Leihbibl 4 deutſcher, engliſcher und franzöſiſche ite Eduard Oltmaunn in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 26. Seih- und Ieſebedingungen. 8 1. ffensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens . 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. ͤ. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 1 .3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 1 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt:— für wochentlich 2385 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: uns 1 Mähunr: 3 4 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 1 — Herz von Mid⸗Lothian. Ein romantiſches Gemaͤhlde von Walter Scokk, uͤberſetzt von W. A. Linda u. Sechſter Theil. Dresden, 1824. in der Arnoldiſchen Buchhandlung. Das Herz von Mid⸗Lothian. Sechſter Theil. — ——— J. Er ſprach:„Ich komm' o Liebchen, o mein Leben! Den theuren Nahmen Weib will ich Dir geben. Von Vaterhauſ' und Freund' muß jetzt geſchieden ſein, Und mein Haus und mein Freund, mein Vater ſind nun dein.“ Logan. Die Zuſammenkunft zwiſchen Johanna und Butler, unter Umſtaͤnden, die eine lange hin⸗ gehaltene Zuneigung endlich zu belohnen verſpra⸗ chen, war eher durch ihre einfache Aufrichtigkeit, als durch ungewoͤhnliche Heftigkeit des Gefuͤhles ergreifend. David Deans, der im Leben zuwei⸗ len von ſeinen Grundſaͤtzen ein wenig abwich, erſchreckte ſie anfaͤnglich, als er die Meinung ver⸗ ſchiedener verfolgten Prediger und Glaubenshel⸗ den aus ſeiner Jugendzeit mittheilte, daß naͤhm⸗ lich die Ehe, wiewohl ehrenwerth nach den Ge⸗ ſetzen der Schrift, doch zu unbeſonnen von from⸗ men Bekennern der reinen Lehre, und beſonders 1 12 4 von jungen Predigern begehrt werde, welche zu⸗ weilen, wie er ſagte, ein zu unmaͤßiges Verlan⸗ gen nach Pfarreien, Pfruͤnden und Weibern hegten, wodurch oft zu große Nachgiebigkeit ge⸗ gen die herrſchende Abtruͤnnigkeit der Zeit waͤre herbeigefuͤhrt worden. Er machte ihnen auch bemerklich, eine uͤbereilte Verehelichung waͤre man⸗ chem trefflichen Bekenner des Glaubens verderb⸗ lich geworden, das unglaͤubige Weib haͤtte nur zu oft die Schriftſtelle geraͤcht und den glaͤubigen Mann verderbt, und als der beruͤhmte Donald Cargill, zur Zeit der Verfolgung, wo er im Lee⸗Walde in der Grafſchaft Lanark verborgen geweſen, auf dringendes Anhalten den Robert Marſchal von Starry Shaw getraut haͤtte, waͤ⸗ ren ſeine Worte geweſen:„Was hat Robert verleitet, dieſes Weib zu heirathen? Ihr boͤſer Wille iſt ſeinem guten uͤberlegen, er wird nicht lange auf ſeinem Wege bleiben und die Tage ſeines Gedeihens ſind voruͤber.“ David ſagte, er waͤre ſelber Zeuge der traurigen Erfuͤllung die⸗ ſer Weiſſagung geweſen; denn Robert Marſchal waͤre in ſchaͤndliche Nachgiebigkeit gegen den Feind verfallen, nach Hauſe gegangen, ein Zuhoͤrer der Unterpfarrer geworden, weiter in Abtruͤnnig⸗ 5 keit gerathen, und in der allgemeinen Achtung geſunken. Die großen Verfechter des reinen Glau⸗ bens, ſetzte er hinzu, Cargill, Peden, Cameron und Renwick, waͤren weniger erfreut uͤber eine Trauung, als uͤber andre Verrichtungen ihres Predigeramtes geweſen, und obgleich ſie ihren Beiſtand weder abgerathen, noch verſagt haͤtten, ſo waͤre doch die Auffoderung dazu ein Beweis fuͤr ſie geweſen, daß die Getrauten die vielen Truͤbſale der Zeit gleichgiltig betrachtet haͤtten. Ungeachtet aber David die Ehe als einen Fall⸗ ſtrick fuͤr Viele anſah, ſo war er doch der Mei⸗ nung, daß, wie er auch in ſeinem Leben gezeigt, ſie an ſich ehrenvoll waͤre, zumahl in Zeiten, wo ehrliche Leute gegen Erſchießen, Haͤngen oder Verbannung ſicher ſein koͤnnten, und ein hin⸗ laͤngliches Einkommen haͤtten, ſich und ihre Kin⸗ der zu erhalten.„Und daher— ſchloß er kurz ab⸗ brechend, und wandte ſich zu Johanna und But⸗ ler, die mit hohem Erroͤthen ſeine weitſchweiſigen Gruͤnde fuͤr und wider den heiligen Eheſtand an⸗ gehoͤrt hatten: moͤget Ihr nun nach Herzensbe⸗ gier plaudern.“ Ihre vertrauliche Unterredung, ſo anziehend ſie fuͤr Beide ſein mochte, wuͤrde es ſchwerlich 6 fuͤr den Leſer ſein, in ſo fern ihre Gefuͤhle in jenem Augenblicke und ihre Ausſichten in die Zukunft, die Gegenſtaͤnde des Geſpraͤches waren. Wir wollen ſie daher uͤbergehen, und bloß der Nachrichten gedenken, die Johanna aus But⸗ ler's Munde uͤber die Flucht ihrer Schweſter er⸗ hielt. Es waren manche Umſtaͤnde damit ver⸗ bunden, die ſie von ihrem Vater nicht hatte er⸗ fahren koͤnnen. Euphemia hatte, wie Butler berichtete, drei Tage nach der Ankunft ihrer Begnadigung in ihres Vaters Hauſe in Leonhardfels gewohnt. Die Zuſammenkuͤnfte zwiſchen David und ſeinem verirrten Kinde, ehe man der Ungluͤcklichen das Gefaͤngniß geoͤffnet hatte, waren aͤußerſt ruͤhrend geweſen, aber Butler konnte die Bemerkung nicht unterdruͤcken, ihr Vater haͤtte, als er von der Beſorgniß frei war, ſie auf eine ſo ſchreckliche Weiſe zu verlieren, die Bande der haͤuslichen Zucht ſo ſcharf angezogen, daß ihre Gefuͤhle ver⸗ letzt wurden, und die Reizbarkeit eines von Na⸗ tur ungeduldigen und trotzigen Geiſtes, den das Bewußtſein verdienter Schande jetzt doppelt em⸗ pfindlich machte, erhoͤht werden mußte. In der dritten Nacht verſchwand Euphemia —— — 7 41 aus ihres Vaters Hauſe, und ließ keine Spur des Weges zuruͤck, den ſie genommen hatte. Butler ſetzte ihr nach, und mit vieler Muͤhe ge⸗ lang es ihm, auszumitteln, daß ſie zu einem kleinen Landungplatz gekommen war, den ein, zwiſchen Dalkeith und Edinburgh ins Meer flie⸗ ßender Bach bildet. Dieſer Ort, den man ſeit⸗ dem zu einem kleinen Hafen gemacht und mit niedlichen Landſitzen und Wohnhaͤuſern umgeben hat, heißt jetzt Portobello. Zu jener Zeit war hier ein wuͤſtes, mit Heide bewachſenes Gemein⸗ land, das nur von Fiſcherkaͤhnen und zuweilen von einem Schleichhaͤndlerſchiffe beſucht wurde. Ein Fahrzeug dieſer Art hatte zur Zeit, als Eu⸗ phemia entfloh, im Haff verweilt, und wie Butler, auf eingezogene Erkundigung erfuhr, war an dem Abende, wo Davids Tochter verſchwand, ein Boot an das Ufer gekommen, und hatte eine Frau an Bord gebracht. Das Schiff war ſo⸗ gleich unter Segel gegangen, und hatte nirgend Guͤter gelandet, was daher Anlaß zu der Ver⸗ muthung gab, daß die Mannſchaft aus Mit⸗ ſchuldigen des beruͤchtigten Robertſon beſtand, und das Fahrzeug nur in der Abſicht, ſein Lieb⸗ chen zu entfuͤhren, in das Haff gekommen war. 1 Dieß wurde vollkommen klar durch einen Brief, den Butler bald nachher mit der Poſt erhielt, und der mit den Buchſtaben E. D. un⸗ terzeichnet war, aber weder Ort noch Zeit an⸗ gab. Er war erbaͤrmlich geſchrieben, da die Seekrankheit wahrſcheinlich dazu beigetragen hat⸗ te, Euphemia's unregelmaͤßige Schreibeweiſe und Ausdruckart noch mehr zu verwirren. Auch in dieſem Briefe aber war, wie in allem, was das ungluͤckliche Mädchen ſagte, oder that, eben ſo viel zu loben als zu tadeln. Sie ſagte in ihrem Briefe, ſie koͤnnte es nicht ertragen, daß ihr Vater und ihre Schweſter in die Verbannung gehen, oder an ihrer Schande Theil nehmen ſollten; ihre Buͤrde waͤre zwar ſchwer, aber ſie ſelber haͤtte ſie ſich aufgebunden und muͤßte ſie allein tragen; ihre Angehoͤrigen koͤnnten in Zu⸗ kunft ihr keinen Troſt mehr geben, ſo wenig als ſie ihnen, da jeder Blick und jedes Wort ihres Vaters ſie an ihren Fehltritt erinnerte und ſie dem Wahnſinne nahe braͤchte; ſie haͤtte in den drei Tagen, wo ſie in Leonhardfels geweſen, beinahe ihre Beſinnung verloren; ihr Vater haͤtte es zwar gut mit ihr gemeint, wie jedermann, aber er haͤtte es nicht gewußt, wie ſchmerzlich es —= — — —— — ———— — — ꝗMu- 9 ihr geweſen waͤre, ſich ihre Suͤnden vorwerfen zu hoͤren. Waͤre Johanna zu Hauſe geweſen, ſetzte ſie hinzu, ſo wuͤrde es wohl beſſer gegan⸗ gen ſein, denn Johanna waͤre wie die Engel im Himmel, die eher uͤber Suͤnder weinen, als ihre Vergehungen ihnen anrechnen. Aber nie wuͤrde ſie Johanna wiederſehen, und dieſer Gedanke machte ihr einen ſchmerzlichern Kummer, als alles, was geſchehen waͤre. Auf ihren Knieen wollte ſie fuͤr Johanna beten, Tag und Nacht, fuͤr alles, was ihre Schweſter fuͤr ſie gethan, und was ſie zu thun verſchmaͤhet haͤtte; denn was fuͤr ein Gedanke wuͤrde es fuͤr ſie ſein, wenn dieſes aufrichtige Maͤdchen zu einem Fehler waͤre verleitet worden, um ſie zu retten. Sie wuͤnſch⸗ te, daß ihr Vater ſeine ganze Habe ihrer Schwe⸗ ſter geben moͤchte, ſelbſt das Erbe der Stiefmut⸗ ter. Sie haͤtte, ſagte ſie, ihrem Rechte durch eine Urkunde entſagt, die ſich in Novitt's Haͤn⸗ den befaͤnde. Weltliche Guͤter wuͤrden fortan ihr am Wenigſten Sorge machen, und ſchwer⸗ lich viel uͤber ſie vermoͤgen. Sie hoffte, dadurch die Verſorgung ihrer Schweſter zu erleichtern, und gleich nach dieſer Aeußerung ſetzte ſie hinzu, ſie wuͤnſchte Butler alles Gute zum Lohne fuͤr 10 ſeine Guͤte gegen ſie. Ihr eigenes Schickſal, ſagte ſie, koͤnnte nur ein trauriges ſein, aber ſie haͤtte es ſich ſelber bereitet, und verlangte daher um ſo weniger Mitleid. Ihre Freunde aber wuͤnſchte ſie durch die Verſicherung zu beruhigen, daß ſie nicht auf einen ſchlechten Weg gegangen waͤre; daß diejenigen, die ihr das ſchwerſte Un⸗ recht zugefuͤgt haͤtten, jetzt bereit waͤren, ihr ſo viel Gerechtigkeit zu erweiſen, als ſie koͤnnten, und daß es ihr in mancher Hinſicht weit beſſer ergehen wuͤrde, als ſie verdiente. Sie wuͤnſchte jedoch, daß ihre Angehoͤrigen mit dieſer Verſicher⸗ ung ſich begnuͤgen, und ſich nicht bemuͤhen moͤchten, weitre Erkundigungen nach ihr einzu⸗ ziehen. David Deans und Butler ſchoͤpften wenig Beruhigung aus dieſem Briefe. Was ließ ſich von der Verbindung des ungluͤcklichen Maͤdchens mit dem beruͤchtigten Robertſon, auf welchen ſie in dem Schluſſe ihres Briefes offenbar an⸗ ſpielte, anders erwarten, als daß ſie die Theil⸗ nehmerinn, und das Opfer ſeiner kuͤnftigen Ver⸗ gehungen ſein wuͤrde? Johanna, die Georg Staunton's Charakter und ſeinen Rang kannte, betrachtete Euphemia's Lage in dem Lichte einer 11 gluͤcklichern Hoffnung. Die Eile, womit er ih⸗ rer Schweſter von neuem ſeine Theilnahme be⸗ wies, war ihr eine guͤnſtige Vorbedeutung, und ſie hoffte, Euphemia waͤre ſeine Gattinn gewor⸗ den. Wenn dieß der Fall war, ſo kam es ihr unwahrſcheinlich vor, daß er bei dem Vermoͤgen, welches er zu erwarten hatte, und bei ſeinen ver⸗ wandtſchaftlichen Verbindungen mit angeſehenen Perſonen, je wieder zu ſeinem fruͤhern ſtrafba⸗ ren Abenteurerleben zuruͤckkehren werde. Es hing ja ſein Leben davon ab, das Geheimniß zu bewahren, und dieß konnte nur dadurch geſche⸗ hen, daß er ſeine ganze Lebensweiſe aͤnderte, und Alle mied, die den Erben des Hauſes Wil⸗ lingham als den verwegenen, ſtrafbaren und verurtheilten Robertſon gekannt hatten, Sie hielt es fuͤr wahrſcheinlich, daß er mit Euphemia auf einige Jahre in's Ausland ge⸗ gangen waͤre, und nicht eher in ſeine Heimath zuruͤckkehren werde, bis man die Porteous⸗Ge⸗ ſchichte gaͤnzlich vergeſſen haͤtte. Johanna hatte daher beſſere Hoffnungen fuͤr ihre Schweſter, als ihr Vater und Butler hegen konnten; aber es ſtand nicht in ihrer Macht, ihnen den Troſt mit⸗ zutheilen, den ſie bei dem Glauben fuͤhlte, daß 12 Euphemia gegen Armuth geſichert, und wenig in Gefahr ſein wuͤrde, auf den Pfad des Laſters verlockt zu werden. Sie haͤtte dieß nicht erklaͤren koͤnnen, ohne zu entdecken, was nothwendig ver⸗ borgen bleiben mußte, wenn Euphemia die Aus⸗ ſicht auf ein erfreulicheres Leben behalten ſollte, daß naͤhmlich Georg Staunton und Georg Ro⸗ bertſon ein und derſelbe Mann waren. Es war freilich ein ſchrecklicher Gedanke, daß ihre Schwe⸗ ſter mit einem Manne ſich verbunden hatte, der zum Tode verurtheilt war, und in Gefahr ſtand, als Moͤrder angeklagt zu werden, welchen Rang er auch beſiten und wie tief ſeine Reue ſein mochte. Sie konnte uͤberdieß ein ſchwermuͤthi⸗ ges Gefuͤhl nicht abwehren, wenn ſie bedachte, daß Georg Staunton, da ſie im Beſiße des gan⸗ zen furchtbaren Geheimniſſes war, aus Ruͤckſicht auf ſeine eigenen Gefuͤhle, und aus Beſorgniß, ſeine Sicherheit zu gefaͤhrden, ihr wahrſcheinlich nie geſtatten werde, ihre arme Schweſter wieder⸗ zuſehen. Als ſie Euphemia's Abſchiedsbrief oft geleſen hatte, ließ ſie ihre Gefuͤhle in Thraͤnen ausſtroͤmen, die Butler vergebens durch jede be⸗ ruhigende Aufmerkſamkeit, die in ſeiner Macht ſtand, zu hemmen ſuchte. Sie mußte jedoch —, —— 13 endlich aufblicken und ihre Thraͤnen trocknen, da ihr Vater, der nun dem liebenden Paare Zeit genug zur Unterredung vergoͤnnt zu haben glaub⸗ te, aus dem Wohnhauſe ihnen entgegen kam. Ihn begleitete der Schloßhauptmann von Schlag⸗ donner, oder wie ſeine Freunde, der Kuͤrze halber, ihn nannten, Duncan Schlag, ein Nahme, der wegen einiger jugendlichen Groß⸗ thaten des Mannes allerdings auch paſſend ge⸗ nug war. 1 Dieſer Duncan Schlagdonner war ein hoch⸗ wichtiger Mann auf der Inſel Roſeneath und in den weſtlaͤndiſchen Kirchſpielen Knocktarlitie, Kil⸗ mun und ſo weiter, ja ſein Einfluß ging bis Cowal, wo jedoch ein andrer Geſchaͤftfuͤhrer ihm Eintrag that. Die alte Burg iſt noch in ihren Ueberreſten auf einer Klippe zu ſehen, die uͤber den heiligen See herabhaͤngt. Duncan betheuerte, ſie waͤre ein koͤnigliches Schloß ge⸗ weſen, und wenn er recht hatte, war's freilich eines der kleinſten, da es in ſeinem Innern ein Viereck von hoͤchſtens ſechzehn Fuß war. Dun⸗ can's Vorfahren hatten davon den Titel Schloß⸗ hauptmann, oder Burgvogt gefuͤhrt, und als Lehnleute des Hauſes Argyle eine erbliche Rich⸗ 14 tergewalt beſeſſen, die in ihren Augen von gro⸗ ßer Wichtigkeit war, aber gewoͤhnlich mit einem, dem Geſetze nicht ganz angemeſſenen Nachdrucke ausgeuͤbt wurde. Der gegenwaͤrtige Stamm⸗ halter des alten Geſchlechts war ein derber, un⸗ terſetzter kleiner Mann von etwa funfzig Jah⸗ ren, der Gefallen daran fand, die hochlaͤndiſche und niederlaͤndiſche Tracht zu vereinigen. Er trug eine ſchwarze Knotenperruͤcke mit einem trotzigen dreieckigen Treſſenhute, waͤhrend ſein uͤbriger Anzug aus dem Plaid und Schurze be⸗ ſtand. Duncan hatte die Aufſicht uͤber ein Ge⸗ biet, das halb zum Hochlande, halb zum Nie⸗ derlande gehoͤrte, und mochte vermuthlich die Tracht beider Landſchaften vereinigt haben, um ſeine Unparteilichkeit gegen Trojaner und Tyri⸗ er zu zeigen. Die Unvereinbarkeit dieſes An⸗ zugs machte jedoch eine ſeltſame und ſpaßhafte Wirkung, da Kopf und Leib ausſahen, als ob ſie verſchiedenen Menſchen gehoͤrt haͤtten, oder, wie jemand ſagte, der die Hinrichtungen der ge⸗ fangenen Empoͤrer im Jahre 1715 geſehen hat⸗ te, es ſah aus, als ob ein jakobitiſcher Zauberer, bei der Wiederbelebung der Dulder, in der Eile einen engliſchen Kopf auf einen hochlaͤndiſchen 15 Rumpf geſetzt haͤtte, Das Gemaͤhlde mit einem Zuge zu vollenden, ſo war das Benehmen des liebreichen Duncan hochfahrend, ſteif und wich⸗ tigthuend, und die aufgeſtuͤlpte kleine kupferfar⸗ bige Naſe verrieth, daß er einige Neigung zu Zorn und Branntwein hatte. Als der gebietende Mann zu Butler und Johanna gekommen war, hob er an:„Herr Deans, ich nehme mir die Freiheit, eure Toch⸗ ter zu bewillkommen, und ich vermuthe, dieſes Maͤdchen wird ſie ſein. Jedes huͤbſche Maͤd⸗ chen, das nach Roſeneath kommt, kuͤſſe ich kraft aufhabenden Amtes.“ Nach dieſen Wor⸗ ten, nahm er den Kautaback aus dem Munde, gab Johanna einen derben Kuß und hieß ſie willkommen in Argyle's Gebiete. Darauf wandte er ſich zu Butler mit den Worten: „Ihr muͤßt morgen fruͤh hinuͤber zu den Pre⸗ digern; ſie wollen ihre Geſchichten mit Euch vor⸗ nehmen und ohne Zweifel ein Schluͤckchen dazu genießen; man macht ſelten trockene Arbeit hier zu Lande.“ Und der Gutsherr— hob David Deans an. Der Schloßhauptmann, Freundchen! fiel Duncan ein. Man wird nicht wiſſen, wen Ihr 16 meint, wenn Ihr nicht den Leuten ihre gebuͤh⸗ renden Titel gebt. Der Schloßhauptmann, fuhr Deans fort, verſichert mir, Ruben, daß von Seiten des Kirchſpieles eine einmuͤthige Berufung ſtatt fin⸗ det, eine wahrhaft einſtimmige Berufung. Ich glaube, ſprach Duncan, es war eine ſo einſtimmige Berufung, als ſich erwarten ließ, wo die eine Haͤlfte der Leute ſchwatzende Sachſen waren und die andre ſchreiende Hochlaͤnder, wie Seemoͤven und Baumgaͤnſe vor einem Sturme. Man muͤßte die Gabe der Sprachen gehabt ha⸗ ben, wenn man genau haͤtte wiſſen wollen, was ſie ſagten; aber ich glaube, das beßte Ende vom Liede war: Lange lebe Mac Callummore und Schlagdonner! Und was den einſtimmigen Ruf anlangt, ſo moͤchte ich wohl wiſſen, wie die Leute dazu kommen ſollten, irgend etwas, oder irgend jemanden zu berufen, wenn's dem Herzoge und mir nicht gefaͤllt. Sollte jedoch Jemand im Kirchſpiele Be⸗ denklichkeiten haben, ſprach Butler, was zuwei⸗ len bei aufrichtigen Bekennern des Glaubens wohl ſtatt findet, ſo wuͤrde ich gern eine Gele⸗ genheit benutzen, und wegzuraͤumen ſuchen— 17 Bekuͤmmert Euch darum nicht, Freund! ſprach der Schloßhauptmann. Ueberlaßt das mir. Bedenklichkeiten! Ei die ſaͤhen mir aus, daß ſie Bedenklichkeiten haben wollten, wo ihnen was geheißen wuͤrde. Und ſollte ſo etwas geſchehen, als Ihr ſagt, ſo wuͤrdet Ihr den aufrichtigen Bekenner, wie Ihr ihn nennt, bald auf eine Strecke weit an das Hintertheil meines Bootes gebunden ſehen. Ich wollte verſuchen, ob nicht das Waſſer des heiligen Sees Bedenklichkeiten ſo gut abſpuͤlte, als Floͤhe. Verdammt! Der uͤbrige Theil der Drohung verlor ſich in einen brummenden und gurgelnden Kehllaut, der den Widerſpaͤnſtigen keine freundlichen Be⸗ kehrungmittel verhieß. David Deans wuͤrde ohne Zweifel das Recht einer chriſtlichen Gemein⸗ de, bei der Wahl ihres Predigers befragt zu werden, das nach ſeiner Meinung zu ihren koſt⸗ barſten und unveraͤußerlichſten Vorrechten ge⸗ hoͤrte, tapfer vertheidigt haben, aber er war eben mit ſeiner Tochter in einem eifrigen Geſpraͤche, und mit einer lebhafteren Theilnahme, als er Gegenſtaͤnden, die ſeiner Beſchaͤftigung und ſei⸗ nen Glaubensmeinungen fremd waren, ſonſt zu widmen pflegte, erkundigte er ſich nach den Be⸗ VI. Theil. 2 18 gegniſſen, die ſie auf ihrer Reiſe nach London gehabt hatte. Dieſer Umſtand war vielleicht ein Gluͤck fuͤr die, zwiſchen ihm und dem Schloß⸗ hauptmann von Schlagdonner eben geſchloſſene Freundſchaft, die David den gegebenen Bewei⸗ ſen ſeiner Geſchicklichkeit als Viehzuͤchter zu ver⸗ danken glaubte; aber ſie war eigentlich in dem ausdruͤcklichen Befehle gegruͤndet, den Duncan von dem Herzoge und deſſen Geſchaͤftfuͤhrer er⸗ halten hatte, gegen Deans und ſeine Angehoͤri⸗ gen die groͤßte Aufmerkſamkeit zu beweiſen. Und nun, ſprach Duncan mit gebieteriſchem Tone, laßt Euch erſuchen, alle zum Abendeſſen zu kommen. Herr Archibald iſt halb verhun⸗ gert, und die Englaͤnderinn ſieht aus, als ob ihr die Augen vor lauter Furcht und Verwun⸗ derung aus dem Kopfe fliegen wollten, gleichſam als haͤtte ſie noch nie einen Mann mit einem Schurze geſehen. Und Ruben Butler, hob David an, wird ohne Zweifel wuͤnſchen, ſich alsbald zu entfer⸗ nen, um ſein Gemuͤth zu dem morgen vorzu⸗ nehmenden Geſchaͤfte vorzubereiten, damit ſein Werk zu dem Tage paſſe, und ein wohlriechen⸗ des Opfer fuͤr das ehrwuͤrdige Presbyterium ſei. 19 Poſſen, Freundchen! fiel der Schloßhaupt⸗ mann ein. Ihr kennt die Leutchen wenig. Es iſt, meiner Treu! keiner unter ihnen, dem nicht der Geruch der warmen Wildpretpaſtete„ der mir aus dem Hauſe entgegen kommt— fuhr er fort, und warf ſeine fleiſchige Naſe empor— viel lieber waͤre, als alles, was ſie von Herrn Butler oder Euch hoͤren koͤnnten. David ſeufzte, hielt es aber nicht der Muͤhe werth, Streit anzufangen, da er es mit einem Gallion*), wie er ſagte, zu thun haͤtte. Alle folgten dem Schloßhauptmann in das Wohn⸗ haus, und ſetzten ſich mit vielen Umſtaͤnden an eine wohlbeſetzte Tafel. Es iſt von den Bege⸗ benheiten dieſes Abends weiter nichts zu erwaͤh⸗ nen, als daß Butler das Gebet verrichtete, daß Duncan es zu lang fand, David Deans aber als zu kurz es tadelte, woraus der wohl⸗ wollende Leſer ſchließen kann, daß es gerade die gehoͤrige Laͤnge hatte. *) S. Apoſtelgeſch. 18, 12— 14. L. II. Nun ſinget Davids Pſalmen hier, Singt ſie mit frommen Schalle; Gebt uns der Doppelverſe vier, 3 Daß es bis Bangor halle. Burns. Der folgende Morgen brachte den wichtigen Tag, wo Ruben Butler, nach den Gebraͤuchen und Vorſchriften der ſchottiſchen Kirche, durch die Mitglieder des Presbyteriums zum Prediger in Knocktarlitie beſtellt wurde. Die ganze Geſell⸗ ſchaft nahm ſo lebhaften Antheil an dieſem Er⸗ eigniſſe, daß Alle, ausgenommen Frau Dutton, die kuͤnftige Milchaufſeherinn in Inverary, bei fruͤher Tageszeit in Bewegung waren. Ihr Wirth, deſſen Eßluſt ſo lebhaft und heftig zu ſein ſchien, als ſeine Gemuͤthſtim⸗ mung, zoͤgerte nicht lange, ſie zu einem kraͤfti⸗ 1 21 gen Fruͤhſtuͤcke zu rufen, wo es wenigſtens ein Duzend verſchiedener Milchſpeiſen, kaltes Fleiſch in Menge, wenigſtens ein Schock geſottener und gebackener Eier, ein anſehnliches Faͤßchen But⸗ ter, ein halbes Toͤnnchen geſottener und gebra⸗ tener, friſcher und geſalzener Heringe, und fuͤr diejenigen, die Luſt dazu hatten„Thee und Kaf⸗ fee gab, welche nicht viel mehr als den Weg ans Ufer koſteten, wie der Wirth, auf ein kleines Fahrzeug deutend, oas windſicher am Geſtade der Inſel lag, durch einen Wink verſicherte. IFſt es denn erlaubt, hier ſo offen Schleich⸗ handel zu treiben? fragte Butler. Ich daͤchte, es muͤßte ſehr nachtheilig fuͤr die Sittlichkeit des Volkes ſein. Der Herzog hat keine Befehle gegeben, ihn einzuſtellen, Herr Butler, erwiderte der Beamte, und ſchien zu glauben, daß er damit ſeine Nach⸗ ſicht voͤlig gerechtfertigt haͤtte. Butler war ein kluger Mann, und wußte ſehr wohl, daß ſich nur dann durch Vorſtellun⸗ gen etwas Gutes ausrichten läßt, wenn ſie an der Zeit ſind, und ſagte daher fuͤr den Augen⸗ blick nichts mehr uͤber jenen Gegenſtand. Als man mit dem Fruͤhſtuͤcke beinahe fertig 22 war, ſtapfte Frau Dutton herein, ſo geputzt als ein blaues Kleid und kirſchfarbige Baͤnder ſie machen konnten. Guten Morgen, Frau Dutton, ſprach der Wirth. Ich hoffe euer Fruͤhaufſtehen wird Euch nicht ſchaden. Frau Dutton machte ihre Entſchuldigungen gegen den Schloßhauptmann, wie ſie den Wirth zu begruͤßen beliebte. Aber, wie wir in Che⸗ ſhire ſagen, ſetzte ſie hinzu, es ging mir wie dem Buͤrgermeiſter in Altringham, der im Bette liegt, waͤhrend man ſeine Beinkleider flickt; die Magd brachte mir nicht eher das rechte Paͤckt⸗ chen in die Stube, bis ſie eins nach dem andern gehohlt hatte. Aber ich hoͤre, wir gehen heute Alle in die Kirche. Darf ich Euch denn fragen, Herr Schloßhauptmann Schlagdrunter, ob es bei Euch Herren im Hochlande gebraͤuchlich iſt, in euren Unterroͤcken in die Kirche zu gehen? Schloßhauptmann von Schlagdonner, wenn ich bitten darf, Frau Dutton, denn ich ſchlage nicht drunter, und was meine Kleidung anlangt, ſo gehe ich in die Kirche, wie ich hier bin, Frau Dutton. Sollte ich, wie euer Buͤrgermeiſter, im Bette liegen, bis meine Beinkleider geflickt — 23 waͤren, ſo koͤnnte ich mein Lebelang liegen blei⸗ ben, dieweil ich nie ein Paar auf dem Leibe ge⸗ habt habe, als zweimahl in meinem Leben, wie ich billig erinnern muß, als naͤhmlich der Her⸗ zog die Frau Herzoginn herbrachte, wo ich Ihro Gnaden den Gefallen thun mußte. Ich borgte von dem Prediger ſeine Strumpfhoſen, fuͤr die zwei Tage, wo Seiner Gnaden bei uns zu blei⸗ ben geruhte. Aber ich will mir nie wieder ſol⸗ chen Zwang anthun fuͤr keinen Mann und keine Frau auf Erden, die Frau Herzoginn pflicht⸗ ſchuldigſt ausgenommen. Die Gebieterinn der Milchgelte ſah ihn mit großen Augen an, aber ſie antwortete nicht auf ſeine unumwundene Erklaͤrung, ſondern zeigte alsbald, daß der Schreck vom vorigen Tage ih⸗ rer Eßluſt auf keine Weiſe geſchadet hatte⸗ Nach dem Fruͤhſtuͤcke that der Schloßhaupt⸗ mann den Vorſchlag, ſich einzuſchiffen, um Jungfer Johanna ihre neue Wohnung zu zei⸗ gen, und nachzuſehen, ob dort und in der Pre⸗ digerwohnung die noͤthigen Vorbereitungen zur Aufnahme der kuͤnftigen Bewohner gemacht waͤren. Der Morgen war lieblich, und die maͤchtigen 24 Schatten der Berge lagen unter dem Wellenſpie⸗ gel des Haffs, das beinahe ſo ruhig war, als ein Landſee. Selbſt Frau Dutton war nicht mehr von Furcht gequaͤlt. Archibald hatte ihr geſagt, daß es nach der Predigt eine Schmauſerei geben ſollte, und ſo etwas hatte ſie gar zu gern. Das Waſſer war ſo ſtill, daß es ja nicht anders war, als eine Fahrt auf der Themſe. Die ganze Geſellſchaft ſchiffte ſich in ein großes Boot ein, das der Schloßhauptmann ſei⸗ ne Kutſche mit Sechſen, ſo wie ein kleineres, das mitfuhr, ſeinen Einſpaͤnner nannte, und der wackere Duncan ſteuerte gerade auf den kleinen Thurm der alten Kirche von Knocktarlitie los. Sechs ruͤſtig arbeitende Ruderer brachten ſie ſchnell vorwaͤrts. Als ſie ſich dem Lande naͤher⸗ ten, ſchienen die Berge zuruͤckzuweichen, und ein kleines Thal, durch welches ein Fluß von den Bergen herabfloß, ſchien ſich ihnen zu oͤffnen. Die Landſchaft war auf beiden Ufern idylliſch, und gleich der Beſchreibung eines vergeſſenen ſchottiſchen Dichters*), die ſo lautet: „) Roſſ in dem Gedichte: The fortunate Shop- herdess. —— 25 Man ſteht den Fluß, ſo weit die Blicke reichen, Mit leiſen Murmeln durch die Ebine ſchleichen, Am Ufer wachſen Baͤume dick und lang, Und in dem Laub ertoͤnt der Voͤgel Sang⸗ Auf jeder Seite ſind die gruͤnen Auen, Bunt von Maßlieben, pfeilſchußweit zu ſchauen. Mit Buͤſchen hier und da bekleidet, zieh'n Die Ufer ſanft ſich zu den Huͤgeln hin, Und waͤhrend Schaf' und Ziegen oven bleiben, Sieht man die Kuͤh' am ſchoͤnen Ufer treiben. Sie landeten in dieſem hochlaͤndiſchen Ar⸗ kadien, in der Muͤndung des kleinen Fluſſes, der das angenehme und friedliche Thal bewaͤſ⸗ ſerte. Inwohner verſchiedener Art kamen her⸗ bei, dem Schloßhauptmanne die Huldigung dar⸗ zubringen, die er ſtrenge foderte, und die neuen Anſiedler zu ſehen. Einige derſelben waren Leute nach David's Herzen, Kirchſpielaͤlteſte und eifrige Glaubensbekenner aus Lennox, Lanark⸗ ſhire und Ayrſhire, welchen der verſtorbene Her⸗ zog eine Zuflucht in dieſer abgelegenen Gegend ſeines Gebietes gegeben hatte, weil ſie durch ihre Theilnahme an der mißlungenen Unternehmung ſeines Vaters, des Grafen, im Jahre 1685*) *) S. die Anmerk. Seite 130 bes 3ten Theils. L. 26 in Ungluͤck gerathen waren. David fand in ihnen Kuchen vom rechten Sauerteige, und waͤre dieſer Umſtand nicht hinzugekommen, hat man ihn ſagen hoͤren, ſo wuͤrde der Schloßhaupt⸗ mann ihn in den erſten vier und zwanzig Stun⸗ den aus dem Lande geflucht haben, ſo furchtbar waͤre es fuͤr jede denkende Seele, ſeine Verwuͤn⸗ ſchungen bei den geringſten Anlaͤſſen zu hoͤren, die ihm in den Kopf kaͤmen. Außer dieſen gab es noch Kirchſpielgenoſſen rauherer Art, Gebirg⸗ wohner aus dem obern Thale und von dem an⸗ graͤnzenden Berge, die galiſch ſprachen, bewaff⸗ net waren und die hochlaͤndiſche Tracht trugen. Der Herzog hatte aber durch ſtrenge Befehle in dieſem Theile ſeines Gebietes ſo gute Ord⸗ nung eingefuͤhrt, daß die Galen und Sachſen im beßten nachbarlichen Einverſtaͤndniſſe lebten. Man ging zuerſt in die Predigerwohnung, ein altes, aber gut unterhaltenes Gebaͤude, das wohl geſchirmt im Schatten von Maulbeerfei⸗ genbaͤumen ſtand, von einem wohl verſehenen Garten vorne eingefaßt und von dem kleinen Fluſſe begraͤnzt war, der zum Theil aus den Fenſtern geſehen werden konnte, zum Theil aber durch Gebuͤſche, Baͤume und Hecken verborgen — 07 — wurde. Im Innern ſah das Haus weniger be⸗ quem aus, als es haͤtte ſein koͤnnen, da der letzte Bewohner es vernachlaͤſſigt hatte; aber es waren Werkleute unter der Aufſicht des Schloßhaupt⸗ manns und auf Koſten des Herzogs von Ar⸗ gyle beſchaͤftigt geweſen, es wieder in Ordnung zu bringen. Das alte Hausgeraͤthe war weg⸗ geſchafft worden, und der Herzog hatte in ſei⸗ nem Schiffe Karoline ſauberes aber einfaches Geraͤthe geſchickt, das man eben in die Zimmer bringen wollte. Als der huldreiche Duncan fand, daß die Arbeiter feierten, rief er ſie vor ſich, und machte allen Anweſenden das Gewicht ſeines Anſehens fuͤhlbar, indem er den Schuldigen fuͤr ihre Zoͤ⸗ gerung Strafen androhte. Es ſollte nach ſeiner Verſicherung die geringſte Strafe ſein, ihnen die Haͤlfte ihres Lohnes zu entziehen, und wofern ſie ſeinem und des Herzogs Willen nicht nach⸗ kaͤmen, wollte er verdammt ſein, wenn er ihnen die andere Haͤlfte bezahle, und ſie moͤchten dann Gerechtigkeit ſuchen, wo ſie koͤnnten. Die Werkleute beugten ſich vor dem erzuͤrnten Beam⸗ ten, und gaben gute Worte, und als Butler ihn endlich erinnerte, daß die Arbeiter wahr⸗ 28 ſcheinlich Willens geweſen waͤren, an dem feſt⸗ lichen Tage die Kirche zu beſuchen, bewilligte der Schloßhauptmann ihnen aus Achtung gegen den neuen Prediger ſeine Verzeihung. Aber wenn ich ſie noch einmahl nachlaͤſſig in ihre Arbeiten finde, Herr Butler, ſprach er, ſo will ich des Teufels ſein, wenn ich die Kirche als Entſchuldigung annehme. Was hat ſolch Volk in der Kirche zu thun, außer am Sonntage, und ſelbſt dann, wenn der Herzog und ich noͤthige Arbeit fuͤr ſie haben? Man kann denken, mit welchen Empfindun⸗ gen ſtiller Zufriedenheit und Freude Butler die Ausſicht vor ſich ſah, ſein Leben geehrt und nuͤtz⸗ lich, wie er es zu werden hoffte, in dieſem ein⸗ ſamen Thale zuzubringen, und wie oft zwiſchen ihm und Johanna Blicke des Einverſtaͤndniſſes gewechſelt wurden. Das heitre Geſicht des Maͤd⸗ chens verſchoͤnerte ſich durch den Ausdruck ſtiller Sditttſamkeit und Freude, wenn ſie die Zimmer beſah, wo ſie bald als Hausfrau wohnen ſollte. Sie konnte die Empfindungen der Freude und Bewunderung offener verrathen, als die Geſell⸗ ſchaft die Predigerwohnung verließ, um das, fuͤr David Deans beſtimmte Haus zu beſuchen. 29 Johanna bemerkte mit Vergnuͤgen, baß es nicht einen Flintenſchuß weit von der Prediger⸗ wohnung entfernt war, denn der Gedanke, ent⸗ fernt von ihrem Vater zu leben, wuͤrde ihr Gluͤck geſtoͤrt haben, und ſie ſah wohl ein, daß gegen ihres Vaters Zuſammenwohnen mit Butler wich⸗ tige Gruͤnde ſprachen. Dieſe geringe Entfernung aber war gerade, was ſie gewuͤnſcht hatte. Das Pachterhaus war eine veredelte laͤndliche Wohnung und ſehr bequem eingerichtet. Ein trefflicher kleiner Kuͤchengarten, ein Obſtgarten, und vollſtaͤndige Wirthſchaftgebaͤude, die nach den beßten Anſichten jener Zeit vollſtaͤndig einge⸗ richtet waren, machten das Haus zu einer an⸗ genehmen Wohnung fuͤr einen Landwirth, und weit beſſer als die Huͤtte in Woodend und das Haͤuschen in Leonhardfels. Es lag weit hoͤher als die Predigerwohnung und war gegen Abend gekehrt. Die Fenſter hatten eine bezaubernde Ausſicht in das kleine Thal, uͤber welches das Haus zu herrſchen ſchien, auf die Windungen des Stroms und das Haff mit ſeinen angraͤn⸗ zenden Seen und anmuthigen Eilanden. Die Berge der Grafſchaft Dumbarton, einſt das Beſitzthum des wilden Clans Mac Farlane, ſtie⸗ 30 gen wie ein halber Mond im Hintergrunde des Thales empor, und rechts ſah man in der Ferne die rieſigen Berge der Grafſchaft Argyle daͤm⸗ mern, waͤhrend ſeewaͤrts die zerſtreuten, vom Blitze zerriſſenen Felſen Arrans die Ausſicht ſchloſſen. Johanna aber, deren Geſchmack an mahle⸗ riſcher Naturſchoͤnheit, wenn ſie ihn anders be⸗ ſaß, nie war geweckt oder ausgebildet worden, konnte ſich uͤber die Reize der Landſchaft nicht ſo ſehr freuen, als uͤber den Anblick der treuen Hetley, welche in ihrem reinlichen Sonntags⸗ kleide und der glatt geſtrichenen blauen Schuͤrze an der Hausthuͤre ſie empfing. Die treue Alte verrieth bei dem Wiederſehen eben ſo viel Entzuͤcken, und kam Johanna mit der Verſicherung entgegen, ſie haͤtte den Hausherrn und das Vieh ſo gut gepflegt, als es ihr nur immer moͤglich geweſen waͤre. Die Alte entfernte ſich mit Johanna oon der uͤbrigen Geſellſchaft, und fuͤhrte ſie in die Wirthſchaftgebaͤude, um die erwarteten Lob⸗ ſpruͤche fuͤr ihre Wartung der Kuͤhe zu erhalten. Johanna freute ſich in der Einfalt ihres Herzens, ihre Pfleglinge wiederzuſehen; daß aber auch die ſtummen Guͤnſtlinge unſrer Heldinn, Maßlieb⸗ 31 chen und die Andern, Johanna's Gegenwart erkannten, verriethen ſie durch Bruͤllen und Um⸗ drehen ihrer breiten und anſtaͤndigen Stirnen, als ſie das wohlbekannte: Bru mein Liebchen! Bru mein Weibchen! hoͤrten, und durch andere Andeutungen, die nur demjenigen verſtaͤndlich ſind, der die Gewohnheiten der Thiere erforſcht hat, und ſie zeigten ein inniges Vergnuͤgen, als das Maͤdchen ſich ihnen naͤherte, ſie zu liebkoſen. Selbſt die unvernuͤnftigen Thiere freuen ſich, Euch wiederzuſehen, ſprach die Alte, aber das iſt kein Wunder, Hannchen, Ihr waret immer freundlich gegen Vieh und Menſchen. Aber ich muß mir angewoͤhnen, Euch Jungfer zu nennen, Hannchen; Ihr ſeid ja nun in London geweſen, und habt den Herzog geſehen, und den Koͤnig und alle die vornehmen Leute. Doch wer weiß, ſetzte ſie ſchlau hinzu, wie ich Euch ſonſt noch zu nennen haben werde, denn ich denke wohl, es wird nicht lange mehr Deans heißen. Nennt mich nur euer Hannchen, und dann trefft Ihr's immer recht, Marie. Im Kuhſtalle war ein Thier, das Johanna betrachtete, bis ihr die Thraͤnen in die Augen kamen. Marie, die ſie mit theilnehmendem Gefuͤhle beobachtet hatte, ſprach alsbald mit lei⸗ ſer Stimme:„Euer Vater warket dieſes Thier immer ſelbſt, und iſt freundlicher dagegen, als gegen alle andern Kuͤhe im Stalle. Und ſo ſah ich's ihn immer machen, ſelbſt als er am zor⸗ nigſten war, und die meiſte Urſache hatte, boͤſe zu ſein. Ei ja, ein Vaterherz iſt ein ſeltſam Ding! Er hat viel Herzeleid gehabt um das arme Maͤdchen. Ich glaube, er betet mehr fuͤr ſie, als fuͤr Euch, mein Kind, und was kann er auch fuͤr Euch anders wuͤnſchen, als eben den Segen, den Ihr verdient. Und als ich im Vorhauſe ſchlief, da wir zuerſt hierher kamen, war er oft die ganze Nacht eifrig im Gebete und ich hoͤrte ihn immer und immer ſagen: Effie, Du armes, verblendetes, irre geleitetes Geſchoͤpf! Und immer war's: Efſie, Effiel Kommt das arme irrende Lamm nicht wieder in die Huͤrde, wenn's dem Hirten die rechte Zeit iſt, ſo iſt es ein großes Wunder, denn ich weiß, ſie iſt ein Kind des Gebetes. O wenn die arme Verlorene wiederkaͤme, wie gern wuͤrde der Vater das fette Kalb ſchlachten! Aber das Kalb der Blaͤſſe kann unter drei Wochen noch nicht geſchlachtet werden.“ Sie verbreitete ſich nun mit der Geſchwaͤtzig⸗ 90 keit von Leuten ihrer Art wieder uͤber haͤusliche Geſchaͤfte, und ließ jenen kitlichen und angrei⸗ fenden Gegenſtand bei Seite liegen. Als Johanna alles in den Haushaltgemaͤ⸗ chern und der Milchkammer beſehen, und ihre Zufriedenheit uͤber die Beſorgung der haͤuslichen Angelegenheiten waͤhrend ihrer Abweſenheit aus⸗ geſprochen hatte, ging ſie wieder zu der uͤbrigen Geſellſchaft, welche das Innere des Hauſes be⸗ ſah; David Deans und Butler aber waren in die Kirche gegangen, um mit der Kirchſpielver⸗ ſammlung und den Mitgliedern des Presbyte⸗ riums die Angelegenheit des Tages zu beſorgen. Im Innern des Hauſes war alles reinlich, nett und mit dem Aeußern uͤbereinſtimmend. Der Herzog hatte es urſpruͤnglich als Ruhewoh⸗ nung fuͤr einen beguͤnſtigten Diener bauen und einrichten laſſen, der es aber nicht lange beſaß, und erſt ſeit wenigen Monaten todt war„ daher man alles ſehr geſchmackvoll und gut geordnet fand. In Johanna's Schlafkammer ſtand ein ſauberer Koffer, der Frau Dutton ſchon ſehr neu⸗ gierig gemacht hatte, da ſie nicht zweifelte, daß die Aufſchrift:„Fuͤr Jungfer Johanna Deans in Auchingower, im Kirchſpiel Knocktarlitie“ von VI. Theil. 3 34 von Frau Kemble, der Kammerfrau der Herzo⸗ ginn, geſchrieben war. Die alte Hetley uͤbergab den Schluͤſſel, der in einem verſiegelten Papier mit derſelben Aufſchrift ſich befand, und an dem Schluͤſſel war ein Zettel mit der Nachricht, daß der Inhalt des Koffers ein Andenken fuͤr Johan⸗ na Deans von ihren Freundinnen, der Herzoginn von Argyle und deren Toͤchtern, waͤre. Der Koffer, der ſchnell geoͤffnet wurde, wie ſich leicht denken laͤßt, enthielt eine Menge von erleſenen Kleidungſtuͤcken, die aber fuͤr Johanna's Stand paßten, und an die meiſten waren die Nahmen der Geberinnen geheftet, als ob man ihr nicht nur die allgemeine Theilnahme, die ſie bei dem edlen Geſchlechte gefunden hatte, ſondern auch den Antheil, den jedes Glied deſſelben ihr wid⸗ mete, haͤtte bemerklich machen wollen. Wer die verſchiedenen Kleidungſtuͤcke mit ihren eigenen Nahmen benennen wollte, wuͤrde etwas verſu⸗ chen, das in Proſa oder Verſen noch nicht ver⸗ ſucht worden iſt, und die altfraͤnkiſchen Benen⸗ nungen fuͤr Maͤntel, Kleider, Bandſchleifen und dergleichen wuͤrden ſelbſt fuͤr die Putzmacherinnen unſrer Zeit nicht ſehr belehrend ſein. Ich werde jedoch ein genaues Verzeichniß des 8 Sähalts jenes 35 Koffers bei meiner guͤtigen Freundinn, Jungfer Martha Blankſcheit,*) niederlegen, die verſpro⸗ chen hat, mich mit einer kunſtmaͤßigen Worter⸗ klaͤrung und Erlaͤuterung zu verſehen, wenn die Neugier der Leſewelt ſich auf dieſen Gegenſtand zu richten ſchiene. Es genuͤge daher an der Ver⸗ ſicherung, daß das Geſchenk der Geberinnen wuͤr⸗ dig war, und fuͤr die Lage der Empfaͤngerinn paßte, daß alles huͤbſch und angemeſſen, und nichts vergeſſen war, was zu dem Anzuge eines Maͤdchens von Johanna's Stande und fuͤr die Braut eines achtbaren Geiſtlichen gehoͤrte. Jedes Stuͤck wurde beſehen, beſprochen und bewundert; die erſtaunte Marie meinte, die Koͤ⸗ niginn ſelber haͤtte nicht mehr und beſſere Kleider und die Milchaufſeherinn war nicht ohne Neid. Dieſe unholde, aber nicht eben ſehr unnatuͤrliche Gemüthſtimmung verrieth ſich in mancherlei un⸗ gerechtem Tadel zur Herabſetzung der, nach ein⸗ ander vorgezeigten Kleidungſtuͤcke; ward aber noch unverhohlener, als ſich unten im Koffer ein weißſeidener Anzug fand, der zwar ſehr einfach, aber doch von weißer und dazu von franzoͤſiſcher *) S. den Schluß des Romans: Die Schwaͤr⸗ mer— teutſch: Leipzig 1803. 3 Bde. L. 2 3* ſſ1 36 Seide war, mit einem angehefteten Zettel, des Inhalts, daß der Herzog von Argyle ſeiner Rei⸗ ſegefaͤhrtinn dieſes Kleid ſchenkte, welches ſie an dem Tage tragen ſollte, wo ſie ihren Nahmen aͤnderte. Frau Dutton konnte ſich nicht laͤnger halten, und fliſterte Archibald zu, es waͤre doch etwas huͤbſches, eine Schottlaͤnderinn zu ſein. Sie meinte, alle ihre Schweſtern— und ſie haͤtte deren ein halbes Dutzend— koͤnnten gehaͤngt werden, ohne daß ihr jemand auch nur ein Schnupftuch ſchenkte. Oder ohne daß Ihr Euch einige Muͤhe gaͤ⸗ bet, ſie zu retten, Frau Dutton, erwiderte Ar⸗ chibald trocken.— Aber mich wundert, daß wir noch nicht laͤuten hoͤren, ſetzte er hinzu, nach der Uhr ſehend. Ei was Teufel, Herr Archibald, ſprach der Schloßhauptmann, ſollen ſie denn laͤuten, ehe ich bereit bin, in die Kirche zu gehen? Der Kuͤſter ſollte mir die Glockenſtricke freſſen, wenn er ſich ſo was unterſtaͤnde. Aber wenn Ihr laͤuten hoͤren wollt, brauche ich mich nur auf dem Huͤgel zu zeigen, und das Gebimmel wird ſogleich losgehen. 37 Sobald die Geſellſchaft in's Freie kam, und der Treſſenhut des Schloßhauptmannes, wie der Abendſtern, uͤber dem thauigen Gipfel der An⸗ hoͤhe aufſtieg, hoͤrte man das Raſſeln— denn einen Klang konnte man es kaum nennen— der Glocke vom alten bemooſten Thurme. Der Kloͤppel ſchlug fortwaͤhrend an die zerborſtene Glocke, waͤhrend ſie auf dem Wege zur Kirche waren, und Duncan ermahnte ſie, ſich nur Zeit zu nehmen, da wahrlich nichts losgehen werde, bis er kaͤme. Die Glocke ließ allerdings auch ihren letzten ungeduldigen Ruf erſt hoͤren, als die Geſellſchaft durch den Drehling kam, und ihr mißtoͤnender Schall verſtummte, ſobald man des Herzogs Sitz in der kleinen Kirche betrat, wo Alle an Duncan's Seite Platz nahmen. David Deans aber hatte ſchon einen Sitz unter den Kirchſpiel⸗ Aelteſten eingenommen. Die Feier des Tages, mit deren umſtaͤnd⸗ licher Beſchreibung den Leſer zu belaͤſtigen, un⸗ noͤthig iſt, ging nach hergebrachter Weiſe vor ſich, und die Predigt war ſo gluͤcklich, ſelbſt dem ſtrenge richtenden David Deans zu gefallen, ob⸗ gleich ſie nur fuͤnf Viertelſtunden dauerte, was David ein zu kaͤrgliches Maaß geiſtlicher Nah⸗ rung nannte. Der Prediger, der mit David in vielen Meinungen zuſammenſtimmte, entſchuldigte un⸗ ter vier Augen die Kuͤrze ſeiner Rede durch die Bemerkung, der Schloßhauptmann haͤtte ſchon ſchrecklich gegähnt, und wenn er ihn laͤnger haͤtte aufhalten wollen, ſo waͤre gar nicht abzuſehen geweſen, wie lange es mit der Bezahlung der naͤchſten faͤlligen Beſoldung an Lebensmitteln ge⸗ dauert haben wuͤrde. David ſeufzte, als er ſah, daß ſolche fleiſch⸗ liche Beweggruͤnde auf das Gemuͤth eines kraͤf⸗ tigen Predigers Einfluß haben konnten. Ein anderer Umſtand hatte ihm waͤhrend des Gottes⸗ dienſtes nicht weniger Aergerniß gegeben. Kaum hatte ſich die Verſammlung nach dem Gebete ge⸗ ſetzt, und der Prediger ſeinen Text geleſen, als der huldreiche Duncan, nach einigem Suchen, eine kleine eiſerne Tabackspfeife aus der ledernen Laſche hervorhohlte, die vor ſeinem Schurze hing, und beinahe laut ſprach:„Ich habe meinen Tabacksbeutel vergeſſen. Lachlan, gehe in's Dorf, und hohle mir fuͤr einen Penny Rollen⸗ taback.“ Die naͤchſten ſechs Arme reichten, ge⸗ —— — 39 horſam in Bewegung geſetzt, dem gebietenden Manne eben ſo viele Tabacksbeutel dar. Mit erkenntlichem Nicken nahm er einen, ſtopfte ſeine Pfeife, ſteckte ſie mit Hilfe ſeines Piſtolſteins an, und rauchte mit ungemeiner Gelaſſenheit waͤhrend der ganzen Predigt. Als der Vortrag zu Ende war, klopfte er die Aſche aus ſeiner Pfeife, ſteckte ſie wieder in die Taſche, gab den Tabacksbeutel dem Eigenthuͤmer zuruͤck, und nahm mit Anſtand und Aufmerkſamkeit am Gebete Theil. David hatte uͤber des Schloßhauptmannes unehrbietiges Betragen die Stirne gerunzelt, geſeufzt und gemurrt, und als nach geendigtem Gottesdienſte ſeinem Freunde Butler das Pre⸗ digtamt in der Kirche zu Knocktarlitie mit al⸗ len geiſtlichen Freiheiten und Vorrechten war uͤbertragen worden, aͤußerte er ſeine Gedanken gegen den Kirchſpiel⸗Aelteſten, Iſaak Meikle⸗ hoſe, der durch ſein ehrerbietiges Ausſehen und ſeine ungeheure graue Perruͤcke ihn geneigt ge⸗ macht hatte, Bruderſchaft zu ſtiften.„Es paßte nicht fuͤr einen wilden Indianer, ſprach David, viel weniger fuͤr einen Chriſten und 40 einen feinen Mann, in der Kirche Taback zu qualmen, als ob er in einer Schenke waͤre.“ Meiklehoſe ſchuͤttelte den Kopf, und gab zu, es waͤre nichts weniger als ſchicklich.„Aber was wollt Ihr ſagen! Der Schloßhauptmann iſt ein wunderlicher Kauz, und daruͤber mit ihm ſprechen, oder uͤber ſonſt etwas, das ihm durch den Kopf faͤhrt, hieße das Ofenfeuer anzuͤnden. Er haͤlt hier ſtrenges Regiment, und wir koͤnnten mit den Hochlaͤndern nicht zurecht kommen ohne ſeinen Schutz, denn die Schluͤſſel des Landes hangen an ſeinem Guͤr⸗ tel, und er iſt im Grunde kein uͤbler Mann, und Ihr wißt ja, man pflegt zu ſagen, wer Herr iſt, maͤhet die Wieſe.“ Das mag ſehr wahr ſein, Nachbar, ſprach David, aber Ruben Butler waͤre nicht der Mann, wofuͤr ich ihn halte, wenn er nicht den Schloßhauptmann dahin bringt, ſeine Pfei⸗ fe anderswo zu rauchen, als in Gottes Hauſe, oder die Freundſchaft mit ihm aufhebt. Mit Freundlichkeit und Sanftmuth kommt man weit, antwortete Meiklehoſe, und wenn ein einfaͤltiger Mann einem klugen rathen darf, ſo daͤchte ich, er ſollte es zweimahl uͤbeilegen, 41 ehe er ſich mit dem Schloßhauptmann einläͤßt. Wer mit dem Teufel Suppe eſſen will, muß einen langſtieligen Loͤffel haben. Aber alles iſt ſchon auf dem Wege zur Schenke, wo das Eſſen wartet, und wenn wir nicht ſchnell gehen, kommen wir zu ſpaͤt. David begleitete ſeinen Freund, ohne zu antworten, aber die Erfahrung ſagte ihm ſchon, daß auch das Thal Knocktarlitie, wie die ganze uͤbrige Welt, ſeine eigenen Anlaͤſſe zu Verdruß und Unzufriedenheit habe. Das Nachſinnen uͤber die beßten Mittel, den Schloßhauptmann zu dem Gefuͤhle fuͤr ein anſtaͤndigeres Betra⸗ gen in der Kirche zu bekehren, beſchaͤftigte ihn ſo ſehr, daß er gaͤnzlich vergaß, Erkundigung einzuziehen, ob Butler waͤre aufgefodert worden, die Gewalt der Regierung in Kirchenſachen eidlich anzuerkennen. Einige haben den Wink fallen laſſen, ſeine Verſaͤumniß in dieſem Punkte waͤre einigermaßen abſichtlich geweſen; aber dieſe Er⸗ klaͤrung ſcheint mir mit dem ſchlichten Gemuͤthe meines Freundes David nicht vereinbar zu ſein. Ich habe aber auch, der ſorgfaͤltigſten Nachfor⸗ ſchungen ungeachtet, nie erfahren koͤnnen, ob man die Eidleiſtung, die ihm ſo bedenklich war, von Butler verlangt habe, oder nicht. Die Ver⸗ handlungen der Kirchſpielverſammlung haͤtten Licht auf dieſe Sache werfen koͤnnen; aber ſie wurden im Jahre 1746 leider von einem gewiſ⸗ ſen Donacha Dhu na Dunaigh vernichtet, und zwar auf Betrieb, wie man ſagte, oder doch wenigſtens unter der Nachſicht des gnaͤdigen Schloßhauptmannes, der das Andenken an die Schwachheiten eines gewiſſen Kaͤthchen Finlayſon zu vertilgen wuͤnſchte. III. Das Wirthshaus fuͤllet ſich nun an Mit Volk, das Unſinn plappert; Nach Bier und Kuchen ſchreiet man, Wenn dort der Bierkrug klappert. Und hin und her, die Kreuz und Quer, Ueber Logik und die Bibel, Wird toll geſchwatzt, bis mehr und mehr Entſteht des Haders Uebel. Burns. Die hochehrwuͤrdigen Herren, die Ruben Butlers Einſetzung beigewohnt hatten, und beinahe alle achtbaren Inwohner des Kirchſpiels wurden auf Koſten des Herzogs von Argyle reichlich bewir⸗ thet. Das Gaſtmahl enthielt alles, was das Land ſelbſt nur immer liefern konnte, denn der Schloßhauptmann hatte jederzeit alle Erfoder⸗ niſſe zu einem tuͤchtigen Schmauſe in Ueberfluß 4 4½ zu ſeiner Verfuͤgung. Da gab es Rindſleiſch und Hammelfleiſch von ſeinen eigenen Weiden; Suͤßwaſſerfiſche und Seefiſche aus den Seen, den Baͤchen und dem Haff, Wildpret aller Art, vom Hirſche bis zum Haͤschen aus des Herzogs Waͤldern, Heiden und Mooren, und was die Getränke anlangt, ſo floß Doppelbier vom Haus⸗ gebraͤude wie Waſſer; Brantwein war in jenen gluͤcklichen Zeiten zollfrei, und ſelbſt weißer und rother Wein waren umſonſt zu haben, da der Her⸗ zog, Kraft ſeiner Rechte als Admiral, einen Anſpruch auf alle, bei ſtuͤrmiſcher See in Faͤſſern an die weſtliche Kuͤſte und die Inſeln Schottlands geworfenen Weine hatte. Kurz, wie Duncan ſich ruͤhmte, das Gaſtmahl koſtete dem Herzoge nicht einen Pfennig aus ſeinem Beutel, und war doch nicht nur freigebig, ſondern uͤberfluͤſſig. Auf des Herzogs Geſundheit ward ein vol⸗ ler Becher geleert, und David Deans ſelbſt ließ vielleicht das erſte Hoch! hoͤren, das er je aus⸗ geſprochen hatte, um den freudigen Ruf zu ver⸗ ſtaͤrken, womit der Trinkſpruch aufgenommen wurde. Ja, ſein Herz war bei dieſer denkwuͤr⸗ digen Gelegenheit ſo freudig aufgeregt, und ſo ſehr zur Nachſicht geſtimmt, daß er keine Unzu⸗ 5 friedenheit verrieth, als drei Sackpfeifer das: „Clan Campbell kommt heran“ aufſpielten. Die Geſundheit des hochehrwuͤrdigen Predigers von Kocktarlitie wurde eben ſo ehrenvoll aus⸗ gebracht, und es erhob ſich ein lautes Gelaͤchter, als ein Amtsbruder ſchlau hinzufuͤgte:„Unſerm Bruder eine gute Frau, ſein Haus in Ordnung zu halten!“ Bei dieſer Gelegenheit wurde Da⸗ vid Deans von ſeinem erſtgebornen Scherze ent⸗ bunden, und die Wehen mochten ſehr ſchmerzlich ſein; denn er verzog das Geſicht klaͤglich und ſtotterte nicht wenig, ehe er den Gedanken aus⸗ ſprechen konnte, es waͤre hart, dem jungen Man⸗ ne, der eben erſt ſeine geiſtliche Braut gefreit haͤtte, am ſelbigen Tage mit einer zeitlichen Ehe⸗ gattinn zu drohen. Er ſtieß darauf ein heiſeres und kurzes Gelaͤchter aus, und wurde ploͤblich ernſt und ſtill, als ob er ſich ſeiner Anſtrengung zur Munterkeit geſchaͤmt haͤtte. Nach einigen andern Trinkſpruͤchen, gingen Johanna, Frau Dutton und diejenigen Bewoh⸗ nerinnen des Kirchſpieles, die das Feſt mit ihrer Gegenwart beehrt hatten, in Davids neue Woh⸗ nung zu Auchingower, und liefen die Maͤnner bei den Bechern zuruͤck. 46 Es wurde ſehr munter an der Tafel. Die Unterhaltung war, wo Dunean ſie leitete, nicht immer ſtreng kanoniſch, aber David entging der Gefahr, Aergerniß zu nehmen, da er ſich mit ſeinem Nachbar in eine Aufzaͤhlung der Drangſale in Ayrſhire und Lanarkſhire waͤhrend des Einfalls der Hochlaͤnder*) eingelaſſen hatte. Der vorſichtige Meiklehoſe warnte ſie indeß von Zeit zu Zeit, leiſer zu ſprechen, denn Duncans Vater, ſagte er, waͤre bei jener Metzelei geweſen, und haͤtte viel Beute mitgebracht, und Duncan ſelber wuͤrde wohl gern bei einer ſolchen Unter⸗ nehmung geweſen ſein, ſo viel er den Mann kennte. Als die Freude lebendiger und laͤrmender wurde, entwiſchten die ernſtern Mitglieder der Geſellſchaft, ſo gut ſie konnten. Auch David Deans nahm ſeinen Ruͤckzug, und Butler war⸗ tete ungeduldig auf eine Gelegenheit ihm zu fol⸗ gen. Der Schloßhauptmann aber, welcher, wie er ſagte, gern wiſſen wollte, wes Geiſtes Kind der neue Prediger waͤre, hatte nicht Luſt, ihn ſo bald loszulaſſen, ſondern hielt ihn an ſeiner *) Sie wurden von Karl II, dazu aufgereizt, L. 47 Seite veſt, bewachte ihn ſorgfaͤltig, und mit zu⸗ dringlicher Hoͤflichkeit ſchenkte er ihm das Glas bis an den Rand voll, ſo oft er eine Gelegen⸗ heit dazu finden konnte. Endlich, als der Abend anbrach, wurde Archibald von einem der hochehrwuͤrdigen Gaͤſte gefragt, wann man hof⸗ fen duͤrfte, den Herzog, tam carum caput, wie er ihn zu nennen ſich erdreiſten wollte, in Roſeneath zu ſehen. Duncan, deſſen Gedan⸗ ken ſich ein wenig verwirrt hatten, und der, wie leicht zu denken, kein großer Gelehrter war, faß⸗ te den Ton der Worte undeutlich auf, und in dem Wahne, der Sprecher wollte eine Verglei⸗ chung zwiſchen dem Herzoge und Donald Gorme von Sleat anſtellen, die nach ſeiner Meinung gehaͤſſig war, fing er an zu ſchnauben und wollte in Zorn gerathen. Als der Geiſtliche eine Erklaͤrung gegeben hatte, erwiderte der Schloßhauptmann:„Ich habe das Wort Gorme mit meinen eigenen Ohren gehoͤrt. Denkt Ihr, ich wuͤßte nicht Ga⸗ liſch von Latein zu unterſcheiden? Es ſcheint nicht ſo, erwiderte der Geiſtliche, der auch empfindlich geworden war„ mit großer Gelaſſenheit, und nahm eine Prieſe Taback. 48 Die Kupfernaſe des gnaͤdigen Schloßhaupt⸗ manns gluͤhte nun wie der Stier des Phalaris, und waͤhrend Archibald den Vermittler machte und die Aufmerkſamkeit der Geſellſchaft auf den Streit gerichtet war, benutzte Butler eine Ge⸗ legenheit, ſich zu entfernen. Als er in Auchingower ankam, erwarteten die Frauen ungeduldig den Aufbruch der Tiſchge⸗ ſellſchaft. Es war naͤhmlich verabredet worden, daß zwar David Deans in Auchingower bleiben und Butler die Predigerwohnung an dieſem Abende beziehen ſollte; Johanna aber, deren Wohnung in ihres Vaters Hauſe noch nicht vollſtaͤndig eingerichtet war, ſollte fuͤr einige Tage nach Roſeneath zuruͤckkehren, und die Fahrzeuge waren zur Ueberfahrt bereit. Man wartete auf des Schloßhauptmanns Ruͤckkehr, aber die Daͤmmerung brach an und man wartete verge⸗ bens. Endlich erſchien Archibald, der als ein, auf Anſtand haltender Mann, in ſeiner Luſtig⸗ keit nicht zu weit gegangen war, und rieth den Frauen dringend, unter ſeinem Geleite nach der Inſel zuruͤckzukehren. Nach der Stimmung, worin er den Schloßhauptmann zuruͤckgelaſſen haͤtte, ſetzte er hinzu, waͤre es ſehr zu bezweifeln, 49 ob der huldreiche Duncan vor Tage die Schenke verlaſſen werde, und auf keinen Fall waͤre derſel⸗ be ein paſſender Geſellſchafter fuͤr Frauen. Sie koͤnnten, ſagte er, von Duncans Einſpaͤnner Gebrauch machen, und die Dämmerung waͤre noch angenehm genug zu einer Waſſerfahrt. Johanna, die viel Vertrauen auf Archibald's Klugheit hatte, gab dieſem Vorſchlage ſogleich ihre Zuſtimmung; Frau Outton aber wollte durchaus nicht in das kleine Boot. Wenn das groͤßere Fahrzeug genommen werden koͤnnte, ſo wollte ſie mitfahren, ſonſt aber lieber auf dem Fußboden ſchlafen, als einen Schritt weiter ge⸗ hen. Mit vernuͤnftigen Gruͤnden konnte man es bei ihr gar nicht verſuchen, und Archibald hielt die Schwierigkeit nicht fuͤr ſo dringend, daß ihm Zwang noͤthig ſchien. Er aͤußerte, man wuͤrde den Schloßhauptmann nicht eben hoͤflich behan⸗ deln, wenn man ihm ſeine Kutſche mit Sechſen nehmen wollte, aber da es zu Gunſten der Frauen geſchaͤhe, ſetzte er artig hinzu, ſo wollte er ſich dieſe Freiheit geſtatten, zumahl da der Einſpaͤnner fuͤr den Schloßhauptmann beſſer paſ⸗ ſen werde, weil das kleinere Fahrzeug zu jeder Zeit der Flut uͤberfahren koͤnnte, und ſo ſollte VI. Theil. 4 50 der Milchaufſeherinn das große Boot zu Dienſte ſtehen. Sie gingen in Butlers Geſellſchaft an den Strand. Es verging einige Zeit, bis die Schif⸗ fer beiſammen waren, und ehe man ſich einge⸗ ſchifft hatte und zur Abfahrt bereit war, ſtand der bleiche Mond uͤber dem Berge und warf ei⸗ nen zitternden Schein auf die breiten und glaͤn⸗ zenden Wogen. Die Nacht war ſo milde und angenehm, daß Butler, als er Johanna Lebe⸗ wohl ſagte, nichts fuͤr ihre Sicherheit fuͤrchtete, und was noch außerordentlicher iſt, auch Frau Dutton hegte keine Beſorgniß. Die Luft war milde, und wehte einen ſommerlichen Duft uͤber die kuͤhlen Wellen. Das ſchoͤne Landſchaftbild vorſpringender Gelaͤnde, Vorgebirge und Buch⸗ ten rings umher, mit der maͤchtigen blauen Bergkette, waren im Mondſcheine halb ſichtbar, waͤhrend bei jedem Nuderſchlage die glaͤnzenden und funkelnden Wogen die praͤchtige Naturer⸗ ſcheinung des Seefeuers zeigten. Dieſer Anblick erweckte Johanna's Erſtau⸗ nen, und gab ihrer Gefaͤhrtinn Unterhaltung, bis ſie ſich der kleinen Bucht naͤherten, die ihre dunkeln und bewaldeten Geſtade in's Meer 51 hinausſtreckte, ſie gleichſam bewillkommend zu empfangen. Der gewoͤhnliche Landeplatz war etwa eine halbe Viertelſtunde vom Wohnhauſe entfernt, und obgleich die Flut dem Boote nicht erlaubte, der Schicht von loſen Steinen, die ſtatt eines Dammes dienten, ganz nahe zu kommen, ſo fprang doch die ſtarke und behende Johanna leicht an's Geſtade. Frau Dutton aber weigerte ſich durchaus, gleicher Gefahr ſich auszuſetzen, und der gefaͤllige Archibald befahl, zu einem be⸗ quemern Landeplatze zu fahren, der ziemlich weit 1 abwaͤrts lag. Er wollte dann ſelbſt an's Land gehen, um Johanna in's Wohnhaus zu fuͤhren, da jedoch der Weg, der von dem buſchigen Ge⸗ ſtade dahin fuͤhrte, nicht zu verfehlen war, und einer der weißen Schornſteine des Gebaͤudes uͤber den Baumwipfeln im Mondſcheine ſich zeigte, ſo lehnte Johanna ſein freundliches Anerbieten dankbar ab, und bat ihn, mit Frau Duttoen weiter zu fahren, die in einem fremden Lande, wo ihr die Wege fremd waͤren, des Beiſtandes mehr beduͤrfte. Dieß war allerdings ein gluͤcklicher Umſtand, und mag vielleicht das Leben der armen Milch⸗ 4 4* “ 52 aufſeherinn gerettet haben, wenn es wahr iſt, wie ſie ſelber feierlich betheuerte, daß ſie vor Furcht haͤtte vergehen muͤſſen, wenn man ſie in einem Boote unter ſechs beſchurzten wilden Hochlaͤndern allein gelaſſen haͤtte. Die Nacht war ſo unvergleichlich ſchoͤn, daß Johanna nicht ſoglelch ihren Weg zu dem Wohnhauſe nahm, ſondern ſtehen blieb, und dem Boote nachſah, als es wieder vom Ufer ab⸗ fuhr und in die Bai hinausruderte, waͤhre d die dunkeln Geſtalten ihrer Reiſegefaͤhrten immer minder ſichtbar wurden, je weiter ſie ſich entfern⸗ ten, und der ſchwermuͤthige Schiffergeſang der Ruderer mit immer leiſeren und ſanfteren Toͤ⸗ nen ihr Ohr traf, bis das Fahrzeug um das vorſpringende Uferland bog und ihren Blicken entſchwand. Johanna blieb am Ufer und ſah in's Meer hinaus. Sie wußte, daß ihre Reiſegefaͤhrten nicht ſo bald das Wohnhaus erreichen konnten, da die Entfernung von dem bequemern Lande⸗ platze weit groͤßer war, als von dem Orte, wo ſie ſtand, und ſie ergriff gern eine Gelegenheit, einige Augenblicke allein zu ſein. 4 4. Wenn ſie bedachte, daß wenige Wochen eine 53 wunderbare Veraͤnderung in ihrer Lage hervor⸗ gebracht und ſie von Schande, von Kummer und faſt von Verzweiflung zu Ehre, Freude und einer heitern Ausſicht auf eine gluͤckliche Zukunft gefuͤhrt hatten, regte ſich ein Gefuͤhl in ihrer Bruſt, das ihr Thraͤnen in die Augen lockte. Aber ihre Thraͤnen floſſen auch aus einer an⸗ dern Quelle. Wie Menſchengluͤck nie vollkom⸗ men iſt, und wohlgeſinnte Gemuͤther die Be⸗ draͤngniſſe ihrer Geliebten nie tiefer fuͤhlen, als wenn ihre eigene Lage einen Gegenſatz damit bil⸗ det, ſo wandte ſich auch Johanna's zaͤrtliche Be⸗ kuͤmmerniß zu dem Schickſale ihrer armen Schwe⸗ ſter, dem Kinde ſo vieler Hoffnungen, dem ge⸗ liebten Pfleglinge ſo vieler Jahre, zu ihr, die nun verbannt, und, ſchlimmer noch, von dem Willen eines Mannes abhaͤngig war, von deſſen Sitten Johanna mit Recht die unguͤnſtigſte Meinung hegen zu muͤſſen glaubte, und der ſelbſt bei den ſtaͤrkſten Regungen des innern Vorwurfes den Gefuͤhlen wahrer Reue zu fremd geweſen zu ſein ſchien. Waͤhrend dieſe ſchwermuͤthigen Betrachtun⸗ gen ihre Gedanken beſchaͤftigten, ſchien eine dunkle Geſtalt aus dem Gebuͤſche zu ihrer Rech⸗ 54 ten hervorzutreten. Johanna erſchrak, und die Erzaͤhlungen von Erſcheinungen und Schatten, die einſame Wanderer in wilden Gegenden zu ſolchen Zeiten und in ſolchen Stunden geſehen haben ſollten, traten ploͤtzlich vor ihre Seele. Die Geſtalt ſchlich heran, und als dieſelbe zwi⸗ ſchen ihr und dem Monde ſtand, glaubte Johan⸗ na ein weibliches Weſen zu erblicken. Eine ſanfte Stimme ſprach zweimahl: Hannchen! Hannchen! War es— konnte es ihrer Schwe⸗ ſter Stimme ſeyn? War ſie noch unter den Lebendigen, oder war ſie aus dem Grabe hervor⸗ geſtiegen? Ehe Johanna dieſe Fragen ſich vor⸗ legen konnte, hatte Euphemia, lebendig und leibhaftig, ſie in ihre Arme geſchloſſen, druͤckte ſie an ihre Bruſt und bedeckte ſie mit ihren Kuͤſ⸗ ſen.„Ich bin hier umher gewandert, wie ein Geiſt, um Dich zu ſehen, ſprach ſie, und kein Wunder, daß Du mich dafuͤr haͤltſt.— Ich „wollte Dich nur vorbeigehn ſehen, oder den Ton deiner Stimme hoͤren, aber mit Dir zu ſprechen, Hannchen, das war mehr als ich werdiente, und mehr als ich von Gott zu bitten wagte.“ O Effie, wie kamſt Du allein hierher, und zu dieſer Stunde, an dieſem oͤden Strande? 55 Weißt Du denn gewiß, daß Du's leibhaf⸗ haftig biſt? Effie uͤberließ ſich ein wenig ihrer ehemahli⸗ gen Laune, als ſie dieſe Frage thaͤtlich durch ein ſanftes Kneipen erwiderte, das mehr fuͤr die Finger einer Fee als eines Geiſtes paßte. Dann umarmten ſich die Schweſtern wieder und wein⸗ ten und lachten abwechſelnd. Aber Du mußt mit mir ins Haus gehen, Effie, ſprach Johanna und mir deine Geſchichte erzaͤhlen. Es ſind gute Leute da, die Dich freundlich aufnehmen werden um meinetwillen. Nein, nein, Hannchen, ſprach ihre Schwe⸗ ſter kummervoll. Du haſt vergeſſen, wer ich bin, ein verbanntes, geaͤchtetes Geſchoͤpf, und kaum dem Galgen entgangen, weil Du die kühnſte und beßte Schweſter biſt, die je lebte. Ich will keinem von deinen vornehmen Freun⸗ den nahe kommen, wenn auch keine Gefahr fuͤr mich dabei waͤre. Es iſt keine Gefahr dabei, es ſoll keine Ge⸗ fahr dabei ſein, ſprach Johanna lebhaft. O Effie, ſei nicht eigenſinnig— laß Dich ein⸗ mahl leiten. Wir wollen alle ſo gluͤcklich mit einander ſein. Ich habe all das Gluͤck, das ich verdiene in dieſer Welt, nun da ich Dich geſehen habe, aantwortete Efſie, und mag Gefahr dabei ſein, oder nicht, Niemand ſoll je ſagen, daß ich mit meinem, dem Galgen entgangenen Geſichte gekommen waͤre, meiner Schweſter unter ihren vornehmen Freunden Schande zu machen. Ich habe keine vornehmen Freunde, ſprach Johanna, keine Freunde, die nicht auch die Deinigen waͤren, Ruben Butler und unſer Va⸗ ter. O ungluͤckliches Maͤdchen, ſei nicht hart⸗ naͤckig, und wende Dich wieder zu deinem Gluͤcke. Wir wollen keine andern Bekannten ſehen. Komm wieder zu uns, zu deinen beß⸗ ten Freunden. Es ruht ſich ſicherer unter ei⸗ ner alten Hecke, als in einem neu gepflanz⸗ ten Walde. Du ſprichſt vergebens, Hannchen. Ich muß trinken, was ich gebrauet habe; ich bin verheirathet und muß meinem Manne folgen, geh' es gut oder ſchlimm. Verheirathet, Effie! rief Johanna. Un⸗ gluͤckliches Geſchoͤpf und mit jenem ſchreckli⸗ chen— Still, ſtill! ſprach Effie, und hielt ihr eine Hand auf den Mund, waͤhrend ſie mit der an⸗ dern auf das Dickig deutete: er iſt da. 1 Sie ſprach dieß mit einem Tone, der deut⸗ lich verrieth, daß es ihrem Manne gelungen war, ihr eben ſo viel Furcht als Zaͤrtlichkeit einzufloͤßen. In dieſem Augenblicke trat ein Mann aus dem Gehoͤlze. Es war der junge Staunton. Johanna konnte ſelbſt bei dem truͤben Mondlichte bemerken, daß er huͤbſch ge⸗ kleidet war, und das Anſehen eines Mannes von Rang hatte. Effie, ſprach er, unſre Zeit wird bald vor⸗ uͤber ſein. Das Schiff wird in der Bucht ſtranden, und ich wage es nicht, laͤnger zu bleiben. Ich hoffe, deine Schweſter wird mir erlauben, ſie zu kuͤſſen. Johanna fuhr mit einer Regung innern Abſcheues vor ihm zuruͤck. Nun, es hat nicht viel zu bedeuten, fuhr er fort. Wenn Ihr auch Groll behaltet, ſo handelt Ihr wenigſtens nicht nach dieſem Ge⸗ fuͤhle, und ich danke Euch, daß Ihr mein Ge⸗ heimniß bewahrt habt, als ein einziges Wort, das ich an eurer Stelle ſogleich geſprochen ha⸗ ben wuͤrde, mir das Leben gekoſtet haͤtte. Man —yöööö* — 58 pflegt zu ſagen, wir ſollen ſelbſt vor unſerm geliebten Weibe das Geheimniß verbergen, das uns den Kopf koſten koͤnnte. Meine Frau und ihre Schweſter kennen das meinige, aber ich werde darum nicht weniger ruhig ſchlafen. Seid Ihr denn wirklich mit meiner Schwe⸗ ſter verheirathet, Herr Staunton? fragte Jo⸗ hanna, ſehr beſorgt und unruhig, da der ſtolze und gleichgiltige Ton, womit er ſprach, ihre ſchlimmſten Befuͤrchtungen zu rechtfertigen ſchien. Ich bin rechtmaͤßig verheirathet, und unter meinem eigenen Nahmen, ſprach Staunton ernſthafter. Und euer Vater— eure Freunde? Mein Vater und meine Freunde muͤſſen ſich freilich mit einer Sache ausſoͤhnen, die ge⸗ ſchehen iſt und nicht ungeſchehen gemacht wer⸗ den kann. Um aber gefaͤhrliche Verbindungen abzubrechen und meinen Freunden Zeit zur Faſſung zu geben, will ich meine Heirath fuͤr jetzt geheim halten, und einige Jahre im Aus⸗ lande mich aufhalten. Ihr werdet alſo eine Zeitlang nichts von uns hoͤren, wenn Ihr an⸗ ders je wieder von uns hoͤren werdet. Ihr ſeht ein, es wuͤrde gefaͤhrlich ſein, die Verbin⸗ —— ——— 59 dung zu unterhalten, denn jedermann wuͤrde errathen, daß Efſie's Mann der— wie ſoll ich mich nennen— der Todtſchlaͤger des Por⸗ teous ſein muß.. Hartherziger, leichtſinniger Mann! dachte Johanna. Was fuͤr eine Geſinnung hat der Menſch, dem ſie ihr Gluͤck anvertraut! Sie hat Wind geſaͤet und muß Ungewitter ernten. Denke nicht ſchlimm von ihm, ſprach Ef⸗ fie, und fuͤhrte ihre Schweſter einige Schritte von ihrem Manne weg: Denke nicht allzu ſchlimm von ihm. Er iſt gut gegen mich, Hannchen, ſo gut als ich es verdiene. Und er will ſeine boͤhen Wege verlaſſen. Darum weine nicht uͤber Effie; es geht ihr beſſer, als ſie's nach ihren Thaten haben ſollte.— Aber Du— o wie kannſt Du gluͤcklich genug ſein! Nicht anders als wenn Du im Himmel biſt, wo alles ſo gut iſt als Du. Johanna, wenn ich am Leben bleibe und es mir gut geht, ſollſt Du von mir hoͤren, wo nicht, ſo vergiß, daß je ein ſolches Geſchoͤpf lebte, Dich zu quaͤ⸗ len. Lebe wohl— lebe wohl! Sie riß ſich aus den Armen ihrer Schwe⸗ —————————— 60 ſter, ging zu ihrem Manne zuruͤck, und als beide wieder in das Gebuͤſch eilten, hatte Jo⸗ hanna ſie aus dem Geſichte verloren. Der ganze Auftritt war wie ein Traumgeſicht, und ſie haͤtte es faſt dafuͤr halten koͤnnen, wenn ſie nicht gleich nachher Ruderſchlag gehoͤrt und ein Fahrzeug im Haff geſehen haͤtte, das ſchnell zu einem kleinen Schleichhaͤndlerſchiffe fuhr, welches auf der hohen See ſich zeigte. Euphe⸗ mia hatte ſich an Bord eines ſolchen Schiffes in Portobello eingeſchifft, und Johanna konnte nicht zweifeln, daß eben dieſes Fahrzeug be⸗ ſtimmt waͤre, ſie, wie Staunton angedeutet hatte, in ein fremdes Land zu bringen. Es iſt ſchwer zu ſagen, ob dieſe Zuſammen⸗ kunft, waͤhrend ſie ſtatt fand, fuͤr Johanna eher ſchmerzlich oder erfreulich war, aber der Eindruck, der davon in ihrem Gemuͤthe zuruͤck blieb, war entſchieden guͤnſtig. Effie war ver⸗ heirathet; ſie war, wie man im gemeinen Le⸗ ben ſagt, wieder zu Ehren gebracht, und dieß war ein Hauptpunkt; ihr Mann ſchien im Begriffe zu ſein, den Pfad des Laſters zu ver⸗ laſſen, worauf er ſo lange und verwegen ge⸗ wandelt war, und dieß war nicht minder wich⸗ — ————— 61 tig;z was aber ſeine endliche wirkſame Bekeh⸗ rung anlangte, ſo fehlte es ihm nicht an Ver⸗ ſtande und die rechte Stunde lag in Gottes Hand. Mit dieſen Gedanken ſuchte Johanna ihre Beſorgniſſe uͤber das kuͤnftige Schickſal ihrer Schweſter aufzuheitern. Als ſie in dem Wohn⸗ hauſe ankam, hatte Archibald, unruhig uͤber ihr Ausbleiben, ſich eben vorgenommen, ſie zu ſuchen. Unter dem Vorwande von Kopfweh ging ſie in ihre Schlafkammer, um ihre ſicht⸗ bare Gemuͤthsbewegung vor ihren Geſellſchaftern zu verbergen. Sie entging durch dieſe Entfernung auch einem andern Auftritte. Als ob alle Einſpaͤn⸗ ner zu Waſſer und zu Lande gefaͤhrlich waͤren, ſo war auch Duncan's Fahrzeug von einem andern Boote umgeworfen worden, ein Unfall, woran hauptſaͤchlich die Betrunkenheit des Schloß⸗ hauptmannes, ſeiner Schiffer und ſeiner Reiſe⸗ gefaͤhrten Schuld war. Duncan und einige Gaͤſte, die er mitbrachte, um den froͤhlichen Abend im Schloſſe zu endigen, wurden tuͤchtig untergetaucht; aber da die Mannſchaft des Bootes, das ihnen das Ungluͤck gebracht hatte, 62 ſie rettete, ſo war am Ende nichts verloren, als des Schloßhauptmannes Treſſenhut, den er zur großen Freude der hochlaͤndiſchen Bewoh⸗ ner ſeines Gerichtſprengels, und nicht minder zum Vortheile der Gleichfoͤrmigkeit ſeines An⸗ zuges, am naͤchſten Tage mit einer huͤbſchen hochlaͤndiſchen Muͤtze vertauſchte. Der huld⸗ reiche Duncan ſtieß am naͤchſten Tage furcht⸗ bare Rachedrohungen gegen das Boot aus, das ihn umgeworfen hatte, aber da weder dieſes Fahrzeug, noch das kleine Schleichhaͤndlerſchiff, wozu es gehoͤrte, im Haff zu ſehen war, ſo blieb ihm nichts uͤbrig, als die Beleidigung ein⸗ zuſtecken. Dieß war, wie er ſagte, um ſo haͤrter, da man ihm verſichert hatte, das Un⸗ gluͤck waͤre abſichtlich herbeigefuͤhrt worden. Die Schurken haͤtten auf der Lauer gelegen, be⸗ hauptete er, nachdem jeder Tropfen Branntwein und jedes Saͤckchen Thee ans Land waͤren ge⸗ bracht worden, und wie er gehoͤrt hatte, war der Fuͤhrer des Beiſchiffes auf der Kuͤſte gewe⸗ ſen, um genaue Erkundigungen einzuziehen, wann ſein Boot uͤberfahren und zuruͤckkehren werde. Aber ſobald ſie ſich wieder im Haff ſehen laſſen, ſprach Duncan mit ſtolzer Wuͤrde, will ich dem Mondſchein⸗Geſindel, den Landſtrei⸗ chern zeigen, wo ihr Weg iſt, und verdammt ſein ſollen ſie. 64 IV. Wer moͤchte ſich an einem Hofe placken, Wenn er ſo ruhig leben koͤnnt' als hier? Shakſpeare. 8 Nachdem Butler in ſeiner neuen Amtswohnung ſich bequem eingerichtet und Johanna ihres Va⸗ ters Haus zu Auchingower bezogen hatte, ver⸗ floß noch einige Zeit, die wir jeden Leſer nach ſeinen eigenen Anſichten von Anſtand und Schicklichkeit ſelber zu beſtimmen erſuchen, ehe nach gehoͤrigem Aufgebote und andern Foͤrm⸗ lichkeiten, der lange Brautſtand des wuͤrdigen Paares durch das heilige Eheband geendigt wurde. Bei dieſer Gelegenheit wehrte ſich David Deans wacker„gegen das boͤsliche Weſen von Pfeifen, Geigen und gemiſchten Taͤnzen, woruͤber der Schloßhauptmann ſehr aufgebracht war, und er ſagte, er wuͤrde ſich wohl gehuͤtet haben, —— 65 uͤber die Schwelle zu gehen, wenn er errathen haͤtte, daß es eine ſo verwuͤnſchte Quaͤkerver⸗ ſammlung ſein ſollte. Es blieb bei dieſer Gelegenheit ſo viel Groll in dem Gemuͤthe des huldreichen Duncans zu⸗ ruͤck, daß mehr Scharmuͤtzel, wie David es nannte, uͤber denſelben und manchen aͤhnlichen Gegenſtand vorfielen, und nur ein zufaͤlliger Beſuch des Herzogs in Roſeneath machte die⸗ ſem Hader ein Ende. Argyle bewies dem Pre⸗ diger und ſeiner Frau ſo ausgezeichnete Achtung, und dem alten Deans ſo viel Gunſt, daß Duncan es fuͤr klug hielt, ſein Betragen gegen dieſen zu aͤndern. In der Folge pflegte er un⸗ ter Freunden zu ſagen, der Prediger und ſeine Frau waͤren ſehr achtbare und geſittete Leute, zwar ein wenig zu ſtrenge in ihren Meinungen, aber fuͤr die Schwarzroͤcke waͤre es freilich am Beßten, auf dem ſicherſten Wege zu bleiben. Er gab zu, David verſtaͤnde ſich vortrefflich auf Rindvieh und Schafe, und waͤre ein ziem⸗ lich verſtaͤndiger Mann, bis auf ſeinen ver⸗ wuͤnſchten Cameroniſchen Unſinn,*) aber es *) S. die Anmerk. zu S. 215 des 2ten Theiles. L. VI. Theil. 5 66 waͤre fuͤr einen Mann von Stande nicht der Muͤhe werth, ihm ſo etwas durch vernuͤnftige Gruͤnde, oder auf andre Weiſe, aus dem ein⸗ fältigen Kopfe zu bringen. So lebten die Hel⸗ den unſrer Geſchichte, indem ſie den Gegen⸗ ſtaͤnden des Streites auswichen, in ſehr gutem Vernehmen mit dem huldreichen Duncan, auſ⸗ ſer daß er Davids Seele noch immer kraͤnkte, und der Verſammlung ein gefaͤhrliches Beiſpiel gab, wenn er zuweilen an kalten Wintertagen ſeine Pfeife in der Kirche hervorzog, und zur Sommerzeit faſt immer waͤhrend der Predigt ſchlief. Frau Butler, der wir nun nicht laͤnger, wenn's angeht, den vertraulichen Nahmen Jo⸗ hanna geben duͤrfen, brachte in den Eheſtand daſſelbe veſte Gemuͤth, dieſelbe liebevolle Geſin⸗ nung, denſelben natuͤrlichen geſunden Verſtand, und denſelben Sinn fuͤr nüͤtzliche Thaͤtigkeit, wovon ſie waͤhrend ihres jungfraͤulichen Standes Beweiſe gegeben hatte. Freilich konnte ſie mit ihrem Manne nicht in gelehrten Kenntniſſen wetteifern, aber keine Frau ehrte andaͤchtiger ihres Mannes umfaſſende Gelehrſamkeit. Sie bildete ſich nicht ein, Butler's theologiſche Er⸗ 67 oͤrterungen zu verſtehen, kein Prediger in ſei⸗ nem Bezirke aber fand ſein maͤßiges Mittag⸗ mahl ſo gut bereitet, ſeine Kleider und ſeine Waͤſche in ſo guter Ordnung, ſeinen Kamin ſo ſauber gekehrt, ſein Wohnzimmer ſo reinlich und ſeine Buͤcher ſo ſorgfaͤltig abgeſtaͤubt. Sprach er mit Johanna von Dingen, die ſie nicht verſtand, und allerdings— denn der Mann war ein Menſch und war Schulmeiſter geweſen— ſprach er zuweilen gelehrter und weiſer, als gerade nothwendig war; ſo hoͤrte ſie mit ruhigem gelaſſenen Schweigen zu, und ſo oft der Gegenſtand auf das gewoͤhnliche Leben ſich bezog, und von ihrem kraͤftigen Verſtande aufgefaßt werden konnte, waren ihre Anſichten uͤberzeugender und ihre Bemerkungen ſcharfſin⸗ niger, als die ſeinigen. Wenn ſie zuweilen in Geſellſchaften erſchien, fand man ſie freilich in erworbener feiner Sitte ziemlich zuruͤck; aber ſie zeigte dann jenen ſichtbaren Wunſch, Andre zu verpflichten, und jene wahre und natuͤrliche gute Lebensart, die von geſundem Verſtande und heitrer Laune abhangen, womit ſie viel Schlau⸗ heit und Munterkeit verband, und ihr Betra⸗ gen wurde dadurch Allen angenehm, mit wel⸗ 5*½ 68 chen ſie umging. Bei der ſorgfaͤltigſten Auf⸗ merkſamkeit auf alle haͤuslichen Angelegenheiten, erſchien ſie immer als die reinliche wohl geklei⸗ dete Hausfrau, nie aber wie eine ſchmutzige Haushaltſklavinn. Wenn Duncan ihr daruͤber etwas Verbindliches ſagte, ſchwur er, die Feen muͤßten ihr helfen, da ihr Haus immer rein waͤre, und doch Niemand es kehren ſaͤhe. Sie antwortete beſcheiden, es ließe ſich viel thun, wenn man die Zeit eintheilte. Der Schloß⸗ hauptmann meinte dann, er moͤchte ſehr gern ſeinen Hausmaͤgden dieſe Kunſt beibringen koͤn⸗ nen, denn er koͤnnte nicht entdecken, ob das Haus je geſcheuert wuͤrde, ausgenommen wenn er zuweilen einen Eimer umſtieße, mit Gefahr, ſich das Schienbein zu zerſtoßen. Die verwuͤnſch⸗ ten Maͤdchen! Ueber minder bedeutende Angelegenheiten iſt nicht viel zu ſagen. Es laͤßt ſich leicht denken, daß der Kaͤſe fuͤr den Herzog ſorgfaͤltig gemacht, und ſo guͤnſtig aufgenommen wurde, daß man das Geſchenk jaͤhrlich wiederhohlte. Frau Bik⸗ kerton und Frau Glaaſfſ erhielten zuweilen ein Andenken und eine Anerkennung fuͤr fruͤhere Gunſtbezeigungen, und es wurden von Zeit zu 69 Zeit mit dieſen achtbaren und wohlwollenden Freundinnen Briefe gewechſelt. Es iſt aber vor allen Dingen zu erwaͤhnen, daß Frau Butler in fuͤnf Jahren drei Kinder gebar, zwei Knaben und ein Maͤdchen, alle ruͤſtig und geſund, alle reizend, ſchoͤnhaarig, blauaͤugig und kraftvoll. Die Knaben hießen David und Ruben, und der alte Held des Glaubensbundes war ſehr damit zufrieden, daß dieſe Benennungen ſo auf einander folgten. Das Maͤdchen wurde auf der Mutter ausdruͤck⸗ liches Verlangen Euphemia getauft, aber faſt gegen des Vaters und des Gatten Wunſch, die jedoch Johanna zu ſehr liebten, und ihr fuͤr das Gluͤck, das ſie genoſſen, zu ſehr ver⸗ pflichtet waren, als daß ſie ein Geſuch haͤtten abweiſen koͤnnen, deſſen Gewaͤhrung die junge Frau lebhaft wuͤnſchte, als etwas, das ihr Freude machte. Ich weiß aber nicht, welchem Gefuͤhle es zuzuſchreiben war, daß man das Maͤdchen nie Effie, ſondern Femy nannte, eine Abkuͤrzung fuͤr Euphemia, die in Schott⸗ land eben ſo gewoͤhnlich als jene iſt. Bei dem Genuſſe dieſes ruhigen und prunk⸗ loſen Gluͤckes, gab es, außer den gewoͤhnlichen * Reibungen und Stoͤrungen, wovon ſelbſt das einfoͤrmigſte Leben nicht frei iſt, beſonders zwei Umſtaͤnde, die Johanna's Freude truͤbken. Oh⸗ ne dieſe, ſagte ſie zu unſerm Berichterſtatter, wuͤrde ihr Leben zu gluͤcklich geweſen ſein, und ſie muͤßte vielleicht, ſetzte ſie hinzu, einige Wi⸗ derwaͤrtigkeiten in dieſer Welt haben, um ſie zu erinnern, daß es kuͤnftig eine beßre Welt gaͤbe. Der eine Umſtand bezog ſich auf gewiſſe Streitigkeiten zwiſchen ihrem Vater und Butler, die oft das gute Vernehmen zu ſtoͤren drohten, ungeachtet beide ſich gegenſeitige Achtung und Zuneigung widmeten und Johanna innig liebten, und ungeachtet beide den Grundſätzen der pres⸗ David Deans war, wie unſern Leſern bekannt ſein wird, ziemlich hartnaͤckig und unlenkſam, und da er es uͤber ſich gewonnen hatte, ein Mitglied der Kirchſpielverſammlung nach der eingefuͤhrten Verfaſſung zu werden, ſo hielt er ſich doppelt verpflichtet, zu zeigen, daß er darum nicht im Mindeſten von ſeinen ehemahligen Glaubensmeinungen, weder im Leben, noch hinſichtlich der Grundſaͤtze, abgewichen waͤre. Butler ließ den Beweggruͤnden ſeines Schwie⸗ byterianiſchen Lehre eifrig, ja ſtrenge anhingen. gervaters alle Gerechtigkeit widerfahren, aͤußerte aber oft die Meinung, daß es beſſer waͤre, An⸗ laͤſe zu Unfrieden und Trennung in Vergeſſen⸗ heit kommen zu laſſen, und auf eine Art zu handeln, die Alle, welche es ernſtlich mit der Religion meinten, anziehen und vereinen koͤnnte. Es konnte ihm, als Mann und Gelehrten, aberdieß nicht gefallen, ſich von ſeinem unge⸗ lehrten Schwiegervater immer etwas vorſchreiben zu laſſen, und als Geiſtlicher hielt er es nicht fuͤr ſchicklich, wenn er immer unter der Leitung eines Kirchſpielaͤlteſten zu ſtehen ſchiene. Ein ſtolzer aber loͤblicher Gedanke fuͤhrte ihn zuwei⸗ len in ſeinem Widerſpruche ein wenig weiter, als er ſonſt wohl wuͤrde gegangen ſein.„Meine Amtsbruͤder, ſagte er, werden glauben, daß ich dem alten Manne um der Erbſchaft willen ſchmeichle und gefaͤllig ſei, wenn ich ihm bei jeder Gelegenheit nachgebe und weiche, zumahl da ich in vielen Faͤllen mit gutem Gewiſſen mich ſeinen Meinungen weder fuͤgen kann, noch will. Ich kann alte Weiber nicht als Hexen verfolgen, oder unter den juͤngern Anlaß zu Aergerniß auf⸗ ſpuͤren, das ſonſt haͤtte verborgen bleiben koͤnnen. 44 Dieſe Verſchiedenheit der Anſichten hatte die Folge, daß Butler ſich den Tadel ſeines Schwie⸗ gervaters zuzog, wenn er in manchen kitlichen Faͤllen dieſen oder jenen Abfall von der ſtrengen Lehre vertheidigte, wenn er unterließ, gegen ge⸗ wiſſe Abtruͤnnigkeiten der Zeitgenoſſen Zeugniß zu geben, oder nicht immer mit Strenge geringe Veranlaſſungen zu Aergerniß und fama cla- mosa verfolgte, was nach Davids Meinung eine Erſchlaffung der Kirchenzucht war, oder wenn er verſaͤumte, beſtimmtes Zeugniß in an⸗ dern ſtreitigen Punkten zu fodern, welche durch veraͤnderte Zeitumſtaͤnde in Vergeſſenheit gera⸗ then waren. Ja, ihre Zwiſtigkeiten wurden zuweilen lebhaft und führten beinahe zur Un⸗ freundlichkeit. In allen ſolchen Faͤllen war Jo⸗ hanna die Vermittlerinn, und ſuchte durch ihre ſanfte Stimmung die Saͤure der theologiſchen Streitigkeiten zu mildern. Sie hoͤrte die Be⸗ ſchwerden beider Theile unbefangen und aufmerk⸗ ſam an, nnd war immer bedacht, den Gegner eher zu entſchuldigen, als durchaus zu verthei⸗ digen. Sie erinnerte ihren Vater, Butler haͤtte nicht, wie er, die alten Zeiten des Kampfes er⸗ lebt, wo die Menſchen weiter hinaus in die 73 Ewigkeit geſehen haͤtten, um ſich fuͤr den Druck zu entſchaͤdigen, womit ſie in der Zeitlichkeit waͤ⸗ ren heimgeſucht worden. Sie geſtand gern ein, daß in fruͤhern Zeiten viele andaͤchtige Prediger und Glaubensbekenner die Gabe der Offenbarung genoſſen haͤtten, wie der geſegnete Peden, Lundie, Cameron und Renwick, und Hans Caird, der Keſſelflicker, der in Geheimniſſe eingeweiht war, und Eliſabeth Melvil, welche in ihrem Bette, umgeben von vielen chriſtlichen Seelen, die gleichfalls in einem großen Bette lagen, drei Stunden nach einander unter goͤttlichem Bei⸗ ſtande betete, und Frau Robertland, die ſechs⸗ mahl ſichre Gnadenerweiſungen erhielt. Auch nannte ſie unter vielen andern Glaubenshelden den Prediger Hans Scrimgeour, der bei der toͤblichen Krankheit ſeines Kindes ſo ungeduldig und unmuthig mit ſeinem Schoͤpfer hadern und ſo bitterlich ſich beklagen durfte, daß eine Stim⸗ me ihm ſagte, er ſollte fuͤr dießmahl erhoͤrt wer⸗ den, moͤchte aber kuͤnftig nicht wieder mit ſolcher Dreiſtigkeit reden, worauf er denn, als er heim kam, ſein Kind friſch und geſund im Bette ſitzen und Suppe eſſen ſah, welches Kind ihn auch uͤberlebte. Alles dieß, ſetzte ſie hinzu, moͤchte zwar in jenen Nothzeiten ſich begeben haben, aber diejenigen Prediger, die nicht ſolche beſondre Gnadenerweiſungen erhalten huätten, muͤßten ihre Lebensregel in den Schriften des Alterthumes ſuchen, weßhalb denn Ruben eifrig bedacht waͤre, die heilige Schrift und die, von weiſen und guten Maͤnnern alter Zeiten geſchrie⸗ benen Buͤcher zu erforſchen, und ſo koͤnnte es zu⸗ weilen wohl geſchehen, daß zwei treffliche Heilige nach verſchiedenen Seiten zoͤgen, wie zwei Kuͤhe, die an demſelben Heubuͤndel rauften. Gewoͤhnlich antwortete David dann ſeuf⸗ zend:„O Kind, Du verſtehſt das wenig; aber ich ſage Dir, eben dieſer Hans Scrimgeour, der die Pforten des Himmels aufſprengte, als haͤtte er mit einer ſechspfuͤndigen Kanonenkugel ge⸗ ſchoſſen, pflegte zu wuͤnſchen, alle Buͤcher moͤch⸗ ten verbrannt werden, die Bibel allein ausge⸗ nommen. Ruben iſt gut und wohlmeinend, das habe ich immer geſagt, aber daß er das Aer⸗ gerniß nicht ruͤgen will, das Grete Kittleſides und Rory Mac Nand gegeben haben, weil ſie, wie er vorgibt, die Suͤnde durch die Ehe wieder gut gemacht haͤtten, das iſt offenbar gegen die chriſtliche Kirchenzucht. Und da iſt die Elſe ·5 72 Mac Clure von Deepheugh, die ihre Graͤuel be⸗ geht, und wahrſagt aus Eierſchalen, und Ham⸗ melknochen, Traͤumen und Eingebungen, und es iſt ein Aergerniß, eine ſolche Elende in einem chriſtlichen Lande zu dulden, wie ich vor jedem weltlichen oder geiſtlichen Gerichte behaupten will.“ Ihr habt wohl recht, Vater, antwortete Johanna gewoͤhnlich, aber Ihr muͤßt heute zu uns zum Eſſen kommen. Die Kinder, die ar⸗ men Dinger, wollen Großvaͤterchen ſo gern ſe⸗ hen, und Ruben ſchlaͤft nicht ruhig, und ich auch nicht, wenn Ihr und er Euch ein wenig uͤberworfen habt. Nicht uͤberworfen, Hannchen! Gott verhuͤte es, daß ich mich mit Dir uͤberwerfe, oder mit irgend Jemanden, der Dir lieb iſt. So antwortete er, zog ſeinen Sonntagsrock an, und ging in's Pfarrhaus. Ihren Mann fuͤhrte Johanna auf einem geradern Wege in eine verſoͤhnliche Stimmung. Ruben hatte die groͤßte Achtung gegen des alten Mannes Beweggruͤnde, er hegte Zuneigung ge⸗ gen ihn, und Dankbarkeit fuͤr die Freundſchaft, die er ſeit ſeiner Kindheit von ihm erhalten hatte. War er auf irgend eine Art gereizt worden, ſo durfte man ihn nur mit Zartgefuͤhl an ſeines Schwiegervaters Alter, an die mangelhafte Er⸗ ziehung, an die ſtarken Vorurtheile und an das haͤusliche Ungluͤck des alten Mannes erinnern. Die geringſte ſolcher Erwaͤgungen machte Butler immer zu verſoͤhnenden Maßregeln geneigt, in ſo fern er ſie ergreifen konnte, ohne ſeine Grund⸗ ſaͤhe zu verlaͤugnen, und ſo erwarb ſich unſre ſchlichte und anſpruchloſe Freundinn das Ver⸗ dienſt jener Friedenſtifter, welchen der Segen verheißen iſt, daß die Erde ihr Erbtheil ſein ſoll. Der zweite Haken in Johanna's Looſe, mit ihrem Vater zu reden, war der betruͤbende Um⸗ ſtand, daß ſie nie etwas von dem Wohlbefinden oder der Lage ihrer Schweſter gehoͤrt hatte, ob⸗ gleich gegen fuͤnf Jahre verfloſſen waren, ſeit ſie ſich am Ufer der Inſel Roſeneath trennten. Es ließ ſich freilich ein haͤufiger Verkehr nicht erwar⸗ ten, und in ihrer beiderſeitigen Lage vielleicht auch nicht wuͤnſchen; aber Euphemia hatte ver⸗ ſprochen, wenn ſie am Leben bliebe, und es ihr wohl ginge, ſollte ihre Schweſter von ihr hoͤren. Sie mußte alſo todt, oder in das tiefſte Elend geſunken ſein, da ſie ſeitdem ihr Wort nicht ge⸗ 44 oͤſet hattee. Ihr Schweigen ſchien ſonderbar und von boͤſer Vorbedeutung zu ſein, und Jo⸗ hanna, welcher die fruͤhere Zeit des traulichen Zuſammenlebens mit ihrer Schweſter unvergeß⸗ lich war, uͤberließ ſich den baͤngſten Ahnungen. Endlich wurde der Schleier weggezogen. Eines Tages ſprach der Schloßhauptmann in der Predigerwohnung ein, als er ein Amts⸗ geſchaͤft im hochlaͤndiſchen Theile des Kirchſpieles verrichtet hatte. Man ſetzte ihm, auf ſeine be⸗ ſondere Bitte, eine Miſchung von Milch, Branntwein, Honig und Waſſer vor, welche, nach ſeiner Verſicherung, Frau Butler beſſer als je eine Frau in Schottland bereitete, denn in unſchuldigen Dingen ſuchte ſie gern Jedermann gefaͤllig zu ſein.„Eil es faͤllt mir ein, Herr Butler, hob er endlich an, ich habe hier einen Brief, der entweder an eure verſtaͤndige Frau, oder an Euch iſt. Ich habe ihn neulich von Glasgow mitgebracht. Das Poſtgeld macht vier Pence, die koͤnnt Ihr nun gleich bezahlen, oder auch beim Trictrac auf quitt oder doppelt einſetzen. Trictrac und Damenſpiel waren ein gewoͤhn⸗ licher Zeitvertreib des Schulmeiſters Whackbairn, 78 als Butler unter ihm in Libberton ſtand. Der Prediger bildete ſich daher auf ſeine Geſchicklich⸗ keit in beiden Spielen etwas ein, und ſpielte ſie zuweilen, als ganz kanoniſche Zeitvertreibe, wie⸗ wohl David Deans, der in allen Dingen ſtren⸗ gere Anſichten hatte, den Kopf zu ſchuͤtteln und ſchmerzlich zu ſeufzen pflegte, wenn er das Bret in der Stube liegen ſah, oder die Kinder mit den Wuͤrfeln oder den Steinen ſpielten. Frau Butler ward oft geſcholten, wenn ſie dieſe Gegenſtaͤnde des Zeitvertreibes in ein Kaͤmmer⸗ chen, oder einen Winkel ſchaffte, um ſie aus den Augen zu bringen.„Laß ſie, wo ſie ſind, Jo⸗ hanna, pflegte Butler dann zu ſagen. Ich bin mir nicht bewußt, daß ich uͤber dieſe, oder eine andre unbedeutende Erhohlung meine ernſtern Beſchaͤftigungen und meine noch ernſtern Pflich⸗ ten verſaͤume. Man ſoll daher nicht glauben, daß ich verſtohlen und gegen mein Gewiſſen ei⸗ nen Zeitvertreib ſuche, den ich mir ſo ſelten ge⸗ ſtatte, daß ich wohl offen und ohne mir Zwang aufzulegen, ihn mir erlauben kann. Nil con- scire sibi, Johanna, ſo lautet mein Wahl⸗ ſpruch, das heißt, meine Liebe, die ehrliche und offene Zuverſicht, die man hegen darf, wenn man offen handelt und ſich nicht bewußt iſt, et⸗ was Unrechtes zu begehen.“ Bei dieſen Geſinnungen nahm Butler die Einladung des Schloßhauptmanns zu einem Trictrac um zwei Pence an, und gab ſeiner Frau den Brief mit der Bemerkung, das Poſt⸗ zeichen waͤre York, und wenn er von ihrer Freundinn, Frau Bickerton, kaͤme, ſo haͤtte ſie ihre Handſchrift ſehr verbeſſert, was in ihren Jahren ungewoͤhnlich waͤre. Johanna ließ die Maͤnner beim Spieltiſche, und ging hinaus, um ein Abendeſſen zu beſtel⸗ len, da der Schloßhauptmann ſich freundlich ein⸗ geladen hatte. Endlich erbrach ſie gleichgiltig den Brief. Er war nicht von Frau Bickerton, und als ſie einen Blick auf die erſten Zeilen ge⸗ worfen hatte, hielt ſie es bald fuͤr noͤthig, in ihre Schlafkammer zu gehen, um ihn ungeſtoͤrt zu leſen. aunl b V. Genieß' das Gluͤck, das Dir beſchieden! Mein Loos iſt nicht beneidenswerth. Ich neide Dir des Huͤttchens Frieden, Das ſtille Gluͤck, das Dir veſchert. Ungenannter. Der Brief, den Frau Butler, als ſie in ihrer Stube war, mit bangem Erſtaunen las, war ohne Zweifel von Effie, obgleich er keine Unter⸗ ſchrift als den Buchſtaben E. hatte, und obgleich Schreibung, Stil und Handſchrift nicht nur weit uͤbertrafen, was Effie, die bei aller Leb⸗ haftigkeit doch ſehr nachlaͤſſig im Lernen geweſen war, je hatte hervorbringen koͤnnen, ſondern ſelbſt, was ihre bedaͤchtigere Schweſter im ſchrift⸗ lichen Ausdrucke zu leiſten vermochte. Die Schrift war eine ſchoͤne italieniſche Hand, wie⸗ 81 wohl ein wenig ſteif und gezwungen, Schreibung und Darſtellung aber verriethen Bekanntſchaft mit guten Buͤchern und Verkehr mit guter Ge⸗ ſellſchaft. Der Brief lautete: „Meine theuerſte Schweſter.“ „Mit vieler Gefahr wage ich es, Dir zu ſchreiben, um Dir zu ſagen, daß ich noch lebe, und was Rang in der Welt anlangt, hoͤher ſte⸗ he, als ich erwarten, oder verdienen konnte. Wenn Reichthum, Auszeichnung und ehrenvoller Nang eine Frau begluͤcken koͤnnten, ſo beſitze ich alles; aber Du, Johanna, die Du in den Augen der Welt in allen dieſen Ruͤckſichten tief unter mir ſtehſt, biſt weit gluͤcklicher als ich. Es iſt mir moͤglich geweſen, von Zeit zu Zeit etwas von deinem Wohlergehen zu hoͤren, meine theuerſte Johanna, ſonſt wuͤrde es mir das Herz gebrochen haben, glaube ich. Mit vieler Freude habe ich von dem Zuwachſe deiner Fami⸗ lie gehoͤrt. Wir ſind eines ſolchen Segens nicht werth geweſen; zwei Kinder ſtarben nach einan⸗ der, und wir ſind nun kinderlos. Gottes Wille geſchehe. Aber wenn wir ein Kind häͤtten, wuͤrde er vielleicht von den finſtern Gedanken VI. Theil. 6 82 abgeleitet werden, die ihn ſich ſelber und Andern furchtbar machen. Aber laß Dich nicht erſchrek⸗ ken, Johanna, er iſt darum doch immer freund⸗ lich gegen mich, und es geht mir weit beſſer, als ich verdiene. Du wirſt Dich wundern, mich beſſer unterrichtet zu ſehen, aber ich habe waͤh⸗ rend unſers Aufenthaltes im Auslande die beßten Lehrer gehabt, und mir Muͤhe gegeben, weil meine Fortſchritte ihm Freude machten. Er iſt freundlich, Johanna, aber vieles macht ihn be⸗ kuͤmmert, zumahl wenn er ruͤckwaͤrts blickt. Blicke ich ſelber ruͤckwaͤrts, ſo finde ich immer einen erquickenden Strahl, das edelmuͤthige Be⸗ tragen einer Schweſter, die mich nicht verließ, als Jedermann mich verlaſſen hatte. Du haſt deinen Lohn gefunden. Du lebſt gluͤcklich in der Achtung und Liebe Aller, die Dich kennen, und ich ſchleppe das Leben einer elenden Betruͤ⸗ gerinn, und verdanke die Achtungbeweiſe, die ich empfange, einem Gewebe von Lug und Trug, das der geringſte Zufall zerreiſſen kann. Er hat mich, ſeit das Stammgut ihm zugefallen iſt, ſeinen Angehoͤrigen als die Tochter eines ange⸗ ſehenen Schottlaͤnders vorgeſtellt, der wegen des Antheils an den Kriegsunternehmungen des 83 Viscount von Dundee † Du weißt, das iſt unſeres V.—'s alter Bekannter Elaverhouſe*) — verbannt geweſen waͤre, und er ſagt, ich ſei in einem Schottenkloſter erzogen worden. Ich habe allerdings auch lange genug in einem ſol⸗ chen Orte gelebt, um meine Rolle ſpielen zu koͤnnen. Wenn aber ein Landsmann, wie es immer geſchieht, von den verſchiedenen Familien mit mir ſprechen will, die ſich in Dundee's Un⸗ ternehmungen einließen, und mich nach meinen Verwandten fragt, und wenn ich ſehe, wie er mit ſolcher Seelenangſt ſein Auge auf mich hef⸗ tet, faßt mich ein ſolches Schrecken, daß ich in der groͤßten Gefahr bin, mich zu verrathen. Bis jetzt verdanke ich meine Rettung der Gut⸗ muͤthigkeit und Hoͤflichkeit, welche die Leute ab⸗ hielt, mich mit bekuͤmmernden Fragen zu draͤn⸗ gen. Aber wie lange— o wie lange wird dieß der Fall ſein! Und wenn ich dieſe Schande auf ihn bringe, wird er mich haſſen, wird mich toͤd⸗ ten, trotz all ſeiner Liebe; denn er iſt jetzt ſo eiferſuͤchtig auf die Ehre ſeines Hauſes, als er *) S. das Vorwort der Ueberſetzung des Romans: Die Schwaͤrmer. 2te Aufl. Leipzig 1823. 3 Pde, 8. L. 6 † 84 ſonſt gleichgiltig dagegen war. Ich bin ſeit vier Monaten in England, und habe ſchon oft daran gedacht, Dir zu ſchreiben, aber die Gefahr, die ein aufgefangener Brief mir bringen koͤnnte, iſt ſo groß, daß ich es zeither unterlaſſen habe; doch jetzt muß ich der Gefahr mich ausſetzen. Vorige Woche ſah ich deinen vornehmen Freund, den H. von A. Er kam zu mir in meine Loge, und ſetzte ſich neben mich. Eine Stelle im Schauſpiele erinnerte ihn an Dich. Guͤtiger Himmel! Er erzaͤhlte die ganze Geſchichte deiner Reiſe nach London Allen, die in der Loge waren, aber beſonders richtete er ſeine Worte an die Ungluͤckliche, die zu all dieſem Veranlaſſung gegeben hatte. Wenn er gewußt, wenn er haͤtte ahnen koͤnnen, neben wem er ſaß und wem er alles erzaͤhlte! Ich duldete muthvoll, wie ein Indianer am Pfahle, waͤhrend man ſeine Fi⸗ bern zerreißt und ihm die Augen ausgraͤbt, und er jedem wohl erſonnenen Anſchlage, ihn zu martern, beifaͤllig zulaͤchelt. Endlich war's zu viel fuͤr mich, Johanna. Ich ward ohnmaͤch⸗ tig, und man ſchrieb meine Angſt theils der Hitze im Schauſpielhauſe, theils der großen Em⸗ pfaͤnglichkeit meines Gefuͤhles zu, und ich, die 85 8O9 Erzheuchlerinn, beſtaͤtigte beide Vermuthungen, um nur der Entdeckung zu entgehen. Zum Gluͤck war er nicht da. Aber der Vorfall hat mehr Beunruhigungen herbeigefuͤhrt. Ich muß nun deinen vornehmen Herrn oft treffen, und wenn er mich ſieht, unterlaͤßt er ſelten, von E. D. und J. D von R. B. und D. D. zu ſprechen, als von Perſonen, an welchen die lie⸗ benswuͤrdige Empfaͤnglichkeit meines Gefuͤhls Antheil nimmt. Die liebenswuͤrdige Empfaͤng⸗ lichkeit meines Gefuͤhls!! Und dann der grau⸗ ſame Ton leichtſinniger Gleichgiltigkeit, womit die Menſchen in der großen Welt von den ruͤh⸗ rendſten Gegenſtaͤnden mit einander ſprechen! Ich muß von meinem Vergehen, meiner Thor⸗ heit, meiner Qual, von den Schwaͤchen meiner Freunde, ſelbſt von deinen heldenmuͤthigen Be⸗ muͤhungen, Jchanna, mit dem ſpaßhaften Tone ſprechen hoͤren, der jetzt Sitte in der vornehmen Welt iſt. Alles, was ich fruͤher erduldet habe, kann ich kaum mit dieſem gereizten Zuſtande vergleichen. Damahl waren es Hiebe und Dolchſtiche, jetzt werde ich mit Nadeiſihen zu Tode gequaͤlt. Er— ich meine den H. von A. — geht kuͤnftigen Monat nach Schottland, um 86 die Jagdzeit dort zuzubringen. Er ſagt, er halte etwas darauf, ſo oft er in Schottland ſei, einmahl bei dem Prediger zu eſſen. Sei auf deiner Hut, und verrathe Dich nicht, wenn er mich nennen ſollte. Du ſelber— ach! Du haſt nichts zu verrathen, nichts zu fuͤrch⸗ ten. Noch einmahl iſt E.'s Leben in deiner Hand, und Du ſollſt E. davor ſchuͤtzen, daß ihr die geborgten Federn ausgerupft werden, daß ſie entlarot, gebrandmarkt und niedergetreten werde, und vielleicht zuerſt von ihm, der ſie auf dieſe ſchwindelerregende Hoͤhe ſtellte.— Du wirſt die Inlage jaͤhrlich zweimahl erhal⸗ ten. Schlage ſie nicht aus. Ich nehme ſie von der, mir ausgeſetzten Einnahme, und kann ſie zweimahl ſo ſtark machen, wenn Du es bedarfſt. Dir kann ſie wohl thun, mir nie.“ „Schreibe mir bald, Johanna, oder ich werde in der quaͤlenden Beſorgniß bleiben, daß dieß in unrechte Haͤnde gekommen ſei. Die Auf⸗ ſchrift ſei bloß L. S. unter einem Umſchlage an den hochehrwuͤrdigen Herrn Georg Whiteroſe in York. Er glaubt, ich fuͤhre einen Briefwechſel mit einem meiner edlen jacobitiſchen Verwandten in Schottland. Wie wuͤrde der Eifer des Hoch⸗ 87 kirchmannes und des Jakobiten ihm das Blut in die Wangen jagen, wenn er wuͤßte, daß er nicht der Geſchaͤftfuͤhrer fuͤr Euphemia Setoun aus dem edlen Hauſe Wintoun, ſondern fuͤr E. D. die Tochter eines cameroniſchen Viehzuͤch⸗ ters iſt!— Johanna, ich kann zuweilen noch lachen, aber Gott bewahre Dich vor ſolcher Lu⸗ ſtigkeit! Mein Vater— ich meine, dein Va⸗ ter, wuͤrde ſagen, es waͤre nichts als unbedeu⸗ tendes Dornenkrachen, aber die Dornen haben noch ihre Spiben und bleiben unverſehrt. Lebe wohl, mein theuerſtes Hannchen! Zeige dieß ſelbſt nicht deinem Manne, und noch weniger ſonſt Jemanden. Ich habe alle Achtung gegen ihn, aber ſeine Grundſaͤtze ſind zu ſtrenge, und mein Fall will mit zarter Hand beruͤhrt ſein. Ich bleibe Deine zaͤrkliche Schweſter E. Es war in dieſem langen Briefe vieles, wo⸗ durch Johanna eben ſo ſehr uͤberraſcht, als betruͤbt wurde. Daß Effie, ihre Schweſter Effie, mit dem Herzoge von Argyle und zwar, dem An⸗ 88 ſcheine nach, nicht auf ungleichen Fuß, umging, klang ſo ſonderbar, daß ſie ſich fragte, ob ſie wirklich recht geleſen haͤtte. Nicht weniger wun⸗ derbar aber war es, daß Euphemia ſich in einer Zeit von nicht viel mehr als vier Jahren ſo ſehr ausgebildet hatte. Die beſcheidene Johanna gab gern zu, daß ihre Schweſter immer, wenn ſie wollte, mehr auf ihr Buch verſeſſen geweſen war, als ſie ſelbſt, aber Euphemia war in ihren juͤn⸗ gern Jahren ſehr traͤge und hatte nur geringe Fortſchritte gemacht. Liebe, oder Furcht, oder Nothwendigkeit hatte ſich jedoch als eine geſchickte Lehrerinn bewaͤhrt und alle ihre ehemahligen Maͤn⸗ gel vollſtaͤndig erſetzt. Was Johanna aber in dem Tone des Brie⸗ fes am Meiſten mißfiel, war eine gedaͤmpfte Regung der Selbſtſucht.„Wir wuͤrden wohl wenig von ihr gehoͤrt haben, dachte ſie, wenn ſie nicht gefuͤrchtet haͤtte, daß der Herzog erfah⸗ ren koͤnnte, wer ſie iſt, und wer ihre armen Verwandten hier zu Lande ſind. Aber Effie, das arme Ding, ſieht alles auf ihre eigene Art, und wer das thut, denkt immer mehr an ſich ſelber, als an ſeinen Naͤchſten. Ich weiß doch nicht, ob ich ihr Geld behalten ſoll, ſetzte ſie 89 hinzu, und hob eine Banknote von funfzig Pfund auf, die auf die Erde gefallen war. Wir haben ja genug und es ſieht ganz aus, wie Diebsheh⸗ lerei und Schweigegeld, wie man's nennt. Sie hätte wohl wiſſen ſollen, daß ich nichts ſagen wuͤrde, was ihr ſchaden koͤnnte; nein, nicht um alles Gold in ganz London. Und Butler muß es erfahren. Ich ſehe nicht ein, warum ſie ſich ſo ſehr vor ihrem allerliebſten Maͤnnchen fuͤrchten ſollte, und warum ich nicht Butler eben ſo viel ſollte ehren. Ja, ich will's ihm ſagen, wenn der Zechbruder, der Schloßhauptmann, morgen fruͤh abgefahren iſt.— Aber ich wundre mich uͤber meinen Gemuͤthzuſtand, fuhr ſie fort, und ging wieder zuruͤck, als ſie ein paar Schritte nach der Thuͤre gemacht hatte, um zu den Maͤnnern zu gehen. Ich bin doch gewiß nicht ſo thoͤrig, mich daruͤber zu aͤrgern, daß Effie eine vornehme Frau iſt, und ich nur eine Predigerfrau. Und doch bin ich ſo aͤrgerlich, als ein Kind, wo ich Gott danken ſollte, daß er ſie von Schande, Ar⸗ muth und Schuld erloͤſet hat, worein ſie nur zu wahrſcheinlich haͤtte gerathen koͤnnen.“ Sie ſetzte ſich auf einen Schemel zu den Fuͤßen ihres Bettes, und ihre Arme auf der 90 Bruſt kreuzend, ſprach ſie zu ſich ſelbſt:„Ich will nicht aufſtehen von dieſem Platze, bis mein Gemüuͤth in einer beſſern Stimmung iſt.“ Waͤh⸗ rend ſie ſo ſaß, war ſie eifrig bemuͤht, den Schleier von den Beweggruͤnden ihres augenblick⸗ lichen Unmuthes gegen Euphemia wegzuziehen, und brachte ſich dahin, daß ſie beſchäͤmt daruͤber war, und die Vortheile der Lage ihrer Schweſter als Segnungen betrachtete, wogegen ſie in den Verlegenheiten derſelben die nothwendigen Folgen alter Vergehungen ſah. So bezwang ſie die Regung der Empfindlichkeit, welche wohl leicht in ihr erwachen konnte, als ſie Effie, die ſo lange der Gegenſtand ihrer Sorge und ihres Mitleids geweſen war, ploͤblich ſo hoch uͤber ſich ſtehen ſah, daß die Gefahr, ihre Verwandtſchaft entdeckt zu ſehen, zu den Hauptgegenſtaͤnden der Beſorgniſſe des hoch erhobenen Landmaͤdchens gehoͤrte. Als dieſer ungewoͤhnliche Ausbruch der Eigen⸗ liebe gaͤnzlich gedaͤmpft war, ging Johanna in das Zimmer, wo die beiden Maͤnner eben ihr Spiel endigten, und ſie hoͤrte von dem Schloß⸗ hauptmanne die Beſtaͤtigung der, in dem Briefe — 91 enthaltenen Nachricht, daß der Herzog von Ar⸗ gyle eheſtens in Roſeneath eintreffen werde. Er wird viel Waſſerhuͤhner und Birkhuͤhner finden auf dem Moorland um Auchingower, ſetzte Duncan hinzu, und ohne Zweifel auch ein ſpaͤtes Mittageſſen und ein Bett im Prediger⸗ hauſe annehmen, wie in fruͤhern Zeiten. Und er hat ein gutes Recht dazu, Herr Schloßhauptmann, ſprach Johanna. Ei! Niemand hat mehr Recht auf jedes Bett im ganzen Lande, erwiderte Duncan. Und Ihr wuͤrdet wohl thun, wenn Ihr eurem Vater, dem gutem Manne, ſagen wolltet, er moͤchte ſein Vieh huͤbſch in Ordnung halten, und auf ein Paar Tage ſeinen verdammten cameroniſchen Unſinn ſich aus dem Kopfe ſchlagen, wenn er ſo artig ſein kann. Spreche ich mit ihm vom un⸗ vernuͤnftigen Vieh, ſo antwortet er mir aus der Bibel, und das paßt nicht gegen einen Mann von Stande, es waͤre denn jemand von eurem Berufe, Herr Butler. Niemand verſtand es beſſer, als Johanna, durch eine ſanfte Antwort Unmuth zu verhuͤten, und laͤchelnd ſprach ſie die Hoffnung aus, der 92 Herzog werde mit allem, was unter ihres Va⸗ ters Aufſicht waͤre, voͤllig zufrieden ſein. Der Schloßhauptmann aber, der das ganze Poſtgeld im Trictrac verloren hatte, war in der ſchmollenden Stimmung, die bei Spielern nicht ungewoͤhnlich iſt, und die man, nach dem Sprich⸗ worte, ihnen nachſehen muß.„Herr Butler, fuhr er fort, Ihr wißt, ich menge mich nie in eure geiſtlichen Kirchſpielgeſchichten, aber Ihr muͤßt mir doch erlauben, Euch zu ſagen, ich wuͤrde es nicht gern zugeben, daß die alte Mac Clure von Deepheugh als eine Hexe geſtraft wuͤrde. Sie gibt ſich ja nur mit Wahrſagerei ab, und macht keinen Menſchen lahm, blind oder beſeſſen, bringt keinen Aufkaͤufer mit ſeinem Wagen in Ungluͤck und treibt keinen Unfug der Art; ſie ſagt den Leuten nur wahr, zum Bei⸗ ſpiel, wie viel Robben und Seehunde unſre Boote fangen werden, und das hoͤrt ſich luſtig an.“ Das Weib iſt keine Hepe, glaube ich, aber eine Betruͤgerinn, und nur aus dieſem Grunde iſt ſie vor die Kirchſpielverſammlung gefodert worden, um ſie abzuhalten, in Zukunft ihre betruͤgeriſchen Anſchlaͤge und Haͤndel gegen un⸗ wiſſende Menſchen auszufuͤhren. Ich weiß nicht, worin ihre Anſchlaͤge oder Haͤndel beſtehen, erwiderte der gnaͤdige Duncan, aber ich glaube, wenn das junge Volk uͤber ſie herfiele, um ſie in dem Dorfbache unterzutau⸗ chen, ſo wuͤrde das ein ſchlechter Anſchlag ſein, und ich glaube dazu, wenn ich zwiſchen Euch und der Kirchſpielverſammlung als Mittelsmann auf⸗ traͤte, ſo wuͤrde es fuͤr Alle ein verdammt boͤſer Handel werden. Ohne auf dieſe Drohung zu achten, antwor⸗ tete Butler, er haͤtte nicht an die Gefahr gedacht, worein das arme Weib durch den Poͤbel gerathen koͤnnte, und er wollte ihr die noͤthige Ermahnung unter vier Augen geben, ſtatt ſie vor die Kirch⸗ ſpielverſammlung zu. bringen. Das heißt wie ein billig denkender Mann ge⸗ ſprochen, erwiderte Duncan, und ſo ging der 4 Abend friedlich voruͤber. Am naͤchſten Morgen, als der Schloßhaupt⸗ mann ſein Fruͤhſtuͤck genommen hatte, und in ſeiner Kutſche mit Sechſen abgereiſet war, erwog Johanna noch einmahl, ob ſie Euphemia's Brief ihrem Manne mittheilen ſollte; aber ſie wurde durch den Gedanken abgehalten, daß ſie ihm da⸗ durch ein furchtbares Geheimniß entſchleiern wuͤr⸗ 94 de, deſſen Bewahrung ſich von ihm, als einem Mann in einem oͤffentlichen Amte, vielleicht nicht erwarten laſſen koͤnnte. Butler hatte ſchon Grund zu der Vermuthung, Effie waͤre mit Robertſon, einem Raͤdelsfuͤhrer bei dem Porteous⸗ Aufſtande, der wegen der Raͤuberei in Kirkaldy das Leben verwirkt hatte, entflohen; er wußte jedoch nicht, daß Robertſon Niemand anders als Georg Staunton war, ein Mann von guter Herkunft und Vermoͤgen, der ſeinen, ihm ge⸗ buͤhrenden Rang im buͤrgerlichen Leben, wie es ſchien, wieder eingenommen hatte. Johanna hatte Staunton's Geſtaͤndniß als ein heiliges Ge⸗ heimniß bewahrt, und bei naͤherer Erwaͤgung glaubte ſie, es mit dem Briefe ihrer Schweſter eben ſo halten zu muͤſſen, und beſchloß, gegen Niemanden etwas von dem Inhalte zu erwaͤhnen. Als ſie den Brief noch einmahl las, entging ihr nicht die Bemerkung, wie ſchwankend und unbefriedigend die Lage derjenigen iſt, die auf ungehoͤrigen Wegen zur Auszeichnung gelangt ſind, und mit weichen Verſchanzungen und Boll⸗ werken von Lug und Trug ſie ihre unſichern Vortheile umgeben und beſchuͤtzen muͤſſen. Sie glaubte aber keinen Beruf zu haben, die fruͤhere 95 Geſchichte ihrer Schweſter zu enthuͤllen; es konnte ja Niemand dadurch ein Recht zuruͤck erhalten, da Euphemia kein Recht an ſich geriſſen hatte, ſondern es mußte nur ihr Gluͤck zerſtoͤrt und ſie in der oͤffentlichen Achtung herabgeſetzt werden. Waͤre ihre Schweſter klug geweſen, meinte Jo⸗ hanna, ſo wuͤrde ſie lieber Abgeſchiedenheit und Einſamkeit, als das froͤhliche Leben in der großen Welt geſucht haben; aber vielleicht ſtand die Wahl nicht in ihrer Gewalt. Das Geld glaubte ſie nicht zuruͤckgeben zu koͤnnen, ohne ſtolz und un⸗ freundlich zu ſcheinen, und ſie beſchloß, nach naͤ⸗ herer Erwaͤgung, es nach den Umſtaͤnden zu be⸗ nutzen, entweder um ihren Kindern eine beſſere Erziehung zu geben, als ihre eigenen Mittel er⸗ laubten, oder es zur kuͤnftigen Ausſtattung der⸗ ſelben aufzubewahren. Euphemia hatte genug; ſie war heilig verpflichtet, ihrer Schweſter allen moͤglichen Beiſtand zu leiſten, und die ganze Sache war ja ſo einfach und angemeſſen, daß das Anerbieten nicht aus ſproͤdem oder uͤberſpann⸗ tem Zartgefuͤhle abgelehnt werden durfte. Jo⸗ hanna meldete daher ihrer Schweſter den Em⸗ pfang des Briefes, und bat ſie, ihr ſo oft als moͤglich Nachricht zu geben. Als ſie ihre, meiſt 96 haͤusliche Angelegenheiten betteffenden Neuigkei⸗ ten mittheilte, war eine ſonderbare Unſtetigkeit in ihren Gedanken, denn bald entſchuldigte ſie ſich, daß ſie Dinge erwaͤhnte, die der Aufmerk⸗ ſamkeit einer vornehmen Frau unwuͤrdig waͤren, und erinnerte ſich dann bald, daß alles, was ſie betraf, fuͤr ihre Schweſter anziehend ſein muͤßte. Sie ſchickte ihren Brief unter Umſchlag an Herrn Witheroſe nach Glasgow auf die Poſt, als eben Jemand aus dem Kirchſpiele in Geſchaͤften da⸗ hin ging. In der naͤchſten Woche kam der Herzog nach Roſeneath, und bald nachher ließ er dem Predi⸗ ger melden, daß er in ſeiner Nachbarſchaft jagen und eine Nacht bei ihm zubringen wollte, eine Ehre, die er ihm fruͤher ein Paarmahl erwieſen hatte. Euphemia's Ahnungen trafen ein. Der Her⸗ zog hatte ſich kaum neben Frau Butler geſeßzt, und es ſelber uͤbernommen, das koͤſtliche Huhn vorzulegen, das bei dieſer ehrenvollen Gelegenheit die Hauptſchuͤſſel war, als er anfing, von Frau Staunton von Wilingham in Lincolnſhire, und dem Aufſehen, das ihre Schoͤnheit in London machte, zu erzaͤhlen. Johanna war auf Man⸗ 97 ches zwar vorbereitet, aber Effie's Witz, das war etwas, das ihr nie in den Sinn gekommen ſein wuͤrde, da ſie nicht wußte, wie ſehr Spoͤt⸗ terei in den hoͤhern Staͤnden der eigſerugei unter den niedern gleicht. Sie iſt die herrſchende Schoͤnheit geweſen, der glaͤnzende Stern, die geprieſene Schoͤne waͤh⸗ rend dieſes Winters, ſprach der Herzog, und in der That, ſie war die reizendſte Frau, die man am Geburtfeſte des Koͤnigs bei Hofe ſah. Am Geburtfeſte des Koͤnigs! Und am Hofe! Johanna war wie vernichtet, da ſie ſich ihrer Einfuͤhrung bei der Koͤniginn, aller damit verbundenen Umſtaͤnde und beſonders der Urſache derſelben lebendig erinnerte. Ich erwaͤhne ihrer beſonders gegen Euch, Frau Butler, ſprach der Herzog, weil ich in dem Tone ihrer Stimme und in ihren Zuͤgen etwas fand, das mich an Euch erinnerte— aber freilich nicht, wenn Ihr ſo blaß ausſeht, als jetzt. Ihr habt Euch zu ſehr angegriffen, Ihr muͤßt mir in einem Glaſe Wein Beſcheid thun. Sie folgte der Einladung, und Butler be⸗ merkte, es waͤre eine gefͤhrliche Schmeichelei, VI. Thell. 7 einer armen Predigerfrau zu ſagen, daß ſie einer Hofſchoͤnheit gliche. ich ſehe, Ihr werdet eiferfuͤchtig, aber damit iſt es ein wenig zu ſpaͤt, Ihr wißt ja, wie lange ich ſchon ein Bewunderer eurer Frau bin. Aber in allem Ernſte, ich finde hier eine jener unerklaͤrlichen Aehnlichkeiten, welche wir in Geſichtern ſehen, die ſich ſonſt nicht gleichen. voruͤber, ſprach Butler. kiſch ausſaͤhe, und zwang ſich zu der Bemer⸗ kung, die Edelfrau waͤre vielleicht ihre Lands⸗ maͤnninn und die Sprache koͤnnte einige Aehn⸗ lichkeit herbeifuͤhren. ſie iſt eine Schottlaͤnderinn, ſie hat die ſchot⸗ tiſche Ausſprache, und zuweilen laͤuft ein land⸗ ſchaftliches Woͤrtchen ſo allerliebſt mit unter, daß es ganz doriſch iſt, Herr Butler. wuͤrde in der großen Stadt gemein geklungen haben. Ei, Herr Butler, erwiderte der Herzog, Der gefaͤhrliche Theil der Schmeichelei iſt Seine Frau fuͤhlte, daß Stillſchweigen lin⸗ Ihr habt ganz recht, erwiderte der Herzog: Ich ſollte denken, ſprach der Prediger, das Ganz und gar nicht, antwortete der Her⸗ 09 zog. Ihr muͤßt wiſſen, es iſt nicht das breite platte Schottiſch, das man in der Kuhſtraße in Edinburgh ſpricht. Frau Staunton von Willingham war nicht lange in Schottland; ſie ward im Auslande in einem Kloſter erzo⸗ gen, und ſpricht das reine zierliche Schottiſch, das in meinen juͤngern Jahren gewoͤhnlich war, aber jetzt ſo ganz außer Gebrauch iſt, daß es wie eine andre Sprache klingt, die von unſe⸗ rer heutigen platten Landesſprache ganz ver⸗ ſchieden iſt. Johanna konnte, trotz ihrer aͤngſtlichen Un⸗ ruhe, nicht umhin, ſich zu verwundern, wie ſehr die berufenſten Richter uͤber Leben und Sitten durch ihre vorgefaßten Meinungen ge⸗ taͤuſcht werden koͤnnen, als der Herzog alſo fortfuhr:„Sie ſtammt, glaube ich, aus dem ungluͤcklichen Hauſe Wintoun, aber im Aus⸗ lande erzogen, hat ſie keine Gelegenheit gehabt, ihren Stammbaum kennen zu lernen, und ih mußte ihr ſagen, daß ſie zu dem Hauſe Se⸗ toun von Windygoul gehoͤrt. Ich wuͤnſchte, Ihr haͤttet ſehen koͤnnen, wie allerliebſt ſie uͤber ihre Unwiſſenheit erroͤthete. Bei ihrem edlen und feinen Benehmen zeigt ſich doch zuweilen * 100 ein kleiner Anſtrich von Bloͤdigkeit und kloͤſter⸗ licher Schlichtheit, wenn ich ſo ſagen darf, der ſie ganz bezaubernd macht. Man ſieht die Roſe, die unberuͤhrt in den zuͤchtigen Kloſter⸗ mauern aufbluͤhte, Herr Butler.“ Den Wink auffaſſend, ermangelte Butler nicht, mit ſeinem Ut flos in septis secretus nascitur hortis— einzufallen, waͤhrend Johanna ſich kaum uͤber⸗ reden konnte, daß ein ſo giltiger Richter, als der Herzog von Argyle war, all dieß von Effie Deans ſagte, und waͤre ſie mit Catullus bekannt geweſen, ſo wuͤrde ſie geglaubt haben, der Gluͤckswechſel ihrer Schweſter haͤtte den Sinn der ganzen Stelle umgekehrt. Sie wollte jedoch fuͤr die bangen Gefuͤhle dieſes Augenblickes ſich dadurch entſchaͤdigen, daß ſie ſich alle moͤglichen Nachrichten verſchaffte, und wagte es, ſich nach dem Gemahle der be⸗ wunderten Frau zu erkundigen. Er iſt ſehr reich, antwortete der Herzog, aus einem alten Hauſe und hat viel Lebensart, iſt aber lange nicht ſo beliebt als ſeine Frau. Einige behaupten zwar, er koͤnne ſehr angenehm 101 ſein, aber ich habe ihn nie ſo geſehen, und halte ihn eher fuͤr zuruͤckhaltend, finſter und launiſch. Er war in ſeinen fruͤhern Jahren ſehr zuͤgellos, wie man ſagt, und hat lange gekraͤnkelt, jetzt aber iſt er ein wohl ausſehen⸗ der junger Mann, und ein beſonderer Freund eures Ober⸗Kirchenkommiſſars,*) Herr Butler. Nun, ſo iſt er der Freund eines ſehr wuͤrdi⸗ gen und achtbaren Edelmannes, erwiderte Butler. Bewundert er ſeine Gemahlinn ſo ſehr, als andre Leute es thun? fragte Johanna mit lei⸗ ſer Stimmme. Wer denn? Staunton? antwortete der Herzog. Er ſoll ſie ſehr lieben, aber ich be⸗ merke, daß ſie ein wenig zittert, wenn er ſei⸗ nen Blick auf ſie heftet, und das iſt kein gu⸗ tes Zeichen.— Aber es iſt doch ſonderbar, wie mir eure Aehnlichkeit mit ihr in Zuͤgen und Stimme immer wieder einfaͤllt. Johanna's Verlegenheit ward unbezwinglich und ließ ſich nicht mehr verhehlen. Der Her⸗ zog von Argyle wurde ſehr unruhig, und ſchrieb *) Er wohnt der allgemeinen Kirchenverſammlung im Nahmen des Koͤnigs bei; ſiehe die Anmerk. zu S. 194. des erſten Theils. 102 ihre Aufregung gutmuͤthig dem Umſtande zu, daß er ſie unwiſſentlich an ihre haͤuslichen Un⸗ gluͤcksfaͤlle erinnert hatte. Er beſaß zu viel Lebensart, als daß er eine Entſchuldigung ver⸗ ſucht haͤtte, und eilte, ein anderes Geſpraͤch an⸗ zuknuͤpfen, und gewiſſe Zwiſtigkeiten zu ſchlich⸗ ten, die zwiſchen Duncan und dem Prediger entſtanden waren, wobei er zugab, daß der waͤrdige Stellvertreter in ſeinen vollziehenden Maßregeln zuweilen ein wenig zu hartnaͤckig und zu nachdruͤcklich ſich zeigte. Butler ließ Duncans Verdienſten Gerech⸗ tigkeit widerfahren, ſetzte aber hinzu, er moͤchte auf den achtbaren Herrn die Worte des Dich⸗ ters an Aſinius Marucinus*) anwenden: — Manu— Non belle uteris in joco atque vino. Die Unterhaltung lenkte ſich nun auf Kirch⸗ ſpielangelegenheiten, und bot nichts mehr dar, was fuͤr den Leſer anziehend ſein koͤnnte. *) Catullus, XII.. VI. Mich kroͤnten ſie mit unfruchtbarem Schmuck, Und reichten mir ein duͤrres Zepter dar, Das eine ahnenloſe Hand mir rauben ſoll, Da mir kein Erbe folgt, Macbeth. Seit dieſer Zeit ſchrieben ſich die beiden Schwe⸗ ſtern zuweilen, aber mit den gtoͤßten Vorſicht⸗ maßregeln gegen Entdeckung, etwa jaͤhrlich zwei⸗ mahl. Nach Euphemia's Briefen waren ihres Mannes Geſundheit und Gemuͤthſtimmung ſehr ſchwankend; ſie ſelber ſchien auch hinfaͤlliger zu werden, und einer der Gegenſtaͤnde, wobei ſie am haͤufigſten verweilte, war ihre kinderloſe Ehe. Ihr Mann, immer heftig, hatte eine Abnei⸗ gung wider den naͤchſten Stammerben gefaßt, welcher, wie er argwoͤhnte, ſeine Freunde waͤh⸗ rend ſeiner Abweſenheit gegen ihn aufgereizt hatte, 104 und er betheuerte, er wollte Willingham und ſeine ſaͤmmtlichen Beſitzungen lieber einem Spi⸗ tale vermachen, ehe jener Ohrenblaͤſer auch nur einen Morgen davon erben ſollte.„Haͤtte er einen Erben, ſagte die ungluͤckliche Frau, oder waͤre jenes arme Kind am Leben geblieben, ſo wuͤrde er doch etwas haben, das ihm Leben und Wirken lieb machte. Aber der Himmel hat uns einen ſolchen Segen verſagt, deſſen wir nicht wuͤrdig ſind.“ Solche Klagen, die in verſchiedener Geſtalt oft zu demſelben Gegenſtande zuruͤckkehrten, fuͤll⸗ ten die Briefe, die aus den geraͤumigen aber traurigen Saͤlen des Schloſſes Willingham in das ruhige und gluͤckliche Pfarrhaus zu Knocktar⸗ litie kamen. Jahre verfloſſen indeß unter dieſem vergeblichen Graͤmen. Der Herzog von Argyle ſtarb im Jahre 1743, allgemein bedauert, aber von Niemanden mehr beklagt, als von Butler und Johanna, die ſo viele Beweiſe ſeines Wohl⸗ wollens erhalten hatten. Ihm folgte ſein Bru⸗ der, der Herzog Archibald, mit welchem ſie zwar nicht auf ſo freundſchaftlichem Fuße ſtanden, der aber den Schut, den ſein Bruder ihnen gewaͤhrt hatte, fortdauern ließ. Sie bedurften deſſelben 105 bald mehr als je, da nach dem Ausbruche und der Unterdruͤckung des Aufſtandes in den Jahren 1745 und 1746*) die Ruhe des, an das Hoch⸗ land graͤnzenden Gebietes ſehr geſtoͤrt wurde⸗ Naͤuberiſche Nachzuͤgler, oder Menſchen, die dahin gebracht waren, auf ſolche verwegene Weiſe ihren Unterhalt zu ſuchen, lagen in den Gebirgen an der Graͤnze des Niederlandes, das der Schau⸗ platz ihrer Pluͤnderungen war, und es gab kaum ein Thal in den reizenden und jetzt ſo friedlichen gebirgiſchen Theilen der Grafſchaften Perth, Stirling und Dumbarton, wo nicht einige Raͤu⸗ ber ihren Wohnſitz aufgeſchlagen haͤtten. Die Hauptplage des Kirchſpiels Knocktarlitie war ein gewiſſer Donacha Dhu na Dunaigh, oder der ſchwarze Duncan der Boshafte, den wir bereits im Vorbeigehen genannt haben. Er war urſpruͤnglich ein Keſſelflicker, deren viele in dieſen Gegenden umher ziehen; als aber der Buͤr⸗ gerkrieg alle oͤffentliche Ordnung aufloͤſte, gab er ſein Gewerbe auf und ward aus einem halben Diebe ein ganzer Raͤuber. Er war gewoͤhnlich an der *) S. das Vorwort zu der Ueberſetzung des Ro⸗ mans Waverley. Dresden 1821— 22. 4 Bde. 8.. 2. 106 Spitze einiger ruͤſtigen jungen Burſchen, und ſelber liſtig, kuͤhn und mit den Gebirgpaͤſſen be⸗ kannt, trieb er ſein neues Gewerbe mit Vor⸗ theile fuͤr ſich und zur großen Plage des Landes. Jedermann war uͤberzeugt, daß der Schloß⸗ hauptmann ſeinen Nahmenvetter Donacha jeden Tag unterdruͤcken koͤnnte, ſobald er nur Luſt haͤtte; denn es gab im Kirchſpiele eine Anzahl ruͤſtiger junger Leute, die waͤhrend des Krieges unter Duncan zu Argyle's Banner geſtoßen wa⸗ ren, und ſich bei mehren Gelegenheiten ſehr wak⸗ ker gehalten hatten. Niemand zweifelte uͤbri⸗ gens an des Schloßhauptmannes Muthe, und daher vermuthete man allgemein, Donacha haͤtte Mittel gefunden, ſich ſeiner Gunſt zu verſichern, was in jener Zeit und in jenem Lande nicht ſehr ungewoͤhnlich war. Man glaubte dieß um ſo mehr, da David's Vieh, als des Herzogs Eigen⸗ thum, unangetaſtet blieb, waͤhrend des Predigers Kuͤhe von den Dieben weggefuͤhrt wurden. Es ward ein neuer Verſuch gemacht, die Naͤuberei zu wiederhohlen, und man war im Begriffe, das Vieh wegzutreiben, als Butler in einem ſolchen Nothfalle ſeine Amtswuͤrde bei Seite ſetzte, und an der Spitze einiger Nachbarn den Naͤubern 107 ihre Beute wieder abjagte. David Deans blieb, trotz ſeines hohen Alters, nicht zuruͤck, und auf einem hochlaͤndiſchen Klepper reitend, und mit einem alten Schwerte umguͤrtet, verglich er ſich, da er das Verdienſt der Unternehmung ſich allein zueignete, mit David, Jeſſe's Sohne, als er Ziglags Beute den Amalekitern wegnahm. Die⸗ ſer tapfre Verſuch hatte die gute Folge, daß Do⸗ nacha ſich nun eine Zeitlang zuruͤckgezogen hielt, und obgleich oft von den Unternehmungen er⸗ zaͤhlt wurde, die er in entferntern Gegenden aus⸗ fuͤhrte, ſo veruͤbte er doch keine Raͤubereien mehr in jener Gegend des Landes. Er bluͤhte fort und ließ zuweilen von ſich hoͤren, bis zum Jahre 1751, wo er, wenn die Furcht vor dem zweiten David ihn in Schranken gehalten haͤtte, von dieſem Zwange befreit wurde, denn der ehrwuͤr⸗ dige Patriarch von Leonhardfels ward in jenem Jahre zu ſeinen Vaͤtern verſammelt. David Deans ſtarb alt und geehrt. Man glaubte, da die Zeit ſeiner Geburt nicht genau bekannt iſt, er ſei uͤber neunzig Jahre alt ge⸗ worden, denn er pflegte von Begebenheiten, als von ihm erlebt, zu ſprechen, die in die Zeit der 108 Schlacht an der Bothwellbruͤcke*) ſielen. Man behauptete, er habe bei jener Gelegenheit ſelbſt gekaͤmpft, denn als einſt ein betrunkener jakobi⸗ tiſcher Gutsherr ſich einen Freiheitmann von der Bothwelbruͤcke wuͤnſchte, um ihm die Ohren hervorzuziehen, ſagte David ihm mit einem be⸗ ſonders finſtern Geſichte, wenn er Luſt haͤtte, einen ſolchen Streich zu verſuchen, ſo waͤre je⸗ mand an ſeiner Seite, und der Zwiſt wurde ſo ernſt, daß Butler den Vermittler machen mußte. David ſtarb in den Armen ſeiner geliebten Toch⸗ ter, dankbar fuͤr alle Segnungen, welche die Vorſehung in dieſem Thale des Kampfes und der Pruͤfung ihm gewaͤhrt hatte, dankbar auch fuͤr die Pruͤfungen, womit er ſelber war heimge⸗ ſucht worden, und er ſagte, es waͤren dieſe noͤ⸗ thig geweſen, jenen geiſtlichen Stolz und jenes Vertrauen auf ſeine Gaben zu beugen, da auf dieſer Seite der ſchlaue Erzfeind ihm am Heftig⸗ ſten zugeſetzt haͤtte. Er betete inbruͤnſtig fuͤr Jo⸗ hanna, ihren Mann und ihre Kinder, daß ihre zaͤrtliche Kindesliebe gegen den armen alten Mann *) Hier ſiegten 1679 der Herzog von Monmouth „und Claverhouſe uͤber die Presbyterianer. S. Die Schwaͤrmer, Vorwort. L. 109 durch langes Leben auf Erden und durch Gluͤck in der Ewigkeit moͤchte belohnt werden. In ruͤh⸗ renden Worten, welche denjenigen verſtaͤndlich genug waren, die ſeine haͤuslichen Verhaͤltniſſe kannten, bat er dann, der Seelenhirt moͤchte beim Sammeln ſeiner Heerde das kleine Lamm nicht vergeſſen, das von der Huͤrde ſich verlau⸗ fen haͤtte, und vielleicht eben jetzt in der Gewalt des Raubwolfes waͤre. Er betete fuͤr das vater⸗ laͤndiſche Jeruſalem, daß Friede im Lande und Gluͤck in den Schloͤſſern wohnen moͤchten; fuͤr das Wohlergehen des edlen Hauſes Argyle und fuͤr die Bekehrung des Schloßhauptmannes Dun⸗ can. Er wurde dann ſtill, da ſeine Kraͤfte er⸗ ſchoͤfft waren, und redete nur unverſtaͤndliche Worte. Man hoͤrte ihn zwar etwas von den Abtruͤnnigkeiten ſeines Volkes, und von Abwei⸗ chungen zur Rechten und zur Linken murmeln, aber, wie Marie Hetley bemerkte, war ſein Bewußtſein um dieſe Zeit ſchon verſchwunden, und es iſt wahrſcheinlich, daß jene Ausdruͤcke ihm nur aus Gewohnheit entfuhren, und daß er in Liebe und Friede mit allen Menſchen ſtarb. Ungefaͤhr eine Stunde nachher entſchlief er im Herrn. 110 Johanna empfand ihres Vaters Tod, un⸗ geachtet ſeines hohen Alters, ſehr ſchmerzlich. Einen großen Theil ihrer Zeit hatte ſie der Pflege ſeiner Geſundheit und der Befriedigung ſeiner Wuͤnſche gewidmet, und nach des guten alten Mannes Tode war es ihr, als ob ein Theil ihrer Arbeit in dieſer Welt geendigt waͤre. Sein Nachlaß, der auf etwa fuͤnfzehnhundert Pfund in bereiten Mitteln ſich belief, vermehrte das Vermoͤgen der Predigerfamilie. Butler uͤber⸗ legte ſorgfaͤltig, wie er dieſee Summe am Beßten zum Nutzen der Seinigen verwenden koͤnnte. „Legen wir's auf Hypothek an, ſo verlieren wir vielleicht die Zinſen, ſprach er zu Johanna. Wir haben ja die Verſchreibung auf das Gut Louns⸗ beck, wofuͤr dein Vater weder Kapital noch Zin⸗ ſen erhalten konnte. Kaufen wir Staatspapiere dafuͤr, ſo koͤnnten wir Kapital und alles verlie⸗ ren, wie's Vielen bei der Suͤdſee⸗Unternehmung gegangen iſt. Das kleine Gut Craigſture wird ausgeboten; es liegt nahe bei der Pfarre, und der Schloßhauptmann ſagte, der Herzog wollte es nicht kaufen. Es ſoll 2500 Pfund koſten, und iſt wohl ſo viel werth; aber wenn ich das uͤbrige Geld borgen wollte, koͤnnte der Glaͤubiger 111 es mi ploͤtzlich aufkuͤndigen, oder bei meinem Todesfalle meine Familie in Noth gerathen.“ Wenn wir alſo mehr Geld haͤtten, koͤnnten wir das huͤbſche Weideland kaufen, wo das Gras ſo fruͤh waͤchſt? fragte Johanna. Allerdings, liebes Kind, und der Schloß⸗ hauptmann, der fich gut darauf verſteht, raͤth mir dringend dazu. Der Verkaͤufer iſt freilich ſein Neffe. 3 Hoͤre, Ruben, erwiderte Johanna, Du mußt wieder einen Text in der Schrift aufſuchen, wie vor Zeiten, als Du Geld brauchteſt. Suche nur den Bibeltext auf. O Hannchen, ſprach Butler lachend und druͤckte ihr die Hand: die beßten Menſchen koͤn⸗ nen in dieſen Zeiten nur einmahl Wunder wirken. Wir wollen doch ſehen, erwiderte Johanna gelaſſen. Sie ging dann in das Kaͤmmerchen, wo ſie ihren Honig, ihren Zucker, ihre Toͤpfe mit Fruchtſaͤften, ihre Glaͤſer mit gewoͤhnlichen Arzneien, und andre wirthſchaftliche Vorraͤthe aufbewahrte, klapperte mit Flaſchen und Toͤpfen, und als ſie eine dreifache Reihe von allerlei Ge⸗ faͤßen weggeraͤumt hatte, hohlte ſie aus der dun⸗ kelſten Ecke eine zerbrochene braune Kanne her⸗ 112 vor, auf welche ein Stuͤck Leder gebunden war⸗ Der Inhalt ſchien aus beſchriebenen Papieren zu beſtehen, die unorbentlich in dieſes ſonderbare Schriftenbehaͤltniß geſteckt waren. Johanna zog daraus eine alte Bibel mit Krampen hervor, die David Deans auf ſeinen fruͤhern Wanderungen bei ſich gefuͤhrt, und ſpaͤterhin, als er fuͤr ſeine ſchwachen Augen einen groͤbern Druck waͤhlen mußte, ſeiner Tochter geſchenkt hatte. Sie gab ihrem Manne, der ihre Bewegungen nicht ohne Ueberraſchung begleitet hatte, das Buch, und ſagte ihm, er ſollte zuſehen, ob es nicht Rath ſchaffen koͤnnte. Er oͤffnete die Krampen, und zu ſeinem Erſtaunen fielen mehre Banknoten von funfzig Pfund, die einzeln zwiſchen den Blaͤttern lagen, auf den Boden.„Ich wollte Dir nichts von meinem Reichthume ſagen, ſprach Johanna, uͤber ſein Erſtaunen laͤchelnd: bis auf meinem Sterbebette, oder wenn wir vielleicht einmahl in großer Noth waͤren; aber es iſt beſſer, wir gebrauchen das Geld zu dem ſchoͤnen Weide⸗ lande, als daß wir es unnuͤtz hier in dem alten Topfe liegen laſſen.“ Aber wie in aller Welt biſt Du zu dem Gelde gekommen, Johanna? Das ſind ja uͤber tau⸗ ſend Pfund! ſprach Butler und zaͤhlte die auf⸗ geleſenen Noten. Und waͤren's zehntauſend, ſie ſind ehrlich erworben, antwortete Johanna. Ich weiß wahr⸗ haftig nicht, wie viel es iſt, aber es iſt alles, was ich habe. Und wie ich dazu gekommen bin, Ruben? Auf gutem und ehrlichem Wege, ſage ich Dir. Es iſt mehr andrer Leute Geheimniß, als mein eigenes, ſonſt haͤtte ich Dir ſchon lange etwas davon geſagt, und mit einem Worte, ich darf auf keine Frage mehr antworten, und Du mußt mich nichts mehr fragen. Nur eine Frage noch, erwiderte Butler. Iſt alles dein unbeſtreitbares Eigenthum, woruͤber Du nach Belieben ſchalten darfſt? Iſt es moͤglich, daß Niemand auf eine ſo große Sum⸗ me Anſpruch hat? Es hat mir zugeſtanden, nach Belieben daruͤber zu ſchalten, ſprach Johanna, und ich habe ſchon daruͤber geſchaltet, denn jetzt gehoͤrt das Geld Dir, Ruben. Du biſt nun der Bibel⸗ Butler, ſo gut als dein Großvater, dem mein guter Vater ſo abhold war. Iſt's Dir recht, ſo haͤtte ich nur gern, daß Femy ein gutes Theil davon bekaͤme, wenn wir nicht mehr da ſind. VI. Thei. 8 114 Allerdings, was Du wuünſcheſt, ſoll geſche⸗ hen. Aber wer in aller Welt ſuchte je ein ſolches Verſteck fuͤr zeitliche Schaͤtze! J nun, das gehoͤrt auch zu meiner altfrän⸗ kiſchen Art, wie Du's nennſt, Ruben. Ich dachte, wenn Donacha der Schwarze einmahl uns uͤberfallen ſollte, wuͤrde die Bibel wohl das letzte Ding im Hauſe ſein, das er anruͤhrte. Aber ſollte noch mehr Geld einkommen, wie's wohl geſchehen wird, ſo will ich's Dir gleich ge⸗ ben, und Du magſt es anlegen nnch deinem Gefallen. Und ich darf Dich alſo durchaus nicht fragen, wie Du zu all dieſem Gelde gekommen biſt? ſprach Butler. Nein, Ruben, Du darfſt es nicht. Wenn Du mir mit Fragen ſehr zuſetzteſt, ſo wuͤrde ich's Dir vielleicht ſagen, und thaͤte doch gewiß unrecht daran. Aber ſage mir, fuhr Butler fort, iſt es etwas, das deine Seele betruͤbt? Mit zeitlichem Gute iſt immer Wohl und Wehe verbunden, Ruben, aber— Du darfſt mich nichts mehr fragen. Dieſes Geld verbindet mich zu nichts, und kann nie zuruͤckgefodert werden. — Wahrlich, ſprach Ruben, als er das Geld noch einmahl gezaͤhlt hatte, gleichſam um ſich von der Echtheit der Banknoten zu uͤberzeugen: nie beſaß ein Mann in der Welt eine ſolche Frau, Segen ſcheint ſie uͤberall zu begleiten. Nie, antwortete Johanna, nie ſeit der be⸗ zauberten Prinzeſſinn im Kindermaͤhrchen, die Roſenobel aus der einen Seite ihrer ſchoͤnen Locken kaͤmmte, und harte Thaler aus der andern. Aber gehe nun, Butler, und ſchließe das Geld bei, und halte die Banknoten nicht ſo offen in der Hand, oder ich moͤchte ſie lieber wieder in die braune Kanne legen. Es koͤnnte ſonſt Ungluͤck fuͤr uns daraus entſtehen. Wir wohnen viel zu nahe an den Bergen, und es wäre nicht gut, wenn man wuͤßte, daß wir Geld im Hauſe ha⸗ ben. Du mußt ja auch mit dem Schloßhaupt⸗ manne den Handel machen, der das Gut yer⸗ kaufen ſoll. Sei nur klug und laß ihn nichts merken von dieſem Gluͤckſegen, und handle bis auf einen Pfennig mit ihm, als ob Du das uͤbrige Kaufgeld borgen muͤßteſt. Johanna verrieth durch dieſe Ermahnung, daß ſie zwar das ihr zugefloſſene Geld nicht anders als durch Aufſparen und Aufhaͤufen zu ſichern wuͤßte, 8* 116 aber doch viel von der Schlauheit hatte, die ihrem Vater ſelbſt in weltlichen Angelegenheiten eigen geweſen war. Ruben Butler aber war ein kluger Mann, und er ging hin und that, wie ſein Weib ihm gerathen hatte. Alsbald verbreitete ſich im Kirchſpiele die Nachricht, daß der Prediger das Landgut Craig⸗ ſture gekauft hatte. Einige wuͤnſchten ihm Gluͤck, waͤhrend Andre bedauerten, daß es aus der Fa⸗ milie gekommen waͤre. Als ſeine Amtsbruͤder erfuhren, daß er nach Pfingſten eine Reiſe nach Edinburgh machen mußte, um ſeines Schwieger⸗ vaters Gelder zur Bezahlung des Kaufpreiſes ein⸗ zuziehen, ernannten ſie ihn zum Abgeordneten bei der allgemeinen Verſammlung der ſchottiſchen Kirche, die gewoͤhnlich zu Ende des Mai's gehal⸗ ten wird. 117 VII. Doch wer iſt dieß? Iſt's aus dem Meer, vom Land'— Ein weiblich Weſen ſcheint's zu ſein— Was ſo geſchmuͤckt, verzieret und geputzt Dahergeſegelt kommt? 8 Milton. Nicht lange nach dem Vorfalle mit der Bibel und den Banknoten, zeigte das Gluͤck, daß es Johanna ſo gut als ihren Mann uͤberraſchen konnte. Der Prediger hatte ſich genoͤthigt ge⸗ ſehen, ſchon gegen Ende des Februars aufzu⸗ brechen, um die verſchiedenen Geſchaͤfte abzu⸗ ſchließen, die dieſe ungewoͤhnliche Reiſe nach Edinburgh nothwendig machten, da er voraus⸗ ſah, daß die Zeit bis zu Ende des Mai's kurz genug ſein wuͤrde, die Schuldner ſeines Schwie⸗ gervaters zur Ruͤckzahlung der Gelder zu ver⸗ 118 anlaſſen, die er zur Berichtigung des Kaufprei⸗ ſes brauchte. Johanna war nun in der ungewohnten Lage, ein einſames Haus zu bewohnen, und da der gute alte Mann nicht mehr lebte, der mit ih⸗ rem Gatten ihre Sorge getheilt hatte, ſo fuͤhlte ſie die Einſamkeit doppelt. Die Geſellſchaft ihrer Kinder war ihre liebſte Zuflucht, und ſie widmete ihnen eine unablaͤſſige Aufmerkſamkeit. Als ſie einige Tage nach Butlers Abreiſe mit haͤuslichen Arbeiten beſchaͤftigt waren, hoͤrte ſie einen Streit zwiſchen den Kindern, der ſo hartnaͤckig wurde, daß er ihre Einmiſchung zu fodern ſchien. Alle kamen mit ihren Klagen zu ihr, als der natuͤrlichen Schiedsrichterinn. Femy, noch nicht zehn Jahre alt, beſchwerte ſich, ihre Bruͤder haͤtten ihr mit Gewalt ihr Buch wegnehmen wollen. David, der aͤltere Bruder, erwiderte darauf, es waͤre kein Buch fuͤr Femy, und Ruben ſagte, es handelte von einem boͤſen Weibe. Wo haſt Du denn das Buch her, loſes Maͤdchen? ſprach Frau Butler. Darſt Du Va⸗ ters Buͤcher anruͤhren, wenn er nicht da iſt? Die Kleine hielt einen zerknitterten Bogen 119 veſt, und erklaͤrte, es waͤre keines von des Va⸗ ters Buͤchern; ſondern Marie Hetley haͤtte es von dem großen Kaͤſe genommen, der von In⸗ verary gekommen waͤre. Es laͤßt ſich naͤhmlich leicht denken, daß zwiſchen Dorchen Dutton, jetzt Frau Mac Corkindale, und ihren ehemah⸗ ligen Freunden, ein freundlicher Verkehr ſtatt fand, der von Zeit zu Zeit durch gegenſeitige Geſchenke unterhalten wurde. Johanna nahm dem Kinde den Gegenſtand des Zwiſtes ab, um ſich zu uͤberzeugen, ob er eine paſſende Leſerei fuͤr Femy waͤre, aber wie ſehr wurde ſie betroffen, als ſie die Aufſchrift des großen Bogens las:„Letzte Geſtaͤndniſſe nund Worte der Margaretha Mac Craw „oder Murdockſon, welche auf dem Harabee⸗ „Huͤgel bei Carlisle am— 1737 hingerich⸗ „tet wurde.“ Es war eine jener Schriften, die Archibald in Longtown an ſich gebracht hat⸗ te, als er dem Landkraͤmer ſeinen ganzen Vor⸗ rath abkaufte, und die Frau Dutton bloß aus haushaͤltiger Sparſamkeit in ihren Koffer ge⸗ worfen hatte. Ein Paar Abdruͤcke waren, wie es ſcheint, in ihren Vorrathkammern zu In⸗ verary geblieben, bis ſie Gebrauch davon machte, 120 um einen Kaͤſe einzuwickeln, den ſie, da er ganz vortrefflich gerathen war, als eine hoͤſliche Herausfoderung, in die Milchwirthſchaf zu Knocktarlitie ſchickte. Die Aufſchrift dieſes Bogens, der durch einen ſonderbaren Zufall in Johanna's Haͤnde gerieth, vor welcher man ihn aus wohl gemein⸗ ter Schonung ihres Gefuͤhls ſo lange verbor⸗ gen hatte, konnte allein ſchon Beſtuͤrzung erre⸗ gen, aber die Erzaͤhlung ſelbſt war ſo wichtig, daß Johanna ſich von den Kindern losmachte, und in ihre Stube eilte, um ſie bei verriegel⸗ ter Thuͤre ohne Stoͤrung zu leſen. Nach der Erzaͤhlung, welche der Geiſtliche, der die Ungluͤckliche zum Tode vorbereitet hatte, entworfen oder doch durchgeſehen zu haben ſchien, war das Verbrechen, wofuͤr ſie den Tod erlitt, ihr Antheil an dem grauſamen Raubmorde, der zwei Jahre fruͤher unweit Haltwhiſtle war begangen worden, weßhalb der beruͤchtigte Franz Levitt*) bei dem Landgerichte in Lancaſter in peinliche Unterſuchung gekommen war. Man meinte, daß die Ausſage des Mitſchuldigen, *) S. Th. 4. S. 33. ff. 121 Thomas Tuck, gewoͤhnlich Galgen⸗Thomas ge⸗ nannt, auch ihn ſehr beſchwerte, wiewohl Viele eher glauben wollten, daß Tuck ſelber den toͤllichen Hieb verſetzt haͤtte, wie auch aus dem Geſtaͤnd⸗ niſſe der ſterbenden Grete Murdockſon ſich ergab. Auf eine umſtaͤndliche Nachricht von dem Verbrechen, wofuͤr ſie gebuͤßt hatte, folgte eine kurze Lebensgeſchichte der Suͤnderinn. Sie war in Schottland geboren und heirathete einen Sol⸗ daten im Regiment Cameron, den ſie in den Krieg begleitete, und ohne Zweifel hatte ſie auf Schlachtfeldern und bei aͤhnlichen Gelegenheiten jene Grauſamkeit und Pluͤnderungſucht ſich an⸗ gewoͤhnt, wodurch ſie ſich ſpaͤterhin auszeichnete. Ihr Mann kam nach ſeiner Verabſchiedung in die Dienſte eines angeſehenen Geiſtlichen in Lincolnſhire, und ſie ſcheint das Vertrauen und die Achtung jener wuͤrdigen Familie gewonnen zu haben. Lange nach ihres Mannes Tode aber buͤßte ſie dieſe Vortheile ein, weil ſie, wie behauptet wurde, dem unſittlichen Umgange ih⸗ rer Tochter mit dem Erben des Hauſes nach⸗ geſehen hatte, wozu noch der Verdacht kam, daß ein heimlich geborenes Kind aus dem Wege waͤre geſchafft worden, um des Maͤdchens Ruf 122 zu retten. Sie hatte ſpaͤter als Landſtreicherinn England und Schottland durchzogen, unter dem Vorwande, Wahrſagerei zu treiben, oder einge⸗ ſchwaͤrzte Waaren zu verkaufen, in der That aber hatte ſie ſich mit Diebshehlerei abgegeben, und zuweilen auch wohl ſelbſt an Diebſtaͤhlen Theil genommen. Nach ihrer Ueberweiſung ruͤhmte ſie ſich mancher Verbrechen, und be⸗ ſonders gab es einen Umſtand, deſſen ſie ſich bald mit Freude, bald mit Anwandlung von Reue erinnerte. Als ſie ſich im Sommer vor ihrer Hinrichtung in einer Vorſtadt von Edin⸗ burgh aufhielt, wurde ein Maͤdchen, das einer ihrer Verbuͤndeten verfuͤhrt hatte, ihrer Pflege uͤbergeben, und in ihrer Wohnung von einem Knaben entbunden. Ihre Tochter, deren Ge⸗ muͤth zerruͤttet war, ſeit ſie ihr Kind verloren hatte, brachte, wie die Verbrecherinn behaup⸗ tete, den neugeborenen Knaben weg, den ſie fuͤr ihr Kind hielt, an deſſen Tod ſie zuwei⸗ len nicht glauben wollte. Margarethe Murdock⸗ ſon verſicherte, ſie waͤre eine Zeitlang in der Meinung geweſen, daß ihre Tochter, in einer Anwandlung von Wahnſinn, das Kind wirk⸗ lich umgebracht haͤtte, und in dieſem Glauben 123 haͤtte ſſe dem Vater Rachricht davon gegeben, paͤterhin aber erfahren, daß es durch ihre Toch⸗ ter in die Haͤnde einer Landſtreicherinn gekom⸗ men waͤre. Sie bereute es einigermaßen, Mut⸗ ter und Kind getrennt zu haben, zumahl da die Mutter dadurch in Gefahr gerathen waͤre, nach dem ſchottiſchen Geſetze als vermuthliche Kindmoͤrderinn hingerichtet zu werden. Als man ſie fragte, was fuͤr einen Vortheil ſie da⸗ bei geſucht haben koͤnnte, das ungluͤckliche Maͤd⸗ chen in die Gefahr zu bringen, fuͤr ein nicht begangenes Verbrechen zu buͤßen, gab ſie zur Antwort, ob man denn meinte, daß ſie ihre Tochter haͤtte in Verlegenheit bringen ſollen, um eine Andre zu retten. Sie haͤtte nicht ge⸗ wußt, ſagte ſie, welche Strafe das ſchottiſche Geſetz wegen der Entfuͤhrung des Kindes ver⸗ haͤngt haben wuͤrde. Dieſe Antwort genuͤgte dem Geiſtlichen nicht, und als er mit Fragen in ſie drang, entdeckte er, daß ſie einen tiefen und rachgierigen Haß gegen das Maͤdchen heg⸗ te, dem ſie ſolche Unbilde zugefuͤgt hatte. Der Bericht deutete an, ſie haͤtte ihre uͤbrigen Er⸗ oöͤffnungen uͤber dieſen Gegenſtand dem wuͤrdigen Archidiaconus im Vertrauen mitgetheilt, der ſo eifrig bemuͤht geweſen war, ihr geiſtlichen Bei⸗ ſtand zu geben. Aus der Erzaͤhlung ging fer⸗ ner hervor, daß nach der, umſtaͤndlich darin beſchriebenen Hinrichtung der Verbrecherinn, ih⸗ re Tochter, die oft erwaͤhnte Wahnſinnige, un⸗ ter dem Nahmen Grete Wildfeuer bekannt, von dem Poͤbel, in dem Wahne, daß ſie eine Zauberinn und Mitſchuldige ihrer Mutter waͤre, harte Mißhandlungen erlitten haͤtte, und nur mit Muͤhe durch ſchleunige Einmiſchung der Ortsobrigkeit waͤre gerettet worden. Dieß war der Inhalt des Bogens, deſſen moraliſche Betrachtungen und ſonſtige, zur Er⸗ laͤuterung unſerer Geſchichte nicht dienliche Um⸗ ſtaͤnde wir uͤbergehen. Fuͤr Frau Butler waren dieſe Nachrichten von der aͤußerſten Wichtigkeit, da ſie den unzweideutigſten Beweis zu geben ſchienen, daß ihre Schweſter des Verbrechens, welches ihr beinahe das Leben gekoſtet hatte, nicht ſchuldig war. Weder ſie, noch ihr Mann, noch ſelbſt ihr Vater, hatte zwar die Ungluͤck⸗ liche je fuͤr fuͤhig gehalten, eine grauſame Hand an ihr Kind zu legen, ſo lange ſie ih⸗ ren geſunden Verſtand gehabt hatte; es war jedoch eine Dunkelheit in der Sache, und ein 125 ſchrecklicher Gehanke war's, was in einem Au⸗ genblicke des Wahnſinnes geſchehen ſein konnte. Welche Ueberzeugungen ſie aber auch gehabt haben mochten, ſie hatten doch keine Mittel, Euphemia's Unſchuld darzuthun, welche nun, nach dem Inhalte jenes Flugblattes, durch das Geſtaͤndniß offenbar wurde, das diejenige, die bei der Verheimlichung hauptſaͤchlich ihren Vor⸗ theil fand, in der Stunde des Todes abgelegt hatte. Als Johanna fuͤr eine, ihren Gefuͤhlen ſo theure Entdeckung Gott gedankt hatte, erwog ſie, welchen Gebrauch ſie davon machen ſollte. Ihrem Manne Nachricht zu geben, wuͤrde ihr erſter Gedanke geweſen ſein, aber abgeſehen davon, daß er abweſend, und die Sache zu zart war, um von einer mittelmaͤßigen Brief⸗ ſchreiberinn mitgetheilt werden zu koͤnnen, ſo mußte Johanna auch bedenken, daß Butler nicht genug Kenntniß von der Sache beſaß, um ein richtiges Urtheil zu faͤllen, und daß es nach dem Grandſatze, deſſen Befolgung ſich ihr zeither empfohlen hatte, am beßten ſein wuͤrde, ihrer Schweſter ſogleich Nachricht zu ſenden, und es derſelben zu uͤberlaſſen, die 126 Benutung dieſer Kunde mit ihrem Manne zu verabreden. Sie ſchickte daher einen Boten nach Glasgow mit einem Paͤcktchen, das Margare⸗ thens Bekenntniß enthielt, wie gewoͤhnlich un⸗ ter Umſchlag an Herrn Whiteroſe in York. Ungeduldig erwartete ſie eine Antwort; als dieſe aber in der Zeit des gewoͤhnlichen Poſtenlaufes nicht ankam, mußte ſie zu errathen ſuchen, wie vielerlei Urſachen an dem Stillſchweigen ihrer Schweſter Schuld ſein koͤnnten. Es that ihr beinahe leid, daß ſie die Schrift abgegeben hatte, ſowohl aus Beſorgniß, das Blatt koͤnnte in unrechte Haͤnde gefallen ſein, als auch, weil ſie wuͤnſchte, die Urkunde wieder zu erlangen, die weſentlich nothwendig ſein konnte, die Un⸗ ſchuld ihrer Schweſter darzuthun. Sie war ſogar im Zweifel, ob es nicht am beßten waͤre, die ganze Sache der Erwaͤgung ihres Mannes anheim zu ſtellen, als andre Vorfaͤlle ſich er⸗ eigneten, die ſie von dieſem Vorhaben ablenkten. Johanna, die als unſre gute Freundinn uns verzeihen wird, daß wir ihr noch immer dieſen traulichen Nahmen geben, war eines Tages nach dem Fruͤhſtuͤcke mit ihren Kindern am Meeresufer, da riefen ploͤtzlich die Knaben, 127 die ein ſchaͤrferes Geſicht hatten, als ihre Mut⸗ ter, des Schloßhauptmanns Kutſche mit Sech⸗ ſen kaͤme auf die Kuͤſte zu, und mit Frauen⸗ zimmern. Johanna richtete unwillkuͤhrlich ihre Blicke auf das herankommende Boot, und er⸗ kannte alsbald, daß zwei Frauen im Hintertheile des Schiffes neben dem huldreichen Duncan ſa⸗ ßen, der den Steuermann machte. Sie hielt es fuͤr hoͤflich, an den Landeplatz zu gehen, um die Fremden zu empfangen, zumahl als ſie ſah, daß der Schloßhauptmann ihnen beſondre Ehre und Hoͤflichkeit bewieſen hatte. Sein Pfeifer war im Vordertheile des Schiffs, und machte eine Muſik, deren eine Haͤlfte deſto beſſer klang, da die andre von dem Welenſchlage und dem Winde uͤbertaͤubt wurde. Er hatte ſeine neu gekraͤuſelte Perruͤcke aufgeſetzt; ſeine Muͤtze— den dreieckigen Hut hatte er abgeſchworen— war mit dem rothen St. Georgs⸗Kreuz geziert; er trug die Uniform eines Landwehrhauptmannes, des Herzogs Flagge mit dem Eberkopfe wehte, kurz alles verrieth feſtliches Gepraͤnge. Als Frau Butler ſich dem Landeplatze nahte, half der Schloßhauptmann den beiden Frauen mit hoͤflicher Aufmerkſamkeit beim Ausſteigen. 128 Die Geſellſchaft kam heran, und Duncan ging einige Schritte vor den Frauen her, deren Eine, die aͤlter und groͤßer war, ſich auf die Schulter der Andern ſtuͤtzte, die ihre Dienerinn zu ſein ſchien. Als ſie nahe gekommen waren, bat der Schloßhauptmann mit ſeinem beßten, wichtigſten und tiefſten Tone hochlaͤndiſcher Hoͤflichkeit Frau Butler um Erlaubniß, ihr vorzuſtellen Frau— Frau—„O gnaͤdige Frau, ich habe euren Nahmen vergeſſen!“ Laßt es gut ſein mit meinem Nahmen, er⸗ widerte die Fremde. Ich glaube, Frau Butler wird ſchon wiſſen, woran ſie iſt. Der Brief des Herzogs— Sie brach ab, als ſie Johanna's Verlegen⸗ heit bemerkte, und fragte den Schloßhauptmann ein wenig ſcharf:„Habt Ihr den Brief geſtern Abend nicht abgeſchickt?*. Nein wahrhaftig nicht. Ich bitte Euer Gna⸗ den ſehr um Vergebung, aber ich dachte, es wuͤrde heute eben ſo gut geſchehen koͤnnen, weil Frau Butler immer— immer eingerichtet iſt, und die Kutſche war auf's Fiſchen ausgefahren, und der Einſpaͤnner war nach Greenock, ein 129 Faͤßchen Branntwein zu hohlen— und— Hier iſt euer Brief, gnaͤdige Frau. Gebt ihn her, ſprach die Fremde, ihm den Brief aus der Hand nehmend. Ich will ihn ſelber uͤberliefern, da Ihr mir nicht den Gefal⸗ len habt erweiſen wollen, ihn vorausgehen zu laſſen. Frau Butler blickte mit großer Aufmerkſam⸗ keit und mit einer gewiſſen zweifelnden Regung inniger Theilnahme auf die Fremde, die einen ſo gebietenden Ton gegen den gebietenden Mann annahm, und deren Befehlen er ſich zu fuͤgen ſchien, als er mit einem:„Wie's Euer Gna⸗ den beliebt“ den Brief ihr uͤberreichte. Die Fremde war beinahe uͤber Mittelgroͤße, ſchoͤn gebaut, obgleich ein wenig wohlbeleibt, und Hand und Arm waren wunderſchoͤn. Ihr Be⸗ nehmen war ungezwungen, edel und gebieteriſch, und ſchien hohe Herkunft und Verkehr mit vor⸗ nehmer Geſellſchaft zu verrathen. Sie trug ein Reiſekleid, einen grauen Kaſtorhut und einen Schleier von Brabanter Spitzen. Zwei reich gekleidete Diener, die einen Koffer und ein Fell⸗ eiſen aus dem Schiffe brachten, ſchienen zu ihrem Gefolge zu gehoͤren. VI. Theil. 9 Der Brief, ſprach die Fremde, ſollte mich bei Euch einfuͤhren— Ihr ſeid doch wohl Frau Butler— aber da Ihr ihn nicht erhalten habt, ſo will ich ihn nicht eher abgeben, bis Ihr ſo guͤtig geweſen ſeid, mich auch ohne ihn in euer Haus einzufuͤhren. Gewiß, gnaͤdige Frau, fiel der Schloßhaupt⸗ mann ein, ohne Zweifel wird Frau Butler das thun. Frau Butler, dieß iſt Ihro Gnaden, Frau— die verwuͤnſchten engliſchen Nahmen rollen mir aus dem Kopfe, wie ein Stein vom Berge. Aber ich glaube, ſie iſt eine geborne Schottlaͤnderinn, was um ſo mehr Ehre fuͤr uns iſt, und ich glaube, Ihro Gnaden iſt aus dem Hauſe— Der Herzog von Argyle kennt meine Familie ſehr gut, Herr Schloßhauptmann, ſprach die Fremde mit einem Tone, der Duncan Schwei⸗ gen auflegen zu ſollen ſchien, oder doch wenig⸗ ſtens vollkommen dieſe Wirkung hatte. Es war etwas in dem Benehmen, dem Tone und dem ganzen Weſen der Fremden, das auf Johanna's Gefuͤhle wie die Traumbilder wirkte, die uns durch einen taͤuſchenden Schein necken und verwirren. Der Gang, und das 131 Betragen, ſo wie die Stimme der Fremden er⸗ innerten ſie an Euphemia, ja beim Aufheben des Schleiers ſah ſie Zuͤge, welche, wie ſehr auch Ausdruck und Geſichtsfarbe veraͤndert waren, ſo manche Erinnerung erweckten.. Die Fremde war gewiß uͤber dreißig Jahre alt, aber ihre perſoͤnlichen Reize wurden durch gefaͤlligen Anzug und Schmuck ſo ſehr unterſtuͤtzt, daß man ihr nur ein und zwanzig haͤtte geben moͤgen. Ihr Benehmen war ſo geſetzt und ernſt, daß Frau Butler, ſo oft ſie eine neue Aehnlich⸗ keit mit ihrer ungluͤcklichen Schweſter bemerkte, alsbald auch, bei der unerſchuͤtterlichen Selbſtbe⸗ herrſchung und Gemuͤthsruhe der Fremden, die Gedanken wieder aufgab, die in ihrer Seele auf⸗ ſtiegen. Sie ging ſchweigend in's Pfarrhaus voran, verloren in ein Gewirre von Gedanken, und hoffte, daß der Brief, den ſie dort erhalten ſollte, ihr genuͤgenden Aufſchluß uͤber einen Auf⸗ tritt geben werde, der ſie ſo ſehr in Verlegenheit ſetzte. Die Fremde zeigte indeß in ihrem Benehmen die vornehme Frau. Sie bewunderte die Ausſich⸗ ten, die ſich auf dem Wege darboten, wie eine Kennerinn der Naturſchoͤnheiten und der Land⸗ ſchaftmahlerei. Endlich wendete ſie ihre Aufmerk⸗ . 9* 13²2 ſamkeit auf die Kinder.„Zwei ſchoͤne junge Berg⸗ laͤnder! ſprach ſie. Vermuthlich eure Kinder?“ Johanna bejahte die Frage. Die Fremde ſeufzte, und ſeufzte noch einmahl, als ihr die Kinder nahmentlich vorgeſtellt wurden. Komm her, Femy, ſprach Frau Butler, und halte den Kopf gerade. Wie heißt eure Tochter? fragte die Fremde. Euphemia, gnaͤdige Frau, erwiderte Johanna. Ich glaubte, die gewoͤhnliche ſchottiſche Ab⸗ kuͤrzung dieſes Nahmens waͤre Effie, ſprach die Fremde mit einem Tone, der in Johanna's Herz drang. In dieſem einzigen Worte war mehr von ihrer Schweſter, mehr von Gedanken an vergangene Zeiten, als in allen Erinnerungen, die in ihrem ahnenden Herzen erwacht waren, oder welche die Zuͤge und das Benehmen der Fremden erweckt hatten. Als ſie ins Haus traten, gab die Fremde ihr den Brief, den ſie dem Schloßhauptmanne abgenommen hatte, und druͤckte ihr dabei die Hand, indem ſie laut hinzuſetzte:„Ihr ſeid wohl ſo guͤtig, mir etwas Milch zu geben?“ Und mir ein Glaͤschen Wachholder, wenn ich bitten darf, Frau Butler, ſetzte Duncan hinzu. Frau Butler entfernte ſich. Als ſie die alte Marie und David angewieſen hatte, die Frem⸗ den zu verſorgen, ging ſie in ihre Kammer, um den Brief zu leſen. Der Umſchlag war von dem Herzoge von Argyle eigenhaͤndig beſchrieben, der Frau Butler bat, einer Frau von Stande, einer genauen Freundinn ſeines verſtorbenen Bruders, Frau Staunton von Willingham, hoͤfliche Auf⸗ merkſamkeit zu erweiſen, da ſie, waͤhrend ihr Gemahl eine kurze Reiſe in Schottland machte, in Roſeneath ſich aufhalten wollte, um nach dem Rathe der Aerzte Ziegenmolken zu trinken. In dem Umſchlage aber, den Euphemia offen erhalten hatte, lag ein Brief von ihr, der ihre Schweſter auf die Zuſammenkunft vorbereiten ſollte, und den ſie, wenn nicht der Schloßhaupt⸗ mann ſo nachlaͤßig geweſen waͤre, ſchon am vori⸗ gen Abende erhalten haben wuͤrde. Euphemia ſagte, die Neuigkeiten in Johanna's letztem Briefe waͤren fuͤr ihren Gemahl ſo wichtig gewe⸗ ſen, daß er den Entſchluß gefaßt häͤtte, uͤber das in Carlisle abgelegte Geſtaͤndniß weitre Er⸗ kundigung einzuziehen, und da ihm dieß zum Theil gelungen waͤre, ſo haͤtte ſie, durch die in⸗ ſtandigſten Bitten, ſeine Erlaubniß eher erpreßt 134 als erhalten, einige Wochen bei ihrer Schweſter, oder in deren Naͤhe, jedoch durchaus ohne ſich zu entdecken, zuzubringen, waͤhrend er ſeine Nachforſchungen fortſetzte, auf deren gluͤcklichen Erfolg er, wiewohl nach ihrer Meinung, ver⸗ geblich, zu hoffen ſchiene. In einer Nachſchrift wurde Johanna gebe⸗ ten, ihrer Schweſter die Leitung des Verkehres mit ihr zu uͤberlaſſen und deren Vorſchlaͤgen ſich willig zu fuͤgen. Als Frau Butler den Brief geleſen und wiedergeleſen hatte, eilte ſie die Treppe hinab, und ſchwankte zwiſchen der Furcht, ihr Geheimniß zu verrathen und dem Wunſche, ſich in die Arme ihrer Schweſter zu werfen. Ef⸗ fie empfing ſie mit einem Blicke, der zugleich liebevoll und warnend war, und hob alsbald an: „Ich ſage eben dem Herrn— Schloßhauptmann — dieſem Herrn hier, wenn Ihr mir ein Zimmer in eurem Hauſe geben koͤnntet, Frau Butler, und eine Schlafſtelle fuͤr Ellis und meine beiden Leute, ſo wuͤrde es mir hier beſſer gefallen, als in dem Wohnhauſe zu Roſeneath, das der Her⸗ zog mir ſo guͤtig uͤberlaſſen hat. Man hat mir gerathen, ich moͤchte ſo nahe als moͤglich bei dem Orte wohnen, wo die Ziegen weiden.“ 135 Ich habe der gnaͤdigen Frau verſichert, ſprach Duncan, es koͤnnte Euch zwar nicht beſchwerlich fallen, die Gaͤſte des Herrn Herzogs, oder die meinigen aufzunehmen, ſie wuͤrde jedoch weit beſſer in Roſeneath wohnen, und die Ziegen koͤnn⸗ ten ja dahin gebracht werden, angeſehen es ſchick⸗ licher waͤre, daß die Thiere der gnaͤdigen Frau aufwarteten, als daß ſie zu ihnen ginge. Stoͤrt die Ziegen ja nicht um meinetwillen, ſprach die Fremde. Ich weiß gewiß, die Milch muß hier beſſer ſein.— Sie ſagte dieß mit einem matten nachlaͤßigem Tone, als haͤtte ſie geglaubt, daß die leiſeſte Aeußerung von Unmuth alle Gruͤnde niederſchlagen muͤßte. Frau Butler kam ihr ſchnell mit der Ver⸗ ſicherung entgegen, daß ihr Haus, wie es waͤre, der gnaͤdigen Frau zu Befehle ſtaͤnde, aber der Schloßhauptmann machte noch immer Vorſtel⸗ lungen.„Der Herzog, ſagte er, hat ge⸗ ſchrieben”"— Ich werde alles mit dem Herrn Herzoge ausmachen. Und es waͤren Sachen von Glasgow gekom⸗ men, fuhr er fort. Aues Noͤthige, erwiderte ſie, koͤnnte ins 136 Pfarrhaus geſchickt werden, und ſie wollte Frau Butler bitten, ihr ein Zimmer anzuweiſen, den Schloßhauptmann aber, ihre Koffer von Roſe⸗ neath zu ſenden. So ſchaffte ſie den armen Duncan hoͤflich weg, der beim Abſchiede in ſeinem Innern ſagte: „Ihre verdammte engliſche Unverſchaͤmtheit! Nimmt ſie doch Beſitz vom Predigerhauſe, als ob's ihr eigenes waͤre, und ſpricht mit Leuten von Stande, als ob ſie Dienſtboten vor ſich haͤtte, welchen ſie nach Belieben mitſpielen koͤnnte. Und da haben wir das Reh geſchoſ⸗ ſen, aber das will ich in's Pfarrhaus ſchicken, wie's nicht anders als hoͤflich iſt, angeſehen ich der wuͤrdigen Frau Butler eine ſolche Trutſchel gebracht habe.“ Mit dieſen freundlichen Ab⸗ ſichten ging er an's Ufer, um ſeine Befehle zu geben. Die Zuſammenkunft der Schweſtern war ſo ruͤhrend, als die Umſtaͤnde, worunter ſie ſtatt fand, außerordentlich waren, und jede aͤußerte ihre Gefuͤhle, wie's zu ihrem Charakter paßte. Johanna war durch Erſtaunen, ja ſelbſt durch Scheu ſo ſehr bewegt, daß ihre Gefuͤhle ihr Innerſtes aufregten und beinahe uͤberwaͤltigten, 137 Euphemia hingegen weinte, lachte, ſchluchzte, ſchrie, ſchlug die Haͤnde vor Freude zuſammen, und uͤberließ ſich in den erſten fuͤnf Minuten einer natuͤrlichen Lebhaftigkeit des Gemuͤthes, die jedoch Niemand beſſer unter den Regelzwang angebildeter Lebensart zu bringen wußte. Als eine Stunde bei den Aeußerungen ge⸗ genſeitiger Zuneigung verfloſſen war, wie ein Augenblick, ſah Euphemia den Schloßhaupt⸗ mann mit ungeduldigen Schritten unter dem Fenſter gehen.„Der läͤſtige hochlaͤndiſche Narr, ſprach ſie, iſt uns wieder zu Leibe geruͤckt. Ich will ihn um den Gefallen bitten, uns allein zu laſſen.“ Nicht doch, nicht doch! ſprach Johanna bittend. Du mußt den Schloßhauptmann nicht beſchimpfen. Beſchimpfen? antwortete Johanna. Nie⸗ mand wird beſchimpft durch etwas, das ich thue, oder ſage, liebe Johanna. Aber ich will ihn dulden, da Dus fuͤr gut haͤltſt. Der Schloßhauptmann wurde hoͤflich von ihr eingeladen, zu Mittage ihr Gaſt zu ſein. Bei dieſer Gelegenheit machte ſeine achtſame und aͤngſtliche Artigkeit gegen die vornehme Edelfrau einen auffallenden Abſtich mit dem freien Tone hoͤflicher Vertraulichkeit, womit er die Predigerfrau begluͤckte. Ich habe Frau Butler, ſprach die Edelfrau zu dem Schloßhauptmanne, als Johanna auf einen Augenblick hinausgegangen war: nicht bewegen koͤnnen, ſich eine Verguͤtung dafuͤr gefallen zu laſſen, daß ich ihr Haus erſtuͤrmt und eine Beſatzung hinein gelegt habe. Nein, gnaͤdige Frau, erwiderte Duncan, es wuͤrde auch Frau Butler, als einer ſehr geſitteten Frau, gar nicht geziemt haben, eine ſolche Verbindlichkeit einer Dame aufzulegen, welche aus meinem, oder des Herrn Herzogs Hauſe kommt, was auf eins hinauslaͤuft. Und von Beſatzungen zu ſprechen, ſo hatte ich Anno 1745 eine von zwanzig von meinen Leuten im Herrnhauſe zu Inverary, wo es beinahe ſchlimm ergangen waͤre— Entſchuldigt, daß ich Euch in's Wort falle, ich moͤchte gern wiſſen, wie ich der guten Frau eine Entſchaͤdigung geben koͤnnte. O es iſt gar keine Entſchaͤdigung vonndͤ⸗ then! Es iſt keine Beſchwerde fuͤr ſie dabei, ganz und gar keine. Als ich nun alſo in dem Herrnhauſe zu Inverary war, und dem Volke in der Gegend ſich nicht trauen ließ, ſo fuͤrch⸗ tete ich das Schlimmſte und— Wißt Ihr vielleicht, fiel die Fremde wieder ein, ob einer der beiden Knaben, Butlers Soͤh⸗ ne meine ich, Luſt zum Kriegsdienſte hat? Wuͤßte es in der That nicht, gnaͤdige Frau, antwortete Duncan. Da ich nun alſo wußte, daß dem unzuverlaͤßigen Volke nicht zu trauen war, und nun einen Kriegsmarſch im Walde hoͤrte, ſo ließ ich meine Leute nach ihren Ge⸗ wehren ſehen, und— Wenn das wäre, ſprach die Edelfrau mit der unbarmherzigſten Gleichgiltigkeit gegen die Erzaͤhlung, die ſie durch ihre Unterbrechungen zerſchnitt: ſo wuͤrde es meinem Manne nur ein Wort koſten, fuͤr einen der beiden Knaben eine Faͤhnrichſtelle zu erhalten, da wir ſtets die Re⸗ gierung unterſtuͤtzt und noch nie Gelegenheit ge⸗ habt haben, die Miniſter zu belaͤſtigen. Mit Erlaubniß, gnaͤdige Frau, ſprach Dun⸗ can, der an dem Vorſchlage Geſchmack zu fin⸗ den anfing: ich habe einen Neffen, ein ſchmuk⸗ ker, wohl gewachſener Burſche, Nahmens Dun⸗ can Mac Gilligan, der iſt ſo dick, als Butlers 140 Jungen beide zuſammen, und euer Herr Ge⸗ mahl koͤnnte auch für ihn um eine Stelle bit⸗ ten, es waͤre dann nur ein Bitten. Die Edelfrau beantwortete dieſen Wink nur mit einem vornehmen Starrblicke, der keines⸗ wegs aufmunternd war. Johanna, die nun zuruͤckkam, war erſtaunt uͤber die wunderbare Verſchiedenheit zwiſchen der hilfloſen, verzweifelnden Ungluͤcklichen, welche einſt auf einem Flockenbette in einem Kerker, einen ſchimpflichen Tod erwartend, gelegen hatte, oder der verlaſſenen Verbannten, die in der Mit⸗ ternachtſtunde auf dem einſamen Strande ihr erſchienen war, und der feinen, wohlerzogenen, ſchoͤnen Frau, die vor ihr ſtand. Die Zuͤge fand ſie nun, da ihre Schweſter den Schleier abgelegt hatte, nicht ſo ſehr verſchieden, als das ganze aͤußere Weſen, und als Ausdruck, Anſehn und Benehmen. Nach dem Aeußern zu urtheilen, ſchien die Edelfrau ein zu zartes und liebliches We⸗ ſen zu ſein, als daß Kummer ſie haͤtte beruͤhren koͤnnen, ſo ſehr gewoͤhnt, alle ihre Launen von ihren Umgebungen befriedigt zu ſehen, daß ſie zu erwarten ſchien, ſogar der Muͤhe, ihre Wuͤnſche auszuſprechen, enthoben zu ſein, und ſo ganz 141 unbekannt mit Widerſpruch, daß ſie nicht ein⸗ mahl mit dem Tone des Eigenwillens ſprach, weil ſie einen Wunſch nur zu verrathen brauchte, um Erfuͤllung zu finden. Sie machte ſich ohne Umſtaͤnde von dem Schloßhauptmanne los, ſo⸗ bald es Abend wurde, und unter dem Vorwande von Muͤdigkeit brachte ſie ihn mit hoͤflichen Wor⸗ ten und mit dem nachlaͤſſigſten Tone aus dem Hauſe. Als ſie allein waren, konnte ihre Schweſter ihr Erſtaunen uͤber die Selbſtbeherrſchung, wo⸗ mit Euphemia ihre Rolle ſpielte, nicht ver⸗ hehlen. Ich glaube gern, daß Du erſtaunt biſt, er⸗ widerte Euphemia gelaſſen, denn Du, meine liebe Johanna, Du biſt die Wahrheit ſelbſt ge⸗ weſen, von deiner Wiege an, aber Du mußt nicht vergeſſen, daß ich ſeit funfzehn Jahren eine Lüͤgnerinn bin, und in dieſer Zeit meine Rolle wohl gelernt haben muß. Johanna glaubte in den erſten zwei bis drei Tagen, wo die Gefuͤhle ſo lebhaft aufgeregt wa⸗ ren, allerdings auch die Bemerkung zu machen, daß ihrer Schweſter Benehmen mit der Verzagt⸗ heit, die in den Briefen derſelben herrſchte, durch⸗ 4 142 aus in Widerſpruche ſtand. Sie war freilich zu Thraͤnen geruͤhrt, als ſie ihres Vaters Grab ſah, das ein einfacher Denkſtein bezeichnete, worauf ſeiner Froͤmmigkeit und Redlichkeit gedacht wurde; aber nicht minder empfaͤnglich war ſie fuͤr leichtre Eindruͤcke und froͤhlichere Gedanken. Es machte ihr Freude, die Milchwirthſchaft zu beſuchen, worin ſie ſo lange geholfen hatte, und ſie war, als ſie ihre Bekanntſchaft mit der beruͤhmten Vorſchrift zur Verfertigung des Dunloper Kaͤſes verrieth, ſo nahe daran, von der alten Marie Hetley entdeckt zu werden, daß ſie ſich mit Bed⸗ reddin Haſſan verglich, den der Weßir, ſein Schwiegervater, an der ungemeinen Geſchicklich⸗ keit in der Verfertigung von Rahmtorten mit Pfeffer entdeckte. Als aber die Neuheit ſolcher Beſchaͤftigungen ſie nicht mehr anzog, zeigte ſie ihrer Schweſter nur zu deutlich, daß der bunte Anſtrich, den ſie ihrem Ungluͤcke gab, ihr ſo wenig wahren Troſt verlieh, als dem Soldaten der glaͤnzende Rock, der ſeine toͤbliche Wunde be⸗ deckt. Es gab Gemuͤthſtimmungen und Augen⸗ blicke, worin ihre Troſtloſigkeit ſelbſt uͤber die ungluͤckliche Stimmung zu gehen ſchien, die ſie in ihren Briefen geſchildert hatte, und Frau 143 Butler uͤberzeugte ſich dann, wie wenig das, dem Anſehen nach ſo glaͤnzende Loos ihrer Schweſter zu beneiden war. Aus einer Quelle aber ſchoͤpfte Euphemia ein reines Vergnuͤgen. Mit einer lebhaftern Fan⸗ taſie begabt als ihre Schweſter, bewunderte ſie die Schoͤnheiten der Natur, eine Neigung, die ihren Beſitzer fuͤr viele Leiden entſchaͤdigt. Hier fiel ſie freilich aus der Rolle einer Frau von fei⸗ nem Tone, die Vor jeder Schlucht erbevt, und ſchreit vor allen Hoͤh'n So laut, als hätte ſie ein Schreckenbild geſehn. Sie machte im Gegentheil, von den beiden Knaben gefuͤhrt, lange und ermuͤdende Wande⸗ rungen in den benachbarten Bergen, um Thäͤler, Waſſerfaͤlle oder andre Wunder und Schoͤnheiten der Natur zu beſuchen, die in der wilden Ein⸗ ſamkeit verborgen waren. Es iſt, wenn ich nicht irre, Wordsworth, welcher, von einem bedraͤng⸗ ten Greiſe redend, mit großer Wahrheit bemerkt: — Ob's Kummer war, was fort ihn trieb, Weiß Gott allein, doch bis zu ſeinem Ende Hatt' er den leicht'ſten Fuß in Ennerdale. 144 So ſchien in der freien Luft auch Euphe⸗ mi'as Theilnahme und Gemuͤthskraft aufgeregt zu werden, waͤhrend ſie ſonſt verzagt, verdroſſen und ungluͤcklich war, und zuweilen ſelbſt eine Regung verrieth, welche die einfachen Bequem⸗ lichkeiten in ihrer Schweſter Hauſe zu verſchmaͤhen ſchien, wiewohl ſie ſolche Aufwallungen des Un⸗ muths augenblicklich durch tauſend Freundlichkei⸗ ten zu verguͤten ſuchte. Es ſchien ihr nur wohl zu ſein unter den Gebirglandſchaften und in der Geſellſchaft der beiden Knaben, welche ſie mit den Erzaͤhlungen von den Merkwuͤrdigkeiten, die ſie in fremden Laͤndern geſehen hatte, und mit den Dingen, die ſie ihnen im Schloſſe Willing⸗ ham zeigen wollte, unterhielt. Die Knaben bo⸗ ten dagegen alles auf, der Frau, die ſo liebreich zu ſein ſchien, alle Sehenswuͤrdigkeiten der Graf⸗ ſchaft Dumbarton zu zeigen, und es war kaum ein Thal in den umliegenden Bergen, wohin ſie nicht mit ihr gingen. Auf einer ſolchen Wanderung war David, als Ruben gerade eine andre Beſchaͤftigung hatte, allein ihr Wegweiſer, und verſprach ihr einen Waſſerfall im Gebirge zu zeigen, der groͤßer und hoͤher waͤre, als alle, die ſie beſucht haͤtten. Es 145 war ein Weg von beinahe drei Stunden, und es ging uͤber rauhe Pfade, wo aber Gebirgland⸗ ſchaften, und bald das hervorblickende Haff mit ſeinen Eilanden, bald ein See in der Ferne, bald Felſen und Abſtuͤrze, immer Abwechſelung gaben. Als ſie zu dem Naturſchauſpiele ſelbſt kamen, fuͤhlten ſie ſich reichlich fuͤr die Muͤhe der Wanderung belohnt. Ein anſehnlicher Strom fiel in einem einzigen Waſſerſtrahle uͤber eine ſchwarze Felſenwand, deren Farbe auffallend ge⸗ gen den weißen Schaum des Falles abſtach, und in einer Tiefe von etwa zwanzig Fuß verbarg ein vorſpringender Felſen das Ende des Waſſerfal⸗ les, der ſich um die Klippe wand und ſchaͤumend in das Felſenthal ſtuͤrzte. Wie Freunde der Natur immer gern in ihre geheimſte Verborgen⸗ heit dringen, ſo fragte auch Euphemia den jun⸗ gen David, ob man nicht zu einer Anſicht des Abgrundes, der den Fall aufnahm, gelangen koͤnnte. Er antwortete, es gaͤbe einen Stand⸗ punkt weiterhin auf einer Schicht des vorſpringen⸗ den Felſens, aber der Pfad waͤre ſteil, ſchluͤpfrig und gefaͤhrlich. Bei dem Wunſche, ihre Neu⸗ gier zu befriedigen, bat ſie ihn, den Weg ihr zu zeigen, und er fuͤhrte ſie uͤber Klippen und VI. Theil,. 10 146 Bloͤcke, indem er ihr ſorgfäͤltig die Stellen an⸗ deutete, wo ſie ihren Fuß hinſetzen mußte, da man bald nicht anders als klimmend vorwaͤrts kommen konnte. Wie Seevoͤgel an der Felſenwand hangend, gelangten ſie endlich um die Klippe, und ſtanden dem Waſſerfalle gegenuͤber, der hier einen furcht⸗ baren Anblick darbot, und ſiedend, bruͤllend und mit unaufhoͤrlichem Donner wenigſtens hundert Fuß tief, in einen ſchwarzen Keſſel herabſtuͤrzte, der dem Krater eines Vulkans glich. Das Ge⸗ raͤuſch, der Schlag der Wogen, der allem um⸗ her ein ſchwankendes Anſehen gab, das Zittern ſelbſt der maͤchtigen Klippe, worauf ſie ſtanden, der unſichere Standpunkt auf der Felſenſchicht, wo ihr Fuß kaum Platz fand, all dieß machte einen ſo ſtarken Eindruck auf Euphemia, daß ſie zu fallen fuͤrchtete und ihren Begleiter anrief, der wirklich ihren Fall verhuͤtete, als er ſie in ſeine Arme faßte. Der Knabe war kuͤhn und ruſtig, doch erſt vierzehn Jahre alt, und da Euphemia auf ſeinen Beiſtand nicht voͤllig ver⸗ traute, ſo glaubte ſie wirklich in Gefahr zu ſein. Es war ja zu beſorgen, daß die Neuheit der angſtigenden Lage auch ihm Schrecken einfloͤßen 147 koͤnnte, und in dieſem Falle konnten beide um⸗ kommen. Euphemia ſtieß ein Angſtgeſchrei aus, wiewohl ohne Hoffnung, irgend Jemanden zum Beiſtande herbeirufen zu koͤnnen. Zu ihrem Er⸗ ſtaunen aber wurde der Schrei von oben herab durch ein Pfeifen beantwortet, deſſen Ton ſo laut und gellend war, daß man ihn ſelbſt bei dem Toſen des Waſſerfalles vernahm. In dieſem Augenblicke des Schreckens und der Beſtuͤrzung blickte von einer hoͤhern zerriſſe⸗ nen Klippe ein ſchwarzes Menſchenantlitz herab, um deſſen Stirne und Wangen grauliche Haare hingen, die mit einem gleichfarbigen und eben ſo ſehr verfilzten Knebelbarte und Barte ſich ver⸗ miſchten. Es iſt der boͤſe Feind! ſprach der Knabe, der beinahe nicht mehr im Stande war, Euphe⸗ mia zu unterſtuͤtzen. Nein, nein! rief ſie, unempfänglich fuͤr aber⸗ glaͤubige Furcht und wieder im Beſitze der Gei⸗ ſtesgegenwart, die ſie bei der Gefahr ihrer Lage verloren hatte. Es iſt ein Menſch.— Um Gotteswillen, helft uns, mein Freund! Das Geſicht ſtarrte ſie an, ohne zu antwor⸗ ten. Einige Augenblicke ſpaͤter erſchien neben 10* 148 ihm ein anderes juͤngeres Antlitz, das eben ſo gebraͤunt und eingerußt als jenes und von langen, ſchwarzen zerzauſten Haaren umgeben war, die den ganzen Ausdruck ſeiner Zuͤge wild und grim⸗ mig machten. Euphemia wiederhohlte ihre Bit⸗ ten, und lehnte ſich veſter an den Felſen, als ſie fand, daß ihr Fuͤhrer, von aberglaͤubiger Angſt bewegt, nicht mehr im Stande war, ſie zu un⸗ terſtuͤzen. Ihre Worte wurden wahrſcheinlich von dem Bruͤllen des Waſſerfalles uͤbertaͤubt, da ſie kein Wort vernahm, wiewohl ſie bemerkte, daß die Lippen des jungen Mannes, den ſie an⸗ flehte, ſich bewegten, als ob er geantwortet haͤtte. Einen Augenblick ſpaͤter zeigte es ſich jedoch, daß er den Sinn ihrer Bitte nicht mißverſtanden hatte, den auch ihre Lage und ihre Gebehrden deutlich genug verriethen. Der juͤngere Mann verſchwand, und gleich nachher ließ er eine, etwa acht Fuß lange Leiter von geflochtenen Weiden⸗ zweigen herab, und gab David ein Zeichen, ſie veſtzuhalten, waͤhrend ſeine Begleiterinn hinauf⸗ ſtiege. Verzweiflung gibt Muth, und Euphemia, die in dieſer furchtbaren Lage war, ergriff ohne Zoͤgern das unſichere Mittel, das ſich ihr darbot, um das Hinanſteigen zu wagen, und von dem 149 Manne unterſtuͤtzt, den ihr die Vorſehung zum Beiſtande geſandt hatte, erreichte ſie gluͤcklich den Gipfel. Sie blickte ſich aber nicht eher um, bis ſie ſah, daß ihr Neffe behende und munter ihrem Beiſpiele folgte, obgleich Niemand die Leiter hielt. Als auch er in Sicherheit war, ſah ſie ſich um, und konnte ſich eines Schauders nicht erwehren bei dem Anblicke des Ortes und der Geſellſchaft, wo ſie ſich befand. Sie ſtanden auf einer Felſenplatte, uͤberall von ſchroffen Waͤnden, oder uͤberhangenden Klip⸗ pen umgeben, und es wuͤrde kaum moͤglich ge⸗ weſen ſein, dieſe wilde Einoͤde zu entdecken, da es keinen zugaͤnglichern Standpunkt zu geben ſchien, wo man ſie haͤtte uͤberſehen koͤnnen. Die Platte war theilweiſe von einem ungeheuren Blocke bedeckt, der von einer hoͤhern Klippe herabgerollt, und von einem andern Felſen im Falle aufgefan⸗ gen, ſo eingeklemmt war, daß er wie ein ſchraͤ⸗ ges Dach uͤber der Schicht lag, wo ſie ſtanden. Man hatte welkes Moos und Laub unter dieſes rohe und armſelige Obdach geſtreut, das den⸗ jenigen als Lager diente, die in dieſem Horſte hauſeten. Zwei dieſer Bewohner ſtanden vor Euphemia. Der Eine, der ſo zu rechter Zeit 150 Beiſtand geleiſtet hatte, ſtand aufrecht da, ein langer, ſchlanker junger Wilder, in zerriſſenem Plaid und Schurze, ohne Schuhe, ohne Struͤm⸗ pfe, ohne Hut oder Muͤtze, deren Stelle ein ver⸗ wirrtes und verfilztes Haar vertrat, dem wilden Haarwuchſe der alten Irlaͤnder gleich, und ſo dicht, daß es ſogar gegen einen Schwerthieb haͤtte ſchuͤtzen koͤnnen. Die Blicke des jungen Men⸗ ſchen waren ſcharf und leuchtend, und ſeine Hal⸗ tung frei und edel, wie bei allen Wilden. Er achtete wenig auf David Butler, und blickte mit Staunen auf Euphemia, die vermuthlich ganz anders gekleidet und weit ſchoͤner war, als alles, was er je geſehen. Der alte Mann, deſſen Ge⸗ ſicht ſie zuerſt erblickt hatten, blieb in derſelben ruhenden Stellung, worin er fruͤher auf ſie hin⸗ abſchaute, und nur ſein Geſicht war ihnen zuge⸗ kehrt, als er, ſtill liegend, mit einer traͤgen und verdroſſenen Fuͤhlloſigkeit ſie anſah, die mit dem Ausdrucke ſeiner finſtern und rauhen Zuͤge in Widerſpruche war. Er ſchien ein ſehr langer Mann zu ſein, war aber nicht beſſer als der Juͤngling gekleidet, und trug einen weiten nie⸗ darlaͤndiſchen Oberrock, und zerriſſene Beinkleider von buntgewuͤrfeltem Zeuge. 15¹ Alles umher hatte ein wildes und unſeliges Anſehen. Unter dem uͤberhangenden Felſen war iin Kohlenfeuer, worauf ein Brennkolben ſtand, und daneben Blaſebalg, Zange, Haͤmmer, ein beveglicher Amboß und andere Schmiedewerk⸗ zeuge; drei Gewehre und einige Saͤcke und Ton⸗ nen ſtanden unter dem Felſendache, ein Dolch, zwei Schwerter und eine Streitaxt lagen um das Feuer her, deſſen rothe Glut den herabſtuͤrzenden Schaum und den Nebel des Waſſerfalles roͤthlich faͤrbte. Als der junge Mann Euphemia eine Zeitlang angeſtarrt und ſeine Neugier befriedigt hatte, hohlte er einen irdenen Krug und einen Hornbecher, worein er Branntwein goß, der vermuthlich heiß aus der Blaſe gekommen war, und bot ihn erſt der Frau und dann dem Kna⸗ ben an. Beide weigerten ſich, ihm Beſcheid zu thun, und der junge Wilde ſtuͤrzte den Becher hinab, der nicht weniger als drei gewoͤhnliche Glaͤ⸗ ſer enthalten mochte. Er hohlte dann aus dem Winkel der Hoͤhle, wenn man ſie ſo nennen konnte, eine andre Leiter hervor, ſtellte ſie an den uͤberhangenden Felſen, und gab Euphemia ein Zeichen, hinanzuſteigen, waͤhrend er die Lei⸗ ter unten veſt hielt. Sie folgte dem Winke, und — 152 gelangte auf eine breite Felſenplatte, nahe am Rande des Abgrundes, worein der Bach ſich ſtuͤrzte. Sie konnte den Bogen des Waſſerſtrah⸗ les ſehen, welcher, der Maͤhne eines wildes Roß⸗ ſes gleich, vom Felſen hinabſtuͤrzte, die tiefte Platte aber, wovon ſie aufwaͤrts geſtiegen wer, konnte ſie nicht erblicken. David ſtieg nicht ſo leicht hinan; denn aus Scherz oder Schadenfreude ſchuͤttelte der junge Wilde die Leiter ziemlich ſtark, waͤhrend der Kna⸗ be die Sproſſen erklimmte, und ſchien ſich an deſſen Schrecken zu weiden. Beide ſahen ſich nicht mit freundlichen Blicken an, als ſie oben waren, doch ſagte keiner ein Wort. Der junge Keſſerflicker oder Zigeuner leiſtete Euphemia ſorg⸗ faͤltig Beiſtand, als ſie auf einem ſehr gefaͤhrli⸗ chen Pfade hinanſtiegen, und David Butler folgte ihnen, bis alle Drei uͤber die Schlucht hin⸗ aus waren, und am Abhange eines Berges ſtan⸗ den, der mit Heidekraute und loſen Steinen be⸗ deckt war. Die Schlucht, aus welcher ſie hin⸗ anſtiegen, war ſo ſchmal, daß, wenn man nicht am Rande des Abgrundes ſtand, der Blick auf die jenſeitige Wand fiel, ohne die furchtbare Spalte zu bemerken, und man ſah nichts von 153 dem Waſſerfalle, obgleich man ſein dumpfes Bruͤllen noch immer hoͤrte. Euphemia hatte nun die Gefahr uͤberwun⸗ den, womit Felſen und Waſſerfall drohten, aber ſie wurde von einer neuen Beſorgniß geaͤngſtigt. Ihre beiden Fuͤhrer ſahen ſich mit zornigen Blicken an; denn David, obgleich wenigſtens zwei Jahre juͤnger, und weit kleiner, als der Wilde, war ruͤſtig, ſtark und ſehr kuͤhn. Du biſt der Sohn des Schwarzrocks in Knocktarlitie, ſprach der junge Wilde. Kommſt Du noch einmahl hierher, ſo werfe ich Dich in den Waſſerfall hinab, wie einen Ball. Ei Burſche, dazu biſt Du noch nicht lang genug, erwiderte Butler muthig, und maß ihn mit unerſchrockenem Blicke. Ich glaube, Du biſt einer von den Jungen des ſchwarzen Do⸗ nacha, und kommſt Du wieder ins Thal, ſo ſchießen wir Dich, wie eine wilde Ente. Du kannſt deinem Vater ſagen, ſprach der Wilde, er haͤtte das Laub auf den Baͤumen heuer zum Letztenmahl geſehn. Wir wollen Er⸗ ſatz haben fuͤr den Schaden, den er uns ge⸗ than hat. Ich hoffe, er wird noch manchen Sommer 154 erleben und Euch noch mehr Schaden thun, antwortete David. Es haͤtte noch ſchlimmer werden koͤnnen, aber Euphemia trat mit dem Geldbeutel in der Hand zwiſchen Beide, und gab dem Wilden ein Goldſtuͤck, deren in dem Netzgeflechte mehre zu ſehen waren, ſo wie Silbermuͤnze im an⸗ dern Ende.. Das weiße Silber, Edelfrau, das weiße Silber, ſprach der Wilde, der den Werth des Goldes vermuthlich nicht kannte. Euphemia ſchuͤttete ihm das Silbergeld, das der Beutel enthielt, in die Hand. Der Wilde griff gierig danach, machte eine Art von dankender Verbeugung und nahm Abſchied. Laßt uns nun machen, daß wir wegkom⸗ men, Edelfrau, ſprach David. Sie werden uns nicht lange in Ruhe laſſen, weil ſie euren Geldbeutel geſehen haben. Sie eilten ſo ſchnell als moͤglich, aber ſie waren kaum einige hundert Schritte den Berg hinabgegangen, als es hinter ihnen her rief, und ſich umſehend, erblickten ſie den alten Mann und den Juͤngling, die ihnen mit ſchnellen Schritten folgten. Der Alte hatte eine Flinte 155 auf der Schulter. Zum großen Gluͤcke ſtieg eben ein Jaͤger, des Herzogs Wildhuͤter, der den Rehen nachgeſchlichen war, den Berg hin⸗ an. Die Raͤuber blieben ſtehen, ais ſie ihn erblickten, und Euphemia eilte, ſich unter ſei⸗ nen Schutz zu begeben. Er geleitete ſie nach Hauſe, und nur ſeine kraͤftige Geſtalt und ſein geladenes Gewehr konnten Euphemia die Zu⸗ verſicht und den Muth wieder geben, die ſie gewoͤhnlich belebten. Donald hoͤrte die Erzaͤhlung ihres Aben⸗ teuers ſehr ernſthaft an, und als David ihn mehrmahl fragte, ob denn kein Verdacht in ihm erwacht waͤre, daß die Keſſelflicker dort ihren Schlupfwinkel haͤtten, antwortete er mit großer Faſſung:„Nun ja, mein junges Herr⸗ chen, ich koͤnnte wohl errathen haben, daß ſie da waͤren, oder in der Gegend, aber auch wohl nicht. Ich bin oft im Gebirge, und ſie ſind wie die Wespen, ſtechen nur, wenn man ſie boͤſe macht. Darum nehme ich mich in Acht, ſie nicht zu ſehen, es waͤre denn, daß ich einen ausdruͤcklichen Befehl von Mac Callummore, oder dem Schloßhauptmann haͤtte. Das aͤndert die Sache.“ Sie kamen ſpaͤt im Predigerhauſe an. Eu⸗ phemia, die durch Furcht und Muͤdigkeit ſehr gelitten hatte, ließ ſich von ihrem Gefallen an Naturſchoͤnheiten nie wieder verleiten, ſo weit in's Gebirge zu gehen, ohne einen ruͤſti⸗ gern Begleiter als David, wiewohl ſie aner⸗ kannte, er haͤtte ſich eine Fahne verdient durch die Unerſchrockenheit, die er bewieſen, ſo bald er uͤberzeugt geweſen waͤre, es mit einem irdi⸗ ſchen Gegner zu thun zu haben.„Ich haͤtte vielleicht nicht viel Umſtaͤnde mit dem Burſchen gemacht, ſagte David, als man ſeine Tapfer⸗ keit lobte. Aber wenn Ihr mit den Leuten Euch einlaßt, da wird gleich das Herz weich.“ 157 VIII. — Was ſeht Ihr da, Das Euch ſo feig' gemacht und Euch das Blut Gejagt aus dem Geſichte? Shakſpeare's Heinrich V, Wir muͤſſen nun nach Edinburgh zuruͤckkehren, wo die Abgeordneten der ſchottiſchen Kirche ver⸗ ſammelt waren. Es iſt bekannt, daß gewoͤhn⸗ lich ein ſchottiſcher Edelmann den Auftrag hat, als Oberkommiſſar den Sitzungen beizuwohnen, um des Koͤnigs Stelle zu vertreten, und daß ihm etwas dazu ausgeſetzt wird, um aͤußern Glanz zeigen und die Gaſtfreiheit eines koͤniglichen Stell⸗ vertreters behaupten zu koͤnnen. Wer in oder unweit der Hauptſtadt durch Rang oder Amts⸗ wuͤrde ausgezeichnet iſt, erſcheint gewoͤhnlich in der Morgengeſellſchaft bei dem Oberkommiſſar und geht mit ihm im feſtlichen Aufzuge zu dem 158 Orte, wo die Verſammlung ihre Sitzungen haͤlt. Der Edelmann, der dieſe Wuͤrde beſaß, war ein genauer Freund des Ritters, Georg Staunton, welcher nun in deſſen Gefolge zum Erſtenmahl ſeit der ungluͤcklichen Nacht, wo Porteous um⸗ gebracht wurde, die Hochſtraße in Edinburgh wieder zu betreten wagte. Als er zur Rechten des koͤniglichen Stellvertreters, mit Treſſen und Stickereien und allem Zubehoͤr des Ranges und Reichthumes bedeckt, daher ging, waren alle Blicke auf die angenehme, wiewohl hinfaͤllige Geſtalt des Fremden gerichtet. Wer haͤtte in einer ſo adeligen Geſtalt den gemeinen Verbrecher wieder erkannt, der in Gretens Lumpen gehuͤllt, die furchtbaren Aufruͤhrer zur Rache angefuͤhrt hatte! Es war unmoͤglich, ſelbſt wenn Einer ſeiner ehemahligen Bekannten die Spanne Zeit uͤberlebt haͤtte, die Uebelthaͤtern gewoͤhnlich zuge⸗ meſſen iſt. Die ganze Geſchichte war uͤberdieß ſchon lange in Vergeſſenheit gerathen, wie die Leidenſchaften, woraus ſie entſtanden war. Nichts iſt gewiſſer, als daß Leute, die landkundig an dem furchtbaren Aufſtande Theil genommen und deßhalb Schottland verlaſſen hatten, im Aus⸗ lande reich geworden und in ihre Heimath zuruͤck⸗ 159 gekehrt waren, wo ſie ungeſtoͤrt ihr Vermoͤgen bis zu ihrem Tode genoſſen.*) Die Nachſicht der Behoͤrden war in dieſem Falle allerdings klug und gerecht; denn haͤtte durch Beſtrafung ein wohlthaͤtiger Eindruck auf das Volk gemacht wer⸗ den koͤnnen, da das Andenken des Vergehens erloſchen, und keine Erinnerung uͤbrig geblieben war, als das ſpaͤtere unanſtoͤßige, vielleicht mu⸗ ſterhafte Betragen der Ueberwieſenen? Staunton konnte daher den Schauplatz ſei⸗ ner fruͤhern verwegenen Thaten betreten, ohne die Ahndung des Geſetzes, oder auch nur Ent⸗ deckung, oder Erregung von Verdacht zu befuͤrch⸗ ten. Welche Regungen aber an dieſem Tage ſein Herz bewegten, mag das Gefuͤhl des Leſers ſelbſt errathen. Es war eine Angelegenheit von ungemeiner Wichtigkeit, die ihn bahin gebracht hatte, ſich ſo vielen ſchmerzlichen Erinnerungen auszuſetzen. Als ſeine Frau Johanna's Brief nebſt dem Bekenntniſſe der Verbrecherinn erhal⸗ ten hatte, war er nach Carlisle gereiſet, wo der Archidiaconus Fleming noch lebte, dem jene Ge⸗ *) Siehe Arnot's Criminal Trials, S. 235 der Quartausgabe. 160 ſtaͤndniſſe waren anvertraut worden. Er machte den ehrwuͤrdigen Geiſtlichen, der nach Verdienſt in dem beßten Rufe ſtand, in ſo fern zu ſeinem Vertrauten, daß er ſich als den. Vater des un⸗ gluͤcklichen Kindes angab, das Grete Wildfeuer entfuͤhrt hatts, und er ſtellte die Geſchichte als eine jugendliche Verirrung dar, die er dadurch ab⸗ buͤßen zu koͤnnen wuͤnſchte, daß er die Spur des Kindes wo moͤglich auszuforſchen ſuchen wollte. Der Geiſtliche beſann ſich auf die Umſtaͤnde und erinnerte ſich bald, daß die Ungluͤckliche einen Brief an Georg Staunton den Juͤngern im Pfarrhauſe zu Willingham geſchrieben hatte, der auch durch ihn war befoͤrdert worden, aber bald zuruͤckgekommen war, mit einigen Zeilen von dem Prediger Staunton, des Inhalts, es waͤre ihm Derjenige, den die Aufſchrift des Briefes an⸗ gaͤbe, nicht bekannt. Dieſer Umſtand fiel gerade in die Zeit, als ſich Georg zum Letztenmahl aus dem vaͤterlichen Hauſe entfernt hatte, um Effie zu entfuͤhren, und er konnte daher leicht die Ur⸗ ſache der Empfindlichkeit deuten, die ſeinen Vater bewogen hatte, ihn zu verlaͤugnen. Dieß war auch ein Beiſpiel, wie ſein unbaͤndiger Sinn ihm Ungluͤck bereitet hatte; denn waͤre er nur noch 161 einige Tage in Willingham geblieben, ſo wuͤrde er Margarethens Brief empfangen haben, worin die Frau, welche das Kind von ihr erhalten hatte, Nahmens Annaple Bailzou, nach ihrem Aeußern und ihrem Aufenthalte genau angegeben war. Es ſchien, als ob Margarethe Murdockſon zu dieſem Geſtaͤndniſſe weniger durch Reue, als durch den Wunſch waͤre bewogen worden, ihrer Tochter durch Georg Staunton, oder ſeinen Vater Schutz und Beiſtand zu verſchaffen. In ihrem Briefe an Staunton ſagte ſie, wenn ſie am Leben geblieben waͤre, haͤtte ihre Tochter von Niemanden etwas brauchen ſollen, und ſie wuͤrde ſich in dieſe Sache nie gemengt haben, wenn ſie nicht das Boͤſe haͤtte vergelten wollen, das ihr und den Ihrigen von Staunton waͤre zugefuͤgt worden. Nun aber muͤßte ſie ſterben und ihre Tochter wuͤrde verlaſſen in der Welt ſein, ohne Verſtand, ſich zu leiten. Sie haͤtte lange genug in der Welt gelebt, ſetzte ſie hinzu, um zu wiſ⸗ ſen, daß Niemand etwas umſonſt thaͤte, und daher dem jungen Staunton alles mitgetheilt, was er uͤber ſein Kind zu wiſſen wuͤnſchen koͤnnte, wogegen ſie hoffte, daß er die arme Verruͤckte, die er zu Grunde gerichtet haͤtte, nicht vor Man⸗ VI. Theil. 11 162 gel werde umkommen laſſen. Was aber, ſchloß ſie, ihre Beweggruͤnde anlangte, das Geheimniß nicht fruͤher zu eroͤffnen, ſo haͤtte ſie eine lange Rechnung in der andern Welt abzulegen, und wuͤrde auch daruͤber Rechenſchaft zu geben haben. Der Geiſtliche ſagte, die Verbrecherinn waͤre in demſelben verzweifelungvollen Gemuͤthzuſtande geſtorben, und haͤtte bald Reue wegen des ver⸗ lorenen Kindes, haͤufiger aber Bedauern verra⸗ then, daß die Mutter nicht waͤre gehaͤngt worden. Ihr Gemuͤth war ein Gewirre von Schuld, Wuth, und Beſorgniß fuͤr die Sicherheit ihrer Tochter, und ſo war jenes dem Naturtriebe ent⸗ ſprungene Gefuͤhl muͤtterlicher Sorge, das ſie mit der Woͤlfinn und Loͤwinn gemein hatte, der letzte Schatten einer wohlwollenden Neigung in einer Bruſt, die ſonſt auch in Wildheit jenen aͤhnlich war. 3 Grete Wildfeuer hatte ihr ungluͤckliches Ende dadurch herbeigefuͤhrt, daß ſie die Verwirrung bei Gelegenheit der Hinrichtung ihrer Mutter be⸗ nutzte, aus dem Arbeithauſe, wohin der Geiſt⸗ liche ſie geſchickt hatte, zu fliehen, und ſich dem wuͤthenden Poͤbel zu uͤberliefern, um ihren Un⸗ tergang zu finden, wie wir bereits geſehen haben. 163 Als der nach Lincolnſhire geſandte Brief zuruͤck⸗ gekommen war, ſchrieb der Geiſtliche an einen Freund in Edinburgh, um ſich nach dem Schick⸗ ſale der Ungluͤcklichen zu erkundigen, deren Kind war geraubt worden, und bekam die Antwort, ſie haͤtte Begnadigung erhalten und waͤre mit ihren Angehoͤrigen in einen entlegenen Theil Schottlands gezogen, oder auch gar aus dem Lande gegangen. So viel hatte der Geiſtliche erfahren, als er auf Staunton's Bitte Marga⸗ rethens zuruͤckgekommenen Brief ſuchte, und ihm denſelben mit andern Nachrichten uͤbergab, die er uͤber dieſe Angelegenheit aufgezeichnet hatte. Was Staunton auch fuͤhlen mochte, als er dieſe ungluͤckliche Geſchichte enthuͤllte, und das traurige Schickſal des armen Maͤdchens erfuhr, das er in's Verderben gebracht hatte, er beſaß doch noch ſo viel von ſeiner ehemahligen Hart⸗ naͤckigkeit, daß er die Augen vor Allem verſchloß und nur die, dem Anſcheine nach ſich oͤffnende Ausſicht verfolgte, ſeinen Sohn wieder zu erlan⸗ gen. Es wuͤrde freilich ſchwierig geweſen ſein, ihn oͤffentlich anzuerkennen, ohne zugleich von der Geſchichte ſeiner Geburt und dem Ungluͤcke ſeiner Aeltern weit mehr zu enthuͤllen, als klug 414* 164 geweſen waͤre. Aber wenn er nur erſt gefunden war, und ſich der vaͤterlichen Theilnahme wuͤrdig zeigte, ſo ließen ſich ja wohl viele Mittel finden, ſolcher Gefahr auszuweichen. Staunton konnte ihn, wenn er wollte, als ſeinen Erben an Kin⸗ desſtatt annehmen, ohne ihm das Geheimniß der Herkunft des jungen Mannes zu entſchleiern, oder es ließ ſich eine Parliamentsverfuͤgung erlangen, die ihn fuͤr rechtmaͤßig erklaͤrte, und ihm geſtat⸗ tete, ſeines Vaters Nahmen und Wappen zu fuͤhren. Er war uͤberdieß ſchon, nach ſchottiſchen Geſetzen, durch die ſpätre Ehe ſeiner Aeltern ein rechtmaͤßiges Kind geworden. Eigenwillig in allen Dingen, hatte Staunton jetzt nur das Verlan⸗ gen, ſeinen Sohn zu ſehen, ſelbſt wenn die Wie⸗ derentdeckung eine neue Reihe von Ungluͤcksfaͤllen herbeifuͤhrte, eben ſo ſchrecklich, als die Leiden, die dem Verluſte des Kindes gefolgt waren. Aber wo war der Knabe zu finden, der viel⸗ leicht beſſimmt war, die Wuͤrde und die Guͤter eines alten Geſchlechts zu erben? Auf welcher Heide wanderte er und unter welcher armſeligen Huͤlle? Gewann er ſeinen ungewiſſen Unterhalt durch ein geringes Gewerbe, durch Raub und Diebſtahl? Ueber dieſe Fragen konnten Staun⸗ ton's eifrige Nachforſchungen kein Licht verbrei⸗ ten, Viele erinnerten ſich, daß Annaple Bailzou als Bettlerinn oder Wahrſagerinn im Lande um⸗ her gezogen war. Einige wußten, daß man ſie um das Jahr 1738 mit einem Kinde geſehen hatte, aber ſeit mehr als zehn Jahren war ſie nicht in dieſer Gegend umher gewandert, und ſie hatte geaͤußert, daß ſie ſich in eine entfernte Ge⸗ gend Schottlands, ihre Heimath, begeben wollte. Staunton ging daher nach Schottland, trennte ſich in Glasgow von ſeiner Frau, und da ſeine Ankunft in Edinburgh mit der Verſammlung der kirchlichen Abgeordneten zuſammenfiel, ſo noͤthigte ihn ſeine Bekanntſchaft mit dem Oberkommiſſar, ſich haͤufiger oͤffentlich zu zeigen, als mit ſeinen Wuͤnſchen oder ſeiner Neigung uͤbereinſtimmte. Bei einem Gaſtmahle, das der doͤnigliche Abgeordnete gab, ſaß Staunton neben einem Geiſtlichen von achtbarem Anſehen, der auch gute Lebensart, wiewohl ſonſt ein ſchlichtes Be⸗ nehmen hatte, und, wie ſich ergab, Butler hieß. Es hatte nicht zu Staunton's Entwurfe gehoͤrt, ſeinen Schwager zum Vertrauten zu machen, und er war ſehr erfreut uͤber die Verſicherungen ſeiner Frau geweſen, daß Johanna, die Redlich⸗ 166 keit und Ehre ſelbſt, gegen Niemanden, ſelbſt nicht gegen Butler, je verrathen hatte, was ihr von dem jungen Manne uͤber ſeine Lebensum⸗ ſtaͤnde war eroͤffnet worden. Es war ihm jedoch nicht unangenehm, eine Gelegenheit zu finden, ſich mit einem ſo nahen Verwandten unerkannt zu unterhalten, und uͤber ſeinen Charakter und Verſtand ein Urtheil zu faͤllen. Alles was er ſah, und mehr noch, was er hoͤrte, gab ihm eine ſehr hohe Meinung von Butler. Er fand, daß dieſer eben ſo ſehr von ſeinen Amtsbruͤdern, als von den weltlichen Abgeordneten zur Kirchen⸗ verſammlung geachtet wurde. Butler hatte ſich bei mehren Gelegenheiten, wo er in der Ver⸗ ſammlung oͤffentlich aufgetreten war, durch ſeine Einſicht, Aufrichtigkeit und Geſchicklichkeit aus⸗ gezeichnet, und ward als ein verſtaͤndiger und beredter Prediger bewundert. All dieß war fuͤr Staunton's Stolz ſehr be⸗ friedigend, dem der Gedanke, daß die Schweſter ſeiner Frau eine niedrige Heirath geſchloſſen haͤtte, empoͤrend geweſen war. Er fand nun die Ver⸗ bindung im Gegentheile ſo weit uͤber ſeine Erwar⸗ tung, daß in dem Falle, wo nach der Wieder⸗ entdeckung ſeines Sohnes die Anerkennung ſeiner 167 Verwandten noͤthig ſein ſollte, es ganz gut lau⸗ ten wuͤrde, die Schweſter ſeiner Frau haͤtte ſich waͤhrend der ungluͤcklichen Lage ihrer Familie mit einem ſchottiſchen Geiſtlichen verheirathet, der die Achtung ſeiner Landsleute beſaͤße und ein ange⸗ ſehener Mann in der Kirche waͤre. Von dieſen Gefuͤhlen angeregt, nahm der Ritter Staunton, als die Tiſchgeſellſchaft auf⸗ brach, den Vorwand, ſich weiter nach der ſchot⸗ tiſchen Kirchenverfaſſung erkundigen zu wollen, und bat Butler, ihn in ſeine Wohnung am Lin⸗ nenmarkt zu begleiten und Thee mit ihm zu trin⸗ ken. Butler nahm die Einladung an, wenn Staunton ihm erlauben wollte, im Vorbeigehen bei dem Freunde, wo er wohnte, einzuſprechen, und ſich zu entſchuldigen, daß er nicht zum Thee kaͤme. Sie gingen die Hochſtraße hinan, und kamen weiter auf ihrem Wege bei einem Almo⸗ ſenkaſten vorbei, der die Freien erinnerte, der bedraͤngten Gefangenen zu gedenken. Staunton verweilte hier einen Augenblick, und am naͤchſten Tage fand man eine Banknote von zwanzig Pfund in der Buͤchſe. Als er wieder zu Butler kam, heftete dieſer ſeine Blicke auf den Eingang des Stadtgefaͤngniſſes, und war, wie es ſchien, 168 in tiefe Gedanken verloren.„Es ſcheint ein ſehr veſtes Thor zu ſein“ ſprach Staunton, um nur etwas zu ſagen. Allerdings, erwiderte Butler, ſich wegwen⸗ dend, um weiter zu gehen: aber es war einſt mein Ungluͤck, daß es doch viel zu ſchwach ge⸗ weſen war. Als er in dieſem Augenblicke ſeinen Begleiter anſah, fragte er ihn, ob er ſich nicht wohl be⸗ faͤnde, und Staunton antwortete, er waͤre ſo thoͤrig geweſen, Eis zu eſſen, das ihm zuweilen nicht gut bekaͤme. Mit einer freundlichen Dienſt⸗ fertigkeit, die ſich nicht abweiſen laſſen wollte, und ehe der Ritter gewahr werden konnte, wo⸗ hin er ging, zog Butler ihn in ſeines Freundes Haus unweit des Gefaͤngniſſes. Es war das Haus unſeres alten Freundes Bartolinus Sat⸗ telbaum, wo Butler wohnte, ſeit er in der Stadt war, und wo Euphemia eine Zeitlang als Laden⸗ maͤdchen gedient hatte. Dieſe Erinnerung draͤngte ſich dem Ritter ploͤtlich auf, und das Erroͤthen der Beſchaͤmung, das ſie hervorrief, uͤberwand die Regung der Furcht, welche vorher ſein Er⸗ blaſſen verurſacht hatte. Frau Sattelbaum be⸗ eilte ſich, den reichen engliſchen Ritter als But⸗ 169 ler's Freund zu empfangen, und bat eine aͤllliche ſchwarz gekleidete Frau, ſitzen zu bleiben, mit einem Tone, der den Wunſch anzudeuten ſchien, daß die Bekannte dem vornehmen Herrn weichen moͤchte. Als ſie mittlerweile hoͤrte, wie die Sa⸗ chen ſtanden, eilte ſie hinaus, um ein herzſtaͤr⸗ kendes Waſſer zu hohlen, das gegen Ohnmach⸗ ten aller Art bewaͤhrt ſein ſollte. Waͤhrend ihrer Abweſenheit naͤherte ſich die ſchwarz gekleidete Frau der Thuͤre, und wuͤrde hinausgegangen ſein, wenn ſie nicht auf der Schwelle geſtrauchelt waͤre, und zwar ſo nahe bei dem Ritter, daß es die Hoͤflichkeit verlangte, ſie zu unterſtuͤtzen und an die Thuͤre zu begleiten. Frau Porteous iſt jetzt recht faſelig desarder, die arme Frau, ſprach Frau Sattelbaum, als ſie mit der Flaſche in der Hand zuruͤckkehrte. So ſehr alt iſt ſie eben noch nicht, aber die Ermor⸗ dung ihres Mannes hat ſie ſehr mitgenommen. Ihr kamet auch in Ungelegenheit bei der Ge⸗ ſchichte, Herr Butler.— Aber, gnaͤdiger Herr, wendete ſie ſich nun zu dem Ritter, ich daͤchte, Ihr traͤnket das ganze Glas, es kommt mir vor, Ihr ſahet jetzt ſchlimmer aus, als Ihr hereinkamet. 170 Er war in der That leichenblaß, bei dem Gedanken, daß ſein Arm die Frau aufgerich⸗ tet hatte, an deren Witwentrauer er ſo ſehr Schuld war. Das iſt nun eine verjaͤhrte Sache, die Por⸗ teousgeſchichte, ſprach der alte Sattelbaum, den die Gicht an den Lehnſtuhl feſſelte: ſie iſt voͤllig verjaͤhrt und veraltet. Nun, Nachbar, das iſt mir nicht ganz klar, fiel Plumdamas ein. Ich habe mir ſagen laſſen, es muͤßten erſt zwanzig Jahre abgelaufen ſein. Jetzt ſchreiben wir ſiebzehn hundert ein und funf⸗ zig, und der Porteous⸗Aufſtand war Anno ſie⸗ ben und dreißig. Ich denke doch, Nachbar, ich ſoll nicht von Euch lernen, was die Rechte ſagen, denn ich habe vier anhaͤngige Prozeſſe, und koͤnnte vier⸗ zehn haben, wenn meine Frau nicht waͤre. Ich ſage Euch, wenn der Raͤdelsfuͤhrer in dem Por⸗ teous⸗Aufſtande da ſtaͤnde, wo dieſer Herr ſteht, der Kronfiskal wuͤrde ihm nichts anha⸗ ben wollen. Es gehoͤrt zur negativen Verjaͤh⸗ rung, muͤßt Ihr wiſſen. So plappert doch nicht, ſchalt Frau Sat⸗ 171 telbaum. Der gnaͤdige Herr muß Platz neh⸗ men und eine Taſſe Thee trinken. Staunton aber hatte mehr als genug von ihrer Unterredung, und auf ſeine Bitte ent⸗ ſchuldigte Butler ihn bei Frau Sattelbaum und begleitete ihn in ſeine Wohnung. Sie fanden hier einen andern Fremden, der des Ritters Ruͤckkehr erwartete, und es war Niemand als unſer alter Bekannter, Ratcliffe. Er hatte das Schließeramt mit ſo viel Wachſamkeit, Strenge und Treue verwaltet, daß er nach und nach Oberaufſeher des Ge⸗ faͤngniſſes geworden war. Die Ueberlieferung erzaͤhlt, daß junge Leute, die bei ihren froͤhli⸗ chen Zuſammenkuͤnften eher eine ergetzliche als erleſene Geſellſchaft ſuchten, Ratcliffe zuweilen zu ſich riefen, um ſich durch die ſonderbaren Geſchichten ſeiner Raͤubereien und Entrinnun⸗ gen unterhalten zu laſſen.*) Aber bis zu ſei⸗ *) Es ſcheint hier ein Verſtoß gegen die Zeitord⸗ nung in der Geſchichte des Kerkeraufſehers zu zu ſein. Ratcliffe entging, wie fruͤher mehrmahl, bei dem Porteous⸗Aufſtande, wo er zum Tode verurtheilt war, den Haͤnden der Gerechtigkeit. Er befand ſich in derſelben Lage, als die Hoch⸗ laͤnder im Jahre 1745 die Kerker oͤffneten. Er 472 nem Tode kehrte er nicht wieder zu ſeinem alten Gewerbe zuruͤck, außer in ſeinen Erzaͤhlungen bei der Flaſche. Ein Rechtsgelehrter in Edinburgh hatte ihn dem Ritter als einen Mann empfohlen, der woahrſcheinlich alle Fragen uͤber Annaple Bailzou beantworten koͤnnte, die nach dem Vorwande, womit Staunton ſeine Erkundigungen beſchoͤ⸗ nigte, ein Kind im weſtlichen England geſtoh⸗ len haben ſollte, das einer, dem Ritter befreun⸗ deten Familie gehoͤrte. Der Rechtsgelehrte hatte ihn nicht bei ſeinem Nahmen genannt, und als Staunton vernahm, daß der Aufſeher des Stadtgefaͤngniſſes ihn zu ſprechen wuͤnſchte, fiel es ihm nicht ein, an ſeinen alten Bekannten, Ratcliffe, zu denken. Es ward ihm daher eine neue, hoͤchſt unangenehme Ueberraſchung bereitet, da er ſich der auffallenden Zuͤge dieſes Mannes ohne Muͤhe erinnerte. Selbſt Ratcliffe's ſchar⸗ fem Auge aber entging es, daß Georg Robert⸗ war jedoch ein zu aufrichtiger Whig, als daß er ſeine Freiheit von der Hand der Jakobiten haͤtte annehmen moͤgen, und wurde zur Beloh⸗ nung zum Gefaͤngnißaufſeher gemacht. So er⸗ zaͤhlt wenigſtens die Ueberlieferung. D. Verf. ſon ſich in Georg Staunton umgewandelt hatte, und er beugte ſich tief vor dem Ritter und dem Prediger, die Hoffnung aͤußernd, Entſchuldi⸗ gung zu finden, wenn er Herrn Butler als einen Bekannten begruͤßte. Und Ihr habt meiner Frau einmahl einen großen Dienſt geleiſtet, erwiderte Butler, wo⸗ fuͤr ſie Euch ein Zeichen ihrer Dankbarkeit ge⸗ ſchickt hat, das hoffentlich richtig angekommen und angenehm geweſen iſt. Ei das ſollt' ich meinen, ſprach Ratcliffe, mit pfiffigem Nicken. Aber euer Ausſehen hat ſich ſehr gebeſſert, Herr Butler, ſeit ich Euch zuletzt ſah. So ſehr, daß es mich wundert, wie Ihr mich habt wieder erkennen koͤnnen. O da gibt's, meiner Seele! kein Geſicht, das ich je vergaͤße, wenn ich's nur einmahl geſehen habe, ſprach Rateliffe, waͤhrend Staun⸗ ton, wie auf Kohlen ſtehend, und unvermoͤ⸗ gend zu entkommen, innerlich das treue Ge⸗ daͤchtniß des Kerkermeiſters verwuͤnſchte. Und dennoch, fuhr Ratcliffe fort, wird zuweilen auch der Pfiffigſte gefangen. Wenn ich ſo dreiſt reden darf, eben in dieſem Zimmer ſehe ich ein 174 Geſicht, worin ich einen Zug von einem alten Bekannten finden koͤnnte, wuͤßte ich nicht, daß es einem hochgeehrten Herrn gehoͤrt. Ich wuͤrde mich nicht ſehr geehrt finden, ſprach Staunton mit finſterm Ernſte, und auf⸗ geregt durch die Gefahr, worin er ſich ſah: wenn Ihr dieſe Schmeichelei mir zugedacht haͤttet. 4 Auf keine Weiſe, gnaͤdiger Herr, ſprach Ratcliffe, mit einer ſehr tiefen Verbeugung. Ich komme, Euer Gnaden Befehle zu empfan⸗ gen, und nicht, Euer Gnaden mit meinen ge⸗ ringen Bemerkungen beſchwerlich zu fallen. Gut, erwiderte der Ritter. Ich hoͤre, Ihr verſteht Euch auf Polizeiſachen. Ich auch, und und um Euch davon zu uͤberzeugen, habt Ihr hier zehn Guineen als Angeld, woraus ich funfzig mache, wenn Ihr mir ſichre Nachricht von einer Perſon verſchafft, ſie mag noch am Leben oder todt ſein, die in dieſer Schrift be⸗ ſchrieben iſt. Ich verlaſſe die Stadt ſogleich. Schickt mir eure Antwort ſchriftlich durch mei⸗ nen Geſchaͤftfuͤhrer, Herrn N., oder durch den koͤniglichen Herrn Ober⸗Kommiſſar. Ratcliffe verbeugte ſich, und ging.„Ich 175 habe den ſtolzen Herrn, ſprach er zu ſich ſelber, in Harniſch gebracht, als ich eine Aehnlichkeit fand. Aber wenn ſeine Mutter eine Meile weit von Georg Robertſon's Vater gewohnt haͤtte, ſo wuͤßte ich, was ich denken ſollte, ſo hoch er die Naſe traͤgt.“ Als er mit Butler allein war, ließ der Ritter durch ſeinen Diener Thee und Kaffee bringen, und nach kurzem Nachſinnen fragte er ſeinen Gaſt, ob er neuerlich Nachricht von ſei⸗ nen Angehoͤrigen erhalten haͤtte. Butler, ein wenig befremdet uͤber die Frage, erwiderte, er haͤtte ſeit einiger Zeit keine Briefe empfangen, da ſeine Frau eine ſchlechte Schreiberinn waͤre. Nun, ſo hoͤren Sie denn zuerſt von mir, daß man einen Einfall in ihre ſtille Wohnung gemacht hat, ſeit Sie ihr Haus verlaſſen ha⸗ ben. Der Herzog von Argyle iſt ſo guͤtig ge⸗ weſen, meiner Frau, waͤhrend der Paar Wo⸗ chen, die ſie in jener Gegend zubringt, das Landhaus in Roſeneath zu uͤberlaſſen, aber ſie iſt hinuͤbergefahren und hat ſich in der Pfarre einquartirt, wie ſie ſagt, um den Ziegen naͤher zu ſein, die ihr Molken geben, aber vermuth⸗ lich, weil ſie lieber in der Geſellſchaft ihrer Ge⸗ 176 mahlinn, als bei dem achtbaren Herrn iſt, der dort den Seneſchall des Herzogs macht. Butler antwortete, er haͤtte den verſtorbe⸗ nen Herzog, wie ſeinen Nachfolger, oft mit hoher Achtung von des Ritters Gemahlinn ſpre⸗ chen hoͤren, und er waͤre ſehr erfreut, wenn ſein Haus einer Freundinn jener geehrten Her⸗ ren irgend eine Annehmlichkeit darbieten koͤnnte, wiewohl es nur eine ſehr geringe Vergeltung fuͤr ſo viele empfangene Gunſtbeweiſe ſein wuͤrde. Meine Frau und ich ſind Ihnen darum nicht weniger fuͤr ihre Gaſtfreundſchaft verbun⸗ den, Herr Butler, ſprach der Ritter. Darf ich fragen, ob Sie bald heimkehren werden? In zwei Tagen, erwiderte Butler, wuͤrden ſeine Amtsgeſchaͤfte beendigt ſein, und da die uͤbrigen Angelegenheiten, die er in Edinburgh zu beſorgen gehabt haͤtte, voͤllg abgemacht waͤ⸗ ren, ſo wuͤnſchte er ſo bald als moͤglich in ſeine Heimath zuruͤckzukehren. Er haͤtte jedoch, ſetzte er hinzu, eine betraͤchtliche Summe in Wech⸗ ſeln und Baarſchaft bei ſich, und moͤchte daher gern mit einigen ſeiner Amtsbruͤder reiſen. Mein Geleit wird ſichrer ſein, ſprach der Ritter, und ich denke morgen oder uͤbermorgen 177 abzureiſen. Wollten Sie mir das Vergnuͤgen ihrer Geſellſchaft geben, ſo uͤbernehme ich es, Sie und ihre Ladung ſicher in's Pfarrhaus zu ſchaffen, unter der Bedingung, daß Sie mich mitnehmen.. Butler nahm den Vorſchlag dankbar an, und Beide trafen beſtimmte Abrede. Der Rit⸗ ter ſchickte einen Diener voraus, der den Be⸗ wohnerinnen des Pfarrhauſes zu Knocktarlitie die Nachricht von der beſchloſſenen Abreiſe brach⸗ te, und bald lief in der Umgegend die Neuig⸗ keit umher, daß der Prediger mit einem vor⸗ nehmen engliſchen Herrn zuruͤckkaͤme und das ganze Geld zur Bezahlung des Gutes Craigſture mitbraͤchte. 3 Staunton's ploͤtzlicher Entſchluß, nach Knock⸗ tarlitie zu gehen, war die Folge der Vorfuͤlle dieſes Abends. Der Ritter ſah ein, daß es was fuͤr ein angeſehener Mann er nun auch immer ſein mochte, doch zu dreiſt geweſen war, ſich in die Naͤhe des Schauplatzes ſeiner fruͤhern tollkuͤhnen Miſſethaten zu wagen, und er kann⸗ te aus alter Erfahrung den ſcharfen Blick eines Mannes wie Ratcliffe zu gut, als daß er ihm noch einmahl haͤtte begegnen moͤgen. Er blieb VI. Thell. 12 178 an den beiden naͤchſten Tagen, unter dem Vor⸗ wande einer Unpaͤßlichkeit, zu Hauſe, und nahm ſchriftlich Abſchied von ſeinem Freunde, dem Ober⸗Kommiſſar, dem er ſagte, daß die Ge⸗ legenheit, in Butlers Geſellſchaft zu reiſen, ihn bewogen haͤtte, Edinburgh fruͤher zu verlaſſen, als es ſeine Abſicht geweſen waͤre. Er hatte mit ſeinem Geſchaͤftfuͤhrer eine lange Unterre⸗ dung uͤber Annaple Bailzou, und der Rechts⸗ gelehrte, der auch die Angelegenheiten des Hau⸗ ſes Argyle beſorgte, erhielt den Auftrag, alle Nachrichten einzuſammeln, die Natcliffe oder Andre uͤber das Schickſal jenes Weibes und des ungluͤcklichen Kindes erlangen koͤnnten, und ſobald etwas bekannt wuͤrde, das von einiger Wichtigkeit zu ſein ſchiene, einen Eilboten nach Knocktarlitie zu ſchicken. Dieſe Vorſchriften er⸗ hielten noch mehr Nachdruck durch eine zuruͤck⸗ gelaſſene Geldſumme, und durch die Bitte, keine Koſten zu ſparen. Staunton durfte unter die⸗ ſen Umſtaͤnden kaum beſorgen, daß Diejenigen, welchen er ſeine Auftraͤge gegeben hatte, ſich nachlaͤſſig zeigen wuͤrden. Die Reiſe der beiden Schwaͤger war ſelbſt fuͤr Staunton angenehmer, als er es zu erwar⸗ 179 ten gewagt hatte. Es ward ihm, bei aller Mißſtimmung, leichter um's Herz, ſobald er Edinburgh aus dem Geſichte verloren hatte, und Butlers angenehme und verſtaͤndige Unterhal⸗ tung war ganz geeignet, ihn von peinlichen Betrachtungen abzulenken. Er fing ſogar an, zu erwaͤgen, ob es ſehr ſchwierig ſein koͤnnte, die Verwandten ſeiner Frau in das Pfarrhaus zu Willingham zu verſetzen. Von ſeiner Seite waͤre dazu nichts noͤthig geweſen, als dem ge⸗ genwaͤrtigen Inhaber der Pfruͤnde eine beſſere Stelle zu verſchaffen, und Butler haͤtte zur engliſchen Kirche uͤbergehen muͤſſen, wogegen er, wie der Ritter glaubte, keine Einwendung ma⸗ chen koͤnnte. Auf dieſe Weiſe haͤtten die Ver⸗ wandten ſeiner Frau unter dem Schutze ſeiner Fluͤgel gelebt. Der Gedanke, daß Frau But⸗ ler ſeine ganze unſelige Geſchichte kannte, war freilich peinlich; aber ſo wenig er zeither Urſache gehabt hatte, ihr eine Verletzung der Verſchwie⸗ genheit vorzuwerfen, ſo wuͤrde doch unter jenen Umſtaͤnden ihr Schweigen noch ſicherer verbuͤat geweſen ſein. Auch ſeine Frau wuͤrde er dann in beſſerer Laune und unterwuͤrfiger gefunden haben, da es ihm zuweilen verdruͤßlich war, 12* 180 wenn ſie darauf beſtand, in der Stadt zu blei⸗ ben, waͤhrend er aufs Land zu gehen wuͤnſchte, wobei ſie den gaͤnzlichen Mangel an Geſellſchaft in Willingham als Vorwand anfuͤhrte.„Meine Liebe, deine Schweſter iſt ja da“ dieſe Ant⸗ wort, meinte er, wuͤrde jenen immer bereiten Grund hinlaͤnglich abgewieſen haben. Er forſchte Butler daruͤber aus, und fragte ihn, was er von einer engliſchen Pfarre hielte, die zwoͤlf hundert Pfund eintruͤge, und ihm etwa die Verbindlichkeit auflegte, zuweilen einem Nachbar Geſellſchaft zu leiſten, der nicht die beßte Geſundheit haͤtte und nicht ſelten ver⸗ ſtimmt waͤre. Der Pfarrer wuͤrde, ſetzte er hinzu, zu Zeiten auch einen ſehr gelehrten und gebildeten katholiſchen Geiſtlichen treffen, aber dieß wuͤrde bei einem Manne von ſo freiſinni⸗ gen Anſichten wohl kein unuͤberwindliches Hin⸗ derniß ſein.„Welche Antwort wuͤrden Sie geben, fuhr er fort, wenn Ihnen ein ſalcher Antrag gemacht wuͤrde?“ Keine, als daß ich ihn nicht annehmen koͤnnte, ſprach Butler. Ich mag nicht in die verſchiedenen, zwiſchen beiden Kirchen ſtreitigen Punkte eingehen; aber ich bin in meiner Kirche 181 erzogen, ich bin von ihr zum Glaubenzlehrer angenommen worden, bin von der Wahrheit ihrer Lehren uͤberzeugt, und will unter der Fahne ſterben, wozu ich geſchworen habe. Und, wenn die Frage nicht unbeſcheiden iſt, wie hoch belaufen ſich die Einkuͤnfte ihrer Stelle? Auf etwa hundert Pfund jaͤhrlich, ohne den Ertrag der Pfarrlaͤndereien und des Weidelandes. Und Sie bedenken ſich, dieß gegen eine Ein⸗ nahme von zwoͤlfhundert Pfund zu vertauſchen, ohne daß Sie doch eine verwerfliche Unterſchei⸗ dunglehre zwiſchen der engliſchen und ſchottiſchen Kirche anfuͤhren koͤnnen? Daruͤber habe ich mein Urtheil zuruͤckbehal⸗ ten. Es kann in beiden viel Gutes ſein, und beide geben gewiß Mittel zur Seligkeit, aber Jedermann muß nach ſeiner eigenen Einſicht handeln. Ich hoffe, meines Herrn Arbeit in dieſer hochlaͤndiſchen Pfarre gethan zu haben, und fortwaͤhrend zu thun, und es wuͤrde mir ſchlecht anſtehen, wenn ich um des Gewinnes willen meine Heerde in der Wildniß ließe. Aber wenn ich die Sache auch nur aus dem zeitlichen Geſichtöpunkte betrachte, wie Sie, ſo haben dieſe hundert Pfund Einkünfte uns genaͤhrt und ge⸗ 182 kleidet, und uns keinen Wunſch uͤbrig gelaſſen; meines Schwiegervaters Erbſchaft und andre Um⸗ ſtaͤnde haben mir zum Beſitze eines kleinen Land⸗ gutes verholfen, das etwa zweimahl ſo viel ein⸗ traͤgt, und ich weiß nicht, wozu wir die Einnah⸗ me verwenden wollen. Moͤgen Sie nun ſelber entſcheiden, ob ich weiſe handelte, wenn ich in meiner Lage, wo ich weder den Wunſch, noch die Gelegenheit habe, dreihundert Pfund jaͤhrlich zu verzehren, das Vierfache dieſer Summe be⸗ gehrte. 3 Das iſt Philoſophie, ſprach der Ritter. Ich habe wohl davon gehoͤrt, ſie aber zeither noch nicht gefunden. Es iſt nur geſunder Verſtand, der mit Phi⸗ loſophie und Religion haͤufiger zuſammentrifft, als Pedanten oder Eiferer zugeben wollen. Auf dieſe Antwort des Predigers, brach der Ritter die Unterredung ab, und kam nicht wie⸗ der darauf zuruͤck. Sie reiſten in des Ritters Wagen, aber die Bewegung ſchien ihn dennoch ſo ſehr anzugreifen, daß ſie einen Tag lang in dem Staͤdtchen Mid Calder bleiben mußten, wo ſie ihr erſtes Nachtlager hielten. Glasgow er⸗ hielt gleichfalls einen Tag, ſo langſam waren ihre Bewegungen. Sie nahmen ihren Weg nach Dumbarton, wo ſie den Wagen zuruͤcklaſſen, und ein Boot nehmen wollten, um nach der, dem Pfarrhauſe nahe liegenden Kuͤſte hinuͤberzufahren, da der Gare⸗See zwiſchen ihnen und der Pfarrei lag, und uͤberdieß in jener Gegend mit einem Wa⸗ gen gar nicht fortzukommen war. Des Rit⸗ ters vertrauter Kammerdiener und ein andrer Diener begleiteten ſie, die Reitknechte aber blie⸗ ben bei dem Wagen. Als dieſe Anordnungen ehen getroffen waren, gegen vier Uhr Nach⸗ mittags, brachte ein, von dem Geſchaͤftfuͤhrer in Edinburgh abgeſchickter Eilbote einen Brief, den der Ritter oͤffnete und mit großer Auf⸗ merkſamkeit las, und deſſen Inhalt fuͤr ihn ſehr wichtig und ergreifend zu ſein ſchien. Das Schreiben war kurz nach ihrer Abreiſe von Edin⸗ burgh abgegangen, aber der Bote, der bei Nacht durch Mid⸗Calder kam, hatte die Rei⸗ ſenden verfehlt, und ſeinen Auftrag uͤbereilt, indem er vor ihnen in Roſeneath eintraf. Er war nun, nachdem er vier und zwanzig Stun⸗ den gewartet hatte, auf dem Nuͤckwege. Der 184 Ritter ließ ſogleich eine Antwort abgehen, und den Boten freigebig belohnend, ermahnte er ihn, ſich nicht eher Schlaf zu goͤnnen, bis das Schreiben in des Geſchaͤftfuͤhrers Haͤnden waͤre. Endlich ſchifften ſich die beiden Reiſenden in das Boot ein, das ſchon einige Zeit auf ſie gewartet hatte. Waͤhrend der Fahrt, die ſehr langſam war, weil faſt immer, und oft gegen die Flut, gerudert werden mußte, erkun⸗ digte ſich Staunton hauptſaͤchlich nach den hoch⸗ laͤndiſchen Raͤubern, die ſeit dem Jahre 1745 das Land beunruhigt hatten. Butler ſagte ihm, viele dieſer Leute waͤren nicht geborne Hochlaͤn⸗ der, ſondern Zigeuner, Keſſelflicker und andre verwegene Abenteurer, welche die, durch den Bürgerkrieg verurſachte Verwirrung, die allge⸗ meine Unzufriedenheit der Gebirgbewohner und den Mangel an polizeilicher Aufſicht benutzt haͤtten, um ihre Raͤubereien deſto verwegener zu treiben. Der Ritter erkundigte ſich nach ihrer Lebensweiſe und ihren Gewohnheiten, und fragte, ob ſie nicht zuweilen ihre Gewaltthaͤtig⸗ keiten durch großmuͤthige Handlungen verguͤte⸗ ten, und ob ſie nicht neben den Laſtern auch die Tugenden der Wilden beſaͤßen. 185 Butler antwortete, daß fie allerdings zuwei⸗ len Funken einer Großmuth blicken ließen, wo⸗ von ſelbſt die aͤrgſten Uebelthaͤter ſelten ganz ent⸗ bloͤßt ſind; aber ihr boͤſer Hang, ſetzte er hinzu, waͤre die doch eigentliche Quelle ihrer Handlun⸗ gen, waͤhrend die zufaͤlige Aufwallung eines tu⸗ gendhaften Gefuͤhles nur ein voruͤbergehender An⸗ trieb waͤre, worauf ſich nicht bauen ließe, und vermuthlich die Folge einer ſonderbaren und un⸗ gewoͤhnlichen Verkettung von Umſtaͤnden. Bei Gelegenheit dieſer Erkundigungen, die der Ritter mit einem, fuͤr Butler ziemlich befremdenden Eifer einzog, nannte der Prediger zufaͤllig den Nahmen Donacha Dhu na Dunaigh, womit der Leſer ſchon bekannt iſt. Staunton faßte ihn begierig auf, als ob der Laut fuͤr ſein Ohr beſonders an⸗ ziehend geweſen waͤre. Er erkundigte ſich ſehr genau nach dem genannten Manne, nach der Staͤrke ſeiner Bande, und ſelbſt nach dem Aus⸗ ſehen derjenigen, die dazu gehoͤrten. Butler konnte daruͤber wenig Auskunft geben. Der Naͤuber hatte einen Nahmen unter den geringern Volksklaſſen, aber ſeine Thaten wurden mit vie⸗ len Uebertreibungen erzaͤhlt, er hatte gewoͤhnlich ein Paar Burſchen bei ſich, nie aber uͤber drei 186 bis vier unter ſeinen Befehlen. Kurz der Pre⸗ diger wußte wenig von ihm, und dieſes Wenige hatte ihn keineswegs begierig gewacht, mehr zu erfahren. Ich moͤchte ihn dennoch gern in dieſen Tagen ſehen, hob der Ritter wieder an. Das moͤchte wohl ein gefaͤhrlicher Beſuch ſein, wofern Sie nicht etwa meinen, daß wir Zeugen ſein ſollten, wenn er ſeinen verdienten Lohn durch die Gerechtigkeit empfaͤngt, und dann waͤre es ein trauriger Beſuch. Wenn jeder Menſch behandelt werden ſollte, wie er's verdient, Herr Butler, wer wuͤrde dann der Zuͤchtigung entgehen? Aber ich ſpreche in Raͤthſeln mit Ihnen. Ich will ſie Ihnen um⸗ ſtaͤndlich erklaͤren, ſobald ich mit meiner Frau uͤber die Sache geſprochen habe.— Friſch geru⸗ dert, Kinder, fuhr er fort, zu den Schiffern ſich wendend: die Wolken drohen uns mit einem Ungewitter. Die ſtille, druͤckende Schwuͤle der Luft, die ungeheuren Wolkenſchichten, die ſich am Abend⸗ himmel ſammelten, und in der Beleuchtung der untergehenden Sonne wie ein Ofen gluͤhten, jenes furchtbare Schweigen, womit die Natur 187 das Gewitter zu erwarten ſcheint, wie der ver⸗ urtheilte Krieger das Gewehrfeuer, das ihn zu Boden ſtrecken ſoll— alles verkuͤndigte einen nahen Sturm. Groſße ſchwere Regentropfen fie⸗ len von Zeit zu Zeit herab, und bewogen die Reiſenden, nach ihren Maͤnteln zu greifen, aber man legte ſie bald wieder bei Seite, da der Re⸗ gen aufhoͤrte und eine druͤckende Hitze eintrat, die in Schottland zu Ende des Mais ſo unge⸗ woͤhnlich iſt.„Es iſt etwas Feierliches in dieſem Zoͤgern des Sturmes, ſprach Staunton. Der Donnerſchlag ſcheint zu warten, bis er irgend ein wichtiges Ereigniß in der untern Welt noch feier⸗ licher machen kann.“ Ach! antwortete Butler, was ſind denn wir, daß die Geſetze der Natur in ihrem Laufe mit unſern vergaͤnglichen Thaten oder Leiden einſtim⸗ men ſollten? Die Wolken werden ſich oͤffnen, ſobald ſie mit Electricität uͤberladen ſind, es mag in dem Augenblicke eine Ziege von den Klippen des Arran ſtuͤrzen, oder ein Held auf dem Schlachtfelde ſterben, wo er geſiegt hat. Unſre Seele denkt ſich's doch gern anders, ſprach Staunton, und will das Menſchenſchickſal fuͤr die erſte bewegende Kraft im Mittelpunkte 188 der maͤchtigen Maſchine halten. Es iſt uns ein unangenehmer Gedanke, daß wir uns in den Zeiten verlieren ſollen, die uns vorangegangen ſind, wie dieſe großen ſchwarzen Regentropfen ſich mit der Waſſerwuͤſte vermiſchen, kleine und fluͤchtige Wirbel bilden und dann fuͤr immer ver⸗ gehen. Fuͤr immer! Wir aber nicht, nein, wir koͤnnen nicht fuͤr immer verloren ſein, ſprach Butler, aufwaͤrts blickend. Der Tod iſt fuͤr uns nur eine Umwandlung, nicht ein Untergang; nur der Anfang eines neuen Daſeins, das in ſeinem Weſen mit den Thaten uͤbereinſtimmt, die wir im zeitlichen Leben gethan haben. Waͤhrend ſie, durch die feierliche Ankuͤndigung des Sturmes angeregt, uͤber dieſe ernſten Gegen⸗ ſtaͤnde ſprachen, erwachte die Beſorgniß, daß ihre Fahrt langwieriger werden koͤnnte, als ſie erwar⸗ tet hatten. Windſtoͤße, die mit ploͤtzlichem Un⸗ geſtuͤm ſich erhoben und nachließen, fuhren uͤber die Waſſerflaͤche des Haff's, und hemmten die Anſtrengungen der Ruderer. Man mußte nur noch um ein vorſpringendes Uferland ſchiffen, um den bequemſten Landeplatz in der Muͤndung eines kleinen Fluſſes zu erreichen; aber bei dem unguͤn⸗ 189 ſtigen Wetter und mit einem ſchweren Boote, ſchien dieß lange dauern zu koͤnnen, und mittler⸗ weile mußten die Reiſenden dem Sturme ausge⸗ ſetzt ſein. Koͤnnten wir nicht auf dieſer Seite der Land⸗ ſpitze landen und hier unter ein Obdach kommen? fragte Staunton. Butler kannte keinen Landeplatz, wenigſtens keinen, wo ſich ein bequemer, oder auch nur gangbarer Weg zu den Felſen, welche die Kuͤſte umgaben, hinaufgezogen haͤtte. Aber bedenken Sie doch, der Sturm wird bald heftig werden, hob der Ritter wieder an. Ei doch, ſprach der Schiffer, da iſt ja die Keſſelflicker⸗Bucht. Aber davon duͤrfen wir dem Herrn Prediger nichts ſagen, und ich weiß auch nicht, ob ich mit dem Boote dahin komme; es ſind in der Bucht ſo viele Untiefen und Klippen unter dem Waſſer. Verſucht's, ſprach Staunton, und ich gebe Euch eine halbe Guinee. Der alte Mann faßte das Steuer, und ſagte, wenn ſie in die Bucht kommen koͤnnten, ſo wuͤr⸗ de ein ſteiler Pfad vom Strande ſie aufwuͤrts 190 fuͤhren, und es waͤre von dort nur eine halbe Stunde bis zum Predigerhauſe. Kennt Ihr den Weg genau? fragte Butler den alten Mann. Ich kannte ihn vielleicht noch beſſer vor funf⸗ zehn Jahren, als Andres Wilſon mit ſeinem Schiffe im Haff war. Ich beſinne mich, An⸗ dres hatte einen tollen jungen Englaͤnder bei ſich, der hieß— Wenn Ihr ſo viel ſchwatt, fiel Staunton ein, ſo wird das Boot auf den Muͤhlſtein zu ſiten kommen. Steuert auf den weißen Fel⸗ ſen los. Gott ſteh' mir bei, ſprach der alte Schiffer verwundert, ich glaube, der gnaͤdige Herr kennt die Bucht ſo gut, als ich. Ihr habt wohl ſchon fruͤher auf dem Muͤhlſtein geſeſſen, gnaͤdiger Herr, ſollt' ich meinen. Unter dieſem Geſpraͤche naͤherten ſie ſich der kleinen Bucht, welche, hinter Felſen verborgen und uͤberall von Untiefen und Klippen unter dem Waſſer umgeben, nur von Schiffern, welche die Fahrt genau kannten, gefunden, oder erreicht werden konnte. Ein altes zerbrochenes Boot war ſchon innerhalb der Bucht auf den Strand 191 gezogen, wo es unter Baͤumen abſichtlich verbor⸗ gen war. Als Butler das Schiff bemerkte, ſprach er zu ſeinem Geſellſchafter:„Sie koͤnnen nicht glauben, wie ſchwer es mir geworden iſt, meinen armen Kirchkindern die Strafbarkeit und Gefahr des Schleichhandels begreiflich zu machen, und doch haben ſie alle ſeine gefaͤhrlichen Folgen im⸗ mer vor Augen. Ich kenne nichts, was ihre ſittlichen und religioͤſen Grundſaͤtze mehr verder⸗ ben und untergraben koͤnnte.“ Staunton zwang ſich, mit leiſer Stimme etwas von dem, der Jugend natuͤrlichen Hange zu Abenteuern zu ſagen, und ſetzte hinzu, daß doch ohne Zweifel Viele mit den Jahren kluͤger werden moͤchten. Sehr ſelten, antwortete Butler. Wenn ſie ſich tief eingelaſſen, und beſonders wenn ſie an Gewaltthaͤtigkeiten und Blutſchuld Theil genom⸗ men haben, wozu ihr Gewerbe nothwendig fuͤhrt, ſo habe ich gewoͤhnlich bemerkt, daß es fruͤher oder ſpaͤter ein boͤſes Ende mit ihnen nahm. Die Erfahrung und die Schrift lehren uns, daß dem Miſſethaͤter das Unheil auf der Ferſe folgt, und daß die Tage des Blutduͤrſtigen kurz ſind.— 192 Aber nehmen Sie meinen Arm, daß ich Ihnen ausſteigen helfe. Staunton brauchte Beiſtand. Er bedachte in ſeinem umgewandelten Gemuͤthe, mit welchen ganz andern Gefuͤhlen, in welchem ganz andern koͤrperlichen Zuſtande er fruͤher eben dieſe Gegend beſucht hatte. Als ſie landeten, hoͤrte man in der Ferne den Donner dumpf bruͤllen. Das iſt eine Vorbedeutung, Herr Butler, ſprach Staunton. Intonuit laevum— alſo eine gute Vor⸗ bedeutung,*) antwortete Butler laͤchelnd. Die Schiffer wurden angewieſen, ſo ſchnell als moͤglich um die Landſpitze zu dem gewoͤhnli⸗ chen Landeplatze zu fahren. Die beiden Reiſen⸗ den aber, von ihrem Diener begleitet, ſchlugen einen verwachſenen Pfad ein, der ſich durch dickes Geſtruͤpp zum Pfarrhauſe wand, wo man ihre Ankunft unruhig erwartete. Die beiden Schweſtern hatten ihren Maͤn⸗ nern am vorigen Tage, der in Stauntons Briefe als die Zeit der Ankunft angegeben war, verge⸗ *) Donner, wie uͤberhaupt ein Anzeichen, zur lin⸗ ken Hand wurde bei den Roͤmern fuͤr gluͤckbe⸗ deutend gehalten. L. 1 193 bens entgegen geſehen. Der Aufenthalt der Rei⸗ ſenden in Calder hatte dieſe Vereitelung verurſacht, und die Bewohnerinnen des Pfarrhauſes zweifel⸗ ten beinahe, ob die Erwarteten auch an dieſem Tage eintreffen wuͤrden. Fuͤr Euphemia war die gehoffte Verzoͤgerung eine kurze Gnadenfriſt, denn ſie fuͤrchtete die Qual, welcher ſich ihres Mannes Stolz unterwerfen mußte, wenn er mit einer Schwaͤgerinn zuſammen traf, der ſeine ganze ungluͤckliche und entehrende Geſchichte ſo genau bekannt war. Sie wußte ja, daß trotz des Zwan⸗ ges, den er ſeinen Gefuͤhlen vor den Leuten auf⸗ legte, ſie ſelber verurtheilt war, zu ſehen, wie ſich dieſe Regungen in aller Heftigkeit Luft mach⸗ ten, wenn er allein war, wie ſie ſeine Geſund⸗ heit untergruben, ſein Gemuͤth verſtimmten und ihn zu einem Gegenſtande der Furcht, wie des Mitleids machten. Sie ermahnte ihre Schweſter immer noch einmahl, kein Zeichen von Wieder⸗ erkennung zu verrathen, ſondern ihn durchaus wie einen Fremden zu empfangen, und immer noch einmahl erneuerte Johanna das Verſprechen, dieſen Wuͤnſchen nachzukommen. Auch Johanna konnte nicht ohne Unruhe an die Peinlichkeit der bevorſtehenden Zuſammenkunft VI, Theil. 13 194 denken; aber ihr Gewiſſen war rein, und uͤber⸗ dieß wurde ſie von vielen wirthſchaftlichen Sorgen ungewöoͤhnlicher Art belaͤſtigt, welche in Verbin⸗ dung mit dem lebhaften Verlangen, Butler nach einer ungewoͤhnlich langen Abweſenheit wiederzu⸗ ſehen, den innigen Wunſch in ihr erweckten, die Reiſenden ſo bald als möglich ankommen zu ſe⸗ hen. Und warum ſollte ich die Wahrheit ver⸗ hehlen? Von Zeit zu Zeit fuhr ihr auch der Gedanke durch den Kopf, daß ihre Prunkmahl⸗ zeit nun ſchon zwei Tage lang aufgeſchoben war, und wie wenige Gerichte, nach allen Bemuͤhun⸗ gen, die ihre einfache Kochkunſt darauf gewendet hatte, anſtaͤndiger Weiſe am dritten Tage er⸗ ſcheinen konnten. Was ſollte ſie nun mit dem Uebrigen machen? In Hinſicht auf dieſen letz⸗ ten Umſtand aber konnte ſie ſich die Muͤhe wei⸗ terer Ueberlegung erſparen, als ploͤtzlich der Schlof⸗ hauptmann mit einem halben Dutzend ruͤſtiger Geſellen, die nach hochlaͤndiſcher Sitte gekleidet und bewaffnet waren, hereintrat. Guten Morgen. gnaͤdige Frau, und verhoffe das Vergnuͤgen zu haben, Hochdieſelben bei guter Geſundheit zu ſehen. Guten Morgen, gute Frau Butler! Ihr wollet ſo gut ſein, dieſen 193 Burſchen etwas zu eſſen, Bier und Branntwein zu geben. Wir ſind vor Tagesanbruche auf dem Waſſer und auf dem Moore geweſen und fuͤr nichts und wieder nichts— Gott ſtraf' mich! Mit dieſen Worten ſetzte er ſich nieder, ſchob ſeine Perruͤcke zuruͤck, und wiſchte ſich mit einer ungezwungenen wichtigen Miene die Stirne ab, ohne im Mindeſten auf den Blick hoͤflichen Er⸗ ſtaunens zu achten, womit die Edelfrau ihm be⸗ greiflich zu machen ſuchte, daß er ſich zu viel Freiheit naͤhme. Wenn man ſich recht geplackt hat, fuhr der Schloßhauptmann fort, mit einem ſchmeicheln⸗ den Ausdrucke gegen die Edelfrau: iſt es doch troͤſtlich, daß es fuͤr eine ſchoͤne Frau geſchehen iſt, oder fuͤr einen Herrn, der eine ſchoͤne Frau hat, was auf eins hinauskommt; denn wer dem Manne dient, der dient auch der Frau, das weiß Frau Butler recht gut. Wie es ſcheint, wollt Ihr mir dieſe Hoͤflich⸗ keit ſagen, ſprach Euphemia, aber ich weiß in der That nicht, wie mein Gemahl, oder ich an den Bemuͤhungen, die Ihr heute Morgen Euch gemacht habt, den mindeſten Antheil haben koͤnnte. 13* 196 O Gott ſtraf' mich, das iſt zu grauſam, meine Gnaͤdige! Hat mir doch Seiner Gna⸗ den achtbarer Bevollmaͤchtigter in Edinburgh den ausdruͤcklichen Auftrag nebſt Verhaftbefehl geſchickt, Kraft deſſen ich den Donacha Dhu na Dunaigh ſuchen und greifen und vor mich und den Herrn Ritter, Georg Staunton, ſtellen ſoll, auf daß derſelbe ſeinen verdienten Lohn em⸗ pfange, das heißt, den Galgen, den er zweifels⸗ ohne verdienet, maßen er Euer Gnaden erſchreckt hat, ſo wie wegen anderer geringern Urſachen. Mich erſchreckt? fragte die Edelfrau. Ich habe ja meinem Gemahle kein Wort von mei⸗ nem Schrecken am Waſſerfalle geſchrieben. So muß er es auf andre Art erfahren ha⸗ ben. Warum koͤnnte er ſonſt ſo großes Ver⸗ langen tragen, dieſen Schurken zu ſehen, daß ich den Kerl auf allen Mooren ſuchen muß, als ob ich fuͤr's Finden etwas kriegte, und alles, was ich davon haben kann, iſt eine Ki⸗ gel durch den Kopf⸗ Waͤre es denn wirklich wahr, daß Ihr um meines Gemahls willen dieſen Menſchen zu fangen verſucht habt? Bei Gott, aus keiner andern Urſache, ſo 197 viel ich weiß, als weil's dem gnaͤdigen Herrn gefaͤllt. Fuͤr mich haͤtte das Menſchenkind im⸗ mer ſeinen ruhigen anſtaͤndigen Weg gehen koͤn⸗ nen, ſo lange er des Herrn Herzogs Gebiet reſpektirt haͤtte. Aber Grund genug, ihn zu fangen und zu haͤngen obendrein, wenn's einem hochachtbaren Herrn beliebt, der ein Freund des Herrn Herzogs iſt. Ich kriegte den Boten dieſe Nacht, und ſogleich brachte ich ein halbes Dutzend wackre Jungen auf die Beine, und fruͤh vor Sonnenaufgang war ich auf und ließ meine Burſchen ihre Schurze und Jacken nehmen. Mich wundert, daß Ihr das gethan habt, Herr Schloßhauptmann, ſprach Frau Butler. Ihr kennt ja das Geſetz gegen die hochlaͤndiſche Tracht,*) *) Dieſes Geſetz war eine der erbitternden Maßre⸗ geln, welche die engliſche Regierung, im Ein⸗ klange mit der Haͤrte des ſiegreichen Herzogs von Cumberland, nach der Unterdruͤckung des Aufſtandes im Jahre 1746 nahm. Spaͤterhin war man ſo verſtaͤndig, nicht mehr gegen Plaid und Schurz den Arm der Gerechtigkeit zu be⸗ waffnen, und mit der verbreiteten Geſittung verlor ſich die alte Landestracht allmaͤhlig von ſelbſt. S. das Vorwort zur Ueberſ. des Ro⸗ mans Waverley. L. 198 Still doch! Mengt Euch darein nicht, Frau Butler! Das Geſetz iſt erſt dritthalb Jahre alt, und noch viel zu jung, als daß es ſchon bis zu uns kommen koͤnnte. Und wie ſollten denn auch die Burſchen die Berge erklettern koͤnnen, mit den verwuͤnſchten Hoſen auf dem Leibe. Es wird mir ſchlimm, wenn ich ſie ſehe.— Aber ſei dem wie ihm wolle, ich glaubte Donacha's Schliche gut zu kennen, und war an dem Orte, wo noch geſtern ſein Lager geweſen war. Ich ſah das Laub, worauf das Volk gelegen hatte, und die Aſche auf der Feuer⸗ ſtelle, wo gar noch brennende Kohlen waren. Ich denke, ſie muͤſſen von der Inſel her Wind gekriegt haben, was im Werke war. Ich ſuchte in allen Thaͤlern und Schluchten, als ob ich einem Rehe nachgeſchlichen waͤre, und Gott ſtraf' mich, nicht ſeinen Rockzipfel habe ich geſehen. Er wird wohl das Haff hinunter nach Cow⸗ al gegangen ſein, ſprach David, und Ruben, der fruͤh am Tage Nuͤſſe geſucht hatte, ſetzte hinzu, er haͤtte ein Boot nach der Keſſelflicker⸗ Bucht rudern ſehen, eine Gegend, welche die Knaben gut kannten, obgleich ihr minder wag⸗ licher Vater nie davon gehoͤrt hatte. 199 Bei Gott, ſprach der Schloßhauptmann, dann bleibe ich nicht laͤnger hier, bis ich dieſen Becher Branntwein und Waſſer getrunken habe. Es iſt ſehr moͤglich, daß ſie im Walde ſind. Donacha iſt ein anſchlaͤgiger Kerl, und mag wohl denken, man ſitzt am beßten am Kamin, wenn die Eſſe raucht. Er dachte, Niemand wuͤrde ihn in dieſer Naͤhe ſuchen. Verzeiht, gnädige Frau, daß ich ſo ploͤtzlich aufbreche, aber ich bin bald wieder hier, und bringe Euch den Donacha lebendig, oder ſeinen Kopf, und ich darf wohl ſagen, das wird Euch eben ſo lieb ſein. Ich hoffe, einen angenehmen Abend mit Euer Gnaden zuzubringen, hoffe auch, Herr Butler wird mir im Trictrac Genug⸗ thuung geben, fuͤr die vier Pence, die er mir abgenommen hat. Heute Abend wird er gewiß heimkommen, oder er hat eine naſſe Reiſe. Ohne einen Regenguß geht's heute nicht ab. Nach dieſen Worten ging er mit vielen Kratzfuͤßen und Verbeugungen hinaus. Seine Entſchuldigungen uͤber ſeinen Aufbruch wurden gern angenommen, und an der Aufrichtigkeit ſeiner wiederhohlten Verſicherungen, daß er bald zuruͤckkehren werde, zweifelte Frau Butler nicht, 200 ſo lange ihr beßter Branntwein auf dem Tiſche ſtand. Der Schloßhauprmann ging mit ſeinen Leuten aus der Predigerwohnung, und unterſuchte das Dickig zwiſchen dem kleinen Thale und der Bucht. David, dem er wegen ſeines Muthes ſehr gewogen war, benutzte die Gelegenheit, zu entwiſchen, um die Nachforſchungen des großen Mannes mit anzuſehen. 201 X. — Ich ſandte nach Dir aus—— Daß Talbot's Nahme leben moͤcht' in Dir, Wenn kraftlos Alter, unbeholf'ne Glieder, Im Armſtuhl deinen Vater hielten veſt. Doch— o mißguͤnſt'ge, ungluͤckſchwangre Sterne! Shakſpeare's Heinrich VI, 1ter Th. 1. Aufz. 5. Auftr. Der Schloßhauptmann und ſeine Begleiter wa⸗ ren noch nicht ſehr weit auf dem Wege zur Bucht gegangen, als ſie einen Schuß hoͤrten, dem ſchnell einige andre folgten.„Verdammte Schurken ſind's, die den Rehboͤcken nachjagen, ſprach Dun⸗ can. Aufgepaßt, Ihr Jungen!“ Man hoͤrte alsdann Schwertgeklirr, und als Duncan mit ſeinen Geſellen auf den Kampfplatz eilte, fand er Butler und Stauntons Diener von vier Schurken uͤberwaͤltigt, der Ritter aber lag auf der Erde hingeſtreckt, und hatte ſein ent⸗ 202 bloͤßtes Schwert in der Hand. Duncan, tapfer wie ein Loͤwe, feuerte ſogleich ſein Piſtol gegen den Anfuͤhrer der Bande ab, zog ſein Schwert, rief ſeinen Leuten: Haut ein! zu, und durch⸗ bohrte den Kerl, den er vorher ſchon verwundet hatte, und der Niemand als Donacha Dhu na Dunaigh ſelber war. Die uͤbrigen Raͤuber wur⸗ den bald uͤberwaͤltigt, ausgenommen ein junger Menſch, der fuͤr ſeine Jahre einen wunderbaren Widerſtand leiſtete, und endlich nur mit Muͤhe veſtgenommen wurde. Kaum war Butler aus der Gewalt der Raͤu⸗ ber befreit, als er zu Staunton eilte, aber alles Leben war entflohen. Ein großes Ungluͤck! ſprach Duncan. Ich denke, es wird am Beßten ſein, daß ich voran gehe und der guten gnaͤdigen Frau es vermelde. — Liebes Davidchen, nimm Du mein Schwert, und hacke dem Donacha den Kopf ab, das iſt eine gute Voruͤbung auf die Zeit, wo Du wuͤn⸗ ſchen kannſt, einem lebendigen Ehrenmanne den Dienſt zu erweiſen. Doch halt! Dein Vater wird's nicht gern ſehen, und ſo laß es bleiben. Es wird der gnaͤdigen Frau auch mehr Vergnuͤ⸗ gen machen, ihn ganz zu ſehen, und ich hoffe, 203 ſie wird mir das Lob geben, daß ich das Blut eines wackern Mannes ſchnell und gut zu raͤchen verſtehe. Dieß war die Aeußerung eines Mannes, der an die alten hochlaͤndiſchen Sitten zu ſehr gewoͤhnt war, als daß ihn der Ausgang eines ſolchen Ge⸗ fechtes in Verwunderung geſetzt, oder bewegt haͤtte. Wir wollen nicht verſuchen, den ganz entge⸗ gengeſetzten Eindruck zu ſchildern, den dieſes un⸗ vorhergeſehene Ungluͤck auf Euphemia machte, als der blutige Leichnam ihres Gemahls in's Haus gebracht wurde, wo ſie ihn geſund wieder⸗ zuſehen erwartet hatte. Sie vergaß alles, nur nicht, daß er der Geliebte ihrer Jugend geweſen war, und welche Fehler er auch in den Augen der Welt haben mochte, gegen ſie hatte er ſich doch nur ſolcher Vergehungen ſchuldig gemacht, die aus einer ungleichen Gemuͤthſtimmung her⸗ vorgingen, welche die Folge einer ungemein ſchwie⸗ rigen Lage war. Bei dem erſten Ausbruche ih⸗ res Schmerzes uͤberließ ſie ſich der natuͤrlichen Reizbarkeit ihres Gemuͤthes; ein Wehausruf folgte dem andern, Ohnmacht auf Ohnmacht. Nur die ganze Wachlamkeit der liebevollen Schwe⸗ — ſter konnte es verhuͤten, daß in dieſen Ausbruͤ⸗ chen des Grams Geheimniſſe verrathen wurden, deren Bewahrung ſo wichtig war. Stille und Erſchoͤpfung folgten endlich dem Wahnſinne des Schmerzes, und Johanna ſchlich ſich hinweg, um mit ihrem Manne ſich zu be⸗ ſprechen, den ſie ermahnte, der Einmiſchung des Schloßhauptmanns zuvor zu kommen und im Nahmen ihrer Schweſter die Schriften des Ver⸗ ſtorbenen an ſich zu nehmen. Wie ſehr erſtaunte Butler, als ſie ihm nun zum Erſtenmahl ihr Verhaͤltniß zu Stauntons Gemahlinn erklaͤrte, welches ihn nicht nur berechtigte, ſondern verpflich⸗ tete, zu verhuͤten, daß ein Fremder ohne Noth mit ihren haͤuslichen Angelegenheiten bekannt wuͤrde. Unter ſolchen entſcheidenden Umſtaͤnden erſchien die rege und unverzagte Gemuͤthſtaͤrke, die Jo⸗ hanna ihrer tugendhaften Geſinnung verdankte, am Glaͤnzendſten. Waͤhrend der Schloßhaupt⸗ mann zuerſt den Erfriſchungen ziemlich viel Zeit widmete, und dann alle Gefangene und jeden Zeugen des ungluͤcklichen Vorfalles in galiſcher und engliſcher Sprache langweilig verhoͤrte, ließ Johanna den Leichnam ihres Schwagers entklei⸗ den und auf ein Lager bringen. Das Kruzifix, 205 der Roſenkranz und das häͤrene Hemd, die man bei ihm fand, verriethen, daß ihn das Bewußt⸗ ſein der Schuld verleitet hat, die Lehren eines Glaubens anzunehmen, der durch Abquaͤlen des Leibes die Laſter der Seele abzubuͤßen vermeint. Die Schriften, welche der Eilbote von Edinburgh gebracht hatte, und die Butler, durch ſeine Ver⸗ bindung mit dem Verſtorbenen berechtigt, nun unbedenklich unterſuchte, enthielten neue und uͤberraſchende Aufſchluͤſſe, die ihm Grund gaben, die von der Vorſehung getroffene Maßregel dank⸗ bar zu verehren. Ratcliffe, mit allen Arten von Miſſethaten und Miſſethaͤtern bekannt, hatte, durch die ver⸗ heißene Belohnung angeſpornt, ſich bald in Stand geſetzt, die Spur des Kindes der ungluͤcklichen Aeltern aufzufinden. Das Weib, dem Mar⸗ garetha Murdockſon das arme Kind verkauft hat⸗ te, behielt es auf ihren Wanderungen und Bet⸗ telgaͤngen bei ſich, bis es ungefaͤhr acht Jahre alt war, wo ſie es an Donacha Dhu na Dunaigh verkaufte, wie Ratecliffe von einer ihrer Gefaͤhr⸗ tinnen erfuhr, die im Zuchthauſe zu Edinburgh ſaß. Donacha, in allen Bosheiten ausgelernt, war auch zu Zeiten Gehilfe bei jenem abſcheulichen 206 Handel, der damahl zwiſchen Schottland und Amerika getrieben wurde, um durch Seelenver⸗ kaͤuferei die Pflanzer mit Sklaven, ſowohl Maͤn⸗ nern als Weibern, beſonders aber mit unmuͤn⸗ digen Kindern, zu verſehen. Weiter konnte Rat⸗ cliffe die Spur des Knaben nicht verfolgen, zwei⸗ felte aber nicht, daß Donacha Auskunft uͤber ihn geben koͤnnte. Der Rechtsgelehrte in Edinburgh ſchickte daher durch einen Eilboten einen Brief an Staunton ab, und zugleich an den Schloß⸗ hauptmann einen Verhaftbefehl gegen den Raͤu⸗ ber, mit der Weiſung, zu dieſem Zwecke ſeine ganze Thaͤtigkeit aufzubieten. Im Beſitze dieſer Nachrichten, und von den baͤngſten Beſorgniſſen erfuͤllt, ging Butler zu dem Schloßhauptmanne, den er nicht ohne Muͤhe bewog, das Ergebniß des Verhoͤres ihm mitzu⸗ theilen. Dieſe Ausſagen, und einige Fragen, die Butler an den aͤlteren Gefangenen richtete, beſtaͤtigten bald ſeine ſchrecklichſten Ahnungen. Wir geben hier die Hauptpunkte des Thatbe⸗ ſtandes, ohne ins Einzelne zu gehen. Donacha hatte allerdings Effie's ungluͤckliches Kind in der Abſicht gekauft, es den amerikani⸗ ſchen Seelenverkaͤufern zu verhandeln, die er mit 9 —— —— 207 Sklaven zu verſorgen pflegte. Eine Zeitlang aber fehlte es an Gelegenheie, und der Knabe, der unter dem Nahmen: der Pfeifer bekannt war, machte ſelbſt auf das Herz und die Zunei⸗ gung dieſes rohen Wilden Eindruck, der vielleicht in ihm Aubbruͤche eines eben ſo grauſamen und rachgierigen Sinnes ſah, als der ſeinige war. Wenn Donacha ihn ſchlug, oder ihm drohte, wie es ſehr oft geſchah, antwortete der Knabe nicht mit Klagen und Bitten, wie andre Kinder, ſon⸗ dern mit Fluͤchen und Racheverſuchen; er beſaß alle die rohen Verdienſte, wodurch Woggarwolfe's pfeiltragender Dienſtknabe das harte Herz ſeines Gebieters gewann: Gleich wilder Wolfsbrut, vor des Raͤubers Fuß Erzogen, konnt' er bittre Scherze ſagen Und dreiſte Liedchen ſingen, und am Tiſch' Den ſchaumbedeckten Humpen niederſtuͤrzend, War er dem Scheine nach ein kleiner Mann.*) Kurz, wie Donacha ſagte, der Pfeifer war eine wahre Teufelsbrut, und darum wollte er ihn immer bei ſich behalten. Von ſeinem elften Jahre an gehoͤrte der Knabe zur Bande, *) Ethwald. — 208 und nahm oft an Gewaltthaten Theil. Die letzte dieſer blutigen Thaten wurde zunaͤchſt durch die Nachforſchungen veranlaßt, die des Pfeifers wahrer Vater gegen denjenigen anſtellte, den der junge Menſch fuͤr den Urheber ſeines Da⸗ ſeins hielt. Donacha hatte ſchon ſeit einiger Zeit Beſorgniſſe gefaßt, da man anfing, ſtren⸗ gere Maßregeln gegen Leute ſeiner Art zu neh⸗ men. Er wußte wohl, daß er ſich nicht an⸗ ders erhalten konnte, als durch die ungewiſſe Nachſicht ſeines Nahmenvetters, des Schloß⸗ hauptmanns Duncan Schlagdonner, der ſich zu ruͤhmen pflegte, er koͤnnte ihn niedermachen oder heraufziehen, ſo bald er Luſt haͤtte. Der Naͤuber faßte daher den Entſchluß, das Land zu verlaſſen, und ſich auf eines der Fahrzeuge ein⸗ zuſchiffen, die das Gewerbe ſeiner alten Freunde, der Seelenverkaͤufer, trieben. Das Schiff lag ſegelfertig nach Amerika; aber Donacha wollte vorher einen kuͤhnen Streich ausfuͤhren. Die Habſucht des Raͤubers wurde durch die Nachricht gereizt, daß ein reicher Englaͤnder das Predigerhaus beſuchen wollte. Auch hatte er weder des Pfeifers Bericht von dem Golde im Geldbeutel der Edelfrau, noch ſein altes Rache⸗ 8 209 geluͤbde gegen den Prediger vergeſſen, und um es kurz zu faſſen, er hegte die Hoffnung, ſich des Geldes zu bemaͤchtigen, das der Prediger, nach dem allgemeinen Geruͤchte, von Edinburgh mitbrachte, um ſeine neue Beſitzung zu bezah⸗ len. Waͤhrend er uͤber das beßte Mittel zur Ausfuͤhrung dieſes Vorſatzes nachdachte, erhielt er von einer Seite her die Nachricht, daß das Fahrzeug, womit er abreiſen wollte, im Be⸗ griffe waͤre, von Greenock unter Segel zu ge⸗ hen; von einer andern Seite wurde gemeldet, daß der Prediger und ein reicher engliſcher Herr mit vielen tauſend Pfund am naͤchſten Abende im Predigerhauſe erwartet wuͤrden, und von einer dritten, daß er, ſeiner Sicherheit wegen, ſeine gewoͤhnlichen Schlupfwinkel ſo bald als moͤglich verlaſſen muͤßte, da der Schloßhaupt⸗ mann Leute aufgeboten haͤtte, um ihn bei Tages⸗ anbruche in den Thaͤlern zu ſuchen. Donacha machte ſchnell und entſchloſſen ſeinen Plan. Er ſchiffte ſich mit dem Pfeifer und zwei andern Gefaͤhrten ein, die er gelegentlich den Seelen⸗ verkaͤufern uͤberlaſſen wollte, und ruderte nach der Keſſelflickerbucht. Bie zu Anbruche der Nacht wollte er in dem benachbarten Walde VI. Theil. 14 210 ſich verbergen, der, nach ſeiner Meinung, den Menſchenwohnungen zu nahe war, als daß der Schloßhauptmann ſeinen Argwohn darauf haͤtte richten koͤnnen; er wollte dann in Butlers fried⸗ liche Wohnung brechen, und zu gleicher Zeit ſeinen Durſt nach Beute und Rache ſtillen. Nach der Vollziehung dieſer Buͤberei ſollte ſein Boot ihn zu dem Fahrzeuge bringen, das nach der, mit dem Schiffer getroffenen Abrede als⸗ bald unter Segel gehen ſollte. Dieſes verwegene Unternehmen wuͤrde wahr⸗ ſcheinlich gelungen ſein, wenn nicht Staunton und Butler, waͤhrend ſie aus der Bucht nach dem Pfarrhauſe gingen, die Raͤuber in ihrem Schlupfwinkel uͤberraſcht haͤtten. Als Donacha ſich entdeckt ſah, und zu gleicher Zeit bemerkte, daß der Diener eine Geldkaſſe trug, glaubte er, ſeine Beute und ſeine Opfer in ſeiner Gewalt zu haben, und griff die Reiſenden ohne Zoͤger⸗ ung an. Von beiden Seiten ſielen Schuͤſſe und Schwerter blitzten. Staunton leiſtete den tapferſten Widerſtand, bis er endlich, wie es nur zu wahrſcheinlich war, von der Hand eines Sohnes fiel, den er ſo lange geſucht, und nun ſo ungluͤcklich wiedergefunden hatte. 211 Butler war faſt betaͤubt uͤber dieſe Nach⸗ richt, als des Schloßhauptmanns heiſre Stimme ſeine Beſtuͤrzung vermehrte.„Ich will ſo frei ſein, Herr Butler, ſprach er, die Glockenſtraͤnge herunter zu nehmen, dieweil ich Anſtalt treffen muß, dieſes Geſindel morgen fruͤh haͤngen zu laſſen, damit es in Zukunft bei ſeinen Hand⸗ lungen uͤberlegter zu Werke gehe.“ Butler erinnerte ihn an die Verordnung, welche die erbliche Richtergewalt aufgehoben hat⸗ te,*) und ermahnte ihn, die Verbrecher nach Glasgow oder Inverary zu ſchicken, um ſie von dem Landgerichte verurtheilen zu laſſen. Der Schloßhauptmann wies den Vorſchlag mit Verachtung ab. Jene Verordnung, ſagte er, waͤre nur gegen die Empoͤrer gerichtet, und haͤtte vor allen Dingen keine Beziehung auf Argyle’s Gebiet, und er wollte alle drei Ver⸗ brecher an einem Stricke vor dem Fenſter der guten Edelfrau aufhaͤngen laſſen, da es ein großer Troſt fuͤr ſie ſein wuͤrde, wenn ſie am *) Dieß geſchah nach dem Aufſtaͤnde in den Jahren 1745 und 46, um die Clan⸗Verbindung zu ſchwaͤchen. 3 L, 14* naͤchſten Morgen ſaͤhe, daß der gute Herr, ihr Gemahl, gehoͤrig geraͤchet worden ſei. Butler konnte durch ſeine dringenden Bit⸗ ten den Schloßhauptmann nur dazu bewegen, daß er verſprach, die beiden dicken Kerle vor das Landgericht zu ſtellen, der ſogenannte Pfei⸗ fer aber ſollte verſuchen, ob er auch an einem ſchwankenden Stricke pfeifen köͤnnte. Man ſollte nicht ſagen, ſetzte er hinzu, daß ein acht⸗ barer Herr, ein Freund des Herzogs, im herr⸗ ſchaftlichen Gebiete umgekommen waͤre, ohne daß ſeine Leute nicht wenigſtens zwei Leben fuͤr eins genommen haͤtten. 2 Der Prediger bat ihn um Schonung, da⸗ mit die Seele des Ungluͤcklichen gerettet werde. Die Seele eines ſolchen Abſchaums, antwortete Duncan, waͤre laͤngſt des Teufels Eigenthum geweſen, und er waͤre wahrhaftig entſchloſſen, dem Teufel zu geben, was ihm gebuͤhrte. Alle Vorſtellungen waren vergeblich, und Duncan gab Befehl, alles zur Hinrichtung fuͤr den naͤchſten Morgen bereit zu halten. Das Kind der Schuld und des Elends wurde von feinen Gefaͤhrten getrennt, ſtark gebunden und in — 1 213 ein beſonderes Gemach geſperrt, deſſen Schluͤſſel Duncan zu ſich nahm. 8 In der Stille der Nacht aber ſtand Frau Butler auf, mit dem Entſchluſſe, das Schick⸗ ſal, das ihrem Verwandten drohte, abzuwen⸗ den, oder wenigſtens zu verſchieben, zumahl wenn ſie in der Unterredung mit ihm nur einige Hoffnung gewaͤnne, daß er zu einer beſſern Ge⸗ muͤthſtimmung gebracht werden koͤnnte. Sie nahm den Hauptſchluͤſſel, der jede Thuͤre im Hauſe öͤffnete, und in der ſtillen Mitternacht ſtand ſie vor dem erſtaunten Wilden, als er, veſt geſchnuͤrt mit Stricken, wie ein zur Schlacht⸗ bank beſtimmtes Schaf, auf einem Haufen Werg in einer Ecke der Kammer lag. Verge⸗ bens ſuchte Johanna in ſeinem gebraͤunten, ver⸗ rußten, von zottigen ſchwarzen Haaren verdun⸗ kelten Geſichte einen Zug aufzufinden, der an ſeine ſchoͤnen Aeltern haͤtte erinnern koͤnnen. Aber wie konnte ſie ihr Mitleid einem ſo jun⸗ gen und ſo ungluͤcklichen Menſchen verſagen, der ungluͤcklicher war, als er ſelber wiſſen konnte, da die Blutſchuld, die er wahrſcheinlich mit eig⸗ ner Hand auf ſich geladen, oder woran er doch auf jeden Fall Theil hatte, ihn zum Vater⸗ 214 moͤrder machte. Sie ſetzte Speiſe vor ihn, hob ihn auf, und machte die Stricke an ſeinen Armen locker, damit er eſſen koͤnnte. Er ſtreckte ſeine Haͤnde aus, woran noch Blut, vielleicht ſeines Vaters Blut, klebte, und aß gierig, ohne ein Wort zu ſagen. Was war dein erſter Nahme? fragte Jo⸗ hanna, um das Geſpraͤch anzuknuͤpfen. Der Pfeifer. Aber dein chriſtlicher Nahme, der Nahme, worauf Du getauft biſt? Ich wurde nie getauft, ſo viel ich weiß. Ich habe keinen andern Nahmen als der Pfeifer. Armer, ungluͤcklicher, verlaſſener Knabe! ſprach Johanna. Was wuͤrdeſt Du thun, wenn Du entwiſchen, und dem Tode entgehen koͤnn⸗ teſt, den Du morgen fruͤh erleiden ſollſt? Ich ginge zum rothen Robin, oder zum Feldwebel More Cameron(zwei beruͤchtigte Raͤu⸗ ber jener Zeit) und wollte Donacha's Tod an allen und jeden raͤchen. O Du ungluͤcklicher Menſch! Weißt Du denn, was aus Dir werden wird, wenn Ou ſtirbſt? Ich fuͤhle dann weder Kaͤlte noch Hunger, antwortete der Burſche verdruͤßlich. 215 Sollte er in dieſem ſchrecklichen Gemuͤthzu⸗ ſtande hingerichtet werden, ſo wird er an Leib und Seele verderben, ſprach Johanna zu ſich ſelber. Und ihn gehen laſſen, das darf ich nicht wagen. Was ſoll ich thun? Aber er iſt ja meiner Schweſter Sohn, mein Verwandter, unſer Fleiſch und Blut, und ſeine Haͤnde und Fuͤße ſind ſo veſt geſchnuͤrt, als Stricke ſie nur binden koͤnnen.— Pfeifer, thun die Stricke Dir weh? Ei ja, ſehr. Aber wenn ich ſie los machte, wuͤrdeſt Du mir etwas zu Leide thun? Nein, gar nicht. Ihr habt mir und den Meinigen nie etwas zu Leide gethar. Es iſt doch wohl noch etwas Gutes in ihm, dachte Johanna. Ich will verſuchen, was ich im Guten mit ihm ausrichten kann. Sie ſchnitt ſeine Bande los. Er ſtand auf⸗ gerichtet vor ihr, blickte mit dem Gelaͤchter wil⸗ der Freude umher, ſchlug in die Haͤnde, und ſprang empor, wie entzuͤckt uͤber die wieder er⸗ langte Freiheit. Sein Ausſehen war ſo wild, daß Johanna vor den Folgen ihrer Nachſicht zitterte. 3 216 Laßt mich hinaus, ſprach der junge Wilde. Nicht eher, bis Du mir verſprichſt— Nun, ſo ſollt Ihr froh ſein, daß wir beide hinaus kommen.— Mit dieſen Worten er⸗ griff er das brennende Licht, und warf es in den Werg, der alsbald aufloderte. Johanna ſchrie laut und eilte hinaus. Der Gefangene flog an ihr vorüber, oͤffnete ein Fenſter im Gange, ſprang in den Garten, kletterte uͤber den Zaun, lief wie ein Reh durch den Wald und erreichte das Seegeſtade. Das Feuer wurde mittlerweile geloͤſcht, jedoch vergebens ſuchte man den Gefangenen. Johanna behielt ihr Geheim⸗ niß fuͤr ſich, und ihr Antheil an ſeiner Flucht blieb unentdeckt; aber einige Zeit nachher ward ſein Schickſal bekannt, das ſo ſeltſam, als ſein zeitheriges Leben war. Butler erfuhr auf ſeine eifrigen Nachforſchungen, daß der Juͤngling zu dem Fahrzeuge gekommen war, womit ſein Ge⸗ bieter, Donacha, hatte abreiſen wollen. Der habſuͤchtige Schiffer aber, bei ſeinem ſchaͤndlichen Gewerbe an Treuloſigkeit aller Art gewoͤhnt, und aͤrgerlich, die reiche Beute zu miſſen, die Donacha an Bord zu bringen verſprochen hatte, bemaͤchtigte ſich des Fluͤchtlings, und nach ſei⸗ 1 —— — — —— 217 ner Ankunft in Amerika verkaufte er ihn als Sklaven an einen Pflanzer in Virginien. Als Butler dieſe Nachricht erhielt, ſchickte er eine hinreichende Geldſumme nach Amerika, den Juͤngling aus der Knechtſchaft zu befreien, und gab Auftrag, die noͤthigen Maßregeln zu ergrei⸗ fen, um das Gemuͤth deſſelben zu veredeln, ſeine boͤſen Neigungen zu baͤndigen, und die Regun⸗ gen einer beſſern Geſinnung, die ſich etwa zeigen moͤchten, ſorgfaͤltig zu foͤrdern. Dieſe Hilfe kam zu ſpaͤt. Der junge Menſch hatte eine Verſchwoͤrung angezettelt, die ſeinem unmenſch⸗ lichen Herrn den Tod brachte, und war dann zu dem naͤchſten Indianerſtamme gefluͤchtet. Seit⸗ dem hoͤrte man nie etwas von ihm, und wahr⸗ ſcheinlich hat er bis an ſeinen Tod nach der Sitte jenes wilden Volkes gelebt, fuͤr welches er durch ſeine fruͤhern Lebensgewohnheiten ein paſſender Gefaͤhrte geworden war. Als nun alle Hoffnung ſich verloren hatte, den jungen Menſchen gebeſſert zu ſehen, hiel⸗ ten Butler und ſeine Frau es fuͤr ganz zweck⸗ los, die Mutter mit einer ſo entſetzlichen Ge⸗ ſchichte bekannt zu machen. Euphemia blieb uͤber ein Jahr lang bei ihnen, und faſt waͤhrend 218 dieſer ganzen Zeit war ihr Schmerz graͤnzenlos. In den letzten Monaten ging ihr Gram in Verdroſſenheit und Kleinmuth uͤber, wogegen die Einfoͤrmigkeit der ruhigen Lebensweiſe ihrer Schweſter wenig Zerſtreuung gewaͤhren konnte. Euphemia war ſeit ihrer fruͤheſten Jugend nicht an ſtille beſcheidene Genuͤgſamkeit gewoͤhnt. Ganz verſchieden von ihrer Schweſter, bedurfte ſie ge⸗ ſellſchaftlicher Zerſtreuung, um ihren Kummer zu vergeſſen, oder ihre Freude zu erhoͤhen. Sie verließ das einſame Knocktarlitie mit den Thraͤ⸗ nen aufrichtiger Zuneigung, und uͤberhaͤufte beim Abſchiede ihre Verwandten mit allen Geſchen⸗ ken, welche, wie ſie glaubte, ihnen werth ſein koͤnnten, aber ſie verließ es, und als man den Schmerz des Abſchieds uͤberſtanden hatte, war die Trennung fuͤr beide Schweſtern eine Erleichterung. Die Bewohner des Pfarrhauſes erhielten bei dem Genuſſe ihres ruhigen Gluͤckes die Nach⸗ richt, daß die reich ausgeſtattete und ſchoͤne Witwe ihren Platz in der großen Welt wieder eingenommen hatte. Sie erfuhren es bald auch durch weſentlichere Beweiſe; denn David erhielt eine Offizierſtelle, und da des Bibel⸗ 2— — 219 Butlers kriegeriſcher Geiſt in ihm wieder auf⸗ gelebt zu ſein ſchien, ſo erregte ſein gutes Be⸗ tragen den Neid von fuͤnfhundert hochlaͤndiſchen Junkern aus guten Haͤuſern, die uͤber ſein ſchnelles Steigen erſtaunt waren. Ruben wid⸗ mete ſich der Rechtsgelehrſamkeit, und ſtieg langſamer, aber ſicher. Euphemia Butler, deren Vermoͤgen durch die Großmuth ihrer Tante ver⸗ mehrt wurde, und in Verbindung mit ihrer Schoͤnheit ſie zu einem nicht unbedeutenden Preiſe machte, gab ihre Hand einem hochlaͤn⸗ diſchen Gutsherrn, der nie nach dem Nahmen ihres Großvaters fragte, und ſie wurde bei die⸗ ſer Gelegenheit von ihrer Tante ſo ſehr mit Geſchenken uͤberhaͤuft, daß ſie den Neid aller Schoͤnen in Dumbarton und Argyleſhire er⸗ weckte. Euphemia glaͤnzte noch gegen zehn Jahre in der großen Welt, wo ſie, wie viele ihrer Schweſtern, ein gequaͤltes Herz unter einer froͤh⸗ lichen Außenſeite verbarg, und lehnte mehre glaͤnzende Antraͤge zu einer neuen Verbindung abz endlich aber verrieth ſie die innere Wunde, als ſie ſich nach dem Veſtlande begab, und ſich in das Kloſter zuruͤckzog, wo ſie ihre Erziehung 220 lebte jeboch bis zu ihrem Tode in ſtrenger Ab⸗ geſchiedenheit, nach den Lehren des katholiſchen Glaubens, und bei der Beobachtung der foͤrm⸗ lichen Gebraͤuche, der Nachtwachen und der Abtoͤdtung, die er vorſchreibt. Johanna hatte ſo viel von ihres Vaters Geiſte, daß dieſe Abtruͤnnigkeit ſie ſchmerzlich bekuͤmmerte, und Butler theilte ihr Bedauern. Doch, meinte er, jeder Glaube, auch der un⸗ vollkommenſte, waͤre beſſer, als kalte Zweifel⸗ ſucht, oder das toſende Treiben der Zerſtreuung, das die Ohren der Weltlinge fuͤllt, bis ſie ſich gar nicht mehr um dieſe Dinge kuͤmmern. Gluͤcklich durch gegenſeitige Zuneigung, und durch die Wohlfahrt ihrer Kinder, geliebt und geehrt von Allen, die ſie kannten, genoß das ſchlichte Paar Wohlwollen im Leben und wurde nach dem Tode beweint. erhalten hatte. Sie nahm nie den Schleier, 221 Lieber Leſer, ich werde dieſe Geſchichte nicht vergebens erzaͤhlt haben, wenn ſie die große Wahrheit erlaͤutert, daß eine ſchuldbewußte Seele, ſelbſt wo es nicht an zeitlichem Glanze fehlt, nie wahrhaf gluͤcklich ſein kann; daß die boͤ⸗ ſen Folgen unſerer Laſter die Begehung der⸗ ſelben lange uͤberleben, und gleich den Geiſtern der Ermordeten, immer den Schritten des Miſſethaͤters folgen, daß aber auf dem Pfade der Tugend, wiewohl ſelten weltliche Hoheit ſie begleitet, immer Freude und Frieden iſt. — ͦ—— Berichtigungen. 1. Theil. S. 30 Anm. Z. 3 v. u. I. Leipzig 1823. S. 79 3. 10 v. u. I. Der Bemerkung. S. 82 Z. 10 l. valeant. S. 105 Z. 13 v. u. J. nun ſt. um. S. 111 letzte Z. I. laden ſt. laſten. S. 191 Z. 5 v. u. I. gleiche. 2. Theil. S. 64 3. 4 I. fortlief. S. 87 Z. 11 I. im ſt. in. S. 111 Note l. Bunyan's. S. 166 Z. 2 I. Gehaͤge ſt. Gehaͤnge. S. 195 3. 9. S. 199 Z. 10. S. 201 3. 3 I. Margarethe ſt. Magdalene. 3. Theil. S. 8. Die Anmerkung gehoͤrt zu dem Worte Verguͤnſtigung 3. 3. S. 10 letzte Z. I. umher geworfen. S. 27 3. 4 v. u. nach Ja ſetze man ein Komma. S. 100 3. 7 v. u, l, treu ſt. traue. 6. Theil. S. 35 Note, I. 1823, 3 8 3 In der unterzeichneten Buchhandlung ſind fol⸗ gende Romane W. Scottss in Ueberſetzungen von W. A. Lindau erſchienen: Eduard(Wayverley). 4 Theile. 1821— 22. Pr. 4 Thlr. 18 gr. Die Braut(The Bride of Lammermuir). 3 Theile. 2te verbeſſerte Aufl. 1822. Pr. 3 Thlr. gr. Das Herz von Mid⸗Lothian. 6 Thle. 1822— 24. 1 Pr. 6 Thlr. Von demſelben Ueberſetzer erſchien: Th. Hope's Anaſtaſius— Reiſeabenteuer eines Griechen am Ende des 18ten Jahrhunderts. 11r u. 2r Theil. 1821— 22. Pr. 2 Thlr. 16 gr. Die Fortſetzung iſt unter der Preſſe. Arnoldiſche Buchhandlung. n ſnImſnmſnnſiſſſ ſſſ00 IInaunm V V 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 109 9 9 12 5 Remnanareammananmneannn * 4