Leih ihbibliothet deutſcher, engliſcher und franzö öſiſcher Literatur Ednard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Aeih- und Teſehedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von.. 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von f been Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ en zangenommien. . Caution. Anbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme ein s Buches, eine dem Werthe deſſelbe n entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgab e von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezah beträgt; für wöchentlich 2 ⁄ Bücher: 4 Bücher: nf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. „ lt werden und 6 Bücher: 2 Mk.— Pf. 5. N ausrrrtig, Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſeldſt zu ſorgen. 8 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene „verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kup fern ꝛc.) muß der Ladenpreis e erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ 6 lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt de en verpflichtet. 7. Auslöihezeit, Dieſelbe 8 auf 14 ichtet feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufm erkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. —y Da s Herz von Mid⸗Lothian. . E in rom antiſches Gemaͤhlde v on Walter Scott, uberſetzt von 4 W. A. Lind anun. Fuͤnfter Theil. Dresden, 1824, in der Arnoldiſchen Buchhandlung. Das Herz von Mid⸗Lothian. Fuͤnfter Theil. I. Ich heiß' Argyle, und ſeltſam mag es ſcheinen, Hofleben und Beſtaͤndigkeit zu einen. Ballade. Wenige Maͤnner verdienen eine ehrenvollere Erwaͤhnung in der Geſchichte Schottlands waͤh⸗ rend jener Zeit, als Johann, Herzog von Ar⸗ gyle und Greenwich. Seine Geſchicklichkeit als Staatsmann und als Krieger war allgemein an⸗ erkannt; er beſaß auch Ehrgeiz, aber ohne die denſelben begleitende Krankheit, ohne jene aus⸗ ſchweifenden Gedanken und Abſichten, welche große Naͤnner in ſeiner Lage, die allerdings von ganz beſonderer Art war, oft anreizen, nach den Mit⸗ teln zu ihrer Erhoͤhung zu greifen, ſelbſt auf die Gefahr, ein Koͤnigreich zu zerruͤtten. Pope bezeichnet ihn mit den Worten: . 1* 4 Es kann Argyle des Staates Blitze ſchwingen, Im Volksrath und im Feld zum Zittern bringen⸗ Er war eben ſo frei von den gewoͤhnlichen Laſtern der Staatsmaͤnner, Falſchheit und Ver⸗ ſtellung, als von den Laſtern der Krieger, jenem unmaͤßigen und heftigen Verlangen, ſich ſelbſt zu erhoͤhen. Schottland, ſeine Heimath, war zu jener Zeit in einer ſehr ſchwankenden und bedenklichen Lage. Es war freilich mit England vereinigt, aber das Bindemittel hatte noch nicht Zeit ge⸗ habt, Veſtigkeit zu erlangen. Das Andenken an fruͤher erlittenes Unrecht reizte noch immer die Gemuͤther, und die empfindliche Eiferſucht der Schottlaͤnder auf der einen, die hochmuͤthige Verachtung der Englaͤnder auf der andern Sei⸗ te, fuͤhrten zu haͤufigen Zwiſtigkeiten, welche dem, fuͤr die Wohlfahrt beider ſo wichtigen Voͤl⸗ kerbunde Aufloͤſung drohten. Schottland hatte uͤberdieß den Nachtheil, in Parteien getheilt zu ſein, die ſich einander mit dem bitterſten Haſſe verfolgten und nur auf eine Loſung warteten, um den Kampf zu beginnen. Unter ſolchen Umſtaͤnden wuͤrde jeder andre Mann von Argyle's Geiſtesgaben und Range, 1 42 —=— — 5 aber ohne ſeine gluͤcklich beſonnene Gemuͤthſtim⸗ mung, dahin getrachtet haben, ſich mit dem Wirbelwinde von der Erde zu erheben und deſſen Wuth zu lenken. Der Weg, den er einſchlug, war ſicherer und ehrenvoller. Ueber die kleinli⸗ chen Parteitrennungen ſich emporſchwingend, er⸗ hob er ſeine Stimme, in ſeinen amtlichen Ver⸗ haͤltniſeen, wie in den Reihen der Oppoſition, fuͤr diejenigen Maßregeln, die zugleich gerecht und verſoͤhnend waren. Seine ausgezeichnete Erfahrenheit in der Kriegskunſt machte ihn faͤ⸗ hig, dem Hauſe Hanover in dem denkwuͤrdigen Jahre 1715 Dienſte zu leiſten, die vielleicht zu groß waren, als daß man ſie haͤtte anerkennen, oder belohnen koͤnnen.*) Er hatte uͤberdieß ſei⸗ nen ganzen Einfluß benutzt, um die Folgen je⸗ nes Aufſtandes ungluͤcklicher Maͤnner zu mil⸗ dern, die aus einer irrigen Anſicht der Pflicht⸗ treue ſich in jene Haͤndel eingelaſſen hatten, und die hoͤchſte Achtung und Zuneigung ſeines Vaterlandes war ſein Lohn. Dieſe Gunſt un⸗ 2*) S. das Vorwort zu meiner Ueberſetzung, des Romans: Robin der Rothe— 2te Aufl. Berlin 1822. 3 Bd. 8. d. Ueb. 6 ter einem mißvergnuͤgten und kriegeriſchen Volke, erweckte, wie man glaubte, Eiferſucht am Hofe, wo die Macht gefaͤhrlich zu werden, zuweilen an ſich ſchon zum Vorwurfe gereicht, wenn auch die Neigung dazu keineswegs damit verbunden iſt. Die freiſinnige und ſtolze Weiſe, womit der Her⸗ zog von Argyle im Parliamente ſich ausdruͤckte und im oͤffentlichen Verkehr ſich benahm, war uͤberdieß wenig geeignet, ihm die koͤnigliche Gunſt zu erwerben. Er wurde daher immer geachtet und oft gebraucht, war aber weder ein Guͤnſt⸗ ling Georgs des Zweiten und der Koͤniginn, noch der Miniſter. In verſchiedenen Zeiten ſeines Lebens war der Herzog von Argyle gaͤnzlich in Ungnade bei Hofe, obgleich man ihn kaum zu den erklaͤrten Gliedern der Oppoſition rechnen konnte. Dieß machte ihn den Schottlaͤndern deſto theurer, weil er gewoͤhnlich als ihr Wort⸗ fuͤhrer das Mißvergnuͤgen ſeines Koͤnigs ſich zu⸗ zog, und gerade bei Gelegenheit des, wegen Por⸗ teous ausgebrochenen Aufſtandes, wurde der leb⸗ hafte und beredte Widerſpruch, den er wider die, gegen Edinburgh beſchloſſenen ſtrengen Maßre⸗ geln erhoben hatte, deſto dankbarer von der ſchot⸗ tiſchen Hauptſtadt aufgenommen, da man ver⸗ V 4 , , 7 nahm, daß die Verwendung des Herzogs der Koͤ⸗ niginn Karoline als eine perſoͤnliche Beleidigung empfindlich geweſen war. Er hatte bei dieſer Gelegenheit, wie in der That— nur mit wenigen unwuͤrdigen Ausnah⸗ men— alle ſchottiſchen Glieder der geſetzgeben⸗ den Verſammlung, einen hohen Muth gezeigt. Es iſt bereits erwaͤhnt worden, was er, der Ueberlieferung zufolge, der Koͤniginn Karoline ge⸗ antwortet haben ſoll, und einige Stellen ſeiner Rede gegen den, in Beziehung auf jenen Auf⸗ ſtand gemachten Geſetzentwurf leben noch in der Erinnerung. Er gab dem Kanzler, Lord Hard⸗ wicke, die vorwurfvolle Anſpielung, er haͤtte bei dieſer Gelegenheit mehr als Partei, denn als Richter gehandelt, mit den Worten zuruͤck: „Ich berufe mich auf dieſes Haus, auf das Volk, ob man mir mit Recht vorwerfen koͤnne, ein Miethling, oder ein Parteigaͤnger zu ſein. Habe ich Stimmen beſtochen? Stimmfaͤhige Flecken erkauft? Bin ich ein Werkzeug der Be⸗ ſtechlichkeit fuͤr irgend einen Zweck, oder zu Gun⸗ ſten irgend einer Partei geweſen? Man betrachte mein Leben; man pruͤfe meine Handlungen im Felde und im Staatsrathe, und ſehe zu, ob 8 irgend ein Makel an meiner Ehre haften koͤnne. Ich habe mich als den Freund meines Vaterlan⸗ des, als den treuen Unterthan meines Koͤnigs gezeigt. Ich bin bereit, es wieder zu thun, ohne auf den unwilligen, oder laͤchelnden Blick ei⸗ nes Hofes nur einen Augenblick zu achten. Ich habe beide erfahren, und erwarte beide mit Gleichgiltigkeit. Ich habe die Gruͤnde meines Widerſpruches gegen dieſen Geſetzentwurf ange⸗ geben, und gezeigt, daß er dem voͤlkerrechtlichen Einigungvertrage, den Freiheiten Schottlands und ruͤckwirkend der Freiheit Englands, der ge⸗ meinen Gerechtigkeit, dem geſunden Verſtande, und dem Gemeinwohl zuwiderlaͤuft. Soll Schottlands Hauptſtadt, die Hauptſtadt eines unabhaͤngigen Volkes, der Sitz einer langen Rei⸗ he von Koͤnigen, welche dieſe edle Stadt beguͤn⸗ ſtigt und erhoben haben, ſoll dieſe Stadt, wegen Vergehungen eines gemeinen und unbekannten Empoͤrerhaufens, ihrer Ehren und ihrer Vorrech⸗ te, ihrer Thore und Wachen beraubt werden? Und ſoll ein Schottlaͤnder muthlos der Verwuͤ⸗ ſtung zuſehen? Ich finde einen Ruhm darin, mich einer ſolchen ungerechten Strenge zu wider⸗ ſetzen, und halte es fuͤr meinen hoͤchſten Stolz —. 9 und meine Ehre, zur Vertheidigung meines Va⸗ terlandes aufzuſtehen, wenn es auf ſolche Weiſe unverdienter Schmach und ungerechter Berau⸗ bung preis gegeben wird.“ 3 Andre Staatsmaͤnner und Redner, Schott⸗ laͤnder und Englaͤnder, brachten dieſelben Gruͤnde vor, und in dem Geſetzentwurfe wurden nach und nach die druͤckendſten und nachtheiligſten Verfuͤgungen geſtrichen, und am Ende blieb es bei einer, der Stadt Edinburgh aufgelegten Geldſtrafe zum Vortheile der Witwe des ermor⸗ deten Porteous. So endigten, wie Jemand zu jener Zeit ſagte, dieſe heftigen Eroͤterungen da⸗ mit, eine alte Koͤchinn, was die gute Frau ur⸗ ſpruͤnglich geweſen war, reich zu machen. Der Hof vergaß jedoch nicht, wie ſeine Ab⸗ ſichten bei dieſer Gelegenheit waren vereitelt wor⸗ den, und der Herzog von Argyle, der ſo viel da⸗ zu beigetragen hatte, war von nun an in Un⸗ gnade. Es iſt nothwendig, den Leſer auf dieſe Umſtaͤnde aufmerkſam zu machen, weil ſie mit dem vorhergehenden und nachfolgenden Theile un⸗ ſerer Erzaͤhlung in Verbindung ſtehen. Der Herzog ſaß allein in ſeinem Leſezimmer, als ſein Kammerdiener ihm meldete, es wuͤnſchte 410 ein Landmaͤdchen aus Schottland den gnaͤdigen Herrn zu ſprechen. Ein Landmaͤdchen? Und aus Schottland? ſprach der Herzog. Was mag das alberne Ding nach London gefuͤhrt haben? Vermuthlich iſt ein Liebſter gepreßt und auf die See geſchickt worden, oder die Actien der Suͤdſee⸗Geſellſchaft ſtehen ſchlecht, oder was es ſonſt fuͤr eine herrli⸗ che Angelegenheit ſein mag, und da kann Nie⸗ mand helfen, als Mae Callumore. Nun ja, dieſe Volksgunſt hat auch ihre Unbequemlichkei⸗ ten. Doch— laßt unſre Landsmaͤnninn herauf kommen, Archibald; es iſt unartig, ſie warten zu laſſen. Ein Maͤdchen von etwas kleinem Wuchſe, mit einem Geſichte, das einen ſehr ſittſamen und angenehmen Ausdruck hatte, aber von der Sonne verbrannt, mit einigen Sommerſproſſen beſprengt und ohne regelmaͤßige Zuͤge war, wur⸗ de in das glaͤnzende Buͤcherzimmer gefuͤhrt. Sie trug das buntgewuͤrfelte ſchottiſche Plaid, das theils ihren Kopf bedeckte, theils uͤber die Schultern zuruͤckfiel. Eine Fuͤlle ſchoͤner Locken, die einfach und zierlich geordnet waren, umſchloß ihr rundes und freundliches Geſicht, welchem die 11 ernſte Bedeutung ihres Anliegens und ihre Ach⸗ tung gegen des Herzogs Rang und Anſehen ei⸗ nen Ausdruck tiefer Ehrfurcht, doch nicht ſklavi⸗ ſcher Furcht, oder aͤngſtlicher Schuͤchternheit ga⸗ ben. Johanna's uͤbriger Anzug war die Tracht der ſchottiſchen Maͤdchen ihres Standes, und mit jener ſorgfaͤltigen Ruͤckſicht auf Nettigkeit und Reinlichkeit geordnet, welche wir oft mit jener Seelenreinheit, deren natuͤrliches Sinnbild ſie iſt, vereint finden. Sie blieb am Eingange des Zimmers ſtehen, machte eine tiefe Verbeugung und kreuzte ihre Haͤnde auf der Bruſt, ohne ein Wort zu ſagen. Der Herzog ging auf ſie zu, und wenn ſie ſein anmuthiges Benehmen, ſeinen koſtbaren, mit wohl verdienten Orden geſchmuͤckten Anzug, ſein freundliches Weſen, und den lebendigen und klu⸗ gen Ausdruck ſeiner Zuͤge bewunderte, ſo war er nicht minder, und nicht mit geringerem Rechte, durch die ruhige Einfalt und Sittſamkeit uͤber⸗ raſcht, die ſich in dem Anzuge, dem Benehmen und den Zuͤgen ſeiner demuͤthigen Landsmaͤnnin ausdruͤckten. Wuͤnſchteſt Du mit mir zu ſprechen, liebes 12 2 Maͤdchen? ſprach der Herzog, aufmunternd. Oder wollteſt Du die Herzoginn ſehen? Ich habe mit Euch zu ſprechen, gnaͤdiger Herr— ich meine mit Euer Gnaden. Und was iſt's denn, gutes Kind? antwor⸗ tete der Herzog mit demſelben milden und auf⸗ munternden Tone. Johanna blickte auf den Kammerdiener. Geht hinaus, Archibald, ſprach der Herzog, und wartet im Vorzimmer. Der Diener entfernte ſich.„Und nun ſetze Dich, mein gutes Maͤdchen, fuhr der Herzog fort, Komm zu Athem, nimm Dir Zeit und ſage mir, was dein Anliegen iſt. Dein Anzug ſagt mir, daß Du eben erſt aus dem armen al⸗ ten Schottland kommſt. Biſt Du in deinem bunten Plaid durch die Stadt gegangen? Nein, gnaͤdiger Herr, erwiderte Johanna, eine Freundinn brachte mich her, in einer von den Straßenkutſchen, eine ſehr achtbare Frau— fuhr ſie fort, und ihr Muth ſtieg, als ſie ſich an den Ton ihrer Stimme in der Gegenwart eines ſolchen Mannes gewoͤhnte. Ihr kennt ſie, gnaͤ⸗ diger Herr, es iſt Frau Glaſſ, in der Diſtel. O meine werthe Schnupftabacks⸗Haͤndlerinn! 1 13 Ja, ich ſchwatze immer ein wenig mit Frau Glaſſ, wenn ich meinen ſchottiſchen Trocknen kaufe. Aber nun dein Anliegen, liebes Kind? Du weißt ja, Zeit und Flut warten auf Niemand. Hochedelſter Herr— verzeiht mir, gnaͤdiger Herr— ich meine, Euer Gnaden— hob Jo⸗ hanna wieder an, und wir muͤſſen hier bemer⸗ ken, daß Frau Glaſſ ſehr beſorgt geweſen war, ihrer jungen Freundinn einzuſchaͤrfen, den Herzog immer mit dem gebuͤhrenden Titel anzureden. Die Sache war in ihren Augen ſo wichtig, daß ſie in dem Augenblicke, wo Johanna aus der Kutſche ſtieg, ihr noch die Erinnerung mitgab: „Vergeßt ja nicht, Euer Gnaden zu ſagen.“ Johanna, die kaum je in ihrem Leben mit ei⸗ nem vornehmern Manne geſprochen hatte, als dem Gutsherrn von Dumbiedikes, fand es ſehr ſchwer, ihre Sprache nach den Regeln des hoͤfli⸗ chen Brauches einzurichten. Der Herzog, der ihre Verlegenheit bemerkte, ſprach mit ſeiner gewoͤhnlichen Leutſeligkeit: „Laß es gut ſein mit dem Euer Gnaden. Sprich nur gerade heraus, und zeige, daß Du eine ſchot⸗ tiſche Zunge im Munde haſt.“ 14 Ich danke Euch ſehr, edler Herr, ich danke Euch ſehr. Edler Herr, ich bin die Schweſter der armen ungluͤcklichen Gefangenen, Effie Deans, die in Edinburgh ſoll hingerichtet werden. O ich habe von der ungluͤcklichen Geſchichte gehoͤrt, erwiderte der Herzog. Ich denke, die Sache betrifft einen Kindermord, einer beſondern Parliamentsverordnung gemaͤß. Duncan For⸗ bes*) ſprach neulich bei Tiſche davon. Und ich komme deshalb aus Schottland, edler Herr, und wollte ſehen, was ſich fuͤr ſie thun ließe, und ob man Aufſchub oder Begna⸗ digung, oder ſo etwas erlangen koͤnnte. Ach! mein armes Maͤdchen, antwortete der Herzog, Du haſt eine lange und traurige Reiſe gemacht, die Dir doch wenig helfen wird. Deine Schweſter iſt zum Tode verurtheilt. Aber man ſagt mir, es ſoll ein Geſetz geben fuͤr ihre Begnadigung, wenn's dem Koͤnig gefäͤllt. Allerdings richtig, erwiderte der Herzog, *) Einer der redlichſten Maͤnner in Schottland, der waͤhrend der unruhigen Zeiten in der erſten Haͤlfte des 18ten Jahrhunderts viel zur Be⸗ ruhigung des Landes beitrug. d. Ueb. 1 15 aber das Geſetz iſt allein in des Koͤnigs Bruſt. Das Verbrechen iſt ſo gewoͤhnlich geworden, daß die ſchottiſchen Rechtsgelehrten es fuͤr recht hal⸗ ten, einmahl ein Beiſpiel zu ſtiften. Die neuer⸗ lichen Unruhen in Edinburgh haben bei der Re⸗ gierung ein Vorurtheil gegen das ganze Volk er⸗ weckt, das, wie man meinet, nur durch ſchrecken⸗ de und ſtrenge Maßregeln gelenkt werden kann. Was fuͤr Gruͤnde haſt Du gegen all dieß vor⸗ zubringen, armes Maͤdchen, als deine warme ſchweſterliche Zuneigung? Haſt Du Fuͤrſprache? Haſt Du Freunde am Hofe? Niemand als Gott und Euer Gnaden, ant⸗ wortete Johanna ſtandhaft. Ach! ſprach der Herzog, ich koͤnnte beinahe mit dem alten Ormond ſagen, Niemand moͤchte geringern Einfluß auf Koͤnige und Miniſter ha⸗ ben. Es gehoͤrt zu den ſchmerzlichen Verhaͤltniſ⸗ ſen unſerer Lage, liebes Maͤdchen— ich meine die Lage von Maͤnnern in meinen Umſtaͤnden — daß die Welt ihnen einen Einfluß beilegt, den ſie nicht beſitzen, und daß Einzelne ſich ver⸗ leiten laſſen, einen Beiſtand von ihnen zu er⸗ warten, den ſie nicht zu leiſten vermoͤgen. Je⸗ dermann aber kann ſich aufrichtig und ehrlich zei⸗ 416 gen, und ich darf Dich nicht bei der Meinung laſſen, daß ich im Stande waͤre, Dir durch mei⸗ nen Einfluß zu nuͤtzen, weil dein Ungluͤck da⸗ durch nur haͤrter werden koͤnnte. Es ſteht nicht in meiner Macht, das Schickſal deiner Schwe⸗ ſter abzuwenden; ſie muß ſterben. Wir muͤſſen alle ſterben, edler Herr, ſprach Johanna: es iſt unſre gemeinſame Strafe fuͤr unſeres Vaters Suͤnde; aber wir ſollten uns nicht einander aus der Welt treiben, das weiß Euer Gnaden beſſer als ich. Mein gutes Maͤdchen, antwortete der Her⸗ zog ſanft, wir laſſen uns leicht verleiten, das Geſetz zu tadeln, worunter wir gerade leiden, aber Du ſcheinſt nach deinem Stande gut er⸗ zogen zu ſein, und wirſt gewiß wiſſen, daß nach goͤttlichen und menſchlichen Geſetzen der Moͤrder ſterben muß. Aber, edler Herr, daß Effie— meine ar⸗ me Schweſter, meine ich, eine Moͤrderinn iſt, das kann nicht bewieſen werden, und wenn ſie's nicht iſt, und das Geſetz ihr dennoch das Leben nimmt, wer iſt dann der Moͤrder? Ich bin kein Geſetzverſtaͤndiger, ſprach der 17 Herzog, und ich laͤugne nicht, die Verordnung ſcheint mir ſehr ſtrenge zu ſein. Aber ihr ſeid ein Geſetzmacher, wenn ich ſo ſagen darf, ebler Herr, erwiderte Johanna, und darum habt Ihr Macht uͤber das Geſetz. Nicht fuͤr mich allein, ſprach der Herzog, wenn ich auch als Mitglied einer zahlreichen Ver⸗ ſammlung eine Stimme bei der Geſetzgebung habe. Doch das kann Dir nicht nuͤtzen, und ich habe auch in dieſem Augenblicke— Jedermann mag es wiſſen— keineswegs ſo viel perſoͤnlichen Einfluß auf den Koͤnig, daß ich berechtigt waͤre, ihn auch nur um die unbedeutendſte Gunſt zu bitten. Was konnte Dich bewegen, Maͤdchen, Dich an mich zu wenden? Ihr ſelber, edler Herr. Ich ſelber? antwortete er. Aber Du haſt mich gewiß nie geſehen. Nein, edler Herr. Aber alle Welt weiß, daß der Herzog von Argyle ein Freund ſeines Vaterlandes iſt, und daß Ihr fuͤr das Recht ſtreitet, und fuͤr das Recht ſprecht, und daß jetzt Niemand in unſerm Iſrael iſt, der Euch gliche, und darum ſucht jeder, der ſich fuͤr gekraͤnkt haͤlt, Zuflucht unter eurem Schatten. Wenn Ihr Euch V. Theil,. 18 nicht regen wollt, das Blut einer unſchuldigen Landsmaͤnninn zu retten, was ſollen wir denn von Englaͤndern und von Fremden erwarten? Und ich hatte wohl auch noch eine andere Urſache, Euch zu ſtoͤren, edler Herr. Und welche denn? fragte der Herzog. Ich habe von meinem Vater gehoͤrt, daß euer Haus, edler Herr, und zumahl euer Groß⸗ vater und ſein Vater, ihr Leben auf dem Blut⸗ geruͤſte hingeben mußten in der Zeit der Ver⸗ folgung. Und mein Vater hatte die Ehre, ſein Zeugniß zu geben, im Kerker und am Pranger, wie es beſonders geſchrieben ſteht in den Buͤ⸗ chern des Landkraͤmers Peter Walker, den Ihr wohl kennt, edler Herr, weil er oft nach Weſt⸗ Schottland kommt. Und, edler Herr, es iſt jemand, der es gut mit mir meint, und er wuͤnſchte, daß ich zu Euer Gnaden gehen ſollte, weil ſein Großvater eurem gnaͤdigen Großvater einen guten Dienſt geleiſtet hat, wie Ihr aus dieſen Schriften ſehen werdet. Mit dieſen Worten uͤberreichte ſie dem Her⸗ zoge die Schriften, die ſie von Butler erhalten hatte. Der Herzog oͤffnete das Pakt und las nicht ohne Verwunderung:„Muſterrolle der 19 Leute, die unter dem gottſeligen Manne, dem Hauptmann Salathiel Schlagtert dienten— Obadiah Muggleton, Suͤndhaß Doppelhieb, Treuglaub Gipps, Wenderecht Schlagweg— Was zum Henker, iſt das? Vermuthlich ein Verzeichniß von Lobegott Barebone's Parlia⸗ ment,*) oder von Cromwell's evangeliſchem Hee⸗ re? Der letzte Geſell mag, nach ſeinem Nahmen zu urtheilen, ſeine Sache wohl verſtanden ha⸗ ben.— Aber was ſoll das bedeuten, mein Kind?“ Es war die andre Schrift, edler Herr, ſprach Johanna, ein wenig verlegen uͤber das Miß⸗ verſtaͤndniß. O das iſt freilich meines ungluͤcklichen Groß⸗ vaters Handſchrift, ſprach der Herzog und las: „Allen, die dem Hauſe Argyle gewogen ſind, ſei hiermit zu wiſſen, daß maßen Benjamin Butler, in Monk's Dragoner⸗Regiment, mir naͤchſt Gott das Leben gerettet hat, als vier eng⸗ liſche Reiter mich niederhauen wollten, und ich gegenwaͤrtig keine andern Mittel habe, ihn zu *) Das 1653 berufene Parliament, von dem Lon⸗ doner Lederhaͤndler, Praise God Barebone, be⸗ nannt. d. Ueb. 2*† 20 belohnen, ich ihm dieſes Zeugniß gebe, in der Hoffnung, daß es ihm, oder den Seinigen in dieſen unruhigen Zeiten nuͤtzlich ſein werde, und inſtaͤndig bitte ich meine Freunde, Lehnleute, Verwandte, und Jedermann, der ſonſt etwas fuͤr mich thun will im Hochlande oder im Nie⸗ derlande, beſagtem Benjamin Butler und ſeinen Freunden und Angehoͤrigen bei rechtmaͤßigen Ge⸗ legenheiten, Schutz und Beiſtand zu gewaͤhren, und ihnen ſo viel Vorſchub, Unterhalt und Hilfe zu geben, als es die Wohlthat verdient, die er mir bewieſen hat, wie ich durch meine Unterſchrift bezeuge. Lorne.“ Das iſt eine ſonderbare Weiſung. Dieſer Benjamin Butler war vermuthlich dein Groß⸗ vater? Du biſt zu jung, als daß Du ſeine Toch⸗ ter ſein koͤnnteſt. Er gehoͤrte nicht zu meiner Freundſchaft, edler Herr. Er war der Großvater von Je⸗ mand— eines Nachbarſohnes— der's auf⸗ richtig und gut mit mir meint, edler Herr, ant⸗ wortete Johanna, und machte eine kleine Ver⸗ neigung. O ich verſtehe, erwiderte der Herzog, ein 21 Liebſter. Er war alſo der Großvater eines Mannes, mit welchem Du verbunden biſt? Mit welchem ich verbunden war, edler Herr, ſprach Johanna ſeufzend: aber dieſe un⸗ gluͤckliche Geſchichte meiner armen Schweſter— Wie, fiel der Herzog ſchnell ein, er hat Dich deßwegen doch nicht verlaſſen? Hat er? Nein, edler Herr, er wuͤrde der letzte ſein, der einen Freund in der Noth verließe, aber ich muß fuͤr ihn denken, wie fuͤr mich ſelber. Er gehoͤrt zum geiſtlichen Stande, edler Herr, und es wuͤrde ſich fuͤr ihn nicht ſchicken, Eine meines Gleichen zu heirathen, auf deren Verwandtſchaft ſolche Schande liegt. Du biſt ein ſonderbares Maͤdchen„ hob der Herzog wieder an. Ich glaube, Du denkſt eher an alles andere, als an Dich ſelber. Und biſt Du denn wirklich zu Fuße von Edinburgh ge⸗ kommen, um dieſe hoffnungloſe Verwendung fuͤr deiner Schweſter Leben zu verſuchen? Nicht ganz zu Fuße, edler Herr. Ich be⸗ kam zuweilen einen Platz auf einem Wagen, und hatte ein Pferd von Ferrybridge und dann die Landkutſche— Laß das gut ſein, fiel der Herzog ein. Aus 22 welchen Gruͤnden haͤltſt du denn deine Schwe⸗ ſter fuͤr unſchuldig? Weil ihre Schuld nicht bewieſen iſt, wie die⸗ ſe Schriften zeigen. Johanna uͤberreichte dem Herzoge eine Ue⸗ berſicht der Zeugenausſagen und eine Abſchrift der Erklaͤrungen ihrer Schweſter. Butler hatte dieſe Schriften nach ihrer Abreiſe ſich verſchafft, und Sattelbaum ſie nach London an Frau Glaſſ geſchickt, wo Johanna bei ihrer Ankunft die Urkunden fand, die zur Unterſtuͤtzung ihres Ge⸗ ſuches ſo nothwendig waren. Setze Dich dort auf den Stuhl, gutes Maͤd⸗ chen, ſprach der Herzog, ich will die Schriften durchſehen.. Sie gehorchte, und beobachtete mit geſpann⸗ ter Seele jede Veraͤnderung, die ſich in ſeinem Geſichte zeigte, waͤhrend er die Schriften ſchnell, aber aufmerkſam uͤberblickte, und beim Durchle⸗ ſen Bemerkungen aufzeichnete. Als er ſie durch⸗ laufen hatte, blickte er auf, und ſchien ſprechen zu wollen, aͤnderte aber ſeinen Vorſatz, als ob er gefüͤrchtet haͤtte, durch die Aeußerung einer vor⸗ eiligen Meinung eine Bloͤße zu geben, und las noch einmahl mehre Stellen, die er als beſon⸗ ders wichtig angemerkt hatte. Er that all dieß in kuͤrzerer Zeit, als es ſich bei Maͤnnern von gewoͤhnlichen Geiſtesgaben erwarten laͤßt; denn er beſaß jenen ſcharfen und durchdringenden Blick, der wie durch lebendige Anſchauung aus⸗ mittelt, welche Thatſachen in Beziehung auf einen, in Erwaͤgung genommenen Gegenſtand entſcheidend ſind. Endlich ſtand er auf, und nach kurzem Nachdenken hob er an:„Gutes Maͤdchen, die Lage deiner Schweſter iſt aller⸗ dings ſehr hart.“ Gott ſegne Euch, edler Herr, fuͤr dieſes Wort, erwiderte Johanna. Es ſcheint gegen den Geiſt der brittiſchen Geſetze zu ſein, fuͤr ausgemacht anzunehmen, was nicht erwieſen iſt, oder ein Verbrechen mit dem Tode zu beſtrafen, das ſelbſt nach allem, was der Anklaͤger darzuthun im Stande geweſen iſt, doch auch gar nicht begangen ſein kann. Gott ſegne Euch, edler Herr, hob Johanna wieder an, die nun aufgeſtanden war, und mit gefalteten Haͤnden, mit Blicken, die durch Thraͤ⸗ nen glaͤnzten, mit Zuͤgen, die vor banger Er⸗ wartung zitterten, ſog ſie jedes Wort des Her⸗ zogs ein. 24 Aber ach! armes Maͤdchen, fuhr er fort, was kann meine Meinung Dir nuͤtzen, wenn ich ſie nicht Denjenigen annehmlich machen kann, in deren Haͤnde die Geſetze das Leben deiner Schweſter gelegt haben? Ich bin uͤberdieß kein Rechtsgelehrter, und muß erſt mit unſern ſchot⸗ tiſchen Geſetzverſtaͤndigen uͤber die Sache ſprechen. O ſie werden gewiß auch fuͤr vernuͤnftig hal⸗ ten, was Euch ſo vorkommt, edler Herr, erwi⸗ derte Johanna. Das weiß ich freilich nicht, ſprach der Her⸗ zog. Du kennſt ja unſer altes ſchottiſches Sprichwort: Jeder ſchnallt ſeinen Guͤrtel auf ſeine eigene Weiſe um. Aber Du ſollſt nicht ganz umſonſt dein Vertrauen auf mich geſetzt haben. Laß mir dieſe Schriften, und morgen oder uͤbermorgen ſollſt Du mehr von mir hoͤren. Sei nur immer zu Hauſe bei Frau Glaſſ, und halte Dich bereit, ſogleich zu kommen, wenn ich Dich rufen laſſe. Frau Glaff kann ſich die Muͤhe erſparen, Dich zu begleiten, und— im Vorbeigehen geſagt, kleide Dich doch gerade wie jetzt. Ich haͤtte gern eine Haube aufgeſetzt, edler Herr, erwiderte Johanna, aber Ihr wißt ja, es iſt in meinem Lande nicht Gebrauch fuͤr Jungfern, und ich dachte, da Ihr ſo viele hun⸗ dert Meilen weit von der Heimath ſeid, gnaͤdi⸗ ger Herr, ſo wuͤrde euer Herz warm werden, wenn Ihr den Tartan ſähet, ſetzte ſie hinzu, auf den Zipfel ihres Plaid's blickend. Du haſt ganz recht, ſprach der Herzog, ich weiß das Jungfernnetz*) vollkommen zu ſchaͤtzen, und Mac Callummore's Herz wird ſo kalt ſein, als der Tod es machen kann, wenn es nicht mehr bei dem Anblicke des Tartans warm wird. Nun geh, und ſei nicht abweſend, wenn ich ſchicke. Damit hat's nichts zu ſagen, antwortete Johanna, edler Herr; es liegt mir wenig daran, mich umzuſehen in dieſer Wildniß von ſchwar⸗ zen Haͤuſern. Aber ich moͤchte Euch gern noch ſagen, gnaͤdiger Herr, wenn Ihr ſo guͤtig ſein wolltet, mit Jemand zu ſprechen, der noch hoͤher iſt, als Ihr ſelber— es iſt zwar nicht hoͤflich von mir, das zu ſagen— doch moͤget Ihr dann bedenken, daß der Unterſchied zwiſchen Euch und *) Ein Netzgeflecht— snood— womit Jung⸗ frauen in Schottland ihr Haar aufbinden. d. Ueb. 26 ihnen nicht ſo groß iſt, als zwiſchen der armen Johanna Deans von Leonhardfels und dem Herzoge von Argyle, und darum laßt Euch nur nicht zuruͤckweiſen und niederſchlagen von der er⸗ ſten unfreundlichen Antwort. Ich pflege mir aus unfreundlichen Antwor⸗ ten nicht viel zu machen, ſprach der Herzog la⸗ chend. Hoffe nur nicht zu viel von meinem Verſprechen. Ich will mein Beßtes thun, aber Gottes Hand lenkt die Herzen der Koͤnige. Johanna verbeugte ſich hoͤflich und ging hin⸗ aus. Des Herzogs Diener begleitete ſie zu dem Miethwagen, und bewies ihr eine Achtung, worauf ihr Aeußeres keinen Anſpruch hatte, die aber vielleicht der langen Unterredung galt, wo⸗ mit ſein Herr ſie beehrt hatte. 27 II. Zu deinem Berg' hinan, Du ſchoͤnes Shene, So lang in ſtolzem Glanz der Sommer ſtrahlt! Hier ſchweift der Blick bis in endloſe Fernen. Thomſon. Die wohlwollende und dienſtfertige, aber ein we⸗ nig ſchwatzhafte Frau Glafſ befragte ihre junge Freundinn auf das genaueſte, waͤhrend ſie zum Strand zuruͤckkehrten, wo die Diſtel der guten Frau in vollem Glanze bluͤhte und mit ihrer Um⸗ ſchrift: Nemo me impune— einen Laden bezeichnete, der unter vornehmen und geringen Schottlaͤndern ſehr bekannt war. Und habt Ihr denn auch gewiß immer Euer Gnaden zu ihm geſagt? fragte die gute alte Frau. Man muß einen Unterſchied machen zwiſchen Mac Callummore, und den engliſchen Leutchen, die man hier Lord nennt; es gibt ihrer 28 ſo viele, Hannchen, daß man denken koͤnnte, es koſtete wenig Muͤhe, ſie zu machen. Eini⸗ gen moͤchte ich nicht fuͤr einen halben Schilling ſchwarzen Rappee borgen, und bei Einigen gaͤbe ich mir nicht die Muͤhe, ihnen fuͤr einen halben Penny Taback in braunes Papier zu wickeln. Aber ich hoffe, Ihr habt dem Herzog von Ar⸗ gyle gezeigt, daß Ihr wohl erzogen feid. Was wuͤrde er von euren Freunden in London denken, wenn Ihr ihn nur Lord genannt haͤttet, ihn den Herzog!. Er ſchien ſich wenig daraus zu machen, ſprach Johanna. Er wußte, daß ich auf dem Lande erzogen bin. Nun ja freilich, antwortete die gute Frau. Der gnaͤdige Herr kennt mich gut, und darum macht's mir auch keine Sorge. So oft ich ihm ſeine Doſe fuͤlle, ſagt er immer: Nun, wie geht's, gute Frau Glaſſ? Was machen eure Freunde in Schottland? Oder auch wohl: Habt Ihr kuͤrzlich etwas aus Schottland gehoͤrt?— Und Ihr koͤnnt's mir glauben, Hannchen, ich mache dann meinen beßten Knicks, und ant⸗ worte: Herr Herzog, ich hoffe, Euer Gnaden hochedle Frau Gemahlinn und Euer Gnaden jun⸗ 29 ge Fraͤulein befinden ſich wohl, und ich hoffe, mein Taback gefaͤllt Euer Gnaden noch.— Und dann ſehen alle Menſchen im Laden ſich um, und iſt ein Schottlaͤnder da— wie ihrer denn immer drei bis ſechs da ſind— gleich ſind alle Huͤte von den Koͤpfen, und mancher ſieht ihm nach, und da geht er hin, der Prinz von Schottland— Gott ſegne ihn! Aber Ihr habt mir noch nicht geſagt, was er mit Euch ge⸗ ſprochen hat. Johanna war nicht Willens, ſo mittheilſam zu ſein. Sie hatte, wie der Leſer ſchon be⸗ merkt haben kann, eben ſo viel von der Behut⸗ ſamkeit und Schlauheit, als von der ſchlichten Einfalt ihrer Landsleute. Sie antwortete in allgemeinen Ausdruͤcken, der Herzog hätte ſie ſehr theilnehmend aufgenommen, und ihr ver⸗ ſprochen, ſich fuͤr ihre Schweſter zu verwenden, und ihr am folgenden, oder zweiten Tage Nach⸗ richt zu geben. Sie erwaͤhnte jedoch gar nicht, daß ſie, nach ſeinem Verlangen, ſich bereit hal⸗ ten mußte, ihn zu beſuchen, und noch weniger ſprach ſie von ſeinem Winke, ihre Wirthinn nicht mitzubringen. Die ehrliche Frau Glaſſ mußte ſich mit der allgemeinen Nachricht begnuͤgen, die 30 ſie erhielt, als ſie ſich alle Muͤhe gegeben hatte, mehr zu erfahren. Man kann leicht denken, daß Johanna am folgenden Tage alle Einladungen und Verſu⸗ chungen ablehnte, die Stadt zu beſehen, ſei es, ſich Bewegung zu machen, oder ihre Neugier zu befriedigen. Sie blieb in dem eingeſchloſſenen und etwas berufmaͤßigen Dunſtkreiſe des kleinen Wohnzimmers ihrer Wirthinn. Der Geruch kam aus einem Schenktiſche, der außer andern Din⸗ gen einige Buͤchſen mit echtem Havana enthielt, welche Frau Glaſſ, entweder aus Achtung gegen die Fabrik, oder aus ehrerbietiger Scheu vor den Zollbeamten, dem offenen Laden im Erdgeſchoſſe nicht anvertrauen mochte, und die in der Stube einen Duft verbreiteten, der fuͤr die Naſe des Kenners erquickend, aber fuͤr Johanna nicht ſehr angenehm war.„Lieber Himmel, dachte ſie, ich wundre mich, wie fuͤr meine Muhme ihr ſeidner Mantel, ihre goldne Uhr, oder ſonſt et⸗ was in der Welt, ſo viel werth ſein kann, daß ſie ihr Lebelang in dieſer dumpfigen kleinen Stube ſitt und nieſt, da ſie doch in's Gruͤne hinaus gehen koͤnnte, wenn ſie wollte.” Frau Glaſſ war eben ſo erſtaunt, daß ihre Baſe nicht Luſt zum Ausgehen hatte, und ſo gleichgiltig gegen die ſchoͤnen Merkwuͤrdigkeiten Londons war. Es wuͤrde doch immer dazu die⸗ nen, meinte ſie, ſich die Zeit zu vertreiben, wenn man etwas zu beſehen haͤtte, und waͤre man noch ſo traurig. Hannchen aber war unerbittlich. Der naͤchſte Tag nach der Unterredung mit dem Herzoge verging unter jener verzoͤgerten Hoffnung, die das Herz krank macht. Eine Minute ſchlich nach der andern voruͤber, Stun⸗ den flohen nach Stunden, bis es ſo ſpaͤt war, daß ſich nicht mehr erwarten ließ, an dieſem Ta⸗ ge eine Botſchaft von dem Herzoge zu erhal⸗ ten; aber Johanna konnte die Hoffnung, die ſie ſelbſt fuͤr ungegruͤndet erklaͤrte, doch nicht ganz aufgeben, und ihr Herz pochte, und die Ohren klangen ihr bei jedem zufaͤlligen Geraͤuſch unten im Laden. Aber alles vergebens. Der Tag verging unter der Unruhe verzoͤgerter und fruchtloſer Erwartung. Der naͤchſte Morgen begann eben ſo, aber es war noch nicht Mittag, als ein wohlgekleide⸗ ter Mann in den Laden trat, der die junge Schottlaͤnderinn zu ſprechen wuͤnſchte. Das iſt meine Baſe, Johanna Deans, 32 Herr Archibald, ſprach Frau Glaſſ, mit einer hoͤflichen Verbeugung den Bekannten gruͤßend. Habt Ihr von Seiner Gnaden, dem Herrn Herzog von Argyle, etwas an ſie auszurichten, Herr Archibald? Ich will es ſogleich beſtellen. Ich werde ſie wohl bemuͤhen muͤſſen, ſelbſt herunter zu kommen, erwiderte der Diener. Hannchen! Hannchen Deans! ſchrie Frau Glaſſ unten an der kleinen Treppe, die aus der Ecke des Ladens in das obere Gebiet fuͤhrte. Hannchen— Hannchen Deans, komm ſogleich herunter; der Herr Kammerdiener des Herzogs von Argyle will ſogleich mit Euch ſprechen. Sie verkuͤndigte dieß mit ſo lauter Stim⸗ me, daß die wichtige Mittheilung Niemanden, der etwa in der Naͤhe war, entgehen konnte. Man wird leicht vermuthen, daß Johanna nicht viel Zeit mit ihrem Anzuge verlor, ehe ſie dem Nufe folgte, aber ihre Fuͤße verſagten ihr beinahe den Dienſt, als ſie die Treppe hinabging. Ich muß um eure Geſellſchaft auf einem kurzen Wege bitten, ſprach Archibald hoͤflich. Ich bin voͤllig bereit, erwiderte Johanna. Geht meine Baſe aus, Herr Archibald? Nun, dann muß ich allerdings mit ihr gehen. 22 90 Jakob Rasper— bleibt untordeſſen im Laden, Jakob. Herr Archibald— fuhr ſie fort, ihm einen Topf zuſchiebend— Ihr nehmt doch die Miſchung Seiner Gnaden? Fuͤllt eure Doſe, um alter Bekanntſchaft willen. Ich hohle mitt⸗ lerweile meine Sachen. Archibald that ein beſcheidenes Theil Taback aus dem Topfe in ſeine Doſe, und aͤußerte da⸗ bei, er muͤßte die angenehme Geſellſchaft der Frau Glaſſ entbehren, da ſein Auftrag an die junge Fremde allein gerichtet waͤre. An die junge Fremde allein? ſprach Frau Glaſſ. Iſt das nicht etwas ganz Beſonderes, Herr Archibald? Aber Seiner Gnaden weiß die Sache am beßten zu beurtheilen, und Ihr ſeid ein geſetzter Mann, Herr Archibald. Ich wuͤrde meine Baſe nicht jedem anvertrauen, der aus eines großen Herrn Hauſe kaͤme. Aber, Hannchen, wenn Ihr mit Herrn Archibald durch die Stadt gehet, muͤßt ihr euren Tartan, wie Ihr's nennt, nicht auf der Schulter haben, als ob Ihr mit einer Heerde von hochlaͤndiſchem Nindvieh gekommen waͤret. Wartet, ich will Euch meinen ſeidenen Mantel hohlen. Warum wollt Ihr den Poͤbel hinter Euch her ziehen? v. Theil.. 3 34 Es wartet ein Miethwagen, Frau Glaſſ, ſprach Archibald, die dienſtfertige Alte unter⸗ brechend, von welcher Johanna ſich ſonſt nicht leicht haͤtte losma chen koͤnnen. Und ich darf ihr, glaube ich, nicht, Zeit laſſen, ſich umzukleiden. Mit dieſen Worten fuͤhrte er Johanna zu dem Wagen, waͤhrend ſie innerlich die Leichtigkeit lobte und bewunderte, womit er den dienſtfertigen Anerbietungen und Nachforſchungen ihrer Wir⸗ thinn auswich, ohne der Befehle ſeines Herrn zu erwaͤhnen, oder ſich in irgend eine Eroͤrterung einzulaſſer. Als ſie in den Wagen ſtiegen, ſetzte ſich Ar⸗ chibald auf den Vorderſitz, unſrer Heldinn gegen⸗ uͤber und ſie fuhren ſchweigend voran. Es war un⸗ gefaͤhr eine halbe Stunde vorwaͤrts gegangen, oh⸗ ne ein Wort von beiden Seiten, und es kam dem Maͤdchen vor, als ob ſie weiter und laͤnger gefahren waͤre, als bei ihrem fruͤheren Beſuche in des Her⸗ zogs Hauſe, auf dem Wege hin und zuruͤck. Sie konnte nicht umhin, ihren ſchweigſamen Geſellſchaf⸗ ter endlich zu fragen, auf welchem Wege ſie waͤren. Das wird der gnaͤdige Herr Euch ſelber ſa⸗ gen, erwiderte Archibald mit derſelben ernſten Hoͤflichkeit, die in ſeinem ganzen Benehmen lag. 35 Kaum aber hatte ſie ausgeſprochen, als der Miethwagen ſtill hielt, und der Kutſcher abſtieg, um den Schlag zu oͤffnen. Archibald ging vor⸗ an und hob das Maͤdchen aus dem Wagen. Sie waren auf einer breiten Heerſtraße außerhalb London, und auf der andern Seite hielt eine ſchlichte Kutſche mit vier Pferden, ohne Wappen auf den Schlaͤgen, und eben ſo wenig trugen die Dienſtboten Livree. Du biſt puͤnktlich geweſen, Johanna, wie ich ſehe, ſprach der Herzog von Argyle, als Ar⸗ chibald den Wagen oͤffnete. Du mußt nun auf dem uͤbrigen Wege mir Geſellſchaft leiſten. Ar⸗ chibald bleibt mit dem Miethwagen hier bis zu deiner Ruͤckkehr. Ehe Johanna antworten konnte, ſaß ſie, zu ihrem nicht geringen Erſtaunen, an der Seite eines Herzogs in einem Wagen, der ſchnell, aber ſanft fortrollte, ganz verſchieden von dem ſchwer⸗ faͤlligen ſtoßenden Fuhrwerke, das ſie eben verlaſ⸗ ſen hatte, und das, trotz dieſer Unbequemlichkeit, doch der jungen Schottlaͤnderinn, die vorher nie in einer ſolchen Kutſche geweſen war, ein gewiſ⸗ ſes Gefuͤhl von Wuͤrde und Wichtigkeit gab. Liebes Maͤdchen, ſprach der Herzog, ich habe 3 3* 36 uͤber den Fall deiner Schweſter mit aller mir moͤglichen Aufmerkſamkeit nachgedacht, und ich glaube noch immer, daß die Vollziehung des Ur⸗ theils eine große Ungerechtigkeit ſein koͤnnte. Zwei unbefangene und verſtaͤndige Rechtsgelehrte aus England und Schottland, mit welchen ich daruͤber geſprochen habe, ſind derſelben Mei⸗ nung.— Aber hoͤre mich erſt weiter an, ehe Du dankſt. Ich habe Dir ſchon geſagt, auf meine perſoͤnliche Ueberzeugung kommt wenig an, wenn es mir nicht gelingt, ſie Andern annehmlich zu machen. Ich habe fuͤr Dich gethan, was ich gewiß nicht gethan haben wuͤrde, um irgend einen perſoͤnlichen Zweck fuͤr mich ſelbſt zu er⸗ reichen, ich habe eine vornehme Frau, die ver⸗ dienter Maßen viel uͤber den Koͤnig vermag, um Gehoͤr gebeten. Es iſt mir gewaͤhrt worden, und ich wuͤnſche, daß Du ſie ſehen und fuͤr Dich ſelber ſprechen ſollſt. Du brauchſt nicht ſchuͤch⸗ tern zu ſein, erzaͤhle deine Geſchichte ſchlicht und einfach, wie Du ſie mir erzaͤhlt haſt. Ich bin Euer Gnaden ſehr verbunden, ſprach Johanna, der Ermahnungen ihrer Wir⸗ thinn ſich erinnernd. Und gewißlich, wenn ich den Muth gehabt habe, vor Euer Gnaden fuͤr die arme Effie zu ſprechen, ſo habe ich noch we⸗ niger Urſache, vor einer Frau bloͤde zu ſein. Aber ich moͤchte gern wiſſen, edler Herr, wie ich ſie nennen muß, ob Euer Gnaden, oder Euer Edlen, oder hochedle Frau, wie wir zu den Edel⸗ leuten und Edelfrauen in Schottland ſagen, und ich will es mir zu merken ſuchen. Ich weiß wohl, die Edelfrauen halten auf ihre Ehrentitel viel mehr, als die Herren. Du brauchſt ſie nicht anders zu nennen, als gnaͤdigſte Frau. Sage nur, was nach deinem Beduͤnken den beßten Eindruck machen kann. Sieh mich von Zeit zu Zeit an. Wenn ich mei⸗ ne Hand ſo an meine Halsbinde lege— fuhr er fort, und machte die Bewegung— mußt Du inne halten; ich werde dieß aber nur thun, wenn Du etwas ſagſt, das wohl mißfallen koͤnnte. Aber hochedler— gnaͤdiger Herr, hob das Maͤdchen wieder an, machte es nicht zu viel Muͤhe, ſo waͤr' es wohl beſſer, wenn Ihr mir ſagen wolltet, was ich vorbringen ſoll, und ich koͤnnte es auswendig lernen. Nein, Johanna, das wuͤrde nicht ſo viel Eindruck machen, das wuͤrde ja ſein, als ob — 38 man eine Predigt ablaͤfe, und Du weißt, wir guten Presbyterianer finden darin weniger Sal⸗ bung, als wenn ſie ohne Buch geſprochen wird. Sprich nur eben ſo offen und dreiſt mit dieſer Frau, als Du vorgeſtern mit mir ſprachſt, und wenn Ou ſie Dir geneigt machen kannſt, ſo ſte⸗ he ich Dir dafuͤr, daß Du die Begnadigung vom Koͤnige erhaͤltſt. Er nahm nach dieſen Worten eine Flug⸗ ſchrift aus der Taſche und fing an zu leſen. Jo⸗ hanna hatte Verſtand und feinen Sinn, woraus entſteht, was man natuͤrliche gute Lebensart nennt. Sie deutete des Herzogs Benehmen als einen Wink, daß ſie keine Frage mehr thun ſollte, und ſchwieg. Der Wagen rollte ſchnell durch fruchtbare Wieſen, die mit herrlichen alten Eichen geſchmuͤckt waren, und zuweilen blickte der praͤchtige Spie⸗ gel eines breiten und ruhigen Stromes hervor. Als man durch ein freundliches Dorf gekommen war, hielt der Wagen auf einer Anhoͤhe, die eine weite Ausſicht uͤber ein Gelaͤnde gewaͤhrte, wo ſich die Schoͤnheit einer engliſchen Landſchaft in uͤppigem Reichthum entfaltete. Der Herzog ſtieg hier aus, und foderte ſeine Begleiterinn 39 auf, ihm zu folgen. Sie verweilten einen Au⸗ genblick auf dem Ruͤcke n der Anhoͤhe, und blick⸗ ten auf die unvergleid hliche Landſchaft, die vor ihnen lag. Ein weites Meer von gruͤnem Pflan⸗ zenwuchſe, worin Vongebirge von hohen dicht be⸗ laubten Hainen vorſp rangen, war mit zahlloſen Heerden bevoͤlkert, ſoie frei und zwanglos durch die reichen Weiden zu ziehen ſchienen. Die Themſe, hier mit Landhaͤuſern beſetzt, dort von Waͤldern eingefaßt, zog langſam und ſtill hinab, wie die maͤchtige Koͤniginn des Gebietes, der alle andern Schoͤnheiten; deſſelben nur untergeordnet waren, und trug auf ihrem Schooße hundert Barken und Fahrzauge, deren weiße Segel und munter wehende Pzimpel das Ganze belebten. Der Herzog von Argyle war, wie ſich den⸗ ken laͤßt, mit dieſer Ausſicht bekannt, die aber fuͤr einen geiſtreichen Mann immer neu ſein muß. Waͤhrend er ſtehen blieb, und auf die wunderſchoͤne Landſchaft mit dem frohen Gefuͤh⸗ le blickte, das ſie in der Bruſt jedes Bewun⸗ derers der Natur erwecken muß, wurden ſeine Gedanken natuͤrlich auf die großartigern, aber ſchwerlich minder ſchoͤnen Landſchaften hingelenkt, die ſeinen Stammſitz Inverary ſchmuͤckten. Das 40 iſt ein ſchoͤner Anblick, ſprach er zu ſeiner Be⸗ gleiterinn, vielleicht neugierig, ihre Meinung herauszulocken. Wir haben nichts dergleichen in Schottland. Es iſt wohl eine horrliche Weide fuͤr die Kuͤhe, und man hat hiar einen ſchoͤnen Vieh⸗ ſtamm, antwortete Johanna. Aber ich ſehe eben ſo gern auf die Felſen von Arthurs Si, und das Meer darunter, als auf alle dieſe vielen Baͤume. Der Herzog laͤchelte uͤber eine Antwort, die eben ſo berufmaͤßig als volkthuͤmlich war, und gab dem Kutſcher ein Zeichen, mit dem Wagen zu warten. Er waͤhlte dann einen wenig betre⸗ tenen Fußweg, und fuͤhrte Johanna auf meh⸗ ren Pfaden, die ſich durch das Gebuͤſch ſchlan⸗ gen, zu einer Hinterthuͤre in einer hohen Ziegel⸗ mauer. Sie war verſchloſſen, auf des Herzogs leiſes Pochen aber oͤffnete Jemand, der inwendig wartete, nachdem er ſpaͤhend durch ein, zu dieſem Zwecke angebrachtes Eiſengitter geblickt hatte⸗ Als ſie herein waren, wurde die Thuͤre hinter ihnen verſchloſſen und verriegelt. Alles dieß ge⸗ ſchah ſchnell; die Thuͤre ſchloß ſich ſo augenblick⸗ lich, und der Mann, der geoͤffnet hatte, ver⸗ 41 ſchwand ſo ploͤtzlich, daß Johanna nicht einmahl einen Blick auf ſeine Geſtalt werfen konnte. Sie waren am Ende eines tiefen und ſchma⸗ len Baumganges, mit einem Teppich von uͤppig gruͤnem, kurz geſchorenen Raſen, der wie Sammet unter ihren Fuͤßen ſchwoll, und vor der Sonne geſchirmt durch die Aeſte der hohen Ulmen, die uͤber ihrem Pfade ſich vereinigten, und dieſen Gang, bei der feierlichen Daͤmmerung, die da herrſchte, bei der Reihe ſaͤulenfoͤrmiger Staͤmme, und der innigen Verbindung der gewoͤlbartig ge⸗ bogenen Aeſte, dem ſchmalen Seitenfluͤgel einer alten gothiſchen Kirche aͤhnlich machten. 42 III. — Ich bitte— dieſe Thraͤnen Sie fleh'n Dich an und dieſe keuſchen Haͤnde, Die nie ſich als zu Heiligem erhoben Und was Dir glich. Stehſt uͤber uns als Gottheit, Drum ſei wie Gott, und gib erbarmend Ret⸗ tung! Wie ſehr auch das hoͤfliche Benehmen ihres ed⸗ len Landsmannes ſie ermunterte, Johanna konn⸗ te ſich doch einer Regung von Schrecken nicht erwehren, als ſie ſich an einem, dem Anſcheine nach ſo einſamen Orte mit dem vornehmen Manne allein fand. Es war ſchon an ſich ein ungewoͤhnliches und merkwuͤrdiges Ereigniß in der Geſchichte eines ſo einfachen Lebens als das ihrige, daß ſie mit dem Herzoge eine vertrauliche Unterredung in ſeinem Hauſe gehabt hatte; aber ſeine Reiſegefaͤhrtin zu ſein, und ſich dann ploͤt⸗ „———· 43 lich in einer ſo abgeſchiedenen Lage mit ihm al⸗ lein zu ſehen, hatte etwas ſchaurig Geheimniß⸗ volles. Eine Romanheldinn wuͤrde die Macht ihrer Reize geargwoͤhnt und gefuͤrchtet haben, Johanna aber war zu verſtaͤndig, einen ſo al⸗ bernen Gedanken in ihre Seele dringen zu laſ⸗ ſen. Sie fuͤhlte indeß das lebhafteſte Verlan⸗ gen, zu wiſſen, wo ſie war, und wem ſie vor⸗ geſtellt werden ſollte. Es entging ihr nicht, daß des Herzogs An⸗ zug zwar immer noch Rang und feine Sitte an⸗ deutete— denn zu jener Zeit war es unter Vor⸗ nehmen nicht uͤblich, ſich wie ihre Kutſcher oder Reitknechte zu kleiden— aber doch ſchlichter als die Kleidung war, worin ſie ihn bei ihrem erſten Beſuche geſehen hatte, und ſie vermißte beſon⸗ ders alle jene aͤußern Auszeichnungen, die den Mann von hoher Bedeutung ankuͤndigten. Kurz, er war ſo einfach gekleidet, als ein gebil⸗ deter Mann am Morgen in den Straßen Lon⸗ dons erſcheinen konnte, und dieſer Umſtand trug auch dazu bei, die Vermuthung zu erſchuͤttern, die Johanna ſchon gefaßt hatte, daß er vielleicht die Abſicht hegte, ſie ihre Sache vor dem Koͤnige fuͤhren zu laſſen.„Gewiß, ſprach ſie zu ſich 44 ſelbſt, er wuͤrde ſeinen ſchoͤnen Stern und das Knieband angethan haben, wenn er daran ge⸗ dacht haͤtte, zum Koͤnige zu gehen, und am Ende ſieht's hier doch aus wie in einem Edelhofe, nicht wie in einem koͤniglichen Schloſſe.“ Johanna's Schlußfolge war nicht unverſtaͤn⸗ dig; ſie wußte aber zu wenig, was die Hofſitte zuweilen verlangt, oder welche beſondern Ver⸗ haͤltniſſe zwiſchen der Regierung und dem Her⸗ zoge von Argyle beſtanden, als daß ſie richtig haͤtte urtheilen oͤnnen. Der Herzog war, wie wir gehoͤrt haben, um jene Zeit ein erklaͤrter Geg⸗ ner des Miniſters Walpole, und man glaubte, er haͤtte die Gunſt der koͤniglichen Familie ver⸗ loren, der er ſo wichtige Dienſte geleiſtet hatte. Es war jedoch Grundſatz der Koͤniginn Karoline, ſich gegen ihre politiſchen Freunde mit ſolcher Be⸗ hutſamkeit zu benehmen, als ob ſie moͤglicher Weiſe eines Tages ihre Feinde haͤtten werden koͤn⸗ nen, und ihre Widerſacher im Staate mit derſelben Umſicht zu behandeln, als ob ſich dieſelben den Maßregeln des Hofes wieder geneigt zeigen wuͤr⸗ den. Seit Margaretha von Anjou*) hatte kei⸗ **) Heinrichs VI. geiſtreiche Gemahlinn. d. Ueb. ne Koͤniginn ſo viel Einfluß auf Englands Staatsangelegenheiten gehabt, und die Gewandt⸗ heit, die ſie bei mehren Gelegenheiten zeigte, trug nicht wenig dazu bei, die politiſche Ketzerei vieler entſchiedenen Anhaͤnger der Torry⸗Par⸗ tei zu bekehren, welche, als die Herrſchaft der Stuarte mit der Koͤniginn Anna erloſch, lieber ihrem Bruder, dem Ritter de St. George, hul⸗ digen, als die Thronbeſteigung des Hauſes Ha⸗ nover ſich gefallen laſſen wollten. Ihr Gemahl, deſſen glaͤnzendſte Eigenſchaft Muth auf dem Schlachtfelde war, und der das Amt eines Koͤ⸗ nigs von England auf ſich nahm, ohne je im Stande zu ſein, engliſche Gewohnheiten ſich ei⸗ gen zu machen, oder mit engliſchen Neigungen ſich zu befreunden, fand in der Geſchicklichkeit der Koͤniginn den wirkſamſten Beiſtand, und waͤhrend er aͤußerlich etwas darauf zu halten ſchien, alles nach eigenem Willen und Gefallen zu thun, war er im Geheimen klug genug, den Rath ſeiner gewandteren Gemahlinn anzunehmen und zu befolgen. Er vertraute ihr das kitzliche Amt, die verſchiedenen Abſtufungen der Hof⸗ gunſt zu beſtimmen, die erfoderlich waren, um die Wankenden anzuziehen, oder freundlich ge⸗ 46 ſinnte Maͤnner zu beveſtigen, oder Diejenigen V wieder zu gewinnen, deren Wohlwollen man verloren hatte. Mit dem einnehmenden Betragen einer fei⸗ nen und fuͤr jene Zeit auch ſehr gebildeten Frau, verband die Koͤniginn Karoline einen maͤnnlichen Geiſt. Sie war von Natur ſtolz, und ſelbſt ihre Staatsklugheit konnte den Ausdruck ihres Mißfallens nicht immer maͤßigen, obgleich nicht leicht Jemand bereitwilliger war, jeden falſchen Schritt dieſer Art wieder gut zu machen, ſobald ihre Klugheit ihr zu Hilfe kam, ihre Leidenſchaf⸗ ten zu bezwingen. Es lag ihr mehr daran, wirk⸗ lich Gewalt zu beſitzen, als damit zu prahlen, und bei allem, was ſie ſelber that, mochte es eine weiſe Maßregel ſein, oder nur auf Gewin⸗ nung der Volksgunſt abzielen, wuͤnſchte ſie ſtets, daß der Koͤnig allein den Ruhm, wie den Vor⸗ theil davon haben ſollte, weil ſie wohl einſah, daß ſie ſich ſelber in der oͤffentlichen Achtung er⸗ halten wuͤrde, wenn ſie dem Koͤnige mehr Ach⸗ tung verſchaffte. Sie war ſo eifrig bedacht, al⸗ le ſeine Neigungen zu befriedigen, daß ſie, von Gichtbeſchwerden bedroht, oft den Anfall durch ein kaltes Bad, mit Gefahr ihres Lebens, 47 zuruͤcktreb, um nur im Stande zu ſein, den Koͤnig auf ſeinen Spaziergaͤngen zu begleiten. Es war dem Charakter der Koͤniginn voͤllig gemaͤß, vertrauliche Verſtaͤndniſſe mit Denjeni⸗ gen zu unterhalten, welchen ſie oͤffentlich ihre Abneigung bewies, oder die aus verſchiedenen Urſachen bei Hofe nicht gut angeſchrieben waren. Auf dieſe Weiſe hatte ſie den Faden mancher Staatsraͤnke in ihrer Hand, und konnte, ohne ſich zu etwas zu verbinden, oft verhuͤten, daß Unzufriedenheit in Groll, und Widerſpruch in Empoͤrung ausartete. Ward ihr Verkehr mit ſolchen Perſonen zufaͤllig beobachtet oder entdeckt, was ſie auf alle Weiſe zu verhuͤten ſuchte, ſo wurde das Verhaͤltniß fuͤr eine bloße geſellſchaft⸗ liche Verbindung ausgegeben, die mit Staats⸗ angelegenheiten nichts gemein haͤtte; eine Ant⸗ wort, womit ſelbſt der erſte Miniſter, Walpole, ſich begnuͤgen mußte, als er erfuhr, daß die Koͤ⸗ niginn ſeinem furchtbarſten und erbittertſten Fein⸗ de, Pulteney, ſpaͤter als Graf von Bath bekannt, Gehoͤr bewilligt hatte. Es laͤßt ſich leicht denken, daß die Koͤniginn Karoline, wie ſie mit verſchiedenen Perſonen, die der Krone ganz entfremdet zu ſein ſchienen, 48 Verbindungen unterhielt, auch mit dem Herzoge von Argyle nicht ganz zu brechen bedacht geweſen war. Seine edle Herkunft, ſeine großen Gei⸗ ſtesgaben, die Achtung, worin er in ſeiner Hei⸗ math ſtand, und die weſentlichen Dienſte, die er im Jahre 1715 dem Hauſe Braunſchweig ge⸗ leiſtet hatte, machten ihn zu einem Manne, den man nicht unbedachtſam zuruͤckſetzen durfte. Er hatte, faſt ganz auf den Beiſtand ſeiner eigenen Geſchicklichkeit beſchraͤnkt, den feindlichen Einfall der vereinten Streitkraͤfte aller hochlaͤndiſchen Haͤuptlinge abgewehrt, und es ließ ſich kaum be⸗ zweifeln, daß es nur einer leichten Aufmunte⸗ rung von ſeiner Seite beduͤrfte, Alle wieder in Bewegung zu bringen, und den Buͤrgerkrieg zu erneuern. Auch wußte man recht gut, daß der Hof zu St. Germain dem Herzoge die ſchmei⸗ chelhafteſten Eroͤffnungen gemacht hatte. Man kannte den Charakter und die Gemuͤthſtim⸗ mung der Schottlaͤnder noch wenig, und hielt das Land fuͤr einen Vulkan, der zwar eine Rei⸗ he von Jahren hindurch ruhen, aber in einem Augenblicke, wo man es am Wenigſten erwarte⸗ te, in einem verheerenden Ausbruche ſich ergie⸗ ßen koͤnnte. Es war daher von der aͤußerſten 49 Wichtigkeit, einen ſo bedeutenden Mann, als der Herzog von Argyle war, nicht ganz aus den Haͤnden zu laſſen, und Karoline benutzte zu die⸗ ſem Zwecke den Beiſtand einer Frau, mit wel⸗ cher, wie es ſchien, Georgs des Zweiten Gemah⸗ linn nicht leicht auf einem ſehr vertraulichen Fuße haͤtte leben koͤnnen. Es iſt keiner der ſchwaͤchſten Beweiſe fuͤr die Gewandtheit der Koͤniginn, es dahin gebracht zu haben, daß eine ihrer Hofdamen, die Graͤfinn Suffolk,*) die anſcheinend unvertraͤglichen Rol⸗ len, einer Geliebten des Koͤnigs und der ſehr *) Henriette vermaͤhlte Howard, zur Graͤfinn Suf⸗ 1 folk erhoben, ſpaͤter verheirathet mit Georg Berkeley, war lange die Geliebte Georgs II. Ihr Nahme iſt nicht nur mit den Hofraͤnken jener Zeit verflochten, ſondern kommt auch haͤu⸗ fig in der damahligen Literatur vor, da Pope, Swift, Gay, Cheſterfield und Andre in ihren Schriften ſie erwaͤhnen. Ihr, auch fuͤr die Zeitgeſchichte merkwuͤrdiger Briefwechſel wurde unlaͤngſt von Croker: Letters to and from Henrietta Countess of Suffolk and her second husband, the Hon. Geo. Berkeley from 1712 to 1767(London 1824. 2 Bd. 8) herausge⸗ geben. Man findet hier auch die an ſie gerich⸗ teten zaͤrtlichen Briefe des beruͤhmten Grafen von Peterborough, und ihre Antworten, wobei ihr der Dichter Gay half. L. V. Theil. 4 V. 50 willfaͤhrigen und gefaͤlligen Vertrauten ſeiner Ge⸗ mahlinn, ſpielte. Die Koͤniginn ſicherte durch die⸗ ſes geſchickte Benehmen ihre Gewalt gegen die drohendſte Gefahr, gegen den ſtoͤrenden Einfluß einer ehrgeizigen Nebenbuhlerinn; und wenn ſie die Demuͤthigung ertrug, der Untreue ihres Ge⸗ mahls durch die Finger zu ſehen, ſo war ſie we⸗ nigſtens gegen dasjenige geſchuͤtzt, was ſie fuͤr die gefaͤhrlichſten Wirkungen derſelben halten konnte, und es ſtand ihr uͤberdieß frei, ihrer gu⸗ ten Howard, zuweilen einige hoͤfliche Beleidi⸗ gungen zu ſagen, wiewohl ſie ihr im Allgemei⸗ nen ſehr anſtaͤndig begegnete. Die Graͤfinn Suffolk hatte gegen den Herzog von Argyle große Verbindlichkeiten, aus Gruͤnden, die aus Horace Walpole's Erinnerungen an jene Zeit entnommen werden koͤnnen, und durch ſie hatte der Herzog zuweilen Verkehr mit der Koͤniginn, der indeß ſehr ſelten geworden war, ſeit er an den Verhandlungen uͤber den, wegen Porteous ausgebrochenen Volksaufſtand Antheil genom⸗ men hatte; ein Vorfall, welcher der Koͤniginn mehr als eine abſichtliche und vorbedachte Belei⸗ digung ihrer Perſon und ihres Anſehens, denn als eine ploͤtzliche Aufwallung der Volksrache ß„„—ͤͤ.8—.*““ 3 51 empfindlich geweſen war. Die Verbindung zwi⸗ ſchen Beiden war jedoch keineswegs abgeſchnitten, obgleich man ſie ſeit einiger Zeit von beiden Sei⸗ ten nicht unterhalten hatte. Dieſe Bemerkungen wird man zum Verſtaͤndniſſe des Auftrittes noͤ⸗ thig finden, wovon der Leſer nun Zeuge ſein ſoll. Aus dem ſchmalen Baumgange, wodurch ſie gegangen waren, trat der Herzog in einen aͤhnlichen, der nur breiter und noch laͤnger war. Hier ſah Johanna zum Erſtenmahle, ſeit ſie in den Garten gekommen war, Menſchen ſich naͤhern. Es waren zwei Frauen, deren Eine ein wenig hinter der Andern ging, doch nicht ſo weit entfernt, daß ſie nicht jede an ſie ge⸗ richtete Bemerkung haͤtte hoͤren und beantwor⸗ ten koͤnnen. Sie gingen ſo langſam, daß Jo⸗ hanna Zeit hatte, die Zuͤge und das Aeußere derſelben zu beobachten. Auch der Herzog ging langſamer, als ob er ihr haͤtte Zeit laſſen wol⸗ len, ſich zu ſammeln, und bat ſie mehrmahl, ohne Furcht zu ſein. Die Eine der beiden Frauen, die Vornehmſte, wie es ſchien, hatte ſehr gute Zuͤge, wiewohl ein wenig von den Blattern entſtellt, dieſer giftigen Geiſſel, die jeßt— Dank ſei's Jenner!— jeder Dorf⸗ 4* 52 Aeskulap ſo leicht baͤndigen kann, als der Schutzgott der Aerzte die pythiſche Schlange bezwang. Sie hatte ein glaͤnzendes Auge, ſchoͤne Zaͤhne, und ihre Zuͤge waren gleich ge⸗ ſchickt, Hoheit oder Freundlichkeit auszudruͤcken. Ihr Wuchs war, ungeachtet eines Anſatzes zur Wohlbeleibtheit, doch reizend, und bei ihrem kraͤftigen veſten Gange kam Niemand auf den Verdacht, daß ſie, wie es wirklich der Fall war, zuweilen von einer Krankheit befallen wuͤrde, die der Bewegung zu Fuße am wenig⸗ ſten guͤnſtig iſt. Ihr Anzug war eher koſtbar als munter, und ihr Benehmen gebieteriſch und edel. Ihre Begleiterinn war kleiner und hatte hell braunes Haar, ausdruckvolle blaue Augen. Ihre Zuͤge, ohne durchaus regelmaͤßig zu ſein, waren vielleicht angenehmer, als wenn ſie im ſtrengſten Sinne ſchoͤn geweſen waͤren. Ein ſchwermuͤthiger, wenigſtens gedankenvoller Aus⸗ druck, wozu ihr Loos nur zu viel Anlaß gab,“) *) Nach der angefuͤhrten Briefſammlung ſcheint die lebhafte und muntre Frau eben nicht einen Hang zur Schwermuth gehabt zu haben. * 1 . 1 ) 53 war darin vorherrſchend, wenn ſie ſchwieg, wich aber einem freundlichen und gutmuͤthigen La⸗ cheln, ſo oft ſie mit Jemand ſprach. Als der Herzog und ſeine Begleiterinn noch zwoͤlf bis funfzehn Schritte von den beiden Frauen waren, gab er dem Maͤdchen ein Zei⸗ chen, ſtehen zu bleiben, ging mit dem ihm ei⸗ genen gefaͤlligen Anſtande voran, und machte eine tiefe Verbeugung, welche die Frau, der er ſich naͤherte, mit kalter Hoͤflichkeit, aber wuͤrde⸗ voll erwiderte. Ich hoffe, ſprach ſie dann mit einem freundlichen und herablaſſenden Laͤcheln, daß ein ſo ſeltener Fremdling am Hofe, als der Herzog von Argyle ſeit einiger Zeit iſt, die gu⸗ te Geſundheit genießt, die ſeine Freunde dort und anderswo ihm wuͤnſchen. Der Herzog antwortete, er waͤre immer ſehr wohl geweſen, und ſetzte hinzu, die Noth⸗ wendigkeit, an den oͤffentlichen Angelegenheiten im Parliament Theil zu nehmen, und eine Reiſe nach Schottland, haͤtten ihn abgehalten, bei den Morgenverſammlungen und Feſten am Hofe ſo oft ſeine Schuldigkeit zu beweiſen, als er es wohl gewuͤnſcht haͤtte.. Wenn Sie Zeit finden koͤnnen, Herr Herzog, fuͤr eine ſo unbedeutende Schuldigkeit, erwiderte die Koͤniginn: ſo wiſſen Sie, daß Sie zu einem guten Empfange berechtigt ſind. Ich hoffe, meine Bereitwilligkeit, den Wunſch zu erfuͤllen, den Sie mir geſtern durch die Graͤfinn Suffolk eroͤffnet haben, iſt ein hinlaͤng⸗ licher Beweis, daß wenigſtens ein Glied der koͤniglichen Familie alte und wichtige Dienſte nicht vergeſſen hat, ſelbſt bei der Empfindlich⸗ keit uͤber etwas, das ſpaͤtrer Vernachlaͤſſigung glich. Sie ſprach dieß anſcheinend in ſehr heitrer Laune, und mit einem Tone, der Verſoͤhnung zu wuͤnſchen ſchien. Der Herzog erwidert, er muͤſſe ſich als den ungluͤcklichſten Mann be⸗ trachten, wenn man ihn fuͤr faͤhig halten koͤn⸗ ne, ſeine Pflicht zu vernachlaͤſſigen unter Um⸗ aͤnden, wo man ſie erwartet haͤtte, und wo 7 7 ſie angenehm geweſen ſein wuͤrde. Er finde ſich, ſetzt er hinzu, hoͤchlich belohnt durch die Ehre, welche die Koͤniginn ihm nun perſoͤnlich erweiſe, und er hoffe, ſie werde bald ſehen, daß er in einer, des Koͤnigs eigenen Vortheil be⸗ N ͤ K —— ð ☛⏑ ⏑— d treffenden Angelegenheit ihr dieſe Beſchwerde zu machen ſich erdreiſtet habe. Sie koͤnnen mich nicht mehr verbinden, Herr Herzog, antwortete die Koͤniginn, als wenn Sie in irgend einer, des Koͤnigs Dienſt angehenden Sache mich durch ihre Einſicht und Erfahrung unterſtuͤtzen. Sie wiſſen, ich kann nur die Vermittlerinn ſein, welche des Koͤnigs hoͤherer Weisheit die Sache vorlegt; iſt es aber ein Anliegen, das Sie perſoͤnlich betrifft, Herr Herzog, ſo ſoll es nicht der Unterſtuͤtzung er⸗ mangeln, wenn ich es vorbringe. Es iſt nicht mein Anliegen, gnaͤdigſte Frau, erwiderte der Herzog, und ich habe fuͤr mich ſelbſt nichts anzubringen, als daß ich meine Verpflichtung gegen Eure Majeſtaͤt lebhaft fuͤh⸗ le. Es iſt eine Angelegenheit, die den Koͤnig als einen Freund der Gerechtigkeit und der Gnade angeht, und die, nach meiner Ueberzeu⸗ gung, viel dazu beitragen kann, die ungluͤckliche Aufregung zu beſaͤnftigen, die jetzt unter Sei⸗ ner Majeſtaͤt getreuen Unterthanen in Schott⸗ land ſtatt findet. Es war der Koͤniginn zweierlei in des Her⸗ zogs Antwort mißfaͤllig. Sie ſah ſich erſtens 56 in der ſchmeichelhaften Vermuthung getaͤuſcht, daß Argyle durch ihre perſoͤnliche Fuͤrſprache mit der Regierung ſich auszuſoͤhnen und ſeine ihm genommenen Stellen wieder zu erlangen wuͤnſchte, und dann mißfiel es ihr, daß er von der Unzufriedenheit in Schottland als einer Auf⸗ regung ſprach, die eher beſaͤnftigt als unter⸗ druͤckt werden muͤßte. Von dieſen Gefuͤhlen bewegt, erwiderte ſie haſtig:„Daß der Koͤnig gute Unterthanen in England hat, Herr Her⸗ zog, dafuͤr hat er Gott und den Geſetzen zu danken; daß er Unterthanen in Schottland hat, verdankt er, glaube ich, Gott und ſeinem Schwerte.“ Der Herzog, obgleich ein Hofmann, errd⸗ thete ein wenig, und die Königinn, die ihr Verſehen alsbald merkte, fuͤgte hinzu, ohne die mindeſte Veraͤnderung in ihren Zuͤgen blicken zu laſſen, als ob die Worte urſpruͤnglich ein Glied des Satzes geweſen waͤren:„Und den Schwertern jener wahren Schottlaͤnder, die Freunde des Hauſes Braunſchweig ſind, be⸗ ſonders dem Schwerte des Herzogs von Argyle.“ Mein Schwert, gnaͤdigſte Frau, ſprach der Herzog, wie meiner Vaͤter Schwert, diente im⸗ 57 mer meinem rechtmaͤßigen Koͤnige und meinem Vaterlande, und ich glaube, es iſt unmoͤglich, die wahren Rechte und Vortheile beider zu trennen. Aber die gegenwaͤrtige Angelegenheit iſt mehr Privatſache, und betrifft eine kaum bekannte Perſon. Was betrifft's, Herr Herzog? fragte die Koͤniginn. Laſſen Sie uns in's Klare daruͤber kommen, wovon wir eigentlich ſprechen, damit wir einander nicht mißdeuten und mißverſtehen. Die Angelegenheit betrifft, gnaͤdigſte Frau, das Schickſal einer ungluͤcklichen Schottlaͤnde⸗ rinn, die wegen eines Verbrechens, deſſen ſie, nach meiner Meinung, hoͤchſt wahrſcheinlich nicht ſchuldig iſt, den Tod erleiden ſoll, und Eure Majeſtaͤt bitte ich nun unterthaͤnigſt, durch ihre maͤchtige Fuͤrſprache bei dem Koͤnige ihre Begnadigung auszuwirken. Es war nun die Reihe an der Koͤniginn, zu erroͤthen, und eine hohe Glut bedeckte ihr Stirne, Wangen und Bruſt. Sie ſchwwieg ei⸗ nen Augenblick, als haͤtte ſie ungern ihrer Stimme den erſten Ausdruck ihres Mißfallens anvertrauen wollen, und mit wuͤrdigem An⸗ ſtande und einem ſtrenge ruͤgenden Blicke ant⸗ 58 wortete ſie endlich:„Herr Herzog, ich will nicht fragen, aus welchen Beweggruͤnden Sie an mich ein Geſuch richten, das die obwalten⸗ den Umſtaͤnde zu einer auffallenden Bitte ma⸗ chen. Als Mitglied des Oberhauſes und als geheimer Rath ſind Sie berechtigt, den Koͤnig um Gehoͤr zu bitten, und der Weg zu ſeinem Zimmer ſtand Ihnen offen, ohne daß Sie mir dieſe peinliche Eroͤrterung aufzulegen brauch⸗ ten. Ich habe wenigſtens genug gehoͤrt von ſchottiſchen Begnadigungen.“ Der Herzog war auf dieſen Ausbruch des Unwillens vorbereitet, und wurde dadurch nicht aus der Faſſung gebracht. Er wagte keine Antwort, ſo lange die Koͤniginn in der erſten Hitze des Unmuthes war, aber er behielt die veſte und ehrerbietige Stellung, die er waͤhrend der Unterredung angenommen hatte. Die Koͤ⸗ niginn, die ſich aus ihrer ruhigen Selbſtbe⸗ herrſchung hatte bringen laſſen, merkte alsbald, daß ſie ſich in Nachtheil ſetzen wuͤrde, wenn ſie von der Leidenſchaft ſich hinreißen ließe, und ſprach in demſelben herablaſſenden und freund⸗ lichen Tone, womit ſie die Unterredung eroͤff⸗ net hatte:„Sie muͤſſen mir einige Vorrechte meines Geſchlechts zugeſtehen, Herr Herzog, und mich nicht lieblos beurtheilen, wenn ich mich auch ein wenig entruͤſte bei der Erinne⸗ rung an die grobe Beſchimpfung und Beleidi⸗ gung, die das koͤnigliche Anſehen in ihrer Hauptſtadt erfahren hat, und zwar gerade zu der Zeit, wo es meinen unwuͤrdigen Haͤnden anvertraut war. Sie koͤnnen ſich nicht daruͤ⸗ ber wundern, daß ich es zu jener Zeit fuͤhlte und jetzt mich daran erinnere.“ Es iſt freilich etwas, das ſich nicht ſo ſchnell vergeſſen laͤßt, antwortete der Herzog. Meine eigenen geringen Anſichten daruͤber ſind Eurer Majeſtaͤt laͤngſt vorgetragen worden, und ich muͤßte mich ſehr ſchlecht ausgedruͤckt haben, wenn ich nicht meinen Abſcheu gegen den Mord ausgeſprochen haͤtte, der unter ſo auffallenden Umſtaͤnden begangen wurde. Ich mag freilich das Ungluͤck haben, mit Seiner Majeſtaͤt Rathgebern nicht einig zu ſein, in wie fern es gerecht oder klug war, den Unſchul⸗ digen ſtatt des Schuldigen zu ſtrafen; aber ich hoffe, Eurer Majeſtaͤt Erlaubniß zu haben, einen Gegenſtand nicht zu beruͤhren, woruͤber ich Anſichten habe, die nicht ſo gluͤcklich ſind, 60 mit der Meinung faͤhigerer Maͤnner uͤberein zu ſtimmen. Laſſen wir einen Gegenſtand, woruͤber wir wahrſcheinlich nicht einig ſind, ſprach die Koͤ⸗ niginn. Ein Wort aber kann ich Ihnen doch im Vertrauen ſagen— Sie wiſſen, unſre gute Graͤfinn Suffolk iſt ein wenig taub— wenn der Herzog von Argyle geneigt iſt, ſeine Be⸗ kanntſchaft mit ſeinem Koͤnige und ſeiner Koͤ⸗ niginn wieder anzuknuͤpfen, ſo wird er ſchwer⸗ lich viele Gegenſtaͤnde finden, woruͤber wir un⸗ einig waͤren. Laſſen Sie mich hoffen, antwortete der Her⸗ zog, mit einer tiefen Verbeugung bei einem ſo ſchmeichelnden Winke: daß ich nicht ſo un⸗ gluͤcklich bin, bei der gegenwaͤrtigen Gelegenheit einen ſolchen Gegenſtand gefunden zu haben. Ich muß Ihnen zuvor die Pflicht zu beich⸗ ten auflegen, Herr Herzog, ehe ich Ihnen die Losſprechung gewaͤhren kann. In wie fern nehmen Sie beſondern Antheil an dieſem Maͤd⸗ chen? Sie ſcheint— fuhr ſie fort, Johanna mit einem Kennerblicke meſſend— nicht eben geeignet zu ſein, die Eiferſucht meiner Freun⸗ dinn, der Herzoginn, zu erwecken. 61 Ich glaube, mein Geſchmack wird bei Eu⸗ rer Majeſtäͤt in dieſem Punkte als Buͤrge fuͤr mich gelten koͤnnen. Nun, wenn ſie auch nicht viel von dem Anſtand einer grande dame hat, ſo wird ſie vermuthlich eine Baſe im dreißigſten Gliede ſein, in dem fruchtbaren Kapitel ſchottiſcher Genealogien. Nein, gnaͤdigſte Frau, antworteie der Her⸗ zog, aber ich wuͤnſchte, einige meiner naͤhern Verwandten haͤtten nur halb ſo viel innern Werth, Redlichkeit und Gutherzigkeit. Aber wenigſtens heißt ſie doch Campbell? fragte die Koͤniginn. Nein, gnaͤdigſte Frau, ihr Nahme iſt nicht ganz ſo beruͤhmt, wenn ich ſo ſagen darf. So kommt ſie doch von Inverary, oder aus der Grafſchaft Argyle? fuhr die Koͤni⸗ ginn fort. Sie iſt nie in ihrem Leben weiter nord⸗ waͤrts als bis Edinburgh gekommen, gnaͤdig⸗ ſte Frau. Nun, ſo bin ich mit allen meinen Ver⸗ muthungen zu Ende, antwortete die Koͤniginn, und Sie muͤſſen ſich ſelber die Muͤhe nehmen, 62 die Angelegenheit ihrer Schutzbefohlenen aus einander zu ſetzen. Mit jener Beſtimmtheit und leichten Kuͤrze, die ſich nur durch die Gewohnheit, mit hoͤhern Staͤnden Verkehr zu haben, erlangen laͤßt, und ganz verſchieden von jener weitſchweifigen Eroͤrterung iſt, welche— Landjunker Dichtung, Maͤnner Proſa nennen— erklaͤrte der Herzog das ſonderbare Geſetz, nach welchem Euphemia Deans zum Tode war ver⸗ urtheilt worden, und erzaͤhlte die liebevollen Bemuͤhungen, die Johanna einer Schweſter gewidmet hatte, der ſie alles opfern wollte, nur nicht die Wahrheit und ihr Gewiſſen. Die Koͤniginn hoͤrte ſehr aufmerkſam zu. Sie hatte, wie wir hier erinnern muͤſſen, Neigung zum Streiten, und fand in den Mittheilungen des Herzogs bald Anlaß, Schwie⸗ rigkeiten gegen ſein Geſuch zu erheben.„Die⸗ ſes Geſetz ſcheint freilich ſehr ſtrenge zu ſein, Herr Herzog, antwortete ſie: aber ich muß doch vermuthen, daß man, da es Landesgeſetz iſt, gute Gruͤnde dazu gehabt hat, und das Maͤdchen iſt einmahl durch dieſes Geſetz ge⸗ richtet. Die Vermuthung, die das Geſetz als 63 beſtimmten Beweis der Schuld annimmt, fin⸗ det in ihrem Falle ſtatt, und was Sie uͤber die Moͤglichkeit der Unſchuld des Maͤdchens ge⸗ ſagt haben, kann ſehr gut als Grund fuͤr die Aufhebung der Parliamentsakte dienen, keines⸗ wegs aber, ſo lange das Geſetz beſteht, zu Gunſten derjenigen angenommen werden, die nach dem Geſetze uͤberwieſen iſt. Der Herzog ſah und vermied die Schlinge. Er fuͤhlte wohl, daß er durch Beantwortung des Gegengrundes unvermeidlich in eine Eroͤrte⸗ rung gerathen waͤre, in deren Verlaufe die Koͤ⸗ niginn ſich leicht in ihrer Meinung ſo ſehr haͤtte beveſtigen koͤnnen, daß ſie endlich„ bloß um ſich nicht zu widerſprechen, die Ungluͤckliche haͤtte opfern muͤſſen.„Wollte Eure Majeſtaͤt geruhen, meine arme Landsmaͤnninn ſelbſt an⸗ zuhoͤren, ſprach er, ſo wuͤrde ihr Herz vieleeicht ein Fuͤrſprecher fuͤr ſie werden, geſchickter als ich waͤre, die Zweifel zu bekaͤmpfen, die ihr Verſtand Ihnen eingegeben hat.“ Die Koͤniginn ſchien es zu genehmigen, und der Herzog winkte Johanna herbei. Das Maͤdchen hatte zeither in einiger Entſernung verweilt, und Geſichter beobachtet, die zu ſehr 64 daran gewoͤhnt waren, alle ſichtbaren Zeichen innerer Regungen zu unterdruͤcken, als daß ſie der Beobachterinn etwas Merkwuͤrdiges haͤtten ſagen koͤnnen. Die Koͤniginn mußte laͤcheln, als die geſetzte und ehrbare Geſtalt der kleinen Schottlaͤnderinn mit ſcheuer Ehrfurcht ſich nah⸗ te, und noch mehr, als ſie den erſten Ton der breiten ſchottiſchen Ausſprache hoͤrte. Johanna aber hatte eine leiſe und ſuͤße Stimme, eine herrliche Gabe fuͤr Frauen, und bat die„gnaͤ⸗ dige Frau, Mitleid zu haben mit einem ar⸗ men irre geleiteten Maͤdchen“ in ſo ergreifen⸗ den Toͤnen, daß, wie bei den Noten eines ſchottiſchen Volksliedes, die landſchaftliche Ge⸗ meinheit Ruͤhrung erweckte. Steh auf, Maͤdchen, ſprach die Koͤniginn mit freundlicher Stimme, und ſage mir, was fuͤr ein barbariſches Volk wohnt in deinem Lande, wo der Kindermord ſo gewoͤhnlich ge⸗ worden iſt, daß man durch ſolche Geſetze Ein⸗ halt thun muß, als die eurigen ſind. Mit Gunſt, gnaͤdigſte Frau, antwortete Johanna, es gibt viele Oerter außer Schott⸗ land, wo Muͤtter lieblos ſind gegen ihr eigen Fleiſch und Blut. Es muß hier bemerkt werden, daß die Zwi⸗ ſtigkeiten zwiſchen Georg dem Zweiten und dem Prinzen Friedrich von Wales zu jener Zeit auf's hoͤchſte geſtiegen waren, und gutherzige Leute der Koͤniginn die Schuld zuſchrieben. Sie erroͤthete lebbaft, und warf einen durchdringenden Blick erſt auf Johanna, aund dann auf den Herzog. Beide blieben unbewegt, Johanna, weil ſie gar nicht ahnete, daß ſie beleidigt hatte, der Herzog, weil er ſeine gewoͤhnliche Faſſung behielt. In ſeinem Herzen aber dachte er: Meine ungluͤckliche Schutzbefohlene hat durch dieſe unſelige Antwort ihre einzige Hoffnung auf guten Erfolg, wie durch ein boͤſes Ungefaͤhr, niedergeſchoſſen. In dieſem bedenklichen Augenblicke ſchlug ſich die Graͤfinn Suffolk gutmuͤthig und gewandt in's Mittel.„Du ſollteſt der gnaͤdigſten Frau die beſondern Umſtaͤnde ſagen, die dieſes Verbre⸗ chen ſo gewoͤhnlich in deinem Vaterlande machen,“ ſprach ſie zu Johanna. Einige Leute meinen, es waͤre wegen der Kirchſpielverſammlung— das heißt— das iſt — das iſt der Bußſtuhl, gnaͤdigſte Frau, ſprach Johanna, und blickte, ſich verneigend, nieder. Was waͤre es? ſprach die Graͤfinn, der das V. Theil. 3 5 66 Wort neu war, das ſie bei ihrer Schwerhoͤrigkeit auch nicht ganz verſtanden hatte. Das iſt der Stuhl fuͤr Buͤßende, gnaͤdigſte Frau, die einen leichten Lebenswandel gefuͤhrt haben und das ſechſte Gebot gebrochen, ant⸗ wortete Johanna. Sie blickte bei dieſen Worten zu dem Herzoge auf, und ſah, daß er ſeine Hand an's Kinn ge⸗ legt hatte. Sie wußte durchaus nicht, daß ſie etwas Ungehoͤriges geſagt hatte, und machte den Wink nur noch wirkſamer, als ſie poͤglich ab⸗ brach und verlegen ausſah. Die Graͤfinn Suffolk zog ſich zuruͤck, wie eine Bedeckung, die ſich zwiſchen den weichenden Freunden und dem Feind aufgeſtellt hatte und auf einmahl einem unerwartet heftigen Feuer ausge⸗ ſetzt war. Hohl' der Daus das Naͤdchen! dachte der Herzog, da kommt wieder ein Schuß, und ſie hat mit beiden Laͤufen rechts und links getoͤdtet. Der Herzog theilte die Verlegenheit, und da er die unſchuldige Beleidigerinn eingefuͤhrt hatte, ſo war ihm ungefaͤhr zu Muthe wie einem Land⸗ junker, der ſeinen Huͤhnerhund in ein wohl auf⸗ — 67 geputztes Beſuchzimmer mitgebracht hat, und nun Zeuge der Zerſtoͤrung und des Schadens ſein muß, die durch des Thieres unzeitige Poſſen un⸗ ter Porzellan und Frauenpuß angerichtet werden. Johanna's letzter zufaͤllig gegebener Hieb hatte den boͤſen Eindruck des erſten verwiſcht, denn die Majeſtaͤt hatte die Regungen einer Frau in den Gefuͤhlen einer Koͤniginn nicht ſo ſehr ver⸗ loren, daß ſie nicht uͤber einen Scherz auf Koſten ihrer guten Suffolk ſich haͤtte freuen koͤnnen. Das Laͤcheln, womit ſie ſich zum Herzoge wandte, verrieth, daß ſie ihren Sieg genoß, und ſie warf die Bemerkung hin: die Schottlaͤnder ſind ein ſtreng ſittliches Volk. Sie wandte ſich darauf wieder zu Johanna, und fragte ſie, wie ſie von Schottland hergereiſet waͤre. Meiſt zu Fuße, gnaͤdigſte Frau, antwortete das Maͤdchen. Wie, den ganzen langen Weg zu Fuße? Wie weit kannſt Du in einem Tage gehn? Fuͤnf und zwanzig Meilen und ein Bischen. Das waͤre? fragte die Koͤniginn, den Herzog anſehend. Etwa noch fuͤnf Meilen daruͤber, antwortete der Herzog. 5* 68 Ich glaubte, gut zu Fuße zu ſein, ſprach die Koͤniginn, aber dieß beſchaͤmt mich gewaltig. Moͤge es Euch nie ſo ſchwer um's Herz ſein, gnaͤdigſte Frau, daß Ihr die Muͤdigkeit der Glie⸗ der nicht fuͤhlen koͤnnt, ſprach Johanna. Das kam beſſer, dachte der Herzog, es iſt das erſte Sachdienliche, das ſie geſagt hat. Und ich bin auch nicht den ganzen Weg zu Fuße gegangen, ich hatte zuweilen ein Plaͤtzchen auf einem Wagen, und ein Plaͤtzchen auf einem Pferde von Ferrybridge, und ſonſt dieſe und jene Bequemlichkeit, ſprach Johanna, und brach ploͤtzlich ab, als ſie bemerkte, daß der Herzog das verabredete Zeichen machte. Bei all dieſen Bequemlichkeiten, ſprach die Koͤniginn, mußt Du doch eine ſehr beſchwerliche Reiſe gehabt haben, und ich fuͤrchte, der Erfolg wird gering ſeyn, denn wenn der Koͤnig deine Schweſter begnadigen wollte, ſo wuͤrde es ihr wahr⸗ ſcheinlich wenig nutzen, weil das Volk in Edin⸗ burgh ſie vermuthlich aus Aerger aufhaͤngen wuͤrde. Nun wird ſie alles verderben, dachte der Herzog. Aber er war im Irrthum. Die Sandbhaͤnke, welche Johanna in dieſer kitzlichen Unterredung 69 beruͤhrt hatte, lagen unter der Oberflaͤche verbor⸗ gen und waren ihr unbekannt, dieſe Klippe aber war uͤber dem Waſſer und ſie wich ihr aus. Sie waͤre uͤberzeugt, ſagte ſie, daß Stadt und Land ſich freuen wuͤrden, wenn ſich der Koͤnig eines armen freundloſen Geſchoͤpfes erbarmte. Der Koͤnig hat dieß bei einer neulichen Ge⸗ legenheit nicht gefunden, antwortete die Koͤni⸗ ginn, aber ich vermuthe, der Herr Herzog moͤch⸗ te ihm rathen wollen, ſich von der Stimme des Poͤbels leiten zu laſſen, wer gehaͤngt und wer verſchont werden ſollte. Nein, gnaͤdigſte Frau, ſprach der Herzog, aber ich wuͤrde Seiner Majeſtaͤt rathen, ſich von ſeinen eigenen und ſeiner koͤniglichen Gemahlinn Gefuͤhlen leiten zu laſſen, und dann wuͤrde die Strafe nur auf die Schuldigen fallen, und auch auf dieſe nur mit vorſichtigem Straͤuben. Herr Herzog, erwiderle die Koͤniginn, alle dieſe ſchoͤnen Reden uͤberzeugen mich nicht, daß es paſſend ſei, ihrer— ich darf wohl nicht ſagen aufruͤhriſchen— aber doch ihrer unzufriedenen und unlenkſamen Hauptſtadt ſchon ſo bald einen Gunſtbeweis zu geben. Hat ſich nicht das ganze Volk verbuͤndet, die rohen und abſcheulichen 70 Moͤrder des ungluͤcklichen Mannes zu ſchirmen, oder wie waͤre es ſonſt moͤglich, daß von ſo vie⸗ len Thaͤtern, die ſo lange Zeit in einer ſo oͤffent⸗ lichen Handlung begriffen waren, nicht wenig⸗ ſtens Einer waͤre entdeckt worden? Selbſt dieſe Dirne koͤnnte wohl gar um das Geheimniß wiſ⸗ ſen.— Sage mir, Maͤdchen, haſt Du Freunde, die in den Aufſtand wegen Porteous verwickelt waren?. Nein, gnaͤdigſte Frau, antwortete Johan⸗ na, erfreut, daß ſie die Frage, wie ſie hier geſtellt war, mit gutem Gewiſſen verneinen konnte.. Aber, fuhr die Koͤniginn fort, vermuthlich wuͤrdeſt Du, wenn Du um ein ſolches Geheim⸗ niß wuͤßteſt, Dich in deinem Gewiſſen verbun⸗ den glauben, es fuͤr Dich zu behalten. Ich wuͤrde beten, daß ich auf den Weg der Pflicht gefuͤhrt und geleitet wuͤrde, gnaͤdigſte Frau. Ja, wuͤrdeſt aber den Weg waͤhlen, der zu deinen Neigungen paßt, hob die Koͤniginn wie⸗ der an. Gnaͤdigſte Frau, antwortete Johanna, ich wuͤrde bis an der Welt Ende gegangen ſein, dem Porteous das Leben zu retten, oder ſonſt einem ungluͤcklichen Menſchen in ſeiner Lage, aber ich darf wohl zweifeln, ob ich berufen waͤre, ſein Blutraͤcher zu ſein, wenn's auch fuͤr die Obrig⸗ keit ſich ziemen mag. Er iſt todt und an ſeinen Ort gegangen, und die ihn getoͤdtet haben, muͤſ⸗ ſen fuͤr ihre That Rede ſtehen. Aber meine Schweſter— meine arme Schweſter Effie lebt noch, wenn gleich ihre Tage und Stunden ge⸗ zaͤhlt ſind. Sie lebt noch, und ein Wort aus des Koͤnigs Munde koͤnnte ſie einem abgehaͤrm⸗ ten alten Manne wiedergeben, der nie bei Tag und Nacht darum zu beten vergaß, daß der Koͤ⸗ nig mit einer langen und gluͤcklichen Regierung moͤchte geſegnet werden und ſein Thron und der Thron ſeiner Nachkommen auf Gerechtigkeit ge⸗ gruͤndet ſein. O gnaͤdigſte Frau, habt ihr je gewußt, was es war, bekuͤmmert zu ſen um ein ſuͤndiges und leidendes Geſchoͤpf, deſſen Ge⸗ muͤth ſo hin und her geworfen wird, daß man ſagen kann, ſie koͤnne weder leben noch ſterben — ſo erbarmt Euch unſeres Elends! Rettet ein ehrliches Haus von der Schande, und ein un⸗ gluͤckliches Maͤdchen, noch nicht achtzehn Jahre alt, von einem fruͤhen und ſchrecklichen Tode! 72 Ach! wenn wir ſelber ſanft ſchlafen und froͤhlich wachen, denken wir nicht an andrer Menſchen Leiden. Dann werden unſre Herzen leicht in uns, und wir wollen richten fuͤr erlittenes Un⸗ recht, und fechten in unſren Zwiſtigkeiten. Aber wenn die Stunde der Truͤbſal kommt fuͤr die Seele, oder den Leib— und moͤge ſie Euch ſel⸗ ten heimſuchen— und wenn die Stunde des Todes kommt, die kommt zu Hohen und Ge⸗ ringen— ſpaͤt erſt komme ſie zu Euch— o gnaͤdigſte Frau, dann iſt es nicht, was wir fuͤr uns ſelber gethan haben, ſondern was wir fuͤr Andre gethan, woran wir am Liebſten gedenken. Und der Gedanke, daß eure Fuͤrſprache dem ar⸗ men Maͤdchen das Leben gerettet hat, wird Euch fuͤßer ſein in jener Stunde, wann ſie auch im⸗ mer kommen mag, als wenn ein Wort aus eurem Munde den ganzen Porteous⸗Schwarm an einen Strick haͤngen koͤnnte. Die Thraͤnen ſtroͤmten von Johanna's Wan⸗ gen herab, und die innere Bewegung gluͤhte und bebte in ihren Zuͤgen, als ſie die Sache ihrer Schweſter mit einem Ausdrucke der Ruͤhrung fuͤhrte, der eben ſo einfach als feierlich war. 73 Das iſt Beredſamkeit! ſprach die Koͤniginn zu dem Herzoge von Argyle. Maͤdchen, wandte ſie ſich dann zu Johanna, ich kann deiner Schweſter die Begnadigung nicht gewaͤhren, aber meine waͤrmſte Fuͤrſprache bei dem Koͤnige ſoll Dir nicht fehlen. Nimm dieß Naͤhkaͤſt⸗ chen, fuhr ſie fort, ihr ein kleines geſticktes Behaͤltniß darreichend: oͤffne es jetzt nicht, aber zu ruhiger Zeit wirſt Du etwas darin finden, wobei Du Dich erinnern wirſt, daß Du mit der Koͤniginn Karoline geſprochen haſt. Johanna, die ihre Vermuthung nun beſtaͤ⸗ tigt ſah, fiel auf ihre Kniee, und wuͤrde ihren Dank ergoſſen haben, aber der Herzog, der aͤngſtlich beſorgte, daß ſie mehr oder weniger ſagen moͤchte, als eben genug war, griff wie⸗ der an ſein Kinn. Unſer Geſchaͤft, Herr Herzog, iſt fuͤr jetzt, denke ich, abgemacht, ſprach die Koͤniginn, und ich glaube, zu ihrer Zufriedenheit. Von nun an hoffe ich, Sie haͤufiger zu ſehen, in Rich⸗ mond, wie in St. James. Kommen Sie, Graͤfinn Suffolk, wir muͤſſen dem Herrn Her⸗ zog uns empfehlen. Als die Frauen nach den Abſchiedsbegru⸗ 74 ßungen den Ruͤcken gewendet hatten, hob der Herzog das knieende Maͤdchen auf, und fuͤhrte ſie durch den Baumgang zuruͤck, wo ſie faſt bewußtlos wie eine Nachtwandlerinn an ſeiner Seite ging. — IV. So bald ich den erzuͤrnten Koͤnig nur Gewinnen kann, will ich dein Anwalt ſein. Shakeſpeare's Cymbeline. Der Herzog von Argyle ging ſchweigend vor⸗ an zur kleinen Hinterthuͤre, durch welche ſie nach Richmond⸗Park gekommen, das ſo lange der Lieblingsaufenthalt der Koͤniginn Karoline war. Der halb geſehene Thorwaͤrter oͤffnete das Pfoͤrtchen wieder, und ſie waren außerhalb des koͤniglichen Landſitzes. Noch hatten Beide kein Wort geſprochen. Der Herzog wollte ſeiner Schutzbefohlnen, die von dem hohen Tone des Geſpraͤches vor der Koͤniginn ganz betaͤubt war, wahrſcheinlich Zeit laſſen, ſich zu ſammeln, und nach allem, was ſie errathen, gehoͤrt und ge⸗ ſehen hatte, war Johanna zu ſehr bewegt, als daß ſie eine Frage haͤtte thun koͤnnen. Des Herzogs Wagen wartete auf der Stelle, wo ſie ihn verlaſſen hatten, und als ſie einge⸗ ſtiegen waren, ging es raſch nach der Stadt zuruͤck. Nun, Johanna, ſprach der Herzog, das Schweigen brechend: ich glaube, Du haſt alle Urſache, uͤber den Erfolg deiner Unterredung mit der Koͤniginn Dich zu freuen. Und war denn die gnaͤdige Frau die Koͤniginn ſelbſt? fragte Johanna. Ich dacht' es wohl, als ich ſah, daß Ihr euren Hut nicht aufſetztet, gnaͤdiger Herr. Und doch kann ich's kaum glauben, wenn ſie's auch ſelber geſagt hat. Es war allerdings die Koͤniginn Karoline, erwiderte der Herzog. Und biſt Du denn nicht neugierig, zu ſehen, was in dem Kaͤſtchen iſt? Denkt Ihr, die Begnadigung waͤre darin, gnaͤdiger Herr? ſprach Johanna, lebhaft auf⸗ geregt von ihrer Hoffnung. Nicht doch, antwortete der Herzog: das iſt unwahrſcheinlich. Solche Dinge hat man ſel⸗ ten bei ſich, es waͤre denn, daß man daͤchte, ſie noͤthig zu haben, und uͤberdieß ſagte die Koͤniginn Dir ja, daß der Koͤnig allein die Begnadigung Dir geben muͤßte. 84 77 Das iſt auch wieder wahr; ſprach Johan⸗ na, aber mein Kopf iſt ſo verwirrt. Glaubt Ihr denn, gnaͤdiger Herr, daß Effie gewiß be⸗ gnadigt wird? fuhr ſie fort, und hielt das Kaͤſt⸗ chen noch immer ungeoͤffnet in der Hand. J nun, die Koͤnige laſſen ſich hinten ſchwer beſchlagen, wie unſer ſchottiſches Sprichwort ſagt, erwiderte der Herzog, aber ſeine Frau kennt ſeine Art, und ich habe nicht den mindeſten Zweifel, daß die Sache ganz gewiß iſt. Gott ſei gelobt! Gott ſei gelobt! rief Jo⸗ hanna. Und moͤge der guten gnaͤdigſten Frau nie die Herzensruhe fehlen, die ſie mir in die⸗ ſem Augenblicke gegeben hat! Und Gott ſegne auch Euch, gnaͤdiger Herr! Ohne eure Hilfe waͤre ich nie vor ſie gekommen. Der Herzog ließ ſie eine ziemliche Zeit bei dieſem Gegenſtande verweilen, weil er vielleicht zu ſehen wuͤnſchte, wie lange die Gefuͤhle der Dankbarkeit die Regungen der Neugier unter⸗ druͤcken wuͤrden. In Johanna's Seele waren aber dieſe Regungen ſo ſchwach, daß der Her⸗ zog, bei welchem ſie in jenem Augenblicke viel⸗ leicht ein wenig lebhafter aufgeregt waren, ihre Aufmerkſamkeit wieder auf das Geſchenk der 78 Koͤniginn lenken mußte. Das Kaͤſtchen wurde nun geoͤffnet. Es enthielt den gewoͤhnlichen Vorrath von Naͤhſeide und Nadeln, mit Schere, Haarzange und dergleichen, und in dem Taͤſch⸗ chen war eine Banknote von funfzig Pfund. Der Herzog ſagte ihr, wie viel dieſes Pa⸗ pier galt, da ſie nicht gewohnt war, Bankno⸗ ten von ſo hohem Betrage zu ſehen, und ſie bedauerte nun das Mißverſtaͤndniß, das, ihrer Meinung nach, vorgefallen war. Das Kaͤſt⸗ chen ſelbſt, ſagte ſie, waͤre ein Andenken von großem Werthe, und der Nahme der Koͤniginn hineingeſchrieben, ohne Zweifel mit ihrer eigenen Hand, Karoline, ganz deutlich zu leſen, und eine Krone daruͤber. Sie reichte dem Her⸗ zog die Banknote, mit der Bitte, ſie der Koͤ⸗ niginn zuruͤck zu geben. Nein, nein, Johanna, es iſt kein Miß⸗ verſtaͤndniß dabei, ſprach der Herzog. Die Koͤniginn weiß, daß Du viele Ausgaben gehabt haſt, und will Dir einen Erſatz dafuͤr geben. Das iſt zu viel Guͤte, erwiderte Johanna. Aber es freut mich ſehr, daß ich Dumbiedikes ſein Geld wieder geben kann, ohne daß ich mei⸗ nem Vater Noth machen muß, dem guten Mann. 79 Dumbiedikes? Nicht wahr, ein Gutsbe⸗ ſitzer in Mid⸗Lothian? ſprach der Herzog, der bei ſeinem gelegentlichen Aufenthalte in jener Grafſchaft mit den meiſten Landeigenthuͤmern bekannt geworden war. Er hat ein Haus nicht weit von Dallkeith, traͤgt eine ſchwarze Perruͤcke und einen Treſſenhut.. Ja, ja, erwiderte Johanna, die ihre Ur⸗ ſachen hatte, in ihren Antworten uͤber dieſen Gegenſtand kurz zu ſein. O mein alter Freund Dumbiedikes! fuhr der Herzog fort. Ich habe ihn dreimahl ge⸗ ſehen, und nur einmahl den Ton ſeiner Stim⸗ me gehoͤrt. Iſt er verwandt mit Dir, Jo⸗ hanna? Nein, edler Herr— nein, Euer Gnaden. Alſo vermuthlich ein Freund? Ja— ja— Euer Gnaden, Herr Herzog, antwortete Johanna erroͤthend und ſtotternd. Ei! wenn Dumbiedikes ſich aufmacht, muß mein Freund Butler wohl ein wenig in Gefahr kommen. O nein, edler Herr, antwortete Johanna ſchnell, aber noch lebhafter erroͤthend. Nun, Johanna, einem Maͤdchen wie Dir, . 80⁰ kann man's zutrauen, daß ſie ſich in ihren eigenen Angelegenheiten recht zu benehmen weiß, und ich will nicht weiter danach fragen. Um wieder auf die Begnadigung zu kommen, ſo muß ich ſehen, daß wir ſie bald ausgefertigt erhalten, und ich habe einen Freund in der Regierung, der mir, aus alter Bekanntſchaft, darin wohl gefaͤllig ſein wird. Ein Eilbote, den ich ohnehin nach Schottland ſchicken muß, wird die Schrift ſicherer und ſchneller uͤberbrin⸗ gen, als Du es koͤnnteſt, und ich werde dafuͤr ſorgen, ſie an die rechte Behoͤrde gelangen zu laſſen. Du magſt indeß deinen Freunden den gluͤcklichen Erfolg mit der Poſt melden. Und denkt Ihr, edler Herr, daß es ſo beſ⸗ ſer waͤre, als wenn ich meine Siebenſachen zu⸗ ſammennaͤhme und wieder meines Weges nach Hauſe ginge? Weit beſſer, ohne Zweifel, antwortete der Herzog. Du weißt ja, die Straßen ſind nicht allzu ſicher fuͤr ein einzelnes Frauenzimmer. Johanna ſtimmte dieſer Bemerkung ſchwei⸗ gend bei.. Und ich habe uͤberdieß noch einen Plan fuͤr Dich, fuhr der Herzog fort. Eine der Diene⸗ 81 rinnen meiner Frau und Einer meiner Leute — dein Bekannter Archibald— reiſen in ei⸗ nem leichten Wagen mit vier Pferden, die ich gekauft habe, nach Inverary, und es iſt Platz fuͤr Dich im Wagen bis Glasgow, wo Archi⸗ bald Gelegenheit finden wird, Dich ſicher nach Edinburgh zu ſchaffen. Du wirſt ſo gut ſein, deiner Reiſegefaͤhrtinn unterwegs alles zu ſagen, was Du von der Kunſt des Kaͤſemachens weißt; ſie ſoll kuͤnftig die Aufſicht uͤber die Milchwirthſchaft fuͤhren, und ich moͤchte darauf ſchwoͤren, Du haͤltſt deine Milchnaͤpfe ſo gut in Ordnung, als deine Kleidung. Eßt Ihr gern Kaͤſe, edler Herr? ſprach Johanna, und bei der Frage glaͤnzte in ihren Zuͤgen eine innige Freude. Gern? erwiderte der Herzog, deſſen Gut⸗ muͤthigkeit errieth, was folgen ſollte. Kuchen und Kaͤſe ſind ein Eſſen fuͤr einen Kaiſer, und zumahl fuͤr einen Hochlaͤnder. Ich meine, ſprach Johanna mit beſcheide⸗ ner Zuverſicht, und ſichtbarer Selbſtzufrieden⸗ heit: man hat wohl geſagt, wir verſtaͤnden uns ſo gut auf's Kaͤſemachen, daß manche Leute den unſern ſo gut finden wollen, als V. Theil. 6 82 echten Dunloper, und wenn Ihr ein Paar Stein annehmen wolltet, gnaͤdiger Herr, ſo wuͤrde es uns vergnuͤgt, froh und ſtolz ma⸗ chen. Aber vielleicht habt Ihr den Schafkaͤſe lieber, oder den Ziegenkaͤſe, da Ihr aus dem Hochland ſeid, und ich kann nicht ſagen, daß ich mich darauf eben ſo gut verſtaͤnde; aber ich könnte mit meiner Muhme Hannchen zu Lockermachus in Lammermuir ſprechen, und— Ganz unnoͤthig, fiel der Herzog ein: Der Dunloper iſt gerade der Kaͤſe, den ich ſo gern eſſe, und Du wirſt mir den groͤßten Gefallen thun, wenn Du mir einen nach Caroline⸗Park ſchickſt. Aber Johanna, ich ſage Dir, lege Ehre damit ein und mache ihn mit deinen eigenen Haͤnden, ich bin ein Kenner. Es iſt mir gar nicht bange, edler Herr, ſprach Johanna zuverſichtlich, er wird Euch ſchon ſchmecken. Ihr ſeht mir danach aus, als ob Ihr nicht leicht Jemanden tadeln koͤnn⸗ tet, der ſein Beßtes thut, und ich denke, es iſt meine Sache, das zu thun. Dieſes Geſpraͤch fuͤhrte auf einen Gegen⸗ ſtand, woruͤber die beiden Reiſegefaͤhrten, wie verſchieden ſie auch in Rang und Erziehung 3 83 waren, viel zu ſagen wußten. Der Herzog war, außer ſeinen andern patriotiſchen Vorzuͤ⸗ gen, auch ein vortrefflicher Landwirth, und ſtolz auf ſeine Kenntniſſe in dieſem Fache. Er theilte dem Maͤdchen ſeine Bemerkungen uͤber die verſchiedenen Rindviehſtaͤmme in Schottland und deren Milchergiebigkeit mit, und erhielt da⸗ gegen von ihrer eigenen Erfahrung ſo viel Belehrung, daß er ihr ein Paar Devonſhire⸗ Kuͤhe zur Belohnung verſprach. Kurz, ſeine Seele wurde ſo ganz in ſeine laͤndlichen Be⸗ ſchaͤftigungen und Beluſtigungen zuruͤck verſetzt, daß er ſeufzte, als ſein Wagen der alten Mieth⸗ kutſche gegenuͤber hielt, mit welcher Archibald an dem Orte, wo Johanna ausgeſtiegen war, ſie erwartete. Waͤhrend der Kutſcher ſeine ma⸗ gern Thiere, die er mit ein wenig dumpfigem Heu gefuͤttert hatte, wieder anſpannte, warnte der Herzog das Maͤdchen, ihrer Wirthinn nicht zu viel uͤber das Vorgefallene zu eroͤffnen. Es nuͤtzt zu nichts, ſprach er, von Dingen zu reden, die noch nicht ganz im Reinen ſind, und Du magſt ſie an Archibald verweiſen, wenn ſie Dir zu ſehr mit Fragen zuſetzt. Sie 6* 84 iſt eine alte Bekannte von ihm, und er weiß ſchon mit ihr umzugehen. 44 Er nahm herzlich Abſchied von Johanna, und erinnerte ſie, ſich in der naͤchſten Woche zur Ruͤckkehr nach Schottland bereit zu halten. Als er ſie wieder ſicher in ihrer Miethkutſche ſitzen ſah, rollte er mit ſeinem Wagen davon, und traͤllerte einige Zeilen aus einer Ballade, die er ſelber gemacht haben ſoll: Sollt' ich Dumbarton einſt wiederſeh'n, So ruͤck' ich die Muͤtz' im Vorwaͤrtsgehn, Und es haͤngt zur Ferſe herab mein Schwert, Wenn Gerſtenkuchen die Heimath beſchert. Vielleicht kann nur ein Schottlaͤnder be⸗ greifen, wie warm ſeine Landsleute, bei allem Unterſchiede des Ranges und der Lage, ihre Verbindung als Eingeborne deſſelben Landes fuͤhlen. Es gibt, glaube ich, unter den Be⸗ wohnern eines rauhen und wilden Landes mehr gemeinſchaftliche Bande, als in einem wohl angebauten und fruchtbaren Gebiete; ihre Vor⸗ aͤltern haben ſeltner ihren Wohnort veraͤndert; ihre gemeinſamen Erinnerungen ſind genauer; Hohe und Geringere nehmen mehr Antheil an ihrer gegenſeitigen Wohlfahrt; die verwandt⸗ 85 ſchaftlichen Gefuͤhle haben einen weitern Spiel⸗ raum, mit einem Worte, die Bande patrioti⸗ ſcher Zuneigung, die immer ehrenvoll ſind, ſelbſt wenn ſie ein wenig zu ausſchließend waͤ⸗ ren, haben mehr Einfluß auf die Gefuͤhle und Handlungen der Menſchen. Die rumpelnde Miethkutſche, die uͤber das damahl abſcheuliche Straßenpflaſter Londons geſchleppt wurde, brachte endlich, wiewohl in einem ganz andern Zeitmaße, als die herzog⸗ liche Kutſche auf dem Wege nach Richmond gebraucht hatte, unſre Freundinn und ihren Begleiter zu dem Zeichen der Diſtel. Frau Glaſſ, die in langer und aͤngſtlicher Erwartung geweſen war, ſtuͤrzte hervor, voll ungeduldiger Neugier, mit offenem Munde, und eilte ihrer Baſe entgegen, die nicht im Stande war, dem uͤberwaͤltigeuden Fragenſtrome zu widerſtehen, der wie ein Waſſerfall hervorbrach.„Hat ſie den Herzog geſehn— den Gott ſegne? Die Herzoginn? Die jungen Fraͤulein? Hat ſie den Koͤnig geſehen, den Gott ſegne? Die Koͤ⸗ niginn? Den Prinzen von Wales? Die Prin⸗ zeſſinn? Oder ſonſt jemand von der koͤniglichen Familie? Hat ſie die Begnadigung ihrer Schwe⸗ 86 ſter? Iſt ſie ganz vollſtaͤndig? Oder nur eine Verwandlung der Strafe? Wie weit iſt ſie gegangen? Wohin iſt ſie gefahren? Wen hat ſie geſehen? Was hat man geſagt? Warum iſt ſie ſo lange geblieben?“ Dieß waren die Fragen, die ſich einander draͤngten bei einer Neugier, die ſo lebhaft war, daß fie kaum auf ihre Befriedigung warten konnte. Johanna wuͤrde durch dieſe erdruͤcken⸗ de Flut von Fragen in nicht geringe Verle⸗ genheit gerathen ſein, wenn nicht Archibald, der wahrſcheinlich deßhalb einen Wink von ſei⸗ nem Gebieter erhalten hatte, ihr zu Hilfe ge⸗ kommen waͤre.„Frau Glaſſ, ſprach er, der Herr Herzog hat mir den beſondern Auftrag gegeben, Euch zu ſagen, Ihr wuͤrdet ihm einen großen Gefallen thun, wenn Ihr eure Baſe gar nichts fragen wolltet. Er wuͤnſcht, Euch deutlicher zu erklaͤren, als ſie es kann, wie ihre Sachen ſtehen, und will ſich mit Euch uͤber einige Dinge berathen, die ſie Euch nicht ſo gut wuͤrde aus einander ſetzen koͤnnen. Der Herr Herzog denkt morgen oder uͤbermorgen deßhalb bei Euch einzuſprechen.“ Der gnaͤdige Herr iſt ſehr herablaſſend, 87 ſprach Frau Glaſſ, deren Forſchbegier fuͤr jetzt durch die geſchickte Beibringung jener Zucker⸗ pflaume gemindert war. Der gnaͤdige Herr weiß es, daß ich fuͤr das Betragen meiner jungen Baſe gewiſſermaßen verantwortlich bin, und gewiß weiß der Herr Herzog am beßten zu beurtheilen, in wie fern er ihr oder mir die Beſorgung ihrer Angelegenheiten anvertrauen kann. Der gnaͤdige Herr ſieht das ſehr wohl ein, antwortete Archibald mit ſchottiſcher Ernſthaf⸗ tigkeit: und was er zu ſagen hat, wird er ge⸗ wiß der Verſtaͤndigſten anvertrauen. Er ver⸗ naͤßt ſich alſo darauf, Frau Glaſſ, daß Ihr mit Jungfer Hanunchen Deans uͤber nichts ſprechen werdet, weder uͤber ihre, noch uͤber ih⸗ rer Schweſter Angelegenheit, bis er Euch ſelber geſehen hat. Ich ſoll Euch mittlerweile verſi⸗ chern, daß alles ſo gut geht, als es euer Wohl⸗ wollen nur immer wuͤnſchen kann. Der gnaͤdige Herr iſt ſehr guͤtig, und ge⸗ wiß ſehr bedachtſam, Herr Archibald. Seiner Gnaden Befehle ſollen befolgt werden, und— Aber Ihr habt einen weiten Weg gemacht, Herr Archibald, wie ich aus der Zeit eurer 88 Abweſenheit ſchließe, und ich glaube— ſetzte ſie mit anlockendem Laͤcheln hinzu— ein Glaͤschen echter Roſoli wird nicht ſchaden. Ich danke Euch, Frau Glaſſ, ſprach des großen Mannes großer Mann: aber ich muß ſogleich zum gnaͤdigen Herrn zuruͤckkehren.— Nach dieſen Worten gruͤßte er Beide hoͤflich, und verließ den Laden der Diſtelherrin. Es freut mich, daß eure Sachen ſo gut ſtehen, liebes Hannchen, hob Frau Glaſſ wie⸗ der an. Aber es war auch wahrlich wenig mehr zu befuͤrchten, ſobald der Herzog von Ar⸗ gyle ſo gnaͤdig war, ſich der Sache anzuneh⸗ men. Ich will Euch nicht daruͤber fragen, weil der Herr Herzog, der in ſolchen Dingen ſehr bedachtſam und vorſichtig iſt, mir alles ſelber erzaͤhlen will, was Ihr wißt, liebes Kind, und ohne Zweifel noch viel mehr. Wenn Euch aber etwas ſchwer auf dem Herzen liegt, ſo koͤnnt Ihr's mir mittlerweile entdecken, und da es dem gnaͤdigen Herrn einmahl be⸗ liebt, daß ich die ganze Sache ſogleich erfahren ſoll, ſo macht's ja ganz und gar keinen Un⸗ terſchied, ob Ihr's mir ſagt, oder er. Wenn ich vorher weiß, was er mir ſagen will, ſo 89 werde ich viel beſſer darauf eingerichtet ſein, meinen Rath zu geben, und Ihr ſeht, liebes Hannchen, es kann nicht viel bedeuten, wer's mir ſagt, Ihr oder er. Darum koͤnnt Ihr mir immer ſagen, was Ihr wollt, aber Ihr ſeht, ich frage Euch nicht daruͤber. Johanna war ein wenig verlegen. Sie glaubte, daß die Eroͤffnung, die ſie zu machen hatte, vielleicht die einzige Belohnung waͤre, die ſie ihrer freundlichen und gaſtfreien Verwandten geben koͤnnte. Aber ihre Klugheit ſagte ihr als⸗ bald, daß ihre Unterredung mit der Koͤniginn Karoline, die man einigermaßen mit dem Schleier des Geheimniſſes bedeckt zu haben ſchien, ein Gegenſtand war, der einer ſo ge⸗ ſchwaͤtzigen Frau, als ihre Muhme, ſich nicht fuͤglich anvertrauen ließ, denn ſie hatte von dem Herzen iheer Wirthinn eine weit beſſere Meinung, als von ihrer Klugheit. Sie erwiderte daher im Allgemeinen, der Herzog haͤtte die ungemeine Guͤte gehabt, uͤber die boͤſe Angelegenheit ihrer Schweſter ſehr genaue Erkundigungen einzuzie⸗ hen, und glaubte Mittel gefunden zu haben, alles wieder in's Gleiche zu bringen, haͤtte ſich 90 aber vorgenommen, der Frau Glaſſ ſeine Ge⸗ danken uͤber die Sache ſelber mitzutheilen. Dieß genuͤgte der ſcharf blickenden Diſtel⸗ herrinn nicht voͤllig. Durchdringend wie ihr Rappee, draͤngte ſie, trotz ihres Verſprechens, das Maͤdchen noch immer mit Fragen. Hatte Johanna die ganze Zeit in des Herzogs Hauſe zugebracht? War er die ganze Zeit hindurch bei ihr geweſen? Hatte ſie die Herzoginn geſehen? Hatte ſie die jungen Fraͤulein geſehen— be⸗ ſonders Fraͤulein Karoline Campbell? Auf dieſe Fragen gab Johanna die allgemeine Antwort, ſie waͤre ſo wenig bekannt in der Stadt, daß ſie nicht genau ſagen koͤnnte, wo ſie geweſen waͤre; ſie haͤtte die Herzoginn, ſo viel ihr bekann⸗, nicht geſehen, wohl aber zwei Frauen, deren eine, wie ſie gehoͤrt, Karoline geheißen haͤtte, und mehr, ſehte ſie hinzu, wuͤßte ſie uͤber die Sache nicht zu ſagen. Das wird des Herzogs aͤlteſte Tochter ge⸗ weſen ſein, Fraͤulein Karoline Campbell, ant⸗ wortete Frau Glaſſ, daran iſt nicht zu zweifeln. Gewiß werde ich von Seiner Gnaden alles ge⸗ nauer erfahren.— Aber es iſt in der kleinen Oberſtube gedeckt, fuhr ſie fort, und drei Uhr iſt 91 vorbei. Ich habe ſo lange auf Euch gewartet, und eben erſt einen Biſſen zu mir genommen, und wie man zu meiner Zeit in Schottland ſag⸗ te— ich weiß nicht, ob das Sprichwort noch ge⸗ braͤuchlich iſt— zwiſchen einem vollen Magen und einem leeren ſchwazt es ſich nicht gut. 92 V. Gott gab den erſten Brief dem bangen Seh⸗ nen—. Verbannten Liebenden, gefang'nen Schoͤnen. Pope. Johanna Deans machte es durch eine unge⸗ wohnte Arbeit mit der Feder moͤglich, nicht we⸗ niger als drei Briefe abzufaſſen, um ſie am naͤchſten Tage auf die Poſt zu geben; eine An⸗ ſtrengung, die ihr ſo fremd war, daß ſie, wenn Milch genug da geweſen wäͤre, lieber dreimahl ſo viel Dunloper Kaͤſe haͤtte machen wollen. Der erſte Brief war ſehr kurz. Er ging an Herrn Georg Staunton, im Pfarrhauſe zu Wil⸗ lingham bei Grantham, und Johanna machte die Aufſchrift zum Theil nach den Nachrichten des mittheilſamen Landmannes, der ſie nach Stamford gebracht hatte. Der Inhalt war: 93³ „Mein Herr. Um mehr Ungluͤck zu ver⸗ huͤten, deſſen genug geweſen iſt, ſchreibe ich Euch dieß. Ich habe die Begnadigung meiner Schweſter von Ihro Majeſtaͤt der Koͤniginn, und das wird Euch gewiß angenehm ſein, weil ich auch nichts von Dingen habe zu ſagen brau⸗ chen, die Euch bewußt ſind. Darum bete ich nun fuͤr euer beſſeres Wohlergehen an Leib und Seele, und daß es dem himmliſchen Arzte ge⸗ fallen moͤge, Euch zu beſuchen, wenn Er es fuͤr gut haͤlt. Immer aber bitte ich Euch, daß Ihr nicht wiederkommen moͤget, meine Schweſter zu ſehen, was nur zu oft geſchehen iſt. Und ſo wuͤnſche ich Euch nichts Boͤſes, ſondern nur al⸗ les Gute, und daß Ihr von euren boͤſen Wegen abkommen moͤget— denn warum ſolltet Ihr ſterben— und ich verbleibe Eure ergebenſte und dienſtwillige Dienerinn Ihr wißt wer. Der zweite Brief war an ihren Vater. Er war viel zu lang, als daß er hier eingeruͤckt wer⸗ den koͤnnte, und wir wollen ihn nur im Auszuge mittheilen. Der Anfang lautete: Liebſter und ſehr geehrter Vater. Ich will Euch hierdurch vermelden, daß es Gott gefallen hat, meine arme Schweſter aus der Gefangenſchaft zu erloͤſen, inmaßen Ihro Majeſtaͤt die Koͤniginn, fuͤr die wir immer be⸗ ten muͤſſen, ihre Seele hat erloͤſet von dem Todtſchlaͤger, und ihr die Begnadigung gegeben. Und ich habe mit der Koͤniginn geſprochen von Angeſicht zu Angeſicht, und lebe noch; denn ſie iſt nicht viel anders als andre vornehme Frauen, außer daß ſie ein ſtattliches Anſehen hat, und ein paar blaue Augen, wie ein Falke, die mich durch und durch ſahen, wie ein hochlaͤndiſcher Dolch. Und all dieß Gute wurde, naͤchſt dem großen Geber, deſſen Werkzeuge wir Alle ſind, uns durch den Herzog von Argyle zuwege ge⸗ bracht, der ein wahrer aufrichtiger Schottlaͤnder iſt, und nicht ſtolz, wie andre Leute, die wir kennen, und der ſich auch gut genug auf das Vieh verſteht, wie er mir denn ein Paar De⸗ vonſhire⸗Kuͤhe verſprochen hat, worauf er ſehr verſeſſen iſt, wiewohl ich die echte Airſhire⸗Zucht doch immer vorziehe. Und ich habe ihm einen Kaͤſe verſprochen, und ich wollte Euch wiſſen laſ⸗ ſen, wenn die braune Kuh ein Kalb hat, ſo ſoll ſie's recht ſaͤugen, denn ich habe gemerkt, daß er nichts von dieſer Zucht hat, und er iſt nicht der Mann, daß er ſtolz etwas verſchmaͤhte, und wird gern etwas annehmen von armen Leuten, die ihr Herz gern leichter machen wollen von der ſchweren Schuld, womit ſie ihm verpflichtet ſind. Auch will der gnaͤdige Herr einen Dunloper von uns annehmen, und es ſoll mein Fehler ſein, wenn man je einen beſſern in Lothian gemacht hat.(GHier folgen einige Bemerkungen uͤber Viehzucht und Milchwirthſchaft, die wir der Ackerbaugeſellſchaft mitzutheilen gedenken.) Doch all dieſes iſt nur gleichſam eine Nachernte gegen das große Gluͤck, das die Vorſehung uns ge⸗ ſchenkt hat, und zumahl das Leben der armen Effie. O mein lieber Vater, da es nun Gott gefallen hat, ihr Barmherzigkeit zu erweiſen, ſo laßt es ihr auch nicht an eurer Vergebung fehlen, als welche ſie in Stand ſetzen wird, ein Gefaͤß der Gnade zu ſein und auch ein Troſt fuͤr eure grauen Haare. Lieber Vater, Ihr wollet dem Gutsherrn ſagen, daß wir wunder⸗ barlich Freunde gefunden haben, und daß die Summe, ſo er mir geliehen, ihm dankbarlich ſoll wiederbezahlt werden. Ich habe noch et⸗ 96 was davon; und das Uebrige iſt nicht in einem Beutel, oder in ein Tuch geknuͤpft, ſondern ein Stuͤckchen Papier, wie's hier die Art iſt, und man ſagt mir, es waͤre ſo viel als das baare Geld. Und, mein lieber Vater, Herr Butler hat mir Mittel und Wege verſchafft, den Her⸗ zog mir zum Freunde zu machen, denn in den alten unruhigen Zeiten hatten ſich ihre Voraͤltern Gutes erwieſen. Und Frau Glaſſ iſt guͤtig ge⸗ gen mich geweſen, wie eine Mutter. Sie hat hier ein huͤbſches Haus, und ſitzt recht warm; hat zwei Dienſtmaͤdchen und einen Diener und Burſchen im Laden. Und ſie will Euch ein Pfund von ihrem ſchottiſchen Trocknen ſchicken und andern Taback, und wir muͤſſen auf ein Geſchenk fuͤr ſie denken, denn ihre Guͤte iſt groß geweſen. Und der Herzog ſchickt die Begnadi⸗ gung durch einen expreſſen Boten, weil ich nicht ſo ſchnell reiſen kann, und ich komme mit zwei Dienſtleuten des gnaͤdigen Herrn, naͤmlich Hans Archibald, ein geſitteter aͤltlicher Mann, der Euch geſehen hat vor vielen Jahren, wie er ſagt, als Ihr Vieh einkauftet in Weſtland vom Gutsherrn von Aughtermuggitie— vielleicht be⸗ ſinnt Ihr Euch nicht mehr auf ihn— aber er iſt ein hoͤflicher Mann— und die andre iſt Frau Dorchen Dutton, die ſoll die Milchwirth⸗ ſchaft in Inverary uͤbernehmen. Sie bringen mich bis Glasgow, und ſo komme ich mit leichter Muͤhe nach Hauſe, was ich vor allen Dingen wuͤnſche. Moͤge der Geber alles Gu⸗ ten Euren Ausgang und Eingang bewachen, wofuͤr andaͤchtig betet Eure liebende Tochter Johanna Deans. Der dritte Brief war an Butler und lau⸗ tete ſo: Herr Butler, es wird Euch Freude machen, zu erfahren, daß alles, weßhalb ich hierher ge⸗ kommen bin, abgethan iſt und ein gutes Ende gehabt hat, und daß eures Großvaters Brief dem Herzog von Argyle ſehr angenehm geweſen iſt, und daß er euren Nahmen mit einem Blei⸗ ſtifte in ein ledernes Buch geſchrieben hat, woraus man wohl abnehmen kann, daß er Euch eine Schule oder eine Pfarre geben will, da er von beiden genug zu vergeben hat, wie man mir ſagt. Und ich habe die Koͤniginn geſehen, die mir mit eigener Hand ein Naͤhkaͤſtchen gegeben V. Theil. 3 7 98 hat. Sie hatte nicht ihre Krone und ihr Zep⸗ ter, die ſchließt man fuͤr ſie bei, wie die Sonn⸗ tagskleider der Kinder, und bringt ſie ihr, wenn's noͤthig iſt. Man verwahrt ſie in einem Thurm*) der aber nicht iſt, wie der Thurm in Libberton, auch nicht wie Craigmillar, ſondern mehr wie das Schloß in Edinburgh, wenn man das Ge⸗ baͤude mitten in den Nor⸗Loch ſetzte. Auch war die Koͤniginn ſehr guͤtig, und gab mir ein Papier, das funfzig Pfund gilt, wie man mir ſagt, fuͤr meine Reiſekoſten hin und zuruͤck. Darum, Herr Butler, weil wir doch immer Nachbarskinder ſind, was auch außerdem noch zwiſchen uns geſprochen ſein mag, ſo hoffe ich, Ihr werdet Euch nichts entziehen, was zu eurer Geſundheit nothwendig iſt, denn es liegt nicht viel daran, wer von uns Geld hat, wenn's der Andre braucht. Und Ihr wollet bemerken, daß dieß nicht ſo gemeint iſt, als ob ich Euch zu etwas verbinden wollte, das Ihr lieber ver⸗ gaͤßet, wenn Ihr ein Amt in der Kirche oder Schule erhalten ſolltet, wie ich vorhin ſagte. Ich hoffe nur, es wird in der Schule ſein, *) Im Tower zu London. L. 99 und nicht in der Kirche, wegen der Bedenklich⸗ keiten in Anſehung der Eide und Pfarrein⸗ ſetzung, die mein rechtſchaffener Vater nicht gut wuͤrde vertragen koͤnnen. Koͤnntet Ihr's dahin bringen, daß ihr vom Kirchſpiel Skreeghmedead einſtimmig berufen wuͤrdet, wie ihr einmahl Hoffnung hattet, ſo wuͤrde es ihm lieb ſein, glaube ich; denn ich habe ihn ſagen hoͤren, die gute Sache haͤtte tiefere Wurzeln in jener Pfar⸗ rei im wilden Moorland, als in Canongate zu Edinburgh. Wenn ich nur wuͤßte, was Ihr fuͤr Buͤcher brauchtet, Herr Butler; denn man hat hier ganze Haͤuſer voll, und muß einige davon auf die Straße hinausſtellen, die wohl⸗ feil verkauft werden, ohne Zweifel, um ſie nicht Wind und Wetter auszuſetzen. Es iſt eine große Stadt, und ich habe ſo viel davon geſehen, daß mir der Kopf ganz ſchwindlig iſt. Und Ihr wißt von alten Zeiten her, daß ich mich nicht ſonderlich auf's Schreiben verſtehe, und es iſt ſchon elf Uhr Nachts. Ich komme in guter Geſellſchaft und ſicher heim. Ich hatte auf dem Herwege Ungelegenheiten, und darum iſt's mir lieber, daß ich mit bekannten Leuten reiſe. Meine Muhme, Frau Glaſſ, hat 7* 100 hier ein huͤbſches Haus, aber alles iſt ſo mit Schnupftaback vergiftet, daß mir zuweilen ganz ſchlimm wird. Aber was bedeutet dieß gegen die große Erloͤſung, die meines Vaters Hauſe widerfahren iſt, woruͤber Ihr als unſer alter und lieber Freund, gewißlich froh und ſehr er⸗ freut ſein werdet. Und ich bin, lieber Herr Butler, eure Freundinn, die Euch alles Wohl⸗ ergehn im Zeitlichen und Ewigen wuͤnſcht. F. D. Nach dieſen ungewohnten Anſtrengungen ging Johanna zu Bette, konnte aber kaum einige Minuten ununterbrochen ſchlafen, ſo oft wurde ſie durch das herzergreifende Bewußtſein der Rettung ihrer Schweſter aufgeweckt, und ſo maͤchtig draͤngte es ſie, die Buͤrde ihrer Freude niederzulegen, wo ſie fruͤher ihre Zwei⸗ fel und ihren Kummer niedergelegt hatte, in warmer und aufrichtiger Andachtuͤbung. Am folgenden und am zweiten Tage trip⸗ pelte Frau Glaſſ in unruhiger Erwartung in ihrem Laden umher. Endlich kam am dritten Morgen die erſehnte Kutſche mit vier Dienern 101 hinten, in dunkelbrauner und gelber Livree, und der Herzog in eigener Perſon in einem Treſſenkleide, einen Stock mit goldnem Knopfe in der Hand, mit Stern und Knieband geziert, alles, wie das Geſchichtenbuch ſagt, gar herrlich anzuſehen. Er erkundigte ſich bei Frau Glaß nach ſei⸗ ner kleinen Landsmaͤnninn, ohne jedoch ſie ſehen zu wollen, vermuthlich um den Schein einer perſoͤnlichen Zuſammenkunft zu vermeiden, den die Laͤſterung haͤtte mißdeuten koͤnnen.„Die Koͤniginn, ſprach er zu Frau Glaß, hat die Sache eurer Baſe in gnaͤdige Erwaͤgung ge⸗ nommen, und abſonderlich durch die liebevolle und entſchloſſene Geſinnung der aͤltern Schwe⸗ ſter bewogen, ihre maͤchtige Fuͤrbitte bei dem Koͤnige einzulegen geruht, worauf denn die Be⸗ gnadigung fuͤr Effie Deans nach Schottland abgefertigt worden iſt, jedoch unter der Bedin⸗ gung, daß ſie vierzehn Jahre lang aus Schott⸗ land verbannt ſein ſoll. Der koͤnigliche Fiskal hat auf vieſe Einſchraͤnkung gedrungen, ſetzte der Herzog hinzu, indem er den Miniſtern des Köͤnigs zeigte, daß in einer Zeit von nicht mehr als ſieben Jahren zwanzig Faͤlle von Kinder⸗ mord in Schottland vorgekommen ſind.““ 102 Schaͤmen ſollte er ſich, ſprach Frau Glaſſ⸗ Warum braucht er das von ſeinem Lande zu ſagen, und zumahl vor den Englaͤndern? Ich hielt den Fiskal immer fuͤr einen gelaſſenen artigen Mann, aber er iſt ein boͤſer Vogel— verzeiht mir, gnaͤdiger Herr, daß ich ein ſolches gemeines Wort vor Euch ſpreche. Und was ſoll denn das arme Maͤdchen in der Fremde anfangen? Lieber Himmel, es iſt ja, als ob man ſie wegſchickte, daß ſie dieſelben Streiche noch einmahl machen ſollte, wenn ſie nicht mehr unter den Augen und der Aufſiche ihrer Freunde iſt. Pahl ſprach der Herzog, warum denn ge⸗ rade dieß befuͤrchten! Sie kann ja nach Lon⸗ don kommen, oder nach America gehen, und ſich immer noch gut verheirathen, trotz allem, was geſchehen und vorbei iſt. Wahrhaftig, das koͤnnte ſie, wie Euer Gna⸗ den anzudeuten beliebt, erwiderte Frau Glaſſ. 3 Ich denke eben daran, da iſt mein alter Han⸗ delsfreund, Ephraim Buckſkin in Virginien, der ſeit vierzig Jahren die Diſtel mit Taback verſorgt — und wir brauchen nicht wenig— und er ſchreibt mir nun ſchon zehn Jahre lang, ich foll — 103 ihm eine Frau ſchicken. Der Menſch iſt nichz uͤber ſechzig alt, noch geſund und ruͤſtig, und gilt was in der Welt. Eine Zeile von mir wuͤrde alles in's Reine bringen, und man wuͤrde dort aus Effie's Ungluͤck ſich wenig machen, und es iſt ja uͤberdieß nicht gerade noͤthig, davon zu ſprechen. Iſt ſie denn huͤbſch? ſprach der Herzog⸗ Ihre Schweſter ſagt nicht mehr, als— ein gu⸗ tes, artiges. munteres Maͤdchen. O weit huͤbſcher als Haunchen! erwiderte Frau Glaſſ. Ich habe ſie zwar ſelber lange nicht geſehen, aber ich erfahre etwas vom Vetter Deans und den Seinigen, ſo oft meine Freunde aus Lothian herkommen, und Ihr wißt, gnaͤdiger Herr, wir Schottlaͤnder halten zuſammen. Deſto beſſer fuͤr uns, ſprach der Herzog, und deſto ſchlimmer fuͤr Alle, die ſich mit uns abge⸗ ben, wie euer gutes altes ſchottiſches Schild ſagt, Frau Glaſſ. Und ich hoffe nun, Ihr werdet die Einrichtungen billigen, die ich getroffen habe, um eure Baſe wieder zu ihren Angehoͤrigen zu ſchaffen. Er ſprach umſtaͤndlich daruͤber, und Frau Glaſſ gab ihren unbedingten Beifall durch ein Laͤcheln und einen Knicks bei jedem Satze ſeiner 104 Rede zu erkennen.„Sagt nun eurer Baſe, fuhr er fort, ſie moͤge doch ja meinen Kaͤſe nicht ver⸗ geſſen, wenn ſie nach Schottland kommt. Ich habe Archibald angewieſen, alle ihre Ausgaben zu beſorgen.“ Ich bitte Euer Gnaden gehorſamſt um Ver⸗ zeihung, erwiderte Frau Glaſſ: es iſt Schade um die Beſchwerde, die Ihr Euch dadurch macht. Mein Vetter Deans iſt in ſeiner Art ein wohl⸗ habender Mann, und das Maͤdchen hat Geld bei ſich. Alles recht gut, ſprach der Herzog, aber Ihr wißt, wo Mac Callummore reiſet, bezahlt er alles. Wir Hochlaͤnder haben ja das Vorrecht, alles zu nehmen, was wir brauchen, und Allen zu geben, was ſie brauchen. Ihr verſteht Euch beſſer auf's Geben, gnaͤ⸗ diger Herr, als auf's Nehmen, antwortete Frau Glaff. Ich will Euch das Gegentheil beweiſen, fuhr der Herzog fort, und fuͤlle meine Doſe aus dieſer Buͤchſe, ohne Euch einen Heller zu bezahlen. Als er nach dieſen Worten ſie noch einmahl gebeten hatte, Johanna zu gruͤßen, und ihr eine gluͤckliche Reiſe zu wuͤnſchen, entfernte er ſich, 105 und voll hoher Freude im Herzen und in ihren Zuͤgen, ſah Frau Glaſſ ihm nach, die ſtolzeſte und gluͤcklichſte aller Rauch⸗ und Schnupftabacks⸗ haͤndlerinnen. Des Herzogs gute Laune und Freundlichkeit hatten eine guͤnſtige Ruͤckwirkung auf Johanna's Lage. Ihre Muhme war zwar hoͤflich und guͤ⸗ tig gegen ſie, hatte aber zu viel von der Londo⸗ ner Lebensart angenommen, als daß ſie mit der laͤndlichen und volkthuͤmlichen Tracht ihrer Baſe ganz zufrieden geweſen waͤre, und uͤberdieß war ihr die Urſache der Reiſe nach London ein wenig anſtoͤßig. Frau Glaſſ wuͤrde daher wohl weniger unverdroſſen in ihren Aufmerkſamkeiten gegen Jo⸗ hanna geweſen ſein, wenn nicht der Erſte unter den ſchottiſchen Edlen, was nach aller Meinung der Herzog von Argyle war, an ihrem Schickſale An⸗ theil zu nehmen geſchienen haͤtte. Nun aber ſtand Johanna als eine Verwandte, deren Tu⸗ genden und ſchweſterliche Liebe die Aufmerkſam⸗ beit und den Beifall ſelbſt der koͤniglichen Familie gewonnen hatten, in einem ganz andern und weit guͤnſtigern Lichte vor ihrer Muhme, und wurde nicht nur mit Wohlwollen, ſondern auch mit Achtung behandelt. 106 Sie haͤtte, wenn es ihr ſonſt angenehm ge⸗ weſen waͤre, ſo viele Beſuche machen, und ſo viele Merkwuͤrdigkeiten ſehen koͤnnen, als nur irgend im Bereich ihrer Muhme lagen, aber Johanna benutzte die Gelegenheit nicht, außer daß ſie bei einigen entfernten Verwandten zu Mittag aß, und auf die dringende Bitte ihrer Wirthinn dieſelbe Hoͤflichkeit der Frau Dabby, Gemahlinn des angeſehenen Handelsherrn Dabby in Farringdon, erwies. Frau Dabby war die zweite vornehme Frau, die Johanna in Lon⸗ don ſah, und ſie pflegte ſpaͤterhin zuweilen eine Vergleichung zwiſchen ihr und der Koͤniginn zu machen, wobei ſie bemerkte, Frau Dabby waͤre zweimahl ſo praͤchtig gekleidet, und zweimahl ſo dick geweſen, haͤtte zweimahl ſo laut und zweimahl ſo viel geſprochen, als die Koͤniginn, aber doch nicht den Falkenblick gehabt, wobei es einem uͤber die Haut liefe und die Kniee bebten, und obgleich ſie ihr einen Zuckerhut und zwei Pfund Thee geſchenkt haͤtte, ſo waͤre es doch nicht mit dem ſuͤßen Blicke geſchehen, womit die Koͤniginn ihr das Naͤhkaͤſtchen in die Hand gegeben. Johanna wuͤrde ſich um die Merkwuͤrdig⸗ — 107 keiten und Seltenheiten der großen Stadt ge⸗ nauer bekuͤmmert haben, wenn nicht die, mit der Begnadigung ihrer Schweſter verknuͤpfte Bedingung ihr liebevolles Herz ſehr betruͤbt haͤtte. Ihre Seele wurde jedoch in dieſer Hin⸗ ſiiccht ein wenig erleichtert, als ſie mit umge⸗ hender Poſt Antwort auf ihren Brief an ih⸗ ren Vater erhielt. Mit ſeinem zaͤrtlichen Se⸗ gen gab er ſeinen vollen Beifall dem von ihr gethanen Schritte, den ihr der Himmel ſelbſt eingegeben haͤtte, und worauf ſie waͤre gefuͤhrt worden, um eine dem Verderben nahe Familie zu retten.„War je eine Erloͤſung theuer und koͤſtlich, ſagte der Brief: ſo iſt dieß eine theure und koͤſtliche Erloͤſung, und kann das gerettete Leben ſuͤßer und ſchmackhafter gemacht werden, ſo iſt's, wenn es durch die Hand derjenigen geſchieht, die das Band der Zuneigung mit uns verknuͤpft. Und es ſei dein Herz nicht bekuͤmmert daruͤber, daß dieſes Opfer, welches erloͤſet iſt von den Hoͤrnern des Altares, als woran es durch die Ketten menſchlicher Geſetze veſt gebunden war, nun uͤber die Graͤnzen un⸗ ſeres Landes hinausgetrieben wird. Schottland i*ſt ein geſegnetes Land fuͤr Alle, ſo das Geſetz 108 des Chriſtenthums lieben, und es iſt ein Land lieblich anzuſchauen, und Allen theuer, die dar⸗ in gewohnet ihr Lebelang, und mit Wahrheit ſagte der verſtaͤndige Chriſt, der wuͤrdige Hans Livingſtone, ein Seemann in Borrowſtouneß, wie der beruͤhmte Patrick Walker berichtet, daß er zwar Schottland fuͤr ein Gehenna der Bos⸗ heit gehalten, als er daſelbſt geweſen, jedoch fuͤr ein Paradies, als er in der Fremde gelebt, denn die Uebel Schottlands haͤtte er uͤberall ge⸗ funden, das Gute Schottlands aber nirgend. Aber wir muͤſſen wohl bedenken, daß Schott⸗ land zwar unſer Vaterland und das Land un⸗ ſrer Vaͤter iſt, jedoch nicht wie das Land Go⸗ ſen in Aegypten, als wo die Sonne des Him⸗ mels und des goͤttlichen Wortes allein ſcheinet, und die uͤbrige Welt in gaͤnzlicher Finſterniß laͤſſet. Deßhalb und auch weil dieſe vortheil⸗ hafte Wirthſchaft in Leonhardfels ein kalter Hauch des Windes ſein kann, der von dem froſtigen Lande des irdiſchen Eigennutzes her blaͤ⸗ ſet, wo nie eine Pflanze der Gnade Wurzel faßte und gedieh, und weil ich in meinem Ver⸗ kehr die Guͤter dieſer Welt faſt zu ſehr in mei⸗ ne Arme ſchließe, ſo empfange ich dieſe Schik⸗ 109 kung als einen Ruf zum Aufbruche aus Ha⸗ ran, wie an den gerechten Abraham vor Al⸗ ters erging, und ich verlaſſe meines Vaters Sippſchaft und meiner Mutter Haus, und die Aſche und den Staub Derjenigen, die vor mir zur Ruhe gegangen, und warten, daß dieſe meine alten zerbrochenen Gebeine mit ihnen vereinigt werden. Und mein Herz wird erleuch⸗ tet, dieß zu thun, wenn ich denke an den Ver⸗ fall werkthaͤtiger und ernſter Froͤmmigkeit in dieſem Lande, und betrachte die Hoͤhe und die Tiefe, die Laͤnge und die Breite des Abfalles bei dieſem Volke, und wie die Liebe Vieler ſo lau und kalt wird, und ich werde gleicher⸗ weiſe beſtaͤrkt in dem Entſchluſſe, meinen Wohn⸗ ort zu veraͤndern, da ich hoͤre, daß man Pach⸗ tungen gegen leichten Zins in Northumberland haben kann, wo es viele theure Seelen von unſerm wahren, wiewohl leidenden Glauben gibt. Und was ich von den Kuͤhen oder dem Viehſtamm dazu tauglich halte, kann ohne Un⸗ bequemlichkeit dahin getrieben werden, wie dieſe und jene, die gern in gebirgigen Gegenden le⸗ ben wird, und die uͤbrigen koͤnnen mit gutem Nutzen und Vortheil verkauft werden, wenn 110 uns die Gnade verliehen wird, dieſe Guͤter dieſer Welt wohl zu benutzen und zu gebrau⸗ chen. Der Gutsherr hat ſich bei dieſer ungluͤck⸗ lichen Gelegenheit als unſern wahren Freund gezeigt, und ich habe ihm das Geld wieder be⸗ zahlt, das er uns bei Effie's Ungluͤck vorge⸗ ſchoſſen hat, und wovon ihm Herr Novit kei⸗ nen Ueberſchuß gebracht hat, wie der Gutsherr und ich erwarteten. Aber die Gerechtigkeit leckt alles auf, wie man im gemeinen Leben zu ſa⸗ gen pflegt. Ich habe das Geld aus ſechs Beu⸗ teln borgen muͤſſen. Herr Sattelbaum rieth mir, den Gutsherrn von Lounsbeck wegen ſei⸗ ner Verſchreibung von tauſend Mark zu ver⸗ klagen, aber ich mag mit Klagen nichts zu ſchaffen haben, ſeit jenem ſchrecklichem Morgen, wo der Ton eines Horns in Edinburgh die Haͤlfte der glaͤubigen Prediger in Schottland von ihren Kanzeln blies. Doch werde ich wohl auf Hilfvollſtreckung gegen ihn klagen, wie Herr Sattelbaum meint, und ich mag ein wohl erworbenes Gut, wenn's ſein kann, nicht an Leute ſeines Gleichen verlieren. Was die Koͤniginn anlangt, und die Wohlthat, die ſie eines armen Mannes Tochter erwieſen hat, und 111 die Barmherzigkeit und Gnade, die Du vor ihr gefunden, ſo kann ich nur beten, daß es ihr hier und jenſeit wohl ergehen und daß ihr Haus nun und immerdar auf dem Throne dieſer Koͤnigreiche beveſtigt ſein moͤge. Ich zweifle nicht, Du wirſt Ihro Majeſtaͤt geſagt haben, daß ich derſelbe David Deans bin, der zur Zeit der Revolution ſein Stuͤckchen ſpielte, als ich die Koͤpfe zweier falſchen Profeten zu⸗ ſammenſtieß, jener gnadenloſen biſcchoͤflichen Gnaden, als ſie auf der Hochſtraße ſtanden, nachdem man ſie aus der Staͤndeverſammlung weggejagt hatte. Der Herzog von Argyle iſt ein edler und redlicher Edelmann, der die Sa⸗ che der Armen und der Hilfbeduͤrftigen fuͤhrt, und gewiß der Lohn wird ihm nicht entgehen. Ich habe von vielen Dingen geſchrieben, aber noch nichts von dem, das mir doch naͤher als alles am Herzen liegt. Ich habe das irregeleitete Geſchoͤpf geſehen; ſie wird morgen in Freiheit ge⸗ ſetzt werden, unter der Bedingung, Schortland in vier Wochen zu verlaſſen. Ihre Seele iſt in einer boͤhen Stimmung, und blickt zuruͤck, glaube ich, nach dem Lande Aegypten, als ob das bit⸗ tre Waſſer der Wuͤſte haͤrter zu ertragen waͤre, 112 als die Ziegeloͤen, neben welchen ſchmackhafte Fleiſchtoͤpfe ſtanden. Ich brauche Dich nicht zu bitten, daß Du alsbald zuruͤckkommen wolleſt, denn Du biſt, naͤchſt meinem großen Herrn, meine einzige Stuͤtze in dieſen Noͤthen. Ich fodre Dich auf, deine Fuͤße wegzuziehen aus dem Blendwerke jenes Eitelkeitmarktes, wo Du Dich aufhaͤltſt, und gehe Du nicht in ihren Gottesdienſt, welcher nur eine ſchlecht ver⸗ mummte Meſſe iſt, wie Jakob der Sechſte ſagte, wiewohl ſpaͤterhin er und ſein ungluͤckli⸗ cher Sohn ſie mit Gewalt in ihr angeſtamm⸗ tes Reich bringen wollten, weshalb denn ihr Stamm dahin iſt, wie ein Schaum auf dem Waſſer, und muß unter den Voͤlkern in der Irre gehen— ſiehe Hoſea, Kap. 9 Vers 17. und daſelbſt Kap. 10 Vers 7. Wir aber und unſer Haus wollen ſagen mit demſelbigen Profeten: Kommt, wir wollen wieder zum Herrn, denn er hat uns zerriſſen, er wird uns auch heilen, er hat uns geſchlagen, er wird uns auch verbinden.“ Er billigte dann die vorgeſchlagene Art der Ruͤckreiſe nach Glasgow, und ließ ſich in ver⸗ ſchiedene beſondre Umſtaͤnde ein, deren Erwaͤh⸗ 113 nung unnoͤthig iſt. Eine Zeile des Briefes, welche aber von der Empfaͤngerinn oft genug ge⸗ leſen wurde, meldete, daß Ruben Butler in dieſen Leiden ſich wie ein Sohn gegen ihn be⸗ tragen haͤtte. David Deans hatte fruͤher ſelten von Butler geſprochen, ohne uͤber die fleiſchli⸗ chen Gaben und die Gelehrſamkeit des jungen Mannes, oder ſeines Großvaters Ketzerei, mehr oder minder deutlich zu ſpotten, und Johanna fand eine gute Vorbedeutung darin, daß dem, ihn betreffenden Satze keine ſolche Beſchraͤnkung hinzugefuͤgt war. Die Hoffnung eines Liebenden gleicht der Bohne im Ammenmaͤhrchen; wenn ſie einmahl Wurzel gefaßt hat, waͤchſt ſie ſo ſchnell, daß in wenigen Stunden die Rieſinn Phantaſie ein Schloß darauf baut, bis alsbald die Vereitelung mit ihrer Axt kommt und die Pflanze ſammt dem Schloſſe umhaut. Johanna's Phantaſie, ſonſt nicht die kraͤftigſte ihrer Eigenſchaften, war doch lebhaft genug, ſie auf ein einſames Pacht⸗ gut in Northumberland zu verſetzen, das mit Milchkuͤhen, ergiebigem Vieh und Schafen wohl verſehen war; daneben baute ſie ein Bethaus, von ernſthaften Presbyterianern beſucht, die ein⸗ V. Theil. 8 114 muͤthig Ruben Butler zu ihrem geiſtlichen Fuͤh⸗ rer gewaͤhlt hatten; Effie war wieder, wenn auch nicht froͤhlich, doch wenigſtens heiter; ihr Vater hatte duͤnnes graues Haar und eine Bril⸗ le, ſie ſelber hatte das Jungfernnetz mit der Frauenhaube vertauſcht, und alle ſaßen in einem Kirchſtuhle jenes Bethauſes, und horchten auf andaͤchtige Worte, die ſuͤßer und kraͤftiger durch die zaͤrtlichen Bande wurden, welche ſie mit dem Prediger vereinten. Sie labte ſich taͤglich an ſolchen Traͤumen, bis ihr endlich der Aufenthalt in London unertraͤglich und langweilig wurde, und ihre Freude war nicht gering, als ſie aus dem Hauſe des Herzogs von Argyle die Auffode⸗ rung erhielt, ſich in zwei Tagen zur Reiſe nach Schottland bereit zu halten. 8 VI.ℳ Ein Weib die Eine, die von Rach' ergluͤht Die That gethan, worauf ſie froh noch ſieht; Sie drohet muͤrriſch, und ihr Blick verkuͤndet Den finſtern Stolz, daß Muth zum Tod ſie findet. Crabbe. Johanna Deans hatte beinahe drei Wochen in London zugebracht, als ſie aufgefodert wurde, ſich zur Abreiſe zu bereiten. Am beſtimmten Morgen nahm ſie ſo dank⸗ bar Abſchied von ihrer Muhme, als es die, von der guten Frau ihr bewieſene Aufmerkſamkeit verdiente; ſetzte ſich mit ihrem Gepaͤcke, das Einkaͤufe und Geſchenke anſehnlich vergroͤßert hatten, in eine Miethkutſche und war bald bei ihren Reiſegefaͤhrten in der Wohnſtube der Haushaͤlterinn im Hauſe des Herzogs. Waͤh⸗ rend angeſpannt wurde, meldete man ihr, daß 8* 116 der Herzog mit ihr zu ſprechen wuͤnſchte, und in einen glaͤnzenden Saal gefuͤhrt, ſah ſie zu ihrer Ueberraſchung, daß er ſie ſeiner Gemahlinn und ſeinen Toͤchtern vorſtellen wollte. Hier bringe ich Dir meine kleine Landsmaͤn⸗ ninn, ſprach er zu der Herzoginn. Mit einem Heere von jungen Kerlen, ſo tapfer und ſtand⸗ haft als ſie, und bei meiner guten Sache, wuͤrde ich nicht Zwei gegen Einen fuͤrchten. O Vater! ſprach ein lebhaftes, etwa zwoͤlf⸗ jaͤhriges Maͤdchen: erinnern Sie ſich doch, es war voͤlig Einer gegen Zwei auf dem Sheriff⸗ moor*) und doch— ſekzte ſie hinzu, die be⸗ kannte Ballade anſtimmend: Wir ſiegten, ſo hieß es, ſie ſiegten, ſprach man, Auch hieß es, daß Niemand geſiegt; Doch ſo viel iſt wahr, auf dem Sheriffmoor Da hat man, ich ſah es, gekriegt. Wie, mein Mariechen wird unter meinen Haͤnden eine Jakobitinn? ſprach der Herzog. Da hat unſre Landsmaͤnninn eine ſchoͤne Neuig⸗ keit nach Schottland zu bringen! *) Wo 1715 der Herzog von Argyle gegen die Partei der Stuarte in einer nicht ganz entſchei⸗ denden Schlacht focht. L. 117 Wir koͤnnten alle Jakobiten werden, ſo viel Dank haben wir dafuͤr gehabt, daß wir Whigs geblieben ſind, ſprach das zweite Fraͤulein. Wollt Ihr wohl ſchweigen, ihr mißvergnuͤg⸗ ten Aeffchen! Kleidet eure Puppen an, und was die Schlaͤgerei bei Dumblane anlangt— War's gut nicht geſchlagen, geſchlagen, geſchlagen, [War's gut nicht geſchlagen, ſo geht's wieder los. Vaͤterchens Witz iſt in der Ebbe, ſprach Fraͤulein Marie. Er wiederhohlt ſich ſelber; hat er doch eben ſo geſungen auf dem Schlacht⸗ felde, als man ihm ſagte, die Hochlaͤnder haͤtten ſeinen linken Fluͤgel mit ihren Schwertern in Stuͤcke gehauen. Ein Ruck am Haare war die Antwort auf dieſen Ausfall.„O den tapfern Hochlaͤndern und ihren blitzenden Schwertern wuͤnſche ich al⸗ les Gute, trotz allem Leid, das ſie mir zugefuͤgt haben, wie's im Liede heißt.— Aber kommt, ihr Tollkoͤpfchen, und ſagt eurer Landsmaͤnninn ein freundliches Wort. Ich wollte, Ihr haͤttet nur halb ſo viel geſunden, ſchlichten Verſtand als ſie, und Ihr koͤnntet dabei eben ſo treuge⸗ ſinnt und redlich ſein,“ 118 Die Herzoginn trat vor, und mit wenigen, eben ſo freundlichen als hoͤflichen Worten verſi⸗ cherte ſie ihr die Achtung, die ſie gegen ein ſo lieb⸗ reiches und doch ſo ſtandhaftes Gemuͤth hegte, und ſetzte hinzu: Wenn Ihr heim kommt, wer⸗ det Ihr vielleicht etwas von mir hoͤren. Und von mir— und von mir— und von mir, Johanna! riefen die Fraͤulein nach einan⸗ der. Ihr macht dem Lande Ehre, das wir Alle ſo lieb haben. Johanna war ganz beſtuͤrzt uͤber dieſe uner⸗ warteten Artigkeiten, und da ſie nicht errieth, daß der Herzog durch ſeine Nachforſchungen mit ihrem Betragen bei dem Verhoͤre ihrer Schweſter bekannt geworden war, ſo konnte ſie nicht anders antworten, als daß ſie erroͤthete, ſich ringsum verbeugte, und von Zeit zu Zeit ſprach: Vielen Dank! Vielen Dank! Johanna, hob der Herzog wieder an, Du mußt ein Doch an Dorroch— einen Ab⸗ ſchiedstrun?k— nehmen, oder Du kannſt nicht reiſen. Es ſtand ein Teller mit Kuchen und Wein auf dem Tiſche. Der Herzog nahm ein Glas, und mit den Worten: Allen treuen Herzen, die 1 119 Schottland lieben! reichte er es der Gaſt⸗ freundinn. Johanna lehnte es ab, mit der Verſicherung, ſie haͤtte nie in ihrem Leben Wein gekoſtet. Wie kommt das, Johanna? erwiderte der Herzog. Du weißt ja, Wein erfreut des Men⸗ ſchen Herz. Ja, gnaͤdiger Herr, aber mein Vater gleicht Jonadab dem Sohne Rehab's, der ſeinen Kin⸗ dern befahl, nie Wein zu trinken. Ich dachte, dein Vater haͤtte mehr Verſtand gehabt, ſprach der Herzog, es waͤre denn, daß er den Brantwein lieber haͤtte. Aber wenn Du nicht trinken willſt, Johanna, ſo mußt Du we⸗ nigſtens eſſen, damit mein Haus nicht um ſei⸗ nen guten Ruf komme. Er drang ihr ein großes Stuͤck Kuchen auf, und wollte nicht leiden, daß ſie etwas davon ab⸗ braͤche und das Uebrige wieder auf den Teller legte.„Steck' es in deine Taſche, ſprach er: Du wirſt froh ſein, es zu haben, ehe Du Edin⸗ burgh wiederſiehſt. Wollte Gott, ich ſaͤhe es ſobald als Du. Nimm denn meine beßten Gruͤße an alle meine Freunde in der alten 120 Rauchſtadt*) und in der Gegend, und reiſe gluͤcklich.“. Mit der Offenheit eines Kriegsmannes und mit ſeiner natuͤrlichen Leutſeligkeit, druͤckte er ſeiner Schutzbefohlenen die Hand, und empfahl ſie Ar⸗ chibalds Sorgfalt, uͤberzeugt, daß er durch die ihr bewieſene ungewoͤhnliche Aufmerkſamkeit ihr eine gute Behandlung von Seiten ſeiner Dienſt⸗ boten geſichert hatte. Johanna fand ihre beiden Reiſegefaͤhrten auf dem ganzen Wege geneigt, ihr alle moͤgliche Aufmerkſamkeit zu beweiſen, und ihre Ruͤckreiſe war in Hinſicht auf Bequemlichkeit und Sicherheit mit der Reiſe nach London gar nicht zu ver⸗ gleichen. Auch war ihr Herz der Buͤrde von Kum⸗ mer, Scham, Beſorgniß und Futcht entledigt, welche vor der Zuſammenkunft mit der Koͤniginn in Richmond ſie gedruͤckt hatte. Das menſch⸗ liche Gemuͤth aber iſt ſo ſeltſam launiſch, daß es, von dem Drucke wahrer Leiden erloͤſet, gegen die Furcht vor eingebildeter Truͤbſal offen und *) Auld Reeky nennt man im Scherz die ſchot⸗ tiſche Hauptſtadt. 1 L. 121 empfaͤnglich wird. Johanna war nun ſehr be⸗ kuͤmmert, daß ſie nichts von Ruben Butler ge⸗ hoͤrt hatte, dem das Schreiben doch ſo viel leich⸗ ter wurde, als ihr.„Es wuͤrde ihm ſo wenig Muͤhe gemacht haben, ſprach ſie zu ſich ſelber. Ich habe ja geſehen, wie ſeine Feder ſo ſchnell uͤber das Papier flog, als ſie nur immer uͤber das Waſſer ging, da ſie noch im Fluͤgel der Gans war. O Gott! vielleicht iſt er ſchlimmer geworden— Doch nein, dann haͤtte mein Va⸗ ter mir wohl etwas davon geſagt. Oder vielleicht iſt's ihm leid geworden und er weiß nun nicht, wie er's mir ſagen ſoll, daß er ſeinen Sinn ge⸗ aͤndert hat. Er brauchte ſich daruͤber nicht viel Sorge zu machen, fuhr ſie fort, ſich aufrichtend, obgleich die Thraͤne tugendhaften Stolzes und gekraͤnkter Zuneigung ihr in's Auge trat, als der Argwohn in ihr erwachte. Johanna Deans wird ihn nie beim Aermel zupfen, und ihn an etwas erinnern, das er gern vergeſſen moͤchte. Ich werde ihm darum doch alles Liebe und Gute wuͤnſchen, und wenn's ihm gluͤckt, eine Predi⸗ gerſtelle in unſrer Gegend zu bekommen, ſo gehe ich auch hin, und hoͤre ihn, um ihm zu zeigen, daß ich ihm nichts nachtrage.“ Und als dieſer 122 Auftritt vor ihrer Seele ſtand, ſchlich ihr die Thraͤne wieder in's Auge⸗ Johanna hatte Zeit genug, ſich dieſen ſchwer⸗ muͤthigen Traͤumereien zu uͤberlaſſen; denn ihre Reiſegefaͤhrten, Dienſtboten in einem großen und vornehmen Hauſe, hatten natuͤrlich viele Gegenſtaͤnde der Unterhaltung, woran ſie weder Freude finden, noch Theil nehmen konnte. Sie fand uͤberfluͤßige Muße zum Nachdenken, ja zum Selbſtquaͤlen, waͤhrend man mehre Tage auf dem Wege nach Carlisle zubrachte, da die jungen Pferde, die der Herzog nach Schottland ſandte, nur leichte und kurze Tagereiſen ma⸗ chen durften. Als ſie ſich dieſer alten Stadt naͤherten, be⸗ merkten ſie eine anſehnliche Volksmaſſe auf einer Anhoͤhe, nicht weit von der Landſtraße, und er⸗ fuhren von einigen Voruͤbergehenden, die von Suͤden her zu dem lebendigen Schauſpiele eilten, daß die Urſache des Zuſammenlaufes das loͤbliche Verlangen waͤre, eine verurtheilte ſchottiſche Hexe und Diebinn wenigſtens den halben Lohn em⸗ pfangen zu ſehen, da man ſie haͤngen wollte, ſtatt ſie lebendig zu verbrennen, wie's haͤtte ge⸗ ſchehen ſollen. Lieber Herr Archibald, ſprach die erwaͤhlte Milchaufſeherinn, ich habe in meinem Leben noch keine Frau haͤngen ſehen, und nur vier Maͤnner, was huͤbſch ausſah. Archibald aber war ein Schottlaͤnder und verſprach ſich nicht allzuviel Freude davon, eine Landsmaͤnninn dem furchtbaren Gebote des Ge⸗ ſetzes genuͤgen zu ſehen. Er beſaß uͤberdieß in ſeiner Art Verſtand und Zartgefuͤhl, und da er wußte, was ſich neuerlich in Johanna's Familie zugetragen hatte, und in welcher Abſicht ſie nach London gekommen waͤre, ſo antwortete er trok⸗ ken, er koͤnnte ſich unmoͤglich aufhalten und muͤßte bald in Carlisle ſein, wo er einen Auf⸗ trag fuͤr den Herzog auszurichten haͤtte. Mit dieſer Aeußerung trieb er den Kutſcher zur Eile an. Die Landſtraße lief zu jener Zeit etwa tau⸗ ſend Schritte weit von der Anhoͤhe, der Haradee⸗ Huͤgel genannt, welcher, obgleich von unbetraͤcht⸗ lichem Umfange und geringer Hoͤhe, doch in der flachen Gegend, die der Eden durchſtroͤmt, weit⸗ hin ſichtbar iſt. Hier hatte mancher Geaͤchtete, mancher Graͤnzraͤuber aus beiden Reichen waͤh⸗ rend der Kriege und der kaum minder feindſeli⸗ 124 gen Waffenſtillſtaͤnde zwiſchen beiden Laͤndern, im Winde geweht. In ſpaͤtern Zeiten hatten auf dem Haradee andre Hinrichtungen, ohne viele Umſtaͤnde und ohne Mitleid zu erwecken, ſtatt gefunden; denn dieſe Graͤnzgebiete blieben lange unruhig, und waren ſelbſt noch zu der Zeit, wovon wir erzaͤhlen, in einem rohern Zu⸗ ſtande, als die Gegenden Mittel⸗ Englands. Der Kutſcher eilte voran und folgte der Stra⸗ ße, die um den Fuß des anſteigenden Gelaͤndes bog. Frau Dorchen Dutton hatte aber noch immer Augen und Kopf nach dem Schauſpiele gerichtet, und konnte deutlich den Umriß des Galgens ſehen, der auf dem heitern Himmel ſich abzeichnete, ſo wie die dunkeln Schatten des Henkers und der Verbrecherinn, als ſie die hohe Leiter hinanſtiegen, bis eine der beiden Geſtal⸗ ten, in die Luft hinaufgezogen, unzweideutige Zeichen des Todeskampfes gab, obgleich ſie in der Entfernung nicht viel groͤßer als eine Spin⸗ ne am Ende ihres unſichtbaren Fadens ausſah, waͤhrend die andre von der Hoͤhe hinabſtieg und ſich alsbald unſichtbar unter dem Haufen verlor. Frau Dutton ſtieß natuͤrlich einen Schrei aus, als ſie dieſes Ende des Trauerſpiels ſah, und 125 auch Johanna, von unbewußter Neugier getrie⸗ ben, wendete den Kopf in gleicher Richtung um. Der Anblick einer Verbrecherinn, die eben die ſchreckliche Strafe erlitt, wovon ſie ihre ge⸗ liebte Schweſter kaum gerettet hatte, war zu viel, wenn vielleicht auch nicht fuͤr ihre Nerven, doch fuͤr ihr Gemuͤth und ihre Gefuͤhle. Sie ſah nach der andern Seite des Wagens, und wurde von Ekel und einer Anwandlung von Ohnmacht ergriffen. Ihre Reiſegefaͤhrtinn beſtuͤrmte ſie mit Fragen, mit Anerbietungen von Beiſtand, mit Bitten, daß der Wagen anhalten, daß man einen Arzt hohlen, nach Tropfen ſchicken, ver⸗ brannte Federn und Aſſa Foetida, Riechwaſſer und Hirſchhorngeiſt herbeiſchaffen moͤchte, alles 1 auf einmahl und ohne einen Augenblick zu ver: lieren. Der ruhigere und bedachtſamere Archi⸗ bald verlangte nur, der Wagen ſollte voran fah⸗ ren, als ſie aber das unſelige Schauſpiel aus dem Geſichte verloren hatten, und er Johanna's Todtenblaͤſſe bemerkte, ließ er anhalten, und ſprang aus dem Wagen, um das bekannteſte und zugaͤnglichſte Mittel aus dem Arzneiverzeich⸗ niſſe der Frau Dutton, naͤhmlich einen Trunk friſchen Waſſers, zu hohlen. 126 Waͤhrend Archibald abweſend war, um die⸗ ſen guten Dienſt zu leiſten, wobei er die Graͤ⸗ ben verwuͤnſchte, die nichts als Schlamm ent⸗ hielten und an die tauſend ſprudelnden Quellchen in ſeinen heimiſchen Bergen dachte, gingen die Neugierigen, die der Hinrichtung beigewohnt hatten, auf ihrem Ruͤckwege nach Carlisle an dem ſtillſtehenden Wagen voruͤber. Johanna horchte unwillkuͤhrlich auf die Re⸗ den der Wanderer, wie Kinder auf Geiſterge⸗ ſchichten, ungeachtet ſie wiſſen, wie viel Qual ihnen ſpaͤter die Erinnerung daran machen wird, und ſie konnte aus den halb gehoͤrten und halb verſtandenen Worten abnehmen, daß die Hinge⸗ richtete muͤrriſch, ſorglos und verſtockt geſtorben war, ohne Furcht vor Gott, ohne Achtung ge⸗ gen die Menſchen. Ein muͤrriſches, ſtoͤckiſches Weib! ſprach ein cumberlaͤndiſcher Bauer, als er in ſeinen Holz⸗ ſchuhen laͤrmend wie ein Karrengaul voruͤber trampelte. Sie iſt zu ihrem Meiſter gegangen, mit ſeinem Nahmen im Munde, hob ein Anderer an:'s iſt eine Schande, daß das Land ſo ge: 127 plagt iſt mit ſchottiſchen Hexen und ſchottiſchen Petzen. Aber ich ſage, gehaͤngt und ertraͤnkt! Ja, ja Nachbar Tramp, wenn man die Hexen haͤngt, gibt's weniger Unheil unter uns. Meine Ochſen ſind dieſe zwei Monate lang ſteif geweſen. Und meine Kinder ſind wie Haut und Kno⸗ chen, Nachbar, erwiderte jener. Haltet eure Schandmaͤuler, ihr Bauernvolk! ſprach eine alte Frau, die vorbei humpelte, als die Landleute ſchwatzend bei dem Wagen ſtan⸗ den. Es war keine Hexe, aber eine blutfingerige Diebinn und Moͤrderinn. So? Was ihr ſagt! ſprach einer der Land⸗ leute hoͤflich, und ging auf die Seite, um die Alte auf den Fußpfad gehen zu laſſen. Ja, Ihr wißt's gewiß am beßten, aber auf alle Faͤl⸗ je haben wir doch nur eine Schottlaͤnderinn an ihr verloren, und die verliert man lieber als man ſie findet. Die Alte ging voruͤber, ohne zu antworten. Ja, ja, Nachbar, ſprach Tramp, ſiehſt Du nun, wie eine Hexe fuͤr die andre ſpricht? Schottiſch oder engliſch, das iſt ihnen einerlei, Sein Begleiter ſchuͤttelte den Kopf, und er⸗ 128 widerte mit eben ſo leiſem Tone:„Ja, wenn ein altes Weib in Sarkfoot ihren Beſenſtiel nimmt, ſetzen ſich auch die Weiber in Allonby auf, gerade wie das Sprichwort von den Ber⸗ gen ſagt: Wenn der Skiddaw raucht, Weiß der Criffel es auch.“ Aber meinſt Du denn nicht auch, fuhr Tramp fort, die Tochter der Alten, die da bau⸗ melt, waͤre eben ſo eine Erzhexe als ſie? Das weiß ich nicht ſo recht, erwiderte der Andre. Aber man ſpricht davon, man wollte ſie in den Eden werfen.— Nach dieſen Wor⸗ ten nahmen ſie Abſchied, und jeder ging ſeine Straße. Als die Landleute ſich eben entfernten, und Archibald mit friſchem Waſſer zuruͤckkehrte, kam ein Schwarm von Knaben und Maͤdchen und erwachſenem Geſindel vom Richtplatze her, und umringte mit vielem Freudengeſchrei ein langes, ſeltſam gekleidetes Weib, das mitten un⸗ ter dem Haufen tanzte, ſprang und huͤpfte. Eine ſchreckliche Erinnerung erwachte in Johan⸗ na, als ſie das ungluͤckliche Geſchoͤpf anſah, und die Wiedererkennung war wechſelſeitig, denn 129 Grete Wildfeuer nahm plötzlich ihre Kraft und Behendigkeit zuſammen, brach aus dem laͤrmen⸗ den Kreiſe ihrer Quaͤler hervor, und ſich veſt an den Schlag des Wagens haͤngend, rief ſie mit einem halb lachenden, halb ſchreienden Tone:„Ei wißt Ihr's denn, Hannchen Deans, ſie haben unſre Mutter gehaͤngt?“ Dann ward ihr Ton auf einmahl klaͤglich bittend, als ſie fortfuhr: „O macht, daß ich ſie abſchneiden darf! Laßt ſie mich nur abſchneiden!— Sie iſt meine Mutter, wenn ſie auch ſchlimmer gegen mich war, als der Teufel. Man wuͤrde es ihr nicht mehr anſehen, als der halb gehaͤngten Mieke Dickſon, die noch manchen Tag nach dem Haͤn⸗ gen Salz! ſchrie. Ihre Stimme war wohl rauh und heiſer und ihr Hals ein bischen ſchief, aber ſonſt ſah ſie aus wie jedes andre Salzweib.“ Archibald war verlegen, als die Verruͤckte ſich an dem Wagen veſthielt, und den ganzen Schwarm ihrer laͤrmenden und muthwilligen Begleiter um ſich ſammelte, und er ſah ſich nach einem Polizeibeamten oder Buͤttel um, dem er die Ungluͤckliche haͤtte uͤberliefern koͤnnen. Er fand jedoch keinen Beiſtand der Art, und ſuchte ſie nun von dem Wagen los zu machen, um V. Theil. 4 9 130 dann, ſchnell wegfahrend, ihr zu entrinnen. Dieß konnte jedoch nicht ohne einige Gewaltthaͤ⸗ tigkeit geſchehen; Grete hielt veſt, und wider⸗ hohlte ihre wahnſinnige Bitte, ihre Mutter ab⸗ ſchneiden zu duͤrfen.„Es waͤre ja nur ein Strick fuͤr zehn Penny verloren, ſagte ſie, und was iſt das gegen das Leben eines Weibes!“ Waͤhrend ſie ſprach, kamen einige Burſche von wildem Anſehen, meiſt Fleiſcher und Vieh⸗ maͤſter, heran, unter deren Vieh neuerlich eine gefaͤhrliche Krankheit ſehr allgemein geweſen war, die ihre Weisheit der Hexerei zuſchrieb. Sie leg⸗ ten gewaltthaͤtige Hand an Grete, und riſſen ſie vom Wagen, mit dem Ausrufe:„Warum haͤltlſt Du die Leute auf der Landſtraße an. Haſt Du nicht ſchon Unheil genug angerichtet mit Mord und Hexerei?“ O Hannchen Deans— Hannchen Deans! rief die arme Wahnſinnige, rettet meine Mut⸗ ter, und ich will Euch noch einmahl in das Haus des Auslegers fuͤhren— ich will Euch manches ſchoͤne Lied vorſingen, und ich will Euch ſagen, was geworden iſt aus dem— Die uͤbrigen Worte ihres Flehens wurden von dem Geſchrei des Poͤbels uͤbertaͤubt. 131 Rettet ſie, um Gottes willen, rettet ſie von dieſen Leuten! rief Johanna flehend zu Archibald. Sie iſt verruͤckt, aber ganz unſchuldig, ſprach Archibald zu dem Volke. Sie iſt verruͤckt; thut ihr nichts zu Leide, und bringt ſie vor die Obrigkeit.. Ja, ja, wir wollen ſchon fuͤr ſie ſorgen, er⸗ widerte Einer aus dem Haufen. Geh' Du dei⸗ ner Wege, Freund, und bekuͤmmere Dich um deine eigenen Sachen. Er iſt ein Schottläͤnder nach ſeiner Sprache, ſprach ein Anderer, und wenn er aus ſeiner Karrete kommen will„ ſo kann er ſein buntes Plaid voll zerſchlagener Knochen mitnehmen. Es war offenbar, daß man Grete nicht be⸗ freien konnte, und dem menſchlich geſinnten Archibald blieb nichts uͤbrig, als ſchnell nach Carlisle voranfahren zu laſſen, um Beiſtand fuͤr die Ungluͤckliche zu erlangen. Als ſie voran eil⸗ tten, hoͤrten ſie das heiſere Bruͤllen, womit der Pöbel Aufruhr oder grauſame Handlungen ein⸗ litet, aber ſelbſt unter dieſen tiefen und furcht⸗ baren Toͤnen konnten ſie noch das Geſchrei der Ungluͤcklichen unterſcheiden. Bald verloren ſich dieſe Toͤne in der Ferne, aber kaum waren ſie 3 3 9*† 132 in Carlisle angekommen, als Archibald, auf Johanna's lebhafte und dringende Bitten, ſich zu einem Beamten begab, und ihm anzeigte, daß wahrſcheinlich eine Grauſamkeit gegen das ungluͤckliche Geſchoͤpf ausgeuͤbt werden ſollte. Er kam nach etwa anderthalb Stunden zu⸗ ruͤck, und meldete ſeiner Reiſegefaͤhrtinn den Er⸗ folg. Der Beamte hatte ſich bereitwillig mit einigen Gehilfen auf den Weg gemacht, um die Ungluͤckliche zu befreien und Archibald war mit ihm gegangen. Als ſie zu der ſchlammigen Pfuͤtze kamen, wo der Poͤbel nach ſeiner beliebten Strafart ſie untertauchte, gelang es dem Beam⸗ ten, ſie zu retten, aber ſie hatte durch die erlitte⸗ 1 ne Behandlung voͤllig ihre Beſinnung verloren. Archibald hatte ſie in's Arbeithaus fuͤhren ſehen, und verſicherte, gehoͤrt zu haben, daß ſie wieder zu ſich gekommen und außer Gefahr waͤre. Dieſe Verſicherung enthielt eine kleine Ab⸗ weichung von der Wahrheit, denn man glaubte nicht, daß Grete Wildfeuer die erlittene Behand⸗ lung uͤberleben werde, aber Johanna ſchien ſo lebhaft bewegt zu ſein, daß Archibald es nicht rathſam fand, ihr das Schlimmſte auf einmahl zu ſagen. Dieſer beunruhigende Vorfall ſchien ſie wirklich ſehr heftig erſchuͤttert und angegriffen zu haben, und unter dieſen Umſtaͤnden gaben ihre Reiſegefaͤhrten den Gedanken auf, noch an dieſem Abend nach Longtown zu reiſen, ſondern hielten es fuͤr rathſamer, die Nacht in Carlisle zuzubringen. Johanna war ſehr froh daruͤber, und faßte den Vorſatz, ſich wo moͤglich eine Zuſammen⸗ kunft mit Grete Wildfeuer zu verſchaffen. Sie brachte einige wahnſinnige Aeußerungen der Un⸗ gluͤcklichen mit Georg Staunton's Erzaͤhlung in Verbindung, und wollte nicht gern die Gelegen⸗ heit ſich entgehen laſſen, ihr wo moͤglich Nach⸗ richt uͤber das Schickſal des ungluͤcklichen Kindes abzulocken, das ihrer Schweſter ſo viel Leid ge⸗ bracht hatte. Mit dem zerruͤtteten Gemuͤthzu⸗ ſtande der armen Grete bekannt, durfte ſie zwar kaum die Hoffnung hegen, von ihr nuͤtliche Mittheilungen zu erhalten, da aber die Mutter der Ungluͤcklichen ihr verdientes Schickſal erlitten hatte, und fuͤr immer ſtumm war, ſo hatte Jo⸗ hanna keine andere Ausſicht, irgend eine Nach⸗ richt zu erlangen, und wollte daher nicht gern die Gelegenheit verſaͤumen. Sie beſchoͤnigte ihren Wunſch gegen Archi⸗ 134 bald durch die Aeußerung, daß ſie Grete fruͤher gekannt haͤtte, und von Mitleid bewegt, gern wiſſen wollte, wie die Arme in ihrer ungluͤckli⸗ chen Lage behandelt werde. Der gefaͤllige Mann begab ſich ſogleich in das Arbeithaus, wo man die Leidende aufgenommen hatte, und kam mit der Antwort zuruͤck, daß die Aerzte einen Beſuch bei der Kranken durchaus nicht geſtatten wollten. Als Archibald am folgenden Tage noch einmahl um Zutritt bat, erfuhr er, ſie waͤre ſo ruhig und gefaßt geworden, daß der Geiſtliche, dem die Seelſorge in der Anſtalt an⸗ vertraut war, es fuͤr dienlich gehalten haͤtte, ihr vorzubeten; bald nach ſeiner Entfernung aber waͤren die Anwandlungen des Jerſinns zuruͤckge⸗ kehrt, doch koͤnnte ihre Landsmaͤnninn, wenn ſie wollte, die Kranke beſuchen. Man glaubte nicht, daß ſie noch einige Stunden leben koͤnnte. Johanna eilte gleich nach dem Empfange dieſer Botſchaft in's Spital, und ihre Reiſege⸗ faͤhrten begleiteten ſee. Man fand die Ster⸗ bende in einem großen Gemache mit zehn Bet⸗ ten, wovon aber nur das einzige beſetzt war, das die Kranke einnahm. Grete ſang, als ſie hereintraten; ſang ihre ſeltſamen Bruchſtuͤcke von Liedern und veralteten Weiſen, mit einer Stimme, die nicht mehr durch den irren Geiſt heftig angeſtrengt wurde, ſondern bei koͤrperlicher Erſchoͤpfung ſanft, traurig und gedaͤmpft klang. Sie war noch immer im Wahnſinn, aber nicht mehr im Stande, die ir⸗ ren Gedanken in den wilden Toͤnen auszuſpre⸗ chen, die fruͤher ihre ſchwaͤrmende Einbildung ihr eingegeben hatte. Der Tod ſprach aus den klagenden Toͤnen ihrer Stimme, die aber in die⸗ ſer ſtillen und traurigen Weiſe etwas von dem lullenden Tone hatten, womit eine Mutter ihr Kind in Schlaf ſingt. Als Johanna hereintrat, hoͤrte ſie zuerſt eine Stimme und dann einen Theil der Worte des Chors, die zu einem froͤh⸗ lichen Ernteliede gehoͤrt haben mochten. Gethan iſt unſer Werk, gethan; Die Stirn' wiſcht ſich der Ackersmann; Der letzte ſchwere Wagen faͤhrt, Und Scherz und Spiel iſt uns gewaͤhrt. Die Sonne ſinkt, es kommt die Nacht, Und unſer Tagwerk iſt vollbracht, Bricht nach dem Herbſt' der Winter ein, Wird uns das Erntefeſt erfreun. Johanna trat an's Bett, als der Geſang ſchwieg, und nannte Gretens Nahmen. Aber die Kranke ſchien ſie nicht wieder zu erkennen, ſondern veraͤnderte ihre Lage, als ob die Unter⸗ brechung ſie verdruͤßlich gemacht haͤtte, und rief ungeduldig:„Waͤrterinn— Waͤrterinn wende mein Geſicht gegen die Wand, daß ich nie mehr auf den Nahmen antworten mag, und nichts mehr ſehe von einer boͤſen Welt.“ Die Krankenwaͤrterinn erfuͤllte ihr Verlan⸗ gen, und legte ſie mit dem Geſichte gegen die Wand, daß ſie den Ruͤcken dem Lichte zukehrte. Sobald die Kranke in dieſer neuen Lage ruhiger geworden war, fing ſie wieder an, in denſelben leiſen und gehaltenen Toͤnen zu ſingen, als ob ſie wieder in jene Traͤumereien verſunken waͤre, worin der Beſuch ſie geſtoͤrt hatte. Die Weiſe des Geſanges aber war verſchieden, und glich bei⸗ nahe den Methodiſten⸗Geſaͤngen, wiewohl das Tonmaß des Liedes ſonſt dem erſten Geſange aͤhnlich war. Iſt erſt der Gnadenkampf vollbracht, Und iſt das Hochzeitkleid gemacht, Floh kalter Zweifel vor dem Glauben Und kann dir nichts die Hoffnung rauben— 137 Sehnt Lieb' hier aus der Kerkerwand Hinauf ſich zu dem freiern Land, Zieh' aus dein Kleid von Lehm und Sunden, Auf, Chriſt! du ſollſt den Ausgang finden. Die Weiſe war feierlich und ergreifend, in den ruͤhrenden Toͤnen einer Stimme, die einſt ſchoͤn geweſen war, und welche koͤrperliche Schwaͤche zwar gebrochen, aber auch ſanfter gemacht hatte. Archibald, der ſonſt, weil er in der Hofluft lebte, ſeinem Berufe nach gleichgiltig war, ver⸗ rieth Unruhe, wo nicht Ruͤhrung; die Milchauf⸗ ſeherinn weinte laut, und Thraͤnen fuͤllten Jo⸗ hanna's Augen. Selbſt die Krankenwaͤrterinn, gewoͤhnt an alle Stimmungen, worein das Ge⸗ muͤth verfallen kann, ſchien ſehr bewegt zu ſein. Die Kranke wurde ſichtbar ſchwaͤcher; dieß verrieth die, von Zeit zu Zeit eintretende Be⸗ klemmung, und das leiſe matte Stoͤhnen, das den letzten Kampf der Natur andeutete. Aber der Geiſt der Melodie, der einſt in der Ungluͤck⸗ lichen ſo kraͤftig gewaltet haben mochte, ſchien in jedem ruhigern Zwiſchenraume uͤber Schmerz und Schwaͤche zu ſiegen. Es war habei merk⸗ wuͤrdig, daß man in ihren Geſaͤngen immer eine, wenn auch vielleicht nur verſteckte, oder mittel⸗ 138 bare Beziehung auf ihre gegenwaͤrtige Lage ent⸗ decken konnte. Ihr naͤchſter Geſang ſchien ein Bruchſtuͤck einer alten Ballade zu ſein. Kalt iſt mein Bett, Lord Archibald, Und bang mein Schlaf voll Sorgen, Doch deins wird auch ſo bang und kalt, Treuloſer Liebſter, morgen. Weint, Maͤdchen, nicht die Augen roth, Will gleich der Tod mich erben, Denn der, fuͤr den ich geh' in Tod, Wird morgen fuͤr mich ſterben. Sie aͤnderte noch einmahl den Ton in eine wildere, minder einfoͤrmige und minder abge⸗ meſſene Weiſe; aber die Zeugen dieſes ſonder⸗ baren Auftrittes konnten nur Bruchſtuͤcke von den Worten auffaſſen. Im Wald' geht die ſtolze Maid Am DTage ſo fruͤh; Rothkehlchen im Buſche ſitzt Und ſang ſuͤßer nie, Sage mir, lieb VYoͤgelein, Wann wird mein Kraͤnzlein bluͤh'n? Wenn Dich ſechs Maͤnner ſchoͤn Zur Kirche tragen hin.“ 139 Wer macht das Brautbett mir, Vögelein, ſag' an? „Der Mann mit grauem Haar, Der's Grab machen kann.“ „Der Gluͤhwurm ſoll leuchten Dir Ueber'n Grabſtein grau; Und vom Thurm die Eule ſingt: Willkommen, ſtolze Frau!“ Ihre Stimme erſtarb mit den letzten Toͤnen, und ſie fiel in einen Schlummer, woraus ſie, nach dem Ausſpruche der erfahrenen Waͤrterinn, nie, oder nur im Todeskampfe erwachen wuͤrde. Sie hatte wahr geſprochen. Die arme Wahnſinnige verſchied, ohne wieder einen Laut hoͤren zu laſſen. Unſre Reiſenden aber erwar⸗ teten dieſen entſcheidenden Augenblick nicht, und verließen das Krankenhaus, ſobald Johanna ſich uͤberzeugt hatte, daß ſie von der Sterbenden kei⸗ ne Aufklaͤrung uͤber das Schickſal ihrer Schwe⸗ ſter erwarten konnte. 140 VII. Willſt Du nicht mit mir gehn? Der Mond iſt hell, das Meer iſt ſtill, Und wohl kenn' ich den Meerespfad— Ja, Du wirſt mit mir gehn. Southey's Thalaba. Johanna war, trotz ihrer kraͤftigen Geſundheit, durch alle jene Auftritte ſo erſchoͤpſt und ange⸗ griffen, daß Archibald es fuͤr nothwendig hielt, ihr einen Raſttag im Dorfe Longtown zu geben. Vergebens wollte ſie jede Zoͤgerung ablehnen. Der vertraute Diener des Herzogs hielt natuͤrlich auch etwas auf ſein Anſehen, und da er in ſei⸗ ner Jugend zu dem aͤrztlichen Berufe war erzo⸗ gen worden— wie er es wenigſtens auszudruͤ⸗ cken pflegte, wenn er erzaͤhlte, daß er dreißig Jahre fruͤher ſechs Monate lang in dem Moͤrſer des alten Wundarztes, Mungo Mangelman, 141 zu Greenock geſtoßen hatte— ſo war er immer hartnaͤckig, ſo oft von etwas die Rebe war, das die Geſundheit anging. Er wollte hier Fieberſymptome finden, und da er einmahl dieſen Kunſtausdruck auf Johan⸗ na's Umſtaͤnde gluͤcklich angewandt hatte, ſo war jeder Widerſtand vergeblich, und ſie gab gern nach, ging ſogar zu Bette und trank Gerſten⸗ ſchleim, um nur ruhig und ungeſtoͤrt ihren Ge⸗ danken ſich uͤberlaſſen zu koͤnnen. Archibald war eben ſo aufmerkſam in einer andern Beziehung. Er bemerkte, daß die Hin⸗ richtung der Alten und das ungluͤckliche Ende der Tochter einen tiefern Eindruck auf Johanna's Gemuͤth zu machen ſchien, als man den gewoͤhn⸗ lichen Regungen der Menſchlichkeit haͤtte zu⸗ ſchreiben köͤnnen. Sie war offenbar ein Maͤd⸗ chen von kraͤftigem Gemuͤthe und verſtaͤndig, aber auf keine Weiſe nervenſchwach, und da er nicht wußte, daß die Schutzbefohlene ſeines Herrn mit jenen ungluͤcklichen Weibern in irgend einer beſondern Verbindung geweſen war, außer daß ſie Grete fruͤher in Schottland geſehen hatte, ſo mußte er den lebhaften Eindruck, den jene Vor⸗ faͤlle auf ſie gemacht hatten, dem Umſtande zu⸗ 142 ſchreiben, daß ſie jene Ereigniſſe mit der ungluͤck⸗ lichen Lage in Verbindung brachte, worin ſich ihre Schweſter vor Kurzem befunden hatte. Er war daher darauf bedacht, alles zu verhuͤten, was dieſe Gedankenverbindung in Johanna's Seele wieder anknuͤpfen konnte. Er hatte bald Gelegenheit, dieſe Vorſicht auszuuͤben. Ein Landkraͤmer, der an demſelben Abende nach Longtown kam, brachte unter an⸗ dern Waaren, einen großen Papierbogen mit, der eine Nachricht von den letzten Worten und der Hinrichtung Margaretha Murdockſon's, ſo wie der grauſamen Ermordung ihrer Tochter, Grete Murdockſon, genannt Grete Wildfeuer, und ihrer frommen Unterhaltung mit dem ehr⸗ wuͤrdigen Archidiaconus Fleming enthielt. Dieſe glaubwuͤrdige Schrift war ohne Zweifel an dem Tage, wo Archibald mit ſeinen Begleiterinnen Carlisle verließ, an's Licht getreten, und der wandernde Buchhaͤndler hatte ſie, als eine Waare, die den Landleuten, in deren Naͤhe die Hinrichtung ſtatt gefunden hatte, beſonders willkommen ſein mußte, alsbald zu ſeinen Waa⸗ renvorraͤthen gefuͤgt. Er fand, ſchneller als er dachte, einen Kaͤufer, denn Archibald, nicht we⸗ 143 nig ſtolz auf dieſe kluge Vorſicht, kaufte fuͤr kaum drei Schillinge den ganzen Vorrath, und der Kraͤmer, hoͤchlich erfreut uͤber dieſen vortheil⸗ haften Abſatz im Ganzen, ging ſogleich nach Carlisle zuruͤck, um friſche Waare zu hohlen. Der bedaͤchtige Archibald wollte ſeinen ganzen Einkauf den Flammen uͤbergeben, aber die noch bedaͤchtigere Milchfrau rettete das Packt. Es waͤre Schade, ſagte ſie ſehr klug, ſo viel Papier zu verwuͤſten, das man zu Haarwickeln, zum Haubenſtecken, und ſonſt zu vielen nuͤtzlichen Dingen gebrauchen koͤnnte, und verſprach, das Buͤndel in ihren eigenen Koffer zu verſchließeen und vor Jungfer Johanna Deans ſorgfäͤltig zu verbergen. Freilich koͤnnte ſie, nebenher geſagt, nicht begreifen, ſetzte ſie hinzu, wie man ſo ge⸗ waltig ekel ſein koͤnnte. Jungfer Deans hatte ja dieſe ganze Zeit ſo viel an den Galgen denken muͤſſen, daß ſie ſich wohl an den Anblick haͤtte gewoͤhnen koͤnnen, ohne ſich ſo viel daraus zu machen. Archibald erinnerte die Gebieterinn der Milch⸗ kammer an des Herzogs ausdruͤckliche Weiſung, ſich aufmerkſam und hoͤflich gegen Johanna zu beweiſen. Er ſetzte hinzu, ſie wuͤrden ſich nun 144 uͤberdieß bald von ihr trennen, und dann waͤh⸗ rend der uͤbrigen Reiſe nicht mehr verurtheilt ſein, eines Andern Geſundheit und Gemuͤth⸗ ſtimmung zu ſchonen. Frau Dutton mußte ſich mit dieſer Antwort begnuͤgen. Am naͤchſten Morgen brachen ſie wieder auf und ſetzten ihre Reiſe gluͤcklich durch einen Theil der Grafſchaften Dumfries und Lanark fort, bis ſie die kleine Stadt Rutherglen, etwa vier Meilen von Glasgow, erreichten. Hier erhielt Archibald durch einen Boten Briefe von des Herzogs von Argyle erſtem Geſhäſtrihre in Edinburgh. Er ſagte an dieſem Abende nichts von dem Inhalte des Briefes, als fie aber am naͤchſten Morgen wieder im Wagen ſaßen, meldete der treue Knappe ſeiner Reiſegefaͤhrtinn, er haͤtte von des Herzogs Geſchaͤftfuͤhrer die Weiſung er⸗ halten, ſie noch eine Strecke uͤber Glasgow hin⸗ aus mitzunehmen. Es waͤren, ſetzte er hinzu, in Glasgow und der Umgegend durch voruͤberge⸗ hende Unzufriedenheit Unruhen erregt worden, die es fuͤr Johanna nicht rathſam machten, al⸗ lein und unbeſchuͤtzt den Weg nach Edinburgh zu gehen, wenn ſie aber ein wenig weiter reiſen wollte, wuͤrde ein Geſchaͤftfuͤhrer des Herzogs, der mit ſeiner Frau aus dem Hochlande nach Edinburgh ginge, ihnen begegnen, unter deſſen Schutze ſie dann ihre Reiſe bequem und ſicher fortſetzen koͤnnte. Johanna machte Vorſtellungen dagegen, Sie waͤre ſo lange, ſagte ſie, von Hauſe gewe⸗ ſen; ſie wuͤrde von ihrem Vater und ihrer Schwe⸗ ſter gewiß mit Ungeduld erwartet, und haͤtte ſonſt noch Freunde, die kraͤnklich waͤren. Sie wollte ein Pferd mit einem Fuͤhrer in Glasgow miethen, und gewiß wuͤrde Niemand einem ſo argloſen und ohnmaͤchtigen Geſchoͤpfe, als ſie waͤre, etwas zu Leide thun wollen. Sie waͤre ſehr dankbar fuͤr das Anerbieten, ſetzte ſie hinzu, aber nie haͤtte ein gehetztes Reh ſich ſo ſehr nach dem Ruhe⸗ platze geſehnt, als ſie nach Leonhardfels. Archibald warf einen Blick auf Frau Dut⸗ ton, der ſo bedeutſam zu ſein ſchien, daß Jo⸗ hanna laut aufſchrie:„O Herr Archibald— Frau Dutton, wenn Ihr irgend etwas wißt, das ſich in Leonhardfels zugetragen hat— um Gotteswillen, ſeid ſo barmherzig und ſagt's mir, und laßt mich nicht in Ungewißheit.“ V. Theil. 10 146 Wahrthaftig, ich weiß nichts, Jungfer Deans, erwiderte der Kammerdiener. Und ich— ich— ich weiß gewiß eben ſo wenig, ſprach die Milchfrau, waͤhrend auf ihren Lippen eine Mittheilung zu ſchweben ſchien, welche ſie, auf einen Blick von Archibald's Auge, wieder hinabſchluckte, wie es ausſah, und ſie ſchloß dann ihre Lippen veſt und vorſichtig, als ob ſie gefuͤrchtet haͤtte, daß unverſehens etwas herausſtuͤrzen moͤchte. Johanna ſah, daß man ihr etwas verhehlte, und nur Archibald's wiederhohlte Verſicherungen, daß ihr Vater, ihre Schweſter und alle ihre Freunde, ſo viel ihm bekannt, wohl und gluͤcklich waͤren, vermochten ihre Unruhe zu ſtillen. Sie konnte nicht befuͤrchten, daß ſo achtbare Leute, als ihre Reiſegefaͤhrten waren, ihr etwas zu Leide thun wuͤrden, und doch war ihre Bekuͤm⸗ merniß ſo ſichtbar, daß Archibald endlich zu dem letzten Mittel ſeine Zuflucht nahm, und ihr ein Stuͤck Papier uͤbergab, worauf die Worte ſtanden: „Johanna Deans, Ihr werdet mir einen Gefallen thun, wenn Ihr mit Archibald und Frau Dutton eine Tagereiſe weiter uͤber Glas⸗ 147 gow hinaus geht, und gar keine Fragen an ſie richtet, wodurch Ihr ſehr verbinden werdet, euren Freund Argyle.“ Dieſer kurze Brief eines Mannes, dem ſie ſo unſchaͤtzbare Wohlthaten verdankte, brachte zwar alle ihre Einwuͤrfe gegen die vorgeſchlagene Reiſe zum Schweigen, aber die Lebhaftigkeit ihrer Neugier wurde dadurch eher erhoͤht als ver⸗ mindert. Ihre Reiſegefaͤhrten ſchienen nun nicht mehr Willens zu ſein„ ihren Weg nach Glasgow zu nehmen, ſondern blieben auf dem linken Ufer des Clyde, und folgten dem Laufe des edlen Stromes durch tauſend ſchoͤne und ab⸗ wechſelnde Landſchaften, bis er zu einem ſchiff⸗ baren Fluſſe ward. Ihr wollt alſo nicht nach Glasgow gehen? hob Johanna an, als ſie ſah, daß der Kutſcher die Pferde nicht zu der alten Bruͤcke lenkte, die zu jener Zeit der einzige Zugang zur Stadt war. Nein, antwortete Archibald, es iſt dort un⸗ ruhig, und da unſer Herzog zur Gegenpartei des Hofes gehoͤrt, ſo koͤnnten ſie uns vielleicht zu gut aufnehmen, oder koͤnnten ſich's gar ein⸗ 10* 148 fallen laſſen, daran zu denken, daß bei dem Auf⸗ ſtande im Jahre 1725 die Hochlaͤnder uͤber ſie herfielen, und dann wuͤrde man uns zu uͤbel em⸗ pfangen. Wir uͤberlaſſen's den guten Leuten, nach eigenem Gutduͤnken zu handeln, ſo iſt's auf alle Faͤlle am Beßten fuͤr uns, und zumahl fuͤr mich, da man glauben koͤnnte, daß ich uͤber viele Dinge Seiner Gnaden Meinung kenne, und ſo vermeide ich's, ſie durch meine Gegenwart entweder zu reizen, oder aufzumuntern. Johanna konnte auf Gruͤnde, die mit einem ſo wichtigen Tone vorgebracht wurden, nichts erwidern, wiewohl es ihr vorkam, daß darin eben ſo viel Gefuͤhl eigener Wichtigkeit als Wahr⸗ heit lag. Der Wagen rollte indeß voran. Der Fluß ward immer breiter und gewann bald das ſtolze Anſehn einer Seebucht. Immer merklicher wur⸗ de der Einfluß der Ebbe und Flut, und nach den ſchoͤnen Worten des gekroͤnten Dichters*) wuchs der Fluß Zu einem immer breitern Strome— Der Waſſerrab' ſteht auf der Sandbank, *) Robert Southey. 149 Und oͤffnet halb dem Winde Die ſchwarzen triefend naſſen Fluͤgel. Wo hinaus liegt denn Inverary? fragte Jo⸗ hanna, und blickte auf das daͤmmernde Meer der hochlaͤndiſchen Berge, welche, von vielen Seen durchſchnitten, ſich uͤber einander thuͤrm⸗ ten und auf dem jenſeitigen Ufer ſich nordwaͤrts erſtreckten. Iſt das hohe Schloß dort des Her⸗ zogs Haus? Das, Jungfer Deans? erwiderte Archibald. Gott bewahre! Das alte Schloß Dumbarton iſt's, die ſtaͤrkſte Veſte in Europa, wie veſt die andern auch ſein moͤgen. Wilhelm Wallace war dort Befehlhaber vor Zeiten in den Kriegen gegen die Englaͤnder, und jetzt iſt's der gnaͤdige Herr. Die Veſtung wird immer dem beßten Manne in Schottland anvertraut. Und wohnt denn der Herzog auf dieſem ho⸗ hen Felſen? fragte Johanna. Nicht doch, ſein Stelvertreter fuͤhrt in ſei⸗ ner Abweſenheit den Befehl, und wohnt in dem weißen Hauſe unten am Felſen. Der gnaͤdige Herr wohnt nicht ſelbſt da. Das denk' ich auch, ſprach die Milchfrau, auf deren Gemuͤth der Weg, ſeit Dumfries hin⸗ 150 ter ihnen lag, nicht den guͤnſtigſten Eindruck ge⸗ macht hatte: denn ſonſt koͤnnte er nach einer Milchfrau pfeifen, und wenn er der einzige Her⸗ zog in England waͤre. Ich habe nicht meine Stelle und meine Freunde verlaſſen, um Kuͤhe Hungers ſterben zu ſehen, auf Bergen, wie dort beim Ferkelſtalle in Elfinfoot, wie Ihr's nennt, Herr Archibald, oder oben auf einem Fel⸗ ſen zu ſitzen, wie ein Eichhoͤrnchen in ſeinem Kaͤfig, den man drei Treppen hoch aus einem Fenſter haͤngt. Archibald lachte innerlich daruͤber, daß dieſe Zeichen von Widerſpaͤnſtigkeit ſich nicht eher hat⸗ ten ſehen laſſen, bis die ſchoͤne Mißvergnuͤgte unter ſeinem Daumen war, wie er's fuͤr ſich nannte, und er antwortete kaltbluͤtig, er haͤtte die Berge nicht gemacht, und wuͤßte ſie auch nicht beſſer zu machen, was aber die Wohnung anlangte, ſo wuͤrden ſie bald in einem Hauſe des Herzogs auf einer ſehr angenehmen Inſel, Nahmens Roſeneath, ſein, wo ſie auf ein Schiff warten muͤßten, um nach Inverary uͤber⸗ zufahren, und wo die Geſellſchaft eintreffen wuͤrde, mit welcher Johanna nach Edinburgh zuruͤckkehren ſollte. 151 Eine Inſel? ſprach Johanna, die auf ih⸗ ren vielfachen und abenteuerlichen Wanderun⸗ gen noch nie das veſte Land verlaſſen hatte. Nun, ſo muͤſſen wir wohl in eins von jenen Boͤten? Die ſehen ein bischen klein aus, und die Wellen ſind etwas ſtark und— Herr Archibald, fiel Frau Dutton ein: das werd' ich mir nicht gefallen laſſen. Ich habe mich nie dazu verſtanden, das Land zu verlaſſen, und Ihr wollt ſo gut ſein und den Fuhrleuten ſagen, daß ſie auf dem andern We⸗ ge zu dem Hauſe des Herzogs herumfahren. Es iſt nicht weit davon ein ſicheres Jacht⸗ ſchiff, das dem Herzoge gehoͤrt, erwiderte Ar⸗ chibald, und Ihr braucht Euch ganz und gar nicht zu fuͤrchten.* Aber ich fuͤrchte mich, antwortete die Milch⸗ frau, und ich beſtehe darauf, zu Lande herum⸗ zufahren, und waͤre es zehn Meilen um. Es thut mir leid, daß ich Euch nicht die⸗ nen kann, Frau Dutton, da Roſeneath nun einmahl eine Inſel iſt. Und wenn's zehn Inſeln waͤren, ſprach ſie aufgebracht. Das iſt kein Grund, daß ich er⸗ trinken muß, wenn ich zur See hinuͤbergehe. Freilich kein Grund, daß Ihr ertrinken muͤßt, antwortete der unbewegte Kammerdiener, aber ein ſehr guter Grund, warum Ihr nicht zu Lande hinuͤbergehen koͤnnt. Entſchloſſen, ſeines Herrn Befehle zu voll⸗ ziehen, gab er nach dieſen Worten dem Fuhr⸗ manne mit der Hand einen Wink, von der Landſtraße abzuweichen, und nach einem kleinen Fiſcherdorfe zu fahren. Hier wartete ein Boot, das ein wenig munterer verziert war, als die Fahrzeuge, die ſie zeither geſehen hatten, und auf deſſen Flagge man einen Eberkopf mit einer Herzogskrone ſah. Es war mit drei Schiffern und eben ſo vielen Hochlaͤndern be⸗ mannt. Der Wagen hielt an, und die Fuhrleute ſpannten aus, waͤhrend Archibald ſehr ernſthaft ſeine Anordnungen gab, das Gepaͤcke aus dem Wagen in's Schiff zu bringen.„Iſt die Ka⸗ roline ſchon lange da?“ fragte er einen Schiffer. Sie iſt in fuͤnf Tagen von Liverpool an⸗ gekommen und liegt bei Greenock vor Anker, erwiderte der Schiffer. So bringt Pferde und Wagen nach Green⸗ 4 153 ock, ſprach Archibald, und ſchifft ſie nach In⸗ verary ein, ſobald ich's Euch ſagen laſſe. Mittlerweile laßt ſie bei meinem Vetter, Dun⸗ can Archibald, ſtehen.— Nun, meine Schoͤ⸗ nen, fuhr er fort, ich hoffe, Ihr ſeid bereit, wir werden ſonſt die Flut verſaͤumen. Jungfer Deans, Ihr moͤget thun, was Euch beliebt, ſprach die Milchfrau, aber ich ſitze lieber die ganze Nacht hier, ehe ich in jene bemahlte Cierſchale gehe. Heda, Freund, wandte ſie ſich nun zu einem Hochlaͤnder, der einen Reiſekoffer aufhob— der Koffer iſt mein, und auch jene Bandſchachtel, und das Felleiſen da, und jene ſieben Buͤndel und der Papierſack, und wenn Ihr etwas davon an⸗ ruͤhrt, ſo geſchieht's auf eure Gefahr. Der Hochlaͤnder ſah ſie ſcharf an, wandte ſich darauf zu Archibald und als er keinen Gegenwink erhielt, hob er den Koffer auf die Schulter, und ohne ſich um die bedraͤngte Schoͤne weiter zu bekuͤmmern, oder auf Vor⸗ ſtellungen zu achten, die er wahrſcheinlich nicht verſtand, und gewiß auch unbeachtet gelaſſen haben wuͤrde, moͤchte er ſie verſtanden haben oder nicht, entfernte er ſich mit den Habſelig⸗ 154 keiten der Milchfrau und brachte den Koffer ſicher in's Boot. 3 Als das Gepaͤcke verwahrt war, hob Ar⸗ chibald die junge Schottlaͤnderinn aus dem Wagen und nicht ohne Zittern ließ ſie ſich durch die Brandung in's Boot bringen. Er bot alsdann der Milchfrau dieſelbe Hoͤflichkeit an, aber ſie beharrte auf ihrer Weigerung, den Wagen zu verlaſſen, worin ſie nun allein ſaß, alle Betheiligten oder Unbetheiligten mit Kla⸗ gen auf Koſt und Lohn, Schadenerſatz und Koſten bedrohend, und an den Fingern die Kleider und andern Pußſachen aufzaͤhlend, wovon ſie ſich nun fuͤr immer trennen zu ſol⸗ len ſchien. Archibald gab ſich nicht die Muͤhe, ihr viele Vorſtellungen zu machen, die ihren Unwillen nur zu erhoͤhen ſchienen. Er ſagte einige galiſche Worte zu den Hochlaͤndern, und die verſchlagenen Gebirgwohner naͤherten ſich behutſam der Kutſche, und ohne ihre Abſichten im Mindeſten zu verrathen, packten ſie ploͤt⸗ lich die Widerſpaͤnſtige ſo kraͤftig und veſt, daß ſie weder ſich wehren, noch ſich ſtraͤuben konnte, hoben ſie auf die Schultern in einer faſt wagerechten Stellung, eilten mit ihr zum — 155 Strande und durch die Brandung, und ohne andere Unbequemlichkeit, als daß ihre Kleider ein wenig zerknittert wurden, brachte man ſie in's Boot; aber ſie war ſo erſtaunt, ſo ge⸗ kraͤnkt und ſo erſchrocken uͤber ihre ploͤtzliche Verſetzung, daß ſie einige Minuten ganz ſtumm war. Die Maͤnner ſprangen dann auch in's Boot, und nur ein langer Burſche blieb am Strande, bis er das Fahrzeug abgeſtoßen hat⸗ te, worauf auch er hineinſtuͤrzte. Sie faßten die Ruder, unb trieben nun von der Kuͤſte, zogen dann die Segel auf, und luſtig ging es uͤber das Haff. Ihr elender Schottlaͤnder, ſprach die wuͤ⸗ thende Gebieterinn der Milchkammer zu Ar⸗ chibald: wie wagt Ihr's, eine Perſon, wie ich bin, ſo zu behandeln? Frau Dutton, ſprach Archibald mit unge⸗ meiner Faſſung, es iſt nun die hoͤchſte Zeit, zu wiſſen, daß Ihr in des Herzogs Gebiet ſeid, und daß jeder von dieſen Burſchen Euch eben ſo gern aus dem Boote werfen wuͤrde, als man Euch herein brachte, wenn's dem gnaͤdigen Herrn beliebte. 2* Dann erbarme ſich Gott meiner! ſprach 1 — 156 Frau Dutton. Haͤtte ich Erbarmen mit mir ſelbſt gehabt, ich wuͤrde mich nie mit Euch eingelaſſen haben. Es iſt wohl ein wenig zu ſpaͤt, jetzt daran zu denken, Frau Dutton, erwiderte Archibald. Aber ich verſichere Euch, die Hochlande haben auch ihr Angenehmes, wie Ihr finden werdet. Ihr werdet in Inverary ein Dutzend Melke⸗ rinnen unter euren Befehlen haben, und Ihr koͤnnt jede von ihnen in den See werfen laſ⸗ ſen, wenn Ihr Luſt habt, denn die oberſten Leute des Herzogs ſind beinahe ſo groß, als er ſelbſt. Das iſt allerdings ein ſonderbarer Handel, Herr Archibald, ſprach Frau Dutton, aber ich denke, ich muß es zum Beßten benutzen.— Seid Ihr denn gewiß, daß das Boot nicht ſin⸗ ken wirde Es legt ſich, nach meinen Gedanken, ſchrecklich auf eine Seite. Fuͤrchtet nichts, erwiderte Archibald, und nahm mit ſehr wichtiger Miene eine Prieſe. Dieſe Faͤhre auf dem Clyde kennt uns ſehr gut, oder wir kennen ſie, was auf eins hin⸗ auslaͤuft, und fuͤr Niemand von unſern Leuten iſt hier ein Unfall zu befuͤrchten. Wir haͤtten 157 von der entgegengeſetzten Seite her hinuͤberfahren koͤnnen, wenn nicht die Unruhen in Glasgow waͤren, wobei es ſich fuͤr die Leute Seiner Gna⸗ den nicht ſchickt, durch die Stadt zu gehen. Seid Ihr denn nicht bange, Jungfer Deans? ſprach die Milchkammer⸗Veſtalinn, zu Johan⸗ na, die nicht eben in der angenehmſten Stim⸗ mung an Archibalds Seite ſaß, der ſelber das Steuer lenkte. Fuͤrchtet Ihr Euch nicht vor 4 dieſen wilden Menſchen mit ihren nackten Knieen, und vor dieſer Nußſchale von einem Ding, das auf und nieder ſchweht, wie eine Rahmkelle in einem Milchnapfe? Nein, nein, Frau Dutton, erwiderte Jo⸗ hanna mit einigem Zoͤgern, ich fuͤrchte mich nicht. Ich habe wohl ſonſt ſchon Hochlaͤnder geſehen, wenn ich ihnen auch noch nie ſo nahe geweſen bin, und was die Gefahr vor tiefem Waſſer anlangt, ſo denke ich, es gibt eine Vor⸗ ſehung auf der See, wie auf dem Lande. Nun ja! ſprach Frau Dutton. Es iſt recht huͤbſch, wenn man leſen und ſchreiben gelernt hat, da weiß man immer ſo ſchoͤne Worte zu ſagen, was einem auch zuſtoßen mag. Archibald freute ſich uͤber den Eindruck, den 158 ſeine kraͤftige Maßregel auf die unlenkſame Milchfrau gemacht hatte, und als ein ver⸗ ſtaͤndiger und gutmuͤthiger Mann ſuchte er nun durch freundliche Mittel die Ueberlegenheit zu ſichern, die er durch heilſame Strenge erlangt hatte. Es gelang ihm auch, ſie zu uͤberzeugen, wie grundlos ihre Furcht und wie unmoͤglich es geweſen war, ſie allein in einem leeren Wagen am Strande zu laſſen, und das gute Einver⸗ ſtaͤndniß war vollkommen hergeſtellt, ehe ſie auf Roſeneath landeten. VIII. — Hat Gluͤck, vielleicht muß ich Verhaͤngniß ſagen, Denn unſer Boot, das keinen Hafen fand, Zu dieſem beßten Ort' gefuͤhrt? Fletcher. Die Eilande im Haff des Clyde, welche durch die taͤgliche Fahrt ſo vieler, mit Rauchſaͤulen be⸗ wimpelten Dampfhoͤte jetzt ſo leicht zugaͤnglich geworden ſind, waren zu unſrer Vaͤter Zeiten ah⸗ geſchiedene Oerter, die nie von Reiſenden, und uͤberhaupt ſelten beſucht wurden. Sie haben ungemein mannigfaltige Schoͤnheiten. Arran, ein gebirgiges Gebiet, eine Alpen⸗Inſel, iſt reich an großartigen, hoͤchſt romantiſchen Land⸗ ſchaften. Bute iſt freundlicher und mehr Wald⸗ gegend. Die Cumray⸗Inſeln, gleichſam ein Gegenſatz jener beiden, ſind gruͤn, flach und 4160 nackt, Glieder einer natuͤrlichen Kette, welche vor die Muͤndung des Haffs gezogen iſt, wie⸗ wohl breite Raͤume des Meeres dazwiſchen lie⸗ gen. Roſeneath, ein kleineres Eiland, liegt hoͤher hinauf im Haff, nach der Weſtkuͤſte hin, nahe an der Muͤndung des Sees, Nahmens Gare⸗Loch, und nicht weit von den Seen Loch⸗ Long und Lnch⸗Seant, oder dem heiligen See, die ſich von den Gebirgen des weſtlichen Hoch⸗ landes nach dem Clyde hinabziehen. Auf dieſen Inſeln fuͤhlt man weniger die rauhen Froſtwinde, die waͤhrend eines ſchottiſchen Fruͤhlings die Pflanzenwelt quaͤlen, und Arran's Rieſenruͤcken ausgenommen, ſind ſie auch den Stuͤrmen des atlantiſchen Meeres nicht ſehr aus⸗ geſetzt, da ſie landumſchloſſen ſind und weſt⸗ waͤrts von Ayrſhire's Kuͤſten geſchirmt werden. Die Thraͤnenweide, die Trauerbirke und andere Pflanzen mit fruͤhen und hangenden Schoͤßlin⸗ gen gedeihen daher in dieſer beguͤnſtigten Abge⸗ ſchiedenheit froͤhlicher, als in den oͤſtlichen Landes⸗ theilen, und auch die Luft ſoll jene, bei auszeh⸗ renden Krankheiten heilſame Milde haben. Die mahleriſche Schoͤnheit der Inſel Roſe⸗ neath war insbeſondre ſo anziehend, daß die 161 Grafen und Herzoge von Argyle ſeit den fruͤhe⸗ ſten Zeiten ſich zuweilen hier aufhielten, und dann in einer Fiſcher⸗ oder Jagdhuͤtte wohnten, welche ſpaͤtre Verbeſſerungen in ein Schloß um⸗ gewandelt haben. Das Haͤuschen war noch in ſeiner urſpruͤnglichen Einfachheit, als das kleine Boot, das wir im letzten Abſchnitte bei der Ue⸗ berfahrt im Haff verließen, ſich dem Geſtade der Inſel naͤherte. Als ſie an den Landungplatz ſtießen, den alte niedrige, aber breitwipfelige Eichen, mit Haſelgeſtraͤuch unterwachſen, zum Theil verbar⸗ gen, wurden einige Geſtalten ſichtbar, die ſie zu erwarten ſchienen. Johanna achtete wenig darauf, und ſie war beinahe erſchuͤttert durch Ueber⸗ raſchung, als ſie, von den Ruderern an's Ufer getragen, von den Armen ihres Vaters um⸗ faßt wurde. Es war zu wunderbar, als daß ſie es haͤtte glauben koͤnnen, zu ſehr einem gluͤcklichen Trau⸗ me aͤhnlich, als daß die dauernden Gefuͤhle der Wirklichkeit waͤren erweckt worden. Sie wand ſich aus ſeiner innigen und zaͤrtlichen Umarmung und hielt ihn in geringer Entfernung von ſich, um ſich zu uͤberzeugen, ob es keine Taͤuſchung V. Theil. 11 162. waͤre. Aber es war unſtreitig ihres Vaters Ge⸗ ſtalt; der geſetzte David Deans, in ſei⸗ nem beßten hellblauen Sonntagsrocke mit großen Metallknoͤpfen, Weſte und Beinkleidern von gleicher Farbe, ſeinen ſtarken Kamaſchen von dickem grauen Tuche; die kupfernen Schnallen, die breite blaue niederlaͤndiſche Muͤtze, die zuruͤck⸗ geſchoben war, als er ſeine Augen in ſtummer Dankbarkeit himmelwaͤrts erhob; die grauen Locken, die darunter hervorſtanden und auf das gebraͤunte Geſicht herabhingen; die kahle gefurch⸗ te Stirne, das klare blaue Auge, das ungetruͤbt von Alter, in ſeinem blaſſen Glanze unter dem buſchichten grauen Schirmdache leuchtete; die Zuͤge, ſonſt ſo ernſt und kalt, aber jetzt in den unge⸗ wohnten Ausdruck von Entzuͤcken, Zaͤrtlichkeit und Dankbarkeit zerfloſſen— alles gehoͤrte Da⸗ vid Deans, und war in ſo gluͤcklicher Uoberein⸗ ſtimmung, daß ich, wenn ich je meine Freunde Wilkie oder Allan*) wiederſehen ſollte, mir Muͤhe geben werde, eine Skizze dieſes Auftrittes von ihnen zu borgen, oder zu ſtehlen. Johanna— meine liebe Johanna— *) Schottiſche Kuͤnſtler. L, 163 mein beßtes— mein folgſamſtes Kind— der Gott Iſraels ſei dein Vater, denn ich bin dei⸗ ner kaum wuͤrdig. Du haſt uns aus der Ge⸗ fangenſchaft erloͤſet, haſt die Ehre unſeres Hau⸗ ſes zuruͤckgebracht, Gott ſegne Dich mit ſeinen verheißenen und erkauften Gnaden! Aber Er hat Dich geſegnet in dem Guten, wovon Er Dich zum Werkzeuge gemacht hat. Dieſe Worte brachen nicht ohne Thraͤnen hervor, obgleich David ſonſt nicht eben eine ſchmelzende Stimmung hatte. Archibald hatte mit zartfuͤhlender Aufmerkſamkeit die Zuſchauer entfernt, und nur der Wald und die untergehen⸗ de Sonne allein waren Zeugen der Ergießung ih⸗ rer Gefuͤhle. Und Effie?— Und Effie, lieber Vater? war der Ausruf, womit Johanna mehrmahl den Ausdruck ihrer frohen Dankbarkeit unterbrach. Sollſt es hoͤren— ſollſt es hoͤren, ſprach David haſtig, und wiederhohlte von Zeit zu Zeit ſeinen Dank gegen den Himmel, der Johanna ſicher aus dem Lande biſchoͤflicher Erſtarrung und abtruͤnniger Ketzerei zuruͤckgefuͤhrt, und ſie geret⸗ tet hatte von den Gefahren des Weges, und den Loͤwen, die in dem Pfade lauerten. 11* 164 und Effieꝛ wiederhöhlte die liebevolle Schwe⸗ ſter mehrmahl. Und— und— gern haͤtte ſie Butlers Nahmen genannt, aber ſie wich der unmittelbaren Frage aus— Und Herr und Frau Sattelbaum? Und Dumbiedikes? Und alle Freunde? Alle wohl, alle wohl, Gott ſei geprieſen. und— und Herr Butler? Er war nicht ganz wohl, als ich wegging. Iſt voͤllig hergeſtellt, ganz wohl. Gott ſei Dank! Aber— o lieber Vater — Effie— Effie? Du wirſt nie wieder etwas von ihr hoͤren, mein Kind, antwortete Deans mit feierlichem Tone. Du biſt das eine und einzige Blatt, das noch auf dem alten Baume iſt. Gluͤck ſei dein Erbe. 3 Sie iſt todt! Sie iſt ermordet! Es war zu ſpaͤt! rief Johanna, die Haͤnde ringend. Nein, Johanna, erwiderte Deans mit dem⸗ ſelben ernſten und ſchwermuͤthigen Tone. Sie lebt im Fleiſche und iſt frei von irdiſchem Zwan⸗ ge, wenn ſie nur eben ſo lebendig im Glauben waͤre und eben ſo frei von den Banden des Satans. 165 Gott beſchuͤtze uns! ſprach Johanna. Koͤnn⸗ te das ungluͤckliche Maͤdchen Euch verlaſſen ha⸗ ben, um des Elenden willen? Du haſt nur zu wahr geſprochen, antwor⸗ tete Deans. Sie hat ihren alten Vater ver⸗ laſſen, der um ſie geweint und fuͤr ſie gebetet hat. Sie hat ihre Schweſter verlaſſen, die fuͤr ſie gearbeitet und ſich gequaͤlt hat, wie eine Mut⸗ ter. Sie hat die Gebeine ihrer Mutter ver⸗ laſſen und das Land ihres Volkes, und iſt uͤber die Graͤnze mit jenem Belialſohne. Bei Nacht und Nebel iſt ſie weggegangen.— Er ſchwieg, und eine Regung zwiſchen Kummer und heftiger Empfindlichkeit hemmte ſeinen Ausdruck. Und mit jenem Manne? Jenem ſchreckli⸗ chen Manne? fuhr Johanna fort. Und hat uns verlaſſen, mit ihm zu gehen? O Effie, Effie, wer haͤtte das denken koͤnnen, nach einer ſolchen Erloͤſung, als womit Du biſt begnadigt worden. Sie iſt von uns gegangen, mein Kind, weil ſie nicht zu uns gehoͤrte, erwiderte Deans. Sie iſt ein verwelkter Zweig, der nie die Frucht der Gnade tragen wird; ein Suͤhnbock, hinausge⸗ 166 gangen in die Wildniß der Welt, und wird die Suͤnden unſrer kleinen Gemeine mit ſich neh⸗ men, wie ich hoffe. Der Friede der Welt gehe mit ihr, und ein beſſerer Friede, wenn ihr die Gnade zu Theil wird, ſich zu ihm zu wenden. Gehoͤrt ſie zu Seinen Erwaͤhlten, ſo wird Seine Zeit kommen. Was wuͤrde ihre Mutter geſagt haben, jene belobte und achtbare Frau, Re⸗ becca M' Naught, deren Gedaͤchtniß wie eine Blume in ſuͤßem Geruche und ein Gefaͤß mit Weihrauch iſt! Aber es ſei— Laß ſie wegge⸗ hen, laß ſie ihren Weg gehen, laß ſie beißen auf ihr Gebiß. Der Herr weiß ſeine Zeit. Sie war das Kind, das dem Gebete geſchenkt ward, und kann nicht ganz weggeworfen ſein. Aber nie, Johanna— nie werde ihr Nahme wieder genannt zwiſchen Dir und mir. Sie iſt von uns gegangen, wie der Bach, welcher vergehet, wenn es heiß wird, wie der geduldige Hiob ſagt. Laß ſie dahin gehen und vergeſſen ſein. Eine ſchwermuͤthige Pauſe folgte auf dieſe Worte. Johanna haͤtte gern nach den naͤhern Umſtaͤnden von der Abreiſe ihrer Schweſter ge⸗ fragt, aber ihr Vater hatte ſein Verbot zu ent⸗ ſcheidend ausgeſprochen. Sie war im Begriff, 167 ihrer Zuſammenkunft mit Staunton in ſeines Vaters Hauſe zu erwaͤhnen, als ſie aber die da⸗ mit verbundenen Umſtaͤnde ſchnell in ihrem Ge⸗ daͤchtniſſe uͤberlief, kam es ihr vor, daß ſie mehr dazu dienen wuͤrden, ſeine Bekuͤmmerniß zu er⸗ ſchweren als zu vermindern. Sie lenkte daher das Geſpraͤch von dem peinlichen Gegenſtande ab, und nahm ſich vor, weitere Nachforſchungen aufzuſchieben, bis ſie Butler ſaͤhe, von welchem ſie die naͤhern Umſtaͤnde von der Flucht ihrer Schweſter zu erfahren hoffte. Aber wann ſollte ſie Butler ſehen? Sie konn⸗ te ſich nicht enthalten, ſich ſelber heimlich ſo zu fragen, zumahl waͤhrend ihr Vater, als ob er des Gedankens an ſeine juͤngſte Tochter ſich haͤt⸗ te entſchlagen wollen, auf die jenſeitige Kuͤſte der Grafſchaft Dumbarton deutete, und mit der Frage, ob druͤben nicht ein ſchoͤner Wohnplatz waͤre, ihr meldete, daß er die Abſicht haͤtte, ſein irdiſches Tabernakel auf jenes Geſtade zu brin⸗ gen, da der Herzog von Argyle, als ein, in der Landwirthſchaft und Viehzucht wohl erfahrener Mann, ihn gebeten, ein Pachtgut zu verwalten⸗ das der gnaͤdige Herr ſelber uͤbernommen haͤtte, um den Viehſtamm zu veredeln. 168 Johanna's Muth ſank, als ſie dieſe Erklaͤ⸗ rung hoͤrte. Das Land, meinte ſie, waͤre wohl gut und angenehm, und freundlich gegen die Nachmittagſonne gekehrt, und ſie zweifelte nicht, daß auch die Weide gut waͤre, da das Gras, trotz der langen Duͤrre, noch recht gruͤn ausſaͤhe, aber es waͤre ſo weit von ihrer Heimath, und ſie wuͤrde wohl oft an die lieben Raſenplaͤtze un⸗ ter den Klippen von Leonhardfels denken muͤſ⸗ ſen, wo ſo viele Maßlieben und gelbe Ranun⸗ keln bluͤhten. Sprich nicht davon, Johanna, antwortete ihr Vater. Ich wuͤnſche den Nahmen nie mehr zu hoͤren, das heißt, wenn die Verſteigerung vor⸗ bei iſt und die Rechnungen bezahlt ſind. Aber ich habe alle Kuͤhe mitgebracht, die Dir nach meinen Gedanken am liebſten ſein muͤſſen. Da iſt dein Maßliebchen, und deine Blaͤſſe, und der Weißkopf, wie Du ſie nannteſt— aber ich brauche Dir ja nicht zu ſagen, wie Du ſie nann⸗ teſt. Ich konnte es nicht uͤber's Herz bringen, ſie zu verkaufen, wenn uns ihr Anblick auch zuweilen weh um's Herz machen muß, aber da⸗ fuͤr kann ja das arme Thier nicht. Ich habe noch ein Paar behalten, und ich ließ ſie vor den 169 andern hertreiben, daß die Leute ſagen ſollten, wie von dem Sohne Iſai, als er aus der Schlacht heimkehrte: Das iſt Davids Beute. Auf naͤhere Erkundigung fand Johanna neue Veranlaſſung, das thaͤtige Wohlwollen ihtes Freundes, des Herzogs von Argyle, zu bewun⸗ dern. Als er eine Art von Verſuch⸗Wirthſchaft an der Graͤnze ſeiner unermeßlichen hochlaͤndi⸗ ſchen Beſitzungen anlegte, war er um einen tuͤch⸗ tigen Verwalter verlegen geweſen, dem er die Anſtalt anvertrauen konnte. Die Unterredung uͤber landwirthſchaftliche Gegenſtaͤnde, die er auf dem Ruͤckwege von Richmond mit Johanna hatte, erweckte in ihm die Vermuthung, ihr Va⸗ ter, deſſen Erfahrung und Gluͤck ſie ſo oft an⸗ fuͤhrte, muͤßte gerade der Mann ſein, den er brauchte. Als die Bedingung, die Effie's Be⸗ gnadigung hinzugefuͤgt war, es ſehr wahrſchein⸗ lich machte, daß David Deans ſeinen Aufent⸗ halt aͤndern wuͤrde, drang ſich jener Gedanke dem Herzoge noch lebhafter auf. Schwaͤrmeriſch in ſeiner Neigung zur Landwirthſchaft, wie zur Wohlthaͤtigkeit, glaubte er beiden zu genuͤgen, als er ſeinem Bevollmaͤchtigten in Edinburgh den Auftrag gab, ſich nach dem Viehzuͤchter Da⸗ vid Deans in Leonhardfels zu erkundigen, und wenn der Mann waͤre, wie der Ruf ihn ſchil⸗ derte, ihn ſogleich unter den vortheilhafteſten Be⸗ dingungen als Verwalter des Landgutes in der Grafſchaft Dumbarton zu dingen. Der Geſchaͤftfuͤhrer machte dem alten David jenen Antrag zwei Tage nach der Ankunft der Begnadigung ſeiner Tochter. Deans hatte be⸗ reits den Entſchluß gefaßt, Leonhardfels zu ver⸗ laſſen. Die Ehre einer ausdruͤcklichen Einla⸗ dung zur Uebernahme eines Geſchaͤftes, das ſo viel Geſchicklichkeit und Fleiß erfoderte, war ſchon an ſich ungemein ſchmeichelnd, und um ſo mehr, da der ehrliche David, der eine ſehr guͤn⸗ ſtige Meinung von ſeinen Faͤhigkeiten hatte, ſich uͤberredete, daß er durch die Annahme des An⸗ trages den, von dem Hauſe Argyle empfange⸗ nen großen Gunſtbeweis gewiſſermaßen vergelten wuͤrde. Der Gehalt, mit Einſchluß des Rechtes auf hialaͤngliche Weide fuͤr einen eigenen kleinen Viehſtamm, war ſehr freigebig, und David's ſcharfer Blick ſah, daß er in eine guͤnſtige Lage kam, einen vortheilhaften Handel mit hochlaͤn⸗ diſchem Vieh zu treiben. Es war freilich auch die Gefahr da, von den Nachbarn im Gebirge 171 gepluͤndert zu werden, aber der gefuͤrchtete Nah⸗ me des Herzogs von Argyle mußte ſchon viel Schutz geben, und eine Kleinigkeit als Schutz⸗ geld,*) wie David meinte, volle Sicherheit ge⸗ waͤhren. Zwei Punkte aber gab es, woruͤber er han⸗ delte. Zuerſt war die Rede von den Geſinnun⸗ gen des Geiſtlichen, deſſen Gottesdienſt er zu be⸗ ſuchen hatte, und uͤber dieſen kitzlichen Punkt er⸗ hielt er, wie der Leſer bald erfahren wird, volle Befriedigung. Die andre Schwierigkeit war die Lage ſeiner juͤngern Tochter, die Schottland auf ſo viele Jahre verlaſſen mußte. Der Rechtsgelehrte antwortete laͤchelnd, es waͤre nicht noͤthig, dieſe Bedingung ſehr ſtrenge auszulegen, und wenn das Maͤdchen Schottland auf einige Monate, oder auch nur Wochen ver⸗ ließe, und dann zur See von der Weſtkuͤſte Englands in ihres Vaters neuen Wohnort kaͤme, wuͤrde Niemand ihre Ankunft erfahren, wenig⸗ *) Blaick mail genannt. Das Mittel, ſich durch eine regelmaͤßig erhobene Abgabe vor Pluͤnde⸗ rung durch die hochlaͤndiſchen Raͤuber zu ſichern, war noch ſpaͤter im vorigen Jahrhundert in Schottland uͤblich. S. die Ueberſ. des Romans Waverley— Dresden 1821 4 Cheile. 8. 172 ſtens Niemand, der das Recht, oder Luſt haͤtte, ſie zu ſtoͤren. Die ausgedehnte erbliche Richter⸗ gewalt des Herzogs, ſetzte er hinzu, hinderte alle andern Obrigkeiten, ſich in die Angelegenheiten der Inſaſſen ſeiner Guͤter zu mengen, und die unmittelbar von dem Herzoge abhaͤngigen Beam⸗ ten wuͤrden den Befehl erhalten, das Maͤdchen nicht zu belaͤſtigen. Der alte Deans wurde durch dieſe Gruͤnde nicht ganz befriedigt, aber Effie's Flucht, die in der dritten Nacht nach ihrer Freilaſſung erfolgte, machte ihm den Aufenthalt in Leonhardfels ſo zuwider, daß er alsbald den ihm gemachten An⸗ trag annahm, und gern in den Gedanken ein⸗ ging, Johanna zu uͤberraſchen, wie der Herzog vorgeſchlagen hatte, um die Veraͤnderung des Aufenthaltes deſto eindringlicher fuͤr ſie zu ma⸗ chen. Der Herzog hatte ſeinem Diener Archi⸗ bald Nachricht von dieſen Umſtaͤnden gegeben, und den Befehl geſchickt, ſich nach den, ihm von Edinburgh zukommenden Weiſungen zu richten, welche ihm denn vorſchrieben, Johanna nach Roſeneath zu bringen. Vater und Tochter theilten ſich dieſe Nach⸗ 173 richten mit, indem ſie bald ſtill ſtanden, bald langſam zu dem Wohnhauſe gingen, das unge⸗ faͤhr eine Viertelſtunde von der kleinen Bucht, wo ſie gelandet waren, unter den Baͤumen lag. Als ſie der Wohnung ſich naͤherten, ſagte David Deans zu Johanna, mit einer Art von ſchmunzelndem Laͤcheln, das die aͤußerſte Annaͤ⸗ herung zu einem froͤhlichen Ausdrucke in ſeinen Zuͤgen war, es befaͤnden ſich im Landhauſe zwei Herren, ein weltlicher und ein geiſtlicher. Jener waͤre, ſetzte er hinzu, der achtbare Gutsherr von Knocktarlitie, der Amtmann des Herzogs, ein Hochlaͤnder, heftig und hißig, wie alle ſeine Landsleute, glaubte David, auch nachlaͤſſig in den, zum Seelenheil gehoͤrigen Dingen, und gie⸗ rig nach den Guͤtern dieſer Welt, ohne dabei ſonderlich auf das Eigenthumsrecht zu achten, ſonſt aber ein guter gaſtfreundlicher Mann, mit welchem ſich in gutem Vernehmen zu hal⸗ ten, die Klugheit erfoderte, denn die Hochlaͤnder waͤren zu jaͤhzornig. Der Geiſtliche, fuhr er fort, waͤre durch den Einfluß des Herzogs von Argyle berufen worden— nicht um die ganze Welt haͤtte er ſagen moͤgen, Kraft des Verlei⸗ 174 hungrechtes vorgeſchlagen*)— das Prediger⸗ amt in dem Kirchſpiele zu uͤbernehmen, wozu ihr Pachtgut gehoͤrte, und es ließe ſich erwarten, daß er den chriſtlichen Seelen der Gemeinde hoͤchlich willkommen ſein werde, die nach geiſtli⸗ chem Manna hungerten, da ſie nur mit ſauerm hochlaͤndiſchen Haferbreie von dem letzten Pfar⸗ rer, Duncan Mac Donought, waͤren gefuͤttert worden, der immer den Morgen, Sonntag wie Sonnabend, mit einer Kanne Brantwein ein⸗ geweiht haͤtte.„Aber ich brauche nicht mehr zu ſagen uͤber den jungen Mann, fuhr Deans, noch einmahl ſchmunzelnd, fort, denn ich glau⸗ be, Du haſt ihn ſchon fruͤher geſehen, und ſieh — da kommt er ſelbſt uns entgegen.“ Sie hatte ihn freilich fruͤher geſehen, es war ja Niemand als Ruben Butler. —,— *) Nach den Grundſaͤtzen der ſtrengen Presbyteria⸗ ner iſt die Pfarrverleihung, das Patronatrecht, ein verdammlicher, den Freiheiten der Kirche widerſtreitender Mißbrauch. Nur die einmuͤthi⸗ ge Berufung durch die Gemeine, iſt nach ihrer richtigen Anſicht der einzig wuͤrdige Weg zum chriſtlichen Lehramte. L. IX. Nie ſollſt du mehr am Blick der Schweſter hangen, Du haſt zum Letztenmahl ſie ſchon umfangen. Klage um Anna Killigrew. Auch dieſe zweite Ueberraſchung verdankte Jo⸗ hanna dem Stabe deſſelben wohlthaͤtigen Zau⸗ berers, deſſen Kraft ihren Vater von Leonhard⸗ fels an die Ufer des Gare⸗Loch verſetzt hatte. Der Herzog von Argyle war nicht der Mann, die ererbte Pflicht der Dankbarkeit zu vergeſſen, die ſein Großvater zu Gunſten eines Enkels des Bibel⸗Butlers ihm hinterlaſſen hatte. Ent⸗ ſchloſſen, Ruben Butler die Predigerſtelle in Knocktarlitie zu verleihen, deren Inhaber eben geſtorben war, gab er ſeinem Geſchaͤftfuͤhrer die noͤthigen Vorſchriften zu dieſem Zwecke, jedoch immer unter der Bedingung, daß Butler durch 176 Kenntniſſe und Geſinnung ſich zu dem Amte eignete. Auf eingezogene Erkundigung ergab ſich denn, daß das Geruͤcht auch von ihm wahr geſprochen hatte. Durch dieſe Befoͤrderung erzeigte der Her⸗ zog von Argyle ſeiner Freundinn und Schutz⸗ befohlenen Johanna eine groͤßere Wohlthat, als er ſelber wußte, da er dadurch beitrug, Einwendungen zu beſeitigen, die ihr Vater ge⸗ gen die Verbindung machte, und deren Daſein der Beſchuͤtzer gar nicht ahnete. Wir haben ſchon geſagt, daß Deans ein gewiſſes Vorurtheil gegen Butler hegte, wel⸗ ches vielleicht einigermaßen ſeinen Grund in dem Umſtande hatte, daß ihm die Zuneigung des armen Schulmeiſters gegen Johanna nicht entgangen war. Dieß war in David's Augen eine ſtrafbare Vermeſſenheit, ſelbſt wenn But⸗ ler keine offenbare Aeußerung ſeiner Neigung, keinen ausdruͤcklichen Antrag folgen ließ. Die lebhafte Theilnahme aber, die Butler ihm in ſeinen Bedraͤngniſſen nach Johanna's Abreiſe bewieſen hatte, und die Deans einer perſoͤnli⸗ chen Achtung gegen ſich zuſchrieb, hatte die Re⸗ gung von Empfindlichkeit, womit er den jun⸗ 177 gen Mann oft betrachtete, ſehr gemildert, und waͤhrend er in dieſer Stimmung war, ereignete ſich ein anderer Umſtand, der großen Einſluß auf des alten Mannes Gemuͤth hatte. Kaum war die erſte heftige Regung des Un⸗ muthes uͤber Effie's zweite Flucht uͤberwunden, als Deans zunaͤchſt daran dachte, die Geldſum⸗ me, die der Gutsherr von Dumbiedikes zu den Reiſekoſten ſeiner Tochter vorgeſchoſſen hatte, auf⸗ zubringen und zuruͤckzuzahlen. Der Gutsherr, ſein Klepper, ſein dreieckiger Hut, und ſeine Tabackspfeife hatten ſich ſeit vielen Tagen nicht in Leonhardfels ſehen laſſen, und David mußte ſich daher, um die Schuld abzutragen, ſelber nach dem Landgute begeben. Er fand hier eine unerwartete Bewegung. Arbeiter waren beſchaͤftigt, einen Theil der alten Tapeten abzureißen und ſie durch andre zu er⸗ ſetzen, es wurde geaͤndert, ausgebeſſert, geſcheuert, angeſtrichen und geweißt. Man kannte das alte Haus nicht mehr, das ſo lange der Wohnſitz der Traͤgheit und des Schweigens geweſen war. Der Gutsherr ſelber ſchien ein wenig verlegen zu ſein, und ließ etwas von der ehrerbietigen Herzlichkeit vermiſſen, womit er Deans ſonſt zu gruͤßen V. Theil. 1 12 178 pflegte. Auch in dem Aeußern des Landjunkers war eine Veraͤnderung ſichtbar, welche ſich Da⸗ vid ſelbſt nicht voͤllig erklaͤren konnte; eine beſſere Kleidung und eine gewiſſe Nettigkeit im Anzuge, die beide etwas ganz neues waren. Selbſt der alte Hut ſah zierlicher aus; die Kraͤmpe war neu aufgeſtutzt, die Treſſe geputzt, und ſtatt hinten oder vorne, wie er ihn gerade aufgeſetzt hatte, ins Geſicht herabzuhangen, war er recht pfiffig auf ein Auge gedruͤckt⸗ David Deans eroͤffnete ſein Anliegen und zaͤhlte das Geld auf. Dumbiedikes hörte zu, und uͤberzaͤhlte die Goldſtuͤcke mit großer Auf⸗ merkſamkeit, und waͤhrend David von Juda's Erloͤſung aus der Gefangenſchaft ſprach, unter⸗ brach er ihn durch die Frage, ob nicht einige Guineen ein wenig leicht ausſaͤhen. Als er dar⸗ uͤber beruhigt war, das Geld eingeſtrichen und einen Empfangſchein geſchrieben hatte, fragte er den Alten mit einigem Zoͤgern:„Johanna hat Euch wohl geſchrieben, Nachbar?“ Ueber das Geld? erwiederte Deans. Ei freilich. Und hat ſie nicht ſonſt etwas von mir ge⸗ ſagt? hob der Landjunker wieder an. 179 Nichts als freundliche und chriſtliche Wuͤnſche, Was ſollte ſie auch geſagt haben? antwortete David, in der ſichern Erwartung, daß des Jun⸗ kers lange Bewerbung— wenn man ſein Nach⸗ ſchlendern mit einem Nahmen bezeichnen konnte, der ſo viel Thaͤtigkeit andeutete— nun zum Ziele kommen werde. Und dazu kam ſie, nur nicht zu dem gewuͤnſchten, oder erwarteten Ziele. Nun, ſie kennt ihren Sinn am beßten, Nach⸗ bar. Ich habe Hanne Balchrieſtie und ihre Nichte aus dem Hauſe geſchafft. Es war ein ſchlechtes Pack; ſie ſtahlen Fleiſch und Malz und ließen die Kohlen heimlich von den Kaͤrnern wegſchaffen. Ich habe morgen Verlobung und werde Sonntag getraut. Was Dasvid auch fuͤhlen mochte, er war zu ſtolz, und zu veſten Sinnes, als daß er in ſei⸗ nen Zuͤgen und ſeinem Benehmen eine unange⸗ nehme Ueberraſchung verrathen haͤtte.„Ich wuͤnſche Euch Gluͤck, edler Herr, durch ihn, der Gluͤck verleiht. Die Ehe iſt ein achtbarer Stand.“ Und ich heirathe in ein achtbares Haus, David, des Gutsherrn von Lickpelf juͤngſte Toch⸗ ter. Sie ſitzt im naͤchſten Stuhle bei uns in 12* 180 der Kirche, und das brachte mich auf den Ge⸗ danken. Deans hasto weiter nichts zu ſagen, als noch einmahl Glaͤck zu wuͤnſchen, und als er ein Glas getrunken hatte, ging er nach Leonhardfels zu⸗ ruͤck, und ſann uͤber die Wandelbarkeit menſch⸗ licher Angelegenheiten und menſchlicher Entſchluͤſſe nach. Die Erwartung, daß Johanna eines Tages Herrinn in Dumbiedikes ſein werde, hatte einen maͤchtigern Einfluß auf David's Gemuͤth gewonnen, als er ſelber wußte. Es ſchien zeit⸗ her eine Verbindung zu ſein, die ſeine Tochter zu jeder Zeit eingehen konnte, ſo bald es ihr gefiel, ihrem ſtummen Liebhaber einige Aufmunterung zu geben, und nun war die Ausſicht auf ein⸗ mahl verſchwunden. David kam in einer, fuͤr einen ſo guten Mann nicht eben geziemenden Stimmung zuruͤck. Er war aͤrgerlich auf Jo⸗ hanna, daß ſie den Junker nicht aufgemuntert hatte, aͤrgerlich auf den Junker, weil er Aufmun⸗ terung verlangt hatte, aͤrgerlich auf ſich ſelber, daß er bei dieſer Gelegenheit aͤrgerlich war. Bei ſeiner Ruͤckkehr vernahm er, daß des Herzogs Geſchaͤftfuͤhrer ihn zu ſehen wuͤnſchte, um uͤber die beſprochene Angelegenheit abzuſchlie⸗ 181 ßen, David mußte nach kurzer Ruhe wieder nach Edinburgh aufbrechen, und die alte Hettly mein⸗ te, ihr Herr wuͤrde ſich am Ende noch die Beine ablaufen. Als die Angelegenheit wegen der Gutsver⸗ waltung beſprochen und abgeſchloſſen war, er⸗ fuhr Deans von dem Bevollmaͤchtigten, als Ant⸗ wort auf ſeine Frage uͤber den Gottesdienſt, daß der Herzog einen trefflichen jungen Geiſtlichen, Nahmens Nuben Butler, in die Pfarrei berufen haͤtte, wo Deans kuͤnftig wohnen ſollte. Ruben Butler? rief David. Ruben Butler, der Schulmeiſter in Libberton? Eben der, antwortete der Geſchaͤftfuͤhrer Der Herr Herzog hat ihn ſehr ruͤhmen hoͤren, und uͤberdieß ererbte Verbindlichkeiten gegen ihn. Die Lage, worein ich Herrn Butler ſetzen ſoll, wird angenehmer ſein, als wenige Geiſtliche ſie haben. Verbindlichkeiten? Der Herzog gegen Ruben Butler? Ruben Butler ein Prediger in der ſchottiſchen Kirche? rief David, hoͤchſt erſtaunt. Das Mißgeſchick, wovon Butler zeither in allen ſeinen Unternehmungen war verfolgt worden, hatte den alten Mann beinahe dahin gebracht, 182 ihn fuͤr einen jener Stiefſohne des Gluͤckes zu halten, die es mit unablaͤſſiger Haͤrte behanbelt, und endlich ganz enterbt. Wir ſind vielleicht nie ſo geneigt, von einem Freunde eine hohe Meinung zu hegen, als wenn wir ihn in der Achtung Anderer uͤber unſre Er⸗ wartung hoch ſtehen ſehn. Deans aͤußerte ſein lebhaftes Vergnuͤgen uͤber Butlers Befoͤrderung, ſobald er uͤberzeugt war, daß ſich dem jungen Manne wirklich eine guͤnſtige Ausſicht oͤffnete, die nach ſeiner Verſicherung er allein herbeige⸗ fuͤhrt hatte.„Ich rieth ja ſeiner guten Groß⸗ mutter, die nur eine einfaͤltige Frau war, ihn zum geiſtlichen Stande zu erziehen, und ſagte voraus, er wuͤrde einſt, wenn ſeine Bemuͤhun⸗ gen geſegnet waͤren, eine glaͤnzende Saͤule im Tempel werden. Er war ein wenig zu ſtolz auf ſeine weltliche Gelehrſamkeit, aber ſonſt ein gu⸗ ter Junge; er hat einen guten Grund im Glau⸗ ben, und wie die Prediger heutiges Tages ſind, kann man wohl einen beſſern finden, aber gewiß zehn ſchlimmere, als Ruben Butler.“ Er nahm Abſchied von dem Geſchaͤftfuͤhrer, und waͤhrend er heim ging, vergaß er ſeine Muͤ⸗ digkeit bei den mannigfaltigen Erwaͤgungen, die 183 jene uͤberraſchende Nachricht in ihm erweckte. Der ehrliche David mußte nun, wie andre große Maͤnner, ſeine allgemeinen Grundſaͤtze mit den obwaltenden Umſtaͤnden ausgleichen, und wie andre große Maͤnner, wenn ſie ernſtlich an dieſe Arbeit gehen, war er darin leidlich gluͤcklich. „Durfte Ruben Butler mit gutem Gewiſſen dieſe Befoͤrderung in der ſchottiſchen Kirche an⸗ nehmen, ungeachtet dieſe Anſtalt, nach Davids gegenwaͤrtigen Anſichten, den durch ketzeriſche Grundſaͤtze beguͤnſtigten Eingriffen der buͤrger⸗ lichen Gewalt*) ausgeſetzt war?“ Dieß war die Hauptfrage, und ſie wurde genau erwogen. Die ſchottiſche Kirche war ihres Glanzes beraubt und hatte ihr Geſchuͤtz und die Banner ihrer Macht verloren, aber noch immer fehlte es ihr 8 *) Die Grundſätze des ſtrengen Presbyterianismus foderten eine gaͤnzliche Unabhaͤngigkeit der Kirche von der Staatsgewalt, und erkannten das Recht der biſchoͤflichen Aufſicht nicht an, das die eng⸗ liſche Kirche dem Koͤnige einraͤumte, und das nach der Revolution, welche die Rechte des Pres⸗ byterianismus als einer Landeskirche ſicherte, auch in Schottland wenigſtens in ſo fern aus⸗ geuͤbt wurde, als ein Abgeordneter des Koͤnigs den Verſammlungen des ſchottiſchen Kirchenraths (General assembly) beiwohnte, L. 184 nicht an eifrigen und fruchtbringenden Hirten, an aufmerkſamen Gemeinen, und trotz aller ihrer Flecken und Makeln gab es eine ſolche Kir⸗ che nirgend auf Erden.— David hatte zu viele und zu bedenkliche Zweifel gehegt, als daß er ſich je haͤtte erlauben koͤnnen, ſich unbedingt mit ir⸗ gend einer Klaſſe von Andersglaubigen zu verei⸗ nigen, die ſich aus verſchiedenen Gruͤnden gaͤnz⸗ lich von der Landeskirche getrennt hatten. Er hatte ſich oft zu ſolchen, von der oͤffentlichen Ge⸗ walt anerkannten Predigern gehalten, die ſich dem Muſter und den Grundſaͤtzen der presbyte⸗ rianiſchen Kirche vom Jahre 1640 am meiſten naͤherten. In jener Kircheneinrichtung gab es freilich viele Punkte, die nach David's Meinung einer Veraͤnderung bedurften, aber er erinnerte ſich auch, daß er ſelber die gute alte Sache nur auf geſetzlichem Wege verfochten hatte, ohne ſich je zu Gewaͤltigkeiten, Spaltungen und Tren⸗ nungen hinreiſſen zu laſſen. Allen Trennungen abhold aber, konnte er einem Prediger der ſchot⸗ tiſchen Kirche in ihrem gegenwaͤrtigen Zuſtande die Hand der Bruderſchaft reichen, und folglich mochte Ruben Butler die Predigerſtelle in Knock⸗ tarlitie annehmen, ohne ſeiner Freundſchaft oder 185 Gunſt verluſtig zu werden. So war der Beweis gefuͤhrt. Dann aber kam der bedenkliche Um⸗ ſtand der Pfarrverleihung durch Laien, die Da⸗ vid Deans immer ein Einſteigen durch das Fen⸗ ſter, oder uͤber die Mauer, ein Betruͤgen und Aushungern der Seelen einer Gemeine genannt hatte, bloß in der Abſicht eingefuͤhrt, den Pfruͤnd⸗ ner zu kleiden und fuͤttern. Dieſe Ernennung von Seiten des Herzogs von Argyle war daher, ungeachtet der Verdien⸗ ſte und der hohen Wuͤrde dieſes Mannes, doch nicht mehr als ein Glied des gegoſſenen Kal⸗ bes, ein Theil des Boͤſen, und David konnte, ohne mit ſich ſelber in Widerſpruch zu gerathen, einer ſolchen Verhandlung unmoͤglich ſeinen Bei⸗ fall geben. Wenn aber die Kirchſpielgenoſſen ſelber durch einmuͤthigen Ruf Ruben Butler zu ihrem Pfarrer begehrten, ſo ſchien es nicht ganz ſo augenſcheinlich zu ſein, daß jene unſe⸗ lige Ernennung ein Grund ſein muͤßte, ihnen das Labſal ſeiner Belehrung zu verſagen. Wenn das Presbyterium ihn eher Kraft jener Ernen⸗ nung, als zufolge des allgemeinen Rufes der Gemeine, in die Kirche aufnahm, ſo mochte es fuͤr dieſen Fehler Rede ſtehen, der nach — — 186 David's Geſtaͤndniß arg genug war; wenn aber Ruben Butler die Seelſorge annahm, wie ſie ihm von denjenigen angeboten wurde, zu deren Belehrung er berufen war, und die zu lernen wuͤnſchten, ſo glaubte David, nach reiflicher Erwaͤgung der Sache, es waͤre durch die Kraft der vorliegenden Gruͤnde die Meinung gerecht⸗ fertigt, daß ſein junger Freund mit gutem Ge⸗ wiſſen ſo handeln koͤnnte. Ein dritter Stein des Anſtoßes war noch uͤbrig, die Eide, welche die anerkannten Geiſt⸗ lichen der Regierung ſchwoͤren mußten, und wodurch ſie einen Koͤnig und ein Parliament, die auf ketzeriſche Grundſaͤtze ſich ſtuͤtzten, aner⸗ kannten, und die Vereinigung zwiſchen Eng⸗ land und Schottland billigten, welche das letzte Reich zu einem Theile des erſten gemacht hatte, wo die biſchoͤfliche Kirchenverfaſſung, die Schwe⸗ ſter des Papſtthumes, ihren Thron gegruͤndet und die Hoͤrner ihrer Infel aufgerichtet hatte. Dieß waren ja Zeichen eines Abfalles, woruͤber Deans oft ausgerufen hatte:„Meine Ein⸗ geweide! meine Eingeweide! Der Schmerz geht mir an die Seele!“ Er erinnerte ſich, daß einer gottſeligen Frau in der Gefaͤngnißkirche zu Edinburgh eine Ohnmacht zugeſtoßen war, wogegen weder durch Branntwein noch verbrann⸗ te Federn ſich etwas ausrichten ließ, bloß weil ſie im Eingange der Bekanntmachung wegen des Porteous⸗Aufſtandes die furchtbaren Worte: „Es iſt von den geiſtlichen und weltlichen Herren verfuͤgt worden“ von einer ſchottiſchen Kanzel gehoͤrt hatte. Dieſe Eide waren daher eine weitfuͤhrende Wilffaͤhrigkeit und ein ſchrecklicher Graͤuel, eine Suͤnde und ein Fallſtrick, und eine Gefahr und ein Abfall. Dieſes Schiboleth aber wurde nicht immer gefodert. Die Prediger hat⸗ ten Achtung gegen ihr und ihrer Bruͤder zartes Gewiſſen, und erſt in neuern Zeiten waren die Zuͤgel von der allgemeinen Kirchenverſammlung und den Presbyterien ſchaͤrfer angezogen worden. Das friedeſtiftende Woͤrtchen kam dem guten David hier wieder zu Hilfe. Wenn ein Pfruͤn⸗ deninhaber zu ſolchen Wihffahrungen nicht aufge⸗ fodert wurde, und wenn er ſich nicht eingedrun⸗ gen hatte, ſondern durch den rechten Eingang und durch gehoͤrige Berufung in die Kirche ge⸗ langt war, ſo konnte er, nach Davids Meinung, die geiſtlichen und weltlichen Guͤter der Seelſorge zu Knocktarlitie, ſammt Beſoldung, Pfarrwoh⸗ 188 nung, Pfarrlaͤndereien und allen ſonſtigen Zube⸗ hoͤrungen, rechtmaͤßig beſitzen. Die beßten und redlichſten Menſchen ſtehen ſo ſehr unter dem Einfluſſe der Umſtaͤnde, daß es faſt grauſam ſein wuͤrde, wenn man zu ge⸗ nau unterſuchen wollte, wie viel Gewicht Da⸗ vid's ſinnreiche Schlußfolge durch die vaͤterliche Zaͤrtlichkeit erhielt. Man bedenke nur ſeine Lage. Er hatte eben eine Tochter verloren, und die aͤl⸗ teſte, der er ſo viel verdankte, war durch den ploͤtziichen Entſchluß des Gutsherrn der ſtolzen Hoffnung beraubt worden, die David gehegt hatte, ſie einſt als Gebieterinn einer anſehnli⸗ chen Beſitzung zu ſehen. In dem Augenblicke, als dieſe getaͤuſchte Erwartung ihn niederſchlaͤgt, tritt Butler vor ſeine Seele, nicht mehr der halb verhungerte Schulmeiſter im fadenſcheini⸗ gen Rocke, ſondern wohlgenaͤhrt, glatt und huͤbſch, der Prediger in Knocktarlitie, geliebt von ſeiner Gemeine, muſterhaft in ſeinem Wandel, wirkſam als Lehrer, emſig in ſeinen geiſtlichen Pflichten, wie nie vor ihm ein Pre⸗ diger im Hochlande, Suͤnder auf den rechten Weg treibend, wie ein Schaͤferhund Schafe zuruͤckbringt, ein Guͤnſtling des Herzogs von Argyle, und im Beſtte einer Pfruͤnde, die acht⸗ hundert Pfund ſchottiſch und hundert und vier⸗ zig Scheffel Lebensbeduͤrfniſſe einbrachte. Da war eine Heirath zu machen, welche die, bei Dumbiedikes getaͤuſchte Erwartung zehnmal ver⸗ guͤtete, denn Deans bewunderte einen frucht⸗ bringenden Prediger weit mehr, als einen blo⸗ ßen Landgutbeſitzer. Es fiel ihm nicht ein, daß es ein verſtaͤrkender Grund fuͤr die Ver⸗ bindung ſein koͤnnte, wenn auch Johanna's Wahl dafur entſchieden haͤtte, da der Gedanke, ihre Gefuͤhle zu Rathe zu ziehen, dem ehrlichen Manne nie in den Sinn kam, ſo wenig als die Moͤglichkeit, daß ihre Neigung vielleicht von der ſeinigen abweichen koͤnnte. Das Ergebniß ſeines Nachdenkens war, daß er ſich fuͤr berufen hielt, die Leitung der gan⸗ zen Angelegenheit in ſeine Hand zu nehmen, und, waͤre es anders ohne ſuͤndige Wilffaͤhrig⸗ keit, ohne Abfall, oder Abtruͤnnigkeit irgend einer Art moͤglich, der Gemeinde zu Knocktar⸗ litie einen wuͤrdigen Prediger zu geben. Durch Vermittelung des ehrlichen Buttermilchhaͤndlers in Libberton, ließ David den Schulmeiſter zu ſich beſcheiden. Er mußte ſelbſt vor dieſem 190 wuͤrdigen Boten ein gewiſſes ſtolzes Gefuͤhl ſei⸗ ner Wuͤrde ſo wenig zu verbergen, daß der Kaͤrner, als er ſeinen Auftrag ausrichtete, hin⸗ zufuͤgte, David Deans haͤtte gewiß eine wich⸗ tige Nachricht zu melden, denn er haͤtte ſich ſo ſtolz als ein Hahn auf dem Miſthaufen ge⸗ behrdet. Butler folgte, wie man leicht deyken kann, ſogleich der Einladung. Er war ein Mann von einer aufrichtigen Gemuͤthsart, deren Hauptzuͤge Rechtlichkeit, geſunder Verſtand und Argloſig⸗ keit waren; aber bei dieſer Gelegenheit gab ihm die Liebe einen gewiſſen Grad von ſchlauer Ge⸗ wandtheit. Er hatte bereits Nachricht von der Gunſtbezeigung, die der Herzog von Argyle ihm zudachte, erhalten, und was er dabei empfand, kann nur derjenige begreifen, dem ſich ploͤtzlich die Ausſicht geoͤffnet hat, aus Duͤrftigkeit und Muͤhſal zur Unabhaͤngigkeit und Achtbarkeit er⸗ hoben zu werden. Er wollte dem alten Man⸗ ne das ſtolze Selbſtgefuͤhl laſſen, nach ſeiner Meinung der Erſte zu ſein, der die wichtige Neuigkeit mittheilte, wobei er ſich zugleich vor⸗ nahm, in der bevorſtehenden Zuſammenkunft ihm zu geſtatten, ſich uͤber den Antrag um⸗ 191 ſtaͤndlich zu verbreiten, und er wollte ihn weder durch Unterbrechung, noch durch Widerſpruch reizen. Nichts war kluͤger als dieſer letzte Vor⸗ ſatz; denn wiewohl es viele Zweifel gab, die David Deans zu ſeiner eigenen Befriedigung oͤſen konnte, ſo haͤtte er doch vielleicht keines⸗ wegs geneigt ſein koͤnnen, von einem An⸗ dern die Loͤſung anzunehmen, und haͤtte man ihn in einen Streit gezogen, ſo wuͤrde er ſich gewiß auf einmahl und fuͤr immer in der Mei⸗ nung beveſtigt haben, die Butler etwa bekaͤmpft haͤtte. 1 Er empfing ſeinen Freund mit einem Aus⸗ drucke wichtigthuender Ernſthaftigkeit, den er, durch Mißgeſchick gebeugt, ſchon laͤngſt hatte ablegen muͤſſen, und der jener Zeit angehoͤrte, wo er, im Beſitze eines furchtbaren Anſehens, uͤber die Witwe Butler herrſchte und ihr vor⸗ ſchrieb, wie ſie ihr Feld in Berſaba bauen ſollte. Er erzaͤhlte ſehr weitſchweifig, daß er im Begriffe waͤre, ſeinen Wohnort zu veraͤn⸗ dern, um die Verwaltung des Landgutes in der Grafſchaft Dumbarton zu uͤbernehmen, wo⸗ bei er die verſchiedenen Vortheile ſeiner kuͤnfti⸗ gen Lage mit ſichtbarer Selbſtzufriedenheit her⸗ 192 rechnete, verſicherte aber dem geduldigen Zuhoͤ⸗ rer, es haͤtte ihn nichts ſo ſehr zur Annahme des Antrages bewogen, als das Bewußtſein, er koͤnnte durch ſeine Geſchicklichkeit in der Vieh⸗ zucht dem Herzoge von Argyle ſehr nuͤtzlich wer⸗ den, der ihm in den neulichen ungluͤcklichen Umſtaͤnden— eine Thraͤne truͤbte hier das Leuchten des Stolzes in des alten Mannes Auge— ſo viele Wohlthaten erwieſen haͤtte. „Wenn er die Verwaltung einem rohen Hoch⸗ laͤnder haͤtte uͤbergeben wollen, ſetzte er hinzu, ſo häͤtte er nichts anders erwarten koͤnnen, als einen Oberhirten, wie der boͤſe Edamiter Doeg*) war, aber ſo lange dieſer graue Kopf noch da iſt, ſoll jede Klaue ſo gut verpflegt werden, als ob es Pharao's fette Kuͤhe waͤren.“ Und nun, Ruben, lieber Junge, da wir unſer Zelt in ein fremdes Land tragen muͤſſen, ſo werdet Ihr uns mit einem traurigen Blicke nachſehen, und nicht wiſſen, wo Ihr Euch Raths erhoh⸗ len ſollet uͤber euer Benehmen in dieſen ſchluͤpf⸗ rigen Zeiten des Abfalles, und Euch gewiß auch erinnern, daß der alte David Deans das Werk⸗ *) 1 Sam. 21, 7. 193 zeug geweſen iſt, Euch aus dem Schlamme der Kirchenſpaltung und Ketzerei zu ziehen, wor⸗ in eures Vaters Geſchlecht ſo gern ſich waͤlzte. Oft auch, wenn Euch verfuͤhriſche Pruͤfungen, Verſuchungen und Herzenqualen bedraͤngen, wer⸗ det Ihr, wie ein Rekrut, der zum Erſten⸗ mahl der Trommel folgt, den alten kuͤhnen und erfahrenen Kriegsmann vermiſſen, der manchen harten Angriff aushielt, und die Kugeln ſo oft pfeifen hoͤrte, als er noch Haare auf ſeinem alten Kopfe hat.“ Butler mochte wahrſcheinlich in ſeinem In⸗ nern meinen, der Seitenblick auf ſeines Vor⸗ fahrs beſondre Glaubensmeinungen haͤtte wohl wegbleiben koͤnnen, und vielleicht war er wohl gar ſo vermeſſen, zu denken, daß er in ſeinem Alter und bei ſeinen Einſichten im Stande waͤre, ſeinen Lauf zu halten, ohne die Steuer⸗ mannskunſt des ehrlichen Deans noͤthig zu ha⸗ ben. Er gab indeß, ſtatt aller Antwort, nur ſein Bedauern zu erkennen, daß er ſich von einem alten, bewaͤhrten und wohlwollenden Freunde trennen ſollte. Aber wie waͤre dem Ding abzuhelfen, lie⸗ ber Mann? ſprach David, ſeine Zuͤge zu einer V. Theil.. 13 194 Art von Laͤcheln verdrehend. Wie koͤnnen wir abhelfen? Ich glaube, Ihr wißt's mir nicht zu ſagen. Das muͤßt Ihr andern Leuten uͤber⸗ laſſen, Ruben, dem Herzoge von Argyle und mir. Es iſt eine gute Sache, Freunde in die⸗ ſer Welt zu haben— doch wie viel beſſer Freunde jenſeit! 2 David, deſſen Froͤmmigkeit zwar nicht im⸗ mer ganz vernuͤnftig, aber doch eben ſo ſehr Gewohnheit als innig war, blickte ehrerbietig zum Himmel und ſchwieg eine Weile. Butler aͤußerte, er wuͤrde gern den Rath ſeines Freun⸗ des in einer ſo wichtigen Angelegenheit hoͤren, und David fuhr fort:„Nun, was daͤchtet Ihr denn, Ruben, von einer Predigerſtelle— einer ordentlichen Predigerſtelle unter der gegen⸗ waͤrtigen Kirchenverfaſſung? Wenn man Euch ſo etwas anboͤte, wuͤrdet Ihr es mit gutem Gewiſſen annehmen koͤnnen? Und unter wel⸗ chen Bedingungen? Ich ſpreche nur fragweiſe.“ Buutler antwortete, wenn ſich eine ſolche Ausſicht ihm oͤffnete, wuͤrde er wahrſcheinlich zuerſt uͤberlegen, ob er hoffen koͤnnte, dem Kirchſpiele zu nutzen, wohin er berufen werden ſollte, und wenn ſich dieß erwarten ließ, muͤßte 195 ſein Freund einſehen, daß der Antrag in jeder andern Hinſicht ſehr vortheilhaft fuͤr ihn ſein wuͤrde. Richtig, Ruben, ſehr richtig, lieber Mann, euer Gewiſſen muß zuerſt beruhigt werden. Wie koͤnnte derjenige Andre belehren, der ſelber die Schrift ſo wenig gelernt hat, daß er nach dem Gewinn einer ſchmutzigen zeitlichen Befoͤrderung trachtet, als da ſind Guͤter und Pfarrhaus, Geld und Lebensmittel, und alles, was nicht ſein iſt in einem geiſtlichen Sinne, oder der ſein Predigeramt zu einem Schleichpferde macht, um ſeiner Beſoldung aufzulauern? Aber von Euch erwarte ich etwas Beſſers, und vor allen Dingen muͤßt Ihr darauf denken, nicht ganz nach eurem eigenen Urtheile zu handeln, als woraus boͤſe Irrungen, Abfall und Abtruͤnnig⸗ keit zur Linken und zur Rechten entſtehen. Ihr ſeid noch ein junger Mann, Ruben, wie⸗ wohl Ihr mit weltlichen Zungen begabet ſein moͤget, und mit der Sprache, ſo in Rom ge⸗ ſprochen wurde, das anjetzt der Sitz der mit Scharlach bekleideten Mutter aller Graͤuel iſt, und der Sprache der Griechen, welchen das Evangelium nur eine Thorheit war, aber trotz 13* 196 dem, wenn nun ein Tag der Pruͤfung Euch heimſuchte, wuͤrdet Ihr doch von euren Freun⸗ den gebeten werden, den Rath der verſtaͤndigen, entſchloſſenen und dem Sturme trotzenden Be⸗ kenner des Glaubens anzunehmen, die da er⸗ fahren haben, was es war, an Ufern und in Mooren, in Suͤmpfen und in Hoͤhlen verſteckt zu liegen, und den Kopf in Gefahr zu ſetzen, um die Redlichkeit des Herzens zu bewahren. Butler erwiderte, da er einen ſolchen Freund haͤtte, als er in David Deans zu beſitzen glaubte, der im verfloſſenen Jahrhunderte ſo viele Veraͤnderungen erlebt haͤtte, ſo wuͤrde er allerdings ſehr zu tadeln ſein, wenn er es un⸗ terließe, die Erfahrung und den wohlmeinen⸗ den Rath deſſelben zu benutzen. Genug geſagt, genug geſagt, Ruben, ſprach David, hocherfreut in ſeiner Seele. Und ge⸗ ſetzt, Ihr waͤret in dem Falle, wovon ich ge⸗ ſprochen, ſo wuͤrde ich es ſicherlich fuͤr meine Schuldigkeit halten, auf den Grund der Sache zu gehen, und die boͤſen Schaͤden und Ge⸗ ſchwuͤre, die Wunden und den Ausſatz dieſer unſrer Zeitlaͤufte Euch offen vorzulegen, und laut zu rufen und nicht zu ſchonen. David Deans war nun in ſeinem Ele⸗ ment. Er fing ſeine Pruͤfung in den Lehren und Glaubensſaͤtzen des Chriſtenthums ſogar mit den Culdeern*) an, von welchen er bis auf Johann Knox hinabging; von Knox kam er bis auf die Widerſetzlichen unter Jakob dem Sechſten,**) und von ihnen bis zur kurzen, aber doch endlich ſiegreichen Zeit des Glanzes der presbyterianiſchen Kirche, bis ſie von den engliſchen Independenten***) geſtuͤrzt wurde. .Dann folgte die ſchreckliche Zeit des biſchoͤfli⸗ chen Kirchenthums, der Verguͤnſtigungen, ſie⸗ ben an der Zahl, in allen ihren Abſtufungen *) Lehrende Prieſter, die vom ſechſten Jahrhunder⸗ te an, in Irland, Schottland, auf den Hebri⸗ den und in Wales angeſiedelt waren, im Rufe großer Gelehrſamkeit ſtanden, und keine bi⸗ ſchoͤfliche Gewalt anerkennend, einem von ihnen gewaͤhlten Abte gehorchten, weßhalb die Paͤpſte ſpaͤterhin alles zu ihrer Unterdruͤckung aufboten. . L T. **) Gegen deſſen unweiſe Verſuche, das biſchoͤfliche Kirchenthum in Schottland einzufuͤhren. S. uͤber die kirchlichen Verhaͤltniſſe ſeiner und der ſpaͤtern Zeit das Vorwort meiner Ueberſetzung des Romans: Die Schwaͤrmer, 2te Aufl, L. **n) In Cromwells Zeit. 8. 198 und Verhaͤltniſſen, bis er endlich zur Regierung Jakobs kam, wo er ſelber, nach ſeiner Mei⸗ nung, weder ein unbekannter Theilnehmer, noch ein unbekannter Dulder geweſen war. Butler war nun verurtheilt, eine ſehr erweiterte und mit Anmerkungen verſehene Ausgabe des oft gehoͤrten Berichtes von Davids Gefangenſchaft im eiſernen Kaͤfig des Kerkers zu Edindurgh und deren Urſache anzuhoͤren. Wir wuͤrden ſehr ungerecht gegen unſern Freund David Deans ſein, wenn wir eine Er⸗ zaͤhlung uͤbergehen wollten, die nach ſeiner Mei⸗ nung fuͤr ſeinen Ruhm ſo wichtig war. Ein betrunkener Reiter von der koͤniglichen Leib⸗ wache, Nahmens Franz Gordon, hatte fuͤnf bis ſechs Whigs aus ihrem Verſteck aufgejagt, unter welchen auch unſer Freund David war, und als er ſie zum Stehen gebracht hatte und eben mit ihnen zankte, feuerte einer der⸗ ſelben ein kleines Piſtol ab, und erſchoß ihn. David pflegte hoͤhniſch zu laͤcheln, und den Kopf zu ſchuͤtteln, wenn man ihn fragte, ob er das Werkzeug geweſen ſri, jenen boshaften Verfolger vom Angeſichte der Erde zu vertil⸗ gen. Das Verdienſt der That war getheilt 199 zwiſchen ihm und ſeinem Freunde, Patrik Walker, dem Landkraͤmer, deſſen Buͤcher er ſo gern anfuͤhrte. Keiner von Beiden mochte das Verdienſt, den Reiter Gordon zum Schwei⸗ gen gebracht zu haben, geradezu in Anſpruch nehmen, da einige ſeiner wilden Vettern in Edinburgh waren, die vielleicht noch Luſt ge⸗ habt haͤtten, Rache zu nehmen, aber keiner wollte das Verdienſt einer thaͤtigen Vertheidi⸗ gung ihrer Glaubensgebraͤuche auch ablaͤugnen, oder dem Andern laſſen. David ſagte, wenn damahl von ſeiner Hand ein Piſtol waͤre ab⸗ gefeuert worden, ſo haͤtte er ſo etwas weder nachher, noch je vorher gethan. Patrik Wal⸗ ker aber erzaͤhlt uns, wie es ihn gewundert haͤtte, daß ein ſo kleines Piſtol einen ſo ſtar⸗ ken Mann haͤtte toͤdten koͤnnen. Die Worte dieſes ehrwuͤrdigen Lebensbeſchreibers, der bei ſeinem Gewerbe nicht die Erfahrung gemacht hatte, daß ein Zoll ſo gut als eine Elle waͤre, lauten ſo:„Franz Gordon erhielt einen Schuß in den Kopf aus einem Taſchenpiſtol, das eher dazu taugte, einem Knaben zum Spielwerke zu dienen, als einen ſo wuͤthenden, tollen und 200 ruͤſtigen Mann zu toͤdten, den es dennoch toͤdtete.”— Auf der breiten Grundlage, welche die Ge⸗ ſchichte der Kirche waͤhrend ihres kurzen Sieges und ihrer langen Drangſale darbot, legte er nun mit einer Langathmigkeit und Weitſchwei⸗ figkeit, die jeden Andern als den Liebhaber ſei⸗ ner Tochter erſchreckt haben wuͤrde, die Regeln nieder, die das Gewiſſen ſeines Freundes, als eines kuͤnftigen Dieners der Kirche, leiten ſoll⸗ ten. Der gute Mann ließ ſich in ſo viele fei⸗ ne und ſpitzfindige Gewiſſensfragen ein, ſetzte ſo viele aͤußerſte Faͤlle voraus, machte ſo viele kitzliche und feine Unterſcheidungen zwiſchen rechts und links, zwiſchen Nachgiebigkeit und Abfall, Zuruͤckhaltung und Ausweichen, Aus⸗ gleiten und Straucheln, Fallſtricken und Irr⸗ thuͤmern, daß er endlich, als er den Pfad der Wahrheit beinahe auf eine mathematiſche Linie gebracht hatte, geradezu einraͤumte, es wuͤrde jeder, wenn er vorher eine richtige Anſicht der Schwierigkeit ſeiner Schiffahrt gewonnen haͤtte, in ſeinem eigenen Gewiſſen den beßten Steuer⸗ mann finden. Er legte die, durch Beiſpiele unterſtuͤßten Gruͤnde fuͤr und gegen die An⸗ — —. 201 nahme einer Predigerſtelle unter der beſtehenden Kirchenverfaſſung ſeinem Freunde weit unbe⸗ fangener vor, als er ſie ſich ſelber vorzulegen im Stande geweſen war. Endlich ſchloß er mit der Bemerkung, Butler muͤßte es durch die Stimme ſeines Gewiſſens entſcheiden laſ⸗ ſen, ob er die ernſte Pflicht einer Seelſorge uͤbernehmen koͤnnte, ohne ſeiner innern Ueber⸗ zeugung von Recht oder Unrecht Gewalt an⸗ zuthun. 3 Als er ſeine lange Rede, die Butler faſt nur durch einſilbige Worte unterbrach, geſchloſ⸗ ſen hatte, wunderte ſich der Sprecher ſelber nicht wenig, daß der Schluß, wozu er natuͤr⸗ lich zu gelangen wuͤnſchte, weit weniger ent⸗ ſcheidend zu ſein ſchien, als es ihm bei der fruͤhern Erwaͤgung des Falles vorgekommen war. Der Gang der Gedanken und der Re⸗ de unſeres Freundes lieferte in dieſer Hinſicht nur eine Erlaͤuterung des hochwichtigen Satzes von den großen Vorzuͤgen oͤffentlicher Eroͤrte⸗ rung. Gewiß koͤnnen die meiſten Menſchen unter dem Einfluſſe irgend einer parteilichen Regung ſich weit leichter mit einer Lieblings⸗ maßregel ausſoͤhnen, die ſie im Stillen erwaͤ⸗ v. Theil. 14 202 gen, als wenn ſie genoͤthigt ſind, die Vorzuge derſelben einem Dritten aus einander zu ſetzen, wobei die Nothwendigkeit, unparteilich zu ſchei⸗ nen, die Wirkung hat, daß die entgegenge⸗ ſetzten Gruͤnde weit redlicher dargelegt werden, als es bei ſtiller Erwaͤgung geſchieht. David glaubte nun nach dem Schluſſe ſei⸗ ner Rede ſich deutlicher erklaͤren, und ſeinem Freunde ſagen zu muͤſſen, daß er keineswegs von einer bloßen Vorausſetzung, ſondern von einem Falle geſprochen hätte, woruͤber Ruben Butler durch ihn und den Herzog von Argyle bald aufgefodert werden ſollte. David war nicht ganz ohne Beſorgniß, als Butler auf dieſe Mittheilung erwiderte, daß er dasjenige, was ſein Freund mit ſo wohlwollender Abſicht geſagt haͤtte, uͤber Nacht erwaͤgen und ihm am naͤchſten Morgen eine Antwort bringen wollte. Das Vatergefuͤhl ſiegte nun bei dem alten Manne. Er drang in Butler, den Abend bei ihm zuzubringen, und, was ſehr ſelten bei ſei⸗ nen Mahlzeiten geſchah, er hohlte eine, ja zwei Flaſchen alten ſtarken Doppelbieres. Er ſprach von ſeiner Tochter, ihren Vorzuͤgen, ih⸗ —— 203 rer Haͤuslichkeit, ihrer Sparſamkeit, ihrer Herz⸗ lichkeit. Butler wurde ſo entſcheidend dahin gebracht, ſeine Gefuͤhle gegen Johanna zu er⸗ klaͤren, daß man vor Anbruche der Nacht of⸗ fenbar einig war, ſie ſollte ſeine Braut wer⸗ den, und wenn man es auch fuͤr unzart hielt, die Zeit der Ueberlegung abzukuͤrzen, die But⸗ ler ſich bedungen hatte, ſo ſchienen doch Beide hinlaͤnglich einverſtanden zu ſein, daß er hoͤchſt wahrſcheinlich Prediger in Knocktarlitie werden wuͤrde, wenn anders die Gemeine ſo bereit waͤre, ihn anzunehmen, als der Herzog, ihm die Ernennung zu geben. Sie kamen zugleich darin uͤberein, es wuͤrde Zeit genug ſein, die Frage wegen der Eide zu eroͤrtern, ſobald von dem Schiboleth die Rede waͤre. Es wurden an dieſem Abende noch mehr Verabredungen getroffen, die ſpaͤter durch Brief⸗ wechſel mit des Herzogs Geſchaͤftfuͤhrer reiften, und dieſer machte Deans und Butler mit dem wohlwollenden Wunſche ſeines Goͤnners be⸗ kannt, daß Alle mit Johanna nach ihrer Ruͤck⸗ kehr aus England in des Herzogs Landhauſe auf Roſeneath zuſammentreffen moͤchten. G 204 Dieſer Ruͤckblick, in ſo fern dabei von Jo⸗ hanna's und Rubens ruhiger Liebe die Rede iſt, gibt eine vollſtaͤndige Erlaͤuterung der oben erzaͤhlten Ereigniſſe bis zu der bereits erwaͤhn⸗ ten Wiedervereinigung auf der Inſel. 1 Ende des fuͤnften Theils. enmnnnnnnn 8 9 10 11 13 14 16 9 9 d M M Lu M LL alnlu