liothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur — von.— 1 Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.— 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 1 I 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme . eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe l hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet V wird. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ac.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und. beträgt: 65 W fuͤr wochentlich 26 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Nk. Pf 1 M. 50 Pf. 2 Mk. Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung 3 1 der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu Aehee haben. 9 — Das E in romantiſches Gemählde 4 v o n Walter Scott, u berſetzt von 4 Herz von Mid⸗Lothian. W. A. Lin d a u. 5 Vierter Theil. Dresden, 1823, in der Arnoldiſchen Buchhandlung. Das Herz von Mid⸗Lothian. Vierter Theil. I. Mein Heimathland, leb' wohl! Lord Byron. Eine Reiſe von Edinburgh nach London iſt heus tiges Tages eben ſo ſicher als kurz und einfach, wie unerfahren oder unbeſchuͤtzt der Reiſende auch ſei. Viele Kutſchen von verſchiedener Groͤße und eben ſo viele Poſtſchiffe gehen immer hin und her zwiſchen der Hauptſtadt Großbritanniens und ih⸗ rer noͤrblichen Schweſter, und ſelbſt der Furcht⸗ ſamſte oder Traͤgſte kann ſich zu einer ſolchen Reiſe in wenigen Stunden einrichten. Ganz anders aber war es im Jahre 1737. Der Ver⸗ kehr zwiſchen London und Edinburgh war ſo un⸗ bedeutend und ſelten, daß noch lebende Menſchen ſich erinnern, wie einmahl die Briefpoſt von London mit einem einzigen Briefe im ſchottiſchen Oberpoſtamt ankam. Die gewoͤhnliche Art zu 1*† 4 reiſen war, Poſtpferde zu reiten, wovon der Rei⸗ ſende das Eine und ſein Begleiter das Andere ritt, und ſo konnte die Reiſe mit Pferdewechſel von Raſtort zu Raſtort von Denjenigen, die Beſchwerden zu ertragen vermochten, in unge⸗ mein kurzer Zeit zuruͤck gelegt werden. Es war eine Luſt fuͤr die Reichen, ſich bei dem ſteten Wechſel jener Miethgaͤule die Knochen zerſchuͤt⸗ teln zu laſſen, und die Armen waren genoͤthigt, ſich der Mittel zum Weiterkommen zu bedienen, womit die Natur ſie verſehen hatte.. Mit ſtarkem Herzen und einem an Beſchwer⸗ den gewoͤhnten Koͤrper, reiſete Johanna Deans taͤglich gegen zehn Stunden, und oft noch weiter, durch den ſuͤdlichen Theil Schottlands und kam bis Durham. Sie war zeither entweder nur unter ihren Landsleuten, oder unter Denjenigen geweſen, welchen ihre nackten Fuͤße und ihre bunt gewuͤr⸗ felte Kopfbedeckung ſo bekannt waren, daß man nicht viel darauf achtete. Als ſie aber weiter kam, bemerkte ſie, daß Beides ſie einem Spott und Hohn ausſetzte, die ſie ſonſt haͤtte vermeiden koͤnnen, und obgleich ſie es in ihrem Herzen fuͤr unartig und ungaſtfreundlich hielt, einen vor⸗ 5 uͤbergehenden Wanderer wegen ſeiner Tracht zu verſpotten, ſo war ſie doch verſtaͤndig genug, die⸗ jenigen Theile ihres Anzugs zu veraͤndern, welche zu boshaften Bemerkungen reizten. Ihr gewuͤr⸗ felter Kopfputz wurde ſorgfaͤltig in ihr Buͤndel gelegt, und ſie folgte der verſchwenderiſchen Sitte, waͤhrend des ganzen Tages Schuhe und Struͤm⸗ pfe zu tragen. Sie geſtand ſpaͤterhin, daß es, abgeſehen von der Verſchwendung, lange ge⸗ dauert habe, ehe ſie mit Schuhen ſo bequem, als barfuß zu gehen im Stande geweſen ſei, aber ſie habe oft ein wenig weiches Heidekraut am Wege gefunden, das ihr gut zu Statten gekom⸗ men. Den Mangel des Tuches, das wie ein Schleier uͤber den Kopf gezogen ward, erſetzte ſie durch einen großen Strohhut, wie ihn die engliſchen Maͤdchen bei der Feldarbeit tragen. „Aber ich ſchaͤmte mich, ſagte ſie, nicht wenig vor mir ſelber, als ich zum Erſtenmahl das Kopf⸗ zeug verheiratheter Weiber aufſetzte, da ich doch noch ledig war.“ Nach dieſen Veränderungen hatte ſie, wie ſie ſagte, wenig Auffallendes, ſo bald ſie nicht ſprach, aber ihr Redeton und ihre Sprache zogen ihr viele Redereien und Hoͤhnereien zu, die weit 6 platter geſprochen wurden, als ſie felber ſprach, und ſie fand es bald nuͤtzlich, ſo wenig und ſo ſelten als moͤglich zu reden. Sie erwiederte da⸗ her die hoͤflichen Begruͤßungen der Wanderer, die ihr etwa begegneten, mit einer hoͤflichen Vernei⸗ gung, und waͤhlte mit aͤngſtlicher Vorſicht nur ſolche Ruheorte, die ihr als die anſtaͤndigſten und einſamſten vorkamen. Sie fand das gemeine Volk in England zwar nicht ſo hoͤflich gegen Fremde, als man es damahl in ihrer weniger beſuchten Heimath war, aber im Ganzen be⸗ merkte ſie keineswegs Mangel an den wahren Pflichten der Gaſtfreundſchaft. Gern gab man ihr Speiſe, Obdach und Schutz zu einem ſehr maͤßigen Preiſe, den zuweilen der großmuͤthige Wirth ganz ablehnte, mit der gerade aus geſag⸗ ten Entſchuldigung:„Du haſt noch einen lan⸗ gen Weg vor Dir, Kind, und ich nehme nie einen Pfennig aus eines Maͤdchens Geldbeutel. Der iſt der beßte Freund, den Du unterwegs haben kannſt.“ Oft geſchah es auch, daß die Wirthinn von der niedlichen, ſchmucken ſchotti⸗ ſchen Dirne uͤberraſcht ward, und ihr eine Be⸗ gleitung, oder einen Sitz auf einem Wagen fuͤr einen Theil des Weges verſchaffte, oder ihr nuͤt⸗ Sh th. lichen Rath und Empfehlungen, hinſichtlich der Nachtlager gab. In York verweilte unſre Pilgerinn den groͤß⸗ ten Theil des Tages, ſowohl um neue Kraͤfte zu ſammeln, als weil ſie ſo gluͤcklich war, in einem Wirthshauſe, das eine ihrer Landsmaͤn⸗ nin hielt, Herberge zu ſinden, theils aber, um zwei Briefe an ihren Vater und an Ruben But⸗ ler zu ſchreiben, eine Arbeit, die ihr etwas ſchwer wurde, da ſie keineswegs an Schreiben gewoͤhnt war. Der Brief an ihren Vater lautete ſo: Liebſter Vater. „Meine gegenwaͤrtige Pilgerſchaft wird mit ſchwerer und druͤckender, weil ich leider daran ge⸗ denken muß, daß ich ſie ohne Euer Mitwiſſen habe unternommen, was, Gott weiß es, ganz gegen mein Herz war, deun es ſagt die Schrift: das Geluͤbde der Tochter ſoll nicht binden ohne des Vaters Einwilligung— und es kann wohl ſein, ich habe Unrecht gethan, dieſe beſchwerliche Reiſe zu machen, ohne eure Zuſtimmung. Es wurde mir aber in den Sinn gegeben, ich koͤnnte ein Werkzeug ſein, meiner armen Schweſter zu helfen in dieſer groͤßten Noth, ſonſt wuͤrde ich 8 ſo etwas nicht gethan haben, ohne Euer Wiſſen und Wilen, nicht fuͤr alle Reichthuͤmer und Guͤ⸗ ter der Welt, und nicht für alle Ländereien von Dalkeith und Lugton. O lieber Vater, wuͤn⸗ ſchet Ihr Segen meiner Reiſe und Euerm Hauſe, ſo ſprecht ein Wort, oder ſchreibt eine Zeile, un⸗ ſre arme Gefangene zu troͤſten! Hat ſie geſuͤn⸗ digt, ſo hat ſie auch getrauert und gelitten, und Ihr wiſſet beſſer als ich, daß wir Andern verge⸗ ben muͤſſen, wie wir beten„ daß uns vergeben werde. Lieber Vater, verzeihet mir„ daß ich ſo viel ſage, denn es ſchickt ſich nicht fuͤr die Ju⸗ gend, das graue Haar zu belehren; aber ich bin ſo weit von Euch entfernt, daß mein Herz ſich nach Euch Allen ſehnet, und ich moͤchte ſo gern hoͤren, Ihr haͤttet meiner Schweſter ihre Suͤnde vergeben, darum ſage ich gewiß mehr, als ſich fuͤr mich ſchickt. Die Leute ſind hier ſehr hoͤflich, und haben mir, wie die Barbaren dem heiligen Apoſtel, viel Guͤte erwieſen. Es gibt auch eine Art auserwaͤhlter Leute im Lande„ denn ſie ha⸗ ben Kirchen ohne Orgeln, wie die unſrigen, die nennen ſie Bethaͤuſer, und da predigt der Geiſt⸗ liche ohne Chorrock. Die meiſten Leute hier zu Lande aher ſind von der biſchoͤllichen Kirche, das ——— ——õ— — —— 9 iſt ein erſchrecklicher Gedanke, und ich ſah zwei Prediger hinter den Jagdhunden, ſo keck als Roslin oder Driden, der junge Gutsherr von Loupthedike, oder als ein wilder Burſche in Lothian. Das iſt ein trauriger Anblick. O lieber Vater, Segen ſei mit Eurem Schlafen⸗ gehn und Eurem Aufſtehen, und gedenket in Euren Gebeten an Eure zaͤrtliche Tochter Johanna Deans.“ In einer Nachſchrift hieß es:„Ich hoͤrte von einer geſetzten Frau, einer Viehmaͤſterwit⸗ we, daß man in Cumberland ein Mittel gegen die Viehſeuche hat, und dazu nimmt man Bier — eine Kanne, wie ſie's nennen, aber es iſt nur ein Tropfen gegen unſre reichliche ſchotti⸗ ſche Kanne, und kaum ein halber Schoppen— das wird mit Seife und etwas Hirſchhorngeiſt gekocht und man gießt es dem Thiere in den Schlund. Ihr koͤnnt's bei der Starke mit der weißen Bleſſe verſuchen; hilft's nicht, ſo kann's doch nicht ſchaden. Die Frau war freundlich und ſchien ſich gut auf die Rindviehzucht zu 10 verſtehen. Komme ich nach London, ſo beſu⸗ che ich unſre Muhme, Frau Glaß, die Ta⸗ backshaͤndlerinn, die ſo hoͤflich iſt, daß ſie Euch jaͤhrlich einmahl Euren Beutel voll Taback ſchickt, und ſie muß wohl ſo bekannt in Lon⸗ don ſein, daß ich ihre Wohnung gewiß leicht finde.“— Wirr haben einmahl das Geheimniß unſrer Heldinn ſo weit verrathen, und wollen nun auch noch den weitern Schritt thun, dem Leſer ihren Brief an ihren Geliebten mitzutheilen. „In der Hoffnung, daß dieſer Brief Euch in beſſerer Geſundheit antrifft, Herr Butler, wollte ich Euch ſagen, daß ich dieſe große Stadt gluͤcklich erreicht habe, und ich bin keineswegs muͤde vom Gehen, ſondern befinde mich nur deſto beſſer dabei. Ich habe vielerlei geſehen, wovon ich Euch eines Tags etwas zu erzaͤhlen hoffe, auch die große Kirche in dieſer Stadt habe ich geſehen, und rings um die Stadt ſind Muͤhlen, die weder Waſſerraͤder noch Wehre haben, ſondern vom Winde getrieben werden, das ſieht ſeltſam aus. Ein Muͤller bat mich, ich moͤchte herein kommen und das Werk an⸗ ſehen, aber ich wollte nicht, denn ich bin nicht 11 nach England gekommen, um mit Fremden Bekanntſchaft zu machen. Ich bleibe immer auf der geraden Straße und verneige mich nur, wenn Jemand mich hoͤflich anredet, aber ich antworte Niemanden mit dem Munde, als Perſonen meines Geſchlechts. Ich wollte, ich wuͤßte etwas, das Euch geſund machen koͤnnte, Herr Butler, denn man hat in dieſer Stadt York mehr Arzneien, als man brauchte, um ganz Schottland zu curiren, und es iſt gewiß etwas darunter, das wuͤrde fuͤr Euer Uebel gut ſein. Haͤttet Ihr eine guͤtige muͤtterliche Per⸗ ſon, die Euch pflegte, und Euch abhielte, Euch durch das Leſen Schaden zu thun— Ihr leſet ja mehr als genug mit den Knaben in der Schule— und Euch des Morgens warme Milch gaͤbe, ſo wuͤrde ich weniger um Euch in Sorgen ſein. Lieber Herr Butler, ſeid gutes Muths, denn wir ſind in der Hand Desjeni⸗ gen, der beſſer weiß, was gut fuͤr uns iſt, als wir's ſelber wiſſen. Ich bin gar nicht im Zweifel, das zu thun, was mich hieher gebracht hat, ich kann keinen Zweifel haben, ich will gar nicht an Zweifel denken, denn wenn ich nicht volle Zuverſicht habe, ſo koͤnnte ich mich 12 jn bei den vornehmen Leuten nicht auf's inſtaͤn⸗ dige Bitten legen. Aber wenn wir wiſſen, daß unſer Vorhaben recht iſt, und unſre Herzen ſtark machen, ſo koͤnnen wir das haͤrteſte Ta⸗ gewerk vollbringen. Der Kinderreim ſagt ja, der ſchlimmſte Sturm in den drei letzten Maͤrz⸗ tagen koͤnnte nicht drei ſchwache Laͤmmchen toͤd⸗ ten. Und wenn's Gottes Wille iſt, ſo koͤnnen wir, nach einer Trennung in Leid, uns wie⸗ derſehen in Freude, ſelbſt in dieſer Welt. Ich habe Euch nicht gebeten, Euch deſſen zu erin⸗ nern, was ich Euch beim Abſchiede von wegen meines armen Vaters und des ungluͤcklichen Maͤdchens ſagte; denn ich weiß, Ihr werdet's thun aus chriſtlicher Liebe, die mehr iſt, als die Bitten Eurer Dienerinn Johanna Deans.“ Auch dieſer Brief hatte eine Nachſchrift, folgendes Inhalts:„Lieber Ruben, wenn Ihr glaubt, ich haͤtte Euch mehr und etwas Freund⸗ licheres ſagen ſollen, ſo denkt Euch nur, ich haͤtte ſo geſchrieben, weil ich gewiß bin, daß 13 ich alles, was gut und recht iſt, fuͤr Euch und durch Euch wuͤnſche. Ihr werdet denken, ich bin verſchwenderiſcher geworden, denn ich trage alle Tage reine Struͤmpfe und Schuhe; aber es iſt hier gebraͤuchlich bei ordentlichen Leuten und jedes Land hat ja etwas fuͤr ſich, woruͤber man lachen muß. Sollte je wieder eine Zeit zum Lachen fuͤr uns kommen, ſo wuͤrdet Ihr wohl lachen, wenn Ihr mein rundes Geſicht ganz hinten unter einem Strohhute ſtecken ſaͤ⸗ het, der ſo groß und rund iſt, als das Chor in der Kirche zu Libberton. Aber er hält die Sonne gut ab, und unhoͤfliche Leute koͤnnen Einen nicht ſo anſtarren, als ob man ein Popanz waͤre. Ich werde Euch ſchriftlich mel⸗ den, wie es mir bei dem Herzoge von Argyle geht, ſo bald ich nach London komme. Schreibt mir mit einer Zeile, wie Ihr Euch befindet, und ſchickt den Brief an die Tabackshaͤndlerinn, Frau Margaretha Glaß, in der Diſtel zu Lon⸗ donz es wird mir das Herz noch einmahl ſo leicht machen, wenn ich hoͤre, daß Ihr geſund ſeid. Nehmt's nicht uͤbel, daß ich ſo unrichtig und ſchlecht ſchreibe, ich habe eine Feder, die taugt gar nichts.“ 14 Vermuthlich werden die engliſchen Leſer mei⸗ nen, daß die Schreibweiſe dieſer Briefe einer beſſern Entſchuldigung beduͤrfe, als Johanne vorbringt, aber ich muß ihnen zu Gunſten meiner Heldinn ſagen, daß Johanne es But⸗ lers Sorgfalt verdankte, funfzigmahl beſſer ſchreiben zu koͤnnen, als die Haͤlfte aller vor⸗ nehmen Frauen in Schottland zu jener Zeit, deren ſeltſame Schreibung und wunderliche Sprache den auffallendſten Gegenſatz mit dem geſunden Verſtande macht, der gewoͤhnlich aus ihren Briefen ſpricht. Johanna ſprach uͤbrigens in jenen Briefen vielleicht mehr Hoffnung, ve⸗ ſterem Muth und mehr Entſchloſſenheit aus, als ſie wirklich fuͤhlte. Es bewog ſie dazu der liebevolle Gedanke, ihren Vater und ihren Ge⸗ liebten von den Beſorgniſſen um ſie zu befreien, welche, wie ſie wohl fuͤhlte, die andern Be⸗ kuͤmmerniſſe derſelben erhoͤhen mußten.„Wenn ſie mich fuͤr wohl halten, und glauben, daß ich etwas Gutes thun werde, dachte die arme Pilgerinn, ſo wird mein Vater freundlicher ge⸗ gen Effie ſein und Butler freundlicher gegen ſich ſelber. Ich weiß es wohl, ſie werden mehr an mich denken, als ich ſelber es thue.“ 15 Sie ſiegelte ſorgfaltig ihre Briefe und gab ſie mit eigener Hand auf die Poſt, nach vie⸗ len Erkundigungen, in welcher Zeit ſie wohl in Edinburgh eintreffen koͤnnten. Als dieſe Pflicht erfuͤllt war, nahm ſie gern ihrer Wir⸗ thinn dringende Einladung an, mit ihr zu ſpeiſen und bis zum folgenden Morgen zu blei⸗ ben. Die Wirthin war, wie geſagt, ihre Lands⸗ maͤnninn, und der Eifer, womit die Schottlän⸗ der, wenn ſie ſich irgendwo treffen, ſich gegen⸗ ſeitig mittheilen und nach ihren Kraͤften einan⸗ der beiſtehen, iſt uns zwar oft als Vorurtheil und Engherzigkeit vorgeworfen wurden, ſcheint aber aus einer ſehr loͤblichen und ehrenwerthen Regung von Vaterlandsliebe hervor zu gehen, womit ſich die Ueberzeugung verbindet, daß die Gewohnheiten und Grundſätze eines Volkes eine Art von Buͤrgſchaft fuͤr die Geſinnung der Ein⸗ zelnen ſind, eine Ueberzeugung, welche„ wenn ſie unverdient waͤre, laͤngſt durch die Erfahrung widerlegt ſein wuͤrde. Betrachtet man den aus⸗ gedehnten Einfluß dieſer volkthuͤmlichen Vorliebe als ein neues Band, das Menſchen an Men⸗ ſchen knuͤpft, und zu guten Dienſten Diejeni⸗ gen anruft, die im Stande ſind, beduͤrftigen 8 7 16 jener unparteilichere und weitere Grundſatz all⸗ gemeinen Wohlwollens, den man zuweilen wohl als Entſchuldigung geltend gemacht hat, gar Niemanden beizuſtehen. Frau Bickerton, die Wirthin in den ſieben Sternen in der Schloßgaſſe zu York, war von den ungluͤcklichen Vorurtheilen ihres Vaterlan⸗ des durchaus angeſteckt. Sie zeigte ſo viel Guͤte gegen Johanne Deans, deren Heimath Midlothian an die ihrige, das Gebiet von Merſe, graͤnzte, ſie verrieth ſo viel muͤtterliche Aufmerkſamkeit gegen ſie und war ſo bekuͤm⸗ mert um des Maͤdchens weitre Pilgerfahrt, daß Johanna, ſo vorſichtig ſie ſonſt von Na⸗ tur war, es fuͤr unbedenklich hielt, ihre ganze Geſchichte ihr mitzutheilen. Frau Bickerton erhob Haͤnde und Augen bei der Erzaͤhlung und zeigte viel Erſtaunen und Mitleid, gab jedoch auch wirkſamen guten Rath. Sie wuͤnſchte zu wiſſen, wie viel Geld Johanna bei ſich hatte, deren Vorrath durch die Spende in Libberton und die noͤthigen Reiſe⸗ Landsleuten ſie zu erweiſen; ſo glauben wir, ſie ſei, als ein thaͤtiger und wirkſamer Beweg⸗ grund zur Großmuth, weit vorzuͤglicher als „—— * 3 17 koſten auf ungefaͤhr funfzehn Pfund geſchmol⸗ zen war. Damit wuͤrdet Ihr recht gut auskom⸗ men, ſagte ſie, wenn ſich's ſicher nach London bringen ließe.“ Sicher? erwiderte Johanna. Ich bin ge⸗ wiß, daß ich's ſicher hinbringe, die noͤthigen Ausgaben abgerechnet. Ja, aber die Straßenraͤuber, mein liebes Kind! ſprach Frau Bickerton. Ihr ſeid nun in ein geſitteteres, das heißt ein gefaͤhrlicheres Land gekommen, als Schottland iſt, und ich weiß nicht, wie Ihr fortkommen wollt. Koͤnn⸗ tet Ihr acht Tage warten, ſo wuͤrden unſre Wagen aufbrechen, und ich wollte Euch dem Hans Broadwheel empfehlen, der Euch ſicher im Schwan abſetzen wuͤrde. Und ruͤmpft nur nicht die Naſe, wenn der Hans ſich an Euch machen wollte, fuhr die Wirthin fort: er iſt ein ruͤſtiger Burſche und ein Junggeſell; es giebt keinen beſſern Jungen in dieſer Gegend, und die Englaͤnder geben gute Ehemaͤnner, wie mein armer Mann, Moſes Bickerton, der auf dem Kirchhofe liegt. Es waͤre ihr unmoͤglich, auf die Abfahrt des Wagens zu warten, erwiederte Johanna ſchnell, aV. Theil. 2 18 da der Gedanke, auf der Reiſe der Gegen⸗ ſtand der Aufmerkſamkeit des Fuhrmanns zu werden, ihr keineswegs erfreulich war. Nun, Maͤdchen, erwiderte die gute Wirthin: dann mußt Du dein Beutelchen ſelbſt verwahren, und Dir ſelber helfen ſo gut Du kannſt. Aber hoͤre auf meinen Rath, und verbirg dein Gold in deiner Schnuͤrbruſt, und habe nur ein Paar Stuͤcke Silbergeld zur Hand, im Falle Du angeſprochen wuͤrdeſt, denn eine Tagereiſe von hier gibts's ſo verwegene Kerle, als in den Gebirgen der Grafſchaft Perth. Und Du mußt nicht gaffend durch London gehen, Maͤdchen, und fragen, wer Frau Glaß in der Diſtel kennt— ei da wuͤrde man Dich weidlich auslachen! Gehe zu dieſem ehrlichen Mann, ſetzte ſie hinzu, und gab dem Maͤdchen eine Addreſſe: der kennt die meiſten achtbaren Landsleute in London und er wird deine Freundinn fuͤr Dich aufſuchen. Johanna nahm das Empfehlungbriefchen mit aufrichtigem Danke, aber ein wenig unruhig we⸗ gen der Straßenraͤuber, erinnerte ſie ſich an Ratcliffe's Aeußerungen und indem ſie in der Kuͤrze die Umſtaͤnde mittheilte, die ſie in den Beſitz einer ſo ſeltſamen Schrift gebracht hatten, * 5 19 uͤbergab ſie der Wirthin das von jenem erhaltene Papier. Die Herrin der ſieben Sterne klingelte nun zwar nicht, weil es zu jener Zeit nicht uͤblich war, aber ſie pfiff auf einem Silberpfeifchen, das an ihrer Seite hing, und ein derbes Dienſtmaͤdchen trat herein. Der Stallknecht Richard ſoll herein kommen, ſprach Frau Bickerton. Richard kam, ein ſeltſames pfiffiges ſperr⸗ beiniges Geſchoͤpf, mit einem plumpen Geſichte, ſchielend und hinkend. Richard, ſprach Frau Bickerton mit einem gebieteriſchen Tone, der verrieth, daß ſie, we⸗ nigſtens als angenommene Tochter, der Graf⸗ ſchaft York angehoͤrte: Du kennſt ja meiſt al⸗ les auf der Landſtraße. Ja ja! Gott helf' mir„ Frau Bickerton, ſprach Richard, und zuckte die Achſeln, halb reuig, halb pfiffig. Ja, ich habe wohl dieß und jenes zu meiner Zeit gekannt. Er blickte ſchlau und lachte, ſah ernſthaft aus und ſeufzte, als waͤre er bereit geweſen, die Sache auf beiderlei Art zu nehmen. Kennſt Du unter andern dieß Stuͤckchen 2 ⁴ 20 Papier? ſprach Frau Bickerton und reichte ihm den Schutzbrief, den Hannchen von Rateliffe erhalten hatte. Als Richard auf die Schrift geſehen hatte, blinzelte er mit einem Auge und zog ſeinen un⸗ geheuren Mund von einem Ohre zum andern, daß er einem ſchiffbaren Kanale glich, kratzte ſich tuͤchtig den Kopf, und ſprach:„Kennen? Ja, ich koͤnnte ihn wohl ein bischen kennen, wenn's ihm nur kein Ungluͤck braͤchte. Nicht im Geringſten, erwiderte Frau Bicker⸗ ton, aber Dir bringt's einen Schluck Wachhol⸗ der, wenn Du reden willſt. J nun— ſprach Richard, zog mit einer Hand geſchickt das Hoſenbund auf, und ſchlug mit einem Fuße hinten aus, um das wichtige Kleidungſtuͤck in Ordnung zu bringen— ich kann wohl ſagen, man wird den Paß recht gut uͤberall auf der Landſtraße kennen, wenn's weiter nichts iſt. Aber was fuͤr ein Burſche war's denn? frag⸗ te die Wirthinn, und winkte dem Maͤdchen zu, als waͤre ſie ſtolz auf ihren ſchlauen Stallknecht geweſen. J nun, was weiß ich's. Ratchen war der 21 Vormann aus Schottland, in dieſem Jahre, er und der ſchottiſche Wilſon; aber er iſt nun ei⸗ ne Weile aus dem Lande, doch jeder Ehrenmann auf der Landſtraße dieſſeit Stamford, wird Rat⸗ chens Paß achten. Ohne weiter zu fragen, fuͤllte die Wirthinn dem Stallknechte ein Glas mit Wachholder. Er duckte mit Kopf und Schultern, ſcharrte mit dem vorgeſtreckten Fuße, ſtuͤrzte den Branntwein hinunter und begab ſich wieder in ſein Gebiet. Ich moͤchte Dir rathen, Hannchen, ſprach Frau Bickerton, wenn Du unterwegs auf haͤß⸗ liche Geſellen ſtoßen ſollteſt, ſo zeige ihnen dieß Blaͤttchen; es wird Dir nuͤtzlich ſeyn, glaube es mir. Eine huͤbſche Mahlzeit beſchloß den Abend⸗ Die ausgewanderte Schottlaͤnderinn aß tuͤchtig von einigen gewuͤrzten Gerichten, trank ſtarkes altes Doppelbier und ein Glas kraͤftigen Negus, waͤhrend ſie dem Maͤdchen die Geſchichte ihrer Gicht erzaͤhlte, wobei ſie ſich wunderte, wie es moͤg⸗ lich waͤre, daß ſie, deren Voraͤltern ſeit vielen Geſchlechtsreihen Pachter in Lammermoor gewe⸗ ſen waren, zu einer Krankheit gekommen ſein koͤnnte, die jene gar nicht gekannt hatten. Jo⸗ 22 hanne wollte ihre freundliche Wirthinn dutch eine Aeußerung uͤber den wahrſcheinlichen Urſprung der Krankheit nicht beleidigen, aber ſie dachte an die Fleiſchtoͤpfe Aegyptens, und trotz aller dringenden Einladungen zu beſſern Speiſen, nahm ſie ein Abendbrod von Pflanzenkoſt und friſchem Waſſer. d Frau Bickerton verſicherte ihr, daß von Be⸗ zahlung einer Zeche gar nicht die Rede ſein koͤnn⸗ te, gab ihr Empfehlungbriefe an ihre Bekann⸗ ten in London, und an verſchiedene Wiethshaͤu⸗ ſer an der Landſtraße, wo ſie etwas galt, oder bekannt war, erinnerte ſie noch einmal an die Vorſichtregel, ihr Geld zu verbergen, und da Johanna am fruͤhen Morgen abreiſen mußte, ſo nahm ſie ſehr liebreich Abſchied, und ließ ſich das Verſprechen geben, ſie auf dem Ruͤckwege nach Schottland wieder zu beſuchen, und ihr zu ſa⸗ gen, wie ſie ihre Sache gemacht, und wie es um alles ſtehe und gehe, was fuͤr eine Klatſche das hoͤchſte Gut iſt. Johanna verſprach es ihr veſt. 23 II. Noth, Elend, Laſter und Gefahren binden, Wo ein entwuͤrdigtes Gemuͤth ſie finden. Unſre Pilgerinn brach ſruͤh am folgenden Mor⸗ gen auf, um ihre Reiſe fortzuſetzen, und war eben im Begriff, den Hof des Wirthshauſes zu verlaſſen, als der Stallknecht Richard, der ent⸗ weder fruͤh aufgeſtanden, oder gar nicht zu Bette gegangen war, was Beides in ſeinem Beruf nicht ſelten geſchah, ihr nachrief:„Guten Morgen, Juͤngferchen! Nehmt Euch vor dem Gunners⸗ bury⸗Berg in Acht, mein Kind. Robin Hood iſt zwar todt, aber es gibt noch Abnehmer im Bever⸗Thal.“ Johanna ſah ihn an, als haͤtte ſie eine wei⸗ tere Erklaͤrung verlangt, aber mit einem Quer⸗ blick, einem graͤtſchelnden Schritte und einem 24 Achſelzucken, das nur Emery*) nachahmen kann, wandte ſich Richard wieder zum magern Gaule, den er ſtriegelte, und ſang„ waͤhrend er Kamm und Buͤrſte gebrauchte: Robin Hood, der war ein wackrer Geſell, Stark ſein Bogen, von Eiben gemacht, Und wenn Robin ſprach: Steht! auf des Koͤ⸗ 3 nigs Gebiet, Warum waͤr' es uns denn verſagt? Johanna ſetzte ihre Reiſe fort, ohne weiter zu forſchen, da Richards Benehmen nicht von der Art war, daß ſie Neigung bekommen haͤtte, die Unterredung zu verlaͤngern. Nach einer muͤh⸗ ſamen Tagereiſe erreichte ſie Ferrybridge, das beßte Wirthshaus, zu jener Zeit wie noch heuti⸗ ges Tages, auf der Landſtraße noch Schottland. Eine Empfehlung von Frau Bikerton und Jo⸗ hanna's ſchlichtes und geſetztes Benehmen, mach⸗ ten die Wirthinn im Schwan ihr ſo geneigt, daß die gute Frau ihr Gelegenheit verſchaffte, ſich eines nach Tuxford zuruͤck gehenden Poſtpferdes zu bedienen, und uͤberdieß noch fuͤr einen beque⸗ men Weiberſattel ſorgte. Auf dieſe Weiſe legte — *) Beruͤhmter Schauſpieler in London. t. ſie am zweiten Tage nach ihrem Aufbruche von York die laͤngſte Tagereiſe zuruͤck, die ſie noch gemacht hatte. Dieſe Art zu reiſen aber, wor⸗ an ſie weniger als ans Gehen gewoͤhnt war, ermuͤdete ſie ziemlich, und am folgenden Mor⸗ gen war ſie viel ſpaͤter als gewoͤhnlich im Stan⸗ de, ihre Pilgerfahrt fortzuſeten. Um Mittag ſah ſie die hundertarmige Trent und die ſchwar⸗ zen Trummer des, im großen Buͤrgerkriege*) zerſtoͤrten Schloſſes Newark vor ſich liegen. Man kann leicht denken, daß Johanna keine Luſt fuͤhlte, Alterthumsforſchungen anzuſtellen, ſon⸗ dern ſie ging, gleich nach dem Eintritte in die Stadt, gerade auf das Wirthshaus zu, das man ihr in Ferrybridge empfohlen hatte. Als ſie ſich Erfriſchungen geben ließ, bemerkte ſie, daß die Magd, die ihr das Verlangte brachte, ſie mehrmal mit geſpannter, beſonderer Theil⸗ nahme anſah, endlich aber hoͤrte ſie zu ihrem hoͤchſten Erſtaunen die Frage, ob ſie nicht Deans heiße, eine Schottlaͤnderin ſei und in einer Rechtsangelegenheit nach London gehe. Johanna hatte bei aller Einfalt ihrer Gemuͤths⸗ *) 1642— 1651. — — ⸗8 29 art etwas von der Behutſamkeit ihrer Lands⸗ leute, und nach der allgemeinen ſchottiſchen Sitte beantwortete ſie jene Frage durch eine andere, indem ſie zu wiſſen wuͤnſchte, warum das Maͤdchen ſie ſo fragte. Die Maritorne im Mohrenkopf zu Ne⸗ wark erwiderte, es waͤren am Morgen zwei Weiber voruͤber gegangen, die ſich nach einer Johanna Deans erkundigt haͤtten„ welche in einer ſolchen Angelegenheit auf dem Wege nach London ſein ſollte, und man haͤtte ſie kaum uͤberzeugen koͤnnen, daß dieſe Reiſende nicht vorbei gekommen waͤre. Johanna wahr ſehr uͤberraſcht und nicht ohne Unruhe, denn was unerklaͤrlich iſt, be⸗ unruhigt gewoͤhnlich. Sie fragte die Dirne nach dem Aeußern der beiden Weiber, konnte aber nur erfahren, daß die Eine jung, die andre alt ge⸗ weſen waͤre, daß dieſe einen hoͤhern Wuchs ge⸗ habt, jene aber mehr geſprochen, und, wie es geſchienen, ein Anſehen uͤber die Andre behaup⸗ tet haͤtte. Beide hatten die ſchottiſche Aus⸗ ſprache gehabt. Dieß gab durchaus keinen Aufſchluß. Jo⸗ hanna hatte eine unbeſchreibliche Ahnung boͤſer 27 Anſchlaͤge gegen ſie, und entſchloß ſich, bis zum naͤchſten Ruheorte Poſtpferde zu nehmen. Ihr Verlangen konnte jedoch nicht erfuͤllt wer⸗ den, da zufaͤllige Umſtaͤnde gerade einen leb⸗ haften Verkehr auf der Landſtraße veranlaßt hatten und der Wirth nicht im Stande war, ihr einen Fuͤhrer und Pferde zu geben. Sie wartete eine Zeitlang, in der Hoffnung, daß ein Paar Pferde, die ſuͤdwaͤrts gegangen waren, fruͤh genug zuruͤckkehren wuͤrden, um ſich ihrer noch bedienen zu koͤnnen, endlich aber ſchaͤmte ſie ſich ihres Kleinmuthes, und entſchloß ſich, ihre Reiſe auf die gewoͤhnliche Art fortzuſetzen. Die Straße waͤre ganz eben, verſicherte man ihr, bis auf einen hohen Berg, Nahmens Gunnersbury⸗Berg, ungefaͤhr anderthalb Stun⸗ den von Grantham, ihrem naͤchſten Nacht⸗ lager. Ich hoͤre gern, daß ein Berg da iſt, ſprach Johanna. Meine Augen und ſelbſt meine Fuͤße ſind ſolcher Ebenen muͤde. Die Straße zwiſchen hier und York ſieht aus, als ob man das Land aufgegraben und gleich gemacht haͤtte, und das iſt fuͤr meine ſchottiſchen Augen recht langweilig. Als ich einen großen blauen Berg, 28 der Ingleborough heißt, aus dem Geſichte ver⸗ loren hatte, da kam es mir vor, als ob ich keinen Freund mehr haͤtte in dieſem fremden Lande. J nun, Maͤdchen, erwiderte der Wirth, wenn Du die Berge ſo lieb haſt, ſo magſt Du meinetwegen den Gunnersbury in deiner Schuͤrze forttragen, der iſt ein rechter Poſt⸗ pferdmoͤrder. Aber— auf gluͤckliche Reiſe! Moͤ⸗ geſt Du ſie wohl zuruͤck legen! Du biſt ein dreiſtes und kluges Maͤdchen. Bei dieſen Worten that er einen tuͤchtigen Zug aus einem Deckelkruge, den er mit ſelbſt gebrautem Doppelbiere gefuͤllt hatte. Es iſt doch keine ſchlechte Geſellſchaft auf der Landſtraße, will ich hoffen? fragte Jo⸗ hanna. Ja, wenn ſie einmahl ganz rein iſt, dann bedecke ich den großen Teich mit Pfannkuchen. Doch es iſt jetzt nicht mehr ſo viel da, und ſeit ſie den Ratcliffe verloren haben, halten ſie nicht mehr zuſammen. Nimm einen Tro⸗ pfen, ehe Du gehſt, fuhr er fort, und reichte ihr den Krug. Du kriegſt dieſen Abend ihus als Gruͤtze und Waſſer. 29 Johanna lehnte den Trunk hoͤflich ab, und fragte nach der Zeche. Zeche? Ei lieber Himmel, was meinſt Du damit, Maͤdchen? Ich meine— ich moͤchte gern wiſſen, was ich zu bezahlen habe, erwiderte ſie. Bezahlen? Nun, Gott ſteh' Dir bei! Gar nichts, Maͤdchen. Wir haben nichts ge⸗ zapft, als ein halb Noͤßel Bier, und der Moh⸗ renkopf kann ſchon einen Mundvoll Eſſen ent⸗ behren fuͤr eine Fremde, wie Du, die keine chriſtliche Sprache reden kann. Noch einmahl, auf dein Wohlſein! Vom Letzten nudh eins, ſagte Jener. Bei dieſen Worten that er noch e einen tie⸗ fen Zug aus dem Deckelkrage. Die Reiſen⸗ den, die Newark in ſpaͤtern Zeiten beſucht ha⸗ ben, werden ſich ohne Zweifel an das hoͤfliche und artige Benehmen des Mannes erinnern, der dort jetzt das erſte Wirthshaus haͤlt, und es mag ihnen Vergnuͤgen machen, es gegen das Betragen ſeines roheren Vorfahrs zu halten; aber wir glauben, man wird finden, daß durch die Abglaͤttung von dem wahren Werthe des Metalls nichts verloren gegangen iſt. - 30 Johanna nahm Abſchied von dem Witthe und ſetzte ihre einſame Wanderung fort. Sie war nicht ohne Unruhe, als ſie erſt kurz vor Anbruch der Daͤmmerung in die offene Gegend kam, die ſich am Fuße des Gunersbury⸗Ber⸗ ges ausdehnt, und von Gebuͤſch und ſumpfigen Stellen durchſchnitten iſt. Auf den weitgedehn⸗ ten Allmenden an der Landſtraße nach Schott⸗ land, die jetzt meiſt getheilt und eingefriedigt ſind, war der Reiſende, bei der damahligen nachlaͤſſigen Polizei, Straßenraͤubereien in ei⸗ nem Grade ausgeſetzt, der heutiges Tages, aus ausgenommen in der naͤchſten Umgegend der Haupt⸗ ſtadt, unbekannt iſt. Johanna, die dieß wußte, ging raſcher voran, bis ſie bald den Hufſchlag ei⸗ nes Pferdes hinter ſich hoͤrte, und trat inſtinkt⸗ maͤßig auf die eine Seite der Straße, um dem Reiter ſo viel Platz als moͤglich zu laſſen. Als das Pferd heran kam, ſah ſie, daß es zwei Wei⸗ ber trug, wovon die eine auf dem Querſattel, die andere auf einem Reitkiſſen hinten ſaß, wie man es noch jetzt zuweilen in England ſieht. Schoͤnen guten Abend, Johanne Deans! ſprach die vorderſte Reiterinn, als das Pferd voruͤber ging. Was duͤnkt Euch von dem huͤb⸗ 31 ſchen Berge dort, der ſeine Stirne zum Mond erhebt? Meint Ihr, da maͤre die Pforte zum Himmel, wonach Euch ſo ſehr verlangt? Viel⸗ leicht kommen wir dieſen Abend noch hin— Gott ſegne uns— wenn's auch mit unſerm Muͤtterchen hier ein bißchen langſam hinauf geht. Die Sprecherinn veraͤnderte ihren Sitz auf dem Sattel, und hielt das Pferd ein wenig an, als ſie ſich umwendete, waͤhrend die Frau hinter ihr auf dem Reitkiſſen ſie mit Worten antrieb, die Johanna nicht deutlich hoͤrte.„Halt's Maul du mondſichtige Betze! Was haſt Du mit... zu thun, oder mit Himmel und Hoͤlle?“ Freilich, Mutter, wohl nicht viel mit dem Himmel, wenn ich bedenke, wen ich hinter mir habe, und die Hoͤlle, die wird ihre Sache ſelbſt fuͤr ſich ausfechten, wenn's Zeit iſt, das weiß ich. Komm, Klepperchen, hurtig voran, als ob Du ein Beſenſtiel waͤreſt; eine Hexe reitet dich— Mit der Haube am Fuß, und dem Schuh in der Hand So leucht' ich wie'n Feuer durch Dorf und Land. Die uͤbrigen Worte des Geſanges verloren ſich in dem Hufſchlage des Pferdes und in der —— ꝗᷣ———————. immer zunehmenden Entfernung, aber Johanna hoͤrte noch eine Zeitlang die unvernehmlichen Toͤ⸗ ne durch die oͤde Gegend hallen. Unſre Pilgerinn war betaͤubt von unerklaͤr⸗ lichen Beſorgniſſen. Als ſie ſich auf eine ſo wun⸗ derliche Art und in einem fremden Lande von ei⸗ ner Geſtalt, die ſo ſeltſam voruͤber flog und ver⸗ ſchwand, ihren Nahmen nennen hoͤrte, ohne weitere Erklaͤrung oder Mittheilung, haͤtte man an die uͤbernatuͤrlichen Toͤne im Comus*) denken koͤnnen. Die luft'gen Zeugen, welche Nahmen rufen, Auf Duͤnen, Kuͤſten und in oͤder Wildniß. Und war auch Johanna Deans in Geſtalt, Benehmen und Rang weit verſchieden von der Heldinn in jener bezaubernden Dichtung, ſo haͤtten doch die folgenden Zeilen auf ſie bei dieſen ſeltſamen Beſorgniſſen treffend angewendet wer⸗ den koͤnnen: Scheu, doch nicht bange machen die Gedanken Den Tugendfreund, dem ſtets zur Seite geht Ein ſtarker Held im Kampfe— das Gewiſſen. *) Ein Gedicht von Milton. Sie hatte ja, wenn ſie bedachte, daß Zaͤrt⸗ lichkeit und Pflichteifer ſie auf dieſen Weg gefuͤhrt hatten, das Recht, wofern man ſo ſagen darf, bei einem ſo verdienſtlichen Unternehmen Schutz zu erwarten. Durch dieſe Gedanken beruhigt, war ſie nicht viel weiter gegangen, als ein neuer und drohenderer Gegenſtand des Schreckens ſie aufſtoͤrte. Zwei Maͤnner, die im Gebuͤſch ge⸗ lauert hatten, ſprangen hervor, als ſie voran ging, und traten drohend vor ſie.„Steh und gib her!“ ſprach der Eine, ein ſtaͤmmiger Bur⸗ ſche in einem Kittel, wie Fuhrleute tragen. Das Mauͤdchen— ſprach der Andre, eine lange hagre Geſtalt— verſteht die Kunſtworke nicht. Euer Geld, Schaͤtzchen, oder euer Leben! Ich habe nur ſehr wenig Geld, Ihr Her⸗ ren, erwiderte die arme Johanna, und reichte dar, was ſie von ihrer Hauptſumme abgeſon⸗ dert und fuͤr einen ſolchen Nothfall bereit hatte. Wollt Ihr es aber durchaus haben, ſo ſollt Ihr's freilich haben. Damit kommſt Du nicht durch, mein Kind ſprach der kleinere Raͤuber. Ich will verdammt ſein, wenn ich's gelten laſſe. Denkt Ihr, ein Ehrenmann wagte ſein Leben auf der Land IV. Theil. 3 34 ſtraße ,„ um ſich ſo prellen zu laſſen? Wir wol⸗ len jeden Heller haben, den Ihr bei Euch habt, oder ich will verflucht ſein— wir ziehen Euch bis auf die Haut aus. Sein Gefaͤhrte, dem das Entſetzen, das Johanna's Zuͤge verriethen, eine Art von Mit⸗ leid einzufloͤßen ſchien, hob an: Nicht doch, Thomas! Es iſt eine von den trefflichen Schweſtern, und wir wollen einmahl ihr Wort gelten laſſen, ohne ſie der Ausziehprobe zu un⸗ terwerfen. Hoͤre, Maͤdchen, willſt Du zum Himmel aufſehen und ſagen, daß dieß der letzte Pfennig iſt, den Du bei Dir haſt, nun ſo magſt Du deines Weges ziehen. Ich darf nicht ſagen, Ihr Herren, was ich bei mir habe, erwiderte Johanna, denn an meiner Reiſe haͤngt Leben und Tod, aber wenn Ihr mir nur ſo viel laſſen wollet, als ich zu Waſſer und Brod brauche, ſo will ich zufrie⸗ den ſein, und Euch danken und fuͤr Euch beten. Der Henker hohl' eure Gebete! ſprach der der kleinere Burſche. Das iſt eine Muͤnze, die gilt bei uns nichts. Mit dieſen Worten machte er eine Bewe⸗ gung, ſie anzugreifen. 1 Halt, Ihr Herren! ſprach Johanna, ſich ploͤtzlich an Ratcliffe's Paß erinnernd. Viel⸗ leicht kennt Ihr dieſe Schrift. Was zum Teufel faͤllt ihr ein, Franz? ſprach der wildere Raͤuber. Sieh zu, was es iſt. Ich koͤnnt' es, Gott ſtraf' mich, nicht leſen, und ſollte ich mir dadurch vom Galgen helfen. Es iſt ein Paß von Ratcliffe, ſprach der Lange, als er die Schrift geleſen hatte. Das Maͤdchen muß ihres Weges ziehen nach unſerm Zunftgeſetz. Ich ſage nein, erwiederte der Andre. Rat⸗ eliffe iſt ausgetreten, und ein Schweißhund ge⸗ worden, wie's heißt. Er kann uns dabei noch immer einen gu⸗ ten Dienſt thun, ſprach der lange Raͤuber. Was ſollen wir denn thun? hob der Staͤm⸗ mige wieder an. Wir haben ja geſagt, wir wollen ſie ausziehen und fortſchicken, daß ſie ſich zuruͤckbettelt in ihr Bettelland; und jetzt wollt Ihr ſie gehen laſſen. Das habe ich nicht geſagt, ſprach der An⸗ dre und redete leiſe mit ſeinem Gefaͤhrten, der darauf erwiederte: Nun denn, munter daran! 3* 36 Und ſchwatzt nicht, bis Reiſende dazu komtnen und uns erwiſchen. Ihr muͤßt mit uns von der Straße abge⸗ hen, Maͤdchen! ſprach der lange Raͤuber. Um Gotteswillen! rief Johanna: wenn ein Weib Euch geboren hat, verlangt nicht, daß ich von der Straße abgehe. Nehmt lieber alhs⸗ was ich in der Welt habe. Was zum Tuufel fuͤrchtet die Dirne denn? ſprach der Kleine. Ich ſage Euch, es ſoll Euch kein Leid geſchehen, aber wollt Ihr nicht mit uns von der Straße abgehen, ſo will ich ver⸗ dammt ſein, wenn ich Euch nicht hier auf der Stelle das Hirn ausſchlage. Du biſt ein grober Baͤr, Thomas, ſprach ſein Gefaͤhrte. Ruͤhr ſie an, ſo ſchuͤttle ich Dich beim Kragen, daß ſich das Bohnengericht in deinen Kaldaunen umwendet.— Laß' ihn ſagen, was er will, Maͤdchen, er ſoll keinen Finger an Dich legen, wenn Du ruhig mit uns geheſt, aber willſt Du lange hier ſchnat⸗ tern, ſo laß ich ihn, Gott ſtraf' mich, den Handel mit Dir ausmachen. In dieſer Drohung lag alles Schreckliche, was die arme Johanna ſich denken konnte, die — 37 in dem milder geſinnten Manne ihren einzigen Schutz gegen die roheſte Behandlung ſah. Sie folgte ihm, ja ſie hielt ſogar ſeinen Aermel veſt, damit er ihr nicht entwiſchen ſollte, und der Raͤuber ſchien, bei aller Hartherzigkeit, durch dieſe Beweiſe von Vertrauen etwas geruͤhrt zu werden, und gab ihr die wiederhohlte Verſiche⸗ rung, ſie gegen jede Kraͤnkung zu ſchuͤtzen. Man fuͤhrte die Gefangene in einer Rich⸗ tung, die immer weiter von der Heerſtraße ab⸗ wich, aber ſie bemerkte, daß man einen Neben⸗ weg verfolgte, und dieß milderte ihre Beſorgniſſe, die nicht wenig wuͤrden geſtiegen ſein, wenn man nicht eine beſtimmte und gewiſſe Straße einge⸗ ſchlagen haͤtte. Sie waren gegen eine halbe Stunde in tiefem Stillſchweigen voran gegangen, als ſie zu einer alten Scheune kamen, die am Rande angebauter Laͤndereien, aber entfernt von allem ſtand, was einer Menſchenwohnung glich, wiewohl ſie bewohnt war, da man die Fenſter erleuchtet ſah. Einer der Straßenraͤuber kratzte an der Thuͤre, die von einer weiblichen Geſtalt geoͤffnet ward, und ſie traten mit der ungluͤckli⸗ chen Gefangenen hinein. Eine alte Frau, die bei einem gedaͤmpften Feuer von Holzkohlen Eſſen *38 bereitete, fragte ſie, was in des Teufels Nah⸗ men ſie mit der Dirne machen wollten, und warum man ſie nicht ausgezogen und auf das Gemeindeland geſchickt haͤtte. Komm, komm, Mutter Bluthund, ſprach der lange Raͤuber, wir wollen Euch zu Gefallen thun, was recht iſt, doch mehr thun wir nicht, Wir ſind boͤſe genug, aber nicht, wozu Ihr uns gern machen wollt, eingefleiſchte Teufel. Sie hat einen Paß von Natcliffe gekriegt, ſprach der kleine Raͤuber, und Franz mag nichts davon wiſſen, ſie auszubeuteln. Nein, das will ich wahrhaftig nicht, erwie⸗ derte Franz. Aber wenn Mutter Bluthund ſie ein Weilchen hier behalten, oder nach Schottland heimſchicken wollte, ohne ihr ein Leides zu thun, nun ſo ſehe ich kein Ungluͤck dabei. Ich will Euch was ſagen, Franz Levitt, ſprach die Alte, wenn Ihr mich noch einmal Mutter Bluthund nennt, ſo bemahle ich dieſes Meſſer— ſie hielt die Klinge empor, als haͤtte ſie ihre Drohung ausfuͤhren wollen— mit dem beßten Blut in eurem Leibe, Freundchen! Die Salbe muß theurer geworden ſein in Schottland, daß Mutter Bluthund ſo uͤbler Laune iſt, erwiederte Franz. DOhne ſich einen Augenblick zu beſinnen, ſchleuderte die Furie mit der rachgierigen Behen⸗ digkeit eines wilden Indianers ihr Meſſer gegen ihn. Er war auf ſeiner Hut und wich dem Wurfe durch eine ploͤtzliche Kopfbewegung aus, aber das Meſſer pfiff an ſeinem Ohre vorbei und blieb in der Lehmwand hinter ihm ſtecken. Nun wohlan, Mutter, ich will Euch zeigen, wer Herr iſt, ſprach der Raͤuber, faßte ſie bei beiden Handgelenken und ſchob die Unholdinn mit Gewalt zuruͤck. Sie wehrte ſich heftig, bis ſie auf ein Bund Stroh ſank. Er ließ nun ihre Haͤnde los und erhob den Finger gegen ſie mit der drohenden Gebehrde, wodurch ein Wahn⸗ ſinniger von ſeinem Waͤchter eingeſchuͤchtert wird. Dieß ſchien die gewuͤnſchte Wirkung hervorzubrin⸗ gen, denn ſie verſuchte es nicht, von dem Platze, worauf er ſie geſetzt hatte, wieder aufzuſtehen, oder noch einmahl zu gewaltthaͤtigen Maßregeln zu ſchreiten, ſondern rang ihre welken Haͤnde in ohnmaͤchtiger Wuth, ſchreiend und heulend wie eine Beſeſſene. 1 Ich will Euch mein Verſprechen halten, aller 40 Teufel, hob Franz wieder an. Die Dirne ſoll nicht nach London gehen, aber Ihr ſollt dem Maͤdchen kein Haar kruͤmmen, und waͤr' es auch nur, weil Ihr ſo unverſchaͤmt geweſen ſeid. Dieſer Wink ſchien den heftigen Zorn der al⸗ ten Hexe einiger Maßen zu ſtillen, und waͤhrend ihr Geſchrei und Geheul in einen leiſen murren⸗ den Ton ſank, kam noch Jemand zu der ſeltſa⸗ men Geſellſchaft. Ei Franz Levitt, ſprach die Eintretende„ die mit einem huͤpfenden Schritt von der Thuͤre mit⸗ ten unter die Verſammelten ſprang: wollt Ihr unſre Mutter umbringen? Oder habt Ihr das Schwein geſchlachtet, das Thomas heute fruͤh gebracht hat? Oder habt Ihr euer Gebet ruͤck⸗ waͤrts geleſen, um meinen alten Bekannten, den Teufel, unter Euch zu bringen? Der Ton der Sprecherinn war ſo ſeltſam, daß Johanna augenblicklich die Vorderſte der bei⸗ den Reiterinnen, die ihr kurz vor dem raͤuberi⸗ ſchen Ueberfalle begegnet waren, wieder erkannte. Dieſer Umſtand erhoͤhte nicht wenig ihr Schrek⸗ ken, da ſie daraus ſchloß, daß der gegen ſie ge⸗ machte boͤſe Anſchlag vorher bedacht war, wie⸗ wohl ſie durchaus nicht errathen konnte, durch 41 wen und in welcher Abſicht. Die Art ihres Aus⸗ druckes wird auch dem Leſer wahrſcheinlich ver⸗ rathen haben, daß die Angekommene eine alte Bekannte aus dem fruͤhern Theile unſrer Ge⸗ ſchichte war. Fort mit Dir, Du verruͤckter Hoͤllenbrand! ſprach Thomas, den ſie aufſtoͤrte, als er eben einen Schluck aus einer Flaſche mit Branntwein that, die er ſich zu verſchaffen gewußt hatte. In des Teufels Hoͤhle lebte man ruhiger als hier bei deinen Tollhauspoſſen und bei deiner wuͤthigen Mutter.— Nach dieſen Worten ſetzte er den zerbrochenen Krug wieder an den Mund. Und was gibt's hier? ſprach die Wahnſinnige, und tanzte zu Johanna, die, ungeachtet ihrer großen Angſt, alles was vorging, mit dem Ent⸗ ſchluſſe beobachtete, ſich nichts entgehen zu laſſen, was ihr zur Flucht behilflich ſein, oder ihr Auf⸗ ſchluß uͤber die wahre Beſchaffenheit ihrer Lage geben konnte. Was gibt's hier? rief Grete Wild⸗ feuer noch einmahl. Die Tochter des gelaſſenen David Deans, des alten daͤmiſchen Freiheitkerls, in einer Zigeunerſcheune bei anbrechender Nacht? O das iſt klaͤglich anzuſehn! Ci da ſieht man die Gottſeligen fallen! Und die andre Schwe⸗ 42 ſter iſt im Gefaͤngniß zu Edinburgh. Mir iſt's recht leid um ſie. Meine Mutter wuͤnſcht ihr Boͤſes, ich nicht, wenn ich auch eben ſo viel Ur⸗ ſache dazu habe. Hoͤre Grete, ſprach der lange Raͤuber, Du haſt nicht ſo viel von des Teufels Blut, als die Hexe, deine Mutter, die mag wohl auch ſeine Alte ſein. Nimm Du das Maͤdchen mit in dei⸗ nen Stall, und laß den Teufel nicht hinein, und wenn er in Gottes Nahmen Einlaß verlangte. Ei ja, Franz, das will ich, ſprach Grete, und zog Johanna beim Arme fort. Es ſchickt ſich nicht fuͤr ſittſame chriſtliche Maͤdchen, wie ſie und ich, zu dieſer Stunde der Nacht unter Leu⸗ ten zu ſein, wie Ihr und Thomas. Gute Nacht, Ihr Herren, fuͤr heute und kuͤnftig. Schlaft, bis Euch der Henker weckt, und dann wird's gut ſein fuͤr das Land. Sie ging dann, als waͤre in ihrem verſtoͤrten Gemüͤthe ploͤtzlich ein Gedanke erwacht, in ſich gekehrt zu ihrer Mutter, welche an dem Kohlen⸗ feuer ſaß, das einen rothen Wiederſchein auf ihre welken und verzerrten Zuͤge warf, worin jede boͤſe Leidenſchaft ſich ausdruͤckte, das Abbild der He⸗ kate bei ihren hoͤlliſchen Gebraͤuchen. Die Wahn⸗ 43 ſinnige fiel ploͤtzlich auf ihre Kniee, und ſprach mit dem Benehmen eines ſechsjaͤhrigen Kindes: Muͤtterchen, laßt mich beten, ehe ich zu Bette gehe, und ſprecht: Gott ſegne dein liebes Geſicht⸗ chen! wie Ihr's vor alten Zeiten thatet. Der Teufel zieh ihm die Haut ab, und mache ſich Schuhſohlen daraus! ſprach die Alte, und wollte, zur Antwort auf das fromme Geſuch, der Bittenden einen Fauſtſchlag geben. Sie traf nicht, da Grete, die wahrſcheinlich aus Erfahrung wußte, wie die alte ihre muͤtter⸗ lichen Segnungen austheilte, mit großer Behen⸗ digkeit und Schnelligkeit dem aushohlenden Arme auswich. Die Hexe ſprang auf, ergriff eine alte Feuerzange, und wuͤrde ihrer Tochter, oder Johanna den Schaͤdel zerſchlagen haben— es ſchien ihr wenig daran zu liegen, wem— wenn nicht Franz Levirt noch einmahl ihren Arm veſt gehalten haͤtte.„Wie! Mutter Hoͤllenbrand! rief er, ſie bei der Schulter faſſend und heftig von ſich ſchleudernd: ſchon wieder und in meiner oberherrlichen Gegenwart? Hoͤre, Grete, geh' in deine Hoͤhle mit deiner Spielkameradinn, ſonſt bezahlt der Teufel hier, und wir haben nichts, ihn zu bezahlen. 441 Grete befolgte Levitt's Rath. Sie entfernte ſich ſo ſchnell als ſie konnte, und zog Johanna in einen Schlupfwinkel, der von dem uͤbrigen Scheunenraum durch eine Scheidewand getrennt und mit Stroh gefuͤllt war, um, wie es ſchien, als Schlafſtaͤtte zu dienen. Das Mondlicht fiel durch ein offenes Loch auf ein Reitkiſſen, einen Packſattel und ein Paar Querſaͤcke, das Reiſe⸗ geraͤthe der Wahnſinnigen und ihrer liebenswuͤr⸗ digen Mutter. Nun, hob Grete an, habt Ihr je in eurem Leben eine ſo huͤbſche Schlafkammer geſehen? Seht, wie der Mond ſo kuͤhlig auf das friſche Stroh ſcheint. Es iſt keine ſchoͤnere Kammer im Tollhauſe, ſo huͤbſch es von außen ausſieht. Seid Ihr je im Tollhauſe geweſen! Nein, antwortete Johanna mit ſchwacher Stimme. Die Frage, und die Art, wie die⸗ ſelbe ausgeſprochen wurde, floͤßte ihr Schrecken ein, aber ſie wollte ihre wahnſinnige Gefaͤhrtinn beſaͤnftigen, da ſie in einer ſo ungluͤcklich unſi⸗ ſichern Lage ſich befand, daß ſelbſt die Geſellſchaft dieſer ſchnatternden Verruͤckten ihr einigermaßen Schutz zu gewaͤhren ſchien. Nie im Tollhauſe? ſprach Grete, mit dem 45 Ausdrucke der Ueberraſchung. Nicht in den Nar⸗ renſtuben zu Edinburgh? Nie, wiederhohlte Johanna. Nun, ich glaube, die naͤrriſchen Leute, die Rathsherren, ſchicken Niemand ins Tollhaus, als mich. Sie muͤſſen gewaltigen Reſpekt vor mir haben, ſo oft man mich vor ſie fuͤhrte, ſchick⸗ ten ſie mich immer wieder ins Tollhaus zuruͤck. Aber wahrhaftig, Hannchen— fuhr ſie mit zu⸗ traulichem Tone fort— ſoll ich aufrichtig ſpre⸗ chen, Ihr habt nichts dabei verloren, glaub' ich. Der Waͤchter iſt ein muͤrriſcher Kerl, und man muß ihm immer ſeinen Willen laſſen, ſonſt macht er den Ort ſchlimmer als die Hoͤlle. Ich ſage ihm oft, er iſt der Tollſte im ganzen Hauſe.— Aber was haben ſie zu ſchreien? Kein Teufel ſoll hier herein. Es ſchickte ſich nicht. Ich ſetze mich mit den Ruͤcken gegen die Thuͤre, und ſo ſoll man mich nicht leicht wegbringen. Grete! Grete! Grete Wildfeuer! Teufels⸗ grete! Was haſt Du mit dem Pferde gemacht? fragten wiederholt die Maͤnner draußen. Es iſt bei ſeinem Abendbrod, das arme Ding, erwiderte Grete. Zum Teufel, wenn Ihr doch 46 auch dabei waͤret, und wenn's ſiedender Schwe⸗ fel waͤre, ſo hoͤrten wir euren Laͤrm nicht. Bei ſeinem Abendbrod? erwiderte der muͤr⸗ riſchere Raͤuber. Was willſt Du damit ſagen? Sag' wo es iſt, oder ich ſchlage Dir den verruͤck⸗ ten Schaͤdel ein. Es iſt im Weizenfeld, wenn Ihr's denn wiſſen muͤßt. Im Weizenfeld, Du tolles Ding? erwi⸗ derte der Raͤuber, mit dem Tone des heftigſten Unwillens.— Ei lieber Thomas, Freundchen, wie koͤnn⸗ ten die jungen Weizenhalme dem armen Klepper Schaden thun? Davon iſt nicht die Rede, ſprach der andre Raͤuber, aber was wird man zu uns ſagen, wenn man ihn morgen in einem ſolchen Quartier findet? Geh' Thomas, bring' ihn herein. Aber geh' nicht uͤber den weichen Boden, Junge, und laß keine Hufſpuren hinter Dir. Ich glaube, Ihr gebt mir immer das Schlimmſte, wenn was zu thun iſt, brummte Thomas. Lauf' nur, und warte nicht laͤnger, ſprach 47 der Andre, und Jener ging ohne weitre Einwen⸗ dung hinaus. Grete hatte ſich indeß auf ihrem Strohlager zur Nachtruhe eingerichtet, war aber noch immer in einer halb ſitzenden Stehung, und lehnte ſich mit den Ruͤcken gegen die Thuͤre der Huͤtte, wel⸗ che, da ſie ſich einwaͤrts oͤffnete, durch das Ge⸗ wicht ihres Koͤrpers verwahrt wurde. Es gibt viele liſtige Nothmittelchen, Hann⸗ chen, hob Grete wieder an: wenn's meine Mutter mir auch zuweilen nicht glauben will. Wer haͤtte gedacht, daß ich meinen Ruͤckgrat zu einem Riegel machte? Aber er iſt nicht ſo ſtark, als der Riegel, den ich im Gefaͤng⸗ niſſe zu Edinburgh geſehen habe. Die Schmiede in Edinburgh ſind nur in der Welt, denk' ich, um Stangen, Niegel, Beinſchellen, Gitter und Schloͤſer zu machen. Auch machen ſie Pfannen zu Chriſtkuchen, aber das verſtehen die Schmiede in Eumroß doch beſſer. Meine Mutter hatte ſonſt eine huͤbſche Pfanne aus Eumroß, und ich glaubte, ich ſollte Kuchen darin backen fuͤr mein armes Kind, das ge⸗ ſtorben iſt und umgekommen nicht auf gute Art— Aber wir muͤſſen Alle ſterben, Hann⸗ 48 chen. Ihr Cameronier wißt das recht gut, darum macht Ihr die Erde zur Hoͤlle, daß Ihr weniger ungern weggeht. Aber was das Tollhaus anlangt, wovon Ihr ſprecht, das will ich Niemand ſehr empfehlen, es mag gut oder ſchlimm gemeint ſein. Doch Ihr wißt ja, was das Lied ſagt. Sie folgte den unzuſammenhaͤngenden und unſteten Schwaͤrmereien ihres Gemüthes und ſang laut: Ich hatt' erſt ein und zwanzig Jahr, Und mußt' im Tollhaus raſten; Ich trug am Arm ein haͤnfen Band Und von der Peitſche viel empfand⸗ Mußt' beten vied und faſten. Ich bin dieſen Abend ein wenig heiſer, Hannchen, und kann nicht viel mehr ſingen. Wahrhaftig, ich glaube, mich ſchlaͤfert. Sie ließ den Kopf auf die Bruſt ſinken, und Johanna, die alles in der Welt fuͤr eine Gele⸗ genheit gegeben haͤtte, uͤber die Mittel zur Flucht und den wahrſcheinlichen Erfolg eines! ſolchen Unternehmens ruhig nachzudenken, war ſorg⸗ faͤltig bedacht, ſie nicht zu ſtoͤren. Als Grete indeß mit halb geſchloſſenen Augen ein Paar 1 49 Minuten genickt hatte, uͤberfiel ſie wieder der unruhige und unſtete Geiſt ihrer Krankheit. Sie erhob ihr Haupt und ſprach einige Worte mit leiſerem Tone, bis ſie allmaͤhlig wieder von einer Schlaͤfrigkeit uͤberwaͤltigt wurde, wozu die Beſchwerden einer Tagreiſe zu Pferde wahr⸗ ſcheinlich eine ungewoͤhnliche Veranlaſſung gege⸗ ben hatten.„Ich weiß nicht, was mich ſo ſchlaͤfrig macht, ſprach ſie. Ich ſchlafe ſonſt nie, bis der liebe Mond zu Bette geht, zumal wenn der Vollmond uͤber uns in ſeiner großen ſilbernen Kutſche daher faͤhrt. Ich habe wohl vor lauter Freude ihn mit einem Tanze begruͤßt, und zuweilen kamen todte Leute und tanzten mit mir, wie der Porteous und Andre, die ich im Leben gekannt hatte. Ihr muͤßt wiſſen, ich bin einmahl ſelber todt geweſen.“ Darauf ſang die arme Wahnſinnige mit leiſem und wildem Tone: Auf'm Kirchhof dort liegt mein Gebein, So weit jenſeit der See, Und es iſt nur mein froher Geiſt, Womit ich vor dir ſteh! Aber, Hannchen, Niemand weiß viel davon, wer lebt und wer todt iſt, aber wer ins Feen⸗ 1y. Theil. V — ——õ—õö 560 land gegangen iſt, das iſt eine andere Frage. Ich denke zuweilen, mein armes Kind iſt todt— Ihr wißt ja wohl, es iſt begraben— aber das hat nichts zu bedeuten. Es hat hundertmal auf meinem Schooße geſeſſen, und auch hundertmal ſeit es begraben iſt. Seht, wie koͤnnte das ſein, wenn's todt waͤre. Das iſt ganz unmoͤglich. Eine Anwandlung von Ueberzeugung uͤber⸗ waͤltigte hier zum Theil die Traͤumerinn ihrer Einbildung, und ſie ſchrie: Wehe mir! wehe mir! wehe mir! bis ſie endlich unter Winſeln und Schluchzen in einen tiefen Schlaf verſank, den ihre ſchweren Athemzuͤge verriethen, und Johanna nun ihren traurigen Betrachtungen und Beohachtungen uͤberlaſſen war. 51 III. Schnell bindet ſie, denn ſonſt, bei dieſem Schwert! Red' ich, obgleich ich Euch beim Binden helfe. Fletcher. Johanna konnte bei dem matten Lichte, das in's Fenſter fiel, deutlich erkennen, daß kaum daran zu denken war, auf dieſem Wege zu ent⸗ fliehen, denn die Oeffnung war hoch in der Mauer, und ſo enge, daß, ſelbſt wenn ſie haͤtte hinauf klimmen koͤnnen, es doch zweifel⸗ haft war, ob es ihr moͤglich ſein wuͤrde, hin⸗ durch zu kommen. Ein ungluͤcklicher Verſuch zur Flucht mußte ihr eine noch ſchlimmere Behandlung zuziehen, als ſie ſchon erfuhr, und ſie beſchloß daher, die Gelegenheit ſorgfaͤltig abzu⸗ — 4*† V b b 52 paſſen, ehe ſie eine ſo gefaͤhrliche Unternehmung wagte. In dieſer Abſicht trat ſie an die ver⸗ fallene Lehmwand, welche den Raum, wo ſie ſich befand, von der uͤbrigen Scheune trennte. Die Wand war baufaͤllig, und hatte viele Spalten und Riſſe, deren Johanna einen mit ihren Fingern vorſichtig und geraͤuſchlos erweiterte, bis ſie die alte Hexe und den langen Raͤuber, Levitt genannt, deutlich ſehen konnte, die beide an einem halb ausgebrannten Kohlenfeuer ſaßen und in einer Unterredung vertieft zu ſein ſchienen. Johanna erſchrack anfaͤnglich bei dem Anblicke, da die Zuͤge der Alten einen ſcheußlichen Aus⸗ druck verhaͤrteter und eingewurzelter Bosheit und Mißlaune hatten, und wiewohl der Mann von Natur gefaͤlliger gebildet war, ſo ſtuͤrmten doch auch ſeine Zuͤge mit zuͤgelloſen Gewohnheiten und einem geſetzloſen Lebenswandel wohl zuſammen. Aber ich dachte, ſprach Johanna, an meines wuͤrdigen Vaters Wintererzaͤhlungen, wie er eingeſperrt war mit dem geſegneten Maͤrterer, Jakob Renwick, der das gefallene Banner der echten reformirten ſchottiſchen Kirche erhob, nach⸗ dem der wuͤrdige und beruͤhmte Daniel Came⸗ ron, unſer letzter geſegneter Bannerherr, unter . 53 den Schwertern der Gottloſen zu Airdmoſſe*) gefallen war, und wie ſelbſt die Herzen der boshaften Miſſethaͤter und Moͤrder, mit welchen ſie gefangen ſaßen, wie Wachs geſchmol⸗ zen waren bei dem Ton ihrer Lehre. Ich be⸗ dachte, daß dieſelbe Hilfe, die bei ihnen war in ihren Noͤthen, auch bei mir ſein wuͤrde, wenn ich nur die Zeit und Gelegenheit wahrnehmen koͤnnte, wo der Herr meine Fuͤße aus ihren Netzen loͤſen wollte, und ich erinnerte mich an die Worte des heiligen Pſalmiſten, worauf mein Vater nachdruͤcklich hinwies, ſowohl im zwei und vierzigſten als drei und vierzigſten Pſalm:„Was betruͤbeſt du dich, meine Seele, und biſt ſo un⸗ ruhig in mir? Harre auf Gott, denn ich werde ihm noch danken, daß er meines Ange⸗ ſichts Hilfe und mein Gott iſt.“ Als der Einfluß gottſeliger Zuverſicht ein von Natur ruhiges, geſetztes und ſtarkes Gemuͤth gekraͤftigt hatte, war die arme Gefangene im Stande, einen großen Theil einer anziehenden Unterredung zwiſchen denjenigen, in deren Haͤnde ſie gefallen war, zu hoͤren und zu verſtehen, wie⸗ —x *) 1680. —— — ʃ— ————— —õÿõÿõÿõÿÿõ ————————.—— ———y———————— 3 8 4 1 ——-———C———:——— —— 54 wohl durch den gelegentlichen Gebrauch von Kunſtwoͤrtern, deren Bedeutung Johanna nicht kannte, durch den leiſen Ton der Rede, und durch die Sitte, abgebrochene Redarten durch Achſelzucken und Zeichen zu erſeten, wie es unter Leuten ſolches geſetzloſen Gewerbes uͤblich iſt, die Meinung der Sprechenden zum Theil verhuͤllt wurde. Der Naͤuber eroͤffnete das Geſpraͤch durch die Worte:„Ihr ſeht, Mutter, ich bin mei⸗ nen Freunden treu. Ich habe nicht vergeſſen, daß Ihr mir ein Meſſer zuſtecktet, das mir durch die Gitter des Schloſſes zu York half, und ich bin gekommen, euer Werk zu thun„ ohne zu fragen; denn ein Dienſt iſt des andern werth. Die laute Grete iſt nun ein wenig ſtill und der Galgenſtrick Thomas iſt auf den Beinen hinter dem alten Klepper. Ihr muͤßt mir jetzt ſagen, was alles dies bedeuten ſoll und was zu thun iſt, denn ich will verdammt ſein, wenn ich das Maͤdchen anruͤhre, oder anruͤhren laſſe, zumahl da ſie einen Paß von Natcliffe hat.“ Du biſt ein ehrlicher Junge Franz, erwi⸗ derte die Alte, aber zu gutmuͤthig fuͤr dein 55 Gewerbe und dein zaͤrtliches Herz wird dich in ungelegenheit bringen. Ich werde es noch er⸗ leben, daß Ihr ruͤckwaͤrts auf den Holbourn⸗ Berg geht,*) auf's Wort eines albernen Kerls, der nie auf Euch haͤtte ſchwoͤren koͤnnen, wenn Ihr ihm das Meſſer durch die Kehle gezogen haͤttet. Da moͤgt Ihr im Irrthum ſein, Mutter, antwortete der Raͤuber. Ich habe manchen huͤbſchen Jungen gekannt, der in ſeinem erſten Jahre auf der Landſtraße Ungluͤck hatte, weil er ein bißchen zu raſch mit ſeinen Hieben war. Und dann will man auch in den beiden erſten Jahren gern ein reines Gewiſſen behalten. Sagt mir alſo, wie ſtehts um dieſe Sache, und was kann man fuͤr Euch thun, das ſich anſtaͤndiger Weiſe thun laͤßt. Ihr muͤßt wiſſen, Franz— Aber koſtet doch erſt dieſen echten Wachholder.— Sie zog eine Flaſche hervor, fuͤllte dem Raͤuber einen großen Becher, und als er ihn fuͤr echt erklaͤrt hatte, fuhr ſie fort: Ihr muͤßt wiſſen Franz— — *) Zum Richtplatz⸗ ————— ———— — 56 Aber erſt noch eins! ſetzte ſie hinzu und reichte ihm die Flaſche. Nein, nein! Wenn ein Weib uns zu Unheil leiten will, faͤngt ſie immer damit an, uns betrunken zu machen. Hohl' der Teufel allen hollaͤndiſchen Muth! Was ich thue, will ich nuͤchtern thun. Dabei halt' ich's am laͤng⸗ ſten aus. Nun, ſo ſollt Ihr denn wiſſen, ſprach die Alte, ohne weitre Verſuche, den Raͤuber guͤn⸗ ſtig zu ſtimmen: Dieſes Maͤdchen geht nach London— 2 SsRf. Johanna konnte hier nur das Wort Schwe⸗ ſter verſtehen. eme Der Naͤuber antwortete mit lauter Stimme: „Das iſt ja recht brav, aber was zum Teufel habt Ihr damit zu thun?“ Genug damit zu thun, glaub' ich, Wenn die Dirne der Schlinge entgeht, wird der alberne Tropf ſie heirathen. Und wen geht's was an„ wenn er's thut? ſprach der Raͤuber. Wen's angeht, vernagelter Menſch? Mich geht'’s an, und ich wiill ſie mit meiner eignen Hand erwuͤrgen, ehe ſie der Grete in den Weg kommen ſoll. Der Grete in den Weg? Sehen denn eure alten blinden Augen nicht weiter? Wenn er iſt, wie Ihr ſagt, ſo wird er doch nimmer ein Mondkalb heirathen, wie eure Grete. Ei das waͤre was! Grete Wildfeuer heirathen! Sieh, du Galgenſtrick, du Bettlerbrut und ausgelernter Spitzbube! wenn er das Maͤdchen auch nie heirathet, ſollte er darum eine Andre nehmen, und ſollte dieſe Andre an die Stelle meiner Tochter kommen? Und ſie iſt verruͤckt und ich bin eine Bettlerinn, und alles um ſeinetwillen! Aber ich weiß was von ihm, das bringt ihn an den Galgen— ich weiß was, das bringt ihn an den Galgen, und wenn er tauſend Leben haͤtte— ich weiß was, das bringt ihn an den Galgen— an den Galgen— an den Galgen! Sie grinſete, als ſie das unſelige Wort mit dem Nachdrucke eines rachgierigen Teufels wiederholte. Und warum bringt Ihr ihn denn nicht an den Galgen— an den Galgen— an den* Galgen? fragte der Raͤuber, ihre Worte ver⸗ 58 aͤchtlich nachſpottend. Das waͤre doch verſtaͤn⸗ diger, als daß Ihr hier an zwei Maͤdchen Euch raͤcht, die Euch und eurer Tochter nichts zu Leide gethan haben. Nichts zu Leide? antwortete die Alte. Und er ſollte dieß Kerkervögelchen heirathen, wenns je aus der Schlinge kommt? Aber da er nun ſchwerlich ein Bgeichen aus euerm Neſte heirathen wird, ſo ſehe ich, bei meiner Seele! nicht ein, was alles dieß Euch angeht, erwiderte der Raͤuber, die Achſeln zuckend. Wo etwas zu gewinnen iſt, da gehe ich ſo weit als andre Leute, aber ich mag nicht Unheil ſtiften, um des Unheils willen. Und Ihr wolltet nichts thun fuͤr die Rache? ſprach die Hexe. Fuͤr die Rache! Das iſt der ſuͤßeſte Biſſen, der je in der Hoͤlle gekocht wurde. Den mag der Teufel ſelber eſſen, antwor⸗ tete der Raͤuber. Hohl' mich der Henker, wenn ich die Bruͤhe mag, womit er ihn zu⸗ richtet! MRachel fuhr die Alte fort: ja das iſt der beßte Lohn, die uns der Teufel fuͤr unſre Zeit gibt, hienieden und kuͤnftig. Ich habe hart ——— 59 dafuͤr gearbeitet— ich habe dafuͤr gelitten— ich habe dafuͤr geſuͤndiget— und ich will ihn haben, oder es iſt weder im Himmel noch in der Hoͤlle Gerechtigkeit zu finden. Levitt hatte eine Pfeife angeſteckt und hoͤrte mit großer Gemuͤthsruhe die rachgierigen Raſe⸗ reien der alten Hexe an. Seine Lebensweiſe hatte ihn zu ſehr abgehaͤrtet, als daß er Aerger⸗ niß daran genommen haͤtte, und er war zu gleichgiltig und vermuthlich auch zu dumm, etwas von der Lebhaftigkeit und dem Nachdrucke derſelben zu faſſen.„Aber, Mutter— hob er nach einer Pauſe wieder an— ich ſage noch immer, wenn Ihr Rache nehmen wollet, ſo ſolltet Ihr an dem Burſchen ſelbſt Euch raͤchen.“ Koͤnnt' ich's nur! ſprach ſie und zog den Athem gierig ein, wie ein Durſtiger, indem ſie das Trinken nachmachte. Koͤnnt' ich's nur! Aber nein, ich kann's nicht— ich kanns nicht. Und warum nicht? Was waͤr' es fuͤr Euch, wenn Ihr ihn wegen der Geſchichte in Schott⸗ land angaͤbet und an den Galgen braͤchtet? meiner Treu! wenn Einer die engliſche Bank ausgebeutelt haͤtte, es waͤre nicht ſo viel Laͤrm darum. 60 Ich habe ihn genaͤhrt an dieſer welken Bruſt, antwortete die Alte, und faltete die Haͤnde auf ihren Buſen, als haͤtte ſie ein Kind an ſich gedruͤckt: und iſt er auch eine Natter fuͤr mich geworden:— hat er auch mich und die Meinigen zu Grunde gerichtet— hat er mich auch in des Teufes Geſellſchaft gebracht— wenn's einen Teufel giebt— und zu einer Beute der Hoͤlle mich gemacht— wenn ſo ein Ort da iſt— ich kann ihm doch nicht das Leben nehmen. Nein, ich kann's nicht, fuhr ſie fort, und ſchien gegen ſich ſelber zu wuͤthen. Ich habe daran gedacht— ich hab' es verſucht— aber ich konnt' es nicht ausfuͤhren, Franz! Nein, nein— Er war das erſte Kind, das ich je geſaͤugt habe— ich war krank geweſen— nein, ein Mann begreift nie, was ein Weib fuͤr das Kind fuͤhlt, das ſie zuerſt an ihrer Bruſt hielt. Wir haben darin freilich keine Erfahrung, Mutter, ſprach Lepitt, aber, nicht waͤhr, die Leute ſagen, Ihr waͤret nicht ſo freundlich gegen andre Kinder geweſen, die Euch in den Weg gekommen ſind?— Nein, Gott ſtraf mich, Ihr ſollt die Hand nicht an's Meſſer 61 legen! Ich bin hier Hauptmann und An⸗ fuͤhrer und will nichts von Aufruhr wiſſen. Die Alte, die bei des Raͤubers Frage ſogleich das Heft eines großen Meſſers gefaßt hatte, ließ die Waffe verſtohlen los und niederfallen, waͤhrend ſie mit einer Art von Laͤcheln fortfuhr: „Kinder? Ihr ſpaßt, Maͤnnchen! Wer wollte Kinder anruͤhren? Grete, das arme Ding, hatte ein Ungluͤck mit einem— und das Andre— Ihre Stimme wurde hier ſo leiſe, daß Johanna, ſo aͤngſtlich ſie lauſchte, nicht hoͤren konnte, was geſagt wurde, bis die Alte am Ende des Satzes wieder lauter ſprach:„Grete warf's in ihrer Raſerei in den See, glaub' ich.“ Grete, daren Schlaf, wie bei den meiſten Seelenkranken, nur kurz geweſen war und leicht geſtoͤrt wurde, ließ ſich nun auf ihrem Nacht⸗ lager hoͤren.„Wahrhaftig, Mutter, das iſt eine große Luͤge; ſo was hab' ich nie gethan.“ Still, du verruͤckte Hoͤllenbrut! ſprach die Mutter. Beim Himmel, die andre Dirne wird auch wach ſein. Das koͤnnte gefaͤhrlich werden, antwortete 62 Franz, und aufſtehend ging er mit der Alten uͤber die Tenne. Steh' auf! ſprach die Hexe, zu ihrer Tochter: oder ich ſtoße das Meſſer durch die Thuͤre dir in den Ruͤcken, du Tollhauskind! Sie mochte ihre Drohung bereits mit der Spitze eines Meſſers zu vollziehen anfangen, denn Grete verließ mit einem matten Schrei ihren Platz, und die Thuͤre oͤffnete ſich. Die Alte hielt ein Licht in einer und ein Meſſer in der andern Hand. Levitt folgte ihr, aber es ließ ſich nicht wohl errathen, ob er die Abſicht hatte, eine Gewaltthaͤtigkeit, worauf ſie zu ſinnen ſchien, zu verhuͤten oder zu unterſtuͤtzen. Johanna ward in dieſer furchtbar drohenden Lage von ihrer Geiſtesgegenwart nicht verlaſſen. Sie hatte Entſchloſſenheit genug, die Stellung und das Benehmen eines Schlafenden beizube⸗ halten, und wie ſehr auch das Schrecken ſie bewegte, ſelbſt ihren Athemzug mit ihrer Stellung in Uebereinſtimmung zu bringen. Die Alte hielt ihr das Licht vor die Augen, und obgleich dieſe Bewegung Johanna's Beſorg⸗ niſſe ſo lebhaft erweckte, daß ſie ſpaͤterhin oft erzaͤhlte, ſie haͤtte durch die geſchloſſenen Augen⸗ ————— lieder die Geſtalten der ihr drohenden Moͤrder zu ſehen geglaubt, ſie hatte dennoch ſo viel Standhaftigkeit, die Verſtellung beizubehalten, wovon vielleicht ihre Rettung abhing. Levitt ſah ſie aufmerkſam an, fuͤhrte als⸗ dann die Alte hinaus, und folgte ihr. Als beide wieder im Scheunenraum waren und ſich geſetzt hatten, hoͤrte Johanna, zu ihrer nicht geringen Beruhigung, den Raͤuber ſagen:„Die ſchlaͤft veſt.— Nun, alte Grete, ich will verdammt ſein, wenn ich auch nur ſo viel von eurer Ge⸗ ſchichte begreifen kann, und ich ſehe nicht ein, was Ihr davon habt, wenn Ihr die eine Dirne an den Galgen bringt und die Andre quaͤlt. Aber wahrhaftig, ich will meinen Freunden Wort halten, und Euch dienen, wie Ihrs haben wollt. Ich ſehe wohl, es iſt ein ſchlechter Streich, aber ich denke, ich koͤnnte ſie ans Meer dann und auf Thomas Mondſchein's nettes Schiffchen bringen und fuͤr drei bis vier Wochen auf die Seite ſchaffen, wenn Euch das gefiele. Aber Gott ſtraf' mich, wer ihr was zu Leide thut, der ſoll mir ein Paar harte blaue Pflaumen hinunter ſchlucken. Es iſt ein grauſamer ſchlechter Streich, 64 und ich wollte, Grete, Ihr waͤret damit beim Teufel. Laßt's gut ſein, Maͤnnchen! ſprach die Alte, Ihr ſucht immer Händel und wollt alles nach eurem Sinne haben. Sie ſoll fuͤr mich nicht eine Stunde eher in den Himmel kommen, und es iſt mir einerlei, ob ſie lebt oder ſtirbt— Ihre Schweſter iſt's— ja, ihre Schweſter! Gut, wir ſprechen kein Wort mehr davon. Ich hoͤre Thomas kommen. Wir wollen uns auf's Ohr legen, und fuͤr Euch waͤr' es auch beſſer. Beide gingen zur Ruhe und alles war ſtill in dieſer Wohnung der Bosheit. Johanna war lange ſchlaflos. Bei Tages⸗ anbruche hoͤrte ſie, daß die beiden Raͤuber die Scheune verließen, nachdem ſie mit der Alten eine Zeitlang leiſe geſprochen hatten. Das Ge⸗ fuͤhl, daß ſie nur von Weibern bewacht wurde, erweckte in ihr einige Zuverſicht, und von Muͤ⸗ digkeit uͤberwaͤltigt, ſank ſie endlich in Schlummer. Als die Gefangene erwachte, ſtand die Sonne hoch am Himmel und der Morgen war ſchon weit vorgeruͤckt. Grete Wildfeuer war noch in dem Schuppen, der ihnen zum Nachtlager gedient 65 hatte, und wuͤnſchte mit ihrer gewoͤhnlichen wahn⸗ ſinnigen Luſtigkeit ihr guten Morgen. Und wißt Ihr's, Maͤdchen, ſprach ſie, es ſind ſeltſame Dinge geſchehen, ſeit Ihr im Lande des Sandmanns waret. Die Haͤſcher ſind da geweſen, und ſie fanden mein Muͤtterchen an der Thuͤre und haben ſie weggefuͤhrt zum Frie⸗ densrichter wegen des Weizenfeldes. Du mein Himmel! die engliſchen Kerle machen ſich ſo viel aus einem Weizenhalm, oder einem Grashaͤlm⸗ chen, als ein Gutsherr in Schottland aus ſeinen Haſen und Haſelhuͤhnern. Hoͤre, Maͤdchen, wenn Du Luſt haſt, ſpielen wir ihnen einen huͤb⸗ ſchen Poſſen. Wir wollen fort und ſpazieren gehn. Sie werden gewaltigen Larm machen, wenn ſie uns nicht finden, aber wir koͤnnen leicht zur Eſſenszeit wieder da ſein, oder auf jeden Fall vor Abend, und wir machen uns luſtig in der fri⸗ ſchen Luft. Oder wollt Ihr vielleicht erſt ein Fruͤhſtuͤck nehmen und Euch dann wieder hinle⸗ gen? Ich weiß es von mir ſelbſt, ich kann zu⸗ weilen den ganzen Tag da ſitzen mit dem Kopf in der Hand, und habe kein Wort, nicht fuͤr einen Hund, und zu andern Zeiten kann ich nicht einen Augenblick ſtill ſiten. So iſt's, wenn die Leute IWV. Theil. 5 66 denken, es waͤre am Schlimmſten mit mir, aber ich bin immer klug genug, und Ihr duͤrft Euch nicht fuͤrchten, mit mir zu gehen.. Waͤre Grete die wuͤthendſte Verruͤckte gewe⸗ ſen, ſtatt daß ſie nur eine zweifelhafte und un⸗ gewiſſe Daͤmmerung von Vernuͤnftigkeit beſaß⸗ die wahrſcheinlich durch den Einfluß der unbedeu⸗ tendſten Urſachen wechſelte, ſo wuͤrde doch Jo⸗ hanna ſich ſchwerlich geweigert haben, ein Ge⸗ faͤngniß zu verlaſſen, wo ſie ſo viel zu fuͤrchten hatte. Sie verſicherte lebhaft, ſie waͤre gar nicht mehr ſchlaͤfrig und durchaus nicht hungrig, und in der Hoffnung, daß ſie ſich dadurch keiner Suͤnde ſchuldig machte, ſchmeichelte ſie der wahnſinnigen Laune ihrer Waͤchterinn, einen Gang in den Wald zu machen. Es iſt nicht ganz darum, ſprach die arme Greie, aber ich glaube, es wird um ſo beſſer fuͤr Euch ſein, wenn Ihr aus den Haͤnden der Leute kommt. Ich will nicht ſagen, daß es ganz ſchlechte Leute ſind, aber ſie haben ihre wunder⸗ lichen Wege, und ich denke zuweilen, es iſt nicht immer gut geweſen mit meiner Mutter und mir, ſeit wir in ſolcher Geſellſchaft ſind. Mit der Eile, Freude, Furcht und Hoff⸗ nung eines befreiten Gefangenen, ergriff Johan⸗ na ihr Buͤndelchen, folgte der Wahnſinnigen in's Freie, und ſah ſich ungeduldig nach einer Men⸗ ſchenwohnung um, die aber nirgend ſich zeigte. Der Boden war zum Theil angebaut, zum Theil in ſeinem natuͤrlichen Zuſtande, wie es die Laune der nachlaͤßigen Ackerbauer gewollt hatte. In ſeinem natuͤrlichen Zuſtande war der Boden wuͤſt, hier mit zwergartigen Baͤumen und Buͤſchen be⸗ deckt, dort ſumpfig und an einigen Stellen ſah man trockne Sandflaͤchen, oder Weideland. Johanna's thaͤtiger Geiſt beſchaͤftigte ſich nun mit Vermuthungen, in welcher Gegend die Land⸗ ſtraße liegen moͤchte, wovon man ſie entfuͤhrt hatte. Sie meinte, wenn ſie dieſe Straße wie⸗ derfaͤnde, muͤßte ſie bald Jemanden begegnen, oder ein Haus antreffen, wo ſie ihre Geſchichte orzaͤhlen und Schutz ſuchen koͤnnte. Als ſie aber um ſich geblickt hatte, ſah ſie mit Bedauern, daß es ihr unmoͤglich war, mit einiger Sicherheit einer Richtung zu folgen, und daß ſie noch immer von ihrer verruͤckten Begleiterinn abhing.„Wollen wir denn nicht auf die Landſtraße gehen?“ ſprach ſie zu Grete, mit dem ſchmeichelnden Tone, den eine Waͤrterinn gegen ein Kind gebraucht.„Es 5* 68 geht ſich angenehmer auf der Landſtraße, als un⸗ ter wildem Gebuͤſche und Sandſteinen.“ Grete, die ſehr ſchnell ging, blieb bei dieſer Frage ſtehen, und ſah ihre Begleiterinn ploͤtzlich mit einem forſchenden Blicke an, der anzudeu⸗ ten ſchien, daß ſie die Abſicht derſelben vollkom⸗ men kannte.„Aha, Maͤdchen! rief ſie: auf ſolche Wege willſt Du uns fuͤhren? Ich denke, Du willſt Dich auf die Socken machen, um dei⸗ nen Kopf aus der Schlinge zu ziehen.“ Als Johanna dieſe Worte hoͤrte, beſann ſie ſich einen Augenblick, ob ſie nicht dem Winke folgen, und verſuchen ſollte, ihrer Begleiterinn zu entſpringen. Sie wußte jedoch nicht, in wel⸗ cher Richtung ſie fliehen ſollte; ſie war auch kei⸗ neswegs ſicher, daß ſie die Schnellſte ſein werde, und vollkommen uͤberzeugt, daß ſie, verfolgt und eingeholt, der Wahnſinnigen an Staͤrke nicht gewachſen war. Den Gedanken aufgebend, fuͤr jetzt die Flucht auf dieſe Weiſe zu verſuchen, ſagte ſie einige Worte, um den Argwohn der Verruͤck⸗ ten zu ſtillen, und folgte in aͤngſtlicher Beſorgniß dem Querpfade, worauf ihre Fuͤhrerinn ſie lei⸗ tete. Grete aber, die keine Abſicht veſt hielt, und ſich leicht in alles fügte, was eben vorging, — 69 begann bald wieder mit ihrer gewoͤhnlichen Ges dankenzerſtreuung zu ſchwabzen. Es iſt recht huͤbſch im Walde an einem ſchönen Morgen, als heute, ſprach ſie. Es ge⸗ fält mir hier beſſer, als in der Stadt; hier ſchreien Einem keine zerlumpten Buben nach, als ob man ein Weltwunder waͤre, gerade weil man ein bischen huͤbſcher und beſſer angezogen iſt, als andre Leute. Aber nein, Hannchen, man ſollte nie ſtolz ſein auf huͤbſche Kleider, oder auf Schoͤnheit. Wehe mir! das ſind nur Fall⸗ ſtricke— Ich hielt einſt mehr darauf, und was iſt daraus geworden! Kennt Ihr denn auch den Weg ganz genau, den Ihr geht? ſprach Johanna, der es vorkam, als ob ſie immer tiefer in den Wald geriethen und ſich weiter von der Hesrſtraße entfernten. Ob ich den Weg kenne? Hab' ich denn nicht lange hier gewohnt? Und warum ſollte ich den Weg nicht kennen?— Ich haͤtte ihn wohl vergeſſen können, es war vor meinem Un⸗ glüͤck, aber es gibt Dinge, die kann man nie vergeſſen, man niag's machen, wie man will. Sie waren nun tief in die Waldung gekom⸗ men. Die Baͤume ſtanden mehr aus einander, 70 und an dem Fuße einer ſchoͤnen Pappel erhob ſich ein Mooshuͤgel. Kaum waren ſie hier angelangt, als Grete ihre Haͤnde uͤber dem Kopfe zuſam⸗ menſchlug, und mit einem lauten Schrei, der einem Gelaͤchter glich, ſich ploͤtzlich auf den Huͤgel warf, wo ſie unbeweglich liegen blieb. Johanna's erſter Gedanke war, dieſe Gele⸗ genheit zur Flucht zu benutzen, aber ihr Wunſch, ſich zu retten, wich auf einen Augenblick der Be⸗ ſorgniß fuͤr die arme Wahnſinnige, welche, wie ſie meinte, aus Mangel an Hilfe umkommen koͤnnte. Mit einer Selbſtbeherrſchung, die man in ihrer Lage heldenmuͤthig nennen koͤnnte, beugte ſie ſich nieder, ſprach in einem beſaͤnftigenden Tone und ſuchte das verlaſſene Geſchoͤpf aufzu⸗ richten. Nur mit Muͤhe gelang ihr dieß, und als ſie die Ungluͤckliche in ſitzender Stellung an einen Baum lehnte, bemerkte ſie mit Ueberra⸗ raſchung, daß die gewoͤhnlich bluͤhende Geſichts⸗ farbe derſelben todtenbleich war und ihre Augen in Thraͤnen ſchwammen. Johanna war, trotz der großen Gefahr, worin ſie ſelber ſich befand, von der Lage ihrer Begleiterinn geruͤhrt, um ſo mehr, da aus dem ſchwankenden und unſteten Gemuͤthzuſtande und dem Benehmen der Wahn⸗ ſinnigen eine Regung von Wohlwollen gegen ſie hervor blickte, wofuͤr ſie dankbar war. Laßt mich!— laßt mich! ſprach die Arme, als der Unfall von Traurigkeit nachzulaſſen an⸗ fing. Laßt mich— das Weinen thut mir wohl. Ich kann Thraͤnen vergießen, aber vielleicht nur einmahl oder zweimahl im Jahre, und ich kom⸗ me immer, dieſen Raſen damit zu benetzen, daß die Blumen ſchoͤner bluͤhen und das Gras gruͤne. Aber was fehlt Euch? ſprach Johanna. War⸗ um weint Ihr ſo bitterlich? Mir fehlt genug, erwiderte die Wahnſinnige: mehr als ein armes Gemuͤth ertragen kann, glaube ich. Bleibt ein Weilchen, und ich will Euch alles ſagen, denn ich bin Euch gut, Hann⸗ chen Deans. Jedermann ſprach gut von Euch, als ich nicht weit von Leonhardfels wohnte. Ich vergeſſe nie den Trunk Milch, den Ihr mir ein⸗ mahl gegeben habt, als ich vier und zwanzig Stunden auf Arthur's Sitz geweſen war, und nach dem Schiffe geſehen hatte, worin Jemand fuhr. Dieſe Worte erinnerten Johanna, wie ſie eines Tages ſehr erſchrocken war, als ſie am fruͤ⸗ hen Morgen, nicht weit von ihres Vaters Hauſe, ein vereuͤcktes junges Weib gefunden hatte, wie ihre Beſorgniſſe aber in Mitleid waren verwan⸗ delt worden, da die Fremde unſchaͤdlich zu ſein ſchien, und wie ſie die Ungluͤckliche mit Nahrung erquickt hatte, die von dieſer mit haſtigem Heiß⸗ hunger verſchlungen ward. Ja, hob Grete wieder an, ich will Euch alles ſagen; Ihr ſeid ja die Tochter eines geſetzten Mannes, des gelaſſenen David Deans. Ihr koͤnnt mir vielleicht auch ſagen, wie ich den engen Weg finde und den geraden Pfad; denn ich habe Ziegel gebrannt in Aegypten, und bin durch die oͤde Wuͤſte Sinai gewandert eine lange, lange Zeit. Aber ſo oft ich an meine Vergehungen gedenke, moͤchte ich vor Scham meinen Mund bedecken.— Sie blickte bei dieſen Worten auf, und laͤchelte.— Es iſt ſonderbar, fuhr ſie fort, ich habe jetzt in zehn Minuten mehr gute Worte mit Euch geſprochen, als ich mit meiner Mutter in ſo vielen. Jahren ſprechen wuͤrde. Ich will nicht ſagen, daß ich nicht daran daͤchte, und ſie kommen mir zuweilen auf die Zunge; aber dann kommt der Teufel und ſtreift mit ſeinem ſchwar⸗ zen Fluͤgel uͤber meine Lippen, und legt ſeine breite ſchwarze Hand auf meinen Mund— ja eine ſchwarze Hand iſt's, Hannchen— und wiſcht alle meine guten Gedanken weg, und ver⸗ ſchließt meine guten Worte, und ſetzt einige al⸗ berne Geſaͤnge und unnuͤtze Eitelkeiten an ihre Stelle. Sucht euer Gemuͤth zu beruhigen, Grete, ſprach Johanna: macht eure Bruſt frei und euer Herz wird leichter werden. Widerſteht nur dem Teufel und er wird von Euch fliehen. Be⸗ denket, wie mein wuͤrdiger Vater mir ſagt, es iſt kein Teufel ſo betruͤglich, als unſre eigenen unſteten Gedanken. Und das iſt auch wahr, Maͤdchen, ſprach Grete, ploͤtzlich auffahrend. Und ich will einen Weg gehen, wo mir der Teufel nicht folgen darf; es iſt ein Weg, den ihr auch gern gehen werdet. Aber ich will euren Arm veſt halten, denn Ap⸗ pollyon koͤnnte uͤber den Weg ſchreiten, wie in des Pilgers Reiſe.*) Sie brach auf, und Johanna's Arm ergrei⸗ fend, ging ſie ſo raſch voran, daß ſie zur großen *) Eine in England viel geleſene allegoriſche mora⸗ liſche Dichtung(The Pilgrim's progress) die Bunyan im vorigen Jahrhundert herausgab. 8. 74 Freude ihrer Begleiterinn bald auf einen betrete⸗ nen Pfad gelangten, mit deſſen Windungen ſie vollkommen bekannt zu ſein ſchien. Johanna ſuchte ſie wieder zum Beichten zu bringen, aber die Laune war voruͤber. Das Gemuͤth der Un⸗ gluͤcklichen glich voͤllig einem Haufen duͤrrer Blaͤt⸗ ter, die einige Augenblicke ſtill liegen koͤnnen, aber von dem erſten Lufthauche alsbald geſtoͤrt und in Bewegung gebracht werden. Bunyan'’s Gleichniß war ihr nun in den Kopf gekommen, und hatte jeden andern Gedanken ſo ganz ver⸗ draͤngt, daß ſie mit großer Gelaͤufigkeit anhob: „Habt Ihr je die Pilgerreiſe geleſen? Ihr ſollt das Weib Chriſtiana ſein und ich bin das Maͤd⸗ chen Barmherzigkeit, denn Ihr wißt ja, Barm⸗ herzigkeit war von ſchoͤnerem Angeſicht und lieb⸗ licher als ihre Begleiterinn. Haͤtte ich meinen kleinen Schaͤferhund hier, der ſollte Großherz, ihr Fuͤhrer, ſein. Er war ſo kuͤhn, daß er alles anbellte, und wenn's zwanzigmahl groͤßer war als er, und das war auch eben ſein Tod, denn er biß den Korporal Mac Alpine in die Ferſen, als ſie mich einmal des Morgens in die Wache ſchleppten, und Korporal Mac Alpina ſchlug 75 das treue Ding mit ſeiner Lochaber⸗Axt*) todt. Hol' der Teufel ſeine Hochlaͤnderknochen! O pfui doch, Grete! ſprach Johanna, ſolche Worte ſolltet Ihr nicht ſagen. Das iſt wohl wahr, erwiederte Grete, den Kopf ſchuͤttelnd, aber ich muͤßte nur nicht an meinen armen Packan denken, wie ich ihn ſter⸗ bend in der Goſſe liegen ſah. Aber es iſt ſo auch gut, denn er mußte Kaͤlte und Hunger aus⸗ ſtehen, ſo lange er lebte, und im Grabe iſt Ruhe fuͤr alles— Ruhe fuͤr den Hund, und fuͤr mein armes Kind und mich. Euer Kind? ſprach Johanna, in der Vor⸗ ausſetzung, daß das Geſpraͤch von einem ſolchen Gegenſtande, wofern es ein wirklicher waͤre, ihre Begleiterinn in eine ruhigere Gemuͤthſtimmung bringen muͤßte. Sie irrte ſich. Grete wurde roth, und ſprach nicht ohne Unmuth:„Mein Kind? Ja frei⸗ lich, mein Kind. Warum ſollte ich nicht ein Kind haben, und ein Kind verlieren, ſo gut als eure huͤbſche Schweſter, die Lilie von Leonhard⸗ fels? *) Hochlaͤndiſche Waffe, einer Lanze aͤhnlich. L. 6 Dieſe Antwort machte Johanna ein wenig unruhig, und ſie wollte den Unmuth beſaͤnftigen, den ſie unwiſſentlich aufgeregt hatte. Ich be⸗ daure, ſprach ſie, euer Ungluͤck ſehr— — Bedauern? Was wolltet Ihr bedauern? erwiderte Grete. Das Kind war ein Segen, ich meine, Hannchen, es wuͤrde ein Segen ge⸗ weſen ſein, wenn nicht meine Mutter geweſen waͤre, aber die iſt eine wunderliche Frau. Seht, da war ein alter Kerl, ber hatte ein Bischen Feld und auch ein Haͤufchen Geld; es war ein Mann, wie der alte Schwachmuth, oder wie Haltſchnell, den Großherz von dem Rieſen Schlag⸗ gut befreite, der ihn pluͤnderte, und ihm die Knochen zerſchlagen wollte, denn Schlaggut hatte was von der Art der Menſchenfreſſer. Großherz hat auch den Rieſen Verzweiflung getoͤdtet, aber ich glaube, der Rieſe Verzweiflung iſt wieder in's Leben gekommen, was das Geſchichtenbuch auch ſagen mag, und ich fuͤhle ihn zuweilen in meinem Herzen ſich regen. Nun, und der alte Kerl? hob Johanna an, die mit heimlicher Ungeduld die wahre Geſchichte der Wahnſinnigen zu erfahren wuͤnſchte, welche, wie ſie argwoͤhnte, auf eine ſonderbare Weiſe 77 mit dem Schickſale ihrer Schweſter verflochten ſein mußte. Auch wollte ſie ihre Begleiterinn, wo moͤglich, gern zu einer Erzaͤhlung bringen, die mit leiſerer Stimme gegeben werden konnte, da ſie ſehr beſorgte, daß die hohen Toͤne, womit Grete das Geſpraͤch fuͤhrte, die Alte, oder dis Rauber auf ihre Spur leiten koͤnnten. Ja, der alte Kerl, ſprach Grete, die Worte wiederhohlend. Ich wollte, Ihr haͤttet ihn um⸗ her ſtolpern ſehen koͤnnen, wie er bald auf dem einen Bein humpelte und bald auf dem andern, als ob jedes einem andern Menſchen gehoͤrt haͤtte? Aber der huͤbſche Georg, der konnte es ihm herr⸗ lich nachmachen. Ei wie habe ich gelacht, wenn Georg humpelte, wie der Alte! Ich glaube, ich lachte herzlicher zu jener Zeit, als jetzt, aber vielleicht nicht ſo viel. Wer war denn der huͤbſche Georg? fragte Johanna, um Grete wieder zu ihrer Erzaͤhlung zu bringen. O es war Georg Robertſon, der war zu je⸗ ner Zeit in Edinburgh. Aber das iſt nicht ſein wahrer Name— Sein Nahme iſt— Doch was geht Euch ſein Nahme an? fuhr ſie fort, als ob ſie ſich ploͤtzlich beſonnen haͤtte. Was habt Ihr dabei, nach andrer Leute Nahmen zu fragen? Habt Ihr Luſt, daß ich Euch mein Meſſer zwiſchen die Rippen ſtoße, wie meine Mutter ſagt? 1 Ihr Ton und ihre Gebehrde waren ſo dro⸗ hend bei dieſen Worten, daß Johanna ſchnell be⸗ theuerte, ſie haͤtte bei ihrer zufaͤlligen Frage kei⸗ neswegs eine boͤſe Abſicht gehabt, und Grete fuhr ein wenig beſaͤnftigt fort:„Fraget nie nach an⸗ drer Leute Nahmen, Hannchen, das iſt nicht hoͤflich. Ich habe wohl ein halb Dutzend Men⸗ ſchen auf einmahl bei meiner Mutter geſehen, und nie nannte Einer den Andern bei'm Nah⸗ men. Ratcliffe ſagte, es waͤre nichts undoͤflicher, als ſo etwas, denn das Rathsherrnvolk thut im⸗ mer laͤſtige Fragen, wann man Dieſen oder Je⸗ nen geſehen, und wenn man nun ihren Nahmen nicht weiß, ſeht, ſo iſt's mit dem Fragen vorbei⸗ In welcher ſeltſamen Schule— dachte Jo⸗ hanna— iſt dieſes arme Geſchoͤpf aufgewachſen, wo man ſo entfernte Vorſichtmaßregeln gegen die Verfolgungen der Gerechtigkeit nimmt! Was wuͤrde mein Vater, oder Ruben Butler denken⸗ wenn ich ihnen ſagte, daß es ſolche Menſchen in der Welt gibt? Und die Einfalt dieſes verruͤck⸗ 79 ten Weſens zu mißbrauchen! O wäͤre ich nur wieder gluͤcklich daheim unter meinen redlichen und aufrichtigen Landsleuten! Und ich werde Gott dafuͤr danken, ſo lange ich Athem habe, daß er mich unter Diejenigen ſetzte, die in der Furcht vor ihm und unter dem Schatten ſeines Fittigs leben. Es unterbrach ſie das wahnſinnige Gelaͤchter ihrer Begleiterinn, als eine Elſter uͤber den Weg huͤpfte. Seht, ſprach ſie, ſo huͤpfte mein alter Schatz auch daher, aber nur nicht ſo leicht. Er hatte keine Fluͤgel, die ſeinen alten Beinen beiſtehen konnten. Ich haͤtte ihn bei all dem doch heira⸗ then müͤſſen, Hannchen, oder meine Mutter waͤre mein Tod geweſen. Aber da kam die Ge⸗ ſchichte mit meinem armen Kinde, und meine Mutter meinte, es haͤtte ihn taub gemacht mit ſeinem Schreien, und ſie legte es unter jenen Raſen, um's nur aus dem Wege zu bringen. Ich glaube, ſie hat meinen beßten Verſtand mit ihm begraben, denn ich bin ſeitdem nie wieder geweſen, was ich ſonſt war. Und denkt nur, Hannchen, als ſich meine Mutter all dieſe Muͤhe gemacht hatte, da warf er ſeine Naſe auf, der alte Pinſel, Hans Drottle, und wollte nichts 80 mehr von mir wiſſen. Aber ich mache mir wen nig daraus; ich habe ja ſeitdem immer ein luſti⸗ ges Leben gefuͤhrt„ und wo mich nur ein huͤbſcher Mann anſieht, da ſollte man denken, er fiele von ſeinem Pferde vor lauter Liebe zu mir. Ich habe Manche geſehen, die in die Taſche griffen und mir einen halben Schilling auf einmahl ga⸗ ben, allein meines huͤbſchen Geſichts wegen. Dieſe Worte ſetzten Johanna in Stand, ei⸗ nen duͤſtern Blick in die Geſchichte der Ungluͤck⸗ lichen zu werfen. Ihre Mutter hatte die Bewer⸗ bungen eines reichen Freiers beguͤnſtigt, unge⸗ achtet Mißverhaͤltniß des Alters und Häͤßlichkeit ihm entgegen ſtanden. Das Maͤdchen war von einem Boͤſewichte verfuͤhrt worden und um die Entehrung ihrer Tochter zu verbergen und die verabredete vortheilhafte Verbindung zu befoͤrdern, hatte die Mutter ſich kein Bedenken gemacht, die Frucht des heimlichen Verſtaͤndniſſes zu vernich⸗ ten. Es war nichts natuͤrlicher, als daß die gaͤnzliche Zerruͤttung eines Gemuͤthes, das ohne⸗ hin ſchon, ſeiner urſpruͤnglichen Stimmung zu⸗ folge, durch Leichtſinn und Eitelkeit geſtoͤrt war, die Folge davon ſein mußte. Dieß war denn auch die Geſchichte ihres Wahnſinns⸗ 81 7 IV. Frei von Gefahr, von Furcht befreit, Gehn uͤber den Hof ſie, hocherfreut. Chriſtabel. Ads Johanna dem Pfade folgte, den Grete ge⸗ waͤhlt hatte, bemerkte ſie zu ihrer nicht geringen Freude, daß ſich Spuren eines ſorgfaͤltigern An⸗ baues zeigten, und man ſah die Strohdaͤcher der Haͤuſer mit ihren kleinen blauen Rauchſaͤulen in einiger Entfernung aus Baumwipfeln hervor⸗ ſchauen. Der Pfad fuͤhrte dahin, und Johanna faßte den Entſchluß, ſo lange Grete dieſem Wege folgte, keine Frage an ſie zu richten, da ſie ſcharf⸗ ſinnig genug war, einzuſehen, daß ſie dadurch in Gefahr gerieth, ihre Fuͤhrerinn aufzubringen, oder einen Argwohn zu erwecken, wozu Geiſtes⸗ kranke ſehr leicht gereizt werden koͤnnen. IV. Theil. 6 82 Grete konnte daher, ohne Unterbrechung, das ſeltſame unzuſammenhangende Geſchwaͤtz fortſe⸗ tzen, das ihre ſchwaͤrmende Fantaſie ihr eingab, und ſie ſprach in dieſer Stimmung offner uͤber ihre Geſchichte und uͤber die Angelegenheiten An⸗ derer, als wenn man es verſucht haͤtte, unum⸗ wunden, oder durch Querfragen etwas uͤber jene Gegenſtaͤnde zu erforſchen. Es iſt wunderlich, ſprach ſie, aber zuweilen kann ich von dem kleinen Kinde und von den an⸗ dern Dingen reden, als ob's andern Leuten ge⸗ hoͤrte und nicht mir ſelber, und zuweilen iſt's mir wieder, als wollte es mir das Herz brechen. Habt Ihr je ein Kind gehabt, Hannchen? Johanna antwortete verneinend. Nun ja, aber eure Schweſter hatte doch eins, und ich weiß wohl, was daraus geworden iſt. Bei Gottes Barmherzigkeit! ſprach Johanna, das Betragen vergeſſend, das ſie zeither beobach⸗ tet hatte: ſagt nur, was aus dem ungluͤcklichen Kinde geworden iſt, und— Grete blieb ſtehen, ſah das Maͤdchen mit einem ernſten und veſten Blicke an, und brach dann in ein lautes Gelaͤchter aus. Ah Maͤd⸗ chen! fange mich, wenn Du's kannſt. Ich glaube, es iſt nicht ſchwer, Dir alles weis zu machen. Wie ſollte ich denn was von dem Kinde deiner Schweſter wiſſen? Die Maͤdchen ſollten nichts mit Kindern zu thun haben, bis ſie verhei⸗ rathet ſind. Und dann kommen alle Klatſch⸗ weiber und Gevatterinnen herein, und ſchmau⸗ ſen, als ob's der herrlichſte Tag in der Welt waͤre. Sie ſagen, Jungfernkindern erginge es wohl. Ich weiß, das war nicht ſo bei eurer Schweſter Kinde und meinem, aber das ſind traurige Geſchichten.— Ich muß nur ein bis⸗ chen ſingen, daß es mir leicht um's Herz witd. Es iſt ein Lied, das der artige Georg vor langer Zeit auf mich machte, als ich mit ihm nach Lockington zur Kirmſe ging, wo ich ihn in ſchoͤ⸗ nen Kleidern auf dem Theater mit den Komoͤ⸗ dianten ſpielen ſehen ſollte. Er mag in der Nacht wohl ſchlimmere Dinge gethan haben, als wenn er mich geheirathet haͤttte, wie er's verſprach. Beſſer in der Nachbatſchaft freien, als ſich in der Ferne eine Braut ſuchen, wie man in Yorkſhire ſagt. Er kann weiter gehen und ſchlimmer fah⸗ ten.— Aber das hat nichts zu thun mit mei⸗ nem Lied. 6* Ich bin Grete vom Lande, din Grete aus der Stadt, Bin Grete des Liebſten, der gewonnen mich hat. Die Edelfrau ſtrahlet im Demantenſchein Doch ihr Herz kann ſo froh als meines nicht ſein. Ich bin Fuͤrſtinn der Kirmſe, bin Fuͤrſtinn des Maien, und fuͤhr' heut' beim Maifeſt den froͤhlichen Reihen. Das Himmelsfeuer flammet ſo ſchoͤn und ſo kuͤhn, Doch heller und ſchoͤner ſieht man mich gluͤhn. Ich habe dieſes Lied lieber als alle meine Ge⸗ ſaͤnge, fuhr die Wahnſinnige fort: weil er's ge⸗ macht hat. Ich ſinge es oft, und deswegen nen⸗ nen mich auch die Leute wohl Grete Wildfeuer. Ich antworte immer darauf, wenn ich auch nicht ſo heiße. Was nuͤtzt es denn, Laͤrm anzu⸗ fangen? Aber Ihr ſolltet wenigſtens am Sonntage nicht ſingen, ſprach Johanna, die bei aller ihrer Bekuͤmmerniß und Angſt ſich nicht erwehren konnte, an dem Betragen ihrer Begleiterinn ein Aergerniß zu nehmen, zumahl da ſie ſich nun dem Doͤrfchen naͤherten. Eii, iſt denn heute Sonntag? fragte Grete. 1 85 Bei dem Leben, das meine Mutter fuͤhrt, ver⸗ wandelt ſie Nacht in Tag, und man verlernt dabei, die Tage der Woche zu zaͤhlen, und weiß den Sonntag nicht mehr vom Sonnabend zu un⸗ terſcheiden.— Aber dieß iſt auch nichts als euere Freiheiterei; in England ſingt man, wenn man Luſt hat. Und Ihr wißt ja, Ihr ſeid Chriſtiana und ich bin Barmherzigkeit— und Ihr wißt, als ſie Beide mit einander gingen, da ſangen ſie. und alsbald ſtimmte ſie eines von Bunyan's Liedern an. Wer tief ſteht, fuͤrchtet keinen Fall, Nicht Stolz, wer hoch nie ſtand; Wer Demuth hat, wird uͤberall Gefuͤhrt von Gottes Hand. Der Satte fuͤhlt ſich ſchwer gedruͤckt Auf ſeiner Pilgerfahrt; Hier wenig, aber dort begluͤckt— So iſt man gut bewahrt. Und wißt Ihr, Hannchen, ich glaube, es iſt viel Wahrheit in dem Buche von des Pilgers Reiſe. Der Junge, der dieſes Lied ſingt, wei⸗ dete ſeines Vaters Schafe im Thale der Demuth, und Herr Großherz ſagt, er habe ein luſtigeres 86 Leben gefuͤhrt und in ſeiner Bruſt mehr gehabt von dem Kraute, Herzensruhe genannt, als jene, die Seide und Sammet tragen wie ich, und ſo huͤbſch ſind als ich. Johanna Deans hatte nie das fantaſiereiche und ergetzliche Gleichniß geleſen, worauf Grete anſpielte. Bunyan war zwar ein ſtrenger Cal⸗ viniſt, aber auch ein Anhaͤnger einer Baptiſten⸗ Gemeine, und daher fanden ſeine Werke keinen Platz unter David's geiſtlichen Buͤchern. Grete hingegen war, wie es ſchien, in einer fruͤhern Lebenszeit mit dem beliebteſten Werke dieſes Schriftſtellers gut bekannt geweſen, das ſelten verfehlt, einen tiefen Eindruck auf Kinder und Leute geringern Standes zu machen. Gewiß, fuhr ſie fort, ich kann es wohl ſa⸗ gen, ich komme aus der Stadt der Zerſtoͤrung; denn meine Mutter iſt Frau Fledermausauge, die an des Todtenmanns Ecke wohnt, und Franz Levitt und Galgen⸗Thomas, die kann man mit Mißtrauen und Verbrechen vergleichen, die her⸗ an geſprengt kamen und den armen Pilger mit einer großen Keule zu Boden ſchlugen und ihm einen Geldbeutel ſtahlen, der meiſt all ſein Zehr⸗ geld enthielt, und ſo haben ſie's mit Vielen ge⸗ 87 macht und werden's noch mit Mehrern thun. Aber nun wollen wir in des Auslegers Haus ge⸗ hen; denn ich kenne Jemanden, der wird den Ausleger ſehr gut ſpielen, er hat die Augen zum Himmel erhoben, hat das allerbeßte Buch in ſei⸗ ner Hand, das Geſetz der Wahrheit iſt auf ſei⸗ ne Lippen geſchrieben, und er ſteht da, als ob er die Sache der Menſchen fuͤhrte.— O haͤtte ich bedacht, was er mir ſagte, ich waͤre nie das verworfene Geſchoͤpf geweſen, das ich jetzt bin.— Aber nun iſt alles vorbei.— Wir wollen an die Pforte klopfen, und dann wird der Huͤter Chri⸗ ſtiana einlaſſen, aber Barmherzigkeit muß drau⸗ ßen bleiben. Und dann ſtehe ich zitternd und weinend an der Pforte, und Chriſtiana— das ſeid Ihr, Hannchen— wird fuͤr mich bitten, und dann wird Barmherzigkeit— das bin ich, wie Ihr wißt— in Ohnmacht fallen, und dann wird der Ausleger— ja der Ausleger, das iſt Herr Staunton ſelbſt— er wird heraus kommen und mich bei der Hand nehmen— mich, die Arme, Verlorene, Wahnſinnige— und mir einen Granatapfel geben und ein Stuͤck Honig⸗ ſcheibe, und ein Fläſchchen mit Geiſtwaſſer, meine Ohnmacht zu vertreiben. Dann kommen die 09 88 guten Zeiten zuruͤck und wir ſind die luͤcklichſten Menſchen, die man je geſehen hat. In der verwirrten Gedankenverbindung, wel⸗ che dieſe Rede andeutete, glaubte Johanna zu entdecken, daß Grete ſich ernſtlich den Verſuch vorgenommen hatte, die Verzeihung und Unter⸗ ſtuͤtung eines von ihr beleidigten Menſchen zu erwerben; ein Verſuch, der mehr als alles dazu dienen konnte, ſie Beide wieder unter den Schutz des Geſetzes zu bringen. Johanna entſchloß ſich daher, der Wahnſinnigen, ſo lange ſie in dieſer guͤnſtigen Stimmung war, zu folgen, und nach den Umſtaͤnden fuͤr ihre Sicherheit zu ſorgen. Sie waren nun in der Naͤhe des Dorfes, das eine jener ſchoͤnen Anſichten gewaͤhrte„ die man ſo oft im froͤhlichen England findet„ wo die Huͤtten nicht in zwei geraden Reihen auf beiden Seiten einer ſtaubigen Landſtraße ſich erheben, ſondern in zerſtreuten Gruppen zwiſchen hohen Eichen und Ulmen, und in einem Kranze von Fruchtbaͤumen liegen„ wovon viele eben jetzt ſo voll bluͤhten, daß der Hain mit einem Schmelz von rothen und weißen Blumen bedeckt zu ſein ſchien. In der Mitte des Doͤrſchens ſtand die 89 Pfarrkirche, von deren kleinem gothiſchen Thurme eben das Sonntagsgelaͤute herab ſchallte. Wir wollen hier warten, bis die Leute alle in der Kirche ſind, ſprach Grete. Wenn ich jetzt unter ſie gehen wollte, wuͤrden alle Jungen und Maͤdchen, die kleinen Hoͤllenbraͤnde, hinter mir her ſchreien, und der Buͤttel wuͤrde uns auf den Hals kommen, als ob wir Schuld waͤren. Er kann's mir glauben, ihr Geſchrei iſt mir ſo zu⸗ wider, als ihm. Wahrhaftig, ich wuͤnſche oft, ſie haͤtten einen heißen Torfkuchen im Halſe, wenn ſie ſich ſo anſtellen. Johanna wußte, in welcher Unordnung ihr Anzug nach dem Abenteuer der verfloſſenen Nacht war, und wie ſeltſam die Tracht und das Be⸗ nehmen ihrer Begleiterinn erſchienen, und ſie fuͤhlte, wie wichtig es war, Jemanden, der die Mittel beſaß, ſie zu beſchuͤtzen, zu einer auf⸗ merkſamen und geduldigen Anhoͤrung ihrer lan⸗ gen Geſchichte zu vermoͤgen. Gern willigte ſie daher in den Vorſchlag der Wahnſinnigen, un⸗ ter den Baͤumen, welche ſie einigermaßen verbar⸗ gen, zu verweilen, bis ſie nach dem Anfange des Gottesdienſtes Gelegenheit faͤnden, in das Doͤrfchen zu gehen, ohne einen Haufen um ſich 90 zu verſammeln. Sie war deſto nachgiebiger, da Grete zu verſtehen gegeben hatte, daß ihre Mutter nicht in dieſem Dorfe gefangen ſaͤße, und daß die beiden Straßenraͤuber auch in eine andre Gegend gegangen waͤren. Sie ſetzte ſich an den Fuß einer alten Eiche, wo eine ſtille Quelle, welche die Dorfbewohner zu ihrem Gebrauche eingedaͤmmt hatten, ihr als Spiegel diente, und wie es in Schottland bei Maͤdchen ihres Standes nicht ungewoͤhnlich iſt, ſing ſie an, ihren Anzug unter freiem Himmel zurecht zu legen, und ihre beſchmutzte und ver⸗ ſtoͤrte Kleidung, ſo gut als es Ort und Umſtaͤnde erlaubten, wieder in Ordnung zu bringen. Sie fand aber bald Urſache, es zu bereuen, daß ſie ſich dieſe Muͤhe genommen hatte, die doch in dieſem Augenblicke und in dieſer Geſell⸗ ſchaft ſchicklich und nothwendig war. Grete, die neben andern Zeichen des Wahnſinnes, ſich viel auf jene Reize einbildete, welchen ſie in der That auch ihr Ungluͤck zuzuſchreiben hatte, und deren Gemuͤth, wie ein Floß auf den Wellen, von jedem neuen Eindrucke bewegt und umher getrieben wurde, bemerkte kaum, daß Johanna anſing, ihr Haar in Ordnung zu bringen, ihre 91 Haube zurecht zu ſetzen, den Staub von Schu⸗ hen und Kleidern zu reiben, ihr Halstuch und ihre Handſchuhe zu ordnen, als ſie, eifrig nach⸗ ahmend, ſich herauszuputzen begann, und ſich mit Lumpen und den Ueberreſten des bettelhaften Putzes ſchmuͤckte, die ſie aus einem kleinen Buͤn⸗ del nahm, und worin ſie noch zehnmal ſeltſamer und aͤffiſcher ausſah, als vorher. Johanna ſeufzte heimlich, wagte es aber nicht, ſich in eine ſo bedenkliche Sache zu miſchen. Grete ſetzte quer uͤber die Mannsmuͤtze, oder den Reithut, womit ſie ſich bedeckt hatte, eine zer⸗ brochene und ſchmutzige weiße Feder, die mit einer Feder aus einem Pfauenſchweife ſich kreuzte. An ihr Gewand, eine Art von Reitkleid, heftete oder ſteckte ſie eine breite Falbel von kuͤnſtlichen Blumen, die alle zerdruͤckt, zerknittert und ſchmu⸗ big waren; einſt der Putz einer vornehmen Frau, dann das Erbtheil ihres Stubenmaͤdchens und end⸗ lich der Gegenſtand der Bewunderung in der Ge⸗ ſindeſtube. Eine buntgelbe ſeidene Schaͤrpe, mit Flittern und Rauſchgold beſetzt, die eben ſo lange gedient hatte, und ſich einer eben ſo ehrenvollen Vererbung ruͤhmte, wurde dann uͤber die Schul⸗ ter geworfen, und hing wie ein Wehrgehenke 92 herab. Grete zog darauf ihre gewoͤhnlichen plumpen Schuhe aus und vertauſchte ſie mit ſchmutzigen Atlasſchuhen, welche, wie die Schaͤrpe, mit Flittern und Stickerei geziert und mit ſehr hohen Abſaͤtzen verſehen waren. Sie hatte ſich auf ihrem Morgengange eine Weidengerte ge⸗ ſchnitten, beinahe ſo lang als die Angelruthe eines Knaben. Sorgſam ſchaͤlte ſie dieſe Ruthe ab, und als dieſelbe dem Staͤbchen glich, das der Großſchatzmeiſter bei feierlichen Gelegenheiten traͤgt, ſagte ſie zu Johanna, ſie ſaͤhen nun wohl beide ſo anſtaͤndig aus, als es jungen Maͤdchen an einem Sonntagmorgen ziemte, und da das Gelaͤute aufgehoͤrt hatte, ſo wollte ſie gern mit ihr in des Auslegers Haus gehen. Johanna ſeufzte tief bei dem Gedanken, daß es am Tage des Herrn, ja waͤhrend des Gottesdienſtes, ihr Loos ſein ſollte, ſich mit einer ſo ſeltſamen Gefaͤhrtinn in der Gaſſe eines bewohnten Dorfes ſehen zu laſſen; aber Noth hat kein Gebot, und wenn ſie nicht mit der Verruͤckten einen offenbaren Streit anfan⸗ gen wollte, was unter dieſen Umſtaͤnden gar nicht rathſam geweſen waͤre, ſah ſie kein Mit⸗ tel, ſich von ihrer Begleiterinn los zu machen. 93³ Die arme Grete hingegen war von Eitelkeit aufgeblaͤht, und hoͤchlich vergnuͤgt, uͤber ihren blen⸗ denden Putz und ihr ſchoͤnes Anſehen. Als Beide in das Doͤrfchen traten, wurden ſie nur von einer alten Frau bemerkt, die, beinahe ſtockblind, nur ſo viel erkennen konnte, daß etwas Nettes und Glaͤnzendes voruͤberging, und ſie verbeugte ſich vor der Wahnſinnigen ſo tief, als ſie es vor einer Graͤfinn gethan haben wuͤr⸗ de. Grete war im hoͤchſten Grade ſelbſtzu⸗ frieden. Sie zierte ſich, ſie trippelte, ſie laͤchel⸗ te, ſie grinſete, und mit der Herablaſſung einer adeligen Beſchuͤtzerinn, unter deren Auf⸗ ſicht ein Landmaͤdchen zum Erſtenmahl in die Hauptſtadt reiſet, winkte ſie ihrer Begleiterinn, weiter zu gehen. Johanna folgte geduldig, und ſchlug die Augen nieder, um ſich ſelbſt den Verdruß zu er⸗ ſparen, die Albernheiten ihrer Gefaͤhrtinn zu ſehen, aber ſie erſchrak, als ſie, nach Etrſtei⸗ gung einiger Stufen, ſich auf dem Gottesacker fand, und Grete im Begriff ſah, gerade nach der Kirchthuͤre zu gehen. In ſolcher Beglei⸗ tung in die Verſammlung zu treten, hatte ſie keine Luſt, und ſie ging ſeitwaͤrts vom Wege 94 ab, indem ſie mit entſchloſſenem Tone ſagte: „Grete, ich will hier warten, bis der Gottes⸗ dienſt zu Ende iſt. Ihr moͤgt allein hinein ge⸗ hen, wenn's Euch gefaͤllt.“ Mit dieſen Worten wollte ſie ſich auf einen Grabſtein ſetzen. Grete war ſchon einige Schritte vokaus, als Johanna ſeitwaͤrts trat, aber ploͤtzlich ſich um⸗ wendend, folgte ſie ihrer Gefaͤhrtinn mit langen Schritten und einem von Zorn gluͤhenden Ge⸗ ſichte, hohlte ſie ein und ergriff ſie beim Arme. „Denkſt Du, undankbares Geſchoͤpf, ich wollte es leiden, daß Du auf meines Vaters Grab Dich ſeteſt? Der Teufel ſoll Dich hohlen, wenn Du nicht aufſtehſt und mit mir in des Auslegers Haus gehen, das heißt in Gottes Haus, oder ich reiße Dir jeden Lumpen vom Leibe.“ Sie machte alsbald die Drohung wahr, denn mit einem Griffe rieß ſie ihrer Begleite⸗ rinn den Strohhut nebſt einer Handvoll Haare ab, und warf ihn in einen alten Eichbaum, wo er hangen blieb. Johannas erſter Gedanke war, laut außzuſchreien, aber ſie bedachte, daß ſie toͤdlich verletzt werden koͤnnte, ehe Jemand, ungeachtet die Kirche ſo nahe war, ihr Beiſtand zu leiſten vermoͤchte, und ſie hielt es fuͤr kluͤger, der Wahnſinnigen in die Verſammlung zu folgen, wo ſie Mittel, ihr zu entwiſchen finden, oder vor Gewaltthaͤtigkeiten geſichert ſein konnte. Als ſie nun mit Sanftmuth ſich bereitwillig zeigte, ihr zu folgen, hatte das unſtete Gemuͤth ihrer Fuͤhrerinn ſchon wieder eine andre Gedanken⸗ reihe ergriffen. Sie hielt Johanna mit der ei⸗ nen Hand veſt, und mit der andern auf die Inſchrift des Grabſteines deutend, befahl ſie ihr, dieſelbe zu leſen. Johanna gehorchte und las die Worte: „Dem Andenken Donald Murdockſon's, vom „ſechs und zwanzigſten oder Cameroniſchen Re⸗ „giment, einem wahren Chriſten, einem tapfern „Krieger und einem treuen Diener, errichtete „dieſes Denkmahl ſein dankbarer und traurender „Herr, Robert Staunton.“ Recht gut geleſen, Hannchen; gerade ſo lauten die Worte, ſprach Grete, deren Zorn nun in tiefe Schwermuth ſich verlor. Mit einem Schritte, der zu Johanna's großer Freude, unge⸗ woͤhnlich ruhig und traurig ernſt war, fuͤhrte ſie ihre Begleiterinn zur Kirche. 95 Es war eine jener in England ſo haͤufigen alterthuͤmlichen gothiſchen Kirchen, die reinlich⸗ ſten, anſtaͤndigſten und ehrwuͤrdigſten Oerter fuͤr die Gottesverehrung, die es vielleicht in der chriſtlichen Welt gibt. So ehrwuͤrdig indeß das Aeußere der Kirche war, Johanna hing doch zu treu an den Lehren des presbyterianiſchen Glau⸗ bens, als daß ſie in eine gottesdienſtliche Verſammlung der biſchoͤflichen Kirche haͤtte tre⸗ ten moͤgen, und bei jeder andern Gelegenheit wuͤrde ſie geglaubt haben, im Eingang die ehr⸗ wuͤrdige Geſtalt ihres Vaters zu erblicken, die ſie zuruͤckwinkte und mit feierlichem Tone aus⸗ rief:„Laß ab, mein Kind, die Lehren zu hoͤren, die von den Worten der Erkenntniß ableiten.“ In ihrer jetzigen unruhigen und bekuͤmmernden Lage aber, hoffte ſie in dieſer verbotenen Ver⸗ ſammlung Sicherheit zu finden, wie das gehetzte Thier zuweilen Schutz vor drohender Gefahr in Menſchenwohnungen, oder andern Zuflucht⸗ oͤrtern ſucht, die ſonſt ſeiner Natur und Lebens⸗ weiſe ganz fremd ſind. Selbſt die Toͤne der Orgel und einiger Floͤten, welche die Pſalmen begleiteten, hielten ſie nicht ab, ihrer Gefaͤhr⸗ tinn in das Chor zu folgen. Kaum hatte Grete die Kirche betreten, und bemerkt, daß die Aufmerkſamkeit der An⸗ weſenden auf ſie gerichtet war, als ſie das ſelt⸗ ſame und muͤrriſche Betragen, das eine fluͤchtige Anwandlung von Schwermuth auf einen Augen⸗ blick verbannt hatte, wieder ſehen ließ. Sie glitt gleichſam in dem mittlen Chorgange hin⸗ auf, und zog Johanna nach ſich, deren Hand ſie veſt hielt. Gern waͤre das Maͤdchen gleich am Eingange in den naͤchſten Kirchſtuhl ge⸗ ſchluͤpft und haͤtte Grete allein zu den hoͤhern Plaͤtzen hinaufgehen laſſen; aber dieß war un⸗ moͤglich, ohne einen heftigen Widerſtand, der ihr fuͤr Zeit und Ort ganz unpaſſend zu ſein ſchien, und ſo wurde ſie als Gefangene die ganze Kirche entlang von ihrer ſeltſamen Fuͤhrerinn geleitet. Mit halb geſchloſſenen Augen, einem gezwungnen Laͤcheln auf den Lippen, und einer gezierten Handbewegung, welche gut zu dem trippelnden und zimperlichen Schritte paßte, wo⸗ mit ſie ſich bewegte, nahm Grete das Stau⸗ nen, das eine ſolche Erſcheinung nothwendig er⸗ wecken mußte, als eine beſondre Huldigung auf, und erwiderte es durch Kopfnicken und halbe Verbeugungen gegen diejenigen Anweſenden, IV. Theil. 7 98 in welchen ſie Bekannte zu finden ſchien. Ihre Albernheit wurde fuͤr die Zuſchauer noch auf⸗ fallender durch den ſeltſamen Gegenſatz mit ihrer Gefaͤhrtinn, die mit aufgeloͤſten Haaren, mit geſenkten Blicken und ſchamgluͤhendem Geſichte gleichſam im Siaoezaulzuge ſich nach⸗ ſchleppen laſſen mußte. Zum Gluͤcke hoͤrte die Aterewhi der Wahn⸗ ſinnigen endlich auf, als ſie weiter gehend, dem Auge des Geiſtlichen begegnete, der einen veſten mitleidigen Blick auf ſie warf. Schnell oͤffnete ſie einen leeren Kirchſtuhl in der Naͤhe, und ſchleppte ihre Begleiterinn mit hin⸗ ein. Sie ſtieß das Maͤdchen an das Bein, ihr anzudeuten, daß ſie ihrem Beiſpiele folgen ſollte, und legte den Kopf eine Minute lang auf ihre Haͤnde. Johanna, der dieſe Stellung ſtiller Andacht ganz fremd war, verſuchte es nicht, es eben ſo zu machen, ſondern ſah mit verſtoͤrten Blicken umher, welche ihre Nach⸗ barn, nach der Geſellſchaft urtheilend, worin man ſie ſah, fuͤr Zeichen des Wahnſinns hal⸗ ten mußten. Jedermann in ihrer Naͤhe ent⸗ fernte ſich, ſo weit als es der Raum geſtat⸗ tete, von dem ſeltſamen Paare; ein alter Mann konnte ſich aber nicht ſchnell genug zu⸗ ruͤckziehen, ehe Grete ihm das Gebetbuch aus der Hand geriſſen und das, fuͤr dieſen Tag beſtimmte Leſeſtuͤck aufgeſucht hatte. Sie las darauf das Kirchengebet, und mit dem uͤber⸗ triebenſten Eifer in Gebehrden und Benehmen zeigte fie ihrer Begleiterinn die vorgeleſenen Stellen des Gebetes, waͤhrend ſie die Antworten ſo laut ausſprach, daß man ihre Stimme vor allen andern hoͤrte. So beſchaͤmt und verdruͤßlich Johanna war, ſich in einem Gotteshauſe auf dieſe Art bloß geſtellt zu ſehen, ſie konnte und durfte doch nicht unterlaſſen, ihren Geiſt zu ſammeln, um ſich umzuſehen, und zu erwaͤgen, wen ſie nach geendigtem Gottesdienſte um Beiſtand anriefe. Ihr erſter Gedanke mußte auf den Geiſtlichen fallen, und ſie ward in ihrem Entſchluſſe beve⸗ ſtigt, als ſie bemerkte, daß er ein bejahrter Mann von ehrwuͤrdigem Anſehen und Beneh⸗ men war, der das Kirchengebet mit einem ru⸗ higen und anſtaͤndigen Ernſte ablas, wodurch die jungern Glieder der Verſammlung, die das ſeltſame Benehmen der Wahnſinnigen geſtoͤrt 7* 100 hatte, wieder zur gebuͤhrenden Aufmerkſamkeit zuruͤck gefuͤhrt wurden. An ihn alſo wollte Johanna nach dem Ende des Gottesdienſtes ſich wenden. Freilich wollte ſie einen Anſtoß an dem Chorrocke neh⸗ men, wovon ſie ſo viel gehoͤrt, den ſie aber noch nie bei einem Prediger des goͤttlichen Wor⸗ tes geſehen hatte. Auch verwirrten ſie die ab⸗ wechſelnden Stellungen, welche die Gemeine bei verſchiedenen Theilen des Gebetes annahm, um ſo mehr, da Grete, die damit genau bekannt zu ſein ſchien, jede Gelegenheit ergriff, ihr An⸗ ſehen uͤber ſie geltend zu machen, und ſie bald aufziehend, bald wieder herabziehend, eine laͤr⸗ mende Geſchaͤftigkeit zeigte, welche, wie Johan⸗ na fuͤhlte, Beide zu Gegenſtaͤnden einer peinli⸗ chen Aufmerkſamkeit machte. Dieſer Vorur⸗ theile ungeachtet, faßte ſie jedoch in ihrer Ver⸗ legenheit den verſtaͤndigen Entſchluß, alles, was ſie ſah, nachzumachen, ſo gut es ihr gelingen wollte. Der Peofet,*) dachte ſie, erlaubte dem Syrer Naeman, ſelbſt im Hauſe Rimmons 8 anzubeten.„Wahrlich, ſprach ſie, wenn ich — *) Enſa, 2 Koͤn. 5. — 101 in dieſer Bedraͤngniß den Gott meiner Vaͤter anbete in meiner Sprache, wiewohl die Art des Gottesdienſtes mir fremd iſt, ſo wird der Herr mir darin gnädig ſein.“ Sie beſtaͤrkte ſich ſo ſehr in dieſem Ent⸗ ſchluſſe, daß ſie ſich, ſo weit als es der Raum im Kirchſtuhl erlaubte, von Grete zuruͤckzog, und ſich bemuͤhte, durch ernſte und ruhige Auf⸗ merkſamkeit auf den Gottesdienſt ihre andaͤch⸗ tige Stimmung zu zeigen. Ihre Quaͤlerinn wuͤrde ihr nicht lange Ruhe gelaſſen haben, waͤre ſie nicht, von Muͤdigkeit uͤberwaͤltigt, in der andern Ecke des Kirchſtuhles in tiefen Schlaf geſunken. 3 Johanna's Gedanken wandten ſich zwar, wider ihren Willen, zuweilen auf ihre Lage; aber ſie zwang ſich zur Aufmerkſamkeit auf eine verſtaͤndige, kraftvolle und wohl geſetzte Rede uͤber das werkthaͤtige Chriſtenthum, welcher ſie ihren Beifall geben mußte, obgleich jedes Wort nie⸗ dergeſchrieben war und von dem Prediger abge⸗ leſen wurde, mit einem Tone und mit Gebehr⸗ den, die ganz anders waren, als man ſie bei Boanerges Himmelſturm, ihres Vaters Lieb⸗ lingsprediger, fand. Die ernſte und ruhige 10² Aufmerkſamkeit, womit Johanna zuhoͤrte, ent⸗ ging dem Geiſtlichen nicht. Er hatte bei der Ankunft der Wahnſinnigen eine Stoͤrung be⸗ fuͤrchtet, und um dieſe ſo viel moͤglich zu ver⸗ huͤten, wendete er ſeine Blicke oft nach dem Platze, den Johanna und Grete eingenommen hatten, wobei er denn bald entdeckte, daß jene, ungeachtet der Verluſt ihres Kopfputzes und ihre peinliche Lage ihren Zuͤgen ein auffallendes und ſeltſames Anſehen gaben, doch in einer ganz andern Gemuͤthſtimmung war, als ihre Be⸗ gleiterinn. Waͤhrend er die Verſammlung ent⸗ ließ, bemerkte er, daß ſie mit einem unſteten und ernſtlichen Blicke umher ſchaute, als ob ſie ungewiß geweſen waͤre, was ſie thun ſollte, und er ſah, wie ſie zu einigen geſetzten Maͤnnern trat, als haͤtte ſie dieſelben anreden wollen, aber ſchuͤchtern zuruͤckwich, ſobald ſie fand, daß man ſie zu meiden und ihr auszuweichen ſchien. Der Geiſtliche war uͤberzeugt, daß etwas Auſ⸗ ſerordentliches hier obwalten muͤßte, und als ein menſchenfreundlicher Mann und guter Leh⸗ rer des Chriſtenthums, faßte er den Entſchluß, die Sache genauer zu erforſchen. — — V. — Es herrſchte da in dieſem Jahr' Ein Huͤter, der ernſt, karg und zornig war. Crabbe. Als Herr Staunton— ſo hieß der wuͤrdige Geiſtliche— ſeinen Chorrock in der Sakriſtei ablegte, kam es zwiſchen Johanna und Grete zu einem offenen Bruche. Wir muͤſſen ſogleich in die Scheune zuruͤck kehren, ſprach Grete. Wir ſind ſchon zu lange ausgeblieben und meine Mutter wird boͤſe ſein. Ich gehe nicht mit Euch zuruͤck, Grete, ſprach Johanna und zog eine Guinee hervor, die ſie ihr anbot. Ich bin Euch ſehr dankbar, aber ich muß nun meinen eigenen Weg gehen. Und ich ſoll ſo von meinem Wege abkom⸗ men, Euch zu gefallen, Ihr undankbares Ding? 104 erwiderte Grete. Und ich ſoll mir von meiner Mutter den Kopf zerſchlagen laſſen, um euret⸗ willen, wenn ich heim komme? Aber Ihr ſollt mit— oder— Um Gotteswillen! ſprach Johanna zu einem Manne, der nicht weit von ihnen ſtand: haltet ſie ab, ſie iſt wahnſinnig. Ja, ja, das habe ich halb errathen, ant⸗ wortete der Landmann, und ich glaube, Du biſt ein Vogel von gleichen Federn. Aber ich rathe Dir, Grete, lege nicht Hand an ſie, oder Du haſt's mit mir zu thun. Es ſammelten ſich nun mehre Leute aus dem gemeinen Volke um die beiden Fremden, und die Burſchen riefen, es ſollte Streit geben zwiſchen der verruͤckten Grete Murdockſon und einer andern Tollhausſchweſter. Waͤhrend ſich aber der Haufen ſammelte, in der menſchen⸗ freundlichen Hoffnung, ſo viel Kurzweil als moͤglich zu haben, ſah man den Treſſenhut des Buͤttels unter der Menge und alles machte dem furchtbar gebietenden Manne Platz. Er wandte ſich zuerſt zu der Wahnſinnigen.„Was bringt Dich wieder zuruͤck, Du alberne Vettel, unſer Kirchſpiel zu quzlen? Haſt Du wieder —— 108 Baſtarte mitgebracht, ſie ehrlichen Leuten vor die Thuͤre zu legen? Oder denkſt Du uns dieſe Gans auf dem Halſe zu laſſen, als ob die Armenſteuer nicht ſchon hoch genug waͤre? Fort mit Dir zu deiner ſpitzbuͤbiſchen Mutter! Sie ſitzt ſchon in den Eiſen zu Barkſton. Fort mit Dir aus dem Kirchſpiel, oder Du ſollſt die Peitſche fuͤhlen.“ Grete war eine Minute lang muͤrriſch, aber ee war zu oft durch unſanfte Mittel gezwun⸗ gen worden, ſich dem Gebote des Buͤttels zu fuͤgen, als daß ſie den Muth gehabt haͤtte, ſich dagegen aufzulehnen. Und meine Mutter— meine arme alte Mutter liegt in den Eiſen zu Barkſton? hob ſie an. Ihr allein ſeid Schuld daran, Jung⸗ fer Hannchen Deans. Aber ich will quitt mit Euch werden, ſo wahr ich Grete Wildfeuer heiße— Murdockſon wollte ich ſagen. Gott ſtehe mir bei, ich vergeſſe gar meinen Nahmen in all dieſer Verwirrung. Mit dieſen Worten drehte ſie ſich auf dem Abſatze um, und ging davon, waͤhrend die ganze loſe Dorfjugend ihr folgte. Kannſt Du noch deinen Nahmen ſagen, Grete? riefen 106 Einige, waͤhrend Andte an dem Saume ihres Kleides zerrten, und Alle ihre Stärke und ih⸗ ren Witz aufboten, ſie durch irgend einen neuen Anſchlag zur Wuth zu reizen. Johanna war uͤber den Aufbruch der Wahn⸗ ſinnigen hoͤchlich erfreut, wiewohl ſie wuͤnſchte, auf irgend eine Art die Dienſte vergelten zu koͤnnen, die Grete ihr erwieſen hatte. Sie fragte darauf den Buͤttel, ob es nicht ein Haus im Dorfe gaͤbe, wo ſie fuͤr ihr Geld hoͤfliche Aufnahme finden koͤnnte, und ob es ihr vergoͤnnt waͤre, mit dem Prediger zu ſprechen. Ja, ja, wir werden ſchon gebuͤhrende Sorge fuͤr Dich tragen, erwiderte jener, und ich glaube, wenn Du anders nicht dem Herrn Pfarrer voll⸗ kommen Red' und Antwort geben kannſt, ſo werden wir Dir wohl dein Geld erſparen, und Dir auf Koſten des Kirchſpiels Herberge ver⸗ ſchaffen. Wohin ſoll ich denn gehen? fragte Jehanna, nicht ohne Unruhe. Nun, zuerſt bringe ich Dich zu Sr. Hoch⸗ ehrwuͤrden, wo Du Rechenſchaft von Dir geben ſollſt, damit man ſehe, daß Du dem Kirchſpiele nicht zur Laſt faͤllſt. 107 Ich mag Niemanden zur Laſt fallen, ant⸗ wortete Johanna. Ich habe gerade ſo viel als ich brauche, und wuͤnſche nur, meine Reiſe ſicher fortſetzen zu koͤnnen. Ja, das iſt eine andre Sache, ſprach der Buͤttel: und wenn's wahr iſt— und ich denke, Du ſiehſt nicht ſo verwirrt aus, als deine Ge⸗ ſellſchafterinn— ſo waͤrſt Du wohl ein munteres Maͤdel, wenn Du nur ein Bischen beſſer geputzt und geſchniegelt waͤreſt. Komm nur— der Pfar⸗ rer iſt ein guter Mann. Iſt das der Prediger, der heute predigte? fragte Johanna. Der Prediger? Ei, lieber Himmel! zu was fuͤr einer Art von Presbyterianerinnen gehoͤrſt Du denn? Nun, der Pfarrer iſt's, der Pfar⸗ rer ſelbſt, und ſeines Gleichen gibt's weder in unſrer Grafſchaft, noch in den vier naͤchſten. Komm mit mir— komm, wir duͤrfen hier nicht bleiben. Ich will ſehr gern zum Prediger gehen, er⸗ widerte Johanna: denn obgleich er ſeine Rede las, und den Chorrock tug, ſo muß ich ihn doch fuͤr einen gottesfuͤrchtigen Mann halten, da er ſo gruͤndlich uͤber ſeinen Text gepredigt hat. 108 Der Poͤbel, in der Erwartung betrogen, hier Kurzweil zu finden, hatte ſich nun verlaufen, und Johanna folgte mit ihrer gewoͤhnlichen Geduld dem wichtig thuenden und finſtern, aber nicht har⸗ ten Fuͤhrer zur Pfarrwohnung. Das Pfarrhaus war geraͤumig und gemaͤch⸗ lich, da die Pfruͤnde trefflich war, und das Recht der Berufung einem ſehr reichen Geſchlecht in der Nachbarſchaft zuſtand, das gewoͤhnlich einen Sohn oder Neffen dem geiſtlichen Stande gewidmet hatte, um ihm bei vorkommender Gelegenheit dieſe ſehr gute Verſorgung zu geben. Die Pfarre zu Willingham war auf dieſe Weiſe immer als ein Zubehoͤr des Schloſſes Willingham betrachtet worden, und die reichen Edelleute, welche dieſes Gut beſaßen und gewoͤhnlich einem Sohne, Bru⸗ der, oder Neffen die Pfruͤnde verliehen, waren bedacht geweſen, die Wohnung nicht nur anſtaͤn⸗ dig und bequem, ſondern ſelbſt ſchoͤn und praͤch⸗ tig einzurichten. Sie lag nicht viel uͤber vierhundert Schritt vom Dorfe auf einer ſanft anſteigenden Hoͤhe, die mit zerſtreut liegenden kleinen eingefriedigten Aeckern bedeckt war, zwiſchen welchen die, in Reihen gepflanzten alten Eichen und Ulmen Fern⸗ — 109 ſichten gewaͤhrten, und in anmuthiger Unregel⸗ maͤßigkeit an einander graͤnzten. Als ſich Jo⸗ hanna und ihr Begleiter dem Hauſe naͤherten, fuͤhrte ſie ein huͤbſcher Thorweg auf einen Frei⸗ platz, der zwar nicht groß, aber mit anſehnlichen und wohl gepflegten Nußbaͤumen und Buchen beſetzt war. Das Gebaͤude hatte eine unregel⸗ maͤßige Vorderſeite. Ein Theil derſelben ſchien ſehr alt zu ſein, und war auch wirklich der Wohn⸗ ſit des Pfarrers in der katholiſchen Zeit geweſen. Die nachfolgenden Bewohner hatten das Haus betraͤchtlich vergroͤßert und verbeſſert, jeder aber im Geſchmacke ſeiner Zeit und ohne ſonderliche Beachtung des Ebenmaßes. Man fand jedoch, bei allem Mangel an Uebereinſtimmung in der Bauart, ſo viele Abſtufungen und eine ſo gluͤck⸗ liche Miſchung, daß das Auge durch dieſe Verei⸗ nigung des Verſchiedenartigen keineswegs beleidigt wurde, ſondern nur das Anziehende in einem Gebaͤude bemerkte, deſſen Theile kein gefaͤlliges leicht uͤberſchauliches Ganzes bildeten. Obſtbaͤu⸗ me, welche die ſuͤbliche Mauer bedeckten, Trep⸗ pen an der Außenſeite, verſchiedene Eingaͤnge, ein Gemiſch von Daͤchern und Schornſteinen aus verſchiedenen Zeitaltern, alles dieß machte die 110 Vorderſeite zwar nicht ſchoͤn oder großartigf, aber verwickelt und wahrhaft mahleriſch. Die betraͤcht⸗ lichſte Vergroͤßerung hatte das Gebaͤude durch den jetzigen Pfarrer erhalten, welcher, als ein beleſener Herr— wie der Buͤttel ihn beſchrieb, vieleeicht um Johanna's Ehrfurcht gegen den Mann, vor welchem ſie erſcheinen ſollte, zu vermehren— einen huͤbſchen Buͤcherſaal, ein Wohnzimmer uno nicht weniger als drei Schlafkammern hinzuge⸗ fuͤgt hatte. Viele Leute wuͤrden ſich wohl bedacht haben, ſolche Ausgaben zu machen, fuhr er fort: denn der Gutsherr vergibt ja die Pfarre nach ſeinem Belieben, aber der Hochehrwuͤrdige Herr hat ſelbſt ein huͤbſches Vermoͤgen und braucht nicht jeden Pfennig umzuwenden. Johanna konnte ſich nicht enthalten, das unregelmaͤßige, aber weitlaͤufige und bequeme Gebaͤude mit den Pfarrhaͤuſern ihrer Heimath zu vergleichen, wo karge Erben, ſo andaͤchtige und ergebene Anhaͤnger der presbyterianiſchen Kirche ſie auch ſein wollen, mit Aufbietung ihrer ganzen Erfindſamkeit zu entdecken ſuchen, was ſich von einem Gebaͤude abzwicken und abkneipen laͤßt, das ſebſt dem gegenwaͤrtigen Beſitzer der 111 Pfruͤnde nur eine armſelige Wohnung darbietet, und abgeſehen von den Vortheilen eines ſteinernen Gebaͤudes, nach Verlauf von vierzig bis funfzig Jahren ihre Nachkommen wieder zu Ausgaben noͤthigen wird, welche, einmahl freigebig und anſtaͤndig verwendet, ihr Gut auf wenigſtens hundert Jahre von einem aͤhnlichen Aufwande befreit haben wuͤrden. Hinter der Pfarrwohnung ſenkte ſich das Gebaͤude zu einem kleinen Fluſſe hinab, der zwar nicht die anmuthige Lebendigkeit und Schnelligkeit eines ſchottiſchen Stromes hatte, aber deßungeachtet, da er zwiſchen den Weiden und Pappeln, die ſeine Ufer kraͤnzten, her⸗ vor blickte, ein freundlicher Schmuck der Land⸗ ſchaft war. Es gaͤbe nirgend in der ganzen Grafſchaft Lincoln ſo viele Forellen, als hier, ſagte der Buͤttel, den Johannas Geduld, und ihre Verſicherung, daß ſie dem Kirchſpiele kei⸗ neswegs zur Laſt fallen werde, etwas geſpraͤchi⸗ ger gemacht hatten: und weiter abwaͤrts waͤre mit Angeln nichts mehr zu machen. Er ließ den Haupteingang ſeitwaͤrts liegen, und brachte das Maͤdchen zu einer Pforte, die in den aͤltern Theil des Gebaͤudes fuͤhrte, wo 11² meiſt nur das Geſinde wohnte. Als er an⸗ pochte, oͤffnete die Thuͤre ein Diener in ernſter purpurrother Tracht, wie ſie fuͤr das Geſinde eines wohlhabenden und angeſehenen Geiſtlichen paßte. Was machſt Du Thomas? fragte der Buͤt⸗ tel. Und wie geht's dem jungen Herrn Staun⸗ ton? Nun, nicht zum Beßten— nicht zum Beßten, Herr Stubbs. Wollt Ihr Sr. Hoch⸗ ehrwuͤrden ſprechen? Ja, ja Thomas. Sagt doch dem Herrn Paſtor, ich braͤchte das Maͤdchen, das heute mit der verruͤckten Grete Murdockſon in die Kirche kam. Sie ſcheint ein ſeltſames Ding zu ſein, aber ich habe ſie noch nicht befragt. Ich kann Sr. Hochehrwuͤrden nur ſo viel ſa⸗ gen, daß ſie aus Schottland iſt, wie ich glau⸗ be, und nicht viel Gruͤtze im Kopf hat. Thomas beehrte Johanna Deans mit einem jener anglotzenden Blicke, welche die wohlge⸗ naͤhrten Diener geiſtlicher und weltlicher Reichen auf den Armen werfen zu duͤrfen, fuͤr ihr Vorrecht zu halten pflegen. Er hieß darauf 115 den Buͤttel und das Maͤdchen herein treten, und wollte ſeinem Herrn ſie anmelden⸗ Das Zimmer, worein er ſie fuͤhrte, war eine Art von Verwalterwohnung. An der Wand hingen ein Paar Karten der Grafſchaft und drei oder vier Abbildungen von bedeuten⸗ den Maͤnnern, die daſelbſt gewohnt hatten, noͤhmlich der edle Herr Wilhelm Monſon, Ja⸗ kob York, der Grobſchmidt in Lincoln, und der beruͤhmte Peregrin Lord Willoughby in voller Ruͤſtung, der ausſah, wie in dem Augenblicke, wo er die Worte des Liedes ſprach, die unter dem Bilde zu leſen waren: „Du edler Lanzknecht, halte Stand Und wacker ſchau' umher; Du Schutze, triff mit ſtarker Hand, Und keinen Feind gibt's mehr. Die Ihr Gewehr und Fiinnte tragt, Verlaſſet mich nur nie, und ich bin's, der ſich kuͤhnlich wagt“ Sprach der tapfre Willoughby⸗ Als ſie in die Stube geireten waren, lud Thomas, wie ſich verſteht, ſie zu Eſſen und Trinken ein, und Herr Stubbs, wie ſich auch IV. Theil. 8 114 verſteht, ſchlug es nicht aus, von den anſehnlichen Ueberreſten einer Speckſeite und einem Kruge kraͤftigen Doppelbieres zu koſten. Der Buͤttel machte ſich begierig an dieſe Eßwaaren, jedoch — wie wir zu ſeiner Ehre melden muͤſſen— nicht ohne vorher, von Thomas unterſtuͤtzt, ſeine Gefangene, oder Pflegbefohlene einzuladen, ſeinem Beiſpiele zu folgen; aber ſo ſehr Johan⸗ na, die den ganzen Tag nichts gegeſſen hatte, einer Erfriſchung beduͤrfen mochte, ſo ließ ſie doch von dem Gefuͤhle ihrer bekuͤmmernden Lage, von ihrer Gewohnheit an Maͤßigung und Ent⸗ haltſamkeit und ihrer bloͤen Scheu, in Gegen⸗ wart zweier Fremden zu eſſen, ſich abhalten, das hoͤfliche Anerbieten anzunehmen. Sie ſetzte ſich ſeitwaͤrts auf einen Stuhl, waͤhrend Stubbs und Thomas, welcher, in Erwaͤgung, daß man erſt nach dem Nachmittags⸗Gottesdienſte ſich zu Tiſche ſetzen werde, ſeinem Freunde Geſell⸗ ſchaft leiſten wollte, einen tuͤchtigen Imbiß nah⸗ men, wobei ſie eine halbe Stunde zubrachten und noch laͤngere Zeit zugebracht haben wuͤrden, wenn nicht der Pfarrer geklingelt haͤtte, und Tho⸗ mas genoͤthigt geweſen waͤre, ſich zu ſeinem Herrn 145 zu begeben. Jetzt, und nicht eher, um ſich die Muͤhe zu erſparen, noch einmahl zu dem entleg⸗ nern Theile des Hauſes zu wandern, meldet⸗ er ſeinem Herrn die Ankunft des Buͤttels und der andern Verruͤckten, wie Johanna zu bezeich⸗ nen ihm beliebte, als ob ſie eben erſt angekom⸗ men waͤren. Er kam zuruͤck mit dem Befehle, Stubbs und das Maͤdchen ſogleich ins Buͤcher⸗ zimmer zu bringen. Der Buͤttel verſchlang haſtig das letzte Stuͤck Speck, ſpuͤlte den fetten Biſſen mit der Neige des Bierkruges hinab, und fuͤhrte das Maͤdchen alsbald durch einige krumme Gaͤnge, die das alte Gebaͤude mit dem neuen verban⸗ den, in ein artiges Vorzimmer, das an den Buͤcherſaal ſtieß, und eine auf den Freiplatz oͤffnende Glasthuͤre hatte. 3 Wartet hier, ſprach Stubbs. Ich will Sr. Hochehrwuͤrden ſagen, daß Ihr da ſeid. Mit dieſen Worten oͤffnete er die Thuͤre und ging in das Buͤcherzimmer. Johanna wuͤnſchte keineswegs, die Unterre⸗ dung zu belauſchen, aber ſie konnte es in ihrer Lage nicht vermeiden, denn da Stubbs an der Thuͤre ſtehen blieb, und der Pfarrer am an⸗ 8*r 146 dern Ende des großen Zimmers ſich befand, ſo mußte das Geſpraͤch im Vorzimmer gehoͤrt werden.. Habt Ihr denn endlich das Maͤdchen ge⸗ bracht, Stubbs? Ich erwartete Euch ſchon fruͤher. Ihr wißt ja, ich ſehe es nicht gern, daß man ſolche Leute auf einen Augenblick ver⸗ haftet, ohne ſich nach ihrer Lage zu erkundigen. Ei, freilich, Euer Hochehrwuͤrden, antwor⸗ tete der Buͤttel. Aber das Maͤdchen hatte heute noch nichts zu ſich genommen, und dar⸗ um gab ihr Thomas ein Schluͤckchen und einen Mundvoll Eſſen. Daran hat Thomas ſehr recht gethan, ſprach der Pfarrer. Und was iſt denn aus dem andern hoͤchſt ungluͤcklichen Weſen geworden? ₰ nun, erwiderte Stubbs, ich dachte, es wuͤrde Euer Hochehrwuͤrden wehe thun, ſie zu ſehen, und ſo habe ich ſie zu ihrer Mutter ge⸗ hen laſſen, die im naͤchſten Dorfe in Verlegen⸗ heit iſt. In Verlegenheit? ſprach der Pfarrer. Das ſoll wohl heißen, im Gefaͤngniſſe? Ja freilich, ſo etwas dergleichen, Euer Hoch⸗ ehroürden zu dienen. 117 Das elende, ungluͤckliche Weib iſt alſo nicht zu beſſern, erwiderte der Geiſtliche. Und was fuͤr ein Geſchoͤpf iſt ihre Begleiterinn? 4 J nun, ganz ſittſam, Euer Hochehrwuͤtden zu Befehl, ſprach Stubbs. So viel ich ſehe, iſt von ihr nichts zu beſorgen, und ſie ſagt, ſie haͤtte Geld genug, um aus der Grafſchaft zu kommen. Geld? Daran denkt Ihr immer zuerſt, Stubbs. Aber iſt ſie bei Sinnen? Hat ſie den vollen Gebrauch ihres Verſtandes? Iſt ſie faͤhig, fuͤr ſich ſelber zu ſorgen? &₰ nun, das kann ich Euer Hochehrwuͤrden nicht ſo eigentlich ſagen. Ich will darauf ſchwoͤren, ſie hat nicht allzuviel Verſtand⸗ Gaffer Gibbs hat ſie in der Kirche immer im Auge gehabt, und er ſagt, ſie haͤtte nicht ein einziges Stuͤck aus dem Gebetbuche herſa⸗ gen koͤnnen, wie ein Chriſt, ſo viel ihr auch Grete Murdockſon geholfen haͤtte. Und was das Sorgen fuͤr ſich ſelber angeht— J nun, ſie iſt ein Stuͤck von einer Schottlaͤnderinn, und man ſagt, die Einfaͤltigſte unter ihnen verſtaͤnde es ſchon, auf ihren Nutzen zu ſehen. Sie iſt 118 auch anſtaͤndig genug angezogen und nicht mit Flitterſtaat behangen, wie die andre, ELaßt ſie hereinkommen, und bleibt Ihr unten Stubbs. 1 Ddiieſe Unterredung hatte Johanna's Auf⸗ merkſamkeit ganz gefeſſelt, und erſt nach dem Ende derſelben bemerkte ſie, daß die Glasthüre, die aus dem Vorzimmer ins Freie fuͤhrte, geoͤff⸗ net ward und ein junger Mann von ſehr bleichem und kraͤnklichem Anſehen herein kam, oder viel⸗ mehr von zwei Maͤnnern getragen wurde, die ihn auf das naͤchſte Ruhebett ſetzten, als ob er ſich von einer ungewoͤhnlichen Anſtrengung haͤtte erholen ſollen. In dem Augenblicke, als man damit beſchaͤftigt war, kam Stubbs aus dem Buͤcherzimmer und rief Johanna herein. Sie gehorchte nicht ohne Bangigkeit, denn abgerech⸗ net, daß ihre Lage fuͤr ein, an Abgeſchiedenheit gewoͤhntes Maͤdchen neu war, kam es ihr vor, als ob die gluͤckliche Fortſetzung ihrer Reiſe von dem Eindrucke abhangen ſollte, den ſie auf den Pfarrer machte. Es ließ ſich freilich nicht leicht einſehen, unter welchem Vorwande man Jemanden, der in ei⸗ genen Angelegenheiten und auf eigne Koſten ——äö 319 reiſete, unterwegs haͤtte aufhalten können; ader die gewaltſame Verhaftung, die ſie bereits erfahren hatte, konnte ihr wohl beweiſen, daß es Menſchen in der Näͤhe gab, die Vortheil, Neigung und Kuͤhnheit veranlaßten, ſie mit Gewalt aufzuhalten, und ſie ſah die Nothwen⸗ digkeit ein, ſich wenigſtens ſo lange, bis ſie aus dem Bereiche derſelben war, Beiſtand und Schus zu verſchaffen. Waͤhrend ſie dieß, ſchneller als Feder und Dinte es aufzeichnen, oder auch nur des Leſers Blicke den Schriftzuͤgen folgen koͤn⸗ nen, in ihrer Seele erwog, ſah ſie ſich in einem freundlichen Buͤcherzimmer, dem Pfarrer von Willingham gegenuͤber. Die wohl verſehenen Schraͤnke und Faͤcher an den Waͤnden des geräu⸗ migen und huͤdſchen Zimmers, enthielten mehr Buͤcher, als es nach Johannas Meinung in der ganzen Welt gab, da ſie gewohnt war, zwei Tannenbretter, jedes von drei Fuß Laͤnge, wor⸗ auf ihres Vaters Buͤcherſchaͤtze ſtanden, der Kern und das Mark der neuern Gottesgelahrtheit, wie er zuweilen ruͤhmte, fuͤr eine unermeßliche Samm⸗ lung zu halten. Ein Orery, Erdkugeln, ein Fernrohr, und andre wiſſenſchaftliche Geraͤth⸗ ſchaften, erweckten Erſtaunen und Verwunde⸗ 120 rung bei ihr, aber auch Regung von Furcht, da ihre Unwiſſenheit ſie zu der Beſorgniß verleitete, daß alles dieß mehr zur Zauberei als zu andern Zwecken diente, und einige ausgeſtopfte Thiere, die der Pfarrer, als Freund der Naturgeſchichte, auf⸗ geſtellt hatte, verſtaͤrkten den Eindruck, den der Anblick des Zimmers auf ſie machte. Herr Staunton ſprach ſehr milde mit ihr. Er bemerkte, ihre Erſcheinung in der Kirche waͤre zwar ungewoͤhnlich geweſen, ſie haͤtte ſich in einer ſonderbaren, und wie er hinzu ſetzen muͤßte, an⸗ ruͤchigen Geſellſchaft befunden, wodurch die ver⸗ ſammelte Gemeinde in der Gottesverehrung leicht haͤtte geſtoͤrt werden koͤnnen; aber er wuͤnſchte deßungeachtet zuvor ihre eigne Erklaͤrung zu hoͤ⸗ ren, ehe er einen Schritt thaͤte, den ſeine Pflicht ihm abfodern koͤnnte. Er war, wie er hinzu fuͤgte, ſowohl Friedensrichter als Pfarrer. Der edle Herr— Hochehrwuͤrden wollte ſie nicht ſagen— waͤre ſehr hoͤflich und guͤtig, war alles, was die arme Johannag anfaͤnglich vor⸗ penngen konnte. Wer ſeid Ihr, Maͤbchen? ſprach die Geiſt⸗ liche, etwas herriſcher. Was wollt Ihr in die⸗ ſer Gegend und in ſolcher Geſellſchaft? Wir * 121 dulden hier kein muͤßiges Volk und keine Lande ſtreicher. Ich gehoͤre weder zum müßigen Volke, noch zu den Landſtreichern, erwiderte Johanna, ein wenig aufgebracht uͤber die Vorausſetzung. Ich bin ein ehrbares Maͤdchen aus Schottland, ich reiſe in meinen eigenen Angelegenheiten und auf eigene Koſten, aber ich war ſo ungluͤcklich, in ſchlechte Geſellſchaft zu gerathen, und wurde dieſe ganze Nacht hindurch in meiner Reiſe auf⸗ gehalten. Jenes arme Geſchoͤpf, das ein wenig verruͤckt iſt, ließ mich dieſen Morgen hinaus. Schlechte Geſellſchaft? ſprach der Geiſtliche. Ich fuͤrchte, Maͤdchen, Ihr ſeid nicht ſorgſam genug geweſen, ſie zu vermeiden. Ja gewiß, ich bin dazu erzogen worden, boͤſen Umgang zu vermeiden. Aber dieſe boͤſen Menſchen waren Diebe, und hielten mich durch Gewalt und Uebermacht auf. Diebe? ſprach der Geiſtliche. Ihr beſchul⸗ digt ſie alſo der Raͤuberei? Nein, lieber Herr, ſie haben mir nicht einen Pfennig genommen, und mir auch nichts zu Leide gethan, als daß ſie mich eingeſperrt haben.. 3 122 Der Pfarrer erkundigte ſich nach den naͤhern Umſtaͤnden ihres Abenteuers, die ſie ihm Punkt fuͤr Punkt mittheilte. Das iſt eine außerordentliche und eben nicht allzuwahrſcheinliche Geſchichte, mein Kind, hob der Geiſtliche wieder an. Man hat hier, nach eurer Erzaͤhlung, eine große Gewaltthaͤtigkeit ohne einen hinlaͤnglichen Beweggrund begangen. Wißt Ihr denn, daß Ihr nach den Landesge⸗ ſetzen gehalten ſeid, dieſe Rotte vor Gericht zu verfolgen, wenn Ihr eine ſolche Beſchuldigung vorbringt? Johanna verſtand ihn nicht, bis er ihr er⸗ klaͤrte, daß das engliſche Geſetz ſo guͤtig iſt, dem Beraubten oder Beleidigten, zu dem erlittenen Nachtheile, noch die Muͤhe und die Koſten einer gerichtlichen Anklage aufzulegen. Johanna erwiderte, ſie haͤtte dringende Geſchaͤfte in London, und ſie wuͤnſchte nichts, als daß ein achtbarer Mann ſie aus chriſtlicher Barmherzigkeit in eine Stadt geleiten ließe, wo ſie Pferde und einen Fuͤhrer miethen koͤnnte, und endlich meinte ſie, es ſei ihr, nach ihres Vaters Anſichten, nicht erlaubt, in einem engliſchen Gerichtshofe Zeugniß abzulegen, da das Land — 123 nicht unter dem wahren Lichte des Evangeliums lebte. Der Pfarrer ſtarrte ſie einen Augenblick an, und fragte ſie, ob ihr Vater ein Quaͤker waͤre. Gott behuͤte! erwiderte Johanna. Er iſt weder ein Abtruͤnniger, noch ein Sektirer, und hat auch nie etwas mit ihrem boͤſen Verkehr zu thun gehabt, wie es von ihm bekannt genug iſt. Und wie heißt er denn? fragte Herr Staunton. David Deans, der Viehmaͤſter in Leonhard⸗ fels unweit Edinburgh. Ein tiefes Stoͤhnen im Vorzimmer hielt den Pfarrer ab, ihr zu antworten, und mit dem Ausrufe:„O Gott, der ungluͤckliche Juͤngling! 44 ließ er das Maͤdchen allein und eilte in das an⸗ ſtoßende Gemach. Man hoͤrte einiges Geraͤuſch und geſchaͤftigen Ldem, aber es verging beinahe eine Stunde, ohne daß Jemand in den Buͤcherſaal trat. VI. Seltſame Wuth! Wahnſinn'ges Streiten! Wie Scham und Schreck ſich weit verbreiten! Lichtſcheue Thaten, doch an's Licht gebracht, Und ſo verwirrt, daß nicht zu unterſcheiden, Ob ich gelitten, ob ich Gram gemacht, Ich ſah nur Schuld, nur Reuweh, oder Leiden, Eignes wie fremdes, und von Furcht erdruͤckt Das Leben, und von Scham die Seel erſtickt. Coleridge. Wäͤhrend der Zwiſchenzeit, wo Johanna allein — war, erwog ſie ſorgfaͤltig, welchen Weg ſie am Beßten einſchluͤge, Sie wuͤnſchte lebhaft, ihre Reiſe fortzuſetzen, aber ſo lange die alte Hexe und ihre Gehilfen in der Naͤhe waren, glaub⸗ te ſie es nicht wagen zu duͤrfen, ohne eine Wiederhohlung der erlittenen Gewaltthat zu be⸗ fuͤrchten. Aus der Unterredung, die ſie zum Theil gehoͤrt hatte, und aus den verwirrten Ge⸗ — 125 ſtaͤndniſſen der Wahnſinnigen glaubte ſie abneh⸗ men zu koͤnnen, daß die Alte durch einen verbor⸗ genen und rachgierigen Beweggrund angetrieben wurde, ſie wo moͤglich an der Fortſetzung ihrer Reiſe zu hindern. Und von wem konnte ſie Beiſtand hoffen, als von Staunton? Sein ganzes Weſen und Benehmen ſchien ihre Hoff⸗ nungen zu ermuntern. Seine Zuͤge waren huͤbſch, obgleich von tiefer Schwermuth bezeichnet, ſein Ton und ſeine Sprache freundlich und aufmun⸗ ternd, und da er in ſeiner Jugend mehre Jahre im Heere gedient hatte, ſo beſaß er jene dem Kriegerſtande eigene Offenheit. Er war uͤberdieß ein Diener des goͤttlichen Wortes, und obgleich er, nach Johanna's Anſichten, nur ein Anbeter im Vorhofe der Heiden war, und ſo verblendet, einen Chorrock zu tragen, obgleich er die Gebete ablas und jedes Wort ſeiner Predigt vorher nie⸗ derſchrieb, ja uͤberdieß an Staͤrke der Lunge, wie an Kraft und Mark der Lehre, tief unter Boanerges Himmelſturm ſtand, ſo meinte doch Johanna, er muͤßte ein ganz andrer Mann ſein, als Pfarrer Stuͤrzkrug und andre biſchoͤfliche Geiſt⸗ liche in ihres Vaters Jugendzeit, die ſich in ih⸗ rer Amtstracht zu betrinken pflegten und die 126 Dragoner gegen die umher irrenden Cameronier hetzten. Das Haus ſchien zwar in einiger Un⸗ ruhe zu ſein, da ſie aber nicht vorausſetzen konnte, daß man ſie ganz vergeſſen wuͤrde, ſo hielt ſie es fuͤr das Beßte, in dem Zimmer, wo man ſie allein gelaſſen hatte, ruhig zu war⸗ ten, bis Jemand ſich um ſie bekuͤmmerte. Zu ihrer nicht geringen Freude that dieß zu⸗ erſt ein weibliches Weſen, eine ältliche Frau von muͤtterlichem Anſehen, die Haushaͤlterinn. Jo⸗ hanna entdeckte ihre Lage mit wenigen Worten und bat um Beiſtand. Die Wuͤrde einer Haushaͤlterinn geſtattete keine zu große Vertraulichkeit mit einer Frem⸗ den, die ſich wegen gerichtlicher Unterſuchung in der Pfarre befand und deren Leumund in den Augen der alten Frau etwas zweideutig erſcheinen mußte, aber ſie war bei aller Zuruͤck⸗ haltung doch hoͤflich. Ihr junger Herr, ſagte ſie, häͤtte einen gefaͤhrlichen Fall mit dem Pferde gethan, und ſeitdem oft Anfaͤlle von Ohnmachten, eben jetzt haͤtte er ſich ſehr uͤbel befunden, und es waͤre deßhalb dem Pfarrer nicht moͤglich, ſogleich mit Johanna zu ſprechen; ſie ſollte jedoch darauf 127 rechnen, daß er alles, was recht und geziemend waͤre, fuͤr ſie thun werde, ſo bald er ſich mit ihrer Angelegenheit beſchaͤftigen koͤnnte. Sie er⸗ bot ſich, ihr eine Stube zu zeigen, wo ſie war⸗ ten ſollte, bis der Pfarrer Zeit haͤtte. Johanna ergriff dieſe Gelegenheit, um ein Mittel zu bitten, ihren Anzug zu ordnen und zu wechſeln. Die Haushälterinn, in deren Augen Rein⸗ lichkeit eine der erſten Tugenden war, bewihigte gern ein ſo geziemendes Geſuch, und der fri⸗ ſche Anzug, den Johanna in ihrem Buͤndel fand, machte eine ſo vortheilhafte Veraͤnderung in ihrem Aeußern, daß die alte Frau in der niedlichen, reinlichen, ſittſamen Schottlaͤnderinn kaum die ſchmutzige Reiſende wieder erkannte, deren verſtoͤrte Kleidung die Gewaltthätigkeiten verrieth, die ſie erlitten hatte. Frau Dalton wurde durch dieſe guͤnſtige Veraͤnderuug ſo ſehr ein⸗ genommen, daß ſie Johanna einlud, ihr Mit⸗ tageſſen zu theilen, und ſie war mit dem an⸗ ſtaͤndigen Benehmen des Maͤdchens waͤhrend der Mahlzeit eben ſo zufrieden. Du kannſt dieſes Buch leſen? Nicht wahr, Maͤdchen, Du kannſt es? ſprach die alte Frau 128 nach Tiſche, indem ſie die Hand auf eine große Bibel legee. 3g3 Ich hoffe es, erwiderte Johanna, erſtaunt aͤber die Frage. Mein Vater wuͤrde vieles lieber entbehrt haben, ehe er mich einen ſolchen Un⸗ terricht haͤtte entbehren laſſen. 38555 Nun, das macht ihm Ehre, liebes Maͤd⸗ chen. Es gibt hier Leute, die ſonſt was in der Welt gelten, aber nicht ein Stuͤck Pudding miſ⸗ ſen moͤchten, wenn ſie durch ein dreiſtuͤndiges Faſten allen ihren armen Kindern dazu helfen koͤnnten, die Bibel von einem Ende bis zum andern zu leſen. Nimm Du das Buch, denn meine Augen ſind etwas bloͤde. Du magſt le⸗ ſen, wo Du wilſt, es iſt das einzige Buch, wor⸗ in Du nie etwas Unrechtes finden kannſt. Fohanna fuͤhlte ſich anfaͤnglich verſucht, das Gleichniß vom barmherzigen Samariter zu leſen; aber ihr Gewiſſen ſprach dagegen, als wollte ſie die heilige Schrift nicht zu eigener Erbauung be⸗ nutzen, ſondern dadurch die Gemuͤther anderer Menſchen bewegen, ihr in ihren weltlichen An⸗ gelegenheiten Beiſtand zu leiſten. Bei dieſem gewiſſenhaften Pflichtgefuͤhle waͤhlte ſie daher lie⸗ ber einen Abſchnitt aus dem Profeten Jeſaias; 129 und las ihn, trot ihrer ſchottiſchen Ausſprache, mit ſo viel Andacht, daß Frau Dalton hoͤchlich erbaut war. O wenn alle Schottlaͤnderinnen waͤren wie Dul ſprach ſie. Aber es iſt unſer Schickſal, nur eingefleiſchte Teufel aus deinem Lande zu bekom⸗ men, eine immer aͤrger als die andre. Wenn Du ein nettes Maͤdchen kennſt, wie Du biſt, das gern ein Unterkommen häͤtte, und gute Zeug⸗ niſſe bringen koͤnnte, und ſich nicht auf Kirmſen und Jahrmaͤrkten herum treiben wollte, und den ganzen Tag Schuhe und Struͤmpfe truͤge— nun, ſo koͤnnte ſich wohl Platz fuͤr ſie in der Pfarre ſinden. Haſt Du eine Muhme, oder eine Schweſter, der ein ſolcher Antrag angenehm waͤre? Dieſe Frage beruͤhrte eine wunde Stelle, aber Johanna ſah ſich den Schmerz erſpart, ſie zu beantworten, als der Diener herein trat, den ſie vorher ſchon geſehen hatte. Der Herr will gern das Maͤdchen aus Schott⸗ land ſehen, hob Thomas an. Geh' zu Sr. Hochehrwuͤrden, liebes Kind, ſo ſchnell Du kannſt, und erzaͤhle ihm deine ganze Geſchichte. Der Hochehrwuͤrdige Herr iſt ein IV. Theil. 9 130 zuter Mann.— Ich will das Blatt hier ein⸗ ſchlagen, und wenn Ihr zuruͤck kommt, ſollt Ihr eine Taſſe Thee mit feinen Semmelſchnitt⸗ chen finden, wie Ihr ſie ſelten in Schottland kriegt. Der Herr wartet auf das Maͤdchen, wroch Thomas ungeduldig. Gut, Hans Narr! Und was habt Ihr denn dabei zu thun? Und wie oft muß ich Euch ſagen, daß Ihr Herrn Staunton Sr. Hochehr⸗ wuͤrden nennen ſollt, da er ein angeſehener Geiſt⸗ licher iſt, und nicht mit eurem Herr kommen ſollt, als ob er ein unbedeutender Landjunker waͤre. Johanna war ſchon an der Thuͤre, um dem Diener zu folgen, und er ſagte nichts, bis er im Gange war, wo er murmelte:„Es gibt hier im Hauſe mehr als einen Herrn, und ich glaube, wir kriegen auch eine Herrinn obendrein, wenn Frau Dalton ſo fortfaͤhrt.“ 4 Thomas fuͤhrte ſie durch kruͤmmere Ginge als ſie bis dahin betreten hatte, und brachte ſie endlich in ein Zimmer, wo es, da man die mei⸗ ſten Fenſterladen verſchloſſen hatte, finſter war. Es ſtand darin ein Bett, deſſen Vorhänge zum Theil zugezogen waren. ———:— ·—j —,j,,——— 134 Hier iſt das Mäͤdchen, lieber Herr! ſprach Thomas. Gut, gut! ſprach eine Stimme aus dem Bette, aber nicht des Pfarrers Stimme. Geht hinaus, und kommt, wenn ich klingle. Hier iſt ein Mißverſtaͤndniß, ſprach Johan⸗ na, beſtuͤrzt, als ſie ſich in dem Zimmer eines Kranken fand. Der Diener ſagte mir, der Pre⸗ diger— Seid unbekuͤmmert, ſprach der Kranke, es iſt kein Mißverſtaͤndniß. Ich weiß mehr von euren Angelegenheiten, als mein Vater, und kann ſie beſſer leiten. Geht hinaus, Thomas. Der Diener ging. Wir duͤrfen keine Zeit verlieren, fuhr der Kranke fort, wenn wir wenig zu verlieren haben⸗ Oeffnet den Fenſterladen dort. Sie that es, und als er den Vorhang auf⸗ zog, ward ſein bleiches Geſicht beleuchtet, da er mit einem Verbande um die Stirne und in ei⸗ nem Nachtkleide, erſchopft, wie es ſchien, auf dem Bette lag. Seht mich an, Johanna Deans. Koͤnnt Ihr Euch meiner nicht erinnern? 9* 132 1454 Nein, mein Herr, ſprach ſie ganz erſtaunt Ich war vorher nie in dieſem Lande. Aber ich kann in eurem Lande geweſen ſein. Denkt nach— beſinnt Euch. Die Sinne wuͤr⸗ den mir vergehen, wenn ich den Nahmen nen⸗ nen ſollte, den zu haſſen und zu verabſcheuen Ihr ſo ſehr verpflichtet ſeid. Denkt nach— er⸗ innert Euch. Durch Johanna's Seele blitzte eine furchtbare Erinnerung, die jeder Ton des Sprechers beſtaͤ⸗ tigte und ſeine naͤchſten Worte zur Gewißheit er⸗ hoben. Faßt Euch. Denkt an Muſchett's Steine und an die Mondnacht. Johanna ſank auf einen Stuhl, ſchlug die Haͤnde zuſammen und war von toͤblicher Angſt bewegt. Ja, hier liege ich, ſprach er: wie eine zer⸗ tretene Schlange, und winde mich ungeduldig gegen die Unmoͤglichkeit, mich zu bewegen. Hier liege ich, da ich in Edinburgh häͤtte ſein ſollen, alles aufzubieten, um ein Leben zu retten, das mir theurer als mein eigenes iſt. Wie geht's eurer Schweſter? Was macht ſie? Sie iſt zum Tode verurtheilt— ich weiß es. O warum ——— A.— —n— — 132 mußte das Pferd, das mich ſicher auf tauſend Wegen der Thorheit und des Laſters trug, mit mir ſtuͤrzen auf dem einzigen guten Wege, den ich ſeit Jahren eingeſchlagen habe? Aber ich muß meine heftige Bewegung bemeiſtern— ich bin zu erſchoͤpft, ſie zu ertragen, und ich habe Euch noch vieles zu eroͤffnen. Gebt mir etwas von dem ſtaͤrkenden Mittel, das dort auf dem Tiſche ſteht.— Warum zittert Ihr? Ja, Ihr habt wohl Urſache dazu.— Laßt's nur ſtehen— ich brauche es nicht. Johanna nahte ſich ihm, wenn auch wi⸗ derwillig, mit der Schale, worein ſie den Trank gegoſſen hatte, und konnte ſich nicht ent⸗ halten, zu ſagen:„Es iſt ein ſtaͤrkendes Mit⸗ tel fuͤr das Gemuͤth, wenn die Boͤſen ſich von ihren Uebertretungen abwenden und den See⸗ lenarzt ſuchen.“ Schweigt! ſprach er finſter. Doch— ich danke Euch. Sagt mir, ſagt's mir ohne Zeit⸗ verluſt, was wollt Ihr in dieſer Gegend? Wißt, wenn ich auch der ſchlimmſte Feind eurer Schwe⸗ ſter geweſen bin, ſo will ich doch mein Herz⸗ blut fuͤr ſie hingeben und Euch um Ihretwil⸗ len dienen, weil Niemand ſo genau als ich mit den Umſtaͤnden bekannt iſt. Darum redet ohne Furcht. 886 Ich habe keine Furcht, ſprach Johanna, ſich faſſend. Ich vertraue auf Gott, und wenn es ihm gefaͤllt, meine Schweſter aus der Ge⸗ fangenſchaft zu erloͤſen, ſo iſt dieß alles, was ich ſuche, wer auch das Werkzeug dazu ſei. Aber aufrichtig mit Euch zu reden, ich wage es nicht, eurem Rathe zu folgen, ſo lange ich nicht einſehe, daß er mit dem Geſetze uͤberein⸗ ſtimmt, worauf ich mich verlaſſen muß. Ueber die verwuͤnſchte Puritanerinn! ſprach Georg Staunton, wie wir ihn nun nennen muͤſſen. Doch— verzeiht mir! Ich bin hef⸗ tig von Natur und Ihr bringt mich zum Wahn⸗ ſinn. Was koͤnnte es Euch denn ſchaden, wenn Ihr mir ſagt, in welcher Lage eure Schweſter iſt, und was Ihr fuͤr Hoffnungen habt, ihr Beiſtand zu leiſten? Es iſt Zeit genug, mei⸗ nen Rath zu verwerfen, wenn ich Euch einen gebe, den Ihr fuͤr unpaſſend halten koͤnntet. Ich ſpreche gelaſſen mit Euch, ſo ſehr es gegen meine Natur iſt. Aber reizt mich nicht zur Ungeduld; es wird mich nur unfaͤhig machen, eurer Schweſter zu dienen. 135. Es war in dem Blicke und den Worten des ungluͤcklichen jungen Mannes eine gewiſſe unterdrückte Leidenſchaftlichkeit und Heftigkeit, die gleichſam an ſich ſelbſt nagten, wie das feurige Roß ſich abmattet, wenn es in ſeiner Ungeduld das Gebiß kaut. Nach kurzer Er⸗ woͤgung, fand Johanna, daß ſie nicht berech⸗ tigt war, ihm, entweder um ihrer Schweſter, oder um ihrer ſelbſt willen, die unſeligen Fol⸗ gen ſeines Verbrechens zu verſchweigen, oder die Rathſchlaͤge, die er ihr als rettende Mit⸗ tel geben koͤnnte, zu verwerfen, wenn ſie an⸗ ders an ſich rechtmaͤßig und unſchuldig waren. Sie erzaͤhlte ſo kurz als moͤglich die Geſchichte des Verhoͤrs und der Verurtheilung ihrer Schwe⸗ ſter, und was ihr auf ihrer Reiſe bis Newark begegnet war. Er ſchien mit der hoͤchſten See⸗ lenqual zuzuhoͤren, und unterdruͤckte jede heftige Aeußerung ſeiner Bewegung in Gebehrde oder Ton, welche die Sprecherinn haͤtte unterbrechen koͤnnen, und auf ſeinem Lager ausgeſtreckt, wie der Kaiſer von Mexico auf den gluͤhenden Koh⸗ len, verrieth er nur durch die krampfhaften Be⸗ wegungen ſeiner Wangen und das Zittern ſei⸗ ner Gliebern, wie ſchmerzlich er litt. Auf Vie⸗ 136 les, was ſie ſagte, hoͤrte er mit unterdruͤcktem Stoͤhnen, als haͤtte er nur die Beſtaͤtigung des Elends gehoͤrt, deſſen unſelige Wirklichkeit er ſchon gekannt hatte, als ſie aber der Umſtaͤnde erwaͤhnte, die ihre Reiſe unterbrochen hatten, ſchienen die hoͤchſte Ueberraſchung und die ge⸗ ſpannteſte Aufmerkſamkeit den fruͤher verrathe⸗ nen Zeichen der Reue zu folgen. Er befragte Johanna genau uͤber das Aeußere der beiden Raͤuber, und die von ihr belauſchte Unterredung zwiſchen einem derſelben und der alten Frau. Als Johanna erzaͤhlte, wie die Alte auf ih⸗ ren Saͤugling angeſpielt hatte, hob er wieder an:„Ja, es iſt nur zu wahr, und die Quelle, woraus ich als Kind Nahrung ſog, muß mir die ungluͤckliche verhaͤngnißvolle Neigung zu La⸗ ſtern mitgetheilt haben, die in meiner Familie fremd waren. Doch— erzaͤhlt weiter.“ Nur fluͤchtig beruͤhrte Johanna ihre Reiſe mit Grete, da ſie nicht Luſt hatte, zu wieder⸗ hohlen, was ihre Begleiterinn nur im Wahn⸗ ſinn geſprochen haben mochte, und ihre Erzaͤh⸗ lung war nun zu Ende. Der junge Staunton lag einen Augenblick in tiefem Nachdenken, und ſprach endlich mit 137 mehr Faſſung, als er zeither waͤhrend der Un⸗ terredung gezeigt hatte.„Ihr ſeid ein verſtaͤn⸗ diges und gutes Maͤdchen, Johanna Deans, hob er an, und ich will Euch mehr von mei⸗ ner Geſchichte mittheilen, als irgend Jemand davon erfahren hat. Geſchichte nenne ich's? Es iſt ein Gewebe von Thorheit, Laſter und Elend. Aber merket wohl, ich thue es, weil ich dagegen auch Vertrauen von eurer Seite fodre; ich meine, Ihr ſollt in dieſer unſeligen Angelegenheit meinem Rathe und meiner Lei⸗ tung folgen. Darum ſpreche ich.”“ Ich will thun, was ſich fuͤr eine Schwe⸗ ſter, eine Tochter und eine Chriſtinn ziemt, er⸗ widerte Johanna. Aber ſagt mir keines eurer Geheimniſſe. Es iſt nicht gut, daß ich eure Heimlichkeiten erfahre, oder auf die Lehre hor⸗ che, die auf Irrwege fuͤhrt. Einfäͤltige Thoͤriun! ſprach der junge Mann, Seht mich an, ich habe weder Hoͤrner, noch einen Pferdefuß und keine Klauen an den Haͤn⸗ den, und da ich nicht der leibhaftige Teufel bin, was fuͤr einen Vortheil koͤnnte Jemand haben, die Hoffnungen zu zerſtoͤren, womit Ihr Euch troͤſtet, oder hintergeht? Hoͤrt mich 138 geduldig an, und Ihr werdet finden, daß Ihr, nach Anhoͤrung meines Rathes, bis in den ſiebenten Himmel damit gehen koͤnnt, ohne daß Ihr auf eurer Himmelfahrt eine Unze ſchwerer werdet. Selbſt auf die Gefahr zu ermuͤden, wie es bei Erlaͤuterungen gewoͤhnlich der Fall iſt, muͤſſen wir es hier verſuchen, in eine deutliche Erzaͤhlung jene Mittheilungen zuſammen zu faſ⸗ ſen, die der Kranke zu umſtaͤndlich gab und zu ſehr durch leidenſchaftliche Aeußerungen unterbrach, als daß wir ſeine eigenen Worte entlehnen koͤnnten. Einen Theil ſeiner Erzaͤhlung las er aus einer Handſchrift, die er vielleicht dazu be⸗ ſtimmt hatte, ſeinen Verwandten nach ſeinem Tode Aufſchluß zu geben. Daß ich meine Erzaͤhlung kurz faſſe— dieſe elende Hexe, Margarethe Murdockſon, war die Frau eines Lieblingsdieners meines Vaters. Sie war meine Amme geweſen. Ihr Mann lebte nicht mehr. Sie wohnte in einer Huͤtte, nicht weit von hier. Ihre heranwachſende Toch⸗ ter war zu jener Zeit ſchoͤn, aber ein ſehr leicht⸗ ſinniges Maͤdchen. Ihre Mutter wollte ſie mit einem alten und reichen Filz in der Nachbar⸗ ———— 139 ſchaft verheirathen. Das Moͤdchen ſah mich oft. Sie war vertraut mit mir, wie es unſer Verhaͤltniß zu geſtatten ſchien, und ich— mit einem Worte, ich kraͤnkte ſie grauſam. Der Handel war nicht ſo ſchlecht, als die Geſchichte mit eurer Schweſter, aber doch ſchaͤndlich genug; ihre Albernheit haͤtte ihr Schutz ſein ſollen. Bald nachher mußte ich auf Reiſen gehen. Ich muß meinem Vater die Gerechtigkeit widerfah⸗ ren laſſen, wenn ich ein Boͤſewicht geworden bin, ſo iſt's nicht ſeine Schuld, er wandte die beßten Mittel an. Bei meiner Ruͤckkehr fand ich, daß man die ungluͤckliche Mutter und ihre Tochter mit Schimpf aus dieſer Gegend gejagt hatte. Mein Antheil an ihrer Schande und ihrem Elende war bekannt geworden. Mein Vater ſprach ſehr ſteenge mit mir; wir uͤber⸗ warfen uns, ich verließ ſein Haus und fuͤhrte ein wildes Abenteurerleben, entſchloſſen, nie meinen Vater, oder meine Heimath wieder zu ſehen. 8 Und nun kommt die Hauptſache, fuhr er fort. Johanna, ich lege mein Leben in eure Haͤnde, und nicht mein Leben allein, das— Gott weiß es— nicht der Rettung werth iſt, —ÿ—:ℳ;(ſ ſ—/ 140 ſondern auch das Gluͤck eines achtbaren alten Mannes und die Ehre eines angeſehenen Hau⸗ ſes. Mein Hang zu ſchlechtem Umgange, wie man ſolche Neigungen, als mein Fluch waren, zu nennen pflegt, war, wie ich glaube, beſon⸗ derer Art, und deutete eine Natur an, die zu etwas Beſſerem faͤhig geweſen ſein wuͤrde, wenn ſie nicht durch fruͤhe Ausſchweifungen waͤre ver⸗ derbt worden. Es war nicht ſowohl die wilde Ausgelaſſenheit, die gemeine Luſtigkeit, die Zuͤ⸗ gelloſigkeit meiner Gefaͤhrten, was mir Freude machte, als vielmehr ihr unternehmender Geiſt, ihre Beſonnenheit in der Geſahr, und der Scharf⸗ ſinn, welchen ſie bei Betrugereien der Zollein⸗ nahme, oder aͤhnlichen Abenteuern zeigten.— Habt Ihr die Gegend um dieſes Pfarrhaus beſehen? Iſt es nicht ein freundlicher, ange⸗ nehmer Aufenthalt? Johanna war beſtuͤrzt uͤber dieſen ploͤtzlichen Wechſel des Gegenſtandes der Unterhaltung, und antwortete bejahend. Nun, ich wuͤnſche, es waͤre zehntauſend Klafter unter der Erde geweſen, mit allen Aeckern und Zehnten und allem Zubehoͤr. Waͤre dieſe verwuͤnſchte Pfarre nicht geweſen, ſo haͤtte ich — —— 141 die Freiheit gehabt, meiner Neigung zu folgen und das Waffengewerbe zu waͤhlen, und halb ſo viel Muth und Gewandtheit, als ich unter Schleichhaͤndlern und Wilddieben gezeigt habe, waͤre hinlaͤnglich geweſen, mir einen ehrenvollen Platz unter meinen Zeitgenoſſen zu verſchaffen. Warum ging ich nicht in die Fremde, als ich dieſes Haus verließ?— Warum verließ ich es aͤberhaupt? Warum— warum— Es kam ſo weit mit mir, daß ich wahnſinnig werde, wenn ich ruͤckwäͤrts blicke, und vorwaͤrts blik⸗ kend nur Elend ſehe. Er ſchwieg und fuhr dann gelaſſener fort: Die Ereigniſſe eines unſteten Lebens fuͤhrten mich nach Schottland, wo ich mich in ſchlim⸗ mere und ſtrafwuͤrdigere Haͤndel verwickelte, als ich bis dahin mir vorzuwerfen hatte. Ich wurde nun mit Wilſon bekannt, einem in ſeiner Le⸗ benslage merkwuͤrdigen Manne, der beſonnen, gefaßt, entſchloſſen, ſtandhaft, mit ungewoͤhn⸗ licher Leibesſtaͤrke und einer gewiſſen rohen Be⸗ redſamkeit begabt war, die ihn weit uͤber ſeine Gefaͤhrten erhob. Ich war bis dahin So wuͤſt als tollkuͤhn, doch durch beides war Ein Funke beſſ'rer Hoffnung noch zu ſehn, 142 Es war dieſes Mannes und mein Ungluͤck, daß er, bei aller Verſchiedenheit unſeres Standes und unſerer Erziehung, einen außerordentlichen und bezaubernden Einfluß auf mich gewann, den ich nur dadurch zu erklaͤren vermag, daß die ru⸗ hige Entſchloſſenheit ſeines Gemuͤths der weniger ausdauernden Heftigkeit meiner Sinnesart uͤber⸗ legen war. Wo er anfuͤhrte, mußte ich folgen, und der Muth und die Geſchicklichkeit, die er in ſeinen Unternehmungen zeigte, waren außeror⸗ dentlich. Waͤhrend ich unter einem ſo kuͤhnen und gefaͤhrlichen Lehrmeiſter in tolle Abenteuer mich einließ, lernte ich eure ungluͤckliche Schwe⸗ ſter kennen bei einigen Beluſtigungen der jungen Leute in den Vorſtaͤdten, die ſie oft verſtohlen beſuchte, und ihr Verderben war ein Zwiſchen⸗ ſpiel der tragiſchen Auftritte, worein ich immer tiefer gerieth. Aber ſo viel muß ich Euch ſagen, es war keine uͤberlegte Buͤberei, und ich war veſt entſchloſſen, ihr allen Erſatz zu geben, den die Ehe geben konnte, ſo bald ich im Stande ſein wuͤrde, mich von meiner ungluͤcklichen Lebensweiſe loszureiſſen und eine andre zu ergreifen, die beſſer fuͤr meine Herkunft paßte. Ich uͤberließ mich wilden Schwaͤrmereien, ich dachte, ſie in einen 143 aumlichen Zufluchtort zu fuͤhren und ſie dann ploͤtlich zu einem Range und einem Gluͤcke zu erheben, wovon ſie nie getraͤumt hatte. Ein Freund verſuchte es, auf meine Bitte, mich mit meinem Vater auszuſoͤhnen, und die Unterhand⸗ lung zog ſich zwar in die Laͤnge, ward aber im⸗ mer wieder angeknuͤpft. Endlich, als ich eben meines Vaters Vergebung erwartete, erfuhr er auf irgend einem Wege meine Schande, die man ihm mit den uͤbertriebenſten Farben geſchil⸗ dert hatte, was, Gott weiß es, unnoͤthig war. Er ſchrieb mir einen Brief, der mich, ich weiß nicht wie, auffand, ſchickte mir darin eine Sum⸗ me Geldes und wollte mich nie mehr als ſeinen Sohn anerkennen. Ich kam in Verzweiflung, ich wurde raſend. Willig verband ich mich nun mit Wilſon zu einem gefaͤhrlichen Schleichhaͤnd⸗ lerunternehmen, das uns mißlang, und ließ mich leicht durch ſeine Gruͤnde verleiten, die Berau⸗ bung eines Zollbeamten in Fife fuͤr eine billige und ehrbare Vergeltung zu halten. Ich hatte bis dahin gewiſſe Schranken auf dem Wege des Laſters beobachtet, und mich noch nie eines An⸗ griffes gegen perſoͤnliches Eigenthum ſchuldig ge⸗ 144 macht, nun aber fand ich eine wilde Luſt darin, mich ſo tief als moͤglich herab zu wuͤrdigen. Die Beute achtete ich nicht. Ich uͤberließ ſie meinen Gefaͤhrten und verlangte nur den ge⸗ fährlichen Poſten. Ich erinnere mich deutlich, daß ich in dem Augenblicke, wo ich mit gezogenem Schwerte die Thuͤre bewachte, waͤhrend die An⸗ dern den Raub begingen, keinen Gedanken an meine eigene Sicherheit hatte. Ich dachte nur an das Unrecht, das ich von meinen Angehoͤrigen erlitten zu haben glaubte, an meine ohnmaͤchtige Nachgier, ich dachte, wie es in den Ohren mei⸗ ner ſtolzen Verwandten in Willingham klingen wuͤrde, daß einer ihrer Abkoͤmmlinge, und der muthmaßliche Erbe ihrer Wuͤrden wegen der Be⸗ raubung eines ſchottiſchen Zollbeamten durch Hen⸗ kershand umkommen ſollte. Wir wurden ergrif⸗ fen, wie ich nicht anders erwartet hatte. Aber der Tod hatte ein graͤßliches Anſehen, als ich ihn in der Naͤhe ſah, und der Gedanke an die hilfloſe Lage eurer Schweſter bewog mich, zur Rettung meines Lebens etwas aufzubieten. Ich habe vergeſſen, Euch zu ſagen, daß ich in Edin⸗ burgh die alte Murdockſon und ihre Tochter wie⸗ der fand. Sie hatte ſich in ihrer Jugend als Marketenderinn herum getrieben, und jeßt, un⸗ ter dem Vorwande eines unbedeutenden Krams, wieder eine diebiſche Lebensweiſe ergriffen, womit ſie bereits nur zu genau bekannt geweſen war. Unſre erſte Zuſammenkunft war ſtuͤrmiſch, aber ich war freigebig mit meinem Gelde, und ſie vergaß, oder ſchien zu vergeſſen, welche Kraͤn⸗ kung ihrer Tochter widerfahren war. Das un⸗ gluͤckliche Maͤdchen ſelbſt ſchien ihren Verfuͤhrer kaum wieder zu erkennen, und noch weniger ſich zu erinnern, wie er ſie beleidigt hatte. Ihr Ge⸗ muͤth iſt gaͤnzlich zerruͤttet, was, wie ihre Mut⸗ ter ſagt, zuweilen die Folge einer ungluͤcklichen Niederkunft iſt. Aber es war mein Werk. Dieß war ein andrer Stein an meinem Halſe, mich in den Abgrund des Verderbens zu ziehen. Je⸗ der Blick, jedes Wort des ungluͤcklichen Ge⸗ ſchoͤpfes, ihr zerruͤttetes Gemuͤth, ihre undeutli⸗ chen Erinnerungen, ihre Anſpielungen auf Dinge, die ſie vergeſſen hatte, die mir aber mein Gewiſ⸗ ſen vorhielt— alles dieß waren Dolchſtiche. Dolchſtiche ſage ich? Es war ein Zwicken mit gluͤhenden Zangen, ein Brennen der offnen Wunde mit heißem Schwefel. Aber es mußte erduldet werden, und es ward erduldet. IV. Theil. 10 Ich kehre zu meinen Kerkerbetrachtungen zu⸗ ruͤck. Der Gedanke, daß eure Schweſter ihre Niederkunft erwartete, quaͤlte mich nicht am we⸗ nigſten. Ich kannte ihre Furcht vor Euch und ihrem Vater. Sie ſagte mir oft, lieber wollte ſie tauſendmahl ſterben, als Euch ihre Schande geſtehen. Fuͤr ihr Wochenbett mußte geſorgt werden. Ich wußte, daß die alte Murdockſon ein Teufel war, aber ich glaubte, ſie waͤre mir gut, und Geld wuͤrde ſie mir treu machen. Sie hatte fuͤr Wilſon eine Feile und fuͤr mich eine Uhrfederſaͤge herbei geſchafft, ſie uͤbernahm es be⸗ reitwillig, fuͤr Effie waͤhrend ihres Wochenbettes zu ſorgen, und hatte auch Geſchicklichkeit genug, ihr den noͤthigen Beiſtand zu leiſten. Ich gab ihr das erfoderliche Geld, das ich von meinem Va⸗ ter erhalten hatte. Es wurde verabredet, daß ſie Effie einſtweilen in ihre Wohnung aufnehmen, und weitre Weiſungen von mir erwarten ſollte, wenn mir die Flucht gelaͤnge. Ich meldete eurer Schweſter dieſes Vorhaben, und empfahl ihr die alte Hexe in einem Briefe, worin ich, wie ich mich erinnere, den verurtheilten Macheath*) zu *) Ein Charakter in Gay's Bettleroper. 147 ſpielen ſuchte, einen ſtattlichen, muntern, ver⸗ wegenen Raͤuber, den bis zum letzten Augen⸗ blicke ſeine Luſtigkeit nicht verlaͤßt. Das war mein armſeliger Ehrgeiz! Aber ich hatte doch den Entſchluß gefaßt, dem Wandel, worein ich gerathen war, zu entſagen, wenn ich ſo gluͤcklich waͤre, dem Galgen zu entrinnen. Es war meine Abſicht, eure Schweſter zu heirathen und nach Weſtindien zu gehen. Ich hatte noch etwas Geld uͤbrig, und hoffte, auf eine oder die andre Art mich und meine Frau ernaͤhren zu koͤnnen. Wir machten den Verſuch zu entfliehen, der aber durch Wilſon's Eigenſinn gaͤnzlich mißlang, weil er darauf beſtand, zuerſt gehen zu wollen. Die unerſchrockene Selbſtverlaͤugnung, womit er ſich aufopferte, um ſeinen Irrthum wieder gut zu machen, und mir zur Flucht aus der Gefaͤng⸗ nißkirche zu verhelfen, wird Euch zu Ohren ge⸗ kommen ſein; ganz Schottland war ja voll da⸗ von. Es war eine tapfere, außerordentliche That. Alle Menſchen ſprachen davon, alle, ſelbſt die⸗ jenigen, welche die Lebensweiſe und die Verbre⸗ chen dieſes ſich aufopfernden Mannes am meiſten verdammten, prieſen ſeine heldenmuͤthige Freund⸗ ſchaft. Ich habe viele Laſter, aber Feigheit oder 40* 148 Undankbarkeit iſt mir fremd. Es war mein Entſchluß, dieſe Großmuth zu vergelten, und ſelbſt die Wohlfahrt eurer Schweſter wurde fuͤr jenen Augenblick eine Nebenruͤckſicht. Wilſon's Befreiung zu bewirken, war meine Hauptan⸗ gelegenheit, und ich zweifelte nicht, daß mir dazu Mittel zu Gebote ſtehen wuͤrden. Ich vergaß aber auch eure Schweſter nicht. Die Spuͤrhunde der Gerechtigkeit waren mir ſo dicht auf den Ferſen, daß ich es nicht wagte, mich in der Naͤhe meiner ehemahligen Gaͤnge ſſehen zu laſſen; aber die alte Murdockſon traf mich an einem verabredeten Orte, und meldete mir, daß eure Schweſter gluͤcklich von einem Knaben war entbunden worden. Ich empfahl der alten Hexe, das Gemuͤth der Kranken auf⸗ zuheitern, und es ihr an nichts fehlen zu laſ⸗ ſen, was fuͤr Geld ſich herbei ſchaffen ließe, ich aber kehrte dann zu jenen Schlupfwinkeln zuruͤck, wo die Leute von Wilſon's tollkuͤhnem Gewerbe ſich und ihre unverzollten Waaren verbargen. Menſchen, die menſchlichen und goͤttlichen Geſetzen nicht gehorchten, ſind nicht immer gleichgiltig gegen den Ruf der Tapfer⸗ keit und Großmuth. Wir waren aͤberzeugt, —— 149 daß der Poͤbel in Edinburgh, den Wilſon’s harte Lage und ſein tapfres Betragen zur Theil⸗ nahme bewegt hatte, jedes kuͤhne Unternehmen beguͤnſtigen werde, das man wagen moͤchte, ihn ſelbſt noch am Fuße des Galgens zu befreien. So tollkuͤhn das Wageſtuͤck zu ſein ſchien, als ich mich bereit erklaͤrte, den Angriff auf die Hauptwache ſelbſt auszufuͤhren, fehlte es nicht an Begleitern, die mir Beiſtand verſprachen. Ich wuͤrde ihn gewiß gerettet haben, und wenn die Schlinge ſchon uͤber ſeinem Kopfe gehangen haͤtte, fuhr er mit einer Lebhaftigkeit fort, welche ein Aufblitzen der Theilnahme zu ſein ſchien, die er ſolchen Unternehmungen ge⸗ widmet hatte. Aber unter andern Vorſichtmaß⸗ regeln, die von der Obrigkeit waren genommen worden, war auch eine, welche, wie wir ſpaͤter erfuhren, der ungluͤckliche Schuft Porteous an⸗ gegeben hatte, und die meine Anſchlaͤge gaͤnz⸗ lich vereitelte. Sie ließ die Vollziehung des Urtheils eine halbe Stunde vor der gewoͤhnli⸗ ſchen Zeit vornehmen, und da wir verabredet hatten, daß wir, aus Furcht von den Gerichts⸗ dienern bemerkt zu werden, uns nicht eher in der Straße zeigen wollten, bis die Zeit der 150 Hinrichtung nahe waͤre, ſo war alles vorbei, ehe wir zu unſerm Rettungverſuche ſchritten. Aber wir ſchritten dennoch dazu; ich drang bis zum Richtplatze und ſchnitt den Strick mit ei⸗ gener Hand ab. Es war zu ſpaͤt. Der kuͤhne ſtarkmuͤthige großherzige Verbrecher war nicht mehr, und Rache war alles, was uns uͤbrig blieb, eine Rache, wozu ich damahl doppelt verpflichtet zu ſein glaubte, da Wilſon mir Le⸗ ben und Freiheit gegeben hatte in einem Au⸗ genblicke, wo er eben ſo leicht ſich ſelber hitts retten koͤnnen. O dachtet Ihr denn, ſprach Johanna, nie an die Worte der Schrift: Mein iſt die Rache, ich will vergelten? Schrift? erwiderte Staunton. Ja, ſeit fuͤnf Jahren hatte ich die Bibel nicht geoͤffnet! O Gott! rief Johanna. Und dazu eines Predigers Sohn! Es iſt natuͤrlich, daß Ihr ſo ſprecht, doch unterbrecht mich nicht, und laßt mich meine Geſchichte endigen. Die Beſtie, der Porteous, der auf das Volk feuern ließ, als es gar nicht mehr noͤthig war, wurde der Gegenſtand des allgemeinen Haſſes, weil er uͤber ſeine Pflicht 151 hinausgegangen war, und mir war er verhaßt, weil er ſeine Schuldigkeit zu genau gethan hatte. Ich und andre entſchloſſene Freunde Wilſon's beſchloſſen Rache, aber es war Vor⸗ ſicht noͤthig. Ich glaubte von einem Gerichts⸗ diener erkannt worden zu ſein, und hielt mich daher fortdauernd in der Naͤhe von Edinburgh verſteckt, aber ohne mich in die Ringmauern zu wagen. Endlich beſuchte ich mit Lebensgefahr den Ort, wo ich mein kuͤnftiges Weib und meinen Sohn zu finden hoffte, und Beide wa⸗ ren verſchwunden. Die alte Murdockſon ſagte mir, Effie waͤre in ein hitziges Fieber gefallen, als ſie gehoͤrt haͤtte, daß der Verſuch zu Wil⸗ ſons Rettung mißlungen waͤre und ich eifrig verfolgt wuͤrde, und ſie verſicherte, waͤhrend ſie eines Tages in Geſchaͤften haͤtte ausgehen und die Kranke allein laſſen muͤſſen, haͤtte Effie die Gelegenheit zur Flucht benutzt und ſeitdem ſich nicht wieder ſehen laſſen. Ich uͤberhaͤufte ſie mit Vorwuͤrfen, die ſie mit der empoͤrendſten und gleichgiltigſten Faſſung anhoͤrte; denn es iſt eine ihrer Eigenheiten, daß ſie, bei aller Heftigkeit und Wuth, die ſie gewoͤhnlich zeigte, doch zuweilen die unerſchuͤtterlichſte Gelaſſenheit 152 behauptet. Ich drohte ihr mit gerichtlicher Ver⸗ folgung, aber ſie antwortete, ich haͤtte die Ge⸗ richte mehr zu fuͤrchten als ſie. Ich fuͤhlte, daß ſie recht hatte, und ſchwieg. Ich drohte ihr Rache, und ſie erwiderte faſt mit denſelben Worten, ich haͤtte, wenn von empfangenen Beleidigungen die Rede ſein ſollte, ihre Rache mehr zu fuͤrchten, als ſie die meinige. Sie hatte wieder recht, und ich wußte nichts zu ant⸗ worten. Unwillig ſtuͤrzte ich fort, und gab einem meiner Gefaͤhrten den Auftrag, ſich in der Gegend von Leonhardfels nach eurer Schwe⸗ ſter zu erkundigen; aber ehe ich Antwort von ihm erhielt, da ſchlug ein gut witternder Spuͤr⸗ hund der Gerechtigkeit an, und trieb mich aus der Gegend von Edinburgh in einen entlegenen und geſicherten Zufluchtort. Ein geheimer und zuverlaͤſſiger Bote brachte mir endlich die Nach⸗ richt, daß Porteous verurtheilt und eure Schwe⸗ ſter auf peinliche Anklage verhaftet waͤre, und ſo erſchreckte er ein Ohr, waͤhrend er bds an⸗ dre erfreute. Ich wagte mich noch einmahl in die Seadts ich beſchuldigte die alte Murdockſon noch ein⸗ mahl der Verraͤtherei gegen die ungluͤckliche Effie 153* und ihr Kind, wiewohl ich mir keinen andern Grund denken konnte, als die Abſicht, ſich die ganze Summe zuzueignen, die ich ihr uͤbergeben hatte. Eure Erzaͤhlung gibt mir daruͤber Licht, und zeigt einen andern Beweggrund, der nicht minder ſtark wirkte, obgleich er weniger ſichtbar war, das Verlangen, Nache zu uͤben an dem Verfuͤhrer ihrer Tochter, an dem Manne, der zugleich den Verſtand und den Ruf des Maͤdchens zerſtoͤrt hatte. O Gott! haͤtte ſie doch, ſtatt ſo ſich zu raͤheen, mich dem Galgen uͤberliefert! Aber welche Rechenſchaft gab die Elende von Effie und ihrem Kinde? fragte Johanna, die waͤhrend der langen und erſchuͤtternden Erzaͤhlung Veſtigkeit und Scharfſicht genug behielt, ihr Auge auf die Umſtaͤnde zu richten, die Licht auf das Schickſal ihrer Schweſter werfen konnten. Sie wollte gar keine geben, erwiderte Staun⸗ ton. Sie ſagte, die Mutter waͤre bei Mond⸗ ſchein, mit dem Kinde auf dem Arme, aus ih⸗ rem Hauſe entwiſcht; ſie haͤtte ſeitdem nichts mehr von ihnen geſehen, und das Maͤdchen koͤnn⸗ te das Kind wohl in den See, oder in die Stein⸗ bruͤche geworfen haben, und das waͤre wahrſchein⸗ lich genug. ——ͤ—— ——-——— 1⁵⁴4 Und warum glaubtet Ihr, daß ſie nicht die ungluͤckſelige Wahrheit ſagte? fuhr Johanna zit⸗ ternd fort. Weil ich bei dieſem zweiten Beſuche ihre Tochter ſah, und von ihr erfuhr, daß man das Kind wirklich waͤhrend der Krankheit der Mutter weggeſchaft, oder ermordet hatte. Alles aber, was man von ihr herausbringen kann, iſt ſo ungewiß und unbeſtimmt, daß ich keine naͤheren Umſtaͤnde erfahren konnte. Die teufliſche Ge⸗ muͤthsart der alten Murdockſon gibt mir jedoch Grund, das Schlimmſte zu fuͤrchten. Dieſe letzte Nachricht ſtimmt mit dem uͤber⸗ ein, was meine arme Schweſter ſagte, fiel Jo⸗ hanna ein. Aber erzaͤhlet doch weiter, Herr Staunton.— So viel weiß ich gewiß, ſprach dieſer, ſo lange Effie bei Sinnen und ſich ihrer bewußt war, konnte ſie keinem lebendigen Weſen Leid zufuͤgen. Aber was konnte ich zu ihrer Recht⸗ fertigung thun? Nichts, und darum waren alle meine Gedanken nur darauf gerichtet, ſie zu ret⸗ ten. Ich war in der unſeligen Nothwendigkeit, meine Gefuͤhle gegen die alte Murdockſon zu un⸗ terdruͤcken; mein Leben hatte die Hexe in ihrer —— 155 Hand, doch darum kuͤmmerte ich mich nicht, wenn nicht an dem meinigen das Leben eurer Schweſter gehangen haͤtte. Ich ſchmeichelte der Elenden; ich ſtellte mich, als ob ich ihr vertraute, und in allem, was mich perſoͤnlich anging, gab ſie mir auch Beweiſe außerordentlicher Treue. Noch war ich unſchluͤſſig, was ich zur Befreiung eurer Schweſter thun ſollte, als die allgemeine Wuth der Bewohner von Edinburgh uͤber die Begnadi⸗ digung des Porteous, mir den verwegenen Ge⸗ danken eingab, das Gefaͤngniß zu erſtuͤrmen, um zu gleicher Zeit eure Schweſter aus den Klauen der Gerechtigkeit zu reiſſen und einen Boͤſewicht zur verdienten Strafe zu bringen, der den un⸗ gluͤcklichen Wilſon, ſelbſt in der letzten Stunde, gemartert hatte, wie ein wilder Indianer ge⸗ peinigt wird, den man einem feindlichen Stam⸗ me als Gefangenen abgenommen. Ich ſtuͤrzte mich in dem Augenblicke der Gaͤhrung unter die Menge, und eben ſo machten es andre Freunde Wilſons, die wie ich in der Hoffnung ſich betro⸗ gen ſahen, ihre Augen an der Hinrichtung des Porteous zu weiden. Alles ward geordnet, und man waͤhlte mich zum Anfuͤhrer. Ich fuͤhlte nicht— und auch jetzt fuͤhle ich nicht Reue 156 uͤber das, was wir beſchloſſen und ausdeflihet haben. O moͤge Gott Euch verzeihen und Euch zu einer beſſern Erkenntniß eures Wandels bringen! rief Johanna, im Entſetzen uͤber das Geſtundniß ſolcher ruchloſen Geſinnungen. Amen! ſprach Staunton— naͤhmlich wenn ich unrecht habe. Aber ich wiederhohle es, ſo willig ich auch meinen Beiſtand zu der That gab, es waͤre mir doch lieber geweſen, wenn man einen andern Anfuͤhrer gewaͤhlt haͤtte, weil ich voraus ſah, daß die große gemeinſame Angele⸗ genheit dieſer Nacht mich abhalten wuͤrde, Effie die Hilfe zu bringen, die ich ihr leiſten wollte. Ich gab indeß einem zuverlaͤſſigen Freunde den Auf⸗ trag, ſie in Sicherheit zu bringen, ſo bald der unſelige Zug aus dem Gefaͤngniſſe war. Doch weder die Ueberredungen, die ich ſelber in der Haſt des Augenblickes verſuchen konnte, noch die weitlaͤufigern Gruͤnde, die mein Kamerad ihr vortrug, als der Poͤbel abgezogen war, nichts konnte das ungluͤckliche Maͤdchen bewegen, das Gefaͤngniß zu verlaſſen. Alles, was er ſagte, war bei dem verblendeten Schlachtopfer verloren, und er mußte ſie verlaſſen, um fuͤr ſeine eigene —-———yy—— Sicherheit zu ſorgen. So lautete ſein Bericht, aber vielleicht war er nicht ſo ſtandhaft in dem Bemuͤhen, ſie zu uͤberreden, als ich es geweſen ſein wuͤrde⸗ Effie that recht daran, daß ſie blieb, ſprach Johanna, und ich habe ſie darum deſto lieber. Wie meint Ihr das? fragte Staunton. Ihr wuͤrdet meine Gruͤnde nicht verſtehen, wenn ich ſie Euch ſagen wollte, antwortete Jo⸗ hanna ruhig. Wer nach dem Blute ſeines Fein⸗ des duͤrſtet, findet keinen Geſchmack an dem Quell des Lebens. So wurden meine Hoffnungen zum Zweiten⸗ mahl betrogen, fuhr Staunton fort. Mein naͤch⸗ ſtes Beſtreben war, ſie mit eurer Hilfe gluͤcklich aus der gerichtlichen Unterſuchung zu bringen. Ihr könnt nicht vergeſſen haben, wie und wo ich Euch dringend darum bat. Ich mache Euch kei⸗ nen Vorwurf uͤber eure Weigerung; denn ich bin uͤberzeugt, ſie ging aus Grundſaͤtzen hervor und nicht aus Gleichgiltigkeit gegen das Schickſal eurer Schweſter. Ich glich einem Wahnſinnigen. Ich wußte nicht, wohin ich mich wenden ſollte, und alle meine Bemuͤhungen waren fruchtlos. Unter dieſen Umſtaͤnden und von allen Seiten gedraͤngt, ————— 158 wollte ich verſuchen, was durch meine Angehöri⸗ gen und ihren Einfluß bewirkt werden koͤnnte. Ich floh aus Schottland, ich kam hieher, und mein elendes, abgezehrtes Anſehen erwarb mir von meinem Vater die Verzeihung, die Aeltern ſelbſt dem unwuͤrdigſten Sohne kaum verſagen koͤnnen. Hier habe ich in einer Seelenqual, wie ſie nur der verurtheilte Verbrecher fuͤhlen kann, den Erfolg der Unterſuchung gegen eure Schwe⸗ ſter erwartet. Und ohne einen Schritt zu ihrer Befreiung zu thun? fragte Johanna. Ich hoffte bis zum letzten Augenblicke auf einen gluͤcklichen Ausgang ihrer Sache, und erſt vor zwei Tagen erhielt ich die Ungluͤcksbotſchaft. Mein Entſchluß war ſogleich gefaßt. Ich beſtieg mein beßtes Pferd, in der Abſicht, nach London zu eilen, und dort mit Herrn Walpole*) uͤber die Befreiung eurer Schweſter zu unterhandeln, indem ich in dem Erben des Hauſes Willingham den beruͤchtigten Georg Robertſon, Wilſons Mit⸗ ſchuldigen, den Erſtuͤrmer des Gefaͤngniſſes zu *) Robert Walpole, der Winiſter Georgs des Zweiten. L. Edinburgh und den wohl bekannten Anfuͤhrer des Aufſtandes wegen Porteous, ihm auslieferte. Aber wuͤrde dieß meine Schweſter retten? fragte Johanna erſtaunt. Es wuͤrde ſie retten, wie ich die Sache ein⸗ leiten wollte, antwortete Staunton. Die Koͤni⸗ ginnen lieben die Rache ſo gut, als ihre Untertha⸗ nen es thun. So wenig als Ihr ſie zu achten ſcheint, ſie iſt ein Gift, das jedem Gaumen be⸗ hagt, vom Fuͤrſten bis zum Bauer. Das Le⸗ ben eines unbekannten Landmaͤdchens? Ja, wenn ich den Kopf des Anfuͤhrers einer ſo frechen Verſchwoͤrung der Koͤniginn zu Fuͤßen legte, koͤnnte ich mit Zuverſicht das beßte Kleinod der Krone fodern. Alle meine andern Entwuͤrfe ſind mißlungen, dieſer mußte gelingen. Aber der Himmel iſt gerecht, und mir wollte er es nicht vergoͤnnen, fuͤr das Unrecht, das ich eurer Schwe⸗ ſter zugefuͤgt habe, dieſes freiwillige Suͤhnopfer zu bringen. Ich war nicht zehn Meilen weit geritten, als mein Pferd, das beßte und ſicherſte Thier in dieſer ganzen Gegend, auf ebener Straße mit mir ſtuͤrzte, als ob eine Stuͤckkugel es getrof⸗ fen haͤtte. Ich wurde ſchwer verwundet, und in 460 dem Zuſtande hieher gebracht, worin Ihr mich nun ſeht. Als der junge Staunton ſeine Erzaͤhlung ſchloß, oͤffnete der Diener die Thuͤre, und mit einer Stimme, die eher einen Wink geben, als bloß einen Beſuch ankuͤndigen zu wollen ſchien, hob er an: Sr. Hochehrwuͤrden kommt die Treppe hinauf und will zu Euch gehn. Um Gotteswillen, Johanna, rief Staunton, verbergt Euch dort im Ankleidezimmer. Nein, Herr Staunton, antwortete Johan⸗ na, ich bin nicht in boͤſer Abſicht hier, und kann mir nicht die Schande anthun, mich vor dem Herrn des Hauſes zu verbergen. A ber, großer Gott! ſprach Staunton, bedenkt doch nur— Che er endigen konnte, trat ſein Vater in das Zimmer. 161 VII. Vergebung, Milde, Troſt— reißt aus des La⸗ ſters Netze Den Juͤngling ihr? Befrein ihn Ehre, Pflicht, 3 Geſetze? Crabbe, Johanna ſtand auf und machte gelaſſen ihre Verbeugung, als der aͤltere Staunton herein trat. Er war hoͤchlich erſtaunt, ſeinen Sohn in ſolcher Geſellſchaft zu finden. Ich ſehe wohl, daß ich mich in Euch ge⸗ irrt habe, hob er an, und ich haͤtte die Muͤhe, Euch zu befragen und Euch fuͤr erlittene Kraͤn⸗ kungen Recht zu verſchaffen, dieſem jungen Manne uͤberlaſſen ſollen, mit welchem Ihr ohne Zweifel ſchon fruͤher bekannt geweſen ſeid. Ich bin ohne mein Wiſſen hergekommen, erwiderte Johanna. Der Diener ſagte mir, ſein Herr wollte mich ſprechen. W. Theil. 11 Nun geht's uͤber mich her, murmelte Tho⸗ mas. Hohl' ſie der Henker, daß ſie die Wahr⸗ heit ſagt! Sie haͤtte ja eben ſo gut ſonſt was ſagen koͤnnen. Georg, ſprach Staunton, wenn Du auch noch biſt, was Du immer warſt, gleichgiltig gegen alle Selbſtachtung, ſo koͤnnteſt Du doch deinem Vater, und deines Vaters Hauſe einen ſo un⸗ wuͤrdigen Auftritt erſparen. 4 Bei meinem Leben! Bei meiner Seele! — ſprach Georg, indem er ſeine Fuͤße uͤber das Bett hinaus ſtreckte und aus ſeiner liegen⸗ den Stellung auffuhr. Dein Leben! fiel ſein Vater mit ernſtem ſchwermuͤthigen Tone ein. Was fuͤr ein Leben iſt es geweſen!— Deine Seele! Ach haſt Du je Achtung gegen ſie gehabt? Sei bedacht, beide zu beſſern, ehe Du ſie als Buͤrgen dei⸗ ner Aufrichtigkeit anbieteſt. Auf meine Ehre, Ihr thut mir unrecht, antwortete Georg. Ich habe alles gethan, was man Böſes nennen kann, aber in dieſem Falle thut Ihr mir Unrecht. Bei meiner Ehre, ſo iſt es.. Deine Ehre! rief ſein Vater, und mit 163 einem Blicke vorwurfvoller Verachtung ſich von ihm abwendend, ſprach er zu Johanna:„Von Euch fodre und erwarte ich keine Erklaͤrung, aber als Vater und als Geiſtlicher erſuche ich Euch, dieſes Haus zu verlaſſen. Wenn eure abenteuerliche Geſchichte mehr als ein Vorwand geweſen iſt, hier Zutritt zu erlangen, was die Geſellſchaft, worin Ihr zuerſt erſchienet, mit zweifelhaft machen darf, ſo werdet Ihr eine Stunde von hier einen Friedensrichter ſinden, bei welchem Ihr eure Klage ſchicklicher anürim⸗ gen koͤnnt, als bei mir.“ Nein, das ſoll nicht ſein, ſprach Georg aufſpringend. Ihr ſeid von Natur guͤtig und menſchenfreundlich, Vater, und ſollt nicht um meinetwillen grauſam und ungaſtfreundlich wer⸗ den. Werfet den ſchurkiſchen Horcher hinaus, fuhr er fort, auf Thomas deutend, und ſucht, was Ihr von Hirſchhorngeiſt, oder andern beſ⸗ ſern Mitteln gegen Ohnmachten habt, und ich will Euch mit zwei Worten uͤber die Verbin⸗ dung zwiſchen dieſem Maͤdchen und mir Auf⸗ ſchluß geben. Sie ſoll durch mich nicht um ihren guten Ruf kommen. Ich habe ihren Angehoͤrigen ſchon zu viel Ungluͤck gebracht⸗ 11* und weiß nur zu gut, was der Verluſt des guten Nahmens zu bedeuten hat. Geht hinaus, ſprach der Pfarrer zu dem Diener und als Thomas der Weiſung gefolgt war, verſchloß er ſorgfaͤltig die Thuͤre hinter ihm, und ſprach mit Ernſt zu ſeinem Sohne: „Nun, welchen neuen Beweis deiner Schands haſt Du mir zu geben?“ Der junge Staunton wollte reden, aber es war einer der Augenblicke, wo Diejenigen, wel⸗ che, wie Johanna Deans, den Vorzug eines veſten Muthes und einer ruhigen Gemuͤthſtim⸗ mung haben, ſich feurigern, aber minder ent⸗ ſchloſſenen Seelen uͤberlegen zeigen koͤnnen.„Ihr habt ein unbezweifeltes Recht, ſprach ſie zum aͤltern Staunton, von eurem Sohne Rechen⸗ ſchaft uͤber ſein Betragen zu fodern. Aber ich bin nur eine Reiſende und Euch auf keine Weiſe verpflichtet oder verbunden, es waͤre denn fuͤr die Mahlzeit, die in meinem Vaterlande der Reiche, wie der Arme, jeder nach ſeinem Vermoͤgen, gern dem Beduͤrftigen gibt, und wofuͤr ich uͤberdieß gern Bezahlung geben wollte, wenn ich nicht glaubte, es waͤre eine Beleidigung, in einem ſolchen Hauſe Geld an⸗ „ ¹ — 163 zubieten, aber freilich kannte ich die Sitte des Landes nicht.“ Alees recht gut, Maͤdchen, ſprach der Pfar⸗ rer, nicht wenig uͤberraſcht, und unvermoͤgend zu errathen, ob Johanna's Aeußerungen aus Arg⸗ lofigkeit, oder Unverſchaͤmtheit hervor gingen: alles kann recht gut ſein, aber laßt uns die Sache kurz abmachen. Warum verſchließ! Ihr dieſem jungen Manne den Mund, und hindert ihn, ſeinem Vater und beßten Freunde eine Er⸗ laͤuterung— und er ſagt ja, er habe eine— aͤber Umſtaͤnde zu geben, die an ſich nicht wenig verdaͤchtig zu ſein ſcheinen? G Er kann von ſeinen eigenen Angelegenheiten ſagen, was ihm beliebt, antwortete Johanna, aber meine Angehoͤrigen und meine Freunde koͤn⸗ nen mit Recht verlangen, daß man keine Ge⸗ ſchichten von ihnen erzaͤhle, ohne ihr ausdruͤckli⸗ ches Begehren, und da ſie nicht hier ſein koͤnnen, um fuͤr ſich ſelber zu ſprechen, ſo bitte ich Euch inſtaͤndig, Ihr wollet an Heren Georg Rob— ich meine Staunton, oder wie er ſonſt heißen mag, keine Frage uͤber mich und meine Leute thun. Ich muß Euch offenherzig ſagen, er wird ſich weder als ein Chriſt, noch als ein Ehrenmann 166 betragen ,wenn er Euch ohne mein ausdruͤckli⸗ ches Verlangen Antwort darauf gibt. Hapb' ich doch in meinem Leben nicht ſo ſelt⸗ ſame Dinge geſehn! ſprach der Pfarrer, als er einen ſcharfen Blick auf Johanna's ruhiges, aber beſcheidenes Geſicht geheftet hatte. Er wandte ſich dann ploͤtzlich zu ſeinem Sohne, mit den Worten: Was haſt Du zu ſagen? Ich fuͤhle, daß ich zu voreilig in meinem Verſprechen geweſen bin, erwiderte Georg. Es ſteht n mir nicht das Recht zu, ohne die Einwilli⸗ gung dieſes Maͤdchens etwas uͤber ther Angehoͤri⸗ gen mitzutheilen. Der Pfarrer blickte abwechſelnd auf Beide und verrieth ſeine Ueberraſchung. Dieß iſt mehr, ſprach er zu ſeinem Sohne, und etwas Schlim⸗ meres, fuͤrchte ich, als eine deiner vielen ſchaͤnd⸗ lichen Verbindungen. Ich muß das Geheimniß durchaus kennen. 6 23 Ich habe ſchon geſagt, erwiderte ſein Sohn, faſt aͤrgerlich, ich bin nicht berechtigt, von den Angelegenheiten der Angehoͤrigen dieſes Maͤdchens ohne ihre Einwilligung zu ſprechen. Und ich habe keine Geheimniſſe zu entdecken, ſprach Johanna, ſondern will Euch, als einen ——— 37 Prediger des Evangeliums und einen Ehrenmann, nur gebeten haben, mir zu erlauben, daß ich ſicher zum naͤchſten Wirthshauſe an der Straße nach London gehe. Ich werde fuͤr eure Sicherheit ſorgen, pos der junge Staunton an. Ihr braucht dieſe Gunſt von fonſt Niemand zu fodern. Du ſagſt dieß in meiner Gegenwart? ſprach der Vater in gerechtem Unmuthe. Willſt Du vielleicht das Maaß des Ungehorſams und der Ruchloſigkeit durch eine unwuͤrdige und entehrende „Heirath erfuͤllen? Aber ich ſage Dir, nimm Dich in Acht! Wenn Ihr fuͤrchtet, daß ſo etwas mit mir geſchehen koͤnnte, fiel Johanna ein, ſo kann ich Euch nur ſagen, nicht fuͤr alles Land, das zwi⸗ ſchen den beiden Enden des Regenbogens liegt, moͤchte ich euren Sohn heirathen. Es iſt etwas Sonderbares in allen dieſen Dingen, ſprach der Pfarrer. Kommt mit mir ins naͤchſte Zimmer, Maͤdchen. Hoͤret mich erſt an, ſprach der junge Staun⸗ ton. Nur ein Wort habe ich zu ſagen. Ich vertraue gänzlich auf eure Klugheit. Sagt mei⸗ nem Vater ſo viel oder ſo wenig von dieſer Sache, 168 als Ihr wollt, er wird von mir nicht mahr und nicht weniger erfahren. Sein Vater warf einen Blick des Unwillens auf ihn, doch milderte ſich dieſe Regung bis zur Bekuͤmmerniß, als der junge Mann, erſchoͤpft von dem Auftritte, den er ausgeſtanden hatte, auf das Lager zuruͤck ſank. Der Pfarrer ent⸗ fernte ſich, Johanna folgte ihm, und indem ſie zur Thuͤre ging, erhob ſich Georg Staunton und ſprach das Wort: Gedenket! in einem ſo ermahnenden Tone, als es von Karl dem Erſten auf dem Blutgeruͤſte ausgeſprochen wurde, Der Pfarrer fuͤhrte das Maͤdchen in ein kleines Zimmer und verſchloß die Thuͤre.„Es iſt etwas in eurem Geſichte und in eurem ganzen Aeußern, hob er an, das Verſtand und Argloſig⸗ keit, und wenn ich mich nicht taͤuſche, auch Un⸗ ſchuld ankuͤndigt. Waͤre dem anders, ſo kann ich bloß ſagen, daß Ihr die vollendetſte Heuch⸗ lerinn ſeid, die ich je geſehen habe.— Ich ver⸗ lange nicht, ein Geheimniß zu wiſſen, das Ihr ungern enthuͤllet, am wenigſten Geheimniſſe, die meinen Sohn angehen. Seine Auffuͤhrung hat mich zu ungluͤcklich gemacht, als daß ich hoffen koͤnnte, er werde mir Troſt oder Zufrieden⸗ 160: heit bringen. Seid Ihr aber, wofuͤr ich Euch⸗ halte, ſo ſeid verſichert, je eher Ihr die Verbin⸗ dung, worein ungluͤckliche Umſtaͤnde Euch mit meinem Sohne gebracht moͤgen, ziibtetzet⸗ zeſ beſſer.“. Ich glaube zu verſtehen, was Iör meiget, erwiderte Johanna, und da Ihr auf eine ſo of⸗ fenherzige Art von dem jungen Herrn redet, ſo muß ich Euch ſagen, ich habe heute nur zum Zweitenmahl in meinem Leben mit ihm geſpro⸗ chen, und was ich bei dieſen beiden Gelegenhei⸗ ten von ihm gehoͤrt habe, iſt von der Art gewe⸗ ſen, daß ich nie wieder etwas dergleichen hoͤren mag. 4 Es iſt alſo wirklich eure Abſicht, dieſe Ge⸗ gend zu verlaſſen, und nach London zu gehen? ſprach der Pfarrer. Gewißlich, lieber Herr, antwortete Johan⸗ na: denn ich kann in einem Sinne wohl ſa⸗ gen, daß der Blutraͤcher hinter mir iſt, und wenn ich nur gegen Unfaͤlle auf dem Wege geſi⸗ chert waͤre— Ich habe uͤber die verdächtigen Leute, die Ihr mir beſchrieben habt, Erkundigungen eingezogen, ſprach der Pfarrer. Sie haben ihren Sammel⸗ platz verlaſſen, aber da ſie doch in der Umgegend auflauern koͤnnten, und Ihr, nach eurer Angabe, beſondre Gruͤnde habt, Gewaltthaͤtigkeiten von ihnen zu fuͤrchten, ſo werde ich Euch unter die Obhut eines ſichern Mannes geben, der bis Stamford Euch geleiten, und Euch einen Platz in der Kutſche verſchaffen ſoll, die von ba nach London geht. Eine Kutſche iſt nicht fur meines Gleichen, ſprach Johanna, die keinen Begriff von Poſtkut⸗ ſchen hatte, welche auch nur in der Naͤhe von London gebraͤuchlich waren. Der Pfarrer erklaͤrte ihr mit wenigen Wor⸗ ten, daß ſie auf dieſe Art bequemer, wohlfeiler und ſicherer fortkommen werde, als zu Pferde. Sie aͤußerte ihre Dankbarkeit mit ſo offener Herz⸗ lichkeit, daß er Anlaß fand, ſie zu fragen, ob ſie Geld zur Fortſetzung ihrer Reiſe beduͤrfte. Dankend gab ſie zur Antwort, ſie waͤre mit dem Noͤthigen verſehen, und in der That war ſie auch mit ihrem Vorrathe ſehr haushaͤltig umgegan⸗ gen. Dieſe Antwort trug dazu bei, einige Zwei⸗ fel gegen ihre Geſinnungen und ihre wahre Ab⸗ ſicht zu entfernen, welche, wie natuͤrlich, noch in Staunton's Seele zuruͤck geblieben waren, 171 und er überzeugte ſich wenigſtens, daß ihre Be⸗ truͤgerei nicht auf Geld gerichtet war, wenn ſie als Betruͤgerinn ſich zeigen ſollte. Er fragte ſie alsdann, in welchen Theil London's ſie gehen wollte. d Zu einer ſehr achtbaren Kaufmannsfrau, zu meiner Muhme, Frau Glaß, die mit Taback handelt. Sie wohnt in der Diſtel irgendwo in der Stadt. Johanna gab dieſe Antwort mit dem Ge⸗ fuͤhle, daß eine ſo ehrenwerthe Bekanntſchaft ihr in Stauntons Augen Wichtigkeit geben muͤßte, und ſie war nicht wenig uͤberraſcht, als er ant⸗ wortete:„Und iſt dieſe Frau eure einzige Be⸗ kannte in London, armes Maͤdchen? Und wißt Ihr wirklich nicht genauer, wo ſie zu finden iſt?“ Ich wollte auch, außer Frau Glaß, noch den Herzog von Argyle beſuchen, ſprach Johan⸗ na, und wenn Ihr meint, edler Herr, es waͤre beſſer, daß ich zuerſt dahin gehe, und mich von den Leuten des Herzogs in den Laden meiner Muhme fuͤhren laſſe— Kennt Ihr jemand von den Leuten des Her⸗ nogs von Argyle? fragte der Pfarrer. Nein, lieber Herr. 6 172 enEs muß doch nicht ganz richtig in ihrem Kopfe ſein, ſonſt wuͤrde ſie unmoͤglich auf ſolche Empfehlungen ſich verlaſſen, dachte der Pfarrer, und fuhr laut fort: Nun, da ich nicht nach der Abſicht euer Reiſe fragen darf, ſo kann ich Euch auch keinen Rath geben, wie Ihr Euch dabei benehmen muͤßt. Aber die Wirthinn des Hau⸗ ſes, wo die Kutſche einkehrt, iſt eine wackre Frau, und da ich zuweilen bei ihr wohne, ſo will 1ch Euch eine Empfehlung an ſie geben. Johanna dankte ihm mit ihrem beßten Knickſe fuͤr ſeine Guͤte, und meinte, mit der Zeile von dem edlen Herrn und dem Empfehlungſchreiben der wuͤrdigen Frau Bickerton in den ſieben Ster⸗ nen zu York, muͤßte ſie gewiß eine gute Auf⸗ nahme in London finden. Ihr werdet nun, ſprach der Pfarrer, woht wuͤnſchen, ſogleich abzureiſen? Waͤre ich in einem Wirthshauſe, oder ſonſt einem ſchicklichen Ruheorte, erwiderte Johanna, ſo wuͤrde ich es mir nicht erlaubt haben, am Tage des Herrn zu reiſen, aber da ich reiſe, um ein Werk der Barmherzigkeit zu thun, ſo wird es mir, hoffe ich, nicht angerechnet werden, wenn ich ſo etwas vornehme. 173 Ihr koͤnnt dieſen Abend bei Frau Dalton bleiben, wenn Ihr wollt, aber ich wuͤnſche, daß Ihr nicht weiter Verkehr mit meinem Sohne habt, der keineswegs zum Rathgeber fuͤr ein Maͤdchen eures Alters taugt, in welcher Verle⸗ genheit Ihr auch ſein moͤget. Darin habt Ihr ſehr recht, edler Herr, ſprach Johanna. Es iſt wider meinen Willen geſchehen, daß ich eben jetzt mit ihm geſprochen habe, und— ohne dem Herrn etwas anders als alles Gute zu wuͤnſchen— ich habe gar nicht Luſt, ihn je wieder zu ſehen. Ihr ſcheint mir ein fromm geſinntes Maͤd⸗ chen zu ſein, ſetzte der Pfarrer hinzu, und wenn's Euch gefaͤllt, koͤnnt Ihr dieſen Abend hier der Hausandacht beiwohnen. Ich danke Euch, edler Herr, aber ich be⸗ zeiſ⸗ ob ich mich dabei erbauen wuͤrde. Wie! ſprach der Pfarrer. Noch ſo jung und ſchon ſo ungluͤcklich, gleichgiltig gegen die Pflichten des Glaubens zu ſein? Gott verhuͤte es! antwortete Johanna. Darum iſt's nicht; aber ich bin in dem Glau⸗ ben des leidenden Haͤuſteins der presbyteriani⸗ 174 ſchen Kirche in Schottland erzogen, und ich weiß nicht, ob es mir erlaubt iſt, eurem Got⸗ tesdienſte beizuwohnen, da ſo viele edle Seelen unſrer Kirche, und insbeſondre mein virbiger Vater, Zeugniß dawider gegeben. 1 Nun gut, liebes Maͤdchen, ſprach der Pfan⸗ rer, gutmuͤthig laͤchelnd, es ſei fern von mit, eurem Gewiſſen Zwang auflegen zu wollen, aber Ihr ſolltet Euch doch erinnern, daß die goͤttliche Gnade ihre Stroͤme ſo gut uͤber andre Koͤnigreiche, als uͤber Schottland ausgießt. Denn da ſie fuͤr unſre geiſtigen Beduͤrfniſſe ſo noͤthig iſt, als Waſſer fuͤr die irdiſchen, ſo findet man ihre Quellen, wenn anch verſchieden in ihrem aͤußerm Weſen, doch gleich wirkſam in ihrer Kraft, uͤberall reichlich in der ganzen chriſtlichen Welt. Ja, antwortete Johanna, die Waſſer koͤn⸗ nen wohl gleich ſein, aber— nehmt's mir nicht uͤbel— der Segen darin mag nicht gleich ſein. Naeman, der ausſaͤtzige Syrer, wuͤrde ſich vergebens im Parphar und Amana zu Damascus gewaſchen haben, da nur das Waſ⸗ ſer des Jordans allein zur eHeltan delepnat war. 175 Nun, ſprach der Pfarrer, laßt uns nicht in den großen Streit zwiſchen unſern beider⸗ ſeitigen Kirchen eingehen. Aber wir wollen Euch zu uͤberzeugen ſuchen, daß wir bei unſern Irrthuͤmern doch wenigſtens chriſtliche Liebe be⸗ halten haben und unſern Bruͤdern gern bei⸗ ſtehen. Er rief darauf Frau Dalton herein, deren beſonderer Sorge er Johanna empfahl, mit der Weiſung, ſich freundlich gegen ſie zu zeigen, und mit der Verſicherung, daß fruͤh am naͤch⸗ ſten Morgen ein zuverlaͤſſiger Fuͤhrer und ein gutes Pferd bereit ſein ſollten, das Maͤdchen nach Stamford zu bringen. Er nahm dann mit ernſter Wuͤrde, aber freundlich Abſchied von ihr, und wuͤnſchte, daß ſie den Zweck ih⸗ rer Reiſe vollkommen erreichen moͤchte, welchen er, wie er ſagte, nach dem geſunden Verſtande, den ſie in der Unterredung mit ihm gezeigt haͤtte, nur fuͤr loͤblich halten koͤnnte. Die Haushaͤlterinn fuͤhrte Johanna in ihr Zimmer. Der Abend ging jedoch nicht vor⸗ uͤber, ohne daß der junge Staunton ſie von neuem gequaͤlt haͤtte. Der treue Thomas druͤckte ihr einen Brief in die Hand, der des jungen 7 ——— 4176 Mannes Wunſch, oder vielmehr ſein gebieteri⸗ ſches Verlangen, ausſprach, ſie auf der Stelle zu ſehen, und dabei die Verſicherung gab, daß jeder Stoͤrung vorgebeugt waͤre. Sagt eurem jungen Herrn, ſprach John na laut, und gleichgiltig gegen alle Winke und Zeichen, wodurch Thomas ihr begreiflich zu machen ſich bemuͤhte, daß Frau Dalton nicht im Geheimniſſe waͤre— ich wuͤrde ihn nicht wiederſehen, wie ich es ſeinem wuͤrdigen Vater redlich verſprochen habe. Thomas, ſprach Frau Dalton, ich glaube, da Ihr dieſen Rock tragt und in dieſem Hauſe lebt, ſo koͤnntet Ihr Euch wohl viel ehrbarer beſchaͤftigen, als Beſtellungen von eurem jun⸗ gen Hetrn an Maͤdchen auszurichten, die der Zufall in dieſes Haus fuͤhrt. J nun, Frau Dalton, man hat mich ja dazu gemiethet, Beſtellungen auszurichten, und nicht weiter zu fragen, was man damit will. Es ſchickt ſich nicht fuͤr meines Gleichen, des jungen Herrn Befehle nicht auszurichten, wenn er auch ſo etwas von einem Wildfang iſt. War's boͤſe gemeint, ſo iſt doch nichts Boͤſes geſchehen, wie Ihr ſeht. 477 Mag's ſein, wie's will, Thomas, ſprach Frau Dalton, aber laßt Euch warnen, und wenn ich Euch noch einmahl ſo ertappe, ſo ſoll Sr. Hochehrwuͤrden Euch den Laufpaß geben. Thomas entfernte ſich, beſchaͤmt und klein⸗ laut. Die uͤbrigen Stunden des Abends gingen voruͤber, ohne daß etwas bemerkenswerthes vor⸗ gefallen waͤre. Johanna genoß mit dankbarem Vergnuͤgen die Annehmlichkeiten eines guten Bettes und eines geſunden Schlafes nach den Gefahren und Beſchwerden des vorigen Tages, und ſie war ſo ermuͤdet, daß ſie ſehr veſt bis um ſechs Uhr ſchlief, wo Frau Dalton ſie weckte, ihr meldend, daß Fuͤhrer und Pferd bereit waͤren und warteten. Sie ſtand ſchnell auf, und nach ihrem Morgengebete war ſie in Kurzem zur Fort⸗ ſetzung ihrer Reiſe fertig. Die muͤtterliche Sorg⸗ falt der Haushaͤlterinn hatte ein Fruͤhſtuͤck bereit, und als Johanna dieſe Erquickung genoſſen hatte, ſaß ſie bald auf einem Weiberſattel hinter einem ruͤſtigen Bauer, der auch mit Piſtolen bewaffnet war, um ſie gegen jede Gewaltthaͤtigkeit zu ſchuͤ⸗ tzen, die etwa haͤtte verſucht werden koͤnnen. Schweigend ſchleppten ſie ſich einige Meilen an Hecken und durch Thorwege auf einem Sei⸗ WV. Theil. 12 178 tenpfade fort, der ſie unweit Grantham auf die Heerſtraße brachte. Endlich fragte ſie ihr Stall⸗ meiſter, ob ihr Nahme Johanna Deans waͤre, Sie gab, uͤberraſcht, eine bejahende Antwort. „Dann iſt hier ein Briefchen fuͤr Euch, fuhr der Bauer fort, und reichte ihr das Blatt uͤber ſeine linke Schulter. Es iſt von meinem jungen „Heerrn, glaube ich, und Jedermann in Willing⸗ ham dient ihm gern, aus Liebe oder aus Furcht, denn er wird am Ende doch unſer Gutsherr, die Leute moͤgen ſagen, was ſie wollen.“ Johanna erbrach den Brief und las Fol⸗ gendes: „Ihr wollt mich nicht ſehen. Ich glaube, mein Charakter hat Euch Widerwillen eingefloͤßt, aber da ich mich geſchildert habe, wie ich bin, ſo haͤttet Ihr meiner Aufrichtigkeit trauen ſollen. Ein Heuchler wenigſtens bin ich nicht. Ihr weigert Euch indeß, mich zu ſehen, und wenn auch Euer Benehmen natuͤrlich ſein mag, ſo fragt ſich's doch, ob es klug ſei. Ich habe Euch geſagt, wie ſehr es mir am Herzen liegt, das Ungluͤck Eurer Schweſter auf Koſten meiner Ehre, der Ehre meines Hauſes, auf Koſten meines Le⸗ bens, wieder gut zu machen, und Ihr haltet 2179 mich fuͤr zu tief entwuͤrdigt, als daß es mir ver⸗ goͤnnt ſein ſollte, ihr aufzuopfern, was mir von Ehre, Ruf und Leben noch uͤbrig iſt. Wohlan, wenn auch der Darbieter verſchmaͤht wird, ſo iſt doch das Opfer noch bereit, und vielleicht iſt es eine gerechte Fuͤgung des Himmels, daß ich nicht den traurigen Ruf haben ſoll, dieſes Opfer frei⸗ willig dargebracht zu haben. Ihr habt meine Mitwirkung abgelehnt, und muͤßt nun das Ganze allein uͤbernehmen. So gehet denn zum Herzog von Argyle, und wenn Euch alle Gruͤnde fehl ſchlagen, ſo ſagt ihm, es ſtaͤnde in Eurer Macht, den Naͤdelsfuͤhrer des Aufſtandes wegen Porteous zur verdienten Strafe zu bringen. Auf dieß wird er hoͤren, und waͤre er auch taub gegen alles an⸗ dre. Macht eure Bedingungen, wie Ihr wollt, denn Ihr koͤnnt es. Ihr wißt, wo ich zu fin⸗ den bin, und ſeid verſichert, ich werde Euch nicht mallein im Dunkeln ſtehen laſſen, wie bei Mu⸗ ſchetts Stein. Ich denke nicht daran, das Haus zu verlaſſen, wo ich geboren bin; wie der Haſe will ich zerriſſen werden in dem Lager, wo ich aufſprang. Noch einmahl— macht ſelber eure „Bedingungen. Ich brauche Euch nicht zu er⸗ mahnen, das Leben Eurer Schweſter zu fodern, 12* 3 180 das werdet Ihr ohnehin thun, aber macht auch fuͤr Euch ſelber vortheilhafte Bedingungen, fodert Reichthum und Lohn, eine Anſtellung und Ein⸗ kuͤnfte fuͤr Butler— fodert alles; man wird Euch alles und jedes bewilligen, wenn Ihr den Haͤnden des Henkers einen Menſchen uͤberliefert, der das Henkerſchwert vollkommen verdient, einen Menſchen, der zwar jung an Jahren, aber alt an Bosheit iſt, und nichts eifriger wuͤnſcht, als nach den Stuͤrmen eines unſteten Lebens zu ſchlafen und zu ruhen. 74 Ddiieſer ſonderbare Brief war bloß mit den Anfangsbuchſtaben G. S. unterzeichnet. Fohanna las ihn wiederhohlt mit großer Auf⸗ merkſamkeit, was ihr, bei dem langſamen Schritte des Pferdes durch einen Heckengang, deſto leichter wurde. Als ſie den Brief geleſen hatte. zzettiß ſie ihn ſogleich in die kleinſten Stuͤcke, und zerſtreute dieſelben, immer nur einige zugleich wegwerfend, damit das gefaͤhrliche Geheimniß nicht in fremde Haͤnde gerathen moͤchte. Die Frage, in wie fern ſie im außerſten Nothfalle berechtigt waͤre, das Leben ihrer Schwe⸗ ſter auf Koſten eines Andern zu opfern, der . 181 ſich zwar gegen den Staat vergangen, aber ſie 3 nicht beleidigt hatte, war der naͤchſte Gegenſtand einer ernſten und peinlichen Erwaͤgung. Es ſchien zwar in einer Hinſicht eine gerechte, ja ſelbſt von der Vorſehung angeordnete Vergel⸗ tung zu ſein, den Urheber der Verirrungen und Leiden ihrer Schweſter als Verbrecher anzuge⸗ ben; aber Johanna mußte nach den ſtrengen Grundſaͤtzen der Sittlichkeit, worin ſie war er⸗ zogen worden, eine Handlung nicht bloß im Allgemeinen erwaͤgen, ſondern auch die Ge⸗ rechtigkeit und Angemeſſenheit derſelben in Be⸗ ziehung auf den Handelnden, betrachten, ehe dtes ihr, nach ihrem Ausdrucke, frei ſtand, ſie vorzunehmen. Was fuͤr ein Recht hatte ſie, zwiſchen Stauntons und Effie's Leben einen Tauſch zu machen, und das eine fuͤr die Ret⸗ tung des andern zu opfern? Seine Miſſethat, wofuͤr er den Geſetzen Rede zu ſtehen hatte, war freilich ein Verbrechen gegen das Gemein⸗ weſen, aber nicht gegen ſie. So ſehr auch der Gedanke, Gewalt gegen Jemanden zu gebrau⸗ chen, ſie empoͤrte, es ſchien ihr doch nicht, als ob Staunton's Antheil an dem Tode des Haupt⸗ manns Porteous einem gewoͤhnlichen Morde gleich 182 zu ſchäben wäre, gegen deſſen Ur heber Jeder⸗ mann der Obrigkeit beiſtehen ſoll. Jene Ge⸗ waltthat war mit vielen Umſtaͤnden verknuͤpft, die derſelben bei Leuten von Johanna's Stande zwar nicht ganz die Eigenſchaften eines Ver⸗ brechens nahmen, aber ihre graͤßlichſten Zuͤge wenigſtens milderten. Die eifrigen Bemuͤhun⸗ gen der Obrigkeit, Einige der Miſſethaͤter zu uͤberfuͤhren, hatten nur die Wirkung gehabt, die Gefuͤhle des Volkes zu reizen, das die al⸗ lerdings gewaltſame und ſtrafwuͤrdige That mit dem Gedanken an die ehemahlige Unab⸗ haͤngigkeit des Landes in Verbindung brachte. Die ſtrengen Maßregeln, die man gegen Edin⸗ burgh, Schottlands alte Hauptſtadt, genom⸗ men oder vorgeſchlagen hatte, und die aͤußerſt verhaßte und unkluge Maßregel, welche die Geiſtlichen zwang, die auf Entdeckung der Ur⸗ heber des Mordes geſetzte Belohnung, von der Kanzel zu verkuͤndigen, hatten gerade das Ge⸗ gentheil der beabſichteten Wirkung hervorgebracht, und auch Johanna fuͤhlte, daß man jeden, der in Beziehung auf jenes Ereigniß, aus wel⸗ cher Abſicht es auch immer geſchehen moͤchte, etwas angeben wollte, eines Verrathes gegen 183. Schottlands Unabhaͤngigkeit ſchuldig halten werde. Mit dem Schwaͤrmerwahne der ſchottiſchen Pres⸗ byterianer war immer die Glut eines volkthuͤm⸗ lichen Gefuͤhles verbunden, und Johanna zit⸗ terte bei dem Gedanken, daß ihr Nahme mit dem Nahmen des falſchen Monteith, und ei⸗ niger Andern, die als Abtruͤnnige und Verräͤ⸗ ther der Sache ihres Vaterlandes, Gegenſtaͤnde ewiger Erinnerung und Verwuͤnſchung unter den Landleuten geworden ſind, auf die Nachwelt kommen ſollte. Aber der Gedanke, Effie's Leben noch einmahl aufopfern zu muͤſſen, wo ein einziges Wort ſie retten koͤnnte, lag ſchwer auf dem Herzen der zaͤrtlichen Schweſter. Gott unterſtuͤtze und leite mich, ſprach Jo⸗ hanna, denn es ſcheint ſein Wille zu ſein, mir ſchwere Pruͤfungen aufzulegen, welchen meine Kraͤfte nicht gewachſen ſind. Waͤhrend dieſer Gedanke durch ihre Seele ging, zeigte ihr Fuͤhrer, des Schweigens muͤde, einige Neigung, mittheilſamer zu werden. Er ſchien ein verſtaͤndiger und ruͤſtiger Landmann zu ſein, da er aber nicht mehr Zartgefuͤhl oder Klugheit hatte, als bei Leuten ſeines Standes gemoͤhnlich iſt, ſo waͤhlte er die Famillie Wil⸗ 184. lingham zum Gegenſtande des Geſpräches. Jo⸗ hanna erfuhr von ihm einige, ihr zeither un⸗ bekannt gebliebene Umſtaͤnde, welche wir zur Nachricht fuͤr die Leſer in der Kuͤrze mittheilen wollen. 2 Georg Staunton's Vater war zum Kriegs⸗ manne erzogen, und hatte, waͤhrend er in Weſt⸗ indien diente, die Erbinn eines reichen Pflan⸗ zers geheirathet. Sie gebar ihm einen einzigen Sohn, den ungluͤcklichen jungen Mann, den wir ſo oft in dieſer Erzaͤhlung genannt haben. Er verlebte ſeine erſten Jugendjahre unter der Pflege einer thoͤrig liebenden Mutter, und im Umgange mit Negerſklaven, die nur dahin trachteten, alle ſeine Launen zu befriedigen. Sein Vater, ein edler und verſtaͤndiger Mann, fah ſich, da er allein unter den Offizieren ſei⸗ nes Regiments eine leidliche Geſundheit genoß, mit Dienſtarbeiten uͤberhaͤuft. Seine Frau war ſchoͤn, eigenſinnig und ſchwaͤchlich, und einem zaͤrtlichen, freundlichen und friedſeligen Manne ward es daher ſchwer, uͤber ihre zu große Nach⸗ ſicht gegen ein einziges Kind mit ihr zu ſtreiten. Alles, was Staunton that, um den verderbli⸗ chen Wirkungen des Betragens ſeiner Frau ent⸗ 183 gegen zu arbeiten, machte das Uebel nur noch aͤrger, da jeder Zwang, den der Knabe in des Vaters Gegenwart ertragen mußte, durch drei⸗ fache Nachſicht waͤhrend ſeiner Abweſenheit ver⸗ guͤtet wurde. So gewoͤhnte ſich Georg ſchon in ſeiner Kindheit, ſeinen Vater als einen finſtern Tadler zu betrachten, von deſſen Strenge er ſich ſo bald und ſo voͤllig als moͤglich zu befreien wuͤnſchte. Als er zehn Jahre alt war, und ſeine Seele die ganze Saat des boͤſen Unkrautes empfangen hatte, das ſpaͤterhin aufwuchs, ſtarb ſeine Mut⸗ ter und ſein Vater ging mit gebrochenem Herzen nach England zuruͤck. Sie hatte, um das Maaß 1 ihrer unbeſonnenen und unverantwortlichen Nach⸗ ſicht voll zu machen, einen anſehnlichen Theil ihres Vermoͤgens der alleinigen Aufſicht oder Ver⸗ fuͤgung ihres Sohnes uͤberlaſſen, und die Folge davon war, daß Georg Staunton bald nach ſei⸗ ner Ankunft in England ſeine Unabhaͤngigkeit, und die Mittel, ſie zu mißbrauchen, kennen lernte. In der Abſicht, die Maͤngel der Erzie: 4 hung des Knaben wieder gut zu machen, hatte ſein Vater ihn in eine wohl eingerichtete Lehran⸗ 186 ſtalt geſchickt, aber obgleich er einige Fähigkeit zum Lernen zeigte, ſo wurde doch ſein aufruͤhri⸗ ſches Betragen ſeinen Lehrern bald unertraͤglich. Wie es allen jungen Leuten, die gewiſſe Ausſich⸗ ten haben, nur zu leicht wird, fand auch er Mittel, ſich ſo viel Geld zu verſchaffen, daß er als Knabe die Freuden und Thorheiten eines rei⸗ fern Alters vorweg nehmen konnte, und ſo aus⸗ gebildet, kam er zu ſeinem Vater als ein lieder⸗ licher Bube zuruͤck, deſſen Beiſpiel fuͤr Hunderte verderblich haͤtte ſein koͤnnen. Sein Vater, deſſen Gemuͤth ſeit ſeiner Gat⸗ tinn Tode zu einer Schwermuth ſich hinneigte, die der Kummer uͤber ſeines Sohnes Auffuͤhrung gewiß nicht zerſtreuen konnte, hatte ſich dem geiſt⸗ lichen Stande gewidmet, und von ſeinem Bru⸗ der, dem Ritter Staunton, die Pfarre zu Wil⸗ lingham erhalten. Die Einkünfte dieſer Pfruͤnde waren fuͤr ihn bedeutend, da er von dem Ver⸗ moͤgen ſeiner verſtorbenen Frau wenig geerbt hat⸗ te, und als nachgeborner Sohn nicht viel eigenes heſaß. haus, fand aber bald, daß Georg, bei ſeiner Er nahm ſeinen Sohn mit ſich ins Pfarr⸗ 187 wuͤſten Lebensweiſe, ein unertraͤglicher Hausge⸗ noſſe war. Der geldſtolze Creole, deſſen Unver⸗ ſchaͤmtheit junge Leute ſeines Standes nicht dul⸗ den wollten, bekam jenen Hang zu ſchlechtem Umgange, der ſchlimmer als Tod, Staupbeſen und Galgen iſt. Sein Vater ſchickte ihn auf Reiſen, aber Georg kam wuͤſter und toller zuruͤck, als er weggegangen war. Der ungluͤckliche Juͤngling war jedoch nicht ohne einige gute Eigenſchaften. Er hatte lebhaften Witz, Gutmuͤthigkeit, unbe⸗ ſchraͤnkte Großmuth, und, wo er ſich Zwang auf⸗ legen mußte, ein Benehmen, das gefallen konnte. Alles dieß aber frommte ihm nicht. Er war ſo haͤufig auf Rennbahnen, an Spieltiſchen, bei Hahnenkaͤmpfen und auf allen noch ſchlimmern Sammelplaͤtzen der Thorheit und Verſchwendung, daß er ſein muͤtterliches Erbe vergeudet hatte, ehe er ein und zwanzig Jahre alt war, und ſich bald von Schulden und Noth gedraͤngt ſah. Man koͤnnte ſeine fruͤhere Geſchichte mit den Worten unſers britiſchen Juvenal*) ſchließen, der einen aͤhnlichen Charakter ſo beſchreibt: *) Churchill. Hartnaͤckig und auf eignem Sinn beharrend, Duͤnkt' ihn der Vorwurf hart, die Weihihei rauh. Der Seele Krankheit war auf ihrem Gipfel; G Die Heimath, erſt beſchimpft, ward abgeſchworen, Und als er das Landſtreicherleben wählte, Sucht' er in Schmach den Ruhm— Frei will ich ſein! Und doch iſt es Schade um Junker Georg, fuhr der ehrliche Landmann fort: er hat die Hand immer offen, und laͤßt einen armen Kerl nicht in Noth, wenn er'’s hat. Der gemeine Mann hält verſchwenderiſche Freigebigkeit, wovon er freilich den naͤchſten Vor⸗ theil zieht, leicht fuͤr einen Mantel, der viele Suͤnden deckt. Unſre Heldinn wurde von ihrem redſeligen Fuͤhrer gluͤcklich nach Stamford gebracht. Sie erhielt einen Platz in der Kutſche, welche, ob⸗ gleich ein Eilwagen genannt und mit nicht we⸗ niger als ſechs Pferden beſpannt, doch erſt am Nachmittage des folgenden Tages nach London kam. Die Empfehlung des Pfarrers ver⸗ ſchaffte ihr eine freundliche Aufnahme in dem 189 Wirthshauſe, wo die Kutſche anhielt, und die Bekannte der Frau Bickerton war ſo thaͤtig, daß Johanna bald ihre Muhme, Frau Glaß, auffand, in deren Hauſe ſie freundliche und gaſtfreie Aufnahme erhielt. Ende des vierten Theiles. — — ſinnnnnmnnnſnſn EEEm 8 9 10 11 12 d L