von 8„„ Eduard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seiß- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens Leden Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ en angenommen. 2 1 3 5 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. beträgt: „„——„—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der t Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, deſchndigte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet.. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe a auf 14 Tage feſtge etzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur engliſche 3 . 7 Whirerepene e hnae eines geliehenen Buches wird von 1 1 eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und* für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——————— 4 auf 1 Monat: 4 Mk.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mr.— Pf. 4 3. Wiir — ——— Er z äihlungen eines Großvaters aus der ſchottiſchen Geſchichte, Von Sir Walter Scott. „. 4 Aus dem Engliſchen uͤberſetzt. 8 Erſter Theil. *. ·Z— Stuttgart, ³ bei Gebruder Franchkh. 48 2 3. Erzaͤhlungen eines Großvaters aus der ſchottiſchen Geſchichte. Erſtes Kapitel. Woher es kam, daß Schottland und England getrennte Königreiche wurden. England iſt der fuͤdliche, und Schottland der noͤrdliche Theil der beruͤhmten Inſel, welche Großbritannien genannt wird. England iſt bei weitem groͤßer als Schottland, und hat uͤppigern Boden als letzteres, weßhalb dort beſſeres Korn waͤchst. Die Einwohnerzahl von England uͤberſteigt die von Schottland weit, und dort ſind Stadt⸗ und Landleute reicher, beſſer genaͤhrt, und beſſer gekleidet, als in Schottland. Schottland dagegen iſt vol von Huͤgeln, ſehr großen Suͤmpfen und Wildniſſen, in⸗welchen kein Korn gedeiht, und woſelbſt nur wenig Futter fuͤr Schaaf⸗ oder Viehheerden waͤchst. Der ebene Boden jedoch, welcher laͤngs der großen Fluͤſſe liegt, iſt fruchtbarer und erzeugt Korn. Die Eingebor⸗ nen von Schottland ſind im Allgemeinen an eine ranhere Le⸗ bensart gewoͤhnt, als die von England. 8 . Scott'z Werke. XCV 4. Da nun dieſe zwei Nationen die verſchiedenen Endpunkte derſelben Inſel bewohnen, und durch große und ſtuͤrmiſche Meere von andern Theilen der Welt getrennt ſind, ſo ſcheint es natuͤrlich, daß ſie in freundnachbarlichem Verhaͤltniſſe zu einander und unter einer Regierung gelebt haben werden⸗ Dem iſt auch ſo; vor ungefaͤhr zweihundert Jahren wurde der Koͤnig von Scottland auch Koͤnig von England, woruͤber ich in einem andern Kapitel dieſes Buches das Naͤhere mit⸗ theilen werde. Seit jener Zeit blieben die beiden Nationen in ein großes Koͤnigreich, welches Großbritannien heißt⸗ vereint. 3 Ehe jedoch dieſe gluͤckliche Vereinigung von England und Schottland zu Stande kam, wurden viele lange, grauſame und blutige Kriege zwiſchen den beiden Voͤlkern gefuͤhrt, und, weit entfernt, ſich gegenſeitig zu helfen oder beizuſtehen, um gute Nachbarn und Freunde zu werden, fuͤgten ſie ſich alles mögliche Leid zu, und ſchadeten einander; ſie ſielen gegenſeitig in ihr Gebiet ein, mordeten ihre Unterthanen, brannten ihre Städte ab, und nahmen Weiber und Kinder gefangen. Dieß waͤhrte nun viele hundert Jahre und ich werde nun die Ur⸗ ſache angeben, woher es kam, daß das Land ſo uneinig war. Schon vor langer Zeit, etwa vor achtzehnhundert Jahren, oder noch laͤnger, wohnte dort ein tapferes kriegeriſches Volk, die Roͤmer; dieſe wollten die ganze Welt ervbern, alle Laͤnder unterwerfen, und Nom zum Haupt aller Nationen auf dieſer Erde erheben. Nachdem ſie fern und nahe Eroberungen ge⸗ macht hatten, kamen ſie zuletzt nach Britannien, und bekrieg⸗ ten die Einwohner daſelbſt, die Britten oder Britannier ge⸗ Die Roͤmer, welche ein ſehr tapferes und gut bewaff⸗ netes Volk waren, ſchlugen die Britten, und nahmen beinahe von dem ganzen flachen Theil der Inſel, welcher heut zu Ta⸗ Roön ge England genannt wird, Beſitz, ſo wie auch von dem ſuͤd⸗ lichen Theile Schottlands. Doch konnten ſie ihre Eroberungen in den hohen noͤrdlichen Gebirgen Schottlands nicht fortſetzen, denn es wurde ihnen ſehr ſchwer dort Nahrungsmittel fuͤr ihre Truppen aufzutreiben; auch fanden ſie von Seiten der Einwohner nicht wenig Widerſtand. 3 Das wilde Volk Schottlands, welches die Roͤmer nicht zu unterjochen im Stande waren, kam von ſeinen Gebirgen her⸗ ab, und uͤberfiel die von den Roͤmern ſchon eroberten Landes⸗ theile. Die Bewohner Schottlands wurden aus zwei Volks⸗ ſtaͤmmen gebildet, nemlich aus den Schotten und Pikten; dieſe ſtanden ſich ſelbſt oft feindlich gegenuͤber; aber ſobald es gegen die Roͤmer und Britten gieng, vereinigten ſie ſich wie⸗ der und ſchlugen dieſe. Endlich dachten die Roͤmer, ſie wollen dieſe Pikten und Schotten vom Vordringen in den ſuͤdlichen Theil Britanniens abhalten, und verwuͤſteten dieſes Land. Um aber ihren Zweck ganz zu erreichen, bauten die Roͤmer eine ſehr große Mauer zwiſchen der einen und andern Seite der Inſel, ſo daß kein Schotte oder Pikte in das ſudlich der Mauer gelegene Land kommen konnte; uͤberdieß bauten ſie noch Thuͤrme und errichteten von einer gewiſſen Entfernung zur andern Waffenplaͤtze und beſetzten ſolche mit Truppen, ſo daß bei dem geringſten Allarm die Soldaten ſchnell zur Vertheidigung desjenigen Theils der Mauer, welcher ange⸗ griffen wurde, in Bereitſchaft ſtanden. Dieſe roͤmiſche Haupt⸗ mauer wurde zwiſchen den zwei großen Muͤndungen des Clyde und Forth gebaut, gerade da, wo die Inſel Britannien am ſchmaͤlſten iſt. Man kann heut zu Tage an Ort und Stelle noch einige Tzeile der Mauer ſehen; auch iſt ſie auf der Karte angereigt. Dieſe Mauer ſetzte die Britten zwar in Stand ſich auf 8 einige Zeit zu vertheidigen; die Schotten und Pikten wurden dadurch von dem ſchönen, reichen Lande ausgeſchloſſen, und in ihre eigene Gebirge eingezwaͤngt; aber die Vorkehrung mißſiel ihnen ſo ſehr, daß ſie ſich in großer Anzahl verſam⸗ melten und trotz aller Anſtalten, welche die Noͤmer dagegen trafen, uͤber die Mauer ſtiegen. Ein gewiſſer Grahame ſoll der erſte Soldat geweſen ſeyn, welcher uͤber die Mauer klet⸗ terte, und das gemeine Volk nennt noch jetzt die Ueberreſte der Mauer den Grahams⸗Damm. Nachdem die Noͤmer ſahen, daß dieſe erſte Mauer die Barbaren nicht abhalten koͤnnte(denn ſo nannten ſie die Pik⸗ ten und Schotten), ſo entſchloſſen ſie ſich, den letztgenannten eine bedeutende Strecke Landes abzutreten, und dachten, dieß könnte ſie zur Ruhe bringen. Sodann baueten ſie eine weit ſtaͤrkere Mauer als die erſte, ſechzig Meilen weiter ruͤckwaͤrts von den Pikten und Schotten. Nun machten die Barbaren viele wuͤthende Angriffe, um uͤber dieſe zweite Mauer zu ſtei⸗ gen, gerade wie ſie dieß jedesmal thaten um uͤber die erſte zu gelangen; aber die roͤmiſchen Soldaten vertheidigten dieſe zweite Mauer ſo gut, daß die Pikten und Schotten nicht durchbrechen konnten, obgleich dieſe oft zur See in Kaͤhnen, die aus Ochſenhaͤuten gefertigt und uͤber Reife geſpannt wa⸗ ren, das Ende der Mauer ganz umgingen, auf der andern Seite landeten, und dann ſehr viel Unheil ſtifteten. Inzwi⸗ ſchen fuͤhrten die armen Britten ein ſehr ungluͤckliches Leben; denn nachdem ihr Land durch die Roͤmer unterjocht worden war, hatten dieſe alle ihre Waffen weggenommen, und die Britten kamen außer Uebung ſolche zu fuͤhren, und ſogar ſich ſelbſt zu vertheidigen; ſie mußten ſich ganz dem Schutze der Roͤmer anvertrauen. Zur naͤmlichen Zeit jedoch entſtanden zu Rom große Un⸗ 8 einigkeiten und Unordnungen, und Kriege brachen aus; daher ſchickte der roͤmiſche Kaiſer den Truppen, welche er in Britan⸗ nien unterhielt, den Befehl zu, daß ſie unverzuͤglich in ihr eigenes Land zuruͤckkehren, und den Britten uͤberlaſſen ſollten, ihre Mauer, ſo gut ſie koͤnnen, gegen ihre unruhigen und krieg⸗ liebenden Nachbarn, gegen die Pikten und Schotten zu verthei⸗ digen. Die roͤmiſchen Truppen bedauerten die armen Britten ſehr, doch konnten jene nicht mehr fuͤr letztere thun, als die Vertheidigungsmauer ausbeſſern; ſie bauten daher noch alles auf, was ſchadhaft war, und machten die Mauern ſo ſtark, als ſie neu geweſen; dann beſtiegen ſie ihre Schiffe und ver⸗ ließen die Juſel. Nach der Abfahrt der Roͤmer waren die Britten durchaus nicht im Stande, die Mauern gegen die Barbaren zu verthei⸗ digen; denn ſeit ihrer Unterjochung durch die Roͤmer waren ſie ſchwach und feig geworden. In Folge deſſen wurde ihr Land von den Pikten und Schotten verderbt und verwuͤſtet, ihre Juͤnglinge und Maͤbchen weggenommen und in Sclaverei gefuͤhrt, ebenſo wurden ſie ihrer Schaaf⸗ und Viehheerden be⸗ raubt, ihre Haͤuſer abgebrannt, und endlich waren ſie allen moͤglichen Chikanen ausgeſetzt. Nachdem ſich die Britten ſelbſt fuͤr unfaͤhig hielten, jenem barbariſchen Volke Widerſtand zu leiſten, riefen ſie eine Schaar Deutſcher um Beiſtand an, welche hierauf nach Britannien zogen und Angelſachſen genannt wurden. Dieſe waren nun ſehr tapfere und kriegeriſche Leute; ſie kamen in ihren Schiffen aus Deutſchland, landeten im ſuͤdli⸗ chen Theil Britanniens, fochten mit den Britten gegen die Pikten und Schotten, und trieben dieſe in die Berge und feſten Plaͤtze ihres eigenen Landes auf die noͤrdliche Seite der Roͤmermauer zuruͤck; ſeit der Zeit verhielten ſich jene etwas ruhiger gegen ihre Nachbarn. 3 10 Leider verbeſſerte ſich die Lage der Britten nach der Nie⸗ derlage, welche ſie von ihren noͤrdlich gelegenen Feinden erlit⸗ ten, nicht viel; denn die Sachſen, nachdem ſie nach Britan⸗ nien gewandert waren, nachdem ſie das ſchoͤne reiche Land ſahen und gewahr wurden, nachdem ihnen nicht entging, wie wenig deſſen Bewohner im Stande ſeyen, es zu vertheidigen, fußten den Eutſchluß, das Land fuͤr ſich ſelbſt zu nehmen, ſich die Britten zu unterwerfen und zu Sclaven zu machen. Die Britten, ſehr aufgebracht daruͤber, daß ihr Land durch die⸗ jenigen genommen werde, welche ſie um Huͤlfe baten, wider⸗ ſetzten ſich ihnen, aber die Sachſen waren ſtaͤrker und kriege⸗ riſcher als ſie, und ſchlugen ſie ſo oft, daß ſie endlich ganz vom ebenen und flachen Lande im Suͤden Britanniens Beſitz nahmen. Indeſſen flohen die Tapferſten der Britten in einen ſehr huͤgelichten Theil Britanniens, welcher Wales heißt und dort vertheidigten ſie ſich gegen die Sachſen viele Jahre lang; ihre Abkoͤmmlinge ſprechen dort noch heute die alte brittiſche Sprache welche im Engliſchen Welſh genannt wird. Inzwi⸗ ſchen breiteten ſich die Angelſachſen im ganzen ſuͤdlichen Theil Britanniens aus und der Name des Landes wurde geaͤndert, es hieß nicht mehr Britannien, ſondern England, welches ſo viel heißen will als das Land der Angelſachſen, welche es er⸗ obert haben. Waͤhrend nun die Sachſen und Britten einander feindſe⸗ lis gegenuͤber ſtanden, geriethen die Schotten und Pikten, nachdem ſie hinter die Roͤmermauer zuruͤck getrieben waren, auch in Streit, und bekriegten ſich gegenſeitig, und endlich, nach mehreren Schlachten, wurden die Pikten durch die Schot⸗ ten beſiegt. Das gemeine Volk ſagt, daß die Schotten jenen eine völlige Niederlage lieferten; aber ich denke, es ſeye nicht wahrſcheinlich, daß ſie einen ſo zahlreichen Volksſtamm ver⸗ 41 nichteten. Jedoch iſt ſo viel gewiß, daß ſie eine Menge er⸗ ſchlagen, andere aus dem Lande vertrieben, die uͤbrigen aber ſich unterwurſig und zu Sclaven gemacht haben muͤſſen; we⸗ nigſtens hoͤrte man nach dieſen bedeutenden Niederlagen in der Geſchichte nie mehr etwas von den Pikten, und die Schot⸗ ten gaben ihren eigenen Namen dem noͤrdlichen Theil Bri⸗ tanniens, ſo wie die Englaͤnder oder Angelſachſen, den ihri⸗ gen dem uͤdlichen; ſo entſtand der Name Schottlands, das Land der Schotten, und Englands, das Land der Englaͤnder. Dieſe zwei Koͤnigreiche waren von einander getrennt, zuerſt durch den Fluß Tweed, dann durch eine große Reihe von Huͤ⸗ geln und Vildniſſen, und endlich durch einen Meeresarm, welcher die Meerenge von Solway genannt wird. Die Thei⸗ lung iſt nicht ſehr weit von der alten Roͤmermauer. Die Mauer iſt durch die Laͤnge der Zeit beinahe in Truͤmmer zer⸗ fallen, doch ſtehen, wie ich ſchon geſagt habe, noch einige Theile derſelben und es iſt auffallend zu ſehen, wie ſie ſo ſpizig, wie ein Pfeil uͤber hohe Huͤgel hinweg und durch große Suͤmpfe und Moraͤſte hindurch geht. Britannien war alſo, wie aus dem Obigen hervorgeht, unter drei verſchiedene Volksſtaͤmme vertheilt, welche alle drei einander feindlich gegenuͤber ſtanden. England war der reichſte und beſte Theil der Inſel und durch die Englaͤnder bewohnt, Schottland, von Huͤgeln, großen Seen, ſchwierigen und gefaͤhrlichen Abgruͤnden, wilden Haiden und großen Mo⸗ raͤſten durchſchnitten, wurde durch die Schotten oder Schott⸗ laͤnder bewohnt. Der dritte Theil hieß Wales, wohin die, von den alten Britten uͤbrig Gebliebenen geflohen waren, um vor den Sachſen ſicher zu ſeyn. Die Bewohner von Wales vertheidigten ihr Land lange Zeit, aber endlich nahmen die Englaͤnder Beſitz hiepon, Sie 12 waren uͤbrigens nicht im Stande ſich Schottlands zu bemaͤch⸗ tigen, ob ſie gleich es ſehr oft verſuchten. Die zwei Laͤnder ſtanden unter verſchiedenen Königen, welche ſehr oft und ver⸗ zweiflungsvoll mit einander fochten; daraus erhellt auch, warum England und Schottland, obgleich Theile ein und der⸗ ſelben Inſel, ſich lange Zeit bekriegten. Dein Vater wird dir beide Laͤnder auf der Karte zeigen, und du mußt bemer⸗ ken, wie Schottland voll kleiner Berge, wilder Suͤmpfe und Haiden iſt. Doch faͤllt mir eben bei, mein Junker Hugo iſt ſchon gereiſt, und hat mit ſeinen eigenen Augen England und Schottland geſehen; uͤbrigens ſchadet es nicht, einen Blick auf die Karte zu werfen. Die Englaͤnder ſind ganz verliebt in ihr ſchoͤnes Land; ſie nennen es Alt⸗England, und meynen, es ſeye das ſchön⸗ ſte Land, das die Sonne beſcheine. Die Schotten ſind auch ſtolz auf ihr Land mit ſeinen großen Seen und Bergen und in der alten Volksſprache nennen ſie es„das Land der Seen und Berge und der braven Leute,“ oder oft auch„das Land der Kuchen,“ weil das Volk in Ermanglung des Waizenbrods großentheils von Kuchen aus Hafer lebt. Derzeit ſind ubri⸗ gens beide Laͤnder, England und Schottland, Theile ein und deſſelben Koͤnigreichs und man fragt nicht, welches das beſte Land ſeye und in welchem die brayſten Leute wohnen. Dies iſt nur ein langweiliges Kapitel, Junker Hugo; da ich nun aber im Begriff ſtehe eine Menge Geſchichtchen von Enaland und Schottland zu erzaͤhlen, ſo halte ich es fuͤr ſehr zweckmaͤßig, daß Du aufmerkſam zuhoͤrſt, was fuͤr ein Land ich abhandeln werde. Die naͤchſte Geſchichte wird Dir mehr Unterhaltung gewaͤhren, —— 1³ Zweites Kapitel. Die Geſchichte Marbeth's. Nachdem die Schotten und Pikten in ein Volk vereinigt waren, wie ich vorhin erwaͤhnte, gab es ſchon einen Koͤnig von Schottland; er hieß Duncan und war ein ſehr braver al⸗ ter Mann. Er hatte zwei Soͤhne; der eine hieß Malcolm und der andere Donaldbane. Koͤnig Duncan war zu alt, um ſeine Armee auf das Schlachtfeld fuhren zu koͤnnen und ſeine Soͤhne waren zu jung, um ihn hierin zu unterſtuͤtzen. Zu dieſer Zeit wurden Schottland, ſo wie auch Frank⸗ reich, England und alle andere Laͤnder Europens durch die Daͤnen haͤufig beunruhigt. Dieſe waren ein ſehr wildes, krie⸗ geriſches Volk, welche von einer Stelle zur andern ſegelten, ihre Armeen an den Kuͤſten ausſchifften, und uberall, wo ſie hinkamen ſengten und brannten. Wenn ſie in Laͤnder kamen, deren Bewohner feig waren nahmen ſie Beſitz davon, ſo wie es die Sachſen mit Britannien machten. Zu einer anderen Zeit landeten ſie mit ihren Truppen, machten Beute, ſo viel ſie konnten, brannten die Haͤuſer nieder, gingen ſodann an Bord und lichteten die Segel. Sie ſtifteten ſo viel Unheil, daß die Voͤlker in den Kirchen den Allmaͤchtigen anffehten, er moͤchte ſie von der Wuth der Daͤnen befreien. Waͤtrend Koͤnig Duncau's Regierung kam eine große Flotte jener Daͤnen nach Schottland, und ſchiffte ihre Trup⸗ ben in der Provinz Fife aus, um von dieſer Gegend Beſitz zu nehmen. Auf dieſes hin wurde eine zohlreiche ſchottiſche Armee aufgeboten, die Daͤnen zu bekaͤmpfen. Der Koͤnig, 44 wie ich ſchon erwaͤhnte, war zu alt, um ſeine Armee zu com⸗ mandiren, und ſeine Soͤhne waren zu jung; daher uͤbertrug er das Commando einem nahen Verwandten Namens Mac⸗ beth, dem Sohne eines gewiſſen Finel, welcher Landvogt (Thane) von Glamis war. Die Gouverneure der Provinzen in Schottland hießen damals Thanes; ſpaͤterhin wurden ſie Earls(Grafen) genannt. 3 Dieſer Macbeth, ein tapferer Krieger, zog an der Spitze der ſchottiſchen Armee gegen die Daͤnen; er nahm einen ſei⸗ ner nahen Verwandten, den Landvogt von Lochaber mit, die⸗ ſer hieß Banqud und war ebenfalls ein ſehr tapferer Mann. Bald wurde von den Daͤnen und Schotten eine bedeutende Schlacht geliefert; Macbeth und Banquo ſchlugen die Daͤnen, trieben ſie zuruͤck in ihre Schiſſe und verwundeten und toͤd⸗ teten ihnen eine bedeutende A nzahl. Hierauf kehrte Macbeth mit ſeiner Armee in eine Stadt des noͤrblichen Schottlands, nach Forres zuruͤck, um ſich dort des erfechtenen Sieges zu erfreuen. 4 In der letzt genannten Stadt lebten zu jener Zeit drei alte Weiber, welche das Volk für Hexen und Wahrſagerinnen hielt, Heut zu Tage wuͤrde außer dem gemeinen und unwiß ſenden Poͤbel, oder Leute, welche Zigeuner zu Rathe ziehen, um ihr Schickſal voraus zu erfahren, niemand mehr ſolchen Narrheiten Glauben beimeſſen; doch in fruͤheren Zeiten war das Volk weit unwiſeender als jetzt und ſogar große Maͤnner, wie Macbeth, glaubten, daß ſolche Perſonen, wie die Hexen von Forres wahrſagen können und hoͤrten den Unſinn, den ſie ſagten, an, als waͤren die alten Weiber wirklich Prophe⸗ ten geweſen. Die alten Weiber ſahen, daß ſie geachtet und gefuͤrchtet waren, deshalb trachteten ſie auf das Volk Einſluß 7 13 zu bekommen und behaupteten, ſie ſagen voraus, was ſich zu⸗ tragen werde; dafuͤr bekamen ſie dann Geſchenke. 1 So gingen ſie auch ſort und ſteutten ſich auf einem Ne⸗ benwege in einer großen Haide nahe bei Forres auf, und warteten bis Macbeth ſich naͤherte. Als er an der Spitze ſeiner Armee dort vorbeizog, ſtand die erſte jener Weiber vor ihn hin und ſagte:„Hluck zu! Macbeth— Heil Dir Thane von Glamis.“ Die zweite ſagte:„Gluck zu! Macbeth, Heil Dir Thane von Cawdor.“ Die dritte, welche ihm ein groͤße⸗ res Compliment als die beiden andern machen wollte, rief⸗ ihm zu:„Heil dem Macbeth, welcher Konig von Schottland werden ſoll!“ Macbeth war ſehr erſtaunt, als ſie ihm dieſe Titel gaben, und waͤhrend er voll Verwunderung und nach⸗ ſinnend da ſtund, trat Banquo vor zu den Weibern und frag⸗ te ſie, ob ſie ihm nicht auch ſo etwas zu ſagen haͤtten, als wie dem Macbeth?— Sie antworteten ihm, er werde nicht ſo groß werden, wie Macbeth, aber daß, obgleich er ſelbſt nicht auf den Thron gelangen koͤnne, ſeine Kinder die Thron⸗ folger Schottlands wuͤrden, und eine Reihe von Jahren Koͤ⸗ nige bleiben ſollen. Noch ehe ſich Macbeth von ſeiner allzugroßen Ueberra⸗ ſchung erholt hatte, kam ein Bote angeſprengt, um ihm an⸗ zukuͤndigen, daß ſein Vater geſtorben und ihm durch Erh⸗ ſchaft die Stelle eines Thane von Glamis zugefallen ſey. Zu gleicher Zeit kam ein zweiter vom Koͤnig geſendeter Bote, um Macbeth fuͤr den großen uͤber die Daͤnen errungenen Sieg zu danken, und ihm mitzutheilen, daß der Koͤnig, den Thane von Cawdor, wegen Empoͤrung, ſeiner Stelle entſetzt habe, daß der Monarch andurch den Macbeth zum Thane von Caw⸗ dor und von Glamis ernannt haben wollte. Somit ſchienen die zwei Weiber, welche Macbeth zuerſt angeſprochen, ihm die rechten Titel gegeben zu haben. Ich erkuͤhne mich aber zu behaupten, daß ſie, um den Tod von Macbeth's Vater wußten, ſo wie auch, daß das Gouvernement von Cawdor fuͤr Macbeth beſtimmt war, wovon er uͤbrigens noch nichts ge⸗⸗ hoͤrt hatte. Nachdem nun Macbeth ſah, daß ein Theil ihrer Prophe⸗ zeihungen wahr wurde, dachte er daruber nach, wie er es angreifen ſollte, um Koͤnig zu werden. Seine Frau war ein ehrgeiziges gottioſes Weib; ſo bald ſie merkte, daß ihr Mann darauf ſinne, ſich ſelbſt zum Konig von Schottland empor zu ſchwingen, munterte ſie ihn durch alles, was in ihren Kraͤf⸗ ten ſtund hiezu auf, und ſuchte ihn zu uͤberzeugen, daß der Weg zur Krone nur uber Koͤnig Duncans Leiche gehe. Mac⸗ heth verabſcheute ein ſo großes Verbrechen zu begehen; denn er wußte, was faͤr ein guter Koͤnig Duncan geweſen, er er⸗ innerte ſich, daß er verwandt mit ihm und immer mit Liebe behandelt worden ſey, daß ihm der Koͤnig das Commando der Armee anvertraut und nachher das Gouvernement von Camdor uͤbertragen habe. Doch ſein Weib fuhr fort ihn zu uͤberreden, wie es thoͤricht und zaghaft waͤre, wenn er nicht die erſte beſte Gelegenheit ergreifen wuͤrde, ſich ſelbſt zum Koͤnig zu machen, und wenn er durch eigene Schuld, das von den Hexen ihm verheißene Gluͤck von ſich ſtoßen wurde. Endlich vermochten der gottloſe Rath ſeiner Frau und die Prophezeihung jener alten boͤſen Weiber Macbeth dahin zu bringen, daß er auf Ermordung ſeines Köͤnigs und Freun⸗ des ſann. Die Art, auf welche er das Verbrechen ausfuͤhr⸗ te, machte es noch ſcheußlicher. . Macbeth Iud Duncan ein, ihn in einem großen Schloſſe, nahe bei Inyerneß zu beſuchen, und der gute Konig, welcher gegen 17* gegen ſeinen Ver wandten durchaus keinen Argwohn ſchoͤytte, nahm die Einladung ſehr gerne an. Macbeth und ſeine Frau empfingen den Koͤnig ſammt ſeinem Gefolge mit anſcheinend großer Freude, und gaben ein ſchoͤnes Feſt, wie dieß gewoͤhn⸗ lich geſchieht, wenn ein Koͤnig ſeinen Unterthanen beuucht. Ungefähr um Mitternacht wünſchte der Koͤnig ſich in das ihm zugedachte Zimmer zuruͤckzuziehen; hierauf begleitete ihn Mac⸗ beth in ein ſehr ſchoͤnes Gemach, das zur Aufnahme des Kö⸗ nigs hergerichtet worden war. In den damaligen barbari⸗ ſchen Zeiten war es uͤblich, daß in demſelben Zimmer, in welchem der Koͤnig ſchlief, auch zwei bewaffnete Maͤnner ſchlie⸗ fen, um ſeine Perſon zu vertheidigen, im Fall er des Nachts durch irgend jemand angegriffen werden ſollte. Mit dieſem wohlbekannt, hatte die niedertraͤchtige Frau des Macbeth's die zwei Waͤchter durch Wein, den ſie noch mit andern gei⸗ ſtigen Getraͤnken miſchte, ſo betrunken gemacht, daß beide, als ſie in des Koͤnigs Gemach gingen, hinfielen und ſo feſt ſchliefen, daß nichts ſie zu erwecken im Stande war. Dann kam der grauſame Macbetb in des Koͤnigs Dun⸗ ran's Schlafzimmer, ungefaͤhr um zwei Uhr des Morgens. Es war eine fürchterlich ſtuͤrmiſche Nacht; doch konnte der Laͤrmen, den der Wind verurſachte, und der heftige Donner den Köͤnig nicht erwecken, da er ſehr alt und an dieſem Tage beſonders ermuͤdet war; eben ſo wenig erwachten die zwei Schildwachen. Sie ſchliefen alle feſt. Da kam Macbeth in das Zimmer und trat ganz leiſe auf; er nahm die zwei Dol⸗ che, welche die Schildwachen trugen, ab, und ſtieß ſie dem armen alten Koͤnig Dunran ſo tief ins Herz, daß dieſer kei⸗ nen Laut mehr von ſich gab. Dann gab Marbeth die bluti⸗ gen Dolche den Schildwachen wieder in die Hand und be⸗ W. Scott's Werke. X0CV. 2 18 ſcmierte ihre Geſſichter mit Blut, daß es ſcheinen ſolle⸗ ſie haͤtten den Mord begangen. Macbeth war uͤber ſeine That in Schrecken verſetzt; ſeine Frau ließ ihn nur die Haͤnde wa⸗ ſchen, und bat ihn dann, ſich ſchlafen zu legen. Den andern Morzen ſehr fruͤhe hatte ſich der Hofſtaat des Königs, um ihn zu erwarten, in der großen Halle des Schloſſes verſammelt, und dort unterhielten ſie ſich uͤber den fuͤrchterlichen Sturm, welcher die Nacht vorher ſo gewuͤthet hatte. Aber Marbeth konnte kaum verſtehen, was ſie ſpra⸗ chen, denn er dachte an etwas viel Schlimmeres und Graͤß⸗ licheres, als der Sturm geweſen, und war begierig darauf, was jene wohl ſagen werden, wenn ſie die Mordthat erfah⸗ ren. Sie warteten einige Zeit, nachdem ſie aber fanden, daß der Koͤnig ſein Zimmer nicht verlaſſe, ging einer von der Umgebung des Koͤnigs zu ihm, um zu ſehen, ob er wohl ſey oder nicht. Als er in das Zimmer trat, fand er den armen Konig Duncan todt, ſteif, kalt und blutig da liegen, und die beiden Schildwachen mit ihren von Blut gefaͤrbten Dolchen feſt ſchlafend. So bald die ſchottiſchen Edelleute ſich ebenfalls hievon uͤberzeugten, waren ſie in Staunen verſetzt, gber auch zugleich von Wuth entbrannt, und Macbeth ſtellte ſich, als waͤre er wuͤthender als alle andere, zog ſein Schwert, und durchbohrte, ehe irgend einer ihm zuvorkommen konnte, ie zwei Waͤchter des Koͤnigs, welche in deſſen Schlafzimmer ſchliefen, indem er behauptete, daß ſie es ſeyen, welche den Koͤnig Duncan ermordet haben. Nachdem Malrolm und Donaldhane, die zwei Soͤhne des guten Koͤnigs, erfuhren, daß ihr Vater auf eine ſo auf⸗ fallende Weiſe in Macbeth's Schloß ermordet wurde, befuͤrch⸗ teten ſie, es moͤchte ihnen ein aͤhnliches begegnen, und flohen aus Schottland, denn unerachtet Macbeth alle moͤgliche Ent⸗ 19 ſchuldigungen vorbrachte, ſo glaubten ſie doch, daß er es ſey, der ihren Vater umgebracht habe. Donaldbane floh auf ent⸗ fernte Inſeln, aber Malcolm, der aͤlteſte Sohn des Koͤnigs Duncan, ging an den Hof nach England, wo er den englaͤn⸗ diſchen Koͤnig um Beiſtand bat, ihm, als dem Nachfolger ſeines Vaters, auf den Thron von Schottland zu verhelfen. Inzwiſchen nahm Macbeth von dem Koͤnigreich Schott⸗ land Beſitz, und alle ſeine gottloſen Wuͤnſche ſchienen ſofort in Erfüllung gegangen zu ſeyn. Er war aber nicht gluͤcklich; er dachte immer daran, wie ſchlecht es von ihm geweſen ſeye, feinen Freund und Wohlthaͤter ermordet zu haben, und wie ihm durch irg end einen, der eben ſo ehrgeizig als er ſelbſt waͤre, das naͤmliche begegnen koͤnnte. Er erinnerte ſich, daß die alte Here prophezeiht hatte, die Kinder des Banquo wer⸗ den nach ſeinem Tode auf den Thron gelangen, daraus zog er den Schluß, Banquo moͤchte gegen ihn eine Verſchwoͤrung anzetteln, wie er es gegen den Koͤnig Duncan gethan hatte. Die ſchlechten Leute denken immer, daß andere eben ſo ſchlecht ſeyen, wie ſſe. 2 Um dieſe eingebildete Gefahr abzuwenden, dingte er zwei Möoͤrder mit der Weiſung, in einem Walde, in welchem Banquo und deſſen Sohn Fleance des Abends gewoͤhnlich ſpazieren gingen, aufzulauern, fie zu ergreifen und Vater und Sohn umzubringen. Die Niedertraͤchtigen befolgten Macberh's Geheiß, aber waͤhrend ſie damit beſchaͤftigt waren, Banquo zu ermorden, entfloh Fleance und fluͤchtete ſich aus Schottland nach Wales. So iſt die Verheißung zu deuten, daß erſt nach einer Reihe von Jahren Banguo's Kinder auf den ſchottiſchen Thron gelangen werden. Macbeth war nicht viel glücklicher, nachdem er ſeinen 2„ 4 0„ 1 braven Freund und Vetter Banquo aus dem Wege geraͤumt hatte. Er wußte, daß Einige, ſeiner ſchlechten Thaten we⸗ gen, die er vollbracht, Verdacht gegen ihn hegten, und er war beſtaͤndig in Furcht, es moͤchte ihn einer auf die Art umbringen, wie er mit ſeinem alten Fuͤrſten verfahren iſt, oder daß Malcolm vom Koͤnig von England Beiſtand erhal⸗ ten, Krieg gegen ihn fuͤhren und ihm am Ende das ſchotti⸗ ſche Koͤnigreich nehmen koͤnnte. In dieſer zerruͤtteten Ge⸗ muͤthsſtimmung beſchloß er die alten Wahrſagerinnen aufzu⸗ ſuchen, deren Worte zuerſt den Wunſch in ihm rege werden ließen, Koͤnig zu werden. Es iſt anzunehmen, daß er ihnen Geſchenke anbot, und daß ſie verſchlagen genug waren, um zu wiſſen, was ſie ihm antworten ſollen, um ihn in ſeinem Glauben, ſie koͤnnen wahrſagen, zu beſtaͤrken. Sie antwor⸗ teten ihm, er habe nicht zu befuͤrchten, beſiegt oder des Koͤ⸗ nigreichs Schottland verluſtig zu werden, bis ein großer Wald, der Birnamwald genannt, ihn in einem feſten Schloſ⸗ ſe, das auf dem hohen Huͤgel Dunſinane liege, angreifen wuͤrde. In neuerer Zeit iſt der Huͤgel Dunſinane auf der einen Seite eines Thals, und der Wald Birnam auf der andern. Da die Entfernung von genanntem Schloſſe bis an den Wald zwoͤlf Meilen betraͤgt, ſo dachte Macbeth, es ſey unmoͤglich, daß je die Baͤume einen Angriff auf das Schloß unternehmen koͤnnten. Er entſchloß ſich daher ſein Schloß auf dem Huͤgel Dunſinane ſehr ſtark zu befeſtigen und be⸗ trachtete es als einen Platz, in welchem er immer ſicher ſeyn koͤnne. Um dieſen Vorſatz auszufuhren, veran aßte er den ganzen Landadel und ſeine Landvoͤgte, Steine, Holz und an dere Baumaterialien herbeizuſchaffen, und dieſe durch Ochſen auf die Spitze des ſteilen Huͤgels, wo er das Schloß erbauke, ſchleppen zu laſſen. 21 Unter den Adelichen, welche genoͤthigt waren, ihm Och⸗ ſen, Pferde und andere Materialien zu dieſem beſchwerlichen Unternehmen zu ſchicken, war ein gewiſſer Macduff, Land⸗ vogt von Fife. Macbeth fuͤrchtete dieſen Landvogt, denn er war ſehr maͤchtig und als tapfer und weiſe bekannt; und Macbeth dachte uͤberdies, daß er ſich ſehr wahrſcheinlich mit Prinz Malcolm vereinigen werde, wenn dieſer je mit einer Armee aus England kommen ſollte. Der Koͤnig hatte daher einen Privathaß gegen dieſen Landvogt von Fiſe, welchen er vor jedermann verbarg, bis er Gelegenheit finden konnte, ihn auf aͤhnliche Weiſe wie Duncan und Banquo aus der Welt zu ſchaffen. Macduff ſeiner Seits war ſehr vorſichtig, und ging ſo ſelten als möglich an des Koͤnigs Hof, da er ſich ſelbſt nie ſicher glaubte, als in ſeinem eigenen Schloß Kennoway, welches an der Kuͤſte von Fife, nahe an der Muͤndung von Forth lag. Eines Tags lud der Koͤnig mehrere ſeiner Adelichen, un⸗ ter andern auch Macduff, den Landvogt von Fiſe, ein, ihn auf ſeinem neuen Schloß Dunſinane zu beſuchen; ſie mußten alle kommen, keiner durfte zuruͤckbleiben. Bei dieſer Gele⸗ genheit wollte ihnen der Koͤnig ein großes Gaſtmal geben, wozu ſchon alle Anſtalten getroffen waren. Inzwiſchen ritt Macbeth von Wenigen begleitet aus, um die Ochſen zu ſehen, welche das Holz und die Steine, deren man zur Erweiterung und groͤßerer Befeſtigung des Schloſſes bedurfte, auf den BVerg ſchleppten. Sie betrachteten meiſtens die Ochſen, wie dieſe ihre Laſten mit großer Schwierigkeit bergan brachten, denn der Abhang war ſehr ſteil, die Laſten ſchwer, und die Sonne brannte fuͤrchterlich. Endlich ſah Macbeth ein Paar Ochſen ſo ermuͤdet, das ſie den Huͤgel nicht mehr beſteigen konnten und von ihrer Laſt darniedergedruͤckt, hinabfielen. Daruͤber war der Koͤnig ſehr aufgebracht, und verlangte zu wiſſen, welcher von ſeinen Landvoͤgten ſo ſchwache und ſo we⸗ nig zur Arbreit geeignete Ochſen geſchickt habe, da ex ſie doch ſo noͤthig zu dieſer Arbeit gebrauche. Einer von ihnen ant⸗ wortete, daß die Ochſen dem Macduff, Landvogt von Fife, gehoͤrten. Nun dann, verſetzte der König zornig, wenn er ſo ſchlechtes Vieh, wie dieſes, ſchickt, um die anbeſohlene Ar⸗ beit verrichten zu laſſen, ſo will ich ſeinen eigenen Nacken ins Joch ſpannen und ihn ſelbſt die Laſten tragen laſſen. Ein Freund Macduſſ's, welcher dieſe zornige Aeußerung des Koͤnigs hoͤrte, beeilte ſich, ſie dem Landvogt von Fife mitzutheilen, welcher gerade in den Schloßhallen des Koͤnigs ſpazieren ging, ſo lange man das Mittagsmal zubereitete. Sobald Macduff dies vernahm, wußte er wohl, daß er keine Zeit zu verlieren habe, um die Flucht zu ergreifen; denn allemal, wenn Macbeth gegen irgend einen etwas Schlimmes vorhatte, durfte man darauf zaͤhlen, daß er es ausfuͤhre. Macduff nahm dann von der Tafel einen Laib Brod weg, ließ ſeine Pferde vorfuͤhren, und ritt im Gallop mit ſeiner Dienerſchaft zuruͤck in ſeine eigene Provinz Fiſe, noch ehe Macbeth und die uͤbrigen Gaͤſte in das Schloß zuruͤckge⸗ kehrt waren. Die erſte Frage des Koͤnigs war: Was iſt aus Macduff geworden? Und nachdem er erfahren, daß jener von Dunſinane entflohen ſey, ließ er einen Theil ſeiner Soldaten aufſitzen, und ſtieg ſelbſt zu Pferd, um den Landvogt zu ver⸗ folgen, mit dem Vorſatz, dieſen umbringen zu laſſen. Inzwiſchen floh Macduff ſo weit ſein Pferd nur laufen konnte; aber er war ſo wenig mit Gelde verſehen, daß er, als er die große Faͤhre am Fluß Tay erreichte, dem Boots⸗ mann, welcher ihn hinuͤber fuͤhrte, nichts geben konnte, als den Laib Brod, den er von des Koͤnigs Taſel weggenommen 25 hatte. Die Stelle wurde noch lange nachher die Faͤhre des Brodlaibs genannt. Nachdem Macduff auf der andern Seite des Fluſſes Tar in ſeiner Provinz angekommen war, ritt er noch ſchneller als vorher gegen ſein eigenes Schloß Kennoway zu, welches, wie ich ſchon ſagte, nahe am Meere liegt; als er es erreicht hat⸗ te, war der Koͤnig mit ſeinen Soldaten nicht mehr weit hin⸗ ter ihm. Macduff ertheilte ſeiner Frau den Befehl, die Schloßthore zu ſchließen, die Zugbruͤcke aufzuziehen, und un⸗ ter keinerlei Vorwand den Koͤnig oder einen ſeiner Soldaten hereinzulaſſen. Inzwiſchen ging er in den kleinen Hafen na⸗ he beim Schloß, und ließ ein Schiff, welches dort vor Anker lag, in aller Eile ſegelfertig machen, und ging an Bord⸗ um Macbethen zu entfliehen.. Indeſſen verlangte Maebeth von Marduffs Frau, ſie ſolle das Schloß uͤbergeben und ihren Mann ausliefern. Aber La⸗ dy Macduff, eine ſehr vernuͤnftige und brave Frau, hatte eine Menge Entſchuldigungen vorzubringen, um Zeit zu ge⸗ winnen, bis ſie ihren Mann am Bord des Schiffes und die Segel gelichtet wußte. Dann ſprach ſie unerſchrocken von der Schloßmauer aus mit dem König, welcher vor dem Thore ſtund und unter vielen Drohungen, was er mit Macduff au⸗ fangen wolle, wenn er ihm nicht ausgeliefert wuͤrde, einge⸗ laſſen zu werden verlangte. „Sehen Sie,“ ſagte ſie,„jene weißen Segel auf dem Meere, dort geht Marduff an Englands Hof. Sie werden ihn nicht eher wiederſehen, als bis er mit dem jungen Priu⸗ zen Malcolm zuruͤckkommen wird, um Sie vom Throne zu ſtuͤrzen und aus dieſer Welt zu ſchaffen. Sie werden nie im Stande ſeyn, Ihr Joch des Landvogt von Fife’s Nacken auf⸗ zulegen, wie Sie dieß ihm drohten.“ 24 Einige ſagen, Macbeth ſey auf dieſe kuͤhne Antwort ſo von Zorn entbrannt geweſen, daß er mit ſeinen Soldaten ei⸗ nen Angriff auf das Schloß gemacht, es weggenommen und die brave Lady, ſo wie alle die Perſonen, welche er im Schloß angstroffen, umgebracht habe. Andere ſagen aber, und ich ſelbſt halte es fuͤr wahrſcheinlicher, daß der Koͤnig, nachdem er ſah, daß das Schloß Kennoway ſehr feſt und Macduff ent⸗ flohen ſey, um ſich nach England einzuſchiffen, den Ruͤckweg nach Dunſinane angetreten habe, ohne zu verſuchen, Macduffs feſtes Schloß einnehmen zu wollen. Die Ruine des Schloſſes Kennoway kann man noch ſehen. Zu derſelben Zeit regierte in England ein ſehr guter Konig, Eduard der Bekenner genannt. Ich erwaͤhnte ſchon oben, daß Prinz Malcolm, der Sohn Duncans, ſich zu Eduard begeben und dieſen gebeten habe, ihm wieder auf den ſchottiſchen Thron zu verhelfen. Macduſſs Ankunft trug ſehr viel dazu bei, die Ausfuͤhrung dieſer Bitte zu beſchleunigen; denn der englaͤndiſche Koͤnig wußte, daß Macduff ein braver und verſtaͤndiger Mann ſey. Nachdem er Eduard verſichert, daß die Schotten der Regierung des grauſamen Macbeth uͤberdruͤßig ſeyen, und zugleich die Verſicherung gad, daß er den Prinzen Malcolm begleiten wolle, wenn er Luſt habe, an der Spitze einer Armee in Schottland einzudringen, ſo befahl der Koͤnig einem großen Kriegsmann, dem Siward Graf von Northumberland, mit einer Armee nach Schottland zu mar⸗ ſchieren und dem Prinz Malcolm zu ſeines Vaters Thron wieder zu verhelfen. Dann kam es ſo, wie Macduff voraus⸗ geſagt hatte; die ſchottiſchen Landvoͤgte und Adelichen wollten nicht fuͤr Macbeth ſtreiten, ſondern vereinigten ſich mit Macduff und dem Prinzen Malcolm gegen jenen; hierauf ſchloß ſich Macheth in ſeinem Schloſſe Dunſinane, woſelbſt er 25 ſeine Perſon ſicher glaubte, ein, uͤbereinſtimmend mit der Prophezeihung der alten Hexen, bis der Birnamwald ſich ge⸗ gen ihn auflehnen wuͤrde. Er prahlte mit dieſer Wahrſagung bei ſeinem Gefolge und ermuthigte es zu einer tapfern Ver⸗ theidigung, indem er ſie des gewiſſen Sieges verſicherte. Um dieſe Zeit waren Malcolm und Macduff in der Hoͤhe des Birnamwaldes angekommen, und lagerten dort mit ihrer Armee, Den andern Morgen, als ſie durch das breite Thal marſchirten, um das Schloß Dunſinane anzugreifen, ertheilte Macduff den Befehl, daß jeder Soldat einen Baumzweig ab⸗ ſchneiden und in der Hand tragen ſolle, damit der Feind nicht ſehen koͤnne, wie ſtark die gegen ihn anruͤckende Armee ſey. Als die Schildwache, welche auf Macbeths Schloßmauer ſtund, die von Malcolms Soldaten getragenen Zweige ſah, lief er zum Koͤnig und meldete ihm, daß der Wald von Birnam ſich gegen das Schloß Dunſinane in Bewegung geſetzt habe. Der König hieß ihn anfangs einen Luͤgner und wollte ihn nieder⸗ hauen, als er aber ſelbſt von den Mauern aus hinabſchaute und dem Anſchein nach den Wald von Birnam naͤher kommen ſah, ſo glaubte er, ſeine Todesſtunde habe geſchlagen. Eben ſo verzagte ſein Gefolge und floh aus dem Schloß, nachdem es ſah, daß ihr Herr alle Hoffnung verloren habe. Endlich faßte Macbeth Muth und ſprang verzweiflungs⸗ voll an der Spitze der wenigen Leute, welche ihm treu ge⸗ blieben, hinaus. Er fiel nach einer wuͤthenden Gegenwehr und nachdem er mitten im Geſecht ſich gegen Macduff perſoͤn⸗ lich vertheidigte. Prinz Malcolm beſtieg den Thron Schott⸗ lands, und regierte lang und gluͤcklich. Er belohnte Macduff dadurch, daß er erklaͤrte, ſeine Nachkoͤmmlinge ſollen den Vortrab der ſchottiſchen Armee in die Schlacht fuͤhren und bei der Kroͤnungs⸗Ceremonie die Krone auf des Koͤnigs Haupt ſetzen duͤrfen. Koͤnig Malcolm ernannte auch die bis⸗ herigen Thanes von Schottland zu Earls(Grafen), welcher Titel ſpaͤterhin auch am Hof von England angenommen wurde. . Drittes Kapitel. Das Feudalſyſtem und die Normänniſche Eroberuns⸗ Das Betragen Eduard des Bekenners, Koͤnigs von England, in der Geſchichte Macbeths war ſehr edelmuͤthig und groß. Er entſendete eine bedeutende Armee und ſeinen Feldherrn Siwart, um zur Entthronung des Tyrannen Mac⸗ beth beizutragen, und Malcolm, den Sohn des ermerdeten Koͤnigs Duncan, wieder auf den Thron zu ſetzen; wir haben geſehen, wie dieſes durch Macduffs Huͤlfe gluͤcklich ausgefuͤhrt wurde. Koͤnig Eduard dachte nie daran, bei der durch den Einfall in Schottland veranlaßten Verwirrung irgend einen Theil dieſes Reichs fuͤr ſich ſelbſt zu nehmen; denn er war ein braver Mann und nicht ehrgeitzig oder gierig nach dem, was ihm nicht gehoͤrte. Es iſt fuͤr England und Schottland wohlthaͤtig geweſen, daß ſie mehrere ſolche gute und maͤßige Koͤnige gehabt, weil dadurch viele Streitigkeiten, lange Krie⸗ ge und das fuͤrchterliche Blutvergießen verhindert worden. Der gute Koͤnig Eduard der Belenner jedoch hinterließ keine Kinder zur Thronfolge. Sein Nachfolger war Koͤnig Harold, der letzte Monarch, welcher von der aaͤchſiſchen Ab⸗ ſtammung in England regierte. Die Sachſen, wie wir hoͤr⸗ zten, haben die Britten uͤberwunden, und nun kamen neue Feinde, welche die Sachſen augriffen. Dieſe waren die Nor⸗ 27 maͤnner, ein Volksſtamm aus Frankreich; ſie waren uͤbrigens urſpruͤnglich keine Franzoſen. Ihre Vorfahren waren eine Colonte jener noͤrdlichen Seeraͤuber, deren wir fruͤher er⸗ wahnten, und weiche alle die Seekuͤſten, an welchen ſie nur einige Beute zu machen hofften, pluͤnderten. Eine bedeuten⸗ de Anzahl von ihnen landete an der noͤrdlichen Kuͤſte Frank⸗ reichs; ſie zwangen den Koͤnig jenes Landes, ihnen ein gro⸗ hes Stuͤck abzutreten, welches Neuſtria, und ſpaͤterhin, nach⸗ dem dieſe Provinz Eigenthum der Normannen geworden war, Normandie genannt wurde. Die Provinz wurde durch ein Haupt der Normannen regiert, man legte dieſem den Namen Herzog bei, aus dem Lateiniſchen hergeleitet, in welcher Sprache dieß Wort Feldherr bedeutet. Er uͤbte in ſeinem Gebiet die Gewalt eines Koͤnigs aus, aber in Beziehung auf ſeine Beſitzungen auf Frankreichs Boden erkannte er den Koͤnig dieſes Landes fuͤr ſeinen Herrn an, und wurde da⸗ durch gleichſam ſein Vaſall. Auf dieſe Anerkennung eines Koͤnigs als Herrn, und ſeiner Fuͤrſten und Großen des Reichs als Vaſallen, muß man aufmerkſam ſeyn und ſie nicht mißverſtehen, damit die nachfolgende Geſchichte faßlich werde. Ein großer Koͤnig oder unabhaͤngiger Fuͤrſt gab ſeinen Herzogen, Grafen und Adeli⸗ chen große Provinzen, oder raͤumte er ihnen eine gewiſſe Strecke Lanbes ein, woſelbſt jeder von ihnen in ſeinem eige⸗ nen Gebiet keinahe eben ſo viel Gewalt ausuͤbte, els der Konig in ſeinen uͤbrigen Beſitzungen. Dafuͤr war der Vaſall, gleichviel ob Herzog, Graf, Lord oder ſonſt ein Edelmann, verpflichtet, mit einer gewiſſen Anzahl Leute dem Herrn bei⸗ zuſtehen, wenn dieſer Krieg fuͤhrte; und in Friedenszeiten mußte er an des Fuͤrſten Hof erſcheinen, wenn dieſer es ver⸗ langte, und ihm huldigen, d. h. er mußte anerkennen, daß 28 der Fuͤrſt ſein Gebieter und Lehensherr ſey. eben ſo theilten die Kronvaſallen, wie ſie genannnt wurden, das Gebiet, wel⸗ ches ſie vom Koͤnig erhalten hatten, in Grundſtuͤcke, welche ſie ſodaun ſolchen Rittern oder Edelleuten gaben, die ſie fuͤr geeignet hielten, ihnen in Krieg zu folgen und in Friedens⸗ zeiten ihnen Dienſte zu leiſten; auch dieſe hielten ihre Hoͤfe und hatten in ihrem eigenen Gebiete ihre Gerichtsbarkeit. Dann verliehen die Ritter und Edelleute, welche ſolche Grund⸗ ſtuͤcke von den großen Vaſallen hatten, ihren Antheil an eine untergeordnete Klaſſe von Eigenthuͤmern, wovon einige das Land ſelbſt bebauten, andere durch Landwirthe und Bauern, welche wie eine Art Sclaven behandelt, und mit den Guͤtern, welche ſie bebauten, gleich dem Vieh gekauft und verkauft wurden. Dieſem zufolge forderte ein großer König, gleich dem von Frankreich oder England, wenn er Krieg fuͤhrte, alle ſeine Kronvaſallen auf, ihm zu dienen und eine Anzahl be⸗ waffneter Leute zu ſtellen, welche mit dem Lehen eines jeden in Verhaltniß ſtund, ſo nannte man das Gebiet, welches einem jeden von ihnen gegen die beruͤhrte Verpflichtung ein⸗ geraͤumt wurde. Hierauf erließen die Fuͤrſten, Herzoge oder Grafen, um jener Aufforderung nachzukommen, an diejenigen Edelleute, denen ſie Grundſtuͤcke gegeben hatten, den Be⸗ fehl, ſich unter den Waffen bereit zu halten und dieſe ih⸗ rerſeits verſammelten ihre Verwalter(Franklins), eine dem niedern Adel untergeordnete Klaſſe, und die Bauern, ſo daß demnach die ganze Macht des Koͤnigreichs bei dem erſten Auf⸗ gebot in Bereitſchaft ſtund. Dieſes Syſtem, für eine zur Benuͤtzung erhaltene Strecke Landes, Kriegsdienſte zu leiſten, das heißt, auf Verlangen des Landesherrn ihm zu dienen— 29 wurde das Feudalſyſtem genannt. Dieß war in ganz Eui ropa mehrere Zeitalter hindurch allgemein eingefuͤhrt. Viele dieſer großen Kronvaſallen, wie z. B. die Herzo⸗ ge der Normandie, wurden außerordentlich maͤchtig; dann machten ſie Frieden und Krieg nach ihrem eigenen Gutdun⸗ ken, ohne Wiſſen und Zuſtimmung des Koͤnigs von Frank⸗ reich, ihres Souverains. Auf die naͤmliche Weiſe bekriegten ſich haͤufig die Vaſallen der großen Vaſallen unter ſich, denn Krieg war damals eine allgemeine Beſchaftigung; waͤhr end die armen Leibeigenen(von denen ich oben eine Er klaͤrung machte), welche eigentlich den Boden bebauten, den groͤßten Muͤhſeligkeiten unterzogen waren, geyluͤndert und mißhan delt wurden. Der hohe und niedere Adel ruͤckte zu Pferd ins Feld, in Ruͤſtungen von Stahl gekleidet, reich mit Gold und Silber verziert; man nannte ſie Ritter und Junker. Sie bedienten ſich langer Lanzen, mit denen ſie ungeſtuͤme auf einander zuritten; außerdem waren ſie noch mit Schwert und Keule bewaffnet, um Mann gegen Mann ſtreiten zu koͤnnen, wenn die Lanze zerbrach. Die Nichtadelichen mar⸗ ſchirten zu Fuß aus und waren mit Pfeil und Bogen bewaff⸗ net, welche man, je nach ihrer Geſtalt, lange oder Querbo⸗ gen nannte; mit dieſen konnte man auf eine gewiſſe Entfer⸗ nung ſeinen Mann toͤdten; man bediente ſich dieſer ſtatt der Flinten und Kanonen, welche damals noch nicht erfunden waren. Die armen Landleute waren genothigt, mit ſolchen Waſſen, die ſie eben gerade beſaßen, ine Feld zu ziehen, und es kam gar nicht ſelten vor, daß wenige der Ritter und Junker viele Hundert der ſchlechtbewaffneten Landleute nie⸗ derritten und in die Flucht jagten; da die Adelichen in voͤlli⸗ ge Ruͤſtungen eingehuͤllt waren, konnten ſie ſich wohl einiger Beſchaͤdigung ausſetzen, waͤhrend die armen Bauern kaum 30 Kleider hatten, um ihren Leib zu bedecken. Im Tower zu London, ſo wie auch an andern Orten ſind alte Waffenroͤcke als ſehenswurdige Gegenſtaͤnde aufbewahrt. Dieß war keine ſehr gluͤckliche Zeit; denn es gab nicht nur beinahe keine Geſetze, ſondern der Stärkere nahm nach Gefallen des Schwaͤchern Eigenthum weg; da beinahe alle „Einwohner zu dienen verpflichtet waren, ſo war die natuͤrli⸗ che Folge hievon, daß ſie immerwaͤhrend zu Felde ziehen mußten. 3 Ddie großen Kronvaſallen beſonders bekriegten ſich immer⸗ waͤhrend; ſie zogen ſogar manchmal gegen ihren Monarchen ſelbſt, obgleich ſie dadurch ibrer Lehen oder des Gebiets, mit dem ſie belehnt worden, verluſtig erklärt wurden. Sie war⸗ teten uͤbrigens die Gelegenheit ab, bis ſie ziemlich gewiß waren, daß der Monarch in dieſem Augenblick nicht maͤchtig genug ſey, um ſie zu beſtrafen. Bald kam es ſo weit, baß keiner ſein Recht laͤnger behaupten konnte, als er die Macht beſaß, es zu vertheidigen; und dieß brachte die Aermeren und Huͤlfloſen dahin, daß ſie ſich ſelbſt unter den Schutz der Tapferen und Machtigen begaben, daß ſie von ſelbſt ihre Va⸗ ſallen anerkannten und ihnen huldigten, damit ſie Schutzwa⸗ 8 chen von den Großen erhielten. Waäͤhrend die Sachen ſo ſtanden, hielt Wiſhelm, Ferzog der Normandie und Oberhaupt dieſes tayſeren Volkes, deſſen Vorfahren dieſe Previnz erobert hatten, nach dem Tode Koͤ⸗ nig Eduards des Bekenners die Zeit fuͤr ganz geeignet, das reiche Königreich England zu erobern. Er nahm zum Vor⸗ wand, daß ihn Koͤnig Ednard ſeinen Erben genannt habe, doch ſetzte er ſeine meiſte Zuverſicht in eine maͤchtige Armee ſeiner tapfern Normanner, in welche viele Riter und Jun⸗ ker aus entſernten Gegenden eingereiht wurden; die Letztern hofften, daß ſie vom Koͤnig Wilhelm, nachbem ſie ihn in ſei⸗ ner vorhabenden Eroberung unterſtuͤtzt haben wuͤrden, gute engliſche Beſitzungen unter ſolchen Bedingungen, von welchen ſo eben die Rede war, erhalten wuͤrden. Der Herzog der Normandie landete zu Suſſer im Jahre 1066 nach Chriſti Geburt. Er hatte zu Ausfuͤhrung ſeines kuͤhnen Unternehmens eine Armee von 60,000 Mann auser⸗ leſener Truppen. Harold, der Nachfolger Eduard des Be⸗ kenners auf dem Throne Englands, war gerade damit be⸗ ſchaͤftigt, einen durch die Norwegen auf England unternom⸗ menen Angriff abzuwehren, und nun wurde er aufgerufen, ſich gegen dieſen neuen und maͤchtigeren Einfall zu vertheidi⸗ gen. Die Armeen Englands und der Normandie lieferten bei Haſtings eine verzweiflungsvolle Schlacht, deren Ausgang lange zweifelhaft war. Die Normaͤnner waren weit im Vor⸗ theil, indem ſie ſtarke Compagnien von Bogenſchutzen hatten, welche ſich der langen Bogen bedienten und den Engländern viel Schoden zufuͤgten, waͤhrend dieſe ihnen nur wenige ent⸗ gegenſtellen konnten. Obgleich die Schlacht von Morgens 9 Uhr bis zu Einbruch der Nacht gedauert hatte, ſo blieb der Sieg immer noch zweifelhaft, bis ein Pfeil Koͤnig Harolds Haupt durchbohrte und ihn todt zu Boden ſtreckte. Die Englaͤnder raͤumten hierauf das Schlachtfeld, und Herzog Wilhelm benuͤtzte ſeinen Vortheil mit ſo viel Geſchicklichkeit und Gewandtheit, daß er ſich ſelbſt zum Herrn Englands aufwarf und dort unter dem Namen Wilhelm der Eroberer regierte. Er vertheilte einen großen Theil des reichen Eng⸗ lands unter ſein normaͤnniſches Gefolge fuͤr die geleiſteten Kriegsdienſte nach den Regeln des ſchon mehr erwaͤhnten Feudalſuſtems. Die Angelſachſen waren uͤber dieſe Begeben⸗ heit, wie man ſich leicht vorſtellen kann, ſehr aufgebracht, und verſuichten mehreremal ſich gegen Koͤnig Wilhelm aufzul lehnen und ihn mit ſeinem Heere nach der Normandie zus ruͤckzutreiben; aber ſie wurden immer geſchlagen; in Folge deſſen wurde auch Koͤnig Wilheim gegen dieſe Angelſachſen ſtrenger, nahm ihnen ihre Grundbeſitzungen weg und entſezte ſie ihrer hohen Aemter, die ſie begleiteten und des damit verbundenen Gehalts; nur wenige von ihnen ließ er im Be⸗ ſitz eines bedeutenden Grundvermoͤgens oder hoher Stellen, dann traf er die Anordnung, daß ſie in jeder Lage ſeinen Normaͤnnern untergeordnet waren. So wurden die Sachſen, welche die Britten beſi ſegt hat⸗ ten, wie ich ſchon oben erwaͤhnt, nun durch die Normaͤnner unterjocht, ihres Eigenthums beraubt und darauf beſchraͤnkt, jenen hochmuͤthigen Fremdlingen Unterthan zu ſeyn. Ob⸗ gleich manche von dem alten Adel Englands Anſpruch darauf machen koͤnnen, daß ſie von den Normaͤnnern abſtammen, ſo findet man heut zu Tage unter dem hohen Adel kaum Einen, und unter dem niedern nur wenige, welche aufweiſen koͤnn⸗ 3 ten, daß ſie aus ſaͤchſiſchem Geblut abſtammen; Wilhelm der Eroberer ſorgte ordentlich dafur, das unterjochte Volk aller Macht und jeden Einſluſſes zu berauben. Es muß fuͤr die Sachſen ein harter Stand in England geweſen ſeyn, als ſie durch die Normaͤnner aus ihren Grund⸗ beſitzungen und Wohnungen vertrieben und aus freien Maͤn⸗ nern Sclaven geworden waren. Dieſer Wechſel zog jedoch manchese Gute nach ſich; denn die Normanner wasen nicht nur die tapferften Leute, die man je finden konnte, ſondern ſie waren auch in Beziehung auf Wiſſenſchaft und Kunſt weiter voran, als die Sachſen. Sie fuͤhrten die Gewoynheit ein, große, ſchne Schloſſer und Kirchen zu bauen, wahrend die 33 die Sachſen nur ſchlechte Haͤuſer von Holz erbaut hatten. Eben ſo machten die Normaͤnner den Gebrauch der langen Bogen ſo allgemein, daß am Ende die Englaͤnder den Ruf der beſten Bogenſchuͤtzen in der Welt erhielten, und durch ihre Ueberlegenheit in dieſer Kriegskunſt viele Schlachten ge⸗ wannen. Die Normaͤnner fuͤhrten auch eine gebildetere Le⸗ bensweiſe als die Sachſen, und beachteten unter einander die Regeln des Anſtands und der Sittlichkeit, welche den Gachſen ganz fremd waren. Die normänniſchen Baronen waren große Freunde der Nationalfreiheit, und wollten niche ugeben, daß ihre Koͤnige irgend etwas gegen ihre Privile⸗ gien unternehmen duͤrfen, ſondern widerſetzten ſich, ſobald ein König diejenige Macht, welche ihm durch Geſetze einge⸗ raͤumt war, uberſchreiten wollte. Durch die normanniſchen Fuͤrſten wurden an vielen Orten Schulen angelegt, und zum Lernen wurde man aufgemuntert; auch wurden an verſchie denen Stellen des Koͤnigreichs große Staͤdte gegruͤndet, wel⸗ che vom Koͤnig Gunſtbezengungen genoſſen, weil er, im Fall einer Entzweiung mit ſeinem Adel, ihren Beiſtand zu erhal⸗ ten wuͤnſchte. Demnach trug die normaͤnniſche Eroberung, obgleich zu der Zeit, in welcher ſie Kratt fand, ein ungluͤckti⸗ ches und trauriges Ereigniß, dazu bei, daß England ein wer⸗ ſer, eingerichteter, gebildeterer und maͤchtigerer Staat wurde als zuvor; und ſo, mein liebes Kind, wirſt Du viele Falle in der Geſchichte ſinden, in welchen es der Vorſehung gefal⸗ len hat, das, was uns kurzſichtigen Menſchen ein großes Enheil zu ſern ſcheint, zu unſerer Wohlfahrt umzuſchaffen. Dieſes Kapitel mag wenig von der ſchottiſchen Geſchichte zu handeln ſcheinen, aber die normaͤnniſche Eroberung von England hatte auf die Nachbarſtaaten viel Einfluß. Haupt⸗ W. Scott's Werke. X0V. 3 anderten viele Sachſen, um der Grauſamkeit Wil⸗ zehen, nach Schottland aus, und ch einen bedeutenden Einfluß auf die Bildung dieſes Landes; denn ſo wie die Sachſen in Beziehung auf Wiſſenſchaft und Kuͤnſte unter den Nor⸗ maͤnnern ſtunden, waren ſie auf der andern Seite den Schot⸗ ten weit uͤberlegen. Spaͤter ſiedelte ſich auch eine Anzahl Normaͤnner in Schottland an. König Wilhelm konnte nicht alle Normaͤnner zufrieden ſtellen, daher gingen einige Miß⸗ vergnuͤgte an den ſchottiſchen Hof, um dort ihr Gluͤck zu machen; ſie waren dem Koͤnig Malcolm, Cean⸗More ge⸗ d. h. Oberhaupt, willkommen. Duncan's Sohn wuͤnſchte dieſe braven Leute in ſeine Dienſte zu nehmen, und zu dieſem eck verlieh er ihnen betraͤchtliche Ländereien, wo⸗ gegen ſie ſich aber verpllichten mußten, Kriegsdienſte zu neh⸗ men. So wuͤrde denn auch das Feudalſyſtem in Schottland wie in England eingeſuͤhrt, und nach und nach ſtrenger ge⸗ handhabt⸗ bis es zum Landesgeſetz erhoben worden, wie dieß unterdeſſen in ganz Europa geſchah. Run erhob ſich wegen dieſem Fendalgeſetz ein Streit, welcher zulſchen England und Schottland den fuͤrchterlichſten Kampf herbeifuͤhrte. Da mein Junker Hugo kein großer Rechtsgelehrter iſt, ſo iſt es deſto mehr noͤthig, daß er ſich zuſammeknehme, um das, was uͤber das Lehenweſen geſagt wird, zu verſtehen⸗ weil dieſes einen ſehr wichtigen Gegen⸗ ſtand in der Geſchichte ausmacht. Waͤhrend die Englaͤnder unker ſich ſelbſt und nachher mit den Normaͤnnern entzweit waren, vergroͤßerten die ſchot⸗ ziſchen Koͤnige ihre Beſitzungen auf Koſten ihrer Nachbarnz namentlich nahmen ſie die nördlichen Prorinzen Englands⸗ Northumberland, Eumberland und Weſtmoreland weg⸗ Nach ſaͤchlich w helme des Eroberers zu ent dieſes hatte au der ſüdlichen Theile nannk, 33 vielen Kaͤmpfen und Streiten wurde endlich frßtaeſetzt, daß der Konig von Schottland dieſe engliſchen Provinzen behaltem ſolle, jedoch nicht als unumſchraͤnkter Monarch, ſondern nur als Vaſall des Koͤnigs von England; zugleich aber auch, daß er dem Letztgenannten huldigen und auf Verlangen Truppen ins Feld ſchicken muͤſſe. Dieſe Huldigung und der Kriegs⸗ dienſt wurden nicht um des Koͤnigreich Schortlands willen geleiſtet; denn dieſes hat von Anbeginn der Welt an nie unter dee Herrſchaft des engliſchen Koͤnigs gehoͤrt, ſondern war und blieb immer ein unabhaͤngiger, freier Staat, wel⸗ cher ſeine eigenen Monarchen hatte. Dieß wird freilich mei⸗ nen Junker ſehr befremden, daß ein Koͤnig von Schottland für ſeine, in England gelegenen Beſitzungen, Vaſall ſeyn folle und anderſeits als Koͤnig von Schottland unnbhaͤngiger Fuͤrſt ſey; es kann jedoch den Einrichtungen des Feudalſy⸗ ſtems zu Folge wohl der Fall ſeyn. Wilhelm der Eroberer ſtund ſelbſt in demſelben Verhaͤltniß; denn er hehielt ſein großes Herzogthum der Normandie und ſeine andern Beſitz⸗ ungen in Frankreich als Vaſall des Koͤnigs von Frankreich⸗ durch welchen ſie ſeinem Vorfahrer Rollo als Lehen gegebem wurden; aber er war zugleich unabhaͤngiger Monarch vom England, in deſſen Beſitz er durch den Sieg bei Haſtings kam. Die engliſchen Koͤnige uͤbrigens ergriffen jede Gelegen⸗ heit, um kund zu thun, daß die durch die ſchottiſchen Koͤnige dargebrachte Huldigung nicht allein fuͤr ihre Beſitzangen in England, ſondern auch für das Koͤnigreich Schottland gelte⸗ Die ſchottiſchen Koͤnige aber, ob ſie gleich die verlangte Hul⸗ digung und Dienſte leiſteten, weil ſie bedeutende Laͤndereiem innerhalb der Graͤnzen Englands beſaßen, verboten dagegen ganz einfach und litten ſchlechterdings nicht, daß man ſagen 5 9 36. duͤrfe, ſie ſeven iu Beziehung auf das Königreich Shottland zu irgend einer Art Huldigung verbunden. Dieſes war eine von den Urſachen, welche Veranlaſſung zu den Kriegen zwi⸗ ſchen den beiden Laͤndern gab, wobei die Schotten ihre Na⸗ tionalunabhaͤngigkeit behaupteten, und, obgleich haͤufig geſchla⸗ gen, dennoch oft ſiegten, und daß ſie mehremal verſuchten, ihr Gebiet auf Koſten ihrer Nachbarn zu vergroͤßern. Der ſchottiſche Koͤnig Wilhelm, genaunt der Löwe, weil er dieſes Thier auf ſeinem Wappenſchild fuͤhrte, wurde in der Schlacht bei Newcaſtle im Jahr 1174 gefangen genommen und vor ſei⸗ ner Freilaſſung genoͤthigt, ſeinem Anſpruch auf Unabhaͤngig⸗ keit zu eutſagen und die fuͤr Schottland verlangte Huldigung anzuerkennen. Richard I. von England jedoch gab 15 Jahre ſpaͤter dieſe Anſpruͤche wieder zuruͤck, weil ſie von Wilhelm waͤhrend deſſen Gefangenſchaft ungerechterweiſe erzwungen worden ſeyen; er behielt ſich die Huldigung nur fuͤr diejeni⸗ gen Landestheile vor, welche der Koͤnig von Schottland auſ⸗ ſerhalb ſeiner Graͤnzen und zwar im Koͤnigreich England beſaß.— Dieſes edelmuͤthige Betragen Richard's von England wurde durch den ſchoͤnſten Erfolg gekroͤnt; es machte all' den Streiten und Kriegen zwiſchen England und Schottland auf mehr als hundert Jahre ein Ende, waͤhrend welcher Zeit, mit Ausnahme einer oder zweier kurzer Unterbrechungen, die zwei Nationen in groͤßter Eintracht mit einander lebten. Dieſe Eintracht trug zum Gluͤck beider bei, und mag auch feiner Zeit auf ihre gaͤnzliche Vereinigung Einſlus gehabt ha⸗ den, wozu ſie ihrer natuͤrlichen Lage nach, da ſie ein und dieſe be Inſel bewohnten, beſtimmt geweſen zu ſeyn ſcheinen. In Abſicht auf Handel wurde auch die Gemeinſchaft haͤnfiger. Mehrere der engliſchen und ſchottiſchen Familien verheirathe⸗ 37 ten ſich unter einander und ſchloſſen Freundſchaftsbuͤndniſſe; verſchiedene maͤchtige Lords und Baronen hatten endlich in England und Schottland Beſitzungen. Alles bisher Geſchehene ſchien Friede und Ruhe zwiſchen den zwei Köoͤnigreichen zu verſprechen, bis durch eine Reihe trauriger Ereigniſſe die kö⸗ niglich ſchottiſche Familie beinahe ganz erloſch. Dadurch ka⸗ men die engliſchen Monarchen in Verſuchung ihre ungerech⸗ ten. Anſpruͤche auf Schottlands Thron geltend zu machen, worauf ſich eine Reihe von Kriegen entſpann, welche ſchreck⸗ licher und blutiger ausfielen, als alle die bisher zwiſchen den zwei Laͤndern gefuͤhrten. — ᷣ⁴Ṕ:ö9õ Viertes Kapitel. Tod Alexander's von Schottland und widerrechtliche Beſitzneh⸗ mung des Königs Eduard I. Nach Malcolm Canmore, Sohn Duncan's, welcher auf Macbeth folgte, regierten in Schottland noch ſieben Koͤnige. durch Erbfolge. Ihre Regierung nimmt einen Zeitraum von beinahe zweihundert Jahren ein. Mehrere derſelben waren ſehr tuͤchtige Maͤnner, alle aber wohlwollende, gute Fuͤrſten, und geneigt, ihre Pflichten gegen ihre Unterthanen zu erfuͤl⸗ len. Sie gaben gute Geſetze, und in Betracht der damaligen barbariſchen und unwiſſenden Zeiten ſchienen ſie in ihrer Aus⸗ ildung eben ſo hoch zu ſtehen, als die uͤbrigen Koͤnige, wel⸗ che zu jener Zeit in Europa regierten. Alexander, der dritte dieſes Namens, und der letzte der oben erwaͤhnten Regenten, war ein vortrefflicher Fuͤrſt. Er vereitelte in der Sohlacht bei Largs einen bedeutenden Einfall der Rorwegen und Daͤ⸗ men, nachdem ſie ſchon gelandet hatten. Er ervberte auch die Hebriden, die im Weſten von Schottland gelegenen Inſeln, und verleibte ſie den ſchottiſchen Beſitzungen ein; ſie hatten bis dahin noch nicht zum ſchottiſchen Koͤnigreich gehoͤrt. Er unterhielt auch mit England innige Freundſchaft, wollte aber mie auf irgend ein Recht Schottlands verzichten. Er war, Furz geſagt, ein braver, vortrefflicher Regent. Alexander III. heirathete Margarethe, die Tochter Heinrich's III. von Eng⸗ land; aber ungluͤcklicherweiſe ſtarben alle die Kinder, welche in dieſer Ehe gezeugt wurden, vor ihrem Vater. Nach dem Kode der Koͤnigin Margarethe nahm Alexander eine zweite Frau, bekam aber keine Kinder mehr von ihr. Als er eines Abends in der Daͤmmerung laͤngs der Seekuͤſte von Fife zwiſchen Burntisiand und Kinghorn ſpazieren ritt, naͤherte er ſich zu ſehr dem Rande eines Absrundes; ſein Pferd ſtutz⸗ te oder ſtolperte und er ſtuͤrzte ſo uͤber einen Felſen hinab, daß er auf der Stelle ſtarb. Es ſind nun ſeit Aleranders Tod 523 Jahrr her, aber noch zeigen die Leute jener Gegend, den Fleck, wo das Ungluͤck geſchah, und daher hat auch jene Stelle den Namen Koͤnigsfelſen. Die ſehr traurigen Folgen, welche Alerander's Tod nach ſich zog, trugen dazu bei, daß zman ſich lange ſeines ungluͤcklichen Sturzes erinnerte. Eine Art Trauergedicht, worin ſeiner Tugenden und der nach ſei⸗ nem Tode erfolgten traurigen Ereigniſſe erwaͤhnt wird, iſt auch noch vorhanden. Es iſt das alteſte Gedicht in ſchotti⸗ ſſcher Sprache, was man kennt; da du es aber ſchlechterdings micht verſtehen wuͤrdeſt, ſo bin ich genothigt, dir nur deſſen kurzen Inhalt mitzutheilen: „Es heißt darin, das nach dem Tode Alexanders des vielgs⸗ wiebten Koönigs, alle Freude und aller Wohlſtand verſchwum⸗ Asn, und nichts ulrig geblieben ſey, als Gott zu bitten, daß 59 er ſich des in Elend und Verworrenheit verſundenen Schrit⸗ lauds annehmen moͤge, dens nur er koͤnne helfen.“ Eine andere Legende ſagt, daß ein weiſer Mann, Tho⸗ mas der Reimer, von dem eine Menge Geſchichten erzäͤhlt werden, einem ſchottiſchen Edelmann, dem Grafen von March, anvertraut habe, der 16. Maͤrz werde der ſtuͤrmiſchſte Tag ſeyn, welcher je in Schottland erlebt worden. Der Tag kam und war außerordentlich hell und mild. Jedoch waͤhrend Alle uͤber Thomas Reimer's falſche Prophezeihung lachten, kam ein Bote und brachte die Nachricht von des Koͤnigs Tode⸗ „Das iſt,“ ſagte Thomas,„der Sturm den ich meinte, und nie hat ein Sturm ſo viel Unheil geſtiftet, als dieſer uͤber Schottland bringen wird.“ Dieſe Geſchichte iſt wahrſchein⸗ lich unwahr; aber der allgemeine Glauben, den man ihr bei⸗ mißt, legt wenigſtens dar, daß der Tod Alexanders III. als ein's der drohendſten und ungluͤcklichſten Ereigniße betrachtet wurde. Man konnte die traurigen Folgen im Augenblick nicht einſehen, denn obgleich Aleranders Kinder, wie ſchon er⸗ waͤhnt, alle vor ihm geſtorben waren, ſo hatte ihm doch eine an Koͤnig Erich von Norwegen verheirathet geweſene Tochter⸗ eine Enkelin, Margarethe, hinterlaſſen, auf welche, als die naͤchſte Erbin der verſtorbenen Fuͤrſten, die Krone Schott⸗ lands uͤberging. Die junge Prinzeſſin, durch unſere Geſchicht⸗ ſchreiber dus Maͤdchen von Norwegen genannt, reſidirte an ihres Paters Hof. Nachdem auf dieſe Art die Krone Schottlands an ein junges Maͤdchen ſiel, trachtete der Koͤnig von England ſchlech⸗ ter dings von dieſen Umſtaͤnden Vortheil zu ziehen und Schott⸗ land mit ſeinem Reich zu vereinigen. Dieſer Koͤnig war Sduard, der erſte genaunt, weil er der erlte Fuͤrkt der Ner⸗ 40 maͤnniſchen Linie war, welcher ſo hieß. Er war ein ſehr bra⸗ ver Mann und guter Soldat, zugleich aber auch weiſe, ge⸗ ſchickt und king, jedoch ungluͤcklicherweiſe ſehr ehrgeizig; be⸗ ſonders wuͤnſchte er ſein konigliches Anſehen zu vergroͤßern, ohne darauf zu achten, ob die Mittel, deren er ſich hiezu be⸗ diente, gerecht oder ungerecht ſeyen. Obgleich es große Suͤn⸗ de iſt, ſich nach dem geluſten zu laſſen, was einem nicht ge⸗ hoͤrt, und eine noch größere, durch ſchlechte Mittel nach ſol⸗ chem Beſitz zu trachten, ſo war doch Eduard's I. Verlangen, das Koͤnigreich Schottland mit dem von England zu vereini⸗ gen, ſo groß, daß er dieſer Verſuchung nicht widerſtehen zonnte. Die Art, auf welche der engliſche Koͤnig anfaͤnglich ſei⸗ nen Wunſch ausfuͤhren wollte, war ſehr gerecht. Er ſchlug dem Maͤdchen von Norwegen, der nunmehrigen Koͤnigin von Schottland, vor, ſeinen alteſten Sohn, Eduard, zu heirathen. Zu dieſem Entzweck wurde ein Contract abgeſchloſſen, und waͤre die Heirath vollzogen und Kinder aus dieſer Ehe gezeugt worden, ſo wuͤrde die Vereinigung Englands und Schott⸗ lands dreihundert Jahre fruͤher zu Stande gekommen ſeyn, als ſie wirklich geſchah, und viel Geld und Blutvergießen „waͤren erſpart worden. Es war jedoch nicht der Wille des Himmels, daß dieſe wuͤnſchenswerthe Vereinigung fruͤher in Erfuͤllung gehen ſolle, als bis die beiden Voͤlker durch eine Reihe von Kriegs⸗ und Ungluͤcksjahren gebeugt ſeyn wuͤrden. Das junge Maͤdchen von Norwegen erkrankte und ſtarb; mit threm Leben endete natuͤrlich auch das mit der Heirath ver⸗ hunden geweſene Project. Der Tod der jungen Prinzeſſin verſetzte die Bewohner Schottlands in große Bekuͤmmerniß und Verzweiſlung. Nicht fin einziger Abkoͤmmling von Alexander II. war in Schott⸗ . 41 land, welcher als ſein von ihm abſtammender und als un⸗ lugbarer Erbe haͤtte berrachtet werden koͤnnen. Vlele der großen Adeligen, welche nahe oder enrfernt mit der koͤnigli⸗ chen Famille verwandt waren, ſchickten ſich an, jeder wie er konnte, ihre Anſpruͤche auf die Kroune darzuthun; ſie zogen Streitkraͤfte zuſammen, bildeten Parteien und bedrodten das Land mit einem Buͤrgerkrieg, was immer die groͤßte Land⸗ plage bieibt. Die Anzahl derjenigen, welche Anſprüche auf die Krone machten, belief ſich auf nicht weniger als auf zehn; alle behaupteten ſte ſeyen mehr oder weniger mit der koͤnig⸗ lichen Familie verwandt. Die meiſten von ihnen waren maͤchtig, entweder durch ihren Rang oder durch die Anzahl ihres Gefolges, und wenn ſie ihre Anſpruͤche durch das Schwert geltend machen wollten, ſo war klar am Tage, daß das ganze Land, von einer Seite des Meeres bis zur andern mit Krieg uͤberzogen werde. um dieſem großen Uebel vorzubengen, ſagt die Geſchich⸗ te, ſey der ſchottiſche Adel uͤbereingekommen, die Streitfrage uͤber die Thronfolge in ihrem Koͤnigreiche, Eduard I., Konig von England, einem der weiſeſten Regenten ſeiner Zeit, vor⸗ zulegen, und ihn als Schiedsrichter zu bitten, daß er beſtim⸗ men ſolle, welcher von denen auf den ſchottiſchen Thron An⸗ ſpruch Machenden den Vorzug erhalten ſolle. Das ſchottiſche Volk ſoll auch Geſandte zu Eduard geſchickt haben, um ſeine Einmiſchung als Richter nachzuſuchen; er hatte ſich jedoch ſchon vorgenommmen, die Thronſolge Schottlands zu ent⸗ ſcheiden, nur nicht als Richter, ſondern als Selbſtbetheilig⸗ ter, welcher den nemlichen Wunſch hatte, wie jene Adeligen. Zu dieſem Enszweck erneuerte er den alten Vorwand, daß er ein Recht auf die Feudal Souveraͤnitat Schottlands habe, 2 auf welche, wie ſchon erwaͤhnt, durch ſeinen edelmuͤthigen Vorgaͤnger, Richard L., vorſäͤtzlich Verzicht geleiſtet wurde. In dieſer Abſicht lud Eduard von England den Adel und die Geiſtlichkeit von Schottland ein, mit ihm auf dem Schloſ⸗ ſe Norham, einer nicht unbetraͤchtlichen Feſtang, welche auf der engliſchen Seite des Tweedfluſſes lag, und dort bie Gren⸗ ze zwiſchen England und Schottland bildete, zuſammenzukom⸗ men. Sie kamen den 9. Juni 1291 hin; der Koͤnig mit ſei⸗ nem ganzen Hofſtaat traf vor ihnen ein. Der Koͤnig war ein ſchoͤner Mann und ſo groß, daß er unter dem Namen „der Langbeinige“ allgemein bekannt war. Ein Juſtitiar von England erklaͤrte hierauf dem verſammelten Adel und der Geiſtlichkeit Schottlands im Namen des Koͤnigs Eduard, daß es, bevor er entſcheiden koͤnne, welcher Vaſall Koͤnig von Schottland werden ſolle, unumgaͤnglich noͤthig ſey, daß ſie des Koͤnigs von England Recht, als Lord Paramount oder als Herr von Schottland anerkennen.— Die Adeligen und Geiſtlichen Schottlands waren nicht wenig erſtaunt, als ſie hoͤrten, daß der Koͤnig von England einen Anſpruch mache, welcher, mit Ausnahme einer kurzen Zeit, in welcher es darum zu thun war, den Koͤnig Wilhelm den Loͤwen aus der Seſangenſchaft zu befreien, nie zugege⸗ ben, und auf welchen nachher durch Richard 1. für immer Verzicht geleiſtet wurde. Sie verweigerten eher eine Antwort zu geben, bis ſie alle miteinander berathſchlagt haben wuͤrden. „Beim Sankt Eduard!“ rief der Koͤnig aus,„deſſen Krone ich trage, ich werde meine gerechten Anſpruͤche geltend ma⸗ chen, oder in meinem eigenen Unternehmen zu Grunde ge⸗ hen!“ Er entließ die Verſammlung hierauf und geſtattete den Schotten einen Aufſchub von drei Wochen. Die ſchottiſchen Edelleute ihrer Seits wurden auf Koͤnig 4³ Eduards eigennuͤtzigen und ehrgeitzigen Plan aufmerkſam, und faßten den Entſchluß, ihre Macht zuſammenzuziehen und zu erklaͤren, daß ſie die Rechte und Unabhaͤngigkeit ihres Landes vertheidigen wollen. Sie waren aber unter ſich ſelbſt uneins und hatten keinen Heerfuͤhrer; die Bewerber um die Krone waren einfaͤltig genug, mit Koͤnig Eduard gemeinſchaftliche Sache zu machen, weil ein jeder von ihnen hoffte, der Koͤnig werde demjenigen zum Throne verhelſen, welcher ſich am be⸗ reitwilligſten zeige, ſeine eigenen Anſpruͤche auf unum⸗ ſchraͤnkte Herrſchaft uͤber Schottland zu unterſtuͤtzen. Demnach hatte die zweite Verſammlung des ſchottiſchen Adels und der Geiſtlichkeit ſtatt, ohne daß einer gegen des Koͤnigs von England Begehren eine Einwendung machte, ob⸗ gleich ſie wußten, daß ſeine Anſpruͤche ſehr ungerecht waren. Sie hatten ſich auf einem greßen freien Platz verſammelt, welcher dem Schloſſe Norham gegenuͤber auf der noͤrdlichen oder ſchottiſchen Seite des Fluſſes Tweer lag und Upſettling⸗ ton hieß. Der Kanzler von England fragte hierauf die ge⸗ genwaͤrtig geweſenen Bewerber, ob ſie den Koͤnig von Eng⸗ land als Lord Paramount anerkennen, und ob ſie einwilligen wollen, daß Eduarden auf die Art, wie er es verlange, die Krone Schottlands zu Theil werde, und daß er ſie behalte. Sie antworteten alle, daß ſie ſehr gerne einwilligen; ſo zo⸗ gen denn die unwuͤrdigen Bewerber vor, lieber die Unabhaͤn⸗ sigkeit ihres Landes, welche ſo lange und tapfer vertheidigt worden, zu opfern, als den Koͤnig Eduard durch ihre eigenen Anſpruͤche beleidigen zu wollen. Nach Pruͤfung der Anſpruͤche der verſchiedenen Bewerber ergab ſich, daß Robert Bruce, Lord von Annandale und Jo⸗ hann Buliol, Lord von Galloway, am meiſten Recht auf die Threufolse Schottlands hatten, Beide waren große und mach⸗ 44 tige Edelleute, beide normaͤnniſche Abkoͤmmlinge und beide in England und Schottland ſehr beguͤtert, endlich ſtammten ſie auch beide, durch eine Tochter Davids, des Grafen von Hun⸗ tingdon, von der ſchottiſchen koͤniglichen Familie ab. Eduard entſchied, wegen ſchuldiger Ruͤckſicht, Baliol ſoll König von Schottland werden, jedoch immer verbunden bleiben, ihn, Eduarden, als Lord Paramount oder als unumſchraͤnkten Herrn uͤber Schottland anzuerkennen. Ivhann Baliol druͤck⸗ te jener ſchaͤndlichen Scene das Siegel auf; er huldigte dem König von England und erkannte an, daß er des Koͤnigs Le⸗ hensmann und Unterthan ſey. Bald nach dieſem merkwuͤrdigen, und fuͤr Schottland ſchaͤndlichen Vertrag zeiste Koͤnig Eduard dem Ritter Baliol, daß es gar nicht in ſeiner Abſicht lag, ſich mit einer leeren Anerkennung ſeines Rechts auf die Souveraͤnitaͤt Schottlands zu begnuͤgen, ſondern daß er entſchloſſen ſey, dieſes Recht bei jeder möglichen Gelegenheit mit aller Strenge auszuuͤben. Er that dieß ohne Zweifel mit dem Vorſatz den Baliol zu einer widerſpenſtigen Handlung zu reitzen, damit er, als Konig, ei⸗ nen Vorwand habe, unter welchem er dem ungehorſamen Un⸗ terthan das Koͤnigreich abnehmen, und dann ſolches unter dem unrechtmaͤßigen Titel eines Lords von Paramount unter ſei⸗ ne eigene Regierung ſtelen könne. Er ſtiftete daher die ſchottiſchen Unterthanen auf, von Valiol's Gerichtshoͤfen an die ſeinigen zu appelliren; nachdem aber Valiol ſeinen Unfer⸗ thanen verbot, bei den englifchen Gerichtshöfen zu erſcheinen, und er ſelbſt verweigerte, uͤber das, was er als Koͤnig von Schottland verfuͤgt hat, bei den engliſchen Gerichtshoͤten Re⸗ chenſchaft abzulegen, ſo beharrte Eduard darauf, baß er in den Beſitz der drei Hauptfeſtungen Schottlands Berwik, Bor⸗ burgh und Jedburzh, eingeſetzt werden muͤſſe. Baliol uͤber⸗ — 43 gab hierauf die drei Feſtungen, oder wenigſteus widerſetzte er ſich nicht, ſie zu uͤbergeben; aber durchſchaute wohl, daß Eduards Abſicht ſey, ſeine Macht nach und nach ganz zu ſchwaͤchen, und einsmals trat er, von Schaam und Furcht dazu getrieben, mit Frankreich in ein Buͤndniß, warb eine betraͤchtliche Armee, und uberſiel in England Eduards Beſitz⸗ ungen, den er noch kuͤrzlich als ſeinen oberſten Herrn aner⸗ kannt hatte. Zugleich ſchrieb er an Eduard und ſagte ſich foͤrmlich von ſeiner bisherigen Abhaͤngigkeit los. Eduard ver⸗ ſetzte darauf in normaͤnniſchfranzoͤſiſcher Sprache:„Ha! wie „kann dieſer Einſaltspinſel ſolche Thorheit begehen? da er „nicht auf uns warten will, wie es ſeine Pflicht gebeut. ſo „wollen wir zu ihm gehen!“— Uebereinſtimmend mit dieſer Aeuſſerung, verſammelte er eine maͤchtige Armee, unter der auch Bruce Dienſte nahm, derſelbe, welcher mit Baliol ſich um Schortlands Krone beworben hatte, und welcher ſie wegen Baliol's verwirkter Zuͤchtigung nun zu erhalten hoffte. Eduard lieferte der ſchottiſchen Armee in einer großen Schlacht bei Dunbar eine tuͤchtige Niederlage und Baliol, ein Mann von nur mittelmaͤßigen Geiſteskraͤften, hoͤrte auf ſich zu wider⸗ ſetzen. Er erſchien in der Feſtung Borbourgh vor Eduard und unterwarf ſich ganz demuthsvoll, und war hiebei nur mittelmaͤßig gekleidet, ohne Schwert und ohne koͤnigliche Auszeichnung irgend einer Art, einen weißen Stab in der Hand tragend. Er bekannte dort, daß er nur auf ſchlechten Rath hin und aus Thorheit ſich gegen ſeinen Lehensherrn aufgelehnt habe; zum Suͤhnopfer uͤbergab er das Koͤnigreich Schottland mit den Einwohnern und den ihnen obliegenden Pflichten dem Koͤnig Eduard als ihrem Lehensherrn. Auf das hin erhielt er die Erlaubniß ungeſtraft fortgehen zu duͤrfen. 46 Rachdem Baliol auf ſolche Art abgetreten war, glaubte ſich Bruce zu der Hoffnung berechtigt, wenigſtens als unter⸗ wuͤrfiger, oder als abhaͤngiger Koͤnig Schottlands Thron be⸗ ſteigen zu duͤrfen; aber Eduard gab ihm die harte Antwort: „Glaubſt Du ich habe nichts Beſſeres zu thun, als Koͤnig⸗ „reiche fuͤr Dich zu erobern?“ Durch dieſe Aeuſſerung gab der engliſche Koͤnig deutlich genug zu verſtehen, daß er die Abſicht habe Schottland fur ſich ſelbſt zu behalten; und ergriff ſofort auch ſolche Maßregekn, die ſeine Abſicht noch mehr ver⸗ riethen. 3 Eduard marſchierte an der Spitze einer maͤchtigen Armee durch ganz Schottland und zwang alle Hohen, ſich ihm zu un⸗ terwerfen. Er verlegte die Archive Schottlands nach London, und ließ mit großer Anſtrengung einen Stein von betraͤchtli⸗ cher Groͤße in die Abteikirche von Weſtminſter bringen, nem⸗ lich denſelben Stein, auf welchen herkoͤmmlicher Weiſe jedes⸗ mal der König von Schottland bei ſeiner Kroͤnung geſtellt wurde; es ſollte andeuten, daß er unumſchraͤnkter Herr von Schottland ſey, und daß das Land auch fuͤr die Zukunft kei⸗ nen andern Konig haben ſolle, als entweder ihn ſelbſt oder ſeine Abkoͤmmlinge, die Könige von England. Der Stein iſt noch aufbewahrt und heutigen Tages wird bei Kroͤnung eines Koͤnigs deſſen Thron darauf errichtet. Nach oberwaͤhntem Vorgang endlich uͤbertrug Ednard das Gonvernement uͤber Scholtland dem Grafen von Survy, einem biedern Edelmann; ferner wurden in Schottland angeſtellt: Hugo Creſüngham, ein Geiſtlicher, mit dem Titel eines Hauptſchatzmeiſters; Wilhelm Ormesby mit dem Rang eines oberſten Richters im Koͤnigreiche. Eduard legte in alle Feſtungen und feſten Pläͤtze Schortlands von einem Ende des Reiches zum andern ang⸗ iſche Truppen, und eben ſo, da er den Schotten nicht traute, 4 ernannte er meiſtentheils Englaͤnder zu Eouverneurs der ſchottiſchen Provinzen. Ich will, mein liebes Kind, hier bemerken, daß der naͤm⸗ liche Ebuard I. kurz zuvor, ehe er Schottland ſo ſehr unter⸗ druͤckte, die Provinz Wales erobert hatte, dieſen bergigen Theil der brittiſchen Inſel, wohin die Britten vor den Sach⸗ ſen geflohen waren und wo jene bis zur Regierung dieſes ge⸗ ſchickten und ehrgeizigen Fuͤrſten, ihre Unabhaͤngigkeit erhal⸗ ten hatten. Bei Unterjochung der Provinz Wales ging Cduard weit treuloſer und grauſamer zu Werk, als in Schottland; er hatte den letzten Prinzen von Wales, nachdem er ihn ge⸗ fangen genommen, aufhaͤngen laſſen, und zwar aus keiner andern Urſache, als weil er ſein Land gegen die Engländer, die gar kein Recht auf Wales hatten, vertheidigte. Vielleicht dachte Eduard bei ſich ſelbſt, daß er durch Vereinigung der ganzen britaniſchen Inſel unter einen Koöͤnig und unter eine Regierung, ſo viel Gutes ſiſten und kuͤnftige Kriege abwen⸗ den koͤnnte, daß deshalb ſeine Gewaltthaten und treuloſen Handlungen, deren er ſich zu Ausfuͤhrung ſeines Vorhabens bediente, entſchuldigt ſeyen.— 3 Aber, mein gutes Kind, Gott, welcher unſere Herzen durchſchaut, wird nie ſolche Maßregeln, die aus boͤfem Her⸗ zen kommen, ſegnen, well ſie nur unter dem Vorwand, Gutes erzielen zu wollen, angewendet werden. Wir muͤſſen nie ſchlecht handeln, um etwas Gutes zu erreichen. Die gluͤckliche Ausſicht, England und Schottland unter eine Re⸗ gierung zu vereinigen, war durch Eduards widerrechtliche, ohne alle Grundſätze unternommene Beſitznahme noch ſo fer⸗ ne, daß der Haß und die Nattonal⸗Antipathie, welche zwi⸗ ſchen den zwei verſchweſterten Laͤndern nur geſteigert wurden, 48 die Hoffnung zu ihrer gaͤnzlichen Vereinigung, zu was ſie durch ihre natuͤrliche Lage beſtimmt ſchienen, auf weit ent⸗ fernte Zeiten verſchob. Fuͤnftes Kapitel. Die Beſchichte des Sir Wilhelm Wallace⸗ Ich ſagte Dir ſchon, mein lieber Hugo, daß Eduard 1. von England das Königreich Schottland gleich einer eroberten Provinz behandelte, obgleich er weniger durch ſeine Tapferkeit, als durch Liſt und Benutzung der Streite und Entzweiung, bie nach Alexander III. Tod unter den Schotten ausbrachen, in Schortlands Beſitz kam. Die Englaͤnder hatten das Land nun in Beſitz genom⸗ men und regierten es mit viel Strenge. Der oberſte Ge⸗ richtsherr Ormesby forderte alle diejenigen, welche dem Koͤ⸗ uig Eduard den Huldigungseid nicht leiſten wollten, auf, ſich zu nennen. Viele Schottlaͤnder verweigerten ihn, weil ſie behaupteten, der engliſche Koͤnig habe kein Recht, dieſen Eid von ihnen zu verlangen. Alle dieſe wurden vor die Schran: ken der Gerichtshoͤfe geladen, ſie mußten Geld erlegen, ihre Grundſtuͤcke hergeben, und noch wurden ſie auf andere Weiſe ſtreng beſtraft. Dann erpreßte Hugo Creſſingham, der eng⸗ liſche Schatzmeiſter, unter allerlei Vorwaͤnden von den Schott⸗ ländern eine Menge Geldes. Sie waren immer ein armes Volk und ihre eigenen im Lande gebornen Konige hatten ſie mit viel Schonuns behandelt und ihnen ſelten Steuern anf⸗ erlegt. 49 erlegt. Sie wurden daher raſend aufgebracht, beſonders welt ſie fanden, daß ſie dem engliſchen Schatzmeiſter weit bedeu⸗ tendere Summen bezahlen mußten, als je ihre eigenen guten Koͤnige von ihnen verlangt hatten. Auſſer dieſen Erpreſſungen wurden die engliſchen Truv⸗ pen, wie ich ſchon erwaͤhnte, in die verſchiedenen feſten Plaͤtze Schettlands verlegt; dieſe Soldaten hielten ſich fuͤr die Her⸗ ren des Landes, behandelten die Schotten ſehr veraͤchtlich, nahmen mit Gewalt, was ihnen gerade gefiel, und wenn die Einwohner Widerſtand leiſten wollten, ſo mißhandelten ſie ſolche, ſchlugen ſie, verwundeten und toͤdteten ſogar einige derſelben. Dieſe Gewaltthaͤtigkeiten wurden den Soldaten, durch die engliſchen Officiere nicht einmal unterſagt, viel we⸗ niger wurden ſie hiefuͤr beſtraft. Die Noth in Schottland war daher groß; die Einwohner waren wuͤthend aufgebracht, und es fehlte ihnen nur an einem Fuͤhrer, um in Maſſe gegen die Englaͤnder aufzuſtehen, oder gegen die Suͤdmanner, wie ſie ſolche nannten, damit ſie die Freiheit ihres Landes wieder erlangen konnten, welche ihnen durch Eduard 1. ge⸗ nommen worden war. Ein ſolcher Fuͤhrer fand ſich endlich in der Perſon des Wilhelm Wallace, deſſen Namen von da an in der ſchotti⸗ ſchen Geſchichte oft genannt wird. Es iſt Schade, daß wir die Geſchichte dieſes tapferen Mannes nicht genau wiſſen, aber zu der Zeit, in welcher er lebte, war ein Jeder in Schottland ſo eifrig, ſich zu vertheidigen, daß keiner das nie⸗ derſchrieb, was ſich zugetragen hat, und ſpaͤter als man Muße hiezu hatte wurden die Begebenheiten, die man ſammelte mit lauter Luͤgen vermiſcht. Das Wenige, was ich von ihm ſa⸗ gen werde, wird allgemein als wahr angenommen. W. Scort's Werke. XCV.. 4 —õ—õ— 80 Withelm Wallace war keiner von den hohen Adeligen Schottlands, ſondern der Sohn eines rechtſchaffenen Privat⸗ manns, des Wallace von Ellerslie in Renfrewshire bei Pais⸗ ley. Er war groß und ſchoͤn und einer der rechtlichſten und tapferſten Maͤnner, welche je lebten. Er hatte eine ſehr feine Geſichtsbildung, dicke blonde Haare und war beſonders in allen Waffen, deren man ſich damals bediente, ſehr geuͤbt. Wallace war, gleich allen von Muth beſeelten Schottlaͤndern uͤber die durch Eduard ausgefuͤhrte widerrechtliche Beſitznahme der ſchottiſchen Krone ſowohl, als uͤber die Niedertraͤchtigkei⸗ ten, welche die engliſchen Soldaten an ſeinen Landsleuten ausübten, ganz empoͤrt. Man erzaͤhlt ſich, daß er einſt in ſeiner Jugend am Irvine Fluße bei Ayr ſich mit Fiſchfangen unterhalten habe, da habe er eine Menge Forellen gefangen, welche er durch einen Knaben tragen ließ, der ihm, wie dieß bei den Anglern gewoͤhnlich zu geſchehen pflegt, mit einem Fiſchkorb folgte; darauf ſeyen zwei oder drei engliſche Solda⸗ teu aus der Garniſon Ayr auf ihn zugekommen und haben ihm, ihrer angewohnten Unverſchaͤmtheit zufolge, die Fiſche wegnehmen wollen. Wallace wollte ihnen recht gerne einen Theil von Forellen, aber nicht den ganzen Korb voll geben. Die Soldaten beharrten auf ihrem Begehren und vom Wort⸗ wechſel kam es zu Thaͤtlichkeiten. Wallace hatte keine beſſere Waffen, als das dicke Ende ſeiner Fiſchangel; aber er ſchlug damit den erſten auf ihn zukommenden Englaͤnder, ſo tuͤchtig hinter das Ohr, daß er ihn auf der Stelle toͤdtete; dann nahm er deſſen Schwert und focht mit ſolcher Wuth gegen die andern, daß ſie die Flucht ergriffen und ſo brachte er ſei⸗ ne Fiſche ſicher und wohlbehalten nach Hauſe. Der engliſche Gouverneur von Ayr ließ ihn aufſuchen, um ihn fuͤr dieſes Vergehen mit dem Tode zu beſtrafen; aber Wallace hielt ſich 51 in den Bergen und dicken Waͤldern verborgen, bis die Sache vergeſſen war, dann erſchien er auf einmal in einer andern Gegend des Landes. Man ſagt ihm nach, er habe noch aller⸗ lei Begebenheiten der Art erlebt, bei welchen er ſich ritter⸗ lich wehrte, manchmal allein, manchmal mit wenigen Kame⸗ raden gegen eine uͤberlegene Anzahl Englaͤnder; es ſoll ſo weit gekommen ſeyn, daß ſein Name ihnen ſchon Schrecken eingeflößt habe. Die Begebenheit aber, welche zuletzt ſeinen Wafeenruhm herbeigefuhrt hat, ſoll ſich in der Stadt Lanart zugetragen haben. Wallace war damals mit einem Frauenzimmer aus genannter Stadt verheirathet und lebte dort mit ihr. Eines Tags ging er auf dem Marktplatz ſpazieren; er trug einen gruͤnen Rock und einen reich gezierten Doſch an der Seite; da kam ein Englaͤnder zu ihm hin und machte ihm ſeines ſchönen Anzugs wegen Grobheiten, indem er ſagte, ein Schott⸗ lander brauche keine ſo ſchoͤne Kleider und ſo ſchoͤne Waffer zu tragen. Es kam hald zu einem Streit, wie ſchon bei ſo vielen Gelegenheiten und Wallace floh, nachdem er den Eng⸗ laͤnder umgebracht hatte, in ſein eigenes Haus, welches gleich darauf durch ale engliſchen Soldaten beſtürmt wurde. Waͤhrend ſie damit beſchaͤftigt waren, ſein Haus in der Front anzugreiſen, fioh Wallace durch eine Hinterthur und kam erſt in einem rauhen felſigten Thale, Cartlond Erags genannt, in Sicherheit; das Thal war ganz mit Gebuͤſch und Baͤumen hewachſen, voll tiefer Abgruͤnde und lag in der Nachbarſchaft von Lanark, wo er ſich vor den Nachſtellungen der engliſchen Soldaten ſicher wußte. Inzwiſchen ließ der Gouperneur von Lanark, welcher Hazelrigg hieß, ſein Haus abbrennen und ſein Weih und ſeine Dienerſchaft hinrichten, wodurch, wie 4 7 5² man ſich leicht vorſtellen kann, Wallace's Haß, den er ſchon vorher gegen die Englaͤnder hatte, den hoͤchſten Grad erreich⸗ te. Hazelrigg erklaͤrte ihn auch fuͤr vogelfrei und ſetzte dem, welcher ihn lebendig oder todt in eine engliſche Garniſon lie⸗ fere, eine Belohnung aus. Wallace ſeiner ſeits hatte bakd eine Anzahl ſolcher Maͤn⸗ ner beiſammen, welche gleich ihm, geaͤchtet waren oder es lieber werden wollten, als laͤnger unter der Schmach der Englaͤnder zu leiden. Eine ſeiner erſten Unternehmungen war gegen Hazelrigg ſelbſt gerichtet, welchen er umbrachte, und ſo den Tod ſeines Weibes rachte. Er beſtand mit denen gegen ihn ausgeſchickten Soldaten manches Gefecht, lieſerte ihnen tuͤchtige Niederlagen und wurde am Ende ſo bekannt und ſo ſurchtbar, daß ganze Haufen ſeiner Fahne zuliefen und er endlich an der Spitze einer Armee ſtund, mit welcher er ſein Paterland wieder befreien zu wollen vorſchlug. um dieſe Zeit ſoll ſich ein merkwuͤrdiges Ereigniß zuge⸗ tragen haben, welches das ſchottiſche Volk„die Scheunen von Ayr“ nennt. Der Gouverneur von Ayr naͤmlich ſoll den groͤßern Theil des im weſtlichen Theil Schottlands wohnenden hohen und niedern Adels eingeladen haben, mit ihm in eini⸗ gen großen Gebaͤuden, die Schennen von Ayr genannt, zu⸗ ſammen zu kommen, um Gegenſtaͤnde, die das Wohl und die Angelegenheiten der Nation betreffen, in aller Freundſchaft abzuhandeln. Aber die engliſchen Grafen hatten die verraͤtheri⸗ ſche Abſicht, die ſchottiſchen Edelleute umbringen zu laſſen; die engliſchen Soldaten hatten ſchon Fallſtricke mit laufenden Schlaufen zubereitet und dieſe uͤber die Querbalken, welche das Dach trugen, gehaͤngt; nachdem die ſchottiſchen Edellente zu zwei und zwei eingelaſſen worden waren, wurden ſie von ahen herab mit Schlingen umſtrickt, am Halſe hinauſgezogen 53 und auf dieſe Art gehangen oder erwuͤrgt. Unter den auf ſo niedertraͤchtige Weiſe Umgekommenen ſoll auch Sir Ranald Crawford, Scheriff des Bezirks von Ayr und Oheim des William Wallace geweſen ſeyn. Nachdem Wallace erfahren, was ſich zugetragen, wurde er fuͤrchterlich aufgebracht und ſammelte ſeine Leute in einem nahe bei der Stadt gelegenen Walde; er ſchwur ſich an den Urhebern jenes ſcheußlichen Verbrechens zu raͤchen. Die Eng⸗ laͤnder hielten inzwiſchen viele Gelage, und jedesmal, nach⸗ dem ſie ſich voll gegeſſen und getrunken hatten, legten ſie ſich nieder und ſchliefen in denſelben großen Scheunen, in wel⸗ chen ſie die ſchottiſchen Edelleute ermordet hatten. Wallace erfuhr, daß ſie weder Wache noch Poſten haben, weil ſie nicht vermutheten, daß ihre Feinde ſo nahe ſeyen; er beſtach hier⸗ auf ein mit jenem Platze bekanntes Weib, ſie mußte die Thuͤ⸗ ren der zu den Englaͤndern fuͤhrenden Gelaße mit Kreide bezeichnen; dann ließ er durch einige ſeiner Leute dieſe Thore mit Stricken von Außen ſo feſt zumachen, daß die innen Lie⸗ genden von innen nicht aufmachen konnten. Um die Außen⸗ ſeite des Gebaudes herum hatten die Schotten Strohhaufen gelegt, die ſie anzuͤndeten, worauf die Scheunen von Ayr, da ſie ganz aus Holz erbaut waren, bald in Flammen ſtunden. Auf dieſes hin erwachten natürlich die Engläͤnder und ſuchten ihr Leben zu retten; aber, wie ſchon geſagt, die Thore waren von Außen gut verwahrt und mit Stricken feſt zugebunden; uͤberdies wurden die breunenden Haͤuſer von den Schotten umringt, und diejenigen Englaͤnder, welche ſich retten woll⸗ ten, ins Feuer zuruͤckgetrieben oder auf der Stelle niederge⸗ metzelt; ſo daß eine bedeutende Anzahl Englaͤnder erbaͤrmlich um's Leben kam. Viele andere Englaͤnder, welche in einem Kloſter wohnten hatten kein heſſeres Schickſal; der Prior deß 5⁴ felben veranlaßte alle feine Moͤnche ſich zu bewaffnen und ihre engliechen Gaͤſte anzugreifen, worauf ſie die meiſten mit dem Schwert umbrachten. Dieſe That wurde die„Segnung der Moͤnche von Ayr“ genannt. Ich kann nicht behaupten, ob die Geſchichte der Scheunen von Ayr ganz genan wahr iſt; aber ſo viel iſt gewiß, daß etwas davon wahr ſeyn muß, da man in jener Gegend allgemein daran glaubt. Des Wallace Partei wuchs von Tag zu Tag; beſonders ſchloſſen ſich viele ſchottiſche Edelleute an ihn an. Unter dieſen befand ſich Sir Wilhelm Douglas, Lord von Douglosdale und Haupt einer in der ſchottiſchen Geſchichte oft erwaͤhnten Fa⸗ milie; eben ſo befand ſich auch Johann Graham dabei, wel⸗ cher Wallace's Buſenfreund und erſter Vertrauter wurde. Viele dieſer großen Adeligen aber verließen die Sache des Landes bei der Annaͤherung des Grafen von Surrey, des engliſchen Gouverneurs, welcher an der Spitze einer zahlrei⸗ chen und gut ausgeruͤſteten Armee erſchien. Sie dachten, Wallace werde nicht im Stande ſeyn, dem Angriff ſo vieler gut geordneter Truppen Widerſtand zu leiſten, und aus Furcht ihre Grundbeſitzungen zu verlieren, beeilten ſie ſich aus freien Stuͤcken, ſich den Englaͤndern zu unterwerfen. Wallace blieb unerſchrocken an der Spitze einer betraͤchtlichen Armee. Er hatte ſein Lager auf der noͤrdlichen Seite des Flußes Forth, nahe bei der Stadt Stirling aufgeſchlagen, wo⸗ ſelbſt eine lange hoͤlzerne Bruͤcke die Verbindung der beiden Ufer herſtellte, ungefaͤhr eine Meile oberhalb der Stelle, wo derzeit die Bruͤcke ſteht.— Der engliſche Heerfuͤhrer naͤherte ſich den Ufern des Flußes auf der fuͤdlichen Seite. Er ließ durch zwei Geiſtliche dem Wallace und ſeinen Anhaͤngern unter der Bedingung, daß ſie die Waffen niederlegen ſollen, Verzeihung aubieten. 55 Dies war jedoch nicht die Abſicht der ſtolzen Kaͤmpfer Schokt⸗ lands. „Geht hin, zum Grafen von Warren,“ antwortete Wal⸗ lace,„und ſagt ihm, daß wir die Verzeihung des Koͤnigs von England nicht wurdigen. Wir ſeyen nicht hier um Frie⸗ densunterhandlungen anzuknuͤpfen, ſondern um uns zu ſchla⸗ gen und unſer Land zu befreien. Laßt die Englaͤnder ankom⸗ men— wir fordern ſie bei ihrem Bart heraus!“(Dieſe Worte bediente man ſich damals, um etwas recht hoch zu betheuren). Auf dieſe Antwort hin verlangten die Englaͤnder laut, zum Kampfe gelaſſen zu werden. Der Graf von Warren jedoch zoͤgerte, denn er war ein geſchickter Soldat, und ſah wohl, daß ſeine Truppen, um ſich den Schotten zu naͤhern, die lange ſchmale hoͤlzerne Bruͤcke paſſiren muͤßten, ſo daß die, welche zuerſt den Uebergang bewerkſtelligen ſollten, durch Wallace mit aller Macht angegriffen wuͤrden, ehe es den noch Zuruͤckbleibenden moͤglich wuͤrde, den Angriff zu unter⸗ ſtuͤtzen. Er beſchloß daher die Schlacht noch aufzuſchieben, aber Creſſingham der Schatzmeiſter, welcher unwiſſend und verwegen war, beharrte darauf, daß es ihre Pflicht ſeye, ſich zu ſchlagen, und dem Krieg auf einmal ein Ende zu machen. Warren gab ſeiner Meinung nach, obgleich Creſſingham, ein Geiſtlicher, nicht ſo gut beurtheilen konnte, was zweckdienlich ſey, als er ſelbſt, der als Soldat ſchon viele Erfahrungen geſammelt hatte. Somit begann die engliſche Armee den Uebergang uͤber die Bruͤcke. Creſſingham fuͤhrte den Vortrab; denn in dieſen kriegeriſchen Zeiten griff jeder Geiſtliche zu den Waffen und folgte der Armee auf das Schlachtfeld. Die von Warren vorausgeſehene Gefahr ruͤckte naͤher. Wallace ließ einen be⸗ deutenden Theil der engliſchen Armee die Bruͤcke paſſiren⸗ 56 ohne den geringſten Widerſtand zu leiſten; als aber ungefaͤhr die Haͤlfte uͤber dem Fluße und die Bruͤcke ganz voll von den Nachfolgenden war, ſo griff er die, welche den Fluß ſchon paſſirt hatten, mit ſeiner ganzen Armee an, erſchlug eine bedeutende Anzahl derſelben und trieb die uͤbrigen in den Fluß Forth, woſelbſt die meiſten ihren Tod fanden. Der Reſt der auf dem ſuͤdlichen Ufer zuruͤckgebliebenen Englaͤnder floh in großer Unordnung und ſteckte die Bruͤcke in Brand, damit die Schotten ſie nicht verfolgen konnten. Creſſingham verlor gleich im Anfang dieſer Schlacht das Leben; die Schotten hatten ihn ſo ſehr verachtet, daß ſie von ſeinem todten Koͤrper die Haut abzogen, und zum Andenken an die am engliſchen Schatzmei⸗ ſter ausgeuͤbte Wiedervergeltung Stuͤcke davon aufbewahrten. Einige ſagen, jene haben Sattelgurten aus Creſſinghams Haut gemacht, aber dazu moͤchte ſie wohl nicht ſehr geeignet geweſen ſeyn. So viel muß man zugeſtehen, daß dieſe Hand⸗ zung, den todten Körper ihres Feindes noch beſchimpft zu haben, fuͤr die Schotten ſehr emeehrend war, und daß ſie da⸗ mals ein wildes barbariſches Volk geweſen ſeyn muͤſſen. Die Ueberbleibſel von Warrens großer Armee verließen nach dieſer Niederlage Schottland; die Schotten griffen au allen Orten zu den Waffen, machten auf die Feſtungen An⸗ griffe, in welchen ſich die Englaͤnder bis daher gehalten hat⸗ ten, und nahmen die meiſten entweder durch Gewalt oder durch Kriegsliſt ein. Bei dieſer Gelegenheit werden eine Menge wundervoller Geſchichtchen von Wallacen's Thaten erzaͤhlt, wovon einige ohne Zweifel wahr, waͤhrend andere erfunden oder ſehr uͤbertrieben ſind. Das ſcheint uͤbrigens gewiß zu ſeyn, daß er den Englaͤndern mehrere Niederlagen lieferte, ſie beinahe ganz aus Schottland lagte, die von ih⸗ nen beſetzten Staͤdte und Feitungen wieder einnahm und we⸗ 57 nigſtens auf einige Zeit ſeinem Vaterland vollkommene Frei⸗ heit erlangte. Er ruͤckte ſogar nach England vor, verwuͤſtete Cumberland und Northumberland, woſelbſt die ſchottiſchen Truppen zur Wiedervergeltung des in ihrem Lande geſtifteten Unheils viele Grauſamkeiten begingen. Wallace ſchuͤtzte die⸗ jenigen ſeiner Landsleute, welche nicht unter den Waffen wa⸗ ren, nicht; er wollte nur die Geiſtlichen und diejenigen, welche ſich nicht ſelbſt wehren konnten, beſchuͤtzen.„Bleibt bei mir,“ ſagte er zu den Prieſtern von Herham, einer gro⸗ ßen in Northumberland gelegenen Stadt,„denn ich kann Euch vor meinen Soldaten nicht ſchuͤtzen, wenn ihr nicht um meine Perſon ſeyd.“— Die Truppen, welche Wallace folg⸗ ten, erhielten keinen Sold, weil er kein Geld hatte, um ſie zu bezahlen; daher kam es auch, daß er nicht genug Manns⸗ zucht unter ihnen halten oder verhindern konnte, daß ſie das wehrloſe Volk plagten. Er blieb mehr als drei Wochen in England und ſtiftete dort viel Unheil. Eduard IL war waͤhrend dieſer Begebenheit in der Graf⸗ ſchaft Flandern. Man kann ſich leicht vorſtellen, daß er ſehr aͤrgerlich geweſen ſeyn mag, nachdem er erfahren, daß Schott⸗ land, welches er ganz unterjocht glaubte, in Maſſe gegen ihn auſgeſtanden, daß ſeine Armee vernichtet, ſein Schatzmeiſter umgebracht, ſeine Soldaten aus dem Lande gejagt und daß die Schotten mit Macht in England eingefallen ſeyen. Er war ganz fuͤrchterlich von Zorn entbrannt, als er aus Flan⸗ dern zuruͤck kam, und beſchloß, Schottland nicht eher zu ver⸗ laſſen, bis er das ganze Koͤnigreich wieder erobert habe; zu Ausfuͤhrung dieſes Vorhabens verſammelte er eine ſehr ſchoͤne Armee und marſchirte nach Schottland. Inzwiſchen trafen die Schotten ihre Vertheidigungsan⸗ ſtalten und erwaͤhlten Walace zum Gouverneur oder vielm ehr 58 Protector des Koͤnigreichs, weil ſie damals keinen Koͤnig hatten. Man nannte ihn nur Sir Wilhelm Wallace, Pro⸗ tector der ſchottiſchen Nation. Obgleich Wallace der beſte Soldat und der tapſerſte Mann in Schottland war,(wie wir aus dem Vorgang entnehmen koͤnnen) und ſich daßer am meiſten dazu eignete, in dieſer gefaͤhrlichen Zeit, in welcher der Koͤnig von England mit einer ſo machtigen Armee an⸗ ruͤckte, an die Spitze geſtellt zu werden, ſo goͤnnten ihm doch die Adeligen Schottlands dieſen wichtigen Poſten nicht, weil er nicht adelig von Geburt war und keine bedeutende Guͤter beſaß. Dieſe Eiferſucht ging ſo weit, daß ſie ihre Streit⸗ kraͤfte nicht einmal vorruͤcken laſſen oder ſich mit den Eng⸗ laͤndern ſchlagen mochten, weil ſie ihn nicht als ihren Feld⸗ berrn anerkennen wollten. Dieſes kleinliche und erbaͤrmliche Betragen mußte wohl fuͤr das arme Schottland traurige Fol⸗ gen nach ſich ziehen. Dem ungeachtet gelang es Wallace, eine betraͤchtliche Anzahl zuſammen zu bringen, denn die Mittelklaſſe und das gemeine Volk waren ihm ſehr ergeben. Er zog dem Koͤnig von England muthig entgegen und ſtieß nahe bei der Stadt Falkrik auf ihn. Der groͤßte Theil ſeiner Armee beſtand aus Infanterie, weil, wie ich ſchon erwaͤhnte, damals nur der Adel und die Großen Schottlands ſich berit⸗ ten machten. Der engliſche Koͤnig dagegen hatte bedeutende Maſſen der beſten Kavalerie in der Welt, Normaͤnner und Englaͤnder, alle vollkommen ausgeruͤſtet. Er hatte auch die beruhmteſten engliſchen Bogenſchuͤtzen, denen man nachſazte, daß ſie das Leben von 12 Schottlaͤndern unter ihrem Guͤrtel tragen, weil ein jeder von ihnen 12 in den Guͤrtel einge⸗ ſteckte Pfeile trug, und weil ſie auf jeden Schuß ihren Man Penrofen haben ſollen. Die Schorten hatten einige gute Bogenſchuͤtzen aus dem 59 Forſt von Ettrik; ſie ſtunden unter dem Befehl des Sir Johann Stewart von Bonkill; aber ſie wurden an Zahl von den engliſchen weit uͤbertroffen. Die ſchottiſche Inſanterie war mit langen Speeren bewaffnet; ſie wurde gewoͤhnlich in tiefen und ganz geſchloſſenen Kolonnen aufgeſtellt, wobei ſie die Speere ſo dicht an einander reihten, Spitze uͤber Spitze, daß dieſe Maſſen eben ſo ſchwer durchbrochen werden zu kon⸗ nen ſchienen, als die Mauer einer ſtarken Feſtung. Als die zwei Armeen einander gegenuber in Schlachtordnung aufge⸗ ſtellt waren, ſagte Wallace zu ſeinen Soldaten:„Ich babe Euch zum Tanz geſuhrt, laßt mich ſehen, wie ihr tanzen köunt.“ Damit wollte er fagen, er habe ſie auf das Schlacht⸗ feld gefuͤhrt, er wolle ſehen, wie tapfer ſie ſich ſchlagen koͤn⸗ nen. Die Englaͤnder griffen an. Koͤnig Eduard ſah zwar wohl die geſchloſſenen Maſſen und wurde die anſcheinende Unerſchrockenheit der ſchottiſchen Infanterie gewahr, aber er faßte dem ungeachtet den Entſchluß, er wolle verſuchen, ob er ſie nicht mit ſeiner(choͤnen Kavalerie niederreiten koͤnne. Dieſem zu Folge ertheilte er ſeiner Reiterei den Befehl, vor⸗ zuruͤcken; ſie machte den Angriff in vollem Galopp. Es muß fuͤrchterlich mit anzuſehen geweſen ſeyn, wie die Pferde ſo nahe als moͤglich an die langen Lanzen hinrennen mußten, welche durch die Schotten auswaͤrts geſtreckt wurden, um jene abzuhalten. Waͤhrend des Handgemenges erhob ſich ein fuͤrch⸗ terliches Geſchrei. Die Schotten behaupteten ihren Platz mit ihren langen Speeren; viele der vordern engliſchen Pferde wur⸗ den zuſammen geſtochen, ſo wie auch deren Reiter, weil dieſe, nachdem ſie einmal geſturzt waren, ihrer ſchweren Waffen⸗ röcke wegen nicht mehr aufſtehen konnten. Die ſchottiſche Reiterei kam aber ihrer Infanterie nicht zu Huͤlfe, ſondern ging vom Schlachtfelde aus durch. Man darf wohl vermu⸗ 6⁸ then, daß die Verraͤtherei oder der boͤſe Wille des ſchottiſchen Adels, welcher auf Walace eiferſuchtig war, Schuld daran geweſen iſt; jedoch muß man in Betracht ziehen, daß die ſchottiſche Kavalerie der andern an Staͤrke weit nachſtund, und daß ſie ſchlechtere Waffen und ſchlechtere Pferde hatten, als ihre Feinde. Die engliſche Reiterei verſuchte mehr als einmal die tiefen und feſten Kolonnen, in welchen Wallace ſeine Infanterie auſgeſtellt hatte, zu theilen; aber ſie wurden immer mit Verluſt abgewieſen; eben ſo wenig konnten ſie ſich durch dieſen Wald von Speeren(wie ein engliſcher Geſchicht⸗ ſchreiber ſich ausdruͤckt) einen Weg bahnen. Koͤnig Eduard ertheilte hierauf ſeinen Bogenſchuͤtzen den Befehl zum Vor⸗ ruͤcken; diee, als ſie ſich auf Bogenſchußweite den ſchottiſchen Kolonnen genaͤhert hatten, ſchoſſen ſolche volle Ladungen ge⸗ gen ſie ab, daß es unmoͤglich war, dieß laͤnger auszuhalten. Zu gleicher Zeit kam Sir Ivhann Stewart durch einen Sturz vom Pferd ums Leben, und die Bogenſchutzen vom Ettrit“ forſt, welche er denen des Koͤnigs Eduard entgegengeſtellt hatte, fielen in großer Anzahl neben ihm. Ihre Korper wur⸗ den nachher unter den Getoͤdteten erkannt, da ſie die groͤßten und ſchoͤnſten Maͤnner der Armee waren. Nachbem die ſchottiſchen Speermaͤnner auf dieſe Art durch den Verluſt der bereits Getoͤdteten und durch die Maſſe der engliſchen Pfeile in einige Verwirrung gerathen waren, griff Eduards ſchwere Kavalerie aufs neue wieder an und brach durch die ſchon ſchwankende Kolonnen. Sir Johann Graham, Walacens intimſter Freund und Begleiter, fiel mit noch vielen andern tapfern Soldaten; und die Schotten, nachdem ſie bedeutenden Verluſt erlitten, wurden genothigt, das Schlachtſeld zu raͤumen. Dieſe ungluͤckliche Schlacht wurde am 2 Juli 1298 ge⸗ 81 liefert. Sir Johann Grahame liegt auf dem Kirchhof von Falkirk begraben. Es wurde ihm ein Grabſtein geſetzt, wel⸗ cher ſeit ſeinem Tode dreimal erneuert worden iſt. Die In⸗ ſchrift enthaͤlt, daß Sir Johann Grahame eben ſo beruͤhmt durch ſeine Geſchicklichkeit und ſeinen Muth, als durch die für Wallace gehegte treue Freundſchaft auf dem Schlachtfeld durch die Englaͤnder erſchlagen und nun hier begraben wor⸗ den ſepe. Eine große Eiche in dem naͤchſt gelegenen Walde wurde lange als diejenige Stelle bezeichnet, woſelbſt Wallace vor der Schlacht geſchlafen haben ſolle, oder, wie Andere ſagen, in welche er ſich nach der Niederlage verborgen habe. Ungefaͤhr vor vierzig Jahren ſah dein Großvater noch die Wurzeln dieſes Baumes; der Stamm deſſelben war ſchon damals laͤngſt nicht mehr vorhanden, und man kann jetzt ſo wenig als vor vielen Jahren die letzte Spur des Stammes ſehen. Nach dieſer unglucklichen Niederlage von Fallirk ſcheint Sir Wilhelm Wallace auf ſein Amt als Gouverneur von Schottland verzichter zu haben. An ſeine Stelle wurden ei⸗ nige Adelige als Beſchutzer aufgeſtellt, welche ſodann fortſetz⸗ ten, der engliſchen Armee Widerſtand zu leiſten; ſie gewan⸗ nen einige Vortheile, beſonders bei Roslin, woſelbſt eine Abtheilung Schotten, durch Johann Comyn von Badenoch, einen der Beſchutzer des Koͤnigreichs, und durch einen aus⸗ gezeichneten Anfuͤhrer Simon Fraſer befehligt, drei Abthei⸗ lungen der engliſchen Armee an einem Tage vernichteten. Der König von England beſaß uͤbrigens ſo viel Reich⸗ thum und ſo viele Mittel, Soldaten zuſammen zu bringen, daß er eine Armee nach der andern in das arme unterdruͤckte Schott⸗ land ſchickte; eben ſo zwang er alle Adelige und Großen dieſes Reiches, einen nach dem andern, ſich unter ſein Joch zu beugen. Sir Wilhelm Wallace allein oder wenigſtens nur 62 mit einem kleinen Haufen ſeiner Anhaͤnger weigerte ſich, den Uſurpator Eduaros anerkennen, oder ſeine Waſſen niederle⸗ gen zu wollen. Er hielt ſich fortwaͤhrend in den Waͤldern und Gebirgen ſeines Geburtslandes, welches ihm nicht weni⸗ ger als noch ſieben Jahre lang nach ſeiner Niederlage bei Falkirk gelang; er legte ein Jahr ſpater, als alle übrigen Vertheidiger der ſchottiſchen Freiheit mit ſeinen Anhaͤngern die Waffen ab. Die Englaͤnder hatten viele Proklamattonen gegen ihn erlaſſen, und einen großen Preis auf ſeinen Kopf geſetzt; denn Eduard glaubte, er koͤnne nicht ruhig im Beſitz des von ihm genommenen Schottlands bleiben, ſo lange Wallace noch lebe. Endlich wurde er gefangen genommen⸗ und zwar— es iſt eine Schande, daß man es ſagen muß— durch Sir Johann Mentheit, einen Schotten, welcher ihn ergreifen ließ und den Euglaͤndern auslieferte. Es iſt allge⸗ mein bekannt, dasß er bei Robroyston, nahe bei Glasgow, gefangen genommen wurde; und einer Volksſage zufolge ſoll das Zeichen, ihn zu uͤberfallen und unverſehens wegzunehmen, das geweſen ſeyn, daß einer ſeiner angeblichen Freunde, wel⸗ cher ihn nachher verrieth, einen auf den Tiſch gelegten Laib Brod umkehren ſolle, ſo, daß der Boden oder die untere Seite oben hin zu liegen kam. In ſpaͤtern Zeiten wurde es auch als ein boͤſes Zeichen betrachtet, einen Laib auf dieſe Weiſe umzukehren, wenn ſich in der Geſellſchaft eine Perſon befand, welche den Namen Mentheit fuͤhrte; denn es hieß ſoviel als daran erinnern, daß ſein Namensvetter den Sir Wilhelm Wallace, den Kaͤmpfer Schottlands, verrathen habe. 3 Welcher Sir Johann Mentheit derjenige geweſen ſey⸗ durch den Wallace verrathen wurde, iſt nicht ganz genau be⸗ zannt. Er war uͤbrigens das Individuum, durch den unſer 63 Vaterlandsfrennd zum Gefangenen gemacht und den Englaͤu⸗ dern ausgeliefert wurde, weßhalb man ſich lange nur mit großem Unwillen ſeines Namens erinnerte. Nachdem nun Eduard in Beſitz desjenigen Mannes ge⸗ langt war, welchen er als das groͤßte Hinderniß betrachtete, um Schottlands voͤllige Eroberung ausfuͤhren zu koͤnnen, be⸗ ſchloß er, an Wahace fuͤr alle diejenigen ſchottiſchen Patrio⸗ ten, welche in Zukunft wagen wollen ſich ſeinen ehrgeizigen Enttwurfen zu widerſetzen, ein Beiſpiel zu ſtatuiren. Er ließ Wallace in die Weſtminſterhalle vor die engliſchen Richter ins Verhoͤr bringen, und ihn zum Spott mit einer aus grünen Zweigen verfertigten Krone kroͤnen, weil die Englaͤnder be⸗ haupteten, er ſey Koͤnig der Moͤrder und Raͤuber in den ſchottiſchen Waͤldern geweſen, Er ward des Hochverraths ge⸗ gen den engliſchen Thron angeklagt, worauf er antwortete: „ich konnte an Eduard nie ein Verraͤther werden, denn ich war nie ſein Unterthan.“ Hierauf wurde er angeklagt, viele Meuſchen geopfert und viel Unheil geſtiftet zu haben, worauf er mit derſelben Ruhe und Geiſtesgegenwart verſetzte:„Es „iſt wahr, ich habe viele Englaͤnder aus der Welt geſchafft, naber aus keinem andern Grunde, als weil ſte mein Vater⸗ „land, Schottland, unterjochen wollten; ich bin weit entfernt, „zu bereuen, was ich gethau habe; Ich erklaͤre ſogar, daß es „mir leid iſt, nicht mehr von ihnen umgebracht zu haben.“ Obgleich Wallacens Vertheidigung ſowohl in Beziehung auf Geſetz als auf geſunden Verſtand ſehr gut war(denn ſicher hat doch jeder nicht nur ein Recht, ſondern ſogar die Pflicht ſein Vaterland zu vertheidigen) ſo verurtheilten ihn die engliſchen Nichter doch, hingerichtet zu werden. Auf die⸗ ſes hin wurde dieſer brave Patriot auf einer Schleife zum Richtplatz geſchleppt, ihm der Kopf daſelbſt abgeſchlagen, ſein 64 Koͤrper verviertheilt und die Stuͤcke, der damaligen Sewohn⸗ heit gemaͤß, auf eiſernen Spießen auf der Londonbruͤcke zur Schau ausgeſtellt, und ſeine Glieder als die eines Verraͤ⸗ thers bezeichnet. Ohne Zweifel dachte Koͤnig Eduard daß er durch ein ſolch ſtrenges Beiſpiel gegen einen ſo ausgezeichneten Patrioten als Sir Wilhelm Wallace allen Schotten Schrecken einjagen und fuͤr die Zukunft im Stande ſeyn köoͤnnte, ohne Beeintraͤchti⸗ gung dieſes Land zu beherrſchen. Obzleich uͤbrigens Eduard ein maͤchtiger tapferer und weiſer König war, und obgleich er die vorſichtigſten und ſtrengſten Maßregeln ergriff um Schottland im Geyorſam zu erhalten, ſo war es ihm von der Vorſehung doch nicht be⸗ ſchieden, ſeine auf Ungerechtigkeit und Gewalt gegraͤndeten Anſpruͤche geltend machen, und in Ruhe und Frieden bleiben zu koͤnnen. Gir Wilhelm Wallace, dieſe unſterbliche Stuͤtze der Unabhaͤngigkeit ſeines Landes, ſiel nicht baͤlder als Opfer der Ungerechtigkeit und Grauſamkeit, bis andere Vaterlands⸗ freunde ſich aufmachten, um die Sache der ſchottiſchen Frei⸗ heit zu vertheidigen. Sechstes Kapitel. Bom Emporkommen des Robert Bruce. Ich hoffe, mein theures Kind, Du werdeſt nicht vergeſ⸗ ſen haben, daß alle die grauſa nen Kriege in Schottland durch die Streite zwiſchen den Lords entſtanden ſind, welche nach Mteraners II. Tod guf den Thron Schottlands Anſpruch mach⸗ 65 machken und daß ſich der ſchottiſche Adel unvorſichtigerweiſe entſchloſſen hatte die Entſcheidung uͤber die Thronfolge dem Koͤnig Eduard von England zu uͤberlaſſen, wodurch dieſer erſt in Verſuchung gerieth, das Koͤnigreich Schottland ſelbſt an ſich zu reiſſen. Du wirſt Dich auch erinnern, daß er Johann Baliol fuͤr ſeinen Verſuch, die Unabhaͤngigkeit Schott⸗ lands wieder herſtellen zu wollen, entthronte, und daß Baliol die Krone Schottlands an Eduard als Lord Paramount ab⸗ trat. Daher war auch dieſer Johann Baliol in Schottland ſehr wenig geachtet; er hatte auf das Koͤnigreich Verzicht ge⸗ leiſtet und blieb dann fuͤnfzehn Jahre aus, waͤhrend welcher Zeit er groͤßtentheils Kriegsgefangener des Königs von Eng⸗ land war. Es war nun ſehr natuͤrlich, daß diejenigen Schotten, welche entſchloſſen waren, ihr Land vom engliſchen Joch zu befreien, ſich um einen andern Koͤnig umſahen, unter wel⸗ chem ſie ſich ſelbſt vereinigen und Englands Macht bekaͤmpfen koͤnnten. Es herrſchte nur Eine Stimme in Schottland, daß man die engliſche Oberherrſchaft nicht laͤnger ertragen wolle; deßweden ſannen ſolche aus dem ſchottiſchen Ader welche ein Recht auf die Krone zu haben glaubten, darauf ihre Anſpruͤche geltend zu machen. Unter dieſen waren die Hauptbewerber zwei maͤchtige Edelleute(angenommen, daß Johann Baliol durch fei e Verzichtleiſtung und Gefangenſchaft alle Anſpruche auf den Thron verloren habe). Der erſte hieß Robert Bruce, Graf von Carrick, Enkel des aͤltern Robert Bruce, welcher, wie oben erwaͤhnt wurde, mit Johann Ba⸗ liol als Bewerber um den Thron aufgetreten war. Der an⸗ dere hieß Johann Compn oder Cumyng von Badenoch, ge⸗ woͤhnlich Comyn der Rothe genannt, um ihn von ſeinem W. Scott's Werke. XCV. 5 66 Vetter Comyn dem Schwarzen zu unterſcheiden, welch letzte⸗ rer dieſen Namen ſeiner ſchwarzen Geſichtsfarbe wegen er⸗ hielt. Dieſe zwey großen und maͤchtigen Barone hatten an den Kriegen, welche Sir Wilhelm Wallace mit England fuͤhr⸗ te, Theil genommen; aber nach der Niederlage von Falkirk fuͤrchteten ſie ihre großen Beſitzungen zu verlieren und hiel⸗ ten die Freiheit Schottlands fuͤr verloren, ſo wie auch fuͤr unmoͤglich, ſie je wieder zu erhalten; daher hatten ſich Beide, Bruce und Comyn, nicht nur freiwillig dem Koͤnig Eduard unterworfen, und ihn als Koͤnig von Schottland anerkannt, ſondern fochten ſogar mit den Englaͤndern gegen diejenigen ihrer Landsleute, die bis jezt noch fortgeſetzt hatten, den Uſurvator zu bekaͤmpfen. Bruce's feurige Gefuͤhle erwachten, nach der alten Volks⸗ ſage Schottlands, erſt durch folgende Begebenheit: In einer zener zahlreichen Schlachten und Scharmuͤzeln, welche damals zwiſchen den Englaͤndern und ihren Anhaͤngern einerſeits und den Inſurgenten oder vaterlandsliebenden Schotten, anderer⸗ ſeits geliefert wurden, ſoll Robert Bruce dazu beigetragen haben, daß die Englaͤnder den Sieg davon trugen. Nach der Schlacht ſoll er ſich zum Mittagsmat niedergeſetzt, ohne ſeine Haͤnde gewaſchen zu haben, an denen man Spuren von Blut bemerkte, welches er waͤhrend der Schlacht ſelbſt vergoſſen haben ſoll. Als die engliſchen Lords dies ſahen, machten ſie ſich in folgenden Worten daruͤber luſtig:„Seht doch den Schotten, welcher ſein eigenes Blut ißt!“ Bruce hoͤrte, was ſie ſagten, und dachte bei ſich ſelbſt, daß dieſes Blut mit Recht ſein eigenes genannt werden könne, weil es das ſeiner braven Landsleute war, die fuͤr die Unabhaͤngiakeit Schott⸗ lands kaͤmpften, waͤhrend er ihren Unterdruͤckern Huͤlfe lei⸗ ſtete, er dachte bei ſich ſelbſt, daß ſie ſich uͤber dieſe unnatuͤr⸗ 67 liche That mit Recht luſtig machten. Er wurde dadurch ſo ſehr beleidigt und anders geſtimmt, daß er die Tafel verließ⸗ in eine benachbarte Kapelle ging, viele Thraͤnen vergoß, und Gott fuͤr das große Verbrechen, das er begangen, um Ver⸗ zeihung gebeten, und ein feierliches Geluͤbde gethan habe, er wolle dafuͤr buͤßen und alles thun, was in ſeinen Kraͤften ſtehe, um Schottland von dem fremden Joche zu befreien. In der That ſoll er auch nachher die engliſche Armee verlaf⸗ ſen und ſich nie mehr mit ihr vereinigt haben; er wollte nur eine guͤnſtige Gelegenheit abwarten, um die Freiheit ſeines Landes wieder erringen zu helfen. Nun wurde dieſer Robert Bruce ein ausgezeichnet tap⸗ ſerer und ſtrenger Mann; es gab in ganz Schottland keinen außer dem Wilhelm Wallace, welcher mit ihm haͤtte vergli⸗ chen werden koͤnnen, und nach Wallace's Tod wurde Bruce fuͤr den beſten Krieger Schottlands gehalten. Er war ſehr weiſe, klug, und ein vortrefflicher Feldherr, d. h. er wußte tur freundlich; aber er hatte manche Fehler, welche ſowohl der ungeſtuͤmen Zeit, in welcher er lebte, als ſeinem eigenen Charakter zugeſchrieben werden koͤnnen. Er war heftig, ſogar leidenſchaftlich, und in ſeiner Leidenſchaft manchmal hart und grauſam. Robert Bruce hatte ſich, wie ſchon geſagt, vorgenommen, die Englaͤnder aus Schottland zu jagen; er wuͤnſchte ſehn⸗ lichſt, uͤber Sir Johann Comyn den Rothen die Oberhand zu gewinnen, denn dieſer war in ſeinen Anſpruͤchen auf den Thron und in Beziehung auf den Wunſch, die Fremden aus 5„ 68 dem Lande zu vertreiben, ſein Nebenbuhler. Zu dieſem Ende reißte er von London nach Dumfris, an der Graͤnze Schott⸗ lands, und bat den Johann Compyn, um eine Zuſammenkunft mit ihm. Sie kamen hierauf in der Minoriterkirche letztge⸗ nannter Stadt vor dem Hoch⸗Altar zuſammen. Was ſie mit einander unterhandelten, iſt nicht genau bekannt, aber ſo viel weiß man, daß ſie wegen den gegenſeitigen Anſpruͤchen, die ſie auf die Krone machten, oder wegen der Weigerung Co⸗ myn's, Bruce in dem vorgeſchlagenen Aufſtand gegen die Englander zu unterſtuͤtzen, in Streit gerathen ſind; oder, wie andere Geſchichtſchreiber ſagen, weil Bruce den Comyn beſchuldigte, er habe den Englaͤndern ſein Vorhaben verra⸗ then; ganz gewiß iſt aber, daß ſie in einen heftigen Wort⸗ wechſel geriethen, bis endlich Bruce in Folge ſeiner ober⸗ waͤhnten Leidenſchaft an die heilige Stelle, auf welcher ſie ſtanden, nicht mehr dachte und mit ſeinem Dolch dem Comyn einen Stich beibrachte. Nach dieſer Uebereilung verließ Brure gleich die Kieche, und ließ ſein Pferd vorfuͤhren. Zwei Edel⸗ leute aus der Gegend von Lindeſay und Kirkpatrik, Bruce's Freunde, hatten auf ihn gewartet. Da ſie ſahen, daß er blaß, blutig und in heftiger Gemuthsſtimmung war, fragten ſie ihn ungeſtuͤm nach der Urſache. „Ich bezweifle,“ ſagte Bruce,„daß ich Comyn den Ro⸗ then getoͤdtet habe.“ „Kannſt Du es noch bezweifeln?“ fragte Kirkpatrik, „Ich will es gewiß machen,— d. h. ich will es vollbringen.“ Darauf gingen ſie auch wirklich, er und ſein Freund Lindeſay ſchnell in die Kirche, und ſchickten den verwundeten Comyn vollends in die andere Welt. Deſſen Ontel, Sir Robert Comyn wurde zu gleicher Zeit ermordet. Die Ermordung Comyn's war eine grauſame Handlung 68 und die Geſchichtſchreiber bemerken von Bruce, daß dieſe Handlung durch die Ungnade des Himmels beſtraft worden ſeye; denn nie habe ein Mann mehr Mißgeſchick erlitten, als Robert Bruce, obgleich er laͤngſt zu großen Ehren ge⸗ langt war. Nach dem Tode Comyn's, darf man wohl behaupten, iſt Bruce der Verzweiflung nahe geweſen⸗ er hat eine Handlung begangen, nach welcher er auf die Rache von allen Verwand⸗ ten Comyn's und auf die Ruͤge des Koͤnigs von England zaͤhlen durfte; ebenſo auf die Ungnade des Clerus, weil er ſeinen Feind auf geheiligtem Bogen umbrachte. Er beſchloß deßwegen ſie alle auf einmal herauszuforderr und ſeine An⸗ ſpruͤche auf den Thron Schottlands zu behaupten. Er zog alle ſeine Anhaͤnger zuſammen, und forderte ſolche Edelleute, welche bis daher die Freiheit des Landes zu erringen hofften, auf, ſich zu verſammeln; dann wurde er in der Abtei von Scone, woſelbſt gewoͤhnlich die Koͤnige von Schottland gekroͤnt wurden, als Koͤnig gekroͤnt. Alles, was auf dieſe Ceremonie Bezug hatte, wurde in aller Eile vollzogen. Es wurde eiligſt ein kleiner goldener kreisfoͤrmiger Ring angefertigt, um die alte Krone Schott⸗ lands, welche Eduard nach England wegfuhren ließ, vorzu⸗ ſtellen. Der Graf von Fife, Abkommling des kapfern Mac⸗ duff, deſſen Amt war, die Krone auf des Koͤnigs Haupt zu ſetzen, wollte der Einladung keine Folge leiſten; aber die Cere⸗ monie wurde durch ſeine Schweſter Iſabella, Graͤfin von Buchan, jedoch ohne Erlaubniß ihres Bruders und ihres Mannes, vollzogen. Einige wenige Ede eute, deren Namen ihrem Lande theuer ſeyn ſollten, unterſtuͤtzten Bruce's Vor⸗ haben, die Unabhaͤnaigkeit Schottlands zu behaupten.— Eduard war fuͤrchterlich aufgebracht, als er hoͤrte, daß * 7⁰ die Schotten nach ſo vielem Unheil und nach ſo vielem Blut⸗ vergießen, aufs neue verſuchten, ſich ſeiner Oberherrſchaft zu entziehen. Obgleich er nun alt, ſchwach und krank war, ſo legte er bei einem großen Feſte in Gegenwart ſeines ganzen Hofes einen feierlichen Eid ab, daß er an Robert Bruce und ſeinen Anhaͤngern die ſchrecklichſte Rache nehmen werde, nach welcher er ſein Schwert niemals mehr gegen einen Chriſten ziehen, und nur gegen die unglaͤubigen Saracenen fuͤr die Eroberung des heiligen Landes kaͤmpfen wolle. In Folge die⸗ ſes Schwurs marſchierte er an der Spitze einer maͤchtigen Armee gegen Bruce aus. Bruce begann ſeine Unternehmung unter ſehr unguͤnſti⸗ gen Auſpizien; er wurde am 29. Maͤrz 1306 gekrönt; am 18. Mai ſprach der Pabſt den Kirchenbann uͤber ihn aus, wodurch er von allen Wohlthaten der Religion ausgeſchloſſen und wo⸗ durch Jedem das Recht eingeraͤumt wurde, ihn umzubringen. Endlich wurde der neue Koͤnig am 19. Juni ſchon bei Meth⸗ ven durch den engliſchen Grafen von Pembrok gaͤnzlich geſchla⸗ gen. Roberts Pferd fiel bei dieſer Gelegenheit unter ihm, und er war fuͤr einen Augenblick gefangen; er fiel jedoch in die Haͤnde eines ſchottiſchen Ritters, welcher, obgleich er in der engliſchen Armee diente, ihn den Englaͤndern nicht aus⸗ liefern wollte, und ihm zu entfliehen erlaubte. Die Sieger uͤbten an den Gefangenen ihre gewoͤhnliche Grauſamkeit aus. Unter ihnen befanden ſich einige artige junge Maͤnner aus den erſten ſchottiſchen Familien— Hay, der Vorgaͤnger der Grafen von Errol, Sommerville, Fraſer und Andere, welche ſpaͤter auf die unbarmherzigſte Weiſe umkamen. Bruce zog ſich mit einer kleinen Anzahl ſeiner tapfern Anhaͤnger, unter denen der junge Lord Douglas, ſpaͤterhin der gute Lord Jacob genannt, in die gebirgigten Hochlande 71 zuruͤck, woſelbſt ſie von einem Platz zum andern verfolgt und in große Gefahr verſetzt wurden; eben ſo mußten ſie ſich man⸗ chen Muͤhſeligkeiten unterziehen. Bruces Frau, nun Koͤnigin von Schottland, begleitete mit einigen andern Franenzim⸗ mern ihren Mann und deſſen Gefolge auf ſeinen Wanderun⸗ gen. Sie konnten ſich auf keine andere Art als durch Jagen und Fiſchfangen ihren Unterhalt verſchaffen. Man bemerkte, daß Douglas am thaͤtigſten war und ſich am meiſten angele⸗ gen ſeyn ließ, den ungluͤcklichen Damen ſo viel Fiſche und Rothwildpret als nur moͤglich zu liefern.. Nachdem Bruce in den Hochlanden von einer Stelle zur andern getrieben wurde, ſuchte er ſich einen Weg nach Lorn zu bahnen, aber er ſtieß uͤberall auf Feinde. Die M⸗Dougal, eine maͤchtige Familie, damals die Lords von Lorn genannt, waren mit den Englaͤndern befreundet und griſſen mit ihrer Mannſchaft Bruce und ſeine Geſaͤhrten an, ſobald er in ihre Grafſchaft einzudringen verſuchte. Das Haupt dieſer Familie M'Dougal, Johann von Lorn, haßte Bruce wegen der in der Kirche zu Dumfris veruͤbten Ermordung Comyn des Ro⸗ then, mit welchem dieſer M'Oougal ſehr nahe verwandt war. Bruce wurde durch Ueberlegenheit an Streitkraͤften auf dem Platze Dabry veon letztgenanntem Familienhaupte geſchla⸗ gen; aber er bewaͤhrte mitten in ſeinem Ungluͤck die Groͤße ſeiner Seelenſtaͤrke und ſeines Muths. Er richtete ſeinen Ruckzug durch einen Engpaß, beſchloß fuͤr ſeine Perſon dieſen Zug und wehrte ſich ritterlich gegen die ihm auf der Ferſe folgenden Feinde. Drei aus dem Gefolge M'Dougal, ein Vater und zwei Soͤhne, M⸗Androſſer genannt, alle drei ſtar⸗ ke Maͤnner, legten, nachdem ſie ſahen, daß Bruce auf dieſe Art den Ruͤckzug ſeines Gefolges ſchuͤtze, ein Geluͤbde ab, daß ſie ihn toͤtten oder geſangen nehmen wollen, Alle drei ſtuͤrz⸗ ten auf einmal auf den Koͤnig los. Der Koͤnig war in dem engen Paß, deſſen wir erwaͤhnten, zu Pferd zwiſchen einem ſteilen Huͤgel und einem tiefen See. Er verſetzte dem erſten, welcher auf ihn zukam und den Zuͤgel ergriff, mit ſeinem Schwert einen ſolchen Hieb, daß deſſen Hand verwundet wur⸗ de und daß er den Zuͤgel wieder fahren ließ; derſelbe verblu⸗ tete ſich nachher. Der andere Bruder hielt den Koͤnig inzwi⸗ ſchen am Bein und trachtete ihn vom Pferde herunterzuwer⸗ fen. Der Koͤnig gab aber ſeinem Pferde die Sporn und machte dadurch, daß ſein Pferd ſo ploͤtzlich vorwaͤrts ſprang, daß der Hochlaͤnder unter des Pferdes Fuͤße fiel; ſo wie er verſuchen wollte wieder aufzuſtehen, hieb ihm der Koͤnig das Haupt entzwei. Als der Vater ſeine beiden Soͤhne getoͤdtes ſah, ſtuͤrzte er auf Robert Bruce los und faßte ihn durch den Mantel ſo feſt, daß er keinen Raum mehr hatte, ſein langes Schwert zu zieben; aber der König verſetzte dieſem dritten Gegner mit dem Sabelgriff, oder, wie andere ſagen, mit ei⸗ nem eiſernen Hammer, welcher am Sattelknopf hing, einen ſo tuͤchtigen Streich, daß ſein Gehirn zerſchmetterte. Der Hochlaͤnder hatte im Sterben des Koͤnigs Mantel ſo feſt er⸗ griffen, daß dieſer, um ſich von dem todten Koͤrper des Er⸗ ſchlagenen frei zu machen, genoͤthigt war, die Schnalle, durch welche der Mantel zuſammengehalten wurde, aufzumachen und ſie mit dem Mantel im Stich zu laffen. Dieſe Agraffe, wel⸗ che in die Haͤnde M⸗Dougal fiel, wird noch in dieſer Fami⸗ lie jetzt zum Andenken aufbewahrt, daß der beruͤhmte Roberr Bruce einſt kaum den Haͤnden ihres Ahnherrn entfliehen konnte. Robert nahm dieſen Angriff auf ihn, ſehr uͤbel auf⸗ und als ſeine Umſtaͤnde ſich verbeſſerten, ermangelte er nicht⸗ ſich an M'Dougal oder Johann von Lorn zu raͤchen. Dem Koͤmg kamen guf ſeinen gefaͤhrlichen und traurigen 73 Zuͤgen mehrere ſolche Faͤlle vor; doch erhielt er, öbgleich er beinahe immer durch die uͤberlegene Anzahl der Englaͤnder und ihrer Genoſſen geſchlagen wurde, ſeinen eigenen Muth und den ſeiner Leute. Er hatte mehr gelernt, als damals üblich war, denn außer den Geiſtlichen lernten wenige leſen und ſchreiben. Er konnte jedoch beides gut, und man ſagt, daß er manchmal ſeinen Gefaͤhrten, wenn ſie die großen hoch⸗ laͤndiſchen Seen in ſo ſchlechten loͤcherigen Kaͤhnen, wie man ſie damals finden konnte, uberſetzten, laut vorgeleſen habe. Am Ende haͤuften ſich die dem tapfern Koͤnig Robert dro⸗ henden Gefahren o ſehr, daß er genoͤthigt wurde, ſich von den oberwaͤhnten Frauenzimmern und ſeiner Koͤnigin zu trennen; denn der Winter nahte heran, und es waͤre den Frauen nicht wohl möglich geweſen, bei Froſt und Schnee dieſes Nomaden⸗ leben zu ertragen. So ließ er dann ſeine Koͤnigin mit der Graͤfin von Buchan und einigen andern in dem ihm allein noch uͤbris gebliebenen feſten Schloſſe Kildrummie, nahe am Ur⸗ ſprunge des Fluſſes Don, in Aberdeenſhire. Der Koͤnig ließ auch ſeinen juͤngſten Bruder, Nigel Bruce, dort, um das Schloß gegen die Englaͤnder zu vertheidigen; er ſelbſt aber mit ſeinem zweiten Bruder Eduard, einem ſehr tapfern, aber weit leidenſchaftlicherem Manne als Robert, ging auf eine an der Kuͤſte Irlands gelegene Inſel, nach Rachrin, woſelbſt Bruce und die Wenigen, welche ſein Schickſal theilten, den Winter von 1306 zubrachten. Inzwiſchen ſchien lauter Ungluͤdh alr ſeine Freunde in Schottland zu verfolgen. Das Schloß Kil⸗ drummie wurde dnrch die Englaͤnder genommen und Nigel Bruce, ein ſchoͤner und tapferer Juͤngling, wurde auf grauſa⸗ me Weiſe durch die Sieger umgebracht. Die Damen, welche zum Gefolge der Koͤnigin gehorten, ſo wie die Koͤnigin ſelbſt und die Graͤfin von Buchan wurden auf einen kleinen Raum 74 beſchraͤnkt und mit der groͤßten Strenge behandelt. Dieſe Neuigkeiten erfuhr Bruce, waͤhrend er in einer erbaͤrmlichen Wohnung auf der Inſel Rachrin wohnte und ſich beinahe der Verzweiflung Preis gegeben ſah. Um dieſelbe Zeit wahrſcheinlich hat ſich auch eine Begeben⸗ heit ereignet, welche, obgleich ſie in der Familie Bruce ſelbſt nur Sage bleibt, den Gebraͤuchen der damaligen Zeit zuge⸗ ſchrieben werden kann. Bruce ſoll, nachdem er die letzten un⸗ guͤnſtigen Nachrichten von Schottland erhalten hatte, eines Morgens auf ſeinem aͤrmlichen Lager gelegen ſeyn und ſeinen Gedanken Audienz ertheilt haben, wobei ihm in den Sinn ge⸗ kommen, ob es wohl nicht beſſer waͤre, wenn er allen Anſpruͤ⸗ chen auf die ſchottiſche Krone entſagen, ſeine Anhaͤnger fort⸗ ſchicken und ſich mit ſeinem Bruder in das heilige Land bege⸗ ben wuͤrde, um ſein Leben im Kampſe gegen die Saracenen zu beſchließen. Hiedurch glaubte er vielleicht fuͤr den in der Kirche zu Dumfries an Comyn begangenen Mord Vergebung des Himmels erhalten zu koͤnnen. Auf der andern Seite hielt er es fuͤr verbrecheriſch und feig, ſeine Verſuche zur Wiederbefreiung Schortlands aufzu⸗ geben, gerade weil er jetzt am wenigſten auf guͤnſtigen Erfolg eines Unternehmens rechnen durfte, das(wenn gleich der Aberglaube ſeines Zeitalters anders denken ließ), genau be⸗ trachtet, weit mehr ſeine Pflicht war, als die Unglaͤubigen aus Palaͤſtina jagen zu helfen. Waͤhrend Bruce ſo in Gedanken verloren und zweifelhaft war, was er thun ſolle, ſah er aufwaͤrts an dem Gebaͤlke der Huͤtte, in welcher er lag, und wurde eine Spinne gewahr, welche, an dem Ende eines langen Faden ihres eigenen Ge⸗ webes haͤngend, verſuchte(wie es dieſe Thiere gewoͤhnlich thun), ſich von einem Balken zum andern zu ſchwingen. Die 75 Spinne machte den Verſuch zu wiederholtenmalen, ohne ihren Zweck zu erreichen; Bruce zaͤhlte, daß ſie es ſechsmal verge⸗ bens verſuchte. Da fiel es ihm ein, daß er gerade auch ſechs Schlachten den Englaͤndern und ihren Verbuͤndeten geliefert habe, und daß die arme Spinne in demſelben Falle ſey, wie er ſelbſt, weil ihr jeder Verſuch mißgluͤckte.„Nun,“ dachte Bruce,„da ich nicht weiß, was das Beſte iſt, ſo will ich zu⸗ „ſehen, wie es der Spinne geht. Wenn das Inſekt noch ein⸗ umal verſuchen ſollte, den Punkt, nach dem es trachtete, zu werreichen, und der Erfolg gluͤcklich ſeyn wuͤrde, ſo werde „auch ich ein ſiebentes Mal mein Gluͤck in Schottland ver⸗ „ſuchen; wenn es aber der Spinne nicht gelingt, ſo will ich „nach Palaͤſtina wandern, um dort Krieg zu fuͤhren, und enie wieder in mein Vaterland zuruͤckkehren.“ Gerade ſo lange Bruce dieſen Entſchluß faßte, machte die Spinne noch einen Verſuch mit aller Kraft, die ſie zu⸗ lammenbringen konnte, worauf es ihr endlich gelang, ihr Ge⸗ webe an demjenigen Balken feſt zu machen, welchen ſie oft vergeblich zu erreichen trachtete. Nachdem Bruce das Gelin, gen der Spinne gewahr wurde, entſchloß er ſich, ſein eigenes Gluck zu verſuchen; von dieſer Zeit an hatte er eben ſo we⸗ nig einen Unfall oder eine Niederlage erlitten, als er je vor⸗ her einen Sieg erringen konnte. Ich bin ſchon oft mit Leu⸗ ten ſeines Namens zuſammengekommen, welche von der Wahr⸗ heit dieſer Geſchichte ſo durchdrungen ſind, daß ſie unter kei⸗ ner Bedingung eine Spinne umbringen wuͤrden, weil ein ſolches Inſect ihrem Vetter Bruce das Beiſpiel der Beharr⸗ lichkeit gegeben und das Vorgefuͤhl des Gluͤcks in ihm er⸗ weckt hatte. Er entſchloß ſich nun, ſeine Anſtrengungen zu erneuen, um von Schottland Beſitz nehmen zu koͤnnen, ohgleich ſeine 76 beſchraͤnkten Mittel zu Ausfuͤhrung dieſes großen Vorhabens ihn mit ſeinem Gefolge nicht weiter als von Rachrin auf die in der Muͤndung des Fluſſes EClyde gelegene Inſel Arran gebracht hatten. Als der Koͤnig dort landete, fragte er das erſte Weib, welches ihm begegnete, was ſich fuͤr bewaffnete Mannſchaft auf der Inſel befinde. Sie antwortete, daß ganz kurz erſt ein bewaffneter Haufe Fremder daſelbſt angekommen ſey, welche einen engliſchen Offizier, den Gouverneur des fe⸗ ſten Platzes Brathwick geſchlagen, dann ihn und den groͤßern Theil ſeiner Mannſchaft niedergemacht haben und ſich nun auf dieſer Inſel mit Jagen unterhalten. Der König ließ ſich hierauf durch die von dieſen Fremden beſuchten Waͤlder fuͤhren, und blies mehreremal in ſein Horn. Nun ergab ſich, daß das Haupt dieſer Fremden, die den feſten Platz ge⸗ nommen hatten, Jacob Douglas war, deſſen wir ſchon als eines von Bruces beſten Freunden erwaͤhnten. Sobald jener Robert Bruces Horn hoͤrte, erkannte er deſſen Schall wohl, und ſchrie laut, daß dort der Koͤnig ſeye, er erkenne ihn an der Art ſeines Blaſens; er beeilte ſich, mit ſeinen Gefaͤhrten dem Koͤnig Robert entgegen zu gehen, nach deſſen Begeg⸗ nung die Freude von beiden Seiten groß war. Bruce war nun im Angeſichte Schottlands und nicht weit von den Beſitzungen ſeiner eigenen Familie entfernt, woſelbſt ihn alle gern hatten und immer viel Anhaͤnglichkeit an ihn zeigten. Er berathſchlagte mit Douglas, wie ſie am beſten ihre vorhabende Unternehmung gegen die Englaͤnder ausfuͤh⸗ ren koͤnnten. Douglas entſchloß ſich, verkleidet in ſeine ei⸗ gene Heimath zu gehen und ſeine Anhaͤnger zum Aufſtand zu bewegen, um ſich an einem engliſchen Edelmann, an Lord Clifford, zu raͤchen; dieſem hatte namlich Eduard Douglaſens 77 Grundbeſitzungen uͤbertragen und ihm das ſeſte Schloß Dou⸗ glas zum Wohnſitz angewieſen.. Bruce ſeiner Seits knuͤpfte durch einen ſeiner Anhaͤnger, Namens Cuthbert, mit der entgegengeſetzten Kuſte von Car⸗ rick Verbindungen an. Dieſer Cuthbert hatte den Anftrag, wenn er die Bewohner von Carrick geneigt finden ſollte, ſich gegen die Englaͤnder empoͤren zu wollen, auf einem Vorge⸗ birg, Turnberry genannt, auf der entgegengeſetzten Seite der Inſel Arran ein Feuer anzuzunden. Dieſes Feuer ſollte dem Bruce als Zeichen dienen, daß er mit ſeinen 300 Au⸗ haͤngern in Charrick landen und ſich mit den Inſurgenten verbinden koͤnne. Bruce und ſeine Leute warteten lange vergeblich auf das verabredete Zeichen; endlich wurde auf dem Vorgebuͤrg Turn⸗ berry ein Feuer ſichtbar, worauf der Konig ſich mit den Sei⸗ nigen ſcherzend auf ihre Schiffe und Galeeren begaben, hof⸗ fend, daß ihre Verbuͤndeten in Charrick unter den Waffen und bereit ſtehen, ſich mit ihnen zu vereinigen. Sie lande⸗ ten um Mitternacht am jenſeitigen Geſtade; ſie fanden aber daſelbſt ihren Spionen Cuthbert allein und erhielten ſchlechte Nachrichten von ihm. Er ſagte, daß Lord Percy mit 2 bis 390 Englaͤndern im Lande ſey und das Volk durch Handlun⸗ gen und Drohungen ſo ſehr in Schrecken verſetzt habe, daß keiner von ihnen nur daran zu denken wage, ſich gegen Ko⸗ nig Eduard zu empoͤren. „Verraͤther,“ rief Bruce,„warum haſt du denn das Zeichen gegeben?“ „Ach Gott,“ verſetzte Chuthbert,„das Feuer wurde nicht durch mich angezuͤndet, ſondern durch Andere, deren Vorhaben ich nicht kenne; aber fobald ich es brennen ſah, vermuthete ich, daß ihr es fuͤr mein Zeichen halten und 78 uͤberſetzen werdet, deßwegen kam ich dann herab ans Geſtade, um auf Euch zu warten und Euch mitzutheilen, wie die Sa⸗ che ſteht.“ Nach einigem Zoͤgern entſchloß ſich Bruce, daß er, nach⸗ dem er nun auf ſolche Art in die ſchoͤnſte Gegend Schottlands gekommen ſeye, da bleiben wolle, und betrachtete dieſe Bege⸗ benheit als einen Fingerzeig des Himmels. In Uebereinſtimmung mit dieſem Entſchluß und mit die⸗ ſer Anſicht lieferte er den Englaͤndern einige ſo gluͤckliche Ge⸗ fechte, daß er den Lord Percy nothigte, Carrick zu verlaſſen. Dann entſendete er ſeine Leute in verſchiedene Gegenden, um den Feind zu bekaͤmpfen, wobei ſie im Algemeinen ſehr gluͤck⸗ lich waren. Auf der andern Seite aber lief der Koͤnig durch ſeine große Unachtſamkeit und dadurch, daß er meiſtens ohne Bedeckung war, in große Gefahr, ſein Leben durch Verraͤthe⸗ rei oder durch offene Gewalt zu verlieren. Mehrere dieſer Begebenheiten ſind intereſſant; ich will einige davon erzaͤhlen. Einſt wurde ein naher Verwandter Bruces, in welchen er großes Vertrauen ſetzte, durch Beſtechung der Englaͤnder dahin gebracht, ihm nach dem Leben zu trachten, Dieſer Nie⸗ dertraͤchtige lauerte eines Morgens mit ſeinen zwei Soͤhnen ſo lange auf Bruce, bis ſein Gefolge mit Ausnahme eines jungen Menſchen, welcher ihn als Page begleitete, ſich von ihm entfernt hatte. Der Vater war mit einem Schwert, der eine der Soͤhne mit einem Schwert und einem Speer, der andere mit einem Schwert und einer Streitart bewaffnet. Als der Koͤnig ſie ſo gut bewaffnet und keine andern bei ihnen ſah, ſo kam er auf den Gedanken, daß dieſe Maͤnner die Ab⸗ ſicht haben, ihn umzubringen. Er hatte keine andere Waffen als ſein Schwerdt, aber ſein Page Bogen und Pfeile. Er nahm ſie dem Jungen ab und hat ihn, ſich auf einige Ent⸗ 79 fernung von ihm wegzuſtellen: denn, ſagte der Koͤnig, wenn ich dieſe Verraͤther uͤberwinde, ſolſt du Waffen genug haben; wenn ich aber von ihnen erſchlagen werde, ſo ergreife die Flucht und ſage Douglas und meinem Bruder, ſie ſollen meinen Tod raͤchen. Dem Knaben war ſehr bange, denn er liebte ſeinen Herrn auſſerordentlich; aber er mußte dem erhal⸗ tenen Befehl gehorchen. Inzwiſchen kamen die Verraͤther auf Bruce zu, damit ſie ihn auf einmal uͤberfallen koͤnnten. Der Koͤnig rief ihnen zu, ſie ſollen ſich ihm bei Gefahr ihres Lebens nicht weiter naͤhern; aber der Vater antwortete ihm mit ſchmeichelnden Worten und ſetzte ihm eine anſcheinend groſſe Freundlichkeit entgegen, wobei er uͤbrigens immer naͤher auf ihn zuruͤckte; dann rief ihm der Koͤnig aufs neue zu, er ſolle halten:„Verraͤther,“ ſagte er,„ihr habt mein Leben fur engliſches Gold verkauft, „aber ihr ſollt auf der Stelle ſterben, wenn ihr mir nur ei⸗ „nen Fuß naͤher ruͤckt.“ Mittlerweile ſpannte er des Pagen Bogen und bei dem weitern Vorruͤcken des alten Verraͤthers ſchoß er einen Pfeil auf ihn ab. Bruce war ein vortrefflicher Bogenſchuͤtze; er gab ſeinem Pfeile eine ſo gute Richtung, daß er des Alten Auge und Gehirn durchbohrte und ihn todt zu Boden ſtreckte. Auf dieſes hin ſtuͤrzten die beiden Soͤhne auf den Koͤnig los. Einer von ihnen wollte ihm mit ſeiner Art einen Streich verſetzen, verfehlte ihn aber und ſtolperte zufäͤlligerweiſe; der Kenig durchbohrte ihn auf der Stelle mit ſeinem großen Schwert, ehe er Zeit zum Aufſtehen gewinnen konnte. Der noch ubrig gebliebene Verraͤther rannte nun auf Robert Bruce mit ſeinem Speere los, aber der Koͤnig durch⸗ hieb mit Einem Schywertſtreich des Eifenden Speer, und toͤdtete ihn, ehe es ihm gelang ſein Schwert zu ziehen. Da kam nun der Page herbeigeſprungen und freute ſich uͤber ſei⸗ — 30 nes Herrn errungenen Sieg; der Koͤnig wiſchte ſein blukiges Schwerdt ab und ſagte, als er die todten Koͤrper berrachtete: ſie moͤgen fuͤr drei brave Maͤnner gegolten haben, aber der Verſuchung ihrer Habſucht konnten ſie doch nicht widerſtehen, Heut zu Tage iſt es durchaus nicht nothwendig, daß Gene⸗ rale oder hohe Offiziere ſelbſt Hand anlegen, weil ſie nur ihre Untergebenen commandiren; ihre Artillerie und ihre Sol⸗ daten ſchießen auf den Feind, wobei ſie ſelten Handgemein werden, und Mann gegen Mann ſtreiten. Aber in den al⸗ ten Zeiten mußten Koͤnige und Lords wie andere gemeine Soldaten mit Speer und andern Waffen in ein und derſelben Schlachtlinie ſtreiten. Es war daher von großer Wichtigkeit, ob ſie ſtarke Maͤnner waren, und ihre Waffen geſchickt zu fuͤhren wußten. Robert Bruce war ſo ausgezeichnet thaͤtig und kraͤftig, daß er eine Menge perſoͤnlicher Ge⸗ fahren abwendete, wobei er das Leben verloren haben wuͤrde, wenn er ſich nicht ſelbſt geholfen haͤtte. Ich werde noch ein anderes ſeiner Abentheuer erzaͤhlen, welches Dir einige Un⸗ terhaltung gewaͤhren ſoll. Nach dem Tode der drei Verraͤ⸗ ther hielt ſich Robert Bruce fortwaͤhrend theils in ſeiner ei⸗ genen Grafſchaft Carrick, theils in der benachbarten Gegend von Galloway verborgen, bis er glaudte, daß es Zeit ſeyn duͤrfte, ſich in Maſſe gegen die Englaͤnder zu empoͤren. In⸗ deſſen war er genothigt, nur ſehr wenige Leute mitzunehmen, ſowohl damit die Sache geheim gehalten wuͤrde, als wegen der Schwieriskeit Lebensmittel aufzufinden. In Galloway waren viele Leute gegen Bruce unfreundlich geſinnt. Sie ſtunden unter dem Gouvernement eines gewiſſen M'Dongal, Verwandten des Lord von Lorn, welcher Robert Bruce bei Darly gaͤnzlich geſchlagen, und ihn beinahe getodtet oder zum 3 Gefan⸗ 81 Gefangenen gemacht haͤtte. Die Bewohner von Galloway hat⸗ ten gehoͤrt, daß Bruce mit nur ungefahr 60 Mann in ihrem Lande ſey; ſie beſchloſſen daher, ihn zu uͤberfalen, und ver⸗ ſammelten zu dieſem Endzweck 206 Mann, welche zwei bis drei Schweißhunde mit ſich fuͤhrten. Dieſe Thiere waren darauf abgerichtet, durch den Geruch die Fußſtapfen eines Mannes zu verfolgen, ſo wie die Dachshunde einen Fuchs oder Haſen jagen. Obgleich der Hund die Perſon, deren Spur er verfolgt nicht ſieht, ſo folgt er dennoch jedem ihrer Schritte. Damals bediente man ſich dieſer Hunde um große Verbrecher zu verfolgen. Die Bewohner Galloway's hiel⸗ ken es fuͤr eine Vorſichtsmaßregel, Falls ſie Bruce nicht ge⸗ fangen nehmen, oder beim erſten Angriff umbringen koͤnn⸗ ten, oder Falls er in die Waͤlder entfliehen ſollte, ſich der Hunde zu bedienen, um ihn wieder ausfindig zu machen. Der gute Koͤnig, Robert Bruce, welcher immer wach⸗ ſam war, hatte die Abſicht der Oberwaͤhnten, daß ſie ihn un⸗ verſehens, und zwar bey Nacht uͤberfallen wolten, bald er⸗ fahren. Dieſem zufolge verlegte er ſeine 60 Mann in eine von hier etwas entfernt gelegene Gegend, in die Nahe eines tiefen, ſchnellſtroͤmenden, mit ſteilen und feſigen Ufern ver⸗ ſehenen Fluſſes. Nur eine einzige Furth machre es moͤglich jenen zu paſſiren; ſie war aber tief und ſo eng, daß kaum zwei Mann neben einander gehen konnten; die jenſeitigen Ufer waren ſteil und der Pfad, welcher von des Waſſers Rande aufwarts fuͤhrte, mauſſerordentlich eng und ſchwer zu beſteigen. Bruce waͤhlte einen eine halbe Meile von erwaͤhntem Fluſſe entfernten Ort, woſelbſt er ſeine Leute niederlegen und ausruhen ließ, waͤhrend er ſelbſt mit zweien ſeines W. Scoits Werke. XCV. 6 r ern „ Gefolges an die Furth hinabgiens um ſie zu bewachen, weil Robert wußte, daß der Feind ſie nothwendigerweiſe paſſiren muͤſſe, ehe er an den neugewaͤhlten Lagerplatz gelangen koͤnne. 5 Er betrachtete die Furth lange und dachte bei ſich ſelbſt, wie leicht es ſey dem Feind hier eine Anzahl Gefangener abzunehmen, vorausgeſetzt, daß die Furth tapfer vertheidigt werde; da hoͤrte er auf einmal in einiger Entfernung ein Hundegebell, welches immer naͤher und naͤher ruͤckte. Dieſes kam von einem der Schweißhunde, welcher des Koͤnigs Fuß⸗ ſtapfen bis zu der von ihm uͤberfchrittenen Furth verfolgte; hinter dem Hunde her kamen die 200 Gallowaymaͤnner, die Robert aber noch nicht ſah. Bruce wollte anfaͤnglich ſeine Leute wecken, dann dachte er aber, es ſey das Gebell eines Schaͤferhundes.„Meine Leute,“ ſagte er,„ſind entſetzlich „ermuͤdet; ich will ihren Schlaf wegen dem Gebell eines „elenden Hundes nicht ſtoͤren, bis ich etwas Naͤheres erfah⸗ „re.“ Darauf blieb er ſtehen, horchte und hoͤrte nach und nach, bei gaͤrzlicher Annaͤherung des Hundegebells, ein Stampfen von Pferden, Maͤnnerſtimmen und Waffengeklirr; da hatte er dans Gewißheit erlangt, daß der Feind ſich dem Fluſſe naͤhere. Nun ſagte er zu ſich ſelbſt:„wenn ich zu „meinen Leuten zuruͤckkehre und Laͤrmen mache, ſo koͤnnen „die Feinde die Furth unterdeſſen ohne Widerſtand pafſiren, „das waͤre aber erbaͤrmlich, da dieſe Stelle ſich zu einer ſo „vortheilhaften Vertheidigung eignet.“ Er betrachtete noch einmal den ſteilen Pfad und das tiefe Ufer und ſah, daß dieſe ihm ſo viel Vortheil gewaͤhren, daß er den Paß ſo lan⸗ ge ſelbit vertheidigen koͤnne, bis ſeine Leute zur Unterſtuͤtzung herbei kommen konnten. Seine Waffenruͤſtung war ſo gut und ſtark, daß er ſich wohl den feindlichen Pfeilen gusſetzen 83 durfte, und deswegen war auch der Kampf nicht ſo ungleich, als er zu ſeyn ſchien. Er ſchickte daher die zwei Maͤnner, welche er bei ſich hatte, zu ſeiner uͤbrigen Mannſchaft, und blieb allein am Ufer ſtehen. Inzwiſchen wurde das Waffengetoͤſe und der durch die Pferde verurſachte Laͤrm groͤßer; der Mond leuchtete ſo hell, daß Bruce aus dem Waſſenglanze die Anzahl der Feinde, welche an das entgegengeſetzte Ufer herabkamen, auf 200 Mann ſchaͤtzte. Die Gallowaymaͤnner ihrerſeits ſahen nur einen Bewaffueten, welcher die Furth bewachte; die vorder⸗ ſten von ihnen ſtuͤrzten ſich daher in den Fluß, ohne auf dieſen einzigen Waͤchter zu achten. Da ſie aber die Furth nur Mann fuͤr Mann paſſiren konnten, und Bruce an dem Ufer, an welchem ſie landen wollten, hoch uͤber ihnen ſtand, ſo ſtieß er mit ſeinem langen Speere den erſten heruͤberkom⸗ menden Reiter, dann deſſen Pferd nieder, welches, mit dem Tode ringend, ſich auf dem engen Pfade waͤlzte, und dadurch den andern Feinden den Weg verſperrte. Auf dieſe Art hatte Bruce Gelegenheit, ſeine Pfeile nach Gefallen abzu⸗ ſchießen, waͤhrend ſie dagegen nicht auf ihn zielen konnten. In dieſer Verwirrung fielen fuͤnf oder ſechs Mann von der feindlichen Abtheilung; Andere, welche in den Fluß gefallen waren, ſind dort ertrunken; die Uebrigen wurden dadurch in Schrecken verſetzt, und zogen ſich zuruͤck. Als ſie aber wieder umſahen und bemerkten, daß ih⸗ nen nur ein einziger Mann gegenuͤber ſtehe, waͤhrend ſie ſelbſt ſo viele ſeyen, ſo riefen ſie aus, daß ihre Ehre ſur im⸗ mer verloren waͤre, wenn ſie dieſen Weg nicht mit Gewalt verſolgen wuͤrden; auf dieſes hin erhoben ſie ein furchterlich lautes Geſchrey, ſtuͤrzten ſich in den Fluß und wolten das 8 6„„ 84 andere Ufer beſtuͤrmen. Mittlerweile waren aber des Koͤnigs Soldaten herbeigekommen und die Gallowaymanner zogen ſich zuruck, und gaben ihr Vorhaben auf. 2 Ich werde dir noch ein anderes Geſchichtchen von dieſem braven Robert Bruce, das ſich auf einem ſeiner Zuͤge zuge⸗ tragen, erzaͤhlen. Seine Abentheuer ſind eben ſo intereſſant und unterhaltend, als diejenigen, welche manche Geſchicht⸗ ſchreiber erfinden, ſie haben noch das voraus, daß die ſeini⸗ gen alle wahr ſind. Ungefaͤhr um dieſelbe Zeit ſtand Bruce an der Spitze eines nur kleinen Haufens; da kam Sir Ay⸗ mer von Vallence, welcher zugleich Graf von Pembrocke war, mit Johann von Lorn nach Galloway, jeder von ihnen an der Spitze einer nicht unbedentenden Heeresmaſſe. Johann von Lorn hatte einen Schweishund bei ſich, wel⸗ cher fruͤher dem Robert Bruce ſelbſt gehoͤrt haben ſoll; dieſer Hund wurde ehemals durch den Koͤnig eigenhandig gefuͤttert und wurde dadurch ſo an ihn gefeſſelt, daß er ſeine Fußſta, pfen überall hin verfolgte, welches ubrigens von allen andern Hunden, od ſie Schweißhunde ſeyen oder nicht, auch geſchieht. Mittelſt dieſes hoffte Johann von Lorn den Robert Bruce gewiß ausfindtg zu machen, um ſich dann fur den Tod ſeines Verters Compn raͤchen zu konnen. Als dieſe zwei Armeen gegen Robert Bruce vorrüͤckten, wollte er anfaͤnglich nur die eine naͤmlich die des Grafen be⸗ kaͤmpfen; nachdem er aber Wink bekam, daß Johann von Lorn ihn mit einem andern bedeutenden Corys im Rucken angrei⸗ fen wolle, ſo entſchloß er ſich, fuͤr dießmal keine Schlacht an⸗ zunehmen, damit er nicht der an Zayl weit uͤberlegenen ſeind⸗ lichen Armee unterliege. Zu dieſem Endzweck theilte der Koͤ⸗ nig die Mannſchaft, die er bei ſich hatte⸗ in drei Abtheilun- gen, und befahl ihnen, ſich auf drei verſchiedenen Wegen zu⸗ 8⁵ ruͤckzuziehen, um den Feind im Zweifel zu laſſen, welchen dieſer Wege er einſchlagen alle; zugleich beſtimmte er ihnen auch den nachmaligen Sammelplatz Als aber Johann von Lorn auf die Stelle kam, woſelbſt Bruce's Armee vertheilt wurde, verfolgte der Schweißhund nur den einen dieſer Wege, und achtete auf die zwei andern gar nicht; dann wußte Jobhann von Lorn ſchon, bei welcher Abtheilung der Koͤnig ſern muͤſſe, deßwegen vernachlaͤßigte er auch die zwei andern ſohettiſchen Abtheilungen, und ging mit ſeiner ganzen Mannſchaft der vom Hund aufgeſundenen Spur nach. Nachdem der Koͤnig aufs neue ſah, daß er durch eine be⸗ deutende Anzahl feindlicher Truppen verfolgt werde, that er ſein Moͤglichſtes, um ihnen zu entfliehen; er ließ alle ſeine Leute, welche er bei ſich hatte, verſchiedene Wege nehmen, und glaubte, ſo muͤſſe der Feind ſeine Spur verlieren. Bruce nahm einen einzigen Mann mit ſich, und dies war ſein Milch⸗ bruder oder der Sohn ſeiner Amme. Als Johann von Lorn auf die Stelle kam, wo die Wenigen von Bruce's Gefaͤhrten ſich vertheilt hatten, verließ der Schweißhund nach einigem Hin⸗ und Herſuchen die Fußſtapfen aller Andern, und folgte bellend der Spur zweier Maͤnner nach. Dann wußte Johann von Lorn, daß einer von dieſen beiden ſchlechterdings der Koͤ⸗ nig Robert ſeyn muͤſſe. Er ertheilte hierauf fuͤnf oder ſea ſen welche aut zu Fuß waren, den Befehl, Robert ſchnell zu ver⸗ folgen und ihn entweder zum Gefangenen zu machen oder nie⸗ derzuſtoßen. Dieſem Befehl zufolge verließen ſie die Uebrigen und rannen ſo ſchnell, daß ſie Robert und deſſen Milchbruder bald zu Geſicht bekamen. Der Koͤnig fragte ſeinen Gefaͤhrten, was er ihm fuͤr Hulfe leiſten koͤnne, worauf ſein Milchbruder ihm erwiederte, er ſeye bereit, ſein Moͤglichſtes zu thun. Auf dieſes hin wurden ſie mit den fuͤnf oder ſechs von vorns Ley⸗ „ 86 ten handgemein und erſchlugen ſie alle. Es iſt anzunehmen, daß die beiden beſſer bewaffnet waren als die andern, ſo wie auch, daß ſie ſtaͤrker geweſen ſeyn, und ſich verzweiflungsvoll gewehrt haben muͤſſen. Bruce wurde nach dieſer That ſehr muͤde und jetzt durf⸗ ten ſie ſich wahrhaftig nicht niederlaſſen, um auszuruhen; denn wenn ſie auch nur einen Augenblick hinſtanden, ſo hoͤrten ſie das Gebell des Schweißhundes hinter ihnen und wußten ſomit, daß ihnen ihre Feinde auf der Ferſe folgten. Endlich erreich⸗ ten ſie einen Wald, durch welchen ein kleiner Bach ſloß. Da ſagte Bruce zu ſeinem Mitbruder:„Laßt uns dieſen Bach eine Strecke Wegs entlang durchwaten, anſtatt gerade durchzugehen, damit der ungluͤckliche Hund die Spur verliere; wenn wir ihn einmal los ſind, ſo fuͤrchte ich nicht mehr unſern Verfolgern zu entkommen.“ Dieſem Vorſchlage folgend ging der Koͤnig mit ſeinem Begleiter eine große Strecke im Bache abwaͤrts, wobei ſie ſehr Acht gaben, daß ſie ihre Fuͤße auf dem Grunde nicht abdruͤckten, damit durchaus keine Spur zuruͤckbleibe, wo ſie aufgetreten ſeyen. So kamen ſie auf dem dem Feinde ent⸗ gegen geſetzten Ufer an, und gingen tief in den Wald ehe ſie hinſtanden und auszuruhen wagten. Unterdeſſen fuͤhrte der Hund Johann von Lorn gerade an die Stelle, wo der Koͤnig in das Waſſer ging, jedoch hier ſtutzte der Hund, weil er nicht mehr wußte, wo er ſich nun hin wenden ſolle; denn Du wirſt wohl wiſſen, daß das fließende Waſſer nicht eben ſo die Spur eines Fuſſes zuruͤcklaſſen kann, wie das ſtehende Waſſer. Nach⸗ dem nun Johann von Lorn ſah, daß der Hund die Spur ver⸗ loren habe, gab er die Jagd auf und ſuchte Aymer von Valence wieder auf. Aber Koͤnig Robert's Abenteuer iſt noch lange nicht zu Ende. Sein Milchbruder und er waren in den Waͤldern ge⸗ 87 blieben, da ſie aber keine Nahrung bei ſich hatten, ſo wurden ſie außerordentlich hungrig; ſie gingen weiter und hofften ir⸗ gend eine Wohnung zu erreichen. Endlich begegneren ſie mit⸗ ten im Walde drei Maͤnnern, welche gerade wie Diebe oder Raͤuber ausſahen. Sie waren alle drei bewaffuet, und einer von ihnen trug ein Schaaf auf ſeinem Ruͤcken, was ſie gerade geſtohlen zu haben ſchienen. Sie begrußten den Kenig hoͤflich; er erwiederte ihren Gruß und fragte ſie, wo ſie hingehen; ſie antworteten, daß ſie Robert Bruce aufſuchten, weil ſie ſich mit ihm vereinigen wollen. Der Koͤnig antwortete, daß er, wenn ſie mit ihm gehen, ſie dahin fuͤhren wolle, wo ſie den ſchottiſchen Koͤnig finden wuͤrden. Auf dieſes hin kam dexje⸗ nige, welcher das Wort geführt hatte, auſſer Faſſung, und Bruce, welcher ihm ſcharf ins Geſicht ſah, argwohnte, daß der Raͤuber ihn erkannt habe, und daß er mit feinem Gefaͤhr⸗ ten gegen ihn, den Koͤnig, etwas im Schilde fuͤhre, um die Belohnung zu verdienen, welche auf ſein Leben geſetzt worden war. Robert ſagte zu ihnen,„meine lieben Leute, da wir uns nicht genau kennen, ſo muͤßt ihr vorangeben und wir werden euch folgen!“„Ihr duͤrft uns nichts Boͤſes zutrauen,“ antwortete jener Mann.„Das thue ich auch nicht,“ fagte Bruce,„aber dies iſt die Art, wie ich reiſe.“ Die drei Maͤnner gehorchten ſeinem Befehl, und ſo gin⸗ gen ſie weiter, bis ſie zu einer ſchlechten, baufaͤlligen Huͤtte gelangren, woſelbſt die drei Maͤnner den Vorſchlag machten, einen Theil des Schaafes, was der eine von ihnen trage, zu⸗ zubereiten. Der Koͤnig erfreute ſich etwas vom Eſſen zu ho⸗ ren, aber er verlangte, daß zwei Feuer angezuͤndet werden ſollten, eins fuͤr ihn und ſeinen Milchbruder an dem einen Ende des Hauſes, das andere an dem andern Ende fuͤr die dies Gefahrten. Dieſe entſprachen ſeinem Begehren; ſie bra⸗ 8⁸ teten ein Viertel des Schaates fuͤr ſich ſelbſt und gaben ein anderes Viertel dem Koͤnig und ſeinem Begleiter. Sie muß⸗ ten dieß ohne Brod und ohne Salz eſſen, da ſie aber bedeu⸗ tend Hunger hatten, ſo waren ſie froh nur irgend etwas zu bekommen, und ließen ſich das ungeſalzene Fleiſch ganz koſt⸗ bar ſchmecken.— Dann beſiel den Robert ein ſolcher Schlaf, daß er, wenn auch zehnmal ſo viel Gefahr vorhanden geweſen waͤre, nicht mehr widerſtehen konnte. Vor allem aber wuͤnſchte er, daß ſein Milchbruder wachen ſolle, ſo lange er ſchlafe, weil er ge⸗ gen ihre neue Bekannte großen Verdacht ſchoͤpfte. Sein Milchbruder verſprach wachen zu wollen und that ſein Moͤg⸗ lichſtes, um Wort zu halten. Aber kaum war der Koͤnig ein⸗ geſchlafen, ſo fiel auch ſein Milchbruder in einen tiefen Schlaf denn er war eben ſo vielen Ermuͤdungen ausgeſetzt geweſen als der Koͤnig ſelbſt. Als die drei Niedertraͤchtigen ſahen, daß der Konig und ſein Begl iter ſchlafen, gaben ſie ſich ge⸗ genſeitig Zeichen, zogen ihre Schwerter, und wollten uber je⸗ ne herfallen; der Koͤnig ſchlief jedoch nur leicht und wie ſehr ſie auch jeden Laͤrm vermieden, ſo erwachte der Koͤnig doch und ſprang auf, zog ſein Scywert und ſetzte ſich zur Gegen⸗ wehr Zu gleicher Zeit ſtieß er ſeinen Milchbruder mit dem Fuß, um ihn aufzuwecken, worauf dieſer gleich aufſprang, aber ehe er eigentlich wußte und ſehen konnte, was ſich zuge⸗ tragen habe, naͤherte ſich ihm einer der Naͤuber, der naͤmli⸗ che, welcher den Koͤnig ermorden wollte, und ſtreckte ihn mit einem Schwertſtreich zu Boden. Der Koͤnig war nun auf ſich eelbſt beſchraͤnkt, ein Mann gegen drei, und in der groͤß⸗ ten Gefahr ſein Leben zu verlieren; aber ſeine erſtaunliche Staͤrke und ſeine guten Waffen befreiten ihn von der ihn be⸗ drohenden Gefahr, und er erſchlug die drei Raͤuber einen nach 89 dem andern. Er verließ hierauf die Huͤtte voll Bekuͤmmer⸗ niß, um ſeinen gefallenen Milchbruder, und nahm ſeine Rich⸗ tunag gegen diejenige Stelle, welche er ſeinen Leuten nach ih⸗ rer Zerſtreuung als Sammelplatz bezeichnet hatte. Es war unterdeſſen beinahe Nacht geworden; der Sammelplatz war bei einem Meierhofe. Er ging kuͤhn hinein und traf die Frau vom Hauſe, ein altes treuherziges ſchottiſches Weib, allein ſitzend an. Als ſie einen Fremden hereintreten ſah, fragte ſie ihn, wer und was er ſey. Der Koͤnig antwortete, daß er ein Reiſender ſeye, welcher dieſe Gegend beſuche. „Alle Reiſende,“ antwortete die gute Frau,„ſind mir um eines Einzigen willen willkommen.“ „Und wer iſt der Einzige,“ ſagte der Koͤnig,„um deſ⸗ ſen willen Ihr alle Fremde ſo gerne aufnehmt?“ „Dieß iſt unſer rechtmaͤßiger Koͤnig, Robert Bruce,“ antwortete die Frau vom Hauſe,„welcher der rechtmaͤſſige Lord dieſes Landes iſt, und wenn er gleich derzeit mit Hund und Horn gleich einem Wild verfolgt wird, ſo hoffe ich doch noch zu erleben, daß er Koͤnig von ganz Schottland werde.“ „Da ihr ihn ſo ſehr liebt, gute Frau,“ verſetzte der Koͤ⸗ nig,„ſo wißt, daß Ihr ihn vor euch ſeht. Ich bin Robert Bruce.“ „Ihr!“ ſagte die Alte in großer Verlegenheit,„und wi her kommt Ihr denn ſo allein?— Wo ſind alle Eure Leute?“ „Ich habe in dieſem Augenblick nicht einen einzigen bei mir, und muß deßhalb allein reiſen.“ „Nein, das gebe ich nich zu,“ ſagte die brave Frau,„ich habe zwei ruͤſtige Soͤhne, tapfere und zuverlaͤßige Maͤnner, dieſe ſollen Euch begleiten, und im Leben und Tod treu bleiben.“ Sie brachte hierauf ihre zwei Sohne und obgleich ſie die Gefahren kannte, welchen ſie von nun an ausgeſetzt waren, ſe 90 ließ ſie ſolche doch dem Koͤnig ſchwoͤren. Sie gelangten ſpaͤter, hin in ſeinen Dienſten zu den Wurden hoher Offictere. Nun richtete die gute alte Frau alles, was ſie herbeiſchaf⸗ fen konnte, fuͤr des Koͤnigs Nachteſſen zu, als man ploͤtzlich heftiges Pferdeſtampfen, um das Haus herum hoͤrte. Sie dachten, dieß werden einige Englaͤnder oder Soldaten des Jo⸗ hann von Lorn ſeyn, und die gute Frau ermahnte ihre Soͤhne fuͤr Koͤnig Robert aufs Aeußerſte zu kaͤmpfen; jedoch kurz dar⸗ auf hoͤrten ſie die Stimme des guten Jacob Douglas und des Eduard Bruce, des Koͤnigs Bruder, welche nach des Koͤnigs Befehle, den er ihnen bei ſeinem Scheiden gegeben hatte, mit 150 Reiter zu dieſem Paͤchterhaus gekommen waren. Robert Bruce freute ſich unendlich ſeinen Bruder und ſeinen treuen Freund Lord Douglas wieder zu finden; er war beinshe vor Freude auſſer ſich, daß er ſich nun an der Spitze eines ſo be⸗ traͤchtlichen Gefolges befinde, vergaß Hunger und Muͤdigkeit und fragte, wo der Feind, der ſie ſchon ſo lange verfolge, ſei⸗ ne Stellung genommen habe;„denn da ſie uns ganz zerſtreut und auf der Flucht begriſſen vermuthen muͤſſen, ſo iſt es wahrſcheinlich, daß ſie ſich ſelbſt ganz ſicher glanben, daß ſie beaueme Quartiere beziehen und in Ausſtellung ihrer Wachen ſaumſelig ſeyn werden.“„Das iſt ſehr wahr,“ antwortete Jacob Douglas,„denn ich paſſirte ein Dorf, wo zweihundert von ihnen liegen, welche nicht eine Schildwache ausgeſtellt ha⸗ ben; wenn Ihr Luſt habt Euch zu beeilen, ſo koͤnnen wir ſie noch in dieſer Nacht uͤberfallen, und ihnen mehr Schaden zu⸗ fuͤgen als ſie im Stande waren, waͤhrend all dieſen Ungluͤcks⸗ tagen uns ſelbſt zu ſchaden.“ Die Gegend war voll Huͤgel und Geſtraͤuch. Als die Schotten den Haufen Englaͤnder, deſſen Douglas er⸗ waͤhnt hatte, uͤberſielen und ploͤtzlich in das Dorf eindran⸗ 91 gen, in welchem ſie einquartirt lagen, zerſtreuten ſie die Englaͤnder leicht und hieben ſie in Stuͤcke, wodurch ihre Ver⸗ folger einen groͤßern Verluſt erlitten, als ſie ſelbſt in all den vorhergehenden traurigen Lagen. Die Folge von Robert's gluͤcklichem Unternehmen war, daß von allen Seiten Soldaten zu ihm ſtroͤmten und daß er mehrere Siege davon trug, ſowohl uͤber Sir Aymer von Va⸗ lence, Lord Clifford, als auch uͤber andere engliſche Comman⸗ dirende, ſo daß endlich die Englaͤnder nicht mehr in eine offe⸗ ne Gegend ſich vorzuruͤcken getrauten, wie ſonſt, ſondern nur, wenn ſie ſich in betraͤchtlichen Maſſen geſammelt hatten. Sie dachten, es ſeye beſſer, wenn ſie ruhig in den Staͤdten und feſten Schloͤſſern, die ihnen als Garniſonen angewieſen waren, liegen und warten wuͤrden, bis der Koͤnig ihnen mehr Leute zur Unterſtuͤtzung ſenden wuͤrde. —— Siebentes Kapitel. — Von den Heldenthaten des Douglas und des Randolph. „Niachdem Koͤnig Eduard I. gehoͤrt hatte, daß Schottland wieder gegen ihn unter den Waffen ſeye, marſchierte er, wie ich ſchon erwaͤhnte, an die Graͤnze und ließ dabei eine Menge Drohungen gegen Bruce und deſſen Anhaͤnger, die er Rebellen nannte, bekannt machen. Er war unterdeſſen alt, und ſchwach geworden und waͤhrend er ſeine Vorbereitungen zum Aus⸗ marſch machte, wurde er ſehr krank, zehrte nach und nach ab, und ſtarb endlich am 6. Juli 1307 in Schottland, nicht drei Meilen von ſeinen Grenzen. Sein Haß gegen jenes Land war ſo eingewurzelt, daß die Gedanken an Rache ihn auch noch auf ſeinem Todtenbette zu beſchaͤftigen ſchienen. Er nahm feinem Sohn noch das Verſprechen ab, nicht eber mit Schott⸗ land Friede zu ſchließen, bis das dort wohnende Volk unter⸗ jocht ſeye. Er hinterließ auch ganz ſonderbare Ansrdnungen in Beziehung auf ſeinen todten Koͤrper. Er hatte befohlen, daß ſein Koͤrper in einem Keſſel ſo lange gekocht werden ſolle, bis ſich das Fleiſch von den Beinen abloͤſe, dann ſollen ſeine Knochen in ein Ochſenfell zuſammengewickelt und dieſes an der Spitze der engliſchen Armee getragen werden, ſo oft als die Schotten verſuchen ſollten ihre Freiheit ſich zu erringen. Er dachte, daß er ſo viel Ungluͤck uͤber die Schotten gebracht habe, fo oft in ihr Gebiet eingefallen ſey, und ſie ſo oft geſchlagen habe, daß dieſe todten Gebeine ſie erſchrecken muͤßten. Sein Sohn, Eduard II. gehorchte dieſem Befehl nicht, ſondern ließ ſeinen Vater in der Weſtminſter⸗Abtei begraben; dort iſt ſein Grabmal noch heute mit folgender Inſchrift zu ſehen: Hier liegt der Hammer der ſchottiſchen Na⸗ tion; dieß iſt auch wirklich wahr, daß er ihnen zu ſeinen Lebzeiten eben ſo viel ſchadete, als ein Hammer demjenigen Gegenſtand, den man in Stuͤcke zerſchlaͤgt. Eduard II. war ein ſchwacher Fuͤrſt, und weder ſo weife noch ſo tapfer wie ſein Vater. Er drang mit der großen Ar⸗ mee, welche Eduard J. zuſammengebracht hatte, nicht weit in Schottland ein, und kehrte, ohne ſich zu ſchlagen, wieder zu⸗ ruͤck, wodurch Bruce's Partei ſehr aufgemuntert wurde. Nun ergriffen mehrere des ſchottiſchen Adels die Waffen, erklaͤrten ſich fuͤr Koͤnig Robert und zogen gegen die engli chen Truppen und Garniſonen zu Felde. Der Ausgezeichnerſte von dieſen war der gute Lord Jacob Douglas, deſſen wir ſchon 93 oft erwaͤhnten. Einige ſeiner ausgezeichnetſten Thaten betref⸗ fen ſein eigenes Schloß Douglas, in welches die Englaͤnder, da es eine ſtarke Feſtung bildet, eine bedeutende Garniſon geworfen hatten. Jakob Douglas ſah mit groͤßtem Widerwil⸗ len ſein Schloß mit engliſchen Soldaten, mit großen Vorraͤ⸗ then von Korn, Vieh, Wein, Bier und andern Lebensmit⸗ teln angefuͤllt, welche dazu beſtimmt daren, die engliſche Ar⸗ mee hiemit zu verſehen; daher faßte er den Entſchlug, ſich an dem Commandanten der Garniſon und an ſeinen Solda⸗ ten wo moͤglich zu raͤchen. Zu dieſem Endzweck gieng Douglas verkleidet in das Haus eines ſeiner alten Diener, zu Thomas Dikſon, einem ſtarken, treuen und kuͤhnen Manne, und entwarf mit ihm den Plan, um das feſte Schloß zu nehmen. Ein heiliger Tag, der Palmſonntag, war nicht mehr fern. An dieſem Tage war es in den roͤmiſch katholiſchen Zeiten uͤblich, daß das Volk mit gruͤnen Z eigen in der Hand in Prozeſſion in die Kirche ging. Gerade als die engliſchen Soldaten vom Schloß herabmarſchirt waren und in die Kirche gingen, ſchrie einer von Lord Jacobs Leuten: Douglas, Douglas! dieß war immer die Loſung in dieſer Familie, wenn ſie in die Schlacht zogen. Thomas Dikſon und einige Freunde, die er verſam⸗ melt hatte, zogen gleich ihre Schwerter und hieben die erſten Englander, denen ſie begegneten, zuſammen. Da aber das Zeichen zu bald gegeben worden war, ſo wurde Dikſon nie⸗ dergeriffen und umgebracht. Douglas und ſeine Leute bega⸗ ben ſich gleich darauf in die Kirche. Die engliſchen Solda⸗ ten verſuchten ſich zu vertheidigen, da ſie aber uͤberfallen wurden und deßhalb durchaus nicht vorbereitet waren, ſo wurden ſie zröptentheils zuſammengehauen oder gefangen ge⸗ nommen, und das ſo plotzlich und mit ſo wenig Gerzuſch, 94 daß khre Kameraden im Schloſſe durchaus nichts davon hoͤr⸗ ten. Als Douglas ſich mit ſeinen Leuten dem Schloßthore naͤherte, fanden ſie es offen und die zuruckgebliebene Mann⸗ ſchaft gerade damit beſchaͤftigt, fur die in der Kirche befind⸗ liche zu kochen. Auf dieſe Art nahm Lord Jacob von ſeinem eigenen Schloß wieder Beſitz, und er und ſeine Leute ver⸗ zehrten das gute Mittagsmahl, welches die Englaͤnder fuͤr die Ihrigen zubereitet hatten. Douglas durfte jedoch nicht hier bleiben, bis die Englaͤnder mit groͤßern Srreitkraͤften herbeikamen, um ihn zu belagern; deßhalb nahm er ſich vor, alle die Vorraͤthe, die die Englaͤnder in ſeinem Schloſſe an⸗ gehaͤuft hatten, zu zerſtoͤren, und ſo dieſen Platz fuͤr ſie un⸗ nuͤtz zu machen. Man muß bekennen, daß er dieſen Vorſatz auf eine grauſame Weiſe ausfuͤhrte, denn er war uͤber den Tod des Thomas Dikſon wuͤthend aufgebracht. Er ließ alle die mit Gemuͤßen, Mehl, Waizen und Malz angefuͤllten Faͤſ⸗ ſer in Stuͤcke zerſchlagen und deren Inhalt auf den Boden ſtreuen; dann ließ er die Boͤden der großen Wein und Bier⸗ faͤſſer zuſammenſchlagen und die Mundvorraͤthe mit den Fluͤſ⸗ ſigkeiten vermiſchen; endlich aher ließ er die Seſangenen um⸗ bringen und warf die todten Koͤrper in die Eckel verurſachen⸗ den Haufen, welche ſeine Leute den Englaͤndern zum Spott „die Douglasſpeiſekammern“ nannten; dann warf er die tod⸗ ten Pferde in die Brunnen, um ſie unbrauchbar zu machen — zum Beſchluß ſteckte er das Schloß in Brand; hierauf zog er ab und floh mit ſeinen Leuten in die Berge und Waͤl⸗ der.„Er hoͤre lieber,“ ſagte er,„die Lerchen ſingen als Maͤuſe pfeiſen.“ Das heißt ſo viel: er ziehe lieber mit ſei⸗ nen Leuten aufs freie Feld, als daß er ſich mit ihnen in Schloͤſſer einſchließe. Nachdem Cufford der engliſche Feldherr, gehoͤrt hatte „ 9⁵ was geſchehen ſey, kam er mit großen Abtheilungen nach Douglas Schloß; er baute alle die Feſtungswerke, welche Lord Jacob zerſtoͤrt hatte, wieder auf, ſtellte vie Mauer wie⸗ der her und ernannte einen guten Soldaten, den Sir Thirl⸗ warl zum Commandanten der Garntſon und empfahl ihm große Vorſicht, weil er vermuthete, daß Lord Jaeob ihn wieder angreifen werde. Indeſſen that Douglas dergleichen als bemerke er die Englander in ſeines Vaters Schloſſe gar nicht, nahm ſich aber vor, die erſte Gelegenheit zu ergreifen, um die Garniſon wieder zu vernichten, wie er ſolches ſchon einmal ausgefuͤhrt hatte. Zu Verwirklichung dieſes Vorha⸗ bens nahm er dießmal zur Kriegsliſt ſeine Zuflucht. Er leg⸗ te einen Theil ſeiner Leute im Wald in Hinterhalt, und ſchickte vierzehn andere als Bauern verkleidet mit Vieh an dem Schloßthore der Feſtung vorbei. Sobald Thirlwall dieß ſah, ſchwur er, die ſchottiſchen Bauern ihres Vieh's zu berau⸗ ben, und machte mit einem betraͤchtlichen Theil ſeiner Gar⸗ niſon einen Ausfall. Als er den Viehtreibern bis uͤber den Wald hinaus folgte, woſelbſt Douglas ſich verſteckt hielt, war⸗ fen die Schotten auf einmal ihre Bauernmaͤntel weg, erſchie⸗ nen nun in ihren Waſſenroͤcken, ſchrien ihre Loſung Douglas, kehrten um und wurden mit ihren Verfolgern handgemein. Ehe Thirlwall Vertheidigungsanſtalten treffen konnte, hoͤrte er das nemliche Geſchrei hinter ihm und ſah Douglas mit de⸗ nen im Hinterhalt gelegenen Schotten herbeiſpringen. Thirl⸗ wall ſelbſt blieb nach tapferer Gegenwehr auf dem Platze; nur ſehr wenigen ſeiner Leute gelang es, in die Feſtung zuruͤck⸗ zulehren. Dadurch, daß Lord Jacob zwei engliſche Commandanten des ihm zugehorigen feſten Schloſſes erlegt hatte, und nach⸗ dem auch bekannt geworden, wie Douglas ein Gelgode ge⸗ 96 ihan, daß er ſich an jedem, welcher es wagen werde, von ſeines Vaters Schloß Beſitz zu nehmen, raͤchen wolle, fuͤrch⸗ tete ſich Jedermann vor ihm; ſowohl in England als in Scho tland wurde dem Schloß Douglas der Beiname„das gefahrliche“ gegeben, weil es fuͤr jeden Englaͤnder, der dahin commandirt worden, ſehr gefaͤhrlich war. Nun mein lieber Hugo mußt Du wiſſen, daß in dieſen kriegeriſchen Zeiten kein Maochen einen Mann geheirathet haben wuͤrde, der ſich nicht durch Tapferkeit ausgezeichnet haͤtte; ein Feiger, er moͤge noch ſo reich und hochgeboren geweſen ſeyn, wurde allgemein verachtet. Daher war es ublich, daß die Fraͤulein von ihren Liebhabern oder von denjenigen Rittern, die ihnen gefallen wollten, Beweiſe ihres Muthes verlangten, die in einer außerordentlichen Waffenthat oder Tapferkeit anderer Art be⸗ ſtanden, worauf ſie erſt erhoͤrt wurden. Zu jener Zeit, von welcher hier die Rede iſt, lebte in „England ein junges Fraͤulein, um welche ſich eine Menge Ritter und Edelleute bewarben, weil ſie nicht nur außeror⸗ dentlich reich, ſondern auch ſehr ſchön und liebenswuͤrdig war. Einſt gab ſie an einem heiligen Tage ein großes Feſt, wozu ſie alle ihre Bewerber und viele andere galante Ritter ein⸗ lud; nach dem Mittagsmahle ſtund ſie auf, dankte ihuen fuͤr die gute Meinung, die ſie von ihr haben, ſagte aber, daß, da ſie zu ihrem Gatten nur einen Mann von unzweideutigem Muthe waͤhlen werde, ſie keinem ihre Hand reichen wolle, der nicht das feſte Schloß Douglas Jahr und Tag gegen die Schotten vertheidigt haben wuͤrde. Auf dieſe Aeußerung hin verſtummten die anweſenden Edelleute; denn obgleich das Fraͤulein reich und ſchoͤn geweſen, ſo war es keine Kleinigkeit und gefahrvoll, ſich mit dem guten Lord Jacob Donglas zu meſſen. 97 meſſen. Endlich erhob ſich ein junger ſtattlicher Ritter und ſagte: um den Preis der Liebe dieſes Fraͤuleins ſeie er bereit, das gefaͤhrliche Schloß Douglas Jahr und Tag zu vertheidigen, wofern der Koͤnig ihm die Erlaubniß hiezu er⸗ theile. Der Koͤnig von England war ſehr zufrieden, einen ſo tapfern Mann zur Vertheidigung des gefaͤhrlichen Platzes gefunden zu haben. Der galante Ritter hieß Johann Wilton. Er ſchuͤtzte die Feſte eine Zeitlang recht gut vor jedem Ue⸗ berfall; doch verleitete ihn Douglas endlich durch eine Kriegs⸗ liſt, mit einem Theil ſeiner Garniſon einen Ausfall zu ma⸗ chen, wobei Douglas ſie uͤberfiel und ſchlug. Sir Johann Wilton ſelbſt verlor ſein Leben dabei; in ſeiner Taſche fand man einen Brief des ſchoͤnen Fraͤuleins. Douglas bedauerte das ungluͤckliche Ende dieſes tapferen Mannes, und ließ kei⸗ nen der Gefangenen umbringen, wie er fruͤher es zu thun pflegte, ſondern ſchickte ſie unter ſicherer Begleitung in die naͤchſte engliſche Garniſon. Douglas war nun nicht mehr der einzige Gegner der Englaͤnder, ſondern es beſtrebten ſich mehrere große Lords, ſie anzugreifen und zu vernichten. Unter dieſen befand ſich Sir Thomas Randolph, deſſen Mutter eine Schweſter des Koͤnigs Robert war; er hatte ſich mit Bruce vereinigt, als dieſer das erſtemal zu den Waffen griff. Spaͤter in der dem Koͤnig gelieferten Niederlage bei Metyven wurde Randolph von den Englaͤndern gefangen genommen und— um ſein Le⸗ ben zu retten, genoͤthigt, in ihre Dienſte uͤberzugehen. Er war ihnen ſo treu geblieben, daß er ſich ſogar bei Aymer von Valence und Johann von Lorn befand, als dieſe Bruce's kleine Bande ſprengten, und damals verfolgte er die Schot⸗ ten ſo ſchnell, daß er ſeines Oheims Fahnentraͤger zum Ge⸗ W. Schtt'z Werke. XCV. 7 98 fangenen machte und ihm die Fahne abnahm. Einige Zeit hierauf wurde er uͤbrigens ſelbſt durch den guten Lord Douglas unfern einer Einoͤde bei Linewater gefangen genom⸗ men und dem Koͤnig vorgefuͤhrt. Robert machte ſeinem Nef⸗ fen, der ihn verlaſſen hatte, bittere Vorwuͤrfe; Randolph aber, ein Hitzkopf, antwortete etwas unverſchaͤmt und wurde deßhalb von Koͤnig Nobert ins Gefaͤngniß geſchickt. Kurz nachdem Oheim und Neſfe ſich wieder verſoͤhnt hatten und Sir Thomas Nandolph vom Koͤnig zum Grafen von Mur⸗ ray ernannt worden war, wurde er einer von Bruee's treue⸗ ſten Verbuͤndeten. Zwiſchen ihm und Douglas erhob ſich ein edler Wettſtreit, jeder von ihnen wollte ſich durch Tapferkeit und kuͤhne Haudlungen auszeichnen. Da es jetzt gerade der ſchicklichſte Ort iſt, ſo will ich nur einer oder zweier Bege⸗ benheiten erwaͤhnen, die darthun werden, welchen furchtbaren Geſahren ſich die beiden tapferen Maͤnner unterzogen, um Schortland von ſeinen Feinden zu befreien. Waͤhrend Robert Bruce nach und nach von dem Lande Beſitz nahm und die Englaͤnder vertrieb, blieb Edinburgh, die Hauptſtadt Schottlands, mit deren feſtem Schloſſe in den Haͤnden der Englaͤnder. Sir Thomas Randolph haͤtte gar zu gerne dieſen wichtigen Platz genommen, aber das Schloß liegt hekanntlich auf einem ſo ſteilen hohen Felſen, daß es ſchwer und beinahe unmoglich iſt, ſogar nur bis an den Fuß der Maueen zu gelangen, noch vielmehr aber ſie zu erklettern. 3 Waͤhrend Randolph überlegte, was zu thun ſey, kam der ſchottiſche Edelmann Francis zu ihm, welcher ſich auch unter Bruce's Fahne geſtellt hatte, und verlangte eine Un⸗ terredung mit ihm. Er erzaͤhlte ſodann Randolphen, daß er in ſeiner Jugend im Schloſſe Edinburgh's gewohnt habe und daß ſein Vater damals Commandant dieſes Platzes geweſen 99 ſey. Francis war zu derſelben Zeit in ein Fraͤulein verliebt, welches in einem unterhalb der Feſte gelegenen Staͤdtchen, in Graßmarket wohnte. Da er bei Tag die Feſtung nicht ver⸗ laſſen konnte, um ſeine Geliebte zu ſehen, machte er auf der Suͤdſeite leinen Weg ausfindig, auf welchem er bei Nacht nach Gefallen uͤber den Felſen hinab⸗ und wieder hinaufklet⸗ terte; am Fuße der Mauer bediente er ſich allemal einer Lei⸗ ter, da die Mauer an dieſer Stelle nicht ſehr hoch war, weil diejenigen, welche ſolche erbauten, auf die Steile des Felſens gerechnet hatten. Francis hatte dieſen gefaͤhrlichen Weg ſo oft zuruͤckgelegt, daß er, ob es gleich ſchon lange her war, Randolphen verſicherte, er kenne den Paß ſo gur, daß er es uͤbernehmen wuͤrde, eine kleine Abtheilung bei Nacht an den Fuß der Mauer zu fuͤhren; dieſe Leute muͤßten Leitern mit⸗ nehmen, worauf dann das Erklettern der Mauer keiner all⸗ zugroßen Schwierigkeit mehr unterworfen waͤre. Die Gefahr koͤnnte nur dann groß werden, wenn die Schildwache gerade, waͤhrend ſie den Felſen beſteigen wollten, ſie entdecken wuͤrde; in dieſem Falle waͤren ſie alle verloren. Deſſen ungeachtet zögerte Randolph keinen Augenblick, das Abentheuer zu beſtehen. Er nahm nur 30 Mann mit ſich(man darf wohl glauben, daß er die thaͤtigſten und mu⸗ thigſten ausgewaͤhlt hattey und kam in einer finſtern Nacht bis an den Fuß des Felſens; ſie beſtiegen dieſen unter An⸗ fuͤhrung des Sir Franeis; er kroch auf Haͤnden und Fuͤßen Klippe auf⸗ und Klippe abwaͤrts, wobei ſie ſich manchmal kaum aufrecht halten konnten, Alle 30 waren genoͤthigt, in einer Linie, einer hinter dem andern zu folgen, und zwar auf einem Pfade, welcher ſich eher fuͤr eine Katze, als fuͤr einen Mann eignete. Ein hinabfallender Stein oder nur 7 7—. 1⁰⁰ ein laut geſprochenes Wort wuͤrde die Schildwache aufmerk⸗ ſam gemacht haben, daher mußten ſie ſich nur mit groͤßtmoͤg⸗ lichſter Vorſicht bewegen. Als ſie den Felſen beſtiegen und ſich dem Fuß der Mauer genaͤhert hatten, hoͤrten ſie, wie die Wachen die Runde machten, um ſich zu uͤberzeugen, ob im Schloſſe und um daſſelbe alles ſicher ſey. Randolph und ſeine Leute konnten nichts beſſeres thun, als ſich recht nahe an den Felſen anzuſchmiegen und ſich ruhig zu verhalten, bis die Runde vorbeigegangen ſeyn wuͤrde, ohne auf ſie zu achten. Waͤhrend ſie beinahe ohne zu athmen da lagen, wurden ſie neuem Schrecken ausgeſetzt; einer von der Beſatzungsmann⸗ ſchaft wollte ſeine Kameraden aus Spaß erſchrecken, warf ei⸗ nen Stein uͤber die Mauer hinab und ſchrie laut:„Aha, ich ſehe Euch wohl!“ Der Stein rollte auf Randolph und ſeine Leute hinab, welche ſich natuͤrlich fuͤr verrathen hielten. Wenn ſie ſich bewegt oder das kleinſte Gerauſch verurſacht haͤtten, ſo waͤren ſie ohne Rettung verloren geweſen, denn die uber ihnen ſtehenden Soldaten haͤtten ſie Mann fuͤr Mann nur mit Steinwuͤrfen toͤdten können. Sie waren jedoch ent⸗ ſchloſſene und auserleſene Leute, und verhielten ſich ſo ruhig, daß die engliſchen Soldaten, welche dachten, ihr Kamerad wolle ihnen nur einen Poſſen ſpielen(was es auch wirklich war), vorbeigi gen, ohne dieſe Stelle einer naͤhern Unter⸗ ſuchung zu wuͤrdigen. Hierauf gelangte Randolph mit ſeiner Mannſchaft wei⸗ ter hinauf und kam eiligſt bis an den Fuß der Mauer, die an jener Stelle nicht uber 12 Fuß hoch war. Sie legten die mitgenommenen Leitern an und Francis ſtieg zuerſt hinauf⸗ um den andern den Weg zu zeigen; Sir Andreas Grey, ein tapferer Ritter, folgte ihm und hinter dieſem Randolph⸗ dann die uͤbrigen. Nachdem ſie einmal innerhalb der Mauern 101 angelangt waren, hatten ſie eigentlich nicht ſehr viel zu thun, denn die Garniſon ſchlief, mit Ausnahme der Wache, welche urplotzlich niedergemacht war. So wurde Edinburgh's feſtes Schloß im Jahr 1342— 13 genommen. Die Freiheit Schottlands wurde uͤbrigens nicht allein durch die Anſtrengungen maͤchtiger Edelleute, wie Randolph und Douglas waren, bewerkſtelligt; ſondern die wackeren Frei⸗ faſſen und Paͤchter und das muthige Landvolk wuͤnſchten eben ſo ihre Huͤtten, als die Adeligen ihre Schloͤſſer und Grund⸗ beſitzungen in ehrenvoller Unabhaͤngigkeit zu wiſſen, weshalb ſie weder Kraftaufwand noch Koſten ſparten, um ihr Land von den Englaͤndern zu befreien. Ich werde von den vielen Bei pielen nur eins anfuͤhren. Nahe bei Linlithgow oder Lithgow(welches letztere Wort mehr bekannt iſt), lag ein feſtes Schloß, mit ſtarker, von einem engliſchen Gouverneur befehligten Garniſon beſetzt, welche die in der Nachbarſchaft wohnenden Schotten mit viel Strenge behandelte. Nicht ſern von dieſem feſten Platze wohnte ein Paͤchter, ein kuͤhner und ſtarker Mann; er hieß Binnock, oder nach der neueren Mundart Binning. Dieſer Mann bemerkte mit viel Vergnuͤgen, wie die Schotten in Wiedereroberung ihres Landes ſo große Fortſchritte machten, und nahm ſich vor, ſeine Landsleute durch irgend eine That, etwa durch Eroberung des Schloſſes Lithgow, zu unterſtuͤtzen. Der Platz war ſehr feſt, auf der einen Seite an einen See gelehnt, und nicht nur durch Thore, welche gewoͤhnlich vor jedem Fremden verſchloſſen wurden, ſondern auch durch Fall⸗ gatter geſchuͤtzt. Ein Fallgatter iſt eine Art von Thor, aus eiſernen Querbalken, gleich einem Roſt geformt; es hat keine Angeln, ſondern laͤuft in Rollen, und wird bei annahender Gefahr herabgelaſſen; dieß kann aber in einem Augenbiſcke 1⁰² geſchehen, wodurch ſodann das Thorgewoͤlbe geſchloſſen wird; unten ſind große eiſerne Spitzen angebracht, welche alles auf dem Boden liegende zerquetſchen. Ein ſolches Fallthor kann im Fall eines ſchnellen Allarms, wenn man nicht mehr Zeit hat, die rechten Thore zu ſchließen, ploͤtzlich herabgelaſſen und dadurch dem Feinde das Eindringen verwehrt werden. Binnock wußte dieſes wohl, deßwegen verſaͤumte er auch die noͤthige Vorſicht nicht, als er das Schloß zu uͤberfallen ver⸗ ſuchte. 3 Er verabredete ſich mit einigen beherzten Landleuten, hewog ſie, ihn in ſeinem Vorhaben zu unterſtuͤtzen, und fuͤhr⸗ te es auf folgende Art aus. 1 Binnok hatte die Garniſon Linlithgow gewoͤhnlich mit Heu verſehen und erhielt daher eines Tages vom engliſchen Befehlshaber den Auftrag einige Fuhren zu liefern. Er ver⸗ ſprach es zu bringen; aber die Nacht zuvor ehe er mit dem Heu in das Schloß fuhr, ſtellte er einen Theil ſeiner Freunde, ſo gut als moͤglich bewaffnet, nahe am Eingang auf, woſelbſt ſie von der Garniſon nicht geſehen werden konnten und er⸗ theilte ihnen die Weiſung, daß ſie ihm zu Huͤlfe ſpringen ſollen, ſobald ſie ihn die Worte—„herbei, herbei,“ ſchreien hören. Dann lud er einen großen Wagen voll Heu, in wel⸗ chem er acht ſtarke, gut bewaffnete Maͤnner, flach auf der Bruſt liegend, ſo verbarg, daß ſie unmoͤglich geſehen werden konnten. Er ſelbſt ging unbefangen neben dem Wagen her und beſtimmte den ſtaͤrkſten und kuͤhnſten ſeiner Knechte zum Fuhrmann, dieſer mußte eine ſtarke Art oder ein Beil in ſeinem Guͤrtel tragen. Auf dieſe Art naͤherte ſich Binnok des Morgens ſehr fruͤhe dem Schloſſe; die Schildwache, wel⸗ che nur zwei Maͤnner ſah, wovon der eine Binnok war, der drs erwartete Heu litſerte, oͤffnete die Thore und zog das 103 Fallgatter auf. Sobald der Wagen unter dem Thorgewöͤlbe angekommen war, gab Binnok ſeinem Knecht ein Zeichen, worauf dieſer die Straͤnge durchhieb; die Pferde, welche ſich nun frei fuͤhlten, ſprangen naruͤrlich vorwarts, waͤhrend der Wagen ſtehen blieb. Zu gleicher Zeit ſchrie Binnok, ſo laut er konnte:„herbei! herbei!“ und hieb mit ſeinem Schwerdt, das er unter ſeinen Bauernkleidern verborgen hielt, den Pfoͤrtner nieder. Die bewaffneten Maͤnner ſchluͤpften ſodann aus dem Heu hervor, unter welchem ſie verſteckt lagen, und ſtuͤrzten auf die engliſche Wache los. Die Englaͤnder verſuch⸗ ten hierauf die Thore zu ſchließen, aber ſie konnten nicht, weil der Heuwagen unter dem Thorgewoͤlbe ſtand und die Fluͤgelthuͤren aufhielt, dann wurde das Fallthor herabgelaſ⸗ ſen, aber das Gitter fing ſich im Wagen und konnte deshalb nicht auf den Boden fallen. Nachdem die nahe am Thore in Hinterhalt gelegten Maͤnner den Ruf,„herbei! herbei!“ ge⸗ hoͤrt hatten, ſprangen ſie denen, welche aus dem Heu ge⸗ ſchluͤpft waren, zu Huͤlfe. Das Schloß wurde genommen und alle Englaͤnder entweder niedergemacht oder gefangen genommen. Koͤnig Robert belohnte Binnok dafuͤr mit ei⸗ nem Lehen, in deſſen Beſitz ſeine Nachkommen noch lange blieben. Vielleicht machen Dir, mein liebes Kind, dieſe Geſchicht⸗ chen lange Weile; jetzt werde ich Dir aber nur noch erzaͤhlen, wie das große und wichtige Schloß Rorburgh den Englaͤndern genommen wurde, und dann erſt wollen wir andere Gegen⸗ ſtaͤnde abhandeln. Du mußt wiſſen, Rorburgh war damals ein ſehr großes Schloß, nahe an den Fluͤſſen Tweed und Liviot gelegen, wo ſie ſich mit einander verbinden. Da es nur 5— Meilen von England gelegen war, ſo wuͤnſchten die Englaͤnder ſehr, es zu behalten; ebenſo wuͤnſchten die Schotten es zu beſitzen. An einem Faſtnachtabend, welchen die roͤmiſch⸗katholi⸗ ſchen Chriſten als Feſt betrachteten und durch allerley Luſt⸗ harkeiten und Gaſtmahle feierren, hatte ſich der groͤßte Theil der Garniſon Rorburgh bei froͤhlichem Mahle gelagert, je⸗ doch zu Vermeidung eines Ueberfalls mehrere Wachen auf die Mauerzinnen aufgeſtellt; denn da den Schotten ſchon ſo manche Unternehmungen der Art gelungen waren, und da man Douglas in der Naͤhe wußte, hielten ſie ſich ſelbſt fuͤr verpflichtet auf ihrer Hut zu ſeyn. Dort befand ſich auch eine Englaͤnderin, die Frau eines Officiers; die, ihr Kind in ihre Arme ſchließend, auf den Mauerzinnen ſaß; ſie ſchaute von dort auf die Felder hinab und bemerkte einige ſchwarze Gegenſtaͤnde welche mit einer Viehheerde Aehnlichkeit hatten, die ſich nicht weit von der Schloßmauer umher zerſtreue, und dem Schloßgraben naͤhere, Sie zeigte dieß der Schildwache und fragte ſie, was das ſeve? —„Ah!“ antwortete der Soldat,„das iſt das Vieh eines Paͤchters“(wobei er den Namen eines, nahe am Schloß woh⸗ nenden Paͤchters nante)„dieſer gute Mann macht ſich eine zuſtige Faſtnacht und hat vergeſſen ſeine Ochſen in dem Hoſ⸗ raum einzuſchließen; wenn aber Douglas ihnen vor Tagess anbruch begeanet, ſo wird jener ſeine Nachlaͤßigkeit bereuen.“ — Dieſe daherſchleichenden Gegenſtaͤnde, welche ſie von der Schloßmauer aus ſahen, waren wahrhaftig keine Viehheerde, ſondern Douglas mit ſeinen Soldaten, welche ihre Waffen mit ſchwarzen Maͤnteln bedeckt hatten und auf allen Vieren krochen, um, ohne erkannt zu werden, ſich der Schloßmauer ſo zu nahern, daß ſie Leitern aulegen konnten. Die arme Frau⸗ uslch nichts von dem wußte, ſaß ruhig sui der Mau⸗ 105 er und ſang ihrem Kinde etwas vor. Der Name Douglas naͤmlich war den Englaͤndern ſo furchtbar, daß die Weiber gewoͤhnlich ihre Kinder damit ſchreckten und ihnen ſagten, wenn iſte nicht brav ſeyen,„ſo werde ſie der ſchwarze Doug⸗ las holen.“ So ſang auch des Officiers Frau: „So ſey doch ſtill, Du kleiner Wicht, Sey nur ruhig, er frißt Dich nicht. Der ſchwarze Douglas kriegt Dich nicht.“ „Das wißt Ihr noch nicht gewiß,“ fuͤſterte eine Stim⸗ me hinter ihr her. Sie fuͤhlte zugleich eine gewichtige Hand mit einem eiſernen Handſchuh auf ihrer Schulter und als ſie ſich umſah, erblickte ſie wahrhaftig denſelben ſchwarzen Doug⸗ las dicht neben ihr, von dem ſie ſo eben ſang, einen langen, ſchwarzen, ſtarken Mann. Zugleich ſah ſie einen andern Schotten nahe bei der Schildwache, die Mauer heraufſteigen. Der Soldat machte Lärm und ſtach mit ſeiner Lanze nach dem Schotten, welcher Simon Ledehouſe hieß; aber Simon parirte den Stoß, wurde mit der Schildwache handgemein und brachte ihr mit ſeinem Dolche einen toͤbtlichen Stich bei. Die uͤbrigen Schotten erſtiegen vollends die Burg, unter⸗ ſtuͤtten Douglas und Ledehoufe und nahmen ſie ein. Viele der Soldaten kamen ums Leben, aber die Frau mit ihrem Kinde wurde durch Douglas beſchuͤtzt. Ich darf es wohl ſa⸗ gen, ſie ſang nie mehr von dem ſchwarzen Douglas. Während Douglas, Randolph und andere treuherzige Patrioten den Englaͤndern Schloͤſſer und feſte Plaͤtze abnah⸗ men, marſchierte Koͤnig Robert mit einer betraͤchtlichen Ar⸗ mee durch Schottland, und ſchlug und ſprengte alle die eng⸗ liſchen Corps, welchen er begegnete. Er begab ſich in den noͤrdlichen Theil Englands, beſiegte die große und maͤchtige Fantlie Comyn's, die wegen dem von ihm an Comyn dem 106 Rothen in der Kirche zu Dumfries veruͤbten Mord noch im⸗ mer ſehr aufgebracht gegen ihn war. Die Euglaͤnder verſam⸗ melten alle ihre Streitkraͤfte, waren aber, da die Schotten die Oberhand gewannen, ſehr in Beſorgniß. Bruce ließ mehr als dreißig in einem Tag koͤpfen, und der Platz, woſelbſt ſie begraben wurden, hieß ſpaͤter:„das Grab der enthaupteten Comyn.“— Eben ſo wenig hatte Robert Brure den Johau M' Dougal von Lorn vergeſſen, weil dieſer ihm bei Dalry eine Nieder⸗ lage geliefert und ihn durch Huͤlfe ſeiner Vaſallen, der M'Androſſers, beinahe gefangen genommen oder uns Leben gebracht haͤtte, und ihn ſpaͤter ſogar mit Schweishu uden ver⸗ folgen ließ. Als Johann von Lorn hoͤrte, daß Robert gegen ihn marſchiere, hoffte er ſich dadurch in Vertheidigungsſtand zu ſetzen, daß er auf der einen Seite eines der bedeutendſten Gebirge Schottlands Cruacham Cen, einen ſehr ſtarken Paß beſetzte. Der Weg war dort ſehr eng, auf der einen Seite von hohen Felſen begraͤnzt, auf der andern von tiefen Ab⸗ gruͤnden, die ſich nach dem großen See Lochawe neigten, wo⸗ durch er ſich hinlaͤnglich geſichert glaubte, weil er nur in der Front und auf einem ſehr ſchwierigen Pfad angegriffen wer⸗ den konnte. Robert Bruce hatte die Aufſtellung ſeiner Feinde bald erforſcht, und ſchickte eine Abtheilung leicht bewaffneter Bogenſchuͤtzen unter dem Commando des Douglas, auf einer ſehr ſchwierigen und entfernteren Straße ab, um die noͤrd⸗ liche Seite des Huͤgels zu umgehen und ſo die Mannſchaft des Johann von Lorn in Front und Rucken zumal anzugrei⸗ fen. Er hatte Signale geben laſſen, um zu erfahren, wann Douglas an dem ihm bezeichneten Platze angekommen ſey. Der Koͤnig ruͤckte dann gegen Lorn's Mannſchaft in Front vor, welch letztere den Koͤnig gleichſam herausſorderten, Pfeile 107 auf ſeine Leute abſchoſſen und Steine auf den Pfad hinabroll⸗ ten, weil ſie ſich ſelbſt fuͤr ganz gedeckt hielten; als ſie aber durch Douglas und deſſen Bogenſchuͤtzen im Ruͤcken angegrif⸗ fen wurden, verloren ſie den Muth und ergriffen die Flucht. Viele von ihnen kamen in dem Paß und in den Abgruͤnden um, und viele ertranken in dem See und in dem großen Fluß, welcher aus dieſem fließt. Johann von Lorn entkam nur durch Huͤlfe ſeines Bootes, das er auf dem See in Be⸗ reitſchaft hatte. Auf dieſe Art hatte ſich König Robert voll⸗ kommen an ihm geraͤcht und ihm einen großen Theil ſeines Gebietes abgenommen. Die Englaͤnder beſaßen nun kaum mehr einen Platz von Wichtigkeit in Schottland, mit Ausnahme von Stirling, welches durch Eduard Bruce, des Koͤnigs Bruder, blokirt wurde. Eine Stadt oder einen feſten Platz zu blokiren, heißt naͤmlich ihn mit einer Armee umgeben, um jede Zufuhr von Lebensmitteln abzuſchneiden. Dies war bei Stirling der Fall, bis Sir Philipp Mowbray, der Commandant des Platzes, nachdem er fand, daß er aus Mangel an Lebensmitteln das Aeußerſte zu thun genoͤthigt ſey, mit Eduard Bruce eine Uebereinkunft traf, in Folge deren er den Pletz uͤbergeben wollte, wofern derſelbe nicht vor der Mitte des Sommers durch den Koͤnig von England entſetzt wuͤrde. Sir Eduard erlaubte noch uͤberdieß, daß Mowbray nach London gehen duͤrſe, um Konig Eduard mit dieſen Bedingungen bekannt zu machen. Als aber Koͤnig Robert hoͤrte, was ſein Bruder gethan habe, hielt er dieſe Uebereinkunft fuͤr gefaͤhrlich, ſo⸗ bald er genoͤthigt ſeyn wuͤrde, ſich mit der geſammelten Macht Cduards II. in eine Schlacht einzulaſſen da dieſer ganz Eng⸗ land, Irland, Wales, einen großen Toeil Frankreichs unter ſich hatte, und unterdeſſen eine weit maͤchtigere Armee, als die Schotten, zuſammen bringen konnte, ſelbſt, wenn ganz Schottland unter Robert's Befehlen geſtanden waͤre. Sir Eduard von Natur mit viel Muth begabt, antwortete ſeinem Bruder:„Laßt Eduard immer ſo viel Leute als er kann, uns entgegen ſetzen, wir wollen ſie dennoch bekaͤmpfen.“ Der Koͤnig bewunderte ſeinen Muth, obsgleich einige Leidenſchaft damit im Spiele geweſen ſeyn mag.—„Da es nun einmal „ſo iſt, Bruder,“ ſagte er,„ſo wollen wir herzhaft eine „Schlacht wagen und alle die Unſrigen verſammeln, um Schott⸗ „lands Freiheit zu erringen; ſie werden gewiß gegen Koͤnig „Eduard ziehen, und ſollte er mit ſeiner ganzen Armee her⸗ „bei kommen, um Stirling zu befreien.“ Einladung zur Subſcription auf eine allg mein nuͤtzliche und wohlfeile Volks⸗Bibliothek. Hiſtoriſcher Bilderſaal fuͤr alle Staͤnde herausgegeben in Verbindung mit mehreren Gelehrten von D. Karl von Rotteck, Großherzoglichem Baden'ſchen Hoſrath und Profeſſor. Es iſt eines der bedeutſamen und zugleich hoffnungsrei⸗ chen Zeichen der Zeit, daß die Neigungen der Leſewelt mehr und mehr von frivoler zu ernſter Lekture ſich wenden, und daß zumal die Geſchichte mit ihren hohen Bildern ſo Manche jetzt anzieht, die ehedeſſen nur gern auf den blumigen Feldern der Romane ſich ergiengen. Jede literariſche Erſcheinung, die auf Befriedigung ſo edlen Geſchmackes abzweckt, darf ſich einer wohlwollenden Aufnahmne getroͤſten, wofern ſie nach Geiſt und Form gebildeter Leſer nicht unwurdig iſt. Auch laͤngſt bekann⸗ te Geſchichten laͤßt man gerne von Neuem ſich vorfüuhren, wenn ſie nach ihrem hoͤheren Intereſſe zu wiederholtem Verwei⸗ len bei ihnen einladen, oder wenn ein neuer Standpunkt ih⸗ rer Beſchauung auch neue Partien oder neue Verhaͤltniſſe dar⸗ ſtellt. Alſo wird ein an Schönheiten reiches Land immerdar mit ſich wiederholender Freude bereiſet, und der ſinnige Wan⸗ derer zeichner gern in ſeine Gedachtnißtafeln einige der anzie⸗ bendſten, überraſchendſten, oder reichſten Anſichten und Land⸗ ſchaften ein, um dadurch ſeinen eignen Genuß dauerhafter zu machen, und ihn gleichgeſtimmten Freunden mitzutheilen.— Der . hiſtoriſche Bilderſaal, deſſen Eroͤffnung wir hiemit ankuͤnden, enthaͤlt eine ſolche An⸗ zahl ausgewaͤhlter Zeichnungen, ſaͤmmtlich aus den bekannte⸗ ren und wohl von allen unſern Leſern ſchon wiederholt bereis⸗ ten Naͤumen: doch auch ſaͤmmtlich von der Art, daß ſede wie⸗ derholte Beſchauung mit erneutem Genuſſe lohnt, und jede Veraͤnderung des Standpunktes neue Anſichten darbieter. Sie ſind alle in verwandtſchaftlicher Beruhrung mit den großen Er⸗ ſcheinungen der Gegenwart, mit den verhaͤngnißreichen Leuren, Wuͤnſchen, Bedurfniſſen und Befurchtungen, welche die neue⸗ ſte Zeit bewegen und uͤber ganz Europa, ja uͤber die Welt, alle beſſern Gemuͤther fuͤllen. Sie ſind ſaͤmmtlich bedentungs⸗ voll, ſprechen gleichmaͤſſig zu den Königen wie zu den Voͤlkern, zeigend, hier wie die Herrſchaft und dort wie die Freiheit er⸗ rungen, behauptet, und verloren wird, jenes durch Maͤßigung, Gerechtigkeit, Weisheit, dieſes durch Engherzigkeit, Unrecht und Uebertreibuna. Es ſind fuͤr's erſte dreizehn Bilder gewaͤhlt worden, deren Intereſſe ſich wohl ſchon durch die Ueberſchrift aus ſpricht und daher keiner weitern Empfehlung bedarf, 1) Geſchichte der Inquiſition. Es kann nur heilſam ſeyn, die vollendeten Schrecken dieſer ſcheußlichen Ausgeburt des Fanatismus und der Tyrannei ſich zu vergegenwaͤrtigen; denn dieſelben werden und muͤſſen wie⸗ derkehren, wenn nicht das Syſtem geſetzlich begruͤndeter Freiheit uͤber die Anmaßungen der Gewalt den Sieg erringt. Sahrlich nichts iſt natuͤrlicher verbunden, daher nicts conſe⸗ quenter, als der verbundene Ruf:„Abſolutismus und Inquiſition!“ 2) Die Geſchichte des ungluͤcklichen Johann Haß und des Conſtanzer 3 Conciliums„ 3 unterhäͤlt unſern Abſcheu gegen das Reich der Finſterniß; und durchdrungen von ihm begreift man klarer, Geiſt und Wohl⸗ that der Kirchenreformation, und begleitet man mit erhöhtem Intereſſe 3) den Heldenkampf der Niederlaͤnder fuͤr ihre Befreiung vom Spa⸗ . niſchen Joch. Dieſes dritte Gemaͤlde muß auch in der drangvollſten Zeit einen troͤſtenden Eindruck geben. 4) Auch die Geſchichte der 1 Bildung der Schweizerſchen Eidgenoſſen⸗ aft, das vierte Bild in unſerer Galerie, wird den Freunden der Freiheit willkommen ſeyn; der eigenthuͤmliche Reiz deſſel⸗ ben, wie jene des herrlichen Schweizerlandes erhaͤlt ſich auch bei taͤglicher Betrachtung.— Als minder erfreuende, doch gleich lehrreiche Gegenſtucke folgen 5) und 6), die Geſchichte des Bauernkrieges in Teutſchland und jene der Ligue in Frankreich; zweier verungluͤckter und des Verungluͤckens werther Unter⸗ nehmungen; dort eines durch Mißhandlung in Wuth gebrach⸗ ten Volkshaufens, hier einer theils herrſchſuͤchtigen, theils ſanatiſchen Partei. Schlechtigkeit der Fuͤhrung dort, und Schlechtigkeit der Zwecke hier erklaͤren den Ausgang und laſ⸗ ſen ihn ſelbſt wuͤnſchen. Dagegen ſprechen 7) und 8) die Ge⸗ ſchichte der Vertreibung der Stuarts und jene der Nord⸗ amerikaniſchen Revolution 3 ein reines, aͤcht humanes und burgerfeeundliches Intereſſe an, als die giorreichſten, entſcheidendſten, makkelfreieſten und fruͤchtereichſten Triumphe des Rechts nber die Anmaßung, und als hoͤchſt impoſante Lehren fuͤr despotiſche Machthaber⸗ . Auch 9) Geſchichte des verhaͤngnißreichen Feldzugs wider Rußland im Jahr 1812, und 10) Blicke auf Napoleon in ſeiner Verbannung auf 3 Helena. bieten ſolche Lehren— wohl auch Stoffe zu bochwichtigen Vergleichungen— dar, und koͤnnen fuͤr fuͤhlende Gemuͤther nur von vielfach erſchuͤtternder 2 Virkung ſeyn. 3 Am Ende der Galerie(unter Nr. 11. 12. u. 13.) wer⸗ den wir drei Gemaͤlde aus der vaterlaͤndiſchen Geſchichte ſetzen, die Geſchichte des — teutſchen Adels, die des teutſchen Staͤdteweſens, und die der teutſchen Bauern. Wem es angelegen iſt, ſeine eigne Stellung im Vater⸗ land zu kennen, mehr noch, wer über Gegenwart und Zu⸗ kunft Teutſchlands, ſey es ihm vom rechtlichen oder vom po⸗ litiſchen Standpunkt zu urtveilen, vernaͤnftige Wuͤnſche oder Ahnungen zu hegen, oder auch mit mehr oder weniger zaͤh⸗ lenden Stimme zu iyrechen begegrt, dem muß jene dreifache Geſchichte koſtbar, jedenfalls eine willkommene Leuchte ſeyn. Wenn wir dieſem unſerm hiſtoriſchen Bilderſaal die Gunſt des gebildeten Publikums aller Staͤnde, insbeſondere auch der edleren Jugend und ihrer Erzieher verſprechen, ſo berechtigt uns dazu auſſer der Natur ſeines Juhaltes auch der Name der Herren Mitarbeiter, welche wie Muͤnch, Pahl, Pfaff, Schneller u. A. ſchon lange ſich der Ach⸗ tung und Liebe der Geſchichtfreunde erfreuen und nur in zeitgemaßer, nach Recht und Wahrheit gehender Richtung zu arbeiten gewohnt find.— 3 Der Bilderſaal wird aus einer Reihe von fuͤnfzig Baͤnd⸗ chen beſtehen, wovon monatlich 1— 2 in Oktav geheftet, er⸗ ſcheinen werden. Um dieſes Werk, an deſſen Spitze der als Hiſtoriker und als vractiſcher Staatsmann gleich hochgeachtete Herr Hofrath von Rotreck ſteht, in Jedermanns Haͤn⸗ de gelangen zu laſſen, haben wir den Subſcriptionspreis (18 Kreuzer oder 5 Groſchen Saͤchſtſch fuͤr das geheftete Bandchen) aufs Biligſte geſtellt. Suoſexibenten⸗ Sammlern, namentlich die Herren Lehrer, welche für ihre Schuler auf dieſes Werk zu ſubcribiren wunſchen, bewilligen wir guf zehn Exemplare das eilfte freiit... —