—— deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von 0*.* 3 Eduard Oflmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256.. Leih- und Leſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 4— 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von 9 ſedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3 3 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird.— 4 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: 4 84 8 V für aRichentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf; Mht. 1 M.— Pf 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Köoſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 6 7. Ausleihezeit. Dieſelbe 85 auf 14 Tage feſtgeſ beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. etzt und wird f ——— —— 4 — —— D a s Herz von Mid⸗Lothian. Ein romantiſches Gemaͤhlde v on Walter Scott, uͤ berſetzt von Lin d au. Dritter Theil. Dresden, 1823, in der Arnoldiſchen Buchhandlung. Das Herz von Mid⸗Lothian. Dritter Theil. — J. Der Menſch in ſeinem Pruͤfungſtand, Wenn Schickſalswogen treiben, Darf an des Himmels Kuͤſtenland Am veſten Anker bleiben. Watt. Mit veſtem Schritte ging Deans in ſeiner Toch⸗ ter Zimmer, entſchloſſen, ſie in dem ſchwierigen Gewiſſensfalle, worein er ſie verſetzt glaubte, dem Lichte ihres eigenen Geiſtes zu uͤberlaſſen. Das kleine Gemach war die Schlafkammer beider Schweſtern geweſen, und noch immer ſtand da das Bettchen, das fuͤr Effie war bereitet wor⸗ den, als ſie, uͤber Unpaͤßlichkeit klagend, es ab⸗ gelehnt hatte, ihrer Schweſter Kiſſen zu theilen, wie in gluͤcklichern Tagen. Als der Alte hinein trat, ruhten ſeine Augen unwillkuͤhrlich auf dem kleinen Bette mit den dunkelgruͤnen groben Vor⸗ haͤngen, und die Gedanken, die es erweckte, 1* 4 draͤngten ſich ſo ſehr in ſeiner Seele, daß er bei⸗ nahe nicht im Stande war, ſeiner Tochter zu ſa⸗ gen, was er ihr mitzutheilen hatte. Ihre Be⸗ ſchaͤftigung brach das Eis. Sie heftete ihre Blicke auf ein Blatt Papier, das eine gerichtliche La⸗ dung enthielt, bei ihrer Schweſter Verhoͤr als Zeuginn fuͤr die Angeklagte zu erſcheinen. Der wuͤrdige Beamte hatte, waͤhrend ſeiner Unterre⸗ dung mit dem Vater, ihr durch einen Gerichts⸗ diener eine Vorladung, mit Strafdrohung im Falle des Ungehorſams, zukommen laſſen, in der Abſicht, der Angeklagten auf alle Weiſe Ge⸗ rechtigkeit widerfahren zu laſſen, und ihrer Schwe⸗ ſter jede Entſchuldigung zu nehmen, wenn ſie das Zeugniß verweigern wollte, das ſie, wie man glaubte, geben konnte.— Dieſe Vorſicht war in ſo fern güͤnſtig fuͤr Deans, als ſie ihm die Muͤhe erſparte, ſich ge⸗ gen ſeine Tochter in eine foͤrmliche Erklaͤrung ein⸗ zulaſſen, und mit einer tiefen und zitternden Summe ſprach er nur die Worte:„Ich ſehe, Du weißt ſchon von der Sache.“ O Vater, wir ſind grauſam zwiſchen Gottes Gebot und der Menſchen Geſetze geſtellt. Was werden wir thun? Was werden wir thun? — 5 Johanna hatte gar keine Bedenklichkeit, vor Gerichte zu erſcheinen. Sie mochte ihren Vater oft daruͤber haben reden hoͤren, aber es iſt bereits bemerkt worden, daß ſie gewohnt war, vieles, was ihr unverſtaͤndlich blieb, ehrerbietig anzuhoͤ⸗ ren, und daß ſie auf Verhandlungen uͤber ſpitz⸗ findige Gewiſſensfragen zwar geduldig, aber ohne Erbauung horchte. Bei dem Empfange der ge⸗ richtlichen Ladung richteten ſich ihre Gedanken nicht auf die eingebildeten Bedenklichkeiten, die ihres Vaters Seele beunruhigten, ſondern auf die Worte, die der Fremde bei Muſchett's Stein⸗ haufen zu ihr geſprochen hatte. Sie zweifelte nie, daß man ſie vor Gericht ziehen werde, um ſie in die grauſame Lage zu ſetzen, entweder ihre Schweſter durch eine wahrhafte Erzaͤhlung aufzu⸗ opfern, oder zur Rettung derſelben einen Mein⸗ eid zu ſchwoͤren. Ihre Gedanken waren ſo ganz auf dieſen Gegenſtand gerichtet, daß ſie ihres Vaters Worte:„Du weißt von der Sache“ auf ſeine Kenntniß von dem Rathe bezog, den man ihr mit ſo furchtbarem Nachdrucke gege⸗ ben hatte. Sie blickte mit aͤngſtlicher Ueber⸗ raſchung auf, wozu ein Entſetzen ſich geſellte, das ſeine naͤchſten Worte, wie ſie dieſelben 6 auslegte und anwandte, nicht zu mildern ver⸗ mochten. Meine Tochter, ſprach David, es iſt immer meine Meinung geweſen, daß in Dingen von zweifelhafter, oder ſtreitiger Beſchaffenheit ein jeglicher Chriſt ſich allein von ſeinem Gewiſſen muß leiten laſſen. Darum gehe in Dich ſelbſt, pruͤfe dein eigenes Gemuͤth bei gehoͤriger Seelen⸗ arbeit, und wenn es Dir endlich klar geworden, wie Du in dieſer Sache zu handeln haſt, ſo ge⸗ ſchehe es alſo. Aber mein Vater, ſprach Johanna, deren Gemuͤth die Auslegung empoͤrte, die ſie ſeinen Worten geben mußte: kann dieß— dieß ein zweifelhafter, oder ſtreitiger Fall ſein? Bedenket, Vater, das neunte Gebot: Du ſollſt kein fal⸗ ſches Zeugniß reden wider deinen Naͤchſten. David Deans ſchwieg einige Augenblicke, denn da er ihre Worte noch immer auf ſeine vor⸗ gefaßten Bedenklichkeiten bezog, ſo kam es ihm vor, als ob ſie, Weib und Schweſter, kaum berechtigt waͤre, bei dieſer Gelegenheit bedenklich zu ſein, wo er, ein Mann, der in bedraͤngten Zeiten Zeugniß gegeben, ſie mittelbar aufgemun⸗ tert hatte, dem Ausſpruche zu folgen, der aus —— — —— 7 ihrem eigenen Gefuͤhle hervor gehen mußte. Er blieb jedoch ſeinem Vorſatze treu, bis ſeine Blicke unwillkuͤhrlich auf das kleine Bett fielen, und er ſich an die Geſtalt des Kindes ſeiner alten Tage erinnerte, wie ſie bleich, abgezehrt und mit ge⸗ brochenem Herzen auf dem Lager geſeſſen hatte. Als dieſes Bild vor ihm aufſtieg, traten die Gruͤnde fuͤr ein Betragen, das ſein Kind retten konnte, unwillkuͤhrlich vor ſeine Seele, und un⸗ willkuͤhrlich ſprach ſeine Zunge ſie aus, aber mit einem Tone, der von ſeiner gewoͤhnlichen ſtren⸗ gen Beſtimmtheit ſo ganz verſchieden war. Tochter, ſprach er: ich ſagte nicht, dein Pfad waͤre frei von Steinen des Anſtoßes, und ohne Zweifel koͤnnten Manche dieſe Handlung fuͤr eine Uebertretung halten, inmaßen derjenige, der un⸗ rechtlich und wider ſein Gewiſſen Zeugniß gibt, auf gewiſſe Weiſe falſches Zeugniß wider ſeinen Naͤchſten redet. Aber wo es auf Nachgiebigkeit ankommt, da liegt die Schuld nicht ſowohl in der Nachgiebigkeit, als im Gemuͤthe und Gewiſſen desjenigen, der da nachgibt, und wenn nun auch mein Zeugniß nicht geſpart worden iſt bei oͤffent⸗ lichen Abtruͤnnigkeiten, ſo habe ich mich doch nicht befugt gefuͤhlt, aus der Gemeinſchaft Vieler zu 8 ſcheiden, die mit ſich im Klaren daruͤber waren, jene Prediger zu hoͤren, welche die unſelige Ver⸗ guͤnſtigung angenommen, weil ſie Gutes von ihnen ziehen konnten, wiewohl ich's nicht konnte. Als David dieſe Worte geſprochen hatte, warf ſein Gewiſſen ihm vor, daß er mittelbar den reinen Glauben ſeiner Tochter untergrabe, und ihr den Weg zum Abfalle von den ſtrengen Grundſatzen bahne. Er hielt ploͤtziich inne, und ſprach mit veraͤndertem Tone:„Johanna, ich fuͤhle, daß unſre elenden Zuneigungen— ſo nenne ich ſie in Beziehung auf unſre Folgſamkeit gegen den Willen unſres Vaters— ich fuͤhle, daß ſie in dieſer Stunde pruͤfender Truͤbſal zu veſt an mir hangen, als daß ich im Stande waͤre, meine eigene Pflicht zu erkennen, oder Dich zu der deinigen zu leiten. Ich will nichts mehr ſa⸗ gen von dieſer zu ſchweren Pruͤfung. Johanna, wenn Du, ohne Gott und Dein reines Gewiſſen zu beleidigen, zu Gunſten dieſer armen Ungluͤck⸗ *) Die Regierung geſtattete im 17ten Jahrhundert denjenigen Presbyterianern, die, in manchen Stuͤcken von ihren ſtrengen Glaubensmeinungen abgingen, Gewiſſensfreiheit. S. die Einleitung zur Ueverſetzung des Romans; Die Schwaͤr⸗ mer, 8. — 9 lichen ſprechen kannſt— Er hielt inne und fuhr mit unſicherer Stimme fort: Sie iſt deine Schwe⸗ ſter, ſo unwuͤrdig und verworfen ſie ſein mag, ſie iſt die Tochter einer Heiligen im Himmel, die bei Dir Mutterſtelle vertrat, Johanna; aber wenn dein Gewiſſen Dir nicht erlaubt, in dem Gerichtshofe fuͤr ſie zu ſprechen, ſo folge deinem Gewiſſen, Johanna, und Gottes Wille geſchehe. Nach dieſer feierlichen Ermahnung verließ er das Gemach und ſeine Tochter blieb in großer Bekuͤmmerniß und Verlegenheit zuruͤck. David's Kummer wuͤrde, ſo hoch auch ſein Schmerz ſchon geſtiegen war, nicht wenig erhoͤht worden ſein, wenn er gewußt haͤtte, daß ſeine Tochter die Gruͤnde, deren er ſich bediente, nicht als eine Erlaubniß, ihrer eigenen Meinung bei einer zweifelhaften und ſtreitigen Gewiſſensfrage zu folgen, ſondern vielmehr als eine Ermunterung gedeutet hatte, eines der goͤttlichen Gebote zu uͤbertreten, das Chriſten von allen Bekenntniſſen und Benennungen am Heiligſten halten. Iſt es moͤglich! ſprach Johanna, als ihr Vater aus der Thuͤre war. Sind es ſeine Worte, was ich gehoͤrt habe, oder hat der boͤſe Feind meines Vaters Stimme und Zuͤge angenommen, 10 um einen Rath einzuſchaͤrfen, der zum Verder⸗ ben fuͤhrt? Einer Schweſter Leben!— Und, ein Vater zeigt mir, wie ich's retten kann! O Gott, erloͤſe mich! Es iſt eine ſchreckliche Ver⸗ ſuchung. Von Gedanken zu Gedanken ſchweifend, meinte ſie einmahl, ihr Vater haͤtte das neunte Gebot buchſtaͤblich verſtanden, als ein Verbot des falſchen Zeugniſſes gegen den Naͤchſten, ohne darin auch das Verbot einer Unwahrheit zu Gun⸗ ſten der angeklagten Verbrecherinn zu finden. Bei dem hellen und reinen Blicke aber, womit ſie Gutes und Boͤſes unterſchied, verwarf ſie als⸗ bald eine ſo beſchraͤnkte, und des goͤttlichen Ge⸗ ſetgebers unwuͤrdige Auslegung. Sie blieb in dem Zuſtande der quuaͤlendſten Bangigkeit und Ungewißheit; ſie ſcheute ſich, ihre Gedanken ih⸗ rem Vater frei zu geſtehen, um nicht eine Mei⸗ nung ihm zu entlocken, der ſie nicht beiſtimmen konnte; ſie war wegen ihrer Schweſter in einer Bekuͤmmerniß, die noch ſchmerzlicher durch den Gedanken wurde, daß die Mittel zur Rettung in ihrer Gewalt waren, aber von ihrem Gewiſſen verdammt wurden, ſie ward, wie ein Schiff auf offener Rhede waͤhrend eines Sturmes, umge⸗ A 4 8 — 11 worfen, und gleich dieſem Schiffe wurde ſie nur von einem allein ſichern Tau und Anker veſt ge⸗ halten, dem Vertrauen auf die Vorſehung und dem Entſchluſſe, ihre Pflicht zu erfuͤllen. Butlers Zuneigung und ernſte Froͤmmigkeit wuͤrden in dieſer Bedraͤngniß ihre Hauptſtuͤtzen geweſen ſein; aber noch immer war ihr Freund verhaftet, und nicht im Stande, nach St. Leon⸗ hardfels zu kommen, und ihre Bekuͤmmerniſſe waren von der Art, daß ſie, bei ihrer Ungeuͤbt⸗ heit im Schreiben, es unmöͤglich fand, ſich ſchriftlich daruͤber zu erklaͤren. Sie mußte ſich unter dieſen Umſtaͤnden allein von ihrem Gefuͤhle fuͤr Recht und Unrecht leiten laſſen. Es war nicht ihr geringſter Kummer, daß ſie, bei ihrer Hoffnung und ihrem Vertrauen auf die Unſchuld ihrer Schweſter, doch nicht die Mit⸗ tel beſaß, aus Euphemia's Munde Gewißheit daruͤber zu erhalten. Ratcliffe war, trotz ſeiner Achſeltraͤgerei in Robertſon's Angelegenheit, den⸗ noch, wie es Achſeltraͤgern oft gelingt, mit Gunſt und Anſtellung belohnt worden. Sharpitlaw, der in ihm Geiſtesverwandtſchaft fand, hatte ſich bei dem Stadtrathe fuͤr ihn verwendet, und da Rateliffe freiwillig im Gefaͤngniſſe geblieben war, 12 als der Poͤbel die Pforte geſprengt hatte, ſo wuͤrde es hart geweſen ſein, ihm ein Leben zu rauben, deſſen Rettung ihm ſo leicht geweſen waͤre. Man gewaͤhrte ihm volle Verzeihung, und bald nachher ward Jakob Ratcliffe, der gröͤßte Dieb in Schottland, vielleicht im Ver⸗ trauen auf ein altes Sprichwort, zum Waͤchter anderer Verbrecher erwaͤhlt. Ratcliffe hatte kaum ſein Amt angetreten, als er von dem weiſen Sattelbaum, und An⸗ dern, die an David Deans und den Seinigen Antheil nahmen, mehrmahl angegangen wurde, den beiden Schweſtern eine Zuſammenkunft zu verſchaffen; die Stadtbeamten aber, die Robert⸗ ſon's Verhaftung angelegentlich wuͤnſchten, hat⸗ ten das Gegentheil ſtrenge verfuͤgt, in der Hoff⸗ nung, von einer der beiden Schweſtern, wenn ſie getrennt blieben, Nachrichten uͤber den Fluͤcht⸗ ling zu erlangen. Johanna wußte daruͤber nichts zu ſagen. Sie ſagte dem Rathsherrn Middleburgh, es waͤre ihr nichts von Robertſon bekannt, als daß ſie ihn in jener Nacht nach ge⸗ troffener Abrede geſehen, um von ihm einen Rath in der Angelegenheit ihrer Schweſter zu er⸗ halten, deſſen Inhalt, wie ſie ſagte, nur Gott 13 und ihr Gewiſſen wuͤßten. Von ſeinen fruͤhern, gegenwaͤrtigen oder kuͤnftigen Bewegungen, Vor⸗ ſaͤtzen und Entwuͤrfen, wußte ſie nichts und konnte ſie nichts mittheilen. Auch Euphemia war ſtumm, wiewohl aus einem andern Grunde. Vergebens verſprach man ihr eine Verwandlung und Milderung der geſetzlichen Strafe, ja ſelbſt Begnadigung, wenn ſie geſtehen wollte, was ſie von ihrem Geliebten wuͤßte. Sie antwortete nur mit Thraͤnen, bis ſie zuletzt, als man ſie durch weitere Fragen zu muͤrriſchem Eigenſinn getrieben hatte, kurze und unehrerbietige Antwort gab. Man hatte das Verhoͤr mehre Wochen auf⸗ geſchoben, in der Hoffnung, ſie uͤber einen Ge⸗ genſtand, woran der Obrigkeit weit mehr lag, als an des Maͤdchens Schuld oder Unſchuld, zum Geſtaͤndniſſe zu bringen; endlich aber war die Geduld erſchoͤpft, und als ſelbſt Middleburgh nicht mehr Gehoͤr mit ſeinen Verwendungen fand, wurde der Tag der gerichtlichen Verhand⸗ lung veſt geſetzt. Erſt jetzt, und nicht fruͤher, erinnerte ſich Sharpitlaw ſeines, der Gefangenen gegebenen Verſprechens, oder ließ ſich vielmehr durch die un⸗ 14 aufhoͤrlichen Vorſtellungen ſeiner Nachbarinn, Frau Sattelbaum, zur Nachgiebigkeit bewegen, da ſie ihm erklaͤrte, es ſei heidniſche Grauſamkeit, die beiden kummervollen Geſchoͤpfe von einander zu trennen. Er gab nun die wichtige Verfuͤ⸗ gung, die ihnen erlaubte, ſich zu ſehen. Am Vorabend des ereignißvollen Verhoͤrta⸗ ges durfte Johanna zu ihrer Schweſter kommen. Eine furchtbare Zuſammenkunft, in einem ſchmerzlich entſcheidenden Augenblicke! Auch dieß aber gehoͤrte in den bittern Kelch, den ſie trinken ſollte, um fuͤr Vergehungen und Thor⸗ heiten zu buͤßen, woran ſie ſchuldlos war. Mit⸗ tags um zwoͤlf Uhr war die beſtimmte Zeit, wo ſie Zutritt im Kerker erhielt, und ſie ging, um ihre ſchulbvolle, verlaſſene und ungluͤckliche Schweſter, nach einer Trennung von mehren Monaten, in der Wohnung der Schuld, der Verirrung und des Elends wiederzuſehen. II. — O laß mich, ſuͤße Schweſter, leben! Kann denn des Bruders Rettung Suͤnde ſein? Die That rechtfertigt die Natur ſo ſehr, Daß ſie zur Tugend wird. Maaß fuͤr Maaß. Johanne wurde von Ratcliffe in den Kerker ge⸗ fuͤhrt. Er, von Schaam wie von Ehrlichkeit entbloͤßt, fragte ſie, als er die nun dreifach ver⸗ riegelte Thuͤre oͤffnete, mit einem Hohnlachen, das ihr Schauder erweckte, ob ſie ſich ſeiner erinnerte. Ein halb ausgeſprochenes, furchtſames Nein war ihre Antwort. Wie, Ihr erinnert Euch nicht an den Mondſchein, an Muſchett's Stein, an Robchen und an Ratchen? fuhr er immer hoͤhniſch fort. Dein Gedaͤchtniß muß aufgefriſcht werden, Schaͤtzchen! r5 Haͤtte Johanna's Bekuͤmmerniß erhoͤht wer⸗ den koͤnnen, ſo wuͤrde es der Gedanke gethan ha⸗ ben, ihre Schweſter unter der Aufſicht eines ſo verworfenen Mannes zu finden. Er hatte aller⸗ dings auch etwas Gutes, das dem Boͤſen in ſei⸗ nem Weſen und ſeinen Gewohnheiten die Wage hielt. Nie war er in ſeinen Vergehungen blut⸗ duͤrſtig, oder grauſam geweſen, und in ſeinem gegenwaͤrtigen Berufe hatte er ſich einigermaßen empfaͤnglich fuͤr Regungen der Menſchlichkeit ge⸗ zeigt. Dieſe guten Eigenſchaften aber kannte Johanna nicht, die ſich nun des Auftrittes bei Muſchett's Steinen erinnerte, und kaum Worte finden konnte, um ihm zu ſagen, daß ſie Kraft einer obrigkeitlichen Verfuͤgung ihre Schweſter ſe⸗ hen duͤrfte. Das weiß ich recht gut, mein liebes Kind, und ich habe ja den ausdruͤcklichen Befehl, im Gefaͤngniß bei Euch zu bleiben, ſo lange Ihr Beide beiſammen ſeid. Muß das ſo ſein? ſprach Johanna mit fle⸗ hender Stimme. Ei ja freilich, Liebchen, antwortete der Schließer. Und was kann's Dir und Deinem Schweſterchen auch ſchaden, wenn Jakob Rat⸗ 7 cliffe hoͤrt, was Ihr mit einander ſprecht? Ihr koͤnnt, meiner Six! kein Wort ſagen, das mich euer eigenſinniges Geſchlecht beſſer kennen lehrte, als ich es ſchon kenne, und wenn Ihr nur nicht davon ſprecht, daß Ihr das Gefaͤngniß erbrechen wollt, ſo hohle der Henker das Wort, das ich wiederſage, es mag fuͤr Euch zum Guten, oder zum Boͤſen ausſchlagen koͤnnen. Mit dieſen Worten fuͤhrte Ratcliffe ſie in das Gemach, wo Euphemia gefangen ſaß. Schaam, Furcht und Kummer hatten an dem Morgen dieſes Tages, wo ſie der Zuſam⸗ menkunft entgegen ſah, in der Bruſt der armen Gefangenen geſtritten, als nun aber die Thuͤre ſich oͤffnete, wichen alle Regungen einem verwirr⸗ ten und ſonderbaren Gefuͤhle, das nicht ohne eine Miſchung von Freude war, waͤhrend ſie an ihrer Schweſter Halſe ausrief;„O meine liebe— liebe Johanna, ich habe Dich lange nicht ge⸗ ſehn!“ Johanna erwiderte die Umarmung mit ei⸗ ner Lebhaftigkeit, die an Entzuͤcken graͤnzte, aber es war nur eine fluͤchtige Regung, einem Son⸗ nenſtrahle gleich, der unerwartet durch Sturm⸗ wolken bricht und faſt ſo ſchnell verdunkelt wird, III. Theil. 2 als er ſichtbar geworden. Die beiden Schwe⸗ ſtern gingen zu einem Strohlager, ſetzten ſich neben einander, faßten ſich bei den Haͤnden und ſahen ſich ins Geſicht, ohne ein Wort zu ſagen. Sie blieben eine Minute in dieſer Stellung, waͤhrend der Strahl der Freude allmaͤhlich aus ihren Zuͤgen verſchwand, und dem innigſten Ausdrucke der Schwermuth und dann des Schmerzes wich, bis ſie endlich, noch einmahl ſich umarmend, bitterlich zu weinen anfingen. Selbſt der hartherzige Schließer, der ſein Le⸗ ben unter Auftritten hingebracht hatte, die Ge⸗ wiſſen und Gefuͤhl erſticken mußten, konnte die⸗ ſes Schauſpiel nicht anſehen, ohne von Mitge⸗ fuͤhl bewegt zu werden. Dieſe Regung zeigte ſich in einer unbedeutenden Handlung, die aber mehr Zartgefuͤhl verrieth, als man von Ratclif⸗ fe's Sinnesart und Stand haͤtte erwarten koͤn⸗ nen. Das Fenſter ohne Glasſcheiben in dem armſeligen Gemache ſtand offen und die Strah⸗ len der hellen Sonne fielen gerade auf das Bett, wo die Dulderinnen ſaßen. Mit einer Freund⸗ lichkeit, die an Ehrerbietung graͤnzte, verſchloß Ratecliffe das Fenſter zum Theil, und ſo warf er gleichſam einen Schleier uͤber den ſchmerzlichen Auftritt. 19 Du biſt krank, Effie— waren Johanna's erſte Worte: Du biſt ſehr krank. O was gaͤb' ich darum, waͤre ich noch zehn⸗ mal ſchlimmer, Johanna! erwiderte ſie. Was gaͤb' ich darum, wenn ich leichenkalt waͤre, ehe morgen die Glocke zehn geſchlagen! Und unſer Vater— Aber ich bin nicht mehr ſein Kind. O ich habe keinen Freund mehr in dieſer Welt! O laͤg' ich doch todt neben meiner Mutter auf dem Kirchhofe! Ei, mein Kind! fiel Ratcliffe ein, um die Theilnahme auszuſprechen, die er fuͤhlte: laß nur nicht den Muth ſo ganz ſinken! Es iſt man⸗ cher Fuchs gejagt worden und doch nicht gefallen. Advokat Rechneviel hat wohl Manchen aus ſchlimmern Haͤndein gezogen, als dieſer iſt, und Niemand weiß es ſo pfiffig anzufangen, um's zu einer Begnadigung zu bringen, als Herr No⸗ vit. Gehaͤngt oder ungehaͤngt, wer einen ſolchen Anwalt zum Rechtsfreund hat, der hat's gut; man weiß wenigſtens, daß es ehrlich zugeht. Und Ihr ſeid ein huͤbſches Kind dazu, wenn Ihr nur eure Haare ein bischen aufſtecken wolltet, und ein huͤbſches Kind wird Gnade bei Richter und Geſchworenen finden, wogegen ſie einen al⸗ 2* 20 ten Kerl, wie mich, fuͤr den funfzehnten Theil von der Haut und dem Fett eines Flohes auf⸗ knuͤpfen wuͤrden— hohl' ſie der Henker! Dieſe rohen Troſtworte ließen die Trauernden unbeantwortet, die auch ſo ſehr in ihren Kum⸗ mer verſunken waren, daß ſie Ratcliffe's Ge⸗ genwart kaum bemerkten. O Effie, ſprach Johanna: wie konnteſt Du deine Lage mir verhehlen! O hab' ich das um Dich verdient? Haͤtteſt Du nur ein Wort ge⸗ ſagt— wir haͤtten Kummer haben koͤnnen und auch wohl Schmach, aber dieſe ſchreckliche Schik⸗ Lung waͤre nicht uͤber uns gekommen. Und was haͤtte das helfen koͤnnen? antwor⸗ tete die Gefangene. Nein, nein, Johanna, alles war vorbei, als ich einmahl vergeſſen hatte, was ich verſprach, da ich das Blatt in meiner Bibel umbog. Sieh! fuhr ſie fort, das heilige Buch ihr zeigend: es oͤffnet ſich immer von ſelbſt bei der Stelle. O ſieh, Johanna, es ſind ſchreckliche Worte! Johanna nahm die Bibel, und ſah, daß das unſelige Zeichen auf die nachdruͤcklichen Worte im Buche Hiob*) deutete:„Er hat meine Ehre — *) Kap. 19. 21 mir ausgezogen, und die Krone von meinem Haupte genommen. Er hat mich zerbrochen um und um, und laͤßt mich gehen, und hat ausge⸗ riſſen meine Hoffnung, wie einen Baum.“ Iſt das nicht eine ganz wahre Lehre? ſprach die Gefangene. Iſt nicht mir die Krone, mir die Ehre genommen? Und was bin ich, als ein elender, verdorbener, hinfaͤlliger Baum, mit der Wurzel ausgeriſſen, und auf die Landſtraße hinaus geworfen, daß Menſchen und Thiere ihn mit Fuͤßen treten? Ich dachte an den huͤbſchen Dornſtrauch, den unſer Vater im letzten Mai aus dem Garten warf, wo er eben in voller Bluͤte ſtand, und er lag dann im Hofe, bis das Vieh ihn zertreten hatte. Als es mir leid that um das gruͤne Ding mit ſeinen Bluͤten, dachte ich wenig, daß es mir eben ſo gehen ſollte. O wenn Du nur ein Wort geſprochen haͤtteſt, ſchluchzte Johanna: wenn ich nur ſchwoͤren duͤrfte, daß Du mir ein Wort geſagt haͤtteſt, wie's mit Dir ſtaͤnde, ſo haͤtten ſie Dir jetzt nicht an's Leben kommen koͤnnen! Hätten ſie nicht? ſprach Euphemia, und ſchien Antheil zu verrathen, da das Leben ſelbſt Derjenige liebt, dem es eine Buͤrde iſt. Wer hat Dir das geſagt, Johanna? Es war Jemand, der recht gut wußte, was er ſagte, erwiderte Johanna, die einen natuͤr⸗ lichen Widerwillen hatte, auch nur den Nahmen des Verfuͤhrers ihrer Schweſter auszuſprechen. Wer war es? Ich beſchwoͤre Dich, ſag' es mir! ſprach Euphemia, ſich aufrichtend. Wer konnte Antheil nehmen an einer ſolchen Verwor⸗ fenen, als ich jetzt bin? War es— war er es? Ei was ſoll das heißen, fiel Ratcliffe ein: das arme Kind in Zweifel zu laſſen? Ich wette, Robertſon hat Euch das gelehrt, als Ihr ihn bei Muſchett's Steinen ſahet. War er's? ſprach Euphemia, Ratcliffe's Worte lebhaft auffaſſend. War er's wirklich, Johanna? O ich ſeh' es, er war's. Der arme Menſch! Und ich dachte, ſein Herz waͤre ſo hart, als ein Muͤhlſtein— und er war ſelber in ſo großer Gefahr— der arme Georg! Johanna war ein wenig unwillig uͤber dieſen Ausbruch zaͤrtlicher Gefuͤhle gegen den Urheber des Ungluͤckes, und konnte ſich des Ausrufes nicht enthalten:„O Effie, wie kannſt Du ſo von ei⸗ nem ſolchen Manne ſprechen?“ 23 Du weißt ja, wir muͤſſen unſern Feinden verzeihen, ſprach die arme Euphemia mit ſchuͤch⸗ ternem Blicke und halblauter Stimme. Ihr Ge⸗ wiſſen ſagte ihr, wie die Gefuͤhle, womit ſie noch immer ihren Verfuͤhrer betrachtete, ſo ganz an⸗ ders waͤren, als die chriſtliche Nachſicht, worun⸗ ter ſie dieſelben zu verſchleiern ſuchte. Und Ou haſt alles dieß um ſeinetwillen ge⸗ litten, und kannſt doch noch daran denken, ihn zu lieben? ſprach Johanna mit einem Tone, der zwiſchen Mitleid und Tadel ſchwankte. Ihn lieben? erwiderte Effie. Häͤtte ich nicht geliebt, wie ſelten ein Weib liebt, ſo waͤre ich heute nicht in dieſen Mauern. Und denkſt Du, eine Liebe, wie die meinige, ließe ſich leicht vergeſſen? Nein, nein— Du kannſt den Baum umhauen, nicht aber ſeinen Wuchs aͤndern— O Johanna, willſt Du mir Gutes erzeigen in dieſem Augenblicke, ſo ſage mir jedes Wort, das er ſprach, ſage mir, ob er die arme Effie be⸗ klagte, oder nicht. Was brauche ich Dir etwas davon zu ſagen? ſprach Johanna. Glaube mir, er hatte genug zu thun, ſich ſelber zu retten, und hatte nicht Zeit, lange oder viel von ſonſt Jemanden zu ſprechen. 24 Das iſt nicht wahr, Johanna, und haͤtte es ein Heiliger geſagt, antwortete Euphemia, mit einem Auflodern ihres fruͤhern lebhaften und reiz⸗ baren Gemuͤthes. Doch Du kannſt es nicht wiſ⸗ ſen, aber ich weiß es, wie ſehr er ſein Leben in Gefahr ſetzte, um mich zu retten. Sie warf einen Blick auf Ratcliffe, hielt inne und verſtummte. Ich glaube, ſprach Ratcliffe mit traulichem Hohnnecken: das Maͤdchen denkt, Niemand haͤtte Augen als ſie. Ich hab's ja wohl geſehen, wie der huͤbſche Georg auch gern noch ſonſt Je⸗ mand, als den Porteous, aus dem Gefaͤngniſſe bringen wollte. Aber Ihr denkt wie ich, liebes Kind, beſſer geſeſſen und bereut, als geſchwaͤrmt und bereut. Seht mich nur nicht ſo verwundert an. Ich weiß vielleicht noch von andern Dingen zu ſagen, als davon. O mein Gott! mein Gott! rief Euphemia aufſpringend, und warf ſich vor ihm auf die Kniee nieder. Wißt Ihr, wo ſie mein Kind gelaſſen haben? O mein Kind! mein Kind! Das arme, ſchuldloſe neugeborne Geſchoͤpf— Gebein von meinem Gebeine und Fleiſch von meinem Flei⸗ ſche! O wenn Ihr je Theil haben wollet an 25 dem Himmel, oder dem Segen eines gebroche⸗ nen Herzens auf Erden, ſo ſagt mir, wo hat man mein Kind gelaſſen, das meine Schande bezeugt und mein Leid theilen muß! Sagt mir, wer hat es hinweg genommen und was hat man damit gemacht? Ei ſtill doch! ſprach der Schließer und ſuchte ſich von der Ungluͤcklichen, die ihn mit kraͤftiger Hand veſt hielt, loszumachen. Das iſt ja, als ſollt' ich Zeugniß geben. Ihr Kind, ſagt ſie? Was zum Henker ſollt' ich von eurem Kinde wiſ⸗ ſen? Fragt die alte Grete Murdockſon danach, wenn Ihr ſelber nicht allzuviel davon wißt. Seine Antwort zerſtoͤrte die dunkle Hoffnung, die ploͤtzlich in der ungluͤcklichen Gefangenen er⸗ wacht war. Sie ließ ſeinen Rock los, und fiel, von einem heftigen Krampfe ergriffen, auf den Fußboden nieder. Johanna beſaß, außer ihrem ungemein hellen Verſtande, auch große Geiſtes⸗ gegenwart, ſelbſt in der aͤußerſten Bedraͤngniß. Sie ließ ſich nicht von dem Gefuͤhle ihres eigenen Kummers niederbeugen, ſondern eilte alsbald ih⸗ rer Schweſter zu Hilfe mit den bereiteſten Mit⸗ teln, welche die Umſtaͤnde darboten, und die Ge⸗ rechtigkeit fodert es, Rateliffe nachzuruͤhmen, 26 daß er eifrig und ſchnell damit an die Hand ge⸗ gangen. Er zeigte ſelbſt ſo viel Zartgefuͤhl, ſich in den entfernteſten Winkel des Gemaches zuruͤck zu ziehen, und ſeine amtliche Gegenwart war ſo wenig als moͤglich ſtoͤrend, waͤhrend Euphemia wieder Faſſung genug beſaß, die Unterredung mit ihrer Schweſter fortzuſetzen. Noch einmahl beſchwor ſie ihre Schweſter dringend und mit gebrochenen Toͤnen, ihr den Inhalt des Geſpraͤches mit Robertſon zu eröff⸗ nen, und Johanna fand es unmoͤglich, ihr dieſe Befriedigung zu verſagen. Erinnerſt Du dich, Effie, hob ſie an, wie Du das Fieber hatteſt, ehe wir von Woodend wegzogen, und wie deine Mutter, die jetzt an einem beſſern Orte iſt, ſo boͤſe wurde, als ich Dir Milch und Waſſer zu trinken gab, weil D danach ſchrieeſt? Du warſt nur noch ein Kind, und jetzt biſt Du erwachſen, und ſollteſt zu dei⸗ nem eignen Beßten mich nicht nach etwas fra⸗ gen, das Dir nur wehe thun koͤnnte. Aber mag Gutes oder Boͤſes daraus entſtehen, ich kann Der nichts abſchlagen, wenn Du mich mit Thraͤ⸗ nen im Auge darum bitteſt. Euphemia warf ſich wieder in Johanna's — 27 Arme und kuͤßte ſie auf Wange und Stirne, mit den leiſen Worten:„O wenn Du wuͤßteſt, ſeit wie lange ich ſeinen Nahmen nicht gehoͤrt habe; wenn Du nur wuͤßteſt, wie wohl es mir thut, etwas von ihm zu hoͤren, das wie Guͤte, oder Freundlichkeit ausſieht, ſo wuͤrdeſt Du Dich nicht wundern, daß ich gern etwas von ihm hoͤren moͤchte.. Johanna ſeufzte, und begann ihre Erzaͤhlung von allem, was zwiſchen Robertſon und ihr vor⸗ gefallen war, wobei ſie ſich anfaͤnglich ſo kurz als moͤglich faßte. Euphemia hoͤrte, kaum athmend, ihr zu, hielt die Hand ihrer Schweſter umfaßt, und ſah ihr veſt in's Geſicht, als haͤtte ſie jedes Wort verſchlingen wollen. Die Ausrufungen: der arme Junge! der arme Georg! die ihr leiſe und unter Seufzern entfuhren, waren die einzi⸗ gen Toͤne, womit ſie die Geſchichte unterbrach. Als die Erzaͤhlung zu Ende war, machte ſie eine lange Pauſe. Und dieß war ſein Rath? hob ſie endlich an. Ja? wie ich's Dir geſagt habe, antwortete Johanna. Und er wollte, daß Du etwas zu den Leuten dort ſagen ſollteſt, um mein junges Leben zu retten 8 25 Er wollte, daß ich einen falſchen Eid ſchwoͤ⸗ ren ſollte, gab Johanna zur Antwort. Und Du ſagteſt ihm, ſprach Euphemia, Du möͤchteſt nichts davon hoͤren, zwiſchen mich und den Tod zu treten, den ich erleiden ſoll— noch nicht achtzehn Jahre alt! Ich ſagte ihm, erwiderte Johanna, er⸗ ſchrocken uͤber die Wendung, welche die Gedan⸗ ken ihrer Schweſter zu nehmen ſchienen: daß ich's nicht wagte, eine Unwahrheit zu beſchwoͤren. Und was nennſt Du eine Unwahrheit? ſprach Euphemia, und verrieth noch einmahl eine Re⸗ gung ihres ehemahligen lebhaften Gemuͤthes. Du biſt ſehr zu tadeln, Maͤdchen, wenn Du glaubſt, eine Mutter wollte, oder koͤnnte ihr eigenes Kind ermorden. Ermorden? Ich haͤtte mein Leben dafuͤr hingegeben, um nur einen Blck ſeines Auges zu ſehen. Ich glaube, erwiderte Johanna, Du biſt an einem ſolchen Vorſatze ſo unſchuldig, als das neugeborne Kind ſelbſt. Es freut mich, daß Du ſo gerecht gegen mich biſt, ſprach Euphemia ſtolz. Sehr gute Men⸗ ſchen, wie Du biſt, Johanna, haben zuweilen den Fehler, daß ſie alle uͤbrige Welt fuͤr ſo ſchlecht — 29 halten, als die aͤrgſten Verſuchungen nur ma⸗ chen koͤnnen. Das habe ich nicht um Dich verdient, Effie, ſprach ſchluchzend Johanna, die zugleich die Un⸗ gerechtigkeit des Vorwurfes, und Mitleid mit dem Gemuͤthzuſtande fuͤhlte, woraus derſelbe her⸗ vor ging. Vielleicht nicht, Schweſter, antwortete Eu⸗ phemia. Du biſt boͤſe, daß ich Robertſon liebe.B Aber wie koͤnnte ich den Mann nicht lieben, der mich mehr als Leib und Seele liebt? Er ſetzte ſein Leben auf's Spiel, um das Gefaͤngniß zu erbrechen und mich hinaus zu laſſen, und ich weiß gewiß, waͤre es in ſeiner Gewalt geweſen, wie es nun in deiner iſt— Sie brach ab und ſchwieg. O wenn es doch bei mir ſtaͤnde, ſprach Jo⸗ hanna, Dich mit Gefahr meines Lebens zu retten! Ja, Maͤdchen, erwiderte Euphemia, das iſt leicht geſagt, aber es laͤßt ſich nicht ſo leicht glauben von Einer, die nicht ein Wort fuͤr mich daran wenden will, und wenn's ein unrecht Wort iſt, wirſt Du Zeit genug haben, es zu bereuen. 30 Aber dieſes Wort iſt eine ſchwere Suͤnde, und die Vergehung iſt deſto groͤßer, wenn man die Suͤnde vorſaͤtzlich und vermeſſen begeht. Gut, gut, Johanna, antwortete Euphemia. Ich erinnere mich an alles uͤber die Suͤnden aus Vermeſſenheit, noch von der Schule her. Wir wollen nicht mehr von dieſer Sache reden, und Du kannſt deinen Athem ſparen, deinen Kate⸗ chismus aufzuſagen. Ich werde bald keinen Athem fuͤr Jemand mehr haben. Ja, das muß wahr ſein, ſprach Ratcliffe, es iſt verdammt hart, daß Ihr ſo viel Umſtaͤnde macht, drei Worte zu beſchwoͤren, wenn Ihr das Maͤdchen damit vom Galgen retten koͤnnt. Ich will verdammt ſein, ich beſchwoͤre jedweden Quark, um ihr's Leben zu retten, wenn man mich ſonſt nur dazu laſſen will; ich bin's, meiner Six! gewohnt um geringerer Dinge willen. Ich habe in England funfzigmahl meine drei Finger aus⸗ geſtreckt fuͤr ein Faͤßchen Branntwein. Kein Wort mehr davon! ſprach die Gefan⸗ gene. Es iſt auch ſo gut. Lebe wohl, Schwe⸗ ſter. Herr Ratcliffe kann nicht laͤnger warten. Du wirſt wiederkommen, denk' ich, und mich ſehen, ehe— 31 Sie ſchwieg und ward leichenblaß. Und ſo muͤßten wir ſcheiden? ſprach Johan⸗ na. Und Du in Todesgefahr? O Effie, ſieh nur auf, und ſage mir, was ſoll ich thun, und ich koͤnnte faſt den Muth in meinem Herzen fin⸗ den, zu ſagen, daß ich's wollte. Nein, Johanna, erwiderte Euphemia, ſich ſelbſt bezwingend. Ich habe mich eines beſſern beſonnen. In meiner beßten Zeit war ich nicht halb ſo gut als Du, und warum ſollteſt Du an⸗ fangen, Dich ſchlechter zu machen, um mich zu retten, jetzt da ich der Rettung nicht werth bin? Gott weiß es, wenn ich ruhig uͤberlegen kann, wuͤnſche ich nicht, daß irgend Jemand etwas Unrechtes thaͤte, um mein Leben zu retten. Ich haͤtte in jener furchtbaren Nacht aus dieſem Ge⸗ faͤngniſſe entfliehen koͤnnen mit Jemanden, der mich durch die Welt gebracht haͤtte, und mir Freund und Beſchuͤtzer geweſen waͤre. Aber ich ſagte, mag das Leben dahin gehen, wenn der gute Ruf vorher davon gegangen iſt. Doch dieſe lange Gefangenſchaft hat meinen Muth gebro⸗ chen, und wenn ich zuweilen mit meinem Leid allein bin, moͤchte ich alles Gold und alle De⸗ manten Indiens fuͤr Leben und Athem geben. Johanna, es iſt mir zuweilen, wie in der Fie⸗ berhitze, aber ich ſehe dann nicht die feurigen Au⸗ gen und die Woͤlfe und den Ochſen der Frau Butler, die auf mein Bett kletterten; es iſt mir, als ſaͤhe ich einen hohen ſchwarzen Galgen, und ſtaͤnde oben, und ſaͤhe ein Meer von Geſichtern, die alle hinauf blickten zur armen Effie Deans, und fragten, ob ſie's waͤre, die Georg Robertſon die Lilie von Leonhardfels zu nennen pflegte. Und dann ſtrecken ſie die Geſichter herauf, und ver⸗ zerren ſie und grinſen mich an, und wohin ich nur blicke, da ſehe ich ein Geſicht, das mich anlacht, wie Grete Murdockſon, als ſie mir ſagte, ich haͤtte mein Kind zum Letztenmahl geſehn. Gott behuͤte uns, Johanna, das Weib hat ein ſchreck⸗ liches Geſicht. Sie bedeckte bei dieſen Worten ihr Geſicht mit beiden Haͤnden, als haͤtte ſie ſich vor dem An⸗ blicke des erwaͤhnten furchtbaren Gegenſtandes ſichern wollen. Johanna blieb zwei Stunden bei ihrer Schwe⸗ ſter und ſuchte waͤhrend dieſer Zeit etwas aus ihr heraus zu bringen, das zur Rechtfertigung der Angeklagten dienlich ſein konnte. Euphemia aber wußte nichts zu ſagen, als was ſie bereits beim 33 erſten Verhoͤre ausgeſagt hatte, womit der Leſer zu ſeiner Zeit und an ſeinem Orte auch bekannt gemacht werden ſoll. Man wuͤrde ihr nicht glauben, ſagte ſie, und ſie haͤtte nichts mehr zu ſagen. Endlich ſagte Ratcliffe, wiewohl ungern, den beiden Schweſtern, daß ſie ſich trennen muͤßten. Herr Novit, ſetzte er hinzu, muͤßte mit der Ge⸗ fangenen ſprechen, und vielleicht auch Herr Rech⸗ neviel.„Ein huͤbſches Kind ſieht Rechneviel gern, fuhr er fort, in und außer dem Ge⸗ faͤngniſſe.“ Zoͤgernd und langſam, nach vielen Thraͤnen und vielen Umarmungen, verließ Johanna das Gemach, und hoͤrte, wie die knarrenden Riegel den Kerker des geliebten Weſens ſchloſſen, von welchem ſie nun getrennt war. Selbſt mit ih⸗ rem rauhen Fuͤhrer ein wenig befreundet, bot ſie ihm ein kleines Geldgeſchenk an, mit der Bitte, er moͤchte fuͤr die Bequemlichkeit ihrer Schweſter thun, was er koͤnnte. Zu ihrer Verwunderung wurde die Gabe abgelehnt.„Ich war nicht blutgierig, ſprach er, als ich auf der Landſtraße war, und will nicht habſuͤchtig ſeim— das heißt über Recht und Billigkeit— jetzt da ich's mit III. Theil. 3 34 4. den Schluͤſſeln zu thun habe. Behaltet euer Geld, und eurer Schweſter ſoll alle Hoͤflichkeit erwieſen werden, die ich erweiſen kann; aber ich hoffe, Ihr werdet Euch eines beſſern beſinnen, und einen Eid fuͤr ſie ſchwoͤren. Es iſt mein Seel! nicht ein Haͤrchen Boͤſes darin, wenn Ihr die Finger ſo ausſtreckt, daß Ihr von Euch ab⸗ ſchwoͤrt. Ich habe einen wuͤrdigen Geiſtlichen gekannt, der ein ſo guter Mann war, als je ei⸗ ner auf der Kanzel ſchwatzte— freilich bis auf die Sache, woruͤber er in Unterſuchung kam— und ich ſag' Euch, er ſchwur auf eine Ladung Rollentabak, und kriegte zum Lohne nicht mehr davon, als in ſeine Taſche ging. Aber vielleicht folgt Ihr dabei eurer eignen Meinung. Nun auch gut, hat nichts zu bedeuten. Eure Schwe⸗ ſter ſoll ihr Eſſen rein und warm bekommen, darauf will ich ſchon ſehen, und ich will ſie zu bewegen ſuchen, daß ſie nach dem Eſſen ſich nie⸗ derlegt und ein Schlaͤſchen macht; denn dieſe Nacht wird ſie meiner Treu! kein Auge ſchlie⸗ ßen. Ich habe gute Erfahrung in ſolchen Din⸗ gen. Die erſte Nacht iſt immer die ſchlimmſte. Ich habe nie gehoͤrt, daß Jemand gut geſchla⸗ fen haͤtte in der Nacht vor dem Verhoͤre, aber —— — — 35 von Vielen hab' ich gehoͤrt, die wie ein Dachs ſchliefen in der Nacht vor dem Morgen, wo ih⸗ nen der Hals ausgeſtreckt wurde. Es iſt auch kein Wunder; das Schlimmſte laͤßt ſich ertra⸗ gen, wenn man's weiß. Beſſer ab mit einem Finger, als immer gequaͤngelt⸗ 00 . III. Und wirſt mit Schimpf Du fortgeſchleppt, Schmachvollen Dod zu finden, Es wird mit Dir ein treuer Freund Im DTode ſich verbinden⸗ Jemmy Dawſon. David Deans hatte den groͤßten Theil des Morgens der Andacht gewidmet, da ſeine wohl⸗ wollenden Nachbarn freundlich darauf beſtanden, ſein gewoͤhnliches Tagewerk fuͤr ihn zu verrichten. Er trat in die Wohnſtube, als das Fruͤhſtuͤck bereit war. Unwilluͤhrlich ſchlug er die Augen nieder, beſorgt, Johanna's Blicken zu begegnen, da er ungewiß war, ob ihr Gewiſſen es ihr er⸗ laubt haͤtte, an dieſem Tage im Gerichtshofe zu erſcheinen, um zur Rechtſertigung ihrer Schwe⸗- ſter das Zeugniß zu geben, das ſie, wie er hoͤrte, geben konnte. Endlich, als er eine Minute lang angſtlich gezoͤgert hatte, blickte er auf ihren An⸗ zug, um zu entdecken, ob ſie geſonnen waͤre, an dieſem Morgen auszugehen. Sie war nett und einfach gekleidet, aber die Abſicht, aus dem Hauſe zu gehen, verrieth ſich doch nicht deutlich. Statt der gewoͤhnlichen Kleidung fuͤr die haͤus⸗ liche Morgenarbeit, hatte ſie einen Anzug ange⸗ legt, der etwas geringer war, als ihre beßten Kleider, womit ſie ſich zum Kirchgange, oder bei ſeltnern Gelegenheiten zu einem Beſuche zu ſchmuͤcken pflegte. Ihr Verſtand ſagte ihr, daß es die Ehrerbietung gegen die Obrigkeit verlangte, bei einer ſolchen Gelegenheit anſtaͤndig gekleidet zu ſein, waͤhrend ihr Gefuͤhl ſie lehrte, die we⸗ nigen einfachen Zierrathen bei Seite zu legen, die ſie bei andern Gelegenheiten ſich erlaubte. Es war daher nichts in ihrem Aeußern, wo⸗ durch ihrem Vater auch nur mit einiger Gewiß⸗ heit waͤre angedeutet worden, was ſie bei dieſer Gelegenheit ſich vorgenommen hatte. Vergeblich waren an dieſem Morgen die Vorbereitungen zu ihrem einfachen Mahle. Va⸗ ter und Tochter ſtellten ſich, als ob ſie eſſen woll⸗ ten, ſo lange ſie einander bemerkten, und mit Widerwillen ließen ſie von der Anſtrengung ab, 38 als dieſe wohlwollende Taͤuſchung nicht laͤnger noͤthig zu ſein ſchien. Endlich waren dieſe Augenblicke des Zwangs voruͤber. Der dumpfe Glockenſchlag der Aegi⸗ diuskirche verkuͤndigte die naͤchſte Stunde vor dem Verhoͤre. Johanna ſtand auf, und mit ei⸗ ner Faſſung, die ſie ſich ſelber nicht erklaren konnte, nahm ſie ihren Mantel und machte die uͤbrigen Vorbereitungen zu einer weiten Wande⸗ rung. Die Standhaftigkeit in ihrem Beneh⸗ men war ſeltſam abſtechend gegen das Schwan⸗ ken und die grauſame Unſchluͤſſigkeit, die alle Bewegungen ihres Vaters verriethen, und wer Beide nicht gekannt haͤtte, wuͤrde kaum vermu⸗ thet haben, daß Johanna im gewoͤhnlichen Le⸗ ben ein folgſames, ſtilles, ſanftes, ja ſchuͤchter⸗ nes Landmaͤdchen war, waͤhrend ihr Vater, bei einem von Natur ſtolzen und kraͤftigen Gemuͤ⸗ the, und durch ernſte, ſtrenge und unbeugſame Glaubensmeinungen unterſtuͤtzt, zu ſeiner Zeit die haͤrteſten Beſchwerden und die drohendſten Gefahren mannhaft beſtanden, ohne ſeinen Muth beugen, oder ſeine Beſtaͤndigkeit erſchuͤt⸗ tern zu laſſen. Das Geheimniß dieſer Verſchie⸗ denheit lag darin, daß Johanna ſich das Betra⸗ 5 N gen, welches ſie beobachten mußte, mit allen na⸗ tuͤrlichen und nothwendigen Folgen deſſelben, be⸗ ꝛeits klar vorgeſtellt hatte, waͤhrend ihr Vater, mit allen andern Umſtaͤnden unbekannt, ſich mit dem Gedanken quaͤlte, was die eine Schweſter ſagen, oder beſchwoͤren, oder welche Wirkung ihr Zeugniß auf den furchtbaren Erfolg des Verhoͤ⸗ res haben moͤchte. Er beobachtete ſeine Tochter unruhig und un⸗ ſchluͤſſig, bis ſie, im Begriffe, das Zimmer zu verlaſſen, mit einem Blicke voll unausſprechlicher Angſt ſich nach ihm umſah. Mein liebes Kind, ſprach er, ich will— Haſtig und unruhig ſuchte er bei dieſen Wor⸗ ten ſeine wollenen Handſchuhe und ſeinen Stock, und verrieth dadurch ſein Vorhaben, mit ihr zu gehen, obgleich ſeine Zunge es nicht auszuſpre⸗ chen vermochte. Vater, ſprach Johanna, mehr auf ſeine Handlung, als auf ſeine Worte deutend: es waͤre beſſer, Ihr thaͤtet es nicht. Ich vertraue auf meinen Gott, erwiderte er gefaßter, und ich will voran gehen. Er nahm den Arm ſeiner Tochter, und ging ſo raſch, daß Johanna kaum im Stande war, 4⁰ gleichen Schritt mit ihm zu halten. Ein unbe⸗ deutender Umſtand, der aber ſein verſtoͤrtes Ge⸗ muͤth verrieth, hemmte ſeine Schritte.„Eure Muͤtze, Vater!“ ſprach Johanna, als ſie be⸗ merkte, daß ſein graues Haar unbedeckt war. Er kehrte zuruͤck, leiſe erroͤthend, wie beſchaͤmt, auf einer Unterlaſſung ertappt worden zu ſein, die ſoviel Seelenunruhe verrieth, hohlte nun ſeine große blaue ſchottiſche Muͤtze, und als haͤtte jener Umſtand ihn genoͤthigt, ſeine Entſchloſſenheit zu erwecken, und ſeine zerſtreuten Gedanken zu ſammeln, ging er mit langſamern und ruhigern Schritten, und ſeiner Tochter Arm wieder faſ⸗ ſend, nahm er den Weg nach Edinburgh. Die Sitzungen des Gerichtes wurden zu je⸗ ner Zeit, wie noch jetzt, im ſogenannten Parlia⸗ mentshofe, in dem fuͤr die ſchottiſchen Staͤnde beſtimmten Gebaͤude, gehalten. Dieſes Ge⸗ baͤude war zwar von einer unvollkommenen und geſchmackloſen Bauart, hatte aber zu jener Zeit ein ernſtes, anſtaͤndiges, gleichſam gerichtmaͤßiges Anſehen, und es haͤtte wenigſtens wegen ſeiner Alterthuͤmlichkeit Schonung verdient. Der neuere Geſchmack hat jedoch, wie ich bei meinem letzten zufaͤlligen Beſuche der Hauptſtadt be⸗ ——— „ —₰XAx 41 merkte, dieſe ehrwuͤrdige Vorderſeite, offenbar nicht ohne großen Koſtenaufwand, durch einen Anbau erſetzt, der mit jedem benachbarten Denk⸗ mahl des Alterthums ſo ganz unverträglich und dabei an ſich ſo plump und wunderlich iſt, daß man ihn mit dem Schmucke des Thorwaͤrters Thomas Errand in der Reiſe zum Jubelfeſt,*) wo er in dem Flitterputze des Stutzers Clincher erſcheint, vergleichen koͤnnte. Sed transeat cum caeteris erroribus. Schon ſah man in dem kleinen Viereck des Parliamentshofes Zeichen des bevorſtehenden verhaͤngnißvollen Schauſpieles. Die Stadtſol⸗ daten waren auf ihren Poſten, und der Poͤbel, der ſich draͤngte, um die ungluͤcklichen Gefange⸗ nen auf dem Wege aus dem nahen Kerker zu dem Gerichtſaale zu ſehen, wurde von ihnen bald nachſichtig behandelt, bald mit den Ge⸗ wehrkolben rauh zuruͤck geſtaoßen. Wer haͤtte nicht mit Widerwillen bemerkt, mit welcher Gleichgiltigkeit der Poͤbel Schauſpielen dieſer Art zuſieht, und wie ſelten er, wenn anders nicht ſein Mitgefuͤhl durch auffallende und außeror⸗ dentliche Umſtaͤnde aufgeregt wird, ſeinen An⸗ —— *) Luſtſpiel von Farquhar. L. 42 theil auf eine innigere Weiſe verraͤth, als durch gefuͤhlloſes, gedankenloſes Laͤrmen und rohe Neu⸗ gier. Man lacht, ſcherzt, zankt und ſtoͤßt ſich hin und her, mit eben ſo viel kalter Gleichgiltig⸗ keit, als ob man zu einer Feſttagsluſtbarkeit verſammelt waͤre, oder einen nichtsbedeutenden Aufzug anſehen wollte. Zuweilen wechſelt jedoch dieſes, dem verdorbenen Poͤbel einer großen Stadt ſo natuͤrliche Betragen, mit der augen⸗ blicklichen Regung menſchlichen Wohlwollens, und ſo geſchah es auch bei dieſer Gelegenheit. Als Deans und ſeine Tochter zu dem Par⸗ liamentshofe kamen, und ſich den Weg zum Ge⸗ richtſaale zu bahnen ſuchten, geriethen ſie unter den Poͤbelhaufen, deſſen Ungezogenheit ſich auch an ihnen ausließ. David wehrte mit Nachdruck die Stoͤße ab, die er von allen Seiten empfing, wobei ſeine Geſtalt und ſein alterthuͤmlicher An⸗ zug die Aufmerkſamkeit des Poͤbels reizten, der oft mit ahnungvollem Scharfblicke aus dem Aeu⸗ Hern die perſoͤnliche Eigenheit erraͤth. Im Schooße ſitzt dem Gluͤcke, Ihr von der Bothwell⸗Bruͤcke!*) *) Wo die Presbyterianer 1679 eine Niederlage erlitten. 8. —— — *9 ſang ein Burſche, denn der Poͤbel von Edinburgh war zu jener Zeit der Partei der Stuarte ergeben, vermuthlich weil dieſe Geſinnung den Grundſatzen der herrſchenden Machthaber gerade entgegen ge⸗ ſetzt war. Das Pfafflein David Williamſon, Ausgeſucht aus Zwanzig, Er lief die Kanzeltrepp' hinan Und ſang von Killiekrankie.) hob eine Syrene an, deren Gewerbe ihr Aeuße⸗ res verrathen konnte. Ein zerlumpter Laufbur⸗ ſche, den Deans weggeſtoßen hatte, als er ſich von jenen Spoͤttern los zu machen ſuchte, rief mit einem auffallenden hochlaͤndiſchen Tone: „Der Teufel ſoll dem Cameronier**) die Au⸗ gen auskratzen! Wer gibt ihm das Recht, an⸗ dre angeſehene Leute auf die Seite zu ſtoßen?“ Macht Plat fuͤr den regierenden Aelteſten,***) ſprach ein Andrer: er will ſehen, wie eine herr⸗ liche Schweſter Gott auf dem Grasmarkt lob⸗ preiſet. *) Im Jahr 168g ſiegten hier die Anhaͤnger des Hauſes Stuart unter Dundee. *⁴) S. Bd. 1. S. 194. **) S. Bd. 2. S, 215. 44 Still, Ihr ſolltet Euch ſchaͤmen! rief ſehr laut eine maͤnnliche Stimme, die dann, ſchnell ſinkend, mit leiſem, aber vernehmlichen Tone hinzu ſetzte:„Es iſt ihr Vater und ihre Schweſter.“ Alle wichen aus, um den Ungluͤcklichen Platz zu machen, und Ale, ſelbſt die roheſten und zu⸗ gelloſeſten Menſchen, verſtummten beſchaͤmt. In dem Raume, den der Pöbel ihnen offen ließ, ſtand Deans, die Hand ſeiner Tochter haltend, und ſeine Zuͤge ſprachen kraͤftig und ernſt ſeine innere Bewegung aus, waͤhrend er ſie anredete: „Du hoͤreſt mit deinen Ohren und ſieheſt mit deinen Augen, wem die Spoͤtter den Abfall und die Abtruͤnnigkeit der Bekenner des Glau⸗ bens zuſchreiben. Nicht ihnen ſelber allein, ſon⸗ dern auch der Kirche, deren Glieder ſie ſind, und ihrem heiligen und unſichtbaren Haupte. Darum moͤgen wir unſern Antheil an dieſem Vorwurfe mit Geduld ertragen.“ Der Mann, der vorher geſprochen, Niemand anders, als unſer alter Freund Dumbiedikes, dem nur die dringenden Umſtaͤnde, wie dem Eſel des Profeten, den Mund geoͤffnet hatten, geſellte ſich nun zu ihnen, und geleitete ſie mit ſeiner gewoͤhnlichen Schweigſamkeit in den Gerichtſaal. 45 Niemand wehrte ihnen den Eingang, weder Wa⸗ chen noch Thuͤrſteher, und man behauptet ſogar, es haͤtte Einer von dieſen einen Schilling Trink⸗ geld ausgeſchlagen, den ihm Dumbiedikes anbot, in der Meinung, mit Geld ließe ſich alles aus⸗ gleichen. Dieſer letzte Umſtand bedarf jedoch Be⸗ ſtaͤtiaung. Als ſie im Innern des Gerichtshauſes wa⸗ ren, fanden ſie die gewoͤhnliche Zahl geſchaͤftiger Beamten und geſchaͤftloſer Muͤſſiggaͤnger, die ſolchen Auftritten nach freier Wahl, oder aus Pflicht beiwohnen. Buͤrger gafften und ſtierten, junge Rechtsgelehrten ſchlenderten umher, ſpoͤt⸗ telten und lachten, wie im Schauſpielhauſe, waͤh⸗ rend Andre auf einer einſamen Bank ſaßen, und uͤber den vorliegenden Rechtsfall in ernſtliche Er⸗ oͤrterungen ſich einließen. Man erwartete die Richter, und die Geſchworenen waren bereit. Die oͤffentlichen Anklaͤger blickten in ihre Schrif⸗ ten, machten ernſthafte Geſichter und fliſterten mit einander. Sie ſaßen an einer Seite eines großen Tiſches unter der Richterbank, auf der andern Seite aber die Anwalte, welche nach der menſchenfreundlichen Verfuͤgung des ſchottiſchen Rechts, das in dieſem Punkte weit großmuͤthiger 46 als das engliſche iſt, nicht nur die Erlaubniß, ſondern ſogar die Verpflichtung haben, den An⸗ geklagten mit ihrem Rathe und ihren Kenntniſſen beizuſtehen. Novit war mit unruhiger und wich⸗ tig thuender Geſchaͤftigkeit bemuͤht, den Sach⸗ walter der Angeklagten zu unterrichten. Als ſie in den Saal traten, fragte Deans den Landjunker mit bebendem Fliſtern:„Wo wird ſie ſitzen?“ Dumbiedikes fragte leiſe ſeinen Rechtsfreund, der auf einen leeren Sitz, der Richterbank gegen⸗ uͤber, deutete, und ſich anſchickte, den Vater da⸗ hin zu fuͤhren. Nein! ſprach Deans, ich kann nicht neben ihr ſitzen. Ich kann ſie nicht als mein Kind an⸗ erkennen— jetzt wenigſtens nicht. Ich will ihr aus dem Geſichte bleiben, und meine Blicke an⸗ derswohin richten. So iſt's beſſer fuͤr uns Beide. Sattelbaum, der ſich bei ſeiner ſteten Zu⸗ dringlichkeit ſchon einige Verweiſe von dem An⸗ walte zugezogen hatte, und ernſtlich erſucht wor⸗ den war, ſich um ſeine eigenen Angelegenheiten zu bekuͤmmern, ſah nun mit Freude eine Gele⸗ genheit, den Wichtigen zu ſpielen. Er eilte ge⸗ ſchaͤftig zu dem armen alten Manne, und zeigte 47 ſeinen Einfluß, indem er ihm durch ſein Anſehen bei den Waͤchtern und Gerichtsdienern einen Piatz ausmittelte, wo Deans durch die vorſpringende Ecke der Richterbank den Blicken der Verſamm⸗ lung entzogen wurde. Es iſt gut, einen Freund im Gerichte zu ha⸗ ben, ſprach er, in ſeinem herzloſen Geſchwaͤtze fortfahrend, worauf Deans bei ſeiner Gleichgil⸗ tigkeit weder hoͤrte, noch antwortete Einen ſol⸗ chen Platz haͤtten Euch wenig andre Leute ver⸗ ſchaffen koͤnnen. Die Herren Richter werden ſofort erſcheinen und das Verhoͤr instanier be⸗ ginnen.— Aber um's Himmelwillen, was iſt das? Hannchen, Ihr ſeid eine vorgeladene Zeu⸗ ginn— Gerichtsfrohn, dieſes Maͤdchen iſt ja eine Zeuginn. Sie muß abgeſondert werden Sie darf auf keinen Fall im Saale bleiben. Nicht wahr, Herr Novit, Johanna Deans muß abge⸗ ſondert werden? Novit bejahte es, und wollte das Maͤdchen in das Zimmer fuͤhren, wo nach der gewiſſenhaf⸗ ten Sitte der ſchottiſchen Gerichte die Zeugen, bis ſie zur Ablegung ihrer Ausſage gerufen werden, bleiben muͤſſen, und zugleich von Allen abgeſon⸗ dert ſind, die auf ihr Zeugniß Einfluß haben, 4⁸ oder ihnen von den Verhandlungen bei dem Ver⸗ hoͤre Nachricht geben koͤnnten. Iſt dieß nothwendig? ſprach Johanna, die ungern ihres Vaters Hand los laſſen wollte. Durchaus nothwendig, erwiderte Sattel⸗ baum. Wer hat je gehoͤrt, daß Zeugen nicht waͤren abgeſondert worden? Es iſt allerdings nothwendig, ſprach der An⸗ walt ihrer Schweſter, und Johanna folgte nun ungern dem Gerichtsdiener in das Zeugenzimmer. Das nennt man, einen Zeugen ſequeſtriren, Herr Deans, ſprach Sattelbaum. Aber Ihr wuͤrdet vielleicht nicht ſelber ausgefunden haben, daß dieß etwas anderes iſt, als liegende Guͤter, oder fahrende Habe ſequeſtriren. Ich bin oft als Zeuge ſequeſtrirt worden, da der Sheriff mich zuweilen bei Vorbeſchieden als Zeugen braucht, nie aber war ich in dem Fall, mit Hab' und Gut in's Sequeſter zu kommen, als einmahl, doch das iſt lange her, und ehe ich verheirathet war— Aber ſtill! da kommen die Herren Richter. Bei dieſen Worten erſchienen die fuͤnf Rich⸗ ter in ihren langen, weiß verbraͤmten Scharlach⸗ kleidern, und vor ihnen her ging der Gerichtsdie⸗ — 49 ner mit dem Zeichen der richterlichen Gewalt. Sie ſetzten ſich auf ihre Plaͤtze. Die Verſamm⸗ lung ſtand auf, ſie zu begruͤßen. Kaum war die Bewegung, welche ihre Ankunft verurſacht hatte, geſtillt, als das laute Geraͤuſch und die Verwir⸗ rung bei dem gewaltſamen Eindringen der Neuu⸗ gierigen in die Thuͤren des Saales und der Galle⸗ rieen, die Ankunft der Gefangenen ankuͤndigten. Dieſer Laͤrm entſteht, wenn die Thuͤren, die an⸗ faͤnglich bloß fuͤr Diejenigen offen ſind, welche entweder ein Recht haben, der Verhandlung bei⸗ zuwohnen, oder durch ihren Rang Zutritt er⸗ halten, endlich allen Neugierigen geoͤffnet wer⸗ den. Mit entflammten Geſichtern und herab⸗ geriſſenen Kleidern drang der rohe Haufe her⸗ ein, waͤhrend ſie bald mit einander kaͤmpften, bald uͤber einander herſtuͤrzten, und nur mit aller Anſtrengung konnten einige Soldaten, die man in der Mitte dieſer Flut ſah, der Gefan⸗ genen den Weg zu dem Platze bahnen, den ſie einnehmen ſollte. Durch das Anſehen der Be⸗ amten und die Bemuͤhungen der Gerichtsdiener, ward endlich der Laͤrm unter den Zuſchauern geſtillt, und das ungluͤckliche Maͤdchen erſchien, zwiſchen zwei Schildwachen mit aufgepflanztem 1II. Theil. 4 50 Bajonett, als Gefangene vor den Schranken, wo ſie das Urtheil uͤber Leben oder Tod erwar⸗ ten ſollte. -— 51 IV. Wir haben ſtrenge Satzung, ſcharf Geſetz, Gebiß und Kappzaum fuͤr Halsſtarrigkeit; Doch vierzehn Jahre ließen wir's im Schlaf, Gleich einem alten Loͤwen in der Hoͤhle, Der nicht auf Raub ausgeht. Shakſpeare's Maaß fuͤr Maaß. Euphemia Deans, ſprach der vorſitzende Rich⸗ ter, mit einem Tone, worin Mitleid und Wuͤrde verſchmolzen: ſteht auf, und hoͤret die peinliche Anklage, die gegen Euch erhoben werden ſoll. Die Ungluͤckliche, betaͤubt von dem Gewuͤhle, wodurch die Waͤchter den Weg gebahnt hatten, warf einen verſtoͤrten Blick auf die Menge, wel⸗ che die Waͤnde von der Decke bis zum Fußboden in einem breiten Abhange gleichſam mit einem Teppich von Menſchengeſichtern zu uͤberziehen ſchien, und gehorchte unbewußt einem Befehle, 4* 52² der wie die Poſaune des Weltgerichts in ihren Ohren klang. 3 Streicht eure Haare zuruͤck, Effie, ſprach Ei⸗ ner der Gerichtsdiener.— Die ſchoͤnen und uͤp⸗ pigen Flechten des langen feinen Haares, das Unverheirathete nach der Sitte des Landes mit keiner Art von Haube bedecken durften, und das Euphemia leider nicht mehr mit der Schleife, dem Sinnbilde des fleckenloſen Maͤdchenrufes, zu knuͤpfen wagte, hingen nun ungebunden und zer⸗ ſtreut um ihr Geſicht und verbargen beinahe ihre Zuͤge. Als ſie jenen Wink von dem Gerichts⸗ diener erhalten hatte, ſtrich ſie mit haſtiger, zit⸗ ternder und dem Anſehen nach unwillkuͤhrlicher Folgſamkeit die uͤppigen Locken zuruͤck, und zeigte der ganzen Verſammlung, Einen ausgenommen, ein Geſicht, welches zwar bleich und abgemagert, aber in ſeinem Schmerze doch ſo lieblich war, daß ein allgemeines Gemurmel von Theilnahme und Mitleid ſich hoͤren ließ. Der ausdruckvolle Ton menſchlichen Gefuͤhles erweckte vermuthlich das arme Maͤdchen aus der bangen Betaͤubung, die anfaͤnglich jede andre Empfindung beherrſcht hatte, und machte ſie fuͤr nicht minder peinliche Regun⸗ gen empfaͤnglich, als ſie ſich in ihrer gegenwaͤrti⸗ — — 53 gen Lage beſchaͤmt und allen Blicken ausgeſtellt ſah. Ihr Auge, das zuerſt wild umher geblickt hatte, ſenkte ſich, und ihre Wange, anfaͤnglich leichenblaß, ward allmaͤhlig von einer ſchwachen Röthe uͤberzogen, die ſo ſchnell zunahm, daß in dem Augenblicke, wo ſie mit ſchmerzlicher Scham ihr Geſicht zu verbergen ſuchte, ihre Schlaͤfe, ihre Stirne, ihr Hals, und alles, was die zarten Finger der kleinen Haͤnde nicht decken konnten, hochroth ergluͤhten. Alle bemerkten mit Ruͤhrung dieſe Veraͤnder⸗ ungen, nur Einer nicht. Es war der alte Deans, der unbeweglich auf ſeinem Sitze und, wie geſagt, verborgen hinter der vorſpringenden Ecke der Bank ſaß, wo er nicht ſehen und nicht geſehen werden konnte, aber dennoch ſeine Blücke unverruͤckt auf den Boden heftete, als waͤre er entſchloſſen gewe⸗ ſen, auf keine moͤgliche Weiſe ein Zeuge der Schande ſeines Hauſes zu ſein.„Icabod, ſprach er zu ſich ſelber: Icabod, mein Ruhm iſt dahin!“ Als dieſe Betrachtungen durch ſeine Seele gingen, wurde die Anklage, die in der herkoͤmm⸗ lichen Form das Verbrechen ausſprach, deſſen die Gefangene bezuͤchtigt wurde, wie gewoͤhnlich vor⸗ 54 geleſen, und ſie darauf gefragt, ob ſie ſchuldig, oder nicht ſchuldig ſei. Nicht ſchuldig an meines armen Kindes Tode, ſprach Euphemia mit einem ſanft klagenden Tone, der zur Schoͤnheit ihrer Zuͤge paßte, und von der Verſammlung nicht ohne Ruͤhrung gehoͤrt wurde. Das Gericht wies nun den Anwalt an, die rechtlichen Satzungen und die Beweiſe des That⸗ beſtandes ſowohl gegen als fuͤr die Verbrecherinn aus einander zu ſetzen, worauf daſſelbe, nach dem Gebrauche, einen Vorbeſcheid erlaͤßt, der die Sache dem Erkenntniſſe des Schwurgerichts, oder der Aſſiſen anheim ſtellt. Der Anwalt eroͤrterte mit wenigen Worten, * wie das haͤufige Vorkommen des Kindermordes zu dem Geſetze Anlaß gegeben habe, nach wel⸗ chem die Gefangene in Anklageſtand ſei verſetzt worden. Er gedachte der verſchiedenen, groͤß⸗ tentheils mit grauſamen Umſtaͤnden begleiteten Faͤlle, wodurch der Stagtsklaͤger, wiewohl mit großer Abneigung, ſich endlich haͤtte bewegen laſ⸗ ſen, den Verſuch zu machen, ob durch ſtrenge Handhabung des, zur Verhuͤtung ſolcher Graͤuel gegebenen Geſetzes, denſelben vorgebeugt werden koͤnnte. Er hoffte, ſetzte er hinzu, ſowohl durch 55⁵ zeugen, als durch die eigene Ausſage der Ange⸗ Klagten darthun zu koͤnnen, daß ſie in dem, von dem Geſetze angenommenen Falle ſich befaͤnde. Nach ſeiner Klagbegruͤndung hatte die Gefangene ihre Schwangerſchaft Niemanden entdeckt, und in ihrer eigenen Ausſage fuͤhrte ſie auch nicht an, daß ſie es gethan haͤtte. Dieſe Geheimhaltung war das erſte Erfoderniß zur Begruͤndung der Anklage. Dieſelbe Ausſage aber geſtand, daß ſie einen Knaben geboren hatte, und zwar unter Umſtaͤnden, die nur zu ſehr die Vermuthung er⸗ weckten, daß derſelbe durch die Hand, oder doch unter Mitwiſſen, oder Einwilligung der ungluͤck⸗ lichen Mutter umgekommen waͤre. Er erachtete es jedoch nicht fuͤr noͤthig, den beſtimmten Be⸗ weis zu fuͤhren, daß die Angeklagte an dem Morde Theil habe, ja auch nur darzuthun, daß das Kind uͤberhaupt ermordet worden ſei, und erklaͤrte den Umſtand, daß das Kind nicht gefun⸗ den werden koͤnne, fuͤr hinlaͤnglich zur Begruͤn⸗ dung der Klage. Nach der harten, aber noth⸗ wendigen Strenge des Geſetzes wurde angenom⸗ men, daß Diejenige, welche ihre Schwanger⸗ ſchaft verheimlichte, oder es unterließ, den bei ſolchen Gelegenheiten durchaus noͤthigen Beiſtand 56 anzurufen, bereits auf den Tod ihres Kindes ge⸗ dacht habe, als ein Ereigniß, das ſehr wahr⸗ ſcheinlich die Folge ihrer ſtrafbaren und grauſa⸗ men Verheimlichung ſein mußte. Konnte ſie unter ſolchen Umſtaͤnden nicht entweder den natuͤrlichen Tod des Kindes beweiſen, oder es lebendig vor⸗ zeigen, ſo mußte ſie, nach dem Sinne des Geſe⸗ bes, fuͤr die Moͤrderinn gehalten werden und den Tod erleiden. Der Sachwalter der Gefangenen, ein Mann von großem Anſehn in ſeinem Berufe, begehrte nicht, den Gruͤnden des Kronanwalts ausdruͤck⸗ lichen Widerſpruch entgegen zu ſetzen. Es ſei, bemerkte er, fuͤr die Richter hinlaͤnglich, zu wiſ⸗ ſen, daß das Geſetz beſtehe, und er geſtand, der Staatsklaͤger habe das Recht, auf den gewoͤhn⸗ lichen Vorbeſcheid anzutragen. Er behauptete jedoch, daß er, bei der Ausfuͤhrung ſeines Be⸗ weiſes, Umſtaͤnde auszumitteln hoffte, wodurch die in der Klage ausgeſprochene Beſchuldigung hinlaͤnglich entkraͤftet werden muͤßte. Die Ge⸗ ſchichte der Gefangenen, ſagte er, ſei kurz, aber ſehr traurig. Sie ſei in den ſtrengſten Grund⸗ ſätzen der Religion und Tugend erzogen worden, die Tochter eines wuͤrdigen und gewiſſenhaften ₰— — . 57 Mannes, der in ſchlimmen Zeiten, als er fuͤr Gewiſſensfreiheit gelitten, ſich den Ruf von Muth und Froͤmmigkeit erworben habe. David Deans fuhr krampfhaft auf, als auf dieſe Weiſe ſeiner erwaͤhnt wurde, und nahm dann wieder ſeine Stellung ein, worin er, das Geſicht auf die Haͤnde ſtuͤtzend, und beide gegen die Ecke der hoͤhern Richterbank lehnend, bisher der Verhandlung zugehoͤrt hatte. Die Rechts⸗ gelehrten von der Volkspartei ſchienen Antheil zu nehmen, die Gegner aber ruͤmpften die Naſe. Wie abweichend auch unſre Meinungen ſein moͤgen, fuhr der Rechtsgelehrte fort, deſſen An⸗ gelegenheit es war, die Verſammlung wo moͤg⸗ lich zu gewinnen: wenn von den beſondern Glaubensſatzungen jener Leute die Rede iſt— Deans ſeufzte hier tief— ſo koͤnnen wir ihnen doch unmoͤglich weder den Ruhm einer geſunden, za ſelbſt ſtrengen Tugendlehre verſagen, noch auch das Verdienſt, ihre Kinder in der Furcht Gottes zu erziehen, und doch iſt es die Tochter eines ſolchen Mannes, welche ein Schwurgericht in Kurzem bei dem Mangel beſtimmter Beweiſe und auf bloße Vermuthungen, eines Verbrechens aͤberfuͤhren ſoll, das mehr einem Heiden, oder 5⁸ Wilden, als einem Chriſten, oder einem geſitte⸗ ten Lande eigen iſt.— Der Sachwalter gab zu, daß die treffliche Erziehung und der fruͤhe Unter⸗ richt, den das arme Maͤdchen erhalten hatte, nicht hinlaͤnglich geweſen ſei, ſie gegen Suͤnde und Verirrung zu ſchuͤtzen. Sie ſei das Opfer einer unbedachtſamen Zuneigung gegen einen jun⸗ gen Mann von einnehmendem Betragen, wie man ihm geſagt habe, aber von ſehr gefaͤhrlicher und verwegener Sinnesart geworden. Dieſer Mann habe ſie unter dem Verſprechen der Ehe verfuͤhrt, und wuͤrde vielleicht auch ſo gerecht ge⸗ gen ſie geweſen ſein, ſeine Zuſage zu halten, waͤre er nicht zu jener Zeit von dem Geſetze in An⸗ ſpruch genommen worden, fuͤr ein Verbrechen zu buͤßen, das an ſich ſchon ſchrecklich und ver⸗ meſſen, die Einleitung zu einem andern aben⸗ teuerlichen Ereigniſſe geworden ſei, worin jeden Schritt Blut und Schuld bezeichnet habe, und deſſen endliche Entſcheidung noch bevorſtehe. Der Sachwalter glaubte, man werde ihn nicht ohne Erſtaunen anhoͤren, wenn er verſichre, daß der Vater des vermißten, und nach des Staatsklaͤ⸗ gers Behauptung ermordeten, Kindes Niemand als der verrufene Georg Robertſon ſei, Wilſons — 59 Mitſchuldiger, der Held der denkwuͤrdigen Flucht aus der Gefaͤngnißkirche, und, wie Niemand beſſer als ſein gelehrter Freund, der Kronanwalt wiſſe, der Raͤdelsfuͤhrer bei der Porteous⸗Ver⸗ ſchwoͤrung. Es thut mir leid, einen Sachwalter, bei ei⸗ nem Falle, wie der gegenwaͤrtige, unterbrechen zu muͤſſen, ſprach der vorſitzende Richter: aber ich muß den gelehrten Herrn erinnern, daß er aus den Graͤnzen der vorliegenden Rechtsfrage ſchreitet. Der Sachwalter verbeugte ſich, und erwi⸗ derte, er haͤtte es nur darum fuͤr noͤthig erachtet, Robertſons Nahmen und Lage zu erwaͤhnen, weil die Umſtaͤnde, worin ſich derſelbe befunden haͤtte, das Stillſchweigen großentheils erklaͤrten, welches dem Staatsklaͤger ſo wichtig erſchienen waͤre, als ein Beweis, daß die Gefangene auf boͤſe An⸗ ſchlaͤge gegen das hilfloſe Weſen, dem ſie das Leben haͤtte geben wollen, geſonnen haͤtte. Sie hatte ihren Angehoͤrigen nicht entdeckt, daß ſie vom Pfade der Ehre war verlockt worden, aber warum hatte ſie es nicht gethan? Weil ſie täglich hoffte, daß ihr Verfuͤhrer ihren guten Ruf wieder herſtellen wuͤrde, indem er ihr die 60 Gerechtigkeit erwieſe, die er ihr, wie ſie wußte, erweiſen konnte, und wie ſie glaubte, auch wider⸗ fahren laſſen wollte. War es natuͤrlich, war es vernuͤnftig und billig, zu erwarten, daß ſie mitt⸗ lerweile ihren eigenen Ruf zerſtoͤren, und der Welt ihre Schwachheit verkuͤndigen ſollte, da ſie mit allem Grund hoffen durfte, dieſelbe durch einſtweilige Verſchweigung fuͤr immer zu verheh⸗ len? War es nicht im Gegentheil verzeihlich, daß bei ſolchen Umſtaͤnden ein Maͤdchen in ihrer Lage nichts weniger als geneigt ſein konnte, ſich jeder ſpaͤhenden Schwaͤtzerinn anzuvertrauen, die mit ſcharfen Augen und gierigen Ohren ſie zu Aufſchluͤſſen uͤber verdaͤchtige Umſtaͤnde draͤngte, welche Weiber niedern Standes, ja Weiber aus allen Staͤnden, ſo ſchnell bemerken, daß ſie die⸗ ſelben zuweilen entdecken wollen, wo nichts da⸗ von vorhanden iſt? War es befremdend, oder war es ſtrafbar, daß ſie ſolche ſpaͤhende Zudring⸗ lichkeit mit trotzigem Laͤugnen abwies?„Jeder verſtaͤndige und gefuͤhlvolle Menſch in der Ver⸗ ſammlung, fuͤgte der Vertheidiger hinzu, wird verneinend antworten; aber obgleich die Gefan⸗ gene Stillſchweigen gegen Diejenigen beobachtet hat, welchen ſie ihre Lage mitzutheilen keinen 61 Beruf fuͤhlte, ja ich will hinzu ſetzen, bei welchen eine ſolche Eröffnung unbedachtſam und unziem⸗ lich geweſen ſein wuͤrde, ſo hoffe ich doch, ſieg⸗ reich darzuthun, daß dieſer Fall nicht unter das Geſetz gehoͤrt, ich hoffe fuͤr das ungluͤckliche Maͤd⸗ chen eine ehrenvolle Losſprechung zu erlangen, wenn ich zeige, daß ſie ihre bedraͤngten Umſtaͤnde zu rechter Zeit und an gehoͤrigem Orte, und Je⸗ manden, der zu einem ſolchen Vertrauen am meiſten geeignet war, entdeckt hat. Dieß ge⸗ ſchah, als Robertſon uͤberwieſen war, und gefan⸗ gen ſaß in der Erwartung des Schickſals, das ſein Mitſchuldiger Wilſon ſpaͤterhin erlitt, dem er ſelber aber ſo wunderbar entrann. Zu jener Zeit, wo alle Hoffnung, ihre Ehre durch die Ehe wieder hergeſtellt zu ſehen, vor ihren Blicken ver⸗ 1 ſchwand, wo eine Verbindung mit einem Manne in Robertſons Lage, wenn ſie auch noch moͤglich geweſen waͤre, ihr vielleicht eher als eine tiefre Herabwuͤrdigung erſcheinen konnte, zu jener Zeit hat ſie, wie ich beweiſen zu koͤnnen hoffe, mit ihrer altern Schweſter, der Tochter aus ihres Vaters erſter Ehe, wenn ich nicht irre, uͤber die Gefahren und Bedraͤngniſſe ihrer ungluͤcklichen Lage ſich beſprochen und berathen.“ 62 Wenn Ihr wirklich im Stande waͤret, Herr Fairbrother, ſprach der vorſitzende Richter, die⸗ ſen Punkt einzuleiten— Wenn ich im Stande bin, dieſen Punkt ein⸗ zuleiten, fuhr der Sachwalter fort, ſo hoffe ich nicht nur der Gefangenen nuͤtzlich zu werden, ſondern auch Euch, edle Herren, von einer Amtspflicht zu befreien, die Ihr gewiß als die peinlichſte empfindet, und Allen, die mich jetzt anhoͤren, das ungemeine Vergnuͤgen zu verſchaf⸗ fen, ein ſo junges, offenherziges und ſchoͤnes Maͤdchen, als jetzt vor den Schranken des Gerichts ſteht, ſicher und ehrenvoll entlaſſen zu ſehen. Dieſe Anrede ſchien Viele unter den Zuhoͤ⸗ rern zu ruͤhren, und es erfolgte ein leiſes Bei⸗ fallgemurmel. Als Deans hoͤrte, daß man auf ſeiner Tochter Schoͤnheit und unſchuldiges Anſe⸗ hen ſich berief, wollte er unwillkuͤhrlich ſein Auge zu ihr wenden, aber ſich ſammelnd, ſenkte er ſeine Blicke wieder mit ſtoͤrriger Entſchloſſenheit. Will denn nicht mein gelehrter Amtsbruder auf der andern Seite der Schranken dieſe allge⸗ meine Freude theilen? hob der Sachwalter nach einer kurzen Pauſe wieder an. Ich weiß es ja, — 8 63 ſo willig er ſeine Pflicht erfuͤllt, Angeklagte hie⸗ her zu dringen, ſo freut ſich doch Niemand mehr, wenn er ſie frei und mit Ehren entlaſſen ſieht. Mein gelehrter Amtsbruder ſchuͤttelt bedenklich den Kopf, und legt die Hand auf die Ausſage der Gefangenen. Ich begreife ihn ſehr wohl; er moͤchte zu verſtehen geben, daß die Thatſachen, die ich den edlen Herren vorgelegt habe, mit dem eigenen Geſtaͤndniſſe der Euphemia Deans unvertraͤglich ſeien. Ich brauche die edlen Her⸗ ren nicht zu erinnern, daß die gegenwaͤrtige Ver⸗ theidigung der Angeklagten nicht im Geringſten auf die Graͤnzen ihres fruͤhern Geſtaͤndniſſes be⸗ ſchraͤnkt ſein muß, und daß ſie keineswegs nach einer Ausſage, die ſie fruͤher uͤber ſich gegeben haben mag, ſondern nach dem, was jebt fuͤr, oder gegen ſie bewieſen werden ſoll, am Ende ſtehen, oder fallen wird. Ich bin nicht genoͤ⸗ thigt, Rechenſchaft daruͤber zu geben, warum es ihr nicht gefallen hat, in ihrer Ausſage zu beruͤh⸗ ren, unter welchen Umſtaͤnden ſie ſich ihrer Schweſter eroͤffnete. Sie kann vielleicht nicht eingeſehen haben, wie wichtig es war, ſie kann bange geweſen ſein, ihre Schweſter zu verwickeln, oder auch den Umſtand gaͤnzlich vergeſſen haben, 64 bei dem Schrecken und der Bekuͤmmerniß, wor⸗ ein ein junges Maͤdchen gerathen mußte, als ſie auf eine ſo abſcheuliche Beſchuldigung verhaftet wurde. Eine von dieſen Urſachen erklaͤrt hin⸗ laͤnglich, warum ſie in dieſem Falle, bei aller Gefahr fuͤr ſich ſelber, die Wahrheit verſchwiegen hat, und es iſt mir am Wahrſcheinlichſten, daß ſie durch die irrige Beſorgniß, ihre Schweſter zu beſchuldigen, dazu verleitet worden iſt, weil ich finde, daß ſie ihren Geliebten, ſo wenig er es verdiente, mit gleicher Zartheit behandelt und Robertſons Nahmen in ihrer ganzen Ausſage nicht genannt hat. Aber ich merke, edle Herren, fuhr der Sach⸗ walter fort, der Kronanwalt erwartet, daß ich darthue, der Beweis, wozu ich mich erbiete, ſei mit den uͤbrigen Umſtaͤnden des Falles vereinbar, die ich nicht laͤugne, und nicht laͤugnen kann. Er wird mich fragen, wie das Geſtaͤndniß, das Euphemia Deans gegen ihre Schweſter vor ihrer Niederkunft abgelegt hat, ſich mit der Heimlich⸗ keit der Geburt, mit der Verſchwindung, ja viel⸗ leicht mit der Ermordung des Kindes vereinigen laſſe, deren Moͤglichkeit ich nicht laͤugnen will, da ich das Gegentheil nicht beweiſen kann. Die — Angehoͤrigen zu ſuchen, wurde ſie beredet, ſich ei⸗ UII. Theil. 5 65 Erklaͤrung dieſes Umſtandes, edle Herren, iſt in der Verſoͤhnlichkeit, ich kann vielleicht ſagen, in der Leichtglaͤubigkeit und Lenkſamkeit des weibli⸗ chen Geſchlechts zu ſuchen. Dulcis Amaryl- lidis irae werden leicht beſaͤnftigt, wie die edlen Herren wiſſen, und wie grauſam eine Frau von dem Manne, den ſie geliebt hat, auch beleidigt worden ſei, immer wird ſie ein Kapital von Ver⸗ gebſamkeit behalten, worauf ſeine wahre, oder erkuͤnſtelte Reue anſehnliche Wechſel ziehen darf, mit der Zuverſicht, ſie angenommen zu ſehen. Wir koͤnnen durch einen, zu den Beweismitteln gehoͤrenden Brief darthun, daß der abſcheuliche Robertſon, als er gefangen ſaß, und wahrſchein⸗ lich ſchon auf die Flucht ſann, die er ſpaͤterhin durch den Beiſtand ſeines Mitſchuldigen aus⸗ fuͤhrte, einen Einfluß auf das Gemuͤth des un⸗ gluͤcklichen Maͤdchens auszuuͤben und ihre Hand⸗ lungen zu leiten wußte. Willfaͤhrig gegen die Vorſchriften, die er ihr in jenem Briefe gab, ließ die Angeklagte ſich bewegen, von dem Be⸗ tragen abzuweichen, das eigene beſſere Ueberle⸗ gung ihr eingegeben hatte, und anſtatt bei der Annaͤherung ihrer Entbindung den Schutz ihrer 65 ner elenden Helkershelferin ihres boshaften Ver⸗ fuͤhrers anzuvertrauen, und von ihr in einen jener abgelegenen und geheimen Schlupfwinkel des Laſters gefuͤhrt, die zur Schande unſrer Po⸗ lizei noch immer in den Vorſtaͤdten geduldet wer⸗ den, wo ſie dann unter dem Beiſtande und der Pflege einer Perſon ihres Geſchlechtes einen Kna⸗ ben gebar, unter Umſtaͤnden, welche die Leiden, die unſrer gemeinſchaftlichen Mutter angekuͤndigt wurden, dreifach verbitterten. Was fuͤr Abſich⸗ ten Robertſon dabei hatte, laͤßt ſich ſchwer ſagen, ja kaum errathen. Er kann Willns geweſen ſein, das Maͤdchen zu heirathen, da ihr Vater ein wohlhabender Mann iſt. Noch ſchwerer aber iſt's, den Ausgang der Geſchichte, und das Betragen der Frau, deren Aufſicht er Euphemia Deans uͤbergeben hatte, genuͤgend zu erklaͤren. Das ungluͤckliche Maͤdchen wurde von dem Kinobetterinnenfieber befallen, und waͤhrend die⸗ ſer Krankheit, wie es ſcheint, von ihrer Waͤrte⸗ rinn hintergangen; denn als ſie wieder zur Be⸗ ſinnung kam, ſah ſie ſich ihres Kindes beraubt in jener Wohnung des Elends. Die abſcheu⸗ liche Frau, unter deren Pflege ſie war, kann das Kind, vieleeicht in der boͤſeſten Abſicht, auf 67 die Seite geſchafft, ja wer kann's wiſſen, gar er⸗ mordet haben. Hier unterbrach den Redner ein durchdrin⸗ gender Schrei, den die ungluͤckliche Gefangene ausſtieß. Nur mit Muͤhe brachte man ſie wie⸗ der zur Faſſung. Ihr Sachwalter benutzte dieſe ruͤhrende Unterbrechung, ſeine Vertheidigung mit Nachdruck zu ſchließen.„Ihr hoͤrt, edle Her⸗ ren, ſprach er, in dieſem Jammerſchrei die Be⸗ redſamkeit der muͤtterlichen Zuneigung, die weit uͤber die Kraft meiner ſchwachen Worte geht. Rahel weint um ihre Kinder! Die Natur ſel⸗ ber gibt Zeugniß von der Zaͤrtlichkeit und Innig⸗ keit des Muttergefuͤhls der Gefangenen. Ich wuͤrde ihre Sache herabwuͤrdigen, wenn ich noch ein Wort hinzu ſetzte.“ Habt Ihr je dergleichen gehoͤrt, Herr Dum⸗ biedikes? ſprach Sattelbaum, als der Sachwal⸗ ter ſeine Rede geendigt hatte. Was der euch fuͤr einen Knauel aus einem Bischen Werg ſpinnen kann! Er weiß doch wahrlich nicht mehr von der Geſchichte, als in der Ausſage liegt, und laͤßt die Vermuthung fallen, daß Hannchen Deans im Stande geweſen ſein ſollte, etwas von dem Zuſtande ihrer Schweſter zu ſa⸗ 5* 68 gen, als welche Vermuthung jedoch, wie Herr Croßmyloof ſagt, auf ſchwachen Gruͤnden ruhet. Und den großen gewaltigen Vogel hat er ausge⸗ bruͤtet aus dieſem winzigen Ei! Er koͤnnte wahrhaftig die Fluͤnder mitten aus den Wellen des Frith hohlen.— Was hielt doch meinen Vater ab, mich nach Utrecht zu ſchicken!— Doch ſtill, die Richter wollen den Vorbeſcheid erlaſſen. Die Richter faͤllten auch, nach kurzer Be⸗ ſprechung, die Entſcheidung, des Inhalts, daß die Anklage, wofern ſie bewieſen wuͤrde, die ge⸗ ſetzliche Strafe nach ſich ziehen muͤßte, daß die Behauptung, die Beſchuldigte habe ihren Zu⸗ ſtand ihrer Schweſter eroͤffnet, eine erhebliche Einrede ſei, und daß endlich beſagte Anklage und Verantwortung dem Urtheil eines Schwurgerich⸗ tes unterworfen werden ſollte. V. Hochgelehrter Richter! Ein Urtheil— nun kommt her! Shakſpeare's Kaufmann von Venedig. Es iſt keineswegs meine Abſicht, das Verfahren bei einer peinlichen Anklage in einem ſchottiſchen Gerichtshofe ausfuͤhrlich zu beſchreiben, und ich weiß auch nicht, ob ich einen verſtaͤndlichen und genauen Bericht davon geben koͤnnte, womit die Rechtsgelehrten zufrieden waͤren. Ich begnuͤge mich, zu ſagen, daß die Geſchworenen ernannt, und die Verhandlungen eroͤffnet wurden. Die Gefangene ward noch einmahl aufgefodert, ſich auf die Anklage zu verantworten, und noch ein⸗ mahl erwiderte ſie mit demſelben, das Innerſte durchſchauernden Tone:„Nicht ſchuldig!“ Der Staatsklaͤger brachte darauf einige Zeu⸗ ginnen, durch deren Ausſage dargethan wurde, daß ſie Euphemia's Zuſtand bemerkt und ihr 70 Vorwuͤrfe gemacht, darauf aber Antworten er⸗ halten hatten, die auf ein zorniges und trotziges Laͤugnen der Beſchuldigung hinaus gelaufen wa⸗ ren. Wie es aber ſehr oft der Fall iſt, war auch hier die eigene Ausſage der Angeklagten ein Zeug⸗ niß, das am lauteſten gegen ſie ſprach. Im Falle dieſe Erzaͤhlung je ihren Weg uͤber Schottlands Graͤnze faͤnde, wird es gut ſein, den fremden Leſer zu benachrichtigen, daß es hier zu Lande braͤuchlich iſt, einen Verdaͤchtigen bei der Verhaftung vor der Obrigkeit zu befragen. Er iſt keineswegs genoͤthigt, eine der ihm vorge⸗ legten Fragen zu beantworten, ſondern kann be⸗ harrlich ſchweigen, wenn er es ſeinem Vortheile gemaͤß findet, was ihm aber zu antworten beliebt, wird aufgezeichnet, von ihm und dem Beamten unterſchrieben, und gegen den Angeklagten, wo⸗ fern es zu einer gerichtlichen Verhandlung kommt, beigebracht. Dieſe Ausſagen werden zwar nicht als eigentliche Zeugniſſe angeſehen, ſondern nur als Hilfbeweiſe, die das rechtliche und eigentliche Beweismittel bloß verſtaͤrken köͤnnen. Dieſer ſpitzfindigen Unterſcheidung ungeachtet, welche die Rechtsgelehrten eingefuͤhrt haben, um dieſes Verfahren mit ihrer allgemeinen Regel, daß Nie⸗ 71 mand zum Zeugniſſe gegen ſich ſelber vermocht werden koͤnne, in Einklang zu bringen, iſt es dennoch gewoͤhnlich der Fall, daß der Angeklagte nach ſolchen Ausſagen, gleichſam nach ſeinen ei⸗ genen Worten, verurtheilt wird. Kann auch der Gefangene von ſeinem Vorrechte, ſtill zu ſchweigen, Gebrauch machen, ſo fuͤhlt doch Je⸗ dermann, daß die Weigerung, Fragen, die aus der Lage der Sache natuͤrlich hervorgehen, vor einem Beamten zu beantworten, an ſich ſchon ein ſtarker Beweis fuͤr die Schuld iſt, und ihn gewiß zur Haft bringen wird, und Wenige koͤn⸗ nen der Hoffnung entſagen, ihre Freiheit zu er⸗ langen, wenn ſie ſcheinbare Rechenſchaft von ſich geben, und bei der Darlegung ihrer Beweggruͤnde und in der Erklaͤrung ihres Betragens den Schein von Aufrichtigkeit annehmen. Selten weigert ſich daher der Gefangene, eine gerichtliche Aus⸗ ſage zu thun, worin er, wenn er entweder zu viel von der Wahrheit auslaͤßt, oder eine erdich⸗ tete Geſchichte unterzuſchieben ſucht, ſich faſt im⸗ mer in Verdacht und Widerſpruͤche verwickelt, die dann auf das Gemuͤth der Geſchworenen einen nachtheiligen Eindruck machen, Euphemig's Ausſage beruhte auf andern 72 Grundſaͤtzen, und Folgendes iſt ein Abriß des Inhalts, den wir in der gerichtlichen Form mit⸗ theilen, worin man ihn wohl noch immer in den Akten leſen kann.„Beklagte geſtand eine un⸗ erlaubte Verbindung mit einem Manne, deſſen Nahmen ſie jedoch verſchweigen wollte. Befragt, aus welchem Grunde ſie dieſen Punkt geheim halte, antwortete ſie, es ſtehe ihr nicht das Recht zu, dieſes Mannes Betragen mehr zu bezuͤchti⸗ gen, als ſie ihr eigenes tadle, und ſie ſei bereit, ihre eigenen Vergehungen zu geſtehen, jedoch nicht etwas zu ſagen, das den Abweſenden beſchuldigen koͤnne. Befragt, ob ſie ihren Zuſtand Jemanden entdeckt und Vorbereitungen zu ihrer Niederkunft gemacht habe, antwortete ſie mit Nein. Weiter befragt, warum ſie es unterlaſſen, Schritte zu thun, die ihr Zuſtand durchaus nothwendig gemacht habe, gab ſie zur Antwort, ſie habe ſich geſchaͤmt, ih⸗ ren Angehoͤrigen etwas zu ſagen, und habe ge⸗ hofft, der Mann, deſſen ſie erwaͤhnt, werde fuͤr ſie und das Kind ſorgen. Befragt, ob er es ge⸗ than, antwortete ſie, er habe es zwar nicht ge⸗ than, aber es ſei nicht ſeine Schuld geweſen, denn ſie ſei uͤberzeugt, er haͤtte lieber ſein Leben ge⸗ opfert, als dem Kinde oder ihr ein Leid zuſtoßen 73 kaſſen. Befragt, was ihn abgehalten, ſein Ver⸗ ſprechen zu erfuͤllen, antwortete ſie, es ſei ihm unmoͤglich geweſen, es zu thun, und weigerte ſich, auf dieſe Frage mehr zu erwidern. Be⸗ fragt, wo ſie ſich aufgehalten, ſeit ſie ihren Dienſt bei Sattelbaum verlaſſen, bis zu ihrer Ankunft in ihres Vaters Hauſe am Tage vor ihrer Ver⸗ haftung, gab ſie zur Antwort, ſie erinnere ſich deſſen nicht, und auf die wiederholte Frage, ant⸗ wortete ſie, es ſei ihr wenig davon im Gedaͤcht⸗ niſſe geblieben, da ſie ſehr krank geweſen. Auf die noch einmahl wiederholte Frage, war ihre Antwort, ſie wolle die Wahrheit ſagen, und wenn es zu ihrem Ungluͤck waͤre, ſo lange man nicht von ihr fodre, von Andern etwas zu ent⸗ decken, und ſie geſtand nun, ſie habe jene Zwi⸗ ſchenzeit in der Wohnung einer Bekannten jenes Mannes, deſſen Wunſch es geweſen, daß ſie dort ihre Niederkunft erwarte, zugebracht, und ſie ſei daſelbſt von einem Knaben entbunden worden. Befragt, wie jene Frau heiße, weigerte ſie ſich, darauf zu antworten, und befragt, wo dieſelbe wohne, gab ſie zur Antwort, ſie koͤnne es nicht gewiß ſagen, da man ſie bei dunkler Nacht in jene Wohnung gebracht habe. Befragt, ob die 74 Wohnung in der Stadt, oder in den Vorſtaͤdten liege, verweigerte ſie eine Antwort. Befragt, ob ſie, als ſie Sattelbaum's Haus verlaſſen, die Straße auf, oder nieder gegangen ſei, wollte ſie darauf nicht antworten. Befragt, ob ſie die Frau je geſehen, ehe der Mann, deſſen Nahmen ſie nicht nennen wolle, nach ihrem Ausdrucke gewuͤnſcht habe, daß ſie ſich zu ihr begebe, ant⸗ wortete ſie, ſo viel ihr bewußt, nie. Befragt, ob beſagter Mann ſie mit jener Frau muͤndlich bekannt gemacht habe, antwortete ſie, es ſei ihr nicht geſtattet, auf dieſe Frage etwas zu erwidern. Befragt, ob das Kind gelebt habe, als es zur Welt gekommen, antwortete ſie: es habe gewiß gelebt, ſo wahr Gott ihr und ihm helfe. Be⸗ fragt, ob es nach der Geburt eines natuͤrlichen Todes geſtorben ſei, antwortete ſie, dieß ſei ihr nicht bekannt. Befragt, wo es ſich jetzt befinde, gab ſie zur Antwort, ſie wolle ihre rechte Hand darum geben, es zu wiſſen, hoffe aber nicht, je wieder ſeine Gebeine zu ſehen. Weiter befragt, warum ſie es fuͤr todt halte, weinte ſie bitterlich, und antwortete nicht. Befragt, ob die Frau, in deren Hauſe ſie geweſen, tauglich geſchienen habe, ihr in ihrer Lage beizuſtehen, gab ſie zur — — Antwort, es moͤge dieſelbe wohl Geſchicklichkeit ge⸗ nug dazu gehabt haben, ſei aber eine hartherzige boͤſe Frau geweſen. Befragt, ob außer ihnen Bei⸗ den noch ſonſt Jemand in dem Hauſe ſich befun⸗ den habe, gab ſie zur Antwort, ſie glaube, es ſei noch eine andre Frau da geweſen, aber köoͤrper⸗ liche Schmerzen und Gemuͤthsunruhe haͤtten ih⸗ ren Kopf ſo ſehr verſtoͤrt, daß ſie ſich derſelben wenig erinnere. Beftagt, wann man ihr das Kind weggenommen habe, gab ſie zur Antwort, ſie ſei von einem Fieber befallen worden, und beſinnunglos geweſen, und als ſie wieder zu ſich gekommen, habe die Frau ihr geſagt, das Kind ſei todt, worauf ſie erwidert, wenn es todt ſei, ſo ſei es nicht recht damit zugegangen Darauf ſei die Frau ſehr boͤſe gegen ſie geworden und habe ſie ſehr geſchimpft, und ſobald dieſelbe den Ruͤk⸗ ken gewendet, ſei die Befragte in ihrem Schrek⸗ ken aus dem Hauſe gekrochen und nach Leonhard⸗ fels gegangen, ſo gut es ihr in ihrem Zuſtande moͤglich geweſen. Befragt, warum ſie nicht ih⸗ rer Schweſter und ihrem Vater ihre Geſchichte erzaͤhlt und obrigkeitliche Hilfe geſucht habe, um das Kind in jenem Hauſe lebendig, oder todt zu finden, antwortete ſie, es ſei ihre Abſicht gewe⸗ — 76 ſen, dieß zu thun, ſie habe aber nicht Zeit dazu gehabt. Befragt, warum ſie die Wohnung und den Nahmen jener Frau jetzt verheimliche, ſchwieg ſie einige Zeit ſtill, und ſagte dann, es koͤnnte durch die Entdeckung das geſchehene Ungluͤck nicht wieder gut gemacht, ſondern nur zu groͤßerm Uebel Anlaß gegeben werden. Befragt, ob ſie ſelber zu irgend einer Zeit die Abſicht gehabt habe, das Kind durch Gewaltthaͤtigkeit aus dem Wege zu ſchaffen, gab ſie zur Antwort, ſie habe nie eine ſolche Abſicht gehabt, ſo wahr ſie auf Gottes Barmherzigkeit hoffe, und ſetzte dann hinzu, nie ſo lange ſie bei voller Beſinnung geweſen, aber welche ſchlimmen Gedanken der boͤſe Feind ihr in den Kopf geſetzt habe, waͤhrend ſie außer ſich ge⸗ weſen ſei, koͤnne ſie nicht ſagen. Noch einmahl ernſtlich befragt, antwortete ſie, lieber haͤtte ſie ſich von wilden Pferden zerreißen laſſen, als das Kind mit unmuͤtterlicher Hand beruͤhren wollen. Weiter befragt, erklaͤrte ſie, jene Frau habe bei den, gegen ſie ausgeſtoßenen Schmaͤhungen aller⸗ dings auch geſagt, ſie, die Befragte, habe in der Fieberhitze das Kind verwundet, aber ſie glaube nicht, daß jene dieß in andrer Abſicht geaͤußert habe, als um ſie zu erſchrecken und zum Schwei⸗ 7 D. gen zu bringen. Befragt, was jene Frau wei⸗ ter geſagt, gab ſie zur Antwort, als ſie ſo laut um ihr Kind geweint habe, daß die Nachbarn es haͤtten vernehmen koͤnnen, habe die Frau ihr damit gedrohet, diejenigen, die des Kindes Ge⸗ ſchrei haͤtten ſtillen koͤnnen, wuͤrden auch ihr den Mund ſchließen, wenn ſie nicht die Streiche ab⸗ hielte. Aus dieſer Drohung und dem Benehmen des Weibes habe die Befragte geſchloſſen, daß ihres Kindes Leben verloren und das ihrige in Gefahr ſei, denn jene Frau ſei ein verwegenes boͤſes Weib geweſen, wie es aus ihren Reden ſich habe abnehmen laſſen. Weiter befragt, gab ſie zur Antwort, ſie ſei durch eine, ihr ploͤtzlich mitgetheilte boͤſe Nachricht in Fieber und Irrereden verfallen, weigerte ſich aber, zu ſagen, worin dieſe Nachricht beſtanden. Befragt, warum ſie jetzt nicht dieſe Umſtaͤnde mittheile, welche die Obrigkeit vielleicht in Stand ſetzen koͤnnten, aus⸗ zumitteln, ob das Kind noch lebe, oder todt ſei, und aufgefodert, zu bedenken, daß ſie durch ihre Weigerung ihr Leben in Gefahr bringe, und das Kind in ſchlechten Haͤnden laſſe, auch daß ihre Weigerung, auf ſolche Punkte zu antworten, mit ihrer angeblichen Abſicht, ihrer Schweſter ein 7⁸ freies Gewiſſen zu machen, nicht vereinbar ſei— gab ſie zur Antwort, ſie wiſſe, das Kind ſei nun todt, oder wenn es lebe, ſo ſei Einer, der es bewachen werde, ihr Leben, oder ihr Tod aber ſtehe in den Händen Gottes, der es wiſſe, daß ſie nicht mit Abſicht, oder Vorwiſſen ihrem Kinde Leides habe zufuͤgen koͤnnen, und ſie ſei nicht mehr, wie zu der Zeit, wo ſie die Wohnung des Weibes verlaſſen habe, entſchloſſen, alles zu ge⸗ ſtehen, weil ſeitdem eine andre Nachricht ihr zu⸗ gekommen ſei. Sie erklaͤrte uͤberhaupt, ſie ſei muͤde, und wolle fuͤr jetzt nicht mehr antworten.“ Bei einem ſpaͤtern Verhoͤre blieb Euphemia Deans bei ihrer fruͤhern Ausſage, und als man ihr ein, in ihrem Koffer gefundenes Papier vor⸗ Helt, geſtand ſie, es ſei das Beglaubigungſchrei⸗ ben, womit ſie ſich der Pflege der Frau uͤberge⸗ ben habe, in deren Wohnung ſie niedergekommen ſei. Der Brief lautete:„Liebſte Effie. Ich „habe Mittel gefunden, Dir Nachricht zu geben, „durch eine Frau, die gut dazu paßt, Dir in „den bevorſtehenden Noͤthen zu helfen. Freilich „iſt ſie nicht, wie ich's gern haͤtte, aber in mei⸗ „ner jetzigen Lage kann ich nichts Beſſeres fuͤr „Dich thun. Ich muß ihr in meiner jetzigen 79 „Bebraͤngniß fuͤr mich ſelber und fuͤr Dich ver⸗ „trauen. Ich hoffe das Beßte, wiewohl ich jetzt „in der Klemme bin, doch Gedanken ſind zoll⸗ „frei und ich denke, Andreas und ich werden dem „Haͤngemann wohl ein Schnippchen ſchlagen, „trotz allem, was vorgegangen iſt. Meine kleine „Lilie wird boͤſe ſein, daß ich ſo was ſchreibe, „aber kann ich nur mein Leben erhalten, um „Dich zu troͤſten und Deinem Kinde ein Vater „zu ſein, ſo wirſt Du Zeit genug zum Schelten „haben. Noch einmahl, laß Niemanden wiſſen, „was Du thuſt. Die verdammte Hexe hat mein „Leben in ihrer Hand; ſie iſt verſteckt und ge⸗ „faͤhrlich zugleich, aber ſie hat auch mehr Liſt „und Witz, als je einer alten Hexe in den Kopf „kam, und ſie hat Urſache, mir treu zu ſein. „Lebe wohl, meine Lilie. Sei nicht niederge⸗ „ſchlagen um meinetwillen, in acht Tagen bin „ich dein, oder nicht mehr mein eigen.“ In einer Nachſchrift hieß es:„Kommt's „zum Haͤngen, ſo werde ich, ſelbſt in der letzten „ſchweren Angſt, nichts ſo ſehr bereuen, als die „Kraͤnkung, die ich meiner Lilie zugefuͤgt habe.“ Effie wollte nicht ſagen, von wem ſie dieſen Brief erhalten haͤtte, aber man wußte nun ſo 8⁰0 viel von der Geſchichte, daß man Robertſon mit Gewißheit fuͤr den Schreiber halten konnte, und aus der Zeitangabe ging hervor, daß er ihn ge⸗ ſchrieben hatte, als mit Andreas Wilſon der erſte Entwurf zur Flucht war verabredet worden, der aber mißlang, wie wir im Anfange dieſer Ge⸗ ſchichte gehoͤrt haben. Als der Staatsanwalt ſeine Beweisfuͤhrung geſchloſſen hatte, begann der Sachwalter der Ge⸗ fangenen den Beweis zu ihrer Vertheidigung. Die erſten Zeugen, die man verhoͤrte, wurden uͤber des Maͤdchens Ruf befragt. Alle gaben ihr das beßte Zeugniß, aber Niemand mit mehr Gefuͤhl, als die wackre Frau Sattelbaum, die mit Thraͤnen im Auge erklaͤrte, ſie haͤtte keine hoͤhere Meinung von Euphemia Deans haben und keine aufrichtigere Achtung gegen ſie hegen koͤnnen, wenn das Maͤdchen ihre eigene Tochter geweſen waͤre. Alle Anweſenden lobten die ehr⸗ liche Frau um ihrer Herzensguͤte willen, nur nicht ihr Mann, der dem Gutsherrn von Dum⸗ biedikes zufliſterte:„Euer Herr Novit verſteht ſich ſchlecht darauf, einen Beweis zu fuͤhren, daͤcht' ich. Was ſoll das heißen, ein Weib hie⸗ her zu bringen, um den edlen Herren etwas vor⸗ 81 winſeln und vorſchluchzen zu laſſen? Er haͤtte mich aufrufen ſollen, und ich haͤtte ihnen ein ſolches Zeugniß abelegt, daß ſie ihr kein Haar haͤtten kruͤmmen ſollen.“ Waͤr' es nicht beſſer, Ihr ſtaͤndet auf, und verſuchtet es noch? erwiderte der Gutsherr. Ich will dem Novit ein Zeichen geben. Nicht doch, ſprach Sattelbaum. Es waͤre mir nicht lieb, Herr Nachbar. Das wuͤrde ein freiwilliges Zeugniß ſein, und ich weiß, was es damit fuͤr eine Bewandtniß hat; aber Herr No⸗ vit haͤtte mich aufrufen ſollen debito tempore. Nach dieſen Worten wiſchte er, ſehr wichtig thuend, ſich den Mund mit ſeinem ſeidnen Ta⸗ ſchentuche, und nahm wieder die Miene eines erbauten und verſtaͤndigen Zuhoͤrers an. Der Sachwalter der Gefangenen erklaͤrte nun mit wenigen Worten, er habe die Abſicht, ſeinen wichtigſten Zeugen vorzuſtellen, von deſſen Ausſage die Entſcheidung großentheils abhangen werde. Aus den bereits abgelegten Zeugniſſen, ſetzte er hinzu, wiſſe man, was die Angeklagte ſei, und wenn ein Zeugniß ihres guten Rufes, in den kraͤftigſten Ausdruͤcken und ſeldſt mit Thraͤ⸗ nen abgelegt, allgemeine Theilnahme an ihrem III. Theil. 6 82 Schickſale erwecken koͤnnte, ſo häͤtte ſie dieſen Vortheil ſchon gewonnen. Er gab die Nothwen⸗ digkeit zu, einen ausdruͤcklichern Beweis ihrer Unſchuld zu fuͤhren, als aus dem Zeugniſſe ihres guten Rufes hervor gehe, und dieß wolle er durch den Mund Derjenigen thun, der Euphemia ihren Zuſtand entdeckt habe, durch den Mund ih⸗ rer natuͤrlichen Rathgeberinn und Aufſeherinn, ihrer Schweſter.„Gerichtsdiener: fuhr er fort: ruft Johanna Deans, die Tochter des David Deans in Leonhardfels, vor das Gericht.“ Bei dieſen Worten, fuhr die Gefangene ſo⸗ gleich auf, und lehnte ſich halb uͤber die Schran⸗ ken, nach der Seite hin, wo ihre Schweſter her⸗ ein treten ſollte. Als die Zeuginn, dem Ge⸗ richtsdiener langſam folgend, ſich dem Richter⸗ ſitze naͤherte, verwandelten ſich Euphemia's Zuͤge, die nun, ſtatt verwirrter Beſchaͤmung und Furcht, nur den Ausdruck eines innigen, dringenden, faſt verzuͤckten Flehens zeigten, und mit ausgeſtreck⸗ ten Haͤnden, mit ruͤckwaͤrts wallendem Haar, mit Blicken, die ſich lebhaft auf ihre Schweſter hefteten und durch Thraͤnen glaͤnzten, rief ſie in einem Tone, der allen Anweſenden in's Herz drang: O Hannchen, Hannchen, rette, rette mich! 23 gp r Mit einem andern Gefuͤhle, das aber auch aus ſeinem ſtolzen und ſelbſtaͤndigen Weſen hervor ging, zog ſich der alte Deans noch weiter hinter die vorſpringende Bank zuruͤck, und als Johanna bei ihrem Eintritte in den Gerichtſaal einen ſchuͤchternen Blick auf den Platz warf, wo ſie ihn verlaſſen hatte, war ſeine ehrwuͤrdige Ge⸗ ſtalt nicht mehr ſichtbar. Er ſetzte ſich auf die andre Seite neben Dumbiedikes, rang heftig ſeine Haͤnde, und ſprach leiſe:„O dieß iſt das Schlimmſte von Allem! Koͤnnte ich dieß nur aͤberwinden! Ich fuͤhle es, mein Kopf ſchwin⸗ delt; aber mein Herr iſt ſtark in ſeines Dieners Schwaͤche.“ Er betete ſtill einen Augenblick. Dann ſprang er wieder auf, als haͤtte er in ſeiner Unruhe nicht in derſelben Stellung bleiben koͤnnen, und ruͤckte nach und nach wieder auf den verlaſſenen Platz. Johanna kam indeß zu dem Ende des Ti⸗ ſches, und unfuͤhig, dem Drange der Zuneigung zu widerſtehen, ſtreckte ſie ploͤtzlich die Hand ge⸗ gen ihre Schweſter aus. Effie war ſo nahe, daß ſie die dargereichte Rechte mit beiden Haͤnden umfaſſen, an ihren Mund druͤcken und in Thraͤ⸗ . 6*† 84 nen baden konnte, mit der zaͤrtlichen, ſchwaͤrme⸗ riſchen Andacht, die ein Katholik einem, zu ſei⸗ ner Rettung herab gekommenen Schutzheiligen widmen wuͤrde, waͤhrend Johanna, ihr Geſicht mit der Linken bedeckend, bitterlich weinte. Der Anblick haͤtte ein Herz von Stein bewegen muͤſ⸗ ſen, und konnte ein warmes menſchliches nicht ungeruͤhrt laſſen. Viele Anweſende vergoſſen Thraͤnen, und ſelbſt dem vorſitzenden Richter ge⸗ lang es erſt nach einiger Zeit, ſeine Bewegung ſo viel zu bemeiſtern, daß er die Zeuginn bitten konnte, ſich zu faſſen, und die Gefangene, ſich dieſer Aeußerungen einer lehhaften Zuneigung zu enthalten, welche zwar natuͤrlich waͤren, doch zu dieſer Zeit und an dieſem Orte nicht geſtattet werden koͤnnten. Der feierliche Eid, die Wahrheit zu ſagen und keine Wahrheit zu verhehlen, ſo fern ſie die⸗ ſelbe wiſſe, oder darum befragt werden ſollte, wurde nun von dem Richter der Zeuginn abge⸗ nommen, im Nahmen Gottes, und ſo gewiß ſie am großen Tage des Gerichts Gott Rechenſchaft geben muͤſſe— eine hehre Beſchwoͤrung, die ſelten ihren Eindruck, ſelbſt bei den verhaͤrtetſten Gemuͤthern verfehlt, und auch die aufrichtigſten 85 mit Furcht ergreift. Johanna, in der froͤmm⸗ ſten Ehrfurcht vor Gottes Nahmen und Eigen⸗ ſchaften erzogen, wurde bei der feierlichen Beru⸗ fung auf Ihn und ſeine Gerechtigkeit von einem ernſten Schauder bewegt, aber zugleich uͤber alle Betrachtungen erhoben, die Umſtaͤnde ausgenom⸗ men, woruͤber ſie mit reinem Gewiſſen Ihn zum Zeugen anrufen konnte. Sie ſagte die Worte des Eides mit einem langſamen und ehr⸗ erbietigen, aber deutlichen Tone dem Nichter nach, da in Schottland dieſer, und nicht ein nie⸗ drer Gerichtsdiener, das Geſchaͤft hat, den Zeu⸗ gen zu der feierlichen Berufung anzuweiſen, die der Ausſage Bekraͤftigung gibt. Als der Richter die uͤbliche Feierlichkeit geen⸗ digt hatte, fuͤgte er in einem gefuͤhlvollen, aber doch ermahnenden Tone einige Worte hinzu, welche die Umſtaͤnde zu fodern ſchienen.„Ihr kommt, ſprach er, vor dieſes Gericht unter Um⸗ ſtaͤnden, welche nicht zu beklagen und zu bemit⸗ leiden, mehr als grauſam ſein wuͤrde. Aber ich bin verpflichtet, Euch zu ſagen, Ihr ſeid Wahr⸗ heit, was auch die Folgen davon ſein moͤgen, Wahrheit ſeid Ihr eurem Vaterlande ſchuldig, und dem Gotte, deſſen Wort Wahrheit iſt und 86 deſſen Nahmen Ihr eben angerufen habt. Nehmt Euch Zeit, die Fragen zu beantworten, die dieſer Herr— ſetzte er hinzu, auf den Sach⸗ walter deutend— Euch vorlegen wird, aber be⸗ denkt, wenn Ihr etwas anders, als wahr iſt, zu ſagen Euch verleiten laſſet, ſo muͤſſet Ihr hier und dort Rechenſchaft geben.“ Es wurden darauf die gewoͤhnlichen Fragen an ſie gerichtet, ob irgend Jemand ſie angewie⸗ ſen habe, was fuͤr ein Zeugniß ſie ablegen ſolle, ob irgend Jemand ihr Gefaͤlligkeiten, Vergel⸗ tung, oder Belohnung fuͤr ihr Zeugniß verſpro⸗ chen habe, ob ſie Groll, oder Abneigung wider den Kronanwalt hege, gegen welchen ſie Zeugniß abzulegen vorgeladen ſei. Sie verneinte dieſe Fragen mit ruhiger Faſſung; aber der Inhalt derſelben gab ihrem Vater, der nicht daran dachte, daß es braͤuchlich iſt, jeden Zeugen ſo zu fragen, viel Anſtoß und Aergerniß.„Nein, nein! ſprach er ſo laut, daß man ihn hoͤren konnte: mein Kind gleicht nicht der Witwe von Thekoa.*) Niemand hat ihr Worte in den Mund gelegt.“ *) 2 Sam. 14, 3. 87 Einer von den Richtern, vielleicht beſſer mit den Gerichtsbuͤchern als mit dem Buche Samue⸗ lis bekannt, war geneigt, ſich nach dieſer Witwe von Thekoa eifrig zu erkundigen, welche, nach ſeiner Deutung, bei ihrem Zeugniſſe ſich Unge⸗ buͤhr erlaubt habe. Der vorſitzende Richter aber, der bibelveſter war, fliſterte ſeinem Amtsbruder die noͤthige Erlaͤuterung zu, und die, durch dieſes Mißverſtaͤndniß herbei gefuͤhrte Pauſe hatte die gute Folge, daß Johanna Zeit gewann, ſich zu dem peinlichen Geſchaͤfte, das ihr bevorſtand, Faſſung zu geben. Ihr Sachwalter, ein ſehr erfahrener und verſtaͤndiger Mann, erkannte die Nothwendig⸗ keit, die Zeuginn zu ruhiger Geiſtesſammlung kommen zu laſſen. Er argwoͤhnte heimlich, daß ſie falſches Zeugniß in der Sache ihrer Schweſter geben wolle.„Aber das iſt ihre Sache, dachte er. Ich habe nur darauf zu ſe⸗ hen, daß ſie Zeit genug hat, ſich wieder zu faſ⸗ ſen, und ihr Zeugniß abzulegen; ſei es wahr, oder ſei's falſch— valeat quantum.“ Er begann mit unbedeutenden Fragen, die eine ſchnelle Antwort zuließen.„Ihr ſeid, glaube ich, die Schweſter der Gefangenen?“ 88 Ja, mein Herr, war die Antwort.„Aber doch die Halbſchweſter?“ Ja, wir ſind nicht von einer Mutter.„Ganz recht, und Ihr ſeid, denke ich, einige Jahre aͤlter als eure Schweſter?“ Johanna bejahte auch dieß, und als der Sachwalter meinte, er habe durch jene vorlaͤufi⸗ gen und unwichtigen Fragen die Zeuginn mit ihrer Lage bekannt gemacht, verlangte er zu wiſ⸗ ſen, ob ſie nicht eine Veraͤnderung in dem Ge⸗ ſundheitzuſtande ihrer Schweſter waͤhrend der letz⸗ ten Zeit, wo dieſe bei Frau Sattelbaum in Dien⸗ ſten geweſen ſei, bemerkt habe. Johanna gab eine bejahende Antwort. Und ich vermuthe, liebes Kind, ſie wird Euch die Urſache davon geſagt haben? ſprach der Sach⸗ walter, mit freundlichem, man koͤnnte ſagen, beredendem Tone. Ich bedaure, meinen Herrn Amtsbruder un⸗ terbrechen zu muͤſſen, ſprach der Kronanwalt auf⸗ ſtehend: aber ich uͤberlaſſe es den edlen Herren, zu entſcheiden, ob dieß nicht eine verleitende Fra⸗ ge ſei. Soll dieſer Punkt eroͤrtert werden, ſprach der vorſitzende Richter, ſo muß die Zeuginn abtreten. Die ſchottiſchen Rechtsgelehrten betrachten 1 89 jede Frage des verhoͤrenden Sachwalters, wodurch dem Zeugen die leiſeſte Andeutung von der Be⸗ ſchaffenheit der verlangten Antwort gegeben wird, mit einem heiligen und gewiſſenhaften Abſcheu. Dieſe Bedenklichkeiten beruhen zwar auf einem trefflichen Grundſatze, werden aber zuweilen zu einer abgeſchmackten Spitzfindigkeit hinauf getrie⸗ ben, zumahl, da es einem klugen Sachwalter gewoͤhnlich nicht ſchwer faͤllt, dem Vorwurfe aus⸗ zuweichen. So that es auch Fairbrother.„Es iſt nicht noͤthig, ſprach er, den Herren Richtern die Zeit zu rauben, und da der Kronanwalt es der Muͤhe werth haͤlt, gegen die Form meiner Fragen Einwendungen zu machen, ſo kann ich ſie anders ſtellen.— Sagt mir doch, Jungfer Hannchen, habt Ihr nicht eine Frage an eure Schweſter gethan, als ihre Unpaͤßlichkeit Euch auffiel? Faßt Muth— ſprecht dreiſt.“ Ich fragte ſie, was ihr fehlte, erwiderte Johanna. Sehr gut! Nehmt Euch nur Zeit. Und was antwortete ſie Euch? Johanna ſchwieg und ward leichenblaß. Nicht als ob ſie auch nur einen Augenblick an die Moͤg⸗ lichkeit gedacht haͤtte, die Wahrheit zu verdrehen, 90 aber es war natuͤrlich, daß ſie zoͤgerte, den letzten Hoffnungfunken auszuloͤſchen, der ihrer Schwe⸗ ſter uͤbrig blieb. Faßt nur Muth, Jungfer, ſprach der Sach⸗ walter. Ich fragte, was ſagte eure Schweſter, daß ihr fehle, als Ihr Euch nach ihren Befin⸗ den erkundigtet? Nichts— antwortete Johanna mit einer ſchwachen Stimme, die dennoch in dem entfern⸗ teſten Winkel des Saales deutlich gehoͤrt wurde, eine ſo feierliche und tiefe Stille hatte in der ban⸗ gen Pauſe zwiſchen der Frage des Sachwalters und der Antwort der Zeuginn geherrſcht. Fairbrother verlor die Faſſung, aber mit der ſchnellen Geiſtesgegenwart, die dem buͤrgerlichen Beamten, wie dem Krieger nuͤtzlich iſt, ſammelte er ſich ſchnell wieder.„Nichts? wiederhohlte er. Nun ja, Ihr meint, anfaͤnglich ſagte ſie nichts, als Ihr ſie aber noch einmahl fragtet, ſagte ſie Euch doch wohl, was ihr fehlte?“ Der Ton der Frage ſollte ſie aufmerkſam ma⸗ chen, wie wichtig ihre Antwort waͤre, wenn ſie nicht bereits ſeiber es erkannt haͤtte. Das Eis war indeß gebrochen, und nach einer kuͤrzern —xV —,— 91 Pauſe als anfaͤnglich, antwortete ſie nun:„Ach! ach! nie ſagte ſie mir ein Wort davon.“ Ein tiefer Seufzer ging durch den Saal, aber tiefer und ſchmerzlicher widerhohlte ihn der un⸗ guͤckliche Vater. Die Hoffnung, die er unbe⸗ wußt und trotz ſeiner innern Stimme, heimlich veſt gehalten hatte, war nun verſchwunden, und beſinnunglos ſtuͤrzte der ehrwuͤrdige Greis vor⸗ waͤrts auf den Boden, mit dem Kopfe zu den Fuͤßen ſeiner erſchrockenen Tochter. Die ungluͤck⸗ liche Gefangene kaͤmpfte mit ohnmaͤchtiger Hef⸗ tigkeit gegen die Waͤchter, zwiſchen welchen ſie ſtand.„Laßt mich zu meinem Vater! Ich will zu ihm— ich will zu ihm gehen! Er iſt todt— er iſt getoͤdtet— ich habe ihn getoͤdtet.“ So rief ſie, wie im Wahnſinn, mit Jammertoͤnen, welche die Zuhoͤrer lange nicht vergeſſen konnten. Selbſt in dieſem Augenblicke des bangen Schmerzes und der allgemeinen Verwirrung, ver⸗ lor Johanna nicht jene Ueberlegenheit, die ein ernſtes und veſtes Gemuͤth ſelbſt unter den ſchwer⸗ ſten Pruͤfungen verleiht. Er iſt mein Vater— er iſt unſer Vater! ſprach ſie ſanft zu den Maͤnnern, die ſie von ih⸗ rem Vater trennen wollten, als ſie ſich zu ihm 9²— neigte, ſeine grauen Haare zuruͤck ſtrich und ſeine Schlaͤfe emſig zu reiben begann. Der Nichter trocknete ſich mehrmahl die Au⸗ gen, und gab die Weiſung, Vater und Tochter in ein anſtoßendes Zimmer zu bringen und ſorg⸗ faͤltig zu pflegen. Als der Greis hinausgefuͤhrt wurde und Johanna ihm langſam folgte, ſchickte die Gefangene ihnen ſo ſtiere Blicke nach, als haͤtten ihre Augen aus den Hoͤhlen ſpringen wol⸗ len. Kaum aber waren Beide verſchwunden, da ſchien ſie in ihrer Verzweiflung und Verlaſſenheit von einem Muthe beſeelt zu werden, den ſie noch nicht gezeigt hatte. Das Bitterſte iſt nun voruͤber, ſprach ſie, und wendete ſich dann kuͤhn zu den Richtern: Edle Herren, wenn's Euch beliebt, weiter zu ge⸗ hen in dieſer Sache, ſo wird der muͤhſeligſte Tag doch auch ſein Ende finden. Der Richter, welcher, zu ſeiner großen Ehre, die allgemeine Theilnahme innig mitempfunden hatte, war uͤberraſcht, als er ſich durch die Ge⸗ fangene an ſeine Pflicht erinnert ſah. Er ſam⸗ melte ſich, und fragte, ob der Sachwalter der Angeklagten noch weiter Zeugniſſe beizubringen 93 habe. Fairbrother antwortete, er habe keine Be⸗ weiſe mehr. Der Staatsklaͤger redete die Geſchworenen an. Er ſagte mit wenigen Worten, es koͤnnte Niemand an dem traurigen Auftritte, wovon ſie eben Zeugen geweſen waͤren, innigern Antheil nehmen, als er, aber es waͤre die nothwendige Folge großer Verbrechen, Noth und Verderben über Alle zu bringen, die mit den Thaͤtern ver⸗ bunden waͤren. Darauf faßte er alle Beweis⸗ gruͤnde kurz zuſammen, und zeigte, daß der vor⸗ liegende Rechtsfall von allen Umſtaͤnden begleitet waͤre, die das Geſetz erfoderte, nach welchem die ungluͤckliche Gefangene verurtheilt werden ſollte; daß dem Vertheidiger der Angeklagten der Be⸗ weis, Euphemia Deans haͤtté ihrer Schweſter ihren Zuſtand entdeckt, gaͤnzlich fehl geſchlagen waͤre; daß er hinſichtlich ihres fruͤhern guten Ru⸗ fes leider bemerken muͤßte, es wuͤrden gerade die Frauen, die guten Ruf beſaͤßen und ihn mit Recht ſchaͤtzten, durch Scham und durch Furcht vor dem Tadel der Welt, am ſtaͤrkſten zu dem Verbrechen des Kindermordes verſucht. An der Ermordung des Kindes zweifelte er, wie er ſagte, nicht im Mindeſten. Die ſchwankende und un⸗ 3e 94 zuſammenhangende Ausſage der Gefangenen, verbunden mit ſo zahlreichen Weigerungen, die Wahrheit zu geſtehen, wo es, nach dem In⸗ halte ihrer eigenen Geſchichte, natuͤrlich und vor⸗ theilhaft geweſen waͤre, aufrichtig zu ſein, ſelbſt dieſe unvollſtaͤndige Ausſage ließ in ſeinem Ge⸗ muͤthe keinen Zweifel an dem Schickſale des un⸗ gluͤcklichen Kindes aufkommen. Eben ſo wenig zweifelte er an der Mitſchuld der Gefangenen. Wem ſonſt konnte eine ſo unmenſchliche That Vortheil bringen? Gewiß hatte weder Robert⸗ ſon, noch ſeine Helfershelferinn, in deren Hauſe die Angeklagte niedergekommen war, die min⸗ deſte Verſuchung, ein ſolches Verbrechen zu be⸗ gehen, als um ihretwillen, mit ihrer ſtillen Ein⸗ willigung, und in der Abſicht, ihren Ruf zu ret⸗ ten. Aber das Geſetz, fuͤgte er hinzu, wollte ihn nicht verpflichten, beſtimmte Beweiſe fuͤrden Mord des Kindes, oder fuͤr die Mitſchuld der Gefange⸗ nen beizubringen. Es waͤre ja die eigentliche Abſicht des Geſetzes, eine Reihe von Wahrſchein⸗ lichkeitgruͤnden ſtatt eines ſtrengen Beweiſes gel⸗ ten zu laſſen, der ſich in ſolchen Faͤllen nur ſchwer fuͤhren ließe. Die Geſchworenen, fuͤgte er hin⸗ zu, moͤchten ſelber das Geſetz leſen, und ſie muͤß⸗ —.„ 95 ten die Klagſchrift und den Vorbeſcheid zu ihrer rechtlichen Richtſchnur nehmen. Er uͤberließ es endlich ihrem Gewiſſen, ob nicht Beides ihn be⸗ rechtigte, den Ausſpruch: Schuldig! zu erwarten. Fairbrother war durch das Mißlingen des Beweiſes, den er ſiegreich zu fuͤhren hoffte, in eine ſchwierige Lage gekommen, und dennoch ver⸗ focht er ſeine ſinkende Sache mit Muth und Be⸗ harrung. Er wagte es, die Strenge des Geſe⸗ tzes anzugreifen, nach welchem die Gefangene war angeklagt worden. In allen andern Faͤllen, ſagte er, ſei es die erſte Obliegenheit des pein⸗ lichen Anklaͤgers, die wirkliche Begehung des, in der Klage ausgeſprochenen Verbrechens unzwei⸗ deutig darzuthun, oder den Thatbeſtand zu be⸗ weiſen. Dieſes Geſetz aber, ohne Zweifel in der beßten Abſicht erlaſſen, und aus emem gerechten Abſcheue gegen das unnatuͤrliche Verbrechen des Kindermordes hervor gegangen, fuͤhre die Gefahr herbei, ſelbſt den ſchlimmſten Mord zu veranlaſ⸗ ſen, den Tod einer Unſchuldigen, die fuͤr einen Mord buͤßen muͤſſe, der vielleicht nie began⸗ gen worden ſei. Weit entfernt, die angefuͤhrte Wahrſcheinlichkeit von dem gewaltſamen Tode des Kindes gelten zu laſſen, wollte er nicht ein⸗ 95 mahl zugeben, es ſei ein Beweis da, daß das Kind je gelebt habe. Der Kronanwalt verwies auf Euphemia's Ausſage, worauf der Sachwalter erwiderte, es waͤre ſeinem gelehrten Gegner wohl bekannt, daß das Werk eines Augenblickes des Schreckens und der Angſt, ja faſt des Wahnſinnes, keinen gruͤnd⸗ lichen Beweis gegen Denjenigen abgeben koͤnnte, von welchem es herruͤhrte.„Ein gerichtliches Geſtaͤndniß, in Gegenwart der Richter ſelbſt ab⸗ gelegt, fuhr er fort, iſt freilich der ſtaͤrkſte Be⸗ weis, weßhalb auch das Geſetz ſagt, in confi- tentem nullae sunt partes judicis. Dieß gilt aber nur von einem gerichtlichen, wirklich vor den Richtern und den Geſchworenen abgelegten Bekenntniſſe. Von außergerichtlichen Geſtaͤnd⸗ niſſen aber meinen Alle mit den beruͤhmten Fa⸗ rinaceus und Mattheus: confessio extrajudi- cialis in se nulla est, et quod nullum est, non potest adminiculari; ein ſolches Ge⸗ ſtaͤndniß iſt gaͤnzlich untauglich, und ohne Kraft und Wirkung von Anbeginn an, kann daher auch nicht unterſtuͤtzt, oder durch andere muth⸗ maßliche Umſtaͤnde verſtaͤrkt werden.“ Wenn nun das außergerichtliche Geſtaͤndniß, — 97 fuͤgte er hinzu, in dem vorliegenden Falle, wie⸗ es ſein muͤſſe, fuͤr nichts gelten koͤnne, ſo habe der Staatsklaͤger das zweite geſetzliche Erfoderniß, den Beweis, daß ein lebendiges Kind geboren worden ſei, nicht beigebracht, und dieß wenig⸗ ſtens muͤſſe dargethan werden, ehe Muthmaßun⸗ gen uͤber deſſen Ermordung angenommen wer⸗ den koͤnnten. Sollte Jemand von den Geſchwo⸗ renen, ſetzte er hinzu, der Meinung ſein, daß er das Geſetz zu ſcharf behandle, ſo moͤge man erwaͤgen, daß es ſeiner Natur nach in hohem Grade ſtrenge ſei und daher auf eine guͤnſtige An⸗ ſicht keinen Anſpruch habe. Er ſchloß darauf ſeine gelehrte Rede mit einigen gewaͤhlten Wor⸗ ten uͤber den Auftritt, wovon Alle eben Zeu⸗ gen geweſen waren; aber waͤhrend dieſer Schluß⸗ worte fiel Sattelbaum in tiefen Schlaf. Es war nun an dem vorſitzenden Richter die Reihe, zu den Geſchworenen zu ſprechen, was er mit kurzen und deutlichen Worten that. Die Geſchworenen, ſagte er, haͤtten zu erwaͤgen, ob der Staatsanwalt ſeine Anklage begruͤndet haͤtte; er ſelber muͤßte mit aufrichtigem Bedauern ſagen, daß nicht der Schatten eines Zweifels uͤber den Ausſpruch, den das Schwurgericht faͤllen ſollte, III. Theil. 7 98 in ſeiner Seele geblieben waͤre. Den Tadel, welchen der Sachwalter der Gefangenen gegen das, unter dem Koͤnig Wilhelm und der Koͤ⸗ niginn Maria erlaſſene Geſetz ausgeſprochen hatte, wollte er nicht eroͤrtern. Er und die Geſchworenen waͤren durch ihren Eid verpflich⸗ tet, nach den beſtehenden Geſetzen zu richten, und ſollten dieſelben nicht tadeln, nicht umge⸗ hen, ja nicht einmahl rechtfertigen. Nie wuͤrde in einem buͤrgerlichen Rechtsfalle einem Sach⸗ walter geſtattet werden, die Sache ſeines Schuͤtz⸗ lings mit offenem Widerſpruche gegen das Ge⸗ ſetz zu vertheidigen; da aber in peinlichen Faͤl⸗ len ein Anwalt ſich oft in ſchwieriger Lage be⸗ finde, und jede Vermuthung der Unſchuld be⸗ guͤnſtigt werden muͤſſe, ſo ſei er nicht geneigt geweſen, den Sachwalter zu unterbrechen, oder ihn in ſeiner Vertheidigung zu beſchraͤnken. Das beſtehende Geſetz, fuhr er fort, ſei von ihren weiſen Voraͤltern gegeben worden, um der be⸗ unruhigenden Zunahme eines ſchrecklichen Ver⸗ brechens Einhalt zu thun, und es wuͤrde, wo⸗ fern es fuͤr den vorgeſetzten Zweck zu ſtrenge befunden werden ſollte, ohne Zweifel von der weiſen Geſetzgebung abgeaͤndert werden; nun 99 aber ſei es Landesgeſetz, Regel fuͤr den Ge⸗ richtshof, und muͤſſe, Kraft des geleiſteten Ei⸗ des, auch Richtſchnur fuͤr die Geſchworenen ſein. Ueber die Lage des ungluͤcklichen Maͤd⸗ chens koͤnne kein Zweifel mehr obwalten, fuhr er fort, und es ſei erwieſener Thatbeſtand, daß ſie ein Kind geboren habe, und daß dieſes Kind verſchwunden ſei. Der gelehrte Sachwalter habe nicht beweiſen koͤnnen, daß ſie ihren Zuſtand Jemanden entdeckt habe, und alle geſetzlichen Erfoderniſſe ſeien den Geſchworenen vorgelegt worden. Der gelehrte Vertheidiger haͤtte ihnen zwar angeſonnen, ſetzte er hinzu, der Gefan⸗ genen eigenes Geſtaͤndniß nicht in Betrachtung zu ziehen, wie es gewoͤhnlich, in Ermangelung aller andrer Beweismittel, Sachwalter in ſei⸗ ner Lage thaͤten, welchen die Ausſagen ihrer Schuͤtzlinge meiſt laͤſtig waͤren; daß aber nach dem ſchottiſchen Rechte ſolchen Geſteaͤndniſſen, die man allerdings gewiſſermaßen außergericht⸗ liche nennen koͤnnte, einiges Gewicht beigelegt werden ſollte, waͤre aus dem allgemeinen Ge⸗ brauche erſichtlich, ſie immer, als einen Theil von des Anklaͤgers Beweismitteln, mitzuthei⸗ ten und vorzuleſen. Im vorliegenden Falle 7 † 700 muͤßte Jedermann, der die Ausſagen der Zeu⸗ ginnen uͤber Euphemia's Ausſehen in der letz⸗ ten Zeit ihres Aufenthalts bei Sattelbaum, und die Beſchreibungen ihres Zuſtandes und ihrer Lage bei der Ruͤckkehr in's vaͤterliche Haus, ge⸗ gen einander hielte, unbezweifelt annehmen, daß die Niederkunft wirklich ſtatt gefunden habe, wie es in dem eigenen Bekenntniſſe der Gefan⸗ genen ſei ausgeſprochen worden, welches daher auch nicht als einzelner Beweis da ſtehe, ſon⸗ dern durch die ſtaͤrkſten, aus den Umſtaͤnden hervorgehenden Gruͤnde unterſtuͤtzt werde. Er haͤtte, ſetzte er hinzu, den Eindruck, den alles dieß auf ſeine Seele gemacht habe, nicht in der Abſicht mitgetheilt, ihrem Gemuͤthe eine Rich⸗ tung zu geben. Das haͤusliche Ungluͤck, wo⸗ von ſie Zeugen geweſen waͤren, haͤtte ihn nicht minder als ſie geruͤhrt, und wenn ſie, Gott und ihrem guten Gewiſſen traue, die Heiligkeit des geſchworenen Eides und die Achtung gegen das Landesgeſetz nicht verletzend, zu einer, fuͤr die ungluͤckliche Gefangene guͤnſtigen Entſcheidung kommen koͤnnten, ſo wuͤrde er ſich ſo ſehr als irgend Jemand freuen; denn nie waͤre die Er⸗ fuͤllung ſeiner Pflicht ſo betruͤbend fuͤr ihn ge⸗ — 181 weſen, als an dieſem Tage, und er wuͤrde froh ſein, von dem noch peinlichern Geſchaͤfte befreit zu werden, das ſonſt noch fuͤr ihn uͤbrig bliebe. Als die Geſchworenen des Richters Anrede gehoͤrt hatten, verbeugten ſie ſich, und gingen, einem Gerichtsdiener folgend, in das Zimmer, das zu ihrer Berathſchlagung beſtimmt war. 102 VI. Dein Opfer nimm, Geſetz! Sie find' Erbarmen, Im Himmel dort, wenn's hart die Welt verſagt, Eine Stunde verfloß, ehe die Geſchworenen zu⸗ ruͤck kehrten, und als ſie mit langſamen Schrit⸗ ten durch das Gedraͤnge gingen, wie Maͤnner, die ſich einer ſchweren und peinlichen Verantwort⸗ lichkeit entladen ſollen, verſank die Verſammlung in ein tiefes, ernſtes und ſchauerliches Schweigen. Habt Ihr uͤber euern Kanzler Euch vereinigt? war des vorſitzenden Richters erſte Frage. Der Obmann, in Schottland Kanzler der Geſchworenen genannt, und gewoͤhnlich der ange⸗ ſehenſte und geachtetſte Mann unter ihnen, trat vor und uͤbergab den Richtern mit einer tiefen Verbeugung eine verſiegelte Schrift, die den Aus⸗ ſpruch enthielt, welcher bis auf die neuere Zeit, wo muͤndliche Abgabe in einigen Faͤllen geſtattet wird, immer ſchriftlich abgefaßt wurde. Die 103 Geſchworenen blieben ſtehen, waͤhrend der Rich⸗ ter das Siegel erbrach, und als er den Spruch geleſen hatte, reichte er ihn mit trauerndem Ernſt dem Gerichtſchreiber, der die noch unbekannte Entſcheidung, deren traurigen Inhalt jedoch Alle ahneten, eintragen ſollte. Es war nun noch eine, an ſich gleichgiltige und unbedeutende, Foͤrm⸗ lichkeit uͤbrig, der aber die ernſte Gelegenheit, bei welcher ſie vorkommt, eine das Gemuͤth ergrei⸗ fende Feierlichkeit gibt. Man ſtellte ein brennen⸗ des Licht auf den Tiſch; die Urſchrift des Aus⸗ ſpruches der Geſchworenen ward in einen Bogen Papier gewickelt und, mit des vorſitzenden Rich⸗ ters Petſchaft verſiegelt, dem Kronbeamten uͤber⸗ geben, um mit andern aͤhnlichen Urkunden auf⸗ bewahrt zu werden. Alles dieß wird bei dem tiefſten Stillſchweigen abgemacht, das Anzuͤnden und Ausloͤſchen des Lichtes ſcheint ein Bild des Lebensfunkens zu ſein, der bald nachher erſtickt werden ſoll, und macht auf die Zuſchauer eben ſo viel Wirkung, als wenn in England der Rich⸗ ter beim Urtheilſpruche die unſelige Muͤtze aufſetzt. Nach dieſen vorlaͤufigen Feierlichkeiten wurde die Gefangene von dem Richter aufgefodert, die Vorleſung des Spruches anzuhoͤren. Nach den 104 herkoͤmmlichen Eingangsworten, erklaͤrte der Aus⸗ ſpruch, die Geſchworenen haͤtten, nachdem Jo⸗ hann Kirk zu ihrem Kanzler und der Kaufmann Thomas Moore zu ihrem Schreiber ernannt worden, nach Stimmenmehrheit Euphemia Deans des ihr vorgeworfenen Verbrechens ſchuldig befun⸗ den, aber in Grwaͤgung ihrer Jugend und ihrer harten Lage den Richter dringend bitten wollen, die Gefangene der koͤniglichen Gnade zu empfehlen. Ihr habt eure Pflicht gethan, ihr Herren, ſprach der Richter, und es muß eine ſchmerzliche Pflicht fuͤr ſo menſchlich geſinnte Maͤnner, als Ihr ſeid, geweſen ſein. Ich werde ohne allen Zweifel eure Empfehlung vor den Thron bringen. Aber es iſt meine Pflicht, es Allen, die mich hoͤren, zu ſagen, und beſonders dieſem ungluͤcklichen Maͤd⸗ chen, damit ſie ihrem Gemuͤthe Faſſung gebe, zu verſichern, daß ich nicht die mindeſte Hoffnung hege, in dieſem Falle die Begnadigung gewaͤhrt zu ſehen. Ihr wißt, das Verbrechen hat hier zu Lande ſehr uͤberhand genommen, und mir iſt be⸗ kannt, daß man dieß der Gelindigkeit bei der Vollziehung der Geſetze zugeſchrieben hat, und daß ſich daher durchaus nicht hoffen laͤßt, Straf⸗ erlaß fuͤr dieſe Vergehung zu erlangen. e 105 Die Geſchworenen verbeugten ſich wieder, und von ihrer ſchmerzlichen Pflicht erloͤſet, verloren ſie ſich unter den Zuſchauern. Die Richter fragten darauf den Sachwalter der Gefangenen, ob er irgend etwas dagegen einzuwenden habe, daß dem Ausſpruche der Geſchworenen die Verurtheilung folge. Der NRechtsgelehrte brachte einige Zeit damit zu, den Ausſpruch zu leſen und wieder zu leſen, zaͤhlte die Buchſtaben in dem Nahmen je⸗ des Geſchworenen und wog jeden Satz, ja jede Silbe auf der ſchaͤrfſten Wage der rechtlichen Pruͤ⸗ fung. Der Schreiber der Geſchworenen aber hatte ſein Geſchaͤft zu gut verſtanden; es ließ ſich kein Verſehen auffinden, und Fairbrother erwiderte traurig, er haͤtte nichts fuͤr den Aufſchub des Urtheiles zu ſagen. Darauf ſprach der vorſitzende Richter zu der ungluͤcklichen Gefangenen:„Euphemia Deans, hoͤret das Urtheil des Gerichtes an, das jetzt ge⸗ gen Euch ausgeſprochen werden ſoll.“ Sie ſtand von ihrem Sitze auf, und mit groͤßerer Faſſung, als ſich nach dem Benehmen, das ſie zum Theil bei dem Verhoͤre gezeigt hatte, vermuthen ließ, erwartete ſie das Ende der furcht⸗ baren Verhandlung. So ſehr gleichen die Re⸗ 106 gungen des Gemuͤthes den koͤrperlichen Empfin⸗ dungen, daß der erſte heftige Schlag, der uns trifft, in eine fuͤhlloſe Betaͤubung uns verſetzt, die gegen die nachfolgenden Streiche gleichgiltig macht. So ſprach Mandrin, als er die Strafe des Rades zu erleiden hatte, und dieß haben Alle empfunden, die nach einander von gleich heftigen Streichen getroffen wurden. Euphemia Deans, ſprach der Richter, ich habe die peinliche Pflicht, Euch zu ſagen, daß Ihr euer Leben nach einem Geſetze verwirkt habt, welches, wenn es einiger Maßen ſtrenge ſcheinen mag, weislich ſo abgefaßt worden iſt, um Allen, die ſich in eurer ungluͤcklichen Lage befinden, be⸗ greiflich zu machen, welcher Gefahr ſie ſich aus⸗ ſetzen, wenn ſie aus Stolz, oder falſcher Scham ihren Abfall von der Tugend verhehlen, und keine Vorbereitungen treffen, das Lebhn der un⸗ gluͤcklichen Kinder zu ſichern, die ſie zur Welt bringen ſollen. Als Ihr euren Zuſtand vor eu⸗ rer Herrſchaft, vor eurer Schweſter und vor an⸗ dern wuͤrdigen und mitleidigen Perſonen eures Geſchlechts, deren Gunſt Ihr durch euer fruͤheres Betragen erworben hattet, verhehltet, ſcheint Ihr den Tod des hilfloſen Weſens, fuͤr deſſen Erhal⸗ — 107 tung zu ſorgen Ihr vernachlaͤßigtet, wenigſtens im Sinne gehabt zu haben. Was mit dem Kinde vorgenommen, ob es durch ſonſt Jemand, oder durch Euch ſelber auf die Seite geſchafft worden iſt, ob die ſonderbare Geſchichte, die Ihr uns erzaͤhlt habt, zum Theil, oder ganz unwahr iſt, das weiß Gott und euer Gewiſſen. Ich will eure Bekuͤmmerniß durch Eindringen in dieſen Gegen⸗ ſtand nicht erhoͤhen; aber ich ermahne Euch ſo feierlich, als ich vermag, die uͤbrige Zeit eures Daſeins dazu anzuwenden, euren Frieden mit Gott zu machen, und es ſoll zu dieſem Zwecke ein Geiſtlicher, den Ihr ſelber beſtimmen koͤnnt, Zutritt zu Euch haben. Ich kann Euch, unge⸗ achtet der menſchenfreundlichen Empfehlung der Geſchworenen, bei der gegenwaͤrtigen Lage des Landes, nicht die geringſte Hoffnung geben, daß euer Leben uͤber die, zur Vollziehung des Urtheils beſtimmte Zeit werde verlaͤngert werden. Ihr moͤget daher die Gedanken an dieſe Welt aufge⸗ ben und euer Gemuͤth durch Reue auf ernſtere Gedanken vorbereiten, auf Tod, Gericht und Ewigkeit. Urtheilſprecher, leſet das Urtheil! Der Urtheilſprecher, eine lange hagere Geſtalt, in einem ſeltſamen, ſchwarzen und grauen mit 109 Borten beſetzten Kleide, trat hervor, und Alle wichen zuruͤck, von ahnungvollem Schauder ergrif⸗ fen, um ihm Platz zu machen, als er ſich dem NRichterſitze naͤherte. Einer draͤngte den Andern zuruͤck, um ſelbſt nicht das Kleid des Henkers zu beruͤhren, der das Amt des Urtheilſprechers ver⸗ waltete, und man ſah Einige, die zufaͤllig zu einer ſo unreinen Beruͤhrung gekommen waren, ihre Kleider abreiben. Deutlich hoͤrte man Alle ſchwer athmen, wie es gewoͤhnlich iſt, wenn man etwas Furchtbares und zugleich Ruͤhrendes erwar⸗ tet, oder erblickt. Der Elende ſchien, trotz ſei⸗ ner abgehaͤrteten Rohheit, doch zu fuͤhlen, daß er der Gegenſtand des oͤffentlichen Abſcheues war, und ſich daher ungern vor den Menſchen zu zei⸗ gen, wie Voͤgel von boͤſer Vorbedeutung das Ta⸗ geslicht und die reine Luft zu meiden ſuchen. Dem Gerichtſchreiber nachſprechend, ſchnat⸗ terte er die Worte des Spruches her, nach wel⸗ chem Euphemia Deans ins Stadtgefaͤngniß von Edinburgh zurüͤck gefuͤhrt, und daſelbſt bis Mitt⸗ woche, den— aufbewahrt, an dieſem Tage aber, Nachmittags zwiſchen zwei und vier Uhr, auf den gemeinen Rabenſtein gebracht und an den Galgen gehaͤngt werden ſollte.„Und dieß, 1 —— 109 ſprach der Urtheilſprecher, ſeine rauhe Stimme verſtaͤrkend: verkuͤnde ich als den Richterſpruch. 44 Er verſchwand, als er das letzte nachdruͤck⸗ liche Wort ausgeſprochen hatte, wie ein boͤſer Geiſt, wenn die Abſicht ſeiner Erſcheinung er⸗ fuͤllt iſt; aber der ſchauderhafte Eindruck, den ſeine Gegenwart und ſein Auftrag gemacht hat⸗ 2 ten, blieb bei den Zuſchauern zuruͤck. Die ungluͤckliche Verbrecherinn, wie wir ſie nun nennen muͤſſen, empfaͤnglicher und reizbarer als ihr Vater und ihre Schweſter, verrieth in dieſer Bedraͤngniß viel von dem Muthe, der jenen eigen war. Unbeweglich ſtand ſie vor den Schran⸗ ken, waͤhrend das Urtheil ausgeſprochen ward, und ſchloß die Augen, als der Urtheilſprecher vor ſie trat; aber ſie brach zuerſt das Schweigen, ſo⸗ bald die unſelige Geſtalt ſich entfernt hatte.„Gott vergebe Euch, edle Herren! ſprach ſie. Und ſeid nicht boͤſe auf mich, daß ich es wuͤnſche, wir haben Alle Vergebung noͤthig. Ich ſelber kann Euch nicht tadeln; Ihr handelt ja nach eurer Einſicht, und wenn ich auch nicht mein armes Kind getoͤdtet habe, ſo ſeid Ihr doch Alle heute Zeugen geweſen, daß ich meinem greiſen Vater den Tod gebracht habe. Ich verdiene das Schlimmſte von den Menſchen, und von Gott auch; aber Gott iſt barmherziger gegen uns, als wir's gegen einander ſind.“ Mit dieſen Worten ſchloß die Verhandlung. Das Menſchengewuͤhl ſchob ſich fort, und Alle draͤngten ſich eben ſo laͤrmend aus dem Ge⸗ richtshofe, als ſie hinein gekommen waren, und bei dem Reize, den dieſe koͤrperliche Bewegung und Aufregung erweckte, vergaßen ſie bald je⸗ den Eindruck, den das eben geſehene Schauſpiel gemacht hatte. Die Rechtsgelehrten, die durch Gewohnheit und durch Beſchaͤftigung mit ihrer Wiſſenſchaft ſo gefuͤhllos gegen das Schmerzliche jenes Auftrittes geworden waren, als es Leute vom Gewerbe ſind, wenn ſie dem Schnitte des Wundarztes zuſehen, gingen in einzelnen Haufen nach Hauſe, und ſprachen uͤber den allgemeinen Grundſatz des Geſetzes, nach wel⸗ chem die Gefangene war verurtheilt worden, uͤber die Beſchaffenheit der Beweiſe des That⸗ beſtandes, uͤber die Gruͤnde des Anwalts, ohne ſelbſt das Verfahren des Richters von ihrem Tadel auszunehmen. Die mitleidigern Zuſchauerinnen ließen ſich in lauten Ausrufungen gegen die Aeußerungen ——* 111 des Richters vernehmen, welche die Hoffnung auf Begnadigung abzuſchneiden ſchienen. Der ließ ſich's einfallen, ſprach Frau How⸗ den, uns zu ſagen, das arme Maͤdchen muͤßte ſterben, und Herr Kirk, der ſo hoͤflich iſt, als nur irgend Jemand in der Stadt, nahm ſich doch ſelber die Muͤhe, fuͤr ſie zu bitten. Ja Nachbarinn, erwiderte Jungfer Damahoy, ihre hagre Maͤdchengeſtalt in ſproͤder Wuͤrde auf⸗ richtend: ich glaube wahrhaftig, es ſollte dieſem unnatuͤrlichen Weſen mit den unehelichen Kindern eine Graͤnze geſetzt werden. Ihr koͤnnt ja jetzt kein Maͤdchen unter dreißig Jahren in euer Haus bringen, ohne daß es zu Kindern kommt. Da ſchleichen die Schreiberjungen, die Lehrjungen und Gott weiß wer, hinter ihnen her zu ihrem Verderben, und bringen obendrein ein ehrliches Haus auch in Schande. Ich kann's nicht mehr anſehen. 1 Nun, Jungfer Nachbarinn, hob Frau How⸗ den wieder an: leben und leben laſſen. Wir ſind ja ſelber jung geweſens und ſollten nicht ſo⸗ gleich das Schlimmſte denken, wenn Jungen und Maͤdchen beiſammen ſind. Selber jung? Das Schlimmſte denken? 112 ſprach Jungfer Damahoy. Ich bin auch noch nicht ſo alt, Frau Howden, und was das Schlimmſte betrifft, wie Ihr's nennt, ſo weiß ich davon weder Gutes noch Boͤſes zu ſagen, Dank ſei's dem Himmel! Nun, da ſeid Ihr fuͤr geringe Gnade dank⸗ bar, erwiderte Frau Howden, den Kopf in die Hoͤhe werfend. Und Ihr und jung! Ich glaube doch, Ihr habt wohl ſchon fuͤr Euch ſelber gelebt, als das ſchottiſche Parliament zum Letztenmahl ſich verſammelte, und das war im Jahre des Herrn 1707,*) darum koͤnnt Ihr auf keinen Fall ein ſolches Kuͤchlein ſein. Plumdamas, der die beiden ſtreitenden Frauen begleitete, ſah alsbald, wie gefaͤhrlich es war, ſich in ſolche kitzliche Punkte der Zeitrechnung ein⸗ zulaſſen, und als Freund des Friedens und guter Nachbarſchaft verlor er keinen Augenblick, das Geſpraͤch wieder auf den urſpruͤnglichen Gegen⸗ ſtand zuruͤck zu fuͤhren. —— *) Als das ſchottiſche Parliament ſich im Oetober 1706 verſammelt hatte, um uͤber die Vereini⸗ gung mit England zu berathſchlagen, wurde es⸗ ia de Vollziehung dieſer Maßregel, aufge⸗ et⸗. 113 Nachbarinnen, hob er an, der Richter hat uns uͤber das Anſuchen um Begnadigung nicht alles geſagt, was er haͤtte ſagen koͤnnen, wenn er gewollt haͤtte. In dem Knauel eines Rechts⸗ gelehrten iſt immer etwas Verfitztes, aber— dahinter ſteckt was von einem Geheimniß. Was iſt's denn? Was iſt's, Herr Nach⸗ bar? riefen Frau Howden und Jungfer Damahoy zu gleicher Zeit, da die ſaure Gaͤhrung ihres Zwi⸗ ſtes ploͤtzlich durch das ſtarke Laugenſalz, das in dem Worte Geheimniß lag, neutraliſirt wurde. Da kommt Herr Sattelbaum, der kann's Euch beſſer ſagen, als ich, denn ich habe es von ihm gehoͤrt, ſprach Plumdamas, als der Satt⸗ lermeiſter mit ſeiner Frau am Arme herbei kam und ſehr troſtlos ausſah. Sattelbaum ruͤmpfte die Naſe, als man ihn befragte.„Man ſagt, ſprach er mit dem Tone der Verachtung: es ſollte dem haͤufigen Kinder⸗ mord Einhalt gethan werden. Aber glaubt Ihr denn, unſre alten Feinde in England, wie Glen⸗ dook ſie immer in ſeiner gedruckten Geſetzſamm⸗ lung nennt, die kuͤmmerten ſich einen Quatk darum, ob wir uns alle mit einander umbringen, Maͤnner, Weiber und Kinder, ſammt und ſon⸗ III. Theil. 8 ders, omnes et singulos, wie Herr Croßmy⸗ loof ſagt? Nein, nein, das iſt's nicht, was ſie abhaͤlt, das arme Ding zu begnadigen. Der Koͤnig und die Koͤniginn ſind ſo aͤrgerlich uͤber die boͤſe Geſchichte mit dern Porteous, daß ſie einem guten Schottlaͤnder nie wieder Verge⸗ bung werden angedeihen laſſen, ſei es durch Be⸗ gnadigung, oder Straferlaß, und wenn ganz Edinburgh an einem Strick ſollte aufgehaͤngt werden.“ Moͤchten ſie denn zum Teufel wieder in ih⸗ rem teutſchen Kuͤchengarten ſein, wie mein Nach⸗ bar Mac Croskie ſagt, wenn ſie uns ſo regieren wollen, ſprach Frau Howden. Man ſagt fuͤr gewiß, hob Jungfer Dama⸗ hoy an: Koͤnig Georg haͤtte ſeine Perruͤcke in's Feuer geworfen, als er von dem Aufſtand wegen Porteous hoͤrte. Das ſoll er ſchon um geringerer Dinge willen gethan haben, erwiderte Sattelbaum. Nun, er ſollte in ſeinem Zorne doch verſtaͤn⸗ diger ſein, ſprach Jungfer Damahoy. Aber deſto beſſer fuͤr ſeinen Perruͤckenmacher, ſage ich. Die Koͤniginn hat ihre Haube im Aerger zerriſſen, das werdet Ihr auch wohl gehoͤrt ha⸗ 115 ben, fiel Plumdamas ein. Sir Robert Wal⸗ pole*) ſoll vom Koͤnig einen Fußſtoß bekommen haben, weil er den Aufſtand in Edinburgh nicht unterdruͤckt hat; aber ich glaube nicht, daß der Koͤnig ſo unhoͤflich geweſen iſt. Es mag aber doch wahr ſein, ſprach Sattel⸗ baum: er hat ja auch dem Herzoge von Argyle einen Fußſtoß geben wollen. Einen Fußſtoß dem Herzog⸗von Argyle! rie⸗ fen Alle auf einmahl, mit den vereinigten Toͤ⸗ nen des hoͤchſten Erſtaunens⸗ Ja, aber Mac⸗Callummore's*†) Blut haͤtte das nicht ertragen, und es waͤre wohl eine gute Klinge zwiſchen ſie gekommen. Der Herzog iſt ein echter Schottlaͤnder— ein wahrer Freund ſeines Vaterlandes, erwider⸗ ten Sattelbaum's Zuhoͤrer. Ja wahrlich, das iſt er, des Koͤnigs und des Vaterlandes Freund, fuhr der Sprecher fort: und das ſollt Ihr hoͤren, wenn Ihr mit uns nach Hauſe gehen wollt, denn von ſolchen Din⸗ gen ſpricht ſich's am Sicherſten inter parietes. *) Georgs I. und II. Miniſter. L. **) Der hochlaͤndiſche Stammnahme des Herzogs von Argyle, L. 8*» 116 Als er mit ſeinen Begleitern in den Laden trat, ſchob er ſeinen Lehrjungen hinaus, ſchloß ſein Pult auf, und mit ernſthaftem und ſelbſtge⸗ faͤlligem Weſen hohlte er eine ſchmutzige und zer⸗ knitterte Druckſchrift hervor.„Das iſt etwas Nagelneues, ſprach er, und nicht Jedermann kann Euch dergleichen zeigen. Es iſt des Herzogs Rede uͤber die Porteous⸗Geſchichte, wie die Aus⸗ rufer ſie eben bekannt gemacht haben. Ihr ſollt hoͤren, was Jan Roy Cean fuͤr ſich ſelber ſagt. Mein Handetsfreund kaufte das Blatt im Schloß⸗ hofe, das heißt vor des Koͤnigs Naſe. Ich daͤchte, er haͤtte es ihnen tuͤchtig gegeben. Ich hab' es in einem Briefe uͤber einen dummen Wechſel bekommen, deſſen Verlaͤngerung der Mann wuͤnſcht. Du magſt einmahl danach ſe⸗ hen, Flau.“ Die ehrliche Frau Sattelbaum war zeither uͤber die Lage des ungluͤcklichen Maͤdchens ſo auf⸗ richtig bekuͤmmert geweſen, daß ſie ihren Mann hatte reden laſſen, ohne auf ſeine Worte zu ach⸗ ten. Die Worte Wechſel und Verlaͤnge⸗ rung ader waren fuͤr ſie erweckende Toͤne. Sie entriß ihrem Manne den Brief, den er ihr dar⸗ reichte, trocknete ſich die Augen, ſetzte die Brille 117 auf, und ſuchte, ſo ſchnell es bei den getruͤbten Brillenglaͤſern moͤglich war, den Sinn des we⸗ ſentlichen Inhalts auszumitteln, waͤhrend ihr Mann mit hochtrabender Erhebung ſeiner Stimme einen Auszug aus der Rede von as.„Ich bin nicht im Miniſterium, war nie darin, und will nie darin ſein—“ Ich habe nicht gewußt, ſiel Frau Howden ein, daß der Herzog je zum geiſtlichen Miniſte⸗ rium beſtimmt geweſen iſt. Vom geiſtlichen ſpricht er nicht, Frau How⸗ den, vom Staatsminiſter iſt die Rede, erwiderte Sattelbaum mit guͤtiger Herablaſſung, und fuhr fort: Es war eine Zeit, wo ich auch ein Stuͤck von einem Miniſter haͤtte ſein koͤnnen, aber ich fuͤhlte meine Unfaͤhigkeit zu ſehr, als daß ich mich in Staatsgeſchaͤfte haͤtte einlaſſen moͤgen. Ich habe, Gott ſei Dank! auf die wenigen Faͤhig⸗ keiten, die ich von der Natur erhielt, immer ſo viel Werth geſetzt, daß ich ſie nie zu einer Plak⸗ kerei, oder irgend einer unbedeutenden Verrich⸗ tung gebrauchen mochte. Sobald ich in die Welt trat— und ich glaube, es ſind wenige Menſchen fruͤher herein getreten— habe ich meinem Koͤ⸗ nige mit meiner Zunge gedient, ich habe ihm mit 118 meinem Bischen Einfluß gedient, mit meinem Schwert ihm gedient, mit den Waffen ihm ge⸗ dient. Ich habe Amtsgeſchaͤfte gehabt, die man mir abgenommen hat, und ſollte ich morgen die⸗ jenigen verlieren, die ich noch habe, und deren ich mich ehrlich werth zu machen ſuche, ſo wuͤrde ich ihm mit dem letzten Morgen Landes von meinem Erbtheile, mit dem letzten Blutstropfen dienen. Frau Sattelbaum unterbrach ihn nun mit den Worten:„Aber ſage mir, was ſoll das alles bedeuten? Da ſchwatzeſt Du von dem Her⸗ zog von Argyle, und dieſer Menſch, der Mar⸗ tingal, will uns um unſre ſechzig Pfund bringen. Ich moͤchte wohl wiſſen, welcher Herzog uns das bezahlen will. Ich wollte, der Herzog von Ar⸗ gyle bezahlte ſelber ſeine Rechnungen. Er ſteht noch bei uns im Buche mit tauſend Pfund ſchot⸗ tiſch von der Zeit her, wo er zuletzt in Royſtoun war. Ich will nicht ſagen, daß er ein unbilliger Mann waͤre, und die Schuld iſt ſo gut als baar Geld. Man moͤchte toll werden, wenn man ein Gerede von Herzogen und dergleichen hoͤrt, und indeß die armen Leute oben in Noͤthen ſind, Hannchen Deans und ihr Vater. Und dann 119 ſchiebſt Du den Jungen hinaus, der eben den Schwanzriemen einfaßte, daß er nun draußen mit den Gaſſenjungen ſpielt.— Bleibt nur ſitzen, Nach⸗ barn, ich will Euch nicht ſtoͤren, aber wahr iſt's, mein Mann iſt ganz naͤrriſch uͤber all die Gerichtshoͤfe und Staatsraͤthe, die Ober und Unterhaͤuſer und die Parliamentshaͤuſer hier und in London“ Die Gevattern kannten die Vorſchriften der Hoͤflichkeit, und die Regel, ſo zu handeln, als man behandelt zu ſein wuͤnſcht, viel zu gut, als daß ſie nach dem Winke, den der Schluß jener Rede gab, noch hätten verweilen moͤgen, und nahmen ſo ſchnell als möglich Abſchied. Sattel⸗ baum ſagte leiſe zu Plumdamas, er werde ihn zu gelegener Stunde in Mac⸗Croskie's Schenke treffen, und Mac⸗ Callummore's Rede zu ſich ſtecken, wenn auch ſeine Frau noch ſo ſehr laͤrme. Als Frau Satielbaum das Haus von den laͤſtigen Gaͤſten befreit ſah, und der Lehrjunge von dem Zeitvertreibe vor der Hausthuͤre wieder zur Beſchaͤftigung mit der Pfrieme zuruͤck gekehrt war, ging ſie zu ihrem Verwandten David Deans und ſeiner aͤlteſten Tochter, die in ihrem Hauſe die naͤchſte freundliche Zuflucht gefunden hatten. — 120 VII. Wie wenig ach! liegt es in meiner Macht, Ihm Gutes zu erweiſen. — Verſucht, was Ihr vermoͤgt. Maaß fur Maaß. Als Frau Sattelbaum in die Stube trat, wo ihre Gaͤſte einſam mit ihrem Jammer waren, fand ſie das Fenſter verdunkelt. Der alte Mann war nach ſeiner Ohnmacht ſo ſchwach geworden, daß man ihn hatte zu Bette bringen muͤſſen. Die Bettvorhänge waren zugezogen und Johanna ſaß unbeweglich neben ihm. Frau Sattelbaum war guͤtig, ja gefuͤhlvoll, aber ohne Zartgefuͤhl. Sie oͤffnete das halb verſchloſſene Fenſter, zog den Vorhang auf, und die Hand ihres Vetters ergreifend, ermahnte ſie ihn, ſich aufzurichten, und ſein Leid als ein guter Mann, als ein Chriſt zu tragen. Seine Hand fiel, als ſie dieſelbe 121 los ließ, kraftlos herab, und er verſuchte nicht die mindeſte Antwort. Iſt alles verloren? fragte Johanna, deren Lippen und Wangen leichenblaß waren. Iſt keine Hoffnung mehr fuͤr ſie? Keine, oder faſt keine, erwiderte Frau Sat⸗ telbaum. Ich hab' es mit meinen eigenen Ohren gehoͤrt, wie's der Kerl, der Richter, ſagte. Es war Schimpf und Schande, daß ihrer da ſo Viele ſaßen in rothen und ſchwarzen Roͤcken, und das nur, um einem armen Maͤdchen, das alle Beſinnung verloren hatte, das Leben zu nehmen. Ich konnte meines Mannes Geſchwäͤtz nie ſon⸗ derlich leiden, und jetzt kann ich's noch weniger als je ausſtehen. Ich habe nichts Vernuͤnftiges gehoͤrt, als was der ehrbare Herr Kirk ſagte, und der wollte nichts anders, als daß man den Koͤnig um Gnade bitten ſollte. Aber er ſprach zu un⸗ vernuͤnftigen Leuten, und haͤtte ſeinen Athem ſparen koͤnnen, ſeine Suppe zu blaſen. Aber kann denn der Koͤnig ſie begnadigen? fragte Johanna lebhaft. Man hat mir geſagt, er koͤnnte keine Gnade geben bei Mor— in Faͤlleen wie dieſer. Ob er kann, mein Kind? Ei ich daͤchte 12² wohl, er kann's, wenn er's nur will. Da war der junge Singleſword, der den Edelherrn von Ballencleuch erſtach, und Hauptmann Hak⸗ kum, der Englaͤnder, der den Mann der Edel⸗ frau von Colgrain toͤdtete, und der Junker von St. Clair, der die beiden Brüder Shaw erſchoß, und viele Andre zu meiner Zeit— Es waren freilich lauter Edelleute und ihre Verwandten leg⸗ ten ein gutes Wott fuͤr ſie ein. So war's auch neulich mit dem Porteous. Ja gewiß, Gnade kann gegeben werden, wenn man ſie nur zu er⸗ langen weiß. Porteous? ſprach Johanna. Das iſt richtig. Ich vergeſſe alles, woran ich am Meiſten denken ſollte. Lebt wohl, Frau Sattelbaum! Es moͤge Euch nie ein Freund fehlen in der Stunde der Noth!. Wollt Ihr denn nicht bei eurem Vater blei⸗ ben, liebes Hannchen? erwiderte Frau Sattel⸗ baum. Es waͤre wohl beſſer. Ich bin jetzt dort noͤthig, ſprach Johanna, auf das Stadtgefaͤngniß deutend: und ich muß ihn nun verlaſſen, oder werde nie mehr im Stande ſein, ihn zu verlaſſen. Ich fuͤrchte nicht fuͤr ſein Leben; ich weiß, er hat ein ſtarkes Herz, — 123 und das ſagt mir, fuhr ſie fort, die Hand auf die Bruſt legend: mein eigenes Herz in dieſem Augenblicke. Nun, liebes Hannchen, wenn Ihr denkt, es iſt zum Guten, ſo iſt's freilich beſſer, daß er hier bleibt und ausruhet, als daß er nach Leon⸗ hardfels zuruͤck kehrt. Viel beſſer— viel beſſer, Gottes Segen— Gottes Segen uͤber Euch! Laßt ihn auf keinen Fall gehen, bis Ihr wieder von mir hoͤrt. Aber Ihr kommt doch wieder? ſprach Frau Sattelbaum, das Maͤdchen aufhaltend. Man wird Euch nicht in Leonhardfels laſſen, mein Kind. Ich muß aber nach Leonhardfels; es iſt viel zu thun und wenig Zeit dazu. Ich habe Freunde, mit welchen ich ſprechen muß. Gott ſegne Euch! Sorgt fuͤr meinen Vater. Sie war ſchon an der Stubenthuͤre, als ſie ploͤtzlich umkehrte und vor dem Bette niederkniete: „O Vater, gebt mir euren Segen! Ich darf nicht gehen, ehe ich euren Segen habe. Sagt nur: Gott ſegne Dich und laſſe es Dir gelin⸗ gen! Gebt Euch nur Muͤhe, das zu ſagen, Vater!“ 124 Mehr einer unbewußten Regung folgend, als ſeinen Verſtand anſtrengend, betete der alte Mann murmelnd, daß alle verdienten und verheißenen Segnungen vielfältig uͤber ſie kommen moͤchten. Er hat mein Vorhaben geſegnet, ſprach das Maͤdchen, ſich erhebend: und meine Seele ſagt mir, es wird mir gelingen. Mit dieſen Worten ging ſie hinaus. Frau Sattelbaum ſah ihr nach und ſchuͤttelte den Kopf.„Gebe Gott, daß es nicht uͤberge⸗ ſchnappt iſt mit dem armen Dinge! Sie ſind alle ein Bischen wunderlich, die Deanſe. Ich kann's nicht leiden, wenn die Leute beſſer ſein wollen, als andre Leute; daraus kommt ſelten was Gutes. Aber wenn ſie nach den Kuͤhen in Leonhardfels ſehen will, das iſt eine andre Sache, die muͤſſen ja verſorgt werden.— Grete komm' herauf, und gib Acht auf den alten Mann, daß ihm nichts abgeht.— Du albernes Ding— ſprach ſie zu der hereintretenden Magd— war⸗ um haſt Du denn deine Haube ſo aufgeſetzt? Ich daͤchte, es waͤre heute genug vorgefallen, das eine ernſthafte Warnung geben koͤnnte ge⸗ gen eure Haͤubchen und eure Faͤhnchen. Du ſiehſt ja, was daraus kommt.“ 4 125 Wir laſſen die gute Frau ihre Strafpredigt gegen Welteitelkeiten fortſetzen, und fuͤhren un⸗ ſre Leſer in das Kerkergemach, wo die ungluͤck⸗ liche Euphemia nun ſtrenger bewacht wurde, und manche Freiheiten entbehren mußte, die ſie vor ihrer Verurtheilung genoſſen hatte. Sie war ungefahr eine Stunde in jenem be⸗ taͤubten Entſetzen geweſen, das in ihrer Lage ſo natuͤrlich war, als ſie durch den ſchnarrenden Ton der Riegel ihres Kerkers aufgeſtoͤrt wurde. Ratcliffe erſchien.„Eure Schweſter iſt's, hob er an. Sie will mit Euch ſprechen.“ Ich kann Niemanden ſehen, antwortete ſie mit der haſtigen Reizbarkeit, die durch das Un⸗ gluͤck noch mehr war geſchaͤrft worden. Ich kann Niemanden ſehen, und ſie am wenigſten. Sagt Ihr, ſie ſoll fuͤr den alten Vater ſorgen. Ich bin nichte mehr fuͤr ſie Beide und ſie ſind nichts mehr fuͤr mich. Sie ſagt, ſie muͤſſe Euch ſehen, ſprach Rat⸗ eliffe, und Johanna, die herein ſtuͤrzte, um⸗ ſchlang ihre Schweſter, welche ſich aus der Umar⸗ mung los zu winden ſtrebte. Was hilft's, uͤber mich zu weinen, da Du mich getoͤdtet haſt? Ja getoͤdtet, wo ein Wort 126 aus deinem Munde mich gerettet haͤtte— ge⸗ toͤdtet, da ich unſchuldig bin, wenigſtens dieſe Schuld nicht trage. Ich haͤtte Leib und Seele daran geſetzt, deinen Finger gegen Schmerz zu ſchuͤtzen. Du ſollſt nicht ſterben, ſprach Johanna mit ſchwaͤrmeriſchem Nachdrucke. Sage was Du wilſſt— denke von mir, was Du willſt, verſprich mir nur— denn ich traue deinem ſtolzen Her⸗ zen nicht— daß Du Dir nicht ſelber ein Leid anthun willſt, und Du ſollſt nicht dieſes ſchimpf⸗ lichen Todes ſterben. Eines ſchimpflichen Todes will ich nicht ſterben, Hannchen. Mein Herz iſt zu weich geweſen, aber Schimpf wuͤrde es nicht ertragen. Gehe zu unſerm Vater, und denke nicht mehr an mich. Ich habe meine letzte Speiſe auf Er⸗ den genoſſen. O das war's, was ich fuͤrchtete! ſprach Jo⸗ hanna. Still, ſtill liebes Kind! fiel Rateliffe ein. Ihr verſteht wenig von dieſen Dingen. Man denkt immer, wenn einem der Urtheilſpruch zum Erſtenmahl in den Ohren gellt, man haͤtte Herz genug, lieber gleich zu ſterben, als die ſechs 127 Wochen auszuhalten, aber man haͤlt darum doch immer die ſechs Wochen aus. Ich weiß, wie das Ding geht. Ich ſtand dem Urtheilſprecher dreimahl gegenuͤber, und dennoch ſteht hier Ja⸗ kob Natcliffe. Haͤtte ich beim Erſtenmahl mein Halstuch veſt zugezogen, wie ich große Luſt hatte — und es war doch nur um ein graues Fuͤllen, nicht zehn Pfund Sterling werth— wo waͤre ich jetzt? Und wie entkamet Ihr denn? fragte Johan⸗ na, der die Schickſale dieſes, ihr anfaͤnglich ſo verhaßten Mannes auf einmahl Theilnahme ein⸗ floͤßten, da ſie eine Aehnlichkeit mit der Lage ih⸗ rer Schweſter darin fand. Wie ich entkam? erwiderte Ratcliffe mit pfiffigem Winke. Ich ſage Euch, ich entkam auf eine Art, wie Niemand aus dieſem Gefaͤng⸗ niſſe entkommen wird, ſo lange ich die Schluͤſſel habe. Meine Schweſter ſoll im Angeſicht der Sonne hinaus kommen, ſprach Johanna. Ich will nach London gehen und den Koͤnig und die Koͤ⸗ niginn um Gnade fuͤr ſie bitten. Wenn Por⸗ teous Gnade erhalten hat, ſo kann auch ſie be⸗ gnadigt werden. Wenn eine Schweſter um der 128 Schweſter Leben bittet auf ihren Knieen, ſo wer⸗ den ſie Gnade geben— muͤſſen ſie Gnade geben, und tauſend Herzen werden ſie dadurch gewinnen. Euphemia horchte mit verwirrtem Erſtaunen, und die ſchwaͤrmeriſche Zuverſicht ihrer Schweſter war ſo ernſtlich, daß ſie faſt unwillkuͤhrlich einen Hoffnungſchimmer auffaßte, der aber augenblick⸗ lich wieder verſchwand. O Hannchen, der Koͤnig und die Koͤniginn ſind in London, tauſend Meilen von hier, weit uͤber Meer; ich werde todt ſein, ehe Du dahin kommſt. Du biſt im Irrthum, erwiderte Johanna. So weit iſt's nicht, und man geht zu Lande hin. Ich habe von Ruben Butler etwas daruͤber gelernt. O Hannchen, Du haſt von den Leuten, mit welchen Du umgingeſt, immer nur Gutes ge⸗ lernt, aber ich— ich— Sie rang die Haͤnde und weinte bitterlich. Denke jetzt nicht daran, ſprach Johanna. Es wird Zeit dazu ſein, wenn Du aus dieſer Noth erloͤſet biſt.— Lebe wohl! Sterbe ich nicht unterwegs, ſo ſehe ich das Angeſicht des Koͤnigs, der Gnade gibt.— O ſeid guͤtig gegen 129 ſie! wandte ſe ſich zu Natcliffe. ei ie weiß erſt jetzt, was es heißt, fremder Leute Guͤte noͤthig haben. Lebe wohl— lebe wohl, Effie!— Sprich nicht mit mir! Jetzt muß ich nicht wei⸗ nen. Mein Kopf iſt ſchon betaͤubt genug. Sie riß ſich aus Euphemia's Armen und ging hinaus. Natcliffe folgte ihr, und winkte ſie in eine kleine Stube. Sie gehorchte, aber nicht ohne Zittern. Warum zittert denn das alberne Ding? ſprach er. Ich will Euch ja nicht anders als boͤflich be⸗ handeln. Gott ſtraf' mich, ich achte Euch; ich kann mir nicht helfen. Ihr habt ſo viel Muth, und ich will verdammt ſein, wenn ich nicht glau⸗ be, daß Ihr am Ende doch durchdringt. Aber ehe Ihr zum Koͤnig geht, muͤßt Ihr ſuchen, ei⸗ nen Freund zu gewinnen. Verſucht's bei dem Herzog— bei Mac Callummore, der iſt Schott⸗ lands Freund. Ich weiß es wohl, die großen Herren koͤnnen ihn nicht allzu wohl leiden, aber ſie fuͤrchten ihn, und das wird fuͤr euer Vorha⸗ ben eben ſo gut ſein. Kennt Ihr nicht Jeman⸗ den, der Euch einen Brief an ihn geben koͤnnte 2 Der Herzog von Argyle? erwiderte Johan⸗ na, ſich ploͤtzlich beſinnend. Wie nahe iſt er je⸗ III. Theil. 9 130 nem Argyle*) verwandt, der zur Zeit der Ver⸗ folgung hingerichtet ward? Sein Sohn, oder Enkel, denke ich, ſprach Ratcliffe. Aber wozu das? Gott ſei's gedankt! antwortete Johanna, und faltete andaͤchtig ihre Haͤnde. Ihr Leute von der Freiheiter⸗Partei dankt dem lieben Gott immer fuͤr etwas, ſprach der rohe Menſch. Aber ich will Euch ein Geheim⸗ niß ſagen, mein Kind. Ihr koͤnntet auf der Graͤnze, oder in England, ehe Ihr nach Lon⸗ don kommt, unter wuͤſte Geſellen gerathen. Seht, es wagt Niemand, einen Bekannten von Jakob Ratcliffe anzuruͤhren, und wenn ich auch nichts mehr zu thun habe mit dem oͤffentlichen Verkehr, ſo weiß man doch, daß ich noch immer Gutes —— 4) Der Graf von Argyle ward 1681 durch unge⸗ rechten Richterſpruch verurtheilt, um in ihm das Haupt der presbyterianiſchen Partei zu ſtuͤr⸗ zen, und wenn er auch damahl ſeinem Schick⸗ ſale entrann, ſo ward er doch 1685, als er gegen den elenden Jakob II. fuͤr Schottlands Freiheit aufgeſtanden und in Gefangenſchaft ge⸗ rathen war, nach dem fruͤhern Spruche rach⸗ gierig hingerichtet. Er war der Großvater des Herzogs von Argyle, von welchem hier die Rede iſt. L. 2 131 erweiſen, oder Boͤſes zufuͤgen kann. Da iſt wahrlich kein wakrer Burſche, waͤre er auch nur ein Jahr auf der Straße geweſen, mag's ein Raufer oder ein Raͤuber ſein, der nicht meinen Paß kennt, ſo gut als das Siegel eines wunder⸗ lichen Friedensrichters in England. Das iſt ein Stuͤckchen Schelmen⸗Latein. Was er ſagte, war allerdings ganz unver⸗ ſtaͤndlich fuͤr Johanna, die ungeduldig auf den Augenblick wartete, wo ſie ihm entrinnen konnte. Er kratzte ſchnell ein Paar Zeilen auf ein ſchmu⸗ tziges Stuͤckchen Papier, und als ſie zuruͤck trat, indem er es ihr darreichte, hob er wieder an: „Ci der Teufel! Es beißt Euch ja nicht, mein Kind. Thut's nicht gut, ſo kann's doch nicht ſchaden. Aber ich wollte, Ihr zeigtet's, wenn Ihr einmahl in Ungelegenheit kaͤmet mit des hei⸗ ligen Niklas Schreibern. Ach! ich begreife nicht, was Ihr meint, ant⸗ wortete Johanna. Ich meine, wenn Ihr unter Diebe fielet, mein Taͤubchen. Das iſt die Bibelſprache, wenn Ihr's ſo haben wollt. Der Verwegenſte unter ihnen kennt einen Strich von meiner Gaͤnſefeder⸗ — und nun macht, daß Ihr weg kommt. Hal⸗ 9* 132 tet Euch an Argyle; wenn Jemand das Ding machen kann, ſo muß er's ſein. Johanna warf einen aͤngſtlichen Blick auf die Gitterfenſter und die ſchwarzen Mauern des alten Gefaͤngniſſes und einen nicht minder aͤngſt⸗ lichen auf die gaſtfreie Wohnung der Frau Sat⸗ telbaum, und kehrte bald dieſem Stadttheile und bald der Stadt ſelbſt, den Ruͤcken. Sie kam nach Leonhardfels, ohne auf einen Bekannten zu ſtoßen, was ſie bei ihrem Gemuͤthzuſtande fuͤr ein großes Gluͤck hielt.„Ich darf nichts thun, was mein Herz weich, oder ſchwach ma⸗ chen koͤnnte, dachte ſie, indem ſie voran ging. Es iſt ſchon zu weich fuͤr das, was ich zu thun habe. Ich will im Denken und Handeln ſo veſt ſein, als ich kann und eben ſo wenig ſprechen.“ Eine alte Magd, oder Haͤuslerinn, die ſeit vielen Jahren unter ihrem Vater gelebt hatte, war von bewaͤhrter Treue. Johanna ließ ſie hoh⸗ len, um ihr zu ſagen, daß haͤusliche Verhaͤltniſſe ſie zu einer Reiſe von einigen Wochen noͤthigten, und ihr umſtaͤndliche Vorſchriften uͤber die Fuͤh⸗ rung des Haushalts waͤhrend ihrer Abweſenheit zu geben. Mit einer Genauigkeit, die ihr bei weiterm Nachdenken ſelber auffallend war, be⸗ 138 ſchrieb und erklaͤrte ſie ſelbſt die kleinſten Schritte, die gethan werden mußten, und beſonders dieje⸗ nigen, die zu ihres Vaters Beiſtand noͤthig wa⸗ ren. Vermuthlich werde er am folgenden Tage, gewiß aber ſehr bald nach Leonhardfels zuruͤck kehren, ſagte ſie, und es muͤſſe alles zu ſeinem Empfange bereit ſein, denn er habe Bekuͤmmer⸗ niſſe genug, als daß er ſich noch mit weltlichen Dingen abgeben koͤnne. Sie war dabei mit Marie Hetley eifrig be⸗ ſchaͤftigt, alles in Ordnung zu bringen. Erſt ppaͤt in der Nacht waren ſie mit allen Einrichtun⸗ gen fertig, und als ſie ein wenig Nahrung zu ſich genommen hatten, die erſte Erquickung, die Johanna an dieſem ereignißvollen Tage genoß⸗ bat Marie, die in einer etwas entfernten Huͤtte wohnte, ihre junge Gebieterinn um Erlaubniß, die ganze Nacht bei ihr zu bleiben.„Ihr habt einen ſchrecklichen Tag gehabt, ſprach ſie, und Kummer und Furcht ſind ſchlechte Geſellſchafter bei Nachtwachen, wie ich euren Vater ſelber habe ſagen hoͤren. Sie ſind in der That ſchlechte Geſellſchafter, antwortete Johanna, aber ich muß ihre Gegen⸗ 134 wart ertragen lernen, und beſſer, ich fange im Hauſe damit an, als im freien Felde. 1 Sie entließ darauf ihre alte Gehilfinn, die wir kaum eine Magd nennen koͤnnen, da der Standesunterſchied zwiſchen ihnen ſo unbedeutend war, und machte nun einige Vorbereitungen zu ihrer Reiſe. Einfach erzogen und nach Landesſitte an ein⸗ fache Lebensweiſe gewoͤhnt, bedurfte ſie nur we⸗ niger And leichter Vorbereitungen. Ihr buntes Plaid vertrat die Stelle eines Reiſemantels und eines Regenſchirmes, und ein kleines Buͤndel ent⸗ hielt nur die unentbehrliche Waͤſche. Barfuß war ſie, wie Sancho ſagt, in die Welt gekommen, und barfuß wollte ſie ihre Pilgerfahrt machen. Ihre ſaubern Schuhe und ihre ſchneeweißen Zwirn⸗ ſtruͤmpfe ſollten fuͤr feierliche Gelegenheiten auf⸗ geſpart werden. Sie wußte nicht, daß nach eng⸗ liſchen Anſichten von Lebensbehaglichkeit, ein Wanderer, der barfuß reiſet, den Gedanken an das niedrigſte Elend erweckt, und haͤtte man hin⸗ ſichtlich der Reinlichkeit, Einwendungen gegen dieſe Sitte machen wollen, ſo wuͤrde ſie dagegen die haͤufigen Abwaſchungen, welchen ein, nur etwas wohl erzogenes ſchottiſches Maͤdchen ſich 135 gewoͤhnlich mit muhammedaniſcher Gewiſſenhaf⸗ tigkeit unterwirft, zu ihrer Vertheidigung haben anfuhren konnen. So weit war nun alles in Ordnung. b In einem eichenen Schranke, worin ihr Va⸗ ter einige alte Buͤcher und ein Paar Buͤndel Schriften, außer ſeinen gewoͤhnlichen Rechnun⸗ gen und Empfangſcheinen, aufbewahrte, ſuchte ſie einige Urkunden, die ihr, nach ihrer Meinung, bei ihrem Vorhaben nuͤtzlich ſein konnten, und fand ſie unter einigen Anmerkungen uͤber Pre⸗ digten, Zinsberechnungen, Sterbereden der Maͤr⸗ terer und aͤhnlichen Schriften. Die wichtigſte Schwierigkeit aber war noch zu uͤberwinden und Johanna hatte erſt ſpaͤt am Abend daran gedacht. Es war der Geldmangel, und ohne Geld konnte ſie eine ſo weite Reiſe, als ſie ſich vorgeſetzt hatte, nicht unternehmen. David Deans war, wie wir bereits erwaͤhnt haben, in guten Umſtaͤnden, ja ſelbſt wohlha⸗ bend in ſeiner Lage. Sein Reichthum aber be⸗ ſtand, wie bei den Patriarchen im Alterthum, in Kuͤhen und Heerden, und einigen Summen, an Nachbarn, oder Verwandte ausgeliehen, die jedoch gar nicht in den Umſtänden waren, etwas 136 auf die Schuldſumme bezahlen zu koͤnnen, und voͤllig ihre Schuldigkeit zu thun glaubten, wenn ſie die jaͤhrlichen Zinſen aufbrachten, was ihnen ſchon ſchwer genug wurde. An dieſe Schuldner ſich zu wenden, wurde daher vergeblich geweſen ſein, ſelbſt wenn ihr Vater ſeine Zuſtimmung dazu gegeben haͤtte, und eben ſo wenig konnte ſie hoffen, ſeine Zuſtimmung, oder ſonſt einen Bei⸗ ſtand zu erhalten, ohne ſich in Erlaͤuterungen und Eroͤrterungen einzulaſſen, welche, wie ſie fuͤhlte, ſie gaͤnzlich außer Stand ſetzen koͤnnten, den Schritt zu thun, der zwar gewagt und ge⸗ faͤhrlich, aber nach ihrer Anſicht darchaus noth⸗ wendig war, um das Letzte zur Rettung ihrer Schweſter zu verſuchen. Bei aller kindlichen Ehr⸗ erbietung, hatte Johanna eine innere Ueberzeu⸗ gung, daß die Gefuͤhle ihres Vaters, wenn auch immer rechtlich, aufrichtig und ehrenwerth, doch mit dem Geiſte der Zeit zu wenig in Einſtim⸗ mung waren, als daß er uͤber die, in dieſem entſcheidenden Augenblicke noͤthigen Maßregeln ein richtiges Urtheil haͤtte faͤllen koͤnnen. Ge⸗ ſchmeidiger in ihrem Benehmen, wiewohl ihren Grundſaͤtzen eben ſo treu, fuͤhlte ſie, daß ſie ih⸗ ren Vater nicht um ſeine Einwilligung zu ihrer 137 Pilgerfahrt bitten konnte, ohne ſich der Gefahr auszuſetzen, ihn zu einem ausdruͤcklichen Verbote zu veranlaſſen, und unter ſolchen Umſtaͤnden glaubte ſie weder eine gluͤckliche Reiſe, noch einen gunſtigen Erfolg derſelben hoffen zu duͤrfen. Sie war daher mit ſich einig geworden, auf welche Weiſe ſie ihrem Vater, gleich nach ihrer Abreiſe, von ihrem Unternehmen und deſſen Abſicht Nach⸗ richt geben wollte, aber unmoͤglich konnte ſie ihn um Geld bitten, ohne dieſe Einrichtungen aufzu⸗ heben und in Eroͤrterungen uͤber die Zweckmaͤßig⸗ keit ihrer Reiſe einzugehen. Es durfte nicht die Rede davon ſein, hier eine Geldunterſtüͤtzung zu ſuchen. Johanna fragte ſich nun, ob ſie nicht mit Frau Sattelbaum uͤber dieſen Gegenſtand haͤtte ſprechen ſollen. Es waͤre viel Zeit verloren ge⸗ gangen, wenn ſie nun noch dieſen Schritt haͤtte thun wollen, vor welchem ſie jedoch einen innern Widerwillen hatte. Sie erkannte dankbar die Gutmuthigkeit jener Frau und deren freundliche Theilnahme an ihrem haͤuslichen Ungluͤcke, fuͤhlte aber dabei, daß Frau Sattelbaum eine Frau von gemeiner, weltſinniger Denkart, und aus Ge⸗ wohnheit und Gemuͤthſtimmung unfaͤhig war, 13⁸ einen Entſchluß, wie Johanna ihn gefaßt hatte, mit Feinheit, oder Begeiſterung zu betrachten. Es wuͤrde fuͤr ſie ſchmerzlich und widrig geweſen ſein, ſich mit dieſer Frau in Eroͤrterungen einzu⸗ laſſen, und es auf deren Ueberzeugung von der Angemeſſenheit ihres Vorhabens ankommen zu laſſen, ob ſie die Mittel zur Ausfuͤhrung deſſelben erhalten ſollte. Butler, auf deſſen Beiſtand ſie ſonſt haͤtte rechnen koͤnnen, war noch weit aͤrmer als ſie. In dieſer Lage faßte ſie, um die Schwierigkeit zu beſiegen, einen ſonderbaren Entſchluß, deſſen Ausfuhrung der naͤchſte Abſchnitt erzaͤhlen ſoll. VIII. Es ließ ſich der Faullenzer klagend hoͤren: „Warum willſt ſo fruͤh aus dem Schlaf Du mich ſtoͤren?“ Wie die Thuͤr' auf den Angeln, dreht im Bett er ſich um, Dreht Schultern, und Kopf, der ſo ſchwer iſt und dumm. Watt. Der Wohnſitz des Gutsherrn von Dumbiedikes, wohin wir nun unſre Leſer fuͤhren wollen, lag anderthalb bis zwei Stunden— auf genaue An⸗ gabe der Oertlichkeit kommt's nicht an— ſuͤdlich von Leonhardfels. In fruͤhern Zeiten hatte das Haus ein Anſehen von Beruͤhmtheit gehabt; denn der alte Herr, von deſſen Launen und Strei⸗ chen man in allen Schenken eine Meile in der Runde zu erzaͤhlen wußte, trug ſeinen Degen, hatte ein gutes Pferd und eine Kuppel Wind⸗ 140 hunde, zankte, fluchte, und wettete bei Hahnen⸗ kaͤmpfen und Pferderennen, liebte Falkenbeize und Hetzjagd und wollte fuͤr einen rechten Edel⸗ mann gelten. Der Stamm hatte aber viel von ſeinem Glanze in dem jetzigen Beſitzer verloren, der ſich nichts aus laͤndlichen Vergnuͤgungen machte, und eben ſo ſparſam, ſchuͤchtern und eingezogen war, als ſein Vater habſuͤchtig und ſelbſtiſch ausſchweifend, verwegen, roh und auf⸗ dringlich geweſen war. Das Herrnhaus war ſchlicht gebaut; hatte in jedem Stockwerke nur ein Zimmer, das deſſen ganze Breite einnahm, und jedes war mit ſechs bis acht Fenſtern verſehen, deren kleine Scheiben und plumpe Rahmen aber nur ſo viel Licht ein⸗ ließen, als durch ein gut angelegtes Fenſter von neuerer Einrichtung faͤllt. Dieſes kuͤnſtliche Ge⸗ baͤude, einem Kartenhauſe von Kinderhaͤnden aͤhnlich, hatte ein ſteiles, mit rohen Bruchſtei⸗ nen ſtatt Schiefer, gedecktes Dach; in einem halbkreisfoͤrmigen Thurme, deſſen Gipfel mit Zinnen verſehen war, lief eine ſchmale Wendel⸗ treppe hinan, die von einem Stockwerk zum an⸗ dern fuͤhrte, und am Fuße dieſes Thurmes ſah man ein, mit großen Naͤgeln beſchlagenes Thor. Es war keine Vorhalle im Erbgeſchoſſe, ja kaum ein Raum zwiſchen der Hausthuͤre und den Zim⸗ mern. Einige niedrige und zerfallene Nebenge⸗ baͤude, die durch eine eben ſo baufaͤllige Hof⸗ mauer verbunden waren, umgaben das Wohn⸗ haus. Der Hof war einſt gepflaſtert geweſen, aber nur wenige Steine lagen an ihrer Stelle und Kletten und Diſteln wuchſen froͤhlich dazwi⸗ ſchen empor. Der kleine Garten, worein ein Pfoͤrtchen in der Hofmauer fuͤhrte, ſchien in ei⸗ nem nicht viel beſſern Zuſtande zu ſein. Ueber dem niedrigen Thorwege, der in den Hof fuͤhrte, war etwas von Steinmetzarbeit zu ſehen, die ſich an einem Wappen verſucht hatte, und uͤber dem innern Eingange hing ſeit vielen Jahren ein moderndes Sterbeſchild,*) das ankuͤndigte, wie weiland Herr Lorenz Dumbie auf Dumbiedikes auf dem Newbattle⸗Kirchhofe bei ſeinen Vaͤtern ruhte. Ein Weg, mit zuſammengeleſenen Feld⸗ ſteinen bedeckt, fuͤhrte zu dieſem Freudenſchloſſe, und beſtellte, aber nicht eingefriedigte Aecker la⸗ gen rings umher. Auf einem Rain war des — *) Ein ſolches Sterbeſchild— hatchment— blieb als Wappen an den Haͤuſern der Verſtorbenen ein Jahr lang hangen. Gutsherrn treuer Klepper angepflöͤckt und ſuchte ſich ein Gericht Gras. Alles verrieth Vernach⸗ täͤßigung und ein unbehagliches Leben, aber nicht ſowohl die Folge von Armuth, als von Traͤgheit und Sorgloſigkeit. In der fruͤhen Morgenſtunde eines ſchoͤnen Fruͤhlingstages ſtand Johanna Deans, verſchaͤmt und ſchuͤchtern, auf dieſem Hofe. Sie war keine Romanenheldinn, betrachtete daher mit einiger Neugier und Theilnahme Herrnhaus und Laͤn⸗ dereien, und es mochte ihr in jenem Augenblicke wohl einfallen, daß ſie durch eine jener kleinen Aufmunterungen, deren Anwendung Frauen je⸗ des Standes eine innere Ahnung lehrt, die Ge⸗ bieterinn dieſer Beſitzung haͤtte werden koͤnnen. Eben ſo wenig hatte ſie mehr Geſchmack, als fuͤr ihre Zeit, ihren Stand und ihre Heimath paßte, und meinte gewiß, das Haus Dumbiedi⸗ 4 kes, wiewohl nicht mit Holyroodhouſe, oder dem Schloſſe zu Dalkeith zu vergleichen, waͤre doch ein herrliches Gebaͤude, und das Land ein ſehr huͤbſches Stuͤck, wenn's nur in beſſerm Stande gehalten wuͤrde. Johanna aber war ein einfa⸗ ches, treuherziges und redliches Maͤdchen, und ſo ſehr ſie den Glanz der Wohnung ihres alten 143 Anbeters und den Werth ſeines Beſitzthumes an⸗ erkannte, es kam ihr doch nicht einen Augenblick in den Sinn, gegen den Gutsherrn, oder But⸗ ler oder ſich ſelber einer Ungerechtigkeit ſchuldig zu werden, die viele Frauen hoͤheren Standes ſich unbedenklich bei weit geringeren Verſuchungen ge⸗ gen alle drei erlaubt haben wuͤrden. Sie ging an die Fenſter der Wirthſchaftſtu⸗ ben, um irgendwo einen Dienſtboten zu finden, der ſie vem Gutsherrn anmelden koͤnnte, mit welchem ſie zu ſprechen wuͤnſchte. Alles war ſtill. Sie wagte es, eine Thuͤre zu oͤffnen, und trat in den nun veroͤdeten Hundeſtall des alten Herrn, wo nur zuweilen, wie einige Faͤſſer anzudeuten ſchienen, beim Waſchfeſt noch Leben war. Sie verſuchte es an einer andern Thuͤre; es war ein unbedeckter Schuppen, wo einſt die Falken auf⸗ bewahrt wurden, wie einige noch nicht ganz ver⸗ faulte Tragen, ein Federſpiel und Fußbande, die mmodernd an der Wand hingen, deutlich verrie⸗ then. Eine dritte Thuͤre fuͤhrte in einen wohl verſorgten Kohlenſchuppen. Ein autes Feuer zu unterhalten, war eine von den wenigen Wirth⸗ ſchaftangelegenheiten, worin Dumbiedikes ſehr ſorgſam war, in allen uͤbrigen verhielt er ſich 144 ganz leidend und war in den Haͤnden ſeiner Haus⸗ haͤlterinn, eines flinken Weibchens, das ſein Va⸗ ter ihm zur Verſorgung hinterlaſſen, und das ſich, wenn das Geruͤcht nicht ungerecht war, auf ſeine Koſten ein warmes Neſt gemacht hatte. Johanna fuhr mit dem Oeffnen der Thuͤren fort, wie der zweite einaͤugige Kalender im Schloſſe der hundert freundlichen Schoͤnen,*) bis ſie endlich, wie jener irrende Prinz zu einem Stalle kam. Der hochlaͤndiſche Pegaſus, Rory Bean, dem der ganze Stall gehoͤrte, war der alte Bekannte, den ſie auf dem Rain graſen geſehen hatte, wie es ihr das wohlbekannte alte Reitzeug und der Jagdſattel verriethen, die theils an der Wand hingen, theils auf der Streu ſchleppten. Hinter einem Balken, der den Stall abtheilte, ſtand eine Kuh, die bei Hannchens Erſcheinung den Kopf umwendete und bruͤllte, eine Mahnung, welche ihr, bei ihren gewohnten Beſchaͤftigungen vollkommen verſtaͤndlich war, und unvermoͤgend, die Auffoderung abzuweiſen, ſchuͤt⸗ tete ſie ein wenig Futter in die Krippe des Thie⸗ res, das man, wie allee uͤbrige in dieſem Schloſſe der Traͤgheit, vernachlaͤſſigt hatte. — *) S. Tauſend und eine Nacht. L. 145 Als ſie die Milchgeberinn mit Nahrung ver⸗ ſorgt hatte, die zwei Stunden fruͤher haͤtte ge⸗ reicht werden ſollen, guckte eine Dirne in Schlapp⸗ ſchuhen in den Stall, und als ſie ſah, daß eine fremde Geſtalt das Geſchaͤft verſah, zu deſſen Verrichtung ſie ſich endlich ungern dem Schlafe entriſſen hatte, rief ſie aus:„O Himmel, der Kobold! der Kobold!“ und lief ſchreiend davon, als haͤtte ſie den Teufel geſehen. Zur Erklaͤrung ihres Schreckens muͤſſen wir berichten, daß in dem alten Hauſe des Guts⸗ herrn von Dumbiedikes, wie das Geruͤcht be⸗ hauptete, ein Kobold ſpukte, eines jener Haus⸗ geſpenſter, die nach dem Glauben der Vorzeit vernachlaͤßigte haͤusliche Arbeiten verrichteten— Mit langem Beſen fegten, Flegel ſchwangen. Ein ſolcher uͤbernatuͤrlicher Beiſtand waͤre ge⸗ wiß nirgend mehr an ſeiner Stelle geweſen, als in einem Hauſe, wo das Geſinde ſo wenig zur Thaͤtigkeit aufgelegt war; aber die Magd war ſo weit entfernt, uͤber den Anblick des vermeint⸗ lichen geſpenſtiſchen Gehilfen bei einer Arbeit, die ſie ſchon lange haͤtte verrichten ſollen, ſich zu freuen, daß ſie das Haus durch ein Angſtgeſchrei aufſtoͤrte, ſo laut, als haͤtte der Kobold ſie ge⸗ III. Theil. 10 145 ſchunden. Johanna, die alsbald ihre einſtweilige Beſchaͤftigung aufgegeben hatte und dem ſchreien⸗ den Maͤdchen in den Hof gefolgt war, um es aus dem Irrthum zu bringen und zu beruhigen, traf hier Frau Balchriſtie, die Lieblingsſultaninn des verſtorbenen Herrn, wie die Laͤſterzunge ſagte, und die Haushaͤlterinn des jetzigen. Das mun⸗ tre, flinke Weibchen zwiſchen vierzig und funfzig Jahren, wie man ſie beim Tode des vorigen Gutsherrn gekannt hatte, war nun eine fette Alte mit hochrothem Geſichte, gegen ſiebzig Jahre alt, die ihre Stelle lieb hatte und eiferſuͤchtig auf ihr Anſehen war. Sie wußte wohl, daß ihre Gewalt nicht auf einer ſo ſichern Grundlage ruhte, als zur Zeit des alten Herrn, und hatte wohl⸗ bedaͤchtig die oben erwaͤhnte Schreierinn in's Haus gebracht, die bei kraͤftiger Lunge auch huͤbſche Zuͤge und helle Augen hatte. Das Maͤdchen machte jedoch keine Eroberung an dem Gutsherrn, der that, als ob es außer Johanna Deans kein Weib in der Welt gaͤbe, und ſelbſt ihr keine ſehr gluͤhende, oder uͤbermaͤßige Zaͤrtlichkeit zu widmen ſchien. Frau Balchriſtie hatte indeß ihre eigenen unruhigen Gedanken uͤber die Beſuche, die ihr Herr faſt taͤglich in Leonhardfels machte, und 147 oft, wenn er gedankenvoll ſie anſah und eine Weile chwieg, wie es ihm eigen war, ehe er zu Worten kam, erwartete ſie zu hoͤren:„Hanne, ich will mich veraͤndern“ aber zu ihrem Troſte hieß es nur:„Hanne, ich will andre Schuhe anziehen.“ Frau Balchriſtie hegte dennoch gegen Johan⸗ na Deans nicht wenig Abneigung, das gewoͤhn⸗ liche Gefuͤhl, womit Leute ihrer Art Jedermann anſehen, dem ſie die Mittel zutrauen, ihnen zu ſchaden. Es war ihr aber üͤberhaupt jedes leid⸗ liche junge und huͤbſche weibliche Weſen zuwider, das ſich dem Hauſe Dumbiedikes und deſſen Ei⸗ genthuͤmer zu naͤhern wuͤnſchte. Heute hatte ſie nun uͤberdieß ihre ſchwere ſterbliche Huͤlle zwei Stunden fruͤher als gewoͤhnlich aus dem Bette erhoben, um ihrer ſchreienden Nichte beizuſtehen, und war ſo ungemein uͤbel gelaunt gegen Alle und Jede, daß Herr Sattelbaum geſagt haben wuͤrde, ſie haͤtte inimicitiam contra omnes mortales. Wer zum Henker ſeid Ihr denn? ſprach die fette Alte zu der armen Johanna, die ſie nicht gleich erkannte. Was ſchleicht Ihr ſo um ein ehrbares Haus in einer ſolchen M orgenſtunde? 10*† Sie ſei Jemand, der mit dem Herrn zu ſprechen wuͤnſche, antwortete Johanna, die eine Regung des ahnenden Schreckens fuͤhlte, den dieſe Zaͤnkerinn ihr fruͤher eingefloͤßt hatte, wenn ſie zuweilen in ihres Vaters Angelegenheiten nach Dumbiedikes gekommen war. 3 Jemand? Was denn fuͤr ein Jemand? Habt Ihr keinen Nahmen? Glaubt Ihr denn, der gnaͤdige Herr haͤtte ſonſt nichts zu thun, als mit jeder muͤſſigen Landſtreicherinn zu ſprechen, und er iſt noch im Bette, der gute Mann. Liebe Frau Balchriſtie! erwiderte Johanna mit demuͤthigem Tone: Kennt Ihr mich denn nicht mehr? Kennt Ihr Johanna Deans nicht? Hanne Deans? ſprach die Zaͤnkerinn mit dem erkuͤnſtelten Tone des hoͤchſten Erſtaunens, und einige Schritte naͤher tretend, ſtarrte ſie das Maͤdchen mit einer Neugier an, die eben ſo hoͤh⸗ niſch als boshaft war. Ja wahrhaftig, Hanne Deans! Teufels⸗Hanne ſollte man Euch nennen. Ihr habt was Huͤbſches gemacht, euer Schwe⸗ ſterchen und Ihr. Ein armes Kind umzubrin⸗ gen! Und dafuͤr ſoll eure liederliche Schweſter an den Galgen, wie ſie's verdient. Und eures Gleichen kommt in eines ehrlichen Mannes Haus 149 und will in dieſer Morgenſtunde zu einem geſitte⸗ ten Junggeſellen, der noch im Bette iſt! Fort— fort mit Euch! Johanna verſtummte vor Scham bei dieſen gefuͤhllos rohen Beſchuldigung, und konnte keine Worte finden, ſich gegen die unwuͤrdige Deutung ihres Beſuches zu rechtfertigen. Frau Balchriſtie benutzte ihren Vortheil, und fuhr in demſelben Tone fort:„Nun hockt euer Buͤndel auf und packt Euch! Ihr moͤget wohl einen Vater ſuchen fuͤr noch ein Kind. Waͤre nicht euer Vater, David Deans, ein Pachter von unſerm Herrn geweſen, ich riefe die Knechte herbei, daß ſie Euch in's Waſſer tauchten fuͤr eure Unver⸗ ſchaͤmtheit.“. Schon hatte Johanna den Nuͤcken gewandt, um zum Hofthore hinaus zu gehen, und Frau Balchriſtie erhob ihre Schreierſtimme bis zu den hoͤchſten Toͤnen, ihre letzte Drohung vernehm⸗ lich zu machen; aber ſie verlor, wie mancher Feldherr, das Treffen, weil ſie ihren Vortheil zu weit verfolgte. Der Gutsherr wurde in ſeinem Morgenſchlum⸗ mer durch die Toͤne der ſcheltenden Haushaͤlterinn geſtoͤrt, an ſich nicht ungewoͤhnliche, aber in die⸗ r50 ſer fruͤhen Tagesſtunde allerdings auffallende Laute. Er legte ſich indeß auf die andre Seite, in der Hoffnung, der Schrei werde verhallen, als er bei dem zweiten Zornerguß der Haushaͤl⸗ terinn deutlich den Nahmen Deans hoͤrte. Es war ihm nicht ganz unbekannt, daß Frau Bal⸗ chriſtie gegen die Bewohner von Leonhardfels ei⸗ ne wenig guͤnſtige Geſinnung hegte, und er be⸗ griff alsbald, daß eine Botſchaft von dorther die Veranlaſſung dieſer fruͤhzeitigen Wuth war. Er ſprang aus dem Bette, ſchluͤpfte ſo ſchnell als moͤglich in einen alten brokatnen Schlafrock und andre unentbehrliche Kleidungſtuͤcke, und ſetzte ſeines Vaters Goldtreſſenhut auf, ohne welchen man ihn ſelten ſah, wiewohl dem gemeinen Ge⸗ ruͤchte, daß er darin, wie Don Quiyxote in ſei⸗ nem Helm, geſchlafen habe, ſchicklicher Weiſe widerſprochen werden muß. Als er das Fenſter oͤffnete, ſah er zu ſeinem groͤßten Erſtaunen Jo⸗ hanna's wohl bekannte Geſtalt aus dem Hofe gehen, waͤhrend die Haushaͤlterinn, einen Arm in die Seite ſtemmend, und eine geballte Fauſt ausſtreckend, bei aufgerichtetem Leibe und dem Kopfſchuͤtteln des Ingrimms, eine Ladung von Fiſchweiberfluͤchen ihr nachſchickte. Sein Zorn war 151 ſo groß als ſeine Ueberraſchung und wurde viel⸗ leicht durch den Unmuth uͤber den geſtoͤrten Mor⸗ genſchlaf noch erhoͤht.„Ei Du alte Satansbrut! rief er aus dem Fenſter: wer erlaubt Dir, eines ehrlichen Mannes Tochter ſo mitzuſpielen?“ Frau Balchriſtie war ertappt. Die unge⸗ woͤhnliche Waͤrme, womit er ſich ausdruͤckte, ver⸗ rieth ihr, daß es ihm voller Ernſt war, und ſie wußte, daß er bei aller angebornen Traͤgheit in gewiſſen Punkten leicht gereizt werden konnte, und im gereizten Zuſtande etwas Gefaͤhrliches hatte, das ſie kluͤglich zu vermeiden ſuchte. Sie fing an, ſo ſchnell als moͤglich ihr Verſehen wie⸗ der gut zu machen. Sie haͤtte nur fuͤr des Hau⸗ ſes Ehre geſorgt, ſagte ſie, und den gnaͤdigen Herrn in der fruͤhen Morgenſtunde nicht ſtoͤren wollen, da das Maͤdchen eben ſo gut haͤtte war⸗ ten, oder wiederkommen koͤnnen, und es waͤre leicht moͤglich, daß ſie die beiden Schweſtern ver⸗ wechſelt haͤtte, von welchen die eine eben nicht eine achtbare Bekanntſchaft waͤre. Schweig' alte Vettel! rief Dumbiedikes. Die ſchlimmſte Dirne kͤnnte Dich Frau Muhme nen⸗ nen, wenn alles wahr iſt, was ich gehoͤrt habe. — Hannchen, liebes Maͤdchen, geht nur in die 15² Wohnſtube— aber halt! die wird noch nicht offen ſein. Wartet ein Weilchen, ich komme gleich und mache Euch auf. Kuͤmmert Euch nicht darum, was die Hanne ſagt. Nein, nein! ſprach Frau Balchriſtie mit dem Lachen erzwungener Herzlichkeit: tragt's mir nicht nach, Maͤdchen! Jedermann weiß, ich belle ſchlimmer, als ich beiße. Wenn Ihr mit dem Herrn eine Verabredung hattet, warum ſag⸗ tet Ihr's mir nicht? Ich weiß auch zu leben. Nun, geht nur hinein, liebes Kind! ſetzte ſie hinzu und oͤffnete die Thuͤre mit dem Haupt⸗ ſchluͤſſel. 1 Ich hatte keine Verabredung mit dem Herrn, ſprach Johanna, zuruͤcktretend. Ich habe ihm nur zwei Worte zu ſagen, und das will ich lieber hier thun. Auf dem Hofe unter freiem Himmel? Nein, nein, das geht nicht, Kind. So koͤnnen wir Euch nicht behandeln. Und was macht euer Vater, der gute ehrliche Mann?— Die Ankunft des Gutsherrn erſparte dem Maͤdchen die Muͤhe, auf dieſe heuchleriſche Frage zu antworten. Geht und beſorgt das Fruͤhſtuͤck, ſprach er 153 zur Haushaͤlterinn. Und hoͤrt Ihr's, Ihr ſollt mit uns fruͤhſtuͤcken. Ihr wißt mit dem Thee⸗ waſſer umzugehn. Und hoͤrt Ihr's, laßt vor allen Dingen ein gutes Feuer machen. Kommt, Hannchen, mein Kind, immer herein— im⸗ mer herein, und ruht Euch aus. Nein, edler Herr, erwiderte Johanna, und ſuchte ſich mit aller moͤglichen Faſſung auszudruͤk⸗ ken, obgleich ſie noch zitterte: ich kann nicht hinein gehen. Ich habe noch ein langes Tage⸗ werk vor mir, muß noch uͤber zehn Stunden Wegs machen, wenn meine Fuͤße mich tragen. Gott behuͤte uns! Zehn Stunden Wegs— zehn Stunden zu Fuße? rief Dumbiedikes, deſ⸗ ſen Gaͤnge einen ſehr kleinen Durchmeſſer hatten⸗ Nein, denkt doch nicht daran. Kommt nur herein. Das kann ich nicht, edler Herr, antwortete Johanna. Die Paar Worte, die ich Euch zu ſagen habe, kann ich hier ſagen, und Frau Bal⸗ chriſtie wuͤrde— Hohle der Teufel Frau Balchriſtie! ſprach Dumbiedikes. Und er wird ſchon was an ihr zu tragen haben. Ich ſage Euch, Hannchen, ich bin kein Mann von vielen Worten, aber ich 154 bin Herr im Hauſe wie im Felde, und da iſt kein Vieh und kein Menſch auf dem Gute, oder ich kann ſie herum kriegen, wenn ich will, ausge⸗ nommen Rory Bean, mein Pferd. Ich kann mich nur ſelten mit der Plackerei abgeben, als wenn mir das Blut kocht. Ich wollte Euch ſagen, hob Johanna an, welche die Nothwendigkeit fuͤhlte, zu ihrer Ange⸗ legenheit zu kommen: ich will eben eine weite Reiſe machen, ohne meines Vaters Wiſſen. Ohne ſein Wiſſen, Hannchen? ſprach Dum⸗ biedikes mit lebhafter Bekuͤmmerniß. Iſt das recht? Ihr muͤßt das noch einmahl uͤberlegen— Es iſt nicht recht. Wenn ich nur erſt in London waͤre, erwiderte Johanna zu ihrer Entſchuldigung: ſo ſollte es mir wohl nicht fehlen, daß ich Mittel faͤnde, die Koͤniginn wegen meiner Schweſter Leben zu ſprechen. London? Die Koͤniginn? Ihrer Schweſter Leben? ſprach Dumbiedikes und pfiff vor lauter Erſtaunen. Das Maͤdchen iſt nicht bei Sinnen. Ich bin nicht verruͤckt, erwiderte Johanna, aber mag's werden, wie's will, ich gehe nach London, und ſollt' ich mich von Thuͤre zu Thuͤre 155 durchbetteln. Das muß ich auch, wenn Ihr mir nicht eine kleine Summe zu den Koſten leihen wollt. Viel brauche ich nicht, und Ihr wißt, mein Va⸗ ter hat Vermoͤgen, und wuͤrde nicht leiden, daß Jemand durch mich zu Schaden kaͤme, am We⸗ nigſten Ihr. Als Dumbiedikes ihr Anliegen kannte, wollte er kaum ſeinen Ohren trauen, antwortete gar nicht, und heftete ſeine Blicke auf die Erde. Ich ſehe, Ihr wollt mir nicht beiſtehen, hob Johanna an. So lebt denn wohl! Beſucht meinen armen Vater, ſo oft Ihr koͤnnt, er wird nun oft genug allein ſein. Wo will das alberne Maͤdchen hin? ſprach Dumbiedikes, und ihre Hand faſſend, fuͤhrte er ſie in's Haus. Ich habe wohl ſonſt ſchon daran gedacht, aber es blieb mir immer in der Keyle ſtecken. Waͤhrend er dieſe Worte fuͤr ſich ſprach, brachte er ſie in ein altfraͤnkiſches Wohnzimmer, deſſen Thuͤre er verſchloß und verriegeite. Er⸗ ſtaunt uͤber ſein Benehmen, blieb Johanna ſo nahe als moͤglich an der Thuͤre ſtehen; aber der Junker ließ ihre Hand los und druͤckte auf eine Springfeder in dem eichenen Wandgetaͤfel, das 156 ſich ſogleich oͤffnete. Es ward eine eiſerne Kiſte in der Ecke der Wand ſichtbar und als er auch dieſe geoͤffnet hatte, zog er einige Schubkaſten hervor, worin Beutel mit Goldſtuͤcken und Sil⸗ bergeld lagen. Das iſt meine Bank, ſprach er, erſt auf das Maͤdchen, dann mit vielem Wohlbehagen auf ſeinen Schatz blickend. Ich mag nichts von euren Wechſeln wiſſen, die bringen die Leute nur in's Ungluͤck. Darauf aͤnderte er ploͤtzlich ſeinen Ton und fuhr entſchloſſen fort: Hannchen, Ihr ſollt Frau Dumbiedikes ſein, ehe die Sonne untergeht, und Ihr koͤnnt dann in eurer eigenen Kutſche nach London reiſen, wenn Ihr Luſt habt. Nein, edler Herr, das kann nicht ſein, ant⸗ wortete Johanna. Meines Vaters Kummer— die Lage meiner Schweſter— die Schande für Euch— 1 Das iſt meine Sache, ſprach Dumbiedi⸗ kes. Ihr wuͤrdet kein Wort daruͤber ſagen, wenn Ihr nicht naͤrriſch waͤret. Aber Ihr ge⸗ fallt mir darum deſto beſſer. Es iſt genug, wenn in der Ehe eins klug iſt. Doch wenn euer Herz jetzt zu voll iſt, ſo nehmt ſo viel Geld, als Ihr 1⁵7 braucht, und laßt's, bis Ihr wieder kommt— ſaͤt oder fruͤh, das iſt einerlei. Johanna fuͤhlte, daß ſie ſich gegen einen ſo ſonderbaren Liebhaber deutlich erklaͤren mußte⸗ „Aber ich habe einen andern Mann lieber als Euch, ſprach ſie, und kann Euch nicht heirathen.“ Einen andern Mann lieber als mich, Hann⸗ chen? erwiderte Dumbiedikes. Wie kann das ſein? Es kann nicht ſein, Maͤdchen! Ihr habt mich ſo lange gekannt. Ja, edler Herr, ſprach Johanna mit ſteter Aufrichtigkeit, aber ich kannte ihn laͤnger. — Laͤnger? Es iſt nicht moͤglich. Es kann nicht ſein. Ihr wurdet ja auf meinen Guͤtern geboren. O Hannchen— Maͤdchen, Ihr habt mein Vermoͤgen noch nicht halb geſehen. Lau⸗ ter Gold, Hannchen! fuhr er fort, einen andern Schubkaſten heraus ziehend. Und hier ſind Schuldſcheine fuͤr ausgeliehenes Geld. Und da iſt das Zinsbuch, Hannchen— rreine dreihundert Pfund Sterling— Wahrhaftig keine Pfand⸗ ſchaft, kein eiſernes Kapital, keine Hypothek— Ihr habt noch nicht alles angeſehn, Maͤdchen. und da ſind meiner Mutter Kleider und meiner Großmutter ihre— ſeidene Kleider, ſo ſchwer, 158 daß ſie von ſelbſt ſtehen, und Spitzen, ſo fein als Spinnwebe, und Ringe und Ohrringe oben⸗ drein. Alles iſt in der Stube mit dem Himmel⸗ bett. O Hannchen! geht hinauf und ſeht's an. Johanna aber verlaͤugnete die Rechtſchaffen⸗ heit nicht, trotz aller Verſuchungen, die, nach des Junkers vielleicht nicht ganz irriger Vorausſetzung, fuͤr ihr Geſchlecht die lockendſten waren. Es kann nicht ſein, edler Herr, ſprach ſſe. Ich hab's einmahl geſagt, und kann mein Wort nicht brechen, und wolltet Ihr mir die ganze Herrſchaft Dalkeith geben, und Lugton oben⸗ drein. Ihm euer Wort gegeben? ſprach der Jun⸗ ker ein wenig empfindlich. Wer iſt er denn, Hannchen? Weer iſt er? Ich habe ſeinen Nah⸗ men noch nicht gehoͤrt. Laßt es gut ſein, Hann⸗ chen, Ihr wollt mich nur verbluͤfft machen. Ich glaube nicht, daß ſo Einer in der Welt iſt. Ihr ziert Euch nur. Was iſt er denn? Wer iſt's? Es iſt Ruben Butler, der Schulmeiſter in Libberton, antwortete Johanna. Ruben Butier! Ruben Butler! wiederhohlte der Junker, und auf und niedergehend, fuhr er fort mit dem Tone lebhafter Verachtung: Ruben 159 Butler, der Schulmeiſter in Libberton— und nur Schulmeiſtergehilfe! Ruben Butler, der Sohn meines Haͤuslers? Nun gut, Hannchen, eigenſinnige Weiber moͤgen ihren Willen haben — Ruben Butler! Er hat nicht ſo viel Geld in der Taſche, als ſein alter ſchwarzer Rock werth iſt. Aber es hat nichts zu bedeuten. Bei dieſen Worten ſchob er mit Heftigkeit einen Kaſten ſeines Schatzes nach dem andern zu. „Man muß nicht boͤſe werden, wenn guter Wille nicht erkannt wird, ſprach er. Ein einziger Mann kann ein Pferd zur Traͤnke bringen, aber nicht zwanzig zwingen es zum Trinken. Und daß ich mein Geld an andrer Leute Schaͤtzchen verſchwen⸗ den ſollte—“ Es war etwas in dieſen Worten, das Jo⸗ hanna's edlen Stolz reizte.„„ Ich habe kein Geld von Euch erbettelt, ſprach ſie, und am Wenig⸗ ſten auf ſolche Bedingungen, als Ihr's wollt.— Lebt wohl, edler Herr. Ihr ſeid guͤtig gegen meinen Vater geweſen, und mein Herz kann nicht anders als freundlich von Euch denken.“ Mit dieſen Worten ging ſie hinaus, ohne auf ein ſchwaches:„Aber Hannchen— Hann⸗ chen— bleibt doch, Maͤdchen!“ weiter zu achten. 160 Mit ſchnellen Schritten eilte ſle uͤber den Hof, ihre unbeſonnene Reiſe anzutreten, und in ihrem Herzen gluͤhten der Unwille und die Scham, die einem redlichen Gemuͤthe ſo natuͤrlich ſind, wenn es ſich gezwungen hat, um eine Gunſt zu bitten, die unerwartet verweigert worden iſt. Als ſie ͤber das Gebiet des Guteherrn hinaus, und wieder auf der Landſtraße war, hielt ſie ihre Schritte an; ihr Unmuth kuͤhlte ſich abp, und unruhige Ahnungen uͤber die Folge dieſer uner⸗ warteten Fehlſchlagung erweckten in ihr andre Regungen. Mußte ſie denn nun bettelnd den Weg nach London ſuchen? So ſah es aus, wenn ſie nicht wieder umkehren wollte, um von ihrem Vater Geld zu erbitten, wobei ſie die koſt⸗ bare Zeit verlieren und ſich uͤberdieß der Gefahr ausſetzen mußte, ſich ein ausdruͤckliches Verbot ihrer Reiſe zuzuziehen. Nur dieſe beiden Wege blieben ihr uͤbrig, und waͤhrend ſie langſam vor⸗ an ging, uͤberlegte ſie, ob es nicht beſſer waͤre, wieder umzukehren. Noch war ſie in dieſer Ungewißheit, als ſie den Hufſchlag eines Pferdes hinter ſich hoͤrte, und eine wohlbekannte Stimme ihren Nahmen rief. Sie ſah ſich um, und erblickte keinen geringern — 161 Reiter als den Gutsherrn von Dumbiedikes, zu deſſen Schlafrock, Pantoffeln und Treſſenhut der ungeſattelte Klepper mit der Halfter, der auf ſie zutrabte, ſchlecht genug paßte. Im Eifer der Verfolgung hatte er Rory Beans hochlaͤndiſche Stoͤrrigkeit uͤͤberwunden, und den eigenſinnigen Klepper gezwungen, auf dem Wege, der dem Reiter beliebte, raſch fortzutraben. Rory Bean that dieß jedoch mit allen Zeichen des Widerwil⸗ lens, machte Wendungen mit dem Kopfe, und bei jedem Satze vorwaͤrts eine Seitenbewegung, die den lebhaften Wunſch verrieth, wieder umzu⸗ kehren, und Dumbiedikes konnte dieſem Streben nicht anders, als durch beſtaͤndiges Arbeiten mit den Ferſen und dem Pruͤgel entgegen wirken. Als er Johanna eingehohlt hatte, waren ſeine erſten Worte:„Hannchen, man pfleat zu ſagen, ein Maͤdchen muß man nicht gleich beim Worte nehmen.“. Aber Ihr muͤßt mich beim Wort nehmen, erwiderte Johanna, und ging weiter, ohne auf⸗ zuſehen. Ich habe Jedermann nur ein Wort zu ſagen, und das iſt immer ein wahres. Nun, ſo ſolltet Ihr wenigſtens einen Mann nicht gleich beim Worte nehmen, ſprach Dum⸗ III. Theil, 11 162 biedikes. Ihr duͤrft in eurem Eigenſinn nicht ohne Geld weiter gehen, es mag daraus werden, was da will. Er gab ihr einen Beutel mit Geld, und fuhr fort:„Ich wollte Euch Rory Bean auch gern geben, aber das Thier iſt ſo eigenſinnig als Ihr, und es iſt zu ſehr an einen Weg gewoͤhnt, den wir Beide oft genug gemacht haben, und will ſonſt keinen gehen.“ Edler Herr, ſprach Johanna, ich weiß zwar wohl, mein Vater wird dieſes Geld auf Heller und Pfennig wiedergeben, wie viel es auch ſein mag, aber ich moͤchte es nicht gern von Jeman⸗ den borgen, der vielleicht etwas mehr erwartet, als die Wiederbezahlung. Es ſind gerade fuͤnf und zwanzig Guineen, erwiderte Dumbiedikes mit einem leiſen Seufzer: aber mag's euer Vater wieder bezahlen, oder nicht, ich fodere nichts von Euch, und nun kein Wort mehr daruͤber. Geht, wohin Ihr wollt— thut, was Ihr wollt— und heirathet jeden Butler in der Welt, wenn's Euch beliebt. Und damit guten Tag, Hannchen! Und Gott ſegne Euch, edler Herr, mit noch manchem guten Tage! ſprach Johanna, deren —— 163 Herz durch die ungewoͤhnliche Großmuth des wunderlichen Liebhabers mehr geruͤhrt war, ais es Butler vielleicht gebilligt haben wuͤrde, wenn er ihre Gefuͤhle in jenem Augenblicke gekannt haͤtte. Und Gluͤck und der Friede des Herrn und der Friede der Menſchen ſei mit Euch, wenn wir uns nie wieder ſehen ſollten. Dumbiedikes wendete um, und gruͤßte mit der Hand. Sein Klepper, der lieber umkehrte, als er voran gegangen war, trug ihn ſchnell heim⸗ waͤrts, und bei dem Mangel eines gehoͤrigen Zaumes, ſo wie des Sattels und der Steigbuͤgel, hatte der Reiter ſo viel Noth, ſich zu halten, daß er nicht daran denken durfte, ſich umzuſehen, auch nicht einmahl, um den Abſchiedsblick eines verlaſſenen Liebhabers ihr nachzuſchicken. Ich ſage es nicht ohne Scham, daß der Anblick eines Liebhabers, der in Schlafrock, Pantoffeln und Treſſenhut von einem ungeſattelten hochlaͤndiſchen Klepper entfuͤhrt wurde, von der Art war, ſelbſt eine dankbare und wohl verdiente Regung von herzlicher Achtung daͤmpfen zu koͤnnen. Die Ge⸗ ſtalt des Reiters war ſo drollig, daß die Empfin⸗ dungen, die er dem Moͤdchen urſpruͤnglich einge⸗ floͤßt hatte, wieder in ihr erwachten. IT* 164 Er iſt ein guter, liebreicher Menſch, dachte ſie: nur Schade, daß ſein Pferd ſo eigenſin⸗ nig iſt. Sie wendete dann ihre Gedanken wieder auf die wichtige Reiſe, die ſie angetreten hatte, und dachte mit Freude daran, daß ſie, bei ihrer Le⸗ bensweiſe und Gewoͤhnung an Beſchwerden, reichlich, ja uͤberfluͤſſig mit den Mitteln verſehen war, die Koſten der Reiſe nach London und der Ruͤckreiſe und alle andern Ausgaben zu beſtreiten. — 165 IX. Gar ſeltſame Gedanken ſchleichen Verliebten durch den Sinn. 9— rief ich— Jammer ſonder gleichen! Waͤr' mein Luciechen hin! Wordsworth. Unſre Heldinn ſetzte ihre einſame Wanderung fort, und hatte das Herrnhaus von Dumbiedi⸗ kes noch nicht lange verlaſſen, als ſie eine kleine Anhoͤhe erreichte, von welcher gegen Morgen ein geſchwätziger Bach hinab rann, deſſen Windun⸗ gen zerſtreute Weiden und Erlen beſchatteten. Hier konnte ſie die Huͤtten von Woodend und Beerſheba, die Schaupläͤtze ihrer Kindheit, ſehen, ſie konnte die Gemeinweide unterſcheiden, wo ſie ſo oft die Schafe gehuͤtet, und die einſamen Stellen am Bache, wo ſie mit Butler Binſen gepfluͤkt hatte, um Kronen und Zepter fuͤr ihre 166 Schweſter Effie daraus zu flechten, die damahl ein ſchoͤnes aber verzogenes Kind von etwa drei Jahren war. Die Erinnerungen, welche dieſer Anblick in ihr erweckte, waren ſo ſchmerzlich, daß ſie, wenn ſie ſich denſelben uͤberlaſſen haͤtte, ſich niedergeſetzt und ihren Thraͤnen freien Lauf gelaſſen haben wuͤrde. Aber ich wußte, ſprach Johanna zu ſich ſel⸗ ber: Weinen wuͤrde wenig helfen, und es wuͤrde ſich beſſer zemen, dem Herrn zu danken, der mir Gnade bewieſen und Beiſtand geleiſtet hat durch einen Mann, den Viele einen Nabal und einen Geizhals nannten, aber er war gegen mich ſo freigebig mit ſeinem Gelde, als je die Quelle es mit ihrem Waſſer war. Und ich dachte an die Worte der Schrift uͤber die Suͤnde Israels zu Meriba, da das Volk murrte, obgleich Moſes Waſſer aus dem Felſen brachte, daß die Gemeine trinken und leben ſollte. Darum wagte ich's nicht, noch einen Blick auf Woodend zu werfen, denn ſelbſt bei dem blauen Rauch, der aus dem Schornſtein kam, dachte ich daran, wie ſich alles ſo traurig fuͤr uns veraͤndert hat. In dieſer ergebungvollen und chriſtlichen Stimmung ſetzte ſie ihre Reiſe fort, bis ſie von 167 dem Orte, der jene traurigen Erinnerungen er⸗ weckte, entfernt, und Butlers Dorfe nahe war, das mit ſeiner altfraͤnkiſchen Kirche aus Baum⸗ gruppen hervor ſah, die den Ruͤcken einer Anhoͤhe, ſuͤdlich von Edinburgh, bedeckten. Kaum eine Viertelſtunde davon entfernt, erhebt ſich ein plum⸗ per viereckiger Thurm, der Wohnſitz des Edel⸗ herrn, der in fruͤhern Zeiten, nach der Sitte der teutſchen Raubritter, den Bewohnern von Edin⸗ burgh haͤufig durch Auffangen von Lebensmitteln und Waaren, die aus den ſuͤdlichen Gegenden zur Stadt kamen, geſchadet haben ſoll. Dorf, Schloß und Kirche lagen zwar nicht gerade auf Johanna's Wege nach England, aber doch nicht zu weit von der Straße, und das Dorf war Butlers Wohnort. Sie hatte ſich vorge⸗ nommen, ihn beim Antritt ihrer Reiſe zu beſu⸗ chen, weil er, nach ihrer Meinung, am beßten dazu paßte, an ihren Vater uͤber ihr Vorhaben und ihre Hoffnungen zu ſchreiben. In ihrem zaͤrtlichen Herzen war aber wahrſcheinlich noch ein geheimer Grund verborgen, der Wunſch, den Gegenſtand einer ſo alten und aufrichtigen Nei⸗ gung noch einmahl zu ſehen, ehe ſie eine Pilger⸗ fahrt antrat, deren Gefahren ſie ſich nicht ver⸗ 168 hehlte, obgleich ſie den Gedanken daran nicht ſo ſehr nachhing, daß ihr veſter und kraͤftiger Muth dadurch waͤre gemindert worden. Einem Maͤd⸗ chen von hoͤherm Stande wuͤrde der Beſuch bei einem Geliebten als zudringlich und unſchicklich ausgelegt worden ſein; zu ihren einfach laͤndlichen Gewohnheiten aber paßten ſolche uͤberfeine Be⸗ griffe von Schicklichkeit nicht, und als ſie nun beim Antritt einer langen Reiſe ſich anſchickte, von einem Jugendfreunde Abſchied zu nehmen, kam der Gedanke, daß es unanſtaͤndig ſei, nicht in ihre Seele. Noch ein andrer Beweggrund druͤckte ſtaͤrker auf ihr Gemuͤth, als ſie ſich dem Dorfe naͤherte. Sie hatte im Gerichtſale ſich aͤngſtlich nach Buts ler umgeſehen, und erwartet, daß er auf jeden Fall zu irgend einer Stunde an dieſem wichtigen Tage erſcheinen wuͤrde, um den Beiſtand und Troſt zu bringen, den er ſeinem alten Freunde und dem Beſchuͤtzer ſeiner Jugend bringen konnte, wenn auch ihre Anſpruͤche nicht in Anſchlag kom⸗ men ſollten Sie wußte freilich wohl, daß ſeine Freiheit einiger Maßen beſchraͤnkt war, hatte aber doch gehofft, daß er Mittel finden wuͤrde, ſich wenigſtens fuͤr einen Tag frei zu machen. 169 Kurz, jene ſeltſamen und wunderlichen Gedanken, die nach Wordsworth's Beſchreibung in der Seele getrennter Liebenden aufſteigen, gaben ihr keine andre Erklaͤrung ſeines Ausbleibens an die Hand, als daß Butler ſehr krank ſein muͤßte. Ihr Ge⸗ muͤth war davon ſo ſehr ergriffen, daß ſie der Huͤtte, wo ihr Freund eine kleine Stube be⸗ wohnte, und die ihr von einem Milchmaͤdchen gezeigt wurde, ſich nur mit Zittern nahte, und unruhig die Antwort ahnete, welche ſie auf ihre Nachforſchung erhalten koͤnnte. Ihre Beſorgniſſe waren in dieſem Falle nicht grundlos geweſen. Butler war von Natur ſchwaͤch⸗ lich, und erhohlte ſich nicht ſo bald von den koͤr⸗ perlichen Beſchwerden und den Bekuͤmmerniſſen, die er als eine Folge der traurigen Ereigniſſe, welche unſre Erzaͤhlung eroͤffneten, erduldet hatte. Der ſchmerzliche Gedanke, daß der Hauch des Argwohns ſeinen Ruf angeweht habe, erhoͤhte ſeinen Kummer. Die grauſamſte Erſchwerung ſeiner Leiden aber war das ausdruͤckliche Verbot der Obrigkeit, in irgend einer Gemeinſchaft mit Deans, oder deſſen Angehoͤrigen zu bleiben. Man hatte es zum Ungluͤck fuͤr wahrſcheinlich gehalten, daß Robertſon durch Butlers Vermittelung wieder 170 einen Verkehr mit jener Familie anknuͤpfen koͤnnte, und dieß zu vereiteln, oder wo moͤglich zu verhuͤ⸗ ten, war man eifrig bedacht. Die Maßregel war, nach der Abſicht der Obrigkeit, weder eine druͤckende, noch auch eine ungerechte Strenge, aber Butler fand ſie in ſeiner Lage ſehr hart. Er fuͤhlte, daß Diejenige, die ihm vor Allen theuer war, eine nachtheilige Meinung von ihm faſſen, und ihn eines liebloſen Abfalles beſchuldigen koͤnn⸗ te, und nichts war doch ſeinem Weſen ſo fremd. Dieſer peinliche Gedanke, der eine ſchon ge⸗ ſchwaͤchte Geſundheit noch mehr ſtoͤrte, zog ihm Anfaͤlle von einem ſchleichenden Fieber zu, die ihn ſo ſehr erſchoͤpften, daß er endlich nicht mehr im Stande war, die Pflichten des Amtes zu er⸗ fuͤlen, das ihm Brod gab. Der Vorſteher der kleinen Kirchſpielſchule, der alte Whackbairn, hegte zum Gluͤck eine aufrichtige Zuneigung ge⸗ gen Butler. Er fuͤhlte die Verdienſte und den Werth eines Gehilfen, der die kleine Schule in groͤßern Ruf gebracht hatte, und ſelber ziemlich gut erzogen, hegte er noch immer Neigung zu klaſſiſcher Gelehrſamkeit, und wenn das muͤhſame Tagewerk der Schularbeit voruͤber war, erhohlte er ſich gern mit ſeinem Unterlehrer bei einigen — 171 Seiten im Horaz oder Juvenal. Gleiche Nei⸗ gung erzeugte Freundſchaft. Der Schulmeiſter bemerkte Butlers zunehmende Kraͤnklichkeit mit großer Theilnahme, bot alle ſeine Kräfte auf, den Schulunterricht in den Morgenſtunden zu uͤber⸗ nehmen, wo Butler nach ſeinem Willen ausru⸗ hen ſollte, und er verſorgte ihn uͤberdieß mit den Erquickungen, deren der Kranke in ſeiner Lage bedurfte, die er ſich aber mit eigenen Mitteln nicht verſchaffen konnte⸗ In dieſer Lage war Butler kaum faͤhig, ſich an den Ort zu ſchleppen, wo er durch ſeine taͤgliche Plackerei ſein taͤgliches Brod gewinnen mußte, und gequaͤlt von tauſend bangen Ahnun⸗ gen uͤber das Schickſal Derjenigen, die ihm vor allen Menſchen lieb waren, als Euphemia's Ver⸗ hoͤr und Verurtheilung ſeinen Seelenkummer auf's Hoͤchſte brachte. Ein junger Gelehrter, der in demſelben Dorfe wohnte, hatte umſtaͤndliche Nachricht von jenen Ereigniſſen mitgebracht, und da er Augenzeuge des traurigen Vorganges geweſen war, ſo konnte er alle Schreckniſſe des Auftrittes vor die gemar⸗ terte Seele ſeines Freundes ſtellen. Nach einer ſolchen furchtbaren Nachricht konnte der Schlaf 172 ſein Auge nicht beſuchen. Tauſend ſchreckliche Traumgeſichte ſtoͤrten waͤhrend der ganzen Nacht ſeine Seele, und am Morgen wurde er aus ei⸗ nem fieberiſchen Schlummer durch den einzigen Umſtand erweckt, der ſeinen Kummer haͤtte er⸗ hoͤhen koͤnnen, durch den Beſuch eines aufdring⸗ lichen Eſels. Dieſer unwillkommene Beſucher war Nie⸗ mand als Bartolin Sattelbaum. Der wuͤrdige und wohlweiſe Buͤrger hatte ſich, der Abrede treu, mit Plumdamas und andern Nachbarn in Mac⸗ Croskie's Schenke eingefunden, um uͤber die Rede des Herzogs von Argyle, uͤber die Gerech⸗ tigkeit des, gegen Euphemia gefaͤllten Urtheil⸗ ſpruches und uͤber die Unwahrſcheinlichkeit der Begnadigung ſich zu beſprechen. Die weiſen Naͤnner hatten eifrig geſtritten und tapfer getrun⸗ ken, und am naͤchſten Morgen ſagte Bartolin, es waͤre ihm der Kopf wie ein verwirrter Aktenſtoß. Um ſeine Verſtandeskraͤfte zu ihrer gewoͤhn⸗ lichen Heiterkeit zu ſtimmen, hatte Sattelbaum ſich entſchloſſen, auf einem Miethgaul, den er mit Plumdamas und einem andern ehrlichen Kraͤmer gemeinſchaftlich zu Geſchaͤftreiſen oder Luſtritten hielt, in den Morgenſtunden auszurei⸗ 173 ten. Zwei ſeiner Kinder waren Whackbairn's Koſtſchuͤler, und da er uͤberdieß, wie wir geſehen haben, gern in Butlers Geſellſchaft war, ſo lenkte er ſein Pferd auf die Straße nach Libberton, und kam, wie geſagt, dem ungluͤcklichen Lehrer jene Erhoͤhung des Kummers zu bereiten, die Imo⸗ gen ſo gefuͤhlvoll beklagt, wenn ſie ſagt: Geplagt werd' ich von einem Thoren— Geplagt, doch mehr geaͤrgert⸗ Haͤtte irgend etwas das Bittre noch vergäͤllen koͤnnen, ſo war es der Gegenſtand, den Sat⸗ telbaum zu ſeinem Geſchwäͤtze waͤhlte, Euphe⸗ miag's Verhoͤr und die Wahrſcheinlichkeit ihrer Hinrichtung. Jedes Wort traf Butlers Ohr, wie der Ton einer Todtenglocke, oder der Laut der Nachteule. Johanna blieb vor der Thuͤre der demuͤthigen Wohnung ihres Geliebten ſtehen, als Sattel⸗ baums laute und hochtrabende Stimme aus der Stube ſchallte.„Glaubt mir, ſo wird's kom⸗ men, Herr Butler. Sie iſt nicht zu retten. Sie muß den Weg zum Grasmarkt machen, mit dem Kerl im ſchwarz und weißen Kleide hin⸗ ter ihr her, aber das Geſetz, Herr Butler, muß ſeinen Gang gehen— 174 Vivat rex, Currat lex, wie Horaz in ſeinen Oden ſagt, ich weiß nicht, in welcher.“ Butler ſeufzte tief, ſo ungeduldig ward er uͤber die Rohheit und Unwiſſenheit, die Bartolin in einem einzigen Satze zu verſchmelzen gewußt hatte. Sattelbaum aber war, wie andre Schwaͤ⸗ tzer, mit einem gluͤcklichen Stumpfſinne geſegnet, der ihn hinderte, den nachtheiligen Eindruck zu bemerken, welchen er oft auf ſeine Zuhoͤrer machte. Er fuhr fort, ſeine juriſtiſchen Brocken unbarm⸗ herzig auszukramen, und ſprach endlich mit gro⸗ ßer Selbſtgefaͤlligkeit:„War's nicht Schade, daß mich mein Vater nicht nach Utrecht geſchickt hat? Habe ich nicht die Gelegenheit verloren, ein ſolcher clarissimus ictus zu werden, als der alte Grunwiggin ſelber iſt? Warum ſprecht Ihr denn nicht, Herr Butler? Waͤr' ich nicht ein clarissimus ictus geworden? Nun, He?“ Ich verſtehe Euch in der That nicht, Herr Sattelbaum, ſprach Butler, als er ſo zur Ant⸗ wort gedraͤngt wurde. Seine ſchwache und erſchoͤpfte Stimme ward aber alsbald von Bartolins wohlklingendem Ge⸗ 175 ſchrei uͤbertaͤubt:„Mich nicht verſtehen, Freund⸗ chen? Ictus heißt doch auf Latein ein Rechts⸗ gelehrter, nicht wahr? Das habe ich nie gehoͤrt, erwiderte Butler eben ſo ſchwach. . Ei den Teufel habt Ihr nicht! Seht, ich habe das Wort heute fruͤh in einer Schrift von Herrn Croßmyloof gefunden— Seht ſelbſt, da ſteht's ictus clarissimus et perti— peritis- simus. Es iſt Latein, denn es iſt mit italieni⸗ ſchen Buchſtaben*) gedruckt. O Ihr meint juris consultus. Ietus iſt eine Abkuͤrzung fuͤr juris consultus. Ei das ſollt Ihr mir nicht weis machen, fuhr Sattelbaum beharrlich fort. Von Abkuͤrzen iſt nirgend die Rede, als wo das Gericht eine Sache zuerkennt. Und hier kommt's auf eine Dienſt⸗ barkeit der Dachtraufe an— das heißt Stille- siehdichum**)— ſoll auch wohl kein Latein ſein?— am Hauſe der Frau King in der Hoch⸗ ſtraße. Kann wohl ſein, erwiderte der arme Butler, *) ltalian types ſagt er, ſtatt Jralies, Curſiv⸗ ſchrift⸗ L. **½) Vermuthlich stillicidium⸗ 176 ganz erdruͤckt von der laͤrmenden Beharrlichkeit ſeines Gaſtes. Ich bin nicht im Stande, mit Euch zu ſtreiten. Das koͤnnen wenig Leute, Herr Butler, we⸗ nig Leute, obgleich ich's ſage, der's eigentlich nicht ſagen ſollte, ſprach Sattelbaum mit großer Selbſtgefäͤlligkeit. Ihr habt noch zwei Stunden Zeit, ehe Ihr in die Schule muͤßt, und da Ihr nicht wohl ſeid, ſo bleib' ich bei Euch und erklaͤre ich, was ein Stillesiechdichum iſt. Ihr muͤßt wiſſen, die Klaͤgerinn, Frau Crombie, eine ſehr ſittſame Frau, iſt eine gute Freundinn von mir; ich habe die Sache mit Ehren vors Gericht ge⸗ bracht, und gewiß wird ſie zu gehoͤriger Zeit auch mit Ehren wieder heraus kommen, mag ſie ge⸗ winnen oder verlieren. Inmaßen es nun ein niedriges Haus iſt, ſo geben wir zu, daß wir mit dem Stillesiehdichum belaſtet ſind, das heißt, daß wir die Dachtraufe von dem hoͤ⸗ hern Gebaͤude uns gefallen laſſen muͤſſen, in ſo fern ſelbige vom Himmel, oder vom Dache des Nachbarhauſes, und dann durch die Dach⸗ rinne auf unſer niedriges Gebaͤude faͤllt. Letzte Nacht aber kommt eine hochlaͤndiſche Schlumpe von Dienſtmagd und gießt, Gott weiß was, 177 aus dem öoͤſtlichſten Fenſter des Hauſes der Frau Mac Phail, als welches das hoͤhere Gebaͤude iſt. Ich glaube, die alten Weiber haͤtten ſich wohl vertragen. Frau Mac Phail ſchickte das Maͤd⸗ chen zu meiner Freundinn, Frau Crombie, und ließ ihr ſagen, ſie haͤtte das Gefaͤß aus dem un⸗ rechten Fenſter ausgegoſſen, aus Achtung vor zwei Hochlaͤndern, die unten galiſch geſprochen haͤtten. Aber zum Gluͤck fuͤr Frau Crombie kam ich noch zu rechter Zeit dazu, und brach die Ver⸗ handlungen ab. Es waͤre Schade, wenn die Sache nicht vor Gericht gekommen waͤre. Frau Mac Phail muß erſcheinen— die hochlaͤndiſche Dirne muß ein purgatorium ſchwoͤren— aber— Dieie umſtandliche Nachricht von dieſem wich⸗ tigen Rechtshandel wuͤrde fortgeſetzt worden ſein, bis des armen Butlers Ruheſtunde voͤllig abge⸗ laufen geweſen waͤre, wenn nicht Stimmen vor der Thuͤre den Sprecher unterbrochen haͤtten. Die Frau, in deren Hauſe Butler wohnte, kam eben mit dem gefuͤllten Waſſerkruge vom Brun⸗ nen zuruck, und ſah an der Thuͤre unſre Heldinn, Johanna Deans, die uͤber Sattelbaums weit⸗ ſchweifige Rede ſehr ungeduldig war, aber doch III. Theil. 12 178 auch waͤhrend ſeiner Anweſenheit nicht gern her⸗ ein treten wollte. Die gute Frau unterbrach ihr Zoͤgern durch die Frage:„Wollt Ihr zu mei⸗ nem Manne, oder zu mir, liebes Kind?“ Ich moͤchte gern mit Herrn Butler ſprechen, wenn er Zeit hat, antwortete Johanna. Geht nur hinein, mein Kind, ſprach die Wirnthinn, und die Stubenthuͤre oͤffnend, meldete ſie die Beſucherinn mit den Worten:„Herr Butler, da iſt ein Maͤdchen, das mit Euch ſpre⸗ chen will.“ Butler war hoͤchlich uͤberraſcht, als Johanna, die ſonſt ſelten auf eine Viertelſtunde weit von Hauſe ſich entfernte, auf jene Meldung herein trat. Lieber Himmel! rief er, vom Stuhle auf⸗ ſpringend, und die Unruhe faͤrbte wieder ſeine krankhaft bleiche Wange. Es iſt wohl ein neues Ungluͤck vorgefallen? Nichts, Herr Butler, als was Ihr ſchon gehoͤrt haben werdet. Aber o Gott! Ihr ſeht ja ſelber krank aus, ſetzte Johanna hinzu, deren lie⸗ bevoll beſorgtem Blicke jene fluͤchtige Roͤthe die „Verheerungen nicht verbarg, welche die ſchlei⸗ chende Krankheit und die Gemuͤthunruhe in den Zuͤgen ihres Geliebten angerichtet hatten, 179 Nein, antwortete Butler lebhaft, ich bin wohl, ganz wohl, wenn ich irgend etwas ver⸗ mag, Euch, Johanna, oder eurem Vater Bei⸗ ſtand zu leiſten. Ja freilich, ſprach Sattelbaum, man kann jetzt annehmen, daß die Familie nur aus den Beiden beſteht, als wenn die arme Effie nie dazu gehort haͤtte. Aber Hannchen, was bringt Euch denn ſo fruͤh am Tage nach Libberton, da euer Vater in der Stadt krank liegt? Ich habe einen Auftrag von meinem Vater an Herrn Butler, erwiderte Johanna, verlegen, aber alsbald ſchaͤmte ſie ſich der Erdichtung, wo⸗ zu ſie ihre Zuflucht genommen hatte, da ſie, bei⸗ nahe wie die Quaͤker, die Wahrheit liebte und ehrte, und ſetzte hinzu: das heißt, ich wollte mit Herrn Butler in Angelegenheiten meines Vaters und der armen Effie ſprechen. Iſt's eine Rechtsangelegenheit? ſprach Bar⸗ tolinus. Denn wenn das waͤre, ſo fragtet Ihr lieber mich um meine Meinung, als ihn. Es iſt gerade keine Rechtsangelegenheit, er⸗ widerte Johanna, die viele Unannehmlichkeiten befuͤrchtete, wenn ſie dem Sattlermeiſter ihren geheimen Reiſeplan verrathen wollte, aber ich 12* 180 will Herrn Butler bitten, einen Brief fuͤr mich zu ſchreiben. Ganz recht! ſprach Sattelbaum. Sagt mir nur, was es betrifft, und ich will's Herrn But⸗ ler in die Feder ſagen, wie Herr Croßmyloof ſei⸗ nem Schreiber. Herr Butler, nehmt Feder und Dinte in inilialibus. Johanna ſah den Schulmeiſter an, und rang vor Unmuth und Ungeduld die Haͤnde. Herr Sattelbaum, ſprach Butler, der wohl ſah, daß er ſich um jeden Preis von ihm los ma⸗ chen mußte: ich glaube, Herr Whackbairn wuͤrde es ein wenig uͤbel nehmen, wenn Ihr nicht eure Soͤhne ihre Aufgaben herſagen hoͤrtet. Ja, Ihr habt recht, Herr Butler, und ich habe auch verſprochen, der Schule einen halben Tag Urlaub auszubitten, daß die Knaben die Hinrichtung mit anſehen koͤnnen. Das muß einen guten Eindruck auf ihre jungen Gemuͤther machen, da man doch nicht wiſſen kann, wie es einmahl mit ihnen ſelber wird.— O Hannchen, ich dachte nicht daran, daß Ihr da ſeid; aber Ihr muͤßt Euch ſchon gewoͤhnen, von der Sache reden zu hoͤren.— Behaltet Hannchen hier, — — 181 Herr Butler, bis ich wieder komme, ich werde nicht zehn Minuten weg bleiben. Mit dieſer unwillkommenen Verſicherung ſei⸗ ner Ruͤckkehr befreite er ſie von ſeiner laͤſtigen Gegenwart. Ruben, ſprach Johanna, die es einſah, daß ſie die Zwiſchenzeit benutzen mußte, um den Zweck ihres Beſuches zu erreichen: ich muß eine weite Reiſe machen. Ich gehe nach London, und will bei dem Koͤnig und der Koͤniginn um Gnade fuͤr Effie bitten. Hannchen! erwiderte Butler, hoͤchlich uͤber⸗ raſcht: Ihr wißt ſicherlich nicht, was Ihr ſagt! Ihr nach London gehen? Ihr den Koͤnig und die Koͤniginn bitten? Und warum nicht, Ruben? ſprach Johanna mit der Faſſung und Einfalt, die ihr eigen wa⸗ ren. Am Ende ſpreche ich doch nur mit einem ſterblichen Manne und einer ſterblichen Frau. Sie muͤſſen ja ſo gut als andre Menſchen Her⸗ zen von Fleiſch und Blut haben, und Effie's Geſchichte wuͤrde ſie erweichen, wenn ſie Herzen von Stein haͤtten. Ich habe auch gehoͤrt, ſie waͤ⸗ ren nicht ſo boͤſe, als die Jakobiten*†) ſagen. *) Anhaͤnger des Hauſes Stuart. 2. 182 Ei ja, Hannchen, antwortete Butler. Aber ihre Pracht und Herrlichkeit— ihr Gefolge— und die Schwierigkeit, vorgelaſſen zu werden— Ich habe an alles gedacht, Ruben, aber es ſoll meinen Muth nicht niederſchlagen. Sie wer⸗ den freilich mit praͤchtigen Kleidern angethan ſein und Kronen auf dem Kopf und Zepter in der Hand haben, wie der große Koͤnig Ahasverus, als er auf ſeinem koͤniglichen Thron vor dem Thore ſeines Schloſſes ſaß, wie es uns die Schrift erzaͤhlt; aber es iſt etwas in mir, das wird mei⸗ nen Muth aufrecht erhalten, und ich weiß faſt gewiß, daß ich ſtark genug ſein werde, von der Sache zu ſprechen, die mich zu ihnen fuͤhrt. Ach! erwiderte Butler, die Koͤnige ſitzen heutiges Tages nicht mehr in dem Thore, Recht zu ſprechen, wie in den Zeiten der Patriarchen. Ich weiß aus eigener Erfahrung von den Hoͤfen ſo wenig als Ihr, Hannchen, aber nach allem, was ich geleſen und gehoͤrt habe, iſt mir wohl bekannt, daß der Koͤnig von Großbritanien alles durch ſein Miniſterium thut. Und wenn das geiſtliche Miniſterium aus recht⸗ ſchaffenen und gottesfuͤrchtigen Leuten beſteht, 14 183 ſprach Johanna, ſo iſt's deſto beſſer fuͤr meine Schweſter und mich. 3 Aber Ihr verſteht ja gar nichts von allem, was zum Hofe gehoͤrt, hob Butler wieder an. Das Miniſterium beſteht aus des Koͤnigs amt⸗ lichen Dienern. O gewiß muß er viel mehr Diener haben, als die Herzoginn in Dalkeith hat, und vornehmer Leute Dienſtboten ſind immer frecher, als ſie ſelbſt. Aber ich will mich huͤbſch anziehen und ihnen etwas Geld anbieten, als ob ich kaͤme, das Schloß zu ſehen. Oder wenn ſie das nicht an⸗ nehmen wollen, ſo ſage ich ihnen, ich kaͤme we⸗ gen einer Sache, wo Leben und Tod auf dem Spiele ſtaͤnde, und dann werden ſie mich gewiß zu dem Koͤnig und der Koͤniginn bringen. Butler ſchuͤttelte den Kopf.„O Hannchen, das iſt nichts als ein thoͤriger Traum. Ihr koͤnnt nicht anders vor ſie kommen, als wenn ſich ein großer Herr fuͤr Euch verwendet, und ſelbſt dann, glaube ich, iſt es kaum moͤglich.“ Nun, vielleicht kann dazu auch Rath werden, wenn Ihr mir ein wenig beiſtehen wollet. Ich Euch beiſtehen, Hannchen? Das iſt die thoͤrigſte Einbildung von allen. 184 Nein, das iſt's nicht, Ruben. Habt Ihr mir nicht ſelber geſagt, euer Großvater— von dem mein Vater nie etwas hoͤren mag— häͤtte vor langer Zeit dem Vorfahr dieſes Mac Cal⸗ lummore, als er noch Lord von Lorn war, einen guten Dienſt geleiſtet? Ja, das hat er gethan, erwiderte Butler ſchnell, und ich kann's beweiſen. Ich will an den Herzog von Argyle ſchreiben. Man ruͤhmt ihn als einen guten und liebreichen Mann, wie er denn auch als ein tapfrer Soldat und als ein wahrer Freund ſeines Vaterlandes bekannt iſt. Ich will ihn beſchwoͤren, von eurer Schweſter dieſes grauſame Schickſal abzuwenden. Ich habe nur eine ſchwache Hoffnung auf gluͤcklichen Er⸗ folg, aber wir wollen alle Mittel verſuchen. Wir muͤſſen alle Mittel verſuchen, ant⸗ wortete Johanna: aber ein Brief kann nicht bitten und nicht beten und erſuchen, wie die menſchliche Stimme zum menſchlichen Herzen ſpricht. Ein Brief iſt wie die Noten, wo⸗ nach die vornehmen Frauen auf dem Spinett ſpielen, nichts als ſchwarze Striche, ganz was anders, als wenn der Ton geſpielt oder geſungen 185 wird. Das Wort des Mundes allein muß uns helfen, Ruben, oder nichts kann helfen. Ich habt recht, ſprach Ruben, ſich erman⸗ nend. Ich will hoffen, daß Gott eurem guten Herzen und eurem ſtandhaften Muthe das ein⸗ zig moͤgliche Mittel eingegeben hat, dieſem un⸗ gluͤcklichen Maͤdchen das Leben zu retten. Aber Ihr duͤrft dieſe ſehr gefaͤhrliche Reiſe nicht allein machen, Hannchen. Ich nehme Antheil an Euch, und will nicht zugeben, daß mein Hann⸗ chen ſich wegwerfe. Ihr muͤßt mir unter dieſen Umſtaͤnden das Recht eines Gatten gewaͤhren, und ich will Euch auf dieſer Reiſe begleiten und in der Erfuͤllung eurer Pflicht gegen eure Ange⸗ hoͤrigen Euch beiſtehen. Ach Ruben! erwiderte darauf Johanna: das darf nicht ſein. Eine Begnadigung wird meiner Schweſter ihren guten Ruf nicht wieder geben, und ich wuͤrde darum doch nicht zur Braut eines achtbaren Mannes und eines wuͤrdigen Pre⸗ digers paſſen. Wer wuͤrde auf ſeine Predigten achten, wenn er die Schweſter eines Maͤdchens heirathete, das wegen einer ſolchen boͤſen That gerichtet wurde? Aber Hannchen, antwortete der Liebhaber: 136 ich glaube nicht und kann nicht glauben, daß Effie dieſe That begangen hat. Gott ſegne Euch fuͤr dieſes Wort, Ruben, ſprach Johanna: aber ſie muß immer die Schan⸗ de davon tragen. Aber die Schande, und ſelbſt wenn ſie mit Recht auf Effie fiele, koͤnnte doch Euch nicht treffen. O Ruben, Ruben, erwiderte das Maͤdchen: Ihr wißt ja, das iſt ein Flecken, der auf Freunde und Verwandten uͤbergeht. Ichabod— wie mein armer Vater ſagt— die Ehre iſt gewichen von unſerm Hauſe, denn des aͤrmſten Mannes Haus hat eine Ehre, wenn es reine Haͤnde, got⸗ tesfuͤrchtige Herzen und einen guten Ruf hat. Und der Ruf iſt von uns Allen gewichen! Aber bedenkt, Hannchen, daß Ihr euer Wort mir gegeben und Treue mir verſprochen habt. Und Ihr wolltet eine ſolche Reiſe unternehmen, ohne einen Mann, der Euch beſchuͤtzte? Und wer ſollte euer Beſchuͤtzer ſein, als euer Gatte? Ihr ſeid liebreich und gut, Ruben, und wuͤr⸗ det mich gewißlich nehmen, trotz all meiner Schande. Aber Ihr muͤßt es ſelber geſtehen, es iſt jetzt nicht die Zeit, an's Heirathen zu denken. ——— 187 Nein„ſollte daraus je etwas werden, ſo muf es in einer andern und beſſern Zeit ſein. Und, lie⸗ ber Ruben— Ihr ſprecht davon, mich auf mei⸗ ner Reiſe zu beſchuͤtzen. Wer aber ſoll Euch be⸗ ſchuͤtzen und fuͤr Euch ſorgen? Ihr zittert ja an allen Gliedern und ſteht doch nicht laͤnger als zehn Minuten. Wie koͤnntet Ihr die weite Reiſe nach London unternehmen? Aber ich bin ſtark, mir iſt wohl, antwortete Butler, und ſank, ganz erſchoͤpft auf ſeinen Stuhl: morgen wenigſtens werde ich ganz wohl ſein. Ihr ſeht's ja und Ihr wißt es, Ihr muͤßt mich reiſen laſſen, ſprach Johanna nach einer Pauſe, und dann ſeine dargereichte Hand ergrei⸗ fend, fuͤgte ſie hinzu, waͤhrend ſie ihm freundlich in's Geſicht blickte: Es iſt nur ein Kummer mehr fuͤr mich, daß ich Euch in ſolchem Zuſtande ſehe. Aber Ihr muͤßt Hannchen zu Liebe euren Muth aufrecht erhalten, denn wenn ſie auch nicht eure Frau wird, ſo wird ſie doch nie irgend eines Mannes Frau. Und nun hohlt mir die Schrift fuͤr Mac Callummore und gebt mir Gottes Se⸗ gen auf den Weg. Es war etwas Abenteuerliches in Johanna's 18⁸ Entſchluſſe, aber da es ihrem Freunde bei naͤhe⸗ rer Erwaͤgung unmoͤglich vorkam, ſie durch Ueber⸗ redung von ihren Vorſatze abzubringen, oder ihr anders als durch guten Rath beizuſtehen, ſo uͤbergab er ihr, nach einer wiederhohlten Gegen⸗ vorſtellung, die gewuͤnſchten Schriften, welche nebſt der Muſterrolle, worein man ſie gewickelt hatte, das einzige noch uͤbrige Denkmahl des mannhaften und ſchwaͤrmeriſchen Bibel⸗Butler, ſeines Großvaters, waren. Waͤhrend er dieſe Ur⸗ kunde ſuchte, hatte Johanna Zeit, ſeine Hand⸗ bibel aufzuſchlagen.„Ich habe hier einen Spruch mit eurem Bleiſtifte angeſtrichen, ſprach ſie, das Buch weglegend: der wird nuͤtzlich fuͤr uns Beide ſein. Und Ihr muͤßt ſo gut ſein, Ruben, uͤber alles dieß meinem Vater zu ſchreiben, denn Gott weiß es, ich habe nie weder Kopf noch Geſchick dazu, lange Briefe zu ſchreiben, viel weniger jetzt. Ich uͤbergebe ihn Euch ganz, und ich hoffe, es wird Euch bald erlaubt werden, ihn zu beſuchen. Und wenn Ihr mit ihm ſprechen koͤnnt, Ruben, ſo denkt Hannchen zu Liebe an alle Launen des alten Mannes, und ſprecht nicht in lateiniſchen oder engliſchen Redensarten mit ihm; er iſt ja von der alten Welt, und mag ſich da⸗ ——— 189 mit nicht plagen laſſen, worin er vielleicht Un⸗ recht haben kann. Sprecht uͤberhaupt nicht viel mit ihm, bringt ihn nur zum Reden, das wird ihm den beßten Troſt geben. Und— o Ruben! das arme Maͤdchen im Gefaͤngniſſe— Aber das brauche ich ja eurem guten Herzen nicht erſt zu heißen. Gebt ihr ſo viel Troſt, als Ihr koͤnnt, ſo bald man Euch zu ihr laͤßt. Sagt ihr— Doch ich darf nicht laͤnger von ihr ſprechen, weil ich nicht mit Thraͤnen im Auge Abſchied von Euch nehmen darf, was kein Gluͤck bedeuten koͤnnte. Gott behuͤte Euch, Ruben! Ein ſo boͤſes Vorzeichen zu vermeiden, ging ſie ſchnell hinaus, waͤhrend in ihren Zuͤgen noch das traurige und liebevolle Laͤcheln war, wozu ſie ſich gezwungen hatte, um Butlers Muth zu ſtaͤrken. Es ſchien, als waͤre die Gabe des Geſichts, der Rede und des Denkens von ihm gewichen, ſo bald ſie das Zimmer verlaſſen hatte, wo ſie wie eine Geiſtererſcheinung angekommen und wie⸗ der verſchwunden war. Sattelbaum, der gleich nachher eintrat, beſtuͤrmte ihn mit Fragen, die er, ohne ſie zu verſtehen, beantwortete, und mit rechtlichen Eroͤrterungen, wovon er nicht das 190 Mindeſte begriff. Endlich erinnerte ſich der rechts⸗ kundige Sattlermeiſter, daß das gutsherrliche Gericht zu Loanhead an dieſem Tage eine Si⸗ tzung hatte, und obgleich, wie er ſagte, die Sache kaum der Muͤhe werth waͤre, ſo wollte er doch ſehen, ob es etwas zu thun gaͤbe, da der Gerichtsbeamte des Edelmannes ſein Bekannter, und ein artiger Mann waͤre, der gern einen gu⸗ ten Rath in Rechtsangelegenheiten annehmen wuͤrde. Kaum war er hinaus gegangen, als Butler ſchnell die Bibel ergriff, die Johanna kurz vor ihrem Abſchied in der Hand gehabt hatte. Zu ſeinem groͤßten Erſtaunen fiel ein Papier mit ei⸗ nigen Goldſtuͤcken aus dem Buche. Mit dem Bleiſtifte hatte ſie den ſechzehnten und fuͤnf und zwanzigſten Vers des ſieben und dreißigſten Pſal⸗ 1 mes ungeſtrichen:„Das Wenige, das ein Ge⸗ rechter hat, iſt beſſer, denn das große Gut vieler Gottloſen.— Ich bin jung geweſen und alt ge⸗ worden, und habe noch nie geſehen den Gerech⸗ ten verlaſſen, oder ſeinen Samen nach Brod gehen.“ 3 Tief geruͤhrt von dem liebevollen Zartgefuͤhle, das ſeine Großmuth in das Gewand goͤttlicher 191 Hilfe verhuͤllte, druͤckte er die Goldſtuͤcke feuriger an ſeine Lippen, als je ein Geiziger das Gold bewillkommete. Es ſchien nun das Ziel ſeines Strebens zu ſein, mit ihrer frommen Stand⸗ haftigkeit und Zuverſicht zu wetteifern, und ſein erſtes Geſchaͤft war, einen Bericht von Johan⸗ na's Vorhaben und Reiſe nach England an Da⸗ vid Deans niederzuſchreiben. Er erwog jeden Gedanken, ja jeden Ausdruck, um denjenigen zu waͤhlen, der nach ſeiner Meinung den alten Mann mit ihrem ungewoͤhnlichen Entſchluſſe ver⸗ ſoͤhnen konnte. Wir werden kuͤnftig erfahren, welche Wirkung dieſer Brief hervor brachte. But⸗ ler uͤbergab ihn einem ehrlichen Landmanne, der mit Deans wegen des Verkaufs ſeiner Milch und Butter haͤufigen Verkehr hatte, und getn den Weg nach Edinburgh machte, um ihm das Schreiben einzuhaͤndigen. Ende des dritten Theiles. Gedruckt in der Gerlachiſchen Buchdruckerei. —— Fnfnffffffffffefeeen 6 8 9 10 11 12 13 14 15 16 4 9 9 v 2u X 1. 3