N— —— —y— 1— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. eih- und Jeeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden ag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen..— „ 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mrk. 50 Pf. 2 M.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Wenn das Kind in den n ſchreclichen Wetter unterginge!“ So klagte die angſtvolle und um ihre einzige Tochter hoͤchſt beſorgte Mut⸗ ter, und zwar nicht ohne hinreichenden Grund. Es tobte um Drumardo, dem Wohnſitze des Haͤuptlings Salgar, ein gewaltiges Ungewitter. i um aſe und 3 3 Zacken der ben vom alten Ei ch 1 hohen, ſchaͤumenden Wogen empor; Staub⸗ wolken, die in die Luft hinaufwirbelten, machten den Tag noch dunkeler. Vom nahen Gebirge her waͤlzten ſich ſchwarze Wolkenmaſſen, die von Blitzen zerriſſen wurden, und der Donner ließ ſeine bruͤl⸗ lende Stimme hoͤren. Als die tiefbekuͤmmerte Mutter in⸗ der Halle ihren Gatten fand, der es ſel⸗ ber ſagte, daß er ſeit vielen Jahren ein ſo ungeſtuͤmes Wetter nicht erlebt haͤtte, wo man keinen Hund hinausjagen moͤchte, ſprach Moina, ganz außer ſich, angſtvoll und zuͤrnend:„Und Bosmina iſt nicht zu finden! O, daß ſie ſich jetzt immer von der Wohnung ſo weit entfernt, die Ein⸗ ſamkeit ſucht, als ob ſie ſich vor Menſchen ſcheue und unſere Naͤhe floͤhe! Das hei⸗ Stere Leben iſt von ihr gewichen, eine große Sorge ſcheint ſie zu beſchaͤftigen. Das boͤſe Kind bedenkt wol nicht, wie ein Mutterherz ſich aͤngſtigt, wenn es die Laune war. Die weichern, ſanftern fuͤhle waren ihm fremd, er liebte nur Kraft und Staͤrke und verachtets s. 4 einzige Tochter in ſolcher Gefahr en Salgar, die Furcht, der Kummer um ſie mmacht mich faſt ſinnlos.“ 8. Sie rang die Haͤnde, ſie ſchwankte in der Halle auf und nieder und ſank mit erblaßtem Geſicht auf einen Lehnſtuhl nieder, indeß große Thraͤnen uͤber ihre Wangen ſtuͤrzten. Sie verſtummte, fal⸗ tete die Haͤnde und betete im Herzen: Goͤtter, rettet, erhaltet mir die Tochter! Salgars Muth und Faſſung war in vielen Kaͤmpfen, die er beſtand, geſtaͤhlt, die Gefahr konnte ihn nicht erſchuͤttern, er blieb ruhig, wenn Andere zittern, und zer verwies ſeiner Gattin oft das aͤngſtliche/ zagende Weſen, was ſie, bei groͤßern und kleinern Unfaͤllen, ihm nicht verbergen konnte, ſanft und hart, wie juſt ſeine 1. ——— 8 Zarte, Emfindſame. Bei ſeiner maͤnn⸗ lichen Rohheit und kriegeriſchen Wildheit war er ohne die Tugenden der Gerechtig⸗ keit, der Großmuth und der Sittenſtrenge nicht. Seinen Ruf und die Ehre ſeiner Vorfahren hatte er nie durch eine uner⸗ laubte That befleckt. Dem Laſter war er feind, wie dem aͤrgſten Weſen und ſtrafte es, wenn es ſelbſt ſein beſter Freund be⸗ ging, ohne Schonung und Erbarmen. Daher wurde er auch in allen Clans ge⸗ achtetund gefuͤrchtet. Zu den maͤchtigſten Haͤuptlingen gehoͤrte er nicht, aber mit ſeinen Clansleuten, die ihm blindlings folgten, denen ſein Muth und ſeine Kuͤhn⸗ heit vorleuchtete, mit denen er die Beute redlich theilte, hingen mit vollem Vertrauen an ihm. Wen er ſtrafte, den fanden ge⸗ wiß Alle ſchuldig, wem er eine Beloh⸗ nung gab, dem goͤnnten ſie ſie gewiß Alle. 2 Herrſchſuͤchtig war Salgar in hohem * Grade, was ihn umgab, mußte ihm un⸗ terthaͤnig ſeyn. Dieſes gebieteriſche We⸗ ſen mußte oft ſeine Gattin hart empfin⸗ den, wenn ſie ſich ſtraͤubte, unbedingt ſei⸗ nem Willen zu gehorſamen. Seinem Be⸗ fehl ſollten ſich ſelbſt Gedanken und Ge⸗ fuͤhle unterwerfen, ſeinen Anordnungen folgen, wie es Jedee ſeiner Diener thun mußte, dem er Widerſpruch als unver⸗ zeihliches Verbrechen, als Empoͤrung au⸗ rechnete. Er nur duͤnkte ſich in ſeinem Clan ein freier Herr, alles andere Lebende in demſelben ſollte ihm gehorſamen. Als er die aͤngſtlichen Klagen ſeiner Gattin gehoͤrt hatte und ſie ſtumm und weinend in der Halle ſitzen ſah, da ſagte er:„Moina, wie aber kannſt Du Dich ſo quaͤlen, als ob das Maͤdchen durch den Sturm von der hoͤchſten Klippe hinab ins Meer geſcheudert waͤre! Und waͤre ſie das, koͤnnteſt Du ſie aus den Wogen ziehen? Mit ſolchem Seufzen und Haͤnde⸗ ———— ————. 10 ringen wurde noch kein Gefahrvoller ge⸗ rettet, dem die Huͤlfe noth thut! So aber ſeyd Ihr Weiber, Ihr macht mit Euerm vergeblichen Jammern manchem Manne, der weibiſch iſt, wie Ihr es ſeyd, das Herz ſchwer, ſeine Seele unmuthig und habt nicht Muth noch Kraft, die Macht des Boͤſen zu beherrſchen. Wie kleine Kinder ſeyd Ihr doch, die nur dem Gefuͤhle und nicht dem Verſtande folgen.“ Als er's wohl bemerkte, daß Moina dieſer Vorwurf ſchmerzte und ſie fagte: „Kann ein Mutterherz ſo hart ſeyn? Du muͤßteſt mich bedauern, daß ich ſo leide,“ da fuhr er alſo fort, um ſie zu troͤſten: „Wenn ſich im Ungewitter die ſchwachen Voͤgel und ſelbſt die Bienen bergen; wenn die Gemſen auf den hohen Klippen bei Sturm und Ungewitter ein ſicheres Plaͤtz⸗ chen finden, wo ſie dem Getobe nicht blos geſtellt ſind, ſollte denn Bosmina ’ — II keinen Ort geſucht haben, wo ihr unbe⸗ ſchadet, das tolle Wetter voruͤbergeht? In Sturm und Hagel wird ſie ſich nicht ſtellen.“ * „Aber,“ ſagte er verdrießlich,„ihr Truͤbſinn befremdet mich auch; ihr ſtilles Weſen iſt mir raͤthſelhaft; ſie geht umher, wie eine Traͤumende. Sie klagt uͤber Kraͤnklichkeit und Unwohlſeyn, ob dies aber von der Seele oder dem Koͤrper, oder von Beiden zugleich herruͤhrt, das mag ſie ſelbſt nicht wiſſen. Daß der kraͤnkelnde Leib einer jungen Perſon wie⸗ der geneſe, dafuͤr giebt's Kraͤuter und Ge⸗ traͤnke und auf die Heilkunſt verſtehen ſich die Barden; was man aber bei einem Maͤdchen wider die uͤble Laune anwen⸗ den ſoll, die gewoͤhnlich nur in den Alten ſpukt, um ſie zu verjagen, das mag ein Anderer verſtehen, als ich, ich weiß es nicht.“. —— * * —————— 12 Salgar verbarg vor ſeiner Gattin diesmal die eigene Beſorgniß um die Tochter, verließ raſch die Halle und rief ihr zu:„Ohne Bosmina komme ich nicht wieder! In Deine Arme will ich ſie fuͤh⸗ ren! Du mußt Dich unterdeß nicht aͤngſtigen.“ Er ſchickte mehrere Knechte nach dem Gebirge, daß ſie die Tochter ſuchen ſoll⸗ ten und verſprach dem, der ſie faͤnde, den fettſten Stier. Keiner ſtraͤubte ſich gegen den Befehl, ſo arg das Wetter fortbrauſte und ſo ſchwer der Lohn zu verdienen war. Er ſelbſt warf ſeinen Bogen uͤber die Schulter, nahm die Lanze in die Hand und ſchritt hinaus ins wilde, ungeſtuͤmere Wetter, mit der Hoffnung, ſie zu finden und ihr Beiſtand zu leiſten, wenn ſie deſſen beduͤrfe. Wie noͤthig hatte ſie der baͤterlichen Huͤlfe! Wie war ſie in Gefahr, die Eltern, ihr geliebtes Drumardo und ——— 13 mehr, als dieſes, den Juͤngling ihres da⸗ zens nie wieder zu ſehen! Salgar lockte den Spuͤrhund und zwei große Packer, von denen einer den ſtaͤrkſten Eber hielt, die auf der Jagd ſeine Begleiter waren, daß ſie mit ihm gehen ſollten; aber das boͤſe Wetter ah⸗ nend, verkrochen ſie ſich furchtſam und wichen zuruͤck. Augenblicklich zwang er ſie durch Schlaͤge, daß ſie laut heulten, „Beſtien,“ donnerte er ſie an,„ich ſcheue Sturm und Regen nicht, und bin Euer Herr, Ihr ſeyd nur Vieh und wollt un⸗ term Obdach bleiben ²“ Langſam konnte er nur vorwaͤrts ſchreiten, der Orkan brauſte ihm entgegen und ſeine ganze Kraft mußte er anſtren⸗ gen, um ſich im langſamen Schritte dem Gebirge zu nahen. Er verwuͤnſchte das Wetter, das maͤchtiger war, als er. Er richtete ſeinen Gang nach einem beſtimm⸗ 14 ten Ziele hin. Bosmina hatte einen Lieb⸗ lingsort ſich auserkohren, den er kannte, auf einer Klippe, von der ſie, zu ihrer Luſt, auf das grenzenloſe Meer aund, auf der entgegengeſetzten Seite, in die weite, bunte Landſchaft hinſchaute, die ihr Auge nicht abſehen konnte. Oft nahm ſie Roſcrana, ihre Zofe, mit ſich, die ihr die Harfe trug, auf der ſie fertig ſpielte und ihren Geſang vom Saiten⸗ getoͤn begleitete. Groß war die Zahl ih⸗ rer Lieder, die fuͤr jede Stimmung ihrer Seele paßte, die ſie von Barden gelernt hatte. Dort verweilte ſie oft, bis es daͤmmerte und Eulen und Uhus um das oͤde Gemaͤuer ſlatterten und der Stern der Liebe am Himmel funkelte. Eilig ging ſie dann nach Drumardo, der vaͤter⸗ lichen Wohnung, zuruͤck. Abwaͤrts von dieſer Felſenſpitze glaubte der Vater ſie in einer Schlucht zu finden, wohin ſich Jaͤger und Wanderer, die der Gegend kundig ſind, wenn ein Wetter — 15 im Gebirge ſie uͤberraſcht, zu retten pflegten. Die Witterung im Hochlande iſt ſehr veraͤnderlich, auf den Frieden folgt oft in der Natur ein tobender Krieg und dem heitern Lichte eine dunkele Gewitternacht. Der wolkenloſe Himmel, die milde Luft, das ſanfte Fruͤhlingsgruͤn, vor allem aber eine gewiſſe innere Unruh, die im Freien Erleichterung und Zerſtreuung des Ge⸗ muͤths ſucht, hatte Bosmina nach ihrem Lieblingsplatze, ohne ihre gewoͤhnliche Be⸗ gleiterin Roſcrana, hingefuͤhrt, welche mit haͤuslichen Arbeiten beſchaͤftigt war, die keinen Aufſchub litten. Da ſie oft Stun⸗ den lang allein auf ihrer Stube verweilte, wurde ſie nicht vermißt. Eben ſo plöͤtlich, wie der Sium entſtanden war, ſo legte er ſich wieder, die Sonne trat mit neuem Glanze hinter 4 8 den Gewitterwolken hervor, die ſich weiter 1 5 ————— 16 waͤlzten, um in entferntern Gegenden des Niederlandes auszutoben. Jetzt verdoppelte Salgar ſeine Schritte, um durch das Er⸗ blicken ſeiner Tochter eine aͤngſtliche Ahn⸗ dung, die in ihm aufſtieg, deſto ſtuͤher los zu werden. Statt ſeine Tochter gewahr zu wer⸗ den, die er mit ſpaͤhenden Blicken auf dem engen Fußſteige ſuchte, der von dem Gebirge herab ins Thal fuͤhrt, hoͤrte er, nach der See zu, die in wilder Bewegung war, deutlich ein Frauengeſchrei. Er ver⸗ ließ den Steig, eilte nach der Gegend hin, um, wenn es moͤglich ſey, einer Un⸗ gluͤcklichen Beiſtand zu leiſten. Wie aber Bosmina das ſeyn koͤnne, das konnte er ſich noch gar nicht denken. Er bog um eine ſchroffe Felſenwand und wurde am Geſtade ein Fahrzeug gewahr, das vor Anker lag, gewiß, um der Gefahr des Sturmes zu entgehn, bald aber hatte er auch einen ſchreckhaften Anblick, der ihn, ſo muthig und furchtlos er ſonſt auch war, wenn es den Kampf mit Feinden galt, die ihm entgegen zogen, bis ins Innerſte erſchuͤtterte. Er ſah zwei Maͤnner in weiter Ferne, die, er konnte es nicht unterſcheiden, eine Fremde oder ſeine Tochter, nach dem Meere, wo das Fahrzeug vor Anker lag, hinſchleppten. Sie ſchrie Gewalt; aber die Kerls hatten kein Erharmen und lie⸗ ßen ſie nicht los. Das iſt meine Bos⸗ mina, ſprach's in ſeiner Seele. Er rief ſo laut er rufen kannte:„Raͤuber Raͤuber, ſtehlt mir mein Kind nicht, um jeden Preis will ich's von Euch loskaufen. Das Echo hallte im Gebirge vielfach nach. Einer von ſeinen Knechten nach dem an⸗ dern kam zu ihm hingelaufen, denen er ſeine Vermuthung mittheilte, welche ihm aber weder Rath noch Huͤlfe leiſten konn⸗ ten, um die Tochter zu befreien und die Menſchendisbe zu beſtrafen. Diesmal war Die Erſtürmung. I. 2 18 Salgar doch außer Faſſung und die Gei⸗ ſtesgegenwart, die ihm ſonſt eigen war, welche es ihm in der groͤßten Gefahr nie an Rettungsmitteln ſehlen ließ, hatte ihn verlaſſen. Es waren wirklich Seeraͤuber, die, als ſie die Stimme hoͤrten und mehrere Kommende ſahen, keineswegs ihre Beute losließen, ſondern ſie, bei heftigerm Schreien, nach dem Fahrzeuge hinſchlepp⸗ ten. „Ach,“ rief der Haͤuptling aus,„wenn ſie mit der Ungluͤcklichen das Raubſchiff erreichten! Wenn meine Bosmina die Ge⸗ ſangene waͤre! Wenn ich ohne ſie nach Drumardo zuruͤckkehren muͤßte! Wie ſoll ich Moina troͤſten, der ich's verſprochen habe, nicht ohne die Tochter vor ihr wie⸗ der zu erſcheinen! Stoßen die Raͤuber mit ihr vom Ufer ab, ſo hat der Vater ſein Kind auf immer verloren.“ 19 Nur noch einige tauſend Schritte wa⸗ ren die Raͤuber von der Kuͤſte entfernt. „Helft, helft,“ ſagte der Haͤuptling, ganz außer ſich, zu ſeinen Knechten. Da rieth Carul der aͤlteſte Knecht:„Wollt Ihr die Doggen nicht hetzen?“ Geſagt gethan. Dem Befehl ihres Herrn gehorſam, jagten die Beſtien davon und man ſah es, wie die Raͤuber das Maͤdchen losließen, in dem man Bosmina erkannte, die nun ihr Heil in der Flucht ſuchten. Aber, indem die Jungfrau nach den Maͤnnern hinfloh, jagten die Doggen den Raͤubern nach, holten ſie ein, hielten ſie feſt und den Einen biß der Spürhund in die Beine. Als Bosmina vor dem Vater ſtand und ihn, als ihren Retter dankbar um⸗ armte, da ſprach er im Zorn und in der Freude:„Was waͤre aus Dir geworden, wenn wir nicht kamen!“.. Er gab ihr den Knecht mit, der keine —jjj— 20 Waffen hatte und ſagte zu ihr:„Eile zuruͤck und troͤſte Deine ungluͤckliche Mut⸗ ter, ich aber will, ehe ich heimkehre, dieſe Unholde mit der Lanze durchbohren, damit ſie nie eine ſolche Schandthat wieder ver⸗ uͤben köoͤnnen.“ Als er ſich mit ſeinen Knechten ei⸗ ligen Schritts und mit aufgehobener Lanze den Raͤuber nahte, um das Strafamt der Rache an ihnen zu vollziehen, kamen ihre Mitgeſellen vom Schiffe herbeigelaufen, um ſie von den Hunden zu befreien und ſie gegen haͤrtere Ahndungen zu ſchuͤtzen. Die Kerls alle, zehn an der Zahl, waren bewaffnet. Zwei ſchoſſen Pfeile von dem Bogen nach den Hunden und nach Sal⸗ gar und ſeinen Leuten. Da entbrannte ſein Zorn bis zur Wuth und er ſprach zu ſeinen Leuten:„Ihr verließet mich in dem härteſten Kampfe nicht, laßt uns dieſe Raͤuber niederſchlagen, ſo viel ihrer ſind! Nun vorwaͤrts!“ — 21 Der Eine von den Beiden, den die Dogge feſthielt, wurde von Salgars Hand mit der Lanze niedergeſtoßen, den Andern ließ der Hund los und er flog zu ſeinen Kameraden hin, bei ihnen Schutz zu ſuchen.„Na,“ tobte der eine Naͤuber Großhans,„wenn Dir das Herz nicht in den Knien ſitzt, ſo komm naͤher, wir ha⸗ ben große Luſt, den Mord unſers Bruders zu raͤchen! Oder, wenn Ihr verzagte Wei⸗ ber ſeyd, ſo ſchickt uns Eure Hunde zu, daß wir das Garaus mit ihnen ſpielen. Memmen ſeyd Ihr, die nur mit Gemſen Krieg zu fuͤhren verſtehen.“—„Prahl⸗ hans,“ ſchimpfte Salgar,„Dir werde ich das Maul bald ſtopfen.“ Als er etwa im Vorwaͤrtsgehen noch zwanzig Schritt von den Raͤubern entfernt war, von denen ſich Einige dem Fahr⸗ zeuge, zu ihrer Sicherheit nahten, hetzte er die Hunde auf ſie und ſtuͤrzte ſich nun mit den Seinen im vollen Laufe auf die 1 — 4—— 3 ————— 22 Rotte. Zwei von ihnen verloren durch Lanzenſtiche das Leben, zwei ließen die Doggen nicht los, die Andern aber kaͤmpf⸗ ten verzweifelt, wie wuͤthende Loͤwen. Zwei Knechte waren ſchwer verwundet, Salgar wurde in der Seite durch einen Schwertſtich tief verwundet; aber die Hitze des ungeſtuͤmen Kampfes ließ nicht nach, es ſchien, als ob man auf die⸗ ſer Stelle jedes Menſchenleben vertilgen wollte. Die beiden Doggen heulten laut, liefen davon, denn die Raͤuber hatten ſie verwundet, um ihre Mitgeſellen frei zu machen.„Na,“ rief ein Raͤuher Salgarn an,„habt Ihr Eure Rache noch nicht ge⸗ kuͤhlt? Wollen wir einander Alle erwuͤrgen und um ein Maͤdchen! Laßt uns Frieden machen!“—„Mit Raͤubern keinen Frie⸗ den,“ donnerte der Haͤuptling und ſtieß dem Haͤupiling in den Hals, daß er nie⸗ derfiel und zugleich der Schaft der Lanze — 23 1 zerbrach.„Laßt uns fliehen,“ bruͤllte der 1 eine Raͤuber,„der iſt kein Menſch, ſondern ein boͤſer Geiſt, der im Gebirge hauſt und tobt, daß wir nicht Alle umkommen!“ Er lief davon, die Andern folgten ihm, ſo hatte der Kampf ein Ende und ſogleich wurde das Fahrzeug vom Lande geſtoßen. Die Schiffer ſchimpften und ſchoſſen mit Pfeilen nach Salgar, der ſie bis ans Ufer verfolgt hatte. Als Salgar mit ſeinen Leuten, die Alle verwundet waren, uͤber den Kampf⸗ platz zuruͤckging und die Leichen ſahen, ſagte er:„Noͤchte jeder Boͤſewicht auf Erden, wie dieſe, ſo im Staube liegen. Die Rachegeiſter waren uns guͤnſtig. Un⸗ ſere Wunden heilen bald, im Streite fuͤr eine gute Sache wurden ſie uns geſchla⸗ gen. Ich kenne ein Pflaſter, das ſchnell heilt, das will ich Euch auflegen. Brave Knechte ſeyd Ihr und habt Euerm Herrn mit Cuerm Leben gedient, dafür ſoll Euch — 8 * 1 ———=ſͤſͤſͤſͤͤn— 24. heute noch ein reicher Lohn werden. Be⸗ tet dankbar zu den Goͤttern, ſie, die das Recht beſchuͤtzen, waren uns ſo gnaͤdig.“ Als er zu den verwundeten Hunden kam, ſtreichelte er ſie und ſchmeichelte er ſie mit Lieblingsnamen und ſagte:„Na, ich werde Euch auch verbinden, Ihr treuen Thiere. Ihr eigentlich ſeyd die Retter meiner Tochter, wir haben die Raͤuber nur beſtraft. Das beſte Stuͤck von dem Eber, der in Drumardo haͤngt, ſoll fuͤr Euch gebraten werden. Wenn alle Clans⸗ leute ihrem Haͤuptling ſo ergeben ſind, wie mir dieſe Hunde, ſo kann ich trotzig jeden Feind verlachen und wenn er an Mannſchaft viermal ſtaͤrker waͤre.“... Hinkend folgten ihm die Hunde. Vom Kampfe abgemattet, gingen ſie auf dem ſchluͤpfrigen Boden langſam vor⸗ waͤrts und Salgar ſagte oft:„Ich bin ſehr neugierig, wie es kam, daß Bosmina — in die Haͤnde der Raͤuber ſiel. Haͤtten ſie ſie mit ſich gefuͤhrt, ſo waͤre Moina bald geſtorben, denn manche Muͤtter, wenn ihre Kinder leiden, was kein Menſch aͤn⸗ dern kann, haben kein Herz, was ſich troͤ⸗ ſten laͤßt. Haͤtte ich auch den Verluſt ei⸗ ner Tochter verſchmerzt, die ja, wenn ſie ein Kind gebiert, leicht ſterben kann; ſo haͤtte mich der Tod Moinas zur Erde niedergebeugt. Ein beſſeres Weib, wie ſie, beſcheint die Sonne in ganz Schott⸗ land nicht. Mit einer zweiten Frau haͤtte ich mich nie gepaart.“ Als Salgar Drumardo verließ und ſeiner Gattin das Verſprechen gab, er werde ohne die Tochter nicht wieder zu⸗ ruͤckkehren und ſie es wußte, daß er in das ungeſtuͤme Wetter hinausgegangen war, da fing ſie an, ſich auch um ihn zu aͤngſtigen. So hart er ihr bisweilen durch ſein zorniges Aufbrauſen fallen konnte und ſo herriſch ſein ganzes Weſen * 8 „ 26 war, ſie mußte ihn wegen ruͤhmlicher Ei⸗ genſchaften achten und ihn um ſeiner Sorge, die er fuͤr ſie hegte, lieben. Der Beweis der Vaterliebe, den er jetzt eben ablegte und daß er ihr geaͤngſtetes Herz troͤſten wollte, ruͤhrte ſie auch. Als nach einer halben Stunde die Sonne wieder ſchien und der Friede der Flur wieder gege⸗ ben war und von ihren Lieben Niemand kam, da vermehrte ſich ihre Furcht, da entſtan⸗ den in ihr bange Zweifel. Sie wollte ſich aufmachen und nach dem Gebirge hin⸗ gehen, als Roſcrana ſie am Arm zuruͤck⸗ hielt und ſagte:„Bleibt, Ihr duͤrft nicht gehen, jede Gefahr iſt voruͤber. Ihr koͤnnt, wenn Ihr einen unrechten Weg einſchlagt, die Kommenden verfehlen und, wenn die Euch hier nicht finden, ſollen ſie auch Euch ſuchen? Wartet das ruhig ab, was Ihr bald erfahren werdet.“ Sie ließ Roſcrana nicht von ſich, re⸗ dete mit ihr von dem Gatten und der —— —— 27 Tochter und beſtieg oft den Thurm, um zu ſehen, ob ſie kaͤmen. Als ſie zuruͤck⸗ kam, begegnete ihr Bosmina auf dem Hausflur. Mit der zaͤrtlichſten Liebe ſchloß ſie die Tochter in ihre Arme, druͤckte ſie an ihre Bruſt und ſeufzte:„Welchen Kummer haſt Du mir gemacht! Mein Schmerz, als ich Dich ungluͤcklich und todt glaubte, war viel groͤßer, als es die Freude iſt, Dich wieder zu ſehen. Aber wo iſt der Vater, er ſucht Dich, hat er Dich ver⸗ fehlt? Koͤmmt er Dir mit den Knechten nach?“—„Er fand mich, er rettete mich aus Raͤuberhaͤnden, er blieb zuruͤck, um die Unholde zu beſtrafen.“—„In Raͤu⸗ berhaͤnden warſt Du,“ ſagte die Mutrer erſtaunt,„der Vater rettete Dich? Aber wenn er, ſtatt die Unholde zu beſtrafen, von ihnen erſchlagen wuͤrde!“—„Mut⸗ ter, das iſt es, was mich aͤngſtigt. Das waͤre ein ſchlechter Lohn fuͤr eine edle That. Abgemattet, ohnmaͤchtig fuͤhle ich mich, noch zittern alle meine Glieder, ich * 28 kann mich nicht aufrecht halten. Wer in der Gefahr ſchwebte, von ſeinen Eltern grauſam geriſſen zu werden und in die Haͤnde unbarmherziger, roher Raͤuber zu fallen, die kein Recht und Geſetz ehren, dem muß alle Kraft entſinken.“ „Nun,“ ſagte Moina,„ſo lege Dich nieder, Roſcrana bleibt bei Dir, ich will, ich muß dem Vater entgegen gehen. Wo aber gehe ich hin, Du kannſt den Weg mir bezeichnen.“—„Laßt Euch den Knecht, der mich begleitete, zum Fuͤhrer dienen. Bleibt lieber, wozu koͤnnt Ihr dem Vater dienen! Ein guter Gott wird ſein Leben erhalten. Bleibt.“.. „Meinſt Du,“ entgegnete die Mutter, „daß ich nur ein Herz fuͤr Dich haͤtte? Auch der Vater iſt mir lieb und ich kann ihn hier nicht ruhig erharren.“... Als ſie Roſcrana geboten hatte, bis „ 29 zu ihrer Ruͤckkehr, Bosmina nicht zu ver⸗ laſſen, ging ſie mit dem Knechte nach der See hin, der ihr das Gluͤck, wie die Toch⸗ ter aus den Haͤnden der Raͤuber erloͤſt ſey, erzaͤhlen mußte.„Ach,“ rief ſie aus, „wie muß ich die Goͤtter preiſen! Sie fuͤhren die Sterblichen in Gefahren, in denen mehr zu verlieren iſt als das Leben, und helfen ihnen wieder heraus. Wenn Salgar nur nicht gemordet iſt!“ Als ſie die See, das Geſtade und das Nand vor demſelben ſehen konnten, da wurden ſie das Raubſchiff gewahr, das auf der See ſchwamm und Salgar, der mit ſeinen Knechten auf dem Heim⸗ wege war. Moina jauchzte und rief laut, mit aufgehobenen Haͤnden, den Namen ihres Gatten, daß ihr das Echo wieder⸗ holte. Er fragte, als ſie einander nahe waren:„Kam Bosmina in Drumaldo nicht an?“—„Abgemattet liegt ſie auf dem Lager.“—„Ihre Rettung hat Menſchen⸗ * blut gekoſtet,“ ſagte Salgar mit finſterer Stirn„und wir Alle ſind verwundet. Ich werde Bosmina den boͤſen Geiſt auszu⸗ treiben wiſſen, der ſie, wie eine Raſende allein ins Gebirge fuͤhrt.“—„Ach, Sal⸗ gar, die Gefahr, in der ſie war, wird ſie daven heilen. Sie dankt Dir, ſey ſcho⸗ nend gegen ſie.“—„Mit Eurer Guͤte und Weichlichkeit verderbt Ihr Muͤtter alle Eure Toͤchter, wenn etwas aus ihnen werden ſoll, ſo muß der Vater zugreifen, um die Fehler gut zu machen, die Ihr in ihrer Erziehung begeht. Die allzugroße Liebe blendet Euch und mit ihr, ſtatt ihnen zu nutzen, ſchadet Ihr ihnen. Aber ich muß mich doch wundern, da Bos⸗ mina abgemattet danieder liegt, daß Du ſie verlaſſen und mir entgegen kommen konnteſt, da ich es doch weiß, daß ſie den erſten Rang in Deinem Herzen be⸗ hauptet.“ Moina ſchwieg, weil ſie der Vorwurf wirklich traf und ſagte dann:„Sie lag unter meinem Herzen, meine Bruͤſte ha⸗ ben ſie genaͤhrt, ſie bedarf meiner Liebe. Goͤnnſt Du ihr die nicht, Deinem Kinde? Und wann habe ich in der Liebe gegen Dich, als Dein Weib, gefehlt? Wenn ich zaͤrtlich war, warſt Du da nicht oft kalt und ſagteſt: ſolche Taͤndeleien kann der ernſte Mann nicht vertragen. Iſt es nicht Beſorgniß um Dich, die aus der Liebe entſpringt, daß ich die Tochter ver⸗ ließ und Dir entgegen komme. Fordere Proben einer Liebe von mir, wie Du ſie Dir wuͤnſcheſt, ich bleibe ſie Dir nicht ſchuldig.“—„Laß uns nicht ſtreiten, Moina, den Goͤttern laß uns danken, daß Bosmina nicht eine Beute der Raͤuber geworden iſt. Hatte ich die Packer nicht bei mir, die die Kerls hielten, Du haͤtteſt ſie im Leben nicht wieder geſehn. Das beſte Stuͤck vom Eber gehoͤrt den Hunden, ſo habe ich es ihnen verſprochen und, ſelbſt den Hunden halte ich Wort.“ „Aber,“ fragte Moina,„wie kam es denn, daß Bosmina unter die Naͤuber fiel.“—„Daß weiß ich ſelbſt noch nicht, ſie muß es uns erzaͤhlen.“ Als ſie nicht weit mehr von Dru⸗ mardo entfernt waren, ſank ein⸗Knecht ohnmaͤchtig nieder, der an ſeiner Wunde einen zu großen Blutverluſt erlitten hatte. Salgar trug ihn mit den andern Knech⸗ ten in ſeine Wohnung, legte ihn auf ſein Lager und ließ ſogleich einen Barden kom⸗ men, der ihn verbinden und mit Traͤnken ſtaͤrken mußte. 1 Moina ging zu ihrer Tochter und fand ſie ſchlafend, Salgar folgte ihr nach, als er auch ſeine Wunden hatte verbinden laſſen. Das Maͤdchen fuhr im Schlum⸗ mer zuſammen, zuckte mit den Gliedern und wurde bald durch einen Schreck auf⸗ geweckt. Halbtraͤumend ſchrie ſie: Huͤlfe! Laßt mich los! 35 Unbekannten zuruͤck, Tuͤcke und Falſchheit verrieth mir ihr Blick, ihr Mitleid, ihre Freundlichkeit ſchien mir erlogen. Wie zitterte ich im Herzen, da ich Gefahr, ich weiß nicht welche, fuͤr mich fuͤrchtete. Mit bebender Stimme lallte ich die Worte: Ich danke Euch, mitleidige und gute Maͤn⸗ ner, fuͤr Euern angebotenen Dienſt. Laßt mich meines Wegs ruhig gehen. Ihr ſeht dort auf einer Anhoͤhe einen Thurm⸗ der uͤber die hoͤchſten Baͤume hervorragt⸗ da liegt Drumardo, meines Vaters Woh⸗ nung, des Haͤuptlings Salgar, der ein Schrecken aller Boͤſen iſt und nicht weit iſt der Weg dahin.“—„Nun“ ſprach der Eine,„liebes Kind, wir pflegen nicht lange zu capituliren, unſere Bitte, wenn ſie nicht erfullt wird, machen wir zu ei⸗ nem Befehl, dem gehorcht werden muß. Folgſt Du uns nicht gutwillig, ſo zwin⸗ gen wir Dich.“ 4 Als er die Hand nach meinem Arm ——— ausſtreckte, ergriff ich die Flucht, ſchnell ſprang ich dahin, wie eine Gemſe, die von Hunden gejagt wird und vielleicht waͤre ich entkommen, wenn es ein un⸗ gluͤckliches Verhaͤngniß nicht wollte, daß ich auf dem ſchluͤpfrigen Boden ausgkeitete und mit aller Gewalt auf das Geſtein niederſtuͤnzte. Ehe ich mich aufraffte, fuͤhlte ich mich ſchon von vier Armen er⸗ griffen, denen ich mich nicht entwinden konnte.„Thoͤrin,“ ſprach ein Raͤuber, „meinſt Du, daß wir eine ſolche Beute fahren ließen? Wir fuͤhren Dich nach Mull, da ſollſt Du herrlich und geehrt leben.“ w— Sie achteten mein Flehen, meine Thraͤnen nicht und ſchleyppten mich mit ſich. Ich ſchrie laut. Ob man auch ei⸗ nen Dolch auf meine Bruſt hielt, mich mit dem Tode bedrohte, ich konnte das Schreien nicht laſſen. Ais ich in der — — * 37 groͤßten Angſt faſt meiner Sinne beraubt, da kamen die huͤlfreichen Doggen und packten die Raͤuber. Vater, als ich Euch herbeieilen ſah, als ich meiner Rettung gewiß zu ſeyn glaubte, da haͤtte ich in Freude zergehn moͤgen, die keine Sprache zu benennen vermag. Ihr habt mich von der groͤßten Pein befreiet, mir ſelbſt das Leben erhalten, ich moͤchte Euch danken, aber, wie Ihr es verdient habt, kann ich es nicht. Die Vaterliebe wird Euch fuͤr dieſe That am beſten lohnen.“ „So,“ ſagte Salgar,„erkennſt Du es nun erſt, wie wohl ich es mit Dir meine? So folge meinem Rathe, der immer gut gemeint iſt, wenn er auch mit Deinem Verſtande ſtreitet und Deiner Neigung zuwider iſt. Die Wahl des Beſten fuͤr die Kinder iſt nur der Eltern Sache. Nun aber gehe mir, auch nicht mit Roſ⸗ crana, nie wieder den Weg nach dem 38 Felſen, ſie kann Dich gegen die Gewalt der ſtaͤrkern Raͤuber nicht ſchuͤtzen. Vor⸗ ſichtig ſoll eine Jungfrau ſeyn, Ihr droht allenthalben Gefahr, und ſich aus dem Auge der Eltern, die ſie bewachen und beſchuͤtzen, nie verlieren. Und nun laß ab von Deiner muͤrriſchen Laune, die mir aͤbel gefaͤllt und ſey wieder froͤhlich und heiter, wie Du es ſonſt warſt. Ein Maͤdchen, dem ſo ſchoͤne Hoffnungen bluͤhen, als Dir, darf keine truͤbe Stunde haben. Bald offenbare ich Dir ein Ge⸗ heimniß, das die Wolken Deines Mißmuths zerſtreuen ſoll.“ * Aber eben dieſes Geheimniß war es, was Bosmina ahnete, was ihr Gemuͤth verſtimmte und ſie in einen Truͤbſinn verſenkte, den ſie nicht beherrſchen konnte. Daß es Rechte der Natur giebt, die wir uns nicht ſtreitig machen laſſen, an die wir mit unbiegſamer Kraft halten, die — — . ſten von allen Hunden, die er hatte⸗ Um 39 wir reſpektiren muͤſſen, davon hatte Sa gar keinen Begriff, er meinte, daß ſei⸗ nem Machtwort ſelbſt die Gedanken und Gefuͤhle ſeiner Untergebenen umerworfem waͤren. 4 Mehrere Tage litt Salgar an ſeiner Wunde ſo ſehr, daß er von der Jagd, welche ſein Lieblingsvergnügen war, weg⸗ bleiben mußte. Er fah in der Zeit flei⸗ ßig nach den Doggen, und ſorgte ſelbſt dafuͤr, daß ihre Wunden gehoͤrig mit Heilſalbe beſtrichen wurden und ihnen Nah⸗ rungsmittel gereicht wurden, die ſie nicht verſchmaͤhten. Die Thiere waren ihm, wegen ihrer Treue ſehr viel werth, vor⸗ zuͤglich zur Jagd abgerichtet und die ſtaͤrk⸗ 40 Bosmina, welche von dem Schreck, der Angſt kraͤnkelte, die ſie erlitten hatte, be⸗ kuͤmmerte er ſich weniger und uͤberließ ſie der Sorge der Mutter. Die Geſchichte mit den Seeraͤubern ver⸗ breitete ſich auch außerhalb der Grenzen des Clans und neugierige Freunde und Nach⸗ baren kamen in Drumardo an, um ſich darnach zu erkundigen und die Wahrheit zu erfahren. Man hatte das Ereigniß durch Zuſaͤtze vergroͤßert und es noch viel ſchrecklicher gemacht, als es wirklich war. Da hieß es, Salgar waͤre mit mehrern Knechten an den Wunden geſtorben, die ihnen im Kampfe mit den Sereraͤubern ge⸗ ſchlagen worden waͤren; dort, Bosmina ſey auf einem Raubſchiffe, als eine Ge⸗ fangene nach Staffa abgefuͤhrt worden und ihre Mutter haͤtte vor Schmerz uͤber den Verluſt der Tochter den Verſtand verloren und ſey voͤllig eine Wahnſinnige, die be⸗ wacht werden muͤſſe, wenn ſie nicht —— — ———— — — E — — —— Schaden anrichten und ſich Gewalt an⸗ thun ſolle. Salgar freute ſich aufrichtig uͤber die Theilnahme ſeiner Freunde und ſagte: „Euer Beſuch gilt mir fuͤr ein Zeichen, daß es Euch nicht gleichguͤltig iſt, ob ich noch lebe oder todt bin, ob es in meiner Wohnung gut oder boͤſe ſteht. Wenn es die guten Goͤtter nicht verhuͤteten, ſo kennte es ſo ſchlimm werden, als man es ſich nicht arg genug denken kann. Aber bei menſchlichen Angelegenheiten haben ſie ihre maͤchtige Hand immer im Spiele, ſie machen es beſſer und auch ſchlimmer, wie wir es verſtehn, wie es ihre Weisheit füͤr gut findet. Auf Niemanden in weiter Umgegend aber machte das luͤgenhafte Geruͤcht einen ſchreckhaftern und zugleich ſchmerzhaftern Eindruck, als auf Fillan, den aͤlteſten Sohn eines Haͤuptlings. Eines Abends kam er mit mehrern Bewaffneten von ei⸗ nem Zuge gegen Diebe, die mehrere Rin⸗ der von der Heerde, die ſeinem Vater, dem Heren von Balclutha gehoͤrte, geſtoh⸗ len hatten. Drei von dem Geſindel wa⸗ ren ihm in die Haͤnde gerathen, er fuͤhrte ſie, als Gefangene, mit ſich und morgen ſollte, nach kurzem Prozeß, das Todesur⸗ theil an ihnen vollzogen werden. Nicht weit von Balclutha, als die Daͤmmerung ſchon angebrochen war, und er langſam auf der Straße fortritt, rief ihm eine Stimme, die hinter einem Ge⸗ ſtraͤuch am Wege herſchallte, nach:„Fillan, Fillan!“ Er hielt ſein Roß an und fragte, wer ihn rufe. Da richtete ſich hinter dem Geſtraͤuche eine große, magere Geſtalt em⸗ por und Fillan erkannte in ihr bald den alten, eisgrauen Aton. Dieſer Alte war ein Bettler, der von einem Clan zum an⸗ dern zog und ſich von milden Gaben er⸗ naͤhrte. In einem der Kaͤmpfe verlor er ſeinen Arm, Freunde, die ſich ſeiner haͤtten annehmen koͤnnen, hatte er nicht, arbeiten konnte er nicht, der undankbare Haͤupt⸗ ling gab ihm nur kaͤrgliche Nahrung und ſo war er gezwungen, wenn er ſein Leben friſten wollte, mitleidige Herzen anzu⸗ ſprechen. Der alte Aton erhielt Gaben im Ueberfluß, ohne eine milde Beiſteuer wurde er von keiner Thuͤr gewieſen und pflegte zu ſagen:„Es ſteht ſich im Hochlande Niemand beſſer, als wer betteln kann. Er war weit und breit bekannt, geliebt und kein Clansmann oder Paͤchter verſagte ihm die Herberge. Er konnte Wunder⸗ geſchichten von boͤſen Geiſtern und Zau⸗ berern aus den grauſten Zeiten der alten Caledonier erzaͤhlen und ſang mehrere Ge⸗ faͤnge, die er von den Barden erlernt hatte. Sein Gemuͤth war froͤhlicher, wis das eines maͤchtigen Haͤuptlings, der im Ueberfluß lebte und durch allerlei Spaße⸗ 8 44 reien wußte er es zu machen, daß die Leute lachten. Sie wußten es, daß er ein treuer, redlicher Greis war, daß er durch ſeine Freundlichkeit und ſein ſpie⸗ lendes Weſen die Kinder an ſich lockte und mancher Clansmann, wenn er mit den Seinen nothwendig auf dem Felde ſeyn mußte, vertrauete Aton, wenn er juſt zu der Zeit bei ihm um eine Gabe bat, Haus, Kinder und Vieh an. „Nun,“ ſagte Fillan, der den Alten erkannte,„falle mich mit Betteln nicht auf der Straße an, ich habe keine Gabe, die ich Dir geben kann. Komm nach Balclutha, da ſoll Dir Speiſe und Ob⸗ dach gereicht werden.“—„Seyd nicht ſo hart, ich kenne Euch ſonſt als einen mil⸗ den Burſchen und ehe Ihr von Anfallen und Betteln redet, ſo hoͤrt erſt, was ich Euch ſagen will. Uebrigens nahm ich noch nie eine Gabe an, die mir nicht mit willigem Herzen gereicht wurde. Wenn 45 ich kein Wort fuͤr mich rede, ſo ſpricht mein Alter, mein verlorner Arm und meine Redlichkeit, mit der ich alle Menſchen liebe, fuͤr mich.“—„Nun, haſt Du auch Hochmuth? Was iſt es, das Du mir ſagen willſt? Mache es nur kurz, ſehnlich werde ich in Baiclutha erwartet.“— „Wenn Ihr mich hoͤren wollt, will ich es ſo kurz machen, als ich es kann.“ Er begann alſo:„Oft ſah ich Euch in Drumardo und ſchließe daraus, daß Salgar Euer Freund iſt; oft begegneten wir einander auch, wenn Ihr dahin rittet und ſo jagtet, als ob Ihr einen Preis gewinnen wolltet. Ob nun Euer Beſuch den Eltern oder der Tochter galt, denn Bosmina iſt ſchoͤn wie der Tag, das kann ich nicht wiſſen. Aber hoͤrt und erſchreckt, das groͤßte Ungluͤck iſt Salgar begegnet, ſo habe ich es aus mehrerer Zeugen Munde vernommen und kann die Wahrheit nicht bezweifeln, Bosmina iſt von Seeraͤubern — 46 aufgefangen worden, die haben ſie auf ih⸗ rem Fahrzeuge mit ſich gefuͤhrt.“ Von Schreck gelaͤhmt ſagte Fillan:„Alter Narr, Du raſeſt! Eine Luͤge ließeſt Du Dir aufbinden! Man treibt Spott mit Dir. Vor zehn Tagen ſahe ich ſie.“—„Was kann in einem Augenblicke geſchehen und in zehn Tagen kann man leben, krank werden und ſterben.“—„Wer hat Dir das geſagt?“—„Clansleute von Dru⸗ mardo, die koͤnnen doch die Wahrheit wiſſen! Moina hat den Verſtand vor Schmerz verloren und Salgar fluchte: ſeit dies Ungluͤck mir begegnet iſt, kann ich an die Macht der Goͤtter nicht mehr glauben.“ Mit lauter, erſchuͤtterter Stimme ſagte Fillan zu Clunar, ſeinem Vertrau⸗ ten:„Du fuͤhrſt die Diebe nach Balclutha und keiner darf Dir entwiſchen. Den El⸗ tern aber ſage, ich ſey nach Drumardo geritten. Wann ſch wieder heimkehre, das * lieren! Es iſt Ihr zur Raſerei Gluͤck zu. verließ und in der Nacht nach Drumardo jagte.“—„Nach Drumardo? Nach Dru⸗ mardo? Was hofft er da zu finden, was treibt ihn dahin? Ein Freudenfeſt kann er— bei Salgar nicht feiern wollen.““ „Nun Aton,“ ſagte Clunar,„erzaͤhle,* was Du Fillan ſagteſt, daß Du ihm das Raͤthſel loͤſeſt.. Als der Greis ausge⸗. redet hatte, ſagte der Haͤuptling:„So hochfahrend Salgar auch iſt, der da glaubt, er hat die Blitze ſelbſt in der Hand, womit er, wenn er es will, alle Clans zerſchmettern kann, ſolch ein Un⸗ gluͤck habe ich ihm nie gewuͤnſcht. Auch den Feind kann ein Leid treffen, das uns in der Seele ſchmerzt.“ Ac,“ ſeufzte die Gattin,„die arme Mutter! Die einzige Tochter ſo zu ver⸗ wuͤnſchen, wenn ſie den Schmerz des er⸗ Die Erſtürmung. T. 4 8 5⁰0 littenen Verluſtes in ſich nicht mehr fuͤhlt.“ „Aber das begreife ich nur nicht,“ ſagte der Haͤuptling,„daß Fillan in der Nacht nach Drumardo jagte, als ob das Ungluck einer Schweſter begegnet ſey und er die Eltern troͤſten wollte. Auch iſt die Freundſchaft zwiſchen mir und Salgar ſo innig nicht. Die Kaͤmpfe haben unter uns nur darum aufgehoͤrt, weil wir uns vor einander mehr füratem als lieben.“ „Kennſt Du das mitleidsvolle Herz des guten Fillan nicht?“ ſagte die Gattin, als ob ſie den Sohn bei dem Vater ent⸗ ſchuldigen wollte, ſie aber ahnete ſchon laͤngſt, daß Fillan Bosmina liebte und hatte ihn gewarnt, wenn er nicht boͤſe Tage haben wollte, nicht ſo oft nach Drumardo zu reiten. „Was geht mich des Vaters Feind⸗ ar ſchaft an,“ entgegnete er, udem Zuge des Herzens muß ich folgen.“ Elunar ſagte:„Mit Fillans eigenen Worten kann ich das Dunkele des Ge⸗ heimniſſes, warum er von uns wegjagte, heller machen. Er hat ſich ſelbſt verra⸗ then. Muß es der Vater nicht wiſſen, wie es mit dem Herzen des Sohnes ſteht?“ Alſo redete er zu Aton:„Alter, Du haſt mir einen Pfeil ins Herz ge⸗ ſtoßen, der ihm eine Wunde graͤbt, die nimmer wieder heilt, wenn Bosmina un⸗ ter die Raͤuber ſiel und entfuͤhrt iſt. Sie war die Jungfrau meines Herzens. Aton, hat er nicht ſo geſprochen?? 4 „So, und nicht anders.“ Eine ſolche Neuigkeit uͤberraſchte den Hauptling ſchrecklich, es war ihm, als er ſie hoͤrte und deutete, wie ein Schlag, der ihn aufs heftigſte erſchuͤtterte. Mit 52 faltenvoller Stirn und funkelndem Auge ſagte er:„So ſprach er? Sie waͤre die Jungfrau ſeines Herzens? Spielt man ein ſolches Spiel hinter meinem Ruͤcken? Der Sohn macht ein Complott gegen den Vater? Aber, was tobe ich, wenn auch der Wille boͤſe war, ſo kann es die That nicht werden. Iſt ſie doch von den Raͤu⸗ bern entfuͤhrt, zur Ehe kann es alſo nicht kommen! Wie iſt das Ungluͤck des Einen nicht ein Gluͤck fuͤr den Andern! Die haben ſie mir erſpart.“ „Ach,“ ſagte die Gattin zuͤrnend,„Du Laͤſterungen aus? Wozu verfuͤhrt Dich der Widerwille gegen Salgar! Bosmina iſt ein ſcoͤnes Maͤdchen, ſie konnte Fillan wohl gefallen. Was geht die Kinder die Ab⸗ neigung der Vaäͤter an, wenn ſich ihr Herz zur gegenſeitigen Liebe hinneigt! Du waͤ⸗ reſt ungerecht, wenn Du Fillan mit har⸗ Goͤtter muß ich preiſen, großen Verdruß 1 biſt ſo mild und gut und ſtoͤßeſt ſolche — de bellten ihn zornig an und der eine von den Hirten rief ſie mit lautem Geſchrei und Fluchen zuruͤck. Er bot den Leuten den Morgengruß, die ihm freundlich dank⸗ ten und er hielt vor ihnen ſtille.„Ihr habt eine ſchoͤne Heerde,“ redete er ſie an,„wem gehoͤrt ſie?“ „Das ſolltet Ihr nicht wiſſen,“ ſagte der Hirte,„da Ihr noch einen Steinwurf von Drumardo ſeyd? Waͤre Euch denn der Name Salgar unbekannt, der Haͤupt⸗ ling unſeres Clans? Ich muß glauben, daß Ihr Kurzweil mit mir Alten treibet, wie es der Jugend nicht anſteht. Ihr ſeyd mir wohl bekannt und heißet Fillan und kommt von Balclutha.“ „Fuͤrwahr Dich kenne ich nicht,“ ent⸗ ſchuldigte ſich Fillan,„guter Alter!“ und wollte ihn wieder zufrieden ſprechen. „Nun, ſo kann es Euch doch nicht 1 unbekannt ſeyn, daß Drumardo vor Euch liegt und daß dem Haͤuptling Salgar dieſe Heerde gehoͤrt. Ihr muͤßt die Nacht hindurch geritten ſeyn, und werdet noch Alle im Schlafe finden. Wer erwartet auch Gaͤſte aus der Ferne, wenn die Sonne eben aufgegangen iſt.“— Die Hirten wollten den Rindern fol⸗ gen und ins Gebuͤſch gehen, als Fillan ſagte:„Mitleid und Theilnahme hat mich hieher getrieben. Aton, der alte Betgler erzaͤhlte mir: Moina fey raſend geworden, Salgar ſchwer verwundet und Bosmina von Seeraͤubern gefangen hinweggefuͤhrt. Iſt die Nachricht wahr, die mir das Mark in den Knochen erſchuͤttert hat?“ „So konnte es kommen, wenn es nicht maͤchtige und guͤtige Goͤtter gaͤbe, welche die Macht des Boͤſen hindern, daß ſie den Schaden nicht thun kann, den ſie anrichten will, Von mir ſollt Ihr die ———— et, iemeeiee 63 Wahrheit horen. Allerdings waren es Seeraͤuber, die Salgarn verwundeten, als er ſeine Tochter retten wollte, die ſie ſchon in ihren Klauen hatten. Die Jung⸗ frau kam mit einem Schreck davon, iſt in Drumardo und wird die Gaͤnge nach dem Gebirge, wo ſie allein hinging, nun wohl auf immer unterlaſſen. Da die Mutter die einzige Tochter uͤber Alles liebt, ſo haͤtte ſie leicht den Verſtand verlieren koͤn⸗ nen, wenn Bosmina auf die ſchrecklichſte Weiſe von ihr getrennt wurde. Es ent⸗ ſtand ein harter Streit um das Maͤdchen, vier oder ſechs Raͤuber lagen todt auf dem Kampfplatze und Salgar wurde mit ſeinen Knechten und Hunden verwundet. Seht, das iſt die wahre Geſchichte, ſo werdet Ihr ſie ſelbſt erfahren.“ Fillan gerieth in eine ſolche Freude, daß Bosmina gerettet war, daß er dem Hirten die Hand reichte, ſie kraͤftig druͤckte und ſagte:„Du haſt mir Balſam in die ſchmerzhafteſte Wunde gegoſſen, zu ſeiner Zeit will ich Dich dafuͤr bezahlen.“ Mit den Worten:„Verſprecht nich mehr, als Ihr halten wollt,“ gingen die Hirten ins Gebuͤſch. Das Herz Fillans wallte in Ent⸗ zuͤcken uͤber, er hatte keine Worte, um die Gefuͤhle auszuſprechen, die ſich in ſeinem Innern bewegten. Die war gerettet, die ſein groͤßter Schatz im Leben war, welche er verloren zu haben glaubte. Wie aber ſollte er ihr ſeine Wonne zu erkennen ge⸗ ben, daß er ſich ſeines Gluͤcks freute, wenn ihre Eltern zugegen waren! Verra⸗ then durfte er ſeine Liebe noch nicht, das konnte ihm gefaͤhrlich werden. Er haͤtte ſie in ſeine Arme nehmen, ſie an ſeine Bruſt druͤcken, ſie unzertrennlich mit ſich verbinden moͤgen. Er mußte einen lang⸗ ſamen Schritt reiten, damit ſich die freu⸗ dige Unruhe, die in ihm aufgeregt war, 65 einigermaßen wieder legte. Viel zu fruͤh fuͤr ſeine Empfindung kam er vor dem Thore an. Er begehrte eingelaſſen zu werden und, als man ihn an ſeiner Stimme ſchon erkannte, wurde ihm das Thor geoͤffnet.„So fruͤh ſchon,“ ſagte der Thorwaͤchter,„es liegt ſicher noch Alles im Schlafe und noch erwartet man keinen Gaſt.“ „So will ich warten und Niemanden im Schlafe ſtoͤren,“ ſagte Fillan und ritt langſam nach der Wohnung hin. Unbe⸗ merkt konnte das aber nicht geſchehen, da die Hunde, welche an Ketten lagen, ein lautes Bellen anhoben, daß es uͤber den ganzen Hof hinſchallte. Er haͤtte die Beſtien zum Stillſchweigen bringen moͤ⸗ gen. CEhe er noch die Wohnung erreicht hatte, ſah er Salgar in der Thuͤr in ſei⸗ nem Jagdhabit, der die einzelnen Stuſen Die Erſtürmung. I. 65656 66 vor derſelben herabſtieg, ihm die Hand hinhielt und ſagte:„Wie ſoll ich Eure fruͤhe Ankunft deuten! Naht ein Haͤupt⸗ ling aus der Ferne mit ſeiner Rotte, der mir Fehde bieten will und ſeyd Ihr der Bote, der mir das melden ſoll?“ „Ein ſolcher Bote bin ich nicht und häͤtte mich dazu nicht brauchen laſſen. Von Euerm großen Ungluͤcke habe ich ge⸗ hoͤrt und komme, Euch mein Mitleid zu bezeugen.“ „Ich muß Euch dafuͤr danken. So machten es meine Freunde auch; aber von Allen ſeyd Ihr der Letzte.“ „Salgar, das iſt nicht meine Schuld. Geſtern Abend erfuhr ich von dem Bettler Aton die Ungluͤcksgeſchichte, ich bin ſchon hier, Ihr moͤgt es ſelbſt ermeſſen, wie ich die Nacht hindurch geritten bin. Er ſagte 57 mir, Ihr laͤgt an Euern Wunden todt danieder.“ „Das alte Luͤgenmaul. Aber ſteigt doch vom Roſſe, kommt mit mir in die Halle und laßt Euch erquicken. Ihr ſeht, es ſoll auf die Jagd gehen, es iſt heute das Erſtemal, daß ich den Wald wieder betreten will. Da Ihr gewiß ermuͤdet ſeyd, koͤnnt Ihr mir nicht folgen. Erlaubt „. es, daß ich Euch auf zwei Stunden ver⸗ laſſen darf, dann bin ich ſicher wieder 1 hier.“ Sie gingen in die Halle und bald wurde ein gutes Fruͤhſtück aufgetragen. Fillan fuͤhlte ſich ſo abgemattet, daß er ſich kaum aufrecht halten konnte. Als ihm 4 Salgar die Raͤubergeſchichte mitgetheilt hatte und Fillans Abſpannung bemerkte, ſagte er:„Ihr jungen Burſchen kor keine Nacht mit Schlaf entbehren. Euch angewieſen werden und wenn Ihr wieder geſtaͤrkt erwacht, bin ich hier.“ Das ließ ſich Fillan gern gefallen. Vielleicht konnte er mit Bosmina einige Worte allein reden, wenn die Mutter der Sorge fuͤr die Wirthſchaft nachging Er legte ſich nur zum Schein hin, als Sal⸗ gar noch da war, einſchlafen konnte und wollte er nicht. Ehe Salgar ſeine Woh⸗ nung verließ, ging er zu ſeiner Gattin, bei der die Tochter ſchlief, und ſagte: „Fillan iſt angekommen. Weil es dem Schwaͤchling zu viel iſt, eine Nacht zu durchreiten, liegt er nun, wie ein matter Kranker auf dem Lager und ſchlaͤft. Er laͤßt mich allein auf die Jagd gehen und kann mich nicht begleiten. Da lobe ich mir Cormar, ein Rieſe iſt der gegen ihn. Wenn er erwacht iſt, koͤnnt Ihr mit ihm ſprechen, bis ich wieder komme. Mit Weibern geht er lieber um, als mit NMaͤnnern.“ —,— 69 Als die Frauen ſchwiegen, entfernte ſich Salgar.„Mutter,“ fragte Bosmina, „wir haben einen Gaſt im Hauſe, wollen wir nicht aufſtehen?“ „Einen Schlafenden, wie Du gehoͤrt haſt, der unſerer Geſellſchaft nicht bedarf. Eine ſonderbare Sitte, in ein fremdes Haus einzukehren, um da zu ſchlafen!“ „Zuͤrnt Ihr auch auf ihn? Was hat er Euch gethan! Es ſchmerzt mich ſo ſchon, daß der Vater Fillan gegen Cormar im⸗ mer erniedrigt. Es hat ein Jeder ſeine Tugenden und ſeine Fehler und Fillan iſt doch menſchlicher. An Cormar iſt Alles Feuer und Flamme und faſt fuͤrchte ich mich vor ihm.“ „Bosmina,“ ſagte die Mutter,„halte das Geheimniß, deſſen Sinn ich laͤngſt ſchon ahnete, vor mir nicht laͤnger ver. ſchwiegen. Ich bin Deine Mutter und 5 kann zum Beſten rathen. Laͤngſt ſchon konnte ich aus Deinen Aeußerungen ſchlie⸗ ßen, daß Du Fillan liebſt. Seine Neigung zu Dir hat mir ſein oͤfteres Kommen ſchon verrathen. Zum Ernſt wird es mit Deiner Liebe ſchwerlich kommen, darum mußt Du ihr entſagen. Du weißt, Eure Vaͤter ſind keine Freunde und Dein Vater laͤßt ſich nicht ſo leicht verſoͤhnen. Daß er Cormar Fillan vorzieht, das iſt Dir ſelbſt ſchon klar geworden und unrecht hat er nicht.“ „So möͤgt Ihr es glauben und Eure Meinung will ich nicht beſtreiten; aber findet Ihr ein Unrecht darin, daß mir Fillan vorzuͤglicher erſcheint? Es hat ein jeder Juͤngling ſeine Weiſe, die ich nicht tadeln will, aber mit ſeinem Gemuͤthe ge⸗ faͤllt mir Fillan am meiſten. Ja, ich will es Euch geſtehen, daß ich ihn vor Allen liebe und noch mehr... 444 21 „Was denn noch mehr?“ „Daß ich ihm das heillge Wort gegeben habe, einſt ſeine Gattin zu werden.“ „Bosmina, das haſt Du,“ ſagte die Mutter erſtaunt,„ohne den Willen Dei⸗ ner Eltern zu fragen? Wenn ich auch geneigt waͤre, das Unrecht Dir zu verzei⸗ hen, der Vater wird es nie.“ „Dem Zuge meines Herzens bin ich gefolgt, eines Haͤuptlings Sohn iſt Fillan, wie ſollte das ein Unrecht ſeyn, das Ihr mir verzeihen muͤßtet. Ich aber denke, ein Unrecht waͤre es, wenn Eltern das Gluͤck einer Tochter verhinderten.“ „Bosmin, denke an mich, der Vater giebt dieſe Ehe nicht zu und es kann Krieg und Streit entſtehen.ͤ.... 5 „An dem ich doch nicht Schuld bin.“ Bosmina verließ das Lager und zog ſich eilig an, die Mutter ſtand auch auf. Als die Tochter die Kammer verlaſſen wollte, ſagte Moina:„Du bleibſt, bis ich mit Dir gehe.“ „Bin ich denn eine Gefangene, eine Sclavin?“ „Du biſt es, wenn Du nicht frei⸗ willig meinem Worte folgſt. Meinſt Du, daß ich mir Saſgar zum Feinse machen ſoll? Soll die Mutter Deinem Willen folgen? Du bleibſt, wenn ich Dich nicht bei dem Vater verklagen ſoll.“... Sie blieb, aber die Falten des innern Unwillens lagen auf ihrer Stirn.„Geht Ihr ſo mit einer Tochter um, der ihr es ſelbſt geſtandet, Ihr haͤttet ihren Verluſt nicht uͤberlebt? Kann ich an Eure Liebe — — 73 glauben? Welch einen Beweis gebt Ihr mir von Eurer Haͤrte.” „So ſcheint es Dir, ich aber glaube es gut mit Dir zu meinen. Was traut ein Kind doch ſeinen Eltern zu, wenn die ſich nicht in ein Geſetz fuͤgen, das ſeine Neigung giebt!“ Als Moina mit ihrem Anzug fertig war, ging ſie mit der Tochter in die Halle. Die Jungfrau war in einer ſehr niedergebeugten Seelenſtimmung, Gram und Verdruß kaͤmpfte in ihr.„Und,“ ſagte die Mutter,„Du koͤnnteſt gegen Deinen Vater ſo undankbar und ihm nicht zu Willen ſeyn, der Dich rettete, Deine Un⸗ ſchuld, Deine Freiheit und Dein Leben Dir erhielt? Willſt Du keine Art folgſa⸗ mer Liebe Deinen Eltern beweiſen, die die Goͤtter fuͤr Deine Befreiung von einer boͤfen Macht auf immer preiſen! Sollen ſie nur Leid und keine Freude an Dir 74 erleben? Bosmina, ſo trauerte ich noch nicht uͤber Dich, wie heute!“ Bosmina entgegnete:„Mutter, liebe Mutter, muͤßte ich mir es ſelber ſagen, daß ich Euch wirklich Kummer machte, ſo wuͤrde mein Schmerz den Euern uͤberwie⸗ gen; aber, daß ich Fillan liebe, koͤnnt Ihr das fuͤr Mangel an kindlicher Liebe und Gehorſam achten. Wer einer unſtraͤfli⸗ chen Neigung folgt, welche die Goͤtter ſei⸗ ner Bruſt ſelbſt eingeſenkt haben, den koͤn⸗ nen die himmliſchen Weſen ſelbſt nicht verdammen und der Heiligſte kann ihn nicht ſtrafen. Sein großes Ungluͤck iſt nur das, daß die ſeine Liebe nicht billigen, 8 durch deren herzliche Theilnahme ſeine Wonne erhoͤht wird. Wehe ihm, wenn ihm dieſe fehlt!“ „ Bosmina, glaube es mir,“ ſagte die Nutter hochbetruͤbt,„ich ſehe in die Zu⸗ kunft und ahne es jetzt, die Zeit wird 4 75 kommen und viel zu fruͤh im Leben, wo Deine Wahl Dir nicht gefaͤllt. Fillan war es, der zuerſt Deiner erwachenden Neigung entgegen kam und ihm wurde es leicht, Dich in ſein Netz zu locken. Du biſt unerfahren und kennſt des Man⸗ nes Sinn und Tugend nicht, der uns fuͤr das ganze Leben gluͤcklich machen kann. Fillan iſt gut und weich, redlich und un⸗ verſtellt iſt ſein ganzes Weſen, aber ein feuriges, hochſtrebendes Gemuͤth macht viel groͤßere Forderungen an den Gatten. Wenn die erſten ſuͤßen Taͤuſchungen der Leidenſchaft verronnen ſind, die Dir ihn in glaͤnzendem Lichte darſtellen und Dich blind gegen ſeine Schwaͤchen machen, dann wirſt Du vom Irrthum erwachen, ſtaunen und erſchrecken, wie Du Dir einen ſolchen Gatten waͤhlen konnteſt. O, wie ungluͤcklich iſt dann ein Weib, die die Fehler ihres Mannes erkennt und nicht Jede hat des Geiſtes Staͤrke und Kraft, ſie geduldig zu ertragen. Ihr Blick ſtoͤßt leicht auf einen andern Mann, der hoͤhere Vollkommenheiten beſitzt, den wuͤnſcht ſie zu beſitzen und in der Bruſt entſtehen unreine Wuͤnſche, die ſie vor ſich ſelbſt verbergen muß. Dem Leibe nach gehoͤrt ſie nur noch dem Gatten, ihre Seele iſt von ihm gewichen. Ach, und ſteht ſie nicht felſenfeſt in ihrer Tugend, wie nah iſt ſie dem Falle. Und ſieh, Bosmina, das eben iſt es, was ich fuͤr Dich fuͤrchte, darum muß ich Dich vor einer Verbin⸗ dung mit Fillan warnen. Das mag es auch ſeyn, was Dein Vater fuͤrchtet und darum wird er fuͤr Deine Verbindung mit dieſem Juͤnglinge niemals ſtimmen. Nenne das an ihm nicht Haͤrte und Graufamkeit gegen Dich, was weiſe und beſorgte Va⸗ terliebe iſt.“ „Cormar mag ungeſtuͤm und ſtuͤrmiſch, er mag wild und roh ſeyn, ſo iſt er doch voll Kraft und Muth, ein rechter Mann und ein ganzer Schotte. Der kann ſein 77 Weib gegen jede Unbill ſchuͤtzen. Schlank wie eine Fichte, ſtark, wie eine Eiche und biegſam, wie ein Birkenzweig iſt ſein Leib. Geſundheit ſprudelt in ſeinen Adern. Wie voll und roth iſt ſeine Wange, wie leuch⸗ tend iſt ſein Auge! Vergleichſt Du Fillan mit ihm, ſo iſt der eine welkende Blume. Und fuͤrchteſt Du ſeine Heftigkeit, ſo hat er die mit Deinem Vater gemein und dennoch preiſe ich mich ein gluͤcklicheres Weib, als es viele Frauen nicht ſind. Ach und die Liebe des Weibes baͤndigt des Mannes Ungeſtuͤm, ſie macht ihn ſanf⸗ ter, milder und bezaͤhmt die Heftigkeit ſeiner Leidenſchaft. Er liebt feurig und innig und braͤchte, wenn es ſeyn muß, dem Weibe ſelbſt ſein Leben zum Opfer. Was urtheilſt Du nun? Ueberzeugſt Du Dich, daß ich die Wahrheit rede?“ „Mutter, gar Vieles, was Ihr ſag⸗ tet, habe ich nicht verſtanden und was ich verſtand, ſteht mit meinem Denken und Empfinden im Widerſpruch. Folge ich meiner Neigung, ſo wird nicht der ge⸗ ruͤhmte Cormar, ſondern der verachtete Fillan mein Gatte. Von meinem Vater lernte ich es, ein Verſprechen heilig ach⸗ ten, wie einen Eid. Soll ich dem Vater dazu dienen, daß er ſeine Herrſchſucht durch einen maͤchtigen Haͤuptling, den er zu ſeinem Schwiegerſohne macht, noch ver⸗ groͤßert? Laßt mir die freie Wahl, Euer Gebot nimmt mein Herz nicht an und doch glaube ich Euch nicht ungehorſam zu ſeyn.“ Als Moina zu reden anfing, trat Fillan in die Halle.„Den Goͤttern Preis und Dank,“ ſagte er, nach fluͤchtiger Be⸗ gruͤßung,„die an Bosmina das Wunder der Erloͤſung aus Raͤuberhaͤnden thaten. Ihre Entfuͤhrung haͤtte die zaͤrtliche Mut⸗ ter gemordet und mehr, als ein Menſchen⸗ leben mit dem Tode bedroht.“ —— ———— — koͤrperlichen Zerruͤttung meine innern Qua⸗ 79 „Und, welches meint Ihr,“ fragte Moina,„doch des Vaters wohl allein; denn wer koͤnnte es ſonſt ſeyn, der ſich um ein Maͤdchen zu Tode graͤmt, das in Raͤuberhaͤnde gefallen iſt? Aber Ihr ſeht ja ſo blaß, ſo abgemattet aus, als ob Ihr von einer ſchweren Krankheit eben geneſen waͤret.“ „Die Nachricht, Bosmina ſey Euch geraubt, war fuͤr mich ein Schlag, der alle meine Gebeine erſchuͤtterte. Die Nacht jagte ich hindurch, um zu einer Ge⸗ wißheit zu kommen, die meine Niederge⸗ ſchlagenheit entweder aufrichten, oder mich in verzweiflungsvolen Kummer ſtürzen ſollte. Ein Leid, was die Seele ſo er⸗ greift, druͤckt die Spuren der Zerſtoͤrung auch dem Koͤrper ein. Meßt nach dieſer len, meine Theilnahme ohne alle Grenzen.“ „Kein Unfall, ſey er noch ſo groß, 80 ſoll den Mann niederwerfen. Wenn das Weib ſinkt, muß der Mann aufrecht ſte⸗ hen, um es zu halten. Ich finde, Eure Theilnahme geht zu weit, ſie ſchadet Euch und wozu koͤnnte ſie Euch bei Bosmina dienen?“ „Das kann ich Euch ſagen, daß ſie es erkennt, wie hoch ſie in meinem Her⸗ zen angeſchrieben ſteht.“ „Fillan, ſparet ſolche Worte, wozu ſollen ſie nutzen? Sie ſind in den Wind geſagt.“ „So wenig, Moina, gilt Euch der Freund von Eurer Tochter, der ſelbſt ſein Leben eingeſetzt haͤtte, ſie zu retten? Die Tochter muß Euch nicht viel gelten, ſonſt muͤßtet Ihr mich hoͤher achten.“ „Wie jeden andern Juͤngling, ſo achte ich Euch, mehr fordert nicht von mir.“ —— * . V 81 Oefter blickte Bosmina Fillan erroͤ⸗ thend an, er ſah es, daß ihr die Thraͤnen in den Augen ſtanden und ſagte in einer Art von Zuͤrnen uͤber die Mutter:„Nicht wahr, Bosmina, Du erkennſt mein Wohl⸗ meinen nicht! Wenn Du es nur glaubſt, wie theuer mir Dein Leben iſt, und wie ich die Goͤtter fuͤr Deine Rettung preiſe, ſo kann ich die unverdiente Haͤrte einer ganzen Welt und ſelbſt derer leicht er⸗ tragen, von denen ich ſie nicht gefuͤrchtet haͤtte.“ 2 „Mutter,“ ſagte Bosmina in bitten⸗ dem Tone, indem in ihren Augen große Thraͤnen glaͤnzten,„es muß Fillan weh thun und beleidigen, daß Ihr ihn ſo ab⸗ ſtoßend und faſt veraͤchtlich behandelt, das ſchneidet mir ſelbſt in die Seele und ver⸗ wundet ſie tief. Wie Ihr ſo gegen ihn ſeyn koͤnnt, den Liebe, Guͤte und Theil⸗ nahme hieher trieb, Ihr, ſonſt ſo ſchonend und ſo dankbar, das kann ich nicht begrei⸗ Die Erſtürmung. I. 6 82 fen. Es thut mir in Eurer Stelle weh, daß Fillan glauben muß, Ihr habt ein ihm abgeneigtes und feindliches Gemuͤth.“ „Das eben iſt es,“ ſagte Moina faſt entrüͤſtet,„was ich wuͤnſche, daß er glau⸗ ben mag, ich zuͤrne ihm, hat er mich nicht dazu gereizt? Sprecht, Fillan, iſt es auch recht, daß Ihr Bosmina verfuͤhrt habt, daß ſie es Euch betheuern mußte, Eure Verlobte zu ſeyn und Eure Gattin zu werden? Wer wird eine ſolche That be⸗ gehen und ſie den Eltern geheim halten. Das koͤmmt zwar oft vor, aber es iſt doch eine boͤſe Sitte. Dies gemahnt mich eben ſo, als ob ein Dieb bei Nacht den groͤß⸗ ten Schatz uns raubt. Ihr wißt, daß Salgar die Geſellſchaft Eures Vaters nicht ſucht und, was die Hauptſache iſt, Ihr paßt mit Euerm ganzen Weſen fuͤr Bos⸗ mina nicht und werdet in ihrem Beſitz das Gluͤck nicht finden, was Ihr ſucht. Vielleicht iſt Eure Neigung noch nicht f 6 * 83 tief eingewurzelt und Eure Liebe gleicht einem Fieber, was bald voruͤber geht, darum gebe ich Euch den wohlmeinenden Rath, erlaßt ihr das Wort, zu dem Ihr ſie verlockt habt und ſprecht ſie wieder frei.“. „Mich mit einem Diebe zu ver⸗ gleichen,“ ſagte Fillan und auf ſeiner Stirn bildeten ſich große Falten, ſein Auge ſpruͤhte Funken und ſeine Wange wurde feuerroth,„nein, das iſt zu arg, es iſt ſchimpflich. Haͤtte das mir eine Andere, als Ihr geſagt, ich koͤnnte das nicht un⸗ gerochen laſſen; aber ich habe verzeihen gelernt, wenn Ihr mich kraͤnkt, das Vor⸗ recht ſollt Ihr haben. Wie Ihr aber das wiſſen wollt, daß Bosmina mit ihrem gan⸗ zen Weſen fuͤr mich nicht paßt, das iſt die irrigſte Behauptung, die je aus einem Frau⸗ enmunde kam. Iſt nicht ſelbſt meine Er⸗ ſcheinung in Drumardo, meine Angſt und Sorge um ſie, ein redender Gegenbeweis? Nur, mit ihr glaube ich auf Erden gluͤck⸗ lich zu ſeyn.“ „Ich merke es wohl, Ihr habt mich nicht recht verſtanden, Fillan, und ich muß mich begreiflicher fuͤr Euch erklaͤren.“ „Am Ende,“ ſo entgegnete er mit dem Laͤcheln des erbitterten Zorns,„ſprecht Ihr mir auch den Verſtand ab und wollt es mir begreiflich machen, daß ich ein ein⸗ ſaͤltiges Kind, oder eine Art von Schwach⸗ kopf bin, mit dem die boͤſen Witzlinge Geſpoͤtte treiben koͤnnen. Laßt doch Eure Erklaͤrung hoͤren, ich werde mit zehn Oh⸗ ren hoͤren, damit keines Eurer Worte auf die Erde faͤll. 4* Moina ſagte:„Nicht meinte ich, daß Bosmina die Frau nicht waͤre, die Euch nicht gefallen koͤnnte, ich behaupte, daß Ihr der Mann nicht ſeyd, der ihr auf eine lange Zeit gefallen kann..“ —— ſ ———— 85 Fillan machte eine Bewegnng, als ob er heftig auffahren wollte.„Schweigt,“ ſagte ſie„und haltet Eure Zunge im Zaum, ſeyd hoͤflich, laßt mich erſt ausreden und dann ſprecht, ſo viel Ihr wollt, ich will Euch anhoͤren. Ich traue Euch alle guten Eigenſchaften zu. Ihr ſeyd ein Juͤngling, von dem Niemand Boͤſes ſpricht. Keinen habt Ihr Euch zum Feinde ge⸗ macht. Ihr verabſcheuet die kriegeriſchen Fehden und haltet Euch friedlich in Bal⸗ clutha. Waͤret Ihr ein Clansmann, Nie⸗ mand wuͤrde mehr von Euch verlangen und ein Muſter waͤret Ihr. Aber von ei⸗ nem Haͤuptlinge fordert man mehr, als die ſtillern und haͤuslichen Tugenden, wenn er den Feinden nicht erliegen ſoll, die ihn zum Kampfe herausfordern. Schwert, Bo⸗ gen und Lanze muß er geſchickt zu fuͤhren wiſſen; der Maͤnnermuth muß in ihm uͤberſprudeln; ihn darf keine Gefahr er⸗ ſchrecken; das wilde Ungeſtuͤm der Feinde muß er verachten, ſich gefuͤrchtet und ge⸗ 85 ehrt machen, beweiſen, daß er ein Held iſt, den nicht Blitz und Donner ſchreckt. ſas nun ſeyd Ihr nicht und koͤnnt es nicht werden, weil Euch die Natur, die ihre Gaben wunderlich vertheilt, dazu nicht die Kraft verlieh.“ „Fuͤr Bosmina taugt der nicht zum Gatten, der in friedlicher Stille dahin ſchleicht, den, außer ſeinem Clan, Niemand kennt; der von ſeinem Gute zehrt und auf weichem Lager ruht, wenn Andere ſich in Nacht und Nebel, in Streit und Feyde tummeln. Ein ſolcher iſt ein klraͤftiger S ild fuͤr das Weib und er nur kann ihre Schwaͤche beſchirmen. Die Liebe aber iſt eine Glut, die erkaltet, wenn ſie keine Nahrung hat und nur die Achtung gegen des Mannes Kraft und Kuͤhnheit und ſei⸗ nen Heldenſinn kann ſie fortgeſetzt unter⸗ halten. Glaubt es ja nicht, daß Bosmina keinen Sinn fuͤr die ſtarken Seelen hat, daß ſie nur das Sanfte, Liebkoſende und — ⁰ ⁶✕⁊ t ꝛ— 5 und raſten kann? Dieſe Ehre will ich al⸗ Schmeichelnde liebt, ruͤhmend ſprach ſie oft von dem, der große Thaten uͤbte und gern theilt ein Weib des Mannes Ehren es demuͤthigt ſie ſchmerzlich, wenn ſie ſich mit dem unberuͤhmten Manne ver⸗ kriechen muß. Seht, darum paßt Ihr nicht fuͤr Bosmina.“ 4* „Nun, das iſt wahr, ein Wunder muß ich es nennen, daß mir die Galle nicht uͤberlaͤuft. Redet Ihr doch von mir, als ob ich ein feiger Bube waͤre, den der Fluͤgelſchlag einer Kraͤhe erſchreckt, mit dem man Kurzweil treiben kann, der ſich in einen Schlupfwinkel, etwa wie die furchtſame Maus, verbirgt, wenn ſie die Katze ſieht. Das alſo iſt des Mannes Ehre, das ſchafft ihm die Achtung ſeiner Gattin, wenn er, wie ein Raſender, in wilden Kaͤmpfen umhertobt; wenn er Ge⸗ ſicht und Haͤnde mit Menſchenblut be⸗ ſpritzt; wenn ſeine Streitluſt nicht ruhen len Unholden, die das menſchliche Weſen verleugnen, gern uͤberlaſſen; ich verabſcheue ſie und ſtaune, daß Ihr ihnen, eine Frau, einen ſolchen Rang einraͤumt. Aber fuͤhrt mir doch einen Beweis an, wo ich ein Feigling war? Schaͤmte ich mich des Rahmes nicht, ſo koͤnnte ich das Gegen⸗ theil darthun. Was iſt das fuͤr ein Weib, das den Mann nur achtet, wenn er roh und wild, eine Art von Raubthier iſt, das mit den Krallen zerfleiſcht! Freilich kann Eure Tochter ſolch einen Mann nur lieben, ſo bin ich der rechte nicht fuͤr ſie und ſie paßt nicht fuͤr mich. Sie aber mag ſelbſt entſcheiden.“ „Fillan,“ ſagte Bosmina wehmuͤthig und zugleich entruͤſtet,„es giebt eine Liebe, welche die Wunden heilen will, die Dir die Mutter ſchlug. Sie verkennt meinen Sinn und weiß es nicht, wie ich Dich liebe. Ob Du mein Gatte werden ſollſt, daruͤber forderſt Du noch eine Ent⸗ 89 ſcheidung von mir? Ich habe entſchieden. Zu Eurer Beruhigung, Mutter, ſey es ge⸗ ſagt, daß ich die Kaͤmpfer nicht ehren kann, die ſich im wilden, unerlaubten Spiel um die Freiheit, die Ehre und das Eigenthum der Naͤchſten die Koͤpfe blutig ſchlagen. Wer ſo, wie ſie, aus den Gren⸗ z3en des Menſchlichen weicht, der iſt ein ungezaͤhmtes, rohes Thier, was viehiſchen Trieben folgt, das koͤnnte mir gefallen! Fillan, ich liebe Dich!“ Sie ſtand auf, ging aus der Halle und die Mutter folgte ihr nach und fuhr auf der einſamen Kammer mit ihren War⸗ nungen fort. Bosminas Sinn ließ ſich nicht beugen, ſie beharrte auf ihrem Ent⸗ ſchluſſe und betheuerte,„daß ſie ein Ver⸗ ſprechen, was ſie Fillan gegeben haͤtte, nicht brechen koͤnne.“ „Nun,“ entgegnete Moina,„ſo wird 90 es der Vater brechen, damit wir nicht Leid an der Tochter erleben.“. Unterdeß ging Fillan in der Halle 4 auf und nieder, er knirſchte zornig mit den Zaͤhnen uͤber die Beleidigungen, die ein Weib ihm ſagte. Wenn ein Fremder ihre Vorwuͤrfe, die ſie ihm machte, ge⸗ hoͤrt haͤtte, ſo konnte er ſie nicht unge⸗ raͤcht ertragen. Er war in ſich unent⸗ ſchieden, ob er bleiben oder gehen ſollte. Es ſiel ihm auch ein, wie Salgar auf⸗ brauſen werde, wenn es zu ſeiner Kennt⸗ niß kam, daß Bosmina ihm ewige Liebe ſchwor. Er ſelbſt wagte es nicht, es ihm zu ſagen. Aber mit der zaͤrtlichſten Nei⸗ gung blieb er Bosmina treu und keine Macht konnte ſie erſchuͤttern. Als er die Ruͤſtungen und Sieges⸗ zeichen betrachtete, die in der Halle an den Waͤnden hingen, welche Salgar zum Theil in hitzigen Fehden ſeinen Feinden 91 abgenommen hatte, hoͤrte er Maͤnnerſtim⸗ men und die Niitte mehrer Roſſe. Auf den erſten Blick aus dem Fenſter erkannte er Cormar, der mit Salgar gekommen war, und Hand in Hand, wie zwei alte, vertraute Freunde, trat er mit dem Gaſte in die Halle. Vor dem Walde war es, wo Cormar Salgarn begegnete und zu ihm ſagte: „Ich wollte Euch beſuchen und Eure Toch⸗ ter ſehen, die ihr ſo kuͤhn und brav den Raͤubern abnahmt. Die That iſt Eurer wuͤrdig, doch gaͤbe ich zehn Clanslaute, mit allem, was ſie beſitzen, darum, haͤtte ich dies Wageſtüc verrichten koͤnnen.“ „Und warum wolltet Ihr es ſo iheuer bezahlen, Cormar.“ „Ich halte mit meiner Rede nicht hinter dem Berge, wer eine gute Sache hat, der bemaͤntelt ſie nicht, er faͤhrt da⸗ ———— 92 mit heraus, mag es den Andern heilen oder verwunden, das gilt ihm gleichviel. So ſeyd Ihr auch und waͤren alle Leute ſo, dann gaͤbe es keine Falſchen und Be⸗ truͤger, keine Heuchler und Hinterliſtigen auf Erden. Hoͤrt, Salgar, fuͤr einen Menſchen, den man liebt, kann man leicht ſein Leben wagen und man erweiſt ihm gern darum den ſchwerſten Dienſt, damit man ſich ihm in Liebe und in Dank ver⸗ pflichte. Verſteht Ihr mich?“ „Das zu verſtehen, gaben mir die Goͤtter nicht Verſtand genug. Sagt, wie meint Ihr das?“ Cormar beſann ſich ein Weilchen und ſagte dann:„Je, ich liebe Eure Bosmina und die Erklaͤrung meiner Neigung haͤtte ich ihr gern mit einer kuͤhnen That, die ich fuͤr ſie ausuͤbte, beſiegelt.“ „So? Aber, wie liebt Ihr ſie, das ———-·—: ———— gen koͤnnen.“ 93 iſt die große Frage. Man kann eine Weile ein Maͤdchen zu ſeiner Luſt lieben und, iſt die abgekuͤhlt, ſo weicht man von ihr zuruͤck und ſucht ſich eine Andere. Das iſt eine ſchaͤndliche Liebe, ein boͤſer Betrug. Mancher liebt auch blos das ſchoͤne Geſicht und faͤngt das an zu ver⸗ welken, ſo verwelkt ſeine Liebe mit. Solche Maͤnner ſind in der Ehe anfangs wie gute Geiſter, ſpaͤter werden ſie unter⸗ irdiſche Drachen. Wie liebt Ihr meine Tochter?“ „So, wie Ihr Eure Moina liebt. Koͤnntet Ihr mich zu Euerm Eidam waͤhlen?“ 4 Fa, Cormar, hier iſt meine Hand, ich koͤnnte es. Aber Bosmina ſoll ſich mit Euch verbinden und haͤlte die keinen Sinn fuͤr Euch, ſo mürdet Ihr ſie nicht zwin⸗. 94 „Salgar, ihre Neigung an mich zu ketten, das iſt meine Sache. Vieles au⸗ ßerdem, was die Eitelkeit der Weiber blendet, von der kein Weib frei iſt, die bei der Liebe eine Hauptſtimme hat, kann ich ihr anbieten, wie kein Anderer, Iſt nicht mein Clan der maͤchtige und koͤnnt Ihr mich tadeln?“— „Das kann ich nicht.“ Es wurde beſchloſſen, ein Weilchen im Walde zu jagen und dann nach Dru⸗ mardo zuruͤckzukehren, wo Vorbereitungen zur Verbindung zwiſchen Cormar und Bos⸗ mina getroffen werden ſollten. Salgar hatte eine frohe Seelenſtimmung und be⸗ trachtete es als einen Gluͤcksfall, haß ſeine Tochter mit einem Haͤuptling verbunden werden ſollte, der nicht nur ſchoͤn und muthvoll, ſondern auch reich und angeſehn war. Wer konnte ihnen im Hochlande noch Widerſtand leiſten, wenn ſie, zwei kampfkundige Oberhaͤupter mit ihren Schaa⸗ ren den Feinden eutgegenruͤckten! Er konn⸗ te nicht zweifeln, daß Bosmina ja ſagen werde, da auch fuͤr ſie mit der Verbin⸗ gehorſamer gegen ihn, ſeit er ſie aus den Haͤnden der Raͤuber befreite und er durfte nicht fuͤrchten, daß ſie ſeinem Willen widerſprechen werde. durz, er ſah die Bahn zu dem gewuͤnſchten Ziel geebnet. Die Jagd war gluͤcklich. Salgar hatte zwei Rehboͤcke erlegt und Cormar, geheurer Groͤße, die Lanze in die Bruſt gejagt. Der Schaft zerbrach, das Thier lief, wuͤthend vor Schmerz, fort, bezeich⸗ im Laufe. Cormar ſetzte ihm nach, ſprang, daß es die andern Jaͤger ſahen, der Beſtie ——y auf den Ruͤcken, gab ihr mit einem Dolch den Todesſtoß und ſiel mit ihm zugleich ins Gras. „Cormar,“ ſagte Salgar mit beifaͤl⸗ liger Miene, nda ſieht man doch, wer Muth hat! Aber, das war Tollkuͤhnheit. Der Eber waͤre doch gefallen. Meine Packer haͤtten ihn gehalten.“ „Salgar, was ich ſelbſt verrichten kann, daß uͤberleoſe ich Andern, ſelbſt den Hunden nicht. Das nennt nicht Toll⸗ kuͤhnheit. Welche Sprünge habe ich ſchon mit meinem Roſſe gemacht, um einen flie⸗ henden Feind einzuholen, von ſteilem Ge⸗ ſtein herab, und die Goͤtter waren dem Unverzagten gewogen. Wer erſt zehn Ge⸗ fahren gluͤcklich überſtanden hat, der fuͤrch⸗ iet keine mehr und ſo weit iſt es mit mir gekommen.“ auf dem Heimwege ſagte Salgar zu 97 Cormar:„Ihr findet einen Freund in Drumardo, wenn ihn die Zeit des War⸗ tens nicht weggetrieben hat.“ „Nun, den wuͤnſche ich diesmal nicht zu finden und wenn er ſelbſt mein Bru⸗ der waͤre. Vor keinem fremden Zeugen, als vor ihren Eltern, moͤchte ich heut Bosmina ſehen und ſie ſprechen. Und der Freund waͤre?“— „Fillan von Balclutha.“ „Die Freundſchaft hat verſchiedene Grade, ſie iſt außergewoͤhnlich und ordi⸗ nair, wahr und ſcheinbar, warm und kalt. Die hoͤchſte Freundſchaft iſt auf Erden ſelten und ſoll nur uͤber den Wolken woh⸗ nen. Die ich zu meinen beſten Freunden zaͤhlen koͤnnte, dergleichen giebt es nur wenige, die andern nenne ich ſo, aber ſie ſind es nicht, weil ſie es nicht wollen. Mit Fillan lebte ich in der Kindheit viel Die Erſtürmung. I. 7 zuſammen, wir gewoͤhnten uns, wie zwei VPoͤgel, die in einen Kaͤſicht geſperrt ſind, ſo verſchieden unſere Natuür auch war, an einander. Spaͤter, als wir Juͤnglinge wurden, hat uns unſer Weſen, das nicht mehr gegenſeitig ſtimmen wollte, weit aus einander geworfen. Er iſt mir zu un⸗ maͤnnlich und paßt ſich mehr fuͤr die Wei⸗ berſtube, als in den Kreis der Helden. Wir beruͤhren uns ſelten in der Naͤhe und ſehen wir uns, ſo ſind wir freundlich. Oft iſt es mir doch ſo, als ob ein Ton der Liebe aus der Jugendzeit in unſer jetziges Leben hinuͤberklaͤnge und dann ſcheint er mir mehr zu gelten, als ein Anderer. Er meint es ſehr gut mit mir und oft mache ich mir den Vorwurf, daß ich ihm nicht mit gleicher Liebe begegnen kann. Vielleicht haͤlt er mich fuͤr ſeinen Freund in einem hohen Grade und— das bin ich nicht. Seht, ſo rede ich ge⸗ gen Euch, aufrichtig und ohne Verſtellung, weil ich Euch vertrauen darf.“ „Das koͤnnt Ihr, Cormar.“ Cormar fuhr alſo fort:„Ich weiß es, daß Fillan oft Euer Jagdgefaͤhrte iſt, Ihr muͤßt ihn doch vorzuͤglich achten.“ „Er koͤmmt uneingeladen und die Gaſtfreundſchaft erlaubt es nicht, daß ich ihn von mir weiſe. Sein Beſuch iſt mir nicht immer willkommen, aber wenn er von Balclutha hieher geritten iſt, kann ich ihm kein boͤfes Geſicht machen. Man ehrt auch das Zutrauen derer, aus denen man nicht viel macht.“ „Da habe ich nun bei mir gedacht, Fillan koͤnnte bei ſeinen Beſuchen wohl eine andere Abſicht haben, als die iſt, mit Euch auf die Jagd zu gehen. Hat er nicht Waͤlder, Feld und Felſen genug, wo er ſich muͤde jagen kann? „Und welche Abſicht koͤnnte er ha⸗ ben?“ 5 „Vielleicht die, Euch zu beſchmeicheln und Euch geneigt zu machen, daß, wenn er Euch darum bittet, För ihm ſeine Toch⸗ ter gebet.“ „Cormar, beſchmeicheln laſſe ich mich nicht, und meine Tochter werde ich ihm nie zur Gattin geben.“ „Aber wenn Bosmina ihn mehr, als einen andern Juͤngling liebte?“ „Da kennt Ihr Bosmina nicht, wenn Ihr das glauben koͤnnt. Sie liebt am Mange alles das, was ſie an Fillan nicht ſindet.”“ hun nun, ſeyd nur nicht zu ge⸗ wiß.... Laßt uns die Probe machen und wir werden die Wahrheit erfahren.“ 4 — brriigens,“ fuhr er fort, nhabe ich nicht ge⸗ „Die Wahrheit wird keine andere, als die ſeyn: Bosmina ehrt des Juͤng⸗ lings kraͤftiges Weſen, das Zarte, Weibi⸗ ſche gefaͤllt ihr nicht. Mir iſt es ſelbſt unangenehm, daß Fillan unſere Geſell⸗ ſchaft ſtoͤrt.“ „Nun,“ ſagte Salgar zu Fillan, als die gewoͤhnlichen Begruͤßungen voruͤber waren,„habt Ihr Euch durch den Schlaf von Eurer Muͤdigkeit erholt? Ihr mußt der Nachtwachen und der Strapatzen, an die man ſich beſonders in Euren Jahren gewoͤhnen muß, noch nicht viele gehabt haben.“ „Das mag wohl ſeyn,“ entgegnete Fillan faſt finſter, da er in der Rede ei⸗ nen Vorwurf fand, der ſeinen Stolz um ſo mehr beleidigte, da Cormar zugegen war, auf deſſen Miene er das Laͤcheln des innern Spottes zu leſen glaubte.„Ue⸗ 102 ſchlafen und davon, daß ich die Wahrheit rede, koͤnnte ich Euch glaubwuͤrdige Zeu⸗ gen ſtellen.“ „Und die Zeugen waͤren?“ „Eure Gattin und Tochter.“ „So, ſo.. Aber wo ſind ſie? Den Gaſt allein zu laſſen! Das iſt nicht artig⸗ Iſt Euch die Zeit nicht lang geworden?“ „Das nicht, ich ging in der Halle umher und muſterte die aufgehaͤngten Tartſchen, Claymores, Plaids, die langen und gekruͤmmten Bogen, die Dolche und Jagdmeſſer, die Helme und Panzer, die Bruſtharniſche und die kriegeriſchen Ge⸗ raͤthſchaften alle, wodurch der Menſch ſich gegen Wunden und Tod ſchuͤtzt und wo⸗ mit er Wunden graͤbt und mordet. Da⸗ bei hatte ich denn meine eigenen Ge⸗ danken.“ — 103 „Welche waren das?“ fragte Cormar, nich moͤchte uͤber eine wichtige Sache Dein Urtheil hoͤren.“ „Daß der Menſch, der ſolche Waffen gebraucht, viel aͤrger, als ein Raubthier, dieſes wuͤrgt aus rohem Naturtrieb und der Menſch mit Vernunft, aus Rache, Wuth, Ehrſucht und Habbegierde. Waͤre es ſeiner nicht würdiger, wenn er mit Seinesgleichen im Frieden lebte? Sehe ich dieſe Ruͤſtungen und Waffen, die den Erſchlagenen abgenommen ſind, ſo erſchei⸗ nen ſie mir als die Zeugen eben ſo vieler Morde. Kann Blut ein Schmuck der Helden ſeyn? Weg mit den Fehden, unter vernünftigen Geſchoͤpfen ſoll Ein⸗ tracht regieren, wenn unter den wilden Thieren ein ewiger Krieg herrſcht.“ „Fillan,“ ſagte Cormar laͤchelnd,„vor ſolchen Zeiten, die Du wuͤnſcheſt, moͤgen uns die Goͤtter bewahren! Soll des Man⸗ nes muthige Kraft einſchlafen und faulen? Soll er mit Kindern im Sande ſpielen? In den Fehden erglaͤnzt der Muth und da zeigt ſich die eigentliche Kraft. Was kann der fuͤr Thaten thun, der ein hohes Gemuͤth bat! Wir ſind in dieſem Punkte verſchiedener Meinung, doch daruͤber laß uns nicht ſtreiten. Aber, wie kommſt Du hieher“ „Das frage ich Dich. Mich zu er⸗ kundigen, ob Salgar von den Seeraͤubern ſo toͤdlich verwundet waͤre, als man mir es ſagte und ich es glauben mußte.“ „Daß Du mit dieſem Haͤuptling in dem engen Freundſchafsbunde ſtuͤndeſt, das hat mir Niemand noch geſagt. Indeß, wer eine ſo weite Reiſe thut, hat, außer der Hauptabſicht auch Nebenabſichten. Haͤtte ich es errathen?“ Ein dummes „Errathen oder nicht. 7. 105 Kind laͤßt ſich ausfragen und dafüͤr wirſt Du mich nicht halten?“ Als Salgar merkte, daß Fillan ſich beleidigt fuͤhlte, ſuchte er es zu verhuͤten, daß es nicht etwa in der Halle zu einem harten Zwiſte kam.„Nun,“ ſprach er, „ich denke, Ihr ſeyd alte Freunde und die wiegen die Worte nicht. Fillan, wenn Ihr dem Frieden das Wort redet und das Fehdeweſen verwuͤnſchet, ſo muͤßt Ihr ſeine Flamme auch nicht entzuͤnden. Ihr ſcheint mir anders zu ſprechen, als Ihr handelt. In Cormars Rede habe ich weiter nichts, als Wahrheit und Scherz gefunden, der bei uns nicht verboten iſt.“ „Man kann verſchieden„ſcherzen,“ ſagte Fillan,„auch ſo, daß man dem An⸗ dern ſo in die Ehre ſticht, daß er ſich gegen Freund und Feind wehren muß, wenn ſie nicht mit Fuͤßen ſoll getreten werden.“ —yy— „Fillan,“ ſagte Cormar mit freund⸗ lichem Geſicht und hielt die Hand hin: „ſchlag ein, zum Zeichen, daß Du es nicht boͤſe mit mir meinteſt, Dich zu beleidigen kam mir nicht im Sinn. Was hat Dich ſo empfindlich, ſo mißtrauiſch gemacht!“ Fillan ſchlug ein und als Salgar ſah, daß die Veranlaſſung zum Zwiſt ver⸗ ſchwunden war, ging er mit den Worten aus der Halle:„Die Unterhaltung wird bunter, wenn Frauen bei den Maͤnnern ſind, man wiegt dann auch die Worte mehr und wo ſie zugegen ſind, da koͤmmt es nicht ſo leicht zum Streit.“ Nach einer Weile, in der die Jugend⸗ freude nur alltaͤgliche Worte mit einander wechſelten, trat Moina, Bosmina und Roſ⸗ crana in die Halle. Durch die freundliche Miene, die Bosmina machte, ſchien der Ernſt einer tiefen innern Trauer. Fillan glaubte das zu bemerken und ihm wurde 6 4. 107 es nicht ſchwer, den Grund davon zu ſinden. Cormar ging aus Hoͤflichkeit ſogleich zu Moina, neben der Bosmina ſtand, und bedauerte ſie, daß ſie die ſchmerzliche Angſt um die Tochter hatte, die in Gefahr war, auf immer von der Mutter getrennt zu werden. Dann beklagte er Bosmina, die eine Weile, ehe der Vater erſchien, in der Todesangſt war.„Fürwahr,“ ſagte er,„Niemanden beneide ich den Ruhm großer Thaten, da ich mir ihn erwerben will und kann und wem iſt es mehr zu goͤnnen, daß er der Retter einer Tochter wird, als dem Vater; haͤtte mich aber die Hand eines Gottes erkohren, daß ich Euch beiſtehen konnte, die groͤßere Haͤlfte meines Lebens gaͤbe ich noch darum.“ „Der Preis waͤre viel zu hoch,“ ſagte Bosmina mit ſanftem Erroͤthen,„uͤberdies ſteht das Leben des Mannes in hoͤherm 108 Werthe, als das einer Jungfrau. Ihr habt zu viel gelobt und ich fuͤrchte, ob Ihr die Probe beſtuͤndet.“ „Wenn ſie für Euch nicht zu ge⸗ faͤhrlich waͤre, ich wollte ſie wohl machen.“ Salgar ſuchte indeß Fillan mit der Jagd zu beſchaͤftigen und erzaͤhlte ihm Cormars Wageſtuͤck mit dem Eber⸗ damit er dufch Zwiſchenſprache das Geſpraͤch zwiſchen Cormar und Bosmina nicht un⸗ terbrechen ſollte. Fillan aber hoͤrte Sal⸗ gars Worte kaum, den Sinn derſelben verſtand er nicht, da ſein Ohr und ſeine ganze Seele auf Cormar gerichtet war, um zu vernehmen, was er ſprach. Er trat Bosmina einige Schritte naͤher und ließ Salgarn allein ſtehen, faßte Cormarn ſcharf ins Auge und ſprach mit gehobener Stimme und unterdruͤcktem Verdruß:„Glaube es, Cormar, der Ein⸗ ———— 1⁰9 zige biſt Du nicht, der ohne Bedenken fuͤr eine Ungluͤckliche ſein Leben eingeſetzt haͤtte, um ſie von den Klauen der Raͤuber los⸗ zumachen. Wer es in der edelſten Ab⸗ ſicht gethan und von wem ſie den Erweis einer ſchuldigen Pflicht, fuͤr die man keine Art des Dankes annehmen darf, ſich haͤtte erweiſen laſſen, das ſind andere Fragen.“ „Ja,“ entgegnete Cormar,„das ſind andere Fragen und ich bitte Dich, wenn Du es kannſt, uns die Antwort darauf zu geben.“ „Reiten wir zugleich von Drumardo weg, dann ſollſt Du die Antwort haben, hier aber nicht.“ „Cormar bleibt laͤnger hier,“ ſagte Salgar,„das hat er mir verſprochen. Auch haͤtte ich in mancher Angelegenheit Wichtiges mit ihm abzumachen, wozu wol mehr, als eine Stunde gehoͤrt. Treiben mmardo weg, Fillan, ſo waͤre es unrecht, Ihr aber mit Cormar Wichtiges zu reden, 110 Euch aber dringende Geſchaͤfte von Dru⸗ wenn ich Euch durch ein unzeitiges No⸗ thigen hinderte, ſie zu verrichten.“ „Hoͤrt, Salgar,“ entgegnete Fillan, „das klingt mir, wie ein hoͤflicher Abſchied, den man dem laͤſtigen Gaſte giebt.“ 1„Wie voll ſeyd Ihr von Mißtrauen! Das Nöthigen war niemals meine Sache. Warum ſoll ich den, der nicht aus guten Willen bei mir bleiben will, zwingen, daß 1 er mich nicht verlaͤßt!“ „Aber womit habe ich es denn er⸗ klaͤrt, daß mich noͤthige Geſchaͤfte von Euch wegrufen? Ich kenne keine. Habt was ich nicht hoͤren ſoll, ſo reite ich un⸗ terdeß nach dem Walde. Mit ihm moͤchte ich doch zugleich von Drumardo abreiſen, um ihm unterwegs die uurjorochene Ant 111* wort zu gehen. Laͤnger bin ich Euch jetzt nicht beſchwerlich und komme erſt wieder, wenn die Daͤmmerung anbricht, in dieſer Zeit kann man eine Fehde beſchließen oder auch von andern Dingen reden, die zu Stande kommen oder nicht.. Mit dieſen Worten entfernte ſich Fillan. b „Ein zudringlicher Gaſt,“ ſagte Sal⸗ gar hinter Fillans Ruͤcken,„der eine dicke Haut hat, durch die der Stachel einer deutlichen Erklaͤrung nicht dringt! Was er Euch fuͤr eine Antwort geben will, Cormar, ſagt ſie mir doch wieder.“ „Ja, die ſollt Ihr erfahren.“ Moina ſagte:„Du warſt ſehr hart gegen Fillan. Er muß eine unglaubliche Selbſtuͤberwindung haben. Es ſchmerzt mich, einen Juͤngling behandelt zu ſehen, als ob er der gemeinſte Clansmann waͤre. Wer Andere ſo erniedrigen kann, der... Das Gaſtrecht hat heilige Gebote, Du überſchritteſt ſie. Es kann die Zeit wol kommen, wo Fillans Rache Dir vergilt.“ „Ach,“ ſagte Bosmina,„jedes Wort, was Ihr Fillan ſagtet, hat mir das Herz zerriſſen. Wenn ein Menſch, der uns nicht kraͤnkte, ſo von uns beleidigt wird, der muß ein Gott ſeyn, wenn er das ihm angethane unrecht nicht ahnden ſoll.” „Den Friedenshelden,“ ſprach Salgar, „werde ich nie fuͤrchten. Dem Frauen⸗ herzen macht das Gefühl des Mitleids Ehre. Entſcheidet, Cormar, habe ich Fillan beleidigt?“ „Dem Urtheil Eurer Tochter trete ich bei und theile ihr Gefuhl. Haͤttet Ihr mir ſo begegnet, mein Ehrgefuͤhl litte —— 113 es znicht anders, mit Krieg und Nacht muͤßte ich Euch uͤberziehen.“ „So habe ich es doch wohl arg ge⸗ macht; aber Abbitte that ich in neinem Leben nicht.“ Salgar fing alſo an, als er glaubte, es waͤre eine ruhigere Stimmung in die Gemuͤther eingekehrt:„Ich kann es un⸗ moͤglich glauben, daß Fillan aus Liebe zu mir, aus Achtung gegen mich und bloß des Jagens wegen, das er in ſeinen Waldun⸗ gen beſſer haben kann, wo es mehr Gefluͤ⸗ gel und Schweine giebt, als in den meinen, hieher koͤmmt. Seit Monden hat er ſeine Beſuche verdoppelt. Es geht ſich mit dem Sohne eines Vaters uͤbel um, mit dem man eigentlich nicht weiß, wie man mit ihm ſteht. Filan fehlt der offene, dreiſte Sinn, den ich an jedem Menſchen ſchaͤtze, er ſchleicht mir ſo geheimnißvoll, ſo ver⸗ ſteckt einher. Wundern muß ich mich, da Die Erſtürmung. I. 8 ich ihm nie mit beſonderer Freundlichkeit entgegen komme und er mich oft ernſt und finſter geſehen haben muß, daß er ſein oͤfteres Kommen nicht einſtellt. Haͤtte ich z. B. heute erfahren, was ich ihn, recht mit Abſicht und vorſaͤtzlich habe em⸗ pfinden laſſen, wahrlich ich betraͤte die Schwelle eines Mannes nicht wieder, der mich ſo kalt und unter meiner Wuͤrde be⸗ handeln konnte. Entweder es fehlt ihm am rechten Ehrgefuͤhl, oder er denkt einen Plan auszufuͤhren, um den man Rauhes und Widriges leidet, wenn man nur zum Ziele kömmt. Faſt muß ich es glauben, daß er ſich mit dem Wahne ergoͤtzt, mir meine Tochter abzuliſten. Er ſucht den Weg zu ihrem Herzen, will mich bewegen, ſeiner Neigung zu froͤhnen, zu weiter nichts denkt er mich zu gebrauchen. Der iſt kein Mann fuͤr ſie. Das Eine koͤnnte ſie mit ihm gewinnen, das Scepter im Hauſe zu fuͤhren, was viele Weiber wollen, ſonſt aber nichts. Das iſt wahr, guͤtig, nach⸗ gebend, ſanft muß ich ihn nennen; aber alle dieſe Tugenden entſpringen aus einer Quelle, die man Schwaͤche nennt. Wie koͤnnte Bosmina ein Juͤngling gefallen, der ohne Kraft und Muth iſt, nur Krieg mit den Thieren fuͤhrt, der Alles gehen laͤßt, wie es will, wenn man nur ſeine Ruhe nicht ſtoͤrt. Gaͤbe es lauter ſolche Friedenshelden, die Boͤſen wuͤrden uns bald aus dem Hochlande jagen und die ſchrecklichſten Uebel wuͤrden fuͤr die Men⸗ ſchen eine vertilgende Peſt. Schwert, Pfeil, Bogen und Lanze muß die Beſtien in Ordnung halten und rottet die ſchaͤd⸗ lichſten aus.“ „Cormar, ich will Euch nicht loben, aber die Wahrheit muͤßt Ihr mich ſagen laſſen. Vergleiche ich Euch mit Fillan, ſo uͤberglaͤnzt Ihr ihn durch Kuͤhnheit, Muth, maͤnnliche Kraft, Unverzagtheit und eine Reihe von ſchoͤnen Waffenthaten. Ihr werdet den Ruhm Eurer Ahnen nicht ſinken laſſen, ſondern ihn vergroͤßern. Un⸗ geſtraft kann Euch kein Feind antaſten. Laͤßt ſich das Laſter in Eurer Naͤhe wit⸗ tern, das die Tugend bekriegt, ſo ſeyd Ihr ihm ein unerbittlicher Richter. Koͤnnt Ihr doch auch gut ſeyn; aber nicht auf eine weibiſche Weiſe. Laßt mich es Euch ſagen, daß ich es gern ſehe, wenn Ihr öͤfter nach Drumardo kommt.“ G„ „Nun, Bosmina, muß ich ein vaͤter⸗ liches Wort in vollem Ernſt mit Dir re⸗ den, es iſt von großer Wichtigkeit. Wenn ich auch nicht auf den Gehorſam rechne, den die Tochter dem Vater ſchuldig iſt, ſo erwarte ich Alles von Deinem Danke gegen meine Liebe zu Dir, die fuͤr Deine Rettung ohne Zoͤgern das Leben wagte. Es iſt die Zeit fuͤr Dich gekommen, wo Du Dich einem Manne verbinden mußt, gewaͤhlt haſt Du noch keinen. Mein Haar ergraut, das Aller mit ſeiner Schwachheit wird mich bald beſchleichen, dann mußt Dau einen Beſchuͤtzer, einen Freund haben, der vor Dir ſteht und das Feindliche von Dir abwendet, das Dich verderben will. Ich ſelber muß es wiſſen, von wem mein Clan einſt regiert wird und ob er wuͤrdig iſt, ihm vorzuſtehen. Einer ſchwachen, matten Hand kann ich meine Clansleute, die ich liebe, nicht anvertrauen. Du trauſt es meinem Herzen zu, daß ich nicht Boͤ⸗ ſes rathe und daß ich es nicht ſeyn kann, der Dich ins Ungluͤck ſtuͤrzen will. Stimmt Deine Wahl nicht mit der meinen, ſo hoͤre ich Gegengruͤnde, ſind die vernuͤnftig, ſo will ich ſie beachten. Ich ſelber haſſe Wihkuͤhr und Zwang und achte gewiß die Neigung, die uns die Goͤtter einfloͤßten. Aber manche Maͤdchen haben Launen⸗ Grillen, Einbildungen ſonderbarer Art, ſie ſuchen da ihr Gluͤck, wo ſie es, auf die Dauer nicht finden. Gegen ſolche Feindk, die Dich in ein betruͤgeriſches Netz locken, die Dir fuͤr geglaubte Suͤßigkeiten, Zitteres reichen, wird der Vater Dich be⸗ * 118 wahren. Vertraue mir, nur Dein Beſtes kann ich wollen.“ „Ein Juͤngling hat bei mir, um Deine Hand geworben, ſieh, dieſer Cor⸗ mar iſt es. Du weißt es aus fruͤherer Zeit, was ich von ihm halte. Er beſitzt alle Eigenſchaften, die ein Mann haben muß, dem ich meine Tochter anvertraue. Deine Mutter kann und ird meinem Wunſche, daß Du Dich mi ihm verbin⸗ deſt, nicht widerſtreben. Rechne es ihm nicht gering an, daß ein ſo maͤchtiger Haͤuptling Dich zu ſeiner Gattin waͤhlt, dem alle Herzen offen ſtehen und der die ſchoͤnſte und reichſte Jungfrau des Hoch⸗ landes in die Brautkammer fuͤhren koͤnnte. Seine Liebe zu Dir muß groß ſeyn, daß er auf viele andere Vortheile verzichtet und Dich, Dich allein, als ſeinen ggoͤßten Schatz achtet. Kannſt Du mir, in ſeiner Gegenwart, damit er es ſelber hoͤrt, eine entſcheidende Antwort geben, ſo waͤre dies 4 119 vielleicht die beſte, wagſt Du das aber nicht und haͤlt Dich die jungfraͤuliche Schaam zuruͤck, ſo laß ich Dir auch Zeit, Dich zu bedenken. Alles habe ich Dir ge⸗ ſagt, Du kennſt meine Geſinnung, nun rede Du.“ Bosminz war in der groͤßten Ver⸗ legenheit. Sie ſah vor ſich nieder. Die innere Unruhe ſpiegelte ſich auf ihrer Miene. Sie wußte die rechten Worte nicht zu finden, die ſie erwiedern wollte. Nach einem kurzen Schweigen ſagte ſie: „Vater, Ihr habt mich ſehr betruͤbt, daß Ihr Fillan ſo beleidigtet und noch mehr, daß Ihr ſelbſt eingeſtaͤndig waret, Ihr haͤttet es mit Vorſatz gethan, um ihn von Euch zu ſcheuchen und ihm ſein fer⸗ neres Beſuchen zu verleiden. Warum ſeyd Ihr ſo feindlich gegen ihn, da er Euch nie beleidigte! Wird ein Anderer darum beſſer, weil Ihr ihn erniedrigt? Ihr ſagt ſogar, ſeine Tugenden floͤſſen 4 120 aus Schwaͤche her, koͤnnte man nicht ſagen, daß der Muth, der ſchlägt und mordet, raubt und pluͤndert, den Ihr ſo hoch preiſet, aus Rohheit und Wildheit, aus Mangel menſchlichen Gefuͤhles und aus Ehrgeiz herruͤhrt, der nur vor Andern glänzen will. Ob es ſich ubrigens mit dem harten, unbiegſamen, oder mit dem weichen, nachgebenden Manne beſſer lebt, daruͤber habe ich noch nicht nachgedacht. Ihr wollt mir keinen Zwang anthun, nicht gehorſam ſoll ich ſeyn, wie eine Sclavin, die ihr Gefuͤhl nicht reden laſſen darf. Aber auch fuͤr den Dank, zu dem ich mich, als eine Schuldige bekenne, koͤnnt Ihr uunmoͤgliches nicht verlangen, daß ich Eu⸗ erm Willen oder Euenmn Befehl meine Neigung zum Opfer bringe. Alle Vor⸗ zuͤge, die Ihr an Cormar ruͤhmt und meh⸗ rere vielleicht, als Ihr genannt habt, ſtehe ich ihm zu; aber was muͤßte er von der Zuchtigkeit, der Schaam einer Jungfrau denken, die, wenn er ſeine Arme oͤffnete, 8 X 121 hineinſtuͤrzte. Er ſelbſt kennt nur meine Geſtalt, mein inneres Weſen kennt er 4 nicht und billig muß ich zweifeln, ob ſeine Liebe, die wahre, oder ob ſie nur ein ſinn⸗ licher Rauſch iſt, auf den eine fuͤr das Weib unvortheilhafte Nuͤchternbeit folgt. Fordert von mir kein Verſprechen, was ich nicht leiſten kann. Ich ſoll mich bedenken koͤnnen, das will ich auch und nach kurzer Zeit will ich Euch die wahre 8* Antwort geben.“ Cormar ſah es wohl, wie ſehr Sal⸗ garn dieſer Beſcheid mißfiel, ſein Auge 1 wurde leuchtender, es zuckte in ſeinen Ge⸗ ſichtsmuskeln, aber er ſagte:„Ihr koͤnnt es Eurer Tochter nicht verargen, wenn ſie ſich eines Rechts bedient, das Ihr derſel⸗ ben zugeſtanden habt. Laßt uns von der 4 Sache nicht mehr reden. Den Beſcheid hole ich mir ſelbſt und muß es offen ge⸗ ſtehn, daß ich mir einen guͤnſtigen wuͤnſche. Mit allen Banden der Liebe fuͤhle ig 122 mich zu Euch hingezogen und ob ich auch Euer Inneres noch nicht kenne, die Toch⸗ ter ſolcher Eltern kann nicht anders, als gut ſeyn...“ Er nahm Bosminas Hand, hielt ſie an ſein Herz und ſprach:„Ich ſchwoͤre Euch ewige, treue Liebe!“ Er fuͤhlte es, daß ſie zitterte. Hocherroͤthend heftete ſie den Blick an den Boden. Als er Bosminas Hand losgelaſſen hatte, ſagte er:„Mein Werk, ſo weit es gedeihen konnte, waͤre nun vollendet, was weiter aus ihm werden ſoll, das iſt Bos⸗ minas Sache. Sie mag nach freier Nei⸗ gung waͤhlen, die Liebe laͤßt ſich nicht er⸗ zwingen und eine Jungfrau die ſich mit Widerwillen an einen Gatten ſchmieden laͤßt, kann nie eine gluͤckliche Frau wer⸗ den. Ein mir abgeneigtes, feindliches Herz mag ich nicht erobern, es muß mir liebend begegnen. Ich koͤnnte abreiſen, 123 wenn ich nicht neugierig waͤre, zu erfah⸗ ren, was Fillan mir ſagen wird.“ „Warum,“, ſprach Salgar,„bleibt Ihr die Nacht nicht hier? Wer weiß, ob ſich Bosmina nicht entſcheidet. Die Daͤmme⸗ rung naht und weder Euch, noch Fillan kann ich im Finſtern reiten laſſen.“ „Fuͤr mich muͤßt Ihr keine Sorge tragen, Geſpenſter werden mir nicht ſcha⸗ den, gegen raͤuberiſche Angreifer habe ich Arm und Schwert, mehrere Naͤchte hinter einander habe ich ſchon in Sturm und Regen unter freiem Himmel zugebracht.“ Salgar, der mit Cormar einige Worte allein reden wollte, ging mit ihm aus der Halle.„Siehſt Du es nun, in welche Verlegenheiten Dich Dein Verſprechen, was Du Fillan gabſt, verwickelt,“ ſagte die Mutter. 124 „In keine,“ entgegnete ſie,„wenn ich dem Vater die Wahrheit ſage.“ „Aber wie wird er dieſe aufnehmen!“ „Das muß ich freilich erwarten. Er wird es ſo nicht mit mir machen, daß ich es wuͤnſchen muß, er haͤtte mich aus den Haͤnden der Raͤuber nicht befreiet.“ „Bei den Goͤttern beſchwoͤre ich es,“ ſagte Moina mit Kummer,„ich zuͤrne Fillan, daß er Dir das Herz bethoͤrte und Dich zu dem Verſprechen verlockte, ohne daſſelbe haͤtteſt Du Dir ohne Zwei⸗ fel Cormarn zum Gatten gewaͤhlt und waͤrſt ein gluͤckliches Weib geworden und haͤtteſt zugleich Deine Eltern gluͤcklich gemacht.“ „Das iſt wohl moͤglich; aber giebt uns ein geglaubtes, doch zweifelhaftes Gluͤck das Recht, an dem, dem wir das 125 Wort der Treue und Liebe gaben, ein Verbrechen zu begehen? Womit haͤtte er 3 dieſe Kraͤnkung verdient und mit welchen 4 9 Gruͤnden ließe ſie ſich rechtfertigen? Koͤnnt Ihr mir die nennen?“ „Sie liegen in dem Betragen deſſen, der uns mit feinen Worten uͤberliſtete.“ „Mich hat Fillan nicht mit Worten uͤberliſtet, eben ſein Betragen hat mir ſein Herz gewonnen und ob Ihr auch die Bande der Verpflichtung, die mich an ihn ketten, lockerer machen und mich die Kunſt lehren wollt, wie man ſie zerreißt, es wird Euch doͤmit nicht gelingen. Ich liebe Fillan und haſſe Cormarn nicht, er hat gerecht, er hat menſchlich geredet.“ — — Als ſie noch mit einander redeten, trat ein Diener in die Halle und meldete, „daß ein Clansmann von Balclutha ange⸗ kommen ſey, der Fillan zu ſprechen ver⸗ 126 nange, um ihm den Befehl des Vaters mitzutheilen, daß er ſogleich Drumardo verlaſſen und eilig heimkehren ſolle, es ſey bei Tage oder in der Nacht. Puͤnkt⸗ lichen Gehorſam fordere der Vater von dem Sohne....“ „Siehſt Du,“ ſagte Moina,„eine neue Wolke, die Dein eingebildetes Gluͤck zu zertrummern droht! Kannſt Du auf Deinem Kopſe noch beſtehen?“ „Mit dem Kopfe,“ erwiederte ſie traurig,„ließe ſich die Sache leicht ab⸗ machen; aber nicht mit dem Herzen. Der Kopf rath oft, ſich in keine Gefahr zu wagen und doch ſtuͤrzt uns das Herz hinein. Die Liebe lehrt es ſchlecht, fuͤr Nebenvortheile ſorgen, ſie hat ein großes Ziel, das ſie nicht aus den Augen laͤßt und wenn ſich auf dem Wege zu demſel⸗ ben ihr auch himmelhohe Gebirge entge⸗ gen ſtellen.“ 1G Befehl Euch abzuholen ertheilt wurde, 129 „Fillan, wie empfindlich Ihr doch ſeyd! So jedes Wort boͤſe zu deuten.“) „Es mag wohl nicht gut gemeint ſeyn, ſonſt haͤtte ich es anders gedeutet.“ Fillan war vom Roſſe geſtiegen, um mit den Beiden nach der Wohnung zu gehen und von Moina und Bosmina Ab⸗ ſchied zu nehmen. Als ſie uͤber den Hof hingingen, nahte ſich der Clansmann von Balclutha und ſagte:„Der Vater gebeut, daß Ihr ſogleich von Drumardo abreiſet, es ſey bei Tage oder in der Nacht. Den Befehl ſollt Ihr mit puͤnktlichem Gehorſam ehren.“ „Nun,“ fragte Fillan,„hat ſich denn in Balclutha Boͤſes ereignet, daß ich ſe eilig zuruck gefordert werde?“ „Boͤſes gar nicht; als mir aber der da Die Erſtürmung. I. 929 130 machte Euer Vater ein gar grimmiges Geſicht und ſtieß die Worte mit einer Heftigkeit heraus, wie einer, der in Ver⸗ wuͤnſchungen gegen ſeinen Feind aus⸗ bricht.“ „Wohlan, nach einer kurzen Zeitfriſt reiten wir.“ „Wie zuͤrnt der Vater,“ ſagte Salgar, nauf den Sohn, als ob meine Wohnung eine Laſterhoͤhle waͤre, in der er an Leib und Seele verdorben werden köoͤnnte! Das moͤchte ich ihm ſehr uͤbel nehmen! Er blaͤſt das Feuer der alten Fehden wieder an. Je nun, mein Schwert iſt noch nicht eingeroſtet und ich kann meinen Feinden damit aufſpielen. Mit Zauberern und Geſpenſtern habe ich nichts zu thun und gehe dem ungeſtalteten Weibe, was bei Mondſchein im Flietmoore tanzt ſogar aus dem Wege, aber vor meines Gleichen fuͤrchte ich mich nicht und ob es ein ungeheurer Rieſe waͤre. Sagt es Euerm Vater nur, zu meiner Rechtfertigung, ſonſt werde ich es ſelbſt auf eine Weiſe thun, die ihm nicht gefaͤllt, ich haͤtte Euch niemals, auch diesmal nicht hergeladen, Ihr waͤret frei⸗ willig gekommen und den Grund Eurer Beſuche wißt Ihr beſſer, ich kann ihn nicht errathen.“ Fillan antwortete Salgarn kein Wort und fragte Cormarn:„Gewiß, Du reiteſt nicht mit mir und bleibſt lieber bei Dei⸗ nem Freunde. An angenehmer Unterhal⸗ tung wird es Dir nicht fehlen, denn man ſpricht mit Dir in einem andern Tone, als mit mir. Den Verſtand haͤtte ich verloren, wenn ich das nicht merkte.“ „Fillan, Du biſt mir eine Antwort ſchuldig, betheuerſt Du es, daß ich ſie er⸗ halten ſoll, ſo begleite ich Dich bis dahin, wo mein Weg durch die Felſen ſeitwaͤrts nach Selama fuͤhrt. Geſiele Dir das —— 132 Weiterreiten, ſo kannſt Du bei mir uͤber⸗ nachten. Du weißt es, meine Wohnung liegt nur zwei Stunden von der Straße ab.“ „Ich denke wohl, daß meine Kraͤfte die Nacht uͤber ausdauern werden, danke Dir fuͤr Dein Anerbieten, mit dem Du Andere beſchaͤmſt, die des Gaſtrechts hei⸗ lige Sitte nicht ehren. Bei meinem Va⸗ ter iſt es Gebrauch, daß ſelbſt der Feind, der Fremde, Speiſe und Obdach findet und, bleibt er Wochen lang, die Thuͤr wird ihm, weder auf eine feine, noch eine grobe Weiſe gewieſen. Aber, ich habe es er⸗ fahren, es giebt Orte, wo dieſe ſchoͤne Sitte keine Herberge findet.“ X „Redet nicht mit ſo ſpitzen Worten,“ ſagte Salgar,„von einem Milchbart kann ich ſie nicht vertragen.“ „Wem der Plaid paßt, der mag ihn 133 anziehn; nur vom Milchbart rebet nicht, ein dicker Bart giebt kein Verdienſt. Ihr habt ein Schwert, ich habe auch eins und, wie Ihr glauben moͤgt, ein Feigling bin ich nicht, der ſich vor Euern Donnern fuͤrchtet. Koͤnnt Ihr mich nicht lieben, ſo ſollt Ihr mich doch nicht verachten.“ „Cormar mußte alle Beredtſamkeit und Ueberredung anwenden, daß es nicht zu einem blutigen Zweikampfe kam; aber der erhobene Streit machte ihm geheime Freude. Salgar gab es nicht zu, daß Fillan ſeine Schwelle betrat, um Abſchied von den Frauen zu nehmen und Letzterer ſagte:„Kein geſunder Blutstropfen muͤßte mehr in meinen Adenn ſeyn, ließ ich dieſe Schmach ungerochen!“ „Das thut nur, damit die Zahl der Ruͤſtungen in meiner Hale dung die Lute vermehrt wird.“ 134 „Oder daß Eure Ruͤſtung in Balclu⸗ tha unter denen meines Vaters aufgehaͤngt wird. Hier iſt nichts mehr zu plaudern.“ 8 Newang ſich auf ſein Roß und jagte im ſauſenden Galopp davon.„Haͤtte iicch es doch nicht geglaubt,“ ſagte Salgar, dem die Galle uͤberlief,„daß der Burſche ſo reden koͤnnte. Die Zunge iſt ihm ge⸗ loͤſt; wie er aber das Schwert zu fuͤhren verſteht, das moͤchte ich mit ihm wohl verſuchen.“ In der Halle waren Moina, Bosmina, Roſcrana und ein alter Barde. Er ſpielte die Harfe und ſang dazu. Zur Erleuch⸗ tung brannte in dem Kamin ein Stuͤck fettes Kienholz.„Schweig, Barde, mit Deinem Spiel, es taugt fuͤr innern Un⸗ muth nicht,“ befahl Salgar. Gehorſam ſetzte der Barde ſeine Harfe vor ſich nie⸗ der und ſagte:„Groß muß der Unmuth — — — 4 —— 6 135 ſeyn, wenn ihn Muſik nicht bezwingen kann.“ Moina ſah die Wolken des Zorns auf ihres Gatten Stirn und war ſo aͤngſt⸗ lich, was ihm Widriges begegnet ſey. Bosmina aber dachte an Fillan uud deu⸗ tete die Abweſenheit ihres Vaters und Cormars boͤſe. Haͤtten die ihm das Kom⸗ men nach Drumardo auf immer verboten? Wie wenig gilt dem, der oft Menſchen⸗ blut vergoß, dachte ſie, ein Leben.„Aber,“ rief ſie voll Schreck aus,„wo iſt Fillan! Es dunkelt ſchon und Niemand fragt nach ihm! Wenn ihm Feindliches im Walde be⸗ gegnet waͤre! Vater, wollt Ihr nicht hin⸗ ſchicken und nach ihm ſuchen laſſen!“ „Hah,“ fuhr Salgar mit ſtieren, blitzenden, weitgeoͤffneten Augen ſeine Tochter an,„wie kannſt Du nach dem Buben fragen, der trotzig und keck Deinen Vater zum Zweikampf herausforderte! — Nun, in offener Fehde will ich ihm zu Gebote ſtehen.“ „Was, was iſt unter Euch vorgefal⸗ len?“ fragte Moina. „Nichts weiter, als daß ich dem gro⸗ ben Unhold zuletzt den Weg weiſen mußte, der vom Hofe hinabfuͤhrt.“ „Gewiß haſt Du ihn gereizt. Auch ein Wurm kruͤmmt ſich, wenn er getreten wird.“. 4 „Weib, das eine befehl ich Dir, rede dem nicht das Wort, der mich bis zur Wuth empoͤrte, gelenk iſt ſeine Zunge, Gift iſt in ſeinen Worten, er kann fuͤr ſich ſelber ſprechen und am beſten, wenn es ans Schmaͤhen geht. Wir ſind Feinde, wenn ich den ſo nennen kann, der mir federleicht iſt, den ich mit einem Lanzen⸗ ſtoß aus dem Sattel heben kann. Nennt mir ſeinen Namen nicht wieder, er koͤmmt mir vor, wie ein Fluch, den Ihr mir zuruft.“ — Bosmina trocknete ſich die Thra⸗ nen von den Wangen und verließ die Halle. — i Am folgenden Abend kam Fillan in Balclutha an. Der Vater mußte ſeinen Zorn unterdruͤcken und ließ ihn nicht in harten Worten ausbrauſen, da er ſeinen 1 Sohn ſo blaß und abgemattet, wie einen 4 ſchweren Kranken vor ſich ſah. Er ſagte es ſelbſt, daß er ſich ſo unwohl und 5 ſo kraftlos fuͤhle, daß er fic nicdeklehan . muͤſſe. „Nun,“ fragte die Mutter mit ſanfter Stimme, in der zaͤrtliches Mitleid lag, nhat die Reiſe Dich ſo angegriffen, oder iſt Dir ſonſt Feindſeliges begegnet, was Dir ſo ſchadete.“ „Morgen,“ entgegnete Fillan,„er⸗ zaͤhle ich Alles, heute laßt mich in Ruhe.“ Theils von Beſorgniß, theils von Mitleid getrieben gingen die Eltern, als der Tag graute, zu ihrem Sohne, um zu ſehen, wie er ſich befinde; aber ſie fan⸗ den ſein Lager leer. Ein heftiger Schreck ergriff ſie.„Wo iſt Fillan!“ rief die Mutter.„Mein einziger Sohn!“ Als ſie die ſteinernen Treppen hinab⸗ gingen, kam ihnen Fillan mit Cormar entgegen. Dieſer hoͤrte in Selama, daß drei ſeiner kuͤhnſten und tapferſten Clans⸗ leute, man wiſſe nicht aus welchem Grun⸗ de, von Fillan, dem Sohne des Haͤupt⸗ — e — — —————— 139 lings, als ſie uͤber die Grenze von Se⸗ lama getreten waren, aufgegriffen worden waͤren, die man erhaͤngt haͤtte. Cormar argwoͤhnte, Fillan haͤtte den Mord an ſei⸗ nen Leuten aus einer Art von Rache ge⸗ gen ihn begangen, da man ihm die Zeit nicht nannte, wann die That geſchehen ſey und er uͤber vierzehn Tage im Hoch⸗ lande bei ſeinen Freunden umhergeſchwaͤrtt war, ohne ſeine Wohnung zu betreten. Er kam in der Abſicht, um Rache an Fillan zu nehmen und die Gelegenheit dazu war ihm um ſo erwuͤnſchter, da er ihn fuͤr ſeinen Nebenbuhler hielt. Bei ſeiner Ankunft vor Balclutha ließ er ihn zu ſich fordern und verlangte Genugthuung. Als ihm aber Fillan bewies, was die Clansleute Boͤſes veruͤbten und daß ſie Rinder⸗Diebe waͤren, da dachte er an 7† keine Rache mehr. —— 1 1 Er folgte der Einladung Fillans um ſo lieber, da ihm dieſer die bewußte Ant⸗ 8 wort noch ſchuldig war, die er ſo bald, als moͤglich, erfahren wollte. Er erinnerte Fillan an ſein Verſprechen und dieſer ge⸗ lobte, daß er es in der Halle, ſelbſt in der Gegenwart ſeiner Eltern, erfüllen wolle. „Welchen Schreck haſt Du uns ge⸗ macht, als wir Dich nicht auf dem Lager fanden,“ ſagte die Mutter mit freudiger und ſchmerzhafter Bewegung. „Biſt Du ſo ſchnell von Deiner Krankheit geneſen?“... Unterdeß hatte der Haͤuptling Cor⸗ marn begruͤßt und ſagte, indem er ihn in die Halle fuͤhrte:„Ihr ſeyd fruͤher auf⸗ geſtanden, als wir! Bald haͤttet Ihr uns noch auf dem Lager gefunden!“ ich wollte es auch wohl, te ent⸗ Sennan Gormar, ndaß ich ſchlafen koͤnnte, bis die Sonne hoch am Himmel 141 Man verſchlaͤft Sorge und Verdruß, der das Leben beſchwert und das lange Schla⸗ fen ſoll Magere ſett machen. Aber ich er⸗ wache, ehe die Haͤhne kraͤhen und dann faͤngt ein vnruhiger Geiſt in mir an zu toben, der zwingt mich aufzuſtehen. Mein Fruͤhaufſtehen iſt fuͤr meine Leute ein großer Verdruß und, duͤrften ſie es, ſie gingen deshalb aus meinem Dienſte.“ „Fillan,“ ſagte Cormar, geſtern in Drumardo und heute ſchon in Balclutha! Wie ſchnell kann man zu weit auseinan⸗ der liegenden Orten kommen, wenn man ein fluͤchtiges Roß hat! Bald verließ ich Salgar auch, es gefiel mir nicht laͤnger bei ihm. Er iſt hochmuͤthig, leicht belei⸗ digt und wirft im Zorn mit groben Wor⸗ ten um ſich, die er nicht bedenkt. Er verzeiht ſich Alles und ihm ſoll man nichts uͤbel nehmen. Iſt er denn allein nur ein Herr und ſind wir ſeine Knechte? Recht ſo, Fillan, Du haſt ihm gut Beſcheid ge⸗ 142 than! Dem ſtoßenden Thier muß man ein Felsſtuͤck vorhalten, ſo laͤuft es ſich die Hoͤrner ab. Es ſprudelt bei ihm vor Wuth und Rache gegen Dich uͤber. Huͤte Dich, daß Du nicht unbewaffnet in ſeine Krallen geraͤthſt!“ „Cormar, ein ſolches Urtheil uͤber Salgar haͤtte ich aus Deinem Munde nicht erwartet,“ ſagte Fillan,„ob ich ihm auch voͤllig beiſtimmen muß, ja, Haͤrteres, was ich ſelbſt erfuhr, koͤnnte ich von ihm ſagen. Ihr ſchienet ja ſo einig, wie Freunde und Brüder zu ſeyn, indeß ich mir vorkam, wie ſo ein Stuͤck Wild, nach dem zwei Jaͤger zugleich ihre Pfeile rich⸗ ten, um ſeiner Niederlage gewiß zu ſeyn. Ich weiß es ſelbſt nicht, wie das mit Dir war, ganz ſonderbar kamſt Du mir in Drumardo vor, etwa ſo, als ob Du Deine Freundſchaft, die Du gegen mich haben magſt, nicht verrathen wollteſt; als ob Du Theil an einem Plane naͤhmſt, der mir 143 ſchaͤdlich werden kann und ſoll. Geheimes iſt unter Euch Beiden vorgegangen, was ich nicht wiſſen ſoll, Du brauchſt es mir nicht zu ſagen, iſt es Boͤſes oder Gutes, ſo werde ich es wohl erfahren. Eins muß ich Dir verweiſen, Du aber mußt es mir nicht uͤbel nehmen, daß ich die Wahr⸗ heit rede, Dir nicht mit der Zunge ſchmeichele und Groll und Haß im Her⸗ zen hege. Haͤtte Salgar Dich ſo behan⸗ delt, als er mit mir umging, ich, als Dein Freund, wuͤrde dazu nicht geſchwie⸗ gen haben, ich nahm mich Deiner kraͤftig an. Es ſchmerzt mich viel aͤrger, wenn man meine Lieben beleidigt, als mich ſelbſt. Aber Du ſchwiegſt, verzogſt keine Miene und ließeſt den Grobian das Spiel der Unart mit mir treiben. Koͤnnte ich aus dieſer Deiner unerlaubten Ruhe nicht ſchließen, daß ich Dir wenig gelte! Wer ſich unſerer Ehre annimmt, wenn ſie ver⸗ umplimpft wird, der erweiſt uns einen groͤßern Dienſt, als der, welcher den Raͤu⸗ 144 bern das abnimmt und uns wieder giebt, was ſie uns ſtahlen. Das iſt es, was mich von Dir kraͤnkte und es ſoll Dir nicht leicht werden, Dich von einem Ver⸗ dachte zu reinigen, den ich in Deine auf⸗ richtige, thaͤtige Freundſchaft ſetzen muß.“ „Fillan, wenn Dich Salgar grob und ruͤckſichtlos behandelt hat, ſo biſt Du auch nicht ſchonend mit ihm umgegangen. Die rechte Antwort haſt Du ihm immer ge⸗ geben. Sollte ich Oel ins Feuer gießen und den Wortſtreit aͤrger machen? Be⸗ leidigen wollte ich Salgarn nicht, denn er war Wirth und wir waren die Gaͤſte. Vermittelnd trat ich zwiſchen Euch, ſuchte den Frieden zu beſchuͤtzen, damit es nicht u blutigen Haͤndeln käͤme. Mehr konnte ich diesmal fuͤr den Freund nicht thun.⸗ Klug und vorſichtig glaube ich gehandelt zu haben. Daß Salgar in ſeinem Betra⸗ gen mich Dir vorzog, das habe ich ſelbſt bemerkt; ich konnte es nicht verhindern * 145 und zuruͤckweiſen, ob mir es gleich ſo vor⸗ kam, als wollte er es Dich fuͤhlen laſſen, ich ſey ihm ein viel willkommner Gaſt, als Du. Solche Kraͤnkungen kannſt Du aber vermeiden, die ſich ein ehrliebendes Gemuͤth ohne Vergeltung und Rache nicht bieten laͤßt, wenn Du nie wieder nach Drumardo gehſt. Begegnet Dir ein Haͤupt⸗ ling auf der Straße und bietet Dir Schimpfliches, ſo haſt Du ja ein Schwert und kannſt mit ſeinem Blute die Schmach Dir abwaſchen.“ „So alſo ging es in Drumardo her,“ ſagte Dewon, Fillans Vater,„ſo ließeſt Du Dich entehren? Hatteſt Du keine Arme, kein Schwert? Die Seele mußteſt Du dem Prahlhans aus dem Leibe jagen. Vor Drumardo habe ich Dich oft gewarnt; den Lohn, daß Du dem Vater ungehor⸗ ſam warſt, haſt Du nun reichlich empfan⸗ gen. Sage, Cormar, wurde mein Sohn Die Erſtürmung. I. 10 140 wirklich beſchimpft? Erlitt er das, ſo mache ich mich auf und will ihn raͤchen. „Dewon, das koͤnnt Ihr unterlaſſen. Wie ſchon geſagt, ſie haben ſich Beide derb geſtoßen und es kann ſich Keiner be⸗ klagen, daß ihm zu viel geſchehen iſt. Nach metnem Rath laßt Ihr die Sache ruhen und ruͤhrt ſie nicht weiter auf; ſucht Salgar aber Rache, ſo wißt Ihr, was Euch zu thun uͤbrig bleibt. Ich denke auch, Fillan wird die Luſt erloſchen ſeyn, Beſuche bei ihm abzuſtatten 15 Ihr werdet nicht noͤthig haben, ihn davor zu warnen.“ „Aber,“ ſprach Dewon, und blitzte ſei⸗ nen Sohn mit feurigen Augen an, in de⸗ nen Zorn und Unwille lag,„ich kann es nicht begreifen, welch ein boͤſer Geiſt es iſt, der Dich zu Salgar hintrieb, als ob Du ein Bezauberter waͤrſt! Wollteſt Du mit ihn eine Verſchwörung gegen den 147 Vater ſtiften, da fandeſt Du an ihm den rechten Mann. Ich weiß es, ſeine Rache gluͤht gegen mich und es iſt leicht, daß ſie in lichte Flammen auflodert. Es iſt un⸗ natuͤrlich und thoͤricht, wenn ein Sohn um die Freundſchaft eines Haͤuptlings buhlt, der ſeines Vaters Feind iſt. Waͤre ich Salgar geweſen, laͤngſt ſchon haͤtte ich Dich von mir weggewieſen; daß er es ge⸗ than hat, rechne ich ihm nicht uͤbel an, nur die Art und Weiſe, wie er es that, wenn ſie ehrenruͤhrig war, verdient Ahn⸗ dung. So gieb mir doch einen vernuͤnf⸗ tigen Grund an, warum Du nach Dru⸗ mardo hinſchlicheſt, ohne daß ich es erfah⸗ ren ſollte; iſt es ein vernuͤnftiger, wider⸗ ſpricht er nicht dem Gefuͤhl und dem Rechte, ſo muß ich Dir verzeihen, nur mit Unwahrheit darfſt Du das tadelnswerthe Verhalten, deſſen Du Dich ſchuldig ge⸗ macht haſt, nicht beſchoͤnigen.“ „Den Vater habe ich nie belogen,“ fing Fillan an„und, ſo feſt ich an die Goͤtter der Rache glaube, welche die Boͤ⸗ ſen in den Winden zerſtreuen, daß ſie keine Ruhe finden, ſo gewiß will ich die Wahrheit bekennen. Drei Monden ſind es faſt, als Ulfadda das Feſt des Sieges feierte, den er uͤber den maͤchtigen Carul auf dem Gebirge und im Thale davon getragen hatte. Groß und glaͤnzend war die Verſammlung, Ihr waret ſelbſt zuge⸗ gen, auch Salgar ſehlte nicht und mit ihm war ſeine Gattin Moina und ſeine Tochter Bosmina. Schoͤn und reizend fand ich ſie, wie eine Fee und ihr Anblick hatte mich bezaubert⸗ Daß ſie die Tochter des Feindes meines Vaters waͤre, daran dachte ich nicht, ich war, wie ein Trunkener, der ſeiner Sinne nicht maͤchtig iſt. Was hat auch die Liebe der Kinder mit dem Haſſe der Vaͤ⸗ ter zu thun! Ich mußte mich ſammeln, alle meine Kraͤfte zuſammen raffen, daß die Flamme, die in meinem Innern auf⸗ ſchlug, ſich in meinem aͤußern Weſen nicht * 2 149 verrieth. Fern hielt ich mich von Bos⸗ mina und wagte es nicht, mich ihr zu na⸗ hen. Kein Wort fand ich, das ich mit ihr reden konnte. Den Juͤnglingen, die ſie umſchmeichelten, zuͤrnte ich, wie mei⸗ nen aͤrgſten Feinden, als ob ſie mir ein Gut rauben wollten, was mir allein ge⸗ hoͤrte.“ „Als ich nur meine Blicke auf ſie feſſelte, die ich, ſo viel Gewalt ich mir auch anthat, nicht von ihr ablenken konnte, wurde ich es gewahr, daß ſich ihr Auge auf mich richtete. Sie ſprach mit Caruls Gattin. Bald kam Carul zu mir und ſagte: Fillan, hier ſoll die Feindſchaft weichen, der Freude und der Einigkeit iſt dieſer Tag geweiht. Du darfſt den nicht haſſen, den Dein Vater haßt. Vielleicht kannſt Du den Zwiſt, der die fruhern Freunde trennt, verbannen. Moina be⸗ klagt ſich, daß Du die andern Jungfrauen zum Tanze fuͤhreſt, ihre Tochter nicht beachteſt, als ob ſie eine Verachtete waͤre. Bosmina ſelbſt fuͤhlt ſich gekraͤnkt. Ich ſtehe Dir dafuͤr, wenn Du ſie zum Tanze aufforderſt, ſie ſchlaͤgt es Dir nicht ab.“ „Das eben iſt es,“ erwiederte ich, „was ich gefuͤrchtet habe.“ „Als ſie von dem letzten Taͤnzer frei war, da faßte ich Muth, ging zu Moina unnd bat mit faſt bebender Stimme: er⸗ laubt es die Mutter, daß ich mit der Toch⸗ ter tanze?“ „Fillan,“ entgegnete ſie mit freund⸗ lichem Laͤcheln,„Ihr duͤrft nicht um die Erlaubniß bitten, Eurer Aufforderung wird Bosmina ſolgen. 4 4 * „Mehrere Taͤnze tanzte ich mit der Jungfrau. Ich ſah ſie an mit liebevollen Blicken, faſt voll Verwunderung und ſtaunte ob ihrer Schoͤnheit. Sie erſchien 151 mir, wie Eine der Himmliſchen.„Ganz war ich ihr hingegeben und meiner nicht mehr maͤchtig. Ein ſanftes Feuer gluͤhte auf ihrer Wange, in Entzuͤcken ſchien ihr Auge zu ſchwimmen, oft ſah ſie mich an und dann blickte ſie vor ſich nieder. Ihr Herz war in Bewegung und ihr Buſen hob und ſenkte ſich. Dies Alles deutete ich guͤnſtig fuͤr meine Liebe. Ich druͤckte ihr die Hand und leiſe erwiederte ſie den Druck.„Wenn ihr es wollt,“ fagte ich an demſelben Abend zu ihr,„ſo ſind wir eins und ſelbſt der Vaͤter Feindſchaft ſoll uns nicht trennen.“ „Das ſind wir, wenn Ihr es wollt,“ entgegnete ſie.„In Euch habe ich gefun⸗ den, was ich bisher vergebens ſuchte.... „Salgar war frohen Gemuͤths und ſcherzte unter den Gaͤſten, was er ſelten that. Ich nahte mich ihm und aller Wi⸗ derwille, den ich ſonſt gegen ihn empfand, 152 war aus dem Herzen verſchwunden, ich wuͤnſchte mir ſeine Zuneigung, ſein Ver⸗ trauen. Er lud ſeine Freunde zu einem großen Jagen nach Drumardo ein und, da ich in der Reihe ſtand und er gegen mich nicht unhoͤflich ſeyn wollte, wurde ich von ihm auch zu der Luſt gebeten. Ich faßte ihn bei der Hand und ſagte:„Daß Ihr mir Euer Thor oͤffnen wollt und mich als Gaſt aufnehmen, das ſoll mein Dank Euch vergelten. Ich liebe ſehr das Jagen.“ „Nun,“ ſprach er freundlich,„das koͤnnt Ihr oft bei mir haben.“ „Als ich zum Zweitenmal in Dru⸗ mardo war, und er mich beim Abſchiede einlud, da ich ein ſo tuͤchtiger Schuͤtze ſey, bald wieder zu kommen, benutzte ich die Erlaubniß und da, da wurde mein höͤchſtes Gluͤck entſchieden. In den vier Tagen, wo ich fort blieb, fand ich die Gelegenheit, die ich vorſichtig ſuchte, Bos⸗ n 153 mina ohne Zeugen zu ſprechen. Es ge⸗ lang mir, mehrere Stunden mit ihr allein zu ſeyn und als wir von einander ſchei⸗ den mußten, betheuerten wir uns eine Liebe, deren Bande nur der Tod trennen kann. Seit dem ſah ich ſie oft allein und, daß weiß ich, keine Gewalt kann ſie von mir trennen. Sie iſt maͤchtiger, als des Vaters Wille.“ „Verargt Ihr es mir nun noch, daß ich oͤfter nach Drumardo ritt? Die Liebe kennt keine feindlichen Ruͤckſichten und das Herz muß ihrem Zuge folgen. Die Goͤtter ſind es ſelbſt, die ihr dieſe Macht verliehen. Und Ihr, Vater, koͤnnt nicht zuͤrnen, daß ich mir eines Feindes Tochter zur Gattin erkohr. Sie liebt mich und wird Euch, wie ihren zweiten Vater lie⸗ ben, vielleicht noch zaͤrtlicher. Entſchuldi⸗ gen darf ich mich bei Euch nicht, Ihr ſeyd gerecht und gut und menſchlich, da ich nichts Ungebuͤhrliches, nichts gethan, was 154 ich als Unrecht erkenne. Fuͤr meinen groͤßten Feind erklaͤre ich den, der mir die Braut abſpenſtig oder ſie mir rauben wollte. Er wird ihre Liebe nie gewinnen, Sehnſucht und Gram wird ſie toͤdten. Cormar, das iſt die Antwort auf die Frage.“ „Weißt Du wohl,“ ſagte Dewon, „daß Du an Deinem Verderben baueſt? Gurwillig giebt Dir Salgar ſeine Tochter nicht, ehe er es dazu kommen läßt, macht er Dich zu einer Leiche.“ „Oder ich ihn.“ „Kann ſich die Tochter auch mit dem Moͤrder ihres Vaters verbinden, der ſeine Hand mit ſolchem Blut beſudelt hat? Du biſt in Raſerei, ſonſt wuͤrdeſt Du anders denken. Gaͤbe Dir Salgar freiwillig ſeine Tochter, ich haͤtte nichts dawider, ſte iſt ſchoͤn und gut und Deines Standes wur⸗ 155 dig, aber abbetteln darfſt Du ſie ihm nicht, abtrotzen kannſt Du ſie ihm nicht, wie alſo, wenn Du nicht einen Gewaltſtreich thuſt, der Dir Leben und Ehre koſten kann, wirſt Du Dich ihrer bemaͤchtigen.“ „Vater, die Goͤtter thun noch Wunder, es kann eins geſchehen und meine Wuͤnſche ſind gekroͤnt. Laßt ein Leben abfallen, wie eine reiſe Frucht, ſo bin ich am Ziel. 2 Nicht abgeneigt iſt mir Moina, nur fuͤrch⸗ tet ſie den ſtrengen Gatten.“ Cormar mußte ſeine innern Gefuͤhle beherrſchen, als er die Geſchichte von Fil⸗ lan ſelbſt erzaͤhlen hoͤrte. Er glaubte, daß es nicht leicht ſey, das Herz Bosmi⸗ nas zu uͤberwinden und ihm eine neue Neigung einzufloͤßen. Wie ſehr ein Frauen⸗ herz an der erſten Liebe haͤngt und nur in ihr die hoͤchſte Erdenwonne findet, das war ihm wohl bewußt. Daß Salgar Fillans Feind war, daß er ſelbſt ihn aber zum Freunde hatte, das naͤhrte ſeine Hoff⸗ nung. Das ganze Feuer der Liebe zu der Jungfrau brannte in ſeinem Herzen und es gab fuͤr ihn kein Mittel, es zu loͤſchen. Es waͤre wohl die groͤßte Thor⸗ heit geweſen, wenn er dem Freunde er⸗ klaͤrte, daß er die Braut deſſelben mit ei⸗ ner Neigung liebe, die ihr Ziel erreichen muß, wenn auch jede andere Pflicht ver⸗ letzt, die heiligſte Verbindung aufgeloͤſt und ſelbſt Blut vergoſſen wird. Er ſchwieg und wollte zuerſt ſein liſtiges Spiel im Finſtern treiben; gelang es da⸗ mit nicht, ſo ſtanden ihm maͤchtige Mittel zu Gebote, ſein Gluͤck mit Gewalt zu erzwingen. „Wahrlich,“ ſagte Cormar,„an Wun⸗ der mußt Du glauben, wenn Du die Hoffnung noch hegen kannſt, Salgar wer⸗ de Dir ſeine Tochter je zur Gattin geben. Du weißt es nicht, was er mir ſagte, als ich mit ihm allein war, indeß Du im „ — ⸗⸗ℳ⸗————— 157 Walde jagteſt, jetzt aber bindet mich die Freundespflicht, ſeine Worte Dir zu offen⸗ baren, um Dich zu warnen. Du wirſt ſchweigen und den Dienſt, den ich Dir zu erweiſen glaube, nicht ſchaͤndlich loh⸗ 3 nen. In dieſer Entdeckung, die ich Dir 4 mache, wirſt Du auch den Grund ſeines feindlichen Betragens gegen Dich finden und es, wenn nicht voͤllig, doch zum Theil atſchuldigen. 14 „Wuͤßte ich es,“ ſagte Salgar mit finſterm Geſicht und aufgereiztem Gemuͤth, „daß ich die Perſon waͤre, die Fillan nach Drumardo lockte; ſo wuͤrde mir der Sohn, ſo abgeneigt ich auch dem Vater bin, ein willkommner Gaſt ſeyn. Ich bin ein rau⸗ her Krieger und kann hart gegen meine Feinde ſeyn, aber fuͤr Liebe und Zunei⸗ . gung, fuͤr Vertrauen und Achtung habe ich doch Gefuͤhl und weiß es zu erwiedern. Lange habe ich nachgeſonnen, was ſch fuͤr Fillan wohl Anziehendes haͤtte, das v 158 ihn in meine Wohnung ſuͤhrt und— ich habe nichts gefunden. Zwiſchen ihm und mir herrſcht die groͤßte Ungleichheit. Neu⸗ lich ſagte mir ein treuer Diener:„Salgar, wollt Ihr Eure Tochter nicht dieſem Fil⸗ lan zum Weibe geben, ſo hütet ſie vor ihm, er ſtellt ihr nach, er legt ihr Schlin⸗ gen und ſucht ſie zu gewinnen, wenn es nicht auf eine ehrliche Art gelingen will, ſo verſucht er die ſchaͤndliche. Ich ſah es, daß er ſie umarmte und— kuͤßte.“ „Cormar,“ fuhr Fillan auf,„das iſt eine ſchaͤndliche Luͤge! Noch habe ich Bos⸗ mina nicht umarmt, noch druͤckte ich kei⸗ nen Kuß auf ihre Lippe. Nenne mir den Buben, daß ich die Luge ſtrafe!“ „Salgar hat ihn mir nicht genannt; aber die Luͤge wirkte bei ihm, als ob es Wahrheit waͤre. Der, fuhr jetzt Salgar fort, und ſein Grimm entflammte ſich im⸗ mer mehr, der koͤmmt hieher, mißbraucht 159 ſeine Achtung und Neigung gegen mich zum Vorwande und will meine Tochter verfuͤhren? Den gemeinſten Clansmann waͤhle ich nun lieber zu meinem Schwie⸗ gerſohn, als ihn. Welch eine Verſtellung und Falſchheit, die ſolche Mittel waͤhlt, um ihre Zwecke zu erreichen! Daͤchte er es ſelbſt, daß ſeine Sache eine gute waͤre, ſo konnte er ſie mir offenbaren und ehr⸗ lichen Beſcheid haͤtte ich ihm darauf ge⸗ geben; aber der Schlange, die im Fin⸗ ſtern ſchleicht, um uns zu vergiften, muß man den Kopf abhauen. Soll ich einen ſolchen Menſchen laͤnger in meiner Naͤhe dulden, der darauf ausgeht, mir eine Toch⸗ ter zu rauben? Seht, ſo lange noch Kraft in dieſem Arm iſt und ich das Schwert fuͤhren kann, ſoll Fillan das nicht gelin⸗ gen. Abſichtlich verſchwieg ich es ihm, warum ich ihm zuͤrne; haͤtte ich von dem ſchwarzen Geheimniſſe geredet, ſo mußte ich ihn als Vater, der ſeine Tochier ſchuͤ⸗ tzen ſoll, hart ſtrafen, das haͤtte Aufſehn 160 gemacht und konnte ihrem Rufe ſchaden, darum hielt ich die Fuͤlle meines Zorns in Grenzen. Ich denke ihn ſo beſchieden zu haben, daß er meine Schwelle nicht wieder betreten wird, die Leidenſchaft müßte ſeinen Verſtand verruͤckt oder er haͤtte alles Ehrgefuͤhl verloren, und koͤmmt er, als ein Solcher, ſo weiß ich, wie ich mit ihm verfahren muß. Gelegentlich ſoll es ihm kund werden, weshalb ich ihn ſo hart anfuhr, damit er meine Haͤrte deuten kann. Wollte ich das Spiel, was er mit Bosmina ferner treiben wollte, ſeinem Vater offenbaren, der wuͤrde gegen den Unklugen und Betruͤgeriſchen mit har⸗ ter Zucht zu Werke gehen.“, „Sieh, Fillan, das ſind Salgars ei⸗ gene Worte, und Haͤrten, die er ausſtieß, habe ich aus Schonung gegen Dich ver⸗ ſchwiegen, um Dich nicht noch mehr zu kraͤnken und heftiger zu erbittern.“ —— 161 „So,“ ſprach Fillan,„er weiß es alſo, daß ich ſeine Tochter liebe? Das habe ich nicht geglaubt. Mag er drohen und fluchen, ich kenne meine Waffen und weiß, wie ich den Feind beſiege. Sollte Bos⸗ mina in Sehnſucht nach mir, ihr Leben verzagen? Sollte ich nichts fuͤr ſie thnn, um ſie von der Haͤrte des Vaters zu be⸗ freien; nichts, um ſie in meine Arme zu führen? Wer hat ohne Ruhe, Gefahr und Kuͤhnheit ein großes, theures Gut errungen!“ ⸗ „Und,“ fragte der Vater zürnend, „Thor, der die Luftſchloͤſſer bauet, der Du Dich mit nuͤgeriſcher Hoffnung taͤuſcheſt, was denkſt Du denn zu thun? Du kannſt mit Drachen kaͤmpfen und ſie erlegen, wenn Kraft und Muth Dich verlaͤßt; aber was Du tbuſt, Bosmina zu gewinnen, iſt eiteles Beſtreben. Du wirſt doch nicht zum Moͤrder an Salgar werden wollen? Bahnt man ſich den Weg zum Herzen Die Erſtürmung. I. 11 der Tochter durch den Mord ihres Vaters? Nur nicht zu einem Verbrechen laß Dich durch die Leidenſchaft verlocken, der Erſte, der es an Dir beſtrafte, waͤre ich.“ „Was ich thun oder nicht thun will, daß Bosmina meine Gattin werde, daran habe ich ſelbſt noch nicht gedacht. In die dunkeln Gedanken der Sterblichen laſſen die Unſterblichen einen Lichtſtrahl fallen, daß es Tag in der Seele werde und wenn wir mit unſerm Sinnen, was wir beſchlie⸗ ßen, und ausfuͤhren wollen, in Irrgaͤngen umhertaumeln, da zeigt ſich uns ein Fin⸗ ger, der uns den rechten Weg andeutet. Der Nebel ſchwindet und klar ſcheint uns die Sonne. Dem Zweifler und dem Ver⸗ zagten gebricht die Kraft zur kuͤhnen That, dem Glauben und dem Muthe geht der Stern ſeines Gluͤcks auf.“ „Wie wird die Wirklichkeit Deine Hirngeſpinſte zerreißen; wie werden Deine Traͤumereien verſchwinden,“ ſagte Dewon. „Aber verraͤthſt Du es mir, daß Du durch Unklugheit Dein vermeintes Gluͤck erſtre⸗ ben willſt, ſo muß ich Dich, wie ein un⸗ verſtaͤndiges Kind, gegen Dich ſelbſt in Schutz nehmen, damit Du Dir nicht ſcha⸗ deſt und nicht unverdienten Gram und wohl gar Schmach uͤber Deine Eltern bringſt. Hilft Rath, Warnung und Dro⸗ hung nicht, ſo laſſe ich Dich ſo lange in den Thurm einſperren, bis Du Deiner Vernunft wieder maͤchtig biſt.⸗,) Mit bitterm Laͤcheln ſagte Fillan: „Ja, Vater, das mußt Ihr noch heute thun, wenn Ihr Salgar eine großze Freude machen wollt. Vielleicht iſt ein ſolches Verfahren gegen Euern Sohn, das beſte Mittel, zwiſchen Euch und ihm volle Ver⸗ ſoͤhnung zu ſtiften. Cormar koͤnnte ihm die erfreuliche Botſchaft hinbringen. Goͤt⸗ ter, was man aus mir machen will!“ 1 5 —— — 2————— ——y——ͤͤͤöͤͤͤͤͤͤͤͤͤͤſ—— Er ging, wie ein Wuͤthender aus der Halle und kam erſt nach vier Tagen in Balclutha wieder an. Sehr Wichtiges hatte er in der Zeit fuͤr große Zwecke gewirkt. Er ging zu mehrern Clanshaͤup⸗ tern, die ſeine Freunde waren und ihn achteten, und that ihnen die wahre Ur⸗ ſache kund, weshalb er mit Salgar in Streit gerathen werde. Mit Wahrheit ſchilderte er das ſchimpf⸗ liche und ihn entehrende Betragen, was er gegen ihn zeigte. Sit Alle gelobten ihm ihren Beiſtand, wenn es zur Fehde kaͤme, Salgar war von den Haͤuptlingen nur gefuͤrchtet; aber nicht geliebt. Viele hatte er beleidigt und die Schwaͤchern un⸗ terdruͤckt. Um ihre Freundſchaft war er nicht bemuht. Man war beſorgt, daß er ſeine Macht weiter ausdehnen und ihre Rechte ſchmaͤlern werde.. Die Gelegenheit, Sicherheit ggegen 165 ſeine Angriffe zu gewinnen und ihn ſo ſchwach zu machen, daß er ihnen nicht mehr ſchaben konnte, waren ihnen ſehr willkommen. ₰ Von Balclutha aber erwartete man das Zeichen zum kriegeriſchen Zuge gegen das verhaßte Drumardo. Cormar, als Fillan zornig die Halle verließ, eilte nach ſeinem Schloſſe Selama zuruͤck, um Salgar ein Geheimniß zu ent⸗ decken, daß dieſer nicht zu wiſſen ſchien. Wenige Tage verweilte er in ſeiner Woh⸗ nung und zog dann mit einem kleinen Gefolge nach Drumardo. Ein Ungewitter noͤthigte ihn, in einer Herberge einzukeh⸗ ren, die mehrere Stunden diesſeits, am Sau⸗ me eines Waldes lag. Als das Wetter nahte, hatten ſich mehrere Wanderer und Arbeiter auf dem Felde dahin gefluͤchtet, die ein Obdach ſuchten. Als er in die Stube trat, fand er ſie faſt mit Menſchen 3 1 4 — 1 — 4 8 —— 166 angefuͤllt, die alle Sitze eingenommen hat⸗ ten. Aber an der langen Tafel ſaß ein großer, langer Mann, der ſeinen Helm vor ſich hingeſetzt, ſein Schwert losge⸗ ſchnallt hatte, auf deſſen Griff er ſeine Hand ſtuͤtzte. Die Clansleute wichen zu⸗ ruͤck, als ſie den ſtartlich gekleideten Cor⸗ mar ſahen, den ſie fuͤr einen reichen, maͤch⸗ tigen Haͤuptling hielten und machten Platz. Der Mann mit dem Schwerte ſtand nicht auf und begruͤßte Cormarn nachlaͤſſig und mit einem Kopfnicken. Er ſprach mit ei⸗ nem Alten in durftiger Kleidung leiſe, den Cormar nicht ſogleich erkannte, weil er ihm das Geſicht zuwandte. Im herriſchen Tone ſagte Cormar zu dem ten, in dem er den Bettler Aton eikannte:„Naͤume mir den Platz, er ge⸗ buͤhrt Dir nicht.“ Aton machte ein grim⸗ miges Geſicht, machte eine Bewegung, als ob er aufſtehen wollte, da faßte ihn der Mann mit dem Schwerte am Arm, — v ———— mit ihm unterhalten will, Wollet doch 167 hielt ihn nieder und ſagte:„Aton, Du ruͤhrſt Dich nicht von Deinem Platze! In einer Herberge gilt weder Rang noch Vor⸗ zug. Ich will weiter mit Dir reden.“ Die Worte des Fremden, der Cormars Befehl ſo entſcheidend widerſprach, fielen ihm hart auf, er fand eine Beleidigung darin und ſagte in verſtaͤrktem Tone: „Aton, ich gebſete es, daß Du aufſteyſt, und mir die Stelle einraͤumſt.“ „Aber ich laſſe es nicht zu,“ ſagte der Unbekannte,„daß er Euch Platz macht. Nichts, gar nichts habt Ihr hier zu ge⸗ bieten. So ſeyd doch billig und ſteht, wenn Ihr nicht ſitzen koͤnnt, Ihr habt juͤngere Beine, als dieſer Greis, d Ruhe bedarf. Ihr wißt es ja auch nicht, ob ich Euch ſo in der Naͤhe haben mag, wie ihn und ob ich mich mit Euch, wie 168 nicht da den Herrn ſpielen, wo Ihr kei⸗ ner ſeyd.“ 1 „Wer ſeyd Ihr denn, daß Ihr gegen mich eine ſo trotzige Rede fuͤhret?“ fragte Cormar. „Das koͤnnt Ihr leicht erfahren, wenn Ibr mich nicht ungeſchoren laſſet. Ich be⸗ kuͤmmere mich nicht um Euch, darum laßt mich zufrieden. Wer Ihr aber ſeyd, das hat mir Euer Betragen ſchon entdeckt.“ „Cormar,“ ſagte Aton,„wem ich ge⸗ horchen ſoll, das weiß ich ſelber nicht; aber ob der Platz in einer Herberge, den ich zuerſt eingenommen habe, daß ich von ihm weichen muß, wenn Ihr Euch nieder⸗ laſſen wollt, das weiß ich nicht. Bin ich doch nicht Euer Clansmann, der Euern Befehlen unterworfen iſt. Nehmt auch Ruͤcſſicht auf mein Aiter. Ein ehren⸗ Schwertern kommen werde. 169 werther Mann iſt der, welcher mich nicht aufſtehen laſſen will.“ „So, ſo,“ ſagte der Fremde,„Ihr ſeyd Cormar; nun weiß ich es doch, wer der iſt, der hier herrſchen will, als ob er mit ſeinen Clansleuten umgeben waͤre. Ihr habt ein Schwert, ſeht, ich habe auch eins, wollt Ihr es verſuchen, welches am beſten trifft? Wenn der Regenguß voruͤber iſt, bin ich dazu bereit. Mein Stamm wohnt im noͤrdlichen Gebirgslande, an Gefahr bin ich gewoͤhnt, den Kampf ſcheue ich nicht, und da, wo es die Ehre gilt, ſteht bei mir das Leben nicht hoch ange⸗ ſchrieben. Ihr ſeht, ich bin an Jahren aͤlter, als Ihr, Ihr muͤßtet Achtung gegen mich haben.“ Die Leute in der Stube ſchwiegen alle und hoͤrten aufmerkſam zu, wie ſich der Streit enden und ob 85 zu den K 170 Diesmal hatte Cormar keine Luſt, ſo teicht er ſonſt auch eine Herausforderung annahm, mit dem Fremden einen Gang zu wagen. Er mußte eine Wunde fuͤrch⸗ ten, die ihn hindern konnte, den Weg nach Drumardo fortzuſetzen, darum wollte er es verſuchen, mit Ehren aus dem Han⸗ del zu kommen.“ „Ihr,“ ſo redete er den Unbekannten an,„ſcheint die Gelegenheit zu ſuchen, um blutigen Streit anzuſpinnen, waͤre ich nicht auf dem Wege nach Drumardo, ſo wollte ich mich mit Euch meſſen. Vorher aber müßztet Ihr mir erſt beweiſen, wer Ihr ſeyd. Wollt Ihr indeß in dieſer Her⸗ berge ſo lange warten, bis ich wieder komme, ſo ſoll es mein Schwert Euch auch lehren, wer ich bin. Fuͤrwahr, glaubt nur nicht, daß ich 5 Sc lürchie. 171 eine Ehrenſache abzumachen. Fuͤrwahr, Ihr ſeyd ein ſchlechter Freund, das ſage ich Euch ins Angeſicht, weil ich den Be⸗ weis bei der Hand habe.“ „Wie waͤre ich das?“ „Das ſeyd Ihr allerdings und, wenn wir allein ſind, ſollt Ihr es hoͤren. Ich reite auch nach Drumardo, wie iich Euch ſchon geſagt habe und eine Strecke will ich mit Euch reiten, da kann ich Euch den Freund nennen und es Euch darthun, wie Ihr Euch an ihm verginget. Wer ſeinen Freund verlaͤßt, wo er ihm beiſtehen mußte, der hat von Niemand eine Wohl⸗ that zu erwarten und Niemand von ihm. Darum zuͤrne ich Euch.“ Cormar verließ die Herberge, weil hn die Geſellſchaft des Unbekannten miß⸗ fiel, beſtieg, ob es auch noch regnete, ſein Roß und ritt eilig auf dem Wege nach 172 Drumardo fort. Er glaubte eine tiefe Kraͤnkung erlitten zu haben, die er raͤchen wollte, wo ihm der Unbekannte auch be⸗ gegnete. Das wurde ihm klar, daß der Freund, an dem er ſchlecht gehandelt haben ſollte, kein Anderer, als Fillan war. Aber von wem erfuhr es der Fremde, daß er ſich ſeiner, als Salgar ihn ſo hart be⸗ handelte, nicht annahm! Fillan mußte es ihm geſagt haben, er mußte ſich fuͤr ihn intereſſiren. Kurz, Cormar ſah es ein, wie abgeneigt ihm Fillan war, und daß er ihm den Haß, den er wider ihn im Stillen trug, verbarg. Merkte er es, was Salgar mit ſeiner Tochter im Sinne trug und daß er es war, der ihre Hand begehrte? 5 So kam er, mancherlei Gedanken voll, in Drumardo an. Schon im Thore er⸗ fuhr er es, daß Salgar auf die Jagd ge⸗ ritten ſey und daß er die Mutter mit der Tochter allein finden werde. Er wurde — 5 — r 173 in die Halle gefuͤhrt. Nach einer Weile erſchien Moina. Sie machte ein freund⸗ liches Geſicht, wie wenn uns ein will⸗ kommner Gaſt erſcheint, aber bald wurde ſie ernſter und einſylbiger, als ob ſie ſich in ſeiner Naͤhe nicht wohl fuͤhle. „Ihr muͤßt fuͤr eine Weile mit mei⸗ ner Geſellſchaft vorlieb nehmen, Salgar iſt im Walde und ſchon iſt ein Bote ab⸗ geſchickt, um ihn zu rufen, ob er ihn aber ſo bald findet, das iſt ungewiß. Maͤnner, wie Ihr ſeyd, finden bei den Frauen ihre Unterhaltung nicht.“ „Ihr trauet mir weniger Sinn für Euer Geſchlecht zu, als ich habe. Man wird es auch muͤde, von Jagd und Roß — Und Hund, von Waffen und von Fehden zu reden und hoͤrt die Weiber gern von andern Dingen reden und ſpricht davon. Aber wo iſt Bosmina?“ * viel von Fillan halten?“ 174 „Die kraͤnkelt ein wenig. Sie kann ſich nicht gewoͤhnen, ein hartes Wort zu hoͤren, wenn es der Vater ſpricht und ein Unrecht, was Andern geſchieht, ſchmerzt ſie heftiger, als eins, das ſie ſelber leiden muß. Konntet Ihr es denn nicht ſteuern, daß Salgar ſo ohne Schonung gegen Fillan verfuhr? Daß er es ihm ſogar verbot, den Abſchiedsgruß von uns zu nehmen?“ „Da haͤtte ich ja gegen die Achtung gehandelt, die er von mir fordern kann und konnte mir einen Verweis zuziehen. Es iſt nicht hoͤflich, den Herrn im eigenen Hauſe zurechtzuweiſen, wenn er fehlt und konnte ich es entſcheiden, ob er es mit Fillan zu weit trieb? Wer weiß, wodurch er Salgarn zu der Haͤrte reizte! Ihr ſcheint es auch nicht zu wiſſen. Darum alſo iſt Bosmina krank? Sie muß doch ———— — — 175 „Man haͤlt von Jedem viel, der be⸗ leidigend und unter ſeiner Wuͤrde behan⸗ delt wird.“ „Habt Ihr das Euerm Gatten auch geſagt? Das ſolltet Ihr verſchweigen, es liegt darin ein bitterer Tadel.“ Cormar fuͤhlte es ſelbſt, daß ſeine letzten Worte Moinas Zartgefuͤhl verletz⸗ ten, er gab dem Geſpraͤch eine andere Wendung und ſuchte durch Artigkeiten ſein Vergehen wieder gut zu machen. Von ſeiner Liebe zu Bosmina fing er an zu reden und ſeiner Hoffnung, daß ſie ſich fuͤr ihn guͤnſtig entſcheiden werde. Er ſagte es ohne Ruͤckhalt, daß er es wohl wiſſe, daß ein Buͤndniß zwiſchen Fillan und ihr beſtehe, da er es aber gewiß wiſſe, daß Salgar die Heirath nicht zugeben werde, ſo ſey es, bei der großen, unuͤber⸗ windlichen Neigung wohl nicht zu verar⸗ gen, wenn er alles aufbiete, daß ſie ſeine — Gattin werde. Er bat Moina inſtaͤndig, daß ſie ihren ganzen Einfluß, den die Mutter auf das Herz der Tochter haͤtte, anwenden ſollte, um ihn dem Ziele ſeines Gluͤcks naͤher zu fuͤhren. Das fragte er⸗ auch, ob ſich Bosmina entſchieden habe, ihm ihre Hand zu geben.“ 3 „Sie glaubt ſich noch zu jung,“ ſagte Moina, gum eine Gattin zu werden, auch denkt ſie es ſich ſchrecklich, ſich von dem Elternhauſe zu trennen und ſich einem Manne hinzugeben.“ „Es koͤmmt auf ſie nur an, ob ſie meine Neigung, meine Liebe kennen lernen will. Es ſtehen mir Mittel zu Gebote, ihr die Trennung von dem Elternhauſe zu verſuͤßen.“ So waren in allerlei Geſpraͤchen meh⸗ rere Stunden verfloſſen, in denen Cormar ſich Moina von liebenswuͤrdigen Seiten —“ 197 zu zeigen und ſich ihr zu empfehlen ſuchte. Es war ihm ooͤllig gelungen. Sie glaubte in ihm den Juͤngling zu finden, mit dem ihre Tochter weit gluͤcklicher, als mit Fil⸗ lan werden konnte und uͤberzeugte ſich, daß Salgar Recht hatte, daß er Cormarn ſeine Tochter geben wollte. Ploͤtzlich rauſchte das Thor auf und man ſah es, daß entweder eine Leiche oder ein Verwundeter von vier Menſchen ge⸗ tragen wurde, weil er allein nicht gehen konnte. Kurz darauf kam Salgar auf ſeinem Roſſe angeſprengt.„Soll ich mich immer mit Raub⸗ und Mordgeſindel her⸗ umſchlagen,“ ſagte er zu Moina und Cor⸗ mar und ſein Geſicht war mit Blut be⸗ ſpritzt.„Der da,“ er zeigte auf den Mann, den man getragen brachte,„ſchimpfte, zog das Schwert, ich gab ihm den Lohn. Kann er nicht geheilt werden, ſo mag er ſterben, an Zaͤnkern, die ſich in fremde Die Erſtürmung. I. 12 Sachen miſchen und Rechte vertheidigen wollen, die ſie nicht angehen, iſt nichts gelegen. Auf meinem Boden ſoll ich mich beſchimpfen laſſen?“ Als der Verwundete naͤher kam, er⸗ kannte es Cormar, daß es derſelbe Ritter war, der ſich in der Herberge gegen ihn ſo ungebuͤhrlich betrug und er goͤnnte ihm die Zuͤchtigung, die er ihm zu einer andern Zeit zugedacht hatte. „Bringt ihn auf ein Ruhebette,“ be⸗ fahl Salgar;„leiſtet ihm alle Pflege und tragt fuͤr ſeine Heilung alle Sorge. An einem Verwundeten, der nicht mehr ſcha⸗ den kann, habe ich mich nie vergan⸗ gen. Vielleicht iſt er auch Einer von den Ungluͤcklichen, welche bisweilen den Ver⸗ ſtand verlieren, die die Raſerei befaͤllt, mit ſolchen Elenden muß man Erbarmen haben; denn eine Art von Wahnſinn war —— —— im Spiel, als er mich wuͤthend, wie ein angeſchoſſener Eber anfiel. Vor der Wohnung des Haͤuptlings herrſchte ein lautes Getoͤſe, das Bosmina auf der Kammer hoͤrte, ſie ſah hinaus, erblickte den Mann, der von Vieren ge⸗ tragen wurde, ſie glaubte gewiß, daß der kein Anderer, als Fillan ſey. Sie erhob ein ſo lautes Geſchrei, daß es uͤber den ganzen Hof hinſchallte und rief zu wie⸗ derholtenmalen:„Fillan! ach, Fillan! Moͤr⸗ der haben Dich umgebracht! Cormar vielleicht!“ Salgar rief ihr zu, daß ſie ſchweigen ſolle. Sie kam, wie eine Unſinnige, die Treppe herabgeſtuͤrzt, ſtand vor dem Ver⸗ wundeten, erkannte, daß er ein Fremder und ſprach:„Dank den Goͤttern, die mir den groͤßten Schmerz erſparten!“ Sie war ſo angegriffen, daß ſie in die Halle da hieher koͤmmt ein Geharniſchter, von r180 2 gefuͤhrt werden mußte.„Gebehrdeſt Du Dich doch ſo,“ ſprach Salgar, auf ſie zuͤr⸗ nend,„als ob Fillan Dein Verwandter, Dein Geliebter waͤre! Und waͤre er auch das, es wird ihm nicht beſſer ergehn, als dieſem Läſterer, wenn er ſolcher ungezie⸗ menden Reden ſich gegen mich bedient. Was nennſt Du dieſen Namen, Du weißt es, ich habe es unterſagt, es ſoll mich nichts an einen Menſchen erinnern, der mir verhaßt iſt. Faſt muß ich glauben, dieſer Abentheurer, dem ich wohl auf im⸗ mer die Luſt benommen habe, Streit mit mir anzufangen, iſt eine Art von Moͤrder, von Fillan beſtellt, um mich des Lebens zu berauben. Hoͤrt nur, wie es mir mit ihm erging.“ „Allein und ohne Jagdgefolge verließ ich den Wald, weil mir das Jagen nicht mehr gefiel. Auf dem halben Wege von drei Knechten begleitet, querfeldein auf mich zugeſprengt. Das Fliehen war meine Sache nicht, ich ſtellte mich zum Schlagen fertig und zog mein Schwert. In einer Entfernung von mir von zwei Schritten, hielt er ſein Roß an und machte mir ſchneidende Vorwuͤrfe, daß ich Fillan un⸗ wuͤrdig behandelt und des Gaſtrechts hei⸗ lige Sitte verletzt haͤtte. Ruhig und kalt entgegnete ich ihm: fuͤhle ſich Fillan be⸗ leidigt, ſo moͤge er mich zum Kampfe her⸗ ausfordern, ein Anderer haͤtte das Recht nicht darin zu reden, noch weniger dürfe er ſich unterfangen, auf meinem eigenen Gebiet mich zu beſchimpfen.„Hoͤrt,“ don⸗ nerte er mich an und zog ſein Schwert, „vielleicht haben mich der Rache Goͤtter auserwählt, Euch fuͤr eine Reihe ſchlechter Thaten den Sold zu geden.“ Als er das letzte Wort geſprochen hatte, ſagte er:„Knechte, weicht zuruͤck, 18² ſteht mir nicht bei, daß ich nicht fuͤr das Haupt einer Raͤuberbande gelte und laßt das Schickſal unter uns entſcheiden. Jetzt begann ein moͤrderiſcher Kampf. Der Ra⸗ ſende war am Arm verwundet, ich bot ihm Pardon an, er ſchrie: wenn ich nicht falle, ſo ſollſt Du ſterben. Noch blitzten unſere Schwerter, als mein Jagdgefolge nahte. Iitzt fiel auf ſeinen Kopf ein Hieb, der ſeinen ſtaͤhlernen Helm ſpaltete, in ſeinen Scheitel drang; aus dem das Blut ſich ergoß. Sinnlos ſtürzte er vom Roſſe auf den Boden.„Nun, was iſt das!“ riefen meine Leute, die ſchnell herbeigeeilt waren, als ſie mich in ſolchem Streite ſahen.. „Nehmt ihn auf, er iſt ein Raſender, der mich auf der Straße anfiel, und tragt ihn nach Drumardo.“ Seine Knechte flohen nicht und der Eine ſagte:„Wir ehren un⸗ ſern Herrn und kein Ungluͤck, keine Ge⸗ fahr kann uns von ihm ſcheiden.“ — 183 So ſehr ich ſie bat und bedrohte, mir den Namen ihres Herrn zu nennen, ſie betheuerten, daß es ihnen verboten ſey und, was ihnen auch gelobt wuͤrde, gegen ihre Pflicht wuͤrden ſie nicht handeln. „Nun,“ ſagte Salgar,„den Namen wollen wir wohl erfahren und werden es auch höͤren, daß er von Fillan wider mich an⸗ gehetzt iſt.“ Nach etwa einer Stunde kam einer ſeiner Knechte in die Halle und meldete: „Der Todkranke will Euch ſprechen.“ Salgar folgte dem Menſchen und als er vor dem Lager des Verwundeten ſtand, ſagte dieſer:„Ich fuͤhle es, daß ich ſterbe. Dafuͤr, daß ich mich einer gerechten Sache annahm, hatte ich den Tod, den ich von Eurer Hand empfing, nicht verdient. Die Goͤtter ſpielen wunderbar mit dem Men⸗ ſchenleben und dunkel ſind des Schickſals Wege. Salgar, tilgt die Schmach, die Ihr Fillan zufuͤgtet, daß Ihr ihm Eure Tochter zum Weibe gebt. Beſteht Ihr aber trotzig auf Euerm Kopf, ſo wird eine maͤchtigere Hand, gegen die Ihr keine Waffen habt, Euch ſtrafen....“ Als er das letzte Wort geſprochen hatte, ſchloß er die Augen und— war geſtorben. 2 Von den Knechten, die den Tod ih⸗ res Herrn beweinten, erfuhr nun Salgar, daß der Verſtorbene ein Haͤuptling aus dem fernen Hochgebirge ſey, Gens Alpin genannt, der am Sterbelager ſeines Vaters das Geluͤbde gethan haͤtte, den Unterdruͤck⸗ ten und Verſchmaͤhten beizuſtehen und für Wahrheit, Tugend und Unſchuld zu ſtrei⸗ ten und ſein Leben zu wagen. Seit zwei Jahren ziehe er im Lande umher und habe, wie ein Rachegeiſt manczen Uebelthaͤter geſtraf t. 185 „Ein tolles Geluͤbde,“ ſagte Salgar. „Wem von den Sterblichen hat denn der große Gott das Recht gegeben, da ſtra⸗ fend zu verfahren, wo er Unrecht zu ſehen glaubt. Weiß ein Jeder, was Unrecht iſt? Wie mißfaͤllig aber den Goͤttern dies Geluͤbde war, das habe ich bewieſen, in⸗ dem Alpin unter meinem Schwerte fiel, daß er nicht groͤßeres Unheil anrichtete.“ Wie aber der Haͤuptling Gens Alpin dazu kam, daß er ſich der Sache Fillans ſo ernſtlich annahm, das konnte man nicht erfahren. Noch raͤthſelhafter wurde es, als Cormar die Unterhaltung mittheilte, die zwiſchen ihm und dem Haͤuptling in der Herberge ſtatt fand. Man konnte faſt nicht mehr zw iſeln, daß es Fillan war der Nachtheiliges von Cormar mit dem Bettler Aton redete, was dieſer dem Haͤuptling hinterbrachte. 186 Als die Schreckens⸗ und Trauerſce⸗ nen in Drumardo vorüber waren, noͤthigte Cormar Salgarn mit ihm allein zu gehen, weil er ihm eine wichtige Neuigkeit zu entdecken habe. Er erzaͤhlte ihm, was er in Balclutha aus Fillans Munde gehoͤrt hatte, daß die⸗ ſer es ohne Ruͤckhalt offenbarte, wie er mit Bosmina durch die Liebe auf ewig verbunden ſey.„Dieſen Bund,“ ſagte Salgar mit allen Zeichen der Wuth, „werde ich trennen und ſollte es mit dem Schwerte geſchehen. Mich ſo zu taͤuſchen! Meine einzige Tochter ſo zu bethoͤren! So falſch und hinterliſtig zu handeln! Cormar, ich verarge es nicht, wenn Ihr nun die, die ſich einem andern Juͤnglinge bingab, nicht zu Eurer Gattin waͤhlet; aber glaubt es, ich habe viel verloren, daß ich mit Euch nicht verwandt werde. ird Euch leicht ſeyn, eine andene Jung.— 187 frau zu finden, die ſchoͤner und reicher iſt, als Bosmina, aber nicht mir, mich eines ſolchen Schwiegerſohnes zu erfreuen Laßt uns ferner Freundſchaft halten, den ſprechend⸗ ſten Beweis, wie ich Euch vertraue, wie hoch ich Euch achte, habe ich Euch gegeben.“ „Nein, nein,“ ſagte Cormar,„meine Geſchichte mit Bosmina iſt noch nicht zu Ende, ſo leicht gebe ich meine Hoffnung nicht auf, daß ſie meine Gattin wird. Erklaͤrt es ihr nur in Ernſt und Liebe, daß Ihr die Heirath mit Fillan nie zu⸗ gebt; ſorget, daß aller Umgang zwiſchen den Beiden aufhoͤrt; laßt ihr Zeit, auf andere Gedanken zu komnien und mit an⸗ dern Gefuͤhlen vertraut zu werden und, was Ihr nicht glaubt, das wird doch ge⸗ ſchehen. Das Feuer der Liebe, wenn es keine Nahrung mehr empfaͤngt, erloͤſcht, wenn auch nicht ſo ſchnell, als es entſtand, 188 doch langſam und gewiß. Davon könnte ich Euch mehr, als ein Beiſpiel erzaͤhlen. Nur redet mit Bosmina nicht von mir und uͤberlaßt es mir ganz, iht Herz zu gewinnen, es wird, es muß mir gelingen. Wie koͤnnte ich es aufgeben, daß Eure Tochter meine Gattin wird! Glaubt Ihr das, ſo habt Ihr nicht in mein Herz ge⸗ ſchauet und wißt es nicht, wie ich ſie liebe. Heute reiſe ich noch ab und werde erſt nach mehrern Wochen wieder kommen. Man kann nicht immer dem Ziele zuflie⸗ gen und will man es erreichen, ſo muß man ſich auch aufs Kriechen verſtehen. Nur, das bitte ich Euch, behandelt Bos⸗ mina guͤtig; ſeyd Ihr hart gegen ſie, ſo wird ſie um ſo ſchwerer ihre Neigung fahren laſſen.“ 3 d Als Cormar in der Halle von Bos⸗ mina Abſchied nahm, ſagte er, nicht ohne die Zeichen einer tiefen Ruͤhrung:„Das —— 189 groͤßte Ungluͤck, was im Leben mir begeg⸗ nen konnte, iſt, daß ich mich nicht fruͤher, als Fillan, um Euer Herz und Eure Hand bewarb. Vielleicht haͤttet Ihr mir Beides nicht verſagt. Was Ihr aber ſchon an einen Andern verſchenkt habt, das will und kann ich nicht fordern. Aber das Eine glaubet, daß Euer Bild mir unver⸗ geßlich eingegraben iſt. Kann ich Euch je mit meinem Leben dienen, ſo gebe ich es freudig hin: denn ſeit ich es weiß, daß ich mit Euch nicht verbunden werden kann, iſt es in ſeinem Preiſe fuͤr mich ſehr geſunken. Verzeiht, wenn ich glaube, daß Euch kein Mann auf Erden ſo gluͤck⸗ lich machen kann, als ich es wollte. Lebt wohl, ob wir uns wieder ſehen, das iſt die Frage. Ich nehme von Drumardo eine Wunde mit hinweg, die nie, nie hei⸗ len wird!“ Bosmina war geruͤhrt, ſie ſah Cor⸗ 190 marn nach und geſtand es ſich, er war ein ſchoͤner Juͤngling voller Geiſt und voll Gefuͤhl. Mehrere Stunden beſchaͤftigte ſie ſich mit ſeinem Bilde, wiederholte ſeine Worte und weidete ſich im Anſchauen ſeines ganzen Weſens. Jetzt dachte ſie an Fillan und ein Schhreck fuhr ihr durch die Seele, als ob ſie ein Unrecht an ihm begangen und die gelobte Treue ihm nicht gehalten haäͤtte.. Seit der Stunde, wo Cormar Dru⸗ mardo verließ, war der Vater wieder ganze Liebe und Guͤte gegen ſie und ſie glaubte, daß ſie dieſe Behandlung le⸗ diglich Cormarn verdanke. Von Fillan aber war nicht die Rede und ſie wagte es nicht, wenn der Vater zugegen war, ſeinen Namen zu nennen. Aton, der alte Bettler, ſtand an der Pforte von Balclutha und als der Thor⸗ 4 wart ihn fragte, warum er nicht vor die Wohnung des Haͤuptlings ginge, um die 1 gewoͤhnliche Gabe zu empfangen, erwie⸗ 1. derte er:„Weil es der Haͤuptling nicht wiſſen ſoll, daß Aton hier iſt. Willſt Du Dir aber einen guten Dank verdienen, ſo rufe mir Fillan und ſage ihm, Aton hat ihm ein wichtiges Wort zu ſagen.“ Lächelnd und faſt ſpoͤttiſch ſagte der Thorwart:„Was mag ein alter Bettler — 192 dem Sobhne eines Haͤuptlings Wichtiges Geſchichten, die er auf der Landſtraße hoͤrt, Luͤgen, die ohne Erund und Boden ſind.“ 3 „Thorwart, Du biſt ein Dummkopf, wenn Du ſo mit Worten faſelſt! Ich bin aͤlter als Du, und gewiß kluͤger, als Du, darum rufe mir Fillan und bekuͤmmere Dich nicht darum, was ich ihm ſage; biſt Du aber trotzig und widerſtehſt meiner Bitte, ſo verklage ich Dich bei ihm, und das Boͤſe, was nicht verhuͤtet wird, koͤmmt dann auf Deine Kappe. Gehe, ſaͤume nicht laͤnger, nach einer Viertelſtunde bin ich nicht mehr hier.“ Als Fillan den Alten ſah, redete er ihn mit den Worten an:„Willſt Du mir wieder ein Maͤhrchen, wie das von der entfuͤhrten Vosmina, aufbinden? Dein zu ſagen haben! Gewaͤſch und alberne *— Berſtand iſt ſchwach geworden, Du biſt leichtglaͤubig, man kann Deiner Auzſoge nicht trauen.“ „Was meine Ohren hoͤrten und meine Augen ſahen, dem koͤnnt Ihr glauben.“ „Nun, und was haſt Du gehoͤrt und geſehen, wenn es mich angeht?“ Aton ſagte:„Ihr muͤßt es dem Haͤuptling Gens Alpin anvertraut haben, wie ſchimpflich Euch Salgar behandelte. Mit ihm traf ich in einer Herberge zu⸗ ſammen, in die uns das Ungewitter trieb. „Nun, Alter,“ fragte er,„Du wanderſt im Lande viel umher, weißt Du mir nichts Neues, es ſey Gutes oder Boͤſes, zu er⸗ zaͤhlen. Sieh, ich walle mit meinem Schwerte auch durch die Clans, um das Laſter, was keinen Richter findet, zu zuͤch⸗ tigen. Fillan, das war eine ſchoͤne Rede, Die Erſtürmung. I. 13 194 der Mann gefiel mir und mit ganzer Ver⸗ ehrung war mein Herz ihm ergeben. Ich nannte ihm etliche Haͤuptlinge, die eine kleine Zuͤchtigung verdienten. Und, ſagte er, Cormar von Selama, Salgar von Drumardo nennſt Du mir nicht 2 „Als ich ihm dieſe Frage noch nicht beantwortet hatte, trat Cormar in die Stube. Feindlich ſprach A'pin mit Cor⸗ mar und ich konnte den Grund ſeines Un⸗ willens nicht deuten. Faſt waͤre es zum blutigen Streit gekommen, wenn Cormar nicht aus der Stube ſchlich, ſein Roß be⸗ ſtieg und nach Drumardo jagte.“ „Nach Drumardo?“ fragte Fillan mit Erſtaunen und Unwillen. „Ja, ja, ſo ſagte er. Alpin, ſo ſagt man, machte Salgarn Vorwuͤrfe, daß er, wider die Rechte des Gaſtrechts, Euch 195 ſchimpflich behandelt haͤtte, er zog ſein Schwert, es kam zum Kampfe und Sal⸗ gar ſpaltete ihm den Kopf. Fuͤr Euch iſt der edle Kaͤmpfer an ſeinen Wunden ge⸗ ſtorben.“ „Als ich durch Cormars Clan zog, ſetzte ich mich, da ich ermuͤdet war, neben einem Hirten nieder und der erzaͤhlte mir, es ſey ein großes Jagen in Selama, zu dem, nach vier Tagen, viele Haͤuptlinge eingeladen waͤren. Auch Salgar von Dru⸗ mardo? fragte ich.“ 55 „Der Hirte konnte mir das nicht ſagen; aber ich muß es glauben. Ich denke, daß Ihr auf dem Wege von Dru⸗ mardo nach Selama wohl Gelegenheit faͤndet, Salgar das Boͤſe zu vergelten, was er Euch zugefuͤgt hat. Es thut mir weh, da Ihr Niemanden beleidigt, daß Euch Unrecht geſchah und der hochmuͤthige / Salgar, der gemeine Leute wie Hunde behandelt, hat eine Zuͤchtigung verdienk. Mich hat er ſo angefahren, daß ich Dru⸗ mardo nie wieder betrete, um eine Gabe zu erbitten.“ „Aton,“ entgegnete Fillan,„ich ſehe es wohl, wie gut Du es mit mir meinſt, aber auf der Landſtraße falle ich meinen Feind, wie ein Raͤuber nicht an, das wuͤrde mir viel Boͤſes bereiten. Dennoch danke ich Dir fuͤr den Dienſt, den Du mir erweiſen wollteſt.“ 1 Fillan ging in die Wohnung zuruck und ſandte ſogleich einen Kundſchafter aus, der ihm Nachricht bringen mußte, ob in Selama ein großes Jagen ſey und ob auch Salgar dazu geladen waͤre. Der Abgeſchickte kam zuruͤck und beſtaͤtigte Atons Ausſage. Nun faßte Fillan einen Entſchluß, der nicht mit Gewalt, wohl — 5— 197 aber durch Liſt, ausgefuͤhrt werden konnte. Mit dem Vorgeben, daß ihn Cormar zu einem großen Jagdfeſte eingeladen haͤtte, verließ er mit einem kleinen Gefolge Bal⸗ clutha. An die Straße ins dicke Gebuͤſch, die von Drumardo nach Selama fuͤhrt, ſtellte er einen Auflaurer, der ihm die Nachricht bringen mußte, ob Salgar nach Selama geritten ſey. Der Spaͤher meldete:„Salgar waͤre mit einem ſtarken Gefolge von Drumardo die Straße nach Selama geritten.“ Auf dieſe Nachricht nahte ſich Fillan Drumardo immer mehr und zog ſich mit ſeinen Leuten an der Straße in dickes Gehoͤlz. Dem Liſtigſten und Kluͤgſten ſeiner Leute gab er den Auftrag, nach Drumardo zu reiten und Salgars Gattin folgende 4 198 Schreckensnachricht zu hinterbringen, Sal⸗ gar ſey durch einen Pfeil in der Seite, den Einer, man wiſſe nicht wer, nach ihm abge⸗ ſchoſſen haͤtte, verwundet. Er liege, dem Tode nahe, danieder. Man ſolle, ſeine letzte Bitte vielleicht erfuͤllen und ſich ſogleich auf den Weg nach Selama machen. Er wolle ſeine Gattin und beſonders ſeine Tochter vor ſeinem Ende ſprechen, um es ihr muͤndlich zu ſagen, wie er auf ſeinem Sterbelager in ihre Verbindung mit Fillan willige. In der Naͤhe des Todes ſey aller Haß aus ſeiner Bruſt verſchwunden und er wuͤnſche mit dem Bewußtſeyn zu ſter⸗ ben, mit einem Beweiſe vaͤterlicher Liebe gegen ſie hinuͤbergehen zu den Wohnungen ſeiner Vorfahren... Deerr Bote ging ab, als die Daͤm⸗ merung anbrach, Fillan ritt ihm langſamer nach und machte vor dem Thore von Drumardo Halt, weil er dem Knechte be⸗ — ſtellt hatte, zu ſagen, daß ein Gefolge von Selama die Reiſenden in Empfang neh⸗ men und begleiten wollte, welches des Wegs kundig waͤre. Fillan gab ſeinen Leuten Verhaltungsregeln. Der Reiter wurde ſogleich eingelaſſen, als er ſagte, daß er ein Eilbote von Cor⸗ Aufſchub lelde, zu vermelden habe. Der Thorwart verriegelte das Thor doppelt, als Fillan mit ſeinen Leuten ankam. Einer derſelben mußte ihm zurufen:„Wir ſind keine Raͤuber, die Drumardo uͤber⸗ fallen wollen, von Selama ſind wir ab⸗ geſchickt, Salgars Tochter und Gattin dahin abzuholen, der an einer Pfeilwunde tödtlich danieder liegt.“ Der Abgeſchickte wurde zu Moina gefuͤhrt, die mit ihrer Tochter und Roſ⸗ crana in der Gartenlaube ſaßen. Wort 4₰ 200 fuͤr Wort ſagte er, was ihm aufgetragen war. 1 3 Moina überſzef ein faſt toͤbtlicher Schreck, Bosmina ſchrie laut auf:„Mein ungluͤcklicher Vater!“ Sie wuͤnſchte ihm ein läͤngeres Leben, da er in ihre Verbindung mit Fillan willigen wollte. Man beeilte die Abreiſe, ſo viel es geſchehen konnte. Auch Roſcrana blieb nicht zuruͤck. Vor dem Thore nahmen die vergeb⸗ lichen Selamaer die Frauen in Empfang. Als ſie von Drumardo etwa eine Stunde entfernt waren, ſagte Einer von dem Ge⸗ folge:„Nun, Moina, koͤnnt Ihr nach Dru⸗ mardo mit Euern zwei Knechten zuruͤck⸗ reiten, zu Eurer Sicherheit gebe ich Euch, wenn Ihr es wollt, welche von meinen Leuten mit. Bosminasiſt in guten Haͤn⸗ den. Was man mir mit Gewalt entrei⸗ en wollte, das habe ich durch Liſt gee⸗ 8 201 wonnen. Bosmina iſt mein und keine Gewalt ſoll ſie mir rauben.“ J „Himmel und Goͤtter, das iſt Fillan!“ rief Moina aus.„Fillan, ſo konntet Ihr mich betruͤgen, mich ſo erſchrecken! Laßt mir meine Tochter, entreißt ſie mir nicht auf eine unehrliche Weiſe! Fuͤrchtet Sal⸗ gars und Cozmars Rache und den Fluch der Goͤtter! Welch eine Unthat wollt Ihr begehen! Bosmina, folge Deiner Mutter! Du darfſt Dich Fillan nicht anvertrauen! Gehorche! Ungluͤck folgt Dir nach!“ Fillan faßte Bosmina am Arm und ſagte:„Gehe dahin, wohin Dein Herz Dich zieht, ich will Dich nicht zwingen. Ziehſt Du aber Drumardo Balclutha vor, ſo haſt Du mir das Wort der Treue ge⸗ brochen und gehoͤrſt mir nicht mehr. Des Vaters Zorn laͤßt ſich verſoͤhnen! Wihſt Du Cormars Gattin werden?“ Mit zit⸗ 202 ternder Stimme ſagte ſie:„Ach, die Wahl iſt ſchwer, doch die Liebe zieht mich zu Dir hin....“ „So folge mir,“ ſagte Fillan und ritt mit ihr davon. Sie rief der Mutter Ab⸗ ſchiedsworte zu und ſank in ſchmerzhafte Unruhe. Nicht nach Balclutha, zu dem Haͤupt⸗ ling Clunar fuͤhrte Fillan ſeine Geliebte; dort ſollte ſie, als eine Unbekannte in ge⸗ heimnißvoller Stille verweilen, bis der Sturm, den Salgar ſicher erregen werde, voruͤber ſey. Dem Vater geſtand es Fil⸗ lan, daß er Bosmina entfuͤhrt und ſie an einen ſichern Ort gebracht habe, wo ſie Niemand ahnen werde. Zuͤrnend ſagte der Vater:„Iſt es Deine tolle Liebe auch wohl werth, daß es nun zu blutigen Kaͤmpfen koͤmmt! * 203 Nicht Deine Braut, der Tod wird Dich umarmen!“ Auf Balclutha wurden mit der groͤß⸗ ten Thaͤtigkeit alle Anſtalten getroffen, um einen Angriff, den Salgar machte, abzu⸗ wehren. Die Clansleute, zu Fuß und zu Roß, wurden zu den Waffen gerufen. Boten wurden an die naͤchſten Haͤupt⸗ linge abgeſandt, die ſich mit Dewon ver⸗ einigten, um Salgar zu demuͤthigen, von dem man lange ſchon fuͤrchtete, er werde ihre Gerechtſame ſchmaͤlern und ſie er⸗ niedrigen. Eine große, weite Strecke im Hochlande war in vollem Aufruhr. Moina war voll Schmerz und Ver⸗ zweiflung, ſie fuͤrchtete blutige Auftritte. Daß Salgar ſich ſeine Tochter nicht un⸗ geſtraft werde rauben laſſen, das wußte ſie gewiß. Gewiß gerieth er in Wuth und Ungeſtuͤm, daß Fillan das mit Liſt ——— — —:;—;OoõõCſſñle—— .——— erzwang, was er ihm nie gutwillig zu⸗ geſtanden haͤtte. Der Schimpf mußte ge⸗ raͤcht werden. Daß Cormar ihn, ſtatt ihn zu be⸗ ſaͤnftigen, noch mehr gegen Fillan empoͤren und zu einer Fehde rathen werde, das konnte ihr nicht ungewiß ſeyn. Uebrigens war es Salgars Schuld, daß ihm dieſer Unfall begegnete, warum uͤberließ er Bosmina nicht die Freiheit, ſich einen Gatten zu waͤhlen, wenn ſie ſich mit ihrer Neigung nicht nach ſeinem Be⸗ fehl fuͤgen konnte! Fuͤr die Tochter war die Mutter nicht beſorgt, nur dafuͤr, daß bald eine Zeit eintreten wen die ſie ihr prophezeite, daß Fillan der rechte Gatte nicht ſey, der fuͤr ihr Weſen paßte, ſon⸗ dern vielmehr Cormar, ven der Vater ſich zum Schwiegerſohn wuͤnſchte. 1 205 Als ſich Moina einigermaßen von dem erſten Schreck erholt hatte, fertigte ſie einen Eilboten nach Selama ab, wel⸗ cher Salgern die Entfuͤhrungsgeſchichte ſeiner Tochter kund thun ſollte. X Sie ſelbſt aber ſuchte alle Faſſung zu gewinnen, mit moͤglichſter Ruhe ſein Ungeſtuͤm zu ertragen. Daß er die Schuld des Ungluͤcks, was ihm begegnet war, auf ſie waͤlzen und gegen ſie toben werde, das mußte ſie erwarten, wenn er nicht gar glaubte, ſie habe mit Fillan und Bosmina im Einverſtaͤndniß gehandelt. Der Bote kam in Selama an, als die Jaͤger mehrere Stunden entfernt von der Wohnung des Haͤuptlings, ſchon im Walde ſagten. Er eilte, von einem Fuͤh⸗ rer begleitet, dahin, dem er unterwegs ſagte:„Ich bin ein Ungluͤcksbote, der Sal⸗ garn eine boͤſe Nachricht bringt. Fillan, 206 der Sohn des Haͤuptlings von Baltlutha, hat ihm die Tochter geraubt.“ „Was fuͤr Feiglinge oder Dummkoͤpfe ſeyd Ihr in Drumardo, daß Ihr Euch eine Jungfrau rauben laßt! Der Haͤupt⸗ ling hat ein Recht, dies als ein Ver⸗ brechen an Euch zu beſtrafen.“* „Aber beſiegt denn die Liſt nicht oft den Muth? „Dieſe Entſchuldigung laͤßt Salgar nicht gelten. Eine Liſt beſiegt die andere. faͤllige Botſchaft bringt, iſt vor Beleidi⸗ gungen nicht ſicher. Salgar iſt hitig, er. wird Dich heftig anfahren.“ „Das mag er, auffreſſen kann er Hoͤre, Clansmann, ich moͤchte an Deiner Stelle nicht ſeyn. Wer uns eine miß⸗ —— 207 mich nicht und dem Befehle ſeiner Gattin mußte ich gehorchen.“ Als ſie eine weite Strecke durch Dor⸗ nen und Gebuͤſch im Walde langſam fort⸗ geritten waren, hoͤrten ſie Hundegebell. Sie wandten ſich nach dieſer Gegend hin und ſtießen zuerſt auf gemeine Jaͤger, die ihnen die Gegend bezeichneten, wo Salgar ſeyn konnte. „Nun was giebt es!“ rief Cormar hinter einer dicken Kiene hervor, hinter die er ſich geſtellt hatte, um das ankom⸗ Amende Wild zu belauſchen, als er die e Reiter, einen ſeiner Diener und den Fremden gewahr wurde.„Ihr Unklugen, nacht doch nicht, daß das ankommende 4 Wild ſcheu wird und vor mir zuruͤck⸗ laͤuft.“ Der Diener ſagte:„Dieſer Bote koͤmmt von Drumardo, um ſeinem Herrn raubt iſt.“ Cormar ließ den Bogen ſinken und ſagte:„Biſt Du unklug geworden? Die Tochter geraubt, Bosmina, am hellen Tage?“ „Nein, nicht am hellen Tage, in der Daͤmmerung. 4, „Wer raubte ſie denn?“ „Fillan von Baleclutha.“ „Kerl, Du raſeſ Du luͤgſt.“ „Beides nicht, ich war ſelber Zeuge, wie ſte ihm folgte und ihre Mutter ver⸗ ließ. Sie muß Fillan mehr lieben“ zu melden, daß geſtern ſeine Tochter ge⸗ —yyy—— 209 „Salgar, Salgar!“ bruͤllte Cormar, daß das Echo ſeinen Ruf wiederholte. Salgar kam hinter einem dichten Gebuͤſch hervor, wo er ſich verſteckt hielt und fragte: „Iſt Euch denn ein Ungluͤck begegnet, daß Ihr meiner Huͤlfe bedurft?“. Er ſtutzte, als er die Reiter ſah, Cormar rief ihm zu:„Nun ſchafft Rath, wenn Ihr koͤnnt, Fillan hat Eure Tochter entfuͤhrt./) „Nur ſo muͤßt Ihr nicht mit mir ſcherzen und nicht denken, daß ich ein Kind bin, das an jede Luͤge glaubt.“ 4„ „Kennt Ihr denn den Reiter und das Roß nicht? Er köoͤmmt von Drumardo, Euch dieſe Botſchaft zu bringen.“ Jetzt hielt der Bote vor dem Haͤupt⸗ ling und erzaͤhlte die ganze Ungluͤcksge⸗ Die Erſtürmung, I. 14 210 ſchichte, wie ſie ſich ereignet hatte. Da warf Salgar im heftigen Grimm ſeinen Bogen auf die Erde und ſchwor bei allen Goͤttern, nicht eher zu ruhen, bis er das Blut des Raͤubers vergoſſen und ihn mit ſeinem Schwerte in den Staub geſchlagen haͤtte. Seine Gattin nannte er eine Thoͤrin, eine Leichtglaͤubige, die ſich durch jede Gaukelei taͤuſchen laſſe. Er verließ den Wald, Cormar begleitete ihn und unter⸗ wegs wurden Plane der Nache geſchmie⸗ det. Er bat Cormar um ſeinen Beiſtand, damit er den Uebelthaͤter deſto haͤrter ſtrafte. „Dieſen Dienſt verlangt von mir nicht,“ ſagte Cormar.„Eigentlich hat mich Fillan nicht beleidigt. Er nahm ein Ei⸗ genthum, was ihm gehoͤrte, das Ihr iim— verweigertet. Wie Bosmina ihn liebt, w 211 das bewies ſie, daß ſie ihm folgte, und ſich von der Mutter trennen konnte. Eine Jungfrau, die ſich zu einer ſolchen Flucht aus dem Vaterhauſe bereitwillig ſinden ließ, kann meine Gattin nicht werden. Wie keine Jungfrau noch geliebt wurde, ſo habe ich ſie geliebt; aber die Flamme, die in mir loderte, muß ich loͤſchen. Ver⸗ zeiht, daß ich fuͤr Euch weiter nichts thun kann, als Euch bedauern.“ Zornig ſchied Salgar von Selama und jagte nach Drumarde. Daß ſein Lieblingsplan ſo geſcheitert war, der ſei⸗ nem Hochmuth ſchmeichelte, daß er die Hoffnung aufgeben mußte, der maͤchtigſte Haͤuptling, durch Cormars Beiſtand zu werden; daß ſich ein junger Menſch nicht fuͤrchtete und ſcheute, ihm dieſe Schmach und dieſen Verdruß zuzufuͤgen; daß ſich Dewon durch ſeinen Sohn ſo an ihm aͤchte, dies Alles war es, was ihn be⸗ 44 212 ſtuͤrmte. Er ſann darauf, wie er den Thaͤter aufs haͤrteſte beſtrafen wollte und auch Bosmina, weil ſie ihm willig folgte, nicht bei der Mutter und, nach ſeiner Meinung, die Schande der Ehre vorzog, ſollte aufs empfindlichſte gezuͤchtigt werden. Die Thore von Drumardo flogen raſch auf, als Salgar mit ſeinem Gefolge vor demſelben ankam. In weiten Spruͤn⸗ gen, als ob das Roß mit jedem Augen⸗ kam er vor ſeiner Wohnung an. 4 Sr. Er riß mehrere Thuͤren auf, um ſeine Gattin, wo er ſie fand, zuerſt mit einem Strom von Vorwuͤrfen zu uͤberſchütten eingab. ſchien verſchwunden zu ſeyn.„Nun,“ don⸗ blicke einen ſchmerzlichen Stich erhielt, Nirgends konnte er ſie finden, ſie und dann zu thun, was ihm die Räche 8 1 8 213 nerte er,„hat ſie ein boͤſer Geiſt hinweg⸗ gefuͤhrt? Erkennt ſie ihr Unrecht und will ſie ſich einer verdienten Zuͤchtigung ent⸗ ziehen? Vielleicht entfloh ſie und ging nach Balclutha, um dort Sicherheit zu finden. Nun, wenn das waͤre, ſo muͤßte ich mich auf ewig von ihr trennen.“ Das ſagte er, als Roſcrana nicht weit von ihm ſtand.„Und weißt Du es nicht, wo Moina iſt?“ „Nicht in Balclutha,“ erwiederte dieſe, „in den Mittelpunkt der Erde moͤchte ſie ſich verbergen, um Euerm Wuͤthen zu ent⸗ gehen. Die Liſt hat ſie bethoͤrt, die Sorge und Angſt um Euch, daß Ihr toͤdtlich verwundet waͤret, fuͤhrte ſie in der Nacht, die ſie ſonſt fuͤrchtet, hinweg. Ihr ſeyd ja ſonſt ſo gerecht, wollt Ihr Euch grau⸗ ſam an Eurer Gattin vergehen, die ohne Schuld fehlte? Euer Schmerz, Euer Ver⸗ 214 druß, greift ſie noch haͤrter an, als die eigene Pein, die eine Mutter empfindet, welche auf eine ſolche Weiſe ihre Tochter verlor. Nicht eher werdet Ihr ſie wieder ſehen, bis ſich Euer Zorn gelegt hat. Sie fuͤrchtet, daß Ihr Euch an ihr auf eine Weiſe vergehen koͤnntet, die Euch hinter⸗ her gereut.“ „Wo iſt ſie, wo iſt ſie, ich will und muß es wiſſen!“ „Ich weiß es; aber wenn Ihr mich noch ſo hart bedroht, wenn Ihr mir ſelbſt den Dolch auf die Bruſt ſetzet, ich werde es nicht verrathen.“ „Nun, ſo ſage es mit wenigen Wor⸗ ten, wie war es denn, was bewegte denn die Unſinnige, daß ſie dem ehrloſen Fillan das Maͤdchen in die Arme fuͤhrte?“ 1 4 215 Roſcrana erzaͤhlte ihm die ganze Ge⸗ ſchichte nochmals und ſetzte hinzu:„Es mag Unrecht ſeyn, daß Euch Fillan die Tochter raubte; aber kennt Ihr die Ge⸗ walt der Liebe nicht, die in einem Juͤng⸗ lingsherzen gluͤht und brennt? Koͤnnt Ihr Euch die Qual nicht denken, eine Geliebte zu verlieren, die theurer iſt, als das eigene Leben? Seiner Leidenſchaft iſt es zu verzeihen, daß er ein unerlaub⸗ tes Mittel waͤhlte, ſeinen Zweck zu er⸗ reichen. Gebt ihm gutwillig Eure Tochter, ſo hat aller Streit ein Ende und es fließt kein Menſchenblut. Ob ſich aber der Kampf fuͤr Euch gluͤcklich enden werde, das ſteht bei den Goͤttern. Und meint Ihr, Ihr moͤget noch ſo glaͤnzend ſiegen, daß Bosmina Euch von Fillan, wie eine Beute uͤberliefert wird? Er wandert eher mit ihr nach den entfernteſten Gebirgen, oder fliehet nach einer der Inſeln, ehe er ſich von ihr trennt. Da muͤßt ich die Herzen —-— 216 ſchlecht kennen, die ſich feurig lieben, wenn ich nicht wuͤßte, daß ſie Alles wagen und leiden, daß die Herrlichkeit einer Welt ihnen nichts gilt, wenn ſie nur bei ein⸗ ander unzertrennlich ſind.“ „Albernes Weibergerede!“ ſagte Sal⸗ gar und verließ Roſcrana. Salgar ließ ſogleich einen Widder holen, ſchlachtete ihn ſelbſt, tauchte eine Holzſtange ins Blut, brannte an der lo⸗ dernden Flamme den Schaft ſchwarz, gab ihn einem ſeiner Krieger, daß er mit aller Schnelligkeit in den Huͤtten der Clans⸗ leute umhergetragen werden ſollte, mit dem Befehl, ſich bereit zu halten, auf den erſten Ruf mit ihm gegen den Feind zu ziehen. Dieſe Stange hatte für Jeden die Bedeutung, daß Jeder, der die Waffen 217 tragen und für ſeinen Haͤuptling noch kämpfen konnte, wenn er nicht auf ſeinen Ruf erſchiene, mit Feuer und Schwert vertilgt werden ſollte. Auch wurde ein Barde nach Balclu⸗ tha abgeſandt, welcher Dewon melden ſollte, daß Salgar ſeinen Clan mit Raub, Mord und Vertilgung uͤberziehen werde, wenn er ihm ſeine Tochter nicht unverletzt uͤberlieferte. Fillans Beſtrafung aber be⸗ halte er ſich beſonders vor. Etwa nach einem halben Tage, als der Barde von Drumardo abgereiſt war, erſchien ein Barde von Balelutha und meldete:„Der Vater will den Schimpf, den Ihr dem Sohne, wider das heilige Gaſtrecht anthatet, raͤchen und kuͤndigt Euch Fehde an. Nicht wie ein Raͤuber will er Euch uͤberfallen. Gebt Ihr es aber zu, daß Bosmina Fillans Gattin — 218 4 5 wird; ſo ſoll Friede und Freundſchaft, wie in der vorigen Zeit, zwiſchen Dewon und Euch beſtehen. Wer Streit anhebt, den er meiden kann, den ſtrafen die Goͤtter.“ „Den nicht,“ ſagte Salgar,„der ſich mit einer Uebelthat befleckt? Was fuͤr ein Barde biſt Du, der Du ſolche falſchen Begriffe von den Goͤttern haſt! Krieg, Krieg, dem verhaßten Dewon, der ſeinen verbrecheriſchen Sohn in Schutz nimmt, der fuͤr eine ehrloſe Sache ſein Schwert ziehen will! Wehe Fillan, wehe, wenn er in meine Haͤnde geraͤth! Und ſteht meine Tochter vor mir und redet ein Wort von dem Buhlen, ſiehe, ſo durchſtoße ich mit dem Dolche ihr unkindliches Herz, das ſelbſt die Liebe zur Mutter verleugnet hat!“ „Die Gelegenheit, ſolch eine blutige 1 1 b 3 219 That zu veruͤben, auf die nur Unheil für⸗ 8 den Thaͤter folgen kann, wird Euch nicht gegeben werden. Ihr alſo wollet Fehde?“ „Die will ich, ſonſt nichts weiter, das Schwert ſoll entſcheiden.“ „Nun, ſo entſcheide es,“ ſprach der Barde und trat den Ruͤckgang an. Moina hielt ſich auf einer Kammer im oberſten Thurm verborgen, wo ſie Roſ⸗ crana, die in der Nacht zu ihr ging, mit Lebensmitteln verſorgte. Salgars Zorn gegen ſeine Gattin hatte ſich abgekuͤhlt, er ſagte zu Roſcrana: „Fuͤhre mich zu Moina, ich will ihr nicht hart fallen, daß ſich ihre Angſt endet. Soll ich ſie auch verlieren? Sie iſt auf 220 Erden noch das einzige Weſen, das ich liebe.“. „So laßt mich vorangehen, ſie iſt auf dem Thurme, daß ich Eure Ankunft melde. Erſcheint Ihr vor ihr ploͤtzlich, ohne daß ſie es vorher weiß; ſo koͤnnte ſie der Schreck toͤdten. Sie iſt ſchwach, Ihr ſollt ſie ſehen, der Gram nagt an ihrem Herzen. Der Schlaf flieht ſie. Ihr werdet ſie ſo blaß, wie eine Leiche finden.“ Roſcrana ging voran und bald folgte ihr Salgar nach. Moina lag auf einem Mooslager, mit ihrem Plaid bedeckt und als ſie ihren Gatten erblickte, richtete ſie ſich langſam auf und ſprach mit ſchwacher Stimme:„Von einer doppelten Pein wurde ich gemartert, und, endete ſie nicht bald, ſo waͤre ich dahin gegangen, wo es 2 ——— ———— 221 fuͤr die Guten keine Schmerzen der Seele mehr giebt. Ich aͤngſtige mich wegen Bosmina und fuͤrchtete Deinen Zorn. Wie ſehr beklage ich Dich!“ Er reichte ihr die Hand und ſagte freundlich:„Du weißt, wie ich in der erſten Heftigkeit bin, der Sturm in mir hat ausgetobt, Du ſollſt kein boͤſes Wort von meinen Lippen hoͤren; aber den Buben, der Dich uberliſtete, den muß ich mit allen Strafen ſtrafen. Hindere mich nicht, gerecht zu ſeyn und rede nichts, um ihn zu entſchuldigen. Ohne Zuͤchtigung kann Bosmina nicht bleiben.“ Er half ihr, daß ſie aufſtehen konnte und fuͤhrte ſie, indem er ſie mit einem Arm umfaßte, die Treppe hinab. Ihr Auge ſchamm in Thraͤnen. Als aber der Barde mit der Nach⸗ richt von Drumardo zuruͤckkam, da gin⸗ gen Eilboten zu den Clansleuten ab, die ſie einforderten und den Haͤuptlingen, die ſich mit Dewon gegen Salgar verbunden hatten, daß ſie ſich mit ihren Leuten in Balclutha ſtellten, um den ſtolzen, herrſch⸗ ſuͤchtigen Feind zu demuͤthigen. 8 Ende des erſten Bandes. 3 —— — Tnnſnſſnnnſinſſſinſſinſnnſ ſ” TMnannm V 9 11 12 13 14 15 16 17 M