Walter Scott's ſaͤmmtliche We r k e. — Neu uͤberſetzt. Sieben und neunzigſter Band⸗ 3 eridhlunen eines Großvaters aus der ſchottiſchen Geſchichte. Dritter Theil. Stuttgart, bei Gebruͤder Franckh. 1 8 2 8. Erz i hlunge u eines Großvaters 5 aus ber ſchottiſchen Geſchichte, Von Sir Walter Seott. Aus dem Engliſchen uͤberſetzt. — Dritter Theil. „ Stuttgart, bei Gebruͤder Franckh. 1 8 2 8, Erzaͤhlungen eines Großvaters aus der 3 ſchottiſchen Geſchichte. Erſtes Kapitel. Thronbeſteigung Jakobs J.— Sinrichtung Murdac's, Kerzogs von Albann. Zuſtand der Hochlande.— Verſchwörung gegen Jakob I. und Ermor⸗ dung deſſelben.— Beſtrafung der Aufrührer. Dieſer Koͤnig Jakob l. war auch der Erſte ſeiner ungluck⸗ lichen Familie, welcher große Talente entwickelte. Robert II. und Robert III., ſein Vater und Großvater, waren beide mehr ihrer Liebenswuͤrdigkeit als ihrer Regenten⸗Talente we⸗ gen geachtet. Jakob hatte eine vortreffliche Erziehung erhal⸗ ten, wovon er vermoͤge ſeiner natuͤrlichen Anlagen den beſten Gebrauch zu machen im Stande war; er war auch klug und gerecht, zog das Intereſſe ſeines Volks zu Rath und trachtete ſo viel als moͤglich den Uebelſtand wieder auszugleichen, den die parteiiſche Regierung Roberts, des Herzogs von Albany⸗ die Herrſchaft des ſchwachen und traͤgen Herzogs Murdac und die laſterhafte Auffuͤhrung ſeiner Soͤhne herbeigeführt hatte, Als erſtes Opfer der Geſetze ſielen Murdac und ſeine W. Scott's Werke. XCVII. 5 4— 6 beiden Söhne; ſie wurden zu Stirling verhoͤrt und wegen Mißbrauch des koͤniglichen Anſehens verurtheilt. Sie wur⸗ den alle drei auf der kleinen Anhoͤhe bei Stirling enthauptet, welche man vom Schloßhuͤgel aus noch heute ſehen kann. Der Regent muß von dieſem Richtplatze aus, eine große Aus⸗ 8 ſicht, beſonders gegen das praͤchtige Schloß Doune hin, ge⸗ habt haben, welches er zu ſeiner Reſidenz erbauen ließ, und 5 die Soͤhne haben ohne Zweifel ſehr bereut, daß ſie ihrem Va⸗-⸗ ter nicht die gehoͤrige Achtung erwieſen, und auch darauf nicht achteten, als er ihnen ſagte, er wolle einen holen, dem ſie Alle gehorchen müſſen.. Jakob richtete bald ſein Augenmerk auf die Hochlande, welche ſich in einem ſchrecklich zerruͤtteten Zuſtande befanden. Er marſchirte mit einem betraͤchtlichen Corps in dieſe unru⸗ hige Provinz und verhaftete mehr als vierzig ihrer Haͤupter, durch welche die Fehden und Streite fortwaͤhrend unterhalten worden waren, verurtheilte mehrere zum Tode und noͤthigte viele, Bürgſchaft zu leiſten, daß ſie in Zukunft ruhig ſenn wollen. Allaſter Macdonald, Lord von den Inſeln, verſuchte— das koͤnigliche Anſehen zu ſchmaͤlern, aber die von Jacob gee gen ihn ergriffenen Maßregeln ſchwaͤchten ſeine Macht ſo ſehr, daß er ſich am Ende dem Koͤnig auf Gnade und Un⸗ gnade ergeben mußte. Zu dieſem Endzweck kam der gedemuͤ⸗ thigte Haͤuptling heimlich nach Edinburgh und erſchien am Oſter⸗ tag ploͤtzlich in der Hauptkirche, als der Koͤnig ſeine Andacht dort verrichtete. Er hatte weder eine Kopfbedeckung auf dem Haupte, noch Waffen oder andere Auszeichnungen an, ſeine Arme und Beine entbloͤßt und ſeinen Koͤrper nur mit einem Faltenrock bedeckt. Auf dieſe Art unterwarf er ſich perſoͤnlich dem Koͤnig; in der einen Hand trug er ein gezogenes Schwert an der Spitze und uͤberreichte dem Koͤnig deſſen Griff, zum — 7 Zeichen ſeiner unbedingten Unterwerfung. Jakob verzieh ihm ſeine wiederholten Beleidigungen auf die Bitten der Koͤnigin und einiger Edelleute hin, aber er ließ ihn in dem feſten Schloſſe Dantallon in Oſtlothian feſtſetzen. Nach dieſer Un⸗ terwerfung ihres Hauptanfuͤhrers empoͤrten ſich die weſtlichen Hochlaͤnder und die Bewohner der angraͤnzenden Inſeln aufs neue unter der Anfuͤhrung des Donald Balloch, Vetter Alla⸗ ſter's, welcher ſofort mit einer betraͤchtlichen Macht in das feſte Land einſiel und den Grafen von Mar und von Caith⸗ neß eine bedeutende Niederlage lieferte; als er aber hoͤrte, daß Jakob gegen ihn im Anmarſch ſey, hielt es Donald fuͤr das Beſte, wieder nach Irland zuruͤckzukehren. Jakob holte noch viele von ſeinen Leuten ein und ließ ſie hinrichten, Donald ſelbſt wurde ſpaͤter in Irland enthauptet und ſein Haupt dem Koͤnig uͤberſendet. Bei dieſer Gelegenheit will ich wieder einen Beweis von der Grauſamkeit und der Wildheit jener hochlaͤndiſchen Raͤu⸗ ber geben. Ein anderer Macdonald, Anfuͤhrer einer Bande in Roß⸗ſhire, hatte eine arme Witwe ausgepluͤndert; dieſe rief in ihrem Unwillen mehreremal aus, daß ſie zum Koͤnig gehen werde, um zu klagen, und ſollte ſie ſelbſt bis nach Edinburgh reiſen muͤſſen, um ihn dort aufzuſuchen.„Das iſt eine weite Reiſe,“ antwortete der Barbar,„damit Ihr ſie beſſer aushalten koͤnnt, will ich Euch beſchlagen.“ Hierauf ließ er ihr durch einen Schmidt gleich einem Pferde Eiſen auf⸗ nageln. Die Wittwe uͤbrigens, eine Frau von ſehr oiel Wil⸗ lenskraft wollte ihr Wort halten, und ſobald ihre Wunden dieſe Reiſe zuließen, ging ſie wirklich zu Fuß nach Edinburgh, fuͤhrte ſich ſelbſt bei Jakob ein, und machte ihn mit der an ihr begangenen Graufamkeit bekannt. Jakob ließ in ſeinem .. 1* 4f 4 Grolle den Macdonald und zwoͤlf ſeiner vornehmſten Unterge⸗ benen ergreifen und ihre Fuͤſſe mit Hufeiſen beſchlagen; in dieſem Zuſtande wurden ſie drei Tage lang zur Schau aus⸗ geſtellt und dann hingerichtet. Auf ſolche Art ſtellte Jakob I. in ſeinem Lande, welches er in einem ſehr zerruͤtteten Zuſtande angetroffen, wieder Ru⸗ he her. Er entwarf weiſe Geſetze, um dem Handel im Lan⸗ de ſelbſt und mit andern Staaten außzuhelfen; ebenſo gab er ſtrenge Juſtiz⸗Geſetze und hielt ſehr auf deren Handhabung, damit den Klaͤgern und Beklagten Recht widerfahre. Sein groͤßtes Geſchaͤft jedoch, wobei er am meiſten Schwierigkeiten fand, war: die Macht des hohen Adels zu vermindern, welcher, gleich Koͤnigen, jeder in ſeinen Beſi⸗ tzungen regierte und gegen Koͤnig oder gegen Andere Krieg fuͤhrte, wenn es ihm einfiel. Er zog mehrere dieſer hohen Perſonen vor Gericht und nahm ihnen, wenn ſie ſchuldig er⸗ funden wurden, ihre Beſitzungen. Die Adeligen ihrer Seits beklagten ſich, daß man ſie aus Haß mit ſolcher Haͤrte und ungerechtigkeit behandle, und ſo unterhielt der gute Fuͤrſt die Zahl der Unzufriedenen ſtatt ſie zu vermindern. Einen andern Grund zur Unzufriedenheit gaben gewiſſe Steuern, welche zur Handhabung der Gerechtigkeit und des koͤniglichen Anſehens von den Unterthanen erhoben wurden; da das ſchot⸗ tiſche Volk arm und durchaus nicht gewohnt war, irgend ei⸗ nen ſolchen Beitrag zu bezahlen, ſo ſchrieben ſie die verhaßte Maßregel des Koͤnigs Geiz zu. Obgleich Koͤnig Jakvb die beſten Abſichten hatte und ſeit Robert Bruce gewiß der faͤhig⸗ ſte Regent in Schottland geweſen iſt, ſo waren jetzt doch Hohe und Niedere gegen ihn eingenommen, und einige elen⸗ de Wichte aus dem Adel fanden ſich hiedurch veranlaßt, nach ſeinem Leben zu trachten. 9 3 Die Hauptperſon bei dieſer Verſchwoͤrung war Sir Ro⸗ bert Grahame, Onkel des Grafen von Stratherne. Er war kühn und ehrgeizig und gegen den Koͤnig hoͤchſt aufgebracht, weil er einmal auf koͤniglichen Befehl eingeſperrt wurde. Er zog den Grafen von Athole, einen alten, ſchwachen Mann, auch in das Complot und verſprach ihm, ſeinem Sohne Ro⸗ hert Stewart an Jakobs Stelle auf den Thron von Schott⸗ land zu verhelfen; Andere wurden aus verſchiedenen Beweg⸗ gruͤnden zur Theilnahme an dieſer Verſchwoͤrung aufgefor⸗ dert. Zu vielen ihrer Anhaͤnger ſagten ſie, ſie fahnden nur nach einer Dame vom Hofe. Grahame zog ſich, um ſeinen Plan zu entwerfen, in einen entfernten Theil der Hochlande zuruͤck, kuͤndete von dort aus dem Koͤnige den Gehorſam auf und drohte den Monarchen mit eigener Hand umzubringen. Auf Grahame's Kopf wurde ein hoher Preis geſetzt, der ei⸗ nem jeden, der ihn den Gerichten uͤberliefere, ausbezahlt wuͤrde; aber er hatte ſich in den wilden Gebirgen verborgen, um ſich am Ende doch an Jakob raͤchen zu koͤnnen. Die kommende Weihnachten wollte der Koͤnig in Perth ein Feſt halten. Auf ſeiner Reiſe nach dieſer Stadt begeg⸗ nete er einem Hochlaͤnder Weib, die ſich ſelbſt eine Wahrſa⸗ gerin nannte. Sie ſtand auf der Seite einer Faͤhre, auf welcher ſich der Koͤnig nach dem Norden begeben wollte und ſchrie mit lauter Stimme:„Mylord Koͤnig, wenn Ihr die⸗ ſes Waſſer uͤberſchreitet, ſo werdet Ihr nicht mehr lebendig zuruͤckkehren.“ Der Koͤnig war auf dieſe Aeußerung hin ei⸗ nige Augenblicke ergriffen, weil er in einem Buche geleſen hatte, daß in dieſem Jahre in Schottland ein Koͤnig erſchla⸗ gen werde; denn das kommt oft vor, daß, wenn etwas Wich⸗ tiges betrieben wird, ſich Geruͤchte hieruͤber verbreiten, die unter dem Schein von Prophezeihungen bekannt werden, die 4⁰ aber in der Wahrheit nur Vermuthungen deſſen ſind, was wahrſcheinlich geſchehen wird. Damals befand ſich am Hofe ein Ritter, dem der Koͤnig den Namen Liebeskoͤnig ge⸗ ſchoͤpft hatte; dieſem ſagte der Koͤnig im Scherz:„Einer Prophezeihung zufolge wird in dieſem Jahre in Schottland ein Koͤnig umgebracht; dieſes, Sir Alexander muß nun ent⸗ weder Euch oder mich angehen, da wir beide die einzigen Koͤ⸗ nige in Schottland ſind.“ Andere Begebenheiten ereigneten ſich, welche des guten Koͤnigs Ermordung verhindert haben wuͤrden, wenn man darauf geachtet haͤtte. Der Koͤnig waͤhl⸗ te waͤhrend ſeines Aufenthaltes in Perth die Abtei Black⸗ Friars zur Wohnung, da ſich weder ein Schloß noch ein Palaſt in jener Stadt befand, der ſich zu ſeiner Aufnahme geeignet haͤtte; ſeine Wachen waren bei den Buͤrgern ein⸗ quartirt; dadurch wurde die Ausführung des Complots ſehr erleichtert. Der Koͤnig hatte den Tag nach ſeiner Ankunft bei Luſt⸗ barkeiten und Feſten zugebracht, die zur Verſchwoͤrung Ge⸗ hoͤrigen aber mit Vorbereitung ihrer Anſtalten. Sie hatten die Thuͤrenſchloͤſſer der koͤniglichen Gemache unbrauchbar ge⸗ macht, ſo daß man keinen Schluͤſſel mehr darin umdrehen konnte, die Stangen, womit die Hofthore geſchloſſen wurden, weggenommen, und an die Bruͤcken, welche uͤber einen Damm zum Kloſter fuͤhrten, Querbalken befeſtigt. Endlich, am 20. Februar 1437 waren alle Anſtalten zu Ausfuͤhrung ihres ver⸗ raͤtheriſchen Vorhabens getroffen, und Grahame kam aus ſei⸗ nem Schlupfwinkel mit ungefaͤhr dreihundert Mann in die benachbarten Gebirge und drang in die Gaͤrten der Abtei. Der Koͤnig hatte ſchon ſeinen Nachtrock und Pantoffeln angezogen, nachdem er den Abend mit den Edelleuten und Frauen ſeines Hofes luſtis zubrachte, und ſich mit Romanenle⸗ 11 ſen, mit Geſang und Muſtk unterhielt oder Schach und Dame ſpielte. Der Graf von Athole und ſein Sohn Sir Robert Stewart, welche Jakobs Thronfolger zu werden hoff⸗ ten, waren unter den letzten, die ſich zuruͤckzogen. Jakob war noch am Feuer ſtehen geblieben und unterhielt ſich vor Schlafengehen ganz luſtig mit der Koͤnigin Hofdamen. Das oben erwaͤhnte Hochlaͤnder Weib bat aufs neue wieder um ei⸗ ne Unterredung mit dem Koͤnig, aber die Bitte wurde ihr wegen der unzeitigen Stunde nicht gewaͤhrt. Alle hatten end⸗ lich die Weiſung erhalten ſich zuruͤckzuziehen. 8 In demſelben Augenblick hoͤrte man einen Laͤrmen und ein Raſſeln, das einem Waffengeklirre glich und einige im Garten brennende Fackeln blitzten gegen die Fenſter hin. Da erinnerte ſich der Koͤnig ſeines Todfeindes, des Sir Ro⸗ bert Grahame, und vermuthete, daß dieſer nun komme, um ihn zu ermorden. Er rief deßhalb den Damen, welche im Vorzimmer geblieben waren, zu, ſie ſollen ſo gut als moͤglich die Thuͤren ſchließen, damit er entſliehen koͤnne. Er verſuch⸗ te anfaͤnglich zum Fenſter hinauszuſpringen, aber ſie waren feſt verſchloſſen und trotzten gleichſam ſeiner Staͤrke. Mittelſt der Feuerklamme, welche im Kamin lag, machte er ein Stück Holz los, ließ ſich an dieſem hinab und kroch in ein enges Gewoͤlbe, das wahrſcheinlich ehemals als Kloak benützt wurde. Von dort aus hatte fruͤher eine Oeffnung in den Kloſterhof gefuͤhrt, durch welche er haͤtte entfliehen koͤnnen; aber alles trug zum Ungluͤck des armen Jakobs bei, denn zwei oder drei Dage zuvor ließ er ſelbſt das Loch zumauern, weil, wenn er Ball ſpielte, derſelbe gewoͤhnlich durch dieſes Loch in das Gewoͤlbe hinabfiel. Waͤhrend der Koͤnig ſich dort verbarg, ſuchten ihn die Verſchworenen im ganzen Kloſter auf und gelangten endlich 7 12² in das Zimmer, woſelbſt die Damen ſich befanden. Die Koͤ⸗ nigin und ihre Hofdamen trachteten ſo viel als moͤglich die Thuͤre verſchloſſen zu erhalten, und Eine derſelben, Catha⸗ rina Douglas hielt kuͤhn ihren Arm ſtatt einer Stange quer uüber die Thuͤre. Der Arm der tapfern Lady war aber bald bezwungen, und die Verraͤther ſtuͤrzten mit gezogenen Schwerdtern und Dolchen in das Zimmer, verwundeten und machten diejenigen nieder, die ſich ihnen widerſetzten. Die arme Königin ſtund halb entkleidet da, und ſchrie laut um Huͤlfe; einer der Verbrecher wuͤrde ſie beinahe ermordet ha⸗ ben, wenn Sir Robert Grahame nicht zu ihm geſagt haͤtte: „Was willſt du der Koͤnigin thun? Sie iſt ja nur ein Weib; laßt uns den Koͤnig aufſuchen.“ Sie trachteten auch hierauf, ihn ausfindig zu machen, aber ohne Erfolg: dann verließen ſie das Zimmer und durch⸗ ſuchten Alles im ganzen Kloſter. Mittlerweile wurde der Koͤ⸗ nig ungeduldig und verlangte, daß die Damen ihm aus die⸗ ſem unpaſſenden Schlupfwinkel heraushelfen moͤchten. In demſelben ungluͤcklichen Augenblick kehrten die Verſchwornen zuruͤck und einer von ihnen erinnerte ſich, daß noch ein ſolches Gewoͤlbe da ſey, das ſie noch nicht durchſucht haben. Als ſie den hingeſteckten Pfahl wegriſſen und den Koͤnig unten im Gewoͤlbe ſtehen ſahen, rief einer von ihnen den andern zu: „Hoͤrt, ich habe die Braut gefunden, nach der wir ſeit lan⸗ ger Zeit ſchon alle Nacht trachten.“ Hierauf ſtiegen anfaͤng⸗ lich einer, dann mehrere dieſer Schurken in das Gewoͤlbe hinab, um den ungluͤcklichen Koͤnig, welcher ohne Waffen in ſeinem Hemde da ſtund, in die andre Welt zu ſchicken; aber Jacob, ein ſlinker und kraͤftiger Mann, zog ſie ſo hinab, daß ſie ihm unter die Fuͤße fielen, und kaͤmpfte, um von dem einen oder dem andern einen Dolch zu erhaſchen, wobei ſeine — 13 Haͤnde ſtark verwundet und verſtümmelt wurden. Dann ſprang Sir Robert Grahame ſelbſt hinab, worauf der Koͤnig ſich unmoͤglich mehr vertheidigen konnte und deßhalb nur um ſo viel Zeit noch bat, um einem Prieſter beichten zu koͤnnen; aber Grahame erwiederte ungeſtuͤmm:„Du haſt nie, weder deine Blutsverwandten noch irgend einen Andern verſchont, daher ſollſt du auch jezt keine Gnade finden; was den Beicht⸗ vater betrifft, ſo ſollſt du keinen andern als dieſes Schwert haben.“ Indem er ſo ſprach, durchbohrte er den Koͤnig, und nun ſolle, nachdem er ſeinen Fuͤrſten im Blut daliegen ſah, der Wunſch in ihm rege geworden ſeyn, das begonnene Unternehmen nicht zu vollenden; allein die Mitverſchwornen ſollen Grahame zugerufen haben, den Koͤnig umzubringen oder ſie wuͤrden ihn ſelbſt toͤdten. Auf dieſes fiel Grahame mit den Beiden, die vor ihm in das Gewoͤlbe herabgeſtiegen waren, uͤber den ungluͤcklichen Fuͤrſten her und ermordeten ihn vollends durch viele Dolchſtiche. Sie brachten ihm in der Bruſt allein ſechzehn Wunden bei. Bald gelangte— aber zu ſpaͤt— die Nachricht dieſer Mordthat in die Stadt und die Dienerſchaft des Koͤnigs mit den Einwohnern der Stadt Perth eilten mit Fackeln und Waffen herbei. Die Verraͤther ihrer Seits hoͤrten den da⸗ durch verurſachten Laͤrmen zeitig genug, um in die Hochlan⸗ de entſtiehen zu koͤnnen; ſie verloren nur einen oder zwei ih⸗ rer Leute, welche von den Verfolgern gefangen und erſchla⸗ gen wurden. Wenn ſie unter einander ſelbſt von ihrer Un⸗ ternehmung ſprachen, ſo bedauerten ſie ſehr, daß ſie nicht auch die Koͤnigin mit ihrem Manne umgebracht haben, da ſie befuͤrchteten, daß ſie in ihrer Rache unerbittlich und ſehr thaͤtig ſeyn werde. 1 Ihre Vorempftndungen wurden bald durch den Erfolg 44 3 gerechtfertigt; denn die Koͤnigin Johanna ließ die ſcheußlichen Moͤrder ſo ſchnell verfolgen, daß die meiſten von ihnen nach Verlaufe eines Monats gefangen genommen, verurtheilt und auf eine neue und graͤßliche Art umgebracht wurden. Das Fleiſch des Robert Stewart und eines Kammerherrn des Koͤ⸗ nigs wurde mit Zangen von ihrem Koͤrper geloͤst; mitten im Todeskampfe geſtanden ſie die Gerechtigkeit des an ihnen voll⸗ zogenen Urtheils zu. Der Graf von Athole wurde enthauptet, laͤugnete aber bei ſeiner Hinrichtung, daß er die Verſchwoͤrung beguͤnſtigt habe, obgleich er zugab, daß ſein Sohn ihm hievon etwas mitgetheilt, worauf er ihm befohlen habe, er duͤrfe an einem ſo großen Verbrechen keinen Theil nehmen. Sir Robert Grahame, welcher urſpruͤnglich den grauſamen Plan entwor⸗ fen, vertheidigte deſſen Ausführung am Ende noch. Er ſag⸗ te, er habe ein Recht gehabt, den Koͤnig zu ermorden, denn er habe ihm ja den Gehorſam aufgekündet und Krieg gegen ihn erklaͤrt; ſein Glaubensbekenntniß legte er dadurch ab, daß er behauptele, ſein Andenken werde wegen der Ermordung eines ſo grauſamen Tyrannen geehrt werden. Er wurde vor ſeiner gaͤnzlichen Hinrichtung auf die ſchrecklichſte Art gemar⸗ tert, vorher aber noch ſein Sohn vor ſeinen Augen hingerich⸗ tet. Wenn gleich ihr Verbrechen ſehr groß geweſen, ſo war es doch eine barbariſche Grauſamkeit, dieſe Moͤrder auf die eben erwaͤhnte Art zu foltern. Das Volk war jedoch im hoͤchſten Grad gegen ſie aufgebracht, denn obgleich ſie zu Leb⸗ zeiten des Koͤnigs Jacob manchmal unzufrieden mit ihm ge⸗ 4 weſen, ſo trug doch ſein trauriges Ende und die gute Abſicht, — die er gegen ſein Volk an den Tag legte, dazu bei, daß er außerordentlich bedauert wurde. Er beſaß auch viele dem Volk gefaͤllige Eigenſchaften; ſein Angeſicht war ſchoͤn, und — — ——— 13 ſeine Perſon zgroß und er ſelbſt ſehr lebhaft. Sein Verſtand war ſehr ausgebildet und er beſaß viele nuͤtzliche Kenntniſſe; er war muſikaliſch, ſchrieb ernſthafte und komiſche Gedichte, welche heute noch aufbewahrt und mit Vergnuͤgen und In⸗ tereſſe von denen geleſen werden, welche die alte Sprache, in der ſie geſchrieben ſind, verſtehen. Des Meuchelmoͤrders Grahame erwaͤhnte man ſeines begangenen Verbrechens wegen mit ſolcher Verachtung, daß ſein Name in einem damals all⸗ gemein bekannten Volksreime verwuͤnſcht wurde; es heißt: Dem ſchlechten Robert Graham Der unſern König mordete Möge Gott verleihen Scham. —— Sweites Kapitel. BVen der Regierung Jacob's II.— Die Kriege mit den Douglas und des Konigs Tod. 3. Zur Zeit der Ermordung Jacobs I. war ſein Sohn und Erbe, Jacob II, erſt ſechs Jahre alt, wodurch Schottland aufs neue den Unannehmlichkeiten und Verwirrungen einer Regentſchaft ausgeſetzt wurde, welche vorausſichtlich in einem Lande, woſelbſt ſogar die unbeſtrittene Herrſchaft eines Fuͤr⸗ en von reifem Alter Aufruhr und Verraͤtherei nicht verhin⸗ dern konnte, den hoͤchſten Grad erreichen mußten. 3 6 Die Angelegenheiten der Koͤnigreichs wurden waͤhrend der Minderjahrigkeit Jacob's I. bauptſaͤchlilch durch zwei Staats⸗ maͤnner geleitet, welche zwar mit vielen Dalenten ausgeſtat⸗ tet, aber nicht redlich waren, und wenig Grundſaͤtze hatten. 7 46 Sir Alexander Livingston war Hofmeiſter bei dem jungen Koͤnig und Sir Wilhelm Crichthon Kanzler des Koͤnigreichs. Sie zankten ſich haͤufig uͤber den Grad von Anſehen, der ih⸗ rein betreſfenden Amte gebühre, und auf einmal geriethen ſie unter einander ſelbſt, und mit einem der maͤchtiger⸗war, als ſie beide, mit dem großen Grafen von Douglas, in Streit. Dieſe maͤchtige Familie hatte damals den hoͤchſten Grad ihres Glanzes erreicht. Dem Grafen gehoͤrten auſſer Gallo⸗ way und Annandale noch viele Beſitzungen im ſuͤdlichen Schottland, woſelbſt beinahe alle die minder beguͤterten Edel⸗ leute ihn als ihren Schutzherrn und als ihren Lord aner⸗ kannten. Dadurch hatte die Familie Douglas gerade in den⸗ jenigen Theilen Schottlands freie Macht und Gewalt, in welchen die Leute von den Kriegen mit England her am mei⸗ ſten disciplinirt und in den Waffen geuͤbt waren. Die Doug⸗ las beſaßen uͤberdieß das Herzogthum Touraine und die Grafſchaft Longueville in Frankreich und waren durch Ver⸗ heirathung mit der Koͤniglich ſchottiſchen Familie verwandt. Siie waren nicht allein durch ihre ausgedehnten Beſitzungen maͤchtig, ſondern auch durch ihre uͤberwiegende militaͤriſchen Dalente, welche von Vater auf Sohn uͤberzugehen ſchienen, und zu einem noch heut zu Tag in Schottland bekannten Spruͤchwort Veranlaſſung gaben. v“ uungluͤckſeligerweiſe waren die Douglas bei ihren vielen Vorzuͤgen ſehr anmaſſend und ehrgeizig; ſie machten ſelbſt auf den Rang unabhaͤngiger Fürſten Anſpruch und bekuͤm⸗ merten ſich wenig um Landesgeſetze und Unterthanenpflicht. Sie ritten gewoͤhnkich nicht anders, als von tauſend Reitern begleitet aus. Da Archibald, Graf von Douglas nicht ein⸗ mal unter der ſtrengen Resierung Jacob's 1. den ſchuldigen 8 Gehor⸗ 17 Gehorſam leiſtete, ſo kann man ſich leicht vorſtellen, daß ſel⸗ ne Macht durch Maͤnner wie Crichton und Livingston, wenn ſte gleich hohe Aemter begleiteten, nicht ſehr beſchraͤnkt wurde. 9 Nach dem im Jahre 1458 erfolgten Dod des oben er⸗ waͤhnten maͤchtigen Edelmanns gingen deſſen Beſitzungen auf ſeinen erſt ſechzehn Jahre alten Sohn uͤber 3 da dachte der verſchmizte Crichton eine Gelegenheit zu erſpaͤhen, um die Douglas auf immer zu vernichten und zwar dadurch, daß er den jungen Grafen und deſſen Bruder aus dem Wege raͤu⸗ men, und ſomit die Macht und das Anſehen dieſer großen Familie zerſtören wollte. Crichton machte dem Livingston den Vorſchlag, dieſer Verraͤtherei beizutreten und obgleich der Vormund des Koͤnigs und der Kanzler des Koͤnigreichs bis daher feindlich gegen einander geſinnt waren, ſo verbanden ſie ſich doch zur Ausfuͤhrung dieſes ſchlechten Vorhabens, um die zwey Knaben aus dem Wege zu raͤumen, deren Alter ſchon die Unſchuld eines jeden ihnen aufgebuͤrdeten Verbre⸗ chens erwies. Zur Erreichung ihres Zweckes verſchwendeten ſie Schmeicheleien und ſchoͤne Worte, um Wilhelm, den jun⸗ gen Grafen von Douglas und ſeinen Bruder Dayid zu ver⸗ anlaſſen, mit einigen ihrer beſten Bekannten nach Hof zu kommen, hiebei wurde noch vorgeſchuͤtzt, baß die beiden Gra⸗ fen die paſſendſeen Geſellſchafter fuͤr den jungen Koͤnig ſeyn würden. Ein alter Bekannter und Anhaͤnger der Familie Douglas rieth dem jungen Grafen ſehr ab, die Einladung anzunehmen, und bat ihn wenigſtens ſeinen Bruder David nicht mit nach Edinburgh zu nehmen, wenn er je dahin ge⸗ hen ſollte. Der junge Graf, welcher durchaus nichts Boͤſes W. Scotz's Werke. XCVII. 2 4⁸ arswoͤhnte, konnte osn der vorhabenden Reiſe nicht abgehab⸗ ten werden. Der Kanzler Crichton nahm den Grafen von Douglas und ſeinen Bruder David waͤhrend ihrer Reiſe auf ſeinem eigenen Schloſſe Crichton, mit anſcheinender groͤßtmoͤglicher Gaſtfreundſchaft und Güte auf. Nach zwei⸗ oder dreitaͤgi⸗ gem Aufenthalt daſelbſt wurden die beiden Brüder nach dem Schloſſe Edinburgh gelockt, und bei dem jungen Koͤnig ein⸗ gefuͤhrt; dieſer wußte natuͤrlich von dem Vorhaben ſeines Vormundes nichts und empfing jene Beiden ſehr freundlich und ſchien ſich beſonders daruͤber zu freuen, daß er auch zukuͤnftig in ihrer Geſellſchaft bleiben duͤrfe. Auf einmal aͤnderte ſich die Scene. Bei einem dem Grafen und deſſen Bruder gegebenen Gaſtmale wurde der Kopf eines ſchwarzen Stieres auf den Tiſch geſtellt. Die Douglas wußten, daß dieß einer alten, in Schottland herr⸗ ſchenden Gewohnheit zufolge das Zeichen ſey, daß Einer ſter⸗ ben muͤſſe und ſprangen deßhalb in großer Angſt vom Diſche weg; aber ſie wurden gleich durch einige in das Zimmer tre⸗ tende bewaſſnete Maͤnner ergriffen. Dem Scheine nach wur⸗ de eine Unterſuchung uͤber ſie angeordnet, wobei ihnen der Uebermuth ihrer Voraͤltern zur Laſt gelegt, dann ſie ſelbſt aber zur Hinrichtung verurtheilt worden waren. Der junge Koͤnig weinte und bat Livingston und Cxichton vergeblich, jene zu begnadigen. Sie wurden in den Schloßhof gefuͤhrt und ohne Aufſchub enthauptet; den Malcolm Fleching von Cumbernaud, einen treuen Anhaͤnger ihres Hauſes traf das nemliche Loos. Dieſes barbariſche Verfahren war eben ſo unklug als ungerecht; denn es ſchmaͤlerte die Macht der Douglas nicht, ſondern trug nur dazu bei, daß man diejenigen⸗ welche das 19 Staatsruder fuͤhrten, allgemein verachtete. Ein traͤger, ru⸗ higer friedliebender Mann, Jacob der Dicke, wurde nun Graf von Douglas; er war an Leib und Seele traͤg, worin auch wahrſcheinlich der Grund lag, daß nicht unmittelbar nach der Hinrichtung der zwei Bruͤder ein allgemeiner Auf⸗ ſtand erfolgte. Dieſer dicke Stiftsherr lebte jedoch nur zwei Jahre in feiner Herrlichkeit und wurde von ſeinem Sohn Ar⸗ chibald beerbt, der eben ſo thaͤtig und ungeſtümm war, als irgend einer feiner ehrgeitzigen Vorfahren und ſich, um den Dod ſeiner juͤngſt verſtorbenen Vetter zu raͤchen, in manchen Streit einließ. Unterdeſſen hatte Jacob H. das Mannesalter erreicht, und die Leitung der Staatsgeſchaͤfte ſelbſt uͤbernommen. Er war ſchoͤn, aber ſein Geſicht auf der einen Seite mit einem breiten rothen Strich bezeichnet, das ihm den Beinamen Ja⸗ cob mit dem feurigen Geſicht erwarb. Man nannte ihn auch haͤufig Jacob mit dem feurigen Gemuͤth; denn mit vielen guten Eigenſchaften verband er auch die boͤſe, ſich leicht von der Hitze hinreiſſen zu laſſen, wovon ich gleich ein merkwuͤr⸗ diges Beiſpiel mittheilen werde. Bald nach ſeinem Regierungsantritt verwendete Jacob H. den Graf von Douglas als Generallieutenant des Koͤnigreichs; aber dieſer ehrgeitzige Edelmann zeigte ſich bald geneigt ſein Anſehen bis zu einer unumſchraͤnkten Macht auszudehnen, ſo daß der Koͤnig es fuͤr gut fand, ihm die gefaͤhrliche Stelle, die er ihm übertragen hatte, wieder abzunehmen. Douglas zog ſich auf ſein eigenes Schloß zuruͤck und ſann auf Rache, waͤhrend der Koͤnig ſeiner Seits eine geſchickte Gelegenheit abwartete, um die Macht eines ſo furchtbaren Nebenbuhlers iun vermindern. 3 2. 20 Douglas verhoͤhnte bald des Koͤnigs Anſehen und machte von ſeiner Macht Gebrauch. Einer ſeiner Freunde und An⸗ haͤnger, Namens Auckinlek wurde durch Lord Colville ermor⸗ det. Dieſes Verbrechen verdiente allerdings Beſtrafung, aber die Strafe haͤtte ſollen von den betreffenden Kronbehoͤrden und nicht von einem Edelmann nach Willkuͤr verhaͤngt wer⸗ den. Douglas betrachtete uͤbrigens die Handlung als ein ge⸗ gen ihn ſelbſt begangenes Unrecht und raͤchte ſich deßhalb auf eigene Fauſt hin. Er zog mit einem betraͤchtlichen Corps ge⸗ gen Lord Coloille, erſtuͤrmte deſſen Schloß und ließ alle Leute die er darin fand, niedermachen. Der Koͤnig war nicht im Stande dieſe Beleidigung zu beſtrafen. 3 Eben ſo duldete Douglas von einigen ſeiner Anhaͤnger in wlnnandale und munterte ſie ſogar noch auf, daß ſie das Gebiet des Sir Johann Herries, der dem Koͤnig auſſeror⸗ dentlich ergeben war, verwuͤſteten und pluͤnderten. Herries hatte viel Verſtand und war ſehr maͤchtig; er vergalt die von Douglas Leuten erlittene Behandlung dadurch, daß er ihr Gebiet auch verwuͤſtete; er wurde jedoch bei dieſer Gelegen⸗ heit von Douglas geſchlagen, gefangen genommen und nach⸗ her hingerichtet, obgleich der Koͤnig den beſtimmten Befeyl gegeben hatte, daß die Perſon des Herries nicht verletzt wer⸗ den duͤrfe. Eine weit groͤßere Verletzung der Geſetze und der dem Koͤnig ſchuldigen Achtung ſand in dem Hauſe Maclellan's, Bormund des jungen Lord von Bomby, ſtatt; letztgenannter war der Ahnherr der nachmaligen Grafen von Kircudbright, Maclellan war einer von den wenigen Maͤnnern in Galloway, welcher den Drohungen des Grafen von Douglas Trotz bot und verweigerte, ſich mit ihm gegen den Koͤnig zu verbinden. Der Graf, über ſeinen Widerſtand aufgebracht, uͤberfiel ploͤtz⸗= b 21 lich ſein Schloß, machte ihn gefangen und ließ ihn nach der auf einer Inſel des Fluſſes Dee in Gallvway gelegenen feſten Burg Chrieve bringen. Der Koͤnig nahm an Maclellan's Schickſal beſonderes Intereſſe, zumal da Sir Patrick Gray ſich fuͤr ihn verwendete; dieſer genannte Sir war nemlich Commandant der koͤniglichen Garde, er beſaß Jacob's Ver⸗ trauen in hohem Grade und befand ſich ſtets in ſeiner Geſell⸗ ſchaft; zugleich war er mit Maclellan nahe verwandt, ſein Onkel von muͤtterlicher Seite her. Der Koͤnig ſchrieb nun, um zu verhindern, daß Maclellan nicht das nemliche Schick⸗ fal wie Colville und Herries habe, dem Grafen von Douglas anfaͤnglich bittweiſe, dann aber als Befehl, daß er den Vor⸗ mund des jungen Bomby,(wie man Maclellan gewoͤhnlich nannte), dem Sir Patrik Gray ausliefern ſolle. Sir Patrik begab ſich mit dieſem Briefe perſoͤnlich nach Ohrieve. Douglas empfieng ihn gerade als er vom Mittag⸗ eſſen aufgeſtanden war, mit anſcheinend viel Hoͤflichkeit, ver⸗ mied jedoch mit Gray uͤber die Urſache ſeines Beſuches zu ſprechen, bis dieſer auch geſpeist hatte, indem er ſagte:„ein voller Wirth und ein nuͤchterner Gaſt koͤnnen ſich nicht gut verſtehen.“ Dieſe Höoͤflichkeit diente jedoch nur zum Vor⸗ wand, um Zeit zur Ausfuͤhrung einer ſehr grauſamen Hand⸗ lung zu gewinnen. Da Dauglas ermuthete, daß Gray's Beſuch das Leben Maclellan's betreſſe, ſo entſchloß er ſich, den Letztgenannten noch vor Eroͤffnung des koͤniglichen Brie⸗ fes umbringen zu laſſen; daher ließ er, waͤhrend er den Sir Patrik mit großer Gaſtfreundſchaft bewirthete, deſſen ungluͤck⸗ lichen Vetter in den Schloßhof fuͤhren und dort enthaupten. Nach beendigtem Mittagsmahle uͤberreichte Gray des Koͤnigs Brief, den Donglas annahm und unter Bezeugung tiefen Reſpects uͤberlas; dann dankte er dem Sir Patrik für die ge⸗ 22 habte Muͤhe und fur die Gute, daß er ihm ein ſo gnaͤdiges Schreiben ſeines Monarchen uͤberbringe, da er bis daher mit Seiner Majzeſtät nicht im beſten Vernehmen ſtand.„Des Koͤnigs Befehl,“ ſagte Douglas,„ſoll auf der Stelle und zwar ſchon um Euretwillen befolgt werden. Dann nahm der Graf den Sir Patrik bei der Hand und fuͤhrte ihn in den Schloßhof, woſelbſt Maclellan's Leichnam noch lag. „Sir Patrik,“ ſagte er, als deſſen Bedienten das blu⸗ tige Duch, womit der Leichnam bedeckt war, wegnahmen, „Ihr ſeyd ein bischen zu ſpaͤt gekommen, dort liegt Eurer Schweſter Sohn, aber ohne Kopf; der Leichnam ſteht übri⸗ gens zu Euren Dienſten.“ 1 „Mylord,“ verſetzte Gray, der ſeinen Unwillen unter⸗ druͤckte,„nachdem Ihr ihm den Kopf genommen habt, koͤnnt Ihr auch nach Gefallen über den Koͤrper verfügen.“ Als Patrik ſein Pferd beſtiegen hatte, konnte er ſeinen Groll nicht laͤnger zuruͤckhalten, und aͤuſſerte trotz der gefaͤhr⸗ lichen Lage, in der er ſich befand: „Mylord, wenn ich das Leben behalte, ſollt Ihr dieſes Dagewerk theuer bezahlen.“ Indem er ſo ſprach, ritt er davon. „Auf! zu Pferd und verfolgt ihn!“ rief Douglas, und wenn Gray nicht ganz gut beritten geweſen waͤre, ſo wuͤrde ihm aller Wahrſcheinlichkeit nach das Schickſal ſeines Neffen zu Theil geworden ſeyn. Er wurde bis gegen Edinburgh hin verfolgt, eine Strecke von fuͤnfzig bis ſechzig Meilen. Auſſer dieſer kuͤhnen und offen an den Tag gelegten Nichtachtung der koͤniglichen Gewalt, ließ ſich Douglas auch noch in Verbindungen ein, die ſeinen Vorſatz, die koͤnigliche Regierung ganz zu ſtuͤrzen, deutlich zu erkennen gaben. Er ſchloß mit dem Grafen von Crawford, der Baͤrtige genannt, 25 und mit dem Grafen von⸗ Roß ein Buͤndniß; der erſtgenannte uͤbte in den Grafſchaften Angus, Perth und Kincardine viel Gewalt aus; der letztere ſtund beſonders im noͤrdlichen Schott⸗ land in großem Anſehen, das dem eines Koͤnigs gleich kam. Die drei maͤchtigen Grafen ſchloſſen ein Schutz⸗ und Trutz⸗ buͤndniß, vermoͤge deſſen ſie ſich gegenſeitig verpflichteten, einander gegen Jeden, den Koͤnig ſelbſt nicht ausgenommen, beizuſtehen. 1 8 Jakob ſah hierauf wohl ein, daß einige ſtrenge Maßre⸗ geln dagegen ergriffen werden muͤßten, aber es war durchaus nicht leicht, die rechten zu treffen. Das Buͤndniß zwiſchen den drei Grafen ſetzte ſie in Stand im Fall eines Krieges eine der koͤniglichen Macht weit uͤberlegene aufzuſtellen. Der Koͤnig ließ daher ſein Vorhaben nicht merken und lud unter dem Vorwand einer freundſchaftlichen Unterredung und Verſoͤhnung den Douglas ein, nach Stirling an den koͤnigli⸗ chen Hof zu kommen; allein Douglas trug Bedenken, ob er dieſe Einladung annehmen ſolle; bevor er Folge leiſtete erbat er ſich und erhielt auch unter Beidruͤckung des großen Siegels ein Sicherheitsgeleit oder einen Schutzbrief, vermoͤge deſſen ihm der Koͤnig verſprach, daß er hin und zuruͤck kommen koͤn⸗ ne, ohne daß ihm irgend ein Leid zugefuͤgt werde. Der Graf wurde um ſo mehr in ſeinem Vorſatze, den König zu erwar⸗ ten, beſtaͤrkt, als man ihm zu verſtehen gegeben hatte, daß der Canzler Crichton in Ungnade gefallen und vom Hofe ent⸗ fernt worden ſey; er glaubte ſich daher vor den Nachſtellun⸗ gen ſeines und ſeiner Familie Todtfeindes ſicher. 8 Auf dieſe Art geſchuͤtzt, befuͤrchtete Douglas durchaus keinen Angriff gegen ſeine Perſon und kam zu Ende Febru⸗ ars 1432 nach Stirling; dort traf er den Koͤnig im Schloſſe dieſer Stadt, welches noch jetzt auf einem witten aus der 24 Ebene ſich erhebenden Felſen am obern Ende der Stadt liegt und nur durch ein einziges ſtarkbefeſtigtes Thor zugaͤnglich iſt. Das zahlreiche Gefolge des Douglas wurde in der Stadt ein⸗ aagnrer der Graf ſelbſt aber in das Schloß geingelaſſen⸗ Einer ſeiner beſten Vertrauten und mächtigſten T Verbüͤndeten war Hamilton von Cadyow, das Haupt der ausgebreiteten Familie Hamiltyn. Dieſer Edelmann wollte Douglas zum Schloßthore hinein begleiten, allein Livingston, der ſich mit dem Koͤnig im Schloße befand, ſchlug in dieſem Augenblick den Hamilton ſeinen Vetter, in's Geſicht. Als Hamilton, üͤber dieſe Unverſchaͤmtheit vor Zorn entbrannt, mit dem Schwert in der Hand auf Livingston losſtürzte, trieb er ihn mit einer langen Lanze ſo weit zuruͤck, bis die Thore geſchloſ⸗ ſen werden konnten. Sir Jacob Hamilton aͤrgerte ſich nicht wenig über dieſes Benehmen, aber nachher erfuhr er, daß ihm Livingston, der ihn von der Gefahr, in die ſich Douglas ſtuͤrzte, rettete, einen Freundſchaftsdienſt erwieſen hat. Der Koͤnig empſing Douglas ſehr freundſchaftlich und nach einem ganz unbedeutenden Wortwechſel uͤber ſein letzte⸗ res Betragen ſchienen Jacob und ſein maͤchtiger Unterthan im beſten Einverſtaͤndniß zu ſtehen. Um ſieben Uhr wurde zu Nacht geſpeißt; nach eingenommenem Mahle fuͤhrte der Koͤ⸗ nig den Douglas an einen Kreuzſtock deſſelben Zimmers hin, leitete das Geſpraͤch auf das zwiſchen ihm, Roß und Craw⸗ ford geſchloſſene Buͤndniß und forderte ihn auf, ſich davon ꝛo;szuſagen, weil es mit ſeiner Unterthanenpflicht und der Ru⸗ he des Kaͤnigreichs unvereinbar ſey. Douglas zeigte ſich nicht geneigt dem Anſinnen des Koͤnigs zu entſprechen, daranf drang der Koͤnig ungeſtuͤmmer in ihn, der Graf aber verwei⸗ gerte das Begehren hochmuͤthig und beſtimmt, und machte dem Koͤnig uͤber die ſchlechte Leitung der Staatsgeſchaͤfte Vorwuͤr⸗ 7 fe. Dann gerieth der Koͤnig uͤber dieſe Halsſtarrigkeit in Wuth und ſagte:„Bei Gott, Mylord, wenn Ihr Euch von dieſem Bunde nicht losſagt, ſo werde ich ihn dennoch aufloͤ⸗ ſen.“ Indem er ſo ſprach, brachte er dem Grafen mehrere Dolchſtiche bei, und Sir Patrik Gray, der dem Douglas für Maclellan's Hinrichtung ewige Rache geſchworen hatte, waͤhrend einige andere von des Koͤnigs Gefolge nicht erman⸗ gelten, den ſchon Verwundeten vollends niederzumachen. Douglaſens Leichnam wurde keine chriſtliche Beerdigung zit Cheil, wenigſtens fand man vor ungefaͤhr 40 Jahren ein Skelett in dem Garten, gerade unter dem ungluͤcklichen oben erwaͤhnten Kreuzſtock; daraus ſchloß man, dieſe Gebeine ſeyen die Ueberreſte des Grafen von Douglas, welcher auf ei⸗ ne ſo ſeltſame und ungluͤckliche Art durch die Hand ſeines Mo⸗ narchen ſtarb. Von des Königs Seite war dieß eine ſchlechte und grau⸗ ſame Handlung, die, wenn auch die Hitze der Leidenſchaft in. Betracht gezogen wird, nicht wohl entſchuldigt werden kann, aber noch ſchlechter iſt, weil Jacob ſie vorſaͤtzlich begangen und von Anfang an Gewalt zu gebrauchen beſchloſſen hatte, wenn Douglas nicht nachgeben ſollte. Der Grgf hatte aller⸗ dings Beſtrafung verdient, vielleicht ſogar Todesſtrafe, weil ihm manche Verbrechen zur Laſt gelegt werden konnten; aber der Koͤnig haͤtte ihn nicht ſollen ohne gerichtlichen Spruch und vollends in ſeinem eigenen Zimmer umbringen laſſen, nachdem er ihn unter Verſprechungen, daß ſeiner Perſon nichts geſchehen ſolle, dahin gelockt hatte. Diesmal ſiel die 26 den Tod Comyn des Rothen dem Koͤnigreich Schottland ſeine Freiheit zu Tbeil werden, und durch den des Douglas den Fall dieſer Famtlie bewirken, da ſie den Frieden des Koͤnig⸗ reichs gar zu oft ſtoͤrte. n Die daraus folgenden Begebenheiten endeten ganz an⸗ ders, als ſie begonnen hatten. In der Stadt Stirling leb⸗ ten vier Bruͤder des ermordeten Douglas, welche, nachdem ſie den Tod ihres aͤlteſten Brüuders vernommen, ſogleich den aͤlteſten von ihnen, den Jacob, als den Nachfolger der Graf⸗ ſchaft anerkannten. Dann eilten ſie in ihre Beſitzungen, denn ſie waren alle maͤchtige Lords, verſammelten ihre Freunde und Vaſallen, kehrten nach Stirling zuruͤck, und banden das Sicherheitsgeleit oder den Paß, den der verſtorbene Graf von Douglas erhalten hatte, einem ihrer Bedienten als Schlepp hinten an den Rock, und ließen den Schutzbrief auf dieſe Art in der Stadt herumziehen, um dem Koͤnig ihre Verachtung zu erkennen zu geben. Hierauf proclamirten ſie den Koͤnig Jacob unter dem Schalle von fuͤnfhundert Horn und Trompeten als einen falſchen und treuloſen Mann. Spaͤ⸗ terhin pluͤnderten ſie die Stadt Stirling, und ſchickten, da⸗ mit noch nicht zufrieden, den Sir Hamilton von Cadyow in die Stadt, um ſie abzubrennen; aber die Staͤrke des Schloſſes trotzte allen ihren Anſtrengungen, und nach dieſer Prahlerei entſchloſſen ſich die Douglas ein weit ſtaͤrkeres Corps zu verſammeln. 1 Mit genannter Familie ſtunden ſo viele Edelleute in Verbindung, daß der Koͤnig ſelbſt nicht ſchluͤßig geweſen iſt⸗ ob er den bevorſtehenden Kampf beſtehen, oder nach Frank⸗ reich fliehen und den Thron dem Grafen uͤberlaſſen ſolle. In dieſer aͤußerſten Noth fand Jacob einen treuen Rathgeber in ſeinem Vetter und Geſchwiſterkinde Kennedy, Erzbiſchof von 27 St. Andreas, einem der klügſten Maͤnner jener Zeit. Der Erzbiſchof trug ſeine Meinung in einem Gleichniß vor. Er gab dem Koͤnig einen Buͤſchel mit Leder zuſammengebundener Pfeile in die Hand und ſagte, er ſolle ſie zerbrechen. Der Koͤnig erwiederte, daß dieſe Forderung ſeine Kraͤfte uͤberſteige. „Das mag wohl ſeyn, ſo lange ſie zuſammengebunden ſind,“ verſetzte der Erzbiſchof,„wenn Ihr aber den Riemen loͤst und einen Pfeil nach dem andern nehmet, ſo koͤnnt Ihr ſie leicht nach und nach alle zerbrechen; und ſo, mein Fürſt, ſolltet Ihr mit den aufruͤhriſchen Adeligen verfahren. Wenn Ihr ſie angreift, ſo lange ſie zu einem und demſelben Zweck vereint ſind, ſind ſie Euch uͤberlegen; wenn Ihr es aber mit jedem beſonders ausmacht, ſo koͤnnt Ihr ſie einen nach dem andern eben ſo leicht bemeiſtern, als Ihr die Pfeile einzeln zerbrecht.“ Dieſen Grundſatz befolgend, machte der Koͤnig mehreren Adeligen, bei welchen ſeine Agenten Gehoͤr fanden, Vorſtel⸗ lungen, wodurch ihnen dargethan wurde, daß der Aufruhr der Douglas, falls das Gluͤck ſie beguͤnſtige, dieſe Familie maͤchtiger als alle andere in Schottland machen wuͤrde, und daß dadurch die uͤbrigen Großen des Reiches gar keinen Ein⸗ fluß mehr haͤtten. Laͤndereien, große Summen und Ehren⸗ ſtellen wurden denijenigen verſprochen, welche die Sache der Dauglas verlaſſen und ſich auf des Koͤnigs Seite ſchlagen wuͤrden. Dieſe bedeutenden Verſprechungen und die heimliche Furcht vor der Obergewalt der Familie Douglas lockte Man⸗ che, die bis daher zwiſchen Unterthanenpflicht und Furcht vor dem Grafen ſchwebten, auf des Koͤnigs Seite. Unter dieſen zeichnete ſich der Graf von Angus am mei⸗ ſten aus; er war zwar ſelbſt ein Douglas, aber von ei⸗ nem neueren Zweige dieſer Familie; er vereinigte ſich bei 25 dieſer merkwürdigen Gelegenheit mit dem Koͤnig gegen ſeinen Vetter, und gab zu der Sage Veranlaſfung, daß„der rothe Douglas: dieß war der Beiname der Angus⸗ ſchen Samilie: den ſchwarzen unterdruͤckt habe.“ Die große Familie G ordon erklärte ſich auch fuͤr den Koͤnig, und ihr Haupt, der Graf von Huntly, ſammelte im Norden eine Armee und marſchirte mit ihr ſüdwaͤrts bis Bre⸗ chin, um den Koͤnig zu unterſtützen. Hier ſtieß er auf den Grafen von Crawford, welcher in Folge des s ungluͤcklichen Bundes, der den Graf Wilhelm ſein Leben koſtete, fuͤr die Douglas die Waffen ergriffen hatte. Einer von den Haupt⸗ anfuͤhrern in Crawford's Armee hieß Johann Colaſſe von Bonnymvon; oder Balnamoon; er commandirte eine bedeu⸗ tende Abtheilung, die mit Hellebarden und Streitaͤxten be⸗ waffnet war, und in die der Graf viel Vertrauen ſetzte. Ehe jedoch Johann Colaſſe etwas leiſtete, verlangte er von Crawford, er ſolle ihm den Beſitz einiger Grundſtücke zuſi⸗ chern, die nicht weit von ſeinem Hauſe lagenz allein der Graf verweigerte ihm die Gewaͤhrung dieſer Bitte. Colaſſe, hier⸗ über aufgebracht, ergriff in der erſten Schlacht die Flucht, worauf Crawford's Soldaten, die im Begriff ſtunden den Sieg davon zu tragen, den Muth verloren und geſchlagen mwurden. Auſſer dieſer Schlacht wurde zwiſchen den Douglas und ihren Verbuͤndeten und den koͤniglich Geſinnten noch zmanches Sreffen in verſchiedenen Gegenden Schottlands ge⸗ liefert. Dabei wurde viel Blut vergoſſen und dem Lande gry⸗ her Schaden zugefuͤgt. Unter andern Verwuͤſtungen in die⸗ ſen Buͤrgerkriegen iſt eine merkwürdig; der Graf von Huntly brannte die eine Haͤlfte) einer Straße der Stadt Elgyn ab, weil ſie dem Douglas ergeben war, waͤhrend er die andere Haͤlfte der naͤmlichen Straße ſtehen ließ, worin Buͤrger 29 wohnten, die ſeiner Familie ergeben waren. Daher kommt auch das Spruüchwort, wenn irgend etwas nicht ganz beendigt iſt:„Halb gethan, wie der Brand bei Elgyn.“ Zu den un⸗ zaͤhligen Uebeln eines Buͤrgerkriegs geſellte ſich noch Hungers⸗ noth und Peſt. n Ta ea S N. Wln Die koͤnigliche Partei gewann endlich die Oberhand, denn der gegenwaͤrtige Graf von Douglas ſcheint nicht ſo thaͤtig und entſchloſſen geweſen zu ſeyn, als die Vorfahren ſeines Namens. Der Graf von Crawford war einer der erſten, welcher ihn verließ und den Koͤnig um Verzeihung und Gna⸗ de anflehte. Obgleich viele Unterthanen bei dem König gegen dieſen maͤchtigen Lord Klagen voͤrgebracht hatten, und ob⸗ gleich der Koͤnig fruͤher ein Geluͤbde gethan, daß er die dem Grafen gehoͤrige Burg Finhafen zerſtoͤren und den oberſten Stein zum unterſten machen wolle, ſo gewaͤhrte er ihm doch volle Verzeihung, beſuchte ihn aber in Finhafen, um ſein Geluͤbde zu erfullen. Der Koͤnig beſtieg naͤmlich die Mauer⸗ zinnen und warf einen kleinen Stein, welcher oben lag, in den Graben hinab; auf dieſe Art machte er den oberſten Stein zum unterſten, ohne die Burg zu zerſtoͤren. Auf ein ſolch guͤtiges Benehmen hin fanden ſich viele von den feindlich ge⸗ ſinnten Adeligen bewogen, ſich zu unterwerfen. Die Macht der Douglas blieb jedoch ſo groß wie zuvor, und man durfte nicht hoffen, den durch ſie herbeigefuͤhrten Streit beendigen zu koͤnnen, wenn man ſich nicht zu einer ver⸗ zweifelten Schlacht entſchließen wollte. Endlich ſchien ein ſolches Ereigniß nicht mehr ferne zu ſeyn. Die Grafen von Orkney und von Angus, die für des Koͤnigs Sache fochten, belagerten Abercorn, eine dem Grafen von Douglas gehoͤrende ſtarke Burg an der Muͤndung des Forthfluſſes. Douglas ſam⸗ melte alle Streitkraͤfte, die ſeine Familie und ſeine Verbuͤnde⸗ 30 ten zuſammenbringen konnten; ſie ſollen ſich bis auf beinahe 40,000 Mann belaufen haben; mit dieſer Armee zog er gegen die Burg, um die Belagerung aufzuheben. Der Koͤnig ſei⸗ ner Seits verſammelte die Streitkraͤfte des noͤrdlichen Schott⸗ lands und ruͤckte an der Spitze einer zwar an Zahl uͤberlege⸗ nen aber an militaͤriſcher Ordnung weit nachſtehenden Armee vor, um mit den Grafen von Douglas zufammenzukommen. Eine Schlacht ſchien unvermeidlich, und deren Ausgang mußte wohl entſcheiden, ob Jakob Stewart oder Jakob Douglas die Krone Schottlands tragen werde. Der kleine Fluß Carron trennte die beiden Armeen. Die Naͤnke des Erzbiſchofs von St. Andreas hatten auf diele Adelige von Douglaſens Partei einen maͤchtigen Ein⸗ druck gemacht, von denen ein großer Theil ihm mehr aus Furcht als aus Anhaͤnglichkeit gehorchte. Andere, welche ei⸗ ne gewiſſe Unbeſtimmtheit in Douglaſens Entſchließungen und in ſeinen Handlungen bemerkten, fingen an zu zweifeln, daß er geeignet ſey, eine ſo gefaͤhrliche Unternehmung zu leiten.⸗ Unter den letzten befand ſich der ſchon erwaͤhnte Sir Jakob Hamilton von Cadyow; er kommandirte dreihundert Reiter und dreihundert Mann Infanterie von Douglaſens Armee, alle von erprobtem Muthe. Der Erzbiſchof Kennedy war Hamilton's Vetter und zog von dieſer Verwandtſchaft Vor⸗ theil, in ſofern er eine heimliche Botſchaft an Hamilton ſchickte und ihn benachrichtigte, daß der Koͤnig ſehr geneigt ſey, ihm ſeine Empoͤrung zu verzeihen und ihn wieder in Gnaden aufzunehmen, wenn er anders der Sache der Douglas entſage und ſich dem Koͤnig unterwerfe. Dieſe Vorſpieglun⸗ gen machten auf Hamilton bedeutenden Eindruck, welcher, da er ſo lange Zeit Freund und Anhaͤnger des Douglas geweſen, 51 1 feinen alten Kameraden in dieſer mißlichen Lage ungern verließ. 3 3 Den andern Morgen ſchickte der Koͤnig einen Herold in Douglaſens Lager und ließ ihm ſagen, er ſolle ſeine Verbuͤn⸗ deten entlaſſen, oder er und ſie werden als Verraͤther behan⸗ delt; zu gleicher Zeit verſprach er allen denjenigen, welche die aufruͤhreriſche Fahne des Douglas verlaſſen wuͤrden, Ver⸗ zeihung und Belohnung. Donglas machte ſich uͤber dieſe Aufforderung luſtig, ließ zum Angriff blaſen und ruͤckte der Armee des Koͤnigs entgegen, welche ihr Lager ſchon verlaſſen und ſich zu einer Schlacht vorbereitet hatte. Die Abſendung des Herolds ſcheint jedoch auf die Anhaͤnger des Deuglas und vielleicht auf den Grafen ſelbſt einigen Einſluß gehabt zu ha⸗ ben, da er ſich nicht mehr auf ſie verlaſſen zu koͤnnen glaub⸗ te. Er ſah, oder glaubte wenigſtens zu ſehen, daß feine Sruppen entmuthigt ſeyen, und fuͤhrte ſie in ſein Lager zu⸗ ruͤck, in der Hoffnung, ihnen mehr Vertrauen einzufloͤßen; aber dieſe Bewegung hatte eine entgegengeſetzte Wirkung, denn kaum war der Graf in ſein Lager zuruckgekehrt, kam Sir Jakob Hamilton herbei und forderte eine Erklaͤrung von ihm, ob er geſonnen ſey ſich zu ſchlagen oder nicht, wobei er ihn verſicherte, daß jeder Aufſchub dem Koͤnig guͤnſtig ſey, und daß er, der Graf, je laͤnger er die Schlacht aufſchiebe, deſto⸗ weniger Leute haben werde, um ſich ſchlagen zu koͤnnen. Douglas antwortete dem Hamilton ganz veraͤchtlich,„daß es ihm, wenn er nicht Stich halten wolle, frei ſtehe, von dan⸗ nen zu ziehen.“ Hamilton nahm den Grafen hei ſeinem Wort, verließ Donglaſens Lager, und ging noch in der naͤm⸗ lichen Nacht zum Koͤnig uͤber. Dieſem Beiſpiele folgten ſo Viele, daß Donglaſens Armee im Augenblick aufgeloͤst zu ſeyn ſchien, und den andern Morgen hatte der Graf außer 32 feinen eigenen Leuten keine hundert Manm mehr in ſeinem verlaſſenen Lager. Er ſah ſich genoͤthigt in die Prooinz An⸗ nandale zu ſliehen, woſelbſt ſeine Bruͤder und Anhaͤnger bei Arkinholme von den Schotten und andern Graͤnzbewohnern einen harten Schlag erlikten. Einer von des Grafen Bruͤ⸗ dern blieb in dieſer Schlacht, ein anderer wurde verwundet und gefangen genommen, und nachher gleich hingerichtet; der dritte entfloh nach England, woſelbſt der Graf auch ei⸗ nigen Schutz fand. Auf dieſe Art zerſiel die Macht dieſer großen Familie, die dem Chrone ſo nahe ſtund; und ihre Groͤße, welche durch den Gehorſam und die Tarferkeit des guten Lord⸗Jakob gegründet worden, war nun durch das auf⸗ rühreriſche und Kndeeude Benehmen des keuten Grafn zer⸗ ſtoͤrt. 4 Dieſer ungläͤckliche Edelmann blieb gegen zwanzig Jahre in England verbannt, und war in ſeinem eigenen Lande bei⸗ nahe ganz vergeſſen, bis er unter der nachfolgenden Regie⸗ rung im Jahre 1464 bei einer gegen die Graͤnzen von An⸗ nandale gerichteten Unternehmung geſchlagen und gefangen genommen wurde. Er ergab ſich einem Bruder des Kirkpa⸗ trik von Cloſeburn, welcher in des Graſen beſſeren Dagen ſein eigener Vaſall geweſen, und nun Chraͤnen vergoß, als er ſei⸗ nen alten Gebieter in ſo traurigem Zuſtande ſah. Er wollte ihn ſogar in Freiheit ſetzen und machte ihm den Vorſchlag, mit ihm nach England zu entfliehen; aber Douglas verwarf dieſes Anerbieten.„Ich bin,“ ſagte er,„der Verbannuͤug uͤberdruͤſſig, und da dort vom Koͤnig auf meinen Koͤpf eine Belohnung geſetzt iſt, ſo wuͤrde es nur Euch Nachtheil brin⸗ gen, der immer ſo redlich an mir handelte, als ich gegen mich ſelbſt.“ Kirk⸗ 33 Kirkpatrik handelte auch wirklich ſehr edelmüthig, er brachte ihn in eine abgelegene Wohnung in Sicherheit und lieferte ihn nicht eher aus, bis ihm das Verſprechen gegeben wurde, man werde ſein Leben ſchonen. Douglas wurde ver⸗ urtheilt, in die Abtei Lindores eingeſchloſſen zu werden, wel⸗ chem Urtheil er ſich ruhig unterzog und dabei nur ſagte:„Wer nicht anders kann, der. muß ein Mönch werden.“ In dieſem - Kloſter lebte er noch dier Jahre und mit ihm, dem letzten Sproͤßling feiner Familie, erloſch der Hauptzweig dieſer furcht⸗ baren Grafen von Douglas. 3 Manche ſchottiſche Familien erſtanden aus ihren Truͤm⸗ mern in Folge der Gätervertheilung, die der Koͤnig auf Ko⸗ ſten Anderer zum Vortheil derjenigen, welche ihm geholfen, vorgenommen hatte. Unter dieſen befand ſich der Graf von Angus, welcher, obgleich Vetter des Grafen von Douglas, ſich auf die Seite des Koͤnigs geſchlagen hatte; er zeg bei 1 weitem den groͤßten Nutzen davon, er wurde ſo maͤchtig, daß ſeine Familie, wie wer ſpaͤterhin erſehen werden, ſich am Ende von demſelben Ehrgeiz hinreißen ließ, der ſeine fruͤhe⸗ ren Verwandte leitete, wobei er doch nie die Hohe erreichte oder ſo tief geſunken waͤre, als die Familie von der er ab⸗ ſtammte. Durch den Fall des Donglas wurde guch Hamilton maͤch⸗ tiger. Die Flucht ſeines Vetters nach Aberkorn wurde ihm hoch angerechnet und er hiefͤr mit bedeutenden Guͤtern be⸗ lohnt; am Ende bekam er ſogar des Koͤnigs aͤlteſte Tochter zur Frau. Sir David Scott von Kirkurd und Vuccleuch erhielt auch bedentende Laͤndereien faͤr den Dienſt, den er mit ſei⸗ nem Clan in der Schlacht bei Arkinholme geleiſtet hatte, und W. Scott;s Werke. XCVII. 5 34 3 ſchon damals legte er den Grund zu der Herzogswuͤrde, wel⸗ che ſpaͤterhin ſeiner Familie zu Theil wurde. „So, mein theures Kind, iſt der Welt Lauf, daß durch den Fall eines großen Mannes oder einer Familie ſich ande⸗ re erheben, ungefaͤhr ſo, wie ein fallender Baum ſeinen Saamen auf der Erde umherſtreut und dadurch neuen Pflan⸗ zen das Leben gibt. Unter dieſer Regierung führten die Englaͤnder nicht viel Kriege gegen Schortkand, da ſie in ihrem eigenen Lande in den traurigen Buͤrgerkriegen von York und Lancaſter genug zu thun hatren. Aus demſelben Grunde wurde es vielleicht den Schotten moͤglich, in der Schlacht von Sark und in zwei andern Scharmuteln zu ſiegen. 3 Nachdem Jakob II. von der Mitbewerbung der Donglas und den immerwaͤhrenden Kriegen mit England nichts mehr zu befuͤrchten hatte, regierte er in Schottland ungeſtoͤrt. Das Königreich erfreute ſich wahrend ſeiner Regierung einer lansen Ruhe, und ſein letztes Parlament war im Stande ihm die regelmaͤßige und feſte Ausuͤbung der Geſetze zu em⸗ pfehlen, da er der Fürſt ſey, der alle Mittel beſitze ſeine koͤniglichen Pflichten erfällen zu können, ohne durch Muth⸗ willige vder Ungehorſame beintraͤchtigt zu werden. So war der Stand der Dinge im Jahr 1456; aber zwei Jahre ſpaͤ⸗ ter ſchwanden alle dieſe Hoffnungen. Das feſte Grenzſchioß Royburah war ſeit der unglückli⸗ chen S t von Durham im Beſitz dr Englaͤnder ge⸗ blieben. er Koͤnig faßte den Entſchluß dieſes Bollwerk des Koͤnigreichs wieder zu erobern. Jakob brach einen zur da⸗ maligen Zeit mit England abgeſchloſſenen Waffenſtillſtand und ſammelte die geſammten Streitkrafte ſeines Koͤnigreiches, um die große Unternehmung zu beginnen. Die Sdetleute ſtellten ſich auf den Aufruf ihres Landesherrn in großer Anzahl; weil er immer geachtet und im allgemeinen in ſeinen militaͤriſchen Unternehmungen glücklich geweſen iſt. Sogar Donald von den Inſeln zeigte ſich als treuer und unterwuͤrfiger Vaſall; er kam mit einem ziemlich betraͤchtlichen Corps, woraus man auf ſeine eigene Macht ſchließen konnte, und unterwarf es den Befehlen ſei⸗ nes Monarchen. Seine Keute waren nach Art der Hoch⸗ laͤnder bekleidet, mit Panzerhemden, zweiſchneidigen Schwertern, Streitaͤxten, Bogen und Pfeilen bewaffnet. Do⸗ nald erbot ſich, falls die Schotten in England eindringen ſollten, des Koͤnigs Heer bis auf eine Meile entgegen zu ruͤ⸗ cken und die Gefahr des erſten Angriffs auf ſich zu nehmen. Jakob's Erſtes war jedoch die Belagerung von Roxburgh. Dieſe feſte Burg lag auf einer Anhoͤhe unweit der Verbin⸗ dung des Sweed ⸗ Und Deviot⸗ Fluſſes; das Waſſer des letztgenannten wurde mittelſt eines Wehres geſperrt und floß rund um die Feſtung herum; die Mauern derſelben waren ſo ſtark als ſie nur immer die Ingenieure der damaligen Zeit bauen konnten. Fruͤher war das Schloß durch Kriegs⸗ liſt genommen worden, aber Jakob wollte es durch eine re⸗ gelmaͤßige Belagerung nehmen.. Zu dieſem Endzweck errichtete er auf der noͤrdlichen Seite des Fluſſes Dweed eine Batterie ſolch plumper Kanonen, wie ſie dawals noch beſchaffen waren. Die Belagerung hatte lange gedauert, und die Armee ſieng an Eberdruͤffg zuswerden, als die Ankunft des Grafen von Hunthlio mit friſcen Huͤlfstruppen ſie auf einmal mit neuem Geiſte be⸗ ſeelte. Der Koͤnig, auſſer ſich vor Freude über dieſe Unter⸗ ſtützung, ertheilte ſeiner Artillerie den Befehl, eine volle La⸗ 3„„ 36 bung auf das Schloß abzufeuern, und blieb ſelbſt bei den Kanonen ſtehen, um die Richtung der Schüſſe zu bezeichnen. Die Gewehre der damaligen Zeit waren plump aus zwei ei⸗ ſernen Stangen gefertigt, die durch eiſerne Baͤnder verbunden wur⸗ den, und einigermaſſen den Laͤufen neuerer Zeit glichen. Ihre Ka⸗ nonen waren weit mehr dem Zufall Preis gegeben als die neueren, welche aus Einem Stuͤck gegoſſen und mittelſt einer Maſchine aus⸗ gebohrt werden., Bei eben erwaͤhnter Belagerung zerſprang eines der ſchlechten Gewehre und ein Splitter deſſelben zerſchmetterte Jakobs Schenkelbein, woran er alsbald ſtarb. Ein anderer Splitter verwundete den Grafen vor Angus und auſſer die⸗ ſen Beiden wurde kein Mann verletzt, obgleich viele herum⸗ ſtanden. Jakob II. von Schottland ſtarb in ſeinem 20ſten Jahre nach einer 24jaͤhrigen Regierung. Dieſer Koͤnig beſaß keine der vorzuͤglichen Eigenſchaften ſeines Vaters, und die Art, auf welche er Douglas umbrach⸗ te, macht ihm ewig Schande. Im allgemeinen war er uͤb⸗ rigens ein guter Fuͤrſt und wurde von ſeinen Unterthanen ſehr bedauert. Ein Dornbaum in des Herzogs von Royburghs Garten zu Fleurs bezeichnet noch heute die Stelle, woſelbſt er ſtarb. 3 Drittes Kapitel. — Reglerung Jakob III.— Empörung der Home's und Hepburn's— Ermor dung des Königs.— 3 Nach dem traurigen Tode Jacobs II. verlor die vor Rox⸗ burgh ſtehende Armee den Muth und ſchien die Belagerung aufheben zu wollen; aber Margarethe, die Wittwe des ver⸗ ——— A 37 ſtorbenen Monarchen, wohnte dem Kriegsrathe bei und brachte ihren aͤlteſten Sohn, den Thronerben, ein Kind von acht Jahren, mit, und hielt folgende Rede: Pfui, meine edeln Lords, es waͤre eine Schande die ſo tapfer begonnene Belagerung aufzuheben oder auch unter dieſen ungluͤcklichen Auſpicien ſich nicht raͤchen zu wollen. Vorwaͤrts, meine edeln Lords, harrt aus in Eurem Unternehmen, und kehrt nicht fruͤher zuruͤck, bis die Belagerung ſiegreich beendigt iſt. Laßt Euch nicht nachſagen, daß ſo tapfere Maͤnner eine Aufmun⸗ terung von einer Wittwe beduͤrfen, die ihr ſelbſt troͤſten ſoll⸗ tet.“ Die ſchottiſchen Edelleute nahmen dieſe heldenmuͤthige Anfeuerung mit Freudengeſchrei auf, und ſetzten die Belage⸗ rung des Schloſſes Roxburgh ſo lange fort, bis die Garni⸗ ſon, die keine Unterſtützung erhielt, durch Hunger genzthigt wurde, ſich zu ergeben. Der Gouverneur des Platzes wurde zum Tode verurtheilt, und die durch den Verluſt ihres Koͤ⸗ nias gereizten Schotten riſſen die Schloßmauern ein und kehrten ſiegreich von einer Unternehmung zuruͤck, die ſie ſo theuer zu ſtehen kam. 5 3 Die Minderjaͤhrigkeit Jacobs MII. war gluͤcklicher als die ſeines Vaters und Großvaters. Das Staatsruder murde durch den erfahrnen und geſcheidten Biſchof Kennedy gefuͤhrt. Royburgh war, wie wir eben hoͤrten, genommen und zerſtoͤrt. Berwyck wurde waͤhrend den Mißhelligkeiten der Bürgerkrie⸗ ge in England den Schotten ausgeliefert, und die Inſeln Orkney und Zetland, welche bis daher den Koͤnigen von Norwegen gehoͤrt hatten, wurden als Heirathsantheil einer mit dem Koͤnig von Schottland vermaͤhlten Prinzefſin von Daͤnemark und Norwegen dem ſchottiſchen Reiche einverleibt. Dieſe günſtigen Umſtaͤnde wurden zuerſt durch den Dod des Erzbiſchofs Kennedy unterbrochen, nach welchem eine ggs— 38 wiſſe Familie Boyd, die damals ziemlich maͤchtig geworden war, die oͤffentliche Ruhe zu ſtoͤren ſchien. Zum Vormund Jakobs III. wurde Gilbert Kennedy ein weiſer und ernſthafter Mann, ernannt; er leitete nach dem Tode ſeines Bruders, des Biſchofs, die Studien des jungen Koͤnigs, waͤhlte aber unvorſichtiger Weiſe den Sir Alexander, Bruder des Lord Boyd, zum Lehrer Jakobs in den militaͤriſchen Uebungen, weil er juͤnger war und weil er dieſen fuͤr geeigneter dazu hielt, als ihn ſelbſt. Durch dieſe Anordnung wurden Sir Alexander, ſein Bruder, der Lord Boyd und zwei ſeiner Soͤhne ſo intem mit dem Koͤnig, daß ſie ihn der Aufſicht des Kennedy ganz zu entziehen trachteten. Der Hof reſidirte da⸗ mals in Linlithgow und der Koͤnig wurde auf einer Jagd⸗ partie uͤberredet, nach Edinburg zu reiten ſtatt zuruͤckzukehren. Der Vormund Kennedy widerſetzte ſich des Koͤnigs Wunſch und ergriff die Zuͤgel ſeines Pferdes, um ihn nach Linlithgow zuruͤckzufuͤhren. Alexander Boyd ritt aber vor, ſchlug mit ſeinem Jagdſpieße den alten Mann, der wohl ein beſſeres Schickſal verdient haͤtte, und noͤthigte ihn, des Koͤnigs Zuͤ⸗ gel zu verlaſſen, und fuͤhrte ſeinen Vorſatz, Jakob nach Edinburg zu bringen, durch; dort uͤbernahm Alerander die Leitung der Staatsgeſchaͤfte und verwendete hiebei die Boyd's eine Zeit lang, nachdem er ihnen eine foͤrmliche Verzeihung fuͤr alle ihre Gewaltthaͤtigkeiten zugeſichert hatte. Dem Sir Thomas, einem von Lord Boyd's Soͤhnen, wurde die Prin⸗ zeſſin Margarethe, des Koͤnigs aͤlteſte Schweſter, zur Frau gegeben, und er zum Grafen von Arran ernannt; uͤbrigens verdiente er dieſe Erhebung vermoͤge ſeiner perſoͤnlichen Ei⸗ genſchaften, wenn anders die Beſchreibung ſeines Charakters, die ein engliſcher Edelmann von ihm macht, nur annaͤhe⸗ rungsweiſe wahr iſt. Er wird als der freundlichſte, artigſte, 39 weiſeſte, gutiaſte und geſelligſte Graf von Arran dargeſtellt; von Andern aber als ein wohlgefaͤlliger, ſchoͤngewachſener und ſehr beredter Mann, als guter Bogenſchutze, als frommer Ritter und als treuer Ehemann bezeichnet. Dem ungeachtet folgte auf das ploͤtzliche Steigen ſeiner Familie eben ſo ſchnell ihr Fall. Der Koͤnig entſetzte die Boyd's aller ihrer Aemter und⸗ ließ ſie wegen der bei Linlith⸗ sow begangenen Gewaltthaͤtigkeit vor Gericht ſtellen, obgleich er ihnen vollkommene Verzeihung zugeſichert hatte. Sir Alexander Boyd wurde zum Dode verurtheilt und hingerich⸗ tet; Lord Boyd und ſeine Soͤhne ergriffen die Flucht und ſtarben in der Verbannung. Nach dem Dode des Sir Thomas: Grafen von Arran: heirathete die Prinzeſſin Margarethe den Lord Hamilton, wodurch dieſem der Kitel eines Grafen von Arran und die damit verbundene Grafſchaft zu Theil wurde. Nach dem Falle der Boyd's regierte der Koͤnig ſelbſt und nun kamen ſeine Fehler an den Tag. Er war furcht⸗ ſam: ein bedeutender Makel in ſolch kriegeriſchem Zeitalter: und ſeine Feigheit machte ihn gegen ſeine Edelleute, beſon⸗ ders aber gegen ſeine beiden Bruͤder argwoͤhniſch. Er liebte das Geld und machte deßhalb hievon keinen edelmuͤthigen Ge⸗ brauch gegen ſeine maͤchtigen Unterthanen, welches jedoch noͤthig geweſen waͤre, um ſich ihre Anhaͤnglichkeit zu erwer⸗ ben, ſondern er trachtete auf Koſten des geiſtlichen und welt⸗ lichen Standes reich zu werden, und machte ſich dadurch auf einmal verhaßt. Er liebte die ſchoͤnen Künſte, welche eine eines Monarchen wuͤrdige Eigenſchaft iſt, wenn er hiebei die Schranken ſeiner Wuͤrde nicht uͤbertritt und ſeine Pflichten nicht vergißt: aber er waͤhlte vorzugsweiſe Baumeiſter und Muſſ⸗ ker zu ſeinen Geſellſchaftern und ſchloß den Adel von ſeinem perſoͤnlichen Umgang aus: deßhalb nannten die hochmuͤthigen Edelleute Schottlands jene nur Maurer und Geiger. Coch⸗ rane, ein Baumeiſter, Rogers, ein Muſtkus, Leonard, ein Schmidt, Hommel, ein Schneider, und Torphichen, ein Fechtmeiſter waren ſeine Rathgeber und Geſellſchafter. Dieſe gemeine Geſellſchaft erregte den Haß des Adels, welcher nun anfing zwiſchen dem Koͤnig und ſeinen beiden Brudern, den Herzogen von Alban die fehr zum Nachtheile Jakobs ausfielen. Die beiden Prinzen gaben ſich ein ſolches Anſehen, und hatten ſo gefaͤllige Manieren, wie man es damals von Prin⸗ zen koͤniglichen Gebluͤts verlangte. Ein alter ſchottiſcher altung, ein etwas breites Geſicht, eine rothe * Ohren und machte ein furchtbares Geſicht, wenn er mit denen, die ſeinen Zorn erregten, fprach. Mar war in ſeinem Benehmen nicht ſo ernſthaft und befriedigte jeder⸗ mann, der ſich ſeiner Perſon naͤherte, durch ſeine Guͤte und ſeine gefaͤlligen Manieren. Beide Prinzen zeichneten ſich in militaͤriſchen Uebungen im Lanzenbrechen, im Jagen und an⸗ dern koͤrperlichen Uebungen aus, wogegen ihr Bruder, der König, hierin ungeſchickt war, ſey es, daß er keinen Geſchmack daran ſand, oder daß ſeine Furchtſamkeit ihn davon abhielt, wenn gleich in den damaligen Zeiten ſolche Eigenſchaften fuͤr ei⸗ nen Mann von hohem Rang unerlaͤßlich waren. Des Konigs Furchtſamkeit kann vielleicht durch das un⸗ geſtuͤme Betragen des ſchottiſchen Adels entſchuldigt werden, denn die Edellente, wie z. B. die Douglas und Boydes be⸗ fliſſen ſich eines hohen Ehrgeizes und kamen beſonders dadurch in die Verfuchung ihn in ihrer Stellung zum Koͤnig zu be⸗ y und Mar, Vergleichungen anzuſtellen, —— — 41 friedigen. Folgender Umſtand moͤge dazu dienen, dir nach ſo viel traurigen Erzaͤhlungen auch ein Vergnuͤgen zu gewaͤh⸗ ren, und dich zugleich mit den Sitten der ſchottiſchen Koͤnige und der Furcht, welche Jakob vor den Unternehmungen des Adels hatte, bekannt zu machen. Ungefaͤhr im Jahre 1474 befand ſich Lord Somerville an des Koͤnigs Hofe, da ſagte ihm Jakob III., daß er ihn auf ſeinem Schloſſe Cowthally nahe bei der Stadt Cornwarth be⸗ ſuchen wolle; dort lebte der Lord nach den rohen Gebraͤuchen der damaligen Zeit, wegen welchen er in beſonderem Rufe ſtund. Wenn er die Abſicht hatte, aus der Stadt mit eini⸗ gen Gaͤſten nach dem Schloſſe zuruͤckzukehren, ſo ſchrieb er gewoͤhnlich nur die Worte nach Hauſe: Speates und Raxes, d. h. Speiſe und Ordnung; dieſe Worte ſollten fuͤr die Sei⸗ nigen ein Wink ſeyn, daß eine Menge Speiſen in Bereit⸗ ſchaft gehalten und die noͤthigen Anordnungen getroffen wer⸗ den ſollen; ſogar bei dem von dem Koͤnig ihm zugedachten Beſuche ſchrieb er nichts anderes und ſchickte damit einen Eilhoten in ſein Schloß. Der Brief wurde ſeiner Frau, der Lady Somerville üͤberbracht, welche ihren Mann kurzlich erſt geheirathet hatte und deßhalb mit ſeiner Handſchrift noch nicht ganz vertraut war; ohne Zweifel war ſie nicht ſehr le⸗ ſerlich, denn in den damaligen Zeiten gingen die Edelleute mehr mit dem Schwert als mit der Feder um. Die Lady ſchickte nach dem Haushofmeiſter, und nachdem ſie lange mit einander berathſchlagten, was der Lord verlange, brachten ſie endlich heraus: Spcars und Jacks, d. h. Lanzen und Pan⸗ zerhemde. Die Jacks waren eine Art lederner Wamſe mit eiſernen Plaͤttchen beſetzt, und wurden von den Rittern nie⸗ derern Ranges getragen. Sie ſchloſſen aus dieſen ſchreckli⸗ chen Worten, daß ſich Lord Somerville in Gefahr oder in — 12 Edinburgh in einen Streit verwickelt beſinde und Huͤlfe be⸗ duͤrfe, ſo daß ſie, anſtatt ein Gaſtmahl zuzubereiten, bewaff⸗ nete Leute ſammelten und ſie zu einem Kampfe in Bereit⸗ ſchaft hielten. In einem Augenblicke waren zweihundert Reiter beiſammen, die ſogleich nach Edinburgh aufbrachen; unterwegs bemerkten ſie eine große Geſellſchaft von Edelleu⸗ ten, die ſich in der Gegend von Corſetthill mit der Falken⸗ jagd beſchaͤftigten; dieſe waren der Koͤnig und Lord Somer⸗ ville, welche ſich gerade nach Cowthally begeben wollten. Die Erſcheinung eines ſo zahlreichen bewaffneten Haufens verwandelte ihren Spaß in Ernſt, und der Koͤnig, welcher Lord Someroille's Panier an der Spitze der Truppen ſah, ſchloß daraus daß es eine Empoͤrung gegen ihn ſey, und beſchuldigte den Lord des Hochverraths. Somerville erklaͤrte, daß er unſchuldig ſeye. „Wahrhaftig,“ ſagte er,„es ſind meine Leute mit mei⸗ nem Paniere, aber ich weiß in der That nicht, was ſie da⸗ her fuͤhrt; wenn Euer Majeſtaͤt mir erlauben wollen, daß ich ihnen entgegen reite, ſo werde ich gleich dieſen Irrthum auf⸗ klaͤren koͤnnen. Inzwiſchen ſoll mein aͤlteſter Sohn und Erbe als Geiſſel bei Euer Majeſtaͤt zuruͤckbleiben, und wenn ich nicht ganz unſchuldig bin, ſo ſoll er ſeinen Kopf verlieren.“ Der Koͤnig erlaubte dem Lord zu ſeinen Leuten hinzureiten, worauf der Irrthum von den Befehlshabern derſelben bald aufgeklaͤrt wurde. Das Mißverſtaͤndniß gab hierauf zu ei⸗ nem großen Spaß Veranlaſſung; denn der Koͤnig, welcher den vom Lord geſchriebenen Brief uͤberlas, behauptete, daß er ſelbſt eher Spears und Jacks als Speates und Raxes ge⸗ leſen haben wuͤrde. Als ſie in Cowthally ankamen, verlor die Lady uͤber dieſes Mißverſtaͤndniß beinahe alle Faſſung; aber der Koͤnig lobte ſie fuͤr ihren Eifer, den ſie durch Ab⸗ 43 ſendung einiger hundert Bewaffneter an den Tag gelegt hatte, und ſagte: er wuͤnſche nur, daß ſie immer eine ſo tapfere Schaar zu ſeinen Dienſten ſtellen moͤge, wenn der Koͤnig und das Koͤnigreich ihrer bebuͤrfe. Somit lief die Sache ganz gluͤcklich ab. Es war ſehr natuͤrlich, daß ein ſo furchtſamer und ſtren⸗ ger Fürſt, wie Jakob III., die Stuͤtze, welche ſeine Bruͤder an den Unterthanen hatten, mit Aengſtlichkeit betrachtete, und daß die Einſchmeichlungen ſeiner unwürdigen Geſellſchaf⸗ ter dieſe Aengſtlichkeit und den Argwohn in einen toͤdlichen und unverſoͤhnlichen Haß verwandelten. Aus verſchiedenen Urſachen ſahen ſich die gemeinen Guͤnſtlinge Jakobs veran⸗ laßt, zwiſchen ihm und ſeinen Bruͤdern feindliche Geſinnun⸗ gen zu erhalten. Die Familie Home und Hepburn, welche nach dem Fall der Douglas ſehr maͤchtig geworden waren, hatten mit Albany immer Streit, und meiſtens betraf dieſer die Grundherrſchaft March, welche dem Albany von ſeinem Vater zugefallen war. Albany hatte auch als Lord Warden Beſitzungen an den oͤſtlichen Grenzen, und deßhalb jene maͤch⸗ tigen Clans haͤufig eingeſchraͤnkt und im Zaum gehalten. Um ſich zu raͤchen, machten ſie gemeinſchaftliche Sache mit Robert Cochrane, des Koͤnigs Hauptgegner, und beſchenkten ihn reichlich, damit er Albany mit dem Koͤnig entzweien ſol⸗ le. Dieſe Uneinigkeit ſtimmte auch mit Cochrane's eigenem Intereſſe uͤberein, denn er mußte daruͤber empfindlich ſeyn, daß Albany und Mar mißbilligten, daß der Koͤnig mit ihm vnd ſeinen Gefaͤhrten in gutem Einverſtaͤndniß ſtehe. Dieſe unwuͤrdigen Guͤnſtltnge trugen demnach, ſo viel als moͤglich dazu bei, den Koͤnig mit ſeinen Bruͤdern zu entzweien und ihn mit Vorurtheilen gegen ſie einzunehmen. Sie benachrichtigten ihn, daß der Graf von Mar Wahrſa⸗ 41 gerinnen befragt habe, wann und auf welche Art der Koͤnig ſterben werde, und daß dieſe ihm geantwortet haben, er wer⸗ de durch die Hand eines ſeiner naͤchſten Verwandten umkom⸗ men. Sie brachten dem Jakob auch einen Sterndeuter wel⸗ cher ihm mittheilte, daß in Schottland ein Loͤwe von ſeinen eigenen Jungen gefreſſen werden ſolle. Alle dieſe Sachen wirkten auf die eiferſuͤchtige und furchtfame Stimmung des Koͤnigs, wodurch er noch mehr gegen ſeine Bruͤder eingenom⸗ men wurde. Albany wurde in dem Schloß zu Edinburgh eingeſperrt, aber Mar's Schickſal ſogleich entſchieden. Der Koͤnig ließ dieſen Bruder in einem Bade erſticken, oder, wie andere Geſchichtſchreiber ſagen, zu Tode bluten. Jakob III. begieng dieſes ſchaͤndliche Verbrechen um Gefahren abzu⸗ wenden, die groͤßtentheils nur in der Einbildung beſtanden; aber wir werden finden, daß der Dod ſeines Bruders Mar ihm eher gefaͤhrlich wurde, als zu ſeiner Sicherheit beitrug. Albany kam in dieſelbe Gefahr wie ſein Bruder, allein einige ſeiner Freunde in Schottland oder Frankreich retteten ihn au folgende Art: Sie ſchickten eine kleine mit Gasconier Wein beladene Schaluppe nach Leith und von da aus dem eingeſperrten Prinzen zwei Faͤßchen zum Geſchenk. Die Wa⸗ che hatte erlaubt, daß die Faͤßchen in Albany's Zimmer ge⸗ bracht werden duͤrfen und der Herzog fand, nachdem er ihren Inhalt unterſucht, in einem derſelben einen in einen Ballen Wachs gehuͤllten Brief; in dieſem wurde er zu entſliehen auf⸗ gefordert und ihm das Verſprechen gegeben, daß das kleine Schiff auf welchem ihm der Wein zugeſchickt worden ſey, be⸗ reit ſtehe ihn aufzunehmen, ſobald er das Meer erreicht ha⸗ ben werde. Er wurde zugleich inſtaͤndig gebeten ſich zu beei⸗ len, weil man ihn am folgenden Tage enthaupten wolle. In demſelben Faͤßchen befanden ſich auch Stricke, wahrſcheinlich —— 43 um ißm das Hinabſteigen uͤber die Mattern und oͤber die das Schloß umgebende Abgruͤnde zu erleichtern. Sein Kam⸗ merherr, der in daſſelbe Zimmer mit ihm eingeſpernt war, verſprach ihn bei dieſem gefaͤhrlichen Unternehmen nach Kraͤf⸗ ten zu unterſtuͤtzen. Vor allem mußte ſich Albany vor dem Hauptmann der Wache verwayren, deßhalb ließ ihn der Her⸗ zog zum Nachteſſen einladen und bitten den Wein zu koſten, den er zum Geſchenk erhalten habe. Der Hauptmann ſtellte hierauf ſeine Schildwachen an denjenigen Stellen, woſelbſt er Gefahr vermuthete, aus, und begab ſich von dreien ſeiner Soldaten begleitet auf des Herzogs Zimmer, um der Einla⸗ dung Folge zu leiſten. Nach dem Eſſen veranlaßte der Her⸗ zog den Kammerherrn mit dem Hauptmanne Damen zu ſpie⸗ len und zu wuͤrfeln, wobei ſich letzterer und ſeine drei Solda⸗ ten den Wein ſo ſehr ſchmecken ließen, daß ſie bald betrun⸗ ken wurden; dann ſorang Albany, ein ſtarker beherzter Mann, vom Tiſche auf und durchbohrte den Hauptmann mit einem Dolche; auf gleiche Weiſe verfuhr er mit zweien der Solda⸗ ten und den dritten ſtieß der Kammerherr nieder, welcher als⸗ bald die Leichname von zwei der Ermordeten in das Kamin⸗ feuer warf. Die Verauſchung und Bewußtloſigkeit der Sol⸗ daten erleichterte naturlich die Ausfuͤhrung dieſes Unterneh⸗ mens. Der Herzog und der Kammerherr nahmen hierauf die Schluͤſſel aus des Hauptmanns Taſche, oͤffneten alle Thuͤren bis ſie auf die Schloßmauer gelangten und ſuchten dort ei⸗ nen auſſerhalb dem Vereiche der Schil wachen gelegenen Win⸗ kel, von wo aus ſie ihre gefaͤhrliche Flucht bewerkſtelligen wollten. Der Kammerherr verſuchte zuerſt ſich an dem Strick hinabzulaſſen, ager er ſiel, weil der Strick zu kurz war, hin⸗ ab und brach das Schenkelbein; er rief ſodann ſeinem Ge⸗ bieter zu, er ſoll das Seil verlaͤngern, worauf Albany in 46 ſein Zimmer zuruͤckkehrte und die Leintücher noch daran knuͤpfte, ſo daß er ſich bequem hinablaſſen konnte. Dann nahm er den Kammerherrn auf den Rücken, brachte ihn in Sicherheit und ſorgte fuͤr aͤrztliche Huͤlfe; er ſelbſt begab ſich an das ufer, woſelbſt ihn auf ein gegebenes Zeichen ein Boot aufnahm, in welchem er nach Frankreich ſegelte. Die Wachen wußten, daß ſich ihr Hauptmann mit drei Soldaten in des Herzogs Zimmer befinde und hielten ſich deßhalb fuͤr dieſe Nacht geborgen; als ſie aber bei Tagesan⸗ bruch ein Seil uͤber die Mauer hinabhaͤngen ſahen, erſchracken ſie und einige von ihnen begaben ſich in aller Eile auf des Herzogs Zimmer. Dort fanden ſie den einen ihrer Kamera⸗ den todt an der Thuͤre und die Leichname des Hauptmanns und der andern zwei Soldaten auf dem Feuer. Der Koͤnig war uͤber die kuͤhne Flucht des Albany ſo ſehr erſtaunt, daß er ihr keinen Glauben beimeſſen wollte, bis er ſich an Ort und Stelle mit eigenen Augen uͤberzeugt hatte.. Der Tod des Grafen von Mar und die Flucht des Her⸗ zogs von Albany trugen dazu bei, daß die unwürdigen Guͤnſt⸗ linge des Koͤnigs Jakob noch unverſchaͤmter wurden. Ro⸗ bert Cochran der Maurer, hatte ſich unterdeſſen hoch empor⸗ geſchwungen. Alle Bitten, welche an den Koͤnig gelangen ſollten, mußten durch ſeine Hand gehen; dafür, daß er die verſchiedenen Geſuche dem Monarchen empfahl, erwartete er und erhielt auch Geſchenke; hiedurch wurde er ſo reich, daß er dem Koͤnig bedeutende Summen vorſtrecken konnte und die⸗ ſer belehnte endlich den Cochran mit der Grafſchaft Mar nebſt allen Einkuͤnften des verſtorbenen Prinzen. Jedermann aͤrgerte ſich darüber, daß die Erbſchaft des ermordeten Herzogs, des Koͤnigsſohnes von Schottlaud, ei⸗ nem Abentheurer wie Cochran übertragen wurde. Bald dar⸗ 47 auf ward er einer Verfaͤlſchung beſchuldigt; er ſoll die Sil⸗ bermünzen des Koͤnigreichs mit Meſſing und Blei verſetzt ha⸗ ben, wodurch er ſchaͤndlicherweiſe den wahren Werth der Muͤnzen verminderte, waͤhrend er vom Koͤnig den Befehl aus⸗ zuwirken wußte, daß dieſe Muͤnzen in demſelben Werth wie die acht ſilbernen angenommen werden müͤſſen. Das Volk weigerte ſich, das Korn und andere Beduͤrfniſſe für dieſes ſchlechte Geld herzugeben, wodurch große Noth und Verwir⸗ rung entſtanden. Viele verlangten, daß dieſes Geld eingezo⸗ gen und dagegen gute Muͤnze in Umlauf gebracht werden ſol⸗ le; aber er wußte zu gewiß, daß ſeine Cochran's Muͤnze, (wie das Volk ſie zu nennen pflegte) nicht abgeſchaͤtzt werde und deßhalb ſich aͤußerte:„Wenn ich einmal gehangen werde, "imeg mon ſie abſchaffen, aber keine Minute früher.“ Dieſe ſcherzhaſte Aeuſferung ging wahrhaftig in Erfüllung. Im Jahre 1582 hatten die Streitigkeiten mit England einen hohen Grad erreicht und Eduard IV. machte Anſtalt Schottland zu überfallen; er hoffte beſonders die Stadt Ber⸗ wick wieder zu erobern. Er forderte den Herzog von Albany auf, Frankreich zu verlaſſen und ihn in ſeinem Unternebmen zu unterſtützen, verſprach aber zugleich ihm auf den Thron Schoitlands zu verhelfen. Dieß wurde ubrigens noch ſo lan⸗ ge ausgeſetzt, bis eine allgemeine Unzufriedenheit in Schott⸗ land uͤber den Koͤnig Jacob eine Unternehmung zu Gunſten Albany's erlauben wuͤrde.. Das ſchottiſche Volk wollte jedoch, ob es gleich mit ſei⸗ nen Fuͤrſten ſehr unzufrieden war, unter keinertei Bedingung durch Huͤlfe der Eng laͤnder einen andern Fnig erholten. Das Parlament verſammelte ſich und beſchloß einſtimmig Krieg gegen Eduard den Rauber, wie ſie Eduard lv. nannten. Auf dieſe Krlegserklaͤrung hin bot Jacyb die ganze 48 kriegsdienſtyflichtige Mannſchaft ſeines Koͤnigreichs auf, ver⸗ ſammelte ſie in der Borough Niederung bei Edinburgh, mar⸗ ſchirte von da nach Lauder und bezog mit einem 50,000 Mann ſtarken Heer ein Lager zwiſchen letztgenannter Stadt und dem Fluſſe Leader. Ddie bedeutenderen Edellente aber, welche ſich mit ihrem Gefolge der Armee angeſchloſſen hatten, waren weniger geneigt gegen die Englaͤnder zu marſchiren, als die Mißbrauche des Koͤnigs Jacob abzuſchaffen. 1 Viele Adelige hielten in der Kirche zu Lauder eine ge⸗ heime Zuſammenkunft, woſelbſt ſte ſich weitlaͤufig uͤber das Ungluͤck beſprachen, welchem Schottland durch die Unver⸗ ſchaͤmtheit und Schlechtigkeit des Cochran und ſeiner Mitge⸗ noſſen ausgeſetzt ſeye. Waͤhrend ſie hin und her berathſchlag⸗ ten, verlangte Lord Gray das Wort und fuͤhrte eine Fabel an.„Eine Maus,“ ſagte er,„welche durch die Nachſtellun⸗ gen einer Katze viel ausgeſtanden hatte, zog die uͤbrigen Maͤu⸗ ſe zu Rath, was ſie wohl thun ſolle, um dieſem Uebelſtande abzuhelfen, da beſchloſſen ſie, man ſolle der Katze eine Glocke um den Hals haͤngen, damit man ſie kommen hoͤre. Obgleich uͤbrigens dieſe Maßregel im verſammelten Rathe vorgeſchla⸗ gen wurde, ſo kam ſie doch nicht zur Ausfuͤhrnug, weil kei⸗ ne Maus ſo viel Muth beſaß, ihrem unverſoͤhnlichen Feinde die Glocke anzuhaͤngen.“ Mit dieſer Fabel wollte er andeu⸗ ten, daß es, obgleich ſie kuͤhne Entwuͤrfe gegen des Koͤnigs Miniſter ſchmieden, dennoch ſchwer ſeyn wuͤrde, einen unter ihnen zu ſinden welcher Muth genug haͤtte, gegen jenen auf⸗ zutreten. 4 Archibald, Graf von Angus, ein Mann von Rieſenſtaͤr⸗ ke und unerſchrockenem Muthe, das Haupt der zweiten Fa⸗ milie 8 2 49 milie von Douglas, deren ich oben erwaͤhnte, ſtand auf, nachdem Gray das letzte Wort geſprochen hatte und ſagte: „Ich bin derjenige, welcher der Katze die Glocke umhaͤngen „wird.“ Von dieſer Aeuſſerung an wurde er bis an ſein ſe⸗ liges Ende mit dem Beinamen Katzenlaͤuter bezeichnet. Waͤhrend dieſer Verſammlung hörte man auf einmal ein gehieteriſches Klopfen an der Kirchenthuͤre. Es war Cochran mit einem Gefolge von 300 Mann, die in ſeinen eigenen Dienſten ſtunden, und mit ſeiner Lioree, weiß mit ſchwarzen Aufſchlaͤgen, bekleidet waren und Commandeoſtaͤbe trugen. Sein eigener Anzug entſprach der Pracht ſeines Gefolges. Er hatte einen ſchwarzſammtnen Reitrock an, ſeinen Nacken zierte eine ſchoͤne goldne Kette und an ſeiner rechten Seite hing ein mit Gold beſchlagenes Hifthorn herab. Sein eben⸗ falls reich mit Gold verzierter Helm wurde vor ihm hergetra⸗ gen, ſo wie auch ſein Zelt, welches nebſt den dazu gehoͤrigen Schnuͤren von Seide angefertigt war. In dieſem prachtvol⸗ len Anzug erſchien er, nachdem er erfahren, daß die Adeligen eine Berathſchlagung halten, und wollte hoͤren, was ſie be⸗ ſchließen, deßhalb klopfte er ſo ungeſtuͤm an die Kirchenthuͤre. Sir Robert Douglas von Lochleven hatte innerhalb des Tho⸗ res die Wache und fragte, was man wolle. Als Cochran antwortete,„der Graf von Mar,“ erfreuten ſie ſich ſehr, daß er ſelbſt komme und ſich ihnen ſelbſt ausliefere. 1 Nachdem Cochran eingelaſſen wurde ſiel Angus, um das gegebene Verſprechen zu erfuͤllen, uͤber ihn her, viß ihm die goldene Kette vom Halſe und ſagte:„ein Strick wuͤrde Dir beſſer ſtehen.“ Sir Robert Douglas riß ihm zugleich das Hifthorn vom Leibe und ſagte:„Du biſt lange genug ein Un⸗ glucksjaͤger geweſen.“— W. Scott's Werke. XCVII. 4 4 50 „Iſt dieß Spaß ader Ernſt, Mylords?“ fragte Cochran, den die unfreunsliche Aufnahme mehr zu befremden als zu veunruhigen ſchien. „Dieß iſt voller Ernſt,“ riefen ſie,„den Du und Deine Mitſehüldigen kuͤhlen ſollen; Du haſt des Koͤnigs Gunſt zu Deinem eigenen Wortheil mißbraucht; nun ſoll Dir nach Verdienſt Dein Lohn werden.“ Auf dieſes hin ſetzte ſich weder Cochran noch fein Gefolge zur Gegenwehr. Ein Theil der Edelleute begab ſich in des Königs Pallaſt, waͤhrend einige hievon ein Geſpraͤch mit ihm anknuͤpften und andere den Leonard, Hommel, Torphichen und den Preston verhafteten; letzterer war einer von den zwei einzigen ordentlichen Maͤnnern, die Koͤnig Jakob in ſeiner Umgebung hatte. Sie wurden alle ſchlennigſt zum Tode ver⸗ urtheilt, weil ſie den Koͤnig verfuͤhrt und das Koͤnigreich ſchlecht verwaltet haben. Johann Ramfay von Balmain ein Juͤngling von vornehmer Herkunft, kam allein davon; er hatte ſich als er ſah, daß die andern verhaftet werden, an den Koͤnig angeſchmiegt; die Adeligen verſchonten ihn auf des Koͤnigs Verwendung und wegen feiner Jugend, denn er war kaum ſechszehn Jahre alt. Unter den Truppen erhob ſich ein kautes Geſchrei; ſie wetteiferten mit einander ihre Zekt⸗ tricke und Pferdehalfter anzubieten, um die graßaͤlligen Mi⸗ niſter aufzuhaͤngen. Eochran, ein Mann von groſſer Kuͤhn⸗ heit, der des Koͤnigs Aufmerkſamkeit vor ſeiner Bekanntſchaft mit ihm durch das 32 r kaͤltige Weife. Er ha die Eitelkeit, daß er verlangte man folle feine Haͤnde mit keinem haͤnfenen Strick, ſondern mit einer ſeidenen Schnur binden, die er aus ſeiner Wohnung Nan liefern wolle, gllein daduerch wollte er nur zeigen, wie agen in einem Duell auf ſich gezo⸗ ten hatte, verlor den uth nicht, pralte aber auf eine ein⸗ Friedensunterhandlungen zwiſchen dem König und gen und zwiſchen Frankrelch und England ge 51 fandhaft er ſeiner Strafe entgegenſehe. Sie ſagten ihm, er ſey ein gemeiner Dieb und muͤſſe deßhalb auch mit all der einem ſolchen gebahrenden Schmach ſterben; ſie werden nicht nur keinen haͤnfenen Strick, ſondern ein Seil von Roßhan⸗ ren nehmnen, welches die groͤßte Schmach ſey, die man ihm anthun koͤnne. Hierauf wurde Cochran mitten auf der Bruͤ⸗ cke von Lauder(welche laͤngſt zerſtoͤrt iſt) gehangen und ſeine Mitgenoſſen rechts und links neben ihm. Nach beendigter Hinrichtung kehrten die Lordz nach Edinburgh zuruͤck und ſuchten den Koͤnig zu vermoͤgen, daß er im Schloſſe daſelbſt bleibe: dort hielten ſie ihn, jedoch ohne Verletzung der ihm gebuͤhrenden Ehrenbezeugungen— gleichſam gefangen. Mittlerweile hatten die Englaͤnder Berwick in Beſitz ge⸗ nommen, welcher wichtige Platz ſeit dieſer Zeit nie mehr von den Schotten erobert wurde, obgleich ſie fortwaͤhrend dieſes an der öͤſtlichen Grenze gelegene Vollwerk wieder zu berom⸗ men trachteten. Die Englaͤnder ſchienen ſehr geneigt ihre Vortheil verfolgen zu wollen; aber nachdem die ſchottiſche hde Armee nach Haddington marſchirt war, wurde durch— mittlung des Herzogs von Albany Friede geſchloſſen; er hat⸗ te eingeſehen, daß alle die von den Englaͤndern ihm gemach⸗ ten Verſprechungen nicht in Erfi llung gehen könnt, ver⸗ zichtete deßhalb auf die Tyronbeſteigung S tlands und wunſchte ſeinem Vaterlande einen daueenden Frled e eden zu ver⸗ ſchaffen. Der Herzog von Albany und der berühmte Herzog von Glouceſter(nachmals Richard II 3 2 K 5 den Noel⸗ 7 leitet he 5 Die beiden Herzoge hatten in Edinburgh eine perf 4.⸗ 5² fanmenkunft mit denjenigen ſchottiſchen Lords, welche ſeit des Koͤnigs Gefangenhaltung die Angelegenheiten des Koͤnig⸗ reichs beſorgten. Dieſe wollten dem Herzog von Glouceſter kein Gehoͤr geben, weil ſie es für Unrecht hielten, daß er als Englaͤnder ſich in Schottlands Angelegenheiten miſche; dagegen erwieſen ſie dem Herzog von Albany alle moͤgliche Achtung und fragten ihn, was er befehle. Vor allem,“ ſagte er,„wuͤnſche ich, daß der Koͤnig mein Bruder, frei gelaſſen werde.“ „Mylord,“ antwortete Archibald der Kazenlaͤuter, wel⸗ cher die Stelle eines Kanzlers vertrat,„das ſoll gleich ge⸗ ſchehen, um ſo mehr, da Ihr es wuͤnſcht. Was den Herrn betrifft, den Ihr mitgebracht habt(damit meinte er den Her⸗ zog von Glonceſter) muſſen wir Euch erklaͤren, daß wir ihn nicht kennen und ihm auch nichts gewaͤhren wollen. Da wir wiſſen, daß Ihr des Koͤnigs Bruder und nach dem Erbprin⸗ zen ſein naͤchſter Erbe ſeyd, ſo ſtelten wir den Koͤnig zu Eu⸗ rer Verfugung und verlaſſen uns darauf, daß er in Zukunft Euren guten Rath anhoͤre und das Königreich ſo regiere, daß das Volk nicht mehr Urſache habe, unzufrieden zu ſeyn, oder daß wir, die Abeligen von Schottland uns in die Noth⸗ wendlgkeit verſetzt ſehen ſollten, das Gegentheil von dem zu thun, was er anordnet.“ —Nach der Beſrelung Jakobs verſoͤhnte er ſich— wenig⸗ ſtens dem Anſchein nach— ſo ſehr mit ſeinem Bruder, dem Herzog don Albany, daß er mit 1hm ein Zimmer bewohnte, an demſelben Tiſche ſpeiste und in demſelben Bette ſchlief. Waͤhrend der Koͤnig ſeine Zeit mit Bauweſen und Vergnü⸗ gungen mancherlei Art zubrachte, beſorgte Albany die Re⸗ gierungsgeſchäfte und zwar eine Zeit lang zu allgemeiner Zu⸗ 2 friedenheit; ader bald ſchien ſein Ehrgeiz vorzuherrſchen; das 33 Volk wurde wegen ſeiner innigen Verbindung mit den Eng⸗ laͤndern mißtrauiſch gegen ihn und ſchoͤpfte gerechten Verdacht, daß der Herzog noch immer die Abſicht habe ſich durch Huͤl⸗ fe Richards III., Kuͤnigs von England, auf den ſchottiſchen Thron zu ſchwingen. Daher kam es, daß der Herzog aufs neue nach England floh, woſelbſt er dann einige Zeit blieb, und in der engliſchen Armee gegen ſeine Landsleute diente. Er hatte im Jahre 1483 das Scharmuͤtzel mitgemacht, in welchem der alte Graf von Douglas gefangen genommen wur⸗ de und nur durch die Eilfertigkeit ſeines Pferdes wieder ent⸗ kam. Albany verließ England endlich, zog ſich nach Frank⸗ reich zuruͤck und heirathete dort die Tochter des Grafen von Boulogne; mit dieſer zeugte er einen Sohn, Johann, wel⸗ cher ſpaͤterhin, zur Zeit Jacobs V. Regent von Schottland wurde. Albany wurde in einem Turniere, von denen ich dir ſchon fruͤher eine Beſchreibung gemacht, durch einen Lanzen⸗ ſolitter ſo gefaͤhrlich verwundet, daß er daran ſtarb. Der Wankelmuth, vermöge deſſen er ſich bald auf die eine, bald auf die andere Seite ſchlug, vereitelte die hohe Meinung die man in ſeiner Jugend von ihm gefaßt hatte. Nachdem der Koͤnig nicht mehr von ſeinem Bruder ge⸗ leitet worden, verßeel er nach und nach wieder in ſeine alte Lebensart, die ihn ſchon einmal ſo theuer zu ſtehen kam. Damit aber nicht aufs neue ein Angriff auf ſeine Perſon ge⸗ macht werden koͤnne, verordnete er, daß auſſer der Wache vor dem Koͤnig niemand erſcheinen duͤrfe; ſeine Leibgarde ſtellte er unter die Befehle des naͤmlichen Johann Ramſay von Balmain, welcher nach dem Aufſtand von Lauder ſeiner Jugend wegen von dem Kazenlaͤuter und den andern Adeligen verſchont blieb. Jene neue Verordnung des Koͤnigs erregte im ganzen Lande große Unzufriedenheit, weil es für unſicher 54 und fuͤr eine Schande gehalten wurde, ohne Waffen ausiu⸗ gehen. Des Koͤnigs Leidenſchaft zum Geld nahm, wie dies oft der Fall iſt, mit ſeinen Jahren zu. Er wollte nur dann ei⸗ ne Gunſtbezeugung erzeigen oder einem Beeintraͤchtigten Recht angedeihen laſſen, wenn man ihm irgend ein Geſchenk ge⸗ macht hatte. Dadurch erwarb er ſich einen ungeheuren Schatz, welches bei der großen Armuth des Landes freilich ganz ſonderbar klingt. Seine ſchwarze Kiſte, wie er ſeine ſtarke Kaſſe zu nennen pflegte, war bis an den Rand herauf mit goldenen und ſilbernen Muͤnzen und mit vielen Silber⸗ barren und Juwelen gefuͤllt. Durch die Anhaͤufung ſolcher Schaͤtze vermehrte er jedoch die Unzufriedenheit des Adels un des Volkes und endlich brach eine allgemeine Verſchwoͤ⸗ ung gegen ihn aus. Unter andern prachtvollen Gebaͤuden, welche der König aufuͤhren ließ, verdient ein innerhalb des Schloſſes Stirling beſind iicher Saal und eine koͤnigliche Kapelle erwaͤhnt zu werden; beide ſind von ausgeſucht ſchoͤner golhiſcher Bauart. Er hatte auch ein Singchor und zwei Muſickchoͤre in ſeinen Dienſten, wovon das eine, ſo oft er in die Kirche bins, dem Gottesdienſt beiwohnen, und das andere, eben ſo vollſtaͤndigz die taͤglichen Befehle erwarten mußte. Da dieſe Ei ordnung, daß die Einkuͤnfte des Kloſters rwickſhire dazu verwendet wurden. Dieſes zatte ſeine Beſitzungen mitten unter denen der Some und Hepbutn, welche die Stiftung gemacht , doß der Prior des Kloſters aus einer dieſer beiden en erwahlt werden ſolle, damit ſie, falls ſie mit der Serſlichkett einen Kauf abſchließen wuͤrden, und uͤberhaupt 3 F ichtung bedeutende Koſten veranlaßte, ſo 3 5⁵ unter allen Verhaͤltniſſen mit genannter Abtei in gutem Ein⸗ verſtaͤndniſſe bleiben ſollten. Als daher dieſe maͤchtigen Fa⸗ milien erfuhren, daß der Koͤnig ſtatt einen Home oder Hep⸗ burn zum Prior zu ernennen, die Einkuͤnfte Coldinghame's zu Unterhaltung der koͤniglichen Kapelle in Stirling verwenden wolle, wurden ſie ſehr ungehalten daruͤber, ſingen einen ge⸗ heimen Briefwechſel an und ſchloſſen mit allen Unzufriedenen in Schuttland ein Buͤndniß, namentlich mit Angus und au⸗ dern ſolchen Lords, die in den Aufruhr von Lauder verw ckelt waren; dieſe alle befuͤrchteten natürlich, daß der Koͤnig fruͤ⸗ her oder ſpaͤter ſich wegen der Hinrichtung ſeiner Guͤnſtlinge und wegen der von ihm ſelbſt erlittenen Beſchraͤnkung raͤchen werde. 3 Die gegen den Koͤnig angezettelte Verſchwoͤrung hatte einen ſo hohen Grad erreicht, daß Alles ſich zum Krieg vorzub⸗ reiten ſchien: ſaͤmmtliche Lords des ſuͤdlichen Schottlands ſammelten ihre Streitkraͤfte mit unglaublicher Schnelle, und ohne daß man es merkte, wohin ſie ſich begaben. Der von Natur furchtſame Koͤnig fand es fuͤr gut, nach dem Norden zu entfliehen. Er befeſtigte das Schloß Stirling und ernann⸗ te den Shaw von Fintrie zum Befehlshaber des Platzes, dem er die Bewachung ſeines Sohnes, des Thronerben, anver⸗ traute und den Befehl ertheilte, daß er mit ſeiner Ehre und ſeinem Leben dafuͤr haften muͤſſe, daß niemanden, ohne An⸗ ſehen der Perſon, weder der Zutritt in das Schloß, noch das Herausgehen aus demſelben geſtattet werden duͤrfe; über⸗ dies befahl er ihm noch ſehr dringend, daß er niemand zu ſeinem Sohne laſſen duͤrfe. Seine Schaͤtze ließ er nach Edin⸗ burgh Schloß bringen, und nachdem er auf dieſe Art die zwei Gegenſtaͤnde, die ihm auf der Welt am liebſten waren, ſeiner Meinung nach in Sicherheit gebracht hatte, begab er 36 ſich nach dem Norden, woſelbſt ſich die Lords und Ebelleute der noͤrdlichen Provinz Forth an ihn anſchloſſen; nun ſunden das ſuͤdliche und noͤrdliche Schottland einander feindlich ge⸗ genuͤber. Bei ſeiner Durchreiſe durch Fife beſuchte der Koͤnig den letzten Grafen von Douglas, welcher, wie ich oben erwaͤhnte, vertrieben und genoͤthigt worden war in der Abtei von Lin⸗ dores Moͤnch zu werden. Der Koͤnig bot ihm Verſoͤhnung und völlige Verzeihung an, wenn er geneigt ſeye aufs neue wieder in der Welt auftreten, ſich an die Spitze ſeiner Vaſal⸗ len begeben, und durch den Schrecken ſeines fruͤher erworbe⸗ nen Ruhmes dazu beitragen wolle, die Paniere der aufruͤhre⸗ riſchen Lords in den ſuͤdlichen Provinzen ſo in die Schran⸗ ken der Ordnung zu weiſen, daß ſie ſich des Rufes der Doug⸗ las wieder erinnern werden. Des alten Grafen Geſinnungen hatten ſich jedoch unterdeſſen geaͤndert und er lebte in einer andern Welt; deßhalb erwiederte er auf des Koͤnigs Antrag: „Eure Majeſtaͤt haben mich und Ihre ſchwarze Kiſte ſo lange unter Schloß und Riegel gelegt, daß die Zeit, in welcher wir Euch haͤtten gute Dienſte leiſten koͤnnen, verſtrichen iſt und wir zu nichts mehr faͤhig ſind.“ Mit dieſen Worten ſplelte er auf des Koͤnigs zuſammengeſcharrte Schaͤtze an, die, wenn er ſie zu rechter Zeit verwendet haͤtte, ihm das Zutrauen mancher Perſonen erworben haben wuͤrden, zugleich wollte Douglas zu verſtehen geben, daß er, als er noch juͤnger ge⸗ weſen, fuͤr den Koͤnig wohl ein Huͤlfscorps haͤtte zuſammen⸗ bringen koͤnnen. Inzwiſchen kamen Angus, Home, Bothwell und andere Mitverſchworne des hoben Adels überein, daß ſie wo moͤglich des jungen Prinzen, des Thronerben habhaft werden wollen, am, wenn er gleich Kind ſey, von ſeinem Range zum Nach⸗ 57 theil feines Vaters Nutzen zu ziehen. Es gelang ihnen auch den Gouverneur des feſten Platzes Stirling, den Sir Shaw, durch bedeutende Geldſummen zu beſtechen; dieſer lieferte ih⸗ nen den Prinzen, nachmals Jacob IV., aus. Hierauf ver⸗ ſammelten ſie ihre Armee und erließen in des jungen Jacobs Namen Proclamationen, worin ſie ſagten, daß der Koͤnig Jacob II. die Englaͤnder in das Land bringen werde um die Schotten ihrer Freiheit zu berauben, daß er die Grenzen Schottlands an den Grafen von Northumberland und an den Gouverneur von Berwyck verkauft habe; zugleich erklaͤrten fie, daß ſie einen Koͤnig, deſſen Abſichten ſo treulos ſeyen, entthronen und ſeinen Sohn an ſeine Stelle ſetzen wollen. Die Beſchuldigungen waren zwar falſch, aber der Koͤnig handelte ſo ſehr gegen das Intereſſe des Volkes, daß jene ſich ſelbſt uͤberredeten, ſie ſeyen wahr. Jacob begab ſich indeſſen an der Spitze eines betraͤchtli⸗ chen Heeres vor die auf ſeinen Befehl befeſtigte Stadt Stir⸗ ling und verlangte, als er vor dem Schloßthore angekommen war, eingelaſſen zu werden; allein der Gouverneur verwei⸗ gerte ihm ſolches. Der Koͤnig begehrte ſodann ſeinen Sohn zu ſehen, worauf der treuloſe Gouverneur antwortete, daß die Lords den Prinzen gegen ſeinen Willen mitgenommen haben. Dann merkte der arme Koͤnig, daß er verrathen ſeye und ſagte in ſeinem Ingrimm dem Gouverneur:„Elen⸗ der Wicht, du haſt mich verrathen, aber wenn ich das Leben behalte, ſollſt du nach Verdtenſt belohnt werden!“ Wenn der Koͤnig aicht auf eine ſo verraͤtheriſche Weiſe des Schloſſes Stirling beraubt worden waͤre, ſo haͤtte er mittelſt dieſer Feſeung ſo lange eine Schlacht vermeiden koͤnnen, bis ihm mehn Trußpen zu Huͤlfe gekommen waͤren, und in dieſem Falle wurde er die im Aufruhr begriffenen Lords wahrſchein⸗ 58 lich überwaͤltigt haben, wie ſein Vater die Douglas bei Abercorn. Da ſein Heer beinahe 30,000 Mann ſtark war, ſo ſetzte er es gegen die Inſurgenten in Bewegung, nachdem beſonders der Lord Daold Lindſay von Byres den Koͤnig zum Vorrücken zu bewegen ſuchte. Dieſer letztere ſtellte 1000 Rei⸗ ter und 3600 Mann Infanterie aus den Grafſchaften Fife und Kinroß zur Armee; er ſelbſt ritt auf einem feurigen Schim⸗ mel zum Koͤnig hin, ſtieg ab und bat den Koͤnig dieſes edle Thier beſteigen zu wollen; er ſagte, daß es beim Vorruͤcken oder auf dem Nuͤckzug jedes andere Pferd in Schottland übertreffe, wofern der Koͤnig nur ſattelfeſt ſitze. Der Koͤnig faßte hieranf Muth und ruͤckte im Vertrau⸗ en auf ſeine uͤberlegene Truppenzahl gegen die Rebellen vor. Das Schlachtfeld war nur ungefaͤhr eine oder zwei Meilen von demjenigen entfernt, woſelbſt Bruce an dem ſiegreichen SDage bei Bannokburn die Englaͤnder geſchlagen hatte; aber das Schickſal ſeines Nachkoͤmmlings war von jenem ganz verſchieden.. Der Ksnig theilte ſeine Armee in drei große Corps. Der Vöͤrtrab beſtand aus 10,000 Hochlaͤndern unter dem Commando des Sir Huntly und des Sir Athole; das zweite Corps aus 10,000 Mann von den weſtlichen Grafſchaften beſtehend, ſtund unter den Befehlen der Lords Erskine, Gra⸗ hame und Mentheith; der Koͤnig ſelbſt commandirte den Nachtrab, wobei die Buͤrger aus den verſchiedenen Staͤdten eingetheilt waren. Der Graf von Crawford und Lord David Lindſah commendirten den rechten Fluͤgel, den die Mannſchaft aus den Prooinzen Fife und Angus bildeten; Lord Ruthven den linken, wobei ſich die Bewohner von Strathearn und Stormont befanden. Nachdem der Koͤnig ſeine Schlachtordnungslinie auf die welche laͤngere Speere trugen, als die d aben angegebene Art gebildet hatte, beſtieg er das ihm oom Lord David Lindſay angebotene Pferd und ritt vorwaͤrts, um die Bewegungen des Feindes zu beobachten. Er ſah ihn von einer Anhoͤhe herab in drei Abtheilungen, deren jede etwa 6000 Mann ſtark geweſen ſeyn mag, vorruͤcken. Die Home's und Hepburn's befehligten die erſte Abtheilung, wobei ſich die oſtlichen Grenzbewohner und die von Oftlothian befanden. Die zweite Abtheilung beſtand aus den weſtlichen Graͤnzern oder den Bewohnern von Liddesdale und Anandale nebſt de⸗ nen von Galloway, die dritte aus den im Aufruhr begriffe⸗ nen Lords und ihren auserleſenſten Leuten; dieſe hatten den jungen Prinzen bei ſich und das große ſchottiſche Panier. Da der Koͤnig ſeine eigene Fahne gegen ihn gerichtet ſah und wußte, daß ſein Sohn ſich in den feindlichen Reihen be⸗ finde, ſo verlor er allen Muth; denn er erinnerte ſich der Prophezeihung, daß er durch ſeinen naͤchſten Anverwandten fallen werde, ebenſo daß der Sterndeuter ihm von dem ſchot⸗ tiſchen Loͤwen erzaͤhlte, welcher durch ſeine eigene Junge ge⸗ freſſen werde. Dieſe eitle Furcht wirkte ſo maͤchtig auf ihn, daß ſeine Umgebung eine Veraͤnderung an ihm wahrnahm und ihn bat, er ſolle das Schlachtfeld verlaſſen; allein in demſelben Augenblick fing die Schlacht an. Die Home's und Hepburn's griffen des Koͤnigs Vortrab an, wurden aber durch die Hochlaͤnder, welche ganze Ladun⸗ gen von Pfeilen auf ſie abſchoſſen, zuruͤck edrans Hierauf griffen die Grenzbewohner von Liddesdale und Anandale, übrigen Schotten mit einem wilden und furchtbaren Geſchrei an(das ſie ihr Slo⸗ gan nannten) und trieben die koͤniglichen Truppen zuruͤck. Durch einen ſolchen ungewohnten Anblies und ein ſolches Geſchrei verlor Jacob glle Geiſtesgegenwart, ſo daß er um⸗ 69 kehrte und ſich gegen Stirling fluchtete; aber er war nicht im Stande Lindſay's Schimmel zu leiten, denn dieſer ſprang, auf die Führung ſeines Reiters nicht achtend, in vollem Galloy den Berg hinab in ein kleines Doͤrfchen, woſelbſt ſich eine Mühle befand, die Beaton's⸗Muͤhle genannt. In dem⸗ ſelben Augenblick war eine Frau herausgekommen, um aus dem Muͤhlkanal Waſſer zu ſchoͤpfen, aber als ſie einen Be⸗ Saffneten gegen ſie herabreuten ſah, warf ſie ihren Krug weg und fluͤchtete ſich in die Muͤhle. Beim Anblick des Kru⸗ ges erſchrack des Koͤnigs Pferd ſo ſehr, daß es in den Bach ſpringen wollte; Jacob verfor den Sitz, ſiel herab und blieb, da er ſchwer bewaffnet war und eine ſchwere Quetſchung er⸗ litt, auf dem Boden bewußtlos liegen. Der Muͤller brachte ihn ſodann in die Muͤhle und legte ihn in ein Bett. Sobald er wieder zur Beſinnung kam, verlangte er einen Geiſtlichen, worauf des Muͤllers Frau ihn fragte, wer er denn eigentlich ſey; er gab unvorſichtigerweiſe zur Antwort:„Dieſen Mor⸗ gen noch war ich euer Koͤnig.“ Mit eben ſo großer Unvor⸗ ſichtigkeit ſprang die Frau zum Hauſe hinaus und rief mit lauter Stimme, es moͤchte doch ein Prieſter herbei kommen, damit der Koͤnig beichten koͤnne.„Ich bin ein Prieſter,“ ſagte ein unbekannter Mann, welcher gerade herbei kam, „fuͤhrt mich zum Koͤnig.“ Als er den Koͤnig ſah, kniete er mit anſcheinender Demuth hin und fragte ihn:„ob er toͤdt⸗ lich verwundet ſey?“ Jacob verſetzte, daß ſeine Wunden nicht toͤdtlich ſeyn wuͤrden, wenn man ihn ſorgfaͤltig behandle, aber dem ungeachtet wuͤnſche er zu beichten und nach chriſt⸗ lich katholiſcher Art von einem Prieſter Vergebung fuͤr ſeine begangenen Suͤnden zu erlangen.„Durch dieſes Inſtrument ſoll dir auf der Stelle Verzeihung werden!“ antwortete der Meuchelmoͤrder und zog einen Dolch peraus, womit er dem 61 Koͤnig vier oder fuͤnf Stiche in das Herz beibrachte; dann nahm er den Leichnam auf den Ruͤcken und gieng davon, oh⸗ ne daß ſich jemand ihm widerſetzte, und ohne daß man wußte, was er mit dem Leichnam anfangen werde. Wer dieſer Muͤrder geweſen ſey, konnte niemals ausfin⸗ big gemacht werden, eben ſo wenig ob er wirklich ein Prie⸗ ſter geweſen ſey. Man weiß nur ſo viel, daß Lord Gray, Stirling von Keir und ein gewiſſer Borthwick, ein Prieſter, den Koͤnig verfolgten und deßhalb vermuthet man, daß der eine oder der andere von ihnen die Mordthat begangen habe. Es iſt merkwuͤrdig, daß Gray der Sohn desjenigen Sir Patrik war, den man unter dem Namen Kuh Gray kannte, und welcher Jacob II. Huͤlfe leiſtete als er im Schloſſe Stir⸗ ling den Douglas in die andere Welt ſchickte. Es waͤre ein ſonderbares Zuſammentreffen, wenn der thaͤtige Helfer bei Douglaſens Tod auch des Koͤnigs Jacobs Sohn umgebracht haͤtte. Nachdem der Koͤnig das Schlachtfeld verlaſſen hatte, dauerte die Schlacht nicht mehr lange fort; die koͤnigliche Partei zog in der Richtung gegen Stirling ab und die Sie⸗ ger kehrten in ihr Lager zuruͤck. Die Schlacht wurde den 18. Juni 1488 geliefert. So ſtarb Jacob IIH., ein unverſtaͤndiger und furchtſamer Fuͤrſt; er war, wenn man auch die Ermordung ſeines Bru⸗ ders, des Grafen von Mar nicht in Betracht ziehen will, ein ſchlechter, grauſamer, ſtrafbarer und zugleich geiziger Mo⸗ narch. Sein Geſchmack fuͤr die ſchoͤnen Kuͤnſte waͤre als Privatmann lobenswerth geweſen; er bildete ſich aber nicht weiter aus und vergaß daruͤber ſogar ſeine Regentenpflichten. Er ſtarb wie die meiſten ſeiner Familie in der Bluͤthe ſeines Alters, denn er wurde nur 36 Jahre alt. —— 4 Viertes Kapitel. — Begierung Jacobs IV.— Seegeſechte des Sir Andreas Wood.— Verhär des Lord Lindſay von Byres.— Einfall in England zu Gunſten des Perkin Warbeck.— Vertrag mit England und Verheirathung Ja⸗ eobs mit Margarethe, Tochter Heinrichs VII. Das Schickſal Jacobs III. war eine Zeit lang nicht be⸗ kannt. Bei der großen Empoͤrung, welche ihn das Leben ko⸗ ſtete, hatte ein tapferer Seeofſicier, Sir Andreas Wood von Largo, des Koͤnigs Partei ergriffen; er lag damals in der Muͤndung des Forth, nicht weit von der Kuͤſte, woſelbſt die Schlacht geliefert wurde, welcher hienach erwaͤhnt werden wird; er war mit ſeinen Schiffen an's Ufer gefahren und nahm mehrere Verwundete von des Königs Partei euf, wor⸗ unter ſich der Koͤnig ſelbſt befunden haben ſoll. Die Lords, welche uͤber dieſen wichtigen Gegenſtand Ge⸗ wißheit erlangen wollten, ſchiekten einen Abgeordnete an Sir Andreas Wood und ließen ihn auffordern, er ſolle landen und in ihrem Gerichte erſcheinen. Wood verſtand ſich gerne dazu, machte aber zur Bedingung, daß zwei Edelleute von hohem Range, die Lords Seton und Fleming, ſich an Bord ſeiner Schiffe begeben und dort als Geißeln bleiben ſollen, bis er underſehrt zuruͤckgekehrt ſeyn werde. Der tapfere Seemann erſchien vor dem hohen Rathe und dem jungen Koͤnig in der Stadt Leith. Sobald der Prinz den Sir Andreas ſah, der ſich durch ſeine Gutmuͤthigkeit aus⸗ zeichnete und reich gekleidet war, ging er auf ihn zu und fragte:„Sir, ſeyd Ihr mein Vater?“ „Ich bin nicht Euer Vater,“ antwortete Wood, dem 63. die Thraͤnen uͤber ſeine Wangen herabvollten,„aber ich war zu Lebzeiten Eures Vaters in ſeinen Dienſten und werde bis an mein ſeliges Ende dem rechtmaͤßigen Monarchen dienen.“ Die Lords fragten ihn hierauf, was das fuͤr Leute ge⸗ weſen, die aus ſeinen Schiffen ſtiegen und am Tage der Schlacht bei Sauchte wieder umgekehrt ſeyen. „Das war ich und mein Bruder,“ antwortete Andreas unerſchrocken,„wir wollten damals unſer Leben fuͤr den Koͤ⸗ nig laſſen.“ Nun fragten ſie ihn gerade zu, ob der Koͤnig ſich an Bord ſeiner Schiffe befunden habe, worauf Sir An⸗ dreas mit derſelben Unerſchrockenheit verſetzte:„Er war nicht an Bord meiner Schiffe, ich wollte er naͤre dort geweſen, damit ich ihn denen ſeine Moͤrder, die ich einſt am Galgen ſehen werde, haͤtte in Schutz nehmen koͤnnen.“. Dieß waren bittere Antworten, aber die Lords mußten ſie anhoͤren ohne ſich raͤchen zu duͤrfen, weil ſie bef ürchteten, der Seemann moͤchte an Fleming und Selon das Wiedervergel⸗ tungsrecht ausuͤben. Nachdem Sir Andreas an Bord ſeiner Schiffe zuruͤckgekehrt war, ließen ſie den beſten Seemaͤnnern der Stadt Leith eine Belohnung anbieten, wenn ſie den Sir Andregs Wood in ſeinen zwei Schiſſen angreifen und ihn ge⸗ fangen nehmen wuͤrden, damit er für ſeine frechen dem hohen Rathe gegebenen Antworten zu Rede geſtellt werden koͤnne. Der Schiffskapitaͤn Barton, einer der beſten Seemaͤnner in Leith, erwiederte deni verſammelten Rathe auf hren Vor⸗ ſchlag, daß, obzleich Sir Andreas nur zwei Schiffe habe, in ganz Schottland keine zwei Schiffe auſsefunden wer⸗ den koͤnnen, we Sr jenen gleich kommen wuͤrden, weil die Schifſe des Andres mmen mit Ritikerie ausgerüſtet ſeyen und er ſelbſt als ein tapferer und geichickter Steman hekannt kaͤre. 8 8 64 Sacrb IV. befoͤrderte ſpaͤterhin den Sir Andreas Wood zu hohen Aemtern und Wuͤrden, und er verdiente es auch füͤr ſeine geleiſteten Dienſte. Im Jahre 1490 kam ein engli⸗ ſches aus fünf Segeln beſtehendes Geſchwader in die Muͤn⸗ dung des Forth und pluͤnderte mehrere ſchottiſche Kauffahrtei⸗ ſchiffe aus, Sir Andreas verfolgte ſie mit zwei Schiffen, mit der Blume und der gelben Caravele*), nahm die fünf eng⸗ liſchen Schiffe weg und die Schiffsmannſchaft mit ihren Be⸗ fehlshabern gefangen und uͤberlieferte ſie in Leith dem Koͤnig. Heinrich VII. von England war uͤber dieſen Verluſt ſo ſehr aufgebracht, daß er einen ſtattlichen Serkapitaͤn, den Ste⸗ phan Bull, mit drei gut ausgeruͤſteten Schiffen in die hohe See ſchickte, um den Sir Andreas Wood aufzubringen. Sie ſtießen bei der Muͤndung des Frith auf ihn; von beiten Sei⸗ ten fochten ſie mit unerſchrockenem Muthe, wobei ſie ſo ſehr auf das Gefecht ſelbſt und ſo wenig auf irgend etwas anderes achteten, daß ſie ihre Schiffe den Fluthen uͤberließen, wo⸗ durch das Treffen, welches bei St. Abb's Head anſing, erſt in der Muͤndung des Tapfluſſes aufhoͤrte; endlich wurden die drei Schiffe des Stephan Bull genommen. Sir Andreas lieferte die Gefangenen wieder dem Koͤnig aus, und dieſer ſchickte ſie nach England zurück und lies Heinrich VII. ſagen, daß ſich die Schotten eben ſo gut zur See als zu Land ſchla⸗ gen koͤnnen. Ich kehre zu den Lords, welche den Sieg bei Sauchie errungen hatten, zuruͤck. Sie faßten einen Entſchluß, wel⸗ cher das Gepraͤge einer großen Frechheit traͤgt; ſie verhoͤrten nemlich einige der Hauptperſonen, welche dem Koͤnig Ja⸗ cob —— *) Eine Art runder leichter Schiffe. 65 cob III. in dem letzten Bürgerkriege beigeſtanden waren, als wenn dieſe dadurch gegen Jacob IV. verraͤtheriſch gehandelt haͤtten, obgleich der lestere noch nicht Koͤnig geweſen und es auch erſt nach ſeines Vaters Tode werden konnte. Sie mach⸗ ten mit Lord David Lindſay von Byres den Anfang, einem Manne, der im Kriegfuͤhren nicht unerfahren, aber außerdem plump und unwiſſend war; ſie dachten, es werde nicht ſchwer halten ihn dahin zu bringen, daß er ſich ſelbſt dem Willen des Koͤnigs unterwerfe, und verlangten eine Geldbuße oder einen Theil ſeiner Beſitzungen. Sie hofften, daß andere ſich auf aͤhnliche Weiſe unterwerfen wuͤrden, und auf dieſe Art glaub⸗ ten ſie ſich bereichern und diejenigen, welche ihre Feinde ge⸗ weſen ſind, arm machen zu koͤnnen. 4 Am 10. Mai 1489 wurde Lord David Lindſay vor das damals in Edinburgh verſammelte Parlament gefordert, um ſich gegen eine Verraͤtherei zu vertheidigen, der er beſchuldigt wurde, nemlich daß er in der Schlacht bei Sauchie mit des Koͤnigs Vater gegen den damaligen Koͤnig ſelbſt gefochten und des Koͤnigs Vater ein Schwert und ein gutes Pferd ge⸗ geben und ihm den Rath ertheilt habe, den jetzt hier ſitzenden Koͤnig zu vernichten. 3 Lord Lindſay war mit den Gerichtsformen wenig be⸗ kannt; da er aber mehreremal aufgefordert wurde, auf dieſe Anklage zu antworten, ſo ſprang er auf und ſagte: Alle die Edelleute des verſammelten Parlaments ſeyen ſelbſt ge⸗ meine Seelen und Verraͤther, er wolle es ihnen mit ſeinem Schwerte beweiſen. Der letzte Koͤnig, ſagte er, ſeye grauſa⸗ mer Weiſe durch elende Wichte ermordet worden, welche den Thronerben mit ſich genommen, Damit ſie zu Beſchoͤnigung ihrer Unternehmung einen Vorwand gehabt haben. W. Scott's Werke. XCVII. 5 4 3 66 „und,“ fuhr der alte Lord fort, indem er ſich an den dem Parlamente ſitzenden König wendete,„wenn Euer Pater noch jetzt am Leben waͤre, ſo wuͤrde ich fuͤr ihn das Leben laſſen und mich vor dieſen hier ſitzenden elenden Schur⸗ ken nicht fuͤrchten; oder wenn Eure Majeſtaͤt einen Sohn haͤtten, welcher gegen Euch zu Felde ziehen wollte, ſo wuͤrde ich Euch beiſtehen und gegen ſeine Anſtifter kaͤmpfen. Glaubt mir, wenn ſie gleich Euch gegen mich aufhetzen, ſo will ich beweiſen, daß ich doch treuer als irgend einer von ihnen bin. Der Lordkanzler, welcher die Kraft dieſer Worte fuͤhlte, ſuchte ihre Wirkung abzuwenden und ſagte dem Koͤnig, daß der Lord Lindſay ein Mann nach alter Art, mit den Ge⸗ richtsformen nicht bekannt und nicht im Stande ſey, mit ge⸗ hoͤrigem Anſtand in Gegenwart ſeiner Majeſtaͤt zu ſprechen; „aber,“ ſagte ex,„er will ſich dem Willen Eurer Majeſtaͤt unterwerfen, deßhalb muüßt Ihr nicht zu ſtreng gegen ihn verfahren. Und,“ fuhr er fort, indem er ſich an Lord Da⸗ vid wandte,„es iſt das Beſte was Ihr thun koͤnnt, wenn Ihr Euch des Koͤnigs Willen unterwerft, worauf Seine Majeſtaͤt Euch gewiß in Gnaden aufnehmen werden.“ Nun mußt du wiſſen, daß der Lord David einen Bruder Namens Patrick Lindſay hatte, welcher ſich als Geſetzgeber eben ſo ſehr, wie Lord Lindſay als Soldat auszeichnete. Die beyden Bruͤder ſtunden lange Zeit nicht im beſten Verneh⸗ men; als aber Patrick des Kanzlers Abſicht errieth trat er ſeinem aͤlteren Bruder auf den Fuß, um ihm bemerklich zu machen, daß er den ihm gegebenen Rath nicht befolgen ſolle, weil er ſich dadurch ſelbſt fuͤr ſchuldig erklaͤren wuͤrde. Lord Daoid verſtand uͤbrigens den Wink nicht, ſondern warf ei⸗ nen grimmigen Blick auf ſeinen Bruder, deſſen Tritt gerade 8 67 ſeinen wunden Zehen getroffen und ihm deßhalb bedeutende Schmerzen verurſacht hatte; David ſagte:„Es iſt gar zu grob, daß Du Dich unterfangſt mir auf den Fuß zu treten; wenn es nicht in Gegenwart des Koͤnigs geſchehen waͤre, ſo wuͤrde ich Dich in's Geſicht ſchlagen.“ Da fiel Mr. Patrick, ohne auf den grundloſen Groll ſeines Bruders zu achten, vor der ganzen Verſammlung auf die Knie nieder und bat um die Erlaubniß ſich fuͤr ſeinen Bruder verwenden zu duͤrfen; „denn,“ ſagte er,„ich ſehe, daß kein Rechtsgelehrter, aus Furcht des Koͤnigs Ungnade auf ſich zu ziehen, ihn vertheidi⸗ gen will; obgleich wir Bruͤder ſchon ſeit vielen Jahren nicht einig ſind, ſo bricht mir doch jetzt das Herz, wenn ich mit anſehen ſoll, daß derjenige, welchen auch meine Mutter ge⸗ boren, verdammt werde, weil ihn Niemand vertheidigen will.7. Nachdem der Koͤnig dem Mr. Patrick die Erlaubniß er⸗ theilt hatte fuͤr ſeinen Bruder das Wort fuͤhren zu duͤrfen, machte Lindſay zuerſt die Einwendung, wie es unſtatthaft ſey, daß der Koͤnig, der in dieſem vorliegenden Falle ſelbſt betheiligt ſey, als Richter in dem Gerichte ſitze;„deßhalb,“ fuhr er fort,„wollen wir den Koͤnig bitten, in Gottes Na⸗ men die Verſammlung zu verlaſſen, bis die Sache unterſucht und entſchieden ſenn werde.“ Der Lord Kanzler und die uͤbrigen Lords erklaͤrten einſtimmig dieſe Forderung für billig, worauf der junge Koͤnig genoͤthigt war ſich in ein anderes Gemach zuruͤckzuziehen, übrigens nahm er dieſen Schritt fuͤr eine oͤffentliche Beleidigung auf. e . Mr. Patrick ſuchte zunaͤchſt dadurch guͤnſtig auf die Stim⸗ mung des verſammelten Gerichts zu wirken, daß er die Lords erſuchte, die Sache mit derſelben Unparteilichkeit zu beur⸗ — 4 5. theilen, als ſie ſich behandelt wiſſen moͤchten, wenn ſie ſich in einer aͤhnlichen mißlichen Lage befinden wuͤrden. „Zur Sache, und gebt auf die Anklage Antwort,“ ſagte der Kanzler.„Wir wollen nach Pflicht und Gewiſſen ſpre⸗ chen.“ 3 Auf dieſes hin trug Mr. Patrick eine Vertheidigung in geſetzlicher Form vor und ſetzte aus einander, daß der gericht⸗ lichen Vorladung zufolge der Lord Lindſay innerhalb vierzig Dagen haͤtte erſcheinen ſollen; da aber dieſe anberaumte Zeit ſchon verſtrichen ſey, ſo koͤnne man den Lord geſetzlich nicht zwingen, ſich gegen dieſe Anklage zu vertheidigen, bevor er nicht aufs neue vorgeladen worden ſey. Dieſer Antrag wurde gebilligt und Lord David Lindſay, ſo wie die andern in Anklageſtand verſetzt geweſenen Perſo⸗ nen wurden vorlaͤufig entlaſſen, nachher aber wegen dieſer Sache nie mehr vor Gericht geladen. Lord David hatte der Vertheidigung zugehoͤrt, ohne das was vorgetragen wurde zu verſtehen; er freute ſich ſo ſehr über die unerwarteten Folgen ſeines Bruders Beredtſamkeit, daß er in folgenden Worten ſeine Dankbarkeit ausdruͤckte: „Wahrhaftig Bruder, Du haſt eine gute Ueberredungsgabe. Ich habe bei Gott nicht gewußt, daß Du ſo ſprechen kannſt. Als Lohn fuͤr dieſes Tagewerk verdienſt Du wohl die Se⸗ ligkeit.“ Der Koͤnig ſeiner Seits verſprach dem Mr. Patrick eine Belohnung ganz anderer Art, er fſagte nemlich:„er wolle ihn an einen Ort bringen laſſen, woſelbſt er ein Jahr lang das Tageslicht nicht erblicken ſolle.“ Der Koͤnig entledigte ſich nur gar zu bald ſeines Wortes, ſchickte den Mr. Patrick in das Gefangniß des Schloſſes Rottway auf der Inſel Bute und ließ ihn ein ganzes Jahr dort. /. 69 X Es iſt auffallend, daß des Koͤnigs Gewalt einerſeits ſo ſehr beſchraͤnkt wurde, anderſeits ſie nach Willkuͤr ausuͤben durfte. Es waͤre doch nicht mehr als billig geweſen, daß der Koͤnig Patrick Lindſay's Vorſtellung Gehoͤr gegeben, und dem Ausſpruch des Gerichts zufolge gehandelt haͤtte, wenn er gleich ſeinem Gefuͤhl nach ein anderes Urtheil faͤllen wollte; uͤbrigens war ihm auf der andern Seite das Recht einge⸗ raͤumt oder wenigſtens ſtand es ihm frei, die Parthei, welche ſich ihm entgegengeſetzt hatte, zu beſtrafen, weil ſie den Clienten frei ſprach. Jacob IV. machte ſich bald nach ſeiner Thronbeſteigung uͤber die Schlacht bei Sanchie, die er mit den aufruͤhriſchen Lords ſeinem Vater geliefert hatte, bittere Vorwuͤrfe; theils ſchlug ihn ſein eigenes Gewiſſen, theils hatten die Vorſtel⸗ lungen einiger Geiſtlichen dieſe Wirkung auf ihn. Er ſchrieb ſich ſeines Vaters Tod ganz allein zu, obgleich er durch ſeine Jugend und durch die Verfuͤhrung der Lords, welche ihn ſo zu ſagen geraubt hatten, hinlaͤnglich entſchuldigt geweſen waͤre. Er bereute das begangene Verbrechen tief und wollte ſich, den Lehren der roͤmiſch⸗ katholiſchen Religion zu Folge, durch verſchiedene Bußen, die er ſich ſelbſt auflegte, wieder mit dem Himmel ausſoͤhnen. Unter andern ließ er ſich einen engen Gurtel von Eiſen anfertigen, den er auf dem bloßen Leibe trug und alle Jahr um zwei Unzen ſchwerer machte; denn er wollte ſich mit Zunahme ſeiner Jahre keine Erleich⸗ terung verſchaffen, ſondern ſeine Buße noch vermehren. In Folge einer ſolch tiefen Reue verzieh der Koͤnig nicht nur den Adeligen die auf ſeines Vaters Seite gegen ihn ge⸗ kaͤmpft hatten und ſtand von jeder weiteren Verfolgung ab, ſondern er that auch ſein Moͤglichſtes, um die beiden Par⸗ teien zu verſoͤhnen. Der von ſeinem Vater ihm hinterlaſſene 70 Reichthum ſetzte ihn in den Stand gegen die Adeligen beider Parteien freygebig zu ſeyn und einen groͤßeren Hofſtaat zu halten, als irgend einer ſeiner Vorfahren. Er war in den Waffen und andern koͤrperlichen Uebungen ſehr gewandt, mun⸗ terte hiezu ſeine Adeligen auf und veranſtaltete Turniere, an denen er haͤufig perſoͤnlich Theil nahm. Er war maͤchtiger als be Koͤnige, welche ſeit Jacob J. regierten, aber er zeichnete ſich durch Gerechtigkeitsliebe aus und beſchuͤtzte alle ſeine Unterthanen ohne Anſehen ihres Ran⸗ ges gleich, wodurch er ſich die Achtung und Liebe ſeines gan⸗ zen Volkes erwarb. Schottland kam unter ſeiner Regierung mehr empor als je; der Handel blühte auf und in Folge der ungluͤcklichen Unternehmungen des Sir Andreas Wood in Verbindung mit des Koͤnigs Beſtrebungen bildete ſich eine betraͤchtliche Seemacht, wodurch das Land ein bedeutendes Anſehen gewann. Alle dieſe Vortheile hatten durch den ungewoͤhnlich lan⸗ gen Frieden oder vielmehr Waffenſtillſtand mit England einen noch hoͤhern Grad erreicht. Nach einer langen Reihe von traurigen Buͤrgerkriegen hatte Heinrich VII. den Thron Eng⸗ lands beſtiegen; er war ein weiſer ſcharfſinniger Fürſt und wuͤnſchte deßhalb durch einen langen Frieden den Verluſt den das Land in den Kriegen der Provinzen York und Lancgſter erlitten, wieder gut zu machen. Er zeigte ſich um ſo mehr geneigt mit Schottland Frieden zu erhalten, als ſeine eige⸗ nen Anſpruͤche auf den Thron Englands ſrreitig gemacht wurden und ihn mehr als einmal der Gefahr ausſetzten, daß ſein Land uͤberfallen werde, oder daß eine Verſchwoͤrung ge⸗ gen ihn ausbreche. Aus derſelben Veranlaſſung wurde Schottland auf eine merkwuͤrdige Weiſe eine Zeit lang in Krieg verwickelt. Ein * 4 71. Abenteurer, der ſich fuͤr den zweiten Sohn Eduards V. aus⸗ gab, von dem man glaubte, daß er in dem Lower zu London ermordet worden ſey, machte auf einmal auf die Krone Eng⸗ lands, welche an Heinrich VII. gefallen war, Anſpruch. Hein⸗ Fleming, Namens Perkin Warbeck und ſey durch gin von Burgund aufgeſtiftet worden. Es iſt uͤbris leicht jetzt noch nicht entſchieden, ob er derjenige, fuͤr den er ſich ausgab, oder ein Betruͤger war. Im Jahre 1496 kam er an der Spitze von 1500 Fremdlingen nach Schottland, und machte Jacob IV. große Anerbietungen, wenn er ihm gegen England beiſtehen wolle. Jacob ſcheint den Ausſagen des Abenteurers Glauben beigemeſſen zu haben, denn er nahm ihn mit großer Auszeichnung auf, gab ihm die Lady Katha⸗ rina Gordon, Tochter des Grafen von Huntly, das ſchoͤnſte Frauenzimmer in Schottland, zur Frau und verſprach ihm auf den Thron Englands zu verhelfen. Dieſem Verſprechen gemaͤß ruckte der ſchottiſche Koͤnig in der Provinz Northumberland ein und forderte die kriegeriſchen Einwohner dieſer Grafſchaft auf, ſich unter die Fahne des angeblichen Prinzen zu begeben; aber die Northumberlaͤnder leiſteten dieſer Einladung nicht Folge, und als der Abenteu⸗ rer bat das Land zu ſchonen, antwortete der ſchottiſche Mo⸗ narch ganz hoͤhniſch, daß er wirklich ſehr guͤtig ſey ſich für ein Volk zu verwenden, das ihn gar nicht anerkennen wolle. Die Englaͤnder raͤchten dieſen Ueberfall durch einen andern, den ſie im Jahre 1497 in Berwickſhire machten, wobei ſie die kleine Burg Ayton nahmen. Nach dieſen beiden Untermeh⸗ mungen wurden von beiden Seiten die Feindſeligkeiten nicht fortgeſetzt; denn Jacob verwendete ſich nicht mehr für Perkin Warbeck, weil er einſah, daß der Abenteurer weder ein Recht 7² auf den Thron noch Hoffnung habe ſeine Anſprüche geltend machen zu koͤnnen. Als Perkin von Jacob verlaſſen wurde, machte er ſpaͤterhin einen Verſuch England von Cornwall aus zu uͤberfallen, wurde aber gefangen genommen und in Tyburn hingerichtet. Seine Frau, die alle Gefahren ihres Mannes theilte, fiel in die Haͤnde Heinrichs VII., welcher ihr einen lebenslaͤnglichen Jahresgehalt ausſetzte und ſie dem Schutze der Koͤnigin empfahl; ſie wurde ihres Anſtandes und ihrer Schoͤnheit wegen die weiße Roſe von Schottland genannt. Nach dem ſo eben erwaͤhnten kurzen Krieg wurde ein ſie⸗ benjaͤhriger Waffenſtillſtand geſchloſſen; Heinrich bemuͤhte ſich aber jenen in einen wirklichen und dauernden Frieden zu ver⸗ wandeln, damit endlich zwei Nationen, deren gegenſeitiges Intereſſe es erheiſchte, im Frieden mit einander zu leben, ver⸗ einigt werden ſollen, beſonders da ſo viele ungluͤckliche Ereig⸗ niſſe ſie bis daher getrennt hatten. Der Grund der unver⸗ ſoͤhnlichen Feindſeligkeit zwiſchen England und Schottland lag in den ungluͤcklichen Anſpruͤchen, welche Eduard I. auf Schottland machte, und die von allen ſeinen Nachfolgern wiederholt wurden. England wollte ſich des Rechtes der Oberherrſchaft uͤber Schottland nie begeben, und die Schot⸗ ten ihrer Seits bewieſen durch ſo viele Beiſpiele entſchiedenen Widerſtandes, daß ſie ſich nicht unterwerfen wollen. Seit mehr als hundert Jahren wurde zwiſchen England und Schott⸗ land kein regelmaͤßiger Friede mehr geſchloſſen, die kurze Zeit nach dem Vertrage von Northampton ausgenommen. In dieſem langen Zeitraume waren die beiden verſchweſterten Na⸗ tionen immer in die unverſöhnlichſten Kriege verwickelt, oder genoſſen nur eine kurze Ruhe, welche nur auf den Schutz ei⸗ nes zweifelhaften Waffenſtillſtandes gegruͤndet war. Die Weisheit Heinrichs VII. ſtrebte dieſem großen Ungluͤck dadurch 73 ein Ende zu machen, daß er durch Güte das zu erzielen ſuch⸗ te, was alle Streitkraͤfte bis daher ohne guͤnſtigen Erfolg ver⸗ ſucht hatten. Der Koͤnig von England verſtand ſich dazu ſei⸗ ne Tochter Margarethe, eine ſchoͤne Prinzeſſin von vielen vor⸗ zuͤglichen Eigenſchaften, dem jungen ſchottiſchen Koͤnig zur Frau zu geben. Er erbot ſich ſeiner Tochter eine bedeutende Mitgift zu geben; durch dieſe Verbindung wurde zugleich ein enges Freundſchaf sbuͤndniß zwiſchen England und Frank⸗ reich geſchloſſen, vermoͤge deſſen ſich die beiden Koͤnige gegen⸗ ſeitig verbindlich machten, einander gegen Jeden, der ſie angreifen wolle, beizuſtehen. Dieſer Frieden, welcher dem Anſcheine nach ein ewiger haͤtte werden ſollen, dauerte zum großen Unglüͤck fuͤr beide Laͤnder, beſonders aber fuͤr Schott⸗ land, keine zehn Jahre; allein hundert Jahre ſpaͤter trug die Staatskunſt Heinrich VII. Fruͤchte. In Folge der Verheira⸗ thung Jakobs IV. mit der Prinzeſſin Margarethe wurde durch ihren Enkel Jakob VI. von Schottland und I. von England, allen Buͤrgerkriegen auf einmal ein Ende gemacht, er verei⸗ nigte Schottland und England in ein Koͤnigreich und war der erſte, welcher als Koͤnig von Großbritannien regierte. Des von Seite Englands bis daher gemachten Anſpruchs auf die Oberherrſchaft uͤber Schottland wurde in dem am 4. Januar 1502 abgeſchloſſenen Vertrag gar nicht erwaͤhnt; die beiden unterhandelnden Monarchen hatten nur das Gemein⸗ beſte im Auge und wollten deßhalb ſolche Anſpruͤche, welche den Schotten und Englaͤndern ſo viel Blut gekoſtet hatten, nicht mehr geltend machen. Die erwaͤhnte Heirath wurde mit großem Pomp gefeiert. Der Graf von Surrey erhiele den Auftrag die Prinzeſſin Margarethe in ihr neues Koͤnigreich, nach Schottland zu begleiten. Der Koͤnig kam ihr bis Newbhattle Abtei, ſechs 74 Meilen von Edinburgh, entgegen. Er war ſehr ſchoͤn geklei⸗ det, er trug eine hochrothe mit breiten Goldtreſſen beſetzte Sammtiacke; an ſeiner rechten Seite hing ein Federſpiel her⸗ ab(ein te). Er zeichnete ſich durch Staͤrke und Gewandtheit aus; beim Reiten ſetzte er die Fuͤße nie in die Steigbuͤgel und ge⸗ woͤhnlich ritt er nur geſtreckten Galopp. Als er mit ſeiner Braut den Einzug in Edinburgh hielt, wollte er mit ihr daſ⸗ ſelbe Pferd beſteigen und zwar ſollte ſie hinter ihm ſitzen; deßhalb machte er vorher mit einem Edelmann den Verſuch, ob ſein Pferd zwei Perſonen trage; da aber das feurige Roß nicht gebaͤndigt werden konnte, ſo zog der Koͤnig vor auf ihrem Pferde zu reiten und ſo ritten ſie miteinander in fei⸗ erlichem Zuge durch die Stadt Edinburgh, auf dieſelbe Art, wie man noch heut zu Tage die Landleute mit ihren Wei⸗ bern in die Stadt reiten ſieht, wenn ſie die Kirche beſuchen wollen. Das königliche Paar wurde durch mehrere im Ge⸗ ſchmack des damaligen Zeitalters angeordnete Aufzuͤge empfan⸗ gen. Unter andern ritten ſie an einem Zelt vorbei, aus wel⸗ chem ein gaͤnzlich bewaffneter Ritter trat, deſſen Hifthorn ei⸗ ne Dame trug; da ſprengte ploͤtzlich ein anderer Ritter her⸗ bei und entfuͤhrte die Lady; dann verfolgte ihn der erſte und forderte ihn zum Kampfe auf; hierauf kaͤmpften ſie zu Be⸗ luſtigung des koͤniglichen Paars ſo lange, bis der eine dem andern das Schwert aus der Hand ſchlug. Bei dergleichen Vorſtellungen war alles Scherz mit Ausnahme der Streiche, welche ſich die Betreffenden beibrachten, denn dieſe fielen vft ſehr derb aus. Es wurden viele militaͤriſche Schauſpiele ge⸗ geben und beſonders auch Turniere gehalten; dabei ging es uͤbrigens ernſthafter zu. Jacob der wilde Ritter wohnte auch einem der Turniere bei; er brachte einige Anfuͤhrer der Werkzeug deſſen man ſich auf der Falkenjagd bedien⸗— 8 75 Grenzer und Hochlaͤnder mit, welche zum Theil ſo kange mit einander fochten bis mehrere von ihnen verwundet und nieder⸗ geſtochen wurden. Man ſagt der Koͤnig ſey nicht ſehr betruͤbt daruͤber geweſen, als er ſah, daß die unruhigen Koͤpfe, de⸗ ren Fehden und Pluͤnderungen die oͤffentliche Ruhe ſo oft ge⸗ ſtoͤrt hatten, auf eine ſolche Art verunglimpft worden ſind. Die Luſtbarkeiten, welche aus Veranlaſſung der Verhei⸗ rathung des Koͤnigspgares und alle Feſte die waͤhreud des Koͤnigs Jakobs Regierung gegeben und die Lebensart die an ſeinem Hofe eingefuͤhrt worden, zeigten, daß die Schotten damals ein wohlhabenderes und geſitteteres Volk waren, als ſie früher geweſen ſind. Jakob IV. hatte durch den Glanz ſeines Hofes und durch die ehrenvolle Aufnahme, welche Fremde bei ihm fanden, im Ausland einen großen Ruf er⸗ worben. Im naͤchſten Kapitel wirſt Du finden daß er ſeine Zeit nicht allein mit Luſtbarkeiten und Lieblingsunterhaltun⸗ gen zubraͤchte, ſondern daß er ſie zur Wohlfahrt des Koͤnig⸗ reichs anwendete.— 8 8½ Fuͤnftes Kapitel. — Berbeſſerung der ſchottiſchen Geſetze.— Uneinigkelten zwiſchen England und Schottland.— Einfall in England.— Schlacht bei Flodden und Tod Jacobs IV. In der ruhigen Zeit, welche auf die Verheirathung Ja⸗ kobs folgte, entwarf er in Gemeinſchaft mit ſeinem Parla⸗ ment viele gute Geſetze die dem Lande großen Nutzen brach⸗ ten. Den Hochlanden und den weßtich gelegenen Inſelu ſchenkte man beſonders viel Aufmerkſamkeit, weil ſie aus . 5 76 Mangel an Scherif's und Beamten, welche zur Aufrechthal⸗ tung der Ordnung haͤtten beitragen ſollen, gleichſam ganz verwilderten; deßhalb wurden bei dieſem ungeſtuͤmen Volke Obrigkeiten und Geſetze eingeführt. Ein ſehr wichtiges Geſetz des Parlaments erlaubte dem Koͤnig und ſeinen Edelleuten ihre Grundbeſitzungen nicht nur gegen Militaͤrdienſte, ſondern auch fuͤr eine gewiſſe Summe Geldes oder Abgabe an Früchten zu verleihen; vermoͤge dieſer Anordnung hoffte man ruhige friedliebende Leute auf den zwar angebaut geweſenen aber durch die Kriege verwahrlosten Grundſtüͤcken zu beſchaͤftigen. Ueber die Zulaſſung ins Par⸗ lament wurde ebenfalls eine Norm feſtgeſetzt und die Ord⸗ nung, nach welcher gewaͤhlt werden ſolle, beſtimmt. Die Grundbeſitzer wurden angehalten Baͤume zu pflanzen, ihre Grundſtuͤcke einzuzaͤunen, Fiſchteiche anzulegen und andere Verbeſſerungen anzubringen. Alle dieſe Anordnungen beweiſen, daß der König den aufrichtigen Wunſch hegte ſeine Unterthanen zu begluͤcken: aber das unglückliche Schottland ſchien dazu beſtimmt zu ſeyn nie einen lange dauernden Frieden und deſſen wohlthaͤtige Folgen genießen zu duͤrfen. Gegen das Ende von Jakobs Regierung trugen ſich Ereigniſſe zu, welche uͤber das Koͤnig⸗ reich mehr Unglück brachten, als alle fruͤhern Begebenheiten. Heinrich VII., der Schwiegervater Jakob's wendete alles an, um den zwiſchen Schottland und England geſchloſſenen Frieden zu erhalten und die Zwiſtigkeiten, die ſich von Zeit zu Zeit erhoben, zu beſeitigen. Nach dem Dode dieſes weiſen und vorſichtigen Monarchen folgte Heinrich VIII., ein kuͤhner, hochmüͤthiger und toller Fuͤrſt, der keinen Widerſpruch leiden konnte und lieber Krieg fuͤhrte, als zu Erhaltung des Friedens, nur im geringſten nachgeben wollte. Er und Jacob IV. gli⸗ . 5 77 chen ſich im Demperament zu ſehr, als daß man haͤtte hoffen durfen, ſie werden lange gute Freunde bleiben. Die kriegeriſche Stimmung Heinrichs verleitete ihn vor⸗ zugsweiſe zu einer Unternehmung gegen Frankreich, und der Koͤnig von Frankreich ſeinerſeits wuͤnſchte ſehr das alte Buͤnd⸗ niß mit Schottland wieder herzuſtellen, damit Heinrich aus Furcht vor einem Ueberfall der Schotten ſeinen beabſichtigten Angriff auf Frankreich unterlaſſen ſolle. Er wußte, daß der Glanz von Koͤnig Jacobs Hof die von deſſen Vater hinter⸗ laſſene Schaͤtze erſchoͤpft hatte und dachte, der beſte Weg ihn zu gewinnen werde der ſeyn, wenn er ihm bedeutende Sum⸗ men anbiete, die er doch von nirgends her beziehen koͤnne; eben ſo verſchwendete er Gold an die Rathgeber und Guͤnſt⸗ linge des ſchottiſchen Koͤnigs. Dieſe Freigebigkeit bildete mit dem ganz entgegengeſetzten Benehmen des Koͤnigs von Eng⸗ land einen großen Contraſt; denn der wollte nicht einmal ein Legat ausbezahlen, welches ſeiner Schweſter der Koͤnigin von ſeinem Vater vermacht worden war. Viele andere Umſtaͤnde verſchiedener Art ſchienen Unan⸗ nehmlichkeiten zwiſchen England und Schortland herbeizufuͤh⸗ ren. Jakob wuͤnſchte ſehnlichſt die Seemacht und den Handel des Koͤnigreichs zu vermehren; da Schortland ausgedehnte Seekuͤſten und zahlreiche Haͤfen hat, ſo iſt ſein Handel noch bis auf dieſe Zeit betraͤchtlich. Die koͤnigliche Florte ſoll oh⸗ ne das der große Michael genannte Schiff, die groͤßte in der Welt geweſen ſeyn, obgleich ſie nur ſechszehn Kriegs⸗ ſchiffe ſark geweſen ſey. Jakob widmete deßhalb allen See⸗ angelegenheiten beſondere Aufmerkfamkeit. Ungefaͤhr im Jahr 1476 wurde ein gewißer Johann Bar⸗ ton, ein ſchottiſcher Seemann, von den Portugieſen gefangen genommen. Da der Koͤnig von Portugal ſich durchaus zu keiner 78 Schadloshaltung verſtehen wollte, ſo ertheilte Jakob der Fa⸗ milie Barton einen Caperbrief gegen die Portugieſen, d. h. eine Vollmacht ſo viele portugieſiſche Schiffe, die ihnen be⸗ gegnen wuͤrden zu nehmen, bis ſie hinreichenden Erſatz fuͤr ihren erlittenen Verluſt erhalten haͤtten. Es gab drei Bruͤder Barton, alle drei verwegene Maͤnner, beſonders Andreas, der aͤlteſte. Er hatte zwei ſtarke Schiffe, wovon das eine den Namen Loͤwe, das andere Hannchen Pirwen fuͤhr⸗ te; mit dieſen kreuzte er im den britiſchen Kanal und hielt nicht nur portugieſiſche, ſondern auch engliſche Schiffe an, weil die Englaͤnder damals mit den Portugieſen alliirt wa⸗ ten. Auf die dem Koͤnig Heinrich vorgetragenen Klagen hin ruͤſtete er zwei Schiſſe aus, bemannte ſie mit auserleſenen Leuten und ſtellte ſie unter die Befehle des Lord Thomas Ho⸗ ward und des Sir Eduard Howard, beide Soͤhne des Gra⸗ fen von Surrey. Sie ſtießen in den Downs auf Barton's Schiffe, wohin ſie der Schiffskapitaͤn eines Kauffahrers fuͤhr⸗ te, den Barton den Dag zuvor ausgeplündert hatte. Bei der Annaͤherung des Feindes verbargen die Bruͤder ſorgfaͤltig jede Auszeichnung eines Kriegsſchiffes und zogen ſogar eine Wei⸗ denruthe, das Zeichen eines Handelsſchiffes an ihrem Maſte auf. Als aber die Schotten jene einholen wollten, zogen die Englaͤnder ihre Flaggen und Faͤhnchen auf und gaben ihren Feinden eine volle Lage. Barton ſchloß daraus, daß er es mit engliſchen Kriegsſchiffen zu thun habe, verlor jedoch die Faſſung nicht und ſetzte ſich kühn zur Gegenwehr; er zeichnete ſich durch ſeine reiche Kleidung und glaͤnzende Waffen aus, er trug auch eine goldene Kette um den Hals, an welcher ei⸗ ne goldene Pfeife hing. Das Gefecht wurde ſehr hitzig und waͤhrend deſſelben hielt ſich Barton meiſtens auf dem Verdeck auf und ſprach ſeinen Leuten Muth zu. Wenn wir einer Ballade aus der damaligen Zeit Glauben beimeſſen wollen, ſo hatte er an ſeinem Schiffe eine beſondere Vorkehrung ge⸗ troffen, vermoͤge welcher ſchwere Laſten oder Balken an ſei⸗ nen Segelſtangen aufgehaͤngt waren, die er bei Annaͤherung des Feindes von der Seite her, auf deſſen Schiffe herabſchleu⸗ dern konnte; um jedoch von dieſer Erfindung Gebrauch ma⸗ chen zu koͤnnen, mußte nothwendigerweiſe vorher ein Mann den Hauptmaſt erklettern. Da die Englaͤnder durch dieſes Mandͤver ſchlimmen Folgen ausgeſezt zu ſeyn glaubten, ſo beauftragte Howard ſeinen beſten Bogenſchuͤtzen, einen gewiſ⸗ ſen Huſtler aus Yorkſhire, ein genaues Augenmerk auf denje⸗ nigen von Barton's Leuten zu haben, welcher den Hauptmaſt beſteigen wolle, und dieſen ſolle er wo moͤglich herabſchießen. Auf dieſe Art verloren zwei Matroſen hintereinander das Le⸗ ben, dann beſtieg Andreas Barton, im Vertrauen auf ſeine ſtarke Waſſenruͤſtung, ſelbſt den Maſt. Lord Thomas rief dem Bogenſchuͤtzen zu: wenn ihm ſein Leben lieb ſei, ſo ſoll er diesmal gut treffen.„Laßt mich nur erſt zwei Pfeile ab⸗ ſchießen,“ ſagte Huſtler. Der erſte, den er abſchoß, prallte an Barton's Waffenruͤſtung ab, ohne ihn zu verletzen; nach⸗ dem aber der ſchottiſche Seemann ſeine Arme empor hob, um hoͤher hinauf zu klettern, ſchoß ihn der Bogenſchuͤtze in die rechte Armhoͤhle und brachte ihm eine toͤdtliche Wunde bei. Barton ſtieg hierauf vom Maſte herab und rief ſeinen Leuten zu:„Haltet Euch tapfor, meine Lieben, ich bin unbedeutend verwundet, ich werde nur ein wenig ausruhen und dann aufs neue fortkaͤmpfen; inzwiſchen haltet aus beim St. An⸗ dreas Kreuz;“ damit meinte er die ſchottiſche Flagge, und waͤhrend er ſeine Leute mit ſeiner Pfeife aufmunterte, verſchied er. Endlich enterten die Howard's die ſchottiſchen Schiffe und fanden den kuͤhnen Seekapitaͤn todt da liegen; hierauf 80 zogen ſie den Loͤwen am Schlepptau in die Themſe. Es iſt merkwurdig, daß Barton's Schiff das zweite Kriegsſchiff in der engliſchen Florte wurde. Wenn die Koͤnige ſchnell eine Flotte ausruͤſten wollten, ſo mietheten ſie Kaufmannsſchiffe oder nahmen ſie mit Gewalt weg und bemannten ſie mit Soldaten. Der große Heinrich war das erſte Schiff, welches der Koͤnig von England auf ſeine eigene Koſten er⸗ bauen ließ. Jakob IV. war uͤber die der ſchottiſchen Flagge zugefugte Beleidigung hoch entruͤſtet und ſendete einen Herold ab, um Genügthuung zu verlangen. Der Koͤnig von England recht⸗ fertigte ſein Benehmen mit der von Barton begangenen See⸗ raͤuberei— eine Beſchuldigung, von der ſich Jakob nicht frei⸗ ſprechen konnte; aber nichtsdeſtoweniger blieb er gegen ſeinen Schwager aufgebracht und naͤhrte einen Haß gegen ihn, wel⸗ cher durch ein neues Mißgeſchick noch vermehrt wurde. Jakob uͤbertrug einem ſeiner Guͤnſtlinge, dem Sir Robert Ker von Fairnyherſt, Haupt eines Zweiges des Clan's von Ker, das Amt eines Landvogts in den mittleren ſchottiſchen Grenzprovinzen. Er verwaltete ſein Amt mit ſolch' ungewoͤhn⸗ licher Strenge, daß er mehreren der engliſchen Grenzer haͤuſig Veranlaſſung zu großer Unzufriedenheit gab; deßhalb kamen dieſe uͤberein, ſie wollen ihn ermorden. Drei von dieſen, naͤmlich Heron(der Baſtard genannt, weil er ein natuͤrlicher Bruder des Heron von Ford geweſen), mit einem gewiſſen Starhed und Lilburn umzingelten den ſchottiſchen Landvogt an einem Tage, an welchem er es gar nicht vermuthete, auf offener Straße und brachten ihn mit ihren Lanzen um. Hein⸗ rich VII. hatte hierauf die Erlaubniß ertheilt, daß die Schul⸗ digen von den Schotten ergriffen werden duͤrfen. Lilburn wurde 31 wurde dem Koͤnig Jakob ausgeliefert und ſtarb im Gefaͤng⸗ niß; Starhed rettete ſich eine Zeit lang, indem er in die in⸗ neren Provinzen Englands floh; der Baſtard Heron verbrei⸗ tete das Geruͤcht, daß er an einer Seuche geſtorben ſeye, und ließ ſich ſo lange in einen Sarg verbergen, bis die nach ihm ausgeſchickten Soldaten die Gegend wieder verlaſſen hatten, dann hielt er ſich an den Graͤnzen auf und erwartete den Ausbruch irgend eines Streites zwiſchen den zwei Koͤnigrei⸗ chen. Heinrich VII. war daran gelegen dem Jakob Genug⸗ thuung zu verſchaffen, verhaftete deßhalb des Baſtarden Bru⸗ der und lieferte Heron von Ford ſtatt des Baſtarden aus. Als aber Heinrich VIII. und Jakob ſpaͤterhin uneinig wurden, ſo zeigten ſich der Baſtard Heron und Starhed wieder oͤffent⸗ lich. Starhed wurde bald aus dem Wege geſchafft, denn Sir Andreas, gewoͤhnlich Dand Ker genannt, der Sohn des ermordeten Sir Robert ſchickte zwei ſeiner Untergebenen aus, um ſich an den engliſchen Graͤnzern zu raͤchen. Sie uͤberfie⸗ len und ermordeten ihn und brachten ſein Haupt ihrem Herrn, welcher es in Edinburgh oͤffentlich zur Schau ausſtellte, und ſich uͤber die genommene Rache hoch erfreute. Der Baſtard Heron jedoch ſtreifte fortwaͤhrend an den Graͤnzen herum, worauf Jakob IV. wegen dieſes Verbrechens Heinrich VIlI. oͤffentlich anklagte, obgleich er eigentlich gerechterweiſe fuͤr den Verbrecher gar nicht verantwortlich war. Waͤhrend Jakob mit ſeinem Schwager in ſchlechtem Ver⸗ nehmen ſtand, ließ Frankreich kein Mittel unverſucht, um Schottland auf ſeine Seite zu bringen. Große Summen wurden an diejenigen Hoͤflinge Jakobs verſchwendet, von wel⸗ chen man glaubte, ſie werden am meiſten Einfluß auf ihn haben. Die Koͤnigin von Frankreich, eine junge und ſchoͤne W. Scott's Werke, XCVII. 6 Fürſtin, ſchmeich elte Jakobs Geſchmack den er an der Galan⸗ terie gegen die Damen finde und nannte ſich ſelbſt ſeine Ge⸗ bieterin und Geliebte; ſie bot Allem auf um ihn zu bewegen, daß er um ihrentwillen drei Meilen weit auf engliſchem Grund und Boden vorruͤcke; ſie ſchickte ihm zugleich einen Ring, den ſie bis daher ſelbſt getragen hatte. Ihre Lütlitie hatte einen ſo maͤchtigen Einfluß auf Jakob, daß er ſich ein⸗ bildete, er muͤſſe ehrenhalber rhren Derlangen entſprechen. Dieſer ſchwaͤrmeriſche Begriff von Ritterpuͤrde war ſein Un⸗ tergang und beinahe auch der des§ Koͤn igreichs. Im Monat Juni oder Juli 1513 ſegelte Heinrich VIII. mit einem nicht unbetraͤchtlichen Corps nach Frankreich und belagerte Tervuenne. Nun unternahin Jakob IV. etwas Ent⸗ ſcheidendes; er ſchickte ſeinen erſten Herold in das La ager des Koͤnigs Heinrich vor Terouenne, ließ ihn in uͤbermuͤthigen Ausdruͤcken auffordern von ſeinem Angriff auf Jakobs Alliir⸗ ten, den Koͤnig von Frankreich, abzuſtehen, und machte ihm Jugleich Vorwuͤrfe uͤber den Sod Barton's, die Frechheit des Baſtarden Heron, und uͤder alle die Gegenſtaͤnde, welche ſeit dem Tode Heinrichs VII. zu Streitigkeiten Anlaß gegeben hatten. Heinrich VIII. beantwortete dieſen Brief, den er als eine Kriegserklaͤrung betrachtete, mit derſelben Bitterkeit und beſchuldigte den Koͤnig von Schottland eines Meineides, weil er den Frieden breche, welchen er durch einen feierlichen Eid zu halten gelobt habe; die Aufforderung des ſchottiſchen Koͤ⸗ nigs wies er mit Verachtung zuruͤck. Er ſagte, der Koͤnig von Schottland ſeye nicht maͤchtig genug, dem Streit zwi⸗ ſchen England und Frankreich ein Ende zu machen. Der ſchottiſche Herold kehrte mit dieſer Botſchaft zuruͤck, traf aber ſeinen Herrn nicht mehr lebend an. Jakob hatte die Ruͤckkunft ſeines Heroldes nicht abgewar⸗ 83 tet und die Feindſeligkeiten ſchon begonnen. Lord Home, ſein erſter Kammerherr hatte mit einer etwa 3 bis 4000 Mann ſtarken Armee England uͤberfallen. Sie machten große Beu⸗ te, waren aber auf ihrem Marſche unachtſam und hielten durchaus keine Ordnung; deßhalb fielen ſie in einen Hinter⸗ halt der engliſchen Graͤnzer, welche ſich in einem hohen Ge⸗ büſch unfern Wooler verborgen hatten. Die Schotten erlit⸗ ten eine gaͤnzliche Niederlage, denn beinahe der dritte Theil ihres Heeres wurde verwundet und getoͤdtet. Diefes war ein unguͤnſtiger Anfang des Krieges. Inzwiſchen hatte Jakob gegen den Willen ſeiner weiſeſten Rathgeber beſchloſſen, Eng⸗ land mit einer großen Armee zu iegen. Das Parlament billigte die vom Koͤnig ergriffenen Maßregeln durchaus nicht. Die Ruhe des Landes war ſeit dem mit England abgeſchloſ⸗ ſenen Frieden nicht geſeoͤrt worden, und nun kam es beinahe wieder dazu, daß die alten ſchon aufgegeben geweſenen An⸗ ſprüͤche Englands auf die Oberherrſchaft uͤber Schottland wleder geltend gemacht worden waͤren und die alte Erbitte⸗ rung zwiſchen den zwei Koͤnigreichen herbeigeführt haͤtten. Man liebte den Koͤnig ſo ſehr, daß er endlich vom Parla⸗ mente die Zuſtimmung zu dieſem unheilbringenden und unge⸗ rechten Kricge erhielt; es wurden Befehle ertheilt, daß ſich die ganze waſſenfaͤhige Mannſchaft des Koͤnigreichs Schott⸗ land auf dem Burgmoor bei Edinburgh verſammeln ſolle; ſo nannte man eine Gemeinweide in deren Mitte die koͤnigli⸗ che Fahne auf einem Felſenkuͤck(der Haſenſtein genannt) auf⸗ gepflanzt war. Aehnliche uͤbertriebene Maßregeln wurden in Menge er⸗ griffen, um einem Kriege borzubeugen; einige hievon ſchei⸗ nen ihren Grund in des Koͤnigs aberglaͤubiſchem Truͤbſinn, 6 84 den er von ſeines Vaters Dode her noch naͤhrte, gehabt zu haben. Folgende Begebenheit wird dieſer Urſache zugeſchrie⸗ ben: Als der Koͤnig in der Kirche zu Linlithgow ſeine An⸗ dacht verrichtete, erſchien ploͤtzlich eine Geſtalt vor ihm, wel⸗ che in einen azurblauen Rock gekleidet und mit einer leinenen Binde umguͤrtet war, Sandalen als Fußbekleidung trug, lange gelbe Haare und ein ernſtes, befehlendes Ausſehen hat⸗ te. Dieſe Geſtalt achtete wenig oder gar nicht auf den Koͤnig und lehnte ſich mit beiden Armen auf den Kirchenſtuhl, in welchem der Koͤnig ſaß, und wendete ſich an ihn; die ſonder⸗ dar ausſehende Figur ſagte nemlich, daß ihre Mutter dem Kuͤnig Jakob befehlen laſſe, den Tag, welchen er ſich zu Aus⸗ führung ſeines Unternehmens gewaͤhlt habe, zu meiden, da weder er, noch die, welche mit ihm gehen wuͤrden, gluͤcklich feyn werden. Dieſelbe Figur warnte auch den Koͤnig vor allen Weibergeſellſchaften und ſagte:„Wenn du es dennoch thuſt, ſo wirſt du es bereuen und beſchaͤmt werden.“ Nachdem der Ungluͤcksbote dieſe Worte geſprochen hatte, ſchien er ploͤtzlich wieder verſchwunden zu ſeyn. Ohne Zwei⸗ ſel haͤttte dieſe Perſon den heiligen Johannes vorſtellen ſollen, deſſen die heilige Schrift als angenommener Sohn der Jung⸗ frau Maria erwaͤhnt. Die Katholiken hielten es fuͤr moͤglich, daß der Geiſt verſtorbener Heiligen und Apoſtel auf der Erde erſcheinen koͤnne, deshalb liest man in der Geſchichte eine Menge Betruͤgereien ſolcher Art. Einer andern, noch weniger glaubwuͤrdigen Sage zu⸗ folge ſoll auf dem Markte zu Edinburgh um Mitternacht eine Stimme gehoͤrt worden ſeyn, welche den Koͤnig bei ſeinem Namen und allen ihm gebührenden Titeln und viele ſeiner Adeligen und Heerfuͤhrer aufgefordert habe, innerhalb vierzig Tagen vor Pluto's Gericht zu erſcheinen. Auch dieſes ſcheint — 8⁵ als Mittel gewaͤhlt worden zu ſeyn, um den Koͤnig von ſei⸗ nem Vorhaben abzuſchrecken. Uebrigens vermochten weder die erwaͤhnten Kunſtkniffe, noch der gute Rath und die Bitten Margarethens, der Koͤ⸗ nigin von Schottland, Jakob von ſeinem ungluͤcklichen Unter⸗ nehmen abzubringen. Er beharrte ſo ſehr darauf, daß er ſich ſelbſt an die Spitze ſeiner ſchon verſammelten großen Ar⸗ mee begab und am 22. Auguſt 1515. nahe bei Swiſell⸗Schloß in England eindrang. Er nahm in aller Eile von den Grenzfeſtungen Norham, Wark, Etall, Ford und andern geringerer Bedeutung, Beſitz, und bereicherte ſich mit Beute. Anſtatt aber mit ſeiner Armee in denjenigen Theil Englands vorzuruͤcken, welcher unvertheidigt vor ihm lag, ſoll der Koͤ⸗ nig ſeine Zeit mit Galanterien gegen die Lady Heron von Ford, eine ſchöne Frau, vergeudet haben; ſie verſuchte ihn von der weitern Verfolgung ſeiner Plane ſo lange abzu⸗ halten, bis die engliſche Armee ſich naͤherte. So lange Jakob unthaͤtig an der Graͤnze lag, ſetzte ſich der Graf von Surrey, derſelbe, welcher fruͤher die Koͤ⸗ 3 nigin Margarethe nach Schottland begleitet hatte, an der Spitze einer 20,000 Mann ſtarken Armee gegen Jakob in 2 Bewegung. An den Grafen hatte ſich ſein Sohn Thomas, der Lord Oberadmiral, mit einem bedeutenden Corps, das in Newcaſtle ausgeſchifft worden war, angeſchloſſen. Als die kriegeriſchen Einwohner der noͤrdlichen Grafſchaften ſich ſcha⸗ renweiſe unter Surreb's Pannier ſtellten, begaben ſich die Schotten in großer Anzahl nach Hauſe, weil ihre Lebensmit⸗ tel beinahe aufgezehrt waren und Jakobs Heer großen Man⸗ gei litt, obgleich den Lehengeſetzen zufolge jeder Mann, der lich ſtellen mußte, auf vierzig Tage rebensmiftel mitgebracht 86 hatte; Andere verließen die Fahnen, um ihre Beute in Si⸗ cherheit zu bringen. 3 Surrey ſah, daß er dem Koͤnig an Streitkraͤften uͤber⸗ legen ſeye und wuͤnſchte deßhalb die Schotten zum Kampfe zu locken: daher ſchickte er dem Jakob eine Botſchaft und ließ ihm eine Schlacht anbieten; zu gleicher Zeit ließ ihm Lord Thomas Howard ſagen, daß er, der Lord, da der Koͤ⸗ nig Jakob ſchen ſo oft uͤber den Tod des Andreas Barton Klage geführt habe, nun bereit ſtehe, ihm mit dem Schwert in der Hand Rechenſchaft zu geben. Jakob antwortete hier⸗ auf, daß er, um ſich mit den Englaͤndern zu ſchlagen, alle Staatsgeſchaͤfte liegen laſſen wolle. Der ſchottiſche Adel war doch ganz anderer Meinung als der Koͤnig; ſie hielten einen großen Rath, in welchem Lord Patrick Lindſaß zum Praͤſidenten oder Kanzler erwaͤhlt wurde. Dieſer Lord war der naͤmliche, welcher zu Anfang des Koͤnigs Regſerung fuͤr ſeinen Bruder das Wort geführt, und deſſen Titel und Grundbeſitzungen er unterdeſſen geerbt hatte. Er eroͤffnete die Sitzung mit dem Gleichniß eines reichen Kaufmanns, welcher durchaus mit einem gemeinen Spieler oder Betruͤger ſpielen und einen in Gold geſaßten Edelſtein gegen eine abgeſchaͤtzte Muͤnze ſetzen wollte.„Ihr meine edle Lords,“ ſagte er,„wuͤrdet eben ſo unklug han⸗ deln als der Kaufmann, wenn Ihr Euren Koͤnig, den ich mit einem koſtbaren Edelſtein vergleiche, gegen den engliſchen Feldherrn, der nur ein alter krummer Grobian iſt, aufs Spiel ſetzen wolltet. Wenn gleich die Englaͤnder geſchlagen werden, ſo verlieren ſie nichts als dieſen alten Kerl und ei⸗ nen Theil des Nadwerks: da nun ſo viele von unſerem Landvolke eingereiht geweſene Leute die Fahne verließen, ſo klieb nur die Blüthe unſeres Adels uͤbrig.“ Sein Vorſchlag 37 ging dahin, daß der Koͤnig die Armee verlaſſen, ſeine Per⸗ ſon in Sicherheit bringen und daß einige tapfere Edelleute von dem verſammelten Rathe ernannt werden ſollen, welche das Commando uͤbernehmen muͤſſen. Saͤmmtliche ſtimmten uͤberein, daß dieſer Vorſchlag dem Koͤnige zur Genehmigung vörgelegt werden ſolle; allein Jakob, weil er ſich durch ſeine Geſchicklichkeit und Tapferkeit Ruhm erwerben wollte, uͤber⸗ raſchte den verſammelten Rath, und bat, ſie ſollen ihm doch dieſe Schande nicht anthun.„Ich werde gegen die Englaͤn⸗ der kaͤmpfen,“ ſagte er,„o obgleich Ihr alle das Gegentheil verlangt. Es ſteht Euch frei die Flucht zu ergreifen, aber es ſoll Euch nicht gelingen mich zu beſchaͤmen, und was den Lord Patrick Lindſay betrifft, welcher zuerſt den von Euch vorge 35 genen Antrag machte, ſo ſchwoͤre ich, daß ich ihn nach meiner Zuruͤckkunft an ſeinem eizenen Tyore aufhaͤngen laſſen will.“ Der franzoͤſiſche Geſandte de d. Koͤnigs raſchen und ner unſerer alten Bekann ten gar wohl, der Graf von Anzus, nannt, welcher auch in ſeinem hohen Alter ſe auf das Schlachtfeld folgen wollte. Er beſchuldigte den Franzoſen, daß er Aeneigt ſey, das Intereſſe Schottlands dem ſeines eigenen Vaterlandes zu opfern, weil es zum Vor⸗ theil Frankreichs gereiche, wenn die Schotten auf jede Ge⸗ fahr hin mit den Englaͤndern kaͤmpfen; zugleich machte An⸗ gus, wie Lord Lindſay auf den Unterſchied der beiden Ar⸗ meen aufmerkſam, und wiederholte, daß das engliſche Heer ſehr zahlreich und nur aus Leuten von gemeinem Stande zu⸗ ſammengeſetzt ſeye, waͤhrend die ſchottiſche Armee aus der Mlüth ihres Adle. und ihrer gebildeten Leute beſtehe.“ Auf nefant dten 1½ U Be 88 dieſe Elnwendung verſetzte Jakob ganz hoͤhniſch:„Angus, wenn Ihr Euch fuͤrchtet, ſo koͤnnt Ihr nach Hauſe gehen.“ Eine ſolche Beleidigung veranlaßte den Grafen noch in ſel⸗ biger Nacht das Lager zu verlaſſen; aber ſeine beiden Soͤhne blieben und fielen in der hierauf erfolgten ungluͤcklichen Schlacht nebſt 200 Mann, die den Namen Douglas fuͤhr⸗ ten.— Der Graf von Surrey war unterdeſſen bis Wooler vor⸗ geruͤckt, wodurch die beiden Armeen nur noch vier bis fuͤnf Meilen von einander entfernt waren. Der engliſche Feld⸗ herr forſchte aͤngſtlich nach einem, mit der Gegend gut be⸗ kannten Fuͤhrer; dieſe iſt naͤmlich von mehreren breiten Baͤ⸗ chen durchſchnitten und zum Cheil gebirgig. Da ritt auf einmal ein gut berittener und vollkommen bewaffneter Mann auf den Grafen zu, ſtieg ab, kniete nieder und bot ſich ihm zum Fübrer an, falls er fur ein begangenes Unrecht, deſſen er ſich ſchuldig gemacht Verzeihung erhalten koͤnne. Der Graf verſprach ihm völlige Verzeihung, wofern er nicht Hoch⸗ verrath gegen den Koͤnig von England begangen oder perſoͤn⸗ lich irgend eine Lady gemartert habe— Verbrechen welche Surrey nie zu verzeihen erklaͤrte.„Gott bewahre mich,“ ſag⸗ te der Ritter,„vor ſolchen ſchaͤndlichen Verbrechen; ich half nur einen Schotten umbringen, welcher unſere Grenzer zu ſtreng behandelte, und die Englaͤnder oft druͤckte.“ Indem eer ſo ſprach zog er ſein Viſir auf, welches bis daher ſein Ge⸗ ſicht verborgen hatte, und ſiehe da, es war der Baſtard He⸗ ron, der an der Ermordung des Sir Robert Ker Theil ge⸗ nommen, vie ich ſchon oben erwaͤhnte. Seine Erſcheinung ſchien dem Grafen von Surrey ſehr willkommen zu ſeyn, denn er verzieh ihm das begangene Verbrechen auf der Stelle, weil er wußte, daß Heron alle Wege und Stege an den oͤſ⸗ 39 lichen Grenzen von ſeinem fruͤher geführten Nomadenleben her kenne. Die ſchottiſche Armee hatte ihr Lager auf dem Huͤgel Flodden aufgeſchlagen, welcher die ſogenannte große Millſield⸗Ebene einſchließt. Die oben genannte Anhoͤhe neigt ſich ſteil gegen die Ebene herab und auf der Bergkuppe befin⸗ det ſich ein großer freier Platz, den die Schotten zu ihrem Lager benuͤtzten, und woſelbſt ſie den Angriff der Englaͤnder abwarteten, weil ihre Aufſtellung ſehr guͤnſtig war. Surrey hielt es durchaus nicht fuͤr vortheilhaft, die Schotten in ih⸗ rer Stellung anzugreifen, ſondern zog es vor, einen Verſuch zu machen, ob er nicht den Koͤnig vermoͤgen koͤnne, jene zu verlaſſen. Er ließ Jakob durch einen Herold auffordern von der Hoͤhe herabzuſteigen und ſich in der offenen Ebene von Millßield zu ſchlagen, erinnerte ihn an die Wilffaͤhrigkeit mit welcher er ſeine fruͤhere Herausforderung angenommen habe, und gab ihm zu verſtehen, wie ſaͤmmtliche auf dem Schlacht⸗ feld verſammelte Englaͤnder der Meinung ſeyen, daß jeder Aufſchub dem Koͤnig Unehre machen würde. Wir haben zwar geſehen, daß Jakob raſch und unklug handelte aber ſeine Heftigkeit hatte doch nicht den Grad erreicht, welchen Surrey vielleicht erwartete. Der Koͤnig ließ den von Surrey geſchick⸗ ten Boten gar nicht vor ſich und ließ ſtatt aller Antwort zu⸗ ruͤckſagen, daß es einem Grafen nicht zuſtehe auf ſolche Art zu einem Koͤnig zu ſchicken. Surrey, welcher beinahe keine Lebensmittel mehr fuͤr ſein Heer auftreiben konnte, ſah ſich daher genoͤthigt, die Schot⸗ ten auf eine andere Art zum Gefecht zu locken. Er machte eine Bewegung nordwaͤrts, umging den Hügel Flodden in ei⸗ niger Entfernung, ſo daß die ſchottiſche Artillerie ſein Heer nicht mehr erreichen konnte, uͤberſchritt den Tillfluß bei Dwie ſell⸗Schloß und nahm mit ſeiner ganzen Armee zwiſchen 90 Jakob und deſſen Koͤnigreich Stellung. Der Koͤnig ließ ihn dieſe Falkenbewegung ohne Stoͤrung ausfuͤhren, obgleich ſich mehrere vortheilhafte Gelegenheiten zum Angriff darboten; als er aber ſah, daß das engliſche Heer zwiſchen ihm und ſeinem Reiche Stellung genommen, befuͤrchtete er daß er von Schott⸗ land abgeſchnitten werden koͤnnte. Ein gewiſſer Giles Mus⸗ grave, ein Englaͤnder in des Koͤnigs Dienſten, den er bei die⸗ ſer Gelegenheit um Nath fragte, beſtaͤrkte ihn in ſeiner Mh nung und verſicherte ihn, daß wenn er nicht ſeine Stellun verlaſſe, und ſich mit den Englaͤndern ſchlage, der Graf ue Surrey in Schottland eindringen und das ganze Land ver⸗ wuͤſten wuͤrde. Auf dieſes hin ließ der Koͤnig das Zeichen zum Aufbruch elen und ſetzte ſich in Marſch. Die Schotten zuͤn⸗ beten ihre Baracken an, der Rauch verbreitete ſich laͤngs des Huͤgels hin und unter deſſen Schutze marſchirte die ſchotti⸗ ſche Armee den Huͤgel hinab, welcher auf der noͤrdlichen Sei⸗ te nicht ſo ſteil als auf der füdliche iſt, waͤhrend die Englaͤn⸗ der, ebenfalls unter dem Schutze der Rauchwolken ihnen ent⸗ gegen ruͤckten. Die Schotten marſchirten in vier ſtarken Co⸗ lonnen, alle in paraleller Nichtung; die aus den Bewohnern des Lothian gebildete Reſerye commandirte der Graf Both⸗ well. Die Englaͤnder ruͤckten ebenfalls in vier Abtheilungem vor, und ihre aus lauter Reiterei beſtehende Reſerve ſtund unter den Befehlen des Sir Dacre. Der linke Fluͤgel der Schotten unter den Befehlen des Grafen von Huntly und Lord Home griff zuerſt an und draͤngte n nicht nur den von Sir Edmund Howard befehligten rechten Flügel der Englaͤnder, ſendern brachte ihn auch in Unordnung. Sir Edmund wurde geworfen, ſeine Fahne genommen, und er ſelbſt ſtund in Ge⸗ fahr ſein Leben zu verlieren, wenn ihn nicht der Baſtard He⸗ fon gerettet haͤtte; dieſer kam mit einer Bande entſchloſſener 91 Lord Home den Vorwurf, daß er ſeinen Vortheil haͤtte ver⸗ folgen, und der naͤchſten ſchottiſchen Colonne zu Huͤlfe eilen ſollen. Einige behaupten ſogar, daß er denen, welche in ihn gedrungen ſeyen, nach ſeinem erſten Sieg den Koͤnig zu un⸗ terſtuͤtzen, geantwortet habe, er ſoll ſich ſelbſt helfen. Dieſe Aeußerung ſcheint jedoch eine Verlaͤumdung zu ſeyn, und ſoll wahrſcheinlich den Verluſt der Schlacht, welcher wohl der Uebermacht der Englaͤnder zugeſchrieben werden darf, einiger⸗ maßen beſchoͤnigen. Die unter dem Commando des Sir Dacre in Reſerve aufgeſtellt geweſene engliſche Reiterei hielt die Sie⸗ ger im Schach, waͤhrend Thomas Howard, der Lord Ober⸗ admiral, welcher die zweite Abtheilung der Englaͤnder com⸗ mandirte auf die unter rd's und Montron's Befehlen eilung der Schotten losſtuͤrzte und ſie in Ver⸗ wirrung brachte, wobei die beiden letzt genannten Fuͤhrer das Leben verloren. So ſiunden die Sachen auf dem ſchottiſchen linken Flugel. Den außerſten recht eine Abtheilung Hoc s den Clans Makenzie, Mac⸗ lean und anderen zuſammengeſetzt, unter den Befehlen des Grafen von Lennok und Argily; dieſe wurden ſo ſehr von engliſchen Pfeilen uͤberſchwemmt, daß ſie ihre Reihen ver⸗ ließen und trotz des Zurufes und den Bitten des franzoͤſiſchen Geſandten, welcher ſie zum ſtehen bringen wollte, ganz ver⸗ 2 — en 3!* wirrt den Hugel hinab ſprangen, und auf einmal von Sir Eduard Stanley in Flanke und Ruͤcken angegriffen, und mit bedeutendem Verluſt geſchlagen wurden. Die einzige ſchottiſche Diviſton, welcher noch zu erwaͤh⸗ nen iſt, wurde durch Jakob perſoͤnlich befehligt, und beſtund 1 Maͤnner(meiſtens Geaͤchtete, wie er ſelbſt) herbei, und befrei⸗ te Howard. Viele ſchottiſche Geſchichtſchreiber machen dem ügel von Jakobs Armee bildete 9² aus den auserleſenſten ſeiner Edelleute, deren Waffenruͤſtun⸗ gen ſo gut beſchaffen waren, daß die Pfeile ihnen nicht ſcha⸗ den konnten. Sie kaͤmpften alle zu Fuß; der Koͤnig ſelbſt war abgeſtiegen; ſie ſtunden dem Grafen von Surrey gegen⸗ uͤber, welcher ſeine Abtheilung ebenfalls perſoͤnlich komman⸗ dirte. Die Schotten griffen mit wuͤthendem Ungeſtuͤmm an, und waren eine Zeit lang im Vortheil. Surrey's Schwadro⸗ nen kamen in Unordnung und ſeine Standarte in große Ge⸗ fahr; Bothwell und die ſchottiſche Reſerve hatte ebenfalls An⸗ theil am Gefecht genommen und die Englaͤnder ſchienen die Schlacht zu verlieren. Da kam Stanley, welcher die Hoch⸗ laͤnder geſchlagen, und bedrohte die eine Flanke von des Koͤ⸗ nigs Abtheilung, und der Admiral welcher Crawford und Montroſe beſiegt hatte, die andere. 3 Die Schotten fochten mit dem unerſchrockenſten Muthe; ſie vereinigten ſich mit der Reſerve unter Bothwell, bildeten mit ihren nach jeder Seite hin ausgeſtreckten Speeren einen Kreis und vertheidigten ſich hartnaͤckig. Da die Bogen nicht mehr anwendbar waren, ſo ruͤckten die Englaͤnder auf allen Seiten mit ihren Hellebarden vor, eine verderbliche Waffe, welche graͤßliche Wunden beibrachte; aber ſie konnten die Schotten weder uͤberwinden noch zum Ruͤckzug noͤthigen, ob⸗ gleich ſie ein ſchreckliches Blutbad unter ihnen anrichteten. Jakob ſelbſt ſiel mitten unter ſeinen kriegeriſchen Lords und treuen Anhaͤngern; er wurde zweimal von Pfeilen verwundet und endlich mit einer Hellebarde niedergeſtoßen. Mit Ein⸗ bruch der Nacht war die Schlacht eigentlich noch nicht ent⸗ ſchieden, denn das ſchottiſche Centrum behauptete ſeine Stel⸗ lung und Home und Dacre blieben wie eine Mauer ſtehen. In der Nacht endlich verließen die Ueberbleibhſel der 93 ſchottiſchen Armee das blutige Schlachtfeld, auf welchem ſie ihren Koͤnig und ihre auserleſenſten Edelleute verloren hatten. Dieſen großen und entſcheidenden Sieg half der Graf von Surrey erringen und zwar am 9. September 1515. Die Steger verloren ungefaͤhr 5000 Mann, die Schotten wenig⸗ ſtens zweimal ſo viel; allein der Verlnſt beſteht nicht ſo ſehr in der Anzahl der Gebliebenen als im Werthe derſelben: die Englaͤnder verloren wenig Maͤnner von Auszeichnung; die Schotten dagegen ihren Koͤnig, zwei Biſchoͤfe, zwei Aebte, zwei Grafen, dreizehn Lords und fuͤnf aͤlteſte Soͤhne von Pairs. Die Geſammtzahl ihrer Gebliebenen iſt auſſerordent⸗ lich groß; es gibt kaum eine in der ſchottiſchen Geſchichte er⸗ waͤhnte Familie, welche nicht einen Verwandten dort verlor. Die Schotten laͤugneten zum Theil die Thatſache, daß Jakob W. auf dem Schlachtfelde geblieben ſey. Einige be⸗ haupteten, er habe dem Chrone entſagt und eine Wallfahrt nach Jeruſalem gemacht; andere gaben an, daß am Abend der erwaͤhnten Schlacht, kurz vor ihrem Ausgang, vier ſchlanke Reiter auf dem Schlachtfelde erſchienen ſeyen, von denen jeder eine Strohwispel an der Lanze, als Erkennungs⸗ zeichen unter ſich, getragen habe. Dieſe Maͤnner ſollen den Koͤnig auf ein ſchwarzbraunes Pferd geſetzt und bei Einbruch der Nacht den Sweedfluß mit ihm paſſirt haben; aber Nie⸗ mand wollte wiſſen, was ſie mit ihm anfingen, ſondern man vermuthete, daß er im Schloß Home ermordet worden ſey. Ich fuͤr meine Perſon erinnre mich, wie ich vor ungefaͤhr vierzig Jahren noch gehoͤrt, daß einer Sage zufolge bei Rei⸗ nigung des Ziehbrunnens jener zerfallenen Burg ein mit ei⸗ nem eiſernen Guͤrtel umgebenes Skelet gefunden worden das in eine Ochſenhaut eingewickelt geweſen ſey; üͤbrigens meſſe ich der ganzen Sage keinen Glauben bei; denn ſelbſt einige — 9 ⸗ Schotten beweiſen gerade durch dieſen eiſernen Gärtel, daß „Jakobs Leichnam nicht in die Haͤnde der Englaͤnder gefallen ſeyn koͤnne, denn ſie haͤtten gewiß den Guͤrtel zu Begruͤndung der Wahrheit vorgewieſen und wuͤrden ihn vielleicht noch zei⸗ gen; deßhalb beſtritten die Schotten, daß der Leichnam, uͤber den die Feinde frohlockten, nicht der des Jakobs ſelbſt, ſon⸗ dern eines Nitters aus ſeinem Gefolge ſey, welcher eine des Koͤnigs aͤhnliche Waffenruͤſtung trug. Dergleichen eitle Fabeln wurden erfunden und geglaubt, weil das gemeine Volk alles Geheimnißvolle liebte und gerne das fuͤr Wahrheit annahm, was darauf abzielte dem Feinde kein ſolches Siegeszeichen zuzugeſtehen. Derley Gerüchte wi⸗ derſprechen dem geſunden Menſchenverſtand. Lord Home war Kammerherr bei Jakob IWV. und beſaß deſſen Vertrauen in hohem Grade; er hatte von des Koͤnigs Tod durchaus keinen Gewinn zu hoffen; daher koͤnnen wir ihn auch keines ſo groſ⸗ ſen Verbrechens beſchuldigen, weil, wie geſagt, gar kein Beweggrund vorhanden geweſen, welcher ihn hiezu haͤtte ver⸗ leiten koͤnnen. Jakobs Tod hatte ſogar des Grafen Untergang ur Folge, wie wir gleich ſehen werden. 3 Es ſcheint ſich zu beſtaͤtigen, daß der Koͤnig gewoͤhnlich 6 Zeichen ſeiner Reue fuͤr die an ſeinem Vater begangene e einen eiſernen Guͤriel trug; aber es iſt nicht un⸗ daß er ein ſo beſchwerliches Stuͤck Eiſen am hlacht abgelegt habe; deßhalb kann es den en wohl in die Haͤnde gefallen ſeyn; ſie warfen es 3 inlich weg, weil es durchaus keinen innern Werth tie, Den Leichnam, welchen die Englaͤnber für den Ja⸗ kobs hielte Lord Dacre auf dem Schlachtfeld gefun⸗ bick führen und dem Surrey uͤber⸗ 9 2 — den; er ließ ihn nach 2 bringen. Die beiden jetztgenannten Lords kannten Jakob's 95 Perſon zu gut, als daß ein Mißyerſtaͤndniß haͤtte daraus ent⸗ ſtehen koͤnnen. Der Leichnam wurde auch von zweien Günſt⸗ lingen Jakobs, von Sir Wilhelm Scott und Sir Joyann Forman erkannt, denn ſie vergoſſen bei deſſen Anblick viele Thraͤnen. 1 Das Schickſal ſeiner irdiſchen Huͤlle war ſonderbar und entehrend; ſie wurde nicht begraben, weil der Pabſt, welcher damals mit England gegen Frankreich alliirt geweſen, den Kirchenbann uͤber Jakob ausgeſprochen hatte, deßhalb durfte es kein Prieſter wagen, den Segen über dieſe Leiche zu ſpre⸗ chen; daher wurde Jakobs Leichnam nur einbalſamirt und in das Kloſter Sheen in Surrey geſchickt. Dort blieb er bis zur Reformation liegen, in welcher das Kloſter dem Herzog von Suffolk zuſtel; dann wurde aber der in Bley gewickelte Leichnam, gleich einem nutzloſen Hausgeraͤthe herumgewor⸗ fen. Der Geſchichtſchrniber Stowe ſah ihn in einer großen Kammer unter allerley alten Geraͤthſchaften liegen. Einige Handwerksleute, ſagt der naͤmliche Schriftſteller, haben Spaſſes halber den Kopf Jakobs abgehauen und ein gewiſſer Lancelot Young, Glaſermeiſter der Königin Eliſabeth habe ihn des guten Geruches wegen(der wahrſcheinlich von den beim Einbalſamiren verwendeten Kraͤutern und Gewuͤrzen herruͤhrte) mit nach Hauſe genommen und einige Zeit aufbe⸗ wahrt, am Ende aber dem Dodtengraͤber der St., Michaelis⸗ Kirche gegeben, mit dem Auftrag, er ſolle den Kopf im Beinerhaus niederlegen. So endigte dieſer einſt ſo große und maͤchtige Koͤnig. Die ungluͤckliche Schlacht bei Flodden, die ihn das Leben koſtete und in welcher ſeine Armee vernichtet wurde, darf mit allem Recht als eines der traurigſten Ereigniſſe in der ſchot⸗ tiſchen Geſchichte betrachtet werden. „ 96 Sechstes Kapitel. — Folgen der Schlacht bei Flodden.— Die verwittwete Koͤnigin Margarethe übernimmt die Reichsverweſung, und heirathet den Grafen von An⸗ gus.— Der Herzog von Albanien wird aus Frankreich zurückgeru⸗ fen.— Kämpfe zwiſchen ſeiner Partet und der Partei Margare⸗ then's.— Treffen zwiſchen den Douglas und den Hamiltonen auf der hoben Straße zu Edinburgh.— Erſtürmung der Stadt Jed⸗ burgh.— Endliche Abreiſe des Herzogs von Albanien aus Schort⸗ land.— Die Niederlage bei Flodden ſtuͤrzte ganz Schottland in eine Trauer und Verzweiflung, die noch in gutem Andenken in den ſüdlichen Grafſchaften ſteht, auf die ein großer Theil des Verluſtes fiel, da ihre Einwohner, Krieger aus Neigung und Lage, einen bedeutenden Theil der Streitkraͤfte bildeten, die bei dem Heere des Koͤnigs blieben, und folglich bei dem ſtattgehabten Blutbade nicht wenig litten. Die Einwohner der kleinern Staͤdte an der Grenze, z. B. Selkirk, Hayick, Jedburgh und andere, wurden faſt gaͤnzlich aufgerieben, und ihre Geſaͤnge und Sagen bewahren noch bis auf dieſen Tag das Andenken an ihre Leiden und Verluſte. Nicht bloß ein großer Theil des Adels, der, durch das Recht der Geburt, die wichtige Befugniß hatte, in ſeinen Beſitzthuͤmern Recht zu ſprechen und Ordnung zu erhalten, ſondern auch die obrigkeitlichen Perſonen der Burgflecken, die groͤßtentheils bei dem Heere geblieben, waren auf dem Schlachtfelde gefallen, ſo daß das Land Einfaͤllen und Er⸗ oberungen, wie die, welche nach dem Verluſte der Schlachten dei Dunbar und Halidon⸗Hill erfolgt waren, bloßgeſtellt zu ſeyn 4 97 ſeyn ſchien. Allein der feſte Muth des ſchottiſchen Volks zeigte ſich in dieſer furchtbaren Criſe in ſeinem edelſten Lichte; — Alle waren bereit zum kaͤmpfen, und eben durch das Uebermaß ihres Ungluͤcks geneigter, den ſchrecklichen Folgen, die man zu erwarten hatte, zu widerſtehen, als nachzugeben. Edinburgh, die Hauptſtadt Schottlands, gab ein edles Beiſpiel von dem Betragen, das man bei einem großen oͤf⸗ fentlichen Ungluͤcke befolgen ſoll. Den Bürgermeiſter †), die Rathsleute**) und die obrigkeitlichen Perſonen dieſer Stadt hatte ihre Pflicht in das Schlachtfeld gerufen, wo die meiſten von ihnen, nebſt den Buͤrgern, die ihrem Banner gefolgt waren, mit dem Koͤnige ihren Tod gefunden hatten. Eine gewiſſe Anzahl von Perſonen, die man Praͤſidenten nannte, und an deren Spitze Georg Towrs von Inverleith ſtand, war mit dem Auftrage zuruckgelaſſen worden, die Pflichten der oͤffentlichen Behoͤrden, waͤhrend der Abweſenheit derſelben, zu erfuͤllen. Die Schlacht fiel, wie wir geſagt haben, am neunten September vor. Am zehnten, als an dem folgenden Tage, kam die Nachricht von dem Treffen nach Edinburgh, und Georg Towors und die andern Praͤſidenten erließen an dieſem Tage eine Proclamation, die den Annalen jedes Landes in Europa Ehre machen wuͤrde. Die Praͤſidenten mußten wiſſen, daß alles verloren war; allein ſie ergriffen jede noͤ⸗ thige Maßregel, um das Volk zu hindern, ſich einem ſchnellen und paniſchen Schrecken zu uͤberlaſſen, und trafen die An⸗ *) Provost die oberſte Magiſtratsperſon eines königlichen Burgfteckens in Schottland, daſſelbe, was der Lord Major in England. **) Bailie, eine Magiſtratsperſon in Schottland was ein alderman in England iſt. Bland 5 Anmerk. d. Ueberſ. 1. Scott⸗s Werke. XVII. 7 ſtalten zur oͤffentlichen Vertheidiguns mit lobenswerther Fe⸗ ſtigkeit. „Da,“ ſagt dieſe merkwuͤrdige Proclamation,„noch ungewiſſe Nachrichten von einem Ungluͤcke, das den Koͤnig und ſein Heer betroffen haben ſoll, eingelaufen ſind, ſo er⸗ laſſen wir an alle Perſonen in der Stadt den ſtrengen Be⸗ fehl, ihre Waffen in Bereitſchaft zu halten, und ſich bei dem Laͤuten der gemeinſamen Stadtglocke zu verſammeln, um je⸗ den Feind, der die Stadt anzugreifen ſuchen wuͤrde, zuruͤck⸗ uu chlagen. Wir verbieten auch allen Weibern von der nie⸗ en Claſſe, und den Vagabunden jeder Art, auf den Straſ⸗ 3 d zu erſcheinen, um zu ſchreien und zu jammern; und wir befehlen den Frauen von ehrbarem Rufe und Charakter, in die Kirche zu gehen, um fuͤr den Koͤnig und ſein Heer, ſo wie für unſere Nachbarn, die bei des Koͤnigs Heer ſind, zu beten.“ Auf dieſe Art verhinderte der wackere Georg Towrs nicht nur, daß nutzloſe Wehklagen Schrecken und Verwir⸗ rung verbreiteten, ſondern er traf auch die noͤthigen Anſtal⸗ ten, die Stadt im Falle der Noth zu vertheidigen. Die Einfachheit des Befehls zeugte von bem Muthe und der Fe⸗ ſtiigkeit derer, die ihn erließen, zur Zeit des großen oͤffentli⸗ chen Ungluͤcks, das man erlitten hatte. Der Graf von Surrey machte jedoch keinen Verſuch, in Schottland einzufallen, oder den großen Sieg, den er erfoch⸗ ten hatte, durch den Verſuch der Eroberung dieſes Landes zu benützen. Die Erfahrung hatte die Englaͤnder gelehrt, daß, obſchon es ihnen leicht ſeyn mochte, ihre noͤrblichen Nachbarn zu beſiegen, Provinzen zu verheeren und Burgen und Staͤdte einzunehmen, doch die hartnaͤckige Tapferkeit der der Schotttn und ihre Liebe zur Unabhaͤngigkeit ihnen am Ende kets die Mittel verſchafft hatten, ihre Feinde zu ver⸗ 99 treiben. Mit großer Weisheit und Maͤßigung beſchloſſen da⸗ her Heinrich oder ſeine Miniſter, ſich lieber die Freundſchaft der Schotten dadurch zu erwerben, daß ſie die unmittelbaren Vortheile, welche der Sieg bei Flodden ihnen an die Hand gab, verloren gehen ließen, als einen andern Einfall zu be⸗ ginnen, der zwar unheilvoll für die Schotten werden konnte, wahrſcheinlich aber wie in den Bruce'ſchen und Baliol'ſchen Kriegen, mit großen Verluſten auch von Seiten der Englaͤn⸗ der und ihrer abermaligen Vertreibung aus dem Koͤnigreiche geendet haͤtte. Sie bedachten, daß Margarethe, Jacob's Wittwe, die Schweſter des Köͤnigs von England war,— daß ſie Negentin des Koͤnigreichs werden muͤſſe, und ihr Ge⸗ burtsland natürlich in Schutz nehmen werde. Sie wußten, daß der letzte Krieg von den Koͤnige von Schottland gegen den Willen feines Volkes unternommen worden war; und in Folge einer eben ſo edeln als klugen Politik, fuchten ſie lie⸗ ber eine befreundete Macht aus Schoktland zu machen, als es durch Einfälle und Gewaltthaten in einen unde erſoͤhnlichen Feind zu verwandeln. Es wurde daher bloß an den Grenzen Krieg gefuͤhrt, allein kein großer Verſuch gegen Schottland gemacht, oder dem Anſcheine nach beabſichtigt. Margarethe, die verwittwete Koͤnigin, wurbe Regentin don Schottland und Vormünderin des jungen Koͤnigs, Ja⸗ cob's V., der, was fruͤher bei aͤhnlichen Gelegenheiten nur zu oft der Fall geweſen war, den Thron als ein noch nicht zwei Jahre altes Kind beſtieg⸗ Allein Margarethens Anſehen erhielt einen bedeutenden Stoß durch eine ſchnelle und unkluge Heirath mit Douglas⸗ Grafen von Angus, dem Enkel des alten Bell⸗the⸗Cat. Die⸗ ſer beruͤhmte Mann hatte die unheilvolle Schlacht bei Floh⸗ 7„ 1 460 4 den, in der ſeine beiden Soͤhne gefallen waren, nicht lange uͤberlebt. Sein Enkel, der Erbe ſeines großen Namens, war ein ſchoͤner Juͤngling, tapfer, hochgeboren, und mit dem ganzen Ehrgeize der alten Douglas, ſo wie mit vielen ihrer kriegeriſchen Talente begabt. Er war jedoch jung, raſch und unerfahren, und ſeine Erhebung zu dem Gemahle der Koͤni⸗ gin Regintin erregte die Eiferſucht aller andern Adeligen Schottlands, die den Namen und die Macht der Douglas furchteten. Es kam jetzt ein Friede zwiſchen Frankreich und England zu Stande, und Schottland wurde in den Vertrag eingeſchloſ⸗ ſen; allein dieſes kann man kaum ein Gluͤck nennen, wenn man den zerruͤtteten Zuſtand des Landes erwaͤgt, das, befreit oon den engliſchen Verheerungen, Muſe hatte, ſeine innern Fehden und Zwiſte mit der gewoͤhnlichen blutigen Heftigkeit ſeiner Bewohner zu verfolgen. Die Nation, oder vielmehr die Adeligen, unzufrieden mit Margarethens Regentſchaft, hauptſaͤchlich wegen ihrer Heirath mit Angus und dem Stre⸗ ben dieſes jungen Lords nach perſoͤnlicher Macht waren jetzt darauf bedacht, Johann, Herzog von Albanien, den Sohn jenes Robert, der waͤhrend der Regierung Jacob's III. ver⸗ bannt worden war, nach Schottland zuruͤckzurufen. Dieſer Edelmann war der naͤchſte maͤnnliche Verwandte des Koͤnigs, da er der leibliche Vetter ſeines Vaters war. Viele waren der Meinung, die Koͤnigin habe das Recht der Regentſchaft durch ihre Heirath verwirkt, und Albany wurde bei ſeiner Ankunft aus Frankreich allgemein in der Eigenſchaft eines Regenten empfangen. Johann, Herzog von Albanien, war in Frankreich, wo er bedeutende Laͤndereien hatte, geboren und erzogen worden; und er ſcheint ſtets die Intereſſen dieſes Koͤnigreichs denen ———᷑—V—;ʒ—ꝛ—x—x—:—˖:.!—— . 40¹ Schottlands, an das er bloß durch erbliche Abkunft geknuͤpft war, vorgezogen zu haben. Er war ein ſchwacher und lei⸗ denſchaftlicher Mann, der zu bedachtlos Meinungen annahm⸗ und ſich zu leicht von ſeinen Entſchluͤſſen wieder abbringen ließ. Seinen Muth kann man mit Recht bezweifeln, und wenn er nicht ein voͤlliger Narr war, ſo war er doch ſicher⸗ lich nicht der weiſe Mann, den Schottland zu ſeinem Re⸗ genten bedurfte. Er brachte jedoch eine bedeutende Geldſum⸗ me aus Frankreich mit ſich, und da ſein Benehmen gefaͤllig, ſeine Geburt hoch, und ſeine Anſpruͤche groß waren, ſo trug er leicht den Sieg uͤber die Koͤnigin Margarethe, ihren Ge⸗ mahl, den Grafen von Angus, und andere Lords, die ihr hold waren, davon. Nach großen innern Unruhen ſah die Koͤnigin Margare⸗ the ſich genoͤthigt, aus Schottland zu entweichen, und eine Zufluchtsſtaͤtte am Hofe ihres Bruders zu ſuchen, wo ſie eine Tochter, Lady Margarethe Douglas, von der du ſpaͤter ein Weiteres hoͤren wirſt, gebar. Inzwiſchen wurde ihre Partei in Schottland noch mehr geſchwaͤcht. Lord Home war einer ihrer waͤrmſten Vertheidiger; er war derſelbe Edelmann, der den linken Flugel in der Schlacht bei Flodden befehligte und an dieſem Tage ſiegte, ſich aber dadurch, daß er den andern Abtheilungen des ſchottiſchen Heers nicht zu Huͤlfe kam, ver⸗ daͤchtig machte. Er und ſeine Bruͤder wurden nach Edin⸗ burgh gelockt, daſelbſt ergriffen, vor Gericht geſtellt, und auf unbekannte Anklagen hin enthauptet. Allein dieſe Strenge war ſo weit entfernt, Albaniens Macht zu verſtaͤrken, daß ſie bloß Schrecken und Haß erregte; und ſeine Lage wurde ſo ſchwierig, daß er ſeinen Freunden im Geheimen nichts als Verzweißung ausdrückte und wünſchte, er moͤchte ſeine Beine gehrochen haben, als er zuerſt ſeiner gemaͤchlichen und ruhi⸗ 102 gen kage in Frankreich entſagte, um die Regierung eines ſo zerruͤtteten und aufruͤhreriſchen Landes zu uͤbernehmen. Wirk⸗ lich zog er ſich nach Frankreich zuruͤck, und uͤbertrug waͤhrend ſeiner Abweſenheit die Aufſicht über die ſchottiſchen Grenzen einem tapfern, franzoͤſiſchen Ritter, dem Chevalier De la Baſtie, der ſich durch die Schoͤnheit ſeiner Perſon die Dap⸗ ferkeit ſeiner Thaten auszeichnete, allein, wie wir ſehen wer⸗ den, zu einem tragiſchen Ende beſtimmt war. Das Amt eines Grenzwaͤchters hatte dem Lord Home ge⸗ hoͤrt; und ſeine Freunde, zahlreich, maͤchtig, und Bewohner der oͤſtlichen Graͤnze, wo das Amt verwaltet werden mußte, wuͤnſchten eben ſo ſehr den Tod ihres Oberhauptes zu raͤchen, als von der Herrſchaft eines Fremden, wie De la Baſtie, des Günſtlings des Herzogs von Albanien, auf deſſen Befehl Lord Home hingerichtet worden war, befreit zu ſeyn. Sir David Home von Wedderburn, einer der wildeſten dieſes Na⸗ mens, legte dem ungluͤcklichen Grenzwaͤchter in der Naͤhe von Langton in Berwickſhire einen Hinterhalt. De la Baſtie floh, in der Hoffnung das Schloß Dunbar zu erreichen; allein in der Naͤhe der Stadt Dunſe blieb ſein Pferd in einem Moraſte ſtecken. Die Verfolger kamen herbei und toͤdteten ihn. Sir David Home knuͤpfte den Kopf mit den langen Locken, welche der Abgeſchiedene trug, an die Maͤhne ſeines Roſſes, ritt mit ihm im Triumphe nach Homessburg und ſteckte ihn an einem Speere auf dem hoͤchſten Thurme auf. Man ſagt, das Haar werde noch jetzt von der Familie aufbewahrt. Wedderburn, der dieſe grauſame Handlung begieng, glaubte eine tapfere und rühmliche That zu thun, indem er den Tod ſeines Ober⸗ haupts und Verwandten an einem Freunde und Guͤnſtlinge des Regenten raͤchte, oüſchon 84 la Bahie an der Hinrich⸗ 3 . 3 ——= Pande der Dinge war es dem gemeinſten Manne in Schott⸗ 10³3 kung des Lords Home nicht den mindeſten Antheil gehabt zu haben ſcheint. Die Abnahme der Gewalt des Herzogs von Albanien ſetzte die Koͤnigin Margarethe und ihren Gemahl in den Stand, nach Schottland zuruͤckzukehren. Ihre junge Tochter ließen ſie unter der Aufſicht ihres muͤtterlichen Oheims, des Koͤnigs Heinrich. Allein nach ihrer Ruͤckkehr in ihr Land veruneinigte ſich die verwittwete Koͤnigin auf eine unverſoͤhn⸗ liche Weiſe mit ihrem Gemahle Angus, der ſich ihrer Ein⸗ kuͤnfte bemaͤchtigt hatte, und ihr geringe Aufmerkſamkeit oder Achtung zollte, indem er ſich zu andern Weibern hielt, und ihr großen Anlaß zur Unzufriedenheit gab. Sie trennte ſich endlich von ihm und ſuchte eine Eheſcheidung zu Stande zu bringen. Dieſer haͤusliche Zwieſpalt gab der Macht des Gra⸗ fen von Angus einen großen Stoß; allein er war noch im⸗ mer einer der erſten Maͤnner in Schottland, und haͤtte ſich in den völligen Beſitz der Regierung des Koͤnisreichs ſetzen koͤnnen, wenn der Einfluß des Grafen von Arran ſeiner Macht die Wage nicht gehalten haͤtte. Dleſer Edelmann war das Haupt der großen Familie Hamilton, die mit der koͤnig⸗ lichen Familie verwandt war, und hatte ausgedehnte Be⸗ ſitzungen und Herrenguͤter, die ihn in den Stand ſetzten, dem Grafen von Angus die Rezierung des Landes ſtreitig zu ma⸗ chen, vbſchon er dieſem Haupte der minder aͤltern Familie der Douglas an perſoͤnlichen Eigenſchaften nachſtand. Alle, oder faſt alle großen Maͤnner Schottlands waren im Bunde mit dem einen oder dem andern dieſer maͤchtigen Grafen, und jeder unterſtuͤtzte ſeine Anhaͤnger, im Recht wie im Un⸗ recht, und unterdruͤckte ſeine Gegner ohne eine andere Rechts⸗ form, als ſeinen eigenen Willen. Bei dieſem zerrütteten Zu⸗ 404 3 land unmoͤglich, in dem gerechteſten Rechtsſtreite zu ſiegen, wofern er nicht unter dem Schutze des Grafen von Angus oder von Arran ſtand, und welchem von beiden er auch an⸗ haͤngen mochte, immer durfte er verſichert ſeyn, daß er ein Gegenſtand des Haſſes und Verdachts für den andern wurde. Zudem begingen ſchlechte und geſetzloſe Leute, unter dem Vorwande, daß ſie fuͤr das Beſte ihrer Partei thaͤtig ſeyen, Gewaltthatigkeiten jeder Art, ſengten, mordeten und pluͤn⸗ derten, und gaben vor, ſie thun dieß in der Sache des Gra⸗ fen von Angus, oder ſeines Nebenbuhlers, des Grafen von Arran. 3 Enndlich, den 3oſten April 1520, kamen dieſe beiden gro⸗ fen Parteien der Douglas und der Hamiltonen nach Edin⸗ purgh, um einem Parlamente beizuwohnen, in welchem man erwartete, daß die weſtlichen Edelleute im Allgemeinen auf die Seite des Grafen von Arran, die des Oſtens dagegen auf die Seite des Grafen von Angus treten werden. Einer der ſtaͤrkſten Vertheidiger des Grafen von Arran war der Erzbi⸗ ſchof von Glasgow, Jacob Beaddn, ein durch ſeine Talente, aber ungluͤcklicherweiſe auch durch ſeine zügelloſe Lebensart, ausgezeichneter Mann. Er war um dieſe Zeit Kanzler von Schottland und die Hamiltonen kamen in ſeinem Palaſte zu⸗ ſammen, der am Ende der Gaſſe der ſchwarzen Moͤnche lag, einer jener engen Straßen, die ſich von der High Street von Edinburgh nach dem Cowgate hinabziehen. Die Hamiltonen, bei weitem die zahlreichere Partei, beriethen ſich uͤber einen Plan, die Douglas anzugreifen und Angus gefangen zu neh⸗ men. Dieſer Graf erfuhr ihre Abſichten und ſchickte ſeinen Oheim, Gawain Douglas, Biſchof von Dunkeld(einen Ge⸗ lehrten und Dichter), um Beaton Vorſtellungen zu machen, und ihm zu Gemüthe zu fuͤhren, daß es ſeine Pflcht als — 105 Geiſtlicher ſey, den Frieden zu erhalten. Angus erbot ſich zu gleicher Zeit, ſich aus der Stadt zuruͤckzuziehen, wenn man ihm und ſeinen Freunden erlauben wuͤrde, dieß in Si⸗ cherheit zu thun. Der Kanzler hatte bereits eine Ruͤſtung an⸗ gelegt, die er unter ſeinem Chorrocke oder Biſchofsgewande trug. Als er ſeine Hand an ſeine Bruſt legte und ſagte, „bei meinem Gewiſſen, ich kann das, was geſchehen ſoll, nicht hindern,“ hoͤrte man den Panzer, den er trug, klirren. „Ha, Mylord,“ ſagte der Graf von Dunkeld,„mir ſcheint es, euer Gewiſſen klappert!“ Nach dieſem Verweiſe eilte er zu ſeinem Neffen, dem Grafen von Angus, zuruͤck, und for⸗ derte ihn auf, ſich als Mann zu vertheidigen.„Was mich betrifft,“ ſagte er,„ſo will ich in mein Zimmer gehen und fuͤr euch beten.“ Angus verſammelte ſeine Anhaͤnger um ſich, und beeilte ſich, als kluger Krieger, die hohe Straße(High Street) zu beſetzen. Die Einwohner waren ſeine Freunde, und denen von den Douglas, welche keine Speere hatten, wurden ſolche gereicht, was ein großer Vortheil war, da die Hamiltonen keine laͤngere Waffen, als ihre Schwerter, hatten. Inzwiſchen rieth Sir Patrick Hamilton, ein verſtaͤndiger und gemaͤßigter Mann, der Bruder des Grafen von Arran, ſeinem Bruder dringend, ſich in kein Gefecht einzulaſſen; al⸗ lein ein natuͤrlicher Sohn des Grafen, Sir Jacob Hamilton von Draphane, ein Mann von wilder und grauſamer Sin⸗ nesart, ſchrie, Sir Patrick ſpreche blos ſo, weil er ſich ſcheue, in dem Streite feines Freundes zu fechten. 4 „Du luͤgſt, falſcher Baſtard!“ ſagte Sir Patrick,„ich will heute fechten, wo du dich nicht blicken zu laſſen wagſt.“ Alsbald ſtuͤrzten ſie alle nach der Straße, wo die Doug⸗ las ſich aufgeſtellt hatten, um ſie zu empfangen. —— 406 Die Hamiltonen waren zwar ſehr zahlreich, allein fle konnten zu ihren Feinden bloß auf den kleinen ſteilen Gaͤß⸗ chen, die nach der High Street fuͤhren, gelangen, und die Douglas hatten die Eingaͤnge mit Waͤgen, Faͤſſern und aͤhn⸗ lichen Gegenſtaͤnden verſperrt. Waͤhrend ſie durchzudringen ſuchten, wurden ſie von den Douglas mit Picken und Spee⸗ ren lebhaft angegriffen. Einige Wenige, welche die Straſſe erreichten, wurden getoͤdtet oder zerſreut. Der Graf von Ar⸗ ran und ſein Sohn, der Baſtard, waren froh, ein Koͤhler⸗ pferd, das ſie ſeiner Laſt entledigten, beſteigen zu koͤnnen, und entkamen durch die Flucht. Sir Patrick Hamilton wurde nebſt vielen andern getoͤdtet, und ſtarb ſo in einem Gefechte, das er auf jede moͤgliche Art zu verhindern geſucht hatte. Die durch dieſes Scharmützel verurſachte Verwirrung erhielt einen bedeutenden Zuwachs durch die plöͤtzliche Erſcheinung des Sir Davld Home von Wedderburn, des wilden Graͤnz⸗ anführers, der De la Baſtie erſchlug. Er kam mit einer 800 Mann ſtarken Reiterſchaar, um Angus zu unterſtuͤtzen, und als ex fand, daß das Gefecht begsnnen hatte, ließ er ei⸗ nes der Thore von Edinburgh wit Schmiedehaͤmmern einſchla⸗ gen, und drang in die Stadt. Die Hamiltonen flohen in großer Verwirrung aus der Stadt, und die Folgen dieſes Sefechtes waren der Art, daß die Buͤrger von Edinburgh es Clean-the-Caussway(Straßenſaͤuberung) nannten, weil die Straßen gleichſam von Angus“ Partei geſaͤubert wurden. Dieſer Vorfall verlieh Angus einen großen Vortheil bei ſei⸗ nen kuͤnftigen Sireitigkelten mit Arran; allein er liefert ein wildes Gemaͤlde der Zeiten, in welchen ein ſolcher Kampf in der Mitte einer volkreichen Stadt ſtattfinden konnte. Ein Jahr nach dieſer Schlacht kehrte der Herzog von Plbanien aus Frankreich zuruͤck, um die Regentſchaft wieder —* 107 zu uͤbernehmen. Er wurde zu dieſem Schritte, wie es ſcheint, von dem Koͤnige von Frankreich aufgemuntert, der ſeinen Ein⸗ fluß in die ſchottiſchen Rathsverſammlungen wieder zu erlan⸗ gen wuͤnſchte, und Angus mit Recht als einen Freund Eng⸗ lands betrachtete. Da es dem Regenten gelang, die Zuͤgel der Regierung wieder an ſich zu reiſſen, ſo war Angus ſeiner⸗ ſeits gens Ithigt, ſich nach Frankreich zuruͤckzuziehen, wo er ſei⸗ ne Zeit ſo gut zubrachte, daß er mit weit mehr Klugheit und Erſahrung, als man ihm oor ſeiner Verbannung beigelegt hatte, zurückkehrte. Albanien dagegen zeigte ſich weder kluͤger noch gluͤcklicher, als waͤhrend ſeiner erſten Regierung. Er drohte viel und that wenig. Er brach den Frieden mit Eng⸗ land, und fiel mit einem großen Heere in dieſes Land ein, dann ſchloß er einen entehrenden Waffenſtillſtand mit Lord Dacre, der an der engliſchen Graͤnze befehligte, und zog ſich ohne Schwertſchlag zurück, oder wenigſtens ohne erwas zur Rechtfertigung der Prahlereien, die er ſich erlaubt hatte, ge⸗ than zu haben. Dieſes elende und zaghafte Benehmen erregte die Verachtung der ſchottiſchen Nation, und der Herzog ſah ſich genoͤthigt, ſich noch einmal nach Frankreich zuruͤckzuziehen um von der Regierung dieſes Landes Geld und Streitkraͤfte zu erhalten, damit er ſich in der Regentſchaft behaupten konn⸗ te, die er mehr zum Beſten dieſes Landes, als Schottlands zu verwalten ſchien. Die Englaͤnder ſetzten inzwiſchen den Krieg, deſſen Flam⸗ me Albanien wieder angefacht hatte, durch verheerende und gefaͤhrliche Einfaͤlle an den ſchottiſchen Graͤnzen fort, und um dir zu zeigen, wie dieſe ſchreckliche Art des Kriegfuͤhrens vor ſich ging, will ich dir einige Nachrichten uͤber die Erſtuͤr⸗ mung von Jedburgh, die in jener Zeit ſtatt hatte, mig theilen. X 1⁰⁸ 4 Jedburgh war, nach der Zerſtoͤrung der Burs und Stadt Rorburgh, die erſte Stadt der Grafſchaft. Sie war mit ſtarken Mauern umgeben und war von einer Klaſſe von Buͤr⸗ gern bewohnt, welche die Naͤhe der engliſchen Graͤnze mit dem Kriege vertraut machte. Die Stadt lag auch in der Naä he jener Gebirge, auf welchen die ſchottiſchen Graͤnzſtaͤmme ihren Aufenthalt hatten. Der Graf von Surrey(der Sohn deſſen, der die Schot⸗ ten bei Flodden beſiegt hatte, und jetzt Herzog von Norfolk war), ruͤckte, im September 1521, mit einem ungefaͤhr zehn⸗ tauſend Mann ſtarken Heere von Berwick nach Jedburgh. Die Graͤnzhaͤuptlinge an der ſchottiſchen Graͤnze konnten die⸗ ſem regulirten Heere bloß ungefaͤhr 1500 oder 1900 ihrer An⸗ haͤnger gegenuͤberſtellen; allein ſie waren ſo tapfere Krieger und ſo kampfluſtig, daß der wackere engliſche General, der nicht nur zu Hauſe ſondern auch in fremden Laͤndern gedient hatte, erklaͤrte, er habe ihresgleichen nirgends getroffen. „Koͤnnten 40,000 Mann ſolcher Leute zuſammengebracht wer⸗ den,“ ſagte Surrey,„ſo wuͤrde es ein furchtbares Unterneh⸗ men ſeynn, ihnen Widerſtand 4 leiſten.“ Allein die Ueber⸗ legenheit der Zahl ſiegte, und die Englaͤnder nahmen den Platz mit Sturm. Es waren ſechs ſtarke Thuͤrme in der Stadt, die ihre Vertheidigung fo tſetzten, nachdem die Mau⸗ ern überſtiegen waren. Sie waren die Wohnungen von Per⸗ ſonen von Stand, wohlbefeſtigt und eines ſtarken Widerſtan⸗ des faͤhig. Die Abtei wurde ehenfalls von den Schotten be⸗ ſetzt, und hoͤchſt ſtandhaft vertheidigt. Die Schlacht dauerte bis ſpaͤt in die Nacht, und die Englaͤnder wußten den Sieg nicht anders, als dadurch vollkommen zu machen, daß ſie die Stadt in Brand ſteckten, und ſelbſt in dieſer Noth ſetzten die, welche die Thuͤrme und die Abtei beſetzt hielten, ihren S — 409 Widerſtand fort. Den naͤchſten Tag wurde Lord Dacre ab⸗ geſchickt, um das Schloß Fairnyherſt, ungefaͤhr drei Meilen von Jedburgh gelegen, die Lehnsfeſte des Andreas Ker, eines fruͤher ſchon erwaͤhnten Graͤnzanfuͤhrers, anzugreifen. Es wurde genommen, allein mit großem Verluſte von Seiten der Belagerer. Am Abend lagerte ſich Lord Dacre, Surrey⸗s Befehlen zuwider, mit ſeinen Reitern auſſerhalb der Graͤn⸗ zen des Lagers, das der letztere gewaͤhlt hatte. Um acht Uhr Nachts, als die engliſchen Anfuͤhrer ihre Abendmahlzeit hiel⸗ ten, und glaubten, aller Widerſtand ſey voruͤber, wurden Dacre's Quartiere angegriffen und alle ſeine Pferde losgelaſ⸗ ſen. Die erſchrockenen Thiere, gegen 1500 an Zahl, rannten nach Surrey's Lager, wo ſie mit einem Hagel von Pfeilen und mit Musketenſalven empfangen wurden; denn die eng⸗ liſchen Soldaten, erſchrocken üͤber den Laͤrm, glaubten, die Schotten ſtuͤrmen ihre Verſchanzungen. Viele von den Pfer⸗ den rannten nach Jedburgh, das noch in Flammen ſtand, und wurden von den ſchottiſchen Weibern, die ſich gleich ih⸗ ren Maͤnnern auf die Leitung der Pferde verſtanden, ergrif⸗ fen und weggefuͤhrt. Der Tumult war ſo groß, daß die Eng⸗ laͤnder ihn einer uͤbernatuͤrlichen Einmiſchung beiſchrieben, und Surrey behauptete, man habe den Deufel waͤhrend der Ver⸗ wirrung ſechsmal in leibhafter Geſtalt geſehen. So groß war die Leichtglaͤubigkeit der Zeiten; allein die ganze Erzaͤhlung kann dir einen Begriff von der hartnaͤckigen Vertheidigung der Schotten, und den Graͤueln eines Graͤnzeinfalls(Border Toray) geben. Die Schotten ihrerſeits ſiegten in verſchiedenen hartnaͤcki⸗ gen Gefechten, in deren einem der Baſtard Heron, der ſo viel zu Surrey's Sieg bei Flooden beigetragen hatte, erſchla⸗ gen wurde.. 110 4 3 Der junge Koͤnig von Schottland ſteng, obſchon noch ein Knabe, an, Beweiſe von Abneigung gegen die Franzoſen und Albanien an den Dag zu legen. Einige Edelleute fragten ihn, was man mit den Franzoſen thun ſolle, die der Regent zu⸗ rückgelaſſen habe.„Uebergebt ſie,“ ſagte Jacob,„der Ob⸗ hut des David Home!“ Sir David Home war, wie du dich erinnern wirſt, der Haͤuptling, der Albaniens Freund, De la Baſtie, toͤdtete und ſeinen Kopf mit deſſen Haaren an ſeinen Sattelbogen knuͤpfte. 3 Albanien kehrte jedoch mit großen Vorraͤthen an Geld, Artillerie, Waffen und andern Huͤlfsmitteln zur Fortſetzung des Krieges, aus Frankreich zuruͤck. Frankreich verſah ihn damit, weil der Vortheil dieſes Landes es erheiſchte, die Feindſeligkeit zwiſchen Schottland und England auf jede Ge⸗ fahr hin zu naͤhren. Der Regent machte noch einmal mit ei⸗ nem herrlichen Heere, einen Angriff auf Norham, eine Burg an der engliſchen Graͤnze; als er aber dieſe Feſtung faſt er⸗ reicht hatte, ſtand er plöͤtzlich mit ſeiner gewoͤhnlichen Feig⸗ heit von dem Angriffe ab, als er erfuhr, daß Surrey ſich zu ihrem Entſatze naͤherte. Nach dieſem zweiten ſchimpflichen Rückzug verließ Albanien Schottland, verabſcheut und verach⸗ tet von den Adeligen, wie von dem gemeinen Volke, das fah, daß alle ſeine Unternehmungen mit Ruͤckzug und Schan⸗ de geendet hatten. Er ſagte Schottland, im Monat Mai 1524, ein ewiges Lebewohl. e Subſcriptions⸗Anzeige 4 auf eine Auswahl E. T. W. Hoffmann⸗s er zaͤhlenden Schriften. Herausgegeben von .. leiner Wittwe, Micheline Hoßmann, geb. Rorer. 4 Nebſt 4 Hitzigs: Aus Hoffmann's Leben und Nachlaß. Achtzehn Bändchen in Taſchenformat, jedes Bändchen zu 18 Kreuzer orer 4 Groſchen ſächſiſch. ——. Von vielen Seiten her bin ich aufgeſordert worden, das biographiſche Werk, welches der vertrauteſte Freund meines verſtorbenen Chegatten, Herr Sriminaldirektor Hitzig in Verlin, im Jahre 1823 über denſelben zu niei⸗ nem Vortheil herausgegeben, in einer wohlſeilen 2. be, wie ſie das Be⸗ dürfniß der jetzigen Zoit erheiſcht, dem Puvlikum vrrzulegen. Ich entſpre⸗ che dieſem Berlangen gerne und um den Freunden Hoffmanns ein noch an⸗ genebmeres Geſchenk zu machen, habe ich mich entſchleſſen, dieſer Ausgabe eine Auswahl aus ſeinen früher in Taſchenbüchern, Zeitſchriſten u. ſ. w. zerſtreuten erzählenden Schriſten beizufügen. 3 Das Ganze ſoll in einer Sammlung von Bändchen erſchelnen, über de⸗ ren Anordunng u. ſ. w. die Herren Verleger ſich in der Nachſchriſt näher ausſprechen werden, werhalb ich nichts weiter beizufügen habe, als die Be⸗ merkung, daß die ſelben mir für den Fall einer neuen Auflage dieſes Werkes großmüthig ſolche Pedingungen geſtellt haben, daß ich dann rinem ſorgen⸗ freien Alter würde entoegenſehen ſönnen. Jeder, der den Abſatz deſſelben durch Unterzeichnung ſördere, wirb daher auch ſeinen Theil, dazu beitragen, daß die durch Nachdruck und auf andre Weife vielſach beeinträchtigte Witt⸗ we eines deutſchen Lieblingsſchriftſtellers, der ihr nichts hinterlaſſen, als was ſie aus ſeinen geiſtigen Erzeugniſſen noch zu gewinnen vermag, nicht ganz die Früchte des ruhmvollen Lebens ihres Gatten verliere. Micheline Hoffmann, geb. Norer. Zum Lobe Hoffmanns ober zur Empſeblung ſeiner Schriften hier et⸗ was zu ſagen, ſcheint uns überflüſſig. Der Beiſall ſeiner Zeitgenoſſen, der ſich von Jahr zu Jahr ſieigerte und nach ſeinem Tode bei ſo manchen in Wehmuth und Bewunderung überging, überhebt uns deſſen. In Beziebung auf die vorſtehende öſſentliche Anzeige ſeiner Wittwe, theilen wir bier den lan mit, nach welchem von einem Freunde des Verſtorbenen im Namen einer Wittwe die Auswahl aus den zerſtreuten Schriften Hoffmann's bet ſorgt wurde, die in unſerm Verlag erſcheinen wird. Rach dieſem Plane wuͤrden die erzaͤhlenden Werke und Sitzigs treſſtiche Slographie in 4 ſechs Lieferungen oder 18 Bändchen erſcheinen und zwar: ¹ Erſte Lieferung. Erſtes Bändchen. Meiſter Martin und ſeine Geſellen. Zweites— Der unheimliche Gaſt.— Die Automate. Drittes— Aus Soffmanns Leben und Nachlaß 13 Bochen. Zweite Lieferung. Viertes— Stgnor Formieg erſte Abtheilung.„ Fünftes— Signor Formica zweite Abty.— Spielerglück. Sechstes— A. H. L. und N. 28 Bändchen.. Dritte Lieferung. Siebentes— Doge und Dogareſſe.. Achtes— Nath Krespei,— Die Fermate. Neuntes— A. H. L. und N. 38 Bändchen. Vierte Lieferung. S Zehntes— Frraäulein Scudery. Erſte Abtheilung. Eilftes— Fräulein Scudery. Zweite Abth.— Abenteuer dreier Freunde.„ Zwölftes— A. H. L. und R. As Bändchen. Fuͤnfte Lieferung. Dreizehntes— Der Zuſammenhang der Dinge. Vierzehntes— Datura Fastuosa. Fünfzehntes— A. H. L. und N. 55 Vändchen. Sechste Lieferung. Sechzehntes— Der Kampf der Sänger.— Der Artushof⸗ Siebzehntes— Meiſter Johannes Wacht. Achtzehntes—§. L. und N. 65 Bändchen. A. H Die erſte Lieferung iſt ſo eben erſchienen, und ihr wird von Monat u r3 Monat immer eine Lieferung folgen, ſo daß die ganze Sammlung im Me 4828 vollſtändig in den Händen der Subſcribenten ſeyn wird. Wir glallben, daß zu einer Zeit, wo Hoffmann’s Erzählungen in meh⸗ rere Sprachen überſetzt wurden, und namentlich in England ſo großen Bei⸗ fall fanden, auch ſein Vaterland und ſeine Freunde, die ihm ſo manche fro⸗ he Stunden danken, den unvergeßlichen Dichter mit nicht minder warmem Antheil lohnen werde. In der Druckeinrichtung haben wir geſucht, ein anſtändiges und gefälli⸗ ges Aeußere, wovon Proben in jeder Buchhandlung zur Anſicht vorliegen, mit möglichſter Wohlfeilheir zu vereinigen. Der Suͤbſcriptionspreis iſt per Bändchen: 18 Kreitzer oder 4 Groſchen ſaͤchſ. und 5 Silbrg. welcher immer nach Empfang der Pändchen zu bezahlen iſt. Subſeribentenſammter erhalren, wenn ſie ſich direkte an uns wenden, auf 10 Exemplare das 11te frei. Jede ſolide Buchhandlung nimmt Subſcription auf das Werk an. Stuntgart, 4, September 1827. Gebrüder Franckh. —— — ———— ——— —— ſiiſſ Innſnnnſſnnſinnnſe 11 12 13 14 15 16 17 18 4 v L L 1llen V LLLII 1ilieieeeei 6