Edua 2. Lesepreis. hinterlegen, we wird. beträgt: für wöchentlich auf 1 Monat: Ladenpreis erſetz ſelben von mir 5. Auswärtige Avonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſe — o*. rd Olkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Jeſebedingungen.. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ en angenommen. 1 3 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe llche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet 4 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und 2 ⁄Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———————.,— 1 Mk. Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 1 Fü chmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der t werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defeete Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo i der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe 8 1 beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ———— Leihbibliothet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur n 1 — ———— ·———— ——— 2 8 D ad Herz von Mid⸗Lothian. Ein romantiſches Gemaͤhlde v on Walter Scott, uͤ berſetzt v on W. A. Lined a u⸗ Erſter Thei l. Dresden, 1822, in der Arnoldiſchen Buchhandlung. 5 Borwort⸗. Die Erzaͤhlung, wovon ich hier eine treue Uebertragung gebe, bildet die zweite Samm⸗ lung der Tales of my Landlord, by Jedediah Cleish- botham, die 1818 in 4 Baͤnden zu Edinburgh er⸗ ſchien. Der hier beibehaltene Titel: The Heart of Mid-Lothian iſt von dem Nahmen des ehe⸗ mahligen Stadtgefaͤngniſſes, des ſogenannten Tol- booih, zu Edinburgh entlehnt, das im Anfange unſrer Geſchichte eine Rolle ſpielt, urſpruͤnglich fuͤr die Parliamentſitzungen und die Gerichtshoͤfe im Jahre 1561 erbaut wurde, der Schauplatz der geſchminkten Gebete— wie der ſtrenge Knox ſagte— der ungluͤcklichen Maria Stuart war, ſeit 1640 als oͤffentliches Gefaͤngniß diente und im Jahre 1817 abgetragen wurde. Die ge⸗ ſchichtliche Grundlage dieſes Romans iſt nicht, wie bei mehren aͤhnlichen Werken des Verfaſſers, eine wichtige und einſlußreiche Begebenheit, an I. Theil.* —— IV welche, wie an einen durchlaufenden Faden, die Dichtung ſich anreihet; aber gerade der Umſtand, daß hier ein verhaͤltnißmaͤßig unbedeutendes oͤrt⸗ liches Ereigniß nichts als der Punkt iſt, wovon die Geſchichte ausgehet, und die geſchichtliche Zeit bloß deh Hintergrund bildet, worauf die Geſtal⸗ ten, faſt durchaus Gebilde des Dichters, ſich be⸗ wegen, moͤchte dieſem Romane einen Vorzug vor mehren andern Werken des Verfaſſers geben, wo die Faͤden der geſchichtlichen und erfundenen Be⸗ gebenheiten in einander laufen. Der große Vor⸗ zug der Gemaͤhlde des Verfaſſers, die treue und lebendige Darſtellung einer beſtimmten Zeit und ihrer Eigenheit, findet ſich aber auch hier in ho⸗ hem Glanze wieder. Dieſer Vorzug, und die Kraft der Charakterzeichnung, die ſich vorzuͤglich in Johanna, ihrem Vater und in der Wahnſin⸗ nigen offenbart, haben dieſer Dichtung in Eng⸗ land, und, ſelbſt nach einer abgekurzten Verteut⸗ ſchung, auch bei uns, ſo viel Beifall erworben, daß man ſie zu den trefflichſten in der langen Reihe zaͤhlt, ungeachtet in der Anlage der Ge⸗ ſchichte und der Anordnung der Begebenheiten auffallende Maͤngel ſich zeigen, Maͤngel, die nur ein ſo reicher Geiſt verguͤten konnte. Das Geſchichtliche, wovon die Dichtung ausgeht, iſt ein Aufſtand, der im Jahre 1736, als Koͤnig Georg II. lange in Hannover war, und ſeine Gemahlinn Karoline an der Spitze der Re⸗ —— V gentſchaft ſtand, in Edinburgh ausbrach. Die Veranlaſſung, den Gang und den Erfolg der Meuterei hat der Verfaſſer, ſelbſt in den kleinſten Umſtaͤnden, der Geſchichte gemaͤß erzaͤhlt, und ſich nur unbedeutende Abweichungen erlaubt, worun⸗ ter z. B. die wirklichen Zuruͤſtungen zur Hinricht⸗ ung gehoͤren, die nicht ſtatt fanden, da lange vor dem dazu veſt geſetzten Tage die Begnadi⸗ gung ankam. Ueber das Geſchichtliche des Ro⸗ mans findet man eine umſtaͤndliche Erlaͤuterung in den Criminal Trials, illustrative of the tale en- titled The Heart of Mid-Lothian, published from the original record; with a prefatory notice, in- cluding some particulars of the life of captain John Porteous. Edinburgh 1818. 8. mit einer Abbil⸗ dung des Tolbooth. Dieſes, auch als Beitrag zur Kenntniß der ſchottiſchen Rechtspflege ſchaͤtz⸗ bare, Buch enthaͤlt die vollſtaͤndigen Verhandlun⸗ gen in den peinlichen Unterſuchungen gegen Wil⸗ ſon, Robertſon und einen andern Mitſchuldigen, gegen Porteous und gegen einen Trunkenbold, welcher der Theilnahme an dem Aufſtande beſchul⸗ digt, aber frei geſprochen ward. Ein Anhang gibt die Akten gegen den Frauenmoͤrder Nikolas Muſchett, deſſen in unſrer Geſchichte oft erwaͤhnt wird. Porteous, der Sohn eines Schneiders in Edinburgh, fruͤher in hollaͤndiſchen Dienſten, die er mit dem Verdachte, ſeinen Hauptmann ermor⸗ det zu haben, heimlich verließ, und ſeit 1713 bei 8 2 VI bei der Stadtwache in Edinburgh, wird in un⸗ ſrer Geſchichte ziemlich ſo geſchildert, als er nach den Mittheilungen eines Zeitgenoſſen in dem genannten Buche und nach den Verhandlungen erſcheint. Wie man ihn wegen ſeiner Gewalt⸗ thaͤtigkeit, Willkuͤhr und unwuͤrdigen Partei⸗ lichkeit im oͤffentlichen Dienſte, verabſcheute, ſo ward er, wegen ſeines ſchlechten Wandels im Privatleben, beſonders der grauſamen Mishand⸗ lungen ſeines Vaters und ſeiner Frau, der er ſei⸗ ne Befoͤrderung verdankte, von ſeinen Mitbuͤtgern verachtet. Die Gruͤnde, worauf das Todesurtheil gegen ihn ſich ſtuͤtzte, werden in der Klagbegruͤn⸗ dung dargelegt, wie ſie der Verfaſſer in ſeiner Erzaͤhlung beilaͤufig andeutet.— Georg Robert⸗ ſon iſt in unſerer Geſchichte ein ganz andrer Cha⸗ rakter, als der Wirth dieſes Nahmens, deſſen jene peinlichen Verhandlungen erwaͤhnen, und der Ver⸗ faſſer hat von dieſem nicht mehr, als die Verbin⸗ dung mit Wilſon und die Flucht aus der Gefaͤng⸗ nißkirche entlehnt. Die damahlige Lage der oͤffentlichen Angele⸗ genheiten gab Veranlaſſung, daß der Aufſtand in Edinburgh wichtige Folgen hatte. Nach einem gleichzeitigen Ungenannten, deſſen Nachrichten uͤber Porteous das angefuͤhrte Buch mittheilt, ſtellte man den Aufſtand in das nachtheiligſte Licht, und ſuchte die Beſorgniß zu erwecken, daß das ganze Land zum Aufruhre reif waͤre, und die ſoge⸗ ———— VII nannten Patrioten die Meuterei angezettelt haͤt⸗ ten, weil man hoffte, den Koͤnig, deſſen lange Abweſenheit die Englaͤnder ungeduldig machte, dadurch zur Ruͤckkehr zu bewegen. Die Folge aber war, daß Vorurtheile gegen Edinburgh und ſelbſt gegen das ganze Land einwurzelten. Der Buͤr⸗ germeiſter(Lord Provost) wurde verhaftet, und erſt nach einigen Wochen entlaſſen, aber dann mit mehren obrigkeitlichen Perſonen vor das Oberhaus geladen. Der Buͤrgermeiſter ſollte, nach dem An⸗ trage des Oberhauſes, wegen ſeiner Unthaͤtigkeit beim Aufſtande, jedes Amtes unfaͤhig erklaͤrt, und zu Gefaͤngnißſtrafe verurtheilt, und die Abdankung der Stadtwache verordnet werden. Der Vorſchlag ging, trotz des beredſamen Widerſpruches des Herzogs von Argyle, durch, ward aber im Unter⸗ hauſe, mit Zuſtimmung der oͤffentlichen Meinung, lebhaft angeſochten, und erhielt mehre weſentliche Veraͤnderungen, wozu unter andern die Zuruͤck⸗ nahme des Befehls zur Aufhebung der Stadtwa⸗ che*) gehoͤrte, wogegen die Stadt der Wirwe des ermordeten Porteous eine Geldbuße zahlen mußte.— Der Herzog von Argyle, der in unſrer Erzaͤhlung nach dem Leben geſchildert iſt, war einer der aus⸗ *) In Hogart's feſtlichem Zuge des Lord May⸗ ors von London findet man Geſtalten, die dieſen Stadtſoldaten ziemlich aͤsnlich ſind. ——— VIII gezeichnetſten ſchottlſchen Edlen. Er gehoͤ3rte ſeit der Union zu den Haͤuptern der Whig⸗Partei, die ſich unter Anna's Regierung den Maßregeln des Tory⸗Miniſteriums widerſetzte, und ſtand waͤhrend des Aufruhrs im Jahre 1715 an der Spitze der koͤ⸗ niglichen Kriegsmacht, wie wir uns aus Rob Roy erinnern.— Die Geſchichte der ungluͤck⸗ lichen Effie und ihrer heldenmuͤthigen Schwe⸗ ſter, iſt, wie eine engliſche Zeitſchrift angibt, in der Hauptſache wahr, doch habe ich daruͤber keine naͤheren Nachweiſungen finden koͤnnen. Dresden, im September 1822. L. Das Herz von Mid⸗Lothian. Erſter Theil. I. Es kennt den Greveplatz wohl, wer je Paris geſehn, Der Tapfren Zufluchtort, wenn's Gluͤck nicht mehr will gehn; Wo Ehre ſich und Recht ſo ſeltſam darein theilen, Durch Galgen und durch Strick des Helden Noth zu 3 heilen. Tod bricht die Feſſeln hier, worein Gewalt gebannt, Was Richterſpruch begann, vollendet Henkershand; Hier ſieht, wer Beutel nahm, wer Zeugniß hat ge⸗ logen, Sein Leid nicht mehr erhoͤht, ſein Hoffen nicht be⸗ 4. trogen. Prior. Wie England in fruͤhern Zeiten ſein Tyburn hatte, wohin die, der Gerechtigkeit heimgefalle⸗ nen Opfer in feierlichem Aufzuge durch die jet⸗ zige Oxford⸗Straße gefuͤhrt wurden, ſo be⸗ nutzte man in Edinburgh einen offenen Platz, . 1 83 4 oder vielmehr ein, von hohen Haͤuſern umgebe⸗ nes laͤngliches Viereck, den ſogenannten Gras⸗ markt, zu demſelben traurigen Zwecke. Der Platz war zu einem ſolchen Schauſpiele nicht uͤbel gewaͤhlt, da er von ziemlich betraͤchtlichem Umfange war, und daher eine ſo große An⸗ zahl von Zuſchauern faſſen konnte, als ein ſo trauriger Anblick gewoͤhnlich herbei ruft. Auch waren, ſelbſt in fruͤhern Zeiten, nur ſo wenige der angraͤnzenden Haͤuſer von Leuten aus hoͤ⸗ hern Staͤnden bewohnt, daß Diejenigen, die von ſolchen unangenehmen Schauſpielen belei⸗ digt, oder zu tief geruͤhrt werden mochten, nicht ſo nahe waren, um in ihrer Ruhe geſtoͤrt zu werden. Die Haͤuſer am Grasmarkte ſind meiſt unanſehnlich, wiewohl der Platz doch auch etwas Großartiges hat, da auf der Mittagſeite der mäͤchtige Felſen, der das Schloß traͤgt, und die mooſigen Zinnen und thurmfoͤrmigen Mauern der alten Veſte ihn uͤberragen. Es war, bis vor ungefähr fuͤnf und zwan⸗ zig Jahren, Sitte, dieſen Freiplatz zu offent⸗ lichen Hinrichtungen zu gebrauchen. Der un⸗ ſelige Tag wurde den Bewohnern durch die Er⸗ ſcheinung eines ungeheuren ſchwarzen Galgens 5 auf dem oͤſtlichen Ende des Platzes angekuͤn⸗ digt. Dieſe Unheil andeutende Erſcheinung war ſehr hoch, von einem Blutgeruͤſte umgeben, und mit zwei Leitern verſehen, worauf der un⸗ gluͤckliche Verbrecher und der Henker hinan ſtie⸗ gen. Dieſe Zuruͤſtungen wurden immer vor Tagesanbruche gemacht, als waͤre der Galgen, wie das Werk eines boͤſen Feindes, aus der Erde hervorgeſtiegen, und ich erinnere mich, mit welcher Furcht wir Schulknaben dieſe vorbedeu⸗ tenden Zeichen einer Hinrichtung betrachteten. In der darauf folgenden Nacht verſchwand der Galgen wieder, und wurde in der Stille und Finſterniß in ein Gewoͤlbe unter dem Parlia⸗ mentshauſe geſchafft, wo man ihn gewoͤhnlich aufbewahrte. In ſpaͤtern Zeiten kam dieſe Sitte ab, und die Hinrichtung ward auf aͤhn⸗ liche Art vollzogen, wie vor dem Gefaͤngniſſe Newgate;*) ob aber mit einem heilſamen Er⸗ folge, iſt ungewiß. Die Seelenleiden des Vers urtheilten werden dadurch freilich abgekuͤrzt; er geht nicht mehr zwiſchen den begleitenden Geiſt⸗ lichen, im Sterbekleide, durch einen großen Theil —— *) In London. ——— —— —— der Stadt, einem wandelnden Leichnam gleich, waͤhrend er noch dieſe Welt bewohnt, da aber der letzte Zweck der Strafe die Verhuͤtung der Verbrechen iſt, ſo laͤßt ſich wenigſtens bezwei⸗ feln, ob wir nicht durch Abkuͤrzung der trauri⸗ gen Feierlichkeit jene ſchreckende Wirkung auf die Zuſchauer zum Theil vermindert haben, die der nuͤtzliche Endzweck aller ſolcher Strafver⸗ haͤngungen iſt, und in Hinſicht auf welche al⸗ lein, außer in ganz beſondern Faͤllen, die. To⸗ desſtrafe uͤberhaupt gerechtfertigt werden kann. Am 8. September 1736 bemerkte man jene Ungluͤck verkuͤndenden Zuruͤſtungen auf dem beſchriebenen Platze, und in fruͤher Tageszeit ward der umliegende Raum von mehren Volks⸗ haufen beſetzt, die auf das Blutgeruͤſte und den Galgen mit einer finſtern und rachgierigen Zu⸗ friedenheit gafften, welche man ſonſt ſelten bei dem Poͤbel findet, deſſen Gutmuͤthigkeit in den meiſten Faͤllen das Verbrechen des Verurtheil⸗ ten vergißt, und nur an deſſen Ungluͤck denkt. Die Miſſethat aber, deren man den erwarte⸗ ten Verbrecher uͤberwieſen hatte, war von der Art, daß der Unwille des Volkes im hͤchſten Grade geweckt und gereizt werden mußte. Die 27 Geſchichte iſt bekannt genug, muß aber hier, zum beſſern Verſtaͤndniß der ſpaͤtern Ereigniſſe, ihren Hauptumſtaͤnden nach mitgetheilt werden, und wenn ſie auch lang ſein ſollte, wird ſie doch, ſelbſt fuͤr Diejenigen, die den Erfolg ken⸗ nen, etwas Anziehendes haben. Der Schleichhandel wird gewoͤhnlich weder von dem gemeinen Volke, noch auch von Vor⸗ nehmern, in einem ſehr gehaͤſſigen Lichte be⸗ trachtet, obgleich er, durch Schmaͤlerung der oͤffentlichen Einkuͤnfte, die Wurzel einer rechte maͤßigen Regierung angreift, dem redlichen Kauf⸗ mann Nachtheil bringt, und die Gemuͤthsart der Menſchen verderbt, die ſich damit abgeben. In den Theilen des Landes, wo dieſes Gewerbe vorherrſchend iſt, ſind im Gegentheil die an⸗ ſtelligſten, kuͤhnſten und verſtaͤndigſten Land⸗ leute ohne Ausnahme in verbotenen Verkehr verwickelt, und ſehr oft mit Zuſtimmung der Pachter und des niedern Landadels. Unter den Negierungen Georgs des Erſten und Zweiten war der Schleichhandel beinahe allgemein in Schottland; denn das Volk ſah die ungewohn⸗ ten Auflagen als ungerechte Angriffe gegen ſeine alten Freiheiten an, und machte ſich kein Be⸗ 923 8 denken, dieſelben zu umgehen, ſo oft es moͤg⸗ lich war. Die Grafſchaft Fife, die gegen Mittag und Mitternacht von zwei Strommuͤndungen,*) gegen Morgen vom Meere begraͤnzt iſt, und eine Menge kleiner Seehaͤven hat, war lange Zeit wegen ihres gedeihlichen Schleichhandels be⸗ ruͤhmt, und da hier viele Seeleute wohnten, die in ihrer Jugend Seeraͤuber und Freibeuter geweſen waren, ſo fehlte es nie an verwegenen Menſchen, die ſich damit abgaben. Unter ih⸗ nen war ein gewiſſer Andreas Wilſon, urſpruͤng⸗ lich ein Baͤcker aus dem Dorfe Pathhead, bei den Zollbeamten beſonders verrufen. Er beſaß ungemein viel koͤrperliche Starke, Muth und Liſt, kannte die Kuͤſte vollkommen, und war zu den verwegenſten Unternehmungen tauglich. Bei verſchiedenen Gelegenheiten war es ihm ge⸗ lungen, die Verfolgungen und Nachforſchungen der koͤniglichen Beamten zu vereiteln; aber ihr Argwohn und ihre wachſame Aufmerkſarakeit waren ſo thaͤtig, daß er ſich endlich durch wie⸗ derhohlte Guͤtereinziehungen gaͤnzlich zu Grunde *) Dem Frith of Tay und dem Frith of Forth. ——— 1 — 9 gerichtet ſch. Der Mann war nun zu den tollkuͤhnſten Wagniſſen bereit. Er hielt ſich fuͤr beraubt und gepluͤndert, und ſetzte ſich's in den Kopf, er haͤtte ein Recht, Wiedervergeltung zu uͤben, wo ſich Gelegenheit faͤnde. Iſt das Herz zum Boͤſen geneigt, ſo wird die Gelegenheit ſelten lange fehlen. Wilſon erfuhr, daß der Zolleinnehmer Kirkcaldy, der in Amtsgeſchaͤften die Runde machte, nach Pittenweem gekommen war, und eine betraͤchtliche Summe von öoͤffent⸗ lichen Geldern bei ſich fuͤhrte. Der Betrag der Gelder war dem Werthe der, ihm genomme⸗ nen Guͤter noch lange nicht gleich, und er faßte ohne Bedenken den Entſchluß, ſich auf Koſten des Einnehmers und der Staatskaſſe fuͤr ſeine Verluſte zu entſchaͤdigen. Er verband ſich mit einem gewiſſen Robertſon und zwei andern jun⸗ gen Muͤſſiggaͤngern, welche in denſelben verbo⸗ tenen Verkehr ſich eingelaſſen hatten, und ſich leicht von ihm bereden ließen, das Unternehmen in dem verzeihlichen Lichte anzuſehen, worin er es ſah. Sie lauerten dem Einnehmer auf, brachen mit Gewalt in ſeine Wohnung, und waͤhrend Wilſon mit zwei Raubgeſellen in des Mannes Zimmer drang, hielt Robertſon, als 10 der Vierte, mit gezogenem Saͤbel vor der Thuͤre Wache. Der Zolleinnehmer, der ſem Leben be⸗ droht glaubte, ſprang aus dem Fenſter ſeines Schlafgemaches, floh im Hemde, und die Raͤu⸗ ber konnten ſich ohne Muͤhe gegen zweihundert Pfuno von den oͤffentlichen Geldern zueignen. Dieſer Raub ward mit vieler Verwegenheit ver⸗ uͤbt, da verſchiedene Leute zu derſelben Zeit vor⸗ uͤbergingen; Rovertſon aber uͤberredete ſie, das Gerauſch, welches ſie hoͤrten, waͤre ein Wort⸗ ſtreit, oder eine Schlaͤgerei zwiſchen dem Ein⸗ nehmer und den Hausbewohnern. Die ehrli⸗ chen Buͤrger von Pittenweem fuͤhlten keinen Beruf, ſich zu Gunſten des laͤſtigen Zolleinneh⸗ nehmers in's Mittel zu ſchlagen, und mit der ſehr oberflaͤchlichen Auskunft ſich begnuͤgend, gingen ſie, wie der Levit in der Parabel, auf der andern Seite des Weges voruͤber. Endlich entſtand Laͤrm; Kriegsleute wurden herbeigehohlt, die Raͤuber verfolgt, die weggenommenen Gel⸗ der ihnen entriſſen, Wilſon und Robertſon ver⸗ hoͤrt, und, meiſt auf das Zeugniß eines Mit⸗ ſchuldigen, zum Tode verurtheilt. Viele meinten, daß in Erwägung der irri⸗ gen Anſicht, welche die Thaͤter von der began⸗ = 3 11 genen Handlung gehabt hatten, die Gerechtig⸗ keit ſich wohl mit einer gelindern Strafe haͤtte begnuͤgen koͤnnen, als zwei Menſchen das Le⸗ ben zu nehmen. Andre aber glaubten, bei der Verwegenheit der That muͤßte ein abſchreckendes Beiſpiel gegeben werden, und dieß war auch die Meinung der Machthaber. Als die Vollziehung des Todesurtheils keinem Zweifel mehr ausgeſetzt war, wurden den Verbrechern durch einen Freund von außen heimlich Feilen und andere, zum Entkommen noͤthige Werkzeuge zugeſteckt. Sie ſaͤgten damit eine Stange aus einem Kerker⸗ fenſter, und wuͤrden entronnen ſein, wenn nicht Wilſon, der eben ſo viel verſtockte Hartnaͤckig⸗ keit in ſeinen Meinungen, als verwegene Ent⸗ ſchloſſenheit beſaß, von ſeinem Eigenſinn ſich haͤtte leiten laſſen. Sein Gefaͤhrte Robertſon, ein ſchlanker junger Mann, woltte zuerſt den Verſuch machen„ durch die entſtandene Oeffnung zu ſchluͤpfen, und ſie, wenn es noͤthig waͤre, von außen erweitern, um Wilſon den Durch⸗ gang zu erleichtern. Wilſon aber, ein derber und vierſchroͤtiger Kerl, fand es unmoͤglich, durch die Eiſenſtangen zu kommen, und klemmte ſich durch ſeine Anſtrengungrn ſo veſt ein, daß er 12 nicht im Stande war, ſich wieder los zu ma⸗ chen. Unter dieſen Umſtaͤnden war die Entdek⸗ kung unvermeidlich, und der Kerkermeiſter nahm hinlängliche Vorſichtmaßregeln, die Wiederhoh⸗ lung aͤhnlicher Verſuche zu verhuͤten. Robertſon machte nicht die mindeſte Bemerkung uͤber die Folgen von Wilſon's Eigenſinn, ſpaͤterhin aber zeigte es ſich, wie tief dem Gemuͤthe ſeines Schickſalgenoſſen der Gedanke eingepraͤgt war, daß ſein Gefaͤhrte, auf welchen er großen Ein⸗ fluß hatte, ſich ohne ihn nicht zu dem, ſo un⸗ glüͤcklich ausgeſchlagenen Verbrechen wuͤrde haben hinreiſſen laſſen, und daß er nun zum Zwei⸗ tenmahl den jungen Mann in's Verderben ge⸗ bracht haͤtte, da nur durch ſeinen Eigenſinn Robertſon's Flucht war vereitelt worden. Men⸗ ſchen von Wilſon's Gemuͤthsart, behalten zu⸗ weilen, ſelbſt wenn ſie im Boͤſen geuͤbt ſind, die Faͤhigkeit, Gedanken und Entſchluͤſſe zu faſ⸗ ſen, die ſchwaͤrmeriſche Großmuth athmen. Seine ganze Seele beſchaͤftigte ſich nun mit der Moͤg⸗ lichkeit, Robertſons Leben zu retten, ohne auf ſeine eigene Rettung im Mindeſten zu achten. Der Entſchluß, den er faßte, und die Art der Ausfuͤhrung, waren auffallend und ungewoͤhnlich. 13 An das Stadtgefaͤngniß von Edinburgh ſtoͤßt eine der drei Kirchen, worin die Aegidius Stifts⸗ kirche in neuern Zeiten getheilt wurde, und heißt, dieſer Nachbarſchaft wegen, die Gefaͤngnißkirche. Die zum Tode verurtheilten Verbrecher wurden, nach hergebrachter Sitte, am Sonntage vor ih⸗ rer Hinrichtung unter hinlaͤnglicher Bewachung hieher gebracht, um dem oͤffentlichen Gottes⸗ dienſte beizuwohnen. Man glaubte, daß in den Herzen dieſer Ungluͤcklichen, wie verhaͤrtet ſie auch vorher gegen andaͤchtige Regungen geweſen ſein moͤchten, ſolche Gefuͤhle erwachen muͤßten, wenn ſie ihre Gedanken und Stimmen zum Letztenmahl mit ihren Mitmenſchen zu ihrem Schoͤpfer richteten. Auch ſchien es auf die uͤbrige Verſammlung einen ergreifenden und ruͤh⸗ renden Eindruck machen zu muͤſſen, wenn ſie ihre frommen Empfindungen mit der Andacht der Ungluͤcklichen vereinigten, welche auf dem Rande der Ewigkeit zu zittern ſchienen, in dem Augen⸗ blicke, wo ſie, durch einen irdiſchen Rechtſpruch verurtheilt, vor den Richterſtuhl treten ſollten, der die ganze Welt richten wird. Dieſe Sitte, ſo erbaulich ſie auch war, iſt jedoch ſeit dem Vor⸗ falle, den wir erzaͤhlen wollen, abgeſchafft worden. 14 Der Geiſtliche, der den Gottesdienſt in der Gefaͤngnißkirche halten mußte, hatte eben eine ruͤhrende Rede geendigt, die zum Theil an die beiden Ungluͤcklichen, Wilſon und Robertſon, gerichtet war, welche in dem, fuͤr Verurtheilte beſtimmten Kirchenſtuhle, jeder zwiſchen zwei Stadtſoldaten, ihren Sitz hatten. Der Predi⸗ ger hatte ihnen zu Gemuͤthe gefuͤhrt, daß ſie nun zunaͤchſt in die Verſammlung der Gerech⸗ ten, oder der Verſtoßenen kommen wuͤrden, daß die Pſalmen, welche ſie jetzt hoͤrten, in zwei kurzen Tagen mit ewigem Hallelujah, oder ewi⸗ gem Jammergeſchrei vertauſcht werden ſollten, und daß dieſe fuͤrchterliche Wahl von dem Zu⸗ ſtande abhangen muͤßte, worein ſie ihre Gemuͤ⸗ ther bis zur furchtbaren Vorbereitung zum Tode zu verſetzen im Stande waͤren; er hatte ſie auf⸗ gemuntert, ſich durch die ploͤtzliche Vorladung nicht zur Verzweiflung verleiten zu laſſen, ſon⸗ dern vielmehr den Troſt in ihrem Ungluͤcke zu fuͤhlen, daß zwar Alle, die nun in Gemein⸗ ſchaft mit ihnen ihre Stimme himmelwaͤrts rich⸗ teten, oder das Knie beugten, auch unter dem Richterſpruche eines gewiſſen Todes ſtaͤnden, ſie aber den Vortheil haͤtten, den Augenblick der 15 Vollziehung genau zu kennen.„Darum, meine ungluͤcklichen Bruͤder, ſprach der gute Mann, mit einer, vor Nuͤhrung zitternden Stimme: benutzet die Zeit, die Euch noch uͤbrig iſt, und bedenket, daß Ihr durch die Gnade Deſſen, dem Raum und Zeit wie nichts ſind, doch noch die Seligkeit erwerben koͤnnet, ſelbſt waͤhrend der kurzen Friſt, welche die Geſetze eures Landes Euch gewaͤhren.“ Man ſah Robertſon bei dieſer Anrede wei⸗ nen; Wilſon aber ſah aus, als ob er den Sinn jener Worte nicht begriffen haͤtte, oder als ob ſeine Gedanken in einen andern Gegenſtand vertieft geweſen waͤren, und dieſer Ausdruck war fuͤr einen Menſchen in ſeiner Lage ſo natuͤrlich, daß dadurch weder Argwohn, noch Ueberraſchung erweckt wurde. Der Segen wurde, wie gewoͤhnlich geſpro⸗ chen und die Verſammlung entlaſſen. Es blie⸗ ben jedoch noch Viele zoͤgernd zuruͤck, um neu⸗ gierig einen veſteren Blick auf die beiden Ver⸗ brecher zu heften„welche nun, wie ihre Wache, ſich erhoben, als haͤtten ſie ſich entfernen wol⸗ len, ſo bald das Gedraͤnge es erlaubte. Man hoͤrte ein mitleidiges Gemurmel unter den Zu⸗ 16 ſchauern, das die mildernden Umſtaͤnde des Fal⸗ les vielleicht nur noch allgemeiner machten. Wil⸗ ſon, ein ſehr ſtarker Mann, faßte nun ploͤtzlich zwei Soldaten, jeden mit einer Hand, und waͤhrend er ausrief:„Lauf, Georg, lauf!“ ſiel er auch uͤber den Dritten her und packte ihn mit den Zaͤhnen beim Kragen. Robertſon ſtand einen Augenblick, wie vom Donner ge⸗ troffen, unfaͤhig, die dargebotene Gelegenheit zur Flucht zu benutzen. Lauf! lauf! riefen Viele, die ſich durch ihre uͤberraſchten Gefuͤhle zu einer ſehr natuͤrlichen Theilnahme verleiten ließen, da riß er ſich von dem vierten Soldaten los, ſprang aͤber den Kirchenſtuhl, verlor ſich unter der auf⸗ brechenden Verſammlung, wo Niemand geneigt war, einen Ungluͤcklichen aufzuhalten, der dieſe letzte Lebensrettung verſuchte, und als er die Kirchthuͤre erreicht hatte, war er bald gegen alle Verfolgung geſichert. Die großmuͤthige Unerſchrockenheit, die Wil⸗ ſon bei dieſer Gelegenheit gezeigt hatte, erhoͤhte das Mitleid, welches man ſeinem Schickſale weihte. Das Volk, das ſich leicht fuͤr Uneigen⸗ nuͤtzigkeit und Menſchlichkeit einnehmen laͤßt, wo ſeine Vorurtheile nicht in's Spiel kommrn, be⸗ ——— 17 wunderte Wilſons Betragen und freute ſich uͤber Robertſons Flucht. Dieſes allgemeine Gefuͤhl zeigte ſich ſo lebhaft, daß ein dumpfes Geruͤcht entſtand, es wuͤrde Wilſon auf dem Richtplatze, entweder durch den Poͤbel, oder einige ſeiner alten Geſellen, oder durch eine zweite große und unerwartete Anſtrengung ſeiner Kraͤfte und ſeines Muthes gerettet werden. Die Obrigkeit hielt es fuͤr ihre Pflicht, der Moͤglichkeit einer Stoͤrung vorzubeugen. Es wurde, zum Schutze der Vollzieh⸗ ung des Urtheils, der groͤßte Theil der Stadt⸗ wache, unter den Befehlen des Hauptmanns Porteous, aufgeboten. Von dieſem Manne, deſſen Nahme durch die traurigen Ereigniſſe je⸗ nes Tages und die nachfolgenden Umſtaͤnde nur zu beruͤhmt geworden, und von den Soldaten, die er befehligte, muß ein Wort geſagt werden; ein Gegenſtand, der wichtig genug fuͤr einen neuen Abſchnitt iſt. ——— I. Geiſt, der du lebſt in Aquaviten, Der in der Stadt Du thuſt gebieten, Verleih' uns, was wir baten, Behuͤt' uns vor den Erzbanditen, Den Stadtſoldaten. Ferguſon. Der Hauptmann Porteous, ein Nahme, der in den muͤndlichen Ueberlieferungen von Edin⸗ burgh und in den Urkunden der peinlichen Rechts⸗ pflege beruͤhmt iſt, war der Sohn eines Buͤrgers von Edinburgh, der ihn zu ſeinem Gewerbe er⸗ ziehen wollte. Der junge Menſch aber hatte ei⸗ nen wilden und unbaͤndigen Hang zur Zerſtreu⸗ ung, der ihn endlich unter die Kriegsvoͤlker brach⸗ te, welche in hollaͤndiſchem Sold ſtanden und die ſchottiſchen Hollaͤnder hießen. Hier lernte er Kriegszucht, und als er ſpaͤterhin nach einem muͤſ⸗ ſigen und unſteten Leben in ſeine Vaterſtadt 3 — 19 heimkehrte, verlangte die Obrigkeit in dem un⸗ ruhigen Jahre 1715.*) ſeine Dienſte, um die Stadtſoldaten in Ordnung zu bringen, und er erhielt unter ihnen bald nachher eine Haupt⸗ mannſtelle. Nur ſeine kriegeriſche Geſchicklich⸗ keit, und ſein munteres„ entſchloſſenes Weſen machten ihn dieſer Befoͤrderung werth, denn er ſoll ein Mann von liederlichem Wandel, ein unnatuͤrlicher Sohn, ein grauſamer Gatte gewe⸗ ſen ſein. Er war jedoch in ſeiner Stelle nuͤtz⸗ lich, und ſein ſtrenges, wildes Weſen machte ihn den Aufruͤhrern und Stoͤrern der oͤffentlichen Ruhe furchtbar. Die Soldaten, zu deren Befehlhabern er gehoͤrte, ſind oder waren vielmehr ein Haufen von hundert und fuͤnf und zwanzig Mann, die in drei Rotten getheilt und regelmaͤßig bewaffnet, ge⸗ kleidet und eingeordnet waren. Es wurden in die⸗ ſe Schaar meiſt nur alte Krieger aufgenommen, welche den Vortheil hatten, ihr Gewerbe zu trei⸗ ben, ſo oft ſie nicht im Dienſte waren. Dieſe *) Ueber die damahligen Unruhen in Schottland ſpricht umſtaͤndlich das Vorwort zu meiner Ueberſetzung des Romans: Robin der Ro⸗ the, ate verbeſſerte Aufl. Berlin 1822, 5 Bde, L, 2* 20 Maͤnner hatten die Obliegenheit, die oͤffentliche Ordnung zu beſchuͤtzen, Aufſtaͤnde und Straßen⸗ räubereien abzuwehren, und bei allen Gelegen.— heiten, wo Verwirrung, oder Volksunruhen er⸗ wartet werden konnten, auf dem Platze zu ſein. Der arme Ferguſon,*) den ſeine unordentliche Lebensweiſe zuweilen in unangenehme Haͤndel mit dieſen Beſchuͤtzern der oͤffentlichen Ordnung brachte, und der ihrer ſo oft erwaͤhnt, daß er ihr Hofdichter genannt werden koͤnnte, gibt ſeinen Leſern folgende Ermahnung, die er ohne Zweifel aus eigener Erfahrung geſchoͤpft hatte: Sucht ja, kommt Ihr vom Jahrmarkt heim, Den Schwarzen auszuweichen! Solch wildes Kriegskokardenvolk Hat nirgend ſeines Gleichen. Die Stadtſoldaten, welche, wie geſagt, meiſt verabſchiedete Krieger waren, die noch Kraͤfte ge⸗ nug zum Stadtdienſt hatten, und uͤberdieß meiſt aus Hochlaͤndern beſtanden, waren allerdings we⸗ der durch ihre Herkunft und Erziehung, noch durch fruͤhere Gewohnheiten, geuͤbt worden, die Beleidigungen des Poͤbels, oder den erbitterten 3 *) Ein ſchottiſcher Dichter. — 21 Muthwillen muͤßiger Schulknaben, und traͤger Taugenichtſe aller Art, mit welchen ihr Beruf ſie in Beruͤhrung brachte, geduldig zu ertragen. Die armen alten Leute waren im Gegentheil⸗ durch die Beſchimpfungen, die ſie bei vielen Ge⸗ legenheiten erfuhren, in eine muͤrriſche Stim⸗ mung gerathen, und haͤtten oft des beſaͤnftigen⸗ den Zurufs des oben genannten Dichters bedurft: Soldaten, wollt ihr Euch ſelber lieben, und das Kuchenland, Schottland, nicht betruͤben, So quaͤlt ſeine Kinder nicht mit Hieben, und ſeid doch nicht ſo drauf erhitzt, Mit Flint' und Streitaxt euch zu uͤben, Bis ihr das junge Blut verſpritzt. Bei allen Gelegenheiten, wo ein Feiertag zu Auflaufen und Unordnungen Anlaß gab, war ein Gefecht mit dieſen alten Soldaten, eine Lieb⸗ lingsbeluſtigung des Poͤbels von Edinburgh. Vielen ſind vielleicht die kriegeriſchen Angriffe, worauf wir deuten, noch in friſcher Erinnerung, wenn dieſe Blaͤtter an's Licht treten, wiewohl die ehrwuͤrdige Schaar, welche dieſe Kaͤmpfe zu be⸗ ſtehen hatte, nun gaͤnzlich eingegangen iſt. Die allmaͤhlige Verminderung dieſer Stadtſoldaten er⸗ innert an das Zuſammenſchmelzen der hundert 22 Ritter des Koͤnigs Lear. Die Verfuͤgungen der Stadtobrigkeiten, die einander im Amte folgten, haben, wie Goneril's und Regan's Verordnun⸗ gen, die ehrenwerthe Rotte durch eine aͤhnliche Fra⸗ ge vermindert:„Wozu brauchen wir fuͤnf und zwanzig? Oder zehn? Oder fuͤnf?“ Und jetzt fragt man beinahe gar:„Wozu brauchen wir Ei⸗ nen?“ Man ſieht vielleicht hier und da noch ein Geſpenſt von einem alten graukoͤpfigen und grau⸗ baͤrtigen Hochlaͤnder mit Spuren von Kriegsbe⸗ ſchwerden in ſeinen Zuͤgen, und vom Alter gebeugt; in einem altfraͤnkiſchen dreieckigen Hute, der mit weißem Bindfaden, ſtatt mit Silberſchnuͤren, aufgeheftet iſt; in Rock, Weſte und Beinkleidern von ſchmutzigem Roth; mit einer alten Waffe in der welken Hand, eine ſogenannte Lochaber⸗Axt, oder eine Stange, deren Ende eine Art mit ei⸗ nem Haken am hintern Theil, trägt. Ein ſol⸗ ches Geſpenſt aus der Vorzeit ſoll bei dem Standbilde Karls des Zweiten auf dem Parlia⸗ ments⸗Platze herumkriechen, als ob das Bild ei⸗ nes Stuarts die letzte Zuflucht jedes Ueberbleib⸗ ſels unſrer alten Sitten waͤre, und ein Paar Andre ſollen vor der Thuͤre des Wachhauſes um⸗ herſchleichen, das man ihnen in den Lucken⸗ 7 9 2 23 booths*) angewieſen hatte, als ihre ehemahlige Zuflucht in der Hochſtraße war abgetragen wor⸗ den. Dieſe Erzaͤhlung enthaͤlt noch ein ſchwaches Andenken an die alte Stadtwache von Edinburgh, welche ſammt ihrem grimmigen und tapfern Kor⸗ poral, Hans der ſchwarze genannt— ich ſah in meinen Leben keinen Kerl von ſo wildem Ausſe⸗ hen— in meinen Knabenjahren abwechſelnd das Schrecken und der Spott der muthwilligen Schuljugend warz aber vielleicht wird dieſe Schrift nicht eher ans Licht treten, bis die Erinnerung an jene Anſtalt gaͤnzlich erloſchen iſt, und ſie kann alsdann zur Erlaͤuterung der Zerrbilder dienen, worin Kay die Zuͤge einiger ihrer Helden auf⸗ bewahrt hat. In den Tagen unſerer Vaͤter, wo man ſtets vor den Naͤnken und der Thaͤtigkeit der Anhaͤnger des Hauſes Stuart zitterte, war die Stadtobrigkeit bedacht, dieſes Haͤuflein, wiewohl *) Alte Gebaͤude mitten in der Hochſtraße(Uigh Street) zu Edinburgh. S. unten Abſchn. V. Der Nahme wird von dem ſchottiſchen Worte Lucken abgeleitet, das Waſſervoͤgel mit Haͤuten zwiſchen den Klauen bedeutet, weil die Gebaͤude die beiden Seiten der Straße gleich⸗ ſam vereinigen. S. Woͤrterbuch zu der ſchotti⸗ ſchen Ueberſetzung der Aeneis von Gawin Douglas— Edinb. 1710, Fol. L. 24 es immer aus den angegebenen Beſtandtheilen zufammen geſetzt war, vollzaͤhliger zu erhalten, als es in ſpaͤtern Zeiten nothwendig erachtet wur⸗ de, wo ihr gefaͤhrlichſter Dienſt darin beſtand, an des Koͤnigs Geburtfeſte ſich mit dem Poͤbel herum zu ſchlagen. Sie waren daher mehr Ge⸗ genſtaͤnde des Haſſes, und weniger des Hohns, als es ſpaͤterhin der Fall war. Hauptmann Porteous ſcheint auf die Ehre ſeiner Befehlhaberſtelle und ſeiner Kriegerſchaar, viel gehalten zu haben. Er war hoͤchlich erbit⸗ tert gegen Wilſon, wegen der Beſchimpfung, die, nach ſeiner Meinung, bei der gewaltſamen Be⸗ freiung des Mitſchuldigen den Stadtſoldaten war zugefuͤgt worden, und aͤußerte ſich daruͤber mit großer Heftigkeit. Nicht minder empoͤrte ihn das Geruͤcht, daß man Wilſon ſelbſt vom Gal⸗ gen zu retten, die Abſicht haͤtte, und er ſtieß vie⸗ le Drohungen und Verwuͤnſchungen uͤber dieſen Gegenſtand aus, deren man ſpaͤterhin zu ſeinem Nachtheile ſich erinnerte. War Porteous bei vieler Entſchloſſenheit und Hurtigkeit auf der ei⸗ nen Seite tauglich, eine Schaar zu befehligen, die Volksaufſtaͤnde unterdruͤcken ſollte; ſo ſcheint er doch auf der andern Seite fuͤr einen ſo kitzlichen ——— —— 6 25 Auftrag nicht gepaßt zu haben; denn er beſaß ei⸗ ne hitzige und muͤrriſche Stimmung, wodurch er immer zu Schlaͤgen und Gewaltthaͤtigkeiten ge⸗ reizt wurde, hatte keine Grundſäͤtze, und war ge⸗ neigt, in dem Poͤbel, der ihn und ſeine Schaar ſelten anders, als mit Beweiſen von Mißfallen empfing, einen erklaͤrten Feind zu ſehn, gegen welchen Gelegenheit zur Rache zu ſuchen, ihm natuͤrlich und rechtmaͤßig vorkam. Ihm, als dem thaͤtigſten und zuverlaͤſſigſten Hauptmann der Stadtwache, ward der Oberbefehl uͤber die Sol⸗ daten anvertraut, die bei Wilſons Hinrichtung die oöͤffentliche Ruhe ſchuͤtzen ſollten. Er empfing den Befehl, den Galgen und das Blutgeruͤſt mit ungefaͤhr achtzig Mann zu bewachen, wor⸗ aus die geſammten Streitkraͤfte beſtanden, die bei dieſer Gelegenheit ſich aufbieten ließen. Die Stadtobrigkeit nahm jedoch auch andre Vorſichtmaßregeln„ die den Stolz des Haupt⸗ manns empfindlich kraͤnkten. Man erſuchte um den Beiſtand einer Abtheilung eines Regiments Fußvolk, die aber nicht auf den Richtplatz ziehen, ſondern in der Hauptſtraße der Stadt waͤhrend der Hinrichtung ſtehen bleiben ſollte, um die Menge, wenn ſie zu Unordnungen geneigt waͤre, 26 durch Aufſtellung von Streitkraͤften zu ſchrecken, gegen welche jeder Widerſtand Tollkuͤhnheit ge⸗ weſen waͤre. Es mag uns laͤcherlich klingen, daß der Anfuͤhrer dieſer, ſchon in Verfall gera⸗ thenen alten Stadtwache, auf die Ehre ſeiner Schaar ſo uͤbertrieben eiferſuͤchtig war; aber ſo zeigte er ſich. Der Hauptmann fand eine Be⸗ ſchimpfung darin, daß man das Walliſiſche Fuß⸗ volk in die Stabt, und in eine Straße gerufen hatte, wo ohne Befehl, oder Erlaubniß der Stadt⸗ obrigkeit keine Trommel, als die ſeinige ſich hoͤ⸗ ren laſſen durfte. Er konnte ſeine uͤble Laune zwar nicht an ſeinen Goͤnnern, den Stadtbeam⸗ ten auslaſſen, aber in dieſer Stimmung ſtieg ſein Unwille, und ſein Wunſch, an dem un⸗ gluͤcklichen Wilſon, und Allen, die dem Ver⸗ urtheilten guͤnſtig waren, Nache zu nehmen. Dieſe innere Regung von Eiferſucht und Wuth bewirkte eine Veraͤnderung in des Mannes Mienen und Benehmen, die Allen auffallend war, welche ihn an dem unſeligen Morgen ſahen, wo Wilſon leiden ſollte. Der Hauptmann hatte gewoͤhnlich ein einnehmendes Weſen. Er war von Mittelgroͤße, ruͤſtig, gut gewachſen, hatte ein kriegeriſches Anſehen, aber faſt freundliche 27 und milde Zuͤge, ein braͤunliches, von Blatter⸗ narben ein wenig zerriſſenes Geſicht, und ſein Blick war eher ſchmachtend, als ſcharf, oder wild. An dieſem Tage aber glaubten Alle, die ihn ſahen, er ſtaͤnde unter dem Einfluße eines boͤſen Geiſtes. Sein Schritt war unſicher, ſei⸗ ne Stimme hohl und gebrochen, ſein Geſicht blaß, ſein Blick ſtier und wild, ſeine Rede undeutlich und verwirrt, und ſein ganzes Weſen ſo verſtoͤrt, daß es Vielen vorkam, als waͤre er ſeinem Ver⸗ haͤngniſſe verfallen, wie man in Schottland von dem Zuſtande eines Menſchen ſagt, der durch den kraͤftigen Antrieb einer unwiederſtehlichen Nothwendigkeit, ſeinem bevorſtehenden Schickſale entgegen gefuͤhrt wird.*) Sein Benehmen war zum Theil wahrhaft teufliſch, wenn man ſich anders nicht, bei dem allgemeinen Vorurtheile gegen ſein Andenken, — *) Der ſchottiſche Ausdruck heißt Fey, und wird in dem Woͤrterbuche zu der ſchottiſchen Ueberſetzung der Aeneis durch verhaͤngnißvoll, un⸗ ſelig erklaͤrt, was es in der altſchottiſchen Sprache bedeutete, mit dem Zuſatze, daß man im heutigen Schottiſchen— zum Tode reif, dem Tode geweiht, darunter verſteht, wobei auf das angelſaͤchſiſche Faege, das daͤ⸗ 28 Uebertreibungen erlaubt hat. Als Wilſon, der ungluͤckliche Verbrecher, von dem Gefaͤngnißauf⸗ ſeher ihm war uͤberliefert worden, um auf den Richtplatz zu wandern, ließ Porteous, nicht zu⸗ frieden mit der gewoͤhnlichen Maßregel, zur Ver⸗ huͤtung des Entfliehens, ihm Handſchellen an⸗ legen. Dieß haͤtte ſich, da man die Gemuͤths⸗ art und Koͤrperſtaͤrke des Mißethaͤters kannte, und allgemein einen Verſuch zu ſeiner Befreiung befuͤrchtete, wohl rechtfertigen laſſen; als aber die herbei gebrachten Handſchellen fuͤr Wilſon's derbe ſtarkknochige Handwurzel zu eng waren, druͤckte ſie Porteous ſelber mit großer Kraftan⸗ ſtrengung, bis ſie, zu des ungluͤcklichen Ver⸗ brechers heftiger Qual, zuſammen gingen. Wil⸗ ſon machte Vorſtellungen gegen dieſe grauſame Behandlung, und aͤußerte, daß der Schmerz ihn hinderte, ſeine Gedanken auf diejenigen Gegen⸗ niſche feigur, das niederteutſche veich, hinge⸗ deutet wird. In demſelben Sinne gebraucht man das Wort feich, noch in einigen Gegen⸗ den Weſtfalens, und verſteht darunter eine auf⸗ fallende Veraͤnderung in der Stimmung und dem Benehmen, worin der Aberglaube eine An⸗ kuͤndigung des nahen Todes ſteht. In dieſer Bedeutung kommt das Wort auch im See⸗ raͤuber vor. L. —— 29 ſtaͤnde zu richten, die fuͤr ſeine ungluͤckliche Lage 3 paßten. Das hat wenig zu bedeuten, erwiederte Por⸗ teous: euer Schmerz wird bald zu Ende ſein. Ihr ſeid ſehr grauſam, antwortete der Un⸗ gluͤckliche. Ihr wißt nicht, wie bald Ihr ſelber in der Lace ſein koͤnnet, um Erbarmen zu bitten, das Ihr jetzt einem Mitmenſchen verſagt. Gott verzeihe es Euch. Dieſe Worte, die lange nachher angefuͤhrt und wiederhohlt wurden und in der Erinnerung blieben, waren Alles, was zwiſchen Porteous und ſeinem Gefangenen vorfiel; als ſie aber un⸗ ter dem Volke bekannt wurden, verſtaͤrkten ſie nicht wenig das Mitleid mit Wilſon, und erreg⸗ ten eben ſo viel Unwillen wider Porteous, wel⸗ cher, als ein Mann, der in der Vollziehung ſei⸗ nes gehaͤßigen Amtes ſtrenge, und ſelbſt gewalt⸗ ſam war, dem Volk einige wirkliche und viele ein⸗ gebildete Urſachen zur Beſchwerde gegeben hatte. Als der ſchmerzliche Gang vollendet und Wil⸗ ſon mit dem Geleite zu dem Blutgeruͤſte auf den Grasmarkt gekommen war, ſah man kei⸗ ne Zeichen jenes Verſuches ihn zu befreien, der alle dieſe Vorſichtmaßregeln veranlaßt hatte, 30 Die Menge verrieth zwar eine lebhaftere Theilnah⸗ me, als bei gewoͤhnlichen Hinrichtungen, und man konnte auf vielen Geſichtern einen finſtern Ausdruck des Unwillens leſen, wie ihn etwa einſt die Cameronier*) verrathen haben mochten, wenn ſie Zeugen der Hinrichtung ihrer Bruͤder waren, die bei derſelben Gelegenheit und auf der⸗ ſelben Stelle den Glaubensbund prieſen. Man machte jedoch keinen Verſuch zur Gewaltthaͤtig⸗ keit, und Wilſon ſelber ſchien gern ſchnell uͤber den Raum gelangen zu wollen, der ihn von der Ewigkeit trennte. Die bei ſolchen Gelegenheiten paſſenden und gewoͤhnlichen Andachtuͤbungen wa⸗ ren kaum geendigt, als er ſich ſeinem Schickſale unterwarf, und der Urtheilſpruch vollzogen ward. Man hatte ihn am Galgen hangen laſſen, bis der letzte Lebenshauch entflohen war, als ploͤtz⸗ lich, wie von einem neuen Antriebe aufgeregt, *) Die Sekte der ſtrengen und ſchwaͤrmeriſchen Presbyterianer. Ueber ſie und den Glaubens⸗ bund, oder Covenant, ſehe man das Vor⸗ wort zu meiner Ueberſetzung des Romans: Die Schwaäaͤrmer— 2te Aufl. Bruͤnn, 1822. 3 Bde. Auch ſehe man den Roman Eduard (Waverley) Bd. 2, — 31 ein Aufſtand unter der Menge ausbrach. Es wurden viele Steine auf Porteous und ſeine Leute geworfen, Einige beſchaͤdigt, und der Haufen draͤng⸗ te ſich mit Geſchrei, Geheul und Ausrufungen vor⸗ waͤrts. Ein junger Burſche, der eine Matroſen⸗ muͤtze tief in's Geſicht gezogen hatte, ſprang auf das Blutgeruͤſte und ſchnitt den Strick ab, wor⸗ an der Verbrecher hing. Andre kamen herbei, und trugen den Leichnam hinweg, entweder in der Abſicht, ihm ein anſtaͤndiges Begraͤbniß zu ge⸗ ben, oder vielleicht auch Verſuche zur Wiederbe⸗ lebung zu machen. Porteous wurde durch dieſen Anſchein eines Aufſtandes gegen ſeine Gewalt zu einer wilden Wuth gereizt, worin er vergaß, daß es nach gehoͤriger Vollziehung des Todesurtheils ſeine Pflicht war, ſich nicht in Feindſeligkeiten gegen den irre geleiteten Volkshaufen einzulaſſen, ſondern ſeine Leute ſo ſchnell als moͤglich zuruͤck zu ziehen. Er ſprang vom Blutgeruͤſte, entriß einem Soldaten das Gewehr, gab Befehl zu feuern, und, nach der eidlichen Ausſage mehrer Augenzeugen, ging er ihnen mit ſeinem Beiſpiel vor, als er ſein Gewehr abfeuerte und einen Menſchen todt niederſtreckte. Mehre Soldaten gehorchten ſeinem Befehle, oder folgten ſeinem 32 Beiſpiele; ſechs bis ſieben Menſchen wurden ge⸗ toͤdtet, und ſehr viele verwundet. Nach dieſer Gewaltthaͤtigkeit fuͤhrte der Haupt⸗ mann ſeine Leute zu ihrem Wachhauſe in der Hochſtraße zuruͤck. Die Menge war durch den Vorfall weniger erſchreckt, als entruͤſtet. Man veerrfolgte die Soldaten mit Verwuͤnſchungen und Steinwuͤrfen, und als ihnen heftig zugeſetzt wurde, wendeten die hinterſten Glieder ſich um, und feuer⸗ ten noch einmahl, gluͤcklich zielend, mit toͤblile chem Erfolg. Es iſt nicht genau bekannt, ob Porteous zu dieſer zweiten Gewaltthaͤtigkeit Be⸗ fehl gegeben, aber das Gehaͤſſige aller Vorfaͤlle des ungluͤcklichen Tages traf ihn, und nur ihn allein. Nach der Ankunft im Wachhauſe ent⸗ ließ er ſeine Leute, und ging, der Obrigkeit uͤber die ungluͤcklichen Ereigniſſe ſeinen Bericht zu er⸗ ſtatten.„ Der Hauptmann hatte ohne Zweifel bereits angefangen, die Angemeſſenheit ſeines Betragens zu bezweifeln, und der Empfang, den er bei der Obrigkeit fand, war von der Art, daß er es ſich noch angelegener ſein ließ, das Vorgefallene zu beſchoͤnigen. Er laͤugnete, Befehl zum Feuern gegeben, laͤugnete, ſelber gefeuert zu haben, er — 33 brachte ſogar das Gewehr, das er als Offizier trug, zur Unterſuchung, und man fand es noch geladen. Von drei Patronen, die er am Mor⸗ gen dieſes Tages, nach Zeugenausſagen, einge⸗ ſteckt hatte, fanden ſich noch zwei in ſeiner Ta⸗ ſche, und ein weißes Tuch, das man in die Muͤnd⸗ ung des Gewehres ſteckte, ward ungeſchwaͤrzt wieder heraus gezogen; aber man erwiederte⸗dar⸗ auf, er haͤtte ſich nicht ſeines eigenen Gewehres bedient, ſondern, wie man geſehen, von einem ſeiner Leute eine Flinte genommen. Unter den Vielen, die das ungluͤckliche Gewehrfeuer getoͤd⸗ tet und verwundet hatte, waren mehre Leute von Stande, da ſelbſt die Menſchlichkeit derjenigen Soldaten, die uͤber die Koͤpfe des, um das Blut⸗ geruͤſt verſammelten Poͤbels weggefeuert hatten, einigen Perſonen verderblich geworden war, die hier und da an Fenſtern ſtanden, oder aus der Ferne dem traurigen Schauſpiele zuſahen. Die Stimme des oͤffentlichen Unwillens war laut und allgemein, und ehe die Stimmung der Gemuͤther Zeit gehabt hatte, ſich abzukuͤhlen, wurde Por⸗ teous vor dem Ober⸗Gerichtshofe peinlich ange⸗ klagt. Nach langem und geduldigen Anhoͤren, hatten die Geſchworenen die ſchwere Pflicht, die 3 8 34 verſchiedenen Ausſagen abzuwaͤgen. Viele acht⸗ bare Zeugen behaupteten beſtimmt, daß der Ge⸗ fangene ſeinen Leuten zu feuern befohlen und ſel⸗ ber gefeuert hatte, und Einige bekraͤftigten eidlich, den Dampf und Blitz des Gewehres bemerkt, und den Mann, auf welchen man gezielt, fallen geſehen zu haben, wogegen aber Andre auftra⸗ ten, welche einen bequemen Platz zur Beobacht⸗ ung aller Vorgaͤnge gehabt hatten, und doch nicht wiſſen wollten, daß Porteous den Befehl zum Feuern gegeben, oder ſelber gefeuert haͤtte, ſondern im Gegentheil behaupteten, der erſte Schuß wäaͤre von einem, neben ihm ſtehenden Soldaten gekommen. Die Vertheidigung des Beſchuldigten wurde beſonders auch auf das un⸗ geſtuͤme Betragen des Poͤbels gegruͤndet, das von den Zeugen, nach ihren Gefuͤhlen, ihrer Vorliebe und ihrer Gelegenheit zu Beobachtung, verſchie⸗ dentlich geſchildert wurde; da Einige als einen furchtbaren Aufſtand beſchrieben, was nach An⸗ dern nur eine unbedeutende Ruheſtoͤrung geweſen war, wie ſie immer bei ſolchen Gelegenheiten ſtatt findet, wo der Scharfrichter und die zu ſeiner Be⸗ ſchuͤtzung beſtimmten Leute gewoͤhnlich Beſchim⸗ pfungen ausgeſetzt ſind. Der Ausſpruch des — 35 Schwurgerichtes verrieth deutlich, wie voͤllig es von dem Beweiſe der Thatfrage uͤberzeugt war. Es erklaͤrte, daß Porteous ein Gewehr unter das, bei der Hinrichtung verſammelte Volk abgefeuert, und ſeinen Leuten Befehl zum Feuern gegeben haͤtte, wodurch viele Leute waͤren getoͤdtet und verwundet worden, daß aber zu gleicher Zeit der Gefangene und ſeine Soldaten, durch Steine, welche der Volkshaufen unter ſie geworfen, ver⸗ wundet und getroffen worden waͤren. Auf dieſen Ausſpruch faͤllte das Obergericht das Todesurtheil gegen den Hauptmann Porteous, und verfuͤgte, ihn nach gewoͤhnlicher Weiſe auf dem gemeinen Richtplatze am g. September an einen Galgen zu haͤngen und alle ſeine beweglichen Guͤter ein⸗ zuziehen, wie es das ſchottiſche Geſetz in Faͤllen eines abſichtlichen Mordes verordnet hat, III. Die Stund iſt da, doch nicht der Mann. An dem Tage, wo der ungluͤckliche Porteous den Tod erleiden ſollte, war der geraͤumige Richt: platz bis zum Erſticken mit Menſchen angefullt. In den hohen umliegenden Haͤuſern, oder in der ſteilen und gekruͤmmten Straße, die der Bo⸗ gen heißt, durch welche der unſelige Zug aus der Hochſtraße hinab ſteigen mußte, gab es kein Fen⸗ ſter, das nicht voll von Zuſchauern geweſen waͤre. Die ungemeine Hoͤhe und das alterthuͤmliche An⸗ ſehen dieſer Haͤuſer, deren einige vor Zeiten den Tempelherren und Johanniter⸗Rittern gehoͤrt hat⸗ ten, und noch immer auf ihren Vorderſeiten und Giebeln das eiſerne Kreuz jener Orden tragen, gaben einem, an ſich ſchon ſo auffallenden Schau⸗ ſpiele eine noch hoͤhere Wirkung. Der Grasmarkt glich einem ungeheuren dunklen Meere von Men⸗ ſchenkoͤpfen, in deſſen Mitte der hohe, ſchwarze unheilverkuͤndende Baum empor ragte, woran der toͤdliche Strick flatterte. Jeder Gegenſtand wird durch ſeinen Gebrauch und die dadurch er⸗ weckten Gedankenverbindungen uns merkwuͤrdig, und der aufgerichtete Pfahl mit der leeren Schlinge, beide an ſich unbedeutend, erregten bei einer ſol⸗ chen Gelegenheit Schrecken und feierliche Theil⸗ nahme.. In der zahlreichen Verſammlung wurde kaum ein Wort anders, als fluͤſternd geſprochen. Der Rachedurſt war einiger Maßen durch die voraus⸗ geſetzte Sicherheit der Befriedigung geſtillt, und ſelbſt der Poͤbel verrieth ein tieferes Gefuͤhl, als er gewoͤhnlich hegt, da er alles laͤrmende Frohlok⸗ ken unterdruͤckte, und ſich bereitete, das Schau⸗ ſpiel der Wiedervergeltung mit ſchweigender und anſtaͤndiger, aber harter und erbarmungloſer Sieg⸗ freude zu genießen. Es ſchien, als haͤtte der tiefe Haß gegen den ungluͤcklichen Verbrecher es ver⸗ ſchmaͤht, ſich auf eine Art zu aͤußern, die dem laͤrmenden Gange der gewoͤhnlichen Gefuͤhle des Volkes aͤhnlich geweſen waͤre. Haͤtte ein Frem⸗ der nur auf das Zeugniß ſeiner Ohren geachtet, ſo wuͤrde er leicht geglaubt haben, es waͤre eine 38 ſo zahlreiche Menge nur in einer Abſicht verſam⸗ melt, welche den tiefſten Kummer in ihr aufge⸗ regt, und jenen Laͤrm geſtillt haͤtte, der bei allen gewoͤhnlichen Gelegenheiten aus ſolchem Zuſam⸗ menlauf entſteht; aber bei einem Blicke auf ihre Geſichter wuͤrde er alsbald aus dem Irrthume ge⸗ kommen ſein. Die zuſammengedruͤckte Lippe, die finſtre Stirne, das ernſte und flammende Auge faſt jedes Menſchen, den man anſah, wa⸗ ren der Ausdruck von Leuten, die an dem An⸗ blicke vollzogener Rache jubelnd ſich weiden woll⸗ ten. Die Erſcheinung des Verbrechers wuͤrde ver⸗ muthlich das Volk etwas guͤnſtiger gegen ihn ge⸗ ſtimmt haben, und vielleicht haͤtte es im Augen⸗ blicke des Todes dem Manne verziehen, gegen welchen es ſo heftig erbittert war; aber ſeine Wandelbarkeit ſollte, nach des Schickſals Fuͤgung, nicht auf eine ſolche Probe geſtellt werden. Die gewoͤhnliche Stunde der Ankunft des Ver⸗ brechers war bereits ſeit einigen Minuten voruͤber, aber noch immer bemerkten die Zuſchauer kein Zeichen ſeiner Annaͤherung.„Wollte man's wa⸗ gen, die oͤffentliche Gerechtigkeit zu betruͤgen?“ fragten die Anweſenden unruhig einander. Die erſte Antwort war immer dreiſt und beſtimmt: 39 „Sie wagen's nicht.“ Als aber der Umſtand weiter erwogen wurde, ließen ſich andre Meinun⸗ gen hoͤren, und verſchiedene Zweifelsgruͤnde wur⸗ den angegeben. Porteous war ein Guͤnſtling der Stadtobrigkeit geweſen, welche, als eine zahl⸗ reiche und unſtete Geſammtſchaft, zu ihrer Un⸗ terſtuͤtzung einer gewiſſen Kraft in ihren Beam⸗ ten bedarf, die den Einzelnen, woraus ſie beſteht, nicht zu allen Zeiten auf gleiche Weiſe zugetraut werden kann. Man erinnerte ſich, daß in der Vertheidigungſchrift fuͤr Porteous*) ſein Rechts⸗ freund ihn als den Mann geſchildert hatte, wel⸗ cher von der Stadtobrigkeit bei allen ungewoͤhn⸗ lich ſchwierigen Vorfaͤllen durch beſonderes Ver⸗ trauen war ausgezeichnet worden. Auch zeigte man, daß ſein Benehmen in dem ungluͤcklichen Vorfalle bei Wilſons Hinrichtung leicht einem unbedachtſamen Uebermaße im Pflichteifer zuge⸗ ſchrieben werden koͤnnte, einem Beweggrunde, welcher bei Denjenigen, nach deren Vollmacht er handelte, wohl leicht eine ſehr freundliche Auf⸗ nahme haͤtte finden moͤgen. Erwaͤgungen dieſer *) Sie ſteht in der, im Vorwort angeführten Er⸗ laͤuterungſchrift, S. 107. ff. 40 Art konnten die Stadtobrigkeit wohl dahin brin⸗ gen, den Fall des Hauptmanns in einem guͤnſti⸗ gen Lichte darzuſtellen, und in der hoͤhern Staats⸗ behoͤrde fehlte es auch nicht an Leuten, welche ſol⸗ chen Einlispelungen eine geneigte Aufnahme zu verſchaffen Luſt hatten. Der Poͤbel von Edinburgh war, im aufgereiz⸗ ten Zuſtande, zu allen Zeiten einer der wildeſten in Europa, und hatte ſich in den letzten Jahren mehr als einmahl, und zuweilen nicht ohne gluͤck⸗ lichen Erfolg, gegen die Staatsgewalt erhoben. Er wußte daher wohl, daß die herrſchenden Macht⸗ haber ihm nicht gewogen waren, und wenn man des Hauptmanns Gewaltthaͤtigkeit auch nicht ge⸗ radezu fuͤr einen guten Dienſt hielt, ſo glaubte man doch gewiß, daß man, durch Verhaͤngung der Todesſtrafe, es fuͤr kuͤnftige Anfuͤhrer unter aͤhnlichen Umſtaͤnden eben ſo ſchwierig als gefahr⸗ voll machen wuͤrde, Aufſtaͤnde wirkſam zu unter⸗ druͤcken. Es iſt auch ein, allen Machthabern natuͤrliches Gefuͤhl, das obrigkeitliche Anſehen uͤberall aufrecht zu erhalten, und es war nicht unwahrſcheinlich, daß in den Augen der Regier⸗ ung ganz anders erſcheinen moͤchte, was die An⸗ gehoͤrigen der Dulder fuͤr ein muthwilliges und 41 unveranlaßtes Gemetzel hielten. Man konnte annehmen, daß der Hauptmann Porteous in der Vollziehung eines, ihm von der rechtmaͤßigen Obrigkeit ertheilten Auftrages begriffen geweſen waͤre, daß er von dem Poͤbel waͤre angegriffen und ein Theil ſeiner Mannſchaft verwundet wor⸗ den, und daß man ſein Benehmen, endlich Ge⸗ walt mit Gewalt zu vertreiben, redlicher Weiſe keinem andern Beweggrunde zuſchreiben koͤnnte, als der Selbſtvertheidigung in der Erfuͤllung ſei⸗ ner Pflicht. Dieſe, an ſich ſehr trifftigen Erwaͤgungen er⸗ weckten bei den Zuſchauern die Beſorgniß, daß ein Aufſchub der Urtheilvollziehung moͤglich waͤre, und zu den verſchiedenen Gruͤnden, welche die Machthaber guͤnſtig fuͤr ihn ſtimmen koͤnnten, ſetzten die Geringſten unter dem Poͤbel noch einen hinzu, der ihrer Faſſung ganz beſonders ange⸗ meſſen war. Um den Haß gegen Porteous zu erhoͤhen, behauptete man, daß er zwar die klein⸗ ſten Vergehungen der Armen mit der groͤßten Strenge unterdruͤckte, aber die Ausſchweifungen der jungen Edelleute nicht nur uͤberſaͤhe, ſondern ihnen ſogar ſehr gern den Schutz ſeiner Amtsge⸗ walt bei den loſen Streichen liehe„ deren Unter⸗ 4² bruͤckung ihm hauptſaͤchlich oblag. Dieſer Arg⸗ wohn, der vielleicht ſehr uͤbertrieben war, machte einen tiefen Eindruck auf die Gemuͤther der Menge, und als mehre Vornehme Antheil an einer Bitt⸗ ſchrift nahmen, die den Hauptmann der Gnade des Koͤnigs empfahl, glaubte man allgemein, daß er ihre Gunſt keineswegs der Ueberzeugung von ſeiner harten Lage, ſondern der Furcht verdankte, einen Theilnehmer an ihren Ausſchweifungen zu verlieren. Es iſt kaum noͤthig zu ſagen, wie ſehr dieſer Argwohn den Abſcheu des Volkes gegen dieſen verrufenen Verbrecher, und die Beſorgniß erhoͤhte, daß er dem, gegen ihn ausgeſprochenen Urtheile entgehen moͤchte. Waͤhrend man dieſe Gruͤnde aufſtellte und beantwortete, eroͤrterte und unterſtuͤtzte, verwan⸗ delte ſich die zeitherige ſtille Erwartung des Vol⸗ kes in jenes tiefe und aufregende Murren, das aus dem Meere aufſteigt, ehe der Sturm zu heulen beginnt. Die Volksmenge draͤngte ſich hin und her, als haͤtten dieſe Bewegungen mit der Unruhe ihres Gemuͤthes uͤberein geſtimmt, aber ohne eine ſichtbare antreibende Urſache, jener Bewegung des Meeres gleich, welche die Seeleute das Grundſchwellen nennen. Die Nachrichten, 3 deren Mittheilung die Obrigkeit faſt unſchluͤſſig verzoͤgert hatte, wurden endlich verkuͤndigt, und verbreiteten ſich mit Blitzſchnelle unter den Zu⸗ ſchauern. Es war ein Aufſchub des Urtheils, mit der Unterſchrift des Staatsſekretaͤrs, des Her⸗ zogs von New⸗Caſtle, von London angekom⸗ men, des Inhalts, daß nach dem Willen der Koͤniginn Karoline, die waͤhrend Georgs des Zwei⸗ ten Aufenthalt auf dem Veſtlande, an der Spitze der Regierung ſtand, die Vollziehung des Todes⸗ urtheiles gegen Johann Porteous, ehemahligen Hauptmann der Stadtwache zu Edinburgh, und gegenwaͤrtigen Gefangenen im Stadtgefaͤngniſſe daſelbſt, auf ſechs Wochen, von dem zur Hin⸗ richtung beſtimmten Tage an, aufgeſchoben wer⸗ den ſollte. Die verſammelten Zuſchauer faſt aus allen Staͤnden, deren Gemuͤther in die oben beſchrie⸗ bene hohe Spannung gerathen waren, ſtießen ein Stoͤhnen, oder vielmehr ein Gebruͤll des Un⸗ willens und der getaͤuſchten Rachgier aus, dem Bruͤllen eines Tigers vergleichbar, welchem der Fraß, den er eben verſchlingen wollte, von ſeinem Waͤchter entriſſen wurde. Dieſer wilde Ausruf ſchien einen nahen Ausbruch des Volksunwillens 443 anzuküͤndigen, und in der That hatte die Obrig⸗ keit nichts anders erwartet und die noͤthigen Maß⸗ regeln zur Unterdruͤckung der Bewegung genom⸗ men. Das Geſchrei ward jedoch nlcht wieder⸗ hohlt, und es entſtand nicht der ploͤtzliche Auf⸗ ruhr, den es anzukuͤndigen geſchienen hatte. Es ſah aus, als haͤtte das Volk ſich geſchaͤmt, die getaͤuſchte Erwartung durch ein vergebliches Ge⸗ ſchrei verrathen zu haben, und der Laut verwan⸗ delte ſich zwar nicht wieder in das Schweigen, welches vor der Ankunft der betaͤubenden Nach⸗ richt geherrſcht hatte, ſondern in ein unterdruͤcktes Murren, das durch jeden einzelnen Volkshaufen lief, und in den dumpf und rauh ſummenden Ausbruch des Unmuthes verſchmolz, welcher durch die Verſammlung wogte. Der Poͤbel blieb jedoch, wiewohl die Erwartung des blutigen Schauſpiels gaͤnzlich vereitelt war, noch immer verſammelt, und gleichſam aus Erbitterung unbeweglich; blickte auf die nun vergeblichen Vorbereitungen zur Hin⸗ richtung, und reizte ſeine Gefuͤhle durch die Er⸗ innerung an die verſchiedenen Anſpruͤche, die Wilſon auf Begnadigung haͤtte haben koͤnnen, ſowohl wegen der mißverſtandenen Beweggruͤnde, die ihn zum Handeln getrieben, als wegen ſeiner — 45 Großmuth gegen den Mitſchuldigen.„Dieſer tapfre, entſchloſſene, großmuͤthige Mann, hieß es, wurde unbarmherzig hingerichtet, weil er einen Geldbeutel geraubt hatte, den er auf ge⸗ wiſſe Weiſe als eine billige Wiedervergeltung an⸗ ſehen konnte; aber dieſer luͤderliche Trabant, der einen unbedeutenden, bei ſolchen Gelegenheiten unvermeidlichen Aufſtand benutzte, um das Blut von zwanzig Mitbuͤrgern zu vergießen— der ſoll der koͤniglichen Gnade wuͤrdig ſein? Iſt das zu ertragen? Häͤtten unſre Vaͤter es ertragen? Sind wir nicht, wie ſie, Schottlaͤnder und Buͤrger von Edinburgh?“ Die Gerichtsdiener fingen nun an, das Blut⸗ geruͤſte, und die andern, zur Hinrichtung ge⸗ machten Vorbereitungen wegzuſchaffen, in der Hoffnung, dadurch die Zerſtreuung des Volkes zu beſchleunigen. Dieſe Maßregel hatte auch die gewuͤnſchte Wirkung; denn kaum hatte man den unſeligen Baum aus dem großen Steine, oder Saͤulenfuße, worin er beveſtigt war, her⸗ aus gehoben, und langſam auf den Wagen her⸗ ab geſenkt, der ihn zu dem gewoͤhnlichen Auf⸗ bewahrungorte bringen ſollte„ als der Poͤbel noch einmahl ſeine Wuth und Kraͤnkung in einem Schrei 46 ausbrechen ließ und dann langſam zu ſeinen Wohn⸗ ungen und Geſchaͤften ging. Auch die Fenſter wurden allmaͤhlig leer, und es zeigten ſich hier und da Haufen von rechtli⸗ chern Buͤrgern, als ob ſie den Augenblick er⸗ wartet haͤtten, wo ſie, nach dem Verlaufen des Poͤbels, heim gehen konnten. Leute dieſer Art aber, was ſelten der Fall iſt, waren in ihren Empfindungen mit den Geringen einſtimmig, und ſahen hier eine gemeinſchaftliche Angelegen⸗ heit aller Staͤnde. Das unſelige Gewehrfeuer der Stadtſoldaten hatte, wie ſchon angedeutet wur⸗ de, keinesweges unter der niedrigſten Zuſchauer⸗ klaſſe, oder unter Denjenigen, welchen man —— Theilnahme an dem Aufſtande bei Wilſons Hin⸗ richtung zutrauen koͤnnte, ſeine Wirkung geaͤußert. Es waren mehr Menſchen getoͤttet wurden, die dem Schauſpiele aus den Fenſtern zuſahen, und — gar nicht zu den Anfuͤhrern gehoͤren konnten, Leute von achtbarem Stande. Die Buͤrger, er⸗ bittert uͤber den Verluſt, der ihre Geſammtſchaft betroffen hatte, ſtolz nud eigenſinnig auf ihre Rechte, wie die Buͤrger von Edinburgh zu allen Zeiten ſich zeigten, waren daher hoͤchlich erbittert 47 uͤber die unerwartete Begnadigung des Haupt⸗ manns Porteous. Man bemerkte damahl und erinnerte ſich ſpaͤ⸗ terhin noch genauer, daß in dem Augenblicke, wo der Poͤbel ſich zerſtreuen wollte, verſchiedene Leute geſchaͤftig von einem Orte, von einem Volkshaufen zum andern gingen, nirgend lange ſich aufhielten und nur Denjenigen ſchnell etwas zufliſterten, die am heftigſten gegen die Macht⸗ haber zu ſprechen ſchienen. Dieſe thaͤtigen Werk⸗ zeuge ſahen wie Landleute aus, und wurden von den Meiſten fuͤr Wilſon's alte Freunde und Ver⸗ buͤndete gehalten, welche, wie ſich verſteht, gegen Porteous heftig eingenommen ſein mußten. War es die Abſicht dieſer Lente, die Menge zu einem ploͤtzlichen Aufſtande zu erregen, ſo⸗ ſchienen ihre Bemuͤhungen fuͤr dießmahl fruchtlos zu ſein. Der Poͤbel und die rechtlichern Zu⸗ ſchauer zerſtreuten ſich ſaͤmmtlich und gingen ruhig heim, und nur der finſtre Unmuth in ihren Zuͤ⸗ gen, oder der Inhalt ihrer Geſpraͤche, konnte ei⸗ nem Fremden den Zuſtand der Gemuͤther verra⸗ then. Wir wollen, um dem Leſer dieſen Vor⸗ theil zu verſchaffen, uns zu einem der Haͤuflein geſellen, die muͤhſam den ſteilen Pfad erſtiegen, 48 um zu ihren Wohnungen am Linnenmarkt zu gehen. Das iſt ein wunderlich Ding, Frau Howden, ſprach der alte Peter Plumdamas zu ſeiner Nach⸗ barinn, der Troͤdlerfrau, als er ihr ſeinen Arm bot, um ſie auf dem beſchwerlichen Pfade zu un⸗ terſtuͤtzen: daß man ſehen muß, wie das vorneh⸗ me Volk in London ſich ſo gegen das Geſetz und Evangelium auflehnt, und einen ſolchen Taugenichts, als der Porteous iſt, gegen eine friedſame Stadt los laͤßt. Und daß man uns einen ſo beſchwerlichen Weg gemacht hat, antwortete die Troͤdlerinn ſtoͤh⸗ nend. Und ich hatte ein ſo bequemes Fenſter ge⸗ kriegt, nur einen Steinwurf weit vom Galgen, haͤtte jedes Wort hoͤren koͤnnen, das der Geiſtli⸗ iche ſagte, und habe zwoͤlf Pennies fuͤr meinen Patz bezahlt, und alles um nichts und wieder nichts. Ich daͤchte, ſprach Herr Plumdamas: die Begnadigung wuͤrde nicht durchgehen nach dem alten ſchottiſchen Recht, wenn das Königreich noch ein Koͤnigreich waͤre. Ich weiß nicht viel vom Recht, erwiederte Frau Howden: aber das weiß ich, ais wir ei⸗ 49 nen Koͤnig, und einen Kanzler und Parliaments⸗ leute fuͤr uns ſelbſt hatten, da konnten wir ſie im⸗ 8— * mer mit Steinen werfen, wenn ſie nicht gut thun wollten, aber Niemand kann mit ſeinen Naͤgeln nach London reichen. Verwuͤnſcht ſoll London ſein, und alles, was je daher kam! ſprach Jungfer Griſelda Dama⸗ hoy, eine alte Naͤherinn. Sie haben unſer Parliament uns genommen und unſern Handel unterdruͤckt. Unſre vornehmen Leute wollen kaum zugeben, daß eine ſchottiſche Naͤhnadel eine Hand⸗ krauſe an ein Hemd naͤhen, oder einen Halskra⸗ gen mit Spitzen beſetzen kann. Ihr koͤnn das wohl ſagen, Jungfer Dama⸗ hoy: und ich kenne Manche unter ihnen, die ha⸗ ben ſich Roſinen von London zentnerweiſe kom⸗ men laſſen, erwiederte Plumdamas. Und was fuͤr ein Schwarm von engliſchen Viſirern und Zoͤllnern iſt hergekommen, uns zu plagen und zu quaͤlen, daß ein ehrlicher Mann nicht ein Faͤßchen Branntwein von Leith nach dem Linnen⸗ markt bringen kann, oder man raubt ihm ſeine Guͤter, die er gekauft und bezahlt hat. Nun, ich will den Andres Wilſon nicht rechtfertigen, daß er die Hand ausgeſtreckt hat nach fremdem 4 — 1 G 4 50 Gut; aber wenn er nicht mehr genommen hat, als was ſein eigen war, ſo iſt ein maͤchtiger Un⸗ terſchied dazwiſchen und zwiſchen dem, was die⸗ ſem Manne zur Laſt faͤllt. Wenn Ihr von Recht ſprecht, erwiederte Frau Howden, da kommt Herr Sattelbaum, der kann das ausmachen, ſo gut als einer von den Herren in der Gerichtſtube. Der Mann, den ſie nannte, eine ernſthafte aͤltliche Perſon mit eine praͤchtigen Perruͤcke, in einem anſtaͤndigen dunkelfarbigen Anzuge, kam nun heran und reichte der Jungfer Griſelda Da⸗ mahoy hoͤflich ſeinen Arm. 1 Es iſt noͤthig zu erwaͤhnen, daß Herr Bar⸗ tolinus Sattelbaum einen herrlichen und viel be⸗ ſuchten Laden von Reitzeug, Saͤtteln und der gleichen im Hauſe zum goldnen Roͤßchen hielt. Sein Geiſt aber, wie er ſelber und viele ſeiner Nachbarn meinten, ſtrebte nach den wichtiger Geſchaͤften der Rechtsgelehrſamkeit, und er verfehl⸗ te nicht, den Vortraͤgen und Eroͤrterungen der Sachwalter und Richter in der Nachbarſchaft haͤufig beizuwohnen, und in der That haͤufiger, als mit ſeinem Vortheile vertraͤglich geweſen waͤre, wenn ſich nicht ſeine thaͤtige und arbeitſame 3 5¹1 vortrefflich darauf verſtanden haͤtte, waͤhrend ſeiner Abweſenheit die Kunden zufrieden zu ſtellen, und die Geſellen auszuſchelten. Die gute Frau pflegte ihren Mann ſeinen Weg gehen, und ſei⸗ nen Vorrath von Rechtskenntniſſen ungeſtoͤrt vermehren zu laſſen, wogegen ſie jedoch, gleich⸗ ſam zur Vergeltung, darauf beſtand, in den haͤuslichen und gewerbigen Geſchaͤften, die er ihr uͤberließ, ihrem eigenen Willen zu folgen. Bar⸗ tolinus Sattelbaum beſaß ein gutes Mundwerk, das er irrig fuͤr Beredtſamkeit hielt, und der Ge⸗ ſellſchaft, worin er lebte, freigebiger zum beßten gab, als zu allen Zeiten angenehm und willkom⸗ men war, woher denn das Spruͤchlein kam, womit Spaßvoͤgel zuweilen ſeine beredten Ergieß⸗ ungen unterbrachen, er haͤtte, wie man uͤber der Thuͤre ſeiner Wohnung ein goldnes Roͤß⸗ chen ſaͤhe, in ſeinem Laden eine graue Maͤhre. Dieſer Vorwurf verleitete ihn, gegen die gute Frau bei allen Gelegenheiten einen hochfahrenden, ſtolzen Ton anzunehmen, was ſie aber ſehr we⸗ nig anzufechten ſchien, außer wenn er ſich wirk⸗ liche Gewalt anzumaßen ſuchte, wo ſie denn nie ermangelte, in offenen Aufſtand auszubrechen. Selten ließ es jedoch Bartolinus ſo auf's Aeu⸗ 4* 52 ßerſtekommen; denn wie der artige Koͤnig Jakob*) ſchwazte er lieber von der Gewalt, als daß er ſie wirklich ausgeuͤbt haͤtte. Dieſe Gemuͤthſtim⸗ mung war im Ganzen vortheilhaft fuͤr ihn, da ſich ſein Vermoͤgen mehrte, ohne daß er ſich zu bemuͤhen, oder ſeine Lieblingsforſchungen zu un⸗ terbrechen genoͤthigt war. Wir haben dem Leſer dieſe Erlaͤuterung ge⸗ geben, waͤhrend Sattelbaum den beſprochenen Rechtsfall mit großer Beſtimmtheit eroͤrterte, und zu dem Schluſſe kam, daß Porteous, wenn er fuͤnf Minuten fruͤher, ehe Wilſon abgeſchnit⸗ ten war, gefeuert haͤtte, nur versans in licito, das heißt, in einer geſetzmaͤßigen Handlung begrif⸗ fen, und daher nur propter excessum, oder fuͤr den Mangel an Behutſamkeit ſtrafbar geweſen waͤre, wodurch die Strafe in eine poena ordi- naxia haͤtte gemildert werden koͤnnen. Behutſamkeit! wiederhohlte Flau Howden, fuͤr welche die Feinheit dieſer Unterſcheidung, wie man leicht denken kann, verloren war. Wann hatte Hans Porteous denn je Anſtand, Behut⸗ *) Jakob I verfocht die Lehre vom goͤttlichen Herr⸗ ſcherrecht und vom leidenden Gehorſam mehr als Schulfuchs, denn als Koͤnig. L. —y=— —— 53 ſamkeit, oder gute Lebensart? Ich weiß noch, wie ſein Vater— Aber Frau Howden! ſprach Sattelbaum. Und ich, hob Jungfer Damahoy an, ich er⸗ innre mich, wie ſeine Mutter— Jungfer Damahoy! bat der unterbrochene Redner. Und ich, ſprach Plumdamas, erinnere mich, wie ſeine Frau— Herr Plumdamas— Frau Howden— Jung⸗ fer Damahoy! flehte noch einmahl der Redner: erinnert Euch nur an die Unterſcheidung, wie Advokat Croßmyloof ſagt. Ich unterſcheide hier, ſagte er. Seht, als man den Verbrecher abge⸗ ſchnitten hatte, war Porteous nicht laͤnger in ei⸗ ner amtlichen Eigenſchaft; die Handlung, welche er hatte beſchuͤtzen und bewachen ſollen, war voll⸗ bracht und geendigt, und er nicht mehr als cui- vis ex populo. Quivis— Quivis, mit eurer Erlaubniß, Herr Sattelbaum! ſprach, einen Nachdruck auf die erſte Silbe legend, Herr Butler, ein ſtellver⸗ tretender Schulmeiſter aus der Gegend von Edin⸗ burgh, der eben hinter ihnen her kam, als der Schnitzer gemacht wurde. 54 Warum unterbrecht Ihr mich, Herr But⸗ ler? Aber es freut mich doch, Euch zu ſehen. Ich ſpreche wie Advokat Croßmyloof, und der ſagte cuivis. Wenn Advokat Croßmyloof den Dativus fuͤr den Nominativus gebrauchte, ſo haͤtte ich ihm eins auswiſchen moͤgen, Herr Sattelbaum. Der kleinſte Knabe wuͤrde die Ruthe fuͤr einen ſol⸗ chen Sprachſchnitzer bekommen haben. Ich ſpreche Latein, wie ein Rechtsgelehrter, Herr Butler, erwiederte Herr Sattelbaum: und nicht wie ein Schulmeiſter. Kaum wie ein Schulknabe, denke ich, ant⸗ wortete Butler. 3 Hat wenig zu bedeuten, ſprach Bartolinus, ich will nur ſagen, Porteous hat ſich einer poe⸗ na extra ordinem, oder Todesſtrafe ſchuldig gemacht, das heißt mit klaren Worten, er kommt an den Galgen, bloß weil er nicht feuerte, ſo lange er in der Ausuͤbung ſeines Amtes war, ſondern vielmehr wartete, bis man den Leichnam abgeſchnitten hatte, bis die Hinrichtung, die er beſchuͤtzen ſollte, vollzogen, und er ſelber ſeines amtlichen Auftrags entledigt war. Aber meint Ihr denn wirklich, Herr Sattel⸗ — —— — 55 baum, ſprach Plumdamas: es haͤtte mit Por⸗ teous beſſer ausgeſehn, wenn er gefeuert haͤtte, che noch Steine auf ihn geworfen waren? Ja freilich meine ich's, Herr Nachbar, erwie⸗ derte Bartolinus zuverſichtlich. Er war dann in der Erfuͤllung ſeines Auftrages und ſeiner Voll⸗ macht begriffen, die Hinrichtung war erſt angefan⸗ gen, wenigſtens nicht vollzogen, oder voͤllig geen⸗ digt. Als man aber Wilſon abgeſchnitten hatte, war alles vorbei, Porteous war ſeiner amtlichen Gewalt voͤllig entledigt, und hatte nichts mehr zu thun, als ſich mit ſeiner Wache wegzubegeben, ſo ſchnell, als ob ihn ein Verhaftbefehl verfolgt haͤtte. Und ſo will's das Geſetz, wie ich's von Lord Vincovincentem habe auslegen hoͤren. Vincovincentem? fragte Frau Howden. Iſt er ein Lord als Gutsherr, oder ein Lord durch ſein Amt?. Durch ſein Amt, durch ſein richterliches Amt! Ich kuͤmmere mich wenig um die Gutsherren; ſie ſcheren mich mit ihren unnuͤtzen Fragen nach ih⸗ ren Saͤtteln und Zaͤumen und Halftern und Reitzeug, und was es koſtet, und wann's fertig ſein ſoll— Die Pinſel! Meine Frau mag der⸗ gleichen Leute bedienen, 56 Nun, ſie koͤnnte zu ihrer Zeit den beſiten Lord im Lande bedient haben, ſo gering Ihr ſie hal⸗ ten moͤget, Herr Sattelbaum, ſprach Frau How⸗ den, ein wenig unwillig uͤber die Geringſchaͤtzung, womit von ihrer Gevatterinn geſprochen ward. Als ſie und ich noch ein Paar flinke Maͤdchen waren, dachten wir wenig daran, daß wir uns zu Leuten ſetzen muͤßten, wie mein alter David Howden, oder Ihr, Herr Sattelbaum. Sattelbaum, der in ſchnellen Antworten nicht ſeine Staͤrke hatte, zerquaͤlte ſich noch den Kopf, um jenen Seelenhieb zu erwiedern, als Jungfer Damahoy auch auf ihn los ging. Wenn Ihr was von den Gutsherren ſagen wollt, ſprach ſie, ſo ſolltet Ihr an den Einzug zum Parliament denken, in der guten alten Zeit vor der Union*) Da wurde die Jahrrente von manchem huͤbſchen Gut fuͤr Reitzeug und Geſchirr hingegeben, ohne was die geſtickten Kleider ko⸗ ſteten, und die Maͤntel, die ganz ſteif von Gold⸗ brokat waren. Ich habe damit genug zu thun gehabt. *) Die Vereinigung Schottlands und Englands im J. 1707. blieb einem großen Theile der Schottlaͤnder lange verhaßt, und erſt ſpät wur⸗ den die wohlthaͤtigen Folgen derſelben erkannt. L. naen, als die Andern, und was waͤre dann aus 3 57 Ja, und die muntern Gaſtgebote mit Zucker⸗ werk, mit naßem und trockenem Confect und getrockneten Fruͤchten mancherlei Art, fiel Plum⸗ damas ein. Aber Schottland war Schottland in jenen Tagen. Ich will Euch ſagen, was es iſt, Nachbarn, ſprach Frau Howden. Ich glaube nie, daß Schottland noch Schottland iſt, wenn unſre lie⸗ ben Schottlaͤnder den Schimpf einſchlucken, den man uns heute angethan hat. Es iſt nicht bloß das vergoßene Blut, das zu uns ſchreit, ſondern auch das Blut, das haͤtte vergoßen werden koͤn⸗ nen. Da war das kleine Maͤdchen meiner Toch⸗ ter, Gretchen Daidle— Ihr kennt ja mein En⸗ kelchen, Jungfer Griſelda— die hatte die Schule geſchwaͤnzt, wie's die Kinder zu machen pflegen, Ihr wißt's ja, Herr Butler— Und dafuͤr ſollten ſie, fiel Buttler ein: tuͤch⸗ tig gepeitſcht werden von jedem, der es gut mit ihnen meint. Und ſie war eben bis unten an den Galgen gekrochen, um's Haͤngen zu ſehen— wie's bei einem Kinde natuͤrlich war— und warum haͤtte ſie nicht eben ſo gut geſchoſſen werden koͤn⸗ 53 uns Allen geworden? Ich moͤchte wohl wiſſen, wie'’s der Koͤniginn Karline— ſo heißt ſie ja wohl— wie's ihr gefallen haͤtte, wenn eins von— ihren eigenen Kindern in ſolcher Gefahr geweſen waͤre. 1 3 Das Geruͤcht ſagt, erwiederte Buttler, ein ſolcher Umſtand wuͤrde Ihro Majeſtaͤt die Koͤni⸗ ginn Karoline nicht uͤbermaͤßig betruͤbt haben. Gut, ſprach Frau Howden: das Ende voon Lied' iſt, waͤre ich ein Mann, Hans Porteous ſollte mir buͤßen, was auch daraus werden moͤch⸗ te, und wenn alle alten Kerle und Kerlinnen in England das Nein zum Trumpf machen wollten. 3 Und wenn ich die Thuͤre des Stadtgefaͤng⸗ niſſes mit meinen Naͤgeln niederkratzen ſollte, ich wollte ihm zu Leibe, ſprach Jungfer Griſelda. Ihr moͤget ganz recht haben, meine Damen, hob Butler an, ich rathe jedoch, ein wenig lei⸗ ſer zu reden. Reden! riefen beide Weiber zugleich. Nun, es wird von nichts geredet werden, von einem Ende der Stadt zum andern, bis dieß entweder geendet, oder abgewendet iſt. Die Weiber gingen nun nach Hauſe. Plum⸗ damas geſellte ſich zu den beiden andern Maͤn⸗ 59 nern, um mit ihnen die wohl bekannte Schenk⸗ ſtube am Linnenmarkt zu beſuchen, wo ſie ſich 9 beim Morgenſchluͤckchen gewoͤhnlich zuſammen fanden. Herr Plumdamas ging alsdann in ſei⸗ G nen Laden, und Butler, der gerade einen alten Zaumriemen brauchte— die muͤßigen Schuͤler an dieſem unruhigen Tage haͤtten ahnen koͤnnen, wozu— ging mit Sattelbaum den Linnenmarkt hinab, waͤhrend jeder ſchwatzte, ſo bald er ein Wort anbringen konnte, der Eine von Schott⸗ lands Geſetzen, der Andere von den Geſetzen der Wortfuͤgung, obgleich keiner von Beiden auf ein Wort des Andern achtete. IV. Gut wußt' er anderswo das Recht zu deuten, Ließ aber taubenzahm daheim ſich leiten. David Lindſay. Der Kaͤrner Hans iſt da geweſen, und hat nach ſeinem neuen Zaum gefragt, ſprach Frau Sattel⸗ baum, als ihr Mann uͤber die Schoelle trat, wobei ſie jedoch keineswegs die Abſicht hatte, ihn uͤber ſeine eigenen Angelegenheiten um Rath zu fragen, ſondern bloß durch freundliche Aufzaͤhl⸗ ung zu verſtehen geben wollte, wie viel ſie waͤh⸗ rend ſeiner Abweſenheit gethan hatte. Gut, erwiederte Bartolinus, ohne ein Wort hinzu zu ſetzen. Und der Herr von Girdingburſt hat ſeinen Burſchen hergeſchickt, und kam ſogar ſelber her, der artige, huͤbſche junge Herr, und wollte gern wiſſen, wann ſeine geſtickte Schabracke fertig ſein ſollte; er braucht ſie fuͤr ſeinen Rothfuchs beim Wettrennen zu Kelſo.. 61 Gut, gut! antwortete der wortkarge Bar⸗ tolinus. Und Seine Gnaden, der Graf von Blazon⸗ bury moͤchte toll werden, daß er das Geſchirr fuͤr ſeine ſechs flandriſchen Stuten, ſammt Wappen, Kronen, Schabracken, und allem, was dazu gehoͤrt, nicht bekommen hat, wie's ihm doch ver⸗ ſprochen worden. Gut, gut, gut,— gut, gut, Frau! rief Sattelbaum. Wird er toll, ſo wird von Gerichts⸗ wegen eingeſchritten— Alles gut! Schoͤn, daß Du ſo denkſt, Sattelbaum, er⸗ wiederte ſeine Ehehaͤlfte, ziemlich aͤrgerlich uͤber die Gleichgiltigkeit, womit ihr Bericht aufgenom⸗ men ward. Mancher wuͤrde es fuͤr einen Schimpf gehalten haben, wenn ſo viele Kund⸗ leute Niemanden im Laden gefunden haͤtten, als Weibsvolk. Daß alle Jungen weggehen wuͤrden, wenn Du nur den Ruͤcken gewendet haͤtteſt, ließ⸗ ſich wohl voraus ſehen, und da nun Niemand zu Hauſe war— Still, Frau! ſprach Sattelbaum, und warf ſich in die Bruſt. Mache mich nicht taub mit deinem Unſinn. Ich war genoͤthigt, anderswo zu ſein— Non omnia— ſagte Herr Croß⸗ 62 myloof, als ihn zwei Gerichtsdiener auf einmahl riefen— non omnia possumus— pessi- mus— possimis— Ich weiß wohl, unſer Juriſtenlatein mag Herr Butler nicht hoͤren; aber es will ſagen, Niemand, und waͤr' es der Herr Oberrichter ſelber, kann zwei Dinge auf einmahl thun. Sehr richtig, Sattelbaum, erwiederte ſeine ſorgſame Ehehaͤlfte mit einem hoͤhniſchen Laͤ⸗ cheln: und es iſt ohne Zweifel ſehr anſtaͤndig, daß deine Frau nach den Saͤtteln und Zaͤumen der jungen Herren ſehen muß, und Du unter⸗ deſſen hingehſt, einen Menſchen aufhaͤngen zu ſehen, der Dir nie etwas zu Leide gethan hat. Weib, ſprach Sattelbaum, mit einem ver⸗ ſtaͤrkten Tone, woran das Morgenſchluͤckchen ein wenig Theil hatte: laß ab! Ich ſage, höre auf, Dich in Sachen zu mengen, die Du nicht verſte⸗ hen kannſt. Meinſt Du, ich waͤre dazu geboren, daß ich hier ſitzen ſollte, um ein Loch durch ein Stuͤck Leder zu ſchlagen, wenn ſolche Maͤnner, als Duncan Forbes*) und der Arniſton, die . **) Dieſer wackre Mann war zu jener Zeit Kron⸗ fiscal in Schottland. L. 63 nicht viel mehr Faͤhigkeiten haben ſollen, als Un⸗ ſereiner, Oberrichter und Kronfiscale werden? Ja, wenn es ſo nach gleicher Gunſt ginge, als in den Tagen des wackern Wallace*)— Ich weiß nicht, was wir durch den wackern Wallace gewonnen haben wuͤrden, ſprach Frau Sattelbaum: es waͤre denn, weil man in jenen Zeiten lederne Kanonen gebrauchte, wie ich alte Leute habe erzaͤhlen hoͤren; aber es iſt die Frage, ob's nicht waͤre vergeſſen worden, ſie zu bezahlen, wenn er ſie gekauft haͤtte. Und was deine Faͤhigkeiten anlangt, Bartelchen, davon moͤgen andre Leute mehr wiſſen, als ich„ wenn ſie ſo viel Redens davon machen. Ich ſage Dir, Frau, ſprach Sattelbaum, hoͤchlich erzuͤrnt: Du verſteheſt nichts von dieſen Dingen. Zur Zeit des tapfern Wallace, war Niemand an ein ſo knechtiſches Werk gebunden, als die Sattlerarbeit iſt, denn man erhielt alles noͤthige Lederwerk fertig aus Holland. J nun, fiel Butler ein, welcher, wie Viele *) Schottlands heldenmuͤthiger Vertheidiger, wel⸗ cher, an die Englaͤnder treulos verrathen, im J. 1305, hingerichtet ward, L. 64 ſeines Standes, ein wenig launig und ſpaßhaft war: wenn das iſt, Herr Sattelbaum, ſo iſt es wohl beſſer mit uns geworden, wir machen ja nun unſer Pferdegeſchirr ſelber und hohlen nur unſre Nechtsgelehrten aus Holland. Wohl wahr, Herr Butler! antwortete Sat⸗ telbaum ſeufzend. Waͤre ich ſo gluͤcklich geweſen, oder haͤtte mein Vater ſo viel Verſtand gehabt, mich nach Leyden und Utrecht zu ſchicken, um die Subſtitutionen und Pandex zu lernen— Ihr meint die Inſtitutionen, Juſtinian's Inſtitutionen, Herr Sattelbaum, ſprach der Schulmeiſter. Inſtitutionen und Subſtitutionen ſind gleich bedeutend, Herr Butler, und werden eins fuͤr's andere gebraucht in Fideicommiß⸗Urkunden, wie Ihr aus Balfour's Praxis ſehen koͤnnt. Ich verſtehe mich auf dieſe Dinge, Gott ſei Dank, ziemlich gut, aber freilich haͤtte ich in Holland ſtu⸗ diren ſollen. Laßt's Euch zum Troſte ſagen, Herr Sattel⸗ baum, Ihr waͤret vielleicht nicht weiter, als jetzt, antwortete Butler. Unſre ſchottiſchen Rechtsge⸗ lehrten ſind ein ariſtokratiſches Voͤlkchen; ſie ſind voon echte korintiſchem Erz, und— Non cuivis 65 licet adire Corinthum— Ah, Herr Sat⸗ telbaum! Ah, Herr Buttler! erwiederte der Sattler, welcher, wie leicht zu denken iſt, den Scherz nicht verſtand, und nur den Klang der Worte vernahm: Ihr ſagtet erſt vor Kurzem, es hieße Quivis, und nun hoͤre ich Euch mit meinen ei⸗ genen Ohren cuivis ſagen, ſo deutlich, als ich je ein Wort in der Gerichtſtube hoͤrte. Hoͤrt mich nur ruhig an, Herr Sattelbaum, und ich will Euch den Unterſchied in drei Worten begreiflich machen, ſprach Butler, der in ſeinem Fache ein eben ſo großer Schulfuchs war, wenn auch weit mehr Einſicht und Kenntniſſe hatte, als Bartolinus in ſeinem angemaßten Rechtsge⸗ lehrtenberufe. Nur einen Augenblick Geduld! Ihr gebet zu, daß der Nominativus derjenige Fall iſt, durch welchen eine Perſon, oder ein Ding genannt, oder bezeichnet wird, und der auch der erſte Fall genannt werden kann, da al⸗ le andere von ihm durch Veraͤnderung der End⸗ ung in den gelehrten Sprachen, und durch Praͤ⸗ poſitionen in unſerm neuern Babyloniſchen Roth⸗ welſch gebildet werden. Das werdet Ihr mir doch wohl zugeben, Herr Sattelbaum. 5 66 Ich weiß nicht, ob ich's thue, oder nicht— ad avisandum, wie Ihr wißt— Niemand muß uͤbereilt etwas zugeben, weder in Geſetzen, noch in Thatſachen, ſprach Sattelbaum, und wollte gern ausſehen, als ob er verſtanden haͤtte, wovon die Rede war. Und der Dativus— fuhr Butler fort. Ich weiß ſehr wohl, was ein tutor dativus iſt, erwiederte Sattelbaum. Der Dativus, hob der Sprachlehrer wieder an: iſt der Fall, wodurch irgend etwas einer Perſon, oder einer Sache als Eigenthum gegeben oder zu⸗ getheilt wird. Ihr werdet das gewiß nicht laͤug⸗ nen wollen. Und ich werde es gewiß nicht zugeben, ſprach. Sattelbaum. Aber zum Henker wofuͤr haltet Ihr denn den Nominativus und Dativus? ſprach Butler ha⸗ ſtig und vergaß in der Ueberraſchung, ſich an⸗ ſtaͤndig auszudruͤcken und richtig auszuſprechen. Ich will Euch das zu gelegener Zeit ſagen, Herr Butler, ſprach Sattelbaum, mit einem ſehr pfiffigen Blicke. Ich werde ſchon einmahl alles bedenken und beantworten, was Ihr zuge⸗ —'——— —————— 67 geben habt, und Euch dann dahin bringen, zu geſtehen, oder abzulaͤugnen, wie ſich's ziemt. Komm, komm, Sattelbaum! ſprach ſeine Frau: hier hat man nichts mit Zugeben und Geſtehen zu thun. Mag ſich mit ſolchem Kram abgeben, wer dafuͤr bezahlt wird; fuͤr uns paßt es ſo wenig, als ein Reitſattel fuͤr einen Zug⸗ ochſen. Ah! rief Butler. Optat ephippia bos piger— Nichts neues unter der Sonne! Doch das war ein huͤbſcher Einfall, Frau Sattelbaum. Aber willſt Du denn einmahl etwas vom Rechte verſtehen, Sattelbaum, ſprach die Haus⸗ frau: ſo wuͤrde ſich's weit beſſer ſchicken, wenn Du't verſuchen wollteſt, ob Du etwas fuͤr die arme Effie Deans thun koͤnnteſt, die im Stadt⸗ gefaͤngniß liegt, und Kaͤlte und Hunger leidet, und keinen Troſt hat. Es iſt unſer Dienſtmaͤd⸗ chen, Herr Butler, ein unſchuldiges Kind, glau⸗ be ich, und in unſerm Laden ſo brauchbar! Ihr wißt, mein Mann iſt ſelten zu Hauſe, wenn's was vor den Gerichten zu thun gibt, und dann half mir Effie, die Lederrollen hin und her woͤl⸗ zen, und die Waaren in Ordnung bringen und wußt' es allen Leuten recht zu machen. Ja 5* 8* 8 5 8⁸ 0 wahrhaftig, ſie wußte den Kunden immer zu ge⸗ fallen mit ihren Antworten, weil ſie immer hoͤf⸗ lich war, und es gab kein huͤbſcheres Maͤdchen in ganz Edinburgh. Wenn die Leute hitzig und unbillig wurden, konnte ſie beſſer mit ihnen aus⸗ kommen als ich, weil ich nicht mehr ſo jung bin, als ſonſt, Herr Butler, und oben drein ein bischen kurz angebunden. Wenn zu viel Leute auf einmahl auf einen einſchreien, und nur eine Zunge da iſt, ihnen zu antworten, ſo muß man wohl hitzig ſprechen, oder man kommt nie durch. Seht, ſo vermiſſe ich Effie taͤglich— De die in diem, ſetzte Sattelbaum hinzu. Ich daͤchte, ſprach Butler nach langer Pauſe: das Mouͤdchen haͤtte ich im Laden geſehen— ein Maoͤdchen von einem ſittſamen Anſehen, mit ſchwarzen Haaren— Ja, ja, das iſt die arme Effie, ſprach Frau Sattelbaum. Wie ſie ſich ſo hat vergeſſen koͤn⸗ nen, oder ob ſie unſchuldig iſt an der ſuͤndhaften That, das weiß Gott im Himmel. Aber wenn ſie ſchuldig iſt, ſo muß ſie ſehr in Verſuchung ge⸗ fuͤhrt worden ſein, und ich moͤchte es beinahe auf die Bibel beſchwoͤren, ſie hat in dem Augenblicke nichts von ſich gewußt. 69 Butler verrieth eine lebhafte Bewegung, ging unruhig im Laden auf und nieder, und ſchien ſo ſehr aufgeregt zu ſein, als es bei einem Manne von ſo ſtrengem Anſtande nur immer moͤglich war.„Iſt dieſes Maͤdchen nicht die Tochter des Andreas Deans, der Sankt Leonhard's Park gepachtet hat? hob er wieder an. Und hat ſie nicht eine Schweſter?“ Ja freilich, das arme Hannchen Deans, und die iſt zehn Jahre aͤlter. Sie war eben erſt hier und weinte um ihre Schweſter. Ich konnte ihr nichts anderes ſagen, als ſie muͤßte wieder⸗ kommen, und mit meinem Manne ſprechen, wenn er zu Hauſe waͤre. Ich wußte freilich wohl, daß mein Mann weder ihr, noch ſonſt Jeman⸗ den viel Gutes, oder Boͤſes thun koͤnnte, aber es war ja immer gut dazu, dem armen Ding das Herz noch ein Weilchen aufzurichten, und wer wird den Kummer eher kommen laſſen, als es ſein muß! Du biſt ſehr im Irrthum, Frau, ſprach Sattelbaum verachtend. Ich haͤtte ihr ſehr be⸗ friedigende Auskunft gegeben, und ihr bewieſen, daß ihre Schweſter angeklagt iſt nach dem erſten Kapitel des Geſetzes vom Jahre 1690 zu beſſerer 70 Verhuͤtung des Kindermordes, weil ſie ihre Schwangerſchaft verhehlt, und keine Rechenſchaft von dem Kinde gegeben hat, wovon ſie entbun⸗ den worden. Ich hoffe, ſprach Butler— ich vertraue auf den gnaͤdigen Gott, ſie wird ſich von der Be⸗ ſchuldigung reinigen koͤnnen. Und ich auch, Herr Butler, erwiederte Frau Sattelbaum. Ich haͤtte fuͤr ſie ſtehen wollen, wie fuͤr mein eigen Kind, aber leider bin ich den ganzen Sommer kraͤnklich geweſen und zwoͤlf Wochen lang kaum aus meiner Stube gekom⸗ men. Und mein Mann, der koͤnnte in einem Gebaͤhrhauſe ſein, und wuͤrde doch nie dahinter kommen, was die Weiber da zu thun haͤtten. So konnte ich wenig, oder nichts von ihr ſehen, ſonſt haͤtte ich die Wahrheit von ihr heraus gekriegt, dafuͤr ſtehe ich Euch. Aber wir glauben Alle, ihre Schweſter muß etwas ſagen koͤnnen, was ſie von der Schuld frei macht. Im ganzen Parliamentshauſe ſprach man von ſonſt nichts, bis dieſe Geſchichte mit Por⸗ teous es den Leuten aus dem Kopfe brachte, ſprach Sattelbaum. Es iſt ein ſchoͤner Rechts⸗ fall von muthmaßlichem Mord, und es iſt nichts aͤhnliches vorgekommen im Gerichte, ſeit dem Falle mit der Hebamme Luzie Smith, die im Jahre ſechzehnhundert ſieben und neunzig gerichtet wurde. Aber was fehlt Euch, Herr Butler? ſprach Frau Sattelbaum. Ihr ſeht ja ſo weiß aus, als ein Betttuch. Wollt Ihr nicht ein Schluͤckchen nehmen? O nicht doch! erwiederte Butler, und zwang ſich zum Sprechen. Ich bin geſtern von Dum⸗ fries hergekommen, und das Wetter iſt heute ſo warm. Setzt Euch, ſprach Frau Sattelbaum, ihn freundlich anfaſſend: und ruhet aus. Ihr koͤnn⸗ tet Euch den Tod bringen auf ſolche Weiſe, lie⸗ ber Mann. Und ſollen wir Euch denn Gluͤck wuͤnſchen zum Schulmeiſterdienſt, Herr Butler? Ja— nein— ich weiß es nicht. Ihr wißt nicht, ob Ihr die Freiſchule in Dumfries kriegt, oder nicht, und habt ſie doch den ganzen Sommer beſorgt? Nein, Frau Sattelbaum, ich ſoll ſie nicht haben, ſprach Butler. Der Gutsherr von Black⸗ bane hatte einen unehelichen Sohn zum Geiſtli⸗ chen beſtimmt, den aber die Kirchenaͤlteſten nicht annehmen wollten, und ſo— 72 9 Ihr braucht nicht mehr zu ſagen! Hat ein Edelmann einen armen Verwandten, oder einen Baſtard, fuͤr den es paßt, ſo weiß man genug. Und Ihr ſeid nun wieder nach Libber⸗ ton gekommen, um auf todter Leute Schuhe zu warten? Nun, der Schulmeiſter iſt wohl ſchwaͤch⸗ lich, aber er kann ſo lange leben, als Ihr, ſein Gehilfe und Nachfolger. Sehr wahrſcheinlich, erwiederte Butler ſeuf⸗ zend, und ich weiß nicht, ob ich's anders wuͤn⸗ ſchen ſollte. Ja, es iſt gewiß eine rechte Plage, in einer ſo abhaͤngigen Lage zu ſein, fuhr die gute Frau fort. Ihr habt Recht und Anſpruch auf eine beſſere, und ich wundre mich, wie Ihr ſolches Kreuz ertragen koͤnnt. Quos diligit castigat, erwiederte Butler. Selbſt der Heide Seneca konnte einen Gewinn in der Truͤbſal finden. Die Heiden hatten ihre Philoſophie, die Juden ihre Offenbarung, und ſie wußten zu ihrer Zeit zu ertragen, wenn ihnen Leiden aufgelegt waren. Chriſten haben einen beſſeren Troſt, als Beide, aber allerdings— Er ſchwieg und ſeufzte. Ich weiß, was Ihr meint, ſprach Frau 73 Sattelbaum, auf ihren Mann blickend: wir wer⸗ den zuweilen ungeduldig, trotz Buch und Bibel. — Aber Ihr duͤrft nicht von uns gehen; Ihr ſeht gar zu niedergeſchlagen aus— Ihr bleibt, und eßt eine Suppe mit uns. Sattelbaum hatte Balfour's Praxis, feine Lieblingsleſerei, die ihm wohl bekommen moͤge, auf die Seite gelegt, und unterſtuͤtzte die gaſt⸗ freundliche Zudringlichkeit ſeiner Frau. Der Schulmeiſter aber lehnte alle Bitten ab, und nahm ſogleich Abſchied. Dahinter ſteckt was, ſprach Frau Sattelbaum, dem Schulmeiſter nachſehend, als er die Straße hinauf ging. Ich begreife nicht, warum ſich Herr Butler Effie's Ungluͤck ſo ſehr zu Herzen nimmt. Es war eine Bekanntſchaft zwiſchen ihnen, ſo viel ich geſehen, oder gehoͤrt habe; aber ſie waren Nachbarn, als David Deans auf den Guͤtern des Lairds von Dumbiedike lebte. Herr Butler muß ihren Vater kennen, oder Jemand von ihren Verwandten.— Steh' auf, Sattel⸗ baum, Du haſt Dich gerade auf den Zaum ge⸗ ſetzt, der ausgebeſſert werden muß.— Und da kommt der kleine Wilhelm, der Lehrjunge. Du kleiner Landlaͤufer, Du, warum treibſt Du Dich 7⁴4 in den Gaſſen herum, die Leute haͤngen zu ſehen? Wie wuͤrde es Dir gefallen, wenn's Dir eben ſo ginge, und das koͤnnte leicht geſchehen, wenn Du Dich nicht anders auffuͤhrſt. Und warum brummſt und weinſt Du denn, als ob Dir ein Wort die Knochen zerbrechen koͤnnte? Nun, geh' nur hinein, und thue ein andermahl gut! Laß Dir von Gretchen einen Napf voll Suppe geben, ich weiß ja, Du wirſt kuͤnftig ſo munter ſein, als ein Falke.— Er iſt ein vaterloſer Knabe, Sattelbaum, und mutterlos dazu, was zuwei⸗ len noch ſchlimmer ſein mag, und man wuͤrde gern fuͤr ihn ſorgen, wenn man's nur koͤnnte; es iſt Chriſtenpflicht. Sehr wahr, Frau, erwiederte Sattelbaum: wir ſind ihm loco parentis waͤhrend ſeiner Min⸗ derjaͤhrigkeit, und ich habe ſchon daran gedacht, mich vom Gerichte als Geſchaͤftfuͤhrer loco luto⸗ ris beſtellen zu laſſen, weil kein ernannter Vor⸗ mund da iſt, und der geſetzliche Vormund den Auftrag ablehnt; aber ich glaube, die Koſten der Verhandlung wuͤrden nicht in vem versam ſein, denn ich weiß nicht, ob Wilhelm Guͤter hat, de⸗ ren Verwaltung uͤbernommen werden koͤnnte. Er ſchloß dieſe Rede mit einem wichtig thuen⸗ 75 den Huſten, als haͤtte er die geſetzlichen Beſtim⸗ mungen unbeſtreitbar aus einander geſetzt. Guͤter? ſprach Frau Sattelbaum. Was fuͤr Guͤter haͤtte der arme Junge? Er war in Lum⸗ pen, als ſeine Mutter ſtarb, und die blaue pol⸗ niſche Jacke, die Effie aus meinem alten Mantel ihm machte, war die erſte anſtaͤndige Kleidung, die der Junge je hatte. Die arme Effie! Kannſt Du mir denn mit al' deiner Rechtsgelehrſamkeit nicht ſagen, Sattelbaum, ob ihr Leben in Ge⸗ fahr iſt, wenn man ihr nicht beweiſen kann, daß je ein Kind weg gekommen iſt? Sieh nur, ſprach Sattelbaum, erfreut, daß ſeine Frau ihre Aufmerkſamkeit nur einmahl auf 3 rechtliche Eroͤrterungen gerichtet hatte: ſieh, es gibt zwei Arten von murdrum; oder murdra- gium, oder was man populariter et vulga- riter Mord nennt. Ich meine, es gibt viele Arten, denn da iſt euer Mord per vigilias et insidias, und euer Mord mit Verletzung des Vertrauens. Ich glaube ſicherlich, das iſt die Art, wie die Vornehmen uns Handelsleute morden, und uns zuweilen zwingen, die Bude zuzumachen— 7⁶ Doch das hat nichts mit dem Ungluͤcke der ar⸗ men Effie zu thun. Der Fall der Effie, oder Euphemia Deans, hob Sattelbaum wieder an: iſt ein Fall von muthmaßlichem Mord, das heißt, ein Mord, den das Geſetz folgert, oder ableitet, ſobald gewiſſe indicia, oder Verdachtgruͤnde vorhanden ſind. Haͤtte alſo die arme Effie Niemanden etwas von ihrem Zuſtande geſagt, fuhr die gute Frau fort: ſo wird ſie gehaͤngt, das Kind mag nun todt geboren ſein, oder noch dieſen Augenblick leben? 3 Sicherlich! erwiederte Sattelbaum. Es iſt ja eine Verordnung unſerer allergnaͤdigſten Lan⸗ desherrſchaft, zur Verhuͤtung des ſchrecklichen Verbrechens heimlicher Geburten. Das Recht hat dieſes Verbrechen beſonders lieb, denn dieß iſt eine Art von Mord, die es ſelbſt geſchaffen hat. Nun, wenn das Recht zu Mord fuͤhrt, ſo ſollte man das Recht dafuͤr haͤngen, ſprach Frau Sattelbaum: oder wenn man ſtatt ſeiner einen Rechtsgelehrten aufhaͤngen wollte, wuͤrde das Land auch nichts dagegen haben. Der Ruf zum einfachen Mittageſſen unter⸗ brach die Unterhaltung, die ſonſt leicht eine Wend⸗ 75 ung haͤtte nehmen koͤnnen, welche der Rechtsge⸗ lehrſamkeit und ihren Juͤngern weit weniger guͤn⸗ ſtig geweſen waͤre, als Bartolinus Sattelbaum, der zaͤrtliche Bewunderer von Beiden, anfangs geahnet hatte. V. Ganz Edinburgh, es ſtand nun auf, Drei tauſend an der Zahl, Johnnie Armſtrang's Gute Nacht. Als Butler aus dem goldnen Roͤßchen gegan⸗ gen war, ſuchte er einen Freund, einen Rechts⸗ gelehrten, um ſich nach den Umſtaͤnden des ungluͤcklichen Maͤdchens, wovon im vorigen Ab⸗ ſchnitte die Rede war, genauer zu erkundigen. Die Leſer haben vermuthlich ſchon errathen, daß weit tiefer liegende Gruͤnde, als bloße Regun⸗ gen der Menſchlichkeit, ihn bewogen, an ihrem Schickſale Antheil zu nehmen. Der Mann, den er ſuchte, war abweſend, und zum Un⸗ gluͤcke fand er auch ein Paar andre Bekannte nicht, welche er fuͤr ſie zu gewinnen hoffte. Die Geſchichte des Hauptmanns Porteous hatte Alle ganz verruͤckt gemacht, und man war eifrig be⸗ 79 ſchaͤftigt, die Regiernng wegen der aufgeſchobe⸗ nen Urtheilvollziehung anzugreifen, oder zu ver⸗ theidigen. Der hitzige Streit hatte einen ſo all⸗ gemeinen Durſt erweckt, daß die Haͤlfte der jungen Rechtsgelehrten, und ihre Schreiber, ge⸗ rade die Leute, welche Butler ſuchte, die Fort⸗ ſetzung ihrer Eroͤrterung in ein beliebtes Wirths⸗ haus verlegt hatten, und wie ein geſchickter Re⸗ chenkuͤnſtler gefunden haben wollte, war bei die⸗ ſem Streite ſo viel Weizenbier getrunken wor⸗ den, daß ein Kriegſchiff erſter Groͤße davon haͤtte flott werden koͤnnen. Butler ging umher bis gegen Anbruch der Daͤmmerung, entſchloſſen, um dieſe Zeit das ungluͤckliche Maͤdchen unbeobachtet zu beſuchen. Er hatte ſeine Urſachen, den Bemerkungen der Frau Sattelbaum auszuweichen, deren Laden⸗ thuͤre dem Gefaͤngniſſe gegenuͤber war, das nur eine kleine Strecke abwaͤrts in der Straße lag. Er nahm ſeinen Weg durch den ſchmalen und zum Theil bedeckten Gang, der vom Par⸗ liamentsplatze fuͤhrte, und ſtand nun vor dem gothiſchen Eingange des Gefaͤngniſſes, welches, wie bekannt, ſeine alterthuͤmliche Vorderſeite in der Mitte der Hochſtraße erhebt. Es bildet gleich⸗ 80 ſam das Ende einer ungeheuren Maſſe von Ge⸗ baͤuden, der ſogenannten Luckenbooths, die unſre Vorfahren, aus irgend einer unbegreifli⸗ chen Urſache, mitten in die Hauptſtraße einge⸗ klemmt haben, und gegen Mitternacht bleibt nur eine enge Gaſſe, auf der Mittagſeite aber, wo der Eingang des Gefaͤngniſſes iſt, ein enger krummer Weg, der ſich zwiſchen den hohen und finſtern Mauern des Kerkers und der anſtoßen⸗ den Haͤuſer auf der einen Seite, und den Stre⸗ bepfeilern und Vorſpruͤngen der alten Stifts⸗ kirche auf der andern, hindurch windet. Der finſtre Gang wird durch einige kleine Buden ein wenig aufgeheitert, die gleichſam an die gothi⸗ ſchen Vorſpruͤnge und Ecken geklebt ſind, wo die Kraͤmer wie in Neſtern ſaßen, gleich der Mauer⸗ ſchwalbe in Macbeth's Schloſſe. In neuern Zei⸗ ten ſind dieſe Buden in bloße Spielzeug⸗Laden ausgeartet, wo die kleinen Faullenzer, die haupt⸗ 4 ſächlich an ſolchen Waaren Gefallen en gern verweilen, wenn der herrliche Kram von Stek⸗ kenpferden, Puͤppchen und hollaͤndiſchem Spiel⸗ zeug ſie bezaubert, wiewohl die muͤrriſchen Blicke des zuſammengeſchrumpften Maͤnnchens, oder der bebrillten Alten, welche dieſe lockenden Waa⸗ 4 81 ren bewachen, ſie faſt zuruͤckſcheuchen. In der Zeit aber, worein unſre Geſchichte faͤllt, waren in dem engen Gange noch die Strumpfhäͤnd⸗ ler, Handſchuhmacher, Hutmacher, Kraͤmer, Putzhaͤndler, und andre Kleinwaarenhaͤndler zu finden. Doch zuruͤck von unſrer Abſchweifung! But⸗ ler fand den Schlieſſer, einen langen hagern Greis, mit herab wallenden Silberhaaren, der eben das aͤußere Thor des Kerkers verſchloß. Er wendete ſich an den Mann, um Effie Deans zu ſehen, die des Kindermordes beſchuldigt war. Der Schlieſſer ſah ihn mit einem ernſten Blicke an, griff dann hoͤflich an den Hut, aus Acht⸗ ung gegen Butlers ſchwarzen Rock und geiſt⸗ liches Anſehen, und gab zur Antwort, es koͤnnte jetzt unmoͤglich irgend Jemand Zutritt erhalten. Ihr ſchließt ja fruͤher, als gewoͤhnlich, hob Butler wieder an. Vermuthlich wegen des Vor⸗ falls mit Porteous? Mit echt amtlichem Geheimniſſe nickte der Schlieſſer zweimahl ernſthaft, und als er die ſchweren, faſt zwei Fuß langen Schluͤſſel aus dem Schloſſe gezogen hatte, ſchloß er auch eine ſtarke Stahlplatte, die das Schluͤſſelloch bedeckte, 3 6 82 und durch Feder und Haken beveſtigt war. But⸗ ler blieb unwillkuͤhrlich ſtehen, waͤhrend das Thor verwahrt wurde, ſah dann nach ſeiner Uhr, ging raſch die Straße hinauf und murmelte faſt un⸗ bewußt: Porta adversa, ingens, solidoque adamante co- . lumnae; Vis ut nulla virum, non ipsi exscindere ferro Coelicalae voleant. Stat ferrea turris ad auras.“) Er verſchwendete faſt noch mehr Zeit bei einem andern Verſuche, ſeinen geſetzkundigen Freund und Rathgeber aufzuſuchen, und glaubte dann die Stadt verlaſſen und in ſeinen Wohn⸗ ort zuruͤck kehren zu muͤſſen, ein kleines Dorf, das ungefaͤhr anderthalb Stunden Weges ſuͤd⸗ lich von Edinburgh lag. Die Hauptſtadt war zu jener Zeit von einer hohen Mauer umgeben, *) Vorn' die gewaltige Pfort', und Geſaͤul aus gediegenem Demant; 3 Daß nicht Maͤnnergewalt, nicht ſelbſt der Un⸗ ſterblichen Angriff Durchzubrechen vermag. Hoch ragt ein eiſer⸗ ner Thurm auf. Virgils Aeneis, B. VI. V. 55a, ff⸗ 83 die Zinnen und Vorſpruͤnge in gewiſſen Zwi⸗ ſchenraͤumen hatte, und deren Thore zur Nacht⸗ zeit regelmaͤßig verſchloſſen wurden. Gegen ein kleines Trinkgeld geſtatteten die Thorwaͤrter zwar zu jeder Zeit Aus⸗ und Eingang durch ein, zu dieſem Zwecke in dem großen Thore angebrach⸗ tes Pfoͤrtchen; aber ein ſo armer Mann, als Butler war, wollte gern auch dieſe kleine Geld⸗ buße erſparen; und beſorgt, den Thorſchluß zu verſaͤumen, ging er zu dem naͤchſten Thore, wie⸗ wohl er dadurch ſeinen Heimweg ein wenig ver⸗ laͤngerte. Der gerade Weg zu ſeinem Dorfe lag vor dem Briſto⸗Thore, aber das Weſt⸗ thor, das vom Grasmarkte fuͤhrt, war dem Stadttheile, wo er ſich eben befand, am naͤch⸗ ſten, und dahin richtete er nun ſeinen Weg. Er kam fruͤh genug zu dem Thore, und als er um die Stadtmauer gegangen war, gelangte er in die Vorſtadt Portsburgh, die meiſt von der geringern Volksklaſſe und Handwerkern be⸗ wohnt war. Hier ſah er ſich unerwartet gehemmt. Er war noch nicht weit vom Thore, als er Trom⸗ melſchlag hoͤrte, und zu ſeiner großen Ueberra⸗ ſchung auf einen Haufen von Menſchen 6, 6* 84 welcher die ganze Breite der Straße einnahm, und eine anſehnliche Volksmaſſe hinter ſich hatte. Sie zogen mit großer Eile zu dem Thore, wor⸗ aus er eben gekommen war, und die Trommel an der Spitze ſchlug einen Kriegsmarſch. Waͤh⸗ rend er uͤberlegte, wie er einem Haufen entrin⸗ nen koͤnnte, welcher, allem Vermuthen nach, keineswegs zu einem erlaubten Zwecke verſam⸗ melt war, hatte man ihn ſchon eeicht„ und hielt ihn auf. Ihr ſeid ein Geiſtlicher? fragte ihn Einer aus dem Haufen. Butler erwiederte, er waͤre zwar geiſtlichen Standes, aber ohne Predigeramt. Es iſt Herr Butler aus Libberton, ſprach eine Stimme aus dem hintern Haufen: aber er wird den Dienſt ſo gut verſehen, als jeder Andre. 1 Ihr muͤßt mit uns umkehren, mein Herr, hob der erſte Sprecher mit hoͤflichem, aber ent⸗ ſcheidendem Tone wieder an. In welcher Abſicht, Ihr Herren? ſprach Butler. Ich wohne entfernt von der Stadt— die Wege ſind unſicher zur Nachtzeit— Ihr 85 ſetzt mich großem Nachtheil aus, wenn Ihr mich aufhaltet. Man wird Euch ſicher heim bringen— Niemand ſoll Euch ein Haar kruͤmmen— aber Ihr muͤßt und ſollt mit uns gehen. Aber warum und zu welchem Zwecke, Ihr Herren? ſprach Butler. Ich hoffe, Ihr werdet ſo hoͤflich ſein, mir dieß zu erklaͤren. Ihr ſollt das fruͤh genug erfahren. Geht mit uns— mitgehen muͤßt Ihr, gezwungen, oder gutwillig; und ich warne Euch, blickt we⸗ der zur Rechten, noch zur Linken, und ſehet Niemanden genau ins Geſicht, ſondern betrach⸗ tet alles, was vor euren Augen vorgeht, wie einen Traum. Ich wollte, es waͤre ein Traum, woraus ich erwachen koͤnnte, ſprach Butler zu ſich ſel⸗ ber. Aber unfaͤhig, der angedrohten Gewalt ſich zu widerſetzen, war er gezwungen, umzu⸗ kehren, und an der Spitze der Aufruͤhrer voran zu ziehen, von welchen ihn zwei theils fuͤhrten, theils veſt hielten. Die Empoͤrer hatten ſich waͤhrend dieſer Unterredung des Weſtthores be⸗ maͤchtigt, und die Waͤchter uͤbermannend, die Schluͤſſel an ſich geriſſen. Sie verſchloſſen und 36 verriegelten darauf die Thorfluͤgel, und verlang⸗ ten den Schlieſſer des Einlaßpfoͤrtchens, mit deſſen Verſchlieſſung ſie nichtfertig werden konn⸗ ten. Der Mann war uͤber einen ſo ganz un⸗ erwarteten Vorfall beſtuͤrzt, und unvermoͤgend, ſeinen gewoͤhnlichen Dienſt zu verrichten, gab er es nach einigen Verſuchen auf. Die Meu⸗ ter, die auf jedes Ereigniß vorbereitet zu ſein ſchienen, verlangten Fackeln, bei deren Schein ſie das Pfoͤrtchen mit langen Naͤgeln zunagel⸗ ten, die ſie abſichtlich mitgebracht haben mochten. Butler konnte es bei dieſen Vorgaͤngen, wenn er auch gewollt haͤtte, nicht vermeiden, uͤber die Menſchen, welche dieſen ſeltſamen Haufen an⸗ zufuͤhren ſchienen, ſeine Beobachtungen zu ma⸗ chen. Das Fackellicht, das ſie beleuchtete, und ihn ſelber im Schatten ließ, gab ihm Gelegen⸗ heit, es unbemerkt zu thun. Einige von Den⸗ jenigen, die am thaͤtigſten zu ſein ſchienen, tru⸗ gen Matroſen⸗Jacken, Pumphoſen, und Schif⸗ fermuͤtzen; Andre aber weite ſchlottrige Ueber⸗ rocke und niedergeſchlagene Huͤte, und man ſah Einige, die man nach ihrer Kleidung fuͤr Wei⸗ ber haͤtte halten koͤnnen, wenn nicht ihre rau⸗ hen, tiefen Stimmen, ihre ungewoͤhnliche Groͤße, 87 ihr maͤnnliches Benehmen, ihr mannhafter Gang, ſolche Vermuthungen widerlegt haͤtten. Ein wohl berechneter, gemeinſamer Plan ſchien ſie zu lei⸗ ten. Sie hatten Zeichen, woran ſie ſich er⸗ kannten, und Beinahmen, wodurch ſie ſich un⸗ terſchieden. Der Nahme Wildfeuer wurde, wie Butler bemerkte, unter ihnen gebraucht, und ſchien einer ſtaͤmmigen Amazone zu gehoͤren. Die Meuter ließen einen kleinen Haufen zur Beobachtung des Weſtthores zuruͤck, und befahlen den Waͤchtern, bei Lebensſtrafe, in ihrem Haͤuschen zu bleiben, und in dieſer Nacht keinen Verſuch zur Wiedergewinnung des Tho⸗ res zu machen. Sie zogen alsdann ſehr ſchnell in der Cowgate⸗Straße hinab, und uͤberall erhob ſich der Poͤbel beim Schall ihrer Trom⸗ meln und geſellte ſich zu ihnen. Des Cowgate⸗ Thores bemaͤchtigten ſie ſich mit eben ſo wenig Widerſtande, als des erſten; verſchloſſen es und ließen ein Haͤuflein zur Beobachtung zuruͤck. Man fand ſpaͤterhin einen ſonderbaren Beweis von einer, mit Verwegenheit ſeltſam gepaarten klugen Vorſicht darin, daß die zur Bewachung jener Thore zurüͤckgelaſſenen Leute keineswegs ruhig auf ihren Poſten blieben, ſondern ſich hin d 8³ und her bewegten, und ſich ſo nahe an den Thoren hielten, daß kein Verſuch, dieſelben zu offnen, ihnen haͤtte entgehen koͤnnen, aber auch nicht ſo lange verweilten, daß ſie waͤren be⸗ merkt worden. Der Poͤbelſchwarm, anfaͤnglich nur gegen Hundert, beſtand nun aus Tauſen⸗ den und wuchs jeden Augenblick an. Sie theil⸗ ten ſich in einzelne Haufen, um deſto ſchneller die engen Gaſſen hinauf zu ſteigen, die aus Cowgate in die Hochſtraße fuͤhren, und immer den Kriegsmarſch ſchlagend, riefen ſie alle ech⸗ ten Schottlaͤnder herbei, ſich mit ihnen zu ver⸗ einigen, und fuͤllten bald die Hauptſtraße der Stadt. 3 Das Niederbogen⸗Thor iſt gleichſam das Temple⸗Bar von Edinburgh, und die Hoch⸗ ſtraße an ihrem Ende durchſchneidend, ſcheidet es das eigentliche Edinburgh von der Vorſtadt Canongate, wie Templebar London von Weſt⸗ minſter trennt. Es war fuͤr die Meuter von der aͤußerſten Wichtigkeit, ſich dieſes Paſſes zu bemaͤchtigen, weil zu jener Zeit in der Vorſtadt ein Regiment Fußvolk lag, welches durch jenes Thor haͤtte in die Stadt ruͤcken und das Vor⸗ haben der Aufruͤhrer gaͤnzlich vereiteln koͤnnen. — 89 Die Anfuhrer eilten daher zu jenem Thore, das ſie auf gleiche Weiſe und mit eben ſo wenig Stoͤrung verwahrten, als die andern, und lie⸗ ßen eine Wache zuruͤck, die nach Verhaͤltniß der Wichtigkeit des Poſtens ſtark war. Das naͤchſte Ziel der kuͤhnen Empoͤrer war, die Stadtwache zu entwaffnen, und ſich ſelbſt mit Gewehr zu verſehen; denn bis jetzt hatte man keine andern Waffen bei ihnen bemerkt, als Stoͤcke und Knuͤttel. Das Wachhaus war ein langes, niedriges, haͤßliches Gebaͤude, das einer lebhaften Fantaſie wie eine lange ſchwarze Schnecke haͤtte erſcheinen koͤnnen, die mitten in der Hochſtraße hinaufkroch und den ſchoͤnen Frei⸗ platz verunſtaltete. Der furchtbare Aufſtand war ſo unerwartet ausgebrochen, daß nur die gewoͤhnliche Wache unter einem Unteroffizier im Dienſte war. Die Soldaten hatten gar keine Patronen bei ſich, und da ſie wohl wußten, was den Sturm erregt hatte, und wohin er ſich waͤlzte, mochten ſie ſchwerlich viel Luſt ha⸗ ben, durch tapfre Gegenwehr die Erbitterunz eines ſo zahlreichen und tollkuͤhnen Poͤbelſchwar mes auf ſich zu ziehen, der bei der gegenwaͤrti⸗ gen Gelegenheit mehr als gewoͤhnlich ſie bedrohte⸗ 90 Es ſtand eine Schildwache auf ihrem Po⸗ ſten, welche, damit wenigſtens ein Stadtſol⸗ dat an dieſem ereignißvollen Abend ſeiner Pflicht treu waͤre, das Gewehr anlegte, und den Auf⸗ ruͤhrern an der Spitze des Haufens ſich ent⸗ fernt zu halten gebot. Die junge Amazone, die Butler beſonders thaͤtig geſehen hatte, ſprang auf den Soldaten zu, packte ſein Gewehr, und als ſie es ihm entrungen hatte, warf ſie ihn zu Boden. Ein Paar andre Soldaten, die der Schildwache beiſtehen wollten, wurden auf gleiche Weiſe ergriffen und wehrlos gemacht, worauf der Poͤbel ſich ohne Muͤhe des Wach⸗ hauſes bemaͤchtigte, und die uͤbrigen Soldaten entwaffnete und hinauswarf. Es fiel auf, daß die Stadtſoldaten, ungeachtet ſie die Werkzeuge des Blutbades geweſen waren, welches die Meu⸗ ter raͤchen wollten, doch weder gemißhandelt, noch ſelbſt beleidigt wurden; es ſchien, als haͤtte es die Rache des Volkes verſchmaͤht, auf ein geringeres Haupt zu fallen, als Denjenigen, worin man die Quelle und Urſache der erlittenen Unbilde fand. Als ſie des Wachhauſes ſich bemaͤchtigt hat⸗ ten, war ihr erſtes Geſchaͤft, die Trommeln zu — 91 zerſtoͤren, beſorgt, daß die Beſatzung des Schloſ⸗ ſes dadurch zu den Waffen gerufen werden koͤnnte, und aus derſelben Urſache ließen ſie ihre eigene nun ſchweigen, die ein junger Burſche ſchlug, der Soyn des Trommlers in der Vorſtadt Ports⸗ burgh, den man gewaltſam mitgenommen hatte. Alsdann vertheilten ſie Gewehre, Bajonette, Partiſanen, Hellebarten und Streitaͤxte unter die kuͤhnſten Aufruͤhrer. Bis zu dieſem Augen⸗ blicke hatten die Meuter uͤber den Endzweck ih⸗ res Aufſtandes Schweigen beobachtet, da er, wenn auch nicht ausgeſprochen, doch Allen be⸗ kannt war. Als nun aber alle Vorbereitungen zur Vollziehung ihrer Abſichten gemacht waren, erhoben ſie ein furchtbares Geſchrei:„Porteous! Porteous! Zum Gefaͤngniß! Zum Gefaͤngniß!“ Sie zogen auch jetzt, da ſie das Ziel faſt er⸗ reicht zu haben ſchienen, eben ſo vorſichtig vor⸗ an, als fruͤher, wo der Erfolg noch bezweifelt werden konnte. Ein ſtarker Haufen von den Aufruͤhrern, der ſich den Luckenbooths gegenuͤber, nach dem untern Theile der Straße ſich wen⸗ dend, aufſtellte, ſchnitt deen Zugang gegen Mor⸗ gen ab, waͤhrend das weſtliche Ende des, von jenen Gebaͤuden gebildeten Weges auf gleiche 92 Weiſe geſichert wurbe. Das Gefaͤnaniß war nun gaͤnzlich umrigt, und die Meuter, die es zu erſtuͤrmen unternahmen, ſahen ſich gegen jede Stoͤrung geſchuͤtzt. Die Stadtbeamten waren indeß aufgeſchreckt worden, und hatten ſich in einer Schenke ver⸗ ſammelt, um Streitkraͤfte zur Bezwingung der Meuter aufzubieten. Man wandte ſich an die Zunftvorſteher, die aber erklaͤrten, daß ſie we⸗ nig wuͤrden ausrichten koͤnnen, wo es auf die Rettung eines ſo verhaßten Mannes ankame. Herr Lindſay, ein Parliamentsmitglied fuͤr Edin⸗ burgh, uͤbernahm freiwillig das gefaͤhrliche Ge⸗ ſchaͤft, eine muͤndliche Botſchaft von dem Buͤr⸗ germeiſter an den Oberſten Moyle zu bringen, der das, in Canongate liegende Regiment be⸗ fehligte, und ihn zu bitten, das Niederbogen⸗ Thor zu erſtuͤrmen, und in die Stadt zu ruͤk⸗ ken, um den Aufſtand zu daͤmpfen. Lindſay lehnte es ab, eine ſchriftliche Weiſung mitzu⸗ nehmen, wodurch ſein Leben leicht in Gefahr gerathen waͤre, wenn der wuͤthende Poͤbel ſie bei ihm gefunden haͤtte. Der Oberſt, der kei⸗ nen ſchriftlichen Aufruf von der buͤrgerlichen Obrigkeit erhalten, und das Schickſal des Haupt⸗ 4 manns Porteous als ein Beiſpiel von der Stren⸗ ge, womit die Geſchworenen die, von Kriegs⸗ maͤnnern auf eigene Verantwortung getroffenen Vorkehrungen beurtheilten, vor Augen hatte, weigerte ſich, der Gefahr entgegen zu gehen, wozu des Buͤrgermeiſters Maßregeln ihn auffo⸗ derten. Es wurde mehr als ein Bote auf verſchie⸗ denen Wegen zum Schloſſe geſchickt, den Be⸗ fehlhaber zu erſuchen, mit der Beſatzung herab⸗ zu kommen, einige Stuͤckkugeln abzuſchießen, oder auch nur eine Bombe unter den Poͤbel⸗ ſchwarm zu werfen, um die Straßen zu reini⸗ gen. Die Streifwachen aber, welche die Auf⸗ ruͤhrer in verſchiedenen Theilen der Straße auf⸗ geſtellt hatten, waren ſo puͤnktlich und wach⸗ ſam, daß kein Bote der Obrigkeit das Schloß⸗ thor erreichen konnte. Sie wurden aber ohne Kraͤnkung, oder Beleidigung zuruͤck gewieſen, und nicht mehr bedroht, als nothwendig war, ſie von wiederhohlten Verſuchen zur Beſtellung von Botſchaften abzuſchrecken. Eben ſo wachſam wurden Leute aus den hoͤhern Staͤnden, die in dieſem Falle gerade ſehr verdaͤchtig waren, abgehaiten, ſich in den 94 Straßen zu zeigen, und die Bewegungen der Aufruͤhrer zu beobachten, oder das Aeußere der⸗ ſelben zu erforſchen. Jeder anſtaͤndig gekleidete Mann wurde von kleinen Haufen angehalten, die ihn theils ermahnten, theils noͤthigten, wie⸗ der umzukehren. Mancher Spieltiſch ward an dieſem denkwuͤrdigen Abende geſtoͤrt; denn die Saͤnften ſelbſt der vornehmſten Frauen wurden unterwegs aufgehalten, trotz der Treſſenkleider ihrer Dienerſchaft, trotz der flammenden Fackeln. Man zeigte dabei eine Schonung und Aufmerk⸗ ſamkeit gegen die Gefuͤhle der Frauen, die man kaum von den Streifwachen eines ſo raſenden Poͤbelſchwarmes erwartet haͤtte. Wer eine Saͤnfte anhielt, machte gewoͤhnlich die Entſchuldigung, es waͤre zu viel Unruhe auf den Straßen, und zur Sicherheit der gnaͤdigen Frau durchaus er⸗ foderlich, mit der Saͤnfte umzukehren. Man erbot ſich, die angehaltenen Saͤnften zu gelei⸗ ten, weil man vermuthlich fuͤrchtete, daß Man⸗ che, die ſich zufaͤllig mit den Meutern verbun⸗ den hatten, den geordneten und beſtimmten Ra⸗ cheplan durch jene allgemeinen Beleidigungen und Ausbruͤche der Zuͤgelloſigkeit entehren wuͤr⸗ den, die bei ſolchen Gelegenheiten gewoͤhnlich ſind. 95 Es leben noch Leute, die aus dem Munde von Frauen, welche in der angegebenen Weiſe auf⸗ gehalten wurden, gehoͤrt haben, daß die jungen Leute, die ihnen in den Weg getreten waren, ſie mit einer hoͤflichen Aufmerkſamkeit, die ein Anzug, der nur Handwerker verrieth, gar nicht erwarten ließ, nach Hauſe geleiteten, ja ſogar aus der Saͤnfte hoben. Es ſcheint, als haͤtten die Verſchwoͤrer, wie einſt die verſchwo⸗ renen Moͤrder des Kardinals Beatoun,*) die Meinung gehegt, daß das Werk, wozu ſie ſich ruͤſteten, ein Rathſchluß des Himmels waͤre, welchen ſie, wenn auch die gewoͤhnlichen Ge⸗ walten ihn nicht billigten, mit Ordnung und Ernſt vollziehen muͤßten. Waͤhrend ihre Außenpoſten ſo wachſam blie⸗ ben, und ſich weder durch Furcht, noch durch Neu⸗ gier zur Verſaͤumniß der ihnen angewieſenen Pflicht verleiten ließen, und waͤhrend die Wach⸗ poſten ſie auf der Morgen⸗ und Abendſeite gegen Stoͤrung ſicherten, donnerte ein erleſener Haufen der 1)) Er ward, nachdem er in den erſten Jahren der Reformation viele Anhaͤnger der neuen Lehre hatte hinrichten laſſen, ein Opfer der Volks⸗ rache. 2. 96 Empoͤrer an's Gefaͤngnißthor und foderte augen⸗ blicklichen Einlaß. Niemand antwortete, da der Schließer des aͤußern Thores kluͤglich gleich beim Anfange des Aufſtandes mit den Schluͤſſeln ent⸗ ronnen, und nirgend zu finden war. Die Pfor⸗ ten wurden alsbald mit Schmiedehaͤmmern, Brecheiſen und Pflugmeſſern, die man bereit hat⸗ te, beſtuͤrmt, aber eine Zeitlang war alles Sto⸗ ßen, Heben und Pochen ziemlich vergeblich, da das Thor von doppelten Eichenbohlen, nach der Laͤnge und in der Quere mit dicken Naͤgeln be⸗ ſchlagen und dergeſtalt eingehaͤngt und verwahrt war, daß es nicht anders als mit großem Zeit⸗ aufwande erbrochen werden konnte. Ein Haufen loͤſte den andern bei der Arbeit ab, die natuͤrlich nur von Wenigen zu gleicher Zeit unternommen werden konnte, aber ein Haufen nach dem an⸗ dern zog ſich zuruͤck, erſchoͤpft von heftiger An⸗ ſtrengung, ohne viel ausgerichtet zu haben. But⸗ ler war ſo nahe zu dieſen Hauptanſtrengungen gefuͤhrt worden, daß ihn das unaufhoͤrliche Schmet⸗ tern der ſchweren Haͤmmer gegen die Eiſenbaͤnder des Gefaͤngnißthores faſt betaͤubte. Als ſich die Arbeit in die Laͤnge zu ziehen ſchien, erwachte in ihm die Hoffnung, daß das Volk, an dem Er⸗ 97 folge verzweifelnd, das Unternehmen aufgeben, oder daß Hilfe ankommen werde, die Aufruͤhrer zu zerſtreuen. 1 Es war ein Augenblick, wo dieſer letzte Aus⸗ gang wahrſcheinlich wurde. Die Stadtobern, wel⸗ che ihre Unterbeamten und einige Buͤrger, die ſich fuͤr die oͤffentliche Ruhe wagen wollten, um ſich verſammelt hatten, brachen nun aus der Schenke hervor, wo ſie zuſammen gekommen waren, und naͤherten ſich den Schauplatze der Ge⸗ fahr. Ihre Unterbeamten gingen voran mit Lich⸗ tern und Pechfackeln, von einem Herold beglei⸗ tet, welcher im Nothfall das Aufruhrgeſetz leſen ſollte. Sie trieben ohne Muͤhe die Außenpoſten und Streifwachen der Empoͤrer vor ſich her, als ſie aber zu der Wache kamen, welche der Poͤbel⸗ haufen, oder vielmehr die Verſchwoͤrer, quer uͤber die Straße, den Luckenbooths gegenuͤber, aufge⸗ ſtellt hatten, wurden ſie mit einem ununterbro⸗ chenen Steinregen empfangen, und weiter ſich wagend, ſahen ſie die Speere, Bajonete und Streitaͤxte gegen ſich gerichtet, deren das Volk ſich bemaͤchtigt hatte. Einer ihrer Gerichtsdie⸗ ner, ein ſtarker entſchloſſener Menſch, drang vor, ergriff einen Aufruͤhrer und entriß ihm das Ge⸗ 2 98 wehr, als er jedoch ohne Unterſtuͤtzung blieb, ward er ruͤckwaͤrts niedergeworfen und ebenfalls ent⸗ waffnet. Der Mann hatte von Gluͤck zu ſagen, daß er wieder aufſtehen und fortlaufen konnte, ohne weitere Kraͤnkung zu erleiden; ein ande⸗ rer merkwuͤrdiger Beweis, wie die Meuter eine gewiſſe Maͤßigung gegen alle Uebrigen mit dem unbeugſamſten Haſſe wider den Gegenſtand ihres Unwillens verbanden. Nach vergeblichen Verſuchen, ſich Gehoͤr und Gehorſam zn verſchaf⸗ fen, aber ohne die Mittel, ihren Befehlen Nach⸗ druck zu geben, waren die Stadtbeamten endlich genoͤthigt, den Aufruͤhrern das Feld zu uͤberlas⸗ ſen, und ſich eilig vor dem Wurfgeſchuͤtze zuruͤck zu ziehen, das ihnen um die Ohren pfifſf. Der ruhige Widerſtand des Gefaͤngniſſes, ſchien mehr zur Vereitelung der Abſichten des Poͤ⸗ belſchwarmes leiſten zu koͤnnen, als das thaͤtige Eingreifen der Obrigkeit. Die ſchweren Schmie⸗ dehaͤmmer ſchmetterten noch immer ohne Unter⸗ brechung, und mit einem Getoͤſe, welches, von den umliegenden, hohen Gebaͤuden widerhallend, die Beſatzung des Schloſſes leicht haͤtte beunruhi⸗ gen koͤnnen. Es ging unter den Meutern die Rede, die Soldaten wuͤrden herabkommen, ſie — 99 zu zerſtreuen, wofern nicht ohne Zeitverluſt ihre Abſicht ausgefuͤhrt werden koͤnnte, oder es wuͤr⸗ de die Beſatzung, auch ohne die Veſte zu verlas⸗ ſen, leicht denſelben Zweck erreichen, wenn ſie ein Paar Bomben in die Straße werfen wollte. Durch ſolche Beſorgniſſe getrieben, loͤſten ſie ſich bei der Beſtuͤrmung des Kerkerthors eifrig ab, aber dennoch trotzte die ſtarke Pforte ihren An⸗ ſtrengungen. Endlich rief eine Stimme:„Ver⸗ ſuchts mit Feuer!“ Mit einſtimmigem Geſchrei foderten nun die Aufruͤhrer Brennſtoffe, und wie all' ihre Wuͤnſche angenblicklich Erfuͤllung zu finden ſchienen, ſo waren ſie alsbald im Beſitz einiger leeren Theertonnen. Ein roth gluͤhendes Luſtfeuer loderte nun vor dem Gefaͤngnißthore empor, und eine hohe Saͤule von Rauch und Flammen ſtieg zu den alterhuͤmlichen Zinnen und ſtarken Eiſengittern des Gebaͤudes hinan. Es beleuchtete die grimmigen Geſichter und die wil⸗ den Gebehrden der Aufruͤhrer, die rings umher ſtanden, und die bleichen bangen Zuſchauer, die aus den nahen Fenſtern den Verlauf dieſes be⸗ unruhigenden Schauſpiels beobachteten. Der Poͤ⸗ bel naͤhrte das Feuer mit allem, was zu dieſem 7*† 100 Zwecke dienen konnte. Die Flammen rauſchten und krachten durch die aufgehaͤuften Brennſtoffe, und bald verkuͤndete ein furchtbares Geſchrei, die Pforte haͤtte Feuer gefangen, und waͤre der Zer⸗ ſtoͤrung nahe. Man ließ die Flamme niederbren⸗ nen, aber ſie war noch lange nicht ganz erloſchen, als die eifrigſten Aufruͤhrer in ihrer Ungeduld, „Einer nach dem Andern, uͤber die noch dampfen⸗ den Ueberreſte ſtuͤrzten. Ein dichter Funkenregen flog hoch empor, als Einer nach dem Andern uͤber die gluͤhende Aſche ſprang und ſie unter den Fuͤ⸗ ßen aufſtoͤrte. Butler und alle uͤbrigen Anwe⸗ ſenden ſahen nun voraus, daß die Meuter alsbald im Beſitz ihres Opfers ſein, und es in ihrer Ge⸗ walt haben wuͤrden, nach Belieben damit zu ſchalten. VI. Das Boͤſe, das Ihr uns lehret, wollen wir aus⸗ fuͤhren, und es muͤßie ſchlimm gehen, wenn wir's nicht dem Lehrer zuvor thaͤten. Der Kaufmann von Venedig. Der ungluͤckliche Gegenſtand dieſes merkwuͤr⸗ digen Aufruhres war an dieſem Tage von der Furcht befreit worden, das Blutgeruͤſt beſteigen zu muͤſſen, und ſeine Freude war deſto groͤßer, da er mit Grunde zweifeln mußte, ob die Macht⸗ haber es gewagt haben wuͤrden, ſich durch Ein⸗ miſchung zu ſeinen Gunſten dem Volke mißfaͤllig zu machen, nachdem der Ausſpruch der Geſchwo⸗ renen ihn eines ſo ſtrafbaren Vergehens ſchuldig erkannt hatte. Aus dieſem beunruhigenden Ge⸗ muͤthzuſtande erloͤſet, war er frohes Herzens, und dachte, es waͤre— wie die nachdruͤcklichen Wor⸗ te der Schrift bei einer aͤhnlichen Gelegenheit ſa⸗ 102 gen— die Bitterkeit des Todes ſicherlich vor⸗ uͤber. Einige ſeiner Freunde aber, die das Be⸗ nehmen des Haufens bei der Verkuͤndung des Aufſchubs der Hinrichtung beobachtet hatten, wa⸗ ren andrer Meinung. Die ungewoͤhnliche, ernſte Stille, womit der Poͤbel die Nachricht von ſei⸗ ner getaͤuſchten Erwartung ertragen hatte, erweck⸗ te in ihnen die Ahnung, daß er den Gedanken einer ploͤzlichen und verzweifelten Rache hegte, und ſie riethen dem Hauptmann, die Behoͤrde ohne Zeitverluſt zu bitten, ihn unter hinlaͤnglicher Bewahrung nach dem Schloſſe bringen zu laſſen, damit er dort die endliche Entſcheidung ſeines Schickſals in Sicherheit erwarten koͤnnte. Por⸗ teous aber, durch ſein Amt gewoͤhnt, den Stadt⸗ poͤbel zu verachten und in Scheu zu halten, glaubte ihn nicht faͤhig, ein ſo veſtes und haltbares Ge⸗ faͤngniß zu erſtuͤrmen, und den Rath verſchmaͤ⸗ hend, der ihn vielleicht gerettet haben wuͤrde, brachte er die Nachmittagſtunden dieſes ereigniß⸗ vollen Tages mit einigen ihn beſuchenden Freun⸗ den zu, welchen er ein Gaſtmahl gab. Es wurde ſogar Einigen derſelben, durch Verguͤnſtigung des Gefaͤngnißaufſehers, den amtliche Verbindun⸗ gen in freundſchaftllche Verhaͤltniſſe mit Porteous 8 „ 103 gebracht hatten, die Erlaubniß gegeben, zum Abendeſſen bei dem Gefangenen zu bleiben, un⸗ geachtet es der Regel zuwider war. Es war daher in der Stunde ungemiſchter Freude, wo der Ungluͤckliche, voll Speiſe, von Wein gluͤhend, ſtolz in unzeitiger grundloſer Zu⸗ zerſicht, und ach! mit allen ſeinen Suͤnden in voller Blute war,*) als das erſte Geſchrei der Aufruͤhrer aus der Ferne in die Geſaͤnge der froͤh⸗ lchen Schwelger ſcholl. Die ernſte Erklaͤrung je⸗ ns furchtbaren Geſchreis gab der Stockmeiſter, alz er den Gaͤſten eilig zurief, ſich ſchnell zu ent⸗ ferren, und noch haſtiger andeutete, daß ein wilda entſchloſſener Poͤbelſchwarm ſich der Stadt⸗ thore und des Wachhauſes bemaͤchtigt haͤtte. Parteous waͤre der Wuth, gegen welche die obrigkeilliche Gewalt ihn nicht zu ſchuͤtzen vermoch⸗ te, dennoch wohl entgangen, wenn es ihm ein⸗ gefallen naͤre, verkleidet mit ſeinen Gaͤſten aus dem Gefaͤngniſſe zu gehen. Der Stockmeiſter wuͤrde die Flucht wahrſcheinlich nicht gehindert, oder wohl gar, in der Verwirrung des beunruhi⸗ genden Vorfalles, nicht bemerkt haben; aber Por⸗ — *) Anſpielung auf Hamlet, III. 3. 104 teous und ſeine Freunde hatten nicht ſo viel Gei⸗ ſtesgegenwart, einen ſolchen Rettungplan zu faſ⸗ ſen, oder auszufuͤhren. Die Gaͤſte flohen eilig aus einem Orte, wo ihre Sicherheit gefaͤhrdet zu ſein ſchien, und der Gefangene erwartete, wie betaͤubt, in ſeinem Gemache den Ausgang des Unternehmens der Aufruͤhrer. Er ward auf ei⸗ nen Augenblick erleichtert, als das Getoͤſe der Werkzeuge aufhoͤrte, womit ſie anfaͤnglich das Thor zu erbrechen geſucht hatten. Die ſchme⸗ chelnde Hoffnung, daß Kriegsvolk von der Veſe, oder aus der Vorſtadt in die Stadt geruͤckt were, und die Aufruͤhrer erſchreckt und zerſtreut hette, wurde bald zerſtoͤrt, als er den hellen Flammen⸗ ſchein ſah, welcher durch das Gitterfenſter in je⸗ den Winkel ſeines Gemaches fiel, und ihn deut⸗ lich zeigte, daß der Poͤbel, auf ſeinem inſeligen Vorſatze beharrend, ein eben ſo verzweifeltes als unfehlbares Mittel ergriffen hatte, den Eingang zu erzwingen. Der ploͤtzliche Lichtglanz gab dem betaͤubten und beſtuͤrzten Gegenſtande des Volkshaſſes den Gedanken der Moͤglichkeit, ſich zu verbergen, oder zu entfliehen. Zum Kamin zu eilen und mit Gefahr des Erſtickens hinaufzuſteigen, war, wie mach durchſuchten, unter Fluͤchen und Verwuͤn⸗ 105 es ſcheint, das einzige Mittel, welches ſich ihm darbot, aber er ſah ſich alsbald durch das Schorn⸗ ſteingitter gehemmt, das auch hier, wie gewoͤhnlich in Gefaͤngniſſen, der Sicherheit wegen angebracht war. Die Stangen, welche ihn weiter zu kom⸗ men hinderten, halfen ihm jedoch, ſich in der er⸗ reichten Hoͤhe veſt zu halten, und er faßte ſie mit einem kraͤftigen Griffe, wie Jemand, der ſeine letzte Lebenshoffnung zu ergreifen glaubt. Der gelbe Lichtglanz, der das Gemach erleuchtet hat⸗ te, erloſch allmaͤhlig und ſchon hoͤrte man die Stimme der Schreienden innerhalb des Gebaͤu⸗ des und um auch auf der engen Wendeltreppe, die in einem Thurme zu den obern Gemaͤchern des Gefaͤngniſſes hinauf fuͤhrte. Dem Jauchzen der Aufruͤhrer antwortete ein eben ſo wildes und wuͤ⸗ thendes Geſchrei, der Ruf der gefangenen Ver⸗ brecher, welche in der allgemeinen Verwirrung ihre Befreiung erwarteten, und den Poͤbelſchwarm als ihren Retter bewillkommten. Einige von ih⸗ nen zeigten das Gemach des Hauptmanns ſei⸗ nen Feinden. Schloß und Riegel hinderten fie nicht lange, und der Ungluͤckliche hoͤrte in ſeinem Schlupfwinkel, wie ſeine Feinde das gande Ge⸗ 106 1 ſchungen, womit wir unſre Leſer verſchonen wol⸗ len, die aber, wenn noch ein Zweifel haͤtte ein⸗ treten koͤnnen, zum Beweiſe dienten, mit welcher Entſchloſſenheit man ſein Verderben ſuchte. Der Ort, wo Porteous Zuflucht geſucht hat⸗ te, war dem Verdachte und der Unterſuchung ſo ſehr ausgeſetzt, daß der Gefangene hier nicht lan⸗ ge gegen Entdeckung geſichert ſein konnte. Man zog ihn aus ſeinem Schlupfwinkel mit einer Hef⸗ tigkeit hervor, als haͤtte man die Abſicht gehabt, ihn auf der Stelle dem Tode zu weihen. Mehr als eine Waffe war gegen ihn gerichtet, als Einer von den Aufruͤhrern, eben Jener, deſſen weiblicher Anzug Butler's Aufmerkſamkeit ge⸗ reizt hatte, mit gebieteriſchem Tone ſich ein⸗ mengte.„Seid Ihr toll? ſprach er. Wollet Ihr eine Handlung der Gerechtigkeit ausuͤben, als waͤre es ein Verbrechen, und eine Grau⸗ ſamkeit? Dieſes Opfer wird nicht halb ſo koͤſt⸗ lich ſein, wenn wir's nicht auf dem Altare ſelbſt darbringen. Er muß ſterben, wo ein Moͤrder ſterben ſoll, am gemeinen Galgen— er muß ſterben, wo er ſo viel unſchuldiges Blut ver⸗ goſſen hat.“ Ein lauter Beifallruf folgte dem Worſchkug 107 und das Geſchrei:„Zum Galgen mit dem Moͤr⸗ der! Zum Grasmarkt mit ihm!“ widerhallte von allen Seiten. Niemand thu' ihm etwas zu Leide, fuhr der Sprecher fort. Mag er ſeinen Frieden mit Gott machen, wenn er kann. Wir wollen nicht ſeine Seele und ſeinen Leib zugleich verderben. Wie viel Zeit gab er denn beſſern Leuten als er iſt, ihre Rechnung mit dem Himmel zu machen? antworteten verſchiedene Stimmen. Wir wollen ihn mit dem Maße meſſen, womit er ſie gemeſſen hat. Die Meinung des Sprechers aber paßte beſſer zu der Gemuͤthſtimmung der Aufruͤhrer, die mehr hartnaͤckig als ungeſtuͤm waren, und ihrer grauſamen und rachſuͤchtigen That gern den Schein von Gerechtigkeit und Mäßigung geben wollten. Auf einen Augenblick uͤberließ nun dieſer Mann den Gefangenen einer erleſenen Wache, mit dem Befehle, daß ihm erlaubt werden ſollte, ſein Geld und ſeine Habe zu uͤbergeben, wem er Luſt haͤtte. Ein Mann, der wegen Schul⸗ den verhaftet war, empfing dieſes letzte Ver⸗ 108 wahrgut aus der zitternden Hand des Opfers, und man erlaubte dem Ungluͤcklichen zugleich, auch in der Kuͤrze noch andre Verfuͤgungen zu machen, um ſeinem Schickſale entgegen zu ge⸗ hen. Die Verbrecher, und alle Uebrigen, die den Kerker verlaſſen wollten, konnten es nun ungehindert thun, nicht als ob ihre Befreiung zu dem angelegten Plane der Aufruͤhrer gehoͤrt haͤtte, aber es war faſt eine nothwendige Folge der Erſtuͤrmung des Gefaͤngnißthores. Mit wil⸗ dem Jubelgeſchrei miſchten ſie ſich unter den Poͤbelſchwarm, oder verſchwanden in den engen Nebengaͤßchen, um die heimlichen Schlupfwin⸗ kel des Laſters und der Schande aufzuſuchen, wo ſie ſich vor der Gerechtigkeit zu verbergen gewohnt waren. Nur zwei Gefangene, ein Mann von ungefaͤhr funfzig Jahren, und ein etwa achtzehnjaͤhriges Maͤdchen, blieben allein in den unſeligen Mauern zuruͤck, außer einigen Schuldnern, die vermuthlich keinen Vortheil bei dem Verſuche zur Flucht ſahen. Die erwaͤhn⸗ ten beiden Gefangenen verweilten noch in dem veſten Kerkergemache, das alle Uebrigen verlaſ⸗ ſen hatten. Einer ihrer Ungluͤcksgefaͤhrten rief dem aͤltlichen Manne mit dem Tone eines Be⸗ 109 kannten zu, ſich durch Flucht zu retten:„ Lauf' Ratcliff, der Weg iſt frei.“ Kann ſein, Wilhelmchen, erwiederte Rate⸗ liff ruhig: aber ich habe es mir in den Kopf geſetzt, das Handwerk aufzugeben, und will ein ehrlicher Mann werden. So bleibe denn und laß Dich haͤngen, alter Pinſel! ſprack der Andre und eilte die Treppe hinab. Derjenige, den wir als einen beſonders thaͤ⸗ tigen Aufruͤhrer beſchrieben haben, neigte ſich in demſelben Augenblicke zu dem Ohre des jun⸗ gen Maͤdchens.„Fliehe, Effie, fliehe!“ war alles, was er ihr in der Eile zufliſtern konnte. Sie wandte ſich zu ihm mit einem Blicke, wor⸗ in Furcht, Zuneigung, und Vorwurf mit einer Art von betaͤubtem Erſtaunen kaͤmpften.„Fliehe, Effie, fliehe! wiederhohlte er: bei allem, was gut und Dir theuer iſt!“ Sie ſtarrte ihn noch einmahl an, aber un⸗ faͤhig, ihm zu antworten. Man hoͤrte nun ein lautes Geraͤuſch, und der Nahme Grete Wild⸗ feuer wurde mehrmahl unten an der Treppe gerufen. Ich komme, ich komme! ſprach die Geſtalt, 110 die auf jenen Nahmen zu antworten pflegte. „Um Gotteswillen— um deinetwillen und um meinetwillen, fliehe, oder ſie nehmen Dir das Leben!“ wiederhohlte ſie haſtig und enteilte. Das Maͤdchen ſah ihr einen Augenblick ſtier nach.„Lieber dein Leben verloren, dein guter Ruf iſt ja dahin!“ murmelte ſie leiſe, und den Kopf auf die Hand ſtuͤtzend, ſchien ſie, einer Bildſaͤule gleich, des Laͤrms und Getzſes um ſie her unbewußt zu ſein. Der Laͤrm war jetzt wieder vor dem Gefaͤng⸗ niſſe. Der Poͤbelſchwarm hatte das auserſehene Opfer heraus gebracht, und war im Begriff, es auf den Richtplatz zu fuͤhren, wo man es dem Tode weihen wollte. Der Anfuͤhrer, Wild⸗ feuer genannt, war durch das ungeduldige Ge⸗ ſchrei der Verbuͤndeten herbei gerufen worden, mit dem Zuge aufzubrechen. Ich will Euch fuͤnfhundert Pfund verſichern, ſprach der Ungluͤckliche, Wildfeuer's Hand er⸗ greifend: fuͤnfhundert Pfund, wenn Ihr mir das Leben rettet. Der Andre antwortete eben ſo leiſe, und erwiederte den Druck der Hand eben ſo krampf⸗ 111 haft:„Nicht fuͤnf Zentner gemuͤnzten Goldes wuͤrden Euch retten! Gedenkt an Wilſon!“ Nach einer tiefen Pauſe von einer Minute, ſetzte Wildfeuer gefaßiter hinzu:„Macht euern Frieden mit dem„Himmel. Wo iſt der Geiſt⸗ liche?“ Butler, der ſehr erſchrocken und geaͤngſtigt nicht weit vom Gefaͤngnißthore hatte verweilen muͤſſen, um den Erfolg der Unterſuchung des Kerkers abzuwarten, wurde nun herbei gefuͤhrt, und erhielt den Befehl, an des Gefangenen Seite voran zu gehen, u und ihn zum bevorſte⸗ henden Tode zu bereiten. Er antwortete mit der Bitte, die Meuter moͤchten ihr Vorhaben erſt bedenken.„Ihr ſeid weder Richter, noch Geſchworene, ſprach er. Ihr koͤnnt weder nach goͤttlichen, noch nach menſchlichen Geſetzen Ge⸗ walt haben, einem Mitmenſchen das Leben zu nehmen, und wenn er auch noch ſo ſehr des Todes ſchuldig waͤre. Wird es ſelbſt der recht⸗ maͤßigen Obrigkeit als Mord zugerechnet, wenn ſie einen Miſſethaͤter anders hinrichten laͤßt, als an dem Orte, zu der Zeit und auf die Weiſe, wie es ſein Urtheil verfuͤgt, welche Schuld wuͤr⸗ det Ihr auf Euch laſten, da Euch zu eurer Ein⸗ 112 miſchung nichts Vollmacht gibt, als euer eigner Wille? Im Nahmen Deſſen, der die Barm⸗ herzigkeit ſelbſt iſt, ſeid barmherzig gegen dieſen ungluͤcklichen Mann, und tauchet eure Haͤnde nicht in ſein Blut, ſtuͤrzt Euch nicht in daſſelbe Verbrechen, wofuͤr Ihr Rache nehmen wollet.“ Macht eure Predigt kurz— Ihr ſteht nicht auf eurer Kanzel, ſprach Einer von den Auf⸗ ruͤhrern.. Hoͤren wir mehr von eurem Geplapper, hob ein Andrer an: ſo koͤnnten wir Euch leicht ne⸗ ben ihm aufhaͤngen. Still! Ruhig! ſprach Wildfeuer. Thut em guten Manne nichts zu Leide. Er thut, was ſein Gewiſſen ihm vorſchreibt, und er gefaͤlltt mir darum deſto beſſer.— Wir haben Euch nun geduldig angehoͤrt, wandte er ſich alsdann zu Butler: aber ſtatt aller Antwort moͤget Ihr wiſſen, daß Ihr eben ſo gut die Steinmauern und Eiſengitter des Gefaͤngniſſes uͤberreden, als unſern Vorſatz erſchuͤttern koͤnntet. Blut ver⸗ langt Blut. Wir haben uns einander zuge⸗ ſchworen mit den ſchwerſten Eiden, daß Por⸗ teous des Todes ſterben ſoll, den er ſo reich⸗ lich verdient. Darum ſprecht nicht mehr mit 4 113 uns, und bereitet ihn zum Tode, ſo gut es die Kuͤrze der Zeit geſtattet. Man hatte dem ungluͤcklichen Porteous er⸗ laubt, Schlafrock und Pantoffeln anzuziehen, da er Rock und Schuhe abgelegt hatte, um die ver⸗ ſuchte Flucht durch den Schornſtein zu erleichtern⸗ In dieſem Anzuge nahmen ihn zwei Aufruͤhrer auf ihre Haͤnde, welche ſie dergeſtalt in einander geſchlungen hatten, daß ſie ein Koͤnigspol⸗ ſter bildeten, wie man's in Schottland nennt. Butler war dicht an ſeiner Seite, und wurde noch einmahl aufgefodert, eine Pflicht zu erfuͤl⸗ len, die ſtets fuͤr einen, des Nahmens wuͤrdigen Geiſtlichen ſehr peinlich iſt, und durch die beſon⸗ dern und furchtbaren Umſtaͤnde in dieſem Falle noch peinlicher ward. Porteous bat anfangs um Erbarmen, als er aber fand, daß er keine Ge⸗ waͤhrung hoffen durfte, wirkte die Gewoͤhnung, die er ſeiner kriegeriſchen Erziehung verdankte, ver⸗ einigt mit der natuͤrlichen Hartnaͤckigkeit ſeines Sinnes, ihn vor Kleinmuth zu bewahren. Seid Ihr zu dieſem furchtbaren Ende vorbe⸗ reitet? fragte Butler mit zitternder Stimme. O+ wendet Euch zu Dem, fuͤr welchen es weder Zeit noch Raum gibt, und wenige Minuten wie 9 5 8 114 ein Lebensalter ſind, und ein Lebensalter wie eine Minute. Ich glaube zu verſtehen, was Ihr ſagen wol⸗ let, erwiederte Porteous muͤrriſch. Ich wurde zum Soldaten erzogen. Wollen ſie mich vor der Zeit toͤdten, ſo moͤgen meine Suͤnden und mein Blut uͤber ſie kommen. Wer war es, ſprach Wildfeuer mit ſtrengem Tone: der auf eben dieſer Stelle zu Wilſon ſagte, als er bei dem quaͤlenden Drucke ſeiner Feſſeln nicht beten konnte, ſeine Schmerzen wuͤrden bald voruͤber ſein? Darum laßt Euch mit eurer eige⸗ nen Muͤnze bezahlen, und wenn Ihr von den Lehren dieſes guten Mannes keinen Nutzen ziehen koͤnnet, ſo tadelt Diejenigen nicht, die gegen Euch noch mehr Erbarmen haben, als Ihr an⸗ dern gezeigt habt. Der Zug ging nun mit langſamen und ent⸗ ſchloſſenen Schritten vorwaͤrts. Es leuchteten da⸗ bei viele lodernde Pechfackeln und Windlichter; denn die Aufruͤhrer wollten ſich ſo wenig den Schein einer Heimlichkeit geben, daß ſie ſogar die Blicke auf ſich ziehen zu wollen ſchienen. Die Hauptanfuͤhrer hielten ſich in der Naͤhe des Ge⸗ fangenen, deſſen todtenbleiche, aber unbiegſame 115 Zuͤge man deutlich beim Scheine des Fackellich⸗ tes erblickte, da er den Haufen, welcher ihn umdraͤngte, ziemlich uͤberragte. Diejenigen, die mit Schwertern, Flinten und Streitaͤxten bewaff⸗ net waren, gingen auf beiden Seiten, gleichſam eine Schutzwache des Zuges. Die Fenſter der Haͤuſer, an welchen der Haufen voruͤber zog, waren mit den Bewohnern beſetzt, welche die un⸗ gewoͤhnliche Stoͤrung aus dem Schlafe geweckt hatte. Einige Zuſchauer lieſſen leiſe Toͤne des Beifalls hoͤren, die Meiſten aber waren bei einem ſo ſeltſamen und verwegenen Schauſpiele ſo ſehr erſchrocken, daß ſie mit ſtummer Beſtuͤrzung zu⸗ ſahen. Niemand wagte die mindeſte Unterbre⸗ chung durch Handlungen, oder Worte. Die Aufruͤhrer zeigten fortwaͤhrend dieſelbe bedaͤchtige Zuverſicht und Sicherheit, die in ihrem ganzen Betragen ſichtbar geweſen war. Als Porte⸗ ous einen Pantoffel fallen ließ, machte man Halt, ſuchte ihn und legte ihn dem Gefangenen ſehr be⸗ daͤchtig wieder an. In der Bogenſtraße, die auf den unſeligen Platz hinab fuͤhrt, wo ſie ihre Ab⸗ ſicht vollfuͤhren wollten, wurde erinnert, daß ein Strick herbei geſchafft werden muͤßte. Man er⸗ brach in dieſer Abſicht die Bude eines Seilers, 8* 116 ſuchte einen paſſenden Strick aus, und am an⸗ dern Morgen fand der Eigenthuͤmer zur Verguͤt⸗ ung ein Goldſtuͤck auf ſeinem Ladentiſche; ſo ſorgfaͤltig bedacht waren die Utheber der verwege⸗ nen That, zu zeigen, daß ſie nicht die mindeſte Ungerechtigkeit, nicht die geringſte Verletzung der Geſetze im Sinne haͤtten, außer in ſo fern Por⸗ teous ſelber im Spiele war. Endlich kamen ſie mit dem Gegenſtande ihrer Rache, den ſie mit ſolcher Entſchiedenheit und Ordnung fuͤhrten, zum Hochgerichte, dem Schau⸗ platze ſeines Verbrechens, dem Orte, wo er lei⸗ den ſollte. Einige Aufruͤhrer, wenn man ſie nicht lieber Verſchwoͤrer nennen will, ſuchten den Stein wegzuraͤumen, der bei Errichtung des Gal⸗ gens zum Fußgeſtelle diente; Andre ſuchten Mit⸗ tel zur Erbauung eines einſtweiligen Galgens, da der Ort, wo das gewoͤhnliche Blutgeruͤſte ver⸗ wahrt wurde, zu veſt ſein ſollte, als daß man ihn ohne viel Zeitverluſt haͤtte erſtuͤrmen koͤnnen. Butler wollte den Aufſchub, den dieſe Umſtaͤnde herbei fuͤhrten, benutzen, um das Volk von dem ſchrecklichen Vorſatze abzuleiten.„Um Gottes⸗ willen, rief er: bedenket doch, es iſt das Eben⸗ bild eures Schoͤpfers, das Ihr in dieſem ungluͤck 117 lichen Manne verunſtalten wollt. Wie elend er iſt, und wie boͤſe er auch ſein mag, er hat doch Antheil an allen Verheißungen der Schrift, und Ihr koͤnnet ihn nicht in ſeiner Unbußfertigkeit vernichten, ohne ſeinen Nahmen im Buche des Lebens auszuloͤſchen. Verderbet nicht Seele und Leib, und gebt ihm Zeit zur Vorbereitung.“ Wie viel Zeit, erwiederte eine ſtrenge Stim⸗ me: gab denn er Denjenigen, die er auf eben dieſem Platze ermordete? Goͤttliche und menſch⸗ liche Geſetze fodern ſeinen Tod. Aber, meine Freunde, ſprach Butler weiter, mit edler Gleichgiltigkeit gegen ſeine eigene Si⸗ cherheit: wer hat Euch zu ſeinen Richtern beſtellt? Wir ſind nicht ſeine Richter, antwortete die⸗ ſelbe Stimme. Er iſt ſchon gerichtet und verur⸗ theilt durch die geſetzmaͤßige Gewalt. Wir ſind es, die der Himmel und unſer gerechter Zorn aufgerufen haben, den Urtheilſpruch zu vollſtrek⸗ ken, als eine verderbte Regierung einen Moͤrder beſchuͤtzen wollte. Ich bin keiner, ſprach der unglüͤckliche Por⸗ teous: was Ihr mir vorwerft, geſchah zur Selbſt⸗ vertheidigung bei der rechtmaͤßigen Erfuͤllung mei⸗ ner Amtspflicht. 118 Fort mit ihm! fort mit ihm! war das allge⸗ meine Geſchrei. Warum verſchwendet Ihr die Zeit, einen Galgen zu errichten? Der Faͤrber⸗ pfahl dort iſt gut genug fuͤr den Moͤrder. Der Ungluͤckliche ward mit unbarmherziger Haſt zu ſeinem Schickſale fortgeriſſen. Butler, durch das Gedraͤnge von ihm getrennt, entgug dem entſetzlichen Anblicke der letzten Kaͤmpfe des Leidenden. Unbemerkt von den Aufruͤhrern, die ihn zeither als einen Gefangenen bewacht hatten, entfloh er dem unſeligen Orte, ohne darauf zu achten, welche Richtung er naͤhme. Ein lautes Geſchrei verkuͤndete die grauſame Freude, welche die Vollziehung der That den Urhebern gab. Am Eingange der Cowgate⸗Straße warf Butler einen erſchrockenen Blick zuruͤck, und bei dem dunkel⸗ rothen Schein der Fackeln ſah er eine ſchwankende, ſich ſtraͤubende Geſtalt hoch uͤber den Koͤpfen der Menge aufgehaͤngt. Dieſer Anblick mußte ſein Entſetzen erhoͤhen, und ſeine Flucht befluͤgeln. Die Straße, die er hinab eilte, fuͤhrt zu einem der oͤſtlichen Stadtthore. Butler lief, ohne zu verweilen, bis er es erreicht hatte, fand es aber noch verſchloſſen. Er wartete ungefaͤhr eine Stunde, und ging in unausſprechlicher Unruhe auf und 119 nieder. Endlich wagte er es, zu rufen, und weckte die Aufmerkſamkeit der erſchrockenen Thor⸗ waͤrter, die nun wieder die Freiheit hatten, ihr Amt ungeſtoͤrt zu verſehen. Butler bat ſie, ihm das Thor zu oͤffnen. Sie zoͤgerten. Er nannte Nahmen und Stand. Er iſt ein Prediger, ſprach Einer. Ich habe ihn in Haddoshole predigen hoͤren. Bei einer ſchoͤnen Predigt mag er heute Nacht geweſen ſein! erwiederte ein Andrer. Doch— je weniger man davon ſagt, deſto weniger hat man zu verantworten. Die Waͤrter oͤffneten das Pfoͤrtchen in einem Thorfluͤgel, und ließen Butler hinaus, der nun eilte, um mit ſeinem Schrecken und ſeiner Furcht aus den Mauern von Edinburgh zu kommen. Sein erſter Vorſatz war, ſogleich den Weg nach ſeiner Heimath zu nehmen; aber andre bange Beſorgniſſe, welche durch die, an dieſem merk⸗ wuͤrdigen Tage erfahrenen Nachrichten in ihm waren erweckt worden, bewogen ihn, in der Naͤhe von Edinburgh bis zu Tagesanbruche zu verwei⸗ len. Es gingen mehre Haufen von Menſchen vorüͤber, waͤhrend er die noch uͤbrigen Stunden der naͤchtlichen Dunkelheit ſich vertrieb, und der 120 unterdruͤckte Ton ihrer Stimmen, die ungewoͤhn⸗ liche Zeit ihrer Wanderung und ihre haſtigen Schritte, verriethen ihm, daß ſie Antheil an dem unſeligen Vorgange gehabt hatten. Die ploͤtzliche und gaͤnzliche Zerſtreuung der Aufruͤhrer, gleich nach der Vollziehung des rach⸗ ſuͤchtigen Anſchlages, war nicht die geringſte Merk⸗ wuͤrdigkeit bei dieſem ſonderbaren Ereigniſſe. Was auch anfaͤnglich einen Poͤbelſchwarm aufgeregt haben mag, die Erreichung ſeiner Abſichten bahnt gewoͤhnlich nur den Weg zu weitern Ausſchwei⸗ fungen. Nicht ſo hier. Die Rache, welche die Aufruͤhrer mit ſo viel Standhaftigkeit und kluger Thaͤtigkeit verfolgt hatten, ſchien ſie vollkommen geſaͤttigt zu haben Als ſie von dem Tode ihres Schlachtopfers uͤberzeugt waren, zerſtreuten ſie ſich nach allen Richtungen, und warfen die Waf⸗ fen weg, welche ſie nur zur Ausfuͤhrung ihres Vorſatzes ergriffen hatten. Bei Tagesanbruche ſah man durchaus kein anderes Zeichen von den Ereigniſſen der verfloſſenen Nacht, als den Leich⸗ nam des Ermordeten, der noch auf dem Richt⸗ platze hing, und die Waffen verſchiedener Art, welche die Meuter aus der Stadtwache genom⸗ men hatten, und die nun zerſtreut in den Stra⸗ 121 ßen lagen, wie ſie nach der Ausfuͤhrung des Un⸗ ternehmens waren zuruͤck gelaſſen worden. Die Stadtobrigkeit trat wieder in ihr Anſe⸗ hen, jedoch nicht ohne Beſorgniß, nach der eben gemachten Erfahrung von der Schwaͤche ihrer Gewalt. Sie gab die erſten Zeichen ihrer wie⸗ derkehrenden Staͤrke, als ſie Kriegsvoͤlker in die Stadt zog, und eine Unterſuchung uͤber die Vorfaͤlle der letzten Nacht einleitete. Man hatte ſich jedoch bei jenen Vorgaͤngen durch einen wohl berechneten und heimlich angelegten Plan ſo gut geſichert, daß ſich wenig oder nichts erfahren ließ, was auf die Urheber, oder die Hauptanfuͤhrer des verwegenen Unternehmens Licht haͤtte werfen koͤnnen. Man ſchickte einen Eilboten mit der Nachricht nach London, wo ſie lebhaften Unwil⸗ len und Erſtaunen unter den Machthabern, und beſonders bei der Koͤniginn Karoline erregte, welche den gluͤcklichen Erfolg jener ſeltſamen Verſchwoͤr⸗ ung als eine Beleidigung ihres Anſehens betrach⸗ tete. Man ſprach eine Zeitlang von nichts, als von den raͤchenden Maßregeln, die ſowohl gegen die Urheber der ſchrecklichen That, ſobald man ſie entdeckt haben wuͤrde, als auch gegen die Stadt⸗ beamten, welche ſie hatten geſchehen laſſen, und . 122 gegen die Stadt, wo ſie vorgefallen war, ergrif⸗ fen werden ſollten. Es lebt noch im Munde des Volkes, wie die Koͤniginn bei dieſer Gelegenheit in der Aufwallung ihres Unmuthes zu dem be⸗ ruͤhmten Herzog Johann von Argyle ſagte, ſie wollte, ehe ſie eine ſolche Beleidigung ertruͤge, Schottland lieber zu einer Wildbahn machen. „Wenn das iſt, gnaͤdigſte Frau, erwiederte der hochherzige Mann, mit einer tiefen Verbeugung: ſo will ich mich bei Eurer Majeſtaͤt beurlauben, und in mein Vaterland gehen, um meine Jagd⸗ hunde bereit zu halten.„ Die Bedeutung der Antwort war nicht im Ohre verklungen, und da die meiſten Edelleute Schottlands von gleichem Vaterlandſinne belebt zu ſein ſchienen, ſo mußte der Unwille der Koͤni⸗ ginn mitten in ſeinem Fluge gehemmt werden, und es wurden mildere Maßregeln empfohlen und befolgt, deren wir ſpaͤterhin zum Theil zu erwaͤh⸗ nen, Gelegenheit haben werden. — 123 VI. Es ſei mein Bett auf Arthur's Sitz, Mein Lager nackt und hart; Sankt Anton's Born ſtillt meinen Durſt, Seit Liebchen treulos ward. Altes Lied. Sollte ich mir einen Platz waͤhlen, der zur Be⸗ trachtung der aufgehenden, oder untergehenden Sonne am guͤnſtigſten waͤre, ſo wuͤrde es jener wild anmuthige Pfad ſein, der ſich um den Fuß des hohen halbkreisfoͤrmigen Felſenguͤrtels, der Salisbury⸗Felſen, windet, und den Rand des ſteilen Abſturzes bildet, welcher ſich in das Thal ſuͤdoͤſtlich von Edinburgh ſenkt. Die Ausſicht umfaßt eine gedraͤngte hoch gethuͤrmte Stadt, die ſich unten in einer Geſtalt ausdehnt, worin eine lebhafte Fantaſie das Bild eines Drachen finden koͤnnte; hier ein praͤchtiger Seearm, mit 124 ſeinen Felſen, Eilanden, und fernen, von Ge⸗ birgen begraͤnzten Geſtaden und dort ein ſchoͤnes, fruchtbares Gelaͤnde, mit Huͤgeln, Thaͤlern und Felſen abwechſelnd, und von der mahleriſch man⸗ nigfaltigen Reihe der Pentland⸗Berge umguͤrtet. Auf dem Pfade aber, der ſich ſanft um die Grundflaͤche der Felſen dreht, wird die Ausſicht bei jedem Schritte verwandelt, waͤhrend die be⸗ zaubernden und erhabenen Gegenſtaͤnde, welche ſie umfaßt, bald in einander fließend, bald von ein⸗ ander getrennt, in aller moͤglichen Mannigfal⸗ tigkeit erſcheinen, die das Auge und die Fanta⸗ ſie erfreuen kann. Wenn eine ſo ſchoͤne und doch ſo mannigfaltige Landſchaft, die bei aller, die Neugier reizenden Verwickelung doch ſo erha⸗ ben iſt, durch den Farbenglanz der aufgehenden, oder untergehenden Sonne beleuchtet wird, und jene Mannigfaltigkeit tiefer Schatten, mit ein⸗ zelnen Lichtern abwechſelnd, uns zeigt, welche der matteſten Landſchaft Ausdruck gibt, ſo iſt die Wirkung noch bezaubernder. Dieſer Pfad, einſt mein Lieblingsgang, wenn ich Abends und Morgens mit einem mir werth gewordenen Schriftſteller, oder einem neuen Gegenſtande der Forſchung beſchaͤftigt war, ſoll nun faſt unzu⸗ 125 gaͤnglich geworden ſein, ein Umſtand, welcher, wenn er wahr iſt, dem Geſchmack der guten Stadt, oder ihrer Haͤupter nicht viel Ehre macht. Auf dieſem bezaubernden Wege— wo ich in der Zeit, als das Leben noch jung war und gluͤcklich zu werden verſprach, mich ſo oft in ſuͤßes Sinnen verloren habe, daß ich der Verſu⸗ chung nicht widerſtehen konnte, eine Beſchrei⸗ bung davon einzuflechten— auf dieſem anmu⸗ thigen Wege ſah Butler an dem Morgen nach der Ermordung des ungluͤcklichen Porteous die Sonne aufgehen. Er haͤtte leicht einen weit naͤheren Weg zu dem Hauſe finden koͤnnen, wo⸗ hin er gehen wollte, und nahm allerdings einen großen Umweg; aber um Faſſung fuͤr ſein Ge⸗ muͤth zu finden und die Zeit hinzubringen bis zu einer ſchicklichen Stunde, wo er ſeine Freunde ohne Ueberraſchung und Stoͤrung beſuchen konn⸗ te, ließ er ſich verleiten, ſeinen Umweg am Fuße des Felſens zu verlaͤngern, und auf ſeinem Pfa⸗ de zu zoͤgern, bis der Morgen weiter vorgeruͤckt waͤre. Bald ſtand er mit verſchlungenen Armen, und ſah dem langſamen Fortſchritte der Sonne am Himmelsbogen zu, bald ſaß er auf einem der vielen Bloͤcke, welche Stuͤrme von den Fel⸗ 126 ſen uͤber ihm abgeriſſen hatten, und waͤhrend er abwechſelnd die ſchrecklichen Begebenheiten, wo⸗ von er Zeuge geweſen war, und die traurige, ihn ſo nahe angehende Nachricht erwog, die er in Sat⸗ telbaums Hauſe erfahren hatte, wollen wir un⸗ ſern Leſern ſagen, wer Butler iſt, und wie ſein Loos mit dem Schickſale der ungluͤcklichen Effie Deans, des Dienſtmaͤdchens der ſorgſamen Frau Sattelbaum, verflochten war, Ruben Butler war von engliſcher Herkunft, aber in Schottland geboren. Sein Großvater war Reiter in Monk's Heerhaufen, und einer jener unberittenen Dragoner, die den verlorenen Poſten bei der Erſtuͤrmung von Dundee im Jah⸗ re 1651 ausmachten. Steffen Butler— von ſeiner Geſchicklichkeit im Leſen und Erklaͤren der Schrift, Bibel⸗Butler, oder Schrift⸗Steffen genant— war ein ſtandhafter Independent*) und nahm die Verheißung, daß die Heiligen die Erde erben ſollen, in der volleſten Bedeutung an. Bei der Vertheilung des gemeinſamen Eigen⸗ *) Diejenige, zur Zeit der engliſchen Republik ent⸗ ſtandene Kirchenpartei, welche keine Kirchenge⸗ walt anerkannte. L. 127 thumes waren ihm zeither meiſt nur harte Stoͤße zugefallen, und er ließ ſich nun die Gelegenheit nicht entgehen, welche ſich bei der Erſtuͤrmung und Pluͤnderung einer Handelſtadt ihm darbot, ſich ſo viel von den beßern Dingen dieſer Welt zuzueignen, als er moͤglicher Weiſe erlangen konn⸗ te. Er ſcheint daben ziemlich gluͤcklich geweſen zu ſein, da ſeine aͤußere Lage nach jenem Ereigniſſe ein weit vortheilhafteres Anſehen gewann. Die Reiter, wozu er gehoͤrte, lagen im Dor⸗ fe Dalkeith, die Leibwache ihres Anfuͤhrers Monk, der als Feldherr des Freiſtaats in einem benach⸗ barten Schloſſe wohnte. Als kurz vor der Wie⸗ derherſtellung der Koͤnigswuͤrde, der Feldherr ſich zu ſeinem Heereszuge aus Schottland, dieſer fol⸗ genreichen Maßregel, ruͤſtete, gab er ſeinen Kriegsvoͤlkern, beſonders denjenigen, die zu ſeiner Leibwache gehoͤrten, eine neue Einrichtung. Bei dieſer Gelegenheit wurde Schrift⸗Steffen in der Wage gewogen, und zu leicht gefunden. Man glaubte, daß er keinen Beruf zu einer Unterneh⸗ mung fuͤhlte, welche die Herrſchaft der Kriegs⸗ heiligen gefaͤhrden konnte, und daß ſein Gewiſſen ihm nicht erlaubte, es mit einer Partei zu halten, die ſich am Ende fuͤr Karl Stuart erklaͤren moͤch⸗ 128 te, fuͤr den Sohn des letzten Menſchen, wie Karl der Erſte von Jenen unehrerbietig in gewoͤhnli⸗ cher Rede ſowohl, als in ausgearbeiteten Vortraͤ⸗ gen und Predigten genannt wurde. Die Zeit⸗ umſtaͤnde erlaubten es nicht, ſolche Andersden⸗ kende abzudanken, und Bibel⸗Butler erhielt nur den freundlichen Rath, ſein Pferd und ſein Zeug einem alten Reiter aus Middleton's Heerhaufen zu uͤberliefern, der ein geſchmeidigeres Gewiſſen voon Kriegerart beſaß, das ſich meiſt nach den Anſichten des Oberſten und des Zahlmeiſters rich⸗ tete. Eine gewiſſe Summe eben zahlbarer Ruͤck⸗ ſtaͤnde empfahl den Wink; Steffen hatte fleiſch⸗ liche Weisheit genug, den Vorſchlag anzuneh⸗ men, und mit großer Gleichgiltigkeit ſah er ſeine ehemaligen Waffenbruͤder ſeitwaͤrts nach Cold⸗ ſtream ziehen, um Englands wankende Herr⸗ ſchaft neu zu gruͤnden. Der Guͤrtel des verabſchiedeten Reiters war ſo ſchwer, daß er ſich eine Huͤtte und einige Aek⸗ ker, noch immer Beerſheba genannt, zu kaufen im Stande war, kaum eine Stunde Weges von Dalkeith entfernt. Steffen ſiedelte ſich hier mit einer jungen Gefaͤhrtinn an, die aus jenem Dorfe ſtammte, und ſo viel auf ein gemaͤchliches Leben — 129 dieſſeit des Grabes hielt, daß ſie ſich mit dem rau⸗ hen Benehmen, der ernſten Stimmung und den, gebraͤunten Zuͤgen des kriegeriſchen Schwaͤrmers verſoͤhnte. Stephan uͤberlebte nicht lange die An⸗ kunft boͤſer Tage und boͤſer Zungen, woruͤber Milton, in gleicher Lage,*) ſo traurig klagt. Sein Tod machte ſeine Ehehaͤlfte zu einer fruͤhen Witwe mit einem dreijaͤhrigen Knaben, der durch die ernſte Haltung ſeines Benehmens, ſeine alt⸗ fraͤnkiſchen, faſt grimmigen Zuͤge und ſeinen ſpruchreichen Ausdruck, die Ehre der Witwe von Beerſheba hinlaͤnglich gerechtfertigt haben wuͤrde, wenn es Jemanden eingefallen waͤre, die Ab⸗ kunft des Knaben von Bibel⸗Butler in Zweifel zu ziehen. Butlers Grundſaͤtze waren weder auf ſeine Nachkommenſchaft uͤbergegangen, noch unter ſei⸗ nen Nachbarn ausgebreitet worden, denn die Luft von Schottland war dem Gedeihen der Indepen⸗ denten abhold, wie ſehr ſie auch ſonſt die Schwaͤr⸗ merei unter anderen Farben beguͤnſtigen mag. *) Er hatte mit ſeiner Beredtſamkeit die Freiheiten des Volkes und der Republik verfochten, und nende nach der Herſtellung des Koͤnigthums ver⸗ olgt. L.. 9 Sie wurden aber keineswegs vergeſſen. Ein ge⸗ wiſſer adeliger Nachbar, der ſich in den ſchlimm⸗ ſten Zeiten*) etwas mit ſeinen koͤnigiſchen Grund⸗ ſaͤtzen wußte, wiewohl ſie ihn, dem Vernehmen nach, nie einer andern Gefahr, als einer Tracht Pruͤgel, oder einem Nachtlager auf der Haupt⸗ wache ausſetzten, wenn Wein und Koͤnigthum in ſeinem Oberſtuͤbchen vorherrſchten, hatte es paſſend gefunden, alle Beſchuldigungen gegen den verſtorbenen Stephan aufzuruͤhren. In der Auf⸗ zaͤhlung derſelben war von Stephans Glaubens⸗ grundſaͤtzen nicht wenig die Rede, und ſie muß⸗ ten freilich einem Manne, deſſen eigene ſo gering und ſchwach ſich zeigten, daß ſie faſt unmerkbar waren, hoͤchſt graͤßlich vorkommen. Unter die⸗ ſen Umſtaͤnden wurde die arme Witwe Butler mit Geldbußen fuͤr Abweichung von der herrſchenden Kirche und mit allen andern Plackereien jener Zeit reichlich bedacht, bis ihr endlich das Guͤtchen Beerſheba voͤllig aus den Haͤnden gewunden, und das Eigenthum des Edelmannes geworden war, der die arme verlaſſene Witwe ſo muthwillig, we b Jedermann meinte, verfolgt hatte. Als nun *) Unter Cromwell's Herrſchaft. 131 ſein Vorſatz erreicht war, zeigte er ein wenig Ge⸗ wiſſenhaftigkeit, oder Maͤßigung, oder wie man es ſonſt nennen will, indem er ihr erlaubte, in ihres Mannes Huͤtte zu bleiben, und das um⸗ liegende Feld unter nicht allzu druͤckenden Bedin⸗ gungen anzubauen. Ihr Sohn Benjamin wuchs indeß zum Manne heran, und nach dem Antriebe, der die Leute zum Heirathen bringt, ſelbſt wenn nichts als Verewigung des Elends dabei heraus kommen kann, gelangte er zu einem Weibe und endlich zu einem Sohne, Ruben, um mit ihnen die Armuth von Beerſheba zu theilen. Der Gutsherr von Dumbiedikes war zeither maͤßig in ſeinen Erpreſſungen geweſen, weil er ſich vermuthlich geſchaͤmt hatte, die armſeligen Mittel, die der Witwe Butler zu ihrem Unter⸗ halt uͤbrig blieben, zu ſchwer zu belaſten; als aber ein ruͤſtiger und thaͤtiger junger Mann die erwaͤhnten Felder bearbeitete, kam der Gutsherr auf den Gedanken, ſo breite Schultern koͤnnten ſchon eine Laſt mehr tragen. Er behandelte ſeine Hinterſaſſen, deren zum Gluͤck nur wenige wa⸗ ren, ziemlich nach dem Beiſpiele der Kaͤrner, die er in den benachbarten Kohlengruben aufladen ſah, und die nie ermangelten, ein Paar Zent⸗ 9* 132 ner mehr aufzuwerfen, ſo bald ſie auf irgend eine Art ein neues Pferd erworben hatten, das etwas mehr Staͤrke beſaß, als das am vorigen Tage gefallene Thier. Dem Gutsherrn kam nichts billiger vor, und er bedachte nicht, daß man darin zu weit gehen, und leicht um Pferd, Karren und Ladung kommen kann. So geſchah es, als von Benjamin Butler die vermehrten Leiſtungen gefodert wurden. Er war ein Mann von wenigen Worten und wenigen Gedanken, aber er liebte Beerſheba mit einer Anhaͤnglichkeit, wie eine Pflanze den Boden, worein ſie zufaͤllig verſetzt worden iſt, und ohne daß er dem Guts⸗ herrn Gegenvorſtellungen gemacht, oder ihm zu entgehen geſucht haͤtte, arbeitete er Tag und Nacht, um die Bedingungen des Arbeitvogts zu erfuͤl⸗ len, bis er in ein hitziges Fieber fiel und ſtarb. Seine Frau uͤberlebte ihn nicht lange, und als waͤre eine verwaiſete Jugend das Loos ſeiner An⸗ gehoͤrigen geweſen, ſah ſich unſer Ruben Butler um das Jahr 1704 in derſelben Lage, worin ſich ſein Vater befunden hatte, und gleichfalls unter der Vormundſchaft ſeiner Großmutter, der alten Reiterswitwe. Gleiches Elend drohte einem andern Pachter 33 des hartherzigen Gutsherrn. Es war ein zaͤher, echter Presbyterianer, Nahmens Deans, welcher wegen ſeiner Grundſaͤtze uͤber Kirche und Staat, dem Gutsherrn hoͤchlich zuwider war, ſich aber im ungeſtoͤrten Beſitze ſeiner Laͤndereien behaup⸗ tete, da er alle Gefaͤlle, Zinſen und ſaͤmmtliche, jetzt in Geldabgaben verwandelte, Leiſtungen re⸗ gelmaͤßig entrichtete. Die Mangeljahre 1700 und 1701 aber, deren man ſich in Schottland lange erinnerte, beugten das ſtolze Herz des frei⸗ ſinnigen Landmannes. Vorladungen vom Rent⸗ meiſter, gerichtliche Entſcheidungen, Beſchlag⸗ nahmen, Pfändungen— flogen ihm ſo ſchnell um die Ohren, als die Kugeln der Koͤnigsfreunde um die Verfechter des Glaubensbundes bei Pent⸗ land, an der Bothwell⸗Bruͤcke oder bei Aird⸗ moß*) pfiffen. Wie der gelaſſene David Deans ſich auch wehren mochte, und er wehrte ſich tap⸗ fer, er wurde doch ſo ſehr gehetzt, daß er endlich, um die Zeit, wo Benjamin Butler ſtarb, in den Haͤnden ſeines gierigen Gutsherrn war. Man hatte das Schickſal beider Pachter geahnet, aber ²) Beruͤhmte Schlachtfelder in den Kriegen gegen die Presbyterianer im 17. Jahrhundert. L. 134 ein zufaͤlliger Umſtand vereitelte die Weiſſagung, ſie wuͤrden ſich an den Bettelſtab und ins Ver⸗ derben gebracht ſehen.— 1 8⁴ An demſelben Tage, wo ſie ausgeworfen wer⸗ den ſollten, und jeder Nachbar zum Mitleid, aber Niemand zum Beiſtande bereit war, erhielt der Pfarrer des Kirchſpiels und ein Arzt in Edin⸗⸗ burgh eine eilige Einladung zu dem Gutsherrn von Dumbiedikes. Beide waren erſtaunt, da ſeine Verachtung gegen Geiſtliche und Aerzte ſein Lieblingsgeſpraͤch bei jeder außerordentlichen Fla⸗ ſche, das heißt, wenigſtens einmahl taͤglich, ge⸗ weſen war. Die Aerzte fuͤr Seele und Leib ſtie⸗ gen faſt zu gleicher Zeit in dem Hofe des kleinen alten Herrnhauſes ab, und als ſie ſich mit eini⸗ ger Verwunderung angeſehen hatten, aͤußerten ſie in einem Athem ihre Ueberzeugung, der Guts⸗ herr muͤßte wirklich ſehr krank ſein, da er ſie beide auf einmahl zu ſich beſchieden haͤtte. Ehe der Diener ſie in's Zimmer fuͤhren konnte, wurde die Geſellſchaft durch einen Rechtsgelehrten, Herrn Novit, vermehrt, der ſich Landgerichts⸗Proku⸗ rator nannte. Der Rechtsmann wurde zuerſt in des Gutsherrn Zimmer gerufen, wohin man nach * 135 einiger Zeit auch den Seelenpfleger und den Arzt beſchied. Dumbiedikes war unterdeſſen in das beßte Schlafzimmer gebracht worden, das nur bei To⸗ desfaͤllen und Vermaͤhlungen gebraucht ward, und von jener erſten Beſtimmung das Sterbezimmer hieß. Man ſah hier, außer dem Kranken und dem Rechtsgelehrten, noch den Sohn und Erben des Gutsherrn, einen langen, gimpelhaft und albern ausſehenden Jungen von vierzehn bis funf⸗ zehn Jahren, und eine Haushaͤlterinn, ein gutes flinkes Weibchen, zwiſchen vierzig und funfzig Jahren, die ſeit dem Tode der Edelfrau in Dum⸗ biedikes die Schluͤſſel gehabt und die Wirthſchaft gefuͤhrt hatte. Zu dieſen Umſtehenden wandte ſich der Gutsherr ungefaͤhr mit folgenden Wor⸗ ten, da weltliche und geiſtliche Angelegenheiten, die Sorge fuͤr ſeine Geſundheit und ſeine Ge⸗ ſchaͤfte, wunderlich genug in einem Kopfe zuſam⸗ men geworfen waren, der nie zu den helleſten gehoͤrt hatte. Das iſt eine boͤſe Zeit fuͤr mich, Ihr Her⸗ ren und Nachbarn, hob er an. Wohl ſo ſchlimm, als Anno Neun und achtzig, wo ſie mir ſo hart zu Leibe gingen. Sie thaten mir zu viel— ich 136 ſollte ein Papiſt ſein— aber ich habe in meinem Leben nicht ſoviel von einem Papiſten an mir gehabt, Paſtor.— Laß Dir's eine Warnung ſein, Hans! Das iſt eine Schuld, die muͤſſen wir Alle bezahlen, und da ſteht Novit, der kann Dir ſagen, ich hab' in meinem Leben nicht gern Schul⸗ den bezahlt— Herr Novit, vergeßt mir nicht, den faͤlligen Jahrzins einzutreiben. Wenn ich andern Leuten bezahle, was ich ſchuldig bin, ſo ſollen ſie mich auch bezahlen— wie ich Dir, ſo Du mir!— Hans, wenn Du ſonſt nichts zu thun haſt, ſo pflanze einen Baum, der waͤchſt auch, wenn Du ſchlaͤfſt, Hans. Das ſagte mir mein Vater vor vierzig Jahren„aber ich habe nie Zeit gehabt, daran zu denken— Hans, trinke fruͤh keinen Branntwein, das greift den Magen zu ſehr an; mußt Du ein Schluͤckchen nehmen, ſo trinke Wunderwaſſer, das weiß die Hanne hier gut zu machen— Doctor, der Athem wird mir ſo ſchwer, wie einem engbruͤſtigen Pfei⸗ fer, der vier und zwanzig Stunden auf einer Dorfhochzeit geſpielt hat— Hanne, lege mir das Kopfkiſſen zurecht— aber es hilft ja doch nichts!— Pfarrer, koͤnnt Ihr denn nicht ein Stuͤckchen von einem kurzen Gebet herplappern; 137 es wuͤrde mir vielleicht gut thun, und mir wun⸗ derliche Gedanken aus dem Kopfe treiben, Sagt doch was! 3 Ich kann ein Gebet nicht gebrauchen, wie ein Wiegenlied, erwiederte der wackre Geiſtliche. Soll eure Seele erloͤſet ſein, wie eine Beute vom Vogelſteller, ſo muͤßt Ihr mir den Zuſtand eures Gemuͤthes zeigen..— Und ſolltet Ihr den nicht kennen, ohne daß ich's Euch ſage? ſprach der Kranke. Warum hab' ich ſeit Anno Neun und achtzig Beſoldung und Zehnten fuͤr Pfarrer und Subſtitut gegeben, wenn ich nicht einmahl einen Gebetſegen dafuͤr haben kann, das einzige Mahl in meinem Leben, wo ich ihn verlange! Geht mir mit eurer Frei⸗ heiterei*), wenn Ihr ſonſt nichts wißt. Der alte Pfarrer Kiltſtoup haͤtte mir in der Zeit das halbe Gebetbuch vorgeleſen— Fort mit Euch!— Doctor, laßt ſehen, ob Ihr was beſſeres fuͤr mich thun koͤnnt. Der Arzt, der mittlerweile bei der Haushaͤl⸗ terinn uͤber den Zuſtand des Kranken Erkundi⸗ gungen eingezogen hatte, gab ihm die Verſiche⸗ ») NMan erlaube dieſe Wortbildung hier fuͤr Whig⸗ gism. L. 138 rung, die Heilkunde koͤnnte ſein Leben nicht um viele Stunden verlaͤngern. Dann hohle der Teufel den Pfaffen und Euch bazu! rief wuͤthend der ſtarrkoͤpfige Kranke. Kommt Ihr nur her, um mir zu ſagen, daß Ihr mir nicht aus der Klemme helfen koͤnnt? Schaffe ſie hinaus, Hanne— aus dem Hauſe! Und Hans, meinen Fluch geb' ich Dir, und den Cromwells⸗ Fluch, wenn Du ihnen Gebuͤhren, oder ein Trink⸗ geld gibſt— auch nicht das Geringſte! Der Geiſtliche und der Arzt gingen eilig hin⸗ aus, waͤhrend Dumdiedikes einen jener Anfälle bekam, worin er ſich in Verwuͤnſchungen und Laͤſterungen ergoß.„Bring' mir die Brannt⸗ weinflaſche, Hanne! rief er mit einer Stimme, worin der Zorn mit dem Schmerze kaͤmpfte. Ich kann ſterben, wie ich gelebt habe, ohne mich um ſolche Leute zu kuͤmmern. Aber da iſt etwas— fuhr er mit ſchwaͤcherer Stimme fort— etwas Schreckliches, das liegt mir ſchwer auf dem Her⸗ zen, und ein ganzer Anker Branntwein koͤnnt' es nicht wegſpuͤlen. Deans in Woodend— Ich hab' ihnen das Gut in Beſchlag genommen in der theuren Zeit, und nun ſie hinaus ſollen, muͤſ⸗ ſen ſie umkommen. Und die alte Reitersfrau 3 1 139 und ihr Junge in Beerſheba— umkommen muͤſſen ſie— umkommeu! Sieh' doch hinaus, Hans, was iſt's fuͤr Wetter. Viel Schnee, Vater! erwiederte Hans, als ermit großer Gemuͤthsruhe aus dem Fenſter geſehen hatte. Sie werden umkommen im Schnee, ſprach der ſterbende Suͤnder: umkommen vor Kaͤlte. Aber mir wird heiß genug ſein, wenn's wahr iſt, was man ſagt. Dieſe letzte Bemerkung ward leiſe geſprochen, in einem Tone, wobei ſelbſt der Rechtsmann ſchauderte. Er verſuchte es, vermuthlich zum Er⸗ ſtenmahl in ſeinem Leben, einen geiſtlichen Rath zu geben, und empfahl, als ein beruhigendes Mittel fuͤr die Gewiſſensqual des Gutsherrn, Ver⸗ guͤtung fuͤr das, den Bedraͤngten zugefuͤgte Un⸗ recht, welche, nach ſeiner beilaͤufigen Bemerkung, im buͤrgerlichen Rechte restitutio in integrum hieße. Der Geiz aber kaͤmpfte mit der Reue um die Herrſchaft in einer Bruſt, wo er ſo lange gewohnt hatte, wie ein alter Tyrann ſeinen auf⸗ ruͤhriſchen Unterthanen oft zu maͤchtig iſt. Ich kann's nicht, ſprach er mit dem Tone der Verzweiflung. Ich haͤtte den Tod davon, wenn ich's thaͤte— Wie koͤnnt Ihr mir ſagen, 140 ich ſoll das Geld zuruͤck geben? Ihr wißt ja, wie noͤthig ich's habe. Beerſheba ſollt' ich abge⸗ ben, das mir ſo gelegen liegt? Die Natur hat's gewollt, Beerſheba und Dumbiedikes ſollten ei⸗ nem Herrn gehoͤren— Sie hat— Novit— Ich haͤtte den Tod davon, wenn ich's abgeben wollte. Aber Ihr muͤßt ja ſterben, gnaͤdiger Herr, Ihr moͤgt's thun, oder laſſen, erwiederte Novit⸗ Und vielleicht koͤnntet Ihr leichter ſterben. Es kommt ja nur auf eine Probe an. Ich kann die Schrift daruͤber ſogleich aufſetzen. Sprecht nicht davon, Novit, oder ich ſchmeiße Euch den Krug an den Kopf.— Aber Du ſtehſt, Hans, was fuͤr Noth mir weltliche Dinge auf dem Todesbette machen— Sei guͤtig gegen die armen Leute, den Deans und die Butler— ſei guͤtig gegen ſie, Hans. Laß Du Dich von der Welt nicht zu ſehr einnehmen, Hans— Aber halte das Deinige zuſammen und gib Beer⸗ ſheba in keinem Falle aus den Haͤnden. Laß die Leute gegen maͤßigen Zins ſitzen, und ihr Bischen Brod haben; vielleicht wird's auch fuͤr deinen Vater beſſer ſein, an dem Orte, wo er hingeht, lieber Junge. 3 Nach dieſen widerſprechenden Ermahnungen 141 fuͤhlte der Gutsherr ſeine Seele ſo leicht, daß er drei Becher voll Branntwein nach einander aus⸗ trank, und wie Hanne ſagte, ſtieß er den letz⸗ ten Athem aus, als er eben ſingen wollte:„Den Pfarrrer ſoll der Henker hohlen.“ Sein Tod hatte guͤnſtige Folgen fuͤr die bei⸗ den ungluͤcklichen Familien. Hans Dumbiedikes war zwar auch karg und eigennuͤtzig genug, aber er hatte doch nicht die Habgier und Thaͤtigkeit ſeines Vaters, und ſein Vormund war zum Gluͤck auch der Meinung, daß die Ermahnung des ſter⸗ benden Vaters geachtet werden muͤßte. Die Pachter wurden nun nicht ausgeworfen, und ſie erhielten ſo viel, daß ſie ſich Buttermilch und Erbſenmehlkuchen verſchaffen konnten. Woodend, die Wohnung des ehrlichen Deans, lag nicht weit von Beerſheba. In fruͤhern Zeiten war wenig Verkehr zwiſchen beiden Familien. Deans, ein ſtoͤrriger Schottlaͤnder, hegte alle moͤglichen Vor⸗ urtheile gegen die Englaͤnder und ihre ganze Brut. Er war uͤberdieß ein ſtrenger Presbyterianer, der unerſchuͤtterlich an demjenigen hing, was er die einzig moͤgliche gerade Linie zwiſchen Hitze und Uebertreibung zur Rechten und Abtruͤnnigkeit zur Linken nannte. Alle Independenten, und was 142 mit ihnen, nach ſeiner Meinung, in Verbindung ſtand, war ihm ein wahrer Graͤuel. Trotz dieſer volkthuͤmlichen Vorurtheile und verſchiedenen Glaubensmeinungen aber, mußte die Lage beider Familien doch zu einem freund⸗ lichern Verkehr fuͤhren. Sie hatten gleiche Ge⸗ fahr beſtanden und wurden auf gleiche Weiſe ge⸗ rettet; ſie mußten ſich gegenſeitig Beiſtand lei⸗ ſten, wie Wanderer, die uͤber einen Bergſtrom ſetzen, ſich dicht an einander ſchließen muͤſſen, damit die Gewalt des Waſſers nicht zu maͤchtig fuͤr den einzelnen Hilfloſen werde. Bei näherer Bekanntſchaft gab Deans einige ſeiner Vorurtheile auf. Er fand, daß Frau Butler, wiewohl ſie keineswegs den Umfang und das Weſen des wahren Zeugniſſes gegen die Ab⸗ truͤnnigkeiten der Zeit gruͤndlich kannte, doch auch keine, den Independenten guͤnſtige Meinungen hegte, und eben ſo wenig war ſie eine Englaͤnde⸗ rinn. Es ließ ſich daher wohl hoffen, daß der Enkel der Witwe des ſchwaͤrmeriſchen Dragoner⸗ Korporals aus Crommwells Heere weder ein Ab⸗ truͤnniger, noch ein Feind ſeines Vaterlandes ſein werde, zwei Eigenſchaften, wogegen David Deans einen ſo heilſamen Abſcheu hatte, als gegen Paͤpſt⸗ — 143 ler und Anhaͤnger der biſchoͤflichen Kirche. Er merkte uͤberdieß— denn auch der gelaſſene Deans hatte ſeine ſchwache Seite— daß die Witwe Butler ihm Ehrerbietung erwies, ſeine Meinung gern annahm, und fuͤr die nuͤtzlichen Rathſchlaͤge, die er ihr bei der Bewirthſchaftung ihres kleinen Gutes ertheilte, auch wohl eine gelegentliche Sti⸗ chelrede auf ihres verſtorbenen Mannes Lehren ertrug, welchen ſie, wie wir geſehen, keineswegs ſehr innig anhing. Jene Rathſchlaͤge endigten gewoͤhnlich mit dem Zuſatzen„In England mag man's anders machen, Frau Nachbarinn“ oder:„In fremden Laͤndern iſt es vielleicht an⸗ ders“ oder auch:„Wer anders denkt uͤber die großen Grundſaͤtze unſrer Kirchenverbeſſerung, wer Kirchenregiment und Kirchenzucht zerſtoͤren und verderben, und das Schnitzwerk unſeres Zions her⸗ ab reiſſen will, der wird vielleicht rathen, Hafer auf dieſes Feld zu ſaͤen, aber Erbſen, ſage ich, Erbſen.“ Sein Rath war, wenn auch ſein Duͤn⸗ kel ſich dabei verrieth, doch klug und verſtaͤndig, und wurde dankbar angenommen, ehrerbietig befolgt. 3 8 Der Verkehr zwiſchen beiden Familien fuͤhrte ſehr fruͤh zu einer innigen Verbindung zwiſchen 144 Ruben Butler, den wir ſchon naͤher kennen, und Johanna Deans, der einzigen Tochter des gelaſ⸗ ſenen David Deans von ſeiner erſten Frau, jener ſeltenen Chriſtinn, wie er zu ſagen pflegte, de⸗ ren Nahme allen lieblich geweſen, die ſie als eine wahre Bekennerinn gekannt haͤtten. Ueber das Weſen und die Folgen dieſer Verbindung muͤſſen wir mehr ſagen. 145 VIII. Es liebten Ruben ſich und Rahel treu, Doch blieben ſtets behutſam ſie dabei; Und nie hat Amors Ruf ſie ſchwach gefunden, Eh' kalte Pruͤfung Herz und Hand verbunden, Arm Beide, ſahen fie, daß groͤß're Noth Den Liebenden bei Uebereilung droht. Erabbe. 1 Als die Witwe Butler und der Witwer Deans mit Armuth, und mit dem harten und unfrucht⸗ baren Boden kaͤmpften, den ſie anbauen muß⸗ ten, gewann es nach und nach das Anſehen, David Deans wuͤrde obſiegen, ſeine Verbuͤndete aber den Kampf nicht beſtehen. Er war ein Mann und noch in ſeinen beßten Jahren, die Witwe ein Weib und ſchon im hoͤhern Alter. Dieß waͤre zwar bald durch den Umſtand aufge⸗ wogen worden, daß Ruben allmaͤhlig aufwuchs, 10 146 um ein Gehilfe ſeiner Großmutter zu werden, Hannchen hingegen, als Maͤdchen, die Laſt ihres Vaters, wie es ſchien, nur vermehren konnte; aber der gelaſſene David Deans verſtand die Sa⸗ che beſſer, und gewoͤhnte das kleine Schaͤtzchen, wie er ſie nannte, ſo gut, daß ſie von dem Au⸗ genblicke an, wo ſie allein gehen konnte, taͤglich mit irgend einer, ihrem Alter und ihren Faͤhig⸗ keiten angemeſſenen Arbeit beſchaͤftigt war, und dieſe Gewoͤhnung, mit ihres Vaters taͤglichen Leh⸗ ren und Ermahnungen verbunden, machte ihr Gemüuͤth ſchon in ihren Kinderjahren ernſt, veſt und nachdenklich. Eine ungemein kraͤftige Ge⸗ ſundheit, frei von allen Nervenleiden, und an⸗ dern krankhaften Abweichungen, welche, den Koͤr⸗ per in ſeinen edelſten Verrichtungen ſtoͤrend, oft auch auf die Seele Einfluß haben, trug nicht wenig bei, ihrem Gemuͤthe dieſe Veſtigkeit, die⸗ ſe edle Einfalt, dieſe Entſchloſſenheit zu geben. Ruben hingegen war von ſchwaͤchlicher Ge⸗ ſundheit, und wenn auch nicht furchtſam, doch aͤngſtlich, unentſchloſſen und beſorglich. Er hat⸗ te etwas von der Gemuͤthſtimmung ſeiner Mut⸗ ter, die jung an einer auszehrenden Krankheit ſtarb; ein blaſſer, hagrer, kraͤnklicher Knabe, 8 1 47 den ein Unfall in der Kindheit ein wenig lahm gemacht hatte. Dazu kam, daß er der Zoͤgking einer verzaͤrterlnden Großmutter war, deren zu aͤngſtliche Sorgfalt dem Knaben ein gewiſſes Miß⸗ trauen gegen ſich ſelber, und dabei einen Hang einfloͤßte, ſich zu viel Wichtigkeit beizulegen; eine der ſchlimmſten Folgen uͤbertriebener Nachſicht gegen die Kinder. Ruben und Johanna waren eben ſo ſehr aus Neigung, als aus Gewohnheit haͤufig beiſammen. Sie huͤteten mit einander einige Schafe, und zwei bis drei Kuͤhe, welche ihre Aeltern auf die Gemeinweide von Dumbiedikes treiben ließen, in der That mehr in der Abſicht, daß die Thiere ſich Futter ſuchen, als weiden ſollten. Hier ſah man die beiden Kinder unter bluͤhendem Stachel⸗ ginſt ſitzen, und die runden Geſichtchen lagen dicht an einander unter dem Schatten deſſelben Plaids, das ſie uͤber ihre Koͤpfe zuſammenzogen, als die Gegend umher von einer regenſchwangern Wolke verfinſtert war, welche die Kinder unter das ſchuͤtzende Obdach getrieben hatte. Oft auch gin⸗ gen ſie mit einander in die Schule, und muß⸗ te man unterwegs uͤber einen kleinen Bach ſetzen, oder Ochſen, Hunden und andern Gefahren 10* 148 entgegen gehen, ſo empfing gewoͤhnlich der Kna⸗ be von ſeiner Geſpielinn die Ermunterung und das Beiſpiel, die ſonſt das maͤnnliche Geſchlecht in ſolchen Faͤllen dem ſchwaͤchern zu geben, fuͤr ſein Vorrecht haͤlt. Wenn ſie aber auf den Schulbaͤnken ſaßen, und ihre Aufgaben herſagten, konnte Ruben, welcher der kleinen Johanna an Schaͤrfe des Verſtandes eben ſo uͤberlegen war, als ſie ihm an kraͤftiger Geſundheit, und jener, von der Nervenſtimmung abhangenden Unem⸗ pfindlichkeit gegen Beſchwerden und Gefahren, ihr auch wieder die Guͤte und den Beiſtand ver⸗ gelten, die er bei andern Gelegenheiten von ihr empfangen hatte. Er war unſtreitig der beßte Schuͤler in der kleinen Dorfſchule, und dabei ſo freundlich, daß das unruhige Voͤlkchen in dem geraͤuſchvollen Schulhauſe ihn eher bewunderte, als beneidete, obgleich er der erklaͤrte Liebling des Schulmeiſters war. Beſonders verriethen einige Maͤdchen— denn in Schottland werden ſie mit den Knaben zugleich unterrichtet— den Wunſch, ſich dem kraͤnklichen Knaben, der ſo viel artiger und anſtelliger war, als ſeine Gefaͤhrten, freund⸗ lich zu erweiſen. Rubens Weſen war von der Art, ihr Mitgefuͤhl, wie ihre Bewunderung zu er⸗ 149 wecken, die Empfindungen vielleicht, durch wel⸗ che ſich die Frauen, wenigſtens die beſſern, am leichteſten anziehen laſſen. Ruben aber, von Natur zuruͤckhaltend und bloͤde, benutzte dieſe Vortheile nicht, und er wur⸗ de nur noch mehr zu Johanna Deans gezogen, als die feurigen Lobſpruͤche ſeines Lehrers ihm glaͤnzende Ausſichten in die Zukunft eröͤffneten und ſeinen Ehrgeiz erweckten. Bei jedem Fortſchrit⸗ te, den Ruben in Kenntniſſen machte, deren er bei ſeinen geringen Mitteln ſich ungewoͤhnlich vie⸗ le erwarb, wurde er immer weniger faͤhig, die haͤuslichen Obliegenheiten in der Wirthſchaft ſei⸗ ner Großmutter zu beſorgen. Waͤhrend er auf der Eſelsbruͤcke im Euklid war, ließ er jeden Eſel auf der Gemeinweide in ein großes Erbſenfeld des Gutsherrn von Dumbiedikes hinuͤber gehen, und haͤtte ſich nicht Hannchen mit ihrem kleinen Hunde ſo große Muͤhe gegeben, ſo waͤre es nicht ohne anſehnlichen Verluſt und ohne Strafe ab⸗ gegangen. Aehnliche Unfaͤlle gab es bei ſeinen Fortſchritten in der Kenntniß der Klaſſiker. Er las ſo viel in Virgil's Gedicht vom Landbau, bis er nicht mehr Wintergerſte von Sommergerſte unterſcheiden konnte, und er haͤtte beinahe die 1 150 Felder von Beerſheba zu Grunde gerichtet, als er ſie nach Columella und Cato dem Cenſor zu bauen verſuchte.. Dieſe Verſehen machten ſeiner Großmutter Kummer, und verminderten die gute Meinung, welche David Deans eine Zeitlang von Ruben gehegt hatte.„Ich ſehe nicht, was Ihr aus dem albernen Burſchen machen wollt, Nachba⸗ rinn, ſprach er zu der alten Frau: Ihr moͤchtet ihn denn zum Geiſtlichen erziehen. Und es war nie mehr Noth um kraͤftige Prediger, als gerade jetzt in dieſen kaltſinnigen Zeiten, wo die Herzen der Menſchen ſo hart werden, als Muͤhlſteine, bis ſie gar nicht mehr auf dieſe Dinge achten. Es iſt offenbar, euer armer Junge wird nimmermehr im Stande ſein, ein nuͤtzliches Tagewerk zu ver⸗ richten, wenn er nicht ein Abgeſandter unſeres Herrn wird. Ich will dafuͤr ſorgen, ihm die Erlaubniß zum Predigen zu verſchaffen, ſobald er dazu tauget, und ich hoffe, er wird ein wohl ge⸗ glaͤtteter Saͤulenſchaft werden und fuͤr die Kirche brauchbar, und ſich nicht wieder, wie ein Schwein, im Koth ketzeriſcher Uebertreibung und Abtruͤn⸗ nigkeit waͤlzen, ſondern die Fluͤgel einer Taube haben, obgleich er im Pfuhl gelegen hat.“ — 151 Die arme Wittwe verſchluckte die Schmaͤhung der Grundſaͤtze ihres Mannes, welche in jener Warnung lag, und ſie eilte, ihren Enkel von der Schule zu nehmen, und ihn zur Beſchaͤftigung mit Mathematik und Gottesgelehrtheit aufzu⸗ muntern. Johanna Deans mußte nun von dem Theil⸗ nehmer an ihrer Arbeit, ihren Lehrſtunden und ihren Zeitvertreiben ſcheiden, und es war ein mehr als kindiſches Gefuͤhl, womit Beide der Tren⸗ nung entgegen ſahen; aber ſie waren jung, ihre Hoffnungen lebhaft, und ſie trennten ſich, wie man ſcheidet, wenn man ſich in gluͤcklichern Ta⸗ gen wiederzuſehen hofft. 5 Waͤhrend Ruben auf der Hochſchule zu St. Andrews die, zum geiſtlichen Stande erfoder⸗ lichen Kenntniſſe erwarb, und ſeinen Leib mit den Entbehrungen abquaͤlte, die er ſich auflegen muß⸗ te, um Nahrung fuͤr ſeine Seele zu ſuchen, wur⸗ de ſeine Großmutter taͤglich unvermoͤgender, die Muͤhe der Bewirthſchaftung ihres kleinen Gu⸗ tes zu ertragen, und ſie ſah ſich endlich gezwun⸗ gen, es dem neuen Gutsherrn von Dumbiedikes zu uͤberlaſſen. Der hochadelige Herr war kein ganzer Jude, und machte die Bedingungen mehr 152 8 als leiblich. Er gab ihr ſogar die Erlaubniß, zur Miethe in dem Hauſe zu bleiben, das ſie mit ihrem Manne bewohnt hatte, ſo lange es mieth⸗ bar waͤre, aber er betheuerte, nie einen Heller fuͤr Ausbeſſerungen geben zu wollen; denn was er von Gutmuͤthigkeit etwa beſaß, war nur leidender, aber keineswegs thaͤtiger Art. David Deans kam indeß, durch hoͤhere Ein⸗ ſicht und Geſchicklichkeit, und andere, zum Theil ganz zufaͤllige Umſtaͤnde, weiter in der Welt; er kam zu etwas Vermoͤgen und zu dem Rufe einer noch bedeutendern Wohlhabenheit, aber auch zu der immer wachſenden Neigung, ſeinen Vorrath zu be⸗ wahren und zu vermehren, woruͤber er bei ernſt⸗ lichem Nachdenken ſich Vorwuͤrfe machen wollte⸗ Seine Kenntniß der damahligen Landwirthſchaft machte ihn zu einem Lieblinge des Gutsherrn, der weder an Jagd und aͤhnlichen Vergnuͤgungen, noch an Geſellſchaft Gefallen fand, und gewoͤhn⸗ lich, wenn er ſeinen taͤglichen Schlendergang ge⸗ macht hatte, in Woodend einſprach. Als ein Mann von langſamen Gedanken und verwirrtem Ausdrucke, ſaß, oder ſtand er gewoͤhnlich eine halbe Stunde lang, mit ſeines Vaters altem Treſſenhut auf dem Kopfe und ei⸗ 153 ner leeren Tabackspfeife im Munde, und folgte der fleißigen Johanna, oder dem Maͤdel, wie er ſie nannte— unablaͤſſig mit ſeinen Blicken bei allen ihren haͤuslichen Arbeiten. Ihr Vater ſprach indeß von Vieh, Pfluͤgen und Eggen, und wenn dieſer Stoff erſchoͤpft war, ging er auch wohl oft mit vollen Segeln auf Gegenſtaͤnde von Glaubenſtreitigkeiten los. Der Edelmann hoͤrte mit viel anſcheinender Geduld zu, jedoch ohne eine Antwort zu geben, oder auch, wie die Mei⸗ ſten glaubten, ohne ein einziges Wort von al⸗ lem, was der Redner ſagte, zu begreifen. Deans aber wies dieſe Vermuthung ſtandhaft ab, als eine Schmaͤhung ſeiner Gaben zur Erklaͤrung verborgener Wahrheiten, worauf er ein wenig eitel war, und als einen beleidigenden Zweifel an der Faͤhigkeit des Gutsherrn, ſo etwas zu verſtehen. Dumbiedikes, ſagte er, gehoͤrte nicht zu jenen laͤppiſchen Edelleuten, mit Treſſenkleidern und Degen zwiſchen den Beinen, die lieber zu Pferde in die Hoͤlle reiten, als barfuß in den Himmel gehen wollten; er waͤre gar nicht, wie ſein Va⸗ ter— kein Freund unheiliger Geſellſchaft— kein Flucher— kein Saͤufer— kein Beſucher von Schauſpielhaͤuſern, oder Concerthaͤuſern, oder 134 Tanzböden— kein Sabbathſchaͤnder— keiner, der zu Eiden, oder Verſchreibungen zwaͤnge— kein Laͤugner der chriſtlichen Freiheit, und wenn er auch ein wenig uͤber die Gebuͤhr an der Welt und weltlichen Guͤtern hangen ſollte, ſo waͤre doch etwas von einem leiſen Windes wehen auf ſeinem Geiſte zu merken. Ales dieß ſagte und glaubte der ehrliche Deans. Man darf annehmen, daß er, als Vater und als ein verſtaͤndiger Mann, die ſtete Richt⸗ ung der Bliücke des Gutsherrn auf Hannchen nicht ganz unbemerkt ließ. Einen weit tiefern Eindruck aber machte der Umſtand auf ein an⸗ deres Glied ſeines Hauſes, eine zweite Ehehaͤlfte, die er zehn Jahre nach dem Tode ſeiner erſten Frau an ſein Herz gelegt hatte. Einige mein⸗ ten, der gelaſſene David haͤtte ſich zu dieſem Schritte uͤberraſchen laſſen; denn im allgemeinen war er kein Freund von Ehen, oder Eheſtift⸗ ungen, und ſchien dieſe Verbindungen nur fuͤr nothwendige Uebel zu halten, fuͤr etwas, das zwar geſetzlich waͤre und in dem unvollkomenen Zuſtande unſter Natur geduldet werden muͤßte, das aber die Fluͤgel beſchnitte, womit wir auf⸗ waͤrts ſchweben ſollten, und die Seele an ihre 155 Wohnung von Thon baͤnde, und an das irdiſche Labſal, das Weib und Kinder verleihen. Sein eigenes Beiſpiel aber war in dieſem weſentlichen Punkte von ſeinen Grundſaͤtzen abgewichen, da er, wie wir ſehen, ſich zweimahl in dieſe gefaͤhrliche und verfuͤhreriſche Umſtrickung eingelaſſen hatte. Rebecka, ſeine Gattinn, hatte keineswegs gleichen Abſcheu vor der Ehe, und da ſie in Gedanken Heirathen fuͤr alle Nachbarn in der Runde ſtiftete, ſo ermangelte ſie nicht, eine Verbindung zwiſchen Dumbiedikes und ihrer Sdtieftochter Johanna anzukuͤndigen. Ihr Mann runzelte immer die Stirne und antwortete mit einem Pah! ſo oft dieſer Gegenſtand beruͤhrt wurde, aber gewoͤhnlich nahm er dann ſeine Muͤ⸗ tze und ging aus dem Haufe, um einen gewiſſen Strahl von Zufriedenheit zu verbergen, der ſich bei einem ſolchen Winke unwillkuͤhrlich uͤber ſei⸗ ne ernſten Zuͤge ergoß. Meine juͤngern Leſer werden gewiß fragen, ob Johanna Deans der ſtummen Aufmerkſam⸗ keit des Gutsherrn wuͤrdig war, und der Ge⸗ ſchichtſchreiber muß, um der Pflicht der Wahr⸗ haftigkeit treu zu bleiben, die Antwort geben, daß ihre perſoͤnlichen Reize nicht von ungewoͤhnli⸗ △ 13 cher Art waren. Sie war klein und faſt zu ſtark fuͤr ihre Geſtalt; hatte graue Augen, blondes Haar, ein rundes freundliches Geſicht, das ziem⸗ lich von der Sonne verbrannt war, und ihr vor⸗ zuͤglichſter Reiz war nur jener Ausdruck unaus⸗ ſprechlicher Heiterkeit, den ein gutes Gewiſſen, ſanfte Gefuͤhle, ein zufriedenes Gemuͤth und die regelmaͤßige Erfuͤllung aller ihrer Pflichten uͤber ihre Zuͤge verbreiteten. Man kann leicht denken, daß in der Geſtalt und dem Benehmen dieſer laͤndlichen Heldinn eben nichts Abſchreckendes war, aber mochte es nun einfaͤltige Schuͤchternheit, oder Mangel an Entſchloſſenheit, und unvollkomme⸗ ne Kenntniß ſeines Gemuͤthzuſtandes ſein, genug der Gutsherr mit ſeinem alten Treſſenhut und ſeiner leeren Pfeife, kam einen Tag, eine Woche, ein Jahr nach dem andern, um Johanna's Be⸗ ſeligenden Anblick zu genießen, ohne ſich merken zu laſſen, daß er die Weißagungen der Stiefmut⸗ ter erfuͤllen wollte. Die gute Frau wurde noch ungednldiger in ihrer Erwartung, als ſie nach einigen Ehejah⸗ ren ihrem Manne auch eine Tochter gegeben, welche Euphemia, oder abgekuͤrzt Effie, genannt wurde. Rebecka fand nun den langſamen Fort⸗ 157 gang der Liebewerbung des Gutsherrn unerträg⸗ lich, da ſie den verſtaͤndigen Schluß zog, daß die Braut des Edelmannes nicht eben einer ſonder⸗ lichen Mitgift beduͤrfe, und daher der groͤßte Theil des vaͤterlichen Vermoͤgens dem Kinde der zweiten Ehe zufallen werde. Andre Stiefmuͤtter haben minder loͤbliche Mitte! verſucht, ihren ei⸗ genen Kindern den Weg zur Erbſchaft zu bah⸗ nen, aber man muß zum gerechten Ruhme der Frau Rebecka ſagen, ſie ſuchte den Vortheil der kleinen Effie nur dadurch zu erlangen, daß ſie die Erhoͤhung der aͤltern Schweſter, oder was nach der allgemeinen Meinung dafuͤr gelten mußte, zu befoͤrdern ſtrebte. Sie verſuchte jehen weib⸗ lichen Kunſtgriff, den ihre geringe Erfahrung ihr an die Hand gab, um den Gutsherrn zu einer Erklaͤrung zu bringen, ſah aber zu ihrer Demuͤ⸗ thigung, daß ſie durch ihre Bemuͤhungen, wie es einem ungeſchickten Angler begegnet, die Fo⸗ relle nur verſcheuchte, auf welche ſie es abgeſehen hatte. Bei einer Gelegenheit beſonders, als ſie dem Gutsherrn mit ſcherzenden Worten vorſtell⸗ te, wie ſchicklich es ſein wuͤrde, dem Hauſe Dum⸗ biedikes eine Gebieterinn zu geben, war er ſo be⸗ troffen, daß weder der Treſſenhut, noch die Ta⸗ 158 backpfeife, noch auch der geiſtreiche Beſitzer die⸗ ſer Habſeligkeiten, ſich vierzehn Tage lang in Woodend ſehen ließ, Rebecka mußte nun den Edel⸗ mann ſeinen Schneckengang gehen laſſen, aus eigener Erfahrung von des Todtengraͤbers*) Spruche uͤberzeugt, daß der dumme Eſel nicht ſchneller geht, wie man ihn auch pruͤgeln mag. Ruben war indeß auf der Hochſchule ſehr flei⸗ ßig, und waͤhrend er juͤngere Schuͤler unterrichtete, erwarb er ſich Mittel, ſich in jenem Sitze der Ge⸗ lehrſamkeit zu erhalten, und befeſtigte ſich zugleich in den erlangten Kenntniſſen. Auf dieſe, unter den armen Theologen auf den ſchottiſchen Univer⸗ ſitaͤten gewoͤhnliche, Weiſe gelang es ihm, nicht nur ſeine einfachen Beduͤrfniſſe zu befriedigen, ſondern auch ſeiner einzigen Verwandten be⸗ traͤchtliche Unterſtuͤtzungen zu leiſten; eine heili⸗ ge Pflicht, die der Schottländer ſelten vernach⸗ laͤſſigt. Seine Fortſchritte in allgemeinen Kennt⸗ niſſen und ſeinen Berufswiſſenſchaften, waren ſehr bedeutend, jedoch wenig auffallend, da erhei ſeinem beſcheidenen Weſen gar nicht dazu taugte, ſeine Gelehrſamkeit im glaͤnzendſten Lichte zu *) Hamlet, V, I. 159 zeigen. Und ſo haͤtte auch Butler, wenn Klagen ſeine Sache geweſen waͤre, wohl ſo gut als man⸗ cher Andre von ungerechter Vorgunſt, Mißge⸗ ſchick und harter Behandlung etwas zu ſagen gehabt. Er empfing die Erlaubniß zum Predigen mit einigen Hoͤflichkeiten von den Kirchenaͤlteſten, die ſie ihm ertheilten, aber dieß fuͤhrte nicht zu einer Befoͤrderung; und er ſah ſich genoͤthigt, ſeinen Wohnſitz fuͤr einige Monate in Beerſheba zu nehmen, wo er nur die Einkuͤnfte beſaß, welche die ungewiſſe Beſchaͤftigung abwarf, in einigen benachbarten Familien Unterricht zu geben. Als er ſeine alte Großmutter begruͤßt hatte, war ſein erſter Gang nach Woodend, wo Johanna ihn mit einer warmen Herzlichkeit empfing, die aus unvergeßlichen Erinnerungen hervorging, Rebecka aber bewillkommete ihn mit gutmuͤthiger Gaſt⸗ freundlichkeit und David Deans auf eine ihm eigene Weiſe. Der gelaſſene Deans hegte eine hohe Verehr⸗ ung gegen die Geiſtlichkeit, aber nicht Jedem, der den ſchwarzen Rock trug, war er gewogen. Als er ſeinen jungen Bekannten in der Wuͤrde eines Lehrers und Predigers wiederſah, ließ er 160 ſich ſogleich mit ihm uͤber verſchiedene Streitfra⸗ gen ein, um zu entdecken, ob Ruben nicht in einige Schlingen und Abtruͤnnigkeiten der Zeit 4 verfallen waͤre. Butler hing nicht nur ſtrenge an den Grundſäͤtzen der presbyterianiſchen Kirche, ſondern wollte auch ſeinem alten Freunde nicht gern durch Streiten uͤber Nebendinge wehe thun, und hoffte daher wie gelaͤutertes Gold aus dem Schmetzofen der Fragſtuͤcke des ehrlichen David zu kommen. Der Eindruck aber auf das Ge⸗ muͤth des ſtrengen Forſchers war nicht ganz ſo guͤnſtig, als man haͤtte hoffen und ahnen koͤnnen. Die alte Judith Butler war an dieſem Abende nach Wodend gehumpelt, um des Nachbars Gluͤck⸗ wuͤnſche uͤber Rubens Ruͤckkehr, und deſſen aus⸗ nehmende Gelehrſamkeit zu empfangen, worauf ſie nicht wenig ſtolz war, aber ſie fuͤhlte ſich ziem⸗ lich gekraͤnkt, als ihr alter Freund von dieſer Sache nicht mit ſo viel Waͤrme ſprach, als ſie erwartet hatte. Er ſchien anfaͤnglich ſchweigen zu wollen, aber nicht unzufrieden zu ſein, und erſt als Judith den Gegenſtand mehrmahl zur Sprache gebracht hatte, entſpann ſich folgendes Geſpraͤch. Nun, Nachbar Deans, ich dachte, es wuͤrde 161 Euch lieb ſein, Ruben wieder bei uns zu ſehen, den guten Jungen. Es iſt mir auch lieb, Frau Butler, war des Nachbars kurze Antwort. Da er ſeinen Großvater und Vater verlo⸗ ren hat— Preis ſei Ihm, der da gibt und nimmt!— ſo weiß ich keinen Freund in der Welt, der ſo vaͤterlich gegen ihn geweſen iſt, als Ihr, Nachbar Deans. 3 Gott iſt der einzige Vater der Vaterloſen, ſprach Deans, und an die Muͤtze greifend, blickte er zum Himmel. Gebt Ehre Ihm, dem ſie gebuͤhrt, Nachbarinn, und nicht einem unwuͤr⸗ digen Werkzeuge. Nun ja, das iſt eure Weiſe, der Sache eine Wendung zu geben, und Ihr wißt freilich, wie's am beßten iſt. Aber ich gedenke daran, David, wie Ihr Mehl nach Beerſheba ſchick⸗ tet, als im Mehlkaſten zu Woodend nicht eine Handvoll mehr uͤbrig war, und ich gedenke daran— Nachbarinn, fiel David ein: was ſollen mir die unnuͤtzen Reden, ſie dienen zu nichts, als unſern innern Menſchen aufzublaͤhen mit unſern eitlen Handlungen. Ich ſtand neben dem ge⸗ 1I * 162 ſegneten Alexander Peden, als er den Tod und das Zeugniß unſerer ſeligen Maͤrterer nur Bluts⸗ tropfen und Dintenkleckſe nannte, und was ſollt⸗ ich denken von irgend etwas, das meines Glei⸗ chen thun koͤnnte! Nun, Nachbar Deans, Ihr wißt's am beß⸗ ten; aber laßt mich nur ſagen, Ihr freut Euch gewiß, meinen Jungen wieder zu ſehen. Das Hinken merkt man nicht mehr an ihm, wenn er nicht viele Meilen in einem Striche weg ge⸗ hen muß; und er hat ein Bischen Farbe auf den Backen, daß es meine alten Augen recht erfreut, und er hat einen ſo huͤbſchen ſchwarzen Rock, als der Pfarrer, und— Es freut mich recht herzlich, daß er geſund iſt und daß es ihm wohl geht, ſprach Deans, mit einem ernſten Toue, der den Wunſch ver⸗ rieth, das Geſpräch abzubrechen; aber wenn eine Frau einmahl auf etwas erpicht iſt, ſo laͤßt ſie ſich nicht ſo leicht davvn abbringen. Und er kann nun auf der Kanzel mit dem Kopfe nicken, Nachbar Deans, fuhr ſie fort. Denkt doch nur— mein Enkel— und Jeder⸗ mann muß ſtill ſitzen, und ihm zuhoͤren, als wenn er der Papſt von Rom waͤre. — 163 Wie? Was? Frau— ſprach Deans, mit einem ſtrengen Tone, der weit uͤber ſeine ge⸗ woͤhnliche Ernſthaftigkeit war, als jene verhaß⸗ ten Worte ſein Ohr trafen. O du mein Himmel! erwiederte die gute Frau: ich hatte vergeſſen, daß Ihr immer ſehr gegen den Papſt waret, und ſo war's auch mein guter Mann, Steffen Butler, der ſaß manchen Nachmittag und gab ſein Zeugniß gegen den Papſt, und gegen das Taufen der Kinder und dergleichen. Weib! wiederhohlte Deans: ſprecht entweder von Dingen, wovon Ihr etwas verſtehet, oder ſchweigt. Ich ſage, die Lehre der Independen⸗ ten iſt eine ſchaͤndliche Ketzerei, und Wiedertaͤu⸗ ferei iſt ein verdammlicher und betruͤglicher Irr⸗ thum, welcher ausgerottet werden ſollte im Lande mit dem Feuer der geiſtlichen Obrigkeit und mit dem Schwerte des weltlichen Armes. Gut, gut, Nachbar, ich will nicht ſagen, daß Ihr Unrecht haͤttet. Ich weiß wohl, daß Ihr recht habt, wenn Ihr vom Saͤen und Maͤ⸗ hen ſprecht, vom Schafſcheren und vom Huͤten, und warum ſolltet Ihr nicht auch recht haben I11* 164 in Kirchenſachen! Aber was meinen Enkel Ru⸗ ben angeht— Ruben Butler, Nachbarinn, iſt ein junger Menſch, dem ich ſo herzlich wohl will, als ob er mein eigener Sohn waͤre, aber ich zweifle, ob alles recht iſt in ſeinem Gange. Ich fuͤrchte ſehr, ſeine Gaben werden ihm auf dem Wege der Gnade hinderlich. Er hat zu viel weltlichen Verſtand, zu viel weltliche Gelehrſamkeit, und denkt ſo ſehr an die Geſtalt des Gefaͤßes, als an die Heilſamkeit der Nahrung; er muß das Hochzeitkleid mit Spitzen und Borten zieren, oder es iſt nicht gut genug fuͤr ihn. Und ich vermuthe, er iſt etwas ſtolz auf ſeine weltliche Einſicht und Gelehrſamkeit, die ihn faͤhig macht, ſeine Lehren in ſchoͤnen Flitterſtaat zu kleiden. Aber— ſetzte er hinzu, als er ſah, daß ſeine Worte die alte Frau bekuͤmmert machten: Truͤb⸗ ſal kann ihm einen neuen Antrieb geben, und den Wind aus ihm bringen, wie aus einer Kuh, die naſſen Klee gefreſſen hat, und es wird wohl was Gutes aus dem jungen Menſchen werden, und ein helles, leuchtendes Licht, und ich hoffe, Ihr werdet's ſehen, und er wird's fuͤhlen, und das bald. 165 Frau Butler mußte ſich entfernen, als ſie ſah, daß ſie ihren Nachbar zu nichts mehr brin⸗ gen konnte. Seine Aeußerungen, die ſie frei⸗ lich nicht ganz begriff, erweckten ihr d kle Be⸗ ſorgniſſe uͤber ihren Enkel, und daͤmpften nicht wenig die Freude, womit ſie ihn bei ſeiner Ruͤck⸗ kehr bewillkommt hatte. Es darf auch, um der Einſicht des ehrlichen Deans Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen, nicht verhehlt werden, daß Butler, in der Unterredung mit ihm, mehr Gelehrſamkeit zur Schau gelegt hatte, als es bei dieſer Gelegenheit nothwendig war, oder dem alten Manne erwuͤnſcht ſein konnte, welcher ſich bei theologiſchen Streitfragen ein entſcheidendes Urtheil zutraute, und ſich faſt gedemuͤthigt und gekraͤnkt fuͤhlte, als man mit gelehrten Gruͤn⸗ den gegen ihn ins Feld ruͤckte. Butler hatte allerdings durch ſeine Erziehung einen Anſtrich von Schulfuchſerei erhalten, und ließ ſich leicht verleiten, mit ſeinen Kenntniſſen zu prahlen, wo ſolche Eitelkeit unnoͤthig war. Hannchen Deans hatte gegen dieſes Aus⸗ kramen von Gelehrſamkeit nichts einzuwenden, ſondern bewunderte es im Gegentheil, vielleicht aus demſelben Grunde, der die Frauen zur 166 Bewunderung muthvoller Maͤnner reizen ſoll, weil es ihnen eben an der geprieſenen Eigen⸗ ſchaft fehlt. Bei dem Verkehr zwiſchen ihren Angehoͤrigen, waren die jungen Leute ſtets bei⸗ ſammen; ihre ehemahlige Freundſchaft ward er⸗ neuert, wiewohl auf eine, ihrem Alter ange⸗ meſſenere Weiſe, und ſie waren endlich im Stil⸗ len einverſtanden, daß ihre Verbindung nicht laͤnger verſchoben werden ſollte, ſo bald Butler ein gewiſſes, wenn auch noch ſo geringes Ein⸗ kommen erlangt haͤtte. Damit ging es freilich nicht ſchnell; ein Entwurf nach dem andern wurde gemacht, und einer nach dem andern miß⸗ lang. Johanna's freundliche Zuͤge verloren die erſte jugendliche Friſchheit, auf Ruben's Stirne ſah man den Ernſt des maͤnnlichen Alters, und noch immer war die Ausſicht auf Verſorgung entfernt. Die Leidenſchaft der jungen Leute war zum Gluͤcke nicht von feuriger, oder ſchwaͤr⸗ meriſcher Art, und Pflichtgefuͤhl machte Beide ſtark genug, die Verzoͤgerung ihres Buͤndniſſes mit ſtandhafter Geduld zu ertragen. . Die Zeit fuͤhrte indeß in ihrem Laufe, wie gewoͤhnlich, Veraͤnderungen herbei. Stephan Butler's Witwe, die ſo lange die Stuͤtze der 67 167 Ihrigen in Beerſheba geweſen war, wurde zu ihren Vaͤtern verſammelt, und Rebecka, die ſorgſame Hausfrau unſeres Freundes David Deans, ward auch von ihren Heirathentwuͤrfen und aus ihrem haͤuslichen Kreiſe abgerufen. Am Morgen nach ihrem Tode ging Butler nach Woodend, um ſeinem alten Freunde und Wohl⸗ thaͤter Troſt zu bringen. Er ſah bei dieſer Ge⸗ legenheit einen merkwuͤrdigen Kampf zwiſchen der Staͤrke natuͤrlicher Zuneigung und der gott⸗ ſeligen Veſtigkeit, welche der Dulder bei jedem Erdenlooſe, es mochte Wohl, oder Weh bringen, behaupten zu muͤſſen glaubte. Bei ſeiner Ankunft deutete Johanna mit thraͤnenvollem Auge auf den kleinen Obſtgarten. „Da iſt mein Vater geweſen ſeit dem Ungluͤcke, ſprach ſie mit gebrochener Stimme. Durch dieſe Nachricht ein wenig beunruhigt, trat Butler in den Garten, und ging langſam zu ſeinem alten Freunde, der in einer kleinen, kunſtloſen Laube ſaß, und in die tiefſte Trauer verſunken zu ſein ſchien. Er warf einen faſt finſtern Blick auf den jungen Mann, als waͤre die Stoͤrung ihm aͤrger⸗ lich geweſen, als aber Butler zoͤgernd zweifelte, ob er ſich entfernen, oder voran gehen ſollte, ſtand 168 1 Deans auf, und trat ihm mit einem beſonw⸗ nen Wefen, ja mit Wuͤrde entgegen. Junger Mann, ſprach er, nehmet es nicht zu Herzen, wenn die Gerechten umkommen und die Barmherzigen hinweg genommen werden, da man wohl ſagen darf, ſie entgehen den Uebem der Zukunft. Wehe mir, wenn ich eine Thraͤne vergoͤſſe um das Weib meines Herzens, wo ich Waſſerſtroͤme weinen ſollte uͤber dieſe betruͤbte Kirche, die da heimgeſucht iſt mit Fleiſchlichge⸗ ſinnten und mit dem Tode des Herzens. Es freut mich, ſprach Butler, daß Ihr eu⸗ ren eigenen Kummer bei der Pflicht fuͤr das Ge⸗ meinwohl vergeßt. Vergeſſen, Ruben? erwiederte der gute Mann, ſich die Augen trocknend. Sie kann nicht ver⸗ geſſen werden, ſo lange ich auf Erden bin; aber Er, der die Wunde ſchlaͤgt, kann auch den Bal⸗ ſam ſenden. Ich ſage Euch, es gab waͤhrend dieſer Nacht Augenblicke, wo ich ſo tief in Nach⸗ denken verſunken war, daß ich meinen ſchweren Verluſt nicht fuͤhlte.— Deans beſaß, trotz der angenommenen Stand⸗ haftigkeit, die er fuͤr eine wichtige Chriſtenpflicht 169 hielt, ein zu gutes Herz, als daß er nicht ſein hartes Loos tief empfunden haͤtte. Woodend ward ihm ganz zuwider, und da er durch die Bewirthſchaftung ſeines kleinen Gutes ſowohl Vermoͤgen, als Erfahrung erworben hatte, ſo be⸗ ſchloß er, eine Pachtung zu uͤbernehmen, wo er ſich auf Kuhfuͤtterung legen wollte. Dieſe neue Anſiedlung hieß Leonhardfels, und lag zwiſchen Edinburgh und dem Berge, Arthur's Sitz ge⸗ nannt, in der Naͤhe der weitgedehnten Schaf⸗ weide, die noch immer Koͤnigspark heißt, da ſie fruͤher ein koͤnigliches Wildgehage war. Hier miethete er ein einſames Haͤuschen, ungefaͤhr eine Viertelſtunde von dem naͤchſten Stadttheile entfernt, in einer Gegend, die jetzt von den Ge⸗ baͤuden der ſuͤdoͤſtlichen Vorſtadt bedeckt iſt. Ein anſtoßendes anſehnliches Weideland, das er von dem Verwalter des Parks pachtete, gab ihm Fut⸗ ter fuͤr ſeine Milchkuͤhe, und ſeine aͤlteſte Tochter war immer betriebſam und thaͤtig, den Ertrag auf's Beßte zu nutzen. Sie hatte nun ſeltner Gelegenheit, Ruben zu ſehen, der nach manchen Fehlſchlagungen, die untergeordnete Stelle eines Gehilfen in einer nicht 170 unbedeutenden Dorfſchule ungefäͤhr zwei Stunden Weges von der Stadt annehmen mußte. Er zeichnete ſich hier aus, und wurde mit einigen achtbaren Buͤrgern bekannt, die ihren Kindern in dieſem Doͤrſchen, wegen der geſunden Lage des Ortes, oder aus andern Urſachen, den erſten Unterricht geben ließen. Seine Ausſichten wur⸗ den nach und nach heller, und bei jedem Beſuche⸗ in Leonhard⸗Fels konnte er Hannchen einen Wink daruͤber zufliſtern. Die Pflichten ſeines Amtes erlaubten ihm nur ſelten ſolche Beſuche, und er benutzte auch nicht einmahl jede Gelegen⸗ heit, die jene Berufspflichten ihm vergoͤnnten. Deans empfing ihn zwar immer hoͤflich, ja gu⸗ tig, aber wie es in ſolchen Faͤllen gewoͤhnlich iſt, glaubte Ruben, der alte Mann koͤnnte ihm ſeine Abſicht aus den Augen leſen, und er fuͤrchtete, durch eine voreilige Erklaͤrung eine ausdruͤckliche Mißzbilligung zu veranlaſſen. Er hielt es daher fuͤr klug, nur ſo oft nach Leonhardfels zu kom⸗ men, als alte Bekanntſchaft und Nachbarſchaft es zu geſtatten ſchien, aber auch nicht oͤfter. Ein anderer Bekannter war regelmaͤßiger in ſeinen Beſuchen. Als David Deans dem Herrn von Dumbiedikes ſeine Abſicht ankuͤndigte, die 171 Laͤndereien und die Wohnung zu verlaſſen, ſtierte der Gutsherr ihn an, und ſagte nichts. Er machte ſeine gewoͤhnlichen Beſuche zur gewoͤhnli⸗ chen Stunde, ohne etwas zu erwaͤhnen, bis zum Tage vor der Abreiſe, wo man bereits mit dem Wegraͤumen des Hausgeraͤthes den Anfang ge⸗ macht und den landuͤblichen großen Speiſeſchrank aus ſeiner Ecke gezogen hatte, und als er nun, wie ein toͤlpiſcher Junge, der die Stube verlaſſen will, ſich mit der Schulter gegen die Anweſenden wendete, ſtierte er wieder gewaltig, und ſtieß ein: Ei daß Dich! aus. Selbſt am Tage nach der Abreiſe erſchien der Herr von Dumbiedikes zu ſeiner gewoͤhnlichen Stunde, um die Zeit, wo David Deans den Pflug los zu machen pflegte, vor der verſchloſſenen Hausthuͤre in Woodend, und ſchien hoͤchlich erſtaunt zu ſein, als er ſie nicht offen fand, was er doch gerade erwarten mußte.„Gott ſteh' uns bei!“ hoͤrte man ihn bei dieſer Gelegenheit ausrufen, was ſeine Be⸗ kannten fuͤr ein ſehr ungewoͤhnliches Zeichen von Gemuͤthsbewegung hielten. Von dieſer Zeit an war Dumbiedikes ein ganz andrer Mann, und er ward in der zeither ſo muſterhaften Re⸗ gelmaͤßigkeit ſeiner Bewegungen ſo ganz geſtoͤrt, 172 als eine Kinderuhr, wenn die Hauptfeder zerbro⸗ chen iſt. Wie der Weiſer beſagter Uhr, drehte ſich Dumbiedikes innerhalb der Graͤnzen ſeines kleines Gebietes, das ſich dem Zifferblatte ver⸗ gleichen ließe, mit ungemeiner Schnelligkeit. Es gab hier keine Huͤtte, die er nicht beſuchte, und kaum ein Maͤdchen, das er nicht anſtierte; aber obgleich es in ſeinem Gebiete beſſere Pachterhaͤu⸗ ſer als Woodend gab, und gewiß weit ſchoͤnere Mäadchen, als Hannchen Deans, ſo wollte ſich doch die Leere in des Gutsherrn Zeit nicht ſo an⸗ genehm ausfuͤllen laſſen, als es ſonſt geſchehen war. Er fand nirgend einen ſo behaglichen Platz, als den Fenſterſitz in Woodend, und Niemanden ſtierte er ſo gern in's Geſicht, als Hannchen Deans. Als er nun in ſeinem kleinen Kreiſe ſich immer umgedreht hatte, und dann acht Tage lang ru⸗ hig geweſen war, ſcheint es ihm eingefallen zu ſein, daß er nicht veſt gemacht war, ſich um einen Stift zu drehen, wie ein Uhrweiſer, ſon⸗ dern die Fäͤhigkeit beſaß, ſeinen Mittelpunkt zu wechſeln, und ſeinen Kreis nach Belieben zu er⸗ weitern. In der Abſicht, ſich dieſes Vorrechts der Ortveraͤnderung zu bedienen, kaufte er einen Klepper von einem hochlaͤndiſchen Viehhaͤndler, —— 173 und kam, oder ſtolperte vielmehr damit bis Leonhardfels. Johanna war an die ſtieren Blicke des Guts⸗ herrn zwar ſo gewoͤhnt, daß ſie zuweilen ſeine Ge⸗ genwart kaum gewahr wurde, aber ſie fuͤrchtete doch zu Zeiten, er moͤchte einmahl ſeine Sprech⸗ werkzeuge zu Hilfe rufen, um den Ausdruck der Bewunderung zu verſtaͤrken, den er ihr durch ſeine Blicke zukommen ließ. Sollte dieß geſche⸗ hen, ſo war, nach ihrer Beſorgniß, an eine Ver⸗ bindung mit Butler nicht mehr zu denken; denn ſo ſtarkmuͤthig und unabhaͤngig ihr Vater in ſei⸗ nen Grundſaͤtzen uͤber die Angelegenheiten des Staats und des Glaubens war, ſo beſaß er doch auch jene Ehrerbietung gegen den Gutsherrn, die den ſchottiſchen Pachtern jener Zeit ſo tief einge⸗ praͤgt war. Dazu kam, daß er zwar nicht gera⸗ dezu Abneigung gegen Butler hegte, aber doch oft gegen deſſen weltliche Gelehrſamkeit bittern Spott ergoß, der vielleicht aus Eiferſucht ſtammte, aber doch gewiß keine Vorliebe fuͤr den Mann verrieth, gegen welchen er gerichtet war. Und mußte nicht die Verbindung mit Dumbiedikes unwiderſtehliche Reize fuͤr einen Mann haben, der daruͤber zu klagen pflegte, daß er geneigt waͤre, 174 uͤber die Gebuͤhr nach weltlichen Guͤtern zu trach⸗ ten? Des Gutsherrn taͤgliche Beſuche waren ihr daher, wegen der befuͤrchteten Folgen, unange⸗ nehm, und die Trennung von dem Orte, wo ſie geboren und aufgewachſen war, wurde ihr nicht wenig erleichtert durch den troͤſtenden Ge⸗ danken, daß ſie Dumbiedikes und ſeinen Treſſen⸗ hut, ſammt ſeiner Tabackspfeife zum Letzten⸗ mahl geſehen. Das gute Maͤdchen erwartete ſo wenig, daß er den Muth faſſen koͤnnte, ihr nach Leonhardfels zu folgen, als ſie dachte, daß die, im Garten zu Woodend zuruͤck gelaſſenen Apfelbaͤume und Kohlſtauden von ſelbſt und ohne Beiſtand eine ſolche Reiſe unternehmen wuͤrden. Sie fuͤhlte daher keineswegs eine angenehme Ueber⸗ raſchung, als am ſechſten Tage nach ihrer An⸗ kunft in Leonhardfels der Herr von Dumbie⸗ dikes mit Treſſenhut, Tabackspfeife und ſonſti⸗ gem Zubehoͤr ankam, und mit der alten Begruͤ⸗ ßung:„Nun, wie geht's, Hanne? Wo iſt Vater?“ faſt dieſelbe Stellung in der Stube nahm, die er ſo lange und ſo regelmaͤßig in Wood⸗ end genommen hatte. Kaum aber war er da, als er mit einer ungewoͤhnlichen Anſtrengung ſeiner Gaben zur Unterhaltung hinzu ſetzte:„Hanne 175 — ich ſage, Hanne— Maͤdel!“ und dabei die Finger nach ihrer Schulter ausſpreizte, als haͤtte er ſie packen wollen. Er benahm ſich aber dabei ſo ſchuͤchtern und linkiſch, daß in dem Augenblicke, als ſie ſeinem Griffe auswich, die offene Tatze in der Luft ſchweben blieb, wie eine Greifenklaue. „Hannel ſprach er weiter in dieſem Augenblicke der Begeiſterung: ich ſage, Hanne, es iſt huͤbſch Wetter draußen, und die Wege ſind nicht zu ſchlecht fuͤr kurze Stiefeln.“ Plagt der Teufel den daͤmiſchen Burſchen! murmelte Hannchen. Wer haͤtte gedacht, daß er ſich ſo weit hinaus machen wuͤrde!— Sie geſtand nachher, daß ſie etwas von dieſer un⸗ freundlichen Geſinnung in ihren Ton und ihr Benehmen gelegt haͤtte; denn da ihr Vater ab⸗ weſend war, und der Burſche, wie ſie unehrer⸗ bietig den Gutsherrn nannte, recht munter und ſingerlich ausſah, wußte ſie nicht, wie ſie ſagte, was ihm zunaͤchſt einfallen moͤchte. Ihr finſterer Blick wirkte wie ein niederſchla⸗ gendes Mittel, und der Gutsherr fiel ſeit dieſem Tage wieder in ſeine ſchweiglame Stimmung. Er beſuchte des Pachters Huͤtte woͤchentlich etwa 176 viermahl, wenn das Wetter es erlaubte, bloß in der Abſicht, Hannchen Deans anzuſtieren, waͤh⸗ rend der gelaſſene David ſeine Beredſamkeit in Verhandlungen uͤber Streitfragen ergoß. —õ—ꝑ 38. 1 177 . Ihr ganzes Weſen weckt' bewunderndes Entzuͤcken, So hold und mild war ſie, bei ihrer Schuͤchternheit; Geſunde Jugendluſt entſtrahlte ihren Blicken, Und alles ſprach bei ihr des Herzens Froͤhlichkeit. Crabbe. Die Beſuche des Gutsherrn kamen wieder in das gewoͤhnliche Geleiſe, wobei nichts zu erwar⸗ ten, oder zu fuͤrchten war. Haͤtte ein Liebhaber eine Schoͤne gewinnen koͤnnen, wie eine Schlange einen Vogel bezaubern ſoll, durch Anſtieren mit weit aufgeſperrten dummen gruͤnlichen Augen, die nun zuweilen mit einer Brille bewaffnet wa⸗ ren, ſo waͤre Dumbiedikes ohne Zweifel der Mann geweſen, dem es haͤtte gelingen koͤnnen. Die Kunſt der Bezauberung ſcheint aber unter die verlorenen Kuͤnſte zu gehoͤren, und ich habe nicht gehoͤrt, daß dieſer hartnaͤckige Gaffer durch ſeine 12 178 Aufmerkſamkeiten etwas anderes bewirkt haͤtte, als ein gelegentliches Gaͤhnen. Der Gegenſtand ſeines Anſtaunens kam in⸗ deß an die Gränze der Jugendjahre, und naͤherte ſich der Zeit, die man bei den Frauen die mitt⸗ len Jahre nennt, und die nach der Meinung unhoͤflicher Leute, bei dem gebrechlichern Geſchlechte einige Jahre fruͤher, als bei den Maͤnnern an⸗ fangen ſollen. Viele wuͤrden geglaubt haben, der Gutsherr haͤtte beſſer gethan, einen Gegenſtand anzuſtieren, der weit hoͤhere Reize beſaß, als Johanna ſelbſt in ihrer Bluͤtezeit gehabt hatte, und nun von Allen, die nach Leonhardfels kamen, bewundert wurde. 1 Euphemia Deans war unter der zaͤrtlichen und liebevollen Pflege ihrer Schweſter zu einem ſchoͤnen und bluͤhenden Maͤdchen aufgewachſen. Ihr Kopf von griechiſcher Schoͤnheit war von einer uͤppigen Fuͤlle brauner Locken umwallt, wel⸗ che, von einem blauſeidenen Netze zuſammen ge⸗ halten, ein lachendes Hebegeſicht beſchatteten; ein Bild von Geſundheit, Frohſinn und Zufrie⸗ denheit. Ihr brauner laͤndlicher Anzug zeigte eine Geſtalt, die mit der Zeit, wie es ſchien, leicht zu ſtark haͤtte werden koͤnnen, was man 7 179 haͤufig den ſchottiſchen Schoͤnheiten zum Vor⸗ wurfe macht, die aber in ihrem Jugendalter ſchlank und ſchmaͤchtig war, und die anmuthigen, leichten Umriſſe hatte, welche Geſundheit und zu⸗ gleich eine gefaͤllige Bildung ankuͤndigen. Dieſe aufbluͤhenden Reize waren in ihrer ju⸗ gendlichen Fuͤlle doch nicht maͤchtig genug, das ſtandhafte Gemuͤth des beharrlichen Gutsherrn zu erſchuͤttern, oder ſeine ſtieren Blicke zu zer⸗ ſtreuen. Kaum aber gab es ein anderes Auge, das dieſes lebendige Bild friſcher Schoͤnheit ohne Entzuͤcken anſehen konnte. Der Reiſende hielt ſein muͤdes Pferd an, ehe er die nahe Stadt, das Ziel ſeiner Reiſe, betrat, und ließ ſeinen Blick auf der Sylphengeſtalt ruhen, die an ihm vor⸗ uͤber trippelte, und mit dem Milcheimer auf dem Kopfe ſo aufrecht, leicht und frei einher ging, daß ſie eher eine Zierde, als eine Laſt zu tragen ſchien. Die jungen Burſchen aus der nahen Vorſtadt, die ihre abendlichen Zuſammenkuͤnfte hielten, um ſich mit allerlei Bewegungſpielen zu vergnuͤgen, wetteiferten um den gluͤcklichen Vorzug, ihre Blicke auf ſich zu ziehen. Selbſt ihres Vaters Glaubensgenoſſen, die ſtrengen Presbyterianer, die es fuͤr einen Fallſtrick, wo nicht fuͤr ein Ver⸗ 12* 180 brechen hielten, dem Auge und den Sinnen ſchmeicheln zu laſſen, wurden zu einer augenblick⸗ lichen Freude uͤberraſcht, wenn ſie das holde Weſen betrachteten, wiewohl ihr Entzuͤcken bald durch einen Seufzer geſtoͤrt ward, der ihnen ihre Schwaͤche vorwarf, und es zugleich betrauerte, daß auch ein ſo ſchoͤnes Geſchoͤpf an der gemein⸗ ſamen und erblichen Schuld und Unvollkommen⸗ heit unſrer Natur Theil haben ſollte. Man nannte ſie gewoͤhnlich die Lilie von Leonhardfels; ein Nahme, den ſie ſowohl durch die ſchuldloſe Reinheit ihrer Gedanken, Ausdruͤcke und Hand⸗ lungen, als durch die ungemeine Lieblichkeit ihrer Geſtalt verdiente. 4 Es waren jedoch Zuͤge in Euphemia's Ge⸗ muͤthsart, welche nicht nur in dem gelaſſenen David Deans, der begreiflicher Weiſe uͤber jugendliche Be⸗ luſtigungen ſtrenge Anſichten hatte, Zweifel und Unruhe erweckten, ſondern ſelbſt die nachſichtige⸗ re Schweſter zu ernſtlichen Beſorgniſſen ſtimm⸗ te. Die Kinder der untern Staͤnde in Schott⸗ land werden gewoͤhnlich durch fruͤhzeitige Nach⸗ ſicht ihrer Angehoͤrigen verzaͤrtelt, und wie, war⸗ um und in welchem Grade dieß der Fall iſt, hat die lebhafte und belehrende Erzaͤhlung der liebens⸗ * 181 wuͤrdigen und trefflichen Verfaſſerinn der Huͤtt⸗ ner von Glenburnie,*) mir und allen kuͤnftigen Federhelden zu berichten erſpart. Eu⸗ phemia hatte dieſe unbedachtſame und mißver⸗ ſtandene Guͤte in doppeltem Maße erfahren. Selbſt die ſtrengen Grundſaͤtze ihres Vaters konn⸗ ten die Spiele der Kindheit nicht verdammen, und dem guten alten Manne ſchien ſeine juͤngere Tochter, das Kind ſeiner alten Tage, auch einige Jahre nach dem erreichten jungfraͤulichen Aiter noch ein Kind zu ſein, wurde noch immer das kleine Maͤdchen und Effiechen genannt, und durfte ungehindert hin und her laufen, ausgenom⸗ men an Sonntagen, und zu der Zeit haͤuslicher Andachtuͤbungen. Ihrer Schweſter konnte bei all ihrer muͤtterlichen Liebe und Sorgfalt nicht jener gebieteriſche Einfluß einer Mutter zugetraut werden, und der Einfluß, den ſie zeither ausge⸗ uͤbt hatte, ward allmaͤhlig beſchraͤnkt und vermin⸗ dert, als Effie an Jahren zunahm, und nun, wenigſtens nach ihrer Meinung, ei⸗ nen Anſpruch auf Unabhaͤngigkeit und Ge⸗ *) The Cottages of Glenburnie— von der ver⸗ ſtorbenen Eliſabeth Hamilton. 2 182 nuß freier Willkuͤhr erhielt. Bei aller Un⸗ ſchuld und Gutmuͤthigkeit, beſaß daher die Lilie von Leonharbfels ein wenig Selbſtduͤnkel und Eigenſinn, eine etwas warme und reizbare Stim⸗ mung, die vielleicht zum Theil natuͤrlich, aber gewiß durch die ungebundene Freiheit ihrer Kind⸗ heit ſehr erhoͤht worden war. Ihre Gemuͤths⸗ art wird ſich am beßten durch die Mittheilung eines haͤuslichen Auftrittes ſchildern laſſen. Der ſorgſame Vater war in ſeinem wohl ver⸗ ſehenen Stalle beſchaͤftigt, die nuͤtzlichen und gedul⸗ digen Thiere zu fuͤttern, deren Ertrag ihm ſeinen Lebensunterhalt gab. Der Sommerabend daͤm⸗ merte, und Johanna, die unruhig der Ankunft ih⸗ rer Schweſter entgegen ſah, fing ſchon an zu fuͤrch⸗ ten, daß Euphemia nicht heim kommen koͤnnte, ehe ihr Vater von der Abendarbeit zuruͤck kehrte, der dann, nach ſeiner Gewohnheit, eine haͤusliche An⸗ dacht hielt, wobei, wie ſie wußte, ſeine juͤngere Tochter zu vermiſſen, ihm ſehr unangenehm ſein wuͤrde. Dieſe Beſorgniſſe fielen ihr deſto ſchwe⸗ rer auf's Herz, da Effie ſchon mehrmahl an den vorhergehenden Tagen um dieſelbe Zeit ver⸗ ſchwunden war, und ihr Ausbleiben, anfaͤnglich von kaum bemerkter Dauer, hatte ſich allmaͤhlig 183 auf eine halbe Stunde, ja auf eine Stunde ausge⸗ dehnt, und nun ſelbſt dieſe letzte Gräͤnze uͤberſchrit⸗ ten. Johanna ſtand vor der Thuͤre, hielt die Hand vor die Augen, um ſich gegen die Strahlen der tief ſtehenden Sonne zu ſchirmen, und blickte abwechſelnd auf die verſchiedenen Pfade, die zu ihrer Wohnung fuͤhrten, ob ſie die holde Geſtalt ihrer Schweſter unterſcheiden koͤnnte. Der ſo⸗ genannte Koͤnigspark war durch eine Mauer mit einem Stege von der Straße getrennt, und da⸗ hin richtete ſie oft ihre Blicke, bis ſie zwei Ge⸗ ſtalten ploͤtzlich erſcheinen ſah, die ſich ſo dicht an die Mauer hielten, als haͤtten ſie der Beob⸗ achtung zu entgehen gewuͤnſcht. Eine derſelben, ein Mann, zog ſich ſchnell zuruͤck, die weibliche Geſtalt aber kam uͤber den Steg und naͤherte ſich ihr. Es war Euphemia. Sie trat zu ihrer Schweſter mit jener erkuͤnſtelten Munterkeit, die man in ihrem Stande, und wohl auch unter Vor⸗ nehmern, annimmt, um Ueberraſchung, oder Ver⸗ legenheit zu verbergen, und traͤllerte, als ſie kam: Der Elfenritter am Ufer ſaß, Wo Ginſter waͤchſt froͤhlig, wo Ginſter wächſt Iſchon; Und ſingend ging ein Maͤgdlein fuͤrbaß⸗ Und wir duͤrfen nun nicht mehr zum Ginſter gehn. 184 Still, Effie, der Vater kommt aus dem Stalle, ſprach Johanna. Effie hielt ihren Geſang an. Wo biſt Du ſo ſpaͤt noch geweſen? fuhr Jo⸗ hanna fort. Es iſt ja nicht ſpaͤt, Maͤdchen! erwiederte Effie.. Jede Glocke in der Stadt hat acht geſchla⸗ gen, und die Sonne iſt ſchon hinter den Corſtor⸗ phine⸗Huͤgeln. Wo kannſt Du denn ſo ſpaͤt ge⸗ weſen ſein? Nirgend, antwortete Euphemia. Und wer war's denn, der von Dir ging am Stege?. Niemand, ſprach Effie noch einmahl. Nirgend? Niemand? Ich wuͤnſche, es moͤge ein rechter Weg und rechte Leute ſein, wo⸗ von man ſich ſo ſpaͤt am Abend zuruͤck halten aͤßt. Und warum mußt Du einem immer nach⸗ ſpuͤren? erwiederte Effie. Fragſt Du mich nicht, ſo ſag' ich Dir keine Luͤge. Ich frage Dich nie, warum der Herr von Dumbiedikes hier wie eine wilde Katze uns anglotzt— nur ſind ſeine Au⸗ gen gruͤner und nicht ſo munter— einen Tag — 195 nach dem andern, bis man ſich den Mund ab⸗ gaͤhnen moͤchte. Du weißt ja wohl, er kommt, unſern Bater zu ſehen, erwiederte Johanna auf die ſchnippi⸗ ſche Frage. Und der Schulmeiſter Butler— kommt der auch, den Vater zu ſehen, der ſo viel Gefallen findet an ſeinen lateiniſchen Worten? ſprach Eu⸗ phemia, die mit Freude ſah, daß ſie den drohen⸗ den Angriff von ſich abwenden konnte, wenn ſie den Krieg in das feindliche Gebiet ſpielte, und mit jugendlichem Muthwillen verfolgte ſie den Sieg uͤber ihre kluͤgere Schweſter. In dem ſchlauen Blicke, den ſie auf Johanna heftete, war etwas zu leſen, das wie Spott ausſah, und ſie ſang leiſe, aber mit bezeichnendem Tone aus ei⸗ nem alten ſchottiſchen Liede: An der Kirchhofthuͤr' Kam der Edelherr zu mir, Und was da der Pinſel ſprach, macht' mir kein Leid; Als aber nun dunkel die Nacht anbrach, Da kam auch der Kuͤſter ſogar mir nach— Hier ſchwieg die Saͤngerinn, blickte ihrer Schweſter frei in's Geſicht, und als ſie eine Thraͤ⸗ ne in Johanna's Auge ſah, ſchlang ſie ploͤßlich 186 ihre Arme um das Maͤdchen, und kuͤßte die Thraͤ⸗ ne hinweg. Johanna, ſo gekraͤnkt und ungehal⸗ ten ſie war, konnte den Liebkoſungen des ſchlich⸗ ten Naturkindes nicht widerſtehen, deſſen Gures und Boͤſes mehr aus einem unbewußten Antriebe, als aus Ueberlegung zu entſpringen ſchien. Als ſie aber den ſchweſterlichen Kuß zum Zeichen voͤl⸗ liger Verſoͤhnung erwiederte„ konnte ſie den mil⸗ den Vorwurf nicht unterdruͤcken:„Effie, wenn Du haͤßliche Lieder lernen willſt, koͤnnteſt Du ſie doch freundlicher anwenden.“ Ja, das koͤnnt' ich Hannchen! ſprach das Maͤdchen, die Schweſter inniger umſchlingend: und ich wollte, ich haͤtte nie eines gelernt— ich wollte, wir waͤren nie hieher gekommen— ich wollte, meine Zunge haͤtte Blaſen gekriegt, ehe ich Dir wehe gethan haͤtte. Denke nicht mehr daran, Effie! erwiederte die liebevolle Schweſter. Alles, was Du ſageſt, kann mir nicht ſehr wehe thun„ aber— o thue nur unſerm Vater nicht wehe! DIch will's nicht, ich will's nicht, antwortete Euphemia. Und wenn's morgen Abend ſo viele Tänze da gaͤbe, als muntere Taͤnzer am Him⸗ 187 mel in einer froſtigen Nacht, ich will nicht einen Schritt danach gehen. Taͤnze? wiederhohlte Johanna erſtaunt. O Effie, was konnte Dich zu einem Tanze bringen? Es iſt ſehr moͤglich, daß die Lilie von Leon⸗ hardfels, in der mittheilſamen Stimmung, wo⸗ zu ſie ſich hatte uͤberraſchen laſſen, ihrer Schwe⸗ ſter mit vollem Vertrauen ſich entdeckt, und mir den Schmerz erſpart haͤtte, eine traurige Geſchich⸗ 5 te zu erzaͤhlen, wenn nicht das Wort Tanz in dem Augenblicke, wo es ausgeſprochen ward, in des alten David's Ohr gedrungen waͤre, als er eben um die Ecke des Hauſes bog, und zu ſeinen Toͤchtern trat, ehe ſie ihn gewahr wurden. Das Wort Biſchof, oder ſelbſt das Wort Papſt, haͤtte kaum eine ſo ſchreckende Wirkung auf ſein Ohr machen koͤnnen. Tanzen, das er einen frei⸗ willigen und regelmaͤßigen Anfall von Zerſtreu⸗ 1 ung nannte, war, nach ſeiner Meinung, unter allen Leibesuͤbungen diejenige, welche ernſthafte Gedanken am Meiſten ſtoͤrte, und zu aller Art von Zuͤgelloſigkeit den geradeſten Weg bahnte, und er hielt die Aufmunterung, oder auch nur die Geſtattung von Zuſammenkuͤnften, unter hoͤhern oder niedern Staͤnden, zu dieſem ſeltſa⸗ 188 men und abgeſchmackten Zwecke, oder zur Vorſtell⸗ ung von Schauſpielen, fuͤr einen der ſchreiendſten Beweiſe des Abfalles und eine Veranlaſſung des goͤttlichen Jornes. Das Wort Ta nz im Munde ſeiner Toͤchter, und auf der Schwelle ſeines Hau⸗ ſes, erregte ſeinen hoͤchſten Unmuth.„Tanz? rief er, Tanz? Tanz, ſagt Ihr? Ihr wagt es, Dirnen, ein ſolches Wort vor meiner Thuͤre auszuſprechen? Es iſt ein zuͤgelloſer, unheiliger Zeitvertreib. Die Israeliten machten ſich ihn nur bei ihrer ſchaͤndlichen und viehiſchen Verehrung des goldnen Kalbes zu Bethel, uund ſo that's je⸗ ne Ungluͤckliche, die dem Taͤufer Johannes den Kopf abtanzte. Ich werde heute Abend uͤber die⸗ ſes Kapitel mehr zu eurer Belehrung ſagen, da Ihr es ſehr vonnoͤthen habet, und ich zweifle nicht, ſie hat Urſache gehabt, es zu bereuen, daß ſie je die Glieder dazu bewegte. Beſſer fuͤr ſie, wenn ſie als Kruͤppel geboren und von Thuͤre zu Thuͤre gebracht worden waͤre, als daß ſie eine. Koͤnigstochter war, die auf ſolchem Wege taͤndel⸗ te und ſprang. Ich habe mich oft gewundert, wie ein Menſch, der je ſeine Kniee in rechter Ab⸗ ſicht bog, es wagen kann, eine Kniekehle zu beu⸗ gen, um nach eines Pfeifers Wind und nach dem 8 139 Quaͤrren eines Fiedlers zu huͤpfen und zu ſprin⸗ gen. Dank ſei Gott, der mein Loos in mei⸗ ner Tanzzeit ſo geordnet hat, daß der Leichtſinn meines Kopfes und der Muthwille meiner Fuͤße gehemmt wurde durch die Gefahr meines Kopfes und meiner Kehle, die Furcht vor dem blutigen Stricke und der ſchnellen Kugel, vor ſchneiden⸗ den Schwertern und ſpaniſchen Stiefeln und Daumſchrauben, Kaͤlte und Hunger, Naͤſſe und Duͤrre! Und hoͤre ich Euch nur das Wort Tanz nennen, ihr Maͤdchen, oder daran denken, daß es ſo etwas in der Welt gibt, als nach eines Fiedlers Toͤnen und nach eines Pfeifers muntern Weiſen huͤpfen— ſo wahr meines Vaters Geiſt bei den Gerechten iſt, ich werde nicht mehr fuͤr Euch ſorgen, noch mich um Euch bekuͤmmern. Geht hmein— geht, Maͤdchen! ſetzte er mit ſanfteren Tone hinzu, als ſeine Toͤchter, und be⸗ ſonders Euphemia, ihre Thraͤnen ſtroͤmen lie⸗ ßen. Geht hinein, liebe Kinder, und wir wol⸗ len um Gnade bitten, auf daß wir bewahret wer⸗ den vor aller unheiligen Thorheit, die zur Suͤnde fuͤhret und das Reich der Finſterniß befoͤrdert, welches da ſtreitet mit dem Reiche des Lichtes.“ Der wohlgemeinte Verweis des Vaters ward 190 zu ungluͤcklicher Stunde gegeben, denn es wurde dadurch ein Zwieſpalt in Euphemia's Gefuͤhlen erregt, und ſie von dem Vertrauen abgeſchreckt, das ſie ihrer Schweſter ſchenken wollte.„Sie wuͤrde mich nicht beſſer halten„ als den Koth unter ihren Fuͤßen, dachte ſie, wenn ich ihr ge⸗ ſtehen wollte, daß ich viermahl mit ihm auf dem Raſenplatze und einmahl in Gretens Schenke ge⸗ tanzt habe. Sie koͤnnte mich immer damit in Furcht halten, daß ſie's meinem Vater ſagen wollte, und ſie wuͤrde ganz meine Meiſterinn ſei und mehr. Aber ich gehe nicht wieder hin— gewiß, ich gehe nicht noch einmahl hin. Ich will ein Ohr in meine Bibel machen, und das iſt ſo gut, als haͤtte ich einen Eid abgelegt, daß ich nicht wieder hingehen will.“ Sie hielt ihr Geluͤbde auch eine Woche lang und war waͤhrend dieſer Zeit ungewoͤhnlich eigen⸗ ſinnig und muͤrriſch; Fehler, die man nie vorherr in ihrem Gemuͤthe bemerkt hatte, ausgenommen in Augenblicken, wo ſie Widerſpruch erfuhr. Alles dieß war ſo geheimnißvoll, daß ihre klu⸗ ge und liebevolle Schweſter eine Unruhe fuͤhlte, die ſich deſto lebhafter regte, da ſie es fuͤr un⸗ freundlich gegen ihre Schweſter hielt, ihrem Va⸗ 191 ter Beſorgniſſe mitzutheilen, die vielleicht bloß in ihrer Einbildung gegruͤndet waren. Bei aller Ehrerbietung gegen den guten alten Mann merk⸗ te ſie uͤberdieß, daß er eben ſo hitzig, als ent⸗ ſchieden war, und es kam ihr zuweilen vor, als ob er ſeine Abneigung gegen jugendliche Beluſti⸗ gungen weiter triebe, als Religion und Vernunft es verlangen. Johanna ſah wohl ein, daß eine ploͤtzliche und ſtrenge Beſchraͤnkung der zeither ungebundenen Freiheit ihrer Schweſter eher Boͤ⸗ ſes als Gutes ſtiften koͤnnte, und daß Euphe⸗ mia in hartnaͤckigem jugendlichen Eigenſinn die Uebertreibungen in ihres Vaters Vorſchriften leicht als eine Entſchuldigung anſehen konnte, alle ſei⸗ ne Ermahnungen zu vernachlaͤßigen. Ind den hoͤ⸗ hern Staͤnden iſt auch das leichtſinnigſte Maͤd⸗ chen noch immer unter der Herrſchaft der Um⸗ gangſitte, und der Aufſicht der Muͤtter und Huͤ⸗ terinnen unterworfen; das Landmaͤdchen aber, das nur in den Feierſtunden frohe Augenblicke ergreift, ſteht nicht auf gleicher Weiſe unter Obhut und Zwang, und fuͤr ſie wird die Beluſtigung de⸗ ſto gefahrvoller. Johanna dachte mit großer Be⸗ kuͤmmerniß an alles dieß, als ein Umſtand ein⸗ trat, der ihre Unruhe erleichtern zu koͤnnen ſchien. 192 Frau Sattelbaum, die unſre Leſer bereits kennen, war eine entfernte Verwandte des ge⸗ laſſenen David Deans, und da man ſie als ei⸗ ne unbeſcholtene, umgaͤngliche und wohlhabende Frau kannte, ſo beſtand eine Verbindung zwiſchen beiden Familien. Ungefaͤhr anderthalb Jahre vor der Eroͤffnung unſrer Geſchichte, brauchte die ſorg⸗ ſame Frau ein Ladenmaͤdchen zum Beiſtande in ih⸗ rem Gewerbe. Ihr Mann, ſagte ſie, waͤre nie im Laden, wenn er ſeine Naſe in Gerichtshaͤndel ſtecken koͤnnte, aber es ſaͤhe wunderlich fuͤr eine Frau aus, ganz allein unter Lederrollen zu ſte⸗ hen, um Sattel und Zaͤume zu verkaufen, und ſie haͤtte daher ihr Auge auf ihr Muͤhmchen, Ef⸗ fie Deans, geworfen, die gerade das Maͤdchen waͤre, das ihr in ſolchen Faͤllen zu Hilfe kom⸗ men koͤnnte. Der Vorſchlag erſchien dem alten David ſehr annehmlich. Seine Tochter ſollte Wohnung, Koſt und Lohn erhalten; ihre Lage war anſtaͤn⸗ dig; ſie lebte unter der Aufſicht der Frau Sat⸗ telbaum, die von redlichem Wandel war, und nicht weit von der Gefaͤngnißkirche wohnte, wo noch troͤſtende Lehren predigte, einer der weni⸗ gen Prediger der ſchottiſchen Kirche, die nicht wie 193 David ſich ausdruͤckte, vor dem Baal die Kniee gebeugt haͤtten, oder theilhaftig waͤren des Flu⸗ ches der Abtrüͤnnigkeit, der Vereinigung, der Duldung, und einiger biſchoͤflichen, ketzeriſchen Eide, welche der Kirche ſeit der Revolution, und inſonderheit unter der Regierung des ver⸗ ſtorbenen Weibes— wie er die Koͤniginn Anna nannte— der Letzten des unſeligen Geſchlechtes der Stuarte, waͤren aufgelegt worden. Der gu⸗ te Mann war uͤber die Reinheit der Glau⸗ benslehren, die ſeine Tochter hoͤren ſollte, ſo unbeſorgt, daß die Fallſtricke andrer Art, wel⸗ chen ein ſo ſchoͤnes, junges und eigenwilliges Maͤdchen mitten in einer volkreichen und verdor⸗ benen Stadt ausgeſetzt ſein konnte, ihn gar nicht bekuͤmmerten. Er hatte freilich vor jeder Hinneigung zu den Unordnungen, die in ſolchen Faͤllen am Meiſten zu beſorgen ſind, einen ſol⸗ chen Abſcheu, daß er eben ſo leicht haͤtte arg⸗ woͤhnen und dagegen wachen koͤnnen, ſeine Toch⸗ ter zum Verbrechen des Mordes verleitet zu ſe⸗ hen. Er bedauerte nur, daß Euphemia in dem Hauſe eines Mannes von ſo viel weltlicher Klug⸗ heit, als Bartolinus Sattelbaum war, leben ſollte; denn David ahnete nicht, daß der Mann ein 13 194 Dummkopf war, ſondern traute ihm alle die rechts⸗ wiſſenſchaftlichen Kenntniſſe zu, worauf der Satt⸗ lermeiſter Anſpruch machte, und konnte ihn, eben dieſer Kenntniſſe wegen, deſto weniger leiden. Die Rechtsgelehrten, beſonders diejenigen unter ihnen, welche als regierende Aelteſte in der all⸗ gemeinen Verſammlung ſaßen,*) hatten das Pfarrverleihungrecht, den Abſchwoͤrungeid, und andre Maßregeln eifrig befoͤrdert, welche, nach Da⸗ vid's Meinung, eine Zerſtoͤrung des Schnitzwer⸗ kes im Heiligthum, ein Eingriff in die Freihei⸗ ten der Kirche waren. Er gab ſeiner Tochter ſo viele Ermahnungen uͤber die Gefahr, auf die Lehren eines geſetzkundigen Formelkraͤmers, wie *) Nach der, im ſiebzehnten Jahrhunderte beveſtigten Verfaſſung der presbyterianiſchen Kirche in Schottland, werden bei allen Kirchen von den Predigern Kirchenvorſteher gewaͤhlt, von wel⸗ chen einer der regierende Aelteſte(Ru- ling Eldex) heißt. Dieſe Vorſteher bilden mit den Predigern die woͤchentliche Kirchenſitz⸗ ung,(Kirksession) ſaͤmmtliche zu einem Pres⸗ byterium(Didces) gehoͤrende Prediger und oberſte Kirchenvorſteher verſammlen ſich monat⸗ lich; zu einer allgemeinen Verſamm⸗ lung der ſchottiſchen Geiſtlichkeit, (General Assembly), die jaͤhrlich einmahl in Edinburgh gehalten wird, ſchicken alle(70) Presbyterien ihre Abgeordneten. L. 195 Sattelbaum waͤre, zu horchen, daß er nicht viel Zeit mehr hatte, umſtaͤndlich von den Gefahren des uͤppigen Lebens, der Geſellſchaften und der gemiſchten Taͤnze zu reden, welchen Euphemia in ihrem Alter wohl mehr ausgeſetzt zu ſein ſchien, als der Gefahr, ihren Glauben durch Irrlehren zu verderben. Johanna's Gefuͤhle bei der Trennung von ih⸗ rer Schweſter waren zwiſchen Kummer, Beſorg⸗ niß und Hoffnung getheilt. Sie konnte nicht ſo ſehr, als ihr Vater, auf Euphemia's Klugheit vertrauen, da ſie ihre Schweſter genauer beobach⸗ tet hatte, die Gefuͤhle derſelben beſſer zu theilen, und die Gefahren, welche dem Maͤdchen droh⸗ ten, genauer zu ſchaͤtzen vermochte. Dagegen aber war Frau Sattelbaum eine ſcharfſichtige, kluge und ſorgſame Frau, die uͤber Euphemia die volle Gewalt einer Gebieterinn ausuͤben durfte, und vermuthlich mit Strenge, aber auch mit Guͤte, ihr Anſehn geltend machen wollte. Jo⸗ hanna glaubte auch darauf rechnen zu koͤnnen, daß der Aufenthalt in Sattelbaum's Hauſe ei⸗ nige unnüͤtze Bekanntſchaften abbrechen werde, die ihre Schweſter, wie ſie argwohnte, in der be⸗ nachbarten Vorſtadt angeknuͤpft hatte. Euphe⸗ 13 † 196 mia's Entfernung war ihr daher im Ganzen an⸗ genehm, und erſt in dem Augenblicke, wo ſie zum Erſtenmahl in ihrem Leben ſich trennen ſoll⸗ ten, fuͤhlte ſie die ſchweſterliche Bekuͤmmerniß in ihrer ganzen Staͤrke. Als ſie ſich mit Kuͤſſen bedeckten und ſich einander die Haͤnde druͤckten, benutzte Johanna dieſen Augenblick zaͤrtlicher Re⸗ gungen, um ihrer Schweſter vorzuſtellen, wie nothwendig es waͤre, in ihrem Betragen waͤh⸗ rend ihres Aufenthalts in Edinburgh die aͤußerſte Vorſicht zu beobachten. Euphemia hoͤrte ihr zu, ohne auch nur einmahl die langen ſchwarzen Au⸗ genwimpern aufzuſchlagen, woraus die Thraͤnen⸗ tropfen, wie aus einer Quelle, hervor drangen. Als Johanna ſchwieg, ſchluchzte Euphemia, kuͤß⸗ te ihre Schweſter, und verſprach, aller guten Er⸗ mahnungen eingedenk zu ſein. So ſchieden ſie. In den erſten Wochen that Euphemia alles, was ihre Muhme erwartete, ja noch mehr; mit der Zeit aber ließ der erſte Eifer nach, den ſie im Dienſte gezeigt hatte. Wir borgen noch einmahl die Worte des Dichters,*) der lebende Sitten ſo treu und ſchoͤn beſchreibt: *) Crabbe, 197 Und etwas war, das Niemand wagt' zu ſagen— Wie leichte Woͤlkchen ziehn an Sommertagen— Gefluͤſter, Winke, die von Ohr zu Ohre gehn, Geruͤchte, worin Niemand hell kann ſehn. In dieſer Zeit gab Effie, wenn ſie auswaͤrts Beſtellungen zu beſorgen hatte, durch ihr langes Ausbleiben zuweilen ihrer Gebieterinn Anlaß zur Unzufriedenheit, und mißfiel durch eine Anwand⸗ lung von Ungeduld, ſo oft ſie bei ſolchen Gele⸗ genheiten Verweiſe erhielt. Frau Sattelbaum war aber ſo gutmuͤthig, den erſten Fehler einem Maͤdchen, dem in der Stadt alles neu war, nicht ſtrenge zuzurechnen, und in der andern Unart ſah ſie nur den Muthwillen eines verzaͤrtelten Kindes, das ſich zum Erſtenmahl unter das Joch haͤus⸗ licher Zucht beugen mußte. Aufmerkſamkeit und Unterwuͤrfigkeit ließen ſich nicht auf einmahl ler⸗ nen, meinte ſie, das Schloß Holyrood waͤre nicht an einem Tage gebaut, und Uebung wuͤrde ſchon vollkommen machen. Es ſchien, als wäre die Weiſſagung der be⸗ daͤchtigen Alten eingetroffen. Nach Verlaufe we⸗ niger Monate war Effie an ihre Pflichten gleiche ſam gekettet, wiewohl ſie dieſelben nicht mehr mit dem froͤhlichen Geſichte und dem leichten Schritte 198 erfuͤllte, wodurch ſie anfäͤnglich jeden Kundmann angezogen hatte. Ihre Gebieterinn fand ſie zu⸗ weilen in Thraͤnen; aber es waren Zeichen eines inneren Kummers, welche das Maͤdchen zu ver⸗ bergen ſuchte, ſo bald ſie ſich beobachtet ſah. Die Zeit verging; ihre Wangen wurden bleich, und ihre Schritte ſchwer. Die Urſache dieſer Veraͤn⸗ derungen wuͤrde dem kundigen Auge der Gebie⸗ terinn offenbar geworden ſein, wenn ſie nicht waͤhrend der letzten Monate von Effie's Dienſt⸗ zeit faſt immer, wegen Unpaͤßlichkeit, das Bett haͤtte huͤten muͤſſen. Effie wurde in dieſer Zwi⸗ ſchenzeit von einer Angſt gequaͤlt, die an Ver⸗ zweiflung graͤnzte. Die groͤßten Anſtrengungen des armen Kindes, Anfaͤlle von Ohnmachten zu bekaͤmpfen, waren oft ganz vergeblich, und ſie machte dabei im Laden ſo haͤufige und ſo unleid⸗ liche Verſehen, daß Bartolinus Sattelbaum, der waͤhrend der Krankheit ſeiner Frau mehr auf ſein Gewerbe achten mußte, als es zu ſeiner Beſchaͤf⸗ tigung mit den wichtigern Rechtsangelegenheiten paßte, endlich alle Geduld mit dem Maͤdchen verlor, das, wie er es in ſeinem Juriſtenlatein, und ohne ſonderliche Beachtung des Wortgeſchlech⸗ tes ausdruͤckte, fuͤr fatuus, furiosus und na- turaliter idiota von den Gerichten erklaͤrt wer⸗ den ſollte. Nachbarn und Dienſtgefaͤhrten be⸗ maerkten mit boshafter Neugier, oder mit herab⸗ wuͤrdigendem Mitleid, die entſtellte Geſtalt, die nachlaͤßige Kleidung und die bleichen Wangen des einſt ſo ſchoͤnen Maͤdchens; ſie aber wollte Nie⸗ manden ihr Vertrauen geben, beantwortete alle Neckereien mit bitterem Spotte, und alle ernſt⸗ lichen Ermahnungen mit muͤrriſchem Laͤugnen, oder mit einem Thraͤnenſtrome. Als ſich endlich vorausſehen ließ, daß Frau Sattelbaum, nach ihrer Wiedergeneſung, der Einrichtung ihres Hausweſens wieder die gewoͤhn⸗ liche Aufmerkſamkeit widmen werde, ſchien Effie gern der Ausforſchung ausweichen zu wollen, wel⸗ che die Gebieterinn mit allem Ernſte ihres An⸗ ſehens leicht haͤtte vornehmen koͤnnen, und ſie bat den Sattler um die Erlaubniß, auf einige Wochen nach Hauſe zu gehen, unter dem Vor⸗ wande ihrer Kraͤnklichkeit, und des Wunſches, Ruhe und Landluft zu genießen. Scharfſichtig wie ein Luchs— wenigſtens nach ſeiner Meinung— in den feinen Spitzfindeleien rechtlicher Eroͤrterun⸗ gen, war Bartolinus doch ſo unfaͤhig, aus 3 ge⸗ woͤhnlichen Lebensereigniſſen Schluͤſſe zu ziehen, als nur irgend ein hollaͤndiſcher Lehrer der Mathe⸗ matik es ſein kann. Er ließ das Maͤdchen ge⸗ hen, ohne eben Argwohn zu faſſen, und ohne alle Unterſuchung. Es wurde ſpaͤterhin ausgemittelt, daß von ihrer Entfernung aus Sattelbaum's Hauſe bis zu ihrer Ankunft in Leonhardfels eine Woche verfloſſen war. Sie, die vor kaum ſiebzehn Mo⸗ naten als ein frohes und ſchoͤnes Maͤdchen die vaͤterliche Huͤtte verlaſſen hatte, erſchien jetzt vor ihrer Schweſter mehr wie ein Geſpenſt, als einem lebenden Weſen gleich. Die langwierige Krank⸗ heit ihrer Gebieterinn hatte ihr in den letzten Mo⸗ naten einen Vorwand gegeben, ſich ganz in den dunkeln Bezirk des Ladens am Linnenmarkte ein⸗ zuſchließen, und Johanna war waͤhrend derſelben Zeit mit ihres Vaters Wirthſchaft ſo ſehr be⸗ ſchaͤftigt, daß ſie nur ſelten Zeit zu einem Gange in die Stadt und zu einem kurzen und fluͤchtigen Beſuche bei ihrer Schweſter hatte. Die beiden Maͤdchen hatten ſich daher ſeit mehren Monaten kaum geſehen, und es war kein einziges ſchmaͤ⸗ hendes Geruͤcht zu den einſamen Bewohnern von Leonhardfels gedrungen. Johanna ward bei dem Anblicke ihrer Schweſter von toͤdlichem ——— 201 Schrecken ergriffen, und beſtuͤrmte ſie dann mit Fragen, worauf die Ungluͤckliche zuerſt auswei⸗ chende Antworten ohne Zuſammenhang gab, bis ſie endlich ohnmaͤchtig niederſank. Von dem Un⸗ gluͤcke ihrer Schweſter nun uͤberzeugt, hatte Jo⸗ hanna die ſchreckliche Wahl, ob ſie ihren Vater davon unterrichten, oder es ihm zu verheimlichen ſuchen ſollte. Auf alle Fragen uͤber den Nah⸗ men und Stand ihres Verfuͤhrers, und das Schickſal des Weſens, dem ihr Fall das Daſein gegeben hatte, blieb Euphemia ſtumm, wie das Grab, dem ſie entgegen zu eilen ſchien, und es ſah aus, als ob die leiſeſte Anſpielung darauf ſie wahnſinnig gemacht haͤtte. In ihrer Bekuͤm⸗ merniß und Verzweiflung wollte ihre Schweſter zu Frau Sattelbaum eilen, um Rath zu hohlen, und ſich alles moͤgliche Licht in dieſer ungluͤckli⸗ chen Sache zu verſchaffen, aber dieſe Muͤhe erſparte ihr ein neuer Streich des Schickſals, der das Un⸗ gluͤck auf's Aeußerſte zu bringen ſchien. David Deans war uͤber den Geſundheitzu⸗ ſtand, worin ſeine Tochter in's vaͤterliche Haus zuruͤckkehrte, wohl bekuͤmmert geweſen, aber Jo⸗ hanna hatte ihn von genauern und umſtaͤndlichen Nachforſchungen abzuhalten gewußt. Wie vom fen, als in der Nachmittagſtunde, die eben den gewoͤhnlichen Beſuch des Herrn von Dumbiedi⸗ kes gebracht hatte, noch andre furchtbarere und ganz unerwartete Gaͤſte eintrafen. Es waren Gerichtsdiener, mit einem obrigkeitlichen Befehle, Euphemia Deans, die des Kindermordes ange⸗ klagt worden, aufzuſuchen und zu verhaften. Die betaͤubende Gewalt eines ſo ganz unerwarteten Streiches warf den alten Mann nieder, der in ſeiner fruͤhern Jugend der finſtern Gewalt krie⸗ geriſcher und buͤrgerlicher Machthaber, obgleich Schwerter und Gewehre, Folter und Galgen ſie unterſtuͤtzten, getrotzt hatte. Er fiel beſinnung⸗ los an ſeinem Herde nieder, und die Gerichts⸗ diener, die gern dem Anblicke ſeines Erwachens entgehen wollten, hoben mit rauher Menſchlich⸗ keit die Ungluͤckliche von ihrem Lager, und ſetzten ſie in einen Wagen, der ihnen gefolgt war. Kaum begannen die Mittel zu wirken, womit Johanna ihren Vater ſchnell wieder zur Beſin⸗ nung zu bringen ſuchte, als das Geraͤuſch des fortrollenden Wagens ihre Aufmerkſamkeit wie⸗ der auf ihre ungluͤckliche Schweſter lenkte. Dem Wagen ſchreiend nachzulaufen, war die erſte ver⸗ Donner wurde daher der arme alte Mann getrof⸗ —— 203 gebliche Anſtrengung ihres wahnſinnigen Schmer⸗ zes; aber einige Nachbarinnen, welche die unge⸗ woͤhnliche Erſcheinung einer Kutſche in dieſer ab⸗ geſchiedenen Gegend herbei gerufen hatte, hiel⸗ ten das Maͤdchen auf, und fuͤhrten ſie faſt mit Gewalt in ihres Vaters Haus zuruͤck. Die tiefe, theilnehmende Betruͤbniß dieſer guten Leute, bei welchen die Bewohner von Leonhardfels in hoher Achtung ſtanden, fuͤllte das Haus mit Jammergeſchrei. Selbſt Dumbiedikes ward aus ſeiner gewoͤhnlichen Gefuͤhlloſigkeit aufgeregt, und nach ſeinem Geldbeutel greifend, rief er aus: „Hanne— Maͤdchen— Hanne— weine nur nicht. Es iſt ein boͤs Ding, aber Geld kann's wieder gut machen.“ Mit den Worten zog er den Beutel hervor. Der alte Mann richtete ſich nun von der Erde auf, und ſich umſehend, als ob er etwas vermißte, ſchien er allmaͤhlig zu dem Bewußt⸗ ſein ſeines Elends zu erwachen.„Wo— rief er mit einer Stimme, die laut durch das Ge⸗ mach hallte: wo iſt die elende Hure, die das Blut eines ehrlichen Mannes geſchaͤndet hat? Wo iſt ſie, die keinen Platz unter uns hat, ſondern gekommen iſt im Schmutz ihrer Suͤn⸗ 204 den, wie der boͤſe Feind unter die Kinder Gottes? Woſ iſt ſie? Johanna! bringe ſie zu mir, daß ich ſie toͤdte mit einem Worte und einem Bucke.“ Alle draͤngten ſich um ihn, Jeder mit dem Troſte, den er geben konnte; der Gutsherr mit ſeinem Geldbeutel, Hannchen mit verbrannten Federn und ſtaͤrkendem Waſſer, und die Nach⸗ barinnen mit ihren Ermahnungen:„O Nach⸗ bar— o Herr Deans, es iſt wohl eine harte Pruͤfung— aber gedenket an den ewigen Fels, Nachbar— gedenket an die Verheißung!“ Und ich denke daran, Nachbarinnen— und ich ſegne Gott, daß ich daran denken kann, ſelbſt beim Untergang und Verderben von allem, was mir das Naͤchſte und Liebſte iſt. Aber der Va⸗ ter eines Auswurfs zu ſein— einer Scham⸗ loſen— einer blutigen Zippora— einer Moͤr⸗ derinn!— O wie werden die Boͤſen frohlocken auf den hohen Sitzen ihrer Bosheit— die Biſchoͤflichen, und die Ketzer, und die Moͤrder, deren Haͤnde hornhart ſind vom Tragen der Mordwaffen! Sie werden ihre Lippen aufwer⸗ fen, und ſagen, wir waͤren nicht beſſer als ſie. O ich bin ſehr bekuͤmmert, Nachbarinnen„ um die arme Ausgeſtoßene— um das Kind mei⸗ 205 nes Alters; aber viel mehr noch, weil's ein Stein des Anſtoßes und ein Aergerniß ſein wird fuͤr alle frommen und redlichen Seelen. David— wird denn Geld nicht helfen? fragte der Gutsherr, und hielt ſeinen, mit Gold⸗ ſtuͤcken gefuͤllten Beutel hin. Ich ſag Euch, Dumbiedikes, haͤtte ich mit meinem ganzen Vermoͤgen ſie retten koͤnnen aus dieſem ſchwarzen Fallſtricke, ich waͤre hinaus ge⸗ zogen mit meiner Muͤtze und meinen Stabe, ein Almoſen zu betteln um Gotteswillen und haͤtte mich einen gluͤcklichen Mann genannt— Aber koͤnnte ein Thaler, oder ein Pfennig, oder auch nur der neunzehnte Theil eines Hellers, ihre offenbare Schuld und offenbare Schande vor offenbarer Strafe retten, den Handel wuͤrde David Deans nie machen. Nein, nein— Auge um Auge, Zahn um Zahn, Leben um Leben, Blut um Blut— das iſt der Men⸗ ſchen Geſetz und das iſt Gottes Geſetz.— Laßt mich allein— verlaßt mich— ich muß ringen mit dieſer Pruͤfung allein und auf meinen Knieen. Johanna, die ihre Gedanken nun wieder geſammelt hatte, ſtimmte in dieſe Bitte ein. 206 Am naͤchſten Tage waren Vater und Tochter noch immer in tiefe Betruͤbniß verſunken; aber dem Vater gab ein ſtolzes Gefuͤhl der Pflicht, die ſein Glaube gebot, Kraft genug, die Buͤrde ſeines Ungluͤcks mit ernſter Faſſt ſung zu tragen, und Johanna unterdruͤckte ſorgfaͤltig ihre Ge⸗ fuͤhle, um die ſeinigen nicht wieder zu erwecken. Dieß war die Lage der betruͤbten Familie bis zu dem Morgen nach der Hinrichtung des Hauptmanns Porteous, dem Zeitpunkte, wo⸗ hin wir wieder zuruͤckkehren. Ende des erſten Theiles. Gedruckt in der Gexlachiſchen Buchdruckerei. ſnnnſtnſſſſſnſnſſnſnnſfnſinn 8 9 11 12 13 14 15 16 17 18 1 9 9 v L 1 ö ₰