 2 40 man bei dem Abte, und dem Prior, und dem Un⸗ terprior und dem Sakriſtan, u. ſ. w. zu rechter Zeit ein gutes Wort einlegte. Indem Elspeth alle dieſe Vortheile in ih⸗ rem Gemuͤthe erwog, kam ſie endlich auf den Gedanken, daß der einzige Weg, Halbert von dem Leben„durch Sporen, Spieß und Zaum— ſo nannte man das der Grenzreuter oder Frei⸗ beuter,— abzubringen, der ſei, ihn baldigſt zu ver⸗ heirathen, und ihm eine Haushaltung zu geben, und daß Myſia Happer die beſte Braut fuͤr ihn ſein moͤchte. Necht ihrem Wunſche gemaͤß erſchien daher Hob der Muͤller auf ſeinem ſtarkgegliederten Pfer⸗ de, die liebliche Myſia hinter ſich auf einen Wei⸗ berſattel, mit Wangen gleich einer Paͤonie(wenn Dame Glendinning je eine geſehen) und einer Fuͤlle ſchwarzer Haare, welche dem Ebenholze glichen, dabei voller laͤndlicher Coquetterie. Das Schoͤnheitsideal, welches Dame Glendinning lange in ihrer Phantaſie genaͤhrt hatte, wurde ganz unvermuthet verwirklicht, durch die uͤppige und reizende Geſtalt der Myſia Happer, welche ſie im Verlauf einer halben Stunde fuͤr das Maͤdchen erkannte, das im Stande ſei dem fluͤch⸗ 3 tigen/ —— 24 1 tigen, und des Vormundes entbehrenden, Hal⸗ bert zu feſſeln. In der That aber ſchien Myſia, wie die gute Frau bald bemerkte, eben ſo gern um einen Maibaum zu tanzen, als der Fuͤhrung einer Wirthſchaft vorzuſtehen, und Halbert liebte mehr, Koͤpfe abzuhauen, als Saͤcke mit Korn zu mahlen. Allein damals mußte auch ein Muͤller von etwas maͤnnlichem Weſen ſein, und in allen athletiſchen Kuͤnſten den ganzen Sucken,(um uns nochmals dieſes, etwas rohen, Ausdrucks zu be⸗ dienen) uͤbertreffen, um deſto leichter den Tri⸗ but einſammeln zu koͤnnen, den man einem min⸗ der ruͤſtigen Kaͤmpen nur zu leicht verweigert haben wuͤrde. Den der Muͤllersfrau abge⸗ henden Eigenſchaften ließe ſich, meinte die Dame, durch die Thaͤtigkeit der Muͤllers mutter abhel⸗ fen.„Ich kann ja ſelbſt dem jungen Volke Haus halten, denn der Thurm iſt ſo ein wenig einſam geworden,“ dachte Dame Glendinning:„und dann habe ich auch die Kirche naͤher, was doch in meinem Alter recht angenehm iſt. In Anſehung des Lehnes wird ſich Eduard mit dem Bruder wohl vereinigen, beſonders, da er ein Liebling des Unterpriors iſt, und dann kann er ja in dem alten Thurme leben, wie ſein wuͤrdiger Vater D. Kloſter I. L 242 vor ihm;— und wer weiß denn, ob Marie von Avenel, ob ſie gleich aus edlem Blute ſtammt, nicht gern hier am Kamin in ihrem Lehnſtuhle ſitzt, und ſich's wohlgefallen laͤßt;— freilich hat ſie eben nicht viel, aber ſchoͤner habe ich auch nicht leicht ein Maͤdchen geſehen, und ich habe doch ſchon manche Dirne gekannt innerhalb des Kloſterbezirkes.— Ja! ein nettes, liebliches Ge⸗ ſchoͤpf iſt und bleibt ſie, wie nur je eins ihr Tuͤ⸗ chel uͤber das braune Haar gebunden,— der On⸗ kel freilich, der will jetzt nicht viel von ihr hoͤ⸗ ren, aber mit Gottes Huͤlfe wird ja doch auch einmal ein beſiederter Schaft in ſeinem Harni⸗ ſche ſtecken bleiben,— iſt ja ſchon beſſern Leu⸗ ten ſo gegangen. Und wenn ſie nun auch auf ihre adliche Abkunft pochen, da kann ja wohl Eduard ſagen: wer war denn ihr beſter Freund, als ſie ins Thal nach Glendearg an einem ne⸗ blichen Abende und auf einer Maͤhre kam, wie je eine einen Sattel getragen hat? Und dann wenn ſie dem Eduard ſeine gemeine Herkunft vorwerfen wollen, kann er immer mit dem al⸗ ten Sprichworte antworten: Unadliches Blut Machen adliche Thaten gut! 243 doch, was will ich denn? Iſt der Stamm der von Glendinning und Brydone denn nicht... In dieſem Augenblicke wurde die gute Frau durch des Muͤllers rauhe Stimme aus ihren Traͤumen geweckt, und erinnert, daß, wenn ſie ihre Luftſchloͤſſer verwirklichen wollte, ſie damft anfangen muͤßte, den Grund durch Artigkeit ge⸗ gen ihren Gaſt und deſſen Tochter zu legen, welche ſie freilich in dieſem Augenblicke gar ſehr ver⸗ nachlaͤßigt hatte, obgleich ihr ganzer Plan dar⸗ auf gerichtet war, ſich ihre Gunſt zu erwerben; denn, indeß ſie eine ſo innige Verbindung mit ihren Gaͤſten ſich vortraͤumte, ließ ſie ſie faſt ganz unbedient ſitzen, ohne ſie zum Ablegen ih⸗ rer Reiſekleider zu noͤthigen.„Nun alſo, Da⸗ me,“ ſchloß der Muͤller ſeine Rede, die von An⸗ fang ſie gar nicht gehoͤrt hatte:„wenn Ihr ſo mit Eurer Hauswirthſchaft beſchaͤftigt ſeid oder mit ſonſt Etwas, da koͤnnen ja Myſia und ich uns unſers Weges trollen, und lieber bei Johnie Brormouths einkehren, die haben uns ſo freund⸗ lich eingeladen, bei ihnen zu bleiben!l) Aus ihren Traͤumen von Ehen, Muͤhlen, Muͤhlenaͤckern und Freiguͤtern aufgeſchreckt, fuͤhlte Dame Elspeth fuͤr einen Augenblick ſich in der L 2 244— Lage des Milchmaͤdchens in der Fabel, als ſie den Topf fallen ließ, auf deſſen Inhalt ſich ihre goldenen Traͤume gruͤndeten. Indeſſen war die Grundlage von den Hoffnungen der guten Frau nur erſchuͤttert, nicht zerſtoͤrt, und iſie eilte da⸗ her, das Gleichgewicht wieder herzuſtellen. An⸗ ſtatt ſich wegen ihrer Geiſtesabweſenheit und des Mangels an Aufmerkſamkeit gegen ihre Gaͤſte zu entſchuldigen, ging ſie in die Offenſive uͤber, gleich einem geſchickten Feldherrn, wenn er es noͤthig findet, ſeine Schwaͤche durch einen ge⸗ ſchickten Angriff zu verbergen. Sie erhob nun eine laute heftige Klage uͤber die Unfreundlichkeit ihrer alten Freunde, welche, wenn auch nur fuͤr einen Augenblick, an der Herz⸗ lichkeit ihres Empfanges zweifeln konnten, und daß ſie auf den Gedanken haͤtten kommen moͤ⸗ gen, zu Brormouths gehen zu wollen, als wenn der alte Thurm, auch im ſchlimmſten Falle, nicht immer fuͤr ein oder zwei Freunde Raum haͤtte; und dieſe Klage wußte ſie ſo ernſtlich vorzutra⸗ gen, daß ſie ſowohl ſich ſelbſt, als Hob den Muͤller taͤuſchte, dem es gar nicht einfiel, Etwas uͤbel zu nehmen, geſetzt auch, der Empfang waͤre weni⸗ ger ſtuͤrmiſchgaſtfreundlich geweſen, denn es lag — 245 einmal in ſeinem Plane, zu Glendearg uͤber Nacht zu bleiben. Allen Ereiferungen Elspeths uͤber das Kraͤn⸗ kende des Gedankens, daß er ihre Wohnung ver⸗ laſſen wolle, antwortete er mit vieler Faſſung: „Nun, Frau, ich dachte, Ihr haͤttet anderes Korn zu mahlen, denn Ihr ſahet uns ja kaum, oder, Ihr dachtet vielleicht an das, was Martin und ich uͤber die Gerſte, die Ihr zuletzt geſaͤet habt, zuſammen ſprachen; ich weiß ſchon, die Mahl⸗ groſchen wollen nicht immer gleich aus dem Beutel. Aber es ſucht doch jeder ſeinen Vor⸗ theil.. Ei, Nachbar, verſetzte Frau Elspeth: daß der Martin auch nie ſein Maul halten kann, ich will ihn ſchon deswegen waſchen, ſo wahr ich eine ehrliche Wittwe hin. Ihr wißt ja, ein verlaſſenes Weib hat immer mit ihren Leuten 3 ſchaffen. 8 „Laßt das gut ſein!“ ſagte der Muͤller, und ſchnallte den breiten Gurt auf, der ihm das Oberkleid zuſammenhielt und an dem zugleich ein hin und her ſchwebender Andrew Ferrara hing: „Laßt es gut ſein! Ich nehm' es dem Martin nicht uͤhel, ich halte ja auch auf meine Muͤhl⸗ 246— rechte, und es heißt ja ſchon in einem alten Liede: Ich leb' von der Mühle, Gott ſegne Dich, Mutter, Weib und Kind biſt Du ja für mich! Ich ſeh' es gern, wenn jeder Dienſtbote auf ſeines Brodtherrn Vortheil ſieht. Nun, Myſia, nimm nur den Mantel ab, denn die Nachbarin ſieht uns gern bei ſich, und Niemand im ganzen Kloſterbezirke zahlt den Mahlgroſchen, und Alles, was ſich einmal gehoͤrt, beſſer als ſie,. Ohne weitere Complimente hing jetzt der Muͤller ſeinen Mantel auf ein Hirſchgeweih⸗ wel⸗ ches die leeren Waͤnde des Thurmes zierte, und zum Aufhaͤngen der Kleider ganz Eigenilich be⸗ ſtimmt war. 8 Unterdeſſen half Dame Elspeth der Frem⸗ den, die ſie ſich ſchon zur Schwiegertochter aus⸗ erſehen, ihren Hut und Mantel ablegen, und nun ſtand ſie da, die huͤbſche Tochter des reichen Muͤllers, heiter und freundlich in einem weißen Rocke, deſſen Saum mit einer gruͤnſeidenen Frange beſetzt war, worin ſich Silberfaͤden web⸗ ten. Dame Elspeth warf einen aͤngſtlichen Blick auf das gutmuͤthige Geſicht, das ſich ihr jetzt * zeigte, und welches bloß durch eine Menge ſchi⸗ ner ſchwarzer Haare umdunſelt ward, die das Maͤdchen durch ein gruͤnſeidenes, mit Silber ge⸗ ſticktes, Haͤubchen, paſſend zu dem Beſatze ihres Kleides, zuſammengehalten hatte. Das ganze Weſen der Fremden war aͤußerſt lieblich, die gro⸗ ßen, ſchwarzen, ſchalkhaft und gutmuͤthig zu⸗ gleich blickenden Augen, der kleine Mund⸗ die wohlgeformten, wenn gleich etwas vollen, Lip⸗ pen, die Zaͤhne wie Perlen, das Kinn mit dem verführeriſchen Gruͤbchen— Alles war entzuͤk⸗ kend. Der Wuchs zeigte Fuͤlle und Rundung, und Feſtigkeit und Anmuth zugleich; freilich ſchien es, als koͤnnte er in einigen Jahren zu ſtamm⸗ haft und maͤnnlich werden, wie dies bei ſchotti⸗ ſchen Schoͤnheiten nichts ſeltenes iſt, aber jetzt, im ſechszehnten Jahre, hatte Myſia ganz das Anſehen einer Hebe. Bei aller muͤtterlichen Zaͤrt⸗ lichkeit und Partheilichkeit, mußte ſich Dame Els⸗ peth doch geſtehen, daß leicht ein ſchoͤnerer Mann, als Halbert, ſich melden koͤnnte, auch ſahe die Dirne etwas fluͤchtig aus, und Halbert war erſt neunzehn Jahr alt; indeß heirathen mußte er, das war nun einmal beſchloſſen, und hier fand ſich eine ſehr ſchoͤne Gelegenheit⸗ 248 Dame Elspeth ergoß ſich nun ganz im Lobe ihres ſchoͤnen Gaſtes, von dem Haͤubchen bis zum Schuhe. Erroͤthend und mit Vergnuͤgen hoͤrte Myſia wohl fuͤnf Minuten lang dem Allen zu, allein nach zehn Minuten fing ſie ſchon an, die Lobſpruͤche der Alten mehr luſtig als ſchmeichel⸗ haft zu finden, und ſich mehr geſtimmt, daruͤber zu lachen, als ſtolz darauf zu ſein; denn die Na⸗ tur hatte ihrer Gutmuͤthigkeit doch auch ein we⸗ nig Bosheit beigemiſcht. Selbſt dem Muͤller wurde das Lob der Tochter zu lang, und er un⸗ terbrach es mit folgenden Worten:„Nun! huͤbſch genug iſt ſie wohl, und waͤre ſie ein fuͤnf Jaͤhr⸗ chen aͤlter, ſo ſollte ſie ihren Mehlſack aufladen koͤnnen, trotz einem Eſel im Kioſterbezirke.— Aber ich habe mich ſchon lange nach Euren bei⸗ den Soͤhnen umgeſehen, Dame! Die Leute ſa⸗ gen, der Halbert ſei ein wilder Spring ins Feld geworden, und wir wuͤrden wohl einmal in ei⸗ ner Mondnacht von ihm hoͤren in Weſtmore⸗ land!— Gott behuͤte mich, guter Nachbar! ſagte Dame Glendinning, denn es griff ihr ans Herz, wenn man die Befuͤrchtung aͤußerte, das Hal⸗ bert dereinſt auch ſo ein Freibeuter werden koͤnnte⸗ 249 wie damals nur zu haͤuflg anzutreffen waren Fuͤrchtend indeß, zu viel Aengſtlichkeit deswegen verrathen zu haben, ſetzte ſie ſogleich hinzu: ſie waͤre ſeit dem letzten Strauße zu Pinkyelench vor allen Spießen, Flinten und dergleichen derge⸗ ſtalt in Angſt gerathen, daß ſie ſchon zittere, wenn man ſie nur nenne; ihre Soͤhne aber wuͤrden, mit Gottes Huͤife, friedliche und ehrliche Unter⸗ thanen des Kloſters bleiben, wie ihr Vater auch geweſen, bis er zuletzt mit ſo manchem andern braven Manne, der auch nicht zuruͤckgekehrt ſei⸗ zu dem ſchrecklichen Gefechte ausgezogen. „Davon braucht Ihr mir nicht zu erzaͤhlen⸗ Dame!“ ſagte der Muͤller:„ich bin ja auch da⸗ bei geweſen, und vier Beine— die noch dazu nicht mein waren— halfen mir ſo viel wie zwei Haͤnde. Ich ſahe, wo der Zimmermann das Loch gelaſſen, als ich bemerkte, daß der Feind unſere Reihen durchbrach...“ Ja, ia, Nachbar, ſagte die Frau: Ihr ſeid ein eben ſo kluger als tapferer Mann; waͤre Si⸗ mon ſo klug geweſen, ſo koͤnnte er auch noch jetzt von jenem Tage erzaͤhlen; aber er wollte immer ſeine edle Herkunft und Verwandtſchaft zeigen, und hielt ſich feſt zu den Earls und Rit⸗ 250 tern und Knappen, die entweder keine Weiber hatten, oder ſolche, die ſich nichts draus mach⸗ ten, bald Wittwen zu werden; das iſt aber nicht ſo bei uns! Wegen meines Sohnes Halbert bin ich gar nicht in Furcht, denn wenn er das Un⸗ gluͤck haben ſollte, in gleichen Fall zu kommen, ſo hat er das beſte Paar Fuͤße in dem Kloſterbe⸗ zirke und laͤuft Euch ſo ſchnell als Euer Pferd!— „Iſt er das, Nachbarin?“ fragte der Muͤl⸗ ler, in Beziehung auf den eben Eintretenden. Nein! verſetzte die Mutter: das iſt mein zuͤngſter Sohn, Eduard; der kann leſen und ſchrei⸗ ben, wie der Lord Abt ſelbſt, wenn man n ſich ſo ausdruͤcken duͤrfte! „Der?* fuhr der Muͤller fort:„der junge Schreiber, auf den der Unterprior ſo viel haͤlt? Nun! es kann'was aus ihm werden, wer weiß, wird er nicht gar einmal Unterprior ſelbſt! Manch ſchadhaftes Schiff iſt ſchon ans Land gekommen.“ Um ein Prior zu werden, Nachbar Muͤller, ſagte Eduard: muß man erſt Prieſter ſein, und dazu, denk' ich, habe ich eben keinen Beruf! Er haͤlt ſich an den Pflug, Nachbar, ſagte die gute Frau: und das hoff' ich, wird Halbert 25¹ auch thun! Ich wollte, Ihr ſaͤht den Halbert! Eduard, wo iſt denn Dein Bruder? Auf der Jagd, denk ich, verſetzte dieſer: we⸗ nigſtens ging er dieſen Morgen von hier, um ſich an den Laird von Huntershope und ſeine Hunde anzuſchließen. Ich habe ſie den ganzen Tag in dem Thale bellen hoͤren. „Wenn ich dieſe Muſik gehoͤrt haͤtte,“ fagte der Muͤller:„da haͤtte mir gewiß das Herz vor Freude geſchlagen, und ich haͤtte einen Umweg von zwei bis drei Meilen nicht geſcheut. Als ich noch bei dem Muͤller von Morebattle Kuappe war, wie oft bin ich da nicht den Hunden des Laird von Cresford gefolgt, und habe den Zug gefuͤhrt, wenn Roß und Reuter in's Moorland gerathen waren. Ich trug auch oft das erlegte Wild zu Hauſe. Ich ſehe den alten grauen Rit⸗ ter noch vor mir, wie er auf ſeinem weißen Streit⸗ roſſe ſo ſtattlich daher ritt. Muͤller! ſagte er einmal zu mir, wenn Du nicht wieder in die Muͤhle zuruͤck, ſondern mit mir gehen willſt, ſo will ich einmal einen rechten Mann aus Dir machen!— Aber ich hielt doch das erſte fuͤr's Beſte, und hatte auch Recht, denn der ſtolze Perey ließ fuͤnf von des Lairds Leuten haͤngen, 232 weil ſie ein Paar Haͤuſer in der Gegend von Fowberry verbrannt hatten.“ Ei, Nachbar, ſagte Dame Glendinning, Ihr ſeid ſehr klug und tapfer, wenn Ihr aber die Jagd liebt, ſo wird Euch der Halbert auch ge⸗ fallen. Er fuͤhrt alle Jagdworte von Falken und Hunden eben ſo geſchickt im Munde, wie des Abtes Jaͤger, Tom. „Kommt er denn nicht zum Mittageſſen zu Hauſe?“ fragte der Muͤller:„in Kennaquhair iſt gerade zwoͤlf Uhr die Eſſenszeit.“ Die Wittwe mußte geſtehen, das ſelbſt um dieſe wichtige Stunde des Tages Halbert nicht ſelten abweſend zu ſein pflege. Der Muͤller ſchuͤttelte aber daruͤber den Kopf. Damit jedoch der Aufſchub des Mittagsmah⸗ les des Muͤllers Stimmung zum Nachtheile Hal⸗ berts nicht vermehren ſollte, rief Dame Glendin⸗ ning Marien von Avenel herein; dieſe ſollte jetzt an ihrer Statt Myſia Happer unterhalten, indeß ſie ſelbſt in die Kuͤche eilte, und, der Tibb Tacket ins Geſchaͤft greifend, unter den Toͤpfen und Tiegeln eine ſchreckliche Revolntion bewirkte, in⸗ dem ſie dabei der Tibb bald dieſes, bald jenes befahl, ſo daß dieſe endlich die Geduld verlor * 4 253 und ſagte:„Iſt das nicht ein Laͤrmen um das Eſſen eines alten Muͤllers, gerade als ſollte es ein Banket fuͤr einen Nachkommen von Bruce werden.“ Indeſſen darf man vermuthen, daß dies bei Seite geſprochen wurde, oder daß es Dame Glendinning nicht hoͤren wollte. Vierzehntes Kapitel. „Was fuͤr ein ſchmuckes Juͤngferchen iſt denn das?“ ſagte Hob der Muͤller, als Marie von Ayenel ins Gemach trat, um die Stelle der Elspeth Pinning zu vertreten. Die junge Lady von Aveneh, ſagte die Muͤl⸗ lers⸗Tochter, indem ſie ſich zugl tief ver⸗ neigte, als es ihr baͤuriſcher A moͤglich machte. Der Muͤller nahm ſein ab, und machte ihr ſein Compliment, vielleicht nicht ſo tief, als er es gemacht haben wuͤrde, wenn ſie im Glanze des Reichthums und Ranges erſchie⸗ nen waͤre, indeß doch ſo, daß er ihrer hohen Ab⸗ kunft die ſchuldige Ehre erwies, worauf die Schotten eine langs Zeit hindurch ſtreng zu halten pflegten. In der That hatte Marie von Avenel, da ſie das Beiſpiel ihrer Mutter ſo viel Jahre vor Augen gehabt hatte, und aus einem angebore⸗ nen Gefuͤhle von Schicklichkeit und Wuͤrde, ein Betragen ſich zu eigen gemacht, welches ihre 255 und jeden en derer gebenslage Anſpruͤche auf Achtung begruͤnd Verſuch von Vertraulichkeit ur zuruͤck hielt, welche in ihls zwar ihre Genoſſen waren, 3u tt ihres Gleichen genannt werden Sie war von Natur ſanft, ſinnend, von mildem Tempe⸗ ramente, und leicht verſoͤhnlich bei zufaͤllig erlit⸗ tenen Kraͤnkungen; allein ſie war ſtets auch et⸗ was ſtill und ee aezunef, und miſchte ſich nicht Feſie mit Geſpielinnen Alters zuſg traf. Erſchien ſt bei⸗ chen Ge iten auf einen 1.Aneh 3 3 e je lieber ſich wieder entfernen Nicht minder hatte ſich etwas davon verbrei⸗ tet, daß ſie am Aller Heiligen Abende gebomen ſei, und daß ſie deshalb eine ge ewght uͤber die unſichtbare Welt erhalten k Alle dieſe. Umſtaͤnde machten denn auch, daß ſie von den jungen Maͤnnern und Masehet Benter ſi ſich, den Namen des Geiſtes Lon⸗ el erhalten hat⸗ te, gleich als ob ihre ſchond aber ſchwaͤchliche . 4 256 2 Geſtalt, Ue duiche aber etwas bleiche Wange, das dunkelblaue Auge und glaͤnzende Haar, eher einer nicht materiellen Welt, als der wirklichen angehoͤrten. Die allgemeine Sage von der wei⸗ ßen Frau, die, wie man behauptete, uͤber das Gluͤck der Familie Avenel wachen ſollte, gab die⸗ ſem Witze der Landleute ſelbſt einige Wahrſchein⸗ lichkeit; indeſſen ſuͤhlten ſich die beiden Soͤhne Simon Glendinnings ſehr beleidigt, wenn man ſich in ihrer Gegenwart dieſes Ausdrucks von der jungen Lady bediente, und Eduard pflegte dann die, welche den Muthwillen ueuͤbt hatten, durch Gruͤnde, Halbert aber dur Staͤrke ſeines Armes zu widerlegen. hen Fäͤllen hatte Halbert den Vortheil, daß⸗ ob er gleich ſeines Bruders Gruͤnde nicht verſtaͤrken konnte, doch, wenn es die Umſtaͤnde erfoderten, daß er ſſch der Sache auf ſeine Art annaͤhme, er ſicher war, Eduards Beiſtand zu erhalten, der zwar ſelber nie einen Zwiſt anfing, anderer Seits aber ſich dem Kampfe, zu Halberts Unterſtuͤtzung oder Befreiung, nicht entzog. Allein die eifrige ge⸗ genſeitige Anhaͤnglichkeit der beiden Juͤnglinge vermochte, da ſie, wegen der Zuruͤckgezogenheit worinnen ſie lehten, gewiſſermaßen als Fremde — 257 in dem Kloſterbezirke betrachtet wurden, die Ge⸗ fuͤhle der Einwohner gegen die junge Lady, welche aus einer andern Sphaͤre des Lebens un⸗ ter ſie gleichſam herabgefallen zu ſein ſchien, auf keine Weiſe zu ſtoͤren. Immer noch wurde ſie mit Achtung, wenn nicht mit Zaͤrtlichkeit, be⸗ trachtet, und die Aufmerkſamkeit des Unterpri⸗ ors gegen die Familie— des furchtbaren Namens Julians von Avenel, den jedes neue Ereigniß dieſer unruhigen Zeiten nur beruͤchtigter machte, nicht zu gedenken— legte ihr eine gewiſſe Wichtigkeit bei, ſo daß Einige aus Stolz nach ihrer Bekanntſchaft ſtrebten, indeß die Furchtſa⸗ mern unter den Lehnsleuten ihren Kindern mit Aengſtlichkeit die Nothwendigkeit einpraͤgten, recht hoͤflich gegen die edle Waiſe zu ſein. So kam es, daß Marie von Avenel, weil ſie wenig gekannt war, auch wenig geliebt, und mit jener geheimnißvollen Scheu betrachtet wurde, welche ſich zum Theil auf die Furcht vor den Waffen⸗ leuten ihres Onkels, zum Theil auf ihr eigenes zuruͤckgezogenes und ſcheues Benehmen gruͤndete, und durch den Aberglauben der Zeit und des Landes gar ſehr verſtaͤrkt wurde. Nicht ohne einigen Antheil dieſer Scheu 258 ſahe ſich Myſia jetzt allein mit einer, ihr an Stand und Benehmen ſo fremden jungen Per⸗ ſon, denn ihr wuͤrdiger Vater hatte die erſte Gelegenheit benutzt, ſich unbeobachtet hinaus⸗ zuſchleichen, und zu unterſuchen, wie es mit der Scheuer ſtehe, und welche Ausſicht ſich von da fuͤr die Muͤhle ergebe. In der Jugend ſindet ſich indeſſen eine Art von Freimaurerei, welche ohne großen Umgang jungen Leuten eine Art von Achtung gegen einander einfloͤßt, und ſie, nach der kuͤrzeſten Bekanntſchaft, zur Vertrau⸗ lichkeit führk. Erſt wenn uns der Umgang mit der Welt Verſtellung lehrt, fangen wir an, un⸗ ſer wahres Weſen zu verhuͤllen, und unſere Ge⸗ fuͤhle vor denen zu verbergen, mit denen wir in Verbindung kommen. Dem zufolge waren die beiden jungen Frau⸗ enzimmer bald in ein Geſpraͤch uͤber ſolche Gegen⸗ ſtaͤnde gerathen, welche ihrem Alter das meiſte In⸗ tereſſe gewaͤhrten. Sie beſuchten die Tauben der Marie von Avenel, welche dieſe mit aller Zaͤrt⸗ lichkeit einer Mutter pflegte; ſie muſterten die Behaͤltniſſe, welche den Putz und die Koſtbarkei⸗ ten derſelben enthielten, und Myſia war gutmuͤ⸗ thig genug, nicht den geningſen Reid derhal⸗ 259 zu naͤhren. Ein goldener Roſenkranz und einige weibliche Schmuckſtuͤcke, welche den hoͤhern Rang bezeichneten, waren im Augenblicke ihres groͤß⸗ ten Ungluͤcks mehr durch Tibb Tackets Geiſtes⸗ gegenwart, als durch der Eigenthuͤmerin Sorg⸗ ſamkeit gerettet worden, welche ſich in jenem duͤſtern Augenblicke zu tief in Gram verſunken fuͤhlte, um auf Etwas dergleichen zu achten. Sie erfuͤllten Myſien mit tiefer Ehrfurcht, denn au⸗ ßer dem, was der Lord Abt und das Kloſter be⸗ ſaß, glaubte ſie nicht, daß es noch wirklich ſo viel Gold in der Welt geben koͤnne, als ſie in dieſen Schraͤnken erblickte. Marie aber, ſo ver⸗ ſtaͤndig ſie ſonſt war, konnte ſich doch einiger Freude uͤber die Bewunderung ihrer Geſellſchaf⸗ terin nicht erwehren. Nichts konnte in der rbat en ſtaͤrkern Gegenſatz bilden, als die Erſcheinung der beiden Maͤdchen; das aufgewectte, lachluſtige Muͤller⸗ maͤdchen, welches mit unverhehltem Erſtaunen Alles betrachtete, was ihrem unerfahrenen Auge ſelten und koſtbar ſchien, und, mit einer demuͤ⸗ thigen und doch zugleich liebevollen, Ergebung in ihr untergeordnetes Verhaͤltniß, ſich nach dem Werthe und moͤglichen Gebrauche aller dieſer 260— Neichthuͤmer erkundigte, indeß Marie von Ave⸗ nel mit ihrer ruhigen, gehaltenen Wuͤrde ein Stuͤck nach dem andern zur Ergoͤtzung ihrer Ge⸗ ſellſchafterin hervorzog. So wie ſie allmaͤhlich vertrauter mit einan⸗ der wurden, wollte eben die Muͤllerstochter ſich zu fragen unterfangen: warum denn Marie von Avenel nie bei einem Mai⸗Baume erſchienen, und ihre Verwunderung daruͤber ausdruͤcken, daß die junge Lady verſicherte, ſie liebe den Tanz nicht; da wurde ihre Unterhaltung durch Pferde⸗ getrappel unterbrochen, welches ſich am Thore vernehmen ließ⸗ In der vollen Gluth unbezaͤhmter weibli⸗ cher Reugier flog Myſia an das Fenſter.—„Ach, heilige Jungfrau, liebe Lady,“ rief ſie:„da kom⸗ men zwei recht ſtattliche Reuter, wollt Ihr nicht hierher treten, ſie zu betrachten?“ Nein! verſetzte Marie, ſage Du mir, wer ſie ſind! „Ei,“ ſagte Myſia:„wie ſoll ich ſie denn kennen? Doch! Einen kenne ich, und Ihr kennt ihn auch, Lady, es iſt ein luſtiger mu terer Mann⸗ ein wenig von leichter Hand, wie man ſagt, doch die jetzigen Maͤnner machen— 261 viel. Es iſt Eures Onkels Waffenrenter, Chri⸗ ſtie von Clinthill genannt, er traͤgt aber nicht ſeine alte gruͤne Jacke, und den alten ſchwarzen Harniſch druͤber, nein! einen Scharlachrock, drei Finger breit mit Silber geſtickt, und einen Pan⸗ zer ſo hell und blank, das Ihr Euch das Haar davor aufſtecken koͤnntet, wie vor dem Spiegel mit dem elfenbeinernen Rahmen, den Ihr mir eben gezeigt habt. Kommt doch, liebe Lady, und beſchaut ihn hier durchs Fenſter!“ Wenn's der iſt, Myſia, verſetzte Marie von Avenel, da werde ich ihn ſchon zeitig genug ſe⸗ hen, fuͤr den Troſt und das Vergnuͤgen, das mir ſein Anblick gewaͤhren wird. „Nun, wenn ihr den luſtigen Chriſtie nicht ſehen wollt,“ verſetzte die Muͤllerstochter, indeß ihr Geſicht vor brennender Nengier noch roͤther wurde:„ſo kommt und ſagt mir nur, wer der ſtattliche Mann iſt, der mit ihm kommt, das iſt wahrlich der huͤbſcheſte, liebenswuͤrdigſte junge Mann, den ich je mit Augen geſehen.“ Das iſt mein Milchbruder, Halbert Glen⸗ dinning, ſagte Marie mit anſcheinender Gleich⸗ zuͤltigkeit, denn ſie hatte ſich gewoͤhnt, die Sdhne der Elspeth ihre Milchbruͤder zu nennen, und 68 262—— ſo mit ihnen umzugehen, als ob cs ihre wirkli⸗ chen Bruͤder geweſen waͤren. „Nein! Nein!“ ſagte Myſia:„das iſt er nicht, ich kenne die beiden Glendinnings recht wohl! Dieſer Reuter kann gar nicht aus unſerm Lande ſein. Er traͤgt eine karmoiſinene Sammt⸗ muͤtze, und ein langes braunes Haar faͤllt dar⸗ unter hervor; ein Stutzbart ziert die Oberlippe, allein ſein Kinn iſt glatt geſchoren; er hat einen himmelblauen Wamms an, mit weißer Seide ge⸗ fuͤttert und ausgeputzt, und traͤgt als Waffe bloß einen Stoßdegen und einen Dolch. Wenn ich ein Mann waͤre, ich truͤge nie Etwas anders,⸗ als einen ſolchen leichten Degen, ſtatt des ſchweren breiten Schwertes mit dem großen verroſteten Griffe, das mein Vater zu fuͤhren pflegt. Liebt Ihr nicht auch den Stoßdegen und den Dolch, Lady 2“9 Das beſte Schwert, verſetzte Marie: wenn ich auf eine ſolche Frage antworten ſoll, iſt wohl das, was fuͤr die beſte Sache gezogen, und das, wenn es entbloͤßt iſt, am beſten gefuͤhrt wird. „Aber koͤnnt Ihr denn nicht erraßhsn⸗ wer der Fremde ſein mage“ fragte Myſia⸗ Rein! entgegnete Marie: und aus ſeinem — Gefaͤhrten zu ſchließen, lohnt es auch nicht der Muͤhe, ihn kennen zu lernen. „Wahrhaftig!“ ſagte Myſia:„ich glaube, er ſteigt eben ab. Ich freue mich auch ſo daruͤber, als wenn mir der Vater die oft verſprochenen ſilbernen Ohrringe geſchenkt haͤtte. Nein! Ihr muͤßt ans Fenſter treten, Ihr moͤgt wollen oder nicht.“ Ich weiß nicht, ob Marie von Avenel nicht ſchon fruͤher den Beobachtungsſtand eingenom⸗ men haben wuͤrde, wenn ſie nicht durch die gren⸗ zenloſe Neugier ihrer huͤbſchen Freundin davon abgehalten worden waͤre; aber endlich bekam dieſelbe Empſindung doch das Uebergewicht uͤber ihre Wuͤrde, und, zufrieden, daß ſie all die Gleich⸗ guͤltigkeit gezeigt hatte, welche ihr hier der An⸗ ſtand zu erfodern ſchien, hielt ſie es nicht laͤnger fuͤr noͤthig, ihre Neugier zu bezaͤhmen. Von dem hervorſtehenden Fenſter aus konnte ſie recht gut bemerken, daß Chriſtie von Clin⸗ thill von einem ſehr ſtattlich und feſtlich ausſe⸗ henden Reuter begleitet wurde, der, aus ſeinem edlen aͤußern Benehmen, ſo wie aus ſeiner reichen und ſchoͤnen Kleidung und dem Pferdegeſchirr zu 8 264 ſchließen, wohl, wie ihre neue Freundin meinte, eine Perſon von einiger Bedeutung ſein mußte. Chriſtie ſelbſt ſchien ſich Etwas Außerordent⸗ lichen bewußt zu ſein, denn er rief mit weit mehr Inſolenz, als ihm ſonſt eigen war:„Nun? iſt Niemand zu Hauſe? Antwortet mir denn kein Bauerluͤmmel, wenn ich rufe? Martin! Tibb! Dame Glendinning! ſollen wir denn in der Kaͤlte die Pferde halten laſſen, die von Schweiß triefen!“ Endlich erſchien der alte Martin.„Sieh da, alter Purſche!“ ſagte Chriſtie:„Lebſt Du auch noch? Hier! fuͤhre die Pferde in den Stall, fuͤttere ſie gut und putze ſie recht ordentlich: ſie duͤrfen nicht aus dem Stall, bis ihnen kein Haar mehr emporſteht.“ Martin zog die Roſſe, wie ibm befohlen, in den Stall, konnte jedoch, ſo bald er's ohne Ge⸗ fahr thun zu koͤnnen glaubte, ſeinen Aerger nicht unterdruͤcken.„Denkt doch einmal,“ ſagte er zu Kaſpern, einem alten Bauer, der, weil er Martin helfen wollte, Chriſtie's gebieteriſchen Auftrag gehoͤrt hatte:„denkt doch! der Kerl thut ordentlich, als wenn er ein Lord oder Herr waͤre, und doch kann ich mich noch recht gut auf ihn 3 als — 265 als Bratenwenderjungen in dem Hauſe Avenel beſinnen, wie er an ſo froſtigem Morgen, als der heutige, ſeine Haͤnde durch Blaſen und Reiben waͤrmte, und jetzt iſt er ein gemachter Mann und ſchwoͤrt wie vornehme Leute, gleich als wenn die ſeine Geſellſchaft brauchten, um zur Hoͤlle zu fahren. Ich werde ihm gleich ſagen, daß er ſein Pferd ſelbſt bedienen mag, denn er kannes ja ſo gut als ich.“ Still! erwiederte Kaſper: halt's Maul! Beſſer iſt's dock, einem Narren nachzugeben, als ſich mit ihm zu ſchlagen. Martin erkannte die Wahrheit dieſes Sprich⸗ wortes, und dadurch ermuthigt, uͤbernahm er es ſelbſt, das Pferd des Fremden auf das ſorgfaͤl⸗ tigſte zu ſaͤubern und zu putzen, indem er be⸗ merkte, daß es ein wahres Vergnuͤgen ſei, ein ſo huͤbſches Thier zu beſchicken; die Sorge fuͤr das andere aber uͤberließ er dem Kasper. Erſt als er Chriſtie's ſaͤmmtliche Befehle woͤrtlich voll⸗ zogen hatte, hielt er es fuͤr paſſend, ſich zu wa⸗ ſchen und ins Haus zu begeben, nicht etwa, um, wie wohl ein und der andere Leſer erwarten moͤchte, den Fremden aufzuwarten, ſondern um D. Kloſter, I. 3 8 M 7 266 ſeinen Theil an dem Eſſen in ihrer Geſellſchaft zu bekommen. unterdeſſen hatte Chriſtie ſeinen Gefaͤhrten der Dame Glendinning als den Sir Piercie Shafton, einen ſeiner Freunde und ſeines Herrn, vorgeſtellt, der drei bis vier Tage ohne viel Geraͤuſch in dem Thurme zubringen wollte. Die gute Frau konnte nicht begreifen, wie ſie zu einer ſolchen Ehre kaͤme, und haͤtte ſich gern mit dem Mangel an jeder Bequemlichkeit ent⸗ ſchuldigt, welche zur Bewirthung eines ſolchen Gaſtes erfoderlich ſei; der Fremde zeigte eben⸗ falls, als er ſeine Augen auf die leeren Waͤnde richtete, das duͤſtere rauchrige Kamin betrachtete, die geringen Geraͤthſchaften des Gemaches mu⸗ ſterte, und zugleich die Verlegenheit der Haus⸗ frau gewahr wurde, keine ſonderliche Luſt, ſeinen Beſuch der Dame Glendinning aufzudringen, da er ihr, und ihm ſelbſt, nach allen Umſtaͤnden zu urtheilen, ſehr peinlich ſein mußte. Allein die widerſtrebende Wirthin und der Gaſt hatten es an Chriſtie mit einem unerbitt⸗ lichen Manne zu thun, der alle Vorſtellungen mit dem Spruche niederſchlug: ſein Herr wolle es ſo! — r 267 „ Und obgleich,“ fuhr er fort:„der Wille des Barons von Avenel im Umkreis von zehn Meilen um ihn her Geſetz ſein muß, ſo iſt doch hier auch ein Brief von Eurem weiberrockigen Baron, dem Prieſter⸗Lord, der Euch beſtehlt, daß Ihr dieſen guten Ritter ſo gut bewirthen ſollt, als Ihr vermoͤgt, ihn aber ſonſt ſo ſtill fuͤr ſich leben laſſet, als er's wuͤnſchen mag. Und Ihr⸗ Sir Piercie Shafton,“ fuhr Chriſtie fort:„Ihr werdet ſelbſt am beſten wiſſen, ob Ihr nicht im⸗ mer noch mehr auf Sicherheit und Geheimniß bedacht ſein muͤßt, als auf weiche Betten und eine gute Mahlzeit. Beurtheilt das Vermoͤgen der Frau auch nichk) aus dem Anſchein ihrer Wohnung, denn werdet bei Tiſche ſehen, daß man bei in Waſallen der Kirche ſelten eine Leere Sagezte findet.⸗. Indeß er ſich ſo bemuͤhte, Sir Piereie Shaf⸗ ton mit ſeinem Schickſale zu verſoͤhnen, erkun⸗ digte ſich die Wittwe bei ihrem Sohne Eduard⸗ ob des Lord Abts Befehl denn wirklich ſo drin⸗ gend ſei, und da ſich fand, daß Chriſtie eine treue Darſtellung deſſelben gegeben hatte, blieb ihr nichts weiter uͤbrig, als dem Fremden ſein Schickſal ſo leicht als unuliih zu machen. Er ſelbſt ſchien M 2 auch damit verſoͤhnt, indem er wahrſcheinlich die Nothwendigkeit davon empfand, und die Gaſt⸗ freundſchaft/ welche ihm die Dame, mit einiger Kaͤlte freilich, anbot, auf gute Art annahm. In der That war das Mahl, welches bald wor den verſammelten Gaͤſten dampfte, von jener ſubſtantiͤͤſen Art, welche reichlichen Gehalt mit Schmackhaftigkeit verbindet. Dame Glendinning hatte auf ihre beſte Weiſe gekocht, und erfreut aber den ſtattlichen Anblick ihrer guten Mahl⸗ zeit, als dieſe auf dem Tiſche ſtand, vergaß ſie beides, ihre Plane und die Unannehmlichkeiten, die zene unterbrachen, in der Pflicht, ihre Gaͤſte zum Eſſen und Trinken zu uoͤthigen, indem ſie ſergfaͤltig ieden leeren Teller ſogleich wieder mit neuer Laſt beſchwerte, ehe der Gaſt eine Weige⸗ rung laut werden laſſen konnte.. Unterdeſſen betrachtete die Geſellſchaft ſich gegenſeitig, und ſchien ein Urtheil uͤber ihre Cha⸗ raktere faͤllen zu wollen. Sir Piercie Shafton ließ ſich bloß herab, mit Marie von Avenel zu ſprechen. Er behandelte ſie mit jener vertrauli⸗ chen und mitleidsvollen, zugleich aber etwas gering⸗ ſchätzigen Aufmerkſamkeit, welche ein huͤbſcher junger Mann unſerer Zeit zuweilen wohl auch 269 einem Landmaͤdchen beweiſt, wenn ſich kein huͤb⸗ ſcheres und vornehmeres Weib in der Geſellſchaft befindet. Die Art des Benehmens war freilich verſchieden, denn die Etiquette der damaligen Zeit erlaubte dem Sir Piercie Shafton nicht, in den Zaͤhnen zu ſtochern oder zu gaͤhnen, oder Blindheit und Taubheit, noch ſonſt eine Ge⸗ hrechlichkeit der Organe, zu affektiren. Allein, wenn auch die Ausſchmuͤckung ſeiner Unterhal⸗ tung verſchieden war, ſo blieb doch der Grund⸗ ſtoff derſelbe, und die hochtrabenden Compli⸗ mente, womit ein tapferer Ritter des ſechszehn⸗ ten Jahrhunderts ſeine Unterredungen verzierte, waren eben ſo die Frucht des Egoismus und der Einbildung, als das Geſchwaͤtz der Elegants unſe⸗ rer Tage. Der engliſche Ritter war indeſſen ein wenig verbluͤfft, da er fand, daß Marie von Avenel mit einer gewiſſen Gleichguͤltigkeit ihm zuhoͤrte, und mit wundervoller Kuͤrze auf alle die ſchoͤnen Sa⸗ chen antwortete, die, wie er meinte, durch Glanz und Unverſtaͤndlichkeit haͤtten blen den und beſte⸗ chen ſollen. Allein wenn es dem Sir Piercie Shafton auch nicht gelingen wollte, den ge⸗ wuͤnſchten und ſogar erwarteten Eindruck bei der * hervorzubringen, lan die er ſich gewandt hatte, ſo fanden ſeine Reden bei der Muͤllerstochter deſto mehr Bewunderung, und zwar gerade des⸗ halb, weil ſie auch nicht ein einziges Wort im rechten Sinne verſtand. In der That war aber auch des Ritters Sprache zu hofmaͤßig, als daß ſte, ſelbſt von geſcheuteren Perſonen als Myſia, haͤtte verſtanden werden koͤnnen. Es war gerade um dieſe Zeit, als„der ein⸗ „zig ſeltene Poet ſeiner Zeit, der witzige, komi⸗ „ſche, ſcherzhaft⸗ aufgeweckte und aufgeweckt⸗ „ſcherzhafte John Cully— er, der an Apol⸗ „lo's Tiſche faß, und dem Phoͤbus ohne Wider⸗ „ſtreben einen Zweig ſeines eigenen Kranzes gab,“ und*) er, der das hoͤchſt phantaſtiſche Werk, Euphues and his England, ſchrieb,— gerade im Zenith ſeiner Abſurdidaͤt und ſeines Rufes ſtand; der gezwungene, unnagtuͤrliche Styl, den er durch ſeine Anatomy of Wit aufbrachte, wurde eben ſo *) Solche, und noch ausſchweifendere Complimente wurden dem Autor von ſeinem Herausgeber Blunt gemacht. Culty war indeß, trotz aller Uebertreibung, ein Mann von Witz und Phantaſie, obgleich beide durch Aunnachrliche ARtetgtion verdorben wurden. 271 ſchnell Mode, als er voruͤber ging,— alle Hof⸗ damen waren ſeine Schuͤlerinnen, und im Eu⸗ phuisme zu ſprechen, war fuͤr einen galanten Ritter Etwas eben ſo nothwendiges, als die Kunſt, ein Nappier zu fuͤhren und zierlich zu tanzen.· Es war kein Wunder, daß das Muͤllermaͤd⸗ chen durch den gelehrten und hoͤflichen Unter⸗ haltungston bald eben ſo geblendet wurde, als ſie es durch den Staub von ihres Vaters Mehl⸗ ſaͤcken geworden war. Sie ſaß da, Mund und Augen offen, wie das Thor der Muͤhle nebſt den beiden Fenſtern, Zaͤhne enthuͤllend, ſo weiß, wie ihres Vaters feinſtes Mehl, und bemuͤht, zu ih⸗ rem eigenen kuͤnftigen Gebrauche einige von den rhetoriſchen Perlen aufzuleſen, welche Sir Pier⸗ cie Shafton ſo verſchwenderiſch um ſich her ſtreute. In Anſehung des maͤnnlichen Theils der Ge⸗ ſellſchaft ſchaͤmte ſich Eduard ſeiner Art und Langſamkeit im Sprechen, da er bemerkte, daß der huͤbſche junge Hofmann mit ſolcher Leichtig⸗ keit und Gelaͤufigkeit, wovon er kaum einen Be⸗ griff hatte, uͤber alle Gemeinplaͤtze hochtrabender 272 Galanterie hinſchluͤpfte. Freilich lehrte den jun⸗ gen Glendinning ſein geſunder Verſtand und ſein natuͤrliches Gefuͤhl ſehr wohl, daß der ga⸗ lante Ritter Unſinn ſprach; aber, wo iſt der Mann von beſcheidenem Verdienſte und wahrhaftem Ta⸗ lente, der es nicht haͤtte dulden muͤſſen, in der Unterhaltung und dem geſelligen Benehmen von Menſchen verdunkelt zu werden, die ihm an wah⸗ rem Gehalte auf keine Weiſe gleich kamen? Und wie ſtark muß eine Seele ſein, welche ohne Neid den Preis Mitwerbern uͤberlaſſen kann, die deſ⸗ ſelben weniger wuͤrdig ſind, als er felbſt! Eduard Glendinning beſaß dieſe Philoſophie keinesweges. Indeß er das Geſchwaͤtz des luſti⸗ gen Nitters verachtete, beneidete er ihn doch um die Geſchicklichkeit, üͤber Alles ſo leicht hinzu⸗ gkeiten, ſo wie um die Anmuth im Ton und Ausdruck und die geſchmackvolle, ungezwungene Art und Weiſe, womit er alle jene Hoͤflichkeits⸗ beweife begleitete, wozu die Pflichten der Artig⸗ tigkeit bei Tiſche Gelegenheit gaben. Man muß ſogar geſtehen, daß er den Fremden um dieſe Eigenſchaften um ſo mehr beneidete, je mehr ſie alle in Mariens von Avenel Dienſte entfaltet wurden; und ob ſie auch eben ſo ungern aufge⸗ 275 nommen werden mochten, als ſie nicht abgelehnt werden konnten, dennoch auf des Fremden Seite den Wunſch andeuteten, ſich bei ihr in Gunſt zu ſetzen, als bei der einzigen Perſon im Zimmer, die er fuͤr wuͤrdig hielt, von ihm ausgezeichnet zu werden. Sein Titel, Nang und ſeine uͤber⸗ aus huͤbſche Geſtalt, verbunden mit den Funken von Witz und Geiſt, welche doch zuweiken durch den Schwall von Unſinn, den er von ſich gab, hindurchblitzten, machten ihn, wie ein altes Gedicht ſich ausdruͤckt, zu einem„Koͤder fuͤr Damenau⸗ gen,“ ſo daß der arme Eduard, mit all ſeinem re⸗ ellen Werthe und ſeinen erworbenen Kenntniſſen, in ſeinem, zu Hauſe geſponnenen Wamms, ſeiner hlauen Muͤtze, ſeinen wildledernen Hoſen, wie ein Bauer neben einem Hofmann ausſahe, und indem er des Andern Ueberlegenheit fuͤhlte, nicht die guͤnſtigſte Geſinnung gegen denſelben hegte⸗ Auf der andern Seite begann Chriſtie, ſobald als er feinen reichlichen Appetit geſtillt hatte— wodurch es Perſonen ſeines Gewerbes moͤglich wird, gleich Woͤlfen und Adlern, ſich mit einer folchen Menge von Nahrung vollzuſtopfen, daß eine einzige Mahlzeit ihnen auf viele Tage aus⸗ helfen koͤnnte— ſich ſelbſt mehr in Schatten ge⸗ 274 ſtellt zu fuͤhlen, als er wuͤnſchte. Dieſes wuͤr⸗ dige Subject hatte unter andern guten Eigen⸗ ſchaften auch eine außerordentliche Meinung von ſich ſelbſt, und da er, keck wie er war, ſich gern hervordraͤngte, ließ er ſich nicht gern durch ir⸗ gend Jemand uͤberglaͤnzen. Mit jener unver⸗ ſchaͤmten Vertraulichkeit, welche ſolche Menſchen fuͤr leichten Anſtand halten, unterbrach er die feinſten Reden des Ritters eben ſo unbedenklich, wie er ſeine Lanze durch ein geſticktes Kleid ge⸗ bohrt haben wuͤrde⸗ Sir Piercie Shafton, ein Mann von Stande und hoher Geburt, duldete dieſe Vertraulichkeit keinesweges, ſondern wies den Zudringlichen ent⸗ weder mit ſo gaͤnzlicher Vernachlaͤſſigung oder ſo kurzen Repliken zuruͤck, daß man deutlich ſa⸗ he, wie tief er den rohen Geſellen verachtete, ddeer mit ihm auf den Fuß der Gleichheit ſich ſez⸗ zen wollte. Der Muͤller hielt ſich ganz ruhig, denn da ſeine Unterhaltung ſich hauptſaͤchlich nur um ſeine Muͤhle drehte, ſo hatte er nicht Luſt, ſeinen Reichthum in Chriſtie von Clinthill's Gegenwart darzulegen, oder den engliſchen Ritter zu unter⸗ brechen“ 275 Eine kleine Probe der Unterhaltung duͤrfte hier wohl nicht am unrechten Orte ſtehen, waͤre es auch nur, um den jungen Damen unſerer Zeit zu zeigen, was ſie Alles verloren haben, dadurch, daß der Euphuism außer Mode gekommen iſt. „Glaubt mir, ſchoͤne Lady,“ ſagte der Rit⸗ ter:„die Bildung unſerer engliſchen Hofleute traͤgt ein ſo ſchoͤnes Gepraͤge, daß, da ſie die Un⸗ terhaltungsſprache unſerer Vaͤter— welche ſich, ich darf es wohl ſagen, mehr fuͤr Bauern ſchick⸗ te, als fuͤr Leute, die ſich auf Hofſitten verſtehen ſollten— ganz unendlich verfeinert haben, es mir unmoͤglich ſcheint, daß die, welche nach uns kommen werden in dieſen Garten des Witzes und der Artigkeit, daran das mindeſte verbeſſern koͤnnen. Venus freute ſich nur der Sprache Merkurs, Bucephalus ließ ſich nur vom Aleran⸗ der baͤndigen, und Niemand konnte Apollo's Ildte blaſen, als Orpheus.“ Tapferer Herr! verſetzte Marie, die ſich kaum des Lachens enthalten konnte, wir muͤſſen uns alſo ſehr des Gluͤckes freuen, welches dieſer Ein⸗ ſamkeit auch einen Strahl der hoͤſichen Sonne hat ſchenken wollen, wenn er uns gleich mehr hlendet als zerlenchtet. 276 „Wunderſchoͤn geſagt, ſchoͤnſte Lady!“ verſetzte der Euphuiſt:„O! daß ich nur meine Anato⸗ mie des Witzes bei mir haͤtte— dieſes unver⸗ gleichliche Buch, dieſe Quinteſſenz des menſchli⸗ chen Verſtandes, dieſen Schatz der Erfindung dieſes ſo ungemein angenehm zu lefende und un⸗ begreiflich nothwendig ſtets im Gedaͤchtniß zu habende, Handbuch Alles Wiſſenswuͤrdigen, wel⸗ hes den Rohen in der Artigkeit, den Dummen im Verſtandesgebrnuch, den Schwerfaͤlligen im leichten Scherz, den Plumpen in Feinheit, den Gemeinen in adlichen Sitten, und Alle, Alle in jener hoͤchſt nothwendigen Vervollkommung der menſchlichen Rede, jener Beredſamkeit unterrich⸗ „tet, die keine andre Beredſamkeit hinlaͤnglich zu * reiſen im Stande iſt, und die wir, wenn wir ſie aufs hoͤchſte ehren wollen, mit ihrem eigen⸗ thuͤmlichen Namen, Euphuism, benennen muͤſſen.“ Heilige Maria, ſagte Chriſtie von Clinthill: wenn mir Eure Herrlichkeit geſagt haͤtten, daß ſie einen ſolchen Schatz zu Prudhoe Caſtle zu⸗ ruͤckgelaſſen huͤtten, ſo wuͤrde ich ihn ſchon mit⸗ genommen haben, wenn ihn Roß und Mann ir⸗ gend zu tragen vermochten; aber Ihr habt uns nichts von einem Schatze geſagt, außer dem ſil⸗ bernen Zaͤnglein, Euren Stutzbart aufzukraͤuſeln. Der Nitter behandelte dieſe unverſtaͤndige Unterbrechung— denn Chriſtie hatte keine Ah⸗ nung davon, daß alle jene hochtrabenden Worte auf ein Buch paſſen koͤnnten— mit Verachtung⸗ dann wandte er ſich wieder zu Marien von Ave⸗ nel, als der einzigen Perſon, die er der Unter⸗ haltung fuͤr wuͤrdig hielt, und fuhr in ſeiner pretidſen Rede alſo fort:„Eben ſo,“ ſagte er: „wie Schweine den Glanz orientaliſcher Perlen verachten, ſo wie man die Leckerbiſſen der koͤſt⸗ lichſten Tafel vergebens dem Langohr anbietet, das auf der Wieſe weidet und ſich lieber zu ſei⸗ nen Diſteln wendet, eben ſo breitet man verge⸗ bens die Schaͤtze der Beredſamkeit vor den Au⸗ gen der Unwiſſenden aus, welche in geiſtiger Hinſicht auch nichts beſſeres, als Eſel ſind.“ Herr Ritter,— weil Ihr das ſeid,— ſagte Eduard: wir koͤnnen freilich nicht mit Euch an Feinheit des Ausdrucks wetteifern, allein ich bitte Euch doch recht hoͤflich, uns ſolche entehrende Vergleichungen zu erſparen, da Ihr meines Va⸗ ters Haus einmal mit Eurer Gegenwart beehrt. „Ruhig, guter Villagio,“ ſagte der Ritter, 278 anmuthig mit der Hand winkend:„ich bitte Dich, ſei ruhig! und Ihr, mein Fuͤhrer hier⸗ her, den ich kaum rechtlich nennen mag, laßt Euch bedeuten, das lobenswerthe Stillſchweigen des guten Yeoman nachzuahmen, der ſo ſtill da⸗ ſitzt, wie ein Meilenzeiger, oder das des artigen Maͤdcheng, welches Alles mit den Ohren zu ver⸗ ſchlingen ſcheint, was es auch nicht verſteht, wie ohngefaͤhr ein Roß auf den Ton einer Laute horcht.“ Schoͤne, ſchoͤne Redensarten, ſagte endlich Dame Glendinning, der ein langes Stillſchwei⸗ gen langweilig wurde: bewundernswuͤrdig ſchoͤne Redensarten, Nachbar Happer, nicht wahr? Ja, ja, recht huͤbſche Worte! recht huͤbſch, erwiederte der Muͤller: aber, wenn ich meine wahre Meinung ſagen ſoll, ſo gaͤbe ich kein Maß voll Kleien und einen Scheffel davor. „s kommt mir auch ſo vor, mit Euer Herr⸗ lichkeit Erlaubniß, entgegnete Chriſtie von Clin⸗ thill: ich beſinne mich noch recht wohl, daß ich einſt in dem Rennen bei Morham, wie wir's nennen, einen zungen Englaͤnder aus dem Sat⸗ tel hob, und ihn ein ziemliches Stuͤck hin auf den Boden warf; weil er nun etwas Gold an 4 279 ſeinem feinen Wamms hatte, ſo dachte ich, er wuͤrde auch welches in der Taſche haben, wenn das gleich keine feſte Regel iſt; ich ließ daher ein Wort von Ranzion fallen, und da kam er denn gleich mit einer Hand voll ſo glatter Re⸗ den angeſtochen, wie Euer Herrlichkeit eben aus⸗ geſtreut hat, bat mich, als ein wahrer Sohn des Mars Mitleid mit ihm zu haben und dergleichen. „Gewiß erhielt er das nicht von Euch, dar⸗ auf ſchwoͤr' ich,“ ſagte der Ritter, der nur mit Damen im Euphuism zu ſprechen pflegte. Ich haͤtte ihm gewiß meine Lanze in die Bruſt geſtoßen, verſetzte Chriſtie: wenn wir nicht haͤt⸗ ten Reißaus nehmen muͤſſen vor dem alten Huns⸗ don und Henry Carey; aber da war denn auch meines Bleibens nicht laͤnger. Der Ritter wandte ſich nun abermals an Marien von Avenel mit den Worten:„Wahrhaf⸗ tig, ich bedaure Euch, Lady, daß, da Ihr doch von edler Herkunft ſeid, Ihr in der Huͤtte ſol⸗ cher unwiſſenden verweilen muͤßt, gleich einem Edelſteine am Haupte einer Kroͤte, oder der Blu⸗ menguirlande an dem eines Eſels.— Aber,“ fuhr er fort:„wer iſt denn der junge Mann dort, deſ⸗ ſen Kleidnug haͤneriſcher zu ſein ſcheint, als ſein 280 Benehmen, und deſſen Blicke Etwas Vornehmes verrathen, gerade wie..”“ Ich bitte Euch, Ritter, ſagte Marie: ſpart Eure hoͤfiſchen Vergleichungen fuͤr feinere Oh⸗ ren als die meinigen, und erlaubt mir, Euch hier(er trat eben ein) meinen Milchbruder, Hal⸗ bert Glendinning, vorzuſtellen!— „Der Sohn der guten Dame aus dem Dor⸗ fe, wie ich glaube,“ verſetzte der engliſche Ritter: „denn ſo nannte mein Fuͤhrer die Frau dieſes Hauſes, welches Sie, Madam, durch Ihre Ge⸗ genwart verſchoͤnern... Der junge Mann hat aber doch Etwas an ſich, was einer hoͤhern Ge⸗ burt angehoͤrt, denn nicht Alle ſind Kahlenbwen⸗ ney, die ſchwarz ausſehen.“ Auch ſind nicht alle Muͤller, die weiß ausſe⸗ hen, ſagte der ehrliche Hob, froh, daß er doch guch ein Wort drein ſprechen konnte. Halbert, der die Blicke des Englaͤnders mit einiger Ungeduld ausgehalten hatte, wußte nicht recht, was er aus deſſen Benehmen und Sprache machen ſollte, und erwiederte deshalb mit eini⸗ ger Nauhheit: Herr Ritter, wir haben hier zu Lande ein altes Sprichwort: Verachte den Strauch — V V 281 den Dienern recht berichtet worden bin, ein Gaſt in meines Vaters Hauſe, das Euch vor Gefahr ſchuͤtzen ſoll; ſpottet nicht uͤber die Einfachheit dieſes Hauſes, noch ſeiner Einwohner! Ihr haͤttet ziemlich lange am engliſchen Hofe Euch aufhal⸗ ten koͤnnen, ehe wir Eure Gunſt geſucht und Euch mit unſerer Geſellſchaft beſchwert haben wuͤr⸗ den. Weil Euch aber das Schickſal hierher gefuͤhrt hat, ſo nehmt auch mit unſerer Bewirthung und Unterhaltung vorlieb, und verhoͤhnt uns nicht we⸗ gen unſerer Guͤte! denn die Schotten haben kurze Geduld, aber lange Schwerter!— Aller Augen richteten ſich auf Halbert, in⸗ dem er dieſe Worte ſprach, und man fuͤhlte all⸗ gemein, daß in ſeiner Haltung ein Ausdruck von Verſtand, und in ſeiner Perſon eine Wuͤrde ſich zeige, welche man fruͤher nicht an ihm bemerkt hatte. Es laͤßt ſich nicht beſtimmen, ob das wun⸗ derbare Weſen, mit dem er vor Kurzem Gemein⸗ ſchaft gehabt hatte, ihm dieſe Anmuth und Wuͤrde des Blickes und Betragens verliehen, die er vor⸗ her nicht beſaß, oder ob er, in hoͤhere Dinge eingeweiht, zu einer hoͤheren Beſtimmung als andere Menſchen berufen worden, und deshald Etwas ſo Berreuenyolles, Sicheras in Sprache — —— und Benehmen kund gebe. So viel wurde in⸗ deß Allen klar, daß von dieſem Tage an, der junge Halbert ein ganz anderer Menſch war, daß er mit einer Sicherheit, Entſchloſſenheit und Schnelligkeit handelte, die reifern Jahren ſonſt nur eigen iſt, und daß er ſich auf eine Art be⸗ nahm, welche auf hoͤhern Rang hindeutete. Der Ritter nahm dieſe Erwiederung mit gu⸗ ter Laune auf.„Bei meiner Ehre,“ ſagte er: „Du haſt Recht auf Deine Weiſe, allein ich ver⸗ ſpotte ja auch das Dach gar nicht, unter dem ich mich beſinde; meine Reden gereichen mehr zu Deinem Lobe, wenn Du Dich, obgleich in Niedrigkeit geboren, doch aus derſelben empor⸗ zuſchwingen vermagſt; die Lerche erhebt ſich aus ihrem Neſte tief am Boden eben ſo zur Sonne, wie der Adler, der auf Felſen niſtet.“ Dieſe hachtrabenden Reden wurden von der Dame Glendinning unterbrochen, welche, mit aller Aengſtlichkeit einer Mutter, ihres Sohnes hoͤlzernen Teller mit Speiſe belud, und ihm Vor⸗ wuͤrfe ins Ohr raunte, wegen ſeiner verſpaͤteten Ruͤckkehr.„Nimm Dich nur in Acht,“ ſagte ſie: „daß Du nicht einmal mit einer ſolchen Geſtalt zuſammentriffſt, wie ſie in den dunklen Gehegen * ———— Geiſte ihre zwoͤlf ſchoͤnen Kuͤhe im Mondenlichte 285 umgehen, und die nicht von unſerm Fleiſch und Blut ſind, wie es dem Mungo Murray begeg⸗ net iſt, der auf dem Raſen von Old⸗Kirkhill einſchlief, und auf den wilden Hoͤhen von Breadal⸗ bane wieder erwachte. Nimm Dich auch in Acht, daß, wenn Du nach einem Wilde zieleſt, der Hirſch Dich nicht ſtoͤßt, wie es dem Diecon Thor⸗ burn geſchah, der von ſeiner Wunde nie wieder ganz geneſen iſt; auch hüte Dich, daß Du nicht, wenn Du das lange Schlachtſchwert an der Seite traͤgſt, das ſich fuͤr einen friedlichen Mann doch eigentlich nicht ſchickt, mit denen zuſammenkommſt, die auch Schlachtſchwerter fuͤhren, und Lanzen dazu,— es giebt viel ſolcher Landreuter, welche weder Gott fuͤrchten, noch Menſchen achten.“ Hier ſiel ihr feurig rollendes Auge auf das von Chriſtie von Clinthill, und auf einmal un⸗ terbrach die Furcht, Anſtoß gegeben zu haben, den Fluß der muͤtterlichen Ermahnungen, welche, gleich den ehelichen, oft beſſer gemeint, als an⸗ gebracht ſind. In Chriſtie's Auge lag etwas Schlaues und Lauerndes, und der Blick, dem ſie hier begegnete, ließ ſie ſogleich ahnen, daß ſie zu viel geſagt hatte; zugleich ſahe ſie ſchon im 284 das Thal hinab getrieben werden, ein halb Dut⸗ zend Grenzreuter hinterher ziehend⸗ Ihre Stimme ſank daher von dem lauten Tone muͤtterlicher Ermahnung zu dem kleinlau⸗ ten der Entſchuldigung herab, und ſie ſagte:„Ich will damit Richts Uebles von den Grenzreutern geſagt haben, denn Tibb Tacket hat es oft ge⸗ hoͤrt, wie ich geſagt habe, daß Speer und Zaum einem Grenzreuter eben ſo eigenthuͤmlich ſind, als dem Brieſter die Feder, oder der Kopfputz einer Dame.—— Hab' ich nicht immer ſo ge⸗ ſagt, Tibb 2“ 1 3 Tibo zoͤgerte ein wenig mit der Beſtaͤtigung des Reſpektes, den ihre Hausfrau gegen die Freibeuter aus Suͤden ausgedruͤckt haben wollte, endlich aber ſagte ſie: Ja, ja, Miſtreß, das hab' ich wohl manchmal von Euch gehoͤrt. „Mutter!“ ſagte Halbert in feſtem und gebieter⸗ iſchem Tone:„was oder wen fuͤrchtet Ihr denn unter meines Vaters Dache? Ich hoffe, es be⸗ herbergt keinen Gaſt, in deſſen Gegenwart Ihr mir oder meinen Bruder nicht ſagen duͤrftet, was Euch beliebte. Es thut mir leid, daß ich ſo lange ausgeblieben bin, da ich die ſchoͤne Ge⸗ ſellſchaft ſehe, die ich bei meiner Ruͤckkehr fin⸗ ——— 285 den ſollte... ich bitte, laßt Euch dieſe Ent⸗ ſchuldigung genuͤgen! Was Euch befriedigt, denk ich, darf auch unſern Gaͤſten nicht unangenehm ſein⸗“ 4 Eine Antwort, welche ſo trefflich zwiſchen dem der Mutter ſchuldigen Gehorſam und dem natuͤrlichen Selbſtbewußtſein eines Juͤnglings die Mitte hielt, der geborner Herr des Hauſes war, erweckte allgemeine Zufriedenheit. Elspeth ſelbſt geſtand am andern Tage der Tibbie, daß ſie dem Halbert gar nicht ſo viel Kaltbluͤtigkeit und Stolz zugetraut habe.„Bis⸗ her,“ ſagte ſie:„fuhr er bei dem geringſten Vor⸗ wurfe gleich auf, wie ein boͤſer Hahn, aber ge⸗ ſtern Abend war er ſo ernſt und ruhig, wie der Abt des Kloſters der heiligen Jungfrau ſelbſt. Ich weiß nicht, was mit ihm vorgegangen iſt⸗ aber er traͤgt den Kopf ſchon hoch!—“ Die Geſellſchaft trennte ſich jetzt, die jun⸗ gen Leute begaben ſich auf ihre Zimmer, die aͤl⸗ tern zu ihren haͤuslichen Geſchaͤften. Indeß Chri⸗ ſtie ging, um nach ſeinen Pferden zu ſehen, ſetzte ſich Eduard zu ſeinem Buche, und Halbert,⸗ der eben ſo ſinnreich und geſchickt in Handarbei⸗ ten war, als er visher ungeſchickt zu geiſtiger 286 Anſtrengung geweſen, beſchaͤftigte ſich jetzt damit, eine Stelle in ſeinem Gemach durch Bretter ſo einzurichten, daß er daſelbſt die Copie der heili⸗ gen Schrift aufbewahren koͤnnte, die er ſo mu⸗ thig aus der Gewalt von Menſchen und Geiſtern wieder erobert hatte. Unterdeſſen ſaß Sir Piercie S hafton, unbe⸗ weglich wie ein Stein, auf dem Stuhle, den er eingenommen hatte, die Haͤnde uͤber der Bruſt gefaltet, die Fuͤße gerade vor ſich hingeſtreckt, die Augen zur Decke gekehrt, gleich als wollte er je⸗ des Spinngewebe muſtern, womit die gewoͤlbte Decke hie und da behangen war, indem er zu⸗ gleich eine ſo feierliche und unerſchuͤtterliche Ernſt⸗ haftigkeit beobachtete, als wenn ſeine Eriſtenz von der Genauigkeit ſeiner Berechnungen abge⸗ hangen haͤtte. Er konnte kaum aus ſeinem Zuſtande betrach⸗ tender Verſunkenheit in ſich ſelbſt erweckt werden, um ein Abendeſſen zu ſich zu nehmen, bei dem jedoch die juͤngern Frauen nicht erſchienen. Sir Piercie ſchaute ſich ein Paar Mahle um, gleich als ob er Etwas vermißte, nach denſelben, und gab ſeine ihm die rechten Zuhörer fehlten, allein er fragte nicht Geiſtesabweſenheit zu erkennen, indem er faſt nicht eher ſprach, als bis er zweimal gefragt worden war, und dann auch nur ohne allen Re⸗ deſchmuck in einfacher Sprache antwortete. Da ſich nun Chriſtie in ungeſtoͤrtem Beſitze der Unterhaltung ſahe, ſo bemuͤhte er ſich, ſein Publikum mit ſeinen wilden und unruͤhmlichen Kriegsthaten zu unterhalten. Der Dame Els⸗ peth ſtraͤubten ſich dabei die Haare empor, in⸗ deß Tibb Tacket ſich freute, einmal wieder in der Geſellſchaft eines Jackmann's zu ſein, und daher ſeinen Erzaͤhlungen, wie Desdemona de⸗ nen des Othello mit unverſtelltem Vergnuͤgen zuhoͤrte. Unterdeſſen waren die beiden Bruͤder Glendinning jeder in ſeinen beſondern Gedanken verſunken, und nur das Zeichen, welches ſie zu Bette rief, unterbrach ſie in denſelben. Ende des erſten Theils. 1EEEnſnſnnnſnſſnnſnſnnſnnſnſe 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 9 v 8 LII