Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur . von Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. . Seih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ ℳ en angenommen..— 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet o wird. 1 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt:. für wochentlich 2 Bilcher: 4 Bücher: 6 Bücher: ————— auf 1 Monat: 4 Mt.— Pf. 1 Mcr. 50 Pf. 2 Wcr.— Pf. 3. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eeurß Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der„ Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des wanſen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. Eliſabeth von Bruce. Nach— Walter Scott. Im Verlage der Gebruͤder Franckh ſind erſchienen: Barbier, der, von Paris. Hiſtoriſcher Roman in 4 Theilen. 8. Brambletye⸗Haus, oder Ritter und Rundkoͤpfe. Ro⸗ man, a d. Engl. Von Horaz Smith. 3 Theile. 8. Cooper,(Amerikaner), der lezte Mohican. Eine Ge⸗ ſchichte aus dem Jahr 1757. Aus d. Engl. 4 Bde. gr. 12. broſch. Deutſchland, oder Briefe eines in Deutſchland rei⸗ ſenden Deutſchen Erſter und zweiter Band. gr. 3. Denkwuͤrdigkeiten, geheime, uͤber Napoleon und den Hof der Tuillerien in den Jahren 1799— 1804, von Thibaudeau. gr. 8. broſch. Denkwuͤrdigkeiten des Grafen von Seguͤr, Pair von Frankreich. 3 Theile. 8. 4 Familie, die, Sainte⸗Amaranthe, oder die Schreckens⸗ regierung Eine heroiſche Novelle. A. d. Franz. der Madame E. L. 2 Theile. 8. Hof, der, eines regierenden Fuͤrſten oder die zwei Maitreſſen. Von Baron Lamothe⸗Langon. 4 Thl. 8. Der Polizeiſpion. Ein Sittenroman, von Lamothe⸗ Langon. 4 Thle. 8. Jouy, M. E., Cecilie oder die Leidenſchaften. 5 Theile. A. d. Franze gr. 12. broſch⸗ Ju⸗Kiao⸗Li, oder die beiden Baſen; ein chineſiſcher Roman uͤberſezt von Abel⸗Remuſat. A. d. Franzoͤſ. 3 a Theile gr. 12. broſchirt. Leben und Memoiren des Biſchofs von Ricci, Re⸗ formator des Catholicismus in Toskana unter der Regierung Leopolds. 4 Bde. 8. Oetavia, oder Leben und Abentheuer einer fuͤrſtlichen Maitreſſe. Eine wahre Geſchichte neueſter Zeit, aus den Papieren e. verſtorb. Diplomaten. 2Thle. 8. br. Olivier. Von der Verfaſſerin der Urika. A. d. Franz. gr. 12. elegant broſch.. Spindler, C., der Jude, deutſches Sittengemaͤlde aus der erſten Haͤlfte des 15. Jahrhunderts. 3 Baͤnde. 8. —— Eliſabeth von Bruce. 8 Nach Walter Seott. Aus dem Engliſchen Augu ſt Schaͤfer. 5 Erſter Band. Nꝓ&ι‚έρ K K K P K* K K N F N Stuttgart. Bei Gebrüder Franck. Eliſabeth von Bruce. Er ſtes Kapitel. Der ſtuͤrmiſche Mittwoch. Dieſe Nacht, es begreift es des Kindes Verſtand, Hatt' im argen Spiele der Teufel die Hand. Buros. Alte Leute in den innern Gegenden von Schottland, pflegen, in einer ſtuͤrmiſchen Win⸗ ternacht, am Kamine ſitzend, das juͤngere Volk durch ihre Erzaͤhlungen von dem ſogenannten ſtuͤrmiſchen Wodans⸗Tag zu erſchrecken. Das genaue Datum dieſes merkwuͤrdigen Ta⸗ ges laͤßt ſich nicht leicht beſtimmt angeben— auch iſt es von keiner großen Wichtigkeit. Er faͤllt jedoch in die Jahrszeit, in welcher das Jahr zur Neige geht,— der heitere Herbſt⸗ himmel beim Einbruche des Winters ſich all⸗ maͤhlig verduͤſtert, und ſcharfe und rauhe Winde 6 durch blaͤtterloſe Waͤlder zu pfeiſen, und in e den Schornſteinen zu wuͤthen beginnen. Der Wind uͤbte an dem ganzen langen Abende dieſes Tages eine ſtrenge Obergewalt aus; al⸗ lein gegen Mitternacht kaͤmpften gewaltige Re⸗ geng iſſe mit dem Orkan; und eine Stunde nachher war der Geiſt des Sturmes wirklich erſchreckt durch ſchoweren, praſſelnden und ſenk⸗ recht herabſtuͤrzenden Regen. Nebſt verſchiedenen andern heilſamen Wir⸗ kungen, erlaubte die beſſer gewordene Witte⸗ rung zwei ehrbaren Buͤrgern von Edinburg eine damals haͤufig beſuchte Schenke, in der ſie ein Jahresfeſt der alten und ehrwuͤrdigen Korperſchaft der Baͤcker gefeiert hatten, in hoͤchſt anſtaͤndigem Aufzuge, zu verlaſſen. Die Glocke von St. Giles ſchlug jezt laut zwoͤlf Uhr, unbekuͤmmert um die Wirkung, die ſie auf das erſchrockene Ohr des Zunftvor⸗ ſtehers Daigh, des aͤlteren und ernſteren Buͤr⸗ gers, hervorbrachte. —„Zehn— eilf— zwoͤlf“— zaͤhlte der wuͤrdige Deacon, Halt machend und die Oh⸗ ren ſpitzend.„Gut,— Gott ſey gedankt, es iſt niemand mehr bei uns auf! unſer Weib wird jezt in tiefem Schlafe liegen.— Nicht als ob ich viel auf ſpaͤte Stunden hielte, Mei⸗ ſter Burlin; allein da die juͤngern Bruͤder es fuͤr angemeſſen erachteten, mich zum Vorſte⸗ her zu waͤhlen, mit Uebergehung vieler ande⸗ rer Meiſter unſeres Handwerks, worunter auch mente und ernſtem Charakter bekannt, und—“ 7 Ihr ſelbſt Meiſter Burlin, und die einer ſol⸗ chen Auszeichnung weit wuͤrdiger und zur Er⸗ fuͤllung der Pflichten dieſes Amtes weit geeig⸗ neter ſind; ſo war es ſchicklich, daß ich ſo lange blieb bis die Verſammlung auseinan⸗ der gieng, damit bei unſerem Frohſinn der Wohlſtand nicht außer Acht gelaſſen wuͤrde,— ſo wie auch um euch juͤngern Leuten Vorſchub zu thun, ſonſt wuͤrde ich nie und nimmer in einer ſolchen Nacht auf den Straßen umher geſchlendert ſeyn,— in einer Nacht, in wel⸗ cher die Fenſter des Himmel geoͤffnet ſind,“ —(hier wandelte den wuͤrdigen Deacon ein feierlicher Ernſt an),— die Quellen der gro⸗ ßen Tiefen entſiegelt ſind, und... kurz Ben⸗ 4 jie, dieſes Nachtwandeln iſt nicht meine Sache. — Ich kann gegen einen alten Lehrling woht eine ſolche Vertraulichkeit an den Tag legen. Es iſt allgemein bekannt, daß David Daigh oder der Zunftvorſteher Daigh, wie Freunde und Goͤnner mich zu nennen belieben, ſeit dreißig Jahren ſich nicht dreimal außerhalb ſeines Bettes befand, nachdem ſich die Trom⸗ mel der Stadtwache um Zehn Uhr hatte ver⸗ nehmen laſſen, ausgenommen bei einer ſolchen beſondern Gelegenheit, wie in dieſer Nacht; oder wenn er mit einem guten Freunde, wie Ihr, im Hauſe eines Kunden zu Nacht ſpeiste. Nein Benjie,— in dem ganzen Stadtviertel bin ich als ein Mann von nuͤchternem Tempera⸗ 8 Aber hier fielen die beiden Handwerker, die aus verſchiedenen Gruͤnden fuͤhlten, daß„zwei beſſer ſind, als einer,“ und deßwegen, Arm in Arm geſchlungen, feſt an einander hien⸗ gen, donnernd auf die nachhallende Straße nieder. Man glaube jedoch nicht, daß dieſer ploͤtzliche Verluſt des Gleichgewichts von irgend einer innern Urſache herruͤhrte. Der juͤngere Mann behauptete zwar die Perpentikular⸗Rich⸗ tung mit maͤnnlichem Ernſte, und ſetzte ſo⸗ gar den weniger ſichern Bewegungen ſeines vormaligen Meiſters einen angemeſſenen Wi⸗ derſtand entgegen. Alein die ſtuͤrmiſche Wit⸗ rung und den Umſtand abgerechnet, daß ſie n verſchiedene Inſignien ihres Handwerks belaͤſtigt waren, drangen, bei ihrem Eintritle in jenen dunkeln Engpaß, der ſich in jenen Tagen bei den niedern Huͤtten befand, die Krames genannt wurden, und die damals, 74 an Zahl, gleich Bremſen, um den ſtolzen Bau von St. Giles geſchaart waren, einige Perſonen in der Dunkelheit, in ſtuͤrmiſcher und wahrſcheinlich achtloſer Eile. vorwaͤrts, und verurſachten durch thren Zuſammenſtoß mit den beiden Handwerkern die oben erwaͤhnte Ka⸗ taſtrophe. „Was ſoll das heißen, meine Herren?“ rief Meiſter Burlin, der auf dem Boden umher⸗ zappelte, die beiden Unbekannten zornig an⸗ fahrend.— „Wiſſen Sie, meine Herrn. mit wem Sie — —. 9 auf eine ſo unſelige Weiſe zuſammengeſtoßen ſind?“ Seyd Ihr verwundet, Deacon? „Um Gottes willen, Benjie, haltet euer vor⸗ lautes Maul,“ fuͤſterte der immer noch auf dem Boden liegende, aber friedfertige Deacon. „Nicht um alle Weihnachts⸗Leckereien, oder den laͤngſten Strich an meinen Kerbhoͤlzern. (und das iſt an denen der alten Frau von Bruce) moͤchte ich, daß mein Name oder mein Wort, in einem Streite auf oͤffentlicher Straße und ſo ſpaͤt in der Nacht, gehoͤrt wuͤrde. Ge⸗ hen Sie voruͤber, wuͤrdige Herrn, es iſt nichts Schlimmes geſchehen, aber es haͤtte ſchlechter gehen koͤnnen.“ Die Fremden ſchienen geneigt, ſich zu ent⸗ ſchuldigen. Allein war die Antwort ſeiner Gefaͤhrten ſanft, ſo tobte Meiſter Burlin deſto wilder. „Sprecht fuͤr euch Deacon Daigh,“ rief er aus;„aber ich will dieſe Wichte lehren, wie man ehrbaren Maͤnnern Stoͤße geben darf. Wißt Ihr, meine Herrn, mit wem Ihr ſprecht?“ Nun gibt es aber unter allen Fragen keine, die unkluͤger, oder beſſer darauf berechnet waͤre, eine muthwillige Antwort zu veranlaſſen, als die obige.. „Wie ſollten wir es wiſſen?“ rief einer der Fremden, ſich kuͤhn vor die Handwerker hinſtellend und ſeine Arme auf der Bruſt kreu⸗ zend.„Mit irgend einem beſoffenen Schur⸗ ken von Handwerker, der ſchon etwa fünf 10 Stunden auf ſeinem Strohlager ſchnarchen ollte... 1„Hoͤrt ihr ihn?“ rief Meiſter Burlin, vor Wuth mit den Zaͤhnen knirſchend. Bei dem Kreuz von Edinburgh! So mit einem Buͤr⸗ ger und Freigebornen ſprechen! Habt Ihr den Muth eines Haſen im Leibe, Zunftmeiſter Daigh?„Wache! Stadtwache! Stadtwache!“ rief der kuͤhne Baͤcker aus, und ſuchte ſeinen Gegner wirklich bei der Kehle zu faſſen. „Um Gottes willen, Benjie Burlin, laßt den Herrn gehen,“ rief Deacon, der jezt wie⸗ der auf den Beinen war, und verzweifelnd die Haͤnde rang. Der Fremde warf den tapfern Burlin mit großer Gewandtheit zuruͤck, und ihm ein Bein ſtellend, legte er ihn ſanft wieder auf ſeinen Ruͤcken. Lauter als zuvor rief jetzt der Hand⸗ werker:„Wache! Stadtwache! Stadtwache!“ und der Fremde folgte, durch das enge Gaͤß⸗ chen ſchießend, der hohen Geſtalt, die gleich beim Beginnen des Streits, geraͤuſchlos wie ein Geiſt voruͤber geglitten war. „Um Gottes willen! ſeyd doch ruhig, Ben⸗ jie!“ fluͤſterte Deacon, ſich uͤber ſeinen zu Boden geworfenen Freund hinbeugend und aͤngſtlich umhergrabbelnd, um das Kennzei⸗ chen des Handwerks wieder zu finden.„Wollt Ihr jene laͤrmenden hochlaͤndiſchen Teufel her⸗ beirufen, um das Ungluͤck wieder gut zu ma⸗ chen?“ 11 Immer noch rief der unzufriedene Burlin: „Wache! Wache!“ „Um Gottes willen, Benjie,“ hier hielt der Zunftvorſteher ſeinem Gefaͤhrten die Hand vor den Mund.—„Was wollt Ihr thun? Ihr richtet mich zu Grunde. Kirche und Conci⸗ lium! Werkſtaͤtte und Nachbarſchaft! Nun denn, ich mache mich raſch aus dem Staube, und uͤberlaſſe die Juwelen des Handwerks und Euch Eurem guten Gluͤcke. Beſſer, ſie gehen verloren, als die Juwelen meines guten Na⸗ mens“— und fortholperte der Zunftvorſteher. Er war noch nicht weit gekommen, als er durch die ploͤtzliche Ruͤckkehr der vermummten Geſtalt, die fruͤher an den beiden Handwer⸗ kern voruͤbergeeilt war, angehalten wurde. Dieſe Perſon mußte jezt einen Umweg durch das Parlamentsgebaͤude gemacht haben, denn ſie trafen ſich gerade an der Thoͤre des alten Gefaͤngniſſes. „Erſchrecken Sie nicht, mein Herr,“ ſagte er und entſchuldigte ſich hoͤflich wegen des fruͤheren zufaͤlligen Zuſammentreffend.„Es regt ſich keine Seele mehr in der Naͤhe eures Kreuzes in dieſer wilden Nacht,— es iſt nir⸗ gends ein Licht mehr und mein Geſchaͤft iſt dringend. Koͤnnen Sie mich, mein Herr, ins Haus der wohlbekannten Wehemutter, fuͤh⸗ ren,— der Frau— Frau“— hier ſtockte er, als ob ihn das Gedaͤchtniß verließe. „Niemand anders, als Luckie Metcalf, ich 12 wollte wetten,“ ſagte der Zunftvorſteher, der jezt ganz zu Hauſe war.. „Recht— ſonderbarer Weiſe hatte ich ihren Namen vergeſſen,“ ſagte der Fremde. „Wer ſollte es anders ſeyn, als gerade Lu⸗ ckie Metcalf, meine naͤchſte theure Nachba⸗ rin!— Die erſte Wendeltreppe in unſerer Straße— dem Clamſchell⸗Land, d. h. Land der Wallfahrt,.... wie Hr. Gideon Halibur⸗ ton, ein abtruͤnniger Geiſtlicher, mir von dem Wallfahren der Pilgrimme ins heilige Land ſagt.. Doch was kuͤmmere ich mich jezt darum. Kommen Sie, mein Herr, wir wol⸗ len uns im Wachthauſe eine paterne geben laſſen. Und hier iſt Meiſter Burlin, der uns die Hand reichen wird. Ihr moͤgt vergeſſen und verzeihen, Benjie.“ In der hohen und athletiſchen Geſtalt des Fremden lag wahrſcheinlich etwas, das den unzufriedenen Burlin bewog, der Aufforde⸗ rung ſeines Gefaͤhrten Folge zu leiſten. Der Vorſchlag in Betreff der Laterne wurde ver⸗ worfen; ſie ſetzten daher ihren Weg im Dun— keln nach der Wohnung des Zunftvorſtehers fort; der vermummte Fremde ſchritt ſchwei⸗ gend vorwaͤrts, einem aufgeſtoͤrten Geiſte gleich, der grauenvolle und mitternaͤchtliche Botſchaf⸗ ten ausrichtet, Meiſter Burlin aber duͤſtern und muͤrriſchen Sinnes, und der ehrliche Zunftvorſteher laut keuchend und dennoch die Unterhaltung ganz allein fuͤhrend. 1³3 „Ihr werdet ein Fremder ſeyn, ich wette,“ ſagte er. Ein leichter Wink war die zweifel⸗ hafte Antwort des Fremden, die jedoch als Be⸗ jahung gedeutet werden konnte. Der Zunft⸗ vorſteher, ein ſehr gutmuͤthiger Mann in ſei⸗ ner Art, hatte keine Luſt, zudringlich zu wer⸗ den. In der That, nach der großen jaͤhrlichen Zuſammenkunft des Handwerks war er im Allgemeinen eben ſo aufgelegt, ſeine eigene Zunge mandoͤvriren zu hoͤren, als auf das Geſpraͤch eines jeden andern Menſchen zu hor⸗ chen; und der ſchlanke und ſtolzblickende Frem⸗ de ſezte dieſer ſeiner harmloſen Freude kein Hinderniß entgegen. Nach einem fluͤchtigen Blicke auf verſchiedene Wochenbettsgeſchaͤfte des guten Weibes begann der Zunftvorſteher, wie ein gutgeſinnter Mann, der er auch war, die Geſchicklichkeit ſeiner Nachbarin zu preiſen. „Sie iſt ein ſchmuckes Weib, dieſe Luckie Metcalf,“ ſagte er,„und hat zu ihrer Zeit manchen Spaß geſehen. Ich habe ſie an ei⸗ nem Theetiſche— denn ein Weib in ihrem Geſchaͤftsfache bedarf der Unterſtuͤtzung eures gewoͤhnlichen Theegetraͤnks— gehoͤrt, wie ſie ſich ruͤhmte, daß ſie in ganz Schottland ſich am beſten auf das Entbinden der Frauen ver⸗ ſtehe. Da iſt die Frau des Lord Parkha, und die ganze von Bruc'ſche Familie und Hr— der große Advokat. Ich erinnere mich noch, als waͤre es erſt geſtern geweſen, daß ich ein Semmelbrod an ihn verkaufte, als er jeden 14 Tag am Thore vorbei und in die Hochſchule gieng;— wie doch die Dinge als kommen! Er iſt ohne Zweifel einer von Luckie's Kunden. Ich war ſo nahe bei ihm, als ich bei Ihnen bin, als er die große Rede gegen ſie hielt, durch die ſie das Terzſpiel gegen ihre Stief⸗ kinder verlor.„Der Teufel hacke Ihnen die gelaͤufige Zunge ab,“ ſagte ſie, halblachend, als ſein Rock an uns voruͤberſtreifte, waͤhrend er an einer Orange ſaugend, an uns voruͤber und in das Gerichtszimmer gieng,—„waͤre doch meine große Scheere an jenem Morgen in meinem Naͤhzeug geblieben, Sie wuͤrden mir dieſen mißlichen Streich nicht geſpielt ha⸗ ben;“ denn es geht das Geruͤcht, mein Herr, obſchon ich es fuͤr ein albernes Geklatſch ge⸗ halten habe, daß der große Hr.— in der er⸗ ſten halben Stunde ſeines Lebens gleichſam zungenlahm geweſen ſey; allein dieſe hat ſich laͤngſt ſchon in eine wunderbare Zungenfertig⸗ keit verwandelt, die Worte ſtuͤrzen ihm, wenn er vor den Fuͤnfzehn auf der Bank ſpricht, wie geſchaͤlte Erbſen aus einem Muͤhltrumpf, hervor. — Aber da iſt zu guter Zeit unſere Straße.“ Mit raſcher Hoͤflichkeit ſtieg der Zunftvor⸗ ſteher die Treppe hinauf, und machte an der Thuͤre der Frau Metcalf den uͤblichen Laͤrm, indem er mit einem weiten eiſernen Ringe ſchnell uͤber die zackige Oberflaͤche eines ſon⸗ derbar geſtalteten Stuͤck Eiſens, oder eines knarrenden polternden Apparats fuhr, der die 15 Stelle eines Klopfers oder einer Thuͤrglocke der neuern Zeit zu vertreten beſtimmt war. „Ich will Sie nicht laͤnger belaͤſtigen, mein Herr, ich wuͤnſche Ihnen gute Nacht,“ ſagte der Fremde in kaltem und ſchlichtem Tone. „Ihr habt euern Lohn fuͤr eure Muͤhe von dieſem ſtolzen Narren empfangen,“ ſagte der immer noch muͤrriſch gelaunte Burlin. „Ihr moͤgt ſo ſagen, Benjie,“ erwiederte der Zunftvorſteher.„Aber wer kann er wohl ſeyn, Freund! In ſeinen Mantel gehuͤllt, eine ſam⸗ metne Maske auf ſeinem Geſichte, und Degen und Piſtolen in ſeinem Guͤrtel! Saht Ihr ſie ſchimmern, als er an uns voruͤber ſtreifte? Aber um Gottes willen, jezt Benjie, laß mein Wort nicht gehoͤrt werden.“ Der kluge Zunftvorſteher trat jezt mit ſei⸗ nem Freunde in das enge Gaͤßchen, und klopfte an ſeine Thuͤre, in ſeinem Innern entſchloſ⸗ ſen, dieſen unzeitigen Laͤrm an ſeiner ehrba⸗ ren Thuͤre auf Rechnung der Kunden der Hebamme zu ſetzen, da er aus Erfahrung Ur⸗ ſache hatte, die ſcharfen Ohren ſeiner Nach⸗ barin, der Jungfer Jakobina Pingle, eines nervigen Edelfraͤuleins, zu fuͤrchten, das im zehnten Stockwerke das Gewerbe einer Hand⸗ ſchuh⸗ und Strumpfflickerin trieb, und, wie der Zunftvorſteher behauptete, weder Tag noch Nacht ſchlief; ſo daß man, ungeachtet ſie nur ſelten ausgieng, vermuthete, ſie wiſſe mehr von der geheimen Geſchichte des Landes, 16 als irgend ein in dem Gaͤßchen wohnendes Individuum. Zweites Kapitel. Der Brand. Schwarz ſizt die Nacht auf des Freiherrn Schloß, Rings ſammeln die dunkelnden Wolken ſich; Doch bald werden ſie roth ſeyn, wie des Tapfern Blut, Wenn den rothen Buſch gegen Lierüindelt der Zerſtörer der . älder;. Er, der lichte Palläſteverzehrer, 5 Zoch ſchwingt er ſein flammendes Banner, Roth, breit und düſter. Ivanhoe. Noch keine volle zwei Stunden hielt der wuͤrdige Zunſtvorſteher die enge Schlafſtelle befezt, die ihm Frau Daigh bewilligt hatte— denn in dieſer Nacht, in der er ſich eine auf⸗ fallende Unordnung des Betragens hatte zu Schulden kommen laſſen, vermied er kluger⸗ weiſe den Streit um breiten Platz im Ehe⸗ bette, den er oftmals mit maͤnnlichem Muthe gefuͤhrt hatte,— als die Familie durch das raſſelnde Gepolter der Feuertrommel aufgeſtoͤrt wurde.— Die ſchallenden Glocken des grauen St. Giles, das Getoͤs von tauſend Fuͤßen, das Raſſeln und Donnern der Feuerſpritzen auf den gepflaſterten Straßen, haſtige Fra⸗ gen, kurze Antworten„heiſeres Geſchrei, wil⸗ des Feuerrufen, und alle dieſe Zeichen des Schreckens und der Beſtuͤrzung, in Verbindung 17 mit der ſonderbaren Aufregung und dem na⸗ menloſen luͤſternen Vergnuͤgen, das ein mit⸗ ternaͤchtlicher Brand in einer volkreichen Stadt erreget, wuͤrden vielleicht unſern wuͤrdigen Zunftvorſteher ſeinem weichen Lager nicht ent⸗ riſſen haben, haͤtte ihn nicht das bange Ge⸗ ſchrei der Frau Daigh, die wegen gewiſſer hoͤlzerner Buden in der Straße St. Mary beſorgt war, zur Thaͤtigkeit aufgefordert. „Wie! unſere neue Eroberung ſoll im Rauch aufgehen,“ ſagte die Dame.„Aber es iſt ein gerechtes Gericht, das uͤber euch ergeht, David Daigh, wegen eurer Auffuͤhrung in dieſer Nacht.— Jungfer Jacobina ruft aus ihrem Fenſter, ſie wiſſe gewiß, daß es in der Straße St. Mary brenne.“ Die muͤßige Menge, die ſich bereits auf der Straße verſammelt hatte, machte eine unmit⸗ telbare Annaͤherung zu der Brandſtaͤtte un⸗ moͤglich, und zwang den Zunftvorſteher lange umher zu rennen, bevor er genau erfahren konnte, wo die verheerende Flamme tobte. Dieß hatte, wie er entdeckte, in jener engen Gaſſe ſtatt, die zwiſchen Calton Hill und der noͤrdlichen Seite der Anhoͤhe liegt, auf wel⸗ chem ſich das Canongate befindet. und ganz nahe bei Holyrood⸗Haus. „Es iſt Cambuskenneth Lodge, Zunftvor⸗ ſteher,“ ſagte Jungfer Jakobina, oder, wie ſie gewoͤhnlich genannt wurde, Jungfer Jac⸗ ky Pingle, die in Schlappſchuhen und in ih⸗ 16 rem rothen Mantel das Orakel einer der ab⸗ geriſſenen Gruppen war, welche die Straßen erfuͤllten.„Es iſt eine alte Prophezeihung, daß es dreimal abbrennen ſoll, um von der Blutſchuld, die auf ihm laſtet— vom Morde der de Bruce gereinigt zu werden— das kann durch nichts beſtritten werden.“ „Ich habe von dieſem unſinnigen Geſchwaͤtz gehoͤrt,“ erwiederte der Zunftvorſteher, der nun ſeine perſoͤnliche Angelegenheit beſeitigt hatte, und gleichguͤltig gegen alles andere war. „Unſinniges Geſchwaͤtz,“ erwiederte Jung⸗ fer Jakobina, an der mit Perlen beſetzten Ein⸗ faſſung ihrer Nachtmuͤtze unwillig zerrend; denn gleich der ſchoͤnen und ſorgſamen Freun⸗ din des Horaz Walpole hielt ſie eine an⸗ ſtaͤndige Nahtmuͤtze in Bereitſchaft, um ſie bei Feuerausbruͤchen zu gebrauchen.„Unſin⸗ niges Geſchwaͤtz! Ich habe meine Großmuhme, die Tochter des Buͤrgermeiſters Falconer— Fungfer FJacky blickte mit wuͤrdevoller Miene umher— hundertmal ſagen gehoͤrt, daß man beim lezten Brande im Jahr 1679 den Geiſt der Lady von Bruce, der in dieſem finſtern Hauſe ſein Spiel trieb, uͤber die Flammen emporſchweben und ſein blutiges Sterbehemd anfaſſen ſah, waͤhrend er ausrief: „Einmal abgebrannt! zweimal abgebrannt!— wenn ich wieder * 19 komme, will ich euch alle erſchre⸗ cken.“ Und da! ſeht ihr das, Nachbarn. Iſt ſie nicht wieder gekommen? Der ſchwarze, dicke Rauch, der einige Zeit lang ſeine ungeheuern Saͤulen empor getrie⸗ ben hatte, brach jetzt in Feuerflocken aus, in denen in dieſem Augenblicke das Auge der Phantaſie oder des Aberglaubens ſich die Um⸗ riſſe einer emporſchwebenden, weiblichen Ge⸗ ſtalt bilden mochte, die in die weiten Gewaͤn⸗ der jener Zeit oder in die Tracht des Grabes, gekleidet war. Waͤhrend die Gruppe ihr Auge an dieſer eingebildeten und raſch entſchwebenden Ge⸗ ſtalt weidete, fuͤhlte Deacon ploͤtzlich den kon⸗ vulſiviſchen Griff einer zitternden Hand an ſeinem Arme; und als er umherblickte, ſah er ſeine Gevatterin, Frau Metcalf, mit blaſſem Geſichte, verzerrtem Munde, Augen, die aus ihren Hoͤhlen hervorſtarrten, und jedem Zei⸗ chen von Schrecken und uͤbernatuͤrlicher Furcht. „Hilf Nachbar Daigh!“ ſagte ſie mit keu⸗ chender Stimme,„hilf um's Himmels wil⸗ len— Ich bin ein verlornes Weib.“ „Der Teufel iſt uͤber das Weibervolk dieſe Nacht gekommen, mit ihren Geiſtern und ih⸗ rer Bezauberung. Habt ihr den Geiſt der Lady von Bruce auch geſehen?“ „Manches fluͤchtig hingeworfene Wort hat einen ſchweren Fall. Ich habe dieſe Nacht . 2⁰ etwas geſehen, das Fleiſch und Blut nicht ſobald verwerfen wird,“ erwiederte die We⸗ hemutter. „Cambuskenneth Lodge brennt, ich wette. Meine Wehklage um das alte ſchwarze Neſt iſt bald vorbei. Aber die von Bruce's wa⸗ ren ohne Zweifel große Beſchuͤtzer eurer Fa⸗ milie.“. „Cambuskenneth Lodge!“ ſchrie die Frau in heiſerem Tone, ihre Haͤnde ringend.— „Sagtet ihr das, Freund? Dann iſt mein Traum in Erfuͤllung gegangen! und der Herr erbarme ſich des unſchuldigen Bluts, das die⸗ ſe Nacht vergoſſen worden iſt, und richte zu ſeiner Zeit die ſchaͤndlichen und unnatuͤrlichen Moͤrder.“ „O, der Kopf des Weibes gaͤhrt wie ein friſch ins Waſſer getauchter Schwamm!“ rief der Zunftvorſteher, waͤhrend das Weib in ei⸗ nem an Gefuͤhlloſigkeit graͤnzenden Zuſtande an ſeinem Arme hing.„Jungfer Jacky, habt ihr einige Erfahrung in dieſen Dingen? Wenn ich jezt einen von jenen hochlaͤndiſchen Schlin⸗ geln mit ihren Tragſeſſeln bekommen koͤnnte, um ſie nach Hauſe zu ſchaffen— ein Schluck ſtarken Getraͤnks wuͤrde ſie wieder beleben, und uns allen zurecht helfen.“. Ihre langen Ohren in ihren Nacken ver⸗ ſteckend, ihre haͤutigen Lippen mit großer Hef⸗ tigkeit zuſammenpreſſend, und in der uͤbermaͤ⸗ ßigen Gemuͤthobewegung der Wehemutter mehr —— 2¹ erblickend, als dem ehrlichen Zunftvorſteher ſichtbar war, trat Jungfer Jacky eilig vor, um ihre Huͤlfe und ihren Troſt anzubieten. Ihre Gegenwart brachte, wie es ſchien, die Wirkung eines ſchnellen Staͤrkemittels her⸗ vor; denn wieder zur Beſinnung gekommen, ſagte Frau Metcalf, ihre Ohnmacht ſey vor⸗ uͤber, und verlangte, auf des Zunftvorſtehers Arme gelehnt, nach Hauſe zu gehen. „Ja, und von Herzen gerne, Luckie; und traun, ich denke, eure Kunden muͤſſen wuͤn⸗ ſchen, euch um ſolche Stunden zu Hauſe zu treffen. Und jezt erinnere ich mich— ſchickte ich euch vor ein paar Stunden nicht einen ſeltſamen Kunden?“ „Ihr ſandtet ihn?“ rief Jungfer Pingle. „Ein auslaͤndiſcher Kerl, ich wette,“ fuhr der Zunftvorſteher fort.„Machtet ihr ein gutes Geſchaͤft mit ihm, Luckie?“ Frau Met⸗ ealf ſeufzte.—„Jezt ums Himmels willen Weib, vergeßt Cambuskenneth Lodge und den Geiſt der Lady von Bruce.“ Allein nichts vermochte die geſunkenen Le⸗ bensgeiſter des Weibes wieder zu beleben, das der Zunftvorſteher mehr fortſchleppte, als fort⸗ fuͤhrte. In der Naͤhe des Theils der alten Stadtmauer, wo die Feldiirche geſtanden haben ſoll, machte das Trio Halt, um auf das immer noch flammende Feuer zuruͤck zu blicken. Eine ſtarke, duͤſterrothe Gluth er⸗ hellte an jenem Punkte den Himmelz allein die erſte und heftigſte Wuth des Feuers hatte ausgetobt, und da kein friſcher Brennſtoff mehr vorhanden war, ſo erblaßte die Flam⸗ menhelle allmaͤhlig, und verſank endlich in die Dunkelheit der noch fruͤhen Stunde. Eine in Betreff ihrer Lage und ihrer Bauart ſo mah⸗ leriſche Stadt, glaͤnzend aber voruͤbergehend auf jedem erhabenen Punkte erleuchtet, von der duſtern Stirne ihres uͤberhangenden Schloſ⸗ ſes bis zu den Gipfeln und Thuͤrmen ihres baufaͤlligen Pallaſtes, war dazu geeignet, ſelbſt in der Bruſt derer, die am meiſten Urſache hatten, die Fortſchritte des verheerenden Ele⸗ ments zu fuͤrchten, ein voruͤbergehendes Ge⸗ fuͤhl des Schoͤnen und Herrlichen zu erwecken. Allein unſer nuͤchterner Zunftvorſteher be⸗ kümmerte ſich wenig um Dinge der Art; und nachdem er ſeine Gefaͤhrtinnen unbeſchaͤdigt nach Hauſe gebracht hatte, ſagte er:„er wol⸗ le ſich jezt eine Stunde neben Frau Daigh niederſtrecken, da ohne ihn Narren genug da ſeyen, um Waſſereimer zu tragen, und das Feuer ſey weit von der Straße St. Mary entfernt.“ Die Geſpraͤche in der obern Gegend der Gaſſe drehten ſich dieſen Morgen insgeſammt um den Brand in der vorigen Nacht.— Cambuskenneth Lodge war eines jener alten Hotels, in dem zu der Zeit, als der Hof von Schottland in Holyrood gehalten wurde, eine Familie von hoher Auszeichnung, eines von — 0 den ſehr wenigen ſchottiſchen Haͤuſern, die lange den roͤmiſchen Glauben beibehalten, gewohnt hatte. Allein die Wohnung war ſeit vielen Jahren nicht verpachtet worden. Ihre Schoͤße waren baufaͤllig— der gepfla⸗ ſterte Hof mit Neſſeln, Kletten und Gras be⸗ deckt, und die Daͤcher der, um drei Seiten das Hotel umgebenden hochragenden Mauern herumgebauten, Nebengebaͤnde, groͤßtentheils eingefallen, ſo daß man ſich wundern mußte, wie in einem ſo einſamen und verlaſſenen Ge⸗ baͤude Feuer hatte ausbrechen koͤnnen. Der Zunftvorſteher und die Zuhoͤrerſchaft, die ſeine Weisheit taͤglich uͤber alle Gegenſtaͤnde von voruͤbergehendem Intereſſe erleuchtete, muthmaßte nicht unvernuͤnftigerweiſe, daß ei⸗ nige heimathloſe Landſtreicher uͤber die Mauern des Schloßhofes geklettert ſehen, und entwe⸗ der aus Zufall, oder um ihre Raͤubereien zu verhehlen, das maſſibe Gebaͤude, das nach der Volksſage bereits zweimal niedergebrannt war, in Brand geſteckt hatten. Frau Metcalf, die Nachbarin des Zunftvor⸗ ſtehers konnte anders geurtheilt haben. Dieß muthmaßte wenigſtens Jungfer Jakobina Pin⸗ gle, die, waͤhrend ſie ſtatt ihres Nachmittag⸗ thees einige Schluͤcke Molken zu ſich nahm, die betruͤbende Nachricht von dem Uebelbefin⸗ den dieſer nuͤtzlichen Matrone ertheilte. „Das Fieber iſt in ihr Gehirn geflohen,“ ſagte Jungfer Jacky;„und ſie hat den gan⸗ 24 zen Tag uͤber von einer ermordeten Lady und einem verfuͤhrten Kind, von Feuer, Brand und blitzenden Schwerdtern gefaſelt. Herr Gideon Haliburton hat zwei geſchlagene Stunden, in ihr Zimmer eingeſchloſſen, mit ihr zugebracht. Feder, Dinte und Papier wurden geholt; und wie es ſchien hat ſie ihr Herz entladen und eine vollſtaͤndige Beichte abgelegt.“—„Obſchon es nicht glaublich iſt,“ ſezte Jungfer Jacky hinzu,„daß ein abtruͤn⸗ niger Prieſter, der am Ende doch ein bloſer Schulmeiſter iſt, am Sterbebette eines Sun⸗ ders jenen Troſt verleihen kann, den ein an⸗ geſtellter, gottſeliger Diener der reformirten Kirche von Schottland gewaͤhren koͤnnte.“ „Wir ſind allzumal Suͤnder, Jungfer Ja⸗ cky,“ antwortete der ehrliche Baͤcker mit ei⸗ niger Schaͤrfe;„aber das iſt eine betruͤbte Nachricht, die ihr mir da von meiner wuͤr⸗ digen alten Nachbarin uͤberbringt.“ Da aber der Zunftvorſteher argwoͤhnte, daß das neu⸗ gierige Maͤdchen die Abſicht habe, in Betreff der Ereigniſſe der leztverfloſſenen Nacht Er⸗ kundigungen einzuziehen, ſo entwiſchte er ihr auf eine geſchickte Art, und nahm ſeinen Weg nach dem Schauplatze der neulich ſtatt gehabten Feuersbrunſt. Das Gewebe der Geſellſchaft iſt ſo bunt⸗ ſcheckig und ſo dicht verſchlungen, durch klei⸗ ne und oft unſichtbare Bande und Faſern ſo zuſammengehalten, daß ſelbſt in einer großen 2⁵ Stadt die groͤßte Geſchicklichkeit einen Men⸗ ſchen von einer ſeiner vielen Maſchen nicht frei zu erhalten vermag. Davon kann man ſich taͤglich bei den tauſend kleinen Vorfaͤllen uberzeugen, die ſich vereinigen, um verborge⸗ ne Verbrecher ans Licht zu ziehen, und was in der Dunkelheit der Nacht begangen worden iſt, in der Helle der Mittagsſonne zu offen⸗ baren. Allein nur ein voruͤbergehendes Licht vermochten die ſorgfaͤltigen und klugen Nach⸗ forſchungen des vorſichtigen Zunftvorſtehers uͤber dieſen dunkeln Gegenſtand zu verbreiten. Ein Kunde, der in der Naͤhe von Abbey⸗Hill wohnte, hatte um Mitternacht, an dem ſtuͤ r⸗ miſchen Wodanstag, einen verſchloſſe⸗ nen Wagen, dem zwei vermummte Reiter vor⸗ anritten und einer nachfolgte, nach der Nord⸗ ſeite von Canongate in wuͤthender Eile fahren und bei oder nahe bei dem Thore von Cam⸗ buskenneth Lodge Halt machen ſehen. In der Naͤhe vom North Loch hatte man eine ganze Stunde lang eine Saͤnfte warten ſehen, in der Frau Metcalf wahrſcheinlich getragen worden war, da nachher ein Brief in derſelben gefun⸗ den wurde, der an dieſe treffliche Matrone adreſſirt, folgende lakoniſche Worte enthielt: „Es iſt zwoͤlf Uhr. Sey puͤnktlich und ſey treu; oder fuͤrchte die furchtbare Rache deſſen, den du kennſt.“ Dieſen drohenden Brief erhielt der Zunft⸗ vorſteher um den billigen Preis einer halben Eliſ. von Bruce. I. 2 Roͤſſel Branntwein von dem hochlaͤndiſchen Saͤnftentraͤger, der ihn gefunden hatte; allein nachher uͤbergab er ihn, auf Verlangen, dem Herrn Gideon Haliburton, jenem unbepfruͤn⸗ deten Geiſtlichen, der, wie der Leſer weiß, den zeiſlichen Beichtiger der Wehemutter geſpielt atte. Am dritten Tage ſtarb dieſe gute Frau, gleichſam der Jungfer Jacky Pingle und den andern Gevatterinnen der Gaſſe zum Trotz; und obſchon ſie von unbeſcholtenem Rufe war und ſogar die Gunſt ihrer Nachbarſchaft genoß, ſo fluͤſterte man ſich doch argen Verdacht in Betreff eines Goldſtuͤcks zu, das ſie als Ge⸗ ſchenk erhalten haben ſollte, um ein Kind auf die Seite zu ſchaffen, deſſen Daſeyn entweder irgend einem Plane ungeſetzmaͤßiger Vergroͤße⸗ rung im Wege ſtand, oder ein Flecken an der Ehre irgend eines edeln Hauſes war. Acht Tage nachher berichtete die Magd des Zunftvorſtehers, die ihre Verwandten in dem benachbarten Dorfe Cramond hatte beſuchen duͤrfen, daß man am zweiten Morgen nach dem ſtuͤrmiſchen Mittwoch, eine aͤltliche, reiſematte Frau von fremdem Ausſehen auf der Bruſtwehr der Bruͤcke von Cramond mit einem neugebornen Kinde ausruhen geſehen habe. Allein dieſer Nachricht ungeachtet war Jung⸗ fer Pingle hoͤchlich daruͤber erbittert, daß der Zunftvorſteher— ein angeſtellter Mann⸗ wie —½— 27 ſie ſich ausdruͤckte— nicht dafuͤr ſorgte, daß eine Nachforſchung nach den Beinen des ge⸗ mordeten Kindes angeſtellt wuͤrde, das man aller Wahrſcheinlichkeit nach unter dem Herd⸗ ſteine der Wehemutter finden wuͤrde.“ Der kluge Zunftvorſteher zog alle dieſe Din⸗ ge in Erwaͤgung. Daß hierin ein Geheimniß und wahrſcheinlich ein verbrecheriſches obwalte, war er uͤberzeugt. Welcher Art es auch ſeyn mochte, immerhin hatte es keine guten Fol⸗ gen fuͤr ſeine offenherzige, muntere und muͤtterlich alte Nachbarin gehabt, von der er durchaus nichts Schlimmes, vielweniger Grauſames, oder Schreckliches glauben wollte, und es verſprach ihm keinen Vortheil. Er be⸗ ſchloß daher, was ihn betraf, jenen geheimniß⸗ vollen Wink zu verſchweigen, und bat Jung⸗ fer Pingle ſo ernſtlich,„ſein Wort oder ſei⸗ nen Namen in einer ſo bedenklichen Sache nicht hoͤren zu laſſen,“ daß das ſchlaue Maͤdchen zu argwohnen begann, ſein Antheil an der Sache ſey viel tiefer als er wiſſen laſſen wolle. Der Vorſichtsmaßregeln des Baͤckers ungeachtet, wurde ziemlich allgemein von der Sache ge⸗ ſprochen; und unter den Merkwuͤrdigkeiten des ſtuͤrmiſchen Wodanskags nahmen das geheimnißvolle Abbrennen von Cambus⸗ kenneth Lodge und der ploͤtzliche Tod der Hebamme Luckie Metcalf eine bedeutende Stel⸗ le ein. Kurz nach dieſem verheirathete ſich die ein⸗ 28 zige Verwandte der Wehemutter, eine ziem⸗ lich bejahrte Tochter, und verließ Edinburgh; und ihr Pater Beichtiger, der ehrwuͤrdige Gi⸗ deon Haliburton, wurde zum Hirten einer zerſtreuten Heerde in den ſuͤdweſtlichen Di⸗ ſtrikten von— ſhire befoͤrdert. Treu dem geheimnißvollen Zutrauen, das die ſterbende Frau in ihn geſezt hatte, beobachtete er ein tiefes Stillſchweigen uͤber das Vorgefallene, gleichguͤltig ſowohl gegen die offenen Angriffe und geheimen Operationen der Jungfer Jacky Pingle, die ihn mehrmals zu einem Nach⸗ mittagsthee einlud, als auch gegen die ſchlauen Fragen des Vorſtehers der Baͤckergeſellſchaft. „Es war eine dunkle Fuͤgung des Him⸗ mels,“ ſagte er,„und der Herr wird zu ſei⸗ ner Zeit Licht daruͤber verbreiten. Je weni⸗ ger ihr von ſolchen Dingen wißt, Freund, deſto geſuͤnder werdet ihr ſchlafen. Bleibt wohl, wenn ihr wohl ſepd; und geht eurem eigenen friedlichen Berufe nach. Ich trat nicht aus meiner eigenen Bahn, um dieſes Geheim⸗ niß zu erſpaͤhen. Der Wille der Vorſehung legte er vor meine Thuͤre.— Mag es Got⸗ tes Wille ſeyn, mir die Laſt bald abzuneh⸗ men; denn fuͤr mich iſt dieß Geheimniß in der That eine ſchmerzliche und ſchwere Laſt.“ Solche Antworten brachten den Zunftvorſte⸗ her zum Schweigen, wenn ſie ihn auch nicht befriedigten. Obſchon unfere Geſchichte kaum erſt begon⸗ 29 nen hat, ſo muß ſie doch einen Sprung von ungefaͤhr 19 Jahren den Strom der Zeit hinab machen— ein Zeitpunkt, waͤhrend deſſen der Zunftvorſteher in allen ſeinen weltlichen Un⸗ ternehmungen großes Gluͤck gehabt, ſteinerne Gebaͤude zu hoͤlzernen Buden hinzugefuͤgt und ſeinen Namen durch die„Daigh's⸗Gaſſe“⸗ unſterblich gemacht hatte— ein Aelteſter der Kapuzinerkirche und Verſammler der Gewerke geworden war, Frau Daigh begraben, einmal, waͤhrend der Berathungen uͤber eine Wahl, im— Haus zu Mittag geſpeist, und endlich, mit einer etwas unchriſtlichen Freude, vernom⸗ men hatte, daß Jungfer Jakobina Pingle am linken Ohre taub geworden ſeh, was man fuͤr eine Folge davon erklaͤrte, daß ſie dieſes ſcharfe und nuͤtzliche Ohr zu lange an ein Schluͤſſelloch in der Nacht gehalten hatte, in welcher der wackere Meiſter Burlin gluͤckliche Eroͤffnungen in Betreff der ſchoͤnen Hand der aͤlteren Jungfer Daigh machte. 1 Drittes Kapitel. Eine Familiengruppe. und darf ich denn dem Gram nicht huldigen Unangeſtarrt vom Auge eines Dieners? Wie darfſt du meinen freien Sinn beherrſchen? Mir ſagen, wo ich leben ſoll, wo halten? Vorwitz'ger Sclave! Fort! Milman. Es war ungefaͤhr 19 Jahre ſeit der merk⸗ wuͤrdigen Nacht des ſtuͤrmiſchen Mitt⸗ wochs und an einem fruͤhen und luftigen Oc⸗ tobermorgen, als Wolf Graham, ein junger ſchottiſcher Edelmann aus einer alten Familie in— ſhire, ſich anſchickte, den Ort ſeiner Kindheit und Jugend zu verlaſſen, um ſich zu einem Reiterregimente zu verfuͤgen, das damals im Suͤdweſten von Irland ſtationirt war, und bei dem er unlaͤngſt zum Range eines Kapilaͤns befoͤrdert worden war. Die Dienerſchaft war an dem Morgen ei⸗ nes fuͤr die Familie ſo wichtigen Tages, wie der, an welchem der Erbe chen Expedition auszog— denn Irland war damals rebelliſch, ſchon fruͤh auf den Beinen. zu einer gefaͤhrli⸗ —— ₰ * 31 Ein reichliches Fruͤhſtuͤck, neben einem bren⸗ nenden Heerde, und in einem huͤbſchen und ſchoͤn geordneten, obſchon altmodiſchen, getaͤ⸗ felten Boudons aufgetragen, artete nur noch auf die Erſcheinung des Hausyerrn und des ehrwuͤrdigen Gideon Haliburton, der die Er⸗ laubniß erhalten hatte, ſich auf eine Zeitlang von einer ziemlich widerſpenſtigen Herde zu entfernen, um ſeine Verwandten in Galloway⸗ ſhire zu beſuchen, und ſich nun erbot, ſeinen jungen Freund und ehemaligen Zoͤgling bis Portpartrick zu begleiten. Wolf Graham, der fruͤhzeitig verwaist war, hatte mit Ausnahme der in der Schule und auf der Univerſitaͤt zugebrachten Zeit, bei ſei⸗ nem vaͤterlichen Oheim in Monkshaugh, bis er ſich zu ſeinem Regimente verfuͤgte, fortwaͤh⸗ rend gelebt. Das Landgut des leztern war einmal bedeutend groß geweſen, jezt aber zeich⸗ nete es ſich mehr durch die Schoͤnheit ſeiner Lage, als durch die große Ausdehnung ſei⸗ ner Felder aus. Wie es nun aber war, war Wolf der unſtreitige Erbe deſſelben; denn ſein Oheim, Robert Graham, war ein Jung⸗ geſelle von wenigſtens ſechzig Jahren; und alles deutete darauf hin, daß er bis an ſein Lebensende in eheloſem Stande verharren werde. Waͤhrend der juͤngere Bruder, Wolfs Vater, in allen Kaͤmpfen und Wechſeln, denen das Leben eines Mannes ausgeſetzt iſt, dem Gluͤcke nachgejagt war, hatte man Herrn Robert Gra⸗ —— ——i——— — 52 ham,„oder Monkshaugh,“ wie man ihn nannte, daher der Aufſicht einer muͤrriſchen, kraͤnkli⸗ chen, aber liebenden Mutter heranwachſen ſehen, deren ſelbſtſuͤchtige, quaͤlende Zaͤrtlichkeit einen Knaben von hoͤherem Geiſte und ſchaͤrferem Verſtande wahrſcheinlich empoͤrt haben wuͤrde;z allein Monkshaugh erwiederte dieſe Liebe durch gleiche Zaͤrtlichkeit. Von der Nachbarſchaft ver⸗ ſpottet, bildeten ſie fuͤr einander eine eigene kleine Welt, bis ihre gegenſeitigen Aufmerk⸗ ſamkeiten und Liebkoſungen das Hauptgeſchaͤft und das einzige oder hoͤchſte Vergnuͤgen ihres Lebens wurden⸗ In ſeiner Kindheit hatte ſich Robert durch jene zarten rothen Wangen, gekraͤuſelten Locken und ſchwarzen leuchtenden Augen ausgezeich⸗ net, welche einige Muſter bei artigen jungen Herrn, die ihr Haar glatt, ihre Haͤnde rein und ihre Kleider unbeſchmuzt erhalten, und nie fechten, wilde Pferde beſteigen, oder ſich dem Waſſer naͤhern, ſo hoch anſchlagen.— Der Gutsherr, jezt ein kleiner eingeſchrumpf⸗ ter Junggeſell, hielt noch immer viel auf die Ueberbleibſel der Schoͤnheit, durch die er ſich als Knabe ausgezeichnet hatte, und that ſich ungemein viel auf ſein artiges Benehmen und ſeine Geburt als ein Graham und ein von. Bruce zu gut. Als den aͤlteſten Sohn einer ſchottiſchen⸗ Familie vom zweiten Range hatte eine uralter Sitte den jungen Monkshaugh dem Studium 35 der Geſetze gewidmet. Allein die Natur iſt zuwei⸗ len ſtaͤrker, als die Gewohnheit, und ſelbſt gegen ſchottiſche Sitte und Gewohnheit widerſpenſtig. Er erhielt jedoch einen Advokatenrock und die alte Lady las ſeinen Namen in dem Almanach: allein„er hatte zu viel von einem Edelmann an ſich“— belehrte der alte Diener der Fa⸗ milie ſeine Mutter—„als daß er ſich den Kopf mit dem Geſetz verwirren ſollte;“ er entſagte daher dem Geſetz, oder beſſer geſpro⸗ chen, das Geſetz entſagte ihm. Allein obſchon Nobert Graham, oder der zierliche Robert, wie man ihn damals nannte, in der Rechts⸗ gelehrſamkeit nur geringe Fortſchritte machte, ſo war er doch in andern ausgezeichneten Fä⸗ chern gluͤcklicher. Mehrere Jahre hindurch war er Mitglied der Harmonika⸗Geſellſchaft, und konnte ſelbſt noch bis auf den gegenwaͤrtigen Tag„Je vous dèrai, ma maman“ und zwei und eine halbe Melodie von Corelli auf dem Violoncello ſpielen. Er war auch Director der heiligen Caͤcilias⸗Halle geweſen, als die begei⸗ ſterte Geweihte zuerſt„einen Engel auf Nid⸗ dry Street herabzog;“ und hatte die unbeſtrit⸗ tene Ehre, mehrere Baͤlle in Georgs Verſamm⸗ lungszimmer mit den beruͤhmteſten Schoͤnhei⸗ ten zu eroͤffnen. Robert Graham war, in dieſen Zeiten auch gelegenheitlich zu den Ge⸗ lagen der auserleſenen Geiſter des Poker⸗ Clubbss zugelaſſen worden, allein er fand weder an ihrem Wein, noch an ihrem Witze 54 Geſchmack. Selbſt ehe noch ſeine Mutter ſtarb, war er ſchon zu alt zu einem annehmlichen⸗ Stutzer, und mit ſeinen ſteifen und maͤdchen⸗ haften Gewohnheiten, ganz unfäͤhig in maͤnn⸗ lichen Geſellſchaften mit Anſtand und Wuͤrde aufzutreten; er zog ſich daher auf ſein Land⸗ gut zuruͤck, um, wie er ſagte, ſeines Bruders Sohn zu erziehen— in der That aber, um uͤber das Bruͤten ſeiner Bantams, einer Art kleiner indiſcher Huͤhner, und uͤber die Zube⸗ reitung ſeiner Gallerte zu wachen, und vor allem— denn. Landedelleute muͤſſen irgend⸗ eine Lieblingsbeſchaͤftigung haben— um das Thun und Laſſen der erſt kuͤrzlich reif gewor⸗ denen„Pilzfamilie“ ſeines Nachbars, des Herrn⸗ Hutchen von Harletillon, zu beobachten, indem⸗ ſie der Laird mit Wurzel, Zweig und Schoͤß⸗ lingen haßte, ja verabſcheute, in. ſo weit ein energiſches, und entſchiedenes Gefuͤhl in einer Bruſt Wurzel faſſen konnte, die nicht nur frei⸗ von Galle, ſondern auch von großer Faͤhig⸗ keit jeder Art war. Dieſer Herr Hutchen oder Hurchron— die letztere Benennung erklaͤrte Monkshaugh fuͤr die aͤchte— war urſpruͤng⸗ lich ein Landbanquier und Geſchaͤftsfuͤhrer. Auch war er Curator des Lord. von Bruce,, eines Mondſuͤchtigen, und des Verwandten⸗ Robert Grahams. Monkshaugh hatte jetzt aufgehoͤrt, die Stadt auch nur gelegenheitlich zu beſuchen, und lebte in allen Dingen des Geſchmacks, der Mode 35* und des Verſtandes gaͤnzlich in der Vergan⸗ genheit. So hatte er, da jede kleine Eigen⸗ thuͤmlichkeit in der Zuruͤckgezogenheit Staͤrke gewinnt, allmaͤhlich die ſchmeichelnde Benen⸗ nung„zierlicher Robert“ verloren, und unter ſeinen laͤndlichen Nachbarn und Dienern den nicht weniger bezeichnenden und angemeſſenen Titel„der alte Muͤckenfaͤnger“ erlangt— der ihm urſpruͤnglich von ſeinem Lieblingskammer⸗ diener und geheimen Rath, Franz Friſel, bei⸗ gelegt worden war, der ſeinerſeits mit gleicher Angemeſſenheit in dem Haushalt und der Um⸗ gegend unter dem Spitznamen„das Wieſel“ bekannt war. Allein obſchon Monkshaugh ſo aͤngſtlich ſteif in ſeinen Manieren, und man muß es geſtehen, eine voͤllig bedeutungsloſe Perſon war, ſo war ſein Herz doch ſo gutmuͤthig und ſein Betragen ſo haͤrmlos, daß ſeine Diener und Paͤchter eine beſondere Achtung fuͤr ihn hatten. Wolf Graham, der ſich nur zu oft einer Verletzung der ſtrengen Regeln der Wohlan⸗ ſtaͤndigkeit an dem Fruͤhſtuͤcktiſche ſeines Oheims dadurch ſchuldig machte, daß er den Platz des Tiſches, an welchem er ſaß, rechts und links, zur Zeit und Unzeit, ſaͤuberte, ſchritt. in der grauen Daͤmmerung dieſes Morgens mit ſchwe⸗ ren abgemeſſenen Schritten durch das Boudoir, die Augen auf den Boden geheftet, ſeine hohe und breite Stirn von Gedanken umwoͤlkt und ſeine fein gekruͤmmten ſchwarzen Braunen 36 zuſammengezogen, gleich denen eines Menſchen, der in tiefes Nachdenken verloren, oder in ſeinem Geiſte mit einem Gegenſtande peinli⸗ cher und tiefer Anfechtung beſchaͤftigt iſt. Die Abweſenheit derer, welche den Abſchiedsſchmaus ſo lange verzoͤgerten, ſchien von dem jungen Mann nicht bemerkt zu werden. Er unterbrach ſeinen Gang gelegenheitlich und blickte durch ein Fenſter, das tief in die dicken Mauern d3 alten Gebaͤudes verſchanzt, die Ausſicht auf ein Verhau gewaͤhrte, das man das Thal von Ernescraig nannte, und zum Theil auch auf den Pechsberg, eine ſteile und felſige Anhoͤhe, die einen Vorſprung der Gebirge um die Ge⸗ gend ihrer mittlern Hoͤhe bildet, und auf der die Burg Ernescraig, eine alte Feſte der Gra⸗ fen von Brucce, ſich erhob. Als er ploͤtzlich tiefſeufzend ſein Auge von dieſem hinreißenden Gegenſtande der Betrach⸗ tung wegwandte, begegnete er dem ſcharfen Blicke des Kammerdieners, der augenſcheinlich ſein Benehmen beobachtete, und in deſſen klei⸗ nen blinzelnden Augen, die mit der Schaͤrfe von Nadelſpitzen aus einem ſpitzmaͤuſigen Ge⸗ ſichte hervorblickten, eine ſonderbare Miſchung von Freude und Bosheit funkelte. Franz Frie⸗ ſel, oder das Wieſel, wie man ihn ſeiner unge⸗ meinen Behendigkeit wegen nannte, war ein verzwergtes, zuſammengeſchrumpftes, geiſter⸗ haftes Weſen, von der kleinſten menſchlichen Geſtalt der Hoͤhe und dem Umfange nach, ſelbſt 357 die Lapplaͤnder und Eskimos nicht ausgeſchloſ⸗ ſen. Ein Jahrhundert fruͤher haͤtte er fuͤr Monkshaug's Kobold gehalten werden koͤnnen; obſchon wenig zu befuͤrchten, war, daß der Laird, ſelbſt in dieſen aberglaͤubiſchen Zeiten, als Zauberer verbrannt worden waͤre. Wenn⸗ auch das Wieſel kein wirklicher Gnome war, was man in dem Dorfe Caſtleburn faſt allge⸗ mein argwoͤhnte, ſo war er doch wenigſtens ein in der Familie ſeines Herrn erzogener Fuͤndling. Seine Stellung in dem nunmehr verminderten Haushalte war ſehr verſchieden⸗ artig, da er in der That alles und nichts war, — Sackpfeifer, Mundſchenk und Zechbruder, ſo wie der allgemeine gejaͤllige Ueberbringer von Briefen, Paketen u. ſ w., von dem koͤnig⸗ lichen Freiflecken Rookſtown bis zu jedem Pacht⸗ hofe und jeder Halte in der Nachbarſchaft. Dieſer vielgeſchaͤftige Mann, der auf dieſe Art gewiſſermaßen, ertappt, aber keineswegs aus der Faſſung gebracht worden war, begann den breiten ſchoͤn geglaͤtteten und erzernen Roſt mit nesen Birkenreiſern zu verſehen, und um ſich ſeine Arbeit zu verſuͤßen, laut das alte Lied zu ſingen:— „Mein guter Lizzie Baillie, Die Mutter lebt nicht ohne di' O! ſag dem Schalk, daß er ſich pack', Mit Hut und Stock und Mantelſack,“ u. ſ. w. Eines ernſten Mißfallens ungeachtet, kruͤmmte ein fluͤchtiges Laͤcheln den Mund des jungen Graham, der wohl. wußte„ daß er ſelbſt die ——y ——— — 36 Zielſcheibe dieſer herausfordernden Lyrik war. Er unterbrach ſeinen Gang noch einmal, und ſich niederbeugend, ſchlug er dem ſich buͤcken⸗ den Maͤnplein auf die Schulter. „Frieſel, du biſt der vorwitzigſte und un⸗ verſchaͤmteſte Schuft, der je in einem alten Hauſe umherlief, um Ungluͤck zu ſtiften. Was hindert mich jetzt, dir jedes Bein an dieſem deinem verzwergten Koͤrper zu zerquetſchen, was ich ſo leicht thun koͤnnte?“ „Nicht ſo leicht, als ihr glaubt, Kapitaͤn Wolf. Erſtens wuͤrde euch euer eigenes guͤ⸗ tiges Herz davon abhalten,— mein Geſchrei nicht in Anſchlag, gebracht;— und in der That, es wuͤrde eine herrliche Heldenthat fuͤr einen Dragoner⸗Kapitaͤn ſeyn, einem ſo elen⸗ den Geſchoͤpfe, als ich bin, die Beine zu zer⸗ brechen. Allein ich weiß, ihr glaubt in dem Ernescraiger Wald im Grau des Morgens eines geſehen zu haben; allein es kann ein Geſpenſt, oder eine Nachteule, oder eine wilde Katze ſeyn. Ich ſchwoͤre, es war ein treues ſchweigendes Geſchoͤpf, das euch nie zu ſcha⸗ den ſuchen wird, viel. weniger irgend einer ſchoͤnen Lady.“ „Verlaß das Zimmer,“ rief⸗Wolf mit einee Stimme, die jedes weitere Geſpraͤch unterſagte. Das Wieſel gehorchte; warf aber ſeinem jun⸗ gen Herrn durch eine leichte Schwingung der Thuͤre den Handſchuh nieder.“ 6. „Und. das,!“ dachte Graham,„iſt nur ein — N — —— 39) Vorgeſchmack. Wo ſoll alles das enden? Meine Eliſabeth! in welche unheilvolle Lage hat meine raſche Liebe dich geſtuͤrzt!’“ Der junge Mann⸗ fiel in ſein fruͤheres Nachdenken zuruͤck, und⸗ ging wieder mit gemeſſenen Schritten im Zim⸗ mer auf und nieder: Franz Frieſel hatte, man muß ihm dieſe Gerechtigkeit widerfahremlaſſen, beilder Beobach⸗ tung des Benehmens ſeines jungen Herrn keine hoͤſe Abſicht; er war nur unzufrieden daruͤber,, daß er, der ſo lange allen fruͤhern Kinderpoſ⸗ ſen beigewohnt hatte, vergeſſen werden ſollte, wenn es ſich um ernſtere und gefaͤhrlichere Dinge handelte,— und das, wie er irriger⸗ weiſe argwoͤhnte, aus Veranlaſſung ſeéines Ne⸗ benbuhlers, des fuͤrchtbaren Corporal. Fugal, welcher Begleiter des Grafen von Bruce, und Lehrer des jungen Wolf Graham, in der Reit⸗ kunſt und allen andern kriegeriſchen und maͤnn⸗ lichen Uebungen geweſen war. Das Wieſel ſaß auf einem Fenſterſitze ind der Kuͤche, ſeinem gewoͤhnlichen Ruheorte beie gutem Wetter, mite gekreuzten Armen, pfeifend und taktmaͤßig mit den Fuͤßen tretend, als er von Effie Fechnie angeredet wurde, einem ſchnur⸗ geraden ſproͤden Maͤdchen mit hohen Schultern,, flacher Bruſt und einem lang gedruͤcktem Ge⸗ ſichte, das rings mit einer engen Haube umge⸗ ben war. Dreißig, Jahre hatte ſie in Monks⸗ haug'’s Kuͤche den Vorſitz gefuͤhrt, und endlich den Ehrentitell einer Haushaͤlterin erhalten; ——ÿö ———— 40: denn der Laird uͤbte, ohne ſie der Einkuͤnfte zu berauben, die ganze wirkliche Gewalt dieſes Amtes aus. 3 „Iſt der Laird noch nicht angekleidet?“ ſagte ſie.„Dieſe ſeine ſchwere Peruͤcke 6— Die Morgentoillette des Lairds war ſo lang⸗ weilig und gekuͤnſtelt, als die einer franzoͤſi⸗ ſchen Dame vom alten Style, ehe die Guillo⸗ tine den Franzoſen in allen Angelegenheiten des Kopfes Eilfertigkeit eingepraͤgt hatte.— „Und iſt auch Herr Gideon noch nicht gekom⸗ men, mit einem Pfund Koth an jedem Hufe?“ — ein ehrlicher Mann, der aus einem Hauſe einen Miſthaufen macht. Der Hammelsbraten wird ganz ſchwarz braten und meine zarten Brode ſo zeh werden, wie ein Strick.“ „Und der Strick preßt den Nacken, uͤber den er geht,“ rief das Wieſel,„ſoviel ich weiß.“ Effie unterbrach ihre Handarbeiten an dem Kuͤchentiſche, um mit Verwunderung auf das faſelnde Maͤnnlein zu blicken. „Wie lange, Effie, habe ich, Franz Frie⸗ ſel oder Fraſer, gewoͤhnlich das Wieſel genannt, in Dienſte des Lairds von Monkshaugh und ſeines Neffen gelebt?“ „Es mag ſchon mehr als zwei und zwan⸗ zig Jahre ſeyn, ſeit die Keſſelflicker euch, gleich einem Hexengeſchenk an unſer hinter Thor des Morgens niederlegten,“ ſagte Effiegin trockenem Tone.„Ihr mochtet noch nicht uͤber ein Jahr alt ſeyn; aber, als ihr mir ins Geſicht grinz⸗ 41 tet, wie ein kleiner alter Mann, ſo wuͤrden dreißig Jahre es mit eurer Zunge nicht auf⸗ genommen haben. Ihr habt ſeitdem taͤglich euer gutes Eſſen und euern Trank erhalten; ausgenommen in dem Jahre, in welchem der Laird euch zu Lowine zu Labrod, dem Schnei⸗ der, ſchickte,— und ihr euch daruͤber erzuͤrn⸗ tet und wo anders hinliefet. Es iſt zum Er⸗ barmen, Fraͤnzchen, was ihr fuͤr eine zuſam⸗ mengeſchrumpfte Geſtalt bei eurem kuͤhnen Soldatengeiſt habt.“ „Lang oder kurz, Monkshaugh's Haus hat das Ende meiner Dienſte geſehen. Ich habe es geſchworen! Der alte Muͤckenfaͤnger iſt ein Erzknicker geworden. Als ich geſtern Abend von Rookſtowe heimkam, nachdem ich eine geſchlagene Stunde gelaufen war, um das Hofdamenpflaſter fuͤr die Finnen an ſei⸗ nem Geſichte zu holen, hatte er nicht einmal die Gefaͤlligkeit, zu ſagen: guter Franz, boͤſer Franz, naͤhmeſt du nicht einen Schluck Wein zu dir? Und der junge Herr, fuͤr den ich mein heiſeſtes Herzblut haͤtte vergießen koͤn⸗ nen, haͤlt es mit jenem alten, groben Toͤlpel, dem Corporal Fugal. Fleiſch und Blut kann dieß nicht ertragen. Ich will Balladen ſingen, oder Nachtwaͤchter⸗Dienſte thun, oder mich mit meinen Scheermeſſern am weſtlichen Hafen von Edinburg niederlaſſen, und hochlaͤndiſche Schafſcheerer, das Dutzend um einen Grot raſiren, ehe ich mich ſo behandeln laſſe.“ 5 — ———— —— 42 „Ihr werdet doch Erbarmen mit uns ha⸗ ben,“ ſagte das Maͤdchen mit beleidigender Trockenheit, waͤhrend ſie ruhig in ihren Haus⸗ haltsgeſchaͤften fortfuhr,„und uns einen Tag zur Reue und zur Beſſerung goͤnnen, bevor ihr eine ſo kraͤftige Stuͤtze von dem wankenden Stammbaume des Hauſes Monkshaugh ent⸗ fernt. Aber was denkt ihr, Franz, ſtecken der junge Capitaͤn und der alte Corporal die Koͤpfe in Betreff des Fraͤuleins von Bruce nicht zuſammen?— Mag es ſeyn, ich halte mein Geſicht rein davon. Aber bſt! des al⸗ ten Muͤckenfaͤngers hundsfoͤttiſcher Gauner iſt von dem blauen Zimmer auf der Hintertreppe herabgeſtiegen; und dieſen ganzen Morgen um die Kuͤche herumgeſchlichen, wie eine Henne, die ein Neſt ſucht.“ Jezt ließ ſich in Verbindung einer knar⸗ renden Glocke, die zum Fruͤhſtuͤck laͤutete, die zarte und etwas affectirte Stimme Monks⸗ haughs in den Worten vernehmen:„Fraͤnz⸗ chen— Fraͤnzchen Frieſel.“ „Ich komme! ich komme, Monkshaughs,“ rief Frieſel.„Gebt mir den reinen Theeteſſel, Maͤdchen; da ich heute zum leztenmal in dieſem Hauſe bin, ſo brauche ich den alten Muͤcken⸗ faͤnger, vor einem Fremden, wie der fromme Gideon, nicht zu beſchimpfen. Aber ich ſchwoͤre — ſey mein Zeuge, Euphan Fechnie— bei dem ſchwarzen Kreuze von Schottland, daß ich hinter das Geheimniß des Kapitaͤns kom⸗ — — 45 men werde, ehe ich einen Tag aͤlter bin! So gib mir doch den reinen Theekeſſel, der ſein Morgengebet ſo huͤbſch brummt, und dieſe bruͤhheißen Brode.— Der Schaum liegt auf dieſem Lachs gleich Bettcorallen. Haltet einen Biſſen fuͤr mich warm, Effie, und ſagt nichts von dem, was ich euch von meinem Entſchluſſe ſagte; wir werden vielleicht alle unſere Quar⸗ tiere nach und nach veraͤndern, wenn es nach Hurcheoa's Wunſche geht. Und des gottſeli⸗ gen Gideon's Reiſegefaͤhrte iſt eine gute Zeit unter den Mauleſeln geweſen. Bereitet euer Herz, Maͤdchen! Ihr wißt, ihr ſeyd eine krummhornige alte Schafmutter von ſeiner Heerde und werdet in dieſer Vacanz nicht un⸗ angefochten bleiben. Ich will in das Sprech⸗ zimmer.“— „Ja, ihr habt Witz in eurem Zorne, Fraͤnz⸗ chen, daß ihr euer Wort mit einem Schwure bekraͤftigt.— Das iſt die wahre Art des Ge⸗ birgsmanns(man glaubte naͤmlich, Frieſel ſey aus hochlaͤndiſchem Blute entſproſſen). Gebt dem Lord die ſchlimmſten Worte, die ihr wiſ⸗ ſet, und macht euch bei ihm beliebter, als ſeine ehrlichen, maͤßigen, fleißigen und treuen Die⸗ ner, die ihm nicht mit den Augen dienen, wie die Speichellecker.“ „Ihr habt Recht, Effie,“ unterbrach ſie Frieſel, der in dieſem Augenblicke zuruͤckkehrte, um neue Mundvorraͤthe zu holen—„keinen Augendienſt, da ihr bloß ein Auge habt, auf 44 das man rechnen kann; und was den Spei⸗ chellecker betrifft.— Hey!“ Das Wieſel gab hier ſeinem Geſichte und ſeinen Augen einen Ausdruck, der nebſt den flachen Haͤnden, die er dem Maͤdchen vorhielt, deutlicher ſprach⸗ als es durch Worte haͤtte geſchehen koͤnnen. Unwillig rief Effie dem Maͤnnlein zu, es ſolle ſich entfernen, was auch alsbald geſchah. Langſamen und beſonnenen Tritts kam jezt, von dem Korporal Fugal am Zaume gefuͤhrt, die langruͤckige, ſperrbeinige, kopfhaͤngeriſche und muͤrriſche Marn an, die den langen, hagern und knochigen Koͤrper des ehrwuͤrdigen Gideon Haliburton trug. Gideon ſtieg in dem weiten alten Hofe ab, der zum Theil von hohen alten Mauern, zum Theil von Hagedorn, Stech⸗ palmen, wilden Roſen und ſpaniſchem Flieder umgeben war, und einen grotesken ſteinernen Springbrunnen in ſich ſchloß, der von einer alten Roſenpappel uͤberſchattet war. Von dem Fenſter des Sprechzimmers aus beſchaute ſein Gaſt, ſeine welken Lilien⸗Haͤnde reibend, die neuen Ankoͤmmlinge, Mann und Roß, und zwar nicht ohne einige loͤbliche Verſuche, ſich uͤber ſie luſtig zu machen, was in Wolf Grahams Augen eine ziemlich komiſche Wir⸗ kung hervorbrachte. Derſelbe ergoͤtzliche Hang zum Luſtigma⸗ chen dehnt ſich uͤber den ganzen Erdenraum — uber alle Staͤnde der menſchlichen Geſell⸗ ſchaft, aus. Die Bewohner des Narrenhauſes — 45 machen ſich uͤber einander luſtig, und dieſe Kunſt wird in den naͤchtlichen Wohnungen des trotzigen Bettlers, ſo gut verſtanden und ſd ſtrenge ausgeuͤbt, als in den Salen der Fuͤrſten. Marktweiber und Nachenfuͤhrer ſind Adep⸗ ten im Laͤcherlichmachen; das Stadtkind lacht uͤber den Landmannz der Landmann hinwieder uͤber das Stadtkind u. ſ. w. Warum ſollte alſo der zierliche, wohlgekleidete, gepuzte, kleine Lairdvon Monkshaugh nicht uͤber den hagern, ungeſchlachten und ſchlorigen Prediger von Sourholes gelacht haben, ohne das halb⸗ſpoͤt⸗ tiſche Laͤcheln des jungen Graham zu erregen? Die beiden Herrn, welche jezt Morgengruͤße mit einander wechſelten, waren in Beziehung auf einander wahre Gegenfuͤßler; allein Einen Vereinigungspunkt hatten ſie— ihre gegenſei⸗ tige warme Anhaͤnglichkeit an den jungen Mann, der ſie dieſen Morgen zu verlaſſen im Begriff ſtand. Herr Gideon hielt den alten Monkshaugh ſchon laͤngſt fuͤr„ein weder laues noch warmes geſchmeigeltes Maͤnnlein, das ſein Vergnuͤgen daran fand, von geſtreiften Bravallen, ſilbernen Briſtoler Schnallen und ſinen verfaulten Vorfahren, einem boͤsartigen Geſchlechte, wie alle Grahams, zu faſeln“— waͤhrend Monkshaugh ſeinerſeits eben nicht ſehr nach der vertrauten Freundſchaft einer grobgeſponnenen, niedriggebornen und unge⸗ ſchlachten ſchismatiſchen Perſon verlangte, die grobe Hemder, zwei in der Woche, trug, und 46 der er in ſeinem ganzen fruͤhern Umgange mit ihr keinen gehorigen Begriff von ſeinen perſoͤn⸗ lichen Anſpruͤchen und den Vorzuͤgen ſeiner Geburt, hatte beibringen koͤnnen. Der ehrwuͤrdige Gideon Haliburton ſtand jezt in ſeinem ſechzigſten Jahre; allein er ſah vielleicht aͤlter aus. Groß, hager, mit einwaͤrts gebogenen Knieen, und groben Gliedmaßen, hatte ſeine rechte Seite beim Gehen ſtets einen bedeutenden Vorſprung vor der linken, und die Bewegungen des ganzen Mannes ſchienen die Wirkung einer ungelenken, ſchlecht geoͤlten, inneren Maſchine, die eines gewaltigen An⸗ triebs bedurfte, um in Bewegung zu kommen, die aber, einmal in Gang gebracht, eben ſo ſchwer wieder aufzuhalten war. Backenkno⸗ chen, die weit genug hervorragten, um die Schmaͤhungen gegen die National Phyſiogno⸗ mie zu rechtfertigen, ein Mund voller Hoͤhlen von unermeßlicher Ausdehnung, und mit ſtreifi⸗ gen Saͤulen in angemeſſenem Verhäͤltniſſe beſezt, große hervorſtechende Augen— deren Farbe eine Miſchung aus Pfeffer und Salz war, und ins Grau ſtechende gewaltige Augenbraunen bildeten, nebſt einer breiten, ausgedehnten und gefurchten Stirne, die groben Elemente eines Geſichtes, das nichtsdeſtoweniger ſich durch ei⸗ nen unbeſchreiblichen Ausdruck des Angenehmen und Wohlwollenden auszeichnete. Gideon s aͤußere Ausſtattung war, obſchon fuͤr den Laird von Monkshaugh Galle und Wermuth, doch — —,—— 47 ſo beſchaffen, daß ſie, gehoͤrig geordnet, ſeinem Range und Stande angemeſſen geweſen wäre. Ein vollſtaͤndiger Anzug von grobem moͤnchs⸗ grauem Tuche, mit großen Schoͤßen, Aermeln und Taſchenlappen— der ihm, wie der Wieſel ſagte, „zum Wachſen gemacht,“ und nicht ſehr oft aus gebeſſert worden war, erhielt einen bedeutenden Glanz von ſchwarzen Hornknoͤpfen, die der Prediger„eine eitele Ueberfluͤſſigkeit“ nannte, und von denen jedes ſo groß war, als eine von Monkshaughs Nankin— hhineſiſchen Trukſchoſſeln, ſtarke Schuhe mit zolldicken Sohlen, geſtrickte, gerippte Struͤmpfe von gro⸗ bem, grauwollenem Garn, nebſt ſchwarzela⸗ ckirten Schuh⸗ und Knieſchnallen, ein kleiner Hut, ſicherlich keine neue Erwerbung, und eine ungeheure graue Peruͤcke, zu der mehr als eine graue Maͤhre Beitraͤge aus ihrem Schwanze geliefert hatte, kroͤnten und ergaͤnzten ſeine ge⸗ woͤhnliche Kleidung. Und dieſe eigenſinnige Peruͤcke ſaß, trotz der Winke des Lairds und der thaͤtlichen Bemuͤhungen des Kammerdie⸗ ners, jederzeit ſchief; und war zudem ſo zu⸗ ſammengefuͤgt, daß ſie hinten ein offenes Feld darbot, auf welchem der Schaͤdellehrer ſeinen Lieblingsſpekulationen ungeſtoͤrt haͤtte nachhaͤn⸗ gen koͤnnen. In der That, die Lieblings⸗ ſtellung oder das Lieblingsgeſchaͤft des ehrlichen Mannes, wenn er üuͤber irgend einen Gegen⸗ ſtand nachdachte, beſtand darin, daß er ſein rechtes Knie mit der einen Hand ſtreichelte, 48 während die andere, mit gleicher Emſigkeit, irgendwo zwiſchen der Kopfhaut und der Pe⸗ ruͤcke, die ſich auf dieſe Art faſt eines Schein⸗ amts erfreute, grabelte. Monkshaugh, der ſich eben ſo gewiß einen Finger haͤtte abſchneiden laſſen, als er por einem Fremden im Hauskleide erſchienen waͤre, haͤtte ſich unzweifelhaft den Kopf abhauen laſ⸗ ſen, ehe er in der Tracht ſeines ehrwuͤrdigen Gaſtes aufgetreten waͤre. Er trug gewoͤhnlich, wie auch an dieſem Morgen, einen zimmet⸗ farbenen Anzug vom feinſten Tuche, der ſchon lange getragen, und ohne Zweifel oftmals ſehr ſorglaͤltig ausgebuͤrſtet worden war, dennoch aber ſo ausſah, als ob noch nie eine Buͤrſte ſein glaͤn⸗ zende Tuchflocken beruͤhrt haͤtte. Dieſes Kleid, das mit Seidenzeug von derſelben, nur etwas hel⸗ lern Farbe gefuͤttert war, ungewoͤhnlich feine, ſchneeweiße linnene Buſenſtreifen, von denen kein Faden ſeitwaͤrts blickte, eine kleine engan⸗ paſſende, krauſe und gut gepuderte Blumen⸗ kohl⸗Peruͤcke**), mit kleinen Schwunglocken und einem duͤnnen Zopfe, perlengraue, ſeidene Struͤmpfe, glaͤnzende Schuhe von ſpaniſchem Leder, an denen nicht jene prunkenden Schnal⸗ len, auf die Gideon ſo ſtolz war, ſchimmerten, ſondern kleinere von Gold, bildeten Monks⸗ haughs zierliche Alltagskleidung. Einige Zeit nachher, 4 *) Eine große weite Peruͤcke der Praͤlaten und Aerzte der Vorzeit. Anm. des Ueberſ. x 49 nachher trennte er ſich von dem Zopfe, und ſah dann, nach der Aeußerung ſeiner laͤndli⸗ chen Freunde, wie eine Katze ohne Schwanz aus: auch kam italieniſche Floretſeide an die Stelle der ſchimmernden Schuhſchnallen— Neuerungen, die der Laird der franzoͤſiſchen Revolution zuſchrieb, und tief verabſcheute, ſelbſt waͤhrend er ſich nach ihnen bequemte. Die ſtarke rauhe, aber maͤnnliche Stimme des Seelſorgers ſtach auf gleiche Weiſe gegen die tiefen und doch ſcharfen Toͤne der ſchwa⸗ chen Stimme Monkshaughs ab; ſo daß wenn der Laird ſich in einer unruhigen Stimmung befand, Gideons volltonende haughs und rumpelnde Henes gleich einer Electriſirma⸗ ſchiene auf ſeine Nerven wirkten. Mit einem dieſer knurrenden lauten hencs warf ſich Herr Gideon in dieſem Augenblicke polternd in Monkshaugs Prachtſeſſel, der wirk⸗ lich unter dem ungewohnten Druck ſeufßzte. Dieſen Ehrenplatz hatte der Laird ſeit dem Abſterben ſeiner Frau Mutter beſtaͤndig ein⸗ genommen, und ihn nicht einmal ſeiner Ver⸗ wandten, der Tochter des Lords von Bruce, abgetreten; und dieſer gewaltſame Eingriff in ſeine Rechte vollendete Gideons Ungezogenheit und Mangel an aller Lebensart. Der Laird konnte ſich keinen Begriff von irgend einem Grade von Unwiſſenheit oder Geiſtesabweſen⸗ beit bilden, wodurch eine ſo auffallende Ver⸗ Eliſ. von Bruct. I. 50 letzung der Geſetze der Wohlanſtaͤndigkeit haͤtte bemantelt werden koͤnnen. Wolf Graham, der noch immer auf die ferne Burg blickte, bemerkte dieſe gaͤnzliche Umkeh⸗ rung der Oekonomie des Fruͤhſtuͤcktiſches nicht, bis er das kleine zornige Geſicht ſeines Oheims gewahrte. Er bkickte auf Frieſel, der die Sache in einem Augenblicke in Ordnung brachte,— indem er zuerſt einen vergeblichen Verſuch machte, den Seelſorger wegzuſchieben und ihm dann laut ins Ohr ſchrie—„es iſt der Stuhl des Lairds!“ Wolf aber gab nun dem ſchwer⸗ faͤlligen Gideon, mit kraͤftigerem Arme, einen derben Stoß, und bewirkte eine vollſtaͤndige Naͤumung. „Nicht doch, Neffe Wolf,“ ſchrie Monks⸗ haugh, deſſen Anſtandsgefuͤhl ſich empoͤrte, vielleicht wollte Herr Gideon ſo guͤtig ſeyn, und Thee einſchenken. Meine geringe Geſchick⸗ lichkeit— „Schenkt euer Theewaſſer ſelbſt ein, Monks⸗ haugh,“ unterbrach ihn Gideon; es ſchickt ſich beſſer an euch. Ich bin nicht erfahren in eurem Theetrinken Trinkum— trankums; und frage wenig darnach, ſeit ich eine vor⸗ nehme Dame, die ungenannt bleiben ſoll, und von der ich beſſere Dinge gehofft hatte, faſt ohnmaͤchtig werden ſah, gleich einer ſchwachen Frau, wenn irgend ein kleines Ungluͤck uͤber ſie kommt, als ich, ein Wort des Dankes ſpre⸗ chend, mit dieſem meinem Rockaͤrmel ihr Thee⸗ 51 geſchirr uͤber den Haufen warf, ſo daß einige Teller und Schaalen, die nicht einmal ſo groß waren, als eine Napfmuſchel, zerbrachen.“ „Es liegt wenig daran, Laird von Monks⸗ haugh,“ fuhr Gideon fort,„ob das Goͤtzen⸗ bild eines eiteln ungeheiligten Herzens eine Theeſchaale, eine gutgepuderte Peruͤcke, oder das ſchoͤne Geſichtchen eines reizenden Maͤd⸗ chens iſt.“ Ein leiſes Naͤſeln und eine zuckende Bewe⸗ gung der Lippen von Seiten Monkshaughs ſchienen ſich den einen Theil dieſer freien Rede zuzueignen; und Wolf Grahams erhoͤhte Farbe nahm den uͤbrigen nach Hauſe. Dieſes war jedoch nicht Gideons gewoͤhnliche Art, zu ta⸗ deln; und er fuͤhlte augenblicklich Reue daruͤber, wenigſtens in ſo weit der junge Mann dabei betheiligt war. Er brach das Stillſchweigen mit den Worten: „Allein, laßt uns zur Sache gehen— das Eſſen oder die Meſſe hinderte noch nie an der Arbeit.“ Das iſt ein wahres Sprichwort, obſchon der Pabſt es gemacht hat. Wir ha⸗ ben eine lange Reiſe vor uns; und Tempis fugit, Wolf, mein alter Freund; das heißt „Waſſer und Fluth niemand hemmen thut,“ Monkshaugh.“ „Ich ſtudirte meine Humaniora unter Tho⸗ mas Ruddimon,“ erwiederte der Laird aͤr⸗ gerlich. „Ein geſchickter Meiſter, nichtsdeſtoweniger,“ 52 ſagte Gideon.„Allein zur Sache. Wir ha⸗ ben, wie geſagt, eine lange Reiſe vor uns; obſchon die alte Janet dieſen Morgen lebhaft. munter iſt. „Alte Janet!“ rief das Wieſel in erſtaun⸗ tem Tone aus.„Es iſt unmoͤglich, daß jener muthige Stutzer, auf welchem ihr dieſen Mor⸗ gen geritten ſeyd, jene alte ſpahtkranke, wind⸗ gallige und triefaͤugige Maͤre, Jenny Geddes iſt, die ihr auf dem Auchtermuſter⸗Markte kauftet, weil Tam Toutup, der Roßhaͤndler, euch ſagte, ſie werde nicken und kauern, wie ſie es bei dem wuͤrdigen Ebenezer Snodgraß that, wenn der gute Mann unterwegs einige Worte im Gebet zu ſprechen unterließ.“ Es gibt vielleicht keinen Menſchen, der ganz fuͤhllos gegen eine Schmeicheley in Betreff ſeiner Flinte, ſeines Hundes, ſeines Boods oder ſeines Pferdes iſt; dieſes war auch nicht bei Herrn Gideon der Fall, deſſen Glaube in allem, was er ſagen hoͤrte, faſt an kindiſche Leichtglaͤubigkeit graͤnzte. 3 „ Ja, Janet iſt es,“ erwiederte er, das Wie⸗ ſel, mit wohlwollendem Laͤcheln angrinſend, „die ich, wie ihr euch wohl noch zu erinnern wiſſen werdet, nach dem Tode des Modera⸗ tors, des fruͤhern Thiers, von jenem gottloſen Schurken Toutup kaufte, der zwei Wochen nachher, in meiner eigenen Gegenwart damit prahlte, daß er mich hinters Licht gefuͤhrt habe. Wohl— er hat ſeinen Lohn erhalten, und 5⁵ Janet iſt noch hier,— und ihr denkt an den Fehler, Franz. Ich will nicht laͤugnen, daß ſie hie und da Spruͤnge macht; aber wir ſind jezt daran gewoͤhnt, und ſie koͤnnte in ſchlechte Haͤnde gerathen. Um ihrer willen alſo, die ſich an einem beſſern Platze befindet, und die ſtets guͤtig gegen Vieh und Menſch war, wol⸗ len wir immer, ſo lange wir noch auf dieſer jammervollen und ſuͤndigen Welt ſind, mit einander einherwackeln.“ Gideons ſchwarzgelbe Augen glaͤnzten, als er auf ſein verſtorbenes Weib anſpielte; allein er war gewohnt, ſolche Ruͤhrungen der Na⸗ tur als ein ſuͤndhaftes Murren gegen die Vor⸗ ſehung zu betrachten.„Wuͤrmer des Staubs, gegen wen murren wir!“ rief er aus, und fuͤgte froͤhlicher hinzu,„aber es iſt eine Welt, die euch, Kapitaͤn Wolf, viel Gutes verſpricht; und wenn es der Wille Deſſen iſt, der den Grund derſelben legte, die Wolke zu ſeinem Kleide, und die dicke Finſterniß zu ſeinem Wikelbande machte, ſo mag ſie es noch lange — lange ſo bleiben.“— Gideon hatte ſo viel von der Philoſophie reiner Aufrichtigkeit an ſich, daß dieſe einfache Art, einen Scherz gegen ſich ſelbſt aufzuneh⸗ men, ſelten ermangelte, deſſen Schaͤrfe ab⸗ zuſtumpfen, oder ſie ſogar gegen das Herz des Erfinders zu kehren, vorausgeſezt, daß ſich an dieſem Theile des Geripps des 54 Scherzenden, Menſchenfleiſch befand. Dieß war jezt der Fall. „Jezt hol' mich der Teufel!“ rief das Wie⸗ ſel aus,„wenn ich nicht euch ſelbſt, Gideon, auf dem alten ſperrbeinigen Jenny, lieber auf dem Felde begegnen moͤchte, als Johann Hurcheon von Harletillum, auf dem trabenden Rabian Saladin unſeres Kapitaͤns Wolf. Teu⸗ fel, wenn er den Nacken gebrochen haͤtte, als er das erſtemal auf ſeinen Ruͤcken ſtieg!“ „Großen Dank, kleiner Mann.— Aber eh! Franz, iſt es ſchicklich, eurem Nachbar Boͤſes zu wuͤnſchen; oder raͤthlich, den Na⸗ men dieſes gefallenen Geiſtes zu nennen? Es behagt ihm gar wohl, Freund, wenn man von ihm ſpricht, und ſey es auch nur im eiteln Scherze.“. „Wer?— der Teufel?“ rief Franz.„Wenn ich den Namen meines Schoͤpfers nicht verge⸗ bens nenne, ſo darf ich mir ſicherlich eine kleine Freiheit gegen den Teufel und ſeinen Bruder, John Hurcheon, herausnehmen?“ „ und in Gegenwart eures Herrn?“ ſagte Monkshaugh, uͤber die gemachten freien An⸗ ſpielungen auf den Verkauf des Lieblings⸗ roſſes ſeines Neffen an ſeinen maͤchtigen und verabſcheuten Nachbarn, aus einem geheimen Bewußtſeyn der Urſache dieſer kraͤnkenden Handlung, erzuͤrnt. Als endlich die endloſen taͤndelnden Vorbe⸗ reitungen zum Fruͤhſtuͤck zu ſeiner Zufrieden⸗ 5⁵ heit getroffen waren, forderte Monkshaugh Herrn Gideon auf, das Tiſchgebet zu ſprechen. Der Laird hatte die— beilaufig geſagt,— nicht ſchlimme Gewohnheit, die Eier zum Fruͤhſtuͤck in einem kleinen ſilbernen Kochtiegel vor ſei⸗ nen Augen ſieden zu laſſen; und wenn er mit dem Beſuche des Ordensgeiſtlichen des Kirchſprengels beehrt wurde, ſo wußte dieſer vernuͤnftige Seelſorger ſeinen Segen ſo ein⸗ zurichten, daß er faſt ſo brauchbar erfunden wurde, als ein Sandglas; denn die beim Be⸗ ginnen hineingeworfenen Eier waren bei'm Amen bis auf das lezte Troͤpfchen, wie Franz zu ſagen pflegte, geſotten. Es iſt uns un⸗ moͤglich, unſeren Leſern einen gleichkommen⸗ den Begriff von der Wichtigkeit des Eierſie⸗ dens in Monkshaughs Meinung beizubringen. Obſchon er aber eine ſchwache Ahnung da⸗ von hatte, daß Gideon in ſeiner Andachts⸗ uͤbung ein wenig zu weitſchweifig ſeyn werde, ſo uͤbergab er doch den ſilbernen Kochtiegel und die darin enthaltenen Schaͤtze ſchnell ſei⸗ ner Gnade und Ungnade; und ein unheilvolles Zutrauen, wie es ſich nachher zeigte! Denn Gideon, der nie ermangelte, ein gutes Wort zur rechten Zeit zu ſprechen, brach, an dieſem fuͤr ſeinen Freund Wolf merkwuͤrdigen Tage, in einen ungewoͤhnlichen Strom ruͤhrender Be⸗ redtſamkeit aus. Er begann mit der Reiſe des jungen Patriarchen nach Padanaram, gieng dann mit Joſeph nach Aegypten,(um dieſe 56 Zeit begann Monkshaugh unruhig zu werden,) und folgte hierauf dem jungen Hirten von Bethlehem, als dieſer, mit einer Schleuder und Steinen bewaffnet, ſtark durch die Macht des Heern der Heerſchaaren gegen den gigantiſchen Philiſter auszog; und endete mit den drei Kin⸗ dern, die unverſehrt in dem feurigen Ofen um⸗ hergiengen, und mit Daniel, der in der Loͤwen⸗ grube— d. h. in Dublin, wohin Wolf jezt gehen wollte, unangetaſtet blieb. „Mein ſilberner Kochtiegel, Franz!“ fluͤ⸗ ſterte der Laird erſchrocken ſeinem Bedienten zu. Aber dieſer wuͤrdige Diener, der verſchie⸗ dene wohlverdiente Schluͤcke, die ihm karger⸗ weiſe entzogen worden waren, im Herzen trug, hatte die Augen gen Himmel aufgeſchla⸗ gen, und ſchien, taub gegen die Aufforderung ſeines Herrn, in tiefe Andacht verſunken. So wurden die Eier, die anfangs geſotten hatten, endlich gewiſſermaßen geroͤſtet, was die drei⸗ hundert Arten der Zubereitung der Eier, welche der Genius der Franzoſen erfunden hat, noch um eine vermehrte; und was noch ſchlimmer war, das Lieblingsſilbergeſchirr ſchmolz faſt gaͤnzlich in Einen Klumpen zu⸗ ſammen.. Der Laird, der nach dem Winke:„ſie er⸗ heben chineſiſche Schuͤſſeln und gepuderte Pe⸗ ruͤcken zu Goͤtzen, das Gefaͤß der Zerſtoͤrung zu entreißen ſich ſchaͤmte, vermochte jedoch gegen dieſe neue Quaͤlerei nicht Stand zu 57 halten; auch verhehlte er ſein Mißfallen nicht. Nicht, daß er ſich um den Werth des Kochtie⸗ gels viel bekuͤmmert haͤtte, allein er war durch den ſchoͤnen Grace Drumond, genannt die Blume von Strathallam, in die Familie ge⸗ bracht, und zeither von den Damen von Monkshaugh aufgebracht worden, um darin Gluͤhwein und Staͤrke fuͤr ihre in Valencien⸗ nes, Mechlin und Dresden verfertigten Spitzen zu bereiten. „Und die Eier,“ ſagte Frieſel,„koͤnnten fuͤr die Kinder gut ſeyn, um ſie zu faͤrben, und auf den Huͤgeln am Oſtertage damit zu laͤr⸗ men, Herr Gideon.“ „Ah! und ſie ſind ganz unbrauchbar, ſagt ihr, Franz,“ erwiederte Gideon, indeß ein verzerrtes Laͤcheln ſein langes Geſicht uͤberzog.—„Oh, aber es iſt fuͤr mich, was das Mark fuͤr meine Gebeine, die Oberhand uͤber das Fleiſch ſelbſt in einer ſo geringfuͤgi⸗ gen Sache, wie das Sieden der Eier iſt, zu erhalten!““ Monkshaugh ſtaunte. „Faßt ſie auf dieſe Art an,“ ſagte Gideon.— „Und da dieſe unſere Huͤlle von Staub eini⸗ germaßen bei Kraͤften erhalten werden muß, ſo lange unſer Meiſter uns Arbeit auferkegt, ſo werdet ihr mir einen Haferkuchen von Effie holen, mein kleiner Mann; um eure leckern Brode kehre ich die Hand nicht um.— Und ſeht, Monkshaugh, ob eure Taube, oder 56. euer Schwein, oder euer Hund, oder eure Katze die Waizenmehl⸗Erfindungen karger Da⸗ men unſern eigenen einfachen Landwaaren vorziehen. Die Natur irrt ſich nie in dieſen ihren ſtummen Kindern.“ „Und eben ſo wenig in einem artigen Schotten,“ ſagte Frieſel. Monkshaugh, der ungemein ſtolz auf das in ſeiner Familie zu⸗ bereitete Waizenbrod war, wurde immer er⸗ zuͤrnter, da er in der Meinung ſtand, Gideon beleidige ihn abſichtlich. 8 „Wenn dem ſo iſt,“ ſagte Wolf laͤchelnd, „ſo ſolltet ihr das Fleiſch an dem Waizenbrod kaſteien.“ Mit dieſen Worten warf er ver⸗ ſchiedene Waizenbrode vor Gideon hin. „Und ich glaube, ihr koͤnnet Recht haben, Wolf. Es iſt am Ende doch nur ein fleiſch⸗ licher Wunſch, dieſes Verlangen nach Hafer⸗ kuchen.“ Mit dieſen Worten ſtreckte er ſeine ungeheure Pfote aus, und ergriff, als die einfachſte Art von Brod, die er auf dem Tiſche zu bemerken glaubte, eben die Brode, nach denen der Laird mit Aug und Herz trachtete, und an deren einem er eine ganze Stunde lang gekaut haben wuͤrde, obſchon der gott⸗ ſelige Gideon, ſie gleich Pfannenkuchen zu⸗ ſammenwickelnd, dem Sprichworte gehorchte, und„aus einer Kirſche bloß einen Biſſen“ machte.— Er kaſteite hierauf das Fleiſch mit ſolcher Fuͤhlloſigkeit, daß alle Arten von 59 Broden, ſchottiſche und engliſche, wie Schnee vor einem Platzregen verſchwanden! In hoͤchſter Beſtuͤrzung warf Monkshaugh, ſein Mißvergnuͤgen vergeſſend, verſtohlene Blicke auf den Vielfraß, und fuuͤſterte endlich, ernſthaft beunruhigend ſeinem Neffen zu— „Er wird erſticken, Wolf— er wird erſticken. — Er wird ſich ſelbſt Schaden bringen!— Alle die geſottenen Eier!— Ich koͤnnte in vierzehn Tagen nicht ſo viel eſſen, das Fruͤhſtuͤck, das Mittag⸗ und Nachteſſen zuſammengenommen.“ Wolf laͤchelte, ſchlug ſich aber nicht ins Mit⸗ tel. Endlich machte Gideon Halt und bemerkte, er gehe in Sachen des Appetits gern raſch zu Werke, und verachte als Mann und als Chriſt, leckere Eſſer, die ſich ſo lange an dem Gefuͤll⸗ ſel einer elenden Krähe aufhalten, als zu einem Hochzeitmahle hinreichend waͤre. Dieß wandte der Laird alsbald auf ſeine kuͤnſt⸗ liche Zubereitung eines Stuͤcks geroͤſteter Brod⸗ ſchnitten an, indem er mehr Zeit brauchte, um es mit Butter zu beſtreichen, als Gideon, um wenigſtens zehen derſelben zu verſchlingen; allein er betrachtete einen Wink, der von einer ſolcher Perſon herruͤhrte, als empfehlend fuͤr ſeinen uͤberlegenern, feinern Geſchmack, und verlor ſeine wiederlangte gute Laune nicht. Die Stunde der Trennung war jezt gekom⸗ men.— Gideons Getrapp wiederhallte durch das Sprechzimmer, bis Dach und Sparren davon erbebten. Wolf's Pferd, von dem alten Kavalle⸗ 60 riſten Fugal geſtreichelt, ſtand wiehernd in dem Hofe, an dem Zuͤgel kauend; Jenny Ged⸗ dor ließ ein wetteiferndes Gebruͤll ertoͤnen; und das weibliche Geſinde erfuͤllte, mit Augen, in denen Thraͤnen hervorzuquillen bereit wa⸗ ren, und reinlichen Schuͤrzen, die eben ſo be⸗ reit waren, um ſie wieder zu trocknen, Monks⸗ haughs niedrige und gewoͤlbte, ſteinerne Halle. Monkshaugh, der den langen Morgen ver⸗ taͤndelt hatte, befand ſich jezt in der groͤßten Verlegenheit. Befehle und Gegenbefehle, ſitt⸗ liche Rathſchlaͤge und kluge, warnende Winke, zconomiſche Andeutungen, und mediiciniſche Vorſichtsempfehlungen wurden ſammt und ſon⸗ ders in die lezten zehen Minuten zuſammen⸗ geyudelt. „Ihr werdet euch einen Burſchen halten, (einer, eurer eigenen Leute wird euch die we⸗ nigſten Koſten verurſachen,) mit den Waſch⸗ weibern— den gelderpreſſenden Dirnen— immer genau abrechnen! und vor allen Din⸗ gen euch vor einzelnen Struͤmpfen huͤten. Vergeßt euer Gebet des Nachts nicht, wenn ihr koͤnnt.“ Gideon ſeufzte;„denn ich weiß, ihr liebt des Morgens, gleich mir, den Schlaf. Dieß iſt eine uͤble Gewohnheit der Grahams, und die Verbindung mit den Brucce's beſſert uns nicht, wie wir an ſeiner traͤgen und leicht⸗ fertigen Eliſabeth ſehen koͤnnen, die ſchon lange hier ſeyn ſollte.— Ihr habt ſechs neue banda⸗ niſche Schnupftuͤcher, Neffe Wolf, die vierzehn . 61 alten nicht in Anſchlag gebracht. Seyd dar⸗ auf bedacht, daß ihr keines davon in dem Speiſezimmer zuruͤcklaßt; denn Major Holſter ſagt mir, es ſey alles, was dafelbſt liegen bleibe, Butter in dem Halſe des ſchwarzen Hundes. Und jezt, bei meinem Segen, Wolf, ſucht die Nachtmuͤtze bis zum Morgen auf eurem Kopfe zu behalten. Fremde werden denken, ihr ſeyd unter wilden hochlaͤndiſchen Landſtreichern, mit Haupthaaren wie Kuͤhe, und nicht im Hauſe eines civiliſirten Edelmanns im flachen Lande erzogen worden.— Nimm den Mantelſack in den Hof hinab, Franz.— Bediente brauchen nicht alles zu hoͤren, Herr Gideon;“ und an Wolf ſich wendend, fuhr er fort:„Ihr ſeyd jezt kein Kind mehr, Neffe; und ihr wißt wohl, daß die wenig jaͤhrliche Rente von Monkshaugh nicht mehr iſt, was ſie ehedem war. Aber ihr habt— und ich will es im Angeſichte des Mannes ſagen, den ihr zu eurem Freund zu waͤhlen fuͤr gut be⸗ funden habt,— bei eurem alten Oheim, auf eine hoͤchſt anſtaͤndige Weiſe leben koͤnnen; und ich will lieber Mangel leiden, oder ihr werdet Mangel leiden— ich will das Motto unſerer Verwandten umkehren, Herr Gideon, jezt da Wolfs Kredit und der Familiennamen unter den Fremden erhalten werden muͤſſen. — Nicht daß ich euch zur Verſchwendung aufmuntern wollte; ihr ſeyd dem Trinken und Spielen nie mehr ergeben geweſen, 62 abermaliger brummender Seufzer von Seiten Gideons). Ich habe keine Beſorgniſſe in dieſer Hinſicht mehr.— Und jezt, Wolf Graham, bei meinem Segen, und wenn ihr meine grauen Haare nicht durch Kummer und Herzeleid in die Grube bringen wollt— bitte ich euch, ins Haus Monkshaugh, die Stelle und in das Zimmer euer Großmutter, meiner ewig verehrten Mutter, ſeligen Andenkens, keine lange iriſche Madam als Frau zu brin⸗ gen; denn nie konnte ſie auslaͤndiſche iriſche Maͤdchen ausſtehen; ſie haben kein Ausſehen wie die Frauen hie zu Land.“ Die einzigen Proben irlaͤndiſcher Schoͤnheit, die der Laird, beilaͤufig geſagt, je geſehen hatte, waren Fugals großes verſoffenes Weib, eine aͤchte Concubine; und eine Jungfer O'Brien, die ihre Geſtalt und andere Reize auf einer Meſſe in der Nachbarſchaft den Bli⸗ cken der Zuſchauer, zu einem Grot der Kopf preisgegeben hatte. Wolf gab ſeinem Oheim lachend das ge⸗ wuaͤnſchte Verſprechen, daß er um kein Maͤd⸗ chen der gruͤnen Inſel des Geſangs werben wolle, moͤge ſie kurz oder lang, ſchwarz oder ſchoͤn ſeyn, und Monkshaugh, dem eine ſchwere Laſt vom Herzen gewaͤlzt war, ſchritt zu dem feie rlichſten Geſchaͤfte des Morgens— zu einem Theaterſtreich, den er aufgeſpart hatte; um ſeinen Neffen zu uͤberwaͤltigen, die Die⸗ als es ſich fuͤr einen Edelmann geziemt(ein —— 65 nerſchaft in Erſtaunen zu ſetzen, und dem un⸗ ehrerbietigen abtruͤnnigen Prediger den Mund auf immer zu ſtopfen. Dieß beſtand in nichts Geringerem als darin, daß er ſeinem Neffen ein Erbſtuͤck, auf das die Familie in der That einigermaßen ſtolz ſeyn durfte, als Abſchieds⸗ geſchenk uͤberreichte. „Hem— rufe Fugal her, Franz; er iſt ein alter Soldat; und blicke auf den Pechs⸗ pfad, und ſage mir, was du ſiehſt.“ Der Laird druͤckte ſeine magern Lippen zu⸗ ſammen, nickte mit ſeinem Kopfe einigemal auf eine bedeutungsvolle Weiſe, rieb ſeine Li⸗ lienhaͤnde, und nahm eine ſehr imponirende Miene an, waͤhrend er in dem Zimmer auf und nieder ſchritt.. „Es iſt blos eine Familienkleinigkeit, das Geſchenk eines franzoͤſiſchen Koͤnigs, Herr Gideon— ein altes Schwerdt des Lord Ro⸗ bert von Bruce, unſers Vorfahrs, den ihr Zoͤgling, Lady Eliſabeth von Bruce, unlaͤngſt unter einigem Schutte in dem Nachteulenthurm von Ernescraig entdeckte. Wolf konnte, obſchon ſein Geiſt mit andern und ihm naͤher am Herzen liegenden Gegen⸗ ſtaͤnden beſchaͤftigt war, doch nicht gefuͤhllos gegen dieſes Geſchenk ſeyn. Das Schwerdt war dem Lord von Bruce von Heinrich IV. von Frankreich,— oder Heinrich von Na⸗ varra, wie Wolf ihn lieber nannte,— ge⸗ ſchenkt worden, und war in jedem Betracht 64 eine, ſowohl des tapfern Monarchen, der ſie verlieh, als des nicht minder tapfern Krie⸗ gers, der ſie empfing, wuͤrdige Gabe. Es war ein ſchaͤtzbares Beglaubigungsſchreiben. fuͤr einen jungen Krieger, der im Leben ſei⸗ nen eigenen Weg gehen mußte, und oft mit Leuten zuſammentreffen konnte, die ſich mehr mit gegenwaͤrtigem Reichthume, als mit ent⸗ ſchwundenem Familienglanze bruͤſten. „Ich haͤtte geglaubt, ihre ſchoͤne Schuͤkerin, Herr Gideon, unſere Baſe, werde uns dieſen Morgen mit ihrer Gegenwart beehren, ſagte Monkshaugh, und, ihren alten Kameraden hier waffnend, die Jungfer Liebſte ſpielen. Obſchon nur ein Maͤdchen, iſt ſie doch eine achte von Bruce. Haͤttet ihr nur ſehen koͤn⸗ nen, welch ein ſtattliches Ausſehen das Ge⸗ ſchoͤpf hatte, als ſie dieſes alte Schwerdt von dem Orte nahm, wo ſie in der Halle von Erneseraig im vorigen Jahre als ein geeigne⸗ tes Geſchenk fuͤr Wolf,— der der Repraͤſen⸗ tant dieſes Zweigs der Familie iſt— aufge⸗ haͤngt hatte— blinzend, als ſie es aus der Scheide zog.„Gebt dieß meinem Vetter Wolf, ſagte ſie, und ſagte ihm, daß Eliſabeth von Bruce ihm mit einem Herzen, das ſo treu iſt, als dieſe Klinge, Gluͤck und Seegen wuͤnſcht.“ „Sie ſind feitdem beſſer mit einander be⸗ kannt geworden,“ fluͤſterte Frieſel, ſo jedoch, daß nur Wolf ihn hoͤren konnte. 5 65 „Sie hat das alte Blut in ihren Adern. Ach! daß eine ſolche Krankheit darauf folgen ſollte,“ fuhr Monkshaugh, duͤſter blickend, fort, „Ach!— was das Blut betrifft, ſo hat ſie,“ ſagte das Wieſel mit ſeiner gewoͤhnlichen Un⸗ gezwungenheit,„mit aller Achtung geſprochen, ein rothes und warmes. Wir ſahen etwas der Art, als das Geruͤcht ging, unſer Haus wolle eine erkaufte Ehe mit Juliana Hurcheon abſchließen, damit die Schuldverſchreibung ih⸗ res Vaters Harletillum auf unſer Gebiet getilgt wuͤrde. Und dort kommt ſie auf Monica Do⸗ ran, ihre Kammerfrau, gelehnt, mit dem Tritte der Koͤnigin von Elfland, wenn ſie ihr ganzer Hof in einer ſchoͤnen Mondnacht im luſtigen, luſtigen Mai umgibt, und ihr huldigt.“ Obſchon Wolf Graham gegruͤndete Urſache hatte, zu glauben, die fragliche Dame werde dieſen Morgen ihre Burg nicht freiwillig ver⸗ laſſen, ſo fuhr er doch auf und naͤherte ſich dem Fenſter. „Ich habe Unrecht; es iſt bloß ein golde⸗ ner Schimmer der Sonne zwiſchen den Bir⸗ kenbuͤſchen, den ich fuͤr ihren geſtickten Mantel hielt,“ ſagte Frieſel durch das Fenſter blickend, waͤhrend Wolf uͤber ſeine Schulter hinſah; dann fluͤſterte er,„im Grunde habe ich jedoch recht; allein da Wolfs finſtere Stimme ihm nichts Gutes verkuͤndete, ſo lief der drollige Frieſel in den Hof hinab, gleich als ob er 66 ſich nach der Lady umſehen wollte, und ſtand unter dem offenen Fenſter, indem er laut ſang: Lord Thomas ſprach ein Wort, ein Wort; Schön Annie ſah düſter und trüb; „Nie werd ich ein armes Mädchen mir nehmen Iſt's meinen Verwandten nicht lieb.“ „Wir brauchen nicht weiter auf Eliſabeth zu warten,“ ſagte Wolf. Ich glaube zuver⸗ ſichtlich, daß ſie ihr geſtriges Kopfweh noch nicht verloren hat. Oheim, ich warte auf ihren Segen.“ „So nimm ihn denn, Wolf, vom Her⸗ zen und zum Herzen. Und das Schwerdt hem.“ Der Laird hatte eine Rede— eine maͤd⸗ chenhafte Rede— auswendig gelernt und ſie Frieſel den Tag zuvor uͤbergeben; aber Red⸗ ner ſind vor allen andern Kuͤnſtlern boͤſen Zufaͤllen unterworfen.. „Es war eine Zeit,“ begann er,—„es war eine Zeit,— und er erhob das Schwerdt — wo ich mit dem edlen Feuer der Jugend,“ (das iſt aus der zweiten Predigt des Pfarrers zu Caſtleburn genommen, fluͤſterte das Wieſel der Effie und den Maͤdchen zu, die ſich um die Thuͤre geſammelt hatten, um das Schau⸗ 7 ſpiel mit anzuſehen,)„vielleicht den fluͤchtigen Wunſch genaͤhrt hatte, die— dieſe geehrte Waffe des Lords von Bruce zu fuͤhren,(einen Spindel und ein Wirtel wuͤrden euch beſſer geſtanden ſeyn, fluͤſterte Franz,) allein die Schmerzen und Thraͤnen meiner ewig ver⸗ ehrten Mutter— der ſeligen Frau von Monks⸗ A 67 haugh und Kippencreery Weſter— und die Intereſſen des Hauſes Monkshaugh beſtimmten mich zu einem friedlicheren Leben; und ich gebe, verleihe und weihe jezt dieſes Schwerdt des de Bruce euch, meinem Neffen und naͤchſten Erben; in der feſten Ueberzeugung, daß die geehrte Waffe eines Bruce in den Haͤnden eines tapfern Graham nie entehrt werden wird— hem.“ Waͤhrend dieſer Rede, die bei weitem das Glaͤnzendſte war, was der Laird je im Fache der Redekunſt zu Tage gefoͤrdert hatte, war Wolf in Verſuchung gerathen, zu lachen; als er aber die Augen ſeines armen, kleinen tiefbe⸗ wegten und guͤtigen alten Oheims von Eitel⸗ keit und Zaͤrtlichkeit glaͤnzen ſah, ſo hemmte ſeine Herzensguͤte die unehrerbietige Neigung, — er nahm das Schwerdt mit einer tiefen Ver⸗ beugung, las die Aufſchrift auf der Klinge— „der Koͤnig gibt mich; von Bruce traͤgt mich,“— kuͤßte Eliſabeths Geſchenk: und waͤhrend ſeine rothe warme Lippe noch auf dem Stahle ruhte, gelobte er in ſeinem Herzen dem Geſchenke Biederkeit, und Liebe und Treue dem Geber. „Seyd ſo ſtark als Simſon, ſo tapfer als David,“ fiel Herr Haliburton ein.„Möge dieſe Waffe in euren Haͤnden das Schwerdt des Herrn und Gideons ſeyn!— und ich fuͤrchte nicht, daß ihr es mißbrauchen werdet. Allein jene herumſchwaͤrmenden Soldaten, die 68 in einem traurigen Lande morden, brennen und rauben, ſind mir ein Graͤuel. Unſer eige⸗ nes, braves, altes Schottland fuͤhlte zur Zeit ſei⸗ ner Demuͤthigung dieſe Geiſel, als die rothe Hand des Schlaͤchters ſeinen friedlichen Buſen antaſtete,— ja die purpurne Hand des blu⸗ tigen Clahem,“— Gideon war auf einem ſchluͤpferigen Boden unter das Dach eines Gra⸗ ham gekommen. „Wir wollen uns auf den Weg begeben, mein Freund, ſagte er in ruhigerem Tone, zu guter Zeit inne haltend. Ihr verlaßt den Wohn⸗ ort eurer Vorfahren in Ruhe und Ehre und in Ruhe und Ehre moͤgt ihr wieder zuruͤck⸗ kommen von dieſem Schauplatz menſchlichen Kampfes, ohne daß eines Mannes Blut oder eines Weibes Wehklage zum gerechten und un⸗ erbittlichen Himmel gegen Euch emporſteigt und Rache auf Euer Haupt niederruft.“ Und jezt ſagte man ſich gegenſeitig Lebe⸗ wohl, und druͤckte einander die Haͤnde,— Monkshaugh wiſchte die Augen ab, und er⸗ theilte neue Befehle in Betreff des Gepaͤcks, indeß er ſeinem Neffen zufluͤſterte:„Vergeßt nicht jeder von den Maͤgden eine halbe Krone zu geben, und der Effie fuͤnf Schillinge.“ Ob Wolf ſeine Guͤte gerade auf dieſe Sum⸗ me beſchraͤnkte, wiſſen wir nicht; allein gewiß iſt es, daß erkaufte unzaͤhlige Gluͤckwuͤnſche auf den jungen Reiſenden ausgeſchuͤttet wur⸗ & 69 den, als er uͤber die Schwelle ſeiner Vorfah⸗ ren trat. 3 „Und was habt ihr bei mir verdient, Mei⸗ ſter Frieſel?“ ſagte Wolf, als das Wieſel an ſeinen Kapzaum ſprang. „O! etwa ſuͤnf Schillinge; allein es kann nicht weniger. als ein halbes Kronenſtuͤck ſeyn, um in dieſer geſegneten Nacht eure Geſund⸗ heit zu trinken.— Das Süber wird in mei⸗ ner Taſche nie ſchimmlicht.“ „Der Henker hole deine Unverſchaͤmtheit; allein wie werde ich des Herrn Gideon bei der Furth auf ein paar Stunden los?“ „Jezt, Kapitain, ſehe ich, ihr kennt meine Art und Weiſe,— traut mir, und ich will durch Feuer und Waſſer fuͤr euch gehen. „Gut, aber mit Herr Gideon. Muß ich dem Zufalle trauen? 8 „Nein,— nein, ihr werdet keinem Zufalle trauen duͤrfen. Durch Zufall bricht ein Menſch ſeine Beine. Korporal Fugal wuͤrde euch dem Zufalle uͤberlaſſen; allein ich bin des Zufalls Meiſter. Traut mir, Kapitain. Wenn ein Menſch auf dem Eiſe iſt. ſo iſt es ſein Gluͤck, wenn er ſich in Bewegung erhaͤlt.“ 70 VBiertes Kapitel. Monkshaugh und ſein weibliches Geſinde kehrten jezt ſammt und ſonders an ihre Haus⸗ haltsgeſchaͤfte zuruͤck, und verwiſchten die Thraͤ⸗ nen des Abſchieds und den von den„Hufen“ des ehrlichen Gideon zuruͤckgelaſſenen Schmutz; waͤhrend ſich dieſer Geiſtliche in einem ſtarken Trabe fortbewegte, ſtark fuͤr Jenny Gedder wenigſtens, deren ganzes Thun und Laſſen weit beſonnener war, als das ihrer muthigen und wilden Namensmutter,— Wolf und das Wieſel, das den Reiſenden den Weg zu Fuß zeigte, bald einholte. Bald verloren ſie auch die liebliche Wohnung aus dem Geſichte, die Wolf Graham's ſcheidenden Blicken, in ihrer tiefen Abgeſchiedenheit, noch nie halb ſo fried⸗ lich und ſchoͤn erſchienen war, als an dieſem Morgen. Am Rande des ſchlangenfoͤrmigen Orita, auf einer Niederung beim Eingange des Thals erbaut, und von dichten Baͤumen eingeſchloſ⸗ ſen, lag dieſes einſame Neſt abgeſchloſſen von der Welt, in ungeſtoͤrter Ruhe, außer in Zei⸗ ten innern Tumults, wie bei der gegenwaͤr⸗ tigen Trennung. 71 Das Wohnhaus, in verſchiedenen Zeitpunk⸗ ten erbaut, war unregelmaͤßig, Janus geſtal— tet, und vielleicht unbequem. Allein ſo wie er jezt vor uns aufſteigt, im mildernden Lichte der Vergangenheit, mit ſeinem ehrwuͤrdigen grauen Dache, ſeinen plumpen Schornſteinen, ſeinen Wachtthuͤrmchen, Vorſpruͤngen und Ein⸗ buchten und Anhaͤngſeln von jeder Geſtalt, Fluͤ⸗ geln und Fluͤgelchen, die ihm in jeder Rich⸗ tung angefuͤgt wurden, als die jedesmaligen Frauen von Monkshaugh die Zahl ihrer Fa⸗ milienglieder vermehrten, oder die Lairds ihren Reichthum vergroͤßerten;— wenn wir jezt auf daſſelbe zuruͤckblicken, ſo glauben wir, es wuͤrde ſogar die Bewunderung eines Frem⸗ den erregt haben, beſonders wenn er es halb⸗ verdeckt von jenen ſtattlichen Ulmen⸗ und Ka⸗ ſtanienwaͤldern erblickt haͤtte, die ſo eng ge⸗ pflanzt waren, daß ſie, zur Laubzeit, eine faſt kloͤſterliche Duͤſterheit um das gute alte Haus verbreiteten. Dieß wurde jedoch immer nicht fuͤhlbar, denn es waren in Monkshaugh's Woh⸗ nung mehrere Zimmer, von denen man die Ausſicht auf den Fluß oder das Thal genoß, und die hell, heiter und ſymetriſch gebaut waren. Und dieſe ſtattlichen Baͤume und an einander haͤngenden Alleen, welche dieſe ſuüße Duͤſterheit verbreiteten, waren zudem der Stolz der jedesmaligen Eigenthuͤmer, und hatten ſeit undenklichen Zeiten die bluͤ⸗ hendſte Colonie Dohlen, die in dem ganzen 72 Thale anzutreffen war, beherbergt. Im Fruͤh⸗ ling jedoch, wo dieſes ſchwarz gekleidete Volk ſeiner Heurathsangelegenheiten wegen ſo viel Laͤrmen macht, wurde das Kraͤchzen rings um das alte Haus her ooͤllig betaͤubend und un⸗ ertraͤglich; allein man wuͤrde es auch ver⸗ mißt haben; und dann durfte man ſich nur in die Bergſchlucht hinauf unter die Birke und das Pfriemkraut, oder an den Rand des Fluſſes unter die niedrigen Holunder⸗ und Haſelſtraͤuche ſchleichen, um augenblicklich von dem Kraͤhengeſchrei befreit zu werden, und nur das leiſe Zwitſchern jener Vewohner des Waldes zu hoͤren, die alle ihre Liebesangelegen⸗ heiten ſo ruhig und mit ſo lieblichem Sange beilegen. Monkshaug's kleines Landgut lag in der Naͤhe des Mittelpunkts und auf der oͤſtlichen Seite jenes romantiſchen Thals, das die Ein⸗ wohner„die vier Huͤgel umgebenen Kirch⸗ ſpiele“ nennen: Ein Schirmdach laͤndlicher Huͤgel, die ſtolz und hehr, doch bis an ihre hoͤchſten Spitzen mit einem ſmaragdnen Gruͤn uͤberzogen, emporragten, erhob ſich in ſonni⸗ gen Abſchuͤſſen und ſteilen Vorſpruͤngen hin⸗ ter dem bunten Wechſel von Waidland und Gehoͤlz, ebenen angebauten Strecken und Brach⸗ feldern, die in dem offenen Felde maleriſch mit einander vermengt waren. An manchen Or⸗ ten waren die Huͤgel von Schluchten und Kluͤf⸗ zen durchſchnitten; und jeder von jenen lich⸗ teu — 1 2 2z 75 ten Plaͤtzen und Bergthaͤlern, die mehr oder minder mit natuͤrlichem Holze bekleidet, ſich bis zu ihren hoͤchſten Hoͤhen hinaufwanden, ſandte ſein zinsbares Baͤchlein herab, um ſich mit dem Oran zu vereinigen;— dem Oran, der von ſeinem Geburtsorte, oben auf einem der Huͤgel, gleich einem muntern ſpielenden Kinde, ſpringend und huͤpfend, allmaͤhlig ſanfter wurde, bis er unter den Steineichen von Monkshaugh, in mancher Kruͤmmung, ſittſam dahinglitt, ſeine ſilbernen Wellen an⸗ muthig ſchaukelnd, gleich einer jungen und ſchoͤnen Hofdame, die die Schleppe ihrer Prunk⸗ gewaͤnder regiert. Die„Huͤgelumgebenen Kirchſprengel“ wa⸗ ren verfallenes Eigenthum geweſen, und jezt in mehrere kleine Beſitzungen getheilt. Aiks, Cleuch, Holm, Milnton, Arns und manche andere Plaͤtze, Huͤtten, Scheuern u. ſ. w. la⸗ gen in der unmittelbaren Naͤhe von Monks⸗ haugh zerſtreut umher; allein alles weit uͤber⸗ ragend, ſtattlich und einſam, die Beherrſche⸗ rin des Thales, erhob ſich in ihrem Stolze die duͤſtere Burg Ernescraig, der Punkt, auf welchen Wolf Graham's Augen in eben dieſem Augenblicke mit der innigſten Theilnahme ge⸗ heftet waren. Um das Dorf Caſtleburn zu vermeiden, mußten die Reiſenden einen Umweg faſt um den ganzen urbaren Theil von Monkshaugh's Gebiet machen. Inden das Wieſel voranlief, Eliſ. von Beuce. I. 4 74 um den Weg zu zeigen, oder temporaͤre Hin⸗ derniſſe wegzuraͤumen, ritten ſie vorwaͤrts durch braune Brachfelder, ſanfte kahlbeſcho⸗ rene Triften und freie offene Plaͤtze:— uͤberall Gruͤn, Graſung zund Buͤſche— und hie und da eine jener herrlichen zerſtreuten Stein⸗ eichen, die dem keinen Eigenthum ein ſo ſchoͤ⸗ nes Anſehen verliehen. Dieſe anziehende Ver⸗ ſchoͤnerung, nebſt vielen andern, verdankte es dem guten Geſchmacke eines Mitglieds der Familie, das auswaͤrts erzogen worden, viel gereist und in den noͤrdlichen Traditionen der Umgegend als der Lord of Seſſian bekannt war. Dieſe edeln Baͤume waren jezt faſt ein Jahrhundert alt, und ſie hatten in einem freundlichen Boden gebluͤht. Sie lebten in dem Andenken jeder jungen Perſon, welche das Thal verließ; und jeder beſondere Baum, ſo wie jede Gruppe hatten ihre beſondere Be⸗ nennung. Da waren die„Marquis⸗Eiche,“ ſo benannt von dem großen Montroſe—„die drei Schweſtern”“—„die gruͤnen Maͤdchen“— und„der Predigersbuſch“ wo ein gottſeliger Geiſtlicher in den Zeiten der Verſolgung um Mitternacht, nach gebuͤhrender Citation, mit dem Feinde der Menſchen zuſammenzutreffen pflegte, um mit Wort oder Schwerdt die See⸗ len der Menſchen gegen ihn zu vertheidigen: ſo daß jeder Baum, wenn es ihm auch an einer Drpade mangelte, ſeine ei gene Legende hatte.. „Der Predigersbuſch,“ ſagte Frieſel, mit 75 ſeinem Stocke auf die großen aus der Erde her⸗ vorblickenden Wurzeln des grauen Baumes ſchla⸗ gend, deſſen niedergebeugte Zweige den Raſen beruͤhrten.“—„Ihr habt oft von ihm gehoͤrt, Gideon. Sein NameV iſt in dieſem Kirchſpiele noch beliebt. Er rettete des alten John Yonle's Vater Leib und Seele; dieſer war ſein Mann, und verbarg ſich, ein raſcher und ſchwindelkoͤpfi⸗ ſcher Wagehals, unter dieſe Zweige, um zu hoͤren, was der Satan einem gottesfuͤrchtigen Geiſtlichen zu ſagen haben koͤnne. Als der Feind nicht laͤnger Macht hatte, ſich mit dem Diener des Herrn zu balgen, der ihm keinen Fuß, ja kein Haar breit weichen wollte, ſo ſagte der liſtige Clootie, der wie der Steuereinneh⸗ mer nie mit leeren Haͤnden abziehen will:“ „Wollt ihr mir den einfaͤltigen Vogel in dem Buſche dort geben“—„Es iſt nicht meine Sache, den Vogel in dem Buſche zu verſchen⸗ ken,“ erwiederte der Prediger:„Seinem Schoͤ⸗ pfer empfehle ich ihn.“ Der Feind verſchwand hierauf, mit einem Geſchrei, welches das Schloß Stirling erſchuͤtterte, und die Voͤgel weit umher aufjagte; und des alten John Yonle's Vater fiel wie ein Erdenkloß, und fuͤr einen Augen⸗ blick ganz leblos, zu den Fuͤßen des Predigers nieder. Seines Gleichen haben wir nie gehabt, bis wir euch bekamen, Herr Gideon. Ich bin uͤberzeugt, des alten John Yonle's Vater be⸗ lauſchte den Teufel nicht mehr. Allein gedenkt 76 ihr uns heute eine Abſchiedsrede zu halten, Herr Prediger?“ Gideon, unſer vortrefflicher Freund, war nicht ganz unempfindlich gegen die Schmeichelei. Eine Art grunzender Beiſtimmung war die Antwort auf die Bemerkung des Wieſels; und endlich willigte er gaͤnzlich in den Vorſchlag, nach der Durchwatung der Fuhrten dem jungen Graham voranzugehen, und ein fluuͤchtiges Wort der Ermahnung den Kohlengraͤbern von Pitbauchlie, einer Generation, die unzweifel⸗ haft etwas der Art bedurfte, zu wiedmen. Die Fuhrten von Oran waren durchwatet. Auf der Seite, auf welcher ſie ſich jezt befanden, erhob ſich der Weg raſch auf einem Schlangen⸗ pfade, der von ſteilen Huͤgeln eingeſchloſſen war, und ſich auf ſich ſelbſt zuruͤckwand, gleich einer Schneckentreppe, bis er, dieſe Huͤgel verlaſſend, ſein Labyrinth auf einem Vorſprunge der Anhdhe entwirrte, der dem jungen Wolf den vollkom⸗ menen Anblick ſeiner heimathlichen Landſchaft vergoͤnnte, die in der thauigen Friſche und ſanf⸗ ten Ruhe der noch fruͤhen Stunde dalag, gleich⸗ ſam um ſeinem Herzen ihren Abſchiedöblick in unausloͤſchlichen Zuͤgen einzupraͤgen.— Hier blieb er ſtehen, um ſeine Gefaͤhrten zu erwarten. Giideon hatte die Jenny klugerweiſe ihrer Laſt entladen, und fuͤhrte ſie den Berg hinauf am Zuͤgel, in einem eifrigen Geſpraͤche mit dem Wieſel begriffen.—„Ich werde uͤber euern Vorſchlag nachdenken.“„Ein Thor mag einem 77 weiſen Manne einen Rath ertheilen,“ hoͤrte man den Seelſorger ſagen.—„Ein ſchoͤnes Erbe,“— er blickte nach der Richtung von Monkshaugh hin—„ein ſchoͤnes Erbe, Kapitaͤn Wolf, mit gruͤnen Waiden und ſtillen Waſſern.“ „Ich glaube, Kapitaͤn Wolfs Gedanken ſind dieſen Morgen auf etwas Hoͤheres gerichtet, als die gruͤnen Steinchen von Monkshaugh und die ſilbernen Wellen des Oran,“ ſagte Frieſel. „Geprieſen ſey der Name deſſen, Franz, der den Gedanken des Juͤnglings dieſe Richtung gegeben hat.“ „Nach der Burg Ernescraig dort, Prediger,“ ſagte das Wieſel, und lachte.„Die huͤbſchen, blauen, truͤben Augen dort beduͤrfen⸗ dieſen Morgen keines Zwiebels.“ „Fort! du faules Ripp;“ rief Gideon, wie⸗ der auf den Ruͤcken der Jenny Geddes ſtei⸗ gend. „Der Prediger hat in Pitbauchlie eine Amts⸗ pflicht zu erfuͤllen,“ ſagte Frieſel in ernſtem Tone.„Wenn ihr hier einen Augenblick ver⸗ weilen, Kapitaͤn, und uns ſodann nach Muſe einholen wolltet.“— Der junge Mann ward auf dieſe Art allein gelaſſen, den Blick noch im⸗ mer auf die Burg geheftet. Steil und hoch, wo der Berg beim Ein⸗ gange der Schlucht ſeinen hohlen Buſen oͤffnete, ſtarrte ploͤtzlich ein barſches Vorgebirge empor, das von dem Landvolke, ſeines kuͤnſtlichen Aus⸗ ſehens wegen,„der Pechsberg“ genannt wurde⸗ 78 Ein ſchmaler mit Gras bedeckter Landſtrich ſezte dieſes abgeriſſene Vorgebirge mit den hinter demſelben befindlichen Huͤgeln in Verbindung; und auf ihm ſaß, gleich einem mit dem Sturme taͤndelnden Adlersneſte, die Burg Ernescraig. Die Seiten des Bergs ſchloſſen ſich duͤſter der Burg an; und doch konnte man ſie in ihrer Hoͤhe in weiter Entfernung und in allen Rich⸗ tungen erblicken, wie ſie die Umgegend beherrſch⸗ te, gleich dem Geiſte der gefallenen Ritterſchaft. — Die Burg Ernescraig und die ſie umgeben⸗ de Seenerie iſt nicht unpaſſenderweiſe mit dem Vogel verglichen worden, von dem ſie ihren Namen hatte— mit einem herniederſtuͤrzenden Falken, der bereit iſt, ſeine Beute zu erhaſchen. Die Gebirge, die ſich auf jeder Seite ausdehn⸗ ten, bildeten die entfalteten Schwingen, das Vorgebirge den Leib, und die Burg ſelbſt den ſtolzen Schopf des edeln Vogels. In fruͤhern Zeiten waͤre dieſe Vergleichung in verſchiedenen andern Hinſichten haltbar geweſen. Auf der graſigen Landenge, die, gleich einer natuͤrlichen Bruͤcke, den Pechsberg mit den Huͤgeln verband, und den einzigen ſichern Zugang zu der Burg bildete, ſtuͤrzten die Bergſtroͤme durch die gaͤh⸗ nenden Kluͤfte hinab, deren Spalten und Riſe noch zeigten, wo das Vorgebirge von dem birge weggeriſſen worden war. Nachden. nous um ſeinen Ruf geſtroͤmt waren, vereinigten ſie ihre Waſſer und bildeten ſo eine Art natuͤrlichen Grabens. Der auf dieſe Art von Natur feſte „ 79 Platz, war in ſeinen ſtolzern Tagen durch die Hand der Kunſt ſorgfaͤltig befeſtigt geweſen; aber jezt war er bedeutend in Verfall gerathen. Die Burg hatte ihren Ruͤcken gegen das ruhige Thal gekehrt, und ſezte ihre rauhe Stirne dem ſtuͤrmiſchen Nord entgegen. Von der Anhoͤhe, auf welcher unſer junger Reiſender ſtand, war das Gebaͤude, obſchon das Thal tief unten lag, 5 nicht weit entfernt. Waͤhrend Wolf nach der Burg ſchaute und ſchaute, bildete er ſich endlich ein, er koͤnne ſehen, wie die Morgenluft die Epheuranken, die um Eliſabeths Zimmer hingen⸗ ja ſelbſt die Flechten eines ſchoͤnen Hauptes be⸗ wege, das tiefſinnig auf der kleinen Hand einer Perſon ruhe, die ſo oft, und ſeit Kurzem ſo aͤngſtlich an dieſem hohen Gitter ſeine Ankunft erwartet hatte. Dieſer Einbildung vermochte er nicht zu wi⸗ derſtehen.„Ich will zuruͤckkehren, waͤre es auch nur auf fuͤnf Minuten,“ dachte er; und ſeinen Zuͤgel dem Wieſel zuwerfend, eilte er mit der Schnelligkeit eines Rehbocks den Huͤgel hinab. „Ah! Ahl ich habe lange gemuthmaßt,“ murmelte dieſer kluge Kammerdiener,„was do Ende dieſes Fiſchens und Schießens in den ern der Schlucht ſeyn werde. Aber ſeht aiin junger Herr, ob Eliſabeth von Bru⸗ ce's glatte Augenbraunen und ſchlanker Leib⸗ Harletillmus Schuldverſchreibung tilgen wird? Ein hartes Schickſal verfolgt unſer Haus, das 80 iſt klar; und doch iſt ſie eine Juwele von Maͤd⸗ chen.“ „Wer?“ ſagte Gideon, den er jezt eingeholt hatte. „Wer anders, als die Lady Eliſabeth von Bruce. Der ich nie eines Kreuzers Werth brachte, ohne daß mir mit etwas aufgewartet wurde, mochte es nun ein Glas Branntwein, oder ein Krug Bier, oder beides ſeyn. Nicht daß ich des Tranks gedaͤchte; aber wenn eine Dame, oder ein Herr mich im Andenken erhaͤlt, ſo iſt dieß eine Ehre fuͤr mich; und ich denke zehnmal mehr daran, als die Gabe werth iſt.“ Gideon ließ ein trockenes„Hem!“ verneh⸗ men; und ſie zogen hierauf ruhig mit einander nach der Stadt Pitbauchlie fort, wo Wolf wie⸗ der zu ihnen ſtoßen ſollte.. Die foͤrmliche Annaͤherung an die Burg Ernescraig geſchah durch das Dorf Caſtleburn, von wo aus ſich in den Gebirgspaß hinauf jener enge unregelmaͤßige Weg wand, der ſich laͤngs des Ruͤckens der Schlucht hinzog, und Pechs⸗ pfad genannt wurde, weil die Volksſage ſeine Entſtehung den Schotten zuſchrieb; obwohl der gelehrte and ehrwuͤrdige Dr. Draunt, in ſeinem ſtatiſtiſchem Berichte uͤber das Kirchſpiel St. Serf eine ganz andere Etymologie giebt, und den Namen von dem ſchottiſchen Worte pech d. h. ſchnauben und keuchen, wie ein fetter Mann thut, der eine Anhoͤhe erklimmt, herlei⸗ tet,— eine Ableitung, welche die perſoͤnliche — 81 Erfahrung des ehrlichen Mannes kraͤftig beſtaͤ⸗ tigte. Nicht ſo die Erfahrung Wolf Grahams, der den Berg auf einem Wege hinauſſtuͤrzte, der ſogar noch ſteiler und unzugaͤnglicher war, als die gewoͤhnliche Auffahrt,— auf einem Pfade, der ſich durch die Hoͤhlung der Schlucht wand, und auf dem er, ſeit mehreren Monaten, zu der ſchoͤnen und einſamen Bewohnerin der verfallenen Feſte, feinem raſch geehlichten und innig geliebten, obſchon unanerkannten Weibe, zu gelangen pflegte! Sobald der Tag zu grauen begann, und lange ehe das ſchwache, dunkle Licht jedes andere Aug befaͤhigt haben konnte, ferne Gegenſtaͤnde zu unterſcheiden, hatte dieſes junge Weib, an ihrem hohen Gitter knieend, die Furchen des Oran, und jeden Theil der Straße, den ſie gewahren konnte, bewacht— um ihn heimkehren zu ſehen, nachdem er ſie verlaſſen hatte, und ihn hinwieder, nachdem ein Zwiſchenraum des Weh⸗ klagens und Weinens verfloſſen war,„auf im⸗ mer“ abreiſen zu ſehen— wie ihr trauriges Herz ihr zufluͤſterte, das in noch tiefere Trau⸗ rigkeit verſank;— denn wer trennte ſich je zum erſtenmale von dem Gegenſtande einer innigen und leidenſchaftlichen Liebe, ohne zu fuͤhlen, daß es in der That fuͤr immer geſchehen muͤſſe! Und fuͤr ſie war Wolf Graham, der ausſchließliche Gegenſtand jeder Zuneigung, geliebt, wie nur⸗ diejenigen lieben koͤnnen, die im Leben nur ein: Intereſſe, eine Hoffnung, und, in der Fuͤlle 82 deſſen, keinen Wunſch und kein Verlangen nach etwas Anderem haben. Ein verlaſſenes und ungeſuchtes, aber nichts deſto weniger ein ſchoͤnes und gluͤckliches Kind, — ein einſames, unbeachtetes, aber, bis jezt, froͤhliches und gluͤckliches Maͤdchen, war Eliſa⸗ beth von Bruce's verfloſſenes Leben ein langer Sommernachtstraum geweſen. In Einſamkeit und Freiheit aufgewachſen, ihre junge Einbil⸗ dungskraft in den Wolken, ihr Herz aber auf der theuren gruͤnen Erde, fand ſie in den tauſend Geſtalten der Lieblichkeit und des Entzuͤckens, die auf ihren einſamen Pfad geſtreut waren, Gegenſtaͤnde, die ihr von Natur zartes und empfaͤngliches Gefuͤhl anzuregen vermochten, und in der Erinnerung, daß, ſo ſehr man ihr Daſeyn vernachlaͤßigt hatte, ſie nichts deſto we⸗ niger eine von Bruce war, genug, um in ihrem Herzen die Selbſtachtung und den anmuthigen Stolz auf wahren Adel zu achten: bis Wolf Graham kam, und einen noch glaͤnzenderen Himmel und eine noch glaͤnzendere Erde zeigte, und der Stolz der Geburt in dem entzuͤckende⸗ ren Stolze der Liebe vergeſſen wurde; denn ſein zu ſeyn, war ein groͤßeres Gluͤck fuͤr ſie, als was ihre glaͤnzendſten Traͤume ihr vorgezaubert hatten— und jezt— war ſie ſein. „Eliſabeth hatte ihren Liebhaber die Furth durchſchneiden geſehen. Sie hatten bereits Abſchied genommen. Sie wandte ihr Auge weg und weinte; und als ſie wieder aufblickte, 33 war jene Geſtalt, die ſie unter zehn tauſend augenblicklich herausgefunden haͤtte, nirgends mehr zu ſehen. Seine Gefahrten durchzogen den Sumpf langſam. Die Unachtſamkeit ver⸗ wuͤnſchend, durch die ſie ihn auf dieſe Art aus dem Geſichte verloren hatte, waͤhrend er noch geſehen werden konnte, und mit dem der Liebe eigenen Aberglauben uͤber dieſe unheil⸗ volle Vorbedeutung erſchrocken, kniete ſie noch an ihrem Gitter, ſorglos in ein langes, weißes Gewand gehuͤllt, mit der Fuͤlle ihres ſchoͤnen Haars den Boden beruͤhrend, die Stirne auf ihre Haͤnde geſtuͤzt, kalt, blaß, zitternd, und in der Stellung tiefer Ergebung, als ihr Ohr den ſchnell⸗ kraͤftigen Tritt, den leichten Athem— und aufſpringend mit einem Schrei des Entzuͤckens war die marmorne Statue ploͤtzlich von war⸗ mem Leben erfuͤllt, verwandelte ſie ſich ploͤtzlich in eine glaͤnzende, belebte und gluͤhende Ge⸗ ſtalt.„Er war wieder gekommen! Sie wird ſeine Stimme hoͤren! Wird hoͤren, wie er ſie ſegnet und ſie bittet, gutes Muths zu ſeyn und ihr wieder und wieder gelobt, ſie zu lie⸗ ben und jede Stunde des Tages an ſie zu denken. Sie wird wieder an jener Nektar⸗ lippe hangen, die zu beruͤhren ſie baarfuß nach Palaͤſtina gewandert ſeyn wuͤrde.“ „Meine Eliſabeth! wie iſt das! Kalt, zit⸗ ternd, halbangekleidet. Ich muß dir deßwegen Vorwuͤrfe machen.“ „Zitternd, aber nicht kalt, antwortete Eli⸗ 84 1 ſabeth:„Aber halt doch und mache mir Vor⸗ wuͤrfe.“ Und in noch ſanfterem Tone fluͤſterte ſie:„Wie guͤtig war dieſe Ruͤckkehr! Ich werde jezt mit deſto feſterem Muthe von dir ſcheiden,— wenn es ſeyn muß?— Ja ſchuͤttle den Kopf nicht. Ich will jezt keine ſo ver⸗ geblichen Worte mehr machen. Aber du blickſt ſo ernſthaft. Oh! gewiß biſt du gekommen, um mich vor einer neuen Gefahr zu warnen. Sprich doch— Ich habe zu allem Muth.— Sie koͤnnen unſere Ehe nicht aufheben!“ „Zuverſichtlich nicht,“ ſagte Graham, laͤchelnd und ſie liebkoſend.„Narrheit— bloſe Narrheit fuͤhrte mich zuruͤck, Eliſabeth.“ „Ach, ſage lieber theure, theure Weisheit!“ fluͤſterte Eliſabeth. „Ich wuͤnſche dir auch mitzutheilen,“ fuhr Wolf fort,„daß ich Herrn Gideon dazu ver⸗ mocht habe, mich bei Aufſuchung der Frau zu begleiten, die ſicherlich einige der ſonder⸗ baren Geheimniſſe weiß, die mit deiner Ge⸗ burt— mit dem Abbrennen von Cambusken⸗ neth Lodge, meine ich, in Verbindung ſtehen.“ „ Der Unſtern meiner Geburt,“ ſagte Eliſa⸗ beth. Ich weiß, es iſt ſo. Aber haſt du meine Amme geſehen? Sie wuͤnſcht dich zu ſprechen.“ „Dann glaube ich, wird ſie ſich erklaͤren wollen,“ ſagte Wolf.„Wie manche Raͤthſel koͤnnte ſie loͤſen, wie leicht das Geheimniß deines ſonderbaren Schickſals aufklaͤren! Al⸗ lein ſie iſt hartnaͤckig in ihrem Schweigen.— Gut— ſey der Ausgang, welcher er wolle— 8⁵ das Schickſal ſelbſt kann mich nicht mehr feſter an dich feſſeln. Wir haben noch Hoffnung, laͤchle mich daher noch einmal an, bevor ich dich verlaſſe, meine theure Eliſabeth.“ Eine zaͤrtliche aber ſtille Umarmung wurde gewechſelt, und dann folgte aͤngſtliches haͤus⸗ liches Geſpraͤch, mit nutzloſem Bedauern, lei⸗ denſchaftlichen Abſchiedsgruͤßen, und verliebten, aber ſchwermuͤthigen Vorgefuͤhlen vermiſcht. „Sollte irgend eine Noth, meine Theuerſte, aus dem Zuſtande der Angelegenheiten meines Oheims, oder aus unſerer Verbindung ent⸗ ſpringen, ſo kannſt du dich, in allem, was Rath und Huͤlfe betrifft, auf unſern Freund Gideon mit Sicherheit und Schicklichkeit ver⸗ laſſen. Er mag dich vielleicht nicht ganz ver⸗ ſtehen, allein er liebt dich und mich um dei⸗ netwillen. Wie viele gute Herzen haſt du mir geneigt gemacht, indem du mir das dei⸗ nige ſchenkteſt, Eliſabeth! Er iſt ein ehrlicher und ehrenwerther Mann, obſchon nicht ganz nach dem Begriffe, welche die Welt von der Ehre hat; um ſo mehr Schande fuͤr ſie viel⸗ leicht. Und doch, Elifabeth, wie ſchmerzt es in dieſer Stunde mein Herz, daß ich einem andern, ſey es auch dem wuͤrdigen Gideon, das theure Vorrecht, uͤber deine Gluͤckſeligkeit zu wachen, anvertrauen muß.“ „Sey meinetwegen nicht beſorgt,“ fluͤſterte Eliſabeth.„Sey meinetwegen nicht beſorgt, ſo lange du ſo großmuͤthig denkſt. Die Liebe, welche mich ſchwach macht, macht mich auch 86 ſtark. Leiden und Pruͤfungen moͤgen auf uns beide warten; allein meine Gluͤckſeligkeit— iſt ſicher— ruht hier— am Sitze der Ehre und der Liebe;“ mit dieſen Worten ließ ſie, gleich⸗ ſam als Zeichen des Vertrauens, ihren Kopf auf die Bruſt ihres Liebhabers ſinken. Aber wiederum ſiegte das Weib.„Ja, o Theuer⸗ ſter, Theuerſter! wenn ich es erleben muͤßte, dich veraͤndert— dich mir entfremdet zu fin⸗ den. Laß mich nicht daran denken. Ja, du ſollſt heute uͤber die Beſorgniſſe des Weibes nicht lachen. Knie vielmehr nieder mit mir — hier, wo wir tauſendmal in Liebe zuſam⸗ mengekommen ſind, und uns endloſe Treue geſchworen haben, und unſern Gott bitten, er moͤge uns einander mit unverfaͤlſchter Treue und unverringerter Liebe wiedergeben.“ Sie hauchten dieſes ſtille Gebet auf dem Altare ihrer Lippen. „Ich kann mich jezt von dir trennen,“ fluͤ⸗ ſterte Eliſabeth,— ja, ich kann dich von hier wegſchicken.— So geh' denn, theuerſter und einziger Freund deiner armen Eliſabeth; be⸗ ſtreben wollen wir uns, einander gegenſeitig beweiſen, daß, obſchon die Bande, die uns binden, raſch geknuͤpft wurden, ſie doch von uns nicht bereut werden.“ Blaß, ſehr blaß und zitternd, aber aͤußerlich ruhig, mit einer langen ſchweigenden Umar⸗ mung, wand ſie ſich von ihrem Geliebten los, kniete nieder, und verbarg ihr Geſicht, da wo 87 ſie zuvor gekniet hatte. Und jetzt ſind ſie ge⸗ ſchieden! Wie werden ſie ſich in einer Welt wieder begegnen; deren traurigſter Lauf wan⸗ * kende Treue, oder Wechſel, oder Kaͤlte des Herzens iſt! Wolf nahm ſeinen Weg nach dem Dorfe, wo damals, in dem Winkel der„grauen Schule“ die Raſenhuͤtte der Munica Doran, der Amme Eliſabeths, ſtand; einer Wittwe, die, wie man glaubte, beſſere Tage geſehen hatte und ſich der reinen engliſchen Mundart, oder was die Einwohner von Caſtleburn da⸗ fuͤr hielten, bedienten. Ihr urſpruͤnglicher Wohnort war Ernescraig; aber ſeit der Zeit, — da Eliſabeth vier Jahre alt war, hatte die alte Munica in geachteter Armuth in Caſtle⸗ burn gelebt, da die Eiferſucht, mit der man ſie zuerſt betrachtet hatte, vor ihrem guͤtigen und ſanften Benehmen, und ihrer erprobten Rechtſchaffenheit verſchwunden war. Die ein⸗ ſiedleriſche Matrone hatte ſich lange Zeit durch Naͤhen, worin ſie, ſelbſt nach dem Geſtaͤnd⸗ niſſe des gelehrten Monkshaugh, ungemein geſchickt war, ernaͤhrt, allein ihre Augen hatten nach und nach bedeutend vön ihrer Sehkraft verloren; und ſie friſtete jetzt ihr Leben durch 6 Stricken, Flachsſpinnen, Zwirnen und Blei⸗ chen, am Ufer des Oran. Munica's Huͤtte war ſo klein, daß man ſie, ohne eine zarte Faſer blauen Rauches, die kaum ſo dicht war, als die, welche Korporal Fugals 8⁸ Tabakspfeife an einem froſtigen Morgen durch das Gehoͤlz der Schlucht nachzog, und ohne eine einzige Glasſcheibe, das helle Auge der Wohnung, fuͤr ein bemoostes Huͤgelchen gehal⸗ ten haben wuͤrde. Einige Morgen Gartenfeld, in welchem Kuͤchengewaͤchſe, und die zur Land⸗ arzneikunſt dienlichen Kraͤuter gepflanzt wur⸗ den, lagen zur rechten von drei grotesken Hollunderbuͤſchen, die an dem hellen Muͤhlen⸗ graben wuchſen, und der Huͤtte Schatten, den Schuͤlern der grauen Schule aber Waͤffen und Kriegsbedarf verſchafften, uͤberhangenen Wohnung.— Die Schuͤler hatten in vielen ihrer raſch auf einander folgenden Generationen, der gu⸗ ten Doran eine angenehme Beſchaͤftigung ge⸗ waͤhrt. In ihrer Huͤtte wurden, in allen den mannigfachen Muͤhſeligkeiten und Noͤthen der Schulzeit, Troſt und Unterſtuͤtzung gefunden. Ihre guͤtige Zurechtweiſung bewog den zittern⸗ den Schulſchwaͤnzer zur Ruͤckkehr an ſein Ge⸗ ſchaͤft; und durch ihre beſaͤnftigenden Worte ermuntert, trocknete der gutmuͤthige weinende Duns ſeine Thraͤnen und erneuerte ſeine An⸗ ſtrengungen. In allen Faͤllen, in denen man ſich in den Finger geſchnitten, die Stirne zer⸗ quetſcht oder ein Knoͤchel verrenkt hatte, war ſie bereit, mit jhrer unbezahlten Wundarznei⸗ kunſt zu dienen; und die Kieinen verlangten ihre Fuͤrſorge und Guͤte als ein Recht, in dem vollen Vertrauen auf ihre Guͤte und mit der V 69 ergebenſten Unterwuͤrfigkeit unter ihre Befehle. Tag fuͤr Tag konnte man die von ihrem nie⸗ drigen Dache herabhaͤngenden Breter mit hart⸗ geſottenen Eiern, kleinen Flaſchen Milch, Stuͤcken Kaͤſe und Haferkuchen, welche die Schuͤler daſelbſt niedergelegt hatten, und wo⸗ von jede Ration mit den Anfangsöbuchſtaben des kleinen Eigenthuͤmers bezeichnet war, be⸗ laden ſehen. Dieſe Rationen wurden im Som⸗ mer unter den Hollunderſtraͤuchen der guten Doran und im Winter an ihrem ſparſamen, d dennoch ergoͤtzlich hellen Herde raſch ver⸗ zehrt. Gewiſſenhafte Redlichkeit, unwandelbare Guͤte und demuͤthige Wuͤrde des Benehmens dieſer alten Frau, deren Herzen die Kin⸗ derliebe inſtinctartig eingepflanzt zu ſeyn ſchien, machte einen tiefen Eindruck auf das Gemuͤth mancher dieſer jungen Geſchoͤpfe; und im ſpaͤtern Leben ſtieg mit dem Andenken an die gluͤcklichen Tage der Schulzeit das Bild der guten Doran in ihrer Seele auf. Es wurden ihr mehrere weſentliche Beweiſe dieſer angenehmen Erinnerung angeboten; allein ſie wurden ſtets mit einem Geiſte zuruͤckgewieſen, den ihre Nachbarn manchmal Stolz nannten. Es gibt Punkte, auf welche jedermann ſtolz zu ſeyn berechtigt iſt. Sie ſchlug die Huͤlfe der Eliſabeth von Bruce nie aus. Der Erbe von Monkshaugh, der auf einem kleinen Rothſchimmel in die Schule ritt, in⸗ 90 deß das Wieſel mit reichlichen Mundvorraͤthen zum Behuf des Mittagsmahls verſehen, ne⸗ ben ihm hertrabte, mußte, wie man vermu⸗ then konnte, uͤber die zaͤrtlichen Dienſte Mo⸗ nica's erhaben ſeyn; allein der natuͤrliche Abſcheu ſeines Oheims vor vergoſſenem Blut, und noch mehr vor blutbefleckten Kleidern, machte auch ihn zuweilen ihrer Huͤlfe beduͤrf⸗ tig; und obſchon ihre Guͤte, gleich der Sonne, auf alle ohne Unterſchied leuchtete, ſo machten doch dieſen Knaben ſeine Edelherzigkeit und ſein hoher Geiſt, wovon er bei manchen Ge⸗ legenheiten Beweiſe gab, zu ihrem beſondern Lieblinge, waͤhrend der wenigen Monate, in denen er die Dorfſchule beſuchte. Als Wolf ſich der kleinen Wohnung naͤherte, die ehemals in ſeiner Einbildungskraft ſo maͤch⸗ tig geweſen, jezt aber zu einem Spielzeuge herabgeſunken war, doch aber in allen ſeinen Verhaͤltniſſen genau dem deutlichen Bild ſei⸗ nes Gedaͤchtniſſes entſprach, erinnerte er ſich mit Sheoſtone's alter Dame, an das einla⸗ dende und ſanfte Gemaͤlde einer Landſchule in Marmontels Denkwuͤrdigkeiten, das nach der Natur, in Frantreich ſogar, gezeichnet iſt. „Ich konnte das Land nicht verlaſſen, ohne euch zu ſehen, Monica,“ ſagte Wolf, ſobald⸗ das alte Weib, mit ihrer altmodiſchen und aberglaͤubiſchen Wohlanſtaͤndigkeit, ihre Arbeit bei Seite gelegt hatte, und ihren Beſuch, nach ihrem Wunſche ſitzen ſah. 91 „Ich komme ſo eben von eurer Freundin Eliſabeth,“ fuhr er fort,„die mir ſagt, ihr wuͤnſchet mich zu ſehen.— Sonderbar genug, wenn ich bedenke, wie oft und wie lange ihr meine Nachforſchungen vermieden habt.“ „Ich vermied euch damals— und jezt wuͤnſche ich euch zu ſehen, Kapitaͤn Wolf Graham,“ ſagte das alte Weib nachdruͤcklich. —„und koͤnnt ihr die Uirſache nicht errathen? Habt ihr euch nicht erkuͤhnt, euer Schickſal mit dem Geſchicke zu verwuͤnſchen, an das ich gefeſſelt bin?“ „Erluͤhnt vielleicht, aber nicht duͤnkelhafter⸗ weiſe,“ ſagte der junge Krieger in ſtolzem Tone; auch nicht ohne die Erlaubniß des ge⸗ heimnißvollen Weſens, in deſſen Namen ihr handelt.“ „Seht ihr dieſes Papier?“— er zeigte einen Brief— es wurde mir im Gehoͤlzk der Bergſchlucht von einer wandernden Bettlerin uͤbergeben, und iſt ohne Zweifel ein Theil eurer geheimnißvollen Mafchinerie?“ „Das heißt nicht geſprochen, wie Kapitaͤn Wolf Graham zu ſprechen pflegt,“ erwiederte das alte Weib.„Allein hat unſere Eliſabeth dieſe Schrift geſehen.“ Unſere Eliſabeth!— Monica— Wenn ihr ſolche Geſinnungen gegen ſie hegt— und daran zweifle ich nicht — warum entzieht ihr mir alsdann die Mit⸗ tel, ihr Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen. Allein dieſes Papier war nicht fuͤr Eliſabeths 92 Auge beſtimmt, obſchon es, wie ich nicht zwei⸗ feln kann, von ihrer„Mutter“ geſchrieben worden iſt.“ Er heftete ſeine Blicke feſt auf das alte Weib, das tief zu ſtaunen ſchien, und indeß das Blut in ihre verblichenen Wangen ſtieg, ausrief—„Ihre Mutter! Wer ſagte euch denn, daß ſie eine lebende Mutter hatte 2 Die Braut von Bruce— lebt ſie?“ „Ich kann nicht zweifeln, daß das geheim⸗ nißvolle Weſen, das ſchon ſeit Jahren fuͤr alle Beduͤrfniſſe der Eliſabeth geſorgt hat, und allen ihren Wuͤnſchen zuvorgekommen iſt— ihr guter Genius, wie ſie ſie nennt— eine Mutter und das eine zaͤrtliche iſt, obſchon jahrelanges Stillſchweigen und Vernachlaͤßigen Eliſabeth auf den Glauben gebracht hat, daß ſie nicht mehr lebt. Allein daß ſie lebt, dieß beweißt dieſe Schrift; warum wollt ihr mir alſo ihren Namen verhehlen? Das ungluͤckliche Weib des noch ungluͤcklicheren Bruce— iſt ſie je als ſolches anerkannt worden? Kennen ihre Verwandte ihre Anſpruͤche?“ „Ach, nur zu gut!“ ſagte das alte Weib. „Allein zu ihrer Zeit wird ſie ſich entdecken — dieſe mißhandelte Frau— die Braut des Bruce! Dringt daher nicht ferner in mich. Ich habe den Thraͤnen der Eliſabeth, die mir mit den Augen dieſer Mutter ins Geſicht blickte, nicht widerſtanden, um den Bitten eines Fremden nachzugeben. Aber der Tag 9⁵ wird kommen. Er wird— er muß kommen — ich werde leben, um ihn zu ſehen— der Tag, an welchem Gerechtigkeit ausgeuͤbt wer⸗ den wird— der Tag, um deſſen willen ich gearbeitet, geſeufzt und gebetet habe. War es umſonſt— daß ich— alt und gewelkt, ſchwach, wie ich bin, Freunde und Vater⸗ land verließ, und unter dem fremden Volke eines fremden Glaubens lebte?— und fuͤrch⸗ tete, ich moͤchte unter ihm ſterben,— ohne Beichte, ohne Verzeihung, faſt ohne Hoffnung, unter dieſe ſchwarze Mauern vergraben, die nichts erhellen kann, als das Laͤcheln des Him⸗ mels auf die gewiſſenhafte Erfuͤllung der Pflicht — das Heil meiner Seele gefaͤhrdend?— Ach! nicht umſonſt! Dringt daher nicht weiter in mich: Das Unterpfand meiner Treue ruht in andern Haͤnden.“ „Gott verhuͤte, daß ich weiter in euch drin⸗ gen ſollte, Monica!“ ſagte der junge Mann, „obſchon ich glaube, daß ihr unter der Herr⸗ ſchaft ſehr eitler Gewiſſenszweifel ſteht. Die Mutter Eliſabeths hat ihre Tochter meiner Sorge anvertraut. Verlange ich ein groͤßeres Zutrauen von euch, als das, welches mir durch dieſe Handlung bewieſen worden iſt. Leſ't⸗ dieſes:— allein eure Augen ſind duntel. Ich werde ſtatt eurer leſen.“— Er las hierauf eine Schrift vor, die, ohne Datum und Unter⸗ ſchrift, folgende Worte enthielt: „Sie lieben Eliſabeth. Sie haben ihr Herz 1 94 erobert.— Ohne Mitgift und Freunde, wie ſie iſt, haben Sie ſie zu ihrer Braut erkoren. — Ihre Mutter gibt ſie ihnen— das Kind des Elends, wo nicht der Schande— und ſie haͤlt jede Stunde fuͤr eine Ewigkeit, bis ſie die Vereinigung ſegnen kann, die ihre Eli⸗ fabeth von einem Schickſale erloͤſen wird, das ſo ſchwarz iſt, als das ihrer ungluͤcklichen Mut⸗ ter.“ „Ungluͤcklich in der That,“ ſeufzte das alte Weib. Allein ihr begebt euch, Wolf Graham, in ein Land der Gewaltthat und des Bluts; — daran wuͤnſchte ich euch warnend zu erin⸗ nern— ein Land, das mit ſich ſelbſt im Streite liegt— in welchem Bruder gegen Bruder auf Leben und Tod kaͤmpft— und der kalte Fremd⸗ ling beide niedertritt. Nehmet euch in Acht! und wenn ihr Eliſabeth tiebt, ſchonet ihre Verwandte!“ „Ich wußte oder vermuthete ſo etwas,“ ſagte Graham.„Und jezt Monica, da ihr mich vielleicht vor Suͤnde und Gewiſſensbiſſen be⸗ wahren koͤnnt, gebt mir einigen Aufſchluß uͤber die muͤtterlichen Verwandten der Eli⸗ ſabeth.“ „Wolf Graham, das iſt zu viel,“ rief das alte Weib aus, in geſteigerter Gemuͤthsbewe⸗ gung ſich erhebend.„Geht in Frieden! und Gott behuͤte und ſchuͤtze euch, und thue euch, wie ihr ihr thun werdet, der die Hefe meines Lebens gewidmet iſt.“ 95 Sie machte eine Bewegung mit der Hand, als wuͤnſchte ſie, er moͤchte ſich entfernen. Wolf machte ſich daher, ihren Gruß erwie⸗ dernd, wieder auf den Weg, und kaum war er aus der Traͤumerei erwacht, in die ihn dieſes Geſpraͤch verſenkt hatte, als er in das Dorf Pitbauchlie trat. Und hier beluſtigte er ſich nicht wenig, als er das Wieſel ſah, das mit einem ernſthaft komiſchen Geſichte, an einem Scheuerthor, ne⸗ ben einem, mit einem kleinen zerknitterten Handtuche bedeckten, großen dreifuͤßigen Stuhle, auf welchem ein zinnenes Teller, mit einigen Pfennigen auf ſeiner Oberflaͤche, ſtand, Wache hielt— waͤhrend laut durch die umgebende Luft Gideons Stimme in ernſter Ermahnung, rollte und rumpelte. „Da ich nicht wußte, wie lange ihr aus⸗ bleiben werdet, Kapitaͤn, ſo hielt ich es fuͤr angemeſſen, ihn predigen zu laſſen,“ ſagte Frieſel,„um ihn in Ruhe und Geduld zu erhalten; aber wir ſind jezt Gottlob durch. Wir haben juſt ein Wort an die alte Gene⸗ ration und ein Wort an die junge Genaration, ein Wort an die Heiligen und ein Wort an die Suͤnder— ein Wort des Troſtes und ein Wort des Schreckens,— achtzehn Kapi⸗ tel in allem— geſprochen, und auch an Euch wird noch ein Schuß tommen. Die Verſamm⸗ lung mag ungefaͤhr aus ſechs alten Weibern und drei oder vier Kindern beſtehen, ſo daß . 2* 96 ungefaͤhr zwei und ein halbes Kapitel auf eine jede Perſon kommen: was mich betrifft, ſo gebe ich auf das Opfern Acht, wie ihr ſe⸗ hen koͤnnt.“ Mit dieſen Worten blickte er auf die geſammelten Pfennige, von denen Gideon, freigebig mit ſeinen frommen Ermahnungen, ſicherlich nichts wußte; auch war es nicht der Wille des Wieſels, daß er etwas davon wiſ⸗ ſen ſollte. 3 Fuͤnſtez Kapite l. Fruͤhe Tage. Eliſabeth von Bruce war in ihrem zweiten Jahre von Monica, ihrer Amme, in die alte Burg Ernescraig, ſie wußte nicht woher, ge⸗ bracht worden. Ihre ereignißloſe Geſchichte ſeit dieſem Zeitpunkte kann am beſten nach ihren eigenen Erinnerungen mitgetheilt werden. Eliſabeth erinnerte ſich ſeit ihrem dritten Jahre, daß ſie ein verlaſſenes Kind war, zu dem niemand eine beſondere Zuneigung zu ha⸗ ben ſchien, ausgenommen Monica Doran; ei⸗ nige Zeit nachher verließ Monica ſie; denn Hr. Hutchen, der Agent des Lord von Bruce, hielt die alte Amme fuͤr ein nutzloſes Anhaͤng⸗ ſel des Haushalts zu Ernescraig, der deß⸗ wegen von nun an nur noch aus einem alten Manne, dem Huͤter der Burg, ſeinem Weibe und 97 und ſeiner Tochter beſtand, die einige Kuͤhe hielten, und fuͤr die Beduͤrfniſſe des einſamen Maͤdchens ſorgten. Eliſabeth konnte ſich nicht beſtimmt erinnern, wie ſie das Ungluͤck ihres Vaters zuerſt erfahren hatte. Dieſe Kenntniß glich einer innern Anſchauung, denn niemand hatte, in ſo weit ſie ſich erinnern konnte, je von der ungluͤcklichen Lage des Lord von Bruce mit ihr geſprochen. Er war in der That ſeit dem Zeitpunkte ihrer Geburt verruͤckt, und lebte, wie man wiſſen wollte, im Auslande. Von Jahr zu Jahr ſchmachtete ſie ſo, ent⸗ fernt von der Geſellſchaft der Kinder und faſt gaͤnzlich unbekannt mit ihren gemeinſchaftlichen Spielen und Beſchaͤftigungen. Doch hatte das Leben, das ſie fuͤhrte, auch ſeine Freuden. Der Geiſt des jungen Lebens regte ſich in dem einſied⸗ leriſchen Kinde. Jeder Vogel, jedes Thier, jede Blume und Pflanze war ihr Gefaͤhrte, und wurde von ihrer Einbildungskraft mit Leben und Sprache begabt; und jeder Bettler war ihr Freund und Lehrer im Guten und Boͤſen, wie es gerade der Zufall mit ſich brachte. Auf dieſe Art haͤufte ſie einen Vorrath von Gedanken und Bildern an, die manchen heimlichen Quellen, und Perſonen, die in Character und Gewohn⸗ heiten gerade das Gegentheil von einander wa⸗ ren, ihr Daſeyn verdankten. Der Schneider, der von Huͤtte zu Huͤtte zog, begleitet von ſei⸗ nem Lehrling mit Scheeren und Buͤgeleiſen, wie der Ritter der Vorzeit von ſeinem Knaphen.— Eliſ. von Bruce. I der duͤrre, ſchmaͤchtige Weber und die taͤgliche Verſammlung bei der Muͤhle zu Towerburn ge⸗ hoͤrten unter die Zahl ihrer Lehrer. Eben ſo auch die gute Doran, das Wieſel und der Cor⸗ poral Fugal Serimmager, ein ehemaliger Die⸗ ner ihres Vaters.— Monkshaugh, obſchon un⸗ gewiß in Betreff der Geburt der Kleinen, und keineswegs zufrieden mit der geheimnißvollen Heurath ſeines edeln Verwandten, aͤrgerte ſich nichts deſto weniger uͤber die Vernachlaͤßigung des Maͤdchens, und unternahm es, ihr Betra⸗ gen zu bilden; zu welchem Ende Eliſabeth manchmal zu einem Thee in ſeiner Wohnung eingeladen wurde. Allein es wurde ihr ſo ſorg⸗ faͤltig verboten, laut zu ſprechen, in lautes Lachen auszubrechen, und die Treppe ſorglos auf und nieder zu ſpringen, daß ihr die Beſuche in Monkshaugh entleideten, und ſie es bald vor⸗ zog, Herrn Haliburkon ihren Catechismus vor⸗ zuſagen, als dem Laird ihr Modeltuch zu zeigen. Eine Mutter, die manche oder auch nur einige der neuern Erziehungsſyſteme ſtudirt hatte, wuͤrde wohl mit Eliſabeths Erziehung in ihren zarten Jahren nicht zufrieden geweſen ſcyn; aber ſo war es. Auf dieſe Art wurde eine Menge Materialien geſammelt, denen ihr eige⸗ ner Geiſt Form und Geſtalt leihen mußte, und aus denen ihre Verſtandskraͤfte entweder Gift oder Nahrung ſaugen konnten. Im fuͤnften Jahre hatte Eliſabeth die alte und jezt, wie wir fuͤrchten, faſt verpoͤnte Maͤrchenweisheit der 99 Kinderſtube durchlaufen,— uͤber„die Kinder des Waldes“ geweint,— und bereits den „Helden von der Bohen“ bewundert. Der ihr an Ruhm und Beliebtheit alle Pairs Carls des Großen uͤbertraf, und keinen Nebenbuhler in ihrer Gunſt kannte, ausgenommen den groß⸗ muͤthigen Reiper der rothen Kuh. Wie voll von Einbildungskraft,— wie reich an Freu⸗ den war die alte Literatur der Ammenſtube. In dem Alter von ſieben Jahren wußte Eliſa⸗ beth mehr atte iriſche und ſchottiſche Balladen, ſo wie metriſche und andere Legende, als irgend ein Individuum„in den Kirchſpielen am Huͤ⸗ gel,“ ausgenommen Frieſel, der hundert oder zweihundert Jahre fruͤher als Troubador, oder wenigſtens als Harfner haͤtte figuriren koͤnnen. Die Muͤhle, das Moos, die Huͤtte des Schaͤfers, die das kleine Maͤdchen im Sommer nicht ver⸗ ſchmaͤhte, und die freundſchaftlichen Beſuche am Winterherde, nebſt einem Gedaͤchtniſſe, das alles, was ſie liebte, hartnaͤckig feſt hielt, alles trug dazu bei, den Vorrath ihrer Sagen zu ver⸗ 6 groͤßern. Allein ungeachtet ihrer lebhaften Ein⸗ pooildungskraft und ihrer raſchen Auffaſſungs⸗ kraft, hatte Eliſabeth ſo geringe Fortſchritte in nuͤtzlichen Wiſſenſchaften gemacht, daß bei einem Examen, welches Herr Haliburton in der Burg⸗ muͤhle hielt, ihre tiefe Unwiſſenheit die ſtrenge Zurechtweiſung des Geiſtlichen nach ſich zog. Ddie dunkelblauen Augen, voll von Geiſt und Verſtand, blizten durch den Reichthum ſchoͤner Gf ————— 900 Locken, auf welche Fugal alle Sorgfalt verwen⸗ det hatte, die er fruͤher der Maͤhne des Kriegs⸗ roſſes ihres Vaters widmete— Aerger und Trotz; und dann fuͤllten ſie ſich mit leidenſchaft⸗ lichen Thraͤnen. Ihr Geſicht mit ihrem kleinen Arme verhuͤllend, ſchluzte Eliſabeth.— „Wer in der ganzen Welt, iſt da, um mir meine Lektion und meine Fragen zu ſagen? Ich habe keinen Vater— keine Mutter und die gute Doran hat mich verlaſſen.— Alle Anweſenden fuͤhlten Wahrheit der An⸗ klage, und beſonders Gideon, der das kleine Maͤdchen auf ſeine ungeſchlachte Weiſe— ein ſehr ſanfter Baͤr— beſänftigte, und ihr in einer angemeſſenen Sprache ſagte, weſſen Sorg⸗ falt der Waiſe und Freundloſe ſtets vertrauen koͤnne. Eliſabeth weinte auf ſeinen Buſen jene Thraͤnen, die den Kummer ſeines Stachels berauben. Allein Johann Trann, der Huͤter der Burg, fand zu ſeiner Selbſtvertheidigung fuͤr noͤthig, einen Theil ihrer Behauptung zu widerlegen. „Ein kuͤhner Geiſt,“ ſagte Fohann—„Ich habe mein Moͤglichſtes gethan, und ſie an meh⸗ reren regneriſchen Sonntagsnaͤchten nach dem „Einzigen Buche“ gepruͤft; allein, nie war irgendwo ein auffallenderes Beiſpiel von der Macht des boͤſen Feindes und von inwohnender Verdorbenheit zu finden, als in dieſem huͤbſchen Kinde, ſo ſchoͤn auch ſein Geſicht iſt. Gebt ihr „Gil Moriz nach dem gruͤnen Holze“ oder den A. — 10¼ jungen„Tam Lane“ oder anderes naͤrriſches Zeug der Art, und in einem Nu wird ſie es aus⸗ wendig wiſſen, waͤre es auch ſo lang als Chevy Chace;z allein was eine nuͤtzliche Lehre betrifft, die vor Irrthum bewahrt, ſo koͤnnte man ſie mit dem aͤrgſten Poltergeiſte nicht mehr erſchrecken, als damit.“ „Es iſt kein Wunder, wenn die Kinder Toͤl⸗ pel werden, wo Johann Trann Schulmeiſter wird,“ ſagte das Wieſel mit hoͤhniſchem Laͤcheln. Johanns Lehre war jedoch dem Meridian des Gideon'ſchen Glaubens ſehr angemeſſen. In Folge einer Bittſchrift an den Curator Hutchen, wurde daher das kleine Maͤdchen der vereinigten Aufſicht des Geiſtlichen und der Monica Doran anvertraut, die nach einer langen und geheim⸗ nißvollen Abweſenheit in dieſer Zeit, in tiefe Trauer gehuͤllt, zuruͤckkehrte, und ihren Wohnſitz in einer Huͤtte nahe bei dem Dorfſchulhauſe nahm. Dieß bildete eine neue Zeitrechnung im Leben Eliſabeths. Die Bibel war ihr erſtes und einzi⸗ ges Schulbuch; und nachdem die vorlaͤufige Plackerei raſch uͤberwunden, und die lebendige Empfaͤnglichkeit ihres Gefuͤhls und ihrer Einbil⸗ dungskraft, einmal ganz erregt war,— welch' eine Welt der Wunder, der Theilnahme und des Vergnuͤgens oͤffnete ſich jezt ploͤtzlich ihrem Geiſte. Ehe drei Monate verfloſſen, verweilte ihre junge Einbildungskraft bei der Quelle in der Wuͤſte, bei dem Sohne der Leibeigenen; 102 oder wanderte hoffnungsvoll mit dem jungen Patriarchen fort, der bei ſeiner Himmelsleiter traͤumte, oder ging mit ſeinem geliebten Sohne nach Egypten. Diejenigen, deren Fortſchritte in den Wiſſenſchaften durch die ganze Vorſicht und alle Huͤlfsmittel des neuen Syſtems erleich⸗ tert worden ſind, koͤnnen ſchwerlich begreifen, wie tief die maleriſchen Vorfaͤlle und mannigfal⸗ tigen Charactere dieſes dichteriſchſten aller Buͤ⸗ cher ſich den Seelen der Kinder einpraͤgen, die noch keine andere Literatur kennen. Juditha und Jael und Rahel, ſchoͤn und ge⸗ liebt und ſelbſt in ihren Schwaͤchen ſo aus⸗ geſucht weiblich, konnte Eliſabeth noch nicht ganz verſtehen; allein es waren andere und unerſchoͤpfliche Quellen des Vergnuͤgens da. Das in dem Binſenkaͤſtchen verborgene Kind Moſes und das kleine hebraͤiſche Maͤdchen, das in der Ferne das Schickſal des kuͤnftigen Geſetzgebers und Helden des Volks Gottes abwartete,— der junge Hirt von Bethlehem, von friſchem und ſchoͤnem Ausſehen,— die Tochter Jephtahs und Hoſia der fromme jugendliche Koͤnig von Israel,— und Ruth, die ſanfte Tochter Narmis:— dieß waren jezt die vertrauten Gegenſtaͤnde des Studiums der vernachlaͤßigten Kleinen, der ſie nicht als eine Aufgabe, ſondern als eine entzuͤckende Unterhaltung unter ihren Hollunderbuͤſchen er⸗ ſchienen, Tag und Nacht traͤumte ſie von ihnen, und legte ihren Dorfbekanntſchaften —,,—— 9 ihre verſchiedenen Eigenſchaften und Charak⸗ tere bei. Eliſabeths Leben enthielt ſehr wenige Aben⸗ teuer; allein jedes junge Leben, ſo verborgen es auch ſeyn mag, hat ſeine eigenen Wunder⸗ ſeine eigenen Intereſſen, ſeine eigene Reize. Sie hatte zudem ein wirkliches Abenteuer ge⸗ habt, an welchem ihre Einbildungskraft mit ſonderbarer Hartnaͤckigkeit hing, obſchon es ihr in ihrem ſechsten Jahre begegnet war. Eliſabeth„lebte in der Sonne“ und kuͤhn und verwegen, machte ſie oft ſehr weite Streif⸗ zuͤge auf die Huͤgel und nach den offenen Plaͤtzen der Waldung, von jener Jahrszeit an, in der die Vöͤgel zuerſt ihre Neſter bauen, bis die lezten Nuͤſſe in das Haſelgebuͤſch nie⸗ dergefallen waren, und der Froſt des Herbſtes die Schlehen erweichte. Ihre haͤufigen verlaͤnger⸗ ten Abweſenheiten fochten ihren Aufſeher im Thurme wenig an, bis einmal an einem Julius⸗ tage der Abend hereinbrach; der Mond mit allen den blaſſen Sternen am ſommerlichen Himmel erſchien, und das kleine Maͤdchen noch nicht nach Hauſe zuruͤckgekehrt war. Da Johann Trann ſehr ſchlaͤfrig war, ſo bemerkte er ſeiner beſtuͤrzten Ehehaͤlfte„Lady Eliſabeth werde baͤlder uͤberſchlagen als ein Mehlſack,“ und ging zu Bette. Allein die Weiber, deren Denkart minder philoſophiſch war, machten Laͤrmen in dem Dorfe. Das Volk erhob ſich im Eifer ſeiner Menſchenliebe, und Thal und 104 Strom, Berg und Wald wurden durchfucht, bis endlich Frieſel das junge Mäͤdchen in ſanf⸗ tes Moos hingeſunken, und unter einem ſchuͤ⸗ tzenden Gebuͤſche feſt eingeſchlafen fand. Der Bericht, welchen Eliſabeth der Monica Doran von dieſem Abenteuer abſtattete, war nicht wenig ſonderbar. Am Mittage des ver⸗ floſſe nen Tages war ſie einer Bettlersfrau in einem rothen Kleide begegnet, die ſie durch Geſchichtchen und Aepfel in eine wilde Gegend auf den Huͤgeln„Linns o' Cleuch“ gelockt; und ſie dann zu einer Frau gefuͤhrt hatte, die nach Eliſabeths Erzaͤhlung wie die Koͤnigin von Elfland glaͤnzte, wenn es nicht dieſe Koͤ⸗ nigin ſelbſt war. Bei dieſer Frau hatte ſie ſich den ganzen Tag uͤber in der Hoͤhle auf⸗ ehtene Sie hatte ihr Brod und Kuchen gegeb.: ber ſie geweint und ſie geliebkest Verſprechen abgenothigt, eine Per⸗ ſon richt zu vergeſſen, die ſie ſo zaͤrtlich liebe und auf dieſe Art gekommen ſey, um ſie zu ſehen— ſie nie zu vergeſſen, wenn ſie ferne ſeyn ſollte. Alles dieß verſprach Eliſabeth, und weinte ihrerſeits— weinte, bis ſie einſchlief. Sie erinnerte ſich an nichts mehr, bis das Wie⸗ ſel ſie aufweckte und die glaͤnzende Erſcheinung war geſlohen. Monica Doran betrachtete das Ganze als ein natuͤrliches Traumgeſicht auf den Huͤgeln in einer hellen Sternennacht, und rieth ihr daruͤ⸗ ber zu ſchweigen. In Kurzem war der Vorfall 105 in dem Huͤgeldiſtrikte vergeſſen, oder wurde nur noch von aberglaͤubiſchen Leuten als ein Feenabenteuer erwaͤhnt, in welches das Kind bei⸗ nahe verwickelt worden waͤre. Es war jedoch ſei⸗ nem Hauptumſtande nach zu auffallend, als daß Eliſabeth es je haͤtte vergeſſen koͤnnen; und ſpaͤ⸗ ter hin pflegte Monica Doran, bei der genauen und die kſeinſten Umſtaͤnde beruͤhrenden Beſchrei⸗ bung, welches ſie von dem Ausſehen jener Dame lieferte, ihr ehrwuͤrdiges Haupt zu ſchuͤt⸗ teln und zu ſeufzen. Von dieſem ſonderbaren Abenteuer ihrer Kindheit hatte ſie oft mit Wolf Graham geſprochen; und in dem verfloſſenen Jahre hatten ſie die Gegend„Linns o' Cleuch“ zwanzigmal beſucht, wobei Eliſabeth von neuem jeden Blick, jede Geberde und jedes Wort der Dame aufzaͤhlte, die ſie mit dem zaͤrtlichen Na⸗ men Mutter belegte. Aber wie oder warum— eitel war jede Muthmaßung. 4 Als Eliſabeth ungefaͤhr zwei Jahre lang ſtu⸗ dirt und zu ihren Schaͤtzen bibliſcher Weisheit jene Bluͤthen der engliſchen Literatur, die in Maſons Sammlung dufteten, hinzugefuͤgt hatte, trat eine andere Veraͤnderung in ihrem Leben ein. An einem ſonnigen Feiertage zeigte ſich das Phaͤnomen eines Weges vor dem Thore von Graham Arms; und der beſtuͤrzte Landwirth empfing die vollendete Herrlichkeit mit ſo vielen Buͤcklingen, daß, haͤtte man ſie gut vertheilt, 106 jeder Speiche der vier Raͤder wenigſtens einer zu Theil geworden waͤre. 4 „Es wird der Lord von Bruce ſeyn!“— nein es war der Factor; und laͤngs der zerſtreut lie⸗ genden Straße blickten aus jeder Thuͤre neugie⸗ rige Koͤpfe, und wichen von dem gewoͤhnlichen Schrecken und der gewoͤhnlichen Ehrfurcht vor dem großen Namen Harletillum ergriffen, zu⸗ ruͤck. Es war jedoch nur die Frau des Factors, oder eigentlicher geſprochen, des Curators. Frau Johann Hutchen von Harletillum, Frau des gegenwaͤrtigen Curators und Tochter des fruͤheren Factors war ein ſchmuckes, gut ausſehendes und unzweifelhaft ſchoͤn gepuztes Weib. Sie berief die junge Eliſabeth vor ſich. Schnell war das bluͤhende Geſicht gewaſchen— ſchnell die rothen und engen Morocko⸗Pantof⸗ feln und die lange, gruͤne, perſiſche Schaͤrpe, beide das Geſchenk Monkshaugh's, angelegt. Der weiße Modekragen wurde uͤber dem noch weißern Rocke von Kammertuch befeſtigt; und mit verſchaͤmter Freude gehorchte Eliſabeth der Aufforderung, begleiter von Monica Doran, deren aͤngſtliche und toͤdtliche Beſtuͤrzung ſie gaͤnzlich uͤberſah. Frau Johann Hutchen gruͤßte die Tochter des Lord von Bruce ziemlich freundlich, nahm aber nicht die geringſte Notiz von der ehrwuͤrdigen Perſon, die ſie begleitete. Sie bot dem verſchaͤm⸗ ten Maͤdchen ein Glas Wein an; und fuͤhrte ſie zur Jungfer Juliane von Bruce Hutchen, ein — — 4107 junges Maͤdchen von ihrem Alter, das ſie mit zuͤrnendem Seitenblicke von Kopf bis zu Fuß oder vielmehr vom Pantoffel bis zur Haube mu⸗ ſterte— ein Verfahren, das Eliſabeth's helle und kuͤhne Augen mit nicht geringem Selbſtver⸗ trauen erwiederten. Eliſabeth wurde jezt uͤber die Fortſchritte ihrer Bildung befragt, und eben ſo jaͤmmerlich unwiſſend gefunden, als bei der merkwuͤrdigen Pruͤfung vor drei Jahren. Sie beugte ihren Kopf beſchaͤmt und linkiſch nie⸗ der— der ganze Schimmer, der ganze Flug der Hoffnung, mit welchem ſie das Zimmer be⸗ treten hatte, war dahin. Allein Frau Hutchen war ausdruͤcklich in einer wohlwollenden Abſicht gekommen;— mit ihren eigenen Daumen klemmte ſie Eliſabeth's fein gekruͤmmte Schul⸗ tern ein, lehrte ſie, wie ſie die Zehen ſtellen muͤſſe— forderte, als eine Steigerung ihrer Guͤte, ihr eigenes Maͤdchen auf, zu ſehen, wie das plumpe Geſchoͤpf mit einer anſtaͤndigen Schnuͤrbruſt verſehen werden koͤnne, und gebot ihr aufzuſtehen, um ihre Hoͤhe mit der Hoͤhe der Jungfer Juliana zu meſſen.— Das ganze Blut der de Bruce's ſtroͤmte in die Schlaͤfe Eliſa⸗ beths; ihr ganzer Stolz hob ihren Kopf empor, und erhoͤhte die ſchoͤne leichte Geſtalt, die ſich uͤber Juliana's Geſtalt in der natuͤrlichen von ihrer vollkommenen Bildung unzertrennlichen Anmuth erhob. „Nun!— merke auf Deine Haltung, Fung⸗ fer Juliana, und Sie, Fraͤulein von Bruce, 108 muͤſſen ein gutes Maͤdchen ſeyn, und ich werde Ihnen eine nagelneue Schnuͤrbruſt und eine na⸗ gelneue Gouvernante ſchicken, um ſie huͤbſch zu machen, und Sie alles zu lehren. Kurz hier⸗ auf verließ Frau Hutchen das Schloß; beſtieg ihren Triumphwagen, und fuhr in ſtattlichem Aufzuge davon, indeß der Kopf des Landwirths wie ein Perpendickel ſchwankte, ſo lange er den Wagen erblicken konnte. Monica Doran ſprach dieſe ganze Zeit uͤber nicht; als ſie aber ihre Wohnung erreicht hatte, vergoß ſie einige Thraͤnen, die das zaͤrtliche kleine Maͤdchen wegkuͤßte, indeß ſie freiwillig verſprach, keine Gouvernante halb ſo ſehr zu lieben, als ihre eigene gute Doran. Frau Johann Hutchen war mehr gluͤcklich, als weiſe, bei der Wahl einer Gouvernante fuͤr die Tochter des Lords Bruce. In kurzer Zeit waren einige Zimmer der Burg ſehr ge⸗ machlig und ſelbſt elegant eingerichtet, und ſelbſt mit allen gewoͤhnlichen Erforderniſſen faͤr die geiſtige oder perſoͤnliche Ausbildung des Zoͤglings verſehen. Drei Jahre verfloßen wieder, ein Zeitpunkt des Fleißes und Mißvergnuͤgens, in welchem Eliſabeth von allem Umgange mit ihrer Amme oder der Familie Monkshaugh abgeſchnitten, nichts Beſſeres thun konnte, als Nutzen aus dem Unterrichte ihrer Gouvernante zu ziehen. Dieſe Dame, die einen urſpruͤnglich kalten und formlichen Charakter beſaß, war um dieſe 109 Zeit in den Geſchaͤſten ihres Amtes veraltet, und durch die Selbſtſucht ihrer verſchiedenen Brodherrn ſchlau, ſelbſtſuͤchtig und ralculirend geworden. Der Begriff, den ſie von ihren Pflichten hatte, war eine beſtimmte Sache. So viele Guineen ſie jaͤhrlich erhielt, ſo viele Stunden ertheilte ſie taͤglich in dem Italiani⸗ ſchen, in dem Franzoͤſiſchen und in der Muſik, wozu noch eine ſtrenge Einſchaͤrfung jenes kleinlichen Koder kleinlichee Vorſchriften in Beziehung auf Perſon, Kleidung, Haltung u. ſ. w. kam, der in der Koſtſchule, in wel⸗ cher ſie anfaͤnglich Schuͤlerin und nachher Lehrerin geweſen war, als Richtſchnur diente. Taͤglich pflegte ſie einen hoͤflichen Gruß an alle Mitglieder der Familie, in deren Kreiſe ſie ſich gerade auf eine Zeit lang befand, zu richten, und auf eine noch umſtaͤndlichere Weiſe bei der Beendigung ihres Engagements Abſchied zu nehmen, und dann ein ſchoͤn ge⸗ ſchriebenes Dankſchreiben fuͤr alle empſangenen Hoͤflichkeiten einzureichen:— und ſo machte ſie ihre zwei⸗ oder dreilaͤhrigen herzloſen Wan⸗ derungen mit dem Character„einer ſichern verſchwiegenen Perſon, deren Accent zudem fehlerfrei war.“ Eliſabeth ſuchte ihre Gouvernante zu lie⸗ ben; allein das Gefuͤhl fand nichts, von dem es ſich haͤtte naͤhren koͤnnen, und wie wenig Nahrung haͤtte eine freundſchaftliche Geſin⸗ nung bei ihrer warmen und enthuſiaſtiſchen 110 Natur bedurft? Die Gouvernante unterſagte ihr ihre Beſuche bei ihren fruͤheren Freunden; unnd jezt ſuchte Eliſabeth ſie zu haſſen. Allein ſelbſt dieſes Gefuͤhl fand keinen Stoff in dem kalten, ruhigen und gleichmaͤßigen Benehmen, den duͤnnen Lippen und der lattenaͤhnlichen Geſtalt ihrer Lehrerin. In den lezten zwei Jahren vertrugen ſie ſich beſſer mit einander. Eliſabeth hoͤrte auf, ihre Lehrerin durch muth⸗ willige und boshafte Streiche zu quaͤlen, und fing an, ſie als eine Maſchine zu betrachten, die ihr auf eine ſehr korrecte Weiſe, wie ſie vermuthete, Unterricht ertheilte, und ſie ſehr ſorgfaͤltig die Namen von Werkzeugen lehrte, deren Gebrauch nachher zu leiten und anzu⸗ ordnen ihrem eigenen Verſtande uͤberlaſſen blieb. Allein es trat wiederum eine Veraͤnderung ein. Die Gouvernante wurde ploͤtzlich abberu⸗ fen. Das Hausgeraͤthe, die Tapeten, die muſikaliſchen Inſtrumente folgten, und das einſame Maͤdchen wurde noch einmal ſeiner urſpruͤnglichen Abgeſchiedenheit und Verlaſſen⸗ heit preisgegeben. Sie wurde jedoch auch wieder in den Beſitz ihrer urſpruͤnglichen Un⸗ abhaͤngigkeit, mit gebildeteren und erweiterten Geiſteskraͤften, geſezt. Der nachfolgende Zeitpunkt war ein gluͤck⸗ licher Zeitraum in Eliſabeths Leben; und doch begegnete ihr nichts, das ein Fremder fuͤr be⸗ merkenswerth gehalten haben wuͤrde. Sie er⸗ goͤzte ſich wieder an ihrer Stickerei, ihren ein⸗ 111 ſamen Wanderungen nach den Huͤgeln und ihren geſellſchaftlichen Beſuchen im Dorfe, an den Wundern des alten Fudal, der der Moͤnch⸗ hauſen des Diſtriktes war, und den alten Geſaͤngen und Legenden Monica's, die an und fuͤr ſich ſelbſt eine reiche Quelle der Freude waren. Sie hatte ihr beſtes muſikali⸗ ſches Inſtrument verloren; allein ſie beſaß noch ihr ganzes muſikaliſches Talent. Die Muſik, ſagt man, ſſt eine geſellſchaftliche Kunſt, und in einem gewiſſen Sinne iſt ſie tes; allein es gibt eine Muſik, die weder ſehr geſellſchaftlich iſt, noch unter der Herrſchaft der Kunſt ſteht— eine Gabe der Natur, eine Leidenſchaft, ein Gefuͤhl, einſam, im tiefſten Herzen empfunden— die entzuͤckte Seele an den murmelnden Toͤnen der Lippe hangend, wie man von der Roſe fabelt, daß ſie dem Geſange der Nachtigall zuhoͤre. Eliſabeth's muſikaliſche Anlagen, die ein ſo reicher Quell der Freude fuͤr ihr einſames Leben waren, gehoͤrten zu Rouſſeau's dritter Gattung. Ihre Seele war inſtinktmaͤßig mit Melodie begabt— das Murren ihrer Kindheit war muſikaliſch, und das wilde Trillern ihrer Traͤume ruͤhren⸗ der, als ihr vollendetſter Geſang. Ihrem Ohre war die ganze Natur ein maͤchtiges Inſtru⸗ ment mit einer bis ins Unendliche fortgeſezten, allein ſtets harmoniſch geſtimmten Tonleiter. Hoͤren war fuͤr ſie Genuß— von der rauhen Brandung der Wogen an dem Ufer bis zu 112 dem Glimpern des Sommerbaͤchleins— von dem langrollenden Donnerſchlage bis zu dem ſchwachen winterlichen Zwitſchern des Roth⸗ kehlchens. Ob daher gleich der unerklaͤrliche Befehl, oder die Laune des Seniltenagenton ihr eine Freudenquelle etwas geſchmaͤlert hatte, ſo konnte er doch ihr anererbtes und unver⸗ ruͤchliches Recht an die Gabe der Natur nicht kraͤnken. Ihre Inſtrumente waren fort; allein ſie konnte doch, in dem tiefen Zwielicht ihres Zimmers, jenen unſichtbaren, mit tauſend Sai⸗ ten beſpannten Harfen, die in den blaͤtterlo⸗ ſen Baͤumen toͤnten, ihr Ohr leihen. Und dieſe rein natuͤrlichen Melodien— das hoͤr⸗ bare Athmen der Leidenſchaft und des Gefuͤh⸗ les— die eine allgemeine Sprache ſprechen, ſey es in dem gluͤhenden Geſange des Maͤd⸗ chens der Hindus oder in dem wilden Weh⸗ klagen der hochlaͤndiſchen Jungfrau,— und vor allem die Muſik„vermaͤhlt mit unſterb⸗ lichen Liedern“ forderten eine hoͤhere Stelle in ihren muſikaliſchen Aſſociationen, und ent⸗ zuͤckten eine hoͤhere Gattung von Gefuͤhlen. Wenn ſich daher Eliſabeth oft im Stillen graͤmte, ſo genoß ſie doch auch manche Freuden, und ſelbſt in dieſen ihren verlaſſenſten Jahren, zog die Schaale des Gluͤckes ſaſt immer die des Schmerzes nieder. Die Abreiſe der Gouvernante verſchaffte ihr der Geſellſchaft Monica's und Monkshaugh's ibieder, der jezt guͤtigerweiſe bedachte, daß ihre 113 verlaͤngerten Beſuche bei ihm unendlich viel dazu beitragen muͤſſen, ihr Benehmen zu ver⸗ feinern, und ihren Geiſt aufzuheitern. Selbſt Effie Fechnin, gewonnen durch das ſanfte und unwiderſtehliche Laͤcheln, das um Eliſabeths Lippen ſchwebte, verzieh ihr endlich ihre alten Streiche, duldete ihre gelegenheitlichen Beſuche an einem Orte, wo ſie keine weiblichen Neben⸗ buhler zuließ, und ſah ohn« Eiferſucht, obſchon nicht ohne Tadel, wie ſie jezt die vielen muͤßi⸗ gen Stunden in dem Buͤcherkabinet, das an das Sprechzimmer der Familie ſtieß, oder unter den alten zerſtreuten Baͤumen des Gar⸗ tens oder in dem Gehoͤlze der Bergſchlucht mit Buͤchern in der Hand vergeudete. Eine neue und maͤchtige Leidenſchaft war jezt in Eliſabeth durch die Schaͤtze dieſes Hei⸗ 3 Literatur des Lairds erwacht. dieſes Edelmanns be⸗ ſaͤchlich auf das„allge⸗ 9 hau meine buch“ den Almanach und ein Kochſyſtem, das mit Kupfern geſchmuͤckt, und durch eine Abhandlung uͤber das Vorſchneiden bereichert war. Allein der Geſchmack an den ſchoͤnen Wiſſenſchaften hatte in den gebildeten. Kreiſen der ſchottiſchen Hauptſtadt gerade um die Zeit, in welcher er als ein Stutzer ge⸗ bluͤht hatte, wieder aufzuleben begonnen, ſo daß er noch eine feinſittige Bekanntſchaft mit dem Namen Shakspears und Pope, und eine innige Vertraulichkeit mit den volksmaͤßigen 3 114 Theetiſch⸗Miscellanien des Tags und den ele⸗ ganten Blaͤttern des Mirror und Lounger un⸗ terhielt. Er wußte auch, das es einen Theil der Erziehung junger Damen ausmache, den abgekuͤrzten Spectator und Clariſſa Harlowe nebſt Fordice's Reden zu leſen. Er ruͤhmte ſich ſogar zuweilen in Eliſabeths Anweſenheit, daß er den„Bauern aus Ayrſhire“ in Bailie „ Creech's Laden in ſeinen beruͤhmten großen Stiefeln, bocksledernen Hoſen und ſeinem buͤf⸗ felledernen Wamſe geſehen habe. Der Laird betrachtete daher, bei ſolchen Anſpruͤchen auf Gelehrſamkeit in ſeiner eigenen Perſon, eine maͤßige Buͤcherliebe als einen Beweis einer edeln Natur und uͤberließ der jungen Eliſa⸗ beth ſeinen ganzen Buͤcherſchatz zum unbe⸗ ſchraͤnkten Gebrauche. Wenig traͤumte der alte Stutzer, daß die junge Schwaͤrmerin den langen Sommertag und die noch laͤngere Winternacht in der ſuͤ⸗ ßen Knechtſchaft eines angenehmen, wo nicht naͤtzlichen Studiums zubringen werde, bis ihr ganzes Leben unter den Phantomen und Schoͤp⸗ fungen des Buͤcherlands lag— dieſes Zauberlan⸗ des, um deſſen Schattengeſtalten ſich das Herz und die Einbildungskraft des einſiedleriſchen Maͤdchens mit Ranken„ſo ſtark als Fleiſch und Blut ſchlang.“ Haͤtte aber Monkshaugh dieß auch entdeckt, ſo hatte er ein leichtes und unfehlbares Mittel, jede Uebertreibung in Eli⸗ ſabeths Character zu erklaͤren— die Fami⸗ —-— 115 lienkrankheit— beginnende Tollheit— oder wenigſtens„ein Zug“ von dem Familienerbe der Bruce's. Dieſer neue und maͤchtige Geſchmack ent⸗ fernte Eliſabeth allmaͤhlig von den wenigen laͤndlichen Bekanntſchaften ihrer Schultage und haͤtte ſich vielleicht bis zu einem verderblichen. Uebermaaße geſteigert, waͤre ihm nicht durch jenen„Curſus wahrer Liehe“ entgegengewirkt worden, den ſie das edle und ungeſtuͤmme Temperament Wolf Grahams und ihre eigene abgoͤttiſche Zuneigung ſanft zu durchlaufen zwang, trotz jedes Hinderniſſes von Seiten froſtiger Erfahrung und graubaͤrtiger Weisheit. Bis zur Ruͤckkehr Wolf Grahams in dem naͤchſtverfloſſenen Jahre hatte Eliſabeth kein Weſen getroffen, das ſie verſtehen und mit ihren beſondern Gefuͤhlen und neugeborenen Neigungen ſimpathiſiren konnte; dieſe wurden daher gewiſſenhaft in ihre eigene Bruſt ver⸗ ſchloſſen. Die jungen Leute kamen zuſammen und erneuerten mit gegenſeitigem Vergnaͤgen ihre fruͤhere Bekanntſchaft; allein ſie ſprachen von ganz andern Dingen, als von Buͤchern. Es gibt jedoch unter den aͤchten, und deßwegen geheimen Liebhabern der Literatur eine Frei⸗ maurerei, an der ſie ſich erkennen, ohne daß ſie ein Wort gewechſelt, oder eine einzige kri⸗ tiſche Meinung ausgeſprochen haͤtten. Durch dieſe geheimen Zeichen entdeckte Eliſabeth bald, 116 daß Wolf Graham aus derſelben Zauberquelle getrunken hatte,— daß ſie dieſelbe„Julie“ geliebt, dieſelbe„ſanfte, mit dem Mohren vermaͤhlte Dame“ beweint hatten. Graham hatte jezt zwar die rauhere Bahn des maͤnn⸗ lichen Lebens betreten, und wie er ſich ein⸗ bildete, den Schluͤſſelblumenpfad auf immer verlaſſen; allein in den muͤßigen Stunden dieſes langen und ſchoͤnen Sommers fand er neues Vergnuͤgen daran, auf demſelben mit Eliſabeth von neuem zu traͤumen und zu taͤndeln. Aber dieſes ruhige und zutrauens⸗ volle Leben, voll ſorgloſer Freuden, konnte nicht lange dauern. Es ſtieg„ein Traum im Traume“ auf, und nahm ſchnell Geſtalt und Lebenskraft an. Am Ende des Jahrs hatten die beiden halbbewußten Liebenden mit Huͤlfe langer Wanderungen auf den Huͤgeln, die urſpruͤnglich von Monkshaugh der Ge⸗ fundheit und koͤrperlichen Uebung wegen vor⸗ geſchrieben worden waren, und aus keinem beſtimmt angegebenen Grunde fortgeſezt wur⸗ den,— mit Huͤlfe gluͤhender Sonnenunter⸗ gaͤnge, die in ein noch ſuͤßeres Zwielicht ver⸗ dunkelten melancholiſcher Geſaͤnge und froͤh⸗ licher Geſpraͤche, haͤufiger Zuſammenkuͤnfte und, noch weit gefaͤhrlicherer, geheimer Ah⸗ nungen einer ewigen Trennung, allmaͤhlig und unmerklich jenen ſchwindelnden Rand erreicht, an welchem der kleine Finger Cupidos ſo maͤch⸗ tig wird, als der rechte Arm eines Rieſen— 117 von dem die Ruͤckkehr zwar noch moͤglich iſt, an dem aber das Gewicht einer Feder— ein Hauch— ein unverſtaͤndliches Murren— das wankende Schlachtopfer ploͤtzlich jaͤhlings und unwiderbringlich in den Abgrund ſtuͤr⸗ zen kann. Um dieſe Zeit uͤberraſchte Wolf bei einem zufaͤlligen Beſuche in Ernescraig ſeine einſame Freundin bei einem Thraͤnenerguſſe, waͤhrend deſſen ſie einen Brief las oder zu leſen ſuchte, den ſie bei ſeinem Erſcheinen weglegte, indeß ſie zugleich jedes aͤußere Zeichen von Kummer zu verbannen ſuchte. Die Wirkung weiblicher Thraͤnen auf einen Mann, der nicht zuvor durch Hyſterie verhaͤrtet iſt, iſt leicht einzuſe⸗ hen— ihre Wirkung auf ein geweihtes und ergebenes Herz kann nicht ſo leicht begriffen werden; denn dieß muß davon abhaͤngen, welcher Art das geweihte Herz iſt. Iſt es warm, jung, edel, großmuͤthig, gleich dem des jungen Graham, ſo wuͤrde es in ſolchen Um⸗ ſtaͤnden ſich wahrſcheinlich mit der Ueberlegung wenig zu ſchaffen machen. Bei ihm fand keine 5 anmuthige Zuruͤckhaltung— keine ſtudirte Zart⸗ heit der Anrede ſtatt. Eliſabeths Kummer war der ſeinige; und ehe noch von beiden Seiten ein einziges verſtaͤndiges Wort geſpro⸗ chen war, hatte er ihre, keinen Widerſtand bietende Geſtalt an ſeine Bruſt, als an ihren auserkornen Zufluchtsort, gedruͤckt, und mit ſeinen Lippen die Thraͤnen aufgeſammelt, die 116 jezt in helleren, waͤrmeren Stroͤmen floßen, uͤber ihre Wangen ſtuͤrzend, waͤhrend ihr Herz unter dem Drucke ſeiner umſchlingenden Arme Moͤhnte. „Was iſt das, Eliſabeth? Erklaͤren ſie ſich mir— mir— ihrem Vetter— ihrem Freunde — der ſein Leben hingeben wuͤrde, um ſie gluͤcklich zu machen— der nur in ihrer Liebe das Gluͤck ſeines Lebens finden kann.“ Das Blut, das einen Augenblick die Wan⸗ gen des verwirrten Maͤdchens gaͤnzlich verlaſ⸗ ſen halte, kehrte jezt wildſtroͤmend zuruͤck. Ihr Herz klopfte, als ob es ſeinen Kerker haͤtte ſprengen wollen, und ſie zitterte am ganzen Leibe. Noch einen Augenblick ruhte ihr Kopf an dem Orte, wohin er unwillkuͤhrlich geſun⸗ ken war; dann aber entwand ſie ſich beſchei⸗ den dieſer engen Umarmung und fluͤſterte:— O! Wolf, ich bin gewiß ſehr naͤrriſch, viel⸗ leicht ſehr ſtolz— allein ſehr, ſehr ungluͤcklich; doch ich hatte nicht im Sinne, mich Ihnen zu erklaͤren. Aber jezt muß und will ich Ihnen alles ſagen.“ Sie haͤndigte ihm einen auf Befehl des Herrn Hutchen geſchriebenen Brief ein, der in eben nicht ſehr zarten Ausdruͤcken meldete, daß der Curator ein vortheilhaftes Anerbieten von ei⸗ nem Freunde erhalten habe, der Erneseraig zu bewohnen wuͤnſche und hoffe, Fraͤulein von Bruce werde bei ihren ahlreichen Familien⸗ 119 freunden ohne Schwierigkeit ein anſtaͤndiges Unterkommen finden. „Halten ſie mich nicht fuͤr ſo niedrigen und gemeinen Sinnes, daß ich auch nur Eine Thraͤne wegen alles deſſen, was mir dieſer Mann thun oder drohen konnte, je vergoſſen habe. Aber dieſes— dieſes“— ſie wies einen andern Brief vor, in welchem Graham die ſtarken, ſteifen, winkeligen und althoͤfiſchen Schriftzuͤge der Lady Tamtallan, der Muhme des Lords von Bruce und der Minerva der Einbildungs⸗ kraft Monkshaughs, erkannte. „Dieſes— dieſes“— Eliſabeth konnte kei⸗ nem menſchlichen Ohre die Regungen eines jungen und ſtolzen, in ſeinen zarteſten Ge⸗ fuͤhlen gekraͤnkten, verhoͤhnten und zerknirſch⸗ ten Geiſtes enthuͤllen— und das Andenken ihrer Mutter— das Elend ihres Vaters!— ſondern ſie ließ ſich von neuem an das einzige edelmuͤthige Herz druͤcken, das fuͤr ſie ſchlug nur fuͤr ſie ſchlug— uͤber ſie wachte— ſie anbetete— und da weinte ſie ihren Schmerz aus. Auf dieſe Art war das Zeichen gegeben und der Schleier gefallen, der ſeit Monaten die Gefuͤhle verhuͤllt hatte, die Graham nicht eingeſtehen wollte und Eliſabeth nicht konnte. rind jezt war In ihren Lippen, ihren Blicken Ewigkeit In ihrer Stirnen⸗Wölbung Seligkeit. „O, achte nie auf die Einwuͤrfe meines armen Oheims,“ ſagte Graham.„Wir wol⸗ 120 len uns damit begnuͤgen, ihn zu lieben, ſo ſehr wir koͤnnen, weil er unſer Oheim iſt; denn ich fuͤrchte, Eliſabeth, weder Ihr Geſchmack, noch meine Vernunft werden je ein anderes weil aufzufinden vermoͤgen. Es wird ihn freuen, von unſerer Heurath zu hoͤren, wenn alles voruͤber iſt; allein wir wuͤrden ihm un⸗ fehlbar den Kopf verdrehen, wenn wir ihm die Muͤhe machen wollten, daran zu denken, und ſich mit den Vorbereitungeu dazu zu be⸗ ſchaͤftigen.“ Wolf Graham kannte von ſeiner Kindheit an den Schrecken ſeines Oheims vor der un⸗ heilvollen Krankheit der Familie der Bruce's, ſo ſtolz er auch auf die Verwandtſchaft mit ihnen war. Er kannte auch Monkshaughs feſten Glauben an den Fluch, der auf dieſem, dem Verderben geweihten Hauſe laſtet. Et⸗ was Geheimnißvolles umhuͤllte gleicherweiſe die Geburt Eliſabeths, das niemand durchdringen konnte. Herrn Hutchen, ihrem Vormund, war es, wie man wiſſen wollte, ſtrenge verboten worden, ihr je zu erlauben, die Burg Ernes⸗ craig zu verlaſſen; allein Monkshaugh ſchrieb dieß ſeiner Habſucht zu. Monkshaugh hatte noch einen andern Einwurf. Der Lady Tam⸗ talon, die ihren Neffen, den Lord von Brres mit ihrer eigenen Tochter zu verbinden ge⸗ wuͤnſcht hatte, war es unausſtehlich, den Na⸗ men Eliſabeth zu hoͤren, die ſie, ohne ſie ge⸗ ſehen zu haben, als die Tochter einer iriſchen Fremden, 121 Fremden, die ſich an die Stelle ihres eigenen Kindes gedraͤngt hatte, verabſcheute.„Und ſie war,“ ſagte Monkshaugh, wie das Wieſel wohl wußte,„ein Weib von feſtem Character, mit zehntauſend Pfund zu ihrer Verfuͤgung, nebſt Weißzeug, Silbergeſchirr und der roſen⸗ diamantnen Schnalle— hatte keinen naͤhern maͤnnlichen Verwandten, als Wolf Graham, ausgenommen Enkelinen— verabſcheute alle Maͤdchen und hatte eine beſondere Vorliebe fuͤr Wolf gezeigt, bis er als ein junger Bur⸗ ſche ſich in ſeinem wahren Lichte zeigte, indem er auf den Schwanz der„ſchwarzen Agnes“ ſo trat, und ein Paar„arme Ritter von Windſor,“ die eigens fuͤr das ſamſtaͤgliche Nachteſſen der hochgebornen Damen gebacken worden waren, mit Rumpf und Stiel ver⸗ zehrte.„Sie laͤchelte ſcheinbar uͤber dieſen Verluſt,“ fuͤgte Monkshaugh hinzu;„aber es iſt wohl bekannt, daß ſie viel auf ihr Nacht⸗ eſſen haͤlt. Sie ſchlug ihn wegen des Unfalls der ſchwarzen Agnes; und der ruchloſe kleine Wicht erwiederte ihre Streiche. Sie ſtellte ſich, als lache ſie auch uͤber das— denn ſie iſt ein Weib von einer ungewoͤhnlichen See⸗ lenſtaͤrke.“ „Ich habe gehoͤrt, ſie ſey ein eigenſinniges, ſtaͤmmiges Weibsſtuͤck,“ ſagte Frieſel,„ſie habe ihren elfenbeinernen Stock nach dem Lord— geworfen, als er Gericht gehalten und gegen ſie entſchieden habe.“ Eliſ. von Bruce. I. 6 „Lady Tamtallan nanntet ihr ein ſtaͤmmi⸗ ges Weibsſtuͤck, Burſche?“ „Gleichviel, wenn ſie Wolf Graham abhal⸗ ten will, Eliſabeth von Bruce zu heirathen, ſo muß ſie ihre gruͤnen Augen um ſich werfen,“ murmelte das Wieſel. Wwolf, man muß es geſtehen, hegte die groͤßte Verachtung gegen jene Erbſchaftstraͤu⸗ me in Betreff der roſen⸗diamantnen Schnalle, die dem Laird ſo viel galten. Er hatte be⸗ reits in Folge einer nachgiebigen Gefaͤlligkeit, die ſein Verſtand verdammte, verbuͤrgte Obli⸗ gationen durch die Schwaͤche, die Hartnaͤckig⸗ keit und Eitelkeit ſeines Oheims eingebuͤßt, wodurch er auf viele Jahre ein armer Mann bleiben mußte, ſelbſt wenn ihm die Erbſchaft ſeines Oheims morgen ſchon zufiel; und er ſah ein, daß er das volle Recht beſitze, in der theuerſten Angelegenheit ſeines Herzens ſeinem eigenen Urtheile zu folgen, und ſeine eigenen Gefuͤhle zu befragen. Gerade die Umſtaͤnde, weelche die Glut eines kluͤgeren Liebhabers haͤtten daͤmpfen ſollen, erhoͤhten Grahams Zaͤrt⸗ lichkeit. Eliſabeth in ſeinen Augen das einnehmendſte und bezaubernſte aller menſch⸗ lichen Weſen— ſtand allein in der Welt da — war ſein eigen— nur, und ganz, ſein eigen— durch ein ſonderbares Schickſal von jeder menſchlichen Verwandtſchaft losgeriſſen, und er ſchauderte bei dem Gedanken, der ſchrecklichſten aller menſchlichen Krankheiten 12³ unterworfen, vor der ſie hinfort ſeine Sorg⸗ falt, ſeine Zaͤrtlichkeit, ſeine Liebe ſchuͤtzen ſollte. Es war eine anerkannte Wahrheit, daß Eli⸗ ſabeths Geburt in den Zeitpunkt der Ver⸗ ruͤckung ihres Vaters und des Abbrennens von Cambuskenneth Lodge fiel. Von ihrer Mutter war ihren wenigen entfernten Ver⸗ wandten wenig bekannt, und waͤre ihm nicht um dieſe Zeit die bekannte Schrift zugeſchickt worden, ſo muͤßte Graham, ungeachtet der vielen Beweiſe von der Sorgfalt einer Mut⸗ ter, die Eliſabeth in der Geſchichte der erſten fuͤnfzehn Jahren ihres Lebens fand oder zu finden glaubte,— und ungeachtet der werth⸗ vollen und eleganten Geſchenke, die der alten Monika Doran, man wußte nicht wie, zuge⸗ ſchickt wurden— immer noch geglaubt haben, daß das Opfer jener merkwuͤrdigen Nacht die Mutter ſeiner Geliebten war. Wieder und wieder fragte er Herrn Haliburton. Der ge⸗ treue Verwahrer des Geheimniſſes der ſterben⸗ den Wehemutter, widerſtand allen Verſuchen, das, was ſie ihm anvertraut hatte, zu ver⸗ rathen; allein er verſtand ſich dazu, die Toch⸗ ter des Weibes aufzuſuchen, und ſeine Ge⸗ wiſſenszweifel fahren zu laſſen, falls ſie ihre Einwilligung geben ſollte. Viele andere Umſtaͤnde machten eine einſt⸗ weilige Verhehlung der Verbindung, welche Graham auf jede Weiſe zu beſchleunigen ſuchte, wuͤnſchenswerth. Ohne einen duͤnkelhaften Be⸗ 124 griff, entweder von ſeiner eigenen Perſon, oder ſeinen verſchiedenen Eigenſchaften als Soldat, Edelmann und naͤchſter Erbe von Monks⸗ haugh, mußte Wolf in dem Laufe der Ver⸗ handlungen, die ihn die Angelegenheiten ſeines Oheims mit Herrn Hutchen zu fuͤhren zwan⸗ gen, einſehen, daß er an dieſem Manne einen willigen und großmuͤthigen Schwiegervater zu finden hoffen duͤrfe, derſelbe aber, der Moͤg⸗ lichkeit beraubt, dieß zu werden, eben ſo bereit ſeyn werde, dem Oheim von dem Neffen die. gegen eine ſo wuͤnſchenswerthe Verbindung an den Tag gelegte Gleichguͤltigkeit zu entgel⸗ ten. Er wuͤnſchte auch, wo moͤglich, das Ge⸗ heimniß der Geburt Eliſabeths zu enthuͤllen, bevor er ſie der Welt als die ſeinige vorſtel⸗ len wollte. Allein hoch uͤber allem ſtand der leidenſchaftliche Wunſch, ſie zu der ſeinigen zu machen,— ſeinem eigenen Daſeyn eine unſchaͤtzbare Segensgabe, einen nie alternden Reiz zu erwerben, ihr dagegen eine Heimath, einen ſichern Platz im Leben, und, was noch entzuͤckender war, eine endloſe Gluͤckſeligkeit in dem Beſitze ſeiner Zuneigung zu verleihen. Die Abweſenheit der Monica Doran, auf einer ihrer geheimnißvollen periodiſchen Rei⸗ ſen, wurde um dieſe Zeit von Eliſabeth ſehr bedauert. Doch war ſie gluͤcklich. Sie hatte, und zum erſtenmal in ihrem Leben, eine Bruſt gefunden, an die ſie ſich lehnen konnte, ein Herz, das einzig und allein ihr angehoͤrte, und das war genug fuͤr die Liebe. 125⁵ Eliſabeths Heirath wurde in Ernescraig gefeiert; ihre unterwuͤrfigen Freunde daſelbſt, deren Verſchwiegenheit leicht erkauft wurde, waren die einzigen Zeugen der Ceremonie. und einige kurze Monate hindurch blieb die⸗ ſes„Seelenparadies“ ungeſtoͤrt; bis die irlaͤn⸗ diſche Rebellion manchen Krieger unter die Waffen rief und unter andern auch Wolf Gra⸗ ham. Jezt erwachte in Eliſabeth zum erſten⸗ male das Gefuͤhl der wahren Uebel ihrer Lage; denn wenn ſie je einige fluͤchtige Zweifel uͤber die Schicklichkeit ihrer Heirath gehegt hatte, ſo waren ſie alle im Meere ihrer Gluͤckſeligkeit verſunken. Allein jezt war ſie allein, mit neuen Sor⸗ gen, neuen Beaͤngſtigungen. Allein die Quel⸗ le derſelben war auch die Quelle ihrer ganzen verfloſſenen Gluͤckſeligkeit, und aller ihrer kuͤnftigen Hoffnungen. Sie hatte einen Gegenſtand, an dem ſie mit einer, in Verglei⸗ chung mit ihren fruͤhern Gefuͤhlen, ſo uͤber⸗ wiegenden Liebe hing, daß dieſes Gefuͤhl allein zu ihrer Gluͤckſeligkeit hinreichte. Seit ihrer Heirath hatte Eliſabeth Monks⸗ haugh, kein einzigesmal beſucht. Ueberall, nur nicht in dem Thurme von Ernescraig und in der ſie umgebenden Einſamkeit, fuͤhlte ſie ſich verlegen und unruhig; und in jeder Geſell⸗ ſchaft, ausgenommen in Geſellſchaft deſſen, der ihre Welt war, ſtieß ſie ſicherlich auf etwas, das ihr bewußtes Herz und ihr raſches Ge⸗ 126 fuͤhl als einen Vorwurf oder einen Verdacht erklaͤrten. Allein Graham hatte ſie aufgefordert, die oft wiederholte Einladung ſeines Oheims an⸗ zunehmen, wenigſtens ſobald er abgereist ſeyn ſollte, und nur diejenigen, welche wie Eliſa⸗ beth liebten, koͤnnen die vielen Quellen des Entzuͤckens, die ihr ein Aufenthalt unter die⸗ ſem Dache, um dieſe Zeit verſprach, begreifen. In ihrer einſamen Wohnung konnte ſie bloß ihrem eigenen Herzen den Namen zufuuͤſtern, der hier ein Haushaltswort war. Hier war Wolf faſt der ausſchließliche Gegenſtand des Intereſſes der ganzen Familie: Jeder zufaͤllige Beſucher ſprach von ihm. Die, welche ihn getroffen, oder von ihm gehoͤrt hatten, beeilten ſich, die gewuͤnſchte Nachricht zu ertheilen. Doch lag ſowohl Schmerz als Freude darin; denn wer konnte ſo viel von ihm wiſſen, wer ſo viel von ihm ſprechen, daß Eliſabeth da⸗ durch befriedigt wurdé? Als nach Verfluß von einigen Tagen die erſte Verlegenheit ihres Beſuchs voruͤber war, und ſie ſich wieder in den Gang des haͤusli⸗ chen Lebens in Monkshaugh miſchte, ſo erhob ſich ihr friſcher und aufgeweckter Geiſt wieder zu ſeiner natuͤrlichen Hoͤhe, indeß ſie jede Stunde in der Gunſt des Lairds ſtieg. Wolf konnte zu einer hoͤhern Stelle befoͤrdert werden, oder es konnte ekwas vorfallen, das ihn wie⸗ der in ihre Naͤhe brachte,— und was be⸗ 127 durfte es weiter, um ihre Gluͤckſeligkeit voll⸗ kommen zu machen? Dieſe Hoffnungen konnte ein Hauch verwehen. Wenn Eliſabeth mit ihrer Heirath raſch zu Werke gegangen war, ſo mußte ſie bald faſt jede Stunde des Tags dafuͤr buͤßen,— denn Monkshaugh ließ in der natuͤrlichen Eitelkeit ſeines Herzens keine Gele⸗ genheit voruͤber, um mit den glaͤnzenden und reichen Heirathen zu prahlen, die„ihr Vet⸗ ter“ mit ſeinen vielen perſoͤnlichen und aͤußern Vorzuͤgen ſchließen koͤnne, ſobald er ſich die Muͤhe der Auswahl geben wolle. An dem zweiten Abende ihres Beſuchs kehrte das Wieſel mit dem Pferde zuruͤck, das ſein junger Herr auf ſeinem Wege nach Irland bis— geritten hatte; und da dieſer Ausbund von Bediente mit einer gelaͤufigen Zunge und einem gewiſſen geſellſchaftlichen Takte begabt war, ſo wurde der lange Abend damit hinge⸗ bracht, daß man den Reiſebericht des erſten Tages anhoͤrte. Es wurden auch viele Epi⸗ ſoden in denſelben verwebt, die fuͤr Monks⸗ haugh ganz ſo wichtig waren, als die Haupt⸗ geſchichte fuͤr Eliſabeth. Gegen das Ende die⸗ ſer abſchweifenden Erzaͤhlung ſuchte das Wie⸗ ſel der Lady ein beſonderes Zeichen des Ein⸗ verſtaͤndniſſes zu geben; und obſchon eine ſtolze Scham ihre Stirne roͤthete, ſo ſiegte doch die Liebe uͤber dieſes Gefuͤhl; ſie zog ſich in das an das Sprechzimmer ſtoßende Buͤcher⸗ kabinet zuruͤck, und begab ſich von da in den 128 Garten durch eine mit Ziehfenſtern verſehene Thuͤr, um die verlangte Mondlicht⸗Audienz zu gewaͤhren. Sechstes Kapitel. Familiengeklatſch. Ich bitte dich, nimm den Kork aus deinem Munde, damit ich deine Nachrichten hören möge. 1 Wie Ihr es liebt. — Monkshaughs altmodiſcher Garten war ein Lieblingsort der Eliſabeth. Er lag unmittel⸗ bar hinter der Wohnung, vor dem Fluſſe durch wenige Morgen Felder getrennt und durch doppelte Reihen ſchattenreicher Ulmen beſchuͤzt. Eine Gartenumzäͤunung war da nicht zu ſe⸗ hen, obſchon hier einige Yarden eines glaͤnzen⸗ den Stechpalmengehaͤges, und dort eine Ab⸗ theilung bemooster Pfaͤhle, die von friſchen Weißdornreiſern umſchlungen waren, und an einem andern Orte mit Pfriemenkraut ge⸗ kroͤnte und von Schluͤſſel⸗ und den Gaͤnſe⸗ blumen ſchimmernde Raſenbaͤnke, zeigten, daß man einmal etwas der Art beabſichtigt hatte. Aber jezt war dieſer abgelegene Garten jedem umherſtreichenden Schuͤlerbuben geoͤffnet. Ka⸗ millenbette, Plaͤtze mit Rauten und Rosma⸗ rin und andern wilden Gewaͤchſen, waren — 129 ſorglos mit zerſtreuten Roſenbuͤſchen und Fruchtſtauden vermiſcht. Koͤſtliche Pflanzen und gewoͤhnliche Gartengewaͤchſe bluͤhten fried⸗ lich neben einander, mit einiger Ruͤckſicht an Sauberkeit, nicht aber auf. Ordnung und Claſſifikation; und ein lebendiges Baͤchlein, das ſeine Waſſer von dem Strome der Thal⸗ ſchlucht entlehnte, tanzte und glitt laͤngs dem Rande der Raſenwege dahin; und verlieh der ganzen Scene Leben, Geiſt und Friſche. Doch war der allgemeine Eindruck des halbvernach⸗ laͤßigten Ortes angenehm; und niemand fuͤhlte jenen Wunſch, die zerſtreuten Einhaͤgungen zu uͤberſpringen, die den in dem Kerker eines ummauerten neuern Gartens Eingeſchloſſenen ſo leicht befaͤllt. Eliſabeth gieng einigemale in dem Garten umher, lenkte ihre Tritte bis zu dem Ducot⸗ Park und dem Foals⸗Park, zwei kleinen ein⸗ gezaͤunten Bezirken, die ſich zur Rechten und Linken der Wohnung und des Gartens befan⸗ den, aber noch erſchien ihr Knappe nicht. Sie kehrte in die„Buͤcherei,“ wie man das Buͤcherkabinett nannte, zuruͤck. Neben der mit Ziehfenſtern verſehenen Thuͤre dieſes Ka⸗ binets befand ſich verhuͤllt von einem hohen und breiten Roſenbuſche, das gegitterte Fenſter einer Speiſekammer. In dieſer hoͤrte man die Stimme des Wieſels, das ſeinen neuen Buͤndel zum Troſte und zur Erbauung der 130 1 Jungfer Euphrin Fechnie oͤffnete, waͤhrend ſie ihre Milchſchuͤſſeln abrahmte. „Ihr werdet mir einige Erfriſchungen dar⸗ reichen,“ ſagte das Wieſel,„wenn ich meinen Pack aufbewahrt habe. Ihr koͤnnet nicht er⸗ rathen, ob ich ſie nach meinem heutigen Tage⸗ werk brauche. Da war zuerſt des Lairds Brief an Clerk Gled; wofuͤr ich auch nicht einen Heller erhielt.“ „Es iſt ein verlorenes, ein ſinkendes Haus! — wenn jener unbeſonnene Junge die Herr⸗ ſchaft nicht uͤbernimmt und die alten Mauern ſchuͤzt, ſo hat der Stolz Monkhaugh's ein Loch bekommen. Jungfer Julie Annie Hur⸗ cheon hat einen Scheffel Gold als Mitgift, ſagen Sie.— Iſt dieß wahr, Franz,— ihr muͤßt dieß wiſſen?“ „Das wird nie eine Heirath werden,“ erwiederte Franz, mit ſeinem Kopfe orakel⸗ maͤßig nickend—„ſagt, ich habe es geſagt⸗ Effie. 7 Maͤchtiger Goliath von Gad! und ihr ſeyd unter den kleinen Propheten!“ „ Ich weiß, was ich weiß.“ „Ihr wißt, daß Wolf Graham ein hoch⸗ muͤthiger halsſtarriger Narr iſt, der in ſeinem eigenen Lichte ſitzen bleiben wird, bis er den Froſt deſſelben empfunden hat.“ „Was beweist, daß er das Wehrgehenk ſei⸗ nes Vaters ausfuͤllen, und ihm vielleicht noch einen Hacken beigeben wird. Ja! dieß war 151 der Mann des Kampfs,— in ſeinem klei⸗ nen Finger hatte er mehr Muth als unſer alter Muͤckenfaͤnger in ſeinem ganzen Leibe!— Aber befreit mich von dieſem Zeug, Effie. Ich bin das gemeinſchaftliche Packpferd der Um⸗ gegend.— Was wird aus euch allen werden, wenn ich mein Geſchaͤft aufgebe.— Da iſt zuerſt Drath fuͤr Frau Doran. Ich kann nur geringen Lohn bei der Beſorgung ihrer Auf⸗ traͤge erwarten; allein ſie hat den Willen, die ehrliche Frau. Und hier iſt um einige Dreier Streiftabak fuͤr den alten Ba'whirley. Er wird keine Muͤnzen wie gewoͤhnlich, aber Ueber⸗ fluß an Backenwind, haben.— Und hier in dem kleinen Papier iſt fuͤr einen Penny Farbe fuͤr Hungeremout's alte Hausfrau, um die Nankinhoſen des Lairds damit zu faͤrben, ehe er fortgeht und um das Maͤdchen des Johann Hurcheon wirbt.“ „um die Butter zu faͤrben, vermuthe ich,“ grinzte Effie, die eine toͤdtliche Eiferſucht gegen dieſe maͤßige Matrone in Sachen der Liebe und der Milchproducte naͤhrte. „Ohl der Teufel, daß ihr daran zweifelt,“ erwiederte Frieſel, fortfahrend, ſeine Vorraͤthe auszukramen.„Ein Auge auf Herrn Gideon, ſagtet ihr? Denkt, Effie, was ſie mir anbot, als ich ihr in der vorigen Woche eine Bruͤhe von Theriak brachte, um eine Pfuͤtze von ſchlechtem Getraͤnk fuͤr das Geſinde daraus zu machen— es lief gegen den Magen meines 132 Gewiſſens der Ueberbringer zu ſeyn— eine hoͤlzerne Schaale voll elender Molken. Ich haͤtte es dem Nabalsweibe ins Geſicht werfen können. Wie! glaubt ſie, daß die Natur des Menſchen von ſolchen Waſſertropfen erhalten werden koͤnnen?“ „Aber ihr nahmet es dennoch, Franz?“ „Ich nahm es, um das Haus Hugeremout — entfernte Verwandte des unſrigen— nicht zu beſchimpfen. Der junge Mann bezahlt gut, wenn er Silber hat. Ich kann mich nicht beklagen. Und die Jungfern:— Ich habe ihnen vier Nouvellen und drei Schach⸗ teln gebracht; oder vielmehr ſie in der Scheune gelaſſen, bis es Nacht wird, aus Furcht vor dem ſcharfen grauen Auge der alten Dame;— und der Teufel hole mich, ſie ſchreiben ein ſolches Gekritzel daß Twalmo Touchthebit, der Bachhaͤndler in Rookſton, weder Kopf noch Schwanz daraus machen konnte. Doch ließ ich mir von ihm etwas von einem Schloſſe und einem Geiſte geben und daruͤber werden die Maͤdchen weinen, bis zu meiner naͤchſten Reiſe in das Staͤdtchen.“ „Und ſo fuhr das Wieſel fort, immer wie Eliſabeth vermuthete, nach dem Inhalte ſeines Felleiſens ſuchend, bis er endlich ploͤtzlich ſagte, „und dieſes— o, das iſt ganz und gar nichts, Effie.“. O ja, es iſt etwas, Franz! und etwas ſchoͤ⸗ nes fuͤr einen Menſchen, der das Brod des 133 Lairds von Monkshaugh ißt, und ſeine Livree⸗ traͤgt. Ihr treibt ein falſches Spiel mit Har⸗ letillum und ſucht einen halsſtarrigen Bur⸗ ſchen, deſſen Buſenfreund ihr wieder ſeyd— in einer Sache aufzumuntern, die ihn, wie ihr wißt, ins Verderben ſtuͤrzen wird! und ich habe nichts gegen das Maͤdchen zu ſagen, als daß ſie, gleich ihrem armen naͤrri⸗ ſchen Vater, noch toll werden kann, und kei⸗ nen Pfennig werth iſt, wenn ſie auch die Weisheit Salomos und der Sheba haͤtte. Ihr wißt wohl, beſſer als irgend einer, daß eine ſolche Heirath den Faktor gegen unſern Laird aufbringen und er unſern Grund und Boden pluͤndern wuͤrde; denn es geht ſchon lange das Geruͤcht, daß er ein Auge auf den Kapi⸗ taͤn Wolf fuͤr ſein albernes Maͤdchen habe; und er hat Geduld mit uns und gibt uns einzig und allein deßwegen Friſt. Allein der Laird iſt ſo blind als ein Roßkaͤfer, und ſo ſtolz als ein Bruͤſſeler⸗Hahn.“ Mit großem Unwillen wies Frieſel die An⸗ klage in Beziehung auf Harletillum zuruͤck; aber daß er der Ueberbringer von den Pri⸗ vatdepeſchen vom Kapitaͤn Wolf an Eliſabeth ſey, war jezt, fuͤrchtete er, unlaͤugbar. „Ihr ſehet, wie ſchoͤn es iſt, gelehrt zu ſeyn, und Geſchriebenes leſen zu koͤnnen, Effie.— Bei meiner Seele! aber es iſt auch ein ſcharfes Auge dieſes ein zige! Aber eines weiß ich— dieſes Maͤdchen iſt ein Schooß⸗ 134 kind des Herrn Gideon; diejenigen koͤnnen wenig Gunſt von ihm erwarten, welche ihr keine bezeugen, und Effie, bleibt guter Laune; ich will meinen Tabaksbeutel gegen euern Haarſieblappen wetten, daß ihr noch vor ihr verheirathet ſeyn werdet, wenn ihr ruhig und ſanft bleibt. Wohlan! laßt uns ſehen, wie huͤbſch ihr mich nach meinem langen Marſche bewirthen werdet: einen weißen Pudding,— niemand im ganzen Kirchſpiele wuͤrzt ſie beſ⸗ ſer, als ihr,— einen gedoͤrrten Kapliau oder irgend eine ſolche Erfriſchung.“ 2* „Ihr ſeyd ein einſchmeichleriſcher, vohlgeſit⸗ teter Fant,“ ſagte das Maͤdchen, graͤmlich laͤ⸗ chelnd und den Kopf ſchuͤttelnd. Allein es iſt weder mein Wunſch noch Wille, Zwietracht zwiſchen Mann und Meiſter zu ſtiften, obſchon ich den Platz der wuͤrdigen Hausfrau von Souerholes, die jezt— geprieſen ſey der Herr vor allem!— in Abraham's Schooß ſizt, ſchlecht ausfuͤllen koͤnnte.“ 1 „Gut, Effie, benimm dich vernuͤnftig, und' du wirſt vielleicht in Kurzem an einem eben ſo guten Orte ſeyn.“ Indeß Traͤume von ehlichem Glanze und Gluͤcke vor Effie's grauen Augen funkelten, und vor ihrem weißen Dunkel ſchwammen, druͤckte Frieſel herzliches Mitgefuͤhl aus. Guter Bur⸗ ſche! er wird endlich auf ſeine Knie fallen, und ſeinen Goͤnnern danken. So gebt mir: etwas Erquickendes— verſteht ihr mich!— 13⁵ und ſagt nichts weiter. Der Teufel, Effie, wie froͤhlich wird er ausſehen!“ Und das ſchwarzbraune Maͤdchen bei beiden Haͤnden faſſend, zog er ſie auf dem Eſtrich umher, und huͤpfte um ſie heramn, wie ein Maulaffe um einen Baͤren; bis er ſie in die Kuͤche ge⸗ fuͤhrt hatte, wo er ſich die Freiheit nahm, die Thuͤre zu ſchließen, und dann raſch in den Garten eilte. Hier ſtand Eliſabeth blaß und bewegt, wie eingewurzelt auf dem Flecke, wo ſie das obige ergoͤtzliche Geſpraͤch halb gehoͤrt hatte. „Mein Vater! mein Vater!“ war ihr quaͤlender Gedanke. Dieſe Krankheit unſeres Blutes! dieſe furchtbare Heimſuchung! Iſt denn unſer Ungluͤck ein Sprichwort— eine Urſache der Beſtuͤrzung, des Schreckens und der Ausſchließung, ein Schlund, der uns von jeder Hoffnung trennt? Und habe ich mich denn raſch in denſelben geſtuͤrzt, und ihn mit hinabgeſtuͤrzt?“— Sie verbarg vom Kummer bewaͤltigt ihr Geſicht in ihre Haͤnde; und die Briefe, nach denen ſie ſich ſo innig geſehnt hatte, und die zu einer andern Zeit ihre Bruſt mit Entzuͤcken erfuͤllt haben wuͤr⸗ den, wurden mit einer unnatuͤrlichen Erſtarrung des Herzens, die ihr bis jezt voͤllig unbekannt geweſen war, empfangen. Der treue Bote uͤberreichte ihr ſeine Depe⸗ ſchen mit ſo viel aͤußerer Achtung, als immer nur mit ſeinen vertrauten Manieren vertraͤg⸗ 136 lich war, und verſicherte ſie ſeiner ganzen Dienſtbereitwilligkeit mit einem Eifer, der als Suͤhne fuͤr ſeine neuliche Unbeſcheidenheit gel⸗ ten konnte. Ueber dieſen Punkt beobachtete er ein kluges Schween, und ſagte blos— „Dieß iſt von einem Freunde, Lady Eliſa⸗ beth, der mir zu ſagen auftrug, daß ich in jeder Klemme oder Noth ein ſo treuer Bote war, als je einer im ganzen weiten Schott⸗ land— bei Tag oder bei Nacht— mit einer Beigabe von Klugheit und Einſicht im Noth⸗ falle, von der jener alte Reitknecht nichts weiß. Ein Wink wird mich in eure Gegen⸗ wart fuͤhren, hochgeborne Dame, mag ich nun in der Kirche oder auf dem Markte, in der Muͤhle oder in der Schmiede ſeyn:— ich gehe ſtets umher, gleich dem boͤſen Baͤrbchen, und will mich jederzeit bei euch einfinden.“ Mit einem artigen Kratzfuße entfernte ſich das Wieſel, um ſeine Gefangene zu befreien. Dieſer Brief koſtete viel Porto.— Eliſa⸗ beth zahlte ihn mit Thraͤnen und dem Roſen⸗ roth, das ihre Wangen mehrmals faͤrbte; allein jezt, da er mit einem doppelten Kuſſe ge⸗ ſiegelt war, wurde er in ihren Buſen geſteckt, damit ſie ihn in der Stille und Einſamkeit ihres Zimmers leſen koͤnnte. Nie war ihr das eitle Geſchwaͤtz des Lairds langweiliger und unertraͤglicher vorgekommen, als dieſen Abend. Von der Brutgans zur Lady Tamtallan,— von dem Reeepte ſeiner„ewig verehrten“ 1357 Mutter fuͤr weiße Standeskuchen, zu „gewiſſen Clauſeln des Fidei⸗Comiſſes“ wan⸗ derte ſein Geiſt durch alle Lieblingsregionen des Gedankens. Eliſabeth widmete aber dieſem Geſpraͤche, wie man ſich leicht denken kann, eben keine große Aufmerkſamkeit. Siebentes Kapitel. Hoffnungen und Beſorgniſſe. Der muͤhſeligſte Tag ging zu Ende.— Endlich war Eliſabeth im Stande, ihre Thuͤre zu ver⸗ riegeln, und ſich der entzuͤckenden Wonne einer erſten haſtigen Durchleſung ihres Briefes un⸗ geſtoͤrt zu erfreuen; und dann in wolluͤſtige⸗ rer Muſe bei jeder verliebten Kleinigkeit, bei jedem zaͤrtlichen Ausdrucke zu verweilen. Und, mit welcher Freudigkeit machte ſie endlich ihre erſten Verſuche, dieſen Liebeserguß zu beantworten? „Koͤnnteſt du errathen,“ ſagte ſie unter an⸗ derem,„wie herzerfreuend und beruhigend die⸗ ſer einfache kleine Brief fuͤr mich iſt, ſo wuͤr⸗ deſt du nicht ermangeln, mir jeden Tag zu ſagen, wie es dir ergehe, und daß du noch an die Waiſe denkeſt, deren geruͤhrtes Herz mit noch tieferer, obſchon betruͤbteter Zaͤrt⸗ 43⁸ lichkeit an dir haͤngt, als Diejenige, welche die entzuͤckendſten Augenblicke unſeres fruͤhern Umgangs begluͤckte, je war. Wie oft habe ich es, an deiner Seite ruhend, fuͤr unmoͤglich gehalten, daß das begluͤckte und beneidens⸗ werthe Geſchoͤpf, das du liebeſt, und das dich ſein nennen durfte, je die Macht des Kum⸗ mers werde fuͤhlen koͤnnen. Ich bin nicht traurig, theuerſter Wolf, und noch weniger beklage ich mich; und doch fuͤhle ich, daß jeder Tag dich weiter von mir entfernt, daß jeder Tag fuͤr unſere Liebe faſt unwiderruflich ver⸗ loren iſt, daß jede entfliehende Stunde jene Bangigkeit vergroͤßert, die ſo unerklaͤrlich mit unſern theuerſten Hoffnungen verwebt iſt— und die vielleicht dazu beſtimmt iſt, ſie zu maͤßigen und zu zuͤgeln. Iſt es ſo? Es liegt ein furchtbares Geheimniß, vor dem ein ſchwa⸗ cher Geiſt ſtets zuruͤckbebt, ia dem, was die guten Leute uns von dem erlaubten Grade menſchlicher Anhaͤnglichkeit ſagen— als ob es Suͤnde waͤre, ſo gut zu lieben, wie ich liebe— mit der gaͤnzlichen ruͤckhaltsloſen und warmen Hingebung des ganzen brennenden Herzens,— mit der ganzen Andacht des Geiſtes. Wenn eine ſolche Zuneigung nicht Abgoͤtterei iſt— und ich will es nicht denken— ſo ſteht ſie doch zu— weilen in naher Verbindung mit dem Ungluͤ⸗ cke; und doch, wie unausſprechlich ſuͤß iſt es fuͤr mein Herz, dich ſo eigen zu haben, mich ——— 139 wegen deiner zu aͤngſtigen und um deinetwillen zu weinen.“ „Allein ich muß dir jezt Nachricht von mir ertheilen. Ich habe deinen Wuͤnſchen gehorcht. Ich bin in Monkshaugh unter deinem eigenen Dache, und bewohne das kleine gewoͤlbte Zim⸗ mer uͤber der Halle, nach welchem ich, als es das deinige war, ſo oft mit Thraͤnen benezten Augen hingeblickt habe. Erinnerſt du dich noch an den fieberhaften Anfall, den du im vorigen Sommer hatteſt— allein du erinnerſt dich an nichts, was dich ſelbſt betrifft, halb ſo gut, als ich ſelbſt damals— als ich den ganzen langen Tag hindurch auf dem Pechs⸗ pfade umherzuwandeln pflegte, um aus dem Oeffnen und Vorziehen der Vorhaͤnge ſchließen zu koͤnnen, wie es mit dem ſtehe, dem ich mich nicht naͤhern durfte, obſchon meine bangen Gedanken ſtets um ſein Bett ſchwebten. O! wann wird die Zeit kommen, wo ich meinen Kopf vor jedermann emporheben und merken laſſen darf, daß ich dich liebe! wird er je kommen? jezt, da du fern von mir biſt, druͤckt mich jeder nichtsſagende Blick,— jedes zu⸗ faͤllige Wort zu Boden.“ Du erinnerſt mich an unſere alten verlieb⸗ ten Streitigkeiten in Betreff des verſchiedenen Characters der Liebe des maͤnnlichen und weib⸗ lichen Geſchlechts. Meine eiteln Traͤumereien wandern oft auf die alte Bahn zuruͤck; und ich waͤnſche dich hier zu haben, waͤre es auch nur, 140 um mich von meinem alten Glauben an die reinere, tiefere und innigere Liebe des Wei⸗ bes— an ihre von jeder Unſchluͤſſigkeit, jeder Berechnung freie, leidenſchaftliche Zuneigung, die das ganze Weſen hingibt und in ih⸗ rem Gegenſtande ein angenehmeres und edleres Daſeyn findet, zu bekehren. Aber ich beſtrebe mich, dir zu glauben, und werde weder dei⸗ nen Glauben noch deine Praktik beſtreiten, ſo lange du noch, wie dieſen Abend, fortfaͤhrſt, mir zu ſagen, daß, wohin auch des Mannes wandelbares Schickſal dich fuͤhren moͤge, um zu kaͤmpfen oder zu dulden, welches Gluͤck dir auch dein ehrgeiziges Streben verleihen werde, du doch nur hier— in Ernescraig— am Buſen deiner Geliebten— wahre Gluͤck⸗ ſeligkeit finden koͤnneſt. Und koͤnnten wir ſie jezt hier nicht finden,— da dieſe gute alte Freundin verſoͤhnt iſt— hier, in ſicherer Dun⸗ kelheit und was die falſche Welt Armuth nennt, mit einander lebend— uns ſelbſt eine Welt — du wenigſtens mir ein Weltall.“ „Wie ſehr wuͤrde der gottſelige Gideon uͤber dieſe abgoͤttiſche Taͤndelei ſeines Lieblings Eli⸗ ſabeth geſeufzt haben! Aber wie theuer, wie ſuͤß war ihr das Vorrecht dieſer gluͤckſeligen. Taͤndelei, von der ſie kaum abbrechen konnte, um das lange, ſchmachtende, ſchmelzende Le⸗ bewohl zu ſagen, das den Liebenden, ſelbſt im Briefe, ſo ſchwer faͤllt. Vor dieſer end⸗ lichen und fuͤr ſie ſchmerzlichen Ceremonie 141 ging ſie, um ſich zu beruhigen, einigemal im Zimmer auf und nieder, und oͤffnete die Fen⸗ ſterlaͤden einem ſtillen ſuͤßen Morgen, der ſeine bethauten Augenlieder ſo ſanft aufſchloß, wie ein Kind, das die Kuͤſſe der Mutter aus dem Schlafe wecken,“— mit heimlichem Schritte herbeiſchleichend—„nicht ſo haſtig,“ ſchrieb Eliſabeth,„wie er zu kommen gewoͤhnt war, als er dich in unſeren verfloſſenen gluͤcklichen Tagen dort in unſerem Thale aus meinen Armen riß. Werden ſie wieder kommen,— werden ſie je wieder kommen, dieſe gluͤcklichen Tage? Und wirſt du mir das Verſprechen halten, das du mir daſelbſt gethan— das du ſo oft aus bloßem Vergnuͤgen an ſeiner Wie⸗ derholung erneuert haſt— das Verſprechen, deinem Gotte und mir die lezte Erinnerung deiner wachenden Stunden— und das erſte friſche Gefuͤhl des ruͤckkehrenden Morgens zu weihen— eine kleine Minute aus dem Ge⸗ wuͤhle der gewoͤhnlichen Stunden erhaſcht, und unſere ſuͤßen Erinnerungen und noch ſuͤßere Hoffnungen geheiligt— in einem Gefuͤhle Treue und Liebe und Huldigung vereinigend. Biſt du noch wach, Geliebter? Biſt du jezt damit beſchaͤftigt? Wie ich mit dir taͤndle! und mit welchem Strome uͤberwaͤltigender Zaͤrtlichkeit ſage ich jezt wieder— Gott ſegne dich, mein Theuerſter, ewig Geliebter.“— „Gute Nacht! gute Nacht!“ Die arme Eliſabeth fand bald gegruͤndetere 3 142 Urrſache, dieſen weiblichen oder verliebten Be⸗ ſorgniſſen nachzuhaͤngen, die ſtets von einem tiefen und idealiſchen Tone der Leidenſchaft unzertrennlich ſind; denn wer liebte je, wie ſie liebte, ohne eine tiefe, vielleicht thoͤrichte Bekuͤmmerniß in Betreff der Staͤrke des Ge⸗. fuͤhls, das er einfloͤßte, zu empfinden? Ihren Gefuͤhlen treu, wiederholte die Liebe bei Nacht ihre Gebete, und ſchwermuͤthig ge⸗ nug wurden ſie endlich. Aus Ayr erhielt Eli⸗ ſabeth einen andern Brief, und einen dritten aus Carrickfergus. Bald darauf erhielt Monks⸗ haugh einen kurzen Brief von ſeinem jungen Verwandten, der ihm bloß ſagte, daß er ei⸗ nige ſonderbare Abenteuer auf ſeiner Reiſe nach Dublin gehabt habe, jezt aber bei ſeinem Regimente ſey. Dieſen leztern ſehr kurzen Brief ſuchte Eliſabeth eines Abends heimlich wegzunehmen. Sie hatte ihn zwar geleſen und ihn zuvor dreimal vorleſen gehoͤrt, allein er enthielt vielleicht irgend einen Ausdruck, irgend eine Anſpielung, irgend eine Spur, welche die ſinnreiche Liebe, willig, ſich betruͤ⸗ gen zu laſſen, auf ſich beziehen konnte. Sie fand jedoch nichts der Art. „Ungroßmuͤthiger und Grauſamer!“ rief ſie aus, den Brief hinwerfend, waͤhrend Stroͤme brennender Thraͤnen ihren Wangen entrollten. „Eine gewoͤhnliche Menſchlichkeit, eine edel⸗ muͤthige Denkart, wuͤrde mir vielleicht eine ſolche Qual erſpart haben. Muß ich ſo fuͤr 145 meine Thorheit buͤßen?— Schon vergeſſen!“ Eliſabeth ſollte jezt die unſaͤgliche Bitterkeit jenes Augenblicks fuͤhlen, in welchem das wel⸗ kende Herz zuerſt fuͤrchtet, die menſchliche Hoffnung, auf die es gebaut habe, moͤchte ein bloßer Traum, ein bloßes Blendwerk ſeyn. Allein dieſe argwoͤhniſchen Vermuthungen, die den Stolz ihres Geſchlechts ſo ſehr kraͤnken, und die Zaͤrtlichkeit ſeiner ihrer Zuneigung ſo tief verwunden, wurden als unwuͤrdig ver⸗ worfen. Sie las die Briefe, die ſie bereits erhalten hatte, wieder und wieder, verweilte bei jedem Beweiſe erinnerungsvoller Liebe, und hielt ihn mit zaͤrtlicher Hartnaͤckigkeit feſt; und Muth und Vertrauen lebten wieder auf, um abermals zu wanken, zu ermatten, und in noch tiefere Muthloſigkeit zu verſinken. Bittere Vorwuͤrfe machte ſie ſich alsdann we⸗ gen des Vergangenen, und manchmal duͤnkte es ihr in ihrer Demuͤthigung, ſie ſey der Zu⸗ neigung, die ſie fordere, unwuͤrdig. In ſol⸗ chen Augenblicken grauſamer Niedergeſchlagen⸗ heit, bewog ſie jener enthuſiaſtiſche Ton der Leidenſchaft, der in dem geliebten Weſen ſtets „einen beſondern glaͤnzenden Stern“ erblickt, der bewundert und angebetet werden muß, ſich in ihrem Grame zu wundern, daß ſie habe ſo blind ſeyn koͤnnen, zu glauben, daß eine ſo verlaſſene, ſo unbeachtete Perſon, wie 4 ſie war, der Gegenſtand einer bleibenden An⸗ haͤnglichkeit fuͤr einen ſo jungen Mann wer⸗ 144 den koͤnne, deſſen Loos und Verdienſte ſo hoch uͤber den ihrigen ſtanden. Haͤtte ſie aber, waͤre es noch moͤglich geweſen, ihre Hoffnungen und Anſpruͤche aufgeben koͤnnen? Eliſabeth konnte ſich nicht ſo ſehr taͤuſchen. Mitten in ihrer Bekuͤmmerniß und Angſt lag fuͤr ſie ein jubelnder Stolz, ein ſchauerndes Vergnuͤgen in dem Bewußtſeyn, daß ſie die ſeinige ſey— waͤhrend ſein verlaͤngertes Stillſchweigen ihr Anlaß zu der Furcht gab, daß er es bereits bereue, ſie dazu gemacht zu haben— daß ſo raſch die Handlung erfolgt war, ſie unwieder⸗ ruflich ſey, und Pflicht und Zuneigung in ih⸗ rem Buſen hinfort auf immer vereinigt ſeyn muͤſſen. Eine andere Woche verfloß, ein ganzes Le⸗ bensalter der Ungewißheit und Seelenangſt. Selbſt Monkshaugh erhielt keinen Brief; und voll Verwunderung und Unwillen uͤber dieſe kalte Gleichguͤltigkeit, faßte ſie, die in andern Zeiten den Namen Wolf Graham kaum flaͤ⸗ ſtern durfte, den Muth, den Laird auf dieſen Umſtand aufmerkſam zu machen, waͤhrend ſie mit einander im Zwielichte ſaßen. Monkshaugh nahm die Bemerkung ſo ruhig auf, daß ihre Angſt nur dadurch erhoͤht wurde. Und die Ruͤckkehr des Dieners vom Poſtamte abwarten, indeß das Pochen und Wallen einer fieber⸗ haften Erwartung verwirrenden Zweifeln oder einer krankhaften Muthloſigkeit wich, oder um Mitternacht die Wochenzeitung, die nach Maues haug ) — .— 14⁵ haugh kam, durchleſen, wobei ihr Herz in wilder Unruhe pochte und ihr Blut vor Furcht gerann, ſo oft ihr raſches Auge auf das Wort Irland ſiel,— dieß war das taͤgliche Leben der einſt gluͤcklichen Eliſabeth. Ein privile⸗ girter Gram mit feinen Schmerzen hat ſein oͤffentliches Gepraͤnge und ſeine Verguͤnſtigun⸗ gen; um wie viel bitterer aber muß jener erſtickte Kummer ſeyn, der unbemerkt an einem Geiſte nagt, dem die Klage verſagt iſt, und der ſie verſchmaͤht— die kalte erſtarrende Angſt, die ſich um das verlaſſene brechende Herz ſam⸗ melt. Der tiefſte Schmerz im Drama des menſchlichen Lebens wurde nie laut geweint — ſein Daſeyn wurde ſogar nie bekannt. Die Energie oder der Stolz ihres Geiſtes verſah ſie mit der Kraft, eine edle und ſichere Hal⸗ tung anzunehmen, wenn das kalte oder neu⸗ gierige Auge der kleinen benachbarten Welt auf ſie geheftet war, denn obſchon ſie der Ge⸗ ſellſchaft abgeneigt war, ſo ſchien doch, einem oberflaͤchlichen Beobachter, niemand froͤhlicher, ſelbſt in dem Augenblicke, in welchem er ſei⸗ nen Zeitvertreiben huldigte. Eine kleine Verſtaͤrkung ihrer perſoͤnlichen Bekuͤmmerniß fuͤhrte der Umſtand herbei, daß ihr alle Anfechtungen und Hoffnungen des Lairds anvertraut wurden. Wolf Graham wuͤrde gerne die Maaßregeln ergriffen haben, die ſeinen Oheim in den Stand geſezt haͤtten, ſich von den Netzen des Curators auf einmal Elſ. von Bruce. I. 7 146 loszumachen; aber der Laird konnte, mit dem natuͤrlichen Gefuͤhle eines wohlwollenden, aber vielleicht ſchwachen Geiſtes, den Gedanken nicht vertragen, auch nur eine Ruthe von ſeinem Familienerbe zu verkaufen. Dieß waͤre fuͤr ihn eben ſo ſchmerzlich geweſen, als die Zer⸗ ſtuͤkelung eines ſeiner Glieder. Wenn Eliſa⸗ beths Geſichtszuͤge Ernſt und Beſorgniß aus⸗ druͤckten, waͤhrend er von ſeinen Verlegenheiten ſprach, ſo pflegte er ſie durch Troſtgruͤnde, wie die folgenden, zu beruhigen: „Laß dir dieß nimmer zu Herzen gehen, Baſe Eliſabeth,— jener Soldatenpurſche kann ein Maͤdchen, mit ſo viel Gold in ihre Rock⸗ ſchleppe genaͤht, ertappen, als uns von Jock Hurcheon's Schuldverſchreibungen befxeien kann, ohne daß die ſtattlichen Steineichen von Monkshaugh(hier blickte er mit Stolz durch das Fenſter des Sprechzimmers) in John's Kaffeehaus— wenigſtens in meinen Tagen — wandern.“ Ungeachtet ihrer richtigern Kenntniß der Dinge und ihres unerſchuͤtterten Vertrauens auf die Ehre und Rechtſchaffenheit ihres Lieb: habers, mochte auch ſeine Zuneigung in der Folge ein wenig abgekuͤhlt werden; verwun⸗ deten ſolche Aeußerungen Eliſabeths Herz fuͤr den Augenblick tief, ſo erhoben ſie ſich auch durch das edle Bewußtſehn des ihr innwoh⸗ nenden, ſelbſtſtaͤndigen und von allen aͤußern Umſtaͤnden unabhaͤngigen Werths fuͤhlte, der, haͤtte ſie das Schickſal zuſammen auf irgend 83 147 eine oͤde Inſel des Weltmeers, oder in die erſten Zeitalter der Welt geworfen, ſie, ganz rentbloͤßt von Freunden und Gluͤcksguͤtern, wie ſie jezt daſtand, zu einer wuͤrdigen Gattin, ſelbſt fuͤr ihn, gemacht haben wuͤrde. Wenn ſein unerklaͤrliches Schweigen den Argwohn in ihr erregen mußte, ſein Herz ſey unbeſtaͤn⸗ dig, ſo wankte doch ihr Glaube an den Adel ſeiner Natur nicht ein einzigesmal. Es war ihr die Qual erſpart, die fuͤr ein edles Ge⸗ muͤth bitterer iſt, als der Tod, ihr ganzes Herz an einen Menſchen verſchwendet zu haben, der ſowohl niedertraͤchtig als wunderlich, ſo⸗ wohl ſchmutzig als wankelmuͤthig ſeyn konnte. Nicht in dieſem Betracht glaubte Eliſabeth je Urſache zu haben, ihre geheime Verbindung zu bedauern.„Ich Habe⸗ ihm alles gegeben, was ein Weib verleihen kann,“ war ihr ſtol⸗ zer Gedanke,— alles, wornach die Liebe ſtrebt, — Glauben, Treue und Liebe— Liebe! wie graͤnzenlos— wie abgoͤttiſch— wie ausſchlirß lich— wie ſuͤndhaft vielleicht in ihren wil⸗ den Exceſſen!“ Und ſo kamen zu Monks⸗ haughs laͤſtigem Geſchwaͤtz und unſichern Hoff⸗ nungen reicher Verbindungen, die Theorien des alten Gideon, und ſein finſteres Urtheil— „Verflucht iſt der Menſch, der auf den Men⸗ ſchen vertraut, und ſuͤndhaftes Fleiſch zu ſei⸗ nem Harniſch macht,“— der ihrem Herzen toͤnte, wie die Todtenuhr im Ohre des Aber⸗ glaubens. 146 Eliſabeth hatte eine ſchmachtende Hoffnung auf die Ruͤckkehr des Herrn Haliburton ge⸗ gruͤndet. Allein dieſe ehrwuͤrdige Perſon kam zu ſeiner murrenden Heerde, ſo unbekannt mit Wolf Grahams neulichen Bewegungen, als ſelbſt die Bewohner von Monkshaugh, zuruͤck. Seine Sendung, in ſo fern ſie das Geheimniß der Geburt Eliſabeths betraf, war gaͤnzlich fehlgeſchlagen. Keine Spur war von der Tochter ſeiner alten Wirthin, der Wehe⸗ mutter Metcalf, aufzufinden. Gideons Ruͤck⸗ kehr wurde von Frieſel an einem Samſtag⸗ morgen angekuͤndigt; und als der Tag ver⸗ ging, ohne daß er kam, ſo ging Eliſabeth mit der dem Ungluͤcklichen eigenen Unruhe ins Freie hinaus, in der Hoffnung, den Geiſtlichen viel⸗ leicht irgendwo zu treffen. Der Laird, der ſich ſtets einbildete, daß er an den Sonnaben⸗ den einen doppelten Theil der Haushaltsge⸗ ſchaͤfte zu beſorgen habe, war in Kuͤchenan⸗ gelegenheiten mit Effie vertieft, und vermißte lie nie. Sie ſchlich durch den jezt melan⸗ choliſchen Obſt⸗ und Kuͤchengarten an den Fluß hinab. Der Geiſt des Jahres war geſunken wie Eliſabeths Hoffnungen. Der Herbſt hatte mit ſeiner welken Farbe Baum und Buſch bedeckt — ſeine rauhe Stimme toͤnte in den Stroͤmen — die blaſſe kalte Sonne ſog nicht laͤnger den Thau ein, der den ganzen Tag an Graͤſern und Blaͤttern hing, gleich der froſtigen Feuchte 149 im Auge eines Todten— rothe Blaͤtter wirbel⸗ ten von dem Pfade in den braunen Fluß hinab, und der glaͤnzende, uͤberwaͤltigende Chor der Sommervoͤgel hatte ſich in ein gebrochenes, ſchwaches Wehklagen— das leiſe, ſchluchzende Winſeln der ſterbenden Natur verwandelt. Es war ein kalter truͤber Tag, und der duͤſtere Himmel ſtand im Einklange mit der trauren⸗ den Erde. Allein Eliſabeth war auch die Strenge des Sturmes willkommen, ſeine Schwinge ſchien jene dumpfe Schwere, jenen druͤckenden Still⸗ ſtand des Geiſtes, der ſie des ihren Gefuͤhlen beſtaͤndig angethanen Zwangs wegen beſchli⸗ chen hatte, zu verjagen, wie der friſche Win⸗ deshauch den Seemann von den verwirrten Traͤumen, welche eine regungsloſe Todtenſtille in ihm hervorgerufen hatte, befreien ſoll. Es gab noch nie einen Tag, an welchem der wahre Freund der Natur, wenn er ſich einmal ganz mit ihr befreundet hatte, nicht etwas bemerken konnte, das ſein Mitgefuͤhl erweckt haͤtte. Eliſabeth, die ſich durch die Anſtrengungen des Gehens an Geiſt und Koͤr⸗ per geſtaͤrkt fuͤhlte, nahm ihre Richtung nach jenen hochgelegenen Suͤmpfen die Furthen hin⸗ durch, wo ſie Wolf Graham zum leztenmale geſehen hatte, faſt uͤberzeugt, daß ſie in einem entfernten Reiter Herrn Gideon auf der be⸗ ruͤchtigten Jenny Geddes ſitzend bemerkt hatte. „Sicherlich kann er mir etwas ſagen,“ ſagte ſie, und von dieſer Hoffnung ermuthigt, fing 150 ſie an, etwas von der Freude zu fuͤhlen, mit der ſie die Betrachtung jedes ſie umgebenden Gegenſtandes natuͤrlicher Schoͤnheit zu erfuͤllen pflegte. Die Gruppen korallner Beere, die in den Stechpalmenbuͤſchen glaͤnzten— das Moos, das ſich im Winter durch ein lebhafteres Gruͤn auszeichnet, als wenn die heiße Sonne auf ſeine Schoͤnheit blickt— das ſuͤße Zwit⸗ ſchern jenes Lieblingsvogels—„der ſtets im Nachzug des Winters ſingt“— das einſame Floͤten des grauen Kibitz an den fernen Saͤm⸗ pfen— alles erregte eine nuͤchterne, maͤßige Freude in ihr, indeß ſie vorwaͤrts wanderte. Von dem Dorfe Caſtleburn fuͤhrte ein tiefer gehoͤhlter Weg,„Cadger's Loan“ genannt, zu den in dieſer Geſchichte ſo oft ſchon erwaͤhn⸗ ten Furthen des Oran. Er war eine von den vielen Hohlgaſſen, deren es um dieſen Zeit⸗ punkt in Schottland ſo viele gab. Gerade nach dem Gegenſpiel von Macadan's Plan gebaut, wurden ſie von den Eigenthuͤmern der Poſtpferde eben ſo ſehr verabſcheut, als ſie dem geſchmackvollen Fußgaͤnger erwuͤnſcht waren. Im Winter glichen dieſe ſteilen Hohl⸗ wege mehr dem Bette eines Stroms, als einer regelmaͤßigen Straße. Dieſer Hohlweg war in der That das Bett unzaͤhliger kleiner Baͤch⸗ lein, die, uͤber hohe vorhangende Huͤgel ſtroͤ⸗ mend, ſanft uͤber Moos, Pflanzen und Baͤume rieſelten ſich nach Laune wendend, kruͤmmend und ſchlaͤngelnd, obſchon hie und da, wo ſie 151 den Fußgaͤnger bis uͤber die Schuhe in ihre klaren Waſſer zu nehmen drohten, einige Schritt⸗ ſteine ausgeworfen worden waren, die den Lauf der Baͤchlein mehr ablenkten als aufhielten. Eliſabeth huͤpfte uͤber die Steine, als ein jun⸗ ger Herr zu Pferde, befolgt ebenfalls von ei⸗ nem berittenen Diener und mehreren Jagd⸗ hunden, ſo ploͤtzlich in den Weg hereinſtuͤrzten, daß Eliſabeth dadurch, haͤtte er ſein Pferd nicht ploͤtzlich und mit geſchickter Hand ange⸗ halten, in Schrecken, wo nicht in wirkliche Gefahr gerathen ſeyn wuͤrde. Als er auf eine Seite ausbeugte, damit die Dame voruͤberge⸗ hen konnte, erkannten die Hunde eine alte Freundin, und ſprangen mit lauter Freude und laͤrmenden Liebkoſungen auf Eliſabeth los. Der lange gruͤne Mantel, der ſie um⸗ haͤllte, war in einem Augenblicke von ihren Schultern geriſſen; und da ſtand ſie,„roth wie die Roſe,“ dieſe zudringlichen Bewunderer läͤchelnd und mit ſanfter Hand zuruͤckſtoßend, und ſie mit eben ſo ſanfter Stimme zuruͤck⸗ ſcheuchend. In einem Augendblick ſtand der Fremdling neben ihr; und auch ſein Diener ſtieg ab, und ſtellte durch einige Schlaͤge und Puͤffe die Ordnung wieder her. „Thut ihnen nichts zu leid,“ rief Eliſabeth. „Schlag die Hunde nicht“— rief der Fremde ſeinem thaͤtigen Stallknechte zu, ob⸗ ſchon er eben ſo thaͤtig bemuͤht war, die Ord⸗ nung wieder herzuſtellen, als ſein Diener. 152 Eliſabeth geſiel dieſer kleine Zug. Es war Humanitaͤt, es war aͤchte Bildung. Sie blickte auf, und ſah einen jungen Mann von ſehr einnehmendem Aeußern und modiſchem An⸗ zuge, der viele Entſchuldigungen fuͤr ſeine Hunde vorbrachte, waͤhrend er ihr ihren Man⸗ tel wieder aufheben half. Die Beleidiger winſelten indeſſen und wichen zuruͤck; alle, einen ausgenommen— der alte Dermid be⸗ hauptete ſeinen Poſten an Eliſabeths Knie. „Ich ſehe,“ ſagte der junge Mann,„daß Herrn Hutchens Hunde gluͤcklicher als ſeine Gaͤſte berechtigt ſind, das Privilegium einer alten Bekanntſchaft in Anſpruch zu nehmen.“ Wir ſind fruͤher mit einander zuſammen⸗ getroffen, ſagte ſie.„Armer, alter Dermid, es iſt hart, daß ich deine Gaͤte zuruͤckweiſe; und den alten Hund einen Augenblick ſtreichelnd, indeß er ſeinen Nacken woͤlbte, als ob er ſich, mit Stolz bewußt geweſen waͤre, daß ſich ſchoͤne Haͤnde und glaͤnzende Augen mit ihm beſchaͤftigten, verbeugte ſie ſich leicht vor dem Fremden und ging voruͤber. Der junge Mann bat, ihm oder ſeinem Diener zu erlauben, den naſſen Mantel, den ſie niedergeworfen, nach Hauſe zu tragen; allein ſie lehnte dieſe Gefaͤlligkeit mit den Worten ab: er koͤnne ganz ſicher hier liegen bleiben, bis ſie ihn abholen laſſe. Er verbeugte ſich und be⸗ ſtieg langſam ſein Pferd, blickte zuruͤck und 15³ verbeugte ſich wieder, bis ſie hinter dem Huͤgel verſchwand. Um eben dieſe Stunde hatte ſich das Wieſel aus Guͤtigkeit, der wohl auch einige Neugierde und die ferne Ausſicht auf einen von Eliſabeth's glaͤnzenden Schillingen beigemiſcht ſeyn mochte, ins Dorf Sonrholes begeben, um von dem praͤ⸗ ſidirenden Apoſtel dieſes Ortes Broſamen des Troſtes einzuſammeln, die vielleicht ein Geſchens von einer halben Krone eintragen konnten. Auf der neulichen Reiſe hatte Wolf Graham, im Einverſtaͤndniſſe mit Elifabeth, Herrn Hali⸗ burton mit ihrer gegenſeitigen Stellung bekannt gemacht; und obſchon der ehrliche Mann uͤber ihre Raſchheit, und mehr noch uͤber den Graͤuel ihrer leidenſchaftlichen Anhaͤnglichkeit furchtbar ſeufzte, ſo nahm ſein Herz doch den groͤßten Antheil an allem, was Eliſabeth zuſtoßen konn⸗ te. Seine voorlaͤufige Kenntniß fuͤr Friefel's Anrede war, der, nach dem erſten Gruße, ſagte— „Wenn ihr keine guten Nachrichten von Ka⸗ pitaͤn Wolf habt, ſo fliehe ich aus dem Lande. Fleiſch und Biut kann die bleichen Lippen und eingeſunkenen Augen dieſer fanften Dame nicht mit anſehen— und in der ganzen Umgegend iſt keine Seele da, der ſie ihre Noth klagen koͤnn⸗ te, außer ich ſelbſt! Wenn es ihr nur gefallen moͤchte, mir ihren Kummer zu offenbaren. Gideon legte ſchweigend ſein außervrdentli⸗ ches Hauskleid ab, in welchem er, nach Frieſel à 154 Ausſage, wie der Rieſe aller Kartoffelkobolde ausſah; und neubeſchuht und friſirt, machte er ſich auf den Weg, um Eliſabeth zu troͤſten. Ich hatte im Sinne, dieſen Beſuch zu ver⸗ ſchieben, bis das Tagewerk des Sabbaths vor⸗ uͤber war; aber Franz, wir ſind ermahnt, die Sonne nicht uͤber unſern Zorn untergehen zu laſſen,— eben ſo ſollten wir ſie auch nicht uͤber unſere Liebe untergehen laſſen; denn ohl mein kleiner Mann, wie bald erkalten Gedanken der Guͤte in den Herzen der Menſchen!“ „Dann werdet ihr mit Effie ſchmieden, ſo lange das Eiſen noch heiß iſt,“ ſagte Frieſel, mit einem ſchalkhaften Seitenblicke emporſehend, waͤhrend er forthuͤpfte und zu jedem ungeheuern Schritte Gideon's zwei nebſt einem Sprunge machte.„Sie wird entzuͤckt ſeyn, euch in dieſer Nacht zu ſehen.“ 4 „Verhaltet euch ruhig, ihr thoͤrichter Spoͤtter. Aber ſo wahr ich ein lebender Suͤnder bin, kommt Eliſabeth von Bruce den Cadger's Loan herab. Was iſt das dort fuͤr ein junger Bur⸗ ſche, Franz?“. „Herr Delancy, ein großer Herr, kommt zu der„Grille“ um Fraͤulein Julie Annie Hur⸗ cheon zu heirathen,“ war die Antwort. Lang und herzlich, aber eben ſo vollkommen aufrichtig als kuͤrzere Gruͤße, waren diejenigen, welche jezt gewechſelt wurden. Eiiſabeth gab dem Wieſel den Auftrag, ihren Mantel nach Haus zu nehmen; und hoͤrte mit ziemlich trau⸗ —õ — — 0 135 rigem Herzen Gideons langer Aufzaͤhlung fehl⸗ geſchlagener Hoffnungen zu. Ihrerſeits ent⸗ huͤllte ſie einen Theil— nicht den Zehntau⸗ ſendſten Theil ihrer Beſorgniſſe, Beaͤngſtigun⸗ gen und wilden Vorſtellungen. „So ſeyd ihr alſo noch nicht bereit, eurem Goͤtzenbilde zu entſagen?“ ſagte Gideon—„zu ſagen„dein Wille geſchehe,“ und ſolltet ihr ihn auch mit eigener Hand in das Leichentuch huͤllen muͤſſen. Ich weiß leider, daß dieß das noch nicht wiedergeborene natuͤrliche Herz viel Schweiß und Muͤhe koſtet.“ „Oh!“ rief Eliſabeth, ihre Haͤnde verzweif⸗ lungsvoll zuſammenſchlagend. Ihr habt ge⸗ hoͤrt— ihr wißt etwas— etwas Furchtbareß! Sagt mir— ſagt mir alles!“ Ein wenig beunruhigt durch ihre tiefe Ge⸗ muͤthsbewegung und die toͤdtliche Farbe, die ihr Geſicht uͤberzog, beeilte ſich Gideon, ihr zu ſa⸗ gen, daß er nichts wiſſe. Aber beantworte die Frage, die ich dir vorgelegt habe, mein Kind. Der Arzt muß die Wunder des Geiſtes unterſu⸗ chen— ja ſie bis aufs Mark ſondiren, ehe er das Heilmittel anwenden kann. Eliſabeth ſah, daß er den Geiſtlichen ſpiel⸗ te— ein Spiel, dem ſelbſt Gideon nicht immer widerſtehen konnte— und erwiederte:„Herr Haliburton, ihr ſeyd ein guter Mann, allein warum quält ihr mich ſo?. Ich kann nicht— ich kann nicht— es uͤberſteigt die Kraft des Menſchen— die Kraft des Weibes, was 156 ihr verlangt. Gott verhuͤte, daß eine ſolche Anſtrengung von mir gefordert wird, der Him⸗ mel ſezt mich auf keine ſo grauſame Probe,— warum wollt ihr es alſo thun?“ „Weil ich euch die Gemuͤthsart verleihen moͤchte, die Gatte und Kind, Haus und Land, fuͤr nichts haͤlt, ſagte er in feſtem Tone. „Ich lege auf Haus und Land einen ſo ge⸗ ringen Werth, als ihr immer nur darauf legen koͤnnt, Herr Haliburton, ſagte Eliſabeth mit Stolz.„Ja, da haben wir es! allein der menſchliche Goͤtze— das Bild von Thon!— dieſem kann nicht entſagt werden. Ich habe, Eliſabeth, im Laufe meiner geringen Erfahrung bemerkt, daß Maͤnnerliebe oft der lockende Koͤder des Feindes bei jungen Chriſtenfrauen wird— diejenigen, welche goldene Ohrringe und Hau⸗ ben von Gaſe, und Putz und Flittertand ver⸗ achtet haben, und den Lockungen der ſingenden Maͤnner tapfer widerſtanden ſeyn wuͤrden, und die Luſt der Augen und den Stolz des Lebens fuͤr nichts gehalten haͤtten,— ſie ſah ich oft am ſchnellſten in die ſchlau gelegte Schlinge fallen; von ihrer erſten Liebe und ihrer hohen Achtung fur die Diener des Evangeliums, um die Zeit ihrer Werbung herabſinken; und nach der Ehe ſo ſorgloſe, traͤge und gleichguͤltige Chriſten werden, als ihr euch immer nur denken toͤnnt. Das ſchwaͤrzſte Uebel, das eine junge Chriſten⸗ frau befallen kann,“— und Gideon erhob ſeine Stimme—„iſt das, wenn ſie mit dem Manne 157 ihres Herzens, wie ſie ſagt, verbunden wird.— Der arme, getaͤuſchte und verblendete Wurm, der ſeinen Himmel auf der Erde ſucht! Es iſt jaͤmmerlich, Eliſabeth, ſehen zu muͤſſen, wie die ſanfteſten und huldreichſten des weiblichen Ge⸗ ſchlechts am geneigteſten zu dieſem todtbringen⸗ den, dieſem ſeelenmoͤrderiſchen Kreaturendienſt ſind— ſogar ihr ſelbſt, Eliſabethz und wenn es ihm gefallen ſollte, euer verirrtes Herz zu bekehren und zuruͤckzufuͤhren, was wuͤrde euch dann an der fluͤchtigen Zuneigung eines ſchwa⸗ chen Raubgeſchoͤpfes liegen, deſſen Lebensathem in ſeinen Naſenloͤchern iſt?“. Zu einer andern Zeit, und in einem eine andere Perſon betreffenden Falle, alles dieß ge⸗ nau ſo verſtanden haben, wie es zu verſtehen war. Allein jezt erſchien es ihr, als das Ge⸗ maͤlde ihrer Beſorgniſſe. „Ihr wauͤnſcht— ich ſolle meine Suͤnde in meiner Beſtrafung lefen,“ ſagte ſie mit tief⸗ bewegter Stimme; und ihr Kopf ſank auf ihren Buſen nieder— und wollt mir ſagen, daß ich ſchon vergeſſen— ſchon weggeworfen bin! Sie preßte dieſe Worte in großer Bitterkeit des Gemuͤths hervor; und ihr betroffener Ton und ihre verzweifelte Haltung ruͤhrten und erſchreck⸗ ten ihren geiſtlichen Rathgeber. „Vergeſſen! nein, nein, mein Kind, du biſt nicht dazu geſchaffen, vergeſſen zu werden. Nur geduldig, Eliſabeth.—„Vergeſſen!“ Gi⸗ deon ſah aus, als ob er jeden haͤtte niederſchmet⸗ 158⁸ tern koͤnnen, der es gewagt haͤtte, ſie zu ver⸗ geſſen. „Oh! ich kann ſelbſt von Geduld ſagen. Sprecht von Troſt, von Frohſinn mit mir. Sagt mir, glaubet ihr, daß er wohl iſt. Er⸗ innert er ſich an Ernescraig?“ „Es iſt mehr zu wuͤnſchen, daß er ſich an ſei⸗ nen Schoͤpfer erinnern moͤge!“ ſeufzte Gideon. O, du todtliche Schlinge, zu der verliebte junge Leute fuͤr einander werden! Eliſabeth, es war einmal ein Maͤdchen“— Gideon ſtand in ſeinem Eifer im Begriff, als eine War⸗ nung fuͤr ſeinen Zoͤgling, einige der Verirrun⸗ gen ſeiner Einbildungskraft in den Tagen ſeiner Eitelkeit— die ſuͤndhafte Ruͤhrung und ver⸗ liebte Abgoͤtterey, zu der ſelbſt er ſich durch menſchliche Liebe hatte verleiten laſſen, zu ent⸗ huͤllen, allein er hemmte den Antrieb und fuhr fort— Wenn das euch erfreuet, was, wenn ihr es recht betrachtet, euch vielmehr betruͤben ſollte, ſo ſeyd uͤberzeugt, daß ſein kuͤhner tapfe⸗ rer Geiſt bey dieſem wilden Galop ſelbſt mit eurem verliebten und kraͤnklichen gleichen Schritt haͤlt. Arme verliebte Dinge. Allein der Herr wird zur rechten Zeit kommen, und euch beide erretten.“ Ich bin uͤberzeugt, daß keine Zeit kommen wird, in der wir einander nicht die theuerſten aller menſchlichen Weſen ſeyn werden,“ dachte Eliſabeth bei ſich; allein ſie verſchwieg ihre Geſinnung. 1 2 159 „Euch vergeſſen!“ fuhr Gideon, wiederkaͤuend fort.„Nein, nein! das wird nicht geſchehen⸗ Der natuͤrliche Menſch, den ich ganz unterwor⸗ fen zu haben glaubte, regte ſich in meiner eige⸗ nen alten Bruſt beim Anblicke der Betruͤbniß die⸗ ſes armen verblendeten Jungen, ſelbſt waͤhrend ich— wie es mir, als einem getreuen Diener des Wortes Gottes geziemte,— die Ungerechtigkeit, die ſchreckliche eigenwillige Suͤnde vor Augen legte, ſein Herz, einer ſo ſchwachen vergaͤnglichen Waare, wie ihr ſeyd— ſo holdſelig auch euer Geſicht ſeyn mag, Eliſabethchen zu ſchenken.“ „Ich gebe euch mein Wort, daß ich kaum weiß, wie ich euch fuͤr dieſen guten Dienſt dan⸗ ken ſoll, Herr Haliburton,“ ſagte Eliſabeth lachend, waͤhrend ihr raſch klopfendes, entzuͤcktes Herz im Geheimen dachte—„Er liebt mich! er liebt mich! Ich bin nicht vergeſſen. Oh wie konnte meine niedrige Beſorgniß, und mein noch niedrigerer Argwohn der Treue Unrecht thun, der ſelbſt das Vorurtheil Gerechtigkeit widerfahren laͤßt.“ Welche heilſamen Eindruͤcke auch auf Eliſa⸗ beth's Herz Gideon's Ermahnungen oder ihre eigenen Beſorgniſſe gemacht haben mochten, ſo ſteht doch zu befuͤrchten, daß ſie alle gleich dem Thaue auf dem Graſe vor der Morgenſonne bei der angenehmen Ueberzeugung verſchwanden, daß ihr Liebhaber ihr noch ein theures Anden⸗ ken widme. Ihr Herz zuͤhlte ſich von einer tie⸗ fern Zaͤrtlichkeit gegen ihn erfuͤllt, den ihr zu ver⸗ 460 theuern alle Umſtaͤnde dazu beitrugen, und ſo wanderte ſie fort, indeß ſie, man muß es geſte⸗ Pen, Gideons etwas verwickelter und dunkler Definition, der nebligen Grenzen, welche ihm zufolge eine erlaubte menſchliche Anhaͤnglichkeit von einer fuͤndhaften trennen, nur eine zer⸗ ſtreute Aufmerkſamkeit widmete. Obſchon menſchliche Zuneigungen in Herrn Haliburton's Glaubensbekenntniß eine ſo niedrige Stelle einnahmen, ſo behaupten ſie doch eine ſehr ausgedehnte Herrſchaft uͤber ſeine Mit⸗ gefuͤhle. Als er ſich mitten in ſeiner Rede zu der in Nachdenken verlornen Eliſabeth wandte, und wahrſcheinlich in ſeinen eigenen fruͤhen Er⸗ innerungen an das Maͤdchen, das einmal war, zu der Sprache des Seufzers fand, der gerade ihre Bruſt ſchwellte, und ihre uͤppige Lippe trennte; ſo blickte er mit einem muͤrriſchen Laͤ⸗ cheln von vermiſchtem Charakter weg, und mur⸗ melte fuͤr ſich hin—„Oh! dieſe Liebe, dieſe verblendete und blendende Liebe! Nur wenig denkt ſie an mich, oder meine Vorleſung.“ In Folge dieſer Entdeckung begann er klugerweiſe von der Art zu ſprechen, auf welche ſie Nachfor⸗ ſchungen nach Wolf Graham anſtellen ſollte. Irland befand ſic um dieſe Zeit in einem ſehr zerruͤtteten Zuſtande— faſt in offenem Aufruhre. Der Geſchaͤftsgang ſtockte faſt gaͤnz⸗ lich— das Reiſen war gefaͤhrlich. Die Poſt⸗ wagen waren mehr als einmal ausgepluͤndert worden, und dieſem Umſtande ſchrieb Gideon 161 nicht unvernuͤnftigerweiſe Wolfs Stillſchweigen zu, das ihn im Geheimen ſelbſt zu beunruhi⸗ gen begann und fuͤr das er einen genuͤgenden Grund aufzuſinden wuͤnſchte. „Ich weiß, daß Saunders Ure Schuhmacher in Gorbals, wohl bekannt iſt mit dem Penpon⸗ terboten, der zu unſerer eigenen Heerde gehoͤrt. Der Penponterbote wird wahrſcheinlich einen bekannten Ueberſendungskanal nach Stranraer haben, wo Robert Maxwell, Speiſewirth, wahr⸗ ſcheinlich jemand in dem Hafen kennen wird.“ Eliſabeth, ſo beſchraͤnkt auch ihre Lebenser⸗ fahrung war, lachte uͤber dieſe ſonderbare Po⸗ ſtenlinie zum Behufe der Communication mit einem jungen Dragonerofficier, der, ein ſo ein⸗ facher und anſpruchloſer Mann er im Schooße ſeiner Heimath war, doch, wie ſie glaubte, un⸗ ter Fremden ſich nichts von ſeinem wahren An⸗ ſehen vergeben werde. Sie erklaͤrte, ſie wolle noch ein wenig laͤnger Geduld haben. Waͤhrend dieſer Plan beſprochen wurde, kam ihnen Harletillum's Gaſt noch einmal zu Ge⸗ ſicht, hemmte den raſchen Lauf ſeines Roſſes, und verbeugte ſich beim Voruͤbergehen nochmals vor Eliſabeth, waͤhrend er auf ihren Gefaͤhrten einen ziemlich erſtaunten Seitenblick warf. Dieſe Suͤßlinge Harletillum's ſind in dem ganzen Lande ausgeſtreut. Kommt Eliſabeth, laßt uns unſern Weg fortſetzen. Gideon ſprach von Graham und ſie hoͤrte zu, er heiterte ſie durch gute Hoffnungen auf baldige Nachrichten 162 aus Irland auf; verſicherte ſie, er befuͤrchtete, es ſey keine nahe Ausſicht da, daß Wolf den ſuͤndhaften Gegenſtand ſeiner Creaturenver⸗ ehrung ſehen werde; endlich, denn was fuͤr ſon⸗ derbare Boten zwingt Cupido nicht zuweilen ihm zu dienen, druͤckte ihr Gideon ohne ein Wort zu ſprechen etwas in die Hand, gleich als ob er ſich geſchaͤmt haͤtte, der Ueberbringer von Taͤnteleien und verbotenen Waaren zu ſeyn, und nahm mit einem eilfertigen Segen Abſchied. Um Mitternacht, ja um zwei Uhr haͤtte man Eliſabeth noch bei dem Paket antreffen koͤnnen, das ihr Gideon auf eine ſo ſonderbare Weiſe ein⸗ gehaͤndigt hatte. Es war das Gemaͤlde ihres Lieb⸗ habers. Die Kuͤnſte haben ſeit jenem Zeitpunkte reißende Fortſchritte in Schottland gemacht; allein dieſes Miniaturgemaͤlde gehoͤrte nicht zu der erſten Gattung gleichzeitiger Vortrefflichkeit. Es war jedoch von ihm uͤberſendet worden— man hatte die Abſicht gehabt, es ihm aͤhnlich zu machen. Eliſabeth heſtrebte ſich, ihres beſſern Geſchmacks ungeachtet, es als ein ausgeſuchtes Probeſtuͤck der Kunſt zu bewundern. Es war ein freiwilliges Gefuͤhl, es als die ſchaͤtzbarſte Gabe der Zuneigung zu achten, tauſend ver⸗ liebte Worte an daſſelbe zu richten, und es mit tauſend Kuͤſſen zu bedecken, ungeachtet der Ver⸗ werflichkeit eines Geſchmackes, der vielleicht ge⸗ nau erwogen, uͤbertrieben und zuruͤckſtoßend ſeyn mochte; denn ſelbſt Raphael haͤtte dieſes Bild nicht ſo malen koͤnnen, daß es Eliſabeths Einbil⸗ d . .— — 165 dungskraft befriedigt haͤtte. Ihr erſter Ein⸗ wurf war— es iſt wie er, aber es iſt nicht er— welche Bemuͤhung der Kunſt haͤtte dieß umaͤn⸗ dern koͤnnen.—„Ich darf die Geſchicklichkeit des Kuͤnſtlers nicht tadeln,“ dachte ſie. Kalt und ernſthaft blickt er mich an— der Ausdruck ſeines Geſichtes aͤndert ſich nie— nie ver⸗ ſchwemmt ſein ſtrahlendes Auge mit dem meini⸗ gen— nie zwingt es das meinige ſich vor ſeinem brennenden Glanze in ſuͤßer und williger Unter⸗ werfung niederzubeugen. Aber wer, als ich ſelbſt kann alles errathen, was dieſe leidenſchaft⸗ liche Miene auszudruͤcken vermag. Sie moͤgen mir dieſe braunen Locken geben— die offene Stirne voll ernſter Guͤte; aber die Lippen— die Augen mit allen ihren reichhaltigen und mannigfaltigen und gluͤhenden Bedeutungen— wie koͤnnte dieſes kalte, todte Ding auch nur ihr Schattenbild darſtellen. Fuͤr ſo abgoͤttiſch Eli⸗ ſabeth auch erklaͤrt wurde, ſo bedurfte ſie doch keines wirklichen Bildes zum Behufe ihrer Ver⸗ ehrung; denn ſo hoch ſie auch das Bild ſchaͤzte, ſo wandte ſie doch jezt ihr Auge von ihm weg, um nach dem lebenden Bilde in ihrem Innern zu blicken, das die eigene Hand der Liebe mit tiefen, gluͤhenden und unausloͤſchlichen Flam⸗ menzuͤgen in ihr Herz geſchrieben hatte. Dieſer Art alſo war die unmittelbare Wir⸗ kung der frommen Ermahnungen und Warnun⸗ gen Gideon's. 4 Ach t e 5 Kapikel. Die Reiſe. Mit mehr Vorſicht, als vielleicht in einem Lande noͤthig war, in welchem die Natur ihrer Verbindung nicht leicht falſchen Deutungen un⸗ terworfen war, zog Kapitaͤn Wolf Graham durch die verſchiedenen Doͤrfer und Staͤdte, die auf ihrem Wege lagen, bis ſie am vierten Tage das„alte Ayr“ erreichten. Sie reisten jedoch nicht immer in Geſellſchaft— denn Gideon lenkte faſt jede Nacht nach den Suͤmpfen ab, wo irgend eine kleine, mit Stroh gedeckte Huͤtte ohne Rauchfaͤnge, nach dem Modell des Salzfaſſes eines Paͤchters erbaut, einen cameronianiſchen Verehrungsort zu finden, gab ihm Hoffnung, eine benachbarte, dem Ausſehen nach gleich be⸗ ſcheidene Huͤtte zu finden, in welcher irgend einer ſeiner aͤcht apoſtoliſchen Bruͤder wohnte. Es vertrug ſich eben ſo wevig mit Gideons Froͤmmigkeit als mit ſeiner Sparſamkeit, ſelbſt in den niedrigſten oͤffentlichen Haͤuſern zu uͤber⸗ nachten, und wuͤrde zudem eine Verletzung der Gewohnheiten ſeines Standes geweſen ſeyn. Wenn ſie irgend ein kirchliches oder weltliches Geſchaͤft von ihrer Heimath entfernte, ſo hatten 1 2 —,— 165 1 ſie ihre regelmaͤßigen Einkehrhaͤuſer; und nie war ein luͤgenhafter Pilger oder ein Barfuͤßer⸗ Moͤnch zur Abendzeit willkommener am Kamine eines Gutsbeſitzers oder Paͤchters, als der wan⸗ dernde cameronianiſche Geiſtliche am Kamin⸗ feuer der urſpruͤnglichen Paͤchter in dem Huͤgel⸗ lande des ſuͤdweſtlichen Theils von Schottland. Die Wohnungen der regelmaͤßigen Prieſter waren nothwendig nur in geringer Anzahl vor⸗ handen, und weit von einander entfernt; allein Laienbruͤder waren um dieſe Zeit durch alle Kirchſpiele und in geringer Entfernung entfernt⸗ und irgend eine fromme und gaſtfreie Wittwe, oder ein reiches kinderloſes Paar hatten ein be⸗ quemes uͤbriges Zimmer fuͤr den Mann Gottek, oder eine Scheune fuͤr den wandernden Bettler oder den armen reiſenden Kaufmann. Selbſt in Familien, die weniger im Stande waren⸗ die Gaſtfreundſchaft auszuuͤben, war oſt ein ſo⸗ genanntes„Prophetenzimmer“ anzutreffen⸗ in welchem ſich eine Menge Ruheſtaͤtten befan⸗ den, die ſelten eines gelegenheitlichen Inhabers ermangelten. Mit groͤßerem Widerſtreben wurden ein Obdach und ein wenig grobes Futter der Jenny Geddes und Pferden ihrer Gattung zugeſtanden, die in jenen Zeiten auf den alten Viehwegen in den ſuͤdlichen Grafſchaften ſo be⸗ kannt waren, als die fluͤchtigen Pferde, die heu⸗ tiges Tags die Briefpoſt Sr. Majeſtaͤt von St. Alban's nach London ziehen. Auf dieſe gaſtfreundliche Weiſe brachte Herr 166 ter den Huͤgeln, wo der Stinchar fließt,“ bei einem graukoͤpfigen Aelteſten ſeiner Secte zu; und als er am naͤchſten Tage, nach genommener Abrede mit dem Kapitaͤn Wolf Graham an der Kuͤſte zuſammentraf, ſo war es ſo ſpaͤt, daß ſie einige Beſorgniſſe im Betreff ihres naͤchſten Ruheortes hegten. In der Familie, welche Gideon beſucht hatte, herrſchte Krankheit und Zwieſpalt unter der zerſtreuten Heerde; und als der Prediger zu verſtehen gab, daß er aus Mitleid fuͤr den Kranken und Bekuͤmmerten, und indem er Zwiſtigkeiten geſchlichtet und die Preſchen in dem Zion von Stinchar wieder aus⸗ gebeſſert habe, zuruͤckgehalten worden ſey, ſo ſchien er es als eine ausgemachte Sache zu betrachten, daß er keiner weitern Entſchuldigung beduͤrfe. In gewoͤhnlichen Umſtaͤnden verlaͤn⸗ gerte er ſeine Beſuche nie. Es war gewoͤhn⸗ lich Nacht, ehe er in ſeinem Quartiere ankam, und bei Tagesanbruch trabten er und Jenny Geddes mit dem unbeſtochenen Beiſtande des Kuͤchenjungen nuͤchternen Tritts nach ihrer naͤchſten Station fort. Die Freunde hatten bereits einen guten Theil des Innern von Ayrſhire durchwandert, ohne daß es ihnen gelungen war, eine Spur von der Tochter der Wehemutter aufzufinden. Ein drohender Abend war im Begriff, auf einen rauhen ſtuͤrmiſchen Tag zu folgen, als ſie ſich am Seeufer trafen, aber noch viel wei⸗ Gideon einen Abend in einem Pachthauſe„hin⸗ 4 „— 167 ter von ihrem Beſtimmungsort fuͤr die naͤchſte Nacht entfernt, als es ihnen der Zuſtand der Witterung erwuͤnſcht machte. Der leztere Theil ihrer Tagereiſe fuͤhrte ſie laͤngs einer kuͤhnen und wilden Kuͤſtenlinie hin, die von einer Straße durchſchnitten wurde, die jezt um nie⸗ dere Huͤgel fuͤhrte, dann in Buchten einbog, und ſich ploͤtzlich um die eiſernen Stirnen hoher und ſchroffer Vorgebirge wand. Das einzige ſichtbare Ding auf dieſer Straße war die Port⸗Patrik⸗Fliege, die in der Ferne gleich dem mit Fluͤgeldecken beſchwingten Roßkaͤfer dahinkroch. Es war fuͤr Graham eine muͤhſame Tage⸗ reiſe, denn Jenny Geddes war eine Dame, die zu ſehr an ihren eigenen Gang gewoͤhnt war, als daß ſie jezt aus demſelben haͤtte ge⸗ bracht werden koͤnnen; und obſchon Gideon ihm zuweilen einen Peitſchenhieb oder Fauſt⸗ ſchlag verſezte, in Folge deſſen ſie zum öffen⸗ baren Mißmuthe ihres Reiters die Hinterbeine in die Hoͤhe ſchlug, ſo fiel ſie doch bald wie⸗ der in ihren gewoͤhnlichen Tripp Trapp zu⸗ ruͤck. Wenn ſich daher eine Ebene zeigte, ſo nahm Graham und ſein gutes Roß Saladin zum Zeitvertreib einen raſchen, jugendlichen Ausreiß von einer oder zwei Meilen, und war⸗ teten entweder auf ihre Freunde oder kehrten zuruͤck, bewillkommt von Jennp's verliebtem Wiehern zum Zeichen gegenſeitiger Entdeckung. Die lezte Entdeckung, welche Wolf vor dem 168 Einbruche der Nacht machte, war unangenehm genug,— ein Schiff in der hohen See, das die Segel einzog, um dem Winde zu begeg⸗ nen, und jedes Zeichen von Verlegenheit und Beſtuͤrzung von ſich gab. „Wir werden wahrſcheinlich eine wilde Nacht bekommen, Herr Gideon,“ ſagte der Soldat, der zuruͤckgeritten war, um ſeinen Freund einzuholen. Ich wuͤnſche von Herzen, wir befaͤnden uns in jenem Groſſgates of Caberax, oder wie ihr es nennt. Ich beharre darauf, daß ihr daſelbſt die ganze Nacht bei mir bleibt, ungeachtet jener gaſtlichen Freunde, die euch⸗ glaube ich, jede Nacht Obdach und Nahrung geben. Ihr muͤßt in der That bei mir blei⸗ ben. Ich bin reich, mein Herr⸗— ich habe Felder und Ochſen, oder ich werde ſie noch bekommen.“ Dieß war die leichte Sprache, die oft einen 4 eben ſo leichten Beutel begleitet. Wir haben von Gideons Sparſamkeit geſpro⸗ chen. Der Ausdruck war unrichtig. Derje⸗ nige Menſch kann nicht ſparſam genannt werden, der faſt ſein ganzes Einkommen ver⸗ ſchenkt. Gideons Einkommen war unbedeu⸗ tend— allein ſeine Beduͤrfniſſe waren noch unbedeutender,— ſo daß er vergleichungsweiſe ein reicher Mann war, und was noch ſeltener iſt, ſich zuverlaͤßig fuͤr einen ſolchen hielt, wenn er nach Verfluß des Halbjahrs ſeine wenigen Schulden zahlte, und dem, der es bedurfte, alles 169 alles uͤbrige gab, und ſeinen Schatz buchſtaͤblich im Himmel aufbewahrte, mit einem Antheile von der ſelbſtgefaͤlligen Behaglichkeit, die von dem Bewußtſeyn des Reichthums unzertrenn⸗ lich iſt— denn er hatte eine Guinee und fuͤnf Schillinge in der Taſche— antwortete er auf Wolfs Vorſchlag, die gemeinſchaftlichen Reiſe⸗ koſten beſtreiten zu wollen: „Nein, mein Kapitaͤn Wolf, ſeyd deßwegen ruhig, ich bin weit entfernt, ein duͤrftiger Mann zu ſeyn. Habt ihr nie von dem hundert Mar⸗ ken⸗s) Zuſchuß gehoͤrt, Freund? Ich trachtete nie darnach, ich bin deſſen gewiß; allein mein Loos, inſoweit es das weltliche betrifft, iſt ſo guͤnſtig, als ich es mir wuͤnſchen kann, theils mit dieſem, theils mit jenem— einem Hauſe —(die Seſſion ſteht im Begriff, einen Mann aufzuſtellen, um das Strohdach zu verbeſſern und es warm und waſſerdicht zu machen— im Sommer ſind die Loͤcher in dem Dache luftig und angenehm genug) dem Kuͤchengar⸗ ten und einem gemeinſchaftlichen Waideplatz fuͤr Jenny, kann ich nicht ſagen, daß die Pfruͤnde von Sauerloch communibus annis den Kopf der Sau zum Schwanze des Ferkels gelegt, vielweniger eintrage, als 35 engliſche Pfund.“ Dieß wurde— eine Pauſe zwiſchen jedem *) Eine ehemalige ſchottiſche Silbermuͤnze, drei⸗ zehn und ein Drittel Pfenninge Sterling an Werth. Anmerk. des Ueberſetzers. Eiiſ. von Bruce. I. 8 170 emphatiſchen Worte— in einem ganz zutrauli⸗ chen Style gefluͤſtert, indeß Gideon ſeinen Mund in die Nachbarſchaſt der Ohren des jun⸗ gen Mannes brachte, und Jenny ihre feuchte Naſe ſanft auf Saladins ſtolzen Nacken legte, eine Freiheit, die er kaum zu billigen ſchien. „Ich habe ein liebreiches Volk,“ fuhr Gi⸗ deon fort.—„Die Hausweiber ſind bei mir geweſen, und haben einen Tropfen Theewaſſer in meiner Einſamkeit eingenommen. Jungfer Liſabeth hat mir den Geſchmack dazu beige⸗ bracht— und ſicherlich kann ich ſo etwas aus⸗ fuͤhren; allein daß ſich ein Mann, wie ich bin, mit Leckereien haͤtſchelt, waͤhrend ein man⸗ cher koſtbarer trefflicher Heiliger und ein man⸗ cher armer Tropf nicht einmal eine Suppe zum Mittageſſen hat, daran iſt nicht zu denken.— O, daß ich aller dieſer Guͤte wuͤrdig wuͤrde! und verhuͤte Gott, daß der Reichthum zum zweitenmale eine Schlinge fuͤr mich wird!“ „Fuͤrchtet dieſes nicht— ich will euer Buͤrge ſeyn,“ ſagte Graham. „FIch weiß nicht, Kapitaͤn Wolf. Der, wel⸗ cher ſteht, ſehe ſich vor, daß er nicht falle. Ich wurde in eine arge und ſchwarze Verſu⸗ chung in eben dieſem Jahre gefuͤhrt, in der Geſtalt eines ſogenannten doppelten Jo⸗ ſeph's. Ich hatte nie zuvor gepraͤgtes Geld von ſolchem Glanze und Werthe geſehen. Ich erhielt es bei der halbjaͤhrigen Martiniszahlung. So legte ich meinen goldenen Goͤtzen in eine 171 hoͤrnerne Schnupftabaksdoſe, und an meinem ruhigen Bette ſogar, wenn ich des Nachts erwachte, brachte mir der Teufel der Gierig⸗ keit, der boͤſe Mammon ſelbſt meinen golde⸗ nen Johannes in Kopf, und wie ich am be⸗ ſten damit wuchern, und einen andern und wieder einen andern dazu legen koͤnnte; allein ich rang mit dem boͤſen Geiſte und ſiegte mit Huͤlle des Allmaͤchtigen. Ich glaube, meine Schublade und Bank wird ins kuͤnftige meine Hoſentaſche ſeyn, oder die Mehllade irgend ei⸗ ner alten Wittwe. Ich werde dann keine Com⸗ mode mehr zu verſchließen brauchen— keine Tubal⸗Cains Arbeit in meinem Zelte mehr haben.“ Der gute Mann ſchloß ſeine grauen Au⸗ gen, und ſchien eine Minute lang im Stoß⸗ gebete wegen dieſer merkwuͤrdigen Befreiung aus der Strenge des Reichthums und der Ge⸗ walt der Luͤſternheit vertieft. Ein Laͤcheln er⸗ ſchien auf Grahams Lippe— ein halb aus⸗ geſtoßener Seufzer verjagte es, als er ſeine eigene Erleuchtung und die Kenntniß des Guten und Boͤſen, die er ſich durch das Genießen der bittern Aepfel der Erfahrung erworben hatte, mit Gideons urſpruͤnglicher Einfalt ver⸗ glich. 3 „Da ich eure Gaſtfreundſchaft kannte,“ ſagte Wolf, ſo konnte ich nicht begreifen, wie ihr reich ſeyn koͤnnt— ſo muͤßt ihr mir in der That zugeben.“— 172 „Gaſtfreundſchaft! wenig kann ich in die⸗ ſem Betracht prahlen, Junge, ein ordentliches Mittagseſſen, oder ein Paar alte Lumpen ei⸗ nem duͤrftigen Mitgeſchopfe, das in meinen Weg kommt, im Namen deſſen zu geben, der mich ſo reichlich bedacht hat, iſt blos eine Klei⸗ nigkeit, Kapitaͤn Wolf.“. „Wenn ihr nicht gaſtfreundſchaftlich ſeyd,“ ſagte Graham,„ſo weis ich nicht, wer es iſt. — Ich weiß, daß ihr naͤrriſches Volk, und Bettler und Landſtreicher Wochen und Monate lang in den Sauerloͤchern behalten habt, unſere Freundin Jungfer Jacky Pingle zum Beiſpiel.“ „Nur geringer Dank gebuͤhrt mir dafuͤr, mein lieber Junge; wir waren alte Haus⸗ freunde, wie ich euch oft geſagt habe; und, wenn ſie keinen Sparren im Kopf hat, ſo hat ſie eine Kunſtfertigkeit mit ihrem Finger⸗ hut und ihrer Scheere, die ganz ſonderbar iſt, wie mir das Weibervolk und der Laird ſagen — denn ich bin ein Ignoramus in der Naͤ⸗ herei. In dieſen lezten ſechs Wochen, in de⸗ nen ſie ſich in den Sauerloͤchern aufhielt, that ſie mir ſo viel Weißzeug naͤhen, und an den Ferſen meiner geſtreiften Struͤmpfe ſtricken, als mich bei der Schulmeiſterin zu Caſtleburn zwanzig Pfennige Sterling gekoſtet haben wuͤr⸗ de; ſo duͤrfen wir alſo unſere Gaſtfreundſchaft nicht hoch anſchlagen.— Wir ſind bereit ge⸗ ag, ruhmredig zu ſeyn, ohne das Ernaͤh⸗ 175 ren der armen Jacky Pingle, mit dem Namen Gnadenhandlung goͤttlicher Einſchaͤrfung zu belegen, wodurch gewiſſe Leute Engel bewir⸗ thet haben.“ „Ich gerathe ſicherlich nicht in den Irrthum, daß ich glaube, ihr bewirthet einen Engel, indem ihr die arme Miß Jacky in euer Haus auf⸗ nehmet,“ ſagte Graham laͤchelnd;„allein ich bin uberzeugt, wie ich ſagte, daß wenn ihr nicht gaſtfreundſchaftlich ſeyd, ich nicht weiß, wer es iſt. Beilaͤufig kenne ich kein Wort in der engliſchen Sprache, das mehr gemißbraucht wird, oder einen zweideutigeren Sinn hat, als eben dieſes.— Man hoͤrt von der Gaſt⸗ freundſchaft des Lehensherrn. Ich bitte, es auf gleiche Stufe mit der neuern Gaſtfreund⸗ ſchaft der neuern Parlamentskandidaten zu ſtellen;— ſo viel Rindfleiſch und Bier— ſo viele Baͤlle und Gaſtmaͤhler,— ſo viel Ehre muß aufrecht erhalten werden, oder ſo viel Dienſte ſind geleiſtet worden, und werden erwartet.— Die Gaſtfreundſchaft der Grille (Herrn Hutcheon's Behauſung) und ſolcher Oerter, von denen wir manchmal hoͤren, ſind eine andere unaͤchte Art dieſer milden Tugend; herrliche Gaſtmaͤhler, ein Opfer der perſoͤnli⸗ chen Eitelkeit mit ſtolzer Prahlſucht dargebracht, und mit Gleichguͤltigkeit oder Verachtung nach Gebuͤhr von Perſonen aufgenommen, die der Guͤte oder Unterſtuͤtzung weder beduͤrfen noch darum bitten, obſchon es ihnen an Unterhal⸗ 174 tung fehlt. In einem niederen Stande ver⸗ leitet dieſelbe Eitelkeit eine andere Klaſſe von Perſonen, alle Arten von Menſchen, Kaͤnſtler, Reiſende, Rekrutirungsoffiziere, Schauſpieler u. ſ. w. zu bewirthen, und das muß wahrlich Gaſtfreundſchaft ſeyn. Dieſer unſeligen Nei⸗ gung wird manches aufgeopfert, was auf eine andere Art verwendet werden ſollte. Kein Menſch, Herr Gideon, wurde je ein Maͤrtyrer dieſer Tugend, wenn er ſie in ihrem reinen und einfachen Sinne ausuͤbte. Der Ernaͤhrer des Betruͤbten und der Wittwe, des Kranken, des Lahmen, des Blinden, derjenige, welcher den ſcheuen, freundloſen Fremdling zu ſeinem beſcheidenen Mahle fuͤhrt, wird ſich, ich wage die Prophezeihung, nie durch die Gaſt⸗ freundſchaft zu Grunde richten, eine Tugend, die einigen Leuten zu Folge die Haͤlfte der Verzeichniſſe der Bankbruͤchigen anfuͤllen.„In der That, das, was ihr da ſagt, hat einen Anſtrich von Vernunft, Kapitaͤn Wolf.“ „Ich bin uͤberzeugt, die Gaſtfreundſchaft, wenn ſie noch eine Heimath auf Erden hat, verweilt noch in Strathoran bei euch und meinem Oheime, ſagte Wolf. Ich gelobe, es liegt mehr aͤchte Guͤte in dem Mittageſſen, das er ſo oft jenen armen Leuten gibt, dem peri⸗ pathetiſchen Wundarzt von Rookſton, der un⸗ ſere Umgegend durch Sixpenny Aderlaͤſſe und Schillingsblaſen purgirt, und unſerem krypto⸗ katholiſchen Pfarrgehuͤlfen mit ſeiner dreifachen 175⁵ Pflicht und ſeiner vierteljaͤhrigen Lehnung als in zwanzig Gaſtmaͤhlern des Lord Majors, und Einfuͤhrungsbriefsmittageſſen. Ich ver⸗ laſſe ihn in ſchlechten Zeiten, Herr Haliburton; aber ich bin uͤberzeugt, ein ewiger Segen wird auf der guten alten Seele zuruͤckbleiben, die nie ein hungriges Herz von ihrer Thuͤre weg⸗ ſchickte. Ich bin uͤberzeugt, wenn ich nicht ein beſſerer Menſch bin, ſo lange ich lebe, weil ich euch beide kennen gelernt habe, ſo verdiene ich gehangen zu werden.“ Als Gideon dieſe verdaͤchtige Lehre hoͤrte, ſo guͤrtete er ſeine Lenden zu dem polemiſchen Kampfe, und war im Begriff, die heterodoxren Begriffe des jungen Soldaten von Milde, Mit⸗ leid und Gaſtfreundſchaft etwas ausfuͤhrlich zu widerlegen, als der Juͤngling ſeine Aufmerk⸗ ſamkeit auf das ringende Schiff lenkte, das ein erhabener Punkt der Straße ihnen jezt deutlich zu ſehen erlaubte. Die traͤgen, fro⸗ ſtigen Nebel, die den ganzen Tag uͤber die Huͤgel verhuͤllt hatten, fielen jezt ploͤtzlich auf ihren Weg nieder. Kap und Inſel und Vor⸗ gebirge, die ſich den ganzen Tag uͤber in dun⸗ ſtiger Perſpective ausgedehnt hatten, wurden nach einander ausgeloͤſcht, und als die Reiter um die ſchuͤtzende Ecke einer Felſenwand rit⸗ ten, waren ſie ploͤtzlich der ungemilderten Wuth des Sturmes ausgeſezt, der wild von dem Meere hertobte, rieſelnde Duͤnſte von ſeinen Schwingen ſchuͤttelnd, waͤhrend ſie an die 176 zerſplitterten Felſenriffe ſchlugen, an deren Fuß die Fluth kochte und laͤrmte. Der Vollmond zog uͤber den Himmel, durch truͤbe und gelbe Wolken blickend, als ob auch er ſich verirrt, und oben denſelben Kampf zu beſtehen haͤtte, den das kleine Schiff in der wallenden Fluth kaͤmpfte.— Die Ausſicht war ganz und gar troſtlos und ſchmerzlich.. „Wir werden eine uͤble Nacht bekommen, Herr Haliburton. Der Wind fuͤhrt immer irgend ein Unheil im Schilde, wenn er zu ſeinem Zerſtoͤrungswerke auf dieſe Art Lillibu⸗ lerd pfeift. Koͤnnt ihr jene armen Seelen noch ſehen?“ Gideon ſeufzte—„Ach nein! Diejenigen, welche in Schiffen auf die See hiuabgehn, und die Wunder der großen Tiefe ſchauen, haben ebenſoviel zu leiden, als zu ſehen, Ka⸗ pitaͤn Wolf. Laßt uns ſie ihn anempfehlen, der auf den Fluthen ſizt, und die Winde in der Hoͤhle ſeiner Hand haͤlt, der die Wolken zu ihrem Zelte macht! und treibt Jenny nach Moſſbrettles zu John Fennick. Er wohnt in einer Koͤhlerhuͤtte, nahe bei der Kuͤſte, und wir koͤnnen ſeine Laterne aushaͤngen, um das Boot von einem unheilvollen Fleck da unten wegzuleiten, der ſchon manches gute Schiff zertruͤmmert hat. Gottloſe Leute nennen ihn des Teufels Salzfaß; und in der That, ich hoͤrte ihn nie anders nennen— wie kann ich mich alſo anders ausdruͤcken.“. 177 „Und trefflich iſt auch dieſer Name; allein ich bin uͤberzeugt, dieſe armen T— das heißt Seelen werden heute Nacht nicht in die Salz⸗ bruͤhe ſeiner ſchwarzen Majeſtaͤt gerathen, ich will voraneilen und mit euren Freunden thun, was ich kann; und ihr koͤnnt mit Jenny in Muße nachkommen.“ Gewaltig muͤhte ſich Gideon ab, um auf der Bahn der Menſchlichkeit nicht zuruͤckzubleiben; und oft redete er Geodes an, allein ehe er das Kaberay erreichte, flammte ein Feuer an dem niedrigen Punkte, und Graham ſtand da, und gebot einem Trupp junger Purſchen, die alle willig und bereit waren, ſeinen Befehlen zu gehorchen, oder ihrer uͤberlegenern Kenntniß der Kuͤſte wegen beſſere Auskunftsmittel vor⸗ zuſchlagen. Achtes Kapitel. Die Paͤchtershalle. und ſolchem dankt alt Schottland ſeine Größe. Bures. — Wandernde Apoſtel, ſo wie jede andere Gat⸗ tung von Reiſenden, ſind oft, glauben wir, dem ſchoͤnen Geſchlechte fuͤr die Guͤte und Annehmlichkeit ihres Empfangs eben ſo viel Dank ſchuldig, als dem ſtrengen Geſchlechte. 178 „Den beſten Tiſch und den Sitz am Feuer“ war in Schottland, ſeit undenklichen Zeiten, das verjaͤhrte Recht„der heiligen Leute“ ge⸗ weſen; und im Punkte der Gaſtfreundſchaft keineswegs lau, bewillkommten David Fennick und ſein Weib„den Mann Gottes“ herzlich; und da er kalt und naß war und an dem Ufer nichts nuͤtzen konnte, ſo hielt ihn David mit ſtarkem Arme zuruͤck, ſobald er ſeine Ab⸗ ſicht kund that, ſich zu den jungen Leuten zu begeben. So ließ man ihn ſeine durchnaͤßten Kleider ablegen um ſich mit warmen und trockenen zu bekleiden, worauf er ſich in den Kamineck niederſezte. Wenn der Abend draußen rauh war, ſo diente ſeine Strenge nur dazu, die Freund⸗ lichkeit der Paͤchtershalle zu erhöhen. Dieſe Kuͤche und Halle— denn es war der gemein⸗ ſchaftliche Platz der zahlreichen Familie, und diente in allen haͤuslichen Zwecken— war ein geraͤumiges Gemach mit ſtarken und rauhen ſteinernen Mauern, durch glaͤnzende raͤucherige Sparren gewoͤlbt, und mit einem uͤberhim⸗ melten offenen Kamine verſehen. Durch ſeine maleriſchen Wendungen verbreitete ein flam⸗ mendes Feuer, das den Kaminroſt fuͤllte und von dem benachbarten Moor reichlich genaͤhrt wurde, einen duͤſter rothen Glanz, der ſicher⸗ lich reicher und waͤrmer war, als die koſtbarſte Flamme, die je Wachskerzen oder Gas in den glaͤnzendſten Fuͤrſtenhallen verbreiteten. Ein 179 metallener Wandleuchter, einiges ſchimmerndes Kupfergeſchirr und ein mit Zinngeraͤth wohl⸗ gefuͤllter Schrank thaten mehr fuͤr das Ge⸗ mach in Betreff der geeigneten Ausſchmuͤckung, als Spiegel oder Gemaͤlde haͤtten thun koͤn⸗ nen. Allein es fehlte der Halle nicht an Ge⸗ maͤlden. In einem alten, mit Schnitzwerk verzierten, eichenen Stuhle unter dem Kamin⸗ himmel ſaß, mit ſeinem Gaſte ſich unterhaltend, der grauhaarige Patriarch, grau gekleidet, mit Geſichtszuͤgen, die einen milden Ernſt aus⸗ druͤckten, und ſeine gut disciplinirten Unter⸗ thanen, die er, wohin er blickte, mit ihren ge⸗ woͤhnlichen Verrichtungen beſchaͤftigt ſah, mit maͤßig freundlichen Blicken. Ihm zunaͤchſt aber, auf einem niedrigern dreifuͤßigen Stuhle, ſaß eine kleine ehrbare Matrone(ein Maͤdchen, beilaͤufig geſprochen) die Muhme ſeines Weibs, die Wolle fuͤr Davids bluͤhende mannbare Tochter kaͤmmte, die ihr Spinnrad luſtig, mit jenem gedaͤmpften Summen drehte, das der hoͤchſte Grad profanen Geſangs war, den ſie ſich in ihres Vaters geehrter Gegenwart er⸗ lauben durfte. Zuweilen warf ſie unwillkuͤhr⸗ lich einen ſchnellen und verſchaͤmten Blick hin⸗ ter ſich, wenn ein Geraͤuſch an der Thuͤre gehoͤrt wurde, eine Bewegung, die eben ſo oft das ſchlaue Auge eines Knaben, ihres juͤn⸗ gern Bruders auf ſie zog, der vor dem Ka⸗ mine auf den Boden hingeſtreckt lag, ſeine lateiniſche Lection auf den naͤchſten Tag erler⸗ 180 nend. Ein Landmann, faſt eben ſo alt und grau als ſein Herr, ſchlug Hufnaͤgel in ei⸗ nen benagelten Schuh; und ein wenig im Hintergrunde flocht ein Kuͤhjunge ein Vo⸗ gelkaͤfig aus Weiden— indeß ein kleiner Knabe, der Benjamin der alten Tage Davids, der dem unter Jocks kunſtfertiger rechten Hand wachſenden Baue zuſah. Ein vierſchroͤtiges rothwangiges Bauernmaͤdchen bereitete in einer andern Ecke des Zimmers zum gemeinſchaftlichen Nachteſſen der Familie eine Schuͤſſel Erdbir⸗ nen zu, die eine ganze Gemeinde des Huͤgel⸗ landes gefuͤttert haben wuͤrde; und das Haus⸗ weib, eine holdſelige wohlgediehene Matrone, die viele Jahre juͤnger war, als ihr Herr, fuͤhrte die Aufſicht uͤber die ganze Haushal⸗ tung. Eine gewiſſe Anzahl reizender und an⸗ ſprechender Blutwuͤrſte, die im Kamine auf⸗ gehaͤngt waren, zeigten, daß gute Dinge un⸗ terwegs waren; denn die Kuh war geſchlach⸗ tet und eingeſalzen. Und waͤhrend Gideon und ſein Wirth abſeits ſaßen— ſich laut beſprachen Von Vorſicht, Ahnung, Willen und Geſchick, Feſtſtehendem Geſchick— wurde das Geſchick eines Huͤhnchens beſiegelt, vielleicht zur Ehre des Kapitaͤn Graham. „Mein wuͤrdiger Vater— ihr werdet euch wohl an ihn erinnern, Herr Gideon,“ ſagte die Dame,—„pflegte ſtets ſcherzweiſe zu behaupten, daß zwiſchen einem Schwarzrocke 181 und einer Blutwurſt eine natuͤrliche Freund⸗ ſchaft und Vertraulichkeit ſtattfinde; und ihr werdet dieſe Nacht, damit euch die Kartoffeln beſſer ſchmecken, eine bekommen, und ſollte es auch mein leztes ſeyn.“ Hier warf ſie einen ſtolzen Blick auf ihre reichen Vorraͤthe. Dieß wurde in Davids Abweſenheit geſprochen, der weggegangen war, um dafuͤr zu ſorgen, daß dem Vieh nichts abging.“ David war in ſeinem haͤuslichen Kreiſe ſtets eifrig bemuͤht, ſein Anſehen aufrecht zu erhalten. Ausgenommen gegen den Liebling Benjamin war er gegen ſeinen ganzen Haus⸗ halt ein ſehr ſtrenger Zuchtmeiſter. Wenige aͤußerliche Zeichen des Frohſinns durften in ſeiner Gegenwart an den Tag gelegt werden; allein wenn er ſich zu ſeinen Andachtsuͤbungen außerhalb ſeines Wohnhauſes oder in ſein ge⸗ taͤfeltes Schlafgemach verfuͤgte; ſo trat eine Stunde jugendlicher Zerſtreuung fuͤr die Fa⸗ milie ein, der David nicht leicht durch die Finger ſah, wie jeder verſtaͤndige, unumſchraͤnkte Monarch thun ſollte, der offenen Aufruhr un⸗ ter ſeinen Unterthanen zu verhuͤten wuͤnſcht. Allein Friede, Ueberfluß und Guͤte umgaben ihn, und der leiſe gefluͤſterte Spott der Gna⸗ den gegen ihre Schweſtern oder das Dienſt⸗ maͤdchen und der in dem naͤmlichen Tone ausgedruͤckte heimliche Verweis der Matrone: „Wollt ihr nicht ruͤhig ſeyn?— der Haus⸗ herr wird augenblicklich kommen, und euch be⸗ 1 182 ſtrafen,“ zeigten, daß hier aͤchter Frohſinn herrſchte, obſchon die laute Aeußerung deſſel⸗ ben verſagt ſeyn mochte. Waͤhrend David damit beſchaͤftigt war, ſei⸗ nem Bieh zu ſtreuen, ein wenig brummend uͤber die verlaͤngerte Abweſenheit ſeines Soh⸗ nes und der juͤngern Knechte, die noch ein flackerndes Feuer auf der Kuͤſte unterhielten, begab ſich Gideon, begleitet von den Signal⸗ lichtern dahin. Die um jenen Zeitpunkt laͤngs dieſes Kuͤſten⸗ ſtrichs errichtete Policei war nothwendiger⸗ weiſe hoͤchſt wachſam und ſtreng. Die verderb⸗ lichen Einwirkungen jener ſchlimmen Zeit, wel⸗ che die menſchliche Bruſt gegen ihr Geſchlecht ſtaͤhlten, hatten ſich ſogar auf dieſe friedliche und vergleichungsweiſe ſichere Gegend ausgedehnt; und die Bewohner der ſchottiſchen Kuͤſte waren geneigt, alles, was ſich von der entgegengeſezten Kuͤſte her naͤherte, mit großem Mißtrauen und unbilliger Abneigung zu betrachten. Die Familie eines andern Paͤchters, die mit David Beſitzer dieſes Sumpflandes war, be⸗ ſchaͤftigte ſich noch mit den lezten Einheimſungen eines ſpaͤten Herbſtes. Waͤhrend der ganzen Nachmittagszeit dieſes ſtuͤrmiſchen Tags hatte dieſer Paͤchter das Schiff bemerkt, das in der Bucht umherſegelte, und er vermuthete, daß es ſich von irgend einem Inſelchen an der belager⸗ ten Kuͤſte von Andrim weggeſtohlen habe, die vielleicht ſein Schiffsvolk gefaͤhrlicher fand, als die 185 mit Eiſenreifen umgebenen Kuͤſten des ſuͤdweſt⸗ lichen Schottlands, und das Getoͤſe der Wogen, Stroͤmungen und Brandungen, mit denen ſie kaͤmpfte. Das Schickſal des kleinen Schiffs war in der That ſeit einigen Stunden der Ge⸗ genſtand einer lebhaften und beunruhigenden Theilnahme fuͤr das Volk auf der Kuͤſte geweſen. Sein Schiffsvolk mochte aus Rebellen, Moͤr⸗ dern oder Brandſtiftern beſtehen— aber im⸗ merhin waren ſie doch Menſchen und in dieſer Stunde toͤdtlicher Gefahr wurde die Anforderung in ihrer ganzen Kraft gefuͤhlt. Kapitaͤn Gra⸗ ham's Gegenwart und Thaͤtigkeit hatte zudem um dieſe Zeit die Anweſenden an der Kuͤſte zu thaͤtiger Huͤlfe befeuert, und obſchon David Fennick's Hauszucht ſeinem Weibsvolke nicht erlaubte, im Freien umherzuſtreifen, ſo ſtan⸗ den doch verſchiedene weibliche Perſonen bei der Gruppe, die ſich um Gideon und David verſammelt hatte; und ihr Mitgefuͤhl war im hoͤchſten Grade erregt, und uͤbte den ſtaͤrkſten Einfluß auf ihre Umgebung aus. „Oh, wenn ſie den Cutter erreichen koͤnn⸗ ten, oder wenn der Cutter ſie erreichen koͤnn⸗ te!“ ſchrie eine von den Weibern, die das kaͤmpfende Schiff mit inniger Theilnahme be⸗ obachteten, und erſtickte Seufzer holend, als der kleine ſturmbewegte Fleck beim Sinken der Fluthen bemerkt, oder dem Anblicke durch das Schwellen der Brandungen entzogen wurde, und erneuerte Hoffnung ausdruͤckend, als das 134 ſchwache Ding von Neuem erſchien, und un⸗ kaſchefen auf dem Ruͤcken der Meereswogen ſaß. 3 „Der Cutter,“ rief ein beſſer unterrichteter Mann aus.— Das wuͤrde wahrlich zwiſchen dem Teufel und die tiefe See gehen! Sie koͤnnten ihr Sterbelied anſtimmen, wenn der Cutter ſie erreichte; und er hat auf ſie Jagd gemacht, ſeit das Schiff das erſte Mal auf der Hoͤhe von Scart's Craig erſchien. Es iſt, duͤnkt mir, einerlei, David, ob man, wenn es der Allmaͤchtige will, erſaͤuft, oder von der Regierung gehenkt, gekoͤpft oder geviertheilt wird.“ „Weh mir! Weh mir!“ ſagte die weibliche Perſon, die fruͤher geſprochen hatte—„es iſt keine Sache zum Scherzen. Seyen ſie, was ſie wollen, ſie ſind warmes Blut, wie ich.“ „Ja! und Seele und Geiſt, Euphane,“ ſagte David Fennick— arme, ſuͤndhafte, ſterb⸗ liche Seelen, wie ihr, die an dem Rande einer Ewigkeit, die uns ſo nahe ſeyn kann, als ihnen, wanken und taumeln; obgleich uns nur ein Augenblick Zeit und ein vermodertes Brett, dem wilden und ſtolzen Grimm zu ſeyn ſcheint, der ſie zu zerſtoͤren eilt.“ „Laßt uns beſſere Dinge fuͤr ſie hoffen, Freund David,“ ſagte Gideon,„beides fuͤr die Zeit und fuͤr die Ewigkeit. Iſt kein Bal⸗ ſam in Gilead? Iſt kein Arzt hier? Iſt keine Hoffnung fuͤr den Suͤnder? Ja, ver⸗ 18⁵ raͤnne auch ſchon der lezte Sund ſeines Gla⸗ ſes. Wie darf der Menſch, der ſtolze Wurm, das Verfahren der Allmacht, die er ins Da⸗ ſeyn gerufen hat, beſtimmen!“— Jezt klangen dieß in Davids langen Ohren faſt wie falſche Lehre; und er ſprach eine fromme Rede, die den alten Adam in dem Herzen ſeines benachbarten Mitbeſitzers des Sumpflandes ſo aufregte, daß er ausrief:„Ich wollte lieber das Brauſen des Suͤdoſtwinds hoͤren, der dieſe armen zerſchlagenen irlaͤndi⸗ ſchen Teufel an des Teufels Salzfaß voruͤber⸗ wehte, als alles das Keuchen und Aechzen, das je an einem Huͤgel gehoͤrt wurde.“ In dieſem Augenblicke ſtuͤrzte eine wilde Woge mit toller Wuth herbei, riß das kleine Schiff mit ſich fort, bis es faſt das feſte Land, da, wo unſere aͤngſtliche Gruppe verſammelt war, zu beruͤhren ſchien. Die Flamme des Feuers flackerte und ſchimmerte auf dem ſchaͤu⸗ menden Kamm der Woge und in die Geſich⸗ ter des Schiffsvolk, das aus drei Maͤnnern und zwei Frauen beſtand, von denen eine— ſonderbarerweiſe das Steuer regierte. Schnell ſchallten ihnen Worte der Aufmunterung des Mitgefuͤhls und der Ermahnung von Graham und den andern am Strande befindlichen jungen Leuten entgegen; und eilig wurden Seile aus⸗ geworfen; aber dieſelbe furchtbare Woge, die das Schiff ans Land getrieben hatte, rieß es furchtbar zuruͤckprallend wieder ſort, und ent⸗ 186 zog es dem Anblicke der Zuſchauer— entzog es fuͤr immer wie man fuͤrchtete— und jedes Auge blickte ſtarr, und jedes Herz bebte, als ein angſtvoller Ruf aus der Kehle irgend eines ungeſehenen ertrinkenden Wichts ertoͤnte, uͤber dem ſich die Wogen auf immer ſchloßen. In wenigen Sekunden erſchien das Schiff von neuem; allein die urſpruͤngliche Anzahl ſeiner Schiffsmannſchaft war um eine Perſon verringert, doch betrug ſich das kleine Haͤuf⸗ lein noch mit Tapferkeit, Feſtigkeit und Gei⸗ ſtesgegenwart, was den Zuſchauern etwas von dem wilden Entzuͤcken gewaͤhrte, das man bei dem edeln Kampfe empfindet, den die wilde Kraft gegen Geſchicklichkeit, Klugheit und Energie kaͤmpft... Auf der hohen See ließ ſich ein Signalſchuß vernehmen, deutlich unterſchied man den Blitz der Kanone. „Das iſt der Cutter, der noch immer Jagd macht,“ ſagte Davids Nachbar.„Aber der Sturm wird ſein Geſchaͤft verrichten. Ich gebe ſie auf, kommt nach Hauſe, Buben, und nehmt die Seile mit euch.“ „O ihr Kleinglaͤubigen,“ ſchrie Gideon, „kann er, der die Winde loslaͤßt, ſie nicht auf⸗ halten? Iſt ſein Arm verkurzt— iſt ſeine Hand geſchwaͤcht? Schuf er blos das trockene Land, und nicht auch die hohe See? Iſt ſeine Zeit nicht eine gute Zeit?— Iſt ſeine 187 Hand nicht eine gnaͤdige Hand?— Bleibt noch laͤnger hier.“ Eine andere wilde Welle ſtieß das Schiff auf ihre ſchaͤumige Maͤhne empor, und ſchien es dann wieder in ihren furchtbaren Schlund zu verſenken.— „Oh Herr! erinnere dich in deiner unend⸗ lichen Guͤte an deine arme verderbenden Ge⸗ ſchoͤpfe!“ rief Gideon.—„Das, Nachbar, war eine furchtbare Kriſis!“ „Ja dieſer Wogenſchlag half ſelbſt eurem Glauben mit einem Stoße weiter, Prediger,“ ſagte Davids weltlicher Nachbar. Gegen alle Erwartung baͤndigte ein ſtarker Regenguß die Wuth des Sturmes ein wenig, ſo daß man das kleine Schiff noch einmal auf der See erſcheinen und an dem Punkte vorbeiſegeln ſah, in deſſen Naͤhe es den gan⸗ zen Nachmittag lavirt hatte. Graham und Robert Fennick, ein einſichtsvoller und thaͤtiger junger Mann, Davids aͤlteſter Sohn, und in Wahrheit die nuͤtzlichſte Perſon bei der gan⸗ zen Verſammlung, waren uͤberzeugt, daß ſie im lichten Schimmer des Mondes den Schat⸗ ten des kleinen Maſt's auf dem Waſſer leben geſehen hatten, und daß das Schiff durch die Brandungen und an dem Eingange jenes Ortes voruͤber geſegelt war, den Gideon ſo ungern nannte. Andere Zuſchauer weiſſagten eben ſo zutrauensvoll, das Boot werde ſeinen —-——— ——— 188 unvermeidlichen Untergang in des Teufels Salzfaß finden.“ Welches auch ſein Schickſal war; es ent⸗ ſchwand ihrem Geſicht; und der Regen floß in Stroͤmen herab. Sie gingen daher aus einander. Herr Gideon, an den gaſtlichen Heerd ſeines Freundes, und Wolf Graham un⸗ geachtet Davids guͤtiger, wo nicht freimuͤthiger, Einladung in das kleine Wirthshaus, wo er ſein Pferd gelaſſen. Davids Weib hatte in dem Laufe ihrer Er⸗ fahrung oft bemerkt, daß ein erfreuliches Nachteſſen eine ſehr angenehme Diverſion in Beziehung auf ein Streitgeſpraͤch wurde. Nicht ſo an dieſem Abend. Die Unterhaltung zwi⸗ ſchen den gelehrten Patriarchen auf dem eiche⸗ nen Stuhle in der Kaminecke wurde heißer und heißer, und die Blutwurſt kaͤlter und kaͤl⸗ ter, zum geheimen Grame und offenen Miß⸗ vergnuͤgen der Hausfrau.— Der Gegenſtand, wegen deſſen ihre ſchmack⸗ haften Gerichte an dieſem Abend kalt wur⸗ den, war ein ſolcher, der, obſchon unſerer Ge⸗ ſchichte fremd, die Kirche von Sauerloch nach⸗ mals in ihren Grundveſten erſchuͤtterte, und die lezten Tage ihres praͤſentirenden Apoſtels in großes Ungemach verwickelte. Innerhalb einer Strecke von zwanzig Mei⸗ len, um David Fennicks Wohnung in Moſſbrett⸗ les, war kein cameronianiſcher Verſammlungs⸗ ort anzutreffen. Die alten Anhaͤnger an die⸗ . 189 ſen Nomaden ⸗Glauben blieben Sonntags zu Hauſe, und laſen in ihren Bibeln, wenn ſie dem oͤffentlichen Gottesdienſte ihrer eigenen Secte nicht beiwohnen konnten; aber die juͤngern Mitglieder der Familie Davids waren ſeit einiger Zeit in die benachbarte Pfarrkirche geſchlichen; zuerſt heimlich, dann aber mit geringerer Acht auf Verheimlichung. Da hat⸗ ten ſie außer andern boͤſen Gewohnheiten auch einen Geſchmack fuͤr eine Art Kirchenmuſik angenommen, die ſicherlich nicht verfuͤhreriſcher Art, allein ganz verſchieden von derjenigen war, an die ihr ehrwuͤrdiges Oberhaupt ſich gewoͤhnt hatte. Um das Maaß ſeined haͤus⸗ lichen Kummers voll zu machen, war Orpheus unter der Verkleidung eines bleichen, magern Webers aus Riccartown of Kilmarnock, in das Kirchſpiel gekommen, und hielt in Wittwe Bonalie's Haus ſeine Abendſtunde, um dieſes neugebackene Pſalmſingen zu lehren. In einer boͤſen Stunde hatte David ſich bewegen laſ⸗ ſen, ſeinen Kindern zu erlauben, an dieſem Un⸗ terricht Theil zu nehmen; und ſtatt der alten ehrwuͤrdigen Art, den Pſalmen Zeile auf Zeile ertoͤnen zu laſſen, drang ihr Wortſchwal, ſagte David im Galopp heraus— und zerſtoͤrte ſo auf immer ſein unwandelbares Vorrecht, Zeile fuͤr Zeile vorzuſagen. Die Streitfrage war fuͤr Gideon noch neu; und wir muͤſſen ihm die Gerechtigkeit wieder⸗ fahren laſſen, zu ſagen, daß ungeachtet ſeiner 190 fruͤhern Vorurtheile alle auf der Seite der alten Singmethode waren, ſein von Natur geſunder Verſtand die Sache nach ihrem wah⸗ ren Werthe zu wuͤrdigen wußte; und David fand einen weit laueren Partheigaͤnger, als er erwartet hatte.— Er nahm in der That nur einen gleichguͤltigen Antheil an Davids Betruͤbniß. 3 „Steht nicht geſchrieben,— es ſolle Zeile um Zeile geſungen werden?“ bloͤckte David, indeß die duͤnnen weißen Locken, die uͤber ſeine blaſſen eingeſunkenen Schlaͤfe zerſtreut herabhingen, in ſeinem Streiteifer bebten.— „Was iſt eure Meinung von dieſer Schrift⸗ ſtelle, Prediger?“„Und ſteht nicht geſchrie⸗ ben, preiſet fortwaͤhrend?— Macht ein froͤhliches Geraͤuſch?“ ſagte Robert, der laͤ⸗ chelnde Kaͤmpe der heiligen Caͤcilie und ihrer neuen Einſichten. Gideon wurde bis ins Innerſte ſeines Her⸗ zens durch dieſe Phariſaͤerei, wie er ſich kuͤhn ausdruͤckte, verwundet:„Und weh mir! Da⸗ vid, daß ich dieſen Laͤrmen wegen Roͤcken und Angehaͤngen, die an die Stelle richtigerer Punkte des Geſetzes treten, hoͤren muß— und das in einem Winkel des Weingartens, der einſt ſchoͤn und bluͤhend war. Aber ich will euch ſagen, David, was mich mit Schaam, Kummer und Unwillen erfuͤllt hat. In jenem Glasgow, ſelbſt in den Kirchen, welche refor⸗ mirt ſeyn wollen, trifft man Rotten ſingender 191 Kinder— ſie ſchaͤmen ſich nicht, ſie Choͤre zu nennen— Knaben und Maͤdchen, welche das Lob ihres Schoͤpfers daher ludeln, als ob es eine alte Ballade oder Knittelverſe waͤren, und dieß heißen ſie den Gottesdienſt einer presby⸗ terianiſchen Gemeinde bei der heiligſten und entzuͤckendſten Dankuͤbung leiten— indem ſie ſelbſt alle ſumm bleiben. Wenn wir ein papiſti⸗ ſches Vorſpiel haben muͤſſen, ſo laßt uns unſere Zuflucht zu der Kiſte voll Pfeifen nehmen. Klin⸗ gender Meſſingdrath und tͤnende hoͤlzerne Tiſche haben weder Herzen zu verſtocken noch Seelen zu beruͤcken.“ Nachdem Gideon ſein Zeugniß gegen dieſen Mißbrauch abgelegt hatte, der um dieſe Zeit eine gaͤnzliche Neuerung war, ſo begann er, wie er uͤberall zu thun pflegte, wo er uͤber⸗ nachtete, das junge Volk und das Geſinde der Familie in Betreff ihrer Fortſchritte in dem kuͤrzern Katechismus der Verſammlung und uͤber ihre allgemeinen religioͤſen Kenntniſſe zu befragen.— Das ehrwuͤrdige Haupt des Hauſes hatte keine Urſache, uͤber dieſe Pruͤfung beſchaͤmt zu ſeyn. Welches auch ihre muſika⸗ liſchen Verirrungen ſeyn mochten, ſo waren ſie doch in dem Wege auferzogen worden, den ſie gehen ſollten, und es war große Hoffnung vorhanden, daß ſie ſich nie weit von ihm ent⸗ fernen werden. Der Knabe, der ſeine latei⸗ niſche Lection am Kamine gelernt hatte, der kuͤnftige Prediger, ſagte zuerſt ſeine penna un⸗ 192 doceo zum unendlichen Vergnuͤgen ſeiner Mut⸗ ter her. Selbſt der ernſthafte David bloͤckte beifaͤllig, und geſtand, menſchliche Gelehrſam⸗ keit ſey ohne Zweifel gering, und verſchmolz in gaͤnzliches Entzuͤcken, als ſein kleiner Lieb⸗ lingsſohn, der roſige, laͤchelnde, lockenhaarige Davie, vermittelſt mancher guͤtigen Aufmunte⸗ rung durch Mutter, Schweſter, Maͤdchen und Bruder in lispelnden Toͤnen ſein Handbuch durchging, und ſehr richtig ſagte:„Wer ihn ſchuf“ und„Wer ihn erloͤste.“ „Und wer war der ſtaͤrkſte Mann, Davie?“ „Simſon,“ erwiederte Davie,„wir haben einen dicken, grauen Simſon, den Karren⸗ ochſen.“ „ Sehr richtig, Davie,“ ſagte Gideon,— und wer war der weiſeſte Mann?“ „Abſalon,“ ſchrie Davie unerſchrocken. „Oh pfui,“ fluͤſterte die Mutter—„Sa— Sal— o—“ „Salomo!“ rief Davie triumphirend aus. „Sehr richtig.“ „ und wer war der ſanfteſte Mann, Davie?“ —„Hiob.“ „Still, Davie, pfui,“ rief die Schweſter. „Aber es war doch— Moſes,“ rief Davie ihr einen muthwilligen Streich mit der Aus⸗ gelaſſenheit eines verzaͤrtelten lebhaften und raſchen Kindes verſetzend. Der alte David runzelte ſeine ernſte Stirne wegen 193 wegen dieſer jugendlichen Tuͤcke des fleiſchli⸗ chen Herzens in ſeinem geliebten Kinde. „Das war nicht recht, mein kleiner Mann,“ ſagte Gideon in ernſt verweiſendem Tone, und David blickte beſtuͤrzt und nicht ohne Grund auf.„Allein wir muͤſſen daruͤber weggehen, denn der arme Davie ſieht ſeinen Fehler ein. Denke jezt zuerſt daruͤber nach.— Wie ſie den Hauswirth von Moſſbrettles heißen, und ſage mir, wer der Mann nach Gottes Herzen war?“ „Des kleinen Davie's eigenen Papa David,“ rief der ſchlaue und zaͤrtliche kleine Schelm, ſich in ſeines Vaters Arme werfend; und der alte David kuͤßte unwillkuͤhrlich ſeine Stirne, indeß ſeine grauen Augen vor Freude glaͤnz⸗ ten, und entfernte ihn nach einer kurzen gluͤ⸗ henden Umarmung ſchnell von ſich, als ob er ſich uͤber dieſen Ausbruch ſeiner Zaͤrtlich⸗ keit ſchaͤmte. „Ihr vergleicht mich mit dem alten Eli, Prediger?“ ſagte er, und augenblicklich begann er nachzudenken, klagte ſich wegen der Erſchlaf⸗ fung ſeines Geiſtes an, und faßte den Ent⸗ ſchluß, den kleinen Davie zu zuͤchtigen. Als das kleine Schlachtopfer zu einer Pri⸗ vatconferenz im Schlafzimmer ſeines Vaters eingeladen war, ſo hatte es zuerſt ſein Nacht⸗ eſſen zu verzehren, und dann ſein Gebet her⸗ zuſagen, und wandte ſich endlich an ſeine Mutter, die, ſo ſehr auch ihr Herz rebellirte, doch bei ihrem Leben nicht ſich zwiſchen ihren Eliſ. von Bruce, I. 9 ——— 194 ſtrengen Oberherrn und ſein gerechtes Miß⸗ vergnugen treten durfte. So verſchwand der Kleine zitternd. Dadids ruhige zankende Stimme wurde eine Zeit lang, und dann Davie's tiefes Schluchzen gehoͤrt,— dann er⸗ hob ſich die Stimme eines ernſtlich betenden, worauf eine augenblickliche Pauſe eintrat, die durch Davies gellendes Geſchrei unterbrochen wurde:„Ohl! Vater, Vater!— zanke mit mir, und zeige mir meinen Irrthum noch ein kleines Weilchen laͤnger; aber die unerbittliche Ruthe wurde raſch, vielleicht ſtreng gehand⸗ habt; denn David Fennick ſcherzte nicht gerne bei irgend einem Geſchaͤfte, das ihm, wie er glaubte, ſeine Pflicht gebot. Dieß war die ſtrenge Zucht Schottlands in jenen Tagen; ſehr viel iſt ſeitdem fuͤr und gegen den Gebrauch der Ruthe geſagt worden. Wir erinnern uns an Davie Moſſbrettles Mei⸗ nung, als entſchieden zu Gunſten des Gebets und Zurechtweiſens und gegen die Schlaͤge. Davie wurde zu Bette gebracht, und der alte David ging ein paarmai in der Halle auf und nieder, um ſeine Gemuͤthsruhe wie⸗ der zu erlangen.. Einige fromme Nachbarn waren um dieſe Zeit. herbeigekommen, um das vom Himmel fallende Manna in dieſer Wuͤſte zu ſammeln. Prediger und Novizen kamen oft genug nach Moſſbrettles; allein nicht jede Nacht verweilte ein aͤcht blauer unvermiſchter cameronianiſcher 195 Geiſtlicher hier. David hatte einen Leviten zu ſeinem Prieſter genommen, und fuͤhlte ſeine perſoͤnliche Wichtigkeit deßwegen erhoͤht. Er bat daher ſeine beſcheidenen Gaͤſte, auf Seſ⸗ ſeln, Stuͤhlen und umgekehrten Kuͤbeln Platz zu nehmen. Genau mit der Schutzmiene einer feinen Dame, die einen modiſchen Dichter oder Saͤnger zur Unterhaltung ihrer Freunde, und dem Glanze ihrer Geſellſchaft und ihres Verherr⸗ lichungsparagraphen in der Morgenpoſt des naͤchſten Tags zu ſich eingeladen hat. Wie gleichen ſich doch allenthalben die Vergnuͤgun⸗ gen der großen Menſchenfamilie, ſo verſchieden auch ihre aͤußern Darlegungen und ihre mora⸗ liſchen Einfluͤſſe ſeyn moͤgen. Der poetiſche Anflug in Gideons Charakter zeigte ſich nicht unhaͤufig in ſeiner Auswahl der Schriftſteller, die geleſen, oder des Pſalmen, der geſungen werden ſollte. In dieſer Nacht ſtieg aus der Mitte dieſer Verſammlung von Landsleuten, langſam Zeile um Zeile geſungen, eines der ſchoͤnſten lyriſchen Gedichte gen Him⸗ mel empor, das bloß als eine literariſche Com⸗ poſition betrachtet, je verfaßt wurde— der 104. Pſalm— die Hymne der allgemeinen Natur an den allgemeinen Schoͤpfer.. Ein einfaches, ſchriftmaͤßiges, eifriges und wohlwollendes Gebet, das faſt ſo viel umfaſſend war, als die abgeſungene Hymne, und Klaſſe und keinen Stand fuͤhlender Weſen vergaß, be⸗ ſchloß die haͤusliche Andachtsuͤbung, und als die 196 Verſammlung von ihren Knieen aufſtand, ſo faßte Robert, Davids aͤlteſter Sohn, ein edler Bauer, die Hand des Predigers, und ſagte: „Euer eigener und meines Vaters altmodiſcher Geſang aus dem klagenden Dundee und den edeln Maͤrtyrern klopft am Ende ſtaͤrker an die Herzfibern, als alle ihre neuen crinkums crankums Melodien.“ „Robert, mein Freund, wenn ihr geneigt ſeyd, ſo zu denken, ſo iſt es gut,“ erwiederte Gideon. „So betruͤbt nicht den grauhaarigen Mann in der Kaminecke, deſſen Seele fuͤr euer Wohl thaͤtig war, ſelbſt wenn der ſuͤße Schlummer eure Augenlieder verſchloß. Haltet euch an jene heiligen Harmonien, in die das Wehklagen des Brachvogels und Kiebitz und das Nauſchen des Waſſerfalls an jenem wackern Tage einſtimmte: ja die ſuͤßen Melodien, die in den Nachtwachen, wie Myrthe und Weihrauch und die reichen Spezereien, aus dieſen Sumpfloͤchern und Hoͤh⸗ len und Felſenſchluchten nun umher emporſtie⸗ gen, wohin der rothe Arm der Verfolgung die biedern aͤchten Herzen der verbuͤndeten Ayr und des beguͤnſtigten Gallowa⸗Ayr, deſſen Pflan⸗ zen wie ein Kuͤchengarten mit Granataͤpfeln waren, vertrieb. Ach! daß die Baͤrenraupe herbeiſchleichen muß— daß ſie entweder ver⸗ welken, oder ſterben ſollen.“. Ddieſe ehrliche Lobrede wurde von jedem an⸗ weſenden Ohre mit dem hoͤchſten Beifalle auf⸗ 197 genommen. Allein die warmen, rauchenden Wuͤrſte wurden jezt nebſt den Kartoffeln auf⸗ getragen; hiezu kam noch ein Jorum kraͤftigen, ſelbſtgebrauten Biers, deſſen ſich David nur ſparſam, Robert und Herr Gideon aber mit groͤ⸗ ßBerer Freiheit bedienten.— Eine andere Stunde verfloß in nuͤchternem, aber geſellſchaftlichem Geſpraͤche, uͤber oͤffentliche und haͤusliche Ange⸗ legenheiten. Gideon vernahm mit Vergnuͤgen, daß„das Zeitliche“ ſeines Freundes David ge⸗ dieh, und daß er bereit ſey, durch ſeine Karren, waͤhrend der Winterszeit, Steine zum Behufe der Errichtung eines Verſammlungshauſes, in der Nachbarſchaft herbeifuͤhren zu laſſen. Der ehrliche Mann waͤhlte einen geheimen Augenblick, um Gideon ſeine ſuͤndhafte Ruͤhrung in Betreff des„kleinen Davie“ zu geſtehen; allein Gideon eilte uͤber dieſe Suͤnde bei der gegenwaͤrtigen Gelegenheit weg, und warnte, trotz„der Karren“ ſeinen Freund mehr gegen „Weltſinn“ und„Habſucht“ und„Geiſtes⸗ duͤnkel,“ als gegen eine uͤbertriebene natuͤrliche Zaͤrtlichkeit. Von dieſen Suͤnden war David nach ſeiner eigenen Ueberzeugung vollkommen rein. Die ganze Familie begab ſich jezt zur Ruhe— zu jenem„ruhigen Schlummer,“ um den Gi⸗ deon gebeten hatte— ſeinem ruhigen Schlum⸗ mer, mit dem Gott nach den Worten ſeines Ge⸗ bets„ſeine Auserkohrnen beſchenkt!“ 196 Neuntes Kapitel. Die Verbannung. Was that er, das ihn aus dem Lande trieb. Shakspeare. Kapitaͤn Wolf Graham lehnte Moſſbrettles Gaſtfreundſchaft weder aus ariſtokratiſchem Stolze, noch aus Ungeſelligkeit ab; ſondern aus dem einfachen Grunde, weil er, ohne große Eitelkeit, befuͤrchtete, er moͤchte die weiblichen Individuen in Davids Haushalt aus ihrem ge⸗ wohnten Kreiſe ruͤtteln, und er vielleicht zu be⸗ ſcheiden war, um die Muͤhe, die er verurſachen konnte, gegen die Ehre, die er erwies, richtig abzuwaͤgen. Seine Demuth wurde durch ein beſſeres Quartier belohnt, als ihm das aͤuſſere Anſehen des Wirthöhauſes an der Straße, dem die Wittwe Bonalie und ihre einzige Tochter vorſtanden, verhieß. An dieſem Abend hatten ſie gluͤcklicherweiſe keinen andern Gaſt. Ueber ihrer Thuͤrpfoſte that der„rothe Loͤwe einen ge⸗ waltigen Sprung in Gold“ blos zur Belu⸗ ſtigung und zum Troſte unſeres Freundes. Graham tauſchte ſeine naſſen Kleider gegen einen„bequemen Anzug“ um; und, znit Erlaubniß der Wirthin, nahm er, ſtatt ſich in das mit Sand beſtreute Sprechzimmer zu 199 begeben, die Kaminecke der Kuͤche, die in jeder Hinſicht mehr Anziehendes darbot, in Beſitz. Dieſes Gemach glich in den meiſten Punkten Moſſbrettles Familienzimmer, aus⸗ genommen, daß es zur„Geſellſchaft einge⸗ richtet“ war. Mehrere Reihen zinnerner Kan⸗ nen von verſchiedenem Kaliber, zeigten an, daß der Beruf der Wittwe ſich nicht einzig und allein auf den Ackerbau beſchraͤnkte, und eine Anzahl klaglicher Gemaͤlde, die, in dem„kuͤhnen Style“ colorirt, die Ballade vom„alten Ro⸗ bin Gray“ erlaͤuterten, und an rauhen, aber ſehr weißen Waͤnden umherhingen, bewieſen, daß der weibliche Geſchmack ihres reifen und roſigen Maͤdchens nicht unter der ſtrengen Zucht eines David Fennicks geſtanden war. Das Maͤdchen, das, wie fruͤher Davids Tochter, an einem flinken und luſtig kreiſenden Spinnrade beſchaͤftigt war, hielt zu gleicher Zeit einen gro⸗ ßen gehefteten Bund Balladen, die der Rox⸗ burgher Clubb, glauben wir, mit Gold bezahlt haben wuͤrde, auf ihren Knieen. Die ruͤſtige Wittwe Banalie war keine von den Froͤmmlerinnen der eiſernen Zeit, welche die Kunſt des Geſanges fuͤr ein Verbrechen hielten. „Ihr werdet von dem Hafen kommen, Kapi⸗ taͤn,“ redete ſie den jungen Offizier an, mit deſſen Titel die beſondere Aufmerkſamkeit einer Wirthin ſie bekannt gemacht hatte.—„Schreck⸗ liche Dinge gehen unter den Kropftauben vor,“, 200 ſagte ſie;„aber die Irlaͤnder waren ſtets ein raſtloſes Volk. Herumſtreichende Bettler, die in dieſem Lande hauſiren— ein ewiger Grund zu Auslagen und Pluͤnderungen fuͤr eine Witt⸗ we, die ein oͤffentliches Gewerbe treibt. Erſt vor zehn Minuten waren der Oberaufſeher und zwei Haͤſcher geſtiefelt und geſpornt hier, die einige jener Schurken, welche ſich dieſen Nach⸗ mittag in der Bucht umhergetrieben hatten, hitzig verfolgten. Ich getraue mir zu ſagen, daß ſich der Teufel um dieſe Zeit ſeinen eigenen Mann aus ihrer Mitte erwaͤhlt hat; denn das iſt ein ſchrecklicher Abend geweſen. Ich erin⸗ nere mich kaum an einen ſolchen ſeit dem ſtuͤr⸗ miſchen Mittwoch, der das Dach dieſes Hauſes abdeckte— was um ſo ſchlimmer war, da keine zwei Tage darauf große iriſche Edelleute zu uns kamen.“ 3 „Das muß eine merkwuͤrdige Nacht in Schott⸗ land geweſen ſeyn,“ ſagte Graham; und das ſpinnende Maͤdchen brach in folgenden Geſang aus: „Wild blies der Wind in der ſchaurigen Nacht, „und wilder der Regen noch ſchlug; „und zu ſeinem Gepraſſel kam das tiefe Geſtöhn „Der Dame in Kindesnöthen „Ja traun! „Der Dame in Kindesnöthen.“ „Himmel!— und das iſt eine eurer Balladen,“ rief Wolf, den Bund ohne weitere Umſtaͤnde von ihrem Schooße wegnehmend.„ „Ei, nein, Herr,“ rief die Wittwe, die in 201 die ſchmackhaften Geheimniſſe der Bratpfanne vertieft war,„Hannchen lernte dieß von einer gewiſſen Beß Slattery, einer irlaͤndiſchen Kraͤ⸗ mersfrau, die in dieſem Lande hauſiert. Es handelt von einigen alten Geſchichten, die eini⸗ gen Leuten aus Edinburg begegnet ſind, von denen jezt alle in ihrem kalten Grabe ruhen.— Aber hier iſt eine beſſere Geſchichte— euer war⸗ mes Nachteſſen.“ „Hausfrau, ihr habt einen guten Geruch,“ ſagte Graham, der ſich wieder zu erholen ſuchte. „Ja, und einen noch beſſern Geſchmack,— ſo greift alſo zu, Kapitaͤn, und haltet eine troͤſt⸗ liche Mahlzeit von euern vaterlaͤndiſchen Lebens⸗ mitteln.— Hier ſind Schinken und Eier— neugelegte Eier— und mehlige Kartoffeln— und eingeſalzene Butter— und gerdͤſtete Zwie⸗ bel— und—“ „Bewunderswuͤrdig!“ unterbrach ſie Gra⸗ ham. „Haͤtt' ich es nur gewußt, ſo wuͤrde ich ein warmes rauchendes Huͤhnchen um euretwillen zubereitet haben; denn ich ſah einmal euren Oheim, Monkshaugh, durch den Bezirk von Ayr reiten, ein kleines huͤbſches Maͤnnchen mit Wangen, wie rothe Roſen, und ſo aufgepuzt, als ob er aus einer Putzſchachtel gekommen waͤre.“ Die Wirthin hatte in der That, beſcheiden geſprochen, ihren beſten Fuß vorwaͤrts geſezt; und der junge Krieger ließ ihrer genialen Bewir⸗ 2⁰² thung die Gerechtigkeit eines Reiſenden wieder⸗ fahren. Sie ſah, daß er vollkommen zufrie⸗ den ſchien, und begann, wie es in ſolchen Faͤl⸗ len gebraͤuchlich iſt, tauſend Entſchuldigungen zu machen. Die Selbſtrechtfertigung jedoch wuͤrde unvermeidlich geweſen ſeyn, haͤtte er die geringſte Unzufriedenheit mit irgend einem Theile ihrer Anordnungen ausgedruͤckt. „Im Augenblicke,“ ſagte ſie,„koͤnnte ich jeden vernuͤnftigen Herrn vollkommen befrie⸗ digen; allein es ſprechen ſelten andere Leute bei uns ein, als Viehhaͤndler und Stallknechte, und ſolches Geſindel, die auf die Maͤrkte in Ayr und Dumfreiſh gehen. Allein ich ſah nie, daß ein wirklicher Edelmann oder vor⸗ nehmer Herr unzufrieden war, wenn er guten Willen ſah— ich ſpreche nicht von dem Herrn, den der Schneider und das feine Tuch ſeines Rockes zu einem ſolchen machen, der aͤchte Gentleman ſucht nicht an der billigen Zeche einer ehrlichen Wittwe zu knickern, oder iſt nicht auf ein Paar Batzen Muͤnze verſeſſen, die er von einem Kronenthaler noch zuruͤck⸗ erhielte. Allein eßt eure Suppe jezt; das iſt ein Kaͤſe von aͤchter Lammmilch: ich laſſe es darauf ankommen, ob Moſſbrettles Hausweib einen beſſern hat, ungeachtet aller ihrer Prah⸗ lerei.“ Die ſorgſame Wirthin zog jezt von dem Orte ſeiner Verborgenheit einen kleinen ſteiner⸗ nen Krug oder Graubarth hervor, den ſie 2⁰0³ fuür einen ſo geſunden alten Ananas— Ja⸗ maika⸗Rum erklaͤrte, als je einer im Mond⸗ ſcheine funkelte. „Er riecht wie die Gewuͤrznelken im Hauſe,“ ſagte ſie, den reich diſtilirten Wohlgeruch ein⸗ athmend. „Blos um Oſtern und Weihnachten und an hohen Feſttagen wird er ans Licht gebracht, Kapitaͤn, allein das beſte in meinem Hauſe iſt heute Nacht wenig genug.“ „Ich wage zu behaupten, daß es nie genug geprieſen werden kann.“ „Ihr moͤcht darauf ſchwoͤren!— allein es koͤmmt weniger in unſern Weg. Der Ober⸗ aufſeher, der dieſe Nacht hier war, ſtatt die Kropftauben zu bewachen, wie es ſeine Schul⸗ digkeit geweſen waͤre, laͤßt ſeine Koppel rei⸗ ten der Offiziere auf die armen gewerbſamen Leute Jagd machen, die uns aus Arran oder Troon Getraͤnk bringen, mit großer Gefahr fuͤr ihren Beutel und ihre Perſon. Die Regierung, denke ich zuweilen, iſt kein Haar beſſer, als zu den Zeiten der Verfolgung. In der That, es iſt ſehr hart!“ „Daß der Koͤnig ſich von ſeinen betriebſa⸗ men Unterthanen nicht ungehindert betruͤgen laſſen will,“ erwiederte Wolf lachend; und fuͤgte ſeine Dankſagung fuͤr die ihm erwieſene manchfache Guͤte bei, die in der That kein Ende nehmen zu wollen ſchien. „Miſcht ihr Hutzucker oder rohen Zucker ————— darunter, Kapitaͤn? Der Oberaufſeher braucht Hutzucker— allein unſer Prediger zieht den rohen vor, der, ſagt er, das lieblichſte Getraͤnke macht.“ Graham gerieht aus gutmuͤthiger Beachtung der Gefuͤhle ſeiner guͤtig geſchaͤftigen Wirthin auf den gluͤcklichen Einfall, ſein Sherbet aus beiden Arten von Zucker zu bereiten; ſo daß ſie bis zu ihrem Sterbeſtuͤndlein, wenn ſie ihren Kunden einen guten Rath ertheilte, eine Freiheit, die ſie ſich unausgeſezt nahm, zu ihren alten, den Obereinnehmer und den Pre⸗ tiger betreffenden Beiſpielen, noch hinzufuͤgte: „oder Kapitaͤn Graham von Bruce's Manier,— er trank in dieſem Hauſe ſtets halb und halb.“ Als das erheiternde Getraͤnk nach dem Ge⸗ ſchmacke aller betheiligten Partheien gemiſcht war, nahmen die Damen ihren beſcheidenen Antheil, und Wolf Graham brachte den Toaſt aus:„einen guten Gatten faͤr die ſchoͤne Toch⸗ ter der Wirthin.“ Hannchen ſenkte ihren Kopf nieder, und nezte ihren Flachs mit ſchmollender Lippe, in⸗ deß die Mutter ein leiſes„Hemm“ ausſtieß; und ein angenehmes Beſtreben, ſittſam zu er⸗ ſcheinen, kaͤmpfte mit dem Laͤcheln, das ſich uͤber das Geſicht der Mutter und Tochter ver⸗ breitete. „Es waͤhrt lange, Kapitaͤn, bis ſich ein Fuͤllen ſatteln laͤßt,“ ſagte die Wirthin,„noch Zeit genug fuͤr Hannchen, um an dieſen lu⸗ -——⸗—⸗—⸗———--— ſ ſtigen Unſinn zu denken— ſicherlich ſind ihre Blicke nicht ihr ſchlimmſter Fehler. Aber, wie ich ihr oft ſage, die Schoͤnheit iſt blos hauttief, die Tugend geht bis aufs Bein. Ohne Zwei⸗ fel wuͤrde Moſſbrettle's großes Volk ſeinen luſtigen Robin an die Tochter einer Stall⸗ knechtsfrau weggeworfen glauben. Die gute Frau iſt ein wenig ſtolz, weil ihr Bruder ein angeſtellter Buͤrgermeiſter iſt. Sie moͤgen alſo ihren Jungen und ich mein Maͤdchen behal⸗ ten. Wenn der Geiſt ihrer Mutter in ihr lebte, ſo wuͤrde ſie nie nach der Himmelsgegend blicken, nach der er laͤuft.“ „O ſtill jezt, Mutter!“ flehte Hannchen. Graham hielt Robert Fennick fuͤr einen maͤnn⸗ lichen, thaͤtigen und ſaubern Jungen, und Hannchen Bonaglie fuͤr ein anmuthiges, ſitt⸗ ſames, junges Maͤdchen; allein er war eine hoͤchſt ungluͤckliche Perſon in Familienſtreitig⸗ keiten und kitzlichen Anordnungen aller Art; in Folge eines(fuͤr ihn) ungewoͤhnlichen Gra⸗ des von Klugheit verhielt er ſich ganz ruhig, ſtatt jaͤhlings eine Lanze unter die ſinnloſen Zaͤnkereien der Wittwe Bonalie und ihrer Nachbarn zu werfen; er hatte fruͤher in Sa⸗ chen des Vorrangs bei verſchiedenen Gelegen⸗ heiten aus reiner Unwiſſenheit oft toͤdtliche Beleidigungen zugefuͤgt; und er beſchloß, dieß in Zukunft zu vermeiden. Er machte jedoch dem jungen Robert das Compliment, daß er, wie ihm duͤnkte, zu verdienen ſchien, und 206 Hannchen blickte ihn mit feuchtem und dankba⸗ rem Auge an. Die alte Frau ſelbſt druͤckte keine Mißbilligung aus, und der Strom der Un⸗ terhaltung kehrte in das ſichere Bett offentli⸗ cher Ereigniſſe und zu den vielen Erzaͤhlungen von Brand, Mord und Raub zuruͤck, die jeder Reiſende von den entgegengeſezten Ufern nach Groſſgates of Caberax brachte. Mit ſolchen blutigen und tragiſchen Erzaͤhlungen, dem Maͤd⸗ chen von Loch Styan und einigen andern Balladen, die Hannchen mit einem anſtaͤndi⸗ gen Grade laͤndlicher Koketterie ſang, verfloß die Zeit; und wenn alles mangelte, ſo nahm die Wittwe ihre Zuflucht zu der Familienbib⸗ liothek, die ſie zum Theil von dem Fenſter⸗ geſimſe, hauptſaͤchlich aber auch von einigen Vrettern oberhalb des holzumſchloſſenen Fa⸗ milienbettes herbeiholte. „Das iſt die Wolke,“— eine ſchoͤne Staub⸗ wolke wirft ſie empor— und ſie rieb den be⸗ ſtaͤubten Band mit ihrer Schuͤrze.„Es han⸗ delt vom blutigen Mackingie und Claver'ſe und den Zeiten der Verfolgung; und das iſt „die losgelaſſene Hirſchkuh;“ und Peden's Prophezeihungen: er war ein furchtbarer Geiſt⸗ licher— meine Großtante hoͤrte ihn einmal in Kens predigen; allein Moſſbrettles Leute glauben, wir ſeyen alle Zoͤllner und Suͤnder und Ignoranten, nur ſie nicht; und das iſt das Leben der gottſeligen Eliſabeth Weſt— nimm ein Beiſpiel, Hannchen, an ihr, die 207 ſich weder durch Meiſter noch Meiſterin ab⸗ halten ließ, in dem Lande herumzureiſen, wie ihr geboten war! und das iſt— laßt mich ſehen— Georg Buchanan und die Briefe des gottſeligen Samuel Rutherford— eine luſtige wunderliche Hand; und das iſt der blinde Harry und Patie und Roger; ich kannte ein⸗ mal ihre Geſchichten gut; allein mein Gedaͤcht⸗ niß hat abgenommen; und das iſt Robin Bu⸗ res, ohne Zweifel ein Meßgeſchenk, das un⸗ ſere Tochter von Moſſbrettles Robert erhalten hat; allein ihr ſcheint groͤßern Gefallen an dieſem da zu finden? Wir wußten nie, was wir daraus machen ſollten— es iſt ein ver⸗ ſiegeltes Buch; es wurde von irlaͤndiſchen Edel⸗ leuten in dieſem Hauſe zuruͤckgelaſſen, gerade um die Zeit des ſtuͤrmiſchen Mittwochs— eine boͤſe Zeit war es. Ich wurde damals von Hannchen entbunden— das Dach war von dem Hauſe weg— die Herren waren in ihm — der Hausherr war muͤrriſch und die Kuh kalbte. Ja, wenn ihr etwas damit anzufan⸗ gen wißt, ſo ſteckt es in eure Taſche. Uns iſt es nutzlos, ſelbſt wenn wir Robert Moſſ⸗ brettles zu unſerem Schwiegerſohne bekom⸗ men.“ „Still jezt Mutter!“ ſagte das Maͤdchen noch einmal. Es war eine ſchoͤne kleine Kopie von dem „befreiten Jeruſalem,“ in der Urſprache des Italieniſchen, war in Paris gedruckt, und fuͤhrte 208 den von einer zarten weiblichen Hand geſchrie⸗ benen Namen„Aileen O' Connor, Schloß Con⸗ nor.“ Dieß war ein anderer Schimmer von jenem Irrwiſche, der von Zeit zu Zeit vor Wolf Graham's Augen umhergetanzt war. „Wenn ich mit Euch tauſchen koͤnnte,“ ſagte Graham, und ſein Goldſtuͤck wurde dargebo⸗ ten, zuruͤckgewieſen und ſtillſchweigend ange⸗ nommen; denn es erfolgte ein lebhafter Schlag an die Thuͤre, der ſogleich durch den Ruf der Wittwe:„Wer da?“ beantwortet wurde. Dieß erzeugte die erwartete Antwort:„Ein guter Freund, Hausfrau, oͤffnet die Thuͤre.“ „Ich oͤffne meine Thuͤre keinen Freunden, die noch ſo ſpaͤt in der Nacht reiſen.“ „Allein wir haben uns verirrt.“ „So muͤßt ihr den Weg wieder finden.“ „Es iſt eine Frau und ein Mann, die beide hautnaß ſind.— Es iſt ein gutes Weib, oͤff⸗ net die Thuͤre.— Wir wollen euch gut be⸗ zahlen und euch nicht lange belaͤſtigen. Wir gehen nach Moſſbrettles, und brauchen eine Laterne und einen Wegweiſer. „O oͤffne doch, Mutter!“ flehte Hannchen.“ „Still, wenn eine Frau da iſt, ſo laßt ſie ſprechen.— Was weiß ich, wie viele von euch Bettlern vor der Thuͤre ſtehen.“ Eine leiſe murmelnde Berathung wurde draußen gehoͤrt!„Die Frau iſt ſtumm— taubſtumm.“ „Taubſtumm!— es kommen keine ſtum⸗ 209 men Weiber hieher; wenn ihr nach Moſſbrett⸗ les wollt, ſo laufet um die Schnauze von Gal⸗ low's⸗Hill— dann durch die Kohlengeſtuͤbe, und alsdann geht gerade vorwaͤrts und“— „Oeffnet die Thuͤre, Beſtie,“ wurde ihr von außen geantwortet.„Sicherlich koͤnnten wir ſie im Nu auf ihren breiten Ruͤcken le⸗ gen, und euch wuͤrde kein Dank dafuͤr werden. Iſt dieß eine Nacht, in der man chriſtliche Leute vor der Thuͤre ſchreien und die Nacht⸗ muͤtze ins Maul nehmen laſſen darf.“ „Thaͤtet ihr nicht beſſer daran, dieſen ar⸗ men Reiſenden ein Obdach zu gewaͤhren. Die Nacht war in der That furchtbar,“ ſagte Wolf. Die Dame, die an der Verlaͤngerung des Geſpraͤchs eine Freude zu haben ſchien, winkte, als ob ſie ſagen wollte,„laßt mich machen,“ und rief aus—„Chriſten! Donaghadne'ſche Chriſten ohne Zweifel?“— „Aus Newton⸗Stewart, in Wahrheit— und nie ein luͤgenhaftes Wort: wenig wuͤrde es mich bei einer ſo klugen Perſon, wie ihr ſeyd, helfen, Frau Bonalie.— So oͤffnet alſo die Thuͤre, als eine vernuͤnftige chriſtliche Seele. Sicherlich kennt ihr mich, Beß Slattery. Schon manchen Krug, ſchon manche Pfanne verkaufte ich an euch; und Balladen und Schnuͤrbruͤſte fuͤr euer artiges Maͤdchen; und ſtets fandet ihr an mir eine billige Frau.“ Der Name Beß Slattery wirkte wie„offener 210 Seſam“ auf unſere Wirthin, die ploͤtzlich dieſe „wandernde Stimme“ erkannte. Die Thuͤre oͤffnete ſich vorſichtig und herein ſchritt eine große, wilde und verwitterte Weibsperſon, in einem rothen Rocke und einer abgetragenen, zerknitterten, ſchwarz ſeidenen und ſchlotterigen Haube, die unter ihrem Kinne mit einem roth⸗ geſtreiften Schnupftuche zuſammengeknuͤpft war. Ihr folgte ein plumper, wildausſehen⸗ der Kerl, auf deſſen Arm ein anderes rieſen⸗ haftes Frauenzimmer ſich ſtuͤzte, obſchon es, die Wahrheit geſprochen, einer ſolchen Unter⸗ terſtuͤtzung wenig zu beduͤrfen ſchien. „Habt ihr Geſellſchaft,“ rief die Perſon, die zuerſt hereingetreten war, bei Graham's Anblick zuruͤckbebend. Die hinter ihr ſtehenden Perſonen wichen alsbald in den Schatten der Thuͤre zuruͤck, und das ſtumme Frauenzimmer verhuͤllte ſich ſchnell den untern Theil des Geſichtes mit ſeinem Mantel. Schon hatte Gra⸗ ham die Weibsperſon erkannt, die das kleine Schiff in der drohendſten Gefahr und Verwir⸗ rung ſo furchtlos regiert hatte. Es waren die Flaͤchtlinge aus Irland, und von ſtarkem Mit⸗ leide, das er ſich zu analiſiren keine Zeit nahm, angeregt, trat Graham vorwaͤrts, und bat die triefenden Fremden, ſich dem Feuer zu naͤhern. Die ſtumme Perſon trat, als ob ſie durch die offene Hoͤflichkeit des Fremden zutrauensvoll gemacht worden waͤre, vor, und der Mann zog ſich zuruͤck. Mit einem Blicke tiefer Be⸗ 211 aͤngſtigung unterſuchte ſie die Geſichtszuͤge des jungen Mannes; allein dieſe Lebhaftigkeit der Miene und Geberde iſt denen, welche an ih⸗ rem Gebrechen leiden, gemein, Wolf ertrug ihren Blick mit Geduld, und betrachtete ſie ſei⸗ nerſeits mit groͤßerer Beſcheidenheit; auch war ihre Geſtalt der Art, daß ſie den gleichguͤltig⸗ ſten Zuſchauer zur Unterſuchung aufforderte. Die ungewoͤhnliche Leibesgroͤße, die hagere Geſichtsbildung, der wilde, wachſame und argwoͤhniſche Blick eines vollbluͤtigen hohlen Auges, das aus zerzaustem, ſchwarzem Haare hervorſtarrte, die karge, naſſe Kleidung, die um hagere Glieder von rieſenhaften Umriſſen hing, und einen rauchenden Dampf von ſich gab, die freie, kuͤhne, maͤnnliche Haltung und der unweibliche Gang bildeten eine weit eher maleriſche, als einladende Figur, und in Ver⸗ gleichung mit ihr ſchien ſelbſt Beß Slattery⸗ oder Rothmantel, eine ſanfte und anziehende Perſon. „Ich muß, mit eurer Erlaubniß geſprochen, Beß, geſtehen, daß eure ſtumme Bekannte da eben kein Vogel iſt, der ſchoͤn ins Auge faͤllt,“ ſagte die Wirthin,„ſie ſieht gerade aus, als ob ſie einen Beutel eben ſo gut nehmen als geben koͤnnte. Sie gleicht weit mehr der Pear⸗ lin Jean, oder der Frau„mit der Laterne“ oder einer Hexe in irgend einer alten Erzaͤh⸗ lung, als einer ehrlichen irlaͤndiſchen und chriſtlichen Frau, die in ihren erlaubten Berufs⸗ , 212 geſchaͤften wandert. Kann ſie wahefagen?— Gott erhalte und ſchuͤtze uns!— Allein ſie hat ein Auge in ihrem Kopfe, ſo ſchwarz und hohl, wie ein Zielloch in der Wandthuͤr eines alten Schloſſes.— Gewiß hoͤrt ſie mich nicht?“ „FEine von den langen irlaͤndiſchen Mesdames meines armen Oheims,“ dachte Wolf laͤchelnd —,„wie die gute Seele zuſammenfahren wuͤr⸗ de!— Und er begann zu befuͤrchten, die ganze Gruppe moͤchte ſich verabſchieden, da er wohl einſah, daß die ſtumme Frau hinlaͤnglich ſcharfe Ohren und tuͤchtige Arme habe.— Der em⸗ porgeſchlagene aͤngſtliche Blick, das Zuſam⸗ menſchrecken bei der leichteſten Bewegung, das inſtinktmaͤßige Greiffen, das irgend einer ver⸗ trauten Waffe zu gelten ſchien, alles erzaͤhlte eine Geſchichte des Schreckens, der Gefahr, Flucht und Schuld. „Gewiß, gewiß! das Frauenzimmer ſey ſtumm, wie ich euch ſagte,“ verſezte der Roth⸗ mantel in duͤſterem Tone, Bonalie's Frage beantwortend.„Laßt mich einen Zug aus der kurzen Pfeife thun; und gebt einen Biſſen zu eſſen, und wir wollen uns dann auf den Weg nach Moſſbrettles machen.“— Denen, welche keine Fragen thun, werden keine Luͤgen geſagt. „Habt ihr indeſſen nicht einen Tropfen Brannt⸗ wein? fuͤllt das Glas ganz.— Ein Noͤſſel wuͤrde ihr nichts ſeyn, wenn das Blut aus den Adern gewichen iſt.“. Beide Frauenzimmer verſchluckten eine an⸗ ——. 213 ſehnliche Portion von der brennenden Fluͤſſig⸗ keit, und Rothmantel bezeugte Graham ihre Achtung, fuhr aber, waͤhrend ſie dieſes that, ploͤzlich zuſammen, wobei eine andere Perſon das Getraͤnk wohl verſchuͤttet haben wuͤrde. Dieß trieb jedoch den Rothmantel nur an, den Branntwein deſto ſchneller in die Gurgel hinun⸗ ter zu jagen, und als dieß geſchehen war, zog ſie ihren ſtummen Gefaͤhrden mit lebhafter Geber⸗ dung und einem unverſtaͤndlichen Gemurmel in irlaͤndiſcher Sprache in das innere Zimmer. „Ich weiß nicht, was ich mit dieſem Vieh machen ſoll,“ fluͤſterte die Wittwe ihrem erſten und willkommendſten Gaſte zu.„Beß hat, obſchon ſie eine ausgelaſſene wilde Dirne iſt, etwas Gutes an ihr, und ich moͤchte nicht gerne an dieſer Straße verweilen, und ſie in boͤſe Laune bringen. Auf der andern Seite iſt der Oberaufſeher ſo ſtreng, was die Per⸗ ſonen betrifft, die wir beherbergen, als ob arme Speiſewirthe, die Steuern und Abgaben zu zahlen haben, ſich darum bekuͤmmern koͤnnten, wer ihre Gaͤſte ſind.“ „Vielleicht iſt dieß wirklich eine ſtumme Frau,“ ſagte Graham.„Sie haben ſtets ei⸗ nen wilden Blick.“ „Wahrlich! ſie iſt eine ſchreckliche Perſon, allein der Mangel der Zunge muß fuͤr ein Weibsbild eine ſchmerzliche Beraubung ſeyn. Es iſt ohne Zweifel ein unbaͤndiges Glied; allein wenn es mir an meinem Schnippſchnapp * 214 fehlte, ſo koͤnnte ich die Thuͤre verſchließen, und den Schluͤſſel wegwerfen; denn vom Mor⸗ gen bis in die Nacht hinein finde ich Beſchaͤf⸗ tigung dafuͤr.— Aber ſtill!“ „Er iſt es, ich ſage es euch,— ich kenne ihn wohl. Ich habe ihn laͤngſt ſchon gekannt.“ Man höoörte den Rothmantel in jenem klaren, hoͤrbaren Fluͤſtern ſprechen, das in einer ge⸗ wiſſen Entfernung deutlicher gehoͤrt wird, als die lauteſten Toͤne der gewoͤhnlichen Sprech⸗ art. Ein Gemurmel in irlaͤndiſcher Sprache folgte; und Beß, die in die Kuͤche zuruͤckkehrte, ſagte dem jungen Maͤdchen:„das ſtumme Frauenzimmer wuͤnſche ihr und dem Kapitaͤn zu wahrſagen, und es koͤnne zuerſt kommen, wer wolle.“ „Laßt dem Kapitaͤn den Vorrang!“ ſagte Hannchen, mit ſchuͤchternem Kichern, und in einer Minute war Wolf allein in dem innern Gemache, an der Seite der Fremden. Schweigend verſchloß das ſtumme Frauenzim⸗ mer die Thuͤre, und ſagte, ſich Graham naͤhernd, mit energiſcher Stimme und leidenſchaftlicher Geberde:„Sie kennen mich— Sie wiſſen, daß ich ein Irlaͤnder, ein Fluͤchtling bin, auf deſſen Kopf ein Preis geſezt iſt— geaͤchtet, ver⸗ folgt, ſchuldig, oder wenigſtens ſchuldig ge⸗ nannt. Sie ſind Johann von Bruce's Ver⸗ wandter; er war mein Freund. Ich bin in Ihrer Gewalt; iſt es ihr Wunſch zu verſchonen, was das Schwerdt und der Sturm verſchont 215 haben— das Leben, welches das Ungluͤck zur unnuͤtzen Buͤrde macht?— oder mich den Blut⸗ ſaugern zu uͤbergeben?— denken Sie wohl daruͤber nach. Sie, die an Ihrem Buſen gele⸗ gen iſt— mein Blut roͤthet ihre Wangen!“ „Wolf war von dem Tumulte ſeiner Gefuͤhle zu ſehr uͤberwaͤltigt, als daß er durch etwas anderes, als durch einen abgeriſſenen Ausruf der Verwunderung und des Zweifels haͤtte ant⸗ worten koͤnnen. „Ihr zweifelt alſo an meiner Aufrichtigkeit!“ rief der Fremde ungeduldig auf den Boden ſtam⸗ pfend, und ſeine Lippen krampfhaft zuſammen⸗ preſſend.—„Ihre Zweifel ſind Vernichtung. Horch! ich hoͤre das Stampfen ihrer wiederkeh⸗ renden Roſſe!— Laßt mich wenigſtens ſterben, wie ich gelebt habe,— als Mann!“ Mit einem kleinen Dolche, den er an ſeiner Bruſt verbor⸗ gen gehabt hatte, ſchnitt er jezt die weiblichen Kleider, die ihn vermummt hatten, auf, riß ſich ſein Stirnband und ſeinen Kopfputz ab, und ſtand in der enganpaſſenden gruͤnen Klei⸗ dung da, die damals die Uniform, das Kenn⸗ zeichen des Aufruhrs war— der That nach ein Mann! 3 „Ja! jeder Zoll an ihm iſt Mann!“ ſagte Rothmantel, herbeieilend, und in eiligem Fluͤſtern das Trampeln der Pferde ankuͤndi⸗ gend, das ihr ſcharfes Ohr einige Minuten fruͤher gehoͤrt hatte. Ein augenblickliches Ent⸗ 216 zuͤcken ſtrahlte in ihren ſchwarzen Augen, als ſie ihren Gefaͤhrten ſich ſelbſt wiedergegeben ſah. „Was ſoll ich glauben!“ ſagte Wolf. „Glauben Sie, was Sie wollen, mein Herr,“ entgegnete der Fremde in hochmuͤthigem Tone. „„JIhre Erzaͤhlung iſt ſeltſam und unwahr⸗ ſcheinlich; allein gewiß iſt es, daß Ihre perſoͤn⸗ liche Gefahr groß und drohend iſt. Sagen Sie, was ich fuͤr Sie thun kann, das ſich mit meiner Ehre als Mann und als Krieger vertraͤgt, und verfuͤgen Sie dann uͤber mich!“ „Leihen Sie mir Ihren militaͤriſchen Oberrock, um dieſe ungluͤckliche Kleidung zu bedecken.“ „So heißen Sie ſie doch nicht ſo!— Gott ſegne das luſtige Gruͤn!“ ſagte Rothmantel mit Enthuſiasmus. „Laſſen Sie mich, wenn es noͤthig, fuͤr Ihren nach Irland reiſenden und nicht aus dieſem Lande entfliehenden Freund gelten. Ja, ich will zuruͤckkehren. Der Loͤwe ſollte am Ein— gange ſeiner Hoͤhle fallen,— auf eine edle Art im Ungluͤcke— nicht aber indem er ſich ver⸗ kroͤche, und Kreuzſpruͤnge machte, wie der ver⸗ ſchmizte Fuchs, um ſein eigenes elendes Leben zu ſichern.“) „Unmoͤglich!“ erwiederte Graham.„Allein nehmen Sie meinen Rock, meine Boͤrſe,— mein Pferd.— Hier iſt ein Weg“— und er ſchob mit kraͤftiger Hand den roſtigen Riegel zuruͤck, der ein kleines Gitter verſchloß.„Ich verbuͤrge mich, die Thuͤre gegen hundert Mann 5 der⸗ 3 eidi⸗ 217 theidigen, bis ſie die offenen Heiden erreicht haben; auch iſt Raum genug in Schottland.“ „Dann muͤßt ihr gehen, O' Connor,“ ſagte Rothmantel.—„Habe ich mir das Recht er⸗ kauft, mit Ihnen zu ſprechen?“ „Wenn Sie Ihre Aufrichtigkeit zu beweiſen wuͤnſchen,“ ſagte Wolf,„ſo warten Sie auf mich in der Naͤhe des rauhen Obelisken, wo ſich von der Landſtraße ein Weg nach dem Ufer hinabzieht; und innerhalb einer Stunde werde ich ſicherlich bei Ihnen ſeyn, mag es nun zum Guten oder zum Boͤſen ſeyn,— ich hoffe aber zum Guten.“ Der Hufſchlag der Roſſe ertoͤnte raſcher und naͤher: Graham eilte nach der Hausthuͤre und zeigte der Wirthin fluͤſternd an, welche Gefahren und Nachtheile daraus entſtehen koͤnn⸗ ten, wenn die ſtumme Perſon in ihrem Hauſe entdeckt wuͤrde. Inzwiſchen verſchloß er die Thuͤre von innen, und ſteckte den Schluͤſſel in ſeine Taſche. Das dicke Ende einer Reitpeit⸗ ſche ſchlug hohl an die Thuͤre. „Laßt euch mit ihnen ins Geſpraͤch ein,“ flaͤſterte Graham, und floh zu dem Fremdling zuruͤck. „Welcher Laͤrmen!“ rief die Wittwe, ploͤtz⸗ lich ihre Rolle uͤbernehmend.„Irlaͤndiſche Schurken, die an die Thuͤre einer ehrlichen Wittwe klopfen, als ob ſie das Haus nieder⸗ reiſſen wollten!— Wenn ich den geſegneten Eliſ. von Bruce. I. 10 2¹⁸ Morgen erlebe, ſo ſoll der Oberaufſeher von dieſem Tumult und Angriff hoͤren.“ Wolf fand den Fluͤchtling nicht mehr; er war bereits fort. Dame Slattery war wahr⸗ ſcheinlich an ſchnelle Toilette gewoͤhnt; denn in einem unglaublich kurzen Zeitraume hatte ſie ihren Mantel und Kopfputz weggeworfen, eine Muͤtze der Wirthin unter einem Vor⸗ hange hervorgezogen, alle abgelegten Kleider ihres fliehenden Freundes um ihren Leib ge⸗ worfen, und war, dieſe Menge naſſer Kleider unter ihr zuſammenfaſſend, in der Kaminecke niedergehockt, wo ſie ihre Pfeife rauchte, und abwechslungsweiſe das elegante und lohale Lied ſang— „Kropftauben von Dublin, nehmt euch in Acht, Der Schnitt eures Haars iſt's, was kenntlich euch macht.“ Den Mann, der weit weniger an ſolche Be⸗ wegungen gewoͤhnt zu ſeyn ſchien, hieß ſie ohne weitere Umſtaͤnde zu Bette gehen! „Willkommen!— und waren ſie die ganze Zeit da außen, ſeit zum erſtenmale geklopft wurde, Oberaufſeher!“ rief d die Wittwe, mit erkuͤnſteltem Erſtaunen, ihre Thuͤre oͤffnend.— Aber wen wollt ihr hier auffangen? Das iſt Kapitaͤn von Bruce Graham, der nach Irland geht, um die Kropftauben zu toͤdten, und uns Ruhe zu verſchaffen.“ Die beiden Herren wechſelten Gruͤße. „Einen verdammten Streifzug, Kapitaͤn, habe ich wegen der ſpitzbuͤbiſchen Rebellen am 219 Ufer da gehabt. Ich habe, nach den Schur⸗ ken fahndend, Kilwhonnel's und Moſſbrett⸗ les ganzen Haushalt in Aufruhr gebracht. Ohne Zweifel iſt ihr Boot in Stuͤcken gegan⸗ gen. Der Haͤringsteich hat der Regierung einen Dreibatzenſtrick erſpart; ich haͤtte dieſem Schuft ſelbſt den Knickfang geben muͤßen, wenn wir ihn ertappt haͤtten. Es wuͤrde ein Special⸗Commiſſionsgeſchaͤft geworden ſeyn.“ Graham fuͤhlte in dieſem Augenblicke nicht Muth genug, um die Erkundigungen einzu⸗ ziehen, die ihm auf der Zunge ſchwebten; kaum gelang es ihm, ſeiner Miene einen maͤßigen Ausdruck der Gleichguͤltigkeit zu ver⸗ leihen. „Ei!— wie— was iſt das? Sicherlich liegt euer Lammsblut noch nahe an eurem Herzen, Luckie; wenn ihr das Fenſter eures Sprechzimmers bei ſolchem Wetter offen laßt“— fluͤſterte der Beamte, ſcharf und argwoͤhniſch umherblickend; und hereinſtuͤrzten die Haͤſcher— „blickt um euch hier! blickt um euch hier!“— „Der Rauch— der vermaledeite Rauch!“ ſagte die Wittwe,„er wird mir kein Auge im Kopfe laſſen, und meinen Perlenſchmuck ſo ſchwarz machen, als den Stiel einer Ringel⸗ blume. Ihr ſeyd ſelbſt einer von den Bevollmaͤch⸗ tigten, Oberaufſeher, und ich muß und will haben, daß dieſer Schornſtein unterſucht wird.“ „O iſt es das? Gut, laßt uns ſehen, was ihr nach unſerem kalten Ritte fuͤr uns zube⸗ 220 reitet habt.“„Was ziehen Sie vor, Kapitaͤn Graham?— Was hat dieſer Luͤmmel euch in ſeinem weiten Korbe gebracht?“ mit dieſen Worten beruͤhrte er den vermeinten Schlaͤfer, den er wahrſcheinlich fuͤr einen Schleichhaͤnd⸗ ler hielt, mit dem dicken Theile ſeiner Peitſche. „Ich habe mein Nachteſſen bereits beendigt, mein Herr,“ ſagte Graham in einem ziemlich ſtolzen Tone. „O!— ſo,— und in einer ziemlich un⸗ paſſenden Geſellſchaft.“ „Ich bleibe dieſe Nacht hier, und ſitze in dieſem Zimmer, weil dieß meiner Bequemlich⸗ keit am meiſten zuſagt,“ fuhr Graham noch immer in tiefem Tone, fort. „O! keinen Zweifel— eine artige Wittwe— und eine huͤbſche Tochter.— Ey! Luckie— ha! ha! ha!“ „Nein, Ihr ſeyd eben der alte, naͤrriſche luſtige Kerl, Oberaufſeher, mit eurem Ver⸗ laub.— Denn ich kannte den Oberaufſeher, Kapitaͤn, als er noch ein einfacher Bauer war. Ihr moͤgt den Schwarzſchnaͤbeln fuͤr eure Be⸗ foͤrderung danken— aber laßt das Verdienſt ſteigen, ſage ich. Soll es ein Glas Wein oder ein Krug von dem alten Jamaika ſeyn? Der Kapitaͤn trinkt ihn halb und halb.—— Und geht ihr nur nach Haus, ehrliche Leute; die Herrn haben es nicht gerne, wenn ſie bei ihrem Getraͤnke von fremden Augen beſchaut werden.“. 221 Rothmantel ruͤhrte ihre ſchlafende Freundin auf, die bei ihrem Erwachen ein paarmal auf eine hoͤchſt manierliche Weiſe aufſchnarchte, ihre Glieder ausſtreckte, und einige Fluͤche murmelte. Obſchon Graham eben keinen großen Ge⸗ fallen an ſeinem zufaͤlligen Geſellſchafter fand, ſo hielt er es doch, nach einem abermaligen Nachdenken, fuͤrs Beſte, das abermalige hoͤfliche Anerbieten anzunehmen, und befahl, eine Por⸗ tion Liqueur fuͤr die Begleiter des Oberauf⸗ ſehers, fuͤr welche die eifrige Wittwe in dem andern Wiankel des Gemachs einen Tiſch zu⸗ bereitet hatte.. Gerne wuͤrde Wolf, in der Verwirrung ſei⸗ ner gaͤhrenden Gedanken, den vielen Erzaͤh⸗ lungen von Entdeckungen und Gefangenneh⸗ mungen ausgewichen ſeyn, mit denen ihm die⸗ ſer eifrige Partheigaͤnger, waͤhrend ſie ihren Branntweinpunſch tranken, zuſezte,— doch ſchien ihm jede verfloſſene Minute ein Ge⸗ winn fuͤr den Fluͤchtling, der, ſo muthmaßte er, einen beſſern Gebrauch von ſeiner Zeit machen werde, als an dem Ufer zu verweilen, blos der Erklaͤrung einiger raͤthſelhafter Worte halber. Wenige Minuten der Unterhaltung reichten hin, den jungen Mann mit dem eifrigen Be⸗ amten auszuſoͤhnen, gegen den ſich ſein ſtol⸗ zes Herz beim erſten Anblicke erhoben hatte. Er ſchien mehr ſchmarozerhaft, als karg, mehr 222 Partheigaͤnger als Schurke, mehr pflichtgetreu, als unehrlich; und obſchon er ein gewiſſes hochfahrendes und geraͤuſchvolles Weſen an ſich hatte, das den Geſchmack unſers jungen Man⸗ nes hinlaͤnglich beleidigte, ſo fuͤhlte dieſer doch, daß dieſer Beamte bloß ſeine Pflicht in ſei⸗ nem unangenehmen Berufe und in einem Zeitpunkte großer oͤffentlicher Gaͤhrung that. Der Oberaufſeher konnte keine beſtimmte Nachricht in Betreff des Rangs oder wirklichen Namens der Perſon ertheilen, die von der Kuͤſte Antrim, wie er vermuthete, entwichen war; aber das wußte er, daß er ein Rebel⸗ lenhaͤuptling, ein Erzrebell war. „Wie viele ungluͤckliche Maͤnner befanden ſich vor wenigen Jahren in derſelben Lage in unſerem eigenen Lande,“ ſagte Wolf,„deren Ehre Niemand angreifen durfte— die Freunde der verbannten Stuarts! Wie manche bittere Feinde unſerer Volksunion waren damals unter ehrlichen Schotten— edle, treuherzige Purſche, die deſſen ungeachtet, bis uͤber die Stiefel im Blute, gegen daſſelbe gefochten haben wuͤrden! Ich hoffe, die Regierung iſt ſo ver⸗ nuͤnftig, daß ſie den tollen Irlaͤndern Zeit laͤßt, wieder zur Beſinnung zu kommen; oder ihnen eine enge Weſte anzulegen, wenn ſanf⸗ tere Mittel nichts fruchten, bis der Fieber⸗ anfall voruͤber iſt. In einer beſſern oder ver⸗ nuͤnftigern Sache haͤtten der Enthuſiasmus, die Thatkraft und Großherzigkeit, die einige 223 dieſer raſtloſen Partheigaͤnger an den Tag gelegt haben, ſie als Maͤrtyrer der Freiheit und Religion unſterblich gemacht; denn alles genau betrachtet, die Treue eines Papiſten mag einem Papiſten ſo theuer ſeyn als uns die eines Proteſtanten. Dieß war eine zu allgemeine Anſicht fuͤr den loyalen Oberaufſeher; ſeine Amtswuͤrde fiel, und ſein Eifer ſtieg, waͤhrend der Punſch zuſehends abnahm. Er antwortete durch eine Reihenfolge von Humpen, und einen Schwall von Toaſten der Drohung und Verfluchung, den er rings um ſich her auszubringen gebot, und Niemand, auſſer Graham, weigerte ſich, ſeine Loyalitaͤt durch eine ſo wenig muͤhſame Probe darzuthun.„Ausgetrunken, ihr Jun⸗ gen!“ rief er,„wir ſind in oͤffentlichen Dien⸗ ſten; und der Koͤnig,— Gott ſegne ihn!— zahlt alles,“ ſagten ſich endlich die Schmau⸗ ſenden. „Gute Nacht!“ die Rechnung wurde be⸗ richtigt, und die Pferde wurden vorgefuͤhrt. Die Haͤſcher beſtiegen ihre Roſſe, und folgten ihrem kriegeriſchen Anfuͤhrer, der jezt in ziem⸗ lich guter Laune war. Die Wirthin ſpizte die Hhren, bis der Hufſchlag der Roſſe ver⸗ hallt war; aber auch dann noch fluͤſterte ſie, als ſie zu Graham ſagte: „Ich und die Meinigen ſind euch verpflich⸗ tet, Kapitaͤn; ich wuͤrde mein Patent ver⸗ loren haben, haͤttet ihr mir nicht die ſtum⸗ 224 me Hure vom Halſe geſchafft, und aus Beß eine vermummte Perſon gemacht.— Denn ſie iſt eine Bekannte.“ „Ihr habt ſelbſt einen ertraͤglich fertigen Witz im Nothfalle, Hausfrau. Dieſer Rauch kam nicht zur Unzeit.“ Dann Kapitaͤn, muß es ſicherlich der alte Clootie ſelbſt ſeyn, der einer ſimpeln Perſon aus einer Noth hilft; denn ich bin ein un⸗ ſchuldiges einfaͤltiges Weib, bis ich in die Enge getrieben werde; und dann oͤffnet ſich mir im Nebel ſtets ein Zufluchtsort auf eine hoͤchſt wunderbare Weiſe.“ „O der im Rauche!“ ſagte Graham lachend, „allein was wuͤrdet ihr gethan haben, wenn dieß fehlgeſchlagen haͤtte?“ 5 „O! ich wuͤrde den Viſirer auf irgend eine andere Weiſe uͤberliſtet, und es auch fuͤr keine große Suͤnde gehalten haben. Ich koͤnnte euch in dieſem Augenblicke gerade keinen Einfall ſagen; allein die Vorſicht oͤffnet einem bedraͤng⸗ ten Weibe ſtets eine oder zwei Befreiungs⸗ thuͤren.— Ich bin manchmal blos verlegen, durch welche ich mich fluͤchten ſoll.“ „Wahr,“ ſagte Wolf laͤchelnd. „Und Rothmantel iſt, vermuthe ich, auch fort.“ „Die landſtreicheriſche Hure iſt fort, und hat ſich einen Schurz voll Brod und Fleiſch, ein Stuͤck Kaͤſe und einen Krug Branntwein geben laſſen, indem ſie vorgab, die freche — 225. Schlampe:„Ihr Kapitaͤn, habet ihr Nacht⸗ eſſen befohlen, und werdet alle Koſten tragen, weil ſie euch wahrgeſagt habe; allein ich will euch nicht preſſen.“ Wolf verſtand dieſen feinen Wink, wie er gemeint war, und erwiederte ſorglos:„Sezt es alles auf die Rechnung, Hausweib, ihr wißt, der gute Koͤnig zahlt alles, wenn Sol⸗ daten und Viſirer reiſen.“ „Nein, das habe ich mir nicht in den Sinn kommen laſſen— dieß beruhigt mein Gewiſ⸗ ſen. Es iſt uͤbrigens keine Kleinigkeit, was ich ihm gebe.— So iſt es auch bloß gegen⸗ ſeitiges Geben, was die Freundſchaft zwiſchen guten Freunden lange erhaͤlt.“ „Allein wohin iſt der Rothmantel gegan⸗ gen?“ „Das geht ihn an.— Die Schlutte kommt mir nimmer unter meine Thuͤre. Man haͤlt ſie— laßt es mich euch ins Ohr ſagen,— fuͤr nicht viel beſſer als einen Spionen zwiſchen den wilden vereinigten Kropftauben, und den Glasgower Schwarzſchnaͤbeln! Ich war in dem vorigen Jahre ſelbſt ein wenig demokratiſch geſinnt, und ſo auch der alte David Moſſ⸗ brettles,— er um der alten Sache der Kirche und des Vertrags willen, ich wohlfeilen Thees und Tabacks halber. Waͤhrend die Schwarz⸗ ſchnaͤbel blos wohlfeilen Thee und Zucker, und einen Tropfen Branntwein um einen billigen Preis verlangten, waren wir enge Freunde⸗ und ich gab ihnen das Haus, um darin zu⸗ ſammen zu kommen, ohne alle Abgabe,— die Zeche natuͤrlich ausgenommen.“ „Und was ſagte der Oberaufſeher zu die⸗ ſem?“ fragte Wolf, der einſah, daß noch eine andere Stunde verfließen muͤſſe, bevor er ſein Verſprechen in Betreff der geheimen Zuſam⸗ menkunft mit dem Fremden erfuͤllen koͤnne, und daher unbekuͤmmert darum war, wie er indeſſen die Zeit zubrachte. „Der Oberaufſeher!— wenn dieſe artigen Leute mich in ihre langen pergamentne Buͤcher niederkritzeln, ſo wanke ich zuweilen noch in meinem Grundſatze. Es ſich in den Sinn kom⸗ men laſſen, das geſegnete Licht zu beſteuern, das der Allmaͤchtige von ſeinem Himmel frei durch die Fenſteroͤffnung einer armen Wittwe herabſchickt.“ „Wenn ich ins Parlament komme, ſo wer⸗ den wir allem dem abhelfen,“ ſagte Wolf lachend. „In Gottes Namen! thut dieß; denn die Taxen machen demokratiſch. Sie beſteuern den Theenapf, und ſie beſteuern die Pfeife, und ſie beſteuern den Waſchzuber, und ſie beſteuern die Fenſteroͤffnung; und wenn ich die Fenſteroͤffnung verſchließe, ſo ſagen ſie: „Luckie, ihr muͤßt euer Kamin verſchließen;“ und wenn ich mein Kamin verſchließe, ſo ſagen ſie:„Luckie, ihr duͤrft nicht.“— Allein hier ſezte die ehrliche Frau einen ſo extremen Fall 227 voraus, daß ihre erroͤthende Tochter ein ande⸗ res„Still, Mutter!“ hoͤren ließ. „Ja! wohl braucht man euch, und Eures⸗ gleichen, in dem Parlamente, Kapitaͤn. Johe⸗ nie Clydesdale, der Weber, ſagte mir— und es war bei ihm faſt ſchon an dem, daß er als Deputirter zu dem britiſchen Convente abge⸗ ſchickt worden waͤre— daß unter einer ge⸗ ſunden Regierungsform das Volk dreimal ſo viel Bier trinke, und“— „Ich halte euch faſt ſelbſt fuͤr tauglich, ein Mitglied dieſer weiſen Koͤrperſchaft zu wer⸗ den, Hausfrau.“ „Hinweg, Kapitaͤn!“ fiel die Dame wieder mit jenem zweideutigen Laͤcheln ein, das zwi⸗ ſchen Scherz und Ernſt ſchweben ſoll, augen⸗ ſcheinlich aber ſich nach dem leztern hinneigt.“ Wenn das Weibervolk den Bart und die Hoſen haͤtte, ſo wuͤrde der Verſtand nachkommen. Allein ich ſtand gerade im Begriff, euch meine Gedanken uͤber Beſteuerung mitzutheilen. Ja in ihre allgemeinen Leiden und jaͤhrlichen Par⸗ lamente miſche ich mich nicht, und habe auch nichts damit zu ſchaffen.“ Und dieſe Gedanken haben wir, Wort fuͤr Wort, wie ſie mitgetheilt wurden, aufgezeich⸗ net, zum Beſten der noch ungeborenen Kanz⸗ ler der Schatzkammer. „Ich ſehe an eurem truͤben Auge, Kapitaͤn, daß ihr ernſtlicher an euer Bett, als an Po⸗ litik denkt. Ich muß euch ein Licht holen— 228 und das ein beſteuertes und auch viſirtes;— ein ſchlimmes Geſchaͤft, daß ich keinen Ham⸗ mel toͤdten und zwei oder drei gegoſſene oder gezogene Lichter aus dem Talk machen kann, ohne daß mir ein Viſirer zur Seite ſteht! Denket auch an das im Parlamente. Allein ich bin bei allem dem kein blutiger Schwarz⸗ ſchnabel, Kapitaͤn. Wenn ſie anfingen von Mordbrennereien, Gurgelabſchneiden und Guͤ⸗ tervertheilen zu reden, ſo hatten die ſchmutzigen Kerls jedesmal bei mir ausgekocht.— Habt auf den Eimer da, in dem Durchgange, Acht,“ ſagte ſie, den Kapitaͤn in ſein Zimmer fuͤhrend. —„Nein, nein,— ein Koͤnig iſt ein ehrbares 8 Ding in einem Lande,— er iſt wie der Herr in einem Hauſe. Ihr ſeht wie jener Bengel eine einſame Wittfrau betruͤgt, Kapitaͤn. Waͤre es des Allmaͤchtigen Wille geweſen, mich mit einem Gemahl zu bekleiden, wie der geſegnete Apoſtel ſagt, ſo wuͤrden dieſe iriſchen Raͤuber es nicht gewagt haben, mich ſo zu berauben, wie ſie es dieſe Nacht thaten; und ſo geht es in einem Lande, wo kein Koͤnig iſt.“. „Wohl!, es freut mich zu hoͤren, daß ihr we⸗ nigſtens loyal geſinnt ſeyd, ſagte Graham, „laßt meine Stiefel hier, wenn es euch beliebt, — ich werde vielleicht fruͤher abreiſen, und ſo⸗ bald ich die Ehre habe, Seine Majeſtaͤt zu ſehen, 3 ſo werde ich ihm ſicherlich ſagen, was fuͤr einen. getreuen Unterthanen er an meiner guͤtigen Wir⸗ thin zu Groſſgates of Caberax hat.“ 7229 „In Gottes Namen, Kapitaͤn! thut dieß, eben des Scherzes wegen, den ihr kennt,“ er⸗ wiederte die Wittwe in froͤhlicher Laune.„Bal⸗ quharn— kann ich alles ſagen,— aber den Koͤnig ſahen wir nie. Nun ſagt ihm, ich ſtimme dafuͤr, daß man ihn von Wilhelm Pitt befreie, und dem Ding, das ſo lange an ſeiner Naſe hing.— Ich ſah das Gemaͤlde davon bei Balquharn,— und daß man ihn herab nach Holyrood mit der Koͤnigin und ihrer huͤbſchen Familie bringe, wo wir ſie um die Haͤlfte der Koſten erhalten koͤnnten, und fuͤr unſer Silber etwas im Auge haͤtten. Aber ſchlaft geſund. Habt ihr genug Kleider? und bei allem, was euch theuer iſt in der Welt, laßt es euch nicht in den Sinn kommen, mit leerem Magen abzu⸗ reiſen.“ In einer halben Stunde nachher war alles in und um das kleine Wirthshaus ſtill wie ein Kirchhof um Mitternacht; Wolf ſchlich ſich jezt durch daſſelbe Fenſter hinaus, durch das der Verbannte ungefaͤhr drei Stunden zuvor entflohen war. Es war zwei Stunden nach Mitternacht, als Wolf zu der geheimnißvollen verabredeten Zu⸗ ſammenkunft forteilte. Kaum konnte er hoffen, daß der Fremde auf ihn warten werde, und ſein Geiſt war in eine See von Zweifeln, Muth⸗ maßungen, und unbeſtimmten verworrenen Gedanken verſunken. War der Fluͤchtling vielleicht Eliſabeths Vater? War er ihr naher — Verwandter— oder gab er dieß bloß vor, um Mitleid und Theilnahme fuͤr ſich zu erregen?— Allein durch wen konnte irgend jemand etwas von ſeiner Ehe erfahren haben, als durch die alte Monica Doran; oder durch ſie, die den Ehebund gebilligt, ja dazu aufgefordert hatte? Konnte er, deſſen Benehmen und Sprache das unwiderſtehliche Gepraͤge der Wahrheit an ſich trugen, bloß wegen des ſelbſtſuͤchtigen Zwecks perſoͤnlicher Sicherheit zu betruͤgen ſuchen? Wartete er jezt— oder war er entflohen? Dieß waren einige der unſichern Gedanken, die oben auf dem Strome der Seele des jungen Mannes ſchwammen. Andere waren von hoͤhe⸗ rem Belang, und er bebte anfangs vor ihnen zuruͤck; allein, gezwungen, ſie in Erwaͤgung zu ziehen, waren ſeine Geſinnungen ſo, wie ſie ſich fuͤr ſein Herz ſchickten, und ließen ihr, der dieſes Herz geweiht war, Gerechtigkeit wieder⸗ fahren. „Nicht minder theuer biſt du mir, meine edle Eliſabeth, als das Kind dieſes ungluͤcklichen Ge⸗ aͤchteten, denn als die Tochter des Bruce, mei⸗ nes Verwandten! Ja, vielleicht noch theuerer, — wenn das moͤglich waͤre,“ war ſein Gedanke; und er ſchritt feſtern Trittes vorwaͤrts, und ſah in wenigen Minuten den Rothmantel hinter dem rohen Obelisken, der durch einige oͤrtliche Ge⸗ fechte zwiſchen Galwegianiſchen Haͤuptlingen beruͤhmt geworden war, hervortreten, und ihm — — 231 3 durch einen Wink bedeuten, ſeiner Spur zu folgen. Die Winde hatten ausgetobt und ſich in die vollkommenſte Ruhe eingeſchluchzt. Eine athemloſe Stille lag auf dem ſchlafenden Ant⸗ litz der Natur, auf dem nichts lebendig zu ſeyn ſchien; ausgenommen, die lange Geſtalt und der noch laͤngere rieſenhafte Schatten ſeines im Mondlichte einherſchreitenden Fuͤh⸗ rers. Obgleich der Sturm eingelullt war, ſo ſtoͤhnte die dumpfrollende See, gleich ei⸗ nem von ſeiner Beute verjagten und in ſeinem Schlupfwinkel brummenden wilden Thiere, doch noch in ihrer innern Bewegung, jene duͤſtern, einfoͤrmigen hohlen Toͤne murmelnd, die Stünden und Tagelang einem wuͤthenden Sturme folgen. Dieſes hohle Brauſen wurde lauter.„Wohin fuͤhrt ihr mich?“ fragte Gra⸗ ham ſeinen athletiſchen Fuͤhrer. Der Roth⸗ mantel wies nach dem Ufer und ſtuͤrzte vor⸗ waͤrts. Nachdem ſie eine bedeutende gruͤne Anhdhe erſtiegen hatten, eilten ſie ſchnell ans Ufer hinab, wo die felſige Ecke einer kleinen Erd⸗ zunge oder eines Inſelchens, das blos einige Yarden breit war, die Groͤße eines laͤndlichen Gottesackers bildete, der an dem Abhange nach der See hinhing. Die unterbrochene Ober⸗ flaͤche dieſes vernachlaͤßigten Begraͤbnißortes beſtand aus raſigen Huͤgeln, die mit grauen, verwitterten und mit Leberkraut bedeckten Stei⸗ nen abwechſelten, die ehedem wahrſcheinlich 2³² einen Theil der benachbarten Kapelle St. Bride, von der jetzt faſt keine andere Spur mehr vor⸗ handen war, gebildet hatten. Ein Strich fe⸗ ſten Silberſands bildere die untere Graͤnze, niedere Felſenruͤcken mit Seegras bewachſen, ſtarrten auf den Seiten empor; und das Vieh wurde durch ein natuͤrliches Gehaͤge von Far⸗ renkraut und Brombeerſtraͤuchern, ausgeſchloſ⸗ ſen, die auf dem Gipfel wogten, wo wenige einſiedleriſche Schleedornbuͤſche, grau und zer⸗ ſtreut, ihre alten Glieder und zaͤhen Wurzeln mit den Sproſſen einer vergaͤnglicheren Vege⸗ tation paarten. Ein Seemann, der einem waͤſſerigen Grabe entgangen war, haͤtte wuͤn⸗ ſchen koͤnnen, hieher gelegt zu werden. We⸗ nige modernde Grabſteine, halb in den Ra⸗ ſen verſunken, und ein wenig aus ihrem na⸗ tuͤrlichen Gleichgewichte gebracht, und ein rau⸗ hes, vom Wetter gebraͤuntes ſteinernes Kreuz, waren die hauptſaͤchlichſten Denkmaͤler der Sterblichkeit.— Die kleinen gruͤnen Huͤgel waren eingeſunken, wie der Staub, der un⸗ ter ihnen lag, eingeſchrumpft war. Auf einem dieſer verwitterten Grabſteine, unter dem Schatten einer ungeheuern abge⸗ riſſenen Felſenmaſſe, erblickte Wolf den Fluͤcht⸗ ling. Er ſaß da, ſeinen Kopf auf ſeine Hand geſtuͤtzt, mit dem Ellenbogen auf ſeinem Knie ruhend, in einer Stellung ſchwermuͤthiger Be⸗ trachtung, regungslos auf die gekraͤuſelten Wellen blickend, die alle in dem Mondlichte —— 25⁵ glaͤnzten, und nach dem ſandigen Strande wogten, in einem Zuſtande, der von ihrer fruͤhern wuͤthenden Gaͤhrung ſo verſchieden war, als die ruhige und ernſte Gemuͤthsſtim⸗ mung des Fremdlings von der Wuth der Auf⸗ regung, in der ihn Graham ſo kurz zuvor er⸗ blickt hatte. 3 Wolf verbeugte ſich, als er ſich ihm naͤher⸗ te, und das Frauenzimmer, das ſich ſeines Auftrags entledigt hatte, zog ſich zuruͤck. „Vor wenigen Stunden erſt,“ ſagte der Frem⸗ de,„ſahen Sie, wie ich in mitten der ſturm⸗ bewegten Wogen, die jezt ſo ſtill und ruhig dahinfließen, verzweiflungsvoll kaͤmpfte, und alles, was nicht verſank, der Sklave jenes elen⸗ den menſchlichen Inſtinkts, der uns zwingt, fuͤr das werthloſe Leben zu kaͤmpfen, das lange nur ein kranker Traum geweſen iſt,— das,— mit Muͤhe und Anſtrengung erhalten— be⸗ reits auf dem matten Herzen gleich einer kal⸗ ten toͤdtlichen Buͤrde laſtet, die ich gerne fuͤr immer abwerfe— ſelbſt hier— und jezt. Allein was kuͤmmert Sie alles das.“. „Verzeihen Sie mir, mein Herr,“ ſagte Wolf.„Wenn es, wie Sie mir zu glauben Urſache gegeben haben, wahr iſt, daß Sie nahe mit einer Perſon verwandt ſind, die mir ſo theuer, mit Recht ſo theuer iſt,— kann ich alsdann anders, als den tiefſten Antheil an Ihrem Schickſal nehmen, ſo ſchwarz und ge⸗ fahrvoll es auch ſeyn mag?“ 234 „Wenn es wahr iſt?— Allein auch dieß muß ertragen werden. Ich bin, junger Mann, der Bruder der ungluͤcklichen Mutter ihres Weibes. Ich ſchwebe in toͤdtlicher Gefahr— das iſt nichts— ich habe hunderte treuer und ergebener armer Wichte in eine eben ſo dro— hende Gefahr geſtuͤrzt. Ich bin betrogen wor⸗ den durch Verraͤtherei, und ich habe viele be⸗ trogen, indem ich ſie durch meine tolle Wuth in ein wildes Unternehmen verwickelte.“ „Wenn Sie die Tollheit und Ungerechtigkeit ihres Unternehmens ſchon ſo deutlich einſehen,“ unterbrach ihn Wolf— „Ungerechtigkeit!— Beim Himmel! Meine Abſicht war ſo heilig und gerecht, als Gerech⸗ tigkeit und Ungerechtigkeit ſie machen konn⸗ eten! Gerechtigkeit, die ſie uns ſchamloſerweiſe entzogen— Ungerechtigkeit, die ſie grauſamer⸗ weiſe auf uns haͤuften— Unterdruͤckung, Schmach, Hohn, trafen nicht blos mich, ſon⸗ dern alle, die ich lieben ſollte. Ich waͤre ein Thier, wenn ich nicht gefuͤhlt haͤtte,— eine Memme, wenn ich nicht widerſtanden waͤre! Allein wohin hat der Geiſt der Rache mich gefuͤhrt!— An jenes llaͤgliche Geſtade— Blut— ach, treues, edles, junges Blut iſt bereits gefloſſen, um mir einen Rettungsweg zu ſichern. Gott!— Gott! daß es ſo ſeyn ſoll!“ und er ballte in wuͤthender Verzweif⸗ lung ſeine Haͤnde krampfhaft zuſammen. Das Frauenzimmer trat mit aͤngſtlicher Geberde 2⁵⁵ vorwaͤrts und wich aus Scheu oder Furcht wieder zuruͤck; mit ruhigerer Stimme fuhr er fort:—„ich habe noch etwas, wofuͤr ich lebe— und ich darf nicht wegwerfen, was ſo theuer verkauft worden iſt. Sie kennen die Oert⸗ lichkeiten dieſes Landes.— Sagen Sie mir kurz, wie ich den von Eliſabeth bewohnten Fleck erreichen kann,— jenen Ort, wo ich einſt meine arme Schweſter in Freuden ſehen zu koͤnnen hoffte. Eine Freundin erwartet mich hier— eine Freundin, und von da 3 hoffe ich nach Hamburg zu kommen:— hoffe, — warum fahren die Menſchen immer fort, ſich von einem Blendwerke taͤuſchen zu laſſen? Allein ſagen Sie mir, wie ich dieſes Ernes⸗ craig erreichen kann, ohne die Sicherheit des armen Weibes zu gefaͤhrden, das geſchworen hat mich zu geleiten; gehe es wie es wolle?“ Wolf ſchien zu zoͤgern— eine Folge ſeiner Unfaͤhigkeit, augenblickliche Auskunft zu erthei⸗ len— und der Fremde rief mit einer raſchen Bewegung leidenſchaftlicher Ungeduld laut:— „Habe ich denn einen uͤbereilten Schritt ge⸗ than, als ich mich Ihrer Biederkeit und Ehre anvertraute? Gleichviel— das Leben iſt fuͤr mich ein zu werthloſes Ding, als daß ich ab⸗ ſchreckenden Verdacht, oder kaltblüͤtige Berech⸗ nungen der Treue oder Großmuth eines Men⸗ ſchen erwiedern koͤnnte. Mit einem offenen Feinde kann ich noch kaͤmpfen, allein ich kann mich nicht herablaſſen, diejenigen, welche 236 ich freundſchaftlich gegen mich geſinnt finden ſollte, demuͤthig zu bitten, oder zu hintergehen!“ „Mein Betragen hat dieſe Ruͤge nicht verdient,“ ſagte Graham mit gefuͤhlvollem Stolze,„ſelbſt waͤhrend ich Sie fuͤr einen landfluͤchtigen Fremden hielt, der, und viel⸗ leicht mit Recht der Strafe des Fuͤrſten, deſ⸗ ſen Schwert ich fuͤhre, verfallen war.“ „Sie haben Recht, junger Mann; haben Sie Geduld mit einem Menſchen, den Lei⸗ den, ſelbſt koͤrperliche Leiden, faſt bis zum Wahnſinne getrieben haben. Ich war ver⸗ ſteckt— ja das iſt das rechte Wort— ver⸗ ſteckt an den Ufern von Antrim ſechs Tage lang, faſt ohne Schlaf oder Nahrung, oder Obdach. Aber was ſpreche ich davon, die⸗ ſes arme Weib hat noch mehr fuͤr mich er⸗ duldet.“— „Exrwaͤhnet nie ſolches von mir, O'Con⸗ nor,“ ſagte das Frauenzimmer, auf das der Fremde angeſpielt hatte, in kaltem Tone. „Gewiß bin ich an die Straße, Tag oder Nacht, gewoͤhnt; und ihr werdet jetzt beide eſſen und trinken, ehe ihr ein Wort weiter ſagt. Der junge Herr iſt aͤchtes Metall, dafuͤr bin ich gut.“ Mit dieſen Worten breitete der Rothman⸗ tel, eines von Wittwe Bonalin's ſchneeweißen Handtuͤchern, uͤber einen Grabſtein aus, und legte auf dieſem ſeltſamen Tiſch ihren Raub zu recht. Sie forderte hierauf den ungluͤckli⸗ 237 chen Edelmunn auf, zu eſſen, waͤhrend ſie Graham mit einer Art Zartheit und Artig⸗ keit zuruͤckzog. „Laßt ihn jetzt allein.— Oh, Mutter der Herrlichkeit! ſehen muͤſſen, daß ein ſchottiſcher Kirchhof eure Halle und ein Grabſtein euer Tiſch iſt, O'Connor!— und er ein Fuͤrſt im Lande!— Ihr ſaht ihn auf dem Waſſer heute.— Seit drei Tagen hat er nicht ge⸗ fruͤhſtuͤckt, oder ſein Auge geſchloſſen. Mag der ſchwarze, der brennende Fluch den treffen und an ihm haͤngen bleiben, der ihn ſo weit treibt!— und das iſt eurer eigenen Dame.—“ Sie hemmte den Strom ihrer Rede; und trat wieder vor dem Fluͤchtling, der eine Kruſte Brod zu verſchlucken ſuchte, und daran zu erwuͤrgen zu wollen ſchien, ihre Dienſte anbietend. „Verſucht den Branntwein zuerſt, O Con⸗ nor,“ ſagte das Weib in ſchmeichelndem Tone. „Ich habe einige Erfahrung— Gluͤck zu!“ „Sie hat Recht,“ ſagte Wolf.„Nach Ih⸗ ren Leiden, Entbehrungen und unglaublichen Anſtrengungen muß Waͤrme und Ruhe er⸗ wuͤnſchter und ſelbſt nothwendiger ſeyn als Speiſe. Wollten Sie Ihre Sicherheit nicht einen Tag lang der Gaſtfreundſchaft des be⸗ nachbarten Paͤchters anvertrauen,— mein Kopf wuͤrde Ihr Buͤrge ſeyn.“ 3 „Nein, nein! das kann nicht ſeyn. Meine verderbliche Gegenwart ſoll nie mehr Elend 256 und Tod in die Wohnung eines armen Man⸗ nes bringen.“ „Er ſpricht von dem Knaben— und wuͤr⸗ den wir nicht zehn Knaben fuͤr euch hinge⸗ geben haben, O Connor?— Die Kinder eurer eigenen Amme?“ Graham achtete den edeln Beweggrund des Verbannten zu ſehr, als daß er ihm von ſeinem feſten Entſchluſſe, in keine Privat⸗ wohnung zu treten, abgerathen haͤtte. „Ich bin bereits zu weit gegangen,“ ſagte er,„indem ich Ihr Mitgefuͤhl fuͤr ein Schick⸗ ſal zu erregen ſuchte, das ſogar nicht ohne— Gefahr errathen werden kann. Vielleicht kann ich meine Nichte ſehen. Ich habe ein Be⸗ glaubigungsſchreiben von ihrer Mutter— ihrer Mutter! Bis in der vorigen Woche hatte ich Aileen neunzehn Jahre lang nicht mehr geſehen, und ſie war gleichſam das Licht meiner Augen. Gerechter Himmel!— wenn es einen Himmel gibt, der auf das Thun der Menſchen blickt— wie und wann ſoll ich deine Beſchluͤſſe achten lernen?“ Wolf war in ſeinem kurzen Leben nie Zeuge eines ſo bittern Kummers geweſen. „Wir klagen die Beſchluͤſſe des Himmels an, und vergeſſen, was wir verdient ha⸗ ben—“ war ſeine ruhige Antwort. „Aber Aileen?— von Bruce?— der junge— der gluͤckliche— der unſchuldige!— Was hatten ſie gethan, daß ſie die Opfer ei⸗ —,— , 239 ner ſo ſchwarzen, ſo grimmigen, ſo unbarm⸗ herzigen Heimſuchung wurden?“ Er ver⸗ ſank in Nachdenken; und Wolfs Kriegsman⸗ tel um ſich huͤllend, lehnte er ſein unbedecktes Haupt an den Felſen, in einer großen na⸗ tuͤrlichen Anmuth und Wuͤrde ausdruͤckender Stellung. 3 „Iſt er jezt nicht artig und huͤbſch?“ fluͤ⸗ ſterte Rothmantel.„Sechs Fuß zwei Zoll in ſeinen Schuhen— und es waren ihrer ſieben Buben, Soͤhne des alten O'Connor; und Aileen war das juͤngſte und ſchoͤnſte Kind, und die Blume und der Fluch:— und das Meer bekam ſeinen Theil, und das Schwert bekam ſeinen Theil, und der Gram hatte, wie immer, ſeinen doppelten Antheil. Allein geleitete ich ihn nicht gut?— Ja, und das Blut wird tiefer fließen, ehe die Axt, welche Fitzmaurice wezt, auf O'Connor's ſtotzen Nacken ſinkt!“ Dieſes neue Raͤthſel wurde mit zuſammen⸗ gebiſſenen Zaͤhnen, und faſt in einem Tone, wahnſinniger Energie, gefluͤſtert, und ehe Wolf antworten konnte, kletterte Rothmantel auf den Grabſteinen und Felſen, um, in dem kleinen Wirthshauſe, aus Graham's Man⸗ telſack Kleidungsſtuͤcke zu entwenden, die an die Stelle der unheilvollen gruͤnen Kleidung, die der Fluͤchtling trug, gebracht werden koͤnnten. Sie kehrten in einer unglaublich kurzen Zeit zuruͤck. Der Verbannte wechſelte nun ſeine 240 Kleidung unter dem Schirme des Felſenblocks, und Rothmantel bat ihn,„wegen ihr keine Umſtaͤnde zu machen, da ſie ihren Kopf ge⸗ rade nach der See zuwenden und ein Paar Zuͤge aus der Tabakspfeife thun werde.“ In dieſer Stellung ſchien etwas wie ge⸗ ſunder Verſtand, in ihrem Geiſte aufzudaͤm⸗ mern; denn rechts wandte ſie ſich um, und ſagte:„der Bube iſt O'Connor:— ich muß jezt gehen.— Ich bin— dank dem Denk⸗ male— ſo bekannt auf der Straße, als der Hafen Dilly, und vielleicht wegen nichts Beſſerem.“ „Darin hat ſie ganz Recht, mein Herr. Mit dieſer ihrer jetzigen Kleidung und mei⸗ nem Pferde koͤnnen Sie, wenn Sie allein ſind, uͤberall hingelangen, ohne angeredet zu werden. Ihr, die uns Beyden theuer iſt, koͤnnen Sie Eroͤffnungen machen, die wir zu machen Ihnen weder Zeit noch Neigung vielleicht erlauben. Ich wuͤnſche in der That inniger, Sie vor Tagesanbruch entfernt zu wiſſen, fort, als meine aͤngſtliche Neugierde zu befriedigen. Ja wage nicht einmal ſchrift⸗ lich auf unſer Zuſummentreffen anzuſpielen. Aber ſagen Sie ihr, daß ich mich Ihrer Liebe auf ewig fuͤr unwuͤrdig halten wuͤrde, wenn ich je mit Kaͤlte eine Perſon anhoͤrte, in deren Adern Blut fließet, das mit dem ihri⸗ gen verwandt iſt.“ Grahan lief ein wenig umher, um ſich wie⸗ ——— —— 241 wieder zu faſſen. Rothmantel richtete in ir⸗ laͤndiſcher Sprache wenige Worte an O'Con⸗ nor und ſchleuderte, obſchon mit ſichtlichem Widerſtreben, ſeine gruͤne Kleidung tief in die See. Er gab ihr einiges Geld und ant⸗ wortete ihr in der Sprache, der ſie ſich be⸗ dient hatte; und mit vielen Hoͤflichkeiten nach ihrer beſondern Art gieng ſie ihres Wegs. Das Mondlicht war faſt erloſchen, die Sterne flimmerten minder lebhaft und ein matter fal⸗ ber Streif der anbrechenden Daͤmmerung war in der Richtung der Antrim⸗Gebirge ſicht⸗ bar. Der Fluͤchtling blickte finſter nach der Gegend ſeines Vaterlandes, mit jenem ge⸗ ruͤhrten hoffnungsloſen Blicke, deſſen ganze Bitterkeit bloß der Verbannte kennt; und ſtreckte ſeine ſehnſuchtsvollen Arme aus, als ob er es haͤtte an ſein Herz druͤcken wollen. „Das iſt Thorheit,“ ſagte er in einem min⸗ der ernſten Tone, als bisher.„Ich koͤnnte hier das Weib ſpielen:“— er ſchlang jetzt ſeinen Arm um den des jungen Mannes. „Armes Land!— Nie verließ dich ein trau⸗ rigeres Herz— nie weilte ein dunklerer Schatten auf dir, ſeit der Stunde, in wel⸗ cher dein glorreiches gruͤnes Haupt ſich zuerſt ſtolz uͤber die Waſſer erhob, und dein Gott dich ſegnete und ſah, daß ſein Werk gut war! Sie halten mich fuͤr einen großen Thoren, von Bruce; aber dieſes arme Irland iſt mein Vaterland. In dieſer Stunde iſt es mehr Eliſ. von Bruce. I. 114 242 noch— der Geburtsort und das Grab edler Hoffnungen; und wie viele Muͤhſeligkeiten und Leiden, wie viele Sorgen und Gewiſſensbiſſe ſind in dem kurzen Raume zwiſchen ihnen zuſammengedraͤngt, ich kann Ihnen dieſe Nacht meine Geſchichte nicht erzaͤhlen, aber ich wuͤnſchte, es waͤre Ihre Beſtimmung, daß Sie Ihre Waffen anders wohin truͤgen.“ Waͤhrend er dieſes ſagte, fuhr das duͤſtere Rollen eines einzelnen Kanonenſchußes uͤber die Wellen des Kanals. Er machte eine leichte ruͤttelnde Bewegung,— die ſcheue Bewegung eines Menſchen, der lange verfolgt worden iſt, ſich endlich aber nicht mehr genͤthigt ſieht, Selbſtbeherrſchung auszuuͤben. „Das iſt die Signal⸗Kanone von Carrick⸗ fergus, ſagte Wolf.“ In einer ſtillen Nacht kann der Knall der Nacht⸗Kanone auf dieſer Kuͤſte gehoͤrt werden. „Das iſt fuͤr mich die lezte Stimme Ir⸗ lands!“ ſagte der Verbannte. Wolf ſattelte ſein gutes Roß ſelbſt; und eine ſchwere Laſt ſchien ihm vom Herzen gewaͤlzt, als der Fluͤchtling in den Kruͤmmungen des Wegs, der nach Ayr fuͤhrte, gerade als der Tag anbrach, verſchwand. „Ihr ſteht bei Nacht fruͤhe auf, Kapitaͤn,“ waren die Worte, mit welchen Gideon un⸗ ſern jungen Mann am naͤchſten Tage begruͤßte, eine Stunde nachdem Wittwe Bonalie den Fruͤhſtuͤckstiſch ihres Gaſtes angeordnet und 245 wieder angeordnet hatte. Die Sonne ſtand hoch am Himmel— Wolf ſprang auf, und ſein erſter Gedanke war—„er muß zwanzig Mei⸗ len weit von hier ſeyn.“ Einige ſinnreich geſpendete halbe Kronen verſtopften wirkſam verſchiedene Luͤcken, wel⸗ che Saladin's Verſchwinden und gewiſſe an⸗ dere Umſtaͤnde in Wittwe Bonalie's Neugierig⸗ keitsorgane gemacht hatten, und ſie ſorgte nicht nur fuͤr ein Miethpferd nach Port⸗Patrick, ſondern ſchickte auch einige ihrer Freunde mit Wolfs Gepaͤck voraus, waͤhrend er ſich noch mit Gideon bei ſeinem Fruͤhſtuͤcke unterhielt. Dieſe Hoͤflichkeiten erwiedernd, verſprach er in gemeſſenen Ausdruͤcken, nie an ihrer Thuͤre voruͤberzugehen, und ſie bat die Herren zur Ausgleichung ihrer gegenſeitigen Hoͤflichkeit und des„ehrenvollſten“ Tages wegen, den ſie je erlebt habe, ſeit Balquharn und die Straßenaufſeher bey ihr zu Mittag geſpeist haben, ſie moͤchten ſich nicht auf den Weg begeben, bevor ſie ihren„Cherub“ gekoſtet haͤtten!„Ich ſehe, Ihr habt mich vergeſſen, Herr Haliburton,“ ſagte die Wittwe,„und es iſt auch kein Wunder. Ich bin ein ver⸗ wandeltes Weib! Viele ſind der einſamen Naͤchte, die uͤber mein Haupt hingeſchlichen ſind in dieſem Sorgenbette,“— hier deutete ſie auf ihr Wittwenlager,„ſeit Peter Bona⸗ lie's Tod.“„Hem!“ ſagte Gideon, als ſie ſich entfernte—„Wohl erinnere ich mich i* 244 noch an ſie: Man ſagte von ihr, ſie habe den armen Mann zu Tode geſchwatzt, Wolf. Singulata— wie wir in St. Andrews zu ſagen pflegten— ein ſchwatzendes, faſelndes, langzungiges Weib. Aber oh! Freund, es iſt ein trauriges Geſchaͤft— dieſes Abſchied⸗ nehmen. Was ſoll ich der Dame Eliſabeth Troͤſtliches ſagen.“ Waͤhrend Graham tief daruͤber nachdachte, ob die gaſtfreundliche Abſicht der Wittwe, in Betreff des Koſtens ihres Cherubs, ir⸗ gend eine Beziehung auf Hannchens roſige Lippen habe; und mehr mit dem Geſuͤhle und Zartſinn eines Liebhabers, als mit der Galan⸗ terie ſeines Standes Bedenken trug, ſich aus einem ſo geringfuͤgigen Grunde, oder in der That aus irgend einem Grunde, von Eliſa⸗ beths leztem zaͤrtlichem Kuſſe zu trennen, ſo beſchwichtigte die Matrone ſeine Beſorgniſſe, indem ſie mit einem cannelirten hollaͤndiſchen Kruge, der mit ſelbſtbereitetem Syrup gefuͤllt war, wieder erſchien. Bald war der gegenſeitigen Hoͤflichkeiten kein Ende; allein„da die beſten Freunde,“ ſagt das Sprichwort,„ſcheiden muͤſſen,“ ſo ſchwang ſich Wolf, mit einem kurzen Lebe⸗ wohl, das er ſeinem alten Freunde ſagte, in den Sattel und gallopirte davon. „Einen ſchoͤnen Gutentag, und eine brave Reiſe, Kapitaͤn— und um Gotteswillen habt 245. Acht auf die Kropftauben!“ ſchrie die Wittwe Bonalie. Gideon und Jenny Geodes wandten ihre klaͤglichen Koͤpfe ſchweigend und kummervoll heimwaͤrts; allein auf der Spitze des erſten Huͤgels blieben ſie wie durchbohrt ſtehen, ſo lange ſie den jungen Mann erblicken konn⸗ ten, und noch eine Zeitlang nachher. „Wenn es dein Wille iſt, ſo ſchuͤtze den raſchen jungen Kopf in der Stunde der Schlacht: Und oh! ſtaͤrke und verſchone das ſanfte Herz, das an ihm haͤngt— ach nur zu inbruͤnſtig an ihm haͤngt.“ Gideon und Jenny bewegten ſich wieder langſam vorwaͤrts— und erreichken, wie be⸗ reits berichtet worden iſt, zur gebuͤhrenden Zeit, das angenehme Dorf Sauerloch in dem ſchoͤnen Thale des Oran. Eilfies Kapite l. Ein laͤndlicher Sonntags⸗Abend. Friſel's Unterhaltung war in Monkshaugh's Sprechzimmer faſt jeden Tag ſeit den lezten fuͤnßehn Jahren als Nachtiſch aufgetragen worden. An dem Tage, der auf Eliſabeth's Zuſanmenkunft mit Gideon folgte, wurde die⸗ ſes unſchuldige Vergnuͤgen— die Oliven, 246 die Monkshaugh's maͤßigem, woͤchentlichem Glaſe alten Claret's einen lieblichen Beige⸗ ſchmack gaben, oder die waͤlſchen Nuͤſſe, die ihn ſtark und nahrhaft machten— nicht ver⸗ geſſen. Nicht daß es Friſel erlaubt geweſen waͤre, ruhig ſtehen zu bleiben und mit ſei⸗ nem Herrn zu ſchwatzen— ſondern es fand ein conventionelles Einverſtaͤndniß ſtatt— das Feuer mußte angeſchuͤrt— der Heerd ge⸗ reinigt— der Schenktiſch in Ordnung ge⸗ bracht werden, und die Verrichtung aller dieſer Berufsgeſchaͤfte gab Gelegenheit genug zum Tiſchgeſpraͤch. „Ich glaube, Effie und ihr Fraͤnzchen, ſeyd heute dem Dr. Draunt entſchluͤpft.— Wart ihr in der Kirche zu Sauerloch? Hat Herr Haliburton den Daniel aus der Loͤwen⸗ grube ſchon errettet?“. Das Wieſel verzerrte ſein wunderliches Spitz⸗ maus⸗Geſicht zu einem Ausdrucke ſonntaͤgli⸗ cher Feierlichkeit und erwiederte:—„Es wur⸗ den blos neun Sabbathe in der Grube zuge⸗ bracht— drei an dem Eingange; vier fu der Tiefe— und zwei mit dem Hera zappeln. Ich erinnere mich⸗ als Kapitaͤn Wolf im vorigen Jahre nach Haus kam, nachdem er zwei oder drei Jahre— welches iſt die rich⸗ tigere Angabe⸗ Fraͤulein Eliſabeth, Ihr muͤßt es wiſſen?— weggeweſen war, ſagte er zu mir, als ich ihm ſeinen. Steigbuͤgel hiflt, im 247 Kirchſthle—„der Himmel! Fraͤnzchen hat Dr. Draunt, den Joſeph noch nicht aus Egyp⸗ ten gebracht? Er hat einen feſtern Griff als Potiphars Weib! Eine Parthie Maͤnner von Abercrombie wuͤrde ihn ſchon vor achtzehn Monaten in leiblicher Geſtalt hier gehabt haben.“ „Legt keine eurer abtruͤnnigen Spoͤttereien in Kapitaͤn Wolf Graham's Mund,“ ſagte der Laird mit lilliputian'ſcher Wuͤrde.„Allein war die Verſammlung zahlreich, Fraͤnzchen? Wer ſaß als neben euch? Die alte Frau von Hungeremout— wagte ſie ſich aus ihrem Neſte heraus?““ „O, ja! Sie hat den alten carmeſinrothen Mantel in einen reitenden Joſeph verwan⸗ delt, der an der Schleppe ziemlich knapp und filzig— obſchon huͤbſch und lang an der Taille iſt. Der junge Hausvater war auch da, mit den nankinfarbnen Hoſen, zu de⸗ nen ich fruͤher die Farbe brachte; und die Jungfer Jennp Jamphreh von den Aiks er⸗ ſchien mit einer rothen Muͤtze, die ſowohl each als mir, Laird, nebſt der ganzen Ge⸗ meinde zu Sauerloch, fremd iſt. Ich weiß niht, woher ſie ſie hat.“ „Eliſabeth, wird es wohl die gelbe Do⸗ vonſhirer Haube ſeyn, die ſie aus der Koſt⸗ ſchule gebracht und die ſie, glaube ich, mit rothan Indigo gefaͤrbt hat? ſagte der Laird in aͤgſtlichem Tone. 248 „Nicht unwahrſcheinlich,“ erwiederte Eli⸗ ſabeth.. Auf dieſe Art wurde der ganze Schnick⸗ Schnack und Scandal des Kirchſpiels erzaͤhlt — welche Veraͤnderungen die Kleidungen ſo⸗ wohl hinſichtlich ihres Schnitts als ihrer Farbe erlitten hatten— wer ausgerufen— weſſen Kind getauft worden war— wer verſtohlene Blicke auf ſeine Nachbarn warf— wer heim⸗ lich ſchlief— wer laut ſchnarchte— wer ritt — wer zu Fuß ging und wie viele Dreier der umgehende Klingelbeutel den Taſchen die⸗ ſer kargen Verſammlung, Schanden halber, entriſſen hatte. „Lowrie Lingle's Kind wurde John Hut⸗ chen getauft!“— ſagte Frieſel. Der Laird ließ ſich zu keiner Bemerkung herab.“ Es ſtand ihm gut an! dachte ich und einen ſchoͤ⸗ nen Wiſcher gab ihm Herr Gideon.„Wie nennt ihr den Namen eures Kindes, Lowrie,“ bloͤckte er laut. Lowrie fluͤſterte; und er ſchrie wieder—„Des Kindes Name, meine Freunde, iſt John Hutchen!— aber ein Name hit nichts mit der goͤttlichen Vorſchrift der Taufe zu ſchaffen.“ Der Laird laͤchelte, ſuchte aber ſein Licheſn zu verbergen. „Allein wir hatten auch den großen juigen Herrn von der Grille.“ „Ich ſah etwas blinken, das einer hilben Krone glich, als Saunders Thrums den 249 Klingelbeutel von dem Orte, wo der Junker ſaß, zu unſerm Sitze brachte, um Effie's Vier⸗ telpfennig abzuholen.— Sie wirft ihr Brod auf das Waſſer, das ſanfte Maͤdchen.— Ich weiß nicht, nach was ſich der Edelmann umſah, Fraͤulein Liſabeth; allein ziemlich oft machte ſein Auge die Runde in der Kirche.“ „Ein artiges Sabbaths⸗Geplauder fuͤr Monkshaugh's Sprechzimmer,“ rief der Laird zornig aus,„was fuͤr einen Namen ein Schuh⸗ macher ſeinem Kinde gegeben hat,— oder wie Herrn Hurcheon's Gaͤſte in dem Ver⸗ ſammlungshauſe zu Sauerloch umherblicken oder ſchielen. Es ſchickt ſich fuͤr mich, als fuͤr euern Herrn, Franz Frieſel, euch im Zaume zu halten; ſo mag es euch daher ge⸗ fallen, mir den Text und eine Ueberſicht der Predigt, ſo wie ſie war, zu geben, und laßt das eitle Geplauder unterwegs, an dem ihr ſo großen Gefallen findet.— Unſinniges Ge⸗ ſchwaͤtz, hoͤchſt unſchicklich fuͤr dieſen Tag und dieſe Gegenwart.“ „Eine edle Rede,“ ſagte Frieſel, ſeine feier⸗ liche Miene, jedoch in nuͤchternem Ernſte, wieder annehmend; denn in jener Zeit war das Formelle der Religion in Schottland— in dem verbuͤndeten Schottland!— ſelbſt da, wo ihre Macht gar nicht gefuͤhlt wurde— unumgaͤnglich nothwendig.—„Ich wuͤnſche, ihr waͤret da geweſen, Laird— bei jenen Wor⸗ ten Elias, zweiten Buch der Koͤnige, 4, 26. 250 — geht es dem Kyaben gut?— Kein Auge in der ganzen Verſammlung blieb tro⸗ cken, Fraͤulein Liſabeth. Niemand konnte die Anwendung auf unſere Familie außer Acht laſſen. Es war kein ſolcher Sonntag in Sauer⸗ loch, ſeit Herr Haliburton ſeine erſte, große Antrittspredigt hielt. Unſere Effie verſank in Ohnmacht. Saunders Thrums, der Kuͤſter, und ich, mußten ſie an Kopf und Fuͤßen hinaustragen; und ſie auf des Peedigers Spreuerbett hinſtrecken. Ja, Lady Liſabeth, es war eine erbauliche Predigt. Ja, und der ſaftige Ausgang— des Propheten Antwort an die Frau von Schunam—„Es wird gut gehen.“—„Ihr wurdet ſehr vermißt, Laird,“ fuͤgte Frieſel hinzu. Die Rede, ſagte Herr Gideon, theilte ſich naturgemaͤß in ſieben Abſchnitte*). „Und zehn Hoͤrner vielleicht,“ rief Monks⸗ haugh, mit ſcharlachrothem Geſichte, und vor Zorn funkelnden Augen.„Was hatte ſein alter Guguckskopf mit Kapitaͤn Wolf Graham von Monkshaugh zu ſchaffen. War es nicht genug, daß der langarymige Cameronianer den Boden aus meinem ſilbernen Pfaͤndchen herauspredigte, muß er uns auch noch durch ſein Predigen zu einem Gegenſtande des Ge⸗ ») Das engliſche Wort iſt heade, und bedeutet ſowohl Koͤpfe als Abſchnitte. 2 V 2 251 laͤchters fuͤr die ganze Umgegend machen. Ja, Liſabeth, meine Liebe, wohl moͤgt ihr ausſehen, als ob ihr nicht wuͤßtet, ob ihr lachen oder weinen ſolltet; wenn meine Lady Tamtallan davon hoͤrte. Das iſt nicht zum ertragen, und es ſoll nicht ertragen werden! und Meiſter Franz Frieſel, wenn die Pfarrkirche zu San Serf, oder die krypto⸗catholiſche Kapelle zu Innervallie der Jungfer Fechnie und euch nicht genuͤgen kann, wie eurem Herrn, ſo ſollt ihr ſehen, wie es euch ergeht— ich ſage euch das! In der That, eine huͤbſche Nachricht fuͤr jene Hurcheon's, daß in der Kirche von Sauer⸗ loch ein Tag des Faſtens und der Demuͤthigung fuͤr das ſinkende Haus Monkshaugh gehalten wurde.“ „Die Hurcheon's haben anderes Werg an der Kunkel,“ erwiederte das Wieſel, das wohl wußte, wohin der Laird zielte, und ſich jederzeit, wegen ſolcher kleinen Suͤnden zu raͤchen wußte. „Was meint ihr mit dem andern Werg, Burſche?“ „Ich meine, ſie haben anderes Werg zu ſpin⸗ nen, als an die Angelegenheiten des Hauſes Monkshaugh zu denken,“ ſagte Frieſel.„Lord Rantletree iſt zu einem großen Mittagsſchmauſe auf den zehnten dieſes Monats eingeladen, wo der junge John volljaͤhrig wirt und den naͤch⸗ ſten Tag kommt meiner Lady fete champ peter — und ball al fresco in den Garten der„Gril⸗ lenfamilie.“ Auf alle Buͤſche werden Kerzen 252 geſteckt, damit man ſie ſehen kann,— denn der Grillenwetterhahn iſt kaum volljaͤhrig, obſchon Herr John es iſt,— und Lady Liſabeth, alles rothe Papier in Touchthebits Laden iſt zu rothen Roſen verſchnitten worden.— Was duͤnkt euch von allem dem, Laird?“ Dieß geſprochen, eilte der verwegene Diener davon, ſeinen Weſ⸗ penſtachel in ſeinem Schlachtopfer laſſend. „Kommt zuruͤck, Franz Frieſel, und puzt dieſe Lichter.— Was habt ihr mir da geſagt? der ſehr ehrenwerthe Graf von Rantletree, Seiner gnaͤdigen Majeſtaͤt Stellvertreter fuͤr dieſes Land, Ritter des Diſtels und erblicher Tabaksbeutel⸗ Traͤger fuͤr Schottland— obſchon der Lord Lyon ihm dieſes Recht ſtreitig macht— wird mit Grete Hurcheon's Urgroßenkel ſchmauſen? Dieß ſtoͤßt alles Gedruckte um!“ Dieß hieß die Sache ſo ſtark und ſo weit als moͤglich zuruͤckſchlagen. „Ihr bekommt die Nachricht ſo wohlfeil, als ich ſie bekam, Monkshaugh,“ ſagte der ehr⸗ erbietige Diener; und da er nun ſeine Rache wegen der unguͤnſtigen Art, auf die ſeine Ueber⸗ ſicht der Predigt aufgenommen worden war, hinlaͤnglich geſaͤttigt hatte, entfernte er ſich, um den Kuͤhjungen, den Laufpurſchen und die weib⸗ liche Dienerſchaft zur Lectuͤre des Sonntags Abends herbeizurufen, waͤhrend der Laird in einer eben nicht ſehr chriſtlichen Laune daruͤber nachſann, was dieſe unheilvolle Verbindung be⸗ deute, ſich mit dem Gedanken beſchaͤftigte, Whig 2⁵⁵ zu werden, und anſieng an ſeinen Fingern die Zahl der Stimmen zu berechnen, welche die ver⸗ einigten Haͤuſer von Bruce, Monkshaugh und Kippenereery Weſter, bei einer Wahl zuſam⸗ bringen koͤnnten. Die Finger der rechten Hand reichten fuͤr die Geſammtzahl derſelben hin. „Oh! Liſabeth, waͤret ihr nur ein Bube ge⸗ worden!“ ſagte er, endlich ſeine Faſſung eini⸗ germaßen wieder gewinnend—„und dieß wuͤnſcht auch unſere ſtarkmuͤthige Verwandte, die Lady Tamtallan; allein ich moͤchte nicht be⸗ haupten, daß unſer Freund Wolf, als maͤnn⸗ licher Erbe, großen Gefallen daran gefunden haͤtte.“— „Ich moͤchte keines von beiden verſprechen,“ fluͤſterte Frieſel, das Predigtbuch, aus welchem der Laird— der in ſeiner Familie ſowohl Prieſter als Prophet und Koͤnig ſeyn wollte, — die Lectuͤre fuͤr den Abend auswaͤhlen ſollte, mit ernſter Miene, vor ſeinen Gebieter hin⸗ legend. Nach langem Suchen und gebuͤhrender leber⸗ legung, legte er, als einen geeigneten Verweis der Schwatzſucht Frieſels, der Lady Eliſabeth Blair's Predigt„uͤber die Neugierde in Be⸗ treff der Angelegenheiten Anderer“ vor. Hierauf fuͤhrte er ſie auf einen Sitz an dem lodernden Kaminfeuer, und poſtirte ſei⸗ nen kleinen, engen Lehnſeſſel ihr gegenuͤber. Das Wieſel ſtellte einen kleinen Tiſch und einen Fußſchemel vor die Dame hin, puzte 254 die Lichter mit einem Schnoͤrkel, und kehrte nach dem Orte zuruͤck, wo die Maͤdchen des Haushalts hinter einem hohen, japaniſchen Vorhang verſchanzt waren— eine Graͤnze, die nach dem Beiſpiele der Familie Rantletree bei ſolchen feierlichen Gelegenheiten des Pre⸗ digtleſens am Sonntagabend, die Anbeter des innern Hofes von denen des aͤußern trennte — die Porcellanerde— den Goldſtaub— die Perlenaſche der Erde von ihren gemeinen alltaͤglichen kothigen Subſtanzen—„den Gott⸗ loſen von dem Unbußfertigen“ ſoll Gideon geſagt haben, allein es wurden ihm viele boͤs⸗ artige Dinge aufgebuͤrdet, an denen er keine Schuld hatte. Um die Mitte der Rede haͤtte von mehr als einem Sinne bemerkt werden koͤnnen, daß weder Dr. Blair's Beredtſamkeit, noch die Zauber⸗ ſtimme der Lady Eliſabeth im Stande gewe⸗ ſen waren, irgend jemand von der Verſamm⸗ 1 lung, das raſtloſe Wiefel ausgenommen, wach zu erhalten. Obſchon Frieſel in der Vorhalle ſaß, ſo ſuchte er doch das flackernde Kamin⸗ feuer im Auge zu behalten, und ſich eine voll⸗ kommene Ueberſicht uͤber alles zu ſichern, was in dem Innern vorging. Niemand erkannte, glauben wir, je die Klage wegen des ſehr natuͤrlichen und unſchul⸗ digen Verbrechens des Schnarchens an, ſelbſt wenn er uͤber friſcher That ertappt wurde. Von Monkshaugh konnte zwar nicht ange⸗ —“ 2⁵⁵ nommen werden, daß er je ſchnarchte; denn er war eine jener klaͤglichen oder erhabenen Perſonen, deren es wenige in der Welt gibt, die weder bei Tag noch bei Nacht durch irgend einen Zufall einſchlafen. Doch wir haben geſagt, die ganze Verſammlung, mit Aus⸗ nahme des Wieſels und der Leſerin, habe jezt jede nach ſeiner Art, geſchnarcht. Die Naſen⸗ und Gurgelmuſik des Milchmaͤdchens war kraͤf⸗ tig, laut, polternd, und drohte zuweilen mit Erſtickung, waͤhrend die hohe Oktave aufwaͤrts rollte, dann ſank ſie wieder auf eine wirklich wunderbare Weiſe herab, als ob ſie, ſo zu ſagen, ihre Kuͤhe ganz behaglich heimriefe. Ef⸗ fie's Schnarchen war leiſe und knurrend, und mit gelegentlichem abgeriſſenem Brummen un⸗ termiſcht, als ob ſie in ihren Kropf hinein mur⸗ melte, und auch im Schlafe noch eigenſinnig und widerſpenſtig waͤre. Das Athmen des ſchlummernden Lairds war ſanft, naͤſelnd, mit wenigen Pauſen untermiſcht, kurz etwas feinſittigeres, obſchon ein vollkommen entſchie⸗ denes Schnarchen. Um die Mitte der Rede, haben wir geſagt, als Eliſabeth anfing, ihres Geſchaͤftes muͤde zu werden, verſank das Milchmaͤdchen nach einer. langen kolkernden Art rollenden Schnarchens in eine Melodie, die in ihren Trillern ſo neu und verwickelt war, daß ſie ſowohl die Ernſt⸗ haftigkeit des Wieſels uͤberwaͤltigte, als die ſchoͤne Leſerin aus der Faſſung brachte. Auch 2⁵6 der Laird fuhr bei dem Kehlentriller, der in der That die Todten haäͤtte aufwecken koͤnnen, aus ſeinem Schlafe auf. Auch weckte er die erſchrockene Schnarcherin ſelbſt auf, die, als ihr Frieſel etwas in den noch immer weit ge⸗ oͤffneten Mund ſteckte, ſowohl Zeit als Hrt vergaß, und ausrief:„Ei um Gotteswillen, Fraͤnzchen!“ „Es iſt eine ſchlimme Sache, Franz Frie⸗ ſel,“ ſagte Monkshaugh in einem verweiſen⸗ den und aͤrgerlichen Tone, ſich gegen die An⸗ ſchuldigung, die er gegen ſein Geſinde erhob, durch den Vorhang geſichert fuͤhlend, daß ihr euren ſchweren Kopf nicht aufrecht halten koͤnnt, waͤhrend eure Vorgeſezte ſich herablaſ⸗ ſen, euch in euren Sabbathspflichten zu un⸗ terrichten. Ich bin uͤberzeugt, Dr. Blair's Predigten brauchen keines von euch zu ermuͤ⸗ den: der wuͤrdige Mann ſagt ſeine Meinung kurz.“. „Armer, kraftloſer, karger Wiſch, von einem ungeſalzenen Habermehlspudding,“ fluͤſterte Effie.„Ich wuͤnſchte, ich koͤnnte auch ſchlafen; denn ich kann den legalen Klingklang, wie Herr Gideon ſich ausdruͤckte, der ſich in den Predigten dieſes Mannes findet, nicht ausſtehen. Ihr koͤnnt ſogar Herrn Haliburton ſagen, daß ich es geſagt habe. Meinetwegen mag es hö⸗ ren, wer da will.“ Effie ſchuͤttelte zur Be⸗ kraͤftigung deſſen ihren Kopf; und Frieſel gab 257 ihr einen einverſtandenen Wink in einem Style, den ſie bloß halb billigte. „Still mit eurem Gemurmel da!“ rief Monks⸗ haugh haſtig;„und fahret ihr mit der Lectuͤre fort, meine beſte Eliſabeth; und verzeiht die⸗ ſen ſchwerkoͤpfigen Geſchoͤpfen ihren Mangel an Aufmerkſamkeit. Sie gleichen in ihren ſtumpfen und ſchlaͤfrigen Verſtandeskraͤften uns nicht. Dieß kann nicht angenommen werden.— Gebt Acht darauf dort, daß ihr eure Augen offen erhaltet, oder ihr werdet dieſe Nacht euren gewoͤhnlichen Antheil von Speiſe und Trank nicht erhalten,“ ſagte er, hinter den Vorhang blickend, in einem ſcharfen Tone.„Oder wenn ihr ſchlafen wollt, ſo braucht ihr ſicherlich nicht zu ſchnarchen. Ich wundere mich, Liſabeth, wie die Leute ſchnarchen koͤnnen!“ „Ich wundere mich noch mehr, daß die, welche ganz und gar nicht ſchlafen, ſich die Muͤhe nehmen, zu ſchnarchen,“ ſagte Frieſel ruhig. „Ruhig da, Franz Frieſel! Liſabeth, meine Beſte, fahret fort,— euer Geſchaͤft wird bald zu Ende ſeyn.“ Eliſabeth, die nicht wenig aͤrgerlich uͤber das Ganze dieſer wohlgemeinten Feierlichkeit war, ſezte ihre Lectuͤre ruhig fort. Sie las aus dem Predigtbuche und ſchoͤn las ſie— „Was geht das dich an, folge mir nach. Was dieſer Menſch, oder jener Menſch 25⁸ thut; wie er ſeine Zeit anwendet; welchen Ge⸗ brauch er— „Ach! Haltet hier, Liſabeth, meine Theure. Ihr hoͤrt das, Franz Frieſel,“ ſagte der Laird, ſeinen Kopf nach dem Winkel des Vorhangs kehrend, wo Frieſel vortheilhaft poſtirt war. „Was geht es dich an, wie viele balls al' frisko, oder fotes-champ Peter John Hurcheon's Weib giebt. Wahrlich, wahrlich, es iſt leichter, meine Theure(er wandte ſich jezt an die ganze ihm unſichtbare Verſammlung in feierlichem Tone), daß ein Kameel, wie der Apoſtel Jako⸗ bus ſagt, durch ein Nadeloͤhr geht, als daß ein Reicher ins Himmelreich eingehe. Aber dieß ſind tiefe Geheimniſſe; Und ihr habt fuͤr dieſe Nacht genug. Macht das Buch zu, Li⸗ ſabeth, mein Liebling.— Macht guten Ge⸗ brauch, ihr da, von dem, was ihr gehoͤrt habt. Effie, ich bin uͤberzeugt, ihr habt etwas Troͤſt⸗ liches zum Nachteſſen des Sonntagsabends. Es war ſtets in Monkshaugh gebraͤuchlich, Liſabeth⸗ wenn das Gebet des Sonntagsabends anſtaͤndig verrichtet war, dem Geſinde etwas Beſſeres zu geben, als gewoͤhnlich.— Franz, wicklet den Vorhang da zuſammen; und legt das Predigt⸗ buch an einen Ort, wo ihr es am naͤchſten Sonn⸗ tag leicht wieder finden koͤnnt.— Liſabeth, meine Beſte, habt ihr auch ein Zeichen ins Buch gemacht? Ihr muͤßt ein Glas warmen Peres⸗ negus zu euch nehmen; denn ich bin verſichert, eure Kehle iſt durch ein ſolches langes Stand⸗ 259 halten wund. Aber alte ernſte Gebraͤuche muͤſ⸗ ſen jezt in alten Familien wieder ins Leben geru⸗ fen und aufrecht erhalten werden. Es iſt jezt keine Zeit, in der man die Zucht erſchlaffen laſſen darf. Ich kann es nicht gutheißen, vor dem Geſinde zu ſprechen. Aber Liſabeth, was hal⸗ tet ihr davon, daß Lord Rantletree, der Haupt⸗ zweig aller Rantletree's, mit Grete Hurcheon's Enkel tiſchelt und ſchmaust?“ Eliſabeth wich der Frage geſchickt aus, indem ſie erwiederte:—„Ihr habt mir noch nie die wahre Geſchichte dieſer beruͤhmten Perſon— dieſer Hexe— erzaͤhlt,— allein ich kann euch wie natuͤrlich, an einem Sonntage nicht mit ſol⸗ chen Dingen laͤſtig fallen.“ „Große Grete von Monkshaugh! Ihr ſollt nicht lange auf dieſe Geſchichte warten duͤrfen, Liſabeth. Exinnert mich morgen daran.“ Eine Stunde nachher herrſchte Friede und Schlummer in der alten Wohnung, von der Kuͤche bis zur Dachſtube. Eliſabeth gedachte in ihren Gebeten mit Liebe deſſen, der nie, nie von ihren Gedanken abweſend war. Der Laird bruͤtete uͤber Planen zur Demuͤthigung Harletil⸗ lum's; und Effie ſann auf ihrem Kiſſen uͤber eine ganz neue Art des Angriffs auf das Herz des ehrlichen Gideon nach. 260 Zwoͤlftez Kapitel. Mißgriffe einer Nacht. Als Eliſabeth am naͤchſten Morgen in das Fruͤhſtuͤckszimmer trat, ſo war ſie erſtaunt uͤber Monkshaugh's ganze aͤußere Erſcheinung. Er war noch in ſeinen Schlafrock gehuͤllt, und ſaß an ſeinem altmodiſchen Schreibtiſch von Eben⸗ holz, ſtatt an der Spitze des Tiſches den ſilber⸗ nen Kochtiegel zu bewachen— ein Geſchaͤft, das er bei gewoͤhnlichen Gelegenheiten keinem Weibe, viel weniger einem vom Weibe Gebornen uͤber⸗ laſſen wollte. Die Ceremonie des Fruͤhſtuͤcks wurde wenig⸗ ſtens um eine halbe Stunde verkuͤrzt; und von neuem ſchrieb der Laird— ſchrieb wie⸗ der— ſtrich aus— neigte ſeinen Kopf in Nach⸗ denken verloren auf die Seite— laͤchelte uͤber einen gluͤcklichen Einfall— kruͤmmte ſeine Lip⸗ pen, als ob er in ſeiner Einbildungskraft die Schriftzeichen der„brennenden Gedanken“ malte, die ſeine Finger bildeten— kurz er ſpielte den ſeines Erfolgs gewiſſen Schriftſteller ſo natuͤrlichs als möglich. Eliſabeth kannte keine Suͤnde der Art, die man dem Laird je zur Laſt gelegt haͤtte, ausgenommen eine Stanze und eine . 261 halbe, die er einem alten jakobitiſchen Liede bei⸗ gefuͤgt hatte. 4 Halblachend uͤber ihre eigene Neugierde, ſagte Eliſabeth endlich:—„Mein werther Herr, Ihr ſcheint ſo entzuͤckt uͤber euern Gegenſtand— Vers oder Proſa?— darf ich fragen?“ „Proſa, Liſabeth, gute, ſchlichte, kraͤftige Proſa, die an der taubſten Seite von John Hurcheon's Kopf knallen wird. Allein ſchneidet mir eine reine feingeſpizte Feder— ich regiere das Inſtrument ſeltener, als ich vielleicht ſollte. Ich bin ein traͤger Taugenichts geworden, Liſa⸗ beth— und waͤhlt mir ein Blatt von dem feinen Papier mit vergoldetem Rande aus. Ja, das wird tauglich ſeyn. Aber ſeyd geduldig, Maͤd⸗ chen— Ihr ſollt hoͤren. Narren und Kinder ſollten, ihr wißt es wohl, eine unvollendete Arbeit nicht ſehen— obgleich dieß kaum eine hoͤfliche Sprache gegen euch iſt.“ Eliſabeth merkte, daß, obſchon er geſprochen hatte, ſein Geiſt ahweſend, entruͤckt, gaͤnzlich in den Wolken war. „Das goldene Siegel, meine Beſte— mit den Wappen der Grahams.“ „O die Grahams, die tapfern Grahams.“ „O ſtuͤnden nur die Grahams mir bei.“ Er ſummte die Stanze; und ſagte dann: „Heirathet nie einen Mann mit einem gemei⸗ nen geſindelsartigen Beinamen, Liſabeth— Oder das Siegel mit der Helmzier der Bruce 8 — wie wuͤrde das Motto paſſen?— Fuimus“ — 262 — wir ſind Kei ſen. Wahrlich, Liſa⸗ beth, meine Theure, Dieß fuͤrchte ich, mag am Ende doch unſerem gegenwaͤrtigen Zuſtande am angemeſſenſten ſeyn.““ So uͤber ſich ſelbſt erfreut, und ohne Ende und Aufhoͤren faſelnd, wie Frieſel ſagte, brummte Monkshaugh fort, bis die Meldung erfolgte, daß ein Gaſt von den Furthen des Oran im Anzuge ſey. Dieß war der einzige gefaͤhrliche Punkt, von welchem aus Monkshaug's Sittenfeinheit un⸗ vermuthet uͤberfallen werden konnte; und laͤngſt ſchon war eine Telegraphenlinie zwiſchen ihm und der Wohnung errichtet worden. Der Pfluͤ⸗ ger in den fernen Feldern ſchrie dem Dreſcher zu— der Dreſcher theilte ſeine Nachricht Hu⸗ phoc, dem Kuͤhlungen, mit— der Kuͤhjunge, der, bei gutem Wetter, ſich auf das Dach der Scheuer poſtirte, gleich einem Waͤchter auf einem alten Feuerthume, lief auf den Platz hinab, um das Wieſel in 3.uarißheinaen. Vermoͤge dieſer trefflichen Anordnung war der Laird jederzeit im Stande, ſeine Peruͤcke zu wechſeln; die Speiſekammer zu unterſuchen und Eliſabeth aufzufordern, ihren Naͤhzeug, ihre Buͤcher, Blumen u. ſ. w. aus ihrer Ecke in die Fenſter⸗ vertiefung zu entfernen. „Ehe jedoch der Reiter von den Furthen des Oran ankam, erſchien Herr Haliburton. Der wuͤrdige Mann hatte an dieſem Morgen, kaum ſeine gewoͤhnliche reichliche Portion Haferſuppe ——— 4 — —— ——— 265 und Buttermilch, oder wie er ſie richtiger nannte, Sauermilchverzehrt, zwiſchen je⸗ dem furchtbaren Loͤffel voll, ungefaͤhr zehen Linien des„Gefaͤhrten“ vermoͤge eines Sei⸗ tenblicks verſchlingend, als ihm Dame Effie Fechnie gemeldet wurde. „Etwas von jener Geſchichte mit dem ar⸗ men Kinde, dachte der beſtuͤrzte Gideon.„Ich war etwas ſtrenge gegen ſie,— Sie iſt eine ſanfte liebende Natur; nur noch jung, ſie wird aber mit der Zeit weiſer werden;“ und die⸗ ſes denkend hegend, fragte er Effie aͤngſtlich. „Es thut mir leid, ſagen zu muͤſſen,“ ſtoͤhnte ſie,„daß dieß eine Sache von hoͤhe⸗ rem Belang, als bloß leibliche Leiden ſind, iſt— es betrifft das Heil einer Seele, Pre⸗ diger— ein Fall grauſamer Verfolgung! nichts Beſſeres; denn er verdammt mich, da ich lange mit ſaftiger und ſchmackhafter Seceſ⸗ ſionslehre genaͤhrt wurde, zu dem geſetzmaͤßi⸗ gen Unſinn der alten Kirche. Man hat mir gedroht, mir mein Amt zu nehmen, wenn ich fortfahre, unter eurem Panier zu bleiben.“ Hier vergoß Effie einen Strom von Crocodils⸗ thraͤnen.„Gewiß Prediger, ich bin bereit, mein Kreuz auf mich zu nehmen, und Vater und Mutter zu verlaſſen, wenn ich ſolche haͤtte, um euch zu folgen— ja mich an euch zu haͤngen.“— Dieſe letztern Worte ſprach ſie ſchluchzend. Dieß hieß Herrn Gideon an ſeinen zwei 264 ſchwachen Seiten angreifen, wenn uns der Ausdruck erlaubt iſt— ſeiner Zaͤrtlichkeit fuͤr das ſchoͤne Geſchlecht, ſeinen Grundſaͤtzen als ein Comeranianer und ſeinem Stolze als ein geiſtlicher Lehrer. „Der Laird von Monkshaugh ſezt mich in Erſtaunen, Effie:— Ich will es ihm augen⸗ blicklich ſagen, und ihm vorſtellen, was er zu verantworten hat, wenn er den zarten Gewiſſen, die ſein Brod eſſen, Gewalt an⸗ thut.“— Gideons Eifer ſtieg. „Ei! um Gotteswillen nicht!“ rief Effie, in einem ſehr natuͤrlichen Tone, nicht wenig beſtuͤrzt uͤber dieſe raſche Verfahrungsart. „Laßt euer ja, ja— euer nein, nein ſeyn, Effie,“ ſagte Gideon feierlich:—„Allein hier kommt der arme Franz— vielleicht in der⸗ ſelben Abſicht.“ „Meine Abſicht, Herr Gideon, iſt, euch zu bitten, mit dem Laird und der jungen Lady zu Mittag zu ſpeiſen.— Herzlich erfreut werden beide uͤber eure Gegenwart ſeyn.— Viele Complimente an euch; und ein beſon⸗ deres Wort von der Lady Liſabeth, daß ihr kommen muͤßt.“ „Und kein Wort, kleiner Mann, von eu⸗ rer Noth, wegen der Bosheit, euch zu zwin⸗ gen, eure Kirche aufzugeben.“ Friſel merkte in einem Augenblick, wie die Sachen ſtanden, und wie ſehr Effie in ſeiner Gewalt war; er bemuͤhte ſich daher, ſowohl ——— 265 ſowohl dem Laird, als der Dame wegzuhel⸗ fen, und dieſesmal unter allen Partheien Frieden, ſich ſelbſt aber ein gutes Nachteſſen, oder zwei von der dankbaren Schoͤnen, de⸗ ren Ruf zu ſehr in ſeiner Gewalt lag, zu ſichern. „Ihr glaubt alſo wirklich, Franz, er habe nichts gemeint?“ ſagte Effie und waͤhrend ſie noch eifrig ihre Bereitwilligkeit an den Tag legte;„alles aufzugeben,“ ſprach ſie ihren Dank dafuͤr aus, daß ſie noch nicht berufen ſey, Gewiſſens halber zu dulden und entfernte ſich allein nach verſchiedenen vergeblichen Ver⸗ ſuchen, Frieſel mit ſich zu nehmen. „Ich wuͤnſchte, Effie's Eifer moͤchte mit der Kenntniß uͤbereinſtimmen,“ ſagte Gideon. „Aber was ſollen wir ſagen?— ſind nicht die Einfaͤltigen der Erde, gleich ihr, oft er⸗ waͤhlt, verſtaͤndige Menſchen zu beſchaͤmen?“ Monkshaugh war an dieſem Morgen ſo gut gelaunt, daß er ſelbſt vorſchlug, Gideon zum Mittageſſen einzuladen.„Es war doch alles genau erwogen, ein tuͤchtiger Wiſcher, den er Lowrie Lingle zab,“ ſagte er zu Eli⸗ ſabeth,„und er mein. s in ſeiner Predigt gut mit Wolf.“ Und als der wuͤrdige Apoſtel ankam, ſcherzte und lachte der Laird in der froͤhlichſten Stim⸗ mung uͤber den kitzeligen Punkt des bedeu⸗ tungsvollen Hinſtreckens der Effie Feihnie auf das Spreuerbett am vorigen Tage. Eliſ. von Bruce. I. 12 266 Eliſabeth arbeitete und ſchwaͤzte und lachte; und„der große Herr auf einem Pferde,“ den Hughoi angekuͤndigt hatte, erſchien end⸗ lich in der Geſtalt eines gepuzten, gutaus⸗ ſehenden engliſchen Stallknechts, der gut be⸗ ritten und in die Livree Harletillums glaͤnzend gekleidet war. „Ich erwarlete dieſe Ankunft,“ ſagte der Laird, mit der imponirenden Miene eines hochlaͤndiſchen Sehers.„Aber was hat John Hurcheon mit Braun und Gelb zu ſchaffen— das Haus Argyle trug Braun und Gelb— oder mit Roth, oder Blau, oder Grau, oder Gruͤn?“„Der arme Mann iſt verruͤckt,“ murmelte Gideon. „Ihr werdet dafuͤr ſorgen, Franz, daß Mann und Roß anſtaͤndig erfriſcht werden. Nehmt die ſilberne Taſſe, mit Brantwein ge⸗ fullt, auf dem Speiſeſchrank da, mit hinab. Ihr ſeht, Liſabeth, meine Theure, fuhr Monks⸗ haugh fort, ſeinen froͤhlichen Ton zu dem Ernſte und der Beſcheidenheit herabſtimmend, welche die Entwickelung des Drama dieſes Morgens erheiſchte.—„Ich ſah voraus, daß, da Wolf— der arme Burſche, es war auch um meinetwillen— einen Waffenſtillſtand mit John Hurcheon zuſammengeſtuͤmpert hatte, wir ohne Zweifel eingeladen werden mußten, Herr Gideon, ihren Pfauenſchwanz und ihre Herr⸗ lichkeit im Lande den 10ten proximo zu ver⸗ groͤßern. Jezt da meine muͤßige Lebensart, ſeit ich die Advokatenbank verließ“— „Der Laird hat ſein ſchwarzes Advokaten⸗ kleid um keine Laus ſchlechter. Es iſt eine wahre Seltenheit, Herr Gideon, ſeiner— „Still, Franz! macht mich nicht zu dem fertigen Federhelden, der ich geweſen bin. Ich hielt es fuͤr's Beſte, geruͤſtet zu ſeyn— Hem!“ Sich raͤuſpernd las er hierauf mit gebuͤhren⸗ dem Nachdruck: „Heer Robert Graham von Monkshaugh und Kippencreery Weſter, und das ehrenwer⸗ the Fraͤulein von Bruce, erwiedern Herrn und Frau Hurcheon von Harletillum ihren Gruß— und bitten aus Gruͤnden, deren naͤ⸗ here Beleuchtung eine Unhoͤflichkeit von Sei⸗ ten des Herrn Graham ſeyn wuͤrde, um Ent⸗ ſchuldigung dafuͤr, daß ſie bei Herrn Hur⸗ cheons großem Mittagsmahl, den 10ten proximo nicht anweſend ſeyn koͤnnen; und es thut ih⸗ nen leid, daß dieſelben Gruͤnde auch gegen Herrn Hurcheons fote champ Peter— und pall al fresco, die am folgenden Tage gege⸗ ben werden ſollen, wirken muͤſſen. „Monkshaugh Haus, Dezember 4, 17— „Paßt dieß, Liſabeth?— Kurz und kraͤftig— ein Biſſen von meinem Kitzler, Herr Gideon.“ Monkshaugh zuͤndete ſeine Kerze an, nahm ſein Siegellack zur Hand, und machte einen ſtarken, reinen und tiefen Abdruck von Graham'’s Wap⸗ pen auf das Papier. Eliſabeth ſchlich neben ihn hin—„Aber, mein theurer Herr, wir ſind noch nicht“— „Ihr ſtimmt alſo fuͤr die Annahme der Ein⸗ ladung, Fraͤulein von Bruce, wie alle jungen Narren, denen eine Naͤſcherei, wie meine Lady Tamtallan ſagt, mehr gilt, als die Ehre und Wuͤrde des Hauſes Bruce.“ Der Laird ſprach in zornigem Tone:„Ihr muͤßt Lord Rantle⸗ tree's Beiſpiel befolgen— Das goldene auf der Coal- heugh⸗Heide aufgeſtellte Kalb anbeten, und Herrn Hurcheon's Geheiß thun.“ „Ich bin ſo weit entfernt, die Einladung an⸗ zunehmen, daß ich uͤberzeugt bin, es wird mir gar keine zugeſchickt werden. Ich wenigſtens habe bis jezt noch keine erhalten. Zeit genug— ſagtet ihr mir, wie ihr wiſſen werdet, ſchon vor zehen Jahren, bei einem andern kitzeligen Falle — fuͤr junge Damen, abzuſchlagen, wenn ſie gebeten werden.“ Auf gieng des Lairds Thuͤre und hereinſtuͤrzte das Wieſel.— Bringt Lady Liſabeth dieſe Kar⸗ te, die John Hurcheon's Stallknecht gebracht hat.“ „Keine Karte, mein Herr— alles muͤndlich. Frau Hurcheons Complimente, und ſie wuͤrde ſich, nebſt guter Bezahlung, ſehr verpflichtet fuͤhlen— fuͤr noch eine andere Henne und noch ein Paar Huͤhnchen und Tauben, da euer Huͤh⸗ nerſtall und Taubenſchlag in der ganzen Um⸗ gegend in einem ſo hohen Rufe ſtehe; und es waͤre ihr lieb, wenn die Rechnung mitgeſchickt — 269 wuͤrde, damit ſie der Haushofmeiſter noch be⸗ richtigen koͤnnte, ehe die Familie in die Stadt gehe. „Rechnung! meine Rechnung ſenden! Hen⸗ nen und Huͤhnchen!“ rief der Laird.—„Die unverſchaͤmte Metze, als ob ich eine Huͤhnerfrau, oder ein Eyeraufkaͤufer waͤre, wie ihr Groß⸗ vater; weil ich Effie Fechnie, meine Haushaͤl⸗ terin, gegen ihren Rath und Willen, bewog, dem Geſinde einiges fette Gefluͤgel zu ſchenken, als es zu uns ſchickte, um von uns zu borgen. Dieß ruͤhrt von einer freundſchaftlichen, nach⸗ barlichen That her, die dieſem ungezogenen Bettlersgeſchlecht erwieſen wurde. Effie Fech⸗ nie; Effie Fechnie!“ und eine Hand an jede Seite ſeines Kopfes ſchlagend, gleichſam um ihn zu verhindern, dieſer Schmach wegen zu zerber⸗ ſten; oder was wahrſcheinlicher ſchien, um zu verhuͤten, daß ihm ſeine Peruͤcke nicht vom Kopfe flog, eilte der tiefbeſchimpfte Laird von Monks⸗ haugh auf ſein Zimmer.„SFch glaubte, der arme Mann ſey verruͤckt geworden, Liſabeth,“ ſagte Gideon. „Ihr haͤttet, mit gleichem Recht, das Weib fuͤr ungezogen und frech halten koͤnnen,“ erwie⸗ derte Eliſabeth. Sie warf des Laird's briefliche Arbeiten ins Feuer, und ertheilte, ſich an Frie⸗ ſel wendend, den Befehl, dem Stallknecht eine halbe Krone zu geben, und ihn zu entlaſſen. „Es fand keine Sendung von Herrn Graham an Frau Hutchen von Harletillum ſtatt.“ 270 Frieſel war eine jener ſinnreichen Perſonen, die nie in ihrem Leben ſich einer Botſchaft verba⸗ tim entledigten, oder eine Geſchichte ſo erzaͤhlten. „Sagt eurer Gebieterin, engliſcher Hans, daß Herr Graham von Monkshaugh ſagt, er habe den Eyerhandel noch nicht begonnen; ob⸗ ſchon er, wenn er in dieſem Lande umherblickt, gleich dem Lord Rantletree große Urſache hat, ihn fuͤr einen gedeihenden Beruf zu halten.“ Gideon wurde eine Viertelſtunde lang allein gelaſſen, um ſeine Ferſen abzukuͤhlen, bevor Frieſel, ſtets aufgeregt, wenn irgend etwas Schlimmes im Werke war, in das Sprachzim⸗ mer zuruͤckkehrte. „Der Laird hat das Milchfieber bekommen,“ ſagte er.„Er iſt ganz auf dem Hund, und zit⸗ tert am ganzen Leibe, wie Eſpenlaub das arme Maͤnnlein!“„das Milchfieber!— beſinne dich beſſer, Fraͤnzchen!“ erwiederte Gideon, ruhig laͤchelnd.„Bloß Weibsperſonen bekommen das Milchfieber, wenn ſie ihre Kinder gebaͤ⸗ ren.“ „Thut nichts zur Sache!— der Laird hat das Milchfieber, ſage ich euch. Jungfer Liſabeth troͤpfelt Branntwein auf eine Beule Zucker fuͤr ihn— Effie macht einen Gluͤhwein fuͤr ihn— und mich hat man abgeſchickt, um nach euch zu ſehen.“ „Unlaͤugbar, mein kleiner Mann, hat der Laird mehr von einem Weibe an ſich— ich dachte das immer— als unſerem Geſchlechte 2 —2 271 gewoͤhnlich eigen iſt,“ ſagte Gideon, ernſthaft und gedankenvoll ſeinen Kopf ſchuͤttelnd, da ſeine mediciniſchen Zweifel ſich bei den unum⸗ wundenen Behauptungen des Wieſels zu ver⸗ ſtaͤrken begannen.„Aber das iſt ein Geſchirr, das ich nicht anſchnallen kann, Franz,“ fuhr er fort.„So waͤrve es beſſer, ich ſtolperte nach Haus— mein kleines Geſchaͤft kann leicht ver⸗ ſchoben werden.“ „Keineswegs. Sezt euch nieder, Prediger,“ ſagte das Wieſel, gleich ſehr bereit, die Hoͤflich⸗ keits⸗ oder Unhoͤflichkeitsdienſte im Hauſe ſeines Herrn zu erweiſen.“—„Lady Liſabeth wird dieſe Schwindel in zehn Minuten zu Paaren treiben. Ihr werdet doch Effie und uns in un⸗ ſerem Ungluͤcke nicht verlaſſen wollen; und einen ſo guten Schoͤpſenſchlegel an dem Braten⸗ wender, als je einer von dem leckerhafteſten Gutſchmecker verzehrt wurde. Riecht ihr ihn nicht? Hat ja doch Dr. Draunt die unſchaͤtz⸗ bare Gabe, ſogleich zu wittern; wo ein fettes Mittageſſen auf der Faͤhrte iſt. Wir geven ihm hier fuͤr gewoͤhnlich ſein Mittageſſen am Dienſt⸗ tag. Ihr heiligen Leute habt eure Gurgeln immer gern ein wenig geſchmiert, Herr Gideon. Der Laird ſchlug vor, die Lauchgewuͤrzte Hah⸗ nenſuppe um ſeinetwillen bis morgen zu ver⸗ ſchieben, allein die ſanfte Effie wollte nichts davon hoͤren. Wenn das Sprichwort wahr iſt— „munter am Eſſen, munter an der Arbeit,“ ſo duͤrfen wir, ich bin es verſichert, nicht uͤber den 1 klagen, der den Hirtenſtab dieſes Kirchſpiels ſchwingt.“ „Wenn ihr mir dadurch zu gefallen glaubt, daß ihr einen Diener der Kirche von Schottland, ſo groß auch ſeine Maͤngel ſeyn moͤgen, als einen Schlemmer und Freſſer verſchreit, Franz Frieſel, ſo moͤchte ich euch rathen, zu beden⸗ ken“— „Verſchreien!“ unterbrach ihn der unver⸗ ſchaͤmte Schuft:—„Fern ſey es von mir, Herr Haliburton. Wenn das Sprichwort wahr iſt,„der Himmel ſchickt dir Speiſe, der Teufel aber die Koͤche,“ ſollten wir da nicht um ſo eher dankbar dafuͤr ſeyn, daß wir eine regelmaͤßige Geiſtlichkeit in jedem Kirchſpiele haben, um ſich mit dem Feinde zu balgen, und ſeine unſchmackhaften Vorſchlaͤge in Betreff unſerer leiblichen Nahrung zu bekaͤmpfen?“ „Franz— Franz, ihr ſeyd ein großer klei⸗ ner Schelm!“ ſagte Gideon, ſeine Fauſt uͤber dem Kopfe des zwerghaften Maͤnnchens ſchuͤt⸗ telnd, und in wiedererlangter guͤter Laune grinſend; denn Gideon hatte bei allem ein menſchliches Herz— und war ein cameroniani⸗ ſcher Prediger. Waͤhrend Frieſel den Prediger auf dieſe Art hinhielt, beſaͤnftigte Eliſabeth mit freund⸗ licher Gewandtheit die verwundeten Gefuͤhle und den beleidigten Stolz des Lairds; und es ge⸗ lang ihr endlich halb, ihn zu uͤberzeugen, daß die ſtillſchweigende Entlaſſung des Boten ſeiner 273 wahren Wuͤrde weit angemeſſener war, als alle jene Formen und Arten, den ſchreienden Schimpf zu raͤchen, die ihm ſeine Leidenſchaft eingab. Der arme Mann wurde endlich von ihren Vorſtellungen ganz uͤberwaͤltigt. „Ihr ſagt, Wolf wuͤrde dieß thun, Liſabeth2 Ihr moͤgt Recht haben. Ich bin nicht der Mann, der einige von den alten Monkshaugh's waren. Ich bin nur ein ſchwaches, von einer zu zaͤrtlichen Mutter verhaͤtſcheltes Kind. Bei Wolf, dem armen Burſchen, war es anders; und um ſo beſſer mag es fuͤr ihn ſeyn. Ihm bleibt es uͤberlaſſen, den Namen der Grahams von Monkshaugh wieder zu Ehren zu bringen. Ich bin blos Traͤber und Sand gegen die alten tapfern Grahams. Ich weiß das: allein ihr Blut fließt in meinen Adern— und dieſe Hur⸗ cheon's—“ bei dieſen Worten ſank er auf ſein Kopfkiſſen zuruͤck. „Vergeßt ſie, mein Herr,“ ſagte Eliſabeth, weit tiefer geruͤhrt durch ſeine Offenherzigkeit und Demuͤthigung, als je zuvor durch ſeine eiteln Prahlereien. „Nein!— aber ich will frei von ihnen wer⸗ den, ſollte ich auch mit einem Almoſenſack auf dem Ruͤcken in dem Kirchſpiele umhergehen muͤſſen. Meint ihr, die Hausfrauen wuͤrden barmherzig gegen den alten Laird von Monks⸗ haugh ſeyn, deſſen Vorfahren ſo lange unter ihnen geherrſcht haben?“ Hier war wieder Eitelkeit im Spiele. Eliſa⸗ 274 beth gab keine Antwort. Es fehlte ihr zu allen Zeiten an der ſchuldloſen Geſchicklichkeit, die kindiſche Laune einer harmloſen Eitelkeit zu haͤt⸗ ſcheln. Ihre Complimente konnten weder durch die nackte Angel, noch durch den lockenden Koͤder aufgefiſcht werden. „Geht hinab zu Gideon, meine Beſte,“ ſagte der Laird.„Er iſt blos ein grobgeſpon⸗ nener Chriſt— allein er hat ſeinen Zauber uͤber Wolf Graham geworfen; und waͤre es auch nur ein Bauerhund, den Wolf liebte, ſo muͤßte er um ſeinetwillen in Monkshaugh Haus will⸗ kommen ſeyn.“ „Dann hoffe ich, werdet ihr mich auch um ſeinetwillen lieben,“ ſagte Eliſabeth, leicht er⸗ roͤthend. „Ich liebe euch um euretwillen, Liſabeth, meine Theure, ſelbſt wenn ihr auch nicht John von Bruce's Kind waͤxet.„Sicherlich, Liſa⸗ beth gieng einmal ein fluͤchtiges Geredez ich wolle eine Frau nehmen. Sowohl meine ewig⸗ verehrte Mutter, als auch die Laoy Tamtallan dachten an Miß Nickh Murray, als an eine wuͤnſchenswerthe Parthie; allein die Sache ge⸗ dieh nie weiter, als bis zu einem Theebeſuche bei der alten Graͤfin von Eglintoune's. Ich ge⸗ ſtehe es, ich bin etwas beſonders in meinem Ge⸗ ſchmacke, hinſichtlich der Koͤrperbildung einer Frau. Nun aber war Miß Nicky, obſchon eine geprieſene und herrſchende Schoͤnheit, lachshuͤf⸗ 275 tig, wie man ſich in jenen Tagen ausdruͤckte und ſo— 3 „Gut, gut,“ unterbrach ihn Eliſabeth la⸗ chend, allein hoͤher erroͤthend, als zuvor—„Da ihr entſchloſſen ſeyd, alle weibliche Hoffnung zu Boden zu ſchlagen, ſo bitte ich euch, laßt eure Grauſamkeit eine Stunde lang vor dem Mit⸗ tageſſen ſchlummern.“ Dieß ſprechend, ord⸗ nete ſie ſeine Kopfkiſſen und Bettdecke, ſchloß die Fenſterlaͤden, und entfernte ſich. Dame Effie brachte, ſey es nun zur Vergel⸗ tung der redneriſchen Beſtrebungen des Herrn Gideon am vorigen Tage, oder in Folge des Entſchluſſes, den wuͤrdigen Mann ſowohl durch den Magen als das Herz anzugreifen, und ihm ſo kein Organ zu ſeiner Vertheidigung zu laſſen, oder aus beiden Beweggruͤnden zugleich, ein herrliches Eſſen auf dem Tiſche Monkshaugh ſtand, mit beruhigtem Gemuͤthe auf. Corporal Fugal kam auf Den Platz herab, um ſich nach ſeinem Schutzherrn Wolf zu erkundigen, und erhielt den Befehl, ſich an's Mittagseſſen zu machen. Es herrſchte Frohſinn in der Halle. Die Hahnenſuppe redete eine Sprache, deren Geiſt Gideon ſogar verſtand. Einige Flaſchen alten Biers, ſo glaͤnzend wie Ambra, und ſo ſtark wie ein Rieſe wurden auf die Ge⸗ ſundheit des„jungen Kapitaͤns“ in der Kuͤche geleert. Ein Krug vortrefflichen alten Weins, obſchon er eigentlich geſprochen, bei Herrn Ha⸗ liburton weggeworfen war, that jedoch ſeine 276 erheiternde Wirkung in dem Sprechzimmer. Es wurde ein herzlicher Toaſt auf die Geſund⸗ heitsß, des Jungen uͤber dem Waſſer“ ausge⸗ bracht, und der Sturm des Morgens endigte mit einem ruhigen Abend. Zwiſchen Monkshaugh und Eideon ſitzend, in dem gluͤhenden Zwielicht des Feuers im Sprechzimmer, griff Eliſabeth nach ihrer Gui⸗ tarre, gleichſam um die noͤthige Faſſung bei⸗ zubehalten, und ſang zuerſt,„Die Tapfern Grahams,“ und nachher viele alte Lieder uͤber Liebe und ſchottiſches Ritterthum. Sie er⸗ waͤrmte ſogar endlich Gideon, und verleitete ihn zu der gefaͤhrlichen Ketzerei, ihr mit abgeriſ⸗ ſenen Strophen und ergaͤnzenden Verſen, die ſie zuvor nie gehoͤrt hatte, auszuhelfen. Gideon hatte einen Zug eines ſtarken poetiſchen Gefuͤhls, ein hartnaͤckiges Feſthalten an jener Wortform, die ſich zuerſt ſeinem Gedaͤchtniſſe eingepraͤgt hatte. Er haͤtte den Urheber ſelbſt der augen⸗ ſcheinlichſten Verbeſſerung an ſeinen alten Lieb⸗ lingsliedern, zu Boden ſchagen, oder ihm etwas, das dieſem nahe kam, anthun koͤnnen. Er hielt an der Muſik ſo feſt, als an den Worten und hatte zudem ein ſehr richtiges Ohr. Auf Gideons Verlangen— denn er war der zerſtreuteſte aller Menſchen— ſang Eli⸗ ſabeth die zarte alte Ballade von„Der ſchoͤnen Annie“— dem verlaſſenen Weibe— ihr Herz klopfte gewaltig als ſie ſang— — . 277 Steck Bruder in dein Haar, Annie In deine Schuhe Roſen Daß mädchenhaft dein Ausſehn ſey Ob Mädchen du nicht biſt. Und ſteck' ich Bänder in mein Haar In meine Schuhe Röſen, Wie kann ich ſehn wie eine Maid Da Mädchen ich nicht bin. „Ihr ſeyd ſchon zu Ende Jungfer Liſabeth?“ ſagte Gideon, als ſie ſchloß. „Ich habe wenigſtens gute Gewaͤhrsmaͤn⸗ ner dafuͤr.“ „Ich kuͤmmere mich keine Nuß um Gewaͤhrs⸗ maͤnner.“—„Ihr laßt die beſten Berſe des Liedes weg“ und gleich Aubrey's Geiſt ſang er mit„einem hoͤchſt melodiſchen Droͤhnen,“ einige der Eliſabeth ganz neue Stanzen: Hinweg— hinweg, du junge Braut, Hinweg von mir ein wenig; Nicht kann mein Annchen ich weinen hören, Um alles was ich hab! u. ſ. w. „Ich werde dieſe Linien annehmen,“ ſagte Eliſabeth; und als er nach ihr hinblickte, draͤngte ſich ſeinem Geiſte ploͤtzlich ihre be⸗ ſondere Lage auf. Die hohe Roͤthe ihres An⸗ geſichtes, ihre niedergeſchlagenen Augen und ihre bebende Stimme zeigten ihm die Grau⸗ ſamkeit ſeiner Aufforderung, dieſe Ballade zu ſingen. „Ich wurde als Dummkopf geboren, und will als Dummkopf ſterben!“ murmelte er und wandte ſich nach dem Laird hin. „Dieſe Albernheiten von alten Reimen haf⸗ 278 ten noch in der Seele eines Mannes, wenn das Andenken an beſſere Dinge von ihm ge⸗ wichen iſt.“ „Als ich ein Knabe war am Kamin meines Vaters, eines Moorlandpaͤchters in den Ge⸗ filden von Galloway— kein Geburtsſtolz, Monkshaugh, obſchon unſere Voraͤltern— und das iſt Stolz— in Schottlands boͤſen Tagen ſowohl zu trotzen als zu leiden wuß⸗ ten:— ja und ein edles Zeugniß mit ihrem koſtbaren Blute zu beſiegeln.“ „Und da ſammeltet ihr euern Vorrath ſei⸗ ner alten Balladen?“ ſagte Eliſabeth; denn die Unterhaltung neigte ſich nach einem kitze⸗ ligen Punkte unter dieſem Dache hin und ſie waͤnſchte ſie auf den fruͤhern Gegenſtand zu⸗ ruͤckzufuͤhren. „Ja dort, Liſabeth. Wir hatten die Gewohn⸗ heit, dieſen altvaͤteriſchen Unſinn an dem Ka⸗ minfeuer in einer Winternacht oder auf den Huͤgeln, an einem ſonnigen Sommertage zu dudeln: Unſinn und Schlimmeres noch, was die Eitelkeit und Verdorbenheit des natuͤrli⸗ chen Herzens naͤhrte— Brave Gallants, die prunkend den Huͤgel hinab kommen, ohne Zweifel in Schaafskleidern; und jungen Maͤd⸗ chen in einer Schafhuͤrde begegnen, und hei⸗ rathen und Frauen aus ihnen machen, oder ihnen ſuͤnfzig Guineen geben, um ihren Am⸗ menlohn zu bezahlen. Es erfuͤllt den Kopf unſchuldiger Maͤdchen mit finſterem Unfug. 279 Ich kannte einmal ein NMaͤdchen, das den Herzloſeſten haͤtte beruͤcken koͤnnen— die ſanfte, ſanfte Maid,— faſt ſo ſuͤß, wie ihr ſelbſt, Jungfer Liſabeth. Dieſes alte Lied von ihr— Ich reit' allein auf meinem Sattel,. Seit ſie beweibt ſind all' die ſchönen Jäger wuͤrde einem Manne die Thraͤnen aus den Augen gepreßt haben. Aber ich bin ein al⸗ ter Narr, Monkshaugh! Keine Narren ſo arg wie wir, das heißt die alten Narren,“ rief Gideon bis an ſeine Peruͤcke hinauf er⸗ roͤthend. Er fuhr mit ſeiner hoͤrnernen Hand uͤber ſeine Augen und ploͤtzlich zerſprang die ſilberne Saite der Erinnerung, die ſeinen Sinn nach alten Liedern, fruͤhen Liebesge⸗ ſchichten und den Huͤgeln von Galloway hin⸗ lenkte. Der Laird zog die Klingel; und Lichter wur⸗ den hereingebracht. Wie viele ſanften und lieblichen Zwielichts⸗Viſionen verbannen der heile Tag und der Kerzenſchein! Gideon war verfuͤhrt worden, auf Sodom und die ſchoͤnen Staͤdte der Ebene zuruͤckzublicken, und haͤtte in dieſer Stunde mit dem Dichter fluͤſtern koͤnnen— Mein Aug von kind'ſcher Thränen blinkt; Mein Herz iſt trüb und bang Denn meinem Ohr der Laut erklingt Der damals mir erklang. Er hatte gefuͤhlt, wie die vereinigten Zau⸗ ber der Natur, der Peſie und des ſchoͤnen Maͤdchens von Galloay von neuem Beſitz 260 von ſeinem Herzen nahmen, allein die Ker⸗ zen ſandten alle ſanften Ideen ſammt und ſon⸗ ders in die Schatten und Labyrinthe der Meta⸗ phyſik und der polemiſchen Gottesgelahrtheit. Eliſabeth wußte laͤngſt ſchon, daß Gideon ſowohl ein froͤhliches, als ehrliches und auf⸗ richtiges Herz hatte; allein gewiſſe fluͤchtige Re⸗ gungen, bei denen ſie ihn uͤberraſcht hatte, fuͤhrten ſie auf den Verdacht, daß dieſes Herz ehedem auch ein zaͤrtliches geweſen war, ſo rauh auch die Rinde war. Sie fuͤhlte jenen ſtarken und ſehr gewoͤhnlichen Hang, einen Blick in jene ſonderbare und verwickelte Ma⸗ ſchine, das menſchliche Herz, waͤhrend ſeiner fanftern Regungen, zu thun; und ſuchte da⸗ her abermals das Geſpraͤch auf den fruͤheren Gegenſtand zuruͤckzufuͤhren. Allein, wie wir bereits geſagt haben, die Saite war abgeſprun⸗ gen und alle Bemuͤhungen blieben fruchtlos. „Wie erfreut wuͤrde ich fehn, eure Huͤgel in Galloway zu ſehen!“ ſagte ſie und wieder⸗ holte: 3 Laßt mich wandern bei Sonnen⸗ und Mondenſchein, o das Heidekraut blüht, wo der Birkhahn kräht, Dann grabt mir mein Grab und legt mein Gebein; Auf die Hügel von Galloway. „Brave Zeilen, Jungfer Liſabeth! und ſo wuͤrde ich in eurem Alter geſagt haben. Aber was kuͤmmere ich mich jezt, ein Fremdling und Pilger, wie alle unſere Vaͤter waren, da⸗ rum? Drum, wo dar zerſchmetterte Stamm hinfiel, da laßt ihn liegen.“ — 2831 Gideon ſtand auf, um ſich zu entfernen. Eliſabeth hieng einen Augenblick lang an ſei⸗ nem Arme und ſuchte ihn durch ihre Schmei⸗ cheleien zu bewegen, die ganze Nacht uͤber zu bleiben, indem ſie verſprach, ihm ohne ihr einfaches Inſtrument zu ſingen; denn er war gegen alle muſikaliſchen Inſtrumente im hoͤch⸗ ſten Grade eingenommen. „Nein, nein, mein Kind— das heißt mein Fraͤulein,“— er richtete ſeinen Blick auf Monkshaugh, der ſolche Freiheiten, wie die, welche er ſich herausnahm, nicht gerne ſah“— wie der gottſeelige Samuel Rutherford ſagt⸗ „Hallenbaͤnke ſind ſchluͤpfrige Sitze fuͤr Die, ner des Evangeliums,“— ich muß zuruͤck gehen nach den alten ſchwarzen Mauern dort.“ — Er wendete ſich nach dem Laird um, und ſagte—„Monkshaugh, wenn es euch nicht läͤſtig fiele, moͤchte ich ein geheimes Wort mit euch reden.“ „Eine kleine Gunſt zu erbitten, ehrlicher Mann,“ fluͤſterte Monkshaugh, als er ſich entfernte.„Ich wuͤrde ſie ihm ungerne ab⸗ ſchlagen.“ Eliſabeths ſchuldbewußtes Herz klopfte, von vermiſchten Gefuͤhlen bewegt, als Monkshaug und Gideon ſich nach dem gewoͤlbten ſteiner⸗ nen Gange entfernten. „Sprecht offen, Herr Haliburton,“ ſagte Moukshaugh, in einem ſanften und aufmun⸗ ternden Tone:—„Obſchon ich meinen Platz 282 zur geeigneten Zeit kenne, ſo habe ich doch ſtets eine hoͤfliche Antwort und ein geduldi⸗ ges Ohr fuͤr einen ehrbaren Mann, wie ihr.⸗ Gideon war zu ſehr in ſeine Gedanken ver⸗ tieft, als daß er einen Grad der Herablaſſung bemerkt hatte, der wahrſcheinlich ſeine Dank⸗ barkeit uͤberſtiegen haben wuͤrde.„Ich war in tiefer Bekuͤmmerniß jenen Morgen, als ich ſah, daß ihr das Anbrennen eures kleinen Toöͤpf⸗ chens ſo zu Herzen nahmt, und ſo“— hier tappte er in den Abgruͤnden ſeiner ungeheue⸗ ren Seitentaſchen umher—„da ich, als ich durch Glenaap gieng, gerade mit jener landſtrei⸗ cheriſchen Hure, die ehedem Corporal Fugal's Weib war, zuſammentraf, ſo kaufte ich dieſes.“ — Er zeigte ein kleines Gefaͤß von Blech, das von ſcharlachrothem Lack glaͤnzte, und mit et⸗ was verziert war, das die Hoͤflichkeit die Unions⸗Blume genannt haben wuͤrde, mit einer verſlochtenen Diſtel und Roſe, und vor allem mit dem Wappenſchild To Robert. „Juſt ein Wunder der Kunſt,“ fuhr Gideon fort, es bewunderungsvoll nach allen Seiten betrachtend;—„und ein groͤßeres Wunder, daß ich den Verſtand hatte, daran zu den⸗ ken,“ fuhr er ſelbſtgefaͤllig laͤchelnd fort; „Denn was Komplimente betrifft, oder das, was ein Haus bedarf, ſo bin ich,— ich ge⸗ ſtehe es, gegen euch Laird bloß ein Igno⸗ ramus. Und um der Hure das Ihrige zu geben, ſie ſelbſt ſezte es mir in meinen dicken — — 26³ Kopf:—„Das iſt etwas,“ ſagte ſie, wofuͤr der Laird von Monkshaugh ſo viel Geld ge⸗ ben wuͤrde, als es wiegt. Allein ich bekam es um weniges Silber, Herr Graham,“ fluͤ⸗ ſterte Gideon;„nehmt daher keinen Anſtand, es anzunehmen.“ Dieß war ein Tag, an welchem ſich das Schickſal gegen die Wuͤrde des Hauſes Monks⸗ haugh verſchworen zu haben ſchien. Roth wie ein kalekutiſcher Hahn, und indeß ſeine aus⸗ gedehnten Naſenloͤcher zu gleicher Zeit vor Wuth bließen und ſchnuffelten, brach der Laird in die Worte aus—„Liſabeth von Bruce, hoͤrt ihr das?— der unhoͤfliche Menſch— wollt ihr mir unter meines Vaters Dach euern Keſſelſlickerzeug ſtatt eines Geſchirr's anbieten, Herr Gideon Haliburton, daß durch alles Kuͤchengeraͤth, das je ſich unter den Whigs von Galloway befand, nicht eingeloͤst werden. oͤnnte, Herr Gideon Haliburton!“ Der ehrliche Gideon wurde faſt ohnmaͤch⸗ tig bei der unerwarteten Wendung, die ſeine erſte Handlung der Gewandtheit und„Bedach⸗ ſamkeit! nahm. Er war zu niedergeſchlagen, als daß er ſogleich haͤtte antworten koͤnnen.— Endlich ſagte er—„Ich hatte keine Unhoͤflich⸗ keit gegen euch im Sinne, Laird von Monks⸗ haugh, ich war weit davon entfernt— ich wuͤnſche Ehre zu erweiſen, wem Ehre ge⸗ buͤhrt— und was gut gemeint iſt, ſollte gut aufgenommen werden.“ 234 Kraͤftigen Tritts ſchritt Gideon hinaus, ge⸗ folgt von Eliſabeth, die ſich wieder an ſeinen Arm hing, und ihn zu bewegen ſuchte, um⸗ zukehren, da die Nacht finſter, ſtuͤrmiſch und regneriſch ſey.—„Es iſt nur zu wahr, wie der kleine Mann ſagt, ich bin nicht faͤhig, mich ſelbſt zu leiten, Liſabeth.“ Der Herr ſey mir gnaͤdig und helfe mir! Denn ſeit ich Maria Herwey verlor, bin ich ein armer, huͤlfloſer Menſch ohne Haͤnde und Fuͤße. Laßt mich gehen, meine Theuerſte, laßt mich ge⸗ hen. Die Seſſion mag mit mir machen, was ſie will, in Betreff der Verehligung. Ich glaubte— und hauptſaͤchlich auch euretwegen, Liſabeth; ich war, ich ſchaͤme mich, es einzu⸗ geſtehen, nicht ganz aufrichtig bei dieſer Sache — ich glaubte, da ich gerne ſehen moͤchte, daß ihr im Zeitlichen und Ewigen gedeihet, es ſey das Beſte, dieſes geſchnirgelte Maͤnn⸗ lein ein klein wenig fuͤr den Schaden, den ſein Pfaͤnnchen an jenem Morgen erlitten hat, zu entſchaͤdigen, wie ich euch eine flandriſche Puppe brachte, als ich vor langer Zeit ſchon von der Synode kam und ihr noch ein Kind ward. Dieſes Ding— er warf es veraͤcht⸗ lich auf den Boden nieder—„koſtete mich eine Krone weißen Silbers; und oh!“— „Es iſt keine drei Pfennige werth,“ fuͤgte Frieſel hinzu.— Eliſabeth entfernte ſich, als ſie Monkshaugh Stimme vernahm; und Frie⸗ ſel rief, dem Prediger in die Hausflur nach⸗ 26⁵ eilend.„Ihr muͤßt guten Rath annehmen, Herr Gideon; ich will den Morgen nach Sauer⸗ loch hinabgehen. Habt Acht auf euer Herz! Beſcheidene altliche Maͤdchen ſind nicht uͤbel zu freyen. Sie iſt, wie ich ſagte, eine alte Schaafmutter von eurer eigenen Huͤrde.— Es geht mir jedoch ans Herz, euch unter die Egge zu bringen; denn wahrſcheinlich, du biſt ein Israelit, an welchem kein Arg iſt!“ So redete Friſel den Fliehenden an. Monkshaugh wuͤrde Herrn Gideon bald verziehen, und ſich ſogar ſelbſt wegen ſeiner unguͤtigen Aufnahme einer Hoͤflichkeit, deren Albernheit aus bloßer Dummheit entſprang, angeklagt haben, haͤtte er nicht den ungluͤck⸗ lichen Ausdruck„geſchnirgeltes Maͤnnlein“— gehoͤrt— ein Umſtand, uͤber den er viel em⸗ pfindlicher war, als uͤber eine weit ernſtlichere Beleidigung. Eliſabeth hielt es daher fuͤr klug, die Sache einige Tage lang ruhen zu laſ⸗ ſen, bevor ſie Gideon's Wiedereinſetzung in die verlorene Gunſt verſuchte. Allein der Prediger war noch nicht ganz fort. Ein ploͤtzliches Anſchwellen des Ernes⸗ craiger Fluͤßchens hinderte ihn, nach Sauer⸗ loch zu gelangen; und als Monkshaug hs Pfluͤger, ſpaͤt in der Nacht, von Caſtleburn, wo er ein Pferd hatte beſchlagen laſſen, nach Hauſe kam, wurde gemeldet, daß der betruͤbte Prediger ſich noch an dem Feuer der Schmiede waͤrme und auf das Fallen des Waſſers warte. 2³⁶ Monkshaugh's Gaſtfreundſchaft wurde in dem Dorfe bezweifelt— wenigſtens gab das Wie⸗ ſel dieß vor.„Sie ſagen, Ihr bittet den Prediger von Sauerloch zum Mittageſſen, Monkshaugh, und ſteckt ihn an den Bratſpieß — indem ihr ihn ſeine Schienbeine eine halbe Nacht lang am Feuer einer Schmiede waͤr⸗ men laßt.“ Monkshaugh wollte Gideon nicht mehr ſpre⸗ chen, ſondern er gieng fruͤh zu Bette, und forderte Eliſabeth auf, ein Billet an den Pre⸗ diger zu ſchreiben, und ihn dann dringend aufzufordern, nach„Dem Platze“ zuruͤckzu⸗ kehren, um da zu uͤbernachten. Dieſes, durch mehrere ſchwankende Behauptungen Frieſels unterſtuͤzte Billet brachte den ehrlichen Mann noch einmal nach Monkshaugh. „Gebt ihm ſein Nachteſſen, Franz,“ ſagte der Laird.„Laßt es ihm an nichts fehlen, allein nehmt das Licht weg. Es iſt ein Wun⸗ der fuͤr mich, wenn er ſich nicht jede Nacht, ſo oft er ſich zur Ruhe begiebt, in eine Lohe ſezt.“ Drei Minuten wurden Gideon zugeſtanden, um ſich in einen alten gebluͤmten ſeidenen Schlafrock des Lairds zu huͤllen, der ihm bei⸗ nahe bis auf die Kniee reichte— eine Sache der Hoffart, mit der er durchaus nichts zu thun haben wollte, bis Effie ſelbſt die Treppe herauf kam, und darauf beharrte, ſeine naſ⸗ ſen Kleider fortzunehmen, um ſie am Kuͤchen⸗ —xxqx; 287 feuer zu waͤrmen, ſo daß zarte Sittſamkeit ihm noͤthigte, ſich in Eile deſſen zu bemaͤch⸗ tigen, was er„den ſaubern Anzug“ nannte. Er wurde hierauf in der Dunkelheit ſeinen Gebeten und Betrachtungen uͤberlaſſen. Ungeachtet ihres beſtaͤndigen Aushauens, mit und oft ohne Handſchuhe, haben Effie und das Wieſel, waͤhrend der lezten ſieben Jahre, ſich manches koͤſtlichen Nachteſſens téte a téte er⸗ freut. Sie feierten abermals einen ſolchen ge⸗ ſellſchaftlichen Schmaus, als der gellende Ton einer weiblichen Stimme ihr Ohr traf, und ſie Gideon laut und heftig ausrufen hoͤrten.—„Im Namen des Herrn, mögt ihr Menſch oder Teu⸗ fel ſeyn, laßt eure verzweifelten Griffe und euer wuͤthendes Feſthalten unterwegs, oder ich breche euch ein Bein!“ Gideon’s Zimmerthuͤre wurde augenblicklich von dem tapfern und flinken Frieſel aufgeriſſen, der beim erſten Laͤrm das Kuͤchenlicht ergriffen hatte, und fortgeeilt war; aber ſtatt Effie's Lieblings⸗Katze, die er zu finden hoffte, ſiehe da! eine weibliche Perſon, die, ſich auf dem Bo⸗ den umherwaͤlzend, den ringenden Prieſter mit kraͤftigen Armen feſt umſchloſſen hielt. „Was iſt das! was iſt das!“ rief Frieſel mit lautem Gelaͤchter.—„O Prediger! Prediger! Zuruͤck da, Effie!— das iſt kein Anblick fuͤr Maͤdchen wie ihr. Hier iſt eine Geſchichte fuͤr die Seſſion.“. „So wahr ich ein lebender Suͤnder bin, Franz 283 Frieſel— allein warum ſollte ich mich vor dem Spoͤtter betheuern! Ich weiß nicht beſſer, Effie, wie dieſes arme wahnſinnige Geſchoͤpf Jacky Pingle ſich in mein Zimmer geſchlichen hat— in mein eigenes Bett ſogar, glaube ich— als das unſchuldige neugeborne Kind. Sie hat den wahnſinnigen Gedanken, ſie ſey mein Lieb⸗ chen— als ob ich ein Adonis waͤre, der ſich in Weiber verliebte.“— „Euer Liebchen, ihr alter grauer Schubkar⸗ ren! ich bin des Lairds von Monkshaugh eigene haͤbſche Dame“— ſagte die alte landſtreicheri⸗ ſche Mondnaͤrrin; denn dieß war unſere alte Bekanntſchaft, Miß Jokobina Pingle, lange geweſen. „FEine huͤbſche Scene, Prediger,“ fiel Frieſel mit dem ihm eigenen Ausdrucke teufliſcher Freude und Bosheit ein,„unter dem Dache des Lairds von Monkshaugh!“ „Zaͤhmet eure hoͤhniſche Zunge, ruchloſer Spoͤtter,“ rief Effie, dem hartbedraͤngten Prie⸗ ſter großmuͤthig zu Huͤlfe kommend.„Wohl geziemt es euch, uͤber den Diener des Herrn zu ſcherzen und zu ſpotten!— Und Du„ tolle Dirne— wie magſt Du dich in das Zimmer eines ehrbaren Wittwers ſchleichen, um ſeinen guten Namen zu verunglimpfen— pack dich die Treppe hinab, oder ich will dich uͤber Hals und Kopf hinabſtuͤrzen.“ Dieſer laͤrmende Tugendeifer beleidigte Gi⸗ deons menſchliche Gefuͤhle, ſo ſehr er auch dieſe . 3 Nacht 7 289 Nacht Urſache hatte, mit Jakobina unzufrieden zu ſeyn.„Seyd behutſam und ſanftmuͤthig gegen ſie, Effie.— Wohin kann das arme Ding in dieſer ſpaͤten Stunde gehen?— Denn ach! ſie hat Wenige, die an ſie denken, oder nach ihr ſehen.“ „Ich will nach ihr ſehen!“ ſchrie Effie. Sie ſoll dieſe Nacht unter Schloß und Riegel gehal⸗ ten, und morgen mit Michie Soailswam, dem Caſtleburner Fuhrmann, nach Edinburg ge⸗ bracht werden. Ich bin verſichert, wir haben Narren genug hier in unſerer Gegend, wenn auch das Edinburger Volk die ſeinigen zu Hauſe behaͤlt— wenigſtens bis die Seſſion beginnt. „Wenig bekuͤmmere ich mich um dich, blei⸗ che, muͤrriſche Dirne!“ erwiederte Jakobina, ihren Mund verdrehend,„oder auch um euch, widerlicher Toͤlpel. Erinnert ihr euch an jene Nacht, wo das Rauchgeſpenſt der ermorde⸗ ten Dame hoch und zart in den Flammen von Cambuskenneth Lodge emporſtieg?“ Herrn Gideon war es augenſcheinlich ein wenig unbehaglich zu Muth.„Gut, gut, wenn ihr mich auf dieſe Art verachten wollt, ſo muß ich ſelbſt mit Effie hier aufziehen.“ Hier grinste er mit dem Geſichtsausdrucke, der ſeine naͤchſte Annaͤherung an das Humoriſtiſche war— waͤhrend Effie ihr Geſicht in ein unbeſchreibli⸗ ches Laͤcheln verzerrte, und mit einemmal das Geſchuͤtz des„ſcharfen gruͤnen Auges,“ und den leeren Schuß des weißen auf ihn richtete. Elif. von Bruce. 13 1 Waͤhrend dieſes Dialogs war Frieſel damit beſchaͤftigt, Papiere zu unterſuchen, von denen ſie ſtets einen großen Pack, den ſie ſich durch verſchiedene heimliche Mittel verſchaffte, bei ſich hatte. „Laßt mich euch in das getaͤfelte Zimmer fuͤh⸗ ren, Lady,“ ſagte er, ſeine Hand anmuthig ausſtreckend.„Das iſt kein geeigneter Platz fuͤr euern Stand und eure Wuͤrde.“ „Allein, ich will meinen Contract ſelbſt tra⸗ gen, Franz Frieſel.“ Dieß ſprechend, ergriff ſie die Papiere mit der einen Hand, waͤhrend die Finger der andern niedlich an den Arm ihres Kammerdieners gelegt wurden, und hinweg huͤpfte ſie, ſich kruͤmmend und windend, in das entfernte Zimmer, in das Effie ſie verſchloß, ent⸗ ſchloſſen, der Prediger ſolle um dieſer Dirne willen, kein zweitesmal einem Scandale aus⸗ geſezt werden. Frieſel hatte ſich indeſſen durch ſeine Schmeicheleien in den Beſitz ihrer Pa⸗ piere geſezt. Jener raſtloſe Geiſt der Neugierde, der die urſpruͤngliche Schwaͤche der armen Jakobina war, hatte nach und nach ſeine gegenwaͤrtige ausſchweifende und krankhafte Hoͤhe erreicht. Ihr alter Nachbar, der Zunftvorſteher Daigh, der, nach ihrer Krankheit, ungemein guͤtig gegen ſie war, hatte Gideon einige Jahre zuvor die ganze Philoſophie ihres Lebens mitgetheilt. „Sie verachtete ſtets den Stab des Lebens,“ ſagte er;„den Biſſen weißen Brodes; und 291 kaute dreimal des Tages an ihrem Kothwaſſer Bohea, und dieß gab natuͤrlich Duͤnſte, und die Duͤnſte flohen in ihr Gehirn, in ihrer ein⸗ ſamen Jungferſchaft, und dieß verurſachte ihr tolles Gefaſel. Dann war ſie nie mehr wohl nach dem Abbrennen von Cambuskenneth Lodge, wurde ein Tolbooth Whig— nein, nein! die Kirche der grauen Moͤnche konnte ihr nicht die⸗ nen— und gruͤbelte in ihrer Bibel, wie alles naͤrriſche Volk. Nun konnte ihr armer ſchwa⸗ cher Verſtand die Staͤrke des Worts— des Lebensbrods, wie es ſchoͤn genannt wird— nicht widerſtehen.“ Auf dieſe Mittheilung hin, brachte Gideon die arme Jakobina nach Sauerloch, wo er ſie, wenn nicht auf die beſte, doch auf die guͤtigſte Art bewirthete, bis ihre wandernde Krankheit, ſie wieder hinaus ins Weite trieb. In Ver⸗ bindung mit ihrer Krankheit, und jener Putz⸗ und Heirathsſucht, die mondſuͤchtigen Frauen⸗ zimmern eigen zu ſeyn pflegt, untergeord⸗ net, war der Wunſch, ſich durch Gewalt oder Diebſtahl, alle geſchriebenen Papiere, die ſie ſah, anzueignen, in der krankhaften Mei⸗ nung, es ſey ihr Heirathsvertrag, oder die Do⸗ kumente eines weſtindiſchen Vermoͤgens, um das Harletillum ſie betrogen hatte. Ihr Arg⸗ wohn war jedoch nicht immer auf ihn beſchraͤnkt. Wo zwei Perſonen mit einander giengen, ſteckte Jakobina ihren Kopf zwiſchen ſie; und auf dieſe ungluͤckliche Weiſe wanderte ſie im Lande ———— umher, wohin ihre Laune ſie fuͤhrte, allein ſtets nach Papieren ſpaͤhend. Sie war an dieſem Tage bei der„Grillenfamilie“ geweſen; und hatte, mit der ihrer Krankheit eigenen Schlau⸗ heit einen ganzen Haufen Dokumente entwen⸗ det, mit denen ſie ſich ſogleich auf den Weg nach Monkshaugh machte, uͤberzeugt, daß ihre Heirathsangelegenheiten nun endlich ins Reine gebracht werden wuͤrden. Furcht vor ihrer entſchiedenen Feindin Effie Fechnie, die eine toͤdtliche Eiferſucht gegen ſie naͤhrte, theils wegen Gideons Zuneigung, und theils wegen gewiſſer Fetzen von alten ſeidenen Kleidern, die der Laird der tollen Dirne zuweilen ſchenkte, brachte Jako⸗ bina's ſchwaches Hirn auf den Gedanken, ſich in der Kammer ihres vermeinten Braͤutigams zu verbergen. Was die entwendeten Papiere Seltenes oder Wichtiges enthielten, fand das Wieſel fuͤr gut, dieſe Nacht fuͤr ſich zu behalten. Herr Gideon machte ſich nach einer ruheloſen Nacht, bei'm Hahnenſchrei auf den Weg; und ſo ſehr ergoͤzte ſich Monkshaugh an dem naͤcht⸗ lichen Abenteuer, das ihm Frieſel bei'm Fruͤh⸗ ſtuͤck mit der ihm eigenen verſchoͤnernden Weit⸗ ſchweifigkeit erzaͤhlte, daß er faſt„das geſchnir⸗ gelte Maͤnnlein“ vergaß, und der armen Fako⸗ bina ein anderes altes Kleid, oder, wie ſie ſich ausdruͤckte, Brautanzug ſchenkte. — 295 Dreizehntes Kapitel. Die Wahrſagerin. Wenige Tage nach Gideons Beſuch meldete Frieſel, der das Organ jeder Nachricht und jedes Unheils in Monkshaughs Familie war, daß das „erlauchte Haus Harletillum,“ wie er es nann⸗ te,„einen hohen Muſterungstag in der Kirche San Serf morgen, als an einem Nationalfaſt⸗ tag, halten werde. Zu dieſem Ende war dem ehrwuͤrdigen Dr. Draunt eine Mittheilung, nebſt einer Einladung, bei der Familie Harletillum nach der Predigt des Faſttags zu ſpeiſen, zuge⸗ kommen. Dieß geſchah waͤhrend der beunruhi⸗ gendſten Periode des Fortſchrittes der franzoͤſi⸗ ſchen Waffen und franzoͤſiſchen Grundſaͤtze.„Um den Strom zu hemmen,“ hatten Lord Rantletree und die Familie Rantletree unlaͤngſt angefan⸗ gen, in der Kirche zu erſcheinen. Herr Hut⸗ chen, der dem Lord an Loyalitaͤt nichts nach⸗ geben wollte, fuͤhlte,„um die Haͤnde der Regie⸗ rung zu kraͤftigen,“ ebenfalls die Nothwendig⸗ keit, am Tage„der Koͤnigs⸗Faſten“ in der Kirche zu erſcheinen. Eine oͤffentliche Erſchei⸗ nung an dem Faſtentage war in der That ein v Beweis einer guten Geſinnung gegen die Re⸗ gierung in dieſem vielbewegten und verdacht⸗ erregenden Zeitpunkte. Monkshaugh war uͤberzeugt, daß, in einer ſolchen Kriſis, die Augen des Lord Rantletree und des ganzen Landes, ſich auf ihn heften muͤſ⸗ ſen.„Fechten oder fliehen“— dieſen Glanz und dieſe Herrlichkeit des Emporkoͤmm—⸗ lings ſchauen, oder ſein verringertes Haupt verhuͤllen, war ſein geheimer Gedanke. Frie⸗ ſel verſchmaͤhte die Flucht— ſeine Stimme war ſtets fuͤr den Krieg; und dieß war jederzeit ein maͤchtiges Organ in dieſer Familie. „Wir haben keine Wagen, Franz, fuͤr Fraͤu⸗ lein Liſabeth.“ „Wir haben den Rothſchimmel; die Lady Liſabeth hat die kleine Titty Annie, die Kapitaͤn Wolf ihr verehrt hat, und die ſie mehr liebt, als irgend einen Wagen im Lande: das Geſchoͤpf folgt ihr, und wiehert ihr nach wie eine chriſt⸗ liche Seele.“ „Titania iſt der Name des Thiers, ich habe es euch oft geſagt: allein da ihr wißt, daß ich alles Gepraͤnge und eitle Prunken haſſe, wie, wenn die Familie Monkshaugh Herrn Gideon baͤte, eine Predigt in unſerem Hauſe zu halten, und dabei einen Biſſen Brod und Kaͤſe zu ver⸗ zehren, da wir keinen Wagen haben?“ „Herr Gideon haͤlt keine Predigt. Er ſagt, er wolle nichts mit Faſttagen zu ſchaffen haben, die von Menſchen eingeſezt worden ſeyen,— 29⁵ er wiſſe von keiner Schriftſtelle, die fuͤr des Koͤ⸗ nigs Faſten, zeuge,— ſondern gerade das Ge⸗ gentheil.“ Er iſt ein alter bokskoͤpfiger, uͤberzwerger Pflock des Heiligthums.— Was koͤnnen wir nun thun, Fraͤnzchen?“ „Ihr werdet ſicherlich vor John Hurcheon und ſeinen Waͤgen nicht entfliehen wollen, Monkshaugh?“ „Entfliehen! ich vor John Hurcheon entflie⸗ hen? Ich ſtimmte dafuͤr, dem Geſindel mit ſtolzer Stirne unter die Augen zu treten; allein die Lady Liſabeth ſtellte mir vor, unſere An⸗ dachtsuͤbungen wuͤrden in einem kleinen Kreiſe⸗ minder geſtoͤrt werden.“ Der Laird verweilte in ſeinem Geiſte bereits in der Kirche, die Streitkraͤfte ſeines Haushalts zu ordnen, wie ſie den impoſanteſten Anblick gewaͤhrten, und die Wuͤrde des Hauſes Monks⸗ haugh am beſten aufrecht erhielten. Der Sitz in der Vordergallerie; mit wurmzernagtem ſcharlachrothem Tuch behangen, und mit zer⸗ lumpten Wappen geſchmuͤckt, war der Sitz der Familie Bruce. Hier poſtirte er, in ſeiner Ein⸗ bildungskraft, Eliſabeth, und in den Hinter⸗ grund Fugal und die Dienerſchaft von Ernes⸗ craig— Mitglieder von Gideons Heerde, ohne Zweifel, die aber an dieſem Tage den Gottes⸗ dienſt beſuchen mußten, ſie mochten wollen oder nicht, trotz aller neulichen Geſetzesverfuͤgungen uͤber Tolerantismus und Freiheit der Gottes⸗ verehrung. Monkshaugh's Sitz nahm eine Seite der Gallerie ein, und befand ſich dem Kir⸗ cenſtuhle der„Grillenfamilie,“ wie ſie jezt zu⸗ weilen genannt zu werden anfieng, gerade gegenuͤber. Es wurde beſchloſſen, daß Effie Fechnie, Baby Strang, das Milchmaͤdchen und das Wie⸗ ſel hinter dem Laird, nebſt Hughoc, dem flachs⸗ haarigen Kuͤhjungen, der jezt(zur Probe) ge⸗ waltſamerweiſe in einen alten Livree⸗Rock Frieſels gezwaͤngt wurde, der ihm allenthalben viel zu eng war, Poſto faſſen ſollten. Ein klei⸗ nes Geldgeſchenk, das man dem Kuͤſter machte, verſchaffte dem Laird die Schluͤſſel der Kirche auf einige Augenblicke: und ein Stuͤck friſchen gruͤnen Boys, das von der Fußdecke des Sprech⸗ zimmers entlehnt wurde, ward heimlich an Monkshaug's Sitz genagelt, ſtatt der alten Lap⸗ pen von Fries, die ſeit dem Tode der„ewigver⸗ ehrten Frau von Kippencreery Weſter“ da um⸗ hergeflattert waren. Am Abend vor der großen Schauſtellung ritt Eliſabeth, froh, daß ſie der Verwirrung ent⸗ gehen konnte, die zwiſchen der Ausfuͤhrung einer furchtbaren Rache und ihrer erſten Idee ſtatt⸗ findet, ernſtlich von Monkshaugs dazu aufgefor⸗ dert, nach Ernescraig Tower, um einen weißen, mit einem dichten Federbuſche von derſelben Farbe geſchmuͤckten Biberhut zu holen, der, in Verbindung mit ihrem grauen Reitkleid von Ka⸗ melot, in einer Landkirche und an einem Faſt⸗ 297 tage nach ſeiner Ueberzeugung eine blendendere Wirkung hervorbringen mußte, als der gruͤne Rock und der laͤndliche Strohhut, den ſie ge⸗ woͤhnlich trug. Das Wieſel, ihr Begleiter zu Fuß, hatte ſich im Vorbeigehen, heimlich in das Dorf geſchli⸗ chen, um eine luſtige Geſellſchaft fuͤr den Abend des Faſttags anzuordnen; und halbwegs zwi⸗ ſchen Ernescraig Tower und Caſtleburn be⸗ merkte Eliſabeth zuerſt, daß ſie allein war, in⸗ deß die Schatten eines rauhen, nebligen Dezem⸗ ber Nachmittags ſchnell um ſie her fielen. Die Umriſſe der nahen Huͤgel wuchſen bis zum Rie⸗ ſenhaften, und wurden dann ſchwaͤcher und ſchwaͤcher, dunkel und unkenntlich. Die Burg verſchwand hierauf in der ſchnell wachſenden Finſterniß. Steile Abgruͤnde ſtiegen auf der einen Seite empor, und die behoͤlzte Gebirgsſchlucht, deren unumſchraͤnkter Herr und einziger Bewohner Fugal war, dehnte ſich auf der andern Seite des Pechs⸗Pfads, den ſie jezt verfolgte, abwaͤrts. Perſoͤnliche Furcht war ihrem Buſen fremd. Von Gewaltthaten traͤumte man nicht einmal in einem Lande, wo die groͤßten bekannten Ver⸗ brechen die waren, daß die Koͤhler von Pitbauch⸗ lie einige Lachſe in dem Oran geſpießt oder einige Bandweidenzweige in der Schlucht abge⸗ ſchnitten hatten. In Folge maͤchtiger Gefuͤhle anderer Art war, jedoch Eliſabeths Seele nicht ganz ſo ſorglos, denn— 29⁸ Gar manche Mähr', der Wälder Nacht bevölkernd, Ernährte einſt die junge Phantaſie. Es gewaͤhrt ein unbeſchreibliches, wildes, ſorg⸗ loſes Vergnuͤgen, dem Schickſale, ſo zu ſagen, die Zuͤgel ſchießen zu laſſen, und in der Dunkel⸗ heit auf einem unbekannten und gefaͤhrlichen Wege kuͤhn vorwaͤrts zu dringen. Allein jeder Stein und Buſch auf dieſem Pfade war Eliſa⸗ beth und ihrem kleinen Pferde bekannt; und obſchon ſie mit ungeſchwaͤchtem Vertrauen vor⸗ waͤrts eilte, ſo fuͤhlte ſie doch wenig von der Aufregung einer unbekannten Gefahr, ſondern hatte volle Muſe, ſich nach Geiſtern, Schatten und allen geſtaltloſen und unbeſtimmten Urſa⸗ chen der Beſtuͤrzung umzuſehen. Ein gellendes Pfeifen, das von der Schlucht ausgieng, und weit und klar laͤngs der Huͤgel hineilte, war kaum ein Grund zur Beſtuͤrzung. Doch ſpizte Titania ihre Ohren, und Eliſabeth beruͤhrte eben den Zuͤgel, als das Signal ober⸗ halb ihres Pfades beantwortet wurde. Der erſte Laͤrm kam wahrſcheinlich von Fugal's Huͤtte; oder es mochte auch das Signal irgend eines laͤndlichen Waidmanns ſeyn, der ſeinen Ge⸗ faͤhrten in dem Gehoͤlze verloren hatte. kliſabeth hatte ſich von dieſer voruͤbergehen⸗ den Beſtuͤrzung noch nicht ganz ⸗holt, als eine hohe weibliche Geſtalt aus dem Strauchholz, das ſich am Rande der Schlucht hinzog, hervor⸗ ſtuͤrzte und ihr in den Weg ſtand. Dieß er⸗ ſchreckte ihr lilliputianiſches Roß, das davon 7 299 geeilt ſehn wuͤrde, haͤtte nicht das Weib den Zuͤgel mit kraͤftigem Arme ergriffen. „Seyd nicht beſtuͤrzt, Lady,“ ſagte dieſe furcht⸗ bare Erſcheinung.„Es iſt bloß eine arme reiſende Handelsfrau, der es Vergnuͤgen ma⸗ chen wuͤrde, euch mit Nadeln, Stecknadeln, Knoͤpfen, Balladen u. ſ. w. zu verſehen“— und waͤhrend ſie den Catalog ihrer Waaren herzaͤhlte, warf ſie den langen ſchwarzen Man⸗ tel, in den ſie gehuͤllt war, zuruͤck, und zeigte ihren Korb, wobei ſie jedoch den Zugel im⸗ mer noch feſthielt. 3 „Dieß iſt keine Zeit und kein Ort zum Schaͤ⸗ chern; zudem habe ich kein Geld bei mir. Ich muß meinen Weg fortſetzen.“ Mit dieſen Worten griff Eliſabeth nach ihrem Zuͤgel. „Dann nehmt was ihr wollt, aus Liebe, ſchoͤne Dame.“ „Ich brauche nichts von euch. Laßt mei⸗ nen Zuͤgel los— oder ihr ſollt es bereuen.“ „Reue gebuͤhrt dem Suͤnder, Dame. Allein ſicherlich wuͤnſcht eine ſo huͤbſche Dame, ihr Schickſal zu erfahren. Lege ein Kopf⸗ ſtuͤck auf meine Hand und lerne den Willen des Schickſals— oder wenn ihr keine gang⸗ bare Muͤnze habt, ſo habt ihr gewiß irgend ein Denkmal der Erinnerung, einen aus wah⸗ rer Liebe zerbrochenen Sixpence, oder irgend einen Ring oder Geſchmeide. Taͤndeleien von euch waͤren mir Goldes werth. Sucht in euern Taſchen nach.“ Loͤſegeld zu geben. Nehmt dieß dafuͤr“”“— 300 „Elendes Weib, wollt ihr pluͤndern?“ rief Eliſabeth, indeß ihr Geiſt ſich uͤber ihre Be⸗ ſorgniſſe erhob.„Folgt mir, wohin ich gehe, und wenn ihr Unterſtuͤtzung beduͤrft, ſo ſoll ſie euch reichlich zu Theil werden; allein ich bin gewohnt, mir weder drohen, noch mich ein⸗ ſchuͤchtern zu laſſen.“ „So ſey dieß mein Lohn,“ erwiederte das Weib, ihre kuͤhnen Finger um eine Locke Haar wickelnd, die, ihrer Haft entſchluͤpfend, auf Eliſabeths Schulter ſpielte. „Sie iſt ein tolles, armes Geſchoͤpf!“ war jezt Eliſabeths Gedanke; und ihre Beſorgniſſe nahmen eine andere Richtung.„Sie iſt wahn⸗ ſinnig: haͤtte ſie die Abſicht gehabt, zu rau⸗ ben— ein Weib, ein anderes berauben!— ſo wuͤrde ſie nicht ſo gezoͤgert haben.“ Liſabeth ſah ſich umſonſt nach ihrem zoͤgern⸗ den Begleiter um. Die Schatten des Abends fielen duͤſter— es war faſt ſtockfinſter— kein Gegenſtand konnte mehr in einer Entfernung von zehn Schritten unterſchieden werden— und das kuͤhne ſchwarze Auge des Weibes flammte aus der Dunkelheit wie eine ungluͤck⸗ kuͤndende Sache hervor. „Dieſe Haarlocke iſt nur ein armer Lohn,“ ſagte Eliſabeth, vor dem Gedanken zuruͤckbe⸗ bend, einer tollen Landſtreicherin eine Gabe, die, ſo unbedeutend ſie auch war, doch ei⸗ nen Theil von ihr ſelbſt ausmachte, als ein 2 301 und ſie uͤberreichte ihr einen kleinen Ring von geringem Werthe, ausgenommen, daß er die Anfangsbuchſtaben einiger von Monkshaughs unvergleichlichen Großmuhmen fuͤhrte. Haſtig wurde er ergriffen. „Gute Racht— ich muß fort— es wird ſpaͤt!“ ſagte Eliſabeth. „Nicht bis ich meinen Lohn verdient habe.“ — Dieß ſprechend, ergriff das Weib Eliſa⸗ beths bloſe Hand und hielt ſie feſt. Aber⸗ mals ließ ſich daſſelbe gellende Pfeifen laͤngs der Felſen vernehmen— allein kein Signal gab Antwort. Eliſabeth's Schrecken erreichte den hoͤchſten Grad— eine kranke, erſtarrende Todesangſt belagerte ihr Herz.„Um's Him⸗ melswillen, laßt meine Hand los,“ rief ſie, in deß fie ſich frei zu machen ſuchte. „Die Mewe ſingt dieſe Nacht ſpaͤt,“ war die Antwort; und Eliſabeths Bemuͤhungen mißachtend, hielt die Landſtreicherin ihre Hand feſt, und that, als laͤſe ſie in den Linien derſelben. „Ums Himmelswillen, laßt mich gehen, Weib! und nehmet alles, was ich euch geben kann.“ „Was fuͤrchtet ihr, feiges Maͤdchen?“ rief das Weib in zornigem und drohendem Tone, „da ſprach Fitzmaurice's Rabenblut: „Sie iſt am Ende doch bloß toll,“ dachte Eliſabeth, wieder freier athmend. Und mit einem ſchwachen Verſuche zu laͤcheln, ſagte 502 ſie:„Ich wuͤnſche mein Schickſal zu hoͤren? Liebt der, den ich liebe, mich wieder; oder liebt er uͤberhaupt?“—„Gnaͤdiger Himmel! Soll ich hier die ganze Nacht von einem wahn⸗ ſinnigen Weibe hingehalten werden!“ war ihr geheimer Gedanke, als ſie alle Strafen und Qualen der Laͤhmung, der Zerſtuͤckelung, des Todtſchlagens und Verbrennens auf das Wie⸗ ſel innerlich herabrief—„hier die ganze Nacht hingehalten werden, das Spielzeug der Laune eines tollen Weibes— oder bin ich zu etwas noch Schlimmerem aufbewahrt!— Ich be⸗ fuͤrchte, gutes Weib,„ſagte ſie in einem ſanf⸗ ten Tone,„die Nacht moͤchte jezt zu finſter ſeyn, als daß ihr die Querlinien meines Schick⸗ ſals leſen koͤnntet; oder dieſe kleine flache Hand zu eng, als daß auf ihr Raum vorhanden waͤre, ein großes Geſchick in ſie hineinzu⸗ draͤngen.“ „Der, den ihr liebt, iſt ein Krieger,“ ſagte die Sobille. „Gut!— allein liebt er mich? dieß waͤre eher werth, gehoͤrt zu werden.“ „Liebt die Lerche den freien blauen Himmel — der Schmetterling die Blume— die Wein⸗ rebe das Sonnenlicht zu trinken— das neu⸗ geborne Lamm die Milch ſeiner Mutter— der Wanderer der Wuͤſte das Rauſchen der Waſſer zu hoͤren? ſo gewiß liebt Wolf Gra⸗ ham euch.“ Eliſabeth fuhr zuſammen, und ſank auf ih⸗ 30⁵ ren Sattel zuruͤck. Der Name wirkte wie ein augenblicklicher Zauber. Waͤhrend ſie ſich wieder ſchnell vorwaͤrts beugte, gab ſie ſich unwillkuͤrlich der Schwaͤche hin, auszurufen: —„Was iſt es mit ihm— ſteht es gut mit ihm?— Habt ihr ihn je geſehen?“ Die Landlaͤuferin dehnte ſich bis zur hoͤch⸗ ſten Hoͤhe ihrer hohen Geſtalt empor; und die Hand, die ſie bisher feſt gehalten hatte, von ſich ſtoßend, ſagte ſie in energiſchem Tone —„Und hat das Maͤdchen keinen Gedanken, ausgenommen fuͤr das glaͤnzende Auge und die rothen Wangen der Jugend?— Keinen Gedanken— kein Herz— kein Mitleid fuͤr die ungluͤckliche Mutter, die fuͤr ſie geduldet und gelitten hat?“ „Ach!“ ſagte Eliſabeth, mit gedaͤmpfter und trauriger Stimme, ihren Kopf auf ihren Bu⸗ ſen niederbeugend,„der Segen der Mutter⸗ liebe iſt mir verſagt— oder der Himmel iſt mein Zeuge, wie theuer und werth ſie mir ſeyn wuͤrde!“ Von neuem ertoͤnte daſſelbe gellende und un⸗ geduldige Pfeifen durch die Lichtung— und wurde dießmal von der Landlaͤuferin ſo ſtark und gellend erwiedert, als je die Stimme ei⸗ nes Mannes ſolche Toͤne hervorbrachte. Tita⸗ nia, die ſich wahrſcheinlich zu Monkshaughs orthodoxer Meinung bekannte,„daß kraͤhende Hennen und pfeifende Maͤdchen nie ſanft und vertrauenswerth ſeyen,“ ſpizte ihre Ohren und —————— 5———= ————— 504 ſprang auf dem Wege nach ihrem Stalle mit einer Heftigkeit fort, die einen minder gewand⸗ ter Reiter unzweifelhaft aus dem Sattel gewor⸗ fen haben wuͤrde. Nicht ſo die ſchoͤne Reiterin, die Kapitaͤn Fugal in der Reitkunft unter⸗ richtet hatte, und die in der That fruͤhzeitig gelernt hatte, ihr Pferd ohne Sattel, Steig⸗ buͤgel, Zuͤgel, oder irgend etwas der Art, zu regieren. „Hurah Titania!“ ſagte ſie, den Nacken des ſanften und muthigen kleinen Geſchoͤpfs ſtreichelnd;„wir muͤſſen in dieſer Sache den Gallopp verſuchen, wie groͤßere Helden ſchon gethan haben.“ 2 „Halt, feiges Maͤdchen!— Kein Haar auf eurem Kopfe ſoll euch gekruͤmmt werden,“ rief die Landlaͤuferin.„Leben und Tod haͤngen von meiner Botſchaft ab!“— Eliſabeth hielt ihren Zelter ein wenig an; und hoͤrte jezt an⸗ dere Stimmen, die in zornigem Streite be⸗ griffen zu ſeyn ſchienen. Dieß gab der Sache den Ausſchlag. Noch einmal trieb ſie ihre Titania zur Eile an; und war in drei Minu⸗ ten unten in dem Dorfe Caſtleburn. Zerſtreute Lichter flimmerten bereits in den kleinen Stockwerken, und ergoſſen zuruͤckge⸗ ſtrahlte Heiterkeit durch das Dunkel, das Ha⸗ gel⸗ und Regenſchauer bis zur dickſten Fin⸗ ſterniß geſteigert hatten. In der Dunkelheit konnte ſie die ſtattliche Geſtalt des Corporal Fugal nicht unterſcheiden, der ſich laut das ——— 50⁵ kuͤhne alte Lied„Johanie Cope“ pfeifend, nach ſeiner einſamen Huͤtte in dem Gehoͤlz begab. Eliſabeth hielt ihren Zelter an und rief— „Wer naͤhert ſich?“ Fugal's natuͤrliche Bewegung bei allen Ge⸗ legenheiten der Ueberraſchung war,„ſich be⸗ reit machen.“ Er machte zuerſt dieſe unwill⸗ kuͤrliche Bewegung, und dann ſeine militaͤri⸗ ſche Verbeugung, und rief—„Sind es eure Gnaden, Madame Liſabeth, ganz allein in fin⸗ ſterer Nacht? Allein unſere Damen in Flan⸗ dern, ſchlugen einen Ritt von dreißig Meilen bei'm Mondenſchein nicht hoch an. Was die⸗ ſen Theil davon betrifft, ſo koͤmmt der Mond faſt jede Nacht in Flandern an den Himmel. „Und auch in den Romanzen, glaube ich,“ ſagte Eliſabeth;„allein da Schottland nicht ganz ſo hoch beguͤnſtigt iſt, und da ich, Fugal, ob⸗ ſchon euer Zoͤgling, keineswegs ſo herzhaft bin, als eure Damen in Flandern waren, ſo werde ich euch Dank wiſſen, wenn ihr neben mei⸗ nem Zuͤgel nach Monkshaugh gehen wollt. Je⸗ ner Schelm, das Frieſel, hat mich irgendwo auf dem„Pfade“ im Stiche gelaſſen.“ „Ohl mein Ruͤcken, und meine Bruſt und meine beiden Seiten!“ aͤchzte derſelbe Mann, von dem ſie ſprach, wie hinter einem niedri⸗ gen Raſenverſchluß hervor.„Ich bin gemor⸗ det— ich bin getoͤdtet— ich bin ein ver⸗ lorener Hammel; Fugal Scrymmager, wenn ihr mir nicht ein Weniges von eurem beruͤhm⸗ ten Riga⸗Balſam geben koͤnnt.“ „Was giebt es?“ rief Eliſabeth haſtig— „Sind wir heute nicht alle behext?“ „Nicht unwahrſcheinlich, Fraͤulein,“ ſagte das Wieſel, durch eine Deffnung der Um⸗ haͤgung hervorkriechend.—„Wenn ich nicht — ich kenne mich— bis auf einen Zoll mei⸗ nes armen Lebens von einer auslaͤndiſchen Hure, ſo lang als Clackmannan Tower zer⸗ droſchen und zerpruͤgelt worden bin, als ich auf dem Pechspfade pfeifend hinter euch her⸗ gieng, ſo— doch wenn ihr wohlbehalten ſeyd, Fraͤulein, ſo iſt meine Wehklage voruͤber.— Allein ſo wahr ich lebe, ich werde geraͤcht wer⸗ den.“ „Wer konnte ſie ſeyn?“ „Der Teufel weiß es! Sie ſind ſeine Che⸗ rubine, ich wette. Wenigſtens ein Dutzend derſelben fielen uͤber mich her. Keine lange Hure, Fugal, wuͤrde mich haben einſchuͤchtern koͤnnen.“ „Keſſelflicker vielleicht?“ „Nein, nein! keine Keſſelflicker. Die Horn⸗ haͤndler ſind eine ordentliche, ruhige Menſchen⸗ rage, von der man nie weiß, daß ſie gewalt⸗ thaͤtige Haͤnde an irgend ein lebendes Ding, ausgenommen an ein befiedertes Geſchoͤpf, in allen den vier Kirchſpielen des Huͤgellan⸗ des gelegt haͤtte.— Habt ihr von dem Iltis 307 gehoͤrt, der unlaͤngſt eine von den Gaͤnſen des Hougerimout⸗Volks ſtahl, Fugal?“ „Ich erfuhr nichts davon,“ ſagte Fugal. „Ja, dieß muͤſſen einige irlaͤndiſche Hallun⸗ ken ſeyn, die das ehrliche Keſſelflickerhandwerk in dieſer Gegend bald ruiniren werden.“ „Ich glaube vielmehr,“ ſagte Fugal,„ich habe dieſen Nachmittag eine Hornhaͤndlersfrau unter dem Strauchwerk hocken geſehen; allein da ich hoͤrte, daß ſie geſtern eine Erſaͤufung in Linns of Cleuch vorgenommen hatten, ſo achtete ich nicht darauf.“ „Eine Erſaͤufung?“ ſagte Eliſabeth. „Ja, Ma— dame Liſabeth, ſie erſaͤuften einen alten Keſſelflicker,“ erwiederte Fugal in hoͤchſt gleichguͤltigem Tone. Eliſabeth legte Unglauben und Erſtaunen an den Tag. „Saht ihr je, Ma— dame Liſabeth, ein Zigeuner⸗Hochzeitfeſt?“ „Ja, Fugal, und ſogar an ihren Lieblings orten, auf den Huͤgeln, in eben dieſem Linns of Cleuch. Frieſel, ihr ſeyd es, glaube ich, geweſen, der mich dahin nahm. Was fuͤr ein luſtiges Hochzeitfeſt war dieß! Das ganze Thal war lebendig, die Eſel ſogar jublirten, auf den Feldern umher weidend. Ringsum die zerlumpten Zelte, welche Gruppen von Hunden und Kindern, die daſſelbe Spiel und denſelben Knochen theilten!— Die Zigeuner⸗ Frauen mit ihren feinen Geſichtszuͤgen und wilden ſchwarzen Augen, die Feldkeſſel bewa⸗ dn 306 chend— die Maͤnner traͤge in den Linntei⸗ chen fiſchend, oder unter den Baͤumen rau⸗ chend— linnene Lappen, die von jedem Ha⸗ ſelbuſche herabhiengen, oder uͤber die trockenen Kieſelſteine des eingeſchrumpften Fluſſes aus⸗ gebreitet waren! Ich erinnere mich an ihre Schleppnetze, die an den Felſen hiengen, und an eine Art von Pfeife, zu der ſie tanzten. Ich glaube, ich ſchrie, Frieſel, als ihr mich nach Hauſe fuͤhrtet.“ „Ich bin nicht verſichert, daß ihr nicht auch mit den Fuͤßen ſtampftet; allein ihr wa⸗ ret damals noch ein ſehr kleines Fraͤulein. Es war ein Jahr fruͤher, als euch die Feen ſtehlen wollten.“ „Mit den Fuͤßen geſtampft!“ ſagte Eliſa⸗ beth lachend.„Gut, es mag ſo ſeyn. Ich bewahrte jedoch unſer gemeinſchaftliches Ge⸗ heimniß bis auf dieſe Stunde, glaube ich. Ich wanderte den naͤchſten Tag allein zuruͤck; und ausgenommen die zerknitterten Zweige, und den durch ihr Feuer verſengten Raſen war jedes Zeichen verſchwunden.“ „Allein, obſchon ihr ein Zigeuner⸗Hochzeit⸗ feſt geſehen habt, ſo hoͤrtet ihr doch nie von einem alten Keſſelflicker, der eines natuͤrlichen Todes ſtarb, Ma— dame Liſabeth. Nein! und niemand vor euch. Das alte Keſſelflicker⸗ volk iſt vernuͤnftig; ſie laſſen ſich in einem Teiche erſaͤufen, wenn ihre Zeit koͤmmt. Das Zigeunerhandwerk taugt nicht fuͤr alte Leute.“ 509 Da Eliſabeth ſicherlich nicht vorbereitet war, Fugals Meinung zu widerlegen, die auch durch die Meinung des Landes bekraͤftigt wurde, ſo machte ſie keine weitere Bemerkung in Be⸗ treff der Gewohnheiten der fluͤchtigen, wan⸗ dernden Menſchenrage. „Leiht mir euern Arm hier, damit ich mich daran lehne, Don Von Blunderbuſch,“ ſagte Frieſel.—„Oh, mein verleztes Bein! Wenn ihr ein Waſſerhuhn, oder eine Mally Bane aus der Hure gemacht haͤttet, die ihr im Dun⸗ kel des Zwielichts in dem Gehoͤlz der Berg⸗ ſchlucht umherſchleichen ſaht, ſo wuͤrdet ihr mir eine Jacke voll Pruͤgel erſpart haben.— Allein, ſaht ihr nichts, Fraͤulein?“ Eliſabeth, die es der Klugheit fuͤr angemeſ⸗ ſen fand, ihren Antheil an dem Abenteuer fuͤr ſich zu behalten, wurde der Muͤhe einer Antwort durch Miß Jakobina Pingle entho⸗ ben, die, ſich nach Monkshaugh begebend, um bei dem„großen Kirchgange“ des folgenden Tags ihren Platz einzunehmen, Frieſel's Worte auffaßte und ſang— Da der Liebſte auf der Jagd war, und der Regen umfloß, Ins Buſchwerk ſie floh, daß Schutz ſie genoß. Ihre Schürze, ſo weiß, ließ ſie erſcheinen als Schwan. Und ach, Himmel! er ſchoß auf ſüß Mally Ban'. „Es war mein irlaͤndiſcher Liebſter, der mich das ſchon vor langer Zeit lehrte, in den fuͤrchterlichen Naͤchten, in denen er in das Pilgerland kam, um die Hebamme zu beſtel⸗ 310 len. Ich wuͤnſche denn doch, er moͤchte das Ding geweſen ſeyn, Franz? Es war ein ſchwarzer Ring um jenes hohle Auge. Ich bin jedoch jezt befriedigt und aufgehoben,— ſo laßt uns daher von dieſen traurigen Lie⸗ dern abſtehen. In einer luſtigen Nacht, wie dieſe iſt, muß ich auch ein luſtiges Lied ſingen; und Jakobina ſang, indem Frieſel gelegen⸗ heitlich einfiel— In Gruün ſich huͤnt der luſt'ge Wald In Grün— des Frühlings Kleid Der Vögelein Minnelied erſchallt Und alles jauchzt vor Freud'. Drum fort mein Liebchen in den Wald Wo ich ſo ſelig bin! Drum fort mein Liebchen in den Wald Und ſey Waldkönigin. „Jezt, Franz, ſchweigt und laßt mich ſingen,“ ſagte Jakobina; und mit den verſchiedenen mieniſchen Verzerrungen eines affectirten Saͤn⸗ gers, ſchlagend und wedelnd, und ihre Finger auf ihrer Bruſt ausſpreizend, dudelte ſie— Ich komme! ich komme mein liebſter Jäger, Verachtend Gold und Flitterzier, Daß an's Herz ich dich drücke, den Mund dir kuͤſſe Und den Forſt durchwandere mit dir. Frieſel ergriff jezt hoflich ihre Hand und ſang— So lege doch ab dein geſticktes Kleid, Und hüll' dich in's fröhliche Grün; und eile hinaus in den grünenden Wald und ſey uns Waldkönigin. 511 „Es giebt noch ein anderes Lied uͤber ein Mondnachtslager im Farokraut,“ ſagte Jako⸗ bina. „Wir danken euch fuͤr das, was wir bereits erhalten haben,“ erwiederte Eliſabeth. „In der That, Lady Liſabeth, Geſaͤnge ſind boͤſe Zaubereien fuͤr uns Maͤdchen. In die⸗ ſem Feenland, meine Freunde, werdet ihr be⸗ merken, daß uͤberall nur Liebe, Liebe, Liebe iſt! Aber in dieſer unſerer froſtigen, nackten grauhellen Welt iſt das Geſchrei auf der an⸗ dern Seite immer Silber, Silber, Silber! Die Axſe der Weltkugel iſt aus Silber ge⸗ macht, Franz; die Welt laͤuft um dieſelbe herum.“ „Geld, Geld, Geld! wie ſie in Flandern ſa⸗ gen, Ma— dame Liſabeth,“ ſagte Fugal, der ſelten mit Silber uͤberladen war, veraͤchtlich. „Elende Schufte! die eine Flinte nicht von einer Pflugſterz zu unterſcheiden wiſſen!“— „So daß es nicht leicht iſt, fuͤr ein ſchlich⸗ tes Maͤdchen, zu entſcheiden, wie ſie heirathen ſoll,“ fuhr Jacky fort.„Der gierige Mann ſchaͤrrt und haͤuft das Gold zuſammen; und ſo lenkt friſches Gold die lange Geiſel des Juriſten ab, um den Ruͤcken des armen Diebs mit Schwaͤren zu bedecken. Der Rich⸗ ter wirft ſeine Muͤtze hin und zerknittert ſie— alles um Gold— und ſagt,„Ihr muͤßt ge⸗ hangen werden, Herr Dieb, und der Herr erbarme ſich euer armen Seele!“ und ſo 312 ſteckt er das Geld ein. Der Henker ſelbſt, meine Freunde, wird den Strick nicht anziehen, um die Qualen des armen Suͤnders zu lin⸗ dern, bis ihm das Gold vorgezaͤhlt iſt. Treus, ſtarke Liebe und Guͤte iſt nirgends mehr im Lande zu finden. John Hutchen verpfaͤndete ſeine Seele dem„argen Diebe“ um Gold; und das Blut eines unſchuldigen Lammes beſiegelte das Buͤndniß. Allein was geht das mich an? Was habe ich mit John Hutchens Handlun⸗ gen zu ſchaffen? Der gottſelige Gideon ver⸗ bot die Fluͤche. Gut,— der alte Schubkarner ſchlaͤft auf den Stangen auf einem Loͤckchen Haferſtroh drunten in Sauerloch: es giebt Schwanenbette mit purpurnen Prachthimmeln, und Nachtraͤnkchen von Canarienſect, in einer praͤchtigen Schaale aufgetragen, dort unten, meine Freunde. Wer ſchlaͤft am geſundeſten? Beantworte mir das, Franz Frieſel. Es gehen widerliche, ekle Traͤume in dieſen pechſchwar⸗ zen Naͤchten um, meine Freunde. Aber einige Leute traͤumen nie, bis ſie wachen und nicht mehr traͤumen ſollen.“ Eliſabeth fand mehr Gefallen an Jakobina's Geſaͤngen, als an dieſem wilden Gefaſel, und verſuchte daher, das Geſpraͤch auf dieſelben zu⸗ ruͤckzufuͤhren. „Gut, fuͤr meinen eigenen Theil, Lady Li⸗ ſabeth— aber Maͤdchen, ſie ſagen, ihr ſeyet verheirathet; ich leſe etwas der Art in meinen Vertraͤgen. Gut, die Ehe iſt khirnven, beſe 313 beſſer heirathen, als Brunſt leiden, ihr wißt es— aber fuͤr meinen eigenen Theil, ich glau⸗ be, ein junges Maͤdchen, das zu vernuͤnftigen Jahren gekommen iſt thaͤte beſſer daran, um eines reichen Ruheſtandes und eines guten Federbettes willen, zu heirathen, als an dieſe unſinnigen Geſaͤnge zu denken; denn ein Lager im Huͤgelbezirke, laßt es mich euch ſagen, iſt bloß ein kaltes Quartier, und nichts, das einem ehrbaren Putzſpiegel gleiche, um daſſelbe her⸗ um zu finden.“ „Ich fuͤrchte, arme Jacky, ihr findet es manchmal ſo,“ ſagte Eliſabeth mitleidig. „Jacky! Wohl, ſo ſey es denn, Ja⸗ cky, zwiſchen uns, als zwiſchen Verwand⸗ ten. Aber, Franz, was habt ihr mit den Vertraͤgen gemacht, die ich geſtern von der „Grillenfamilie“ gebracht habe. Ihr wißt, morgen iſt unſer braͤutlicher Kirchgang. Ich muß alle meine Kleider und Papiere in Be⸗ reitſchaft halten.“ „Puzt euch, puzt euch, meine huͤbſche, huͤbſche Braut,“ ſang Frieſel, ihre Hand er⸗ greifend. Der Koͤder wirkte— die Vertraͤge wurden vergeſſen und in tollem Triumphe laut lachend und ſingend—„Puzt euch, puzt euch“— ſezte Jakobina ihren finſtern Weg laut laͤrmend fort.. „Es freut mich zu finden, daß ihr ſo ploͤtz⸗ lich fuͤr den Geſang begeiſtert worden ſeyd, Meiſter Frieſel;“ ſagte Eliſabeth. Eſiſ. von Bruce. I. 144 „Oh, was das Singen vetrifft— ſo will ich ſingend ſterben, Fraͤulein, wie die Schwaͤ⸗ ne; allein ich gaͤbe meine Ohren, wenn Ka⸗ pitaͤn Wolf Graham dieſe Heirathsvertraͤge, wie Jakobina ſie nennt, zu Geſicht bekaͤme. Es ſind wahre Kurioſitaͤten.— Aber gewiß bin ich noch nicht ſobald ein geſunder Mann zu nennen! Die fertige Hure ſchlug zu, als ob ſie Hanf klopfte— kein Zweifel, daß die Schlutte dieſes Handwerk in Brivewell ſchon fruͤher getrieben hat— hem!“ „Und ſie hat eine fertige Hand, einen zu klopfen, fuͤr den der Hanf gewachſen iſt,“ ſagte Fugal, mit einem froͤhlichen Gelaͤchter uͤber ſeinen eigenen Witz.„Ich wuͤnſche je⸗ doch, ich haͤtte fuͤr euch ein wenig von dem Rigabalſam, mit dem die Bettelnonnen die Wunden unſerer Leute in Flandern ſalbten. Ich wollte im Nu einen geſunden Mann aus dem kleinen Knirps, d. h. aus euch machen.“ Fugal blickte mit halb gebieteriſcher Miene auf den kleinen ungereisten Cioiliſten herab, der an ſeiner Seite hinkte und humpelte. „Ich hieb einmal meinen Daumen ab, als ich an unſern Verſchanzungen arbeitete, Ma⸗ dame Liſabeth. Es war dieſer— nein, es war dieſer— der nettere Daumen.“— Fugal ſezte beide Daumen, wie zur Probe, in Be⸗ wegung. Beide ſchienen geſunde, gelenkige und brauchbare Glieder.„Ich kann jezt nicht mehr wiſſen, welcher von ihnen es war; und — 515 wenn ich meiner Sache nicht gewiß bin, ſo bin ich ſehr kitzelig, hinſichtlich deſſen, was ich ſage, Madame Liſabeth. Ich hatte keine Muße, viel an eine ſolche Kleinigkeit zu den⸗ ken; allein gluͤcklicherweiſe ſteckte ich den Dau⸗ men irgendwo in das goldene Band meiner Fouragiermuͤtze; und jenen Abend, im Lager, da ich ſonſt nichts zu thun hatte, tauchte ich ihn in den Rigabalſam, und klebte ihn wie⸗ der an die Hand hin. Gut, ich konnte ihn fuͤnf Minuten nachher wieder eben ſo gebrau⸗ chen, als fruͤher.“ „Das iſt nichts, gegen den alten Richie Whands bei den Koͤniglichen,“ ſagte Frieſel, „der mit dem Rigabalſam ein Bein wieder anfuͤgte. Allein dieſe Dummkoͤpfe von Bettel⸗ nonnen, wie ihr ſie nennt, ſetzten die Wade hin, wo das Schienbein ſeyn ſollte.““ „Etwas Aehnliches,“ ſagte Fugal in ernſte⸗ rem Tone,„begegnete einem gewiſſen Hodges, einem unbeſtallten Offizier bei unſerer Kom⸗ pagnie.“ „Aha!— aber die Koͤniglichen, ſie haben einen Streich gemacht, der zwei wie dieſer iſt, aus dem Felde ſchlaͤgt. Sie nahmen Richie's unanſehnliches Glied und drehten es rund herum. Richie haͤtte ſich keinen Klufen⸗ knopf um ſein Schienbein bekuͤmmert, ſagte er; allein ſo lange es in dieſer Richtung ſtand, war ſein dicker Schuh ſeinem Hintermanne ſtets im Wege.“ 316 „Der Teufel mit eurem Gewaͤſch, Meiſter Frieſel,“ ſagte Fugal, der einen nicht gerin⸗ gen Abſcheu dagegen hegte, daß ſeine Geſchich⸗ ten von irgend jemand, beſonders aber von dem Wieſel ausgeſtochen wurden.„Hodges veraͤnderte bloß ſeinen Steigbuͤgel, da er keiner von den Fußgaͤngern war. Aber dieß, Ma⸗ dame Liſabeth, iſt nichts gegen den Riga.“ Fern von der Gruppe, der Scene und der 4 Unterhaltung waren Eliſabeths wandernde Ge⸗ danken; allein der Klang ihres Namens entriß ſie ihrer Zerſtreuung. „Wir werden wahrſcheinlich eine ſchneeig Nacht bekommen, Fugal,“ ſagte ſie.„Vaͤre es nicht beſſer, wenn ihr in Monkshaugh blie. 4 bet und heute Nacht nicht nach Hauſe zuruͤck⸗ kehrtet?“ „Ein bloßer Spaß gegen den Schnee, den wir in Flandern hatten,“ erwiederte Fugal, die Milde eines ſchottiſchen Sturms verhoͤh⸗ nend.„Ich erinnere mich, daß der Schnee in Flandern einmal wallenweiſe herabfiel, ſo daß fuͤnfzig Meilen im Umkreiſe weder Stadt. noch Dorf, weder Haus noch Huͤgel mehr ſicht⸗ bar, und ſo tief im Schnee begraben war, als die Ringans⸗Klippe unter Ernescraig To⸗ 3 wer liegt.“ „Dann mußte euch Gott zu eurem Mittag⸗. eſſen helfen!“ ſagte Frieſel;„das heißt wenn 4 ihr hungrig ward.“ „Hungrig!— ich war ſo hungrig, als ein ———ñQ2 2·— —,— 517 Webersjunge in Sauerloch;— als Beß ploͤtz⸗ lich in den Schnee untertauchte— denn die Maͤhre roch Haber. Du Schlutte, ſage ich⸗ willſt du ſtuͤrzen?— und uͤber Stiefel und Sporen verſanken wir jezt in einem zuſam⸗ men getriebenen Haufen Schnee. Ich ſtieß ihr die Sporen in den Leib, Franz; und auf ſprangen wir. Wir waren durch das Dach eines jener reichen Bauernhaͤuſer, die ich an⸗ traf, paſſirt, denn an der linken Hufe meiner Stute dampfte ein Stuͤck ſo guten gepoͤckelten, Rindfleiſches empor, als je ein hungriger Rei⸗ ter eines verzehrte. Die Vorſicht, Madame Liſabeth, iſt ein reicher Lieferant, hier oder in Flandern.“ „Wohl moͤgt ihr ſo ſagen, Fugal; denn ich zweifle, ob vor euch je irgend ein Menſch auf dieſe Art zu ſeinem Mittageſſen kam.“ „Ich denke nicht— er iſt ein Teufel von einem Burſchen, dieſer Serymmager, ſagte unſer Ben Bump, herbeireitend, als ich meine rauchenden Rationen auf dem Boden verzehrte. Ich gab ihm ſeinen Theil, ſagte aber nichts — verſteht ihr mich. Es macht mir jezt Freude, Eurer Gnaden, oder irgend einer arti⸗ gen Perſon, meine unbedeutenden Vorfaͤlle zu erzaͤhlen. Euer Gnaden zweifeln nie an dem Worte eines alten Soldaten, gleich jenen un⸗ gewaſchenen Bengeln in der Caſtleburner Schmiede.“ Eliſabeth merkte, daß Frieſel geneigt war, den Korporal Liqueur finden zu laſſen, um ſein Rindfleiſch niederzuſpuͤlen; ſie kam daher auf den Rigabalſam und die Bettelnonnen zuruͤck. „Sie nennen ſie die barmherzigen Schwe⸗ ſtern— die sours of charité,—“ ſagte Fugal. „Wo iſt der ſchottiſche Junge von Bruce's Rotte? ich ſehe ſtets zuerſt nach ſeinem Ver⸗ bande, ſagte Schweſter Margarethe— dieß war ein Spaß, mit dem ſie mich lange aufzo⸗ gen bei meiner Kompagnie.— Es war wohl der Muͤhe werth, Madame Liſabath, einen Hieb zu erhalten, nur um unter ihre ſanften Haͤnde zu kommen.— Aber was ich euch ſagte, Fraͤnzchen, iſt nichts gegen den Riga. Ich ſah einmal einen Hahn— er war von der Huͤhnerſtange der Frau Vanbrisket durch Sar⸗ jent Peternel, einem der unſrigen, geſtohlen worden.— Er hieb ihm mit ſeinem Saͤbel den Kopf ab— Verſteht ihr mich? Probire den Riga jezt, rief ich— und ich tauche mei⸗ nen kleinen Finger ein und fahre auf der Wunde umher— hielt den Kopf hin, und das muthige Thier lief kraͤhend und mit ſeinen Fluͤgeln klatſchend durch unſer Lager. Zu Pferd, Burſche! rief Grand Boy, in der Mei⸗ nung, es ſey der Hahnenſchrei, und wir ſoll⸗ ten dieſen Morgen gerade ins Feuer kommen. Es war bloß ein Verſuch,“ fuͤgte Fugal mit ſorgloſer Miene hinzu. Solche Geſchichten waren kein Kraͤuterpfla⸗ 7 319 ſter fuͤr Frieſels ſchmerzende Gebeine. Mit vorſaͤtzlicher Bosheit ſprang er auf die niedrige mit Raſen umzogene Mauer, welche den Zu⸗ gang zu Monkshaugh⸗Haus beſaͤumte, von wo aus man jezt durch die verflochtenen Zweige der ſchirmenden Baͤume und Hollunderbuͤſche heitere Lichter flimmern ſah, und eilte ſchnell auf und nieder, in Einem fort, wie ein Hahn kraͤhend und mit ſeinen Fluͤgeln klatſchend, bis die ganze Familie aus dem niedrigen Portale trat, um die Urſache dieſes bedeutungsvollen Geſchreies des„Morgenvogels“ zu erfahren. „Lu peli rascaille,“ grinzte Fugal veraͤcht⸗ lich; denn er ſprach franzoͤſiſch, ſo gut als hoch⸗ und niederdeutſch, irlaͤndiſch und hoch⸗ englich zum Entzuͤcken und zur Erbauung des ganzen Caſtleburn.„Wenn ich ihn hier haͤtte, ſo wollte ich ilmezwiſchen meinen Daumen zerquetſchen£☛ denn ein Graubart ſich mit Luͤgen befaſſen! Madame Lisbeth! Bu⸗u⸗u⸗u“ Fugal ſchuͤttelte raſch ſeinen Kopf, ſo daß er dieſes Gemurre buchſtaͤblich heraus ruͤttelte und ſchuͤttelte. So erbittert war er uͤber dieſe kraͤhende Verdaͤchtigung ſeiner Wahrhaftigkeit, daß er ſich weigerte, in das Haus zu treten, um an den Erfriſchungen Theil zu nehmen, die jedem armen Mann geboten und ſelbſt auf⸗ gedrungen wurden, der je Monkshaugh's Schwelle betrat.— Frieſel befand ſich augenblicklich an Eliſa⸗ beths Seite, um das Hofthor zu oͤffnen und 520 fluͤſterte:„Ihr braucht, wenn es euch ge⸗ faͤllig iſt, Fraͤulein, den Laird oder der Effie jene meine kleine Pruͤgelei in dem Gehoͤlze der Bergſchlucht nicht zu erwaͤhnen. Ich moͤchte ſie bekuͤmmert machen, Monkshaugh befuͤrch⸗ tet ſo ſehr, ein kleiner Tropfen Branntwein koͤnnte eine Quetſchung oder gruͤne Wunde ent⸗ flammen; und Effiie iſt ſo beſorgt, ein Maul voll anſtaͤndiger Lebensmittel, moͤchte das Fie⸗ ber erhoͤhen, daß ſie beide die ſchlimmſten Leute ſind, die ich kenne, was das Anver⸗ trauen irgend eines kleinen Vorfalls betrifft, der mir auf dem Wege der Pflicht begeg⸗ nen maͤg.“ Ihr ſeyd demnach, Frieſel, wie ich fuͤrchte, beſchaͤdigt. Es klebt geronnenes Blut an eu⸗ rem Haare. Soll ich euch ein wenig Brannt⸗ wein ſchicken, damit ihr euch den Kopf da⸗ mit abwaſchen koͤnnt?— Die kalte Nacht rechtfertigt dieß.“ „Denkt nie daran, mein Fraͤulein— doch vielen Dank dafuͤr. Allein ihr ſeht, erſtens, daß ich den Branntwein nie weiter hinauf, als bis zu meinem Munde gelangen laſſen konnte, ſeit ein Hemd uͤber meinen Kopf ging; und zweitens will ich einen Tropfen Rahm und eine Binde von Baby Strang bekommen. Dieſe Schlampe hat eine ſo zarte Hand, was die Behandlung koͤrperlicher Leiden be⸗ trifft, als je eine Nonne in Flandern— und ehe der Morgen kommt, werde ich ſo geſund, 321 friſch auf ſeyn, wie ein Reh, und bereit, Euch, wenn ihr mir Erlaubniß gebt, alles zu ſagen, was die Vertraͤge der Miß Jacky betrifft. Hierauf ſchieden ſie. Das Wieſel aber hatte Eliſabeth in einen groͤßern Zuſtand der Neu⸗ gierde und der Erwartung verſezt, als ſie an den Tag zu legen fuͤr gut fand. Als Eliſabeth am naͤchſten Morgen erwachte, verbreitete ſich das kalte, ſchwache und graue Licht einer winterlichen Morgendaͤmmerung durch ihr Zimmer.„Iſt alles ein Traum?“ dachte ſie.„Oder habe ich wirklich die Stimme dieſes ſonderbaren Weibes wieder gehoͤrt. Die⸗ ſelbe durchdringende Stimme, mit der ſie rief— Leben und Tod haͤngen von meiner Botſchaft ab. Iſt ſie unter meinem Fenſter geweſen? Es ſchwebt mir dunkel die Erin⸗ nerung vor, ich habe mich bemuͤht, ganz auf⸗ zuwachen— aufzuſtehen— der Stimme zu folgen, die mich rief.“ Als eine Beſtaͤtigung dieſer Meinung, fand Eliſabeth verſchiedene kleine, in der Naͤhe ihres Fenſters zerſtreu umherliegende Kieſelſteine; und es hatte den Anſchein, als ſeyen ſie gegen das Fenſter ge⸗ worfen worden, um die Schlaͤferin im Innern des Zimmers aufzuwecken. Allein die Pflichten dieſes wichtigen Tags erheiſchten ihre unmittelbare Aufmerkſamkeit. Der weiße Biberhut war durch die Thaͤtig⸗ keit der Baby Strang bereits von der Burg angekommen; und Fugal hatte Titanig's Sat⸗ 522 telzeug in die beſte Ordnung gebracht. Das Wieſel, daß ſich wieder gaͤnzlich erholt hatte, kam in das Sprechzimmer und fluͤſterte Eli⸗ ſabeth zu:„Ich bin ſo gewiß, als ich in dieſer meiner Haut ſtecke, Fraͤulein, daß die Schlampe, der ich geſtern begegnete, Fugals letztes Weib, die iriſche Hure iſt,— allein ſie ſoll ihren Theil bekommen. Sie wird ihr Un⸗ weſen in dieſer Gegend nimmer lange treiben.“ „Wenn ihr ſie irgendwo trefft, ſo laßt es mich wiſſen,“ ſagte Eliſabeth;„allein ſehet euch wohl vor, was ihr thut.“ Ende des erſten Bandes. Tnſenſniſimnnſnnnnſſinſnſnnſnſnſſmnnſnmnnnſſ 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 9 8 2 d 3oe nh