Leihbibliothekr deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von. Eduard Oflmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und LCeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3—. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von — jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.—. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 7 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und— eträgt:.. für wochentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 3*. n„—=„ 3„=„ 1„„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung V —ÿ— der Bücher auf ihre eigenen Koöſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 3 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. — —— ——————— —— Da s Herz von Mid⸗Lothian. E i n romantiſches Gemaͤhlde von Walter Scott, u berſetzt von W. A. LindaPu. Zweiter Theil. Dresden, 1822, in der Arnoldiſchen Buchhandlung⸗ Das Herz von Mid⸗Lothian. Zweiter Theil. I. Sind alle Heimlichkeiten, die wir theilten, Der Schweſtertreu' Geluͤbde, jene Stunden, Wo wir den raſchen Tritt der Zeit verwuͤnſcht, Weil ſie uns ſchied— o alles nun vergeſſen? Shakeſpeare's Sommernachttraum, III. a, Es hat lange gedauert, ehe wir Butler vor die Huͤtte von Leonhardfels gebracht haben, aber zu der eben mitgetheilten Erzaͤhlung iſt nicht mehr Zeit noͤthig geweſen, als er auf den Salisbury⸗Felſen an dem Morgen zubrachte, der auf die Hinrichtung des Hauptmanns Por⸗ teous folgte. Zu dieſer Zoͤgerung hatte er ſeine beſondern Gruͤnde. Er wuͤnſchte ſeine Gedan⸗ ken zu ſammeln, welche durch die traurige Nach⸗ richt uͤber Effie's Lage, und dann durch den furchtbaren Auftritt, den er angeſehen hatte, ſo wunderbar waren aufgeregt worden. Das Verhaͤltniß, worin er zu Johanna und ihrem 4 Vater ſtand, machte es ihm auch zur Pflicht, bei ſeinem Beſuche einige Ruͤckſichten zu be⸗ obachten, wenigſtens eine paſſende Zeit und Stunde zu waͤhlen. Um acht Uhr war damahl gewoͤhnliche Fruͤhſtuͤckzeit, und ſo lange wollte er mit ſeinem Beſuche warten. Nie ſchlichen Stunden langſamer dahin. Butler verdoppelte ſeine Schritte, und erweiterte ſeinen Kreis, um ſich die Zeit zu vertreiben, waͤhrend die große Glocke der Aegidius⸗Kirche eine Stunde nach der andern in ſchwellenden Toͤnen abzaͤhlte, worauf die uͤbrigen Stadtglok⸗ ken der Reihe nach folgten. Es hatte Sieben geſchlagen, als er ſich der laͤndlichen Wohnung in Leonhardfels naͤhern zu koͤnnen glaubte, das noch eine halbe Stunde weit entfernt war. Er ſtieg von der Hoͤhe in das Thal hinab, das die Salisbury⸗Felſen von den kleinern Klippen trennt, die den Nahmen Leonhardfels fuͤh⸗ ren. Es iſt ein tiefes, wildes, grasreiches Thal, das mit großen Klippen und Bloͤcken beſaͤet iſt, die von den Felſen und der ſteilen oͤſtlichen Hoͤhe herab geſtuͤrzt ſind. Dieſes einſame Thal, und andre Theile des affnen Koͤnigsparks, waren zu jener Zeit oft . —— 1 5 8* die Zuflucht der Tapfern, die Ehrenſachen mit dem Degen auszumachen hatten. Zweikaͤmpfe waren damahl ſehr gewoͤhnlich in Schottland, da es unter einem muͤßigen, ſtolzen, heftigen und ſchwelgeriſchen Adel nie an Aufreizungen, oder an Neigung, eine Unbilde zu rächen, feh⸗ len konnte, und der Degen, der zu eines Edel⸗ mannes Tracht gehoͤrte, war die einzige Waffe, die zur Schlichtung ſolcher Zwiſtigkeiten gebraucht wurde. Butler bemerkte einen jungen Mann, welcher, in der offenbaren Abſicht, ſich zu ver⸗ „bergen, zwiſchen den zerſtreuten Felſen, vom Fußpfade entfernt, umher ſchlich, und er zwei⸗ felte nicht, daß der Unbekannte jene einſame Gegend in einer aͤhnlichen boͤſen Abſicht ausge⸗ waͤhlt haͤtte. Dieſer Gedanke draͤngte ſich ihm ſo lebhaft auf, daß er, trotz ſeiner traurigen Gemuͤthſtimmung, es ſeiner Berufspflicht ge⸗ maͤß hielt, den jungen Mann anzureden.„Es gibt Augenblicke, dachte er, wo die leiſeſte Ein⸗ miſchung großes Unheil abwenden, wo ein zu rechter Zeit geſprochenes Wort zur Verhuͤtung eines Uebels wirkſamer ſein kann, als Cicero's Beredſamkeit zu deſſen Abhilfe. Was auch meine eigenen Bekuͤmmerniſſe ſein moͤgen, ich 6 werde ſie weniger fuͤhlen, wenn ſie mich nicht an der Erfuͤllung meiner Pflicht hindern.“ Mit dieſen Gedanken und Gefuͤhlen verließ er den gewoͤhnlichen Pfad, und naͤherte ſich dem Unbekannten. Der junge Mann nahm ſeinen Weg anfaͤnglich nach den Bergen hin, dem An⸗ ſcheine nach, in der Abſicht, auszuweichen; als aber Butler den Entſchluß verrieth, ihm zu fol⸗ gen, ruͤckte der Fremde ſeinen Hut uͤbermuͤthig, wendete ſich um, und kam heran, als haͤtte er jeder Ausforſchung trotzen wollen. Butler hatte Gelegenheit, die Zuͤge des Un⸗ bekannten genau zu beobachten, als Beide ſich naͤherten. Der Fremde mochte gegen fuͤnf und zwanzig Jahre alt ſein. Seine Kleidung war voon der Art, daß ſich der Stand des Mannes daraus kaum abnehmen ließ; der Anzug, den junge Maͤnner von Stande zuweilen trugen, wenn ſie ſich in den Morgenſtunden eine ſtarke Bewegung machten, und den daher Leute von⸗ geringerm Stande, wie junge Schreiber und Handwerker, wohl nachzuahmen pflegten, weil er nicht zu theuer fuͤr ſie war, und ſie doch mehr als jede andre Tracht, welche die Sitte der Zeit ihnen erlaubte, der vornehmen Jugend F 4 aͤhnlich machte. Nach ſeinem Aeußern und ſei⸗ nem Weſen zu ſchließen, ſchien ſich jedoch der Unbekannte eher unter ſeinem Range, als vor⸗ nehmer zu kleiden; denn ſeine Haltung war keck, ja faſt ein wenig trotzig, ſein Gang leicht und frei, ſein Benehmen dreiſt und ungezwun⸗ gen. Er war ein wenig uͤber Mittelgroͤße, ſeine Geſtalt wohl gebaut und keineswegs ſo ſtark, daß man ſie haͤtte plump nennen koͤnnen. Seine Zuͤge waren ungemein huͤbſch, und ſein ganzes Weſen wuͤrde gefaͤllig und einnehmend geweſen ſein, wenn er nicht jenen unbeſchreiblichen Aus⸗ druck, der dem Wuͤſtlinge eigen iſt, und eine gewiſſe Dreiſtigkeit in Ton und Benehmen ge⸗ habt haͤtte, die oft der Verlegenheit und Furcht als Larve dienen muß. Butler und der Fremde begegneten ſich, ſa⸗ hen ſich an, und der Unbekannte wollte, leicht an den Hut greifend, voruͤber gehen, als But⸗ ler bei der Erwiederung des Grußes ihn anre⸗ dete:„Ga ſchöͤner Morgen, mein Herr. Ihr ſeid fruͤh auf dem Berge.“ Ich habe Geſchaͤfte hier, antwortete der junge Mann in einem Tone, der weitre Nach⸗ forſchungen zuruͤck weiſen ſollte. Daran zweifle ich gar nicht, hob Butler wieder an: aber ich glaube, Ihr werdet mir verzeihen, wenn ich die Hoffnung aͤußere, daß es erlaubte Geſchaͤfte ſind. Herr, ſprach der Andre, ſehr befremdet: Zudringlichkeit verzeihe ich nie, und ich kann nicht begreifen, was Euch berechtigt, etwas zu hoffen, das Euch nichts angeht. Ich bin ein Kriegsmann, erwiederte But⸗ ler, und habe Vollmacht, Uebelthaͤter im Nah⸗ men meines Herrn anzuhalten. Ein Kriegsmann? ſprach der Ünbekannte, und einen Schritt zuruͤck tretend, legte er ſeine Hand an den Degen. Ein Kriegsmann und mich anhalten? Habt Ihr auch bedacht, was euer Leben werth ſei, ehe Ihr den Auftrag uͤbernahmet? Ihr mißverſteht mich, mein Herr, ſprach Butler ernſt: weder mein Kriegsdienſt, noch mein Auftrag iſt von dieſer Welt. Ich bin ein Prediger des Evangeliums, und habe Ge⸗ walt, in meines Herrn Nahmen, zu gebieten den Frieden auf Erden und Wohlwollen gegen die Menſchen, wie's mit dem Evangelium ver⸗ kuͤndiget ward. . 5 9 Ein Prediger! ſprach der Fremde gleichgil⸗ tig, faſt mit veraͤchtlichem Tone. Ich weiß es, die Herren von eurer Tracht fodern in Schott⸗ land ein ſeltſames Recht, ſich in andrer Leute Angelegenheiten zu mengen Aber ich bin im Auslande geweſen, und kenne das Ding beſſer, als daß ich ein Pfaffenknecht waͤre. Wenn es wahr ſein ſollte, mein Herr, daß Jemand von meiner Tracht, oder wie man an⸗ ſtaͤndiger ſagen koͤnnte, von meinem Berufe, ſich in fremde Angelegenheiten mengte, um muͤßige Neugier zu befriedigen, oder aus ſchlim⸗ mern Abſichten, ſo koͤnnt Ihr im Auslande niccts beſſeres gelernt haben, als ſolche Schliche zu verachten. Aber ich bin berufen, in mei⸗ nes Herrn Werke geſchaͤftig zu ſein zu allen Zeiten, und da ich mir einer reinen Abſicht be⸗ wußt bin, ſo waͤre es beſſer fuͤr mich, wenn ich mir eure Verachtung fuͤr mein Sprechen zuzoͤge, als den Vorwurf meines Gewiſſens uͤber mein Stillſchweigen ertruͤge. In des Teufels Nahmen denn, ſo ſagt, was Ihr zu ſagen habt, rief der junge Mann ungeduldig. Aber ich kann durchaus nicht be⸗ greifen, wofuͤr Ihr mich haltet, oder was Ihr 10 zu verkehren haben koͤnnt mit einem Manne, der Euch fremd iſt, oder mit meinen Hand⸗ lungen und Beweggruͤnden, die Euch gar nicht. bekannt ſein koͤnnen. Ihr ſeid im Begriff, eines der weiſeſten Geſetze eures Vaterlandes zu uͤbertreten, ja was noch viel ſchrecklicher iſt, ein Geſetz zu uͤbertre⸗ ten, das Gott ſelber in unſre Natur gepflan⸗ zet und gleichſam auf die Tafel unſeres Her⸗ zens geſchrieben hat, ſo daß jedes Beben unſrer Nerven darauf antwortet. Und was fuͤr ein Geſetz iſt es, wovon Ihr redet? ſprach der Unbekannte mit einem hohlen, faſt verwirrten Tone. Du ſollſt nicht toͤdten! erwiederte But⸗ ler mit einer tiefen und feierlichen Stimme. Der junge Mann fuͤhr ſichtbar zuſammen und wurde ſehr bleich. Butler ſah, daß er einen guͤnſtigen Eindruck gemacht hatte, und wollte dieſe Stimmung benutzen.„Bedenket, junger Mann, ſprach er, ſeine Hand freund⸗ lich auf des Fremden Schulter legend: welcher furchtbaren Wahl Ihr Euch freiwillig ausſetzet, zu toͤdten, oder getoͤdtet zu werden. Bedenkt, was es iſt, ungerufen vor das Angeſicht einer 1 11 beleidigten Gottheit zu treten, mit einem Her⸗ zen, worin boͤſe Leidenſchaften gaͤhren, mit einer Hand, die noch warm von dem Stahle iſt, den Ihr mit eurer beßten Kunſt und Bosheit gegen die Bruſt eines Mitmenſchen gerichtet habt. Und waͤret Ihr der, nicht minder un⸗ gluͤckliche Ueberlebende, und haͤttet in eurem Her⸗ zen die Schuld Kains, des erſten Moͤrders, und ſein Zeichen auf eurer Stirne— jenes Zeichen, das Alle, die ihn anblickten, mit unausſprech⸗ lichem Entſetzen erfuͤllte, und wodurch der Moͤr⸗ der Allen offenbar wird, die ihn anſehen— Bedenket— Der Fremde zog ſich allmaͤhlig von der Hand ſeines Ermahners zuruͤck, und den Hut auf die Stirne druͤckend, unterbrach er ihn: „Eure Abſicht, mein Herr, mag wohl vorxtreff⸗ lich ſein, aber euer guter Rath iſt weggewor⸗ fen. Ich bin nicht in der Abſicht hier, gegen irgend Jemanden Gewaltthaͤtigkeit zu uͤben. Ich mag boͤſe genug ſein— nach Euch Prieſtern ſind's ja alle Menſchen— aber ich bin hier in der Abſicht, ein Leben zu retten, und nicht eins zu zerſtoͤren. Wollt Ihr eure Zeit lieber daran wenden, eine gute Handlung zu thun, 12 als uͤber etwas, Ihr wißt ſelbſt nicht was, zu ſprechen, ſo will ich Euch eine Gelegenheit da⸗ zu geben. Seht Ihr dort den Felſen, woruͤber der Schornſtein eines einſamen Hauſes hervor ragt? Gehet dahin, fraget nach Johanna Deans, der Tochter des Pachters, und ſaget Ihr, daß Jemand, ſie weiß ſchon wer, ſeit Tages⸗ anbruche hier geweſen iſt, ſie zu erwarten, und nun nicht laͤnger bleiben kann. Sagt ihr, ſie muß mich heute Nacht ſehen, auf dem Jaͤger⸗ Moor, ſobald der Mond hinter dem Antons⸗ berg aufgehet, oder ſi bringt mich in Ver⸗ zweiflung. Wer, oder was ſeid Ihr, Pprach Butler im hoͤchſten Grade und ſehr unangenehm uͤber⸗ raſcht: daß Ihr mir eine ſolche Botſchaft auf⸗ traget? Ich bin der Teufel! erwiederte der junge Mann haſtig. Butler trat unwillkuͤhrlich zuruͤck, und em⸗ pfahl ſich innerlich dem Schutze des Himmels; denn ſo verſtaͤndig und ſtarkmuͤthig er ſein mochte, er war doch weder verſtaͤndiger, noch ſtarkmuͤthiger, als andre Leute von gleichem Alter und gleicher Erziehung, bei welchen man 13 Unglauben an Zauberei, oder Geſpenſter fuͤr einen unwiderleglichen Beweis von Gotteslaͤug⸗ nerei hielt. Der Fremde fuhr fort, ohne Butlers Be⸗ wegung zu bemerken:„Ja, nennet mich Apol⸗ lyon, Abaddona, oder welchen Nahmen Ihr mir geben wollt, als ein Geiſtlicher, der mit den niedern und hoͤhern Kreiſen der Geiſterwelt bekannt iſt, Ihr werdet nicht einen Nahmen finden, der ſeinem Beſitzer verhaßter waͤre, als es mir der meinige iſt.“ Dieſe Worte wurden mit der Bitterkeit der Selbſtanklage und einer wahrhaft teufliſchen Verzerrung des Geſichts geſprochen. Butler, ein großherziger Mann, war doch erſchrocken; denn der hoͤchſte Grad geiſtiger Leiden hat eine ge⸗ wiſſe Erhabenheit, die jeden Menſchen zuruͤck ſtoͤßt und in Furcht ſetzt, zumahl Menſchen von wohlwollenden und theilnehmenden Geſinnungen. Der Fremde wendete ſich bei jenen Worten ha⸗ ſtig von Butler weg, kam aber ſogleich zuruͤck, und trotziglich vor ihn tretend, ſprach er mit einem wilden, entſchloſſenen Tone:„Ich habe Euch geſagt, wer und was ich bin— wer aber und was ſeid Ihr? Wie heißt Ihr?“ 14 Butler— erwiederte unſer Freund auf dieſe ſchroffe Frage, da ihn das haſtige und barſche Weſen des Fragers zu einer Antwort uͤberraſchte: Ruben Butler, ein Prediger des Evangeliums. Bei dieſer Antwort druͤckte der Fremde den Hut, welchen er vorher in ſeiner Aufwallung zu⸗ ruͤck geworfen hatte, wieder tiefer in die Stirne. „Butler— wiederhohlte er: der Gehilfe des Schulmeiſters in Libberton?“ Eben der, erwiederte Butler gefaßt. Der Unbekannte bedeckte ſein Geſicht mit der Hand, als waͤre ihm ploͤtzlich etwas eingefallen, und wendete ſich dann um, aber nach wenigen Schritten blieb er ſtehen, und bemerkend, daß Butler ihm mit den Augen folgte, rief er mit einem ernſten, aber leiſen Tone, der genau darauf berechnet zu ſein ſchien, daß ſeine Stimme nicht weiter, als bis zu der Stelle reichen ſollte, wo Butler ſtand:„Geht eures Weges, und richtet meine Botſchaft aus. Seht mir nicht nach. Ich werde weder in das Innere dieſer Fel⸗ ſen hinabſteigen, noch in einer Feuerflamme ver⸗ ſchwinden, und dennoch wird das Auge, das meine Schritte zu erſpaͤhen ſucht, es verwuͤnſchen muͤſſen, daß es je von Augenlied und Augen⸗ 15 wimpern bedeckt war. Geht und blickt Euch nicht um. Sagt Johanna Deans, daß ich ſie nach Mondesaufgang erwarte bei Niklas Muſchett's Steinhaufen, unter Sankt Anton's Kapelle.“ Bei dieſen Worten wandte er ſich um, und nahm ſeinen Weg nach den Bergen, mit einer Haſtigkeit, die eben ſo gebieteriſch zu ſein ſchien, als der Ton ſeiner Stimme. Butler war von der dunkeln Beſorgniß er⸗ griffen, daß ſein ungluͤckliches Schickſal, wiewohl es kaum einer Verſchlimmerung faͤhig zu ſein ſchien, noch elender werden ſollte, und Verzweif⸗ lung ergriff ihn bei dem Gedanken, daß ſeiner Jugendgeliebten, die er ſchon als ſeine Verlobte betrachtete, irgend ein Mann auf Erden eine ſo ſeltſame, in ſo gebieteriſchen Worten ausgeſpro⸗ chene Botſchaft zu ſenden wagen duͤrfte. In die⸗ ſer Stimmung ging er mit ſchnellen Schritten zu der Huͤtte, um auszumitteln, in wie fern dieſer kecke und unhoͤfliche Liebewerber berechtigt waͤre, von Johanna ſo dringend etwas zu fohern, das kein kluges, und ſchwerlich ein ſittſames Maͤdchen haͤtte gewaͤhren moͤgen. Butler war weder zur Eiferſucht, noch zum Aberglauhen geneigt, hatte aber die Gefuͤhle, die 16 zu dieſen Gemuͤthſtimmungen leiten, auch in ſei⸗ nem Herzen, als ſeinen Antheil an dem allge⸗ meinen Looſe der Menſchheit. Er haͤtte wahn⸗ ſinnig werden moͤgen bei dem Gedanken, daß ſeine kuͤnftige Braut, ſeine theure Verlobte, von einem Wuͤſtlinge, wie es der Fremde nach Ton und Benehmen zu ſein ſchien, an einen ſo un⸗ ziemlichen Ort, zu einer ſo unpaſſenden Stunde, gerufen werden konnte. Der Ton des Unbekann⸗ ten aber war nicht das ſuͤße Gefliſter, womit der Verfuͤhrer eine Zuſammenkunft erbittet, ſondern kuͤhn, heftig und gebieteriſch, nicht der Ton der Liebe, ſondern der Drohung und Einſchuͤchterung⸗ Die Einlispelungen des Aberglaubens haͤtten wohl leichter wirken koͤnnen, wenn Butlers Ge⸗ muͤth dafuͤr ſehr empfaͤnglich geweſen waͤre. Wie, war dieß wirklich der bruͤllende Lowe, der umher geht, und ſuchet, wen er verſchlinge? Dieſe Frage drang ſich ſeinem Gemuͤthe mit einem Ernſte auf, den man in unſern Zeiten nicht be⸗ greifen kann. Der gluͤhende Blick; das ſchroffe Weſen, der zuweilen rauhe, doch abſichtlich ge⸗ maͤßigte Ton der Stimme; die Zuͤge, deren voll⸗ kommene Schoͤnheit bald von Stolz verfinſtert, bald von Argwohn verſtoͤrt, bald von Zorn ent⸗ 17 ſlammt waren, dieſe dunkelbrauneu Augen, die der Unbekannte zuweilen mit ſeinem Hute be⸗ ſchattete, als haͤtte er ſie nicht gern ſehen laſſen wollen, waͤhrend ſie die Bewegungen und das Benehmen Andrer ſcharf beobachteten, dieſe Au⸗ gen, die bald von Schwermuth getruͤbt waren, bald von verachtendem Hohne ſtrahlten, bald von Wuth funkelten— war alles dieß der Ausdruck der Leidenſchaften eines Sterblichen, oder der Regungen eines boͤſen Feindes, der ſich vergebens bemuͤht, ſeine teufliſchen Abſichten unter der er⸗ borgten Larve maͤnnlicher Schoͤnheit zu verber⸗ gen? Alles erinnerte an Miene, Sprache und Benehmen des gefallenen Engels, und wie un⸗ vollkommen auch unſre Schilderung ſein mag, die Wirkung des Zuſammentreffens auf Butlers Stimmung, welche die Schreckniſſe der vorigen Nacht ſo heftig aufgeregt hatten, war groͤßer, als ſein Verſtand es gut hieß, oder ſein Stolz es eingeſtehen wollte. Selbſt die Gegend, wo er den ſonderbaren Mann getroffen hatte, war gleichſam entweiht und verrufen, da hier in fruͤ⸗ hern Zeiten Viele in Zweikaͤmpfen, oder durch Selbſtmord umgekommen waren, und der Ort, den der Fremde zur naͤchtlichen Zuſammenkunft II. Theil, 2 1 18 beſtimmt hatte, ward allgemein verabſcheut we⸗ gen eines ſchrecklichen und grauſamen Mordes, den der Mann, wovon die Stelle den Nahmen fuͤhrte, an ſeinem Weibe begangen. Nach dem Glauben jener Zeit, wo die Geſetze gegen Zau⸗ bertrug noch in Anſehen ſtanden und erſt kurz vorher waren ausgeuͤbt worden, hatten an ſol⸗ chen Orten boͤſe Geiſter die Macht, ſich menſch⸗ lichen Blicken ſichtbar zu machen, und mit den Gefuͤhlen und Sinnen der Sterblichen ihr Spiel zu treiben. Ein, auf ſolche Umſtände gegruͤnde⸗ ter Verdacht uͤberfiel Butlers Gemuͤth, das duech fruͤhere Eroͤrterungen nicht darauf vorbereitet war, etwas zu laͤugnen, woran alle ſeine Zeitgenoſſen, Landsleute und Berufsgefaͤhrten glaubten; aber der gemeine Menſchenverſtand verwarf dieſe nich⸗ tigen Gedanken als unvereinbar, wo nicht mit der Moͤglichkeit, doch mit den allgemeinen Ge⸗ ſetzen des Weltalls, wovon eine Abweichung nur bei den klaͤrſten und unwiderleglichſten Beweiſen als wahrſcheinlich angenommen werden konnte, wie Butler ſehr wohl einſah. Ein irdiſcher Ne⸗ benbuhler aber, oder Jemand, der aus irgend einem Grunde berechtigt war, uͤber den Gegen⸗ ſtand einer alten und dem Anſchein nach aufrich⸗ 8. 19 tig erwiederten Zuneigung ſo kurzweg und ohne alle Umſtaͤnde ſein Anſehn geltend zu machen, war fuͤr unſern Freund kaum minder furchtbar, als alles, was der Aberglaube einlispeln konnte. Von Mudigkeit erſchoͤpft, von Bekuͤmmer⸗ niß geaͤngſtigt, von peinlichen Zweifeln und Er⸗ innerungen bewegt, ſtieg Butler aus dem Thale nach Leonhardfels hinauf, und die Gefuͤhle, wo⸗ mit er vor David's Huͤtte trat, waren mit den ſchmerzlichen Betrachtungen und Beſorgniſſen der Bewohner ſehr verwandt, 20 II. Sie ſtreckte aus die Lilienhand, Die ſie ihm freundlich bot— „Nimm, Wilhelm, Du dein Wort zuruͤck, Und Ruhe geb' Dir Gott.“ Altes Lied. Herein! antwortete die leiſe und ſuͤße Stimme, die er vor allen andern Toͤnen ſo gern hoͤrte, als er an die Thuͤre der Huͤtte pochte. Er hob die Klinke und ſtand in der Huͤtte der Truͤbſal. Jo⸗ hanna konnte nicht mehr als einen Blick auf den Geliebten werfen, den ſie nun unter Um⸗ ſtaͤnden wiederſah, die fuͤr ihre Gefuͤhle ſo ſchmerz⸗ lich waren und dabei ihren edlen Stolz ſo ſehr beugten. Es iſt bekannt genug, daß viel Gutes und Boͤſes in der Gemuͤthsart des ſchottiſchen Volkes aus der Innigkeit ſeiner haͤuslichen Ver⸗ bindungen entſteht. Von ehrlichen Leuten abzu⸗ 21 ſtammen, von Leuten, die einen guten und un⸗ beſcholtenen Ruf hatten, iſt unter der geringern Volksklaſſe ein eben ſo hoch geachteter Vorzug, als das nachdruͤckliche Gegenſtuͤck: von gutem Hauſe zu ſein— unter dem Adel geſchaͤtzt wird. Der Werth und die Achtbarkeit eines Mitgliedes in einem Bauerngeſchlecht wird von ihnen und Andern ſtets, nicht nur als Gegenſtand eines edlen Stolzes, ſondern auch als Buͤrgſchaft fuͤr das Wohlverhalten aller Uebrigen angeſehen. Eine ſo ungluͤckliche Schmach aber, als jetzt eine von Davids Toͤchtern getroffen hatte, erſtreckte ſich auf alle ſeine Angehoͤrigen, und auch Johanna fuͤhlte ſich in ihren und ihres Geliebten Augen erniedrigt. Sie ſuchte vergebens dieſes Gefuͤhl zu unterdruͤcken, das ſie zu geringfuͤgig und eigen⸗ nuͤtzig fand, als daß es mit ihrem Kummer uͤber das Elend ihrer Schweſter haͤtte verſchmelzen duͤr⸗ fen. Die Natur ſiegte, und waͤhrend ſie uͤber ihrer Schweſter Noth und Gefahr weinte, floſ⸗ ſen auch bittre Kummerthraͤnen uͤber ihre eigene Herabwuͤrdigung. Der alte Mann ſaß am Feuer, als Butler hereintrat. Er hatte ſeine abgegriffene Taſchen⸗ bihel vor ſich, die Gefährtinn der Wanderungen 22 und Gefahren ſeiner Jugendzeit, die ihm Einer der Ungluͤcklichen, welche im Jahre 686 die Begeiſterung fuͤr ihre Grundſaͤtze mit ihrem Blute beſiegelten, auf dem Richtplatze als ein Ver⸗ maͤchtniß hinterlaſſen hatte. Die Strahlen der Sonne fielen durch ein kleines Fenſter auf des alten Mannes Ruͤcken, und dürch den Rauch dringend, beleuchteten ſie des Greiſes graues Haar, und die heiligen Worte die er las. In ſeinen Zuͤgen, die nichts weniger als huͤbſch wa⸗ ren, ſondern durch den Ausdruck angewoͤhnter Ernſthaftigkeit und Verachtung irdiſcher Dinge eine gewiſſe Haͤrte und Strenge erhalten hatten, vermiſchte ſich mit finſterem Ernſt eine ruhige Wuͤrde. Er ruͤhmte ſich in nicht geringem Grade der Eigenſchaften, die Southey den alten Skan⸗ dinaviern zuſchreibt, die er„veſt im Entſchluß, unbiegſam im Erdulden“ nennt. Das Ganze zeigte ein Gemaͤhlde, worin Rembrandt die Lich⸗ ter haͤtte gemahlt haben koͤnnen, deſſen Umriß aber nur von Michaels Angelo's kraͤftiger Hand ſein konnte. Deans erhob ſeine Augen, indem Butler herein trat, ſenkte ſie aber ſogleich wieder, als waͤre der Anblick uͤberraſchend und zugleich pein⸗ — . 23 lich fuͤr ihn geweſen. Er hatte ſich gegen den weltlich gelehrten Mann, wie er in ſeinem Stolze den Schulmeiſter nannte, ein ſo hohes Anſehen gegeben, daß es ſein Ungluͤck erhoͤhte, in ſeiner jetzigen Demuͤthigung gerade dieſen Mann ſehen zu muͤſſen, und es war fuͤr ihn ein ſo tief beu⸗ gendes Gefuͤhl, als der ſterbende Haͤuptling im alten Liede empfand:„Graf Percy ſieht mich fallen.“. David hob die Bibel mit der Linken auf, um ſein Geſicht damit zum Theil zu bedecken, und 4 ſtreckte die Rechte ſo weit er konnte gegen Butler aus, waͤhrend er ſich von ihm abwandte, als haͤtte er ihm die Bewegung in ſeinen Zuͤgen ver⸗ bergen wollen. Butler ergriff die ausgeſtreckte Hand, die ſeine verwaiſete Kindheit geſchuͤtzt hatte, benetzte ſie mit Thraͤnen, und vermochte nichts als die Worte auszuſprechen:„Gott troͤſte Euch — Gott troͤſte Euch!“ Er wird's, er thut es, mein Freund, ſprach Deans, und ermannte ſich, als er die Bewegung ſeines Gaſtes bemerkte: er thut es ſchon jetzt, und wird noch mehr thun, ſo bald er es gut findet. Ich bin zu ſtolz geweſen auf meine Leiden in einer guten Sache, Ruben, und nun ſoll ich durch 5 24 Drangſale gepruͤft werden, die meinen Stolz und Ruhm in Schmach und Spott verwandeln wer⸗ den. Wie viel beſſer duͤnkte ich mich, als Die⸗ jenigen, ſo weich lagen, koͤſtlich aßen und ſtark tranken, als ich mit dem herrlichen Donald Ca⸗ meron und dem ehrwuͤrdigen Blackadder auf Hei⸗ den und Mooren wohnte; und welchen Stolz fuͤhlte ich, als ich, noch nicht funfzehn Jahre alt, fuͤr die Sache des Glaubensbundes an ihrem Schandpfahle in Canongate ſtand! Bedenke ich, Ruben, daß ich, der ich in meiner Jugend ſo geehrt und erhoben war, ja ſchon als Knabe, der ich Zeugniß gegeben habe gegen die Abtruͤnnig⸗ keiten der Zeit jaͤhrlich, monatlich, taͤglich, ſtuͤnd⸗ lich, jede Minute, ſtreitend und zeugend mit er⸗ hobener Hand und Stimme, laut ſchreiend und nicht ſchonend, gegen alle großen Fallſtricke im Lande, als da ſind der volkverderbliche und kir⸗ chenzerſtoͤrende Graͤuel der Union, der Duldung und Pfarrverleihung, eingefuͤhrt von dem letzten Weibe des unſeligen Geſchlechts der Stuarte, wie auch gegen die Verletzungen und Stoͤrungen der rechtmaͤßigen Geſtalt der Kirchenaͤlteſten, wogegen ich eine Schrift gerichtet habe, genannt„Eulen⸗ ruf in der Wuͤſte“ als welche in Edinburgh ge⸗ 25 druckt iſt, und von allen wandernden Buchhaͤnd⸗ lern in der Stadt und auf dem Lande verkauft wird— und nun— Er hielt inne. Butler, der zwar in des gu⸗ ten alten Mannes Anſichten uͤber Kirchenregiment nicht durchgaͤngig einſtimmte, hatte doch zu viel Achtung gegen ihn und zu viel Menſchlichkeit, als daß er ihn haͤtte unterbrechen moͤgen, waͤh⸗ rend Deans mit ſtolzem Selbſtgefuͤhle von ſei⸗ nen Leiden und ſeinem ſtandhaften Zeugniſſe ſprach. Er gab ihm vielmehr Aufmunterung, als der Greis, von ſchmerzlichen Erinnerungen ergriffen, ſtill ſchwieg.„Immer, mein verehrter alter Freund, ſprach er, ſeid Ihr als ein treuer und erprobter Anhaͤnger des Kreuzes bekannt ge⸗ weſen, Einer von Denen, wovon Hieronymus ſpricht: per infamiam et bonam famam grassari ad immortalitatem, welches frei alſo koͤnnte gegeben werden: der Weg zum unſterbli⸗ chen Leben gehet durch boͤſen und guten Ruf. Ihr ſeid Einer von Denen, welchen die zarten und beſorgten Seelen in mitternaͤchtlicher Einſam⸗ keit zuriefen: Waͤchter, welche Zeit? Waͤchter, welche Zeit? Und gewißlich, wie dieſe harte Schickung nicht ohne goͤttliche Zulaſſung kommt, 26 ſo kommt ſie auch nicht, ohne daß Gott ſeine beſondre Abſicht dabei haͤtte.“ So empfange ich ſie auch, ſprach der arme Deans, Butlers Haͤndedruck erwiedernd. Und wenn ich auch die Schrift in keiner andern Spra⸗ che, als in meiner ſchottiſchen Mutterſprache, geleſen habe— fuhr er fort, da ihm ſelbſt in ſeiner Bekuͤmmerniß Butler's lateiniſche Worte nicht entgangen waren— ſo habe ich ſie doch ſo gut gelernt, daß ich auch dieſes Leid mit Unter⸗ werfung zu tragen hoffe. Aber, o Ruben But⸗ ler! die Kirche, wovon ich, wiewohl unwuͤrdig, fuͤr einen glatten Saͤulenſchaft gehalten wurde, und ein Pfeiler zu ſein tauglich war, da ich ſeit meiner Jugend die⸗Stelle eines regierenden Aelte⸗ ſten verwalte— was werden die Froͤhlichen und Unheiligen denken von einem Fuͤhrer, der ſeine eigenen Angehoͤrigen nicht vor dem Straucheln bewahren kann! Wie werden ſie frohlocken und ſchmaͤhen, wenn ſie gewahr werden, daß die Kinder der Bekenner ſo ſchaͤndlicher Abtruͤnnigkeit faͤhig ſind, als die Nachkommen Belial's! Aber ich will mein Kreuz tragen mit dem Troſte, daß alles, was in mir und den Meinigen gut erſchien, nichts war, als das Licht, ſo aus kriechenden — 27 Inſekten am Ufer in einer dunkeln Nacht ſtrah⸗ let, und vor unſern Augen nur glaͤnzet, weil alles umher finſter iſt; aber wenn der Morgen erſcheint auf den Bergen, iſt's nur ein armſeli⸗ ger, kriechender Wurm. Und ſo ergeht's mit jeg⸗ lichem Lumpen eigener Gerechtigkeit, oder guter Werke, den wir um uns werfen moͤgen, um unſre Scham zu bedecken. Als er dieſe Worte ſprach, oͤffnete ſich die Thuͤre und Bartolinus Sattelbaum trat herein. Er hatte ſeinen dreieckigen Hut weit zuruͤck ge⸗ ſchoben und ein ſeidenes Taſchentuch darunter ge⸗ legt, um ihn in dieſer kuͤhlenden Stellung zu er⸗ halten, trug einen Stock mit goldenem Knopfe in der Hand, und ſein ganzes Benehmen ver⸗ rieth den wohlhabenden Buͤrger, der wohl ein⸗ mahl eine Stelle im Stadtrathe zu bekleiden, oder gar auf dem Buͤrgermeiſterſtuhle zu ſitzen erwar⸗ ten durfte. Rochefoucault, der von ſo manchem haͤßli⸗ chen Krebsſchaden des menſchlichen Herzens den Schleier weggezogen hat, ſagt, daß wir in dem Ungluͤcke unſrer beßten Freunde etwas finden, das uns nicht ganz unerfreulich iſt. Sattelbaum wuͤrde ſehr boͤſe geworden ſein, wenn Jemand 28 ihm geſagt haͤtte, er waͤre erfreut uͤber Euphe⸗ mia's Ungluͤck und die Schande ihrer Angehoͤri⸗ gen, und doch iſt es eine große Frage, ob nicht das Vergnuͤgen, den wichtigen Mann zu ſpielen, zu unterſuchen, zu erforſchen und die geſetzlichen Beſtimmungen uͤber den vorliegenden Rechtsfall zu eroͤrtern, ihm wenigſtens vollen Troſt fuͤr den Schmerz gewaͤhrt habe, welcher mit der Theil⸗ nahme an der Verwandten ſeiner Frau verbun⸗ den war. Er hatte nun etwas von einem wirk⸗ lichen Rechtsfall abgekriegt, ſtatt ſich, wie ge⸗ woͤhnlich, begnuͤgen zu muͤſſen, ſeine Meinung zu geben, wo ſie weder gewuͤnſcht, noch gebraucht wurde, und er fuͤhlte ſich ſo gluͤcklich bei dem Tauſche, als ein Knabe, der ſeine erſte neue Uhr erhaͤlt, die wirklich geht, wenn er ſie auf⸗ zieht, und einen wahren Weiſer, ein wahres Zifferhlatt hat. Außer dieſem Rechtshandel war Bartolin's Kopf auch noch mit der Geſchichte des Hauptmanns Porteous, der Ermordung deſſel⸗ ben und den wahrſcheinlichen Folgen dieſer Be⸗ gebenheit fuͤr Stadt und Gemeine reichlich bela⸗ den. Es fuͤhlte, was die Franzoſen embarras des richesses nennen, die Verlegenheit, die aus zu großem geiſtigen Reichthum entſteht. Mit 0 29 dem Bewußtſein doppelter Wichtigkeit trat er herein, in dem ſtolzen Gefuͤhle eines Mannes, der mehr Kenntniſſe beſitzt, als die Geſellſchaft, worin er erſcheint, und ſich berechtigt glaubt, ſeine Gelehrſamkeit ohne Erbarmen gegen ſie los zu laſſen. Guten Morgen, Herr Deans, ſprach er. Guten Morgen, Herr Butler— Ich wußte nicht, daß Ihr mit Herrn Deans bekannt waͤret. Butler antwortete nicht viel darauf, und man kann leicht denken, was fuͤr Gruͤnde ihn abhielten, ſeine Verbindung mit Johanna's An⸗ gehoͤrigen, die in ſeinen Augen etwas von einem zarten Geheimniß hatte, im Geſpraͤche mit Leu⸗ ten, welche ihm ſo gleichgiltig waren, als Sat⸗ telbaum, haͤufig zu erwaͤhnen. Der achtbare Buͤrger ſetzte ſich nun im vol⸗ len Gefuͤhle ſeiner Wichtigkeit auf einen Stuhl, wiſchte ſich die Stirne, ſammelte ſeinen Athem, und machte den erſten Verſuch zu der beabſichte⸗ ten Anſtrengung ſeiner Lunge mit einem tiefen und wuͤrdevollen Seufzer, der einem Stoͤhnen glich.„Furchtbare Zeiten, Nachbar Deans, furchtbare Zeiten ſind das!“ Suͤndliche, ſchaͤndliche, gottvergeſſene Zeiten, 5 30 erwiederte Deans mit einem tiefern, gepreßtern Tone. 3 Ja, fuhr Sattelbaum mit ſtolzerer Wichtig⸗ keit fort: die Noth meiner Freunde und meines armen alten Vaterlandes verwirret mich ſo ſehr, daß ich denke, es hat mich mein Bischen Witz, das ich je gehabt habe, ganz und gar verlaſſen, und ich komme mir zuweilen ſo unwiſſend vor, als ob ich inter rusticos waͤre. Heute fruͤh ſtehe ich nun auf, und habe alles bedacht, was fuͤr die arme Effie zu thun iſt, und habe das ganze Geſetz am Schnuͤrchen, da muß das Volk aufſtehen, und den Porteous an den Faͤrberpfahl haͤngen, und das bringt mir die ganze Sache wieder aus dem Kopfe. Deans konnte die Neuigkeit nicht ohne An⸗ theil hoͤren, ſo tief ſeine haͤuslichen Leiden ihn bekuͤmmerten. Sattelbaum ſprach umſtaͤndlich uͤber den Aufſtand und deſſen Folgen, waͤhrend Butler die Gelegenheit benutzte, ſich eine heim⸗ liche Unterredung mit Johanna zu verſchaffen. Sie kam ſeinem Wunſche entgegen, und ver⸗ ließ die Stube; als ob eine haͤusliche Morgenar⸗ beit ſie abgerufen haͤtte. Butler folgte ihr nach einigen Minuten, und Deans wurde von ſeinem — 31 eifrigen Gaſte ſo ſehr beſchaͤftigt, daß er die Ab⸗ weſenheit der beiden Liebenden nicht leicht bemer⸗ ken konnte. Sie fanden ſich in der Milchkammer. Als Butler nach ihr hineinſchlich, war ſie ſtill, nie⸗ dergeſchlagen und ihre Thraͤnen wollten hervor brechen. Er fand ſie nicht in der regſamen Thaͤ⸗ tigkeit, womit ſie ſonſt, ſelbſt beim Sprechen, ein nuͤtzliches Hausgeſchaͤft verrichtet hatte; ſie ſaß unluſtig in einem Winkel, niedergebeugt von der Laſt ihrer Gedanken. In dem Augenblicke aber, als er herein trat, trocknete ſie ihre Augen, und mit der ihr eigenen Einfalt und Offenheit des Gemuͤthes begann ſie ſogleich das Geſpraͤch. Es iſt mir lieb, daß Ihr gekommen ſeid, Herr Butler, ſprach ſie: weil— weil— weil ich Euch gern ſagen wollte, daß alles zwiſchen Euch und mir vorbei ſein muß. Es iſt ſo am Beßten fuͤr uns Beide. Vorbei? erwiederte Butler uͤberraſcht. Und warum ſollte es vorbei ſein? Es iſt freilich eine ſchwere Schickung, aber Ihr ſeid ſo wenig Schuld daran, als ich; das Ungluͤck kommt von Gott, und wir muͤſſen es ertragen; das Geluͤbde der Treue aber kann es nicht brechen, Johanna, wenn 32 Diejenigen ihr Wort halten wollen, die es gege⸗ ben haben. Ich weiß wohl, Ruben, erwiederte ſie, ihn liebevoll anſehend: Ihr denkt mehr an mich, als an Euch, und ich kann zur Vergeltung nur mehr euer Wohl, als mein eigenes bedenken. Ihr ſeid ein Mann von unbeſcholtenem Rufe, zum Leh⸗ rer von Gottes Wort erzogen, und Jedermann ſagt, Ihr wuͤrdet einmahl zu hohen Ehren in der Kirche kommen, wenn auch Armuth Euch jetzt niederhaͤt. Armuth iſt ein recht falſcher Freund, Butler, und das wißt Ihr nur zu gut; aber ſchlechter Ruf iſt ein noch ſchlimmerer, und dieſe Wahrheit ſollt Ihr nie durch mich lernen. Wie meint Ihr das? ſprach Butler mit leb⸗ hafter Ungeduld. Wie koͤnnt Ihr unſre Verbin⸗ dung mit der Schuld eurer Schweſter zuſammen bringen, wenn ſie anders ſchuldig iſt, was noch beſtritten werden kann, wie ich zu Gott hoffe. Wie kann das Euch oder mich angehen? Wie koͤnnt Ihr ſo fragen, Herr Butler? Denkt Ihr, dieſe Schmach wuͤrde je vergeſſen werden, ſo lange wir dieſſeit des Grabes ſind? Wuͤrde es nicht uns anhangen, und unſern Kin⸗ dern, und unſern Kindeskindern? Die Tochter —— —— 33 eines redlichen Mannes zu ſein, häͤtte fuͤr mic und die Meinigen gut ſein koͤnnen, aber die Schweſter einer— O Gott! Mit dieſem Ausrufe ſank ihr Muth, und ſie brach, heftig bewegt, in einen Thraͤnen⸗ ſtrom aus. Butler bot alles auf, ſie zu beruhigen, und endlich gelang es ihm; aber auch als ſie ſich Ze⸗ faßt hatte, ſprach ſie ihren Entſchluß eben ſo be⸗ ſtimmt aus, als vorher.„Nein, Ruben, hob ſie wieder an, ich will Niemanden Schande ins Haus bringen. Meine eigene Noth kann ich tra⸗ gen, und muß ich tragen, aber ich weiß nicht, warum ich ſie Andern aufladen ſollte. Ich will meine Buͤrde allein tragen, und ich bin ſtark ge⸗ nug dazu“ Ein Liebhaber hat das Vorrecht, wunderlich und argwoͤhniſch zu ſein, und Johanna's Bereit⸗ willigkeit, ihm zu entſagen, unter dem Vor⸗ wande ihrer theilnehmenden Beſorgniß fuͤr ſeine Gemüuͤthsruhe und fuͤr die Achtbarkeit ſeines Ru⸗ fes, ſchien dem armen Butler mit dem Auftrage des Fremden in der furchtbarſten Verbindung zu ſtehen. Seine Stimme zitterte, als er fragte, ob nichts als die Theilnahme an der Noth ihrer 1I, Theil 2 2 34 Schweſter ſie zu ſolchen Aeußerungen gebracht haͤtte. Und was ſonſt kann es thun? erwiederte ſie unbefangen. Haben wir nicht zehn lange Jahre ſo zuſammen geſtanden? Zehn Jahre! ſprach Butler. Es iſt eine lange Zeit— vielleicht ſo lang, daß ein Maͤd⸗ chen dabei muͤde werden koͤnnte— Daß ſie ihres alten Kleides muͤde wuͤrde, fiel Johanna ein: und ein neues wuͤnſchte, wenn ſie ſich gern putzt, aber nicht lang genug, um eines Freundes muͤde zu werden. Das Auge kann eine Veraͤnderung wuͤnſchen, aber das Herz nimmer. Nimmer? erwiederte Butler. Das iſt ein kuͤhnes Verſprechen. Doch nicht ſo kuͤhn, als wahr, ſprach Jo⸗ hanna mit derſelben ruhigen Unbefangenheit, die ihrem Benehmen eigen war, in Freude und Leid, in gewoͤhnlichen Dingen, und in Angelegenhei⸗ ten, die ihre Gefuͤhle am lebhafteſten ergriffen. Butler ſchwieg einige Augenblicke, und ſie veſt anſehend, fuhr er fort:„Ich habe eine Botſchaft an Euch auszurichten, Johanna.“ 35 Wirklich? Und von wem? Wer koͤnnte mir etwas zu ſagen haben! Es iſt von einem Fremden, erwiederte But⸗ ler, und bemuͤhte ſich, mit einer Gleichgiltigkeit zu ſprechen, welche von ſeiner Stimme Luͤgen geſtraft wurde. Ein junger Mann, den ich heute fruͤh im Park traf—. Mein Gott! ſprach Johanna lebhaft: und was ſagte er denn? Er koͤnnte Euch nicht ſehen, zu der Stunde, wo er ſich's vorgenommen haͤtte, aber er ließe Euch bitten, ihn dieſen Abend gleich nach Mon⸗ desaufgang, allein bei dem Muſchett⸗Steine zu erwarten. Sagt ihm, ſprach Johanna haſtig: ich kom⸗ me gewiß.— Darf ich fragen, erwiederte Butler, deſſen Argwohn durch jene ſchnelle Antwort erhoͤht ward: wer dieſer Mann iſt, dem Ihr ſo bereitwillig eine Zuſammenkunft an einem ſolchen Orte und zu ſolcher Stunde geben wollt? Man muß viel in dieſer Welt thun, was man nicht gern thut, erwiederte das Maͤdchen. Das kann ſein, aber was zwingt Euch dieß zu thun? Wer iſt dieſer Mann? Was ich von 3*† ——y— 36 ihm geſehen habe, ſprach nicht zu ſeinem Vor⸗ theile. Wer, oder was iſt er? Ich weiß es nicht, erwiederte Johanna gefaßt. Ihr wißt es nicht? ſprach Butler, ungedul⸗ dig auf und nieder gehend. Ihr wollt einen jun⸗ gen Mann, den Ihr nicht kennt, zu einer ſol⸗ chen Zeit, und an einem ſo abgelegenen Orte ſe⸗ hen? Ihr ſagt, Ihr waͤret gezwungen, es zu thun, und doch ſagt Ihr, der Mann ſei Euch unbekannt, der ſo viel Gewalt uͤber Euch hat? Johanna, was ſoll ich davon denken? Nur ſo viel, Ruben, daß ich die Wahrheit rede, als ob ich vor dem juͤngſten Gerichte ſtaͤnde. Ich kenne dieſen Mann nicht; ich weiß nicht ein⸗ mahl, ob ich ihn je geſehen habe, und doch muß ich ihm die Zuſammenkunft geben, die er fodert; es haͤngt Leben und Tod daran. Wollt Ihr's nicht eurem Vater ſagen, oder ihn mitnehmen?. Ich kann nicht, erwiederte Johanna, ich habe keine Erlaubniß dazu. Darf ich mit Euch gehen? Ich will im Park warten, bis es Nacht wird, und Euch be⸗ gleiten, wenn Ihr geht. — —— 32 Es iſt unmoͤglich, ſprach das Maͤdchen. Keine Menſchenſeele darf unſre Unterredung hoͤren. Habt Ihr wohl bedacht, was Ihr thun wol⸗ let— die Zeit— den Ort— das verdaͤchtige Weſen des Unbekannten? Nicht wahr, wenn er Euch hier im Hauſe haͤtte ſehen wollen, wo euer Vater in der naͤchſten Stube Euch hoͤren koͤnnte, und zu einer ſolchen Stunde, Ihr wuͤr⸗ det's ihm abgeſchlagen haben? Mein Schickſal muß erfuͤllt werden, Herr Butler. Mein Leben und meine Sicherheit ſind in Gottes Hand, aber ich will Beide wagen bei dem Vorhaben, das ich ausfuͤhren muß. Nun, Johanna, ſprach Butler ſehr unge⸗ halten: dann muͤſſen wir freilich kurz abbrechen und uns Lebewohl ſagen. Kann zwiſchen einem Manne und ſeiner Verlobten in einer ſo wichti⸗ gen Sache kein Vertrauen ſein, ſo iſt es ein Zeichen, daß ſie nicht laͤnger die Achtung gegen ihn hat, die ihre Verbindung ſicher und anſtaͤn⸗ dig macht. 4 Johanna ſah ihn ſeufzend an.„Ich dachte, ſprach ſie, ich waͤre auf dieſe Trennung gefaßt geweſen, aber— aber— ich wußte nicht, daß wir uns unfreundlich trennen ſollten. Doch— 3⁸ ich bin ein Weib und Ihr ſeid ein Mann— es iſt vielleicht anders mit Euch, und wenn es euer Gemuͤth leichter macht, daß Ihr ſo hart von mir denkt, ſo will ich Euch nicht bitten, anders zu denken.“. Ihr ſeid, was Ihr immer waret, erwiederte Butler: verſtaͤndiger, beſſer und weniger eigen⸗ nuͤtzig in euren angeborenen Gefuͤhlen, als ich es zu ſein vermag, mit allem Beiſtande, den die Philoſophie einem Chriſten geben kann. Aber warum— warum beſteht Ihr auf einem ſo ver⸗ zweifelten Unternehmen? Warum ſoll ich nicht euer Beiſtand, euer Beſchuͤtzer, wenigſtens euer Rathgeber ſein? Weil's nicht ſein kann und darf, erwiederte Johanna. Aber ſtill— was iſt das? Gewiß iſt meinem Vater etwas zugeſtoßen? Die Stimmen in der anſtoßenden Stube wurden ploͤtzlich ſehr laut, und wir muͤſſen die Urſache dieſes Geſchreis erklaͤren, ehe wir weiter gehen. Als Johanna und Butler ſich entfernt hat⸗ ten, kam Sattelbaum auf die Angelegenheit, welche fuͤr die Familie Kwichtig war. Der alte Deans, der ſich in ſeiner gewoͤhnlichen Gemuͤth⸗ ε8— 39 ſtimmung nicht ſo nachgiebig gegen fremde Be⸗ hauptungen zeigte, war im Anfange der Unter⸗ redung durch den ſchmerzlichen Gedanken an die Gefahr und Schande ſeiner Tochter ſo tief ge⸗ beugt, daß er zuhoͤrte, ohne zu antworten, oder vielleicht gar ohne etwas zu verſtehen, als ſich Sattelbaum uͤber das Weſen des, der ungluͤck⸗ lichen Euphemia angeſchuldigten Verbrechens, und die dadurch nothwendig gewordenen Schritte in gelehrte Eroͤrterungen einließ. Seine einzige Ant⸗ wort bei jeder Pauſe war:„Ich zweifle nicht, daß Ihr's gut mit uns meint, eure Frau iſt ja unſre Baſe.“ Durch dieſe Zeichen von Zuſtimmung ermun⸗ tert, ging Sattelbaum, der als Liebhaber der Rechte, eine ungemeine Ehrerbietung gegen alle angeſtellten Behoͤrden hatte, wieder zu andern wichtigen Gegenſtaͤnden uͤber, ſprach von der Er⸗ mordung des Hauptmanns Porteous und aͤußerte ſtrengen Tadel gegen Alle, die dabei betheiligt geweſen waren.„Das ſind bedenkliche Zeiten, Herr Deans, bedenkliche Zeiten, wenn das Volk die Gewalt uͤber Leben und Tod aus der Hand der rechtmaͤßigen Obrigkeit in ſeine eigenen groben Faͤuſte nimmt. Ich bin der Meinung, und 40 glaube, Herr Croſſmyloof und der Staatsrath halten auch dafuͤr, daß dieſer Aufſtand, um einem Begnadigten das Leben zu nehmen, nicht viel beſſer, als Hochverrath iſt.“ Wenn mir nicht etwas auf der Seele laͤge, das ſo ſchwer zu tragen iſt, Herr Sattelbaum, ſo wuͤrde ich daruͤber wohl mit Euch ſtreiten. Wie koͤnntet Ihr beſtreiten, was nach den Geſetzen klar iſt? ſprach Sattelbaum, faſt mit dem Tone der Verachtung. Jeder Burſche, der nur je ein Stuͤck Prozeßakten getragen hat, wird Euch ſagen, daß Hochverrath fuͤr die ſchlimmſte und boshafteſte Verraͤtherei gehalten werden muß, dieweil ſie ein offener Aufruf der Unterthanen gegen die hoͤchſte Gewalt iſt, inſonderheit wenn man dabei in den Waffen iſt und die Trommel ruͤhrt, wie denn von dieſen beiden Nebenumſtaͤn⸗ den meine Augen und Ohren Zeugniß geben koͤn⸗ nen. Es iſt viel ſchlimmer, als das Verbrechen —— der beleidigten Majeſtaͤt, oder Verhehlung hoch⸗ verraͤtheriſcher Anſchlaͤge; daruͤber kann kein Streit ſein, Nachbar. Ei ja doch, erwiederte der gelaſſene David Deans: ich ſage Euch, es laͤßt ſich beſtreiten. Ich habe euren kalten, geſetzlichen Formelkram 41 nie leiden koͤnnen, Nachbar Sattelbaum. Ich halte ſehr wenig auf eure Gerichtshoͤfe, ſeit dem furchtbaren Verfall der Hoffnungen ehrlicher Leute nach der Revolution.*) Aber was haͤttet Ihr denn mehr verlangen wollen, Herr Deans? ſprach Sattelbaum unge⸗ duldig. Wurden nicht eure Gerechtigkeiten und die Gewiſſensfreiheit beveſtigt und Euch und eu⸗ ren Erben fuͤr ewige Zeiten verliehen? Herr Sattelbaum, erwiederte Deans, ich weiß, Ihr gehoͤrt zu denen, die weiſe nach der Art dieſer Welt ſind, und Ihr haltet's mit den Langkoͤpfen und den Langroͤcken**) und habt Gemeinſchaft mit den glatten und ſchlaukoͤpfigen Rechtsgelehrten in unſerm Lande. O ſie haben dieſes ungluͤckliche Koͤnigreich in eine jammervolle Lage gebracht, als ihre ſchwarzen Haͤnde der Ab⸗ truͤnnigkeit die rothen Haͤnde unſerer erbitterten Moͤrder druͤckten, und als Dieſenigen, welche *) Obgleich die Presbyterianer nach der, durch Wilhelms 11I. Thronbeſteigung herbeigefuͤhrten Staatsveränderung(1680) die herrſchende Kirche in Schottland wurden, ſo fanden doch die ſtren⸗ gen Puritaner ihre Erwartungen gar nicht be⸗ friedigt. L. *4½) Anſpielung auf die Tracht der Gerichtsbeamten, 2. 4²„ die Thuͤrme in unſerm Zion gezaͤhlt und die Boll⸗ werke unſrer Reformation bezeichnet hatten, ihre Hoffnung in einen Falſtrick und ihre Freude in Weinen verwandelt ſahen. Ich verſtehe das nicht, Nachbar, erwiederte Sattelbaum. Ich bin ein ehrlicher Presbyteria⸗ ner von der ſchottiſchen Kirche und halte es mit ihr und der allgemeinen Verſammlung,*) und der gehoͤrigen Verwaltung der Gerechtigkeit durch die angeordneten Gerichtshoͤfe fuͤr buͤrgerliche und peinliche Sachen. Pfui uͤber Euch, Herr Sattelbaum! rief David, welcher bei dieſer Gelegenheit, ſein Zeug⸗ niß gegen die Aergerniſſe und Abtruͤnnigkeiten des Landes geben zu koͤnnen, auf einen Augenblick ſeine haͤuslichen Drangſale vergaß. Pfui uͤber eure allgemeine Verſammlung und weg mit euren Gerichtshoͤfen! Die eine iſt nichts als ein jam⸗ mervoller Haufen von lauen Bekennern und Leh⸗ rern, die bequem und warm ſaßen, als die ver⸗ folgten Ueberreſte kaͤmpften mit Hunger und Kaͤlte und Todesfurcht, als Feuer und Schwert ihnen drohte am feuchten Ufer und auf Mooren *) Siehe Th. I. S. 1944 —— 43³ und naſſen Heiden, aber nun kriechen ſie aus ihren Loͤchern, wie Schmeißfliegen beim Sonnen⸗ ſchein, um beſſern Leuten die Kanzeln und Aem⸗ ter zu nehmen— den Leuten, die Zeugniß gege⸗ ben, gefochten, Gefangenſchaft und Verbannung 3 ertragen haben. Ei eine allerliebſte Verſamm⸗ lung! Und euer Gerichtshof— Ihr moͤget von der allgemeinen Verſamm⸗ lung ſagen, was Ihr wollt, ſiel Sattelbaum ein: und mag ſie vertheidigen, wer ſie kennt; aber was die Herren vom Gerichtshofe anlangt, die ſind meine naͤchſten Nachbarn und zu eurer Nachachtung muͤßt Ihr wiſſen, es iſt ein Ver⸗ brechen sui generis, ſie zu verunglimpfen, das heißt, gegen ſie zu murren— ein Verbrechen sui generis, Herr Deans, und wißt Ihr, was das ſagen will? Ich verſtehe mich wenig auf die Sprache des Antichriſt, erwiederte Deans: und es liegt mir ſehr wenig daran, wie weltlich geſinnte Gerichts⸗ hoͤfe die Reden ehrlicher Leute nennen moͤgen. Und gegen ſie murren, nun das thun ja wohl Alle, die ihre Prozeſſe verlieren, und Neun un⸗ ter Zehnen, die gewinnen. Ihr ſollt wiſſen, alle eure ſchnellzuͤngigen Advokaten, die ihre 44 Kenntniſſe fuͤr Geld verkaufen, und eure welt⸗ lich klugen Richter, die drei Tage lang ein Hin⸗ und Herreden uͤber Zwiebelſchaͤlen anhoͤren, und nicht eine halbe Stunde das evangeliſche Zeugniß — ich halte ſie alle fuͤr Formelkraͤmer, die durch Urtheilſpruͤche und Kniffe und argliſtige Juriſten⸗ worte die fluchwuͤrdigen Abtruͤnnigkeiten des Lan⸗ des bekraͤftigen— die Union, die Duldung, die Pfarrverleihung und die biſchoͤflichen Eidſchwuͤre. Aber das Seele und Leib verderbende peinliche Gericht— Der ehrliche David war ſo ſehr an den Ge⸗ danken gewoͤhnt, er muͤßte ſein Leben daran wen⸗ den, Zeugniß zu geben fuͤr dasjenige, was er die bedraͤngte und verlaſſene Sache des wahren Glau⸗ bens nannte, daß er ſich ſo weit hatte hinreiſſen laſſen; aber bei der Erwaͤhnung des peinlichen Gerichtes erinnerte er ſich ploͤtzlich der ungluͤckli⸗ chen Lage ſeiner. Tochter. Er ſchwieg mitten in ſeiner ſiegfreudigen Rede, druͤckte die Haͤnde an ſeine Stirne und verſtummte. Sattelbaum war ein wenig bewegt, aber nicht ſo ſehr, daß er ſich des Vorrechts haͤtte be⸗ geben moͤgen, wieder das Wort zu nehmen, als David's ploͤtzliches Schweigen ihm Gelegenheit 45 dazu gab.„Es iſt freilich ein ſchlimmes Ding, ſprach er, wenn man mit den Gerichten zu thun hat, es waͤre denn bloß auf die Art, daß wir als Zuhoͤrer unſere Kenntniß und Erfahrung vermeh⸗ ren wollten. Und wieder auf die ungluͤckliche Geſchichte eurer Tochter zu kommen, ſo werdet Ihr wohl die Anklage⸗Akte ſchon geſehen haben.“ Er zog bei dieſen Worten ein Pakt Schriften aus der Taſche und blaͤtterte darin.„Das iſt's nicht— fuhr er fort. Nein, das iſt die Klag⸗ ſchrift gegen Mungo Marsport von Marsport entgegen den Hauptmann Ohneland, der auf ſeine Felder gekommen iſt mit Falken, Hunden, Brak⸗ ken, Netzen, Flinten, Armbruſten und ſonſti⸗ gen Werkzeugen zu mehrer oder minderer Zerſtoͤ⸗ rung des Wildes, als Rothwild, Damhirſche, Haſelhuͤhner, Rebhuͤhner und dergleichen, in⸗ maßen Beklagter nicht zu denen, Kraft der Ver⸗ ordnung vom Jahre 1621 berechtigten Perſonen gehoͤrt, das heißt, nicht einen Pflug Landes be⸗ ſitzt. Nun aber ſagen die Vertheidiger, non constat in dieſem Fall, was ein Pflug Landes iſt, und dieſe Ungewißheit ſei hinlaͤnglich, die Scehluͤſſe des Klaglibells zu entkraͤften. Darauf aber antwortet die Schrift, die Herr Croßmyloof 456 unterſchrieben, aber Herr Youngblad verfaßt hat, es bedeute in hoc statu nichts, was, oder wie viel ein Pflug Landes ſei, inmaßen Beklagter ganz und gar keine Laͤndereien habe. Zugegeben — las Sattelbaum aus ſeinen Schriften— ein Pflug Landes waͤre weniger, als der neunzehnte Theil einer Gaͤnſetrift— das hat gewiß Herr Croßmyloof hinein geſetzt, ich kenne ſeine Schreib⸗ art— einer Gaͤnſetrift, was wird's Beklagtem helfen, da ſelbiger nicht einen Zollbreit Landes in Schottland hat? Ohneland's Advokat dupli⸗ cirt: nihil interest de possessione, und Klaͤger muß den Fall genau unter das Geſetz bringen— merkt Euch das, Nachbar— und muß zeigen, formaliter et specialiter, ſo wie generaliter, was die Beeigenſchaftung ſei, ſo Beklagter Ohneland nicht beſitze; ſag' er mir, was ein Pflug Landes iſt, und ich will ihm ſa⸗ gen, ob ich's habe, oder nicht. Gewißlich muß Klaͤger ſeine eigene Klage verſtehen, und das Geſetz, worauf er ſich ſtuͤtzet. Titius klagt ge⸗ gen Maͤvium auf Herausgabe eines ſchwarzen Pferdes, ſo er dem Maͤvio geliehen, und er wird zu ſeinem Rechte kommen; wofern aber Titius den Maͤvium wegen eines ſcharlachrothen, oder ——— — 47 carmoſinrothen Pferdes belangt, ſo iſt er gehal⸗ ten, zu beweiſen, daß ein ſolches Thier in re- rum natura iſt. Niemand kann gehalten ſein, ſich gegen Unſinn zu vertheidigen, das heißt, ge⸗ gen eine Beſchuldigung, die nicht erklaͤrt, oder verſtanden werden kann— darin hat er unrecht, unterbrach ſich Sattelbaum, je beſſer die Klage, deſto weniger verſteht man ſie— und daher iſt eine Beziehung auf dieſes unerklaͤrte und unver⸗ ſtaͤndliche Feldmaaß gerade ſo viel, als ob Je⸗ manden eine geſetzliche Strafe wegen Jagd mit Hunden, oder Falken aufgelegt werden ſollte, der weder Hund, noch Falken bei ſich gehabt hat.— Aber ich ermude Euch, Herr Deans, und wir wollen zu euren eigenen Angelegenheiten uͤberge⸗ hen, wiewohl dieſe Sache, Marport entgegen Ohneland, viel Laͤrm im Gerichtshofe gemacht hat. Nun, hier iſt die Klage gegen die arme Effie.„Maßen es uns gehorſamſt vorgetragen „und gezeigt worden u. ſ w.“— dieſe Worte gehoͤren bloß zur Jorm—„ daß, wiewohl durch „die Geſetze dieſes und jedes wohl eingerichteten „Landes der Mord eines Menſchen und zumahl „eines Kindes, ein ſchweres und höͤchſt ſtrafbares „ Verbrechen iſt, und wiewohl es, ohne Nachtheil „beſagter Allgemeinheit, durch eine, in der zwel⸗ „ten Sitzung des erſten Parliaments unſerer aller⸗ „ hoͤchſten und großmaͤchtigſten Landesherrſchaft, „Wilhelm und Maria, erlaſſene Verordnung be⸗ „ſonders verfuͤgt worden, wie eine Weibsperſon, „welche ihren Zuſtand verhehlet hat, und nicht im „Stande iſt, zu zeigen, daß ſie bei der Nieder⸗ „kunft Hilfe verlangt, im Fall das Kind todt ge⸗ „funden, oder vermißt worden, des Mordes deſ⸗ „ſelben fuͤr ſchuldig erachtet und gehalten werden, „auch, wofern beſagte Umſtaͤnde der Verheimli⸗ „chung und Schwangerſchaft durch Beweis, oder „ Eingeſtaͤndniß ausgemittelt worden, die geſetzliche „Strafe erleiden ſoll; Ihr Effie, oder Euphemia „Deans, jedennoch— Leſet nicht weiter, ſprach Deans, ſein Haupt aufrichtend. Ich moͤchte mir lieber ein Schwert von Euch in die Bruſt ſtoßen laſſen, ehe ich ein Wort mehr hoͤren wollte. Nun, Nachbar, ich dachte, es haͤtte Euch Troſt gegeben, das Beßte und das Schlimmſte von der Sache zu erfahren. Aber nun fragt ſich's, was zu thun iſt. Nichts, erwiederte Deans mit veſtem Tone: als die Schickung erwarten, die der Herr uns 49 aufzulegen fuͤr dienlich haͤlt. O waͤre es doch ſein Wille geweſen, dieſes graue Haupt zur Ruhe zu legen, bevor er mein Haus und meinen Nah⸗ men ſo furchtbar heimgeſucht hatte! Aber ſein Wille geſchehe— das kann ich noch ſagen, wenn ich auch ſonſt nicht viel mehr ſagen kann. Aber Nachbar, ſprach Sattelbaum, Ihr werdet doch Advokaten fuͤr das arme Maͤdchen annehmen? Daran muß man denken. Wenn ſich Jemand unter ihnen faͤnde, der ein redlicher Mann geblieben waͤre.— Aber ich kenne ſie gut; lauter fleiſchlich geſinnte, argliſtige und eigennuͤtzige Weltkinder— Eraſtianer*) und Arminianer, Einer wie Alle. O ſtill, Nachbar! Ihr muͤßt die Welt nicht fuͤr gar zu arg halten. Der Teufel ſelbſt iſt nicht ſo boͤſe, als man es ſagt, und ich kenne mehr als einen Advokaten, der wohl ſo viel Redlichkeit hat, als ſeine Nachbarn, ich meine ſo nach ſei⸗ naer eigenen Art und Weiſe. Ja wohl, iſt's eine Art von Redlichkeit, was man bei ihnen findet, erwiederte David Deaus: und eine Art von Weisheit, eine Art von welt⸗ —x; *1 Nahme der lauen Presbyterianer, 2. II. Theil 4 50. licher Gelehrſamkeit— ſchimmernde Spiegelglaͤſer ſind ſie, die nur dazu taugen, den Leuten die Augen zu blenden, mit ihrer argliſtigen Klugheit und ihrem irdiſchen Witz, ihren hochtrabenden Worten, ihren feinen kuͤnſtlich geſetzten Reden aus heidniſchen Kaiſern und paͤpſtlichen Geſetzen. In dem einfaͤltigem Zeuge, das Ihr mir da vor⸗ geleſen habt, koͤnnen ſie nicht einmahl die Leute, die ſo ungluͤcklich ſind, ihnen in die Haͤnde zu fallen, mit einem chriſtlichen Nahmen benennen, ſondern taufen ſie mit dem Nahmen des verfluch⸗ ten Titus, der das Werkzeug wurde zur Verbren⸗ nung des heiligen Tempels, und ſolchen Heiden⸗ nahmen. Titius heißt's, und nicht Titus, fiel Sattel⸗ baum ein. Herr Croßmyloof bekuͤmmert ſich ſo wenig um Titus, oder lateiniſche Gelehrſamkeit, als Ihr. Aber einen Advokaten muß ſie haben, das iſt nothwendig. Nun koͤnnte ich ja mit dem „Herrn Croßmyloof ſprechen— der iſt bekannt als ein echter Presbyterianer, und iſt ein regie⸗ render Aelteſter obendrein. Der iſt ein Erz⸗Eraſtianer, erwiederte Deans: und Einer von den liſtigen, weltlich klugen Leu⸗ ten, die aufgeſtanden ſind, um ein allgemeines 51 Einverſtaͤndniß fuͤr die gute Sache zu verhuͤten, in den Tagen der Gewalt. Was ſagt Ihr zum alten Laird von Cuffa⸗ bout? Er weiß aus einem Rechtshandel den Staub noch recht gut auszuklopfen. Er— der falſche Kerl? erwiederte Deans. Er hatte ſich geruͤſtet, um zu den abſcheulichen Hochlaͤndern uͤberzugehen im Jahre 1715, wenn ſie ſo gluͤcklich geweſen waͤren, uͤber den Firth zu kommen.*) Und Arniſton? Der waͤre ein pfiffiger Burſche fuͤr Euch, ſprach Bartolinus ſiegfreudig. Ja, um paͤpſtliche Muͤnzen einzuſchleppen von dem abtruͤnnigen Weibe im Hochland, der Herzoginn von Gordon. Nun, aber Jemanden muͤßt Ihr doch ha⸗ ben. Wie waͤr' es denn mit Kittlepunt? Er iſt ein Arminianer. Und Woodſetter? Dceer iſt ein Coccejaner, denk' ich. Der alte Whilliewhaw? Iſt alles, was Ihr wollt. * S. Vorwort zu der Ueberſetzung des Romans: Robin der Rothe.. 4* 32 Der junge Maemmo? Der iſt gar nichts. Ihr ſeid ſchwer zu befriedigen, Nachbar. Ich habe Euch eine ganze Auswahl gegeben; nun moͤgt Ihr Euch ſelber einen ausſuchen, aber be⸗ denkt wohl, je mehr Advokaten es gibt, deſto ſicherer kann man waͤhlen. Wie waͤr' es, wenn Ihr's mit dem jungen Mac⸗Kenzie verſuchtet? Der hat ſeines Oheims Pfiffe ganz weg. Was ſagt Ihr mir? rief der ſtoͤrrige Pres⸗ byterianer in lebhaftem Zorne. Ein Mann, der das Blut der Frommen an ſeinen Haͤnden hat? Starb nicht ſein Ohm mit dem Nahmen: der — blutige Mac⸗Kenzie? Und wird er nicht den Nahmen fuͤhren, ſo lange eine ſchottiſche Zunge das Wort ausſprechen kann? Und wenn das Leben des lieben Kindes, das ſo ſchwer heim ge⸗ ſucht wird, und Hannchens und mein und aller Menſchen Leben daran hinge, daß ich einen ſol⸗ chen Sclaven des Satans baͤte, ein Wort fuͤr mich, oder ſie zu ſagen, ſo ſollten ſie lieber alle umkommen, ehe David Deans das thaͤte. Es war der laute Ton, womit er die letzten Worte ſprach, was Butlers und Johanna's Un⸗ terredung ſtoͤrte, und Beide in die Stube brachte. — 53 Der arme alte Mann war faſt außer ſich vor Kummer und zornigem Eifer uͤber Sattelbaums Vorſchlag; ſeine Wangen gluͤhten, ſeine Hand war geballt, und ſeine Stimme erhoben, waͤhrend die Thraͤne in ſeinem Auge, und ſeine, zuweilen bebenden Toͤne, verriethen, daß er, trotz ſeiner aͤußerſten Anſtrengung, das Gefuͤhl ſeines Un⸗ gluͤcks nicht los zu werden vermochte. Butler fuͤrchtete die Folgen einer ſolchen Erſchuͤtterung fuͤr den alten und ſchwaͤchlichen Mann, und wagte es, ihm Geduld zu empfehlen. Ich bin geduldig, ſprach David ernſt: ge⸗ duldiger, als irgend Jemand ſein kann, der die jammervollen Abtruͤnnigkeiten einer ungluͤcklichen Zeit erleben muß, und ich brauche keine Sektirer und keine Soͤhne, oder Enkel von Sektirern, die mein graues Haar belehren muͤßten, wie ich mein Kreuz zu tragen habe. Aber wir muͤſſen menſchliche Mittel gebrau⸗ chen, erwiederte Butler, der uͤber den Vorwurf gegen ſeines Großvaters Glauben nicht empfind⸗ lich wurde. Wenn Ihr einen Arzt riefet, wuͤr⸗ det Ihr ihn doch wohl nicht uͤber ſeine Glaubens⸗ grundſaͤtze fragen wollen? Niicht fragen? ſprach David. Ei freilich — 54 wuͤrde ich's, und wenn er mich nicht uͤberzeugte, daß er die heutigen Abtruͤnnigkeiten zur Rechten und zur Linken gehoͤrig einſaͤhe, ſo ſollte nicht ein Tropfen von ſeiner Arznei durch meine Kehle gehen. Butler ſah, wie mißßlich es iſt, ſich auf eine Erlaͤuterung durch Beiſpiele zu verlaſſen; und als es ihm fehl geſchlagen war, machte er es, wie ein tapfrer Kriegsmann, dem das Gewehr ver⸗ ſagt, und griff mit dem Bajonett an.„Das iſt eine zu ſtrenge Auslegung eurer Pflicht, Herr Deans, fuhr er fort. Auf Gerechte und Unge⸗ —— rechte ſcheint die Sonne und faͤllt der Regen, und ſie werden in Lebenslagen verſetzt, wo eine Ge⸗ meinſchaft zwiſchen ihnen oft unvermeidlich iſt, vielleicht, daß die Boͤſen Gelegenheit haben ſollen, von den Guten bekehrt zu werden, und vielleicht auch, damit die Gerechten, unter andern Heim⸗ ſuchungen, zuweilen auch die Pruͤfung erfahren, mit dem Unheiligen zu verkehren.“ Geht mir mit euren einfaͤltigen Beweiſen, Ruben! ſprach Deans. Kann man Pech an⸗ greifen, ohne ſich zu beſudeln? Oder was den⸗ ket Ihr von den tapfern und ehrenwerthen Ver⸗ fechtern des Glaubensvundes, die einen Prediger, 55 welche Gaben und Gnadenerweiſungen er auch erhalten haben mochte, nicht einmahl anhoͤren wollten, wenn er nicht gegen die Graͤuel der Zeit Zeugniß gegeben? Kein RNechtsgelehrter ſoll ja fuͤr mich und die Meinigen ſprechen, der nicht eingeſtimmt hat in das Zeugniß des zerſtreuten, jedoch lieblichen Haͤufleins, das zwiſchen den Fel⸗ ſen der Gebirge wohnet. Mit dieſen Worten ſtand der Greis auf, als waͤre er durch die Vorſtellungen und die Ge⸗ genwart ſeiner Gaͤſte ermuͤdet worden, und mit einer Bewegung des Kopfes und der Hand Ab⸗ ſchied nehmend, ging er in ſein Schlafgemach. Es iſt, als ob er das Leben ſeiner Tochter wegwuͤrfe, wenn man ihn ſo unvernuͤnftig reden hört, ſprach Sattelbaum zu Butler. Wo wird er je einen Advokaten finden, der zu den Came⸗ roniern gehoͤrt? Oder hat man je vernommen, daß ein Rechtsgelehrter fuͤr den einen, oder den andern Glauben gelitten haͤtte? Das Leben des Maͤdchens iſt rein weggeworfen. Gegen Ende des Wortwechſels war Dumbie⸗ dikes vor dem Hauſe abgeſtiegen, hatte ſeines Kleppers Zaum an den gewoͤhnlichen Haken ge⸗ 56 haͤngt, und ſich auf ſeinen gewoͤhnlichen Sitz nie⸗ dergelaſſen. Seine Augen blickten mit einem Leben, das man ſelten darin ſah, von einem Sprecher auf den andern, bis er aus Sattel⸗ baum's letzten Worten den traurigen Sinn der ganzen Verhandlung errieth. Er ſtand auf, ſtapft⸗ langſam durch die Stube, und zu Sattelbaums Ohre ſich neigend, ſprach er mit einer zitternden, aͤngſtlichen Stimme:„Kann— kann denn Geld hier gar nichts ausrichten, Herr Sattelbaum?“ Hm!l erwiederte Sattelbaum mit einem ernſt⸗ haften Geſichte: Geld wird ſicherlich im Gerichts⸗ hofe was ausrichten, wenn's irgend ein Ding thun kann. Aber wo ſoll Geld herkommen? Herr Deans will nichts thun, wie Ihr ſeht, und meine Frau iſt zwar ſeine Baſe, meint's auch recht gut mit den Seinigen, und will gern hel⸗ fen, moͤchte ſich aber doch nicht gern bei einer ſo koſtſpieligen Sache singuli in solidum ver- pflichten. Wenn jeder Freund ſeinen Antheil von der Laſt uͤbernehmen wollte, ſo ließe ſich wohl etwas thun— aber jeder muͤßte nur fuͤr ſeinen Theil verpflichtet ſein. Ich moͤchte aber nicht gern, daß die Sache abgemacht wuͤrde, ohne ein gehoͤriges Rechtsverfahren, es wuͤrde keine —— 52 Ehre dabei ſein, was der einfaͤltige alte Mann auch ſagen mag.. Ich will— will— ja— ſprach Dumbie⸗ dikes, ſich mit jedem Worte ermuthigend: ich will fuͤr zwanzig Pfund Sterling ſtehen. Mit dieſen Worten ſchwieg er, und ſein ſtie⸗ rer Blick verrieth ſeine Verwunderung, ſich einer ſo ungewoͤhnlichen Entſchloſſenheit und ungemei⸗ nen Großmuth faͤhig zu finden. Der allmaͤchtige Gott ſegne Euch! ſprach Jo⸗ hanna mit lebhaftem Dankgefuͤhle. Ihr koͤnnt ſtatt zwanzig Pfund, dreißig ſa⸗ gen, hob Dumbiedikes wieder an, und blickte verſchaͤmt von ihr zu Sattelbaum hinuͤber. Nun, das wird helfen, ſprach Sattelbaum, und rieb ſich die Haͤnde: und ich will meine ganze Geſchicklichkeit und Kenntniß fuͤr Euch anwenden, daß wir mit dem Gelde viel machen koͤnnen. Ich will ſchon gut damit haushalten. Ich weiß es zu machen, daß die Kerlchen mit maͤßigen Gebuͤh⸗ ren zufrieden ſind; man braucht ihnen nur Hoff⸗ nung zu geben, daß ſie ein Paar wichtige Sa⸗ chen in die Haͤnde kriegen, und ſie arbeiten wohl⸗ feil, um Kundſchaft zu bekommen. Laßt mich nur machen, ich will ſchon einen Advokaten 5⁸ ſchnellen. Es iſt ja auch keine Suͤnde, wen man ſo viel fuͤr ſein Geld zu kriegen ſucht, als man nur kann. Es iſt ja doch am Ende nur der Wind aus ihrem Munde, was man kriegt, und den haben ſie umſonſt; aber dagegen muß ich in meinem elenden Gewerbe, wenn ich Saͤt⸗ tel und Geſchirr machen will, erſchreckliche Sum⸗ men fuͤr Haͤute und Leder ausgeben. Kann ich gar nicht nuͤtzlich ſein? ſprach But⸗ ler. Ich habe leider nicht mehr, als den ſchwar⸗ zen Rock, den ich trage, aber ich bin jung. Ich habe der Familie ſo viel zu danken— Kann ich gar nichts thun? Ihr koͤnnt uns Zeugen zu verſchaffen ſuchen, erwiederte Sattelbaum. Ließe ſich irgend Jemand finden, der ausſagte, daß ſie ihm nur den ge⸗ ringſten Wink von ihrem Zuſtande gegeben haͤtte, ſo käme ſie mit einem blauen Auge davon. Das ſagte mir Herr Croßmyloof. Der Fiskal, ſagte er, kann nicht angehalten werden, einen poſiti⸗ ven Beweis zu fuͤhren— ſagte er einen poſitiven, oder einen negativen?— ja, eins von beiden war'’s, das weiß ich gewiß, und es liegt nicht viel daran, welches. Dahero, ſagt er, muß Beklagte die Klage durch den Beweis ihrer Ver⸗ —— 59 antwortung widerlegen. Anders kann's nicht gehen. Aber die Thatſache, Herr Sattelbaum, fiel Butler ein: die Thatſache, daß dieſes arme Maͤd⸗ chen ein Kind geboren hat, muß doch der Fiskal wohl beweiſen? Sattelbaum ſchwieg einen Augenblick, waͤh⸗ rend des Gutsherrn Geſicht, welches, wie auf einem Stifte ſich drehend, von einem Sprecher zu dem andern ſich wandte, froͤhlicher wurde. J— ja— ja, ſprach Sattelbaum, nach ernſthaftem Zoͤgern: allerdings muß das bewie⸗ ſen werden, wie das Gericht dieß auch durch ein Inkerlocutorium naͤher beſtimmen wird. Aber ich denke, das iſt ſchon abgemacht, denn ſie hat ihre Schuld geſtanden. Den Mord geſtanden? rief Johanna mit einem Schrei, der Alle erſchreckte. Nein, das ſagte ich nicht, erwiederte Bar⸗ tolinus: aber ſie hat geſtanden, daß ſie das Kind geboren hat. Und was iſt denn daraus geworden? ſprach Johanna. Ich konnte nicht ein Wort von ihr gewinnen, nichts als ſchmerzliche Seufzer und Thraͤnen. 60 Sie ſagt, die Frau haͤtte es ihr weggenom⸗ men, in deren Hauſe es geboren wurde und die ihr Beiſtand leiſtete. Und wer war dieſe Frau? fragte Butler. Ge⸗ wiß, durch ſie muß die Wahrheit ſich entdecken laſſen. Wer war ſie? Ich fliege ſogleich zu ihr. Ich wollte, ſprach Dumbiedikes, ich waͤre ſo jung und behende als Ihr, und haͤtte die Gabe der Rede ſo gut. 3 Wer iſt ſie? wiederhohlte Butler. Werkonnte dieſe Frau ſein? Ja, wer weiß das, als ſie ſelber! ſprach Sattelbaum. Als ſie vernommen wurde, wollte ſie auf die Frage nicht antworten. Ich gehe ſogleich zu ihr, fuhr Butler fort. Lebt wohl, Johanna! ſetzte er hinzu, und ſich ihr naͤhernd, ſprach er: Thut keinen unbeſonne⸗ nen Schritt, ehe Ihr etwas von mir hoͤrt. Lebt wohl! Mit dieſen Worten ging er hinaus. Ich moͤchte auch gern gehen, ſprach der Guts⸗ herr in einem unruhigen, eiferſuͤchtigen und nei⸗ diſchen Tone: aber mein Pferd geht fuͤr mein Leben keinen andern Weg, als von Dumbiedikes nach dieſem Hauſe und gerade wieder zuruͤck. 61 Ihr werdet den Leuten beſſer dienen, ſprach Sattelbaum, als er mit dem Gutsherrn hinaus⸗ ging: wenn Ihr mir die dreißig Pfund ſchickt. Dreißig Pfund? erwiederte Dumbiedikes unſchluͤſſig, der nun aus dem Bereiche der Augen war, die ſeine Großmuth entflammt hatten: Ich ſagte nur zwanzig Pfund. J ja, ſprach Satteibaum: aber unter Vor⸗ behalt, zuzulegen und zu vergroͤßern, und ſo batet Ihr um Erlaubniß, euer Libell zu aͤndern und machtet dreißig daraus. Hab' ich? Ich kann mich nicht darauf be⸗ ſinnen, erwiederte Dumbiedikes. Aber was ich geſagt habe, das will ich halten. Mit dieſen Worten beſtieg er nicht ohne Muͤhe ſeinen Klepper, und fuhr fort:„Aber der ar⸗ men Hanne ihre Augen mit den Thraͤnen d'rin, ſahen doch aus, wie Bernſteinkorallen, nicht wahr, Herr Sattelbaum?“ Ich verſtehe mich nicht ſehr auf Weiberaugen, edler Herr, antwortete der unempfindliche Bar⸗ tolinus: und kuͤmmere mich eben ſo wenig dar⸗ um. Ich wollte, ich waͤre eben ſo frei von ih⸗ ren Zungen, fuhr er fort, aber ſich beſinnend, daß er ſeinen Ruf als Hausgebieter behaupten 62 muͤßte, ſetzte er hinzu: wiewohl wenige Weiber unter beſſerer Zucht ſtehen, als die Meinige. Ja, edler Herr, ich erlaube weder Aufſtand, noch Majeſtaͤtsverbrechen gegen meine Obergewalt. Der Gutsherr fand in dieſer Bemerkung nichts Wichtiges, das eine Antwort verlangt haͤtte, und als Beide ſich ſchweigend gegruͤßt hatten, ging jeder ruhig ſeines Weges. 653 III. Ich rette den Burſchen vom Ertrinken, und waͤre das Schiff nicht ſtaͤrker, als eine Nußſchale. Shakeſpeare'’'s Sturm. Butler fuͤhlte weder Ermuͤdung, noch Mangel an Erfriſchung, wiewohl er nach der Art, wie er die Nacht zugebracht hatte, leicht von Beiden haͤtte uͤberwaͤltigt ſein koͤnnen, aber Beides ver⸗ gaß er bei dem lebhaften Wunſche, Johanna's Schweſter beizuſtehen. Er ging anfeaͤnglich mit ſo raſchen Schritten, daß er beinahe lief, als zu ſeiner Verwunderung ſein Nahme von einer Stimme gerufen ward, die mit engbruͤſtigem Huſten kaͤmpfte, unb halb un⸗ ter dem lauten Trabe eines hochlaͤndiſchen Klep⸗ pers verhallte. Er ſah ſich um, und erblickte den Gutsherrn von Dumbiedikes, der ihm ſo ſchnell als moͤglich nacheilte, denn zum Gluͤcke fuͤr des 64 Landjunkers Abſicht, mit Butler zu reden, fuͤgte es ſich, daß ſein Heimweg ungefaͤhr zwei hun⸗ dert Schritte weit auf der naͤchſten Straße nach der Stadt fortliefe. Butler blieb ſtehen, als er den Ruf vernahm, und verwuͤnſchte innerlich den keuchenden Reiter, der ihn aufhielt. uh! Uh! uh! rief Dumbiedikes, den hum⸗ pelnden Schritt des Kleppers anhaltend. Uh! Uhl das iſt eine hartnaͤckige, wilde Beſtie, Uh! Er hatte gerade in dieſem Augenblicke den Gegenſtand ſeiner Jagd auf eben der Stelle er⸗ reicht, wo er die Verfolgung nicht laͤnger haͤtte fortſetzen koͤnnen, da Butlers Weg von der Straße nach Dumbiedikes abwich, und der Reiter weder durch glimpfliche, noch ſtrenge Mittel den Eigen⸗ ſinn ſeines Bucephalus, genannt Rory Bean, haͤtte bewegen koͤnnen, auch nur ein Paar Schritte von dem Pfade abzuweichen, der das Thier zu ſeinem Grasplatze fuͤhrte. Nach einem weit raſcheren Trabe, als Rory und der Reiter je gemacht haben mochten, war Dumbiedikes endlich wieder zu Athem gekommen; aber was er im Sinne hatte, ſchien ihm gleich⸗ ſam in der Kehle ſtecken zu bleiben, und den Aus⸗ druck zu hemmen. Bunler wartete beinahe drei 65 Minuten, ehe der Gutsherr eine Silbe heraus⸗ bringen konnte, und als dieſer endlich ſeine Stimme wiederfand, konnte er nur nach einigen Anſtren⸗ gungen heraus bringen:„Uh! Uh! Ja, Heer Butler— ja das iſt ein huͤbſcher Erntetag.“ O ja, ein ſchoͤner Tag, allerdings! erwie⸗ derte Butler. Aber— lebt wohl, edler Herr. Wartet— wartet ein Bischen, fuhr Dum⸗ biedikes fort. Das war's nicht, was ich ſagen wollte. Dann macht es ſchnell, wenn ich bitten darf, und gebt mir eure Befehle, antwortete Butler. Verzeiht mir, ich bin eilig, und Tempus ne- mini— Ihr kennt ja das Sprichwort. Dumbiedikes kannte das Sprichwort nicht, und gab ſich auch nicht einmahl die Muͤhe, ſich zu ſtellen, als ob es ihm bekannt waͤre. Er ſammelte alle ſeine Verſtandeskraͤfte zu einer großen Frage, und konnte keine Streitkraͤfte entſenden, um Au⸗ ßenpoſten zu vertheidigen.„Ich will ſagen, Herr Butler, ſprach er: wißt Ihr denn, ob Herr Sattelbaum ein großer Rechtsgelehrter iſt?2“ Ich habe dafuͤr keine Buͤrgſchaft, als ſein eigenes Wort, erwiederte Butler trocken: aber II. Thel. 5 66 ohne Zweifel kennt er ſeine Eigenſchaften am Beßten. Hm! antwortete der ſchweigſame Dumbiedi⸗ kes in einem Tone, der zu ſagen ſchien: Herr Butler, ich bin eurer Meinung— und er fuhr fort:„Wenn das iſt, ſo ſoll mein Advokat, Niklas Novit— der Sohn des alten Niklas, und er iſt beinahe ſo pfiffig, als ſein Vater— der ſoll Effie's Sache fuͤhren.“ Nach dieſem Beweiſe von Scharfſinn, den Butler kaum von ihm erwartet hatte, griff er hoͤflich an ſeinen Treſſenhut, und gab ſeinem Klepper durch einen Rippenſtoß zu verſtehen, daß es ſein Wille war, auf dem Heimwege voran zu reiten. Das Pferd gehorchte dem Winke mit jener Munterkeit, womit Menſchen und Thiere Winke deuten und befolgen, die mit ihren eigenen Neigungen gaͤnzlich uͤberein ſtimmen. Butler ſetzte ſeinen Weg fort, und es er⸗ wachte auf einen Augenblick jene Eiferſucht, welche die Aufmerkſamkeit des ehrlichen Guts⸗ herrn gegen die Familie Deans zuweilen in ſei⸗ nem Buſen erweckte; aber er war zu edelmuͤ⸗ muͤthig. als daß er lange eine Regung genaͤhrt haͤtte, die mit Eigennutz verwandt war.„Er 67 iſt reich an den Mitteln, die mir mangeln, ſprach er zu ſich ſelber.— Warum ſollte es mich ver⸗ drießen, daß er ſo viel Gefuͤhl hat, etwas von ſeinem Mammon zu opfern, um ihnen die Dienſte zu leiſten, wofuͤr ich nur leere Wuͤnſche habe, Thue jeder von uns in Gottes Nahmen, was er kann. Noͤge ſie nur gluͤcklich ſein, und gerettet von dem Elend und der Schande, die zu drohen ſcheinen. Wenn ich nur Mittel finde, dieſen Abend das furchtbare Wagſtuͤck zu verhuͤten, ſo ſage ich iedem andern Gedanken Lebewohl, und ſollte mein Herz beim Scheiden brechen.“ Er verdoppelte ſeine Schritte und ſtand bald vor dem Gefaͤngnißthore, oder vielmehr vor dem Eingange, wo das Thor geweſen war. Die Er⸗ innerung an die ungluͤckliche Begebenheit, die er am vorigen Abende mit angeſehen hatte, war er⸗ loſchen, ſo ſehr hatten die nachfolgenden Ereig⸗ niſſe, ſein Zuſammentreffen mit dem geheimniß⸗ vollen Unbekannten, die Botſchaft an Johanna, das erſchuͤtternde Geſpraͤch uͤber die Trennung ihres Bundes, und der ergreifende Auftritt mit dem alten Deans, ſein Gemuͤth beſchaͤftigt. Seine Aufmerkſamkeit wurde nicht wieder darauf hinge⸗ lenkt, weder durch die zerſtreuten Haufen, die 5 ⁸ 68 in der Straße ein Geſpraͤch fuͤhrten, das ſie beit der Annaͤherung von Fremden nur leiſe fortſetz⸗ ten, noch durch die geſchaͤftig ſpaͤhenden Polizei⸗ beamten, die kleine Abtheilungen von Soldaten bei ſich hatten; noch durch den Anblick der Haupt⸗ wache, vor welcher dreifache Schildwachen ſtan⸗ den, noch endlich durch die demuͤthigen und furcht⸗ ſamen Blicke der geringern Volksklaſſen, welche, bei dem Bewußtſein, daß ſie wenigſtens verdäͤch⸗ tig waͤren, wenn ſie auch nicht Antheil an einem Aufſtande gehabt hatten, der wahrſcheinlich ſtrenge unterſucht werden ſollte, nur kleinmuͤthig und er⸗ ſchrocken umher ſchlichen, wie Menſchen, die nach den Erſchoͤpfungen einer, unter gefahrvollen und wilden Schwelgereien verlebten Nacht, ner⸗ venſchwach, aͤngſtlich und muthlos am folgenden Tage ſind. Keines dieſer Zeichen von Unruhe und Be⸗ ſorgniß machte unſern Freund betroffen. Ein⸗ ganz andrer, fuͤr ihn weit wichtigerer Gegenſtand beſchaͤftigte ſeine Seele, bis er vor dem Gefaͤng⸗ niſſe ſtand, und ſtatt der Niegel und Schlöͤſſer, eine doppelte Reihe von Grenadieren ſah, die den Eingang bewachten. Ihr:„Halt! Haltl das ſchwarze Anſehen der Pforte ohne Thorfluͤgeh, 6 der Wendeltreppe und der jetzt offenen Kerkerge⸗ maͤcher; alles dieß rief ihm die Ereigniſſe der denkwuͤrdigen Nacht zuruͤck. Als er den Wunſch aͤußerte, mit Effie Deans zu ſprechen, erſchien derſelbe lange, hagre, ſilberlockige Schließer, den er am vorigen Abend geſehen hatte. Ich daͤchte, erwiederte er auf Butlers Ge⸗ ſuch, mit echt ſchottiſchen Umſchweifen: Ihr waͤ⸗ ret eben der junge Mann, der geſtern nach ihr fragte?— Butler geſtand es ein. Und ich daͤchte, fuhr der Schließer fort: Ihr haͤttet mich gefragt, wann wir zumachten, und ob wir wegen der Geſchichte mit Porteous fruͤher zumachten. Es kann wohl ſein, daß ich ſolche Bemerkun⸗ gen gemacht habe, erwiederte Butler: aber jetzt iſt die Frage, ob ich Effie Deans ſehen kann. Ich weiß es nicht. Geht nur hinein, die Treppe hinauf, und in die Kammer links. Der alte Mann folgte ihm auf den Ferſen, mit dem Schluͤſſelbunde in der Hand, ſelbſt den ungeheuren Schluͤſſel nicht vergeſſend, womit er fruͤher die aͤußere Pforte ſeines Gebietes verſchloſ⸗ ſen hatte, wiewohl er darin jetzt nur eine unnuͤtze 70 Laſt trug. Kaum war Butler in das bezeichnete Gemach getreten, als die erfahrene Hand des Schließers den rechten Schluͤſſel nahm und die Thuͤre von außen verſchloß. Butler glaubte im erſten Augenblicke, dieſes Verfahren waͤre nichts, als eine Wirkung der, zur Gewohnheit gewordenen amtlichen Vorſicht und Wachſamkeit des Man⸗ nes; mit rauher Stimme aber rief der Schließer: „Wache her!“ und alsbald hoͤrte man das Klir⸗ ren der Waffen einer Schildwache, die ſich vor die Thuͤre ſtellte. Mein Freund! rief nun Butler dem Schlie⸗ ßer zu: ich habe in einer wichtigen Angelegenheit mit Effie Deans zu ſprechen. Laßt mich doch ſo bald als moͤglich zu ihr. Es folgte keine Antwort. Wenn's gegen die Ordnung iſt, mich zu der Gefangenen zu laſſen, fuhr Butler mit lauterem Tone fort: ſo ſagt's mir nur, und laßt mich meinen Geſchaͤften nachgehen. Fugit irrero- cabile tempusb! ſetzte er murmelnd hinzu. Hattet Ihr Geſchaͤfte zu verrichten, ſo haͤttet Ihr daran denken ſollen, ehe Ihr herkamet, ant vortete der Schließer draußen. Ihr werdet ſe⸗ hen, es iſt leichter, hier herein zu kommen, als 4 3 71 hinaus. Das Geſindel wird wohl ſchwerlich wie⸗ der eine Porteous⸗Geſchichte gegen uns anzet⸗ teln. Die Obrigkeit hat wieder ihre Gewalt in Haͤnden, Nachbar, und das werdet Ihr auf eure Koſten erfahren. Wie meint Ihr das? erwiederte Butler Ihr müͤßt mich verkennen. Ich bin Ruben Butler, Prediger des Evangeliums. Das weiß ich recht gut, ſprach der Schließer. Nun, wenn Ihr das wißt, ſo bin ich be⸗ rechtigt, Euch dagegen zu fragen, wer Euch den Befehl gegeben hat, mich veſt zu halten. Ich weiß, dieſes Recht hat jeder britiſche Unterthan. Befehl? antwortete der Schließer. Mit dem Befehl ſind zwei Gerichtsdiener nach Libberton gegangen, Euch zu hohlen. Waͤret Ihr zu Hauſe geblieben, wie ſich's fuͤr ehrliche Leute ſchickt, ſo haͤttet Ihr den Befehl geſehen; aber wenn Ihr Euch ſelber im Gefaͤngniß einſtellt, wer kann da helfen, lieber Schatz! Ich kann alſo nicht zu Effie Deans kom⸗ men? hob Butler wieder an. Und Ihr beſteht darauf, mich nicht hinaus zu laſſen? Nein, wahrhaftig nicht, Nachbar! erwie⸗ derte der alte Mann verdruͤßlich. Laßt Ihr Effie Deans fuͤr ſich ſelber ſorgen, Ihr habt genug mit eurer eigenen Sache zu thun. Ob Ihr her⸗ aus kommen ſollt, das muß die Obrigkeit be⸗ ſtimmen. Nun, lebt wohl, auf ein Weilchen! Ich muß zum Zunftmeiſter Sawyers gehn, daß wir fuͤr die Thuͤren, die eure ruhigen Freunde dieſe Nacht zerbrochen haben, ein Paar neue kriegen. Dieſes Verfahren war im hoͤchſten Grade erbitternd, aber auch von der Art, daß es dunkle Beſorgniſſe erwecken mußte. Wer ſich, und waͤre es auf eine grundloſe Beſchuldigung, verhaftet ſieht, muß ſich in einer unangenehmen und be⸗ denklichen Lage finden, wenn er auch mehr Muth beſaͤße, als Butler ſich zuſchreiben konnte, der zwar viel von jener Entſchloſſenheit hatte, die aus Pflichtgefuͤhl, und aus dem ehrenvollen Ver⸗ langen, ſeine Pflicht zu erfuͤllen, hervor geht, 3 aber doch, bei ſeiner lebhaften Fantaſie und ſeiner körperlichen Schwaͤchlichkeit, keineswegs jene kalte Gleichgiltigkeit gegen Gefahren beſaß, welche das gluͤckliche Loos der Menſchen von kraͤftigerer Ge⸗ ſundheit, ſtaͤrkeren Nerven und minder lebhafter Neizbarkeit iſt. Das dunkle Bild von Gefahren, die er weder begreifen, noch auch abhalten konnte, 73 ſchien vor ſeinen Blicken zu ſchwimmen. Er ſuchte uͤber die Ereigniſſe der verfloſſenen Nacht nachzudenken, ob ſich ihm irgend ein Mittel dar⸗ böte, ſeine Gegenwart unter dem Poͤbelhaufen zu erklaͤren, oder zu rechtfertigen, da es ihm als⸗ bald einfiel, daß ſeine Verhaftung ſich auf dieſen Umſtand gruͤnden mußte. Es erwachten Beſorg⸗ niſſe, als er ſich nicht erinnern konnte, daß ſeine mehrmahligen Verſuche, durch Vorſtellungen auf die Meuter zu wirken, und ſie zu bewegen, ihn wieder frei zu laſſen, von irgend einem unbefan⸗ genen Zeugen waͤren bemerkt worden. Der Ge⸗ danke an die ungluͤckliche Lage David's und ſei⸗ ner Angehoͤrigen, und an die gefaͤhrliche Zuſam⸗ menkunft, die Johanna zugeſagt hatte, und die er nun zu verhindern nicht mehr hoffen durfte, trug nicht wenig bei, ſeine Seele zu bekuͤmmern. Bei aller Ungeduld aber, uͤber die Urſache ſeiner Verhaftung Licht zu erhalten, und ſich, wo moͤglich, in Freiheit geſetzt zu ſehen, ward er von einem, nichts Gutes verkuͤndenden Beben, ergriffen, als er nach einer Stunde, die er in dem einſamen Gemache zubringen mußte, den Befehl erhielt, vor der Obrigkeit zu erſcheinen. Man fuͤhrte ihn aus dem Gefaͤngniſſe unter einer 74 ſtarken Bedeckung von Soldaten, mit jenem Gepraͤnge von Vorſicht, das gewoͤhnlich, wie unzeitig und unnöthig es ſein mag, nach einem reigniſſe gezeigt wird, dem vorgebeugt worden waͤre, wenn man ſolche Vorſichtmaßregeln zu gehoͤriger Zeit angewendet haͤtte. Er ward in das Sitzungzimmer gefuͤhrt, das in der Naͤhe des Gefaͤngniſſes war. Ein Paar Rathsherrn waren gegenwaͤrtig, und ſchie⸗ nen im Begriff zu ſein, einen Mann zu ver⸗ nehmen, der eben am Ende des langen gruͤn bedeckten Tiſches ſtand, wo der Rath ſeine ge⸗ woͤhnlichen Sitzungen hielt. Iſt dieß der Prediger? fragte Einer der Rathsherrn, als Butler mit dem Gerichtsdie⸗ ner herein kam, und auf die bejahende Ant⸗ wort, fuͤgte er hinzu:„Er mag ſich einen Au⸗ genblick niederſetzen. Wir werden mit dieſem Manne hier bald fertig ſein.“ Sollen wir den Herrn Butler weläßren⸗ fragte der Gerichtsdiener. Iſt nicht noͤthig; er mag bleiben, wo er iſ. Butler ſetzte ſich auf eine Bank am Ende des Zimmers, und einer von ſeinen Waͤchtern blieb ihm zur Seite. Es war ein großes Ge⸗ 75 mach, das nur zum Theil und unvollkommen erleuchtet war; aber mochte es Zufall ſein, oder der Baumeiſter ſich erinnert haben, welchen Vortheil eine ſolche Einrichtung zuweilen haben kann, ein Fenſter war ſo angebracht, daß vol⸗ les Licht auf das untere Ende des Tiſches fiel, wo gewoͤhnlich die, zum Verhoͤr gebrachten Ge⸗ fangenen ſtanden, waͤhrend das obere Ende, wo die Rathsherren ſaßen, im Schatten war. Butler heftete ſeine Blicke alsbald auf den Mann, deſſen Verhoͤr beginnen ſollte, weil er hoffte, Einen von den Meutern wieder zu er⸗ kennen. Er konnte ſich aber nicht erinnern, den Gefangenen je vorher geſehen zu haben, obgleich die Zuͤge deſſelben ausdruckvoll und auf⸗ fallend genug waren. Der Mann mit dem ziemlich braͤunlichen Geſichte war uͤber das reifere Mannesalter hin⸗ aus. Sein glatt gekaͤmmtes, ſehr kurz geſchnit⸗ tenes ſchwarzes Haar, war von Natur leicht gelockt, aber zum Theil ſchon ergraut. Seine Geſichtszuͤge verriethen eher Schelmerei, als Laſter, mehr eine Anlage zu feiner Liſt und Buͤberei, als die Spuren ſtuͤrmiſcher und un⸗ gebaͤndigter Leidenſchaften. Sein durchdringen⸗ 75 des, lebhaftes ſchwarzes Auge, ſeine ſcharfen Zuͤge, ſein ſpoͤttiſches Laͤcheln, ſeine hurtigen Antworten, und ſein freches Weſen, alles dieß gab ihm ein pfiffiges Ausſehen, das gewoͤhn⸗ lich einen Hang zur Buͤberei verraͤth. Haͤtte man ihn auf einem Jahrmarkte geſehen, ſo wuͤrde man, ihn auf den erſten Blick fuͤr einen, in allen Liſten ſeines Gewerbes eingeweihten, Roßkamm gehalten haben; Niemand aber, der ihm auf einer oͤden Heide begegnet waͤre, haͤtte Gewaltthaͤtigkeit von ihm befuͤrchtet. Auch ſein Anzug verrieth den Roßhaͤndler; ein enge zuge⸗ knoͤpfter Reitknechtrock mit großen Metalknoͤ⸗ pfen, grobe blaue Stiefelſtruͤmpfe, und ein her⸗ ab hangender Hut. Es fehlte nur die Reit⸗ peitſche unter dem Arme, und ein Sporn an einem Abſatze, ſo waͤre der Anzug fuͤr die Rolle, die er zu ſpielen ſchien, vollſtaͤndig geweſen. Ihr heißt Jakob Rateliffe? fragte der Rathsherr. Ja— wenn's Euer Hochedeln erlauben wollen. 3 Das heißt, Ihr koͤnntet einen andern Nah⸗ men finden, wenn mir dieſer nicht anſtaͤnde? 72. Zwanzig zum Ausleſen— wenn's Euer Hochedeln erlauben wollen. 8 Aber jetzt heißt Ihr Jakob Ratcliffe? Und euer Gewerbe? 4 Ich kann juſt nicht ſo recht ſagen, daß ich ein Gewerbe habe, was man eigentlich ein Ge⸗ werbe nennt. Aber wovon lebt Ihr denn? Womit be⸗ ſchaͤftigt Ihr Euch? O Hochedler Herr, daß wißt Ihr ja ſo gut, als ich, mit Erlaubniß zu ſagen. Gleichviel, aber Ihr ſelber muͤßt es mir angeben. Angeben? Und Euer Hochedeln? ſprach der Gefangene. Ei das ſei fern von Jakob Nateliffe! Keine Poſſen! Ich verlange Antwort. J nun denn, erwiederte der Gefangene: ſo muß ich mein Gewiſſen ſchon rein machen, denn ſeht, Hochedler Herr,— mit eurer Er⸗ laubniß— ich wuͤnſche Gunſt, zu finden. Mein Gewerbe angeben, ſagt Ihr? Wahrhaftig, das iſt an einem ſolchen Orte nicht gut thunlich. Aber— was ſagt denn das ſiebente Gebot? Du ſollſt nicht ſtehlen, erwiederte der Be⸗ amte. Wißt Ihr das gewiß? Nun, dann iſt mein Gewerbe mit dieſem Gebote ſehr in Streit; denn ich leſe es: Du ſollſt ſtehlen, und das macht einen großen Unterſchied, wenn auch nur ein winzig kleines Wort ausgelaſſen iſt. Die Sache kurz abzumachen, Ratcliffe, Ihr ſeid ein beruͤchtigter Dieb. Ich glaube, man weiß das im Hochland und im Niederland, und obendrein in England und Holland, ſprach Ratcliffe mit der groͤßten Faſſung und Frechheit. Und was, denkt Ihr, wird das Ende eines ſolchen Gewerbes ſein? hob der Beamte wie⸗ der an. Geſtern haͤtte ich Euch das recht huͤbſch er⸗ rathen koͤnnen, antwortete der Gefangene: aber heute weiß ich's nicht ſo gut zu ſagen. Und was wuͤrdet Ihr denn geſtern geſagt haben, wenn man Euch gefragt haͤtte, was euer Ende ſein ſollte? Der Galgen, erwiederte Ratcliff mit glei⸗ cher Faſſung. Ihr ſeid ein vermeſſener Schurke, ſprach 79 der Beamte. Und wie koͤnnt Ihr hoffen, daß es heute beſſer mit Euch ſtehe? Ei, Hochedler Herr, es iſt ein großer Un⸗ terſchied, wenn man als armer Suͤnder im Gefaͤngniſſe liegt, und wenn man aus freiem Willen darin bleibt, wo's einem nichts geko⸗ ſtet haͤtte, davon zu laufen. Was hinderte mich, ruhig hinaus zu gehen, als geſtern der Laͤrm mit dem Porteous los war? Und denkt Ihr denn, Hochedler Herr, ich waͤre mit Fleiß da geblieben, um mich haͤngen zu laſſen? Ich weiß nicht, was Ihr gewollt habt, er⸗ wiederte der Beamte: aber ich weiß, was das Geſetz will, das heißt, Ihr ſollt Mittwoche uͤber acht Tage gehaͤngt werden. Ei nein, Hochedler Herr, ſprach Ratcliſſe ſtandhaft: mit Euer Hochedeln Erlaubniß, das glaube ich nicht, bis ich's ſehe. Ich kenne die Gerechtigkeit ſchon eine huͤbſche Zeit, und hatte manchen boͤſen Tanz mit ihr, laͤngſt und kuͤrz⸗ lich; aber die alte Metze iſt nicht ſo ſchlimm, daß es ſo weit kaͤme, ich habe immer gefun⸗ den, ſie bellt aͤrger, als ſie beißt. Und wenn Ihr nun nicht den Galgen er⸗ wartet, wozu Ihr, meines Wiſſens, zum Vier⸗ 80 tenmahl verurtheilt ſeid, ſo ſagt mir doch, was erwartet Ihr denn dafuͤr, daß Ihr nicht mit den uͤbrigen Gefaͤngnißvoͤgeln ausgeflogen ſeid? Allerdings ließ ſich ſo etwas wenig vermuthen. Es waͤre mir keinen Augenblick in den Sinn gekommen, in dem oͤden, leeren alten Hauſe zu bleiben, wenn ich nicht aus langer Gewohn⸗ heit ganz verſeſſen darauf waͤre, und ich denke gerade darin einen Poſten zu kriegen. Einen Poſten? rief der Rathsherr. Ja, an eine Pfoſte gebunden und gegeißelt zu wer⸗ den, dazu koͤnnte es wohl kommen. Nein, nein, Hochedler Herr, an eine Pfoſte dachte ich nicht. Ich bin viermahl verurtheilt worden, am Galgen zu haͤngen, bis ich todt waͤre, und ich denke, die Geiſſel und ich ſind weit aus einander. Nun, um's Himmelswillen, was habt Ihr denn erwartet? Den Poſten des Unterſchließers, erwiederte der Gefangene. Ich hoͤre, der iſt offen. Den Dienſt des Haͤufchenmannes*) moͤchte ich juſt *) Lockman nennt man in Schottland den Henker, weil er vor Zeiten in allen Staͤdten das Recht 81 nicht begehren; die paßte nicht ſo gut fuͤr mich als fuͤr andre Leute, denn ich konnte mein Le⸗ belang kein Thier umbringen, viel weniger einen Menſchen. 3 Nun, das iſt etwas zu euren Gunſten, ſprach der Rathsherr, und machte gerade die Folgerung, wozu Ratcliffe ihn fuͤhren wollte, obgleich der Gefangene ſeine Liſt in erkuͤnſtelte Seltſamkeit verhuͤllt hatte. Aber— fuhr der Nathsherr fort: wie koͤnnt Ihr glauben, daß man Euch eine Stelle im Gefaͤngniſſe anver⸗ trauen wuͤrde, da Ihr ſchon aus der Haͤlfte aller Kerker in Schottland gebrochen ſeid? Mit Euer Hochedeln Erlaubniß, erwiederte Ratcliffe: wenn ich mich ſo gut darauf ver⸗ ſtehe, ſelber herauszukommen, ſo mag ich's wohl am Beßten verſtehen, wie man andre Leute darin behaͤlt. Wer mich halten wollte, wenn ich Luſt haͤtte, heraus zu gehen, der muͤßte pfifſig ſein, aber noch pfiffiger, wer heraus hatte, von jedem, auf den Markt gebrachten Malter Mehl ein Haͤufchen(ſchottiſch Lock) zu nehmen. In Edinburgh iſt dieſes Einkom⸗ men ſchon lange in Geld verwandelt worden. D. Verf. II. Theil 6 * wollte, wenn ich's mir vorgenommen haͤtte, ihn veſt zu halten. Dieſe Bemerkung ſchien dem Rathsherrn aufzufallen; aber er aͤußerte ſich nicht weiter, und gab Befehl, den Gefangenen hinaus zu fuͤhren. Als der verwegene, aber ſchlaue Freibeuter entfernt war, fragte der Rathsherr den Stadt⸗ ſchreiber, was er von des Burſchen Zuverſicht daͤchte. Ich darf daruͤber nichts beſtimmen, erwie⸗ derte der Stadtſchreiber, wenn aber Jakob Rat⸗ cliffe ſich zu beſſern geneigt waͤre, ſo kam nie ein Mann in's Stadtthor, der fuͤr die gute Stadt im Spitzbuben⸗ und Schließergeſchaͤfte ſo nuͤtzlich haͤtte ſein koͤnnen. Ich werde mit dem Herrn Sharpitlaw daruͤber ſprechen. Nach Ratcliffe's Entfernung wurde Butler zum Verhoͤr an den Tiſch geſtellt. Der Raths⸗ herr benahm ſich hoͤflich gegen ihn, aber auf eine Art, die ihm zu verſtehen gab, daß ein ſchwerer Verdacht auf ihm lag. Mit einer Frei⸗ muͤthigkeit, die ſeinem Berufe und ſeiner Ge⸗ muͤthsart angemeſſen war, geſtand Butler ſeine unfreiwillige Gegenwart bei der Ermordung des 33 Hauptmanns Porteous, und auf des Naths⸗ herrn Bitte gab er eine genaue, alle Einzelhei⸗ ten beruͤhrende Beſchreibung des ungluͤcklichen Vorfalles. Alle Umſtaͤnde, wie wir ſie erzaͤhlt haben, wurden von dem Stadtſchreiber nach Butlers Angabe aufgezeichnet. Als die Erzaͤhlung geendigt war, begann die ſchaͤrfere Befragung, die ſtets, ſelbſt fuͤr den aufrichtigſten Zeugen peinlich wird, da eine Ge⸗ ſchichte, zumahl wenn ſie mit ergreifenden und beunruhigenden Umſtaͤnden verbunden iſt, nicht ſo klar und deutlich erzaͤhlt werden kann, daß nicht durch eine Reihe auf einander folgender genauen Fragen ein zweideutiges und zweifel⸗ haftes Licht darauf geworfen werden koͤnnte. Der Rathsherr hob mit der Bemerkung an, Butler haͤtte angegeben, er waͤre Willens gewe⸗ ſen, nach Libberton zuruͤck zu kehren, aber vom Poͤbelſchwarm am Weſtthore aufgehalten worden. „Nehmt Ihr denn durch das Weſtthor gewoͤhn⸗ lich euern Weg, wenn Ihr aus der Stadt nach Libberton geht?“ fragte der Rathsherr ſpoͤttiſch. Keineswegs, erwiederte Butler, mit der Ha⸗ ſtigkeit, die den Wunſch verrieth, die Richtigkeit ſeiner Ausſage zu rechtfertigen. Ich war aber 6* zufaͤllig dieſem Thore naͤher, als einem andern, und die Thorſchlußzeit ſehr nahe. Das war ein Ungluͤck, ſprach der Rathsherr trocken. Aber wenn Ihr, wie Ihr ſagt, von dem geſetzloſen Haufen gezwungen und in Furcht geſetzt, und genoͤthigt wurdet, ihn zu Auftritten zu begleiten, die fuͤr jeden menſchlich geſinnten Mann unangenehm, und mit dem Predigerbe⸗ rufe beſonders unvertraͤglich ſind, ſo habt Ihr doch wohl Verſuche gemacht, Euch zu ſtraͤuben, zu widerſetzen, oder der Gewaltthaͤtigkeit zu ent⸗ gehen? Butler erwiederte, die große Anzahl der Meu⸗ ter haͤtte ihm den Verſuch zum Widerſtande, und ihre Wachſamkeit die Flucht unmoͤglich gemacht. Das war ein Ungluͤck, wiederhohlte der Raths⸗ herr, mit demſelben trocknen, die Zuſtimmung ver⸗ weigernden Ton und Benehmen. Mit Anſtand und Hoͤflichkeit, aber mit einem ſteifen Weſen, das ſeinen fortdauernden Argwohn verrieth, fuhr er fort, viele Fragen uͤber das Betragen des Poͤbels, das Benehmen und den Anzug der Raͤ⸗ delsfuͤhrer dem Gefangenen vorzulegen, und als er glaubte, er muͤßte Butlers Vorſicht, wenn dieſer ihn hintergehen wollte, einſchlaͤfern, ging 85 er ploͤtzlich und ſchlau auf fruͤhere Angaben in der Ausſage des Verhafteten zuruͤck, und verlangte eine wiederhohlte Aufzählung der Umſtaͤnde, wo⸗ bei er in die kleinſten und unbedeutendſten Punkte des ungluͤcklichen Ereigniſſes einging. Es zeigte ſich jedoch weder Verlegenheit, noch Widerſpruch, wodurch der Argwohn, den er gegen Butler zu hegen ſchien, haͤtte bekraͤftigt werden koͤnnen. Endlich kam er im Verfolg ſeiner Fragen auf Grete Wildfeuer, bei deren Nennung der Raths⸗ herr und der Stadtſchreiber ſich bedeutſame Blicke zuwarfen. Seine Fragen haͤtten nicht umſtaͤnd⸗ licher ſein koͤnnen, wenn das Schickſal der guten Stadt davon abgehangen haͤtte, daß ihr ſorgſa⸗ mer Beamter mit den Zuͤgen und der Kleidung jener Frau ſich bekannt machte. Butler aber wußte faſt gar nichts uͤber ihr Geſicht zu ſagen, das dem Anſehn nach mit rother Farbe und Ruß verſtellt geweſen war, wie bei einem Indianer, der in die Schlacht geht, und uͤberdieß hatte eine weit vorſtehende Haube, die das Haar des ver⸗ meintlichen Weibes bedeckte, ihre Zuͤge beſchattet. Nach ſeiner Erklaͤrung glaubte er, dieſe Grete Wildfeuer, wenn ſie in einer andern Kleidung vor ihm ſtaͤnde, nicht wieder zu erkennen, wohl 86 aber meinte er, ihre Stimme unterſcheiden zu koͤnnen. Der Rathsherr fragte ihn noch einmahl, durch welches Thor er aus der Stadt gegangen waͤre. Durch das Cowgate⸗Thor, erwiederte Butler⸗ War das der naͤchſte Weg nach Libberton? Nein, antwortete Butler verlegen: aber es war der naͤchſte Weg, mich von dem Poͤbel⸗ ſchwarme loszumachen. Der Stadtſchreiber und der Rathaherr ſahen ſich wieder an. 1 Geht man vom Grasmarkt durch das Cow⸗ gate⸗Thor naͤher nach Libberton, als durch das Briſto⸗Thor? Nein, erwiederte Butler: aber ich hatte einen Freund zu beſuchen. So? fuhr der Frager fort. Ihr waret wohl eilig, ihm zu ſagen, was fuͤr einen Anblick Ihr gehabt hattet? Keineswegs, antwortete Butler: und ich ſprach gar nicht von der Sache, ſo lange ich in Leonhardfels war. Was fuͤr einen Weg nahmt Ihr nach Leon⸗ hardfels? 87 Am Fuße des Salisbury⸗Felſen, war die Antwort. So? Ihr ſcheint eine Vorliebe fuͤr Umwege zu haben. Wen ſahet Ihr, als Ihr aus der Stadt waret? Der Rathsherr erhielt nach und nach eine Beſchreibung aller Gruppen, welchen Butler, wie wir berichtet haben, begegnet war, ſo wie ihrer Anzahl, ihres Benehmens und ihres Aeußern, und endlich kam er bis zu dem geheimnißvollen Fremden in Koͤnigspark. Butler haͤtte uͤber die⸗ ſen Umſtand gern Stillſchweigen beobachtet, aber kaum hatte der Rathsherr einen leiſen Wink uͤber dieſen Vorfall erhalten, als er den Wunſch ver⸗ rieth, auf das Genauſte davon unterrichtet zu ſein. Seht, Herr Butler, ſprach er, Ihr ſeid ein junger Mann und habt den beßten Ruf, ſo viel will ich gern fuͤr Euch bezeugen. Wir wiſſen aber, daß ſich zu Zeiten bei einigen, ſonſt unbe⸗ ſcholtenen Leuten eures Standes ein falſcher und wilder Eifer gezeigt hat, der ſie verleitete, große Unordnungen zu begehen und zu beſchuͤtzen, wo⸗ durch der Landfriede leicht geſtoͤrt werden kann. Ich will offen gegen Euch ſein. Ich bin gar nicht zufrieden mit dieſer Geſchichte von eurem 9 88 Aufbrechen und Wiederaufbrechen, um auf zwei verſchiedenen Wegen, die beide Umwege waren, euern Wohnort zu erreichen. Und, aufrichtig geſprochen, Niemand von den Leuten, die wir uͤber dieſes ungluͤckliche Ereigniß befragt haben, wußte etwas anzugeben, woraus hervor gegan⸗ gen waͤre, daß Ihr nur gezwungen haͤttet An⸗ theil nehmen muͤſſen. Die Thorwaͤrter am Coy⸗ gate⸗Thore bemerkten uͤberdieß in eurem Be⸗ nehmen etwas, das der Angſt eines Schuldigen glich, und ſie erklaͤrten, Ihr waͤret der Erſte ge⸗ weſen, der ihnen den Befehl zum Oeffnen des Thores gegeben haͤtte, und zwar in einem gebie⸗ teriſchen Tone, als wenn Ihr noch den Befehl uͤber die Wachen und Außenpoſten des Poͤbels gehabt haͤttet, wovon ſie die ganze Nacht hin⸗ durch belagert geweſen waren. Gott verzeihe es ihnen, ſprach Butler. Ich verlangte nichts als freien Ausgang fuͤr mich, und ſie muͤſſen mich ſehr verkannt haben, wenn ſie mich nicht vorſätzlich haben mißdeuten wollen. Gut, Herr Butler, hob der Rathsherr wie⸗ der an: ich will gern das Beßte von Euch halten und das Beßte hoffen, wie ich gewiß auch das Beßte wuͤnſche; aber Ihr muͤßt aufrichtig gegen 4 89 mich ſein, wenn Ihr meine gute Meinung ge⸗ winnen wollt, Ihr muͤßt die Gefahr vermindern, Euch in Nachtheil zu bringen. Ihr habt einge⸗ ſtanden, daß Ihr auf dem Wege durch den Koͤ⸗ nigspark nach Leonhardfels noch Jemanden ge⸗ ſehen habt; ich muß jedes Wort wiſſen, das da⸗ bei gewechſelt worden iſt. Als ſich Butler auf dieſe Weiſe gedraͤngt ſah, hielt er es fuͤr das Beßte, den ganzen Vorfall von Anfang bis zu Ende zu erzaͤhlen, da bloß der Umſtand, daß Johanna Deans darein ver⸗ wickelt war, ihn abgehalten hatte, die Sache zu verheimlichen. 4 Glaubt Ihr, ſprach der Rathsherr nach einer Pauſe: daß das Maͤdchen eine ſo geheimnißvolle Einladung annehmen werde? Ich fuͤrchte es, erwiederte Butler. Warum fuͤrchtet Ihr es? hob der Raths⸗ herr wieder an. Weil ich fuͤr ihre Sicherheit beſorgt bin, wenn ſie zu einer ſolchen Zeit und an einem ſolchen Orte mit einem Manne zuſammen kommt, der das Anſehen eines Tollkopfes hatte, und deſſen Bot⸗ ſchaft ſo unerklaͤrbar war. Fuͤr ihre Sicherheit ſoll geſorgt werden, ſprach 90 der Rathsherr. Ich bedaure, Herr Butler, daß ich Euch nicht ſogleich frei laſſen kann, aber ich hoffe, eure Haft ſoll nicht lange dauern.— Bringt Herrn Butler hinaus, und ſeht darauf, daß er mit Allem anſtaͤndig verſorgt wird. Butler ward in das Gefaͤngniß zuruͤck gefuͤhrt; aber ſowohl bei den Erfriſchungen, die man ihm anbot, als bei der Einrichtung der Wohnung, die man ihm anwies, wurde die Empfehlung des Nathsherrn puͤnktlich befolgt. — IV. Es war eine dunkle, bange Nacht, — Und einſam war der Pfad, Als mit gruͤnem Mantel angethan, Schoͤn Hannchen ihn betrat. Altes Lied. Butler mag den unbehaglichen Gedanken ſich äͤberlaſſen, die ſeine neue Lage in ihm hervorru⸗ fen mußte, und worunter das Gefuͤhl vorherrſchte, daß es ſeine Verhaftung unmoͤglich machte, den Bewohnern von Leonhardfels in ihren groͤßten Bedraͤngniſſen beizuſtehen; wir aber kehren zu. Johanna Deans zuruͤck, die ihn hatte ſcheiden ſehen, ohne eine Gelegenheit zu weiterer Erklaͤ⸗ rung zu finden, und nun alle Seelenqual fuͤhlte, womit das weibliche Herz jenen verwickelten Re⸗ gungen Lebewohl ſagt, die Coleridge ſo treffend ſchildert: X 92 Hoffnung, und Furcht, die Hoffnung gibt, Wo wild ſich's draͤngt und gährt; Und holde Wuͤnſche, lang' erſtickt— Erſtickt und lang genaͤhrt. Auch das ſtandhafteſte Herz— und unter Johanna's baͤuriſchem Mantel ſchlug ein Herz, das Cato's Tochter keine Schande gemacht ha⸗ ben wuͤrde— kann nicht leicht von jenen ſuͤßen und gemiſchten Regungen ſcheiden. Sie weinte einige Minuten bitterlich, und ohne daß ſie ver⸗ ſucht haͤtte, ihre lebhafte Bewegung zu unterdruͤ⸗ cken; aber nach kurzer Beſinnung machte ſie ſich einen Vorwurf daruͤber, daß ſie einen eigennuͤtzi⸗ gen Kummer hegte, waͤhrend ihr Vated und ihre Scheweſſter ſo tief und unrettbar in Betruͤbniß ver⸗ ſunken waren. Sie zog aus der Taſche den Brief hervor, der am Morgen dieſes Tages in das of⸗ fene Fenſter ihres Gemaches war geworfen wor⸗ den, und deſſen Inhalt ſo ſeltſam, als der Aus⸗ druck leidenſchaftlich und kraͤftig war. Wenn ſie einen Menſchen von der verdammlichſten Schuld und deren ſchrecklichen Folgen retten, wenn ſie das Leben und die Ehre ihrer Schweſter vor den blutigen Klauen eines ungerechten Geſetzes ſchuͤ⸗ tzen wollte, wenn ſie wuͤnſchte, die Ruhe der 93 Seele hienieden und die Gluͤckſeligkeit im andern Leben nicht zu verwirken— dieß waren die wahn⸗ ſinnigen Worte der Beſchwoͤrung— ſo ſollte ſie die Bitte gewaͤhren, dem Schreiber des Briefes eine ſichere, geheime und einſame Zuſammenkunft zu geben. Sie allein— fuhr der Brief fort— koͤnnte ihn, und er allein ſie erloͤſen. Er befaͤnde ſich in einer ſolchen Lage, ſagte der Brief weiter: daß ein Verſuch, einen Zeugen zu der Zuſam⸗ menkunft mitzubringen, oder ihrem Vater, oder ſonſt Jemanden Nachricht von dem ſchriftlichen Geſuche zu geben, die Zuſammenkunft unver⸗ meidlich verhindern, und das Verderben ihrer Schweſter herbei fuͤhren werde. Der Brief ſchloß mit unzuſammenhangenden, aber heftigen Be⸗ theurungen, daß ſie bei Befolgung der Auffoder⸗ ung nichts fuͤr ihre Sicherheit zu befuͤrchten haͤtte. Die Botſchaft, die Butler von dem Frem⸗ den im Park ihr brachte, paßte voͤllig zu dem Inhalte des Briefes und beſtimmte nur eine ſpaͤtere Stunde und einen andern Ort der Zu⸗ ſammenkunft. Der Schreiber des Briefes hatte ſſiich ohne Zweifel gezwungen geſehen, den Schul⸗ meiſter in ſo fern zum Vertrauten zu machen, als es nothwendig war, um Johanna von dieſer 91 4 Veraͤnderung Nachricht zu geben. Sie war mehr als einmahl in Verſuchung gerathen, den Brief zu zeigen, um ſich gegen den halb angedeuteten Argwohn ihres Geliebten zu rechtfertigen; aber nicht immer kann der Stolz der Unſchuld es er⸗ tragen, ſich zu einer Rechtfertigung herab zu laſſen, und uͤberdieß fielen die Drohungen, welche der Brief gegen einen Verrath des Geheimniſſes ausſprach, ihr ſchwer auf das Herz. Sie wuͤrde jedoch wahrſcheinlich, wenn ſie laͤnger beiſammen geblieben waͤren, ſich entſchloſſen haben, die ganze Sache ihrem Freunde zu eroͤffnen, und ſich in ihrem Benehmen von ſeinem Rathe leiten zu laſ⸗ ſen. Als ſie durch die ploͤtzliche Stoͤrung des Geſpraͤches die Gelegenheit dazu verlor, ſchien ihr Gefuͤhl ihr zu ſagen, ſie waͤre ungerecht ge⸗ gen einen Freund geweſen, deſſen Rath ihr ſehr nuͤtzlich haͤtte ſein koͤnnen, und deſſen Zu⸗ neigung ihr volles unbeſchraͤnktes Vertrauen ver⸗ diente. Sdie hielt es fuͤr hoͤchſt unvorſichtig, ſich bei dieſer Gelegenheit an ihren Vater zu wenden. Es ließ ſich gar nicht vermuthen, in welchem Lichte die Sache dem alten David erſcheinen koͤnnte, da ſeine Handelweiſe und Denkart in 95 außergewoͤhnlichen Umſtaͤnden, von Gefuͤhlen und Grundſaͤtzen abhingen, die ihm eigen waren, und deren Wirkung ſelbſt Diejenigen, die ihn ſehr gut kannten, nicht zu berechnen vermochten⸗ Das beßte Mittel waͤre vielleicht geweſen, wenn ſie eine Freundinn gebeten haͤtte, mit ihr an den Ort der Zuſammenkunft zu gehen; aber die Droh⸗ ung des Briefſchreibers, daß ſie durch den Ver⸗ rath ſeines Geheimniſſes die Zuſammenkunft ver⸗ eiteln werde, wovon ihrer Schweſter Rettung abhangen ſollte, wuͤrde von einer ſolchen vertrau⸗ lichen Eroͤffnung abgeſchreckt haben, ſelbſt wenn ihr Jemand bekannt geweſen waͤre, dem ſie ſich haͤtte anvertrauen koͤnnen, was jedoch nicht der Fall war. Sie und ihr Vater hatten mit den Bewohnern der umliegenden Huͤtten nur eine ge⸗ ringe Bekanntſchaft unrerhalten, die ſich bloß auf unbedeutende Beweiſe nachbarlicher Gefaͤlligkeit beſchraͤnkte. Johanna wußte nur wenig von ih⸗ nen, und was ſie wußte, machte ſie nicht ſehr geneigt, Einem von ihnen zu vertrauen. Die Leute gehoͤrten zu den redſeligen, gutmuͤthigen Klatſchen, die man gewoͤhnlich unter Menſchen dieſes Standes findet, und der Umgang mit ih⸗ nen hatte immer wenig Reiz fuͤr ein Maͤdchen, 96 dem die Natur und die, mit einem einſamen Leben verbundenen Umſtaͤnde eine Gedankentiefe und eine kraͤftige Gemuͤthsart gegeben hatten, wodurch ſie ſich uͤber den unbedeutendern Theil ihres Geſchlechts, in hoͤhern wie in niedern Staͤn⸗ den, hoch erhob. Allein und abgeſchieden von allem irdiſchen Rathe, wandte ſie ſich zu einem Freunde und Rathgeber, deſſen Ohr ſich dem Rufe der Aerm⸗ ſten und Betruͤbteſten unter ſeinem Volke oͤffnet. Sie kniete nieder, und betete mit inbruͤnſtiger Aufrichtigkeit, daß Gott ihr den Weg anweiſen wollte, dem ſie in ihrer ſchwierigen und bedraͤng⸗ ten Lage folgen muͤßte. Es war die Meinung jener Zeit, und der Glaubenspartei, wozu ſie gehoͤrte, daß beſondre Antworten auf Gebete, in der That nicht viel weniger als goͤttliche Offen⸗ barungen, dem Gemuͤthe zugefuͤhrt wuͤrden, wie man's nannte, bei ernſtlichem Flehen in ſchwie⸗ rigen Lagen. Ohne ſich in die Tiefen der Got⸗ tesgelehrtheit zu verlieren, ſieht man ſo viel ein, daß Derjenige, der ſeine Zweifel und Bekuͤmmer⸗ niſſe innig und aufrichtig im Gebete ausſpricht, nothwendig waͤhrend dieſer Handlung ſein Ge⸗ muͤth von den Schlacken irdiſcher Leidenſchaften 97 und Angelegenheiten reinigt, und es in jenen Zuſtand bringt, wo die gefaßten Entſchluͤſſe wahr⸗ ſcheinlich eher aus Pflichtgefuͤhl, als aus einem ge⸗ ringern Beweggrunde hervor gehen. Johanna's Herz ward in ihrer andaͤchtigen Erhebung geſtaͤrkt zur Ertragung der Truͤbſal, und ermuthigt, Schwierigkeiten entgegen zu treten.„Ich will dieſen ungluͤcklichen Mann ſehen, ſprach ſie zu ſich ſelber. Ungluͤcklich muß er ſein, denn er iſt gewiß Schuld am Ungluͤcke der armen Effie; aber ich will ihn ſehen, mag Gutes, oder Boͤſes daraus erfolgen. Ich will mir nie den Vorwurf machen, daß ich aus Furcht vor etwas, das man von mir ſagen, oder mir thun koͤnnte, ein Mittel nicht verſucht haͤtte, das auch jetzt wohl noch zu ihrer Rettung fuͤhren moͤchte.“ Als dieſer Entſchluß ihrem Gemuͤthe viel ru⸗ hige Faſſung gegeben hatte, ging ſie zu ihrem Vater. Der alte Mann, veſt in den Grund⸗ ſaͤtzen ſeiner Jugend, ließ, wenigſtens dem aͤu⸗ ßern Anſcheine nach, durch keinen Gedanken an ſeine haͤusliche Noth die kalte Zuruͤckhaltung in ſeinen Zuͤgen und in ſeinem Benehmen ſtoͤren. Er verwies es ſogar ſeiner Tochter, daß ſie bei den Bekuͤmmerniſſen, wovon ſie an dieſem Mor⸗ Theil. 7 6 7 98 gen war bebvegt worden, einige haͤusliche Pflich⸗ ten vernachlaͤßigt hatte, die zu ihren Geſchaͤften gehoͤrten.„Nun, was iſt das, Johanna? ſprach er. Die Milch von der jungen Kuh iſt noch nicht geſeiht, und die Gelten ſind noch nicht wie⸗ der auf's Bret geſtellt. Wenn Du deine welt⸗ lichen Pflichten am Tage der Truͤbſal verſaͤumeſt, wie kann ich darauf rechnen, daß Du an die wichtigern Angelegenheiten deines Seelenheiles gedenkeſt? Gott weiß es, unſre Gelten und un⸗ ſre Toͤpfchen und unſre Milchtropfen, und unſer Bischen Brod, das alles iſt uns naͤher und lie⸗ ber, als das Brod des Lebens.“ Johanna hoͤrte es nicht ungern, daß ſich ih⸗ res Vaters Gedanken aus dem Kreiſe ſeiner naͤch⸗ ſten Bekuͤmmerniſſe verloren. Sie gehorchte ihm, und ging daran, ihre wirthſchaftlichen Angelegen⸗ heiten in Ordnung zu bringen, waͤhrend der alte David ſich hin und her bewegte, um ſeine gewoͤhnli⸗ chen Geſchaͤfte zu beſorgen, wobei er kaum anders, als durch eine aͤngſtliche Abneigung, lange an einem Orte zu bleiben, oder zuweilen durch einen krampfhaften Seufzer, durch eine zitternde Au⸗ genbewegung, es verrieth, daß er unter der Laſt ſo bitterer Truͤbſal lag. 99 Die Mittagſtunde kam, und der Vater ſetzte ſich mit ſeiner Tochter zu dem laͤndlichen Mahle, Seinem Tiſchgebete fuͤgte der arme Alte die Bitte hinzu, es moͤchte das Brod, in der Stunde des Kummers gegeſſen, und das Waſſer von Merom ſo naͤhrend werden, als alles, was aus einem vollen Becher und aus gefuͤllten Koͤrben und reich⸗ lichen Vorraͤthen zufließen koͤnnte, und ſo bald er den Segen geſprochen und die ehrerbietig nie⸗ dergelegte Muͤtze wieder aufgeſetzt hatte, ermahnte er ſeine Tochter, wenn auch freilich nicht durch ſein Beiſpiel, doch wenigſtens durch ſeine Auffo⸗ derung, Speiſe zu ſich zu nehmen.„Der Mann nach Gottes Herzen, ſprach er: wuſch und ſalbte ſich, und aß ſein Brod, um ſeine Unterwerfung unter des Himmels harte Schickungen zu zeigen, und es ziemt nicht einem Chriſten, oder einer Chriſtinn, ſich ſo ſehr an die irdiſchen Labſale zu hangen, die Weib, oder Kinder geben, daß daruͤber die erſte Pflicht, die Unterwerfung unter den goͤttlichen Willen, vergeſſen wuͤrde.“ Er nahm einen Biſſen von ſeinem Teller, um ſeiner Ermahnung Nachdruck zu geben; aber die Natur war zu ſtark, ſelbſt fuͤr die kraͤftigen Gefuͤhle, womit er ſie zu zaͤhmen ſuchte. Be⸗ „* 7 100 ſchaͤmt uͤber ſeine Schwuͤche, ſprang er auf, und eilte aus dem Hauſe mit einer Haſtigkeit, die der Bedaͤchtigkeit ſeiner gewoͤhnlichen Bewegungen ſehr unaͤhnlich war. In weniger als fuͤnf Mi⸗ nuten kam er zuͤruͤck, da er gluͤcklich gerungen hatte, ſeinem Gemuͤthe und ſeinen Zuͤgen die gewoͤhnliche Faſſung wieder zu geben, und er ſuchte ſeine Entfernung zu beſchoͤnigen, indem er murmelte, es waͤre ihm vorgekommen, als ob das Fuͤllen im Stalle los waͤre. Er wagte es nicht, die fruͤhere Unterhaltung wieder zu eroͤffnen, und ſeiner Tochter war es lieb, daß er einen ſo erſchuͤtternden Gegenſtand ver⸗ meiden zu wollen ſchien. Die Stunden gingen voruͤber, wie es geſchehen muß und geſchieht, fie moͤgen von Freude befluͤgelt, oder mit Truͤbſal beladen ſein. Die Sonne war hinter die hoch⸗ ragenden dunkeln Zinnen des Schloſſes und den Schiem der weſtlichen Huͤgel geſunken, als durch die anbrechende Daͤmmerung, Vater und Tochter an die haͤuslichen Abendgeſchaͤfte gemahnt wurden. In Johanna's Seele erwachte die ſchmerzliche Erinnerung, wie oft ſie, wenn die Zeit der Abendandacht heranruͤckte, die verlaͤngerten Schatten beobachtet, und aus der Thuͤre geſehen 101 hatte, ob ſie die heimkehrende Schweſter erſpaͤ⸗ hen koͤnnte. Ach zu welchem Ungluͤcke hatte die⸗ ſe muͤſſige und unbedachtſame Zeitverſchwendung gefuͤhrt! War denn auch ſie ganz vorwurflos, da ſie Effie's Hang zu unnüͤtzem und leichtſinnigem Umgange bemerkt und doch nicht ihres Vaters An⸗ ſehen aufgerufen hatte, ihr Einhalt zu thun? „Aber ich handelte in der beßten Abſicht, dachte ſie dann: und wer haͤtte denken koͤnnen, daß aus einem einzigen Stuͤckchen menſchlichen Sau⸗ erteigs eine ſolche Flut von Ungluͤck kommen follte, bei einem ſo freundlichen, aufrichtigen und edeln Gemuͤthe?“ Bei der Andachtuͤbung ſtand zufaͤllig ein Stuhl auf dem Platze, wo Euphemia gewoͤhnlich ſaß. David ſah Johanna's Augen in Thraͤnen ſchwimmen, als ſie ihre Blicke dahin richtete, und er ſchob faſt unmuthig den Stuhl auf die Seite, als haͤtte er jedes irdiſche Andenken zerſtoͤren wollen, in dem Augenblicke, wo er ſich zu der Gottheit zu wenden im Begriff war. Die Abtheilung der Schrift wurde geleſen, der Pſalm geſungen, das Gebet geſprochen, und es war bemerkenswerth, daß oer alte Mann, bei der Erfuͤllung dieſer from⸗ men Pflichten, alle in der Schrift ſo haͤufig vorkom⸗ 102 menden Stellen und Ausdruͤcke vermied, die auf ſeine haͤuslichen Leiden ſich anwenden ließen. Es war dabei vielleicht ſeine Abſicht, ſowohl die Ge⸗ fühle ſeiner Tochter zu ſchonen, als auch, we⸗ nigſtens im Aeußern, jenen Anſchein von Unem⸗ pfindlichkeit gegen alle Erdenleiden zu bewah⸗ ren, die nach ſeiner Meinung zum Weſen eines Menſchen gehoͤrte, welcher alle irdiſche Din⸗ ge nach ihrer Nichtigkeit richtig zu ſchaͤtzen weiß. Als er das Abendgebet geendigt hatte, trat er zu ſeiner Tochter, wuͤnſchte ihr gute Nacht, und hielt dann ihre Hand noch einige Augenblicke um⸗ ſchloſſen, worauf er ſie zu ſich zog, ihre Stirne kuͤßte, und ausrief:„Der Gott Iſraels ſegne Dich, und mit dem Segen der Verheißung, mein liebes Kind!“ Es lag nicht in David's Weſen, oder Ge⸗ wohnheit, ſich als einen zaͤrtlichen Vater zu zei⸗ gen, und man hatte ſelten geſehen, daß er jene Fuͤlle des Herzens, die ſich in zaͤrtlichen Aus⸗ druͤcken, oder Liebkoſungen ergießt, ſelbſt gegen ſeine Theuerſten empfunden, oder wenigſtens ge⸗ zeigt haͤtte. Er tadelte dieß vielmehr gewoͤhnlich, als eine gewiſſe Schwaͤche, bei mehren Nachbarn, und beſonders bei der armen Witwe Butler. Je 103 ſeltner ſolche Regungen in dem entſagenden und zuruͤckhaltenden Manne ſich zeigten, deſto wichti⸗ ger und feierlicher waren ſeinen Kindern dieſe zufaͤlligen Aeußerungen ſeiner Zuneigung und Billigung, weil ſie darin Beweiſe von Gefuͤhlen erkannten, die nur dann ausgeſprochen wurden, wenn die Unterdruͤckung, oder Verhehlung derſel⸗ ben nicht mehr gelingen wollte. Mit tiefer Ruͤhrung gab er dieſen Qegen und ſeine vaͤterlichen Liebkoſungen, die ſeine Tochter eben ſo geruͤhrt empfing.„Und Du, mein lieber Vater— ſprach Johanna, als der ehrwuͤrdige Alte die Thuͤre hinter ſich geſchloſſen hatte: moͤgeſt Du der erkauften und verheißenen Segnungen viele erlangen! Du wandelſt in dieſer Welt, als ob Du nicht zur Welt gehoͤrteſt, und achteſt alles, was ſie geben, oder hinweg nehmen kann, nur fuͤr Muͤcken, die der Son⸗ nenblick hervorruft und der Abendwind verweht.“ Sie machte nun Vorbereitungen zur naͤchtli⸗ chen Wanderung. Ihr Vater ſchlief in einem andern Theile des Hauſes, und regelmaͤßig in allen ſeinen Gewohnheiten, verließ er ſelten, oder nie ſein Gemach, wenn er Abends einmahl hin⸗ ein gegangen war. Es war ihr daher leicht, das 104 Haus unbeobachtet zu verlaſſen, als die Stunde der Zuſammenkunft heran ruͤckte; aber der Schritt, den ſie thun wollte, war an ſich ſchwie⸗ rig und erſchreckend, obgleich ſie keine Urſache hatte, ihres Vaters Einmiſchung zu fuͤrchten. Sie hatte ihr Leben in der ruhigen, einfoͤrmigen und regelmaͤßigen Abgeſchiedenheit ihres friedli⸗ chen Hauſes zugebracht. Die Stunde, welche manche Maͤdchen unſrer Tage, ſowohl von Jo⸗ hanna's Stande, als von hoͤherem Range, fuͤr eine paſſende Zeit zum Anfange eines frohen Abends halten wuͤrden, hatte fuͤr unſer Land⸗ maͤdchen etwas Furchtbares und Feierliches, und der gefaßte Entſchluß war ſo ſeltſam, kuͤhn und waglich, daß ſie ſich kaum damit verſoͤhnen konn⸗ te, als der Augenblick ſich naͤherte, wo er ausge⸗ fuͤhrt werden ſollte. Ihre Haͤnde zitterten, waͤh⸗ rend ſie die Flechten ihres ſchoͤnen Haares unter das Band ſchob, das zu jener Zeit der einzige Kopf⸗ putz der Jungfrauen war, und den Schleier von ſcharlachrothem gewuͤrfelten Zeuge zurecht legte, den die Schottlaͤnderinnen ungefaͤhr wie den ſchwar⸗ zen ſeidnen Schleier trugen, der noch immer zum weiblichen Anzuge in den Niederlanden gehoͤrt. Es regte ſich in ihr das Gefuͤhl, daß ſie unſchick⸗ 105 lich handelte und ſich einer Gefahr ausſetzte, als ſie die Thuͤrelinke des väͤterlichen Hauſes aufhob, um ein ſo unbeſonnenes Unternehmen zu ſo ſpaͤ⸗ ter Stunde, ſchutzlos und ohne Vorwiſſen ihres natuͤrlichen Vormundes, zu wagen. Sie war nun in freiem Felde und neue Be⸗ ſorgniſſe beſtuͤrmten ſie. Die dunkeln Klippen und die zerſtreuten Felfen, zwiſchen welchen gruͤ⸗ ne Raſen ſich hinzogen, daͤmm erten in der hellen Herbſtnacht vor ihr auf dem Wege zu dem Orte der Zuſam menkunft und erinnerten ſie an man⸗ che Gewaltthat, welche nach der Ueberlieferung, in dieſer Gegend ausgeuͤbt und erlitten worden war. In fruͤhern Zeiten war hier die Zuflucht von Raͤubern und Moͤrdern gewefen, an deren Verbrechen die Verordnungen erinnern, die der Stadtrath und ſelbſt das ſchottiſche Parliament erließen, um die Rotten zu zerſtreuen und die Si⸗ cherheit der Unterthanen in der Naͤhe der Stadt zu ſchuͤtzen. Die Nahmen dieſer Verbrecher und ihre Graͤuelthaten lebten noch in den Ueberliefe⸗ rungen, die man ſich in den zerſtreuten Huͤtten und in der Vorſtadt erzaͤhlte. In ſpaͤtern Zeiten war die abgelegene und unebene Gegend, wie wir bereits erwaͤhnt haben, ein paſſender Schauplatz 166 der Zweikaͤmpfe und Handel der jaͤhzornigen Juͤnglinge jener Zeit. Zwei bis drei blutige Vor⸗ faͤlle der Art, wovon einer ein toͤdliches Ende nahm, hatten ſich ereignet, ſeit Deans in Leon⸗ hardfels wohnte. Blutige und ſchreckende Erinn⸗ erungen begleiteten ſeine Tochter, als ſie den ſchmalen kaum gebahnten Pfad verfolgte, wo ſie bei jedem Schritte ſich mehr von aller Hilfe ent⸗ fernte, und tiefer in die Ungluͤck drohende Abge⸗ ſchiedenheit des unheiligen Bezirkes kam. Als der Mond ein ungewiſſes bewegliches Licht auf den Schauplatz goß, wurde Johanna von andern Beſorgniſſen ergriffen, die ihrem Stande und ihrer Heimath ſo eigen waren, daß wir uͤber den Urſprung derſelben mehr ſagen muͤſſen. — — V. Der Geiſt, den ich geſehn, Kann wohl der Teufel ſein, und er hat Macht, In freundlicher Geſtalt uns zu erſcheinen. Hamlet. An Zauberei und Teufelskuͤnſte glaubten zu je⸗ ner Zeit, wie wir bereits bemerkt haben, faſt alle Staͤnde, zumahl die ſtrengern Presbyteria⸗ ner, welche, als ſie die Herrſchaft beſaßen, ſich durch ihren Eifer in der Unterſuchung und Be⸗ ſtrafung dieſer eingebildeten Verbrechen ſehr ent⸗ wuͤrdigt hatten. Auch in dieſer Hinſicht war Leonhardfels und das nachbarliche Gehaͤge eine gefüͤrchtete und verrufene Gegend. Hexen hatten hier ihre Zuſammenkuͤnfte gehalten, und ein Schwaͤrmer, oder Betruͤger, deſen Barter in ſeiner Geiſterwelt*) erwaͤhnt, hatte erſt vor we⸗ nigen Jahren in der Abgeſchiedenheit dieſer wil⸗ den Felſen den Weg in den verborgenen Zuflucht⸗ ») The world of Spirits. 108 ort gefunden, wo die Feen im Schoße der Erde ihre Gelage halten. 3 Mit allen dieſen Sagen war Johanna ſo genau bekannt, daß der lebhafte Eindruck, den ſie gewoͤhnlich auf die Seele machen, auch bei ihr nicht ausblieb. Seit ihrer Kindheit hatte ſie Geiſtergeſchichten erzaͤhlen hoͤren, welche in ihres Vaters Unterhaltung die Verhandlungen uͤber Streitfragen, oder die duͤſtern Geſchichten von Kaͤmpfen, Zeugniſſen, Entrinnungen, Verhaf⸗ tungen, Folterungen und Hinrichtungen jener Maͤrterer des Glaubensbundes, mit deren Be⸗ kanntſchaft er ſich ſo gern ruͤhmte, zuweilen ab⸗ oͤſten. In den Schlupfwinkeln der Gebirge, in Hoͤhlen und Mooren, wo man jene verfolg⸗ ten Schwaͤrmer ſo erbarmunglos bedraͤngte, glaub⸗ ten ſie oft gegen die ſichtbaren Angriffe des Fein⸗ des der Menſchheit zu kaͤmpfen, wie ſie in den Staͤdten und angebauten Gegenden den Verfol⸗ gungen der harten Machthaber und ihrer Kriegs⸗ knechte ausgeſetzt waren. Von ſolchen Schreck⸗ niſſen bewegt, rief einer ihrer begabten Seher, als ſeine Gefaͤhrten, die ihn in einer Spukhoͤhle in Galloway allein gelaſſen hatten, wieder zu ihm kamen;„Ein ſchweres Leben hat man in 1⁰9 dieſer Welk— eingefleiſchte Teufel auf der Erde, und Teufel unter der Erde! Satan iſt hier gewe⸗ ſen, ſeit Ihr weg waret; aber ich habe ihn durch Widerſtand verjagt, und er wird uns dieſe Nacht nicht mehr quaͤlen.“ David Deans glaubte dieß und viele andre aͤhnliche Geſchichten von ſiegreichen Kaͤmpfen mit Geiſtern. Er pflegte mit einer Regung von Furcht, aber nicht ohne das ſtolze Gefuͤhl der Ueberlegenheit uͤber ſeine Zuhoͤrer zu erzaͤhlen, er waͤre ſelber bei einer Verſammlung im freien Felde zu Crochmade zugegen geweſen, als die Andacht⸗ uͤbung durch die Erſcheinung eines langen ſchwar⸗ zen Mannes waͤre geſtoͤrt worden, welchen in dem Augenblicke, wo er durch die Fuhrt ſetzen wollte, um zur Verſammlung zu kommen, die Gewalt des Stromes fortgeriſſen haͤtte. Alle waren als⸗ bald bereit, ihm beizuſtehen, aber mit ſo gerin⸗ gem Erfolge, daß zehn bis zwoͤlf ruͤſtige Maͤnner⸗ die den Strick hielten, den ſie ihm hilfreich zuge⸗ worfen hatten, eher in Gefahr geriethen, ſelber in den Strom geriſſen zu werden, und umzu⸗ kommen, als den vermeinten Ertrinkenden zu retten.„Aber der beruͤhmte Semple von Cars⸗ phaire, pflegte David freudig hinzu zu ſebzen: 110 merkte etwas am Stricke. Laßt den Strick los! rief er uns zu— ich war noch ein Junge und hielt den Strick auch— es iſt der boͤſe Feind, er wird verbrennen, aber nicht ertrinken; er hat die Abſicht, das gute Werk zu ſtoͤren, darum will er eure Seelen in Erſtaunen und Verwirrung ſetzen, und alles, was Ihr gehoͤrt und gefuͤhlt habt, aus eurem Geiſte bringen. Wir ließen den Strick los, fuhr David fort: und er ſank im Waſſer unter, ſchreiend und bullernd, gleich dem Stier von Baſan, wie er in der Schrift genannt wird.“ Kein Wunder, daß Johanna, die man mit dieſen und aͤhnlichen Sagen ſeit ihrer Kindheit genaͤhrt hatte, von einer dunklen Beſorgniß er⸗ griffen wurde, und dieſe entſprang ſowohl aus dem Gedanken an die Geſpenſter, die ihr begeg⸗ nen koͤnnten, als an die Eigenſchaften, die Na⸗ zur und die Abſichten des Weſens, das ſie an ei⸗ nem Orte und zu einer Stunde ſehen ſollte, die bei⸗ de Schauder erweckten, in einem Augenblicke, wo ihr Gemuͤth von jenen verſuchenden und verſtrik⸗ kenden Regungen des Kummers und der Ver⸗ zweiflung erfuͤllt war, welche, nach der herrſchen⸗ den Meinung, die Leidenden den Verfuͤhrungen 111 des Boͤſen beſonders bloß ſtellte. Hatte ein ſol⸗ cher Gedanke ſelbſt in Butler's gebildetem Geiſte Raum finden koͤnnen, ſo mußte ihre Seele wohl einen weit ſtaͤrkern Eindruck davon empfangen. Bei dem veſten Glauben aber an die Möglichkeit einer ſolchen Begegnung, zeigte Johanna doch eine Entſchloſſenheit, deren Verdienſt wir nicht hinlaͤnglich zu ſchaͤtzen vermoͤgen, weil die Un⸗ glaͤubigkeit unſrer Zeit uns das Weſen und den Umfang dieſer Gefuͤhle fremd macht, und ſie blieb ſtandhaft bei ihrem Vorſatze, eine Gelegen⸗ heit nicht zu verſaͤumen, wo ſie etwas zur Ret⸗ tung ihrer Schweſter thun koͤnnte, obgleich ſie bei dem Verſuche, dieſelbe zu benutzen, ſich einer Gefahr ausſetzte, die ihr ſo furchtbar erſchien. Wie Chriſtiana in des Pilgers Reiſe,*) mit furchtſamen, aber entſchloſſenen Schritten durch das Thal der Schatten des Todes geht, ſo ſchlich ſie an Felſen und Bloͤcken hin, bald in Daͤmmer⸗ ung, wo der Mond ihren Pfad beſchien, bald in Finſterniß, wo Schatten ihn bedeckten. Sie ſuchte zuweilen durch den Gedanken an die un⸗ gluͤckliche Lage ihrer Schweſter, und an die Pflicht, —— *) Buina's Pilgrim's progress, 112 ihr Beiſtand zu leiſten, wo ſie es vermoͤchte, die Regungen der Furcht zu bezwingen, noch ofter aber ſtaͤrkte ſie ſich durch ſtilles Flehen um den Schutz des Weſens, dem die Nacht wie Mittag iſt. So kam ſie endlich, waͤhrend ſie ihre Furcht bald durch den Blick auf einen, die lebhafteſte Theilnahme erweckenden Gegenſtand bald durch den Aufblick zur ſchuͤtzenden Gottheit befiegte, an Ort der geheimnißvollen Zuſammenkunft. Er lag in dem tiefen Thale hinter dem Salisbury⸗ Felſen, deſſen Hintergrund die nordweſtliche Wand des Berges, Arthur's Sitz genannt, bil⸗ det, wo man am Abhange die Truͤmmer einer Kapelle, oder Einſiedelei ſieht, die einſt dem hei⸗ ligen Antonius, dem Einſiedler, geweiht wo. Es haͤtte ſich kaum eine paſſendere Lage fuͤr in ſol⸗ ches Gebaͤude finden laſſen; denn die Kapelle liegt zwiſchen ſchroffen und pfadloſen Felſen, in einer Einoͤde, obgleich ganz nahe bei einer reichen, ſehr bevoͤlkerten und geraͤuſchvollen Hauptſtadt, und der ſtaͤdtiſche Laͤrm konnte ſich mit den Ge⸗ beten der Einſiedler vermiſchen, ohne mehr an weltliche Dinge zu erinnern, als ob es das Brau⸗ ſen des fernen Meeres geweſen waͤre. Unter der ſteilen Hoͤhe, auf welcher man dieſe Truͤm⸗ 113 mer ſieht, wurde und wird vielleicht noch der Ort gezeigt, wo der niedertraͤchtige Niklas Mu⸗ ſchett, deſſen wir bereits erwaͤhnt haben, die mehrjaͤhrige harte Behandlung ſeiner Frau mit der grauſamſten Ermordung derſelben endigte. Die Verwuͤnſchungen, die ſein Verbrechen trafen, gingen ſelbſt auf den Ort der Vollziehung uͤber, und wurden hier durch einen kleinen kegelfoͤrmi⸗ gen Steinhaufen*) bezeichnet, worauf jeder Vor⸗ uͤbergehende, zum Beweiſe ſeines Abſcheues, ei⸗ nen Beitrag geworfen hatte, gleichſam im Sinne des alten britiſchen Fluches: Moͤge ein Stein⸗ haufen dein Begraͤbnißplatz ſein! Als ſich Johanna dieſer unſeligen Stelle von boͤſer Vorbedeutung naͤherte, blieb ſie ſtehen, und ⁴) Ein ſolcher Steinhaufen, Cairn genannt, wurde gewoͤhnlich auf den, durch Graͤuelthaten denk⸗ wuͤrdigen Plaͤtzen, zur heilſamen Warnung fuͤr die Nachwelt, errichtet. Sieh: Letters from a Gentleman in the North of Scotland etc. 5th Edition with an introduction and Notes by R. Jamieson— London 1822, 2 Vol. S. XLIX. u. ff. der Einleitung. Dieſe, fuͤr die Kenntniß der ſchottiſchen Sitten ungemein ſchaͤtz⸗ baren Briefe, fuͤr deren Verfaſſer Hauptmann Burt gehalten wird, erſchienen zuerſt 1754. Die neue Ausgabe iſt mit werthvollen Zuga⸗ ben reich ausgeſtattet. L. II. Theil 8 114 blickte zu dem Monde auf, der nun glaͤnzend am nordweſtlichen Himmel ſtand, und ein helleres Licht ergoß, als er zeither auf ihren Pfad gewor⸗ fen hatte. Langſam und zitternd richtete ſie⸗ dann ihren Blick von dem Monde, auf den Steinhaufen, wovon vorher ihr Auge abgewen⸗ det geweſen war. Sie ſah ſich anfaͤnglich ge⸗ taͤuſcht. Nichts war ſichtbar, als der Stein⸗ haufen, der grau im Mondſchein leuchtete. Tau⸗ ſend verwirrte Gedanken draͤngten ſich in ihrer Seele. Hatte der Unbekannte ſie hintergangen, und ſeine Abrede gebrochen? Hatte er ſich ver⸗ ſpaͤtet, oder irgend eine ſeltſame Wendung des Schickſals ihn abgehalten, zu erſcheinen, wie es ſeine Abſicht geweſen war? Oder wenn er ein übernatuͤrliches Weſen war, wie ihre geheimen Beſorgniſſe ihr ſagten, hatte er bloß die Abſicht, ſie mit truͤglichen Hoffnungen zu taͤuſchen, und ihr unnoͤthige Beſchwerde und Angſt zu machen, wie es, nach den Erzaͤhlungen, die ſie gehoͤrt hat⸗ te, ſolchen wandernden Hoͤllengeiſtern eigen ſein ſollte? Oder wollte er ſie ploͤtzlich durch ſeinen Anblick erſchrecken, wenn ſie dem Orte der Zu⸗ ſammenkunft nahe war? Dieſe bangen Betrach⸗ tungen hielten ſie nicht ab, ſich dem Steinhaufen 115 mit langſamen, aber entſchloſſenen Schritten zu naͤhern. Als ſie nur noch einige Schritte entfernt war, erhob ſich ploͤtzlich eine Geſtalt hinter den Steinen, und kaum konnte Johanna ſich ent⸗ halten, einen lauten Schrei auszuſtoßen, da ſie nun ihre furchtbarſten Ahnungen erfuͤllt zu ſehen glaubte. Sie zwang ſich jedoch zum Schweigen, und nach einer ſtummen Pauſe ließ ſie den Un⸗ bekannten die Unterredung eroͤffnen. Mit einer Stimme, deren zitternder dumpfer Ton ſeine Bewegung verrieth, hob er an:„Seid Ihr die Schweſter jenes ungluͤcklichen Maͤdchens?“ Ja, ich bin die Schweſter von Euphemia Deans, ſprach Johanna. Und wenn Ihr hoffet, daß Gott Euch je in eurer Noth erhoͤren werde, ſo ſagt mir, wenn Ihr es ſagen koͤnnet, was zu ih⸗ rer Rettung gethan werden kann. Ich hoffe nicht, daß Gott in meiner Noth mich erhoͤren werde, war die ſeltſame Antwort. Ich verdiene es nicht, ich erwarte es niicht⸗ daß es geſchehen wird. Dieſe verzweifelten Worte ſagte er ruhiger, als er zuerſt geſprochen, vermuthlich, weil die erſte Anrede der haͤrteſte Stoß war, den er zu 8* aͤberwinden hatte. Johanna verſtummte vor Ent⸗ 116 ſetzen, als ſie eine Sprache hoͤrte, die allem, was ſie je gekannt hatte, ſo fremd war, daß ſie eher die Worte eines hölliſchen Feindes, als eines Men⸗ ſchen zu vernehmen glaubte. Der Unbekannte ſetzte ſeine Rede fort, ohne, wie es ſchien, auf ihre Ueberraſchung zu achten.„Ihr ſeht einen Elenden vor Euch, der hienieden und jenſeit zum Uebel vorher beſtimmt iſt.“ Um des Himmels willen, der uns hoͤrt und ſieht, erwiederte Johanna: ſprecht nicht auf dieſe verzweifelte Weiſe. Das Evangelium iſt dem Erſten unter den Suͤndern geſandt worden— dem Elendeſten unter den Elenden. Nun, dann ſollte ich meinen Antheil daran haben, erwiederte der Fremde: wenn Ihr es ſundhaft nennt, daß ich das Verderben der Mut⸗ ter bin, die mich gebar, des Freundes, der mich liebte, des Weibes, das mir vertraute, des unſchuldigen Kindes, das mir geboren wand. Iſt ein Suͤnder, wer alles dieß gethan hat, und elend, wer es uͤberlebt, dann bin ich wahrlich der Strafbarſte und der Elendeſte. Dann ſeid ihr der boͤſe Urheber von meiner Schweſter V Verderben? ſprach Johanna, und der · 8 117 Ton ihrer Stimme verrieth eine natuͤrliche Re⸗ gung von Unwillen. Verflucht mich darum, wenn Ihr's wollt, er⸗ wiederte der Unbekannte. Ich hab' es um Euch verdient. Es paßt beſſer fuͤr mich, daß ich Gott bit⸗ te, Euch zu verzeihen, ſprach Johanna. Thut, wie Ihr wollt, oder macht, was Ihr wollt, antwortete der Unbekannte heftig: aber verſprecht mir, meiner Anweiſung zu folgen, und das Leben eurer Schweſter zu retten. Ich muß erſt die Mittel kennen, die ich nach eurem Willen fuͤr ſie ergreifen ſoll. Nein, erſt muͤßt Ihr ſchwoͤren, feierlich ſchwoͤren, daß Ihr ſie anwenden wollet, wenn ich Euch damit bekannt mache. Gewiß iſt es unnoͤthig, zu ſchwoͤren, daß 66 alles thun will, was einem Chriſten erlaubt iſt, um das Leben meiner Schweſter zu retten. Ich will nichts von einem Vorbehalte wiſſen, donnerte der Fremde. Erlaubt, oder unerlaubt, chriſtlich, oder heidniſch, Ihr ſollet ſchwoͤren, mein Geheiß zu erfuͤllen, und meinem Rathe zu folgen, oder— Ihr wißt wenig, wen Ihr in Wuth bringt.. 118 Ich will uͤberlegen, was Ihr mir ſagt, er⸗ wiederte Johanna, welche uͤber die wahnſinnige Heftigkeit ſeines Benehmens ſehr unruhig zu wer⸗ den begann, und nicht mit ſich einig war, ob ſie mit einem Verruͤckten, oder einem Hoͤllen⸗ geiſte in Menſchengeſtalt ſprach: ich will's uͤber⸗ legen, und Euch morgen Antwort geben. Morgen? rief der Unbekannte, mit Hohn⸗ lachen. Und wo werde ich morgen ſein? Oder wo werdet Ihr dieſe Nacht ſein, wenn Ihr nicht ſchwoͤret, meinem Rathe zu folgen? Es ward auf dieſer Stelle fruͤher ſchon eine verruchte That begangen, und es ſoll eine aͤhnliche geſchehen, wenn Ihr nicht Leib und Seele meiner Leitung uͤbergebt. Bei dieſen Worten hielt er dem ungluͤcklichen Maͤdchen ein Piſtol entgegen. Johanna entfloh nicht, und wurde nicht ohnmaͤchtig, ſondern ſant auf die Kniee und bat um Schonung ihres Lebens. Iſt dieß alles, was Ihr mir zu ſagen habt? Tauchet nicht eure Haͤnde in das Blut eines wehrloſen Geſchoͤpfes, das Euch vertraut hat, ſprach Johanna, noch immer auf ihren Knieen. Iſt dieß alles, was Ihr ſagen koͤnnt fuͤr euer Leben? Habt Ihr kein Verſprechen zu ge⸗ N 119 ben? Wollet Ihr eure Schweſter verderben, und mich zwingen, noch mehr Blut zu vergießen? Ich kann nichts verſprechen, ſprach Johanna: was einer Chriſtinn nicht erlaubt iſt. Er ſpannte den Hahn und zielte. Moͤge Gott Euch vergeben! ſprach ſie und druͤckte ihre Hand heftig vor die Augen. Verdammt! murmelte der Unbekannte, und ſich von ihr wendend, ließ er den Hahn nieder und ſteckte das Piſtol ein.„Ich bin ein Nichts⸗ wuͤrdiger, ſprach er: in Schuld und Elendigkeit verſunken, aber nicht boͤſe genug, Euch Leid zu⸗ zufuͤgen. Ich wollte Euch nur durch Schrecken dahin bringen, meine Maßregeln anzunehmen— Sie hoͤrt mich nicht— Sie iſt dahin— 5 Gott, welch ein Elender bin ich!“ Waͤhrend er ſprach, erhohlte ſie ſich von einem Anfalle, der bitter, wie der Tod war, und in wenigen Minuten gewann ſie, durch eine kraͤftige Anſtrengung ihres natuͤrlichen Verſtandes und Muthes, Jaſſung genug, um zu begreifen, daß er ihr kein Leid zufuͤgen wollte. Nein! hob er wieder an: eure Schweſter und ihr Kind habe ich ermordet, aber es ſoll Niemand von ihren Angehoͤrigen durch mich umkommen. 120 Ich bin wahnſinnig, es haͤlt nicht Furcht, noch Erbarmen mich zuruͤck— von einem boͤſen Geiſte bin ich beſeſſen, verlaſſen von allem Guten, und doch moͤchte ich Euch nicht wehe thun, wenn auch eine Welt mir dafuͤr geboten wuͤrde. Aber bei allem, was Euch theuer iſt, ſchwoͤret mir, mei⸗ nem Rathe zu folgen. Nehmt dieſes Piſtol, jagt mir die Kugel durch den Kopf, und raͤchet mit eigner Hand das Unrecht, das eure Schwe⸗ ſter erlitten hat; aber folget nur dem Wege, dem einzigen Wege, worauf ihr Leben gerettet wer⸗ den kann.. Ach iſt ſie unſchuldig, oder ſtrafbar? Sie iſt unſchuldig— unſchuldig an allem, außer daß ſie einem Elenden getraut hat! Aber waͤren nicht Andre noch ſchlechter geweſen, als ich — ja, noch ſchlechter als ich, ſo ſchlecht ich bin — dieſes Elend waͤre nicht gekommen. Und das Kind meiner Schweſter— lebt es? Nein, es ward ermordet— das neugeborne Kind ward grauſam ermordet, ſprach er mit einer leiſen, aber ernſten und veſten Stimme, und ſetzte haſtig hinzu: doch nicht mit ihrem Vorwiſ⸗ ſen, oder ihrer Einwilligung. 4 — 12I Und warum kann denn nicht der Schuldige vor Gericht gebracht, und die Unſchuld frei werden? Quaͤlt mich nicht mit Fragen, die zu nichts dienen koͤnnen, antwortete er finſter. Die That ward von Solchen veruͤbt, die weit genug vor der Verfolgung und ſicher genug vor der Entdek⸗ kung ſind. Niemand kann Effie retten, als Ihr allein. Wehe mir! Wie ſtaͤnde das in meiner Macht? fragte Johanna kleinmuͤthig. Hoͤret mich an! Ihr habt Verſtand— Ihr koͤnnt begreifen, was ich meine. Ich will Euch vertrauen. Eure Schweſter iſt des Verbrechens nicht ſchuldig, deſſen man ſie anklagt. Gott ſei's gedankt! antwortete Johanna. Still und hoͤrt mich an! Die Frau, die ihr in ihren Noͤthen beiſtand, hat das Kind ermor⸗ det, aber es geſchah ohne der Mutter Mitwiſſen, oder Einwilligung. Sie iſt daher ſchuldlos, ſo ſchuldlos, als das arme unſchuldige Kind, das nur wenige Minuten athmete in dieſer ungluͤckli⸗ chen Welt. Wohl ihm, daß es ſo bald zur Ruhe kam! Sie iſt ſo unſchuldig, als dieſes Kind, und dennoch muß ſie ſterben. Es iſt unmoͤglich, ſie vor dem Geſetze zu rechtfertigen⸗ 122 Koͤnnen denn die Verbrecher nicht aitbecht und zur Strafe gezogen werden? Meint Ihr denn, Ihr wuͤrdet Diejenigen, die in Verbrechen verhaͤrtet ſind, bewegen koͤn⸗ nen, den Tod zu erleiden, um eine Andre zu retten? Wollt Ihr auf ein ſolches Rohr Euch ſtuͤtzen? Aber Ihr ſagtet ja, es gaͤbe noch ein Mit⸗ tel? ſprach, ſchwer athmend, die Erſchrockene. Es gibt ein Mittel, und es iſt in eurer Hand. Der Streich, womit die Gerechtigkeit droht, kann nicht gebrochen werden, wenn man ihm gerade entgegen geht, aber es laͤßt ſich ihm ausweichen. Ihr habt eure Schweſter in der Zeit vor der Ge⸗ burt des Kindes geſehen, und was war natuͤrli⸗ cher, als daß ſie Euch ihren Zuſtand entdeckte. Iſt das geſchehen, ſo iſt der Fall nicht unter dem Geſetze, wie ſie in ihrem Rothwelſch ſagen, weil dann keine Verheimlichung mehr dabei iſt. Ich kenne das Kauderwelſch, und habe traurige Ur⸗ ſache gehabt, es kennen zu lernen. Die Verheim⸗ lichung iſt das Weſentliche bei dieſem Verbrechen gegen jenes Geſetz. Es iſt ja ganz natuͤrlich, daß Effie von ihrem Zuſtande mit Euch geſpro⸗ 123 chen hat— beſinnt Euch nur— ich weiß gewiß, ſie hat's gethan. . Ach! ſie hat nie mit mir davon geſprochen, erwiederte Johanna: ſondern ſie weinte bitterlich, wenn ich von ihrem veraͤnderten Ausſehen und ihrer Niedergeſchlagenheit mit ihr ſprach. Ihr habt ſie daruͤber gefragt? ſprach der Un⸗ bekannte lebhaft. Ihr muͤßt Euch erinnern, ihre Antwort war das Geſtaͤndniß, daß ein Boͤ⸗ ſewicht ſie ins Verderben geſtuͤrzt haͤtte— ja legt nur rechten Nachdruck darauf— ein grauſamer, falſcher Boͤſewicht— jeder andre Nahme iſt un⸗ noͤthig. Ja, ſie ſagte Euch, ſie truͤge unter ih⸗ rem Herzen die Folgen ſeiner Schuld und ihrer Thorheit, und er haͤtte ihr verſprochen, in ihrer Krankheit gut fuͤr ſie ſorgen. Ja, er hat ſein Wort ſchoͤn gehalten! 3 Dieſe letzten Worte ſprach er gleichſam fuͤr ſich, mit einer heftigen Gebehrde des Vorwurfes gegen ſich ſelber, und fuhr dann ruhig fort: Ihr erinnert Euch an alles dieß? Das iſt alles, was Ihr zu ſagen ſagen braucht. 8 Aber ich kann mich nicht an etwas erinnern, das Effie mir nie geſagt hat, erwiederte Johanna unbefangen⸗ 124 Koͤnnt Ihr denn ſo ſchwer— ſo ſehr ſchwer begreifen? rief er, ploͤtzlich ihren Arm faſſend, und druͤckte ihn veſt. Ich ſage Euch— fuhr er fort und ſprach leiſer, aber mit großem Nach⸗ drucke zwiſchen den Zaͤhnen: Ihr muͤßt Euch erinnern, daß ſie Euch alles dieß geſagt hat, mag ſie je eine Silbe davon geſprochen haben, oder nicht. Ihr muͤßt dieſe Geſchichte, worin nichts Falſches iſt, als daß ſie Euch nicht erzaͤhlt wurde — vor den Richtern muͤßt Ihr ſie wiederhohlen — vor dem blutduͤrſtigen Gerichte. Ihr rettet dann eure Schweſter von der Ermordung, und die Richter von einem Morde. Bedenket Euch nicht. Ich verbuͤrge Leben und Seligkeit, daß Ihr nichts als die reine Wahrheit ſprecht, wenn Ihr ſaget, was ich Euch geſagt habe. Aber ich werde einen falſchen Eid ſchwoͤren gerade in dem Punkte, wo mein Zeugniß noth⸗ wendig iſt, erwiederte Johanna, die zu viel Ein⸗ ſicht hatte, das Blendwerk dieſer Gruͤnde nicht zu erkennen. Es iſt ja die Verheimlichung, die man der armen Effie zur Laſt legt, und Ihr wollt, daß ich daruͤber eine Luͤge ſage. Ich ſehe, erwiederte er: mein erſter Verdacht gegen Euch war gegruͤndet, und Ihr wollet eure 125 unſchuldige und holde Schweſter, die keine Schuld druͤckt, als daß ſie einem Elenden traute, lieber wie eine Moͤrderinn ſterben laſſen, als ſie durch einen Hauch eures Mundes, einen Ton eurer Stimme retten. Ich wollte mein beßtes Herzblut daran wen⸗ den, ſie gegen Kraͤnkung zu bewahren, ſprach Johanna, und weinte ſchmerzlich: aber ich kann Necht nicht in Unrecht verwandeln, und was falſch iſt, nicht wahr machen. Thoͤriges, hartherziges Maͤdchen! rief der Unbekannte. Fuͤrchtet Ihr, daß man Euch Leid zufuͤgen koͤnnte? Ich ſage Euch, ſelbſt die Die⸗ ner der Gerechtigkeit, die Menſchenleben hetzen, wie Windhunde den Haſen, ſie werden ſich freuen, wenn ein ſo junges, ſo ſchoͤnes Maͤdchen davon kommt; ſie werden keinen Verdacht gegen eure Ausſage haben, und wenn ſie Argwohn haͤtten, ſo wuͤrden ſie glauben, daß Ihr nicht nur Ver⸗ gebung, ſondern ſogar Lob fuͤr eure natuͤrliche Zuneigung verdientet. Die Menſchen fuͤrchte ich nicht, ſprach Jo⸗ hanna, zum Himmel blickend. Der Gott, deſ⸗ ſen Nahmen ich anrufen muß, um die Wahr⸗ 126 heit meiner Rede zu bezeugen, wird wiſſen, daß es eine Luͤge iſt. Und er wird auch den Beweggrund kennen, ſprach der Unbekannte lebhaft: er wird wiſſen, daß Ihr dieß nicht um eines Gewinnes willen thut, ſondern um das Leben der Unſchuldigen zu retten, um ein Verbrechen zu verhuͤten, das ſchlimmer iſt, als die Vergehung, die das Geſetz beſtrafen will. Er hat uns ein Geſetz gegeben als ein Licht auf unſerm Wege, ſprach Johanna: und wenn wir davon abweichen, irren wir gegen beſſers Wiſ⸗ ſen. Ich mag nichts Boͤſes thun, ſelbſt wenn Gutes daraus kommen kann. Aber wenn Ihr wiſſet, daß alles dieß wahr iſt, was ich auf euer Wort annehmen muß— wenn Ihr, wie Ihr eben ſagt, meiner Schweſter Obdach und Schutz in ihren Noͤthen verſprochen— warum tretet Ihr denn nicht hervor, und gebet ein gerechtes und wahrhaftiges Zeugniß fuͤr ſie, was Ihr mit reinem Gewiſſen koͤnnt? Mit wem ſprecht Ihr von einem reinen Ge⸗ wiſſen? erwiederte der Unbekannte mit einem ploͤtzlich erwachenden Grimm, der ihre Angſt er⸗ neuerte. Mit mir? Das habe ich ſeit vielen — 127 Jahren nicht gekannt. Zeugniß fuͤr ſie geben? Ei ein guter Zeuge, der, ſelbſt um dieſe wenigen Worte mit einem ſo unbedeutenden Maͤdchen, als Ihr ſeid, zu ſprechen, eine ſolche Stunde und einen ſolchen Ort waͤhlen muß! Wenn Ihr Eulen und Fledermaͤuſe im Sonnenſchein fliegen ſeht, wie Lerchen, dann moͤget Ihr erwarten, Leute meines Schlages in menſchlicher Geſell⸗ ſchaft zu ſehen— Doch ſtill— Horcht! Eine Stimme ſang eine jener wilden, eintoͤ⸗ nigen Weiſen, wozu die Schottlaͤnder ſo haͤuſig ihre alten Lieber ſingen. Der Ton verſtummte, ward aber bald wiederhohlt und kam naͤher. Auf⸗ merkſam horchte der Unbekannte, und waͤhrend Johanna vor Schrecken unbeweglich war, hielt er ihren Arm, als haͤtte er ſie hindern wollen, den Ton durch Reden, oder durch eine Bewe⸗ gung zu unterbrechen. Bei der Wiederhohlung des Tones hoͤrte man deutlich die Worte: Iſt der Gei'r in blauen Wolken, Liegt die Lerche ſtill; Iſt der Hund im gruͤnen Walde, Vom Berg das Reh nicht will. Der Saͤnger ließ ſeine ſtarke Stimme ſo kraͤf⸗ 128 rig ausſchallen, daß ſie in betraͤchtlicher Entfern⸗ ung vernehmlich war. Als der Geſang ſchwieg, hoͤrte man ein dumpfes Geraͤuſch, wie von den Schritten fliſternder Menſchen, die naͤher zu kom⸗ men ſchienen. Der Geſang hob wieder an, aber in einer andern Weiſe: Ihr liegt in tiefem Schlaf, ſprach ſie, Und ſchwingt Euch nicht auf's Pferd? Es ſuchen Zwanzig ſchon Euch auf, Mit Kling' und Pfeil bewehrt. Ich darf nicht laͤnger bleiben, ſprach der Un⸗ bekannte. Geht heim, oder bleibt auch, bis man kommt. Ihr habt nichts zu fuͤrchten. Sagt nur nicht, daß Ihr mich geſehen habt. Eurer Schweſter Schickſal liegt in eurer Hand. Mit dieſen Worten verließ er ſie, und mit ſchnellen, aber vorſichtig geraͤuſchloſen Schritten verlor er ſich in der Finſterniß, auf der ent⸗. gegen geſetzten Seite der naͤher kommenden Stimmen, und war bald ihren Blcken ent⸗ ſchwunden. Johanna blieb hoͤchſt erſchrocken bei dem Steinhaufen zuruͤck, unſchluͤſſig, ob ſie mit aller moͤglichen Eile nach Hauſe flie⸗ hen, oder Diejenigen erwarten ſollte, die nun naͤher kamen. Dieſe Ungewißheit hielt 4 ſo 129 lange auf, daß ſie nun deutlich zwei bis drei Geſtalten ſah, die ſchon ganz nahe waren. Eine eilige Flucht wuͤrde unter dieſen Umſtaͤn⸗ den eben ſo fruchtlos als unklug geweſen ſein II. Theil VI. — Sie ſpricht verworren Mit halbem Sinn nur; ihre Red' iſt nichts, Doch leitet ihre ungeſtalte Art Die Hoͤrenden auf Schluͤße; man erraͤth, Man ſtuͤckt zuſammen ihrer Worte Sinn. Hamlet. Wie der abſchweifende Dichter Arioſto, ſehe ich mich genoͤthigt, um die Faͤden meiner Ge⸗ ſchichte zu verknuͤpfen, die Abenteuer eines an⸗ dern Helden aufzunehmen und ſie bis zu dem Punkte hinab zu fuͤhren, wo wir Johanna's Geſchichte abgebrochen haben. Dieß iſt vielleicht nicht die kuͤnſtlichſte Art, eine Geſchichte zu erzuͤh⸗ ten, aber wir haben dabei den Vortheil, daß wir nicht wieder aufzunehmen brauchen, was eine Strickerinn unſer„gefallenes Auge“ nennen wuͤrde, eine Arbeit, die dem Verfaſſer meiſt viel 131 Beſchwerde macht, ohne daß er fuͤr ſeine Muͤhe Ruhm gewaͤnne. Ich wollte wohl eine kleine Wette eingehen, ſprach der Schreiber zu dem Rathsherrn: wenn der Schurke Natcliffe fuͤr ſeinen Hals nichts mehr zu fuͤrchten haͤtte, koͤnnte er mehr thun, als zehn von unſern Polizeidienern und Haͤſchern, um uns aus dieſer mißlichen Porteous⸗Geſchichte heraus zu helfen. Er iſt gut bekannt mit den Schleichhaͤndlern, Dieben und Banditen um Edinburgh, und kann wohl der Vater aller Miſ⸗ ſethaͤter in Schottland genannt werden, denn ſeit zwanzig Jahren kennt man ihn da unter dem Nahmen Daddi Rat. Ei der Schurke paßte auch dazu, einen Po⸗ ſten vom Rathe zu erhalten! ſprach der Rathsherr. Mit eurer Erlaubniß, fiel der Fiskal ein, dem die Polizeiaufſicht oblag: der Herr Stadt⸗ ſchreiber hat ganz recht. Gerade einen ſolchen Natcliffe braucht die Stadt in meinem Geſchaͤft⸗ kreiſe, und wenn er ſeine Kenntniſſe dem Stadt⸗ dienſte widmen will, ſo findet Ihr keinen beſſern Mann. Heilige laſſen ſich nicht dazu gebrauchen, unverzollte Waaren, oder Diebe und dergleichen aufzuſuchen. Eure anſtaͤndigen Leure, eure from⸗ 9* 13²2 men Bekenner und verdorbenen Kaufleute, die gewoͤhnlich zu ſolchen Dienſten gebraucht werden, koͤnnen gar nichts nutzen. Man fuͤrchtet ſie um dieſer Sache willen, und ſie ſind bedenklich wegen jener, und ſie koͤnnen keine Luͤge ſagen, wenn's auch zum Beßten der Stadt waͤre, und moͤgen nicht gern zu ungewoͤhnlichen Stunden hinaus gehen, oder in einer finſtern kalten Nacht, und ein Hieb auf den Kopf iſt ihnen vollends zu arg. So haben wir denn ein Dutzend Raths⸗ waͤchter und Haͤſcher, die bei der Furcht vor Gott, und der Furcht vor den Menſchen und der Furcht vor Halsweh und zerſchlagenen Knochen, nichts antdecken koͤnnen, als eine armſelige Pruͤgelei, wovon nur der Gotteskaſten Vortheil hat. Hans Porteous, der arme Kerl, wahrhaftig, der war mehr werth, als ein ganzes Dutzend; der hatte nie Furcht, oder Bedenklichkeiten, oder Zweifel, oder Gewiſſensunruhe, was Ihr ihm auch be⸗ fehlen mochtet. Ja, ſprach der Rathsherr: ein guter Diener der Stadt war er, wenn er auch viel zu frei lebte. Aber meint Ihr wirklich, dieſer Schurke Rateliffe koͤnnte bei der Entdeckung von Miſſe⸗ thaͤtern uns von beſonderm Nutzen ſein, ſo wollte 34 ich fuͤr ſein Leben, auch fuͤr eine Belohnung und Befoͤrderung ſtehen. Dieſer Unfall iſt fuͤr die Stadt eine ſchreckliche Sache, Herr Stadtſchrei⸗ ber. Die Koͤniginn Karoline— Gott ſegne ſie — iſt doch eine Frau— wenigſtens denk' ich's, und es iſt nicht Hochverrath, ſo viel zu ſagen— Ihr wißt es ja ſo gut, als ich, weil Ihr doch eine Haushaͤlterinn habt, wenn Ihr auch nicht verheirathet ſeid, die Weiber ſind eigenſinnig und koͤnnen keine Geringſchaͤtzung ertragen. Es wird ihr gar nicht gefallen, daß eine ſolche Unordnung ſich zugetragen hat, und nicht einmahl Jemand daruͤber ins Gefaͤngniß geköͤmmen iſt. Wenn's Euch darum zu thun iſt, erwiederte der Fiskal: ſo koͤnnen wir ja ein Paar verdaͤch⸗ tige Kerle in's Gefaͤngniß werfen. Es wird ausſehen, als wenn wir recht thaͤtig waͤren, und ich habe immer eine Menge auf meiner Liſte, die ſich aus acht, oder vierzehn Tagen Gefaͤngniß wenig machen. Meint Ihr, es waͤre nicht ganz gerecht, ſo koͤnnt ihr ſie ja deſto leichter durch⸗ ſchluͤpfen laſſen, ſobald ſie einmahl Strafe ver⸗ dient haben, und es ſind Leute, die nicht lange auf Gelegenheit warten laſſen, die Rechnung mit ihnen auszugleichen. 134 Ich glaube nicht, daß man hier damit durh. kommen wird, Herr Sharpitlaw, ſprach der Stadtſchreiber. Sie kommen los, ehe Ihr's Euch verſeht. Ich werde mit dem Herrn Buͤrgermeiſter uͤber den Ratcliffe ſprechen, hob der Rathsherr wieder an. Herr Sharpitlaw, Ihr geht mit mir und ſollt weitre Anweiſungen erhalten. Aus der Geſchichte mit Butler und dem Unbekannten ließ ſich wohl auch etwas machen. Ich wuͤßte nicht, daß es Jemanden zukaͤme, im Koͤnigs⸗ park den Bramarbas zu ſpielen, und ſich fuͤr den Teufel auszugeben, zum Schrecken ehrlicher Leute, die nicht mehr vom Teufel zu hoͤren Luſt haben, als was am Sonntage auf der Kanzel vorkommt. Der Prediger ſelber iſt wohl nicht Raͤdelsfuͤhrer geweſen, wenn's auch Zeiten gege⸗ ben hat, wo die Herren bei Haͤndeln ſo eifrig waren, als andre Leute. Aber die Zeiten ſind lange vorbei, erwiederte Sharpitlav. Zu meines Vaters Zeit ſuchte man mehr nach Predigern, als nach Spitzbuben und Landſtreichern. Nein, damit iſt's nichts mehr. Aber wenn Ihr mir die Ermaͤchtigung vom Herrn Buͤrgermeiſter dazu ſchaffen wollt, ſo ſpreche ich 135 ſelbſt mit Rateliffe, und ich glaube, ich kriege ihn eher herum, als Ihr.— Sharpitlaw, der nothwendig ein beſonderes Vertrauen beſaß, wurde noch am ſelbigen Tage ermaͤchtigt, die Vorkehrungen zu treffen, die fuͤr das Wohl der guten Stadt am Erſprießlichſten ſchienen, und er begab ſich ins Gefaͤngniß, um Ratcliffe unter vier Augen zu ſehen. Das Verhaͤltniß eines Polizeibeamten zu einem er⸗ klaͤrten Diebe iſt nach den Umſtaͤnden verſchieden. Das nahe liegende Gleichniß von einem Habich⸗ te, der auf ſeine Beute ſtoͤßt, paßt oft am Wenig⸗ ſten. Der Waͤchter der Gerechtigkeit gleicht zu⸗ weilen einer Katze, die auf eine Maus lauert, und indem er die Abſicht, auf den Dieb loszu⸗ ſpringen, aufſchiebt, berechnet er ſeine Bewegun⸗ gen ſo gut, daß ſeine Beute ihm nicht entgehen kann. Nicht ſelten aber verhaͤlt er ſich noch lei⸗ dender, wendet die Kunſt der Bezauberung an, die man der Klapperſchlange zuſchreibt, und be⸗ gnuͤgt ſich, ſeinem Opfer auf allen Abſchweifun⸗ gen mit anſtarrenden Blicken zu folgen, uͤber⸗ zeugt, daß Schrecken, Beſtuͤrzung und Gedanken⸗ verwirrung, es am Ende doch in ſeine Klauen bringen werden. Die Zuſammenkunft zwiſchen 136 Sharpitlaw und Rateliffe war aber ganz ver⸗ ſchieden von allen dieſen Verhaͤltniſſen. Beide ſaßen einige Minuten ſchweigend an einem klei⸗ nen Tiſche einander gegenuͤber, ſahen ſich mit veſten Blicken an, waͤhrend in den ſcharfen, ſchlauen und muntern Zuͤgen ſich faſt eine Nei⸗ gung zum Lachen verrieth, und ſie glichen vor allen Dingen zwei Hunden, die ſich zum Bal⸗ gen ruͤſten, und liegend eine Zeitlang ſich anſehen, und gegenſeitig ihre Bewegungen bewachen, er⸗ wartend, wer das Spiel beginnen werde. Nun, Nateliffe, ſprach Sharpitlaw, der es ſeiner Wuͤrde angemeſſen hielt, die Unterredung zu eroͤffnen: Ihr wollt das Gewerbe aufgeben, hoͤre ich. Ja, Hochedler Herr, erwiederte Rateliffe: damit hab' ich nun nichts mehr zu thun, und ich denke, das wird Euch Herren viel Muͤhe erſparen. Nun, unſer Scharfrichter wuͤrde das eben ſo gut koͤnnen, erwiederte der Fiskal. J ja, wenn ich im Gefaͤngniß hier wartete, daß er mir die Halsbinde zurecht legte— aber das iſt ein unnuͤtzes Reden, Herr Sharpitlaw. Aber Ihr werdet doch wohl wiſſen, daß Ihr zum Tode verurtheilt ſeid, Ratcliffe? 137 Ja, das ſind wir alle, wie der Prediger in der Gefaͤngnißkirche ſagte, an dem Tage, wo Ro⸗ bertſon davon kam; nur weiß Niemand, wann er hingerichtet wirdd. Wahrhaftig, er hatte mehr recht, das zu ſagen, als er ſich's traͤumen ließ, ehe an jenem Morgen das Spiel zu Ende war. Rateliffe, ſprach Sharpitlaw leiſer, und bei⸗ nahe mit vertraulichem Tone: Ihr koͤnnt uns wohl ſagen— ich meine, ſo einen Wink geben, wo ſich etwas von Robertſon erfahren ließe? Wahrhaftig, Herr Sharpitlaw, ich will of⸗ fenherzig mit Euch reden. Robertſon ſteht noch ein bischen uͤber mir. Ein wilder Teufel war er, und hat manchen tollen Streich geſpielt; aber außer der Geſchichte mit dem Einnehmer, wozu Wilſon ihn verleitete, und außer einigen Haͤndeln uͤber verbotene Waaren mit Viſirern und Zollwaͤchtern, hat er nie etwas gethan, das unſern Geſchaͤften geich kaͤme.—. Hm! das lautet ſeltam, wenn man ſieht, mit welchen Leuten er umgeht⸗ 3 Ja, auf meine Ehre! erwiederte Ratcliffe ernſthaſt. Er gab ſich mit unſern Geſchaͤftchen nicht ab, und das iſt mehr als Wilſon that, mit dem habe ich ſchon fruͤher Verkehr gehabt⸗ 13⁸ Aber der Burſche wird zu ſeiner Zeit ſchon weiter⸗ kommen, damit hat's keine Noth. Wer lebt, wie er gelebt hat, der muß nothwendig fruͤher, oder ſpaͤter zum Ziele kommen. Wer, oder was iſt er denn, Ratcliffe? Ihr kennt ihn vermuthlich? Er iſt von beſſerm Stande, glaube ich, als er's der Muͤhe werth haͤlt, ſich's merken zu laſſen. Er iſt Soldat geweſen, und Schauſpieler, und wer weiß, was er ſonſt geweſen, oder nicht geweſen iſt. Ja, ſo jung er iſt, tolles und dum⸗ mes Zeug hat er angegeben. Schoͤne Streiche mag er geſpielt haben! Kann wohl ſein, erwiederte Ratecliffe mit bittern Laͤcheln, und an ſeine Naſe tippend, ſetzte er hinzu: Ein Teufel unter den Maͤdchen! Sehr glaublich! ſprach Sharpitlaw. Wohl⸗ an, Natcliffe, ich will nicht lange mit Euch han⸗ deln. Ihr wißt, wie man bei mir in Gunſt kommt, Ihr muͤßt nuͤtzlich ſein. Gewiß, Hochedler Herr, wie's nur in mei⸗ nen Kraͤften ſteht. Nichts umſonſt— ich weiß ja, was in Amtsgeſchaͤften die Regel iſt. Die Hauptſache fuͤr den Augenblick, ſprach der Fiskal: iſt die Porteous⸗Geſchichte. Koͤnnt 139 Ihr uns behilflich ſein— Nun, mit dem Schlie⸗ ßeramte wird angefangen, und mit der Zeit kommt die Oberaufſeherſtelle— Ihr verſteht mich doch? Ei ja wohl, Hochedler Herr! Was klug iſt, ſieht eine Meile weit. Aber die Porteous⸗Ge⸗ ſchichte— Gott troͤſte Euch! ich war die gan⸗ ze Zeit hindurch ja ſchon zum Galgen verurtheilt. Lieber Himmel, aber das Lachen konnt' ich nicht laſſen, als der Hans unter den Haͤnden der Burſchen um Erbarmen ſchrie. Du haſt's mir oft warm gemacht, Nachbar, dacht' ich; aber vorbei iſt vorbei, und wer die Zeit abwartet, han⸗ delt ehrlich; nun wirſt du ja ſehen, wozu das Haͤngen gut iſt. Still, Ratcliffe, das iſt dummes Zeug. Ihr koͤnnt nicht aus dieſem Loche kriechen, Maͤnnchen, Ihr muͤßt ſagen, was zur Sache gehoͤrt, ver⸗ ſteht Ihr, wenn ihr Gunſt erlangen wollt. Ge⸗ ben und Wiedergeben macht gute Freunde, pflegt man zu ſagen. Aber wie kann ich denn ſagen, was zur Sa⸗ che gehoͤrt, wie's Euer Hochedeln nennt? ſprach Nateliffe ſproͤde. Ihr wißt ja, ich war ſchon 140 zum Tode verurtheilt, und wurde ſcharf bewacht in der Zeit, wo die Geſchichte vorging. Und wie koͤnnen wir Euch wieder unter die Leute loslaſſen, Ratcliffe, wenn Ihr nicht etwas thut, oder ſagt, es zu verdienen? Nun denn— verwuͤnſcht!— Doch wenn's ſein muß, ſo moͤgt Ihr wiſſen, ich habe Georg Robertſon unter den Burſchen geſehen, die das Gefaͤngniß erbrachen. Ich hoffe, das wird wohl gut fuͤr mich ſein? Ja, das heißt von der Sache ſprechen, erwie⸗ derte der Fiskal. Aber, Rat, wo faͤnden wir ihn denn wohl? Ich bin des Teufels, wenn ich's weiß, ſprach Ratcliffe. Er wired ſchwerlich wieder in ſeine al⸗ ten Gaͤnge kommen, und nun wohl aus dem Lande ſein. Er hat ſich bei ſeiner Lebensweiſe hier und da Freunde gemacht. Eine gute Erzieh⸗ ung hat er. Deſto mehr wird er den Galgen zieren, ant⸗ wortete Sharpitlaw. Ein verzweifelter Kerl! Einen Beamten der Stadt zu ermorden, der ſeine Pflicht gethan hat! Wer weiß, an wen zunaͤchſt die Reihe kommen wuͤrde. Aber habt Ihr ihn beutlich geſehen? 141 So deutlich, als ich Euch ſehe. Wie war er gekleidet? fragte Sharpitlaw. Das konnte ich nicht gut ſehen— ſo etwas von einer Weiberhaube auf dem Kopfe. Ihr habt nie ſo einen Laͤrm gehoͤrt. Wer konnte da auf alles achten! Aber ſprach er denn mit Niemanden? hob Sharpitlaw wieder an. Alles ſprach und ſchnatterte durch einander, antwortete Rateliffe, der offenbar nicht weiter mit ſeinem Zeugniſſe gehen wollte, als es unum⸗ gaͤnglich noͤthig war. Damit geht's nicht, Rateliffe, ſprach der Fiskal: Ihr muͤßt mit der Sprache heraus— heraus— heraus! ſetzte er hinzu, und tippte ſtark mit dem Finger auf den Tiſch, als er das nachdruͤckliche Wort wiederhohlte. Das iſt wohl hart, Hochedler Herr, aber fuͤr den Schließerpoſten— Und die Antwartſchaft auf die Oberaufſeher⸗ ſtelle—. Oberaufſeher des Stadtgefaͤngniſſes, Freundchen— das heißt, wenn man ſich gut auffuͤhrt. Ja, ja, gut auffuͤhrt— erwiederte Rat⸗ 142 cliffe: damit hat's den Teufel. Und dann muß ge⸗ wartet werden, bis ſich ein Paar Augen ſchließen. Aber Robertſon's Kopf wird auch Gewicht haben, ſprach Sharpitlaw: ein huͤbſches ſchweres Gewicht, Ratcliffe. Die Stadt muß was thun, das iſt recht und billig, und dann koͤnnt Ihr das Eurige ehrlich verzehren. Ich weiß nicht, aber das iſt eine wunderliche Art, das ehrliche Gewerbe anzufangen. Aber— hohl's der Teufel! Nun denn— ich hoͤrte und ſah ihn ſprechen mit Effie Deans, die wegen Kindermord ſitzt. Den Teufel that er! rief Sharpitlaw. Ei Ratcliffe, da waͤren wir auf eine Spur gekom⸗ men! Der Mann, der mit Butler im Park ſprach und die Hanne Deans bei Muſchett's Steinhaufen ſehen wollte— Trifft das nicht zu⸗ ſammen? So wahr ich lebe, er iſt der Vater zu des Maͤdchens Kinde. Ja, man hat wohl ſchlechter gerathen, als Ihr, erwiederte Ratcliffe, und ſeinen Kautaback im Munde umwendend, ſpie er aus. Es iſt ſchon lange her, da hoͤrte ich, er triebe ſich mit einem ſchmucken Maͤdel herum, und Wilſon haͤtte 143 nur mit Muͤhe ihn abhalten koͤnnen, ſie zu hei⸗ rathen. Hier trat ein Rathsdiener herein, mit der Meldung, es waͤre eine Frau zur Haft gebracht worden, die, nach Sharpitlaw's Befehle, zu ihm gefuͤhrt werden ſollte. Es liegt jetzt nichts daran, erwiederte der Fiskal: die Sache hat eine andre Wendung ge⸗ nommen. Aber— bringt ſie immer her. Der Diener ging hinaus, und brachte eine lange uͤberwachſene Dirne von achtzehn bis zwan⸗ zig Jahren herein, die ſeltſam in eine Art von blauer Reiterjacke mit abgenutzten Treſſen geklei⸗ det war, das Haar nach Maͤnnerart verſchnitten hatte, und eine hochlaͤndiſche Muͤtze mit einem zerknickten Federbuſche, einen Reitrock von ſchar⸗ lachrothem Kamelot, mit verblichenen Blumen geſtickt, trug. Ihre Zuͤge waren rauh und mann⸗ haft, aber bei ſehr glänzenden, lebhaften ſchwar⸗ zen Augen, einer Adlernaſe und kuͤhnen Um⸗ riſſen des Halbgeſichtes, erſchienen ſie doch, in einiger Entfernung, beinahe huͤbſch. Sie ſchwang eine Gerte, die ſie in der Hand hielt, verbeugte ſich ſo tief, als eine Edelfrau beim Eintritt in die Abendgeſellſchaft an des Koͤnigs Geburtfeſte, 144 faßte ſich aber ſchnell, und begann die Unterre⸗ dung, ohne eine Frage zu erwarten.„Schoͤnen guten Abend, heute und noch viele Tage, lieb⸗ ſter Herr Sharpitlaw— Guten Abend, Rat⸗ chen! Ich hoͤrte, Ihr waͤret gehaͤngt, Freund⸗ chen— oder ſeid Ihr aus des Haͤufchenmannes Haͤnden gekommen, wie die halb gehaͤngte Gre⸗ te Dickſon?“ Still, tolle Dirne! ſprach Ratcliffe. Hoͤrt doch, was man Euch ſagt. Recht gern, Ratchen! Es iſt eine große Ehre fuͤr die arme Grete, daß ſie die Straße hinauf gehen muß mit einem vornehmen Mann, der ein Kleid mit wollenen Litzen und Schnuͤren an⸗ hat, daß ſie mit Buͤrgermeiſtern und Rathsher⸗ ren und Stadtſchreibern und Fiskaͤlen ſpricht zu dieſer Zeit am Tage, und die ganze Stadt auf mich ſieht. Ja, das nenn' ich Ehre! Ja, Grete, ſprach Sharpitlaw, mit ſchmei⸗ chelndem Tone: und ich ſehe, Ihr habt Euch auch in euren Putz geworfen. Das ſind ja nicht eure Werkeltagskleider. Da mag der Teufel in meinen Fingern ge⸗ weſen ſein! ſprach Grete. Ei daß Dich! ſetzte ſie hinzu, als Butler herein trat: da iſt ja auch * 145 ein Prediger im Gefaͤngniß. Nun ſage mir noch Jemand, es waͤre ein gottloſer Ort! Ich wette, er iſt um der guten alten Sache willen*) da— aber das iſt nicht meine Sache, ſetzte ſie hin⸗ zu, und ſang: Ihr Koͤnigsfreunde, Koͤnigsfreunde heraus! Euch hoch und dreimahl hoch! Den Beelzebub jagt in's Hoͤllenloch— Oliver**) nimmt ſchon Reißaus. Habt Ihr das verruckte Weib ſchon einmahl geſehen? ſprach Sharpitlaw zu Butler. Ich wuͤßte nicht, erwiederte Butler. Ich ſollte es doch denken, hob der Fiskal wie⸗ der an, und blickte auf Rateliffe, der dem Blicke mit einem Winke antwortete, welcher Zuſtim⸗ mung und Einverſtaͤndniß verrieth. Aber das iſt ja Grete Wildfeuer, wie ſie ſich nennt, ſprach der Rechtsmann zu Butler. Ja, das bin ich, hob Grete wieder an: und das bin ich immer geweſen, ſeit der Zeit, wo ich *) Die Sache der Presbyterianer. **) Cromwell, aus deſſen Zeit jenes Bruchſtuͤck eines Liedes iſt, blieb den Anhängern des Koͤnig⸗ thumes, wie den Presbyterianern, in Schott⸗ land lange in furchtbarem Andenken. L. II, Theil 10 145 was beſſeres war— Ach ja! ſetzte ſie hinzu, und eine Spur von Schwermuth war auf einen Augenblick in ihren Zuͤgen. Aber ich kann mich nicht beſinnen, wann das war— Lange her iſt's freilich, und ich— Ich fliege wie'n Lauffeu'r durch Stadt und Land, Auf'm Hochweg' geſehn, und auf Duͤnen bekannt; Der Blitz, der da leuchtet ſo frei und ſo hell, Kaum iſt er ſo ſchoͤn wohl als ich, und ſo ſchnell. Still mit dem Geſchrei, Du loſe Dirne! ſprach der Gerichtsdiener, der die ſeltſame Saͤn⸗ gerinn eingefuͤhrt hatte, und ſich uͤber ihr freies Benehmen gegen einen ſo wichtigen Mann, als Sharpitlaw war, beinahe aͤrgerte. Schweigt, oder ich will Euch Urſache zu ſchreien geben. Laßt ſie gewaͤhren, Georg, ſprach Sharpit⸗ law: und bringt ſie nicht aus ihrem Tone. Ich habe einige Fragen an ſie zu thun. Aber, Herr Butler, ſeht ſie erſt noch einmahl an, Thut das, geiſtlicher Mann, thut das! rief Grete. Ich bin ſo gut des Anſehens werth, als irgend eines von euren Buͤchern. Und ich kann den kleinen Katechismus aufſagen, und den gro⸗ ßen, und weiß von der Rechtfertigung und der 1147 Erwaͤhlung, und der Verſammlung der Gottes⸗ gelehrten in Weſtminſter, das heißt— ſetzte ſie leiſer hinzu— ich wußte es ſonſt; aber es iſt lange, und man iſt vergeßlich, das wißt Ihr ja. Bei dieſen Worten ſeufzte ſie tief. Nun, was denkt Ihr jetzt? ſprach Sharpit⸗ law zu Butler. Wie geſagt, erwiederte der Schulmeiſter: ich habe das arme verruͤckte Weib nie geſehen. Sie iſt alſo nicht Diejenige, welche die Auf⸗ ruͤhrer in der vorigen Nacht Grete Wildfeuer nannten? Gewiß nicht, erwiederte Butler. Sie moͤ⸗ gen von gleicher Groͤße ſein, denn Beide ſind lang, aber ſonſt ſehe ich wenig Aehnlichkeit. Auch die Tracht iſt nicht gleich? fragte Shar⸗ pitlaw. Ganz und gar nicht. Grete, ſprach Sharpitlaw wieder mit ſchmei⸗ chelndem Tone: was habt Ihr denn geſtern mit eurer Werkeltagskleidung gemacht? Ich kann mich nicht beſinnen, erwiederte ſie⸗ Wo waret Ihr denn geſtern Abend, Grete? Ich weiß gar nichts von Geſtern, antwortete Grete. Man braucht manchmahl nur einen Tag, 10*† 148 um was ganz zu vergeſſen, und zuweilen nicht ſo viel. Aber Ihr wuͤrdet Euch wohl auf etwas be⸗ ſinnen, wenn ich Euch dieſe halbe Krone gaͤbe? ſprach Sharpitlaw, und hohlte das Geldſtuͤck hervor. Es koͤnnte mich wohl zum Lachen bringen, aber nicht machen, daß ich mich beſaͤnne. Aber wenn ich Euch nun in's Arbeithaus ſchickte, Grete, und der Scharfrichter Euch mit der Peitſche den Ruͤcken kitzelte? Das wuͤrde mich zum Weinen bringen, ſprach Grete, ſchluchzend: aßer auch nicht machen, das ich mich beſaͤnne. Sie iſt ſo weit uͤber alles weg, Hochedler Herr, was verſtaͤndige Leute bewegen kann, ſprach Natcliffe, daß ſie weder an Geld, noch an den Scharfrichter und ſeinen Willkommen denkt; aber ich glaube, ich wollte wohl etwas aus ihr heraus bringen. So verſucht's, Ratcliffe, erwiederte Shar⸗ pitlaw. Ich bin's muͤde, mit dem verruͤckten Kopf mich zu quaͤlen. Grete ,ſprach Ratcliffe: haſt Du denn nun einen Liebſten? 149 Wenn Euch Jemand fragt, ſo ſagt, Ihr wißt's nicht. Der will von meinen Liebſten ſpre⸗ chen, der alte Rat! Den Teufel haſt Du einen, ſag' ich. Keinen haͤtt' ich? erwiederte Grete, mit dem Kopfwerfen einer beleidigten Schoͤnen. Da iſt Robin, und Wilhelm Flemming, und da iſt Georg Robertſon, Maͤnnchen— der Herr Ro⸗ bertſon— was denkt Ihr von dem? Ratcliffe lachte, und dem Fiskal einen Wink gebend, fuhr er auf ſeine Weiſe mit dem Ver⸗ hoͤre fort. Aber Grete, die Jungen haben Dich nur lieb, wenn Du deinen Staat anhaſt. Sie griffen Dich nicht mit Zangen an, wenn Du in deinen alten Werkeltagslumpen biſt. Das luͤgſt Du, alte Hoͤllenbrut! der artige Georg Robertſon hat geſtern meine Werkeltags⸗ kleider auf ſeinem huͤbſchen Leibe gehabt, und iſt damit durch die ganze Stadt gegangen, und herrlich und groß ſah er aus, wie'ne Koͤniginn. Davon glaub' ich nicht ein Wort, ſprach Rat⸗ cliffe, dem Fiskal wieder zuwinkend. Die Lum⸗ pen ſahen alle aus, wie Mondſchein im Waſſer, glaub' ich. Das Kleid war wohl himmelblauer Scharlach?— 150 Ei ich daͤchte gar! erwiederte Grete, deren untreues Gedaͤchtniß in der Hitze des Widerſpru⸗ ches alles herausließ, was ſie gern haͤtte verber⸗ gen moͤgen, wenn ihr Verſtand ſo gut als ihre Neigung geweſen waͤre. Es war weder Scharlach noch himmelblau, mein alter brauner Rock war's, und meiner Mutter ihre alte Muͤtze und mein rother Mantel. Er gab mir eine Krone und einen Kuß dafuͤr, daß ich's ihm borgte. Gott ſegne ſein huͤbſches Geſicht! Es iſt mir freilich theuer zu ſtehen gekommen. Und wo nahm er denn ſeine Kleider wieder, mein Kind? ſprach Sharpitlaw mit dem einneh⸗ mendſten Tone. Der Fiskal hat die ganze Sache verfahren, ſprach Ratcliffe trocken. So war's. Als die Frage ſo geradezu ausge⸗ ſprochen ward, erinnerte ſich Grete, daß ſie eben die Gegenſtaͤnde zuruͤckhaltend verhehlen muͤßte, woruͤber ſie, durch Ratcliffe's mittelbare Fragen verleitet, ſich ausgelaſſen hatte.— Was fragt Ihr, Herr? hob ſie wieder an, und gab ſich dabei ſo ſchnell das Anſehen von Dummheit, daß man leicht ſah, wie viel Schel⸗ merei mit ihrer Narrheit verbunden war. 151 Ich fragte Euch, ſprach der Fiskal: zu wel⸗ cher Zeit und wo Euch Robertſon eure Kleider zu⸗ ruͤck gab? Robertſon? Gott behuͤt' uns! Was fuͤr ein Robertſon? Nun, der Menſch, wovon wir ſprachen, der artige Georg, wie Ihr ihn nennt. Der artige Georg? erwiederte Grete mit gut erkuͤnſteltem Staunen. Ich kenne Niemand, der ſo heißt. O mein Kind, damit kommt Ihr nicht fort, erwiederte Sharpitlaw. Ihr muͤßt uns ſagen, was Ihr mit dieſen Kleidern gemacht habt. Grete Wildfeuer antwortete nicht, wenn an⸗ ders nicht die Frage vielleicht mit dem Stuͤckchen von einem alten Liede, das ſie dem verlegenen Frager zum Beßten gab, in Verbindung ſtand. Was that'ſt Du mit dem Brautring— Braut⸗ ring— Brautring? Was that'ſt mit deinem Trauring, mein Schätz⸗ chen fein? Ich gab ihn'nem Soldaten, Soldaten, Sol⸗ daten, Ich gab ihn„nem Soldaten, dem alten Liebſten mein. Wenn unter allen Verruͤckten, die ſeit Ham⸗ 152 let, dem Daͤnenprinzen, geſungen und geſpro⸗ chen haben, Ophelia die Ruͤhrendſte war, ſo war es Grete Wildfeuer, die am Meiſten aͤrgerte. Der Fiskal war in Verzweiflung.„Ich will ſchon Mittel finden, ſprach er: die ver⸗ wuͤnſchte Tollhaͤuslerinn zum Reden zu bringen.“ Mit eurer Erlaubniß, Herr Fiskal, hob Rat⸗ eliffe wieder an: beſſer waͤr' es, wenn Ihr ſie erſt ein Bischen ruhig werden ließet. Ihr habt ja ſchon etwas heraus gebracht. Allerdings, erwiederte Sharpitlaw. Ein kur⸗ zer brauner Rock, eine Muͤtze, ein rother Man⸗ tel— alles dieß paßt auf eure Grete Wildfeuer, Herr Butler. Butler bejahte es. Ja, fuhr Sharpitlaw fort: es war Grund genug da, den Anzug und den Nahmen dieſes verruͤckten Geſchoͤpfes zu borgen, ſo lange er mit ſolchen Haͤndeln zu thun hatte. Und ich, ſprach Ratcliffe: darf nun ſagen— Ja, wenn Ihr ſeht, daß es ohne Euch aus⸗ gekommen iſt, fiel Sharpitlaw ein. Richtig, hob Ratcliffe wieder an: aber ich darf nun ſagen, da es anders ausgekommen iſt, dieß waren eben die Kleider, die Robertſon vorige 153 Nacht im Gefangniſſe trug, als er an der Spitze der Aufruͤhrer war. Nan, das iſt ein klares Zeugniß, ſprach Sharpitlaw. Bleibt dabei, Ratecliffe. Ich will dem Buͤrgermeiſter einen guͤnſtigen Bericht von Euch machen. Dieſen Abend habe ich ein Ge⸗ ſchaͤft fuͤr Euch. Es wird ſpaͤt. Ich muß nach Hauſe gehen und einen Biſſen zu mir nehmen. Gegen Abend komme ich zuruͤck. Behaltet die Grete bei Euch, Ratcliffe, und ſeht zu, daß ſie wieder in gute Laune kommt. Mit dieſen Worten ging er hinaus. VII. Der Eine pfiff's, der Andre ſang's, Ein Andrer rief es ſchier, Sobald Lord Barnard ſtieß in's Horn— Fort, Musgrave, fort von hier Lied vomkleinen Musgrave. Als der Fiskal wieder ins Herz von Mid⸗Lothi⸗ an kam, knuͤpfte er die Unterredung mit Rateliffe wieder an, auf deſſen Erfahrung und Beiſtand er nun rechnen zu koͤnnen glaubte.„Ihr muͤßt mit dem Ding ſprechen, Ratcliffe, mit der Effie Deans; Ihr muͤßt ſie ein bischen aushohlen. Sie weiß gewiß, wo der Robertſon ſeine Gaͤnge hat. Zu ihr, Rateliffe, zu ihr, ohne Verzug!“ Verzeiht mir, Herr Sharpitlaw, ſprach der kuͤnftige Schließer: das ſteht nicht in meiner Gewalt. Nicht in eurer Gewalt? Was zum Hen⸗ 155 ker faͤlltt Euch ein? Ich dachte, wir waͤren uͤber alles einig. Das weiß ich nicht, Herr Fiskal, erwiederte Rateliffe. Ich habe mit der Effie geſprochen. Dieſer Ort iſt ihr noch fremd, und auch die Ein⸗ richtung hier. Sie weint, das alberne Ding, und hat ſchon Herzeleid genug um den wilden Burſchen, und wenn er durch ſie nun gefangen werden ſollte, ſo wuͤrde es ihr vollends das Herz brechen. Dazu wird ſie nicht Zeit haben, Ratcliffe, ſprach Sharpitlaw. Der Scharfrichter kriegt ſie unter die Haͤnde, ehe es ſo weit kommt. Ein Weiberherz braucht lange Zeit, bis es bricht. Das kommt darauf an, wovon es gemacht iſt, Herr Fiskal, erwiederte Ratcliffe. Aber kurz von der Sache zu ſprechen, ich kann die Ge⸗ ſchichte nicht uͤbernehmen. Es iſt gegen mein Gewiſſen. Euer Gewiſſen? ſprach Sharpitlaw, mit einem Hohnloͤcheln, das der Leſer vermuthlich fuͤr ſehr natuͤrlich bei dieſer Gelegenheit haͤlt. Ei ja, Hochedler Herr, erwiederte Rateliffe ruhig: gegen mein Gewiſſen. Jedermann hat ein Gewiſſen, wenn man ihm auch nicht immer 136 gut beikommen kann. Ich denke, das meinige iſt ſo gut vom rechten Wege abgewichen, als bei den meiſten Menſchen, und doch geht's ihm wie meiner Elbogenſpitze, es ſtoͤßt ſich zuweilen an einer Ecke, daß es vor Schmerz zittert. Wohlan, Ratcliffe, antwortete Sharpitlaw: weil Ihr bedenklich ſeid, ſo ſpreche ich ſelber mit dem Weibsbild. Der Rechtsmann ließ ſich nun in das enge, dunkle Gemach fuͤhren, wo die ungluͤckliche Effie Deans verwahrt wurde. Das arme Maͤdchen ſaß auf ihrem Flockenbettchen, in tiefes Nach⸗ denken verloren. Vor ihr auf dem Tiſche ſtand etwas Speiſe, die beſſer war, als den Gefange⸗ nen gewoͤhnlich gereicht wird, aber ſie war unbe⸗ ruͤhrt. Der Waͤchter, der die beſondre Aufſicht uͤber die Gefangene hatte, verſicherte, daß ſie zuweilen in vier und zwanzig Stunden gar nichts koſtete, als einen Trunk Waſſer. Sharpitlaw ſetzte ſich auf einen Stuhl. Als er den Schließer weggeſchickt hatte, begann er die Unterredung, und ſuchte in ſeinen Ton und in ſeine Zuͤge ſo viel Mitleid zu legen, als Beide auszudruͤcken vermochten, denn jener klang hart 157 und barſch, und dieſe waren ſchlau, ſcharf und ſelbſtiſch. 3 Nun, wie geht's, Effie? hob er an. Was macht Ihr, mein Kind? Ein tiefer Seufzer war die einzige Antwort Iſt man höͤflich gegen Euch, Effie? Es iſt meine Schuldigkeit, danach zu fragen. Sehr hoͤflich, edler Herr, ſprach Effie, ſich zur Antwort zwingend, aber ſie wußte kaum, was ſie ſagte. Und euer Eſſen, fuhr Sharpitlaw mit dem⸗ ſelben mitleidigen Tone fort. Bekommt Ihr, was Ihr wuͤnſcht? Oder haͤttet Ihr zu irgend etwas Luſt, da eure Geſundheit ſchwaͤchlich zu ſein ſcheint? Alles iſt ſehr gut, edler Herr, ich danke Euch, antwortete ſie mit einem Tone, der von der froͤh⸗ lichen Lebhaftigkeit der Lilie von Leonhardfels ſo ganz verſchieden war. Alles iſt ſehr gut— zu gut fuͤr mich. Effie, wer Euch in dieſe Noth gebracht hat⸗ muß ein recht ſchlechter Menſch ſein. Dieſe Aeußerung ging theils aus einem na⸗ tuͤrlichen Gefuͤhle hervor, wovon ſelbſt der Rechts⸗ mann ſich nicht los machen konnte, wie ſehr er auch gewoͤhnt war, die Leidenſchaften andrer Men⸗ ſchen zu bearbeiten und ſeine eigenen ſorgfaͤltig zu bewachen, theils aber leitete ihn dabei der Wunſch, auf diejenige Unterredung zu kommen, die ſeine Abſichten am Beßten foͤrdern konnte. Dieſe ver⸗ ſchmolzenen Beweggruͤnde von Gefuͤhl und Liſt waren bei dieſer Gelegenheit in wunderbarer Ueber⸗ einſtimmung. Je ſchlechter Robertſon iſt, deſto verdienſtlicher wird es ſein, ihn vor Gericht zu bringen, dachte er, und ſprach dann noch ein⸗ mahl zu Effie:„Ja, ein ſehr ſchlechter Menſch muß er geweſen ſein, und ich wuͤnſche, ich koͤnnte ihn durchpruͤgeln.“ Ich bin mehr zu tadeln, als er, antwortete Effie. Ich bin ſo erzogen worden, daß ich das Beſſere haͤtte erkennen muͤſſen, aber er, der arme Menſch— Sie ſchwieg. Er war ſein Lebelang ein Taugenichts, moͤchte ich ſagen, fiel Sharpitlaw ein. Er war wie ein Fremdling in ſeinem Vaterlande, und ein Spieß⸗ geſell des Landſtreichers Wilſon, glaube ich. Es wuͤrde gut geweſen ſein, wenn man ihm haͤtte ſagen koͤnnen, er haͤtte nie Wilſon's Ge⸗ ſicht geſehen. d 159 Darin habt Ihr ſehr recht, Effie, erwiederte Sharpitlaw. Wo kamt Ihr denn gewoͤhnlich mit Robertſon zuſammen? Das einfache, entmuthigte Maͤdchen hatte ſich ſo weit von Sharpitlaw leiten laſſen, weil er ſeine Bemerkungen liſtig den Gedanken ange⸗ paßt hatte, die nach ſeiner Vermuthung durch ihre Seele gehen mußten, und ihre Antworten waren gleichſam ein lautes Denken, wozu Die⸗ jenigen, die entweder einen Hang zu Geiſtesab⸗ weſenheiten haben, oder durch Bedraͤngniſſe zer⸗ ſtreut gemacht werden, mit geſchickten Einge⸗ bungen leicht gebracht werden koͤnnen. Die letzte Bemerkung des Fiskals aber glich zu ſehr einer ausdruͤcklichen Befragung, und der Zauber war augenblicklich geloſet. Was habe ich denn geſagt? ſprach Effie, und aus ihrer ruhenden Stellung auffahrend, ſetzte ſie ſich gerade, und ſtrich das aufgeloͤſete Haar aus dem abgezehrten, aber noch immer ſchoͤnen Geſichte. Sie heftete einen kuͤhnen und ſcharfen Blick auf Sharpitlaw.„Ihr ſeid zu ſehr ein gebildeter Mann, und zu ſehr ein ehrlicher Mann, ſprach ſie: als daß Ihr auf etwas achten ſolltet, was ein ſo armes Geſchoͤpf, als ich bin, ſagen 160 kann. Ich weiß ja kaum, ob ich meine Sinne noch habe. Gott helfe mir!“ Nutzen ſollte ich davon ziehen? Ja, ich wollte Euch gern nützlich werden, wenn ich koͤnnte, ſprach Sharpitlaw in beſäͤnftigendem Tone: und ich wuͤßte nicht, was Euch nuͤtzlli⸗ cher ſein koͤnnte, Effie, als wenn wir den Schurken Robertſon packen koͤnnten. O gebt ihm keinen unrechten Nahmen! Er hat Euch ja auch keinen gegeben. Robertſon? Nein gewiß, ich hatte nichts zu ſagen gegen Jemanden, der ſo heißt, und will nichts ſagen. Aber wenn Ihr denn nicht auf euer eige⸗ nes Ungluͤck achtet, Effie, ſo ſolltet Ihr be⸗ denken, in welche Noth Ihr die Eurigen ge⸗ bracht habt. O Gott helfe mir! rief die Ungluͤckliche. Mein armer Vater— mein gutes Hannchen! Ach! das iſt ſchwerer, als alles zu tragen. 5 lieber Herr, wenn Ihr nur etwas Guͤte— nur etwas Mitleid habt— Alle Menſchen hier ſind ſo hart, als dieſe Mauern— Sagt ihnen doch, daß ſie meine Schweſter Hannchen her⸗ eintaſſen, ſo bald ſie wieder kommt. Wenn ich hoͤre, wie man ſie von der Thuͤre wegweiſet, 161 und dann nicht zu dem hohen Fenſter hinauf klettern kann, daß ich nur den Zipfel ihres Kleides ſaͤhe, ſo moͤchte ich von Sinnen kommen. Der Blick, womit ſie ihn anſah, flehte ſo inbruͤnſtig, und doch ſo demuͤthig, daß ſie ſei⸗ nen ſtandhaften Vorſatz erſchuͤtterte.„Ihr ſollt eure Schweſter ſehen, hob er an: wenn Ihr mir ſagt— Aber nein, unterbrach er ſich und ſetzte haſtig hinzu: Ihr ſollt eure Schweſter ſe⸗ hen, Ihr moͤget mir was ſagen, oder nicht.“ Mit dieſen Worten ſtand er auf und ging hinaus. Als er wieder zu Ratcliffe kam, hob er an: „Ihr habt recht, Ratchen, mit dem Maͤdel iſt nicht viel anzufangen. Aber eins hab' ich heraus, Robertſon iſt Vater zu dem Kinde ge⸗ weſen, und ich wette, er iſt der Mann, der dieſe Nacht mit Hannchen Deans bei Mu⸗ ſchett's Steinen zuſammen kommen will. Da fangen wir ihn, Ratchen, oder mein Nahme iſt nicht Gideon Sharpitlaw. Aber wenn das waͤre, erwiederte Rateliffe, der vielleicht nicht eilig war, irgend etwas ein⸗ zuſehen, das mit Robertſon's Entdeckung und Verhaftung in Verbindung ſtand: ſo wuͤrde II. Theil⸗ 11 162 doch Herr Butler wohl geſehen haben, daß der Unbekannte im Koͤnigspark eben derſelbe Mann geweſen waͤre, der in Gretens Kleidern die Auf⸗ ruͤhrer anfuͤhrte. Das macht ja keinen Unterſchied, lieber Mann. Die Kleider, das Licht, die Verwirrung, und vielleicht auch ein Strich mit einem ange⸗ brannten Stoͤpſel, oder ein bischen Schminke— Ei Ratchen, ich habe Euch ſelber ja ſo verkleidet geſehen, daß der Teufel, dem Ihr angehoͤrt, nicht geſchworen haͤtte, daß Ihr's waͤret. Das iſt auch wahr, erwiederte Ratcliffe. Und dann, dummer Kerl, der Ihr ſeid, fuhr Sharpitlaw ſiegfroͤhlich fort: Butler hat ja ge⸗ ſagt, die Zuͤge des Burſchen, der im Parke mit ihm ſprach, waͤren ihm nicht ganz unbekannt ge⸗ weſen, er haͤtte ſich nur nicht beſinnen koͤnnen, wo und wann er ihn geſehen haͤtte. Nun ja, es iſt klar, Hochedler Herr, Ihr habt recht. 3 Ratcliffe, wir Beide gehen dieſe Nacht mit der Wache und ſehen, daß wir ihn fangen, ſonſt kriegen wir ihn nimmermehr. Ich ſehe nicht, was ich Euch dabei nuͤtzen 163 koͤnnte, Hochedler Herr, ſprach Ratcliffe, ſich ſtraͤubend. Nuͤtzen? erwiederte Sharpitlaw. Ihr fuͤhrt die Wache; die Gegend iſt Euch jahekannt. Auch habe ich nicht Luſt, mein Freund, Euch aus den Augen zu laſſen, bis wir ihn in unſern Haͤnden haben. Nun denn, ſprach Ratcliffe, aber nicht mit einem freudig zuſtimmenden Tone: es muß nach euerm Willen gehen— Aber bedenkt wohl, es iſt ein tollkuͤhner Menſch. Wir werden ſchon Mittel bei uns haben, ihn zur Ruhe zu bringen, wenn's noͤthig iſt, hob Sharpitlaw wieder an. Aber ich kann Euch bei Nacht ſicherlich nicht den Weg zu Muſchett's Steinen weiſen, ſprach Nateliffe. Ich kenne die Gegend wohl, wie an⸗ dre Leute ſie auch kennen, das heißt am hellen Tage; aber wie ich den Weg bei Mondſchein finden ſoll, unter ſo vielen Felſen und Steinen, die ſich alle ſo aͤhnlich ſind, als der Koͤhler dem Teufel, das weiß ich nicht. Ich koͤnnte eben ſo gut Mondſchein im Waſſer ſuchen. Was ſoll das bedeuten, Nateliffe? erwiedert⸗ Sharpitlaw, und der Blick, den er auf den Wi⸗ 11*† 164 derſpenſtigen heftete, verkuͤndigte nichts Gutes. Habt Ihr vergeſſen, daß euer Todesurtheil noch in Kraft iſt? Nein, Hachedler Herr, ſprach Ratcliffe, ſo etwas vergißt man nicht leicht, und wenn meine Gegenwart noͤthig iſt, ſo muß ich freilich mit Euch gehen. Aber ich wollte Euch ſagen, Hoch⸗ edler Herr, Jemand anders kennt Wege und Stege noch beſſer, als ich und das iſt Grete Wildfeuer. Hohl' die der Teufel! Meint Ihr denn, ich waͤre ſo toll, als ſie iſt, daß ich mich von ihr bei einer ſolchen Gelegenheit ſollte fuͤhren laſſen? Ihr wißt's am beßten zu beurtheilen, Hoch⸗ edler Herr, erwiederte Ratcliffe: aber ich wuͤrde ſchon machen, daß ſie bei guter Laune bliebe und immer auf dem geraden Wege ginge. Im Som⸗ mer ſchlaͤft ſie oft die ganze Nacht hindurch im Freien, oder ſtreicht im Gebirge herum, das tolle Ding. Gut, Ratcliffe, erwiederte der Fiskal; wenn Ihr denkt, daß ſie uns den rechten Weg fuͤhrt, aber ſeht Euch wohl vor, Euer Leben haͤngt von euerm Betragen ab. Es iſt doch ein rechtes Ungluͤck fuͤr einen 165 Menſchen, wenn er einmahl ſo weit auf dem un⸗ rechten Wege gegangen iſt, als ich, will's mit der Ehrlichkeit gar nicht angehen, er mag's auch angreifen, wie er will. So ſprach Ratcliffe zu ſich ſelber, als er eini⸗ nige Augenblicke allein war, waͤhrend der Rechts⸗ mann fuͤr die Ausfertigung eines Verhaftbefehls ſorgte, und die noͤthigen Anordnungen machte. Bei Aufgange des Mondes waren Alle aus den Mauern der Stadt und kamen ins offene Feld. Arthur's Sitz, einem ruhenden Loͤwen von rieſenhafter Groͤße gleich, die Salisbury⸗Fel⸗ ſen, einem ungeheuren Granitguͤrtel vergleichbar, erſchienen in truͤber Daͤmmerung. Die Wanderer kamen laͤngs der ſuͤdlichen Seite von Canonga⸗ e nach Holyrdodhouſe,*) und von hier fuͤhrte ſie ein Pfad zu einem Stege, der in den Koͤnigspark ging. Es waren ihrer anfaͤnglich vier an der Zahl, ein Gerichtsdiener und Sharpitlaw, die beide mit Piſtolen und Saͤbeln wohl bewaffnet waren, Natcliffe, dem man keine Waffen anver⸗ traut hatte, aus Beſorgniß, daß es ihm einfallen koͤnne, ſie auf unrechte Art zu gebrauchen, und *) Der alte Palaſt der ſchottiſchen Koͤnige. L, 6 2 Grete Wilddfeuer. Am letzten Stege, der ſie ins Gehaͤnge brachte, kamen noch zwei andre Ge⸗ richtsdiener zu ihnen, die Sharpitlaw hier hatte warten laſſen, um zur Ausfuͤhrung ſeines Vor⸗ habens hinlaͤnglich geruͤſtet zu ſein, und zugleich der Beobachtung auszuweichen. Ratcliffe ſah dieſe Verſtaͤrkung mit eigner Unruhe, da er zeit⸗ her vermuthet hatte, Robertſon, ein kuͤhner, ruͤ⸗ ſtiger und gewandter Burſche, wuͤrde dem Fiskal und dem Gerichtsdiener, durch uͤberlegene Staͤrke, oder durch Behendigkeit entkommen koͤnnen, oh⸗ ne daß es fuͤr ihn noͤthig waͤre, ſich in die Sache zu mengen. Die Diener der Gerechtigkeit wa⸗ ren nun aber ſo uͤbermaͤchtig, daß Robertſon, dem der alte Suͤnder gern helfen wollte, wenn es oh⸗ ne Gefaͤhrdung ſeiner eignen Sicherheit moͤglich war, nicht anders, als durch ein warnendes Zei⸗ chen aus der Ferne, gerettet werden konnte. Rat⸗ cliffe hatte vermuthlich in dieſer Abſicht Gretens Begleitung verlangt, weil er auf ihre Neigung, ihre Lunge anzuſtrengen, zuverſichtlich genug rechnete. Sie hatte bereits ſo viele Proben ihrer laͤrmenden Geſchwaͤtzigkeit gegeben, daß Sharpit⸗ lard ſchon halb entſchloſſen war, ſie mit einem Gerichtsdiener zuruͤck zu ſenden, um eine, bei einer 167 geheimen Unternehmung ſo wenig taugliche Fuͤh⸗ rerinn los zu werden. Es ſchien, als ob die fri⸗ ſche Luft, die Naͤhe der Berge, und der aufgehen⸗ de Mond, der auf zerruͤttete Gemuͤther einen ſo maͤchtigen Einfluß haben ſoll, ſie zu einer zehn⸗ mahl groͤßern Redſeligkeit aufgeregt haͤtten, als zeit⸗ her bei ihr zu merken geweſen war. Durch freund⸗ liche Mittel ſie zum Schweigen zu bringen, ſchien unmoͤglich zu ſein; gebieteriſchen Weiſungen und ſchmeichelnden Bitten wurde gleichfalls getrotzt, und Drohungen machten ſie nur muͤrriſch und ganz unlenkſam. Iſt denn unter Euch, ſprach Sharpitlaw un⸗ geduldig: gar Niemand, der den Weg zu dem verwuͤnſchten Platze, zu Muſchett’ Steinen, wuͤßte, als allein dieſes tolle geſchwaͤtzige Weib? Niemand weiß ihn, als ich, rief Grete. Wie ſollten ſie's wiſſen, die feigen, elenden Ker⸗ lel Aber ich habe auf dem Grabe geſeſſen von der Fledermauszeit bis zum Hahnenſchrei, und oft recht huͤbſch geplaudert mit Niklas Muſchett und Greten, ſeiner Frau, die da ſchlafen. Hohl' der Henker euer verruͤcktes Gehirn! ſprach Sharpitlaw. Laßt doch die Leute auf ei⸗ „ne Frage antworten. 168 Waͤhrend Ratcliffe die Aufmerkſamkeit der Wahnſinnigen beſchaͤftigte, erklaͤrten die Gerichts⸗ diener, ſie waͤren zwar mit der Gegend im All⸗ gemeinen bekannt, koͤnnten es aber nicht uͤber⸗ nehmen, das Haͤuflein bei dem ungewiſſen Mond⸗ lichte ſo genau zu fuͤhren, daß der gluͤckliche Erfolg des Unternehmens geſichert waͤre. Was iſt zu thun, Ratcliffe? ſprach Shar⸗ pitlaw. Wird er uns gewahr, ehe wir ihn ſe⸗ hen— und das iſt gewiß, wenn wir ſo umher ſtreichen, ohne uns auf dem geraden Wege zu halten— dann gute Nacht mit dem ganzen Handel! Und ich wollte lieber hundert Pfund ver⸗ lieren, einmahl, weil's dem Rufe der Polizei ſcha⸗ det, und dann, weil der Buͤrgermeiſter ſagl, es muͤßte Jemand wegen der Porteous⸗Geſchichte an den Galgen, wie's auch werden moͤchte. Ich denke, erwiederte Ratcliffe: wir muͤſſen's mit der Grete verſuchen. Ich will ſehen, ob ich ſie ein bischen in Ordnung bringen kann. Auf alle Faͤlle aber, wenn er ſie auch ihre alten Lie⸗ der⸗Endchen ſchreien hoͤren ſollte, wird er darum doch nicht wiſſen, daß Jemand bei ihr iſt. Das iſt wahr, ſprach Sharpitlaw: und wenn er glaubte, ſie waͤre allein, ſo koͤnnte er ſich's eben 169 ſo leicht einfallen laſſen, zu ihr zu kommen, als weg zu laufen. Alſo vorwaͤrts! Wir haben ſchon zu viel Zeit verloren. Macht nur, daß ſie uns auf den rechten Weg bringt. Und wie lebt denn nun Niklas Muſchett mit ſeinem Weibe? ſprach Ratcliffe zu der Verruͤck⸗ ten, ihren wahnſinnigen Gedanken nachgebend. Es waren zaͤnkiſche Leute ſchon vor langer Zeit, wenn alles wahr iſt, was man erzaͤhlt. O ja, ja, ja— aber alles iſt jetzt vergeſſen, erwiederte Grete in dem vertraulichen Tone einer Schwaͤtzerinn, welche die Geſchichte ihrer naͤchſten Nachbarinn erzaͤhlt. Seht, ich ſprach ſelber mit ihnen, und ſagte, geſchehene Dinge waͤren nun einmahl nicht zu aͤndern. Ihre Kehle iſt freilich arg entſtellt und zerfetzt, und ſie zieht ihr Leichen⸗ tuch recht hoch herauf, daß man's nicht ſehen ſoll; aber das Blut dringt dennoch durch, wie Ihr wißt. Ich wollte, ſie wuͤſche es in Sankt Anton's Brunnen, und davon wird's rein, wenn's etwas rein machen kann. Aber man ſagt, Blut ließe ſich nie aus Leinenzeug waſchen. Der Zunftmei⸗ ſter Sanders kann's mit ſeinem neuen Flecken⸗ waſſer auch nicht. Das hab' ich ſelber verſucht an einem Lurupen zu Hauſe, daran war Blut 170 von einem ſchreienden Kindlein, das man einmahl wo verwundet hat, aber es ging nicht heraus. Ja, das iſt wunderlich, werdet Ihr ſagen; aber ich bring' es zu Sankt Anton's heiligem Brun⸗ nen, in einer ſchoͤnen Nacht, wie heute, und dann rufe ich Grete Muſchett, und ſie und ich wollen eine große Waͤſche machen und unſer Lei⸗ nenzeug im Scheine des lieben Mondes bleichen. Der iſt mir viel lieber, als die Sonne. Viel zu heiß iſt die Sonne, und ſeht, Gevatter, mein Kopf iſt ſchon heiß genug. Aber der Mond, und der Thau, und der Nachtwind, die ſind gerade wie ein kuͤhles Kohlblatt, das ich auf die Stirne lege, und ich denke, der Mond ſcheint nur mir zu Gefallen, wenn Niemand ihn ſieht, als ich. Sie ſetzte die wahnſinnige Rede mit wunder⸗ ſamer Gelaͤufigkeit fort, waͤhrend ſie mit ſchnellen Schritten voran ging, und Ratcliffe nach ſich zog, der wenigſtens zum Scheine, wenn auch nicht in ernſtlicher Abſicht, ſie zu bewegen ſuchte, ihre Stimme zu maͤßigen. Plöͤtzlich blieb ſie auf dem Gipfel eines klei⸗ nen Huͤgels ſtehen, heftete ihre Blicke aufwaͤrts und ſprach einige Minuten lang kein Wort. Zum Henker, was fehlt ihr nun? ſprach 171 Sharpitlaw zu Ratcliffe. Koͤnnt Ihr ſie nicht vorwaͤrts bringen? Ihr muͤßt wohl ein bischen Geduld mit ihr haben, Hochedler Herr, erwiederte Rateliffe. Sie geht nicht einen Schritt mehr, als es ihr gefaͤllt. Das verdammte Weib! Ich will ſchon da⸗ fuͤr ſorgen, daß ſie in's Tollhaus, oder in's Zucht⸗ haus kommt, oder in Beide, denn ſie iſt wahn⸗ ſinnig und boshaft zugleich. Grete, die anfaͤnglich, als ſie ſtehen blieb, ſehr ſchwermuͤthig ausgeſehen hatte, brach ploͤtz⸗ lich in lautes Gelaͤchter aus, ſchwieg dann und ſeufzte ſchmerzlich, ſchlug wieder ein Gelaͤchter auf und endlich, den Mond anſtarrend, hob ſie mit lauter Stimme an: Guten Abend, ſchoͤner Mond, guten Abend Dir! Ich bitte, lieber Mond, nun zeige Du mir, Wie er ausſieht und ſpricht, und wie man ihn ſieht gehn, Den Mann, den ich zum Treuliebſten erſehn. Aber das brauche ich den lieben Mond nicht zu fragen. Ich weiß es ſelber gut genug. Ein rreuer Liebſter war er freilich nicht, aber Nie⸗ mand ſoll ſagen, daß ich je ein Wort von der Sache geſprochen habe— Manchmahl wuͤnſche 172 ich doch, das Kind waͤre leben geblieben— Nun, Gott behuͤt' uns, es iſt ein Himmel uͤber uns Al⸗ len— ſprach ſie mit einem ſchmerzlichen Seuf⸗ zer: und auch ein lieber Mond und Sterne dazu. Nach dieſen Worten brach ſie noch einmahl in Lachen aus. Sollen wir denn die ganze Nacht hier ſtehen? fragte Sharpitlaw ungeduldig. Schleppt ſie vor⸗ waͤrts. Ja, Hochedler Herr, antwortete Rateliffe: wenn wir wuͤßten, auf welchen Weg wir ſie ſchlep⸗ pen ſollten, ſo waͤre es auf einmahl abgemacht.— Komm, Grete, komm! wandte er ſich zu ihr: wir ſehen ſonſt Niklas und ſeine Frau zu ſpaͤt, wenn Du uns den Weyg nicht zeigſt. Ihr habt recht, Ratchen, und das will ich auch, erwiederte ſie, und ſeinen Arm ergrei⸗ fend, ſetzte ſie ihren Weg, ungewoͤhnlich weit aus⸗ ſchreitend, fort. Ich ſage Euch, Ratchen, hob ſie wieder an: Niklas Muſchett wird Euch gern ſehen; er ſagte, es gaͤbe keinen ſolchen Schurken außer der Hoͤlle, als Ihr waͤret, und er moͤchte fuͤr ſein Leben gern eins mit Euch plaudern. Gleich und gleich geſellt ſich gern— das Sprich⸗ wort trifft immer zu. Ihr ſeid Beide ein Paar 172 4 2 Schooßkinder des Teufels, glaub' ich, und es iſt ſchwer zu ſagen, wer den beßten Platz an ſeinem Herde verdient., Ratcliffe's Gewiſſen regte ſich, und er konn⸗ te ſich nicht enthalten, unwillkuͤhrlich Einſpruch gegen dieſe Zuſammenſtellung zu thun.„Ich habe nie Blut vergoſſen,“ erwiederte er. Aber Ihr habt's verkauft, Ratchen, habt oft Blut verkauft. Man toͤdtet mit der Zunge ſo gut, als mit der Hand, mit Worten ſo gut, als mit dem Meſſer— Es iſt der ſchoͤne Schlaͤchterbub', Der blaue Aermel traͤgt; Am Samſtag hat das Fleiſch er feil, Das Freitags todt er ſchlaͤgt. Und was iſt's denn, das ich jetzt thue? dachte Rateliffe. Aber Robertſon's junges Blut ſoll nicht uͤber mich kommen, wenn ich's hin⸗ dern kann. Er wandte ſich dann zu der Wahnſinnigen, und fragte ſie, ob ſie ſich nicht auf ein altes Liedchen beſinnen koͤnnte. O auf viele huͤbſche, antwortete Grete: und gern mag ich ſie ſingen; ein munterer Geſang macht frohen Weg. 174 Iſt der Gei'r in blauen Wolken, Liegt die Lerche ſtill; Iſt der Hund im gruͤnen Walde, Vom Berg das Reh nicht will⸗ Bringt Ihr verwuͤnſchtes Gelaͤrme zum Schweigen, und wenn Ihr ſie erwuͤrgen muͤß⸗ tet, ſprach Sharpitlaw. Ich ſehe druͤben Je⸗ mand. Haltet Euch zuſammen, Kinder, und kriecht um den Huͤgel herum. Georg, Du bleibſt bei Ratcliffe und der tollen Dirne, Ihr beiden Andern kommt mit mir; wir gehen im Schatten am Huͤgel hin. Er kroch mit verſtohlenem Schritte voran, wie ein amerikaniſcher Wilder, der ſeine Rotte anfuͤhrt, um einen argwohnloſen Schwarm ei⸗ nes feindlichen Stammes zu uͤberfallen. Rat⸗ cliffe ſah ſie vorwaͤrts ſchleichen, und dem Mond⸗ ſchein ausweichend, ſich ſo viel als moͤglich im Schatten halten.„Robertſon iſt verloren, ſprach er zu ſich ſelber. Die jungen Leute ſind doch immer ſo unbedachtſam! Was zum Teufel konnte er der Hanne Deans zu ſagen haben, oder ſonſt einem Weibe auf Erden, daß er hin⸗ ging und ſeinen Hals fuͤr ſie wagte? Und die tolle Dirne hat die ganze Nacht geſchnattert, 175 wie eine Fettgans, und geſchrien, wie ein Pfau, und nun muß ſie gerade das Maul halten, wo ihr Geſchwaͤtz gut ſein koͤnnte. Aber ſo machen's die Weiber immer, wenn ſie je das Maul hal⸗ ten, ſo kann man darauf ſchwoͤren, es entſteht Unheil daraus. Wenn ich ſie doch wieder in Gang bringen koͤnnte, ohne daß dieſer Blut⸗ ſauger es merkte! Aber er hat Augen, die koͤnnten durch ein Bret ſehen.“ Er traͤllerte nun mit ſehr leiſem, kaum hoͤr⸗ baren Tone die erſten Zeilen eines Lieblingslie⸗ des der Wahnſinnigen, deſſen Inhalt eine ent⸗ fernte Aehnlichkeit mit Robertſon's Lage hatte, und hoffte, daß die Gedankenverkettung ihr das Uebrige zuruͤckrufen werde. Ein Schweißhund jagt in Tinwald⸗Holz, Hell glaͤnzt die Ruͤſtung ſchon. Am Tinwald⸗Huͤgel ſitzt ne Maid, Und ſingt mit lautem Ton. Kaum hatte Grete das Stichwort gehoͤrt, als ſie, Ratcliffe's Scharfſichtigkeit rechtferti⸗ gend, in der angegebenen Weiſe fortfuhr: Ihr liegt in tiefem Schlaf, ſprach ſie, uUnd ſchwingt Euch nicht auf's Pferd 2 Es ſuchen Zwanzig ſchon Euch auf, Mit Kling' und Pfeil bewehrt. 176 Ratcliffe war in dieſem Augenblicke zwar noch ziemlich weit von Muſchett's Steinen, aber gewoͤhnt, wie eine wilde Katze, in der Finſter⸗ niß zu ſehen, konnte er bemerken, daß Robert⸗ ſon durch dieſe Warnung unruhig geworden war. Georg, der einen minder ſcharfen Blick, oder weniger Aufmerkſamkeit hatte, ward die Flucht des Bedrohten eben ſo wenig gewahr, als Shar⸗ pitlaw und ſeine Gehilfen, welche zwar dem Steinhaufen weit naͤher waren, aber zwiſchen den Huͤgeln, wo ſie ſich verbargen, keine freie Ausſicht hatten. Endlich aber, nach Verlauf von fuͤnf bis ſechs Minuten, bemerkten auch ſie, daß Robertſon entflohen war, und ſtuͤrzten haſtig nach dem Steinhaufen, waͤhrend Shar⸗ pitlaw mit den rauheſten Toͤnen einer Stimme, die wie eine Saͤgemuͤhle ſchnarrte, ausrief: „Nachgeſetzt, Kinder! Nachgeſetzt! Bleibt laͤngs dem Huͤgel. Da ſehe ich ihn.“ Darauf rief er ſeinem Nachtrabe weitere Befehle zu.„Rateliffe kommt her und haltet die Dirne veſt! Georg, beſetze den Steg! Rat⸗ cliffe ſogleich her! Aber ſchlag' erſt dem tollen Weibe den Schaͤdel ein.“ Es waͤre beſſer, wenn Du davon liefeſt, 1 177 Grete, ſprach Ratcliffe. Mit einemi aufgebrach⸗ ten Manne iſt ſchwer auszukommen. Grete Wildfeuer war nicht ſo ganz unver⸗ ſtaͤndig, daß ſie dieſen Wink nicht begriffen haͤtte, und waͤhrend Ratcliffe mit anſcheinen⸗ dem Dienſteifer zu dem Orte eilte, wo Shar⸗ pitlaw ihn erwartete, um Johanna Deans ihm zu uͤbergeben, entfloh die Wahnſinnige ſo ſchnell, als ſie konnte, in entgegen geſetzter Richtung. So waren Alle getrennt, theils fliehend, theils verfolgend, und Niemand blieb zuruͤck, als Rat⸗ cliffe und Johanna, welche er, wiewohl ſie gar nicht zu entrinnen verſuchte, bei dem Mantel veſt hielt, waͤhrend Beide am Steinhaufen ſtanden⸗ II. Theit 12 178 VII. K Ihr habt dem Himmel euer Geluͤbde erfuͤllt, und dem Gefangenen die Pflicht eures Berufes. Shakeſpear's Maaß fuͤr Maaß. Johanna Deans hatte mit Schrecken und Be⸗ ſtuͤrzung die ſchnelle Annaͤherung zeiniger Maͤn⸗ ner erwartet, aber noch mehr war ſie erſchrok⸗ ken, als jene ſich ploͤtzlich trennten, und in verſchiedenen Richtungen dem Manne nachſetz⸗ ten, der ſie kurz vorher ſo ſehr in Furcht ge⸗ bracht hatte, und in dieſem Augenblicke, ohne daß ſie einen vernuͤnftigen Grund angeben konn⸗ te, eher der Gegenſtand ihrer Theilnahme war. Einer von den Maͤnnern— es war Sharpit⸗ law— kam gerade auf ſie zu.„Ihr ſeid meine Gefangene, hob er an, und ſetzte ſo gleich hinzu: Aber ich will Euch loslaſſen, wenn Ihr mir ſagt, wohin er gelaufen iſt.“ 179 Ich weiß es nicht, war alles, was das arme Maͤdchen auszuſprechen vermochte, und es war in der That gerade die Antwort, die Jemand Ihr hier am Huͤgel, ſprochen habt— das wi huͤbſches Kind. Ich weiß es nicht, lieber Herr, wiederhohlte Johanna, die in ihrem Schrecken die Bedeu⸗ tung der Fragen nicht begriff, welche in dieſem Augenblicke der Ueberraſchung ſo ſchnell an ſie gerichtet wurden. Wir wollen euer Gedaͤchtniß naͤchſtens zu ſtaͤrken ſuchen, ſprach Sharpitlaw, und rief, wie wir gehoͤrt haben, Ratcliffe herbei, dem er das Maͤdchen uͤbergab, waͤhrend er ſelber dem entronnenem Robertſon nachſetzte, den er noch immer zu fangen hoffte. Als Ratcliffe heran kam, ſchob der Fiskal ihm das Maͤdchen faſt mit rauher Hand zu, und wandte ſich dann zu den wichtigern Gegenſtaͤnden ſeiner Nach⸗ forſchung. Er kletterte auf Felſen hinan und erklimmte ſteile Hoͤhen, mit einer Behendigkeit, 12* 186 die man einem Manne von ſeinem Berufe und ſeinem ernſthaften Weſen kaum zugetraut haͤtte. In wenigen Minuten war Niemand mehr zu ſehen, ugd nur das entfernte, zwiſchen den Huͤ⸗ geln verhallende Halloh, welches die Verfolger einander zuriefen ieth, daß noch Jemand in der Naͤhe eeeftie ſtand nun im hellen Mondlichte, unter der Obhut eines Mannes, den ſie nicht kannte, und, was noch ſchlimmer war, von welchem ſie auch, begreiflicher Weiſe, nichts haͤtte erfahren koͤnnen, als was ihre Angſt noch erhoͤht haben wuͤrde. Als alles in der Ferne ſtill geworden war, redete Ratcliffe zum Erſtenmahl ſie an, aber mit dem kalten, hoͤhniſchen und gleichgiltigen Tone, welcher der eingewurzelten Verderbtheit eigen iſt, deren Verbrechen mehr aus Gewohnheit, als aus Leidenſchaft entſpringen.„Das iſt eine ſchoͤne Nacht, liebes Kind, mit deinem Schatz auf den gruͤnen Huͤgeln zu ſein, hob er an, und wollte ſeinen Arm um ihren Nacken ſchlingen. Johanna entwand ſich ſeinem Arme, aber ohne zu antworten. Ich denke, Jungen und Maͤdchen kommen zur Mitternachtzeit nicht zu Muſchett's Steinen, 181 um Nuͤſſe zu knacken, fuhr der wuͤſte Menſch fort, und ſuchte ſie noch einmahl zu umfaſſen. Wenn Ihr ein Gerichtsdiener ſeid, antwor⸗ tete Johanna, ſich wieder von ihm los machend: ſo verdientet Ihr, daß man Euch den Rock vom Leibe riſſe. Du haſt recht, mein Kind, ſprach er, ſie mit Gewalt umſchlingend: aber wie waͤr' es, wenn ich Dir erſt deinen Mantel abriſſe? O Ihr habt gewiß eine zu maͤnnliche Geſin⸗ nung, als daß Ihr mir etwas zu Leide thun koͤnntet, ſprach Johanna. Um Gotteswillen er⸗ barmt Euch einer Ungluͤcklichen, die halb wahn⸗ ſinnig iſt. Komm, komm! hob Rateliffe wieder an: Du biſt ein huͤbſches Dirnchen, und ſollteſt nur nicht ſo eigenſinnig ſein. Ich wollte ein ehrlicher Mann werden, aber da muß mir der Teufel ge⸗ rade heute erſt einen Gerichtsmann und nun ein Weib in den Weg bringen.— Weißt Du was, Hannchen, die Andern ſind druͤben am Berge, und wenn Du mir folgen willſt, ſo bringe ich Dich an ein Oertchen zu einem alten Weibe, das ich kenne, wovon alle Fiskaͤle in Schottland nichts wiſſen, und wir laſſen Robertſon ſagen, 182 daß wir ihn in Yorkſhire erwarten wollen, da gibt es wackre Jungen, die ſchon vorher mit mir zu thun gehabt haben. Herr Sharpitlaw mag dann ſeine Naͤgel kauen. Es war fuͤr Johanna in einer ſo bedraͤngten Lage ein Gluͤck, daß es ihr nicht an Geiſtesge⸗ genwart und Muth fehlte, ſobald ſie nach der er⸗ ſten Ueberraſchung im Stande war, ihre Ge⸗ danken zu ſammeln. Sie ſah, mit welchen Ge⸗ fahren ein Mann ſie bedrohte, der nicht nur ein Ruchloſer von Gewerbe war, ſondern auch uͤber⸗ dieß noch an dieſem Abend ſeinen innern Wider⸗ willen gegen das Geſchaͤft, wozu Sharpitlaw ihn gebrauchen wollte, durch ſtarke Getraͤnke betaͤubt hatte. Redet nicht ſo laut, ſprach ſie leiſe: er iſt druͤben. Wer? Robertſon? fragte Ratcliffe lebhaft. Ja druͤben, erwiederte Johanna und zeigte auf die Truͤmmer der Einſiedelei und Kapelle. Ei wahrhaftig, das mach' ich mir zu Nutze, auf dieſe, oder jene Weiſe. Warte hier auf mich. Kaum aber hatte er, in vollem Laufe, ſeinen Weg nach der Kapelle genommen, als Johanna in entgegen geſetzter Richtung entfloh, und uͤber 183 Stock und Stein auf dem naͤchſten Wege nach Hauſe eilte. Ihre Jugendbeſchaͤftigung als Hir⸗ tinn hatte ihr Behendigkeit im Laufe gegeben, und ſie war, wenn ſich die Kuͤhe in's Korn ver⸗ laufen hatten, nicht halb ſo ſchnell ihrem Hunde gefolgt, als ſie jetzt den Weg zwiſchen Muſchett's Steinen und ihres Vaters Huͤtte zuruͤck legte. Die Klinke oͤffnen, hinein gehen, die Thuͤre ſchlie⸗ ßen, doppelt verriegeln, ein ſchweres Stuͤck Haus⸗ geraͤthe, das ſie in einem Augenblicke geringerer Krafterregung nicht haͤtte bewegen koͤnnen, davor ziehen, um weitre Gewaltthaͤtigkeit abzuhalten— alles dieß war faſt das Werk eines Augenblickes, und wurde eben ſo ſtill als raſch vollbracht. Ihr Vater war der Gegenſtand ihrer naͤchſten Bekuͤmmerniß, und ſie ſchlich leiſe an die Thuͤre ſeines Gemaches, um ſich zu uͤberzeugen, ob ih⸗ re Ruͤckkehr ihn geſtoͤrt haͤtte. Er wachte, und mochte auch wohl wenig geſchlafen haben, aber der unablaͤßige Gedanke an ſeinen Kummer, die Entfernung ſeines Gemaches von der Hausthuͤre und Johanna's Vorſicht, hatten ihn abgehalten, ihr Hinausgehen und ihre Ruͤckkehr gewahr zu werden. Er betete und Johanna hoͤrte ihn die Worte ſprechen: Und das andre Kind, das Du 184 mir gegeben, als einen Troſt und eine Stuͤtze in meinem Alter; moͤge ſie lange leben auf Erden, wie Du Denen verheißen haſt, die Vater und Mutter ehren; moͤge der Segen der Verheißung vielfaͤltig auf ſie kommen, und moͤgeſt Du ſie behuͤten in den Stunden der Nacht und beim An⸗ bruche des Morgens, auf daß Alle im Lande es erfahren, Du habeſt dein Angeſicht nicht gaͤnzlich Denen verborgen, die Dich ſuchen in Wahrheit und Aufrichtigkeit.“ Er ſchwieg, aber wahr⸗ ſcheinlich ſetzte er ſein Gebet im Stillen mit der lebhaften Inbrunſt eines andaͤchtigen Gemuͤthes fort. Johanna ging in ihre Kammer, mit dem troͤſtenden Gedanken, daß in dem Augenblicke der Gefahr das Gebet des Gerechten ihr Haupt wie ein Helm bedeckt hatte, und mit dem veſten Vertrauen, daß ſie unter des Himmels Obhut wandeln werde, ſo lange ſie dieſes Schutzes wuͤr⸗ dig waͤre. In dieſem Augenblicke flog zuerſt der unbeſtimmte Gedanke durch ihre Seele, es koͤnn⸗ te noch etwas fuͤr ihrer Schweſter Rettung gethan werden, da ſie jetzt wußte, daß Euphemia des unnatuͤrlichen Mordes, deſſen man ſie anklagte, nicht ſchuldig war. Es kam, wie ſie ſagte, gleich einem Sonnenblicke auf ſtuͤrmiſchem Meere, in ihre Seele, und wiewohl es ſchnell verſchwand, fuͤhlte ſie doch ſo viel Faſſung, als ſie lange nicht empfunden hatte. Sie konnte ſich der veſten Ue⸗ berzeugung nicht erwehren, ſie werde auf irgend eine Weiſe zur Rettung ihrer Schweſter berufen und geleitet werden. Nach ihrer gewoͤhnlichen Andacht, die der Gedanke an ihre heutige Ret⸗ tung noch inbruͤnſtiger machte, legte ſie ſich nie⸗ der und fiel bald, trotz ihrer Gemuͤthsbewegung, in veſten Schlaf. Wir muͤſſen jetzt zu Ratcliffe zuruͤckkehren, welcher, wie ein Windhund bei des Jaͤgers Hal⸗ loh von der Leine fliegt, davon gerannt war, als Johanna auf die Truͤmmer gedeutet hatte. Ob er Robertſon's Flucht beguͤnſtigen, oder den Ver⸗ folgern beiſtehen wollte, iſt wohl ſehr zweifelhaft, und vielleicht wußte er es ſelber nicht, ſondern wollte ſich von den Umſtaͤnden leiten laſſen. Es fand ſich jedoch keine Gelegenheit, dieß oder jenes zu thun; denn kaum war er den ſteilen Pfad hinan geſtiegen und unter die verfallenen Gewoͤl⸗ bebogen getreten, als ein Piſtol ihm vorgehalten wurde und eine rauhe Stimme in des Koͤnigs Nahmen ihn auffoderte, ſich gefangen zu geben. 196 Herr Fiskal! ſprach Ratcliffe uͤberraſcht. Seid Ihr's, Hochedler Herr? Seid Ihr's allein? Hohl' Euch der Henker! erwiederte Sharpitlaw, noch mehr in ſeiner Er⸗ wartung getaͤuſcht. Warum ſeid Ihr von dem Maͤdchen gegangen? Sie ſagte mir, ſie ſaͤhe Robertſon in's alte Gemaͤuer gehen, und da lief ich, um den Bur⸗ ſchen zu fangen. Es iſt nun alles vorbei, ſprach Sharpitlaw. Dieſe Nacht ſehen wir ihn nicht mehr; aber er muß ſich in eine Bohnenhuͤlſe verkriechen, wenn er auf ſchottiſchem Boden bleiben will, ohne daß ich ihn finde. Ruft die Leute zuruͤck, Ratcliffe. Ratcliffe rief die zerſtreuten Gerichtsdiener herbei, die gern dem Zeichen folgten, da vermuth⸗ lich Niemand unter ihnen ſehr wuͤnſchte, fern von ſeinen Gefaͤhrten mit einem ſo gewandten und verwegenen Geſellen, als Robertſon war, handgemein zu werden. Und wo ſind die beiden Weiber? fragte Sharpitlaw. Beide moͤgen wohl ihre Beine gebraucht ha⸗ ben, erwiederte Ratcliffe und traͤllerte das Ende eines alten Liedes: 187 Drum ſpielt auf: die entlauf'ne Braut— Denn ſie trotzt gar zu ſehr. Ein Weib, ſprach Sharpitlaw, der, wie al⸗ le Schelme, ein großer Verlaͤumder des ſchoͤnen Geſchlechts war: iſt ſchon genug, den ſchoͤnſten Plan zu verderben, und ich weiß nicht, wie ich ſo ein Eſel ſein, und glauben konnre, daß ich ein Unternehmen ausfuͤhren wuͤrde, wo ihrer gar zwei die Hand im Spiele hatten. Aber wir wiſſen ja, wie wir alle Beide wieder kriegen, wenn's noͤthig iſt, und das iſt auch gut. Truͤbſinnig und muͤrriſch, wie ein beſiegter Feldherr, fuͤhrte er ſeine geſchlagenen Streitkraͤf⸗ te in die Stadt zuruͤck, und entließ ſie fuͤr dieſe Nacht. Fruͤh am naͤchſten Morgen mußte er dem Rathsherrn, der an dieſem Tage, nach herge⸗ brachtem Wechſel, den Vorſitz fuͤhrte, Bericht ablegen. Es war die Reihe gerade an dem Manne, der unſern Freund Butler zur Haft gebracht hatte. Er genoß die Achtung aller ſei⸗ ner Mitbuͤrger, war ziemlich launig, und wie⸗ wohl er an Kenntniſſen nicht ſonderlich reich war, ſo beſaß er doch Scharfſichtigkeit, Geduld und Recht⸗ ſchaffenheit, und hatte ſich durch Fleiß ein Vermoͤ⸗ 188 gen erworben, das ihm eine ganz unabhängige Lage ſicherte; kurz, ein Mann, ganz geeignet, die Achtbarkeit des Amtes, das er bekleidete, nicht ſinken zu laſſen. Herr Middleburgh hatte eben ſeinen Platz eingenommen, und war mit einem Amtgenoſſen in einem lebhaften Geſpraͤche uͤber einige zwei⸗ felhafte Faͤlle beim geſtrigen Federballſchlagen,*) als ihm ein Brief uͤbergeben wurde, mit der Aufſchrift:„Dem Herrn Rathsherrn Middle⸗ burgh. Schleunigſt.“ Der Inhalt lautete. „Mein Herr. „Ihr ſeid mir als verſtaͤndiger und beſonne⸗ „ner Beamter bekannt, und als ein Mann, „der gern Gott dienen mag, waͤre es auch auf „des Teufels Geheiß. Ich erwarte daher, Ihr „werdet mein Zeugniß nicht verwerfen wollen, „obgleich die Unterſchrift dieſes Briefes meinen „Antheil an einer That eingeſteht, welche ich „zu rechter Zeit und an gehoͤrigem Orte zu beken⸗ „nen, oder zu rechtfertigen mich nicht ſcheuen „wuͤrde. Der Geiſtliche Butler iſt unſchuldig, — *) Dieſes Spiel heißt Golf. Der Federball wird von einem Loch zum andern getrieben. L. 189 „und nur gezwungen war er bei einem Vorgange „zugegen, zu deſſen Billigung es ihm an Muth „fehlte, und wovon er uns mit ſeinen beßten „Redensarten abzurathen ſuchte. Doch fuͤr ihn „zu ſprechen, iſt nicht meine eigentliche Abſicht. „Es iſt in eurem Gefaͤngniſſe ein Maͤdchen, wel⸗ „ches vom Schwerte eines grauſamen Geſetzes „bedroht wird, das wie verroſtete Waffen zwanzig „Jahre lang an der Wand hing, und nun her⸗ „ab genommen und gewetzt wird, das Blut des „ſchoͤnſten und unſchuldigſten Geſchoͤpfes zu ver⸗ „gießen, das je von Kerkermauern umſchloſſen „war. Ihre Schweſter weiß um ihre Unſchuld, „denn ihr hat ſie entdeckt, daß ein Niedertraͤchti⸗ „ger ſie betrog. O daß der Himmel— „Die Peitſche gaͤbe jedem Biedermann, „Solch einen Buben durch die Welt zu geißeln! „Ich ſchreibe wie im Wahnſinn— Aber „dieſes Maͤdchen, dieſe Johanna Deans, iſt ei⸗ „ne ſtoͤckiſche Puritanerinn, aberglaͤubig und be⸗ „denklich, nach der Weiſe ihrer Sekte, und ich „bitte Euer Hochedeln— wie ich nun einmahl „ſagen muß— ihr dringend vorzuſtellen, daß „ihrer Schweſter Leben von ihrem Zeugniſſe ab⸗ „hangt. Sollte ſie aber auch ſchweigen, ſo hal⸗ 190 „tet dennoch das Maͤdchen nicht fuͤr ſchuldig, und „noch weniger wagt es, ihre Hinrichtung zu ge⸗ „ſtatten. Erinnert Euch, daß Wilſon's Tod „furchtbar geraͤcht wurde, und es leben noch Men⸗ „ſchen, die Euch zwingen koͤnnen, die Hefen Eu⸗ „res Giftbechers auszutrinken. Gedenket, ſag' „ich, an Porteous— und ſaget, es habe Euch „guten Rath gegeben Einer ſeiner Moͤrder.“ Der Rathsherr las wohl dreimahl den ſon⸗ derbaren Brief. Er gerieth anfaͤnglich in Ver⸗ ſuchung, ihn als das Machwerk eines Wahnſin⸗ nigen auf die Seite zu werfen, ſo wenig paßten „die Brocken aus Comoͤdienbuͤchern“ wie er die dichteriſche Stelle nannte, in den Briefwechſel eines vernuͤnftigen Weſens. Beim Wiederleſen aber glaubte er, in den unzuſammenhangenden Zeilen etwas zu entdecken, das dem Tone einer erwachten Leidenſchaft glich, ſo ſeltſam und un⸗ gewoͤhnlich auch der Ausdruck war. Es iſt ein grauſam ſtrenges Geſetz, ſprach er zu ſeinem Gehilfen: und ich wuͤnſche, es ließe ſich ſo einrichten, daß der Buchſtabe des Geſetzes nicht mehr auf ſie anwendbar waͤre. Es kann ja ein neu geborenes Kind weggeſchafft worden — 191 ſein, waͤhrend die Mutter bewußtlos war, oder es kann umgekommen ſein, aus Mangel an Nahrung, die das arme Geſchoͤpf, ſelbſt hilflos, geaͤngſtigt, außer ſich, verzweifelnd und erſchoͤpft, ihm nicht zu geben vermochte. Aber freilich wenn das Maͤdchen nach dem Geſetze ſchuldig iſt, ſo wird ſie hingerichtet. Das Verbrechen iſt zu oft vorgekommen, und abſchreckende Beiſpiele ſind nothwendig. Wenn aber die andre Dirne ſagen kann, daß ihre Schweſter ſie von ihrem Zuſtande unter⸗ richtet habe, ſprach der Stadtſchreiber: ſo iſt das Geſetz auf den Fah nicht mehr anwendbar. Sehr wahr, und ich will in dieſen Tagen nach Leonhardfels gehen, und ſelber das Maͤdchen be⸗ fragen. Ich kenne ihren Vater Deans ein we⸗ nig; er iſt ein echter Cameronier, der lieber ſein Haus und die Seinigen zu Grunde gehen ließe, ehe er ſein Zeugniß ſchaͤndete durch ſuͤndhafte Nach⸗ giebigkeit gegen die Abtruͤnnigkeiten der Zeit, und dazu wird er vermuthlich auch eine gerichtliche Ei⸗ desleiſtung rechnen. Sollten ſie mit ihrem ſtoͤr⸗ rigen Eigenſinne ſich breit machen, ſo muß frei⸗ lich das Geſetz verfuͤgen, daß ihre Bejahungen, wie bei den Quaͤkern, gelten ſollen. Aber ge⸗ 192 wiß, in einem ſolchen Falle wird weder ein Vater, noch eine Schweſter Bedenken tragen. Ja, ich will ſelber mit ihnen ſprechen, ſo bald dieſe Unterſuch⸗ ungen wegen Porteous uns erſt wieder ein wenig Ruhe goͤnnen. Ihr Stolz und der Geiſt des Widerſpruches, der ihnen eigen iſt, werden da⸗ bei weit weniger gereizt werden, als wenn ſie puoͤtlich vor Gericht erſcheinen muͤßten. Und Butler bleibt vermuthlich noch im Ge⸗ faͤngniſſe? ſprach der Stadtſchreiber: Fuͤr jetzt allerdings, erwiederte der Rathsherr: aber ich hoffe, ihn bald gegen Buͤrgſchaft frei laſſen zu koͤnnen. Gebt Ihr etwas auf das Zeugniß dieſes ſinn⸗ loſen Briefes? hob der Stadtſchreiber wieder an. Nicht viel, antwortete der Rathsherr: und dennoch macht der Brief Eindruck; er ſcheint von einem Menſchen zu kommen, den eine lebhafte Gemuͤthsbewegung, oder das Bewußtſein ſchwe⸗ rer Schuld, außer ſich bringt. Ja, ſprach der Stadtſchreiber: von einem tollen herumziehenden Schauſpieler ſcheint er zu kommen, der mit ſeiner ganzen Bande gehaͤngt zu werden verdient, wie Ihr vorhin treffend bemerkt habt. 193 Ich war nicht ganz ſo blutduͤrſtig, erwiederte der Rathsherr. Doch zur Sache! Butler iſt ein Mann von edler Geſinnung, und aus einigen Nachforſchungen, die ich dieſen Morgen angeſtellt habe, geht hervor, daß er wirklich erſt vorgeſtern in die Stadt gekommen iſt, und daher unmoͤg⸗ lich an den vorlaͤufigen Anſchlaͤgen dieſer unſeli⸗ gen Aufruͤhrer Antheil genommen haben konnte, aber es iſt eben ſo wenig wahrſcheinlich, daß er ploͤtzlich zu ihnen gekommen ſein ſollte. Wer koͤnnte das ſagen! bemerkte der Schrei⸗ ber. Hitzkoͤpfe fangen leicht auch bei einem kleinen Funken Feuer, wie ein Schwefelfaden. Ich ha⸗ be einen Prediger gekannt, der war freundlich und gut gegen Jedermann im Kirchſpiel, und ruhig, wie eine Rakete am Stock, aber ſo bald man nur das Wort Abſchwoͤrung, oder Pfarr⸗ verleihung, oder dergleichen, ausſprach— hui! da flog er auf und in die Luft, hundert Meilen hinaus uͤber gemeine Sitte, gemeinen Menſchen⸗ verſtand und gemeine Begriffe. Ich fuͤrchte nicht, daß des jungen Butler's Eifr ſo entzuͤndlich iſt, hob der Rathsherr wie⸗ der an. Aber ich werde weitere Unterſuchungen II. Theit. 13 194 anſtellen. Was fuͤr Geſchaͤfte ſind ſonſt abzu⸗ machen? Sie gingen nun zu genauen Nachforſchungen, die ſich auf die Ermordung des Hauptmanns Por⸗ teous bezogen, und dann zu andern, unſrer Ge⸗ ſchichte fremden Angelegenheiten uͤber. Mitten in der Arbeit aber wurden ſie durch eine alte Frau gemeinen Standes unterbrochen, die in das Sitz⸗ ungzimmer drang.„Was wollt Ihr, Mutter? fragte man ſie. Wer ſeid Ihr?“ 1 Was ich will? erwiederte ſie muͤrrifch. Mein Kind will ich, ſonſt will ich nichts von Euch, und wenn Ihr noch ſo vornehm ſeid. Darauf murmelte ſie fuͤr ſich, mit dem muͤr⸗ riſchen Ingrimm des Alters:„Euer Herrlichkeit und Euer Gnaden ſoll man ſie ohne Zweifel nen⸗ nen— die Blutſauger! Es iſt doch nichts Vor⸗ nehmes unter ihnen.“ Sie wandte ſich dann wieder zu dem Rathsherrn: Will Euer Gnaden mir mein armes verruͤcktes Kind wiedergeben?— Seine Gnaden! ſetzte ſie leiſe hinzu. Ich weiß die Zeit, wo er mit weniger zufrieden gewe⸗ ſen ſein wuͤrde, der Enkel eines Schiffers. Mutter, antwortete der Rathsherr der zaͤn⸗ 195 kiſchen Bittſtellerinn: ſagt uns, was Ihr woll, und ſtoͤrt das Gericht nicht. Das heißt ja wohl ſo viel als: Belle Hund, und packe Dich! Ich ſage Euch, ſprach ſie, ihre keifende Stimme erhebend: mein Kind will ich haben. Iſt das nicht deutlich genug? Wer ſeid Ihr? Wer iſt euer Kind? fragte der Beamte.. Wer ich bin? Wer ſollte ich ſein, als Mag⸗ dalene Murdockſon, und wer waͤre mein Kind, als Grete Murdockſon? Eure Rathswaͤchter und eure Gerichtsdiener kennen uns gut genug, wenn ſie uns die Paar Lumpen vom Leibe reiſſen, und uns unſer Bischen Geld nehmen, und uns ins Zuchthaus ſchleppen, und uns mit Waſſer und Brod fuͤttern und dergleichen Dingen. Wer iſt ſie? ſprach der Rathsherr, und ſah ſich nach ſeinen Leuten um. Nicht viel Gutes, Hochedler Herr, erwiederte der Gerichtsdiener, und zuckte laͤchelnd die Achſeln. Was ſagt Ihr? rief die Zaͤnkerinn, deren Auge von ohnmaͤchtiger Wurh gluͤhte. Haͤtte ich Euch draußen, ich wollt' Euch fuͤr das Wort meine zehn Gebote in eure Fratze ſetzen, fuhr ſie fort, und machte eine paſſende Gebehrde dazu, 13* 196 indem ſie ihre Finger ausſpreizte, die den Klauen von Sankt Georg's Lindwurm auf dem Schilde einer Dorfſchenke glichen. Was will ſie hier? ſprach der Rathsherr un⸗ geduldig. Mag ſie ſagen, was ſie anzubringen hat, oder fortgehen. Mein Kind will ich, Grete Murdockſon will ich haben, antwortete die Alte, mit der hoͤchſten Anſtrengung ihrer laͤrmenden und mißtoͤnigen Stimme. Hab' ich Euch das nicht ſchon eine halbe Stunde geſagt? Und wenn Ihr taub ſeid, warum braucht Ihr Euch hieher zu pflanzen, und Euch von den Leuten ſo anſchreien zu laſſen 2 Sie will ihre Tochter haben, Hochedler Herr, ſprach der Gerichtsdiener, deſſen Einmiſchung die Hexe ſo ſehr in Wuth geſetzt hatte: ihre Tochter, die vorige Nacht veſt genommen wurde— Grete Wildfeuer, wie man ſie nennt. Grete Hoͤllenfeuer, wie man ſie nennt, rief die Alte ihm nach Und wie kommt ein lumpi⸗ ger Kerl, wie Ihr, dazu, dem Kinde emer ehr⸗ lichen Frau einen Schimpfnahmen zu geben? Einer ehrlichen Frau? erwiederte der Ge⸗ richtsdiener mit Laͤcheln und Kopfſchuͤtteln, wo⸗ bei er einen hoͤhniſchen Nachdruck auf das Bei⸗ „ wort legte, und eine Ruhe zeigte, wodurch die wuͤthende Alte zum Wahnſinn gereizt wurde. Wenn ich jetzt nicht ehrlich bin, ſo war ich's doch ſonſt, antwortete ſie: und das iſt mehr, als Ihr ſagen koͤnnt; denn Ihr ſeid als Dieb gebo⸗ ren und aufgewachſen, und habt nie andrer Leute Habe und Gut vom Eurigen unterſcheiden koͤn⸗ nen, ſeit dem Tage, wo Ihr ausgebruͤtet wur⸗ det. Ehrlich, ſagt Ihr? Habt Ihr nicht als ein Junge von fuͤnf Jahren eurer Mutter Geld aus der Taſche geſtohlen, gerade in dem Augen⸗ blicke, wo ſie von eurem Vater unter dem Gal⸗ gen Abſchied nahm? Da hat ſie Euch gefangen, Georg! riefen die uͤbrigen Gerichtsdiener unter allgemeinem Gelaͤchter; denn das Witzwort war dem Orte an⸗ gemeſſen, wo es ausgeſprochen wurde. Dieſer allgemeine Beifall ſchmeichelte der Alten, deren ſcheußliches Angeſicht ſich zum Laͤcheln, ja zum Lachen verzog; aber es war ein Lachen des bittern Hohnes. Der Beifall, den ihr Witzwort ge⸗ wann, ſchien ſie jedoch ſo ſehr beſaͤnftigt zu ha⸗ ben, daß ſie ſich herab ließ, von ihrer Angelegen⸗ heit deutlicher zu ſprechen, als der Rathsherr, 198 Ruhe gebietend, ſie noch einmahl auffoderte, ihr Anliegen zu entdecken, oder ſich zu entfernen. Ihr Kind, ſagte ſie, waͤre ihr Kind, und ſie kaͤme, es aus boͤſer Wohnung und ſchlimme⸗ rer Aufſicht wegzuhohlen. Wenn ihre Tochter nicht ſo klug waͤre, als andre Leute, ſo haͤtten auch wenig andre Leute ſo viel gelitten als ſie, und harte Gefangenſchaft koͤnnte ſie nicht ertra⸗ gen. Sie wollte durch funfzig und abermahl funf⸗ zig Zeugen beweiſen, ihre Tochter haͤtte den Hans Porteous weder todt noch lebend geſehen, ſeitdem er ihr einen Hieb mit ſeinem Stocke gegeben, der abſcheuliche Menſch, weil ſie an des Kurfuͤrſten von Hannover Geburtfeſte, dem Buͤrgermeiſter eine todte Katze an die Perruͤcke geworfen haͤtte. Der Rathsherr fuͤhlte, daß dieſe Frau, trotz ihres armſeligen Aeußeren und ihres heftigen Be⸗ nehmens, doch recht hatte, wenn ſie behauptete, ihr Kind muͤßte ihr ſo lieb ſein, als wenn ſie eine gluͤcklichere, oder liebenswuͤrdigere Mutter waͤre. Er erkundigte ſich nach den Umſtaͤnden, die Grete Murdockſon, oder Wildfeuer in's Ge⸗ faͤngniß gebracht hatten, und da ſich deutlich er⸗ gab, daß ſie der Theilnahme an dem Aufſtande nicht ſchuldig war, ſo befahl er, ſie zwar unter — 3 199 polizeiliche Aufſicht zu ſtellen, aber fuͤr jetzt mit ihrer Mutter heim kehren zu laſſen. Waͤhrend man Grete hohlte, ſuchte der Rathsherr zu er⸗ forſchen, ob die Alte etwas von dem Kleiderwech⸗ ſel zwiſchen ihrer Tochter und Robertſon wußte, aber er konnte daruͤber kein Licht erhalten. Sis blieb bei der Ausſage, ſie haͤtte Robertſon ſeit ſeiner merkwuͤrdigen Flucht aus der Kirche nicht geſehen, und wenn das Maͤdchen die Kleider ihm geliehen haͤtte, ſo muͤßte es geſchehen ſein, waͤh⸗ rend ſie in dem, eine Stunde entferntem Doͤrf⸗ chen Duddingſtone geweſen waͤre, wo ſie jene denkwuͤrdige Nacht, wie ſie beweiſen koͤnnte, zu⸗ gebracht haͤtte. Ein Gerichtsdiener, der in je⸗ nem Dorfe geſtohlene Waͤſche geſucht hatte, be⸗ zeugte auch, er haͤtte Magdalene Murdockſon dort geſehen, und ihre Anweſenheit ſeinen Verdacht gegen das Haus, wo ſie zum Beſuche war, nur noch erhoͤht, weil ſie in ſeinen Augen einen ſchlech⸗ ten Ruf hatte.. Ich hab' es Euch ja geſagt, ſprach die Alte: und Ihr ſeht nun, was es bedeutet, wenn man einen Ruf hat, einen guten, oder einen ſchlech⸗ ten.— Aber nun koͤnnte ich Euch noch was von dem Porteous ſagen, daß all ihr Leutchen vom 200 Rathe nie ausfinden werdet, wie viel Larm Ihr auch macht. Alle Augen hefteten ſich auf ſie, alle Ohren waren geſpannt.„Redet!“ ſprach der Rathsherr. Es wird zu eurem Beßten ſein, gab der Stadt⸗ ſchreiber zu verſtehen. Laßt doch den Hochedeln Herrn nicht warten, ermahnten die Gerichtsdiener. Sie ſchwieg zwei bis drei Minuten muͤrriſch, und warf einen boshaften und tuͤckiſchen Blick umher, der ſich uͤber die aͤngſtliche Erwartung zu freuen ſchien, womit man ihrer Antwort entge⸗ gegen ſah. Endlich hob ſie an:„Ich weiß nichts von ihm, als daß er weder ein Soldat, noch ein Ehrenmann war, und nichts als ein Dieb und ein Lump, wie die Meiſten unter Euch, Ihr Leutchen. Nun, was gebt Ihr mir fuͤr dieſe Neuigkeit? Er haͤtte der guten Stadt noch lange dienen koͤnnen, ehe ein Buͤrgermeiſter, oder Raths⸗ herr das ausgefunden haͤtte, mein Schatz.“ Waͤhrend dieſer Verhandlungen trat Grete Wildfeuer herein, und ihr erſter Ausruf war: „Ei ſeht doch, da iſt unſer altes nichtsnutziges Zankeiſen von Mutter! Ei das nenne ich eine herrliche Familie! Zwei von uns auf einmahl 201 im Gefaͤngniß!— Aber wir haben beſſere Zei⸗ ten gehabt— nicht wahr, Mutter?“ In den Augen der alten Magdalene hatte etwas geglaͤnzt, das der Freude glich, als ſie ihre Tochter in Freiheit ſah; aber entweder konnte ſich ihre natuͤrliche Zuneigung, wie bei einer Ti⸗ gerinn, nicht ohne einen Zug von Wildheit zei⸗ gen, oder es hatten die Worte ihrer Tochter Ge⸗ danken erweckt, die ihre muͤrriſche, wilde Stim⸗ mung wieder aufreizten.„Was liegt daran, was wir geweſen ſind, Du liederliche Gaſſenlaͤu⸗ ferinn!“ rief ſie, und ſtieß ihre Tochter ziemlich unſanft nach der Thuͤre.„Ich will Dir ſagen, was Du jetzt biſt— Du biſt eine verruͤckte Dirne, die ins Tollhaus gehoͤrt, und ſollſt vierzehn Tage lang nichts als Waſſer und Brod haben, und das iſt noch viel zu gut fuͤr Dich faules Ding. 14 Grete aber entwiſchte ihrer Mutter an der Thuͤre, lief zum Tiſche zuruͤck, machte eine tiefe ſeltſame Verbeugung vor dem Richter, und ſprach mit kicherndem Lachen:„Unſer Muͤtterchen hat ihre boͤſe Laune, wie gewoͤhnlich. Sie hat ge⸗ wiß einen Zank gehabt mit ihrem alten Liebſten — das iſt der Satan, muͤßt Ihr wiſſen. 4 Sie gab dieſe Erlaͤuterung mit einem leiſen 252 vertraulichen Tone und die Zuſchauer, vom Aber⸗ glauben ihrer Zeit angeſteckt, hoͤrten es nicht ohne unwillkuͤhrlichen Schauder.„Ihr Liebſter und ſie, fuhr Grete fort: ſind nicht immer einig, und dann muß ich dafuͤr buͤßen. Aber mein breiter Ruͤcken kann's ja tragen, und wenn ſie nicht manierlich iſt, muͤſſen's darum kluͤgere Leute auch nicht ſein?“ Sie machte bei dieſen Worten wieder eine tiefe Verbeugung. In demſelben Augenblicke aber ließ ſich die unfreundliche Stimme ihrer Mut⸗ ter vernehmen.„Grete, Du Taugenichts! Wenn ich Dich hohlen muß!“ Da hoͤrt Ihr ſie, ſprach Grete. Aber dafuͤr will ich dieſe Nacht auch ein Bischen aus dem Hauſe gehen, und im Mondſchein tanzen, wenn ſie und ihr Liebſter auf einem Beſenſtiel durch die blaue Luft fahren, um Hanne Jap zu ſehen, die zu Kirkcaldry im Gefaͤngniß ſitzt. Ei da werden ſie luſtig uͤber Inchkeith fahren, und uͤber all die huͤbſchen Wellen, die ſprudeln und an die Felſen ſchlagen im goldigen Mondſchimmer, wie Ihr wißt.— Ich komme, Mutter, ich komme! Mit dieſen Worten endigte ſie, als vor der Thuͤre ein Zank zwiſchen der Alten und dem Ge⸗ ö3 203 richtsdiener, die ihr den Eintritt wehrten, laut wurde. Grete ſchwenkte die Hand mit wilder Gebehrde gegen die Decke des Zimmers und ſang mit der lauteſten Stimme: Zum Wolkenhimmel Auf dem huͤbſchen Grauſchimmel, und ich ſeh', und ich ſeh' und ich ſehe ſie noch. Und mit einem Hops und huͤpfendem Sprunge war ſie aus dem Zimmer, wie's Macbeth's Hexen in einer minder verfeinerten Zeit thaten, um an⸗ zudeuten, daß ſie von der Buͤhne flöͤgen. Es vergingen einige Wochen, ehe Herr Mid⸗ dleburgh, nach ſeinem wohlwollenden Entſchluſſe, Gelegenheit fand, ſich nach Leonhardfels zu be⸗ geben, um zu ſehen, ob es moͤglich waͤre, das Zeugniß zu erhalten, worauf der Brief des Un⸗ genannten hingedeutet hatte. Die ſorgfaͤltigen Nachforſchungen zur Entde⸗ ckung der Moͤrder des Hauptmanns Porteous, beſchaͤftigten die Aufmerkſamkeit aller Gerichtsbe⸗ amten. Im Verlaufe dieſer Verhandlungen er⸗ eigneten ſich zwei Umſtaͤnde, die fuͤr unſre Ge⸗ ſchichte wichtig ſind. Butler wurde nach genauer Unterſuchung ſeines Betragens zwar von der Schuld an der Ermordung des ungluͤcklichen Porteous 204 los geſprochen, da er aber bei dem ganzen Vor⸗ gange zugegen geweſen war, ſo mußte er Buͤrg⸗ ſchaft ſtellen, ſeinen gewoͤhnlichen Aufenthalt in Libberton nicht zu verlaſſen, um auf Vorladung als Zeuge erſcheinen zu koͤnnen. Der andre Vor⸗ fall war, daß Grete Wildfeuer und ihre Mutter aus Edinburgh verſchwanden. Man ſuchte ſie auf, um ſie weiter zu befragen, aber Sharpit⸗ law entdeckte, daß ſie ſich der Wachſamkeit der Polizei entzogen und, gleich nach ihrer Entlaſ⸗ ſung aus dem Gerichtſaale, ſich aus der Stadt entfernt hatten. Alle Bemuͤhungen, eine Spur ihres Aufenthaltes zu finden, waren fruchtlos. Der heftige Unwille der oberſten Machthaber, die in der Ermordung des Hauptmanns Porteous eine Geringſchaͤtzung ihres Anſehens fanden, hatte indeß zu Maßregeln gefuͤhrt, wobei ſie mehr ih⸗ rem lebhaften Verlangen, die Theilnehmer an der Verſchwoͤrung zu entdecken, Gehoͤr gaben, als auf die Stimmung des Volkes und die Ge⸗ ſinnungen der ſchottiſchen Geiſtlichen achteten. Es ward in der Eile ein Geſetz erlaſſen, das Denje⸗ nigen, die einen Theilnehmer der Miſſethat an⸗ gaben, eine Belohnung von zweihundert Pfund Sterling zuſicherte, und mit unerhoͤrter Strenge 205 Jeden mit dem Tode bedrohte, der einen Schul⸗ digen bei ſich aufnaͤhme. Die anſtoͤßigſte Ver⸗ fuͤgung aber war, daß dieſe Veroronung waͤh⸗ rend eines beſtimmten Zeitraumes in den Kirchen am erſten Sonntage jedes Monates unmittelbar vor der Predigt von dem Geiſtlichen vorgeleſen werden ſollte. Die Prediger, welche dieſem Be⸗ fehle Gehorſam weigerten, ſollten bei der erſten Uebertretung unfaͤhig werden, in einem geiſtlichen Gerichte Sitz und Stimme zu haben, bei der zweiten aber jeden Anſpruch auf Befoͤrderung zu einem kirchlichen Amte verlieren. Dieſe Verfuͤgung vereinigte Diejenigen, die ſich heimlich uͤber den Tod des Hauptmanns Por⸗ teous freuten, wiewohl ſie die begangene Gewalt⸗ that nicht zu rechtfertigen wagten, mit den ge⸗ wiſſenhafteren Presbyterianern, in deren Augen ſelbſt das Ausſprechen des Nahmens geiſtliche Herren“*) auf einer ſchottiſchen Kanzel gewiſſer haßen eine Anerkennung der biſchoͤflichen Kir⸗ chenverfaſſung war, und die Verfuͤgung der Ge⸗ ſetzgeber fuͤr eine Einmiſchung der buͤrgerlichen *) Lords spiritual— Titel der engliſchen Biſchoͤfe in den Parliamentsverordnungen. 8. 205 Obrigkeit in das goͤttliche Recht der presbyteriani⸗ ſchen Kirchenregierung galt, da allein der allge⸗ meinen Verſammlung,*) als der Stellvertrete⸗ rinn des unſichtbaren Oberhauptes der Kirche, das ausſchließende Recht zuſtand, die Einrichtung des oͤffentlichen Gottesdienſtes anzuordnen. Viele Menſchen von ganz verſchiedenen Anſichten uͤber Staatsangelegenheiten und Glaubensmeinungen, die daher auf jene Erwaͤgungen wenig achteten, glaubten doch in einer ſo heftigen Parliaments⸗ verordnung mehr Rachſucht, als den Geſetzgebern eines großen Staates ziemte, und gar etwas zu erblicken, das der Abſicht glich, Schottlands Rechte und Unabhaͤngigkeit zu vernichten. Die Schritte, welche man that, um die Stadt Edin⸗ burgh durch Verletzung ihrer alten Freiheiten fuͤr die Ausſchweifungen eines uͤbermaͤchtigen Poͤbels zu beſtrafen, waren vielen Bewohnern ſehr em⸗ pfindlich, die hier nur einen voreilig ergriffenen Vorwand ſahen, die alte Hauptſtadt Schottlands herab zu wuͤrdigen, und es wurde viel Groll und Mißvergnuͤgen durch jene unbedachtſamen Maß⸗ regeln erweckt. *) S. Th. 1. S, 194, 207 Mitten unter dieſen Gaͤhrungen und Zwiſtig⸗ keiten ſollte endlich Euphemia Deans, nach einer Haft von mehren Wochen, vor Gericht geſtellt werden. Herr Middleburgh fand Zeit, ſich um das, ihr noͤthige Zeugniß zu bekuͤmmern, und ging in dieſer Abſicht an einem ſchoͤnen Tuge nach ihres Vaters Wohnung. Die Wanderung war, nach der Meinung eines Staͤdters jener Zeit, ziem⸗ lich weit, obgleich die heutigen Bewohner in Landhaͤuſern leben, die noch weiter, als Leon⸗ hardfels entfernt ſind; in drei Viertelſtunden aber war unſer wohlwollender Rathsherr, ungeachtet er ſich mit amtmaͤßiger Ernſthaftigkeit bewegte, vor Davids demuͤthiger Wohnung. Der alte Mann ſaß auf der Raſenbank vor der Huͤtte, und war beſchaͤftigt, mit eigener Hand ſein Wagengeſchirr auszubeſſern; denn in jenen Zeiten fiel jede Arbeit, die etwas mehr als ge⸗ woͤhnliche Geſchicklichkeit verlangte, dem Haus⸗ wirthe zu, ſelbſt wenn er ein wohlhabender Mann war. Mit finſterm Ernſte ſetzte er ſeine Arbeit fort, als er das Haupt erhoben, und die Annaͤ⸗ herung des Fremden bemerkt hatte. Seine Zuͤge und ſein Benehmen verriethen durchaus nichts von den ſchmerzlichen Gefuͤhlen, womit ſeine Seele 208 kaͤmpfte. Der Rathsherr wartete einen Augen⸗ blick, in der Hoffnung, daß Deans ihn einiger Maßen bemerken und die Unterredung eroͤffnen werde, endlich aber mußte er das Geſpraͤch ein⸗ leiten, da der Alte entſchloſſen zu ſein ſchien, ſein Schweigen nicht zu brechen. Ich heiße Middleburgh, hob er an: Jakob Middleburgh, Rathsherr der Stadt Edinburgh. Kann ſein, erwiederte Deans kurz, ohne ſich in ſeiner Arbeit ſtoͤren zu laſſen. Ihr werdet wiſſen, daß die Pflicht eines Be⸗ amten zuweilen unangenehm iſt. Kann ſein, erwiederte David. Ich weiß nichts dagegen zu ſagen, ſetzte er hinzu, und ſchwieg wieder muͤrriſch. Ihr werdet einſehen, fuhr der Rathsherr fort: daß Maͤnner in meiner Lage oft genoͤthigt ſind, ſehr ſchmerzliche und unangenehme Unterſuchun⸗ gen gegen Jemanden anzuſtellen, bloß weil es ihre Pflicht gebietet. Kann ſein, antwortete Deans: ich habe nichts dagegen zu ſagen, weder auf dieſe, noch auf jene Weiſe. Aber ich weiß, es war einmahl ein gerechter und gottesfuͤrchtiger Beamter in eurer Stadt Edinburgh, der das Schwert nicht um⸗ 209 ſonſt in der Hand hielt, ſondern ein Schrecken fuͤr die Miſſethaͤter war, und Diejenigen ehrte, die auf dem rechten Wege wandelten. In den ruhmvollen Tagen des alten wuͤrdigen und from⸗ men Buͤrgermeiſters Richard, da gab es eine wahre und glaͤubige allgemeine Verſammlung der Kirche, die Hand in Hand ging mit den wahr⸗ haft edlen, ſchottiſch geſinnten Freiherren, und mit den Rathsherren dieſer und andrer Staͤdte, mit Edlen, Buͤrgern und Unterthanen aus allen Staͤnden, welche alle mit einem Auge ſahen, mit einem Ohre hoͤrten, und die Arche mit vereinten Kraͤften aufrecht hielten. Da ſah man die Leute ihr Geld zum Nutzen des Landes dar⸗ bringen, als wenn's nur Schieferſteine geweſen waͤren. Mein Vater ſah ſelber, wie man die Geldſaͤcke aus des Buͤrgermeiſters Fenſter auf die Wagen ſchuͤttete, die damit in's Lager von Dun⸗ ſelaw fahren ſollten, und wenn Ihr auf dieß Zeugniß nichts geben wollet, ſo koͤnnt Ihr das Fenſter ſelbſt noch in den Luckenbooths ſehen.— Aber heutiges Tages iſt ein ſolcher Geiſt nicht mehr unter uns. Wir denken mehr an die elen⸗ deſte Kuh in unſerm Stalle, als an die Seg⸗ nungen, welche der Engel des Bundes dem Pa⸗ II. Theil 14 210 triarchen gab, oder an die heilige Verpflichtung der Geluͤbde unſeres Volkes, und wir gaͤben lieber ein Pfund ſchottiſch*) fuͤr Salbe, um unſre al⸗ ten Keſſelhaken uͤber'm Feuerherd damit zu pu⸗ tzen und unſre Betten von den engliſchen Wan⸗ zen zu reinigen, als daß wir einen Heller dar⸗ braͤchten, um das Land zu befreien von einem Schwarm arminianiſcher Raupen, ſocinianiſcher Ameiſen und deiſtiſcher Heuſchrecken, die aus dem bodenloſen Abgrunde heraufgekommen ſind, um dieſes verkehrte tuͤckiſche und laue Geſchlecht zu plagen. Es begegnete bei dieſer Gelegenheit dem alten David, was vielen andern fertigen Rednern ge⸗ ſchehen iſt, als er ſich einmahl in ſeinen Lieb⸗ lingsgegenſtand eingelaſſen hatte, trieb ihn der Strom ſeiner Begeiſterung fort, trotz ſeiner See⸗ lenleiden, und ſein geuͤbtes Gedaͤchtniß verſah ihn reichlich mit allen redneriſchen Bildern und Blumen, die ſeiner Glaubenspartei und ſeiner Sache eigen waren. Alles dieß mag ſehr wahr ſein, mein Freund, begnuͤgte ſich der Rathsherr zu antworten: aber, *) Der 15te Theil eines Pf. Sterling. 211 euren eigenen Ausdruck zu gebrauchen, ich habe jetzt nichts dagegen zu ſagen, weder auf dieſe, noch auf jene Weiſe.— Ihr habt zwei Toͤchter, nicht wahr, Herr Deans? Der alte Mann ſtampfte, wie Jemand, deſ⸗ ſen ſchmerzende Wunde ploͤtzlich gereizt wird; aber ſchnell ſich faſſend, nahm er die Arbeit wie⸗ der zur Hand, die er in der Hitze der Rede bei Seite gelegt hatte, und ſprach mit finſtrer Ent⸗ ſchloſſenheit!„Eine Tochter, Herr— nur eine.“ Ich verſtehe Euch, Ihr habt nur eine Toch⸗ ter hier bei Euch zu Hauſe, aber das ungluͤckliche Maͤdchen im Gefaͤngniſſe iſt eure juͤngere Tochter? Deans erhob ſein finſteres Auge.„Nach dem Sinne der Welt und nach dem Fleiſche, iſt ſie meine Tochter, aber als ſie ein Belials⸗Kind ward, und eine Geſellinn der Schuld und Bos⸗ heit, hoͤrte ſie auf, mein Kind zu ſein.“ Ach, Herr Deans, ſprach Middleburgh, ſich zu ihm ſetzend, und wollte die Hand faſſen, die der alte Mann ſtolz zuruͤck zog; wir ſind Alle ſuͤndige Menſchen. Darum ſollten die Vergehun⸗ gen unſrer Kinder uns nicht in Erſtaunen ſetzen, da ſie der Antheil von dem allgemeinen Verderb⸗ niſſe ſind, das durch uns auf ſie herabgeerbt iſt 14* 212 und wir ſind nicht berechtiget, ſie von uns zu ſto⸗ ßen, weil ſie ſich ſelber verloren haben. Herr, ſprach Deans unmuthig: ich weiß das ſo gut als— Ich meine, fuhr er fort, und un⸗ terdruͤckte ſeine Empfindlichkeit uͤber die erhaltene Zurechtweiſung— eine Geiſteskaſteiung, gegen welche ſich gerade Diejenigen am Meiſten ſtraͤu⸗ ben, die ſie Andern gern auflegen: ich meine, was Ihr ſagt, kann wahr und vernuͤnftig ſein. Aber ich darf nicht mit Fremden uͤber meine An⸗ gelegenheiten ſprechen. Und bei dieſem großen Landesereigniſſe, wo das neue Geſetz wegen Por⸗ teous von London gekommen iſt, das dieſem ar⸗ men ſuͤndhaften Reiche und dieſer leidenden Kir⸗ che einen haͤrteren Schlag verſetzt, als ſie ſeit dem ſchaͤndlichen und unſeligen Glaubenseide empfan⸗ gen hat— zu einer ſolchen Zeit— Aber, fiel Middleburgh ein: Ihr muͤßt erſt an euer eignes Hausweſen gedenken, Ihr ſeid ſonſt noch ſchlimmer, als die Unglaͤubigen. Ich ſage Euch, Rathsherr Middleburgh— wenn Ihr anders ein Rathsherr ſeid, da in die⸗ ſen boͤſen Zeiten wenig Ehre dabei iſt— Ich ſage Euch, ich hoͤrte einſt den trefflichen Saun⸗ ders Peden— Wann es war, weiß ich nicht, 213 aber in der blutigen Zeit war's, wo die Pfluͤger auf dem Ruͤcken der Kirche von Schottland ihre Furchen zogen— Ich hoͤrte ihn zu den Andaͤch⸗ tigen ſagen, die doch gute und erwaͤhlte Chriſten waren, daß Einige von ihnen mehr weinen wuͤr⸗ den uͤber ein ertrunkenes Kalb, oder junges Rind, als uͤber alle Abtruͤnnigkeiten und Bedruͤckungen der Zeit, und daß Einige von ihnen an dieß und Andre an jenes daͤchten. Und was wuͤrde er von mir geſagt haben, wenn ich aufgehoͤrt haͤtte, an die gute Sache zu denken, um einer Ausge⸗ ſtoßenen willen— einer— Ich moͤchte umkom⸗ men, wenn ich denke, was ſie iſt! Aber denkt an das Leben eures Kinder, ſprach der Rathsherr. Es koͤnnte noch gerettet werden. Ihr Leben? rief Deans. Ich gaͤbe nicht eines von meinen grauen Haaren um ihr Leben, wenn ihr guter Ruf dahin iſt. Und doch— ſetzte er hinzu, ſeine Worte mildernd und zuruͤck⸗ nehmend: wuͤrde ich den Tauſch machen, Herr Middleburgh, ich wollte alle dieſe grauen Haare, welchen ſie Schmach und Kummer gebracht hat, und dieſes alte Haupt wollte ich darbringen fuͤr ihr Leben, damit ſie Zeit zur Beſſerung und Ruͤckkehr gewaͤnne— denn was bleibet den Boͤ⸗ 214 ſen, wenn der Odem ihrer Naſe entflohen iſt!— Aber ich will ſie nie wiederſehen. Nein— das — das— iſt mein Entſchluß— Ich will ſie nie wiederſehen. Seine Lippen bewegten ſich noch einige Au⸗ genblicke, nachdem er jene Worte geſprochen hat⸗ te, als ob das Geluͤbde in ſeinem Innern waͤre wiederhohlt worden. Hoͤrt mich an, fuhr Middleburgh fort: ich ſpreche mit Euch, als einem verſtaͤndigen Man⸗ ne. Wollt Ihr das Leben eurer Tochter retten, ſo muͤßt ihr menſchliche Mittel gebrauchen. Ich weiß, was Ihr meint, aber Herr No⸗ vit, der Sachwalter eines achtbaren Mannes, des Gutsherrn von Dumbiedikes, ſoll alles thun, was weltliche Klugheit in ihren Umſtaͤnden zu thun vermag. Ich ſelber darf mich mit euern Gerichtshoͤfen, wie ſie jetzt beſtellt ſind, nicht ab⸗ geben und einlaſſen, das erlaubt mir mein Ge⸗ wiſſen nicht. Das heißt, erwiederte der Rathsherr: Ihr wollt als Cameronier die Gewalt unſrer Gerichts⸗ hoͤfe, oder der gegenwaͤrtigen Regierung, nicht anerkennen? Mit Gunſt, Herr Middleburgh, ſprach —— 215 Deans, der zu ſtolz auf ſeine Gewandtheit im Streiten war, als daß er ſich den Nachtreter von irgend Jemanden haͤtte nennen moͤgen: Ihr hebt mich auf, ehe ich niedergefallen bin. Ich weiß nicht, warum ich ein Cameronier heißen ſollte, zumahl da man den Nahmen des be⸗ ruͤhmten und koͤſtlichen Dulders einer Rotte von Soldaten gegeben hat, wovon Viele, wie ich hoͤre, jetzt ſo ſchnell fluchen, ſchwoͤren und gott⸗ los reden koͤnnen, als Richard Cameron*) je predigen, oder beten konnte, und da Ihr uͤber⸗ dieß, ſo viel es in eurer Macht ſteht, den Nah⸗ men dieſes Maͤrterers veraͤchtlich gemacht habt durch Pfeifen und Trommeln, die den eitlen weltlichen Tanz, genannt Cameronier⸗Hops ſpielen, wonach nur zu viele Glaͤubige tanzen. Es iſt aber fuͤr einen Glaͤubigen ſehr unziemlich, nach irgend einer Weiſe zu tanzen, zumahl ge⸗ miſcht, das heißt, mit dem weiblichen Geſchlech⸗ te. Eine viehiſche Sitte iſt das, und der An⸗ fang des Abfalles bei Vielen, wovon Zeugniß zu geben, ich ſo viel Urſache, als die meiſten Menſchen habe. *) Von ihm, der im 17 Jahrhundert lebte, hatten die ſtrengen Presbyterianer den Nahmen. L. Nein, Herr Deans, erwiederte Middleburgh: ich wollte nur ſagen, Ihr waͤret ein Cameronier, oder Mac⸗Millanit, kurz Einer von der Ge⸗ ſellſchaft, die es fuͤr unziemlich haͤlt, einen Eid unter einer Regierung abzulegen, die den Glau⸗ bensbund nicht beſtaͤtigt hat. Herr Middleburgh, ſprach Deans, der bei ſolchen Eroͤrterungen ſelbſt ſeinen Kummer ver⸗ gaß: Ihr koͤnnt mich nicht ſo leicht in Verwir⸗ rung bringen, als Ihr denkt. Ich bin nicht ein Mac⸗Millanit, oder ein Rußelit, oder ein Howdenit*) ich will mich von Niemanden bei der Naſe fuͤhren laſſen, und meinen Nahmen als Chriſt von keinem Tongefaͤße nehmen. Ich habe meine eigenen Grundſaͤtze und meine Glau⸗ bensuͤbung, wofuͤr ich verantwortlich bin, und ich will nur ein demuͤthiger Verfechter der guten alten Sache auf einem rechtlichen Wege ſein. Das heißt, Ihr ſeid ein Deanſit und habt eure eigenen Meinungen, hob der Raths⸗ herr wieder an. Sagt ſo, wenn's Euch beliebt, antwortete *) Einige von den vielen Parteien, worein ſich die Presbyterianer, beſonders im 17. Jahrhunderte, nach den Nahmen ihrer Haͤupter theilten. L. 2¹⁷ David: aber ich habe mein Zeugniß gegeben vor eben ſo vornehmen Leuten und in einer haͤrteren Zeit, und wiewohl ich mich weder erhoͤhen, noch Andre herab ſetzen will, ſo wuͤnſche ich doch, je⸗ der Mann und jedes Weib in dieſem Lande haͤt⸗ te ein ſo wahrhaftes Zeugniß gegeben, und ſich ſo auf dem geraden Mittelwege gehalten, gleich⸗ ſam auf dem Ruͤcken eines Berges, die Fallſtricke und Ausſchweifungen zur Rechten und das Aus⸗ gleiten zur Linken vermieden, wie Hans Dodds und noch Jemand, den ich nicht nenne. Das heißt wohl ſo viel, als daß Hans Dodds und David Deans die einzigen Glieder der ech⸗ ten, wahren und unverderbten ſchottiſchen Kirche ſind? 4 Gott verhuͤte, daß ich ſo ruhmredig ſprechen ſollte, da es ſo viele Bekenner des Chriſtenthums gibt; aber das muß ich ſagen, alle Menſchen handeln, wie ſie dazu Gaben und Gnade em⸗ pfangen haben, und es iſt daher nicht zu ver⸗ wundern, daß— Alles recht ſchoͤn, fiel der Rathsherr ein: ich habe nur nicht Zeit, es anzuhoͤren. Laßt Euch ſagen, wovon die Rede iſt. Ich habe eurer Toch⸗ ter eine Vorladung einhaͤndigen laſſen. Erſcheint 218 ſie vor Gericht am Tage des Verhoͤr's und gibt Zeugniß, ſo hat man Hoffnung, das Leben ih⸗ rer Schweſter zu retten. Wenn Ihr aber, aus uͤberſpannten Bedenklichkeiten gegen die Recht⸗ maͤßigkeit einer ſolchen Handlung, ſie abhaltet, vor einem geſetzmaͤßig beſtellten Gerichte zu er⸗ ſcheinen und die Pflicht einer liebevollen Schwe⸗ ſter und einer guten Unterthaninn zu erfuͤllen, ſo muß ich, wie hart auch die Wahrheit in euren Ohren klingen mag, Euch ſagen, Ihr werdet dadurch Anlaß geben, daß dieſes ungluͤckliche Maͤdchen das Leben, das ſie Euch verdankt, durch fruͤhzeitigen, gewaltſamen Tod verliert. Mit dieſen Worten wandte Wtteaung ſich um, und wollte gehen. Bleibt doch,— bleibt doch, Herr Middle⸗ burgh, ſprach Deans ſehr beſtuͤrzt und bekuͤm⸗ mert. Der Rathsherr aber, der vermuthlich be⸗ ſorgte, durch eine verlaͤngerte Eroͤrterung die Wirk⸗ ung ſeines beßten und kraͤftigſten Grundes zu ſchwaͤchen, nahm eilig Abſchied und wollte ſich nicht weiter in Streitfragen einlaſſen. Deans ſank auf ſeinen Stuhl, von vielen ſtreitenden Empfindungen bewegt. Es war un⸗ ter den Anhaͤngern ſeiner Glaubensmeinungen * 219 eine wichtige Streitfrage geweſen, in wie fern die Machthaber, welche durch die Staatsveren⸗ derung*) auf den Thron gekommen waren, oh⸗ ne Suͤnde von echten Presbyterianern anerkannt werden koͤnnten, da die Regievung den feierlichen Glaubensbund nicht beſtaͤtigt hatte. Die Ver⸗ fechter dieſer Meinung, welche ſich den klingenden Nahmen des gegenpaͤpſtiſchen, gegenbiſchoͤflichen, gegenketzeriſchen, echt presbyterianiſchen Ueber⸗ bleibſels gaben, waren ſelbſt hinſichtlich der Aus⸗ dehnung des Gehorſams gegen die beſtehenden Geſetze und Machthaber, in viele kleine Parteien getrennt, die eine ſolche Anerkennung fuͤr ſuͤnd⸗ haft hielten. In einer ſehr ſtuͤrmiſchen und unruhigen Ver⸗ ſammlung, die man im Jahre 1682 hielt, um dieſe wichtigen und kitzlichen Fragen zu eroͤrtern, waren die Zeugniſſe des glaͤubigen Haͤufleins ganz abweichend von einander. Der Ort der Zuſam⸗ menkunft paßte auf eine merkwuͤrdige Weiſe zu einer ſolchen Verſammlung. Es war ein wildes, ſehr einſames Thal in Tweedale, von hohen Bergen eingeſchloſſen und fern von menſchlichen *) 1688⸗ 899. 22²⁰0 Wohnungen. Ein kleiner Bergſtrom, die Talla, rauſcht wuͤthend durch das Thal, und ſtuͤrzt uͤber mehre kleine Waſſerfaͤlle hinab, wovon die Schlucht den Nahmen Talla⸗Faͤlle hat. Hier trafen ſich die Anfuͤhrer der zerſtreuten An⸗ haͤnger des Glaubensbundes, Maͤnner, die durch ihre Abgeſchiedenheit von menſchlicher Geſellſchaft und durch die Erinnerung an die erduldete ſtren⸗ ge Behandlung, zu einer finſtern Stimmung und zu abenteuerlichen Glaubensanſichten gekommen waren, und mit den Waffen in der Hand er⸗ oͤrterten ſie am Stromufer, mit einem Ungeſtuͤm, den das Geraͤuſch des Stromes nicht uͤbertaͤuben konnte, Streitfragen, die ſo leer und nichtig waren, als der Wellenſchaum. Es war die aus⸗ druͤckliche Meinung der Mehrzahl, daß jede Ent⸗ richtung von Schatzung, oder Steuern an die beſtehende Regierung, durchaus unrecht und ein Goͤtzenopfer waͤre. Ueber andre Leiſtungen und Grade der Unterwerfung waren die Meinungen getheilt, und der Geiſt dieſer kriegeriſchen Vaͤter der Kirche laͤßt ſich nicht beſſer ſchildern, als wenn wir ſagen, daß zwar Alle einſtimmig die Ent⸗ richtung von Steuern zur Unterhaltung des ſteh⸗ enden Heeres und der Landwehr, fuͤr gottlos —— — 221 hielten, ein heftiger Streit aber uͤber die Recht⸗ maͤßigkeit der Bezahlung von Thorgeld und Bruͤk⸗ kenzoͤllen, die zum Straßenbau und zu andern Zwecken benutzt wurden, ſich erhob. Einige, die ſich gegen Straßenzoͤlle und Poſtgeld erklaͤr⸗ ten, hielten es nicht gegen ihr Gewiſſen, die ge⸗ woͤhnliche Abgabe auf oͤffentlichen Faͤhren zu be⸗ zahlen, aber ein Erzeiferer, Jakob Ruſſel, einer der Moͤrder des Erzbiſchofs von St. Andrews,*) hatte mit großer Hitze ſein Zeugniß ſelbſt wider dieſen letzten ſchwachen Schatten von Gehorſam gegen die beſtehende Staatsgewalt gegeben. Die⸗ ſer eifrige und erleuchtete Mann und ſeine An⸗ haͤnger hatten auch große Bedenklichkeiten, ob es erlaubt waͤre, den Wochentagen und Monaten die gewoͤhnlichen Nahmen beizulegen, die ihnen ſtark nach Heidenthum rochen und ſie vereinigten ſich endlich in dem Beſchluſſe, daß Diejenigen, *) Er ward 1679 von einigen ſchwaͤrmeriſchen Presbyterianern grauſam ermordet; ſ. die Ein⸗ leitung zur Ueberſetzung des Romans: Die Schwaͤrmer, wo man uͤberhaupt Erlaͤuter⸗ ungen uͤber die Geſinnungen und Verhaͤltniſſe der ältern Presbyterianer, und die Ereigniſſe der Zeit findet, die der Verfaſſer in dieſer Ab⸗ ſchweifung bexuͤhrt, L. 222 welche die Nahmen Montag, Dienſtag, Januar Februar u. ſ. w. anerkennten, ſich derſelben, ja groͤßerer Strafen ſchuldig machten, als den Goͤ⸗ tzendienern vor Zeiten waͤren angekuͤndigt worden. David Deans hatte jener merkwuͤrdigen Ver⸗ ſammlung beigewohnt. Er war freilich damah! noch zu jung, um unter den Streitern als Spre⸗ cher aufzutreten, aber ſein Kopf war von dem Laͤrm und Geſchrei bei der ſpitzfindigen Eroͤrterung ſo ſehr erhitzt worden, daß ſein Geiſt ſich oft mit jenen Streitfragen beſchaͤftigte, und wiewohl er ſein Schwanken vor Andern, und vielleicht vor ſich ſelber, ſorgfaͤltig verbarg, ſo war es ihm doch nie moͤglich geweſen, uͤber jenen Gegenſtand zu einer veſten Meinung zu kommen. Sein natuͤr⸗ licher Verſtand war ein Gegengewicht ſeines Streit⸗ eifers geweſen. Die ruhige Gleichgiltigkeit, wo⸗ mit man unter Koͤnig Wilhelms Regierung uͤber die Irrthuͤmer der Zeit leicht hinweg ging, war ihm keineswegs angenehm, da man, ſtatt der presbyterianiſchen Kirche ihre ehemahlige Oberge⸗ walt wieder zu geben, ſelbſt ihren Verfolgern Ver⸗ gebung bewilligt, ja Vielen von ihnen Titel, Gunſtbeweiſe und Aemter verliehen hatte. Als man in der erſten allgemeinen Verſammlung nach der Staatsveraͤnderung, auf die Erneurung des Glaubensbundes antrug, hoͤrte der gelaſſene David mit Entſetzen, daß Maͤnner von Fleiſches⸗ klugheit und Weltwitz, wie er ſie nannte, den Antrag als unpaſſend fuͤr den Zeitgeiſt und un⸗ vereinbar mit der neuern Geſtalt der Kirche, zu vereiteln wußten. Die Regierung der Koͤniginn Anna hatte ihn noch mehr uͤberzeugt, daß die Machthaber, welche durch die Staatsveraͤnderung an's Nuder gelangten, nicht von der echt presby⸗ terianiſchen Farbe waren. Verſtaͤndiger, als die Froͤmmler ſeiner Partei, war er jedoch weit ent⸗ fernt, die Maͤßigung und Duldſamkeit, die jene beiden Regierungen bewieſen, mit der harten Willkuͤhr und Unterdruͤckung zu verwechſeln, die unter Karl dem Zweiten und Jakob dem Zwei⸗ ten herrſchten. Die presbyterianiſche Glaubens⸗ partei war doch die Landeskirche, obgleich ihr Bann nicht mehr das alte Gewicht hatte, und ſie ſich gezwungen ſah, die biſchoͤfliche Kirche und verſchiedene andre Glaubensparteien neben ſich zu dulden. Der zweite Tempel war freilich lange nicht ſo herrlich, als jener, der von 1639*) bis *) Wo die ſiegreichen Verfechter des presbyterianiſchen Bundes[covenant.] den Frieden erzwangen. L. 224 zur Schlacht bei Dunbar*) bluͤhte, aber es war doch immer ein Bau, der zwar nicht an Staͤrke und Furchtbarkeit, doch an Geſtalt und Eben⸗ maß, dem urſpruͤnglichen Gebaͤude glich. Waͤh⸗ rend des Aufſtands im Jahre 1715**) war David Deans ſo bange vor dem Wiederaufleben der paͤpſtlichen und biſchoͤflichen Partei, daß er ſich mit Georg's Regierung ſehr ausſoͤhnte, wie⸗ wohl es ihm Leid that, daß er den Koͤnig einer Hin⸗ neigung zu den Meinungen der Eraſtianer***) verdaͤchtig halten mußte. Er hatte, durch ſo viele verſchiedene Erwaͤgungen beſtimmt, ſeine Anſich⸗ ten zu verſchiedenen Zeiten geaͤndert, uneinig mit ſich ſelber, in wie fern ſein Gewiſſen ihm erlaubte, eine Regierung, die zwar mild und vaͤterlich, aber doch dem Glaubensbunde nicht ergeben war, ausdruͤcklich anzuerkennen, und nun ſah er ſich durch den maͤchtigſten Beweggrund aufgefodert, *) Cromwell ſchlug hier die verbuͤndeten Presbyte⸗ rianer im J. 1650. L. »r) S. die Einleitung zu der Ueberſetzung des Ro⸗ mans: Robin der Rothe.— 2te Aufl. Berlin 1322. 3 Baͤnde. L. **) Die Partei der lau geſinnten, den beſchraͤnken⸗ den Maßregeln der Regierung ſich unterwerfen⸗ den, Presbyterianer. L, 223 ſeiner Tochter die Ablegung eines gerichtlichen Zeugniſſes zu erlauben, was Alle, die man ſeitdem Cameronier nannte, fuͤr das Zeichen eines klaͤglichen und offenbaren Abfalles hielten. Die Stimme der Natur aber ſprach laut in ſeiner Bruſt gegen die Eingebungen des Schwaͤr⸗ merwahnes, und ſeine Fantaſie, die ſich bei Schwierigkeiten uͤber Streitfragen gut zu helfen wußte, gab ihm ein Mittel ein, ſich aus der peinlichen Verlegenheit zu ziehen, worin er auf der einen Seite einen Abfall von ſeinen Grund⸗ ſaͤtzen, und auf der andern, einen Auftritt ſah, wovon ſich eines Vaters Gedanken nur mit bangem Entſetzen abwenden konnten. Ich bin ſtandhaft und unwandelbar in mei⸗ nem Zeugniſſe geweſen, ſprach er zu ſich ſelber: aber wer kann von mir ſagen, daß ich meinen Nachbar zu ſtrenge gerichtet habe, weil er auf ſei⸗ nem Wege mehr erlaubt gefunden hat, als ich auf dem meinigen? Ich habe mich nie von den Glaͤubigen abgeſondert, und mit bedenklichen Ge⸗ muͤthern nie geſtritten uͤber geringe Abgaben, oder die kleinen Zehnten. Meiner Tochter Johanna kann uͤber dieſe Dinge ein Licht aufgegangen ſein, das meinen alten Augen verborgen iſt. Ihr II. Theil, 15 226 iſt's auf das Gewiſſen gelegt, nicht mir. Haͤlt ſie’s fuͤr erlaubt, vor Gericht zu erſcheinen und ihre Hand aufzuheben fuͤr dieſe arme Verſtoßene — nun, ſo will ich gewiß nicht ſagen, ſie waͤre vom rechten Wege abgewichen, und wenn nicht— Er hielt inne, und eine unausſprechliche Angſt verrieth ſich in ſeinen krampfhaft verzogenen Zuͤ⸗ gen; aber die Regung unterdruͤckend, fuhr er fort: „Und wenn nicht— Gott verhuͤte, daß ſie auf mein Geheiß des Abfalles ſchuldig werde! Ich will das zarte Gewiſſen des einen Kindes nicht verletzen— nein, und koͤnnte ich auch das Leben des andern dadurch retten.“ Ein Roͤmer haͤtte, durch andre Gefuͤhle und Beweggruͤnde beſtimmt, aber nicht mit helden⸗ muͤthigerm Pflichtgefuͤhle, ſeine Tochter dem Tode geweiht. Ende des zweiten Theiles. m MIann NTnPÖnmmmm 9 15 16 17 18 19 [nIſiinſſüi 10 11 12 13 14 9 V L EEEEE