Leihbiblivthek deutſcher, engliſcher und afranzöſiſcher Literatur Eduard Offmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und SCeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr off offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. b 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt für Wörchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——————— 2 t f da 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 3 3 35. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſe endung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— 81 das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 1E 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird 4 5 — — beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ———— NX 14 —— Eliſabeth von Bruce. Nach Walter Scott. Im Verlage der Gebruͤder Franckh ſind erſchienen: Amazone, die, der großen Armee, oder Denkwuͤrdig⸗ keiten, Anekdoten und Abenteuer der Dorothee Rhenet, Ritter der franz. Ehrenlegion. Von ihr ſelbſt herausgegeben A. d. Franz. 2 Thle. Cunningham, Allan, Paul Jones. Ein Roman. A. d. Engl. 3 Bde. gr. 12. De Vere, od. der Unabhaͤngige. Roman in 3 Thln. A. d. Engl. 12.—br. 4 Deerr Polizeiſpion. Ein Sittenroman, von Lamothe⸗ Langon. 4 Thle. 8. Eliſabethe von Bruce. Vom Verfaſſer des„Clan Albin.“ 3 Thle. A. d. Engl. gr. 12. br. Familie, die, Sainte⸗Amaranthe, oder die Schreckens⸗ regierung. Heroiſche Novelle. A. d. Franz. der Mad. E. L. von Ludwig. Thle. Jouy, M. E., Cecilie oder die Leidenſchaften. 5 Theile. A. d. Franz⸗ gr. 12. broſch. Jeſuitenſpiegel, der, Auszuͤge der gefaͤhrlichſten und laſterhafteſten Stellen der dogmatiſchen Werke der Jeſuiten. A. d. Franz. gr. 12 br.. Kock, C. P. v., Der Barbier von Paris, Roman in 4 Thle. A. d. Franz. 8. Kriegsgefangene, der, Ein am Ufer des Meeres nach einem Schiffbruch gefundenes Manuſcript. A. d. franz. 2 Bde. gr. 12. tonval, die Dame von Saint⸗Bris. Chronik aus den Zeiten der Ligne(1587). 4 Thle. 8. A. d. Franz. Nada. Eine ſpaniſche Novelle. A. d. Franz. 2 Thle. Napoleon in der andern Welt. Eine von ihm ſelbſt geſchriebene Erzaͤhlung; gefunden zu St. Helena am Fuße ſeines Grabes. Von Nongo⸗See⸗Foh⸗ Tche, Randartn der 3ten Klaſſe. Aus dem Engl gr. 12. br. Olivier. Von der Verfaſſerin der Urika. A. d. Franz. gr. 12. Papſt, der, und der Harlekin, oder Briefwechſel Clemens XIV. mit Carl Bertinazzi. Aus dem Franzoͤſiſchen, 8. Eliſabeth von Bruce. Nach Walter Scott. Aus dem Engliſchen von Auguſt Schaͤfer. K F 2 r 7 E 4 2 Zweiter Band. Stuttgart. Bei Gebrüder Franckh. 1 3 7. ——— — Eliſabeth von Bruce. Zweiter Theil. Vierzehntes Kapitel. Die Heerſchau. Der Morgen des Faſttags war hell, und ſelbſt warm fuͤr die Jahrszeit— ein heiterer Winter⸗ tag. Die Glocke der Kirche St. Serf, zwiſchen zwei bemoosten Ulmbaͤumen haͤngend, hatte ſchon eine ganze lange Stunde gelaͤrmt, geplaͤrrt, ge⸗ gaͤllt— kurz jeden mißtoͤnigen Laut von ſich gege⸗ ben, deſſen eine zerruͤttete Glocke faͤhig iſt;— und endlich gewiſſermaßen die Abſicht angedeu⸗ det, ſich zu„Tode zu laͤuten;“ denn jezt konnte man die luſtigen Equipagen der„Grillenfami⸗ lie“ unterſcheiden, die längs des Thals hinfun⸗ kelten, und dann durch die Reihe alter, grauer Baͤume ſchimmerten, mit denen jener Theil der⸗ Landſtraße beſezt war, der durch Monkshaugh's Luſtgaͤrten fuͤhrte, der Heerhaufe des Lord Rant⸗ letree ruͤckte in der entgegengeſezten Richtung nach dem Kampfplatze vor, und gleichſam mit⸗ 6 ten inne defilirten Monkshaugh'es Streitkraͤfte von dem Zugange,„des Platzes“ nach der Land⸗ ſtraße. Eliſabeth und ihr Rittmeiſter, bildeten die Reiterei; der Laird auf ſeinem Rothſchim⸗ mel fuͤhrte das Fußvolk an. „Da ich doch dort allein ſitzen muß, wie eine verdutzte Kraͤhe, ſo will ich fort— ich finde, ich kann mir die Entfernung davon juſt erſparen,“ ſagte Eliſabeth; und ohne ſo lange zu bleiben, bis die erwarteten Gegenvorſtellungen gegen ihr Ausreißen vernommen hatte, winkte ſie mit ihrer Hand, und floh davon, von dem Wunſche beſeelt, ihren Sitz ruhig einzunehmen, bevor ſich die ganze Ariſtokratie des Thales in der Kirche verſammelt hatte. Und jezt flogen die Kaleſche, das Cabriolet, der Wagen, die Vorreiter, die blaſonirten Sattel⸗ kiſſen, das glaͤnzende Pferdegeſchirr und alles Ge⸗ praͤnge der modernen Wohlhabenheit herbei— indeß Peitſchen klatſchten, Raͤder funkelten, Hunde bellten, Steine flogen, und Bauern auf die Seite ſprangen, und dann gaffend ſtehen blieben. Monkshaugh, der es unter ſeiner Wuͤrde hielt, auch nur einen Zoll breit aus der Mitte der Straße zu weichen, wuͤrde ſicherlich in Gefahr gekommen ſeyn, niedergetreten zu wer⸗ den, haͤtte nicht Baby Strang ſeinen Zuͤgel er⸗ griffen, und ihn mit einer Heftigkeit, die ihn faſt aus dem Sattel warf, auf die Seite geriſ⸗ ſen, und ausgerufen—„Laird, Laird, Harle⸗ tillum wird euch in den Koth treten.“ Dieß war bloß der Anfang der Leiden. 7 Eliſabethe hatte ihren Platz in der Kirche ſchon einige Zeit eingenommen, als Fugal, aus deſſen ſtarren Naſenloͤchern Wuth und Zorn rauchte, zu ihr trat. „Eher haͤtte mich der Teufel geholt, als daß der engliſche Hans unter ihnen einem alten Grau⸗ barte den Rang abgelaufen haͤtte, Madame Eli⸗ ſabeth, haͤtte mich nicht Monkshaugh auf ein Thier geſezt, das mehr einem Stuͤck Hornvieh gleicht, als einem chriſtlichen Reitpferde, das fuͤr einen Gentleman paßt, der gedient hat.“ Eliſabeth fluͤſterte dem Stallmeiſter einige ent⸗ ſchuldigende Erlaͤuterungen zu, und wuͤnſchie bereits, dieſer Feſttag waͤre ganz voruͤber. Donnernd und raſſelnd fuhr die Kaleſche her⸗ bei; und mit allem noͤthigen vorbereitenden Ge⸗ raͤuſche und Gepraͤnge, trat die Grillenfamilie, begleitet von ihrem ſchoͤnen Gaſte, in die Kirche, und nahm ihren Platz ein.— Lord Rantletree defilirte zunaͤchſt in die Gal⸗ lerie. Er fuͤhrte ſeine lange, plattruͤckige Lady am Arme, und ſah an dieſem, zum Kampfe mit der Demokratie erkornen Tage aus, als ob ſeine einzige gutgepuderte Peruͤcke in die Breſche geworfen, den uͤberwaͤltigenden Strom hemmen koͤnnte, wie er ſich ausdruͤckte. „Und wo verweilt mein tapferer Lord von Monkshaugh?“ rief eine ſcharfe Stimme im Vordergrunde der Gallerié. Ein eiskalter Schauer lief dem Laird durch Mark und Gebeine, als er, die krachende hoͤlzerne Treppe hinaufſteigend, dieſe Stimme vernahm. 8 Monkshaugh warf einen Blick auf die ent⸗ gegengeſezte Seite der Schranken. Standes⸗ maͤßig, glaͤnzend, ehrfurchtgebietend war das Schauſpiel, das ſich hier ſeinen Blicken darbot, und oh Schrecken aller Schrecken! am obern Ende ſeines Familienſitzes ſaß Jacky Pingle in⸗ voller Glorie, mit allen ſeidenen Lappen, die ihr der Laird je geſchenkt hatte, ausſtaffirt. Vor allem trug ſie einen zerriſſenen franzoͤſiſchen Faͤcher, mit dem ſie, ſich hoͤflich verneigend, kokettiſch vortrat, und ſeinen Arm mit dem Ende deſſelben beruͤhrte. Haͤtten Monkshaughs Augen die Kraft der Baſilisken beſeſſen, ſo wuͤrde dieſer Tag fuͤr das verwittwete Weib und die verwaisten Kinder John Jow's, der Jakobina eingelaſſen hatte, ein Tag der Trauer und der Beraubung geworden ſeyn; ſo wie die Sachen jezt ſtunden, ſtand er beſtuͤrzt da, un⸗ faͤhig zu denken, zu ſprechen oder zu handeln. „Kommt an euern Platz,“ ſagte in zaͤrteln⸗ dem Tone Jakobina, die aus Mangel an Schlaf, und in Folge einer fieberhaften Aufregung und beſtaͤndigen Anſtrengung ſo toll war als je— „Ein Mädchen das den Mond liebt.“ „Es iſt an keinen Anfang zu denken, ehe wir ſitzen. Doctor ⸗Draunt weiß recht gut, wel⸗ cher Tag der Woche auf den Dienſtag fällt.“ Ihren Kopf kokettiſch auf die Seite neigend, unter ihren runzeligen Augenliedern die Augapfel verbergend, die ſchmachtend nach der Perſon⸗ ihres erwaͤhlten Braͤutigams hinblickten, ſchmol⸗ lend und in fuͤnfzig Hebungen und Sinkungen —— 9 ihre Bruſt vorwaͤrts beugend, ſich duckend und dann wieder anmuthig erhebend, bewegte ſich Jakobina vorwaͤrts, und beruͤhrte mit dem un⸗ gluͤcklichen Fäͤcher abermals den Arm des Lairds. Monkshaugh fuhr zuruͤck, wie vor einer⸗Nat⸗ ter.„Schaffet ſie fort— ſchaffet ſie fort!e“ rief er in heftigem Tone.— Zum Gluͤcke fuͤr ihn, erregte ein Kichern, das vom Kirchenſtuhle der Grillenfamilie ausging, Jakobina's. Aufmerk⸗⸗ ſamkeit.. Wuͤthend umherblickend ſagte ſie:„Ey!— aber wir ſind huͤbſch' in unſern Pelzen und Sammtkleidern; unſern goldenen Ringen und unſerem luſtigen Anzuge! So ſchoͤn wie Bink's: Weib, als ſie dem Miniſter nickte!— Aber wißt ihr, meine Freunde, zu was all: dieſer Prunk fuͤhrt? Kennt ihr einen ſolchen Platz,, wo ihr Wurm nicht ſtirbt, noch ihr Feuer er⸗ loͤſcht— wo dier ſtolzen, in Purpur gekleideten Reichen um einen Tropfen des blaſſen Waſſers⸗ zur Kuͤhlung ihrer Zunge durch die hohe Kluft⸗ zu dem mit Schwaͤren beladenen Bettler Laza⸗ rus ſchicken muͤſſen?— Ich glaube oft, meine Freunde, es muͤſſe der Tober Marie dort. oben auf dem Linns of Cleuch ſehn, wo Lord von Bruce's Braut und ich manche lange ſchoͤne Sommernacht auf dem Moos und Farnkraut⸗ geſeſſen ſind, dem kleinen zarten Kinde ſingend, das laͤngſt ſchon unter Luckie Molcalfs Herd⸗ ſtein begraben liegt. Aber wo iſt der Lord von Bruce an dem Tage, meine Freunde, an wel⸗ chem die Edeln. des Landes ſich, kaͤmpfend. zu⸗ 10 ſammenrotten. Wo iſt der Lord von Bruce⸗ an dem Tage, John Hurcheon, an welchem eure Feuerwagen durch ſeine weite Baronie rollen?“ Schrecklich und unheilkuͤndend waren die wil⸗ den Blicke, welche John Jow auf unſere wahn⸗ ſinnige Heldin warf, als er haſtig den Chor⸗ gang herauf holperte, um die Bibel auf das Polſter der Kanzel zu legen. Allein ihr An⸗ fall von Raferei war jezt ſo ſtark, daß es ihm unmoͤglich war, Herr uͤber ſie zu werden. Ihre Arme ausbreitend, heftete ſie ihren Blick auf Eli⸗ ſabeth, und rief in wildem Tone—„Ihr Platz iſt leer, oͤde, verlaſſen.— Allein hebt euern Kopf empor, Eliſabeth von Bruce!— arme Verlaſſene, da wo ihr ſizt— alles, was noch uͤbrig iſt im Neſte des ſtarken Adlers, iſt eine arme Holztaube, die einſam kurrt, um die Wunde zu verbergen, die in ihrer Bruſt eitert!““ — Nach Bruce's Lehnsleuten blickend, fuhr ſie fort:„Ihr alle, die ihr euch um ihn bekuͤm⸗ mert, beweinet ihn! und ihr alle, die ihr ſei⸗ nen Namen kennt, ſagt, wie iſt der ſtarke Stab zerbrochen! Darum will ich ſchreien und heu⸗ len— oh! Weinberg von Sibmah, ich will klagen um dich mit der Wehklage Jazer's. Dein⸗ Gewaͤchs iſt uͤber das Meer gegangen. Der Verwuͤſter iſt uͤber deine Sommerfruͤchte her⸗ gefallen. Freude und Heiterkeit iſt von ihren geſegneten Feldern gewichen!— Nein! richte deine gefaltete Stirne nicht nach mir, John Hurcheon! Zu meinem Schaden kenne ich dich recht wohl!— Der Herr hat dich heute 1 14¼* meinen Haͤnden uͤberliefert, ſö gewiß als Si⸗ ſera, der ſtolze Hauptmann von Harosheth, den Haͤnden eines Weibes— ja den Haͤnden Jaels, des Weibs Hebers des Keniten, uͤberliefert wurde. Ich bin bloß Frau von Kippencreery Weſter— Hierauf wandte ſie ſich prunkend um, und naͤherte ſich von neuem mit ſuͤßlicher und ein⸗ ſchuneicheln der Geberde dem ungluͤcklichen Monks⸗ haugh. „Man ſchaffe dieſes Frauenzimmer fort,“ ſagte Herr Hutchen in dem hoͤrbaren Fluͤſtern eines Mannes, der verlangen kann, daß man ihn hoͤre und ihm gehorche. „Hoͤrt ihr das, Lady?“ fluͤſterte Frieſel, der, obſchon ihn das von ihr abgelegte oͤffentliche Zeugniß ergoͤzte, doch jezt die ganze Welt hin⸗ gegeben haben wuͤrde, um von ihrer Gegen⸗ wart befreit zu werden.„Herum nun ihr dort, wie ein Blitzſtrahl.“ Und fort flog Jakobina. Der Laird gerieth daruͤber in Entzuüͤcken, und wechſelte mit ſeinem Kammerdiener einen freudi⸗ gen Blick. Allein ſie hatten die Rechnung ohne⸗ den Wirth gemacht; denn ſie eilte zuruͤck. „Mein Franz Frieſel, man ſoll mir nicht nachſagen, daß ich an dieſem Tage von der Seite meines Braͤutigams gewichen ſey. Es wuͤrde weder anſtaͤndig noch ſchoͤn ſeyn. Eine ſchlimme Zeit, Beſter, ſeit wir in jener Nacht durch das Wirbeln der Trommel und den Schall. der Feuerglocke in den Flammen von Cambus⸗ kenneth ausgerufen wurden. Ein huͤbſcher An⸗ blick fuͤr die Kirche St. Serf jedoch, Freund⸗ * 12* wey Braͤute von Bruce's Gebluͤt an einem rueh Tage getraut zu ſehen— wenn das blaſſe Maͤdchen dort wirklich in leiblicher Geſtalt da iſt. Was glaubt ihr, Lord Rantletree, da wo ihr mit eurer ſittſamen Dame an eurem Ellbogen, ſo zimperlich wie Malcolm das Maͤdchen, ſizt. Was iſt euer Urtheil von jener alten Geſchichte von de Bruce’s Kind und Braut? Denn ihr habt es ja ſtets gern, wenn man glaubt, ihr habet bei eurem Geſchwaͤtze ein Urtheil.“ Ein allgemeines Kichern, worauf ein ploͤtzli⸗ ches und allgemeines Huſten folgte, durchlief die Verſammlung. Zum Gluͤcke war ſeine Herr⸗ lichkeit ſo taub als ein Pfoſten, eine Schwaͤche, die der Lord jedoch nie anerkennen wollte, weil er dieß wahrſcheinlich unter der Wuͤrde der. Pairſchaft, hielt. Aber waͤhrend Jakobina's Pfeile in der Irre umherflogen, bemerkte er⸗ einen gewiſſen mißbilligenden Ausdruck auf den⸗ Geſichtern der Verſammlung und ſtand daher auf,„da er ſich berufen fuͤhlte, wenige Worte zu ſagen.“ Seine Herrlichkeit hatte nie in ihrem Leben wenige Worte geſagt. Wie er auch en⸗ den mochte, ſtets begann er„viele.“ In der That zeichnete ihn, ſo gut als nur irgend ein Mitglied der Pairſchaft, eine gewiſſe Eigen⸗ thuͤmlichkeit aus— die Laͤnge:— Laͤnge der Naſe, Laͤnge des Kinns, Laͤnge des Athems,, Laͤnge des Ruͤckgrads, furchtbare Laͤnge, was er. jezt alles zum Vorſchein brachte, indem er ſich mit dem unbeſchreiblichen Ausdrucke der unbe⸗ haglichen Wohlbehagenheit uͤber die gaffende 155 Verſammlung hinbeugte, und, gemaͤß dem in dem Rookſtown⸗Journal der folgenden Woche, abgeſtatteten Berichte mit tiefer aber allmaͤh⸗ lig ſteigender Stimme bemerkte.„Es ſey be⸗ unruhigend, aͤußerſt. beunruhigend, beiſpiel⸗ los, ſo weit wenigſtens ſeine Kenntniß reiche, in der Geſchichte eines Landes, das ſich bis jezt durch ſeine Ordnungsliebe und Anhaͤnglich⸗ keit an den Thron ausgezeichnet habe, daß am Morgen eines National⸗Faſttags, der oͤffentlich angezeigt und durch Koͤnigliche Autorität feſt⸗ geſezt worden ſey, und an dem hoͤhere Staͤnde der Geſellſchaft ſich unter achtbaren Perſonen, obſchon von, einem niedrigern Range miſchen. und ſie beſchuͤtzen(eine leichte Verbeugung gegen Harletillums Kirchenſtuhl) in der Abſicht, den Strom der Unbotmaͤßigkeit, der Treuloſigkeit,, und der jakobiniſchen. Grundſaͤtze zu hemmen.“ „Das iſt eine Ehre auf Erden!.— nach mir⸗ genannt, meine Freunde,— Jackybiniſche“ rief Miß Pingle triumphirend; der Lord⸗ aber, da er das allgemeine Lachen bemerkte„ und kein Wort deutlich hoͤrte, wurde aͤußerſt mißmuthig. —„Daß ein ſo reiner und erhabener Zweck durch das Geſchrei der Parteien hintertrieben. wer⸗ den ſoll, iſt kein Wunder, ſeit dem— dem— dem Individuum, das jezt die Ehre hat, mit Euch zu ſprechen, das Loos zugefallen iſt, an dieſem Mor⸗ gen Zeuge eines Schauſpiels zu ſeyn, das die Geheimniſſe jenes Abgrunds enthuͤllt, an wel⸗ chem dieſes alte und einſt. treugeſinnte Koͤnig⸗ reich ſchwebt.— der Wirbel, der alles was edel. 14: und erhaben iſt— den Thron die Kirche und den heimathlichen Herd ohne Unterſchied zu ver⸗ ſchlingen droht!“ Ein Gemurmel der Verwunderung und des Schreckens durchlief die ganze Zuhoͤrerſchaft. Eine Nadel haͤtte man fallen hoͤren, als ſeine Herrlichkeit fortfuhr:— „Ich ſah dieſen Morgen, bei einem Spazier⸗ ritte durch das Thal Stratporan, den Diener eines von einer alten Familie abſtammenden Gentleman's auf eine Art beſchaͤftigt, die, wie ich uͤberzeugt bin, nicht erlaubt war, und wenn ſie bekannt geworden waͤre, dieſem Individuum das tiefe Mißfallen ſeines Herrn zugezogen haͤtte. In dem Weiler Sourholer(Sauerloch) in die⸗ ſem Kirchſprengel ſah ich ferner— mit meinen eigenen Augen ſah ich! eine Perſon, eine ziem⸗ lich merkwuͤrdige Art von Perſon, die fuͤr den geiſtlichen Fuͤhrer oder Hirten einer Handvoll Sectirer oder Schismatiker gilt— ich delader mein Gedaͤchtniß nicht mit der beſondern Be⸗ nennung, die ſie fuͤhren— am Morgen dieſes Nationalfaſttags mit jener, ausgenommen an⸗ einem ſolchen Tage, harmloſen und unſchuldi⸗ gen Operation des Gartenbaus beſchaͤftigt, die man Lauch verſetzen heißt, trotz”“— „Und das,“ rief Jacky,„iſt ſo wahr als etwas — der muͤrriſche Cameronianer— ich ſah ihn dieſen Morgen ſelbſt, in ſeinem alten Rocke und ſeiner dreiſtoͤckigen buſchigen Peruͤcke, der wahren Schoͤnheit der Heiligkeit, munter gra⸗ ben.“ 154 „Ihr moͤgt ſagen, Jacky,“ fluͤſterte Frieſel laut, „daß Herr Haliburton nicht wußte, was fuͤr ein Tag es war, bis er die Glocke des Kirch⸗ ſpiels toͤnen hoͤrte, und daß er alsdann ſeine Haue fallen ließ; denn obſchon er uͤber Faſttage, die von Menſchen eingeſezt worden ſind, anders denkt, als wiv, ſo ſagte er doch, es wuͤrde ihm leid thun, wenn er meinen Lord Rantletree, oder irgend einem andern ſchwaͤchern Bruder, beleidigte.“. „Schwaͤchern Bruder! Ah! ihr ſeyd ein Schelm, Franz,“ ſagte Jakobina, ihren Kopf ſchuͤttelnd und laut lachend; allein hier ſchoß John Jocy, deſſen eiligen Tritt man ſchon einige Zeit lang auf der Treppe knarren gehoͤrt hatte, wie ein Geyer auf ſeinen ſchoͤnen Raub los, faßte Jakobina ſogar bei dem Brautgeſchenke, das ſie auf ihrer Bruſt trug, und trug ſie, ihres Schreiens und Rufens ungeachtet, vi et armis fort.— Der Lord nahm ſeinen Platz wieder ein, ſo⸗ wohl bei ſeinem Niederſitzen als bei ſeinem Aufſtehen den Pair, den Patrioten und den Chriſten zeigend,— den leztern Charakter hatte er, beilaͤufig bemerkt, erſt kuͤrzlich angenommen, und hauptſaͤchlich aus oͤffentlichen Gruͤnden. Es ſchien, Meiſter Jow und die ſchoͤne Ver⸗ breiterin jakobiniſcher Grundſaͤtze hatten ſich auf der Treppe mit einander abgefunden. Sie wurde nicht gewaltſamerweiſe aus der⸗ Kirche geſtoßen; denn der kluge Beamte wußte aus bitterer Erfahrung, daß ſie zur Thuͤre hinaus⸗ 165 werfen, nichts anders hieß, als ſie bewegen, einen Haufen Steine und eine Menge ſarkaſtiſcher Reden durch das Fenſter hereinzuſchicken, das in dieſem Augenblicke noch Spuren ihrer Tapferkeit aufweiſen konnte, welche die kleinen Erben, nach verſchiedenen Zuſammenkuͤnften und gemachten Ueberſchlaͤgen, vertilgen zu laſſen ſich weigerten, da der Glaſer neun Schillinge und ſieben Pfen⸗ nige fuͤr die Wiederausbeſſerung gefordert haͤtte. Er brachte ſie daher in das Letterin, unter die Aufſicht jener grauen Vaͤter der ſchottiſchen Kirche der Aelteſten. Obſchon dieſer Auftritt in der Erzaͤhlung eini⸗ gen Raum eingenommen hat, ſo beendigten doch fuͤnf Minuten die ganze Sache; und nach Ver⸗ fluß dieſes Zeitraums bekam man den ehrwuͤrdi⸗ gen Dr. Draunt zu Geſicht, gleich dem Boote von Anningat,„langſam und ſchwer beladen““ einher ſegelnd. „Mich duͤnkt, wir hoͤren ein Getoͤſe, indem wir an dieſen unſern heiligen Ort hinaufſteigen,“ praͤludirte der Doctor in jenen feierlichen tiefen Toͤnen, die ſeine Wuͤrde, ſeit der Zeit, daß er der Schulmeiſter des Kirchſprengels geweſen war, fuͤr unumgaͤnglich nothwendig hielt, ſelbſt wenn er an Wochentaͤgen eine Priſe Schnupftaback von Herrn Skirlin, dem Vorſaͤnger, verlangte. John Jow ſchuͤttelte ſeine Fauſt— und eine Fauſt hatte an dieſem Orte die ganze Autoritaͤt jener. Symbole ehrwuͤrdiger Bedeutung— der Keule oder des Scepters; Jakobina aber ſchnitt Ge⸗ . ſichter, und druͤckte in ihren Geberden mit vie⸗ 17 lem Geiſte offenen Trotz aus. Sie hatte jedoch, bei aller ihrer geiſtreichen Schwaͤche noch eini⸗ ges Gefuͤhl von Schitklichkeit; denn von dieſer Zeit an fuͤhrte ſie den Krieg nur noch durch Pantomimen fort, indem ſie ihren Guͤnſtlingen um ſich her guͤtig und vertraulich winkte, und jede Miene und Geberde der Miß Juliana Hut⸗ chen ſo getreu nachmachte, wie das Geſpenſt des Brocken die Stellungen und Bewegungen der Figur auf den gegenuͤberliegenden Huͤgeln. Das Kichern wurde wieder allgemein unter den jungen Leuten, die auf dieſe Geberdenſpiele merkten. Selbſt das langſam rollende und her⸗ vorſtehende Auge des Doctor Draunt bemerkte endlich die Quelle der allgemeinen Freude: er. hoͤrte auch Jakobina's Stimme gellen und in der Luft zittern, als ſie den Pſalm ſang, den Vorſaͤnger eine Octave unter ihr, und die Ver⸗ ſammlung einen ganzen Takt hinter ihr laſſend. Alles dieſes und mehr noch ertrug Doctor Draunt und geſtattete Herr Skirlin; denn ſie beide wuß⸗ ten, gleich Johnie Jow, aus bitterer Erfah⸗ rung, daß Miß Jacky eine Dame war, die, nicht ohne Gefahr zum Zorne gereizt werden. konnte. Das Gebet,— ſehr loyal und etwas langath⸗ mig— ganz nach dem Geſchmacke jener Zeiten, war jezt voruͤber: Wilde und ſchreckliche Zeiten muͤſſen es geweſen ſeyn, indem die Demokratie ſchaͤumend wie ein wuͤthender Hund herbeirannte und in der That mehr von dem raſenden Tem⸗ peramente, als von dem kuͤhnen ehrlichen Her⸗ 18* zen, zeigte— und die kalte gefrorene Ariſto⸗ kratie ſich in einer eben ſo tollen Verfolgung erwaͤrmte, und in ihrem paniſchen Schrecken, allem, was ſie vor ſich ſah, den Hirnſchaͤdel zu zerſchlagen ſuchte, ſtatt dem Thiere kuͤhn das Maul zu verbinden, und ſeine Symptome zu beobachten, ehe ſeine Vernichtung beſchloſſen wurde. In Frankreich war es das Vorrecht der niedern Staͤnde, uͤber kriegeriſchen Ruhm und die ſchoͤ⸗ nen Kuͤnſte abzuurtheilen; in England iſt ihre Provinz die Politik; allein Schottlands mit Blut erkauftes Geburtsrecht iſt die Theologie; und dieſes Nationalvorrecht ausuͤbend, fluͤſterte Jakobina—„Lawrence Halliday, was hieltet ihr von dem Gebet? War es nicht wie eine Tranenter Wurſt, ſehr lang— aber ſehr mager? Nicht Jedermann iſt mit den zehn Krallen be⸗ gabt, die meinem koͤſtlichen und verſtaͤndigen Gideon Haliburton verliehen ſind.“ „Kirchendiener, ſchafft das wahnſinnige Frauenzimmer fort, ehe wir mit den geheilig⸗ ten Feierlichkeiten dieſer Gelegenheit fortfahren,“ ſprach Doctor Draunt, indeß das Roth ſeines⸗ feiſten und gutmuͤthigen Geſichts ſich verſtaͤrkte. Der Doctor ſagte nie etwas, was er ſprach, waß Vortrag⸗ Er ſezte ſich wuͤrdevoll nie⸗ der, bis Herr Jow Jakobina's Vertreibung be⸗ werkſtelligt haben wuͤrde, die dieſer Beamte nach aller ſeiner Geduld und Langmuͤthigkeit, nun⸗ mehr ernſtlich betrieb, indem er allererſt ihre —— 19 magern Arme ſo ſtark anfaßte, bis ſie faſt krachten.. „Laßt mit euern Todtengraͤbersklauen ab von mir, John Jow,“ ſchrie Jakobina.—„Und was euch betrifft, ihr Auftaurer auf fette Schmaͤu⸗ ſe; mit dem Wein— dem Wein auf der wind⸗ ſichern Seite— ihr wollt die Thuͤre des Hei⸗ ligthums einem armen verlaſſenen Geſchoͤpf ver⸗ ſchließen! Allein ich will nach Sauerloch gehen und eine beſſere Predigt hoͤren, als ihr je eine in eurem ganzen Leben habt predigen koͤnnen.“ — In ihrer Wuth an die Hoͤrner des Altars ſtoßend, ſtuͤrzte Jakobina fort, jede Thuͤre hin⸗ ter ſich zuwerfend, und einen guten Theil ihrer⸗ ſeidenen Lappen zuruͤcklaffend. Trotz des An⸗ ſtandes, den der Tag, der Ort und der Beruf des ehrwuͤrdigen Doctors geboten, durchlief aber⸗ mals ein beſcheidenes Kichern die niederern Sitze. Selbſt Lord Rantletree, der mit ſeiner Frau fluͤſterte, zog ſeine hohlen Wangen ploͤtzlich ein, als er den, dem guten Doctor ertheilten, bar⸗ ſchen Abſchiedsgruß vernahm. Und jezt wurden die heulenden Hunde hinaus⸗ geſtoßen, die Thuͤren verriegelt, John Jow nahm ſeinen Platz wieder ein, und verzerrte ſein⸗Ge⸗ ſicht zu einem Ausdruck feierlicher Aufmerk⸗ ſaͤmkeit, und die Rede begann, waͤhrend jeder, der eine Taſchenuhr hatte, die Stunde und Minute bemerkte. Es iſt ſehr gut, wenn die Zeiten erlauben, daß die Politik den Zeitungen und Kaffeehaͤuſern, und die Kanzel geeignetern Zwecken uͤberlaſſen bleibt. Eine politiſche Pre⸗ digt iſt ſelten ſehr intereſſant, wenn der Zeit⸗ punkt ihrer Abhaltung voruͤber iſt. Lord Rant⸗ letree bemerkte, daß die Rede faſt 45 Minuten zwei Sekunden gedauert habe; zwanzig Minu⸗ ten uͤber die gewoͤhnliche Zeit des guten Doctors, aber ganz paſſend an einem ſolchen Tage.“— Monkshaughs Angabe differirte um einige Se⸗ kunden von der des Lords; allein auch er er⸗ klaͤrte, die Rede ſey fuͤr den gegenwaͤrtigen Fall im hoͤchſten Grade angemeſſen. Die kriegfuͤhrenden Maͤchte hatten waͤhrend der Rede Muße genugsgehabt, Heerſchau uͤber einan⸗ der zu halten, und— ach! ſo ſchwach iſt das Menſchengeſchlecht— in den wenigen dem Ge⸗ bet und uͤberirdiſchen Betrachtungen geweihten Augenblicken unſtaͤten Excurſionen auf die Berge der Eitelkeit nachzuhaͤngen. Lord Rantletree hatte in ſeinem innerlichen Programme fuͤr dieſen Tag beſchloſſen, daß er ſich nach der Predigt zuerſt gegen Lady Hariette Copely, eine verheirathete Dame von Stand, dem Gaſte der Frau Hutchen, und dann gegen die ehrenwerthe Eliſabeth von Bruce verbeugen wolle. Allein Lady Hariette war entweder eine Whig oder eine Jakobinerin, oder hatte ſie ein Kopfweh, oder ein vom Zahnweh geſchwollenes Geſicht; denn ſie erſchien nicht in der Kirche, und ließ ſo den Lord im Zweifel, ob Frau Hutchen, als eine verheirathete Frau, oder Eliſabeth, als ein lediges, aber mit der Pairſchaft verwandtes Frauenzimmer auf den Vorrang in Betreff ſeiner Hoͤflichkeitsbezeugungen Anſpruch zu machen be⸗ 31 21 rechtigt ſey. Seine Herrlichkeit war die Perſon, die im Fluge zu einem Schluſſe gelangte. Er faßte ſo langſam als ſicher Fuß, und dieß, in Verbindung mit einer innerlichen Berathung uͤber die Frage: ob es raͤthlicher und ſeinem Rufe als eifriger Verwalter der Angelegenheiten des Landes erſprießlicher ſey, dem Advokaten Sr. Majeſtaͤt fuͤr Schottland oder dem Staatsſecretaͤr einen ſchriftlichen Bericht von dem„Lauch ver⸗ ſetzenden“ Aufſtande einzureichen, oder die ganze Sache klugerweiſe zu unterdruͤcken, beſchaͤftigte die Gedanken Sr. Herrlichkeit.— Der geſunde Verſtand und die Biederkeit, die dem Dr. Draunt, beilaͤufig erwaͤhnt, trotz ſeiner Pomphaftigkeit und ſeiner angeblichen gefraͤßigen Neigungen, eigen waren, retteten ſeinen Schutzherrn von der Narr⸗ heit dieſer offiziellen Mittheilung. Obſchon Herr Haliburton alle hochfliegenden Lehrſätze der erſten Reformatoren, ſowohl in Sachen der Lehre als der Zucht, vertheidigte, ſo wußte und ſagte doch Dr. Draunt, daß„Er ein ſehr ehrlicher und aufrichtiger Chriſt ſey, der mit allem Eifer darauf hinarbeitete, die Verbreitung der Volks⸗ raſerei unter ſeiner eigenen Herde zu verhuͤten, ſobald er mit der wahren Tendenz derſelben be⸗ kannt wurde— ſobald er entdeckte, daß der wahre Zweck der Mißvergnuͤgten und Aufruͤhrer nicht, wie der Doctor pomphaft ſich ausdruͤckte,„eine — efuntes Kirche, ſondern ein gepluͤnderter Staat eh. Waͤhrend ſich Monkshaugh in der Kirche be⸗ fand, fuͤhlte er ſeine Augen, trotz ſeiner Wuͤnſche . 22 und Entſchluͤſſe, mit unwiderſtehlicher Gewalt nach dem entgegengeſezten Kirchſtuhle hingezo⸗ gen. Er ſuchte zu der Ueberzeugung zu gelan⸗ gen, daß Herr Hutchen nicht die gutgewaͤhlte, gutgekleidete und gutausſehende, obſchon etwas herrſchſuͤchtige und anmaßende Perſon war, die er wirklich ſchien, Frau Hutchen war faſt noch ſo, wie ſie der jugendlichen Eliſabeth vor zehn Jahren erſchienen war,— nur zeichnete ſie ſich jezt durch eine etwas ſtaͤrkere Wohlbeleibtheit und ein etwas volleres Geſicht aus; auch war ſie ganz wie ihre Tochter gekleidet, das heißt nach dem erſten, wo nicht beſten Style der herrſchenden Mode. Fraͤulein Fuliana wuͤrde uͤberall fuͤr eine ſchmucke, huͤbſche junge Frau, mit zwei kohl⸗ ſchwarzen Augen, einer guten, wo nicht feinen Geſichtsbildung und einem artigen, leichten und gewandten Benehmen, gegolten haben.. „Sie hat, ſehe ich, die großen, dicken rothen Ohren, die groben Faͤuſte, und mißgeſtalteten Naͤgel aller Hurcheons,“ dachte Monkshaugh. „Ich darf ſagen, ſie hat auch einen ſchafsbocks⸗ hoͤrnigen Fuß— ihre Großmutter hatte Hennen⸗ fuͤße. Es giebt heutiges Tags unter tauſend nicht einen, der die wahren Punkte einer huͤbſchen Frau kennt, wenn er ſie ſieht. Ich wuͤrde keine Prieſe Schnupftaback, wie Lady Tamtalan ſagt, für ein Paar rothe Baͤckchen und zwei Augen geben, zu denen man die Kameraden aus einem Paar ſchwarzer Glaskorallen vom Werthe eines Pfennigs machen koͤnnte!“— Mit einem ge⸗ wiſſen geheimen Mißtrauen, obſchon jede Ver⸗ 2⁵ gleichung verſchmaͤhend, warf Monkshaugh einen verſtohlenen Blick auf Eliſabeth, deren ſchoͤne und verſtaͤndige Geſichtszuͤge der bleiche Schwung des Gedankens uͤberkraͤnkelte,“ und deren Geiſt, man muß es geſtehen,, eben ſo ſehr mit ihrem ge⸗ heimnißvollen Abentheuer in der vorigen Nacht und den Pfeilen, die ihr Jakobina zufaͤllig ins Herz geſchoſſen hatte, beſchaͤftigt war, als mit den Zeichen der Zeit, die Dr. Draunt ſo eifrig bewies, und Herr Delaney, Harletillums Gaſt, ſo ſorg— faltig auszeichnete, wie es ſchien. Wie koͤnnte auch Eliſabeth in ihrer laͤndlichen Einfachheit er⸗ rathen, daß der junge Mann damit beſchaͤftigt war, eine ziemlich artige Carricatur von der ſtei⸗ fen und langen Figur des Lord Rantletree zu ent⸗ werfen, der einen feierlichleeren Starrblick von ſeinem ehrwuͤrdig hohen Sitze hinab auf den Prediger, eine feiſte, purpurrothe und ziemlich kurzhellge. aber gefuͤhlvoll ausſehende Perſon, heftete. Ein ehrfurchtsvolles Kopfnicken von der Kan⸗ zel gegen Harletillums Kirchenſtuhl bezeichnete den Schluß des Gottesdienſtes;— ein Beweis von Hochachtung, der in der Seele des beleidigten Pairs ploͤtzlich den Entſchluß erzeugte, der Lady Eliſabeth die erſten Hoflichkeitsbezeugungen abzu⸗ ſtatten. Monkshaugh bezeugte ihr auf eine aͤhn⸗ liche und herzliche Weiſe ſeine Ehrfurcht— ein Gleiches that Herr Delanch, mit großer Anmuth und Ehrerbietung; Herr Hutchen mit ſtolzer Mie⸗ ne, und Herr John Hutchen, der juͤngere, ſo gut er die Maͤnner der damals in Rookſtown einquar⸗ tirten Dragoner⸗Officiere nachahmen konnte.— Hunde bellten.— breite blaue Muͤtzen wallten in der Luft— die Hausfrauen ſammelten die Falten ihrer weiten Roͤcke— und unter dem Schutze alles deſſen glitt Eliſäbeth hinweg. Titania be⸗ fand ſich bereits, von Fugal am Zuͤgel gehalten, auf dem Pfade des Kirchhofs; und ſich ſchnell auf ſie ſchwingend, hatte Eliſabeth Monkshaugh erreicht, waͤhrend ſich der Herr des Hauſes noch unter dem Getoͤſe und der Verwirrung von Pel⸗ zen, Ueberroͤcken, Stallknechten, Wagen und Sattelpferden, in die er verwickelt worden war, keuchend herumtummelte. Fraͤulein Juliana Hutchen, die rechts und links gnaͤdige Aufmerkſamkeiten ſpendete, trat, ge⸗ lehnt auf den Arm ihres Vaters, zuerſt vor, waͤhrend ihrer Mutter eine aͤhnliche Aufmerk⸗ ſamkeit von dem Fremden zu Theil wurde, und zum unendlichen Mißvergnuͤgen des Carl von Rantletree— obſchon er zwei Minuten bei ſeiner Taſchenuhr geſeſſen war, nachdem ſich ſchon jedermann aus der Kirche entfernt hatte— faßte Herr John Hutchen, der Juͤngere, ein auf⸗ geraͤumter, prahleriſcher, roher Junge, mit raſ⸗ ſelnden Stiefelabſaͤtzen, und einem modiſchen Affengeſichte, der ſich wenig um die Anſpruͤche hochgeborener Carls und grauer Graͤfinnen be⸗ kuͤmmerte, und noch viel weniger davon ver⸗ ſtand, ohne alles Weitere,„die ſchoͤne Pfote 4 der Lady Rantletree, und hob ſie hoch empor, trotz des verweiſenden Blicks ſeines Vaters und des feierlichen Starrens des Carls, der, die Naſe muͤr⸗ 25⁵ muͤrriſch ruͤmpfend, folgte, allein leider zu ſpaͤt, um dieſen Solöcismus des Benehmens— dieſes unerhoͤrte Untereinanderwerfen aller Rangſtu⸗ fen der Geſellſchaft zu berichtigen. Der Carl folgte in einer und derſelben Reihe mit Monks⸗ haugh; und ſie wechſelten nachbarliche Gruͤße. Kraft deſſen ſtellte Herr Hutchen ſeine Tochter vor und ſagte:„Juliana, meine Theure, du erinnerſt dich ſicherlich an deinen guͤtigen Freund, den Herrn Graham von Monkshaugh.“ Monkshaugh verbeugte ſich, und beantwor⸗ tete den Gruß der Lady ziemlich trocken. Da der Rothſchimmel noch nicht erſchien, ſo wurde er in der Vorhalle mit Juliana zuruͤckgelaſſen, die durch Herr Delanch heimgefuͤhrt werden ſollte; dieſe Anordnung war von ihr ſelbſt getroffen worden, aber die Kaleſche war noch nicht er⸗ ſchienen. „Ich bin ungemein entzuͤckt, die Bekanntſchaft des Herrn Graham zu machen, oder vielmehr zu ern euern,“ ſagte die junge Dame. Sie wollte anmuthig und huldreich erſcheinen; in der That, da ſie erſt kuͤrzlich aus England zuruͤckgekehrt war, ſo fuͤhlte ſie ſich beſonders verpflichtet, ſich gegen alle alten laͤndlichen Nachbarn, auf dieſe Art zu benehmen, nicht bloß als eine patriotiſchge⸗ ſinnte Schottin, ſondern auch als ein liebens⸗ wuͤrdiges, zuvorkommendes, junges Geſchöpf. Als ſie daher ihren Vater fortrollen ſah, er⸗ goß ſie ſich in einen Strom heiteren Geſpraͤchs. „Ich ſehe, Sie glauben, England muͤſſe mich veraͤndert haben, Herr Graham, wie dieß nur Eliſ. von Bruce. II. 2 26 bei zu vielen jungen Maͤdchen der Fall iſt, aber ich bin, ich verſichere Sie, noch ganz daſſelbe Strathoran⸗Maͤdchen; es macht mir noch ſo viel Vergnuͤgen, einen Strathſpey**) mit Ihnen zu tanzen, oder Ihnen eine ſchottiſche Melodie zu ſin⸗ gen, wie damals, als ich die italieniſche Oper noch nicht geſehen hatte. A propos, nach wel⸗ cher Schule iſt unſere ſchoͤne Freundin Eliſabeth gebildet worden?— eich bin, ich geſtehe es jezt, Herr Delancy, ganz deutſch— wenigſtens nicht modiſch, Herr Graham. Es liegt eine Tiefe, eine Zartheit, ein Geſchmack in den deutſchen Compoſitionen, der ganz unwiderſtehlich iſt. Sind Sie nicht dieſer Meinung, Herr Graham?“ Monkshaugh, der nicht wußte, ob die Dame un⸗ ter ihren geſchmackvollen Compoſitionen eigentlich Muſik, oder weſtphaͤliſche Schinken oder deutſche Wuͤrſte verſtand, wuͤrde eine Antwort gewagt haben, wenn die Zeit es ihm gerlaubt haͤtte; waͤre nur jene abſcheuliche, falſche, engliſche Ausſpra⸗ che— oder vielmehr Entweihung— ſeines Fa⸗ miliennamens nicht geweſen; eine Sache, die er weder an einem Manne, noch Weibe noch Kinde geduldig ertragen konnte. Viele Perſo⸗ nen wuͤrden großes Vergnuͤgen an dem freien und offenen Benehmen und der unbefangenen Leutſeligkeit einer jungen Dame gefunden haben, die unbekannt mit den Anſpruͤchen anderer war, daß man gar nicht von ihr ſagen konnte, ſie achte ſie nicht. Sie ſchien in der That nichts *) Hochlaͤndiſcher Tanz. von ihrer moͤglichen Exiſtenz zu wiſſen. Nicht ſo Monkshaugh, der, waͤhrend die junge Dame fort plauderte, ſtumm und in ſeltſamer Verle⸗ genheit da ſtand, ſich geradeswegs nach dem Rothſchimmel umſah und zuweilen ſogar die Un⸗ beſonnenheit in Erwaͤgung zog, einen platten Biberhut, eine krauſe Peruͤcke, graue, ſeidene Struͤmpfe, Schuhe von ſpaniſchem Leder und alles der Gnade und Ungnade der Elemente preis zu geben,— in der Abſicht, den ferneren gnaͤdigen Aufmerkſamkeiten der Miß Juliana Hutchen zu entgehen. Fuͤr Herrn Delancy ſchien die Scene mehr Anziehendes zu haben. Aber endlich erſchienen der Rothſchimmel und das Wieſel.— „„Und wie befindet ſich meine alte Freundin Eliſabeth? Ohne Zweifel hat ſie ein ſehr ſchoͤ⸗ nes Ausſehen?“ ſagte die Dame. „„Die ehrenwerthe Eliſabeth von Bruce, Ma. dame,“ ſagte der Laird,„iſt⸗— „ Es freut mich, es zu vernehmen, Herr Gra⸗ ham. Der Mama thut es unendlich leid, daß unſre abſcheulichen, nie endenden Verpflichtun⸗ gen uns das Vergnuͤgen rauben, Eliſabeth und Sie, Herr Graham, ofter bei uns ſehen.“ Erzuͤrnt, beſchimpft und doch ganz uͤberwaͤl⸗ tigt durch dieſes„ſuße Kauderwaͤlſch“ bebte und regte ſich alles an Monkshaugh. Er wuͤnſchte etwas Beißendes und Scharfes, und bei allem dem doch Hoͤfliches zu ſagen— allein es wollte nicht heraus. Er ſah ſich nach ſeinem Gehei⸗ menrath, Frieſel, um, in deſſen boshaften Au⸗ 2 ⁸ 28 gen tauſend ſcharfe und geſalzene Antworten glaͤnzten; da er aber ihrem Ausdrucke keine Sprache geben konnte, ſo ſchlug er ſich endlich ſelbſt durch, und ſagte— „Die ehrenwerthe Eliſabeth von Bruce ſaß heute in dem Stuhle der Familie von Bruce in der Kirche St. Serf, Miß Juliana Hurcheon.“ „Ah! ich bin ſo betaͤubt in einer laͤndlichen Gemeinde, Delancy,“ erwiederte Miß Juliana. „Doch erinnere ich mich dunkel, eine ziemlich auffallend gekleidete Lady in Ihrem Kirchenſtuhle geſehen zu haben, Miſter— eh— Gra— ham.“ Der Laird war bereit, einen Strathſpey allein zu tanzen. „Diejenigen, welche einmal die Ehre gehabt haben, das Fraͤulein von Bruce zu ſehen, wer⸗ den ſie nicht ſo leicht vergeſſen,“ ſagte Delancy, in ehrerbietigem Tone.„Die hingegen, welche ſie zum erſtenmale unter den alten Wappen⸗ ſchildern und Denkzeichen einer Familie geſehen haben, deren lezter Sproͤßling ſie, glaube ich, iſt— niemals!“ Monkshaugh blickte ihm vergnuͤgt ins Geſicht; . und die beiden Herren wechſelten auf dieſes Gruͤße, zur Beſtaͤtigung dieſer Meinung. „Delancy!“ rief Fraͤulein Hutchen aus,„iſt es nicht unertraͤglich von dieſen laͤſſigen Bur⸗ ſchen, daß ſie uns hier im Regen laſſen? Ich will den Papa auffordern, ſie tuͤchtig auszuſchel⸗ 1 ten. Sie haben groͤßern Gehalt, als irgend eine Herrſchaft in dieſem Koͤnigreiche vielleicht giebt. t Auf Wiederſehen, Herr Graham.“ 29 Die junge Dame legte ihre kleinen Finger ſanft auf den Ruͤcken von Monkshaugh's ver⸗ welkter Lilienhand— tatſchelte ſie— druͤckte ſie anmuthig, vertraulich, herablaſſend; laͤchelte hoͤchſt einnehmend, und verbeugte ſich. „Liebe gegen die theure Eliſabeth.— Ich ſehe, Sie find voll. Ungeduld, Delancy,“ fuhr Fraͤulein Juliana fort, den Arm des Gentle⸗ manss ergreifend, den ſie ſo ungerechter Weiſe anklagte;„allein ich konnte den⸗ armen, alten Graham unmdoͤglich unbeachtet voruͤberlaſſen. Sie ſind Nachbarn— Erbfreunde von Papa's und Großpapa's her bis hinauf zur Arche Noah, darf ich ſagen. Langweilige Leute, ohne Zwei⸗ fel— allein es iſt ſo herzlos, alte Familien⸗ freunde zu vergeſſen. Auch mußte ich erklaͤren, warum Mama ſie nicht zu unſerem Balle ein⸗ laden konnte. Dieß wuͤrde ſie ganz aus ihrem Elemente geriſſen haben— doch moͤchten wir um alles in der Welt ihre Gefuͤhle nicht be⸗ leidigen.“ „Noch nicht fort,“ rief ſie, ſich wieder um⸗ wendend.„Ich wuͤnſche aufrichtig, Herr Gra⸗ bam, wir koͤnnten Ihnen in unſerem Wagen einen Platz einraͤumen— wir fahren an Ihrer Wohnung voruͤber— nicht wahr?“ Keine Antwort erfolgte. Monkshaugh bebte an Leib und Seele und die redſelige Dame fuhr fort: „Eliſabeth iſt bei Ihnen, vermuthe ich.— Beſuchen Sie die Stadt nie? Ich bin uͤber⸗ zeugt, daß Sie Ihre Zeit ſo auf eine vernuͤnf⸗ tige Art zubringen— mit Leſen, Spazieren⸗ 30 gehen, Muſik. Ich bin ſo vernarrt in ein ru⸗ higes Leben! Ich koͤnnte manchmal wuͤnſchen, ich waͤre als Dorfmaͤdchen geboren worden, Delancy.“ So endete die merkwuͤrdige Heerſchau der Ariſtokratie von Strathoran— ein Tag der Demuͤthigung, wenn auch nicht des Faſtens, fuͤr viele. „Hoͤrtet ihr je von einem ſo unverſchaͤmten Zieraffen,“ rief der unwillige Laird von Monks⸗ haugh ſeinem ſchoͤnen Gaſte, beim Eintritte in ſein Haus zu, ſeine Empfindlichkeit wegen ihres Entfliehens aus der Vorhalle der Kirche uͤber einem noch heftigern Mißvergnuͤgen ver⸗ geſſend—„Mit mir— einem Manne in mei⸗ nem hohen Stufenjahre— einen Strathſpei tanzen! Kein Wort davon ſprechen, wer ich bin, und wer ſie iſt!— und von einem klei⸗ nen Balg von Maͤdchen auf ſolche Art angere⸗ det und angelaͤchelt zu werden. So wahr ich ein Edelmann bin, ich wundere mich, daß ich ſo lange Geduld hatte und nicht Hand an ſie legte. Zudem war das ein Geklatſch, das zehn Fliegen haͤtte betaͤuben koͤnnen.„Eliſabeth und theurer Herr Graham.— Moͤgen die Englaͤn⸗ der Kemble aus unſerm alten normaͤnniſchen Campobello, Scatts aus unſern Scotts, und Forbs aus unſern alten freien Forbeses machen, ſeit unſer Landvolk zu glauben ſcheint, es ſey in geborne Englaͤnder umgewandelt, wenn es ſei⸗ nen alten Familiennamen einen ſtaͤdtiſchen An⸗ ſtrich gegeben habe. Aber ich rathe ihnen, 31 den Namen Groeme ruhen zu laſſen, Liſabeth; denn es iſt keiner von ihren ſuͤdlaͤndiſchen Mu⸗ latten⸗ und Pilznamen, die ſich bloß von geſtern herſchreiben. Und auch dieſer junge angliſirte Zieraffe! Als ob der Name Grahame nicht lange genug in Schottland gangbar geweſen waͤre, um ſelbſt von Hurcheones Saamen und Brut rein ausgeſprochen zu werden!“ In der That, wir haͤtten darauf bedacht ſeyn ſollen, in die Artikel der Union eine eigene Clau⸗ ſel zu Gunſten der Erhaltung unſerer National⸗ namen einſchalten zu laſſen,“ ſagte Eliſabeth, die Wuth ihres alten Freundes belaͤchelnd. „Auch Delancy!“ begann er wieder, ohne auf Eliſabeths Bemerkung zu achten.„Weder Sir noch Maſter! Weder Lebensart noch Be⸗ ſcheidenheit! Was wird endlich aus dieſer Welt noch werden? wie unſere edle Verwandte ſagt. — Allein ſo wahr ich lebe, da iſt Delancy in eigener Perſon— gut beritten Herr und Mann. — Hal er ſteigt ab!— Effie Fechnie— Effie Fechnie! ſtaͤube den Speiſeſchrank da ab! Liſa⸗ beth von Bruce ihr werdet dieſes Zimmer ſtets mit euern unſinnigen Buͤchern anfuͤllen, trotz alles deſſen, was Zunge und Zahn ſagen kann. — Fegt den Herdſtein ab, Fraͤnzchen— oder halt!— gebt mir den Beſen und eilet in den Hof hinab. Er iſt an der Stechpalmenquelle! Lauf' Schelm.— Liſabeth, meine Beſte, geht und kaͤmmt euer Haar aus.— Eure Krauſe iſt ganz zerknittert.— Nie werdet Ihr mit einem Bu⸗ ſenſtreif von Spitzen vorſichtig umgehen lernen. „Mich duͤnkt,“ ſagte Elifabeth,„daß ich jezt meine Prunkkleider ablegen kann, da wir, wie ich hoffe, keinen kirchlichen Wettſtreit mit un- fern reichen Nachbaren mehr zu beſtehen haben werden. Mir, die ich nicht einmal bemerkt werde, gewaͤhren ſie nur geringen Triumph; und ſicherlich beſizt das Haupt des Hauſes Monks⸗ haugh beſſerere Auszeichnungen.“ Ehe Monkshaugh antworten konnte, meldete das Wieſel„dem ehrenwerthen Friedrich De⸗ lancy,“ in ſo lauten und kraͤftigen Toͤnen, als ein vollgeſtopfter Hausbedienter der Grillenfa⸗ milie immer nur hätte thun koͤnnen. Fuͤnfzehntes Kapitel. Der Beſucher. Schenk eine Weile mir Geduld Und würd'ge einen jungen Mann zu hören. Shakspeare. Es kann beim erſten Anblick, in dem aͤußern Benehmen einer Perſon ein Reiz liegen, der, naͤchſt dem Zauber einer großen perſoͤnlichen Schoͤnheit, eine unwiderſtehliche Gewalt ausuͤbt. Die vereinigten Zauber des Namens, der aͤußern Erſcheinung und des Benehmens des jungen Mannes wirkten wie ein Talisman auf den gaſtfreundlichen Monkshaugh; und da er eine von den altmodiſchen Perſonen war, die es fůr eine auffallende Rohheit. gehalten haͤtten, irgend einen Herrn, den ſie empfingen, nicht jedweder Dame vorzuſtellen, die ſich gerade in demſelben Zimmer befand, ſo ſtellte er den Fremden der Lady Eliſabeth vor. Der⸗ Buͤckling des Gentle⸗ mans war tief— die Verbeugung der Lady leicht — ſie trafen als Fremde zuſammen. „Ich fuͤrchte, ich moͤchte hier als ein Ein⸗ dringling betrachtet werden,“ ſagte Delancy, ſich an Monkshaugh wendend, ſobald ſie Platz ge⸗ nommen hatten.„Ich hatte das Gluͤck, dieſen, Schmuck zu finden“— mit dieſen Worten zog, er das flammende Geſchmeide von Diamanten, Rubinen, Saphirn und Karfunkeln hervor, das Jakobina Pingle gewoͤhnlich an Gallatagen trug, —„den ich dieſen. Morgen am. Halſe einer. Dame ſah, die unter Ihrer Aufſicht ſteht. Ich. verſtehe mich wenig auf Edelſteine— allein die Groͤße und Seltenheit dieſes Steins,“— er wandte ihn noch verſchiedenen Seiten um— „und der Umſtand, daß er von einer Dame getragen wurde, die augenſcheinlich eine Perſon, von Bedeutung iſt, weil ſie an der Spitze Ih⸗ res Kirchenſtuhls Platz. nahm, veranlaßten mich, Fraͤulein. Hutchen durch einen. Bedienten heimfuͤhren zu laſſen, und ein Pferd zu neh⸗ men, um mit dem Schmucke unverzuͤglich hie⸗ her zu reiten.“ Der beleidigte Laird von Monkshaugh wandte ſeinen Blick von dem Fremden auf Eliſabeth, indeß ſein Geſicht feuerroth wurde und aufſchwoll, 34 als ob es haͤtte zerberſten wollen; Eliſabeth hin⸗ gegen lachte, wider ihren Willen, uͤber die be⸗ ſonnene Unverſchäͤmtheit der Anrede, und ſym⸗ pathiſirte theilweiſe mit der Laune, die im Auge dieſes gewandten Herrn Delancy lauſchte, und auf ſeiner Lippe ſpielte. „Ich werde ſtatt der Eigenthuͤmerin Sorge fuͤr den Edelſtein tragen,“ ſagte ſie! „Liſabeth von Bruce,“ ſagte Monkshaugh mit geifernder Zunge,„dieſe wahnſinnige Dirne wird mich um Haus und Verſtand bringen! Ein tolles Weib, mein Herr, deſſen ſchwaches Gehirn, bei dem großen Brande des Hotels meines edeln Verwandten, des Lord von Bruce, vor ungefaͤhr zwanzig Jahren, einen Treff er⸗ hielt. Ihr wahnſinniger Kopf iſt von dem Ge⸗ danken erfuͤllt, daß meine ſchoͤne Baſe hier ein ermordetes Kind ſey und unter dem Herdſteine einer Wehemutter begraben liege; allein ich glaube, ſie gab euch heute einen Gemahl, Lady Liſabeth.“ Der Fremde heftete ſein ſcharfes Auge auf Eliſabeths gluͤhendes Geſicht. „Das iſt eine Guͤte, die ſie keinem ihrer Lieb⸗ linge entzieht,“ erwiederte Eliſabeth.„Die Ehe hat teinen waͤrmeren Bewunderer, als ſie.“ „Eine gefuͤhlvolle Dame,“ ſagte Delancy laͤ⸗ chelnd.— „Es iſt Wahrheit, was ihr ſagt, Liſabeth. Mich ſelbſt, Herr Delancy, der ich noch nie eine Dame geheirathet habe, hat ſie in ihrer wahn⸗ ſinnigen Einbildung als ihren Gemahl betrach⸗ 55 tet; obſchon ich, ſo wahr ich ein Edelmann bin, betheuere, daß zwei Paare perlenfarbiger ſeide⸗ ner Struͤmpfe und ein Naar alter ſchwarzer ſeidener Handſchuhe, die man ihr ungefaͤhr um die Zeit, als ich der Advokatur entſagte, zum Ausbeſſern gab, und die ſie bis jezt noch nicht zuruͤckgegeben hat, die Summe und der ganze weſentliche Inhalt ihrer Verbindung mit der Familie Monkshaugh iſt— wenn nicht auch noch in Anſchlag kommen muß, daß das be⸗ jammernswerthe Geſchoͤpf zuweilen ein zerlump⸗ tes ſeidenes Kleid, oder ein Allmoſen an der Thuͤre meiner Kuͤche empfaͤngt. Es iſt ein ar⸗ ges Ungluͤck, mein Herr, das eine achtbare Fa⸗ milie trifft, wenn ſie von ſolchen Gaͤſten belaͤ⸗ ſigt wird. Allein Koͤnig Georg, auf ſeinem Throne, ein ehrlicher Mann, ein Muſter von Tugend, iſt ſein ganzes Leben hindurch von naͤr⸗ riſchen Weibern geplagt worden, und wenn er mit Peg Nicholſon Geduld hat, ſo geziemt es einem Privatedelmann nicht, ſich uͤber Jacky Pin⸗ gle zu beklagen. Delancy billigte die Großmuth dieſer helden⸗ muͤthigen Denkart. Er bat tauſendmal um Ver⸗ zeihung—„er war ſehr kurzſichtig“— tauſend Entſchuldigungen wurden. vorgebracht, und alle mit einem ſolchen. Anſtande, daß Monkshaugh uͤberzeugt wurde, der wohlerzogene Fremde habe ſich wirklich, in Folge ſeiner Unkenntniß der Edelſteine, getaͤuſcht. „Welcher Art auch die Krankheit dieſer ar men Dame ſeyn mag,“ ſagte Delancy,„immer 36 hin muß ich mich ihr, oder ihrem Geſchmeide, fuͤr das Gluͤck, Ihre Bekanntſchaft zu machen, Herr Grahame verpflichtet fuͤhlen. Ich moͤchte jedoch eher Ihrer Guͤte, als ihrer Vermittelung, eine zweite Gunſt verdanken— die Beſchauung eines Gemaͤldes des Großen und Tapfern Mar⸗ quis von Montrofe, das Sie, wie man mir ſagt, beſitzen, und das ich noch ſehen moͤchte, ehe ich Schottland verlaſſe. Nichts haͤtte mit groͤßerem Anſtande erbeten, und nichts mit groͤßerer Bereitwilligkeit zuge⸗ ſtanden werden koͤnnen. „Das iſt ein Anblick, uͤber den kein Grahame erroͤthenrdarf, Herr Delancy, erwiederte Monks⸗ haugh— den Namen Grahame, als eine Lec⸗ tion fuͤr den Femden, ganz breit ausſprechend. „Eliſabeth, meine Theure, wollt Ihr uns in das Verſammlungszimmer begleiten.“— Mit die⸗ ſen Worten, bot der Laird, bei dem das Jahr 1769 noch in friſchem Andenken ſtand, der Dame mit feinem Anſtande und galanter Miene ſeinen Arm dar, ſpizte die Zehen, hob die Fer⸗ ſen empor und ging voran, gleich als ob er ſich in der großen Procefſion des ioͤniglichen Stellvertreters fuͤr die ſchottiſche Kirche im cha- peau-de Pras⸗Schritte nach St. Giles begaͤbe. Monkshaugh's Verſammlungszimmer war ein ſehr huͤbſches Gemach. Es war einer der ſpaͤ⸗ teſten Zuſaͤtze des Familiengebaͤudes und bildete die ſogenannte Seitenfronte— d. h. es dehnte ſich nach der ganzen Breite des urſpruͤnglichen Gebaͤudes aus, hatte drei huͤbſche Fenſter in Einer 37 Reihe und ein ſehr großes Bogenfenſter. Es war weder bemalt, noch tapeziert:— der dun⸗ kle, glaͤnzende und feingeaͤderte, eichene Lehnſtuhl, auf dem der Laird und ſeine ewig verehrte Mutter das lezte halbe Jahrhundert hindurch den Be⸗ fehl uͤber die weibliche Dienerſchaft gefuͤhrt hat⸗ ten, war reich mit Schnitzwerk verſehen; und die vergoldeten Kranzleiſten und Geſimſe, die jezt ihren anfaͤnglichen metalliſchen Glanz ein wenig verloren hatten, paßten ganz gut zu der reichen und warmen Farbe der geglaͤtteten Waͤnde. Die eichenen Bretter waren ſo eng an einander gefuͤgt und ſo glaͤnzend, daß der Fußboden eine ununterbrochene polirte Oberftaͤche ſchien, auf der man jeden Schatten voruͤberſliegen ſah, und der reiche tuͤrkiſche Teppich, der an dem mar⸗ mornen Herde zuſammengerollt war, gleich dem bei heißer Witterung uͤber den. Arm einer ſchoͤ⸗ nen Dame geworfenen Kaſimirſhawl, zeigte, daß Geſchmack und nicht Armuth die Urſache des unbedeckten Bodens war. Das Zimmer wuͤrde nichts deſtoweniger, ohne die reichen, großen, altmodiſchen, damaſtſeidenen Fenſterumhaͤnge, von einer lichten goldenen, oder roſenrothen Farbe, die, mit reichen Franzen be⸗ ſezt, die tiefen Fenſterſchmiegen in reichen Fal⸗ ten umhiengen, ein kaltes und nacktes Ausſehen gehabt haben. Die uͤbrigen Moͤbeln zeigten, ohne großen Anſpruch auf eine elegante Form zu machen, keinen Mangel an Material⸗ oder kunſtreicher Ausſchmuͤckung. Wenige gute Ge⸗ maͤlde und einige klaͤgliche Grahames, Drum⸗ 38⁸ monds und Bruces, beiderlei Geſchlechts, nebſt drei ſchwervergoldeten großen Spiegeln, machten die Zahl der Moͤbeln des Gemachs voll. Monks⸗ haugh's moderniſirter Geſchmack hatte zwar ei⸗ nige ſpaͤtere Verzierungen beigefuͤgt. Allein fuͤr Delancy waren die merkwuͤrdigſten Zierden des Zimmers, das marmorne Kaminſtuͤck, eine ſchoͤne Probe der italieniſchen Bildhauerkunſt, die das Bad der Diana und ihrer Nymphen vorſtellte, und zwei praͤchtige Wallnußbaͤume, von der Familie„Gog und Magog“ genannt, die ihre rieſenhaften Glieder uͤber die Fenſterfluͤgel aus⸗ dehnten, und eine kloͤſterliche Duͤſterheit in dem Zimmer verbreiteten, ausgenommen; wenn die untergehende Sonne eined gluͤhenden Abends lange quere Strahlen hineinwarf, die in golde⸗ nem Lichte und finſterem Schatten auf dem ge⸗ glaͤtteten Fußboden, der alsdann ein ſchoͤnes ge⸗ wuͤrfeltes Pflaſter bildete, tanzten und bebten. Dieſe Baͤume waren gleichſam ein Theil des Zimmers. Fuͤr das Auge, welches ſie einmal geſehen hatte, wuͤrde es ohne ihren Schatten ein nacktes und oͤdes Ausſehen gehabt haben. Mußte auch Monhaugh's junger Gaſt ſeinem Gewiſſen Zwang anthun, um die ſchoͤne„Drum⸗ mond,“ die große Großmutter des Lairds, die in ihren Tagen die„Blume von Strathallan“ ge⸗ nannt wurde, oder die nicht minder bewunderte Miß Fibella Grahame, ſeine Tante, die mit dem Prinzen. Karl auf einem in Holyrood gegebenen Ball einen Stratſpey getanzt hatte, zu bewun⸗ dern, ſo war es doch die Waͤrme der Wahrheit . 8 3 39 and des Gefuͤhls, was aus ihm ſprach, als er ene glaͤnzenden Wallnußbaͤume betrachtete, de⸗ een ſtarkverflochtene, knorrige Wurzeln einem Huͤgel— und deren Zweige einem Tempel gliechen. „Baͤume von dieſer Groͤße, von welcher Gat⸗ tung ſie auch ſeyn moͤgen, ſind,“ ſagte er„fuͤr einen„Platz“— ich liebe dieſes alte ſchotiſche Wort— das was eine lange Reihe ehrenwer⸗ ther Ahnen fuͤr eine Familie iſt, Herr Grahame — etwas, das weder die Macht eines Monar⸗ chen, noch die Goldgruben beider Indien her⸗ vorzaubern koͤnnen.— Wie ſchoͤn, Madam, ſind jene Gemaͤlde haͤuslicher Freude, Macht und Sicherheit, welche die Patriarchen der Schrift darſtellen, die grauen Vaͤter der Welt, deren jeder unter ſeinem eigenen Weinſtock und Fei⸗ genbaume ſizt.— Dieſe alten patriziſchen Baͤume verleihen Ihrem Wohnſitze ein aͤchteres Gepraͤge von Adelſchaft, als alle die griechiſchen Kuppeln und Saͤulen, welche der moderne Reichthum rings um Sie her erhoben hat. Baͤume und Edelleute gehoͤren zu den wenigen Dingen, die der Stein der Weiſen nicht erſchaffen kann, mein Herr. Beide erfordern einen edeln Boden, und die Nahrung von Jahrhunderten.“— Das Geſicht des jungen Mannes nahm bei dieſen Worten einen kuͤhnen Ausdruck an, gleich als ob er ſich mit Stolz bewußt geweſen waͤre, daß er das, was er beſchrieb, beſaß. Monkshaugh, entzuͤckt uͤber eine Denkart, die mit der ſeinigen ſo ſehr im Einklange ſtand, 40 fing jezt an, die Fremden mit ungemeinem Wohl⸗ gefallen zu betrachten. Unmerklich nahm ſein Benehmen und ſeine Sprache einen hoͤhern und feinern Ton an. Er fuͤhlte ſich in dieſem Au⸗ genblicke mehr als Monkshaugh, denn als der Nebenbuhler des Herrn⸗ Hutchen; und endlich uͤberlegte er, obe es die Speiſekammer und an⸗ dere Umſtaͤnde gehoͤrig in Betracht gezogen, ſchick⸗ lich ſeyn wuͤrde, oder nicht, dieſen aͤchtgeſinnten jungen. Mann zum Mittageſſen einzuladen. Die Neugierde des jungen Mannes war noch nicht ganz befriedigt, obſchon, er ſehr hoͤfliche Entſchuldigungen vorbrachte— und ſeine Be⸗ wunderung noch nicht zur Haͤlfte erſchoͤpft, als ein ploͤtzlicher Regenſchauer in Gog'’s und Ma⸗ gogs blaͤtterreicher Richtung raſſelte. „Er koͤnnte mit Recht ſagen,“ bemerkte er, „daß er noch nie im, Landhauſe eines ſchotti⸗ ſchen Edelmanns geweſen ſey.“— Eliſabeth⸗ wußte nicht, was ſie aus dem Fremden machen. ſollte. Er ſchien artig, verſtaͤndig und vollkom⸗ men gut erzogen, ungeachtet des Diamants der Jakobina, mit dem ſein Witz oder ſeine Unver⸗ ſchaͤmtheit ſich auf eine glaͤnzende Weiſe Bahn gebrochen hatte. War ſein Zweck bloße Zerſtreuung, oder die Befriedigung ſeiner Neugierde? oder— Eliſa⸗ beths Beſcheidenheit wollte keine andere Muth⸗ maßung in ihrer Seele aufkommen laſſen; ſie ſchlug ſich daher dieſen Gegenſtand, als ihrer meieen Aufmerkſamkeit unwuͤrdig, aus dem Linne. 41 Monkshaugh hatte inzwiſchen den Zuſtand der Speiſekammer, deren Oertlichkeiten nie fern von dem Auge ſeines Geiſtes waren, uͤberdacht. Wenn man das tuͤrkiſche Haͤhnchen auftiſchte, das fuͤr das woͤchentliche Mittagsmahl beſtimmt war, das dem Pfarrer des Kirchſpiels jeden Dienſtag gegeben wurde, und eine Schuͤſſel mit Forellen, die man am vorigen Abende noch ſpaͤt gefan⸗ gen hatte, und die bereits eingepackt waren, um der Lady Tamtallan, der Verwandten und Goͤn⸗ nerin des Laird's, als Geſchenk zugeſchickt zu werden, ſo konnte das„Familieneſſen“ dem Ei⸗ genthuͤmer des Gog und Magog an einem Fa ſt⸗ tage nicht zur Unehre gereichen. Auf das tuͤr⸗ kiſche Haͤhnchen hatte der. Geiſtliche des Kirch⸗ ſpiels in der That allen Anſpruch durch ſeine de⸗ muͤthige Verbeugung nach Harletillums Kirchen⸗ ſtuhl hin verwirkt; und was Lady Tamtallan nicht wußte, daruͤber konnte ſie ſich nicht graͤ— men. Die Einladung erfolgte daher mit großer Herzlichkeit und die Hoͤflichkeit wurde mit eben ſo großer Freimuͤthigkeit angenommen. Hier⸗ auf folgten Entſchuldigungen wegen nachlaͤßiger Kleidung; und dann wurde, da die Sonne hell und warm ſchien, der Vorſchlag gemacht, den Garten und beſonders eine groteske, altmodiſche, in Flandern verfertigte Sonnenuhr zu beſich⸗ tigen. Ein haͤusliches Geſchaͤft nahm Monkshaugh's Aufmerkſamkeit eine Zeitlang in Anſpruch, und die zwei jungen Leute wandelten miteinander 42. unter frohem und zwangloſem Geſpraͤch uͤber Blumen und Baͤume, Voͤgel und Wohlgeruͤche und die ungemeine natuͤrliche Schoͤnheit dieſes Gartens, umher. Als ſie an einer Raſenbank vorbeikamen, erregte ein Buͤſchel Veilchen, die lezten des Jahrs, Eliſabeths Aufmerkſamkeit; allein das naſſe Gras verhinderte ſie, den Kies⸗ weg zu verlaſſen, um ſie zu ſammeln. Eben in dieſem Augenblick kam Monkshaugh und Eliſa⸗ beth kehrte ins Haus zuruͤck, um ihre Kleidung zu wechſeln. In kurzer Zeit kehrten auch die beiden Herren durch die mit Ziehfenſtern ver⸗ ſehene Thuͤre, die in das gewoͤhnliche Sprech⸗ zimmer der Familie fuͤhrte, zuruͤck. Hier ſtand Eliſabeths Arbeitstiſch an einem Fenſter, das tief in die dicke alte Wand hineinging. Hier hingen auch einige Lieblingsgemaͤlde. „Das Gemaͤlde des jungen Mannes zu Pferd, das Ihre Aufmerkſamkeit auf ſich zieht, Herr Delancy,“ ſagte Monkshaugh,„ſoll meinen Nef⸗ fen, Kapitaͤn Wolf Grahame, bei dem— Regi⸗ mente der leichten Reiterei Sr. Maj. vorſtellen. Unſere junge Baſe, Eliſabeth, glaubt, daß der Mahler nicht geſchmeichelt habe. Wie uͤbrigens auch ſein Ausſehen ſeyn mag, mein Neffe hat ſich bisher betragen, wie es ſich fuͤr den Sproͤß⸗ jing geprieſener Ahnen geziemt, ſo wie fuͤr den Erben jener armen Buͤſche, die Sie zu loben die Guͤte hatten,— und jener alten Mauern“— hier wies er nach Eliſabeths Zimmer, von wo aus man den Pech's⸗Pfad und die modern⸗ den Mauern von Ernescray erblicken konnte. 45 Der junge Mann ergriff ſchnell einige Veil⸗ chen und ein Blatt Papier, die er zuvor auf. den Arbeitstiſch hingeworfen hatte.— „Kapitaͤn Wolf Graham iſt beſtimmter Erbe des Lord von Bruce,“ ſagte Monkshaugh,„von deſſen ungluͤcklichem Zuſtande Sie gehoͤrt haben werden.“ „Ich habe in der That etwas von der me⸗ lancholiſchen Geſchichte dieſes ungluͤcklichen Edel⸗ manns gehoͤrt,“ ſagte Delanch.„Ein fruͤhes Ungluͤck, eine fuͤr ſeinen Frieden zu gefuͤhlvolle Seele.— Iſt's dem nicht ſo?““ „Ja, leider,“ ſagte Monkshaugh.„Aber hier koͤmmt ſeine Tochter. Auf die Krankheit ihres Vaters wird in ihrer Gegenwart nie angeſpielt.“ Es war jedoch nicht die junge Dame; De⸗ lanch wagte es deßwegen, ſich zu erkundigen, wo und unter weſſen Aufſicht der ungluͤckliche Edelmann lebe. „Das koͤnnen ſie am beſten von ſeinem Vor⸗ mund, Herrn John Hutchen, erfahren,“ ſagte Monkshaugh.„Dieſe Perſon, mein Herr, wollte — aus welchen Beweggrüunden ſage ich nicht— auf eine andere entferntere Verwandtſchaft ſich ſtuͤtzend, nicht zugeben, daß ich die Aufſicht uͤber unſern ungluͤcklichen Verwandten uͤbernahm, weil es in meinem Intereſſe liege, die Verkuͤrzung ſeiner Lebenszeit zu wuͤnſchen; als ob ich oder Kapitaͤn Wolf Graham ſo große Boͤſewichte waͤ⸗ ren, daß wir einem uns ſo nahe verwandten und ſo theuern Haupte— einem, auf welchem Gotteshand ſo ſchwer laſtet— auch nur ein 44 Haar kruͤmmten. Ja! Herr Delancy, ich⸗ habe gegruͤndete Urſache, Ihrem Wirthe dort. druͤben!“ — er verſchmaͤhte es, den Namen des leztern zu nennen—„zu⸗ zuͤrnen.— Zehn Jahre lang lebte die junge Dame, die Sie geſehen haben; die ehrenwerthe Eliſabeth von Bruce, in Ernescray, von dieſem Curator des Lord von Bruce weit mehr vernachlaͤßigt, als es je das Kind eines ehrlichen Paͤchters war— kaum hatte ſie die noͤthigen Nahrungsmittel und an den Mitteln der Erziehung gebrach es ihr gaͤnzlich— nur verſtohlener Weiſe durfte ſie mich, ihren naͤchſten Verwandten, beſuchen, bis ſie Muth genug in ſich fuͤhlte, ſeine Netze abzuwerfen und ihre Freunde kennen zu lernen— und noch iſt ſie freundlos genug, das arme Maͤdchen!“ Delancy ließ abermals ſein Papier und die BVeilchen auf Eliſaheths Arbeitstiſch niederſinken. Das Wieſel trat jezt ein; und rief den Laird, durch gewiſſe, laͤngſt beſtehende und in der. Fa⸗ milie gut verſtandene, conventionelle Zeichen, zu einer allgemeinen Ueberſicht, hinaus. Effie's Geſchicklichkeit, und die lobenswerthe Eitelkeit, ſo wie das ſich ere Gefuͤhl des treuen Frieſel, hatten am Tiſch und Speiſeſchrank Wun⸗ der gewirkt. Das alte ſilberne Familiengeſchirr leuchtete in ſchimmerndem. Glanze. Reiches, in Teutſchland verfertigtes⸗ damaſtnes Tafelzeug, das eine Eberjagd darſtellte, mit entſprechen⸗ den Servietten, und vergoldetes, maſſives Por⸗ cellangeſchirr, das in der Haushaltsſprache das „rothe Service“ genannt: wurde, waren nicht 45 vergeſſen. Allein der Laird mußte zu dem Gan⸗ zen ſeine Zuſtimmung geben, und deßwegen wurde er gerufen. „Hier kommt mein Kammerdiener, Franz Frie⸗ ſel, oder Fraſer, wie unſere Vettern in dem Nor⸗ den ſagen. Wenn noch irgend etwas Weiteres Ihre Neugierde in dieſem armen Hauſe erregt, ſo iſt er ganz geeignet, Herr Delancy, Ihr Ci⸗ cerone zu werden, waͤhrend ich mit Ihrer Er⸗ laubniß, meine Haͤnde waſche.“ „Nun, Herr Kammerdiener,“ ſagte Delancy, ſagen Sie mir doch, wenn Sie koͤnnen, wer die⸗ ſes Stuͤck oberhalb der Thuͤre gemalt hat.“ Delancy wies auf ein belebtes und im hoͤchſten Grade vollendetes Gemaͤlde, das einen Hexen⸗ tanz darſtellte, der in ſeinem wildeſten Laͤrm durch ein glaͤnzendes, ſchwarzes Auge geſtoͤrt wurde, das hinter der Tapetenwand auf die Or⸗ gien der Tanzgeſellſchaft hervorblickte. „Es gibt kein Kind in den vier huͤgelumge⸗ benen Kirchſpielen, das Ihnen nicht die Geſchichte dieſes Gemaͤldes erzaͤhlen koͤnnte;“ ſagte Frieſel: „Große Meg von Monkshaugh. Es wurde in Flandern auf Befehl jenes alten Monkshaugh der Sitzungslord(Lord of Session) war, in Betreff eines Vorfalls gemalt, der ihm auf ſeinen fruͤ⸗ hen Reiſen nach Italien begegnete. Sahen Sie nie ein ſolches Paar borſtiger und zuſammen⸗ gezogener Augenbraunen, wie die, welche gleich alten Abteigewoͤlben uͤber den kuͤhnen, ſchwarzen Augen dieſer ruͤſtigen Dame verfinſternd haͤn⸗ gen, die dort ihren Arm gleich einem Komman⸗ 46 doſtab ausſtreckt, nach dem Auge weiſend, das auf ihren Hexentumult blickt?“ „Ich koͤnnte, die Verſchiedenheit der Kleidung und des Geſchlechtes nicht in Anſchlag gebracht, faſt ſagen, daß die Geſichtszuͤge dieſer Erzhexe — ich meine die Hauptfigur in der Gruppe— mit ihrem ſtarkbezeichneten Ausdrucke denen ei⸗ nes Edelmanns gleichen, den ich in dieſer Nach⸗ barſchaft geſehen habe!. „Der Teufel! Sie ſind ein Hexenmeiſter im Errathen,“ rief Frieſel, den ſein Erſtaunen der ehrfurchtsvollen Aufmerkſamkeit entriß, mit der er ſich dem Gaſte ſeines Herrn zu widmen be⸗ ſchloſſen hatte— ein Benehmen, das ihm jeder⸗ zeit nur leidlich anſtand—„Sie ſind ein Hexen⸗ meiſter im Errathen. Und es iſt auch Grund genug zur Aehnlichkeit vorhanden; denn dieſer Lumpenhund war der Gruͤnder des uͤbermuͤthi⸗ gen Hauſes Harletillum.“ „Und damit iſt eine Geſchichte verbunden,“ ſagte Delancy,„die Sie mir, wie ich an Ihren leuchtenden Augen ſehe, zu erzaͤhlen vor Begierde brennen.— Heraus mit der Sprache, guter Freund.“ 1 „Da Sie es befehlen,“ erwiederte das Wieſel, „ſo muͤſſen Sie wiſſen, Herr, daß einer von den alten Monkshaugh, der Seſſions⸗Lord— es kann der Großvater des gegenwaͤrtigen Lord ſeyn— auf ſeinen Reiſen in fremde Laͤnder, ſpaͤt in der Nacht, und nach einem langen ermuͤdenden Ritte in den dunkeln Fichtenwaͤldern, zu einem Wirthshauſe in Italien oder Oberdeutſchland 47 oder in irgend einer andern entfernten Gegend, wo das Evangelium wenig bekannt iſt, und man ſich noch viel weniger darum bekuͤmmert, kam. Allein, wie die Sage geht— und ich habe den alten John Yule, den Sohn des Leib⸗ bedienten des damaligen Laird, die Geſchichte tauſendmal erzaͤhlen hoͤren— hier war kein Platz fuͤr ihn, weil ein fremder Herr, ganz ſchwarz gekleidet,(Sie werden wiſſen, mein H.rr, daß dieß ſtets die Livree der Juriſten, der Teufel und der Doktoren iſt)“’, das ganze Haus fuͤr eine vornehme Geſellſchaft beſtellt hatte, die in derſelben Nacht dort zechen und ſchmau⸗ ſen wollte. Da die Wirthin den Lord von den Strapatzen ſeiner Reiſe ganz ermuͤdet ſah, ſo konnte ſie es nicht uͤber ihr Herz bringen, dem huͤbſchen, jungen Edelmann die Thuͤre zu wei⸗ ſen; es wurde ihm daher, auf das Verſprechen, ſich ruhig zu verhalten, und ſeine Augen ge⸗ ſchloſſen zu laſſen, was er auch durch ſie ſehen, oder hoͤren, oder argwoͤhnen moͤge, das hohe Zimmer hinter der Tapetenwand als Schlafort angewieſen; allein er verzehrte zuerſt als Nacht⸗ eſſen einen geroͤſteten Kapaun, und einige Froſch⸗ ſchenkel— die, wie mir der alte John Yule ſagte, ein delikates Eſſen in papiſtiſchen Laͤndern und von der Natur des Fiſches ſind— nebſt einer Flaſche guten Rheinweins, die, meiner Meinung nach, der beſte Theil des Schmauſes war.— Gut, mit geladenen Piſtolen und ge⸗ zuͤcktem Schwerte, und der offenen Bibel an der Seite ſeines Bettes, ſank der junge Laird, der, wie geſagt, von der Reiſe ſehr ermuͤdet war, in tiefen Schlaf; und traͤumte wahrſcheinlich vom Hauſe ſeines Vaters und den ſtattlichen Steineichen von Monkshaugh— wiewohl je⸗ dermann gethan haben muͤßte, der als Kind un⸗ ter ihnen geſpielt haͤtte— und von wenig zu weiter, bis er ploͤtzlich durch das laute Tanzen und Laͤrmen und Haͤndeklatſchen aufgeweckt wurde; und zu ſeinem Erſtaunen wurde das 1 alte ſchottiſche Lied„der Ruͤcken des Wechſel⸗ hauſes“ laut und ſtark auf der Sackpfeife ge⸗ ſpielt, die, wie Sie wiſſen muͤſſen, mein Herr, ſtets das Lieblingsinſtrument bei allen Hexen⸗ feſten geweſen iſt.“ „Wie der alte John Yule ſagte— und er war viermal verheirathet— kann das Weiber⸗ oolk nicht ſehen, daß andere bei irgend jemand, ſey es auch beim Teufel ſelbſt, der in dieſer Nacht unſerer Freundin da eine beſondere Auf⸗ merkſamkeit erwieſen haben ſoll, in groͤßerer Gunſt ſtehen, als ſie.“ Frieſel wies auf die Hauptfigur in dem Gemaͤlde.—„Es iſt eine Schande,“ rief Beſſie Weir,„daß Muckle Meg ſo unſinnig tanzt, da doch ihr Ehemann in ſei⸗ nem Sarge auf dem Kirchhofe San Serf⸗ noch nicht kalt iſt!— „Blaſ' ihn an und kuͤhle ihn ab, Beſſie,“ ſagte Meg.„Aber die Todten fuͤr die Todten, die Lebenden fuͤr die Lebenden; luſtig aufgeſpielt, alter Daͤmon,“ und jezt begann der Tanz, und Monkshaugh, der noch halb wachte und halb ſchlief, ſprang aus dem Bette und ſtuͤrzte, das Schwert 49 Schwert in der Hand, mitten unter das Ge⸗ draͤnge.“ „Dann erhob ſich Laͤrmen und Geſchrei, der Schimmer blauer Flaͤmmchen, und Schwefel⸗ dampf und Geruch, und die Berathung, ob er lebendig geſotten, gebraten oder verbrannt wer⸗ den ſoll.“ „Ei!“ rief Muckle Meg aus,„und iſt dieß mein liebenswuͤrdiger, junger Laird von Monks⸗ haugh.— Schweſtern, ihr ſollt mir kein Haar von ſeinem ſchoͤnen, ſchwarzen Barte verſen⸗ gen.“ Sie ſprang ſodann nach ihrem Schier⸗ lings⸗Klepper— rief dem Laird zu, er ſolle hinter ihr Platz nehmen— und fort und weg ging er uͤber See und Land wie Wetterleuchten. „Am naͤchſten Morgen ſah man den jungen Laird im Grau der Daͤmmerung uͤber den Hof Harletillum ſchlendern, der damals unſer Eigenthum war und auf welchem Meg fuͤr das Werk dieſer Nacht, bis zu ihrer Todesſtunde, ſo viel Futter unentgeldlich erhielt, als eine Kuh orſicht, was ſeine Zunge betraf. Er konnte es nicht ertragen, daß ihn ein ſterblicher Geiſt⸗ licher oder weltlicher Menſch, uͤber das, was er geſehen hatte, fragte.“ „Und wie behagt Ihrem Nachbarn, Herrn Hut⸗ chen, dieſes Stuͤck?“ fragte Delancy.— „Ei! was dieſen Punkt betrifft, ſo koͤnnen Sie ſich bei Leuten Raths erholen, die beſſer mit der Eliſ. von Bruce. II. 3 50 Sache bekannt ſind, als ich,“ erwiederte Frieſel. „Große Geiſtliche ſind der Meinung, daß, wenn Laird John in jener Nacht fortgeritten waͤre, beide Familien ein ganz anderes Schickſal ge⸗ habt haben wuͤrden. Allein das Ungluͤck iſt je⸗ nem Monkshaugh von jenem Tage an bis auf dieſen, auf der Ferſe nachgefolgt; und droht uns jezt noch ganz zu erwuͤrgen. Ich hoͤrte den gottſeligen Gideon einmal ſagen— und ob⸗ ſchon er ein einfacher Mann iſt, ſo iſt er doch ein gruͤndlicher Geiſtlicher— es waͤre beſſer ge⸗ weſen, der alte Monkshaugh haͤtte dem Feinde Widerſtand geleiſtet und das Schlimmſte ge⸗ wagt, als ſich unter Hexen, zur Rettung des Lebens oder eines Gliedes, gemiſcht.“ „Ich beſitze keine große Geſchicklichkeit, was ſolche feine Punkte der Caſuiſtik betrifft,“ er⸗ wiederte Delancy. „Aber er,“ unterbrach ihn Frieſel.—„Nicht das erſtemal hat der gottſelige Gideon in der hohlen Stunde der Mitternacht, in der Schlucht von Monkshaugh, in einer beſtellten Zuſam⸗ menkunft mit dem Teufel geſtritten.“ „Dann verſichere ich, daß der Teufel den Kuͤrzern gezogen hat,“ ſagte Delancy. „Das hat er auch, oder ich wuͤrde hier nicht mit Ihnen geſprochen haben,“ fluͤſterte das Wie⸗ ſel mit ernſter Miene. „Still Freund!“ fiel Delanch wieder ein.— „Sie wollen mir nicht ſagen: daß der Teufel im Sinne hatte, eine Beute vor der Hand zu 51 entfuͤhren, die mit ein wenig Geduld, ſo gewiß ſein iſt.“ „Das iſt kein Spaß,“ ſagte Frieſel in ern⸗ ſtem Tone.—.„Aber haben ſie je von unſerer Familienprophezeihung gehort— Wenn in des Adlers Neſt der Igel(Hurcheon) liegt Den blätterreichen Scheitel Monkshaugh bückt. Die Erklaͤrung davon erlebte der alte John Yule, als der Laird genothigt ward, ſeinen Ei⸗ chengrund niederzuhauen, um die Zinſen der in den Haͤnden des John Hurcheon, als Cura⸗ tor fuͤr Ernescray, befindlichen Schuldverſchrei⸗ bungen abzuzahlen. Vordem war die Rede von einer Heirath zwiſchen Kapitaͤn Wolf und Miß Juliana.— Ja, es war ein finſterer Tag fuͤr das Haus Monkshaugh, als Laird John auf dem Kreuze von Meg Hurcheon's Schierlings⸗ klepper ritt.“ „Allein ich zweifle, ob alle dieſe Familien⸗ legenden und hiſtoriſchen Gemaͤlde Herrn Gra⸗ ham's Glaͤubiger beſänftigen werden,“ ſagte De⸗ lancy,—„und mein vortrefflicher und eifriger Kammerdiener. Sie wiſſen, daß die Klugheit eben ſo gut eine Tugend des Dieners iſt, als die Anhaͤnglichkeit.“— 3 3 „„Der Teufel kuͤmmere ſich darum, mein Herr!“ erwiederte das Wieſel.„„Haͤngen wir unſere Familienzierden und Gemaͤlde zu ſeinem Wohl⸗ gefallen an die Wand? Mag der ganze Fort⸗ gang ſeiner Familie, die mit Hexerei begonnen hat, durch Betrug empor gekommen iſt, und mit Teufelei endet, hier haͤngen. Gut, es gibt ei⸗ 3 ³ .52 nen Himmel uͤber uns allen!“ Mit dieſer frommen Betrachtung verbeugte ſich das Wie⸗ ſel und verließ das Zimmer. „Das iſt in der That eine ſehr freimuͤthige Familie, Herr und Knecht,“ dachte Delancy; „und zu einer huͤbſchen Gattung von Boͤſewich⸗ ten gehoͤrt mein Bewirther Harletillum, wenn ihre Angaben wahr ſind. Dank dem Himmel, daß wir uͤber die Tage der alten Vorurtheile hinaus ſind, wo ein Menſch nach ſeiner Geſell⸗ ſchaft beurtheilt wurde. Ich glaube, ihre Lady Eliſabeth iſt ſo weit vorwaͤrts geſchritten, als das Zeitalter. Ich muß jedoch den Verſuch ma⸗ chen. Es liegt etwas ungemein Anziehendes in der gleichguͤltigen Miene, mit der dieſe einſame Schoͤnheit Komplimente anhoͤrt, die, wie ich in Demuth vermuthe, beſſer erdacht ſind, als die, welche ſie von ihrem abgeſchmackten Pater Beich⸗ tiger und dieſem gaſtfreundlichen, alten Adonis zu hoͤren gewoͤhnt worden iſt. Sicherlich iſt hier jener Eiſenfreſſer um den Weg— jener Kapitaͤn Wolf— es iſt arg, daß ein ehrlicher Burſche in einem blauen oder ſchwarzen Rocke heutiges Tags keinen Schritt thun kann, ohne beſorgen zu muͤſſen, daß ihm einer von jenen mit dem Saͤbel und der Huſarenkappe prangen⸗ den Jungen die Ferſen zertrete. Allein ich muß meinen Koͤder im Auge behalten, obſchon ich ſagen darf, daß ich wie gewoͤhnlich, auf eine wilde Gansjagd hierhergekommen bin.“ Und von neuem ordnete er die Veilchen ſo, daß ſie beſſer ins Auge fielen. 5³ Als Monkshaugh ſeine eigene muͤhſame Toi⸗ lette beendiat hatte, trat er in Eliſabeths Zim⸗ mer, um ihr ſeine Meinung in Betreff des Schmucks, der ſich an dieſem Tage am beſten fuͤr ſie ſchicken wuͤrde, vorzulegen. Eliſabeth war ein zu aͤchtes Weib in allem, was ihren Geſchmack betraf, als daß ſie im Punkte der perſoͤnlichen Ausſchmuͤckung vieler Aufforderun⸗ gen bedurft haͤtte. Sie wollte die Roſe nicht faͤrben, noch den Wohlgeruch des Veilchens ver⸗ ſtaͤrken— ſondern ſie ſah es gerne, wenn die eine die lieblichen Farben und die Form ent⸗ faltete, und das andere die ſuͤßen Wohlgeruͤche ausduftete, womit ſie die Natur begabt hat. Lachend verſprach ſie, die wohlgemeinten Winke zu befolgen, allein ſie erſchien deſſen ungeach⸗ tet mit keinem andern Schmucke— wenn je dieß Schmuck genannt werden konnte— als einem ſchildkroͤtenen Lieblingskamme, dem Geſchenke Wolf Grahams, der jene reichen Flechten ſchoͤ⸗ nen Haars zuſammenhielt, die von den Gra⸗ zien geordnet ſeyn mochten, allein keine Spur von den Fingern des erfahrenen Haarkraͤuslers an⸗ ſich trugen. „Das iſt ganz der Geſchmack der Eliſabeth von Bruce,“ ſagte Monkshaugh, einen veraͤcht⸗ lichen Blick auf die ſchnellgeflochtene Haare und Locken werfend, die zu lang waren, als daß ſie „niedlich“ haͤtten ſeyn koͤnnen, und ein Geſpraͤch uͤber die moderne Kleidung, in das er ſich mit. Delancy eingelaſſen hatte, fortſetzend. „Flatternde Gewaͤnder und freie Haare ge⸗ 54. allen mir beſſer,“ ſagte Delanch, mit ehrerbie⸗ tiger Bewunderung auf die lebensvolle, anmu⸗ thige und liebenswuͤrdige Geſtalt blickend, die er jezt das erſtemal von der Umhuͤllung des Mor⸗ gen⸗Coſtuͤms befreit ſah. „Und ſehen Sie auch, was die Folge einer ſol⸗ chen Freiheit iſt, Herr Delancy,“ ſagte Monks⸗ haugh.„Fch fordere jeden ſchlichten Edelmann auf, eine Frau von einer Magd in unſern Ta⸗ gen zu unterſcheiden, ausgenommen, daß das Haar des Maͤdchens etwas beſſer gelockt ſeyn mag.“ Ein abermaliger veraͤchtlicher Blick auf Eliſabeths nachlaͤßigen Kopfputz— und ein ſelbſtgefaͤlliger und verſtohlener Blick in den ihm gegenüberbefindlichen Spiegel, der die krauſe Blumenkohlperuͤcke zuruͤckſtrahlte, die neu gepu⸗ dert, friſch gelockt, und angelegt war, als ob ſie aus Schmetterlingsfluͤgeln beſtuͤnde, die ſeine ſchmale, aber glatte Stirne durch eine natuͤrli⸗ che Graͤnzlinie von Haarpuder, gleich den Ein⸗ theilungen der Kirchſpiele auf einer Spezial⸗ karte, abmarkten. „Sie muͤſſen der neuern Kleidung wenigſtens den Vorzug einer groͤßern Bequemlichkeit und Rieeinichkeit zugeſtehen,“ ſagte Delanch.—„In welchem Elende muß eine Dame des vorigen Jahrhunderts ihre Mahlzeit gehalten haben.“ Bewußt des koͤſtlichen Brocats und zitternd wenn ſie nicht ihre dienſtbaren Sylphiden um ſich hatte. Was den andern Punkt betrifft, ſo geſtehe ich, daß ich oft wegen jener reichen Gold⸗ und Sammtſtoffe beſoörgt war, die, unberuͤhrt 5⁵ von Seife oder Waſſer, von Generation zu Ge⸗ neration uͤberliefert wurden.“ „Die Damen hatten Splittern von Ceder⸗ holz, Moſchus und Raͤucherkiſſen, um ihre Klei⸗ der mit Wohlgeruch anzufuͤllen,“ ſagte Monks⸗ haugh. „Kein Wohlgeruch geht einem Stuͤck Seife, dem eryſtallenen Quell und der lieblichen Luft vor,“ antwortete Delanch.„Wir hoͤren viel von der Wuͤrde und Feinheit des Benehmens unſerer Großmutter, die Rindsſchnitzel und fet⸗ tes Bier fruͤhſtuͤckten— ihre ehrliche Meinung unverhohlen ausſprachen— ihren Liebhabern eine Ohrfeige austheilten— und zu gleicher Zeit insgeſammt zu Schutz und Trutz angeklei⸗ det waren. Die Kleidung einer feinen Dame glich in jenen Tagen einer regelmaͤßigen Feſtung; — der Reifrock bildete die Zinnen und Umſchan⸗ zungen— das Bruſtkleid die Zugbruͤcke— das Fiſchbein und die Haarnadeln die ſpaniſchen Reiter— die Kopfſchleife das Panier und Faͤhn⸗ chen. Vauban haͤtte ſie nicht beſſer bauen koͤn⸗ nen; und doch, Herr Graham, waren dieß die Zeiten, ehe jedes Hannchen eine Lady war! da gab es kein Verwechſeln des Milchmaͤdchens mit der Herzogin— der Burg des Barons⸗ mit der neuentſtandenen, pilzartigen Villa des Handelsmanns. Eliſabeth laͤchelte uͤber die Gewandtheit, die ſie weder nachahmen noch verdammen konnte. „Ich bin ſtolz darauf, einen ſtattliche n, jun⸗ gen Edelmann unter meinem Dache ſprechen 56 zu hoͤren,“ ſagte Monkshaugh.—„Ich wuͤnſchte, daß dieſer Sauerteig ſeine Wirkung thaͤte, Herr Delancy; denn den geſtuzten Koͤpfen der Maͤn⸗ ner und den beſchnittenen Zoͤpfen der Weiber ſchreibe ich jezt in meinem hohen Stufenjahre mehr von den Uebeln und Verwirrungen dieſer unruhigen und zuͤgelloſen Zeiten zu, als ich ſchicklicher Weiſe in dieſer Gegenwart erwaͤhnen kann.— Meine ewig verehrte Mutter, die ver⸗ ſtorbene Lady Lon Monkshaugh. d die kein ſterb⸗ liches Auge— ſelbſt das meine nicht, Herr Delanch— anders, als in vollſtaͤndigem An⸗ zuge erblickte, verwendete jeden Tag, drei ge⸗ ſchlagene Stunden auf ihre Toilette. Dieß wurde ihr ohne Zweifel in ihren lezten Jahren laͤſtig; aber ihr hoher Geiſt bebte nie vor dem zuruͤck, was ſie ihrem Namen und ihrem Stande ſchuldig war. „Ich erſticke, Robie,“ ſagte ſie am Tage vor ihrem Tode zu mir, als ſie auf dieſem Kanapee in vollſtaͤndiger Kleidung ſaß,—„ich erſticke, Robie,“ ſagte ſie,„aber es wird bald voruͤber ſeyn; und ſo lange ich noch in dieſem ſterblichen Leibe verweile, ſoll niemand die Maͤdchen des Haus⸗ halts fuͤr die Dame von Monkshaugh und Kip⸗ pencreery Weſter halten.“ „Eine edle Dame!“ rief Delanch aus, und fuͤgte, in einem leiſern Tone fuͤr Eliſabeth's Ohr, hinzu,„nach ihren fantaſtiſchen Begriffen.“ „Wenn mein Frauenthum durch nichts an⸗ deres aufrecht erhalten werden kann,“ ſagte Eli⸗ ſabeth laͤchelnd,„als durch die Groͤße eines Reif⸗ rocks, oder die Pracht von Fiſchbeinen und Pil⸗*— zen— wehe dann meiner Wuͤrde! Zum Gluͤcke fuͤr mich haben kuͤhnere Geiſter vor mir eine gänzliche Veraͤnderung in dieſer Sache zu Stande gebracht, ſonſt wuͤrde ich ſelbſt, Monkshaugh, an einem Verſchwoͤrungsplane gegen jene Sitte Theil genommen haben.“ „Pfui! Liſabeth,“ rief der Laird aus.„Ihr, eine geborne Edeldame, wollt ſo ſprechen! Ich habe es von einem Edelmann, dem es der Kammerdiener Ihrer gnaͤdigen Majeſtaͤt ſagte, daß dieſe Revolution in der Kleidung durch eine franzoͤſiſche Schauſpielerin begonnen wurde, Herr Delancy, die ihren Reifrock mit ihrer Ehre ab⸗ legte— die Tracht einer griechiſchen Sklabin in einem franzoͤſiſchen Stuͤcke annahm, und von einer leichtſinnigen, engliſchen Standesdame nach⸗ geahmt wurde, die dieſes ſchlimme⸗ Beiſpiel in ihrer Heimath nur allzuſehr in Aufnahme brachte; und jezt trifft man weder Reifrock noch Schleppe, noch Bruſtkleider mit Spitzen, noch Weſten mit Lappen, noch Anſtand, noch jung⸗ fraͤuliche Zucht, noch Unterſchied des Rangs in drei Kirchſpielen an, wie dieß einige von uns dieſen Morgen geſehen haben moͤgen.“ „Wegen eines Theils hievon ſeyen die Gra⸗ zien geprieſen,“ ſagte Elifabeth wieder laͤchelnd. „Allein man kann nicht ſagen, daß der moderne Geſchmack jeden Schmuck verſchmaͤhe. Dieſe kleine Blume— ſie hob ſorglos eines von De⸗ lancy's Veilchen auf, und flocht es in ihr Haar 58 — blickte wieder nieder— ſah das Papier und las mit ſcharlachrother Wange— Im ſtillen Quellenthal wo ich geboren, Blüh' ich von ſchnödem Hochmuth rein, Zum Schmuck für deine keuſche Stirn erkohren Werd' ich die ſtolz'ſte Blume ſeyn. Nach einer kurzen Pauſe nahm Eliſabeth das Veilchen aus ihren Locken und ſagte—„Selbſt dieſe kleine Blume waͤre ein koͤſtlicher Schmuck, wenn die Liebe ſie pfluͤckte— wenn die Hand der Liebe die Stirne des geliebten Gegenſtan⸗ des damit umwaͤnde. Als mein Vetter Wolf noch daheim war, trug ich oft Blumen. Sagt nicht, daß der moderne Geſchmack allen Schmuck verſchmaͤhe, Monkshaugh.“ 3 „Das heiße ich freimuͤthig geſprochen,“ dachte Delancy.„Der Teufel! glaubt dieſe ſtolze Schoͤnheit, ich bekuͤmmere mich um ſie, oder um ihren Vetter Wolf!“ Laut ſagte er, in bitterem Tone, aber froͤhlich lachend.—„So haben Sie alſo, gleich Mephiboſcheth, grauſamer Weiſe be⸗ ſchloſſen, weder Ihr Haar zu kaͤmmen, noch Ih⸗ ren Bart zu ſcheeren, bis dieſer gluͤckliche Vet⸗ ter Wolf triumphirend aus meinem armen Ge⸗ burtslande Irland zuruͤckkehrt.“ „Herr Delancy,“ ſagte der Laird in ernſtem Tone,„Sie vergeſſen, daß die Damen keine Baͤrte haben. 2 „Sehr wahr,“ erwiederte Delancy,„das iſt einer von den vielen natuͤrlichen Vorzuͤgen, die ſie vor uns Maͤnnern beſitzen.“ 4 „Allein dagegen macht uns der Putz dieſes Haars ſo viel zu ſchaffen,“ ſagte Eliſabeth laͤ⸗ 59 ₰ chelnd und ſich bemuͤhend, die Wirkung der zu großen Ernſthaftigkeit oder Sproͤdigkeit zu ver⸗ nichten, mit der ſie eine Handlung aufgenom⸗ men hatte, die vielleicht nur der Ausfluß einer abſichtsloſen, vorſchnellen Galanterie war und ihr nur wegen des Bewußtſeyns einer beſondern Lage unerwuͤnſe cht ſeyn konnte. „Stille,“ ſagte Delanch, deſſen Stolz jezt ihren Vorſatz, das Vorgefallene als einen unbe⸗ deutenden⸗ Scherz zu. betrachten, unterſtuͤtzen zu muͤſſen glaubte.„Sie wiſſen, der moderne Haarputz iſt fuͤr eine Dame ein wirklicher Ge⸗ nuß. Was ich die Friſirſtunde heiße, iſt, denke ich, fuͤr ein aͤchtes Weib die gluͤcklichſte Stunde des Tags. Ich berufe mich auf ihr ehrliches Gefuͤhl, Madame.“ nuten verſchmolzen. Das Wieſel trat ein, um das Mittageſſen an⸗ zukuͤndigen— ſo hoffte Eliſabeth; da die krei⸗ ſchende Glocke einige Minuten zuvor ihren lez⸗ ten Schrei hatte ertoͤnen laſſen. Sein Geſchaͤft war aber von einer andern Art.“ Frau und — —— 60 8 Herrn Hutchen's Komplimente, und der Wagen befand ſich auf dem Wege, um Herrn Delaney abzuholen, da ſie der Meinung waren, der Re⸗ gen habe ſeine Ruͤckkehr verhindert. Monkshaugh hatte oft die Gewandtheit und Grazie bewundert, mit der gewiſſe Perſonen et⸗ was, deſſen Hoͤflichkeit ſehr verdaͤchtig iſt, ſich erlauben und es doch als eine Handlung unbe⸗ ſtrittener Artigkeit, wo nicht entſchiedener Gefaͤl⸗ ligkeit, geltend machen koͤnnen. Er that dieß auch jezt— da Delanch ſeine Antwort auf dieſe Botſchaft zuruͤckſandte, und zweifelte bloß, ob der Fehler— wenn es je ein Fehler war— nicht an ihm ſelbſt lag, da er, wie es ſcheinen mochte, ſeinem Nachbar Harletillum ſeinen Gaſt abſpaͤnſtig gemacht hatte. Die Stunde des Mittageſſens und der Abend verfloſſen angenehm. Der junge Edelmann ſprach von Irland, ſeinem Geburtslande, mit Einſicht und Geiſt, und jenem geziemenden Grade von Perteilichkeit, den jedermann ſeinem Vaterlande und ſeinen eigenen Geſinnungen waͤhrend ſei⸗ ner Abwefenheit aus demſelben ſchuldig iſt. Eli⸗ ſabeth hoͤrte mit Vergnuͤgen zu, ſtellte manche Fragen auf und ſammelte viel Stoff zu ferne⸗ rem Nachdenken ein. Die Guͤte des Weins, ein frohes, obſchon ab⸗ genuztes Thema, kam ebenfalls zur Sprache, war aber ziemlich bald eroͤrtert. Monkshaugh's Keller fuͤhrte natuͤrlich zu denen ſeines Nachbars Harletillum und im Allgemeinem zu den Ange⸗ legenheiten dieſer Familie.—„Seine Frau iſt⸗ 61 ſo viel ich weiß, eine Bruce von ihrer Mutter her,“ ſagte Delancy. „Brewis— Brewis!“ rief der Laird zornig aus.„So ſchrieben alle ihre Vorfahren den Namen.— Bruce, gewiß! aber eure irlaͤndi⸗ ſche Ohren, Herr Delancy, koͤnnen die Verſchie⸗ denheit der Toͤne nicht unterſcheiden. Eliſabeth, meine Theure, ſprecht das Wort dem Herrn rein und deutlich aus.— Brewis oder Broſe, iſt ein ganz anderer Name, und bedeutet ein gro⸗ bes Gemiſch von Hafermehl und heißem Waſſer. Die Nahrung der niedern Staͤnde; allein ich will Sie durch eine Quittung uͤberzeugen, die ihr Großvater, der alte Gibby Brewis, fur Geld, das er fuͤr die Ausbeſſerung eines Paars Pan⸗ toffeln von meiner ewig verehrten Mutter erhielt, in wunderbarer Haſt, die Lady ein wenig miß⸗ vergnuͤgt uͤber dieſe Albernheit zuruͤcklaſſend. „Das Veilchen iſt alſo keine Lieblingsblume der Dame zu Ernescraig,“ ſagte Delancy ſehr die Stanze, welche die Blumen begleitet hatte, ins Feuer werfend.„Sie ſchaͤtzen die Knospe, welche fruͤher bluͤht und vielleicht baͤlder ver⸗ welkt, hoͤher.“ Der Lady wurde die Muͤhe, auf dieſe dunkle Anrede zu antworten, durch ein furchtbares Ge⸗ raͤuſch erſpart, das an dem Orte vernommen wurde, wo Monkshaugh in einer Plunderkam⸗ 628 mer das wichtige Document ſuchte, das die Fa⸗ milienanſpruͤche der Frau von Hutchen auf im⸗ mer vernichten ſollte. Gewiß, ihn in irgend einem ſpaßhaften Zuſtande anzutreffen, wuͤnſchte Eliſabeth, Delanch moͤchte bleiben, wo er ſich befand; allein er war ihr gefolgt.— Sie fan⸗ den Monkshaugh halb erſtickt in einer Wolke. von Spinnengeweben, alten Papieren und zer⸗ lumpten Flugſchriften, und neben der Leiter zappelnd, die umgeſtuͤrzt war, als⸗ er nach er⸗ folgter gluͤcklicher Erſteigung der oberſten Sproſſe zum Behufe der Aufſuchung des Papiers, das er jezt krampfhaft feſt in der Hand hielt, gleich einem ſterbenden Faͤhndrich, der ſeine Fahne noch feſt umſchloſſen haͤlt, im Herabſteigen⸗ be⸗ griffen war. „Wir werden hier ein wenig von dem Riga⸗ noͤthig haben,“ fluͤſterte Frieſel. „Mein theurer Herr, ſeyd Ihr ſtark beſchaͤ⸗ digt,“ rief Eliſabeth wirklich erſchrocken. „Ein wenig verrenkt in den Huͤften und ein wenig verwundet an den Schienbeinen, Liſa⸗ beth,“ erwiederte der Laird in heldenmuͤthigem Tone, eine zuckende Bewegung machend.— „Aber ſebt, Liſabeth,— ſeht, Herr Delancy! B⸗r⸗e⸗w⸗i⸗s, ſo deutlich, als ein Pikenſchaft.— Sizt meine Peruͤcke ſchief, Fraͤnzchen?— Ein huͤbſches, ſtaubiges, uͤberhimmeltes Zimmer hat Dame Fechnie hier!— Bruce, gewiß!“ Da Harletillum's Familienehren auf dieſe Art von allen Seiten vernichtet waren, ſo hoffte Eli⸗ ſabeth, Monkshaugh werde jezt einige Wochen⸗ 63„ lang unter ſeinen Lorbeeren ausruhen. Dieſe Erwartung war eitel, obſchon ſie durch keine neue offene Handlung des Lairds getaͤuſcht wur⸗ de. Damit aber der Leſer unſere Geſchichte beſſer begreife, iſt es noͤthig, ihn mit der Gril⸗ lenfamilie genauer bekannt zu machen. Sechzehntes Ka pitel. Die Grillenfamille. Herr Hutchen, ſeine Familie und ihre Gaͤſte waren in einem der praͤchtig ausgeſchmuͤckten Geſellſchaftszimmer verſammelt, als Delancy's Botſchaft und Entſchuldigung an Herrn und Frau Hutchen von einem etwas traͤgen Boten. uͤberſchickt wurde. „Sonderbar,“ ſagte Frau Hutchen,„nach all⸗ dem Rumor, den ich machen mußte, um dem Koch das servile de Veau aux a crevice, von. dem Herrn Hutchen ſo viel Aufhebens machte, verſtaͤndlich zu machen.“ „O Mama, ein ſolches Franzoͤſiſch!“ rief. Fraͤulein Juliana, ſich mit veraͤchtlichem Mit⸗ leiden von ihrer Mutter wegwendend⸗ „Mein Franzoͤſiſch, Miß Hutchen, koſtete mei⸗ nen Vater nicht den zehnten Theil des Geldes, das Ihre Mutter das Ihrige gekoſtet hat. Be⸗ muͤhen Sie ſich jezt, da Sie im Beſitze deſſel⸗ 64 ben ſind, einen beſſern Gebrauch davon zu machen, Miß Hutchen, als Ihre Mutter zu beſchimpfen,“ ſagte die mit Recht beleidigte Dame. „Und ich bitte, mir zu erklaͤren, was es denn iſt,“ ſagte Herr John Hutchen, der Juͤngere; „ich ſah es nie an Tomkin's Tiſche, und er hat. den beruͤhmteſten Koch.“ „O! cervelles de veau aux ecrevisses,“ un-⸗ terbrach ihn Juliana, mit einer Miſchung wirk⸗ lichen Uebermuths und afeectirter Sorgloſigkeit; „etwas von Gehirnen.“ „Kalbsgehirn, John,“ ſagte Lady Hariette Copely.„Ich bin erſtaunt, daß Sie das Gericht nicht kennen.— Allein ich bitte jezt, meine theure Frau Hutchen, hatten Sie wirklich einen Ru⸗ mor mit dem Koche?“ „In der That, Lady Hariette, ich ſehe es gerne, daß alle Gaͤſte des Herrn Hutchen zufrieden ind.“ 3 ſ„Mit servile de veau bewirthet werden!— mein junger Vetter iſt der ungezogenſte Menſch; eine ſolche Vergeltung fuͤr eine ſolche Gaſtfreund⸗ ſchaft! allein das Gericht muß nicht verloren ſeyn. Nehmen Sie an, Frau Hutchen, wir ha⸗ ben es morgen aufgetragen: oder, da der Koch jezt ſo gut unterrichtet iſt, daß wir jeden Ge⸗ ſellſchaftstag servile de veau haben.“ Die gnaͤ⸗ dige Frau ſah, daß ihr Pfeil ihr erkorenes Schlachtopfer getroffen hatte. Um die andern Glieder der Familie kuͤmmerte ſie ſich keine Nuß, und in der That, Frau Hutchen nahm ihre Aus⸗ ſprache fuͤr eine Hoͤflichkeit, und Juliana, als. 65 eine reine Unbekanntſchaft mit jener Pariſer Ausſprache, in der Madame Vipont ſie unter⸗ richtet hatte. „Sonderbar!“ dachte Fraͤulein Juliana Hut⸗ chen, ihr Haar vor einem franzoͤſiſchen Pfo⸗ ſtenſpiegel ordnend, der ihre ſchmaͤchtige und ziemlich huͤbſche Geſtalt in einem Kleide von blaßrother, geblaͤmter Gaſe abſpiegelte, das ſie zum erſtenmale trug,— und in dem ſie, nach der Verſicherung ihrer Kammerfrau, wie ein geborner Engel ausſah, wenn ſie ihr nur, als eine beſondere Gunſt, geſtatten wollte, die Mitte der Wange mit dem kleinſten Fleck Schminke, der je in der weiten Welt geſehen wurde, zu beruͤhren.„Sie bitten ſich immer eine alberne Gunſt aus,“ hatte Juliana geantwortet. „So bleiben alſo diejenigen, welche gehen, um zu ſpotten, zuruͤck, um zu Mittag zu eſſen,“ ſagte dieſelbe Lady Hariette Copely, die Frau eines Clienten des Herrn Hutchen, die ſeiner Gaſtfreundſchaft von ihrem Gatten, der bei der Flotte diente und jezt abweſend war, empfohlen, wo nicht anvertraut worden war. Der hohe Geiſt der gnädigen Frau empoͤrte ſich gegen die⸗ ſen Zwang, und es war ihr beſtaͤndiges Stu⸗ dium und Vergnuͤgen, ſich dadurch zu raͤchen, daß ſie die ganze Familie quaͤlte. Der geheime Gedanke der Dame war: Wie ſoll der Sonntagabend bei Hutchen zugebracht werden? Herr Hutchen machte, was er auch im Geheimen denken mochte, keine Bemerkung uͤber das Ausreißen ſeines Gaſtes. In etwas 66 ſtarkem Tone, und mit einem etwas verfinſter⸗ ten Geſichte befahl er bloß, das Mittageſſen augenblicklich aufzutragen. Bei dieſem unheitern Mittageſſen kam nie⸗ mand, um Frau Hutchens Gerichte und Herrn Hutchens Weine, Miß Juliana's Kleid, oder Lady Hariette's beißende Antworten zu bewun⸗ dern; einen Herrn ausgenommen, den Herr Hutchen der gnaͤdigen Frau, bevor er erſchien, als einen Dr. Mallock in nachlaͤßigem Tone er⸗ waͤhnte, der arme Mann that jedoch ſein Moͤg⸗ lichſtes, und Frau Hutchen fand endlich Gefallen an ihm, weil ſie entweder mehr Gutmuͤthigkeit⸗ beſaß, oder minder anſpruchsvoll war, als die audern Damen; wahrſcheinlicher aber, weil der Doctor das Verdienſt ihrer Gerichte beſſer zu⸗ wuͤrdigen wußte, als die Schoͤnheit Juliana's oder ihres Kleides, oder den Witz und die An⸗ muth der Lady Hariette. Lady Harieite begab ſich, nachdem ſie ihrem zaͤnkiſchen Wirthe, den ſie eben ſo ſehr zu ver⸗ abſcheuen begann, als ſie ihn ſelbſt, ſeine Frau und ſeine Tochter ſtets verachtet hatte, ins Ver⸗ ſammlungszimmer zuruͤck, ohne, um dieſe Zeit wenigſtens, einen offenen Friedensbruch herbei⸗ gefuͤhrt zu haben. „Ich bin uͤberzeugt, er wird ſich ganz in Eliſabeth verlieben,“ ſagte Juliana, den Gang ihrer eigenen Betrachtungen laut verfolgendz— „ſie iſt ſo ſchoͤn.“ Fraͤulein Hutchen war eine von jenen jungen Damen, die ſtolz auf eine ungemeine Aufrichtigkeit und Bewunderung ne⸗ 65 benbuhleriſcher Reize ſind, beſonders wenn ſie glauben, daß andern Augen deren keine ſichtbar ſeyen, die man ſehr ausgezeichnet nennen koͤnne. „Wer wird ſich verlieben? in wen?“ ſagte Lady Hariette, ſich von dem Ruhepolſter erhe⸗ bend, in welchem ſie ihre Glieder in eine Stel⸗ lung eleganter Ruhe gebracht hatte.„Wir ſind nicht ganz ungeſchickt im Errathen; allein wir koͤnnen allen den grillenhaften Spruͤngen eines ſo ſchnellfuͤßigen Witzes, wie der Ihrige iſt, nicht ganz folgen.“ „8! Eliſabeth von Bruce und Delanch. Sie iſt eine aͤchte edelmaͤnniſche Schoͤnheit, eine jener vollen, runden, elaſtiſchen Geſtalten.“ „Und ich bitte, mir zu ſagen, was fuͤr eine Art von Ding die Schoͤnheit einer Dame iſt,“ ſagte Lady Hariette, die, obſchon ein ſehr huͤb⸗ ſches Weib, einen Anflug von Wohlbeleibtheit hatte—„etwas, das den feingerundeten flie⸗ ßenden Proportionen einer griechiſchen Bildſaͤule nahe koͤmmt; oder ein anderes Ding, das die Spinnenglieder eines Bildes zeigt, auf das die Moden fuͤr die naͤchſte Nummer des⸗Damenal⸗ manachs geſezt werden ſollen.“ Sie warf ei⸗ nen Seitenblick auf die entbloͤßten ſpitzigen El- lenbogen und die magern nackten Schulterblaͤtter der Miß Julianga. 5 „Jedermann weiß, was man eine edelmaͤn⸗ niſche Schoͤnheit heißt,“ erwiederte Juliana dreiſt. „Ich bin nicht ganz ſo eitel, um mich ſelbſt fuͤr jedermann zu halten, Miß Hutchen,“ ſagte die Dame hochmuͤthig.„Aber ich bitte, Frau 66 Hutchen, iſt dieß die Diana, welche Delancy's Hunde eines Abends aus Artigkeit faſt zerriſſen haͤtten; die Dame, von deren Reizen er mir ein ſo maleriſches Bild entwarf.“ „Dieſelbe junge Dame, das arme Geſchoͤpf!“ ſagte Frau Hutchen;„ſie ſchwaͤrmt verlaſſen und traurig draußen umher; allein in dem Blute der Familie liegt eine erbliche Krankheit. Ich that fuͤr ſie, was ich konnte, Lady Hariette; ſandte ihr eine Gouvernante, ließ ihr eine neue Schnuͤrbruſt verfertigen, und gab mir wirklich Muͤhe mit ihr; allein es werden ſo viele An⸗ ſpruͤche auf meine Zeit gemacht, wie Ihre Gna⸗ den wiſſen werden.“ „Viele Anſpruͤche auf Ihre unſchaͤtzbare Zeit,“ ſagte Lady Hariette ſich tief verbeugend;„und iſt dieſes arme Maͤdchen die Tochter jenes Lords von Bruce, an den ich mich, als an den ſchoͤn⸗ ſten Mann, den ich je zu Pferde ſitzen ſah, ganz wohl erinnere,“ fuͤgte ſie hinzu, ſich an Herrn Hutchen wendend, der ſo eben eingetreten war. „Ihre Gnaden muͤſſen zu jener Zeit ſehr junge Augen gehabt haben,“ erwiederte Hutchen hoͤflich. „Leidet jener ungluͤckliche von Bruce noch an ſeiner Krankheit,“ ſagte Lady Hariette;„und iſt ſeine Tochter mit demſelben Uebel behaftet?““ „Nur leicht— nur leicht!“ rief die aufrich⸗ tige Frau Hutchen. „Aber ihr Vater?“ ſagte Lady Hariette, ihre erwartungsvollen Blicke auf Herrn Hutchen richtend. „Ein erblicher Wahnſinn iſt eine Krankheit, 69 die ſich nicht leicht bezwingen laͤßt, Lady Ha⸗ riette.“. „„Ach nein!“ antwortete ſie ſehr ernſt—„aber ſicherlich wurden und werden noch alle Mittel angewendet. Man verſteht ſich gegenwaͤrtig auf die Behandlung der Geiſteszerruͤttung weit beſſer, als nur vor wenigen Jahren noch. Wer hat die Aufſicht uͤber ſeine Perſon?“ Herr Hutchen verließ das Zimmer, entweder taub, oder mit der eben ſo laͤſtigen Krankheit des Nichtzuhrens behaftet. „Meine theure Lady Hariette, ich fuͤrchte, Sie haben ſich ein wenig geirrt,“ fluͤſterte Frau Hut⸗ chen in einſchmeicheln dem Tone, und die Spitzen ihrer Finger als ſanfte Zurechtweiſung und als Zeichen einer freundſchaftlichen Vertraulichkeit auf die Hand der Dame legend.„Herr Hut⸗ chen, muͤſſen Sie wiſſen, beſorgt die Angelegen⸗ heiten des Lord von Bruce. In der That, die⸗ ſelben haben Herrn Hutchen faſt zu Grunde gerichtet. Er ſpricht nie von ſeinen Angelegen⸗ heiten mit mir; aber ich weiß, die Summen, die er vorgeſchoſſen hat, ſind ungeheuer: die Ausgabe der Narrenanſtalt⸗Sr. Herrlichkeit iſt ungeheuer— ſo groß“—. „Nein, nein! nicht halb ſo groß, als dieß bei andern Anſtalten der Art der Fall iſt,“ un⸗ terbrach ſie Lady Hariette.„Ich weiß, was Sie ſagen wollten, meine theure Frau Hutchen; allein wo in des Himmels Namen iſt dieß an⸗ dere glaͤnzende Bedlams, Schottland iſt nicht 70 ſo breit oder weit, daß wir nicht etwas davon gehoͤrt haben ſollten.“ „Ich weiß es in der That nicht,“ erwiederte Frau Hutchen.„Juliana, wo laͤßt Ihr Papa den Lord von Bruce gegenwaͤrtig verpflegen? Irgendwo an den Seen Englands, Frankreichs oder Lochlomond's, oder ſonſt wo.“ „Der Papa hat es nicht gerne, daß man uͤber dieſen traurigen Gegenſtand ſpricht,“ ſagte Ju⸗ liana,„ſie waren fruͤher Freunde.“ „Und des wuͤrdigen Herrn Hutchens zaͤrtli⸗ ches Gemuͤth verbietet alle Unterhaltung uͤber einen ſeine Gefuͤhle ſo ſehr verwundenden Ge⸗ genſtand.— Ich will ihn verſchonen,“ ſagte Lady Hariette, ihre hoͤhniſchen Augenlieder nie⸗ derſenkend. Der Abend verfloß ziemlich traurig, ungeach⸗ ttet mancher lobenswerther Bemuͤhungen des Dr. Mallock, die Unterhaltung durch gute Spaͤßchen und Anekdoͤtchen derjenigen laͤndlichen Nachbarn, die„Charaktere und wunderliche Kaͤutze“ wa⸗ ren, zu beleben. Herr Hutchen war muͤrriſch und in ſich gekehrt— zu Zeiten faſt grob ge⸗ gen ſeine Frau und Tochter; aber gewiſſenhaft hoͤflich gegen ſeinen hochgebornen Gaſt. Es gibt eine umſchriebene und unaͤchte Art von Wohlanſtaͤndigkeit, die weder der Stolze, der wahrhaft Hoͤfliche noch der wirklich Edel⸗ muͤthige ertragen kann. Die Wohlanſtaͤndigkeit §. B., die ihren eigenen Tiſch mit Leckereien uberhaͤuft, und irgend einem armen Verwand⸗ ten oder Untergebenen, der ganz unten an dem⸗ 71 ſelben Tiſche ſizt, einige armſelige Brocken aus⸗ theilt,— die Wohlanſtaͤndigkeit, die nie unter das Salzfaß hinabgeht, die bewirkt, daß der „hochgebildete moderne, ruſſiſche Edelmann ſeine leckere Gerichte an der Spitze ſeiner Tafel als vein Conſerve fuͤr die privilegirten Staͤnde auf⸗ ſtellen laͤßt; und die zu Hauſe manche liebreiche Alltagshandlungen dictirt, die unſerem gegen⸗ waͤrtigen Zwecke fremd ſind. Lady Hariette Copelh beſaß Stolz, Hoͤflichkeit und Großmuth — alle diejenigen Eigenſchaften, welche dieſe unaͤchte Wohlauſtaͤndigkeit als veraͤchtlich und gehaͤſſig erſcheinen laſſen; und ſie betrachtete die Haͤrte, mit der Herr Hutchen zuweilen ſeine Frau und Tochter in ihrer Gegenwart behandelte, als eine perſoͤnliche Beleidigung, weil ſie in rihrer Gegenwart an den Tag gelegt wurde. Lady Hariette war ſtolz auf die Freimuͤthigkeit ihres Charakters und machte zu keiner Zeit ein Geheimniß aus ihren mißmuthigen oder freund⸗ ſchaftlichen Geſinnungen. Die Geſellſchaft brach, wo nicht erzuͤrnt, doch in jener muͤrriſchen Stim⸗ mung auf, die entweder zur Vergeſſenheit oder zum Kriege fuͤhrt, je nach den Eingebungen der Laune oder der Politik des naͤchſten Tags. Lim naͤchſten Morgen traf Lady Hariette Herrn Delancy in dem Fruͤhſtuͤckszimmer, eh noch ir⸗ gend jemand außer ihnen erſchienen war. Sie waren entfernte Verwandte und ſtanden mit einander auf dem ungezwungenſten Fuße einer feinſittigen Vertraulichteit. „Jezt beruͤhren Sie Ihre Zunge mit irlaͤndi⸗ 72 ſcher Pomade, und ſagen Sie mir, welche Ent⸗ ſchuldigung Sie fuͤr Ihr geſtriges Ausreißen vor⸗ bringen koͤnnen,“ ſagte die Lady,„welche Suͤh⸗ nung einer ſo auffallenden Verletzung unſeres Schutz⸗ und Trutzbuͤndniſſes gegen die Langeweile, und Herrn Hutchen— beſonders da ich erklaͤrt hatte, daß ich faͤhig und dreimal bereit ſey, alle angreifenden Operationen ſelbſt zu uͤbernehmen.“ Delancy ſtattete ihr einen lebhaften Bericht von ſeinem Beſuche ab. „O dieſer treffliche Nonkshaugh 1 Dieſe Worte ſchwebten auf ihren lachenden Lippen, als Herr⸗ Hutchen erſchien, und ihr zu ihrer ungewoͤhnli⸗ chen Lebhaftigkeit an dieſem Morgen Gluͤck wuͤnſchte. „Wie koͤnnte ein ſterbliches Weib laͤnger ſchla⸗ fen, unbekannt mit der Exiſtenz der Effie Fech⸗ nie, des Franz Frieſel, des Gog und Magog, der Jakobina Pingle, und— weſſen ſonſt noch, Delancy,— Ihrer Dianas.“ „ Die Dame, auf welche Ihre Gnaden an⸗ ſpielen, muß aus dem Spiele gelaſſen werden,“ ſagte Delancy in ernſtem Tone. „Sie haben Recht, Delancy,“ bemerkte Lady Hariette,„das ungluͤckliche Maͤdchen iſt kein Ge⸗ genſtand des Scherzes. Aber die Wahrheit ge⸗ ſprochen, Herr Hutchen, ich betrachte es als das groͤßte Ungluͤck meines Lebens, daß Ihre elenden Prozeſſe uns jede Verbindung mit dieſer treff⸗ lichen Familie abſchneiden. Ertheilen Sie mir die Vollmacht, um Frieden oder Waffenſtillſtand nachzuſuchen.“ „Der 73 „Der Weg nach Monkshaugh liegt weit und offen vor Ihrer Gnaden,“ ſagte Hutchen, zu ſehr beleidigt, als daß er haͤtte hoͤflich ſeyn koͤn⸗ nen.„Und ich werde auch nicht ſaͤumen, es zu beweiſen,“ entgegnete die ſtolze Dame.„O, Delancy! haͤtte ich doch ein Weniges von Ihrer gefaͤlligen Unverſchaͤmtheit!“— Lady Hariette wuͤnſchte zu zeigen, daß ihr Geiſt zu erhaben ſey, um durch die Angriffe eines ſo niedrigen Gegners, wie dieſer Hr. Hutchen war, verlezt zu werden; ſie fuhr daher fort—„Soll ich eine ſchottiſche Verwandtſchaft mit Monkshaugh's Ahnen vorſchuͤtzen, oder unter den alten gruͤnen Steineichen vom Pferde ſtuͤrzen;— ich wundere mich, daß Sie keine alten Baͤume auf ihrem prächtigen Landgute hier haben, Herr Hutchen? — oder bitten, den ſchwarzen Bart des großen Marquis kuͤſſen zu duͤrfen?— oder halt— Sie ſagten, Herr Hutchen— er waren Sie es, Delanch?— es befinde ſich.. Monkshaugh ein ſeltenes altes Gemaͤlde— ein Teufels⸗ oder Hexentanz.“— Herrn Hutchens finſtere Stirne wurde duͤſter⸗ roth. Er ließ, nach Jakobina's Aeußerung,„die zuſammengezogenen Braunen ſeiner Großmutter nieder,“ bis der Ausdruck ſeines Geſichtes wild, ſataniſch und woͤlfiſch wurde; aber er ſagte kein Wort. „Der Teufel herrſcht in der boshaften Zunge Ihrer Gnaden,“ dachte Delancy.„Hier iſt eine Frau, und zwar keine boͤsartige— die, wenn ſie nur herausſagt, was ſie zu ſagen Eliſ. von Bruce. II.„. wuͤnſcht, ſich nichts darum bekuͤmmert, welche Feuerbraͤnde und toͤdtliche Pfeile ſie um ſich wirft, und welches Verderben ſie ſich ſelbſt und andern bereitet. Ihr Gatte iſt in nicht gerin⸗ gem Grade in der Gewalt dieſes trefflichen Hutchen— und in dieſem Falle befindet ſich auch, fuͤrchte ich, der arme alte Grahame.“ „Beide ſtumm, mein Herr,“ ſagte Lady Ha⸗ riette.„Sie wenigſtens, Herr Hutchen, die Sie ein ſo competenter, ſo trefflicher Richter in den Kuͤnſten ſind, koͤnnen mich ſicherlich belehren, ob dieſes beruͤhmte Stuͤck die Muͤhe eines Mor⸗ genbeſuchs lohnt.“ Daß Herr Hutchen es wagen ſollte, ihre Ironie zu verſtehen, oder gar darauf zu antworten, lag nicht im Kreiſe der Berechnung der Dame; und ihr weibliches Herz zagte innerlich, eine ſo ſtolze Miene ſie auch aͤußerlich zeigte, als er alſo begann: „Ich will mich nicht ſtellen, als verſtaͤnde ich Ihre Gnaden nicht. Ich verſchmaͤhe dieſe arm⸗ ſelige Ausflucht. Ich bin kein Mann von ho⸗ her Geburt; doch haben meine Frau und Toch⸗ ter die Ehre, Lady Hariette Copely als ihren Gaſt zu bewirthen. Ihr Gemahl, Sie ſelbſt, und manche andere Perſonen von demſelben vornehmen Stande, haben mir gnaͤdige Beweiſe von Guͤte ertheilt, die ich nie vergeſſen kann.“— „Sich herabgelaſſen, Ihr Geld zu borgen,“ dachte Delancy. „Beweiſe,“ fuhr Herr Hutchen fort,„die mich gelehrt haben, die Unterſchiede der Geburt 75⁵ allzuſehr zu vergeſſen, vielleicht zu verachten, und die Energie ſo wie den Unternehmungsgeiſt, die trotz ihnen ſich Bahn brechen, zu uͤberſchaͤ⸗ tzen; doch dieſer verzwergte Ableger des ſchotti⸗ ſchen Adels— dieſer ſchwache, elende Bettler, der durch meine Menſchlichkeit und Geduld al⸗ lein unter dem Dache ſeines Vaters bleiben, oder einen Sixpence behalten darf, um ſich damit guͤtlich zu thun— dieſer Herr Robert Graham — dieſer Edelmann!— wendet ſeine muͤßigen Stunden dazu an, und fordert ſeine halb ver⸗ hungerte Dienerſchaft auf, meine niedrige Geburt, ſelbſt in Gegenwart meiner Gaͤſte, ins Laͤcherliche zu ziehen, und das gemeine Geklatſch und die boshaften Verlaͤumdungen des niedrigſten Dorf⸗ poͤbels in Umlauf zu bringen. Ich werde Sorge dafuͤr tragen, Herrn Grahame eine neue Scene und geeignetere Zuhorer, als Ihre Gnaden, zu verſchaffen.“ „MNeine Gnaden fuͤhlen ſich Ihrer Hoͤflichkeit jeden Augenblick ſtaͤrker verpflichtet,“— ſagte Lady Hariette, bereit, den Unwillen an den Tag zu legen, den ſie in laute Leidenſchaft ausbre⸗ chen zu laſſen verſchmaͤhte.„Darf ich hoffen, daß jene vorherrſchende Eigenſchaft im Charak⸗ ter des Herrn Hutchen ihm ins Gedaͤchtniß rufen wird,— was er gaͤnzlich vergeſſen zu haben ſcheint,— daß naͤmlich Lady Hariette Copely ihre Angelegenheiten nach ihrem eigenen Gut⸗ duͤnken ordnet, obſchon er der Geſchaͤftsmann des Kapitaͤn Copely iſt. Delanch, haben Sie die Guͤte, Ihren Wagen in einer halben Stunde 4** 76 in Bereitſchaft fuͤr mich halten zu laſſen. Ich muß die Gelegenheit, Monkshaugh zu beſuchen, benutzen, ſo lange ich kann.“ „Ihre Gnaden moͤgen nach Ihrem Belieben verfahren,“ ſagte Hutchen, in einem Tone, der zu ſagen ſchien—„und um Ihr Belieben kuͤm⸗ mere, ich mich keine Nuß.“ „Es waͤre ungerecht gegen mich ſelbſt und gegen Herrn Grahame von Monkshaugh gehan⸗ delt, wenn ich laͤnger ſchwiege,“ ſagte Delancy. „Ich bekenne beſchamt, daß ich albern genug war, eine Klatſchgeſchichte anzuhoͤren, die das Landvolk und das Haushaltsgeſinde in Monks⸗ haugh ſich von einem gewiſſen Gemaͤlde erzaͤh⸗ len. Aber ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, Herr Hutchen, daß dieſe Geſchoͤpfe, die ich in einer Anwandlung von froͤhlicher Laune der Verſchwiegenheit der Lady Hariette—(„Zer Schwatzhaſtigkeit der Lady Hariette,“ fuuͤſterte die Dame, ruhig laͤchelnd)— der Schwatzhaf⸗ tigkeit der Lady Hariette anvertraute;— die gluͤcklichere Wortwahl Ihrer Gnaden wage ich nicht zu beſtreiten,“ ſagte Delancy, ſich gegen ſie verbeugend;“— daß dieſe armſelige Ge⸗ ſchichte mir bloß von einem Bedienten erzaͤhlt wurde; wahrſcheinlich kam ſie Herrn Grahame nie zu Ohren; wenigſtens bin ich uͤberzeugt, daß ſie nie uͤber ſeine Lippen gieng— ich bin tief beſchaͤmt daruͤber.* „Was Ihnen auch Herr Grahame geſagt ha⸗ ben mag, immerhin mache ich auf das Vorrecht Anſpruch, hinſichtlich deſſen, was er ſagen mag 77 oder nicht, meinem eigenen Rathe zu folgen,“ ſagte Hutchen, ſeinen Platz an dem Fruͤhſtuͤck⸗ tiſche einnehmend. Lady Hariette fuͤhlte ſich jezt wegen ihrer Voreiligkeit beunruhigt, und bereute ſie ſogar im Geheimen, in ſo weit ſie wenigſtens Monks⸗ haugh mit einer Perſon verfeindete, die, wie ſie merkte, bloß auf den erſten ſcheinbaren Vor⸗ wand lauerte, um an ihm eine laͤngſt beſchloſ⸗ ſene Rache wegen einer Menge kleinlicher Be⸗ leidigungen und Beſchimpfungen zu raͤchen. Sie laͤchelte erzwungenerweiſe, naͤherte ihren Stuhl dem Fruͤhſtuͤcktiſche und ſagte:. „Ich habe gehoͤrt, Herr Hutchen, daß der, welcher ſein eigener Rathgeber iſt, einen Narren zum Clienten hat! Ich fange an, zu glauben, daß dieß in meinem eigenen Falle ſo ſeyn mag. Begraben wir deßwegen dieſes Geſpraͤch uͤber den alten Grahame unter dieſen Haufen Platt⸗ ſemmel, oder erſaͤufen wir es in dieſem See von— Thee oder Chocolade?— was ſoll ich Ihnen einſchenken, Herr Hutchen?“— Herr Hutchen ſagte„Kaffee;“ allein ſeine Stirne war noch ſtets umwoͤlkt: und daß man ihrem erſten, wenn auch noch ſo geringfuͤgigen Schritte, den ſie— die Tochter eines Pairs vom hoͤch⸗ ſten engliſchen Adel, die Enkelin eines Herzogs — zur Wiederausſoͤhnung mit„dieſem Herrn John Hutchen“ that, nicht mit dem freudigſten Danke entgegen kam, war eine unverzeihliche Unverſchaͤmtheit— und ohne eine Muskel ihres Geſichtes zu veraͤndern, obſchon ein feines Ohr 7³ eine leichte Veraͤnderung in ihrer Stimme haͤtte entdecken koͤnnen, fuhr ſie fort—„was werde ich die Ehre haben, Herrn Hutchen einzuſchen⸗ ken, da die gute Frau Hutchen und die theure Juliana die ſuͤßen Einfluͤſſe, die ſie in der vo⸗ rigen Nacht ausgoſſen, dieſen Morgen ſo lange zuruͤckhalten, daß ich gezwungen bin, ihren Platz zu uſurpiren.“ Die Verſtandesſchwaͤche ſeines Weibes und die Thorheit ſeiner Tochter waren Punkte, uͤber die es ſich mit dem ſtolzen Hutchen nicht leicht ſcherzen ließ. Der Ton, in welchem Lady Hariette ſprach, ſtimmte zu ſehr mit ſeiner eigenen Wuͤrdigung der Berdienſte dieſfer nahen Verwandten uͤberein, als daß er ihn nicht als Beleidigung der tiefſten Art haͤtte aufnehmen ſollen. Er biß ſich in die Lippen, nahm den Thee an, den ihm die Lady vermoͤge eines abſichtlichen Irrthums anbot und beobachtete ein omindͤſes Stiliſchweigen. Delanch ſtand in einiger Entfernung, und wartete auf den Eintritt der Dame der Familie, um ſein Fruͤhſtuͤck zu beginnen.„Das iſt jezt,“ dachte er,“ ein aͤchter Suͤndenfall der Mutter Eva. Ich zweifle nicht, daß ihr beſſeres Gefuͤhl ihr den Anfang dieſes leztern Satzes eingab; allein in demſelben Geiſte zu enden, wenn ſie inzwiſchen im Geringſten erzuͤrnt wurde, über⸗ ſtieg die Seelenkraͤfte der Dame. Wer will be⸗ haupten, daß in der Structur der Seele des Mannes und Weibs keine urſpruͤngliche Ver⸗ ſchiedenheit herrſche? Hier ſizt der Mann, ernſt⸗ haft, ſchweigend, racheſinnend und unverfoͤhn⸗ 79 lich; und hier das Weib, ihren Schooshund fuͤtternd, zitternd, und doch frohlockend uͤber den Erfolg ihrer Unverſchaͤmtheit, bereit, ihr Haar zu zerraufen, wenn ſie mit all ihren Folgen be⸗ kannt gemacht werden wird, und eben ſo bereit, dieſelbe Thorheit auf dieſelbe Gefahr hin, in den naͤchſten fuͤnf Sekunden zu wiederholen.“ Und ſo geſchah es auch. Frau Hutchen und ihre Tochter traten in das Zimmer; und nachdem die Lady die Complimente des Morgens und Ent⸗ ſchuldigungen wegen des Beginnens des Fruͤh⸗ ſtuͤcs in dem uͤberſtroͤmenden Maße abgeſt it et hatte, das, von der Enkelin eines Herzogs her ruͤhrend, die Frau des Herrn Hutchen ganz uͤber waͤltigte, ſagte ſie:„Es freut mich, daß Sie erſchienen ſind, meine theure Frau Hutchen— Juliana, meine Beſte, warum ſo blaß dieſen Morgen?“— Julianas Roſen waren friſch von der Schminke ihrer Kammerfrau; und Lady Hariette wußte wohl, daß dieß eine Verſchoͤne⸗ rungskunſt war, die Herr Hutchen an ſeiner Tochter verabſcheute—„keine beſondere Urſache hoffe ich?— O! nein— wie ich ſehe.— Gut, meine theure Frau Hutchen, es freut mich, ſage⸗ ich, daß Sie gekommen ſind, um die Vermitt⸗ lerin zu ſpielen; denn Sie ſehen mich und Ihren Gebieter auf dem Punkte, einander in die Haare zu gerathen, weil ich, wie er vermu⸗ thet, ſeine weiblichen Verwandten fuͤr Schwarz⸗ küuͤnſtlerinnen ausgab. So helft mir! Hecate, Jean Wear, Hexe von Endor, Lady Stair, und jede Zauberin der alten oder neuen Welt, ſo 80 wahr ich nie dachte oder mir einbildete, daß Frau Hutchen eine Hexe ſey— oder Juliana auch nur einen Gran von dem Blute eines Beſchwoͤrers in ſich trage.“ 3 „Hexerei!“ rief Frau Hutchen aus—„Gro⸗ ßer Gott, Herr Hutchen, wer hat mich je fuͤr eine Hexe gehalten! Mein Beſter, Sie haben wiſſen muͤffen, daß Lady Hariette ſcherzte.“ „Die lachen am laͤngſten, welche zulezt la⸗ chen, Lady Hariette Copely,“ ſagte Hutchen, und machte ſeine Verbeugung. Wiederum zagte das ſeige Herz der Lady; denn ihr Muth war bloß der Muth eines Buſchfechters. Sie focht hinter dem Schutze ihres Geſchlechts und Rangs, und fuͤrchtete das offene Feld⸗ Siebenzehntes Kapitel. — Am Abend dieſes Tages wurde Delancy durch ſeinen Unſtern verleitet, Eliſabeth von Bruce's Geſchicklichkeit im Reiten zu bewundern, und am naͤchſten Morgen erſtaunte er nicht wenig, als er Fraͤulein Juliana in gelben Stiefeln, und mit ſchwarzen Federn fand, bereit ſich zur Jagd⸗ geſellſchaft der Gentlemens zu geſellen. Am naͤchſten Morgen wurde Juliana auf einem Pferchkarren mit unzaͤhligen Quetſchun⸗ gen nach Hauſe gebracht, und Dr. Mallock ſprach 81 ſehr gelehrt von einer Verrenkung des Kinn⸗ backens. 3 „Sie haben endlich Hutchens Gaſtfreundſchaft belohnt,“ ſagte Lady Hariette zu ihrem jungen Vertrauten.„Wie?— Dadurch, daß das Maͤd⸗ chen dieſen Sprung that. Es war achte ſtark⸗ herzige Menſchlichkeit— in weniger als einer Woche wuͤrde ſie an einem Fieber gelitten ha⸗ ben— jezt wird ſie einen kleinen Zwiſchenraum von Ruhe genießen, die arme theure Seele, um ſich wieder zu erholen.“ „Ihre Gnaden ſchlagen meine niedrige Dienſte ſtets zu hoch an. Sie that den Sprung aus eigenem Antrieb. Wenn er ſie oder irgend eine Dame von dem laͤcherlichen Beſtreben heilt, Liebe fur die Jagd zu affectiren, ſo iſt eine Woche 8 Bett zugebracht, eine nuͤtzlich angewandte Zeit.⸗⸗ „Aber hier kommt Papa und Mama, Herr Delaney; der erſtere ziemlich muͤrriſch. Ich ver⸗ laſſe Sie, damit Sie Ihren Frieden mit ihm machen.“ Die Dame entwiſchte durch eine Sei⸗ tenthuͤr, als die Eltern der Juliana einteäten „Wie konnten Sie zugeben, Herr Delancy,“ ſagte die Mutter,„daß meine achtloſe Juliana ſich ſo in Gefahr begab?“ Delancy brachte Erklaͤrungen und Entſchuldi⸗ gungen vor, und Herr Hutchen begab ſich in ſein ſogenanntes Geſchaͤftszimmer. Frau Hut⸗ chen bat Herrn Delancy, er moͤchte allein fruͤh⸗ ſluͤcken, und folgte ihrem Gebieter, um ihn zum Beſten der armen Juliana zu beſaͤnftigen. Ent⸗ 82 weder war die Scheidewand beſönder⸗ duͤnn, oder Herr Hutchen ſprach lauter als gewoͤhnl ich; denn Delancy hoͤrte alles, was drinnen vorging. Lady Hariette geſellte ſich wieder zu ihm. „„Sie machen einen Narren aus dieſem Maͤd⸗ Ilchen, Frau, und ihr werdet es beide bald ſo finden“, ſagte Herr Hutchen.„Ich mache ei⸗ nen Narren aus ihr, Herr Hutchen? Ich bin ſo frei zu erklaͤren, daß Juliana Hutchen ge⸗ nug von dem Temperamente der Familie ihres Vaters l 5zt, Herr Hutchen, um dieſe Aufgabe gaͤnzlich loſt zu uͤbernehmen. Allein, was wol⸗ len Sie von ihr? Wozu haben Sie ſie erzogen 2 Iſt ſie nicht ſchoͤn, bewundert, geſittet, alles, was der zaͤrtlichſte Vater an ſeinem Kinde wuͤnſchen dnnte ⸗ 277 — Hutchen beſaß nichts von der gutgelaunten Eitelkeit und Selbſtſucht ſeiner ſchlichten Frau. Sein Stolz verlangte von ſeiner Tochter, was dh. Natur ihr verſagt hatte; und dieſer ſtolze Geiſt fuͤhlte dieß mit bitterem Aerger.—„Allein was nuͤzt all' dieſe Bewunderung, von der Sie — mir ſagen,“ verſezte er—„Wohin zielt ſie? Sie bezahlt nicht, ſage ich Ihnen.“ Dieſe Aeußerung wich ſo ſehr von der ge⸗ woͤhnlichen Denk⸗ und Sprechart des ſtolzen und feinſittigen Herrn Hutchen ab, daß man ſich nicht wundern durfte, wenn Frau Hutchen ausrief:—„Großer Gott! Was fuͤr eine Phraſe wenden Sie auf Ihre Tochter an, Herr Hut⸗ chen! Ehe ſie ſich allem unterwuͤrfe, was dieſe kraͤnkende Meinungi in ſich faßt, wuͤrde, ich bin es 83 uͤberzeugt, Juliana“— Frau Hutchen konnte nicht ploͤtzlich beſtimmen, was ihre Tochter thun wuͤrde, um ihr Zartgefuͤhl zu beweiſen und ihre Wuͤrde zu behaupten. 4 „Pah! Frau Hutchen,“ erwiederte der Gent⸗ leman,„das Maͤdchen iſt denn doch kein gaͤnz⸗ licher Dummkopf. Sie iſt ganz ſo bereit zum Heirathen, als ihre Mutter es je war.“ „Himmel! Herr Hutchen.“ „Und je baͤlder ſie auf eine anſtaͤndige Weiſe untergebracht wird, deſto beſſer,“ ſagte der Va⸗ ter mit Nachdruck. 8 „Auf eine anſtaͤndige Weiſe!— Welcher Aus⸗ druck wieder.— Nein Herr Hutchen, meine Juliang waͤre, wenn ſie auch bloß das Vermoͤ⸗ „ gen ihrer Mutter beſaͤße, ſicherlich berechtigt, ſo⸗— wohl auf Reichthum, als auf Connerion zu ſehen— ja auf Con nexion, Herr Hut⸗ chen, und tisfer wird ſie ſich nicht herablaſſen. Ich befuͤrchte nicht, daß meine Juliana in die ungluͤckliche Narrheit verfallen wird eine unſchickliche Weiſe zu verlieben.“ „Je baͤlder Sie dann von dieſem jungen Bur⸗ ſchen loskommen, deſto beſfer iſt es.“(„Wen kann dieß angehen?“ fuͤſterte Frau Hariette ih⸗ rem Geſellſchafter lachend zu).„Wenn er ſich eine Ruß um Ihre Tochter bekuͤmmert hatte, ſo haͤtte er ſie nie und nimmer dieſen Sprung thun laſſen,“ fuhr Herr Hutchen fort. „Sie muͤſſen verſuchen,“ fluͤſterte Lady Ha⸗ riette,„ob das beſandete Sprechzimmer von Grahame Arms nicht fuͤr ſie baßt, bis Ernes⸗ „ ſich auf A 84 craig Tower fuͤr ſie eingerichtet iſt, Delancy. Sie begreifen, daß Herr Delancy ebenſowohl ein Geſchaͤftsmann, als ein feinſittiger Herr iſt, und gerades Wegs auf ſein Ziel losgeht.“ De⸗ lanch beendigte ſein Fruͤhſtuͤck ſchnell und ließ die Dame den Reſt des ehelichen téte Atéte al⸗ lein genießen. Indeſſen erholte ſich die ſchoͤne Patientin, de⸗ ren Wunden mehr unedel als gefaͤhrlich waren, mit Huͤlfe ihrer Mutter und des Dr. Mallock, dem Apollo mehr als eine feiner Gaben verlie⸗ hen hatte, von den Folgen des ungluͤcklichen Abenteuers; und als Herr Hutchen am folgen⸗ den Tage die Rookſtoweer⸗Zeitung, die friſch und rauchend auf den Fruͤhſtuͤcktiſch gelegt wurde, in die Haͤnde nahm, ſo bemerkte Lady Hariette —„Herr Hutchen, Sie finden ſicherlich etwas beſonders Intereſſantes in dieſem Blatte. Ich bitte Sie, theilen Sie es mir mit.“ „Anzeigen, Ihre Gnaden, ich jage ſtets, wie Sie ſagen, nach „mangelnden Geldern und zum Verkaufe ausgeſezten Guͤtern— „Und hier— iſt ein verteufelter Irrthum?“ Er eilte in ſein Buͤcherzimmer, das anmittelbar an das Sehisceſerde anſtieß, knitterte dann das trocknende Papier in wilder Leidenſchaft mit krampfhafter Hand zuſammen und warf es ins Feuer. „Die Einfaltspinſel!— die viehiſchen, hand⸗ greiflichen Narren!“ rief er aus—„die ſich felbſt zum Spott und Hohn des Landes machen? Wetzwegen habe ich gearbeitet,— weßwegen — — 85 muͤhe ich mich ab? und— und— weßwegen? — um Reichthuͤmer fuͤr einen Toͤlpel und Un⸗ verſchaͤmten zuſammen zu haͤufen, einzig und allein um ihre Thorheit und meine Schande deſto augenſcheinlicher zu machen. Und auch dieſes verdammte, unverſchaͤmte Weib! Wenn ihr boshaftes Auge darauf fiele 16 Die ganze Urſache von Herrn Hutchens uͤber⸗ triebener Wuth war blos ein„netter Naragraph“ in der Zeitung, in dem Dr. Mallock, ſeiner Meinung zufolge, ſeinen ganzen Witz erſchoͤpft hatte. Er lautete wie folgt:— „Mit der tiefſten Betruͤbniß uͤbernehmen wir heute das traurige Geſchaͤft, unſern zahlreichen Leſern einen ſchrecklichen Vorfall zu berichten, welcher der ſchoͤnen und gebildeten Miß Juliana von Bruce Hutchen begegnete, als ſie von einem Pferchkarren herabſprang, als ſie geſtern Mor⸗ gen, in Begleitung des ehrenwerthen Herrn Friedrich Delancy, und der ausgezeichneten Ge⸗ ſellſchaft, die ſich gegenwaͤrtig der Gaſtfreund⸗ ſchaft ihres Vaters, des Herrn Hutchen, auf deſ⸗ ſen ſchoͤnem Landſitze, erfreut, den Hunden folgte. Die Aufmerkſamkeit und Aengſtlichkeit des Herrn Delancy kannten keine Graͤnzen. Von ihm be⸗ gleitet, wurde die ſchoͤne Leidende in einer Saͤnfte ſorgfaͤltig nach der Wohnung der Grillen⸗ familie gebracht und die beſte aͤrztliche Huͤlfe alsbald geleiſtet.“* „Wir ſind ſo gluͤcklich, melden zu koͤnnen, daß, obſchon dieſer klaͤgliche Vorkall, die Froͤh⸗ lichkeit der umliegenden Grafſchaften verduͤſtert 1 86 hat, ſo wie auch Herrn Hutchens großes Diner, das auf den 10ten des laufenden Monats, und das fète-champélre der Frau Hutchen, das auf den 11ten feſtgeſezt war, unvermeidlich verſcho⸗ ben werden mußte,— doch die Schoͤnheit der jungen Dame, in Folge der Geſchicklichkeit und unablaͤßigen Sorgfalt des Dr. M— des Fa⸗ milienarztes, hoffentlich durch keinen bleibenden Mackel verdunkelt werden wird; und daß ſie den iſten aͤrztliche Erlaubniß haben wird, auf ihre leichten phantaſtiſchen Zehen zu treten, ſo lie⸗ benswuͤrdig und intereſſanter, als je. Die ſchoͤne Leidende hat ihre Quetſchungen mit bewunderns⸗ wuͤrdiger Standhaftigkeit ertragen. Die muͤtter⸗ liche Zaͤrtlichkeit linderte indeſſen ihre Schmerzen und die Dunkelheit ihres Krankenzimmers wurde durch jene Strahlen geſellſchaftlichen Witzes er⸗ leuchtet, die beſtaͤndig durch jede Atmoſphaͤre ſchießen, die durch die Gegenwart der Lady H— te C— y erhellt wird. Die ſtandesmaͤ⸗ ßigen Erkundigungen bei der Grillen familie ſind zahlreich geweſen.“. Herr Hutchen war ein ehrgeiziger, ein prah⸗ leriſcher, ja ſelbſt ein eitler Mann; aber er war mehr ſtolz als eitel. Er hatte einen beſſeren, oder wenigſtens kluͤgern Verſtand, als die au⸗ dern Mitglieder ſeiner Familie und er kannte die Welt. Sein Stolz unterwarf ſich ſeinem Weibe und ſeiner Tochter nicht, die in der ach⸗ tungswerihen Zuruͤckgezogenheit des Kreiſos blie⸗ ben, in den die Natur ſie geſtellt hatte; allein das abwechſelnde Ziehen, Treiben und Hemmen, 87 deſſen es bei ihrem Emporſteigen nach dem Punkte bedurfte, nach dem ſein Ehrgeiz trach⸗ tete, war fuͤr ihn die Ouelle eines immerwaͤh⸗ renden Verdruſſes. Mit den aͤußern Kennzei⸗ chen von Wohlhabenheit, die ſeine Familie zur Schau trug, war er ziemlich zufrieden. Juliana war elegant und modiſch in ihrem Anzuge; ihre Mutter aufwandsvoll und verſchwenderiſch. Sein beſſerer Geſchmack bemerkte zwar in ihrem An⸗ zuge, und beſonders in ihrer raſchen Annahme und eifrigen Vertheidigung jeder neuen unerprob⸗ ten Erfindung in Sachen der Kleidung, Moͤ⸗ beln u. ſ. w. eine gelegentliche Hinneigung zu poͤbelhafter Uebertreibung. Allein die verſchwen⸗ deriſche Ueppigkeit eines uͤbermaͤßigen Reichthums wird in einem reichen Lande ſtets ſeine eigene Entſchuldigung mit ſich fuͤhren. Herr Hutchen war in der That erfreut beim Anblicke ſeiner mit franzoͤſiſchen Stoffen, franzoͤſiſchen Spiegeln, reichen Teppichen, ſeidenen Ruhepolſtern praͤch⸗ tig gebundenen Buͤchern, feine Gemaͤldeſamm⸗ lungen und Sehenswuͤrdigkeiten aller Art koſt⸗ bar ausgeſchmuͤckten Verſammlungszimmer; aber furchtbar war ſeine Wuth, wenn feine entzuͤckte Gemahlin ihren Beſuchern Bewunderung fuͤr die⸗ ſen Schmuck ſeiner neugebornen Groͤße einzu⸗ floͤßen ſuchte. Sein ungemeſſener Stolz mußte in dem Glauben eingelullt werden, daß dieſe Koſt⸗ barkeiten ein Theil von ihm ſelbſt, durch ein natuͤrliches Recht und Erbe verliehene Dinge waren; und doch fuͤhlte Herr Hutchen bei allem dem einen duͤnkelhaften Stolz in der talentvollen d 88 und geſchaͤftigen Energie, ſo wie in dem Unter⸗ nehmungsgeiſte, wodurch er ſich zu dem neuen Range emporgeſchwungen hatte. Die einzigen Zimmerzierden, die er ſeinen Gaͤ⸗ ſten je zeigte, waren das Karnieß des Speiſe⸗ zimmers, das geſchmackvoll reich und angemeſ⸗ ſen war,— der junge Bacchus, tanzende Nym⸗ phen, und Kraͤnze von Traubenlaub, das durch ſeine treffliche Sculptur ſich auszeichnende Ka⸗ minſtuͤck ſeines Paradezimmers, und der Roſt deſſelben Gemachs, der, wie er ſagte, von ſeinem Freund, Profeſſor— nach philoſophiſchen Grund⸗ ſaͤtzen eingerichtet worden war.“ Herr Hutchen gehoͤrte, ungeachtet des Geſpoͤtts der Lady Hariette Copely und des Lairds von Monkshaugh, nicht zu den friſchen, im Miſtbette der Handelsſpekulationen raſch— aufgeſchoſſenen, Produkten. Er hatte eine liberale und ſolide Erziehung genoſſen und die Geſchichte ſeiner Fa⸗ milie, ſeit drei Generationen, war die Geſchichte der Handels⸗Fortſchritte Schottlands. Sein Groß⸗ vater, Mattheus Hurcheon, der Sohn der be⸗ ruͤchtigten Hexe, begann zwar ſeine eommerzielle Sli d 9 9 3 Laufbahn als bloßer Saizkraͤmer, allein nach und nach erweiterte er ſein Geſchaͤft, indem er ſich durch die Vorausſicht, den Unternehmungsgeiſt und die Scharfſicht ausgezeichnete, die in ſeiner Familie eine Zeit lang erblich zu ſeyn ſchienen. Sein Vater war ein ausgezeichneter Proviant⸗ haͤndler im Weſten von Schottland, und ſoll bei ſeinem Tode, John, ſeinem aͤlteſten Sohne 25,000 Pf. und den elenden Sumpfboden, der 5 07 ihm den Titel Harletillum gab, hinterlaſſen ha⸗ ben.“— Ein zweiter Sohn wurde ein weſt⸗ indiſcher Kaufmann und ließ ſich in Liverpool nieder; ein dritter ein Boͤrſenmaͤkler und ein vierter ein ſchottiſcher Deſtilirer,— lauter unter⸗ nehmende und reiche Maͤnner.. Der Reichthum der Familie war durch Maͤ⸗ ßigkeit und geduldige Aufhäufung erworben wor⸗ den, Herr John Hutchen war einen Schritt wei⸗ ter gegangen. Er lebte mit einer Pracht, die ſelbſt den Reichſten des Landadels ſeiner Nach⸗ barſchaft fremd war. Seine Huͤlfsquellen ſchie⸗ nen unergruͤndlich— die Geldanerbietungen, die er ſeinen in Verlegenheit gerathenen„laͤndlichen Freunden,“ machte, freiſinnig und edelmaͤnniſch; bis endlich die Halfte der benachbarten Landguͤ⸗ ter ihm verpfaͤndet war, wo er ſich nicht im wirklichen Beſitze derſelben befand. Herr Hutchen hatte vernuͤnftiger Weiſe hoffen duͤrfen, ſeine Tochter vortheilhaft zu verheira⸗ then; allein in Betreff ihrer hatte er ſchon fruͤhe ſeine eigenen Plane entworfen. Der Charakter ſeines einzigen Sohns John beſtaͤrkte ihn in ſei⸗ nem Vorſatze. In einem gewiſſen Zeitpunkte ſeines Wachsthums, ja im Zenith ſeines Gluͤckes ſelbſt, wenigſtens dem aͤußern Anſcheine nach, begann Herr Hutchen zu fuͤhlen, daß nicht alles recht war.„Er hatte,“ nach der gemeinen Re⸗ densart„zu viel Eiſen und Feuer,“ als daß er es, in dem kuͤhlen, vorſichtigen Schottland, al⸗ les zugleich haͤtte warm erhalten koͤnnen.— „Lord von Bruce, bemerkte man in der Nachbar⸗ 90 ſchaft,„hatte jezt ſchon achtzehn Jahre von der Welt entfernt gelebt, und ſeine Schulden hatten ſich um keinen Heller verringert— Monks⸗ haugh ritt auf einem alten Rothſchimmel im Angeſichte der verſchiedenen glaͤnzenden Equipa⸗ gen ſeines fruͤheren Curators in die Kirche und auf den Markt— und Kapitaͤn Wolf Graham, der Erbe beider Landguͤter, lebte von dem blo⸗ ßen Solde eines Dragoneroffiziers.“ Herr Hut⸗ chen kannte die Welt zu gut, als daß er ſich nicht haͤtte bemuͤhen ſollen, die gute Meinung derſelben für ſich zu gewinnen. Konnte er Ju⸗ liana mit Wolf Graͤham verbinden— ſo durfte niemand irgend einen auffallend ſelbſtfuͤchtigen Beweggrund bei einer ſolchen Verbindung arg⸗ woͤhnen. Ihr vermeintes Vermoͤgen war bedeu⸗ tend, ihre Perſon angenehm, ihre Erziehung— „der Teufel hole ihre Erziehung,“ war der ge⸗ heime Gedanke des Herrn Hutchen— ihre Er⸗ ziehung die beſte, die erkauft werden konnte. Herr Hutchen hegte zu allen Zeiten, hinſichtlich L gte z htllich dieſes Lieblingsplans, ſehr große Zweifel; allein die freiherrliche Burg Ernescraig, mit dem alten Titek, und vor allem— wir muͤſſen ihm Ge⸗ rechtigkeit wiederfahren laſſen— der Wunſch, fuͤr ſeine Familie die Verbindung eines Mannes von Verſtand, Geiſt und aͤchtem Werthe zu erlangen, waren es werth, daß man einen Verſuch machte, mochte er nun gut oder ſchlecht ausfallen. Herr Hutchen war ein zu ſcharfſinniger Mann, als daß er ſich durch ſeine natuͤrliche Zuneigung oder ſeine Eitekeit haͤtte taͤuſchen laſſen. Er 91 hatte ſeinen Sohn in England— zu Harrow und Opford mit großen Koſten in der Abſicht ſtudiren laſſen, ihn ins Parlament„zu ſchieben.“ Gleichguͤltige Augen ſahen in dem ſchlanken John bloß einen eiteln, gutmuͤthigen Burſchen, der ritt, focht, in vertrautem Tone von Lords und Maͤnnern von Stande ſprach, in deren raͤhe ihn der Reichthum ſeines Vaters brachte, und ſeinen Vater fuͤr den groͤßten und faͤhigſten Mann in der Welt, ſich ſelbſt aber fuͤr den Erben aller dieſer Groͤße hielt. Hutchen allein ſah in John eine Miſchung von einem Gecken 1 Narren, die ſeine Zuneigung quaͤlte, feine Hoffnungen taͤuſchte und ſeinem Stolze verhaßt war. Sein Weib, ſeine Tochter und ſein Sohn, die immer mehr in ſeiner Meinung ſanken, er⸗ ſchienen ihm in einem veraͤchtlichern Geſichts⸗ punkte als irgend jemand, weil ſein Stolz unter ſo mannigfachen Zeichen der Eitelkeit, Thor⸗ heit und eines kleinen Geiſtes, den nichts er⸗ heben konnte, litt. Daß Wolf Grahame, mit ſeinem natuͤrlichen Geſchmack, Stolz und Ver⸗ ſtand Juliana bewundern oder lieben ſollte, daran zweifelte Herr Hutchen, obſchon er Vater war, ſtark.— Allein, wie wir geſagt haben, er that ſich auf ſeine Kenntniß der Welt viel zu gut; und welcher in dieſe Wiſſenſchaft Ein⸗ geweihte kennt nicht die manigfachen Beweg⸗ gruͤnde, welche die Wahl eines verſtaͤndigen Mannes bei ſeiner Heirath beſtimmen? „Ich heirathete ihre Mutter,“ dachte Herr Hutchen; und dieß war eine richtige Folgerung — 1 1 92 — Denn bei allen ſeinen Zweifeln zweifelte Herr Hutchen doch niemals an ſeinem Geſchmack und Urtheil; oder daran, daß andere verſtaͤn⸗ dige Leute von denſelben ſchmutzigen oder ehr⸗ geizigen Beweggruͤnden, die ihn ſelbſt beherſchten⸗ regiert werden. Waͤhrend Lady Hariette, die Zeitung in der Hand, auf der ihr Name ſtand, und von der ſie ſich mit Muͤhe ein Exemplar verſchafft hatte, ſcherzte, lachte, ſchrie und ſtampfte, machte Herr Hutchen einen Spazierritt in die Gegend von Ernescraig, um ein Gehoͤlz zu beſichtigen, das er unlaͤngſt der Axrt des Vollſtreckers anheim geſrellt hatte; und bei dieſer Gelegenheit be⸗ gegnete ihm ein unerwarteter Vorfall, der faſt alle ſeine Plaͤne uͤber den Haufen warf. Achtzehntes Kapitel. Das Jus Mariti. Wir wagen die Behauptung auszuſprechen, daß es nie ein, mit ſeiner eigenen Einwilligung verheirathetes Geſchöpf, d. h. weibliches Ge⸗ ſchoͤpf, gegeben hat, das nicht bei allen den Sorgen und zarten Ruͤckſichten ſeiner Lage ei⸗ nige fluͤchtige Gedanken der perſoͤnlichen Deco⸗ rationen und Zuruͤſtungen, die ſich fuͤr ſeinen Zuſtand ſchicken, gleichviel in welchem Klima V 9⁵ oder Zuſtande der Geſellſchaft, gewidmet haͤtte. Der Grundſatz hat ſeine Richtigkeit, ſowohl in Beziehung auf das neue aus Rennthierhaͤuten verfertigte Kleid des lapplaͤndiſchen Maͤdchens, als hinſichtlich des Blumenkranzes des Maͤdchens der Suͤdſee⸗Inſeln. Um dieſe Zeit ſing die ſittſame Effie Fechnie an, verſchiedene Symptome der Art an den Tag zu legen. Es iſt wahr, Herr Gideon Halibur⸗ ton hatte noch keine Eroͤffnung in Betreff ih⸗ rer ſchoͤnen Hand— Alle zur Ehe gegebenen Haͤnde ſind ſchoͤn gemacht, allein ſie nahm an, daß es geſchehen ſey, und dieß kann bei einem klugen Benehmen faſt auf daſſelbe hinaus lau⸗ fen. Ihre Ausſteuer war gebuͤhrenderma⸗ ßen an den gruͤnen Stechpalmen geluͤftet worden, das heißt der Vorrath von Bettdecken, Bett⸗ uͤberzuͤgen, Vorhaͤngen und Schuͤrzen und Hand⸗ tuͤchern, der ſo groß war, daß er den Beifall des Malthus ſelbſt erhalten haben muͤßte; denn es waͤre in Effie's Tagen fuͤr eine wahre Ver⸗ ſuchung der Vorſehung gehalten worden, wenn irgend ein Maͤdchen an das Heirathen gedacht haͤtte, ehe ihre Ausſteuer durch ihren eigenen Fleiß zuſammengebracht war. Effie, die das reife Alter von ſiebenundfuͤnfzig Jahren erreicht hatte, war in der That zweifach und dreifach verſehen. Neben den oben erwaͤhnten, unum⸗ gaͤnglich nothwendigen Erforderniſſen, in Ver⸗ bindung mit feiner Leinwand zu einem Leichen⸗ tuche und einem Hochzeithemde fuͤr den Braͤu⸗ tigam, und einem Paar niedlicher, rother Ta⸗ 94 ſchenbibeln, war Effie ſtolz auf den Beſitz eines rein kupfernen Theekeſſels, eines polirten eckigen Schenktiſches, mit einem Schmuck von Toͤpfer⸗ waaren auf demſelben und„einem Koͤnig Georg und einer Koͤnigin Charlotte kolorirten Gyps⸗ bildern“— die leztern zerbrechlichen Artikel, ein Geſchenk— nebſt verſchiedenem anderm Troͤdel⸗ kram, den bloß eine Effie Fechnie oder eine El⸗ ſter zuſammen zu bringen, je auf den Gedan⸗ ken haͤtte kommen koͤnnen. Ihren ſeidenen Man⸗ tel und ſchwarzen Moderock hatte ſie ebenfalls mit der Ausſteuer ausgeluftet, und die jaͤhrliche Zeremonie vollzogen, eine Libation auf gewiſſe bebluͤmte Schuͤrzen von feiner Leinwand und andere Kleidungsſtuͤcke auszugießen, die ſo ſorg⸗ fältig, als ein daͤniſches Sprechzimmer gereinigt, und dann eben ſo regelmaͤßig vor Sonne und Wind, bis zur Waͤſche des naͤchſten Jahres, ver⸗ ſchloſſen wurden. Bereits hatte Effie zwei Beſuche im Laden des Ailie Sellathing, des allgemeinen Kraͤmers zu Caſtleburn abgeſtattet, um wegen eines ge⸗ druckten Zitzes, die Elle um 14 Pfennige, den niedrigſten Preis— feſte Arbeit, gute Sorte— zu handeln. Effie hatte ein Muſter davon ge⸗ waſchen und zwei Tage lang an dem Fenſter der Speiſekammer in der Sonne gebleicht, und es probehaltig gefunden; und es war gegruͤn⸗ dete Urſache zu der Hoffnung vorhanden, daß der Handel bei dieſer dritten Zuſammenkunft zu Stande kommen werde, da die kriegfuͤhrenden Maͤchte mit einander uͤbereingekommen waren, 95⁵ die urſpruͤngliche Differenz eines Viertel⸗Penny an der Elle zu vernichten, was die Unterhand⸗ lung wunderbar vereinfachte, und man ſtritt ſich jest nur noch um zwei Pence eines Kaufer⸗ laſſes, den Ailie in Natura bezahlen wollte, und Effie in klingender Nuͤnze verlangte. Bei dieſer dritten Geſandtſchaft eilte Effie nach Caſtleburn, „nicht in ihrem beſten Sonntagskleide, ſondern in ihrem zweiten beſten, agſtaͤndigen“— ſagte ſie—„aber nicht feſtlichen Anzuge.“ Sie ſann unterwegs uͤber die Gruͤnde nach, mit denen ſie Ailie's Habſucht wuͤrde beſiegen koͤnnen, und erwog auch noch Gegenſtaͤnde von mehr reeller, obſchon fuͤr Effie in jener Zeit geringerer rela⸗ lativer Wichtigkeit, als ſie an dem Orte, wo der Pechs⸗Pfad ſich mit dem Wege ins Dorf ver⸗ band, Herrn Hutchen begegnete, der Kapitaͤn Wolf Graham's Lieblingsroß ritt. „Denke an den Taufel und er wird erſchei⸗ nen,“ dachte Effie. Und in ehrfurchtsvollſter Hochachtung ſich tief vor dem Mammon verbeu⸗ gend, hoffte ſie,„die Lady und die artige Fami⸗ lie werden ſich wohl befinden,“ und ſo weiter. In fruͤheren Jahren, als es ſowohl vortheil⸗ haft als ehrenvoll fuͤr den jungen Agenten ge⸗ weſen war, die Familie Monkshaugh zu beſu⸗ chen, war Herr Hutchen mit Jungfer Efſie Fech⸗ nie ſehr gut bekannt geweſen. Verſchiedene Putz⸗ und Flitterwaaren, die er ihr in ſeinen juͤngern Jahren geſchenkt hatte, glaͤnzten in Effie's Ein⸗ bildungskraft und Kleiderkoffer noch in ihrem urſpruͤnglichen Glanze. Herr Hutchen hatte zu 96 viel Verſtand, und war ſeines Ranges und ſei⸗ ner Wuͤrde zu ſicher, als daß er ſich durch die offene Erwiederung des Grußes ſeiner alten Be⸗ kannten in irgend einem Grade zu entwuͤrdigen gefuͤrchtet haͤtte. Nachfragen nach Monkshaugh und Eliſabeth, und ſcherzhafte Gluͤckwuͤnſche zu dem Geruͤchte, das umlief, und dem Gideon allein noch fremd war, alles ging freimuͤthig und offen voruͤber. Das Maͤdchen erroͤthete, blickte aber ſo ver⸗ ſchaͤmt und bewußt, als ihre ſteifen Geſichtsmus⸗ keln es erlauben wollten, und erwiederte:— „Eben in dieſer Sache, Harletillum, moͤchte ich ein geheimes Wort mit Ihnen, nicht nur als mit einem Geſchaͤftsmann, ſondeen auch einem Mann von Gewiſſen, ſprechen. Ein einziger Federſtrich auf ein Stuͤckchen Papier.“— „Ein Ehekontrakt, Effie,“ ſagte er—„ſehr gut— allein ich fuͤrchte, ich kann Ihr hier nicht dienen. Geh' Sie nach Rookſtown zu Gled oder Gripem, beide ſichere Haͤnde.“ Er zog den Zuͤ⸗ gel, um der Unterhaltung ein Ende zu machen. Efſie faßte den Steigbuͤgel.„Aber, Harletil⸗ lum, der Laird von Monkshaugh hat meine Paar Pfennige Geld in Verwahrung. Es kann nicht viel ſeyn, wegen meines kleinen Lohns und der langen hartnaͤckigen Krankheit meiner alten Mutter; allein da ich, mit Gottes Segen, eine eigene Oeconomie beginne.“— „Sie moͤchte ihr Geld gerne haben, vermuthe ich. Gut, Effie, Sie muß darum anhalten. Sie hat doch wohl genuͤgende Zeugniſſe.“ „Schwarz . „Schwarz und Weiß fuͤr jene Kleinigkeit. Allein, wenn die Verſchreibungsakte nicht ver⸗ nichtet, und das Landgut verkauft wird, wo ſoll alsdann das Silber herkommen, mit dem mir mein kleines Gut haben bezahlt werden ſoll⸗?“ fragte Effie.„Ich habe meine eigenen Gruͤnde, zu glauben— allein ich ſage nichts— daß Ka⸗ pitaͤn Wolf“— 3 „Kapitaͤn Wolf— gut, was will Sie von ihm ſagen, Effie?“ ſagte Hutchen, der jezt an⸗ fing, Antheil an der Unterhaltung zu nehmen. „Wie lautet die artige Geſchichte— iſt er wie⸗ der ohne Geld— hat er die Rechnung wieder ohne den Wirth gemacht— Nun?“ „Schlimmer und ſchlimmer,“ ſeufzte Effie, „und das war ſchlimm genug, jene alte Wunde der Thorheit ſeiner erſten Jahre, und die na⸗ gende Motte von achthundert, die er, ſagt man, fuͤr eine Offizieröſtelle hinwarf, daß, wenn der Junge in dieſer Nacht ſtuͤrbe, der Reichthum der Familie Monkshaugh und Haus und Erbe auf alle kommende Zeiten dahin waͤre.“ „Ja, Effie, aber Sie weiß, daß ſeine Wittwe eine Penſion haben wuͤrde.“ Effie fuhr pfeilgerade auf—„der Herr ſey bei uns, Harletillum; und hat die Thorheit des Jungen auch Sie endlich angeſteckt. O! das arme Haus Monkshaugh! das zu Grunde gerichtete Haus Monkshaugh! und mein kleines Eigen⸗ thum! mein kleines Eigenthum!“ Effie ſchlug mit ihrer offenen Hand und ihren ausgebreite— ten Fingern den Takt auf ihren flachen Un⸗ Eliſ. von Bruce. II. 5 98³ terleib, als ob da alle ihre Leiden und Uebel ſtaͤcken.— Herr Hutchen ſtieg ab, fuͤhrte ſein Pferd ei⸗ nige Schritte vorwaͤrts und war in einigen Mi⸗ nuten im Beſitze alles deſſen, was Effie wirk⸗ lich wußte, oder nur muthmaßte. Hier fiel alſo ſein hochfliegender Lieblingsplan zur Vergroͤße⸗ rung ſeines Anſehens und des Glanzes ſeiner Familie in Truͤmmer! Er hatte ſich tauſend Hinderniſſe gedacht; allein dieſes unuͤberſteigbare war ihm nie in den Sinn gekommen. Allein die Ehe war geheim— vielleicht unregelmaͤßig — ſie konnte bereut werden— Herrn Hut⸗ chens Ideen waren lauter Tumult und Verwir⸗ rung. „Ihre Vorſicht iſt klug und lobenswerth,“ ſagte er endlich zu ſeiner ſchoͤnen, uͤber die lei⸗ denſchaftlichen Ausdruͤcke in ſeinem Geſichte, die ſie alle Einer Urſache zuſchrieb, beſtuͤrzten Klientin.* „Koͤnnen wir die Verſchreibungsakte nicht brechen?“ ſagte ſie.. „In jedem Falle werde ich ihr ihre Kleinig⸗ keit ſichern; und wir muͤſſen ſehen, was dafuͤr gethan werden kann, daß es ihr unabhaͤngig von ihrem kuͤnftigen Gatten geſichert wird. Sie ſagt, Frieſel wiſſe alle Umſtaͤnde dieſer ſeltſa⸗ men Geſchichte? Ich muß mehr davon hoͤren. Und was Gideon betrifft“—. „Ja binden Sie ihn feſt und ſicher; binden Sie ihn gut, Harletillum,“ und ſie bewies die Nothwendigkeit davon mit ihrer offenen Hand 8₰ 99 auf Hutchens Aermel;—„ein ſimpler Mann, der ſeine Familie mit ſeinen eignen zehn Fin⸗ gern plagen und zu Grunde richten wuͤrde! Ueberfluß an Geſetzen bricht das Geſetz nicht. Wir ſind alle wie todt und wie lebendig. Schwarz und weiß nimmt ſich gut aus“— „Frieſel,“ unterbrach ſie Herr Hutchen,„weiß, ſagte Sie, die beſonderen Umſtaͤnde? Von dem Lehen kann nicht die Rede ſeyn, bis ich alles weiß. Komm Sie morgen wieder zu mir.“ „Gewiß! gewiß!“ rief Effie.„Ich werde Eurer Gnaden morgen Nachmittag aufwarten.“ „Gut! Effie, aber ich bitte ſie, puͤnktlich einzuhalten, ſie kennt den geheimen Eingang in meine Bibliothek.— So puͤnktlich als moͤg⸗ lich,“ rief er laut, ſtieg auf, und gab ſeinem Pferde die Sporen. „Binden Sie ihn aſo ſicher und feſt. O! binden Sie ihn ſicher, Harletillum! und machen Sie, daß ich bezahlt und belohnt werde.— Hdren Sie!“ rief ſie—„Erde und Stein!— Zwei hundert und fuͤnfundſechzig Pfund, elf Schillinge und ſieben Pfenninge, das iſt keine ſolche Kleinigkeit. Sie konnen ein kleines Me⸗ morandum uͤber die Summe aufſetzen.“— Um dieſe Zeit war Herr Harletillum wenigſtens ſchon eine Viertelmeile weit entfernt.„Franz Frie⸗ ſel, der boshafte Schierling!“ fuhr Effie im Selbſtgeſpraͤche fort—„hatte meine Nerven ſo ſtark erſchuͤttert, daß ich den Handel faſt be⸗ reute.— Juice mariti!— Juice einer Ha⸗ ſelgerte fuͤr ihren alten Ruͤcken, obſchon ſie 100 Sitzungs⸗Lords ſind— und ich wuͤrde ſo kuͤhn Ceyn, ihnen in ihre rothen Geſichter hineinzu⸗ ſagen, wenn auch alle ihre großen Peruͤcken in einer Reihe dahingen, ob es auch recht ſey, verſchwenderiſchen und vergeuderiſchen Leuten die Gewalt einzuraͤumen, den ſauererworbenen Pfenning des Tochterguts einesmaͤßigen Maͤd⸗ chens zu verpraſſen!— Allein es kann nichts daran ſeyn, oder Harletillum— der Teufel, ſagt man, ſey nicht ſo ſchlimm, als man glaube — wuͤrde mir ſicherlich einen Wink von einem Brachvogel im Korne oder von Waſſergefahr gegeben haben:— wahrlich, denn bloße Er⸗ waͤhnung der Sache gegen ihn, ſezte mich in Schrecken:— denn wenn die Heirath wieder ruͤckgäͤngig werden ſollte und wenn ich wegge⸗ ſchickt wuͤrde, meine Jungfrauſchaft auf den Bergen zu beweinen, ſo wuͤrde mich das in mein kaltes Grab bringen.“ Der Kauf des Hochzeitkleids kam an dieſem Tage gluͤcklich zu Stande; und es ſtand nun der Gluͤckſeligkeit Effie's kein anderes Hinderniß mehr im Wege, als die Kleinigkeit, die Ein⸗ willigung des auserkorenen Braͤutigams zu er⸗ langen. 101 Neunzehntes Kapitel. Der Kavaleriſt. 1. Man kann ſich wohl denken, daß Eliſabeth der Eroͤffnung der Brieftaſche Frieſels mit gro⸗ ßer Aengſtlichkeit entgegenſah. Allein wie groß war ihr Erſtaunen, als ſie fand, daß die Pa⸗ piere, die ihr am naͤchſten Morgen, ſobald ſie in das Sprechzimmer trat, eingehaͤndigt wur⸗ den, die geheime Correſpondenz des Herrn Hut⸗ chen mit dem aͤrztlichen Beiſtande des Lord von Bruce und Monkshaugh's Geſchaͤftsleuten in Edinburg und an ſonſtigen Oertern waren. Die Briefe waren zwar verſiegelt; allein Eli⸗ ſabeth beſaß nicht ſo viel Caſuiſtik, daß ſie den Unterſchied zwiſchen der Eroͤffnung von Papie⸗ ren zur Befriedigung einer unentſchuldbaren Neugierde, oder dem bloßen Durchleſen derſel⸗ ben, wenn ſie offen gefunden wurden, eingeſehen haͤtte. Die Verſuchung war ſtark und drin⸗ gend. Kindliche Pflicht und Zuneigung— das Wohl derer, die ſie liebte— ihre eigenen theuer⸗ ſten Hoffnungen— alles trieb ſie zu einer Hand⸗ lung an, die ſie nicht umhin konnte, als eine Niedertraͤchtigkeit— eine Verletzung ihrer Ehre und Selbſtachtung zu betrachten. Einen Au⸗ genblick lang zoͤgerte ſie:— allein das Credo ihres Verſtandes war einfach und geſtattete kei⸗ nen Vergleich. Es gab keine Hinterliſt, keinen Betrug zwiſchen dem Recht und dem Auskunfts⸗ 102 mittel. Ihr kurzer innerlicher Kampf lag ganz zwiſchen dem klarbegriffenen Recht und dem tuͤckiſch verfuͤhreriſchen Unrecht. Waͤre die Ver⸗ ſuchung in der entſchiedenen Form eines Ver⸗ brechens gekommen, ſo wiſſen wir nicht, wie die Pruͤfung geendet haben wuͤrde. Denn wer wird fuͤr die menſchliche Staͤrke buͤrgen wollen? Sie erſchien als Niedertraͤchtigkeit und Entwuͤr⸗ digung, und Eliſabeth warf ſie von ſich, ſich wegen dieſer kurzen Zoͤgerung verachtend. Dieſe augenblickliche Schwaͤche ſchaͤrfte ihren Verweis, als ſie ſich an Frieſel wandte, und ihm befahl, ihr die Papiere aus dem Geſichte zu ſchaffen und ſie ihrem Eigenthuͤmer augenblicklich wie⸗ der zuzuſtellen. Ihr Ton geſtattete keine Wi⸗ derrede; und da Frieſel ſich als mißhandelt be⸗ trachtete, ſo raffte er die Papiere ſchweigend zuſammen und verließ das Zimmer. Bei fernerem Nachdenken, im Laufe dieſes Tags, dachte Eliſabeth, es koͤnne nichts Unrechtes ſeyn, wenn ſie ſich zu uͤberzeugen ſuche, ob die Frau, der ſie auf dem Pechs⸗Pfade begegnet⸗ war, die ehemalige Frau des Korporals ſey; und da der Nachmittag gerade ſehr ſchoͤn und angenehm war, ſchlenderte ſie, von dem Wieſel begleitet, nach Fugals Wohnung.— Es war ein lieblicher, obſchon einſamer Fleck. Ein un⸗ terbrochener und geſchlaͤngelter Pfad lief von dem Pechspfade jaͤh in die Schlucht von Er⸗ nescraig hinab. Dieſer vormalige Fußſteig, der durch natuͤrliches Gebuͤſch dahinirrte, und in mancher Kruͤmmung dem Irrlaufe des Stro⸗ 10³ mes folgte, wurde hauptſaͤchlich von Kindern, in der Jahrszeit des Nuͤſſepfluͤckens oder waͤh⸗ rend der Zeit der Vogelneſter betreten; oder auch von einſamen Fiſchern oder Jaͤgern, die auf Schnepfen ausgiengen, oder in ernſter Be⸗ rathung mit dem erfahrenen Veteraner uͤber Pferdskrankheiten, Hundsſeuchen, oder die an⸗ dern Zweige ſeines vielfaͤltigen Berufs, begriffen waren. „Wie mag der arme alte Burſche hier leben 24 ſagte Eliſabeth, als der Pfad ploͤtzlich die Aus⸗ ſicht auf die kleine Platform von Fugals Huͤtte eroͤffnete. Die Hatte ſelbſt ruhte an einem ſchroffen, rothen Felſen, der die Hinterwand und einen Giebel bildete; das niedrige Dach von Heidekraut war mit Epheugeranken und verflochtenen Maſſen von Pflanzen und Gebuͤ⸗ ſchen, die alle in reicher und unaufloͤslicher Ver⸗ wirrung dahingen, geſchmuͤckt. „Es geht ihm dabei nach ſeinem Willen,“ ſagte Frieſel,„und das iſt fuͤr einen alten Ka⸗ waleriſten keine Kleinigkeit. Er nennt ſich den Wildjaͤger des Lord von Bruce,“ und Frieſel wies auf den todten Vogel und die rohen Thier⸗ haͤute, mit denen Fugal ſeine aͤußern Mauern tapeziert hatte; und die, in Verbindung mit ihren andern Walddecorationen, ſeiner Huͤtte ein ſehr maleriſches Ausſehen verliehen.„Er iſt beides, Mann und Herr— Frau und Magd, mit allen den Dachſen und Stinkmartern zu ſeinen Vaſallen; und eine froͤhliche Heimath hat er hier, unter naͤchtlichem Himmel,— wo 104 der Bach den jaͤhen Abhang, wild fluthend, niederrauſcht— die Nachteulen in den Waͤldern wimmern— die Winde in den Felſen klagen und ſeufzen, und der alte Blunderbuſch ſelbſt die Thalſchlucht herabwankt mit ſeinem Stein⸗ falken, der wie ein Irrlicht durch das Gebuͤſch blinkt. Allein ein alter Dragoner fuͤrchtet we⸗ der Teufel noch Drachen— ei! Fugal?“ Waͤhrend er noch ſprach, hatte der kriegeri⸗ ſche Beherrſcher des Thale Stimmen nahen ge⸗ hoͤrt, und ſich in Folge deſſen aus ſeiner Hoͤhle hervorgewunden, ſeine lange, magere und ſtarre Figur vor derſelben emporrichtend, bis man ſich⸗ wundern mußte, woher alle dieſe Menſchenlaͤnge gekommen war. Nach militaͤriſcher Sitte vor⸗ tretend, empfing er die Dame auf dem ſpan⸗ nenbreiten freien Platze vor ſeiner Huͤtte, mit dem ſtattlichen Benehmen eines Feldmarſchalls. Fugal hatte, ausgenommen um die Zeit, in welcher er ſeinen Gnadengehalt empfing, nicht viel von der luſtigen und barſchen Aufſchnei⸗ derei eines alten kuͤhnen engliſchen Dragoners — allein ſeine ganze Miene und Geſtalt tru⸗ gen das Gepraͤge ſeines vormaligen Standes. Seine langen Beine und eingekruͤmmten Kniee ſchienen noch die Seiten ſeines Roſſes zu druͤ⸗ cken, und ungeachtet der nackten Armſeligkeit ſeines verwitterten Uniformrocks, ſeiner geflickten, Gamaſchen, und eines abgeſchabenen dreieckigen Huts, den das Skelet eines Federbuſchs ſchmuͤckte, haͤtte der Unerfahrene ihn fuͤr einen verarmten Krieger von Rang halten koͤnnen,— ſo ſtattlich. — 105 war ſeine Miene— ſo hoch und roͤmiſch ſeine Naſe— ſo furchtbar gewoͤlbt ſeine Braunen. Um die, kuͤhne Politur“ eines Martello⸗Thurms von Stirne— laßt die Hirnſchaͤdellehrer aus ihrer Hoͤhe machen, was ſie wollen— flatter⸗ ten wenige duͤnne Haarlocken von der Farbe und Conſiſtenz jener ſchoͤnen Subſtanz, die man Spießglas nennt. Sie waren theilweis in duͤnne militaͤriſche Seitenloͤckchen gedreht; die uͤbrigen wenigen Haare, bequem geflochten, hingen mit⸗ ten uͤber einen ſteifen Nacken hinab, der noch ſo gerade war, wie ein Trommelſtock. Es war, im Ganzen genommen, eine Miene, eine Ge⸗ ſtalt und ein Benehmen, das einen vollſtaͤndigen Begriff von dem Komiſch⸗Heroiſchen gab: die allgemeine Wirkung deſſelben war unwiderſtehlich. Fugal galt in dieſem Kirchſpiele fuͤr eine un⸗ vergleichliche Perſon. In der That, Gideon war oft genoͤthigt, das zuͤgelloſe Vergnuͤgen zu tadeln, das ſeine Erzaͤhlung von Wunderge⸗ ſchichten der Zuhoͤrerſchaft machte, die ſich in der bezauberten Atmoſphaͤre ſeiner Erzaͤhlungen und ſeiner Tabaldpfeife, am Vorabende eines Sonntags in der Schmiede von Caſtleburn be⸗ fand, an welchem Orte er gewoͤhnlich ein Du⸗ tzend Pfenninge erhaſchte, indem er die doppelte Anzahl ſchwarzer, ſeit einer Woche ſtehender, Baͤrte abnahm. Dieſe Kriegswunder hoͤrten, mußte man fuͤrchten, viele der juͤngern Indivi⸗ duen mit weit mehr Aufmerkſamteit an, als ſelbſt Haliburtons fromme Reden am naͤchſtea Tage. 52 106. Niemand hatte je Fugals Erzaͤhlungen mit ſo zweifelloſem Glauben und ſo ungetheiltem⸗ Vergnuͤgen gehoͤrt, als Eliſabeth. Als ein vor⸗ geruͤckteres Alter ſie wider ihren Willen bewog⸗ dieſe wunderbaren Erzaͤhlungen in Zweifel zu ziehen, verlaͤngerten die Lebhaftigkeit des Erzäͤh⸗ lers— die Heiterkeit, das Feuer, die Offenheit ſeiner ſoldatiſchen Miene den Reiz noch. Sie war in ihrer Kindheit ein großer Liebling des Veteraners geweſen, und jezt war Madame„Lis⸗ beth,“ wie er ſie nannte, nicht blos eine feine Frau, ſondern auch die einzige Perſon in der Nachbarſchaft, ihn ausgenommen, die ein Wort von dem ſprechen konnte, was er„Hochengliſch’“ nannte. Nichts konnte in der That harmloſer ſeyn, als Fugals Erzaͤhlungen, die keinen Skan⸗ dal von neuerem Datum, als Marlborough und⸗ Prinz Eugen oder die deutſchen Kriege Georgs⸗ enthielten, und ſich in dieſem Punkte von Frie⸗ ſels Geſchichten unterſchieden, deſſen Erfindun⸗ gen zuweilen den Zweck hatten, das halbe Kirch⸗ ſpiel zuſammenzuhetzen, und nicht ſelten die ge⸗ wuͤnſchte Wirkung hervorbrachten. Obſchon Fu⸗ gals Maͤhrchen aufgehoͤrt hatten, ſeinen gegen⸗ waͤrtigen Gaſt zu ergoͤtzen, ſo beleidigten ſie ihn, doch niemals. Eliſabeths offene und freie Anrede entſprach ihren fruͤhern Erinnerungen an den alten Rei⸗ ter, der nicht nur ein Diener ihres Vaters ge⸗ weſen war, ſondern auch beiWolf Grahame in großer Gunſt ſtand. „Ihr habt eine einſame Wohnung gewaͤhlt,“ 107 ſagte ſie.„Monkshaugh wuͤnſchte zu wiſſen,— ob wir Euch etwas ſchicken koͤnnen, um Euch hier froͤhlicher und wohlgemuther zu machen, da Ihr jezt Euern Freund, Kapitaͤn Wolf Grahame, verloren habt.“. „Ja!— Leuten, die an gebaute Haͤuſer ge⸗ wohnt ſind, wuͤrde es hier nicht gar wohl zu Muth ſeyn, allein wir Dragoner, Madame Lis⸗ beth, wuͤrden mit noch ſchlimmeren Quartieren in Flandern vorlieb genommen haben— ver⸗ ſtehen Sie mich?— Jedermann, an ſeinem Zuͤ⸗ gel ſchlafend, knieete tief im Waſſer, bereit bei dem Nufe—„Stieſel und Sattel,“ aufzu⸗ ſpringen.“ „So habe ich auch ſagen gehoͤrt, Korporal,“ ſagte Eliſabeth.„Dieß waren die Tage der Maͤnner!“ „Ja, Madame Lisbeth! allein als der Tag kam— der Tag der Tage! Der Tag hatte kaum zu grauen angefangen, als Grandboy laͤngs unſerer Linie auf ſeinem Lieblingsſchimmel Sally Dunn hingaloppirte.“—— „Der Laird hat Euch zwanzigmal geſagt, das Thier Saladin zu nennen,“ ſagte Frieſel. „Hat der Laird von Monkshaugh gedient? das iſt es, was ich gerne wiſſen moͤchte,“ fragte⸗ der Reiter mit wuͤrdevoller Geberde, und fuhrn dann fort—„Die flanderiſchen Haͤhne kraͤhten eben, wie ich mich erinnere.—„Auf und nach dem Thore, meine Jungens,“ ſagte er;„denn, hol mich der Henker, es wird dort ein Reel⸗ tanz aufgefuͤhrt, und wir ſind nicht dabei!“ 10⁸ Der lebhafte Veteraner ſchwang ſeinen Arm und warf ſeinen Fuß vor, indeß ſeine Augen von triumphirender Erinnerung funkelten.„Ihr Herrn von der leichten Reiterei, nehme jeder Mann eine Infanterie hinter ſich.“ „Seyd ihr alle geruͤſtet, meine Jungens!“ fiel das Wieſel ein, Fugals Manier nachäͤffend —„Dieß kommt zunaͤchſt, glaube ich.“ „Ja, Fraͤnzchen.—„Seyd ihr alle fertig, meine Jungens?“ rief Grandboy.—„Alle fer⸗ tig, General!“ ſchrie unſer Trupp, indem jeder ſich nach ſeinem Sattelknopf niederbuͤckte, und einen Schluck aus ſeiner Branntweinflaſche nahm; und Branntwein hatten wir in Flandern ſo viel, als bei uns Waſſer in den Graͤben iſt.—„Wo zoͤgert Mons Meg!“ rief Grandboy.“ „ und wer war ſie?“ ſagte Frieſel. „Mons Meg!“ erwiederte Fugal mit einer tief veraͤchtlichen Miene;„wer anders, als die große Kanone, mit der Sir William Wallaca die Mauern von Troy und Dumbarton nieder⸗ donnerte.. Lad' mich nur gut und halt' mich rein, Ich ſchleud're'ne Kugel nach Calais hinein.. Es iſt jammerſchade, Fraͤnzchen, daß ein ſo muntrer Kerl, wie Ihr, fuͤr eure Paar Zolle wenigſtens, nicht eine Zeitlang gedient hat.— Sie, Madame Lisbeth, muͤſſen von Meg in der Geſchichte geleſen haben, da Sie ſo gelehrt ſind.“ Eliſabeth gab durch Kopfſchuͤtteln ihre Un⸗ wiſſenheit zu erkennen; und Fugal ließ ſich in 109 eine romantiſche Beſchreibung dieſes wunderba⸗ ren Feldſtuͤcks ein, die ſelbſt die Geduld der ar⸗ 2 tigen Eliſabeth ermuͤdete. „Aber,“ fiel das Wieſel ein,„von eurem Weibe Beß und nicht von Mons Meg, wuͤnſcht Lady Lisbeth zu hoͤren.“ 3 „Und das iſt es eben. Er hat jezt das Zuͤnd⸗ loch getroffen— Madame Lisbeth, verſtehen Sie mich? denn dieß war zur Zeit der Kitty Ge⸗ haghan, des erſten Weibs. Sie war die erſte, die das italieniſche Eiſen in unſerem Trupp gebrauchte.“— 4 „ und welche Beruͤhrung hat dieß mit dem Gewinn einer Schlacht?“ „Halt, Fraͤnzchen! und Ihr ſollt hoͤren— „Adjutant von Bruce,“ rief Grandboy,„nehmt dieſen Burſchen, Serymmager, mit euch, und fort im kurzen Galopp nach jenem Thurme, und ſagt mir, ob ihr die laͤſſigen und feigen Schufte der Artillerie kommen ſeht.“ Es war der Thurm Mall Plackie, von welchem aus man hundert Meilen weit die langen flandriſchen Flaͤchen uͤberblicken konnte.“— „Beim Hahnenſchrei von Malplaquet!“ ſagte das Wieſel. „Nirgends ein Fleck von der blauroͤckigen Ka⸗ naille,“ rief ich—„Der Henker hole die laͤſ⸗ ſigen Schurken“— ſagte Kornet von Bruce. — Ihr eigener Großoheim, Madame Lisbeth— „Hier, Fugal, Gott verdamm euch, bringt uns Kitty Gehaghan's italieniſches Eiſen herbei— dieß ſoll heute unſere Artillerie ſeyn!“ Geſagt, 7 110; gethan. Wir ſchuͤtteten Pulver auf die Zuͤnd⸗ pfanne und luden— machten eine Breſche, und lange ehe die Artillerie herbeikam, hatten wir das Feld gewonnen, Madame Lisbeth!— Ich hoͤrte, es gieng ein Gerede von einem Teu⸗ fel von Kerl mit einer langen Naſe, die ſich ein wenig nach einer Seite hinbog.“ Fugal beruͤhrte ſein eigenes hervorragendes Glied— „Ich ſage nichts— aber die Monſcheurs(Mon⸗ ſieurs) erinnern ſich an dieſen Tag. Verſtehen Sie mich? Und keinen Dank den feigen Blau⸗ roͤcken der Artillerie.“ „Allein,“ ſagte Eliſabeth,„Ihr hattet ſicher⸗ lich ein anderes Weib, Fugal, ich erinnere mich aus meiner Kindheit her an ein großes ſchlan⸗ kes Weib mit einem rorhen Rocke, die ſehr gut gegen mich zu ſeyn pflegte, aber nicht Kitty hieß. Ach, ich denke, Ihr muͤßt ein anderes Weib gehabt haben.“. „O! verſchiedene Weiber— verſchiedene Wei⸗ ber,“ ſagte Fugal ſorglos.„Wir Dragoner hatten ſtets unſer eigenes Gluͤck bei den Maͤd⸗ chens. Allein dieß war gewiß zur Zeit der er⸗ ſten Weiber; denn ich habe den Spaß dreimal⸗ mitgemacht, Madame Lisbeth. Wenn Sie nie⸗ derſitzen wollten, ſo wuͤrde ich es fuͤr eine Ehre⸗ halten, Ihnen alles zu erzaͤhlen.“ Fugal breitete eine trockene Hirſchhaut aus, und Eliſabeth ſezte ſich auf eine laͤndliche, aus zuſammengeflochtenen Wurzeln gemachte Bank. Frieſel hockte auf ihr Geheiſe wie ein Froſch, auf einen ihr gegenuͤber liegenden Stein, nur „ einige Schritte von ihr, nieder. Der Veteraner ſezte ſich neben Frieſel, zuͤndete ſeine Pfeife mit ſeinem alten Feldapparat bedaͤchtlich an— beugte ſeine Unterlippe auf eine liebenswuͤrdige Weiſe vorwaͤrts, um das kurze ſchwaͤrzliche Rohr der⸗ ſelben zu umfaſſen— warf ſein langes rechtes Bein uͤber ſein linkes Knie— ſtieß ſeinen drei⸗ eckigen Hut zuruͤck, bis er, trotz ſeiner kargen Umriſſe, etwas von dem liederlichen, ſorgloſen und verworfenen Ausſehen des Kopfſchmucks eines kuͤhnen Dragoners annahm— kruͤmmte ſeinen linken Arm, und der ganze Mann hatte das Benehmen des privilegirten Erzaͤhlers an⸗ genommen, der auf eine aufmerkſame Zuhoͤrer⸗ ſchaft rechnet. Fugals angeborene Mundart war der breiteſte Dialekt von Pitbauchlie; allein er war in ſei⸗ ner fruͤhen Jugend in den Kriegsdienſt getreten und in Irland war ſeine urſpruͤngliche Sprache ſo gelaͤutert und verfeinert worden, daß ihn jezt die Feinheit oder Affectation ſeines Accents, wenn er in Hitze gerieth, faſt ganz unverſtaͤnd⸗ lich machte. „Ihr ſeyd alſo dreim al verheirathet geweſen, Korporal,“ ſagte Eliſabeth, um ihn in Gang zu bringen, in der Hoffnung, ihm einige Nachrich⸗ ten zu entlocken. „Die Maͤdchen wollten es ſo haben— Gott ſegne ihre gaͤtige Herzen! Wir waren ruͤſtige Burſche in jenen Zeiten— wir Dragoner— Sahen Sie je die Revue eines Neüieer giinenis, Madame Kisbeth. 2.. 112 Eliſabeth ſagte, ſie habe unlläͤngſt uͤber ein Corps Gardiſten,— die Gentlemen des Landes — Revue halten ſehen. „Pfui!“ rief Fugal, ein Geſicht ſchneidend, auf dem ſich ein furchtbarer Eckel ausdruͤckte: allein die Klugheit hemmte weitere Aeuſſerun⸗ gen und er kehrte zu ſich ſelbſt zuruͤck.„Kuͤh⸗ ne, ruͤſtige Burſche— und wir mochten hin⸗ kommen, wo wir wollten, ſo ſpielten wir den wahren Teufel unter den Maͤdchens. Allein die arme Kilty— ſie wuſch fuͤr den Trupp. Sicherlich hatte ſie nicht das Feuer der Beß, des lezten Weibs.— Arme Kitty! ich verlor ſie in Flandern an dem Schuͤttelfieber.“ Hier ließ Fugal einige raſche Pfiffe vernehmen, die den Manen„der armen Kitty“ geweiht wa⸗ ren. „Allein Ihr habt euch wieder verheurathet, Fugal,“ ſagte Eliſabeth, aͤngſtlich bemuͤht, ihn auf den erwuͤnſchten Punkt zu fuͤhren. „Das naͤchſte Weib, Madame Lisbeth, wenn ich mich recht erinnere, war die hollaͤndiſche Frau Vanſchnaps,“ ſagte Fugal— jedoch mit einigem Zoͤgern, als ob ihm die Thatſache nicht ganz klar waͤre—„eine huͤbſche, ruͤſtige Witt⸗ we von Harlem.“ „Ich habe,“ ſagte Frieſel,„Nichie Whands bei den Koͤniglichen oft von dem großen Werk⸗ zeuge ſprechen gehort, wodurch die dicken Frauen ihren beruͤhmten geſalzenen Butter machen. Sie fuͤllen ſich alle Butterfaͤſſer in der ganzen Gegend, bringen das Werkzeug in Bewegung, und in zwanzig Minuten nehmen ſie die gel⸗ ben Klumpen heraus, ohne daß eines Weibes Hand Milch oder Rahm beruͤhrt haͤtte.“ „Ich habe die Butter in zehn Minuten, Ma⸗ dame Lisbeth, und das nach der goldenen Re⸗ petiruhr Ihres Großoheims bereiten geſehen,“ ſagte Fugal in ernſtem Tone. „Aber, Fugal, nie in eurem Leben ſaht Ihr durch das große Werkzeug Butter machen;“ ſagte Frieſel, der in der That die Geſchichte fuͤr dieſe Gelegenheit ſo eben erfunden hatte. „Hab' ich es Euch nicht tauſendmal geſagt, Sir? Glaubt Ihr, die Koͤniglichen ſahen weiter in Flandern, als wir Grauſchimmel. Sie ſind kein ſchlechtes Corps, dieſe Koͤniglichen— aber ein wenig“— Fugal daͤmpfte ſeine Stimme und winkte—„zum Luͤgen geneigt:— zu ſchlecht, zu ſchlecht fuͤr Gentlemen.— Allein eine huͤbſche ruͤſtige Wittwe von Harlem, wie ich ſagte, bei der ich und Robin Ramage von den Unſri⸗ gen einquartirt waren— ein huͤbſches, derbes Weib war ſie auch— aber ihr Damen habt eure eigenen Grillen, Madame Lisbeth. Ge⸗ wiß, ich war der gluͤckliche Mann! Dieſe Hol⸗ laͤnderin wuͤrde eine Schanze fuͤr einen Mann im Felde abgegeben haben— ein ſtarkes Weib auch— vier und dreißig holläͤndiſche Stein, wenn ſie einen wog, Fraͤnzchen; mit ſo viel Gold in ihren Ohren, daß man Harletillum's: Eigenthum zweimal damit haͤtte kaufen koͤnnen; bewahrte aber jeden Stuͤber, wie die Kammu⸗ ſcheln ihres Herzens,— und als unſer Trupp 114 ſich einſchiffte— empoͤrte ſie ſich— wollte nicht marſchiren— verſteht Ihr mich?“ Fu⸗ gal runzelte ſeine Stirne in furchtbarer Ent⸗ ruͤſtung uͤber das Betragen ſeiner widerſpenſti⸗ gen hollaͤndiſchen Braut. „Laßt ſie gehen,“ fuhr Fugal nach einer Pauſe fort, mit den Fingern klatſchend, und die Frau mit dem Rauche ſeiner Pfeife in den Wind jagend.„So, als ich drunten in Kilmainham war, begegnete ich dieſer Beß Slaͤtterh, mit der ich in Cork, noch vor der Zeit des erſten Weibes, Umgang gehabt hatte. Da ich nun abermals ein freier Mann des Waldes war, ſo gab uns Sergeant Sabretache ein Wort uͤber dem Schwerdte, was zur Kriegszeit in un⸗ ſerem Trupp allezeit fuͤr eine gute Heirath gehalten wurde... „Und dieß war euer leztes Weib?“ ſagte Eliſabeth, ein wenig getaͤuſcht. „Das lezte Weib,“ erwiederte Fugal, der aus⸗ geſprochenen Meinung durch einen Wink bei⸗ pflichtend.„Und ein feuriges Menſch auch, die Slutte! Wir machten gute Geſchaͤfte als Baͤn⸗ kelſaͤnger und Stahlwaarenhaͤndler.“— „Balladen, Pfannen und hörnerne Loͤffel,“ ſagte Frieſel. Fugal blickte veraͤchtlich unter ſeinen unerſchrockenen Braunen hervor und fuhr fort— „Wir hielten uns meiſtens in dieſen Huͤgel⸗ diſtrikten auf, und fuͤhrten ein gutes Saus⸗ und Brausleben,“ ſagte der Veteraner.„Aber Ihr ſeht, Beß war ganz fuͤr das Stadtleben —— und ein heißes Nachteſſen. So gingen wir nach Glasgow.— Waren Sie je da, Madame Lis⸗ beth— eine Manufakturſtadt von großem Ge⸗ ſchmack iſt das.— Was fuͤr eine Stimme die Slutte hatte. Ich habe geſehen, daß wir in ei⸗ ner Winternacht— vom Lichtanzuͤnden bis zum Laͤuten der Meßglocke fuͤnf Schillinge mit Sin⸗ gen verdienten. Beß wußte ihre Geſaͤnge ſehr gut zu waͤhlen, und dieß war wieder in der Kriegszeit, wo die Maͤdchen allezeit ein weiches Herz haben. Gut! Fortuna, die tolle Dirne wird nicht immer lachen— damals waren es herrliche Zeiten!“ „Und ſo iſt der arme Fugal abermals ein un⸗ troͤſtlicher Wittwer,“ ſagte Eliſabeth aufſtehend, und nun einſehend, daß ſie die lange Stunde umſonſt verſchwendet hatte. Fugal betrachtete ſie von ſeinem fernen Sitze mit einem von wichtigen Meinungen vollge⸗ pfropften Geſichte— that drei kurze einſchluͤr⸗ fende Athemzuͤge, auf die ein Zug von anſchei⸗ nend endloſer Dauer folgte— nahm die Pfeife aus ſeinem Munde, preßte dieſen gewaltig zu⸗ ſammen, ſtemmte ſeine Arme unter und blies in die ſanfte, klare Abendluft, rechts und links, durch ſeine beiden ſtarrenden Naſeloͤcher, ganze rollende Rauchwolken— ein furchtbares Ma⸗ növre, das er in Flandern erlernt hatte, und womit er ſeine Zechbruͤder in Grahame Arms in den Samſtagsabenden in Erſtaunen zu ſetzen pflegte.— Durch dieſes Wolkenzelt konnte Eli⸗ ſabeth die ſtolzere Woͤlbung ſeiner Naſe und 116. die ſchrecklichere Bewegung ſeines Schnurrbarts unterſcheiden.„Ich wuͤrde nicht daran gedacht haben, Madame Lisbeth“— und er fuhr mit ſeinen Fingern uͤber ſeinen Kopf und klatſchte noch einmal mit ihnen, bis ſie knallten, wie ſeine Piſtolenhalfters—„waͤre die Schlutte mit einem von den Unſrigen— einem Gentle⸗ man— durchgegangen; allein dieſer Burſche. war ein Matroſe, Madame Lisbeth!“ Fugal daͤmpfte ſeine emphatiſche Stimme— blickte ſin⸗ ſter— und ſchuͤttelte ſeinen Kopf uͤber der ent⸗ wuͤrdigenden, gemeinen und poͤbelhaften Denk⸗ art, die ſeine lezte und geliebte Sultanin an den Tag gelegt hatte. Eliſabeth, ein wenig aus der Faſſung gebracht, wußte nicht, wie ſie ihn troͤſten ſollte. Es war eine zu zarte Aufgabe. „Dann ſchwaͤrmt eure gute Beß vielleicht hier in der Raͤhe umher?“ ſagte Frieſel. „Nein— die Schlutte haͤlt ſich ſern von hier. Allein ich kuͤmmere mich nichts darum, Madame Lisbeth. Ich habe des Koͤnigs Penſion— Gott. ſegne ihn!— Neun Pfund, zwei Schillinge, ſechs Pfennig— das Recept zur Schuhſchwaͤrze, das mir ein Schoͤnes eintraͤgt, laßt es mich euch ſagen, Fraͤnzchen— meine Angeleuthe und den Gebrauch des Ive Manton— langes Leben dem Kapitaͤn Wolf dafuͤr. So iſt der Koͤnig auf ſeinem Throne nicht gluͤcklicher, als ich, der ich hier in meinem eigenen Gebiete ſitze— an un⸗ ſere Leute in Flandern denke, und zuweilen nach jenen Schnepfen puffere, wenn die Sonne ſich 117 dort im Weſten niederſenkt;— wenn ich nur Nachrichten von Beß, der Schlutte, haben koͤnnte, und zuweilen ein wenig weiter Taback haͤtte.“ Dem leztern Mangel verſprach Eliſabeth ab⸗ zuhelfen— der erſtere lag außer dem Bereiche ihrer Macht. Sie nahm hierauf Abſchied und ging ſo unterrichtet weg, als ſie gekommen war, die Thaten der Mons Meyg vielleicht aus⸗ genommen. Frieſel ſprang und kletterte inzwi⸗ ſchen abwechslungsweiſe nach der Spitze des Felſens, der Fugals Wohnung ſchuͤzte, mit der Behendigkeit des Thiers, von welchem er ſeinen Namen hatte. Hier ſchrie er, huͤpfend und tan⸗ zend:„Seyd ihr alle fertig, meine Jungens? — Es ſoll in Grahame Arms ein Tanz auf⸗ gefuͤhrt werden, und wir ſind noch nicht dabei! Von der leichten Reiterei nehme ein jeder Mann eine Infanterie hinter ſich.“ Er hockte auf der Felſenſpitze, als ob er auf Fugals Schul⸗ tern haͤtte huͤpfen wollen. Fugal, halb erzuͤrnt und halb lachend, warf mit Stock und Stein nach ihm; allein das Wie⸗ ſel wich, ſich niederbuͤckend, jedem Wurfgeſchoſſe geſchickt aus, und verließ ſeinen vortheilhaften Standpunkt nur, um Eliſabeth durch das Ge⸗ hoͤlz zu folgen. 118 Siebentes Kapite l. Der Beſuch in Sourholes. Seit mehreren Tagen war die Galle des Lairds von Monkthaugh durch verſchiedene kleinlichte Umſtaͤnde gereizt worden, und der Empfang gewiſſer ofſtzieller Depeſchen von der Grillenfamilie verminderte ſeine uͤble Laune nicht. Waͤhrend er mit Eliſabeth an dem Mor⸗ gen, der auf ihren Beſuch in Fugals Einſiede⸗ lei folgte, am Fruͤhſtuͤck⸗Tiſche ſaß, wurden die Stimmen der Effie Fechnie und des Wieſels in ungeziemendem laͤrmenvollem Streite gehört. Die uͤble Stimmung des Lairds erhielt hierdurch einen bedeutenden Zuwachs, ſo daß er dem Zanke der beiden ſtreitenden Parteien durch einen ungewoͤhnlich derben Verweis ein Ende machte. Als das Wieſel und Effie Fechnie ſich entfernt hatten, ſagte Eliſabeth:„Ich weiß, daß es nicht dieſes Kuͤchen gezaͤnk iſt, was Euch dieſen Morgen ſo unwillig machen konnte, Monkshaugh. Ich wollte, ich waͤre aͤlter, oder weiſer, oder irgend etwas, das mir einen groͤ⸗ ßern Anſpruch auf Euer Zutrauen erwerben koͤnnte.“ 3 „Lisbeth, meine Theure, ich zweifle nicht an Eurem Urtheile, obſchon wenige Perſonen mit dem ſtarten Geiſte der Lady Tamlallan begabt ſind; allein warum ſoll ich Euch wegen John Hur⸗ 119 cheon, oder ſeinen Scheinen und Schuldver⸗ ſchreibungen und Beſchlagnehmungen und ſo⸗ fort Muͤhe und Kummer machen?“ „Dann werdet Ihr Wolf Grahame ſchrei⸗ ben.“ „Er hat bereits zu viel gethan;— ſprechet nicht von ihm, Lisbeth;— es macht mir Schmerz.“ „Sollen wir Herrn Haliburton in unſer Ge⸗ heimzimmer rufen? Er mag Eure Lebenserfah⸗ renheit und Kenntniß in der Rechtsgelehrſam⸗ keit nicht beſitzen; allein er iſt ein ehrlicher Mann und Eurem Hauſe aufrichtig ergeben.“ „„Ich glaube es, Lisbeth. Holt ihn zum Mit⸗ tageſſen ab. Wir muͤſſen etwas fuͤr ihn thun. Oefter ein geſalzener Haͤring, als ein Roſtbra⸗ ten beim Mittagsmahle zu Sourholes, glaube ich.— Chriſty Grahame fing geſtern einen berrlichen Lachs im Oran, hinter dem Platze.“ Eliſäͤbeth eilte nach Gideon's Wohnung. „Ich wuͤnſche Euch einen geſegneten guten Morgen, Lady Lisbeth,“ ſagte Gideon, als er ſie erblickte, und faßte ihre Hand, waͤhrend ei⸗ ne ungewoͤhnliche Freude in ſeinen ſchwarzgel⸗ ben Augen ſchimmerte.„Hier kommt ihr wie eine friſche Lilie auf ihrem Stiele, oder eine ro⸗ the, neu aufgegangene Roſe— wohlgemuth und ſchoͤn.“ „Ich ſehe, Ihr habt einen guten Gebrauch von meinem Balladenbuche gemacht,“ erwie⸗ derte Eliſabeth lachend. „Dieß muß erſt noch bewieſen werden, Lis⸗ 120 beth. Nichtsdeſtoweniger habe ich, wie Pflicht und Gewiſſen mir geboten, mein Beſtes ge⸗ than.“ Eiiſabeth blickte erſtaunt auf.„Kommt hier mit mir in das Studierzimmer, wie das Maͤdchen es nennt.“ Eliſabeth folgte ihrem alten Freunde in ein kleines, feuchtes, ſtallaͤhnliches Zimmer mit ei— nem Boden von Lehm, acht Fuß lang und ſechs breit. In dieſem Zimmer, das zwiſchen der Kuͤ⸗ che und Speiſekammer der Wohnung Gideons lag, und von vier Scheiben von truͤbem gruͤ⸗ nem Glaſe erhellt wurde, hatte er wenige wurm⸗ ſtichige Folio's uͤber Gottesgelehrſamkeit, nebſt einigen jener dicken plumpen Baͤnde, welche ihre hollaͤndiſche Abkunft durch ihre Figur ſogar ver⸗ rathen, umhergeſtelll. „Weit lieber wuͤrde es mir geweſen ſeyn, wenn ein geſchickterer Kaͤmpe die Waffen in dieſer Sache ergriffen haͤtte, Eliſabeth, ein ge⸗ wichtiger Doktor, oder ein gelehrter Profeſſor. Allein da es mir uͤberlaſſen worden iſt, die ehr⸗ liche Janet zu vertheidigen, ſo ſoll es ihrem Kampfhelden nicht an Muth und Eifer, wenn auch an Geſchicklichkeit fehlen. Das Maß un⸗ ſerer Gaben liegt nicht in unſeren Haͤnden. Es war ein Gluͤck fuͤr mich, daß ich auf Euer Bal⸗ ladenbuch ſtieß, Lisbeth, denn ſolche Kling⸗ Klangs⸗Waaren, wofern ſie nicht das Evange⸗ lium Songettes und Blind⸗Harry's Wallace ſind, finden in meinen kleinen Vorraͤthen menſch⸗ lichen Wiſſens nur wenig Raum, obſchon ich geſtehen muß, daß ich mich waͤhrend meines Aufent⸗ „. 121 Aufenthalts unter den Hirten der ſuͤdlichen Thaͤler, als Lehrer der Jugend, nur zu ſehr nach den Taͤndeleien ihres Geſangs und Har⸗ fenſpiels hinneigte.“ Gideon legte jezt, beſcheiden, allein doch mit der ſelbſtbewußten Miene gluͤcklicher Autorſchaft, vor Eliſabeth ein Manuſcript von faſt einem Kubikfuß ins Gevierte, hin. Als Titel las man auf demſelben:„Vertheidigung des Namens und Rufs jener herrlichen ſchottiſchen Refor⸗ matorin und ausgezeichneten chriſtlichen Frau, Margarethe, ſonſt Janet Geddes, gegen die verlaͤumderiſchen Befleckungen einiger uͤbel⸗ wollender Praͤlaten, und beſonders gegen den muthwilligen Angriff, der in den Anmerkun⸗ gen zu dem Balladenbuche, betitelt:„The Min- strelsy of the Scottish Border*) Tom. II. pag. 9.“ enthalten iſt. **) Ungeduldig, die gaͤnzliche Umwaͤlzung(in der Re⸗ ligion) zu vollenden, die ſeines Vaters vorſichtige Aengſtlichkeit unvollendet gelaſſen hatte, ſuchte Karl ploͤtzlich die Kirchenregierung in Schottland einzu⸗ fuͤhren, und in England die weltliche Herrſchaft ſeines Vorgaͤngers Heinrichs VIII. zu erneuern. Die wilde Gemuͤthsart der ſchottiſchen Nation fing zuerſt Feuer, und der fortgeſchleuderte Sche⸗ mel einer feilen Dirne gab das Zeichen zum Buͤr⸗ gerkriege, der nicht eher aufhoͤrte, als bis die Kirche unter den Truͤmmern der Verfaſſung be⸗ graben war; bis die Nation einem militariſchen Despotismus, und der Monarch dem Beile des Eliſ. von Bruce. II. 6 122 „Lisbeth, mein Unwille ward rege!— mein Eifer verzehrte mich;“ ſagte Gideon,„von dem Augenblicke an, in welchem mir dieſe verlaͤum— deriſchen Stellen zu Geſicht kamen. Ich fuͤhlte mich gebieteriſch aufgefordert, die falſchen An⸗ klaͤger der Glaubensbruͤder zu widerlegen, und das Andenken des Weibes zu reinigen, das die Johanna von Are unſerer reformirten Kirche war, ausgenommen daß ihre Begeiſterung aus einer andern Quelle herſtammte, als die der abgoͤttiſchen Jehanna. Ich ſagte zu mir ſelbſt, mich bei Nacht ſchlaflos in meinem Bette um— herwaͤlzend, ich ſagte zu mir ſelbſt, wenn ich zur Abendzeit ins Freie hinausging, um an den Ufern des Oran nachzudenken, dazu bin ich berufen. Es fuhr mir zu Zeiten in den Kopf, wo ich nicht unterſcheiden konnte, ob es ein Ruf, oder eine Verſuchung des Feindes war, der mich mit eitlem Duͤnkel auf Wiſſenſchaft und Gelehr⸗ ſamkeit aufblaͤhte. Wenn ein blutiger Richard, Henkers verfallen war. Minstrelsy of ihe Scot- tish border. „Fort, falſcher Bengel! willſt du die Meſſe vor meinem Ohre leſen,“ war der wohlbekannte Ausruf der Margarethe Geddes, als ſie ihren Dreifuß gegen den Biſchof von Edinburgh ab⸗ ſchleuderte, der in Gemaͤßheit der Befehle des Ge⸗ heimeraths das Vater Unſer zu verleſen ſuchte. Auf einem erhabneren Sitze hatte die genannte Margarethe kurz zuvor vor der Gemeinde Buße gethan. Dieß wenigſtens iſt die Tradition der Tory's. Minstrelsy of the Scottish Border. 12⁵ ein profaner, ſchwelgeriſcher Falſtaff, eine todt⸗ ſchlaͤgeriſche Maria Stuart, wie man mir ſagt, wenn alle dieſe einen Kaͤmpen in dieſem Zeit⸗ alter der Saͤuberung und Aufſtutzung der Cha⸗ raktere fanden, ja ſelbſt eine Maria Magdale⸗ na, aus der ſieben Teufel ausgetrieben wurden, ſoll alsdann dieſe Mutter in Jsrael zur Nachwelt gelangen, befleckt und gebrandmarkt mit gehaͤſſi⸗ gen Beinamen, die in dieſer Gegenwart zu er⸗ waͤhnen, unſchicklich waͤre.“ „Wie dieß ſich auch verhalten mag,“ ſagte Eliſabeth lachend,„ich glaube, daß wir der Miſtreß Janet Geddes wenig Dank ſchuldig ſind, wenn ſie die Urſache iſt, daß Ihr Euch ſo lange von Monkshaugh entfernt gehalten habt.“ Eliſabeth war ihrem ſeltſamen alten Lehrer aufricheig ergeben, obſchon zu befurchten iſt, daß ihre Zuneigung mehr aus fruͤher Gewohn⸗ heit, und aus der Aufrichtigkeit, Guͤte und Ein⸗ fachheit ſeiner Gemuͤthsart, als aus hoͤheren Eigenſchaften, wie Anmuth, Kenntniſſe u. ſ. w. entſprang. Sein Bruch mit Monkshaugh dauerte zezt ſeit drei Wochen, und alle Par⸗ teien ſehnten ſich im Geheimen nach Vergeſ⸗ ſenheit und Erneuerung des Verkehrs. Die Vermittlerin war ermaͤchtigt, ihn zum Mittag⸗ eſſen zuruͤckzubringen, unter der Bedingung je⸗ doch, daß er den Laird wegen des geſchniegel⸗ ten Maͤnnleins um Verzeihung bitten ſollte. Allein in Vergleichung mit der Vertheidigung der Janet Geddes, und einem Beſuche in Sour⸗ 124 Pyres„der von Lady Harriette Copelh und den Damen Haxletillum's angekuͤndigt worden, wa⸗ ren Mittaghſſen und Verzeihungen Gideons Geiſt hoͤchf unbedeutende Dinge. „Damen ſind ſeltene Gaͤſte in meiner Woh⸗ nung,“ ſagte er,„und kommen ſelten um mich, als einen, der mit einer Botſchaft an Suͤnder beauftragt iſt, zu befragen!“ „Freche Damen!“ rief Eliſabeth, ihren Un⸗ willen uͤber den von ihr wohl begriffenen eigent⸗ lichen Zweck dieſes angedrohten Beſuchs freien Lauf laſſend. „So glaubt Ihr alſo, ſie kommen, um die Nacktheit des Landes auszuſpaͤhen,“ ſagte Gi⸗ deon; d. h. den Schmutz und die Verwirrung eines ſchlecht eingerichteten Hauſes? Reicht mir meine Reithoſen, Fraͤnzchen.“ Das Wieſel ſchickte ſich an, einen Platz fuͤr die Aufnahme der erwarteten Beſuchenden zu reinigen. Eliſabeth wußte, daß es umſonſt war, Gi⸗ deon von der Schauſtellung ſeiner Beredtſam⸗ keit in Abſicht auf ſeine erwarteten feinſittigen Proſelyten, oder von der Erhebung ſeines Zeug⸗ niſſes gegen ihre Eitelkeiten, Irrthuͤmer und Ausſchweifungen abzurathen. Die Stimmung, in der ſie ihn fand, hatte einen Hauptzweck ih⸗ res Beſuchs vereitelt, den naͤmlich, ſeinen Rath in Beziehung auf die Annahme oder Verwer⸗ fung eines Anerbietens einzuholen, das Delancy in Betreff der Befoͤrderung von Briefen an Ka⸗ pitaͤn Wolf Grahame unter der Adreſſe ſeines 125 Oheims, der in Irland ein hohes buͤrgerliches Amt bekleidete, gemacht hatte. Sie hatte auch im Sinne gehabt, ihm ihre Beſorgniß mitzu⸗ theilen, Monkshaughs thoͤrichte Hartnaͤckigkeit, und die kleinlichten Kraͤnkungen, die Friſel Herrn Hutchen und ſeinen Dienern zuzufuͤgen, zu ſeinem taͤglichen Studium und Vergnuͤgen machte, moͤchten den unverſoͤhnlichen Groll die⸗ ſes Edelmanns hervorgerufen haben. Sie wußte, daß Herr Hutchen die Macht hatte, vermoͤge eines ſehr ſummariſchen Prozeſſes, die Perſon des Repraͤſentanten aller Monkshaugh einzu⸗ kerkern, und glaubte feſt, er werde von dieſer Extremitaͤt bloß durch einen Ueberreſt von Ach⸗ tung fuͤr die Meinung der Umgegend zuruͤckge⸗ halten. Das Wieſel, das nur zu oft den Geheime⸗ rath ſeines Herrn ſpielte, war zu allen Zeiten bereit, jene kleinlichte Eiferſucht und Neben⸗ buhlerei aufzumuntern, die ihm Gelegenheit zur Anwendung ſeines Hohns und Spotts verſchaff⸗ te. Wenige Abende zuvor hatte er einen Streit mit Herrn. Hutchens Wildjaͤger in einem zulaͤl⸗ ligen Zuſammentreffen auf den Moors gehabt, und bei dieſer Gelegenheit, wie er ſich nach ſei⸗ ner Heimkehr laut ruͤhmte, in ſeinem und ſei⸗ nes Herrn Namen,„dem Samen und der Brut der Muckle Meg, Haut und Kind“ wacker Trotz geboten.“ Man muß zugeben, daß kleinere Beleidigun⸗ gen vordem die Galle von Landedelleuten ge⸗ reizt und ihre Feindſeligkeit auf den hoͤchſten 126 Grad geſteigert haben. Monkshaugh hatte je⸗ nen duͤnkelhaften Begriff von ſeiner Familien⸗ wichtigkeit, der ihn in den Glauben einwiegte, John Hutchen von Harletillum werde, koͤnne, duͤrfe die Kuͤhnheit nicht haben, irgend eine wirk⸗ liche Beſchimpfung der Familie Grahame von Monkshaugh, oder des wirklichen Haupts dieſes brruͤhmten Hauſes zu erſinnen, noch viel weni⸗ ger auszufuͤhren. Die Bitten Eliſabeths, auf ſeiner Hut zu ſeyn, und ſich gegen das Schlimm⸗ ſte zu verwahren, wurden daher, als Beweiſe von Mangel an Geiſt und Muth, mit Verach⸗ tung, oder als Reſultate einer maͤdchenhaften Unwiſſenheit, mit Mitleid behandelt. Nebſt ih⸗ rer gutbegruͤndeten Furcht vor dem Grolle, den Monkshaugh ſich durch die Fortſetzung dieſes fruchtlofen und unedeln Kriegs mit ſeinem rei⸗ chen Nachbar zuzog, draͤngten ſich noch pein⸗ lichere Gefuͤhle, noch traurigere Beſorgniſſe ihrem Geiſte auf. Ihrer wahren und⸗ tiefen Liebe erſchien es als erniedrigend und unedel, an ſeiner Zuneigung zu zweiſeln, den ſie ſo inbruͤnſtig und ſo ganz liebte. Allein jene bleier⸗ ne erſtarrende Krantheit, die mit der ſtechen⸗ den Qual„verſchobener Hoffnung“ abwechſelt, beſchlich wider ihren Willen ihr Herz. Seit der Zeit der Unterhaltung, die Eliſa⸗ beth ſo ungluͤcklicherweiſe gehoͤrt hatie, war jede Veraͤnderung, jedes Schwanken ihrer Gemuͤths⸗ ſtimmung eine andere Urſache von fuͤrchterli⸗ cher Angſt und Unruhe fuͤr ſie geworden. So oft die quaͤlende Furcht vor der Familienkrank⸗ x 127 heit der Bruce's ſie ergriff, war die natuͤrliche Energie ihres Geiſtes raſch damit beſchaͤftigt, jene ſchreckenhaften Phantome zu verbannen, die, wenn ihnen kein Widerſtand geleiſtet wird, nur zu oft die Gewalt erlangen, ſich zu ver⸗ wirklichen. Fuͤr einen Geiſt, der durch das furchtbare Bewußtſeyn niedergedruͤckt iſt, daß er einem erblichen Wahnſinne unterworfen iſt, muß es ſtets eine gefaͤhrliche Beſchaͤftigung ſeyn, jene nebligen und unbeſtimmten Graͤnzen zu bewachen, die zuweilen alles ſind, was eine exaltirte Leidenſchaft und enthuſiaſtiſche Aufre⸗ gung von Geiſtesverwirrung zu trennen ſcheint. Dieß wußte Eliſabeth recht gut. Doch giebt es ſcharfſinnige und phantaſiereiche Gemuͤther, fuͤr welche dieſe Gewohnheit der Selbſtbetrachtung nur eine krankhafte Bewachung krankhafter Ge⸗ fuͤhle und der abwechſelnden Symptome der Geſundheit des Geiſtes beſonders verfuͤhreriſch iſt; und Eliſabeths Gemuͤth gehoͤrte um dieſe Zeit zu dieſer Klaſſe. Um ſich bei einem ſo ge⸗ faͤhrlichen Studium gegen Nachſicht zu verwah⸗ ren, hatte ſie ſich ſeit einigen Wochen eine un⸗ aufhoͤrliche koͤrperliche Uebung und Thaͤtigkeit zur Pflicht gemacht, indem ſie bald arbeitete, bald ritt, gieng, oder ſang, kurz, ſich ernſtlich bemuͤhte, jenen ungeſtuͤmmen Wunſch zu uͤber⸗ waͤltigen, aus dem Dunkel der Zukunft die nebligen Formen eines unbekannten Uebels aus⸗ zuſcheiden. Sie hatte einen thaͤtigen und eifri⸗ gen Antheil an allen Verbeſſerungen und Re⸗ formen des Hausweſens zu Monkshaugh ge⸗ 126 nommen, ſich zu jeder laͤndlichen Geſellſchaft geſellt, die ſich in ihrer abgeſchiedenen Woß⸗ nung verſammelt hatte, und den Beifall ihrer eigenen Seele hinſichtlich ihrer Thaͤtigkeit und Geiſtesſtaͤrke, zu der ſie in der That wenig aͤußere Anregung hatte, erhalten. Allein nach ihrer Ruͤckkehr aus Gideon's Wohnung ſtieg, unge⸗ achtet des Vergnuͤgens, das ihr die literariſchen⸗ und Bekehrungsplane des Seelſorgers gemacht hatten, die Niedergeſchlagenheit ihres Geiſtes bis zu einer ſolchen Hoͤhe, daß ſie ſich in ihr ein⸗ ſames Zimmer einſchloß, und jene langſam⸗ fließenden und doch beſaͤnftigenden Thraͤnen rin⸗ nen ließ, die keiner beſtimmten Urſache zuge⸗ ſchrieben werden koͤnnen, die aber ſchweigend her⸗ vorquellen, und durch ihre ruhige Ergießung die verborgenen und uͤberladenen Quellen des Gei⸗ ſtes erleichtern. Ein und zwanzigſtes Kapitel. Die Verhaftung. Vaͤhrend Eliſabeth ſich dieſer Schwaͤche uͤber⸗ ließ, hoͤrte ſie zahlreiche Fußtritte in dem Hof⸗ raum, und eine Minute darauf das gellende Geſchrei eines Menſchen, der in der hoͤchſten Angſt zu ſchweben ſchien. Mit der Schnelle des Gedankens eilte ſie in das Sprechzimmer, das ſie mit fremden Geſichtern angefuͤllt fand, auf denen der Ausdruck der Rohheit und Wild⸗ 129 heit lag, obſchon ſi ſie ſie nur wie in einem Trau⸗ me ſah. „Die Schurken haben meinen alten Herrn ge⸗ toͤdtet,“ rief Friſel tiefbetruͤbit „Oh! was iſt das?“ rief Eliſabeth, ſich vor Monkshaugh, der leblos auf dem Fußboden lag, auf die Kniee werfend. „Getoͤdtet! Was heißt Ihr getoͤdtet?“ ſagte einer von den Maͤnnern muͤrriſch.„Wir zeig⸗ ten ihm unſern Verhaftbefehl; und gutes Recht, waͤre er der Herzog von Montroſe, ſtatt der Laird von Monkshaugh. Allein gebt ihm einen Tropfen Branntwein, Fraͤnzchen. Das wird ihn wieder zum Verſtand bringen. Und tadelt uns nicht, Madame; wir zeigten blos unſern Ver⸗ haftbefehl, und hinpurzelte er, wie von einer Windbuͤchſe niedergeſtreckt.“ „Verlaſſen Sie das Zimmer, meine Herrn,“ ſagte Eliſabeth;„und Ihr, Fraͤnzchen, nehmt auf der Stelle ein Pferd, und holt Huͤlfe, wenn ihr je durch den Namen Grahame gluͤcklich zu werden hofft.“ „Es bedarf ſolches Raths wenig,“ erwie⸗ derte Friſel.„Aber ach, ich wuͤnſchte Capitaͤn Wolf Grahame waͤre hier, um ſeine Sache zu verfechten; denn wir ſind im beſten Falle ein ſchwaches kraftloſes Volk!“ „Oh, waͤre er doch hier!“ dachte Eliſabeth — Sie wuſch die Schlaͤfe, und rieb die Haͤn⸗ de des armen Monkshaugh, der auf ein Bett gelegt wurde, und beobachtete ſeine Geneſung mit dem lebhafteſten Intereſſe. Er fing an, ſei⸗ 130 ne Augen zu bewegen.—„Verlaſſen Sie das Zimmer, ich befehle es Ihnen,“ ſagte ſie zu den Maͤnnern in einem tiefen, aber feſten To⸗ ne.„Sie haben die Vollmacht zu verhaften, aber gewiß nicht zu morden.“ Die Maͤnner fingen an, eine muͤrriſche Ant— wort zu murmeln, als Eſſie ſich ins Mittel ſchlug. „Wuͤrdige Herren, ehrbare Herren,— dieſe junge Dame, eine nahe Verwandte des Lairds, und die Tochter des großen Lord von Bruce, iſt durch Kummer verwirrt und betaͤubt, und weiß nicht recht, was ſie ſagt. Es iſt zu Ihrer Erfriſchung kalter Rindsbraten und Bier in der Speiſekammer; von beidem die Huͤlle und Fuͤlle. Effie's Gruͤnde waren weit klarer und buͤn⸗ diger, als Eliſabeth's Befehle. Die Gerichtsdie⸗ ner zogen ſich zuruͤck, um die angebotenen Er⸗ friſchungen einzunehmen. Die Hauptperſon ſagte, vorausſchreitend,„ſicherlich oͤnnen wir keinen Leichnam verhaften. Dieß iſt ein natuͤr⸗ licher Vorzug des engliſchen Geſetzes.“ „O weh! weh!“ rief Effie hinwegeilend aus. „das gute Haus Monkshaugh!— Habe und Reichthum— Decke und Federbett— Kiſſen und Polſter— verpfaͤndet und gepluͤndert— fortgenommen und zerſtreut!— Diener und Dienerin nach den vier Winden fliehend, gleich Zwiebelhuͤlſen— Und o weh! Jener halsſtar⸗ rige Junge, der keinen Rath annehmen wollte! Denn haͤtte er ſich mit John Hutchen's Tochter eingelaſſen, ſo haͤtte dieſer Tag des Gefaͤngniſſes und Bankerotts unſer Haus nie heimgeſucht!“ 13⁴ Eliſabeth hatte ein zu richtiges Urtheil, und eine zu hohe Seele, als daß ſie ſich die gering⸗ ſten Vorwuͤrfe daruͤber gemacht haͤtte, daß ſie die Schuld der Vereitlung der ehelichen Verbin⸗ dung trug, von der Effie, in ihrer weltlichen Weis⸗ heit, die Rettung des Hauſes ihres Herrn und ihres eigenen Liedlohns erwartet hatte; doch ſah ſie Monkshaugh mit Vergnuͤgen, gleich einem zu⸗ ruͤckgekehrten Geiſte, auffahren und ausruſen: „Halt deine boshafte Zunge, du allgefaͤllige alte Schlutte, und erinnere dich, wer dein Herr iſt. Ich wollte lieber in dem tiefſten Kerker von Rookſtown verfaulen, mit Eidechſen und Kroͤten zu Nachbarn, als Land und Freiheit einem ſo ſchwarzen Handel verdanken!“ „Bſt! mein theurer Herr,“ rief Eliſabeth. „Seyd ihr beſſer? Sagt nur, daß ihr beſſer ſeyd.— „Oh! Lisbeth, ich bin beſſer; aber ich bin ein alter huͤlfloſer Mann.“ Und ſeinen Kopf auf ihre Schulter ſinken laſſend, vergoß er we⸗ nige natuͤrliche Thraͤnen, waͤhrend aus Eliſabeth's Augen faſt Stroͤme floſſen. „Verlaß das Zimmer, Baby,“ ſagte er, „du brauchſt nicht ſcheel zu ſehen, du al⸗ bernes Maͤdchen. Ich bin nicht boͤſe auf dich. Aber ſieh dich vor, daß Alles ſau⸗ ber und in Ordnung iſt, um dem Glaͤubiger uͤberliefert zu werden, wie es ſich fuͤr einen gut⸗ geordneten Haushalt ſchickt.“ Und die weichherzige Baby, die ſtarkknochige, ruͤſtige Aufwaͤrterin aller Kuhe und Stiere in 132 Monkshaugh's Staͤllen, mit Wangen und einem Kinne von einem tiefen, aber friſchen Roth, und einem Geſichte und Gliedern, die mit ei⸗ nem kurzen, ſanften, Bernſteinfarbigen Flaum bedeckt war, brach bei dieſem pathetiſchen Be⸗ fehle in ein hyſteriſches„oh! oh!“ aus, und eilte, ihre Schuͤrze, nach Art des Schleiers der Iphigenia, uͤber ihren Kopf werfend, ſeufzend von dannen. Monkshaugh lehnte noch auf Eliſabeth's Schul⸗ ter, die Ankunft des Arztes abwartend, den Fri⸗ ſel, der bereits zuruͤckgekehrt war, getroffen hatte. „Wenn dieß meine lezte Stunde ſeyn ſollte, Eliſabeth,“ ſagte er,„dann ſoll mein leztes Wort ein Segen uͤber euch ſeyn, die ihr Tochterpflicht gegen mich erfuͤllt habt. Reicht mir meine Schach⸗ tel vom Ebenholz und Elfenbein, Friſel. Si⸗ cherlich wird ihr Inhalt hinreichen, den ruͤck⸗ ſtaͤndigen Liedlohn der Dienerſchaft zu bezah⸗ len— nicht wahr, mein armer Kammerdiener?“ Mit einem kleinen goldenen Schluͤſſel, der an ſei⸗ ner Uhrkette hing, oͤffnete Monkshaugh die Schach⸗ tel, und dann das kleine Federſchloß eines in ihr enthaltenen Kaͤſtchens, und nahm ein Hals⸗ band von großem Werthe aus demſelben. „Das Halsgeſchmeide meiner ewig verehrten Mutter,“ ſagte er;„kein kleines Geſchenk ſelbſt fuͤr die Tochter des Lord von Bruce. Ich hatte es fuͤr die Braut des Wolf Grahame beſtimmt; allein ich koͤnnte keinen ſchoͤneren Buſen, und keinen, der mir theurer waͤre, damit ſchmuͤcken. Es gehoͤrt Euch, Lisbeth. Heute duͤrtt ihr mit 13³ nichts abſchlagen. Die Wege der Veorſicht gleichen unſern Wegen nicht, oder eine ſchoͤne⸗ re Braut betrat nie den Schloßhof von Monks⸗ haugh, ſeit dem Tage, daß meine ewigverehrte Mutter, begleitet von vierzig Gentlemen zu Pferd, und eben ſo vielen gut berittenen Da⸗ men, nebſt Hunderten von dem gemeinen Po⸗ bel.— Aber der Herr ſey mir Suͤnder gnaͤdig!“ ſagte er, ſeinen Stolz zuͤgelnd.„Ich bin all⸗ zu eitel mit meinem Namen und meinen Gaben geweſen; und hart bin ich dafuͤr gezuͤchtigt.“ Dieſe lezten Worte ſprach er mit einer ge⸗ wiſſen Anſtrengung. Es leuchtete Eliſabeth ein, daß er einen ſtarken Anfall irgend einer Art erlitten hatte, obſchon ihre geringe mediciniſche Geſchick⸗ lichkeit die Natur deſſelben nicht erforſchen konnte. Monkshaugh unterwarf ſich ruhig und gedul⸗ dig den verſchiedenen, von dem Wundarzte vor⸗ geſchriebenen Heilmitteln, und lag den ganzen Tag uͤber in demſelben Zuſtande da, ein Ge⸗ genſtand tiefen Mitleids und ſtarker Theilnahme füͤr ſie, die jezt ſeine einzige Stuͤtze war. Gideon, der, in Folge der Aufforderung Fri⸗ ſels, ſeine ſchoͤnen Proſelyten ſchnell verlaſſen hatte, wachte dieſe Nacht an Monkshaughy's Bett, und waͤhrend er auf dieſer Station ſtand, eroͤffnete Effie durch Eliſabeth eine maskirte Bat⸗ terie auf ſein warmes und einfaͤltiges Herz. Ihr lautes Geſchrei:„die theure junge Lady toͤdte ſich ſelbſt,“ hielt er fuͤr den Ausfluß eines mit⸗ leidigen und muͤtterlichen Herzens; und auf ih⸗ re vereinigten Bitten, ſich zur Ruhe zu bege⸗ 134 ben, entfernte ſich Eliſabeth, und ließ Effie im Beſitze eines offenen Feldes fuͤr ihre beabſichtig⸗ ten Operationen. Von dieſem vertrieb ſie je⸗ doch der Schatten der Janet Geddes, der ihren Kaͤmpen beſchuͤzte, und verſchob das Schickſal des Predigers abermals einen Tag. In der Famtlie Monkshaugh ſchlief in dieſer betruͤbten Nacht faſt Niemand. Eliſabeth brachte die Ruheſtunden damit zu, Wolf Grahame die traurigen Umſtaͤnde, in denen ſie ſich befand, mit der ungeſchminkteſten Beredtſamkeit des Ge⸗ fuͤhls in der Glut ſeines erſten Impulſes zu ſchildern, und verrieth die Tiefe ihrer Angſt in der Sorgfalt, mit der ſie dieſelbe ihm zu ver⸗ bergen ſuchte, der alle ihre Leiden mitfuͤhlen mußte, ſo wie ſie alles empfand, was ihm be⸗ gegnete. Die Liebe, die leidenſchaftliche Liebe hat ihre Entzuͤckungen; allein nur in Stunden des Leidens und der Pruͤfung kann die uner⸗ gruͤndliche Guͤte, die zaͤrtliche und edle Be⸗ kummerniß des Buſens einer Frau, auch ihr ſelbſt, ganz deutlich werden. Kummer iſt der Boden, in welchem ihre Zuneigung— ſanft und ſtark— am herrlichſten bluht; Thraͤnen ſind der Thau, der ſie naͤhrt. In ſolchen Mo⸗ menlten, wie die, in denen Eliſabeth und die Gegenſtaͤnde ihrer Zuneigung ſich befanden, wird die Liebe eines Weibs aller ihrer ſchlummern⸗ den Kraͤfte ſich bewußt, und offenbart ihre gan⸗ ze Macht an den Tag. Als Eliſabeth ihren in Eile geſchriebenen Brief uͤberblickte, tadelte ſie ſich, daß ſie ſich 135 zu ſehr der Muthloſigkeit, wo nicht wirklichen Klagen uͤberlaſſen habe. Dieß wurde durch jene ernſten Ausdruͤcke der Zaͤrtlichkeit, Heiter⸗ keit und Ergebung, mit denen ſie ihren Brief ſchloß, verbeſſert. „Von den Enden der Welt wird dieſe Auf⸗ forderung ihn zu mir bringen,“ ſagte ſie. Sie ordnete ſodann ihre Kleidung und mit einem demuͤthigen und ernſten Geiſte, der die Wohl⸗ that von dem gnadenvollen Mitleide empfand, das allen denen, die es anrufen, gelobt, aber ſo zaͤrtlich und ausdrucksvoll denen verheißen iſt, die in den Tagen des Ungluͤcks und des Kummers huͤlflos und verlaſſen daſtehen, em⸗ pfahl ſie ſich dem Schutze des Himmels, und hauchte ihre ſprachloſe Dankbarkeit fuͤr die Guͤte und Gnade aus, die ſie alle Tage ihres Lebens hindurch begleitet hatten. Nach der Erfuͤllung dieſer Pflicht— oder eigentlicher geſprochen, nach dem Genuſſe dieſes hoͤchſten Vorrechts ei⸗ nes vernuͤnftigen, fuͤhlenden und leidenden Ge⸗ muͤths, ſtieg ſie beim Anbruche des Tags zu den Waͤchtern der Nacht herab. Montshaugh befand ſich beſſer, und die Fa⸗ milie wurde in ſein Zimmer zun Gebete oder zum Familien⸗Gottesdienſte,“ wie Gideons beſ⸗ ſerer Ausdruck war, gerufen. Die heilige Pflicht wurde am Bette des Herrn vom Hauſe, ſo ruhig erfuͤllt, als es ſich mit der rauſchenden Schule der Beredtſamkeit vertrug, in der der„gottſelige Gideon“ erzogen worden war. Es ließ ſich jedoch nicht erwarten, daß 136 er ganz der Gelegenheit widerſtehen werde, ei⸗ nen Seitenhieb gegen„den Expreſſer“ und den⸗ Unterdruͤcker„des Waiſen“ zu thun, wozu Ef⸗ fie taktmaͤßig aͤchzte, und zwar um ſo natuͤrli⸗ cher und pathetiſcher, da Friſel, der neben ihr knieete, ihr von Zeit zu Zeit einen erlaͤuternden Puff in ihre ſchmaͤchtigen Rippen mit ſeinem ſchar⸗ fen Ellenbogen gab, an ſeinem boshaften Com⸗ mentar, wenigſtens eben ſo viel Vergnuͤgen fin⸗ dend, als an dem Texte des Seelſorgers. Eli⸗ ſäabeth, die wußle, daß ihr Freund, bei aller Un⸗ beholfenheit ſeines Benehmens, viel von dem Zartgefuͤhle beſaß, das in jedem Range und Stande von dem wahren Gefuͤhle unzertrennlich. iſt, fand eben ſo großes Vergnuͤgen an ſeinen frommen Gebeten fuͤr die Familie, als an der wunderbar geringen Aufmerkſamkeit, die er der jungen Dienerin ſchenkte, die nach dem Willen der Vorſicht berufen worden war, an den Sor⸗ gen und Bekuͤmmerniſſen eines betruͤbten Hau⸗ ſes Theil zu nehmen.“ Unmittelbar nachdem der ehrliche Gideon ſich von ſeinen Knieen erhoben hatte, knöͤpfte er ſei⸗ nen Rock entſchloſſen zu, ergriff ſeinen eichenen Knuͤttelſtock, und ſchickte ſich an, auszuziehen, um bis zum Tode„dem lyranniſchen Manne“ zu widerſtehen,„der Wort und Treue gegen Ca⸗ pitaͤn Wolf Graham gebrochen, und ſeine ſchwe⸗ re Hand an den Schwachen gelegt hatte.“ „Aber, mein theurer Herr, ihr muͤſſet mit mir fruͤhſtuͤcken,“ ſagte Eliſabeth, große Zvei⸗ fel in Beziehung auf die Klugheit und Umſicht 137 des freiwilligen Gefandten hegend.„Und“— ſie zoͤgerte ein wenig—„wenn es Euch nicht zu viele Muͤhe machte— wenn Ihr, ehe Ihr ginget, Euch ein wenig— reinigen wolltet.“— „Reinigen!“ donnerte Gideon.„Ich wuͤnſch⸗ te, Lisbeth, wir haͤtten reine Herzen!— Es iſt ein laͤſtiges eitles Geſchaͤft um die Reinigung der Außenſeite der Schaale und Schuͤſſel!“ Eliſabeth haͤtte ihn um alles in der Welt nicht im Ernſte beleidigen moͤgen; und Gideon hegte dieſelbe Geſinnung gegen ſie. So ſchie⸗ den ſie nach gegenſeitiger ſchneller Reue und haſtiger Erklaͤrung,— und als die Dame ſpaͤ⸗ ter von dem Laird uͤber den Zuſtand des Barts des Predigers befragt wurde, geſtand ſie auf⸗ richtig,„daß ſie denſelben oft ſchon ſchlimmer gefunden habe.“ — Zwei und zwanzigſtes Kapitel. Der Gefandte. Die Familie hatte ſich an dieſem Morgen⸗ fruͤhzeitig in Herrn Hutchens Fruͤhſtuͤcks⸗Zim⸗ mer verſammelt. Lady Harriette Copely ſaß an einem fernen Fenſter, mit ihrem Lieblings⸗ hunde, Daphne, ſpielend, und abſeits mit De⸗ lancyh ſprechend. Herr Hutchen las mit großer Aufmerkſamkeit Briefe. Frau Hutchen berei⸗ tete Thee, und Juliana, ihren Arm in einer ſeidenen Binde, eine reich verbraͤmte Haube, 138 ein Oberkleid von indiſchem Muſſelin, und ei⸗ nen Kaſchimir-Shawl tragend, entſchuldigte ſich, daß ſie ſo ſchlecht gekleidet ſey, und hatte ganz das Ausſehen der farbloſen, blaſſen und anziehenden Kranken mit aller ihrer Macht. „Delancy, koͤnnen Sie mir errathen, was Sie und mich wirklich an dieſen verabſcheuungs⸗ wuͤrdigen Ort brachte?“ ſagte Lady Har⸗ riette. „Ich koͤnnte eine verſchmizie Muthmaßung geben,“ erwiederte der junge Mann.„Eure Herrlichkeit wußte ſich mit nichts Beſſerem zu unterhalten,— oder ihr Herr und Gatte dachte ſo— und ich war— großentheils in demſel⸗ ben Falle.“ „Mein Herr!— ich danke ſeinen Bemuͤhun⸗ gen.„Gut, ich habe den Troſt zu glauben, daß Hutchen's freiwilliges Kammerdiener⸗Amt fuͤr die Lady Harriette Copely keine Faulſtelle geweſen iſt.“—„Allein was will man mit Ihnen hier, Delanch?— außer Sie muͤßten in der That die Hand der theuern Juliana er⸗ ringen, wie man junge Angler lehrt, nach Gruͤnd⸗ lingen zu ſuchen, um ſie zu beſſern Faͤngen tauglich zu machen.“—„Seyen Sie jezt nicht boͤſe. Hier ſind wir Geſchwiſter im Ungluͤcke— laßt uns wenigſtens aufrichtig gegen einander ſeyn.“—„Ich muß noch viele Wochen hier bleiben. Ich wuͤrde Ihnen ſicherlich entlaufen, — wenn ich Pferde haͤtte.“—„Aber koͤnnen Sie mir ſagen, was Sie hier zuruͤckhaͤlt, De⸗ lancy?“ 139 Der Genkleman hatte keine Antwort in Be⸗ reitſchaft. Er ſagte etwas von Jagden und der Schoͤnheit dieſes Theils der Umgegend, von ſeinem Verſprechen, bis zu Ende des Monats zu bleiben, und endlich von der Unmoͤglichkeit, ſich von ihrer Herrlichkeit zu trennen, oder im Augenblicke in den Beſitz von Ernescraig⸗To⸗ wer zu gelangen. „Das alſo,“ erwiederte ſie, und fuͤgte hinzu: „ich kam auf den Gedanken, das Haus in Brand zu ſtecken, um aus demſelben loszukommen. Haben Sie andere Plane,— wodurch der Fuchs in ſeiner Hoͤhle ausgeſpaͤht wuͤrde? Se⸗ hen Sie, wo er muͤrriſch blickend ſizt— ſchwar⸗ zes Ungluͤck ausbruͤtend— wie verhaßt iſt mir doch dieſer Mann?“ „Eure Herrlichkeit iſt ſicherlich, wie Hutchen ſagt, ihre eigene Gebieterin, und kann einen ſo verhaßten Platz verlaſſen, ſo bald es ihnen gefaͤllt.“ „Wahr! allein ich fuͤrchte meine— unſere — meine Thorheit hat dieſen Burſchen einige Zeit lang zum Herrn des armen Copely gemacht.“ —„W zelches Glaͤck fuͤr mich, Delancy, waͤre zu den zehn Geboten auch noch die Vorſchrift hin⸗ zugefuͤgt worden— du ſollſt nicht verſchwende⸗ riſch ſeyn; oder— du ſollſt nicht Karten ſpie⸗ len— du ſollſt keine Baͤlle geben! ich glaube das demuͤthigende Bewußtſeyn dieſer elenden Knechtſchaft macht mich gegen dieſen Burſchen rauher oder ungeduldiger, als ſonſt der Fall ge⸗ weſen ſeyn wuͤrde, gerade wie ein Menſch an 140 dem ſchwindeligen Rande eines Abgrundes, eben durch den Anblick ſeiner Gefahr in Verſuchung geraͤth, den Sprung zu thun.— Aber ſiehe da! der Apoſtel Gideon.“— Und ſo war es— in ungeheuern Schritten einherſchreitend, ſeinen Kopf und Nacken in ſeiner Haſt, weit vor ſei⸗ nen ſtarken locker zuſammengefuͤgten Gliedern vorausbeugend, wiſchte Herr Gideon Halibur⸗ ton den Thau von ſich ab, und naͤherte ſich der Thuͤre des großen Mannes ſeinen Stab bald auf die Schultern nehmend, bald in den Raſen ſtoßend, und vor ſich hinmurmelnd. „Wir werden,“ ſagte Frau Hutchen,„mit eurer Erlaubniß, Lady Harriette, genoͤthigt ſeyn, dem armen Mann ein Fruͤhſtuͤck zu geben.“ „Es wundert mich, daß das Geſchoͤpf ißt,“ ſagte Juliana. „Jezt bitte ich euch, Lady Harriette und Ju⸗ liana, meine Theure,“ ſagte die Mutter,„be⸗ tragt euch anſtaͤndig. Herr Hutchen, Sie ſind ſtets ſo beſchaͤftigt. Hier kommt der Prediger von Sourholes, um uns zu beſuchen.“ Herr Hutchen war gewoͤhnt, das Geſchwaͤtz und Gekicher ſeines Weibervolks mit derſelben Gleichguͤltigkeit zu hoͤren, wie das Summen der Mucken in demſelben. Gemache, er blickte jedoch auf, als Gideon eintrat; und verband ſich hoͤf⸗ licherweiſe mit ſeiner Frau und Tochter, um ihn zu bitten, ſich an den Tiſch niederzuſetzen und zu fruͤhſtuͤcken. „Ich bin Euch fuͤr Eure Hoͤflichkeit verbunden, Herr John Hutchen,“ ſagte Gideon ernſt und 141 feierlich; allein ich will weder von Eurem Brode eſſen, noch aus Eurer Schaale trinken, bis ich mich meiner Botſchaft gegen Euch entledigt ha⸗ be.“— Daß dieſe Botſchaft, wenigſtens nach der Mei⸗ nung des Ueberbringers, von großer Wichtigkeit war, erhellte aus dem wichtigen und feierlichen Ausdrucke, wodurch Gideon's Haltung und un⸗ geſchlachte Geſichtszuͤge eine Zeitlang eine ge⸗ wiſſe Wuͤrde erhielten. „Jezt bitte ich Sie, mein guter Herr, trinken Sie doch eine Schale Chokolade,“ ſagte die ge⸗ fäͤllige Juliana.„Und ſetzen Sie ſich neben mich. Ich bin nicht gewohnt, von Herrn eine abſchlaͤgige Antwort zu erhalten.“— Sie winkte der Lady Harriette bedeutungsvoll.—„Sie muͤſſen dieſen Morgen einen langen Appetit⸗ erregenden Weg uͤber die Suͤmpfe gemacht haben.“ „Ich war dieſen Morgen, junge Madam,“ erwiederte Gideon,„Zeuge eines Auftritts, der die Laͤnge der Straßen und die Schwierigkeit des Wegs, und alle koͤrperliche Beduͤrfniſſe ver⸗ geſſen macht. Ich bin hier im Namen eines ſchwachen, huͤlfloſen Mannes, den bis auf das Aeußerſte zu verfolgen, ſicherlich nie eure Ab⸗ ſicht ſeyn konnte, Herr John Hutchen und ei⸗ ner jungen Dame von edlem Blute und noch edlerer Natur, die durch die doppelte Buͤrde ſeines Kummers, und ihres eigenen Grames niedergebeugt, und fern von allen denen iſt, 142 die in dieſer RNolh fuͤr ſie fuͤhlen, oder ſie ver⸗ theidigen loͤnnten.“ „Guter Himmel! was iſt geſchehen?“ rief Lady Harriette aus; und Delanch wiederholte die Frage in Toͤnen, die eine noch tiefere Theil⸗ nahme verriethen. Herr Hrelchen preßte ſeine Lippen zuſammen, um gleichſam die kochende Leidenſchaft, die zum Ausbrechen bereit war, zutückzuhalten⸗ und ſag⸗ te:„An dieſem Tiſche reden wir von Brod und Butter, Herr Harliburton— allein weder von Geſchaͤftsſachen, noch von Predigten, mag nun der Text aus Salomonis Weisheit, oder aus den Klageliedern des Jeremias hergenom⸗ men ſeyn. Sezt Euch nieder, und folget mei⸗ nem Beiſpiele, oder warrtet in dem naͤchſten Zimmer, bis ich Zeit habe, euch aufzuwarten.“ „Hierin will ich Euer Ge e befolgen,“— ſagte Gideon, und zum großen Mißvergnuͤgen der neugierigen Lady Harriette und des von aͤngſtlicher Theilnahme erfuͤllten Delancy lief Gideon nach der Thuͤre. „Junger Herr,“ ſagte er, ſich umwendend, „wenn ihr den Namen D Delaucy fi üͤhrt, ſo erhielt ich von der ehrenwerthen Elifabeth von Bruce, im Namen ihres betruͤbten Verwandten, des Herrn Robert Grahame von Monkshaug, den Auftrag, euch dieſes Paquet anzuvertrauen; da⸗ mit ihr vermittelſt eurer edlen Verbindungen in de ungluͤcklichen Lande, in welchem Capi⸗ taͤn Wolf Graham e ſich fuͤr den Augenbtick auf⸗ haͤlt, dieſem jungen Manne, von dem wir keine Nachrichten erhalten koͤnnen, ſicher uͤberliefern 143 3 moͤchtet, was ihm faſt ſein edles Herz brechen wird, wenn er erfaͤhrt, wie ſein alter Oheim und ein Mann der— ich ſage, wenn er er— faͤhrt, wie ſein alter Oheim behandelt wird.“ „Ich werde gewiß mein Möglichſtes thun, um dieſes Paquet ſicher und ſchnell zu uͤber⸗ ſchicken, ſo unruhig auch das Land iſt, und ſo ſchwierig auch ſolche Auftraͤge in dem gegenwaͤr⸗ tigen Augenblicke ſind. Darf ich jezt bitten, mir zu ſagen, wie es mit Herrn Graham ſteht — ob ich der Familie in irgend einem andern Punkte nuͤtzlich ſehn kann.“—„Ja, junger Herr, wenn eure Gefaͤlligkeit ſo weit geht, ſe moͤgt ihr eurem Wirthe hier, Herrn John Hut⸗ chen ſagen, daß es weder ſeinen Ruf befoͤrdern, noch ſein Vermögen vergroͤßern kann, wenn er bis zum Tode einen harmloſen armen Mann verfolgt, der, obſchon von Natur ein wenig eitel und eingebildet, doch mit ſeinen geachte⸗ ten Vorfahren in dieſer Gegend faſt vierhun⸗ dert Jahre in Anſehen und Ehre gelebt hat, und der, obſchon ſolche Pralereien nur eitler Tand ſind, aus dem Blute der Bruce's ent⸗ ſproſſen iſt, dem ihr, Laird von Harletillum, Reichthum und Ehre verdankt.“ „Aus dem Blute einer Blutwurſt,“ ſagte Hutchen mit ganz poͤbelhafter Wuth.„Und dieß waͤre fuͤr euch, Herr Gideon, glaube ich, der uͤberzeugendere Beweisgrund. Stopft euern Mund mit einem Plattſemmel, Freund. Noch viele andere Gruͤnde rathen hiezu. Wenn euer Freund, Herr Grahame, ſich uͤber Kopf und 144 Hals in Schulden geſteckt hat, ſo muß er, vermuthe ich, die Strafe ſeiner Thorheit gleich andern leiden,— wofern nicht das Blut der Bruce'’s die Schuld austilgt. Daſſelbe iſt vor⸗ dem eben ſo rechtſchaffenen und noch verſtaͤn⸗ digeren Leuten begegnet. Eine andere Taſſe Thee, Miß Hutchen.— Ich werde in fuͤnf Minuten bei Euch ſeyn, wenn euer Geſchaͤft weiter geht, Herr Gideon Harliburton.“ „Legt mir Zeugniß ab, ihr falſcher Mann und grauſamer Unterdruͤcker,“ rief Gideon, ſeine Stimme erhebend.„Ja laßt euer Gewiſſen mir Zeugniß ablegen, wie es einſt zu thun gezwun⸗ gen werden wird, mogt ihr es auch jezt noch ſo ſehr erſticken, daß ihr die Eitelkeit und den Stolz dieſeß thoͤrichten Mannes gereizt und ge⸗ ſtachelt habt, der in eure Schlinge gerannt iſt, wie ein thoͤrichter Vogel in die des liſtigen Vogelſtellers, bis er von Haus und Hof weg⸗ geſchleppt wird, um in die Gefangenſchaft, vielleicht in den Tod zu gehen; denn der ſtolze Geiſt wird ſich eurem Gefaͤngniſſe nicht ſo leicht unterwerfen: eure Botſchaft war fuͤr ihn gleich⸗ ſam der Pfeil des Todes. Allein ich kam nicht hieher, um euch Verweiſe zu geben, oder eine laͤſternde Anklage gegen euch zu erheben; ſon⸗ dern vielmehr euch zu ermahnen, daß ihr, um der Schande des Geredes der Welt willen, und aus Ruͤckſicht auf das verwaiste Maͤdchen, deſ⸗ ſen Verwandtſchaft mit euch— euch zu dem gemacht hat, was ihr ſeyd, und vor allem, um eurer eigenen Seele willen, und wenn ihr je Gnade 145 Gnade vor Gott und Gunſt bei den Menſchen finden wollt, eure Hand von dem ablaßt, was, wenn ihr dabei beharrt, ſogar zur Blutſchuld werden kann.“ Waͤhrend Gideon ſo ſprach, fluͤſterte die ſchoͤne Juliana der Lady Harriette zu:„Wie auffal⸗ lend poͤbelhaft Papa zuweilen ſpricht! Und doch iſt er eine Perſon von feinem Geſchmacke, allein die Poͤbelhaftigkeit iſt von einer ſchotti⸗ ſchen Erziehung unzertrennlich.—„Ich muß ihn wegen ſeiner Sprache des alten Grahame tadeln,“— und ſie fuhr laut fort:—„in der That, Papa, ich muß Sie bitten, etwas fuͤr den alten Herrn Grahame zu thun. Ich erkannte ihn, Mamma, als er eines Tags aus der Kir⸗ che gieng; und der arme kleine Mann war ſo freundlich, ſo erfreut, Sie koͤnnen es ſich gar nicht denken.“ „Still!“ rief Hutchen, auf den Tiſch ſchla⸗ gend.—„Und was Euch betrifft, ehrwuͤrdiger Herr, die ihr eure vorwitzige Naſe auf dieſe Art in Dinge ſteckt, die Ihr nicht begreifen koͤnnt und die Euch nichts angehen, Eure Sendung an dieſes Haus iſt, vermuthe ich, am Ende.“ Und Hutchen zeigte mit der Hand nach der Thuͤre, warf wilde und zornige Blicke um ſich, und ſein zorn⸗ entflammtes Auge verſchonte ſelbſt Lady Har⸗ riette nicht.. „Ich bin ein Mann des Friedens, Laird von Harletillum, erwiederte Gideon, in der Mitte des Zimmers in einer eben nicht ſehr friedlichen Stellung Poſto faſſend, und ſeinen Stock vor ſich Eliſab, von Bruce. 7 hinſtellend.„Ich bin der Ueberbringer einer Botſchaft des Friedens und des Wohlwollens ge⸗ gen Menſchen; allein meine Stirne ſoll nicht er⸗ blaſſen, noch mein Herz erbeben, weil Ihr Euer Horn erhebt. Bruͤllt wie ein Stier von Baſan, ich werde es nicht hoͤher achten, als das Zirpen des Zaunkoͤnigs an dem Moor. Ich will es Euch ins Geſicht ſagen, ſtolzer Maun, daß ich die Furcht Gottes vor Augen habe, und daß dieſe Sache mich angeht:— daß ich rothes Blut in meinen Adern und Lippen habe, die, obſchon alt und verwelkt, an den Frauen⸗Bruͤſten ge⸗ ſogen haben,— und daß eure grauſame Unter⸗ druͤckung mich angeht!— und auch euch an⸗ geht, edle Lady,— und euch ehrenwerther jun⸗ ger Herr— und alle, die dem Vaterloſen und Unterdruͤckten zu ſeinem Nechte helfen wollen, damit der Mann der Welt ſich nicht mehr ge⸗ gen ihn erhuͤbe.“ Und in kurzen und energi⸗ ſchen Ausdruͤcken zaͤhlte Gideon die alten auf ſeine Freunde gehaͤuften Ungerechtigkeiten auf, bis die gegenwaͤrtige Verhaftung Monkshaughs das Maß der Strenge und Grauſamkeit vollge⸗ macht hatte:— und auch das Maß der Ver⸗ räͤtherei ſagte er; da Kapitaͤn Wolf Grahame, ehe er das Land verließ, ſich gegen Herrn Hut⸗ chen, in Abſicht auf die Sicherheit der Perſon ſeines Oheims, ſich in Verpflichtungen auf alle Gefahren hin eingelaſſen hat, die er, der muth⸗ maßliche Erbe zweier Landguͤter, auf ſich neh⸗ men kann, was Herr Hutchen um jene Zeit als eine hinreichende Buͤrgſchaft fuͤr ſeine eigene 147 Sicherheit angenommen hat. Zur Beſtaͤrkung dieſer Verpflichtung hatte Kapitaͤn Grahame, auf Herrn Hutchens Wink, ſich herabgelaſſen, ſeinem großen Nachbarn ſein Lieblingsroß und die Jagdhunde, die ſich noch an ihre fruͤhere Heimath und ihren fruͤhern Freunde erinnern, kaͤuflich abzutreten.“ Eine Todtenſtille folgte auf Gideons kuͤhne Angabe;— und dann erwiederte Hutchen mit wunderbarer Faſſung und in tiefem Tone:— „Herr Gideon Haliburton, ich zahle eurer Kirche kein Stipendium, und will euch daher von ferneren Sendungen an dieſe Familien frei ſprechen.“„Ich miſche mich nicht in euer Eban⸗ gelium; und laßt es mich euch ſagen, ich dulde keine Einmiſchung in mein Geſetz. Ich wuͤnſche auch einen guten Morgen.“— Herr Hutchen verließ nach dieſen Worten das Zimmer. —„Fch bitte euch, entſchuldigt den Papa, mein guter Herr,“ rief Juliana—„ihr ſeht, er iſt ſo beſchaͤftigt:— Ich muß den armen Mann ein wenig in Schutz nehmen, ihr wißt es, Lady Harriette“— bei Seite. —„Er iſt bereits ſchon ſo wunderbar in Schutz genommen,„ſagte Lady Harriette.“ —„Ich verſprach euch zu ſingen, und euch die Gaͤrten zu zeigen, und mein Stammbuch und meine Gemaͤlde, und ſolche Dinge als wir in Sourholes waren; aber ihr ſehet, ich bin krank.— Drum guten Tag.— Gruͤßt mir eu⸗ ern Zoͤgling, Eliſabeth. Sie zeichnet nicht, glaube ich, auch bekuͤmmert ſie ſich nicht viel um Poe⸗ . 7 3 ¹ ſie.“ Die junge Dame legte ihre kleine Hand an Gideons hoͤrnerne braune Fauſt. —„So ſah ich,“„ſagte Lady Harriette,“ an einem Jahrmarkte die Affen mit ſchmerzhaf⸗ ten Grimaſſen auf die Schultern des großen und ernſthaften Baͤren huͤpfen, der zu den Spruͤn⸗ gen ſeines verwegenen Geſellſchafters daſſelbe Geſicht ſchnitt, wie Gideon in dieſem Augen— blicke.“. Toͤlpelhaft verſchaͤmt, wirklich fuͤr ſich ſelbſt und die junge Dame erroͤthend, und doch aus⸗ ſehend, als ob er ſtark geneigt waͤre, der ſchoͤnen Juliana einen Puff als Lohn ihrer Leutſelig⸗ keit zu geben, raffte ſich Gideon zuſammen; als er das froͤhliche Auge der Lady Harriette auf ſich ruhen ſah, und ſagte, nach einem graͤßli⸗ chen vorlaͤufigen Kichern! „ Eliſabeth von Bruce hat kein Stammbuch, allein ſie hat einen alten Reim, der fuͤr das Ih⸗ rige paſſen koͤnnte: „Vieles hoͤren, aber wenig ſprechen. Dieſe Regel ſoll kein Madchen brechen.“ „Kennen ſie das, unter ihrer andern Poeſie und Ihren uͤbrigen Talenten? Talenten!— Wenn Sie einmal das Schnitzmeſſer ergriffen, und ihren Zeigefinger verloͤren, was wuͤrde aus Ihnen allen werden?“ „Eine ſolche Schmaͤhung auf die neuere Er⸗ ziehung!“ rief Lady Harriette lachend, und ſie verbeugte ſich vor dem weggehenden Gaſte mit groͤßerer perſoͤnlicher Anſtrengung, als ſie Herrn Hutchens laͤndlichen Gäͤſten gegenuͤber 149 gewohnt war. Gideon verbeugte ſich ſeiner⸗ ſeits, als ob er der Vorſitzer der Verbuͤndeten Spnode geweſen waͤre. „Er iſt in der That, meine beſte Julie, alles was Sie je geſagt haben— ein wahrer Edel⸗ ſtein!— auch ein Anſtrich von Laune, Delan⸗ cy— faͤhig zu Citationen.“ „Sehr faͤhig unverſchaͤmt zu ſeyn,— wie— das Uebrige wurde gemurmelt. „Wie was Julie?— Ihre Gouvernantin muß Ihnen ſicherlich geſagt haben, daß nichts ungezogener ſeyn kann, als zu murmeln, und mummeln. „Es iſt nicht werth, daß ich mich daruͤber auf⸗ halte,“ ſagte Juliana, ihren Kopf ſchuͤttelnd, und ſich entfernend. „Recht, meine beſte Julie— Lady Harriette Copely iſt nicht werth, daß ſich Miß Juliana Hutchen mit ihr aufhaͤlt.“ Ein zorniges Hoch⸗ roth flammte auf der Stirne Ihrer Herrlichkeit. „Ich nehme in der That einen ſehr großen Antheil an allem, was dieſer wuͤrdige Mann uns geſagt hat,“— ſagte Delaney,„doch wer⸗ den Ew. Herrlichkeit mir verzeihen, wenn ich Ihnen ſage, daß die Pein, die ich empfinde, wenn ich Sie— ſie, mit ihren herrlichen Talenten, ihrem Geſchmacke und Geiſte— ſich zu einem Streite mit dieſem kindiſchen Maͤdchen herablaſ⸗ ſen ſehe, mir dieſe Theilnahme halb aus dem Fune bringt. Verzeihen Sie mir meine Frei⸗ eit. „Sehr gut geſprochen, Delancy; allein was 150 wollen ſie, daß ich thun ſoll? Im allgemeinen jedoch nehme ich nie Ruͤckſicht auf ſie, außer wenn ihr Vater dabei iſt;— nie, außer wenn ich nicht den alten Ziegenbock in dem Blute des muntern jungen Boͤckleins ſieden kann. Eben das Talent, und der Geiſt von welchem Sie ſpre⸗ chen, treibt mich dazu an. Es iſt mein Fiuch, — mein Daͤmon, der begleitende Geiſt des Zau⸗ berers, der unter der Bedingung einer fortwaͤh⸗ renden Beſchaͤftigung verliehen iſt, und ſich, wenn dieſe Bedingung nun nicht erfuͤllt wird, um⸗ wendet, und ſeinen Herrn zerreißt, Michael Scott ſtellte dem Seinigen die Aufgabe, den Sand am Meeresufer zu zaͤhlen, und der mei⸗ nige muß eben jetzt, aus Mangel einer edleren Beſchaͤftigung, ſich herablaſſen, unſere ſuͤße Ju⸗ liana zu aͤrgern.“ „Allein iſt Ihre Herrlichkeit nie im Ernſte darauf bedacht geweſen, dieſem ihrem Genius eine edlere Beſchaͤftigung anzuweiſen? Verzeihen Sie mir die Freiheit der Frage.“ „O, ja! ich verſuchte, ob es mir Freude machen wuͤrde, zu flechten, oder zu ſtricken, oder zu ſpielen, oder zu mahlen, oder Pflanzen zu klaſſifizieren, oder Schmetterlinge zu balſami⸗ ren. Dieſe huͤbſchen Zeitvertreibe waren ein. Nichts fuͤr meinen unermuͤdlichen Daͤmon. Die geſtellten Aufgaben waren in einem Augenblicke beendet, und erforderte von ſeiner ungluͤcklichen⸗ Gebieterin ſo ungeſtuͤmm, als je, neue Beſchaͤf⸗ tigungen. So lange er Liebesbriefe zu ſchreiben, nicht an Copelyp,— und dem Mißfallen mei⸗ 131 nes edlen Herrn zu trotzen, und mit demſelben zu kaͤmpfen hatte, war er der gluͤcklichſte Teufel auf der Welt; aber das iſt, wie Sie wiſſen, ſchon ein Zeitalter. Die Gluͤckſeligkeit kann nicht im⸗ mer fortwaͤhren.“ „Und hat Eure Herrlichkeit feit dieſer Zeit nie eine angemeſſene Beſchaͤftigung fuͤr dieſen un⸗ ruhigen Geiſt gefunden?“. „O, ja! das Spielen war, glaube ich, ein ziemlich zuſagendes Element, allein es erweckte einen andern Teufel, deſſen Name Legion war, — ſo war dieß im Ganzen genommen, ein Verluſthandel.“ „Werden Eure Herrlichkeit mir erlauben, ernſt⸗ haft zu ſeyn? vielleicht verlangt dieſer raſtloſe Daͤmon, in eine hoͤhere Sphaͤre der Thaͤtigkeit verſetzt,— in geſellſchaftlichen Pflichten und intellectuellen Beſtrebungen durch Geſellſchaft— beſonders weibliche Geſellſchaft von einer hoͤ⸗ hern Art, als ſie hier finden, unterhalten zu werden? „Geſellſchaftliche Pflichten! Sicherlich Delancy muͤſſen Sie gehoͤrt haben, daß ich mich durch die Erfuͤllung geſellſchaftlicher Pflichten der Ge⸗ ſundheit, Gemuͤth, und Gluͤck zu Grunde ge⸗ richtet habe;“ Delancy ſchuͤttelte hoffnungslos den Kopf.„Was geiſtige Ausbildung und hoͤ⸗ here weibliche Geſellſchaft und alles das betrifft— verzeihen Sie die Unanſtaͤndigkeit; ihre Worte zu wiederholen; ich verſichere Sie, ich lache in die⸗ ſem Augenblicke nicht:— ſo verſuchte ich alles das auch— artige, gebildete Frauen, als ein leztes 152 verzweifeltes Huͤlfsmittel;— nicht bloße Nota⸗ bels und Haushaͤlterinnen und Erzieherinnen, ſondern Damen von aͤchter Bildung und Ge⸗ lehrſamkeit. Eine irlaͤndiſche Amme, das ſchwatzhafteſte aller weiblichen Geſchoͤpfe iſt, mir in Vergleichung mit dieſen ein wahrer Edel⸗ ſtein. Von allen den mannigfaltigen Formen der Langenweile, in dieſem England, ihrer na⸗ tuͤrlichen Heimath, iſt nur eine Unterhaltung die furchtbarſte, regelmaͤßig und foͤrmlich vor die Schranken des bas bleu gefordert zu ſeyn, der vollgeladen, zur Exploſion bereit, auf uns niederſchießt und uns durch Leſen, Citiren, Pro⸗ ſa, Poeſie, Schmeicheln, Correſpondiren u. ſ. w. zum Tode, oder zu einer Langeweile, die zehn⸗ tauſendmal ſchlimmer iſt, als der Tod, verur⸗ theilt! Mein Daͤmon will ſich, ich verſichere Sie, durch ſo erhabene Verbindungen nicht be⸗ ruhigen laſſen. Ihm iſt kein weiblicher Witz ertraͤglicher, als der eines Marktweibes, keine Muſe als die Spbille, die in Connaught das Ullalloo ſingt. Und ich bitte Sie Delancy, mir zu ſagen, was Sie ſo lange von dem theuern Connaught zuruͤckhalten kann?“ „Vielleicht iſt dieß ein Antrieb meines Daͤman,“ erwiederte Delancy laͤchelnd.„In dieſem Punk⸗ te unterſcheiden ſich unſere Teufel von einan⸗ der. Der meinige hat die Reiſe von Irland mit großem Vergnuͤgen gemacht; ich fieng ſogar an, zu glauben, daß der reinigende Segen von St. Patrick ſich, nebſt Ratten und Wuͤrmern, auch auf Teufel ſich erſtreckte; nicht daß mein Teu⸗ fel urſpruͤnglich blau war; er war ganz couleur 155 de rose, obſchon alle Teufel endlich dieſe Farbe erhalten muͤſſen.“ Die Lady ſeufzte mit der damen⸗ haften Miſchung von Affectation, die dazu be⸗ ſtimmt war, das natuͤrliche Gefuͤhl zu ver⸗ bergen. „Wenn dieß der Fall iſt, ſo muß der Tadel ganz auf ihre Herrlichkeit fallen. Es iſt ein ge⸗ faͤlliger, obſchon grillenhafter Geiſt, ſchwanger mit allen ſeltſamen, luſtigen, heilloſen und ima⸗ ginativen Anſchlaͤgen— aber auch mit unſchul⸗ digen Vergnuͤgungen, wenn der geeignete Ver⸗ ſuch gemacht wird.“ „Er wurde gemacht. Ich zwang einmal mei⸗ nen Daͤmon, den Kreis unſchuldiger Freuden zu betreten,“ ſagte Lady Harriette;—„Es war Zwang— Doͤgel, und Blumen, und Conſer⸗ vatorien. Er gliech alsdann der franzoͤſiſchen Dame, die geſtand, ſie habe keinen Geſchmack fuͤr unſchuldige Vergnuͤgen, eine aufrichtige Per⸗ ſon, ſpotte uͤber ſie wer da will.“ Ich fuͤrchte, ich kann keine andere Beſchaͤfti⸗ gung fuͤr den unruhigen Teufel auffinden, der Eure Herrlichkeit ſo quaͤlt und peinigt, obſchon er Ihnen, wie ich nicht zweifle, gegeben worden iſt, um zu Ihrer Macht und Ihrem Vergnuͤgen zu dienen, waͤre er nur gehoͤrig erzogen und re⸗ giert worden. Nehmen Sie als Probe an, daß Sie ihm den Auftrag geben, einen beſondern Antheil an nuͤtzlichen Dienſten fuͤr irgend einen Freund zu nehmen.“ „Ich werde ein paar Klapphandſchuhe fuͤr Herrn Gideon ſtricken,“ ſagte Lady Harriette. „Ich vermeſſe mich zu ſehr, wenn ich meine 154 Meinungen der ernſthaften Beobachtung Eurer Herrlichkeit fuͤr wuͤrdig halte.“ „Nein! fahren Sie fort, Delancy: ich hoͤrte Sie nie in meinem ganzen Leben mit halb ſo großer Erbauung. Ich weiß, Sie wollen von Eliſabeth von Bruce ſprechen, heraus mit der Sprache!“ „Erlauben Sie mir daher, Ihnen zu ſagen, daß es mich gluͤcklich machen wuͤrde, Lady Har⸗ riette, wenn ſie ihren begleitenden Genius irgend eine Pflicht erfuͤllen ließen, die den Augenblick uͤberlebte, fuͤr die Menſchheit von Wichtigkeit, und frei von ſelbſtſuͤchtigen Beweggruͤnden waͤ⸗ re. Die Lage der lungen Dame, die Sie genannt haben, iſt der Art, daß jedes edle weibliche Gemuͤth Antheil an ihr nehmen muß.“— Lady Harriette erröthete in einem faſt un⸗ merklichen Grade. Gerade, wenn auch mit dem groͤßten Zartſinne ausgeſprochenen Tadel, ronnte ihr Geiſt nicht ertragen. In einem luſti⸗ gen Tone und nach einer augenblicklichen Pau⸗ ſe rief ſie aus: „Pah! ich ſage Ihney, mein Daͤmon iſt ein eben ſo ſchadentroher, als nutzloſer Teufel, und haßt zudem die Weiber. Er weiß, es ſind un⸗ ter ihnen viele Geſchoͤpfe, die in ihrem eigenen Wege, als Muͤtte« und Toͤchter, und Schweſtern, und Weiber tauglich und gut ſind; allein er hat weder Mutter, noch Schweſter, noch Tochter, noch Weib. Weiber ſind ihm eine bloße Luͤcke in der Schoͤpfung. Oh! die eckelhafte Leere— die Erſtarrung des Herzens, an der man in feſtlichen Hallen leiden muß, die von unzaͤhli⸗ gen Lichtern ſchimmern, und von ſchmaͤchtigen 155 Fraͤuleins vollgedraͤngt ſind, die in leichten Ge⸗ waͤndern umherflattern, mit Buͤſcheln ſchoͤn ge⸗ putzter Locken— ſuͤße Geſchoͤpfe und elegante Geſchoͤpfe, und hoͤchſt gebildete Geſchoͤpfe,— und talentvolle Geſchoͤpfe,“— diefe letzteren, hauptſaͤchlich Irlaͤnderinnen, mit allen ihren vor⸗ trefflichen, oder achtbaren, oder— tiefer und immer tiefer,— höchſt wuͤrdigen Muͤttern. Ja! Delancy, mein Daͤmon hat ein Vergnuͤgen da⸗ ran gefunden; in ſolchen Verſammlungen das Entſtehen, die Fortſchritte und Wirkungen der Eitelkeit des Neides, der Bosheit und der gan⸗ zen Liebloſigkeit zu beobachten, die der Schleier der Hoͤflichkeit in eine ſo koͤſtliche Sache verwandelt. Es iſt genau betrachtet, ein gehaͤßiges Studium. Es macht wohl Gruͤbchen in die Wangen, zer⸗ nagt aber den Buſen. Die Lippe laͤchelt, aber das Herz welkt. Ja verlaßt mich! oh verlaßt mich! mein großer John, und meine kleine Ju⸗ liana! herzlich, herzlich bin ich eurer muͤde!“ Delancy ließ die Unterhaltung ſinken, und entfernte ſich, auf die Bitte der Dame, um ih— ren Wagen zu ihrem Gebrauche zu beſtellen. Zehntes Kapile l. Der Baron Bailie.*) Herr Gideon Haliburton hatte auf ſeiner Ruͤckkehr von ſeiner erfolgloſen Botſchaft bereits 1*) Ballie, eine Magiſtratsperſon in Schottland, was ein alderman in England iſt. Anm. d. Ueberſ. 156 das Dorf Caſtleburn im Ruͤcken, als ihn der Laͤrm, der aus Monkshaughs Thor drang, in volle Aufregung brachte. Hier ſchleppen zwei von den Gerichtsdienern, die aus Edinburgh ge⸗ kommen waren, um Monkshaugh zu verhaften, Miß Jakobina Pingle zwiſchen ſich her, die aus voller Kehle ſchrie, mit den Fuͤßen ſtampfte, und zappelte, und dem Gange der Gerechtigkeit jedes Hinderniß, das in ihrer Macht ſtand, in den Weg ſtellte. Als Nachtrab folgten Effie Fechnie, Friſel und Corporal Fugal, der ge⸗ woͤhnlich den Dienſt eines Baron⸗Dieners in der Baronie Ernescraig verſah⸗ und⸗ jezt in dieſer Eigenſchaft anweſend war. „Rettung!— Rettung! Herr Gideon,“ ſchrie Jakobina,„in dem Namen des Lairds und des Koͤnigs: ſeht doch, wie die Diebsfaͤnger die Braut von Monkshaugh fuͤhren!“ „Und wenn wir Diebsfaͤnger ſind, ſo ſind wir um ſo tauglicher⸗ dich zu fuͤhren, du diebi⸗ ſche Schlange,“ ſagte einer der Gerichtsdiener; die du in deinen Anfaͤllen von Narrheit des Koͤnigs Verhaftbefehl geſtohlen.“ „Iſt das der Grund all' dieſes Laͤrms?“ ſagte Gideon, der Jakobina's Hang, alle ge⸗ ſchriebenen Papiere zu entwenden, wohl kannte. „Seyd artig gegen das bemitleidenswuͤrdige Geſchoͤpf, ehrliche Leute. Sie hat eine ſuͤnd⸗ loſe Schwaͤche.— Allein wohin wollt ihr?“ „Vor das Gericht eures wackern Barons Bailie,“ ſagte der Gerichtsdiener,„des gelehr⸗ ter Wirths von Grahame Arms,— ich, ein koͤniglicher bewaffneter Gerichtsdiener, der ſich — ————— 157 nie vor einem Geringeren, als dem Haupte der Berathungszimmer zu Edinburgh, Portsborgh, oder Poſterrow verbeugte.— Aber Miß Jacky — jezt biſt du ein huͤbſches Maͤdchen,“— und er klopfte ihr ſanft auf die Schulter und um⸗ faßte ihre Taille;“ ſage dieſem guten Herrn, was du mit jenem Stuͤckchen Papier machteſt, und ich will dir einen Kuß geben.“ „Ihr wollt mir einen Kuß geben, Hans Diebs⸗ faͤnger,“ rief Jakobina, ſich mit dem unnennba⸗ ren Hohne einer hochgeborenen, durch den ange⸗ botenen Kuß eines ungezogenen Kerls beſchimpf⸗ ten Matrone ſtolz und vornehm geberdend. „Bleibt in der Entfernung, Burſche!“ „Ich werde dir ſogleich das Maul aufthun!“ rief der Mann, durch das allgemeine Gelaͤchter, dem ihn Miß Jaky's Verſchmaͤhung preisgegeben hatte, entruͤſtet;„Jakobina Pingle, du tolle Schlutte, was haſt du mit meinem Verhaftbe⸗ fehl gemacht? ſchrie er ihr ins Ohr, und rüttel⸗ te ſie ziemlich unſanft an der Schulter—„haſt du ihn verbrannt?“ „Nein, Freund, ich habe ihn nicht verbrannt,“ rief Jakobina, ihr linkes Auge ſchließend, und ih⸗ ren Mund, zur Verſoͤhnung ſeiner Wuth, ver⸗ zerrend.„Ich gab ihn Jemand, der ihn ſicher aufbewahren wird, das heißt meinem eigenen Kammerdiener, oder wenigſtens dem des Lairds, meines Ehegemahls. Effie Fechnie, hier iſt meine Kammerfrau; denn ihr wißt, es wuͤrde weder ſtandesmaͤßig, noch ſchicklich fuͤr eine verheirathete Edelfrau, wie ich, ſeyn, wenn ich einen maͤnnli⸗ chhen Diener um meine Perſon haͤtte.“ 158 Dieſe Nachricht brachte die Gerichtsdiener auf eine neue Spur. Friſel jedoch hatte Kriegserfah⸗ renheit genug, ſie des Vortheils des erſten An⸗ griffs zu berauben. „Gebt ihn mir, armes verſtandloſes Geſchöpf!“ ſagte er in Toͤnen eines ruhigen Mitleids.„Al⸗ lein dieſe Herren haben mehr Einſicht, als daß ſie auf ein Wort merkten, das aus eurem ver⸗ ruͤckten Munde gekommen iſt.“ „Weg mit dir!“ rief Effie.„Das Halseiſen iſt nur zu gut fuͤr dich. In das Schlafzimmer eines verwittweten Herrn ſchleichen zur Verun⸗ glimpfung ſeines guten Namens.— Deine Kam⸗ merfrau, ja wahrlich! Eine ſaubere Unehre bringſt du uͤber eine Familie treuer, ehrlicher und unbe⸗ ſcholtener Diener, daß du ſie vor den Richter⸗ ſtuhl John Bailie's ſchleppſt, ſey es auch nur um Zeugniß abzulegen!“ „Artig und ſanft,“ ſagte der Gerichtsdiener, faßte Friſel entſchloſſen am Halſe und rief:— „Gebt den Verhaftbefehl heraus, oder bei— ich breche dir jedes Bein an deinem⸗Leibe— noch zu dem Urtheile des Richters, daß nachfolgen muß.“ „Zuͤgelt eure profane Zunge, und laßt den Mann gehen,“ bruͤllte Gideon, den gewalligen Arm des geiſtlichen Streiters zwiſchen ſie legend. „Ihr ſollt Recht erhalten, aber mißhandeln ſollt ihr den Mann nicht.“ „Das kann nicht ſo gehen!“ rief Fugal, und griff die andere Flanke des Feindes an.„Das kann nicht ſo gehen, meige Burſche— ihr vom Fußvolk ſollt vor uns Herren von der leichten Reiterei nicht ſo handtiren. Wenn ihr zuvor 139 nicht von mir gehoͤrt habt, ſo wißt, ich bin der kähne Corporal,— verſteht ihr mich?“ „Laßt ſie ihr Schlimmſtes thun,“ rief Fri⸗ ſel.„Capitaͤn Wolf Grahame(von der leichten Reiterei, ſagte Fugal) wird ihnen, und John Hurcheon nach ihnen zeigen, was es heißt, ſeinen Diener, einen unſchuldigen Mann, auf des Koͤ⸗ nigs Landſtraße, oder nahe bei ihr, auf das Wort eines wahnſinnigen Weibes anzufallen—(aber damit ſeyd ihr nicht gemeint, Leddy,“— und er klopfte ſanft auf Jakobina's Schulter und laͤchelte ihr in's Geſicht).„Wenn ihr beweiſen koͤnnt, daß ich den Verhaftbefehl— zu deſſen Vollziehung an meinem alten und geehrten Herrn kein Spuͤrhund in ganz Rookkown aufgefunden werden konnte, bis ihr Edinburgher Troßbuben geholt wurdet— ge⸗ ſtohlen, oder den geſtohlenen in Empfang genom⸗ men habt— ich bin ein Einwohner des Kirch⸗ ſpiels St. Serf, und ſtehe unter dem Schutze des Geſetzes, darum fordere ich euch heraus, keinen Finger an mich zu legen, außer auf geſetzlichem Wege.— Seift eure Baͤrte damit, Burſche!“ Friſel knallte den Gerichtsdienern, herausfor⸗ dernd, mit den Fingern in ihre blanke Geſichter. Sie wuͤrden jedoch ſeine Auseinanderſetzung der Landesgeſetze hinſichtlich der Freiheit der Unter⸗ thanen, ohne den wilden kriegeriſchen Blick des Corporals Fugal, der in drohender Stellung da ſtand, und Gideon's Stock, der ein geſchickter und traͤftiger Fuͤrſprecher in der Noth ſeines Freun⸗ des zu werden verſprach, wahrſcheinlich wenig beachtet haben.. Die Schergen beriethen ſich einen Augenblick 160 abſeits, und das Wieſel gab indeſſen der Jako⸗ bina einen ſchlauen Wink, in Folge deſſen ſie nach den Huͤgeln hinflog, wie eine Kugel aus dem Rohre— wie ein Kibitz ſchreiend, wenn die Hunde an ſeinem. Jungen ſind. Mit einem Schwall von Fluͤchen ſezten ihr die Gerichtsdiener alsbald nach, waͤhrend das Wieſel Halloh ſchrie, und mit den Haͤnden klatſchte, bald die Spuͤrhunde, bald die Haſen aufmunternd. „Schaͤmt euch, Franz Frifel,“ rief Gideon, „daß ihr euern Spott mit einem wahnſinnigen bejammernswuͤrdigen Weibe treibt. Ich fuͤrchte, Freund, ihr habt eine Morgenarbeit verrichtet, die beides, Schande und Kummer, uͤber das Haus eures Herrn bringen wird.“ „Das bleibt zwiſchen mir und meinem eige⸗ nen Gewiſſen, Herr Gideon. Doch moͤchte ich euch um alles in der Welt nicht beleidigen...“ Ich muß ſehen, daß ſie das klaͤgliche Geſchoͤpf nicht mißhandeln,“ ſagte Gideon, und eilte der Richtung der Jagd hinweg, die jezt durch die dazwiſchenliegenden Huͤgel ſeinem Anblicke ent⸗ zogen wurde. Die arme Jakobina war weit baͤlder matt ge⸗ jagt, als es Friſels luſtiger Laune zuſagte; al⸗ lein nicht bevor ſie den Diebsfaͤnger, einen jet⸗ ten, engbruͤſtigen und ſtirrhalſigen Kerl, mit 1 der Stirne eines Waſſerroſſes, ſo ſehr in Wuth gebracht hatte, daß er ihr mit der Fauſt drohte, als ob er ſ.e zu Boden ſchlagen wollte. „Haltet eure Hand zuruͤck, Schurke, oder ich werde euch niederhauen wie ein Amalekiter,“ — —.,— —4—X;y— 161 ſchrie Gideon in jenen Toͤnen, die in Zelt⸗Pre⸗ digten auf die roͤmiſche Kirche losdonnerten, und, gleich einem Erdbeben, den Sitz des Weibes, das auf den ſieben Huͤgeln thronte, erſchuͤtter⸗ ten.„Wollt ihr eure harte Hand hinlegen, wo der Allmaͤchtige die Hand der Zuͤchtigung bereits ſo ſchwer hat fuͤhlen laſſen, ohne Zweifel aus weiſen und gerechten Abſichten?“ Gideon ſchloß ehrfurchtsvoll ſeine Augenlieder auf einen Augenblick.„Kommt mit mir, Miß Jacky,“ ſagte er ſodann, und nahm ſie ſanft am Arme. Jakobina keuchte von der Anſtrengung, geberdete ſich aber hochmuͤthig und zierlich, laͤ⸗ chelte und blickte prunkiſch und ſuͤßlich umher, als ſie an ſeinem Arme hing.„Es iſt ein tol⸗ ler Handel von Kopf bis zu Fuß, und ein ver⸗ worrenes Garn zum Abwickeln; aher ich muß das Ende davon ſehen,“ ſagte er ſeufzend.„Ein geeignetes Gericht fuͤr eine ſolche Gefangene 3 der Richter iſt dreimal des Tages beſoffen, und taumelt den ganzen Tag im Rauſche;— und die Verbrecherin, aber wir ſagen nichts— hem! — Jacky!“ und er blickte auf ſie herab. Als der Friede wieder hergeſtellt war, bewegte ſich der Zug vorwaͤrts— Gideon und die Dame, die er fuͤhrte, vorausgehend, Effie in dem Mittelpunkte, der von Fugal und Friſel flankirt wurde, von denen der eine ſtatt⸗ lich einherſtieg, und ſie uͤberragte, der andere ihr bis an ihre duͤnne Ellenbogen reichte. Die Gerichtsdiener bildeten den Nachzug. „Ein ſchoͤner Anlick fuͤr boshafte Augen,“ ſagte Jgkobina,„die Leddy von Monkshaugh 162 mit dem gottfeligen Prediger von Sourholes an einem ſchoͤnen Maienmorgen die gruͤnen Nie⸗ derungen hinabſpazieren zu ſehen!“ „Ein ſchoͤner Anblick in der That!“ rief die eiferſuͤchtige Effie, ihren Kopf unwillig ſchuͤt⸗ telnd.„Ich wollte, die Sefſion ſaͤhe es.“ „Ja! aber mir iſt kalt, Herr Gideon,“ fuhr das arme zitternde wahnſinnige Geſchopf fort, ſich an den Arm des Predigers ſchmiegend. Der Morgen war truͤb und kalt, und Jakobina, de⸗ ren Haupt in der vorigen Nacht, und wahr⸗ ſcheinlich in vielen vorhergegangenen auf kei⸗ nem Kiſſen geruht hatte, war zudem in die bunte Tracht der loͤcherigen und zerlumpten Armſelig⸗ keit gekleidet, die der Strenge der Elemente freien Spielraum auf ihre ausgemergelte Perſon ge⸗ ſtattete.—„Ja! aber mir iſt kalt,— und, was noch ſchlimmer iſt, der Nebel wird den Glanz und Firniß von meiner Lunardi⸗Haube, und ſchwarzen verbraͤmten Thereſé nehmen.“— Jakobina zog ihren Arm zuruͤck, und fing an, ihren Lieblingsſchmuck ſorgfaͤltig abzuwiſchen. „Noͤnntet ihr dem bebenden, klaͤglichen Ge⸗ ſchoͤpfe nicht ein leinenes Tuch oder einen ge⸗ wuͤrfelten Rock geben, Effie, um es an dieſem rauhen Morgen gegen die Kaͤlte zu ſchuͤtzen? Denn dieſe ihre Papageys⸗Lappen—“ „Leinene Tuͤcher und gewuͤrfelte Roͤcke! wahr⸗ lich! Prediger, ich trage mich anders—“ rief Effie, ihn unterbrechend. „Leinene Tuͤcher und gewuͤrfelte Roͤcke!“ ſchrie die beleidigte Jakobina, Effie ihrerſeits unter⸗ brechend; und die ganze Geſellſchaft machte 163 Halt.„Bleibt zu Hauſe mit euren leinenen Tuͤchern und gewuͤrfelten Roͤcken, Apoſtel von Sourholes. Habe ich nicht meinen ſchwarzen, mit Grauwerk gefuͤtterten Mantel von Atlas; meinen rothen mit Hermelin eingefaßten Car⸗ dinal;*) meinen ſeidenen Ueberrock, meinen mit Gold eingefaßten graͤnen Joſeph, den ich von Lady Lisbeth von Bruse empfing.“ Und ſie durcheilte nut großer Zungenfertigkeit das Verzeichniß ihrer Garderobe. „Moͤge mir die Vorfehung gnaͤdig ſeyn?— und ich wollte, Lisbeth von Bruce wure in die⸗ ſem Augenblicke hier; denn es uͤberſteigt die Geſchicklichkeit jedes ſterblichen Menſchen, ſie ausgenommen, dieſes tolle Weib heute nach Caſt⸗ leburn zu bringen. Und da, ſo wahr ich ein lebander Suͤndar bin, iſt die luſtige Dame und der junge Herr, die ich bei John Hurcheon getroffen habe; ein ſchoͤnes Geſchaͤft fuͤr einen Prediger des Evangeliums, bei dem ſie mich hier finden.“ Nach der fruͤher erwaͤhnten Unterhaltung mit Delancy bat Lady Harriette,„um ihren Daͤmon zu luͤften,“ wie ſie ſich ausdruͤckte, dieſen Herrn, ſie laͤngs des Thales hinzufuͤhren, um wenn auch nur die Schornſteinſpitzen der Wohnung Monkshaugh's zu erblicken. Waͤhrend Gideon den Zweck der ſonderbaren Proceſſion angab, ſtolzirte Jakobina, die ſchoͤne Dame, die vor ihr glänzte, nacheifernd. *) Eine Art Mantel⸗ Anmerk. des Ueberſ. 164 „Ich bin nie in einem ſchottiſchen Gerichte geweſen,“ ſagte Lady Harriette.„Laßt uns da⸗ hin gehen, Delancy; der Fall intereſſirt uns, als Gaͤſte des Herrn Hutchen.“ „Und ein ſchoͤnes Muſter werdet ihr fuͤr ei⸗ nen Anfang in dem Bailie⸗Gericht von Caſtle⸗ burn ſehen!“ fluͤſterte das Wieſel. „Das arme Geſchoͤpf friert“— ſagte Lady Harriette, mitleidsvoll auf das zitternde verruͤckte Weib blickend. „Was wollt' ihr mir jezt dafuͤr geben, Miß Jacky,“ ſagte der mitleidige Gideon,„daß ich die Regentropfen von eurer ſchoͤnen verbraͤmten Thereſs abhalte?“ und er legte ſein blaues ge⸗ wuͤrfeltes Schnupftuch um ihre elenden nackten Schultern. „Oh! ich weiß nicht,“ ſagte Jacky in ſchlep⸗ pendem Tone, ihren Kopf ſeitwaͤrts beugend, mit ihrer Unterlippe ſchmollend, und das Ge⸗ ſchenk von der Seite betrachtend.„Ich wette, wir muͤſſen naͤchſtens nach Sourholes kommen, und einen Taglang euer Zuhoͤrer ſeyn.“ Gideon laͤchelte muͤrriſch uͤber dieſes zweideu⸗ tige, ſeiner Canzelberedtſamkeit gemachte Com⸗ pliment, das die gottloſen Umſtehenden zum lau⸗ ten Lachen bewogen hatte. „Achtet nimmer auf dieſe ruchloſen Lacher, mein verſtaͤndiger Freund,“ fuͤgte Jakobine ganz ſchalkhaft hinzu,„ſteht es nicht geſchrieben, die Schafboͤcke von Nebaioth ſollen dir dienen?“— Lady Harriette dachte wahrſcheinlich, daß dieß den Scherz zuweit treiben heiße, und unterbrach daher die allgemeine Froͤhlichkeit, und die Fun⸗ — 165 ken des muntern Witzes der Wahnſinnigen, in⸗ dem ſie ein ſcharlachroth ſeidenes Maͤntelchen aus dem Wagen warf, und Jakobina bat, es um ihre Schultern zu legen. „Ei! und was ſoll ich Eurer Gnaden dafuͤr geben?— euch brav und ſchoͤn nennen, mag ich ſo denken oder nicht?“ Und Jakobina lachte laut im froͤhlichen Bewußtſeyn ihres triumphi⸗ renden Witzes. „Still, du freches, tolles Ding!“ rief Effie mit mehr Eifer, als richtigem Gefuͤhl.„Ihre Herrlichkeit braucht kein Geſchenk von deinem verruͤckten Geſichte, die du, muß Ihre Herrlich⸗ keit wiſſen, mit dem Prediger von Sourholes weder befreundet noch verwandt biſt, obſchon es ihm gefaͤllt, dich dieſen Morgen wie eine Koͤ⸗ nigin von Sheba uͤber die Niederungen zu fuͤh⸗ ren.“ Und Effie murrte aus Gram, Schande und Eiferſucht. Es wurde Befehl zur Fortſetzung der Reiſe gegeben; allein jezt erhob ſich eine neue Sch.die⸗ rigkeit. „Ich will keinen Fuß regen,“ rief Jakobina. „Ich ſage euch das, Diebslaͤnger— nicht der Laͤnge meines großen Zehens, außer mit meiner Kutſche und meinen Livreen; und ſo gutes Recht habe ich als die gute Diana der Ephe⸗ ſier,“ und ſie winkte nach dem Wagen hin. Gideon ſeufzte verzweiflungsvoll, und ſchlug, ſich bejammernd, die Haͤnde zuſammen; waͤh⸗ rend Lady Harriette laut lachte, und Effle und Hans Diebsläͤnger, in demſelben Augenblick ſich anſchickten, die widerſpenſtige Gefangene zu pa⸗ 166 cken und fortzuſchleppen. Der Witz des Wie⸗ ſels fand einen Ausweg.— „Ihr ſollt vornehmer gehen als in eurer Kut⸗ ſche, Lady,“ ſagte er in einſchmeichelndem To⸗ ne.„Wir wollen euch auf des Koͤnigs Polſter legen— die Lady nach der Stadt London fuͤh⸗ ren, ihr wißt es.“ „Wird es geziemend fuͤr mich ſeyn, Fraͤnz⸗ chen, meine Rolle in einem ſolchen Puppenſpiel zu ſpielen,“ ſagte Gideon mit klaͤglicher Stim⸗ me.—„Oder Ihr ſollt vor uns allen hergehen, — und ich will eure Schleppe tragen,“ fuͤgte Friſel mit gluͤcklicherer Erfindung hinzu,„wie die Koͤnigin Charlotte mit ihren ſchmucken Pa⸗ gen, groß und huͤbſch, gleich einer Dame, wie ihr ſeyd,— gerade wie ihr den Lord bevoll⸗ maͤchtigten, die High Street nach dem alten St. Giles heraufziehen geſehen habt.“ 3 „Ja, aber dieß war vor dem großen Feuer— bevor Lord von Bruce's Kind, oder irgend ein anderes Kind unter den Herdſtein der Luckie Metcalf begraben wurde. Es deucht mir zu⸗ weilen, ich bin nicht mehr, was ich damals war; denn zuweilen bin ich kalt, kalt— und zuwei⸗ len bin ich heiß und brennend. Aber wahrlich, Fraͤnzchen, euch ein wenig von meiner Herzens⸗ meinung zu ſagen, ihr ſeyd die einzige verſtaͤn⸗ dige und billige Perſon, die ich getroffen habe; ſo will ich thun, wie ihr ſagt.“—„Und Ja⸗ kobina ſchuͤttelte, ihm zuwinkend, an dem Saume ihres zerlumpten ſeidenen Mantels, und trip⸗ pelte in die Fronte, waͤhrend das Wieſel, mit ——— —— ——— 167 aller moͤglichen Ernſthaftigkeit, die Draperie der Schlepye uͤber ſeinem Arme ordnete. y Fugat ſchritt zunaͤchſt einher, mit der Feier⸗ lichkeit eines indianiſchen Sachem und der ſtatt⸗ lichen Haltung eines Feldmarſchalls; und dann folgte Effie, ihre blaue duͤnne Naſe kruͤmmend und rümpfend, wie Jemand der einen uͤblen Geruch wittert. Gideon aͤrgerte ſich ohne Zwei⸗ fel ein wenig an den lauten Ausbruͤchen des zuͤgelloſen Gelaͤchters, das aus dem Wagen ſchallte, ſo wie an ſeinem Antheile an der ab⸗ geſchmackten Proceſſion; allein aus einem rein menſchlichen Beweggrunde handelnd, verdammte er ſeinen Stolz und ſeine weltliche Eitelkeit, und blieb nahe bei der armen Jakobina. Die Scher⸗ gen traten eine Zeitlang auf die Seite, und ſtießen hierauf unter Ausbruͤchen einer frohlo⸗ ckenden und rohen Freude wieder zu der Ge⸗ ſellſchaft. „Woher blaͤßt der Wind jezt?“ ſagte Fraͤnz⸗ chen.„Nicht umſonſt pfeiſt der Habbicht.“ „Den Falken in Acht genommen alſo,“ ſagte der Scherge ironiſch. „Bleibt im Schritt, Madame,“ rief Fugal der humpelnden Jakobina zu, die ſich entruͤſtet umwandte. „Bleibt im Schritt, ihr frecher Cavaleriſt? — und ſo wahr ich ein Edelmann bin, der ſchelmiſche Page hat meine Schleppe an ſeine Knopflöͤcher zu ſeiner eigenen Bequemlichkeit be⸗ feſtigt,— du verſchaͤmter Dieb!“ Und ſie fuhr ihrem Pagen, gleich einer wuͤthenden wilden Katze, in's Geſicht. 2 165 Waͤhrend das Wieſel, ſeinen Einfall bereuend, ihre Stoͤße und Ritze abwehrte, lachte die Ge⸗ ſellſchaft in dem Wagen wieder laut auf; und Gideon rief hinwegeilend:„Sterbliches Fleiſch und Blut kann dieß nicht laͤnger dulden!— Ihr werdet mich vor euch, Fraͤnzchen, in dem Gerichtszimmer des Baron Bailie finden.“ Mit dieſen Worten entfernte er ſich, es der beleidig⸗ ten Jakobina uͤberlaſſend, ſich mit ihrem Pagen abzufinden. Das Gericht wurde in dem nackten, hungri⸗ gen und kalten Sprechzimmer von Grahame Arms gehalten. Der Fußboden deſſelben war mit grobem Sand beſtreut, und knarrte und krachte bei jedem Tritte; die Fenſterrahmen wa⸗ ren locker und vermodert; die ſchlechtbetauchten Waͤnde, die einſt gelb geweſen, waren zu Bla⸗ ſen von allen Farben aufgeſchwellt, und die Aſche eines Feuers von der lezten Woche ruhte ungeſtoͤrt in einem zerbrochenen alten Roſte. Groß war die Beſtuͤrzung des Richters bei der Annaͤherung von ſo vornehmen Gaͤſten, als der offene Wagen anzukuͤndigen ſchien; als er aber erfuhr, daß ſie wegen einer Rechtsſache, nicht aber eines Mittageſſens kommen, faßte er wie⸗ der Muth, da er weit mehr Zutrauen zu ſeinen rechtswiſſenſchaftlichen Schaͤtzen als zu den Vor⸗ raͤthen ſeiner Speiſekammer hatte; zudem hatte er ein hohes Gefuͤhl von der Wuͤrde ines Am⸗ tes, und ſeiner perſoͤnlichen Geſchicklichkelt und Wuͤrde bei der Erfuͤllung der Funktionen deſ⸗ ſelben. 0 as —,— 8 169 Das Gericht war regelmaͤßig conſtituirt, ehe die andern Partheien ankamen. Auf einem langen eichenen Tiſche, der mit Hieroglyphen und Inſchriften geſchmuͤckt war, welche Gaͤſte von verſchiedenem Alter, Geſchmack und Stande eingekerbt hatten, befand ſich das gebraͤuchliche obrigkeitliche Machtzeichen in der Geſtalt eines großen zinnernen Henkelkrugs mit Bier, dem ein Gefaͤß von demſelben Metalle, allein von geringerem Umfange, und mit Branntwein ge⸗ fuͤllt, zur Seite ſtand. Die in dem Wagen angekommene Geſellſchaft wurde, wie in andern großen Faͤllen, eingeladen, auf der Bank Platz zu nehmen; die Verbrecherin wurde an dem untern Ende des Tiſches zwiſchen ihre Anklaͤ⸗ ger, wie Suſanna zwiſchen die Aelteſten, geſezt; und Gideon und die Zeugen erhielten auf den Seiten Platz.. „Begebt euch hinter uns,“ Baronofficiant,“ riel der Lpkurgus von Caſtleburn, Fugal an⸗ redend. „Um allen dieſen klaͤglichen Unſinn abzu⸗ ſchneiden, und koſtbare Zeit zu erſparen,“ ſagte Gideon,„die in ihrem Laufe uns alle, und mich in dieſem Augenblicke insbeſondere, zu wichtigen Pflichten aufruft;— und ſo wahr ich ein lebender Suͤnder bin, ich glaube, ich habe noch nicht ge⸗ fruͤhſtuͤckt!— laßt mich euch mit einem Worte ſagen, daß dieſe ehrlichen Leute, unbekannt mit der ſuͤndloſen Schwaͤche dieſes armen Weibes“— das Wieſel hielt Jakobina hin, ſonſt wuͤrde ſie bei dieſen Worten nie und nimmer ſitzen geblie⸗ Eliſ. v. Bruce. II. 170 ben ſeyn—„unbekannt, ſage ich, John Baillie mit ihrer—“ „öStill!“ rief der Richter, auf den Tiſch ſchla⸗ gend, und ſo gut er konnte, das Geſchrei ge⸗ wiſſer Officianten nachahmend, die er in Rook⸗ ſtown gehoͤrt hatte.„Es iſt kein Joyn Baillie hier, Freund.— Der Baillie hier iſt Baron Baillie von Ernescraig, in Ermanglung von etwas Beſſerem, Herr Gideon Haliburton; der das Schwert nicht umſonſt fuͤhrt, Prediger von Sourholes— So, Klaͤger, gebt euern Verhaft⸗ befehl an.“ „Einfaͤltiger Toͤlpel!“ murmelte Gideon. „Wir kennen die ernſten Amts⸗ und Ge⸗ ſchaͤftsformen, Herr Haliburton,“ fuhr der Rich⸗ ter fort.„Die Form iſt die Seele des Geſetzes, Lady. Die Form iſt der wahre Kern der Statue.“ Die Schergen erzaͤhlten ihre Geſchichte mit einer Verachtung gegen das Gericht und der Richter, die ſie zu verbergen keine Sorge trugen. Sie gaben an,„ſie ſeyen ihrer Papiere beraubt worden, waͤhrend ſie im Hauſe Monkshaugh, in der Nacht des 28. Aprits, oder an irgend einem andern der Tage oder Naͤchte dieſes Mo⸗ nats, oder in dem vorhergegangenen Maͤrz, oder in dem nachfolgenden Mai, oder an irgend ei⸗ nem andern von den Tagen dieſer Monate u. f. w. geſchlafen haben.“ „Ihr, Weib, Jakobina Pingle, gewoͤhnlich die Leddy von Monkshaugh genannt,“ ſagte der „Richter— 471 „Das kann nicht gehen!“ rief Fugal, einen wilden Blick auf den Richter werfend. 3 „Verbeſſert euern Ausdruck, John Baillie,“ rief das Wieſel.„Mein Herr iſt zwar fart. aber wir, ſeine Freunde, ſind noch um den Weg. „Das iſt es!“ rief Effie, in welcher der esprit de corps durch die Beſchimpfung des Herrn, dem ſie diente, und der ihr ihren Lohn ſchuldig war, rege gemacht wurde. Gideon nickte ebenfalls Beifall zu. „Ich ſprach blos im Spaß, du Irrwiſch,“ ſagte der Richter.„Wir ſagen euch, Weib, gebt eure Antwort ein— aber zuerſt muͤſſen wir euch ein wenig fragen.— Ihr nennt euch Ja⸗ kobina Pingle, nicht wahr?— Dann, wo iſt eure Wohnung, oder euer gewoͤhnlicher Aufent⸗ hait, oder Herberge, oder Quartier, oder Be⸗ hauſung?“ „So ſelten in eurem gaſtfreundlichen gut ein⸗ gerichteten und uͤberhimmelten Zimmer, als ihr oder ich es moͤglich machen koͤnnet, Hauswirth,“ ſagte Jacky. „Was fuͤr ein eitles Geſchwaͤtz iſt das?“ ſagte Gideon.„Laßt mich euch ſagen, John Baillie—“ „Stoͤrt das Gericht nicht, Freund,“ rief der Richter.„Wie alt ſeyd ihr, Weib?“ „So alt als mein kleiner Finger, und ein wenig aͤlter, als meine Zaͤhne. Ihr habt einen Handel durch dieſe Antwort gewonnen, John.“ Die Gefangene lachte und winkte der Lady Har⸗ riette ſchlau zu. „Still!“ ſchrie der Mann der Gewalt wieder. 172 „Meine Herrn, ihr Klaͤger, gebt eure Dupliken ein.“. „Hier,“ rief Hans Diebsfaͤnger,„ſind unſere Dupliken, oder unſere Monipliken, wenn es eu⸗ rer Gnaden ſo beliebt.“ Mit dieſen Worten riß er einem Bedienten in der Livree Harletillums, der ſo eben einge⸗ treten war, eine Vollmacht zur Verhaftung des Franz Friſel aus den Haͤnden, der alsbald in aller gehoͤrigen Form Folge geleiſtet wurde. „Seift euern Bart damit, Burſche,“ ſagte der Scherge, dem Wieſel winkend. „Der Teufel,“ rief Friſel, ſich augenblicklich ſammelnd.„Ich bin ein unſchuldiger Mann, und habe ſchon Schlimmeres erduldet, als das. Laßt den Muth nicht ſinken, Effie. Schickt mir ein reines Hemd und was ihr ſonſt zum Troſte eines Gefangenen miſſen koͤnnt. Ihr ſollt mir nicht einen Tritt weit folgen; eure Guͤte wuͤrde 2 1 9 mich blos belaͤſtigen. Vorwaͤrts, Burſche. Gruͤßt mir Baby Strang, Effie. Bezeugt meinem guͤ⸗ tigen und geehrten Herrn meine Ehrfurcht, Hr. Gideon. Und was euch betrifft, Hr. Tulcan⸗ Richter, ihr wißt, oder wenn ihr kein Eſel wä⸗ ret, wuͤrdet ihr wiſſen, daß ihr nicht mehr Recht habt, euer Puppenſpiel von einem Gericht uͤber uns zu halten, als Prieſter Johann— oder die⸗ ſer Bratenwender.“ Als der Gefangene an Gideon, der aus Be⸗ ſtuͤrzung verſtummt war, voruͤberging, fluͤſterte er—„das Sanctuarium— das Sanctuarium! — mein leztes Wort iſt Holyrood. Was mich ——xE ——xE 173 ſelbſt betrifft, fo iſt noch Raum fuͤr eine Katze und Raum fuͤr einen Hund, und Raum zum Rennen vorhanden.“ Ehe der Prediger antworten konnte, eilte das Wieſel weg. Jakobina wurde jezt simpliciter von den Klaͤgern entlaſſen, mit einem Puffe, der, ohne Gideon's Auge, ſicherlich ein Fußſtoß geweſen waͤre. Hierauf entließ der Richter die ganze Geſellſchaft unter dem Vorwande wich⸗ tiger Geſchaͤfte und entfernte ſich ebenfalls, nach⸗ dem er dem obrigkeitlichen Machtzeichen eifriger gehuldigt, als die Gegenwart der Fremden in dem Gerichtshofe fruͤher erlaubt hatte. Und jezt wurde Gideon allein bei Effie ge⸗ laſſen, nachdem ihm die arme Wahnſinnige ent⸗ wiſcht war.„Wohin ſchlenderte das arme Ge⸗ ſchoͤpf?“ ſagte er.„Ich wollte ihr einen Grot geben, und ſie nach Sourholes ſchicken, um da ihren Biſſen Mittageſſen einzunehmen.“ „Ihr geben!““ dachte Effie.„Wenn er ſeine Ohren abnehmen koͤnnte, ſo wuͤrde er ſie weg⸗ ſchenken! Der arme, einfaͤltige Mann; Gott weiß, ob er einen Lenker und Leiter braucht. Aber ich bin entſchloſſen, heute mit ihm ins Reine zu kommen, ſey es nun zum Guten oder zum Boͤſen.— Wahrlich es iſt, wenn der Herr ins Gefaͤngniß abgeht, Zeit, daß die Dienerin fuͤr ſich ſelbſt ſorgt. Er wird ohne Zweifel ge⸗ hen, um ſein Lieblingsſchaf, Leddy Lisbeth, zu ſehen, und mag auf dem langen Wieſengrunde Gelegenheit zum Sprechen haben, wenn er ein Stuͤck von meiner Herzensmeinung wiſſen will.— 174 Gut, ich erklaͤre, ich ſey in einer aͤngſtlichen Be⸗ klommenheit.— Aber er wird diesmal beſtimmt ſprechen. Das gute Maͤdchen taͤuſchte ſich in ſeiner ver⸗ liebten Vorempfindung. Eine Strecke Feldes nach der andern ſchwand voruͤber; Stege wur⸗ den uͤberſchritten, auf denen Liebende haͤtten ver⸗ weilen koͤnnen; raſige Huͤgel, auf denen ſie haͤtten ausruhen koͤnnen, wurden mißachtet, und Farn⸗ und Pfriemkraut, das ſie gegen ſpaͤhende Augen oder boͤſe Zungen haͤtte ſchuͤtzen koͤnnen, zuruͤckgelaſſen. Gideon benuͤzte keine dieſer lo⸗ ckenden Lokalitaͤten, ſondern ſchritt ruͤſtig vor⸗ waͤrts, vor ſich hinmurmelnd—„Das Sanc⸗ tuarium— das Sanctuarium 1— und Effie brach in jungfraͤulicher Verzweiflung das Still⸗ ſchweigen. „Ja, ein Sauntawary! und ſehr noͤthig iſt ein ſolches fuͤr Monkshaughs huͤlfloſes Alter und die freundloſe Jugend jener theuern jungen Lady. Gar ſehr weinte ſie geſtern, das arme Kind, als ſie kein anderes Auge ſah, außer das meine, das, obſchon ich es ſage, ein guͤtiges und ein redliches Auge war; und ſtets war das Ende vom Lied— ‚„Wenn nur ein Sauntawary da waͤre, ein reinlich und ſauber eingerichtetes Haus, mit einer achtbaren Matrone, wie ihr ſelbſt, Dame Etfie, als Haushaͤlterin; wuͤrde es auch ein noch ſo niedriges Obdach ſeyn, in welchem der Laird und ich wohnen koͤnnten, bis der Sturm vor⸗ uͤber waͤre.“— Sie koͤnnten ohne Zweifel eine Klei⸗ nigkeit von Koſtgeld bezahlen,“ fuͤgte Effie hinzu⸗ — —,——— —,—— 175 Es lag in dieſer Angabe gerade ſo viel Wahr⸗ heit, als Effie's ziemlich fuͤgſames Gewiſſen ret— tete. Eliſabeth, die das traurige Ereigniß vor⸗ hergeſehen und gefuͤrchtet hatte, war in der Thar einmal auf den Gedanken gekommen, daß Gi⸗ deons Wohnung als einſtweiliger Aufenthaltsort benuͤzt werden koͤnnte; und hatte ſogar Effie's Planen, in Betreff einer allgemeinen wohlfeilen Ausbeſſerung der Huͤtte zu Sourholes, ſelbſt zur Bequemlichkeit ſeines gegenwaͤrtigen Bewohners, Gehoͤr geſchenkt. „Es wuͤrde eine große Kuͤhnheit ſeyn,“ ſagte Gideon,„meine armſelige Wohnung dem Laird von Monkshaugh und Kippencreery Weſter, und ſogar einer Tochter des Lord von Bruce anzu⸗ bieten: auch geziemt es mir nicht, ſie zu et— was willkommen zu heißen, das mir, als einem Pilgrim und Gaſt, ſelbſt dem heilloſeſten Wicht, der je draußen umherſchwaͤrmte, zu ver⸗ weigern uͤbel anſtehen wuͤrde. Ich koͤnnte in dem Kuhſtalle ſchlafen. In der finſtern Zeit der jungfraͤulichen Tochter von Schottland wuͤrden verherrlichte Heilige und geſegnete Maͤrtyrer, Effie, es fuͤr eine gluͤckliche Herberge gehalten haben, ſich auf einen Bund Haferſtroh hinter Black Leddy niederzulegen.— Monkshaugh koͤnnte die Seiſekemner einnehmen, und die junge Leddy, die leichter zu beherbergen iſt, das Stu⸗ dierzimmer.“ „Hinter Black Ledoͤ ſich niederlegen, wahr⸗ lich!“ rief Effie.„Nein— nein— unſer Laird, ſo krittlich und wunderlich er iſt, mit ſeinem 176 dieß und ſeinem das, hat mehr Sinn und Verſtand, als daß er ein verſtaͤndiges verheira⸗ thetes Paar aus feinem Bette vertriebe.“ „Aber, Effie,“ ſagte Gideon.„Ich bin ein einſamer Mann. Ihr vergeßt— ich bin von wohlgewachſener Statur, es iſt wahr; aber ich bin nicht juſt ein Paar.“ „Hilf Himmel, und weh mir! und das iſt nur zu wahr, Prediger,“ erwiederte Effie mit tiefem Pathos—„als ein Pelikan in der Wildniß— als ein Sperling auf der Dachſpitze des Hauſes. Um ſo klaͤglicher— beſonders da die Congrega⸗ tion es fuͤr ein großes Hinderniß auf dem Wege eurer Nutzbarkeit haͤlt— und, laßt es mich euch fagen, ein armſeliges Kompliment fuͤr das An⸗ denken der wuͤrdigen Matrone, die jezt in Abra⸗ hams Schooße ruht, daß ihr ihre Staͤtte und Stelle nicht ausfuͤllt. Es ſteht mir nicht an, euch zu rathen und zu ermahnen, da ich— wie der Apoſtel ſagt— das ſchwaͤchere Gefaͤß bin; viel eher, ſtillſchweigend auf die Worte der Wahrheit und Weisheit zu hoͤren, die wie Ho⸗ nig auf das hochbeguͤnſtigte Volk zu Sourholes herabtraͤufeln. Allein wir haben die Schrift zur Rechtfertigung und zum guten Beiſpiele, Prediger, keck zum zweiten, ja dritten oder vier⸗ tenmal in den Stand der heiligen Ehe zu treten, wenn die Tage unſerer irdiſchen Pilgerſchaft ſo⸗ ſehr verlaͤngert werden. David und Salomon nicht zu gedenken, die eine Menge Weiber hat⸗ ten, iſt der gottesfuͤrchtige Abraham da, der Va⸗ ter der Glaͤubigen, der, nach Sarahs Tode 177 Keturah, zum Weibe nahm, die ihm Zimran gebar, und Jokshan, und Medan, und Midian und Ishbak und Schuah und—“ „Nein, verhuͤte die Vorſehung, Effie,“ ſagte Gideon mit einem verzerrten Laͤcheln, die Auf⸗ zaͤhlung der Nachkommenſchaft der Patriarchen unterbrechend,„die Vorſehung verhuͤte, daß ir⸗ gend eine Keturah mir eine ſolche Nachkommen⸗ ſchaft bringe! Wenn wir den kleinen Laird von Monkshaugh nicht in Sourholes beherbergen können, ſo koͤnnten wir eine ſo zahlreiche Ge⸗ neration ſchwerlich ernaͤhren. Allein ſprecht eure ehrliche Geſinnung aus, Weib,“ fuhr Gideon fort, in dem einhaltend, was er„das unziem⸗ liche Knarren der Freude nannte, wie Dornen unter einem Topfe,“ zu dem er ſich hatte ver⸗ leiten laſſen—„eine einfache, ſchlichte Erzaͤh⸗ lung richtet mehr bei mir aus, als dieſes Um⸗ herſchleichen um den Buſch. Wenn es ſo be⸗ ſchloſſen waͤre, daß ich Kopf und Haͤnde brauchte, die Huͤtte zu Sourholes zu einer Zufluchtsſtaͤtte fuͤr dieſe betruͤbte Familie zu bereiten“— „Die Huͤtte zu Sourholes wuͤrde ein Paradies fuͤr mich ſeyn,“ ſeufzte Effie, ihn in vollem Ent⸗ zuͤcken unterbrechend. „Um die Huͤtte zu Sourholes in Ordnung zu bringen, ſage ich,“ fuhr Gideon, halb lachend und ſeine Stimme verſtaͤrtend fort,„wuͤrder ihr ſelbſt meine Gefaͤhrtin werden? Iſt es dieß, wornach ihr zielt?“ Dreimal beugte ſich Effie auf den Boden nie⸗ der— und jede Verbeugung war, in regel⸗ 178 maͤßiger Abſtufung, tiefer als die vorhergehende, und ſeufzte:„Es ſteht der niedrigen Dienſtmagd nicht an, dem Willen und ſichtbaren Fingerzeig der Vorſehung, der in dieſer Anordnung zu ſehen iſt, zu widerſprechen.“ „Weg! weg!“ rief Gideon;„das iſt alles wahr; allein das Vorhaben einer ehrbaren Ehe, zwiſchen aͤltlichen Leuten, wie wir, Effie, iſt ſo ſehr in der Natur eines buͤrgerlichen Contracts, als— 77 „Buͤrgerlich!“ rief Effie aus,„ja in der That buͤrgerlich! und mehr als buͤrgerlich— wuͤrdi⸗ ger, guͤtiger Hr. Gideon— jezt kann ich ſagen mein eigener Gideon.“ „Gut, aber Effie,“ ſagte Gideon in ernſtem Tone,„ihr muͤßt euch nicht in mich verlieben, noch eine Phraſe machen, denn ich kann dieß auf keine Art ertragen.“ Auf dieſe Art zuruͤck⸗ gewieſen, ſuchte Effie die aͤußern Beweiſe ihrer Zaͤrtlichkeit zu beſchraͤnken. „Und wann mag es— die Ceremonte— vor ſich gehen? Der Pfingſtſonntag iſt vor der Thuͤre, und ich werde in einer aͤngſtlichen Be⸗ klommenheit ſeyn, bis er gut an uns voruͤber iſt,“ ſagte Effie.„Aber die Seſſion wird ſicher⸗ lich einwilligen?“ Die Kirchenſeſſion zu Sourholes, gleich den Kabinetsminiſtern eines beſchraͤnkten Monarchen, maßte ſich ein Veto hinſichtlich der Verheira⸗ thung ihrer Prieſter an; allein Effie, eine ſchlaue, ſtaatskluge Dame, hatte ſie bereits von weitem ausgeforſcht, und fuͤr ihre Abſicht guͤnſtig ge⸗ 4 179 ſtimmt. Ihr leztes Garn zum Weben hatte ſie Saunders Clews, Weber und Aelteſtem in Sour⸗ holes, gegeben, und ihre Schuhe bei Lowrie Lingle, Schuhmacher, und ebenfalls Aelteſtem in jenem Orte, beſtellt. Sie war zudem ein Mitglied der Congregation, eine eifrige Chriſtin, und„ein maͤßiges, gutausgeſteuertes altes Maͤd⸗ chen— eine große Kleiderſammlerin,“ wie ihre Mitchriſten ſie nannten— ſo daß, im Ganzen genommen, die Hoffnung vorhanden mar, Ef⸗ fie's aͤchte Liebe werde einen ſehr ſanften und ruhigen Fortgang und Erfolg haben. Waͤhrend des kurzen Gangs, der ſie nach Monkshaugh brachte, goͤnnte Gideon kein wei⸗ teres Wort ſeiner furchtſamen Geliebten, die in Wonne und Stolz neben ihm herging, und end⸗ lich ſeinen Rockaͤrmel mit den Spitzen ihrer Finger zu beruͤhren wagte— jedoch in einer Entfernung von einer Armslaͤnge, und auf die bedaͤchtliche Art, wie eine kluge, aber uͤppige Ratte ſich einer gut gekoͤderten Falle naht, die Gefahr kennend, allein nicht im Stande, der Lockung zu widerſtehen. Vierundzwanzigſtes Kapitel. Die Flucht. An der Thaͤrſchwelle ſchieden die beiden Lie⸗ benden; Effie, um ihren aufgeregten Geiſt zu beruhigen und ſich ihres Triumphs in ihren ei⸗ 180 genen Herrſchgebieten zu erfreuen, und Gideon, um von ſeiner mißlungenen Geſandtſchaft Be⸗ richt abzuſtatten. Monkshaugh war auf und angekleidet, und von dem heftigen Wunſche be⸗ ſeelt, eine Wohnung zu verlaſſen, in der nun⸗ mehr jeder Gegenſtand das Eigenthum des Herrn Hutchen und durch die Befleckung geſetzlicher Beſchlagnehmung verunreinigt war. Das Mißvergnügen des Laird's von Monks⸗ haugh erreichte den hoͤchſten Grad, als er die Nachricht erhielt, daß ſein Lieblingsdiener ein Gefangener ſey. Eliſabeth fuͤrchtete, ſeine Hef⸗ tigkeit moͤchte einen andern Anfall. von Krank⸗ heit zur Folge haben, und ſuchte ihn durch jede einſchmeichelnde Kunſt zu beſaͤnftigen, was ihr endlich auch gelang. Gideon ſchonte ſich bei der Abſtattung ſeines Berichts nicht; und auf ſeine eingeſtandene un⸗ kluge Ausforderung, die ein Balſam fuͤr Monks⸗ haugh's erbittertes Gemuͤth war, gruͤndete Eli⸗ ſabeth eine neue Hoffnung, und befahl der Baby Strang, die jezt die einzige brauchbare Dienerin des Haushalts war, ihre kleine Titania zu ſatteln. „Nehmt es nicht unguͤtig auf,“ fagte ſie, „wenn ich, auch um meiner ſelbſt willen, euch um Erlaubniß bitte, Herrn Hutchen meine Auf⸗ wartung zu machen. Wenn ſein Herz nicht ſo hart iſt, als der unterſte Muͤhlſtein— wenn er nicht eben ſowohl ein Thor, als ein Schurke iſt, muß er ſeine Einwilligung dazu geben, daß ihr euch in das Sanctuarium zuruͤckzieht, bis wir —— 184 Wolfs Rath eingeholt haben. Da werdet ihr auch die beſte aͤrztliche Huͤlfe erhalten. Es kann dieſem Manne, Herrn Hutchen, nicht zum Vortheile gereichen, ſich durch eine eben ſo willkuͤhrliche als nutzloſe Grauſamkeit dem Zungengeklatſch der ganzen Umgegend noch mehr auszuſetzen. Ich werde von ſeiner Klugheit, ſeiner Furcht vor der oͤffentlichen Meinung erlangen, was ſeine Ge⸗ rechtigkeit uns verweigern wuͤrde.“ „Auf dieſe Art wuͤrde mich eure Guͤte zu ei⸗ nem Abteilaird machen— dem erſten Monks⸗ haugh, der je eine ſolche Freiſtaͤtte ſuchte,“ ſagte Monkshaugh in aͤrgerlichem Tone.„Und ihr wollt ruch herablaſſen, dieß als eine Gunſt von John Hutchen zu verlangen? Nein, Eliſabeth, mit meiner Einwilligung nimmermehr! Wenn ich nicht in allen Dingen nach dem Geiſte meiner Vorfahren gelebt habe, ſo laßt mich wenigſtens demfelben gemaͤß ſterben.“ „Ach!“ erwiederte Eliſabeth,„wie kann eine Wuͤrde in dem eiteln Trotze gegen dieienigen lie⸗ gen, die wir uns nicht unterwerfen koͤnnen ² Erlaubt mir, ich bitte euch, daß ich den Verſuch mache. Keine Furcht vor ungebuͤhrender De⸗ muͤthigung, von meiner Seite! Als eine Bruce fuͤhlte ich mich nie ſtolzer als jezt; als eine Gra⸗ hame, wenn ihr mir dieſe Verwandtſchaft zuge⸗ ſtehen wollt—“ ſie ſeufzte und errdthete,„nie halb ſo ſtolz. Die Ehre und der Stolz beider Familien ſind in meinen Haͤnden in ſicherer Verwahrung.“ „Dann thut nach eurem Wunſche, Lisbeth,““ 182 ſagte Monkshaugh.—„Ich gebe ihr nach, Herr Gideon.— Ich konnte ihr, ſelbſt bei den ſinnlo⸗ ſeſten Poſſen, die ſie mich zu unterſtuͤtzen bat, nie widerſtehen. An dieſem Orte mag ich ihr meinen Schutz angedeihen laſſen; anderzwo— im Gefaͤngniß— koͤnnte ich es nicht ertragen, ein Weib, vielweniger eine Bruce um mich zu ſehen.“ 2 „Vielen, vielen Dank fuͤr dieſe Erlaubniß,“ ſagte Eliſabeth lebhaft, und eilte, ſeine Hand druͤckend, hinweg. „Mein beſter Segen beruht auf dieſem Maͤd⸗ chen da,“ ſagte Monkshaugh geruͤhrt,„und von einem finſtern Orte kam er; und, ein verblen— deter und undankbarer Mann, wußte ich wenig Dank dafuͤr.— Allein es iſt vordem gute Ge⸗ ſellſchaft in Holyrood geweſen, laßt es mich euch ſagen, Herr Gideon,“ fuͤgte er hinzu, den Ge⸗ genſtand der Unterhaltung wechſelnd.„Sir John Tillyho rannte wie ein Widder mit Pferd und Hund und Horn, bis er da landete. Hr.— von—(eine Familie, die nicht viel unter unſe⸗ rer eigenen ſteht), der große Bergmann und Verbeſſerer des Ackerbaues, ſchrieb da ſeine Ab⸗ handlung uͤber Ruta⸗baga und Mangelwurzel. Es iſt arg, daß die Ableiter von Suͤmpfen ſo oft ſelbſt in den Koth gerathen! Meine Freunde koͤnnen mich nicht anklagen, daß ich ein Ver⸗ beſſerer irgend einer Art ſey.“ Indem Monkshaugh ſich auf fruͤhere Beiſpiele bezog, und uͤberhaupt von der Sache ſprach, verſoͤhnte er ſich in kurzer Zeit wunderbar mit — —,— 18³ einer temporaͤren Entfernung; und fſing ſogar, ſo beſchäßfen war die Conſtitution ſeines Geiſtes, an, eine Art Aufregung zu fuͤhlen, und Vergnuͤgen an dem Aufſehen, das ſeine Verfolgung erregen mußte, zu finden. Die Aufnahme der Eliſabeth bei der Grillen⸗ familie war, wenn auch nicht guͤtig und freund⸗ lich, doch im hoͤchſten Grade hoͤflich. Sie fand Hrn. Hutchen allein, und bemerkte, daß er dem wirklichen Zwecke ihres Kommens dadurch aus⸗ zuweichen ſuchte, daß er ihren Beſuch als einen den Damen der Familie abgeſtatteten Hoͤflich⸗ keitsbeſuch betrachtete.„Juliana,“ ſagte er, „die ein boͤſer Vorfall betroffen hat, iſt mit ih⸗ rer Mutter ins Freie gegangen.“ Es that ihm unendlich leid, daß keine von den Damen da⸗ heim war, um die Ehre zu haben, Fraͤulein von Bruce zu empfangen—„wenn anders meine Anrede richtig iſt,“ ſagte er, mit einem Ausdruck in ſeiner Miene, der ſeinen Worten eine emphatiſche Bedeutung gab. „Und wenn ſie unrichtig iſt,“ ſagte Eliſabeth, indeß ihre Farbe aus Stolz, wie aus Beſchei⸗ denheit ſtieg—„ſo wird Herr Hutchen um ſo ſchneller den Zweck dieſes Beſuchs begreifen— den Antheil, den ich fuͤr alles fuͤhlen muß, was die Ehre des Hauſes Monkshaugh betrifft.“ „Madam?“ ſagte Hr. Hutchen, mit wirkli⸗ chem oder geheucheltem Erſtaunen; und Eliſa⸗ beth, die zu weit gegangen zu ſeyn fuͤrchtete, ſezte in wenigen Worten den Zweck ihres Be⸗ ſuchs auseinander. 18⁴ „Fraͤulein von Bruce weiß ſicher 1 der Streich, der in der lezten Nacht geſpielt wurde — ich ſage nicht, auf weſſen Antrieb— Herrn Grahame zum Herrn ſeiner Handlungen fuͤv den Augenblick gemacht, und es auſſer meine Macht geſtellt hat, zu gewaͤhren oder zu verwei⸗ gern, was Fraͤulein von Bruce ihre erſte Bitte an den Agenten ihres edeln Vaters nennt.“ „Sie kennen den Charakter des Herrn Gra⸗ hame wenig, wenn Sie ihn faͤhig glauben, den Betrug irgend einer Perſon zu ſeinem perſoͤn⸗ lichen Vortheile zu benützen,“ erwiederte Eliſa⸗ beth.„Ich bin noch nicht alt, Herr Hutchen; allein dennoch habe ich erfahren, daß die Kraft der Einſicht und das Gefuͤhl der Rechtſchaffen⸗ heit verſchiedene Dinge ſind— oder wenigſtens nicht nothwendig mit einander verbunden ſeyn muͤſſen. Herr Grahame erwartet in dem Hauſe, das ſeinen Vorfahren gehoͤrte, ſein Schickſal, welcher Art es auch ſeyn mag. Es ſteht in Ihrer Macht, ihn zum Gefangenen zu machen; allein ihn zu einem ehrloſen Manne zu machen, das uͤberſteigt alle menſchliche Gewalt. Herr Grahame zoͤgerte nicht, bedachte ſich keinen Au⸗ genblick uͤber den Entſchluß, den er als Edel⸗ mann bei dem unerwarteten, durch den Verluſt Ihrer Papiere entſtandenen Nothfall, zu ergrei⸗ fen hatte.“ Mochte nun Eliſabeths Alchymy die Macht beſitzen, die Seele des Guten aus boͤſen Din⸗ gen zu ziehen oder Herr Hutchen wirklich uber eine Gelegenheit erfreut ſeyn, eine ſo huldreiche ———— Handlung zu begehen, durch die er zu gleicher Zeit das Zungengeklatſch, deſſen Echo ihn be⸗ reits betaͤubt hatte, hemmte, ſein Entſchluß war augenblicklich gefaßt; und hierauf wurde ſein Benehmen ſo freimuͤthig, daß der edelmuͤthigen Eliſabeth ihr Herz den heimlichen Vorwurf machte) ſie habe ihm durch ihren fruͤhern Ver⸗ dacht und ihre boͤſe Meinung von ihm Unrecht ggethan. Von dieſem Eindrucke angeregt, ſtat⸗ tete ſie Herrn Hutchen ihren Dand fuͤr die frei⸗ m Hoͤflichkeit ab, mit der er ihr ihre Bitte higs gewaͤhrt hatte. —.„ „Sagen Sie meinem wuͤrdigen Freunde, dem gottſeligen Gideon,“ ſagte Hutchen laͤchelnd, „daß junge Damen geſchicktere Unterhaͤndler ſind, als baͤrtige Geiſtliche. Waͤre er, und eine andere Perſon, die ich nicht zu nennen brauche, ſparſamer mit beſchimpfenden Reden geweſen, ſo wuͤrde das Fraͤulein von Bruce der Muͤhe des Beſuchs, der mir ſo ſehr zur Ehre gereicht, uͤberhoben geweſen ſeyn. Es gibt Dinge— und unter dieſen auch Kleinigkeiten— die kein Mann ertragen kann und ſollte. Sein Eifer verzehrt den ehrlichen Gideon; allein ich kann ihm verzeihen, da er mir eine Gelegenheit ver⸗ ſchafft, mit Ihnen, Fraͤulein Eliſabeth, von Ihrem edeln Vater zu ſprechen.“ „Wie, von meinem Vater?“ rief Eliſabeth⸗ die ſeit Jahren keine andern Nachrichten von ihrem Vater erhalten hatte, als die in dem ein⸗ foͤrmigen, monatlichen Bulletin des Arztes die⸗ ſes unglucklichen Edelmanns enthalten waren— 4 „derſelbe Zuſtand“—„nicht beſſer“—„keine Beſſerung“— bildete den Anfang eines eckel⸗ haften, techniſchen Kauderwaͤlſches, gegen das ſich ihr kindliches Gefuͤhl und ihr weiblicher Geſchmack gleich ſehr empoͤrte. Lange hatte ſie den Zuſtand ihres Vaters als ooͤllig huͤ los be⸗ trachtet. Der Gedanke an denſelben war fuͤr ſie eine Pein— eine eben ſo nutzloſe als ſtechende Pein; und aus Milleid gegen ſie ſelbſt ſuchte ſie ihn zu verbannen. „Ich fuͤhle mich unendlich gluͤcklich, Ihnen ſagen zu koͤnnen, daß die Geſundheitsumſtaͤnde meines Gebieters ſich ſeit Kurzem wunderbar verbeſſert haben,“ ſagte Hutchen.„Ich ſah ihn ſelbſt vor zehen Tagen, und haͤtte mir die Moͤg⸗ lichkeit einer ſolchen Veraͤnderung nicht denken koͤnnen. Ich hege gewiß— obſchon ich nicht ſanguiniſch zu ſeyn wage— ſehr gute Hoffnun⸗ gen. Mein Gebieter iſt noch in der Bluͤthe des Mannesalters; ſeine natuͤrliche Conſtitution iſt vortrefflich; viele gluͤckliche Jahre koͤnnen noch auf ihn warten.“ „Moͤge es der Himmel verleihen!“ rief Eli⸗ ſabeth, ihre Haͤnde inbruͤnſtig zuſammendruͤckend, waͤhrend ihre Augen in einer Entzuͤckung von Dankbarkeit und Zaͤrtlichkeit floßen.„Jezt kann ich alſo endlich zu meinem Vater gehen!“ „Daran iſt nicht zu denken,“ ſagte Hutchen. „Alle aufregenden Gemuͤthsbewegungen muͤſſen vermieden werden. Sie erinnern ſich an den furchtbaren Anfall, den ihm Ihre Gegenwart fruͤher zuzog.“ Eliſabeth erinnerte ſich tiefbe⸗ — 1 3 — —— 187 aͤngſtigt an dieſen Umſtand; obſchon ihr Alter zur Zeit des Zuſammentreffens das ſiebente Jahr nicht uͤberſtiegen hatte. „Man muß den ſchwachen Funken naͤhren, und ihm geſtatten, ſich allmaͤhlig zu verſtaͤrken,“ ſagte Hutchen.„Man hat mir den Rath gege⸗ ben, meinen Gebieter hieher unter die gluͤckli⸗ chen, vertrauten Scenen ſeiner Kindheit zu ver⸗ ſetzen; und die Gelegenheit iſt guͤnſtig. Meine Frau und Tochter ſtimmen mit meinen Wuͤn⸗ ſchen in dieſem Punkte uͤberein; Seine Herr⸗ lichkeit zeigte eine große Vorliebe fuͤr Juliana, als ſie noch ein Kind war.“ „Und kann ich meinen Vater nicht ſehen?“ ſagte Eliſabeth in Toͤnen der tiefſten Ruͤhrung. „Ohl ſicherlich koͤnnte er ſich gewoͤhnen, mich zu dulden— vielleicht mich zu lieben. Gott weiß, wie ſehr ich mich ihm zu widmen wuͤnſche!“ „Sie wiſſen am beſten, wie Ihre Pflicht und Ihre Wuͤnſche zuſammenpaſſen,“ ſagte Hutchen, mit einem merlbaren Laͤcheln;„in jedem Fall wuͤrde Ihre Guͤte in dieſem Punkte ihren Zweck verfehlen. Sie werden durch weiteres Nachden⸗ ken leicht einſehen, wie unſchicklich ein ſolcher Verkehr gegenwaͤrtig ſeyn würde.“ „Wenn die Aerzte dieſer Meinung ſind, ſo will und muß ich mich darein fuüͤgen,“ ſagte Eliſabeth; im andern Falle aber nicht. Allein ſicherlich kann ich jezt ſchon von den taͤglichen Fortſchritten ſeiner Beſſerung benachrichtigt wer⸗ den? Jezt bedaure ich in der That, daß ich mich verpflichtet habe, Monkshaugh zu folgen, 18³⁶ was jedoch nicht geſchehen ſoll, wenn es mir geſtattet werden kann, in der Naͤhe meines Va⸗ ters zu leben.“ „Gluͤcklicher Vater eines ſo pflichterfüllten Kindes!“ ſagte Hutchen, mit einem verſteckten Hohne, der Eliſabeths ſchuldbewußtes Herz er⸗ ſtarren machte. In der Aufregung des Augen⸗ blicks vergaß ſie, Gruͤße fuͤr die Damen oder Mitleidsbezeugungen fuͤr Juliana zuruͤckzulaſſen. Die leichtfuͤßige Titania beſteigend, erreichte ſie bald die alte bemooste Einfahrt von Monks⸗ haugh. Während Gideon ſein Fruͤhſtuͤck einnahm, was, da es ſo lange verſchoben worden war, endlich mit einer gewiſſen Rache geſchah, theilte die erroͤthende Effie ihrem Herrn ihre Gluͤckſe⸗ ligkeit mit, und machte ihm das ziemlich vor⸗ eilige Anerbieten der Gaſtfreundſchaft von Sour⸗ Boles„fuͤr ein billiges Koſtgeld“ fuͤgte ſie hin⸗ zu. Dieſer Vorſchlag empoͤrte jeden Tropfen des edlen Blutes in Monkshaughs Koͤrper. Er aͤußerte ſich daher an dieſem Morgen gegen Gi⸗ deon in dieſer Hinſicht ſehr bitter. „Mein Herr ſagte das Wieſel, das durch ſeine Privatthuͤre ins Zimmer ſchlich, als ob es Filzſchuhe an den Fuͤßen haͤtte,„Ihr thut der ſanfteſten Seele Unrecht, die je in irdiſchem Staube und Galashiel's grauem Tuche wohnte. Ich war hinter der Hecke in dem Ducos Park verſteckt, und hoͤrte jenes Geſpraͤch in Betreff der Bewerbung.“ „Und woher kommt Ihr, kleiner Teufelskerl?“⸗ — — 159 ſagte der Laird, waͤhrend ſeine Augen mit Ent⸗ zuͤceen auf ſeinem Dienſtmanne umherliefen. „Ihr Schelm, die Ihr John Hurcheon beleidigt und Berdacht und Ungnade uͤber das Haus eu⸗ res Herrn durch eure unerlaubten Poſſen ge⸗ bracht habt.“ „Von da, wo ich nicht wohl geſehn werden darf, wie die Ballade ſagt,“ erwiederte Fraͤnz⸗ chen, der ſeit vielen Jahren das Senkblei gefuͤhrt hatte, das in einem Augeublicke alle Tiefen und Untiefen der Gemuͤthsſtimmung des Lairds er⸗ ruͤndete.„Eben von den Furten des Oran, wo ich den Diebsfaͤnger und ſein Wilmchen ei⸗ nen Sprung in die freie Maifluth zur Abkuͤh⸗ lung machen ließ, haͤttet ihr nur geſehen, Laird, wie der Diebsfaͤnger in dem Waſſer zappelte!“ „Und auch ihr werdet zappeln— und das in einem haͤnfenen Halsbande, wenn ihr euch nicht aus dem Staube macht,“ ſagte die Braut, die Frieſel aus verſchiedenen Beweggruͤnden folgte.„Hier iſt ein Pack Lumpen fuͤr euer vermaledeites Geſicht; ich glaubte, es haͤtte ſich unter beſſeren Leuten bei einer nahen Gelegen⸗ heit zeigen koͤnnen; denn ich hatte im Sinne, Monkshaugh, meine alten Mitbedienten nicht zu aͤberſehen; oder aus dem einen Fiſch und aus dem andern Fleiſch zu machen, obſchon durch die Gnade der Vorſicht einen Grad uͤber—“ „Aha! aber wir ſitzen dieſen Morgen auf unſerem hohen Pferde,“ fiel das Wieſel ein; „großen Dank fuͤr eure gnaͤdige Abſicht, Effte. Laßt die Vorſicht ſorgen, fuͤr wen ſie will, ihr 190 koͤnnt fuͤr euch ſelbſt ſorgen. Wißt ihr, mein luſtiges Maͤdchen, wer den„Kobold um die Gerſtenſchober her“ ſpielte, und jedes Wort hoͤrte? Da ihr, mein Gebieter, ein luſtiger Junggeſell ſeyd, wie ich ſelbſt; Verzeihung fuͤr die Vergleichung, wollt ihr nicht die erſten Worte einer Bewerbung hoͤren— die Schrift zur Recht⸗ fertigung—“(Effie's Naͤſeln nachahmend). „Haltet eure laͤſternde Zunge,“ ſchrie Effie mit einem tragi⸗komiſchen Geſichte, und ihre geballte Fauſt gegen das Wieſel ſchuͤttelnd.„Ge⸗ bietet ihm Stillſchweigen, Monkshaugh, denn er koͤnnte einem Dachs die Schamroͤthe in's Geſicht treiben, und zudem iſt der heiße Fuß des Werfplgehs im Schloßhof.“ „Es iſt Lady Lisbeths kleine Tithannie,“ ſagte Friſel, und auf Effie, die in die peinlichſte Ver⸗ legenheit gerieth, blickend, fuhr er fort,„die ihm Jokſhan und Shuah, und Medan und Mi⸗ dian gebar.“ „Ich hoͤrte Titania's Stammbaum nie zuvor,“ ſagte der Laird;„aber es iſt Titania,— ſo heißt der Name des Thiers— das iſt, die Koͤ⸗ nigin der Feen, in William Shakespeare's Macbeth dem Uſurpator, und nicht Tity⸗annie, wie ich euch zwanzigmal geſagt habe: und daß ich euch das Haus eines ſchottiſchen Edelmann'’s, der zur Advokatur berufen mar, als einen ſol⸗ chen Ignoramus, der die Famil ie eines engliſchen Yerlfhire Squire, oder eines Sommerſetſhire J. P. beſchimpfen wuͤrde, verlaſſen ſehen ſoll!“ — 5 wußte den wahren Namen beſſer 191 als Friſel; allein er fand ein Vergnuͤgen dar⸗ an, ſich die Zurechtweiſung ſeines gelehrten Gebieters zuzuziehen. 3 „Tity⸗annie, oder Koͤnigin der Feen, das iſt gleich,“ ſagte Fraͤnzchen.„Sie kam von dem Koͤnige der guten Falben, und zu ihm will ich gehen. Die gute Braut hat Recht, mein Gebie⸗ ter, obſchon ſie in einer griesgramigen Lau⸗ ne iſt— ich muß das breite Waſſer zwi⸗ ſchen mich und die gruͤnen Steineichen von Monkshaugh bringen; denn wenn John Hur⸗ cheon die gerunzelten Augenbrauen ſeiner Groß⸗ mutter herablaͤßt, ſo wird dieſe Gegend zu enge werden, als daß ſie ihn und mich zugleich be⸗ herbergen koͤnnte. Sie folgen mir jezt auf dem Fuße nach, und ich haͤtte es nicht wagen duͤr⸗ fen, zu euch zu kommen, mein gelehrter Gebie⸗ ter, wenn nicht die Koͤhler von Pitbauchlie, die ſtets einen guten Willen gegen das Haus Monks⸗ haughs zeigten, den Diebsfaͤnger und ſein Wilm⸗ chen in eine Steinkohlengrube, um da nach mir zu ſehen, hinabgeſchickt, und vergeſſen haͤtten, den Schoͤpfeimer hinabzulaſſen, um ſie wieder heraufzuziehen, damit Lady Lisbeth und ihr Zeit erhieltet, eine lange Gnadennacht zwiſchen euch und die Krallen des Geiers zu bringen.“ „Sie ſind keine boͤſen Geſchoͤpfe— ſie ſind gute Geſchoͤpfe, dieſe ſchwarzen, ſchmutzigen Koͤhler,“ ſagte Monkshaugh, tief geruͤhrt durch dieſen Beweis von Wohlwollen,„und ihr koͤnnt dem Ortsbeamten von meiner Seite ſagen, Fraͤnzchen, daß ſie ihre Staͤbe zu Weidenkoͤrben fuͤr ihre Traͤger in dem Gehoͤlze der Thalſchlucht ſchneiden koͤnnen, indem ich es ihrer Ehre zutrane⸗ daß ſie das zunge Holz ſchonen werden. Allein der Herr helfe mir, was ſage ich da. Es iſ keine Reitgerte auf allen Huͤgeln von Monks⸗ haugh mehr, die ich mein Eigenthum nennen koͤnnte. Wir haben in der Tha t unſern hohen Kamm niedergeſenkt, Fraͤnzchen. Aber es wird der Tag kommen, wo mein Haupt unter der Erde ruhen wird; und ihr ſeyd gerade recht ge⸗ kommen, um es mit anzuhoͤren, Lisbeth. Laßt dieß dieſen ſchwarzen Kohlern von Pitbauchlie nict vergeſſen ſeyn.“ Monkshaugh ſchien durch dieſes neue Beiſpiel der Beliebtheit⸗ ſeiner alten Familie ſtaͤrker ge⸗ uͤhrt zu ſeyn, als er Antheil an dem Erfolg er Bitte Eliſabeth's nahm. Noch tiefer ulrde r geruͤhrt, als er die Gruͤnde der ehlichen Er⸗ ffnung Gideon'’s erfuhr. „Der ehrliche Mann! der guͤtige, ehrliche, auf⸗ richtige, chriſtliche Mann; obſchon er mich ohne Zweifel ein geſchnieg eltes Maͤnnlein hieß ſo war es doch bloß ein ſchnelles Wort,“ ſagte der Laird. „Dieß ſoll ihm von mir den meinigen nicht ver⸗ geſſen werden, allein ich will Vorwuͤrfe verhuͤ⸗ den Er iſt nur zu gut fuͤr die bleiche Dirne, den beſten Tag, den ſie je in Monkshaugh Speiſttammer ſtand.“ „In der That, Laird, Ihr werdet ſo etwas nicht thun, und dieß ſind meine ermahnender Abſchiedsworte. Sie hat Reichthum, und kann ihn gut zu Rath halten, und die Heerde zu Sauer⸗ 5 U r d er 5 ₰ 19³ Sourholes ſind bloß widerſpenſtige, zaͤnkiſche Widder, die meiſten von ihnen. Zudem, woll⸗ tet Ihr ein rechtliches Maͤdchen in ſeiner treuen Liebe kraͤnken— pfui, Laird!“ „Friſel, ihr haltet euch zu lange mit eiteln Spaͤſſen auf,“ ſagte Eliſabeth ernſt.„Wißt ihr, wohin ihr gehen muͤßt? habt ihr Reiſegeld? Rehmet dieß, und macht euch augenblicklich auf den Weg; ihr habt ſehr thoͤricht gehandelt; aber doch“— 4 „Wenn ich der Narr geweſen bin, ſo muß ich auch des Narren Loos leiden, Lady; aber ſteckt euer gruͤnes Beutelchen ein.— Ja, wenn ihr darauf beharrt, ſo ſchickt es ſich nicht fuͤr mich, eures Vaters Tochter zu widerſprechen; aber ich habe einen Freund gefunden, der mich zu einem andern Freunde in einem andern Lande bringen wird; und das mag fuͤr uns alle beſſer ſeyn.“. „In der That, wenn ihr Wolf Grahame auf⸗ ſuchen koͤnntet,“ ſagte Eliſabeth—„Aber halt, wuͤrde er ſich keinem Tadel ausſetzen, wenn er einen Menſchen, der aus einem ſolchen Grunde entflohen iſt, beherbergte?“ „Aus einem ſolchen Grunde entflohen!“ rief Monkshaugh ungeduldig;„indem er einen nicht ungaͤtigen alten Herrn aus den Klauen des John Hurcheon zu retten ſuchte? Es koͤnnte ſeldſt in euren Augen, Lisbeth, ſchlimmere Fehler ge⸗ ben; allein der Laird von Harletillum ſcheint ſeinen Zauber auch uͤber euch geworfen zu ha⸗ ben.“ Eliſ. v. Bruce. II. 9 194 „Ich bin in der That dieſem Manne heute verpflichtet,“ ſagte Eliſabeth; und ſie ſezte ſich nieder und bedeckte ihre naſſen Augen mit ihren Haͤnden.„Er hat mir die koͤſtlichſte aller Seg⸗ nungen, Nachrichten von der Ruͤckkehr meines Vaters zu ſich ſelbſt, zur Vernunft, zur Gluͤck⸗ ſeligkeit, zu unſerer Liebe, gegeben!“ „Eliſabeth,“ ſagte Monkshaugh,„das ſind in der That geſegnete Nachrichten! mein theurer und edler Verwandter! wenn dieß wahr waͤre, ſo koͤnnte ich John Hurcheon alles Uebel, das er uns angethan hat, verzeihen.— Allein ich vergeſſe eure Verlegenheit, mein armer Diener. Eillt jezt von dannen, Fraͤnzchen. Nehmt dieſe Kleinigkeit— alte Guineen— allein ich habe gerade keine Muͤnze bei der Hand; und den Segen eures Herrn.— Sendet Herrn Gideon herbei, um die herzerfreuende Nachricht zu hoͤ⸗ ren, und erinnert euch, wo immer euch ein un⸗ guͤnſtiger Wind blaͤst, daß wenn Monkshaugh einen ſichern Ort fuͤr ſeine Silberhaare— das iſt methaphoriſch geſprochen in Hinſicht meiner Peruͤcke— findet, ihr nicht weit haben werdet, um einen ſolchen Ort zu ſuchen, mein armer Kammerdiener. So haltet euch rein und ſau⸗ ber in eurem Weißzeug, und euern Struͤmpfen, Fraͤnzchen, und frei von boͤſer Geſellſchaft, und ſendet uns Nachrichten von euch— nach der Abtey Holyrood, nicht wahr Eliſabeth? Hat John Hurcheon dieſe Gunſt Robert Grahame von Monkshaugh bewilligt?“ 195 „Sie wurde freimuͤthig zugeſtanden,“ erwie⸗ derte Eliſabeth. 8 „Dann ſchreibt uns nach Holyrood,“ ſagte der Laird mit einem leiſen Seufzer;„die Adreſſe einfach: Herr Robert Grahame. So lange wir Abtei⸗Lairds ſind, bleiben wir incognito.“ Friſel, der, wie man ſich erinnern wird, an der Thuͤre ſeines Herrn als ein Fuͤndling geholt wurde, war durch dieſe Abſchiedsrede nicht we⸗ nig geruͤhrt, und ſtand, ſeinen Kopf auf ſeine Bruſt niedergebeugt, da; allein bald faßte er wieder Muth, und murmelte,„wenn ich jedoch Kapitaͤn Wolf ſprechen—. „Ja, Fraͤnzchen, aber laßt eure erſten Worte nicht von meinem werthloſen Ic, der ich gleich⸗ ſam einer von den geringeren Baronen bin, ſon⸗ dern von der Geneſung unſers edeln Ver⸗ wandten, des Lord von Bruce, ſeyn; fuͤr welche Segnung ich der Effie Fechnie befehlen werde, eine Portion Mehi und einen Schilling ſchotti⸗ ſcher Muͤnze jedem armen Weibe in den vier Huͤgel⸗Diſtricken auszutheilen, was ſchicklicher ſeyn wird, als Feuerwerke oder Gaſtmaͤhler, in den gegenwaͤrtigen Umſtaͤnden einer Familie, die in ſo enger Verwandtſchaft mit ſeinem edeln Hauſe ſteht.“. „Mein erſtes Wort, ſo wahr mir Gott helfe, wird gewiß von Lord von Bruce ſeyn!“ ſagte Friſel mit einer ſolchen Energie, daß Eliſabeth zuſammenfuhr, und ihre Augen ſcharf auf den Sprecher heftete. Ihre Gedanken waren alle mit der Geneſung ihres Vaters beſchaͤftigt ge⸗ 9 8* 196 weſen. Einige ſchuͤchterne Zweifel beſchlichen ihr Herz hinſichtlich der Art, auf die er von ei⸗ ner Verbindung in Kenntniß geſetzt werden ſollte, die geſchloſſen worden war, als ob er in Betreff der Verſorgung ſeines einzigen Kindes keine Stimme gehabt, oder von ihr als bereits todt betrachtet worden waͤre.„Allein er wird keine Urſache haben, wegen des Sohnes zu erroͤthen, den ich ihm gegeben habe;“ dachte ſie, und er⸗ hob ihr Haupt in dem gluͤhenden Stolze der Liebe, als Friſels feierliche Worte ihr Ohr trafen. „Mein erſtes Wort wird ſicherlich von dem Lord von Bruce ſeyn,“ erwiederte Friſel,„und von dem ſchwarzen und hoͤlliſchen Boͤſewicht, der Unheil gegen ihn und die Seinigen ausbruͤtet. Euer edler Vater iſt noch nicht geneſen, Lady; wollte Gott, er waͤre es! Die Macht dieſes Man⸗ nes gleicht der des boͤſen Feindes. Er kann zermalmen und ausmergeln; allein er kann nicht wieder geſund machen. Er hat den Wermuth und die Galle gemiſcht; allein der Balſam muß von andern Haͤnden— muß von den eurigen, Lady, dargereicht werden.“ Eliſabeth faltete ihre weißen Haͤnde auf ihrer Bruſt, innerlich betend, es moͤchte ſo ſeyn, und blickte dann ſchnell auf, das Nachfolgende er⸗ wartend. „Euer Vater iſt noch nicht viel beſſer,“ fuhr er fort;„allein es entſpricht der Abſicht des Lairds von Harletillum, daß dieß ſo iſt. Er moͤchte einen vornehmen Schwiegerſohn haben, um ſein Haus zu ehren, da ihm andere Plane 197 mißlungen ſind; und moͤchte euch, Lady, eine junge Hausfrau geben, um ſie zu lieben, und nach ihr aufzublicken.“ Eliſabeth ſprang von ihrem Sitze auf, gleich einer marmornen Statue, die durch den Zauber eines Talismans ploͤtzlich Leben erhaͤlt. Ihre Geſtalt, die ſich uͤber ihre gewoͤhnliche Hoͤhe erhob, ihre ausgeſtreckten Arme, ihre wilden und ſtar⸗ renden Augen, ihre geſchwollenen Adern und ihre erſtickte und unvernehmliche Stimme druͤck⸗ ten den Kampf wahnſinniger Leidenſchaften aus. Was Hutchen ihr geſagt hatte, beſtaͤtigte das ſo eben Gehoͤrte auf eine furchtbare Weiſe. „Sagt es noch einmal,“ rief ſie aus.„Wie⸗ derholt es noch einmal!— Meine gellenden Oh⸗ ren haben mich getaͤuſcht!— Sagt— ſoll mein Vater— mein Vater— der ungluͤckliche Lord von Bruce— ſoll er?— Sogar die Steine der Erde wuͤrden gegen einen ſolchen Schimpf ſchreien!— O, ich werde wahnſinnig!“ war ihr Gedanke,„jezt— jezt, da ich meiner Ver⸗ nunſt am meiſten bedarf!“ Sie druͤckte ihre Haͤnde in unnennbarer Seelenangſt auf ihre brer⸗ nende Stirne. Eben jezt, in dieſem wilden Ar ſ⸗ ruhre ihrer Gefuͤhle, durchflog ihr Gehirn der Gedante einer ploͤtzlichen Annaͤherung der furcht⸗ baren Krankheit, der ſie, von ihrer Geburt, an unterworfen zu ſeyn glaubte— jezt, da alle ihre Seelenkraͤfte zum Schutze ihrer ſelbſt, ihres Va⸗ ters und aller, die ſie liebte, gegen die wider ſie ausgebruͤtete ſchamloſe Niedertraͤchtigkeit und elende Entehrung ſo dringend in Anſpruch ge⸗ nommen wurden. 196 A Von dem unſaͤglichen Schrecken dieſes Paroxys⸗ mus wurde ſie durch die Stimme des Herrn Haliburton zuruͤckgerufen, der, in Verbindung mit Monkshaugh, Friſel in Betreff alles deſſen, was er uͤber dieſe geheimnißvolle Angelegenheit gehoͤrt hatte, befragte. Sein Bericht war klar und zuſammenhaͤngend. Die Nachrichten, die er urſpruͤnglich durch ſeinen beſondern Fleiß unter Harletillums Dienerſchaft eingeſammelt hatte, waren durch andere Erkundigungen, deren Quelle er nicht angeben wollte, obſchon ſie wahrſchein⸗ lich in Jakobina's Papteren beſtand, beſtatigt worden. Der aͤrztliche Beiſtand, Dr. Maasch, war, ſagte er, bemuͤht, als Vorbereitung zu den von ſeinem Schutzherrn beabſichtigten Maßre⸗ geln, Geruͤchte von der Berbeßerung der Geſund⸗ hei tu mſtaͤnde des Lord von Bruce auszuſtreuen. Friſel hatte ſich, vielleicht theils durch die Ei⸗ telkeit, ein Geheimniß von ſoſcher Wichtigkeit zu beſitzen, theils durch die Waͤrme eie efahle zu einer voreiligen Aufdeckung dieſes Complorts hinreißen laſſen. Sein kluger, urſprunglicher Plan war dahin gegangen, ſeinen jungen Herrn aufzuſuchen, und ſeinem Ohre allein anzuver⸗ trauen, was ſeine Ehre und ſeinen Vortheil ſo⸗ nahe anging, wenn es wirklich wahr war. „Wenn ich bis zum Martinstag ſpraͤche,“ ſagte er zu den Fragenden,„koͤnnte ich nicht weiter ſagen. Herr John Hutchen glaubt, er koͤnne den muthmaßlichen Erben nicht erhalten, und ſo wuͤnſcht er ſeine„Tochter auf jede Art zu einer Lady zu machen.“ 199 Welch' eine Raſchheit der Auffaſſung und des Gedankengangs beſizt unſer Geiſt in Augenbli⸗ cken ſtarker Gemuͤthsbewegungen; Eliſabeth's Geiſt hatte bereits jede Region menſchlicher Ge⸗ danken durchwandert. „Dieſer Mann kann kein ſo vollkommener Boͤſewicht ſeyn— kann keiner ſo undenkbaren Niedertraͤchtigkeit faͤhig ſeyn! Er iſt Vater,“ ſagte ſie ruhiger.„Allein ich will vorſichtig und mißtrauiſch ſeyn, wo die Gefahr ſo groß iſt. Fliehet, Freund, um eurer ſelbſt und mei⸗ netwillen. Ich kann euch trauen. Nehmet dieß — und dieß— und alles, was ich beſitze.“ Und ſie riß haſtig den Schmuck von ihrem Halſe und die Ringe von ihren Fingern.„Und ſagt eurem Herrn, wenn ihm meine Ruhe— mein Leben— meine Ehre— ſeine eigene— lieb ſey, er ſeine Augen nicht zum Schlummer ſchlie⸗ ßen werde, bis er bei mir ſey. Ich wuͤrde ſchrei⸗ ben— aber wie?— Oh, Freunde!— In wel⸗ chen Ausdruͤcken koͤnnte eine Tochter von die ſer ſchrecklichen Verbindung ſprechen?“ Friſel begab ſich in die Kuͤche, und uͤbergab den Schmuck der Baby Strang, um ihn der Eigenthuͤ⸗ merin in einer ruhigeren Stunde zuruͤckzugeben— zeigte Effie die Goldſtuͤcke des Lairds, in der freund⸗ ſchaftlichen Abſicht, den Neid dieſes nuͤchternen Maͤdchens zu erregen, das alles fuͤr verloren hielt, was ſie nicht beſaß— huͤpfte mit einem ausge⸗ holten Bocksſprunge empor, ſchlang ſeine Arme um ihren langen mageren Nacken, und kuͤßte ſie, trotz ihres Widerſtands, von Ohr zu Ohr, erwies dieſelbe Abſchiedsgunſt der Baby Strang, und 2⁰00 eilte von dannen, als ob er das gluͤhende Kreuz irgend eines Lehnsoberhauptes getragen haͤtte. „Ich naͤhme keine hundert Pfund, wenn der Prediger ihn geſehen haͤtte!“ ſagte Effie, ihren Bart von der Befleckung des Kuſſes des Wieſels faͤubernd.„Er iſt ein kuͤhner baͤrtiger Kerl, dieſes Fraͤnzchen, ſo ſehr er auch an Bein und Fleiſch ein Zwerg iſt; und ich darf bekennen, daß Gideon Haliburton, obſchon wir als Braut und Braͤutigam gegen einander ſtehen, einge⸗ ſchrieben und ausgerufen, oder faſt eben fo gut als das ſind, nie ſeine Lippe an die meinige brach⸗ te, was eine wunderſame Beſcheidenheit an einem Manne iſt, der um ein Maͤdchen zu einem ehr⸗ ſamen Ehebunde wirbt. Aber Baby, mein Kind, ihr koͤnnt die Schuͤſſeln heute ſelbſt abrahmen, da meine Hand noch zütert und bebt.— Und, bei meiner jungfraͤulichen Ehre, das große gelbe Milchmaͤdchen zerweint ſich die Augen um die⸗ ſen ſchabenfrohen Knirps. Das iſt eine Schande fuͤr euch, Maͤdchen— wolltet ihr euch einen Mann wuͤnſchen, wie Tam Thumb's Mutter in dem Gemaͤldebuch ein Kind, waͤre er auch nur einen Daumen groß?“ „An manchem Tage ſtand er mir bei, ſo klein er iſt, das gute Geſchoͤpf,“ ſchluchzte das rie⸗ ſenmaͤßige Milchmaͤdchen von Monkshaugh. „Aber er iſt jezt nicht hier, um darauf zu antwor⸗ ten— und da klingelt des Lairds Glocke.“ „Dann antwortet ihr ſelbſt darauf,“ ſagte Effie,„und das iſt bloßes Geklatſch. Mein Dienſt iſt aus in dieſem Hauſe.— Die Ehe bricht alle 201 Bedingungen in der ganzen Welt. Denkt euch nur!— ſeine großen Geldſtuͤcke einem verbre⸗ cͤriſchen Landſtreicher geben, und nicht einmal ſagen„Effie, da habt ihr ein kleines Andenken, damit ihr euch ein Kleid oder ſonſt etwas der Art kaufen koͤnnt, jezt, da ihr eure Lage aͤndern wollt, nachdem ihr fuͤnfzig Jahre lang in dem Haushalte zu Monkshaugh geweſen ſeyd!“ Allein ich habe ein Thee⸗ und Zucker⸗Geſchaͤft in Caſt⸗ leburn; denn ich zweifle, nach allem, ob das Pfarrhaus zu Sourholes, wie Effie nachher Gi⸗ deons Huͤtte taufte, nur einen leeren Speiſe⸗ ſchrank hat.“ Waͤhrend dieß und noch vieles andere in der Kuͤche vorging, ſuchte Gideon Eiiſabeths erbit⸗ tertes Gemuͤth durch die vereinten Troͤſtungen der Religion und der Vernunft zu beſaͤnftigen. Seine ſtarke Verſicherung beſtaͤrkte ihren eigenen Glauben, daß Wolf Grahame eher Himmel und Erde in Bewegung ſetzen, als die Vollendung einer ſo niedrigen Treuloſigkeit, einer ſo bei⸗ ſpielloſen Grauſamkeit dulden werde, die ſeinen Vortheil als ein Erbe, und ſeine Ehre, als der naͤchſte Verwandte des ungluͤcklichen Edelmanns, gleich ſehr beeintraͤchtigte. Verſicherungen, die ſich auf den Muth und die Feſtigkeit deſſen gruͤndeten, der ihrem Herzen ſo theuer war, lieh Eliſabeth ein gieriges Ohr, waͤhrend ſie ſich ſelbſt darum tadelte, daß ſie mehr Troſt aus ihnen, als aus jenen hoͤheren allgemeinen Troſtgruͤnden ſchöpfte, welche die plumpe geiſtliche Beredtſamkeit ihres ehrwuͤrdigen Lehrers ſo ernſtlich einſchaͤrfte. 202 Fuͤnfundzwanzigſtes Kapitel. Die Abreiſe. So furchtbar auch Friſels Mittheilung war, eine ſchmaͤhliche Kraͤnkung jeder kindlichen Ge⸗ ſinnung und jedes zarten und weiblichen Ge⸗— fuͤhls, ſo veraͤnderte ſie doch Eliſabeths Plane 4 nicht. Pflicht und Zuneigung forderten ſie auf⸗ 4, n 2— die Verbannung des Mannes zu theilen und zu lindern, der ihrem Gemahl die Stelle eines Va⸗ ters vertrat— ihres alten nachſichtigen Freun⸗ 4 des, deſſen Tugenden, Gefälligkeiten und Eigen⸗ ſchaften, in dieſer Zeit der Pruͤfung, bei ihr alle in friſchem Andenken ſtanden. Monkshaugh ſezte Eliſabeths Entſchluſſe, ihn nach dem Sanktuarium zu begleiten, nur einen. ſchwachen Widerſtand entgegen, da er erwartete, und ſogar waͤnſchte, daß dieſer Widerſtand uͤber⸗ waͤltigt wuͤrde. 1 „Ja, gebt ihrem guͤtigen Herzen nach,“ ſagte Gideon.„Fordert ſie nicht auf, euch zu ver⸗ laſſen. Laßt ſie euch ſeyn, was die jugendliche Ruth der betagten Naomi war. Nicht daß ich, Laird von Monkshaugh, eure Maͤnnlichkeit das urch herabſetzen wollte, daß ich euch mit einem alten Weibe vergleiche; obſchon ich wuͤnſchte, wir alle⸗ häͤtten den ſtarken Glauben und die tluge Scharf⸗ ſicht dieſer Mutter in Ifrael.“ Als Eliſabeth von der Grillenfamilie durch das Dorf Caſtleburn zuruͤckgekehrt war, hatte ſie die einzige Chaiſe des gelehrten Wirths von „Grahame Arms“ beſtellt, einen Wagen, der 203 nach einer Seite hing, und in ſeinem Laufe hol⸗ perte, wie eine Ente mit einem abgebrochenen Fluͤgel. Er war jezt angekommen. Monkshaugh war bereits bedeutend geneſen, und ſie wollte ihm keine Muße zu zaͤrtlichen Klagen oder z8⸗ gernden Lebewohls laſſen; oder was noch mehr zu fuͤrchten war, Zeit, um fuͤr alle die tauſend eingebildeten Beduͤrfniſſe und Zufaͤlligkeiten zu ſorgen, denen ſie in in einem ſpaͤrlich moͤblirten Wohnhauſe ſich ausgeſezt ſehen konnten. Jede wirklich noͤthige Anordnung hatte ſie ſelbſt ge⸗ troffen, und zwar mit einer ſolchen Ruͤckſicht auf die Ziererei und perſoͤnliche Puͤnktlichkeit, die ihrem alten Freunde ſo eigen war, daß Monkshaugh, obſchon er weit entfernt war, ſich in ſolchen kleinlichten Dingen leicht befrie⸗ digen zu laſſen, ſpaͤter erklaͤrte, er vermiſſe bloß ſeinen Stiefelzieher von Ebenholz, und mit dem ſilbernen Haken, was vielleicht um ſo weniger zu bedeuten hatte, als er„nie einen Stiefel an⸗ ſeine Faͤße brachte— und noch obendrein keinen zum Anziehen hatte.“ Als fuͤr jeden, zur Gemaͤchlichkeit und Ach⸗ tung des Mannes, der jezt ganz von ihrer ſinn⸗ reichen Sorgfalt abhing, noͤthigen Artikel per⸗ ſonlicher Ausſtattung geforgt war, befriedigte Eliſabeth ihren natuͤrlichen Geſchmack durch die Aubwahl einiger ihrer Lieblingsbuͤcher; auch⸗ wurde mitten in der Eile, Verwirrung und der Niedergeſchlagenheit ihres Geiſtes nicht ein ein⸗ ziges von den zahlreichen, zerſtreuten Denkzeichen vergeſſen, die ſie von der fruͤhen Zaͤrtlichkeit 204 und dem ſpaͤtern liebevollen Andenken Wolf Grahame's beſaß— getrocknete Pflanzen und mineralogiſche Probeſtuͤcke, und Buͤcher und un⸗ bedeutende Zierden, die in den Augen des Gleich⸗ guͤltigen voͤllig werthlos waren, allein von Eli⸗ ſabeth, als die ſprechende Erinnerung an irgend eine in gutem Andenken ſtehende Aera in der Geſchichte ihrer vereinigten Herzen⸗ hochgeſchaͤzt wurden. Waͤhrend ihr Gedaͤchtniß ſich die glaͤnzenden und truͤben, aber insgeſammt gluͤck⸗ lichen Stunden zuruͤckrief, deren Data dieſe Re⸗ liquien angaben, und ihr Herz uͤber ihnen in Liebe brannte oder in Zaͤrtlichkeit ſchmolz— waͤhrend ſie ſie an ihre Lippen druͤckte und mit ihren Thraͤnen benaͤßte, wurde ihr Gideons Auf⸗ foderung uͤberbracht, der Abſchieo von ihr zu nehmen wuͤnſchte. Gideon hatte bereits Abſchied von dem Laird genommen, und wartete jezt bloß⸗ um Eliſabeth irgend einen freundlichen Rath und ſeinen vä⸗ terlichen Segen zu ertheilen. Eine bedeutende Zartheit bezeichnete ſeinen Abſchied von Monks⸗ haugh.„Er iſt ein hochmuͤthiger Menſch,“ dachte Gideon— nund will einen mäͤnnlichen Geiſt zeigen, wenn wenig von einem ſolchen⸗ ſowohl unter ſeiner gepuderten Peruͤcke, als un⸗ ter ſeinem geſtickten Rocke ſteckt. Als ich ihm, wie es meinem Amte geziemt, von der Art ſagte, auf die der geduldige Hiob den Schlag des Un⸗ glucks empfangen hatte, ſo ſchien er zu glauben, der rechtſchaffene Mann von Uz ſey ein armer Vorgaͤnger fuͤr den vornehmen Laird von Monks⸗ 2⁰0⁵ haugh und Kippencreery Weſter. Eben ſo un⸗ angenehm war es ihm, daß der alte Prediger von Sourholes die Thraͤne in ſeinem Auge ſah, die ihm John Hutchen auszupreſſen vermochte, und doch kann es mir nicht gefallen, den guͤtigen alten Mann aus dem Erbe ſeines Vaters, wo⸗ hin, ach! die Verwuͤſter gekommen ſind, troſt⸗ los wandern zu ſehen.“ Gideon ſeufzte, als er in dem fruͤher ſo be⸗ haglichen, gut moͤblirten und ſchoͤn d geordneten Familien⸗Gemache umherblickte, in welchem er ſo manche geſellſchaftliche Stunden zugebracht hatte, und das jezt traurig und kalt, und ſo un⸗ geordnet und oͤde war, als die Diener der Ge⸗ rechtigkeit es verlaſſen hatten. „Sie haben es oͤde gemacht,“ fagte er, als Eliſabeth eintrat; und nach einer kleinen Pauſe fuͤgte er in feſterem Tone bei:„Aber das Erb⸗ theil Jakobs gleicht dem ihrigen nicht. In dem Schwellen des Jordans ſey Er bei dir, mein theures Kind. Mag ſeine rechte Hand dich ſchuͤ⸗ tzen und ſegnen; ja, ſegnen mit dem Segen des Himmels, der oben iſt, und mit dem Segen der Tiefen, die unten liegen!“ Eliſabeth beugte ehrfurchtsvoll ihr ſchoͤnes Haupt unter die Hand des guten Mannes, die einen Augenblick lang leicht auf ihren glaͤnzenden Locken ruhte, wie die Hand eines zaͤrtlichen Va⸗ ters, der zugleich ſegnet und liebtost. Von ihr häͤtte der Segen eines z Eräbiſchofs nicht ehrfurchts⸗ voller aufgenommen werden koͤnnen; und wenn aͤchte und gluͤhende Froͤmmigkeit, warme Wohl⸗ 20⁶ Sinn Auszeichnung verſchaffen— dann hätte dem ehrlichen Gideon ein ſehr hoher Rang in jeder chriſtlichen Hierarchie zugeſtanden werden muͤſſen. „Mein thoͤrichtes Herz macht ſich wieder ei⸗ nen Abgott aus dieſem Maͤdchen,“ ſagte er zu ſich ſelbſt, als er ſich nach Haus begab, die un⸗ gewohnte Feuchtigleit aus ſeinen Augen wiſchend, und an fruͤhzeitig zu Grabe gegangene Liebes⸗ verhaͤltniſſe denkend,„und ich werde nur wenig⸗ Ruhe oder Freude haben, bis ihre Befreiung zu Stande gebracht iſt, obſchon ich in meiner fleiſch⸗ lichen Finſterniß und meinem irdiſchen Unglau⸗ ben das weltliche Werkzeug, durch das ſie be⸗ wirkt werden ſöll, nicht ſehe.“ Der arme Monkshaugh hatte ſich einige Mi⸗ nuten lang in das Schlafzimmer ſeiner ewig ver⸗ ehnten Mutter eingeſchloſſen; jezt aber verfuͤgte er ſich in huͤbſchen Reiſekleidern zu Eliſabeth. Ein Reilkleid von braunem Kamelot, oder ein Joſeph, mit großen Schoͤßen und mit kirſchen⸗ farbener Seide gefuͤttert, war in der Mitte uͤber ſeiner gewoͤhnlichen Unterkleidung eng zugeknoͤpft, und ſtand an den Huͤften hervor, gleich dem Ueberrecke eines modernen, grashuͤpferleibigen Elegant. Ein Bandana⸗Tuch ſchuͤzte die zier⸗ lich gefallete Halskrauſe von weißem Kammer⸗ tuch, und zeigte bloß die glaͤnzende golde⸗ ne Schnalle; waͤhrend ein„Trotcoſey,“ an Gewirk dem Joſeph aͤhnlich, mit einem weit herabſteigenden Kragen, die gepuderten Fluͤgel⸗ thaͤtigkeit und ein durch die Welt unbeſleckter — — 207 chen ſeiner Peruͤcke, und die niedlichen Gagath⸗ Flocken des kleinen Hutes ſchuͤzte, der, nach Monkshaughs Dafuͤrhalten, nach einem jahre⸗ langen Gebrauche an ſeidenem Glanze, und je⸗ nem aufgepuzten, zierlichen und puͤnktlichen Aus⸗ fehen, das ſeinem Hute wohl anſtand, und in der That von ihm unzertrennlich war, zuzuneh⸗ men ſchien. „Wo iſt die Haushaͤlterin, Jungfer Effie Fechnie?“ ſagte der abreiſende Laird zu Baby⸗ Strang, die jezt das einzige effective Mitglied ſeines Haushalts war. Baby mochte nichts Nach⸗ theiliges von Effie, aber auch keine Luͤge ſagen. Sie muͤrmelte daher etwas, dem Monkshaughs natuͤrliche Eitelkeit und Gute die Deutung gab, daß Effie⸗ s Betruͤbniß uͤber ſein Ungluͤck und ſeine Verbannung ſie jezt unfaͤhig mache, zu erſcheinen. Ein Brautgeſchenk, und eine Bot⸗ ſchaft, die ſtolz und gnaͤdig, aber doch guͤtig, war, und der Hausfrau von Sourholes den Schutz und die Unterſtuͤtzung der Familie von Monkshaugh und Kippencreery Weſter verhieß, wurden Baby anvertraut, die ebenfalls bedacht wurde. „Es bricht mir faſt— das Herz— euch weg⸗ gehen zu ſehen— ſo ganz allein— Monks⸗ haugh,“ murmelte Baby ſchluchzend, jedes ge⸗ trennte Wort herauſpumpend, wie ein Einwoh⸗ ner der Smaragd⸗-Inſel das Engliſche unſers guten Koͤnigs, als ob die Sprache ſelbſt eine Feſſel waͤre, unter der ſein kreier Geiſt keuchte 208. und ſich abmuͤhte—„Da er weg iſt— der alle— eure kleinen Wege— kannte.“ „Die Dirne iſt raſend geworden, Lisbeth,“ ſagte Monkshaugh, der Baby's Stimme nie zu⸗ vor in einer unmittelbaren Anrede an ſeine Maͤch⸗ tigkeit gehoͤrt hatte.—„Meine kleinen Wege!“ „Ohne jemand— euch zu pflegen.“—„Ge⸗ nug,“ ſagte Eliſabeth.„Herr Gideon wird alle Ruͤckſtaͤnde bezahlen. Eure Guͤte gegen uns ſoll nicht vergeſſen werden.“ Eliſabeth hatte be⸗ reits zu Monkshaugh's Geſchenten einige von ihrer Seite hinzugefuͤgt. Baby kaͤmpfte ach⸗ tungsvoll mit irdan hyſteriſchen Kummer, und⸗ die ſchwermuͤthige Geſellſchaft begab ſie in die Halle. „Lisbeih von Bruce,“ ſagte Meon abonah in ernſtem Tone,„ſeyd ihr uͤberzeugt, daß unter allen dieſen Paͤcken, Felleiſen, Mantelfacten und Nachtſaͤcken ſich nicht ſo viel, als ſich auf einen Nagel hinlegen laͤßt, findet, das John Hurcheon nach dem Buchſtaben des Geſetzes ſein nennen, koͤnnte?“ „Dieſe Frage war kaum noͤthig,“ erwiederte Eliſabeth, deren Rechtlichkeit ſaſt an Aberglau⸗ ben graͤnzte.„Dieſer kleine Spröͤßting, und ſie druͤckte ihre Lippe auf die Knospe einer ge⸗ woͤhnlichen weißen Roſe,„iſt alles, was ich von Monkshaugh mitnehme.“ „Wolf Grahame's weißer Roſenſtock, von welchen meine ewig verehrte Mutter ſich ein ſchdnes Blumengewinde fuͤr den eilften Junius pfluͤcken konnte; denn ſie hatte ſtets, wie ihr 4 —— 209 ſelbſt, ein warmes Herz fuͤr den Namen Stuart. Aber, oh! Eliſabeth! wenn der Stolz meines Herzens das Erbe ihres Enkels belaſtet, und ihn dem Geyer in die Haͤnde gegeben hat, wie ich zuweilen fuͤrchte!— Und ſein Hund, Lisbeth! Schande uͤber mich, daß ich den armen alten Daſh vergeſſe!“ „Fugal wird ihn uns bringen,“ ſagte Eliſa⸗ beth.„Ich habe fuͤr alles das geſorgt. Reh⸗ met meinen Arm, theurer Herr; lehnet euch auf mich, waͤhrend wir uͤber dieſe Thuͤrſchwelle ſchreiten.“ „Laßt mich vielmehr hier ruhen, Lisbeth,— laßt mich die lange, lezte, kalte und einſame Ruhe genießen, in der mich kein John Hurcheon ſtoͤren kann— auf dieſer Thuͤrſchwelle der Woh⸗ nung meiner Vaͤter, die meine Thorheit Wolf Grahame verwirkt hat. Wuͤrde es nicht beſſer fuͤr uns alle ſeyn, daß ich von dieſem Flecke und in dieſer Stunde in eine ruhigere Wohnung, die laͤnger mein geboͤrte, getragen wuͤrde? Dieß ſprechend, ſank er, von Kummer uͤber⸗ waͤltigt, auf die Thuͤrſchwelle nieder. Monkshaugh'’s Geſtalt und Kleidung, die mit dieſer troſtloſen Gemuͤthsſtimmung und der tie⸗ fen und aufrichtigen Betruͤbniß ſeiner Seele ſo⸗ ſehr im Widerſpruche ſtand, haͤtte die Lachluſt einer Perſon erregen koͤnnen, die waniger Theil⸗ nahme fuͤr ihn gefuͤhlt haͤtte, als Eliſabeth. Sie beugte ſich mit ſanzter, geduldiger und huldrei⸗ char Liebe uͤber ihn hin, und ſuchte den ſchwachen und verwundeten Geiſt zu beſaͤnftigen— den 210 klagſuͤchtigen alten Mann mit ſich ſelbſt auszu⸗ foͤhnen— und ſeinen Geiſt durch die edle Gluth der Hoffnung zu beleben und zu ſtaͤrken— der Hoffnung, die ſich, ſelbſt in der tiefſten auße⸗ ren Troſtloſigkeit, ihren erwaͤhlten Tempel in dem liebenden und geliebten Herzen bewahrt, und die eben in dieſem Augenblicke ſich warm und feſt in Eliſabeths Bruſt einniſtete. Endlich ſaßen ſie in der baufaͤlligen, alten Poſtchaiſe. Der Knall der Peitſche des Poſtil⸗ lons hallte durch den oͤden Schloßhof, gleich der warnenden Glocke eines Nachrichters. Fugal, der von den Huͤgeln herabgeſtiegen, war, nach ſeiner gewoͤhnlichen militaͤriſchen Art zu gruͤßen, verſchwenderiſch mit Buͤcklingen, ſprach aber nichts. Baby Strang erhob ihre Stimme wie⸗ der und weinte; und der Haushund brach, ſey es nun aus einer Anwandlung von Sympathie, oder aus inſtinktmaͤßiger Scharfſicht, in ein langes, klaͤgliches Gewinſel aus, das von allen den dumpfen Echo's der alten grauen Mauern von Monkshaugh erwiedert wurde. Ein ploͤtz⸗ licher Windſtoß jagte eine Menge jener verwelk⸗ ten Blaͤtter in den Wagen, die gewoͤhnlich an den Aeſten und Zweigen des Gog und Magog zoͤgernd verweilten, bis ſie eine juͤngere Gene⸗ ration vertrieb. Sie ſielen auf das Haupt und⸗ die Bruſt des alten Mannes: er veraͤnderte ſeine Farbe, und fluͤſterte mit tiefer und feierlicher Stimme, aber in vollkommener Faſſung: „Eliſabeth von Bruce, merkt euch meine Worte. Ich werde nie mehr uber dieſe Schwelle —— r —— r —— 211 ſchreiten— ich weiß es gewiß— eine innere Stimme ſagt mir, daß es ſo ſeyn wird. Ge⸗ waͤhrt mir, o!“— Sein Stoßgebet erſtark in Schweigen, und Eliſabeth konnte bloß die blaf⸗ ſen bebenden Lippen und die inbruͤnſtig gefat⸗ teten Haͤnde bemerken. Es liegt ſteis eine geheimnißvolle und ein⸗ ſchuͤchternde Macht in der aͤchten Aeußerung je⸗ nes fonderbaren und aberglaͤubiſchen Gefuͤhls, das die Menſchen Ahnung heißen, und das keine Perſon von g uͤhender Einbildungskraft ganz zu üͤberwaͤlligen vermag, oder vielleicht wuͤnſchen wuͤrde— und eben ſo in jeder aus einer uͤbernatuͤr⸗ lichen Urſache entſpringenden Gemuͤthöbewegung, zeigte ſie ſich auch nur in dem Kauern oder Winſeln eines Hundes, oder in dem zitternden und kalten Athemholen eines Pferdes, wenn es die Annaͤherung oder Gegenwart eines uͤberirdi⸗ ſchen Weſens fuͤrchten ſoll. Der Eindruck, der ſich der Seele des Lairds bemaͤchtigte, war, ſo ltaͤglich und zufaͤllig auch ſeine Quelle P⸗ viti zu heilig und maͤchtig, als daß er mit ringſchaͤtzung haͤtte behandelt werden darſen. „Laßt uns auf Ihn vertrauen, in deſſen Haͤn⸗ den unſer Schickſal liegt!“ fluͤſterte Eliſabeth. „Amen, meine Theure!“ erwiederte Monks⸗ haugh, und als er ſeine Augen wieder oͤffnete, hatte der Wagen die graſige Einfahrt verlaſſen, wo bfreits breite goldene Lichter, und ſchwarze maſſive Schatten durch die ungeheuern Baum⸗ aſte fielen, die jezt alle in ihre friſche Fruͤh⸗ lings⸗Livree gekleidet waren. — 212 Die naͤchſte Meile gieng die Reiſe ſchwei⸗ gend fort. Eliſabeth warf zuweilen einen un⸗ willkuͤhrlichen verſtohlenen Blick, durch Thraͤnen, die verdunkelten, aber nicht fielen, auf die flie⸗ henden Gegenſtaͤnde ihrer fruͤhen und theuerſten Erinnerungen zuruͤck. Unter dieſen befand ſich die verlaſſene Huͤtte der Monica Doran, deſſen Winterbedeckung von lebhaftem gruͤnem Moos jezt in rothbraune Farben unter der Hitze der ſchoͤnen jungen Jahrszeit, deren Lieblichkeit die Pein der Trennung von dem Thale verdop⸗ pelte, welkte. Bei den Furten des Oran hatten ſich eini⸗ ge arme Leute aus den benachbarten Doͤrfern verſammelt. Sie nahmen ihre Muͤtzen ab, als der Wagen voruͤberfuhr; die Weiber verbeugten ſich, die Kinder unterbrachen ihre laͤrmenden Spiele. Einige betrachteten den Wagen mit ehrerbietiger Reugierde, und andere mit dem ganzen Mitgefuͤhle, das ſo arme Leute einem, ſelbſt in ſeinem Falle immer noch ſo großen Manne, wie„der alte Zierling Laird von Monkshaugh,“ zu zeigen berechtigt waren. Nicht ſo bald hatten ſich die Raͤder in das Waſ⸗ ſer getaucht, als die perſoͤnlichen und ange⸗ ſtammten Enormitaͤten des John Hutchen's zur Sprache gebracht, und mit großer Freimuͤthig⸗ keit eroͤrtert wurden. Ein aͤhnlicher Auftritt hatte in Pitbauchlie, dem Koͤhlerdorfe, ſtatt, wo die Gerichtsdiener von Edinburgh bis vor einigen Minuten auf⸗ gehalten worden waren, und wo das Bildniß 213* des Herrn Hutchen, der den Koͤhlern wegen ſei⸗ ner Strenge gegen die Staͤbeſchneider und Wild⸗ diebe beſonders verhaßt war, in dieſem Augen⸗ blicke die blutigen ſtatutmaͤßigen Strafen litt, die in Schottland gegen den Hochverrath ver⸗ haͤngt ſind— naͤmlich Haͤngen, Viertheilen u. ſ. w. Ein lautes Jubelgeſchrei begruͤßte die erſte Er⸗ ſcheinung des Wagens auf der ſteinigen Moor⸗ ſtraße. Eliſabeth befahl dem Poſtillon, die Pferde anzutreiben, und der Wagen raſſelte durch das Dorf. „Ein filziger Kerl, der alte Muͤckenfaͤnger, daß er uns nicht eine Gold⸗Guinnee als Trink⸗ geld zuwirft,“ rief der Henker von Hutchen's Bildniß.„Ich will mich ſelbſt haͤngen laſſen, wenn ich je wieder ein anderes Bildniß fuͤr ihn haͤnge!“ Die Koͤhler waren zudem uͤber die eingebildete Verachtung ungehalten, mit der die Gelegenheit zum Eutfliehen, die ſie Monkshaugh, mit Ge⸗ fahr ihrer ganzen Gemeinde, und zum wirkli⸗ chen Nachtheil einiger Mitglieder derſelben, ver⸗ ſchafft hatten, aufgenommen worden war. Ein verfolgter Kaͤmpe der Ariſtokratie war bereits entflohen, und ſein unreinliches Weib, barfuß, und in ſchmutzige, zerlumpte Kleider gehuͤllt, mit Weichſelzoͤpfen, die in allen Richtungen durch und unter einer ſchmutzigen Haube herabfielen, ein beſchmutztes Kind in ihren ſehnigen Armen tragend, und zwei ſchwarze zerlumpte junge Igel zu ihrer Seite, warf ſich dem Wagen in den Weg, und ſchrie: „Was ſoll aus mir, Laird, und dieſen drei artigen kleinen Kindern werden, die ich Chriſty Grahame geboren habe; jezt, da unſer Broder⸗ werber dem Teufel zu iſt, und alles wegen der treuen Liebe, die er zu dem edeln Hauſe Monks⸗ haugh hatte?— Komm hervor⸗ Robbie Gra⸗ hame, du rotziger Zwerg,“„“ fuhr ſie fort,„und laß den Laird ſehen, wie groß du geworden biſt.“ Und die ehrbare Matrone packte den hoffnungs⸗ vollen Namensſohn des Laird bei der Naſe, und brachte ihn ſo Monkshaugh's Blicken naͤher, mit groͤßerem muͤ ütterlichem Eifer, als Zartſinn, in Beziehung auf die Art der Einführt ung. We enn es einen Gegenſtand in der Welt gab, den Monkshaugh mehr haßte als den andern, ſeinen alten Agenten ſtets ausgenommen, ſo war es ein ſchluttiges, ſchmutziges Weib.„Was iſt mit dieſem ekelhaften Miſthaufen zu machen, Lisbeth,“ ſagte er, erroͤthend, und ſich ſeines geflohenen Kaͤmpen, ſo wie ſeines hoffnungsvol⸗ len Namensſohns herzlich ſchaͤmend. Dieſe laͤrmende Matrone und ihre Brut wa⸗ ren nicht gecignet, tiefes Mitleid in Eliſabeths Buſen, ſo ſanft und mitleidsvoll dieſer Buſen auch war, zu erregen; allein dieſe elenden Kin⸗ der, die eine mißverſtandene Guͤte gegen dieje⸗ nigen, welche ſie liebte, eines ſic herl ich eben nicht ſehr exemplariſchen oder zaͤrtlichen Vaters, aber doch des beſten, den ſie hatten, ber aubt hatte, einer noch groͤßeren Noth, als ihre gegen⸗ waͤrtige war, auszuſetzen, daran war nicht zu denken. 215 Nach einer gefluͤterten kurzen Unterhallung im Wagen redete Monkshaugh die Matrone alſo an: „Geht zu Herrn Gideon Haliburton, wo ihr eine taͤgliche Portion Mehl und Milch fuͤr eure ausgehungerte Brut, nebſt dem, was euch an Kleidungsſtuͤcken noͤthig ſeyn mag, erhalten wer⸗ det. Was Seife und Waſſer betrifft, ſo glaube ich, daß ihr nie die Farbe davon ſaht.“ „Seife!— nein, nein, darnach duͤrfen wir nicht trachten!“ wimmerte die Matrone.„Es koſtet Arbeit genug, den Biſſen geſalzenes Fleiſch zu kriegen, um die Paar Grundbirnen ſchmack⸗ haft zu machen;“ ſie wies auf zwei geſalzene Haͤringe, einen friſchen Einkauf, den der hell⸗ aͤugige Robbie, Ruͤcken auf Rucken, gerade nach Haufe trug.„Aber der Herr ſegne Eure Gnaden und nehme euch in ſeinen heiligen Schutz!“ fuhr ſie fort;„und waͤre es nicht beſſer, mir ein Stuͤck Geld in die Hand zu ge⸗ ben— denn was iſt eine Portion Mehl und ein Napf Milch fuͤr eine hungrige Familie?— Der Herr wende ſein Angeſicht auf euch!— und ſigne euer huldreiches Geſicht,“ rief ſie in noch heftigerem Tone als zuvor, als Eliſabeth in eine zerlumpte Schuͤrze alles keine Geld in ih⸗ rem Beutel, das ſich auf achtzehn Schillinge be⸗ lief, warf.„Der Herr ſey euerm ſchoͤnen An⸗ geſicht gnaͤdig; und in den Blicken dieſer ſchoͤ⸗ nen blauen Augen liegt etwas, dab noch man⸗ em Jungen ein trauriges Herz machen wird; — und koͤnnten Eure Gnaden es nicht zu der 216 Pfundnote machen, wodurch das ungluͤckliche, faſt zerriſſene Haus gerettet werden koͤnnte?“ „Bettler ſollten nicht waͤhleriſch ſeyn, ihr wiſ⸗ ſet es, gute Frau,“ ſagte Eliſabeth, ergoͤtzt durch die Unverſchaͤmtheit, die Monkshaugh's Unwillen in einem ſolchen Grade erregte, daß ſie eine gluͤckliche Ruͤckwirkung auf ſeine nieder⸗ gebeugten Lebensgeiſter erzeugte. „Fortgefahren, Nicol!“ rief er.„Die un⸗ verſchaͤmte Diebin— die freche, ſchmutzige Schlampe! Sie moͤchte mir Geſetze vorſchreiben! — Und euer einfältiges Geſicht, Lisbeth, euch ohne einen Sixpence kleines Geld zu laſſen, we⸗ gen einer landſtreicheriſchen Schlutte, die es, ehe der heutige Tag vergeht, vergeudet haben wird!“ „Ich bin dem Namen Grahame und eurem kleinen Namensvetter etwas ſchuldig,“ ſagte Eli⸗ ſabeth, theils um ihre natuͤrliche Laune zu be⸗ friedigen, theils um Monkshaugh's Unwillen zu erregen, der, wie ſie richtig annahm, Gefuͤhle und Gedanken von einer gefaͤhrlicheren Tendenz nerbannen konnte. „Erbittert mich nicht, Lisbeth; in Wahrheit, ich bin ein hochgeehrter Mann— John Hur⸗ cheon mein Glaͤubiger, Jacky Pingle meine Braut, und Chriſty Grahame's Baſtard mein Namensvetter, der kein groͤßeres Recht auf den Namen Grahame hat, als ich auf den Namen eines Guelphen.“ Und der Laird ließ ſich in lange Erlaͤuterungen daruͤber ein, wie temporaͤre Anhaͤnger, in den Zeiten der Feudalherrſchaft, . den 217 den Namen irgend eines kriegeriſchen Anfuͤhrers, wie er ſelbſt, anzunehmen pffegten. Ungefaͤhr eine Viertelſtunde, nachdem der Wa⸗ gen hinweggerollt war, hockte Chriſth Grahame's troſtloſes Weib noch in einem trockenen Graben an der Straße, auf dem Moor, mit ihren Sproͤßlingen, die um ſie herum huͤpften und bel⸗ ferten, vergnuͤgt im Scheine der Abendſonne und in der freien friſchen Luft, und von jener. geheimnißvollen, leichtherzigen Froͤhlichkeit ange⸗ regt, die der geſegnete allgemeine Antheil der Kindheit unter allen aͤußern Drangſalen iſt. Ein Reiter naͤherte ſich, den ſie wahrſcheinlich kannte, und die Silbermuͤnzen raſch verbergend, rief ſie, mit einem ziemlich ſchlechten Verſuche, Thraͤ⸗ nen zu vergießen:„Oh! der arge Verluſt, den ich und meine kleine Familie dieſen Morgen au der guten ſuͤßen Lady Lisbeth erlitten haben— die eine Mutter fuͤr uns alle war— o! weh! weh!“ 4 Dieß war, beilaͤufig geſagt, faſt das erſtemal, daß Eliſabeth dieſe achtbare Matrone, oder ihre hoffnungsvolle Nachkommenſchaft, geſehen hatte. „Iſt der Wagen ſchon lange vorbeigefahren?“ fragte Delanch— denn er war es— und er warf ihr einige Silbermuͤnzen zu. „Er iſt noch nicht durch den Blaſhyburn,“ rief ſie,„und manchen ſchwermuͤthigen Blick warf ſie zuruͤck— wahrſcheinlich nach irgend einem Freund;“ und als der Reiter hinwegritt, band ſie das Silber zuerſt in eine Ecke ihres Eliſ. v. Bruce. II. 10 2¹1⁸ zerlumpten Schnupftuchs, und ſchritt dann zu der muͤtterlichen Pflicht der Familienzucht. „Du haſt einen Siyxpence eingeſteckt, du klei⸗ ner diebiſcher Schelm! Gib ihn heraus!— Gib ihn im Augenblick heraus, oder ich brech⸗ dir den Hals!“— Mit dieſen Worten ſchuͤttelte ſie den Delinquenten Robhie ſo heftig, daß alle ſeine Lumpen im Winde umherflatterten; und aus einem Loche in dem Futter ſeiner Hoſen, das einem Bowſtreet⸗Officianten, oder ſelbſt dem gewandteſten Praktiker in dem alten ſchottiſchen Spiele Kittliecout getrotzt haben wuͤrde, fiel die entwendete Muͤnze. Die Mutter, die ein geheimes Vergnuͤgen an dieſem fruͤhen Beweiſe von Genie von Seiten ihres Erſtgeborenen und Lieblingskinds fand, ſagte jezt:„Wenn du mir je wieder ſtiehlſt, ſchalk⸗ hafter Boͤſewicht, ſo verbrenne ich dich zu lau⸗ ter Kohlen auf dem Feuerheerd. Meinſt du, ich werde dich zum Galgen aufziehen?“ „Aber, Mutter, darf ich andern Leuten ſteh⸗ len?“ rief der ſeufzende Robbie. 3 „Halt' das Maul— du kleiner Tagdieb, willſt du der Mutter, die dich in ihrem Schooße ge⸗ tragen hat, das Herz brechen?— Ja! und warum willſt du nicht vor den Herren und Frauen greinen?— Wie ſoll ich deinen Bauch fuͤl⸗ len? meinſt du, wenn du nicht auch deine Schuldigkeit thuſt?“ Robbie's Schuldigkeit konnte wie die des Mei⸗ ſter Sung extempore gethan werden; denn ſie beſtand in nichts, als in Bruͤllen; und da 219 der junge Balg geſchickt unterrichtet worden war, wie er ſchreyen ſollte, ſo ermangelte er ſelten ſeine Pflicht zu thun; allein bei dieſer Ge⸗ legenheit hatte die ungewohnte Erſcheinung des Wagens und„die huͤbſche große Dame,“ und „ein kleines Herrchen, wie ein Hanswurſt,“ ihm die Beſonnenheit geraubt, und—„Ey! Mutter, ich konnte vor Staunen nicht greinen,“ war die Antwort, die er ſchluchzte. „So komm denn nach Haus, boshafter Schlin⸗ gel, und richte einen Auftrag nach Langtown aus.“ „Ja, Mutter, und werde ich einen kleinen Tropfen kriegen?“ ſagte der Junge, den Zweck der Sendung errathend, und bereits von den herrſchenden, und in der That erblichen Neigun⸗ gen der Familie angeſteckt. „Laß nur die Flaſche nicht unter deinen Klei⸗ dern ſehen. Es iſt eine traurige Sache fuͤr ein Mutterherz, ein Kind, das nicht uͤber ſechs geſegnete Jahre alt iſt, dem Trunk ſo ergeben zu ſehen.“ „Gleich einem Federballe rannte Robbie auf jenem Familienpfade hinweg, auf dem er blind haͤtte wandeln koͤnnen. Seine Augen glaͤnzten vor Freude uͤber den bevorſtehenden Schmaus, und ſeine zerlumpten Hoſen mit der linken Hand emporhaltend, und mit der andern, unter ſei⸗ nem buntfaͤrbigen Rocke, das ſchlecht verbor⸗ gene Erbſtuͤck ſeiner Familie umfaſſend, mur⸗ melte er, tiefe Rache gelobend—„Alte Maͤhre! — meine Mutter!— Wenn ich ein großer, dicker Mann bin, wie Meiſter Friſel, ſo will ich 220. ſie ſo artig abblaͤuen, als je mein Vater an den Zahlnaͤchten.“ Inzwiſchen galoppirte Delaucy, dieſe hoffnungs⸗ volle Familie verlaſſend, ſchnell von dannen, und holte bald den gebrechlichen Wagen ein, als er ſich langſam uͤber die ſchwarzbraunen Niede⸗ rungen bewegte, die in dieſem Zeitpunkte, oͤde und unfruchtbar, mit einer tiefen Kohlengrube hier und da, oder einer kleinen, mit kraͤnkeln⸗ den jungen Fichten friſchbepflanzten, Flaͤche, weit und breit da lag, das reiche tiefe Thal der Huͤ⸗ geldiſtrikte von einem andern gukaneehanten Diſtrikte ſcheidend, der ſich gegen die See hin⸗ abzog, welcher fruchtbaren Strecke unſere Rei⸗ ſenden ſich jezt nahten. Mit einer Miene, auf der Guͤte und achtungs⸗ volle Theilnahme zu leſen waren, nahte ſich Delanch dem Laird. Monkshaugh war anfaͤng⸗ lich verlegen, ſcheu und ſogar ungeduldig uͤber die Geſellſchaft des Fremden; allein, da die Langſamkeit, mit der ſie ihre Reiſe fortſezten, ihnen erlaubte, frei zu ſprechen, ſo wich dieſes Gefuͤhl allmaͤhlig Delancy's gewandt em Beneh⸗ men. In dem kleinen Dorfe, in welchem ſie die Nacht uͤber bleiben wollten, um die Ermuͤ⸗ dung einer fuͤr den Kranken zu langen Reiſe zu vermeiden, nahm der junge Mann Ab⸗ ſchied; von ihnen und erklaͤrte, er werde in weni⸗ gen Tagen in Edinburg ſeyn, und hoffe die Erlaubniß zu erhalten, Herrn Grahame aufzu⸗ warten! Monkshaugh machte unruhige Bewe⸗ gungen⸗ und Eliſabeth ſchwieg. — 221 „Es kann mir wohl keine große Muͤhe verur⸗ ſachen, die Wohnung des Herrn Grahame von Monkshaugh in Edinburg zu entdecken,“ ſagte Delancy;„obſchon Sie vielleicht den Ort Ihres Aufenthalts noch nicht beſtimmt haben.“ Monkshaugh's Stolz kam ſeinem linkiſchen Weſen zu Huͤlfe, und er wuͤrde jezt ſeine wahre Adreſſe angegeben haben, allein der junge Mann hatte ſich bereits entfernt. dife⸗ unbedentende Umſtand regte Monk⸗. haugh's Geiſt zu langem Nachdenken an.— „Eb kann uns durchaus nicht lieb ſeyn,“ ſagle er zu ſich ſelbſt,„daß dieſer Wildfang hinter den Ferſen unſerer Pferde hergaloppirt.— Lis⸗ beth, armes theures Maͤdchen— ein wilder Einfall, Chriſty Grahame's Liebchen alles ihr Silbergeld zu geben— doch iſt ſie jezt wun⸗ derbar geſittet, und mir ſo theuer, als mir je Wolf Grahame war, oder vielleicht in Ruͤckſicht auf ihr Geſchlecht und meine zaͤrtliche auf ihre Erziehung verwandte Sorgfalt noch etwas theu⸗ rer. Wenn ich ſie gut verheirathet fehen koͤnnte, ſo wuͤrde dieß, naͤchſt der Reſtauration unferer Familie, der groͤßte Segen ſeyn, den dieſe Erde mir verleihen koͤnnte. Gedanken der Art be⸗ Inachticte ſich unmerklich der Seele des Laird's, und er ſchwatzte lange, und ſelbſt in einer froͤh⸗ Sah Gemüfpeſtimmung⸗ bis zur Stunde der uhe. Sles 222 Sechsundzwanzigſtes Kapitel. Die Starte Der Himmel des naͤchſten Tages zeigte ein kla⸗ res, friſches und fleckenlofes Blau, und jeder ferne Gegenſtand war ſcharf bezeichnet in den klaren Lichte, das jede Farbe der Natur friſcher und lebhafter machte. Es war einer von jenen gläögzenden. Fruͤhlingstagen, von welchen der Dichter ſingt: Die Lerche ſchwingt ſich auf, laut ſchallt ihr Sang,, Kein Woͤlkchen ſeh' ich Oſt und Weſt entlang. Und in dieſer ſtaͤrkenden Luft ſezten die Rei⸗ ſenden ihren Weg mit erheitertem Geiſte und friſch geſpannten Nerven fort. Die Herrenhaͤufer, Villen, Doͤrfer und Staͤdte und die raſchen Veraͤnderungen, die unter dem faſt magiſchen Geiſte der Verbeſſerung aller Orten vorgingen, verſchafften Monkshaugh, ne⸗ ben jenen Sagen(die er an ſeinen Fingerſpi⸗ tzen hatte) von den Gencalogien der großen Eigenthuͤmer, durch deren Landguͤter ſie fuhren, reichlichen Stoff zur Unterhaltung. Sie reisten. ſehr gemaͤchlich, machten lange Raſten, und⸗ ſpaͤt in einer Nacht, die ſo ſinſter war, als der Tag hell geweſen, erreichten ſie die Hauptſtadt. Den ſchoͤnſten und Stadt⸗aͤhnlichſten Anblick⸗ gewaͤhrt, unſers Dafuͤrhaltens, eine große Stadt am Schluſſe eines abnehmenden Tages,— a- B. beim Beginnen einer langen Oktobernacht, * 223. wenn die Winterabende ſich abermals einſtellen. Die Lichter, der Laͤrm, das Getuͤmmel, das Getoͤſe, die ganze ſauſende Maſchinerie des kuͤnſtlichen Lebens, alle unſteten und ſchattigen Gruppen und Formen deſſelben ſtehen alsdann auf der Hoͤhe ihrer Thaͤtigkeit und Wirkung. Die Stunde, in welcher die Reiſenden in der Hauptſtadt ankamen, war ſpaͤter und ſtiller. Als ſie an dem finſtern Ende der Prinzſtraße in die Stadt einfuhren, glaubte Eliſabeth die duͤſtern maſſiven Zinnen des alten Schloſſes in der Richtung zu ſehen, nach welcher ihr Ge⸗ faͤhrte hindeutete. Das hohle Thal, und die ferne praͤchtige Bruͤcke, mit phantaſtiſchen Lichtern an⸗ gefuͤllt, waren leichter zu unterſcheiden, und ge⸗ waͤhrten vielleicht einen beſſern Anblick, jener in ſeiner neblichten Umhuͤllung, und dieſe in hehrer Dunkelbeit, als beim hellen Tages⸗ lichte moͤglich geweſen waͤre. Sie konnte auch, als ſie weiter vorruͤckten, die grotesken Umriſſe des dunkeln und unterbrochenen Ruͤckens der Old City gewahren. Hier ſah man manches hoch aufgethuͤrmte Gebaͤude mit blendenden Lich⸗ tern vom Gipfel bis zum Grunde, von de⸗ nen einige ſtillſtanden, noch weit mehrere aber umherflattertenals ob alle Irrwiſche, die je mit verſpaͤteten Reiſenden ihr Spiel trieben, ſich hieher, jedes mit ſeiner tanzenden Kerze, bege⸗ ben haͤtten, um ihre Luſtbarkeiten zu feiern. Ihr Weg nach Holyrood fuͤhrte ſie durch das Herz einer Scene, die fuͤr ein junges und un⸗ geuͤbtes Auge nothwendig ergreifend ſeyn mußte; * 224 und die Lebhaftigkeit der Blicke, Geberden uns Ausrufungen Eliſabeths verrieth den lebhaften Antheil, den ſie an dem neuen und praͤchtigen Schauſpiele nahm, bei dem jeder kleinere Ne⸗ bengegenſtand durch jenes zweifelhafte Licht ver⸗ borgen war, das Der Dinge Angeſicht in Dunkel huͤllt. Die Stadt war ſelbſt dem Laird neu gewor⸗ den, und eine dunkle Relhe ferner und traum⸗ aͤhnlicher Erinnerungen erwachte in ſeinem Gei⸗ ſte, als er in die alte lebhafte Scene ſich ver⸗ tiefte. Er rieb ſich die Augen, und wurde, angetrieben durch die Wiedererſcheinung läͤngſt vergeſſener Büder, auf das, was um ihn herum vorging, aufmerkſam, ſo daß er ſich ein Ver⸗ gnuͤgen daraus machte, ſeine lunge und liebens⸗ wuͤrdige Gelaͤhrtin zu belehren. „Als ich ein friſcher, junger Mann war, Lisbeth, im Kollegium, zu den Lebzeiten mei⸗ ner verehrten Mutter, wohnte ich bei einer Wittwe von Stand, dort oben— ſeht.“ Er wies nach einem hohen Hauſe in der Highſtreet, neben dem Eingange der Gaſſe der ſchwarzen Moͤnche. „Ich werde ſchwindlich werden, und den Hals brechen, wenn ich ſo weit hinauf ſehe,“ rief Eliſabeth.„Eins— zwei— drei— vier— fuͤnf— ich unterſcheide acht Reihen von Fen⸗ ſtern— dort— ſelbſt hinauf bis zum oberſten Stockwerke, wo dieſe Lichter, gleich den graͤßli⸗ chen Augen eines Ungeheuers, oder wilden Dra⸗ chen einer alten Romanze, herabſtarren.“ 225, „Ja, da arbeiten Schneider, vermuthe ich, Lisbeth; ſie brauchen gutes Licht, um ihre Naͤ⸗ the auszubuͤgeln, oder ihre Knopfloͤcher zu ma⸗ chen. Aber ich meine bloß das ſiebente Stock⸗ werk. Ich wohnte nie in einer Dachſtube, Lisbeth. Die Hausfrau war die Wittwe eines Geiſtlichen in unſerm eigenen Kirchſpiele St. Serf. Ich wohnte drei Jahre bei ihr, und lebte von einem Fixum von 40 Pfund, und einer unbedeutenden muͤtterlichen Unterſtuͤtzung, die mir durch den Boten zugeſchickt wurde. Ich war muthmaßlicher Erbe von Monkshaugh und Kip⸗ pencreery Weſter, kleidete mich, wie es meinem Stande geziemte, und ſah die beſten Geſell⸗ ſchaften in Edinburg. Ich ſchaͤme mich zu mur⸗ ren, jezt, da ich eine dreimal ſo große Summe zur Erhaltung dieſes ſchwachen alten Leibes habe, und meine Peruͤcke koſtet mich nur halb ſo viel, als mein Haarputz in meinen jugendlichen Ta⸗ gen. Ich denke zuweilen, Lisbeth, ich koͤnnte meine Peruͤcke ſelbſt zu recht richten, um einen Pfennig zu erſparen,— was haltet ihr dapon? Herr Delanch ſagte mir, die franzoͤſiſchen adeli⸗ gen Emigranten verſehen noch niedrigere Dien⸗ ſte. Der Herr helfe mir! Es geziemt einem armen Manne wie ich, nicht, eitel zu ſeyn, al⸗ kein wir werden vollauf haben, wenn wir maͤßig und fleißig ſind.“ „So hoͤre ich Euch gerne ſprechen, mein theu⸗ rer Herr,“ ſagte Eliſabeth, ſeine Hand liebe⸗ voll ergreifend.—„Denkt ſo, und wir werden alle reich genug ſeyn— reich an ſchoͤnem Ruh⸗ 53. 226 me— reich an warmer Liebe; ihr werdet im⸗ mer noch Monkshaugh ſeyn, und ich werde— ſie zogerte— Eliſabeth ſeyn. Die Armuth iſt. faſt das einzige Uebel, das meine thäͤtige Ein⸗ bildungskraft ſich nie vorgeſtellt hat— wahr⸗ ſcheinlich, weil ſie ſtets zu vertraut mit ihr war, als daß ſie ihr haͤtte furchtbar ſeyn können.“ Sie laͤchelte und ſeufzte, ſo daß es unmoͤglich⸗ war, das Seufzen von dem Laͤcheln, oder das Laͤcheln von dem Seufzen zu unterſcheiden. „Gut, ich will mich auch beſtreben, ſo zu. denken, Lisbeth: fuͤrn das beſte und ſanfteſte Maͤdchen, das die Welt je ſah, muß ich euch⸗ aber halten; und ich werde Wolf Grahame ſa⸗ gen, welchen Troſt ihr mir gewaͤhrt habt. In⸗ allen unſern Noͤthen ſeyd ihr ſtets die gute Prin⸗ zeſſin in. dem Maͤhrchen geweſen, die nie ihre Lippen oͤffnete, ohne daß Perlen und Dia⸗ manten herausfielen.— Aber ſeht! das iſt das Haus des großen Reformators, John Knox.“ „Und hier gerathen wir in einen Schlund — in einen vollkommenen architectoniſchen. Schlochmuidh!— Wie nennt ihr dieſen Durchgang, wo dieſe Haͤuſer mit Balkonen ſich, uͤber uns aneinander zu ſchließen ſcheinen.“ „Den Nether⸗bow⸗Port, Lisbeth, und dieß auf der Rechten iſt die St. Marie⸗Straße— die ihren Tag hatte, wie ich ſelbſt”“— ſeufe zend. 1 „Dieſe braven alten Namen,“ rief Eliſabeth⸗, „wie ſie gleich der Trompete eines Herolds zu. 227 unſerm Herzen toͤnen? Lebende Gemaͤlde ſind ſie,— Holyrood! St. Mary's!“— „Ja, das iſt jezt der. Troͤdelmarkt, Lisbeth, wo ſie alte Lappen von Hoſen und Gilets an arme Leute verkaufen,“ unterbrach ſie der Laird, waͤhrend Eliſabeth von dem Strome ihres En⸗ thuſiasmus fortgeriſſen, fortfuhr:„Die Kapelle des heiligen. Antonius, die grauen Moͤnche, die ſchwarzen Moͤnche!— ſo wurden ſie ſelbſt von den Lippen der liebenswuͤrdigen und koͤnig⸗ lichen Maria.— ihren ſchoͤnen Marien und ih⸗ ren luſtigen und tapfern. Hoͤflingen genannt.“ „Dieß hier iſt das Canongate,“ ſagte Monks⸗ haugh. „In welchem die Hotels der Bluͤthe und des Stolzes der ſchottiſchen Ritterſchaft ehedem ſtan⸗ den? war nicht Cambuskenneth Lodge hier in der Naͤhe?— Aber horch! dieſe klingelnde Glocke. Ich koͤnnte glauben, es ſey das Sig⸗ nal der Annaͤherung einer Prozeſſion baarfuͤßi⸗ ger Moͤnche, die ſich nach der Kapelle von St. Giles, oder St. Cuthbert, oder St. Catherine von Sienna begeben.“ „Es iſt eine Hammelbsbruͤh⸗Glocke— heiße Pfennings⸗Bruͤhen,“ ſagte der Laird ruhig; „auch nichts Schlimmes.““ „Und dieſes klaͤgliche Geſchrei ſcheint mir die ſterbende Cadenz ihres Geſangs zu ſeyn,“ fuhr Eliſabeth fort. „Das heißt, Erbſen und Bohnen, heiße und warme, Lisbeth. Gar gut kennen die Lehrlinge und jungen Studenten dieſes Geſchrei.“ 228 „Pah!“ ſagte Eliſabeth lachend.„Ich will meine Bezauberung nicht verlieren.— Aber iſt hier nicht irgendwo eine Kapelle der heiligen Marie?— Die Kapelle unſerer Frau. Ich muß an einem fruͤhen Tage dahin gehen. Der Name uͤbt eine unwiderſtehliche Gewalt uͤber mich.“ 2. „Das iſt da, wo die Gewerbe zuſammen kommen, glaube ich, Lisbeth,— die Weber und die Muͤtzenmacher, und die Zimmerleute und die Schloſſer und ſo fort. Was eine junge adelige Dame da machen will, kann ich nicht begreifen. Allein euer Wunſch ſoll erfuͤllt wer⸗ den; denn unſere Familie hatte lange mit ei⸗ nem ehrbaren Manne zu thun, einem gewiſſen David Daigh, Vorſteher der Baͤckerzunft. Wir haben ſeine Conto's bis auf den heutigen Tag, im Hauſe: ich glaube ſogar, es ſteht noch eine kleine Rechnung.“ Eliſabeth brach in ein luſtiges Kichern aus, und Monkshaugh ſchuͤttelte bedenklich den Kopf. —„Sie hat einen kleinen Anflug, die arme Theure, von der Familienkrankheit,“ dachte er.„Allein der Herr in ſeiner Barmherzigkeit läßt es nicht weiter kommen! Ich kann ſie zaͤrt⸗ lich und klug behandeln. Ein Gluͤck iſt es, daß ſie in ſo ſinnreiche Haͤnde fiel; aber ach! daß das Unrecht der Vaͤter die Kinder ſo heimſuchen oll ,. rer Srdsſild Monkshangh's Betrachtung bezog ſich auf eine dunkle Legende in der Familiengeſchichte der Bruce's, die mit dem großen Brande ihrer Stadt⸗ 229 wohnung in Verbindung ſtand,— auf ein Weh— einen Fluch, den ein beleidigter und⸗ wahnſinniger Geiſt in ſeiner Bitterkeit ausſprach — den Fluch eines Weibes— den Fluch, dem das Gewiſſen des Menſchen, die Gerechtigkeit des Himmels unterſtuͤtzend, einen ſchaͤrferen Stachel leiht. Allein Eliſabeth wußte gluͤcklicherweiſe nichts davon.—„Und halt!“ ſchrie ſie, ihre Hand auf den Arm ihres Gefaͤhrten lehnend.—„Er eilt ſo ſchuell davon!“ und ſie beugte ihren Kopf nieder, um den Geſang einer herumzie⸗ henden Syrene zu vernehmen, die von einem Kreiſe junger Frauenzimmer umgeben war, die auf ihren ſchreienden Geſang hoͤrten. So mag der romantiſche Reiſende in Venedig Halt ge⸗ macht haben, um auf den Geſang des Gondel⸗ fuͤhrers zu hoͤren, in der Erwartung, die Ge⸗ faͤnge Taſſo's oder Arioſt's zu vernehmen, und⸗ . oben ſo mag er durch gleich pöbelhafte Knittel⸗ reime, wie die, welche jezt Eliſabeth's Ohr be⸗ . gruͤßten, belohnt worden ſeyn.— G Etwas am Wagen gerieth in Unordnung. Der Poſtillon ſtieg ab, und fluchte,— rauhe Stimmen antworteten; allein weit uͤber alles Getoͤſe erhob ſich die Stimme der Balladenſaͤn⸗ gerin— keine Erzählung von Frauenliebe, oder ritterlichen Unternehmungen, ſondern die Er⸗ gieſſung eines gemeinen Juvenals, der die Klei⸗ dung und das Beuehmen der Schoͤnen laͤcherlich machte.—„Bei mir iſt die Romanze der Staͤdte 230 in ihrer Geburt erſtickt worden,“ dachte Eliſn⸗ beth, ſich auf ihren Sitz zuruͤcklehnend. Der Konſtabel der Nacht, oder irgend ein ſpl⸗ cher Wuͤrdetraͤger, die alle.— deſto mehr Schander fuͤr ſie— geſchworne Feinde der wandernden Minſtrels ſind, trat jezt herbei, um die klang⸗ reiche Kehle der Balladenſaͤngerin zu ſtopfen, und gab der Syrene dadurch Gelegenheit, zu. zeigen, daß ihre Redekunſt ihrer Geſchicklichkeit im Geſange wenigſtens gleich kam. Eliſabeth⸗ erſchrack, als ſie den Ton ihrer Stimme ver⸗ nahm, die ſie augenblicklich als die der ſon⸗ derbaren Wahrſagerin oder. Keßlersfrau erkannte, der ſie kurz zuvor in dem Gehoͤlze von Ernes⸗ craig begegnet war. Sie wich jedoch nicht zu⸗ ruͤck, bevor die ſtarken, kuͤhnen, kohlſchwarzen Augen des Weibes auf ſie gefallen waren. „Hier iſt eine Dame,“ rief ſie, nach dem⸗ Wagen deutend,„die mich kennt, und bezeugen⸗ wird, daß ſie mich in jener Nacht, von der ihr ſprecht, dreißig Meilen von hier ſah. Es lag eben nicht viel. Schmeichelhaftes fuͤr Eliſabeth in dieſem erſten Anſpruche auf Be⸗⸗ kanntſchaft in. den Straßen der Hauptſtadt, noch auch darin, daß ſie Zeugin gegen eine An⸗ klage der. Landſtreicherei werden ſollte.— ſie ſchwieg daher, waͤhrend Monkshaugh zornig und beſtuͤrzt ausrief:„Geht eures Wegs, freche Schlutte! dieſe. Dame weiß nichts von euch.“ „Ja, fortgerollt,“ ſagte der Konſtabel—„ihr⸗ muͤßt Buͤrgſe qaft und Kaution haben, nicht wahr? 23⁴q allein dieſe Dame iſt. nicht eures Gleichen. Ich ſehe dieß an ihr.“ „Ja,“ ſagte Eliſaͤbeth, von einem Gefuͤhle von Gerechtigkeit beſeelt,„ich ſah, dieſe Frau, wie ſie behauptet, dreißig, Meilen von häer, in der angegebenen. Nacht. Mehr weiß ich nicht von ihr.“ Und eben dieſe Worte moͤgen Euch, meine guͤ⸗ tige Dame,“ ſagte das Weib in einem Blos der Lady Eliſabeth hoͤrbaren Tone,„und denen, die Euch theuer ſind, noch nuͤtzen.“ Ihre Geſang⸗ waaren in ihren Buſen ſteckend, ſtemmte ſie ihre Arme unter, und fuhr in einem kuͤhneren Tone fort:„Hoͤre mich, du Bengel! Packe dich hinweg, ſo lange der Weg noch frei iſt und laß mich ungeſchoren, oder euer einfaͤltiger Hirn⸗ ſchaͤdel. ſoll. das Pflaſter kuͤſſen! habe ich mei⸗ nem Koͤnig und Vaterlande achtzehn Jahre ge⸗ dient, um von einem pinſelhaften Dominie, ²), wie du, mißhandelt zu werden.“ Die aufgexegte Voltsmenge jauchzte laut auf. und Eiliſabeth ſchmiegte ſich an ihren ſchwachen⸗ Beſchuͤtzer an. Die Amazone warf, ihrer Dro⸗ hung getreu, den Konſtabel durch einen Schlag ihres ſehnigen Arms zu. Boden, und ſchritt dann durch, die ſich oͤffnende Volksmenge ſtolz, hinweg. ——— ,—,— *) Die Stadtdiener von Edinburg werden ſo genannt, wegen des Motto's„der guten Stadt“ auf ih⸗ den Knoͤpfen,— Nisi Dominus Erustra. 222 „Aber;“¹ ſagte hierauf Monkshaugh,„wo faut ihr je dieſes ruͤſtige Weib, obſchon ihr un⸗ verſchaͤmtes Geſicht mir ſelbſt bekannt iſt? Eli⸗ fabeth, euer Benehmen und eure Sprache iſt zu frei. Ihr vergeßt, was ſich fuͤr eine Dame von Geburt und Erziehung ſchickt; und die Stra⸗ ßen von Edinburg ſind, laßt es mich euch fagen, nicht die Huͤgel von Ernescraig, oder die Stein⸗ eichen von Monkshaugh.“ „Ach nein!“ ſeufzte Eliſabeth. „Allein jezt, da ich Zeit habe, muͤſſen wir einige Muͤhe auf die Bildung eurer Sitten und Miene verwenden; beſonders da ihr jezt eini⸗ gen der Familienfreunde, die ein ehrbares Be⸗ nehmen ſelbſt unter dieſer vertrautthuenden Ge⸗ neration kennen, und beobachten, vorgeſtellt werden muͤßt.— Allein hier iſt die Abtey,“— der Wagen rollte mit einem gewaltigen Stoße uͤber eine Goſſe:„und Monkshaugh iſt uͤber den Rubicon gegangen!“ fuͤgte der Laird mit einem kleinen Aufwogen ſeiner gewöhnlichen liliputia⸗ niſchen Wuͤrde hinzu—„wie König. Heinrich der Vierte an ſeine Mutter nach der Schlacht bei Agincourt ſchrieb—„Madame, alles iſt ver⸗ loren„ nur die Ehre nicht!“ „Es war eine edle Geſinnung, wer ſie s= ſprach,“ ſagte Eliſabeth, die mehr Zartſinn be⸗ ſaß, als daß ſie die unbedeutenden hiſtoriſchen⸗ Unrichtigkeiten eines wuͤrdigen alten Edelmanns verbeſſert haͤtte, der lange zuvor zur ſchottiſchen Advokatur berufen war, und wenn auch in 2³⁵³ Sachen der Chronologie, doch nie in Sachen. der Geſinnung und des Gefuͤhls irrte. Siebenundzwanzigſtes Kap itel. Das Sanktuarium. Die Wohnplaͤtze, welche das Sanktuarium darbietet, gehoͤren ſelten zu der beſten Gattung ſelbſt temporaͤrer Wohnungen. Aus dringender Nothwendigkeit geſucht, werden ſie ohne jene Erheiterung des Gemuͤths betreten, die gewoͤhn⸗ lich eine freiwillige Wohnungs⸗Veraͤnderung be⸗ gleitet, und ohne jene Sehnſucht verlaſſen, mit der wir von den Symbolen haͤuslicher Ruhe und Sicherheit, eine ſo kurze Zeit wir uns ih⸗ rer auch erfreut haben möͤgen, ſcheiden. Die Zimmer unſerer Reiſenden gehoͤrten zu der mittlern Gattung dieſer Wohnungen. Ein ziemlich geraͤumiges Speiſezimmer gewaͤhrte die Ausſicht auf alte Obſt⸗ und Kuͤchengaͤrten, und einen Theil des koͤniglichen Parks auf den mah⸗ leriſchſten Felſen, die ſich in der Naͤhe irgend einer Stadt befinden. Dieß war jedoch eine angenehme Entdeckung des naͤchſten Morgens. Ein anſtaͤndiges Schlafzimmer wurde Monks⸗ haugh eingeraͤumt, und Eliſabeth erhielt, nach ihrer eigenen Wahl, ein Schlafgemach im ober⸗ ſten Stockwerke, wo neben ihr blos die Wirthin und ein anderer Hausgenoſſe, ein ſehr ruhiger 234 Gentleman, in einem krankhaften Zuſtande, mit ſeinem Bedienten,“ war. Die Hoͤflichkeit der Wirthin eines Miethhauſes erreicht im Allgemeinen bei der Ankunft neuer Miethleute ihren Zenith. Ein laͤngerer Verkehr mag die Guͤte und Freundſchaft vergroͤßern, er wird aber wahrſcheinlich den⸗Eifer vermindern. Die neuen Einwohner wurden daher herzlich bewillkommt, und doppelt ſo ihre großen ſchwe⸗ ren Kiſten. Der Poſtillon erhielt einen Schluck Getraͤnk;— die Magd eilte mit brennenden Kohlen herbei, und die Wirthin war von einer wi⸗ dernatuͤrlichen Geſchaͤftigkeit beſeelt. Allein das allgemeine Gefuͤhl ihrer Miethleute war kalt⸗ troſtlos und verzweifelnd. Das aufregende Rol⸗ len des Wagens, die Lichter, und die Bewe⸗ gung auf den Straßen, waren etwas beſſer. „Waͤre doch nur ein Feuer da, das ihm ei⸗ nen Willkommen zulaͤchelte,“ dachte Eliſabeth. Dieſem Mangel wurde ſchnell abgeholfen 3. die Flamme fieng an auf der Zimmerdecke und dem Boden zu tanzen, und die Ecken und Spitzen⸗ der Moͤbeln zu beleuchten. Eliſabeth zog das geraͤumige, loͤwenfuͤßige Ruhepolſter an das Feuer, und legte ihren Geelüheten darauf, der in einen Zuſtand faſt uhnatuͤrlicher Ruhe ver⸗ ſunken war, in Betracht des Stoffes, den ſeine neue Wohnung und diesin derſelben zu treffen⸗ den Einrichtungen zu jederr Art von kritiſchen Bemerkungen uͤber Gegenſtändedes Hausweſens gaben. Eliſabeth half ihm ſeine Reiſekleider ab⸗ legen, und zog einen Tiſch mit Lichtern herbeiz. 235 und allmaͤhlig, obſchon ſchwach, erhoben ſich die Bilder von Heimath und Herd, und auch Eli⸗ ſabeth's lebhafter Geiſt erhob ſich, und rieß die fliehenden Geſtalten freundlich zuruͤck. „Ihr muͤßt mir die Thorheit zu gut halten, heute Nacht eine Flaſche Gluͤhwein fuͤr uns zu bereiten.,“ ſagte ſie,„um mir auf eine Bewill⸗ kommung unſers neuen Heerdes Beſcheid zu thun— ſelbſt hier in Holyrood, wo Koͤnige den blutrothen Wein gezecht haben.“ Monkshaugh ſchuͤttelte den Kopf, allein die Materialien wurden herbeigebracht, und ihre Erſcheinung, that ihre gehoͤrige Wirkung; auf ſeine Gewohnheiten. Mit einer Geduld, wegen der ſie ſich ſelbſt nicht wenig bewunderte, was auch andere von dem kleinen Opfer denken moch⸗ ten, unterwarf ſich Eliſabeth den endloſen Krit⸗ teleien und den noch endloſeren Lehren ihres alten Freundes, der ein ausgezeichneter Geſetz⸗ geber des Bruͤhnapfs und Muskat⸗Reibeiſens war. Das leztere Werkzeug hielt Elſabeth, nach ſeinem Dafuͤrhalten, auf keine verſtaͤndige Weiſe, auch miſchte ſie ihre Ingxedienzien nicht mit jener feierlichen Miene von Selbſtgefuͤhl und Bedaͤchtlichkeit, die derjenige annahm, der ein gehoͤriges Gefuͤhl von der Wuͤrde der Kochkunſt hatte. Dieſe Fehler wurden freimuͤthig einge⸗ ſtanden und ſorgfältig verbeſſert, und die erfreuliche geſellſchaftliche Pflicht im Ganzen mit. Anſtand vollzogen.. Zum Schluſſe er⸗ wies ihr der Direktor großmuͤthigerweiſe die gebuͤhrende Ehre.— indem er das köſtliche Ge⸗ 256 traͤnke, als ausſchießlich von ihr bereitet, lobte und mit wiederauflebender Froͤhlichkeit auf ihre Geſundheit trank. „Ich werde noch etwas aus ihr machen,“ dachte er—„Er iſt maͤnnlicher und ehrwuͤrdiger im Ungluͤcke, als ich ihn je geſehen zu haben mich erinnere,“ war ihre Betrachtung. So verging der Abend, unter gegenkeitiger Zufriedenheit, und Eliſabeth glaubte, wenn ein furchtbarer Gedanke, der ſie wie ein boͤſer Geiſt plagte— ihr unbekannter und hoͤchſt ungluͤck⸗ licher Vater, und jener thieriſche Plan, ſo thieriſch und ſchaͤndlich, daß ihr Glaube bei dem bloßen Gedanken an die Möglichkeit deſſelben wankte — wenn dieß nicht waͤre, ſo koͤnnte ſie ſelbſt hier gluͤcklich ſeyn. 3nr t Um dieſe Zeit hatte die Wirthin ein Kleid umgeworfen, wie ſie ſagte— was auch buch⸗ ſtaͤblich wahr war— und den Namen und Rang ihrer neuen Miethleute erfahren. Die Namien waren kraͤftige, orthodoxe, ſchottiſche Namen; jedermann kannte die Grahames von Monks⸗ haugh, und ſie ſelbſt erinnerte ſich noch recht gut an die alte Lady, die mit ihrem Sohne, dem Advokaten, in einem eigenen Hauſe am Ende der Hope's Clofe wohnte, als ihre Mutter, die beruͤhmte Frau Metcalf, die Wehemutter, nur einige Haͤuſer weiter unten wohnte. Hierauf folgte ein langes Geſpraͤch zwiſchen Monkshaugh und der Wirthin, und Eliſabeth wurde eine Zeit lang ihren eigenen Gedanken uͤberlaſſen. Waͤhrend die Hausfrau mit dem Laird plau⸗ 2⁵5⁷ derte, ordnete Eliſabeth Monkshaughs Zimmer mit aller moͤglichen Beachtung ſeiner puͤnktli⸗ chen und ſteifen Gewohnheiten. Sie fuͤhrte ihn in daſſelbe, und er ſchenkte wieder großmuͤthi⸗ gerweiſe ihren getroffenen Anſtalten einen be⸗ dingten Beifall. Eliſabeth war nicht ſo boshaft, jene quaͤlendſte aller Grauſamkeiten auszuuͤben, die den gewohnten Krittler jeder einzelnen erfreu⸗ lichen Urſache, ſich zu beklagen, beraubt. Sie trennten ſich mit dem milden Mitgefuͤhle zweier Ungluͤcksgefaͤhrten, und mit mehr als ei⸗ ner guten Nacht. Nachdem der Laird hierauf noch eine Stunde auf die kleinlichten Anord⸗ nungen des Stiefelsziehers, der Peruͤckenſchach⸗ tel und der Pantoffel verwendet hatte, verrich⸗ tete er ſein kurzes Gebet— denn er gehoͤrte eigentlich zu der Kirche, welche die Gebete eher nach der Breite, als nach der Laͤnge mißt— und warf ſich ſo uͤppig und tief als moͤglich in ſein neues Bett. Nachdem er hier zuerſt bei ſich feſtgeſezt hatte, daß Eliſabeth das beſte Maͤd⸗ chen von der Welt war, und in dieſer Woche gute Hoffnung zur Verbeſſerung ihrer auffallen⸗ den Nachlaͤßigkeit in Sachen der Garderobe und Toilette erweckt hatte, und daß Frau Punton, als ihre erſte Pflicht, am naͤchſten Morgen ſei⸗ nem Polſter mehr Breite geben, und einige Fe⸗ dern aus ſeinem ſtraffen Kopfkiſſen nehmen ſollte, brach er in folgendes Selbſtgeſpraͤch aus:— „Ach! meine Freunde! an die Wechſel dieſes, unſeres ſterblichen Lebens denken! Mein armer Diener, der ſeit zwanzig Jahren mein Bett auf⸗ 256 geſchuͤttelt und das Licht meines Schlafzimmers weggenommen hatte, wird jezt wie ein Reh auf den Bergen gejagt; Effie Fechnie eine Braut, und Robert Grahame Esquire von Monkshaugh, und Kippencreery Weſter ein Abtey⸗Laird!“ Monkshaughs Geiſt ermangelte des tiefen Bo⸗ dens, in welchem ein ſtarker Kummer haͤtte wur⸗ zeln koͤnnen. Eine Pilzſaat kleinlichter Bekuͤm⸗ merniſſe und kindiſcher Anfechtungen konnte in einer einzigen Nacht aufſchießen; allein ſie ver⸗ welkte gluͤcklicherweiſe am Sonnenlichte des naͤch⸗ ſten Tages, und ſo war er, trotz der harten Kiſſen und eines zu ſchmalen Pfuͤhls lange in Schlaf gefunken, ehe Eliſabeth ihre naͤchtliche Pflicht erfuͤllt hatte, ihr Herz gegen ihren fer⸗ nen Liebhaber mit allen ſeinen Hoffnungen, Beſorgniſſen und Zaͤrtlichkeiten auszugießen. Dieſes theuerſte Vorrecht ihrer geſellſchaftlichen Exiſtenz wurde an dieſem Abend durch die de⸗ muͤthige Mittheilung, die ſie zu machen hatte, verbittert, ſo wie durch die, jezt zart, obſchon dringend gebotene Nothwendigkeit, ihre Ehe ein⸗ zugeſtehen; was, wie ſie glaubte, nicht blos viele, ihrem aufrichtigen und zartfuͤhlenden Ge⸗ muͤthe peinliche, Verlegenheiten entfernen, ſondern auch ihre gegenſeitigen, durch Hutchens finſtere Plane bedrohten Rechte verſtaͤrken wuͤrde. Sie glaubte, daß ein großes Hinderniß entfernt ſey. Monkshaughs Zartlichkeit fuͤr ſie war graͤnzenlos; ſie war ſowohl ſeinen Gewohnheiten als ſeinen Neigungen nothwendig geworden; und wenn es wahr war, daß die Krankheit ihres Vaters ab⸗ „ 259, genommen hatte, oder wenn, wie man oft ge⸗ argwoͤhnt hatte, dieſe ungluͤckliche Geiſtesverwir⸗ rung aus niedrigen und ſelbſtſuͤchtigen Abſichten verſtärkt und genaͤhrt worden war, ſo war das einzige Hinderniß gegen ihre Ehe, dem ſie eine bleibende Wirkung zuzugeſtehen geneigt war, auf immer entfernt. Als Eliſabeth langſam nach ihrem Zimmer wandelte, war ſie ein wenig erſtaunt, der gaſt⸗ freundlichen Wirthin zu begegnen, die ſich Eh⸗ ren halber verbunden glaubte, die Dame in ihr neues Zimmer zu inſtatliren.—„Ich glaubte, Sie wuͤrden ſehr einſam und furchtſam ſeyn.“ „Ich komme von meinem Hauſe, das zehn⸗ mal einſamer und Furcht erregender iſt,“ ſagte Eliſabeth laͤchelnd.„Euer Kaͤtzchen koͤnnte mich hier vor aller Furcht vor Raͤubern und Geiſtern bewahren;“ und ſie buͤckte ſich nieder, um das kleine froͤhliche Thier zu liebkoſen, das mit der Schleppe ihres Reitkleides ſpielte. „Geiſter! nein, nein, die Geiſter ſind ſent alle gebannt und niedergelegt. Lege auch du dich nieder, Ma⸗Belle. Sie iſt von der alten Ma⸗Belle da, einer franzoͤſiſchen Katze, die mir der Kammerdiener des franzoͤſiſchen Prinzen zum Geſchenk machte. Sie iſt ſo luſtig, als zehen von unſern muͤrriſchen ſchottiſchen Katzen. — Geiſter? nein, nein, Jocks⸗Lodge⸗Barraks hat alle Geiſter gebannt, und Teufel unter uns erhoben. Kehrt euch nicht an dieſes Ceſhſe⸗ es iſt bloß mein anderer Hausgenoſſe. Er iſt ein . ſchlechter Schlaͤfer, wie ich ſelbſt, der arme Herr, 240 ein aͤngſtliches Gemuͤth, Lady Lisbeth'z und er pflegt zuweilen nach dem Mondlichte auf dem Huͤgel, die Haͤlfte der langen Racht zu blicken; aber ſchlimm ergehe es der Regierung, die fran⸗ zoͤſiſche Bedienten und engliſche Reiter zu uns nuͤchternen Haushaͤltern der Abtei ſchickt. Sie verderben das Betragen aller Maͤdchen zwiſchen Muſſelburgh und dem Watergate.“ Eliſabeth fand groͤßeres Vergnuͤgen an Gei⸗ ſtergeſchichten, als an moraliſchen Unterſuchun⸗ gen; und da die Wirthin eben keine Eile zu ha⸗ den ſchien, ſo kehrte ſie zu dieſen Geſpenſter⸗ ſagen zuruͤck. 4 „Eure Nachbarſchaft iſt Geiſtern und Legen⸗ den, ſollte ich glauben, hoͤchſt guͤnſtig. Jener wilde Huͤgel, die in Truͤmmern liegende Kapelle, die graue Einſiedelei, der ode Pallaſt mit allen ſeinen vomantiſchen Sagen, und jene Haͤuſer des alten ſtuͤrmiſchen ſchottiſchen Adels rings umher, ſind insgeſammt eben ſo viele von der Zeit geheiligte Zuſluchtsoͤrter fuͤr Geiſter.“ „Der Tag war,“ erwiederte die Wirthin, „wo die alten Abteibewohner(denn dieß, Ma⸗ dame, iſt gleichſam eine eigene Welt, abgetrennt von Edinburg oder dem Canongate) in den Win⸗ terabenden um ein Feuer verſammelt, ſich die Zeit mit jenen alten weltlichen Geſchichten von Chatelar und David Rizzio, dem franzoͤſiſchen Geiger der Koͤnigin verkuͤrzten, der durch die gewoͤlbten Eingaͤnge und die engen ſchwarzen Hintertreppen in der pechünſtern Stunde der . Mit⸗ 24⁴ Mitternacht, wie dieſe iſt, in banger Angſt ſchrie. Es muß etwas daran ſeyn— denn ſein Blut kann auf dem Fußboden des Zimmers der Koͤ⸗ nigin bis auf dieſen geſegneten Tag geſehen werden.“ „Es iſt ein furchtbares Zeugniß,“ erwiederte Eliſabeth, ein wenig ſchaudernd, als dieſe und viele andere Trauergeſchichten, die faſt an dem Orte, wo ſie jezt ſtand, vorgefallen waren, an ihrem Geiſte voruͤberſchwebten.„Und jener gebildete und romantiſche Chatelar“—„was ſagen Sie von ihm, den die Liebe wahnſinnig machte.“ „Den die Liebe wahnſinnig machte,“ wiederholte eine tiefe, ſchwermuͤthige und deutliche Stimme— von der ſie nicht wußte, woher ſie kam, ob aus der Erde, oder aus der Luft.“ „Guter Himmel!“ fluͤſterte Eliſabeth,„was war das.?“ „Es iſt mein armer Miethsmann, Herr Browne,“ fluͤſterte die Wirthin, auf eine ver⸗ ſchloſſene Thuͤre deutend.„Er iſt ein Kind, verſteht ihr mich!“ und ſie beruͤhrte ihren klu⸗ gen Kopf—„aber das ruhigſte Geſchoͤpf von der Welt, ich weiß nicht, warum ſein Aufſe⸗ her ihn heute ſo lange verlaſſen hat; denn er haͤlt ihn ſonſt ſo gut im Zaume.“ In dieſem Hauſe waren die Zimmer, wie in vielen alten Gebaͤuden in Edinburg, nicht durch Scheidewaͤnde von Moͤrtel und Stein, ſon⸗ dern durch ein Getaͤfel geſchieden, durch das jeder Ton deutlich vernommen wurde. Dieß Eliſ. v. Bruce. II. 11 4 242 war eine zu nahe mitternaͤchtliche Nachbarſchaft fuͤr Eliſabeths Geſchmack; und ſie war jezt faſt froh, die Wirthin hinzuhalten. „Ich habe oft ſelbſt, als ich allein hier war, keine Miethleute hatte und kein Maͤdchen hielt, ein wildes Geheul in der Naͤhe der Schornſteine der Abtei in einer ſtuͤrmiſchen Nacht gehoͤrt; und es iſt kein Zweifel, daß man die junge Koͤ⸗ nigin von Schottland ihre roͤmiſchen Meſſen zu ihrer Laute ſingen, oder das Spinet an ihren hohen Gitterfenſtern in einer neblichten Mond⸗ nacht, wie dieſe, ſpielen hoͤrt. Die Whigs ſa⸗ gen ihr ſchlimme Sachen nach, aber ich, fuͤr meinen Theil, die ich ſieben lange Jahre in ihrer Naͤhe gelebt habe, ich ſtehe ſtets fuͤr ſie auf, und einen guten Grund habe ich dazu; denn eine Frau, die ſo fruͤhzeitig an ihrem Naͤhzeuge ſaß, wie ſie gethan haben mußte, um alle dieſe Teppiche und Stickereien zu naͤhen, konnte nur wenig Zeit zu leichtſinnigen Poſſen, vielpeniger zu Mord und Todſchlag haben. Sie moͤgen errathen, ob ich, die ich in dieſem Hauſe ſo viel mit Tiſchtuͤchern, Betttuͤchern, Bettdecken, Teppichen, Seſſeluͤberzugen, und wer weiß, mit was ſonſt noch zu ſchaffen habe, nicht eben ſo gut eine Na⸗ del zu handhaben weiß, als die Koͤnigin Ma⸗ ria.“. „Allein der Lord Darnley wurde ermordet,“ fuhr ſie fort,„alle meine Miethsleute haben dieß zugegeben— ob er aber in einem blutigen Lei⸗ chenhemde umhergehe, iſt eine Thatſache, die ſie ſtets fuͤr zweifelhafter hielten, obſchon ich eine 24 7 Ballade daruͤber habe, die ſo wahr iſt, als das Evangelium, oder Schwarz auf Weiß.“ Und mit einer ſchwachen, roͤhrigen Stimme, die jenem ſinnreichen muſikaliſchen Inſtrumente glich, das Kinder aus einem mit einem Stuͤck Papier bedeckten Kamme bilden, ſang ſie frei⸗ willig ein Lied, das wahrſcheinlich die Graͤnzen des Abteiſtrandes nie uͤberſchritten hatte:— Was breitet Darnley's Falke die Flügel! Was winſelt ſein Hund ſo ſehr? Der Falke gab ein Warnungszeichen, Der Hund ſprang um ihn her. Und kläglich tief war des Hundes Geſchrei, Als er den Mond anboll. Den Mond, deß dunkelrother Stirn Gar nahes Weh entquoll. Lord Darnley's Amme hatt' einen Traum. Und ich wollt', er wäre gut. Roth Blut floß bis zum Sattelzeug 8 Von St. Giles bis Holyrood. Sie träumte, die junge Königin wuſch In Anton's Quell die Hand. Doch im breiten Schottland war kein Strom Von dem der Blutſleck ſchwand. „„Nie tilgt,“ ſo ſprach der graue Mönch, „Den Fleck des Waſſers Bad. Die Fluth auf Calvary ergoſſen, Sühnt dieſe Frevelthat.“ „Ich haͤtte in meiner Zeit eine ſchottiſche Bal⸗ lade machen koͤnnen,“ ſagte die Wirthin in dem⸗ ſelben Athem, in welchem ſie ihr Lied ſchloß; „allein das Abbrennen von Cambuskenneth Lodge hat meiner Muſik den Knickfang gegeben.“ „Sie waren alſo bei dieſer Geiegenheit an⸗ weſend?“ ſagte Eliſabeth.“ 89, 11* 244 „Ich war zu meiner Betruͤbniß nicht weit da⸗ von.“—„Allein dieß iſt keine Geſchichte fuͤr dieſe Nacht. Seyd ihr gutes Muths, Madame? Send fuͤrchtet ihr meinen armen Miethsmann nicht.“ Eliſabeth aͤußerte keine Beſorgniß, was ſie auch in ihrem Innern fuͤhlen mochte; allein ſie ver⸗ ſchloß ihre Thuͤre, wie ſie glaubte, ſehr ſorgfaͤl⸗ tig, kleidete ſich aus, legte ſich in ihre ſon⸗ derbare Ruheſtaͤtte nieder, und ſchlief, nach al⸗ len ihren Sorgen und Ermuͤdungen, in dem Sanktuarium den Schlaf eines ruhigen und reinen Gemuͤths. Eliſabeths natuͤrliche Liebe zur Muſik, ſo wie ihr beſonderer Geſchmack in dieſer bezaubernden Kunſt iſt bereits erwaͤhnt worden. Allein ihre Geſchicklichkeit war nicht die der Kunſt,— es war eine Naturgabe, nichts Erworbenes,— Ge⸗ nie, nicht Talent— mehr ein Theil von ihr, als ihr angehoͤrend. Muſik war um ſie her, wie das Licht— in ihren Toͤnen, in ihren Bewe⸗ gungen, in ihrem Athem; allein was beſſer zu unſerem gegenwaͤrtigen Zwecke gehoͤrt, ſie beſaß die ſonderbare Faͤhigkeit, in ihrem Schlafe zu ſingen, in ihren Traͤumen die dumpfen melodi⸗ ſchen Geſaͤnge des durch den Geſchmack verfei⸗ nerten Gefuͤhls, und des durch das Gefuͤhl be⸗ ſeelten Geſchmacks auszuathmen. Die Ausuͤbung dieſer ſonderbaren Faͤhigkeit war daher unbe⸗ wußt und unwillkuͤhrlich, und ihre Beſitzerin wuͤrde ihr mit Freuden entſagt haben. Monks⸗ haugh hielt dieſelbe in der That fuͤr das ſtaͤrkſte Aazeichen ihrer verborgenen Krankheit. * N F* — 245 In dieſer Nacht bildete ſich Eliſabeth in einem gluͤcklichen Traume von Ernescraig und deſſer. lieblichem Thale ein, daß Wolf Grahame an ei⸗ nem goldenen Sommerabend zu ihren Fuͤßen lag, waͤhrend ſie auf einem raſigen Huͤgel unter Steineichen, an einem ihr ganz vertrauten und ihrem Andenken theuern Flecke, ſaß; daß ſie ſeine Hand hielt, ihm in ſeine Augen blickte, und, indeß der Strom, in ihren Geſang ein⸗ ſtimmend, murmelte, ihm„die junge Aileen“ ſang, ein Bruchſtuͤck einer iriſchen⸗ Ballade, die ſie in ihrer Kindheit von Monika erlernt hatte. Dieſen Geſang, deſſen Muſik ſehr einfach, ruͤl⸗ rend und antik war, liebte Wolf ungemein, und er hatte ſie oft gebeten, ihn mehrmals nach einan⸗ der zu ſingen. Die Einfachheit und der wilde Pathos deſſelben beſaß fuͤr ihn einen einnehmen⸗ deren Reiz, als die Neuheit, die Mannigfaltig⸗ keit oder der Glanz neuerer muſikaliſcher Pro⸗ ducte. Er fand Vergnuͤgen daran, ſie die naͤm⸗ liche einfache Strophe wiederholen, auf ihr ver⸗ weilen, und ſie abermals wiederholen zu hoͤren. Sie bildete ſich in ihrem Traume ein, ſie thue dieß jezt; und ſie that es auch in der That, zwiſchen jeder Stanze eine Pauſe machend, um theure Liebkoſungen zu wechſeln, und abgebro⸗ chene Liebesworte murmelnd, und dann in ih⸗ rem Geſang wieder fortfahrend. Eine Perſon, welche die Ballade zuvor nie gehoͤrt haͤtte, haͤtte einen Theil ihres Sinnes nicht vernehmen koͤnnen, allein die Perſon, die Eliſabeths Schlummer ſtoͤrte— und eine ſolche 246 ſtand neben ihrem Bette, und ihre offenen, obſchon ſchlummernden Augen waren auf ſie, die Wolf Grahames Geſichtszuͤge hatte, geheftet ſn war dem Geſange nicht fremd, den ſie alſo ang: Die Braut Aileen. Erheiternde Wonne beglückend weilt In O' Connors feſtlichem Saal; Vom Herrn zur Dame der Becher eilt, Bei Aileen's Hochzeitmahl. Die junge Aileen, die frohe Aileen, Die ſchmucke, die ſel'ge, die Braut Aileen. und iriſcher Barden zärtlicher Sang. Floß reichlich drunter hin; Und verſchamte Freude ins Auge drang Der jungen Braut Alleen. Die junge Aileen, die ſchöne Aileen, Die ſeu'ge, die ſchmucke, die Brant Aileen.* Des granen O' Connor geliebte Maid, Seines Hauſes Stolz und Zier, Dem Earl des Nordens in Freudigkeit Ihr Herz ſchenkt für und für. Die junge Aileen, die ſtolze Aileen,. Die ſel'ge, die ſchmucke, die Braut Aileen. Aus O⸗ Connors Hallen zu ſcheiden iſt Schmerz, Und tief ſie der Abſchied betrübt. An den grauen Mauarn hängt liebend ihr Herz, Doch ſie fogt ihm, den ſie liebt. Die junge Aiteen, die ſanfte Aileen, Die ſchmucke, die ſelzge, die Braut. Aileen. Was ſtürmet die Klage ſo wild hervor? Was gellt jener Schrei ſo kaut? Was ſoll das Blut an dem Schleierflor⸗ Aileen's, der blaſſen Braut?. Weh dir! Aileen, du junge Aileen, Geliebte, unſel'ge, verlorne Aileen ² So weit war Elifabeth in ihrem Geſange ge⸗ kommen, als jemand ihre Hand haſtig ergriff — 247 und ſchuͤttelte. In ſchrecklicher Angſt erwachend, fuhr ſie betaͤubt auf. Wolf Grahame's Geſpenſt ſtand, ſo daͤuchte es ihrem verwirrten Sinn, vor ihr, und blickte, ihr ein Licht ins Geſicht haltend, in ihre Augen, als ob es in den Tiefen ihres beaͤngſtigten Gemuͤths haͤtte leſen wollen. —„Aileen— meine Aileen!“ rief die Geſtalt aus.„Ohl nein, nein! Maͤdchen! Maͤdchen! woher kommſt du? Wer hat dich dieß gelehrt? Ehe Eliſabeth ihre erſchrockenen Sinne zuruͤck⸗ rufen konnte, und in der Schnelle des Augen⸗ blicks, ergriff eine andere Perſon, die ihrer Angſt als ein Mann von ungeheurer Natur und ruch⸗ loſem Ausfehen erſchien, den Sprecher; und Lich⸗ ter, Stimmen und Geſtalten, alles verſchwand, und ſie wurde in tiefer Finſterniß und in un⸗ ſaͤglichem Schrecken allein zuruͤckgelaſſen. Wir wuͤnſchten einen guͤnſtigeren Bericht von dem Muthe unſerer Heldin abſtatten zu koͤnnen; und wirklich fehlte es Eliſabeth im Allgemeinen nicht an Muth; allein es muß zugegeben wer⸗ den, daß jezt, als ſie in dem finſtern Zimmer umhertappte, die Thuͤre ſuchend, die mit allem Uebrigen verſchwunden zu ſeyn ſchien, ihr Herz faſt in ihr erſtarb. Die Wirthin und ihre Die⸗ nerin kamen ihr bald zu Huͤlfe; und nun folgten viele und wortreiche Entſchuldigungen und laute Anklagen gegen den ſchwermuͤthigen Hausge⸗ noſſen, deſſen verwirrtes Gehirn wahrſcheinlich durch die Muſik angegriffen worden war; denn Eliſabeth ſah jezt ein, daß ſie ziemlich lange laut geſungen haben muͤſſe. Menſchlichkeit ſowohl, 248 als beſondere Gefuͤhle, welche die Betrachtung jeder Art und jedes Grads von Geiſtesverwir⸗ „rung in ihr erregte, verliehen ihr ploͤtzlich wie⸗ der Selbſtbeherrſchung, und ſie daͤmpfte den naͤcht⸗ lichen Tumult ſo ruhig als moͤglich. Es ſchmerzte ſie in der That, die beſchwichtigenden Drohun⸗ gen des Waͤchters des ungluͤcklichen Herrn in dem anſtoßenden Zimmer zu hoͤren; und um ihren Muth und ihre Furchtloſigkeit zu zeigen, weigerte ſie ſich, ihr Zimmer zu wechſeln. 5 Acht und zwanzigſtes Kapitel. Die ſchottiſche Wittwe. Monkshaugh ſprach fortwaͤhrend davon, daß er ein ſtrenges Incognito beobachten wolle; und die zwei folgenden Tage kam ſicherlich niemand, es zu ſtoͤren. Die Witterung war regneriſch; und waͤhrend Eliſabeth, unter ſeiner Leitung, mit ihrer Nadel beſchaͤftigt war, ſchrieb er wie⸗ der Briefe, die mit der Miene eines bis an⸗ das Kinn in Geſchaͤften ſteckenden Mannes, am Abend des zweiten Tages vollendet und abge⸗ ſchickt wurden. d Am folgenden Morgen, zu einer fuͤr gewoͤhn⸗ liche Beſucher zu fruͤhen Stunde, und waͤhrend Monkshaugh, noch in der Wuth ſeiner neuen Haushaltungsgeſchäfte, ſeine Peruͤcke kraͤuſelte, wurde ein Beſuch, aber kein gewoͤhnlicher, ge⸗ meldet— jene furchtbare Lady Tamtallan, von 249 deren„ſtarkem Geiſte“ und„ſtattlichem Beneh⸗ men“ Eliſabeth ſo viel gehoͤrt hatte, ſeit ſie ho⸗ ren konnte. In der fließenden Weite eines reichen ſchwarzen Negligées und Unterrocks von geſtreiftem wollenem Zeug, mit einer Haube von ſchwarzem Atlas, und einem Mantel von dem⸗ ſelben Stoffe, der mit dem Pelze des graufen Eichhoͤrnchens, dem Grauwerke der alten Ro⸗ manze, gefuͤttert und verbraͤmt war, trat ſie in die Mitte des Zimmers, begleitet von ihrem Maͤdchen, ſtellte ihren langen, ſchimmernden, mit einem Knopfe von Ebenholz verſehenen Stock, gleich einer Fahne, auf den Fußboden, ſezte ihre Hand auf ihre Huͤfte, und heftete ihre ſcharfen meergruͤnen Augen auf Eliſabeth, ob⸗ „ſchon ſie den Gentleman anredete. „So! Robert Grahame,— Ihr ſeyd ſo weit gelaufen, als euer Strick reicht.— Laßt den Peruͤckenſtock ſtehen, Freund.— Was brauche ich mich zu wundern, daß ich einen alten Zier⸗ ling mit dem Kraͤuſeln ſeiner Perucke beſchaͤftigt finde? Schaͤmt euch nicht daruͤber, Vetter Rob⸗ bie; es freut mich, daß ihr endlich euern natuͤr⸗ lichen Beruf entdeckt habt.“ „Das iſt eine Ehre und ein Vergnuͤgen,“ rief Monkshaugh, ſi um und um umwendend. Eiliſabeth ſtellte ſchweigend einen Stuhl hin, und verbeugte ſich leicht. „Ein großer Beweis von Pflichtgefuͤhl und Guͤte von Seiten meiner Leddy, Hr. Grayame,“ ſagte die Alte in ſchleppendem Tone, einen an⸗ dern Stuhl hinſtellend. 25⁵⁰ „Obſchon ihr mit der beſten Conſtitution ge⸗ ſegnet ſeyd, muͤßt ihr doch danken.“ —„Daß ihr euern Tiſch und Lohn noch einige Jahre laͤnger erhalten werdet, Laird.!“ unter⸗ brach ihn die Lady muͤrriſch. „Guͤte und Pflichtgefuͤhl und die beſte Con⸗ ſtitution!“ wiederholte der verwirrte Laird, ei⸗ nen dritten Stuhl hinſtellend.„Stolz und gluͤck⸗ lich bin ich, euch noch ſo bei Kraͤften zu ſehen, Lady— da ihr jezt ſchon in den achtzig ſeyd! — ein gutes Alter. Euer Gnaden wird ſich ohne Zweifel wundern, wenn ihr hoͤrt, daß ich ſelbſt jezt ein Mann in meinem hohen Stufen⸗ jahre bin. Manche Wechſel! manche Wechſel ſe⸗ hen alte Leute, Lady, vor dem endlichen Wechſel!“ „Alt!“ donnerte die Lady.„Der Teufel iſt alt!— Seht ihr, daß irgend etwas an mir fehlt?“— und abermals ſtellte ſie ihren Stock auf den Fußboden, mit einer Anwendung ihrer Muskelkraft, welche die raſche Behauptung voͤl⸗ lig widerlegte, und dem Laird einen ſolchen Schrecken einjagte, daß er ſich in ſeine eigene Haut verkriechen zu wollen ſchien.—„Aber, Gott ſey mir gnaͤdig! Freund, ihr ſeyd in nichts zuſammengeſchrumpft— man koͤunte euch in eure procellanene Trinkſchale zuſammenpacken.“ Ein muͤrriſches Laͤcheln ruhte auf ihrem Geſichte. „Monkshaugh ſchwieg, obſchon er ſich durch die ihm abgeſtatteten perſoͤnlichen Complimente der Lady Tamtallan eben nicht ſehr geſchmeichelt fuͤhlen konnte.— Lado Tamtallan galt ſeit fuͤnfzig Jahren un⸗ — —, 251 ker allen ihren Bekannten als eine Frau„von ſtarkem Geiſte.“ Schoͤnheit beſaß ſie nie in irgend einem Grade— Gutmuͤthigkeit wuͤnſchte ſie nicht zu beſitzen— weibliche Manieren ver⸗ achtete ſie. Doch war ſie kein bedeutungsloſes Geſchoͤpf— keine Null in der Schoͤpfung— ſtark, was ihren Koͤrperbau, maͤnnlich, was ihre Denkart betraf— eine Perſon, die man haſſen, ſicherlich aber nicht vergeſfen konnte. Lady Eliſabeth hatte die Grauſamkeit und Un⸗ zartheit, mit der dieſe alte Dame, die Tante ihres Vaters, ihre Bitte um Rath vor wenigen Monaten beantwortet hatte, weder vergeſſen noch verziehen, obſchon ſie vielleicht eben jenem Um⸗ ſtande das Gluͤck ihres Lebens verdankte. Sie machte daher keinen Verſuch, ſich noch einmal der Gunſt und Gewogenheit der alten Dame zu empfehlen. Monkshaugh wußte, daß ſich Lady Tamtallan der Heirath ihres Neffen kraͤftig wi⸗ derſezt, und ewige Fehde gelobt hatte, wenn Bruce auf einer Verbindung beharren ſollte, die ſie aus Stolz, Vorurtheil und Eigennutz mißbilligte; allein ſeine Zuneigung zu Eliſabeth ließ ihn glauben, die— hochmuͤthige alte Dame werde fuͤr das Kind eine Guͤte fuͤhlen, die ſie gegen die Mutter nie an den Tag gelegt hatte; und ſo wagte er es, Eliſabeth einzufuͤhren. „Ich geſtehe, das Vergnuͤgen und die Ehre, eure Gnaden, bei ſo guter Geſundheit, fuͤr eure Lebenszeit wenigſtens, zu finden, laͤßt mich Guͤte und Artigkeit vergeſſen! Erlaubt mir jezt— eine angenehme Pflicht fuͤr mich— eurer Gna⸗ ₰ 252 den unſere ſchoͤne Baſe, Lisbeth von Bruce, eine junge edle Dame, die von ihrer zarteſten Kind⸗ heit an, mit Achtung und Bewunderung von dem ſtattlichen Benehmen und dem ſtarken Geiſte gehoͤrt hat, wodurch eure Gnaden ſich auszeichnen— dem suaviter in modo und for- tites in re, wie Tully ſagt. Euer Gnaden ſieht, daß wir, ungeachtet wir der Advokatur ſchon ſo lange entſagt haben, unſere Humaniora nicht gaͤnzlich vergeſſen haben.“ „Nein, nein, Robbie,“ erwiederte die Lady ruhig, und ihn etwas veraͤchtlich beſchauend; „juſt der alte Mann!“ „So viel, was das suaviter in modo betrifft,““ dachte Eliſabeth.. „So! und das iſt John von Bruce'’s Toch⸗ ter.— Wenn ich ſagte, es freue mich dich zu ſehen, Maͤdchen, ſo waͤre dieß eine nie⸗ dertraͤchtige Luͤge;— und was mehr iſt, du ſiehſt aus, als ob du wuͤßteſt, daß dem ſo iſt.“ „ und fortiter in re,“ dachte Eliſabeth, ſich, als Antwort, gegen die Lady verbeugend, und wie es ſchien, weniger betroffen, als die Lady diejenigen zu ſehen gewoͤhnt war, die ſie den Zahn ihres Zornes fuͤhlen ließ. „Es war ein Streich: die Brut unſerer ei⸗ genen Familiennarrheit mit irlaͤndiſcher Toll⸗ heit zu behelligen!“ 2e Der kleine gutige Laird war in großer Verlegen⸗ heit.„Gewiß, Lisbeth, meine Theure, die Ehe des Lord von Bruce war eine Art Ueberraſchung⸗ Es iſt unlaͤugbar, daß die Freude der Heurath eures Vaters ſeine Freude unverſehens uͤberfiel.“ —ᷓe „. 253 „Freude! nennt ihr es, Robbie Grahame— Freude! ein wackeres altes Haus ausgehen ſe⸗ hen, wie einen Lichtſtumpen!. Ich weiß nicht, ob es beſſer iſt, zu heirathen, und einen Haufen unzufriedener alberner Maͤdchen zu haben, die als eine Plage oder eine Schande fuͤr ihre Ver⸗ wandtſchaft aufwachſen, oder einen einfaͤltigen Narren an der Spitze eines Familieneigenthums zu ſehen, das ſeine Albernheit vergeudet hat.“ Die entruͤſtete alte Dame bewegte ihre Haͤnde in wildem Ingrimm, und ſchuͤttelte ihre weite ſchwarzſeidene Schuͤrze, als ob ſie ihren Schooß von dem bevorſtehenden Ruine des Hauſes Monks⸗ haugh haͤtte reinigen, und alle Schande und Verantwortlichkeit auf das ungluͤckliche Haupt des Laird waͤlzen wollen. „Allein ſagt mir, wann ihr von eurem Nef⸗ fen, Wolf von Bruce Grahame, hoͤrtet? Er iſt jezt, glaube ich, alles, was wir noch haben, um den Namen Bruce, obſchon aus der zweiten Hand, an die Nachwelt gelangen zu laſſen. John Tamtallan's Weib(ihre Schwiegertochter) hatte die Unverſchaͤmtheit, mir dieſen Morgen ſagen zu laſſen, daß ſie das neunte von ihnen⸗ geboren hat— neun Toͤchter!— John's neun⸗ Muſen!“ Sie, verzog ihr Geſicht zu einem eſſigſauren Laͤcheln, waͤhrend ihr Kopf ſich in paralytiſchem Unwillen uͤber, die Hartnaͤckigkeit bewegte, mit der die arme juͤngere Lady Tam⸗ tallan fortfuhr, weibliche Nachkommen, unge⸗ achtet aller ihrer Drohungen, zur Welt zu brin⸗ gen, und auf dieſe Art nicht bloß das Erbgut 254 an eine andere Familis brachte„ ſondern auch den Namen Tamtallan fuͤr immer ſo gewiß her⸗ abwuͤrdigte, als Eliſabeths Geburt den Namen Bruee. „So habe ich nun doch vier huͤbſche Namens⸗ toͤchter,“ rief ſie, in tuͤckiſcher Froͤhlichkeit lachend⸗ —„Grace Amalie, und Griſelda Celeſtina, und Ellena Grizel, und Mathilda Grizeldina! Ha! ha! ha! aw. „Euer Gnaden ſollte einiges Mitleid mit der zukünftigen Welt haben,“ ſagte Eliſabeth, die jezt Eine Urſache der uͤbeln Laune der Lady be⸗ griff.„Wenn keine von uns armen Maͤdchen mehr geboren werden ſollen, was ſoll alsdann aus dem menſchlichen Geſchlechte werden, dem es an einem ſolchen Beiſpiele fehlt, wie die ſtatt⸗ lichen Manieren und der ſtarke Geiſt eurer Gnaden dem gegenwaͤrtigen Zeitalter eines dar⸗ kieten?“. „Lisbeth von Bruce!“ rief der Laird Halb verſteinert aus. „So!“ ſagte die Lady, waͤhrend ein noch muͤrriſcheres Laͤcheln, als je zuvor, ihr graues Geſicht verzerrte.„So, du biſt keine von den ſuͤßlichen Fraͤuleins? Bereit mit der„grauen Grizzy“ ſogar zu ſtreiten. Komm— ich liebe dich lezt. Sein Vater war ehedem auch ein Teufel.“— Die Lady glich jenen ſton riſchen Hunden, die jede liebkoſende Hand zornig an⸗ bellen, waͤhrend Stoͤße und Puͤffe ihre ganze Tändelha tigkeit rege machen. Die alte Dame ſezte ihre breitraͤnderige Brille 25⁵⁵ auf, nahm Eliſabeth's Kopf zwiſchen ihre Haͤn⸗ de, und betrachtete ihr Geſicht mit aller moͤgli⸗ chen Sorgfalt. „Das iſt die rothe, volle Unterlippe, und die glatte Stirne mit dem Namen der Bruce's, ſo⸗ deutlich, als ob er darauf geſchrieben waͤre!“ rief der Laird freudig aus. Er beruͤhrte in ſei⸗ nem Stolze die weiße, hohe Stirne der Lady Eliſabeth, als ſie, laͤchelnd uͤber den Auftritt, faſt kniete, um die Beſichtigung der alten Dame zu erleichtern. „Dem Hauſe von Bruce auf's Haar ſo aͤhn⸗ lich, als ich einem Steinkrebſe!!“ ſagte Lady Tamtallan, die jedoch Eliſabeth's Roſenwangen einen. ſanften gutmuthigen Schlag gab, als ſie laͤchelnde Geſicht, das den unnennbaren zuber der Schoͤnheit ſogar uͤber ihre rauhe Na⸗ tur verbreitete, ſanft zuruͤckſchob. „Eine wundervolle Aehnlichkeit, in der That!“ riefs der entzuͤckte Monkshaugh, ſeine Haͤnde reibend.„Hoͤrt ihr das, Lisbeth? Ihr gleicht euern edeln Vorfahren auf's Haar hin, wie meine Lady einem Steinkrebſe. Und es fand⸗ noch eine andere Aehnlichkeit ſtatt, Lady— ver⸗ ſchiedene Leute, die ſehr oft bei mir ſpeiſen, ſind ſehr davon uͤberraſcht worden— Eliſabeth gleicht einer Perſon, die ſich der Achtung und Gunſt eurer Gnaden in einem ſo hohen Grade erfreute, meiner ewig verehrten Mutter, der vormaligen—“ „Der Beenie Murra,“ rief die Wittwe, laut auflachend, aus.„Gut! Maͤdchen, ſey dank⸗ 256⁵ bar, die ganze Aehnlichkeit, die du mit den: großlippigen Murray's haſt, wird dir bei deiner Heirath keinen Pfifferling nuͤtzen.“ Monkshaugh war im Begriff zu ſprechen⸗ als ein Gentleman mit Namen Dalrymple ge⸗ meldet wurde, von welchem Eliſabeth oft als von einem fernen Verwandten gehoͤrt hatte, und der eine in der vornehmen Welt Edinburgh's wohlbekannte Perſon, und als Advokat hochbe⸗ ruͤhmt war. „Kommt, Andreas Dalrymple,“ ſagte die alte Lady,„und ſagt uns, welchen befeſtigenden Moͤrtel euer feiner Witz fuͤr den wankenden Zuſtand des Hauſes Monkshaugh bereitet hat.“ Der Gentleman ertheilte rings um ſich her Gruͤße— Monkshaugh mit herzlicher Guͤte— Eliſabeth mit Guͤte und feiner Lebensart— und der Wittwe wuͤnſchte er, was dem Geſchmacke alter Damen ſehr zuſagen ſoll, zu ihrer feſten⸗ Geſundheit und ihrer ungewoͤhnlichen Thaͤtig⸗ keit Gluͤck. „Und warum ſollte ich nicht fruͤhe auf den Beinen ſeyn, wenn ich Geſchaͤfte habe? Gleiche ich einer von euern zaͤrtlichen und zerbrechlichen Madams, die ſich nicht aus ihrem Armſtuhle bewegen koͤnnen, ehe ſie ihren gruͤnen Thee eingeſchluͤrft haben; aber ſagt uns jezt eure Ge⸗ ſchichte, Robbie Grahame; denn was dieſes kleine Gekritzel betrifft“— ſie knitterte Monks⸗ haugh's briefliche Arbeiten vom vorigen Tage mit ihren zaſerigen, ſtarken Fingern zuſammen —= —,— —— —* —— . 2⁵⁷ —„ſo kann ich weder Kopf noch Schwanz dar⸗ aus machen.. Halb verwirrt und nach Athem ſchnappend, rief Monkshaugh verzweiflungsvoll aus—„das Haus Monkshaugh aus ſeiner Gefangenſchaft erlöſen— eine neue Lebensart ergreifen— John Hurcheon rupfen.—“ „Auſtern rupfen, Robbie Grahame,“ unter⸗ brach ihn die Wittwe mit ihren zahnloſen Kinn⸗ backen, aus Freude uͤber ihren boshaften Scherz, fletſchend—„ihr waret in dieſem Geſchaͤfte ſtets flink. Aber ſagt uns,“ fuhr ſie mit er⸗ hoͤhter und zorniger Stimme fort—„was ihr wollt. Macht eure Sache kurz, Freund; An⸗ dreas Dalrhmple hat mehr an einem Morgen zu thun, alb Peruͤcken zu pudern.“ „Euer Gnaden hat einen ſo— ſo ſtarken Geiſt,“ ſchluchzte Monkshaugh, gleich einem Menſchen, der unter dem erſten Anguß eines Tropfbads keucht. Allein er hatte eine furcht⸗ bare That zu verrichten, und ermuthigte ſich. „Und ſo muß ich bald andere Geſchaͤfte haben — ich habe, gleich einem maͤßigen Verſchwen⸗ der, Zeit und Talente zu lange vergeudet. Ls⸗ beth, meine Theure, ihr koͤnnt euch vielleicht dort. ein wenig unterhalten;“ er wies nach ſeinem Lieblings⸗Gazebo, einem kleinen Fenſter, das die Ausſicht auf den Hof vor dem Pallaſte gewaͤhr⸗ te.—„Ihr werdet Karren und Maͤdchen mit Putzſchachteln ſehen. Die Stadt iſt ein herr⸗ licher Ort fuͤr ein junges Geſchoͤpf.“ Eliſabeth begab ſich an das Fenſter, und er fuhr fort: 2⁵⁶ „Ich moͤchte nicht gleich Anfangs das Fach des oͤffentlichen Advozirens ergreifen, ſondern viel⸗ mehr das eines Stubenanwalts, was um ſo we⸗ niger die Praxis juͤngerer Freunde behelligen wuͤrde“— eine Verbeugung gegen Herrn Dal⸗ rymple—„Was haltet ihr davon, Vetter An⸗ dreas?“ „Ich— ich— bei meiner Seele— ich bin — bei einer ſo ploͤtzlichen Aufforderung“— „Nichts von eurer Doppelgaͤngigkeit hier, Andreas,“ rief die Wittwe.„Allein fahrt fort, Robert— ihr ſeyd ſehr leidlich— wir wollen alles hoͤren, was ihr wißt, Freund.“ Furchtbar war dieſe unnatuͤrliche Ruhe.— „Des Stromes Glaͤtte, eh' er jaͤhlings ſtuͤrzt“— Eliſabeth, an ihrem fernen Fenſter— ja, Monkshaugh fuͤhlte, daß der Boden bereits wankte, und das Erdbeben nahe war. Mit einer verzweifelten Froͤhlichkeit ſagte er—„Das Kurze und Lange iſt, ich muß eurer Gnaden moderigem Geldſchatze einige Monate, bis mir Gebuͤhren eingehen, verpflichtet ſeyn; denn ich wollte euch, Mplady, nicht dadurch beleidigen, daß ich mich an einen entfernteren Freund wandte; und ohne Zweifel, die Erfahrung eines Mannes, der jezt in ſeinem hohen Stufenjahre ſteht, zu einer Zeit, da ſo viele unbaͤrtige junge Leute die Lauf⸗ bahn eines Sachwalters beginnen“— „Jezt, das wuͤrde eine Kircheneule zum Lachen zwingen!“ rief die Wittwe, und ihr aſchenfarbi⸗ ges Geſicht nahm eine ſchwarze Mahagonyfarbe an— ihre gruͤnen Augen ſandten ſchwarzgelbe — — —— 2⁵⁹ Strahlen aus, waͤhrend ſich ein ſtarker ſarkaſti⸗ ſcher Ausdruck mit dem Unwillen vermiſchte, mit dem ſie ihre Kinnbacken zuſammen⸗ preßte.„Meinem moderigen Geldſchatze, um euch als angehenden Advokaten zu unterſtuͤtzen! O Freund, der ganze magere Gehirnsantheil, den ihr je hattet, iſt jezt verſiegen gegangen! Glaubt ihr nicht, daß ich alle meine uͤbrigen Groſchen brauchen werde, um ein Nonnenklo⸗ ſter fuͤr vier Namenstoͤchter zu gruͤnden? Nein, nein, Vetter Robie; Flannel und herzſtaͤrkende Traͤnke fuͤr Damen, die von ihrer neunten Toch⸗ ter entbunden worden ſind, das thut mehr Noth.“ Sie grinzte ein anderes bitteres Laͤcheln zwiſchen ihren wenigen noch uͤbrigen Zaͤhnen.—„Habt ihr von dieſem Zuwachs gehoͤrt, Andreas Dal⸗ rymple?— John Tamtallan's Weib hatte die Unverſchaͤmtheit, mir ſagen zu laſſen, ſie habe ein anderes Maͤdchen geboren; wolle es aber John taufen laſſen.“ Der maͤnnliche Name, der die Wittwe haͤtte beſaͤnftigen ſollen, hatte ſie in der That uͤber alle Maßen erbittert.. Herr Dalrymple begriff jezt die Urſache der uͤbermaͤßigen Bitterkeit der Wittwe an dieſem Morgen. „Achtet nicht darauf, Mylady; laßt uns nur einen ſchottiſchen Koͤnig und ein ſchottiſches Parlament wieder erhalten, und wir werden eine Alte erhalten, kraft deſſen ſie wie junge Katzen erſaͤuft, ſtatt nach den Kolonien geſchickt werden muͤſſen;“ und er lenkte die Unterhaltung mit großer Gewandtheit auf Wolf Grahame, 260 den einzigen männlichen Abkoͤmmling der drei Familien. „Ja, Wolf iſt ein aͤchter Junge, gewiß ge⸗ nug! ein ſo ſchelmiſcher und boshafter Teukel er auch ſtets war. Allein ich habe wenig von ihm geſehen, ich weiß nicht warum? ſeit ihm der erſte Flaum ums Kinn wuchs;“ und mit ihrem bitterſuͤßen Laͤcheln fuhr ſie fort—„Wir konnten unſern Vetter Robbie nie wegen wilder Bubenſtreiche tadeln— er war ſtets ein Ge⸗ ſchoͤpf von einem hoͤchſt ſittſamen, ruhigen und damenhaftem Benehmen.“ Eines Mannes Geiſt konnte dieß von einem Weſen, das einen Unterrock trug, nicht ertragen.„Ich muß euch ſagen, Mylady,“ rief der Laird aus,„dieſer Spott gegen einen Verwandten, und einen Mann in ſeinem hohen Stufenjahre iſt—!“ „Ich kam,“ rief die ſchottiſche Wittwe aus, „um vom John von Bruce zu ſprechen, nicht aber um euer albernes Geſchwaͤtz⸗ anzuhdren— „Allein hier hoͤrte man einen Streit in dem Gange und eine hadernde Stimme—„Ich muß den Laird ſehen— und ich werde den Laird ſehen!“— Und hereinſprang unſere alte baar⸗ fuͤßige Bekannte, Frau Ehriſty Grahame von Pitbauchlie, begleitet von ihrem ſchwarzaͤugigen. Robbie, und einem ganzen Trupp zerlumpter kleiner Igel. „Ich ſchwoͤre, ihr ſeyd verwundert, Laird, mich ſoö weit von Haus mit allen dieſen ſanf⸗ ten Laͤmmern zu ſehen, gekommen, um euch⸗ 2641 als dem natuͤrlichen Haupte aller Grahames, unſer Anliegen zu offenbaren. Und ſelig bin, endlich eure Spur gefunden zu haben, da ihr beides, ein Freund, aber mehr noch ein alter Advokat ſeyd; denn oh! Laird, ſtellt euch ſelbſt vor, welcher Schlag es fuͤr ein Mutterherz war, von Franz Friſel zu hoͤren, daß dieſer artige Junge, der hier ſteht, der Namensſohn eurer Gna⸗ den, der nicht gerade in der rechtmaͤßigen Ehe, wie man es heißt, geboren worden iſt, nicht Erbe ſeyn kann—“ und ſie erhob ihre Stimme und ſeufzte, waͤhrend Robbie, in lieblichem Ein⸗ klange, ſtoͤhnte: „Ich kann nicht Erb' ſeyn.“ „Kann nicht Erb' ſeyn ſeiner eigenen recht⸗ maͤßigen Eltern, wenn ſie ſo reich waͤren als Koͤnig Salomo, oder John Harletillum.“ „Kann nicht Erb' ſeyhn meiner eigenen recht⸗ maͤßigen Eltern,“ wimmerte Robbie, entſchloſſen, ſeine Rolle dießmal zu ſpielen, und von den⸗ ſelben Beweggruͤnden angetrieben, die einen eit⸗ len kleinen Schulknaben bewegen, ſeine Abſchrift zu zeigen, oder ſein Lied vorzuleſen. „Von ſeinem Erbe verſtoßen, wie ein behaar⸗ ter Eſau.“ „Von meinem Erbe verſtoßen, wie eine be⸗ haarte Sau,“ ſchluchzte Robbie.. „Erbe!— Erbe! Ich wöuͤrde dich mit ei⸗ nem Spazierſtocke zum Erben machen, wenn ich einen bei der Hand haͤtte;“ rief der entruͤſtete Monkshaugh aus.„Erbe eines Erbtheils von Suͤnde und Elend! Schmutz und Lumpen! Das 262 iſt die beſte Habe, die ihr eurer Brut hinter⸗ laſſen koͤnnt. Wer hieß euch hinter mir hertrap⸗ pen, Weib!“ „Ein Gonner und Freund— Franz Friſel,“ wimmerte die ſchoͤne Klientin, nunmehr ein we⸗ nig eingeſchuͤchtert; und obſchon ſie eben nicht mit dem feinſten Takte begab war, ſo fuͤhlte ſie doch, daß es jezt Zeit ſey, ihren Sachwalterlohn darzureichen, wenn ſie ihre Sache beſchleunigt wiſſen wolle. „Es iſt bloß ein kleines Geſchenk; aber ich wollte nicht ganz mit leeren Haͤnden kommen, waͤr' es auch nur um des Gluͤckswillens“ und mit beſcheidenem Frohlocken blickte ſie auf den Inhalt ihrer Schuͤrze—„Eine kleine Portion Pfifferlinge; Fraͤnzchen ſagte mir, ihr ſeyd ſtets ein Liebhaber davon geweſen;— frei und frank erhaltet ihr ſie!“ 5 Und die weithergeholten Erdſchwaͤmme rollten, ißrem Schooße entſchluͤpfend, in allen Richtun⸗ tungen auf dem Fußboden umher. Robbie ſchoß auf ſie los, wie ein Sperling, der Regen⸗ wuͤrmer aufſucht. Lado Tamtallan ließ ihren Rock fallen, ſezte ihre zaſerigen Finger auf ihre hervorſtehenden Huͤften, und uͤberließ ſich einem langen, abſicht⸗ lichen und herausfordernden Gelaͤchter—„Be⸗ reits Advokatengebuͤhren, Vetter!““ rief ſie aus. „Ein Rechtshandel fuͤr einen Stubenanwalt— ein wahrer Douglas⸗Prozeß, der das Succeſ⸗ ſionsrecht umfaßt— ha! hal ha!“ „Was fuͤr ein lederner Sack iſt das, Weib?“ 5 26³ ſagte Lady Tamtallan, mit ihrem Stocke einen ſolchen Sack beruͤhrend, wie die Herrn vom Lande auf das Poſtamt zu ſchicken pflegen. „Die Treppe hinab— fort mit euch! der ganze Janhagel!“ rief Monkshaugh. „Ein Plunder Papiere, die Fraͤnzchen der Lady Lisbeth ſchickt. Es wuͤrde mir uͤbel anſte⸗ hen, ihre Botſchaft nicht auszurichten. Der wa⸗ ckere junge Herr hat ſich viel um meine ſuͤßen Laͤmmer bekuͤmmert.“ „Um die ſchwarzwangige Brut,“ ſagte Hr. Dalrymple’, der Gefallen an der glaͤnzenden Phyſiognomie Robbie's und der andern kleinen ſchwarzen Igel zu finden ſchien. „Ja, an jenem Tage auf den Niederungen, Leddy von Bruce; ſo, da ich um jeden Preis nach Edinburg wegen Robbie's Erbfaͤhigkeit ge⸗ hen wollte, hieß mich Friſel dieß mitnehmen; und erzaͤhlt doch ja Eliſabeth ſelbſt, ſagte er, eure Geſchichte, und ſagt ihr, daß ſie keinen Tag ſich umſehen duͤrfe. Ich muͤſee, ſagte er, mich niederbuͤcken, und alle die Kinder unter meine Rockſchleppe nehmen, wie,— wie eine Kluckhenne, wie“— und ſie beugte ſich nieder wie eine Griſette, die im Begriff iſt, eine Quadrille zu beginnen.— „Und ihr, Laird, die ihr,“ ſagt Friſel,„naͤch⸗ ſter Tage fuͤr einen Lord mit einem Doppelrock verjaͤhrt ſeyn muͤßt, wegen der Achtung, welche die Lords der Regierung ſtets fuͤr Talente, wie die eurigen, gezeigt haben, muͤßt euer Interlokut fuͤr uns ausſprechen; und das wird alle die 8 264 Kinder zu rechtmaͤßigen Kindern nach dem äͤch⸗ ten alten ſchottiſchen Geſetze machen,“ ſagte Fraͤnzchen.„Ich bin gewiß, ich und die mei⸗ nigen und der Name Grahame ſind ihm Dank ſchuldig:— nebſt fuͤnf Schillingen, um meine Auslagen zu beſtreiten.“ Monkshaugh's Wuth, durch Lady Tamtallan's Spott gereizt, ließ ihn, ungeachtet ſeiner Rit⸗ terlichkeit, an Fußſtoͤße denken; allein Eliſabeth, die richtig muthmaßte, daß dieſer von Friſel vorgebrachte juridiſche Kram irgend etwas ver⸗ huͤllte, das er als wichtig fuͤr die Intereſſen ſei⸗ nes Herrn betrachte, ſchlug ſich ins Mittel. Eliſabeth nahm den Briefſack; und fand auf einer erzenen Platte, die auf denſelben befeſtigt war, den halb ausgekrazten Namen des Herrn Hutchen.— Hr. Dalrymple machte dieſelbe Be⸗ merkung und ſagte lachend:„In der That, Frau, ſie wird die Treppe hinabgehen und den Saum ihres Rocks ausbeſſern muͤſſen, ehe Monkshaugh ſein Interlokut ausſprechen kann; ſonſt wird, fuͤrchte ich, die Aechtigung viele Fehler haben.“ „Glaubt ihr das, Herr? So will ich eine Nadel nehmen.“— b „Packt euch die Treppe hinab!“ ſchrie Monks⸗ haugh; und fort liefen ſie alle, um unten ſein Belieben abzuwarten. „Ich muß Ihren Schutz zu dem Zwecke an⸗ rufen, unſern Freund Robbie zu einem von . den 265 den vielen Erben des vortrefflichen Hrn. Thomas Todd(des Gruͤnders des Waiſenſpitals) zu ma⸗ chen,“ ſagte Eliſabeth.— Hr. Dalrymple verbeugte ſich und druͤckte ſeine Freude aus, ſie zu verbinden. „Andreas Dalrymple,“ ſagte die Wittwe, ih⸗ ren Kopf in eine immer ſtaͤrkere Bewegung ſetzend;„glaubt ihr, es ſey nichts Hartes, eine Bettlersfrau mit einer Brut, wie dieſe, zu ſehen — und keinen maͤnnlichen Erben fuͤr drei alte Haͤuſer zu haben?“— Die Wittwe ſchien die Vorſehung in dieſem Punkte fuͤr tadelnswerth — fuͤr unguͤtig und nachlaͤßig, wo nicht fuͤr durchaus ungerecht gegen die vornehmeren Klaſ⸗ ſen zu halten. Inzwiſchen griff ſie unwillkuͤhr⸗ lich nach den Briefen, welche Eliſabeth bei Seite legte.„Die Laͤndereien und das Geſchlecht der Bruce's,“ fuhr ſie fort,„kamen durch eine Frau und werden durch eine Frau wieder verſchwin⸗ den. Der Fluch der Blanka von Lothringen ruht bis auf den heutigen Tag noch auf unſe⸗ rem verfluchten Hauſe.“. Eliſabeth hatte gelegenheitlich von dieſer Fa⸗ milienlegende gehoͤrt— von den haͤufigen Feuers⸗ bruͤnſten— dem Wahnſinne— dem Man⸗ gel an maͤnnlicher Nachkommenſchaft— welches alles der tiefe Fluch eines Weibes in der wahn⸗ ſinnigen Verzweiflung ihres betregenen, lie⸗ benden und gebrochenen Herzens angedroht hatte. Ein unangenehmes Gefuͤhl beſchlich die Geſell⸗ ſchaft; und zwei Minuten lang ſprach niemand ein Wort. Endlich rief Monkshaugh, ſeiner Hauptleidenſchaft ſich uͤberlaſſend, aus: Eliſ. v. Bruce. II. 12 „So muß nun John Hurcheon auch eine erzene Platte fuͤr ſeinen Briefſack haben. Jene diebiſche Naͤtherin, Jacky Pingle, hat alles dieß jezt geſtohlen. Ich bin verſichert, dieſes Weib wurde zur Plage meines Lebens geboren. Was ſollen wir mit dieſen Papieren thun, Lisbeth?“ „Sie verſiegeln und Herrn Hutchen ſchicken, vermuthe ich.“ „Sein! gehoͤren ſie ſein— dieſem ſchwarz⸗ herzigen Schurken!“ rief die ſtarkmuͤthige Wittwe in der hoͤchſten Entruͤſtung aus—„Andreas Dalrymple, nicht um den Unſinn dieſes alten Mannes zu hoͤren, habe ich dieſen Morgen mein trauriges Lager verlaſſen; ſondern um den un⸗ natuͤrlichen Boͤſewicht zu uͤberliſten, der ſeine niedrige Brut mit unſerem ungluͤcklichen Ver⸗ wandten— mit John Bruce verbinden moͤchte! Iſt dem nicht ſo, Robert Grahame? Iſt deine Mutter todt, Maͤdchen?— oder woher ſtammſt du? Wenn du John von Bruce's Tochter waͤ⸗ reſt, wie haͤtteſt du eine Stunde verfließen laſ⸗ ſen duͤrfen, ohne mir ſo hoͤlliſche Plane mitzu⸗ theilen? Deine eigenen armſeligen Beduͤrfniſſe liegen deinem Herzen nahe genug; allein die Ehre des Hauſes deines Vaters— meines Vaters— was lag dir daran?“ Eliſabeth war zu unwillig, um zu antworten. „Du traͤgſt, ſagt man mir, das Gepraͤge einer Bruce.— Wohlan— ich will dein Metall pruͤ⸗ fen, Maͤdchen. Oeffne und lies mir von dem Komplotte des Schurken. Liegt, glaubſt du, die Ehre und der Vortheil des Hauſes Bruce — ————— 257 dem Diener ſeines Verwandten naͤher, als dir und mir, in deren Adern ſein Blut fließet?“ „Ich darf— ich kann nicht,“ ſagte Eliſa⸗ beth, und ihre Wangen gluͤhten, als ſie vor den dargereichten Briefen zuruͤckwich.„O wie gerne wuͤrde ich, auf jede andere Art, meinen kind⸗ lichen Eifer beweiſen! Hr. Dalrymple, entfer⸗ nen Sie dieſe gefaͤhrlichen Papiere von uns— ſie ſind nicht fuͤr uns.“— „Waͤre es nicht beſſer, wenn ich dieſe Pa⸗ piere verſiegelte, bis wir mehr Zeit zum Nach⸗ denken haben?“ ſagte der Gentleman, der zoͤgern wollte,, bis die alte Lady wieder zur Vernunft gekommen ſeyn wuͤrde;„ich will damit durch⸗ aus nicht ſagen, daß wir ſie fahren laſſen ſol⸗ len; dieß wuͤrde ein unbeſonnener Streich ſeyn; 5 ſondern bloß, daß wir uns ein wenig beſinnen ſollen.“ „Ich will nichts weiter hoͤren,“ rief das wuͤ⸗ thende alte Weib, einen Brief nach dem andern aufreißend, und jeden ungeleſen auf den Fuß⸗ boden werfend.„Ich will das Geheimniß den Briefen des Schurken entreißen, das der Dolch meiner Vorfahren ſeinem Herzen entriſſen ha⸗ ben wuͤrde.“ Ihre Geſichtsbildung nahm ein teufelartiges Ausſehen an. Sie ſezte ſich wieder und ſuchte mit zittern⸗ der Begierde einige dieſer Papiere zu durch⸗ leſen,— dann ſtand ſie, als ob ſie unfaͤhig waͤre, ihren Vorſatz auszufohren, in erhoͤhter Gemuͤthsbewegung auf, warf den ganzen Pack in ihre Schuͤrze, heftete ihre Augen mit einem 12 2* 266 ſonderbaren Ausdrucke auf Eliſabeth, und ent⸗ fernte ſich nach einem kurzen Abſchiede. Das Unheil war bereits geſchehen; und als der arme Monkshaugh die Dame, die Pa⸗ piere und den Rechtsgelehrten entfernt ſah, war es ihm zu Muthe, als ob er von dem Alp be⸗ freit worden waͤre. „Was ſollen wir aber mit John Hurcheons Papieren thun, Lady Lisbeth?— Denn zwiſchen Lady Tamtallan's ſtarkem und Jacky Pingle’s verruͤcktem Geiſte, laſſen ſie mich, denke ich, ganz und gar ohne Geiſt.“ Eliſabeth hatte Hrn. Dalrymple gebeten, mit den Papieren zu thun, was ihm gut duͤnke; und ſie vertraute auf ſeine Ehre und Klugheit. Monkshaugh's krankhaftes Ausſehen beunruhigte ſie mehr. Lady Tamtallan's barſche Liebloſigkeit ſchien ihn tiefer zu verwunden, als alles, was ihm Hr. Hutchen zuvor angethan hatte. Sie war zwanzig Jahre lang ſeine Beſchuͤtzerin, ſein ſchoͤnes Ideal von Weiblichkeit, das Muſterbild altmodiſcher nachſichtiger Verwandt⸗ ſchaft geweſen; und ſie hatte muthwilligerweiſe ſeine Eigenliebe verwundet, ſeine hohen Hoff⸗ nungen vernichtet und ihn in Eliſabeths Augen herabgewuͤrdigt. Je mehr er uͤber den ſtatt ge⸗ habten Auftritt nachdachte, deſto bitterer wurden ſeine Geſuͤhle. Er begab ſich in ſein Zimmer und legte ſich zu Bett. Als ihn Eliſabeth beſuchte, zog er die Bettdecke uͤber den Kopf und wies ihre Auf⸗ merkſamkeiten mit muͤrriſcher Uebellaune zuruͤck; 7 269 endlich jedoch gab er ihrem Einfluſſe nack, und wurde ſogar bis zu kindiſchen Thraͤnen ge⸗ ruͤhrt. „Es iſt wahr, Lisbeth— es iſt nur zu wahr — ich bin ein armes huͤlfloſes Geſchoͤpf.— und behaupte einen Platz in der Welt, der beſ⸗ ſer beſezt ſeyn wird, wenn ich ihn dem uͤber⸗ laſſe, der ſich, ich bin es uͤberzeugt, nie darnach ſehnte; und ſich auch nie merken ließ, daß er mich fuͤr den thoͤrichten Mann halte, als den ihr mich wohl alle geſehen habt.“ „Sagt dieß nicht,“ rief Eliſabeth mit glaͤn⸗ zenden Augen.„Er ſah euch nie anders, als wie die Liebe euch ſehen mußte, wie ihr geſehen zu werden verdientet— als den guͤtigſten, den aͤchteſten Verwandten.“ Waͤhrend ſie auf dieſe Art beſchaͤftigt war, kehrte die alte Dienerin der Lady Tamtallan mit einer Botſchaft von ihrer Lady an Monks⸗ haugh zuruͤck. Sie uͤberbrachte ein ſehr lako⸗ niſches Billet, in das eine Banknote fuͤr fuͤnf⸗ zig Pfund eingeſchloſſen war. „Sie iſt doch nicht ſo ſchlimm, Lisbeth. Ihr Bellen iſt aͤrger als ihr Beißen. Sicherlich ſollte es, alles genau betrachtet, eine ſehr angenehme Sache ſeyn, eine nahe Verwandte mit einem ſtarken Geiſte zu haben; allein wir koͤnnen nicht immer ſo dankbar fuͤr unſere Wohlthaten ſeyn, als wir ſollten. Ihr lacht uͤber mich, Lisbeth; und ſo eben noch ſtand die Thraͤne in eurem Auge.“ Monkshaughs Geſetzbuch uͤber weibliche Schick⸗ lichkeit war entworfen worden, ehe irgend je⸗ mand von Unrecht oder Unanſtaͤndigkeit von Seiten einer Dame traͤumte, die in dem Lande allein umherſtreifte; und da er wußte, daß Eli⸗ ſabeth großes Vergnuͤgen an ſolchen wilden Streifzuͤgen, wie er ſie nannte, fand, beſchloß er, nach einem fruͤhen Mittageſſen von allen ſeinen Muͤhſeligkeiten und Bekuͤmmeruiſſen aus⸗ zuruhen, vorausgeſezt, daß ſie ins Freie gehen wuͤrde, um ihrem eigenen Geſchmacke nachzu⸗ haͤngen. Nachdem man ſich hieruͤber vereinigt hatte, ſchickte man allererſt Fr. Chriſty und ihre Brut mit dem Auftrage weg, Friſel, wo ſie ihn ſehen wuͤrde, zu ſagen, daß ſein Herr mit dem hoͤchſten Mißfallen vernommen habe, daß er ſich noch in Schottland befinde. 1 „Allein was kann er dafuͤr?“ ſagte Fr. Chriſty. Sagte ich nicht— aber Robbie's Erbfaͤhigkeit hat mir alles aus dem Sinn gebracht— daß John Harletillum euern Kammerdiener geſtern der Aufſicht des Hausherrn des Kerkers zu Rock⸗ ſtown uͤbergeben hat?“ „Meinen treuen Diener!“ rief Monkshaugh, tief beſtuͤrzt aus. „ Ein Troſt und Segen iſt es, daß Robbie's⸗ Erbſchaftsſache in's Reine kommt; denn wenn Monkshaugh ſie mit der Schulter beruͤhrt, ſo iſt⸗ ſie eine gewonnene Sache, ſagte Franz.“ Eine Botſchaft des Troſts und der Ermun⸗ terung wurde Friſel durch das Weib geſchickt, das ſeine Geſchicklichkeit ihm zu dienen genoͤthigt, und das ſich verpflichtet hatte, ihn nach ihrer — 271 Ruͤckkehr im Kerker zu beſuchen, um ihm den Erfolg ihrer Reiſe mitzutheilen. Neunundzwanzigſtes Kapitel. Das Gaſtmahl. Wenn das Gelag am wildſten tobt, Der Kelch, begränzt von Weinlaub und von Roſen, In Purpur funkelt— wenn des Schmauſers Lippe Sich nach dem Becher krümmt, dem lockenden, Dann fährt das ſcheußliche Geſpenſt dazwiſchen, Zur Erd' ihn werfend, wo die reichen Tropfen Wohl Keiner wieder ſammelt. Das Gaſtmahl. Einige Tage, nachdem Delanch den Laird von Monkshaugh und ſeine ſchoͤne Begleiterin auf ihrem Wege nach dem Sanktuarium zu Holyrood eingeholt hatte, gab Hr. Hutchen dem Adel der Nachbarſchaft, an deſſen Spitze Lord Rantletree ſtand, ein großes Diner. Die Sache kam ungelegen; allein ſie ließ ſich nicht aͤndern. Hr. Hutchen war nicht recht aufgeraͤumt, und verhuͤllte wirklichen Gram und Kummer unter dem Scheine einer hohen Froͤhlichkeit. Ehe Delancy in das Verſammlungszimmer trat, war die ganze Geſellſchaft in ihrem ſchoͤn⸗ ſten Putze verſammelt. Lady Harriette allein war noch in ihrem Hauskleide, und ſaß, mit Zeichnen beſchaͤftigt, fern von der Geſellſchaft, an einem kleinen Tiſche. „Keine Briefe an mich, Delauch?— Gut, Geduld.— Nehmen Sie jedoch einen Stuhl und 272 ſetzen Sie ſich neben mich.— Wie verwirrt doch Se. Herrlichkeit von Rantletree ausſieht, um den Grund meines Negligées zu erfahren. Er betrachtet mich ſchon ſeit einer halben Stunde mit ſo tiefem Ernſte, als mein Affe zur See zu zeigen pflegte, wenn er Copely, der eine Beobach⸗ tung machte, nachahmte. Mein unregelmaͤßiges Betragen iſt jedoch heute nicht ganz Ziererei. Ich wuͤnſchte wirklich meine Skizze von Ernes⸗ craig Tower zu vollenden. Ich bekam geſtern Morgen, Dank meinem Glaſe, eine ungemein glaͤnzende Salvator's⸗Gruppe zu Geſicht;— einen lauernden Banditen, wie Sie ſehen; und eine große Zigeunersfrau in einem rothen Nocke, beides aͤchte Figuren. Zweitens wuͤnſchte ich von dem theuern kleinen„vormaligen Lord des ſil⸗ bernen Kochtiegels“ zu hoͤren.— und drittens und endlich, Ihnen zu ſagen, daß, wenn ich mich auf finſtere Geſichter verſtehe, der Ochſen⸗ kopf heute auf den Tiſch geſtellt werden wird. Hutchen hat einige ſeiner koͤſtlichen Documente verloren; und weiß zu dem, daß Sie Monks⸗ haugh nachgeeilt ſind. Er iſt nicht der Mann, der Ihnen verzeihen wird.“ „Mir verzeihen. Entſchuldigen Sie mich, Lady Harrrette, wenn ich nicht begreifen kann, in wie fern ig, der Verzeihung des Hr. Hutchen be⸗ darf? „Ich bin, Delancy, uͤber Ihren Mangel an feinem Geſaͤhl. erſtaunt. Daß Sie den Mann ſehen, wie er iſt, kann ich aus Ihrer Scharfſicht errathen; und daß Sie Ihre moraliſche + — 275 Wahrnehmung mir, Ihrer Baſe und Freundin, nicht verbergen wollen, glaube ich von Ihrer Aufrichtigkeit und meiner wohlbekannten Ver⸗ ſchwiegenheit erwarten zu duͤrten.— Aber was wird die Welt ſagen?— Was wird Frau Grundy von einem ſolchen rebelliſchen Betragen von Sei⸗ ten eines erkorenen Schwiegerſohns ſagen?“ Delancy laͤchelte und erroͤthete ein wenig.„Die Welt— ſo albern ſie auch iſt— kann nicht ganz ſo laͤcherlich ſeyn, als Euer Gnaden ver⸗ muthen.“ „Ich verſichere Sie im Ernſte, es iſt ſo,“ erwiederte die Dame.„Ich geſtehe, Ihre liaison hier macht mich verlegen, wenn es nicht dieſe Bewandtniß mit ihr hat. Zudem iſt die Sache zur voͤlligen Zufriedenheit aller alten Weiber in. der Umgegend, moͤgen ſie nun ſchwarze ſeidene Hoſen, oder weiße Unterroͤcke mit Franzen tra⸗ gen, ausgemacht und entſchieden.“ „Ich ſtraͤube mich nicht dagegen, meinen ge⸗ buͤhrenden Theil zum oͤffentlichen Zeitvertreibe beizutragen,“ ſagte Delancy.„Allein Eure Herr⸗ lichteit kann mich nicht wirklich fuͤr ſo arm an Greſchmack und Gefuͤhl, ja an gemeinem thie⸗ riſchen Verſtande halten, daß Sie glauben, ich werde eine ſolche Wahl treffen, werde dieſes Fraͤulein lieben!“. „Gut! Aber dann begreife ich nicht, was Sie hier thun.— Ich vermuthe, Sie werden Sich alsbald in jenen Schloßthurm begeben?— Oder gehen Sie nach Monkshaugh? In der That, Hr. Hutchen hat ſo viele unbewohnte Wohnſitze, 274 als der Sultan in der morgenlaͤndiſchen Erzaͤh⸗ lung verlaſſene Doͤrfer hatte. Wie ſehr iſt mir dieſer Mann zuwider!— Es iſt nicht Haß, was ich fuͤhle; ſondern eine ſchreckliche, in mei⸗ nen Nerven liegende Antipathie, um deren wil⸗ len ich mich faſt ſelbſt verachte.— Kann die ſer aufgelaufene Habicht noch ferner aufſchwellen, ohne zu berſten. Delancy, iſt mein gegenwaͤr⸗ tiges Leben nicht ein wahres Strafleben?— Das Weib iſt ein harmloſes ſummendes Inſekt, auf das ich nicht achte— die Tochter ein flim⸗ merndes ſtechendes Inſekt, das ich von mir ab⸗ ſtreife, ohne es zu erdruͤcken— allein der Mann iſt mir zum Eckel! Das bloße Knarren ſeiner Schuhe macht mein Blut gerinnen; ſein anhal⸗ tendes, langathmiges Einſchluͤrfen, wenn er ſeine Suppe verſchluckt, macht mein Fleiſch ſchauern, erregt einen unertraͤglichen Eckel in mir.— Allein verlaſſen Sie uns?— Soll ich allein, hier gelaſſen werden 2* „In dieſer Nacht gehe ich nach Ernescraig. Ich wuͤrde ſchon laͤngſt dahin gegangen ſeyn, wenn es nicht, nebſt andern Gruͤnden, geſchienen haͤtte, ich wolle die junge Dame von ihrem Herde vertreiben.— Zudem werden Sie mir die groͤßte Gefaͤlligkeit erweiſen, wenn Sie mir ſchwoͤren, daß Juliana's Grauſamkeit mich, gleich dem unſterblichen Don Quixote, gezwungen hat, vor Ihren Augen auf jenem Felſen dort, Buße zu thun, was auch gar kein Wunder ſey.“ „Hierin liegt ein Raͤthſel!— Ich werde je⸗ doch ſchwoͤren. Allein jezt iſt mein Geſchaͤ 275* beendigt. Geben Sie mir Ihren Arm bis zu jenem Fenſter. Nach allem iſt ein vollgedraͤng⸗ tes Verſammlungszimmer fuͤr ein téie⸗à-téte der beſte Platz in der Welt.“ Sie blickten, an dem Fenſter angekommen, nach dem fernen Thur⸗ me von Ernescraig. Ein goldenes Lichtmeer, das hinter einer ſchwarzen dichten Wolke ber⸗ vorſtroͤmte, umwallte das fantaſtiſche Gebaͤude gleich einem die Sonne umgebenden Hofe, und goß ſanfte Tinten uͤber das Buſchwerk und die ſtarrenden Felſen aus, von welchen es umgeben war.„Einen herrlichen Eindruck machen dieſe wandernden Abendlichter,“ fuhr die Dame fort. —„Dieſer alte Thurm hat heute eine wun⸗ derbare Anziehungskraft fuͤr Sie und Hutchen?“ Herrn Delancy's irlaͤndiſcher Bedienter ſchritt uͤber den Wieſengrund und naͤherte ſich dem Fenſter, das ſein Herr, auf ein Zeichen, oͤffnete. Eine gefluͤſterte Botſchaft ſchien einen unge⸗ woͤhnlichen Eindruck auf den jungen Mann zu machen. Er veraͤnderte ſeine Farbe mehrmals; und Lady Harriette bemerkte, wie Hutchens Au⸗ gen ſcharf und argwoͤhniſch auf ihn geheftet waren. „Um's Himmels Willen, Delancy, ſpringen Sie nicht hinaus!“ ſagte die Dame, ihre Hand an ſeinen Arm legend.„Sammeln Sie ſich — ſpaͤhende Augen belauſchen Sie. Wenn Sie dieſer ſonderbaren Auͤfforderung gehorchen muͤſ⸗ ſen, ſo thun Sie dieß als ein Mann, der bei geſundem Verſtande iſt. Feſſeln Sie Herrn Hut⸗ chen an ſeinen Tiſch und mich an ſeinen Ellen⸗ 276 bogen, bevor Sie ſich eufernen, wenn Sie je eine ſolche Zuſammentkunft ſuchen ſollen.“ „Suchen muß ich ſie, Lady Harriette— hohe Intereſſen haͤngen davon ab.“ „Alte Thuͤrme und Weiber in rothen Maͤn⸗ teln, die auf junge Herrn bei den Furthen des Oran warten! dieß iſt ein noch groͤßeres Raͤth⸗ ſel! Aber morgen, mein zunger Vetter, muͤſſen Sie mir beichten.“ „Heute Nacht— jezt— ich bitte Sie, hoͤren Sie mir zu!“. „Auf dieſe Art alſo in den Beichtſtuhl!“ ſagte die Dame, und fuͤhrte Delancy auf einen Balkon, der mit Immergruͤn und exotiſchen Pflanzen geſchmuͤckt war.—„Ich hoffe Hut⸗ chen nicht zu betruͤgen, Delancy, ſeine Scharfſicht uͤberſteigt meine Gewandtheit, ich bekenne es demuͤthig; allein ich kann vielleicht Ihr Ent⸗ fliehen auf eine halbe Stunde moͤglich machen, und ihn zwingen, hier zu bleiben. Wird Ih⸗ nen damit gedient ſeyn 2 Sprechen Sie, ſo lange ich mich hinabbuͤcke, um dieſe Kamelia zu be⸗ wundern. Hutchens ſicherer Inſtinkt hat bereits den Gegenſtand unſerer Unterhaltung geargwoͤhnt. Allein wir muͤſſen ihm das Kompliment machen, uns nicht merken zu laſſen, als wuͤßten wir, was fuͤr ein arger Schurke er iſt.“ „So laſſen Sie mich alſo reden,“ ſagte De⸗ lanch, mit der Heftigkeit der Leidenſchaft.„Sie kennen die ungluͤckliche Geſchichte der Dame, welche die junge Verlobte des Lord von Bruce war. Sie koͤnnen nicht wiſſen, wie viel ich— 277, ihr ſchuldig bim, die fuͤr mich der Gegenſtand⸗ kindlicher Ehrfurcht und enthuſiaſtiſcher Zunei⸗ gung war, ſeit ich⸗Gutes von Boͤſem zu unter⸗ ſcheiden vermochte. Guter Gott! welch' ein ed- les und guͤtiges Geſchoͤpf iſt unter uns gaͤnzlich⸗ vernichtet worden! Der Gedanke an ihr Schick⸗ ſal hat mein Blut kochen gemacht und meine Wange mit Schamroͤthe bedeckt, ſeit ich zu fuͤh⸗ len faͤhig war. Ihr aͤlteſter Bruder, O'Connor des Weſtens, geaͤchtet— ein Fluͤchtling— des Lebens wegen gejagt, findet Schutz in jenem Thurme. Ihr fruͤher Liebhaber, dieſer ungluͤck⸗ liche von Bruce, deſſen Schickſal ihr, vermuthe ich, unbekannt iſt, obſchon er auf immer in ihren Gedanken leben muß, iſt der Gegenſtand einer niedrigen Verſchwoͤrung, von der ich Ih⸗ nen in dieſer Nacht ein Weiteres ſagen werde. Aber O'Connor— ich fuͤrchte, daß ſein Zu⸗ fluchtsort bereits entdeckt iſt.“ „O'Connor des Weſten!“ wiederholte die Da⸗ me; und ihre Lippen wurden weiß wie ihr Kleid⸗ —„Iſt er nicht ſchon vor. Monaten auf das⸗ Feſtland entflohen?“ „Lady Harriette, Ihnen iſt nicht wohl. Er⸗ lauben Sie, daß ich, Ihnen ein. Glas Waſſer⸗ hole.“ 3 „Ums Himmels Willen nicht!— Der Geruch. von dieſen Pflanzen.— Es iſt ſchon voruͤber. Aber haben Sie Ihren Oheim durch die Unterſtuͤtzung ſeines bitterſten Feinds zu beleidigen gewagt?“ „Weil ich die Ehre und die Gerechtigkeit mehr liebe, als ich meinen Oheim achte, oder ſeine 278 Guͤter bewundere. Lady Harriette, Ihre Na⸗ tur iſt, ſelbſt wider Ihren Willen, edel. Ich⸗ verlange Ihren Beifall fuͤr eben dieſes Wagniß.“ „Bravo! mein beſcheidener Vetter!“ „Auch bekuͤmmere ich mich in dieſem Augen⸗ blicke um nichts, als um O' Connors Sicherheit. Ich wuͤnſchte, mein Blut koͤnnte die Verbrechen unſerer Famille gegen dieſes ungluͤckliche Ge⸗ ſchlecht ſuͤhnen! Ich koͤnnte Ihnen ſo ungemein belebende Beiſpiele wilder und ergebener Treue gegen dieſen ungluͤcklichen Verbannten anfuͤhren,⸗ wegen deſſen Verhaftung mein Oheim,— ich⸗ ſchaͤme mich, es zu ſagen— mit dieſer Perſon⸗ in dieſem Augenblick in lebhaftem Briefwechſel ſteht.“ Er warf einen verſtohlenen Blick auf Hutchen. „Und O'Connor war der lauernde Bandit meiner Skizze?“ „Er war es in der That. Von ihr, die ich⸗ meine Tante zu nennen kaum wagen darf, auf⸗ gefordert, miethete ich dieſen Thurm von Er⸗ nescraig, um ihren Bruder zu ſchuͤtzen; allein die Netze umſchließen uns nahe. In der vori⸗ gen Nacht lag er in Fugal's Huͤtte verborgen; dieſe Nacht aber werden Wachen an den Bruͤ⸗⸗ cken und Furthen ausgeſtellt werden. Heute Racht muß ich ihn dem Schutze des Herrn Ha⸗ liburton anvertrauen, ſo unſicher der Zufluchts⸗ ort auch iſt, und ſo abgeneigt ich O'Connor. auch finde⸗ irgend jemand in ſein Schickſal zu verwickeln.“ Die Dame hatte mit tiefem Antheile zuge⸗ * 279 hört, und ſagte jezt haſtig:„Bringen Sie ihn hieher— in Ihre eigenen Gemaͤcher— in die meinigen. Die kuͤhnſten Maßregeln ſind in den⸗ verzweifeltſten Faͤllen ſtets die ſicherſten.“ Das Geſicht des jungen Mannes wurde hell. „Tauſendfaͤltigen Dank fuͤr den edeln Vorſchlag eurer Herrlichkeit. Ich ſoll O'Connor in der. Wildniß treffen, wenn der Mond ſinkt!“ „Und ich werde weder ſchreien noch ohnmaͤch⸗ tig werden, wenn ich ihn eine Stunde nach⸗ her in meinem Zimmer finde. Die Weiber wiſ⸗ ſen gluͤcklicherweiſe nichts von politiſchen Ver⸗ brechen. In ſchlimmen Zeiten ſind ſie ſtets eine Art Regenbogen, der den ſtuͤrmiſchen Ho⸗ rizont erhellt, und die Ruͤckkehr des Friedens verheißt. Allein laffen Sie uns die Unterhal⸗ tung beenden, oder Lord Rantletree's Augenner⸗ ven werden ſpringen.“ Mit dieſen Worten⸗ ging ſie hinweg und rief: „Im Namen aller Grazien, Horen und⸗Amo⸗ retten, Dr. Draunt, ſagen Sie mir, ob die Zeit des Diner nahe iſt?“ „Diejenigen, welche ſich ein Gewiſſen daraus⸗ machen, zwiſchen dem Fruͤhſtuͤck und dem Mit⸗ tageſſen etwas zu genießen, Lady Harriette“’— „Sind ſelten taub gegen die Mittagsglocke. Ich hoͤre ſie nie!— Waͤrde es nicht beſſer ſeyn, Doktor, wenn der Koch mit dem Hefte ſeines Vorſchneidmeſſers klopfte, wie vor Alters, und dann Lochiels Kriegsgeſchrei an den Thuͤ⸗ ren unſerer Verſammlungszimmer erhüͤbe: 280 „Kommt zu mir, Voͤlfe und Rabem, und⸗ ich will euch Fleiſch geben.“ Mein theurer⸗ Lord Rantletree, Sie muͤſſen in der That irgend eine angemeſſenere Art erſinnen, verhaͤrtete Ge⸗ ruchsnervem, wie die meinigen, zu ruͤhren.“ „Eure Gnaden meinen vielleicht die Gehoͤr⸗ nerven, die meatus auditores,“ ſagte Se. Herr⸗ lichkeit. Wahrſcheinlich wußte die Dame ſälbſt nicht recht, was ſie meinte; allein die Miene ernſter Ueberraſchung annehmend, ſagte ſie:„Und iſt es moͤglich, mein theurer Lord Rantletree, daß Sie nicht mit Ihren Ohren riechen koͤnnen 70 „Mit meinen Ohren riechen, Lady Harriette Copely! ich muß geſtehen“— „Ich ſehe es jezt, Mylord,“ unterbrach ihn die Dame;„denn Sie fehen jezt aus, wie der Mann in Triſtram Shandy, dem jemand ſagt: Mein Herr, Sie haben keine Naſe!“ „Keine Naſe! Lady Harriette Copely,“ ver⸗ ſezte der Pair, ſowohl beſtuͤrzt, als beleidigt durch ihren puren Unſinn. „Eine merkwuͤrdig feine, breite und hohe roͤ⸗ miſche Naſe, ſagte Frau Hutchen.“—„Eure Gnaden“— „Ja, meine theure Frau Hutchen; aber ich uͤberlaſſe es Ihnen, John, Ihrer Mamma zu erklaͤren, wie eine Dame mit Aug, Ohr, Mund und Raſe riechen kann“— und ihr Auge heftete ſich auf Hutchen—„und wie ein Gentleman mit einer merkwuͤrdig feinen, breiten und hohen romiſchen Naſe keine Naſe haben kann.— Nein, * —,— 281 Doktor, keine goldenen Ermahnungen uͤber die Flucht der Zeit.— Ich gehe!“ Der Doktar ſteckte ſeine goldene Uhr ein, und in wenigen Minuten kehrte die Lady zuruͤck, in glaͤnzendem Putze, und mit der ſorgloſen, un⸗ befangenen Miene einer uͤber ihren Putz erha⸗ benen oder deſſelben unbewußten Perſon, und mit dem Ausſehen einer eleganten und noch ſehr huͤbſchen Frau, die ſie auch wirklich war. „Das iſt Zauberei!“ riefen die juͤngern Da⸗ men, ſich um ſie— oder ihre Diamanten, her⸗ draͤngend. „Eine Schauſpielerin vom vierten. Range wuͤrde ihre Toilette ſchneller beendigen,“ ſagte Lady Harriette, zu ſtolz, als daß ſie Geſchmack an Komplimenten uͤber einen ſo ſchaalen Gegen⸗ ſtand haͤtte finden koͤnnen.„Das Ankleiden iſt. gleichwohl ein ſehr artiger weiblicher Zeitvertreib, beſonders auf dem Lande: ich bringe zuweilen. ganze Stunden mit groͤßtem Vergnuͤgen und vollkommener Unſchuld damit zu. Es gehoͤrt zu den harmloſeſten weiblichen Beſchaͤftigungen, die ich kenne. Was ſollten wir, Doktor, mit dieſen unſern Koͤpfen und Leibern, von der Zeit an, in welcher wir den Puppen entſagen, ma⸗ chen, wenn wir ſie nicht zu ſchmuͤcken haͤtten?“⸗ Die Graͤfin von Rantletree, die jeden Mor⸗ gen um 7 Uhr aufſtand, fuͤr jede halbe Stunde. des Tages beſtimmte Geſchaͤfte feſtſezte, und⸗ ungleich mehr ſtrickte, als irgend eine andere Pairsfrau in Schottland, fluͤſterte Frau Hutchen. etwas ungemein Verſtaͤndiges uͤber den Muͤſſig⸗ 232 gang„feiner Damen,“ zu, das ihre Wirthin, ſowohl aus einem Gefuͤhle ſittlicher Schicklich⸗ keit, als aus Hoͤflichkeit laut unterſtuͤtzen zu muͤſ⸗ ſen glaubte. „Wiſſen Sie, Frau Hutchen, daß Landdamen und haushaltende Damen vielen Unſinn von uns„feinen Damen“ ſprechen,“ ſagte Lady Harriette. 8 „Ich bitte Sie tauſendmal um Verzeihung, Lady Harriette. Ich vermaß mich nie, Eure Gnaden, mit Ihrer. Thaͤtigkeit und Ihren Ta⸗ lenten, unter dieſe Klaſſe zu rechnen.“ 3 „Ich mache fuͤr mich ſelbſt auf dieſen Titel Anſpruch, Frau Hutchen. Ich bin ſicherlich. eine„feine Dame“, wenn es ein ſolches Ding⸗ gibt; denn ich bin, wie die Graͤfin weiß, ſehr muͤſſig; wie jedermann weiß, ſehr verſchwende⸗ riſch, und wie ich anzuerkennen bereit bin, ganz unnuͤtz, und doch will ich, trotz der fuͤnf⸗ hundert Baͤnde, die erſchienen ſind, um Ihnen zu ſagen, was fuͤr eine eitle Welt bie Modewelt⸗ iſt, zu behaupten wagen, daß ſie weder ſo fri⸗ vol, ſo ſelbſtſuͤchtig, oder auch ſo muͤßig iſt, als die vereinte Autoritaͤt und Weisheit derſel⸗ ben vorgeben. Unſere Beſchaͤfligungen moͤgen geringfuͤgig ſeyn, aber, der Himmel weiß es, wir arbeiten hart genug in unſerem Berufe. Das Leben einer Tageloͤhnerin iſt ſchwelgeriſche Ruhe gegen das Leben einer modiſchen Standes⸗ frau, die, um ihren Platz zu behaupten, mehr Baͤnde durchleſen muß, als ein Kritiker— mehr ſpielen, als ein Muſiklehrer— zwanzigmall — — * 28³ mehr Briefe ſchreiben, als Pamela, oder Miß Seward— Kuͤnſtler beſchuͤtzen— literariſche Werke kritiſiren— beſuchen und beſucht werden — alles ſehen— und jedermann kennen, waͤre es auch nur um zu ſagen, daß ſie ſie nicht kenne. Ueberdieß muß ſie Schuhe und Struͤmpfe tragen, und ihre Haare gekaͤmmt haben, ſo gut als an⸗ dere Frauen; ja ſie muß zuweilen den Kuͤchen⸗ zettel uͤberblicken, die Haushaͤlterin ausſchelten — und ſogar gelegentlich ein krankes Kind pfle⸗ geu.“ „Kurz, die feinen Damen ſind die am grau⸗ ſamſten verlaͤumdete Klaſſe der ſchoͤnen Unter⸗ thanen Sr. Majeſtaͤt,“ ſagte Dalanch, laͤchelnd uͤber dieſen aͤchten Ausbruch des esprit de corps. „Ich war gewoͤhnt, Delancy, das Land fuͤr den Aufenthaltsort unbefleckter urſpruͤnglicher Unſchuld zu halten, bis ich aus Erfahrung fand, daß laͤndliche Baͤlle und Gaſtmaͤhler das Wachs⸗ thum einer ernſthaften Zuneigung, oder das Aufkeimen edler Geſinnungen und Gedanken eben ſo wirkſam hemmen koͤnnen, als der wil⸗ „eſte Wirbel des Modelebens in London.“ „Der Geiſt iſt an ſeinem eigenen⸗ Platze,“ ſagte Dr. Draunt. „Und ſein natuͤrlicher Jeſuitismus nimmt kein Ende,“ ſagte Lady Harriette, mit mehr Ernſt, als ſie gewoͤhnlich an den Tag legte.„Es iſt. moͤglich, Doktor, daß ſelbſt das Getoͤſe des Pre⸗ digthoͤrens und das Gepraͤnge oͤffentlicher Mild⸗ thaͤtigkeit eine Dame eben ſo unfaͤhig zu dem machen kann, was man mit einem beliebten f 264 Ausdrucke, die„anmuthigen Pflichten eines Weibes“ heißt, als die wildeſten Frivolitaͤten der Mode— mit dem weitern unguͤnſtigen Um⸗ ſtande, daß die Lady ſich einbildet, es liege et⸗ was beſonders Preiswuͤrdiges in ihrem Betra⸗ gen, und etwas ungemein Tadelnswerthes in dem Betragen ihrer Nachbarin. Ich glaube nicht, daß die begeiſtertſte Anhaͤngerin der Mode ſich nur im mindeſten fuͤr tugendhafter oder liebens⸗ wuͤrdiger halten wird, weil ſie einen Ball ge⸗ geben hat, oder in der letzten Nacht in der Oper geweſen iſt. „Es gibt eine andere Klaſſe, Lady Harriette, die Sie nicht erwaͤhnen,“ ſagte Delancy, in einem ernſten Tone, der dem ihrigen entſprach. „Und wo iſt ſie zu finden? Delaney— in den Wolken— in dem Buͤcherlande— im El Do⸗ rado? Nein, nein, ich muß mich an die Welt halten, die ich kenne, und ich ziehe meine eigene Hemisphaͤre vor. Wenn wir bei dem Suchen nach Gluͤckſeligkeit, dem Ziel und Ende unſeres Seyns, alle irre gehen, ſo laſſen Sie mich we⸗ nigſtens die Aufregung der Jagd fuͤhlen. Un⸗ ßere Zirkel zeigen eine groͤßere, koͤrperliche und geiſtige, Thaͤtigkeit als irgend ein anderer. Wir erwerben uns folglich mehr Talent. Wir ſind artiger und gewandter als Kuͤnſtler; ſie arbeiten um Brod— wir ſtreben nach Ruhm. Die Sitte iſt die Ritterlichkeit der neuern Zeiten. Wohlan denn! John, mit Ihren langen Spo⸗ ren à la gloire!“ Der ſchlanke John blickte uͤber ſeine breiten —* * * 2³b⁵ Schultern und ſeine verbraͤmte Jacke nach ſei⸗ ner bewaffneten Ferſe, mit unſaͤglicher Selbſtge⸗ faͤlligkeit, als die Dame ſeinen Arm nahm. „Allein Sie tragen Ihre Sporen, ohne ſie zu gewinnen.“ Sie warf einen ſchnellen Blick auf der Graͤfin Lieblingskleid von Atlas. John's Augen funkelten vor einverſtandenem Entzuͤcken, und an einem Winkel der großen Treppe gewann er ſeine Sporen, indem er die Schleppe von dem geliebten Kleide vollſtaͤndig trennte. 3 Mitten in dem Laͤrme, den die vielen Beileids⸗ bezeugungen, Anerbietungen von Stecknadeln, Bitten um Verzeihung, und die vaͤterlichen Dro⸗ hungen wegen der langen Sporen, verurſach⸗ ten, bewog Lady Harriette die Graͤfin, ſich auf ihr Zimmer, zum Behufe einer voͤlligen Aus⸗ beſſerung, zu begeben, und ſo deckte ſie Delancy's Ruͤckzug, indem ſie ihn abſchickte, die Wiedererſcheinung der Graͤſin abzuwarten, um ſie ſicherer in das Speiſezimmer zu fuͤhren. Waͤhrend dieſer Zwiſchenzeit haͤtte ein ſcharfer Beobachter einige Zeichen von Unbehaglichkeit auf dem Geſichte des Wirths entdecken koͤnnen; allein der junge Herr kam mit der Graͤfin zu⸗ ruͤck, und die Einzelnheiten eines grand dinner erfolgten ſo ſchwerfaͤllig als gewoͤhnlich. Ein oberflaͤchlicher Beobachter haͤtte dieſen Tag fuͤr den ſtolzeſten in Hutchens Leben hal⸗ ten koͤnnen. Alles was jene geſchaͤftigen und erfinderiſchen Diener der Schwelgerei und der Mode, die man Handelsleute(trades-people) 286 nennt, Reiches und Seltenes liefern konnten, wurde in dieſem Saal zuſammengehaͤuft, und bei dem Gaſtmahle verſchwendet, an welchem die Schoͤnen und die Edeln Theil nahmen. Die finſtere Gemuͤthsſtimmung des Wirths wich endlich, mit Huͤlfe der leichten franzoͤſiſchen Weine, die zwiſchen den Gaͤngen herumgereicht wurden, dem Zauber der Scene, als deren Mittelpunkt und Schoͤpfer er ſich fuͤhlte. Er fing an, als wohlunterrichteter Liebhaber von den Gewaͤchſen vom Rheingau und Hochheim, von dem Grafenberger und Johannisberger, und von den alten griechiſchen Weinen zu ſpre⸗ chen. Allein Frau Hutchen zog Conſtantia vor, worin ihr die Graͤſin beipflichtete. Der Carl beugte ſich zuruͤck, richtete ſich in ſeinem Stuhle auf, und beobachtete die ſenkrechte Richtung ſo genau und ſtandhaft, daß ſein Wirth das Ge⸗ ſpraͤch auf den Handel lenkte. Der Korreſpon⸗ dent ſeines Bruders Andreas in Krakau hatte einige Flaſchen von dem Vino Vitrawno heimge⸗ ſchickt, die er wirklich auf ſeinem niedrigen Tiſche zu ſehen ſich ſchaͤmte.„Wollte der Graf ihm doch erlauben, ſie, nach ſeiner demuͤ⸗ thigen Pflicht, nach Rantletree's Haus zu ſchi⸗ cken,— wie die Griechen das Ueberſtroͤmende ihres erſten gekroͤnten Bechers den Goͤttern als Libation ausgoſſen.“ „ FJupiter winkt Beifall,“ ſagte Lady Har⸗ riette, als der Graf ſeine ambroſiſchen Locken, zum Zeichen ſeiner gnaͤdigen, ja beſcheidenen Annahme, ſchuͤttelte. Herrn Hutchen's Dank⸗ 2837 barkeit fuͤr dieſe Guͤte wurde durch den Anblick eines kabbaliſtiſchen Papiers, das halbverborgen unter den vor ihm liegenden Trauben lag, mit⸗ ten in ihrem Laufe gehemmt. „Eine aͤcht orientaliſche Mittheilungsart,“ ſagte Lady Harriette,„ein parfumirtes Billet, unter Fruͤchten und Blaͤttern verborgen.“ „Parfumirt! Pah! es riecht teufelmaͤßig nach Tabak,“ ſagte der ſchlanke John. „Irgend ein armſeliger Witz Ihrer Bekann⸗ ten, Herr John,“ ſagte Hutchen, das Papier ergreifend, und es mit der Hand zerknitternd. Gleich der Frau des Graͤnz⸗Marodeurs, die ein Paar Sporen unter einer bedeckten Schuͤſſel hereinſchickte. Laſſen Sie es mich wieder ſehen, Sir, das Sie den Fuß mit Sporen in ein Ver⸗ ſammlungszimmer ſetzen!“ Dieſe angenommene Leidenſchaft wurde von der Lady, deren ſcharfes Auge in ſeinem Inner⸗ ſten zu leſen ſchien, nach ihrem wahren Werthe gewuͤrdigt. Er aͤnderte ſeine Farbe,— ein kal⸗ ter Thau bedeckte ſeine Stirne, als er ſein Auge ein zweitesmal von dem Talisman erhob und dem raſch abgewandten Blicke der Lady Harriette begegnete.— Frau Draunt war uͤber⸗ zeugt, daß es der Geruch der Melone war, der ihr in der That immer zu beſondern Zeiten den Kopf einnahm.— Lady Rantletree war 4 eben ſo feſt uͤberzeugt, das es ein Wurm auf der Pfirſche, die auf ihrem Teller lag, war.— Und John war uͤberzeugt, daß es der Tabaks⸗ geruch des Billets war.— Herr Hutchen geſtand, 5 206 es koͤnne beides, die Melone und der Wurm, ſeyn, allein jezt befinde er ſich wieder ganz wohl, ſo wohl, als je in ſeinem Leben. Es folgte ein Geſpraͤch uͤber Antipathien.— Frau Hutchen war die Maͤrtyrin eines Froſchs — und Juliana ſtarb bei'm Anblicke eines Ro⸗ chen, was kein Wunder war, das man zwei in der Anſtalt der Madame Vipont geſehen hatte.— Allein die Graͤfin geſtand, daß ihr edler Geiſt bloß durch eine Maus erſchreckt werde. „Ich wußte nie, was Furcht war!“ ſagte Se. Herrlichkeit. „Denn, Mylord, haben Sie nie ein Licht mit Ihren Fingern gepuzt,“ rief John, der jezt ſeinen vollen Antheil am Champagner und Burgunder hatte, und ſich wenig um die elek⸗ triſche Wirkung, die ſeine Freimuͤthigkeit auf die Geſellſchaft hervorbrachte,, oder um die wil⸗ den Blicke ſeines Vaters, bekuͤmmerte. Dr. Draunt, ſeinem Berufe zufolge ein Frie⸗ densrichter, hielt den Augenblick fuͤr geeignet, ſeine moraliſchen Lehren auszukramen; und ging von den Antipathien der Damen auf„den abſcheulichen Wurm“ uͤber, der auf der Wange der Schoͤnheit ſchwelgt;„auf die aufgelaufene Spinne,— die Ratte des Beinhauſes,— und die Tarantel an ihrer ſcheußlichen Arbeit.⸗ „Vater, es wird Ihnen wieder uͤbel!“ ſagte John in aͤngſtlichem und ſelbſt liebevollem Tone. Herr Hutchen verſchlang ſeinen Wein ſchnell⸗ und hieß John ſchweigen. „Vater, Sie ſind ſehr unwohl,“ ſagte John, nach 289 nach einer kurzen Pauſe, abermals in beſorg⸗ tem Tone.— Herr Hutchen runzelte die Stirn, und die Damen entfernten ſich. Eine kalte, neblige, ſowohl moraliſche als materielle, Atmoſphaͤre umhuͤllte das Verſamm⸗ lungszimmer. Lady Harriette begab ſich auf ihr Zimmer, um, wie ſie ſagte,„dem unertraͤg⸗ lichen Rauche eines nach pbiloſophiſchen Grund⸗ ſaͤtzen verfertigten Roſtes“ zu entgehen. Miß Juliana's Harfenſaiten ſprangen gerade, als ſie „Jenes liebliche Ding,“ beginnen wollte, das Frau Draunt ſie fruͤher ſpielen gehoͤrt hatte, deſ⸗ ſen Name ihr aber ums Leben nicht beifiel; und als Se. Herrlichkeit eintrat, brach das hehre, durch ſeine perſoͤnliche Wuͤrde erregte Zit⸗ tern, oder irgend eine andere eben ſo gewich⸗ tige Urſache die feingearbeitete Kette entzwei, an der die praͤchtige Lampe hing, ſo daß dieſe in tauſend Stuͤcke zerfplitterte. Groß war der Schrecken— allein Frau Hutchen wuͤrde ſich gewiß um die Lampe oder den Teppich keinen Strohhalm bekuͤmmert haben, wenn nicht das Pottwallfiſch⸗Oel— zum guten Gluͤcke war es aͤchtes, reines Pottwallfiſch⸗Oel, wie ſie immer brannten— die Struͤmpfe Sr. Herrlichkeit be⸗ fleckt haͤtte. Selbſt dieſe„ſchmeichelhafte Oeh⸗ lung“ beſaͤnftigte den Pair nicht, der auf die Umſtehenden mit einer Miene blickte, die zu ſa⸗ gen ſchien,„warum und wozugſie ihn in eine ſo ungeziemende Scene verſetzt haben?“ Er Eliſ. v. Bruce. II. 43 290 fragte, ob Ihre Herrlichkeit nicht glaube, daß es hohe Zeit ſey, den Wagen vorfahren zu laſ⸗ ſen, um nach Rantletree Haus zuruͤck zu keh⸗ ren. In dieſer Noth gebrauchte Dr. Draunt ſein ſeidenes Schnupftuch, um das verlezte Glied zu erwaͤrmen, FJulia bat um ein Concert, Frou Hutchen war ungemein beleidigt und gekraͤnkt— und an den Mond ſogar appellirte man wegen der grauſamen Abſicht des Lord, der folglich voͤllig entſchloſſen wurde, ſeinen Kaffee mit der wuͤrdevollen Feſtigkeit eines Stoikers verſchlang, und die Graͤfin ſelbſt nach dem Wagen fuͤhrte. Dreißigſtes Kapitel. Die Wildniß.* Hutchen hatte, in dem Laufe dieſes großen Tags, manche Angriffe auf ſeine Gleichmuth von Frau, Tochter, Sohn, Gaſt, Koch und Kellermeiſter, und tieferen Urſachen, mit bewun⸗ dernswuͤrdiger Standhaftigkeit beſtanden; allein gegen Lord Rantletree's lezte Albernheit, die zu 1 einer andern Zeit ſeine Lachſucht erregt haben wuͤrde, vermochten ſeine Gefuͤhle nicht mehr Stand zu halten, und als der Wagen hinweg⸗ rollte, eilte er von der Hausflur in ſein Pri⸗ ——— 291 vatzimmer und rief:„Habe ich dem Teufel um ſeinen Lohn gedient?— um jene glaͤnzende Muͤnze, die den Suͤnder lockt, und in ſeinen Haͤnden zu Staub und Aſche wird.“ Abermals nahm er das geheimnißvolle Billet aus ſeiner Taſche, das alſo lautete: „Herr Hutchen, Sie jagen mich uͤber Berg und Thal.— Rufen Sie Ihre Spuͤrhunde zuruͤck, oder Sie werden mich treffen, wenn Sie es am wenigſten erwarten— ſagte ſie, die ihren Worten nie untreu wurde, und die noch geheime Zuſammenkuͤnfte halten kann, ſo wahr, als je die mitternaͤchtlichen Sterne und die Flu⸗ then des Oran bezeugten. Ich habe das alte Signal nicht vergeſſen.“ „Muß ich alſo das verzweifelte Weib ſehen, von der ich glaubte, der Teufel habe ſie ſchon lange zu ſich geholt? Wer haͤtte vermuthen koͤn⸗ nen, daß ſie hier ihr Weſen treibe?“ dachte Hutchen. Hierauf puzte er die Lampe, die auf dem Kamingeſimſe brannte, und ſtellte ſie mit ſeinen eigenen Haͤnden in das Fenſter ſeines Gemachs, ſich ſo gut als moͤglich faſſend, um den Erfolg des Signals abzuwarten. Ob ſein ungeſehener Feind in dieſer Nacht zu erſcheinen gedachte, war in der That ungewiß, obſchon eine wirk⸗ ſamere Methode, ihn in ſein Zimmer einzu⸗ ſperren, und ſeine Verbindung mit ſeinen Spaͤ⸗ hern abzuſchneiden, nicht haͤtte erſonnen werden koͤnnen. Unruhig und verwirrt ſchrin er durch 1³ ſein Zimmer, in der Gemuͤthsſtimmung des Zauberers, der, nachdem er einmal den Daͤmon gerufen hat, ſich nie wieder ſicher gegen ſeine ploͤtzliche und unerwuͤnſchte Erſcheinung fuͤhlt. Inzwiſchen war Delancyh nach dem Orte ſei⸗ ner naͤchtlichen Zuſammenkunft geſchlichen. Un⸗ gefaͤhr hundert Schritte hinter der Wohnung fank eine mit Straͤuchern bewachſene Lichtung. ploͤtzlich in eine jener Niederungen hinab, die kurz zuvor noch ein nacktes offenes Moor gewe⸗ ſen war, und deſſen ſchlammige Oberflaͤche alte Steinkohlengruben und Suͤmpfe, die von den Gruben herruͤhrten, durchſchnitten. Hutchens guter Geſchmack hatte dieſes Thal faſt in ſei⸗ nem urſpruͤnglichen Zuſtande erhalten. Der Name Wildniß, den Frau Hutchen dem Orte ſtatt des urſpruͤnglichen Beiworts Seggiedean gegeben hatte, ſoͤhnte ſie mit dieſem Flecke aus, den niemand beſuchte, als Lady Harriette, die, bei aller ihrer angenommenen Froͤhlichkeit und natuͤrlicher Lebhaftigkeit, mehr von einem wie⸗ derkauenden Thiere hatte, als irgend ein ande⸗ res Individuum der Grillenfamilie. Als Delancy ſich mit Lady Harriette's beſon⸗ derem Schluͤffel in die Wildniß begab, begeg⸗ nete er zuerſt der Kundſchafterin in ihrem ro⸗ then Rocke, und ihrer ſchwarzen ſchlottrigen Haube— demſelben unerſchrockenen Rothman⸗ tel, der Wolf Grahame begegnet und Eliſabeth in den Weg getreten war.. —*½ᷣ—, — 293 „Er iſt in Sicherheit und wartet dort auf Sie,“ ſagte ſie, nach einer Schlucht deutend, die ehedem ein Steinbruch geweſen, gegenwaͤrtig aber eine verworrene Maſſe verwachſener Ge⸗ buͤſche war, unter denen ſich hundert Menſchen haͤtten verbergen koͤnnen.„Wenn das Maͤdchen kein ſolches Rebhuhn geweſen waͤre, ſo beduͤrfte er dieſes Ihres Dienſtes nicht; denn O'Connor wuͤrde eben ſo gerne Almoſen von dem Teufel annehmen, als eine Wohlthat von einer Perſon, die engliſche Verwandte mit Fitzmaurice zaͤhlen kann.“ „Es iſt nicht noͤthig, daß er mehr weiß, als daß ich ſein Landsmann und von dem Wunſche be⸗ ſeelt bin, ihm in dieſer Noth beizuſtehen. Allein haltet ſorgfaͤltig Wache. Wenn ein Weib vor⸗ uͤbergeht, ſo gebt mir das Signal; wenn ein Mann vorbeitommt, ſo wißt ihr eure Pflicht.“ Mit dieſen Worten gab er ihr eine von ſeinen Piſtolen, die ſie als einen vertrauten Gegen⸗ ſtand handhabte, und in ihren Buſen ſteckte. „Bemerkten Sie jene Lampe und wuͤßten Sie, wo ſie brennt?“ ſagte ſie, durch das Geſtratich nach dem Lichte in Herrn Hutchens Gemaͤchern, das Delancy ein wenig beunruhigt hatte, zei⸗ gend.„Die Menſchen zuͤnden die Fackel an, um die Schlange und das Raubthier von ſei⸗ ſtem Lager aufzuſcheuchen. Jenes brennt, um ihre Biſſe zu leiten. Wenn Sie jene Lampe ausgeloͤſcht ſehen, ſo begeben Sie ſich ſicher in das 294 Haus. Ich werde O Connor nicht mehr ſehen; allein, da ich geſchworen habe, Gott und den Heiligen fuͤr ſeine Sicherheit verantwortlich zu ſeyn, ſo ſollen Sie mir auf gleiche Art verant⸗ wortlich ſeyn.“ So ſchieden ſie; und als O'Connor, bei Delansy's Annaͤherung, aus ſeinem Schlupfwin⸗ kel hinter den Gebuͤſchen hervorkam, glitt eine andere vermummte Perſon vorwaͤrts, und machte dann Halt; und eine niedere ſanfte weibliche Stimme fluͤſterte in geruͤhrtem Tone:„O Con⸗ 4 nor des Weſten!“ Delancy erkannte ploͤtzlich die Stimme ſei⸗ ner ſchoͤnen Verwandten, ſelbſt ehe ſie noch die Kaputze ihres Reiſemantels zuruͤckgeworfen hatte, 1 und in dem Sternenlichte daſtand, in welchem 5 ihre blaſſen Geſichtszuͤge deutlich zu erkennen 4 waren. „Vergeſſen!— und vielleicht mit Recht ver⸗ geſſen?“ fuhr ſie in demſelben Tone fort. Eine Bewegung der Ueberraſchung konnte an dem Fluͤchtling bemerkt werden, der nach* einer augenblicklichen Pauſe antwortete:„Die⸗ jenigen, welche ſich einnal der Ehre erfreut haben, der Lady Harriette bekannt zu ſeyn—“ Er hielt inne, als ob er unfaͤhig waͤre, den Namen auszuſprechen, und fuͤgte ploͤtzlich hinzu: „Nein, Madame! ich habe manche bittre Lehre⸗ durch Sie gelernt, allein ich habe nicht vergeſ⸗ ſen, daß wir uns geſehen.— und getrennt haben.“ ——— 2„ —— 4„ 295 „Haͤtte Ihr Freund dieſen Satz ſo wacker been⸗ det, als er ihn begonnen hat, Friederich, ſo wuͤrde ich in Verzweiflung gerathen ſeyn,“ ſagte die Dame, mit einem Beben ihrer Stimme, das ihre angenommene Froͤhlichkeit nicht ganz verbergen konnte. „Nun, OConnor! wollen Sie mir die Hand nicht druͤcken?“ Ein Augenblick verſtrich, ehe der Verbannte die ihm anmuthig gereichte Hand ploͤtzlich er⸗ griff, und ſich uͤber ſie hinbeugte, bis ſeine Lippe ſie faſt beruͤhrte. Eine Fluth von Erin⸗ nerungen ſchien ſeinen Geiſt zu beſtuͤrmen, und er wandte ſich weg. 3 „Es iſt ganz albern von alten Leuten, wie wir ſind, die Fehden unſerer Kindheit fortzu⸗ ſetzen.— nicht wahr⸗ Friedrich?“ und ſie wandte ſich an Delancy.—„Und mit fruchtloſer Sehn⸗ ſucht auf das zuruͤckzublicken, was nicht zuruͤck⸗ gerufen werden kann, wenn wir es auch noch ſo ſehr wuͤnſchen.“ Sie holte einen leiſen Seuf⸗ zer, ehe ſie hinzufuͤgte:„Es iſt hier mehr am Orte, zu ſagen, daß Harriette Delancy, ja, und auch Harriette Copelh“— ſie erhob ihre Stimme—„in ihrer hoͤchſten Noth noch einen Freund in O'Connor zu. finden erwarten koͤnnte. Sie hat ſich kaum das Recht bewahrt, Glau⸗ ben zu erhalten, wenn ſie geſteht, daß ihr Herz in dieſer Nacht keinen ſehnlicheren. Wunſch kennt, als ihn in Sicherheit zu ſehen.“ 296 „Ich glaube es,“ war die ernſte Antwort. „Es muͤßte eine gemeine Seele ſeyn, die mit Bitterkeit zu haſſen lernen koͤnnte, blos weil ſie einmal zu ſehr geliebt hat. Weder ich, noch Sie, O Connor, hegen ſolche Geſinnungen,“ ſagte die Dame.„Wir ſind ſo eben zuſammen⸗ getroffen— wir ſcheiden hier, und fuͤr immer! Moͤge es in Frieden geſchehen.“ „In Frieden geſchehe es!“ war die feierliche Antwort. „Sie haben die Laſt erleichtert, die ſeit man⸗ chem traurigen Jahre am ſchwerſten mif mei⸗ nem Herzen lag.— Und jezt an's Geſchaͤft,“ fuhr ſie, mehr in ihrer gewoͤhnlichen leichten Manier, fort.—„Sie ſehen dieſen meinen Reiſemantel(roquelaire)?— er iſt gewiſſer⸗ maßen eine neutrale Kleidung;“— und ſie legte das reichgefuͤtterte Gewand von hochrothem Tuche anmuthig ab;„allein wenn ſie auch ganz weiblich waͤre, ſo gebrauchte Herkules den Spinnrocken— der tapfere Sir John verſchmaͤhte es nicht, ſeine Tapferkeit in das Kleid und den Schleyer der Gluͤcksprophetin von Brentford zu. huͤllen. Allein ich kann heute Nacht nicht tän⸗ deln. Kurz alſo, mein Maͤdchen iſt bereit, O'Con⸗ nor in meine Gemaͤcher zu fuͤhren.— Er wird in Sicherheit ſeyn— und ich— ich werde wiſ⸗ ſen, daß er ſicher iſt“— die Stimme zitterte noch einmal, als ob das Herz, das ſich durch⸗ ſie mittheilte, in ſeinem Innerſten erſchuͤttert geweſen waͤre. 297 Che der Fluͤchtling antworten konnte, rief ſie in einem Tone, der von Stolz, Ungeduld und Ge⸗ fuͤhl zeugte, aus:„Ich will kein einziges Wort dagegen hoͤren— ich bin die Frau eines See⸗ manns, und kann etwas wagen. Der Gegen⸗ ſtand meines erſten Briefs ſoll O'Connor's Flucht ſeyn, und daß ich das Gluͤck gehabt habe, dazu beizutragen.“ Delancy rieth zur Annahme des Plans, der in dem Schooße der Gefahr ſelbſt Sicherheit verſprach. Selbſt in dem Falle, daß die Ge⸗ richtsdiener Hutchens Wohnung durchſuchten, ſtand zu erwarten, daß die Gemaͤcher dieſer Dame verſchont werden wuͤrden; wenn aber, ſagte er, der Morgen daͤmmere, werde er den wohlbekannten Wagen von Grahame Arms vor dieſer Thuͤre haben, von wo er ohne Aufſehen und Verdacht werde abgehen koͤnnen.—„Allein koͤnnen Sie ſich fuͤr Ihre Dienerin verbuͤrgen, Lady Harriette?“ fuhr der junge Mann, kort. „Mit meinem Leben und meiner Ehre. Dieſe Welt wird eine niedertraͤchtige und veraͤchtliche Welt genannt— und ich mag ſie ſo gefunden haben; allein wie viel Treue und Zuneigung. hat mich ſtets umgeben!!— und wie habe ich Gottes Gaben mit Fäßen getreten, und ſie muth⸗ willig von mir geworfen!“ Thraͤnen quollen hervor, und rollten einen Augenblick uͤber Lady Harriette's Wangen. O'Connor naͤherte ſich ver⸗ moͤge einer unwillkuͤhrlichen Bewegung der Ladp. 293 Sie wich zuruͤck, zuͤgelte mit einer ſonderbaren Gewalt dieſe heftige Bewegung ploͤtzlich, und⸗ blickte ruhig auf. „Vergeſſen Sie dieſe letzter Schwaͤche. Ich⸗ konnte nie, wie die Weiſen dieſer Welt, den wilden Strom des Gefuͤhls an ſeine gefaͤhrliche Quelle feſſeln; allein ich habe ihn mitten in ſei⸗ nem reißendſten Laufe aufzuhalten gelernt. Nun. leben Sie wohl! Als Freunde ſcheiden wir— nicht wahr?“ Die zitternde Stimme druͤckte Flehen, Kum⸗ mer und Zweifel aus.. „Als Freunde, die ſich ehedem mehr geweſen, ſind— und ſich nun nie, nie mehr weniger ſeyn koͤnnen!“ erwiederte O'Connor. Delancy⸗ wandte ſich um, als der Fluͤchtling ſich noch einmal. uͤber die Hand hinbeugte, die ihm ſchweigend ge⸗ reicht worden war. Die Dame glitt geraͤuſchlos hinweg, um ihre Dienerin zu rufen.„Soll ich die⸗ ſen Dienſt von Lady Harriette Copely anneh⸗ men?— Soll ſie mir eine ſo gefaͤhrliche Wohl⸗ that erweiſen? Sie war ſtets gewohnt, ſo ge⸗ ringſchaͤtzig, oder ſo veraͤchtlich von ihren wah⸗ ren Intereſſen zu denken, daß ihre Freunde doppelt wachſam. ſeyn muͤſſen.“ „Das Herz und Gewiſſen der Dame buͤrgen fuͤr ihr Betragen,“ ſagte Delancy.„Eben ſo buͤrgt mein Herz mit gluͤhender Bewunderung. faͤr ſie. Auch giebt es keine Huͤtte in Schott⸗ land, in der Sie nicht denſelben Schutz fordern. duͤrften, obſchon hier allein Sicherheit iſt.“ — 2⁰ 9, Er warf indeſſen den Reiſemantel um die Schultern des Fluͤchtlings. Das Licht ſank faſt in demſelben Augenblicke an dem fernen Fen⸗ ſter; und als OConnor ſeiner Fuͤhrerin ſchwei⸗ gend folgte, trat Delanch zu Lady Harriette. „Hah! Ihr Stern ſteigt in dem Augen⸗ blicke empor, in welchem Hutchen's Stern hin⸗ abſinkt,“ ſagte Delancy, ein neues Licht er⸗ blickend, das in zwei. Minuten aus Lady Har⸗ riettes Zimmer funkelte— das mit ihrer Die⸗ nerin verabredete Zeichen, daß alles gut ſtand. „Noch nicht ganz ſtumm, Delancy? Und Sie ſterben vor Neugierde?“ „Der Antheil, den ich nicht verlaͤugne, ver⸗ dient einen beſſern Namen, als kindiſche Neu⸗ gierde ſagte Dalanch;„zudem kann ich jezt, freimuͤthig geſprochen, alles errathen, was ich zu wiſſen berechtigt bin.“ „Run, Delancy, Sie ſollen alles wiſſen— ich will nicht haben, daß Sie ein Jota beſſer oder ſchlechter von mir denken, als ich es ver⸗ diene— ich wuͤrde es verſchmaͤhen, von. irgend jemand fuͤr beſſer gehalten zu werden, als ich mirtlich bin. Ich rechne Sie zu den Wenigen, von denen ich nicht haben moͤchte, daß ſie viel ſchchter von mir daͤchten, als die Gerechtigkeit es verlangt. Es war eine Zeit— welch;' eine Zeit war dieß!— in der ich dieſen O'Connor liebte. Allein bald ſuchte ich meinen beleidig⸗ ten Stolz zu raͤchen, opferte meine eigenen Gefahle auf, und ruͤhmte mich eine Zeitlang des dargebrachten Opfers. Kurz ich wurde geraͤcht wegen des ſtolzen Herzens dieſes O'Connors, der es wagte, zu viel Verſtand und Geiſt zu haben, als daß er ſich der ganzen wilden Ausgelaſſenheit meiner grillenhaften Launen unterworfen haͤtte; und Kapitaͤn Copely heirathete, in Eile, die Tochter eines engliſchen Earls, weßwegen ich ihn ſeitdem aufrichtig bemitleidet, und mich, mit. verſchiedenartigem Erfolge, bemuͤht habe, ihm. ſeine Lage ſo gut als moͤglich zu erleichtern.“ „Und ſind Sie die Dame, von der O'Connor Schutz erwartete?“ „Nein. Ich glaube nicht, daß O'Connor je glaubte, man koͤnne ſich auf mich in. Betreff ir⸗ gend eines nuͤtzlichen Zwecks in Leben verlaſſen. Dieß muß die Tochter ſeines fruͤhen Freundes— des Lord von Bruce geweſen ſeyn; oder wahr⸗ ſcheinlich. die Dame in jenem rothen⸗ Rocke, der eine ſo große Menge von Geheimniſſen, und, wenn ich nicht zweiſte, von Sunden bedeckt.“ „Ich koͤnnte Ihnen, in der That, Lady Har⸗ riette, große Wunder von der Geſchicklichkeit und⸗ Treue jener Landſtreicherin ſagen, die an die O'Connor durch irgend ein Bans geknuͤpft ſeyn muß. Sie iſt, muthmaße ich, lange Zeit das Verbindungsmittel zwiſchen Lady Montegle und⸗ ihrer Familie geweſen. Ihre Erſcheinung in 3 heinung Irland war, gleich ihrer Abreiſe, ſtets geheim⸗ 301: nißvoll. Ich erinnere mich, daß ſie einmal in's Gefaͤngniß geworfen wurde, und zwar unter dem unbilligſten aller Vorwaͤnde, daß ſie nicht im— Stande war, eine gute Auskunft uͤber ſich zu geben.“— „Weßwegen ich ſicherlich,“ ſagte Lady Har⸗ riette lachend,„jeden Tag im Jahre der Gefahr, verhaftet zu werden, Preis gegeben bin.“— „Und ich war genoͤthigt, zwei Tage im Lande umherzugallopiren, um ihre ruhige Freilaſſung⸗ zu Stande zu bringen, oder meine Tante wuͤrde, glaube ich, ſelbſt ein Pferd genommen haben. Sie hat, glaube ich, viele und ſelbſt einige wich⸗ tige Rollen zu ihrer Zeit geſpielt.— Aber lang lebe das weibliche Geſchlecht, Lady Harriette! Dieſe Landſtreicherin hat Monate lang, in denen O'Connor an einem Fieber litt, das eine Folge ſeiner Ermuͤdung und Bekuͤmmerniß war, neben ihm gewacht, ihn genaͤhrt, fuͤr ihn gebettelt, ja ſogar fuͤr ihn geſtohlen, und was noch wunder⸗ barer iſt, fuͤr ihn gearbeitet, und ihn endlich ſicher nach Ernescraig gebracht.“ „Ich wuͤnſchte, um ihretwillen, ich waͤre reich, Delancy. Allein, darf ich, da ich mein Inner⸗ ſtes vor Ihnen ausgeſchuͤttet habe, ein aͤhnliches Zutrauen fordern? Dieſe Eliſabeth von Bruce l. Beſizt ſie unter allen weiblichen Reizen, die Sie mir dieſen Morgen mit ſo großer Beredtſamkeit; ſchilderten, den erſten?““ „Und ſtets war es ihr ſchoͤnſter Reiz,, Daß ſie geſagt, ſie lieb' nur mich.“ 302* „Ich befuͤrchte, Lady Harriette, daß dieß der einzige Reiz iſt, der ihr mangelt.“ „Dann koͤnnen Sie nicht glauben, wie gut: es fuͤr Sie ſeyn wird, Ihr uͤberladenes Herz in mein Ohr auszuſchuͤtten, wozu noch das Ver⸗ gnuͤgen kommt, mit dem ich Liebesgeſchichten anhoͤre.“ „Ich kam nie ſo weit, Lady Harriette;— ſicherlich hatte ich guͤtige Abſichten in Betreff dieſer jungen Dame. Das Romantiſche ihrer Lage und meine⸗Kenntniß der Geſchichte ihres⸗ Vaters waren zwei anziehende Umſtaͤnde. Dann befand ich mich in ihrer Nachbarſchaft, um O Connors Ankunſtzabzuwarten; und die Briefe meiner Tante enthielten ſo ernſtliche Nachfragen⸗ nach dem Kinde ihres fruͤhen Liebhabers, daß ich zeichnete und mahlte, bis ich in mein. eigenes Gemaͤhlde halb verliebt war⸗ Durch eine Un⸗ verſchaͤmtheit bahnte ich mir, wir Sie wiſſen, den Weg in ihre Gegenwart, nur halb den guͤ⸗ tigen Vorſatz erwaͤgend, meiner Tante eine Nichte zu geben, die ihr ſicherlich angenehm ſeyn mußte., Ich wurde ſchnell uͤberkraͤht. Es war ein Kapitaͤn Grahame Wolf da, der mir bereits den⸗ Weg vertreten hatte. Mit dieſem Herrn ſuchte ich, durch Herrn Grahame's Diener, Friſel, einer Correspondenz anzuknuͤpfen. Daß die Tochter meine beabſichtigte Guͤte. ablehnt, iſt kein Grund fuͤr mich, die Intereſſen ihres Vaters in Ruhe⸗ zu laſſen.“ Sodann theilte er Lady Harriette⸗ 3035 dem empoͤrenden Plam mit, der nach Friſels⸗ Verſſcherung im Werke war, den kranken Edel⸗ mann mit der Tochter des Agenten zu verbinden,, um jene Unterſuchung des Vergangenen zu ver⸗ huͤten, die von Wolf Grahame zu befuͤrchten, war.“ Lady Harriette's Geſichtszuͤge druͤckten Erſtau⸗ nen und tiefen Abſcheu aus. „Was noch ſchlimmer iſt,“ fuhr Delancy) fort,„wir wiſſen weder, wo dieſer ungluͤckliche Bruce verborgen iſt noch wo ſich ſein Verwand⸗ ter, Grahame, befindet, der vor einiger Zeit durch eine rebelliſche Parthei entfuͤhrt wurde,, eine Nachricht, die Friſel fuͤr ſich behaͤlt; und gleich einem ſtarkmuthigen Familienfreunde, der er iſt, nimmt der letztere es gegenwaͤrtig auff fich, Briefe aufzufangen, damit Herr Grahame⸗ dieſes Ungluͤck nicht entdecke, bevor er eine ge⸗ wiſſe Lady Tamtallan befragen kann, die, ſcheint. es,, der Schutzengel der maͤnnlichen Nachkom⸗ menſchaft der Familie von Bruce iſt. Er ſagt, es wuͤrde ſeinen armen Herrn wahnſinnig ma⸗ chen; und wahrſcheinlich weiß er, daß es dem jungen Gaſte ſeines Herrn kein großes Vergnuͤ⸗ gen machen wuͤrde.“ „Das alles iſt ſehr ſchlimm, und in der That⸗ beunruhigend, Delancy! Allein wenn der Gent⸗ leman dieſen ſchrecklichen Rebellen in die Haͤnde geſallen iſt, warum ſpricht man alsdann nicht? 504 Warum ſetzt man nicht Himmel und Erbe, um ſeiner Sicherheit willen, in Bewegung?“ „Ich wuͤrde jede moͤgliche Maßregel ergriffen haben, wuͤrde ſelbſt nach England gegangen ſehn,“ ſagte der junge Mann mit Energie, „wenn nicht der Rothmantel auch Friſel bezau⸗ bert haͤtte, der eine moraliſche Verſicherung zu haben ſcheint, daß Kapitaͤn Grahame in Sicher⸗ heit iſt.— Lady Harriette! Sie koͤnnen nicht ſo niedrig von mir denken, als dieſer Blick zu ſagen ſcheint. Wenn die Liebe zu einer ſolchen Niedertraͤchtigkeit verleitet, ſo laſſen Sie mich ihre Macht ſtets fuͤrchten, nie aber kennen ler⸗ nen.“ Der junge Mann ſprach mit Waͤrme⸗ und Eifer, und die Dame verſicherte ihn, daß ſie wenigſtens ihn fuͤr unfaͤhig halte, irgend ei⸗ nen unedlen Vortheil aus ſeinem ungeſehenen und ungluͤcklichen Nebenbuhler zu ziehen. „Und wenn Sie O'Connor morgen. ſicher ein⸗ geſchifft geſehen haben?“ ſagte ſie. „So werde ich Lord von Bruce aufſuchen— feine Tochter— den alten Monkshaugh— ja die Wittwe Tamtallan beſuchen— dem ganzen⸗ Schottland, wenn es noͤthig iſt, die Schurke⸗ rei des Mannes verkuͤnden, unter deſſen Dache ich ungluͤcklicherweiſe ſo lange zu bleiben genoͤ⸗ thigt worden bin; und vieſe ſtolze Schoͤnheit, dieſe Eliſabeth, ſoll, wider ihren Willen“— „Fa, da iſt es, Delancy,“ unterbrach ihn die 7 — 30⁵ Dame.„Es freut mich, daß Sie dennoch ei⸗ men Zug menſchlicher Schwaͤche an ſich gelaſſen haben. Was aber die Ihnen aufgedrungene Gaſtfreundſchaft der Grillenfamilie betrifft, ſo iſt der Schmuck, den Sie fuͤr meinen Freund, den langen John, in der Taſche haben, zur Ver⸗ genang derſelben mehr als hinreichend. Ich fuͤhꝛe mich gluͤcklich, Ihnen ſagen zu koͤnnen, daß ich reich genug bin, um Stiefel und Jacke hin⸗ zuzufuͤgen. Es iſt wahr, ich verſichere Sie! Ich bin ſeit zwei Tagen die Erbin von 30,000 Pfund. Es iſt aber jezt keine Zeit zu Gluͤcks⸗ wuͤnſchen: Wenn ich meinen Shawl abgelegt habe, muͤſſen Sie mich, ſo ſpuͤt auch die Stunde iſt, nach Hutchens Hoͤhle begleiten. Fuͤnf. Mi⸗ nuten werden unſer Geſchaͤft beenden; und dann werde ich meine Effekten zuſammenpacken, und Ihnen folgen, um fuͤr den alten⸗Monkshaugh zu ſorgen— und dieſe ſtolze Eliſabeth ſoll wider ihren Willen finden“— Die lachende Dame eilte die Hintertreppe hinauf, an deren Fuße ſie jezt. angekommen waren. Delancy begab⸗ ſich nach der Thuͤre, welche den hintern Gang, der zu Hrn. Hutchen's Geſchaͤftszimmer fuͤhrte, von dem uͤbri⸗ gen Theile des Hauſes abſchnitt, ehe er ſich an die Worte des Rothmantels und an die augen⸗ blickliche Erfuͤllung, ihrer Prophezeihung in Betreff des Verloͤſchens der Lampe erinnerte. Es wurden murrende Stimmen darinnen ver⸗ nommen, und tiefe Athemzuͤge vermiſchten ſich mit. erſtickten Seutzern, die von einer. ᷣ△ 3 06 an einem ſtarken Anfalle von Seelenangſt leiden⸗ den Perſon herzuruͤhren ſchienen. Delancy be⸗ 6 gab ſich in dab Verſammlungszimmer, um die Ruͤckkehr ſeiner ſchoͤnen Verwandten abzuwarten, deren Geſchaͤft mit Hutchen er nicht errathen . konnte, obſchon ihm, in der gegenwaͤrtigen Lage der Dinge, alles willkommen war, was die„ uf⸗ mertſamkeit dieſer furchtbaren Perſon von O'Con⸗ nor abzulenken verſprach. Dieß hatte Rothman⸗ tel bereits auf eine Art gethan, die er nicht leicht haͤtte vermuthen koͤnnen. Delancy hatte kaum zehn Minuten gewartet, als Lady Harriette wieder erſchien, die jezt, vermoͤge einer andern ploͤtzlichen Umwandlung ihrer Tracht, in der tiefſten Trauer war. Sei⸗ 4 nen Arm ergreifend, fuͤhrte ſie ihn nach Hut⸗ chens Hoͤhle, wie ſie ſich ausdruͤckte. Er klopfte auf ihr Geheiß ſanft an die Thuͤre; und man hörte ein Rauſchen von Papieren, und ein klei⸗ nes Geraͤuſch, ehe ſie Hutchen vorließ. Ent⸗ weder brannten die Lichter dunkel, oder er ſah ungewoͤhnlich blaß aus, obſchon ſein Benehmen vollig feſt und gelaſſen war. „Damen ſind nicht zur Ehre, hier zu ſitzen, 3 berechtigt,“ ſagte Lady Harriette, den ihr ange⸗ botenen Sitz ablehnend.„Zudem iſt der Zweck meines Beſuchs ein freimuͤthiger und unumwun⸗ dener— Ich habe im Sinne, dieſen Ort mor⸗ gen fruͤh zu verlaſſen, und hinterlaſſe der Frau Hutchen meinen herzlichen Dank fuͤr ihre hoͤfliche 507 Gaſtfreundſchaft. Aber ehe ich gehe— verzei⸗ hen Sie mir, daß ich Geſchaͤfte mit Dankſa⸗ gungen vermiſche— will ich Ihre Quittung fuͤr alles das, was Kapitaͤn Copely Ihnen und aller Welt ſchuldig iſt, in meiner Taſche haben. Sie haben dieſe Vollmacht?“ Herr Hutchen blickte ſie mit einem Starren an, das natuͤrlicher, als hoͤflich war. „Sie ſehen aus, mein Herr, als ob Sie nicht glaubten, daß ich im Stande ſey, mein Wort zu erfuͤllen. Sehen Sie, mein Herr⸗— ſie legte ſchnell einige Papiere vor ihn hin, die er ergriff. „Hoͤchſt außerordentlich lund dem Datum zu⸗ folge, ſeit zwei Tagen in Ihren Haͤnden! Ich erlaube mir, eurer Gnaden zu dieſer huͤbſchen. und unerwarteten Erwerbung Gluͤck zu wuͤnſchen. Das Vergnuͤgen meines Freundes, des Kapitaͤn Copelh“— „Mit Erlaubniß, iit ſprechen gegenwaͤrtig von Kapitaͤn Copely's Schulden, mein Herr.“ „Lady Harriette, ich muß mir erlauben, Ih⸗ nen einen kleinsn Rath zu ertheilen. Disſes Vermoͤgen iſt, denke ich, noch nicht weiter ge⸗ gangen, als bis zu Herrn Friedrich.“— Er. lief auf die Thuͤre zu, um zu ſehen, ob ſie geſi⸗ chert war.—„Alles iſt noch ganz ſicher. Euer Gnaden kann nechtlicch nicht verpflichtet ſeyn, —— 506. auch nur einen Heller von Kapitaͤn Copelh's Schulden zu bezahlen, und wir muͤffen Acht darauf haben, wie Sie zu Werke gehen.“ „Sie wiſſen mir einen vortrefflichen und ohne Zweifel hoͤchſt angemeſſenen Rath zu ertheilen, Herr Hutchen. Allein ich bin gekommen, um zu bezahlen, nicht aber um mir rathen zu laſ⸗ ſen. Ich half dieſe Schulden machen— vor⸗ ſätzlich oder nicht, es gilt gleich— und bis zum lezten Heller ſollen Sie bezahlt werden.“ „Ein bewunderungswuͤrdiger Geiſt; ganz, was ich erwartet haben wuͤrde. Jezt haben wir nur noch an Kapitaͤn Copely zu ſchreiben.“ „Wie, mein Herr? Iſt es nothwendig, mei⸗ nen Gemahl zu fragen, ob er bereit iſt, die Pflicht eines ehrlichen Mannes zu erfuͤllen, ſo⸗ bald dieß in ſeiner Gewalt ſteht?“ Ihre Stirne wurde roth. „Allein Sie noch einmal arm zu machen, wuͤrde jeder Gemahl Bedenken tragen. Es i gegenwaͤrtig Gelegenheit zu einer vortheilhaften Anlegung voxhanden; Sie muthmaßen aber, daß ich ſtets weiß, wie die Fonds wahrſcheinlich ge⸗ hen werden. Lord Nantletree hat gegenwaͤrtig meine Vollmacht bereits bis zu einer gewiſſen Ausdehnung beſchraͤnkt— allein fuͤr einen ſol⸗ chen Freund wie Copely“— „Copely kann ſeinen Ruf nicht gegen eine Geldanlage vertauſchen, Herr Hutchen. Erfuͤl⸗ len Sie meinen Wunſch, oder ich muß einen 509 nachgiebigeren Agenten auffinden. Arme Leute, wie wir, koͤnnen ihren Charakter nicht einmal eine Stunde lang bei Seite legen.“ „In Geſchaͤftsſachen ſind die Damen ſo ge⸗ neigt, nach einem Schluße hinzueilen“— er laͤchelte.—„Die wuͤrdige alte Dame, deren teſtamentliche Verfuͤgung ihrem Kopf und ihrem Herzen gleich ſehr zur Ehre gereicht, konnte nicht vorherſehen, daß der hohe Geiſt eurer Gna⸗ den eine ſo augenblickliche Anordnung ihrer Guͤte— ihres Vermaͤchtniſſes“— „Nein, mein Herr, verbeſſern Sie Ihren Ausdruck nicht. Guͤte iſt es gewiß— Liebe, Mitleid, was mich von einem ſo druͤckenden und unertraͤglichen Joche befreit. Allein zu Ihren Papieren, Herr Hutchen! und inzwiſchen, De⸗ lancy, hoͤren Sie, wie ich dieſes Vermaͤchtniß er⸗ hielt, und Sie werden dann gewiß mit mir daruͤ⸗ ber einig ſeyn, daß der Geber eine augenblickliche und ehrenvolle Anwendung deſſelben von Herzen billigen wuͤrde. Ich hatte, muͤſſen ſienwiſſen, eine reiche, engliſche, altjungfraͤuliche Pathe, die ſo ei⸗ genſinnig wie eine Katze, und ſo ſtolz wie eine Plantagenet war. Ihr Name war Mrs. Ger⸗ trude Herbert; ich machte mir aber eine Pflicht daraus, ſie unausgeſezt Miß zu nennen, bloß weil ſie ſich daruͤber aͤrgerte; auch gefiel ihr keine einzige, wichtige oder geringfuͤgige, Hand⸗ lung meines Lebens, ausgenommen eine. Die 310* erſte Handlung meines unabhaͤngigen verheira⸗ theten Lebens beleidigte ſie in einem ſolchen Grade, daß ich keine Verzeihung von ihr hoffen zu duͤrfen glaubte. Zur Zeit der niedrigſten Ebbe unſeres Gluͤcks, und als ein mitternaͤchtliches Dunkel alles um uns her bedeckte, kamen Geld⸗ anerbietungen von einem gewiſſen ſchmutzigen Nabob, dem Vetter des Kapitaͤn Copely— einem jener niedrigen Verwandten, mit denen heut zu Tage faſt jede Familie mehr oder minder befleckt iſt. Zur Vergeltung dieſes angebotenen Dienſtes hatte mein Nabob die Beſcheidenheit, den Vorſchlag zu machen, ich ſolle ein Paar jener Rajah⸗Huͤhnchen, welche alte indiſche, chriſt⸗ liche Edelleute zuweilen zu halben Dutzenden nach England bringen, bilden und in's Leben einfuͤhren. Ich ſpie ihm nicht in das Geſicht, wie die Welt zu ſagen die Guͤte hatte. Dieß waͤre ein gemeiner und poͤbelhafter Streich ge⸗ weſen; allein ich verfuhr auf eine ſolche Art, daß die tugendhafte Gertrude in Bewunderung gerieth uͤber den kuͤhnen Geiſt der Lady Har⸗ riette Copely, und ihrem Sachwalter keine Ruhe ließ, bis er das zwanzigſte⸗, und, zum Gluͤck fuͤr mich, das leztemal, ihren lezten Willen ver⸗ aͤndert, und ihm ſeine gegenwaͤrtige Form ge⸗ geben hatte.“ „Ich weiß nicht, was anderes eure Gnaden unter den obwaltenden Umſtaͤnden haͤtten thun tönnen,“ ſagte Hr. Hutchen. . 311 „Es geziemt jedem Gentleman, ſo zu ſagen,“ erwiederte ſie in einem ſarkaſtiſchen Tone. „Laſſen Sie mich jedoch gerecht ſeyn.— Es waren ſanfte, ja liebenswuͤrdige, braune Maͤd⸗ chen, dieſe Najah⸗Huͤhnchen, mit ſanften Stim⸗ men und einnehmendem Weſen. Ich liebe ſie ſogar, wenigſtens wuͤnſche ich, ſie um mich zu haben. Das Herz des juͤngern Maͤdchens ſchluchz⸗ te, bis es faſt brach; denn der Laͤrm hatte— Dank der Unverſchaͤmtheit ihres Vaters und meiner wohlbekannten Verſchwiegenheit— un⸗ gluͤcklicherweiſe in ihrer Gegenwart ſtatt. Die Augen des aͤltern Maͤdchens, als ſie ihren eu⸗ ropaͤiſchen Papa zuruͤckſtieß, bis er wieder tau⸗ melte, und ihre weinende Schweſter in ihre Arme legte, blizten uͤber uns mit dem ganzen wilden Feuer ihres Klima. Ich zweiſle nicht, daß ihre ungetaufte indiſche Mutter nicht nur tauſendmal ſchoͤner geweſen ſeyn mußte, ſondern auch eine hunderttauſendmal achtungswuͤrdigere Perſon war, als mein erleuchteter chriſtlicher Vetter, in den Augen Gottes— und auch in den Augen der Maͤnner und der Weiber, wuͤrden die Au⸗ gen der Maͤnner gerade vorwaͤrts ſehen, und duͤrften es die der Weiber. Dieß, uͤberſtieg je⸗ doch die jungfraͤulichen Anſichten der Mrs. Ger⸗ trude,— ihr Vermaͤchtniß muß daher meine Schul⸗ den bezahlen. Wenn ich noch ſo viel uͤbrig habe, daß ich mir ein ſchwarzes Zeugkleid, um es zu Eh⸗ ren ihres geehrten Andenkens zu tragen, kaufen und morgen den Miethlohn fuͤr meine bisherige 312 Kaletſche bezahlen kann, ſo werde ich mich fuͤr reich genug halten.“. Dieſe Dame war, ſeit ſie unter ſeinem Dache lebte, ein Dorn in Hutchens Fleiſch, buchſtaͤblich ein vom Satan, in der Abſicht, ihn zu quaͤlen, abgeſchickter Bote; allein er fand es ſeinem Vor⸗ theile nicht angemeſſen, ſie gehen zu laſſen. Ver⸗ ſchiedene⸗Dinge ſtanden mißlich. Effie Fechnieis Beſorgniſſe und Zweifel, ſeit ſie Hutchens Glaͤu⸗ bigerin geworden war, hatten ein oder zweimal faſt einen Anlauf auf die Bank zu Rookſtown von den Häͤgeldiſtrikten herbeigefuͤhrt. Dieſes wankende Gebaͤude war in der That durch den Credit des Lord Rantletree aufrecht erhalten worden, der bedeutenden Antheil an dem Ge⸗ ſchaͤfte genommen hatte, und als ein ſchlafen⸗ der Theilnehmer(sleéping partner) angenom⸗ men worden war, welchen Vertrag das heutige Gaſtmahl zu beſiegeln beſtimmt geweſen war. Die von Lady Tamtallan zu befuͤrchtende Be⸗ wegung, von der Hutchen durch ſeinen Agenten zu Edinburg in ziemlich kurzen Ausdruͤcken be⸗ nachrichtigt worden war, war eine andere Quelle der Beſtuͤrzung. Es waren jedoch noch geheime Gruͤnde zur Unruhe fuͤr ihn vorhanden, die ſeine Seele mit groͤßerer Gewalt niederbeugten, als die vereinte Macht aller dieſer Gefahren; und Hutchen fuͤhlte, daß er in dieſem Augen⸗ blicke aller Unterſtuͤtzung bedurfte, die ihm ſeine Freunde jeder Art gewaͤhren konnten. Nit 315 Mit einer ſeinem gewoͤhnlichen Benehmen fremden Demuth bat er Lady Harriette, ihre Anordnungen noch einige Tage aus mitleidiger Ruͤckſicht auf ſeinen, durch viele Geſchaͤfte zer⸗ ſtreuten, Geiſt zu verzoͤgern. Sie willigte ein, ihre Reiſe noch vierundzwanzig Stunden zu verſchieben; und Delancy fand bei dieſer Ge⸗ legenheit fuͤr gut, einen franzoͤſiſchen Abſchied zu nehmen, nicht ohne einige geheime Muth⸗ maßungen uͤber die Natur der zwiſchen dem Rothmantel und ſeinem Gaſte ſtatt gehabten naͤchtlichen Zuſammenkunft; da er nicht umhin konnte, zu glauben, daß dieſe Dame mehr we⸗ gen ihres Geiſtes und ihrer Geſchicklichkeit be⸗ wundert, als wegen ihres Benehmens oder Cha⸗ rakters geſchaͤzt zu werden verdiente. In dieſem Punkte waren ſeine Beſorgniſſe ungegruͤndet. Ein ſchwacher Lichtſtrahl ſchim⸗ merte im Nordoſten des Horizonts, als Lady Harriette's Dienerin ihre Lady benachrichtigte, daß die Chaiſe, mit Delancy und dem fremde⸗ ren Gentleman, bereits abgegangen ſey, und ſie jezt in ihre Gemaͤcher zuruͤckkehren koͤnne— eine Nachricht, die ihr ihre eigenen Ohren und Augen bereits gegeben hatten. Das Feuer brannte noch in ihrem Zimmer, die Fenſterlaͤden waren noch geſchloſſen, die Erfriſchungen, welche die Dienerin herbeigeſchafft hatte, waren noch un⸗ beruͤhrt, und ein mit Waſſer halbgefuͤllter Be⸗ cher ſtand auf einem Arbeitstiſche neben dem Eliſ. v. Bruce. II. 14 —yy—— Kamine. Ehe die Dienerin von dem anſtoßen⸗ den Zimmer mit einem Theile der Nachtkleidung ihrer Lady zuruͤckgekehrt war, war der Becher geleert, und die Dame im Bette und ſchon ein⸗ geſchlafen, oder weigerte ſie ſich wenigſtens, auf die Vorſtellungen ihrer Dienerin zu antworten, die uͤberzeugt war, daß ſo viel kaltes Waſſer ihrer Lady ein Kopfweh zuziehen werde. Wir muͤſſen uns jezt eines unſerer wenigen unwandelbaren Vorrechte bedienen, die Scene, nach Gutduͤnken, in ein anderes Land zu ver⸗ legen— in ein Land, das niemand je beſucht hatte, ohne den Wunſch zu hegen, in daſſelbe oft zuruͤckzukehren und lange in demſelben zu verweilen. —— Einunddreißigſtes Kapitel. St. Peters Schlüſſel. Dem jungen Manne, den wir bei Croßgates of Caberax verlaſſen haben, begegnete waͤhrend der erſten Zeit ſeiner Reiſe kein anderes Aben⸗ teuer oder Ereigniß, als das unruͤhmliche einer Halsentzuͤndung, die ihn bloß 10 Tage in ein angenehmes Wirthshaus in Drogheda einſchloß. Und als er ſich nur noch fuͤnfzig Meilen von dem Hauptquartiere ſeines Regiments, das da⸗ mals im Suͤdweſten der Inſel ſtand, entfernt 515 ſah, ohne auch nur einen einzigen Musketen⸗ ſchuß der furchtbaren Rebellen, von denen man ihm ſo vieles erzaͤhlt hatte, gehoͤrt zu haben, fuͤhlte er ſich verſucht, zu lachen und ſelbſt zu murren uͤber die unruͤhmliche Sicherheit, mit der dieſe gefaͤhrliche Reiſe bald enden ſollte. Die Briefpoſtkutſche, mit der allein man in dieſem Theile des Landes ſicher reiſen konnte, war in der That von einer berittenen Streif⸗ wache, und ſpaͤterhin von einer Sergeanten⸗Ab⸗ theilung engliſcher Dragoner escortirt worden. Gegen die Abenddaͤmmerung des Tags, den Wolf fuͤr den lezten ſeiner Reiſe hielt, begegnete der Poſtkutſche auf einem Kreuzwege ein eben⸗ falls von Reiterei escortirter Privatwagen, von welchem eine Dame in den Poſtwagen gebracht wurde, die ſo ſehr in Gewaͤnder und Schleier verhuͤllt und vermummt war, daß ſie Neugierde erregte, ohne dieſelbe zu befriedigen. Eine weibliche Dienerin, deren Perſon keineswegs ſo gewiſſenhaft verborgen war, nahm neben der Dame Platz; und ein Bedienter, der ſie beglei⸗ tete, nahm ſeinen Sitz oben auf dem Wagen neben Wolf Grahame, der durch die neuen An⸗ koͤmmlinge, fuͤr welche die innere Plaͤtze alle zuvor gemiethet worden waren, ſchnell von ſei⸗ nem Platze vertrieben wurde. Den Tag uͤber hatte Wolf dieſen erhabenen Standpunkt freiwillig eingenommen, weil er auf demſelben freier um ſich her blicken konnte, 14* 316 und ſich, waͤhrend er dieſen Sitz behauptete, die Gunſt des Poſtillons— an dem er einen vortrefflichen oͤrtlichen Hiſtoriker und Antiquar⸗ fand— durch ſeine laute Freude uͤber ſeine Scherze und, willkuͤhrlichen oder unwillluͤhrli⸗ chen, Verſtoͤße in einem bedeutenden Grade er⸗ worben. Grahames Aufmerkſamkeit war zuerſt dadurch auf den jungen Burſchen gelenkt worden, daß er ihn Slattery nennen hoͤrte. Ueberall auf der Straße, auf der er ſo bekannt ſchien, als die Meilenſteine, wurde er von Maͤnnern und Maͤdchen als Denny Slattery, Slaſhing Slat⸗ tery, Daſhnig Slattery und einer Menge ande⸗ rer noms de guerre von derſelben offenen und vertrauten Art begruͤßt. Im Laufe ihrer Reiſe hatte Wolf vernommen, daß der Poſtillon vor einigen Tagen nur auf einige Zeit gedungen worden war, um den Dienſt eines Burſchen zu verſehen, den der Schrecken einer geheimen Drohung von Seiten der Band⸗ macher oder Wollkaͤmmer krank gemacht hatte; und Grahame konnte nicht umhin, zu bemerken, daß er gelegenheitlich, in der Hitze ſeiner Spott⸗ luſt, eine genauere Bekanntſchaft mit den all⸗ gemeinen Bewegungen des Landes und der Staͤrke militaͤriſcher Stationen und Escorten verrieth, als ihm ſeine oſtenſible Lage ehrlicherweiſe zu erwerben irgend einen unmittelbaren Beweggrund an die Hand geben konnte. Welches aber auch ſein — 517 Charakter ſeyn mochte, die Piſtolen der Dra⸗ goner buͤrgten hinlaͤnglich fuͤr die treue Erfuͤl⸗ lung ſeiner voruͤbergehenden Pflicht, in der er in der That eine große Geſchicklichkeit zu beſi⸗ tzen ſchien.. Fuͤr Grahame war er eine friſche Probe von Charakteren— einer jener muͤßigen, ſorgloſen, liederlichen, nichtsnuͤtzigen, luſtigen oder wenig⸗ ſtens launigen Burſche, an denen Irland rei⸗ cher iſt, als irgend ein anderes Land unter der Sonne— eine Art noͤrdlicher Lazzoroni, mit mehr Talent und natuͤrlicher Laune, als die ur⸗ ſpruͤngliche Race zu Neapel, allein mit eben ſo wenig Induſtrie oder Grundſatzen: prahleriſche, lockere, geſchmeidige Burſche, hinſichtlich des ſittlichen Gefuͤhls wie der toͤrperlichen Bildung, die ihr Leben zwiſchen Scherz und Ernſt hin⸗ bringen, bis Alter und Armuth, oder irgend ein ſchlimmeres Ungluͤck, ihnen, wenn es bereits zu ſpaͤt iſtnum die Lehre entweder ganz verſtehen oder uͤberhaupt benuͤtzen zu koͤnnen, zeigen, daß kein menſchliches Weſen je die Geſchaͤfte und Pflichten des Lebens ungeſtraft vernachläßigen konnte. Es iſt jedoch ungluͤcklicherweiſe nur zu wahr, daß froͤhliche Burſche der Art, entweder weil ſie ſelbſt ausgelaſſen und witzig ſind, oder weil ſie Witz und Froͤhlichkeit in andern erregen, oft bei der erſten Annaͤherung, bei vernuͤnftigen Maͤnnern, ja ſelbſt Weibern, mehr Boden ge⸗ winnen, als Perſonen, die ſolidere und wirklich 34⁸ nuͤtzlichere Eigenſchaften beſitzen. Von dieſem gedankenloſen Vorzuge, von dem er ſich ſelbſt nicht freiſprechen konnte, hatte Wolf waͤhrend der Reiſe Gelegenheit, manche ſchoͤne Beiſpiele zu ſammeln. Der Name hatte Grahames Aufmerkſamkeit erregt, und zuweilen glaubte er ſogar, eine fluͤch⸗ tige Aehnlichkeit mit dem Rothmantel zu be⸗ merken, die ſich jedoch mehr auf Ausdruck und Haltung, als auf die Geſichtsbildung bezog, als ob ihre Gemuͤther und ihr Temperament einan⸗ der naͤher verwandt geweſen waͤren, als ihre Geſichtszuͤge. 3 Slaͤttery ſchien ungefaͤhr 25 Jahre alt, und. hatte eine auffallende ſpaniſche Phyſiognomie, und die ſchwarze bleiche Geſichtsfarbe, die man in den entfernteren Gegenden Irlands findet. Die tiefliegenden ſchwarzen Augen hatten einen ſtarken Anflug thieriſcher Schaͤrfe; und gele⸗ genheitlich jenen wilden, concentrirtes Glanz⸗ der in dem Blicke des Raubthiers funkelt.— Von ſtarkem Koͤrperbau und kuͤhnem und ra⸗ ſchem Benehmen, hatte er die Verſchlagenheit oder Geſchicklichkeit, das was die Kuͤhnheit ſei⸗ nes Benehmens Beleidigendes haben mochte, durch einen gewiſſen Anſtrich von Prahlerei, der fuͤr ihn, als einen Poſtknecht, und mehr noch als einen irlaͤndiſchen Poſtknecht, gut paßte, zu verwiſchen. Seine Kleidung war von derſel⸗ ben vermiſchten Gattung. Der zerriſſene Hut mit ſchmalen Kraͤmpen, der an dem letzten Pflock — 319 auf ſeinem Kopfe ſo ſorglos zuruͤckhing, als der Eigenthuͤmer an dem Leben zu haͤngen ſchien, war entſchieden irlaͤndiſch. Eben dieß galt von dem zuſammengedrehten Stricke von Halstuch, und der Weſte von derſelben zwei⸗ felhaften Farbe, die, bis an den Guͤrtel offen, und da von einem einzigen halben Knopfe zu⸗ ſammengehalten, den gewaltigen Umriß einer Kehle zeigte, die jedes Maͤdchen laͤngs der Straße aufzufordern ſchien,„zu fehen und zu ſterben.“ Der abgetragene gruͤne enge Rock, mit ſeinen vier noch uͤbrigen Knoͤpfen, war berufsmaͤßiger. Er hatte einige Zeit lang auf der Bath⸗Straße Dienſte gethan, und ſeine regelmaͤßige Zeit in Dublin gedient, ehe er ſeinen Weg zu Slaſhing Slatterh gefunden hatte. Das Wunder war nur, wie er noch taͤglich ſeinen Weg in denſel⸗ ben fand. Allein an jedem Lappen hing ein Scherz; und dann,„hatte er eine Achtung fuͤr den alten Diener,“ ſagte er, auf den lackirten Aermel blickend,„denn er hatte manche artige Gelegenheit geſehen.“ Die Dragoner ritten groͤßtentheils vor dem Wagen, und die uͤbrigen hinter demſelben her; allein die Cavalcade hatte jezt den Ruͤcken einer langen Anhoͤhe erreicht, und ſie umſchloſſen die Chaiſe enger. Von dieſem Punkte aus konnten die flatternden Lichter der fernen Marktſtadt ge⸗ ſehen werden, in der ſie ſpeiſen und Pferde wechſeln ſollten. Auch ſtießen ſie jezt gelegen⸗ heitlich auf einzelne Gruppen des Landvolks, 320 das haſtig vorwaͤrts eilte, um ſeine Heimath vor der von dem Kriegsgeſetze vorgeſchriebenen Stunde zu erreichen; denn der Diſtrikt war ge⸗ aͤchtet. Die rohen Sticheleien der Dragoner, der gelegenheitliche Seitenſprung eines Pferds nach einem unbehutſam und zurdeebebenden Rei⸗ ſenden, der zufaͤllige Streich eines in der Luft geſchwungenen Saͤbels, die thier riſchen Scherze und gefuͤhlloſen Beſchimpfungen, welche ſich die Soldaten gegen die Religion und die National⸗ gefuͤhle des Volks erlaubten, ſprachen den Zu⸗ ſtand dieſes ungluͤcklichen Landes deutlich genug aus; gleichwohl aber wurde keine wirkliche Ge⸗ waltthaͤtigkeit veruͤbt; und obſchon vieles geſchah, was die erbitterten Gemuͤther der Eingebornen toͤdtlich verwundete, ſo hatte doch nichts ſtatt, auf das eine foͤrmliche Klage uͤber das Betragen der Krieger haͤtte gegruͤndet werden koͤunen. Ein wenig weiter entfernt, und als die Ca⸗ valcade die andere Seite der Anhoͤhe hinabge⸗ ſtiegen war, kamen ſie auf einen Punkt, wo drei Straßen zuſammenliefen und we ſich ein Galgen in der Mitte eines dichten Haufens von Tannen befand, aus denen ein gellendes Pfei⸗ fen, das ein verabredetes Zeichen zu ſeyn ſchien, hervorging, und wenige Worte wurden in ir⸗ laͤndiſcher Sprache gerufen. Meiſter Slattery anwortete mit wenigen unvollkommenen Toͤnen auf ſeinem Horne, und mit einem Gelaͤchter uͤber ſeine eigene mißtoͤnige Muſik, die in Wolls Ohren falſch und hohl klang. —— —ͤ —= „Augenblickliche Jagd gemacht!“ rief der Ser⸗ geant, der die Abtheilung befehligte, in die Fronte gallopirend und ſeine Leute aufrufend. „Es kam von den Baͤumen her!“ war die Antwort. 8 „Zuͤndet die Fackeln an!— Laßt den Wagen Halt machen!“ „Vorwaͤrts vielmehr,“ rief Grahame,„im Gallop!“ Der Befehl wurde augenblicklich be⸗ folgt. Unter dem Geraſſel der Raͤder und dem einfoͤrmigen hohlen Klang der Hufe der Pferde glaubte er das Geſchrei eines Weibs unterſchei⸗ den zu koͤnnen; allein es wurde nicht Halt ge⸗ macht, da ſowohl die Menſchlichkeit als die Klugheit zu fordern ſchienen, einen Angriff, wenn ein ſolcher beabſichtigt worden war, um jeden Preis zu vermeiden. Als eine nothwendige Vor⸗ ſichtsmaßregel hatte Wolf die Zuͤgel Slattery abgenommen, die er nach einem Gallop von einer Meile der Wache uͤbergab. Als zuerſt Halt gemacht wurde, redete der Sergeant den Po⸗ ſtillon in ſchlichten Ausdruͤcken an, und befahl ihm, ſich auf ſeine Gefahr hin ruhig zu verhal⸗ ten, wenn er nicht wolle, daß er ihm mit ſei⸗ ner Windbuͤchſe den Mund ein fuͤr allemal ſchließe. Die Fackeln wurden angezuͤndet, und unge⸗ achtet des Geſchreis der Dienerin der Dame, ſezte ſich die Cavalcade wieder raſch in Bewe⸗ gung, und machte nicht eher Halt, als bis die Pferde ſich baͤumten und die Saͤbel in dem — 322 —2 weiten und mit hohen Mauern umgebenen Hof⸗ raume von St. Peters Schluͤſſeln blizten. Dieſer geraͤumige alte Gaſthof war fruͤher ein religioͤſes Haus geweſen; und die vergitterten Fenſter ſo wie das niedrige Portal hatten noch ein gewiſſes kloͤſterliches Ausſehen. Die langen Rei⸗ hen niederer Staͤlle und anderer Haushaltsge⸗ maͤcher, die um die vormaligen Kreuzgaͤnge ge⸗ reiht waren, ſo wie der ſteinerne Springbrun⸗ nen in der Mitte des Hofs, verliehen dem Wirths⸗ hauſe etwas, das zwiſchen dem Charakter einer ſpaniſchen Venta und einer morgenlaͤndiſchen Karavanſerei in der Mitte lag. Die Waͤrdetraͤger des Orts, die ſich in dieſem unruhigen Zeitpunkte bei Nacht hier verſam⸗ melten, um auf die Ankunft der Briefpoſtkut⸗ ſche zu warten, die furchtbaren Augriffe, die ſie erlitten, den tapfern Widerſtand, den ſie gelei⸗ ſtet hatte, und die ſchreckliche Nachricht, die ſie von neuen Aufſtänden und neuen Mordthaten uͤberbrachte, zu erfahren, waren bereits auf ih⸗ rem Poſten, umgeben von dem vermiſchten Poͤ⸗ bel des Hofs eines Wirthshauſes, und vermengt mit den Dienern einer Specialcommiſſion, die zum Behufe der ſchnellen Verhoͤrung und Hin⸗ richtung der Ungluͤcklichen, welche die militaͤri⸗ ſchen Streifpartheien ſtuͤndlich einbrachten, ein⸗ geſezt war. Ehe die Paſſagiere abgeſtiegen wa⸗ ren, fand folgendes Geſpraͤch ſtatt: „Guten Abend, Sergeant Williams,— irgend ein Laͤrm in dem Gebirge?“ —.. — — 525 „Alles iſt ruhig, Herr Conſtabel.“ „Ja, wie das Schießpulver, ehe es die Lunte heruͤhrt.“ „Nichts abgemacht worden heute?“ ſagte der Sergeant, nach der flammenden Reihe großer Fenſter blickend, wo die Commiſſion in einem Gemache Sitzung hielt, das in friedlichen Zeiten als ein Verſammlungszimmer oder ein oͤffentli⸗ cher Speiſeſaal fuͤr den Adel des Landes ge⸗ braucht wurde. Die Perſon, an welche die Frage gerichtet war, ſagte kein Wort, ſondern nahm eine Fackel von dem Soldaten, der ihm zunaͤchſt ſtand, und ließ ihr duͤſterrothes Feuer uͤber einem furchtbaren Ge⸗ genſtande flackern, der unter dem mittleren Fen⸗ ſter des Gerichtszimmers uͤber dem Bogengange des offenen Portals der St. Peters Schluͤſſel hing. Es war ein Menſchenkopf, ſchwaͤrzlich und purpurroth, die Augen aus ihren Hoͤhlen hervorſtarrend, und die Geſichtsmuskeln ſtraff⸗ wie beim lezten Todeskampfe einer gewaltſamen Erſtickung. Solche Schauſpiele waren um die⸗ ſen Zeitpunkt in Irland nicht ungewoͤhnlich; allein ſie waren unſerem jungen Reiſenden neu, und er wandte ſich von dem graͤßlichen Schreckbilde, mit einem Schauder vermiſchten Schreckens und Eckels, weg, und ſagte bei ſich:„Das iſt noch ſchlimmer, als in Ketten hangen. Was fuͤr zweckmaͤßigere Mittel koͤnnten erſonnen werden, ein Volk thieriſch und blutduͤrſtig zu machen, 324 als es an ein ſo barbariſches Schauſpiel, wie 1 dieſes, zu gewoͤhnen Pfui!“ rief der Sergeant, indem er abſtieg; aber welcher von ihnen war es 257 3 „„Der junge Burſche, den euré Abtheilung geſtern Morgen in dem Gebirge aufgefangen hat; Doran— Felix Doran; denn es iſt eine ganze Hetze von dieſen Dorans da, von denen immer einer ſchlimmer iſt als der andere.“ „Beim heiligen Georg! doch das iſt alleweg ein hartes Werk,“ ſagte der Soldat, einen Au⸗ genblick verbluͤfft ausſehend.„Aber Kriegs⸗ ſchickſal! Er war doch ein muthiger Burſche.“ Der Sergeant drehte ſich auf den Ferſen um und ſtrich den Nacken ſeines Roͤſſes. Es folgte eine gefluͤſterte Eroͤffnung in Be⸗ treff einer geſellſchaftlichen Stunde, worauf der engliſche Dragoner offen antwortete:„Hab' nichts auf der Welt dagegen, Hr. Conſtable.— Meine Pflicht iſt hier zu Ende. Ich will bloß dafuͤr ſorgen, daß dieſer arme Purſche ſein Eſſen und Lager erhaͤlt: und dann an eure Pfeife und Kanne.— Ein langer finſterer Ritt, mit einem kleinen Geruche von Gefahr, wuͤrzt beides.“ Wwolf zoͤgerte noch in dem Thorwege, von einem geheimen Wunſcheerfuͤllt, die vermummte Lady zu ſehen, die eben nicht ſehr zu eilen ſchien, ſeine Neugierde zu befriedigen. Er fuhr daher fort, umherzutraben, als ob er die Erſtarrung, die ſich ſeiner Lebensgeiſter, wie ſeiner Glieder 325 bemaͤchtigt haͤtte, haͤtte abſchuͤtteln wollen, als die ſchimmernde Wirthin der St. Peters Schluͤſſel unter dem niedrigen Portal hervorkam, von ei⸗ nem ihr vorangehenden gargon und zwei Die⸗ nerinnen umgeben, von denen jede ein Licht emporhielt, das die Blende des Heiligen in ſeinen erlauchteſten Tagen haͤtte erleuchten koͤn⸗ neu!— „Wollen die gnaͤdige Dame nicht ausſteigen? — Holt den Fußſchemel fuͤr meine Lady; wol⸗ len Sie“ Ohne zu antworten, zog die auf dieſe Art angeredete Dame ihren Schleier dichter um ſich, eine Bewegung, die Wolf, der ſich genaͤhert hatte, um ſeine Huͤlfe anzubieten, bewog, ſich in das Portal zuruͤckzuziehen. Hier konnte er die Umriſſe einer, faſt bis zur Abzehrung zar⸗ ten Geſtalt, den oberen Theil einer blutloſen Wange, und den lieblichen Umriß eines Schwa⸗ nenhalſes unterſcheiden, von welchem der Shawl entwichen war, und der ſich vorwaͤrts beugte, als ob ihr Geiſt in Kummer oder in tiefe Ge⸗ danken verſunken geweſen waͤre. Ohne die Huͤlfe einer ihrer Dienerinnen anzunehmen, lehnte ſie ihre Hand auf die Schulter der Wirthin, was ihre gegenſeitige Groͤße mit voller Wirkung, zu thun ihr erlaubte; und auf dieſe Art ſtieg ſie die breiten ſteinernen Staffeln des offenen Portals hinauf, um ſich unter den Bogengang, wo die blutige Trophaͤe aufgeſteckt war, zu be⸗ geben. 326 von dem kuͤrzlich abgetrennten Haupte wegfloß, fiel kalt und ſchwer auf den nackten, vorwaͤrts⸗ gebeugten Hals, und ſchien, vermoͤge eines in⸗ ſtinktmaͤßigen Grauens, jeden Tropfen Bluts in dem ſchwaͤchlichen Koͤrper, der bei der unnatuͤr⸗ lichen Beruͤhrung bang zufammenfuhr, gerinnen zu machen. Sie ſchauderte mit einem halb unterdruͤckten Angſtgeſchrei und fank, vorwaͤrts taumelnd, auf die Stufen nieder; und waͤre ihr nicht Grahame zu Huͤlfe geeilt, ſo haͤtte ſie auf die ſcharfe Leiſte der Eingangshalle ſtuͤrzen muͤſſen.. „Es iſt der todte rebelliſche Doran!“ rief die Kammerfrau.„Was wagen Sie es, Frau, folche Schreckniſſe uͤber ihrer Thuͤre zu befeſtigen, um feine Damen damit zu erſchrecken?“ Mit einem bebenden innern Schreckenslaute, als ob ihr Herzblut erſtarrte, ſtotterte die ohn⸗ maͤchtig werdende Dame:„Sein Blut iſt auf mir,“ und ſank in einen Zuſtand gaͤnzlicher Fuͤhlloſigkeit. „Und es iſt eine Schande und eine Schande aller Schande fuͤr Meiſter Conſtabel, daß er ſeine todten Schurken— die ſchmutzigen Beſtien⸗ — uͤber die Thuͤre von St. Peters Schluͤſſeln ſteckt, um artige Kunden zu erſchrecken!“ rieß die Wirthin, der noch immer ihre menſchliche Leuchte, der gargon, voranging, ein froͤhlicher Funge von ungefaͤhr 14 Jahren, der alle ihre excentriſchen Bewegungen ſtreng bewachte, und Ein Tropfen Bluts, menſchlichen Bluts, der — 4 — ihnen mit ſeinem Lichte geſchickt und gewandt folgte. „Wahin mit meiner Lady, nach dem Zimmer der Filigran⸗Spiegel; denn ſie zog es ſtets vor. Aber was kann ich fuͤr meine Lady holen? Die Kommiſſion ſizt oben, um die Rebellen haͤngen zu laſſen; ſo haben wir Sachen genug im Hauſe; — Weine von der beſten Gattung, Branntwein; Wachholderbranntwein, liskebah, Bellinghamer Bouteillenbier und Kork-Porter.— Was ſoll ich fuͤr meine Lady holen? Wenig, dachte ich, die Thuͤre von St. Peters Schluͤſſeln wuͤrde Ih⸗ nen den Magen empoͤren, damals, als Sie den Weg bei Ihrer Hechzeit gingen. Ich erin⸗ nere mich noch wohl, wie der Speck und das Gefluͤgel den Gaͤſten behagten; und wir hatten den kleinen Bogengang, ſtatt ſchmutziger, grin⸗ ſender, todter Schurken, rein wie Criſtall, mit der Roſe und dem dreiblaͤtterigen Klee und der engliſchen Eiche zur Ehre meines Herrn, der jezt— „Und dieß iſt der Honigthau, der ſich darauf geſammelt hat!“ fluͤſterte eine tiefe ganz weib⸗ liche Stimme Grahame zu; und die alte Monica⸗ Doran, die blaß und abgezehrt ausſah, ging an ihm voruͤber und wiſchte ſchnell den Blutstrop⸗ fen von dem Nacken der Dame weg, waͤhrend ſie in ungeſtuͤmmem Tone ſagte:„Verlaßt ſie, ihr alle! Verlaßt mein Kind!— Aileen wache auf! Aeleen blicke auf— lebe! Wenn der Knabe ſtarb, ſo ſtarb er wegen edler Thaten.— Das 323 junge Blut wurde freiwillig vergoſſen.— Die edle Mutter graͤmt ſich nicht daruͤber.— Ihre lezte Thraͤne fuͤr ihn, den armen Knaben, iſt bereits getrocknet!“ 4 Die alte Frau kuͤßte die bleiche kraftloſe Hand, die uͤber Wolfs Schulter hing, und bei ihren liebreichen und beſchwoͤrenden Worten blickte die Dame auf, und ihre Augen begegneten dem ſcharfen Blicke des jungen Mannes. Sie ſchau⸗ derte, ihre Augenlieder ſanken abermals, und ein Fieberſchauer durchlief alle ihre Glieder. „Verlaſſen Sie ſie— verlaſſen Sie mein Kind!“ ſagte Monica. Wolf legte ſeine ge⸗ fuͤhlloſe Buͤrde auf das antike Lager des Zimmers der Filigran⸗Spiegel. „Mutter Monica, ihr werdet mich ſicherlich wiederſehen,“ fluͤſterte er in ernſtem Tone. Die alte Frau antwortete durch einen Blick; und er entfernte ſich mit Mrs. Honour— der Wir⸗ thin, und ihrem Leuchtthurme, dem gargon, der voranging. „Meine Lady, die, obſchon eine Englaͤnderin durch Heirath, eine geborene Irlaͤnderin iſt, kann niemand um ſich dulden, außer ihre alte Amme, wenn ſie Nervenanfaͤlle dekommt,“ ſagte die Kammerfrau.„Sie Irlaͤnder verſtehen ihre Naturen unter einander am beſten. Ich ver⸗ muthe, Sie ſind Englaͤnder, Kapitaͤn?“(eine fragende Verbeugung) „Ich habe nicht dieſe Ehre, Madame,“— (eine ablehnende Verbeugung) und Grahame —xͤ 529 wurde fuͤr einen Eingebornen von Wales, das England zunaͤchſt lag, gehalten. „Aber ich bitte, gute Frau, wie koͤnnen Sie die Kuͤhnheit haben, wenn gebildete Ladys und Perſonen, einige von ihnen geborene Englaͤn⸗ der, in Ihrem Hauſe erwartet werden, ſchmu⸗ tzige Todtenkoͤpfe uͤber Ihrer Thuͤre aufzuhaͤngen? — Ich bitte Sie, bedienen Sie ſich meines Gewuͤrz⸗Eſſigs, Kapitaͤn.“ Dieſe G üte wurde hoͤflich aber ſchweigend ab⸗ deiehne, denn die Wirthin von St. Peters Schluͤſſeln Frl ein,— der gargon aber hand⸗ habte inzwiſchen ſein Licht ſo, daß er von Zeit zu Zeit einen Lichtſtrom auf ihr entflammtes Geſicht warf. „Gute üu— meine Juwele! Schmutzige Kopfe? Das war ein ſo reiner Kopf, und ſo ſchoͤn, ja, ſo ſtattlich, erſt geſtern noch, als je einer in der Baronie Killinagaad. Allein ich vertheidige den Meiſter Conſtabel nicht, waͤre es auch der Ober⸗Sheriff ſelbſt, daß er Kraͤnze von den Gebeinen todter Menſchen uͤber die ehrbare Thuͤre von St. Peters Schluͤſſeln ſteckt. Der Meiſter ſelbſt hatte keinen Magen zu ſei⸗ ner Suppe die erſte Nacht, als ſie Brennans Schaͤdel aufſteckten, ſo gram wir auch dem le⸗ benden Schelmen waren.“ Der gargon verdoppelte ſeine Schritte, um von der Wirthin nicht uͤberholt zu werden, die raſch voranſchritt, um ihren weiblichen Stab au zufordern, in Nro. 5 aufzutragen. ———-— „Nro. 5 iſt alſo, ſcheint es, unſer Sprech⸗ zimmer,“ ſagte Mrs. Honodur, mit einer aber⸗ maligen Verbeugung. Ich muß um Ihre Nach⸗ ſicht bitten, waͤhrend ich meine Kleidung ein wenig ordne. Weder ich noch meine Lady, ich verſichere Sie, auf meine Ehre, Kapitaͤn, ſind gewohnt, auf dieſe verſtohlene Art in irlaͤndi⸗ N ſchen Poſtkutſchen zu reiſen— die furchtbaren Abentheuer, denen man in dieſem barbariſchen Lande bei Nacht in einem Wagen ausgeſezt V iſt, abgerechnet.“ (Ende des zweiten Theils.) 330 ſiſnniſiſſmnnnnſſſinnſmnnſnnmſnmnſnnmnnm 7 9 11 12 13 14 15 1 d 4. 9 V 1 AAmme 8 4 4 56