ihbiblio deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von 8 Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und Seſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ ⸗ en angenommen. 3 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet o wird. 1 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: 4 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mr.— Pf. 3„ „„„„—»„—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defeecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern dc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe 8 auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. —,— Eliſabeth von Bruce. Nach Walter Scotr. Im Verlage dieſes Werkes erſchien Folgendes: Cunningham, Allan, Paul Jones. Ein Roman. A. d. Engl. 3 Bde. gr. 12. Hauff, W. Der Wanderer. Novellen, 1r Bd. gr. 12. br. —— Mittheilungen aus d. Memoiren des Satan. 2 Thl. — Lichtenſtein. Sage aus der Wuͤrtemb. Geſchichte. 3 Thle. 124. —— Controverspredigt uͤber den Mann im Mond, von H. Clauren. Gehalten von Wilhelm Hauff. —— Maͤhrchenalmanach auf das Jahr 1827. ——————— 1828. X —— Phantaſien im Bremer Rathskeller, ein Herbſt⸗ geſchenk fuͤr Freunde des Weines. gr. 8. geh. Ju⸗Kigo⸗Li, oder die beiden Baſen; ein chineſ. Roman uͤberſ. von Abel Remuſat. A. d. Fr. a Thle. gr. 12. br. Jouy, M. E., Cecilie oder die Leidenſchaften. 5 Theile. A. d. Franz. gr. 12. broſch⸗ Jeſuitenſpiegel, der, Auszuͤge der gefaͤhrlichſten und laſterhafteſten Stellen der dogmatiſchen Werke der Jeſuiten. A. d. Franz. gr. 12 br. HKock, C. P. v., Der Barbier von Paris, Roman in 4 Thlnu. A. d. Franz. 9. Kriegsgefangene, der. Ein am Ufer des Meeres nach einem Schiffbruch gefundenes Manuſcript. A. d. Franz. 2 Bde. gr. 12. Menzel, Dr. Wolfgang. Die deutſche Literatur. 2Bde. gr. 12. elegant broſchirt. 3 3 Mortonval, die Dame von Sgint⸗Bris. Chronik aus den Zeiten der Ligue(1587). 4 Thle. 8. A. d. Franz. Radg. Eine ſpaniſche Novelle. A. d. Franz. 2 Thle. Napoleon vor dem Richterſtuble Aleranders, Eaͤ⸗ ſars und Friedrichs des Großen. 4 Baͤnde. gr. 12. Napoleon in der andern Welt. Eine von ihm ſelbſt geſchriebene Erzaͤhlung; gefunden zu St. Helena am Fuße ſeines Grabes. Von Nongo⸗Tee⸗Foh⸗ Tche, Mandarin der zten Klaſſe. Aus dem Engl. gr. 12. br. Octavia, oder Leben und Abenteuer einer fuͤrſtlichen Maitreſſe. Eine wahre Geſchichte neueſter Zeit, aus den Papieren e. verſtorb. Diplomaten. 2 Thle. 3. br. Oleſia od. Polen, 4 Thle. — — Eliſabeth von Bruce. Nach Walter Scecott. Aus dem Engliſchen v on Auguſt Schaͤfer. Dritter Band. iess— K c Ki KNaFrNNN s F*‿ ☛ Stukrgart. Bei Gebrüder Franckh. — 4 3 2 7. Eliſaberth von Bruce. Er ſtes Kap it e l. Der Abend vor dem Allerheiligenfeſte. Es war der Abend vor dem Allerheiligenfeſte, und St. Peters Schluͤffel hatten keine Zeit, zu roſten. Nachdem die Commiſſion ihre gerichtli⸗ chen Arbeiten fuͤr dieſen Tag beendet hatte, ſchmauste ſie in dem obern Stockwerke; die Dra⸗ goner zechten unten; verſchiedenartige Gruppen tranken unter einem offenen Saͤulengange, der eine Seite des Hofraums bildete; und ein blinder Geiger, der ſich feinen Lebensunterhalt dadurch erwarb, daß er die Gaͤſte der Schluͤſſel St. Peters ergoͤzte, ſpielte„Carolans Vorſchrift, wie man liskebah trinkt“ und„St. Patrik's Tag.“ Grahame verfuͤgte ſich nach Nro. 5, in der Hoffnung, Rachrichten uͤber die Geneſung der Dame einziehen zu koͤnnen. Monica's uner⸗ wartete Erſcheinung war in der That der Ge⸗ — 6 genſtand, auf welchen ſeine tiefſten Gedanken gerichtet waren. Sie, deren Bewegungen alle geheimnißvoll waren, hatte ihm keinen Wink von ihrer Abſicht, die Nachbarſchaft von Er⸗ nescraig zu verlaſſen, gegeben, als er ſie gebeten hatte, uͤber Eliſabeths Geſundheit zu wachen, und ſie bei gutem Muthe zu erhalten. Was machte ſie ferner hier?— Woher kam jene lei⸗ denſchaftliche und tiefe Zuneigung, welche, die aͤußern Schranken der Sitte und des Orts durch⸗ brechend, ihre Erkennung der ohnmaͤchtigen Dame bezeichnete. Ihre abgeriſſenen Ausrufe hatten in der That einiges Licht auf die Natur ihrer Verbindung geworfen? Konnte ſie die Schwe⸗ ſter O' Connors des Weſten ſeyn? Sie war das Weib eines Edelmanns, mit deſſen Name jedes Ohr vertraut war. Auch war es nicht moͤglich, daß die ohnmaͤchtige Geſtalt, der er zu Huͤlfe gekommen war, ſo ſchoͤn, ſo ſchwach, ſo jugendlich zart in ihren ſchmaͤchtigen Umriſſen, die Geſtalt der Mutter der bluͤhenden und kraft⸗ vollen Eliſabeth ſeyn konnte!— Es war ihm eben ſo unmoͤglich, ſeine Gedanken einen Au⸗ genblick von dieſem Gegenſtande abzulenken, als einen Schluͤſſel zu dem ihn bedeckenden Ge⸗ heimniſſe zu finden. Waͤhrend des unaufhoͤrlichen Laͤutens und Ru⸗ fens um Erfriſchungen hatte Wolf ſich vergebens bemuht, die Wirthsleute an Nro. 5 zu erinnern. Er hatte ſeine Klingel auf alle die verſchiedenen Arten gezogen, durch die ein ungeduldiger ver⸗ nachlaͤßigter Reiſender ſich Gehoͤr zu verſchaffen 7 ſucht— anfangs lebhaft, aber hoͤflich dabei— dann haſtig— dann in einem doppelten ſchnel⸗ len Takte— und endlich in heißer Wuth— bis er alle Hoffnung aufgab, ſich entweder Nach⸗ richten uͤber die Geneſung der Dame, oder Er⸗ friſchungen zu verſchaffen. Zwar waren alle die jungen Frauenzimmer, die auf die Namen Bridget, Chaunette und Cathleen Antwort ga⸗ ben, zu verſchiedenen Zeiten herbeigeeilt, und hat⸗ ten, nachdem ſie ſeine Befehle unter Verbeugungen vernommen, eine eilige Ruͤckkehr verſprochen; allein, gleich treuloſen Weibern, die ſie waren, dachten ſie nicht mehr an ihn oder ſeine Beduͤr⸗ niſſe, ſobald ſie ihn verlaſſen hatten. Was ihm aber naͤher am Herzen lag, als al⸗ les andere, war— Monica zu ſehen— mit ihr, die Eliſabeth einige Tage ſpaͤter, als er, geſehen haben mußte, zu ſprechen— zu hoͤren, wie die Geliebte in ihrer Einſamkeit ſich benahm, oder wie ſie ſeine Abweſenheit ertrug— oder ob ſie, wenn ſie um dieſe Reiſe ihrer Amme wußte, keine Botſchaft oder keinen Brief geſchickt hatte — ob O' Connor entkommen war— ob er Erneseraig erreicht hatte. Da die Toilette der Mrs. Honour kein Ende nehmen zu wollen ſchien, ſo ſtieg Grahame noch einmal hinab, um ſeine Ungeduld in dem Hof⸗ raume abzukuͤhlen. Er ſah Licht in der„Kam⸗ mer der Filigran⸗Spiegel;“ und hinter dem duͤnnen Vorhange von Muſſeelin glaubte er den Schatten einer maͤnnlichen, an die Hinterwand gelehnten Perſon zu bemerken. —— 8 Die Mißlaute der Klingeln, und die wilden Toͤne zuͤgelloſer Luſtbarkeit beleidigten Grahames Gefuͤhle in dieſem Augenblicke. Die rohen Scherze der Dragoner aber, das ſchreckliche Schauſpiel oherhalb des Thorwegs, erhoͤhten ſeinen Wider⸗ willen; und er trat abermals in das Haus, als ihm Slattery begegnete, der ihm nach einer, durch den Schatten des Poſtwagens verfinſterten Ecke hinwinkte, und ihm ſagte, daß Dame Mo⸗ nica ihn bitte, er moͤchte ſich nicht nach ihr um⸗ ſehen, nicht mit ihr ſprechen, noch ſich dieſe Nacht das Anſehen geben, als kenne er ſie, um ſeiner ſelbſt willen, und um deren willen, die ihm theuer ſehen: ſie wiſſe, wohin er gehe, und er werde bald von ihr und den Ihrigen ein Weiteres hoͤren— und ſie habe Gott gebeten, er moͤchte in dieſem wilden Lande ſein Herz vom Boͤſen, und ſeine Hand von Blut rein erhalten. Nicht wenig uͤber die Wahl des Ueberbringers der feltſamen Botſchaft erſtaunt, wußte Grahame nicht, wozu er ſich entſchließen ſollte; allein er befolgte ſchnell Slattery's Vorſchlag, ſich in den leeren Poſtwagen zu fluͤchten, von wo aus er alles, was um ihn her vorging, ungeſehen und ungeſtoͤrt beobachten konnte. Slattery verſchaffte Wolf hierauf Wein und Zwieback aus dem Speicher, ehe er die Naͤder des Wagens, als Vorbereitung zu der nahen Abreiſe, zu waſchen begann⸗ Von dem Orte aus, wo Wolf ſich jezt be⸗ fand, konnte er die ganze Oekonomie der Schluͤſſel des heiligen Peter uͤberſehen; und obſchon die — —,— 9 „Spiegelkammer“ noch immer der anziehendſte Punkt war, ſo hatte er doch auch ein oder zwei⸗ mal einen weiblichen Kopf bemerkt, der aus einer Art von Schießſcharte in dem oberſten Stockwerke ſchnell hervorſah, und ſich eben ſo ſchnell wieder zuruͤckzog. Auch hatte ſich ein Frauenzimmer uͤber den Hofraum nach einer Art von Speiſekammer geſchlichen, die ſeine Neugierde durch ihre augenſcheinliche Aengſtlich⸗ keit, der Bemerkung zu entgehen, beſonders als ſie langſam und zoͤgernd in den Schatten des Wagens, in welchem er ſaß, glitt, erregt hatte. Wenige unſtaͤte Lichtſtrahlen, die von einem Fenſter des Hauſes in ſeinen Wagen fielen, ſez⸗ ten ihn in den Stand, die Umriſſe einer Geſtalt zu unterſcheiden, die der maͤnnlichen Eitelkeit keinen großen Triumph gewaͤhrte, und ein Ge⸗ ſicht, dem die waͤrmſte Einbildungskraft nichts Anzichendes, viel weniger Schoͤnes haͤtte verlei⸗ hen koͤnnen. Wie dem auch ſeyn mochte, Wolf fand bald, daß er bei ihren Reizen nicht per⸗ ſoͤnlich betheiligt war, da ſeine neue Bekannt⸗ ſchaft Slattery der Gegenſtand des Suchens der Chaunette war, die, an irgend einem ungluͤck⸗ lichen Tage, guͤtige und liebende, wenn auch nicht ſchoͤne Augen auf dieſen galanten, luſti⸗ gen Lothario der Cork⸗Straße geworfen hatte. „Ihr werdet ein zu großer Herr ſeyn, um eine Schuͤſſel voll kalter Lebensmittel von einem armen alten Maͤdchen dieſe Nacht zu nehmen, Denny Slattery,“ ſagte Chaunette mit bebender Stimme,„und zudem fragt der Squire O' Toole — ja, der proteſtantiſche Flegel ſelbſt nach euch.“ 1 „Er fragt nach mir ¹“ rief der Mann in au⸗ genſcheinlicher Unruhe.„Chaunette, mein Lieb⸗ chen, mein Edelſtein, willſt du ein wenig ſcher⸗ zen?“ Slattery ſchlang ſeinen Arm, nach ſeinem gewoͤhnlichen freien und galanten Betragen gegen Damen, um ihre volle Taille.„Wo ver⸗ bargſt du dich dieſe ganze Zeit uͤber vor mir, ſuͤßes Geſchoͤpf; denn ich meine, ich koͤnnte dich dieſe Nacht freſſen?“— Ein ſchmatzender Kuß folgte.„Aber was von dem Flegel, mein Edelſtein?— ſicherlich ſcherzſt du?““ „Und wenig Scherz iſt in meinem Kopfe, Denny Slattery, ſeit manchem Tage; und noch vielweniger vielleicht in meinem Herzen, obſchon du ein Spaßvogel biſt;— ſo ſpare deine Kuͤſſe fuͤr diejenigen auf, welche du mehr liebſt, und mache dich aus dem Staube, ſo lange der Weg noch frei iſt; denn ſo gewiß als die Heiligen oben im Himmel ſind, ſo gewiß ſucht der Fle⸗ gel dich. Meine eigenen Ohren hoͤrten, wie er dem Hausherrn ſagte, er ſoll ein Auge auf dich haben, ſobald du ankommſt, und dieß haͤtte er auch gethan, wenn ihm nicht die Commiſſion alles aus dem Kopfe gebracht haͤtte, und ſie da waͤre; und der arme Knabe, Felix Doran, deſ⸗ ſen Leben von dieſem ihrem blutigen und grau⸗ ſamen Herrn auf ihren Knieen zu erbetteln, ſie gekommen ſeyn ſoll, hat ſie ganz getoͤdtet— und es geht von einer Ohnmacht zur andern bei ihr. Aber ach! hoͤr' jezt auf mich, Dennis, und —— 58 Nicht wegen Narrheiten komme ich hierher; au haͤtteſt du mich nicht geſehen, wenn du nicht in Gefahr und eines alten Nachbars Sohn waͤ⸗ reſt.“ 3 Slattery zog ſie, ohne vielleicht ihrer Ein⸗ ſchaͤrfung woͤrtlich zu gehorchen, noch tiefer in den Schatten des Wagens, und ſchien ſie uͤber alle beſondern Umſtaͤnde der Angelegenheit aͤngſt⸗ lich zu befragen. „Ich wuͤrde mich, der Himmel weiß es, ſchaͤ⸗ men, abſichtlich zu horchen und zu lauſchen, Denis; allein als ich die Kammer hinter dem Speicher reinigte, die ſie St. Peters Schilder⸗ haus heißen, kommt der Flegel zu dem Herrn herein und holte einen kuͤhlen Trank Wermuth⸗ Bier; und gewiß, ich konnte es nicht anders machen, ich mußte hoͤren, wie ſeine geſchwolle⸗ nen Lippen den Sohn eines alten Nachbars der theuren Aeltern, die bei den Heiligen ſind, und mich allein in einer kalten finſtern Welt ließen, nannten.“ Grahame konnte den Inhalt von Slattery's Gefluͤſter bloß aus der Antwort des Maͤdchens errathen. „Behalte deine Poſſen fuͤr die, welche du mehr liebſt, Denny Slattery; und mach dich fort, ich ſag es noch einmal— das iſt alles, was ich von dir will; und nimm dieß als Andenken an ein armes Maͤdchen, das vielleicht einmal mehr Acht auf deine Aufſchneidereien hatte, und nicht klug oder anſtaͤndig war, aber dein Weſen ndeckte und dein falſches Herz verachtete; und⸗ deßwegen dieſe Nacht nicht hier gewefen waͤre, wenn du nicht in Noth gekommen und eines alten Nachbars Sohn waͤreſt.“ Und die edle und wahrhaft weibliche Chau⸗ nette gab ihrem wankelmuͤthigen, wo nicht treu⸗ loſen Bewunderer eine kleine Schachtel in die Hand, in der ſie ihren ſauererworbenen Lohn ſeit manchem Tage geſammelt hatte, bis Slatiery's offene Liebeleien mit Cathleen, dem Kellermaͤd⸗ chen, und Bridget, dem Stubenmaͤdchen, und zwanzig andern ihrer Klaſſe, ſie gleichguͤltig ge⸗ gen Reichthum und Vermoͤgen gemacht, und ihr alle Hoffnung auf eine Huͤtte und einen Kuͤchengarten in ihrem heimathlichen Kirchſpiele Caſtle⸗connor, ſo wie auf eine Kuh, ein Ferkel und ehliches Gluͤck mit Denny Slattery geraubt hatte. Die ganze Summe ihrer Erſparniſſe belief ſich auf drei goldene engliſche Guineen und ein Paar ſchwarze Zehnpfennigſtuͤcke. An Baͤndern hatte Chaunette, von den gluͤcklichen Tagen her, in denen Dennis ſie auf Kirchweihen und Maͤrtte ge⸗ nommen hatte, ebenfalls einen reichlichen Vorrath; und auch dieſe wuͤrden ihm zu Gebot geſtanden ſeyn; denn was bekuͤmmerte ſich Chaunette um einen perſoͤnlichen Putz, der nicht laͤnger den Blick des alten Nachbarſohns ihrer Aeltern feſſelte. Aber alles, was ſie konnte, gab ſie, und da ſie fuͤhlte, daß ſie ihn nicht mehr ſehen ſollte, ſo hieß ſie ihn„fliehen und nie mehr an ſie den⸗ ten, und ſie wollte es Cathleen ſelbſt ſagen.“ Wahrſcheinlich das erſtemal in ſeinem Leben gut biſt⸗ denken, da du in ſo arger Geſäht vifene Liebſter!“ Dennis nahm ihr Geld und kuͤßte ſie aber⸗ mals hoͤchſt zaͤrtlich, und mißachtete oder vergaß Wolfs Gegenwart, von der die arme Chaunette, die ein ſehr ſittſames Geſchoͤpf war, gar nichts wußte. Wie haͤtte ſie es dulden koͤnnen, daß ein fremdes Auge in ihr Herz geſchaut haͤtte, das oft und bitter gefuͤrchtet hatte, ihre Liebe werde nicht mehr geſchaͤzt und geſucht. Bei⸗ dieſer ungeheuchelten, unerwarteten und unge⸗ hofften Guͤte von Dennis Seite ſchien Leben und Tod in dem Buſen des armen Maͤdchens ſich zu begegnen und zu bekaͤmpfen; und einen Augenblick lang lehnte ſie ihr Geſicht auf die Bruſt ihres wankelmuͤthigen Bewunderers, und hauchte die einfachen Worte:„Och, theurer Den⸗ nis!“ in Toͤnen ſeidenſthrft icher. Betruͤbniß und Zaͤrtlichkeit.— Die arme Chaunette eilte fort nach ihrer Dachſtube, um zehn Minuten Ver⸗ ſäumniß an denjenigen Pflichten neben den Keſſeln und Toͤpfen von St. Peters Schluͤſſeln, die ſelbſt in der gefaͤhrlichſten Criſis ihres Schickſals nicht vernachlaͤßigt werden durften, einzubringen. „Ich gebe Eliſabeth nach!“ dachte Wolf, in⸗ . chopf ſteht?“ Grahame haͤtte ihn zu Boden ſchlagen koͤnnen. —„Und mit dir Boͤſewicht! Und waͤre es mir nicht um ſie; ſo weiß ich nicht, was mich ab⸗ halten koͤnnte, dich der Beſtrafung zu uͤberlie⸗ fern, die du ohne Zweifel in reichem Maße ver⸗ dient haſt. Befolge jedoch ihre liebreiche War⸗ nung und mache dich aus dem Staube, damit ich meine Nachſicht nicht noch bereue.— Gewiß kann der kein voͤlliger Taugenichts ſeyn, den die⸗ ſes edle junge Herz ſo zaͤrtlich und ſo wahrhaft liebt.“— „Zaͤrtlicher vielleicht als der Schelm verdient: ich kann dieß in Abſicht auf Chaunette, das fanfte Geſchoͤpf, ſagen, obſchon, woll's Gott, nicht in Abſicht auf irgend einen andern Men⸗ ſchen, der je einen Bart trug, viel weniger den Flegel. Allein ich wuͤnſchte von Herzen, euer Gnaden moͤchten im alten St. Peter in dieſer Nacht Quartier nehmen, da Sie im Innern des Wagens keinen Platz haben. Chaunette wird Ihnen einen herrlichen Biſſen Speck und Eier bereiten; und Ihnen ein ſo weiches und reines Bett geben als in Muͤnſter. Es wird eine fin⸗ ſtere Nacht werden, um dort uͤber jenen Berg — 15 zu gehen, laſſen Sie es mich Ihnen ſagen. Mein Herz kraͤnkt ſich um Sie in dieſer dunkeln Nacht. Denn ich hoͤrte ein guͤtiges Wort uͤber Sie und die ehrbaren Leute, von denen Sie herſtammen, es iſt ſchon eine gute Zeit.“ Einen Augenblick dachte Grahame uͤber die Schicklichkeit nach, den Burſchen zu fragen; allein ſein natuͤrlicher Trotz, und jene Verach⸗ tung perſoͤnlicher Gefahr, die, ſo raſch und uͤber⸗ eilt ſie auch ſeyn mag, in der Jugend fuͤr maͤnn⸗ lich und ruhmwuͤrdig gehalten wird, leitete ihn von dem Gedanken ab. Auch hatte er Slat⸗ tery im Verdachte, daß er ſeine Wichtigkeit durch die Andeutung dunklerz und gefaͤhrlicher Geheim⸗ niſſe zu erhoͤhen wuͤnſche. „Traͤumer und Seher ſehen jede Gefahr, nur die ihrige nicht,“ ſagte er kalt.„Sorg daher fuͤr dich ſelbſt, Freund; ich hoͤre das Getoͤs der ſich nahenden berittenen Streifwache.““ Das Getrampel der Roſſe in dem Hofe brachte den Conducteur und den Poſtillon herbei, der bis nach der naͤchſten Station gehen ſollte, die der natuͤrlichen Beſchaffenheit des Bodens wegen. um dieſe Zeit fuͤr gefaͤhrlich galt. Da der Poſt⸗ wagen, in Erwartung der Ankunft des Mili⸗ taͤrs ſchon weit uͤber ſeine Zeit verweilt war, ſo begann der Conducteur uͤber Slattery zu flu⸗ men daß er die Pferde noch nicht angeſpannt. abe. „Wo hat der verdammte Kerl ſeinen langen Leib hingeſchleppt? Etwa irgend wohin unter die Menſcher von Dienſtmaͤgden, ich will fuͤr ihn ſchwoͤren! Slattery, du fauler Teufel!““ und es folgte ein Schwall von Flüͤchen und Verwuͤnſchungen. „Gewiß wißt ihr beſſere Gebete, als dieſe, Meiſter Jerry,“ murmelte Slattery, der auf der Schattenſeite des Wagens neben Wolf ſtand; „und ihr braucht ſie vielleicht auch, ehe das Riff und der Berg hinter euch iſt— So will euer Gnaden ſich nicht warnen laſſen? Die Gefahr ruhe auf Ihnen ſelbſt!— Um ihretwillen meinte ich es gut mit Ihnen. Ich waſche meine Haͤnde rein von Ihnen!“ Er eilte weg, ehe Grahame, durch die Ernſthaftigkeit ſeines Tons ein we⸗ nig beſtuͤrzt, fragen konnte, auf welche weibliche Perſon er anſpielte. Als die Roſſe angeſpannt, die Soldaten zu Pferd, und Wolf bereit zur Abreiſe, aber doch abgeneigt war, den Gaſthof zu verlaſſen, ohne mit Monica geſprochen zu haben, kam ein neuer Befehl, dem zufolge der Poſtwagen ſo lange bleiben follte, bis der Gentleman, der die Com⸗ miſſion praͤſidirte, einige wichtige Depeſchen fuͤr den Ober⸗Sherif und den kommandirenden Of⸗ flzier einer fernen Gegend ausgefertigt hatte. Dem Range und der politiſchen Wichtigkeit die⸗ ſer Perſon wich alles. Gleichwohl entſtand ein lautes Murren des Mißvergnuͤgens unter den Dragonern, und Grahame ſelbſt fuͤhlte einige Erbitterung, obſchon er kurz zuvor noch laͤnger zu bleiben gewuͤnſcht hatte; allein ſeine Arme uͤber einander ſchlagend, unterwarf er ſich der Nothwendigkeit des Falls. — — —— 1 Unter dem vielen Laͤrmen, Geſchrei und Ge⸗ jauchze, das ſein Ohr betaͤubte, ſeit er in dem Poſtwagen Poſto genommen hatte, hatte ſich Wolf am meiſten an dem laͤrmenden Rufe er⸗ gözt,„Gargon, eurer Lady geleuchtet!“ der ſo oft wiederholt wurde, als die Gebieterin der St. Peters Schluͤſſel irgend eine neue Richtung, begleitet von ihrem flinken und aufmerkſamen Fackeltraͤger, nahm. Noch bedeutungsvoller war der Ruf:„Garcon leuchtet eurer Lady zu dem Poſtwagen!“ eine Aufforderung, welche die ploͤtz⸗ liche Erſcheinung der Miſtreß Mulroonie, mit wortreichen Entſchuldigungen wegen der von Bridget, Cathleen, Chaunette u. ſ. w. gegen die Befehle des Kapitaͤns bewieſene Nachlaͤßigkeit, und mit Bitten, daß er abſteigen moͤge, verkuͤndete. „St. Peter dreht ſeine Schluͤſſel an zehen gu⸗ ten Sprechzimmern um, und oͤffnet zu vierzig Betten,“ ſagte ſie.„Aber in dieſer ungluͤckli⸗ chen Nacht iſt bloß St. Peters Schilderhaus hin⸗ ter dem Speicher da; da Euer Gnaden viel⸗ leicht keinen Geſchmack an jenen engliſchen Halb⸗ adeligen in Nro. 5 finden, wo ſie ſich, mit ih⸗ rer gewoͤhnlichen Unverſchaͤmtheit eingeniſtet ha⸗ ben.“ Wolf ſtieg aus und verſicherte die Dame, das Schilderhaus paſſe ganz gut fuͤr ihn. Hierauf ſchritten ſie uͤber den Hof zuruͤck, und Wolf. wurde in ein getaͤfeltes Zimmer hinter dem Spei⸗ cher gefuͤhrt, in welchem Flaſchen, Bruchſtuͤcke von Speiſen, kalte Truthaͤhne und Gefluͤgel, Kaͤ ſe und alle Truͤmmer eines gedeihenden, ſtark⸗ 16 beſuchten Landwirthshauſes umherlagen. Mit ihren eigenen Haͤnden bedeckte Miſtreß Mul⸗. roonie ſeinen ſchmalen Tiſch, der wirklich un⸗ ter der Laſt der Speiſen ſeufzte. Allein un⸗ gluͤcklicherweiſe erhielt der Gargon, ehe ſie noch Brod, Salz oder ein Meſſer herbeigeſchafft hatte, den Befehl, ſich augenblicklich nach dem Spiegelzimmer zu verfuͤgen. Die Nuͤckkehr der Wirthin zum Behufe der Herbeiſchaffung dieſer hoͤchſt noͤthigen Zuthaten und Werkzeuge einer Mahlzeit abwartend, ver⸗ trieb ſich Grahame die Zeit damit, daß er durch das mit einem Vorhange verſehene Schiebfenſter ſeines Zimmers blickte, das ſich nach dem Spei⸗ cher oͤffnete, und eine ferne Ausſicht auf die Halle des Wirthshauſes gewaͤhrte. Hier erfuhr er mit einem gewiſſen Vergnuͤgen, das ſowohl. aus Theilnahme an Chaunette's Gefuͤhlen, als aus Ruͤckſicht auf ihren Liebhaber entſprang, daß Slattery ſo eben die Flucht ergriffen habe; denn herein ſtuͤrzte die Perſon, genannt der proteſtantiſche Flegel, mit der Miene und dem Tritte gluͤhend heißer ofſtzieller Wich⸗ tigkeit, begleitet von drei Conſtabeln, die in der That geeigneter waren, Kraͤhen von einem Kartoffelfelde zu verſcheuchen, als kuͤhne Rebel⸗ len gefangen zu nehmen. Hr. O'Toole, der den obigen Spitznamen fuͤhrte, war ein Mann von ſtarkem Koͤrperbaue, in mehr als dem mittlern Alter, mit einem auf⸗ geſchwollenen Geſichte, und einem, nach Gra⸗ hames Meinung, nichts Gutes weiſſagenden Aus⸗ 19 ſehen, das wahrſcheinlich ſowohl von der prah⸗ leriſchen Miene poͤbelhafter Wichtigkeit— einem gewiſſen Ausdrucke, der beides den Sykophan⸗ ten und den Tyrannen verrieth— als von ſei⸗ ner natuͤrlichen Phyſiognomie herruͤhrte. Allein die Phyſiognomie, welche die Menſchen in Folge ihrer Gewohnheiten und Leidenſchaften anneh⸗ men, iſt diejenige, nach welcher ſie beurtheilt werden muͤſſen; und Grahame glaubte in der Geſichtsbildung dieſes Mannes den Schurken ganz deutlich leſen zu koͤnnen. „Ihr habt meine Befehle ſchoͤn beſorgt, Mei⸗ ſter Mick, redete er den Wirth an, der in dem Speicher ſaß, ſeine Daumen umdrehend, ſeine gewoͤhnliche Beſchaͤftigung, und fuͤr ſich hinſe⸗ hend, ſeine gewoͤhnliche Stellung.—„Schlie⸗ ßet die Thore da!— Sichert die Gebaͤude!— Eine Guinee— ein Paar Guineen, Buben, fuͤr Slaſhing Slatter, todt oder lebendig!“ Er eilte hinweg, um den Befehl durchzuſetzen, dem zu gehorchen die gaſtfreundlichen Thore von St. Peters Schluͤſſeln, die wahrſcheinlich feit der Belagerung von Linerick, oder der Schlacht von Boyne Water nicht geſchloſſen worden waren, ſich ſtandhaft weigerten, verroſtet in ihrer Hart⸗ naͤckigkeit, wie ſie waren. Dieſe Bekanntmachung ſezte jedoch alle die Buben in Bewegung, jagte die arme Chau⸗ nette von ihrem Bette auf, und bewog den Gar⸗ Lon zu einer ruͤckgaͤngigen Bewegung, ehe er das Zimmer der Filigranſpiegel erreicht hatte; waͤhrend ſeine Lady ihn, zum erſtenmale waͤh⸗ 2 rend ſeiner Dienſtzeit, aus Unwillen uͤber dieſen kühnen und uͤbermuͤthigen Befehl, uͤberholte. Auf der Treppe begegnete ihr Chaunette, die ſich weinend auf ihre Kniee warf, um den Schutz der, in ihrer Meinung, maͤchtigſten Perſon auf Erden„fuͤr einen alten Nachbars⸗ ſohn“ zu erflehen.— „Glaubt der Flegel, er wolle uns alle in den Sack ſchieben?“ rief die beleidigte Wirthin aus, Chaunette zuruͤckdruͤckend. Gib auf dein Geſchaͤft Acht, Maͤdchen, und danke dem Him⸗ mel, wenn der Galgen dir den ſpitzbuͤbiſchen Teufel vom Halſe ſchafft.— Mick, Mick Mul⸗ roonie, gib der Chaunette einen Tropfen von dem Cardamon.— Die Thore der St. Peters Schluͤſſel will er ſchließen. Gargon, ruf die Kilinagaader Buben auf!“— Und jezt ſchien es zu einem wirklichen Aufſtande kommen zu wollen, da es nie ſchwer war, die Kilinagaader Buben in Harniſch zu bringen, wo Hr. O' Toole der Feind war. In dieſer verzweiflungsvollen Noth ſchlug ſich Hr. Mick in's Mittel, und er⸗ mahnte ſeine Ehehaͤlfte zur Klugheit. Seine ehlichen Beweisgruͤnde wurden nicht wenig durch die Wiedererſcheinung des Hrn. O'Toole unter⸗ ſtutzt, deſſen Auge, wider ihren Willen, in Folge langer Gewohnheit, uͤber Frau Mul⸗ roonie’s Gemuͤth etwas von der Macht hatte, die der Blick des Waͤchters uͤber den Wahnſin⸗ nigen erlangt. Um aber wenigſtens Mick zu zeigen, daß ſie ſich von keinem ſolchen Lumpen⸗ hund wie er„muͤrriſch anſehen laſſe,“ hauchte 21 ſie ihren Unwillen aus, obſchon ſie das Feld raͤumte. „Gewiß, Meiſter Jorge O'Toole, Ihr be⸗ handelt meine Lady kaum, wie es ſich ſchickt, daß Ihr einen Laͤrm in dieſer ruhigen Familie an⸗ fangt— und ſie iſt halb todt in dieſem Hauſe, und kann von allem, was bereitet iſt, weder ei⸗ nen Biſſen befehlen noch eſſen— nachdem der gemordete Junge ihr den Magen verderbt hat.“ „Es thut mir leid um den bloͤden Magen der gnaͤdigen Dame, und mehr noch um eure kurze Rechnung, Miſtreß Mulroonie; allein was Pflicht iſt, muß geſchehen— und ich muͤßte dafuͤr ſorgen, daß ſie gethan wuͤrde, waͤre der Ritter von Kerry an eurer Stelle!— und was mehr iſt, Denny Slattery muß hervor⸗ gebracht werden— oder es wird denen ſchlimm ergehen, die einen geaͤchteten Papiſten beherber⸗ gen, der des Einverſtaͤndniſſes mit den Rebel⸗ len, die unlaͤngſt den Poſtwagen Sr. Majeſtaͤt angriffen, bezuͤchtigt iſt!“ „Garcon, leuchtet eurer Lady!“ rief Meiſter Mick, der einen neuen und ſchlimmeren Aus⸗ bruch befuͤrchtete.„Miſtreß Mulroonie, mein Engel, ihr vergeſſet, daß die Klingel meiner Lady ſich ſchon zweimal hat hoͤren laſſen.“ Mi⸗ ſtreß Mulroonie entfernte ſich in Folge deſſen mit ihrem Fackeltraͤger. Nun folgte ein betaͤubendes Schnattern, Zan⸗ ken und Streiten, und nachdem man alle Staͤlle, Heuboͤden und Hundsſtaͤlle aufgeriſſen, und ſo⸗ gar unter dem Bette der huͤbſchen Cathleen ge⸗ 22 ſucht hatte, lag es nur zu ſehr am Tage, daß der Vogel ausgeflogen war. „Ich habe andere Geſchaͤfte, als darauf zu merken, was fuͤr Schurken von Poſtknechten oder andern Schelmen in St. Peters Schluͤſſeln ein⸗ oder ausgehen,“ ſagte Frau Mulroonie, zuruͤckkehrend. „Squire! ihr ſeyd ein Freund von guter Laune und Geſellſchaft, begann der Wirth, „und ſeyd es ſtets geweſen; und da ihr ſeht, daß der Schurke den Staub von den Fuͤßen ab⸗ geſchuͤttelt hat, und eure Buben nicht umher⸗ ſtöbern koͤnnen, bis der Mond aufgeht— und ihr euer Tagewerk, denke ich, ſchon gethan habt — ſo werdet ihr einmal hereintreten, und den Trank der guten Frau koſten. Und glauben Ew. Gnaden, ein loyaler, kluger proteſtantiſcher Mann werde ſein Wein⸗ und Bier⸗Patent, und ſeinen biedern Charakter eines ſchurkenhaften re⸗ belliſchen Poſtjungens wegen in Gefahr ſetzen?“ Herr O'Toole gab zu, daß die Sache mit allem, was er bisher von der Klugheit und Bie⸗ derkeit meines Wirths von St. Peters Schluͤſ⸗ ſeln gewußt habe, unvertraͤglich ſey; und da dieſes Wirthshaus fuͤr ſeine Spaͤher ein mehr im Mittelpunkte gelegener Platz war, als Orange Grove, wie er ſein neues Haus von Backſtei⸗ nen genannt hatte, und zudem in der Naͤhe der Commiſſion war, die ſeinen Eifer ſicherlich be⸗ lohnen konnte, wenn ſie ihn bemerken wollte, ſo ſezte er ſich in den Speicher nieder, nahm die angebotene Pfeife, und ſeinen Theil von dem 25 von„Mick's Engels⸗Weib“ bereiteten balſami⸗ ſchen Getraͤnke.„ Herr O'Toole fing ſodann an, einige ſeiner neueſten Heldenthaten, die, wie man zur Ehre der Menſchheit hoffen darf, nur halb wahr wa⸗ ren, zu erzaͤhlen; doch darf man ſich nicht wun⸗ dern, wenn dieſer finſtere Zeitraum durch erlaubte Gewaltthaͤtigkeiten und Grauſamkeiten, die, wenn ſie auch nicht geradezu erlaubt waren, doch ſchwei⸗ gend geduldet wurden, bezeichnet war. Wenige Generationen ſind, ſelbſt in dieſem friedlichen und gluͤcklichen Lande, voruͤbergeſchwunden, ſeit freie Maͤnner der Tortur unterworfen wurden, und zwar nicht im Geheimen, ſondern oͤffentlich, als ob das thieriſche Amt des Henkers ein Ge⸗ genſtand des Ehrgeizes fuͤr Maͤnner von erlauch⸗ ter Geburt geweſen waͤre, die ihre Augen an den blutduͤrſtigen Schauſpielen weideten, von welchen die Schande allein ihre Haͤnde zuruͤck⸗ hielt. Dieſer Mann war in der That eine uͤp⸗ pige und eckelhafte Probe von jenem Wuͤrmerge⸗ ſchlechte, das in allen Zeitaltern und Laͤndern unter der Verdorbenheit durch den heißen und peſtartigen Hauch des Partheikampfs reift. Loyal ſeyn war, nach der Meinung des Hrn. O'Toole, gleichbedeutend mit Gerechtigkeit, Wahr⸗ heitund Menſchlichkeit; und ſeine Mitgeſchoͤpfe ei⸗ nes andern Glaubens ſchmaͤhen und beſchimpfen, gleichbedeutend mit Gottesfurcht und Menſchen⸗ liebe; beides mit einander vereinigt, machte, ſeiner Anſicht nach, die Raubſucht, den Duͤnkel, 24 und die kleine Tyrannei einer kurzen Herrſchaft unſtraͤflich und verdienſtvoll. „Eine ſolche Loyalitaͤt und eine ſolche Treue!“ dachte der junge Mann.„Gluͤcklicherweiſe muß die Herrſchaft ſolcher Helden ſo kurz ſeyn, als ſie gehaͤßig iſt;“ und er verzieh es Frau Mul⸗ roonie faſt, daß ſie ihm kein Brod und Salz, dieſe allgemeinen Symbole der Gaſtfreundſchaft, brachte, als er ſie, waͤhrend O'Toole ſich ent⸗ fernte, um neue Befehle zu ertheilen, ausrufen hörte— „Er befahl euch., nach Dennis zu ſehen, iſt's nicht ſo?— Der ſchmutzige Dieb! ich ſelbſt heiße die Buben willkommen zu ſeinen langen Ohren. Gott weiß! ſie brechen ihm den Hals, wo ſie ihn treffen, ſey's in der Meſſe, oder auf dem Markte, im Sumpfe oder auf dem Huͤgel. Der Schurke ſollte wiſſen, was er den Gefuͤhlen geſitteter Frauen ſchuldig iſt— und ihr auch, die den Knaben in ihres Vaters Wohnung kannte, und ſeine ganze Verwandtſchaft, lauter ehrbare Leute: Des aͤltern Bruders Blut floß fuͤr das ihre, und jezt das Blut des juͤngern Buben. Der Fluch des heiligen Patrick und meines Herzens treffe die, welche Blut vergie⸗ ßen wollen, um Blut zu ſparen!“ „Madame Mulroonie, mein Engel!“ rief Mick aus, durch die vorſchnelle Hitze ſeiner Ehehaͤlfte in Verzweiflung gebracht; und ſie feſt umarmend, ſtopfte er ihr faſt den Mund mit Kuͤſſen; fuͤr welchen Lieblingsbeweis ſie ihm eine derbe Ohrfeige gab— indeß der Gargon ſein Licht 23 Licht mit ernſthafter Miene emporhielt.„So wahr ich lebe, ihr vergeſſet, mein Kleinod, den Dragoner⸗Offizier in St. Peters Schilder⸗ haus”— „Laßt euch dieſes nicht anfechten,“ ſagte Grahame, mit einer Miene vortretend, auf der keine Spur von Mißvergnuͤgen zu ſehen war „Ich bin taub gegen alles, was nicht fuͤr meine Ohren beſtimmt iſt. Allein iſt die Lady in Nro. 5 in der That die Schweſter des geflohenen O’Connor?“ „Wahrlich, Herr, Lady Montegle iſt O⸗Con⸗ nors Schweſter: und wozu es verhehlen?— Keinen eurer verſtohlenen Winke, Mick Mul⸗ ronie,“ rief die Wirthin, auf ihren aͤngſtlichen Gebieter mit veraͤchtlicher und trotziger Miene blickend. „Seine einzige Schweſter?“ „Wie ich ſtets vernommen habe,“ erwiederte die Wirthin.—„Laßt meinen Rock fahren, Mick. Heißt der Flegel es Verraͤtherei, wenn man ſagt, daß der alte O Connor bloß das ein⸗ zige Maͤdchen hatte?“ Wolf hoͤrte nicht weiter. Ohne Halt zu ma⸗ chen, um nachzudenken, kam er an der Thuͤre des Spiegelzimmers an, das, in Folge ſeiner haſtigen Aufforderung, von der alten Monica halb geoͤffnet wurde. „Monica,“ fluͤſterte er, ſich nach ihr hinbeu⸗ gend, als ſie bei ſeinem Anblicke ſich zuruͤckzog,“ es iſt zu ſpaͤt zur Flucht. In Schottland traf ich O'Connor.— Ich habe dieſe Nacht die Eliſ. v. Bruce. III. 2 26 Mutter meines Weibes erblickt! Laͤnger duͤrft ihr es mir nicht verweigern. Fuͤhrt mich zu ihr, oder, beim Himmel! ich werde mich un⸗ gefragt entdecken. Ich mag jezt nicht taͤndeln.“ Das alte Weib war, ein wenig beſtuͤrzt, be⸗ reits in den Gang herausgetreten, und hatte die Thuͤre hinter ſich zugeſchloſſen. Sie zog den jungen Mann noch weiter in den engen Corri⸗ dor zuruͤck, der zu einer Reihe kleiner unbe⸗ ſezter Schlafzimmer fuhrte. Wolf Grahame! ſehe ich wie eine Perſon aus, die taͤndelt,“ fluͤſterte ſie, ihre abgezehr⸗ ten Haͤnde emporhaltend, und ihn mit einem Ausdrucke ernſter und kummervoller Bitte an⸗ blickend.„An dem Tage, der ihre Augen ver⸗ dunkelt und ihr Herz gebrochen hat, ſollte die alte Mutter mit den Gefuͤhlen irgend eines a enſchlichen Weſens, viel weniger mit den eu⸗ rigen ſpielen! Aber ihr habt richtig gemuthmaßt, dort liegt die hoͤchſt ungluͤckliche und kaum ath⸗ mende Mutter eurer Eliſabeth!! Wenn ihr wuͤnſcht, daß eure Geliebte je den Segen einer lebenden Mutter kennen ſoll, ſo dringt hier nicht ein. Der blutduͤrſtige Mann hat das Gericht verlaſ⸗ ſen und wird ſeine Frau bald beſuchen.“ „Himmel! dann iſt es, wie ich befuͤrchtete. Montegle's Weib iſt die Mutter der Eliſabeth von Bruce?“ „Sein hoͤchſt ungluͤckliches Weib!“ ſagte Mo⸗ nica. Grahame wich einen Schritt zuruͤck, ehe er ſagte:„Montea ich habe genug gehoͤrt. Was 27 Eliſabeth nicht hoͤren, nie muthmaßen muß— Weib, wie habt ihr mich geaͤfft!“ Monica konnte in der truͤben und blaſſen Helle, welche eine ferne Lampe in dem Corridor ver⸗ breitete, die RNoͤthe nicht bemerken, welche Schaam, Kummer und Uinwille uͤber die Wange und Stirne des jungen Mannes ausgegoſſen hatten, allein ſie ſah den Zuſtand ſeiner Seele, und ſagte, ſeine Hand faſſend, in hoͤchſt feierlichem Tone:„Kapitaͤn Wolf Grahame, ſo wahr als der Gott, der im Himmel iſt, uns hoͤrt! eure gegenwaͤrtigen Gedanken thun grauſames Unrecht, wo ſie jezt ganz ehrfurchtsvolle Zaͤrt⸗ lichkeit ſeyn ſollten, und noch ſeyn werden.“ Grahame athmete freier, als er ſagte:„Wie oder wo hat dieſe Dame meinen ungluͤcklichen Verwandten getroffen?“ „Unter ihres Vaters Dach, als ſeine verlobte Braut, traf und liebte Aileen O'Connor den Lord von Bruce mit der wilden zaͤrtlichen kuͤh⸗ nen Liebe, die Ungluͤck uͤber das Herz verhaͤngt, das ihre Macht anerkennt.“ „Eine heimliche Verbindung— von ihrer Familie mißbilligt— wie ſie, ſo viel ich weiß, der ſeinigen unwillkommen war?“ „Ein Prinz haͤtte um die Tochter O'Connor's des Weſten werben“ ſagte die alte Frau ſtolz, —„und ſich ſeiner Eroberung ruͤhmen moͤgen! — Von ihrer Familie mißbilligt? Oh, nein, nein! Himmel und Erde laͤchelten zu ihrer Ver⸗ bindung, und des alten Vaters bebende Stimme wurde feſt, als er ihre Verlobung mit Bruce 2* 236 ſegnete; Geſchwiſter und Anverwandte haͤuften Segen und Guͤte auf die Junge, die Geliebte, die Gluͤckliche, die Schoͤne. Aber die Höͤlle und deren eingefleiſchte Teufel traten dazwiſchen!“ — Aileen O'Connor iſt Montegle's Weib!“ „Das iſt eine ſonderbare Geſchichte!“ ſagte Grahame, betroffen und uͤberwaͤltigt, allein von ſeinem heftigen Verlangen nach der Enthuͤllung des Geheimniſſes noch nicht geheilt. „Sie ſchwur Treue, ſie verwob ihr Schickſal mit einem Sproͤßlinge eines dem Verderben ge⸗ weihten Geſchlechts! der eine iſt wahnſinnig, der andere elend! Verlaßt ſie alſo. Zu ihrer Zeit wird ſie ſich ſelbſt entdecken; und glaubt nicht, daß ſie fuͤr ſich fuͤrchtet, oder ſich ſelbſt ſchont: waͤre O'Connor einmal der Verfolgung eytgangen, ſo wuͤrde dieß das Signal zu einer lange verſchobenen Gerechtigkeit ſeyn.“ „Ich glaube, daß er außerhalb des Bereichs derſelben iſt;“ ſagte Wolf;„an dem Morgen, an welchem ich ihn verließ, ritt er ein gutes Pferd, und hatte einen treuen, obſchon ſeltſa⸗ ſamen und wilden Fuͤhrer.“ „Und war ſie treu— dieſe Elende?“ rief die alte Frau aus.„Sagt ihr das? Jenes ver⸗ worfene und entwuͤrdigte Weib! War ſie treu?“ Sie legte ihre Hand auf Wolf's Arm, und ihre Ruͤhrung verrieth einen tiefern Antheil an dem landſtreicheriſchen Rothmantel, als eine ſo edle Perſon fuͤr eine ſo gemeine fuͤhlen konnte. „Gott verzeihe der Mutter, die in ihrem bittern Kummer und ihrer brennenden Schaam 29 das erſte lebende Weſen verfluchte, das je in kindlicher Unſchuld an ihrem Buſen hieng, und rechne es ihr nicht als Uebelthat, oder mir als Suͤnde an.“ Grahame konnte um dieſe Zeit bloß einen voruͤbergehenden Antheil an der ihm auf dieſe Art mitgetheilten Nachricht nehmen, aber er ſah, daß Monica's Herz, obſchon verwundet, nicht erkaͤltet war; und es machte ihm Ver⸗ gnuͤgen, ſeine Lobpreiſungen der Geſchicklichkeit und Treue ſeiner vormaligen Bekannten zu wiederholen. „Sie iſt mit Verbrechen und Fehlern genug — nur mit zu vielen— befleckt; allein der Ausſatz der Verraͤtherei verunreinigt das Blut der Doran's nie. O! verzeihet, daß ich ſo viel von dieſer Ungluͤcklichen rede, die ein manches einſames Jahr ſchon meinen Geiſt geplagt und mein Herz benagt hat! Warum ſollte die ehr⸗ bare Mutter nicht ein boͤſes Kind haben? Kann nicht der Feind der Menſchen des Engels Va⸗ ter ſeyn? Allein ſcheidet in Frieden jezt, ich bitte euch; und ich werde von Ruhe und Troſt nichts wiſſen, bis ich das euch gegebene Ver⸗ ſprechen, das ich in dieſer Nacht feierlich wie⸗ derhole, erfuͤllt habe.“ „Monica, ihr behandelt mich als ein Kind,“ ſagte Wolf,„allein an eurer Liebe fuͤr meine Eliſabeth und ihre Mutter wage ich nicht zu zweifeln. Ich gehe, da ihr auf meine Entfer⸗ nung dringt. Aber erinnert euch, daß ich euch in dieſem Monate noch ſehen muß.“ 30 „ Das iſt ein kurzer Beſcheid, aber ihr ſollt es. Geht daher in Frieden.“ „Stets froh, mich los zu werden!“ ſagte Wolf halb laͤchelnd. Allein ehe er ſich entfer⸗ nen konnte, ſah man die Geſtalt der Mrs. Honour ſich von Nro. 5 dem Zimmer ihrer Lady naͤhern. „Die Englaͤnderin,“ ftuͤſterte Monica in Toͤ⸗ nen Des Abſcheus, und ſchnell zupfte ſie ihren Gefaͤhrten am Aermel, der ihr in ein kleines Kabinet oder Ankleidezimmer folgte, das mit dem Corridor der Schlafzimmer und dem Spei⸗ ſezimmer in Verbindung ſtand. Ihn hier laſ⸗ ſend, begab ſie ſich in das Zimmer, ſo daß ſie der Ankunſt der Kammerfrau zuvor kam. Dieſe Dienerin brachte„Meines Herrn Complimente und er hofft, meine Lady iſt im Stande, ihn in dieſem Augenblicke in einer ganz beſondern An⸗ gelegenheit zu ſehen.“ „Ich will die Antwort meiner Lady eurem Gebieter ſelbſt uͤberbringen,“ ſagte die alte Am⸗ me, der Dame die Muͤhe einer Antwort erſpa⸗ rend. „Ey ja doch! ich glaube, meine Lady hat eine eigene Zunge,“ murmelte Mrs. Honor, weggehend. „Monica, ſichert die Thuͤre des Zimmers. Ich will allein bei euch ſeyn. Ich bedarf der V orbereitung auf eine Zuſammenkunft wie dieſe!“ fluͤſterte ein weibliches Weſen in Toͤnen, wei⸗ cgye dem nichts ahnenden Hoͤrer das Herz durch⸗ — 31 bebten— in den ſanften, fließenden, herzdurch dringenden Toͤnen ſeiner eigenen Eliſabeth. Die Thuͤre des Kabinets war zwiſchen dem altmodiſchen uͤberhimmelten Bette und dem Pol⸗ ſter, auf welchem die Dame lag; und genau dieſer Thuͤre gegenuͤber hieng einer jener gro⸗ ßen Filigranſpiegel, welche die Wirthin ſo ſehr in Ehren hielt. Es kam bloß darauf an, die Thuͤre ein wenig zuruͤckzuſchieben— eine faſt verzeihliche Handlung der Neugierde— und zuruͤckgeſtrahlt in einem neblichten Geiſterlichte, erblickt“ Grahame die zarte zuruͤckgelehnte Ge⸗ ſtalt, mit fluͤchtigen traumaͤhnlichen Farben, die um das blaſſe und ausgeſucht ſchoͤne Antlitz eine ſchattige, unbeſchreibliche und faſt luftige Milde ausgoſſen; als ob das ganze Weſen ein ſchwe⸗ bendes, in der Entzuͤckung geſehenes und we⸗ ſenloſes Traumbild geweſen waͤre. So ent⸗ deckte ſich, gleichſam in ihrem eigenen geheim⸗ nißvollen Elemente, die Mutter ſeiner Eliſa⸗ beth! Kaum zu athmen wagend, damit nicht ein Hauch die luftgewebte Scene verwehen moͤchte, ſtand Wolf ſchweigend und aufmerkſam da. „Monica, ſezt euch neben mich, und ich will euch meine Traͤume erzaͤhlen. Ich habe heute Nacht gluͤckliche Traͤume gehabt!— Iſt es nicht der Allerheiligen⸗Abend, an welchem die Geiſter Macht haben. Aber erzaͤhlt mir zuerſt von mei⸗ ner Tochter— von O'Connor? Wie ſelig muß ſie in ihrem jungen Gluͤckstraume ſeyn!— Er⸗ zaͤhlt mir auch von ihm— dieſem jungen und 52 edlen Verwandten des Lord von Bruce— der die arme Eliſabeth um ihrer ſelbſt willen liebte.“ „Sie iſt wohl,“ ſagte Monica.„Aber da⸗ von ein andersmal. Habt Mitleiden mit euch ſelbſt und mir. Ich weiß, daß ihr ſeit vielen Naͤchten nicht geſchlafen habt.“ „Ich weiß, was ihr meint; aber, Monica, das Blut eures Felix iſt mir verziehen!“ fluͤ⸗ ſterte ſie, ſich auf dem Ruhepolſter erhebend, und den ſchlanken Schwanennacken, der fruͤher Grahame's Aufmerkſamkeit auf ſich gezogen hatte, nach dem treuen alten Weibe, das ne⸗ ben ihr kniete, hinbeugend;—„und der er⸗ korene Bore der Verzeihung des Himmels!— er war es ſelbſt, es war von Bruce!“ Ihre Stimme ſank in das leiſe, feierliche, ja leiden⸗ ſchaftliche Geflaͤſter, das einen ſo tiefen Eindruck auf das Herz macht. „Ach! Aileen!“ rief das alte Weib, die Hand der Lady faſſend; und ihr Auge wandte ſich raſch nach der Thuͤre des Kabinets. Ohne dieſen Ausruf zu beachten, fluͤſterte die Dame in noch leidenſchaftlicheren Toͤnen:— „Seine Geſichtsbildung war jung und glaͤnzend — ſeine Umarmung warm und menſchlich. Monica, war es ſein Schutzgeiſt, der mir ſei⸗ nen Tod und den meinigen warnend verkuͤn⸗ digte?— Auf Erden habe ich bloß eine Pflicht — die gegen meine Eliſabeth. Einmal von O'Connor'’s Sicherheit uͤberzeugt, werde ich Himmel und Erde in Bewegung ſetzen, um meiner Tochter Gerechtigkeit zu verſchaffen. Ich 535 habe noch eine andere Aufgabe; denn auch ich will dieſe Nacht mit euch eurem Felix Todten⸗ wache halten!— Und dieß ſoll die herrlichſte Todtenwache ſeyn, die Muͤnſter ſeit vielen Jah⸗ ren geſehen hat— ja! als ob ein Prinz von O'Connor's Geſchlecht in ſeiner Glorie verſchie⸗ den waͤre!“ und ſie beugte ſich vorwaͤrts, und umfaßte den Nacken des alten Weibes.„Und Gebete ſollen fuͤr ihn geleſen werden in jeder Kapelle in Spanien und Itulien, in der der Pil⸗ grim niederknieet, oder chriſtliche Gebraͤuche gefeiert werden. Und allen, die heldenmuͤthige Treue hochachten, oder eine tiefe Zuneigung lie⸗ ben, wird ſein Grab eine heilige Staͤtte ſeyn. O! ſeyd mir hierin nicht entgegen!— Ich will heute Nacht mit euch, in der Kapelle von Brian's Tower, eurem Felix Nachtwache hal⸗ ten.— Der lebloſe Koͤrper iſt bereits dort— das blutende Haupt!— o, Menſchen! in wel⸗ che Teufel ſeyd ihr verwandelt!“ Monica fluͤſterte in einem ſo tiefen Tone, daß Grahame kein Wort verſtand; allein ein Schimmer ſchwermuͤthiger Wonne belebte ihr abgezehrtes Angeſicht, der dem Antlitze der Lady ein ſchwaches gegenſeitiges Gluͤhen der Zu⸗ friedenheit mittheilte. „Das iſt genug! ich habe nur noch eine wei⸗ tere Pflicht auf Erden— ſo komm denn wieder! o komm, glaͤnzender und geliebter Bote!“ Ihre gefalteten Haͤnde ſtreckten ſich aus— ihr Geſicht beugte ſich vorwaͤrts— ihre Augen, in Entzuͤckung und uͤbernatuͤrlichen. Gefuͤhlen 34 ſtrahlend, irrten im Zimmer umher, bis ſie auf dem Spiegel ruhten, das Wolf's dunkles und halbgeſehenes Bild zuruͤckſtrahlte. Sie fuhr auf und flog nach dem Spiegel, als ob ſie die⸗ ſen ſchwindenden Schatten haͤtte haſchen wol⸗ len; dann wich ſie zuruͤck und ſank in einem Zuſtande voͤlliger Erſchoͤpfung auf das Ruhe⸗ polſter. Dieſe Zwiſchenzeit benuͤzte Monica, um ih⸗ ren verſteckten Freund zu beſchwoͤren, er moͤchte ſich entfernen— eine Aufforderung, der er be⸗ reitwillig gehorchte, da er mit Recht uͤber die Folgen ſeiner Voreiligkeit beſtuͤrzt war. Waͤhrend er die Treppe hinabſtieg, ſcholl ihm ein Laͤrmen aus der Halle entgegen. Es hatte ſich gezeigt, daß die blutige Trophee uͤber dem Bogengange in den lezten zehn Minuten ver⸗ ſchwunden war, ohne daß jemand wußte, wie. Chaunette war allein in der Halle, als Herr O'Toole die Entdeckung machte. Ihre Lippen waren ſo weiß, als ihr Halstuch, ſie zitterte am ganzen Leibe, und war nach O'Toole's Behauptung die Schuldige. „Und wenn ich zittere, was kann ich dafuͤr?“ rief ſie aus.„Habe ich nicht die ſchwarzen Lip⸗ pen in dem Kopfe des lebenden Jungen ſpre⸗ chen und laͤcheln und die hellen Augen in Freude glaͤnzen geſehen?“ Es war Wolf nicht geſtattet, Zeuge des Ver⸗ laufs der Nachforſchung zu ſeyn, denn das Horn des Poſtillons erklang, und er ſah ſich genoͤthigt, dem Gargon zu folgen, der nach 3⁵ Nro. 5 abgieng, um ſeinen Mantel zu ſuchen, allein keine Zeit mehr zur Ruͤckkehr fand. Die Paſſagiere ſaßen alle an ihren Plaͤtzen, ehe er das Vergnuͤgen hatte, verſichert zu werden, daß ſein Mantel nirgends zu finden war. Ex warf Hrn. Mick ſeine lezte halbe Guinee zu, und druͤckte den Wunſch aus, der Ueberſchuß moͤchte Chaunetten gegeben werden. „Cathleen, meinen Ew. Gnaden— St. Pe⸗ ter's huͤbſches Schenkmaͤdchen,— gerade wie ein Bolz, und ausgelaſſen wie ein Fuͤllen,“ ſagte Meiſter Mick. „Nein, Chaunetten, dem Kuͤchenmaͤdchen.“ Der Wagen fuhr endlich ab, und die Bu⸗ ben trappten bis an's Ende der Stadt neben her, um zu ſehen, wie der neue Fuͤhrer den Wagen leitete. „Seht ihr jene Feuer die dort angezuͤndet ſind, meine luſtigen Buben?“ ſagte einer von den Laͤufern, nach den Feuern deutend, die in verſchiedenen Gegenden des offenen Landes brannten. „Gewiß, es iſt der Allerheiligen⸗Abend,“ rief Padhre O'Finn dem Poſtillon zu. „Aller Teufel Abend, ehe er voruͤber iſt!“ „Die Lichter der Todtenwache des armen Kna⸗ ben Duran vielleicht?““ „Ihr koͤnnt Recht haben. Allein ruft dem Poſtwagen ein Juchhey zu, ihr Buben!“ „Gluͤck, Gluck! gut Gluͤck! und eine ange nehme Reiſe und eine ruhige durch das Ge⸗ birg!“ war der lezte Zuruf; und der Wagen 36 ſammt den Dragonern eilte hinweg und ver⸗ ſchwand in der Dunkelheit. 4 — Zweites Kapitel. Das ſchwarze Schloß. Und bat um Rache, aber fand Den beſten Sroſt in ſeinen Flüchen. Sozuthe⸗. „Fortgeflogen, ihr Buben! Raſch weg! und koſt es Hals und Kopf!“ war der frohlockende Ruf des Poſtillon's, der mit den Zuͤgeln in der Hand, ſchweigend aufſtand, als er die vier muthigen jungen Thiere peitſchte, die vor ihm hinflogen, indeß der⸗Wagen ſchwankte und tau⸗ melte, bis er, gleich einem ſchnellgetriebenen Rade, durch die Raſchheit ſeiner eigenen Bewe⸗ gung fuͤr das Auge des Zuſchauers eine gewiſſe Stetigkeit erhielt. Und noch ertoͤnte der Ruf: „Fortgeflogen, ihr Buben,“ als der Wiederhall des Lebewohls der Jungen von den St. Peters Schluͤſſeln in der Ferne erſtarb. Menſchen und Pferde ſchienen von einem und demſelben mu⸗ thigen und ſorgloſen Antriebe beſeelt zu ſeyn, als ſie gleich Geiſtern, die auf dem Nachtwinde einherfahren, vorwaͤrts flogen... „Es muͤſſen kuͤhne Burſche ſeyn, die es bloß wagen, uns nachzuſehen,“ ſagte Grahame, als ſie vorwaͤrts eilten, und waͤhrend eines kurzen 37 Halts, den ſie machten, blickte er mit kriegeri⸗ ſchem Stolze auf die kuͤhnen Dragoner und ihr⸗ ſcharrenden und ſchnaubenden Roſſe.— Die Soldaten ſchwangen ihre Saͤbel, die Pferde baͤumten ſich und ſchuͤttelten ihre Maͤhnen; und von neuem flog der Cavaleade vorwaͤrts. Die laͤngs der Seeufers liegende Straße war flach und einige Zeit lang mit Baumhecken und hie und da mit einzelnen Baͤumen beſezt. Die Nacht, die ruhig⸗ſtill war, war auch ungewoͤhn⸗ lich finſter; und gefaͤrbt von dem Glanze der Wagenlampen tanzten die blaͤtterloſen Baͤume, waͤhrend die Cavalcade vorwaͤrts jagte, in ſchwindelnder Reihenfolge, zuruͤck und zuruͤck in die dicke Finſterniß, gleich einer endloſen Reihe von Geſpenſtern. Von⸗ dem Rollen des Wagens und dem abgemeſſenen Trab der Pfer de konnte Wolf jezt das ununterbrochene Brauſen der Wogen unterſcheiden, die ſich an dem Ufer brachen, und in das tiefe Ohr der Nacht die tiefſten und⸗ feierlichſten Athemzuͤge der nie ver⸗ ſtummenden Stimme der Natur aushauchten. „Wir haben die Kuͤſte erreicht; das iſt ſicher⸗ lich nicht der gefahrvolle Punkt?“ fragte Wolf, als ſie auf die offenen ſandigen Duͤnen gelang⸗ ten, und die Strahlen der Lampen auf den Waſſern tanzten, die jezt in breiten Strichen ſilberfarbiger Dunkelheit, oder in. dichter Finſter⸗ niß, unter dem Sternenhimmel, oder unter den geſammelten ſchweren Wolken lagen. „Iſt der gefaͤhrliche Punkt voruͤber?“ fragte Grahame wieder. 36 „Wir haben den Teufel zuruͤckgelaſſen, und ſtuͤrzen in die tiefe Sce,“ erwiederte der Poſtil⸗ lon, als eine Anhoͤhe ſie von dieſen offenen Duͤnen in das Land zuruͤckfuͤhrte. Die Straße hinter dieſem Huͤgel fuͤhrte durch das Landgut eines Edelmanns und war auf jeder Seite von hohen Mauern umſchloſſen. Hier wurde Halt gemacht, und es erfolgte eine Be⸗ rathung zwiſchen dem Poſtillon und dem Offi⸗ zier, der die Bedeckung befehligte, uͤber die Zweckmaͤßigkeit, die Wagenlichter auszuloͤſchen und die Pferde den ſogenannten Paß in ge⸗ ſtrecktem Galopp durcheilen zu laſſen. „Nein, der Teufel nicht, dieß koͤnnte fuͤr ein Ausreißen gehalten werden!“ ſagte der eng⸗ liſche Sergeant;„und die Lampen wollen wir brennen laſſen, um zu ſehen, wie wir ihnen die Schnauzen weghauen, wenn die feigen ir⸗ laͤndiſchen Schurken uns bloß anzublicken wa⸗ gen.“ „Feige Schurken werden euch nicht anblicken, Meiſter Sergeant,“ erwiederte der Poſtillon. „Allein ihr ſeyd Meiſter und Befehlshaber auf der Straße, und moͤgt thun, was euch beliebt. Es iſt jedoch meine Pflicht, euch zu ſagen, daß mir jene Feuer, die laͤngs des Bergs und um die Bucht herumflackern, als ob dieſer geſegnete Allerheiligen⸗Abend eine Sommer⸗Johannis⸗ Nacht waͤre, nur halb gefallen.— Seht ihr es! dort oben auf dem ſchwarzen Schloſſe flackert ein anderes empor!— Ich weiß, man glaubt, wir haben O'Toole an Bord.“ 39 Ein ploͤtzliches Feuer, das von trockenem Rei⸗ ſig, oder ſehr harzigem geſpaltenem Sumpfholze angezuͤndet worden zu ſeyn ſchien, flammte ploͤtzlich, gleich einem Meteor, durch die Fin⸗ ſterniß, und erhellte die abhaͤngigen Pflanzun⸗ gen des Landguts, die Kruͤmmung der Bucht zur Linken, und die zernagten niedrigen Fel⸗ ſen des ſchmalen Bergruͤckens, auf deſſen, weit in das Waſſer hnausragender Stirne das ſchwarze Schloß ſich erhob. Das Gebaͤude ſchien in dieſem hellen, aber zweifelhaften Lichte nicht uͤber eine halbe Meile entfernt, nackt und einſam, und von der Fluth beſpuͤlt, die es, wie man Grahame ſagte, bei hohem Waſſerſtande rings umſchloß. „Sie haben ihre Leuchte in Brian's Wiege angezuͤndet,“ ſagte der Poſtillon,„ein ſchmu⸗ cker Phoͤnix war er, und einen ſchwarzen Vo⸗ gel bruͤtet er in dieſer Nacht aus!“ Und der Mann erzaͤhlte, daß das ſchwarzee Schloß eine alte, jezt aber verlaſſene Wohnung der O'Connors des Weſten war, und daß es ihnen unter der ſonderbaren Bedingung hinterlaſſen worden ſey, daß Brian's Wiege auf dem Gipfel des Thurmes, der den Namen deſſelben Helden fuͤhre, bleiben ſollte; denn der grillenhafte Geber Hhabe befohlen, daß ſeine Gebeine hier ruhen ſol⸗ len, und ſie modern daher noch daſelbſt in einem bleiernen Sarge, der in einen andern von Kilhenniſchem Marmor eingeſchloſſen ſey. Man trage daher große Sorge dafuͤr, dieſes architec⸗ toniſche Familien Denkmal in gutem Stande zu 40 erhalten, obſchon man alle andern Theile des Gebaͤudes in Verfall gerathen laſſe. Der Thurm üͤberblickte einen großen Theil der ſchoͤnen und fruchtbaren Provinz und eine weite Strecke des Oceans. Stets war es ein merkwuͤrdiger Platz geweſen, ſo lange es der gelegenheitliche Wohn⸗ ſitz der O'Connors geweſen war; und noch war es fuͤr den Alterthumsforſcher, den Maler, oder den geſchmackvollen Reiſenden ein ſehr anzie⸗ hender Gegenſtand⸗ „Sie ſind alle zum Teufek gegangen,“ ſagte der Poſtillon,„was auch zu bedauern iſt; denn das alte unvermiſchte Blut wird immer ſeltener und kaͤlter unter uns.“ „Es iſt jedoch weder muthig noch klug von uns⸗ gehandelt, daß wir hier zoͤgern, um ihre Feuer⸗ werke zu ſtudieren,“ ſagte Wolf.„Unſer Weg geht vorwaͤrts! Wenn ſie uns die Stirne zu bieten⸗ wagen, oder uns aufzufangen⸗ ſuchen, ſo ver⸗ dienen ſie es faſt, daß wir uns mit ihnen ſchla⸗ gen, waͤre es auch nur ihrer Tapferkeit wegen!“ „Vorwaͤrts!“ riefen die Soldaten und ſtuͤrz⸗ ten in den Engpaß, der bei jedem Schritte ſtei⸗ ler und enger wurde, bis endlich die Straße ſeine ganze Breite einnahm. Senkrechte Fel⸗ ſenmaſſen thuͤrmten ſich auf jeder Seite des Wegs empor, und dieſe waren wieder von den hohen Mauern des Landguts gekroͤnt. Ein uͤber die Straße laufender Bogen bildete eine Ver⸗ bindung zwiſchen den auf dieſe Art getrennten Grundſtuͤcken. Lange Epheugeranke, die von die⸗ ſen Bogen herabwallten, flatterten um Wolfs 41 Kopf, als ſie unter denſelben hinwegfuhren; und als er emporblickte, glaubte er die dunkeln Umriſſe einer uͤber die Bruſtwehr herabgebeugten maͤnnlichen Geſtalt zu gewahren. Pflanzen und Geſtraͤuche, die in den Spalten der Felſen wuch⸗ ſen, bezeichneten die Graͤnze zwiſchen den na⸗ tuͤrlichen und kuͤnſtlichen Einſchließungen; und die Baͤume innerhalb den Mauern reckten oft ungeheure fantaſtiſche Glieder uͤber den Engweg aus und verflochten ihre Zweige einige Schuhe uͤber Grahame's Sitz, als der Wagen durch den Hohlweg fuhr. Zuweilen waren dieſe Zweige ſo eng und dicht verſchlungen, daß ſie den ſchwa⸗ chen Sternenſchimmer, deſſen ſich die Reiſenden ſonſt erfreut haben wuͤrden, ausſchloſſen. Wo ſich die Zweige wieder oͤffneten, ſchienen die in der Luft hangenden Baͤume nach dem Himmel zuruͤckzuſtuͤrzen. Die Scene war aͤcht romantiſch, und wuͤrde fuͤr Wolf ſehr viel Anziebendes ohne jene ge⸗ legenheitliche warnende Stoͤße auf die Stirne, gehabt haben, denen ſeine Vorliebe fuͤr das Mahleriſche ihn ein⸗ oder zweimal ausſezte, und die ihn zwangen, aufmerkſam darauf zu ſeyn, wo eine Maſſe verſchlungener Zweige ſich weit herabneigte. Waͤhrend er bei einer ſolchen Gelegenheit ſich niederbuͤckte, um dieſe ungefaͤllige Beruͤhrung zu vermeiden, hoͤrte man ein Murren unter den voranreitenden Dragonern, und Wolfs Blick begegnete einem Paar wilder Augen in den Zweigen uͤber ihm. In demſelben Augenblicke 42 wurden die Lampen zerſchmettert, der Poſtillen auf den Boden niedergeworfen, und die Baͤume krachten von dem Gewichte eines Mannes, der von ihnen auf den obern Theil des Wagens niederfiel. Wolf druckte ſeine Piſtole los, allein ſie verſagte. Bereits feuerten die Angreifer auf die Dragoner hinter dem Wagen! und von vornen kam der Ruf: Aufmarſchirt! die Straße iſt blo⸗ kirt!“ Ein gellendes Geſchrei erhob ſich— das achte irlaͤndiſche Kriegsgeſchrei,— ein Hagel von ſchweren Wurfgeſchoßen wurde von oden hinab⸗ eſchleudert, waͤhrend unten die Pferde mit Heu⸗ gabeln und Aexten angegriffen wurden. Gra⸗ hame balgte ſich jezt mit dem Mann, nach wel⸗ chem er ſeine Piſtole vergebens losgefeuert hatte, und ſuchte zu gleicher Zeit die Roſſe zu lenten⸗ die ſtoͤrrig wurden, und den Wagen auf die Dragoner im Ruͤcken zuruͤckzudraͤngen drohten, die, nachdem ſie ihre Piſtolen faſt ganz auf's Geradewohl abgefeuert hatten, bereits durch ei⸗ nen kraͤftigen Angriff der Rebellen oder Raͤuber — oder waren ſie beides?— zuruͤckgetrieben wurden. „Dringt vorwaͤrts— wir werden einen Weg erringen! Gebraucht Piſtolen und Saͤbel und ſchonet nicht!“ rief Grahame aus. Auf dieſe Ermunterung, die in der Verwir⸗ rung und dem Laͤrm des Augenblicks gehoͤrt wurde, folgte ein lauter Sammelruf und ein ſchnelles Abfeuern von Schießgewehren auf bei⸗ den Seiten. Wolf hatte jezt im Sinne, hinab⸗ 45 zuſpringen, um zu ſeinen Feinden zu ſtoßen; allein der verzweifelte Mann, der von den Baͤu⸗ men herabgefallen war, ſchien die Abſicht zu haben, den Wagen und die vier kaͤuenden und ſtoͤrriſchen Thiere in ein furchtbares Zerſtoͤrungs⸗ werkzeug gegen die Soldaten umzuwandeln; und dieß konnte bloß dadurch verhindert werden, daß er dieſen gefaͤhrlichen Poſten, wo er dem Feuer von Freund und Feind ausgeſezt war, be⸗ hauptete.. „Zur toͤdtlichen Gefahr eurer Freunde feuert ihr,“ rief Wolf's Gefangener mit Slattery's wohl⸗ bekannter Stimme. „Schurke! dieß iſt der Lohn fuͤr meine Nach⸗ ſicht. Feuert, Leute! denkt nicht an die Freunde, ſondern an die Feinde. Sie ſammeln ſich um mich— oben unten! Sie bemaͤchtigen ſich der Papiere des Poſtwagens. Feige, mitternaͤchtliche Raͤuber! Wenn wir Licht haͤtten, wuͤrden wir uns durch eine doppelt ſo große Anzahl einen Weg bahnen!“ „Sagt es doch noch einmal!“ rief ihm Slat⸗ tery's ſchrillende Stimme ins Ohr; und Gra⸗ hame, der hoͤrte, daß die Dragoner hinter dem Wagen weiter und weiter zuruͤckgetrieben wur⸗ den, und befuͤrchtete, von den wenigen Leuten, welche dem Wagen voranritten, moͤchten bereits einige vom Pferde geworfen ſeyn, ſuchte ſeinen Gefangenen auf den Boden niederzuwerfen, und alsdann hinabzuſpringen; allein ſo heftig ſchlang ſein Ge angener, der lezt ſein Kerkermeiſter ge⸗ worden war, ſeine muskeligen und ſchlangenar⸗ 34 tigen Glieder um ihn, daß ihr Fall nothwendig gemeinſchaftlich ſeyn mußte. Die Zuͤgel zu be⸗ halten, und zu gleicher Zeit den Mann los zu werden, war unmoͤglich. Bei ſeinen Bemuͤhungen, den leztern Zweck zu erreichen, uͤberwaͤltigte Slat⸗ tery geſchickt ſeine Hand; und in einer Secunde ſprangen die Pferde vorwaͤrts, Freund und Feind niedertretend. Als der Wagen uͤber die in den Weg geworfenen Hinderniſſe, die bloß aus we⸗ nigen von den Baͤumen abgeriſſenen Aeſten be⸗ ſtanden, hinwegfuhren, verloren beide Theile, die dieſes ſonderbare Schlachtfeld beſezt hielten, die Zuͤgel; und die Federn vom Wagen wichen. Immer noch trieb Slattery die ſich baͤumenden Roſſe durch ſein Geſchrei vorwaͤrts; und das Winſeln der niedergetretenen, ſterbenden und verwundeten Ungluͤcklichen, die weit zuruͤckgelaſ⸗ ſen wurden, war alles, was man bei der wilden Jagd hoͤrte. „Wir koͤnnen jezt ſprechen, Kapitaͤn,“ ſagte Slattery in ſehr kaltem Tone, als er die Thiere zum Haltmachen gebracht, und die Zuͤgel wie⸗ der ergriffen hatte.„Ich meinte es gut mit Ihnen, auch will ich Ihnen nichts zu leid thun; aber einer war, glaubte ich, in dem Wagen— der Teufel! das Ungeheuer!— ich will ſein Blut haben. Ich will ſein Blut, das Blut des Anklaͤgers, des Verraͤthers, des Moͤrders der Dorans, lecken!“ Seine Augen funkelten in dem Sternenlichte, und zeigten ſeine wilden und leiden⸗ ſchaftlichen Geſichtszuͤge gleichſam bei dem Lichte des wilden Geiſts in jenen. 45 Grahame benäͤzte jezt den Augenblick, auf den er lange gelauert hatte, warf ſeinen Gegner, entweder vermoͤge des Zutrauens, das er ihm eingefloͤßt hatte, oder der Heftigkeit ſeiner Lei⸗ denſchaft, vom Wagen, und war wieder Herr des Schlachtfelds. Allein ſein Gefaͤhrte war eben ſo ſchnell als kraftvoll: kaum war er niederge⸗ worfen, als er auch ſchon wieder auf den Bei⸗ nen war. „Sie ſind ſehr undankbar, Kapitaͤn;— ſo nehmen Sie es denn in Gottes Namen!“— und Grahame erhielt einen Streich auf die Schlaͤfe mit einem kurzen Knittelſtock. Sie rangen noch einmal mit einander und rollten auf die Erde nieder, indeß die gutabgerichteten Thiere voll⸗ kommen ruhig blieben. „Ihr Herren in dem Wagen ſeyd ſelbſt auf eure Sicherheit bedacht!“ rief Slattery den Bur⸗ ſchen im Innern des Wagens zu, die waͤhrend des wilden Galopps daſelbſt gepluͤndert hatten. „Ich fuͤrchte, ich habe dieſem guten Burſchen zu viel gethan.“ Seltſame Feuer flackerten vor Grahame's Au⸗ gen— ſonderbare Toͤne gellten in ſeinen Ohren; dann folgte ein traͤumeriſches und nicht unan⸗ genehmes Einſchlafen aller Sinne, als ob er in einen Zuſtand ſchwelgeriſcher Ruhe ſaͤnke,— es war ihm, als ob er durch die Luft floͤge, und dann wußte er nichts mehr von ſich. Grahame wußte nicht, ob er fuͤnfzig Jahre oder bloß ſo viele Minuten in dieſem Zuſtande von Bewußtloſigkeit ſich befunden hatte, als ſeine, 46 allmaͤhlig zuroͤckkehrende, Beſinnung ihre Herr⸗ ſchaft uͤber ſeine verwirrten Sinne behauptete. „Slatterh, wo ſind meine Gefaͤhrten. Bin ich dein Geſa gener?“ war ſeine gefluͤſterte An⸗ rede an den Burſchen, der ſich mit einer Miene wirklicher Betruͤbniß uͤber ihn hinbeugte. „Gott ſey gedankt, daß Sie ſprechen!“ war die Antwort;„und verſchlucken Sie dieſen Trank. Wer haͤtte vermuthet, daß der Kopf eines Man⸗ nes mit einem Bart an dem Kinne ſo zart und weich waͤre? Der meinige wuͤrde zehnmal mehr ausgeſtanden haben! Ich achte nicht auf die wenigen Tropfen an Ihrem Arme; aber der Koöpf— der Kopf! Ich fuͤrchtete, der Tod ſey auf Ihnen.“ „Und du warſt ohne Zweifel tief betruͤbt!“ erwiederte Grahame mit einiger Bitterkeit. Wo ſind meine Reiſegefaͤhrten— meine Freunde? Haben ſie die Rebellen zuruͤckgeſchlagen? Sind die Depeſchen in Sicherheit?““ „Denken Sie eher an die Schrammen Ihres Hirnſchaͤdels, als an Depeſchen, Kapitaͤn.— Ihre Freunde, wenn Sie ſie kannten, ſind in Ihrer Naͤhe: die engliſchen Rothroͤcke, wenn Sie dieſe meinen, ſind auf eine Nacht untergebracht; obſchon mir der feige Schurke entkommen iſt. Gut, es wird noch manche finſtere Racht zwi⸗ ſchen dieſem geſegneten Allerheiligen⸗Abend und dem Morgen St. Johannes des Taͤufers geben.“ Wolf wurde wieder ungemein ſchwach und ſank auf ſein elendes Lager zuruͤck. Sein Ge⸗ fährte reichte ihm noch einmal ſein ſtarkes herz⸗ ſtärkendes Mittel, und hielt es ihm ſogar an 47 die Lippen.„Bei allen den Heiligen, welche dieſe geſegnete Nacht und jede Nacht heiligen, ich meinte es nicht boͤs mit Ihnen. Warnte ich Sie nicht? Die Buben brauchten das Rappier— der Kapitaͤn die Waffen und Papiere— und ich— ich duͤrſtete— ich lechzte nach ſeinem Blute— nach ſeinem Blute. Der feige Boͤ⸗ ſewicht fuͤrchtete ſich vor der Reiſe. Aber ich habe es geſchworen— und ſie hat es zweimal geſchworen. Wir. werden ihn noch erwiſchen;— die naͤchſte Stunde zu ſterben, waͤre Seligkeit!“ Und er runzelte ſeine Stirne, knirſchte mit den Zaͤhnen und zog ſeine Augenlieder zuſammen, bis die Augen jenen funkelnden Tiegerblick an⸗ nahmen, der ſeinem Geſichte ſeine ungefaͤllige phyſiognomiſche Auszeichnung verlieh. „Es war gewiß nicht ſchoͤn von O' Toole, daß er in dieſer Nacht nicht kam, in der du ihm eine ſo gaſtfreundliche Aufnahme zugedacht, und ſo treffliche Vorkehrungen ſeinetwegen getroffen hatteſt,“ ſagte Wolf.„Aber ich bitte dich, wo bin ich?“ Wolf lag in dem Winkel eines langen und engen Gewoͤlbes. Eine vergitterte Oeffnung oben an dem einen Ende des Ganges ließ Luft und wahrſcheinlich auch Licht in das Gewoͤlbe. Eine baufällige Treppe an dem andern Ende fuͤhrte nach einem niedrigen gewoͤlbten Eingange. Eine auf dem Boden ſtehende Lampe verbreitete durch das Gewoͤlbe ein gelbes, duntles Licht, das eine Wolke von Rauch umgab. Sonſt herrſchte uͤberall die tiefſte Finſterniß; und draußen hoͤrte man 48 das Brauſen der brandenden Wogen, die un⸗ aufhoͤrlich an die dicken Mauern ſchlugen. „Wo Sie ſeyen, ſagten Sie, Kapitaͤn? Wahr⸗ lich da, wo Sie eines Tags guͤtig bewillkommt worden waͤren. Sie ſind in dem Gewoͤlbe un⸗ ter der Kapelle.“ „Und wie kam ich hierher? oder wie ſoll ich von hier wegkommen?“ „Auf einem Paar ſtarker Schultern ſind Sie hierhergekommen,“ erwiederte Slattery, ſich auf die Schultern klopfend.—„Wie Sie weiter rei⸗ ſen ſollen, daruͤber bin ich noch nicht ſo einig.“ „Auf meinen Beinen vielleicht; und je baͤlder ich die Reiſe beginne, deſto beſſer. Du biſt ein muthwilliger Burſche, Slattery, und ich brauche dich nicht zu erinnern, daß dieß kein geeignetes Quartier fuͤr einen Offizier im Dienſte Sr. Ma⸗ jeſtaͤt iſt. Vielleicht wenn einige von jenen wuͤr⸗ digen Herrn, deinen Freunden, zuruͤckkehren, um nach ihren neuen Erwerbungen zu ſehen,“ er blickte auf die rings umher liegenden Man⸗ telſaͤcke, Brieftaſchen und—„ſo koͤnnten wir uͤber beſondere Punkte verſchiedener Meinung ſeyn.“ „Dann weiß ich, meiner Treu, nicht, was ich aus Ihnen machen ſoll,“ ſagte Slattery mit einer Miene ſpaßhafter Verlegenheit.„Wozu rathen Sie? Sie fortlaſſen, damit mir die Bu⸗ ben die Ohren abſchneiden, und Sie ihre Roth⸗ roͤcke herbeibringen, die uns allen die Kehle abſchneiden werden,— oder Sie hier laſſen, was auch die alte Frau ſagen mag?“ 3„Wenn 49 „Wenn du dich auf mich beziehſt, Slattery 84 erwiederte Grahame laͤchelnd,„ſo ſtimme ich ſicherlich fuͤr eine augenblickliche Freilaſſung; ob⸗ ſchon ich nicht behaupten kann, daß ich ein ganz unpartheiiſcher Richter ſey.“ „Der Teufel! da kommen ſie. Sie ſind oben an der Thuͤre der Kapelle. Schwoͤren Sie alſo aber hier iſt weder Kreuz noch Evangelium. Doch hier ſind meine Daumen— ſchwoͤren Sie den großen Eid, daß Sie mich nicht verrathen wollen;“ dieß ſagend, kreuzte er ſeine Daumen. „Dennis, das iſt zu albern— iſt faſt Ent⸗ weihung. Wenn du als ehrlicher Mann han⸗ deln willſt, ſo ſetze mich augenblicklich in Frei⸗ heit, und verlaß dich auf meine Ehre und Dank⸗ barkeit.“ „Auf dieſe Art alſo— und ruhig. Die Prieſter, die Schurken, hatten ein Guckloch da oben. Ich will Sie dort hin bringen. Die Buben werden hier unten eingeſchloſſen bleiben, bis die Leichenfeier fuͤr den armen Felix voruͤ⸗ ber iſt. Daher—“ Grahame fuͤhlte Schmerzen in ſeinen Gliedern — ſein Kopf war wieder verwirrt und ſchwin⸗ delig; allein auf Dennis ſich ſtuͤtzend, ſtieg er die von dem Gewoͤlbe nach der Kapelle fuͤhrende Treppe hinauf. Sie gingen durch die dick mit breitkoͤpfigen Naͤgeln beſchlagene Thuͤre, welche die Kapelle von em Gewoͤlbe krennte, und Den⸗ nis ſtellte ſeine Lampe auf den Boden. Seine Kameraden verlangten inzwiſchen ernſtlich Ein⸗ laß. Eliſ. v. Bruce. III. 8 5— 50 „Seyd ihr es, Padhre Breachd, mit den Ge⸗ waͤndern des Prieſters?— Habt ein wenig Geduld. Ich habe den Platz noch nicht halb ſo anſtaͤndig gemacht, als er fuͤr euch ſeyn muß — ſie waren liſtige Schurken, dieſe Prieſter,“ fluͤſterte er Grahame zu, und legte ſeinen Fin⸗ ger an eine Springfeder in den Schnoͤrkeln ei⸗ ner hohlen Saͤule, deren Vorderſeite das groteske und coloſſale Bild eines Mannes vorſtellte. Es war eine von drei Saͤulen, die eine kleine Gal⸗ lerie am Ende der Kapelle, dem Altare gegenuͤber, trugen.„Das iſt das Bild des heiligen Boni⸗ fazius. Die alte Ziege, was ſie fuͤr einen Bart hatte, und ein Maul von einem Ohr bis ans andere!— Hinein, Kapitaͤn! Und durch des Heiligen eigenes geſegnetes linkes Auge werden Sie alles in der Kapelle ſo gut ſehen koͤnnen, als es ein Menſch nur wuͤnſchen mag; was Sie unterhalten wird, bis beſſere Zeiten kommen.“ „Und warum mich in dieſe Rattenfalle ein⸗ ſperren? Warum mich nicht augenblicklich weg⸗ pehen laſſen?“ „Der Koͤnig ſagte: unter Segel gegangen — aber der Wind ſagte nein,“ erwiederte Slat⸗ tery kalt.„Die Buben ſind vor der Thaͤre.— Wollt ihr zufri⸗ den ſeyn, hier außen, Padhre Breachd! Iſt es auch ſchicklich fuͤr einen ehr⸗ baren Menſchen, an der Thuͤre des Hauſes des Herrn zu welern als ob es eine gemeine Bierkneipe waͤre?“ „Welt und Teufel! oͤffne, Dennis!— Da iſt kein Padhre Breachd; und das Volk iſt uns nahe,“ riefen die draußen. 4 51 „Dem Schutze des heiligen Bonifazius ver⸗ traue ich Sie an,“ fuͤſterte Slattery, Grahame in den Zufluchtsort ziehend.— Wiederum wollte Wolf Gegenvorſtellungen machen. „Mutter Gottes! und geben Sie ſich darein, Rothkuͤttel!“ rief Slattery mit funkelnden Au⸗ gen.„Verbergen Sie ſich, wenn Ihnen Ihr Leben nur einen Pfennig werth iſt!— Kapi⸗ taͤn, ich bitte Sie um Verzeihung;— allein bin ich nicht in Gefahr?“ Der Fall ließ keine weitere Erklaͤrung zu. Der Schlag der Ruder wurde in regelmaͤßiger Cadenz mit dem Recitativ der Wehklage gehoͤrt; und zuweilen erhob ſich uͤber alles das wilde Wehgeſchrei der weiblichen Trauernden. Die Oeffnung in dem hohlen Pfeiler ſchloß ſich hin⸗ ter Wolf mit einem lauten Knall zu, der durch die Kapelle und das Gewoͤlbe wiederhallte.— „In eine Falle, in der That,“ dachte der Ge⸗ fangene, ſeinen wankenden Entſchluß bereits be⸗ reuend. Grahame hoͤrte jezt die raſchen Tritte und das heiſere Gefluͤſter der Geſellſchaft, welche Den⸗ nis in das Gewoͤlbe fuͤhrte; und dieſer Ehren⸗ Plattform in dem Mittelpunkte der Kapelle gelegt, und genau uͤber das Grab, das bereits geoͤffnet war, um den Todten aufzunehmen. Wolf konnte in ſeinem Schlupfwinkel einen 52 Haufen Landleute, groͤßtentbeils Weiber, die auf ihren Knieen lagen, bemerken. Von den Maͤnnern knieeten einige, andere lehnten an den Waͤnden und Pfeilern. Die Weiber ſchlugen die Ka⸗ putzen ihrer ſchwarzen Maͤntel zuruͤck— die Maͤn⸗ ner waren unbedeckt; und bei allen waren die aͤußern Zeichen der Andacht tief, warm und in⸗ nig, obſchon der regelmaͤßige Gottesdienſt noch nicht begonnen hatte.— Es liegt ſtets etwas Nuͤh⸗ rendes und Ergreifendes in der aufrichtigen An⸗ dacht, welches auch die Form des Glaubens ſeyn mag.— Grahame blickte mit ehrfurchtsvoller Theilnahme auf die Verſammlung. „Wir warten auf den guten Vater und die Lady Aileen,“ fluͤſterte ein Mann, der in der Naͤhe von Grahame's Schlupfwinkel ſtand.— „Sie kam ſeit achtzehn Jahren nicht unter ihr armes Volk.“ „Und kommt ſie jezt, um durch Lundy Foote's Wolken, die ihr um euch verbreitet, erſtickt zu werden?“ fluͤſterte Slattery's Stimme.„Begebt euch hier weg, Padhre Breachd, wollt ihr? Ihr konntet den geſegneten heiligen Bonifacius ſelbſt zum Nieſen bringen. Habt ihr nicht mehr An⸗ ſtand oder Lebensart an einem heiligen Orte, als ohne Ende auf eine Schnupftabacksdoſe zu klopfen. Und der geſegnete Heilige niest, ich wette, um ſeinen Aerger uͤber euch zu zeigen — profane Schnupftabalsbeſtie!“ In einem ganz andern Tone rief er aus:„Chaunette, Chau⸗ nette, meine brave Chaunette!“ und ſprang vorwaͤrts. Wolf hoͤrte das ſchnelle keuchende 5³ Athmen des ſo angeredeten Maͤdchens einige Zeit, ehe er ſie auf den Mittelpunkt der Ka⸗ pelle zugehen ſah, wo ſie, vor den Augen der ganzen knieenden Geſellſchaft, das Leichentuch wegnahm, den Kopf des Felix Doran auf die Bahre ſtellte, und ohnmaͤchtig in Dennis Arme ſank. Es entſtand ein raſches Gemurmel und Gefluͤſter der Bewunderung und des Mitleids unter der Verſammlung, als Dennis ſie, mit ſchneller Beſonnenheit, in die Naͤhe des Pfeilers, von welchem er jedermann ſich entfernen hieß, trug, damit ſie Luft ſchöpfen koͤnnte. „Meine wackere Chaunette, du haſt deine Mitgift in deiner Schuͤrze gebracht— und dei⸗ nen Gemahl gewonnen!“ fluͤſterte er in einem Wolf Grahame vernehmlichen Tone—„Ein anderes blutiges Haupt iſt mir noch theurer;— aber meine eigene rechte Hand muß dieſes er⸗ ringen.“ „Ach! Dennis, mein Beſter, ſag dieß nicht,“ ſchluchzte das Maͤdchen; und bei dem Klange der Glocke fielen ſie, Seite an Seite, und ſich noch die Haͤnde haltend, auf die Kniee nieder. Der Prieſter, ein bejahrter, abgezehrter, aber ehrwuͤrdig ausſehender Mann, trat aus einer Seitenthuͤr hervor, von zwei weiblichen Geſtal⸗ ten, die Wolf ſogleich erkannte, begleitet. Ein ſchwarzer Schleier, wie ihn Nonnen, die das Geluͤbde abgelegt hatten, trugen, umhuͤllte die Dame. Das Volk, das noch auf den Knieen lag, wich zuruͤck, als ſie ſich der Bahre naͤherte; und Haͤnde und weinende Augen erhoben ſich — — — 54 gen Himmel, um den Segen deſſelben auf ſie herabzurufen, als ſie langſam voranſchritt. Auf die Meſſe folgte das eigentliche Begraͤb⸗ niß; und unterdeſſen entdeckte ſich die verhuͤllte Perſon bloß durch die ruhige Grazie ihrer ver⸗ ſchiedenen Bewegungen, waͤhrend ſie niederkniete, oder ſich unter die niedrigen Anweſenden ſtellte, oder ſich uͤber die Bahre hindeugte. Einmal, als ſie aufſtand, fiel der Schleier auf die Seite, und abermals hielt Wolf, mit einer faſt aber⸗ glaͤubiſchen Verehrung, ſeinen Athem zuruͤck, als er auf die blaſſe Mutter ſeiner Eliſabeth blickte. Als der Staub feierlich dem Staube uͤberge⸗ ben, und der Verſammlung eine Pauſe von wenigen Sekunden zugeſtanden war, um jenen Gefuͤhlen des Kummeers und der Liebe nachzu⸗ haͤngen, die keinen Dolmetſcher in irgend einem bekannten Ritual finden, erhob ſich der Prieſter, um die Verſammlung anzureden, ehe er ſeinen Segen ſprach. Er beſchwor ſie, im Frieden zu ſcheiden. Sie hatten jede gebuͤhrende Pflicht gegen ihren verſtorbenen Freund erfuͤllt; woll⸗ ten ſie jezt den heiligen und ehrwuͤrdigen Glau⸗ ben, zu dem ſie ſich bekannten, beſchimpfen, und den Geiſt des Hingeſchiedenen kränken; vor al⸗ lem, wollten ſie noch tieferen Kummer uͤber ſie verhaͤngen, die das Geluͤbde der Einſamkeit, das ſie neunzehn Jahre gehalten, gebrochen hatte, bloß um fuͤr das Leben ihres theuern jungen Freundes zu bitten, und die, nachdem ihr dieß mißlungen war, ſich mitten unter ſie bei der 55 Feier der ehrwuͤrdigen Gebraͤuche miſchte, die ſein Ende heiligten? In Folge dieſer Ermahnung fielen viele von den armen Leuten, und alle weiblichen Indivi⸗ duen, wieder auf ihre Kniee, und riefen, mit den gluͤhenden Gefuͤhlen ihres Landes, den Se⸗ gen des Himmels auf ihr Haupt herab.„Se⸗ gen und langes Leben!— wenn dieß ein Segen fuͤr ſie iſt,“ flaͤſterten die bejahrten Weiber. Als dieſer Ausbruch des Gefuͤhls der Verſamm⸗ lung voruͤber war, fuhr der Prieſter fort:„Eine Handvoll,“ ſagte er,„jener irre geleiteten und verzweifelten Leute,— die den Geſetzen Trotz bieten— die Moͤrder ihres ungluͤcklichen Landes — die aͤrgſten Feinde der Religion, deren ſtreng⸗ ſte Gebote ſie verlezt und geſchaͤndet, haben in eben dieſer Nacht einen friſchen, und ohne Zwei⸗ fel verabredeten Angriff auf eine Abtheilung der koͤniglichen Soldaten gemacht, die keines Verbrechens ſchuldig geweſen ſehen, ausgenom⸗ men, daß ſie die ihnen gebotene Pflicht erfuͤllt haben. Die Folgen ſeyen ſchrecklich geweſen; und es ſey kein Zweifel, daß der Unſchuldige wie der Schuldige furchtbar dadurch werde lei⸗ den muͤſſen. Ob dieß das Betragen von Fr⸗ laͤndern— von katholiſchen Chriſten ſey? Er wolle keinen der jezt Anweſenden in dem Ver⸗ dachte haben, daß er an ſolchen verzweifelten und verabſcheuungswuͤrdigen Handlungen Theil gehabt habe; doch muͤſſe er alle, die ihn hoͤren, gegen Thaten warnen, die uͤber ſie ſelbſt, wie uͤber alle, die ſie lieben, Verdarben, Elend und d 56 die ſchwaͤrzeſte Schande, und uͤber ihre unſterb⸗ lichen Seelen ewige Verdammniß bringen muͤſ⸗ ſen!“ „Ich hoffe, die wuͤrdigen Herrn da unten hoͤren ihren vortrefflichen Charakter aus dem Munde ihres eigenen guten Prieſters,“ dachte Grahame. Er hoͤrte auch Chaunettens Ermah⸗ nungen an ihren ungeſtuͤmen Liebhaber.„Ach! Dennis,“ hoͤrte er ſie ſagen,„warte doch, bis der gute Vater ausgeredet hat!“ „Sey ruhig, Chaunette. Der Prieſter fuͤhrt ein Brevier und ich trage— gleichviel, was. Feder hat ſeine Waffe“— und Wolf ſah die alte Monica ſich dem Pfeiler mit haſtigen Trit⸗ ten nahen. „Schwarzer Sohn einer ſchwaͤrzern Mutter, wagteſt du es, dem jungen Mann nur ein Haar zu kruͤmmen?“. „Es wuͤrde mich wenig kuͤmmern, wenn ihr dieß glaubtet,“ ſagte der Burſche halb muͤrriſch. „Aber nein, wenn das euch zufrieden ſtellt. Und was ihr auch von mir ſagen moͤgt, ſchont ſi e.“. „Gott verzeihe mir. Aber wo iſt er denn?“ „Der heilige Bonifacius hat ihn in ſeinem heiligen Schutze,“ fluͤſterte Dennis. Dieſer kleine Umſtand erzeugte eine ſehr gluͤck⸗ liche Nuͤckwirkung auf die Gemuͤthsſtimmung des Gefangenen. Es war ein eifriger Freund in ſeiner Naͤhe— eine Perſon, die einen ſtar⸗ ken Antheil an ſeinem Schickſale, aus vielen bleibenden und maͤchtigen Beweggruͤnden, nahm. 57 Das Volk entfernte ſich allmaͤhlig, und in we⸗ nigen Minuten war niemand mehr in der Ka⸗ pelle, außer der Prieſter, die Dame und ihre bejahrte Begleiterin, Dennis und Chaunette. Die Lady ſaß, von den uͤbrigen getrennt, auf einer ſteinernen Bank unter dem Fenſter. Monica naͤherte ſich ihr, und mit der tiefen klaren Stimme, deren fließendes Fluͤſtern ſo deutlich vernommen wird, antwortete ſie auf etwas, das ihr die alte Frau geſagt hatte.„Ich foll Zeuge einer ehe⸗ lichen Einſegnung— heute Nacht und hier, ſeyn? Oh, Monica, nicht hier— nicht hier!“ Die Antwort konnte nicht vernommen werden; allein Wolf ſah die Dame ihren Kopf, als Zei⸗ chen der Billigung, wie es ſchien, beugen, und Monica begab ſich wieder zu dem Paare, das, wie er jezt ſah, Braut und Braͤutigam war. Sie fuͤhrte hierauf Dennis an den Ort zuruͤck, wo die Dame ſaß. Mit vielen tiefen Verbeu⸗ gungen nahm er den Ring, den ſie von ihrem Finger zog, fuͤr die bevorſtehende Feierlichkeit, und ſie kehrten wieder nach dem Pfeiler zuruͤck, an den ſich Chaunette noch lehnte. „Da die arme Chaunette nicht in ihren Dienſt zuruͤckkehren kann, ſo ſehe ich nicht ein, was Beſſeres gethan werden koͤnnte.“ „Und wer ſonſt wuͤrde dem armen Dennis, die vielen Tage, die er ſich hier verbergen muß, Speiſe und Troſt bringen?“ ſagte Chaunette, halb ſchluchzend. 8 „Das iſt eine traurige Hochzeit,“ ſagte das alte Weib wieder.“ Und du, Junge⸗ verwandee 586 das Jammervolle in nichts Gottloſes; beflecke deinen Hausheerd nicht mit Blut— es macht kummervolle Tage. Ueberlaß Gott die Rache; und laß dich warnen, um deiner ſelbſt, um die⸗ ſes ſtarkmuͤthigen Maͤdchens und jener grauen Haare willen. Muß ich auch Dennis verlieren, weil ich Felix verlor?“ „Ich habe geglaubt, ihr bekuͤmmert euch we⸗ nig um Dennis oder ſeine arme Mutter,“ ſagte Dennis in ſanftem Tone. „Wir werden in unſerem Zorne gegen die, um welche wir uns nichts bekuͤmmern, nicht wahn⸗ ſinnig, noch bricht uns das Herz wegen der Ruchloſigkeit derer, die uns gleichguͤltig ſind,“ ſagte Monica. „Nun ſchicke der Himmel dem geſegneten hei⸗ ligen Bonifacius eine ſichere und leichte Be⸗ freiung,“ erwiederte Dennis mit ſeiner natuͤrli⸗ chen kuͤhnen Stimme;„und erhalte ſeine Ge⸗ vatter da unten ruhig,“ fluͤſterte er Wolf gleich⸗ ſam zu.„Kommen Sie ans Licht, Kapitaͤn, und ſagen Sie meiner Großmutter, daß ſowohl Dennis, als ſeine wandernde Mutter, etwas Gutes an ſich haben koͤnnen, wovon ſie nichts weiß.“ Grahame ließ dieſe Aufforderung nicht zwei⸗ mal an ſich ergehen. „Eb iſt beſchloſſen, wir ſollen nicht als Un⸗ belannte ſcheiden,“ ſagte er zu dem alten Weibe. „Darf ich jezt um eine Einfuͤhrung bitten?“ und ſeine Blicke wandten ſich mit ehrfurchtsvol⸗ ier Theilnahme nach der fernen Eeſtalt, die an f —, 3 59 dem Gitter des Altars lehnte, als ob ſie von allem, was um ſie her vorging, gar nichts wuͤßte. „Nein, nein, Wolf Grahame! wieder muß ich ſagen, Gott geleite euch! auf uns laſſet ein Schickſal, in das ſich der Weiſe nicht miſchen muß. Wir ſind ein ungluͤckliches, ſegenloſes Volk. Im Frieden ſcheidet von uns.“. „Und iſt dieß das Beſte, was ihr wißt, um miy abzurathen, Monica? Fuͤr welchen kalther⸗ zigen, unedeln Menſchen haltet ihr mich? Laßt mich vielmehr, wie es einem Manne geziemt, vortreten, und auf meinen Knieen fragen, wie ich das Ungluͤck der Mutter meiner Eliſabeth verringern kann, koſte es mich auch, was es wolle.“ 3 „Dieſer Wunſch hat die Macht, es zu verrin⸗ gern,“ erwiederte das alte Weib warm.„Al⸗ lein ſeyd geduldig, wenn ihr eure eigene Abſicht nicht vereiteln wollt, und entfernt euch. Ich habe mein Verſprechen nicht vergeſſen.“ Wolf blickte die Lady wieder mit ehrfurchts⸗ voller Theilnahme an, und glitt, von Slatterpy begleitet, aus der Kapelle. „Chaunette muß ihr Fuͤhrer bis nach der Ge⸗ birgsſtraße ſeyn,„ſagte der junge Mann.„Sie loͤnnen vor Tageranbruch Ihr Quartier er⸗ reichen, wenn Ihnen Ihre Beine den Dienſt nicht verſagen; und wenn es Ihre erſte Sorge iſt, mich das Vertrauen, das ich in Sie geſezt habe, bereuen zu laſſen,— ſo ſeyen Sie ver⸗ ſichert, daß, wenn auch alle Rothkuͤttel in Ir⸗ land einen dreifachen Wall um Sie bildeten, 60 ich Sie aus ihrer Mitte im Hui weghaſchen wuͤrde!“ „Ich werde mich dagegen zu verwahren wiſ⸗ ſen,“ erwiederte der zunge Mann in ſtolzem Tone.„Und ſeyd verſichert, Burſche, daß keine Furcht vor perſoͤnlicher Gefahr, viel weniger deine Drohungen, mich je von meiner Pflicht abhal⸗ ten werden. Kehre zu deiner Braut zuruͤck, und werde ein beſſerer Gatte, als du ein Unterthan warſt. Ich will mich ſelbſt hinuͤberfuͤhren, und meinen Weg allein ſuchen. Meine Papiere ſind, ſagſt du, in Sicherheit?“ „Wenn nicht einer von den Buben auf den Einfall kam, ſeine Pfeife mit einer Fuͤnfhundert⸗ pfund⸗Note anzuzuͤnden,“ erwiederte Slattery in einem Tone, der den Kapitaͤn glauben machte, daß, je baͤlder ſie ſich trennen wuͤrden, deſto vergnuͤgter der Abſchied ſeyn werde. Wolf ſprang in eines der zwei kleinen Boote, die in einem Abſprunge der Felſen, der einen natuͤrlichen Hafen bildete, vor Anker lagen, und ſteuerte laͤngs der Felſen, unter dem Schatten des Gebaͤudes, hin. Der Strich Waſſer, der, zur Zeit der Fluth, das Schloß gleich einem Lauf⸗ graben umgab, war nicht uͤber achtzig Schritte breit. Auf der Landſeite war es, wo er die Ankunft ſeiner Fuͤhrerin abzuwarten fuͤr gut fand; und dieſe kuͤhrte ihn ſchnell und geraͤuſch⸗ los nach dem Gebirgspaſſe. Am Nachmittag des folgenden Tags war Grahame in ſeinem Bette von ſeinen Mitoffizieren umgeben, die ihm zu ſeinem Entkommen Gluͤck wuͤnſchten, und diele⸗ — 61 nigen Einzelheiten ſeines Abenteuers anhoͤrten, die er mitzutheilen fuͤr gut fand. Er ſtand vom Bette auf und ſchrieb Briefe nach ſeiner Heimath,— einen kurzen an ſeinen Oheim, den er ſogleich abſchickte, und einen aus⸗ fuͤhrtichen an Eliſabeth, den er in ſeinen Pult verſchloß, um ihn zu enden, wenn er das Aben⸗ teuer, in das er ſich einzulaſſen im Begriff war, beendet haben wuͤrde. Eine Unterredung mit dem befehlshabenden Offiziere, um die er ſchrift⸗ lich bat, wurde ihm alsbald bewilligt; und drei Stunden nach Einbruch der Nacht ſah man ihn⸗ die Stadt, in Begleitung eines Sergeanten und einer Abtheilung Fußvolk, auf einer geheimen Expedition in das Land, verlaſſen. Am naͤchſten Morgen kehrte dieſe Abtheilung, ermuͤdet und hoͤchſt uͤbel gelaunt, zuruͤck, da ſie in einen Hinterhalt gefallen war, als ſie von Kapitaͤn Grahame bei der Bruͤcke uͤber den Paß gelaſſen worden war. Allein er kehrte nicht wieder zuruͤck, und die zu ſeiner Aufſuchung ausgeſchick⸗ ten Streifparthien kamen zuruͤck, ohne ihren Zweck erreicht zu haben. Viele von den Offizieren durchſtreiften in derſelben Abſicht freiwillig die Umgegend, allein ihre Bemuͤhungen waren von keinem beſſeren Erfolge begleitet. Oeffentliche und beſondere Belohnungen, und eine von dem ganzen Regimente fuͤr die Auffindung eines beliebten Offiziers unterzeichnete Tagsloͤhnung wurden oft in Anſpruch genommen, nie aber erlangt. Ungekaͤhr einen Monat nach dieſer geheim⸗ A. 62 nißvollen Verſchwindung, brach man in ſein Zim⸗ mer und raubte ſeine Papiere und Kleider, ei⸗ nige ſeiner Buͤcher und das Jaͤgerhorn, das ſein Lieblingsinſtrument geworden war, ſo wie alle die Briefe, die in dieſer Zwiſchenzeit an ihn abgeſchickt worden waren. Ein anderes Licht wurde uͤber dieſe Angele⸗ genheit durch die Entdeckung des Beiſtands, den er dem fliehenden Verraͤther O' Connor gelei⸗ ſtet hatte, geworfen. Jezt entſtand unter dem Regimente ein gewaltiger Zwieſpalt. Die eng⸗ liſchen Offiziere deſſelben verdammten den Ab⸗ weſenden ſo kuͤhn, als die ſchottiſchen ihn ver⸗ theidigten, obgieich ſelbſt die leztern wuͤnſchten, er moͤchte, wenn er noch am Leben waͤre, er⸗ ſcheinen, und ſich von dieſen entehrenden Be⸗ ſchuldigungen reinigen. Als ein zweiter Monat verfloſſen war, entſtand eine neue Bewegung durch den Umſtand, daß ein Weib in einem rothen Rocke in der groͤßten Eile in das Poſt⸗ haus der kleinen Stadt, in welcher das Regi⸗ ment lag, kam, und alle Briefe verlangte, die neulich an Kapitaͤn Grahame eingegangen wa⸗ ren, der, ſagte ſie, den Haͤnden der Rebellen ſo eben entlkommen und auf dem Wege ins Hauptquartier war.— Sie erreichte ihren Zweck, und war entfiohen, che der Poſ.meiſter, den Betrug argwoͤhnend, Laͤrmen unter den Salda⸗ ten gemacht hatte. 65 Drittezs Kapitel. 4 Die Flitterwoche. Es iſt bereits bemerkt worden, daß die unbe⸗ queme Verfuͤgung des ſchottiſchen oder roͤmiſchen Geſetzes, die Frau Euphane Fechnie das Juice Mariti nannte, laͤngſt ſchon den Rachen, gleich einem hungrigen Loͤwen, auf dem Wege ihrer ehlichen Hoffnungen aufſperrte; denn ungeachtet ihrer haͤufigen Zwiſte hatte Effie doch alle Ach⸗ tung vor Friſels juridiſchen Kenntniſſen in die⸗ ſem furchtbaren Punkte, wozu er als der erſte Sekretaͤr eines alten Advokaten ſicherlich berech⸗ tigt war. Allein ſobald ihre Angſt durch ge⸗ heime Unterhandlungen mit Herrn Hutchen ver⸗ ſchwunden war, der ſich guͤtiger Weiſe dazu verſtand, fuͤr ihr Geld zu ſorgen, wurde Gideons Gluͤckſeligkeit durch die ſchnelle, und wirklich unverlangte Uebergabe ihrer ſchoͤnen Hand, be⸗ feſtigt. Ueber die Einzelheiten von Effies Hochzeit ſchweigt die Geſchichte. Wir wiſſen bloß, daß die zaͤrtliche Baby Strang die Rolle einer Braut⸗ jungfer weinend ſpielte, daß Jakobina Pingle uneingeladen kam,„um dem jungen Volk Vor⸗ ſchub zu thun,“ und daß Gideon ſich in eine ſtarke Einrede gegen das oͤffentliche Bettmachen einließ. um welcher drolligen Ceremonie wegen ſich Effie in Untoſten geſezt hatte, da ſie ven ihrem Freunde Aelie⸗Sellathing eine neue Kil⸗ manocker Nachtmuͤtze fuͤr den Braͤutigam gekauft 64 hatte, die folglich in ſo fern ein nutzloſer Ver⸗ luſt war. Allein die menſchliche Gluͤckſeligkeit war noch nie vollkommen: ſie legte ſie bei Seite, um ſeinen Leichnam damit zu bekleiden. Der mildernde Einfluß des Gluͤcks auf tro⸗ ckene und muͤrriſche Naturen iſt oft bemerkt worden. Effie wurde fuͤr den Augenblick, durch die Erfuͤllung ihrer ehelichen Plane, gleichſam ein neues Weib. Sie ſchwazte, laͤchelte, ſcherzte — ſie verſammelte eine Thee⸗Geſellſchaft in dem Pfarrhauſe;— und da die Sphaͤre von Sour⸗ holes fuͤr ihre Glorie und Gluͤckſeligkeit zu eng ſchien, machte ſie endlich, obſchon auf die Gefahr hin,„einer Pfundnote den Hals zu brechen,“ den kuͤhnen Vorſchlag, einen Ausflug nach Edin⸗ burg zu unternehmen. Effie war noch in ihrer Flitterwoche, eine fuͤr Liebeleien, Thorheiten und Ausgaben privilegirte Zeit. In manchen und ohne Zweifel wichtigen Punk⸗ ten war Effie ein vortreffliches Weib, obſchon ihre Verdienſte ungluͤcklicherweiſe nicht von der Art waren, daß ſie von ihrem Gatten ſogleich gehoͤrig gewuͤrdigt werden konnten. Ihre Ord⸗ nungsliebe in Sachen des Hausweſens brachte in drei Tagen in das Chaos und die Spinn⸗ gewebe ſeiner Wohnung in Sourholes Ordnung und Reinlichkeit. Seine Schuhe wurden ge⸗ ſchwaͤrzt, ſeine Hemder weiß gemacht, ſeine Naͤ⸗ gel beſchnitten, und ſeine feine Leinwand, ſo wie ſein ſchoͤn gepuztes Prieſterkleid wurden bereits unter den Aelteſten und in den Thoren bemerkt. Gideon wußte, daß dieß alles bewundernswuͤr⸗ — * dig war, allein es entſprach ungluͤcklicher Weiſe ſeinem Geſchmacke und ſeiner Neigung nicht im mindeſten. 5 Gideons Ehe war, wie der verſtaͤndige Leſer bereits bemerkt haben wird, nicht ganz eine Heirath aus Liebe, wenigſtens von ſeiner Seite; allein Effie betete ihren Prediger ſicherlich anz und quaͤlte ihn folglich, vom Morgen bis in die Nacht, mit laͤſtigen Gefaͤlligkeiten und endloſen Vorſtellungen, die er geduldig anhoͤrte, ſo lange ſie bloße Warnungen waren, Schnallen, Schuhe, Handtuͤcher, Saife und Schnupftuͤcher nicht zu verlieren oder zu verlegen; allein ſein ganzer Unwille wurde rege, wenn ſie auf die nutzloſe Ausgabe, Jenny Geddes zu unterhalten, an⸗ ſpieite. 4 Das junge Paar fuhr jedoch, gleich andern verſtaändigen Leuten, fort, ſich leidentlich gut mit einander zu vertragen, und ſicherlich um ſo eher, da Gideon ſeiner Ehehaͤlfte den Beutel auf Gnade und Ungnade uͤbergab, und ihr auch ſpaͤter er⸗ laubte, die Rolle eines Kanzlers der Schatzkam⸗ mer von Sourholes, ohne alle Verantwortlich⸗ keit oder Beſchraͤnkung, zu ſpielen. Wenn Effies weibliche Eitelkeit den Wunſch in ihr erregte, die Hauptſtadt zu beſuchen, ſo zog Gideon ſein Herz nach demſelben Orte hin. Erſtens ſollte eine Art Cameronianiſcher Synode in dem Loanhead of Lasswade gehalten werden 3 zweitens wuͤnſchte er, da er ein wahrhaft ehrli⸗ cher und biederer Mann war, den Verlaͤumder der Janet Geddes(nicht Janet der Stute, ſon⸗ 66 dern Janet der Maͤrtyrin) von ſeiner Abſicht in Kenntniß zu ſetzen, zu ihrer Vertheidigung aufzuſtehen;— drittens und leztens wuͤnſchte er zu erfahren, wie es ſeinem Zoͤglinge, Eliſabeth, erging, die ſeit 16 Jahren nicht halb ſo lange ſeiner Gegenwart entzogen geweſen war. In dem truͤben und daͤmmernden Sternen⸗ lichte des naͤchſten Morgens erſchien Gideon, den die ungeheuern Flügel ſeines Ueberrocks gleich einer Schwimmjacke von Kork umwallten, mit einem furchtbaren Vorrathe von Hemdern und geſtreiften Strümpfen, und einer Bibel in Duodez, aus welcher ein ungeheures, mit den Buchſtaben V. J. G. bezeichnetes Manuſcript hervorſah, vor der Thuͤre ſeiner Huͤtte auf Jenny Geddes. Effie, froͤhlich gelaunt und faſt noch im bräutlichen Glanze, ihren gruͤnen ſeidenen Ueberrock, zur beſondern Erhaltung, mit„Willie Coſſars,“*) von denen jeder einen Lerchenſpieß abgegeben haben wuͤrde, uͤber den Knieen aufge⸗ ſchuͤrzt, und ihren Leib mit Buͤndeln umſchlun⸗ gen, die mehrere ſaubere Anzuͤge enthielten, er⸗ ſchien zunaͤchſt, und kletterte, mit Huͤlfe eines kleinen Stuhls, auf Jennys niedere Hemisphaͤre, wo ſie ſich zaͤrtlich an den Leib ihres Predigers anſchmiegte; und ſo ſchlenderten ſie froͤhlich auf dem Fußwege hin. Von dem gluͤcklichen Triv ſchien Jenny Ged⸗ *) Willie Coſſar war ein beruͤhmter Nadler, der ſeinen Namen einer gigantiſchen Klaſſe von Na⸗ deln gegeben hat. 67 des am wenigſten mit dieſer neuen Ordnung der Dinge zufrieden, die ihr. bei geſchmaͤlerter Koſt, doppelte Arbeit auferlegte. Durch gewiſſe kleine und vorlaͤufige Stoͤße und Spruͤnge be⸗ gann ſie bereits dieſe geheime Denkart zu offen⸗ baren, ohne es jedoch, bis jezt, zu einem offe⸗ nen Bruche kommen zu laſſen; und ſie gab Gi⸗ deon und ſeiner Braut, ſo zu ſagen, eine Frie⸗ densaufkuͤndigung, wie das ſchottiſche Geſetz ſich ausdruͤckt, ehe ſie eine wirkliche Abwerfung ver⸗ ſuchte. Frau Haliburton war uͤber jede irdiſche Furcht erhaben, die ausgenommen, die ſchnar⸗ chenden Einwohner von Sourholes moͤchten das Gluͤck nicht haben, ſie in ihrer Glorie von dem Pfarrhauſe nach Edinburg, hinter dem Prediger, auf einem dem Laird abzuſtattenden Beſuche, reiten zu ſehen. Gideon war anfanglich uͤber dieſes ungewohnte Verfahren von Seiten der ernſten Jenny ein wenig beſtuͤrzt; allein Effie klammerte ſich, in ih⸗ rer ſtarken Anhaͤnglichkeit, wie mit ſtaͤhlernen Ha⸗ cken an ſeine Rippen an, und klebte ſo feſt an ihrem ſchwankenden Reitkiſſen, wie eine Schaal⸗ muſchel an dem heimathlichen Felſen. So be⸗ wegte er ſich, wie wir geſagt haben, unbeſorgt wegen ihrer perſoͤnlichen Sicherheit, langſam fort, und war bald ſo tief in Betrachtungen verſunken, als je ein an einem ſchlammigen Damme rauchender und uͤber ſeine Vorleſungen nachdenkender, hollaͤndiſcher Geiſtlicher. Gideon war uͤber die Furten des Oran gegan⸗ gen, waͤhrend der Strom laut gebraust hatte, und 68 hatte die jenſeits derſelben liegenden, bereits be⸗ ſchriebenen, Anhoͤhen erſtiegen. Er war eben im Begriff, die unerfreuliche Niederung von Pitbauchlie zu betreten, als man die kriegeriſche Geſtalt des Korporal Fugal aus der noch un⸗ gewiſſen Morgendaͤmmerung hervortauchen ſah. Von einem verlaͤngerten Gelage in Pitbauchlie kommend, taumelte der Veteraner halb benebelt auf dem Wege hin und her, und ſummte, in Folge einer Ideen⸗Verbindung, die leicht nachge⸗ wieſen werden koͤnnte, vor ſich hin: „Ruͤſtig, Buben, ruͤſtig!“ „Wer geht da?— ein Freund— alles iſt gut!“ rief Fugal, die Anrede, die Antwort und die Begruͤßung ſingend. „Seyd ihr es, Corporal?— ihr ſeyd fruͤhe auf,“ ſagte Gideon. „So! ho! Herr Haliburton! Einen ſchoͤnen guten Abend und— viel Vergnuͤgen dazu. Wie ſteht es mit der jungen Frau, ſeit ſie den Spaß mitgemacht hat. Alte Sperlinge ſind nicht gut zaͤhmen, verſteht ihr mich! Qude vossen zyn kwaadte fängen, wie wir in Flandern ſagen.“ „Den Spaß mitgemacht!“ murmelte Gideon beſtuͤrzt, hinter ſich greifend.— So wahr ich ein lebender Suͤnder bin, ich habe das Weib und ihren ganzen Kram fallen laſſen!— Ich glaube, ich hoͤrte etwas pflumpfen, als wir durch den Oran wateten. O Jenny, Jenny! das iſt ein boͤſer Streich, den du mir geſpielt haſt, wenn dem Weibe etwas Uebles begegnet iſt!“ Gideon war bereis auf den Beinen und eilte 69 nach den Furten des Oran. Auf der kleinen Anhoͤhe neben dem Ufer, wohin ſie mit allen ihren triefenden Baͤndern aus dem Strome ge⸗ klettert war, ſaß Effie, gleich einer vom Regen verlezten Lilie. „O, Effie, was iſt dir begegnet, Weib!“ rief der betruͤbte Gideon. „Ich brauche nicht erſt lange daruͤber nach⸗ zudenken, was ich euch zu ſagen habe, Prediger von Sourholes!“ ſchluchzte die tief betruͤbte Braut. „So ho!“ rief Fugal, der Gideon nachgeeilt war.„Auf eure Beine, Weib!— zum Teufel mit der Furcht vor ihrem Ertrinken! Auf! Frau Effie. Kuͤßt ſie, und heilt ſie, alter Burſche.“ „Ibr habt mich aus einem gemaͤchlichen, war⸗ men, trockenen Sitze gebracht, Prediger! Es war mir wohl zu Muthe, und es freute mich, ver⸗ heurathet zu ſeyn, und ich argwoͤhnte nichts.“ „Aber, Effie, Effie, mein Liebchen!“ ſagte Gideon mit einem lobenswerthen und wirklich wunderbaren Verſuche zu liebkoſen. „Laßt eure Hande von mir ab— ihr werdet mein Tod ſeyn— und das iſt's, was ihr woll:!“ rief ſie in bittrem Tone. „Seyd vernuͤnftig, Effie! mein Weib; ihr wißt, daß ſowohl die arme Jenny, als ich ſelbſt—“ „Ich weiß nichts,“ rief Effie entruͤſtet;“ aber daß ich zu meinem Ungluͤcke, mit einem Manne ohne Gefühl verbunden bin, das weiß ich— mit einem unbaraherzigen, grauſamen Manne, 8 der auf meinem gruͤnen Grabe tanzen, oder mir ein waͤſſeriges geben wuͤrde, und das mit dem beſten Willen.“ „Still, Weib! ihr wißt, daß ich nie in mei⸗ nem Leben einen Fuß beim Tanze geregt habe. Kommt jezt mit mir und trocknet eure Kleider.“ Und er zog ſie ſanft zu ſich hin. Allein Effie war eine von Evas aͤchten niedriggebornen Toͤch⸗ tern; je mehr man ſie bat, deſto widerſpenſtiger wurde ſie. Durch ein knoͤchernes Schulterblatt und einen ſpitzen Ellenbogen wurde die liebko⸗ ſende Hand zuruͤckgeſtoßen, die ſie mit ihrer ei⸗ genen zu beruͤhren verſchmaͤhte. Dieß war Gideons und Efſies erſter, großer ehlicher Streit, und das Schlachtfeld hatte in die⸗ ſem Augenblicke, man muß es geſtehen, ein ſehr drohendes Ausſehen fuͤr den Prediger. Der alte Toͤlpel, der unbemerkt neben dem Ehepaare ſtand, wuͤrde zerplazt ſeyn, wenn er länger geſchwiegen haͤtte. Er hatte keine große Liebe fuͤr Effie in ihrer jungfraͤulichen Lage gehabt, und war zudem in dieſem Augenblicke bedeutend berauſcht. Er taumelte daher vorwaͤrts und rief—„Hoͤrt doch, Herr Haliburton!— wißt ihr, wie wir mit unſern Lagermaͤdchen in Flandern umgingen, wir Kavaleriſten!— Die Peitſche!— verſteht ihr mich? Einen Hieb mit der langen Peitſche:— Ziſch!“ Fugal blinzte mit den Augen, und fuhr der auf dem Boden ſitzenden Schoͤnen mit der Hand, wie mit einer Peitſche, uͤber den Kopf, was eine gluͤckliche Diverſion zu Gunſten Gideous bewirkte, indem 21 Effies ganze Wuth dadurch auf den kuͤhnen Korporal uͤberging. „Geht eures Wegs, Corporal Scrymmager!“ rief ſie.„Mein Gatte iſt nicht eures Gelich⸗ ters.— Geht eures Wegs, und ſeht nach eurer eigenen hüͤbſchen Beß Slattery, mit vier Spuͤr⸗ hunden aus Edinburg, hinter ihren Ferſen im Gehoͤlze der Schlucht von Ernescraig geſtern. Die Schlutte wollte mir ihre Papiere aufheften, und meinen ehrlichen Mann verleiten, ſeine Kehle, wegen einer Perſon, wie ſie iſt, in einen Strick zu bringen. Ich zeigte ihr, glaube ich was es heiße, einer tugendhaften, unverheirathe⸗ ten Frau in's Geſicht zu ſehen.“ „Unſinniges Weid!“ ſchrie Gideon.„Was habt ihr gethan?— Waren dieſe Papiere für Eliſabeth von Bruce?“ „Ich waͤnſche, Prediger, ihr moͤchtet an die⸗ jenigen denken, die euch naͤher und theurer ſind, als fuͤnfzig Eliſabeth von Bruce.“ Gideon ſchlug in ſeiner Noth auf ſeinen Schenkel, ohne auf Effie zu achten, der jezt die Zahne vor Kaͤlte klapperten. „Auf, Fugal! eilt eurem landſtreicheriſchen Weibe nach— ich muß ſie ſehen, und ſollte es Gold koſten,“ rief Gideon. „Ihr muͤßt ſie ſehen, und ſollte es Gold ko⸗ ſten!“ rief Effie.„O was fuͤr eine große Suͤn⸗ derin bin ich, daß ich durch meinen Gatten ſo geplagt bin!“ und ſie rang ihre Haͤnde— aber dieß war alles zu viel. „Send ruhig Weib!“ donnerte Gideon mit 22 ſo gewaltiger Stimme, daß die Ufer des Fluſſes wiederhallten, und Effie's ſchuldbewußtes Herz in ihrem Buſen bebte und kalt wurde, wie der Schluͤſſel des Pfarrhauſes, der daſelbſt lag.„Ja, ihr ſeyd eine Suͤnderin, eine große Suͤnderin! — ohne Gefuͤhl, ohne Barmherzigkeit, ohne Mit⸗ leid, und vergeſſet, wer Urſache iſt, das ihr nicht jenem armen herumſchlendernden Weibe gleicht, die ſich ſelbſt uͤberlaſſen iſt.“ „Wer— meine Beß Slattery?“ ſagte Fugal mit einem finſtern, kriegeriſchen Blicke und einem zornigen Kopfſchuͤtteln. „Sie hat einen Anſtrich von Dankbarkeit und Guͤte, wenn ihr ihn nur kennen wuͤrdet,“ fuhr Gideon fort. „O, Gideon Haliburton! ſo ſprecht ihr mit mir, dem Weibe eures Herzens, Bein von euerm Bein, und Fleiſch von eurem Fleiſch— „Verdammtes, zaͤhes, altes Fleiſch!“ ſtotterte Fugal, keineswegs mit den Freiheiten zufrieden, die ſich die beiden Eheleute gegen ſeine Beß Slattery herausnahmen. „Wie! mich, das Weib eurer Geluͤbde, ver⸗ gleicht ihr mit einer nichtswuͤrdigen Landſtreiche⸗ rin wie dieſe?“ Und jezt ergriff Effie leiden⸗ ſchaftlich die hoͤrnerne Hand, die ſie ſo kurz zu⸗ vor zuruͤckgeſtoßen hatte, liebkoste und ſchuͤttelte ſie, und rief:„Q., Prediger! da es mir ver⸗ ſagt iſt, euch meinen theuern Prediger zu nen⸗ nen, ſo brecht das Herz nicht, des euch anbe⸗ tet!“ Zum Gluͤck fuͤr Effie war Fugal in bitte⸗ res Nachdenken verſunken. „So 125 „So ſeyd denn ruhig, Weib, und ſteht auf,“ ſagte Gideon, ſeine Hand ſanft zuruͤckziehend. „Meine Beß Slattery!“ ſiotterte Fugal wie⸗ der! und ſeine weinbenebelten, halbgeſchloſſe⸗ nen, in der grauen Daͤmmerung funkelnden Augen, ſeine gewoͤlbte Naſe und hochrothe Ge⸗ ſichtsfarbe, und der kleine, gekraͤmpte, zuruͤck⸗ geſtoßene Hut auf ſeinem Kopf— alles zuſam⸗ men bildete ein vollkommenes Gemaͤlde von ei⸗ nm ruhmreichen, aufgeweckten, aber zornigen Kaballeriſten. 1 „Sagtet ihr, Frau Effie“— und er taumelte auf eine Seite—„ſchwarz war das Auge“— und es gelang ihm wieder, eine aufrechte Stel⸗ lung zu behaupten; allein er kaumelte nun eben ſo weit auf die andere Seite hin—„meiner Beß Slatterh?— Das teufelhafte Weib!“ fuhr er fort, im Selbſtgeſpraͤche vor ſich hinmur⸗ melnd—„liebte ihre Launen, ein Stadtleben und eine heiße Suppe! Die eingeſchrumpfte, ſteife, alte Metze, daß ſie ſich mit meiner Beß Slat⸗ terh vergleichen will!“ Gideon hatte zweimal ſeinen knotigen Stock aus Zorn emporgehoben, und ihn zweimal aus Kummer niedergeſenkt. Ueber den betrunkenen alten Suͤnder ſeufzend, und alle Hoffnung auf⸗ gebend, etwas aus ihm zu machen, fuͤhrte er die triefende und jezt reuige Effie in die naͤchſte Huͤtte, damit ſie ihre Kleider ktrocknen konnte. Hier wurde die trauernde Braut gelaſſen, waͤh⸗ rend ihr Gebieter forteilte, um, wie er ſagte, der Beß Slattery uͤber Berg und Thal nachzu⸗ Eliſ. v. Bruce. III. 4 rennen. Bei dieſer Aufſuchung erreichte er je⸗ doch ſeinen Zweck nicht, welche Abſicht er da⸗ bei haben mochte. Eben ſo ergieng es den Ge⸗ richtsdienern, die dieſe Landſtreicherin, unterſtuͤzt durch die ganze Huͤlfe und das ganze Anſehen des Herrn Hutchen, aufgeſucht hatten. Am folgenden Tag ſezten Herr und Frau Hali⸗ burton, mit getrockneten Buͤndeln und wieder er⸗ langter guter Laune, ihre Reiſe fort. Ausgenom⸗ men daß Effie, die nie zuvor die See geſehen, viel⸗ weniger ihre koſtbare Perſon dem treuloſen Ele⸗ mente anvertraut hatte, ſich noch mehr als Jenny Geddes dagegen ſtraͤubte, in das Fahrzeug zu treten, und, als ſie endlich an Bord war, ſich um Gideons Nacken waͤhrend der ganzen Usber⸗ fahrt ſo ſtark anklammerte, daß ſie ihn wirk⸗ lich der Gefahr der Erſtickung ausſezte, ereig⸗ nete ſich nichts auf der Reiſe, was in dieſer Geſchichte bemerkt zu werden verdiente. Das gluͤckliche Paar erreichte den Grasmarkt in Edinburg um fuͤnf Uhr am zweiten Tage— Effte ohne Zweifel nicht wenig beſchaͤdigt und zerſtoßen. Allein, ſtatt„ſich in ihrem eigenen Wirthohauſe guͤtlich zu thunz“ begab ſie ſich, da Gideon wichtige und dringende Geſchaͤfte hatte, nach Monkshaughs Wohnung, unter dem Schutze eines Kammerdieners, der ihr ihre zahl⸗ reichen Buͤndeln tragen half, und ſie durch die Furcht vor Beraubung oder Entweichung quälte, als er die Kruͤmmung des Cowgate raſch durch⸗ eilte. Herr Gideon hatte verſprochen, in einer Stunde wieder bei ihr zu ſeyn:— ſein Ge⸗ — 79 ſchaͤft war in der Neuſtadt mit ſeinem unbekann⸗ ten literariſchen Gegner. Langſam, und ſeine Stute fuͤhrend, ſchritt er das ſchlangenfoͤrmige Weſtbow hinauf, nicht aus Eitelkeit, ſondern in der Abſicht, Jenny ihren Theil zur Verthei⸗ digung ihrer Namensmutter dadurch beitragen zu laſſen, daß ſie in ihrem Haberſacke eine Menge großer und dicker Baͤnde trug, die ge⸗ ſtern weder die Preſſe verlaſſen hatten noch ge⸗ bunden worden waren, und die Gideon die„ge⸗ druckten Beweisſtuͤcke und Autoritaͤten“ nannte. — ——ÿʃꝛ;— Viertes Kapitel. Das Gaſtmahl. Monkshaugh war hoͤchſt erfreut uͤber die An⸗ kunft ſeiner fruͤhern Dienerin. Ihr langes, pitzes, ſchwarzblaues Geſicht erſchien ihm in der Einſamkeit ſeiner Verbannung wie ein Land⸗ ſchaftsgemaͤlde ſeines Geburtsorts, und verlieh ihm jenes Gefuͤhl individueller Wichtigkeit wie⸗ der, das er unter der Zerſtreuung neuer Auf⸗ tritte und Gegenſtaͤnde verloren hatte. Zu Monkshaugh wuͤrde er wahrſcheinlich in eben ſo vielen Jahren nicht ſo viel mit Frau Effie ge⸗ ſprochen haben, als in den Paar Stunden die⸗ ſes Abends, die ſie miteinander zubrachten. Ihres gegenſeitigen Gedanken⸗Austauſches war in der That kein Ende. Gideons Abweſenheit 4 6 76 wurde daher im Anfange des Abends wenig br⸗ merkt; als aber Monkshaugh, der noch immer unpaͤßlich war, ſich entfernt hatte, fieng Effie an, lange Weile zu fuͤhlen, und um zehn Uhr erreichten ihre Beſorgniſſe in Betreff der Sicher⸗ heit ihres Gideon den hoͤchſten Grad. Sie hatte Sorge dafuͤr getragen, daß ſie keine Urſache zur Furcht vor Straßen⸗Diebſtahl haben konnte; „denn,“ bemerkte ſie zu allen Zeiten kluͤglicher Weiſe,„was wuͤrde der Prediger mit Silber thun? Er wuͤrde es blos aus ſeiner Hoſentaſche verlieren.“ Ihre Scylla und Charybdis waren Beß Slattery und die Doctoren. Als die Glocke eilf Uhr ſchlug, fuͤhlte ſich Eliſabeth felbſt, da ſie die große Einfachheit des Herrn Gideon kannte, wegen ſeiner perſoͤnlichen Sicherheit nicht wenig beunruhigt; und waͤre Monkshaugh ein juͤngerer, oder ein anderer Mann geweſen, ſo wuͤrde ſie ihn ſicherlich her⸗ beigerufen haben, um eine augenblickliche Auf⸗ ſuchung des Predigers anzuordnen. Die Mitternacht kam herbei, und Effie ließ ſich kaum abhalten, in die Straßen zu rennen, um ihren Braͤutigam aufzuſuchen. Eliſabeth bat ſie, ruhig zu ſeyn, und ſagte, wenn Hr. Haliburton nach Verfluß einer andern halben Stunde noch nicht erſchienen ſey, ſo werde ſie den Laird ſicher⸗ lich aufwecken. Sie hatten nicht uͤber fuͤnf Mi⸗ nuten gewartet, als man die Raͤder eines Wa⸗ gens hoͤrte, und dann ſchnelle Tritte, und ein lautes froͤhliches Gelaͤchter, daß Gideon anzuge⸗ hoͤren und nicht anzugehoͤren ſchien. Beide Frauen⸗ Eliſabeth, ſobald ſie ſprechen konnte. zimmer eilten nach der Thuͤre, und der ehrwuͤr⸗ dige Herr erſchien ſelbſt, allein in einem Zu⸗ ſtande, in welchem weder Eliſabeth noch Effie ihn je zuvor geſehen hatten. Seine Geſichtsfarbe war vonteiner leichten Röthe uͤbergoſſen ſeine Peruͤcke ſaß ein wenig ſchief, ſeine Augen fun⸗ kelten, und ein unnennbarer Ausdruck milder und zweckloſer Freundlichkeit und Guͤte war uͤber ſein ganzes Geſicht verbreitet. Er brach, als er ſie erblickte, in ein unbezaͤhmbares Gelaͤch⸗ ter aus, und huͤpfte im Zimmer wie ein glaͤck⸗ liches und lebhaftes Kind umher, das in dem ſeligen Gefuͤhls ſeiner Froͤhlichkeit Jauchzt und ſpringt. 21 ni. emin, 1 8 5 „Der Herr ſey mit uns, was iſt mit Euch vorgegangen„fragte ihn Frau Haliburton. n „Mein theurer Herr, woher kommt Ihr?“ fragte Eliſabeih. „Ho! hol ho! Effie, Wribhe und Gideon gab ihr einen derben Schlag auf die Schulter⸗ Eliſabeih konnte unmoͤglich der Anſteckung ſeiner ausſchweifend luſtigen Laune widerſtehn, und ſtand, in reinem Mitgefuͤhle, lachend da, bis ihr die Thraͤnen. uͤber die Wangen herab⸗ rollten. Nicht ſo Frau Haliburton, die in ih⸗ rem Kummer ausrlef: zEr hat den Verſtand verloren! er hat den Verſtand verloren!— o glaubt ihr, er ſey naͤtriſch Lera⸗ fuͤgte ſie hinzu, indem ſie Gideon, der noch immer umherhuͤpfte, in's Auge faßte. 55 30 I2ſi 12 3. „Habt ihr euern Gegner getroffen?“ fragte 7³ „Ihn, getroffen, Fraͤulein Lisbeth! ich traf ſie alle, Herrn Delanch und alle. Wackere Bur⸗ ſche ſind es— wir feierten das große Sympo⸗ ſium, Maͤdchen!“ und immer noch ſchwebte er, mit ausgeſtreckten Armen,„in der ganzen Poeſie der Bewegung“ im Zimmer umher. „So ſezt Euch doch, ich bitte Euch, und er⸗ zaͤhlt uns, wie ihr die Nacht zubrachtet.“ „Die Nacht zubrachtet, Maͤdchen!— wir ſangen Maggy Lauder!“— und mit einer ſehr ertraͤglichen, rauhen, maͤnnlichen Stimme, und der Froͤhlichkeit und dem Enthuſiasmus, der die wahre Seele des geſellſchaftlichen Geſangs iſt, ſang Gideon, halb ſummend, eine lateiniſche Ueberſetzung dieſes beruͤhmten Lieds, und klatſchte, als Begleitung, mil den Fingern. 32 „Bravo!“ rief Eliſabeth,„ich wußte nie zu⸗ vor, mein Herr, wie gut ihr ſinget.“ ne „Singen, Maͤdchen!— ich ſelbſt wußte, bis dieſe Nacht, nicht, wo meine Hauptſtärke lag⸗ „Der gelehrte Herr Gideon Haliburton 1— dieß war der Ausdruck, Maͤdchen!“ 8 „Wollt ihr euer Bein nicht auf einen Stuhl niederbeugen!“ ſagte Effie, ihm durch das Zim⸗ mer oigend.. m 1 „Sitzen!— laßt uns lieber einen Flug un⸗ ternehmen, Maͤdchen,— uͤber die graue Spitze von Carnethy; dorte in dem luſtigen Mond⸗ lichte!— ſprecht, Effie, Maͤdchen, wolltet ihr lieber in den Waſſern des Friths ſchwimmen, der ganz Glanz iſt, und dem hellen jungfraͤuli⸗ chen Monde dort entgegen laͤchelt?— Ihr wuͤr⸗ 1 79 det ein Meerfraͤulein ſeyn, und ich an eurer Seite als ein Delphin, auf der Spitze einer Welle, herreiten— Hurrah, Effie! wir wer⸗ den Tamtallan niederlaͤrmen, und eine Bruͤcke zu dem Bass bauen, und durch den blauen Him⸗ mel fliegen, und den Sternen einen Puff geben, wenn ſie truͤbe und finſter leuchten, oder kuͤrrend auf den gruͤnen Huͤgeln liegen, Kelpie's Hoch⸗ zeitlied ſingend— „Auf, auf! ihr Geiſter alle, die am See, Im Meer, im Strom, im Waſſerfall ihr haust.“ „Wir wollen Janets Vertheidigung an die Hoͤrner des Monds aufhaͤngen, damit alle Enden der Welt ſie leſen koͤnnen.“ „O! O! ihr lieben Leute! was iſt an mei⸗ nen ſanftmuͤthigen Gideon gekommen,“ rief das beſtüͤrzte Weib, waͤhrend Gideon noch immer im Taumel ſeiner berauſchten Begeiſterung ſei⸗ nen ungereimten Vorſiellungen Luft machte. „Wir wollen uns hingbſtuͤrzen in die Hallen von Corallen, und wandeln in ſilbernen Grot⸗ ten— Effie, ihr liebt das Silber— und wie⸗ der herauf, uͤber die ſchimmernde Woge ſtrei⸗ fend, gleich der Schwinge des wilden Schwans, wenn die Stimme des froͤhlichen, ſproßenden Fruͤhlings ihn uͤber den Schaum nach ſeinem ei⸗ geſten bemoosten Norraway lockt. Hey, Maͤd⸗ chen! wollt ihr fliegen?“ und er flog noch im⸗ mer in der wildeſten Aufregung umher. „Er iſt gewiß toll!“ ſagte Elifabeth,“ allein ihr fortgeſeztes Gelaͤchter uͤber die Albernheit ſeiner luſtigen Laune zeigte, daß die Tollheit 80 nicht der Art war, daß ſie ihr ernſtliche Beſorg⸗ niß einfloͤßte. „O! glaubt ihr, er ſey wahnſinnig— toll— von ſeinen ſieben rechtmaͤßigen Sinnen— recht⸗ maͤßigen Sinnen?— o, liebe Leute!“ und Effie wandte ſich zu ihrem tollen Gebieter hin. —„Ich bin weder eine Seemoͤve, noch ein Meerfraͤulein, mein Liebſter; ich bin euer eige⸗ nes betruͤbtes Weib, Euphane Fechnie von Sour⸗ holes. Kennt ihr mich nicht, Gideon, mein Edelſtein?“. „Hey, Effie, mein huͤbſches Turteltaͤubchen!“ und er griff ihr auf eine ganz ſchelmiſche Art unter ihr langes, ſpitziges und gerunzeltes Kinn. „O’weh! oweh!— er nennt mich ſein huͤb⸗ ſches Turteltaͤubchen. Er huͤpft ſo toll umher, als je der alte Laird von Glowerowrum(den der junge Laird— Belle⸗vue nennt), der ſtets glaubte, er habe ein Kind zu gebaͤren;— und Niemand kann ſo wahnſinnig ſeyn, mich fuͤr ein Meermaͤdchen zu halten, oder Tamtallan nieder⸗ laͤrmen zu wollen, was Thomas der Reimer nie thun konnte. O weh! welch eine Pruͤfung fuͤr ein neuverheirathetes Weib!“ 4 „Vielleicht hat der Prediger ein wenig Wein genoſſen,“ ſagte Eliſabeth, um die ehelichen Schrecken der Frau Haliburton ein wenig zu mildern.“ Bei ſeiner auffallenden Enthaltſamkeit kann eine geringe Portion ihn ſtark angreifen. „Wein! koͤnnen die ſchelmiſchen Schurken den Zauberbecher an die Lippen eines Heiligen auf — —— 841 Erden, wie mein Gideon iſt, gehalten haben! o mein Edelſtein, Gideon, wollt ihr euch nicht fuͤhren laſſen, und in euer Bett gehen!“ S „Hey, Effie! Champagner— Falerner, Maͤd⸗ chen!— Interiore nota Falerni, Lisbeth! folvere præcordia virum— Wein, der des Menſchen Herz erfreut, ihr Maͤdchen. Ein großes Sym⸗ poſium!“ 6516. „O, meine Freunde! er ſpricht mit fremden Zungen!— zu viel Gelehrſamkeit hat ihn toll gemacht!“ rief Effie, waͤhrend Gideon, ſie ſcharf beaͤugelnd, ein neues Lied anſtimmte, und allein einen Rundgeſang fuͤr drei Stimmen, den er vor einer Stunde gelernt hatte, ſang, und zwar mit einer Begleitung ſonderbarer Geberden, und einem feierlichen Daumenknallen, ganz in einem Stiele, der„drei Seelen aus einem Weber“ haͤtte locken koͤnnen. „Er iſt toll, Leddy Lisbeth! er iſt ſo toll, als das baltiſche Meer 1 o meine Freunde! wenn die Seſſion zu Sourholes von dieſem Ungluͤcke Wind erhaͤlt, ſo wird er zu Grunde gerichtet, kaſſirt, abgeſezt, und ſeine arme Familie von Haus und Heerd vertrieben werden! Sprecht mit ihm, Leddy Lisbeth, meine Theure. War⸗ net ihn; er hoͤrt auf kein lebendes Weſen ſo ſehr, als auf euch.“ „Mein theurer Herr, ſezt euch nieder,“ ſagte Eliſabeth;„ſezt euch nieder, und ſagt uns, wo ihr geweſen ſeyd. Ihr ſeyd von der Tarantel geſtochen worden„ glaube ich.“— Tarantel,“ wiederholte Gideon, ſeinen Kopf 82 ſchuͤttelnd, und mit gedankenloſer kindiſcher Freude laͤchelnd.„Ihr ſeyd ein wohlgemuthes Maͤdchen— zey! wie viele ſind eurer? eine, zwei, drei, Leddy Lisbethis und vier Lichter. Nein! das iſt es nicht— zwei, drei, vier Lichter und drei huͤbſche Leddy Lisbethes, alle durcheinan⸗ der eilend und tanzend.— Allein ich bin ein trauriger Mann, Effie, dieſe Nacht, ein trauri⸗ ger Mannz ſo ſingt mir ein klaͤgliches Lied, Maͤdchen,— etwas trauriges, das mich weinen macht.”“ 44hen „Hoͤrte je ein Menſch von einem klugen Man⸗ ne, der einen Geſang wollte, der ihn zum Wei⸗ nen brächte?“ ſagte Efſie,„er iſt ganz wahn⸗ finnig 122G „Was fagt ihr da!“ rief Gideon, argwoͤhni⸗ ſche Blicke auf ſie werfend. Sein Geſicht ſchwoll vor Zorn auf, und nahm allmaͤhlig einen Aus⸗ druck betrunkener Feierlichkeit an; und in tiefem Tone fing er an, Efſie zu ermahnen—„Effie, ihr ſeyd betrunken— ich ſehe es— laͤugnet es nicht;“— und er reckte ſeinen Finger nach ihr aus—„ihr ſeyd wahnſinnig— eure Augen drehen ſich in euerm Kopfe umher, Weib.” „Ich betrunken, Prediger!“ rief Effie entruͤ⸗ ſtet und weinend uͤber die grauſame Beſchuldi⸗ gung. „Pfui, Weib! ein betrunkenes Weib iſt ſchlim⸗ mer, als ein Schwein. Ihr habt ein durſtiges⸗ aͤſternes Herz, Effie. Ihr trankt alles Bier in dem hoͤlzernen Trinkgefäͤße, dieſen Nachmit⸗ g in Lukie Scotts Wirthshaus in Cramond 83 Brig, aus Furcht, es moͤchte zu Grunde gehen, ſagtet ihr— aus Furcht, das arme Weib an der Thuͤre moͤchte einen Schluck davon erhalten! Es iſt in euer Hirn geſtiegen, Weib!, Effie, deren Unwillen auf das Höchſte geſtie⸗ gen war, wuͤrde jezt ſicherlich ein laules Ge⸗ ſchrei erhoben haben, haͤtte Etifabeth ſie nicht gebeten, ſich zu gedulden und zu ſchweigen. „Geht in euer Betl, Weib, wenn ich es euch befehle! fuͤgte Gideon in ernſtem Tone hinzu. Sara ehrte ihren Gemahl, und nannte ihn Herr. Ein Text,“ fuhr Gideon fort,„uber welchen die Commentatoren⸗⸗— 4 Ohne ihn ausreden zu laſſen, druͤckte ihm Efſie die Hand auf ſeinen weiten Mund, Und zog ihn ſo mit ſich fort; Gideon kolgte ihr die Treppe hinauf.„Es iſt alles gut,“ ſagte die zuruͤckgelaſſens Eliſabeth bei ſich, uͤber die wahn⸗ finnigen Wirkungen des Weins, ſelbſt auf ei⸗ nen ſo⸗ wahrhaft achtungswuͤrdigen Charakter, wie der ihres einfachen und ehrwuͤrdigen Lehrers 1 war, nachdenkend,„allein ich bin uͤberzeugt, daß ich Herrn Haliburton. nie wieder berauſcht. ſehen werde.“ Es war ein Anblick, den nie irgend jemand erkragen konnte. Gideon war ein Mann von ſtarken und erhabenen Grundſaͤtzen; ſein lezter Becher war geleert. Allein, wir eilen unſerer Erzählung voran. Herr Haliburton hatte einmal in dem Laufe ſeines langen Lebens⸗ ſeinen Kopf durch„„Lllt⸗ 3 Balwhirlie's ſtarkes Bier, das ihinn. irds et 64 aufgedrungen wurde, ziemlich betaͤubt gefuͤhlt; und von dieſer Stunde an hatte er kein ſtaͤrkeres Bier mehr getrunken, als Caſtleburner Zwei⸗ gfenning Bier,(drei Gexſtenkoͤrner zu einer Flaſche, ſagte Friſel), das ein Einſiedler, ohne eine wirkliche Uebertretung ſeines Geluͤbdes in Betreff der kriſtallenen Quelle, in reichlichem Maße haͤtte genießen koͤnnen. Wolf Grahame hatte ebenfalls, als ein Knabe von ſiebzehn Jah⸗ ren, ſeine ſonderbare Geiſtes⸗Abweſenheit be⸗ nuͤzt, um ihn ſo viel Portwein genießen zu laſſen, als er anſtaͤndigerweiſe vertragen konnte. Allein was waren dieſe Getraͤnke gegen den er⸗ heiternden Champagner, den Gideon bei dieſem Sympoſium, wie er es nannte, getrunken hatte, bis ſein Gehirn lauter Feuer war, und ſeine Augen„in ſchoͤnem Wahnſinn rollten.“ Den Einfluß dieſes bezaubernden Getraͤnkes auf Gi⸗ deon zu ſchildern, uͤberſteigt unſere Kraͤfte. Es war ſowohl poetiſche Begeiſterung, als muſita⸗ liſche Phantaſie⸗ Herr Haliburton ließ ſich jedoch, wie geſagt, endlich bewegen, zu Bette zu gehen, und ſeine hebſichtigten Fluͤge bis auf den naͤchſten Tag zu verſchieben. Als er am folgenden Tage auf⸗ wachte, ſtrahlte die Mittagsſonne in ſein Zim⸗ mer, und an ſeinem Bette ſtand Elfie, einem dienenden Engel gleich, mit einer Schaale von Eliſabeihs ſtarkem gruͤnen Thee. Die Vorfäͤlle der verfloſſenen Nacht kehrten in einem verwirr⸗ ten Traume von Schande, Thorheit und Un⸗ maͤßigkeit zuruͤck. Gideon zog die Vorhaͤnge 5⁵ um ſich her, und ſeufzte laut in der Betruͤbniß ſeines Herzens. Waͤre er ein Katholik geweſen, ſo wuͤrde er ſein Fleiſch gekreuzigt, oder ein Kloſter beſchenkt, oder eine Pilgerfahrt unter⸗ nommen haben. Er war ein Mann von zar⸗ tem Gewiſſen, reinen Sitten, und unbeſtecktem Namen; und ſeine tiefe Angſt und Zerknirſchung uͤberſtieg wahrſcheinlich das Maaß ſeines Irr⸗ thums weit. Nachdem der erſte Sturm ſeiner Gefuͤhle ſich gelegt hatte, ertrug er Effie's zaͤrt⸗ liche Liebkoſungen demuͤthig und geduldig, und machte ſogar zu ihrer ehlichen und liebenden Verzeihung, die tauſend und tauſendmal wieder⸗ holt wurde, und ſicherlich an und fuͤr ſich ſelbſt Strafe genug war, gute Miene. Es war Abend, als er ſein Schlafzimmer ver⸗ ließ.— Er hatte noch nicht gefruͤhſtuͤckt. Seine eingeſchrumpften Lippen, leichenartige Geſichts⸗ farbe, und plumpen Geſichtszuͤge, in einen reuevollen und ſelbſt ſpaßhaften Ausdruck von Schaam und Verzweiflung aufgeloͤst und ver⸗ laͤngert, bildeten einen ſonderbaren Abſtich zu der ausgelaſſenen Munterkeit des ganzen Mannes in der verfloſſenen Nacht. Seine reuevolle Ge⸗ ſichtsbildung daͤmpfte ploͤtzlich das Feuer des impromptu à loisir, das Monkshaugh den Tag uͤber kichernd ausgebruͤtet hatte, und mit dem er die Erſcheinung des abtruͤnnigen Heiligen von Sourholes zu begruͤßen gedachte. So lange Monkshaugh in dem Sprechzim⸗ mer blieb, ſprach Gideon kein Wort; als er aber bei ſeiner Freundin Eliſabeth und ſeiner zaͤrt⸗ ————————— —,——— 86. lichen, bekuͤmmerten Effie allein gelaſſen war, entlockte ihm ihre zarte Nachforſchung folgende Thatſachen. Als Gideon die Wohnung erreichte, die er, wahrſcheinlich durch einen Irrthum ſeines abwe⸗ ſenden Geiſtes, fuͤr die ſeines Gegners hielt, ent⸗ deckte ein durch Jaluſien flammendes helles Feuer, und das Innere eines gemaͤchlichen und huͤbſchen Gemachs, das mit Teppichen und Vorhaͤngen verſehen, und auf drei Seiten mit gut gefuͤllten Buͤcherſchraͤnken beſezt war. Ein ſchoͤn gedeck⸗ ter Speiſetiſch zeigte, daß drei Perſonen erwar⸗ tet wurden, um an den Freuden des bevorſte⸗ henden Schmauſes Theil zu nehmen. Der Diener, der auf Gideons baͤueriſche und linkiſche Rachfrage nach ſeinem Herrn die Thuͤre offnete, ſagte, ſein Herr ſey beſchaͤftigt; allein ein junger Herr, der ſich aus einer innern Thuͤre naͤherte, lud den Prediger ein, herein⸗ zutreten; und da er in Verlegenheit ſchien, wie er uͤber Jenny's Halfter verfuͤgen ſollte, ſo be⸗ fahl er dem Bedienten, den Zuͤgel des Herrn zu halten. „ Ich bin Gideon Haliburton,“ ſagte ich, Lis⸗ beth,„von den Sourholes, in dem Kirchſpiele St. Serf, oder St. Servanus, und kein Gent⸗ leman nach dem Rufe dieſer Welt; aber wenn ihr wirklich das Werk verfaßt habt, fuͤr deſſen Verfaſſer man euch ausgiebt, ſo verlange ich eine augenblickliche Unterredung mit euch. Und ich oͤffnete den Sack mit den gedruckten Autori⸗ taͤten und Beweisſtuͤcken, und fagte meine Bot⸗ * 37 ſchaft, ohne Scheu vor dem Angeſichte des Sohnes des Staubs’z..... 5 „Lisbeth, ſind die Kinder dieſer Welt weiſer in ihrer Generation, als die Kinder des Lichts — oder bin ich ein großſprecheriſcher, ſich ſelbſt taͤuſchender, Suͤnder?....... 1 „Habe iich das Glaͤck,“ ſagte er,„unter mei⸗ nem Dache den gelehrten Herrn Gideon Hali⸗ burton zu ſehen, der mehr Hebraͤiſch und Grie⸗ chiſch unter ſeiner Peruͤcke traͤgt, als die ganze Soynode? Und auf einen Wink wurde ein an⸗ derer Teller an das Ende des Tiſches geſezt, und zwei andere junge Herrn und Delancy ka⸗ men herein. Wie konnte ich laͤugnen, Lisbeth, daß ich Gideon Haliburton war; und ich bin gewiß, ich kenne keinen andern dieſes Namens. „Ich mache keinen Anſpruch auf weltliche Kenntniſſe,“ ſagte ich, als ein einfacher, pro⸗ teſtantiſcher, chriſtlicher Mann, habe ich den Harniſch der Wahrheit in der Sache einer Per⸗ ſon angelegt, die, obſchon weder Koͤnigin noch Graͤfin, oder von hoher Abkunft, eine Mutter in unſrem reformirten Ifrael war— ja, der Fannet Geddes vom Kirchſpiele St. Giles, fuͤr deren guten Namen ich gegen alle Uebelgeſinnten und Verlaͤumder, welches auch ihr Stand ſeyn mag, aufſtehen werde, gleich einer erzenen Mauer.. 33 „Einer von den jungen Leuten ſprach einige Worte daruͤber, daß Jenny gluͤcklich ſey, einen ſo tapfern Ritter gefunden zu haben, um fur ſie zu kaͤmpfen— denn ein fleiſchlicher Menſch 66) fuͤhrt ſtets fleiſchliche Reden, Lisbeth— und damit nahm er meine wollenen Klapphande ſchuhe.= „Gott Fewahte micß— und er ba ſeine nagel⸗ neuen Handſchuhe verloren!“ rief Effie,“ die, ſo lange er lebte, eine Ehre fuͤr ihn geweſen ſehn wuͤrden. Lady Harit, ſtrickte iſie mit ihren eigenen Handenee —„und ſagte, es ſey das Unterpfand ſeines Zweikampfs; und ſein Freund koͤnne nicht um⸗ hin, es anzunehmen,“ fuhr Gideon fort. „Der Gegner hat einen weit geſezteren und verſtaͤndigeren Charakter, und er bewog mich, ich mochte nun wollen oder nicht, mich an ſei⸗ nen Tiſch zu ſetzen;„denn,“ ſagte er,„es iſt nicht gut ſprechen zwiſchen einem vollen Mann und einem hungernden, und ich werde meine Kraͤfte ſtaͤrken muͤſſen, ehe ich mit dem gelehr⸗ ten Gideon Haliburton handgemein werde.“ Ich bin ein geborner Ignorant⸗ dieß iſt kein Zweifel, Effie.“ „Die Speiſen waren ſchmackhaft und verfuͤh⸗ reriſch,“ fuhr Gideon fort,„und ſo ſezte ich mich nieder, Lisbeth. Der Gegner hat das froͤhliche Auge und die ſanfte Antwort, die den Zorn ablenkt— ich geſtehe dieß— ein gewiſ⸗ ſer Zauber umgiebt dieſen Mann; ich kam gleich Balam, um zu fluchen, und ſiehe! ich kehrte zuruͤck! 1— aber ihr ſollt hoͤren. Ich war nach einem langen Ritte und der Seeluft etwas hung⸗ rig, und zu meiner Schande geſtehe ich, daß ich nach den Erquickungen, die auf dieſem Ti⸗ ſche ihre Wohlgeriche ausſendeten,[das heißeſte Verlangen trug, wie dieß bei einem hungrigen Manne ſtets der Fall ſeyn wird.— Es war ein Advokat mit einer Zunge da, die eine Lerche aus der blauen Wolke gelockt haben wuͤrde, und einen dritten naunten ſie***, der in reiner Freude und Froͤhlichkeit zwei Roſenkuoſpen, die als Zwillinge auf einem Stiele bluͤhen, haͤtte be⸗ wegen koͤnnen, miteinander zu ſtreiten. So mußte ich ein Glas Wein mit dieſem und ein Glas mit jenem trinken, bis der Tiſch leer war; und dann kam dieſes klaſſiſche Griechiſch, und jenes klaſſiſche Latein, alles, um die Meinung des gelehrten Herrn Gideon Haliburton zu ver⸗ nehmen, ohne Zweifel“— Gideon ſchaͤttelte ſein trauriges Haupt—„haltet mich faͤr einen Eſel⸗ Lisbeth— wohl wußten ſie alles, was ſie frag⸗ ten, weit beſſer, als ich es ihnen ſagen konnte. Vollkommene Schoͤnheiten von Buͤchern auch— Elzivers und Aldurs, Wunder der Typogra⸗ phie; und ſtets hielt einer von ihnen das klin⸗ gende Glas mit jenemn Teufels⸗Elixir empor.— Allein, warum ſollte ich, Suͤnder, der ſich ſelbſt betruͤgt, den Tadel meiner Thorheit auf die Geſchoͤpfe einer guͤtigen Vorſicht werfen, und mein eigenes thoͤrichtes Haupt und meine luͤſter⸗ nen Begierden ſchonen? Ich war von Stolz und eitler Nuhmſucht aufgeblaſen, Lisbeth— ich bedurfte eines Stichs von den Dornen des Ungluͤcks, die den Wind aus mir herausließen. Ich hielt mich fuͤr tauglich, in Abrahams Schoos zu ſitzen, waͤhrend ich mich noch in Delila's Schooſe waͤlzte!“— 3 90 —„Ey, rettet uns, Prediger!“ rief die beſcheidene Effie aus. 3 —„Laßt mich demuͤtbig und dankbar ſeyn, wenn ich Nutzen aus meinem Falle ziehen kann. Wie das Gelag voruͤber ging, kann ich nicht errathen. Ich glaubte alte Erzaͤhlungen und alte Reime zu hoͤren, und St. Andreas Kuͤchen⸗ Latein; und dann, glaube ich, trank einer von den jungen Purſchen die Geſundheit der Frau Hgaliburton, und ſezte mich auf einen Stuhl.“ „Sie waren gewiß ſehr hoͤflich und guͤtig,“ ſagte Effie.“ 1 „Allein mein Kopf ſing an zu ſummen, wie ein Bienenſchwarm an einem ſonnigen Junius⸗ Tage; ich glaube, ich gab das Verſprechen, Edinburg nie zu beſuchen, ohne mit ihnen zu ſpeiſen, und wenn ich je Jenny verkaufe, einen von ihnen das erſte Angebot machen zu laſſen. Sie hatten von Delanoy gehoͤrt, daß dieß meine Flitterwoche ſey, und wie ich das Weib an den Furten des Orans habe fallen laſſen; ſie mie⸗ theten daher einen Wagen, indem ſie ſagten, ſie koͤnnen mich nicht laͤnger von meinem lun⸗ gen Weibe entfernt halten.“ Ai s „Nun, das war ſeyr vernuͤnftig.— Ich bin ihnen ſicherlich verpflichtet,“ ſagte Effie, und Gideon ſeufzte und fuhr fort,—„und gelobten mir alle noͤthigen Dienſte in Betreff des correkten Drucks der Vertheidigung Jannets.— Das iſt immer noch das Werk eines chriſtlichen Kampfhelden, Lisbeth; allein es gehoͤrt nicht mehr mein. Die muͤſſen reinere Haͤnde, und 91 einen feſtern Geiſt haben, welche ein ſolches Geſchaͤft wagen. Ich verbrannte die Vertheidi⸗ gung als die erſten Fruͤchte meiner aufrichtigen Reue.“ 3 „Wirklich! Prediger? Eure Haͤnde ſich ſtets raſch zum Handeln.“ 1 nt „Ich tadle diejenigen, in deren Geſellſchaft ihr geriethet,“ ſagte Eliſabeth;„und ich glaube, ihr muͤßt in einem gaͤnzlichen Irrthume hinſicht⸗ lich derer, die ihr trafet, begriffen geweſen ſeyn.“ 6 18 29 „Nein, nein, Lisbeth! ſie waren artigez gut⸗ mäͤthige junge Herrn, ſehr witzig und große Gelehrte. Ich ſchaͤme mich, auf ſolche Art un⸗ ter ihnen geweſen zu ſeyn. Doch warum ſollte die Sache der Wahrheit wegen der Schwaͤche der Wuͤrmer, die ihr anhaͤngen, leiden!“ „Ihr richtet euch zu ſtrenge,“ ſägte Eliſabeth. „Ihr konntet die Staͤrke des berauſchenden Ge⸗ traänks, das euch in einem ſo reichlichen Maße aufgedrungen wurde, nicht kennen. „Jisbeth von Bruce, laßt eure ſanfte Zunge kein Buͤndniß mit dem trugbollen Herzen ſchlie⸗ Ben, um ſowohl euch ſelbſt, als mich zu taͤu⸗ ſchen. Ich haͤtte es wiſſen ſollen, und was mehr iſt, ich wußte, was ich that— wenig⸗ ſtens anfangs. Ich ſuchte mich ſelbſt auf den Glanben zu bringen, daß es, wie einer von ihnen ſagte, ſchwaches Bier war, was in ihren kroſtallenen Bechern funkelte; allein ich wurde durch den Zauber der Schaale gelockt, und ich ſuchte mein Gewiſſen durch Getraͤnke zu erſti⸗ 92 cken. Ich bin uͤberzeugt, wenn ich ihren Wein wie unſer eigenes Caͤſtelburner Getraͤnk geglaubt haͤtte, wuͤrde ich nicht ſo viel zu mir genommen haben.“ S5 Eliſabeth konnte nicht umbin, uͤber dieſe ſeltene Aufrichtigkeit zu laͤcheln. 9 „Es gelüſtete mich, ein berauſchendes Getraͤnk zu genießen, das mir das Paradies eines Nar⸗ ren oͤffnete; und ich nahm meine Zuflucht zu Luͤgen, als zu einer Entſchuldigung der Be⸗ rauſchung, bis ſowohl Verſtand als Anſtand Schifforuch litten. Woͤhl wird die Trunkenheit eine brevis insanis genannte Neinl nein brich begieng die Suͤnde wiſſentlich, laßt es mich zu meiner Schande offen geſtehen.„Wehe den Trunkenbolden von Ephraim.“„Heulet, ihr Weinſaͤufer,“ und ich wuͤrde mich dieſe Nacht vor meinem Volke laut als einen Weintrinker und als einen Mann bekennen, der dem Schmauße, eitlem Scherze und gottloſen Liedern ergeben iſt⸗ und Davids Geſaͤnge vergißt, wenn ich nicht befuͤrchtete, daß mein Fall ein Stein des An⸗ ſtoßes werden, oder daß durch mich Schimpf und Tadel auf die zerſtreuten Ueberbleibſel des Volks des Herrn, unter welchem ich ein un⸗ wuͤrdiger Arbeiter bin, kommen moͤchte.“ „Der Arbeiter iſt ſeines Lohnes werth,“ ſagte, Effie.„„Dassiſt geſunde orthodope Gottes⸗Ge⸗ lahrtheit. Eine Schwalbe macht keinen Som⸗ mer; und wirklich, Prediger, mein Edelſtein, iyr werdet ſo etwas nicht thun. Der boͤſe Feind hat Gewalt uͤber euch erlangt, als ihr 9⁵ euer Weib verließet, und dieß iſt, vordem, man⸗ chem klugen Prediger begegnet. Haͤttet ihr bloß seinen Schluck gutes braunes Bier getrunken, ein nuͤchternes Gekraͤnk, gegen das in der Schrift nichts geſagt iſt.— 19 „„Still, Weih!“ unterbrach ſie Gideon.„Des Menſchen toͤdtlicher Feind lauert in ſeiner ei⸗ genen Bruſt. Hier liegt die Legion verſteckt, die fuͤr ſeine Seele gefährlicher iſt, als fuͤnfzig wuͤthende Taufel, die feurig heiß von der Holle herauf kommen!“ 681 A b „Nun, Prediger, ich glaubte ſtets, daß, wenn ein Heiliger, wie ihr, uͤbermannt wurde, dieß durchaus das Werk des boͤſen Feindes war.“ Gideon ſeufzte und runzelte die Stirne; Effie aber fuhr fort—„mancher gottſelige Geiſtliche iſt vordem ein Thor geweſen— ja, heilige Kirchen⸗Aelteſten, David ſelbſt gerieth zuweilen in Fackſtricke— der Mann nach.“— 1 „Ihr ſprecht wie eines von den thdrichten Weibern,“ ſagte Gideon ernſt, ſeine Stirne runzelnd.„Wenn ihr von Davids Suͤnden ſprecht, ſo denkt an Davids Reue.“ Er wuͤr⸗ digte ſeine kluge Ehehaͤlfte keiner weitern Auf⸗ merkſamkeit, ſondern wandte ſich an Eliſabeth mit derſelben Miene ernſtlicher Feierlichkeit, und ſagte:„Eliſabeth von Bruce, ihr ſeyd jung; und wenn das Wort„unſchuldig“ auf ein ge⸗ fallenes Geſchoͤpf angewendet werden kann, ſo ſeyd ihr unſchuldig in Betreff großer, wirklicher Uebertretungen, auch iſt es nicht wahrſcheinlich, daß ihr in dieſe Schlinge des Weins und des 94 Schmauſes fallen werdet; allein der boͤſe Feind wirft ſeine bekoͤderten Angeln auf viele liſtige Arten auf jede Gattung von Beute aus. So aufmerkſam und wachſam ihr auch ſeyn moͤgt, ſo koͤnnt doch auch ihr ſtraucheln; huͤtet euch euch daher, mit euerm Gewiſſen zu taͤndeln. Bewahrt die Jungfrauſchaft des Gewiſſens. Sucht nicht zu glauben, daß euer Boͤſes gut ſey, ſelbſt waͤhrend die hinterliſtige Macht deſſel⸗ ben euch uͤberwaͤltigt; noch daß eure Finſterniß Licht ſey, ſelbſt waͤhrend euer beunruhigter Geiſt in ſeinem ſinſterſten Schatten umhertappt. Die Heuchlerin Effie moͤchte gern den Teufel zu ih⸗ rem Suͤndenbock machen. Alles iſt gut, wenn der boͤſe Feind die Buͤrde traͤgt!“ Mit dieſen Worten entfernte er ſich aus dem Zimmer. Eliſabeth erinnerte ſich, daß Delancy, der viel⸗ leicht kein tiefer Theolog, obſchon ein Zoͤgling der Univerſttät Oxrford war, einmal geſagt hatte, Herr Haliburton ſey der erſte Methodiſt, den er je geſehen habe, der ſo ehrlich und großmuͤ⸗ thig ſey, dem Teufel ſein Recht widerfahren zu laſſen. SGiiddeon wuͤrde den Namen eines Methodiſten verſchmaͤht haben; allein er verdiente um dieſe Zeit Delancy's Lob, wegen der Aufrichtigkeit, mit der er Eliſabeths guͤnſtige Auslegung ſeines Falls, und Effie's bequeme Art, die Heiligen frei zu ſprechen, zuruͤckwies. 95 Fn ſt es K a. t e I. Die Bibliothek. An dem dritten Tage ihres Beſuchs verlie⸗ ßen Monkshaughs Gaͤſte, nach einem fruͤhen Mittageſſen, deſſen Zimmer, um Merkwuͤrdig⸗ keiten zu ſehen. Hinſichtlich dieſes Vorhabens durfte Gideon, ſo ſehr er auch im Geheimen daruͤber murren mochte, ſeiner Lady nicht wider⸗ ſprechen; denn er war noch in Sack und Aſche wegen ſeines bekannten Fehltritts. Unter den vielen Merkwuͤrdigkeiten, welche Effie zu ſehen wuͤnſchte, ſtand„die ſteinerne Statute des Koͤ⸗ nigs Carl,“ wie ſie ſich ausdruͤckte, oben an. Friſel hatte ſie tauſendmal verſichert, daß der Koͤnig von ſeinem Pferde herabſpringe, ſobald die Glocke von St. Giles zwei lihr ſchlage; ſie zog daher ihren Prediger in eiliger Haſt das Canongate hinauf, damit ſie nicht zu ſpaͤt kom⸗ men moͤchten, und um halb zwei Uhr nahm der betruͤbte Gideon ſeine Stellung an ihrer Seite, neben H H. Bell und Bradfute's Laden⸗ fenſter. Nachdem er hier eine Viertelſtunde lang Buße gethan hatte, ſuchte Gideon nochmals ſeine Vor⸗ ſtellungen gegen Friſels Behauptung, hinſicht⸗ lich der Statue, vorzubringen. „Es iſt ganz gegen die natuͤrliche Vernunft, Efſie, mein Weib,“ ſagte er,„daß ein ſtei⸗ nernes Bild oder eine Statue huͤpfen kann; 96 kommt mit mir jezt, und ich will euch das Grab der heiligen Maͤrtyrer zeigen.“ Allein Frau Haliburton wußte die Sache beſ⸗ ſer; und Gideon ſeufzte, gab aber nach und ſagte bloß:„Ihr habt eine klarere geiſtige, als fleiſchliche Unterſcheidungsgabe. Efſie, mein Weib; ihr verſtandet ſtets, wie ihr ſaget, die tiefſte meiner Predigten,— wollt ihr mir nicht in einer einfachen, vernuͤnftigen Rede glauben! — und dort, ſo wahr ich ein lebender Suͤnder bint iſt Herr Delancy, und der junge ruͤſtige Mann, der mich in jener finſtern Nacht glau⸗ zwiſchen Prieſter Johann und Alexander in der Naͤhe der Saͤulen des Herkules! Er iſt kein großer Held in ſeiner Latinitat, oder ſtellt ſich wenigſtens ſo, allein man braucht kein großer Chronolog zu ſeyn, um ſich an dieſe Nacht zu erinnern.“ 3 Gideon errdͤthete bis an die Ohren, als die jungen Maͤnner ſich Arm in Arm naͤherten, und wandte ihnen den Ruͤcken zu, unter dem Scheink, die Titelblaͤtter, die an dem Ladenfenſter, an welchem er ſtand, zu ſehen waren, zu ſtudiren. —„Ich wuͤrde eben ſo gerne den großen, ſchwarzen Teufel ſehen,“ war ſein ſuͤndhafter Gedanke. Allein es war kein Entkommen. Die jungen Leute gruͤßten ihn freimuͤthig und herz⸗ lich, und ſtatteten der Frau Haliburton ihre Ehrfurchtsbezeugungen ab. 3 Nach einem kurzen erlaͤuternden Geſpraͤche uͤber die Statue des Koͤnigs Carl, machte der junge — ben machen wollte, Tacitus berichte eine Schlacht 97 junge Rechtsgelehrte den Vorſchlag, Frau Ha⸗ liburton unſere Bibliothek zu zeigen. Fuͤr Gi⸗ deon war die unterirdiſche Bibliothek des Advo⸗ katen ein Feenland voll bezaubernder Wunder. Nachdem Effie bemerkt hatte, daß die Seſſel keine großen Dinge, und der Fußteppich das identiſche Muſter von dem zweitaͤlteſten Teppich in Monkshaughs Zimmer war, uͤberließ ſie die Herrn ihrem gelehrten Geſpraͤche und nahm ihre Stellung aneinem Fenſter, das die Ausſicht auf einige von den Labyrinthen, finſtern Wen⸗ deitreppen, ſteilen Straßen, und andern verwor⸗ renen Zugaͤngen zu dem Sitze der Gelehrſamkeit und des Geſetzes gewaͤhrte, Unter andern von da aus bemerkbaren Gegenſtaͤnden war das durch eine Reihe von Schornſteinen geſehene kleine Fenſter des Zimmers, das Gideon vor zwanzig Fahren von Frau Metcalf, der Wehemutter, um 2½ Pfennige die Woche gemiethet hatte. Dieß wurde Effie in ehlicher Sympathie gezeigt. Ihre ſtaunenden Ausrufe bei allem, was be ſah, vermiſchten ſich von Zeit zu Zeit mit der Unter⸗ haltung der Herrn, ohne ſie jedoch zu ſtoͤren. Waͤhrend die Geſellſchaft auf dieſe Art be⸗ ſchaͤftigt war, trat die alte Wittwe Lady Tam⸗ tallan, begleitet von Herr Daͤlrymple und eini⸗ gen wohlbekannten Juriſten jener Zeit, in die Bibliothek. Sie kamen von einem Beſuche in dem benachbarten Gerichtshofe, und die Dame war augenſcheinlich ingeiner wuͤthenden, leiden⸗ ſchaftlichen Aufregung. „Wo gibt es noch Geſetz oder Gerechtigkeit 5 Eliſ. v. Bruce. 98 in Schottland!“ rief ſie aus;„wenn Schottland einen eigenen Koͤnig oder ein eigenes Parlament haͤtte, wer wuͤrde ſeine Stirne erhoben, und das Haus Bruce auf eine ſolche Art behandelt ha⸗ ben? Habe ich euch nicht die Verraͤtherei des verdammten Schurken unter ſeiner eigenen Hand und Siegel gezeigt?— Seine Verraͤtherei gegen ihn, der ihn zu dem gemacht hat, was er iſt! den er wahnſinnig gemacht und wahnſinnig er⸗ halten hat, und den er jezt blos verſtaͤndig ma⸗ chen moͤchte, um alle diejenigen wahnſinnig zu machen, die je ſeinen Namen fuͤhrten.. „Meine theure Lady, niemand weiß beſſer als Sie, daß Lord von Bruce nur nach dem regelmaͤßigen Gange des Geſetzes einer andern Aufſicht uͤbergeben werden kann. Die Schnel⸗ ligkeit Ihrer Einmiſchung, die ihrem Verſtande wie ihrem Gefuͤhle ſo ſehr zur Ehre gereiht, und die gluͤckliche Entdeckung jener Papiere wird den Nichter in den Stand ſetzen—“ „Blaß't mir nichts in die Ohren, Andreas „Dalrymple,“ ſagte die Dame, etwas beſaͤnftigt; „und ſagt mir nichts von euern Nichtern. Fanf alte Weiber in blauen Roͤcken wuͤrden beſſer richten, als das ganze Gericht in Scharlach und Hermelin. Gute Ausſichten auf die Zukunft hat wahrlich Schottland, wenn auf das Wort und die Beweiſe der Grizel von Bruce hin ein Schurke nicht ſogleich den verdienten Lohn erhaͤlt. Was ſtaunt ihr ſo, ehrlicher Munn?“— und ſie wandte ſich an Gideon:„ſaht ihr nie zuvor ein altes Weib in einer Leidenſchaft?“... ₰ 99 „Sicherlich,“ ſtammelte Gideon.„Ich— 0½— 8 1 83 1 SA „Ihr ſaht nie eine, die ſtaͤrkere Gruͤnde dazu hatte,“ fuhr die Dame fort.—„Herr Andreas Dalrymple, fuͤhren Sie mich zu meinem Wagen. Ich ſchuͤttle den Staub von meinen Fuͤßen ab und ſpotte eurer Gerichtshoͤfe, eurer aͤußern, wie eu⸗ rer innern. Ich ſchreibe Ichabod auf eure Thuͤrpfoſten— ich mag es auch auf meine eigenen ſchreiben. Von dem Hauſe meines Va⸗ ters iſt der Ruhm geflohen!“ „Gerade ſo, meine Lady!“ rief Jakobina, hereinſtuͤrzend.„Gerade ſo!— das Lamm wurde getoͤdtet, und der Buͤſchel von Yſopen iſt in das Blut getaucht, und die Schwellen und Thuͤrpfo⸗ ſten befleckt worden. Zog der Engel der Zerſto⸗ rung wegen alles deſſen voruͤber?— Wurden die Erſtgebornen verſchont?— Nein! nein! Zuerſt das Kind des Armen, und dann der vornehme Balg. Das Schickſal muß ſeinen Gang haben. Die Suͤnde wird ihren Lohn mit ſich bringen!“ Ein tiefes Stillſchweigen folgte auf dieſes wahnſinnige Gefaſel, das die alte Dame zuerſt brach, indem ſie ſagte:„Ihr ſeyd wahnſinnig, Weib Ich wuͤnſchte, John von Bruce waͤre ſo gluͤcklich, als unſchuldig. Ich war ein Vieh in meinen Gedanken von ihm— mein beleidigter, mein edler Verwandter!“ ſie zitterte, als ſie den Arm des Herrn Dalrymple annahm und ſich entfernte.. Frau Haliburton war waͤhrend dieſes kurzen 100 Auftritts wie verſteinert, und Gideon ging von ſeinem Erſtaunen uͤber das kuͤhne raſende Weib in einen Zuſtand tiefer Theilnahme uͤber, als er den Namen des Lord von Bruce nennen hoͤrte. Jakobina erholte ſich zuerſt und ſagte, ihren Kopf in die Hoͤhe richtend.„Ich bin eben ſo gut in dem innern Hauſe bekannt, als Sie. Harry geht nie an mir voruͤber, ohne einen kurzen Wettkampf von Scherz und Hohn zwiſchen uns. Gewiß, wir erhalten den Ball in der Hoͤhe.— Er beharrt darauf, Brautfuͤhrer bei meiner Hoch⸗ zeit zu ſeyn, allein, Gideon, ich ſagte ihm frei heraus, daß dieß aus Familiengruͤnden nicht ſeyn könne, mag er es nun uͤbel nehmen oder nicht. Ich ſtand auf dem beſten Fuße mit Lord Gardenſtone, allein alt †*TT meine Freun⸗ de, war blos ein grober Hund— fuͤr den Mann einer Dame. Ich war, wie ihr wißt, gezwun⸗ gen, die Bekanntſchaft aufzugeben. Die jungen Herrn waren nicht weniger er⸗ goͤzt, als Efſie beleidigt ſchien durch den ver⸗ trauten Ton der Jakobina, die Delanch wieder auf den Gegenſtand des ermordeten Kindes azu leiten ſuchte. Sie murmelte vor ſich hin.„Des armen Weides Kind.— Warum, Effie Fech⸗ nie, ſollten wir nicht ein Kind, einen maͤnnlichen Erben, ſo guͤt haben, als irgend eine Dame im Landel-“: , Ihr koͤnnt ein Dutzend haben, was bekuͤm⸗ mere ich mich darum.“ „O weh!“ ſeufzte Jakobina, von einem plotz⸗ lichen Gefuͤhle angewandelt,„alles das muß eine 101 Zeitlang ertragen werden. Und Monkshaugh iſt nicht der Gatte, auf den ich mein Auge ge⸗ worfen hatte;“ und ſie fing mit klaͤglicher Stim⸗ me an, ein altes Lied zu ſingen.„Wenn ſie,“ ſagte ſie, als ſie ihren Geſang geendet hatte, „mir das Kind gelaſſen haͤtten,— wenn Bruce's Braut ihr Maͤdchen haͤtte,— wenn die Flam⸗ men nicht verzehrt haͤtten, was das Schwert und der Giftbecher verſchonten, ſo wuͤrden wir beide ſtolze Muͤtter geweſen ſeyn.— Allein ich wurde von der Thuͤre meines eigenen Gemahls zuruͤckgewieſen, als ich ihm ſagen wollte, daß ich das Geſpenſt unſers Verwandten, des Lord von Bruce, geſtern auf den Huͤgeln geſehen haber. erRlmhden Hugen 34 Gideon und Delancy wechſelten einverſtan⸗ dene Blicke. Der leztere hatte gute Gruͤnde, zu glauben, daß der ungluͤckliche Edelmann jezt in Schottland war, daß man in Monkshaugh Anſtalt traf, ihn und ſeinen Arzt zu empfangen, und daß ſein Zuſtand, wenn er einmal dahin kam, hoffnungslos war. „Und iſt Monkshaugh nicht ſo guͤtig gegen euch, als er ſeyn ſollte, Jacky, meine artige Dame,“ ſagte Gideon, der ſie zu beſaͤnftigen ſuchte.—„Und ihr ſaht euern edeln Verwand⸗ ten.“ 1 „Gewiß nicht Gideon— er iſt keineswegs guͤtig.“ Sie wurde außerſt gefuͤhlvoll und ſang wieder.“— Delancy beendigte eine Unterhaltung, die er abſeits mit Gideon gefuͤhrt hatte, und fragte mit 102 einer einſchmeichelnden freundlichen Miene, die Jakobina in Entzuͤcken verſezte, ob ſie einen Spaziergang mit ihnen nach dem Orte machen wolle, wo ſie das Geſpenſt ihres edeln Ver⸗ wandten geſehen habe. Allein ungluͤcklicherweiſe bot er ihr Geld an; ploͤtzlich veraͤnderte ſich ihre Gemuͤthsſtimmung, und ſie rief in wahn⸗ ſinniger Haſt aus 4 „Ich will kein Gold haben! ich werde kein Gold beruͤhren! Mangel an Gold und Durſt nach Gold, und der Krebs des Goldes, haben finſtres Weh uͤber mich verhaͤngt. Wird Gold geſunden Schlaf bringen? Wird Gold das Le⸗ bensblut hemmen? Wird Gold den ehrlichen Na⸗ men zuruͤckkaufen? Wird Gold die nieſterbende Seele erldſen!“ und wieder ſang ſie in unge⸗ ſtuͤmmem Tone.— 8 Verruchtes Weib! der Himmel iſt hoch, GSanz allein und allein, O! und dieß iſt der Ort, dem ihr nimmer naht, Bei der grünen Waide dort, 9! Denn ſie zog ihr kleines Meſſer hervor, Ganz allein und allein, O! Und nahm dem Knäblein das Leben, Bei der grünen Waide dort, O! Verruchtes Weib, die Hölle iſt tief.“— „Allein das war des Kaufmanns Tochter von York, ihr wißt es, Gideon! die ſich in den Schreiber ihres Vaters verliebte, ganz unter ih⸗ rem Stande. Nun glaubte John Hurcheon, wir haben unſer Auge zu hoch erhoben, obſchon der Biſſen gerade ſo gut war, als der Schluck.“ 103 „Still jezt, Jackg, mein Weib!“ ſagte Gideon, ihre Hand ergreifend. Er wußte oder arg⸗ woͤhnte die Urſache ihrer Krankheit, und ſah voraus, daß ſich ein furchtbarer Fieberanfall naͤherte. Ihr lezter wilder Geſang war gleich⸗ ſam der glaͤhend heiße Drath, der die nackte Nerve beruͤhrtee l „Behaltet eure Hand fuͤr euch jezt, Gideon.— Sonderbar, was alle jene Leute in mir ſehen, Herr Delancy!“ ſagte Jakobina, zu der natuͤrli⸗ chen Koketterie ihres Benehmens zuruͤckkehrend. „Liebkost euer eigenes Weib, Gideon. Gewiß iſt ſie kein ſchoͤnaͤugiger Vogel, da wo ſie ſteht. — Aber wer ſagte, das wir, ein Kind hatten, oder was begegnete demſelben.?— Effie Fech⸗ nie! es ſchickt ſich fuͤr eine Perſon von eurem Stande nicht, zwiſchen Monkshaugh und ſeiner Frau Unfrieden zu ſtiften: laßt vergangene Dinge vergangene Dinge ſeyn.“ 0 Dieſes wilde Gefaſel wune ſicherlich von Sei⸗ ten der entruͤſteten Frau Haliburton eine ſehr beißende Antwort zu Folge gehabt haben, haͤtte die Zeit es erlaubt; allein in dieſem Augenblick bemerkte ſie weit unten am Ende der architek⸗ toniſchen Schlucht, die das Fenſter beherrſchte, einen Gegenſtand, der ſie zu dem Ausrufe bewog: „Prediger! Prediger! die Schlampe Beß Slattery, und rin Spüͤrhund an ihrer Ferſt! ſie beſteigt die Wendeltreppe. Sie ſtiegt— ich ſehe ſie— laͤngs eines langen finſtern Gangs hin. †. 3.ri, n Srri„ h. zea ea „Wo! Wo!“ rief Gideon, und ſtuͤrzte nach einem fluͤchtigen Blicke hinweg. 104 „Es iſt Blut an ihrer xothen Hand, und Grauſamkeit in ihrem ſchwarzen Herzen; und ich verlange ihre Erdroſſelung! heulte Jakobina⸗ und eilte dem Prediger nach. Vergebens ſuchte Delaney die weinende Braut zu troͤſten; je mehr er ſie beſaͤnftigte, deſto lau⸗ ter ließ ſie ihren Kummer werden; und Herr Delaucy! was wißt ihr von dem Herzen eines neu verheiratheten Weibes!“ war ihr wie⸗ derholter ſchluchzender Ausdruck. Herr Delancy trug groͤßeres Verlangen, Monkshaugh's ⸗Ad⸗ dreſſe, und die Wahrſcheinlichkeit, daß Eliſabeth zu Hauſe war, zu erfahren.„Ich darf mich bis jezt nur einer geringen Erfahrung ruͤhmen,“ ſagte er lachend,„allein ich halte ihre gegen⸗ waͤrtige Beſtuͤrzung fuͤr ganz üͤberfluͤſſig⸗ ain „Meine Beſtuͤrzung— Sie wiſſen wenig— hat er nicht zwei halbe Kronen in ſeiner Taſche, um eine große Bibel zu kaufen, die Namen der Kinder darein zu ſchreiben! Er wird beraubt und gemordet werden!— gemordet und beraubte — auf der Hintertreppe oder der⸗ Praͤſidenten⸗ treppe, oder der Mehlmarkttreppe⸗ oder der Hem derſonstreppe— Hoͤhlen von Naͤubern, Betru⸗ gern, Falſchmuͤnzern, Hornhaͤndlern, Keſſelflickern — mit Beß Slattery an ihrer Spitze! O meine unſchuldige Taube in der Schlinge des Vogel⸗ ſtellers!— und das alles— um einer Perſon willen, die den jungen Kopf verdreht hat ₰ ja, Wolf Grahames Kopf— und den Kopf der grauen Haare verdrehen wird, der ohne ihre Schalkheit eine Krone des Ruhms waͤre.“. 36 tuarium. 10⁵5 „Um weſſenwillen, Madame?“ fragte De⸗ lancy. „Um weſſen, als um ſeines Augapfels willen, der zwiſchen ihn und das Weib ſeines Buſens tritt— jener Leddy Lisbeth, und ich waͤnſche, ſie waͤre eine Leddy Landers, allein ich will ihm nach und mit meinem Gideon in den Tod ge⸗ hen! 8 Mit dieſen Worten eilte dieſes ergebene Weid fort, und Delancy verfuͤgte ſich nach dem Sank⸗ Sechstes Kapite l. in Fruhtings⸗Ausſug. Der Fruͤhling hatte kaum begonnen, als Herr und Frau Haliburton ihren Beſuch in der Stadt machten;z allein die Jahreszeit war angenehm. Die Hyacinthe war erſchienen, ehe die Schluͤſ⸗ ſelblume verwelkt war. Auf eine helle und luf⸗ gtige Witterung waren warme Tage gefolgt, und auf dieſe wieder die ſonnigen Lichtblicke und befruchtenden Regenguͤſſe des April, denen Eli⸗ ſabeth ihren Buſen und ihr Haar haͤtte entblo⸗ hen koͤnnen, um gleichſam den herabſteigenden Geiſt des Weltalls zu bewillkommen. „Lisbeth, meine Theure! ich ſehe, ihr ſeufzt nach jenem Regenhogen,“ ſagte Monksbaugh, urz nachdem der Prediger und Efße ſich ent⸗ 4 106 fernt hatten.„Wollt ihr auf den Huͤgel gehen, und ihn auffangen?— Meine magern Beine“ — er blickte mit einiger Gefaͤlligkeit auf ſeine mit Seide bekleideten eingeſchrumpften Schenkel —„ſind kaum faͤhig, euch heute dieſen hoͤflichen Dienſt zu erweiſen.“ Eliſabeths Herz weilte in der That, von Fruͤh⸗ lingswonne erfuͤllt, auf den Huͤgeln. „Ihr hattet ſtets etwas von einer wandern⸗ den Zigeunerin,“ fuhr er, guͤtig laͤchelnd, fort, „mehr vielleicht, als ſich fuͤr eine junge Dame ſchickt; allein wir muͤſſen das fuͤr uns ſelbſt be⸗ halten, und ihr werdet euch ohne Zweifel beſſern, wenn ihr aͤlter werdet. Allein es waͤre mir lieb, wenn ihr heute einen kleinen Ausflug machtet. Eure Wangen haben heute zu viel von der weißen Roſe, ſelbſt fuͤr meinen jakobi⸗ tiſchen Geſchmack. Nachdem das Mittageſſen fruͤhzeitig beendigt war, und Monkshaugh auf ſeinem Ruhepolſter lag, machte ſich Eliſabeth auf den Weg, und umkreiste ſchnell den Fuß der felſengekroͤnten Huͤgel. Der Geiſt des jungen Jahres hatte ſich noch in manchem andern Herzen geregt, und obſchon ſie keinen Gefaͤhrten hatte, ſo fehlte es ihr doch nicht an Geſellſchaft. Gruppen von Maͤdchen wuſchen ihre Sommerkleider in den Quellen, die aus dem Fuße jener romantiſchen Felſen hervorquillen. Es war einer der erſten jener ſuͤßen Fruͤhlingstage, an welchen laͤndliche und ſtädtiſche Bekanntſchaften, durch den perio⸗ diſchen Verkehr der rauchigen Gaͤßchen und eckel⸗ 1 Parke. Sie war ganz allein; denn die ſpaͤteſten 107 haften Baumgaͤnge der Stadt mit den benach⸗ barten Pachthäuſern und Doͤrfern, erneuert werden— einer von den Feiertagen der Natur, die mehr von der Sonne als vom Kalender ab⸗ haͤngen, und die in der Naͤhe großer Staͤdte geintreten werden, ſo lange die Natur ihre Gewalt uber das menſchliche Gemuͤth behauptet. Es gibt keine Jahrszeit, in welcher der Lieb⸗ haber der Natur ſo lange bei kleinlichten Schoͤn⸗ heiten zu verweilen pflegt, als ehen im Anfange des jungen Jahrs. Allein Eliſabeth war von tiefern Gefuͤhlen, als bloßer Bewunderung, er⸗ füllt. Die edle Landſchaft um ſie per, der Vor⸗ hang ferner Berge, die Krone rauber Klippen, welche die Huͤgel uͤber ihrem Pjade umgab, die Thuͤrme und Gipfel der kaiſerlichen Stadt wa⸗ ren glaͤnzende Bilder, allein die Augen, die ſie ſo ſehr liebte, hatten nie mit den ihrigen auf ihnen geweilt, und ihr weibliches Herz wandte ſich in ſanfter Geſchmeidigkeit zu den wilden Blumen, die auf ihrem Pfade glaͤnzten, als zu theuern und vertrauten Gegenſtänden, die ſie in andern wonnigen Fruͤhlingen getroffen hatte, und nech an einem Orte wiedererkennen und lie⸗ ben konnte, wo alles ſonſt ein neues und faſt kaltes Ausſehen hatte.. 11 Eliſabeth befand ſich jezt in dem ioniglichen Gruppen der Stadtbewohner waren verſchwunden — und raſch aber furchtlos forteilend„hing ſie einer jener vielen boͤſen Gewohnheiten nach, wegen welcher ihre Gouvernante und Monfs⸗ 108 „3 haugh ſie tauſendmal zurechtgewieſen hatten. Sie ſang nehmlich in reiner jugendlicher Froͤh⸗ lichkeit. Auf einem der bielen rauhen Stege des Parks blieb ſie einige Sekunden ſtehen, und blickte in Muße nach jenem Himmelspunkte, unter wel⸗ chem, wie ihr die Geographie der Liebe ſagte, er verweilen mochte, deſſen Bild ihr ſtets gegen⸗ waͤrtig war. Sie murmelte ein Bruchſtuͤck je⸗ ner ausgeſuchten Balladen, die in Schottland, Niemand weiß wie, durch die Fruchtbarkeit ei⸗ nes jungfraͤulichen Bodens, gleich wilden Blu⸗ men, emporſproßen. Ihr leiſer Geſang konnte kaum in der Entfernung von einigen Schritten gehoͤrt werden. Allein ploͤtzlich naͤherte ſich ein haſtiger Tritt, und das blaſſe Traumbild ihres erſten Schlummers in Holyrood erſchien vor ihr. — Das abgezehrte Ebenbild Wolf Grahames! — Grahame, als obſter nach langen kummer⸗ vollen Jahren durch das Thal des Todesſchattens gewandert waͤre! Jenen Auftritt hatte ſie als einen Traum zu betrachten geſucht; allein dieſer war kein Blendwerk. G, A „Aileen! Aileen! fluͤſterte er wieder in ſchwer⸗ muͤthigem Tone, als er ſich niederbeugte und ſie aublickte; und Eliſabeth faßte unwillkuͤhrlich die Hand, die er an die ihrige legte, und ſagte mit tiefer Ruͤhrung:„Ach, ich bin nicht dieſe Aileen!— ich wollte, daß ich ſtatt ihrer zu Ih⸗ rem Frieden beitragen koͤnnte. e Der Fremde ſchuͤttelte ſeinen Kopf⸗ und fuhr fort, ſie mit ſtarrem Auge, aber wechſelndem und unbeſtimmtem Ausdruche anzublickenz cer 109 ſſezte ſich hierauf neben ſie auf den Raſen nie⸗ der. Seine Geſichtszuͤge, ſeine Miene, ſeine ganze aͤußere Erſcheinung erregten ihre Theil⸗ nahme in dem hoͤchſten Grade. Er litt an der Krankheit, der ſie ſelbſt unterworfen war; an deren Abgrunde ſie, wie ſie glaubte, ſo oft zit⸗ tterte. Sie erwiederte ſeinen Blick mit einem ſchwermuͤthigen Ernſte, der zu achtungsvoll fuͤr das Mitleid, zu kummerpoll fuͤr die Neugierde war. IAA 1 „Dieſe halbverhuͤllten traͤumeriſchen Augen, die meine Seele in ihre ſchwermuͤthigen Tiefen ahinabziehen, welch, eine Geſchichte van Kampf, Kummer und Leiden erzaͤhlen ſie mir!— dachte ſie.„Konnten dieſe ſchwermuͤthigen und verſin⸗ ſterten Augapfel je geleuchtet haben, wie Wolf Grahame's tiefgraues, funkelndes Auge, mit ſei⸗ onem breiten dunkeln Bogen.“ Der Fremde laͤ⸗ nchelte, wie es ſchien, uͤber die Schaͤrfe ihres ver⸗ wirrten Blicks; und der ſanfte ſchoͤne Ausdruck ſeiner abgezehrten Geſichtszuͤge, in ihrer gemil⸗ derten Aehnlichkeit mit Grahame's Geſicht, ergriff ſie wieder und ſtaͤrker.„Wie aͤhnlich!— und doch wie unaͤhnlich! Iſt es moͤglich? mein Va⸗ ter! der Lord von Bruce! o, es iſt unmögſich!“ — war der Gedanke, der ihre Seele durchzuckte. Die Aehnlichkeit wenigſtens konnte keine Täu⸗ ſchung der Einbildungskraft ſeyn. Der Guß ſei⸗ nes Kopfes, die Bildung ſeines Geſichtes waren dieſelben— feiner, minder feſt und maͤnnlich, aber in einem hoͤhern Grade die reine und einfache Eigenſchaft gemeiſelter Schönheit derr 1¹⁰ tzend. In der Kruͤmmung der Lippen, in dem kieinen geſpaltenen Kinne lag eine Milde und Zartheit der Umriſſe, ein zittern des Uebermaß von Empfindſamkeit, das Eliſabeths Herz, mit der Macht der Schoͤnheit, ſtärker rüͤhrte, als irgend ein menſchliches Geſicht, das ſie je geſehen hatte: doch war dieſes Geſicht ſteiſchlos, farblos, bleich und abgezehrt. 8.a ferln DObſchon der Fremde noch immer Eliſabeths Hand hielt, ſo ſchien er doch, nachſinnend und in leeres Anſchäuen verloren, ihre Gegenwart halb vergeſſen zu haben. Sie ſtand endlich auf; zer aber hielt ſie zurock, allein ſo ſanft, daß ſie leidend daſtand, harrend deſſen, was nachfolgen ſollte, und daruͤber nachdenkend, wie ſie ſeinen Namen mit der geringſten Verletzung des Zart⸗ gefuͤhls erfahren moͤchte. inais A Aktſs Iſt dort Ihre Wohnung?“ ſagte er, nach dem Abendſterne deutend, der in jungfraͤulichem Glauze unter den Thuͤrmchen des Schloſſes, gleich einem werthvollen Edelſteine an der ſchwaͤrzlichen Stirne eines morgenlaͤndiſchen Sultans, ſchim⸗ merte—„es iſt Aileems Stern: der Wohnort der leidenſchaftlichen Seelen, welche die Liebe ge⸗ täuſcht und das Leiden gereinigt hat.“ Er hielt eine Zeitlang inne, den ſchoͤnen Planeten betrach⸗ tend, und fuͤgte daun hinzu:„Setzen Sie ſich neben mich; Sie haben Ihre fuͤße Stimme; ſo darf ich Ihnen ſagen, daß ich ebenfalls ein Be⸗ woohner jenes Sterns und ſtets an meiner Seite die arme Aileen war; und waͤhrend dieſe kleine gruͤne Erde vor und tanzte und glaͤnzte, pflegte ſie ſie 11¹ mit ihrem kleinen Fuße durch den ſonnenhellen Lichtraum zu ſtoßen. Sie lachen— glauben Sie es nicht?“ rief er halb zornig aus. „O nein!“ rief Eliſabeth mit ungeheucheltem Ernſte. 11 8 „Dort wandelten wir,“ fuͤſterte er wieder, ſein Auge auf den Stern heftend, ſein Geſicht nach Eliſabeth hinbeugend.„Allein wandelten wir in unſrer Liebe; und ſie lag an meiner Bruſt, waͤhrend der langen, langen Nacht des ſternen⸗ hellen Jahrs.— Aber die Geiſter des Lichts ſind ſtets eiferfuͤchtig auf unſere Liebe. Wir zogen ihren Himmel an unſere Bruſt. Ich wurde ver⸗ jagt; und hier muß ich, auf dieſer kalten groben Erde, ſchmachten, bis die Revolution des großen platoniſchen Jahrs vollendet iſt.”“— Eliſabeth blickte ihn mit einem Ausdrucke ſo inniger Theilnahme an, daß ſie den Flug ſeiner ſchwaͤrmeriſchen Phantaſie hemmte. „Sehen Sie mich nicht ſo traurig an!“ fluͤ⸗ ſterte er in tiefem Tone.„Ich bin nicht ganz allein gelaſſen. Es kommt eine Stunde ſeligen Beſuchs. Um Mitternacht, wenn der Waͤchter ſchlaft,— wiſſen Sie, daß Narren ſagen, ich ſey wahnſinnig?“— er laͤchelte hoͤhniſch,—„um Mitternacht, wenn ich allein bin, oder wenn ich auf dieſe wilden Huͤgel hinausſchleichen kann, ſchwebt Aileens Geiſt, auf dem ſanften Klange dieſer Abendglocken, nieder. Hoͤren Sie ihren Schall?“ Er beugte ſeinen Kopf nieder, als ob er horchen wollte, und auch Eliſabeth neigte ihr Haupt, als ob ihre Ohren die eingebildeten Laute 8 bei ihrer Stimme.“ 112 einſogen.—„Sie kommt heute Racht nicht,“ fuhr er fort.„Sie wird ſtets durch irdiſche Stimmen, ſelbſt durch die Ihrige, verſcheucht. Sie koͤnnen nie hoffen, ſie zu ſehen. Zuweilen kann auch ich es nicht, allein dann bin ich allein Eliſabeth konnte keine Antwort auf dieſes traͤu⸗ meriſche Gefaſel finden, allein ihre Geſichtszuͤge druͤckten die Nieir ihrez Gefäbts aus, und der ungluͤckliche Mondſuͤchtige— denn ein ſolcher war er in dieſem Punkte augenſcheinlich— laͤchelte ſie an und ſagte:„Sehen Sie mich nicht ſo traurig an. Um Mitternacht, wenn ſie alle ſchla⸗ fen, ſchleiche ich mich nach ihrem glaͤnzenden Pla⸗ neten, die Jakobs⸗Leiter mit allen ihren Sproſſen von glaͤnzenden Sternen hinaufſteigend. Das iſt der Engels⸗Pfad, Sie wiſſen es.— O aller⸗ ſeligſte Stunde!— allein die tiefere Mitternacht kommt— die Stunde und die Macht der Fin⸗ ſterniß! Wir werden durch die heulenden Feinde getreunt. Nieder, nieder ſtuͤrze ich in die Ein⸗ geweide dieſer groben und erſtickenden Erde, rollend und hin und her geſchleudert auf der See geſchmolzener Lava; und o! ſchlimmer, ſchlimmer! das blaſſe Geſicht meiner Aileen, die in weiter Ferne in ihrem Sterne ſich graͤmt, durch den dicken Rauch des Hoͤllen⸗Ofens erblickend! Dieß iſt der Lohn der Suͤnden unſrer Voreltern, — denn Richard von Bruce war ein Moͤrder 4* ſeine Stimme verſank in dumpfes Gefluͤſter. „Richard von Bruce d“ rief Eliſabeth zuſam⸗ menſchreckend aus, und alle Umſtände erregten 115 in ihr den Verdachte das ſ i e wirklich naade lüdhen Vater— Kommen 1Sie mit mir⸗ d fährt die Sie lieden und aa n.e eweis⸗ grande zu⸗ gebrauchen, die ſeiner⸗ derwirrten Ein⸗ bildungskraft angeme ſrutß waren; und obſchon ſie uͤberzeugt war, daß er 5 folgen wuͤrde,r wenn ſie ihm verſpraͤche, ihm dieſe in ſeinen Traͤumen lebende Gebieterin ſeiner 3 Ju⸗ gend zu zeigen, ſo wagte ſie es doch nicht, dieſe harmloſe Ausflucht zu gebrauchen, die ihr eine Verletzung jedes zarten und ehrfurchtsvollen Ge⸗ fühls ſchien. Aber von neuem ſprach ſie ire einfache Bitte aus. Der ungluͤckliche Edelmann ſchien ganz gleich⸗ gultig gegen ihre Bitten, und vertieft in di Gefuͤhle und Einbildungen des Augenblicks, gab er keine Antwort irgend einer Art. Die Scheibe des wachſendes Mondes ruhte jezt. auf der Spitze des Hügels. Der Traͤumende blickte den ſchö⸗ nen Planeten an, der Einfluß auf ein trankes Gehirn haben ſoll. Der gemeinſte Mann unter dem Poͤbel in dieſen philoſophiſchen Tagen kann uber den Einfluß der Sterne auf das Schickſal der Menſchen— ein Glaube, der ehedem die gewaltigſten Geiſter feſſelte.— lachen. Die Herr⸗ ben der Gebieterin der Fluthen. uͤber das Ge⸗ birn der Sterblichen iſt, beim erſten Anbüicke, 4 nicht minder ungereimt.* . Waͤhrend Eliſabeth ſeine Hand Hielt. den 114 wechſelnden Ausdruck ſeines Geſichts aͤngſtlich bewachend, wandte er ſich zu ihr, und laͤchelte, wie es ſchien, uͤber einen Einfal ſeines verwirr⸗ ten Geiſtes. Aileen wuͤrde ſagen⸗— und er wiss nach dem Monde und einem kleinen Sterne an deſ⸗ ſen unterem Ende—„jenes ſey eine blaſſe junge Mutter, die ihr Kind umarme. Sie war ſehr ſchwaͤrmeriſch, das arme Ding. Mit welchem Entzuͤcken ſtanden wir, Arm in Arm, auf Brians Thurm, nach jenem Monde blickend, äls er von der Bucht in der Füll keintr Schuͤnhett em⸗ porſtieg! 144 3„Brians Thurm“ war ein Name, den Eli⸗ fabeth in den iriſchen Legenden der alten Monica oftmals gehoͤrt hatte. Dieſer Umſtand erregte Theilnahme, aber kein neues Erſtaunen. Von neuem drang ſie in ihn, ſich mit ihr zu entfer⸗ nen, allein ihre Bitte wurde ſo gleichgüllig ver⸗ nommen, wie fruͤ her. n „„iehen Sie es, gleich meiner larmen Aileen, vor, die Schoͤnheit des Mondes, der blaſſen, jungen Mutter, auf dieſe Art an züblicken, oder wenn die himmliſche Hirtin in ihrem Glanze aus ihren Zelten in Arabien hervortritt, ihre ganze Heerde von Sternen zu ihren Fuͤßen ver⸗ ſammelt— alle die glänzenden Sternbilder ihre Nachtwaͤche unterſtuͤtzend— der weite Hn mel bevoͤlkert und lebendig! der große Baͤr, und die Plejaden, und Orion mit een ſi iiberl nen Guͤrtel, alle auf ihrer naͤchtlichen Wache ſin⸗ gend. Bis der Morgenſtern leiſe kam und ſluͤ⸗ b “ 8 115 ſterte,„es iſt Zeit, die Heerden in die Huͤrden zu treiben,“ habe ich ſie bewacht. Die kleinen Laͤmmer werden ſtets zuerſt geſammelt.— Ai⸗ leens Maͤdchen ſtarb, Sie wiſſen es?“ 21 Eliſabeths Ruͤhrung erreichte den hoͤchſten Grad.„O nein! nein!“ rief ſie.„Sie lebt! ich bin es! Sie lebt, um Sie zu troͤſten— um Sie zu lieben!“ Der ungluͤckliche Edelmann blickte ſie mit einer verwirrten Miſchung von Gedankenloſigkeit und ſchwacher Erinnerung an; und ſchuͤttelte den Kopf, als ob er ſich wirrer und unſtaͤter Gedan⸗ ken halb bewußt geweſen waͤre, und ſagte:„Ich werde Sie kennen, wenn ich geſchlafen habe.“ „Wollen Sie alſo mit mir kommen— nach Hauſe mit mir kommen?“ und ſie ergriff ſei⸗ nen Arm, und ſuchte ihn ſanft mit ſich fort zu ziehen. „Sie ſind jung— Sie ſehen unſchuldig aus, — darf ich Ihnen trauen? Werden Sie mie nicht verrathen?“ „Ich werde Sie verrathen!“ rief eine laute und zornige Stimme; und Eliſabeth ſah in dem ſchnell zunehmenden Dunkel den Freund der Ja⸗ kobina Pingle, den Diebsfaͤnger, herbeieilen. „Ihr habt mich nicht ſchlecht herumgejagt, bis ich euch wieder gefunden habe. Er iſt dem Doctor entſchluͤpft, Madame, nachdem er eine Portion Opium zu ſich genommen hatte, die ein Pferd toͤdten wuͤrde.— Fort, mein Herr; ihr hen wacker laufen, wenn euer Teufel es euch vißt.. n 4 146 Der ungluͤckliche Edelmann, der bereits blaß genug war, entfarbte ſich ganz, zitterte bei der wilden drohenden Stellung des rohen Kerls, und ſchmiegte ſich, dem emporgehobenen Arme ausweichend, dicht an Eliſabeth an. Ihr Blut kochte und ſprudelte, in Folge jenes leidenſchaft⸗ lichen Unwillens, der faſt nach Plut duͤrſtet. Sie reckte ſchnell ihren Arm aus, um gleichſam den von dem Barbaren beabſichtigten Schlag abzuwehren. Ein allgemeiner Schauder durch⸗ lief die ganze Geſtalt des ungluͤcklichen Kran⸗ kenz allein ſeine Stirne runzelnd, und mit der ſtolzen Geberde, die ihm nauuͤrlich ſchien, ſagte er:„Einen Schlag!— und mir!“ und vor⸗ waͤrts tretend, reckte er ſeinerſeits den Arm aus, um, wie es ſchien, Eliſabeths Perſon zu ſchuͤ⸗ ten, allein er wankte, und ſiel empfindungslos nieder. Eliſabeth warf ſich ploͤtzlich auf das Gras neben ihn nieder, und der Huͤgel wieder⸗ hallte von dem Geſchrei: 3 Mein Vater!— mein Vater!— giebt es keine Huͤlfe? er ſtirbt!— er iſt mein Vater!“ ſie redete einige Perſonen an, die in der Daͤm⸗ merung luſtwandelten, Handwerksleute, die in der Nähe des Parks wohnten, und nach Vol⸗ lendung ihres Tagewerks ihre Wohnungen ver⸗ laſſen hatten, um ein wenig friſche Luft zu ſchop⸗ fen. Ihre Aufforderung war nicht vergebens. Einer, rannte auf ihren Wink nach Helprood, und ein anderer eilte fort, um einen Wagen herbeizuholen. Der rohe Waͤchter des Ungluͤck⸗ lichen ſtand indeſſen muͤrriſch da, ein wenig —,— 117 erſtaunt und beſchaͤmt uͤber die Folgen ſeiner Unmenſchlichkeit. Endlich bot er ſeinen Beiſtand an, als der Kranke zu geneſen ſchien.. „Hinweg!“ rief Eliſabeth.—„Niemand wage es, ſich meinem Vater zu naͤhern!“ „Ich weiß nicht, und kuͤmmere mich noch viel weniger darum, weſſen Vater er ſeyn mag, mein kluges Kind,“ erwiederte er hoͤhniſch;„allein ich habe ihn, aus Auftrag des Doctor Mallock, dieſe Woche unter meiner Aufſicht; und todt oder lebendig geht er mit mir.— Friſch auf jezt! ihr ſeyd ein Lord, nicht wahr? Ihr ſollt naͤchſtens ein Koͤnig werden.— Auf denn! wir wollen Euch in der erſten Straße eine Saͤnfte verſchaffen. Ich bin nicht der Mann, der nach⸗ laͤſſig in ſeinem Dienſte iſt, junge Dame.“ „Er geht nicht mehr mit euch!“ ſagte Eliſa⸗ beth, den erſchoͤpften Kranken umfaſſend, der huͤlflos und kaum noch athmend an ihrer Beuſt lehnte. „Sagt es denen, die euch aufgeſtellt haben, ich ſage es— ich, Eliſabeth von Bruce, die Tochter, das einzige Kind dieſes mißhandelten Edelmanns. O! ihr guten Leute, verlaßt uns nicht! Gott und Menſchen kann ich fur das, was ich jezt thue, Rechenſchaft ablegen! „Eliſabeths Aufforderung machte einen ſtarken Eindruck.— Es entſtand eine unwihkuͤhrliche Bewegung unter den Zuſchauern, und ein Ge⸗ murmel des Mitleids wurde rings um ſie her 1 5 5. gehoͤrt. 11 55, 1 18cs „Kommen Sie mit mir— lehnen Sie ſich 118] „ auf mich!“ fluͤſterte ſie wieder, indeß ſie den Lord von Bruce aufzurichten ſuchte.— Dieß uͤber⸗ ſtieg ihre Kraͤfte. Sie kniete wieder nieder und jezt floſſen zuerſt ihre Thraͤnen, waͤhrend ſie ihr Geſicht auf den Nacken des faſt lebloſen Weſens, das ſie in ihren Armen hielt, druͤckte. Ein Gluͤck fuͤr Eliſabeth war es, daß weder die Perſon noch das Gewerhe ihres Gegners in Gunſt ſtanden. Er war weit mehr bekannt, als beliebt, und als er den ungluͤcklichen Lord von Bruce fortſchleppen wollte, fand eine ploͤtzliche und unwillige Einmiſchung ſtatt. Aber lang und ungeduldig ſah ſich Eliſabeth nach der er⸗ warteten Huͤlfe um. Monkshaugh, oder Herr Haliburton, oder irgend ein anderes Geſchoͤpf, das ſie je geſehen hatte, wuͤrde ihr in dieſem Augenblicke ein Rettungsengel geſchienen haben. Sie wurde nicht länger in dieſer grauſamen Un⸗ gewißheit gelaſen. 4 „Da iſt Deacon Daigh, der Baͤcker, der von Duddingſton nach Hauſe geht. Er iſt ein ehr⸗ barer Mann, ein Aelteſter der Kirche, und wird den Streit zwiſchen Tom und der jungen Da⸗ me ſchlichten.“ ö Es nahte ſich ein wankender, kleiner, alter Mann, deſſen klares blaues Aug eund kirſchenrothe Wangen zeigten, daß manche Nacht geſunden Schlafes uͤber Daighs weißes Haupt, ſeit dem Abbrennen von Cambuskennet Lodge, hinge⸗ ſchwunden war. „Wenn ihr, mein Freund, Meiſter Deacon Daigh ſeyd, ſo ſeyd ihr meinen Verwandten be⸗ —,— 119 kannt. Ich bin Eliſabeth von Ernescraig.— Dies iſt mein Vater. Gebt uns euern Schutz bis zu Monkshaughs Wohnung. 12Jai⸗ ja, ja!— das iſt ein trauriger An⸗ blickk— Der Lord von— z allein ich war ſtets ein raſcher Mann mit meiner Zunge. Ihr liegt hier, und jener Burſche dort ſchwelgt im Reich⸗ thum, und bruͤſtet ſich in ſeinem Stolze; aber laßt meine Worte nicht gehoͤrt werden! Und was kann ich thun, euch zu dienen?“ fluͤſterte er—„Fſt Silber noͤthig? Ich bin David Daigh, genannt der Zunftvorſteher. Aber das iſt ein herzbrechender Anblick. Erſt geſtern kam das Geruͤcht auf, er fuͤhre eine ſchoͤne Braut nuch Hauſe.“ „Still!“ ſagte Eliſabeth.„Und bleibt bei mir ich bitte Euch, bis meine Freunde erſchei⸗ nen, oder bis ein Wagen kommt.“ Ihr Zu⸗ trauen zu ihrem neuen, Kampfhelden war nicht groß; allein jeder ehrbare Schutz war ihr in dieſem Augenblicke willkommen. „Das will ich— bei Euch bleiben, und au Stand bei Euch halten, meine liebe junge Da⸗ ame, ſo lange noch ein Knopf an meinem Rocke iſt.“ en„Bleiben bis zum Tage des Gerichts und ver⸗ dammt werden!“ bruͤllte der Waͤchter, durch den Widerſtand, den man ihm leiſtete, in noch gro⸗ tere Wuth gerathend—„aber er, ſey er Her⸗ zog oder Lord, geht mit mir. Ich will kein weiteres Geſchwaͤtz anhoͤren.— Ich kenne meine Pflicht, und erfälle ſie, koſte es, was es wollt.“ — 120 — Und er ſchwur mit thieriſcher Wildheit, als er die faſt lebloſe Geſtalt ſeines Patienten aus Eliſabeths Armen zu reißen ſuchte. Die Umſtehenden geriethen jezt in wirklichen Aufruhr.„Laßt die Dame in Ruhe, Tom; wir rathen euch, dieſen Herrn nicht zu mißhan⸗ deln.“ Allein dieſe Gegenvorſtellung reizte den Huͤter nur noch mehr, und Hände und Sooͤcke wurden emporgehoben. „Ja, ſchlagt ihn todt, den ſpitzbuͤbiſchen Schurken,“ rief der Zunftvorſteher, das Kriegs⸗ geſchrei und ſeinen Spazierſtock erhebend, ſich aber zu gleicher Zeit zuruͤckziehend, um„wie er nachher ſagte, den Feind in der Flanke zu be⸗ ſchaͤftigen.„Furchtet euch nicht, Leddy Lisbeth! — das Geſetz iſt auf unſrer Seite, meine Freunde. Er iſt kein Nisi Domini Frustrums hier in des Koͤnigs Park. Und er ſteht hier als ein einfacher, dem Galgen entlaufener Schurke, Schlagt ihn zu Boden— ſo recht!— bleibt gutes Muths, Leddy Lisbeth.— Iſt er ſchon niedergeſchlagen?“ Als ihm dieſes bejaht wurde, ließ der Zunftvorſteher ſein Kriegsgeſchrei ver⸗ hallen, und naͤherte ſich kuͤhn dem zu Boden geworfenen Feinde. Ki Wie groß war nicht Eliſabeths Seelenangſt während dieſes wilden Tumults!— ihre naſſen Augen waren bald nach dem Himmel, um Huͤlfe flehend, emporgerichtet, bald auf den Gegenſtand ihres herzbrechenden Kummers niedergeſenkt, bald ſchweiften ſie wild uͤber den Park hin, um, wie es ſchien, zu ſehen, aus welcher Himmels⸗ 4 3 ge⸗ 121 gegend die Huͤlfe kommen ſollte. Sie kam von einem Orte her, wo man ſie am wenigſten erwartet hatte. AntnE at. Der Diebsfaͤnger war, wie es ſich fͤr ſeinen Stand geziemte, ein robuſter, kuͤhneréuand ver⸗ zweifelter Kerl, und gewoͤhnt, harte Streiche ſowohl zu geben, als zu nehmen. In einem Augenblicke war er wieder auf den Beinen, und es laͤßt ſich nicht leicht beſtimmen, wie es dem Zunftvorſteher und ſeinen Helfern ergangen ſeyn wuͤrde, waͤre nicht Huͤlfe bei der Hand geweſen. „Hieher! hieher! Herr Delancy!“ rief Ja⸗ kobina Pingle.„Er iſt mein rechtmaͤßiger Vet⸗ ter durch Heirath, da wo er liegt, John Lord von Bruce. Er iſt nicht ganz ſo recht, wie er ſeyn ſollte, meine Freunde— allein laßt uns Gott danken, daß wir alle unſern geſunden Verſtand haben.“ i Sie erblickte jezt zuerſt den Zunftvorſteher— ſeyd ihr es, Davie Daigh?— Ehrliches Fleiſch!“ und ſie warf ihm einen veraͤchtlichen Wink der Wiedererkennung uͤber die Schultern zu. Jakobina eilte Delanch um einige Sekunden voran; denn dieſer hatte eine Andoͤhe erklom⸗ men, welche die andere Seite des Abhangs be⸗ herrſchte. In Folge ihrer Aufforderung, ver⸗ fuͤgte er ſich ſchnell zu ihr, und faßte den Huͤ⸗ ter an der Kehle—„Schurke, was iſt das!“ und er ſtieß ihn zuruͤck. K Eliſabeth ſchloß mit einem lauten Schrei ihre Augen, um eine Scene nicht zu ge⸗ wahren, deren Anblick Todespein war; allein Eliſ. v. Bruce. III. 6. 122 der rohe Purſche gab endlich nach, wahrſchein⸗ lich, weil er in Delancy einen Gaſt des Herrn Hutchen erkannte. n ar Er eutfernte ſich muͤrriſch, und ein trium⸗ phirendes Geſchrei begruͤßte ſeinen Abzug. Die Zuſchauer wichen ehrfurchtsvoll zuruͤck, und der Zunftvorſteher und Jakobina warteten als Fa⸗ milien⸗Freunde allein die Ankunft des Wa⸗ gens ab. cki „Der Schurkel ich ſagte ihm, was es heiße, die artige junge Dame erſchrecken Le rief der Zunftmeiſter, als der Diebsfaͤnger den Blicken der Zuſchauer gaͤnzlich entſchwunden war. „So hattet ihr eine wilde Hetze mit Tam, Daighie!“ ſagte Jakobina, ihren Arm vertraut in den des Zunftvorſtehers ſchlingend, und ſich nach ihrer freien und ungezwungenen Weiſe auf ihn lehnend. „Still, Miß Jacky, bedenkt, was es heißt, in der Kirche und im Rathe Wuͤrden bekleiden — Fch hatte ſelbſt keine Rauferei. Dieß wuͤrde ſich fuͤr meine Jahre und meinen Stand nicht geſchickt haben. Ich ließ den jungen Hitzkoͤpfen die Fronte der Schlacht; allein Tam weiß, wer ihn im Ruͤcken bedrohte;“ und der Zunftvorſte⸗ her fuͤhrte, die Balgerei nachaͤffend, verſchie⸗ dene ſchraͤge Schwenkungen und horizontale Hiebe mit ſeinem Stabe aus, ſeine zahnloſen Kinnbacken in Schlachtordnung bringend, indeß Delancy, den er anredete, nach dem Lord von Bruce hingebeugt, weder auf ſeine buͤrgerlichen Wuͤrden, noch auf ſeine kriegeriſche Tapferkeit achtete.— 4 4 K & —.— 12⁵ „Nichis von eurer Hefe jezt, Daighie!“ ſagte Jakobina, ihm unter das Kinn greifend.„Ihr wißt, Tam koͤnnte Euch mit ſeinem kleinen Finger zu Boden ſchlagen. Allein wo ſeyd ihr auf dieſe Art umhergeſchlendert, ihr alter Suͤnder?— Wahr⸗ ſcheinlich habt ihr in Duddingſton gegeſſen und getrunken, wegen eines eurer Parlaments⸗Wahl⸗ Geſchaͤfte, ich wette— ihr laufet ſtets Schlitt⸗ ſchuh, wenn das Eis traͤgt, Daighie.“ „Hoͤfliche Worte, Miß Jacky. Wißt ihr, was es in dieſen Zeiten heißt, uͤbel von Wuͤrden vor einer Dame und einem Herrn zu ſprechen, die, obſchon ſie mich meinem Stande nach ken⸗ nen, doch gewiſſermaßen nicht wiſſen, wovon ich jezt rede und warum ich mir jezt muͤde Fuͤße mache. Ihr waret ehedem ein ehrſames junges Weib, allein jezt ſeyd ihr ein giftiges Laͤſter⸗ maul.“ „Ihr ſeyd ein alter Schalk, Daighie! wer ſah euch in der Todricks⸗Straße geſtern?“ Dieß ſagte ſie mit einer ſchlauen einverſtandenen Miene, die den Zunftvorſteher zur Verzweiflung brachte.. 3 „Und wenn es wahr iſt, geſchah es nicht zur Ehre und Sicherheit eines edeln Hauſes, du bos⸗ hafte Laͤſterzunge?“ „Fuͤhrte auch je einer von den Frommen ein Geſpraͤch mit einer Schlampe, wie Beß Slat⸗ tery! o Daighie, Daighie! wenn alle Erzaͤhlun⸗ gen wahr ſind, iſt das keine Luͤge!— aber da iſt die Kutſche! da iſt die Kutſche! ich muß fort und Monkshaugh ſagen, daß wir alle nach 124 Hauſe kommen zu einem luſtigen Zuſammen⸗ treffen von Freunden und Nachbarn.“— Und in wilder Aufregung eilte ſie zum unendlichen Vergnuͤgen des Zunftvorſtehers ſort. Auf Delanch und Eliſabeth geſtuͤzt, bewegte ſich der Lord von Bruce langſam vorwaͤrts. Sein Kopf ruhte auf ihrer Schulter, und offenbar wußte er nichts von dem, was um ihn her vor⸗ ging. Eliſabeth und Delancy ſchwiegen ebenfalls⸗ Selbſt die noͤthigen Befehle wurden leiſe gefluͤ⸗ ſtert. Der Zunftvorſteher wantte hinter der Ge⸗ ſellſchaft her, und bei dem rauhen Thorwege, wo der Wagen Halt machte, wandte ſich Eliſa⸗ beth um, ihm fuͤr ſeine freundliche Huͤlfe zu danken, und die Hoffnung auszudruͤcken, ihn in einem gelegeneren Augenblicke laͤngere Zeit zu ſehen. eigenes Ohr⸗“ fluͤſterte er mit geheimnißvoller Miene, und Eliſabeth trat auf ſeinen Wink ei⸗ nige Schritte zuruͤck, in der Meinung, ſeine Mit⸗ theilung werde den Lord von Bruce betreffen. „Jacky ſagt, ich ſeye dieſen Nachmittag in Duddingſton geweſen. Es war vielleicht dem ſo, vielleicht aber auch nicht. Ich bekenne we⸗ der, noch laͤugne ich, wie ihr ſeht; der Stadt⸗ ſchreiber koͤnnte mir keinen beſſern Rath erthei⸗ len. Wenn ich daſelbſt war, wer hat etwas dawider? Allein was war mein wahres Ziel? Wer darf ſagen, daß es das Sanktuarium Ho⸗ lprood ,oder eurer Gnaden eigenes guͤtiges Ohr war?“ S „Ich habe ein Paar geheime Worte fuͤr euer — „Wenn dem wirklich ſo war, ſo ſchluget ihr gewiß nicht den naͤchſten Weg ein,“ ſagte Eli⸗ ſabeth laͤchelnd.“ „Ich weiß beſſer, woran ich bin. Naͤchſten Weg! ſind dieß Zeiten zu naͤchſten Wegen 2 Waͤre ich das Canongate hinabgegangen, ſo wuͤrde man geſagt haben, ich ſey ein ruinirter Mann, ein Bankbruͤchiger, der ſich in die Ab⸗ tey fluͤchten muͤſſe; oder ich wolle der Haushaͤl⸗ terin der alten Leddy Tamtallan den Hof machen, oder einer Verſammlung von Demokraten bei⸗ wohnen. Aber um des Himmelswillen! laßt mein Wort nicht gehoͤrt werden. Ich habe ein kleines Dokument fuͤr Euer Gnaden,— auf eine drollige Art kam ich dazu; mit Gefahr meines ehrlichen Namens— eine irlaͤndiſche Schlampe, eine Beß Slattery“— „Gebt es mir augenblicklich,“ ſagte Eliſabeth. „Glaubt ihr, ich ſey dreißig Jahre in der Kirchenverſammlung geſeſſen, um in dieſen Zei⸗ ten mit Dokumenten in meiner Taſche zu rei⸗ ſen?— ich weiß beſſer, Gas ich zu thun habe.“ „Wo oder wer iſt aber dieſes Weib?“ ſagte Eliſabeth etwas ungeduldig.“„Ihr ſeht, meine Zeit iſt gegenwaͤrtig koſtbar.“ „Alle Spuͤrhunde und Nisi Domini Prustrums — das iſt lateiniſch— in Edinburg koͤnnten ihr nicht auf die Spur kommen. Furchtbare Zeiten— Zeiten des juͤngſten Gerichts! Verſtand thut Noth am Steuerruder eben jezt. Wenn eine gewiſſe Perſon, die lange von oͤffentlichem Ge⸗ ſchaͤfte entfernt war, geſtern im Geheimen be⸗ ſchickt wurde, ſo ruͤhmt ſie ſich nicht.“ 126 „Wo oder wie ſoll ich dieſe ſonderbare Perſon — dieſe Slattery ſehen?“ „Still jezt! meine artige junge Dame! kei⸗ nen Namen genannt— gefaͤhrlich— Stille iſt ein gerichtliches Wort. In dieſen Tagen wird ein Vogel der Luft— worunter ich Jacky Pingle meine— eine Sache ausfuͤhren, die in einem verſchloſſenen Berathungszimmer feierlich er⸗ oͤrtert worden iſt. Aber ihr ſeht, eben als ich die Straße hinunterſchlendere, daruͤber nachden⸗ kend, wie ich die aufruͤhreriſche Schlampe fan⸗ gen werde, tritt ſie pfeilgerade vor mich hin, wie ein neuaufgeſtandener Geiſt— Bringt dieß — ich befehle es euch, ſagte ſie— als ob der Vorſteher eines alten Gewerbes ihr Lohnbedien⸗ ter geweſen waͤre— ihr, die ihr Eliſaberh von Bruce nennt; und ſagt ihr— ſie, die dieß ſende, wuͤnſche mehr zu ſagen, muͤſſe aber ihrem Schatten folgen— wie alle treuen und lieben⸗ den Herzen jezt thun ſollten— weſtwaͤrts hol —„Halt, du Landſtreicherin!“ rief ich.„Ich verhafte und packe dich in des Koͤnigs Namen“ —„und in des Teufels Namen ſchleudere ich dich weg!“ ſagte ſie, und gab mir, als ſie hin⸗ wegeilte, einen Schlag, der mich ganz betaͤubte; ſo war ich froh, daß ich mit heiler Haut und ohne Laͤrmen davon kam. Ein guter Name iſt beſſer, als eine koͤſtliche Salbe. Haͤtte man mich mit der irlaͤndiſchen Schleichhaͤndlerin ſchwatzen geſehen, ſo wuͤrde man ſchwerlich geglaubt ha⸗ ben, daß es wegen der Ehre und Sicherheit einer alten Familie geſchah.“ —,— 127 „Ich werde voller Angſt ſeyn, bis ich euch ſehe, Herr Zunftvorſteher,“ ſagte Eliſabeth, als ſie nach dem Wagen hinlief, bitterboͤſe uͤber die Diplomatik des Zunftvorſtehers, allein von zu tiefen Gefuͤhlen bewegt, als daß ſie ihre ganze Ungeduld uͤber dieſes Taͤndeln und Zoͤgern an den Tag gelegt haͤtte. Als ſie eingeſeſſen war, verbeugte ſie ſich gegen ihn, und der Wagen rollte langſam vorwaͤrts. „Wo iſt die Leddy Lisbeth?“ redete Herr Ha⸗ liburton den Zunftvorſteher an, dem ex ſich in dieſem Augenblicke naͤherte.„Saht ihr den be⸗ truͤbten Edelmann? Iſt Jackys Nachricht wahr?“ „Ey! ey! ihr wart ſtets ein ſo raſcher Mann mit eurer Zunge, als ich ſelbſt!“ Und der Zunft⸗ vorſteher erzaͤhlte alles, was er geſehen und ge⸗ than hatte, mit ſo vielen ergaͤnzenden Zeichen und erlaͤuternden Winken, als ein junger, aber hoffnungsvoller Dieb, bei Mittheilungen, die er ſeinem Herrn macht, gebraucht. Er wurde ſeinerſeits von Gideon benachrichtigt, daß Jacky Pingle der Beß Slatterg nachgefolgt war, die Huͤgel erreicht, und ein Kbeneen Mal das Ge⸗ ſpenſt des Lord von Bruce geſehen hatte, dem ſie durch jene ganze graſige Lichtung gefolgt war, die den Namen Jaͤgers Moor fuͤhrt, und zwiſchen den Huͤgeln ſo wild und einſam liegt, als ob viele Meilen um ihre tiefe Einſamkeit ber weder eine Stadt noch ein Dorf laͤge. Eine gluͤckliche Anregung ihrer launenhaften Krankheit bewog ſie, in Monkshaughs Wohnung zuruͤck⸗ zukehren, wo ſie erklaͤrte, ſie habe, da ihr 128 armer Vetter ſich nicht ganz ſo gut befinde, als ſeine Freunde wuͤnſchen koͤnnten, fuͤr noͤthig gehalten, ſeine Bewegungen zu bewachen. Delanch ſaß bei Monkshaugh, als dieſe Mit⸗ theilung gemacht wurde. Der Laird dachte dar⸗ uͤber nach, wie er den Vorſchlag des jungen Man⸗ nes in Betreff der Eliſabeth von Bruce, den er zutrauensvoll erwartete, aufnehmen ſollte, und ſchon regte ſich ſeine vornehme Selbſtſucht bei dem Gedanken, die arme Eliſabeth zu ver⸗ lieren und ſie nach Irland mit einem Herrn zu ſchicken, der die Familien⸗Neigung der Bruce’'s nie verſtehen konnte. Wolf fuͤr ſich ſelbſt for⸗ gen zu laſſen, und das Vermoͤgen, das er durch die Advokatur gewinnen wuͤrde, auf Eliſabeth zu verwenden, war jezt ſeine Abſicht: ſie ſollte ſtelts bei ihm bleiben; er war daher, im Gan⸗ zen genommen, geſonnen, eine beſtimmte ver⸗ neinende Antwort auf die erwartete Eroͤffnung zu ertheilen; beſonders, da er ſelbſt nie eine Frau genommen hatte, und wußte, daß das Colibat ſeine Vortheilenſſelbſt fuͤr das ſchoͤne und unbeſchuͤzte Geſchlecht, hatte. Dieſe Grillen wurden alle durch Jakobina's Nachricht in die Flucht geſchlagen, und unter ihrer Leitung eilte Delanch weg, ohne auf die Bemerkungen der kichernden Waͤſcherinnen am St. Annas⸗Brunnen zu hoͤren. Herr Haliburton, der von einer zweiten frucht⸗ loſen Jagd nach Beß Slattery zuruͤckkehrte, ſchlug denſelben Weg ein, und ließ Effie zuruͤck, ihre ehlichen Beſorgniſſe zu beſchwichtigen, und —— 129 Monkshaugh zu troͤſten, ſo gut ſie konnte. Tief ergriffen von Jakobina's Nachricht, wartete der Laird den Erfolg in einem bedauernswerthen Zuſtande tiefer Angſt und Bekuͤmmerniß ab. — Siebentes Kapitel. Cambuskennet godge.. Waͤren die ſterblichen Ueberreſte des Lord von⸗ Bruce in die Wohnung ſeines alten Verwandten getragen worden, ſo haͤtten ſie mit keiner groͤ⸗ ßern Feierlichkeit oder tiefern Ruͤhrung empfan⸗ gen werden koͤnnen, als Monkshaugh jezt an den Tag legte, da der Wagen vor dem Sank⸗ tuarium angekommen war. Zitternd wie Espen⸗ laub, und mit Lippen, die ſo blaß waren, als die des ungluͤcklichen Kranken, war er nach der Thuͤrſchwelle gewankt; allein ſprachlos auf einen Seſſel niedergeſunken. Erſt nachdem er ſeinen edeln Verwandten auf Eliſabeths Bett nieder⸗ gelegt ſah, ſchienen die Bilder der Vergangen⸗ heit in ſeiner Seele aufzuſteigen. Er ergrift und druͤckte dir ſchmaͤchtige wachsfarbige Hand die uͤber das Bett herabhieng, und rief aus: „es iſt! es iſt mein edler Verwandter, John von Bruce! Der Fluch des brechenden Herzenz eines alten Mannes treffe ſie und laſte ewig auf ihnen, die ihn in dieſe Lage verſezt haben 150 „On fluchet ihnen nicht,“ fluͤſterte Eliſabeth, die neben dem Bette kniete, und zog die zum Fluche emporgehobene Hand nieder.“ „Gott verzeihe mir,“ ſagte Monkshaugh; „denn ſicherlich beugte weder die Grauſamkeit eines Mannes, noch die Treuloſigkeit eines Weibes ſeinen edeln Geiſt je auf dieſe Art nie⸗ der. Der Finger Gottes iſt hier ſichtbarz und obſchon wir zittern, muͤſſen wir doch anbeten.“ (Eine augenblickliche Stille erfolgte, und dann fluͤſterte Eliſabeth, auf die todtenaͤhnliche Ge⸗ ſtalt blickend:„Ihnen brachte meine Geburt keinen Segen. O, moͤchte die Hingebung mei⸗ nes ganzen Lebens Ihr Ungluͤck lindern! und wie der Himmel, deſſen Barmherzigkeit uns heute einander zugefuͤhrt hat, mir Gluͤck verlei⸗ hen wird, ſo werde ich ſtets an ihrer Seite bleiben, voll demuͤthiger Ehrerbietung, treuer Wachſamkeit und unterwuͤrfiger Liebe, bis meine Thraͤnen auf das Grab ſallen, zu welchem ich den Weg ebne, oder bis Sie Ihrer Geſundheit wie Ihres Verſtandes ſich wieder erfreuen, und mich auf immer in Ihrer Gegenwart bleiben, oder Ihr Angeſicht auf ewig fliehen heißen. O! ich werde viele Mittel auffinden, ihn zu bewe⸗ gen, daß er mich duldet 1 und ſie wandte ſich an Monkshaugh—„oielleicht daß er mich liebt; und werden wir dann nicht alle, begluͤckt und begluͤckend, auf immer beiſammen bleiben?“ „Zu Monkshaugh? Lisbeth. Ich gebe von Herzen meinen Beifall dazu; und entſage frei⸗ willig allen Ausſichten auf die Advokatur, um —jje—— 131 mich meinem edeln Verwandten zu widmen. Vieles kann durch einen klugen Freund gethan werden, der die Familienneigung kennt; und was iſt Ruf und Gluͤck gegen Familienfrieden und Familienliebe; obſchon ohne Zweifel die Wohnung Monkshaugh, da Wolf bald darauf bedacht ſeyn muß, eine Frau zu nehmen, faſt zu eng iſt? Allein es iſt Ernescraig da; und wir koͤnnten eine kleine Ecke von drei Zimmern und einer Speiſekammer— ſehr nöthig iſt eine Speiſekammer in dem Thurme— hinzufuͤgen.“ „Allein, was iſt jezt zu thun? Soll ich ein Billet an Herrn Dalrymple oder Leddy Tamtal⸗ lan ſchreiben?“ ſagte Eliſabeth. „Ich war 16 Jahre vor Andreas Dalrymple zur Advokatur berufen; allein in der Menge der Rathgeber liegt Weisheit, obſchon auf der andern Seite das Spruͤchwort da iſt, Herr De⸗ lancy,„zu viele Koͤche verderben die Kraft⸗ bruͤhe,“ allein laßt den Herrn Andreas holen— es fehlt ihm nicht an Verſtando der juridiſchen Kenntniſſen fuͤr ſein Alter; obſchon ich mehr wie ein Gelbſchnabel, denn wie ein regelmaͤßig erzogener alter Praktikus ſpreche, daß ich euch nicht geſagt habe, John Hurcheon werde, ehe wir zehn Stunden aͤlter ſind, bei uns ſeyn, und die Perſon des Lord von Bruce zuruͤck fordern.“ „Sie werden ſicherlich einer ſolchen Ueber⸗ gabe ſich auf jede Gefahr hin widerſetzen,“ ſagte Delancy.„Ertheilen Sie mir die Vollmacht, in Ihrem Namen zu handeln.. 88 „Wir trennen uns nie mehr;“ ſagte Eliſa⸗ 132 einen ſchwachen Gegendruck erwiedert, der ihr Herz durchbebte.„Er hort! er verſteht mich! — mein Vater!“ Die Augen der ganzen Verſammlung waren auf das Bett gerichtet; allein der bewußtloſe Gegenſtand ihrer Aufmerkſamkeit antwortete durch kein anderes Zeichen. In weniger als einer Stunde kam Herr Dal⸗ rymple an, begleitet von einem ausgezeichneten Arzte. Eliſabeth ſtattete ihnen einen ſehr um⸗ ſtaͤndlichen Bericht von allem, was in dem Parke vorgefallen war, ab. Sie bemerkte, daß der Arzt eine beſondere Wichtigkeit auf die Er⸗ ſchuͤtterung zu legen ſchien, die in die ganzen ſittlichen und phyſiſchen Konſtitution des ungluͤck⸗ lichen Kranken durch das Gefuͤhl perſoͤnlicher Entwuͤrdigung, beſchimpfter Maͤnnlichkeit, und verhöͤhnten Rangs, und den Schimpf eines von dem unmenſchlichen Huͤter, in der Gegenwart eines Weibes, gegen ihn beabſichtigten Schlags hervorgebracht worden war. Der Arzt bemerkte ſeinem Freunde, Herrn Dalrymple, ein ſehr aͤhnlicher Vorfall habe vor Kurzem die gluͤcklichſte Veraͤnderung in der geiſtigen Geſundheit des Patienten erzeugt. Eliſabeth theilte ihrerſeits mit, was der Huͤter von den großen Quantitä⸗ ten Opium geſagt hatte, die der ungluͤckliche Edelmann zu ſich zu nehmen pflegte. Ueber die⸗ ſen Punk wurde die Wirthin bekragt; denn in ihrem Hauſe hatte der Kranke unter dem Na⸗ men„Herr Browne“ einige Tage bor dem naͤcht⸗ beth, und der Druck ihrer Haͤnde wurde durch * 133 lichen Abenteuer der Eliſabeth gelebt, waͤhrend eine einſamere Wohnung fuͤr ihn zubereitet wurde, oder bis man es fuͤr angemeſſen hielt, ihn auf das Land zu nehmen, was nicht leicht mit Sicherheit geſchehen konnte, bis Monkshaugh und Eliſabeth aus ihrer Heimath vertrieben waren. 4 11 3 A 1 T3442, 4½ 81— Welches auch die Meinung des Arztes ſehn mochte, ſeine Sprache war aufmunternd und troͤſtend.„Es war, ſagte er, ein ſchlimmer Fall, der noch ſchlimmer behandelt worden war; ein Fall, in welchem ein einziger Freund mehr genuͤzt haben wuͤrde, als das ganze aͤrztliche Collegium. Allein ich war nicht darauf vorbe⸗ reitet, ihn ſo erſchoͤpft zu ſinden.“— Eliſabeths Auge fragte aͤngſtlich weiter.—„Wir ſind keine unfehlbaren Orakel,“ ſagte der Arzt.„In wenigen Tagen werden Sie weit mehr im Stande ſehn, mich aufzuklaͤren, als ich gegenwaͤrtig faͤ⸗ hig bin, die Art, wie Sie ihn pflegen ſollen, genau zu beſtimmen. Bleiben Sie jedoch bei ihm, ſo lange Sie koͤnnen; gewoͤhnen Sie ihn daran, Sie zu ſehen: ſeyen Sie ſeine Gefaͤhr⸗ tin, waͤhrend Sie ſeine Waͤrterin ſind, und hof⸗ fen Sie das Beſte. Daß eine theilweiſe, durch die⸗ ſes hoͤchſt hinterliſtige und verführeriſche Getränke vielleicht erſchwerte, geiſtige Zerruͤttung vorhan⸗ den iſt, glaube ich, allein Wahnſinn— mania. nicht. 39 11 1 10 4 Ss 219 16 14164 Waͤhrend ſie noch mit einander ſprachen, er⸗ ſchien Lady Tamtallan mit Herrn Haliburtont Unmittelbar nach ihrem Eintritte ging ſie auf 13 4 Eliſabeth zu, kuͤßte ſie auf beiden Seiten des Geſichts, und ſagte laut:„Maͤdchen, wenn ihr nicht eine Bruce durch Geburt waͤret, ſo wuͤrde euer Geiſt euch berechtigen, von ihrem Gebluͤte: zu ſeyn.— Fuͤhrt mich zu meinem Reffen, „Wenn Euer Gnaden mir die Ehre er⸗ zeigen, das, waß ich gethan habe, zu billigen, ſo trauen Sie meiner Klugheit ein wenig wei⸗ ter; Suchen Sie den Lord von Bruce nicht zu ſehen, bis Schlaf und Ruhe ihn wieder herge⸗ ſtellt haben.. ai „Es kann nicht ſeyn, meine Dame. Meine Gewalt iſt deſpotiſch,“ ſagte der Doctor, Eliſa⸗ beth guͤtig beiſtehend.„Die Wahrheit geſagt, die Nerven des Lord von Bruce ſind ſo erſchuͤt⸗ tert, ſind in einem ſo ſchwachen und reizbaren Zuſtande, daß. „Sprechen Sie mir nicht von Nerven,“ un⸗ terbrach ihn die alte Dame.„Ich habe einen Eckel vor Nerven; ſie vertreten ſtets aller Pflicht und allem Muthe den Weg; doch mag dieß auch recht ſeyn. Gott verhuͤte, daß ich da verletzen ſollte, wo ich heilen wollte.“ „Ein Aetzmittel mag zuweilen fuͤr eine Wunde gut ſeyn,“ ſagte der Arzt bei Seite zu ſeinem Freunde. „Aber Weib! wer in Gottes Namen ſeyd ihr?“ fuhr die Wittwe fort, ihre rauhen, grauen Brauen zuſammenziehend, bis ihre Augen ſich zu einem Funken ſchwarzen Feuers zuſammen⸗ draͤngten, und ihre ſtarke Hand an den Arm der Wirthin legend, die mit neuen Lichtern, und 1⁵⁵ ihren großen Galla⸗Leuchtern von Mahagoniholz, zur Ehre der erlauchten Gaͤſte, ihrer Mieths⸗ leute, hereintrat. IinD. „Gerade die Perſon, fuͤn welche Euxe Gnaden mich halten, die Tochter meiner eigenen Mut⸗ ter, und wenig ſchaͤme ich mich, ſie anzuer⸗ kennen. Friede ſey mit ihr!— ihr Ende war hart, aber ihr Leben ehrlich!“ 1r „Daran liegt wenig, Weib. Allein die Wahr⸗ heit will ich dieſe Nacht aus euch herausbringen, und wenn ich ſie mit gluͤhendheißen Zangen aus euch reißen muͤßte!“ „Pah, pah! meine Lady! die Tage eures edeln Ahnherrn, des Herzogs von Drumlanrig, ſind voruͤber, und die ſpaniſchen Stiefel und Dau⸗ menpreſſen dazu. Allein ich will die Wahrheit frei und unverholen ſagen, um ſo eher, als ihre Verhehlung blos das Andenken derjenigen be⸗ leidigt hat, der ich zu dienen ſuchte.“ „Eliſabeth,“ fluͤſterte Gideon,“ da ſteht in leibhafter Geſtalt das Weib, welches ich ſo lange geſucht habe— da, unter meiner eigenen Naſe, die einzige lebende Verwahrerin alles deſſen, was man von eurer Geburt weiß, John Hut⸗ chen und Frau Monica Doran ausgenommen. Wollt ihr die Wahrheit dieſe Nacht hoͤren, wenn ſie meine Lippen entſiegelt oder ihre eigenen öffnet?“ „Sagt mir alles, und jezt,“ antwortete Eli⸗ ſabeth, ſehr blaß, obſchon ihre Stimme feſt war. „Die Wahrheit kann nicht ſchrecklicher ſeyn, als meine Beſorgniſſe; noch ſo verwirrend, als meine 136 Ungewißheit. Mein Geiſt iſt durch Geheimniſſe ganz abgemattet.““ „Geheimnißvoll i in der That, fuͤr unſer dunkles Wiſſen, ſind die finſtern Wege, auf welchen die Vorſicht des Allmaͤchtigen die Angerechtigkeit der Vaͤter an ihrem Geſchlechte heimſucht. Laßt uns nie vergeſſen, daß auch Er es iſt, der Tauſen⸗ den Barmherzigkeit erzeigt; und daß die Heim⸗ ſuchung und der Segen oft Hand in Hand kommen, obſchon unſer kurzſichtiges Auge die geheimnißvollen Bande, die ſie vereinigen, enicht zu ſehen vermag.“ Lady Tamtallan hatte ſich in dieſer Zeit mit der Wirthin in das kleine von dieſer Matrone bewohnte Gemach entfernt, und die Herrn, die von dem innern Zimmer kamen, wo ſie bei dem Lord von Bruce geweſen waren, nahmen von Eliſabeth fuͤr dieſe Nacht Abſchied. Delancy blieb einen Augenblick hinter den andern zuruͤck, und bat um Erlaubniß, ſich an dem folgenden Morgen zu einer fruͤhern Stunde nach dem Beſin⸗ den der Familie erkundigen zu duͤrfen, als die Hoͤf⸗ lichkeit erlaube, da ſie beſtimmt erklaͤrt habe, der Schutz ſeiner Perſon ſey, da Herr Hali⸗ burton ſich in der Familie befinde, die Nacht hindurch ganz unnoͤthig.“ „Zu jeder Stunde muß Herr Delaney uns willkommen ſeyn,“ ſagte Eliſabeth..„Wir ſind nichti in der Lage, daß wir unſere wenigen Freunde gering ſchaͤtzen duͤrften; empfangen Sie unſern beſten Dank fuͤr manche zur noͤthigen Zeit uns erwieſene Guͤte: Ihre Aufmerkſamkeiten gegen 157 den armen Friſel, den ſein Herr als einen de⸗ muüthigen Freund betrachtet, wiſſen wir alle zu ſchaͤten. Ich wuͤnſchte, er waͤre hier, da er Ihnen beſſer danken, und uns alle leiten und ſchuͤtzen konntel. ſilt nit genn Miuts Eine augenblickliche, durch Stolz und Eifer⸗ ſucht erzeugte Roͤthe uͤbergoß die Stirn des jun⸗ gen Mannes, waͤhrend er etwas ſteif erwiederte: „Kein Dank kann ſo viel Werth fuͤr mich ha⸗ ben, als der Ihrige— nicht daß er vordient waͤre, ſondern weil Sie ihn verleihen. Selbſt in der bewußtloſen Gegenwart des Lord von Bruce, wagte ich es nicht, Ihnen die erſte, wo nicht die tiefſte Urſache meines Antheils an ſei⸗ nem Schickſale zuzufluͤſtern. Ich hoͤrte ſie nie ſeinen Ramen fluͤſtern, obſchon er von ihr nicht vergeſſen werden kann— allein das menſchliche Weſen, das ich allein vor allen andern verehre, und die meine verwaiste Kindheit pflegte und meine Jugend leitete, war die verlobte Braut des Lord von Bruce!“ Eliſabeth ſchrack zuſammen und heftete ihre forſchenden Augen auf den Sprecher.„Ein ſchwarzes Schickſal trennte ſie am Fuße des Altars.— Eine That, an die man nur mit brennender Schaam und endloſem Kummer den⸗ ken, und die nie gemildert oder geſuͤhnt werden kann. Das Schickſal und die Magie, Sie wiſ⸗ ſen es.“ fuͤgte er halb laͤchelnd zu,„haben ei⸗ nen ſtaͤrkeren Zauber, als Gegenzauber. Wie leichtſinnig oder wie blind knuͤpft das Schickſal zuweilen jene Bande, die ſeine ganze Macht nicht aufloͤſen kann!,⸗“⸗ 138 „Ich hatte eine dunkle Ahnung davon,“ ſagte Eliſabeth, hoͤchſt bewegt.„Ich muß morgen weiter hoͤren. Ich bin ganz unbekannt mit meiner Familiengeſchichte— allein ich kenne meine gegenwaͤrtige Pflicht. Dieß iſt keine Zeit zur Zuruͤckhaltung; als den beſten, den einzigen Beweis, den ich Ihnen von meiner Achtung geben kann, oͤffne Ihnen daher mein Herz. Ich hoffe, wenn der morgende Tag kommt, werde ich den Lord von Bruce, in der Wahrheit wie im Geiſte, meinen Vater nennen koͤnnen. Allein ich weiß dieſe Nacht, daß ich Wolf Grahame bei einem Namen nenne, der—“ Ihr ganzes Geſtaͤndniß lag in dem Hochroth, das ihr ganzes Geſicht und ihren Nacken uͤber⸗ goß— in der bebenden Stimme und der ab⸗ gebrochenen Pauſe. Die Wirkung deſſelben auf den Zuhoͤrer wollte ſie nicht ſehen, und beeilte ſich, hinzuzufuͤgen,„wir haben mit vielen Wi⸗ derwaͤrtigkeiten zu kaͤmpfen, Herr Delancy; allein mit feſtem Glauben, junger Hoffnung und vereinigten Herzen koͤnnen wir alles uͤberwin⸗ den! Dieß heißt frei geſprochen; allein Herr Delanch verdient die Wahrheit zu hoͤren, weil er ſie zu ſchaͤtzen weiß.“ „Ehe Delancy aufblicken konnte, war ſie ver⸗ ſchwunden; und obſchon er nichts hoͤrte, wozu er ſich nicht vorbereitet geglaubt hätte, ſo ſtand er doch wie der jugendliche Traͤumer da, deſſen in die Luft gebaute Schloͤſſer in ihrem Falle das Herz des Baumeiſters, der ſie aufgefuͤhrt hat, zerſchmettern. 83 139 „Sie liebt! geſteht es, triumphirt in ihrer Liebe!“ dachte er;„allein ich will mich huͤten, ungerecht oder niedertraͤchtig zu werden. Wenn der ſtaͤrkſte Beweggrund dieſes eifrigen Antheils der war, daß Eliſabeth die freundloſe Tochter des Lord von Bruce iſt, ſo bleibt dieſer noch in ſeiner ganzen Kraft. Ich will der Freund blei⸗ ben, deſſen ſie alle beduͤrfen— der Bruder, den ſie nie gekannt haben.“ Der junge Mann wurde aufgefordert, mit den andern Herrn in die Stadt zuruͤckzugehen; allein das Geſchwaͤtz des Advo⸗ katen und die Gelehrſamkeit des Arztes fanden dieſe Nacht taube Ohren. Inzwiſchen hatte ein Verhoͤr der Wirthin vor einem geheimen Ausſchuſſe, der aus Lady Tam⸗ tallan und Herrn Haliburton beſtand, ſtatt. „Weib! ſprecht die Wahrheit und die ganze Wahrheit, ſo wahr ihr Gott und mir dafuͤr ver⸗ antwortlich ſeyn ſollt,“ ſagte die Wittwe.„Ihr ſagt, daß ihr den Lord von Bruce nur einmal bei Nacht geſehen habt? War es in jener Nacht, in welcher der niedertraͤchtige Hutchen dieſes Kind, in Gegenwart dieſes ehrlichen Mannes, empfing— dieſes Kind, das zu dem Maͤdchen, das ihr alle Eliſabeth von Bruce nennt, aufge⸗ bluͤht iſt?“ 4— „Und mit Recht ſo genannt, Madame,“ ſagte Gideon aufſtehend.„Dieſen Namen empfing ſie in der Taufe, die von dieſen unwuͤrdigen Händen, in Gegenwart dieſes ehrlichen Weibes, ihrer ſterbenden Mutter, und des Herrn John Hurcheon ertheilt wurde. Soll ich dieſes Kind hieherrufen??“ — — 140 „Nuft ſie!“ erwiederte die alte Frau, ihren Kopf wirklich mit ihrer Hand haltend, um das furchtbare Zittern zu hemmen, das ihn ſo ſehr bewegte, daß er von ihrem Halſe ſpringen zu wollen ſchien. Eliſabeth bewachte in dieſem Augenblick den Schlummer ihres Patienten. Trotz der Erſchuͤt⸗ terungen des Tages, und alles deſſen, was ſie hoffte und fuͤrchtete, beſchlichen ihr Herz allmaͤhlig die ſanften und zarten Gefuͤhle, mit denen ein weibliches Weſen ſtets die ſanfte Ruhe derer bewacht, deren Wohl von ihrer Sorgfalt ab⸗ haͤngt, die ſie liebt, und fuͤr die ſie gezittert und gelitten hat. Mit einer Art von Wi⸗ derwillen entſagte ſie dieſen angenehmen und beſaͤnftigenden Gefuͤhlen, und in einer peinlichen Verwirrung nahm ſie neben Herrn Haliburton, und ſo weit von Lady Tamtallan, als es an⸗ ſtaͤndiger Weiſe moͤglich war, Platz. „Es mochten ungefaͤhr ſechs Wochen vor dem ſtuͤrmiſchen Mittwoch ſeyn,“ ſagte die Wir⸗ thin,„als um die Stunde der Mitternacht ein leiſes Krachen und Knarren an unſerer Thuͤre gehoͤrt wurde. Wer wird je die wilde Nacht des ſtuͤrmiſchen Mittwochs vergeſſen? Es war die pechſchwarze Geiſterſtunde— ich erinnere mich wohl noch. Meine Mutter, die in fruͤheren Naͤch⸗ ten nichts geſchlafen hatte, ſchlummerte in ihrem Armſtuhle, als die raſche Aufforderung an ſie erging. Sie war zu allen Stunden an ſolche Anmahnungen gewohnt, und in einem Augen⸗ 141 blicke waren Holzſchuhe und Rock an ihrem Leibe. Der Klang der Thuͤre hinter mir drang zu mei⸗ nem Herzen, wie Todtengelaͤute; und als ich aus dem Fenſter blickte, bis die Finſterniß die ge⸗ ſpenſtiſche Geſtalt, die vor ihr herſchlich, ver⸗ ſchlang, bebte mir das Herz im Leibe.“— „Sagt mir nicht, was ihr fuͤhltet, ſondern was ihr ſahet, Weib! War es der junge John, der „Er war es nicht, meine Lady.“ Und das Weib erzaͤhlte, daß eine alte Saͤnfte an einem beſondern Platze gefunden wurde, und wie ihrer Mutter unter wilden Drohungen die Augen berbunden, und ſie dann genoͤthigt wurde, in dieſe Saͤnfte zu ſteigen, obſchon die ungemeine Dunkelheit der Nacht die Vorſichtsmaßregel faſt unnoͤthig machte. Nach einer langen Zeit wurde die Saͤnfte nie⸗ dergeſtellt; und als die Binde von ihren Augen genommen wurde, fand ſie ſich in der geraͤumigen, aber verfallenen Halle einer fuͤrſtlichen Wohnung, nach dem Geſchmacke des Zeitalters, in welchem ſie erbaut worden war. „Ich will die Geſchichte erzaͤhlen, wie meine ſterbende Mutter ſie erzaͤhlt hat,“ ſagte das Weib, die Wittwe anblickend.„Sie glaubte, ſie ſehe zehn lange Meilen gereist; allein da ſtand ſie in der Halle von Cambuskenneth Lodge— G maͤlde, Tapeten, Schilde und Ruͤſtungen hinge faſt alle umher, wie ſie ſie bei der Geburt Johns, des Lord von Bruce, geſehen hatte, als daſelbſt Freude und Jubel wegen eines lebenden Erben, Lord von Bruce?“ 142 und eines von einer alten Familie entfernten Fluches herrſchte.— Ach, dieſer Fluch laſtet noch auf ihr!⸗ mm „FErzaͤhlt eure Geſchichte, Weib, und ſpart eure Erklaͤrungen!“ rief die Wittwe.„Wie wagt ihr, oder eine Perſon eures gleichen, an die Leiden dieſes edlen Hauſes anders, als mit Zit⸗ tern und Stillſchweigen zu denken?“ Die Wittwe fuhr in ihrer Erzaͤhlung fort, und ſagte, daß in dieſer Halle, neben der ſchlan⸗ ken und geſpenſtiſchen Geſtalt, die ihre Mutter herbeigerufen hatte, eine andere Perſon ſtand, die ſie wahrſcheinlich hatte hierher bringen hel⸗ fen; beide waren ſehr große Maͤnner, und ge⸗ nau auf dieſelbe Weiſe gekleidet; ſie trugen reiche enge Unterkleider, mit ſcharlachrothen, reich⸗ verbraͤmten Roͤcken, die, als ſie auf die Seite fielen, ihre Piſtolen und Dolche zeigten. Beide trugen Masken von Sammt, und ſchienen ihrem ganzen Aeußern nach Leute von hohem Range. Die Wehemutter wurde hierauf in das Vor⸗ zimmer einer Reihe von Gemaͤchern gefuͤhrt, die hinſichtlich der Bauart und der urſpruͤnglichen Ausſchmuͤckung praͤchtig, jezt aber ſpaͤrlich und gemein moͤblirt waren, und jenes kalte und ver⸗ laſſene Ausſehen hatten, das nie ſo tief gefuͤhlt wird, als bei Auftritten, wo noch einzelne Spu⸗ ren von dem Leben, dem Glanze und der Pracht, die fuͤr immer geflohen ſind, vorhanden ſind. In dieſem Gemache dampſten die Ueber⸗ bleibſel eines Holzkohlenfeuers auf dem mar⸗ mornen Herde. Die Wehemutter: hatte den 143 Befehl erhalten, die Glut anzublaſen, und ein gewiſſes Vertrauen kehrte in ihre Bruſt zuruͤck, als das Feuer, eines der vertrauteſten Bande des geſellſchaftlichen Lebens, wieder aufflammte. Auf einem marmornen Tiſche neben dem Herde lagen die entbloͤßten Schwerdter der Bruͤ⸗ der— denn als ſolche ſtellte die Wehemutter ſie dar— neben einer Weinflaſche und Trink⸗ ſchalen. Sie wurde aufgef ſchungen zu genießen, und in Folge dieſer Hoͤfligkeit wagte ſie es, obſchon mit Furcht und Zoͤgern, nach der Lady zu fragen, zu der ſie gerufen worden war. Ihre Fuͤhrer ſchienen nicht die Leute, die Gefallen an Fragen hatten. „Furchtet nichts, Weib!“ ſagte der, welcher ſie eingefuͤhrt hatte.„Schweigt!— und ihr habt nichts zu fuͤrchten. Was iſt uns euer elen⸗ des Leben— oder das von Tauſenden wie ihr? — Beruhigt euch, und wartet ruhig unſre Ruͤck⸗ kehr ab.“ 16t 8 Die Herrn verſchloſſen die Thuͤre, welche in die Halle fuͤhrte, und ebenſo eine andere, durch die ſie ſich in das Innere dieſer Reihe von Ge⸗ maͤchern entfernten. „Sie hatte ein muthiges Herz, meine Mut⸗ ter,“ ſagte die Wirthin;„aber ich glaube, es zitterte ihr wie Espenlaub, als ſie nach einem Rettungswege, waͤre es auch nur ein Mausloch geweſen, umherblickte und tappte. Die eichenen Fenſterlaͤden waren vernagelt und jeder Spalt ſorgfaͤltig gegen das Tageslicht verſchloſſen, und mit Spinngeweben tapezirt, als ob die Sonne ordert, einige Erfri⸗ 144 ſeit Jahren nicht mehr in dieſe finſtern Gemaͤ⸗ cher geſchienen haͤtte. Als ſie bei ihren frucht⸗ loſen Nachforſchungen an der Thure, die zu dem Zimmer fuͤhrte, ſtehen blieb, hörte ſie deutlich das tiefe, ſchwache Geſtoͤhn eines Weibes, mit den ſtaͤrkeren Seufzern einer maͤnnlichen Stimme vermiſcht,— Seufzer, welche die Verzweiflung einem brechenden Herzen auszupreſſen ſchien. Gott helfe ihnen, wer ſie auch ſeyn moͤgen! ſagte meine Mutterz denn die wahre Stimme tiefen Wehes und bittern Kummers konnte nicht miß⸗ verſtanden werden.“ 26. 8 „„Konnte ſie geſchlummert oder geſchlafen haben, meine Mutter— oder traͤumte ſie wachend, indem das Fieber bereits in ihrem Blute und Gehirne wirkte?— Sie wußte wohl, wo ſie ſtand— in der alten Wohnung der Bruce's!— aber kein Bruce war neben ihr! das Kohlenfeuer war wieder abgebrannt; aber immer erhellte noch ein duͤſterrother Schimmer die ſchwarze Oberflaͤche eines großen Lichtſpie⸗ gels, der, wie ihr wiſſen werdet, meine Lady— „Ich weiß es wohl, Weib!“ rief die alte Dame aus.„Fahrt mit eurer Erzaͤhlung fort.“ „Als das Auge meiner Mutter einmal auf denſelben geheftet war, konnte ſie es um alles in der Welt nicht wieder von dieſem Flecke weg⸗ wenden!“ Und ſie erzaͤhlte, in der ihr eigenen Sprache, daß der dunkle Schatten der Lady Blanka von Lothringen langſam aufſtieg, und laͤngs des Spiegels in demſelben Leichentuche hinglitt, in welchenn ſie ſtets erſchien, ein todtes Kind in ihren 145 ihren Armen.— Die dunkle Geſtalt bewegte ſich ſtets fort, entfernte ſich aber nie, gleich einer blaſſen, langſam ſich bewegenden Wolke im Mond⸗ lichte. Der Schreckensruf der Wehemutter er⸗ ſcholl, als das vermeinte Geſpenſt verſchwand; und dieß brachte ihre vermummten Fuͤhrer zu⸗ ruͤck, die ſich, als ſie ihre Beſinnungskraft wie⸗ der erlangte, da, wo ſie auf den Herd nieder⸗ geſunken war, uͤber ſie hinbeugten, indeß ihre entblößten Schwerdter ſich uͤber ihrem Kopfe brgegneten. Die Wirthin ſagte, in ihrer Erzaͤhlung fort⸗ fahrend, daß ihre Mutter ſich, ſelbſt durch die harte Zucht ihrer Fuͤhrer, von dem bluterſtarrenden Schrecken uͤbernatuͤrlicher Furcht befreit fuͤhlte, der ſicherlich das peinigendſte Gefuͤhl iſt, das ein menſchliches Weſen erdulden kann; denn was ſind irdiſche Schrecken gegen die Todesqual⸗ der wehrloſen Seele, die unter der geſtaltloſen und unbegraͤnzten Gewalt jener uͤbermenſchlichen Furcht bebt, die toͤdtet und wahnſinnig macht? „Es war Sonnenlicht und Heil,“ ſagte das Weib,„ſelbſt in dem rothen Glanze der ent⸗ bloͤßten Schwerdter, die ihr Leben zu bedrohen chienen.“ Als ſie wieder zur Beſinnung ge⸗ kommen war, wurde ſie von dem Vorzimmer durch den Saal oder das Speiſezimmer derſel⸗ ben Zimmerreihe in das Zimmer ihres Patien⸗ ten gefuͤhrt. „Hier ſah meine Mutter zuerſt den Lord von Bruce,“ ſagte die Wirthin. Eliſabeth ſeufzte Eliſ. v. Bruce. III. jungen tief, als die alte Lady laut 1 146 ausrief:„Weib, war dieß in der That mein junger Neffe John?“ 1 „So gewiß als ein Himmel uͤber uns iſt, war es John, der Lord von Bruce, der neben ihrem Bette kniete, wo er erſt zwanzig Jahre zuvor das geſegnete Licht erblickt hatte. Er eilte augenblicklich hinweg; allein in einem Bruce kann man ſich nicht irren. Meine Mutter wuͤrde dieſen ſtattlichen Kopf auf dem Pickenſchafte eines Hochlaͤnders erkannt haben.“ Ladh Tamtallan hob ihren Spazierſtock em⸗ por, um, wie es ſchien, die Perſon zu zuͤchtigen, die ſich dieſer gemeinen Anſpielung bediente; allein ſie ließ ihn wieder ſinken, und die Wir⸗ thin erzaͤhlte, daß ihre Mutter jezt Muth ge⸗ faßt und ſich dem Bette ihres Patienten genaͤhert habe.. Hier lag ein blaſſes junges Maͤdchen, das nicht uͤber fuͤnfzehn oder ſechzehn Jahre alt ſchien, und mehr einer ſchoͤnen Statue als einem le⸗ benden Weſen glich. Die Lippen waren feſt zuſammengepreßt, als ob der entſchloſſene Geiſt es verſchmaͤht haͤtte, ſeine Qual zu dekennen; allein Thraͤnen floſſen langſam aus den geſchloſ⸗ ſenen Augenliedern. „Sie hatte ein ſtarkes, freundliches Gemuͤth, meine wuͤrdige Mutter,“ ſagte das Weib,„und alles Vergangene vergeſſend, ſagte ſie im Namen ihres Schopfers,„iſt dieß das arme Kind, zu dem man mich gerufen hat?“ als der, welcher der juͤngere von den Bruͤdern ſchien, her einſtuͤrzte, einen ſeidenen Schleier, der auf dem Bette -2 147 lag, ergriff und ihn, mit einer aus Leidenſchaft zitternden Hand, um den Kopf des ungluͤcklichen Maͤdchens band, das keine Bewegung des Wi⸗ derſtands machte, ſondern ſeinen verſchleierten Kopf wie leblos auf das Kiſſen zuruͤckſinken ließ, ſobald er ſeinen Arm zuruͤckgezogen hatte. Furcht⸗ bare Drohungen fluͤſternd, falls der Schleier zu⸗ ruͤckgezogen wuͤrde, entfernten ſich die Bruͤder, ließen aber die Zimmerthuͤre halb geoͤffnet. Durch die lange, duͤſtere Perſpective der Zimmerreihe konnte die Wehemutter jene wuͤthenden Bruͤder langſam und beunruhigten Geiſtes umhergehen ſehen, als ob ſie uͤber irgend eine namenloſe That nachdaͤchten, deren Vollendung nahe war⸗ Waͤhrend ſie noch an dem Bette der Dame ſtand, die, wenn ſie ihre hoͤflichen Fragen hoͤrte, auf keine antwortete, ſah die Wehemutter eine aͤltliche Frau, mit einem Kinde in ihrem Arme, in das Zimmer durch dieſelbe Thuͤre ſchleichen, durch welche der Lord von Bruce verſchwun⸗ den war. „Monica, meine arme Amme, ſie war es,“ ſagte Eliſabeth, die, ihre blutloſen Lippen geoͤff⸗ net, ihre Haͤnde auf ihrer Bruſt gefaltet, und ihre Augen auf die Sprecherin geheftet, in der Stellung geſpannter Erwartung daſaß.— „Wer es auch ſeyn mochte,“ ſagte das Weib, „meine Mutter that einen leiſen Schrei, als ſie ſie erblickte. Die Amme warf das Kind auf das Bett und verriegelte die Thuͤre ſchnell von innen, waͤh⸗ rend das junge arme Madchen, ins Leben erwa⸗ chend, ihre Arme um den Nacken meiner Mutter 7* 148 ſchlang, ſie auf ihr Kiſſen hinzog, und in ei⸗ nem herzdurchdringenden Tone fluͤſterte: „Das iſt mein Kind! mein leben des Kind! o! bei der Barmherzigkeit Gottes beſchwoͤre ich euch! wenn ihr je das Mitleid eines weiblichen Herzens fuͤhltet, wenn ihr die Blutſchuld, die Vergießung unſchuldigen Bluts verabſcheut, wenn ihr auf Rettung durch ihn, der fuͤr uns alle ſtarb, hof⸗ fet, ſo verrathet das Leben dieſes huͤlfloſen und unſchuldigen Geſchoͤpfs nicht! Euer Stillſchwei⸗ gen eine halbe Stunde lang iſt alles, um was ich euch bitte. Gewaͤhrt mir nur dieß, und mein Leben fuͤr das eurige!“ 2 „Meine Mutter war, wie ihr euch leicht den⸗ ken könnt, in furchtbarer Beſtuͤrzung. Das Le⸗ ben iſt ſuͤß, meine Lady, ſelbſt fuͤr ein altes Weib. Sie wußte nicht, was ſie thun, noch was ſie denken ſollte.— Die Amme hatte in⸗ zwiſchen das Kind eingeſchlaͤfert, das, wie meine Mutter glaubte, ungefaͤhr drei Wochen alt ſeyn mochte; und als es ſchlief, ging ſie auf die Thuͤre zu, öffnete ſie, rief den Herrn einige Worte zu, und verſchloß die Thuͤre des Zimmers der Dame wieder ſorgfaͤltig.“ „Dieß war ohne Zweifel eure alte Amme, Lady Lisbeth,“ ſagte die Wirthin, Eliſaͤbeth an⸗ redend,„und ihr rief die ungluͤckliche Dame, eure junge Mutter, nun zu:„Jezt, jezt iſt der Augenblick gekommen, nach welchem ich mich ſo lange geſehnt, um den ich ſo lange gebeten habe. Flieht, ſo lange ihr koͤnnt, ihr wißt, wer auf euch wartet und wo:— bei der Ka⸗ 149 pelle des Pallaſtes. Und nun erinnert euch an alle eure Geluͤbde, die ihr mir, mir, einer ſterbenden Mutter, gethan habt. O, werden ſie mich toͤdten?— mich— noch ſo jung! ſo jung!“ die Dame ſank hierauf wie bewußtlos auf ihr Kiſſen zuruͤck, und die Amme warf das Kind weg, und weigerte ſich, wie es ſchien, ihre junge Gebieterin zu verlaſſen.“ Eliſabeth ſeufzte und ſchluchzte immer ſtaͤr⸗ ker.„Ich wollte, ich haͤtte nie das Licht der Welt erblickt!4⸗ rief ſie aus.„Mein Leben ver⸗ haͤngte uͤber Viele tiefes Weh— das tiefſte uͤber meine Mutter!“ „Eliſabeth, mein theures Kind,“ fluͤſterte Gideon, ſeine ſchwarzgelben Augen abwiſchend. „Iſt es recht, daß wir den Schleier wegneh⸗ men, den die Hand eurer eigenen Mutter auf ihre fruͤhern Leiden geworfen hat? Wenn dieſe Geſchichte fuͤr eure Ohren geeignet gewe⸗ ſen wäre, wörde nicht Frau Doran, die neben euch laͤngſt ſchon erzaͤhlt haben?“ Eliſabeths Gefuͤhle hatten den hoͤchſten Grad von Spannung erreicht, und ſie zu zaͤhmen war keine leichte Aufgabe; allein ſie wagte es nicht, ungeheißen in die ſo lange und ſo ſorgfaͤltig ver⸗ borgenen Geheimniſſe des Kummers einer Mut⸗ ter einzudringen. Sie nahm Herrn Halibur⸗ ton’s Arm, ſtand auf und ſagte, um Selbſtbe⸗ berrſchung mit ſich ſelbſt kämpfend, mit leiſer aber deutlicher Stimme,„ich will zu dem Bette 15⁰ des Lord von Bruce zuruͤckkehren; da kann ich mich nicht verfehlen. Ich will warten, bis Gottes Zeit kommt.“ Sie verbeugte ſich gegen die alte Dame, die ſelbſt durch dieſe Unterbre⸗ chung ungeduldig zu. werden ſchien, und ent⸗ fernte ſich. Ehe Gideon zuruͤckkehrte, hatte die Wirthin ihre Erzaͤhlung beendet. Die Amme hatte ſich bewegen laſſen, ſich mit dem Kinde nach der an den Pallaſt Holyrood anſtoßenden Kapelle zu entfernen, wo ſie den Lord von Bruce, der auf ſie wartete, nebſt einer Perſon traf, die, wie es ſich nachher zeigte, Herr Hutchen war. Der leztere huͤllte das Kind in ſeinen Rock, und das ergebene Weib kehrte zuruͤck, um das Schick⸗ ſal ihrer jungen Gebieterin, worin dieß auch beſtehen moͤchte, zu theilen. Das junge Maͤd⸗ chen empfieng ſie mit einem Ausbruche leiden⸗ ſchaftlichen Gefuͤhls, und von der Sicherheit ih⸗ res Kindes uͤberzeugt, ſchien ſie ſich in alles zu fuͤgen, was ihr begegnen moͤchte. Allein da die ganze Unterredung in einer unbekannten Sprache ſtatt hatte, ſo konnte die Wehemutter, die von nicht ungegruͤndeten Beſorgniſſen fuͤr ihre eigene Sicherheit erfuͤllt war, weder auf das Geſpraͤch horchen noch deſſen Inhalt verſtehen. Die Bruͤ⸗ der mußten, wie ſie aus der Enthuͤllung der Amme muthmaßte, das Vorgefallene erfahren haben, und daß das junge Schlachtopfer ihrer Wuth oder ihrer Rache ihnen, durch die Mitwirkung der Wehemutter, entſchluͤpft war, die aus To⸗ desangſt wieder in Ohnmacht ſank. Als ſie wie⸗ 15¹ der zur Beſinnung kam, fand ſie ſich in der freien Luft, an der alten Stadtmauer lehnend, neben der ehedem ſogenannten Feldkirche, wo Daigh der Zunftvorſteher ſie, wie erzaͤhlt wor⸗ den iſt, waͤhrend des Abbrennens von Cambus⸗ kenneth Lodge getroffen hatte. „Als ich ſie auskleidete und in das Bett legte, von welchem ſie nie wieder aufſtand,“ ſagte das Weib, gerade als Gideon zuruͤckkehrte,„fand ich ſicherlich andere fuͤnf große Goldſtuͤcke in einer um ihren Hals gebundenen Serbiette. Aber was iſt Gold gegen das Leben und einen guten Namen? und beides verlor ſie in jener finſtern Nacht.“ „Und welchen gelehrten Anhang koͤnnt ihr dieſer wilden Geſchichte beifuͤgen, Prediger?“ Gideon konnte bloß hinzufuͤgen, daß, ehe man ihn in das Zimmer der Wehemutter rief, wo das Kind getauft wurde, der Lord von Bruce und Herr Hutchen da ſtanden, und daß der feierliche Gebrauch kaum vollzogen war, als der augenſcheinliche Kummer des ungluͤcklichen Edel⸗ manns in offenen Wahnſinn ausbrach. Er hatte den Lord in Hutchens Wohnung bringen belfen, und jenes feierliche Verſprechen der Ver⸗ hehlung gegeben, das oft ſchwer auf ſeiner Seele gelaſtet hatte. Vor Anbruch des folgenden Ta⸗ ges hatten die Amme und Hutchen das Kind von der Wehemutter zuruͤckgefordert. Sie ent⸗ fernte ſich, niemand, den Familienagenten aus⸗ genommen, wußte, wohin; und Cambustenneth Lodge lag in Finſterniß und Aſche! 15² „Und dieſer Phoͤnir iſt alles, was uns uͤbrig gedlieben iſt,“ ſagte Lady Tamtallan,„disſes Maͤdchen, das, ich bin es vollkommen uͤberzeugt, keine geſetzmaͤßige Tochter des Hauſes Bruse iſt, ſey ſie was ſie wolle!“ „Und ich bin, als vor Gott uͤberzeugt, daß ich ſah, wie John Hurcheon dieſe Waiſe aus den Armen eures edeln Verwandten empfieng, um ſie, obſchon in ſtrenger Einſamkeit, als eine geſetzmaͤßige Tochter des Hauſes Bruce zu er⸗ ziehen,“ ſagte Gideon.„Bald ſah der ſchmu⸗ ßige Filz ſcheel zu dem Wenigen, was das ein⸗ ſame verwaiste Maͤdchen bedurfte, obſchon ihm der ganze Reichthum ihres Vaters zu Gebot ſtand. Aber die Gande und der Segen Gottes und der Menſchen war mit dem Maͤdchen; und ſie wuchs auf dieſen Huͤgeln auf, und bluͤhte zur Schoͤnheit empor, wie die Roſe der Wuͤſte; und gedieh bielleicht beſſer, als wenn ſie in den Hallen der ſtolzeſten Prinzen ihres fuͤrſtlichen Geſchlechts aufgezogen worden waͤre,“ und Gi⸗ deon ſchritt hinweg ſo kuͤhn wie ein Lowe, und vor ſich hin murmelnd:„Stolzes, unchriſtliches Geſindel— keine geſetzmaͤßige Tochter!“ „Kommt zuruͤck, muͤrriſcher Graukopf!“ rief Lady Tamtallan, ſo huldreich laͤchelnd, als es ihr moͤglich war.—„Wie dem auch ſeyn mag, ihr ſeyd doch vielleicht ein ehrlicher Mann.“ „Ich glaube, Niemand bezweifelt dieß, meine Lady,“ erwiederte Gideon mit Stolz und Waͤr⸗ me; und die Lady grinste noch huldreicher. „ ch bin durch Kreuzlichter verwirrt,“ ſagte ——äjxV 153 ſte,„durch Irrwiſche irre gefüͤhrt.— Wo iſt Wolf Grahame 2 Schickt es ſich fuͤr einen Gra⸗ hame, ſeine Fahne zu verlaſſen, wenn Koͤni und Vaterland ſeines Schwerdtes und ſeiner Dienſte beduͤrfen?— Ihr muͤßt morgen bei mir fruͤhſtuͤcken, und die Briefe dieſes Schurken ſe⸗ 82„Ich werde keinen von Hutchens Briefen le⸗ ſen zſie waren nie fuͤr mich geſchrieben.“ „Waget ihr es, mit mir ſo zu ſprechen?“ ſagte die Dame, waͤhrend ein ſchwarzes Feuer in ihren Augen blizke, und ihr Kopf in eine raſche leidenſchaftliche Bewegung gerieth. „Mit dem Koͤnige auf ſeinem Throne wuͤrde ich ſv ſprechen, wenn er an einen ehrlichen Mann dieſelbe Aufforderung machte.“ „Und iſt es nicht ehrlich, alle geſetzmaͤßigen Mittel zu gebrauchen, um die Schurkerei eines Verraͤthers und einer Natter noch obendrein zu entdecken 24: „In welchem Jahre leben wir, daß ihr ſo be⸗ ſchimpfende Worte an mich zu richten wagt?“⸗ rief dis Dame, aus Leidenſchaft zitternd. „ Ich ſpreche die Wahtheit, die erleu chten und 154 leiten ſoll; nie aber konnte ich einen ehrlichen Mann oder eine ehrliche Frau beſchimpfen.“ Die alte Lady zog an der Klingel⸗ bis der Strick in ihren Haͤnden brach,— und dann fuhr die Thuͤre auf. Nieder zu ihren Fuͤßen, wie Dago's Bild, taumelte Frau Haliburton, die, ſo uͤber der That ertappt, ihre Arme um die Unterroͤcke der alten Lady ſchlang, und ausrief: „O meine liebe Lady! verzeihen Sie ihm, ver⸗ zeihen Sie ihm! um ſeiner Familie willen! er iſt dazu geboren⸗ ſeine arme Familie zu Grunde zu richten, und ſich durch ſeine raſche Zunge um ſein Brod zu bringen!“ Die ſtolze alte Dame ſtieß die ſchoͤne Bittende unwillig zuruͤck und entfernte ſich. 3 „Steht auf, Weib! Ihr⸗ die ihr euch bei den Maͤchtigen des Landes einſchmeicheln moͤchtet⸗ euch vor ihnen niederbuͤckt, den Staub kuͤßt, und eure koſtbare Seele in Gefahr bringt, um ihnen zu gefallen. Ich will ein ehrlicher Mann ſeyn, und wenn ſie auch fuͤnfzigmal Lady Tam⸗ tallan waͤre.— Keine geſetzmaͤßige Tochter!— Sie moͤchte Lisbeth von Bruce mit veraͤchtlichen Augen auſehen, und wenn ſie keine hejahrte Edelfrau waͤre, ſo wuͤrde ich ſagen, daß ſie nicht werth ſey, ihr die Schuhriemen zu binden!“— und Gideon entfernte ſich. „Ja, das iſt es. Es iſt nicht der Ruhm der eſegneten Wahrheit, ſondern die Schelmerei die⸗ bs Maͤdchens, wofuͤr er ſeinen lezten Heller verpraſſen wuͤrde. Doch jeder Stand hat ſeine Plage, aber der meinige hat eine ſehr arge und 155 truͤckende. Durch ihre eigene Lippen eingela⸗ den, mit ihr zu fruͤhſtuͤcken, und es ausſchlagen, darf! Allein ich will zu John Hurcheon und auch Wittwer— beſſer ein wohlhabender Baͤ⸗ cker, als ein armer Prediger— allein es war billig, daß ich meinen Lohn empfing.“ Es gab Zeiten, in welchen Effie ſich fuͤr die mißhandeltſte und ungluͤcklichſte aller Frauen hielt. Ungeachtet ihres Kummers ſank ſie jedoch in einen feſten ſchnarchenden Schlaf, waͤhrend deſſen Gideon, nachdem er ſich zwanzigmal in ſeinem Bette umgewendet hatte, endlich aufſtand, ſich im Finſtern ankleidete— eine Verrichtung, des Lord von Bruce, halb offen gelaſſen, um die Bedienten rufen zu koͤnnen„ohne die Nuhe „Vielleicht kann ich bei meinem Gebieter wa⸗ chen, damit ihr euch einen Augenblick niederle⸗ „Ihr ſepd alle zu gut gegen mich— ich kann es nicht ertragen. Ich, die ich Ungluͤck uͤber viele, und vielleicht den Tod uͤber einige var⸗ haͤngt habe!“ „Giſabeth, glaubt nicht, daß dieſer ungluͤck⸗ 156 5 lichen Dame Boͤſes widerfahren iſt. Dieſe Bruͤ⸗ der waren wilde und ſtolze Leute; allein ſie waren keine Todtſchlaͤger. Der Lord von Bruce felbſt gab mir in jener Nacht die feierliche Ver⸗ ſicherung hievon; oder ich wuͤrde, ein ſo armer, unbekannter und freundloſer Mann ich auch war, Himmel und Erde in Bewegung geſezt haben, um ein ſo ſchaͤndliches Verbrechen ans Licht zu bringen, wenn es auch ein Fuͤrſt ver⸗ uͤbt haͤtte. Er, der aus Boͤſem Gutes, und aus dem Unreinen das Reine hervorbringt, hat gewollt, daß eure Geburt, ſo unwillkommen ſie auch einigen geweſen zu ſeyn ſchien, vielen ein Segen ſeyn ſollte. Aber ach, Wolf zoͤgert lange! und ich habe andere unguͤnſtige Nachrich⸗ ten fuͤr Euch, obſchon ſie nur geringfuͤgig ſind. Der arme Franz wird ein langſamer Bote ſeyn. John Hurcheon hat einen Verhaft⸗Befehl gegen ihn ausgewirkt. Er zoͤgerte in Pitbauchlie, ohne Zweifel zum Beſten ſeines Herrn, zu lange. Wenn Effie ihre ehlichen Beſorgniſſe ſtillen koͤnnte, was meint ihr, wenn ich ſelbſt nach Irland gienge, Maͤdchen?“* Ihr ſeyd, wie immer, nur zu guͤtig gegen mich,“ erwiederte Eliſabeth,„obſchon ich zu⸗ verſichtlich glaube, daß die bereits erfolgte merk⸗ wuͤrdige Befreiung“— und ihre Augen ruhten noch immer auf dem Bette, wo von Bruce noch in der tiefſten Ruhe lag—„uns ferneren Se⸗ gen verheißt. Die Verhaftung des armen Fri⸗ ſelb iſt in dieſem Augenblicke, wo ich ihn auf ſeinem Wege nach Irland ſchon weit vorgeruͤckt — j 15⁵57 glaubte, ein hoͤchſt ungluͤcklicher Umſtand; doch habe ich in den lezten zwei Tagen die geſchrie⸗ bene Verſicherung dieſes getreuen Dieners er⸗ halten, daß er unlaͤngſt eine Perſon geſehen hat, die den Kapitaͤn Wolf geſprochen, und Friſel erklaͤrt hat, er ſey geſund und wohlbehalten, und eben ſo ungeduldig, Nachrichten von uns, als wir von ihm, zu erhalten. Doch der Him⸗ mel verhuͤte, daß er den zehnten Theil der Qua⸗ len erlitten hat, die ſein unerklaͤrliches Still⸗ ſchweigen andern verurſacht hat! 1 „Treuer Diener! kluger, kleiner Wicht!“ murmelte Gideon;„obſchon ein Scherz und eine Stichelei gleichſam ſeine Speiſe und ſein Trank ſind, ſo ſchlaͤgt doch kein Herz, das treuer ge⸗ gen das Haus ſeines Herrn waͤre, wenn er nur John Hurcheon in Ruhe ließe. Seine Be⸗ freiung muß durch die ſtarke Hand Wolf Gra⸗ hame'’s zu Stande gebracht werden. Er iſt der Polarſtern aller ſeiner Verwandten und Anhaͤn⸗ ger; und gerade, waͤhrend wir alle unſere Se⸗ gel einſpannen muͤſſen, um dem Sturme aus⸗ zuweichen, zieht ſich die finſterſte Wolke an un⸗ ſerem beunruhigten Firmamente zuſammen.“ „Ihr habt ſchlimme Nachrichten!“ ſagte Eli⸗ ſabeth, ihre Augen auf den Sprecher heftend, als ob ſie die Tiefen ſeiner Seele haͤtte durch⸗ dringen wollen.„Seine Treue— ſeine Ehre — ſein Leben, koͤnnen ſie nicht angreifen! Und ich habe mich darauf vorbereitet, alles Uebrige zu ertragen, Betreffen eure Nachrichten Wolf Grahame?““ 8 8 158 „Seine Treue und Zuneigung zu euch— dieſe iſt unverlezt,— ich buͤrge mit meinem Kopfe dafuͤr:— allein gegen ſeinen Lehnsfuͤrſten— ſeine Pflicht als ein Krieger”“— G „Es iſt falſch und haͤtte ein Fuͤrſt es geſagt! — er falſch, in deſſen Bruſt die Ehre ihr Zelt aufgerichtet hat! Herr Haliburton, ich tadle mich, daß ich euch nur anhoͤre;“ und ſie wandte ſich mißvergnuͤgt, allein in einer Unruhe, die ſie zu geſtehen zu ſtolz war, weeg. „Hoͤrt mich, Lisbeth, und ſepd nicht voreilig. Ich habe dieſe Nacht mit der Lady Tamtallan geſprochen. Von dem, was man die Ehre die⸗ ſer Welt nennt, iſt Wolf Grahame abgewichen. Man klagt ihn an, daß er die Flucht eines Rebellenhauptes befoͤrdert habe— eines jener blutduͤrſtigen, boͤſen und gewaltthaͤtigen Maͤn⸗ ner, der O'Connor's des Weſten!— die ſtets unruhige Leute und blinde Goͤtzendiener waren.“ „Die O'Connor's des Weſten!— von denen Monika, meine Amme, ſo viele ruhmwuͤrdige Dinge erzaͤhlt— ein Geſchlecht, durch Geburt und Ehre ausgezeichnet. Und wenn mein Gatte ſie in irgend einer Noth unterſtuͤzte, ſollte die Zunge eines Freundes ihn deßwegen als Verraͤ⸗ ther brandmarken?“ 6 „Eliſabeth, iſt mir die Ehre des Wolf Gra⸗ hame nicht theuer, waͤre es auch nur um einer andern Perſon willen— obſchon ein freundloſer, fern von der Welt lebender, alter Mann einer edel gebornen Dame wenig nuͤtzen kann.“ „BVerzeiht meiner Waͤrme„ rief Eliſabeth⸗ 4 159 in Thraͤnen ausbrechend.„Ach! ich habe we⸗ nige Freunde zu verwerfen!“ und ſie reichte Gideon ihre Hand dar.—„Was ſagte dieſes finſtere und ſtrenge Weib— das an einer kal⸗ ten Abſtraktion haͤngt, das ſie ihre Familie nennt, ohne einen Funken Gefuͤhl fuͤr irgend ein lebendes Mitglied derſelben zu beſitzen— was ſagte ſie weiter von Grahame?“ Die ſpaͤrlichen Nachrichten, die Herr Hali⸗ burton mittheilen konnte, hatte er mehr von den leidenſchaftlichen Ausbruͤchen, denen ſich die alte Dame uͤberließ, als er die Ehre hatte, ihre Saͤnfte das Canongate hinab zu begleiten, als von irgend einer unmittelbaren Unterhaltung uͤber den peinlichen Gegenſtand,— und von ihren Fragen uͤber Gegenſtaͤnde, auf die er we⸗ dee antworten konnte, noch wollte, eingeſam⸗ melt. 1 11. „Ich will ſelbſt nach Irland gehen!“ ſagte Eliſabeth, nach einem augenblicklichen Nachden⸗ ken.„Ich will den aufſuchen, der mich nicht aufſuchen kann. Die Liebe des Weibes mag dem trotzen, wovor der Stolz und Zart⸗ ſinn der Geliebten zuruͤckbeben wuͤrde. An ſei⸗ ner Seite allein iſt Sicherheit fuͤr uns alle.— Tauſendmal habe ich dieß bei mir ſelbſt geſagt.“ „Dann will ich meinen Reiſebuͤndel zuſam⸗ menpacken, Maͤdchen; allein Effie darf nichts davon wiſſen, bis wir aufbrechen, um der ehli⸗ chen Beſorgniſſe des Weibes willen, die ſicher⸗ lich ein auf die Gluͤckſeligkeit des verheiratheten Standes gelegter Tribut ſind.“ 160 „Ich werde dießmal allein reiſen,“ erwiederte Eliſabeth;„oder mein Begleiter wird der Lord von Bruce ſeyn.— und mit ihm werde ich nicht weniger willkommen ſeyn. Meine Mutter! lebt ſie? Koͤnnte ich in dieſem Lande nicht auch eine Mutter finden?“ nat n „Es darf, es kann nicht geſchehen, daß ihr allein reiſet, Maͤdchen, ſo lange ich noch Fuͤße habe, euch zu folgen.“ 5 „Eure Gegenwart wird mir hier mehr nüͤtzen, mein aͤlteſter, treueſter, guͤtigſter Freund! als der Troͤſter des armen Monkshaugh— als der Beſchuͤtzer aller unſerer Intereſſen.— Fugal, den ihr mit der Weiſung abſchicken muͤßt, uns irgend wo in dem Weſten zu treffen, iſt faͤhig, uns alle noͤthige Unterſtuͤtzung zu leiſten; und wohl kennen wir die ehrfurchtsvolle Anhaͤnglich⸗ keit des Veteraners an den Lord von Bruce.“ „Sch verkenne die guten Eigenſchaften des Corporals nicht, der in der That ein Held im Kriege iſt. Allein haltet ihn vom Trunke zu⸗ ruͤck, denn, betrunken, macht er boͤſe Schram⸗ men,“— und Gideon ſtreichelte ſich ſein noch leidendes Kinn⸗—„er wird mich reiner ſcheo⸗ ren, als ich es je ſelbſt thun koͤnnte, was euch wunderbar vorkommen wird: ſo zweifle ich an ſeiner Faͤhigkeit, eine Dame zu begleiten, nicht; wozu noch ſeine kriegeriſche Erziehung und Kennt⸗ niß der Welt kommt, die er in ſeinen Feldzuͤ⸗ gen aufgegabelt hat. Allein zu dieſer Geſchichte wird Geld noͤthig ſeyn, Maͤdchen!“ und ſeine Augen funkelten von dem freudigen Bewußtſeyn, 161 daß er im Stande war, Eliſabeth das zu ihrer Reiſe noͤthige Geld vorzuſchießen.—„Wie Efſie ſagt,„behaltet eine Sache ſieben Jahre, und ihr werdet endlich einen Ort dafuͤr finden;“ und ſo heiße ich ihr kleines Heirathsgut willkom⸗ men, mit dem ich, bis auf dieſe Nacht, wenig auzufangen wußte. Effie wird ohne Zweifel ihre Boͤrſe mit Freuden oͤffnen, und uns mit den Sehnen des Krieges verſehen,— beſonders da ſie keinen endlichen Verluſt vorherſehen kannz denn das Weib iſt ſehr maͤßig und nuͤchtern, mehr um meinet⸗, als um ihretwillen, ſagt ſie; und ich musß es glauben, da man eingeſtehen muß, daß ſie eben ſo ſehr fuͤr das oͤffentliche Pe- oulium von Sourholes, als fuͤr ihr eigenes klei⸗ nes Eigenthum ſorgt. Wie hoch ſich ihr Geld⸗ ſchatz belaufen mag, kann ich nicht errathen, Lisbeth: allein ihr werdet genug erhalten, wenn meine zwei Elzivers— ihr ſaht die Schoͤnhei⸗ ten, die mir in dem Sacke mit einem Compli⸗ menle geſtern, nebſt den gedruckten Autoritaͤten und Veweisſtuͤcken, geſchickt wurden,— in die Buͤcherſammlung in dem Bow⸗head wan⸗ dern; und Jenny Geodes den Roßhaͤndlern auf dem Grasmarkte ihre Zaͤhne zeigen muß.“ „Ich hoffe, daß dieß nicht noͤthig ſeyn wird,“ ſagte Eliſabeth laͤchelnd, als ſie von ihrem Freunde Abſchied nahm. Eliſabeth verſtand Effie's Charakter ſo gut, als eine edle und freigebige Seele je ein Gemuͤth begrei⸗ fen kann, in welchem blinde Habſucht eine Haup⸗ leidenſchaft und Krankheit geworden iſt. Es 162 gab kaum eine andere Boͤrſe, der ſie ſich nicht lieber haͤtte verpflichten wollen, ſelbſt die der Lady Tamtallan nicht ausgenommen; allein ſie uͤberließ die Sache Gideon. Es wuͤrde langweilig ſeyn, den ganzen Ver⸗ lauf der ehlichen Conferenz zu erzaͤhlen. Die Angabe genuͤgt, daß lautes Geſchrei und blinde hartnaͤckige Habſucht uͤber Wohlthaͤtigkeit und Verſiand, ſo ſehr auch dieſe von dem„Jus Mariti“ umterſtuͤzt waren, ſiegten; und daß Herr Haliburton fruͤh am Morgen, nach einer ſchlaſloſen Nacht, ſich entfernte, Niemand wußte wohin. Achtes Kapitel. Die Nachtwache. * Als Eliſabeth, nach der Entfernung des Herrn Haliburton, auf den Zehen an das Bett des Lord von Bruce ſchlich, ſchlief dieſer noch; und ſein ſanftes Athemholen war beſaͤnftigende Mu⸗ ſik fuͤr ihren beunruhigten Geiſt. Das Gemach war ſehr klein, doch hatte ſie zwiſchen dem Feuerheerde, auf welchem eine Nachtlampe brannte, und dem Bette Plaß zum Sitzen. Ihre brennende Stirne auf die Decke legend, dachte ſie uͤber die ſonderbaren Ereigniſſe des Tages, Delancy's Worte, und Herrn Haliburtons betruͤbende Winke, nach. In dem endloſen Stillſchweigen deſſen, der ihr 163 theurer war, als alles, lag etwas, das ihr groͤßere Unruhe erweckte, als je. Ach! wie viele Mittel haͤtte eine ſinnreiche Liebe erſinnen koͤnnen, ein Zeichen zu ſenden, daß der geliebte Gegenſtand noch lebte! Ihr Geiſt hatte jedoch einen Ruhepunkt in dem Entſchluſſe gefunden, ihn aufzuſuchen. Sie konnten in Schmerz und Kummer zuſammentreffen, allein ſie trafen doch immer zuſammen. Sie konnte bittere Thraͤ⸗ nen zu vergieſſen haben, allein ſeine Lippe konnte ſie wegnippen— ſeine Kuͤſſe konnten ſich in ſie tauchen, und Liebe und Hoffnung dem Kummer die Haͤlfte ſeines Stachels neh⸗ men. So brachte Eliſabeth die Zeit ihrer Nacht⸗ wache damit zu, daß ihre Einbildungskraft ſich die vielen zaͤrtlichen Umſtaͤnde ausmahlte, unter denen ſie, nach einer ſo langen und ſchmerzli⸗ chen Trennung, zuſammentreffen wuͤrden, und ihr Herz zerfloß bei der Betrachtung ihrer idea⸗ len Schoͤpfungen in ſanfte Ruͤhrung. Jezt be⸗ ſchlich der Schlaf unmerklich ihre Sinne— ihre Gedanken wurden unzuſammenhaͤngend und verwirrt; und die ungereimten Bilder ihrer Traͤume vermiſchten ſich wild mit den Ereig⸗ niſſen des Tages, mit der mitternaͤchtlichen Scene in Cambuskeneth Lodge, und einer un⸗ beſtimmten nud furchtbaren Gefahr, die Wolf Grahame bedrohte, den ſie ſah und zu umar⸗ men eilte, waͤhrend ſeine Geſtalt immer zuruͤck und zuruͤckſchwebte, ſie in eine neblichte Dun⸗ kelheit ziehend, und ſtets vor dem angebotenen Kuße zuruͤckweichend, bis ihre Lippen endlich 1 — 164 ein kaltes Phantom beruͤhrten. An dieſem blut⸗ erſtarrenden Geſichte wachte Eliſabeth auf, den Namen rufend, der ihr ſo theuer war. In einem Augenblicke erinnerte ſie ſich an ihre Lage. Die Nachtlampe, die noch ſchwach auf dem Herde brannte, zeigte ihr den Lord von Bruce, der jezt nach einem ruhigen Schlafe von ſechs Stunden voͤllig erwacht war, und ſie mild aber feſt anblickte. „Und du auch, armes Ding, haſt deine Traͤume;“ und er reichte ihr ſeine Hand dar, waͤhrend ſie in freudigem Erſtaunen aufſprang und ausrief:„O, mein Gebieter! bin ich in der That ſo gluͤcklich, Sie ſchon um ſo vieles beſſer zu ſehen. Ich bin, ſcheint es, eine ſorg⸗ loſe Amme, allein die Natur iſt guͤtiger.“ Und ſie zog ein Flaͤſchchen hervor, das ſie dem Lord von Bruce, unmiitelbar nach ſeinem Erwachen, darzureichen angewieſen war. „Und Sie haben bei mir gewacht? und Dr— hat mich beſucht? Ich errathe, wie es um alles ſteht— ich kenne Sie jezt— ich weiß, wer Sie ſind;“ und er zog ſie naͤher zu ſich hin.„Waͤhrend Sie ſchliefen, ſtieg ein anderes Geſicht in dem Ihrigen auf. Ich muß Sie zuvor ſchon geſehen haben. Wo oder wie war dieß? Zaweilen ſind Millionen Ge⸗ ſichter in wirrer Unordnung um mich her verſammelt, und zuweilen daͤucht es mir, ich ſey durch tauſend Wechſel des Daſeyns gegan⸗ gen, und habe von ihnen allen abgeriſſene Er⸗ innerungen aufbewahrt? Ich habe zuweilen 1 65 ploͤtzliche Erinnerungen, die aus den verborge⸗ nen Tiefen der Ewigkeit zu mir gekommen zu ſehn ſcheinen:— aus dem Lande der Geſaͤnge und Blumen kehrt Ihr Bild mit Laͤcheln und Heiterkeit zu mir zuruͤk..— Wo habe ich Sie wirklich geſehen? Sie ſcheinen ein Geſchoͤpf meiner Traͤume zu ſeyn— doch kenne ich Sie. Ihre ſanftere Schoͤnheit ſtieg in Ihrem ſchla⸗ fenden Geſichte empor, und ſaß auf Ihren ver⸗ ſchleierten Augenliedern.— Lebt ſie nicht?“ Die lezten Worte wurden ganz leiſe gefluͤ⸗ ert, und in eben ſo gedaͤmpftem Tone erwie⸗ derte Eliſabeth:„Meine Mutter! ich habe meine Mutter nie geſehen! ich habe ſtets allein in Ernescraig gelebt— ſtets allein, bis“— und ſo ſtark ſie ſich auch angeregt fuͤhlte, ihren wahren Zuſtand, ſelbſt in den erſten Augen⸗ blicken ihres Verkehrs mit ihrem Vater„ zu ent⸗ bin Eliſabeth— ich habe nie eine Mutter ge⸗ kannt; wenn Sie, Mylord, mich verlaͤugnen, ſo habe ich weder Mutter noch Vater!“ und ſie kniete nieder, wo ſie geſeſſen war, ihre weinenden Augen verbergend. 42⁵ 3 „Sie verlaugnen, armes Maͤdchen!— Sie, mei⸗ ne eigene, arme Eliſabeth— Eliſabeth von Bruce — iſt nicht das Ihr Name?“ Eliſabeth verbeugte ſich ſchweigend.„Und ich hatte Sie vergeſſen: Sie vernachlͤſſigt— Sie vernachlaͤſſigt, indem ich ei⸗ nem unmaͤnnlichen und vielleicht ſuͤndhaften Kum⸗ mer nachhieng. Eliſabeth, ich bin nicht wohl— 166 meine finſtere Stunde iſt fuͤr den Augenblick vor⸗ uͤbergegangen, allein ſie wird wieder und mit ſchrecklicherer Gewalt zuruͤckkehren. Bleiben Sie bei mir, reden Sie mit mir— erzaͤhlen Sie mir Ihre Geſchichte. Waͤren Sie immer bei mir, ſo wuͤrde es vielleicht beſſer mit mir ſte⸗ hen. Bin ich nicht unter dem Dache meines Verwandten, des Robert Grahame von Monks⸗ haugh?“ „Ja, mein Gebieter; und ich, die ich keine Heimath habe, bin auch ſein Gaſt.“ „Keine Heimath? Sind Sie nicht reich, Eli⸗ ſabeth!“ Eliſabeth laͤchelte und ſchuͤttelte ihren Kopf. „Ich bin reicher, als ich je zu werden glaubte — reicher, als ich je zu hoffen wagte;“ und ſie kuͤßte die Hand, welche die ihrige umfaßt hielt. „Eliſabeth, koͤnnen Sie mich lieben?“ und er zog ſie mit ſanftem Zwange zu ſich hin. „Ach, mein Gebieter, wie innig, wie innig kann ich Sie lieben!“ und ihr Herz huͤpfte bei der liebevollen Umarmung, in die jezt er ſie ſie ſchloß, den ſie bis jezt Vater zu nennen ſich geſcheut hatte. „Kind der armen Aileen— Eliſabeth von Bruce, ich werde Sie nur zu ſehr lieben ler⸗ nen! ſetzen Sie ſich neben mich;— erzaͤhlen Sie mir Ihre ganze Geſchichte;— warum ha⸗ ben Sie nicht fruͤher mich kennen zu lernen geſucht? Man ſagte mir, daß Sie mich faͤrchten — vielleicht haſſen— meine Nahe ſcheuen.“ „Dieß iſt eben ſo grauſam, als falſch,“ ſagte — 167 ſie, und von neuem dazu aufgefordert, ſaß ſie auf das Bett nieder und erzaͤhlte die einfache Geſchichte ihrer Kindheit. „Eliſabeth, ich habe die mir anvertraute Pflicht ſchlecht erfuͤllt, und haben Sie Ihre Mutter nie gekannt?“ „Nie, mein Gebieter;“ und hier erzaͤhlte ſie das Abenteuer, das ihr in ihrer Kindheit bei Linns of Cleuch begegnete, und das den Lord tief ruͤhrte. „Ich darf nicht an dieſe Dinge denken,“ ſagte er endlich.„Erzaͤhlen Sie mir lieber von mei⸗ nem Verwandten— von Robert von Monks⸗ haugh und von Wolf Grahame, ſeinem Erben und den meinigen— wo iſt er?“ „In Irland bei ſeinem Regimente.“ „Ein tapfrer Soldat und ein vollendeter Gentleman?“ „Dieß ſagt man von ihm,“ erwiederte Eli⸗ ſabeth, erroͤthend und ihre Augen wegwendend. „Und das Bild Ihres jungen Traumes, Eli⸗ ſabeth, iſt dieſer Wolf Grahame;“ und er zog ſie wieder zu ſich hin.„Iſt dem nicht ſo?— In Ihrem Schlafe war ſein Geiſt bei Ihnen. Begreifen Sie die Natur des Verkehrs, der zwi⸗ ſchen getrennten Geiſtern im Schlafe ſtatt fin⸗ den kann? ich habe Sie zweimal im Schlafe geſehen— und zweimal unterhielt ſich ſein Geiſt mit dem Ihrigen— Ihre ſanfteſten Toͤne nannten Ihn.“. Eliſabeths Thraͤnen floſſen in Stroͤmen auf die Hand herab, die ſie umfaßt hielt.„Ich 168 wage die Wahrheit keinen Augenblick mehr zu verhehlen! Verzeihen Sie Ihm— wenn es Suͤnde war, ſo bin ich ſtrafbar! ich war ein einſames, unbeachtetes Geſchoͤpf, von dem Nie⸗ mand etwas wollte. Er liebte mich, und ich bin ſein. Verzeihen Sie mir, und fahren Sie fort, mein Vater, mich zu lieben!“ Eliſabeth wagte nicht, ihren Kopf empor zu richten, um die Antwort ihrer Bitte in dem Geſicht des Lord von Brure zu leſen; denn ſie fuͤhlte die Hand, die ſie hielt, zittern und kalt werden. Nach einer kurzen Pauſe wurde ein Kuß auf ihre brennende Stirne gedruͤckt; und ihr Herz huͤpfte vor Freuden bei dieſem Zeichen der Liebe und Verzeihung. „Sie ſind darum nicht weniger meine eigene Eliſabeth, weil ich in Ihnen das Weib meines jungen Verwandten finde. Warum iſt er jezt abweſend— und warum finde ich Sie hier al⸗ lein à—. Indem Eliſabeth aͤngſtlich bemuͤht war, allen Tadel von Wolf abzuwaͤlzen, mußte ſie noth⸗ wendig die Urſachen von Monkshaughs Verwick⸗ lungen mit Hutchen erklaͤren, obſchon ſie manche wichtige Punkte nicht zu beruͤhren wagte. Lord von Bruce druͤckte tiefen Unwillen uͤber Hutchens Betragen gegen ſeinen alten Verwand⸗ ten aus; allein die Beraubung ſeines eigenen Guts ſchien ihn nicht anzufechten, und eine Sache zu ſeyn, um die er ſich ganz und gar nichts bekuͤmmerte. „Sie, arme Eliſabeth, ſind in jeder Hinſicht 4 1 169 ein Opfer der Suͤnden, des Kummers und der Vernachlaͤßigung Ihrer Aeltern, und der Leiden⸗ ſchaften und Intereſſen Ihrer Oheime gewe⸗ en.— .„Meiner Oheime?“ „Ihrer eigenen theuern Neigungen, der fal⸗ ſchen Beſorgniſſe Ihres Liebhabers.“ „O! tadeln Sie ihn nicht,“ unterbrach ihn Eliſabeth;„er, der ganz Treue und Ehre iſt, hat mich verſichert, daß unſere Vereinigung ſich einer kraͤftigen Beſtaͤtigung erfreute; was die Verhehlung derſelben betrifft, ſo weiß ich, daß triftige Gruͤnde dazu vorhanden waren; unſere Verwandten mißbilligten die Verbindung zwi⸗ ſchen ſo nahe verwandten Perſonen— allein Ihre Verzeihung macht alles gut; auch iſt zu meiner Gluͤckſeligkeit, der Himmel iſt mein Zeuge, nichts weiter noͤthig, als daß ich weiß, daß ich ſein Weib und Ihr Kind bin.“ Aber nicht ohne einen neuen Ausbruch von Thraͤnen und eine Miſchung von Demuͤthigung und Kummer, ge⸗ ſtand Eliſabeth, wie lang, wie peinlich, wie un⸗ erklaͤrbar das Stillſchweigen geweſen war, das ſie zu ertragen gehabt hatte, und daß ſie ſo eben erfahren hatte, daß Wolf in Schwierigkeiten ver⸗ wickelt worden war, weil er einen ungluͤcklichen und unſchuldigen Mann unterſtuͤzt hatte, einen Verraͤther gegen den Frieden ſeines Vaterlandes; „den O' Connor des Weſten,“ ſagte ſie,„von welchem meine alte Amme mir ſo viele tapfere und heldenmuͤthige Geſchichten zu erzaͤhlen pflegte. Im Dienſte des Koͤnigs in Irland traf Gra⸗ Eiif v. Bruce. III. 3 170 hame einen dieſer ungluͤcklichen Maͤnner— konnte er anders, als ihn unterſtuͤtzen? Haͤtten Sie je, Mylord, mit Vergnüͤgen oder Achtung auf ihren Verwandten blicken koͤnnen, wenn er einen biedern, in ſolchen Umſtaͤnden ſich beſin⸗ denden Mann verrathen haͤtte?“ „Und hat Ihre Amme Ihnen nichts weite⸗ res von dieſen O' Connors erzaͤhlt?“ „O, hundert Erzaͤhlungen von Liebe und Rit⸗ terlichkeit, von denen jedesmal ein O! Connor der Held war. Ich hatte Wolf ſchelten koͤnnen, wenn er weniger großmuͤthig gehandelt haͤtte. Er leidet gegenwaͤrtig deßwegen, und ich, die ich ſeine Kaͤlte getadelt haben wuͤrde, ſoll ich ihn nicht aufſuchen, und ſein Leiden theilen oder mildern?— Doch der Himmel erinnert ſich an das Geluͤbde, durch das ich mich verpflichtet habe, Sie nie zu verlaſſen, bis Sie mich aus Ihrem Angeſichte verſtoßen.“ „Mich nie zu verlaſſen! wenn Finſterniß und Schrecken meinen Geiſt befallen— wenn ich mit der hoͤlliſchen Macht kaͤmpfe! ach, arme Eliſabeth! Sie wiſſen nicht, was Sie unter⸗ nehmen.“ „Nicht mehr, als die Liebe mir zu vollfuͤhren Kraft und Muth gibt,“ erwiederte Eliſabeth, und ihre Augen glaͤnzten von der Begeiſterung eines edeln Vorſatzes.„Ich will Gott bitten, daß dieſe finſtere Stunde voruͤber gehen moͤge. Meine Sorgfalt, meine Wachſamkeit, moͤgen ihre Ruckkehr verhindern— aber in ihrem fin⸗ ſterſten Grauen werde ich Sie nie verlaſſen.“ —— 171 Er laͤchelte ſie ſchwermuͤthig an.„Wenigſtens werden wir jezt nicht ſcheiden,“ ſagte er.„Ich ſchwaͤrme ſtets— erſt kuͤrzlich noch bin ich ſtrenge bewacht und gequaͤlt worden, und Unmenſchlich⸗ keit und Gewaltthaͤtigkeit ſteigerten die Anfaͤlle geiſtiger Qual bis zum Wahnſinne, bis ich in den Zuſtand verſunken war, in welchem Sie mich fanden— und dieß,“ er verſtaͤrkte ſeine Stimme und runzelte ſeine Stirne—„dieß, ſagte man mir, verdanke ich meinem Erben und Verwand⸗ ten— Wolf Grahame von Bruce.“ „Beiſpielloſe Schurkerei! groͤßer noch, als ich ſie auszudruͤcken oder ſie zu denken wage,“ rief Eliſabeth heftig,“ er, der ſein Leben geben wuͤrde, um Sie zu ſehen, wie ich jezt Sie ſehe — er ſollte Ihnen Qualen bereiten! O, My⸗ lord! laſſen Sie uns ihn gemeinſchaftlich ſu⸗ chen— laſſen Sie uns ſeine offene, redliche Stirne anblicken und ſeine Treue auf derſelben leſen!“— „Eliſabeth, Sie ſprechen gut von ihm;“ und der Lord laͤchelte Sie an.„Moͤge es ſo ſeyn, wie Sie wuͤnſchen— ich bin ſtets ruhelos— das einzige beſtimmte Symptom meiner Proteus⸗ Krankheit iſt der Wunſch nach Veraͤnderung. Ich bin nicht wahnſinnig— die Wahnſinnigen ſind gluͤcklicher— doch weiß ich, daß ich nicht wohl bin!— Was ich war, werde ich nie wie⸗ der ſeyn. Aber Sie werden mich nicht verlaſ⸗ ſen? ich habe Ihr Verſprechen!“”“) 1 „Der Himmel hat mein Verſprechen! Sie, mein Gebieter, haben den Dank meines Herzens 8 * 172 — meine waͤrmſte Erkenntlichkeit fuͤr die Er⸗ laubniß, die Sie mir ertheilen, Sie zu lieben und ſtets bei Ihnen zu ſeyn!“ und Eliſabeth blickte ihn mit den Augen ihrer Mutter, wie die alte Monica zu ſagen pflegte, an; und die Thraͤnen deſſen, den ihr Herz Vater nannte, floſſen auf ihr Haupt, wie der Thau von Her⸗ mon, herab. Der Lord von Bruce ſprach zuerſt von ihrer Reiſe nach Irland, denn Eliſabeth wagte es nicht, ihm zu geſtehen, daß ſie eine unmittelbare Flucht fuͤr noͤthig halte, um jenem furchtbaren Kampfe fuͤr die Wiedererlangung ſeiner Perſon, von welchem ſie bedroht waren, und Auftritten zu entgehen, die, in Betracht ſeines unſichern Gemuͤthszuſtandes, die traurigſten Folgen haben konnten. Als einen noch groͤßern Beweis ſeines Ver⸗ trauens auf ihre Liebe und ihren Verſtand, er⸗ theilte ihr der ungluͤckliche Kranke in dieſem hel⸗ len Zwiſchenraume, wie er ſich ausdruͤckte, die genaueſten Vorſchriften fuͤr ſeine Behand⸗ lung in jenen finſtern Stunden, die, wie er wußte, ſeinen Geiſt bald wieder verfinſtern muß⸗ ten. Geſellſchaft, die ihm zu allen Zeiten un⸗ angenehm war, war ihm alsdann unertraͤglich. Fremde und ſpaͤhende Augen— und ſeinem zerruͤtteten Geiſte ſchien jedes fremde Auge ſeine Seele zu durchſchauen, und ſich an ſeinem ver⸗ borgenen Elende weiden zu wollen— trieb ſei⸗ nen erbitterten Geiſt zum Wahnſinne. „Mein Gefaͤhrte muß, wenn er mein wahrer Waͤrter ſeyn will, auch mein Kerkermeiſter ſeyn,“ ſagte er, und ſuchte zu laͤcheln. „Ich werde wenigſtens alles von Ihnen fern halten, was Ihnen unangenehm ſeyn koͤnnte— noch mich Ihnen ohne Erlaubniß naͤhern,“ ſagte Eliſabeth. 11 5 „So begeben Sie ſich jezt zur Ruhe, mein ſpaͤt gefundener Troſt! Schlafen Sie jezt, Eli⸗ ſabeth; und nehmen Sie den Schluͤſſel dieſes Zimmers mit Ihnen:— bis wir allein zuſam⸗ men treffen, und unſere Reiſe beginnen koͤnnen, laſſen Sie Niemand in meine Naͤhe.“ „Mein Gebieter, kann ich dem Arzte den Zu⸗ tritt verweigern?“ „Und was, Eliſabeth, hat mir der Arzt zu ſagen?— Kann er ein krankes Gemüͤth heilen — einen eingewurzelten Kummer aus dem Ge⸗ daͤchtniſſe reißen?— Eliſabeth, mein Herz ſagt mir, daß Ihre Dienſte mir mehr nuͤtzen werden, als die der ganzen mediziniſchen Fakultaͤt. So verlaſſen Sie mich alſo, oder ich werde geſchwaͤ⸗ tzig, obſchon mein Teufel ſtumm iſt.“ Er laͤ⸗ chelte wieder.. Eliſabeths Augen glaͤnzten von Frohſinn und offnung, als ſie ihm Gehorſam verſprach.— „Allein die Tante Ihrer Herrlichkeit— ſie, die einen ſo thaͤtigen Antheil an Ihren Angelegen⸗ heiten nimmt— darf ich der Ladh Tamtallan den Zutritt verweigern?“ „Empfehlen die Aerzte den Galvanismus in meinem Falle?“ ſagte er in einem froͤhlicheren Tone, als je; und glaͤnzend erwiederte Eliſa⸗ 174 beths Auge ſein ſchwaches Laͤcheln. In duͤſtere Feierlichkeit zuruͤckſinkend, fuhr er fort—„Ihr Fluch, kalt und grauſam, ſiel auf meine auf⸗ keimenden Hoffnungen und machte ſie verwel⸗ ken. Hat menſchlicher Fluch mehr Kraft, als menſchlicher Segen?— Giebt es unter uns ſterblichen Menſchen Weſen, die ihrer Natur nach mit dem boͤſen Prinzipe naͤher verwandt ſind, als mit dem guten, deren ewiger Kampf⸗ platz der ganze Raum iſt? Segen und Fluch wurden uͤber mich— uͤber meine Wiege und zber meine Braut ausgeſchuttet. Der Fluch be⸗ hiett die Oberhand! Giebt es nicht ganze dem Verderben gewidmete Familien, auf denen ein anererbter Fluch laſtet— ſichtbare Zeugniſſe von dem geheimnißvollen Zorne des Himmels? — Solcher Art war das koͤnigliche Geſchlecht von Schottland— ſolcher Art iſt das meine! — allein begeben Sie ſich jezt zur Ruhe; und als einen Beweis Ihrer gelobten Treue be⸗ wahren Sie mich vor jenen fremden Augen und⸗ mißtoͤnigen Stimmen, die mich erbittern und verwirren.“ Eliſabeth ſchickte ſich an, ſich zu entfernen⸗ nachdem ihr Patient zuvor eine unmaͤßige Quan⸗ tität Opium, das ſie ſchaudern machte, zu ſich genommen hatte. Dieſes Getraͤnk— das Gift und Gegengift ſeines Daſeyns— war fuͤr Lord von Bruce das Prinzip einer krankhaften Le⸗ benskraft— der Herzpuls eines zerruͤtteten Le⸗ bens geworden. „Eiiſabeth, Sie ſchaudern,“ ſagte er ſchwach — 175 laͤchelnd;„allein dieß muß ſeyn! ich habe Ge⸗ traͤnke aller Art verſucht. Die erheiterndſten Getraͤnke des Lebens habe ich gekoſtet, den ver⸗ miſchten und uͤberſtroͤmenden Becher der Liebe und Hoffnunga- und jezt— ſchwelge ich im Genuſſe des Opiums! Es iſt des Teufels Elixir — wenn wir zuſammen reiſen, muß ich Ihnen ſagen, wie ich in meinen Traͤumen die Engel einen koͤſtlichen Trank zur Linderung des menſch⸗ lichen Leidens miſchen ſah— und wie die Teu⸗ fel herbeiſchlichen und ihr Heren⸗Oel und die Hellenbruͤhe ihrer Keſſel in denſelben ruͤhrten.“ „O, mein Gebieter!“ ſagte Eliſabeth mit thraͤnenvollen Augen,„moͤchten doch die liebe⸗ volle Ergebenheit Ihrer Freunde, die maͤnnliche Achtung Wolf Grahame's und die zaͤrtliche Liebe Ihrer unbekannten Eliſabeth, die Zuneigung und Aufmerkſamkeit aller derer, die Sie um⸗ geben, Ihnen wieder ein gluͤcklicheres und ge⸗ ſuͤnderes Leben verleihen? Er ſchuͤttelte ſeinen Kopf und winkte ihr, ſich zu entfernen; und mit dem Schluͤſſel ſeines Zimmers unter ihrem Kiſſen ſuchte ſie eine Stunde lang auszuruhen, ehe ſie die noͤthigen Anſtalten zu ihrer Flucht oder Reiſe traf. Es war ihr unmoͤglich, zu ſchlafen; obſchon ihr Kopf ſie ſchmerzte, ſchlug ihr Herz doch leicht. Die Pro⸗ phezeihung des Arztes ſchien bereits erfuͤllt; auch konnte ſie nicht glauben, daß er, den ſie ruhig ſprechen, laͤcheln und urtheilen ſah, durch die Wirkung irgend einer unſichtbaren Urſache plötz. lich in den traͤumeriſchen Schwaͤrmer, als den 176 ſie ihn geſehen hatte, ſich verwandeln koͤnne, obſchon ſeine eigenen Lippen ihr die Wahrſchein⸗ lichkeit deſſen verkuͤndet hatten. Wahnſinnig, nach der gewoͤhnlichen Bedeutung dieſes Worts, war er nie geweſen; er war jedoch ungluͤcklich genug, ſich mit jeder Lage zu verſoͤhnen, die ihn dem Kreiſe der Geſellſchaft entruͤckte, und ſeinen ungluͤcklichen Geiſt von der druͤckenden Knechtſchaft des buͤrgerlichen Lebens befreite. Neuntes Kapitel. 8 Die Landſtreicherin. Eliſabeth war kaum eine halbe Stunde lang in ihrem Bette, als ſie Herrn Gideon hinaus⸗ gehen hoͤrte, eine Maßregel, die, ungeachtet ſei⸗ ner Sorgfalt, jede Stoͤrung zu vermeiden, hin⸗ reichend war, einen weit tiefern Schlaͤfer auf⸗ zuwecken, als den vornehmen Laird von Monks⸗ haugh, deſſen Zimmerglocke ſich unmittelbar nach dem von dem Prediger verurſachten Getoͤſe hoͤ⸗ ren ließ. Sie ſprang ſchnell auf, horchte einen Augenblick an der verſchloſſenen Thuͤre ihres gatienten, und kehrte in ihr Zimmer zuruͤck, um ihre Kleider zu ordnen, ehe ſie eine Unterredung mit Moͤnkshaugh, bevor dieſer die endloſen Verrichtungen ſeiner Morgentoilette begann, luchte. Waͤhrend ſie damit beſchaͤftigt war, hoͤrte 4 177 ſie die Hausmagd mit einer Perſon auf der Treppe laut hadern: ihre Zimmerthuͤre wurde kuͤhn geoͤffnet, und in dem Spiegel, vor welchem ſie ihr Haar flocht, ſtieg das kuͤhne, ſchwarze Auge ihrer alten Bekannten auf dem Pechs⸗ Pfade auf, obſchon das Morgenlicht und kaltes Blut es der Haͤlfte ſeiner eingebildeten Schrecken beraubten. Dieſe Perſon trat uneingeladen em und be⸗ fahl der Hausmagd, die ſich ihrem Eintritte widerſezt hatte, in ernſtem Tone, ſich zu ent⸗ fernen; und ehe Eliſabeth ſprechen konnte, ſchloß ſie die Thuͤre— und ſie waren allein bei⸗ ſammen.. „In jener Nacht, ſchoͤne Dame, deutete ich Ihr Schickſal blos an,“ ſagte ſie.„Fragen Sie jezt kuͤhn, und hoͤren Sie die Antwort der Sterne!“ „Ich will die Sprache der Wahrheit und des geſunden Menſchenverſtandes hoͤren, und keine andere. Wenn Ihr dieſe reden koͤnnt, ſo ſprecht, Was macht Ihr da?2 was bedeutet dieſes kuͤhne Eindringen? „Der unwillkommene Bote mag eine hoͤfliche Aufnahme finden, wenn auch nicht ſeiner ſelbſt wegen, doch wegen deſſen, was er uͤberbringt,“ ſagte das Weib, ein kleines antikes, goldenes Kreuz hervorziehend.„Kennen Sie das Zeichen?“ Eliſabeth ſprang vorwaͤrts, es zu ergreifen. „Woher kommt dieß?— Wie kommt Ihr dazu? — Es war mein!“ 4 „Und Sie hingen die Reliquie um den 4. 4 178 einer andern Perſon. Sie rettete ein Leben! und iſt das Unterpfand desjenigen, der jezt jenen Ring traͤgt. Sie wiſſen am beſten alles, wozu dieſes Unterpfand verpſtichtet.“ ‚Und verlangt er den Dienſt und die Pflicht, welche dieſes Zeichen von mir fordern— und durch eure Lippen? Weib, hatte er keinen an⸗ dern Boten, als euch?“ ſagte Eliſabeth. „Dieß iſt nicht geſprochen, Lady, wie das Kind eurer Mutter ſprechen ſoll; die Guten ſind auch ſtets guͤtig— die Reinen ſind auch nach⸗ ſichtig. Wenn Sie das Zeichen anerkennen, ſo folgen Sie der Aufforderung.“ „Ich ſuche, und kuͤmmere mich nichts darum, eure Taſchenſpielereien zu begreifen,“ ſagte Eli⸗ ſabeth.„Meine eigenen Angelegenheiten rufen mich dahin, woher dieß gekommen iſt:— ich reiſe dahin, und zwar augenblicklich.“ „Die Heiligen moͤgen Ihnen Gluͤck dazu ge⸗ ben. Aber wiſſen Sie, was Sie ſuchen?“ „Ich danke euch fuͤr eure guten Wuͤnſche, Eliſabeth.“ Wenn Ihr in der That mit ihm geſprochen habt, der dieſes Zeichen beſaß, ſo koͤnnt Ihr den Zweck meiner Reiſe errathen.“ „Immer der Traum Ihrer Jugend! Regt ſich in Ihrer Bruſt kein Gedanke an die troſt⸗ loſe Muͤnter, die an ihrem einſamen Herde trauert? Aber Ihre Schande hat ihre Stirne nie mit gluͤhender Scham bedeckt, ihr Herz nie mit Kummer erfuͤllt. Kennen Sie die unver⸗ zeihbare Suͤnde? Kennen Sie den Fluch, der am ſchwerſten auf dem Herzen laſtet?— Es 177* ill der Fluch einer Mutler⸗ * fliegen.““ 179 „Der Himmel verhuͤte, daß ich eine ſo un⸗ heilvolle Verwuͤnſchung auf mich laden ſollte,“ erwiederte Eliſabeth, halb erſchrocken uͤber die wahnſinnige Energie der Sprecherin.„Und wenn Ihr mir eine Gefaͤlligkeit erweiſen wollt, die ich Euch nie vergeſſen werde, ſo ſagt mir kurz, wie Ihr zu dieſem Zeichen kamt?“ „Ich werde Ihnen mehr ſagen. Dieſes hei⸗ lige Symbol, das meine ſuͤndigen Haͤnde zu be⸗ ruͤhren nicht wuͤrdig ſind, wurde um den Nacken eines Kindes gehaͤngt, waͤhrend die Thraͤnen ei⸗ ner Mutter auf ſein junges Geſicht fielen. Wol⸗ len Sie ſich von ihr, die Sie als Kind ſicher nach Linns of Cleuch geleitete, nicht als Weib nach den Thoren des Schwarzen Schloſſes fuͤhren laſſen 22 „Ihr mich fuͤhren? Ihr, die erwaͤhlte Ueber⸗ ringerin einer Botſchaft von meiner Mutter— oder meinem Gatten? Ueberzeugt mich hievon; und bis an die Enden der Welt will ich euch folgen.“ „Mehr— ich will Ihnen mehr ſagen,“— ſagte das Weib;„wie dieſes Kind zu einem bluͤhenden Maͤdchen herangewachſen, dieſes Zei⸗ chen um den Nacken eines bluͤhenden Juͤnglings hing, und in Gegenwart ihrer alten treuen Amme ſagte:„im Gluͤcke oder Ungluͤcke, im Schmerze oder in der Gefahr, bei Tag oder bei Nacht, ſenden Sie mir dieſes Zeichen, und wenn auch die Hand des Boten roth von dem Blute mei⸗ ner Verwandten waͤre, ſo wuͤrde ich dennoch der Aufforderung gehorchen, und an Ihre Seite — 180 „Haltet, haltet!“ rief Eliſabeth.„Ich nehme das Zeichen an; eitle Worte, kühn und raſch, aber nur zu gewiß geſprochen. Wohin muß ich mit Euch?“ 5 „Wohin Ihr eigenes Herz Sie zieht,— zu ihm, der nicht zu Ihnen kommen kann. Seine geſchriebene Botſchaft vertraute ich ſicherern Haͤnden an. Hat der alte Geck Sie nicht auf⸗ geſucht?“ In heißer Ungeduld und toͤdtlicher Angſt ſtimmte Eliſabeth faſt in die Verwuͤnſchungen ein, die Rothmantel jezt gegen den diplomatiſchen Zunftvorſteher ausſtieß. Die baarfuͤßige Hausmagd eilte in die City, und kehrte mit der Nachricht zuruͤck, daß die ganze Familie des Zunftvorſteherd dieſen Morgen durch ſeine Entweichung zu einer ungewoͤhnlichen Stunde, und das Verſchwinden ſeiner Sonntags⸗ peruͤcke, ſeines beſten Trauerkleids und ſeines Stocks mit dem goldenen Knopfe, in große Be⸗ ſtuͤrzung gerathen wan, und daß Frau Burlin in dem Pilgerlande umherraste und den großen und kleinen Bann gegen Herrn Hali⸗ durton ausſprach; und Viertheilen, Haͤngen, Koͤpfen und Raͤdern gegen die verfuͤhreriſche Frau Abby Gilleſpie herabrief. Es gibt keine mißlichere Criſis in dem Leben eines alten Mannes, als die, welche unmittelbar auf ſeine Befreiung von dem ehlichen Joche folgt, beſonders, wenn, wie in Daigh's Falle, der Zuͤgel etwas ſtraff gehalten worden war. Eine Schaar Schulknaben⸗ die an einem ſonnigen 181 Feiertage von dem Schulzwange entbunden wor⸗ den ſind, ein Bienenſchwarm, deſſen Koͤnigin abgedankt hat, ſind ſchwache Sinnbilder von der ausgelaſſenen, ſchwelgeriſchen Freiheit des⸗ Ho⸗ nigmonats des Wittwers. Die wiedererlangte Freiheit des Wollens und Waͤhlens verwirrt den armen Mann gaͤnzlich. Sein Geiſt iſt ganz aus ſeinem Gleichgewichte geworfen und er denkt an nichts, als an Weiber. In wenigen Mona⸗ ten mag der Sturm ſich legen, und wenn der Wittwer dieſe uͤberſteht, ſo darf man von ihm erwarten, daß er nachher ganz wie unter gewoͤhn⸗ lichen Umſtaͤnden verfahren wird,— faſt ſo vor⸗ ſichtig und wachſam, wie ein alter Junggeſell, der Schlingen argwoͤhnt, die nie gelegt worden ſind, und Plane zu ehlichen Eroberungen ent⸗ deckt, die bloͤß in ſeinem eigenen Gehirne vor⸗ handen ſind. In dieſer Fubelzeit ehlicher Be⸗ freiung lebte der wuͤrdige Zunftvorſteher, das Interregnum mit der Wahl einer neuen Gebie⸗ terin verſchlendernd. Was waren alſo Packete Damen, Liebhaber, Spionen und Verraͤther ihm, der bloß Einen großen Gegenſtand auf Erden ah, Frau Burlin, ſeine Tochter, die ſeine chriſt⸗ liche Freiheit ſchmaͤlerte und ſeine Wahlfaͤhigkeit beſtritt. Sowohl der Zunftvorſteher, als das Packet wurden folglich vermißt. Allein dieſer unguͤn⸗ ſtige Umſtand konnte Eliſabeths Vorſatz nicht veraͤndern; und nach einer weiteren Unterredung nahm ſie den von Rothmantel angebotenen Dienſt, Fugal zu ſenden, um ſie an einem von ihr be⸗ zeichneten Orte zu treffen, an. 182 Waͤhrend dieſe Anſtalten getroffen wurden, erſchrack Eliſabeth uͤber Hutchens wohlbekannte Stimme, und Rothmantel hatte gerade noch Zeit, ſich hinter einen Fenſtervorhang zu ver⸗ ſtecken, als dieſer Herr eintrat, begleitet von Doctor Mallock und zwei oder drei andern Per⸗ ſopen von geringerem Stande. Auf ſeine tiefe Verbeugung neigte Eliſabeth ſtolz ihren Kopf, und ſchoß, ohne ihre Lippen zu oͤffnen, an ihm voruͤber. „Halten Sie, Madame!“ ſagte Hutchen,„Sie kennen, vermuthe ich, mein Geſchaͤft in dieſer Wohnung. Ich komme, um den Lord von Bruce unter jene Au ſicht zuruͤckzufordern, der ihn die Geſetze ſeines Landes, perſönlicher Si⸗ cherheit und Beſchuͤtzung wegen, uͤbergeben ha⸗ ben, und der ihn eine ſeltſame und unbefugte Einmiſchung entriſſen hat. Ich bin jedoch ge⸗ neigt, dieſen Vorfall zu uͤberſehen, vorausgeſezt, daß man ihn ohne weitere Umſtaͤnde der Auf⸗ ſicht ſeines Arztes wieder uͤbergibt. „Wenn Sie an mich eine ſolche Forderung machen,“ ſagte Eliſabeth ſtolz,„ſo wiſſen Sie, daß ich Ihre Macht nicht anerkenne, und ihr bis auf's Aeußerſte durch jedes Recht widerſte⸗ hen werde, das Gott und die Natur mir verlie⸗ hen hat. Ich habe hier den Schluͤſſel zum Zim⸗ mer des Lord von Bruce, und zwar auf ſeinen eigenen Befehl. Er bleibt, nach ſeiner eigenen Wahl,— und dem Himmel ſey es gedankt, er iſt ganz faͤhig, fuͤr ſich ſelbſt zu waͤhlen— un⸗ ter dem Dache ſeines Verwandten. Wer unter 18³ euch will es wagen, ihn anders, als mit ſeiner eigenen Einwilligung zuruͤck zu fuͤhren. „Der Wille eines Mondſuͤchtigen, wie die Vor⸗ ſaͤtze einer Dame muͤſſen vor dem Beſchluſſe eines Mannes weichen. Herbei, ihr Leute!— Herbei, Mallok! den Schluͤſſel, Madame! und zwingen Sie uns nicht, gewaltſame Maßregeln zu ergreifen!“ „Ich habe nein geſagt!“ antwortete Eliſa⸗ beth, und ſtellte ſich mit dem Ruͤcken an die Thuͤre, die Erſcheinung des Herrn Haliburton, Delanch, des Arztes oder auch der furchtbaren Wittwe aͤngſtlich abwartend, und entſchloſſen, wenigſtens Zeit zu gewinnen. „Nein iſt kein Wort fuͤr eine Dame,“ er⸗ wiederte Hutchen, der wohl wußte, daß er keine Zeit zu verlieren hatte.—„Erbrecht die Thuͤre, Burſche, und zoͤgert nicht— ich erlaube es euch.“ Die Leute zoͤgerten, blickten von der Dame auf Herrn Hutchen, und bebten vor der harten Pflicht zuruͤck. „Haltet ein! wie ihr Gott und den Menſchen werdet Rechenſchaft ablegen muͤſſen?“ ſagte Eli⸗ ſabeth.„Lord von Bruce ſchlaͤft geſund. Wollt ihr ihn durch dieſe ſchimpfliche Gewaltthat ſtoͤ⸗ ren und zu Grunde richten?“ „Wir wollen warten, bis ſeine Herrlichkeit aufwacht,“ ſagte der Arzt in einſchmeichelndem Tone zu ſeinem Freunde. 4 „Narren und Schufte, muß ich euer Geſchaͤft thun?“ rief Hutchen, und riß dem Manne, der neben ihm ſtand, ein Werkzeug aus den Haͤn⸗ 184 den, und fing mit der ganzen Lebhaftigkeit, welche die Leidenſchaft der Staͤrke leiht, an, die Thuͤre zu erbrechen.. „O, thun Sie dieß nicht, bis er wacht!“ rief Eliſabeth, ihre flehenden Haͤnde faltend. „So geben Sie mir den Schluͤſſel!“ rief Hutchen, wahrſcheinlich uͤber die Gewaltthat be⸗ ſchaͤmt, zu der er ſich durch die Nothwendigkeit, die Perſon ſeines ungluͤcklichen Klienten augen⸗ blicklich wieder zu erlangen, gezwungen ſah. „Nie und nimmer, bis ich den Befehl des Lord von Bruce habe. Als einen Mann und Edelmann bitte ich Sie um Ihre Schonung, bis die wenigen Freunde des Lord von Bruce erſcheinen.— Bis ich beſſern Rath, als meinen eigenen, einholen kann— Herr Dalrymple— Lady Tamtallan“— „Tretet die Thuͤre ein!“ ſchrie in heiſerem Tone die Perſon, der dieſe ehrliche, aber ſehr einfache Anrede die Groͤße der Gefahr bewies, der jeder Augenblick laͤngerer Verzogerung ſie preis gab. Er ſprang auf die Thuͤre los, in⸗ deß Eliſabeth ihren Poſten noch behauptete, ob⸗ ſchon ihr Herz wie Espenlaub zitterte. „Halten Sie, Herr Hutchen!“ rief Rothman⸗ tel, aus ihrem Schlupfwinkel hervortretend. „Halten Sie, mein Edelſtein— Sie werden Buͤrgſchaft annehmen— ſagen Sie mir jezt meine Verpflichtung, ſo arm albs ich bin, fuͤr die Er⸗ ſcheinung des Edelmanns;“ und mit einem aus⸗ drucksvollen Hohnlaͤcheln klopfte ſie ruhig auf die Schulter ihres Schlachtopfers, deſſen Auge, durch ihren frohlockenden und boshaften Blick bezau⸗ bert, auf ihren wilden und kuͤhnen Geſichtszuͤgen wie eingeklammert ruhen blieb.„Sie werden von einer alten Freundin Buͤrgſchaft annehmen, ſo groß auch⸗die Verpflichtung ſeyn mag.“ Wie⸗ der erneuerte ſie das Klopfen auf ſeine Schulter, und Hutchen wich, indeß ſein Auge noch auf ſie hin ſtarrte, vor ihrer beſchimpfenden und ver⸗ trauten Liebkoſung, mit einem Verſuche, zu la⸗ chen, der ganz furchtbar war, zuruͤck. „Meine alte Freundin Beß;“ ſagte er end⸗ lich, die Worte langſam herausſtotternd. „Ja! Sie ſind ohne Zweifel ſehr erfreut, mich zu ſehen. Entfernt euch, meine Freunde! ihr ſeht, euer Gebieter nimmt Buͤrgſchaft an— er iſt vernuͤnftig. Entfernen Sie ſich ebenfalls, Herr Doctor— wir hatten nie keine Secretaͤre noͤthig, um unſere Verpflichtungen zu unter⸗ ſchreiben— die junge Dame ſoll dießmal al⸗ lein Zeuge ſeyn.“ „Ich bin ohne Zweifel nicht geſonnen, die Familie zu ſtoͤren, und noch viel weniger, den Patienten zu beunruhigen,“ ſagte Hutchen mit einem langen Athemzuge—„ihr koͤnnt euch daher aut einen Augenblick entfernen.“ „Ich wußte es. Ich wußte, daß Herr Hutchen denn doch ein Chriſt iſt,“ ſagte das Weib, mit jenem ſchelmiſchen Hohnlaͤcheln, das der kraͤnkendſte Ausdruck der Bosheit iſt; und ſie wandte ſich mit frohlockendem Blicke nach der erſtaunten Eliſabeth um. Die Leute nebſt dem Arzte entfernten ſich; und ſich bis zu ihrer vol⸗ 186 len Hoͤhe aufrichtend, und ihre Arme auf der Bruſt kreuzend, heftete Beß ihre ſcharfen ſchwarzen Augen auf Hutchen und ſagte,„Sie haben mich uͤber Berg und Thal gejagt— ich bin gekom⸗ men— greifen Sie mich!“ Die auf dieſe Art angeredete Perſon ſah aus, als ob ſie eben ſo erfreut ſeyn wuͤrde, das Phan⸗ tom zu verbannen, als ſie unllaͤngſt thaͤtig ge⸗ weſen war, es herauf zu beſchwoͤren. „Ich bin O' Connors Fuͤhrer, greifen Sie mich,“ wiederholte das Weib, ihre Stimme ver⸗ ſtaͤrkend.„In der Nacht, in der ich Fhre Lampe ausloͤſchte, verſprach ich, Sie wieder zu treffen, und bald.“ 3 „Dieß iſt eine alte Freundin von mir,“ ſagte Hutchen, ſich an Eliſabeth wendend;„und ſicher⸗ lich keine gewoͤhnliche. Haͤtte ich vermuthen koͤnnen, Beß, daß Ihr mit dem Verraͤther O'Con⸗ nor Verſteck ſpieltet, ſo wuͤrde ich, aus Fa⸗ miliengruͤnden und alter Bekanntſchaft halber, durch die Finger geſehen haben.“ „Meinen guͤtigen Dank, Herr Hutchen; allein von Ihnen gejagt— von Ihnen faſt zu todt gehungert,— ohne irgend eine Erquickung bei Tag oder Schutz bei Nacht— was bekuͤmmere ich mich um Ihre Gefaͤngniſſe?— greifen Sie mich! Ich habe eine Erzaͤhlung fuͤr Ihre Rich⸗ ter, bei der ſie vielleicht ihre langen Ohren ſpi⸗ tzen werden. „Beß, unſere gute Freundin, muͤſſen Sie wiſſen, hatte ſtets die uͤble Gewohnheit, wild zu reden,“ ſagte Hutchen, ſich an Eliſabeth wen⸗ 137 dend, und in der Meinung ſtehend, ſeine fruͤ⸗ here Verbuͤndete ſey gekommen, um die beſt moͤg⸗ lichen Bedingungen fuͤr die Uebergabe des Fluͤcht⸗ lings zu erlangen.““ „Und wo iſt der Burſche, den Ihr unterſtuͤz⸗ tet? wo iſt der Verraͤther?“ ſagte er, von der ſchuldbewußten Memme in den Eiſenfreſſer uͤber⸗ gehend. „Verraͤther gegen Sie ſelbſt— falſcher und grauſamer Verraͤther gegen alle, die Sie am meiſten liebten und das groͤßte Zutrauen in Sie ſezten— O' Connor iſt da, wo Gott ihn be⸗ wahren wird.“ „Freches, wahnſinniges Weib, wagt Ihr es, mir in's Geſicht hinein Trotz zu bieten! Waͤre es nicht kluͤger jezt, Beß, fuͤr eine verſtaͤndige Perſon, wie ihr ſeyd, darauf bedacht zu ſeyn, euern Freund aus der Schlinge zu ziehen, ſtatt eitle Prahlereien gegen einen Mann anzuwen⸗ den, der euch ſo gut kennt.“ „Dieß iſt bereits geſchehen. Wenn Wind und Fluth Stand halten, ſo hat O' Connor die Sonne in Deutſchland untergehen geſehen.“ „Und eure beiſpielloſe Frechheit treibt euch an, mich wegen des Entfliehens eines Schurken zu hoͤhnen, auf deſſen Nacken das Loͤſegeld eines Fuͤrſten geſezt worden iſt.“ „Abermals Schurke! ich ertrage es nicht, Herr Hutchen;“ und Delancy's Piſtole, die ſie noch beſaß, blizte unter ihrem rothen Mantel hervor. 8 3 111 Eiſabrth ſchrack bei dieſem Anblicke zuruͤck und entfaͤrbte ſich. 188 „Entfernen Sie ſich, Madame, waͤhrend ich mit dieſem Weibe Rechnungen abſchließe,“ ſagte Hutchen ruhig.„Sie glaubt, vermuthe ich, kaum, daß ihre Geſellſchaft ſich fuͤr Sie eigne.“ „Ja, ich bitte Sie, gehen Sie, ſchoͤne Dame, und laſſen Sie das Gefluͤgel von gleicher Gat⸗ tung ſich mit einander raufen. Die wilde Katze mag es mit dem Fuchſe aufnehmen— allein der Kampf hat wenig Gutes fuͤr das Lamm, das Zeuge deſſelben iſt; und ohne Bangigkeit gehen Sie— meine Buͤrgſchaft wird angenommen werden— auch werde ich zur gehoͤrigen Stunde nicht ermangeln, Sie zu treffen.“ Eliſabeth entfernte ſich nach Monkshaughs Zimmer. „Ich wuͤnſchte eben ſo wenig, als Sie ſelbſt, Herr Hutchen, daß das Maͤdchen Zeuge unſerer Unterhaltung wuͤrde. Ich finde, daß noch Schande und Anſtand bei mir iſt. Allein, da ich Schott⸗ land fuͤr immer verlaſſe, ohne nach diefer harten Strapatze einen Sirpenny zu haben, um mir guͤtlich zu thun, ſo glaubte ich, daß es Eurer Gnaden belieben werde, an jene Pflege zu den⸗ ken, die ich fuͤr Sie in Tagen, die voruͤber ſind“— „Weib, meine Geduld hat Graͤnzen!“ „Dieß weiß ich ſelbſt, Herr Hutchen, und ſo mag es auch mit Ihrer Ehrlichkeit und Jh⸗ rem Gefuͤhle ſeyn— und gar enge Graͤnzen haben dieſe, in der That. Aber ſicherlich haben Eure Gnaden ſeit den lezten 28 Jahren nicht jede Nacht ruhig geſchlafen, wenn Sie bedachten, daß die finſtern Fluthen des Oran ſich uͤber dem 169 erſtgebornen und rechtmaͤßigen Erben Ihres rei⸗ cchen indiſchen Bruders— ja, uͤber dem Knaͤb⸗ lein der armen Anne Pingle, ſchloßen! Nein, ſtarren Sie mich nicht ſo an, wie ein geſtochener Bock; fallen Sie vielmehr auf ihre Kniee nie⸗ der, und danken Sie den Heiligen, daß ſie, durch die Barmherzigkeit eines Weibes, Ihre Seele von dem ſchwarzen Frevel retteten, den Sie damals ausgebruͤtet hatten.“ „Hexe, Teufel! Wer ſandte dich hierher?“ rief Hutchen wahnſinnig aus, und ſtuͤrzte an die Wand zuruͤck. „Ich konnte keinen großen Dank von Ihnen erwarten,“ fuhr ſie ruhig fort,„als Ihre beſte Dankbarkeit gegen Ihren alten Nachbar und Beſchuͤtzer, den Laird von Monkshaugh— der den huͤbſchen Knaben, ja Franz Friſel, den aͤlte⸗ ſten zund geſetzmaͤßigen Erben Ihres reichen Bruders, nährte und erzog— darin beſtand, daß Sie die Aſche auf ſeines Vaters Herd ſtreuten, und ſein altes Haupt nach dem Sank⸗ tuarium von Holyrood ſandten.“— 3 „Was fuͤr ein tolles Gefaſel iſt das, Beß?“ ſagte Hutchen,„welcher Knabe?— welcher Erbe? wenn Ihr nach Irland wollt, ſo ſagt mir, wie ich euch unterſtuͤtzen kann?“ Und er zog ſeine Boͤrſe mit offener und herzlicher Mienr, und naͤherte ſich der Landſtreicherin, die ſich aufrich⸗ tete und ihn mit der Miene einer Faͤrſtin fern bleiben hieß. 1 „Ich that, was ich konnte, fuͤr den kleinen Zwerg,“ ſagte ſie,„um der armen Anne Pingle 190 willen, wuͤhrend der feenhafte Balg auf meinem Müͤcken hocken oder neben mir hertraben konnte. Ein luſtiger Zwerg war er, und manches gute Stuͤck Silber gewannen mir ſeine poſſierlichen Streiche. Er ſchluͤpfte in meinen Buſen in mancher kalten und ſinſtern Nacht, in welcher der liebende Oheim warm und trocken lag, und ich konnte ſein verwelktes Geſicht nicht durch die Gitter des Kerkers zu Rookſtown grinſen ſehen, ohne daß mein Herz ſich gegen ihn er⸗ weicht fuͤhlte. Ich gelobte dem armen Geſchoͤpfe Gutes;“ und ſie fuͤgte in ſinſterem Tone hinzu, „eich, die ich nie einen Schwur that, mochte er zum Guten oder zum Boͤſen ſeyn, den ich nicht zehnfach gehalten haͤtte! Merken Sie ſich dieß, Herr Hutchen!“ Im Laufe einer langen, weltlichen Gluͤckſelig⸗ keit hatte ſich Hutchen durch mancherlei Urſachen beunruhigt gefuͤhlt, allein dieß war ein Gegen⸗ ſtand, auf welchen ſeine Gedanken ſelten mit Furcht oder Beſorgniß gerichtet geweſen waren, obſchon er zuweilen eine kurze Gewiſſensqual wegen des Schickſals des jungen Weibes empfand, das, wie er wußte, die Geſetze Schottlands als das Weib des Bruders anerkannt haben wuͤrden, deſſen Reichthum er ſich angemaßt hatte. Den rechtmaͤßigen Eigenthuͤmer dieſes Vermoͤgens in dieſem verzwergten Schelme zu finden, der, durch eine Art inſtinktmaͤßiger Bosheit, von ſeiner Kindheit an ſeinen Pfad ſcheltend und ſpottend durchkreuzt hatte, der uͤber Stock und Stein ge⸗ eilt war, um beißendere Arten, ihn zu quaͤlen, Hutchen ſezte ſich Hand, waͤhrend Sla heit ſich niederbuͤckte Feunc anzuͤndete. „Vermuthung! W Herr Hutchen! Ich Herzen der Anne Pi ich konnte nicht ſo fr ſchopfe zu ſagen, gen an Monkshau daß es eine Diebz aufzufinden; und der jezt bloß erſchien, arm zu machen und hoͤchſte Grad ſittlicher ſtuͤzte ſein Geſicht eini „ und ihre Pfeife an dem „Ihr habt alſo, Beß! dem elenden wenn es noch lebt, eure Ver nen Urſprung noch nicht mi Friſel der rechtmaͤßig Ich habe das geſchriebene Bruders nicht verloren, chene Herz kalt wurde.— daß ich ſelbſt es jenen Mor⸗ ghs Thuͤre niederlegte, oder zelle ſtown dem liebenden B dankt. Der Sperling erfreut ſeyn, Sie an ſchon ein Geld der Laͤndereien zuerkennen, fuͤrchte ich, ob⸗ ſchatz und die Fa von Harletillum 191 um ihn zu entehren, ſchien der Vergeltung. an das Fenſter nieder und ge Minuten lang auf ſeine tter mit großer Beſonnen⸗ Geſchoͤpfe, muthung uͤber ſei⸗ tgetheilt?“ iſſen iſt das beſſere Wort, weiß ganz beſtimmt, daß e Sohn Ihres Bruders iſt. Verſprechen eures das zunaͤchſt an dem ugle lag, bis dieſes gebro⸗ Aber in Wahrheit, ech ſeyn, dem armen Ge⸗ in dem Kerker zu Rook⸗ ruder ſeines Vaters ver⸗ wuͤrde eben nicht ſehr uſtverpfaͤndung es wohl werth ſind, eine Perſon anzuerkennen. die Heili bina, als ſie gerade die erforderl ergriff?““ gen die Hand der wahnſi „Sezt euch nieder, Beß, meine alte Freun⸗ Leiteten nicht nnigen Jaco⸗ ichen Papiere 192 din,— bedenkt, an welchem Orte wir ſind: Ihr wenigſtens fandet mich noch nie ungroß⸗ muͤthig. Wir muͤſſen wieder zuſammenkommen und an einem ſicherern Orte von euern Ange⸗ legenheiten weiter ſprechen.“ „Weder Ort noch Zeit koͤnnten jemals guͤnſti⸗ ger werden, als ſie gegenwaͤrtig ſind— ſprechen Sie.“— „So ſpielt Ihr immer noch die Koͤnigin,“ ſagte Hutchen mit einem verzweifelten Verſuche, zu lachen.„Obſchon an dem lezten Abende, an welchem wir zuſammentrafen, eure Reden ſo wild waren, daß ich euch kaum glauben konnte, ſo mußtet Ihr doch einſehen, wie theuer mir, um meines armen Bruders willen, ſeine Geliebte war, und wie ſehr ich ihren Sproͤßling zu be⸗ guͤnſtigen wuͤnſchte, indem ich dieſes elende Ge⸗ ſchopf—“ „Wie, der artige Knabe, der geſetzmaͤßige Neffe Ew. Gnaden?“ unterbrach ihn Beß in kuͤhnem Tone.„Sprechen Sie in ſchonenderen Ausdruͤcken von ihm— er iſt von Hutchens Gebluͤt, und jede Kraͤhe haͤlt ihre Brut fuͤr weiß. Aber gewiß, und gewiß genug, weiß ich, wie theuer ſie Ihnen war, die arme Annie Pingle— die ein zutrauensvoller Bruder Ihrer zartlichen Sorgfalt anvertraute. Vier Pfund zehn Schillin⸗ ge, nicht wahr,— alles in allem?— Der Frau Metkalf, der Wehemutter, die Leichenkoſten mit eingeſchloſſen; denn die wahnſinnige Jakobina gab, Sie erinnern ſich, das Leichentuch her. Was die Kleinigkeit betrifft, die Sie mir in jener — mond⸗ „. 193 3 mondloſen Nacht an den Furten des Oran ga⸗ ben, damit Sie der Ernaͤhrung deſſelben uͤberho⸗ ben werden moͤchten, ſo erwarteten Sie ſicherlich nicht, daß Sie den geſetzmaͤßigen Erben aller Ihrer Laͤndereien zu 26 vollen Jahren herange⸗ wachſen und im Leſen, Schreiben und Rechnen erfahren genug finden wuͤrden, um Sie— fuͤr weniger als zehn Guineen— zu einer ſchnellen Rechenſchaftsablegung aufzufordern. Es moͤchte,“ fluͤſterte ſie, ihren Kopf vorwaͤrts beugend, bis das Feuer ihrer ſchwarzen Augen ſich zu einem einzigen, auf ihr Schlachtopfer hinblitzenden, Funken zuſammendraͤngte—„Es moͤchte eine gute Bezahlung fuͤr den rohen Streich, den Sie von mir erwarteten, geweſen ſeyn.“ „Das iſt ſo falſch, als die Hoͤlle!“ ſagte Hut⸗ chen, aufſpringend,„aus gewichtigen Gruͤnden, die das Andenken eines geliebten Bruders betra⸗ fen, wuͤnſchte ich die Anſpruͤche der Verwandten dieſes elenden Kindes zu unterdruͤcken; allein es kam mir nie in den Sinn, ſein Blut zu ver⸗ gießen.“ „Gewichtige Gruͤnde!— Ihr habt alle eure Gruͤnde. Der Wolf, wenn er das Lamm er⸗ wuͤrgt, kann bloß ſeinen thieriſchen wilden In⸗ ſtinkt vorſchuͤtzen. Der edlere Menſch kann ru⸗ hig ſeine Gruͤnde vorbringen, das zaͤrtliche Herz, das er verratben und gebrochen hat, zu zermai⸗ men und zu zerreißen,— ja, und es nie als Unrecht zu bereuen, daß er dieß that.“ „Ich ſehe, es haͤngt euch noch etwas von eu⸗ rem alten Gewerbe an, Beß. Zeigt mir jedoch Etiſ. v. Bruce. III. 3 9 194 jene Papiere. Eine hoͤhere Macht trat zwiſchen meinen armen Bruder und den Gegenſtand ei⸗ ner ungeſtuͤmmen, kindiſchen Anhaͤnglichkeit. Wüͤrde ich jedoch einmal von der Identitaͤt die⸗ ſes Geſchoͤpfs uͤberzeugt, ſo wuͤrden ſich wohl Mittel auffinden laſſen, etwas fuͤr daſſelbe zu thun.— Und wie kommt es, Weib, daß ihr mir, dieſe ganze Zeit uͤber, nie Nachrichten von dem euch anvertrauten Kinde uͤberbracht habt? — Habt Ihr jene⸗Papiere?“ „Ja, und ich werde ſie auch bei mir behal⸗ ten. Allein Sie ſehnten ſich ohne Zweifel gar ſehr nach meiner Wiedererſcheinung?— Mach⸗ ten Sie nicht viele oͤffentliche Anzeigen wegen des verlorenen, durch eine irlaͤndiſche Landſtrei⸗ cherin geſtohlenen, Erben der Laͤndereien eures Bruders?“ ſagte ſie, vor ihn hintretend.„Wurde die Anzeige wohl neben derjenigen angeſchlagen, die ich uͤber den Verkauf des Hausgeraͤths eures alten Beſchuͤtzers, des Herrn Grahame von Monkshaugh, ſah?“ „Zeigt mir jene Papiere, waͤre es auch nur zur Befriedigung meiner Neugierde,“ verſezte Hutchen wieder. „Schoͤnen Dank— nein. Aber hier iſt et⸗ was, das ich Ihnen mit der groͤßten Bereitwil⸗ ligkeit abtrete.“ Sie zog aus ihrer Taſche eine kleine Nadelbuͤchſe, die verſchiedene Faͤcher ent⸗ hielt, und aus einem derſelben nahm ſie ein ſilbernes Bleiſtiftfutter, das mit den verſchlun⸗ genen Anfangsbuchſtaben der Bruͤder bezeichnet war.—„Ja, behalten Sie dieſes Andenken, 195 Sie haben das beſte Recht dazu. Anne Pingle verbarg dieß, ein Geſchenk Ihres Bruders, in ihrem Buſen vor ihrer Schweſter, an dem lezten Tage ihres Lebens. Ihre Thraͤnen fielen auf daſſelbe, bis der Tod ſie in ihren Augen gefrie⸗ ren machte, an dem Tage, wo Sie Fhren Bruder zu bringen verſprachen, um ſie an dem Zu⸗ fluchtsorte, den Ihre Guͤte fuͤr ſie ausfindig ge⸗ macht hatte, zu ſehen— und zwar zum lezten male; und wo er nicht kam— denn wie konnte er dieß?— und wo ihr Herz in ſehnſuchtsvol⸗ ler Erwartung bebte, bis es brach!“ Hutchen hatte ſich oft zu uͤberzeugen geſucht, daß er, indem er ſeinen Bruder betrog, und ihn dem Gegenſtande ſeiner fruͤhern Anhaͤnglich⸗ keit entfremdete, bloß als liebender und erge⸗ bener Bruder handelte. Gleichwohl konnte er nicht ohne tiefe Angſt die wohlbekannte Reliquie einer Perſon betrachten, die er in ſeinen un⸗ ſchuldigeren Tagen geliebt hatte, wie der Selbſt⸗ ſuͤchtige und Niedertraͤchtige je lieben kann. „Er wird vielleicht guͤtiger gegen das Kind ſeines Bruders— gegen ſein eigenes Fleiſch — ſeyn, als er, fuͤrchte ich, gegen mich geweſen iſt,“ waren die lezten Worte des armen Maͤd⸗ chens. Dieſe Worte waren jedoch, obſchon die eines ſterbenden Weibes, falſch. Er war nicht guͤtiger gegen den artigen Knaben, das verwaiste Kind ſeines Bruders— und Monkshaughs Pflegkind und das meinige. 95 „Nun, Beß⸗“ ſagte Hutchen nach einer aber. maligen Pauſe,„warum ſollten wir taͤndeln? 3 9* 19⁵ Ich ſehe, Ihr habt das Geheimniß verſchwiegen; laßt uns einander verſtehen. Was verlangt oder erwartet Ihr von mir? Sprecht und das ſchnell, — bedenkt, an welchem Orte wir hier ſind.“ „Jezt ſprechen Sie wie ein vernuͤnftiger Chriſt, Herr Hutchen. Zuerſt und vor allem verlange ich, daß Sie Buͤrgſchaft fuͤr dieſen edeln Lord annehmen und dem artigen Knaben, der vor langer Zeit in meinen Buſen kroch, Gerechtigkeit widerfahren laſſen. Glauben Sie, ich habe keine Eingeweide oder kein Gewiſſen? Dann ſollen Sie Monkshaugh frei laſſen. Ich verdanke ihm und den Seinigen vieles; denn er iſt ein guͤtiger Herr gegen den alten Korporal geweſen, der in dem Geholze der Thalſchlucht wohnt. Und wenn Sie ſeine Vogelſlinte in dem Thale hoͤren, ſo ſeyen Sie taub; wenn Sie ſein Netz oder ſeine Angelſchnur in dem Fluße fehen, ſo ſeyen Sie blind; und danken Sie Ihren Sternen, daß den Fiſchen des Oran kein anderer Koͤder dargeboten wurde.“ „Bei meiner Ehre, ich bin nur zu nachſich⸗ tig ſchon gegen Fugal geweſen; aber da Ihr, Beß, als eine alte Freundin, dieß verlangt, ſo ſey es euch gewaͤhrt. Ich will ihn zu meinem Wildjaͤger machen.“ „Halt,“ rief Hutchen, als Beß mit einem be⸗ deutungsvollen Winke nach der Thuͤre zu ging; „Ihr ſeyd fern von eurer Heimath— von Ir⸗ land, meine ich, wohin ihr euch, vermuthe ich, augenblicklich auf den Weg begeben werdet.“ „Wenn es mir gefaͤllt.“ 7 —— bina,— um ihr wah „Ihr kennet die Schwaͤche der armen Jako⸗ nſinniges Geſchwaͤtz bekuͤm⸗ mere ich mich keinen Strohhalm. Aber jene Papiere— Ihr wißt, daß ſie wahnſinnig iſt?“ „Ja— und was machte ſie ſo, oder half ſie ſo machen— das Ungluͤck und der Tod ihrer Alexander Hutchen. Schweſter, des Weibs eures Bruders, der Frau Ich nenne ſie ſo— er⸗ ſchrecken Sie daruͤber?— bloß der Moͤrder ſieht Geiſter Das Ende i hrer armen Schweſter und Ihre Goldgier, der Krebs Ihrer Beſtechung, der ſie bewog, die Gebur das, glaubt ſie, ich t des Kindes zu verhehlen, gemordet habe— war es⸗ nicht das, was ſie wahnſinnig machte?“ „Es ſind Papiere, die fuͤr niemand als fuͤr mich Werth haben; ſie mir wieder zuſtell doch wuͤrde ich dem, der te, eine anſtaͤndige Beloͤh⸗ nung geben. Und was dieſes arme Geſchoͤpf betrifft,— ſo uͤberzeugt mich einmal, daß es wirklich das ungeſetzmaͤßige Kind meines Bru⸗ ders iſt, und Ihr ſelbſt ſollt die Art angeben, auf welche ich ihm Ge ſen ſoll.“ „Dieſe kann in ni Abtretung der ſeinem dereien von Harletilli rechtigkeit widerfahren laſ⸗ chts anderem, als in der Vater verpfaͤndeten Laͤn⸗ im beſtehen. Ungeſetzmaͤ⸗ Hutchen! Ich kann nicht zu⸗ uths, Freund, 198 hielt dieſe Papiere nicht fuͤr nutzlos, als er Shriſiy Grahame's Frau mit ſeinem lezten Kopf⸗ ſtuͤcke beſtach, ſie nach Edinburg zu tragen.— Aber wenn er ſeinen liebenden Oheim verrieth, ſo verzeihen Sie ihm. Konnte er errathen, ge⸗ gen wen ihm die Pflicht eines Reffen oblag?“ „Sprecht nicht von dieſem Geſchoͤpfe, als von meinem Gebluͤte, noch uͤberhaupt von ihm— mit mir; und kommt dieſen Abend zu mir, ſo bald es finſter iſt. Hoͤret! Ich will euch reicher machen, als Ihr je habet hoffen koͤnnen— ich will euch mein halbes Vermoͤgen ſchenken. Ihr ſollt nach Amerika oder irgend einem fernen Lande gehen, und ein fuͤrſtliches Leben fuͤhren— ſeyd nur verſchwiegen und treu.— Aber wir verlieren hier Zeit.“ „Werden Sie den Fluch der Mutter, die mich unter ihrem Herzen trug, von mir entfernen?“ fluͤſterte das Weib in ausdrucksvollem Tone. Kann Ihr Gold dieß bewirken?— Hat es der armen wahnſinnigen Jakobina Frieden oder Se⸗ gen gebracht? Ich ſtrebe nach einem hoͤhern Lohne— ich ſuche den Segen einer Mutter wie⸗ der zu erringen. Suchen Sie Verzeihung von dem verwaisten Kinde Ihres beleidigten Bruders zu erhalten. Verlaſſen Sie dieſes Haus vor mir; und der erſte Tritt, den Sie wieder uͤber dieſe Schwelle thun, ſoll das Zeichen zu allem dem ſeyn, was Sie am meiſten fuͤrchten.“ „Dann verlaſſen wir es beide zugleich,“ ſagte Hutchen.„Hinter mir ſollt Ihr hier nicht blei⸗ ben. 4 V b — —:— 199 „Ich ſtreite mit einem alten Freunde nicht um Kleinigkeiten oder Ceremonien,“ ſagte Slat⸗ tery, und ſo giengen ſie mit einander hinaus,— Hutchen, um ſeinen lezten Kampf gegen die Wittwe Tamtallan zu wagen, und Slatterp, um ihre eigenen kuͤhnern Plane zu verfolgen. Als Eliſabeth in das Sprechzimmer herabſtieg, war ſie kaum mehr erfreut, daß ihr Feind ſich entfernt hatte, als daß ihre wilde Beſchuͤtzerin mit ihm verſchwunden war. Eliſabeth war kaum einige Minuten im Sprech⸗ zimmer, als Herr Haliburton eintrat. Er hatte das Sanktuarium(wie geſagt worden iſt) fruͤhe am Tage verlaſſen, um ſich, durch den Verkauf der Jenny Geddes, das zu der beabſichtigten Reiſe der Lady Eliſabeth nach Irland noͤthige Geld zu verſchaffen. Auf ſeinem Wege nach dem Grasmarkte, wo er Jenny zu verkaufen gedachte, war ihm Lady Harriette Copely begeg⸗ net, und hatte ihm Jenny um einen weit hoͤhe⸗ ren Preis, als ſie wirklich werth war, nehmlich um dreißig Guineen, abgekauft. Er rief daher, als er in das Sprechzimmer des Sanktuariums trat, mit freudeglaͤnzenden Augen aus:„Dreißig Pfund, Maͤdchen! Ihr koͤnnt jezt eine Chaiſe fuͤr den Lord von Bruce nehmen, ohne daß Ihr einen Pfennig von Effie's Heirathégut braucht!“ „Von wem habt Ihr aber Geld erhalten?“ ſagte Eliſabeth. 1“ „BVon einer alten Freundin, Maͤdchen. Allein alles iſt auf dem Wege eines ehrlichen Handels und Verkaufs erworden worden. Aber beeilt —— 200 euch, Maͤdchen, das Silber wegzunehmen; denn ich hoͤre des Weibes Fuß auf der Treppe!“ Monkshaugh hatte ſeine Toilette waͤhrend Hut⸗ chens Unterredung mit Rothmantel, Gideons Handel, und der Zeit, die Eliſabeth zu den noͤ⸗ thigen Anſtalten fuͤr ihre Flucht bedurfte, kaum beendigen koͤnnen. Er trat jezt in das Sprech⸗ zimmer. Er ſah dieſen Morgen weit beſſer aus, als ſeit mehreren Wochen, was der Lady Eliſa⸗ beth ihre Trennung von ihm bedeutend erleich⸗ terte. Hoͤchſt angelegentlich hatte ſie ihn Gideons Guͤte und Effies Aufmerkſamkeiten empfohlen; allein dieſe ſtanden jezt im Begriffe, nach Haus zuruͤckzukehren, und dem armen Monkshaugh erſchien der Gedanke, allein in dem Sanktua⸗ rium gelaſſen zu werden, wie der Gedanke der Vernichtung. Nach einem kurzen Geſpraͤche entfernte ſich Monkshaugh mit Efſie, um dieſer, ſeinem Ver⸗ ſprechen gemaͤß, die Teppiche der Koͤnigin Maria zu zeigen. Kaum hatten ſie ſich entfernt, als ein Wagen vor der Wohnung erſchien, und in einer andern Minute ging der Lord von Bruce, der wieder toͤdtlich blaß und erſchoͤpft ausſah, und ſich auf den Arm der Eliſabeth lehnte, an Gideon vorbei, der inzwiſchen an einem Seile zerrte, das die Hausmagd um eine Kiſte in der Halle gebunden hatte. Kein Abſchiedswort wurde gewechſelt, und Eliſabeth ſaß in dem Wagen, ehe er nach ihr aufblickte. Von einem augen⸗ blicklichen Gefuͤhle angeregt, ſprang ſie aus dem Wagen, warf ſich in ſeine Arme und ſchluchzte: „Schickt mich nicht weg ohne euern Segen.“ —— —, .— —— 201 Der Segen wurde nicht verweigert, obwohl in einem ſehr unvernehmlichen Tone geſprochen. Die einzigen Worte, welche Eliſabeth unterſchei⸗ den konnte, waren:„Maͤdchen, wir werden wie⸗ der zuſammen kommen. Wenn es nicht dieſ⸗ ſeits des Jordan iſt, ſo wird es ſicherlich in dem beſſern Lande ſeyn, wo es weder traurige Thraͤnen noch kummervolle Trennungen gibt.“ Mit einem leichtern Tritte beſtieg Elifabeth den Wagen wieder. Die großen milden traͤu⸗ meriſchen Augen des Lord von Bruce ruhten auf den plumpen Geſichtszuͤgen des Predigers, die jedoch in dieſem Augenblicke durch einen gewiſſen ſchwermuͤthigen Ausdruck gemildert wa⸗ ren. Gideon machte unwillkuͤhrlich eine tiefe Verbeugung, die der Lord von Bruce mit der ſchmachtenden Grazie, die alles, was er that, begleitete, erwiederte, und der Wagen rollte hinweg. Monkhaugh war faſt untroͤſtlich, als er bei ſeiner Ruͤckkehr ins Sprechzimmer fand, daß Eliſabeth und Lord von Bruce abgereist waren. Als Effie noch an demſelben Tage einen Kar⸗ ren fand, auf welchem ſie koſtenfrei mit ihren Buͤndeln, die ſich jezt durch Geſchenke und Ein⸗ kaͤufe zehnfach vermehrt hatten, nach Stratho⸗ nan gelangen konnte, reiste ſie, die gedruckten Autoritaͤten und Beweisſtuͤcke zu ihren Fuͤßen, nach Sourholes ab. Gideon mit ſeinem getreuen Adjutanten, dem knotigen Stechpalmenſtocke, be⸗ waffnet, ſolgte dem Wagen, und ſagte, als ſie unter den Schloßfelſen hingingen, die bereits 20⁰2 ſchwarz zu werden anfingen:„Die arme Janet wird euch keinen Verdruß mehr erwecken!“ Z ehntes Kapitel. Gewiſſensfälle. Herr Haliburton war kaum einige Tage zu Hauſe, als er auf ſeinem gewoͤhnlichen Spa⸗ ziergange durch das Dorf Caſtleburn in der Abenddaͤmmerung den Schmerz hatte, oberhalb der Hausthuͤre von Grahame Arms eine Anzeige zu leſen, die den unmittelbaren Verkauf der Moͤbeln des Hauſes Monkshaugh nebſt dem Vieh, den Pferden, und vor allem jenen ſchoͤnen Wallnußbaͤumen, die der Stolz des Eigenthuͤ⸗ mers waren, betraf. Er hatte ſeit einigen Ta⸗ gen keine Nachricht von Eliſabeth erhalten, nach der Gideon's Herz ſich mit der Zaͤrtlichkeit eines Vaters ſehnte; und dieſe neue Qual machte das Maß ſeines Kummers voll. Nach einem aͤrgerlichen Streite mit ſeiner geldſuͤchtigen Ehehaͤlfte, in welchem er ſie ver⸗ gebens zu bewegen geſucht hatte, die zur Ruͤck⸗ kaufung der werthvollſten Mobeln des Hauſes Monkshaugh, und beſonders der ſchoͤnen Wall⸗ nußbaͤume, erforderliche Summe von ihrem Ei⸗ genthume herzuſchießen, erklaͤrte er ſeinen augen⸗ blicklichen Entſchluß, noch tinma nach Edinburg 204 der Artikel, die er zu retten wuͤnſche, zu uͤber⸗ geben. Noch weit erfreuter war ihr Agent, als er den unbeſchraͤnkten Befehl erhielt, jene edeln Baͤume, zu deren Vertheidigung ſich faſt die ganze Umgegend erhoben haben wuͤrde, um jeden Preis zu retten. Mit einem ſo wich⸗ tigen Auftrage reiſend, fuͤhlte Gideon das erſte⸗ mal in ſeinem Leben die Buͤrde des Reichthums; und ehe er die Huͤgel von Cramond erreichte, hatte er ſeine Hand zwanzigmal in ſeine Taſche geſteckt, um ſich zu uͤberzeugen, daß keine flinke Sylphide ihm ſeine Schaͤtze durch das Knopf⸗ loch geſtohlen hatte. Es hatte keinen Tag waͤhrend der lezten 365 gegeben, an welchem Gideon Beß Slattery nicht lieber getroffen haben wuͤrde, als an dem gegen⸗ waͤrtigen.— In dem kleinen Hauſe in der Naͤhe von Rookſtown, in welchem er Halt machte, um ſich mit einem Schlucke Zweipfennig⸗Bier zu erquicken, ſaß ſie jedoch da, ihre Pfeife rau⸗ chend, und, wie Gideon fuͤrchtete, einen Beutel mit Geld auf ſeinem Geſichte ſo deutlich le⸗ ſend, als ob der ganze koſtbare Inhalt deſſel⸗ ben mit Buchſtaben darauf geſchrieben geweſen waͤre. „Gerade der Mann, den ich brauche! Manche Pinte habt Ihr mir gegeben, und nie brauchte ich ſie beſſer!“ war ihr kuͤhner Gruß. „Es wuͤrde eine Neuigkeit fuͤr mich ſeyn, zu hoͤren, daß ich je aus Einer Schuͤſſel mit euch gegeſſen habe, ehrliches Weib.“ Und auf ihren 1 — 2⁰⁵ Vorſchlag, ihn auf ſeinem weitern Wege zu begleiten, folgte ein kuͤhnes und entſchiedenes Nein!a „Wie aber, wenn ich mit euch gehe, Ihr moͤgt wollen oder nicht?“ ſagte ſie, durch ſeine Verlegenheit augenſcheinlich ergoͤzt.„Haͤtte ich, wenn es mich nach dem Gelde geluͤſtete, das Ihr bei euch habt, es nicht ſchon zwanzigmal in dem Gehoͤlze von Barnbougle aus eurer Taſche ſtehlen koͤnnen?“ „Hat Sie mit dem Teufel zu ſchaffen?“ dachte Gideon; 3,allein ich will fuͤr das Geld kaͤmpfen. Ich will widerſtehen— ja, bis in den Tod. Das iſt keine weltliche Habe, ſondern ein hei⸗ liges Pfand fuͤr den Ungluͤcklichen.“ Herr Haliburton ſtand auf, warf ſeine Rech⸗ nung von zwei Pfennigen hin und ſchickte ſich zur Abreiſe an. Rothmantel that ein Gleiches und fluͤſterte, an ihm vorbeigehend—„folgen will ich euch; denn ich habe euch Dinge zu ſagen, wovon euch die Ohren gellen werden.“ Sie nahm ihren Weg durch eine anſtoßende, finſtere und mit Fichten uͤberwachſene Pflanzung, durch die ein kuͤrzerer Pfad als die Landſtraße fuͤhrte, und als er das Ende des erſten Feldes erreicht hatte, ſtand ſie wieder vor ihm. „Ich warte, um eure Befehle fuͤr das Koͤ⸗ nigreich mitzunehmen,“ ſagte ſie,„in welchem ich, wenn es Gott gefaͤllt, in acht Tagen ſeyn werde. Ihr kommt auf eurem Wege nach Strath⸗ oran an dem Kerker von Rookſtown voruͤber. Bielleicht ſeht Ihr den Vogel fliegen;“ und 206 ſchnell erzaͤhlte ſie dem ſtaunenden Prediger ihre wundervolle Geſchichte von Friſels Geburt und Gluͤck, und trat ihrem Zuhoͤrer allmaͤhlig naͤher, als ſie ihn in ernſtem Tone bat, er moͤchte den kleinen Mann auf die ihm erzaͤhlte Geſchichte im Laufe deſſelben Tags allmaͤhlig vorbereiten. Der Prediger ſtand betroffen und in Erſtau⸗ nen verloren da. Als ſie ihm aber den Beutel der Lady Tamtallan ins Geſicht warf, und mit lautem Gelaͤchter in das Gehoͤlz verſchwand, hob er ſeine Haͤnde empor und rief aus—„Die Erzlandſtreicherin— hat ſie in der That mit dem Teufel einen Bund?— Meine Taſchen vor meinen eigenen Augen beſtehlen!“ Friſels elendes Ausſehen beſtaͤtigte das Sprich⸗ wort, daß ein„Gefaͤngniß ein Sorgenhaus“ iſt. Er ſah gelb und zuſammengeſchrumpft aus— ſeine ſcharfe Naſe, ſeine hervorragenden Backenknochen, ſein ſpitzes Kinn, und ſeine eingeſunkenen kleinen Augen machten ſeine eigen⸗ thuͤmliche Geſichtsbildung noch weit geiſterhafter und uͤberirdiſcher als je. Nach einigen freundſchaftlichen Erkundigun⸗ gen ſezten ſie ſich nieder, und kaum hatten ſie ſich in ein Geſpraͤch mit einander eingelaſſen, ſo unterbrach der Prediger ſeine Rede ploͤtzlich und ſagte:„und ſo wahr ich ein lebender Suͤn⸗ der bin, da iſt dieſe Landſtreicherin;“ und Gi⸗ deon griff mit ſeiner Hand unwillkuͤhrlich nach Lady Tamtallan's Beutel, um ſich zu uͤberzeu⸗ gen, daß der Zauber der Beß Slattery ihn nicht ein zweitesmal wegbeſchworen hatte. 207 „Guten Morgen, Weib,“ rief Friſel.„Ich hoffe, daß ich dieſen Beſuch mehr eurer Freund⸗ ſchaft fuͤr mich, als eurer eigenen Noth zu dan⸗ ken habe.“ „Vielleicht verdankt ihr ihn beidem, Herr Ale⸗ rander Hurcheon. Wenn ich mit dem Willen komme, ſo habe ich die Macht, euch zu dienen. Sprecht eure Noth aus.“ „Wenn ihr mich meint, ſo brauche ich eben jezt nichts mehr und nichts weniger, als einen Vater und ein Fruͤhſtuͤck. Da ich viele Jahre ohne die erſtere Wohlthat verlebt habe, ſo ver⸗ miſſe ich ſie um ſo weniger; allein ich war an die leztere laͤnger gewoͤhnt, als vielleicht John Hurcheon glaubt. Er ſcheint zu glauben, es herrſche nie Hunger in der Welt, als wenn ſein eigener Bauch brumme.“ „Und wie, wenn ich euch beides bringe?“ ſagte der Nothmantel, ſeine kohlſchwarzen Au⸗ gen auf den Sprecher heftend. „Obſchon ihr jezt in der Begeiſterung eurer Wahrſagerkunſt ſeyd, ſo moͤchte ich euch doch eben keinen großen Glauben beimeſſen,“ erwiederte das Wieſel lachend.„Nehmt jedoch meinen Dank fuͤr die wunden Beine, die ihr mir in dem Geboͤlze der Bergſchlucht in jener Nacht gemacht habt.“ Sie lachte, als ob die Erinnerung au dieſen Auftritt ſie ergoͤzte,„Das artige Kind kuͤßte die Ruthe nicht:— allein ich laſſe alles das bei Seite; eure Treue hat euch ſeitdem eure Be⸗ freiung ausgewirkt.“ 2⁰⁸ „Befreiung! und durch euch, Landſtreicherin! Macht ſelbſt, daß ihr aus dem Staube kommt; oder, bei Jericho, ich habe, wegen alles deſſen, was ihr mir in Betreff des braven Kapitaͤn Wolf in das Ohr geblaſen habt, große Luſt, euch der Gnade des Aufſehers des Gefäͤngniſſes auf eine Zeit lang zu empfehlen!“ „Herr Haliburton, blickt doch den Knirps an, da, wo er ſteht, mich ausſcheltend; doch fuͤhle ich fuͤr ihn, was ein Weib bloß fuͤr das Geſchoͤpf fuͤhlen kann, das drei Jahre lang, in Liebe und Huͤlfloſigkeit, in ihren Buſen kroch. Betrachtet ihn genau— den Sohn der armen Anne Pingle — den zuverlaͤſſigen Erben von Harletillum.“ „Es iſt eine verdammte Luͤge!“ rief er aus, ganz außer ſich aufſpringend.„Ich bin ohne Zweifel ein Fuͤndling, allein es iſt kein Tropfen von John Hurcheon's falſchem Blute in mei⸗ nen Adern; oder, wenn dem ſo waͤre, ſo wuͤrde mein Federmeſſer ihn herauslaſſen!“ „Sezt euch nieder, mein kleiner Mann. Sezt euch nieder,“ ſagte Herr Haliburton, ihn auf einen Stuhl zuruͤckſtoßend. „Beſſer vom Teufel abſtammen, als von Hurcheon's ſchwarzer Brut; allein, obſchon ich ein Fuͤndling bin, ſo werde ich dieß doch nie von mir glauben; und eben ſo wenig mein guͤ⸗ tiger alter Herr.“ „Und doch iſt es wahr, daß ihr der einzige Sohn des indiſchen Bruders John Hurcheon's und der Erbe von Harletillum ſeyd.“ „Der Erbe von Harletillum und ein getauf⸗ 209 ter Mann! Beim Jupiter, ich will Baby Strang zu einer Lady machen!“ rief Friſel, ſeine Ernſt⸗ haftigkeit wegſcherzend. Rothmantel erzaͤhlte nun umſtaͤndlich die Ge⸗ ſchichte, mit welcher der Leſer bereits bekannt iſt, und haͤndigte Gideon gewiſſe, hierauf Bezug habende, Papiere ein. Hierauf verſprach ſie, zur gehoͤrigen Zeit zu erſcheinen, und entfernte ſich. Nach einer kurzen Unterredung mit Friſel, die deſſen Abſicht, Baby Strang zu heirathen, betraf, entfernte ſich Gideon ebenfalls. Friſel hatte nie einen großen Hang zur Schlaͤf⸗ rigkeit, und in ſeinem gegenwaͤrtigen aufgereg⸗ ten Zuſtande konnte er unmoͤglich ſchlafen. Er ſtand an dem begitterten Fenſter ſeiner Zelle, das die Ausſicht auf den Mittelpunkt des Frei⸗ fleckens gewaͤhrte, ſich nach der Stunde ſehnend, die ihn, in Folge des geheimen Befehls des Herrn Hutchen, auf freien Fuß ſetzen ſollte. Durch das Fenſter blickend, rief das Wieſel ploͤtz⸗ lich aus:„Ich ſchwoͤre, dort eilt unſere Tante uͤber das Steinpflaſter nach der Bank unſeres Oheims John. He da!— Miß Jacky! was habt ihr aus eurer Schweſter Annie und ihrem Kinde gemacht? Eure Schelmenſtreiche, wie die des John Hurcheon, kommen jezt alle an den Tag, Lady!“ Die arme FJakobina war auf ihrem Wege zu der Auction in Monkshaugh; ſie hatte das breite Pflaſter in der Naͤhe der praͤchtigen neuen Bank in der Mitte der Stadt erreicht. Als Friſels 210 Worte ihr Ohr, ſie wußte nicht woher, erreich⸗ ten, klammerte ſie ſich an das Gitter an und rief mit dem gellenden Geſchrei, welches das Herz ihres argloſen Peinigers durchbohrte, dem Geſchrei einer Wahnſinnigen— und kein Laut in der ganzen Natur iſt halb ſo herzergreifend oder ſchrecklich—„Bin ich die Huͤterin meiner Schweſter?— Verlangt ihr ſie vom Himmel herab oder von der Hoͤlle herauf von mir? Wenn ihr junges Blut gen Himmel ſchreit, ſo ſchreit es nicht gegen mich. Weiche von mir zuruͤck, Satan! der gottſelige Gideon wird fuͤr meine Seele ſtreiten! Ich will das Gold zuruͤckgeben— John Hurcheon's Gold— ja, ſiebenfachen Erſatz nach dem Geſetz Moſes, um Mitteruacht, in dieſer nehmlichen Nacht bei den Furthen des Oran. Vielleicht wird meine Stirne dann kuͤhl, viel⸗ leicht verlaͤßt das Singen und Klingen und Sauſen meine Ohren, und flieht der Nebel von meinen ſchwimmenden Augen, und ich werde noch einen geſunden Schlaf genießen wie die arme Annie und ihr kleiner Sohn!““ Das klaͤgliche Geſchoͤpf, das zu einem wahren Marterbilde zuſammengeſunken war, ſank auf das Pflaſter nieder, als es ſich an das Gitter des ſtattlichen griechiſchen Gebaͤudes feſter an⸗ klammern wollte. Es war Markttag, und ein Haufen Landleute rottete ſich zuſammen.„Was iſt das fuͤr ein Auflauf?“ rief eine Stimme. „Ein Anlauf nach der neuen Bank, Freunde, — ſeht auf eure Scheine.“ — —— 211 „Ein Anlauf! ein Anlauf!“ ertoͤnte es von allen Seiten. Die Kinder ſogar riefen dieſe Worte nach.—„John Hurcheon's Bank iſt ge⸗ brochen!“ war das naͤchſte Loſungswort; und die ſchreckliche Nachricht verbreitete ſich wie ein Lauffeuer durch jede Straße und jedes Gaͤßchen des Burgfleckens, und mit ihr Beſtuͤrzung und paniſcher Schrecken;— und jedes Milchweib ſezte ihre Brille auf die Naſe und unterſuchte die Zeichen auf ihren Paar Noten; und eilte entweder hinweg, um ſich unter die zuſammen⸗ laufende Volksmenge zu miſchen, oder freute ſich uͤber ihr Entkommen, und lachte uͤber ihre Nach⸗ barn. Vergebens wurde jezt die tolle Land⸗ ſtreicherin hinweggefuͤhrt und die urſpruͤngliche Urſache des Larms erklaͤrt. Alle ſchrieen und niemand hoͤrte; und endlich nahm Meiſter Ma⸗ thaͤus Steinhuſe, der den ganzen Auftritt ru⸗ hig aber aͤngſtlich beobachtet hatte, die Baͤcker⸗ ſchuͤrze von ſeinen Lenden weg, ſezte ſeine Pe⸗ ruͤcke auf, wie ein Ritter, der ſeinen Helm zum toͤdtlichen Kampfe anſchnallt, ſprang vor und verlangte Gold oder Sir Williams Noten, fuͤr alles das Rookſtowner Papier, das er in Haͤn⸗ den hatte. „Aber ihr, Meiſter Steinhuſe— ihr ſeyd ein vernuͤnftiger kluger Mann,“ ſagte der un⸗ ruhige Sekretaͤr, an den ſeine Befehle gerichtet waren. 8 „Wirklich bin es. Ich wuͤrde es nie laͤugnen. So gebt mir Sir Williams Noten oder Gold. Gold iſt das Metall eines verſtaͤndigen Mannes.“ 212 „Vorſtellungen oder Bitten waren gleicherweiſe umſonſt bei Meiſter Matthaͤus. Er ſprang hinaus, ſeinen vollen Beutel hoch emporhaltend, und mit einem Blicke der Verachtung und des Froh⸗ lockens wandte er ſich um und blickte zuruͤck, knallte mit den Fingern im Angeſichte des praͤch⸗ tigen Gebaͤudes und rief,„brich, wenn du willſt!““ Die merkwuͤrdige Entfernung des Matthaͤus Steinhuſe war das Zeichen zu einem allgemei⸗ nen Aufſtande; und als die Zahl der Anwe⸗ ſenden ſich vergroͤßerte, wurde ihr Laͤrmen ſtaͤr⸗ ker und beſchimpfender.— Die zur Bank ge⸗ hoͤrenden Perſonen ſah man jezt reitende Boten an alle Theilhaber abſchicken. Die rauchenden Roſſe und wilden Reiter, die nach allen Rich⸗ tungen, durch die Doͤrfer und Weiler, eilten, verbreiteten den Schrecken weiter; und auf allen Zugaͤngen der Stadt ſtuͤrzten Landleute herbei, von denen jeder die Stuͤcke Papier zerknitterte, die, in ſeiner Meinung, bereits faſt ſo wenig Werth hatten, als die Lumpen, aus denen ſie bereitet worden waren. Die ungluͤcklichen Perſonen, die den Dienſt auf der Bank verſahen, waren endlich genoͤthigt, die Thuͤren zu ſchließen und ſich durch die Flucht zu retten. Sie hatten die buͤrgerliche Gewalt herbeigerufen; allein dieſe hatte keine große Nei⸗ gung gezeigt, thaͤtige Huͤlfe zu leiſten— denn M' Gie und Baillie M' Tak hatten ſelbſt mehr oder weniger von dem werthloſen Papier. Die Bank war jezt regelmaͤßig belagert: und groß — 21⁵ war das Entzuͤcken des Wieſels, das noch immer von ſeiner Zelle herabblickte, mit den Haͤnden klatſchend, um den Pöbel aufzumuntern, und laut in ihr triumphirendes Geſchrei einſtimmend, als das Glas der großen und ſchoͤnen gewoͤlbten Fenſter in Splittern raſſelnd auf das Pfla⸗ ſter fiel. Wie eine begeiſterte Spbille, lhre grauen Weichſelzoͤpfe wild und weit umherflatternd, ohne Kopfbedeckung und Unterrock, und wirk⸗ lich genau in der Tracht, in der das Erdbeben ſie in der Pfarrwohnung uͤberraſcht hatte, ſtuͤrzte Frau Haliburton durch das Watergate von Rook⸗ ſtowne herein, leider aber zu ſpaͤt, um das Goͤ⸗ tzenbild ihrer Seele vor der Vernichtung zu retten. Die erſten Ausbruͤche ihrer Verzweif⸗ lung aͤberſteigen unſere Darſtellungskunſt weit. —„Ihr habt meine Goͤtter genommen, und was iſt mir jezt noch uͤbrig?“ „O, Fraͤnzchen!“ rief ſie wahnſinnig aus, den kleinen Mann an ihren Buſen klammernd, als ſie in ſeine Zelle trat.„O, Franz Friſel! was ſoll der getaͤuſchten und ungluͤcklichen Elen⸗ den geſchehen, die zwei hundert und fünfund⸗ achtzig Pfund und ſieben Halbpfennige ſammt den Zinſen verſchleuderte, und ihren rechtſchaf⸗ fenen Ehemann um ſein ehrliches und rechtmaͤ⸗ ßiges Juice Mariti brachte? Und ihr uͤberirdi⸗ ſcher haͤßlicher Knirps!“ und ſie ſtieß Friſel von ſich, daß er zuruͤcktaumelte,„Ihr, und kein anderer, habt mich dazu beredet; oder wie wuͤrde ich, ein pflichtliebendes Weib, das Gideon Ha⸗ liburton anbetet—“ „ 214 „Aber Effie,“ fiel das Wieſel grinſend ein, „Habt ihr nicht euern großen Eid geſchworen, daß ihr keinen Heller weiter in der Welt, als fuͤnf Pfund, habt?“ „Und wenn ich es that— und wenn ich es that, ſo habe ich den Jammer, und muß ihn leiden!— Oder war es nicht vielmehr eine Ver⸗ ſuchung des Feindes, durch euch, ſeinen Kobold und gebrandmarkten Vaſallen?— Oder, wie wuͤrde ich, eine liebende und biedere Matrone, die Gideon Haliburion anbetet, ihn um ſein Juice Mariti betrogen haben?— Oh! das Juiee Mariti wuͤrde ein Balſam in Gilead fuͤr mich geweſen ſeyn!— O Weiber und Maͤdchen!“ rief ſie, ihre Haͤnde ringend, und durch ein Gitter auf die Straße hinabblickend, wie ein Ver⸗ brecher, der ſeine lezten Worte von dem Blutge⸗ ruͤſte herab ſpricht.—„Laßt euch von mir, einer ſterbenden Elenden, warnen, und betruͤget eure Ehemaͤnner nicht um euer Juice Mariti!“ „Aber, Effie, haltet ihr mich fuͤr kein irdi⸗ ſches Geſchoͤpf? Wie ſah ich an jenem Morgen aus, als ihr mich auf einem eoͤckchen Heu, an Monkshaughs Kuͤchenthuͤre, fandet?“ ſagte Friſel. „Wie anders ſaht ihr aus, als wie der hunds⸗ fuͤttiſche, affenaͤhnliche, haͤßliche Kobold, der ihr ſeyd, und der eine Zeitlang, als ein Dorn in der Seite des gottſeligen Gideon Haliburton, unter der Sonne bleiben darf? Allein ich will machen, daß John Hurcheon verbrannt wird, und ihr hineingeworfen werdet, um die Flamme anzuſchuͤren. Alle Bankrotirer ſollten gehaͤngt — —— 215 8 werden!— und wenn das kein Geſetz iſt, ſo ſollte es ein Geſetz ſehn!— Jezt, wenn ihr Geſichter zu ſchneiden und mir ins Geſicht zu lachen waget, ſo ſoll das euer Tod ſeyn! Ich bin ein zu Grunde gerichtetes, verzweifelndes Weib!“ Frau Haliburton wurde jedoch allmaͤhlig et⸗ was ruhiger; und das Wieſel erzaͤhlte ihr jezt, ſo raͤthlich auch ein ſtrenges Stillſchweigen ge⸗ weſen waͤre und ungeachtet des dem Prediger gegebenen Verſprechens, mit frohlockendem Ge⸗ fuͤhle ſeine ganze Geſchichte. Ein Strahl der Hoffnung und Rettung daͤmmerte in Effie's troſtloſer Seele auf, als ſie Friſels Erzaͤhlung vernahm. Auf den Umſtand, daß ſie das Wie⸗ ſel vor der Wohnung ihres Herrn aufgefunden und gerettet hatte, gruͤndete ſie Anſpruͤche auf das Vermoͤgen des Fuͤndlings, und druͤckte ihre Hoffnung aus, Friſel werde, wenn er je Baby Strang, ihre Nichte, mit Segen heirathen, und das Kirchenprivilegium in Sourholes genießen wolle, ſiebenfachen Erſatz fuͤr den an ihr ver⸗ uͤbten Betrug ſeines Oheims, aus Ruͤckſicht auf das geſetzmaͤßige Juice Mariti geben, das dem ehrwuͤrdigen Gideon Haliburton, kraft ihrer, als ſeines verheiratheten Weibes, gehdre. Friſels Entlaſſungsordre wurde jezt nebſt dem Branntwein uͤberbracht, den er beſtellt hatte, und den er doppelt theuer bezahlen mußte, weil ein ausdruͤcklicher Befehl von Provoſt M' Gie den Verkauf ſtarker Getraͤnke in dem Kerker verboten hatte; und obſchon Effle das enthalt⸗ 6 216 ſamſte aller Weiber in Beziehuug auf die Vor⸗ raͤthe des Pfarrhauſes war, ſo verſchluckte ſie doch einen guten Theil des berauſchenden Ge⸗ traͤnks, mehr aus Abneigung, eine ſchaͤtzbare Waare, die ſie koſtenfrei haben konnte, zuruͤck⸗ zulaſſen, als aus einem wirklichen Hange zu dieſem bezaubernden Naſſe. Friſel bezahlte ſeine Gefaͤngnißkoſten ſo weit er konnte, erhielt fuͤr den Reſt Credit, und be⸗ gleitete Frau Haliburton in die Hauptſtraße des Freifleckens, wo jezt beſondere Conſtabels para⸗ dirten, die zur Erhaltung des Friedens und zur Beſchuͤtzung des Eigenthums der Bank gegen die wuͤthende Volksmenge in Eile verſammelt worden waren. Jakobina's pflichterfuͤllter Neffe ermangelte nicht, ſich nach ihr zu erkundigen, allein ſie hatte ſich, niemand wußte, wohin, ent⸗ fernt; und er fuͤhlte ſein Gewiſſen erleichtert, als er ihren gewoͤhnlichen Weg einſchlug, be⸗ ſonders, da er nach Strathoran und zu Baby Strang fuͤhrte, der er ihr hohes Geſchick perſoͤn⸗ lich zu verkuͤnden ſich ſehnte. In Erwaͤgung ſeiner kuͤnftigen Ausſichten, ihrer eigenen Hoffnungen und vielleicht in Folge der Wirkungen, die der Branntwein auf ihr nuͤchternes Gehirn hervorbrachte, ließ ſich Frau Effie herab, ſich auf den Arm ihres verzwerg⸗ ten Junkers zu ſtuͤtzen; und auf dieſe Art ver⸗ ließen ſie die Stadt um die Zeit der Abend⸗ daͤmmerung. 217 Eilf t ez Kapitel. — Die Leichenwache. Die verſchiedenen laͤndlichen Gruppen, die Frau Haliburton und ihr Funker auf ihrem Wege nach Hauſe erreichten, unterhielten ſich alleuͤber denſelben Gegenſtand, und hegten alle faſt dieſelben Geſinnungen; denn alle verwuͤnſchten den Bankrottirer und gelobten Rache gegen ihn. Ein kleiner Huͤgel, den ſie erreichten, gewaͤhrte eine Ausſicht auf die elegante niedere Wohnung, ihre Gaͤrten, Treibhaͤuſer, Nebengebaͤude und junge Pflanzungen; und hier machte die Volts⸗ menge, die ſich gleich einem Schneeballen ſam⸗ melte, Halt, um ihren Durſt nach Rache an dieſen aͤußern Zeichen des Reichthums und der Auszeichnung ein wenig zu kuͤhlen. In dieſem Augenblicke wurde das Innere des praͤchtigen Gebaͤudes von einer Menge glaͤn⸗ zender Lichter erhellt. Es brauchte nur das. „Wir wollen ihm Licht und Hitze genug ge⸗ ben,“ rief einer von der Menge; und der ganze Haufen— ja Dame Effie ſogar, ſtimmten in den wilden Ausruf ein. Hierauf wurde der Entſchluß gefaßt, das Haus niederzubrennen und Rache an dem Eigenthuͤmer zu nehmen. „Was in des Teufels Namen habe ich mit den Schurken zu thun?“ dachte Friſel, der aus ſeinem Geiſte die verwandten Gefuͤhle zu ver⸗ Eliſ. v. Bruce. III. 10 218 bannen ſuchte, die ihn beſchlichen, als er die wilden Drohungen der ihn umgebenden Volks⸗ menge hoͤrte, und bei dem Gedanken an die tol⸗ len Ausſchweifungen, zu denen der Durſt nach Rache ſie hinreißen konnte, erſchrack. Ein Mann, der ſich dem Volke naͤherte, benachrichtigte es, daß eine Abtheilung Dragoner abgeſchickt wor⸗ den ſey, um Hutchens Eigenthum zu ſchuͤtzen. Dieß reizte den Unwillen der Meuterer nur noch mehr, wie wenige Waſſertropfen die Flamme anfachen, die eine groͤßere Quantitaͤt verloͤſchen wuͤrde. „Ich will vorauseilen, um dafuͤr zu ſorgen, daß die Rothroͤcke nicht die Straße von Sherra einſchlagen und die Oberhand uͤber uns er⸗ langen. Ich bin klein und kann ſchnell lau⸗ fen; und werde dann zuruͤckeilen, um euch zu fuͤhren oder zu warnen.“ Dieſer Plan wurde einmuͤthig gebilligt; denn man ſezte das hoͤchſte Vertrauen auf den Spio⸗ nen. Friſel eilte ſo ſchnell als moͤglich hinweg; und einen guten Grund hatte er zur Eile; denn kaum hatte er ſich einige Minuten entfernt, ſo ſtuͤrzte ihm die ungeduldige Rotte, mit der gan⸗ zen launenhaften Unbeſtaͤndigkeit, die einen Poͤ⸗ beſhaufen beherrſcht, nach. Ein Bote der nahenden Rache, klopfte das Wieſel an der geheimen Thuͤre der Bibliothek des Herrn Hutchen an, in der dieſer ungluͤck⸗ liche Mann, der das Ereigniß vorausgeſehen hatte, ſeit den lezten 46 Stunden ohne Nahrung 219 und Schlaf geſeſſen war, abwechslungsweiſe mit Schreiben beſchaͤftigt, oder ſich der ſchwärzeſten Verzweiflung uͤberlaſſend. Die Familie und die Dienerſchaft waren, durch den Tumult und ge⸗ heime Warnungen in Schrecken geſezt, in die Wildniß geflohen, nachdem ſie die Lichter an⸗ gezuͤndet hatten, um die Meuterer zuruͤckzu⸗ ſcheuchen. Friſels lautes und anhaltendes Klopfen blieb unbeachtet; und er kletterte mit Huͤlfe einiger Spalierbaͤume nach dem Fenſter der Bibliothek empor. Der Anblick, den das Innere dieſes Zimmers darbot, war ſchrecklich. Mit hagerem und verzerrtem Geſichte, vollbluͤtigen und wild⸗ funkelnden Augen, einem ſchnellen, unſtaͤ⸗ ten, von beginnendem Wahnſinne zeugenden Blicke, und mit geballten Haͤnden ging Hutchen im Zimmer auf und nieder; und bis zu ihrer vollen Hoͤhe emporgerichtet und ihren Arm aus⸗ ſtreckend, ſtand Beß Slatterh vor ihm da, ihm den Weg vertretend, nach welcher Seite er ſich auch wenden mochte; bald mit ihren Fuͤßen die knarrenden Haufen Papier, die auf dem Boden umherlagen, durch einander werfend, und bald in einem ſehr heftigen und ernſten Tone redend. Mitten in ihrer Rede erblickte ſie das geiſter⸗ hafte Geſicht, das durch das Fenſter blickte, und zeigte es ploͤtzlich Herrn Hutchen. Er fuhr zurück, allein dieß war bloß ein voruͤbergehen⸗ der Schrecken; er eilte vorwaͤrts, ſtreckte ſeine Hand durch das Fenſter und wuͤrde den Spaͤher 10 3 220 auf die Erde niedergeſtuͤrzt haben, haͤtte Beß Slattery ſeinen Arm nicht zuruͤckgehalten. „Herr John Hutchen, ich komme nicht als Feind,“ ſagte Friſel, ſeine Stellung immer noch behauptend,„eine ſo tiefe Urſache zur Feind⸗ ſchaft ich auch mit Ihnen ſeit und vor der Stunde meiner Geburt habe. Ich komme, Sie zur Flucht aufzufordern, wenn Ihnen Ihr Le⸗ ben lieb iſt. Es ſind Leute vor Ihrer Thuͤre, denen Sie nur einen ſchlechten Widerſtand wuͤr⸗ den leiſten koͤnnen. Hoͤren Sie ihr Geſchrei? Es iſt noch die Moͤglichkeit zur Flucht fuͤr Sie vorhanden. Ich will Ihr Pferd ſatteln.“ „Sie kommen nicht von der Stelle,“ ſagte Beß,„und haͤtten ſte auch ſchon die Hand an Ihrer Kehle, bis Sie meine Quittung fuͤr je⸗ den Heller unterzeichnet haben, den ich Ihnen je von ihr brachte, die mit ihrem Herzblute das junge Leben genaͤhrt haben wuͤrde, um das ſich ſonſt niemand bekuͤmmerte; die aber nur Ihre aufgelaufene Groͤße maͤſtete!“ Hutchen fuͤhlte in dieſem gefaͤhrlichen Augen⸗ blicke die Nothwendigkeit der Nachgiebigkeit. Schnell uͤbergab er dem Rothmantel einen Pack Papiere, waͤhrend der erſte Hagel von Wurf⸗ geſchoßen an die Fenſter der Vorderſeite des Hauſes raſſelte, und Stoͤcke und Steine an die Thure der Halle geſchleudert wurden, die Fri⸗ ſel eilends verſchloß. „Noch koͤnnen Sie entfliehen,“ rief Friſel. „Ich will Ihr Pferd ſatteln.“ Und in den Stall eilend, ſattelte Friſel Wolf Grahame’s 221 arabiſche Stute, die ſo ſchnell war, wie die Winde der Einoͤden, in denen ſie geboren wor⸗ den war. In ſeiner Eile und Aengſtlichkeit verrichtete er dieſen Dienſt dielleicht ſchlecht: die Folgen waren wenigſtens ſo unheilvoll als unvorhergeſehen. „Iſt meine Dienerſchaft verſchwunden?“⸗ rief Hutchen, der geklingelt und auf den Fuß⸗ boden geſtampft hatte; und ſich nach ſeinem neuaufgefundenen Neffen und ſeiner alten Ver⸗ buͤndeten umwendend, ſagte er:—„Dann iſt es Zeit, daß auch ich mich entferne!“ Er ſtuͤrzte durch die Halle, wo Frau Haliburton ihn am Rocke packte, und laut ihre Anſpruͤche verthei⸗ digte. Sich von Effie losreißend, die durch den Stoß auf ihre Naſe niederſtuͤrzte, eilte er durch das an ſein Haus anſtoßende Luſtgebuͤſch, als das Geſchrei des Poͤbels an der Vorderſeite des Hauſes immer wilder und lärmender wurde. 5 „Herr John Hutchen, wohin gehen Sie— denn ich muß Ihnen folgen?“ ſagte Frifel. „In die Hoͤlle!“ rief der verwirrte Mann. „Geht euern langen Weg ganz allein!“ rief Friſel, den Steigbuͤgel, den er guͤtigerweiſe ge⸗ halten hatte, unwillig wegſtoßend; und Hut⸗ chen ſprang in den Sattel— ſpornte ſein Pferd an, bis es pfeilſchnell dahinflog, und verſchwand wie ein Blitz.. „⸗Entflohen! entflohen! der Schurke iſt ent⸗ flohen“ ſchrie man jegt. „Er kann nicht entfliehen— dt Iderianen — das Haus brennt an zwanzig Orten, und 222 Makulatur genug, um das Feuer zu unterhal⸗ euo⸗ war die Antwort. Die Familie des Paͤchters, die in der Naͤhe der Furten des Oran wohnte, wurde in dieſer Nacht durch daſſelbe wuͤthende, hohle und ſchnelle Pferdegetrampel der Huͤgel hinab, das ſie in den zwei vorhergegangenen Naͤchten gehoͤrt hatte, in Schrecken geſezt. Sie eilte auf den vor der Wohnung befindlichen Raſenſitz hinaus, ſah aber in der Dunkelheit bloß die wilden Funken, welche die Pferdehufen dem ſteinigen Pfade entlockten. Der alte Hauswirth blickte auf die Schlaguhr, die hinter dem gichenen Lehnſtuhle tickte, und er bemerkte, daß, die Stunde und Minute in jeder Nacht dieſelben geweſen waren. „Daſſelbe fuͤrchterliche Geraſſel wieder!— Es wird ſich bald zeigen, was dieſer wilde Galopp zu bedeuten hat!“ ſagte der Weber, der weiter unten an den Furten des Oran wohnte; und auch er ſturzie hinaus. Allein er ſah bloß die Wiſſer des Oran,— die Furchen auf der Oberflache derſelben, die das wilde Roß und der unſichtbare Reiter zuruͤckgelaſſen hatten, der bereits den Pfad, der laͤngs des Rands der Bergſchlucht nach dem Thurme von Ernescraig fuͤhrte, hinauf ritt, als ob ihn wirklich ein bö⸗ ſer Daͤmon auf der furchtbaren, von ihm ange⸗ Fküteien Reiſe fortgetrieben haͤtte. So groß auch ſeine Eile war, ſo war doch die FSnegken, mit der die Flammen ſeiner Wohnung um ſich griffen, noch weit groͤßer. Die kämpfende, Lohe entſtieg allmaͤhlig dem hel⸗ 225 len Rauche, ſammelte ſich und floß zuſammen in einen glaͤnzenden Stern— einen leuchtenden Feuerthurm— einen weithin wogenden Pracht⸗ himmel von lebendiger Flamme. „Iſt nicht jenes dort das herrliche Feuer⸗ zeichen fuͤr unſern muͤndigen Neffen, John?“ rief Jakobina, aus dem Dickicht nahe am Wege, in welchem ſie ſaß.—„Beß Slattery ſagt mir, Annie's Kind ſey auf die gebührende Art ge⸗ tauft worden, obſchon ſie als Pathe ſtand.“ Nicht um auf das Gefaſel der Wahnſinni⸗ gen zu hoͤren, hielt Hutchen ſein Pferd an, und wandte ſich um, ſchnell Athem ſchoͤpfend, als er nach der Wohnung ſeines Stolzes blickte, die ſo bald ein Aſchenhaufe ſeyn ſollte. „Der rothe Hahn kraͤht dort muthig, John, in dieſer Nacht. Dreimal, wißt ihr, kraͤhte er, um den ſtolzen Peter zu warnen. Allein Peter wollte ſich nicht warnen laſſen, bis der Herr ihn anblickte;— und er erinnerte ſich an das Wort des Herrn, und ging hinaus und weinte bitterlich!“ „Und auch ich koͤnnte weinen!“ dachte Hut⸗ chen; und ſein Kopf ſank, bis er in der flie⸗ genden Maͤhne ſeines Roſſes faſt ganz begra⸗ ben war. „Armer Wicht, ich koͤnnte ſie faſt beneiden!“ war ſein demuͤthiger Gedanke; und mit zittern⸗ der Stimme fragte er—„FJachy, ſagt, kann etwas fuͤr euch gethan werden?“ „Schaut! ſchaut! die herrliche Erleuchtung! Nichts mehr wie dieſes ſeit dem ſtuͤrmiſchen 224 Mittwoch: man ſieht ſo deutlich, daß ihr einen Strohhalm auf dem Pechspfade aufheben koͤnntet! Aber ſo iſt es ſtets, wenn der Engel der Vernichtung ſeine brennende Fackel ſchwingt, um zu ſehen, wo er ſeinen Todten waͤhlen ſoll!“ Der gewaltige Brand in dem fernen Moor, wo die Luſtgaͤrten der Grillenfamilie gleich einer Oaſe in der Wuͤſte ſich erhoben, erhellte jezt die ganze Gebirgslinie der Baronie von Bruce; ſelbſt die fernen Anhoͤhen in der Naͤhe der Quelle des Oran ſchimmerten zuweilen in einem ſchwa⸗ chen, weißen Glanze. Gehuͤſch und Klippe, Thal und Berg, die niedrige und oͤde Woh⸗ nung Monkshaugh's und die Gipfel ihrer ſchuͤ⸗ tzenden Baͤume, alles ergluͤhte in Einem Flam⸗ menmeere; als ob der Engel der Zerſtoͤrung wirklich ſeine brennende Fackel geſchwungen haͤtte, um den Blicken des ungluͤcklichen Beſchauers die Scene einer langen Zeit ſiegreichen, jezt aber gezuͤchtigten Schurkerei zu zeigen. In dieſer ſtillen Stunde konnte Hutchen die Stimmen der in jedem Weiler und Pachthofe verſammelten Gruppen hoͤren, die alle den Vrand beobachteten und uͤber die Fortſchritte deſſelben frohlockten. Seine Gedanken waren elend ge⸗ nug, als er langſam und traurig den Kopf ſei⸗ nes Pferdes nach dem Thurme von Ernedcraig, als nach dem einzigen Platze wandte, in welchem er jezt in dieſer Umgegend Schutz zu finden hoſſen konnie. Und dieſer Mann war nicht ganz der ſchmu⸗ tzige Schuft oder verhaͤrtete gemeine Wuͤſtling, 225 der bloß feine eigenen thieriſchen Beduͤrfniſſe fuͤhlt und nur fuͤr ſeine eigene perſoͤnliche Si⸗ cherheit fuͤrchtet. Er war im Gegentheil ein Mann von Talent, Unternehmungsgeiſt und Thaͤtigkeit, obſchon von dem entſchloſſenſten Ehrgeize. Allein der neue Genius ſeines Zeit⸗ alters war raͤuberiſch, weil er verſchwen⸗ deriſch geworden war; und von dem damals erſt aufdaͤmmernden Zeitalter der Rau bſucht und Werſchwendung war er ein Geiſt von dem erſten Range. Langſam, wie wir geſagt haben, drehte er den Kopf feines Pferdes nach dem Huͤgel, und hemmte jezt deſſen wilden Ungeſtuͤm eben ſo ſehr, als er es fruͤher zur Eile angetrieben hatte; cllein er erinnerte ſich an die arme Jakobina und rief ihr wieder mit derſelben gedaͤmpften Stimme zu:—„Kann ich euch irgend eine Wohlthat erzeigen? Hier iſt Geld— ich habe noch Geld—* a „Behaltet euer Gold— behaltet das ver⸗ fluchte Ding!“ rief Fakobina, in wahnſinniger Haſt aus dem Dick icht hervorſpringend. Das ſcheugewordene Roß richtete ſich auf; die Gurten gaben nach, und es erfolgte ein augenblickliches, ſchnelles und furchtbares Krachen von Zweigen und Aeſten und ein entſetzliches Rollen abge⸗ loͤster Steine. Ein herzdurchdringender Schrei wurde gehoͤrt;— und ein verſtuͤmmelter Leich⸗ nam lag hundert Klafter weiter unten und neben der Huͤtte des alten Korporals in der Berg⸗ ſchlucht von Ernescraulg. 226 Franz Friſel und Frau Haliburton ſtiegen Arm in Arm nach den Furten des Oran hinab, wo ein mit Schaum bedecktes Pferd, mit zer⸗ riſſenem Sattelgurte und umgekehrtem Sattel, an ihnen voruͤberſchoß, und ſo raſch forteilte, daß wilde Feuerfunken dem Wege entſtieben, als ob irgend ein eilender Daͤmon dieſe Geſtalt angenommen haͤtte. „Gott, was iſt das! John Hurcheon hat die lange Reiſe gemacht,“ rief Friſel, vorwaͤrts ſtuͤrzend. d „O, der ungehaͤngte Schurke! er legte Hand an ſich ſelbſt, ohne mich, ſeinen rechtmaͤßigen Glaͤubiger, hbis zum lezten Heller, Kapital und Zinſen, befriedigt zu haben!— Wo gedenkt er hinzugehen? Seine Haut, und die Haut jedes ſchurkenhaften Bankrottierers ſollte, kraft einer Parlamentsakte, den Rothgerbern, wegen deſſen, was ſie einbringen wuͤrde, verkauft werden. Moͤgen ſeine Gebeine uͤber der Erde bleichen, und nie ein ehrliches Begraͤbniß finden!“ Allein Friſel blieb nicht ſtehen, um auf den heiligen Fluch, den die wuͤthende Frau Halibur⸗ ton auf dieſe Art in das taube Ohr der Nacht ausſchuͤttete, zu hoͤren. Sie konnte um dieſe Zeit in der That kaum fuͤr irgend etwas, das ſie ſagte oder that, verantwortlch ſeyn, ſo wild und aufgeregt war ſie durch geiſtiges und koͤr⸗ perliches Leiden geworden. Und eine ſolche Ah⸗ nung hatte ſie davon, daß ihr eine große Krank⸗ heit, ja der Tod bevorſtehe, daß, als ſie uͤber die Furten des Oran ging, ihr geheimer Gedanke war,„Alles muß auf Baby Strang uͤbergehen;“ und noch, als ſie auf dem Fußpfade taumelte, bildete ſich ihr tiefes Wehklagen zu den Wor⸗ ten:— „Alles muß an Baby Strang uͤbergehen.“ Als Friſel das Dorf erreichte, hatten die be⸗ ſtuͤrzten Bewohner Laternen und Fackeln ange⸗ zuͤndet; und waͤhrend eine Abtheilung derſelben den Weg nach dem Pechspfaͤde einſchlug, um den ungluͤcklichen Reiter gufzuſuchen, ſtuͤrzte eine andere, von Friſel angefuͤhrt, in die Berg⸗ ſchlucht, in derſelben traurigen Abſicht. „Der verſtuͤmmelte und entſtellte Leichnam wurde bald gefunden. Er lag, wo er hinge⸗ fallen war, neben der jezt leeren Huͤtte des Korporal Fugal, der, mit der kriegeriſchen Gluth zuruͤckgekehrter Jugend, Eliſabeths Aufforderung gehorcht, und ſich an den verabredeten Ort, nach Croßgates of Caberax verfuͤgt hatte, um noch einmal wirklichen Dienſt unter dem Lord von Bruce zu thun. G „Dieß iſt juſt der Mann,“ ſagte Friſel, die Laterne, die er in der Hand hatte, uͤber den Leichnam haltend.„Er trug dieſen naͤmlichen gruͤnen Rock und dieſe bocksledernen Hoſen an dieſem Abend, ſo beſchmuzt ſie jezt auch ſind.“ Doch haͤtte man den Leichnam nicht leicht erkennen koͤnnen. Er lag, ſo zu fagen, auf Einen Haufen zuſammengeworfen, umgeben und zum Theil bedeckt von Steinen, abgeriſſe⸗ nen Zweigen und Aeſten, und den andern Truͤm⸗ mern, die der furchtbare Fall fortgeriſfen hatte. 226 Die zerbiſſene Unterlippe war furchtbar aufge⸗ ſchwollen, das Geſicht verzerrt, und die Farbe deſſelben ein ſtreifiges Blaßgelb und Dunkelroth. Es lag eine Art Verachtung in der Miene kalter Gleichguͤltigkeit, mit der Beß Slattery (die in dieſer Nacht Fugal's Huͤtte bewohnte) den biegſamen Arm emporhob, ihn wieder auf den lebloſen Koͤrper niederſenken ließ und laut ſagte:„Er floh vor dem Teufel, um ihm in die Klauen zu rennen! Er haͤtte an ſeinem Thuͤr⸗ pfoſten ſtehen bleiben koͤnnen, um daſſelbe Schickſal zu erleiden.“ Fene Gefuͤhle, die in jedem chriſtlichen Lande und in jedem Lande, das bloß jenen einen gro⸗ ßen Schritt auf der Bahn der Humanitaͤt ge⸗ than hat, der uns ſagt, daß der Menſch nach dem Tode wieder leben wird, ſchwiegen auch hier nicht.— Die Ueberreſte des ungluͤcklichen Mannes— die Ueberreſte, welch ein trau⸗ riges und bedeutungsvolles Wort!— wurden auf Fugal's Lager gelegt; und als ein Leichen⸗ tuch warf Slattery ihren weiten rothen Rock uͤber ſie. Dieſe Anordnungen waren kaum beendigt, als die andere Abtheilung, welche den obern Pfad eingeſchlagen hatte, vor der Huͤtte ankam und die arme Jakobina mit ſich brachte, die ſie in einer Ohnmacht gefunden hatte, waͤhrend ſie den ungluͤcklichen Reiter ſuchte. Wahrſcheinlich hatte Jakobina einen Stoß von dem Roſſe, das ſie ſcheu gemacht hatte, erhalten; denn ihre Stirne und ihre Kleider waren mit Blut be⸗ ſprizt. 229 Zeit und Ort eigneten ſich keineswegs zu Umſtaͤndlichkeiten. In der Huͤtte befand ſich nur Ein Lager; und auf dieſes wurde Fakobina neben den Leichnam gelegt. „Die beſtgefuͤllte Borrathskammer der Familie Monkshaugh um dieſe Zeit war eine Fuchs⸗ hoͤhle in der Bergſchlucht; und aus dieſer holte Jakobina's pflichterfuͤllter Neffe Wein, den Roth⸗ mantel in reichlichem Maße in die Kehle der Kranken goß—„Sie iſt ein ſterbendes Weib — laßt ſie ſatt trinken,“ ſagte Beß Slattery. In wenigen Minuten kam Jakobina wieder zu ſich, und ſah bald, in welcher furchtbaren Nachbarſchaft ſie ſich befand. Mit der klugen Miene einer Wahnſinnigen fing ſie an, die fuͤr eine ſolche Gelegenheit noͤthigen Anordnungen zu leiten. 4 „Habt ihr den Gang der Uhr gehemmt, Nachbarn, als ihm der Athem ausging?“ ſagte ſie.„Das iſt das erſte. Ihr wißt es, in dem Hauſe des Todes laͤßt ſich mit abgemeſſener Zeit nichts anfangen; tauſend Jahre ſind daſelbſt wie ein Tag, John.“ Und ſie ordnete das Lei⸗ chentuch, das Hutchen verhuͤllte, ein wenig. „Allein bringt das Teller mit dem Salz, Beß — oder wir brauchen vielleicht beide; das eine auf der Bruſt und das andere auf den Fuͤßen, um die Poltergeiſter bei dieſer großen Gelegen⸗ heit zu verſcheuchen. Und er iſt nicht ganz aus⸗ geſtreckt! Ich muß das Leichentuch ſelbſt zurecht legen: aber ſtreckt ihn beſſer aus, Beß. Er war ein finſterer, rauher Mann im Leben; ihr 230 koͤnnt ihn im Tode meiſtern; allein laßt die Glieder noch zwanzig Minuten ruhen, und zehen Maͤnner werden John Hurcheon nicht mehr ſtre⸗ cken koͤnnen.“ ah mnnchi Friſel bat ſie und Beß Slatterh befahl ihr in ernſtem Tone, ſtill zu ſchweigen. Und wie⸗ der blickte ſie einige Minuten ſtarr auf den Todten, ehe ſie ausrief: „Ja, Johnnie Hurcheon, wer haͤtte geglaubt oder zu ſagen gewagt, daß die wahnſinnige Jacky Pingle euch die Augenlieder zudruͤcken wuͤrde Und ſie wollen nicht herabgehen, dieſe Augen⸗ lieder. Wißt ihr, daß das furchtbar iſt „O, weg! weg!“ rief Friſel, ihre Finger zu⸗ ruͤckziehend, die in dem Geſichte des Leichnams umhergrabbelten. „Habt ihr keinen Sixpence bei euch, Fraͤnz⸗ chen? Es iſt allgemein bekannt, daß gemuͤnztes Geld allein die Wimpern uͤber die ſtarrenden Augen eines verruchten Leichnams herabbringen kann. Hier iſt der armen Annie ſilberner Fin⸗ gerhut, der vielleicht das linke Auge herabdruͤ⸗ cken kann.“— Bei der furchtbaren Abenteuerlichkeit ihrer lezten Anordnung ſtuͤrzte Friſel aus der Huͤtte; und in ihrem Wahnſinne, oder in Folge irgend eines aberglaͤubiſchen Gefuͤhls, waͤhnte das un⸗ gluͤckliche Geſchoͤpf, der Leichnam wende ſich um, ſie zu umarmen. Auf das laute, wilde, wmahnſinnige Gelaͤchter folgte ein gellender Schrei, der ſelbſt das Herz der Beß Slattery durchbebte —„Sind wir verheirathet und zuſammengebet⸗ 254 tet? rief ſie,„die Lebenden und die Todten mit einander vereinigt!— Die Erloͤsten und Verdammten mit einander berlobt! Zuruͤck! zu⸗ ruͤck! John Hurcheon!— Weicht zuruͤck!“ Und mit furchthaten Geberden und den wiͤlden, krampf⸗ haften Zuckungen eines mit dem Tode Ringen⸗ den, ſtieß ſie den Leichnam mit Haͤnden und Fuͤgen an die Wand; und waͤhrend dieſer Hand⸗ zungaund ehe die Umſtehenden ſich ihrer Haͤnde bemnaͤchtigen konnten, wurden ihre Glieder ſtarr, — und die arme Jakobina hatte aufgehoͤrt, zu athmen oder zu leiden! IA Es herrſcht in dieſer Gegend ein ſchrecklicher Aberglaube, von dem wir bloß eine ſchwache, fruͤhe Erinnerung haben. Es war das Zuruͤck⸗ rufen eines ſo eben abgeſchiedenen Geiſtes: und der Geiſt kehrt bloß in Folge des unſchick⸗ lichen, laͤrmenhaften oder wahnſinnigen Kum⸗ mers eines Ueberlebenden; oder aus Mangel an Ergebung in die Verfuͤgungen jenes Willens, der uͤber das Leben aller Sterblichen gebietet, zuruͤck. Der Leichnam pflegt alsdann, ſagt man, durch irgend ein furchtbares Lebensprin⸗ zip wieder beſeelt, au fzufahren und, unter furcht⸗ baren Verzuckungen und drohenden Geberden, ſchreckliche Berwuͤnſchungen zu murmeln, und furchtbare Aufſchluͤſſe uͤber den neuen Zuſtand zu geben, in welchen der Geiſt uͤbergegangen. iſt. Dieſe Fluͤche werden gegen die Perſon ge⸗ ſchleudert, deren lautes und gottloſes Jammern den Geiſt in die Grenzen der Sterblichkeit, de⸗ nen er eben erſt entflohen iſt, zuruͤckzieht. Was 2⁵2 auch die Grundlage des Volksglaubens ſeyn mag, immerhin paßt es zu unſerm Zwecke, dem Leſer mitzutheilen daß unter den ſchrecklichen Geſchichten, welche die Zuhoͤrer an einem Win⸗ terherde in Strathoran mit Schaudan erfuͤllen, die iſt— daß der Geiſt des ungluͤcklichen Man⸗ nes von dem wahnſinnigen Weibe, die mit ihm in jene einſame Huͤtte in dem Gehoͤlze der Thal⸗ ſchlucht eingeſchloſſen war, in jener Nachtrzbn ruͤckgerufen wurde; und daß man ſeine Fluͤche ſich mit dem Sturme vermiſchen hörte, der ploͤtzlich und wild ſich erhob, das Dach von John Trann's Kuhſtall wegnahm, den Gerech⸗ tigkeitsbaum auf dem Pechs⸗Berge entwurzelte, und ein Dutzend Schieferſteine von Grahame Arms niederwetterte, gerade waͤhrend Franz Friſel einer zahlreichen Geſellſchaft, als Erbe von Harletillum, einen froͤhlichen Sthuaat Es ſind wohl wenige luſtigere Leftt in Schottland gefeiert worden, als jen 8 in Grahame Arms bei dieſer Gelegen ant. Die Koſten des Gelags wurden großmuͤth weiſe von dem Erben, unter der Bedingung jedoch, uͤbernommen, daß John Baillie auf Borg gab; und mancher Becher wurde auf das Wohl des luſtigen jungen Erben geleert, der, auf einem hohen Stuhle an der Spitze des Tiſches ſitzend, kuͤnftige Gunſtbezeugungen mit unnachahmlicher Behaglichkeit ausſpendete, und ſeinen Elienten und Zechgenoſſen beiden Geſchlechts guͤtige Ver⸗ ſprechungen jeder Art machte. Wildjaͤger's⸗, Haushofmeiſter's⸗ und Stallknechts⸗Stellen, ſo — gen zuruͤckverlangen,“ Bee der rbe. Und 1 23³ wie Kuͤchenmaͤdchen s⸗, Kammermaͤdchen's⸗ und Kindermadchen's⸗Plaͤtze wurden ſchnell beſezt, und doppelt beſezt. „Jezt, John Trann,“ ſagte das Wieſel nach vielen vorangegangenen Debatten und Anord⸗ nungen,„laßt uns auch von eurer Angelegen⸗ heit, in Betreff einer Erneuerung des Mieth⸗ vertrags von Clapperton Mill ſprechen. Herrſcht nicht der Gebrauch, Angeld zu geben? Was meint ihr?“ Da Harletillum, gleich andern Erben, in großer Geldverlegenheit war, ſo ſchob er John's fuͤnf Guineen ruhig in die Taſche; und der uͤberliſtete Fohn war im Geheimen nicht wenig uͤber ſeinen Handel erfreut, da Fohn Hutchen dieſes Angeld zehnmal ausgeſchlagen hatte. Zwar begab ſich John am naͤchſten Morgen, ehe er ſeine Suppe aß, in die Pfarrwohnung, um ſein Geld zuruͤckzufoxdern und auf alle Vor⸗ theile zu verzichten; allein der Erbe war weder hier noch dort, da er, um dieſe Zeit, bereits auf dem Wege nach Edinburg begriffen war. „Wir werden von dem Juden betrogen wer⸗ den, ehe wir in den Beſitz unſeres Vermoͤgens kommen,“ ſagte der Erbe, endlich aufſtehend. „Wir vertagen daher das Sederunt fuͤr dieſe Nacht, meine Freunde— Damen und Herrn, ich trinke dieſen Humpen auf das Wohl von tuch alen. Eragi „Er wird trotz allem dem ſein Silber mor⸗ als die Geſellſchaft aufbrach, ſtuͤrzte Friſel, der 234 deutlich einſab, daß er durchaus kein geſunder, ſeines Verſtandes maͤchtiger Mann war, durch ein Haſelgebuͤſch, den Lieblingsaufenthalt des Birkhahns. Er ſchwamm wie ein Froſch oder ein Byron; und da der Sturm ſich in der Daͤmmerung dieſes lieblichen Morgens gelegt hatte, ſo kuͤhlte er ſich in den ſilbernen Wellen des Oran ein wenig ab; watete hierauf den eingeſchrumpften Strom bis gen Sourholes hinab, machte ſeine Toilette unter den Weiden und ſtand in fuͤnf Minuten, ein neuer Mann, vor der Pfarrwohnung, wo ihn Baby Strang mit den Worten empfing: „Ach! armes Fraͤnzchen! die arme Tante iſt todtkrank. Der Prediger und ich ſind die ganze Nacht uͤber bei ihr geſeſſen; und eine wilde Nacht war es; und der Herr ſey bei uns! ſie hat nie aufgehoͤrt, die ganze lange Nacht hin⸗ durch zu ſchreien:„Muß alles an Baby Strang uͤbergehen?“ „Sie hat ſich einen Tuck gethan, als ſie je⸗ nes ungeheure Federbett damals aufhob,“ ſagte Friſel, der großes Vertrauen auf die Zaͤhigkeit des Lebensfadens Effie's hatte.„Sie wird wieder beſſer werden, daran iſt kein Zweifel. Allein ich verfuͤge mich in das Sanktuarium und zu meinem alten Herrn; ſo gebt mir einen Kuß und eine von den reinen Halsbinden des Pre⸗ digers. Und ſeyd gutes Muths und laßt euch keine grauen Haare wachſen wegen der Tante Effie. Ich muß in zwei Tagen zuruͤck ſeyn, um dafuͤr zu ſorgen, daß die arme Tante Jacky 25⁵ anſtaͤndig in ihr Grab gelegt wird. Reichthum bringt Sorge, iſt ein wahres Sprichwort.“ „Eure Klage um die arme Tante iſt bald voruͤber,“ ſeufzte Baby, die, noch unbekannt mit ſeiner angebornen Groͤße, gerne einige Au⸗ genblicke in den Armen ihres kleinen Liebhabers geſeufzt haͤtte. Allein das Geſicht ihres Liebha⸗ bers war mehr zum Lachen, als zu Thraͤnen geneigt; ſie machte daher allen ihren Liebesbe⸗ weiſen durch einen Schwall von Kuͤſſen ein Ende, deren Thau auf ſeinen Lippen kaum aufgetrocknet war, als er in Monkshaughs Sprech⸗ zimmer ſtuͤrzte und vor dieſem niederknieete, waͤhrend er, gleich einem entthronten und von ſeinen Hoͤſtingen verlaſſenen Monarchen, allein auf dem loͤwenfuͤßigen Ruhepolſter ſaß. „Eine Gnade! Eine Gnade, mein gnaͤdiger Herr.“ rief er mit den Worten einer alten Ballade. 1 „Franz Friſel, mein armer Diener!“ rief der Laird aus, und ein Laͤcheln erhellte ſein Ge⸗ ſicht wieder.„Woher kommt ihr?— Habt ihr den Kerker durchbrochen?— Ihr ſeyd ganz abgemattet und abgemergelt— und bloß aus Haß gegen mich hat euch der Schurke ſo ver⸗ folgt— aber ſteht auf—“„ 3 „Ich werde mich nicht von der Stelle be⸗ wegen, bis die erbetene Gnade gewaͤhrt iſt.“ „Wenn ihr mein halbes Koͤnigreich verlangt, ſo ſoll es euch gewaͤhrt werden,“ rief der Laird, entzuͤckt, ſeinen Lieblingsdiener wieder um ſich zu haben.„Die Gnade iſt euch gewaͤhrt, aber worin beſteht ſie?“ 236 „Mich mit Baby Strang zu verheirathen; die Laͤndereien Harletillums in Beſitz zu nehmen, und das Wappen dieſes Hauſes anzunehmen.“ Der Laird ſtand eine Zeitlang wie verſteinert da, und rief endlich aus—„Ein Hurcheon! Ein Hurcheon an meinem Herde— mein Die⸗ ner ſeit zwanzig Fahren!“ „Mein Herr! mein Herr! ich werde ohn⸗ maͤchtig— ich ſterbe!“ rief Friſel, der ſeine urſpruͤngliche Nachaͤffungskunſt noch nicht ganz vergeſſen hatte.„Ich wußte, wie es kommen werde— er wird mich nie mehr anblicken!“ und Friſel ſank nieder und wurde ohnmaͤchtig. „Franz! Franz! ich verzeihe euch! ich ver⸗ zeihe euch! Ihr hattet keine Schuld dabei. O, wo ſind die herzſtaͤrkenden Tropfen meiner ewig verehrten Großmutter?“ „Nun hoffe ich aber,“ dachte Friſel, der ſo biegſam, als ein Leichnam, da lag,„daß die Tropfen der alten Dame etwas von der Natur des Brandweins an ſich haben; denn ſie war eine gemuͤthliche Frau, was die ganze Umgegend zugibt.“ 46. 7 3 „Werdet ihr wieder beſſer, Fraͤnzchen?“ ſagte der aͤngſtliche Laird, den Kopf des Ohnmaͤch⸗ tigen haltend.—„Eure Farbe iſt nicht ſo ſchlimm-. „J— a— al“ ſtammelte Friſel, langſam wie⸗ der zum Bewußtſeyn zurüuͤckkehrend. 6. „Nehmt meine Verzeihung und faßt wieder Muth, mein armer Diener.— Ich bin ein . Mann von freiſinnigen Anſichten„Fraͤnzchen. 237 Ihr ſollt nie ein zweites Wort uͤber euer Un⸗ gluͤck von mir hoͤren.“ In Folge dieſer gnaͤdigen Verſicherung ſchoͤpfte Friſel wieder Athem und kehrte ins Leben zu⸗ ruͤck, obſchon mit vielen Wehen und wilden Verzerrungen. „O, die herzſtaͤrkende Eigenſchaft dieſer Trop⸗ fen; ſie koͤnnten einen Menſchen in ſeinem lezten Todeskampfe noch zuruͤckbringen!“ „Lehnt euch an den Kanapee neben mich, Fraͤnzchen;— und jezt erzaͤhlt mir von Stratho⸗ ran.— Iſt die Auktion voruͤber? Wer erhielt den flandriſchen Spiegel?— John Hurcheon nicht, hoffe ich?“ „John Hurcheon hat in das finſtere Glas, das den Sterblichen die Ewigkeit zeigt, ge⸗ blickt!“ ſagte Friſel in ſehr ernſtem Tone; nin das wir alle blicken muͤſſen. Der Verkauf wurde gehemmt. Der Tod kam zwiſchen ihn und euch. Er liegt ſtarr und ſteif in der Bergſchlucht von Ernescraig.“ Er erzaͤhlte hierauf die Art, auf welche Hutchen geſtorben war. „O, das war ploͤtzlich! Moͤgen wir alle vor⸗ bereitet ſeyn!— allein er wurde zu einer ſchnel⸗ len Rechenſchaft abgefordert. Friede ſey mit ihm! Der Tod, Fraͤnzchen, ſollte aller Feind⸗ ſeligkeit ein Ende machen!“ Es trat eine Pauſe ein, ehe Monkshaugh in natuͤrlichem Tone fort⸗ fuhr:—„Und Frau Effie, wie befindet ſie ſich, mit ihrer Großſprecherei, mich bei Damen von Stand einzufuͤhren! Und der wuͤrdige Gideon, wie ſteht es mit dem ehrlichen Manne ſeit ſei⸗ ner guͤtigen Reiſe. 2⁵⁸ „Auch ihm hat Gott eine kleine Pruͤfung zu⸗ geſchickt,“ ſagte das Wieſel. i „Der Herr ſey bei uns!““ rief der Laird; und worin beſteht ſie?““ 281 „Sein Weib lag in den lezten Zuͤgen, als ich Sourholes verließ; allein wir werden noch Zeit haben, um dem Leichenbegaͤngniß beizu⸗ wohnen.“ Obſchon Friſels Nachricht nur zu richtig war, ſo hegte er doch keine ernſten Be⸗ ſorgniſſe in Betreff des Zuſtandes der Frau Haliburton; allein er war von einer Gemuͤths⸗ art, die der Neigungenicht widerſtehen konnte, eine Senſation zu erregen— der Fehler ſeines Standes. In der That, die Liebe zur Ueber⸗ treibung iſt eines der dichteriſchſten Elemente des gemeinen Lebens. „Meine Haushaͤlterin, Euphane Fechnie!“ rief Mon kshaugh, tief erſchuͤttert aus.„Sie war fuͤnf Jahre und zwei Monate juͤnger, als ich.— Zerknickt wie eine Blume!“— Er ſank auf den Sofa.—„Alles Fleiſch iſt Gras; ihr wuͤrdet wohl thun, an euer Ende zu denken, Fraͤnzchen. Baby wird Erbin werden,“ und der Laird ſtand auf,—„aber Herr Gideon wird, kraft ſeines Jus Mariti, die Nutznießung ihres Vermoͤgens haben. Ich bin neugierig, zu erfahren, wie hoch es ſich belaͤuft.“ „Der Henker hole es, denn es brach der armen Efſte das Herz!“ Und die Geſchichte des Bankbruchs und des Abbrennens der Wohnung der Grillenfamilie folgle. Bald darauf erſchien Daigh der Zunftvor⸗ 239 ſteher mit vielen tiefen Buͤcklingen vor Monks⸗ haugh und ſeinem Dienſtmanne. Nach einem vorlaͤufigen Geſpraͤche uͤber verſchiedene Gegen⸗ ſtaͤnde, aͤber die er, nach ſeiner Gewohnheit, ein Langes und Breites zu ſagen wußte, nahm er ſich ſeine Peruͤcke vom Kopfe und zog aus dieſer ein Schnupftuch, aus dem Schnupftuche ein braunes Stuͤck Papier und aus dieſem ein blaues Stuͤck— und ſein verborgenes Geheim⸗ niß erſchien in der Geſtalt eines Packets. Das Siegel war noch ganz erhalten, allein der aͤu⸗ ßere Umſchlag ſehr beſchmuzt und abgerieben. „Ich hatte, groͤßerer Sicherheit wegen, im Sinne,“ ſagte der Zunftvorſteher,„es in einen Kuchen oder Semmel zu backen,— wie ich es einmal, in meinen juͤngern Tagen, mit dem billet-doux eines gewiſſen Gallant machte— allein die Burlins waren mir immer zur Seite, und die Sache mußte unterbleiben.“ Der aͤußere Umſchlag fuͤhrte die Adreſſe:„An Fraͤulein Eliſabeth von Bruce;“ allein eine andere Aufſchrift blickte durch das abgeriebene Papier hervor. Der Laird ſezte ſeine Brille mit den goldenen Raͤndern auf und las, das Packet umwendend: „An die ehrwuͤrdige Frau Wolf— Wolf Grahame!“ „Gut, es iſt jezt aus meinen Haͤnden; ich häͤtte es nicht ſchonender einhaͤndigen koͤnnen, und wenn es ein Butterkuchen von der Tafel des Schloſſes Gordon geweſen waͤre,— denn ich bin ein gccurater Mann; aber ihr koͤnnt 240 es wirklich an meiner raſchen Zunge errathen — aber um's Himmels Willen, Fraͤnzchen, laßt mein Wort nicht gehoͤrt werden.— Ich ſehe, der Laird iſt beſchaͤftigt.“ Und der Zunft⸗ vorſteher verbeugte und entfernte ſich. „Ja, ihr last richtig, Laird,“ ſagte hierauf das Friſel—„An die ehrenwerthe Frau Wolf Grahame, Monkshaugh Haus, Strathoran, bei Rookſtown, N. B.— recht wie ein Handſchuh. Eure Augen haben ſich nicht um ein Haar ge⸗ irrt; und es iſt keine undeutliche Hand, ob⸗ ſchon die einer Dame, glaube ich. Der Ka⸗ pitaͤn und Lady Lisbeth ſind jezt verheirathet— und was iſt das? Es iſt ganz naturlich, das iſt gewiß. Ich habe im Sinne, ebenfalls zu hei⸗ rathen.“ „Verheirathet! ohne mein Wiſſen und meine Einwilligung!“ rief Monkshaugh ganz verbluͤfft. „Gewiß, ohne euer Wiſſen; aber durchaus nicht ohne eure Einwilligung. Ich will das in einem Nu zu eurer Zufriedenheit beweiſen; allein ich befuͤrchte, es iſt nur zu wahr, was Kapitaͤn Wolf geargwoͤhnt hat—“ Und Friſel ſeufzte und nahm eine ernſthafte Miene an. „Geargwoͤhnt, was? der junge Schelm! daß er Eliſabeth beſchwazt hat, ihn ohne mein Mit⸗ wiſſen zu heirathen; denn die Schuld liegt ganz an ihm; oder wuͤrde ſie, die ich ſorg⸗ faltig erzogen und gebildet, und der ich Gre⸗ gory's Vermäachtniß— ihr brachtet es ſelbſt, und es war eine vergoldete Ausgabe— gegeben habe, als ſie noch nicht uͤber neun ge⸗ d ſegnete 2441 ſegnete Fahre aͤlt war, um ſie vor den Schlin⸗ gen der Muͤnner zu bewahren wuͤrde ſie mir einen ſolchen Streich geſpielt haben, wenn der Schurke ſie nicht verfuͤhrt haͤtte? Allein, ſo wahr ich lebe! ich will eine Frau nehmen und ihn enterben!“ mei. „Ihr koͤnntet nichts beſſeres thun! es wuͤrde euch avirklich herrlich anſtehen“ „Schweigt, Friſel— oder Hurcheon— oder wie man euch ſonſt nennt!“ rief er, auf den Boden ſtampfend; allein das haſtige, beſchim⸗ iende Wort war nicht ſo bald geſprochen, als ereut. 4 „O mein Herr!“ ſchluchzte Friſel. „Gut, werdet nicht wieder ohnmaͤchtig. Es thut mir leid, Fraͤnzchen; allein warum ſolltet ihr mich dadurch erbittern, daß ihr dieſen jun⸗ gen Boͤſewicht vertheidigt?“ ird e „ Sezt euch nieder, und nehmet einige von den herzſtaͤrkenden Tropfen der alten Lady; und ich will einem Herrn von euerm geſunden Ver⸗ ſtande alles ſo klar machen, als ein Pickenſchaft.“ Monkshaugh ſezte ſich nieder und blickte ſeinem Dienſtmanne ins Geſicht;— wie ein verirrter Reiſender in einem Walde oder einer neblichten Wildniß auf ſeinen Taſchenkompaͤß blicken mag. „Ihr werdet zugeben, Monkshaugh, daß es in allen Familien Geheimniſſe giebt 5 „Sicherlich! und was ſoll das? Es gibt ein Geheimniß in unſerer Familiel” 111. ,‚Kann ein männ von euren Scharfſinn Cuſ. von Brute III. rg Sis In t s 242 und Urtheil nicht errathen, warum Kapitaͤn Wolf euch jenen Streiche geſpielt hat t“ e e „Ich errathe nichts, als daß er ein unge⸗. horſamer, rebelliſcher Boͤſewicht iſt, der die Arme⸗ Lisbeth in ihr Verderben gelockt hat! Sie haͤtte ihr Auge ſo weit uͤber ihn erheben koͤnnen. ng „Ihr habt in das Auge des Stiers geſtochen! ihr habt das Ziel auf ein Haar getroffen, Laitd! ich wußte, daß ihr esotreffen werdet.”“*=. „Jener lange, iriſche Delanch? Iſt nicht: mein Reffe, Wolf Grahame, an Geburt unde Gebluͤt, wenn auch nicht an Vermoͤgen, ſo gut⸗ oder beſſer?— 111942 „Pah! Nichts von Delanchs unterbrach ihn Friſel.„Es war alles lange abgemacht, ehe wir ſeinen Nanen hoͤrten. ommt hieher, Lainden und ich kann euch die Sache vielleicht erklätn ren.“ Er fuͤhrte den erſtaunten und etwas zo⸗ gernden Laird an einen großen Kaminſpiegel, der ſeine kleine Geſtalt in ihrer vollen Laͤnge, und ſein kleines geziertes Geſicht, ſeine Peruͤcke: und alles, in mehr als der pollen Breite zuruͤck⸗ ſtrahlte. Nach einer kurzen Pauſe, zum Behufe einer allgemeinen Ueberſicht, wich Friſel zuruͤck und ſagte, mit vortrefflichen Grimaſſen und mit. ſeiner Hand nach dem Schatten fahrend e „Da haͤtte ſie oder jede junge Dame hinblicken koͤnnen, ja, wenn alle Erzaͤhlungen wahr ſind; ſeufzend und vergebeus hinblicken koͤnnen, und da fuͤrchtete Kapitän Wolf Grahame, der ſelbſt) in Liebe ſchmachtete moͤchte ſie hingeblickt ha⸗ ben; und wenn ein gewiſſer Edelmann(er 245 winkte nach dem Schatten) Blick fuͤr Blick zu⸗ ruͤckgab, ſo war es aus mit ihm, dem armen Burſchen. Die Eiferſucht, Laird, die Eifer⸗ ſucht! der wahre Teufel unter den Leidenſchaf⸗ ten, der Bruder gegen Bruder aufhezt! Ich erfuhr dieß ſelbſt, als der engliſche Tom mit Baby⸗Strang aubinden wollte.““ Die Veraͤnderung, welche Verwunderung, Eitelkeit und Selbſtgefälligkeit allmaͤhlig auf dem zuruͤckgeſtrahlten Geſichte erzeugten, war ſo un⸗ widerſtehlich ſpaßhaft, daß der Zuſchauer Muͤhe hatte, ſich zu beherrſchen. Allein was das Geſicht bekannte, laͤugnete die Stimme beſcheiden:—„Fhr ſeyd in einem gro⸗ ßen Irrthume befangen, Fraͤnzchen; doch vor ungefaͤhr vierzig Jahren haͤtte es vielleicht ſeyn moͤgen.— Wie konnte Wolf Grahame auf mich und die arme Lisbeth eiferſuͤchtig ſeyn? Er hatte keine gegruͤndete Urſache.“ 1 „Urſache, oder nicht, Laird; dieß liegt zwi⸗ ſchen euch und eurem eigenen Gewiſſen. Ich will euch nicht zu hart zu Leibe gehen— und ich bin weit entfernt, zu argwoͤhnen, daß ihr den Namen irgend einer jungen Dame in Ver⸗ ruf bringen wollt— was auch eure geheime Kenntniß und Meinung ſeyn mag. Als ein treuer Diener gebe ich euch einen Wink— nehmet ihn nun gut oder uͤbel auf. Der Friede eures Hau⸗ ſes liegt in euern Haͤnden. Wenn ihr euch jezt widerſpenſtig zeigt, ſo ſeht zu, was Kapitaͤn Wolf Grahame denken wird. Er wird nicht z⸗ gern, eure Gruͤnde zu errathen, obſchon i he. 244 daß er ſeinen eiferſuͤchtigen Aerger nie an ſeinem Weibe auslaſſen wird.“ „Der Himmel verhuͤte, Fraͤnzchen— obſchon ich uͤberzeugt bin, daß ihr euch irrt— daß ich die Urſache des Unfriedens da ſeyn ſollte, wo ich Einigkeit und Liebe am meiſten zu befoͤrdern wuͤnſche. Meines theuern Bruders einziger Sohn— die Tochter meines edeln Verwandten, meine arme Lisbeth— Gott verhuͤte! Allein wie ſoll der junge Boͤſewicht mir, nach dieſem Ungehorſame, unter die Augen treten?— Und er hat keinen Verſtand; denn wenn ich befragt worden waͤre, wie haͤtte ich meine Einwilligung verweigern koͤnnen, wofern ich nicht kuͤhn auf⸗ getreten waͤre, und das Anerbieten gemacht haͤtte, Eliſabeth zu heirathen, was mir nie in den Sinn gekommen iſt? Arme Lisbeth! ſicher⸗ lich muͤſſen Maͤdchen heirathen, denn alte Maͤd⸗ chen werden verachtet.— Aber was wird Lady Tamtallan ſagen? Ihr ſtarker Geiſt.“— „Das iſt eine andere Frage, Laird; aber ich will euch ſagen, was ihr thun ſollt“— ſagte Friſel, mit der Miene eines Menſchen, der auif einen gluͤcklichen Einfall gerathen iſt— rum euer Vorrecht zu behaupten, und Lady Tam⸗ tallan und Herrn Dalrymple zu zeigen, daß ihr Herr im Hauſe ſeyd. Ihr werdet davon nichts merken laſſen; ſondern alsbald an Kapitän Wolf Grahame ſchreiben, und ihm, auf die Gefahr hin, daß Ihr eine Frau nehmet, und aiiß maͤnnliche Erben zeuget, befehlen, Eli⸗ eh von Brure. lediges Fraͤulein, zu heira⸗ — 245 then— und das ohne alle weitere Frage oder Einrede, denn das ſey euer iue Ich werde euer Mandat ſelbſt uͤberbringen, nebſt dem Do⸗ kumente des Zunftvorſtehers, von dem ich gerne wiſſen moͤchte, woher es kommt 2 „Ihr ſeyd ſicherlich ein trefflicher Mann, alles genau erwogen, Fraͤnzchen! und ich will es thun, waͤre es auch nur um den Ungehorſam des jungen Schalks zu beſtrafen;z und an Lady Tamtallan ſchreiben— wenn ich nach Hauſe komme; denn ich habe hier kein vergoldetes Pa⸗ pier, und die Lady weiß ein wenig eigen zu ſeyn; denn ſie iſt eine Frau von einem unge⸗ woͤhnlich ſtarken Geiſte— ich wuͤnſchte, es waͤre voruͤber. Ein ſchoͤnes Geſchaͤft werde ich haben, um Monkshaugh's Haus fuͤr das junge Paar in Ordnung zu bringen. Allein ich muß ein neues Bett, eine neue Garderobe und einen neuen Spiegel fuͤr das Zimmer der ehrenwer⸗ then Frau Wolf Grahame befehlen, Fraͤnzchen, komm das Silber, woher es will; und ich brau⸗ che einen neuen Anzug, um die Braut zu em⸗ pfangen.— Das war aber ein Tag!— Ge⸗ burten, Todesfaͤlle, Heirathen!“ Drei Tage nachher hatten auch Leichenbegaͤng⸗ niſſe, drei an Einem Tage, und faſt zu der⸗ ſelben Stunde, in dem kleinen bemoosten Kirch⸗ hofe von St. Serf, ſtatt. Ein Leichenwagen, mit wenigen ſorgloſen Begleitern brachte die tleberreſte des Herrn Hutchen nach ihrer letzten Nuheſtaͤtte. Wenige ehrbare Perſonen folgten 5 Franz Friſel, der die Spitze eines Sarges trug; . — * ——ʒʒ——— 246 aund der Staub der Miß Jacke Pingle wurde nehen den des Herrn Hutchen gelegt. Fromme Maͤnner trugen Frau Euphane Fechnie nach ihrer Begraͤbnißſtaͤtte; ihr betruͤbter Gatte aber war gar nicht im Stande, dem Leichenbegaͤng⸗ niſſe beizuwohnen. Haͤtte ſie ſprechen konnen, ſo wuͤrde Effie ohne Zweifel ſich dagegen erklaͤrt haben, ein ehrbares Weib, eine Predigersfrau, neben die tolle Jacky zu legen; allein der Tod iſt ein furchtbarer Gleichmacher, ſagten die Weiber von Caſtleburn, die ſich bei den Hecken mit ihren Kindern verſammelt hatten, um die Leichenzuͤge voruͤberziehen zu ſehen. Zwoͤlftes Kapitel. Die Smaragd⸗Inſel. In den lezten Tagen des Mai und zu An⸗ fang des Junius, in jener bezaubernden Jahrs⸗ zeit, in welcher die Nacht als die liehenswuͤr⸗ dige, zuͤngere Schweſter des Tages erſcheint, unternahmen Eliſabeth und ihr Gefaͤhrte ihre Reiſe oder Flucht nach Irland. Jene fruͤhen Unfaͤlle, in Folge welcher das Schaͤdliche ſtatt des Nuͤtzlichen fuͤr Eliſabeths Gefaͤhrten, nur auf zu viele Arten, erwaͤhlt worden war, hatten auch ſeinen Tag in Nacht verwandelt; und * die Hitze des Tages, nebſt ſeinen Gewohn⸗ heiten, und ſeiner menſchenfeindlichen Scheu 84247 vor den Blicken Anderer, bewogen ſie oft, ſehr ſpaͤt zu reiſen. Sie begaben ſich zur Ruhe, wenn der Thau in der Morgenſonne zu ſchim⸗ mern begann, und ſetzten ihre Reiſe nicht eher fort, als bis die Kuͤhle des Abends auf die „Hitze des Tages gefolgt wart.. Ihr Weg, gewaͤhlt, um der Bemerkung zu entgehen fuͤhrte ſie durch einige der ſchoͤnſten, obſchon abgelegenſten Landſchaften in den Nie⸗ derungen von Schottland; es war Eliſabeths erſte lange Reiſe und ihr Herz war ganz Le⸗ ben, ihre Phantaſie, den ganzen Tag uͤber in einem beſtaͤndigen Tanze, und ihr Schlummer ſo heiter und froͤhlich, als die Bilder ihrer Ein⸗ bildungskraft. 1 112 Obſchon das allgemeine Benehmen des Lord von Bruce ſtets ernſthaft, ja ſelbſt ſchwermuͤthg war, ſo war er doch ſtets artig gegen alle, die ſich ihm naͤherten, und gegen Eliſabeth ſogar guͤtig. Er ſaß oft Stundenlang ſchweigend ne⸗ ben ihr; dann aber hielt er ihre Hand, und pflegte durch ein feinziges, ausdrucksvolles Wort, oder einen Blick irgend einen Gegenſtand zu bezeichnen, von dem er wußte, daß er Eliſabeth gefallen, oder ſie intereſſiren werde, und dann pflegten ſeine Augen den Ausdruck der ihrigen ſo treu zuruͤckzuſpiegeln, als das Echo die Stim⸗ me wiederholt, ſo fern und ſchwach die Wieder⸗ holung auch war. So trat in den erſten Ta⸗ gen ihrer gemächlichen Reiſe eine immer groͤßere Vertraulichkeit auf eine leiſe und unmerkliche Art zwiſchen ihnen ein. Eliſabeth bemerkte mit Ver⸗ 448 gnuͤgen, daß, obſchon ſie ſelten verlangt, ſie doch ſtets vermißt wurde; daß, obſchon ſie nie gebeten wurde, zuruͤckzukehren, ihre Ruͤckkehr doch ſchweigend bewillkommt wurde, und daß ihre bereitwilligen freundſchaftlichen Dienſte ſanft ge⸗ fordert und bereits im Stillen erwartet wurden. Sie hatte geſagt:„ſie werde viele Mittel auf⸗ finden, ihn zu bewegen, ſie zu lieben,“ und ſie that es auch; und was noch ſchwerer ſchien, ſie fand viele Mittel auf, ihn ſich ſelbſt ver⸗ geſſen zu machen. Es gibt vielleicht, abgerech⸗ net von Leidenſchaften und andern Gemuͤthsbe⸗ wegungen jeder Art, keinen groͤßern Zauber, als das treuherzige und graͤnzenloſe Vertnauen der Jugend auf das Mitgefuͤhl des Alters. Ver⸗ trauen erzeugt ſtets Zuneigung; und als Eliſa⸗ beth freiwillig ihre verſchiedenen Gefuͤhle der Hoffnung, Freude, Liebe oder Furcht, ſo wie ſie in ihr rege wurden, an den Tag legte, ſchin ſich ein Theil ihres jungen Blutes in die ſchlaf⸗ fen Adern ihres Gefaͤhrten zu gießen, und ſeine ſchlummernden Gefuͤhle wieder zu beleben. Und ihm gab ihr Charakter Gelegenheit zu einem angenehmen Studium. Mit allen den Gefuͤh⸗ len und Neigungen ihres Geſchlechts— und in Folge ihrer einſamen Erziehung mit den kuͤnſt⸗ lichen Diſtinktionen deſſelben faſt gaͤnzlich unbekannt— reich an Einbildungskraft und doch natuͤrlich, empfindſam, obſchon zutrauensvoll, warm, treuherzig, hoffnungsvoll, lebhaft und faſt froͤhlich trotz des Schickſals, mit einem von Freude glaͤnzenden Laͤcheln, und einem Fluͤſtern V V 249 oder Blicke, der aͤngſtliche und wachſame Zaͤrt⸗ Alichkeit athmete, mehr durch ihr Herz als ihre einitn geleitet, geſchaffen, um zu lieben und geliebt zu werden, und mit ihrem ganzen Leben zu leben, ſaß ſie an ſeiner Seite„ein Inſtru⸗ ment, auf welchem die Hand der Liebe jede be⸗ liebige Tonart haͤtte anſtimmen koͤnnen. „Und ſo war ſie— ihre Mutter— dieß und noch mehr. Weib in des Weibes glaͤnzend⸗ ſtem Uebermaße!“ dachte Eliſabeths ſchweigen⸗ der Gefährte, und ſagte laut—„Eliſabeth, haben Sie, bei allen Ihren. weiblichen Neigun⸗ gen, nicht auch die der Neugierde?²“ „In einem unendlich geringen Grade, Mh⸗ lord, in gewiſſen Punkten; obſchon ein ande⸗ res Wort aufgefunden werden ſollte, um meine Gefuͤhle auszudruͤcken. Mein Kopf iſt ſelten neugierig,— es iſt ein Beduͤrfniß des Herzens bei mir, das folglich ſeltener, aber deſto unge⸗ ſtuͤmmer gefuhlt wird;— zudem kann ich zu wiſſen wuͤnſchen, was ich nicht zu fragen wage.“ „Und ich koͤnnte zu ſagen anſagen was ich nicht ausſprechen mag. Wir muͤſſen einen Doll⸗ metſcher finden— die alte Monica Doran viel⸗ leicht. Allein wenn ich das Glas eines Ma⸗ giers haͤtte, welches Geſicht wuͤnſchten Sie, daß ich Ihnen zeigte— Wolf Grahame. In wel⸗ cher Scene oder Geſtalt wuͤnſchten Sie ihn zu. 250 „Das Sie den ganzen Tag uͤber in Ihrem Buſen tragen und bei Nacht unter ihr Kopfkiſ⸗ ſen legen, um Traͤume herbeizubeſchwoͤren,“ unterbrach ſie ihr Gefaͤhrte, ebenfalls laͤchelnd. —„Allein was wollte Eliſabeth lieber.“— „Nichts, Mylord. Zudem iſt jezt Ihre mit⸗ taͤgliche Ruheſtunde.“ e t eeTN „So ſingen Sie mir denn, wie geſtern, Eliſabeth. Ich fange an, ſo uͤppig zu werden, wie ein alter morgenlaͤndiſcher Sultan.“ Und als er jezt von. Hitze, Ermuͤdung und Erſchoͤpfung uͤberwaͤltigt in Schlummer ſank, war Eliſabeths Schulter ſein Kopkkiſſen; dann, wurde ihr Geſang all⸗ maͤhlig leiſer, bis ihre Toͤne ſo ſchwach und ſanft waren, als die erſten ſchuͤchternen Laute, mit denen der ſcheue, junge Vogel ſeine Stim⸗ me verſucht;— als die lispelnde Muſik der Voͤgel, fuͤr diejenigen, welche befiederte Em⸗ pfindſamkeit mehr lieben, als befiedertes Trillern, bei weitem der fuͤßeſte Geſang, den Voͤgel je ſingen.— a e „Mein ſanfter und geduldiger Page!“ fagte der Lord von Bruce, aus dem erſten, durch kein Opium unterſtuͤzten Schlummer, den er ſeit vielen Jahren gekannt hatte, erwachend. „Allein ich werde Sie ermuͤden, Eliſabeth.— Welch' ein ſonderbares Band iſt das unſere!— Dieſes zerknirſchte Herz— dieſe verſengte Blu⸗ me der Leidenſchaft! Lebt ſie noch— treibt ſie nooch ihre zarten Sproſſen? Und man wird Sie — und zwar eben dieſer Wolf⸗ 251 „Ach, nein!“ ſagte Eliſabeth.„Er wird die erſte Perſon Ihres glücklichen Haushalts ſeyn— unhich werde die zweite an Nang und Gewalt ſeymenallein die erſte in meines Vaters Liebe— vermoͤge meines eigenen Herzens, und meiner armen Mutter.“— Sie bereute ihre Raſchheit augenblicklich, als ſie die ſchnelle und fuͤrchterliche Veraͤnderung, die in ſeinem Geſichte vorging, und die Fieber⸗ ſchauer, die ſein ganzes Weſen durchbebten, ſah. Sie befuͤrchtete einen Anfall ſeiner ſchrecklichen Krankheit. Ihre Beſtuͤrzung und Todesangſt — ihr erſticktes Geſchrei, die Thraͤnenfluth, die uͤber ihr Geſicht herabrollte, und ihre wahn⸗ ſinnigen Liebkoſungen veranlaßten den Kranken, mit ſeinem hinterliſtigen Feinde zu kämpfen. „Seyen Sie ruhig, Eliſabeth— und um Ihret⸗ willen will ich wohl zu bleiben ſuchen,“ fluͤ⸗ ſterte er.„Wenn meine ſonderbare Krankheit Sie erſchrecken und von mir entfernen wuͤrde! — Ich habe jezt einen eben ſo ſtarken Beweg⸗ grund, dieſes Hoͤllenuͤbel zu uͤberwaͤltigen, als fruͤher mein gebrochenes Herz und mein verwirr⸗ ter Geiſt, demſelben nachzuhaͤngen.“ Auf ihrer weitern Reiſe in dieſer Nacht be⸗ merkte Eliſabeth mit trauerndem Herzen, daß Lord von Bruce's Geiſt zwar nicht verwirrt, aber doch noch immer ſchwankend und fluͤchtig war. Er ſprach viel— ja unaufhoͤrlich— und nahm ſeinen Stoff von dem Sternenhimmel, 8 den wandernden Wolken, den Nachtwinden und dem Ocean— und fluͤſterte geheimnißvo „ 52 abgeſchiedenen Geiſtern, und ihrem ſichtbaren und unſichtbaren Verkehre mit der untern Welt; von uͤbernatuͤrlichen Einfluͤſſen bi Traͤumen und myſtiſchen Erinnerungen und Borgefuͤhlen, und von jenem blinden und unverſoͤhnlichen Verhaͤng⸗ niſſe, welches das menſchliche Weſen an ein Schickſal kettet, dem man nicht entfliehen kann — einer Gewalt, die, in ſeinem verkehrten und ungluͤcklichen Geiſte, den Platz jener beſchuͤtzen⸗ den Vorſicht ſich anmaßte, auf die Eliſabeth zu vertrauen, und in ihrem Vertrauen Frieden und Freude zu finden gelehrt worden war.„Ich bin beſſer belehrt worden,“ dachte ſie, und, mit mehr Demuth und vielleicht Gerechtigkeit, fuͤgte ſie innerlich hinzu—„O! und in eine weit gluͤcklichere Lage verſetzt, weniger hart gepruͤft, und zur Pruͤfung duͤrch die Ruͤſtung, die nicht meine eigene Staͤrke iſt, beſſer vorbereitet wor⸗ den!** Und obſchon Eliſabeth, die zu viel Einbil⸗ dungskraft hatte, als daß ſie von einem An⸗ fluge von Aberglauben frei geweſen waͤre, ſich naͤher an die Seite des traͤumeriſchen Sprechers ſchmiegte, und langſamer Athem ſchoͤpfte, ſo ermuthigte ſie ſich doch in einigen Minuten wie⸗ — der, und fluͤſterte ihren beſſern Glauben und ihre edlere Hoffnung. So gelang es ihr, jene wilden Entzuͤckungen durch die warmen Wirk⸗ lichkeiten des Lebens zu verjagen, oder wenig⸗ ſtens ihren Zuhoͤrer zu bewegen, den Einge⸗ kungen eines geſuͤnderen Gemuͤths ein geduldi⸗ ges Ohr zu leihen. 3 4255 In der Abenoͤdaͤmmerung des vierken Tages wurde Eliſaboth auf die dunkle Käͤſte Irlands von ihrem Reiſegefaͤhrten aufmerkſam gemacht, der in eine ſchwermuͤthige Traͤumerei verſank. Der frohlockende Ausbruch ihres Entzuͤckens war bald voruͤber!„„Wenn ſeine Krankheit ihn uͤber⸗ fiele! dachte ſie, und die wilden Reden, die ſie hoͤrte, erfuͤllten ihr Herz mit einer ungewoͤhn⸗ lichen Schlaffheit.„War dieß Ahnung“? Und jede Stunde, die ſie von dem erſten Gegenſtaͤnde ihrer Reiſs trennte, ſchien jezt ein Zeitalter. Von Croßgates of Caberax aus, wo Fugal zu ihnen ſtieß, ſchrieb Eliſabeth noch einma nach dem Hauptquartier von Wolfs Regiment. Als ſie weiter in das Innere des Landes ein⸗ drangen, wurde ihr Gefahrte ſtiller und trauriger als zuvor, und auch ihr Gemuͤth wurde duͤſterer. Mißbilligte Grahame vielleicht ihre Reiſe als un⸗ ſchicklich— oder die ihrem Vater gemachten Mit⸗ theilungen als zu voreilig?— Ihr Verſtand ſagte ihr, daß er dieß nicht thun ſollte; allein wie konnte dieſer ihr ergebenes Herz gegen die Kaͤlte und das Ungluͤck ſelbſt des ungerechten Mißfallens deſſen, den ſie zu zaͤrtlich liebte, ſtaͤhlen? In jeder Poſtſtadt, durch welche ſie kamen, erneuerte ſich ihr Verdruß; und ihr Geiſt ſchwankte wieder zwiſchen dem ungluͤck⸗ lichen Wechſelfalle großen perſoͤnlichen Ungluͤcks oder veraͤnderter Zuneigung. 1 An dem Morgen, an welchem unſere Reiſen⸗ den die Marktſtadt erreichten, die in jenen Ta-⸗ 4 gen das wohlbekannte iriſche Wirthshaus, S. 25⁴½ Peters Schluͤſſel genannt, enthielt, fiel ein un⸗ unterbrochener, zarter, aber durchnaͤſſender Re⸗ gen. Eliſabeth glaubte, ihr Gefaͤhrte ſehe weit blaͤſſer und erſchoͤpfter aus als je; und auch er konnte nicht umhin zzu bemerken, daß die Farbe ihrer Wangen ſchwand und der Glanz ihres Auges ſich truͤbte. Beide bedurften der Nuhe gleich ſehr; und ſie beſchloſſen, den kalten und unfreundlichen, regneriſchen Morgen uͤber aus⸗ zuruhen, und den Corporal Fugal als Avant⸗ Courier in das Hauptguartier des Kapitaͤn Grahame, das nur noch eine Paſſſtation entfernt war, abzuſchicken. Als ſie nach einem ruhigen Wirthshauſt, wo ſie dieſe Zwiſchenzeit zubringen koͤnnten, frag⸗ ten, wurden ſie von dem Poſtknechte nach ei⸗ nem kleinen Wirthshauſe gewieſen, dem eine ehrbare Wittwe vorſtand, und das am Eingange der Stadt, an dem Strome, der die Seadt be⸗ ſpuͤlt, und dem Gefaͤngniſſe gerade gegenuͤber, lag. Es war dem Kranken zur Gewohnheit ge⸗ worden, daß ſeine junge Waͤrterin ihm vorlas, mit ihm ſprach, oder ihm zuhoͤrte, oder in gaͤnz⸗ lichem Stillſchweigen an ſeiner Seite ſaß, waͤh⸗ rend er nach der Ermuͤdung, die ihm felbſt die kuͤrzeſte Reiſe und die geringſte Anſtrengung verurſachte, auf einem Ruhepolſter lag. Auf dieſe Art brachten ſie den Vormittag zu. Eliſabeth las etwas aus Don Quiyotte vor, obſchon eben nicht mit der groͤßten Aufmerkſam⸗ keit, bis ihr Patient, im Einklange mit ihrer geſtoͤrten. Gemuͤthsſtimmung, ſich uͤber Schlaͤf⸗ rigkeit bekla laſſen. Sie ſetzte Schlafzimm pfen blickend, wie ſie an die Fenſterſcheiben ſchlugen, und das, was unten vorgieng, forg⸗ los betrachtend. Sie berechnete innerlich die Fortſchritte Wahrſcheinlichkeit nach, daß Wolf vielleicht noch in dieſer Nacht in ihre Arme eilen werde. Waͤhrend Aufmerkſam ſchlecht gekleidet und von ahgezehrtem und ſchwer⸗ muͤthigem Ausſehen, auf einem Steine vor dem Kerker ſaß, den Regen, gegen denſelben zu ſuchen. Ihre Augen waren auf die begitterte Schießſcharte einer Zelle des Ker⸗ kers mit einem Ausdrucke tiefen Kummers und gaͤnzlicher Selbſtvergeſſenheit geheftet. Eliſabeth Bettlerin be hen, und obſchon bereits ſechs Stunden verfloſ⸗ ſen waren, ſo ſaß doch das ungluͤckliche Geſchoͤpf noch immer auf demſelben Flecke, mit einem gewiſſen Anfluge jener milden Wuͤrde, die ſtets im Gefolge Leidens iſt. uͤberzeugt, daß ſie keine gewoͤhnliche Bettlerin war, und da ſowohl ihr Mitleid als ihre Neu⸗ gierde angeregt waren, ſo bat ſie die Wirthin, 82⁵⁵ gte, und ſie bat, ſie moͤchte ihn ver⸗ ſich an das Fenſter ihres kleinen ers, gedankenlos auf die Regentro⸗ ihres Boten und dachte uͤber die ſie ſo beſchaftigt war, wurde ihre keit durch ein Weib gefeffelt, das, . gleichguͤltig gegen den durchnaͤſſen⸗ der jedes Geſchoͤpf bewog, Schutz glaubte, ſie habe die durchnaͤßte i ihrem Eintritte in die Stadt geſe⸗ eines unverdienten und geduldigen Die mitleidige Zuſchauerin war jezt 256⁶ ſich zu erkundigen, auf welche Art die Leiden des huͤlfloſen Weſens gemildert werden koͤnnten. „ SOb ich ſie kenne?— Chaunette kennen?— Nur zu gut kenne ich das Geſchoͤpf,“ erwie⸗ derte unſere alte Bekannte, Madame Mulroonie. „Allein ich bitte Sie, ſetzen Sie ſich nieder, Lady!— und ich hoffe, der Schinken und die Haͤhnchen werden Ihnen ſchmecken. Ich habe eine Flaſche alten Claret fuͤr meine Freunde, obſchon ich Eurer Gnaden, wenn Sie den Weg vor dier Monaten, zu den Lebzeiten meines Mei⸗ ſter Mick, gemacht haͤtten, etwas anderes haͤtte zeigen koͤnnen. Die theure Seele wollte den Verluſt des Wein⸗ und Bierſchanks und den Charakter des Hauſes nicht uͤberleben. Sie finden mich hier in geringen Umſtaͤnden, in Vergleichung mit St. Peters Schluͤſſeln. Herr Friedrich Delanch zwang ſie, die Erlaubniß des Wein⸗ und Bierſchanks wieder zu gewaͤhren, und zeigte dem Flegel, was Trumpf war, obſchon zu ſpaͤt, um dem Herzen meines Mei⸗ ſter Mick Freude oder Frieden zu ſchenken. Chaunette war damals ſo flink und ruͤſtig an ihrem Werke, als St. Peter je ſein Schluͤſſel umdrehte, und jezt ſizt ſie, bei gutem und ſchlechtem Wetter, Tag und Nacht, da draußen, um nur einen Blick von einem groben Schur⸗ ken zu erhaſchen. Wenn je Euer Gnaden ein ſo bekuͤmmertes Geſchöpf geſehen haben, wie ſie, ſo duͤrfen Sie uͤberzeugt ſeyn, daß irgend ein ſolcher Schurke, Mann oder Junge, die Hand dabei im Spiele hat. Wenn es Got⸗ 6257 zites Wille iſt wird der Galgen ſie in einigen Tagen von Dennis befreien; denn bis auf die „Zeit, daß er ſie bezauberte, war Chaunette ein beſcheidenes, fleißiges Geſchopf.“ „Und iſt dieſer arme Gefangene ſo ſchlecht?“ „Schlecht genug, der Straßenraͤuber. Er pluͤnderte den Poſtwagen Sr. gefegneten Ma⸗ jeſtaͤt, mit welchem die vier Buben ſtets in St. Peters Schluͤſſeln einkehrten. Auch ſagt man, er habe dem Flegel die Ohren abge⸗ ſtuzt.“ 8 Waͤhrend ſich die Wirthin mit ihrem Gaſte noch auf dieſe Art unterhielt, hatte eine, von dem ungluͤcklichen⸗Gegenſtande der Unterredung verſtandene Bewegung in dem Kerker ſtatt. „Sie eilte an das begitterte Fenſter einer ſteiner⸗ nen Gallerie, wo die Gefangenen zuweilen eine freiere Luft, als die ihrer Zellen, athmen durf⸗ ten. Eine Gruppe von Maͤnnern nahte ſich, und einer derſelben, ein ſchmutziger Burſche von elendem Ausſehen, ſtreckte ſeine gefeſſelten Haͤnde durch das Gitter der armen Chaunette ent⸗ gegen; und an dieſe Haͤnde hing ſich das ungluͤck⸗ liche Geſchoͤpf, druͤckte ſie wieder und wieder an ihre Lippen und ihren Buſen, und rief, indeß ein Strahl der Freude ihre abgehaͤrmten Geſichts⸗ zuͤge erhellte:„Lich! theurer Dennis! Nur eine Pauſe von wenigen Minuten wurde ihr zugeſtanden; und die Kerkermeiſter, welche den Verbrecher aus der Halle begleiteten, wo er ein Gebet gehoͤrt hatte, ttrieben ihn fort. Ihre Augen waren eine Zeit lang auf den 25³ „JFleck geheftet, wo ſie verſchwunden waren. Sie begab ſich ſodann nach ihrem Steine zuruͤck— zog den alten Rock um ſich her— und begann ihre traurige Wache von neutrmen.. „Chaunette, ihr beleidigt die geſegneten Hei⸗ ligen,“ rief Frau Mulroonie, ihr Fenſter öͤff⸗ nend.„Kommt her, und ſprechet mit dieſer Dame, die euch Gutes zu erzeigen wunſcht.“ Das Maͤdchen blickte langſam umher, und neigte ihren Kopf, als ſie Eliſabeth erblickte. „Die Dame iſt ſehr gut, aber ich brauche nichts.“ „Kommt in die Halle aus dem Regen, wollt ihr?“ 1 ie ſih an „Ihr ſeyd eine guͤtige Frau— und ach, laßt mich allein!“ ſagte Chaunette z und auf die wei⸗ tern Aufforderungen ihrer fruͤhern Gebieterin antwortete ſie mit keinem Worte. 122) ztoer Die Schatten des Abends fielen, und noch ſaß das ungluͤckliche und troſtloſe Geſchoͤpf auf ſeinem Steine;— und gerne wuͤrde Eliſabeth hinausgeſchlichen ſehn, um ſie zu troͤſten, haͤtte ſie nicht gefuͤhlt, daß Chaunette's Kummer zu tief und heilig fuͤr fremdes Mitleid war. Der Regen hatte um die Zeit des Zwielichts nachgelaſſen und Eliſabeth ging endlich hinaus— ergriff die Hand des Maͤdchens— legte ihre Hand auf ihre Schulter— zog den alten Rock um ſie her, und warf uͤber dieſen einen Reiſe⸗ mantel, der ihr gehoͤrte. e Bloß durch einen gebrochenen Seufzer gab die Ungluͤckliche ihre Dankbarkeit fuͤr dieſe Guͤte zu erkennen; als aber die Lady ihr immer 9259 moch zur Seite blieb, ſagte ſie endlich— „Gewiß, gewiß, Lady, der arme Dennis iſt nicht ſo ſchlimm, als die Wirthin glaubt.“ „Ich kann es wohl glauben,“ ſagte Eliſabeth. „Gott ſegne Sie wegen dieſes Wortes,“ ſagte das arme Geſchoͤpf ſchluchzennd. Es iſt falſch, daß er dieſem Herrn je ein Haar kruͤmmte,— ernicht— er nicht! Wohl weiß ſeine Großmutter dieß; und wer darf an dem Worte eines ſo guten Weibes, wie die Wittwe Monica Doran iſt, zweifeln.“ „Und wo iſt Monica— wo iſt der Herr zu finden?““ rief Eliſabeth aͤngſtlich. „Die Wirthin wird es Ihnen ſagen,“ ſagte das Maͤdchen in einem Tone, der die Fragende die Grauſamkeit fuͤhlen ließ, ein ſo betruͤbtes Weſen zu belaͤſtigen. 5 „Gott helfe ihr, arme Chaunette!“ fluͤſterte ſie, und kehrte in das Haus zuruͤck, um die Wirthin zu fragen. iud „Seit dem Tode des Felix Doran haben die alte Frau und meine Lady das ſchwarze Schloß wegen der Kapelle, die ſich zu ihren papiſtiſchen Meſſen eignet, bewohnt. Mein Mei⸗ ſter Mick und ich gingen in die Kirche, wenn wir Zeit hatten, irgend wohin zu gehen.— Die Lady war es, welche die beiden Buben abſchickte, um das Entfliehen des O Connor zu erleichtern. Er entkam— und ſie ſtarben fuͤr ihn— die beiden jungen Bruͤder; und meine Lady ſagt in ihrem Kummer, ihr Blut ſey auf ihr. Man glaubt, daß ſie unlaͤngſt Dennis, den Schur⸗ „„ 8 260 ken, um ſeiner Großmutter willen, hat verber⸗ gen helfen; denn ſeine gottloſe Mutter iſt die aͤlteſte Tochter der Wittwe Doran— eine, die vom Teufel zu dem Komdͤdienſpiele rannte, bis ihre ehrbare Mutter, aus Schande uͤber ihr Be⸗ tragen, aus dem Lande floh. Sie iſt heute Nacht in der Stadt, mit einem Befehle von Herrn Friedrich in der Taſche, ihren Sohn zu ſehen, trotz des Flegels.— Aber ſprechet von dem Teufel und ſehet ſein Horn!— Guten Abend, Miſtreß Slattery. Ihr kommt, um euern Sohn zu ſehen, armes Geſchoͤpf.. „Die Mutter eines ſolchen Sohns iſt kein ar⸗ mes Geſchoͤpf,“ ſagte das Weib, ihre Augen auf Eliſabeth heftend; hierauf zog ſie ſie in das Zimmer, und ſchioß die Thuͤre. „Lady,“ ſagte ſie, als ſie die Wirthin vom Halſe hatten,„Sie ſchickten Ihren Boten, allein warten Sie ſeine Ruͤckkehr nicht ab; Ihnen bringt er keinen Troſt. Haben ſie Vertrauen genug auf mich, um ſich von mir nach dem ſchwarzen Schloſſe geleiten zu laſſen?“ „Wenn da die Lady Aileen und Monica, meine theure alte Amme, wohnt,— ja.“ „ und dieſer edle Lord?“. „ Der Lord von Bruce begleitet mich, oder ich gehe keinen Schritt von dannen; unſer Schick⸗ ſal— unſere Heimath— unſere Hoffnungen ſind hinfort dieſelben, und meine Wahl ſoll ſie nie trennen.“ „Sie wiſſen nicht, was Sie ſagen; allein mir gilt das gleich. Wenn Sie ſich von mir fuͤhren 261 laſſen wollen, ſo treffen Sie mich in einer Stunde, da wo das Dickicht von wilden Pflaumenbaͤumen den Weg bezeichnet, der hinab nach jener Muͤhle dort fuͤhrt.— Jezt muß ich mein Kind ſehen.“ Sie entfernte ſich, und Eliſabeth kniete ne⸗ ben das Lager, auf welchem der Lord von Bruce noch immer lag, nieder, und verbarg ihre Au⸗ gen, waͤhrend ſie ihm die getroffene Einrichtung zufluͤſterte. Fuͤr ſie war die fruͤhe Geſchichte des Lord von Bruce und dieſer unbekannten Dame ſo geheimnißvoll als je— ſchmerzlich, unerklaͤrlich. Und als ſie fuͤhlte, daß die Hand, die ſie umfaßt hielt, zitterte, daß ein kalter Thau ſie befeuchtete, rief ſie ſchnell aus:— Verzei⸗ hen Sie mir meine Bitte— befehlen Sie mir, ob ich gehen oder bleiben ſoll. Gehoͤre ich nicht Ihnen an?“ 1 18 En 916 „Eliſabeth,“ erwiederte er mit einer un⸗ gewoͤhnlichen Feſtigkeit,„ich will Ihr Fuͤhrer nach dem ſchwarzen Schloſſe ſeyn. Laßt uns aufbrechen.“ 4 Mit dankbarer Freude gehorchte Eliſabeth. Allein ehe der Wagen der Wittwe Mulroonie in Bereitſchaft war, kam die Nachricht, daß der gefangene Slattery, in der Verkleidung ſeiner exemplariſchen Mutter, die an ſeiner Statt in der Zelle geblieben, entflohen ſey. ne Um dem Laͤrmen und der Verwirrung, die nun entſtanden, zu entgehen, machte Lord von Bruce den Vorſchlag, vor dem Wagen voraus⸗ zugehen. Ein reicher, ſuͤß duftender, thauiger Abend war auf den langen Sommerregen ge⸗ 8 262 folgt ade Pflanzénund jedes Geſtraͤuch laͤngs des Wegs ſah friſch geſtaͤrkt und neubelebt aus, und erfuͤllte die Luft mit ſuͤßen Wohlgeruͤchen; und die kleinen wilden Blumen laͤngs des Ufers des Fluſſes hoben ihre durchnaͤßten Kelche uͤber diefeuchte und perlende Gruͤne, gleich eben ſo vielen ſchoͤnen Venuſſen, emporr.. „Das ſchwarze Schloß war nicht uͤber vier Meilen entfernt; und als ſie ſo hinſchlenderten, ſchien Lord von Bruce, auf ſeine junge und fluͤchtige Gefaͤhrtin gelehnt⸗, zu vergeſſen, daß ſie auf den Wagen warteten, bis ſie das Di⸗ ckicht wilder Pfluumenbaͤume erreicht hatten, das den Fleck bezeichnete, wo ein ſteiler Pfad zu der Muͤhle hinabfuͤhrte. Aus dieſem Dickicht tratneine hohe Geſtalt in weiblichen Kleidern hervor, die den Mantel trug, den Eliſabeth um Chaunette gehüͤllt hatte. Wenn ihr Herz maͤch⸗ tig gepulst hatte, als ſie Slattery's Flucht er⸗ fuhr, ſo ſchlug es jezt mit doppelter Gewalt. Slattery war der Enkel der Monica Doran— der Gatte der armen Chaunette— der Sohn einer Perſon, die das Zutrauen derer, welche Eliſabeth liebte, zu beſitzen ſchien. 11 „Wenn das Leben des Kapitaͤn Grahame Ihnen theuer iſt, ſo erlauben Sie mir, daß ich⸗ Sie nach dem ſchwarzen Schloſſe begleite,— ſein Schickſal haͤngt von dem meinigen ab!“ ſagte dieſe Perſoen. i Eiifabeth fluͤſterte ihrem Gefaͤhrten einige Worte zu und ermiederte laut:—„Sein. Schick⸗ ſal ruht in den Haͤnden Gottes und ſeines na⸗ 2⁵³ tuͤrlichen Muths. Allein wir kennen eure Ver⸗ legenheit; folgt uns, und wenn wir koͤnnen, wol⸗ len wir euch beſchuͤtzen,“. „Nach einem kurzen Gange bekamen ſie das ſchwarze Schloß zu Geſicht. Sanft beſpuͤlte dier volle Fluth ſeinen Grund, und in dem glatten Waſſerguͤrtel ſpiegelte ſich der kuͤhle klare Himmel. einer lieblichen Sommernacht ab, ausgenommens da, wo die Schatten des Thurms und der Baſteiz auf dieſen glaͤnzenden Spiegel fielen. dEine dinß zige blinkender Lampe wurde in ferner Perſpek⸗ tive an einem Orte erblickt, wo ſich die Ra⸗ pelle befand, und hoch in der Luft, durch ei⸗ nen verfallenen Thorweg oder ein gebrochenes Fenſter, das einen ſaͤchſiſchen Bogen bildete, ſaha man einen ſpaͤrlichen Schimmer des opalfarbi⸗ gen Himmels unter Wallkraut, Zweigen und⸗ Epheuranken, die gegen dieſen gluͤhenden Hin⸗ tergrund herrlich abſtachen. e is „Dieß iſt ein verfallener Theil des Brian's⸗ Thurms,“ ſagte Bruce.„Eine offene Terraſſe fuͤhrt um ihn herum.“ Waͤhrend ſie dieſes ſchoͤne und ſanfte Gemaͤlde betrachteten, und ihre Begleiterin ſich nach der⸗ Schaluppe umſah, um ſie uͤberzufuͤhren, ging 7 eine ſchlanke Geſtalt voruͤber, und fieng das Licht auf, das durch dieſen Bogen ſtroͤmte, und Eliſabeth fuhlte, wie ihr Gefahrte von Kopf bis zu Fuße zitterte, als ob ihm ein Geiſt den Weg vertreten haäͤtte. i„Was haͤlt uns auf,“ rief ſie dem Manne unten laut zz. h * * 264 „Der Todastt rief er, Idie Fluth iſt herbei⸗ gekommen. Die Schaluppe befindet ſich nauf der andern Seite des Wegs.“ a Knns 8191 „Dann rettet, euch⸗“ ſagte Eliſabaih. und waͤhrend ſie noch ſprach, ſah man ein Frauen⸗ zimmer ſich dem andern Landungsplatze naͤhern, der mit einem langen uͤberwoͤlbten Eingange, der in das⸗ Schloß fuͤhrte, in Verbindung ſtandz⸗ und eine ſcharfe fragende Stimme ſtattete dem⸗ Friedensrichter O Toole den Abendgruß ab.. „ Meine Lady und der Haushalt ſind feit vier⸗ guten Stunden ſicher in der Kapelle,“ ſagte Fr. Honnour.„Allein obſchon ſie eine ver⸗ ſchleierte Nonne aus ſich macht, ſo geziemt es: doch einer geborenen Englaͤndsrin nicht, ihrem, Beiſpiele zu folgen; allein wenn Sie heute Nacht die Gewoͤlbe durchſuchen wollen, ſo muß ich. darauf beharren, Sie zu begleiten, rich liebe die Abenteuer, und bin eine große Freundin von Alterthuͤmern! Hinuͤber alſo, Sie gelanter Junker, wenn Sie nicht dieſe unſer⸗ Nappſor 5 Inſel fuͤrchten.“ 116 19 „Allein die Fluth iſt da, honigſußes Liebchen; und die Schaluppe auf Ihrer Seite,er⸗ wiederte Slattery mit einer vortrofflichen Nachah⸗ mung der Stimme des Hrn. O Doole. 8) „O., Crimini, und ſo iſt es! Hier ſind Sie, wenn wir ein liebendes Paͤrchen waͤren, ganz in derſelben Lage, wie Leander, als er bei Nacht uͤber den Helleſpont ſchwamm, um die liebenswuͤrdige Hero zu beſuchen.— Wollen Sie die klaſſiſche Auſpielung verzeihen, Squire; denn 2⁰⁵ denn was ſind Liebhaber unſerer entarteten Tage gegen jene des Alterthums.“⸗ 1. „Laßt uns ſehen, Fr. Honnour„ mein Edel⸗ ſtein,“ antwortete der Mann; und Eliſabeth hoͤrte ſeinen Sturz in die Fluth. ,O weh! Sie Wagehals! das heißt die An⸗ ſpielung zu weit treiben. Ich hege großen Zwei⸗ fel in Betreff der ſtrengen Schicklichkeit Fhrer Kleidung und muß⸗ mich entfernen.“ 1 „„Keinen Fußtritt, mein Edelſtein;— hier iſt eine Kleinigkeit von einem rothen Rocke oder zweien— eine neue Tracht in Irland, aber ganz klaſſiſch und ſchottiſch,— und ſehr kuͤhl und huͤbſch.“ 1 18 „8, Sie Reiter der ſchwarzen Woge! wie Malwina ſagt! In der That, mein theurer Herr O'⸗Toole, dieſes Seeabenteuer— ſo viel Muth— Oh hreh-rh!““ und die Lady ver⸗ weilte ſo lange auf dem Ausrufe als eine Sän⸗ gerin vom erſten, ja vom zweiten Range auf irgend einer ungluͤcklichen Sylbe—„das Un⸗ geheuer Slattery!“ 5 „Kein Wort jezt, meine Schoͤne. Sie ſehen, es iſt bloß ihr theuxer Dennis Slattery; der, wenn Sie Ihre ſanfte Pfeife noch einmal an⸗ ſtimmen, Ihnen zeigen wird, wie artig ein Tropfen Seewaſſer und eine Nacht in den Ge⸗ woͤlben die Muſik einer Dame dämpfen. Sto⸗ ßen Sie die Schaluppe hier ab; und ſagen Sie der Frau Doran, ich bringe Ihrer Lady einen Beſuch. In weniger als zwei Minuten faͤhrte der kuͤhne Eiif. v. Pruce. III. 12 266 Seefahrer den Lord von Bruce in ſein kleines Schiff; in einem zweimal ſo großen Zeitraume fährte er die Reiſenden in ein niedriges, ge⸗ woͤlbtes Zimmer des Brian's Thurms, der jezt der unverſehrteſte Theil der Burg wat. Die reichen, modernen und eleganten Möbeln ſtachen ſonderbar gegen die rohe Structur des Zimmers ab. Betten, Buͤcherſchraͤnke, Blu⸗ mentoͤpfe waren hier in großer Zahl vorhanden; reiche Teppiche und Umhaͤnge von gluͤhenden Farben verliehen dem Zimmer Annehmlichkeit und ſelbſt Glanz, gleich dem heitern Schmucke einer ſchwarzen Prinzeſſin.(Ein Ende des Gze⸗ machs war mit einer Orgel von groͤßerein Um⸗ fange, als man ſie gewoͤhnlich in Privatwoh⸗ nungen findet, beſezt. Die offen umherliegen⸗ den Muſikſtuͤcke gehoͤrten zu einer ſo feierlichen und antiken Gattung, daß Eliſabeth ſie, einige Compoſitionan von ürgogeſ ausgenommen) zu⸗ vor nie geſehen hatte. Es waren die allen Ge⸗ ſaͤnge der roͤmiſchen Kirche. An den Waͤnden, in der Naͤhe von ſcharlachenen Umhangen, hin gen einige verſchleierte Gemaͤlde. Alles dieß ſah Eliſabeth in einem Augenbficke und ehe ſie ihre ſchnelle Ueberſicht eines Ortes vollendet hatte, der, wie ihr Herz ihr ſagte, von ihrer Mutter athmete, erſchien Monica. en „KEliſabeth, theures, theures Mädchen und in einer ſolchen Begleitung! Ach Mylord!“ 2— und Monica blickte Eliſabeths Gefaͤhrten ehr⸗ kurchtsvoll an—„der Kummer zieht tiefe Fur⸗ cen;— Abet ich kenne Sie git— und weiß, 2⁰⁷ daß dieße die Heimath Fhrer jaugen, fruͤhen und theuern Freunge, kein Nuheart fur Sie iſt“ „Monica, kann ich mich nicht in die Kapelle begehen⸗Ronnen unſere Seukzer ſich nicht guch in Andacht vermiſchen?— Es. muß das leztemal in dieſem ſterblichen Leben ſeyn!— Kann ich nicht Aileen das Kind, das ſie mir gad⸗ ſelbſt zuſtellen? Monica, erzählt dieſem theuern. Maͤdchen von ihrer Mutter. Ich kann den Weg nach der Spitze des Brians Thurme allein finden. Lazt niemand mir nachfolgen!“ „Und zwoimal kußte er Eliſabeths Stirne mit einer feierlichen Zaͤrtlichkeit, die ihr das Herz durchbebte;—— und die Hand, die ſie fäüßte, und auf die ſie ihr Geſicht druͤckte, wurde mil ihren Thraͤnen benezt. Als er ſich entfernte ielen ſie in Aeidenſchaftlichen Stroͤmen auf den ſen ih rer alten und ſtetz nachſichtigen Freun⸗ t 2 Monica, w din.“ 1„„O ſeyd ihr alle geweſen?— und warum waret ihr ſo grauſam gegen mich? Bei jedem Schritte, den ich auf dem irlaͤndi⸗ ſchen Boden that, glaubte ich, er muͤſſe er⸗ ſcheinen. Er iſt nicht hier— und jezt wäre Ein Wort mir lieber als tauſend. Sprecht es aus— heißt mich leben oder ſterben!)“) eErinnert ihr euch an das,“ ſagte die alte Frau, ein kleines Buch ergreifendd. Ich: O, ja, ja l“ und waͤhrend Eliſabelp ihre Lippen auf ein auf den Rand geſchriebenes Datum druͤckte, blizten ihre Augen im Zimmer Aniher, als ob ſie erwartet haͤtte, die Waͤnde 268 wuͤrden ſich oͤffnen, und ihrer Umarmung die Geſtalt uͤbergeben, die ſte zu ſehen ein ſo bei⸗ ßes Verlangen trug. „Er iſt nicht hier ſagte Monica, ruhig laͤchelnd, als Eliſabeth ihre Augen forſchend auf ſie heftete. Sie fielen noch einmal auf die ge⸗ ſchriebenen Worte— ein bloß drei Tage ver⸗ floſſenes Datum— ein Jahrstag in der Ge⸗ ſchichte ihrer Veeeinigten Herzen! Er erinnerte ſich noch an denſelben,⸗ und ſie war nicht ver⸗ geſſen! „Ihr haltet mich fäͤr naͤrriſch, Monica; und ein anderer guter alter Freund hält dieſe wilde, uͤberſchwengliche Liebe fuͤr Suͤnde; allein ich verſichere feuch, ich habe im Sinne, mich gaͤnz⸗ lich zu heilen. Wenn ich Wolf ganz wohl an⸗ treffe, ſo will ich, nach der ſonderbaren Art, auf die er mein Herz durch ſein Stillſchweigen gebrochen hat, ſo rachſuͤchtig als moͤglich ſeyn: — eine halbe Stunde lang nicht„ſprechen, und eine ganze Stunde lang ſchelten.“ Abermals blickten ihre forſchenden Augen hell und glänzend umher. Monica ſchuttelte ihren Kopf, als ſie ſagte: „dieſe alten Waͤnde haben keine Ohren, Eliſa⸗ beth; und ich koͤnnte wuͤnſt hen, dieß waͤre der Fall. Wie lange iſt es, ſeit die Echos der Woh⸗ nung O'Connor's den Toͤnen eines frohl ichen und liebenden Herzens geantwortet haben? Eli⸗ ſabeth, ich ſehe, ihr habt das Packet eurer Mut⸗ ter nicht empfangen, noch irgend eine Botſchaft von ihr— doch von euch haben wir oft gehoͤrt. — 269 Allein nicht dieſe Nacht ſollte ich euch von de⸗ nen erzaͤhlen, die ſich ſo ſehr liebten— obſchon, ach nicht ſo gluͤcklich!!’ Eliſaheih fluͤſterte, ploͤtzlich hon einem feierli⸗ chen Gefühle angewandolt, ſie habe bereits von der Geſchichte ihrer Mutter gehoͤrt— jener Mutter, derxen Bild ſie oft in ihren Traͤumen beſuchte, und ihrem nachſinnenden Geiſte er⸗ ſchien, blaß, traͤumeriſch, ſchwermuͤthig— ſo ſehr von jeder andern menſchlichen Idee ge⸗ trennt, als ob ihre ſterbliche Exiſtenz geendet hätte, ehe die der Eliſabeth begonnen hatte. A anunn eeeßsͤ Oftr 12231 1 mfn Die Verlobten. „Die Strafgeſetze, welche gegen die iriſchen Katholiken, diſgts. Noth ker Zeiten, und die Unruhe und Furchtſamkeit einer Regierung er⸗ laſſen wurden, die zu ſowich war, um auf einmal ein freiſinniges politi ches Syſtem an⸗ zunehmen, wurden bis gegen die Mitte des lezten Jahrhunderts fortwaͤhr ud hart gefuͤhlt. Die Wirkung einiger dieſer geſeblichen Beſchrän. 4 kungen und Strafen auf eine Nation, deren Hauptmaſſe ſich zu der katholiſchen Religion bekannte, iſt unſerem Zwecke fremd. Es genuͤgt uns, daß einige dieſer unduldſamen Verfuͤgun⸗ 270 gen den Abtruͤnnigen von dem alten Glauben Verſuchungen zur Habſucht und Niedertraͤchtig⸗ keit darboten, Die, in wenigen einzelnen Faͤllen, zu maͤchlig ſelbſt fur die Tugend eines Volks waren, das ſich durch ein wildes und loyales Gzefuͤhl von Treue— von Ehre in der Unehre von Pflichtliebe in der Verraͤtherei— aus⸗ Zeichnetk. il en ii az Atn„zitris ne Von dieſen verfuͤhreriſchen Lockungen zur Unehre war die, welche das Erbe der Katholiken jedem maͤnnlichen Mitgliede der Familie, das die alte Religion abſchwor und den neien Glau⸗ ben annahm, zuerkannte, vielleicht die unkluͤgſte und ſchaͤdlichſte. Irland bot wenige Beiſpiele von dieſer doppelten Verraͤtherei gegen Gebluͤt und Familienehre dar, zu der dieſes heilloſe Geſetz aufmunterte; und ſolche einzelne Beiſpiele herzloſer Niedertraͤchtigkeit wurden mit einem ihrer Schaͤndlichkeit und ſeltenen Erſcheinung entſprechenden Abſcheu betrachtet. Viele Jahre vor dem Dalum des Anfangs dieſer Erzaͤhlung kam ein Fall dieſer Art, im Suͤdweſten von Irland, in einer Familie vor, die nicht nur von hoher Abkunft war, ſondern auch ſehr ausgedehnte Laͤndereien beſaß. Fünf Jahrhunderte hindurch hatten Chronik⸗ und eſchichiſchreiber ihr Wachsthum gepritlen; waͤhrend die Barden der Provinz und des Haus⸗ Hans jhren Ueſprung auf zene mäleſtſhe Mich. ſtraße zuruckgefuhrt hatten, von der ſo viele er⸗ lauchte iriſche Familien ihre Abkunft herleiten. In fruͤhern Zeiten entſprach der Reichthum der 5271 Familie O' Connors des Weſten“ ihrer Wich⸗ tigkeit und anerkannten Wuͤrde; allein wieder⸗ dholte Aofſtände, Verwirkungen, Geldbußen und geſebliche und willkuͤhrliche Pluͤnderungen, nebſt Jener Verſchwendung, welche dem mileſiſchen Bluten eigen zu ſeyn ſcheint, hatten ihre Ein⸗ kuͤnfte mehr geſchmaͤlert, als der Wechſel der Zeiten ihren oͤrtlichen Einſluß verringert hatte. Der lezte Stellvertreter dieſes Hauſes hatte ſeine kriegeriſchen Dienſte der Kaiſerin Maria Thereſia gewidmet. Allein in ſeinem fuͤnfzig⸗ ten Jahre fuͤhlte ſich dieſer Eoeunann durch ſſeine abnehmende Geſundheit, oder wahrſchein⸗ llich ſeine Kälte, die ſo leſcht Fremde befaͤllt, die in den Salons der Faͤrſten allein, und bloß auf das Verdienſt vergangenen Dienſte geſtuͤzt daſtehen, bewogen, ſeine Entlaſſung zu fordern; und Graf O’ Connor kehrte nach Frland mit einem nackten Titel und wenigen militariſchen Orden zurück, die er mit einem gewiſſen Grade von Verachtung, noch an ländtichen Galla. tägen, zur aLhre ſeiner erlauchten Beſchuͤtzerin und ſeiner glanzenden, militäriſchen Laufbahn, trug. VWaͤhrend O. Connor ſich im Auslande auf⸗ hHielt, Karb ſein Bgier; und ſeine einzige Schwe⸗ ſter hafte Herrn Fitzmaurice, einen nahen Ver⸗ wandten, den naͤchſten Erben des Familienguts, geheirathet. Beide ſchworen bei ihrer Heirath von katholiſchen Glauben ab, und erhielten ſo, durch eine geſetzliche linger chtigteit, den grotz. ten Theil des noch üͤbrigen Fanilieneigentht 1 Ashſtug 1 ninss 272 Nie ſah O’ Connor ſeine Schweſter wieder, und nie brachte er den Namen des Mannes gauf ſeine Lippe, der ihn durch eine Handlung der ſchwaͤrzeſten und niedertrauͤchtigſten Treulo⸗ ſigkeit arm gemacht hatte. Auch wurde Irland nach dieſer auffallenden Verraͤtherei ein uner⸗ freulicher Aufenthaltsort fuͤr Fitzmaurice und ſeine Frau; ſie ließen ſich daher in England nieder.„in Kurz nach ſeiner Ruͤckkehr heirathete O' Con⸗ nor des Weſten eine proteſtantiſche Dame aus der Provinz, und wurde der Vater von ſieben Soͤhnen, und nach einem Zwiſchenraume von einigen Jahren von einer Tochter, deren Geburt die Mutter nicht uͤberlebte. Dieſe Vergroͤßerung ſeiner Familie hatte O’ Connor in eine große pekuntaͤre Verlegen⸗ heit geſtuͤrzt, als ein alter Edelmann von be⸗ deutendem Vermoͤgen und gleichem Namen, der mit der Familie O' Connors des Weſten weit⸗ laͤuftig verwandt war, ſtarb, und den Grafen zu ſeinem einzigen Erben unter der ſonderba⸗ ren Bedingung einſezte, daß ihm die ererbten Laͤndereien nur ſo lange angehoͤren ſollten, als die Familienfeſte, genannt Brian's Thurm, un⸗ verſehrt erhalten werden wuͤrde. Der Wunſch des alten Herrn wurde befolgt, und die Familie, die ſich wieder im Beſitze eines anſehnlichen Reichthums ſah, lebte das iriſche Leben in aller ſeiner Heiterkeit und Freiheit, und theilte ihre Zeit zwiſchen die Truͤmmer ihres urſpruͤnglichen Vermoͤgens in Connaught, und ihre neuerwor⸗ benen Beſitzungen in Muͤnſter. 2⁵⁵ ünter demſelben Dache mit dieſer einſamen das Weib, ſeines verraͤtheriſchen Verwandten ſchöuen Aeußern, ſeinen Sitten und guter Er⸗ 4 27½ ziehung, ein bedeutendes Vermögen beſaß. In⸗ dem dieſe Dame eine Verbindung zwiſchen ih⸗ rem einzigen Sohne und ihrer unausgeſtatteten Nichte zu Stande zu bringen ſuchte, handelte ſie wahrſcheinlich aus keinen ſchlechten Beweg⸗ gruͤnden; ja, ſie ſuchte vielleicht ihre geheimen Gewiſſensbiſſe zu mildern;— denn ſie ſtand mehr als in dem Verdachte, ihren Gatten zu dem Verrathe gegen ihren Bruder aufgefordert zu haben. Der Vorſchlag zu einer Verbindung mit den verraͤtheriſchen Fitzmaurice's wurde von dem Grafen O' Connor und ſeinen Soͤhnen mit ungemeſſenem Hohne und offener Schmach auf⸗ genommen. Die ſanfte Aileen ſelbſt druͤckte eine ungemilderte Verachtung gegen die vorge⸗ ſchlagene Verbindung aus. Der auf dieſe Art unverhohlen ausgeſprochene Hohn regte jede boͤſe Leidenſchaft in dem trotzigen und rachſuͤchtigen Gemuͤthe eines ſtolzen Weibes auf, das Verach⸗ zung da traf, wo es ſich zur Dankbarkeit be⸗ rechtigt glaubte; und beſiegelte das Schickſal des ungluͤcklichen Maͤdchens. Wahrſcheinlich wuͤrde der junge Fitzmaurice allen Hoffnungen entſagt haben, die Hand der liebenswuͤrdigen Baße zu erhalten, um die er mit einer Demuth, die ſeinen ſtolzen Geiſt kraͤnkte, geworben hatte, „haͤtten nicht die teufelhaften Eingebungen ſeiner kuͤhnen Mutter ſeinen Sinn anders geſtimmt — ſeiner Mutter, die ſchwur, daß, wenn ihr Sohn keine Braut crhalten koͤnne, ihre Rache ein Schlachtopfer ſinden muͤſſertr. Mutter und Sohn verließen O' Connors ‿ tritte in ihr Zimmer in Nachdenken verl oren, als 276 Zeit hatte ihre Pflichten.„Monica,“ ſagte ſie zu mir,„wir halten, die 8 6 Dragt an den bae zu eauenen in hee adie mer; und in unſchuldiger, jungfraͤulicher Froͤh⸗ lichkeit ging die Stunde voruͤber; ſi ie theilte un⸗ ter ſie kleine Andenken, braͤutliche Geſchenke und dergleichen aus, und ſie bewunderten ihre Geſchenke, und unterſuchten, wie ſie ihren ſchoͤ⸗ nen Armen und Nacken ſtanden. Das gluͤck⸗ liche Maͤdchen ſaß auf einem Haufen ſammtner Kiſſen, wie eine junge, Koͤnigin in der Mitte ihres Hofes,— mein kteines Maͤdchen, die Toch⸗ ter meiner Tochter, kniete, und kämmie die lan⸗ gen ſeidenen Flechten aus, die, uͤber des Kin⸗ des Arm haͤ gend, den Fußboden beruͤhrten, und auf die ſie ſo folz war, die junge Seele: ja, ſie ſagten, Aileen ſey eitel; allein wer be⸗ trachtete je ihre unvergleichliche Liebenswuͤrdig⸗ keit, ohne weit ſtolzer auf ihre Schoͤnheit zu ſeyn, als ſie es je war?⸗ Die alte Frau fuhr fort, dieſe Scene, und die wilde Gluͤckſeligkeit eines verſchämten, eitein und entzuͤckten Mäͤdchens, das gewiſſermaßen vor ſeinem eigenen Gluͤcke zurückweicht, weiter auszumalen. „Lange lachten und ſchwazten die M döchen — mein kleines Maͤdchen hogt jene ſchoͤnen 6277 Flechten, aus bloßem Vergnuͤgen an dieſem C Ge⸗ ſchaͤfte— und Alleen, die ſelbſt nux ein Kind war, hatte dieſes kleine, liehkofende Ding lieber um ſich, ae die 3 ege engliſche Kammerfrau, die ihre Tante geſ ſchickt— und ach! zum Ungluͤcke geſchickt hatte!— alltin ich ermuͤde euch mit alten Geſchichten, Eliſaheth? 7, ⸗Ach, nein, nand Fahret fort— erzaͤblet mir alles. 16R ei ee 3 alt S Conngr ng ſtets bäͤlder z8 Bett, a Is dis öhne; und als er an unſexer Sher 6 der 1 klopfte er an, und wurde da eingelaſſen, wo man Uüͤngere, Männer nicht empfangen haben wuͤrde. Er verheugte ſich wie ein Fuͤrſt, der er war, gegen alle die anwe⸗ ſenden Maͤdchen; allein ſein Auge ruhte aus⸗ ſchließlich auf ſeiner eigenen Aileen. Er verbeugte ſich wie ein Färſt— ſprach aber wie ein iriſcher Edelmann— frohlich 1 freimäͤthig.„. Bleibt froͤhlich, M dchen 3 In 3 O Connor ſaß nieder, wo ſeine Ai een ihn P a8 nehmen bat; und ſie, das arme Geſchoͤp las ing ſich an ihn, und die Maͤdchen wichen. Schritte von dem Va⸗ ter und ſeinem Kinde zuruͤck. Ihr koͤnnt erra⸗ then, was damals in dem Herzen des alten Jaters, wie in dem des Mäͤdchens, vorging. Der armen Aileen war es zu Muthe, als ob ſie zwei Herzen haͤtte— das eine fuͤr ihren Braͤutigam, nud das andere fuͤr den alten O'Con. nor. Eliſabeth, ihr gleicht eurer Mutter nicht. Sie war ein Geſchd 4 ae aofen zur Liebe und Gluͤckſeligkeit n r Pruͤfung; allein es geſiel. Gott, ihr anans. genug zu ſchigen⸗ 276 um ſie fuͤr eine beſſere Gläckſeligkeit eſf. lich zu maͤchen. Aber O Conndr— den ſie war das Licht ſeiner Augen— wat nicht in iyr Zimmler gekommen, um ihre Freude zil ma⸗ figen; der ſcharfe Stachel ihres eigenen fühlen⸗ den Herzens war es, der ſie antrieb, ſich vor ihm auf die Kniee zu werſen, den tilinen Kopf in die breite Hand zu begraben undazu ſchluch⸗ zen:„Mein Vater!— mein Vater!— piebe und Verzeihung für Ihre eigene Nleen!. drun zuweilen hattr das ſchnelle Teiperamein des verwöhnten Mädchens den alten On Con⸗ nor betrubt; und ſie wußte, daß ſie ihn zuwri⸗ len hatte fühlen laſſen, wie bitter es ſey, denen zu zuͤrnen, die unſerem Herzen am theuer⸗ ien ſind: nl⸗ 32 K1 d 65.. 14613 Allles war zezt vergeſſen. Oe Connor kußte ihte Stirne Kanat eeſe ſichi Baſd darauf wurde Aileen liſtiger, als zuvor. Sie ſagten⸗ Ailten ſey wild und keichtſinnig? Ach! ſie war ein bloßes Kind— ein Kind ünd ätich ein Weib — allein ich taͤndle mit meiner eſählunge die kiſte, die ſprach,„der Benſgee O' Epaſtts des Weſtem der euch allen den mn de 2 279 nzn. nc 633 at einen liebeiswüͤr⸗ 1237 „Eliſabeth, ich ſchauderte, als ſie dieſe kuͤhne, wilde Rede ſagte. Allein ihr Geiſt war von einer Ahnung ihres bevorſtehenden Schickſals erfuͤllt. Wie oft erinnerten mich dieſe Maͤdchen nachher an die kuͤhnen Worte.— Ach! ich be⸗ durfte einer ſolchen Anmahnung nicht.* „Kaum hatten wir uns etholt, als ein ande⸗ rer wilder lauter Schrei gehoͤrt wurde— und wir ſahen Blutstropfen, wie die Flecken auf dem Ei eines Seevogels, auf Aileens weißem Kleide, und niemand war neben ihr, außer wir felbſt und die engliſche Kammerfrau.“ 1n Dieß iſt die Eule, die von Brian's Thurm heult, ſagte Aileen, die eder zuerſt ſprach, obſchon ſie ſonſt feig warz allein in allem das Maß uberſchreitend, ſtieg ihr leichtes Herz ſo raſch wieder, als es ſank.. 8 9 Connors Tochter liebte die alten Ge⸗ wohnheiten ihres Geburtslandes. Sie war unter 280 und miſchte zartliche Thranen in den Becher. Der Auftritt, Eliſabeth, hatte das Ausſehen irgend einer heiligen Feierlichkeit! Es wurde ihr ein langes, langes Leben und eine ſuͤße, ſuͤße Gluͤckſeligkeit gewuͤnſcht;—„allein es ge⸗ fiel Gott nicht.,“ Das alte Weib hielt bei dieſen emphatiſchen Worten inne, und bereitete ſich zum Schluſſe ihrer Erzäͤhlung vor. 6112. 119 1911. Ailcen wuͤnſchte jedem von den Maͤdchen eine gluͤckliche gute Nacht. Ihre Froͤhlichkeit ſchwand wieder; ſie hielt mich allein noch zuruͤck und fluͤſterte:„Monica, wenn ich eine Mutter haͤtte, koͤnnte ich dieſe Nacht weinen— weinen an ihrem Buſen.“ Sie ließ, als ich ſie ausklei⸗ den half, wenige Thraͤnen auf den meinigen niederfließen, allein mehr aus jungfraͤulicher Zartlichkeit, als aus irgend einem Vorgefuͤhle kommenden Wehs. Wir trennten uns jezt, und ich hoͤrte ſie den Nachtriegek des Zimmers vor⸗ ſchieben, aus welchem ſie nie wieder zu uns kam!“ 1.1a 33.„2B A bi „Verflucht ſey ſein Haß doppelt verflucht die Liebe, die er zu der ungluͤcklichen Aileen hatte!— Eliſabeth, dieſer Fitzmaurice warkuer Vater!— Sie war eure Mutter, die ich in dem ganzen Stolze ihrer Schönheit— in der ganzen Roſenglut ihrer Hoffnung— alb das gluͤcklichſte Geſchopf unter Gottes Himmel⸗ in jener Nacht verließͤ„y„)„)“ „Nach Verfluß von Wochen und Monaten fand ich ſie wieder! Ohe Eliſabeth, wundert euch „Jaa2 0 r63urn 1442 7. na 6lid 220 dif has 922 4 au ſt ware, mir kam, ausrief: N 282 „Ja, Monica, ſie iſt das Weib⸗— das elende Maͤdchen— das Weib des hoͤlliſchen Boͤſe⸗ wichts! Ja, ſein verheirathetes Weib, Vermoͤge ihrer eigenen ſchimpflichen Einwilligung! Er ſtampfte in ſeiner Wuth auf den Boden. Ja, Monica— ſonſt hatten die engliſchen Geſetze, ſo ungerecht und partheiiſch ſie auch ſind, ihn in die Hoͤlle hinabgeſchickt, die ihren Rachen nach ihm ausſperrt! Mir, dem Beſchuͤtzer des Na⸗ mens O' Connor, geziemt es jezt, ihr das Recht widerfahren zu laſſen, vor velchem ihre nioder⸗ traͤchtige Seele zunckbebt. Sie kunn, ſaͤgt ſis, dem Vater ibres ungebornen Kinds nicht vor⸗ nichten. Als ſein Weib ſoll ſihe nicht 1. 11, 843 leben!“n n 5 n5 „Eliſabeth, dieß waren fuͤrchtbare Worte— noch furchtbarer aber war der tiefe Eid, der ſie bekraͤftigte: und ich wußte, daß Roderich die rothe ungetaufte Hand hatte, die mie vor dem Vorſatze ſeines ſtarken Herzens zuruͤckbebte. Dit Oi Connors des Weſten warkn ſirts ein kuͤhnes Geſchlecht. Ihr Name, ihr Muth und ihre erlittenen Beeintraͤchtigungen hatten ihnen viele Anhaͤnger unter den niedern Staͤnden erwor⸗ ben; und durch gewaltſame Maßregeln haften Roberich und(Arthur, der Freund des Lord von Bruce, unterſtuͤtt von einer Bande Loſetz⸗ loſer Leute, ihre ungluͤckliche Schweſter gefan⸗ gen genommen. Ich war, ach, zu glucklich, ſs an den Ort, wohin ſie gebracht wurde, begle 34 ten zu duͤrfen. Wir ſchifften uns in Sligo ein, und ſegelten um jene wilde nordwe ſtliche Kiſto 2⁵³ von Schotrland. Eliſabeth, ſie betrugen ſich grauſam, faſt unmaͤnnlich gegen ſie. Sie, die 8 kurz zuvor noch der Stolz ihrer Herzen ge⸗ weſen war, war ihnen verhaßt geworden. Der brennende Durſt nach Nache hatte in ihren Herzen die ſuße Quelle verwandten Bluis, die bis jezt ſo reichlich empor gequillt war, ver⸗ trocknet. Wie ſie alles das uͤberlebte, weiß Gott, der ſie in feiner Weisheit betruͤbte, allein! Waͤhrend dieſer langen ſtuͤrmiſchen Reiſe oͤffnete ſie ihre Lippen nie, und ſchloß ſogar ihre Au⸗ gen kaum auf.“ 185 46 8 2 t i5 19 „ Ich verſtehe nicht, Eliſabeth, wie man kuͤrchten konnte, die Geſetze gegen unſere Neli⸗ gion wuͤrden den O' Connors ihre Laͤndereien bei der Geburt des Kindes ihrer Schweſter Aileen genommen haben,—aber ſo ſagte man. Doch glaube ich nicht, daß ſie euch, einem un⸗ ſchuldigen Geſchoͤpfe, ein Leid zugefuͤgt haben wuͤrden; denn ſie waren Maͤnner— ſo ſtolze und wilde Maͤnner ſie auch waren;— doch zu welchem geſetzlichen Zwecke hatten ſie uns heimlich in die verlaſſene Wohnung der Brure's gebracht? zu welchem Zwecke mit der Wehe⸗ mutter unterhandelt, um ſie auf immer von eu⸗ rer Gegenwart zu befreien IeLGSI 346 „Es gefiel Gott, das Verbrechen, auf das ſie ſannen, zu verhindern, mochte es nun ihre un⸗ gluͤckliche Schweſter, oder das Blut des unſchul⸗ digen Kindes betreffen, das in tiefein Weh und in mitternaͤchtlicher Einſamkeit zur Welt kam. Ich hatte oft gefuͤrchtet, die Stunde eurer Ge⸗ 264 burt moͤchte die Todesſtunde eurer ungluͤcklichen Mutter werden: allein es war nicht ſo; und die Natur regte ſich wieder in ihren tiefſten und ſuͤßeſten Quellen in dem Buſen der armen Ai⸗ leen. Als ich eure junge Mutter bat, euch an⸗ zublicken und ihr lebendes Kind zu kuͤſſen— wandte ſie ſich muͤrriſch von mir weg und verbarg ihr Geſicht auf dem Kiſſen; aber ich glaube, ſie weinte damals weinte und betete! Ich legte euch neben ſie hin. Aileen konnte nie rauh ſeyn, wenn ſie auch noch ſo muͤrriſch war; allein ſie fuhr zuruͤck, als ob eine Schlange nach ihr hingekrochen waͤre, und bald ſank ſie aus bloßer Erſchoͤpfung in einen tiefen Schlum⸗ mer. Ja, ſie ſchlief den Schlaf eines gequal⸗ ten Schlachtopfers! Welch eine Nachtwache war dieß, Elifabeth! Und wie bat ich zu Gott und ſeinen Heiligen und der Fungfrau Maria, mich zu leiten und uns alle zu retten— vor allem aber die Soͤhne meines Herrn von der Blut⸗ ſchuld, auf welche ſie ſannen, rein zu erhalten!⸗ „he die arme Aileen erwachte, hatten eure kleinen Haͤnde auf ihrem Buſen geruht. Mit einem ploͤtzlichen Schauder erwachte ſie zum Bewußiſeyn, und dann behauptete die Natur die Herrſchaft in einem Herzen, das ganz weib⸗ lich war— ia, ganz weiblich, ſowohl in ihren wankenden Tugenden, als in ihren thoͤrichten Irrthuͤmern. Mit leidenſchaftlichem Schluchzen und einer heißen Thraͤnenfluth druͤckte ſie euch an ihr Herz.. „Sie wollen uns ermorden, Monica!“ rief 285 ſie aus.„Der ſo wilde No dni deſſen z3s rthur, der ei ſo grauſam ſelbſt in Guͤte iſt! O, ſagt mir, wie ich des Kindes Leben mit dem mei⸗ Eliſabeth wurde ſo ſtark aufgeregt, daß Mo⸗ nica ihre Geſchichte unterbractwhh. 1 15 1 Vierzehntes Kapitel.. — „VBerlaßt uns nicht! waren faſt die erſten Worte, die ich Aileen ſagen hoͤrte,“ ſagte Mon 286 ehen. 8 1 3 Aileen hatte ihr Zimmer mie, und ihr Bett ſehr ſelten, in allen den kummervollen Tagen, die wir in Cambuskenneth Lodge zugebracht hat⸗ ten, verlaſſen, ſo daß unſerem Vorſatze, eure Geburt zu verhehlen, kein Hinderniß im Wege ſtand. Faſt den ganzen Tagnuͤher ſchliefet ihr in einem fernen Zimmer, das mit unſern Ge⸗ maͤchern durch eine geheime Treppe in Verhin⸗ aͤc. lieheun ſcung. t badete ſis 8 J.. ann 3 1170911 227G 1150 628 820 nl 6 7714 337 von Thraͤnen, und Aileen, ſagte ich⸗ eines Abends zu ihr, unſere Landsleute glauben, es ſey nicht gut, wenn menſchliche Thraͤ⸗ nen. auf das Geſicht eines Kindes fallen, ehe die geſegneten und reinigenden Waſſer der Taufe es gewaſchen haben. Sie ließ nie wieder eine Thräne auf euer Geſicht fallen; uͤber das ihrige aber rollten noch Stroͤme,— doch war ihr Geiſt erxleuchtet. Allein Tage verfloſſen— ich kerhlelt keine Naͤchrichter üͤber den Lord von Bruce— und wuͤrde noch weit aͤngſtlicher, gls ſnſ ſeen; denn obſ on. ihr, Vertrauen auf ſe ne Liebe ſchwankte, ſon⸗ ſchwand es doch nie, und ihr Herz wurde mehr und mehr von ihren neuen Gefuͤhlen erf ällt. Inzwiſchen ſehnten ſich die Bruͤder immier heftiger nach dem Ende ihrer Welch ein Toie wach eine Pflicht und fuͤr Maͤnner, wie ſie!— anhagen e täglich ee 3 mexthäre ſhe ih⸗ — 7 rer Schweſter, zneiner eeſige itzten Stunde kamen, und eefäbien, daß ſie noch, lbte, leg⸗ ten ſie kein aͤußeres Zeichen von Ungeduld, was ſie innerlich auch fuͤhlen mochten, an den Dg. In der zwoͤlf ten Nacht nach eurer Geburt war Aileen 6 Mitternacht aufgeſtanden„ und wir aen ernd 1en e he niſexe 9 aes⸗ 55 auf ei uch 1 J5 ör. 1 Wea und ebenteügtdi eg waͤre auich de Teufek euer Vater geweſen; allein ich ſchwe⸗ ü in meiner Rede aus. 4 „ch wil ſie Eli ſabeth n ennen, wie, die Mut Er deß Lord boß Bruee, ſüüſterfe Nilesn.„Sie 23⁸ ſoll den Naͤmen der Mütter Roderichs und Ar⸗ thurs nicht fͤhren— obſchon dieſe theure Mut⸗ ter auch die meinige war; meine kleine Eliſa⸗ beth von Bruce!“ ſie küͤßte euch mit ihrem zaͤrt⸗ lichen Lacheln; und dann fluſterte ſie in ganz leiſem Tone,„Monica, gleicht ſie ihm? Ich habe euch oft in euern alten Geſchichten ſagen gehoͤrt, daß die theuern Vilder, die der Einbil⸗ d ugskraft einer Mutter vorſchweben, ihrem Kinde eine theure Aehnlichkeit perleihen.“ „Ich wagte es nicht, ihrem verliebten Wahffe ii füomeichen, Eiſfith z uhd doß konnte ic ihr Herz nicht brechen. Ich ſchwieg, und das arme Madchen erröthete aus ſtelzem Mißver⸗ gnuͤgen, und rief:„eure Angdn werden alt, Monica!“ und ſchnell warf ſie ihren Mantel aber euch, als ob ich nicht wuͤrdig eweſen waͤre, die theure Aehnlichkeit, die, wie ſie waͤhnte, vorhanden war, zu erblicken. Endlich ſagte ich:„Ach, Ailern! wie ſollte ich das Ebenbild des Lord von Brute in dem Kinde des Weibes Fitzmaurices entdecken??“ 1 Sie ſchrie in leidenſchaftlicher Wuth laut auf, und hielt ihre kleinen geballten Hande empor, als ob ſie mich zu Boden haͤtte ſchlagen können. „Ich gab den Seafun n Sihaſäneshändet eben, als er zu meinen Jußen krach, und a das Mitleid des Geſchoͤpfes bat, das er zu Grunde gerichtet hatte,“ rief ſie, und fuͤgte in einem fanfteren Tone bei:„„ch bin, ach Moßlea! mehr ein Weid, als eine O⸗Connor— geſchgffen um zu lieben, und zu bemleiden— nicht aber 2³9 um die, welche mir Unrecht thun, zu haſſen; — allein ich habe nicht vergeſſen, daß ich die Braut des Lord von Bruce warz und verflucht ſeh die Zunge, die mich das Weib des Fitzmau⸗ rice nennt,— obſchon es wahr iſt, daß ich dieſes hoͤchſt ungluͤckliche Ding bin!““ und ſie brach in Thraͤnen aus. „Sie noch mehr zu reizen, ſo eigenſinnig und unbillig ſie vielleicht auch war, waͤre Tollheit geweſen;— und ich bekuͤmmerte mich in der That damals um wenig mehr, als um ihr Le⸗ ben— und um das eure, Eliſabeth, die ihr mir jeden Tag theurer wurdet. Als die Hoffnung ſich in Verzweiſlung verwandelte, hoͤrte ich end⸗ lich von dem Lord von Bruce, der viel gelit⸗ ten und gewagt hatte, um zu der armen Aileen zu kommen. Die Nacht, in welcher die lezte Zuſammenkunft ſtatt finden ſollte, nach der ſich Aileen ſo ſehr geſehnt hatte, war jene wilde Nacht, von der ihr ſo viel ſprechen gehoͤrt habt — der ſtuͤrmiſche Mittwoch. Das Wetter er. laubte den Bruͤdern ihren gewoͤhnlichen naͤcht⸗ lichen Streifzug nicht, der die ganze koͤrperliche Bewegung war, die ſie ſich machten; und nach Mitternacht— Gott verzeihe es mir, wenn es Suͤnde war— ſchickte ich die Soͤhne meines Herrn mit dem Auftrage ab, den ſie ſchon ſo lange erwartet hatten, damit ich den Lord von Bruce in die Gegenwart ihrer Schweſter zulaſ⸗ ſen koͤnnte.““ „„Jezt, da die Bruͤder fort waren, ſtand Eli⸗ ſabeth auf, und kleidete ſich das erſtemal ſeit Eiiſ. v. Bruee. II. 13 290 langer Zeit an. Sie ſaß und lag dann abwechs⸗ lungsweiſe auf ihrem Bette, und lauſchte in der tiefſten Gemuͤthsbewegung, um die Fußtritte des Lord von Bruce zu vernehmen. Schoͤn ſah ſie in dieſem Augenblick aus, ſo bleich und ab⸗ gehaͤrmt ſie auch war; allein bald umwoͤlkte eine peinliche Unruhe ihre Augen, und ſammelte ſich auf ihrer Stirne; und lange, ehe ſie ſprach, konnte ich errathen, womit ſich ihre Gedanken in dieſem Augenblicke beſchaͤftigten.“ „O, Monica!“ rief ſie endlich aus,„er kommt nicht!— und ich ſchaudere vor ſeinem Anblicke zuruͤck!— Ich wuͤnſchte, ich haͤtte ihn nicht hieher gerufen!— und er kommt nicht! O, Monica! wenn auch er— wenn Bruce mich verachten ſollte— mich— mich— die Verlorne— die Elende! Wenn er, wie Rode⸗ rich, mich ſterben heißen ſollte; oder kalte Au⸗ gen, wie Arthur, von mir wegwenden wuͤrde! — Laßt uns ſterben— laßt uns mit einander ſterben!“ und ſie druͤckte euch an ihren Buſen, als ob ſie euch da vergraben wollte.“ „In dieſem Augenblicke hoͤrte ſie das Zeichen des Lord von Bruce, und ſprang mit neuen und wahnſinnigen Gefuͤhlen auf euch zu und rief:„Nehmet es hinweg nehmet es hinweg, und laßt es nicht ſchreien! Bruce ſoll ſein Ge⸗ wimmer nicht hoͤren. O, ſchnell hinweg!“ Ich zitterte fuͤr ihren Verſtand und gehorchte ihr.“ Die alte Amme erzaͤhlte nun, daß das un⸗ gluͤcklliche Maͤdchen an ihren fruͤhern Liebhaber, in Peueff: der Geburt ihres Kindes, der Wuth 291 ihrer Bruͤder und aller ihrer Brſorgniſſe, ge⸗ ſchrieben hatte. An ſein Herz konnte ihre Auf⸗ forderung nicht vergebens ergehen, ſo peinlich und empoͤrend auch der Inhalt derfelben war. Allein, welcher Art auch die ſtreitenden Gefuͤhle der beiden vormaligen Verlobten geweſen ſeyn mochten, was ſie auch bei dieſer traurigen und lezten Juſammentunft anzuordnen entſt chloſſen ge⸗ weſen waren, alles wurde fuͤr den Augenblick von jener uͤberwältigenden Fluth leidenſchaftli⸗ chen Gefuhls verſchlungen, die ſie nach dem er⸗ ſten bezaubernden Blicke, antrieb, einander in die Arme zu ſtuͤrzen, als ob wieder eine Ewig⸗ keit von Liebe und Gluͤckſeligkeit fuͤr ſie begonnen haͤtte.— Ailern lag wieder in den Armen ih⸗ res Liebhabers in wilderen Enzuͤckungen, als in dem hoffnungsvollſten Zeitpunkte ihrer gegen⸗ ſeitigen Liebe. Die Stunde verfloß, ohne daß Aileen, oder der Lord von Bruce irgend ein verſtaͤndiges Wort geſprochen haͤtten. Der ploͤtz⸗ liche Strahl ihrer Freude war bald erloſchen; und Aileen lag weinend und zitternd in Bru⸗ ceis Armen; doch fuͤhlte ſie wahrſcheinlich, daß Thraͤnen, an dieſem Buſen vergoſſen, ſüßer wa⸗ ren, als die glaͤnzendſten Freuden eines fern von diefem geliebten Heiligthume zugebrachten Lebens.“ i i em 4 4 4 „Ich erwartete jezt,“ ſagte Monica,„jeden Au⸗ genblick die Ankunft der Bruͤder, deren Auftrag und Daſeyn von ihrer ungluͤcklichen Schweſter vergeſfen woͤrden zu ſeyn ſchien. Als man⸗ ſie kommen hoͤrte, weigerte ſich Bruce, ſorglos sCeh eeen S 153 8 113 2 29² und verhaͤrtet in ſeiner Bergheiſtung. von der Seite ſeiner ehemaligen Braut zu weichen, und in dieſem Zimmer trafen ſie alle zuſammen. Welch', ein Zuſammentreffen! Trotz der ſtarken Paeaſchhene— die brhen der Srein, 1 er dan war, von dem Elende des jungen Man.⸗ nes geruͤhrt, und milder gegen die zerknickte Blume geſtimmt, die er fruͤher ſo hoch geſchäzt hatte. Auch er kuͤßte ihr Hand; ſagte Mo⸗ nica;“ und das axme G. eſchdef llickte⸗ ihn, das erſtemal in allen dieſen traurigen Monaten, mit einem ſo dankbaren Blicke an, daß es ſchien, ſie allein habe beleidigt, und nun Verzeihung erhalten. Auf die Erweichung des aͤltern O'Con⸗ nor gegen ſeine Schweſter folgte eine Fluth von Verwuͤnſchungen gegen ihren Verderber, worauf er hinwegeilte. Arthur ſprach zuerſt mit ſeinem fruͤhern Freunde⸗ und ſagte:„Mylord, erhe⸗ ben Sie ſich; dieß iſt kein geeigneter Ort fuͤr Sie. O, Eliſabeth! ich werde nie die weh⸗ müuͤthige Stimme vergeſſen, mit der Brucs, ohne aufzublicken, ſagte:„Arthur, mein Freund, Arthur— in einer andern Gemuͤthsſtimmung und mit andern Hoffnungen ging ich mit Ihnen nach Irland. Geben Sie ſie mir jezt noch— ſie iſt ꝛmir theurer, als das Leben!“ Dieſe ungeheihge Verbindung kann aufgelöst; werden. O geben ——ᷣ——;ʒÿ—— 298 Sie ſie mir jezt noch Sie iſt mir theurer als das Leben 1 ide jezt erſt ſchlug er und fluͤſterte:—„Aileen, meine eigene, geliebteſte Aileen werden wir nicht noch gluͤcklich ſeyn und die arme Aileen fand in der Staͤrke ihres Stolzes und ihrer Freu⸗ de uͤber ſeine tiefe und graͤnzenloſe Liebe, den Muth, die zaͤrtlichſten Segnun gen und die kum⸗ mervollſten Abſchiedsworte,, die je geſprochen wurden, auszuſprechen.“ i „Der ungluͤckliche Edelmann uͤbernahm, wie erzaͤhlt worden iſt, die Aufſicht uͤber das ihm ſo ſonderbarerweiſe anvertraute Kind; und die Bruͤder ließen ſich bloß dadure beruhigen, daß die junge Mutter ſich auf das feierlichſte ver⸗ gflichteie, ein Geſchopf, deſſen Geburt in jeder Hinſicht fuͤr ihren Stolz kraͤnkend und fuͤr ihre Intereſſen beunruhigend war, nie zu ſehen, und nie Anſpruch auf daſſelbe, als auf ihr Kind, zu machen. Sle fuͤhrten ihre ungluͤckliche Schwe⸗ ſter nach Irland zurück; waͤhrend die alte Mo⸗ nica; unter Hutchens Aufſicht„ ſich nach einem fernen Orte zuruckzog, um uͤber die junge Eli⸗ ſabeth von Bruce zu wachen. In jenem Zeit⸗ punkte hatte kein großer Verkehr zwiſchen dem iriſchen und ſchottiſchen Adel ſtatt. Die Witt⸗ we Lady Tamtallan, pflichtmaͤßig von der beab⸗ ſichtigten Heurath ihres Neffen in Kenntniß ge⸗ ſeat, und uber alle Maßen uͤber die Vereit! ung ihrer eigenen Abſichten entruͤſtet, zweifelte nie, daß ſeine Heirath erfolgt war. Auf einem ſehr unſichern Wege erfuhr ſie daß die Familien⸗ krankheit der Bruce's kurz nach dieſem ihren ſeine Augen auf, 294½ Neffen befallen, und er ſich ins Ausland bege⸗ ben hatte; ſie hielt es daher fuͤr wahrſcheinlich, daß ſeine Frau zu iyrer eigenen Familie zuruͤck⸗ gekehrt war. Sie wußte, daß ſein einziges Kind in Ernescraig lebte, allein es war ein Maͤdchen. Seine Laͤndereien waren verpfaͤndet. Der Inhalt eines der Packete, welche die wahnſinnige Jakobina der Grillenfamilie ent⸗ wendet hatte, machte zuerſt ihre Zweifel uͤber die Rechtmaͤßigkeit der Geburt Eliſabeths rege. Hr. Hutchen hatte eine Zeitlang ſeine eigene Theorie uͤber dieſen Gegenſtand. Feierlich ver⸗ ſichert von der Geſetzmaͤßigkeit der Geburt Eli⸗ ſabeths, nahm er an, daß die urſpruͤngliche Heirath ihrer Mutter mit dem Lord von Bruce durch irgend eine Gewalt, oder Bedenklichkeit der katholiſchen Kirche beſeitigt worden warz allein er fand ſo ſehr ſeinen Vortheil dabei, die Angelegenheiten des mondſuͤchtigen Edelmanns, ohne die Einmiſchung ſeiner Frau oder irgend eines Verwandten, zu leiten, daß er uͤber die⸗ ſen Punkt ſchwieg; und nie einen Wink daruͤben fallen ließ, daß die vermeinte Frau von Bruce und das Weib des Lord Montegle eine und die⸗ ſelbe Perſon warttren. Die großen Summen, welche Rothmantel uͤberbrachte, wurden, vielleicht zum Gluͤcke fuͤr ſie, zu ganz andern Zwecken benuͤzt, als die waren, zu denen die zaͤrtliche⸗ Mutter ſie heſtimmt hatte: denn wie durfte Montegle's Weib ſich uͤber die gegen die Tochter des Lord von Bruce bewieſene Nachlaͤſſigkeit beklagen 2 Gleichwohl bewog die Beſorgniß, ihr Beſchuͤtzer moͤchte, 29⁵ trotz der Mittel, die man ergriffen hatte, um ihn entfernt zu halten, unerwarteterweiſe zu⸗ ruͤckkehren, Herrn Hutchen zu einem Scheine von Aufmerkſamkeit auf die Erziehung und Be⸗ quemlichkeit des kleinen Maͤdchens, bis ihn ſeine wachſende individuelle Groͤße und die beſtaͤtigte Muthloſigkeit oder Geiſtesverwirrung des un⸗ gluͤcklichen Edelmanns, der ſich ſelbſt verbannt hatte, endlich auch gegen den Schein gleich⸗ guͤltig gemacht hatte. Obſchon Hutchen die Ge⸗ meinheit, mit der ſein Weib Eliſabeths Gemaͤ⸗ cher aller ſeiner Moͤbeln beraubte, bloß um ei⸗ nige Nebengemaͤcher auf ſeiner Villa damit zu ſchmuͤcken, von Herzen verachtete, ſo war doch die Sache geſchehen, ehe er etwas davon wußte, und ſeiner weitern Aufmerkſamkeit nicht wuͤr⸗ dig. Und wirklich hatte ſich die junge Eliſabeth durch den Widerſtand, den ſie fruͤhzeitig gegen ſeine Wuͤnſche, in Betreff ihrer Beſuche bei Monkshaugh und ihrer Amme, zeigte, und durch ihre kuͤhnen Fragen uͤber den wahren Zu⸗ ſtand und Aufenthaltsort ihres Vaters ſein ho⸗ hes Mißfallen zugezogen. Sie dem Schutze der Wittwe Tamtallan aufzudringen, war ſowohl ein Plan der Klugheit als ver Rache. Wo konnte ein ſtolzer weiblicher Geiſt wirkſamer ein⸗ geſchuͤchtert werden?— und welchen eſern Schutz konnte die aͤngſtliche und abweſende Mut⸗ ter fuͤr ihr Kind wuͤnſcheee:: Die O Connors fuͤhrten, wie geſagt, ihre Schweſter nach Irland zuruͤck; allein ſo ſehr hatte ihre Rauheit und Heftigkeit die Zunei⸗ 296 gung derſelben veraͤndert, daß ſie Bruder und Ge⸗ mahl gleich ſehr mied, und ſich unter den Schutz eines bejahrten Wuͤrdetraͤgers der katholiſchen Kirche ſtellte, der mit beiden Familien nahe verwandt war. Durch ſeine Vermittlung wur⸗ den alle unangenehmen und ſchmerzlichen Ent⸗ deckungen vermieden. Die gegenſeitigen Verfol⸗ gungen, mit denen man gedroht hatte, wurden aufgegeben; und man kam uͤber eine foͤrmliche Trennung uͤberein, die der Lady zu ihrem kunf⸗ tigen Aufenthalte das ſchwarze Schloß und das angraͤnzende Landgut ihres Gemahls anwies. Es wurde aber die ausdruͤckliche Beſtimmung feſtgeſetzt, daß ſie ihre Bruͤder oder irgend ein Mitglied ihrer Familie nur in Folge der aus⸗ druͤcklichen Erlaubniß ihres Gemahls ſehen, und er ſich ihrem Aufenthaltsorte nur auf ihre Ein⸗ ladung naͤhern duͤrfe. Fitzmaurice, von Natur ehrgeizig und unternehmend, wurde ein Mann von großer öoͤffentlicher Wichtigkeit, der ſich Ti⸗ tel und Reichthuͤmer erwarb, und Verzeihung fuͤr alle ſeine Vergehungen erhielt, allein das Unrecht nie verzich, das er erlitten zu haben glaubte. Und wenn Aileen— die fuͤhlende, zaͤrtliche, ergebene, fruͤhe zu Grunde gerichtete Aileen— als ſie zuerſt aus ihrer Verzweiflung und Hoffnungsloſigkeit erwachte, in einer faſt aberglaͤubiſchen Beobachtung der Gebraͤuche des katholiſchen Glaubens Troſt ſuchte, war dieß ein Wunder? Vielleicht haͤtte die ſer Hang zur An⸗ dacht eine verderbliche Hoͤhe erreicht, wenn ihr das Gluͤck nicht den kleinen, ſchwaͤchlichen Wai⸗ ———— ———— 297* ſenknaben zugeſchickt hätte, der ſich das Erbe ihrer eigenen, nicht anerkannten Eliſabeth an⸗ maßen follte. Der junge Delanty ereckte bald eine mütterliche Züͤrtlichkeit in ihrer Bruſt, und vergalt ihre Zuneigung mit meht als der Liebe eines Kindes. Die groͤßeſte Pein, die Moteg⸗ ke's ſtolzer Geiſt je empfand„war die, ſehen zu muͤſſen, wie Aileen an dieſen Knaber ſeinen Erben, der ihrem Blute fremd war, freiwillig jene Zaͤrtlichkeit verſchwendete, die ihm ſelbſt entzogen wurde, und die er foͤgar ſeinem eige⸗ nen Kinde uußgoͤnnt haben wuͤrde; und wie der Knabe, der thn ſcheute, und ſo undankbar gegen ſeine Nachſicht, als gleichguͤltig gegen ſeine Zuneigung war, ihm ſelbſt fremder, feiner Stieftante aber zaͤrtlicher ergeben wurde, je mehr Er heranwuchs. 2 1n K1BI 13* 1 8 Monica Doran die jaͤhrfich durch Femilien⸗ angelegenheiten, odet⸗ um die Einſiedlerin des ſchwarzen Schloſſesa zu beſuchen, nach Irland gerufen wurde, brachteider Ludy Rachtichten von ihrem Kinde— hram ſchbnen, zaͤrtlichen und hoffnungsbollen Kinde, das ſie nie mehr ſehen ſollte— und nie geſehen hatte, außer jenes ein⸗ zige mal, wo ſie aufüdie Nachricht,“ daß ihre Elifabeth din einer, Krankheit leide, dis raſchen Gelubde der Schnöſtor vergaß, unde bloß dem miuͤtterlichen Anhi ebe gehochens, unter der ſon⸗ derbaren Lritung iheer treuenn Geſandtn nach Ermeseraig ciſte, ähs blühendes, geſundes und gluͤckliches, kleines Mädchen umarmte, und zu⸗ rüih kehrto, tn das Trautige ihrer Einſamkeit 298G deſto ſchmerzlicher und tiefer zu empfinden. Es mochte einer von den traͤumeriſchen und roman⸗ tiſchen Planen ſeyn, die in der Einſamkeit aus⸗ gehegt zu werden pflegen, der dieſe Dame be⸗ wog, die moͤgliche Vereinigung ihrer Tochter mit Wolf Grahame gls die theuerſte Hoffnung, die ihr das Leben noch darbot, zu betrachten. Lady Montegle, die im Leben bloß Einen verzehrenden Kummer gekannt, und bloß Ein Beduͤrfniß gefuͤhlt hatte, nehmlich die Geſellſchaft derer, wegen welcher allein das Leben Werth fuͤr ſie hatte, und fuͤr welche ſie zu ſterben bereit war— hatte keinen Augenblick an die Erb⸗ rechte ihrer Tochter anders als an etwas gedacht, das ihre Gläckſeligkeit hindern oder belaſtigen koͤnnte. Als ihr Monica ihre Beſorgniſſe in Betreff der Folgen der wachſenden Vertraulichkeit zwiſchen Eliſaheth und Wolf Grahame mittheilte, bewog ſie die Beſorgniß, daſſelbe unheilvolle Ge⸗ ſchick, das ihr eigenes Leben verbittert hatte, mochte ſich auch auf ihre Tochter ausdehnen, alle Maßregeln zu ergreifen, um dieſe Verbin⸗ dung zu ſichern; und, vermoͤge einer ſehr na⸗ tuͤrlichen Geiſtesverkehrtheit, ſchien ſie ſtets zu glauben, daß das Werkzeug ihres eigenen Elends keinen Einfluß auf ihr geliebtes Kind habe. Als Monica ihre lange, traurige Erzaͤhlung beendet hatte, war Eliſabeth ſo ſehr erſchoͤpft, daß ihre alte Amme, nachdem ſie ſie gendthigt hatte, einige Erfriſchungen zu ſich zu nehmen, auf ihre Entfernung drang. „Ach!“ ſagte Eliſabeth, ihre ſchmerzenden 299 Schlaͤfe auf die Schultern des alten Weibes lehnend.„Wird er mich morgen lieben? Mo⸗ nicg, ich bin das Kind eines ſchlechten Man⸗ nes,— und bin das Weib des edelſten. Wird er mich noch lieben? Und werde ich ſie mor⸗ 11 gen endlich ſehen— meine Mutter?⸗ „Eliſabeth, ſie kennt euch gut— obſchon nu durch Wolf's Schilderung. So folgt mir denn heute Nacht. Ich muß ſie ſchnell aufſuchen; denn ſie bedarf einer großen Vorbereitung.“ Das alte Weib fuͤhrte ihren jungen Gaſt in ein Zimmer des Theils des Schwarzen Schloſſes, der den Namen Brian's Thurm fuͤhrte. „Hier muͤſſen wir euch beherbergen, Eliſa⸗ beth,“ ſagte das alte Weib, die Lampe auf den Tiſch ſtellend.—„Und hier wohnte unlaͤngſt ein Staatsgefangener, den wir um ein hohes ckdͤſegeld erhielten, der lange unſerer Pflege und zulezt unſerer ganzen Wachſamkeit bedurfte, um ihn vor Ungluck zu bewahren.“— „Oh, Monica, wie koͤnnt ihr ſo mit mir taͤn⸗ deln!“ ſagte Eliſabeth.„Ich wußte es, ich wußte es; und hat er ſich in der That ſo uͤbel befunden? Warum ſah ich ihn jezt nicht? Wchl haͤtte ich wiſſen ſollen, daß, ſo grauſam auch ihr alle gegen mich geweſen ſeyn mögt, doch dieſes furchtbare Stillſchweigen nie ſein freiwilliger Entſchluß ſeyn konnte. Sprecht daher, ich bitte euch— War dieſes kleine Bett ſein Krankenlager? Wurde er von meiner Mut⸗ ter gepflegt? Ihr duͤrftet, ihr koͤnntet mir nicht ſo ins Geſicht blicken, wenn er jezr nicht wohl waͤre.“ 300 Eliſabeth ſezte ſich mit weinenden Augen auf dieſes kleine Lager nieder, und beſchwor Mo⸗ nica, ihr die wirkliche Wahrheit und augen⸗ blicklich zu ſagen. Das alte Weib ſagte ihr, daß Kapitaͤn Wolf Grahame, von einem tiefen Un⸗ willen und Aerger uͤber das Neſultat des Angriffs der Rebellen entbrannt, mit der raſchen und vor⸗ .ſchnellen Zuverſicht der Jugend beſchloſſen hatte, die geraubten offiziellen Papiere wieder zu er⸗ langen, und die Tollkoͤpfe zu zuͤchtigen, welche die Geſellſchaft, mit der er reiste, ſo geſchickt uͤberwaͤltigt hatten. Obſchon Slattery's Sicher⸗ heit nicht ausbedungen werden konnte, ſo be⸗ nachrichtigte er doch ſeinen kommandirenden Offizier von dem Dienſte, den ihm dieſer ent⸗ ſchloſſene Parteigaͤnger geleiſtet hatte, und er⸗ hielt die Verſicherung, daß die guten Dienſte ſeines rebelliſchen Freundes nicht unbeachtet bleiben werden. 3— Der eiteln Prahlerei des Sergeanten, der ſeine Abtheilung begleitete, verdankte Grahame ſeine zweite Gefangennehmung. In einer Dorf⸗ ſchenke, wo dieſe Perſon Halt machte, um ſeine veute einige Erfriſchungen genießen zu laſſen, und die Thaten zu ruͤhmen, die in dieſer Nacht vollfuͤhrt werden ſollten, ſaß ein Muſitant, der auf Mord und Brand ſeine Sackpfeife blies, allein kein Wort und keinen Blick von der militaͤriſchen Abtheilung, die Grahame nie wie⸗ der ſah, verlor. Wuͤthend, als er ſah, daß er zum zweitenmale Gefangener werden ſollte, kämpfte er gegen die ihn umgebende Menge, —— nur zu viel ſchon gelitten.“ 3044 bis er, uͤberwaͤltigt und verwundet, abermals in das Gewoͤlbe des ſchwarzen Schloſſes getra⸗ gen wurde, und den Reſt ſeines Lebens dem kleinen goldenen Kreuze verdankte, das Eliſabeth ihm um den Hals gebunden hatte. „Laßt ab von dem Rothkuttel, er iſt nach allem eine Art von Chriſt,“ ſagte der Mann, der Grahame's Perſon beraubte.„Lest, Padhre, ihr wollt ja ein Gelehrter ſeyn, was es be⸗ deutet„ 9 1 „Heilige und geſegnete Dinge bedeutet es,“ erwiederte Padhre, ſich Bruſt und Stirne be⸗ kreuzend, und einige unverſtaͤndliche Worte murmelnd.—„Nicht geeignet fuͤr eure diebiſche Ohren, Dennis; ſo will ich das geſegnete Zei⸗ chen in meinen Buſen ſtecken.“ „Ihr werdet ſo etwas nicht thun— und ich will treuer leſen, Buben, was es bedeutet, ohne Padhre's verkehrtes Buchſtabiren. Es bedeutet,“4 ſagte Dennis,„daß er, der hier liegt, ein kuͤh⸗ ner Burſche iſt— der Neffe des Lord von Bruce, der unfere Lady haͤtte heirathen ſollen. Siehe, der Name iſt auf ſeinem Schwerdte. Es bedeutet, daß er, vor wenigen Tagen erſt, Pferd und Boͤrſe gab, und ſein Schwerdt gezogen haben wuͤrde, um O' Connors Entfliehen zu beguͤnſtigen,— und daß der es mit mir zu thun hat, der ihm ferner ein Leid zufuͤgt. Er hat „Es laͤßt ſich nicht leicht beſtimmen, wie der Streit geendet haben wuͤrde, haͤtte ihn nicht die arme Chaunette mit augehoͤrt, deren Buſen 302 von der ſuͤßeſten Milch weiblicher Guͤte uͤber⸗ floß; und die jezt unbemerkt hinwegeilte, um hievon die einſamen Anbeter zu benachrichtigen, die oben in der Kapelle verſammelt waren, um die mitternaͤchtliche Meſſe zu halten, die Lady Aileen fuͤr die Seele des Juͤnglings, der durch die Erfuͤllung ihrer Wuͤnſche ſein Leben verwirkte, gelobt hatte. LRs Dieſe einſamen Anbeter waren bloß drei an der Zahl— die Lady, der Prieſter und die Amme. Von Chaunette geleitet, ſtuͤrzten ſie in die Hoͤhle der Banditen, in deren Mitte Wolf Grahame wie todt ausgeſtreckt lag. 3 Selbſt dieſe geſetzloſen Leute fuͤhlten etwas von der ehrfurchtsvollen Liebe, von der man in der ganzen Umgegend gegen die Lady Aileen erfuͤlt war, deren große Wohlthaͤtigkeit und heiliger Lebenswandel lange Zeit als etwas Ue⸗ bermenſchliches betrachtet worden waren. Ihre Bitten wurden durch die Befehle und Ermah⸗ nungen des bejahrten Prieſters unterſtuͤzt, der mit der Gewalt der Religion ausgerüͤſtet war, fuͤr welche ſie eine aberglaͤubiſche Verehrung hegten, ſelbſt waͤhrend ſie ihre ſtaͤrkſten Gebote verlezten. Allein dieſe vereinten Beweggruͤnde wuͤrden erfolglos geblieben ſeyn, haͤtte ſich nicht die Lady verpflichtet, den jungen Mann als einen Gefangenen zuruͤckzuhalten, ſollte ſie ſo gluͤcklich ſeyn, ſein Leben zu retten; oder ihn wieder ihren Haͤnden, auf demſelben Flecke, auf welchem ſie ſtand, zu uͤbergeben.. Viele Tage verfloſſen, ehe der junge Mann, 395 der zwiſchen Leben und Tod ſchwebte, im Stande war, den bejahrten Prieſter in ſeinem aͤrztlichen Beiſtande, und in ſeinen Waͤrterinnen die alte Monicn und Chaunette zu erkennen, die jezt das Weib des rebelliſchen Slattery warz und ein noch weit groͤßerer Zeitraum verſtrich, ehe er erfuhr, daß die ſchoͤnere Erſcheinung, die um ſein Bett geſchwebt war, und auf ſein verlieb⸗ tes, an Eliſabeth gerichtetes, Gefaſel gehoͤrt hatte, kein Trugbild ſeiner verwirrten Einbildungskraft war. Die warme Andacht, mit der er in ſei⸗ ner Fieberhitze das kleine goldene Kreuz kuͤßte, war fuͤr Monica, als eine gute Katholikin, eben ſo erbaulich, als fuͤr die Lady Aileen aus einem andern Grundde. „Seine erſte Sorge, nach der Ruͤckkehr ſeiner Beſinnung, war die, einige Zeilen niederzu⸗ ſchreiben, um jene Angſt zu mildern, die, wie er wußte, die Folge ſeines ſonderbaren Still⸗ ſchweigens ſeyn mußte. Zu erſchoͤpft, um ſei⸗ nen Brief beendigen zu koͤnnen, uͤbergab er ihn der Monica, um ihn zu ſiegeln und augen⸗ blicklich abzuſchicken. Als die Mutter der Eli⸗ ſabeth die ſchwachen, mit zitternder Hand ge⸗ ſchriebenen Buchſtaben, die zum Troſte derer gereichen ſollten, deren Bild ſeine Ruͤckkehr aus dem Thal des Todesſchattens zuerſt begruͤßte, geleſen hatte, beſchloß ſie, Thraͤnen der Zaͤrt⸗ lichkeit weinend, ihre Tochter nach Irland zu rufen, und gab ſich Grahame zu erkennen. Inzwiſchen hatten ihre Großmuth gegen die, welche ihr irgend einen Dienſt leiſteten, und die 504 Geſchicklichkeit ihrer Botſchafterin dem Kranken den Genuß jener Briefe berſchafft, die ſich jezt als ein beſſeres Heilmittel bewaͤhrten, als alle Vorſchriften des Prieſters und alle Roſtrums der Monica Doran; und mit der Ladp, und mit ihr allein, konnte er jezt den ganzen Tag uͤber von den ſeinem Herzen am naͤchſten liegenden Gegenſtaͤnden ſprechen, ohne befärchten zu düͤr⸗ fen, das Thema moͤchte die Horerin ermuͤden, oder er fuͤr laͤcherlich, oder weiberfuͤchtig gehal⸗ ten werden, was ſeine Lippen wahrſe cheinlich in jeder andern Gegenwart borſisgelt haben wuͤrde. Spaͤter käam Elzſabeths Ning, wie er, durch die vortreffliche Liſt der Ueberbringerin glau. ben gemacht wurde. Gleichwohl verzoͤgerten ſeine Ungeduld, ſich wieder beſſer zu befinden, und ſein Erſtaunen, daß von allen den Briefen, die er an ſein Regiment abſchickte, keiner je bkaͤntwortet wurde, und daß keiner ſeiner Kar meraden kam, ihn zu beſuchen, nicht nur ſeine Genefung, ſondern zwangen muͤch ſeine Beſchus tzerin, ihn mit ſeiner wahren Stellung bekannt zu machen,— eine Naͤchricht, die weder ſeine Ungeduld, noch feine Ergebung vergroͤßerte. Er fuͤhlte keine perſoͤnliche Gawiſſ enszweifel in Betroff der Verletzung ein er Wergflichlung— wenn ſie dieſen Namen verdiente— die niit Unglaͤubigen eingegangen är orden war, die keine Macht hatten, eine ſo unverantwortliche Bedin⸗ gung zu fordern; allein ſie, die dieſe Verpflich⸗ zung eingegangen halte, um ſein Leben zu er⸗ halten, und die in dieſem Augenblicke jedes ¹ — — 50⁵ Loͤſegeld gegeben, und ſich zu jeder Bedingung verſtanden haben wuͤrde, bebte vor der Treu⸗ loſigkeit eines gebrochenen Verſprechens zuruͤckz und gerieth, als Wolf bat, ſie moͤchte ihn wie⸗ der in die Haͤnde jener verzweifelten Leute geben und ſich um die daraus entſpringenden Folgen weiter nichts bekuͤmmern, in eine ſolche Angſt, daß er einige Wochen lang das Reſultat der Unterhandlung, die zwiſchen der Lady und de⸗ nen, welchen ſie ihr Wort gegeben hatte, zum Behufe ſeiner Befreiung eroͤffnet worden war, ruhig abwartete. 343 „Die Verhaftung des ungluͤcklichen Dennis,“ ſagte das alte Weib,„und die Gewißheit, daß ſein Schickſal bloß durch die Wiedererſcheinung und Vermittlung des Kapitaͤn Grahame gemil⸗ dert werden konnte, bewirkten erſt vor zwei Tagen, unerwarteterweiſe ſeine Befreiung aus dieſer ſonderbaren Haft.“ 148 „Und er iſt endlich bei ſeinem Regimente?“ fragte Eliſabeth. 1 1 „Warum ſoll ich es verhehlen?“ erwiederte die Amme.„Sie blickten ihn kalt und arg⸗ woͤhniſch an, ſeine Fuͤrbitte fuͤr Dennis vergroͤ⸗ ßerte ihre Zweifel. Ploͤtzlich ließ er ſich frei⸗ willig verhaften und verlangte ein Kriegsgericht. Dieß iſt der Inhalt ſeines heutigen Briefs.“ „ Dieß war klug und edel gehandelt,“ ſagte Eliſabeth, aufblickend, und eine Glut des Siol⸗ zes und Vergnuͤgens uͤberſtroͤmte die Wange, welche die Geſchichte ihrer Mutter ſo blaß ge⸗ macht hatte.—„So ſpät die Stunde iſt, ſo 506 muß ich doch den Lord von Bruce hievon in Kenntniß ſetzen. Ich kann nie einen andern Vater kennen, als ihn. Morgen werden wir Wolf Grahame zuſammen aufſuchen; und mag das Schickſal bringen, was es will, es wird uns vereinigt finden. Monica, meine Hoffnun⸗ gen erheben ſich bereits weit uͤber meine Be⸗ ſorgniſſe. Aber meine Mutter— meine ge⸗ liebte und höchſt ungluͤckliche Mutter!“ und ſie faltete ihre Huͤnde und hob ſie empor. „Eliſabeth, mein theures Kind, ihr urtheilt ſehr vorſchnell uͤber das geheime Verfahren des Himmels gegen die Geiſter, die er in Weisheit gezuͤchtigt hat. Nennt diejenige nicht ungluͤck⸗ lich, der Gott die Zuverſicht des Glaubens und die Demuth der Ergebung verliehen hat. Hoͤrt! das iſt nicht die Stimme des Kummers.“ Und Eliſabeth hoͤrte die tiefen, reichen und vereinig⸗ ten Toͤne der Stimme und der Orgel, die eine jener himmliſchen Kompoſitionen aushauchten, welche den Geiſt ſowohl erheben, als beruhigen, die ſowohl Muſik, als Andacht ſind. „Die Stimme meiner Mutter,“ fluͤſterte Eli⸗ ſabeth, ſich in der Stellung entzuͤckter Aufmerk⸗ ſamkeit vorwaͤrts beugend.. „Dieſe ſuͤße Stimme wuͤrde Sie jezt zu Bette gehen heißen,“ ſagte Monica,„und ach! ich fuͤrchte, andere Ohren horchen auf ihren Geſang. Eliſabeth, ihr ſeyd ſo eben erſt gekommen, und ſchon wuͤnſchte ich, ihr haͤttet uns verlaſſen. Ihr muͤßt beide fruͤhe Reiſende ſeyn.“ Und die alte Frau fing an, die Schnuͤrbruſt ihres 5⁰⁷ endlich getroffen, und innig geliebt? Mag ihre Liebe grauſame Beleidigungen ſuͤhnen!“. Eliſabeth zitterte, blieb aber ganz ruhig lie⸗ 506 gen, als der ſanfte bebende Kuß ihrer Muttter auf ihre Lippen und Augenlieder gedruͤckt wurde. —„Enthuͤllt eure Lampe noch einmal, Monica. Kann dieß die kleine Schlaͤferin ſeyn, die ehe⸗ dem hier ruhte? Weder Grahame, noch Delancy, noch ihr habt ſie ſchoͤn genug gemahlt. Meine ſchoͤne Eliſabeth,— wie bluͤhend! wie voll Le⸗ ben und Geſundheit!“ Sie blickte auf ihre Tochter, um deren Lippen jezt ein fanftes Laͤ⸗ cheln ſpielte, kniete dann nieder und hauchte ſchweigend ein muͤtterliches Gebet fuͤr ihr ein⸗ ziges Kiyd. Endlich ſtand ſie auf, ergriff den Arm der Monica und ſagte:„Ich habe ſie jezt geſehen, und bin zufrieden. Ich muß ſie verlaſſen; allein ich laſſe ſie beiſammen, und mein Herz iſt mitten unter ihnen.“ in „Haͤtte Eliſabeth dem Antriebe ihrer Gefuͤhle zu gehorchen gewagt, ſo wuͤrde ſie ſich an den Hals ihrer Mutter gehaͤngt, und Thränen der Zaͤrtlichkeit und Freude geweint haben. Sie oͤffnete ihre Augen und ſah dieſe lebende Mutter — einen verſchwindenden Schatten.... Die Stunde war jezt ſo ſpäͤt, daß das Hell⸗ dunkel, des Nachthimmels gegen die See hin von Myriaden von Strahlen bebte, die alle von jenen hellen Regenbogenfarben ſchimmerten, die bei einer glaͤnzenden Morgendaͤmmerung das Gewand des neugebornen Lichtes ſind. Eliſa⸗ beth ſtand auf, und kleidete ſich in die ihrer Mutter gehoͤrende Morgenkleidung, die Monica zu ihrem Gebrauche in ihrem Zimmer gelaſſen hatte. Sie ſuchte ihr Haar mit der heitern Grazie der ſchönern Locken, welche die Stirne 399 ihrer Mutter umſchatteten, zu flechten; und dieſes Geſchaͤft wurde vor dem n Spiegel ollzogen, der die Geſichtszuͤge Wolf Grahame's ſo kuͤrzlich noch zuruͤck geſtrahlt hatte, daß er faſt den Kuß verdiente, den ihre Lippe auf den⸗ ſelben druͤckte. Sie huͤllte ſich in einen ſchar⸗ lachrothen Shawl, der ebenfalls ihrer Mutter gehoͤrte, und begab ſich nach der luftigen Ter⸗ raſſe, die um Brian's Thurm und uͤber der offenen See hing. 1Se Fanfzehntes Kapitel. 1151 292 31* Der et. Johan gs⸗Morgen. 5 AII2, n in AU 2 55 Eliſabeth war noch nicht lange auf der Ter⸗ raſſe, auf der ſie ſich jezt befand, umhergewan⸗ delt, als der Lord von Bruce erſchien. Sie ſprang vorwaͤrts— machte dann Halt, ließ ih⸗ ren Kopf niederhaͤngen, und ihre angebotene Hand ſank an ihrer Seite nieder. „Eliſabeth, ſollen wir Freunde ſeyn?“ ſagte Bruce, die niedergeſunkene Hand faſſend.„Ver⸗ ſtehen wir uns— ſind wir Freunde?„ Eliſabeth ſchlug ihre mit Thraͤnen gefuͤllten Augen auf.„Mylord, habe ich nicht ein ererb⸗ ttes Recht, Sie zu lieben? Kann ich untreu ge⸗ gen das Blut meiner Mutter feyn?x.,. 3u geruͤhrt, um ſprechen zu koͤnnen, kuͤßte 51¹5 der Lord von Bruce ſie zaͤrtlich; und ftatt ſig nach ſeiner Gewohnheit, auf ſie zu lehnen, ſchlang zer ſeinen Arm um den ihrigen und luſtwan⸗ delte mit ihr auf der uͤberhangenden Terraſſe. Mit einem faſt unmerklichen Seufzer ſagte er: „Zwei koͤnnen hier neben einander gehen, wenn ſie Freunde ſind.“en in en lerne iitineel Waͤhrend ſie ſo umherſchlenderten, und von ihrer Reiſe nach Grahame's Haupiquartier, die unverzuͤglich angetreten werden ſollte, ſprachen, bemerkte Eliſabeth eine Reihe kriegeriſcher Waf⸗ fen, die in der Morgenſonne funkelten. Es war in der That eine kleine Abtheilung Solda⸗ ten, die kurz nachher von den ſandigen Duͤnen und gruͤnen Huͤgeln laͤngs des Ufers hervortauch⸗ ten. Sie waren von drei oder vier Perſonen zu Pferde angefuͤhrt, die, ſo weit dieß in der Ferne bemerkt werden konnte, nicht militaͤriſch gekleidet zu ſeyn ſchienen. Um dieſelbe Zeit kam ein Schifferboot, das Eliſabeth fruͤher ſchon geſehen hatte, unter den felſigen, natuͤrlichen Bollwerken des Schwarzen Schloſſes an, und in demſelben erkannte ſie den Rothmantel und Chaunette, das Weib des Gefangenen. „Ich fuͤrchte, jene Abtheilung Soldaten ſucht unſern armen Fluͤchtling auf,“ ſagte Eliſabeth. „Und wie kann man ihr Vorhaben vereiteln?“ Waͤhrend ſie noch ſprach, ſah man die Reiter die Abtheilung, die ſie anfuͤhrten, verlaſſen und vorwaͤrts gallopiren. In demſelben Augenblicke ließen ſich eine Trommel und eine Querpfeife hoͤren, und die Soldaten ſezten ſich in raſchere —. 311 Bewegung. In zwei Minuten befanden ſich die Reiter auf den Felſen, die dem Landungs⸗ platze des Schwarzen Schloſſes gegenuͤber lagen, und ſprachen durch Zeichen mit einigen ungeſehe⸗ nen Perſonen, die ſich unter dem Platze, wo Eliſa⸗ beth jezt ſtand, befanden. Auch ſah man die Scha⸗ luppe, mit einem Manne und einem Weibe, ploͤtz⸗ lich abſtoßen, um, wie es ſchien, uͤberzuſetzen, und Slattery in's Waſſer ſtuͤrzen, um ſie zuruͤckzu⸗ ziehen. Er kam, ſchien es, zu ſpaͤͤt. „Der Squire kommt, um ſelbſt zu unterſu⸗ chen, Meiſter Dennis, mit meinem Herrn und einigen von Sir Watkins Laͤmmern, um zu helfen,“ rief Miſtreß Honour, als das Boot ab⸗ fuhr.„Und dort, ich ſchwoͤre bei meiner Sitt⸗ ſamkeit— die der Eid der Jungfrauen iſt— iſt meine Lady in ihrem ſcharlachrothen Kaſchi⸗ mir, und geht mit dem kranken Herrn ſpa⸗ ziren.“*. In dieſem Augenblicke war Slatterh dem kleinen, tanzenden Schiffe ganz nahe, und reckte ſeine Hand aus, um es zu ergreifen. Die Stimmen ſeiner Mutter und ſeines Weibes rie⸗ fen ihn zuruͤck, und aus Erſtaunen uͤber ihre unerwartete Gegenwart verlor er einige Au⸗ genblicke Zeit. Wohl kannte Dennis ſeine Ge⸗ fahr; doch ſelbſt in dieſem mißlichen Augenblicke konnte er dem Vergnuͤgen nicht widerſtehen, der Frau Honour einen Abſchiedsbeweis von ſeiner Achtung zu geben und ſie ſchnell mit Salzwaſſer zu waſchen. Als er ſie mit ſeinen Haͤnden nicht mehr erreichen konnte, fuͤllte er mehrmals ſeinen 1 312 Caubeen, und ſandte ihr das fliegende Tropf⸗ bad nach. Sein luſtiges Gelaͤchter und ihr zorniges Geſchrei dauerten fort, bis die gegenſei⸗ ttigen Parteien die beiderſeitigen Ufer erreichten. „Hier iſt ein Burſche, der mit dem Henker ſcherzt, waͤhrend er ihm den Strick um den Hals macht,“ ſagte Bruce, Eliſabeths Angſt Die Geſellſchaft auf den Felſen, vier Perſo⸗ nen in allem, war bereits in die Schaluppe ge⸗ ſprungen; und Eliſabeth naͤherte ſich dem au⸗ ßerſten, ſchwindeligen Rande der Terraſſe, da, wo einige von den Baluſtraden niedergefallen waren; denn ſie glaubte Delanep's weißen Hut, ja ſein Geſicht zu erkennen; und hinter ihm ſtand ein Anderer— in ihren Augen gab es bloß Eine ſolche edle Geſtalt, bloß Ein ſolches ausgezeichnetes Weſen unter den Menſchen!— „o Himmel, kann er es ſeyn!“ Sie beugte ſich vorwaͤrts, und Bruce, erſchrocken uͤber ihre gefaͤhrliche Stellung, ſchlang ſeinen Arm um ihren Leib und zog ſie zuruͤck. Die Herrn, die in dem kleinen Schiffe ſo viele Klaſter weiter unten ſtanden, blickten alle aufwaͤrts und einer winkte mit dem Hute. 8 „O, Mylord, er iſt es!— Wolf, theurer Wolf! und du haſt ſo viel gelitten!“ Sie laͤ⸗ chelte in kindlichem Entzuͤcken, und murmelte zaͤrtliche Liebesworte, als ob die ſo weit unter ihr ſich befindende Perſon dieſes Gefluͤſter haͤtte hoͤren koͤnnen, das ihr, ſelbſt wenn ſie neben ihr geſtanden waͤre, haͤtte unverſtaͤndlich ſeyn muͤſ⸗ 7 — 31⁵ ſen.„Nicht der, welcher auf der Vorderſeite ſteht, Mylord— nicht dieſer finſtere Mann von hochmuͤthigem Ausſehen,— nicht der Mann hinter ihm, der das Ausſehen einer poͤbelhaften Berſon hat,— und auch nicht der andere, das iſt Herr Delaney,— ſondern er!— er tritt vor, er kennt uns, Wolf! theurer, theurer Wolf!“ Sie beugte ſich uͤber den Rand der Terraſſe hin, und Bruce zog ſie von neuem zuruͤck. „Lehnen Sie ſich auf mich,“ ſagte Bruce laͤchelnd;„ich will Sie, da Sie ſo ſehr zittern, hinabfuͤhren, damit Sie Ihren jungen Ver⸗ wandten willkommen heißen koͤnnen.— Der geyoͤlbte Eingang in das Schwarze Schloß glich gewißermaßen einem Keller; er war wirk⸗ lich eine in den Felſen gemachte Hohlung, und oͤffnete ſich nach dem Wege zu, der, bei niedri⸗ gem Waſſerſtande, das Gebaͤude mit dem Lande verband. Eine Bugbruͤcke und ein doppeltes Fallgatter auf dieſem Punkte hatten zu den ur⸗ ſpruͤnglichen Vertheidigungswerken des Schlloſſes gehoͤrt; doch wurden ſie ſchon ſeit langer Zeit vernachlaͤßigt; die erſtere war durch ungeheure, zur Zeit der Ebbe ſichtbare, Holzkloͤtze erſezt, und das andere gaͤnzlich zerſtoͤrt worden. Arm in Arm ſchritten Bruce und Eliſabeth ſchnell durch den finſtern gewoͤlbten Gang, als die Schaluppe, angetrieben durch die gewaltigen Stoͤße der Doppelruder, an den Damm. an⸗ ſtieß, daß alle ihre Bretter erbebten.— Bei der ploͤtzlichen Erſcheinung eines aͤnzlichen Fremdlings, wich Eliſabeth einen chritt in Eliſ. v. Bruce. III. 14 3 514 den Schatten des Gewoͤlbes zuruͤck, und ſchmiegte ſich enger an den Lord von Bruce an. Sein Auge begegnete dem Blicke der Perſon, die auf dem Vordertheile des Schiffes in gebieteriſcher Haltung ſtand; und er wurde blaß wie Mar⸗ mor, als ob irgend ein ſchaͤdliches Gewuͤrm— der Gegenſtand einer furchtbaren Abneigung— ihm ploͤtzlich in den Weg getreten waͤre. Er und ſeine zitternde Begleiterin ſtanden noch im Schatten, die ſich naͤhernde Geſellſchaft aber im hellen Tageslichtez und Eliſabeth begegnete dem Auge Wolf Grahames hinter jenem ſchlan⸗ ken Fremden von hochmuͤthigem Ausſehen, den ſie von der Teraſſe aus geſehen hatte. „Er iſt es— Fitzmaurice!“ ſagte Bruce, vorwaͤrts ſtuͤrzend. In demiſelben Augenblicke nahm das Geſicht der mit dieſem Namen be⸗ legten Perſon die blaſſe Farbe an, die in Bru⸗ ce's Geſicht einer tiefen Roͤthe Platz gemacht hatte. Lord Montegle wandte ſich ſchnell um und riß der hinter ihm ſtehenden Perſon eine Piſtole aus den Handen. Eliſabeth warf ſich mit einem wilden Schrei vor ihre Gefaͤhrtin. Sie wurde in die Arme ihrer Mutter geſchloſ⸗ ſen, und in demſelben unzertrennlichen Augen⸗ blicke ſtreifte die Kugel, die in die Bruſt des Weibes fuhr, die das erſte und lezte Schlacht⸗ opfer war, den Schlaf ihres Kindes leicht. „Ungluͤckſelig und verflucht!“ rief Grahame, ans Land ſpringend.„Entfernen Sie ſich, und reizen Sie meine Rache nicht!“ Die auf dieſe Art angeredete Perſon wankte auf die Seite, 315 und lehnte ſich an die Mauer des Durchgangs, unterſtuͤzt von ihrem eifrigen Untergebenen, Herrn O' Toole. Eliſabeth's und Bruce's in einander geſchlungene Arme trugen die ver⸗ wundete Dame, die nach einer Betaͤubung von einigen Augenblicken ihre Augen ſanft aufſchlug, als ob ihr kein Leid geſchehen waͤre, und, waͤh⸗ rend ihre Blicke auf dem Lord von Bruce ruh⸗ ten, ſagte:„So ſeyd ihr endlich gekommen— ihr ſeyd alle gekommen!“ Und ihre Augen wandten ſich, mit einem himmliſchen Ausdrucke, auf Grahame und Delancy, kehrten wieder auf Bruce zuruͤck und ruhten auf ihrer Tochter. Haͤtte das Leben aller Anweſenden in dieſem Augenblicke das Leben zuruͤckkaufen koͤnnen, das mit jedem Athemzuge dahinſchwand, wie gerne wuͤrden ſie es hingegeben haben! Allein der Fihnet waͤhlt ſeine Auserkorenen. Sie wurde ſanft in die untern Gemaͤcher des Brian's Thurms getragen,— und die wahnſinnige Verzweiflung, die in lautes Geſchrei ausgebrochen ſeyn wuͤrde, ſchwieg in der Gegenwart ihrer ſanften und geduldigen Staͤrke. 3— Kaum war die verwundete Lady weggetragen, als durch den gewoͤlbten Gang das wilde irlaͤn⸗ diſche Geſchrei erſcholl, das in der Tollheit einer ſchwelgeriſchen Freude, wie in der Wuth einer ſchnellen Rache, gleich ſehr charakteriſtiſch iſt, — das Geſchrei eines Wilden, der, bereits von Blut triefend, nur noch mehr nach Blut duͤr⸗ ſtet,— und Slattery machte einen Ligerſprung . 44 5 516 aus einem Schlupfwinkel des unterirdiſchen Wegs. 13111 mn HS. „Mein Lord Montegle, zu Ihrer Gefahr ſte⸗ hen Sie zwiſchen mir und meiner gerechten Nache— treten Sie auf die Seite! Umzingelte ihn auch ein Heer, ſo müßte ich dennoch ſein Blut haben!* Das unglückliche Schlachtopfer, auf deſſen Stirne ein kalter Todesſchweiß lag, kruͤnnmte und ſchmiegie ſich hinter ſeinen Beſchuͤtzer, als ob er ſich gegen das Schickſal, das ihm die Augen ſeines Feindes verkuͤndeten, häͤtte ſchäͤtzen wollen. Har „Das ſoll dich nichts näͤtzen!“ rief Slattery; und ein anderer Tigerſprung brachte ihn an die Seite des Lord Montegle, der in Erſtaunen verſunken war. Dennis hielt ſeinem Schlacht⸗ opfer eine Piſtole an die Kehle. Sie verſagte, und er ſchlug den Mann damit auf den Koͤßf⸗ daß er augenblicklich niederfiel. Er ſprang auf die Bruſt des aͤchzenden Ungluͤcklichen und huͤpfte mit dem Sprunge eines Hirſches in die Luft und herab auf den athmenden Leichnam, waͤh⸗ rend das Gewoͤlbe von ſeinem graͤßlichen Ge⸗ laͤchter— dem Gelaͤchter eines Teufels wie⸗ derhalltlte „Mutter!“ ſagie er laut in iriſcher Sprache, den Rothmantel, der in dem Schiffe ſtand, an⸗ redend.„Ich ſagte, es werde manche finſters Nacht zwiſchen dem Allerheiligen Abend und dem St. Johannis⸗Morgen ſeyn. Die breite, geſegnete Sonne ſteht am Himmelz und ich ſegne ihre Strahlen, die meine Hand ſo ſicher leite⸗ ten. Ich habe mein Werk beendigt.“ Und er gab dem Leichnam einen Fußtritt. „Halt ein, Moͤrder! deine alte Großmutter beſiehlt es dir,“ rief Monika, vortretend, und ihn in derſelben emphatiſchen Sprache anredend, deren er ſich bedient hatte.„In dem lebenden Menſchen mag das goͤttliche Gepraͤge entſtellt und befleckt werden; aber in dem todten Ge⸗ ſichte ehre das Bild des Schoͤpfers.— Mein Lord Montegle“— und ſie wandte ſich ſezt in engliſcher Sprache an den ungluͤcklichen Mann, der, ohne ſeine Stellung zu veraͤndern, gedan⸗ kenlos auf das todte Geſicht blickte—„Mein Lord Montegle, ich heiße Sie nicht unter O' Con⸗ nors Dach kommen; denn Sie koͤnnten fuͤrchten, es moͤchte uͤber Sie zuſammenfallen und Sie zermalmen; allein ich fordere Sie auf, ſich zu entfernen und das augenblicklich.“ Sie wandte ſich an ihre Tochter—„Ungluͤckliches Weib, was macht ihr hier?— muß ich euch meinen Schwur wiederholen?„, „Mutter, zwanzig Jahre lang habe ich, fuͤr ſo ſchlecht ihr mich auch haltet, und ſo verhaͤrtet ich ſeyn mag, nicht in euer Geſicht zu blicken gewagt,“ ſagte Rothmantel, aufſtehend, und ihre Arme gegen Monica ausſtreckend.„Ich habe denen, die ihr liebt, mit Muͤhe und Ge⸗ fahr fuͤr mich und die Meinigen, einiges Gute erzeigt. Wir verlaſſen dieſes Land auf immer. Mutter nehmet euern Fluch von mir 1 3 „Theure Mutter,“ ſchluchzte Chaunette mit 328 ihrer ſanften Stimme, ſehende Blicke auf Mo⸗ nica werfen. un „Jeſus Chriſtus habe, um eurer Mutter wil⸗ len, Mitleiden mit euch!“ ſagte Monica.„Geht im Frieden, ungluͤckliches, aber, hoffe ich, nicht unverbeſſerliches Weib!"”"4 Thraͤnen quillten in den kuͤhnen, ſchwarzen Augen der Landſtreicherin auf; ſie wandte ſich um und wiſchte die ungewohnte Feuchtigkeit ab; und ihr Sohn ſprang in das Schiff, als die Soldaten, die bloß fuͤnf Minuten hinter ihrem berittenen Anfuͤhrer zuruͤck waren, ſich der entgegengeſezten Seite maͤherten. Welten koͤnnen in einem eben ſo kurzen Zeitraume zer⸗ truͤmmert werden. tt A8: Ehe das Schiff abſtieß, entfernte ſich Monica, und Delanch erſchien und bedeutete Dennis, er möchtenbleiben.„Mein Lord Montegle, ich rathe Ihnen zur augenblicklichen Flucht,“ fagte er in leiſem Tone.„Machen Sie ſich auf. Dieſelben ungluͤcklichen Perſonen, die Ihre Vorurtheile oder Ihre Feindſchaft genoͤthigt ha⸗ ben, verzweifelte Maßregeln zu ergreifen, und jezt ihr Geburtsland zu verlaſſen, ſind in die⸗ ſem Schiffe. Großmuͤthiger, als Sie geweſen ſind, werden ſie Ihnen erlauben, der Gefaͤhrte ihrer Flucht zu ſeyn.ÄÜA.. Obſchon Mutter und Sohn den Knall der Piſtole gehoͤrt hatten, ſo wußte doch weder die eine noch der andere, wer das Ziel oder das Schlachtopfer geweſen war. Sie ſchwiegen folg⸗ lich; und der Ungluͤckliche ſagte jezt ſchnell, guf 7 319 den Leichnam blickend.*„Dieſer ſchmutzige Schurke hat mir uͤbel mitgeſpielt;“ und er ſtieß den Leichnam, der ſeinem Mantel im Wege war, mit dem Fuße zuruͤck.„Ich hielt die Mutter fuͤr die Tochter. Aber habe ich keine Urſache zur Klage? Mein einziges Kind wurde, unbe⸗ kannt mit ſeinem Vater, erzogen, und gelehrt, ihm zu mißtrauen und ihn zu verabſcheuen; und ihre Zuneigung ſo wie ihr Vertrauen ei⸗ nem andern zu ſchenken, der mein bitterſter Feind iſt. Lebt ihre Mutter noch?“ Er ent⸗ faͤrbte ſich, als er die Frage fuͤſterte. „Leben Sie, und fragen Sie mich das!“ ſagte Delancy in furchtbarer Aufregung.„Entfernen Sie ſich, Mylord! Ich, Ihr naͤchſter Bluts⸗ verwandter, entſage Ihrer Verwandtſchaft;— die menſchliche Geſellſchaft ſtoßt ſie aus ihrer Mitte, als den ſcheußlichſten Unrath, der ſie verunreinigt und ſchaͤndet, aus. Und doch iſt Ihr raſcher Mord, deſſen Sie ſich heute ſchul⸗ dig gemacht haben, minder grauſam und verab⸗ ſcheuungswuͤrdig, als Ihre Handlungsweiſe ſeit zwanzig Jahren. Mylord, jener Engel, deſſen Hoͤlle Sie in ſeinem Leben geweſen ſind, ſendet Ihnen ſeine ſterbende Verzeihung, und fordert Sie zur augenblicklichen Flucht auf.) Der tiefbetroffene Mann, deſſen Geſichte Ver⸗ zweiflung und Gewiſſensqual bereits das achte Cainszeichen des Moͤrders aufgedruͤckt hatten, ſenkte ſeinen Kopf auf ſeine Bruſt nieder, und murmelte etwas von einem Schuſſe ins Blaue. Delaney trat vor, um mit Dennis zu ſprechen, 3 20 dem er ſeine Börſe gab. Die Soldaten ſchifften ſich inzwiſchen in die Schaluppe ein, welche die Perſonen, die zur Herbeiholung aͤrztlicher Haͤlfe abgeſchickt worden waren, zuruͤckgelaſſen hatten. 17835 al „Mylord,“ ſagte Delancyh,„Sie haben bloß Eine Wahl, und nur Eine Sekunde, um ſich zu entſchließen. Begeben Sie ſich zu dieſen Leuten, oder ich muß Sie den Haͤnden der Ge⸗ rechtigkeit uͤberliefern.“ „Ich bin ein Pair dieſes Koͤnigreichs, Herr Friederich Delancy; und mein Schickſal kann, welcher Art es auch ſeyn mag, bloß durch Mei⸗ neögleichen entſchieden werden,“ erwiederte der Ungluͤckliche, ſich ſtolz bruͤſterdr. „Mplord, dieß iſt keine Zeit zum Streiten. Durch die Guͤte dieſer Geaͤchteten koͤnnen Sie die Inſel Man erreichen, und von da entflie⸗ hen; oder Sie koͤnnen bleiben, um zu finden, daß in dieſem Lande der Moͤrder, wenn er ein Pair ſtatt eines Bauern iſt, nur ein deſto auf⸗ fallenderer Wicht oder Schurke iſt..“) Einen wilden und ſchnellen Blick um ſich her und emporwerfend, und ohne ein weiteres Wort zu ſprechen, begab ſich Montegle in das Schiff, indeß der Rothmantel die Augen mit einem Ausdrucke auf ihn heftete, der Delancy beben machte. Er winkte mit der Hand, als das Schiff unter dem Schutze der Felſen dahinſlog. Ehe Slatterp verſchwand, ließ er ſeine Ruder fallen, um mit den Fingern zu knallen, als er den getaͤuſchten Soldaten ein triumphirendes 321 Geſchrei entgegenſchallen ließ. Ein Hagel von Kugeln ſtreifte harmlos uͤber die Wellen hin, da ſie das kleine Schiff nicht mehr zu erreichen vermorhten⸗ el e36*1 2e Ser Als Delanch die noͤthigen Befehle zur Hin⸗ wegſchaffung des Leichnams in die Kapelle er⸗ theilt hatte, kehrte er in das bereits beſchriebene Gemach zuruͤck. Unter den vielen traurigen Herzen, die es enthielt, war keines betruͤbter als das ſeinige, waͤhrend er ſie betrachtete, die det Gegenſtand ſeiner kindlichen Liebe, ſlines jugendlichen Enthu ſiasmus, und der vermiſchten Ehrfurcht und Liebe ſeines gereiften Verſtandes geweſen war. Die Lady war noch von Bruce unterſtuͤgt, obſchon ihr Kopf auf der Bruſt ih⸗ rer Tochter ruhte. Ihre bejahrte Amme ſtand daneben, betaͤubt von dem Grame, der keinen Ausbruch fund; und Grahame blieb in einer groͤßern Entfernung, ſeine Augen auf ſie gehef⸗ tet, die jedes Gefuͤhl— jeden Gedanken in An⸗ ſpruch nahm. Sie ſtreckte ihre Hand nach De⸗ lanch aus, und bat ihn mit den Augen, ſich zu naͤhern.„Ihr Blick ſagt mir, daß mein Wunſch erfuͤllt iſt, ſagte ſie.„Theurer Friederich, der Sie, ſeit Sie ein kleines Kind waren, ſtets mein Troſt und Segen waren, und den ich ſo ſehr gellebt habe; unſere Eliſabeth muß nicht hergeſ⸗ ſen, daß Ihr freimuͤthiges und ehrenyoll's Ver⸗ fahren Sie arm gemacht hat, um ſie zu berei⸗ chern. Doch arm werden Sie nicht ſehn— den ſge um Ihretwillen, mein Antheil au 5²²Q den uͤbrigen Waͤldern und ungetrockneten Suͤm⸗ pfen moͤchte reicher und fruchtbarer ſeyn.""*4 Nicht in Worten antwortete Delaney ihr, de⸗ ren Liebe er hoͤher ſchaͤzte, als alle ihre Ge⸗ ſchenke. Als ſie ſo viel, und ſogar mit Hei⸗ terkeit, ſprach, lebten ſeine Hoffnungen wieder auf. Er kuͤßte die ihm dargebotene Hand ehr⸗ furchtsvoll und fluͤſterte:„Sie werden leben! und das wird mir mehr. Freude machen. als zwanzig, Fuͤrſtenthuͤmer.“”“ „Ach! theure erunder es iſt alles zu ſpät! Ich kann nicht bei euch bleiben— aber ihr werdet alle zu mir kommen. O! innig, innig habe ich euch alle geliebt! Sie druͤckte die ver⸗ einigten Haͤnde ihrer Tochter und des Lord von Bruce an ihre Bruſt und blickte mit dem Aus⸗ drucke einer Heiligen empor, als ob ſie veinen Segen, fuͤr beide erfleht haͤtte.— Dann bat ſie, man moͤchte ſie allein bei dem bejahrten Prieſter laſſen, der ſeit swanzig Fahren in ih. rer Familie gelebt hatte. Dieſer Zwiſchenraum war eine Zeit der un⸗ ausſprechlichſten Pein fuͤr ihre Freunde. De⸗ lancy eilte nach einem einſamen Orte der Fel⸗ ſen, wo er in ſeiner Kindheit des Abends an ihrer Seite zu ſitzen gepflegt hatte. Grahame ſchlug einen andern Weg ein; und Eliſabeth kämpfte mit ihrer geheimen Angſt, um jene Verzweiflung zu mildern, von der ſie befuͤrch⸗ iete, ſie moͤchte einen Anfall ſeiner Familien⸗ raan heit tfür Bruce zur Felgen haben..kt rath 32³ Die Nothwendigkeit, in dem Zimmer der ſter⸗ benden Dame mit Faſfung zu erſcheinen, verlieh ihm Selbſtbeherrſchung; und hatte einen weit ſtaͤ r⸗ Troͤſtungen der Eliſabeth gehabt haben koͤnnten, haͤtte ſie in die em Augenblicke ſprechen koͤnnen. Als der Prieſter dieſe trauernde Gruppe wie⸗ der verließ, befand ſich die Lady ungemein uͤbel. Ihre Wunde blutete innerlich; und ihr Buſen keuchte ſchwer und langſam. Wolf Grahame, der Eliſabeths Aſchenfarbe, ihre ſtarren Augen, und die ſchaudernde Angſt ihrer Seele ſah, trug ſie von einer Scene weg, deren Zeuge zu ſeyn, ſchlimmer als der Tod war. Obſchon die ſterbende Lady kein Wort mehr ſprach, ſo folgten doch ihre Augen unausgeſezt ihrer Tochter. Sie lehnte ſich jezt auf den Lord von Bruce. Er war es, der den unberuͤhrten Becher an ihre blaſſen Lippen hielt— der den ſchwachen Druck ihrer Hand fuͤhlte, als der Thau des Todes auf ihr lag. Er war es„der ihren lezten Seufzer einhauchte— der fuͤhlte, daß das warme und wilde Herz, das zuwei⸗ len zu ſtark fuͤr die Ruhe ſeines Eigenthuͤmers. gepulst hatte, auf immer zu NRuhe gebracht war! — und der, nach einer athemlofen Pauſe, die zarten Wimpern uͤber jenen ſchoͤnen Augen ſchloß, die dunkel und ſtarr geworden waren, waͤhrend ſie ſchmachtend und ſehnſuchtsvoll auf ihn geblickt hatten. Aus ſeiner ſchweigenden 524 tlmarmung erfuhr Eliſabeth, daß ſie keine Mut⸗ ter mehr hatte. Sie entfernte ſich von ihm, um, mit Monica, diejenigen heiligen Pflichten gegen die Todte zu erfuͤllen, die ſie durch keine fremde Hand vollziehen laſſen wollte. 6 Der Staub der ungluͤcklichen Lady, wenn ſie ungluͤcklich genannt werden konnte, war nicht ſo bald in das Grab ihrer Voraͤltern aufgenom⸗ men, als Bruce ſich von Eliſabeth bewegen ließ, ſich von einer Scene zu entfernen, die fuͤ ihn ſo gefaͤhrlich anziehend geworden war, daß er im Ernſte davon geſprochen hatte, dieſe ein⸗ ſame Feſte, die ſich Lady Aileen zu einem tem⸗ poraͤren Wohnſitze gewaͤhlt hatte, zu ſeinem be⸗ ſtaͤndigen Aufenthaltsorte zu machen. Dieß war ein Vorſchlag, der ſich keine fuͤnf Minuten gegen die offene, warme und ergebene Liebe der Eliſabeth halten konnte. Grahame's Gegenwart war in Irland noch noͤthig, nicht bloß wegen gewiſſer Angelegenhei⸗ ten in Beziehung auf Eliſabeths Erbrecht, ſon⸗ dern auch wegen der Schwierigkeiten, in die ſich Delancy dadurch verwickelt hatte, daß er Dennis hatte entfliehen laſſen. Lady Montegle's Tod durch die Hand ihres Gatten wurde als rein zufaͤllig, was auch in einem gewiſſen Sinne wahr war, dargeſtellt; und man war allgemein erfreut daruͤber, daß der ungluͤckliche Moͤrder entkommen war, und uͤberzeugt, daß er keine gerichtliche Unterſuchung durch ſeine Wiederer⸗ ſcheinung in ſeinem Vaterlande veranlalſen wer⸗ 225 de. Delanch hatte dem Ober⸗ Sheriff der Graf⸗ ſchaft geſchrieben, und ſich erboten, ſich frei⸗ willig zu ſtellen, ſobald die irdiſchen lieberreſte ſeiner Tante zur Erde beſtattet ſeyn wuͤrden, und Grahame hatte neulich der Großmuth und thaͤtigen Freundſchaft dieſes jungen Herrn zu viel zu verdanken gehabt, als daß er ihn in einer ſo gefaͤhrlichen Criſis haͤtte verlaſſen koͤnnen, wenn er auch nicht Eliſabeths naher Verwandter und der Guͤnſtling ihrer Mutter geweſen waͤre. Von Delancy erfuhr Lord Montegle, daß er eine Tochter und Erbin hatte— und daß dieſe unbekannte Tochter einen Gemahl hatte, der, obſchon in Folge von Familienverbindungen ver⸗ haßt, doch in allen andern Hinſichten zu der Ehre einer ſo hohen und reichen Verbindung berechtigt war. Was auch Montegle im Gehei⸗ men gedacht oder gefuͤhlt haben mochte, als ern geſetzlich verſichert wurde, daß dieſe ſchottiſche Ehe nicht mehr aufgeloͤst werden konnte, immerhin ver⸗ lor er keinen Augenblick, ſeinen ganzen perſoͤnli⸗ chen Einfluß und den ſeiner maͤchtigen politi⸗ ſchen Freunde zu benuͤtzen, um ſeinen Schwie⸗ gerſohn, den kuͤnftigen Erben ſeines Reichthums, aus der Gefahr zu befreien, in die ihn ſeine achtloſe Menſchenfreundlichkeit verwickelt hatte und das, ehe er den jungen Mann, der ſolche unerwartete Anſpruͤche hatte, geſehen hatte. of Lord Montegle’s große Abneigung gegen De⸗ lanch, und ein heimlicher Wunſch, der Welt die Ungerechtigkeit zu derkuͤnden, die er durche -326 jene Verſchwoͤrung der Familie O'Connor, ihm die Geburt oder das Daſeyn ſeiner Tochter zu verhehlen, erlitten hatte, waren wahrſcheinlich die ſtaͤrkſten Beweggruͤnde ſeiner Thaͤtigkeit. Es iſt genug, daß der von Grahame verlangte Gerichtshof auf die ehrenvollſte Weiſe fuͤr ihn durch die Erklaͤrung aller Offiziere in dieſer Gegend, daß ſein Betragen in jedem Punkte eines Soldaten und Edelmanns wuͤrdig geweſen ſey, eingenommen wurde. Lord Montegle's ganzer Einfluß wuͤrde jedoch ſeine Freiſprechung ohne das freimuͤthige und kluge Vertrauen, das Grahame viele Monate fruͤher, bei Gelegenheit von O'Connors Entfliehen, in ſeinen komman⸗ direnden Offizier geſezt hatte, nicht ausgewirkt haben. Der Ehre dieſes Mannes hatte er ſein Abenteuer in Croßgates of Caberax anvertraut, hatte ihm mitgetheilt, daß der fluͤchtige O'Con⸗ nor, wie er zu glauben alle Urſache habe, ein naher Verwandter ſeiner Frau ſey, und hatte ihm fein Schwerdt uͤberreicht. Der hochgeſinnte alte Krieger weigerte ſich, daſſelbe anzunehmen. Er ſagte, Grahame habe in der That hoͤchſt voreilig und unklug gehandelt; allein er ge⸗ ſtand, er wiſſe bei ſeiner Ehre nicht, was er ſonſt haͤtte thun koͤnnen. Das Schwerdt anzu⸗ nehmen hatte er kein Recht; er hoffte und war uͤberzeugt, daß es, in denſelben Haͤnden, noch treffliche Dienſte thun werde. Grahame's Muth und Stolz fuͤhlten ſich lebhaft aufgefordert, dieſe Prophezeihung zu erfuͤllen, und in der That, ſo — peinlich auch die Aufopferung ſeines haͤ uslichen Gluͤcks und ſeines Familien⸗Intereſſes fuͤr ihm den Händen, als dis die Rühe in Irland wieder 75 hergeſtellt war 10 i0, 3 rend des Zeitpunkts der Verhehlung O Connor s in Ernescraig gefuͤhrten Corresp ondenz, deutlich. ungluͤcklichen Zeitpunkte, in der ſeine Frau von ihren Bruͤdern gewaltſamerweiſe entfuͤhrt wor⸗ lends auf. Er freute ſich, ſeinem tief gekraͤnk⸗ einem Anfalle von Verzweiflung und Wa Puſium uͤ⸗ 326 deuteten Delaney einen verzweifelten Kampf um das Leben an. l tu... R 4 O Toole, ſein elendes Werfzeug bei der Ver⸗ folgung des Geſchlechts O'Connors und ihrer 329 Lady Montegle's Tod war als zufaͤllig vertuſcht worden; und nach Slattery's Entfliehen ließ die große Jury die Bill, aus Mangel an hin⸗ reichenden direkten Beweiſen, fallen. Delancy, der tiefe Gewiſſensbiſſe wegen der Naſchheit fuͤhlte, mit der er ſeinen ungluͤcklichen Oheim dem Schutze eines ſo verzweifelten und rach⸗ ſuͤchtigen Menſchen„ wie Dennis war, aufge⸗ drungen hatte, wuͤnſchte aus dieſem und andern Gruͤnden, Irland zu verlaſſen. Er ging mit ſeiner Freundin und Verwandten, Ladoy Har⸗ riette Copely, an Bord des Schiffs ihres Ge⸗ mahls, der damals Befehl hatte, nach dem mit⸗ tellaͤndiſchen Meere zu ſegeln. In Gibraltar verließ er das Schiff, um ſich nach Spanien zu begeben, und gab ſeinen aͤngſtlichen Freunden zwei Jahre lang nicht die geringſte Nachricht Sechszehntes Kapitel. Und jezt begannen Eliſabeth und Lord von Bruce, dem jene theurer und nothwendiger ge⸗ worden war, als je, ihre langſame und traurige Nuͤckreiſe nach Schottland. Kapitain Grahame, der durch verſchiedene Geſchaͤfte zuruͤckgehalten wurde, begleitete ſie bis an die Thuͤre der Witt⸗ we Mulroonie, und verſprach wieder bei ihnen 21—* 1* 8 8 8 350 zu ſeyn, ehe ſie Monkshaugh erreichen wuͤr⸗ nN.. Eliſabeth, die Sonne und der Mittelpunkt von Monkshaugh und Ernescraig, war jezt das einzige theure Band, das die alte Monica Do⸗ ran noch an die Erde knuͤpfte; und obſchon die Amme, im Geheimen, ſtets die beabſichtigte Hei⸗ rath der Aileen O'Connor mit einem ketzeriſchen ſchottiſchen Edelmanne als die Urſache des Zorns des Himmels gegen das ganze Geſchlecht geta⸗ delt hatte, ſo konnte ſie ſich doch nicht enthal⸗ ten, ihr geliebtes Pflegekind in Schutz zu neh⸗ men. Eliſabeth beſchloß, daß dieſe ehrwuͤrdige Perſon, deren Geiſt und Erziehung ſo weit uͤber ihren Standpunkt im Leben erhaben waren, hinfort die haͤuslichen Angelegenheiten des Lord von Bruce, die Eliſabeth von Monkshaughs Hauehall zu trennen beſchloſſen hatte, leiten 0 le. Der erſte Strahl des herzlichen Vergnuͤgens, das Eliſabeths Geſicht ſeit manchem Tage erhellt hatte, ſchoß froͤhlich auf, als ſie auf dem Dam⸗ me von Port Patrick Herrn Haliburton erblickte, der in tiefe Trauer gehuͤllt war, und, was bei dieſer Kleidung nicht ſelten der Fall iſt, unge⸗ woͤhnlich gut ausſah. Durch eine von ſeinem Arme gebildete Schießſcharte blickte ein anderes altes Geſicht, ein verzwergter Komus. Als das Packetbvot den Landungsplatz erreichte, er⸗ kannte der Lord von Bruce, mit einem ernſten Laͤcheln und ſchweigenden Kopfſchuͤtteln, die Gegenwart des ehrwuͤrdigen Fremden an, den er 55¼ mit Elifabeth allein in dem Sprechzimmer des Wirthshauſes ließ. Dieſe Reiſe hatte der Pre⸗ diger unternommen, um ſie zu troͤſten und zu be⸗ willkommen, und zwar in Felge ihrer eigenen ſchriftlichen Bitte, die ſie ihm auf die Nachricht zugeſchickt hatte, daß er durch das haͤusliche Ungluͤck, das ihn betroffen hatte, an Geiſt und Korper littt.. 2 „Waͤhrend ſich Herr Haliburton mit Eliſabeth uͤber den Verluſt, den er in der Perſon Effie Fechnie’s, ſeines Weibes, erlitten hatte, unter⸗ hielt, trat Friſel in das 3 immer, und uͤber⸗ reichte allererſt. mit vielen Buͤcklingen, ſeine Depeſchen. nhe. 126 8- u!0 216 215 „„Es freut mich, dauß ihr jezt ein reicher Mann ſeyd, ſagte Eliſabeth.„Aber gebt mir die Briefe. n i Untlehnid h Dank den Edinburgar Advokaten, ſie werden mich vor der Schlinge eines uͤbermaͤßigen Reich⸗ thums bewahren. Herr. Andreas Dalrhmple rieth mir im Geheimen, die 500 Pfund zu nehmen, welche die Vormuͤnder mir anbietenz obſchon der Laird meint, ich ſolle auf meinem Rechte beharren. John Ballie iſt jedoch in der lezten Woche dahin gefahren, und ſie ſagen, Kapitaͤn Wolf werde jezt ſelbſt Factor werden; ſo erwarte ich euer gutes Wort, meine Lady⸗ fuͤr die Verpachtung von Grahame Arm 8, nebſt der Meierei. Ich werde genug haben, um eine neue Poſtchaiſe zu kaufen, nebſt einem Vorrathe alter Weine und guten Biers= denn ich bin ent⸗ ₰ 1 4 ½ 4- 1 8 he gon t indle 3Gl09 . 55² ſchloſſen, die beſten Artikel zu halten, der Liebe wegen zu heirathen, und des Silbers wegen zu arbeiten, und mich um Advokaten und Lairds nichts zu bekümmern.“ „Das iſt ein heidenmuͤthiger Eniſchiuß und mein gutes Wort ſoll euch bei dem neuen Faktor nicht fehlen ſagte Eliſabeth lächelnd. Franz Friſel bat hierauf um die Briefe der Eli⸗ ſabeth, und eilte ſodann nach Strathoran zuruͤck. Am Abend des erſten Tages nach dieſem Vor⸗ falle entdeckte die heimkehrende Geſellſchaft, zu der jezt Kapitaͤne Wolf Grahame geſtoßen war, jene Jubelfeuer, die, gleich neu aufgegangenen Sternen, die Anhoͤhe der Huͤgeldiſtrikte erleuch⸗ teten, von den dunkeln Quellen des Oran bis an den Ort, wo der Gebirgsruͤcken in das fruchtbare Feld hinablaͤuft, auf welchem dis klaren Waſſer des Oran Jich mit dem Marrs vereinigen. 191 Das Jubelgeſchrei der Einwohner von Pit⸗ bauchlie wurde bloß durch die zahlreichen Liba⸗ tionen von Bier und tiſkebah gedaͤmpft, die Kapitaine Grahame in ſo reichem Maße auf⸗ tragen ließ, als ob er ein Kandidat fuͤr das Parlament geweſen waͤre. Eine andere bewill⸗ kommende Gruppe, die aber aus ehrbarern Mitgliedern beſtand, gewahrte man bei den Furten des Oran. Unter ihr befanden ſich die Magnaten der Congregation von Sourholes; obſchon man zweifeln tann, ob ihr Paſtor ſie mit halb ſo großem Vergnuͤgen ſah, als er das grobgegliederte, toͤlpelhafte Thier von dem Ge⸗ ſchlechte der cken,“ ſagte ſandte alles, zu entgehen. Man ſagt, tzung ſichern Angabe, daß 1 Dumaſt, die 5³⁵³ „Pferde betrachtete, das ſeinen Aus⸗ ruf der Freude und des Erſtaunens durch ein hoͤchſt eſelartiges Wiedererkennungs⸗Geſchrei beantwortete., „So wahr ich ein lebender Suͤnder bin, es iſt Jenny Geoͤdes, Lisbeth!“ „Ja, und ein neuer Sattel auf ihrem Ruͤ⸗ Friſel, der daneben ſtand, und nebſt einem Komplimente, an euch ihr Fuͤllen trabt neben ihr her.„Lady Harriette zuruͤck, ehe ſie das Land verließ.⸗ Unter dem Schatten der ſchuͤtzenden Baͤume der Wohnung Monkshaugh machte der Wagen Halt. Der Lord von Bruce bat Monica, ihn durch den Garten in ſein Zimmer zu fuͤhren, um dem Tumulte des gaſtfreundlichen Empfangs daß Monkshaugh, ſelbſt nach ſo vie⸗ len Wochen ſorgfaͤltiger Vorbereitung, in ſeiner Eile, die kuͤnftige Gebieterin ſeines Haushalts auf der Thuͤrſchwelle zu empfangen, die Seryiette von du ſeinen neuen Anzug vor Beſchmu⸗ ſollte, zu entfernen vergaß. Es waͤre langweilig, alle einzelnen Umſtaͤnde des Wiederſehens mitzutheilen. Es genuͤgt die unmitteibar nach der Ankunft der Kieiſegefellſchaft in Montshaugh ein froͤhliches Gaſtmahl gefeiert wurdee..— Es war jedoch Bruͤre, der Eliſabeth zu Monks⸗ haughs Gaſtmahl fuͤhrte, und neben ihr Platz nahm. Bruce war es ferner, der mit einer 5⁵½ aus Ruͤhrung bebenden Stimme, aber doch mit geſammelter Feſtigkeit, über den gekroͤnten Be⸗ cher den alten Trinkſpruch— Mlanges Leben und Glckſeligkeit 4 ſprach.— 12 enne 45 Mla chi Aanet— 2e Lftftsr —ÿᷣ 0ↄ 3 dn gefähr zwei Iahe⸗ nach defem Zeitpunkte kam Trjedrich Delanch, der einige Monate zu⸗ vor von dem Feſtlande zuruͤckgetchrt war, auf einer einſamen Reiſe durch Irland, auf der Inſel Wight, dem ſchönſten Edelſteine in Bri⸗ tanniens Inſelkrone, an. An einem ſchoͤnen Nachmittage befand er ſich in der Naͤhe der Doͤrfer Se. Laurence und St. Boniface; und fing an, ſich nach einer kleinen Wohnung umzuſehen, die der Hauptzweck ſeiner Reiſe war. Von einer weiten und herrlichen Ausſicht auf die See wurde Delancy's Aufmerk⸗ ſamkeit auf die romantiſche Schoͤnheit einer klei⸗ nen weißen Huͤtte gelenkt, die von einem Obſt⸗ und Kuͤchengarten umgeben war. Die glaͤn⸗ zende Vorderſeite der Wohnung ſchien ganz aus Glas zu beſtehen, ſo breit und hoch waren die Fenſter und die Thuͤre mit Ziehfenſtern, die durch ein Gitterwerk von Weinlauh und Roſen blickte. Das ſchräge Dach war, nach der haͤu⸗ figen Sitte dieſes Theils der Inſel Wight, bis an die Spize des mit Schnoͤrkeln verſehenen Schornſteins mit breitblaltrigem Ephen bedeckt. Unter den vielen Hausſtaͤtten, welche elegante — — — 3³⁵ Laͤndlichkeit mit Bequemlichkeit und ausgeſuch⸗ te Reinlichkeit verbanden, wuͤrde man dieſe uͤberſehen haben, wenn nicht etwas in der Miene der Dame, die aus der Thuͤre mit Ziehfenſtern in die Hausflur trat und die Arbeiten eines al⸗ ten Gaͤrtners zu leiten anfing, Aufmerkſamkeit erregt haͤtte. kst „Dieſelbe elegante Haltung des Kopfs,“ dachte Delancy, der uͤber fruͤhere Erinnerungen nuͤch⸗ tern laͤchelte, und den bereits langſamen Trab ſeines Pferdes hemmte.„Koͤnnte dieß wirklich Lady Harriette Copely, oder eine juͤngere Schwe⸗ ſter ſeyn, die ſchoͤner und friſcher ausſah, de⸗ ren Geſichtsfarbe reiner und deren Augen glaͤn⸗ zender waren?“ Sie wurden noch glaͤnzender, als ſie den Reiter, der ſich jezt dem niedern Thore genaͤhert hatte, erblickte und ausrief: „Der lang Erwartete iſt endlich gekommen! Willkommen Delancy! Steigen Sie ab, ſteigen Sie ab!“ Der alte Diener, der ſowohl Gaͤrtner, als Haushofmeiſter war, naͤherte ſich, um den Zaum des Herrn zu faſſen, den ſeine Gebieterin ſo herzlich und freundſchaftlich bewillkommte. „Aber woher zulezt, Delanch, Sie unhoͤfli⸗ cher Correſpondent und unguͤtiger Vetter?“ „Zulezt aus Schottland. An dieſem Monats⸗ tage empfing ich den Abſchiedsdruck von den ſchoͤnen Haͤnden der Frau Francis Friſel, dieſer ſanften Rieſin, als ich an Grahame Arms vor⸗ beireiste.“ 1 257, „„Nun ſchnell, geben Sie mir Nachrichten von dem artigen Strathoran, hier in meiner Hausflur. Vor allem von Lord von Bruce— von ihm, an den ich nie anders, als mit der lebhafteſten Theilnahme denken werde.“ „Er befindet ſich beſſer, Lady Harriette, als ſeit zwanzig Jahren,“ ſagte Delaney. 1 „Aber darf ich fragen, wen Eurer Gnaden beſonderer Geſchmack und Fleiß fuͤr Juliana auserkoren hat? Die Damen in Rookſtown und Strathoran wiſſen alle uͤber dieſen Punkt nichts Zuverläͤſſiges; es wird unter ihnen bloß etwas Großes angedeutet und auch bezweifelt.“ „Juliana's Nabob iſt ohne Zweifel— an Monsieur agé, kurz der indentiſche Papa mei⸗ ner huͤbſchen Rajah⸗Huͤhnchen, gegen die Iulia⸗ na die Mamma mit einer hoͤchſt erbaulichen Miſchung von Wuͤrde und Zankſucht ſpielt. Sie hat mit ihrer Mutter gebrochen, weil ſie„einen Doktor Mallock“ geheirathet hat, was ſie—„eine niedrige und erbaͤrniliche Connexion fuͤr Papa s Wittwe“ nennt. 1 3 4. „Allein Sie fragen nicht nach dem ſchlanken John. 1 1 4 5 31 „SO a, und das mit der freundſchaftlichſten Theilnahme,“ ſagte Delancncwlru. „Er iſt noch mein luſtiger Liebling, und wird der Dragonerſattel, in den Sie ihn ungewoͤhnlich gut geſezt haben. Er bewundert das hirſchaͤugige indianiſche Mädchen, ſeine neue Verwandte, bis zur Uebertreibung, und ich habe ihm meinen Bei⸗ — ſtand ſtand verſprochen; allein Juliana traͤgt Bedenken wegen der nahen Blutsverwandtſchaft. Es iſt je⸗ doch⸗Vermoͤgen, unveraäußerliches Vermogen da. Ich machie dieß zu einet vorläufigen Bedingung von Juliana's ehlicher Eroͤffnung; und ich muß die⸗ ſe Heirath in aller Eile zu Stande bringen, denn die Verehligung der einen Schweſter wird beide befreien— Aber zuruͤck mit Ihnen nach Stra⸗ thexan. Welches Jusſehen hat alles? Es ſind wenige Verznderungen vorgegangen,“ ſagte Delancy.„Eine jedoch hat Statt gehabt, die Eurer Gnaden gefallen wuͤrde—ein langer, moder⸗ ner Fluͤgel, der an die alte Wohnung gefuͤgt worden iſt. Er enthaͤlt eine Reihe huͤbſcher Gemaͤcher, welche die Ausſicht auf die ſilbernen Wellen des Oran gewaͤhren. Eine beſondere Thuͤre oͤffnet ſich nach einem neuen Luſtgebuͤſche, dem ehema⸗ ligen Duͤcot Park; und ein langer, bedeckter Gang mit doppelten Thuͤren, zu denen Frau Wolf Grahame allein den Schluͤſſel hat, ſteht mit dem Hauſe in Verbindung. Dieſe Gemaͤcher bewohnt Lord von Bruce beſtaͤndig. Die alte triſche Monica iſt ſeine Haushaͤlterin— Fugal ſein Diener, und ſeit das Dach der Huͤtte zu Sourholes niedergefallen iſt, bewohnt Herr Haliburton ein Gemach hier als Freund, Haus⸗ lehrer, Kaplan, Bibliothekar, turz als eine Per⸗ ſon, die man nicht einen einzigen Tag miſſen kann. Lord von Bruce wuͤnſcht, er moͤchte ſein Predigeramt niederlegen; allein das will er nicht thun. Er nimmt jedoch ſeinen Gehalt nicht an, Eliſ. v. Bruce. II. 15 338 und die Kirchen⸗Seſſion theilt denſelben alten Weibern und Waiſen aus. Er hat jezt einen hoͤchſt gottloſen Hang zum Schachſpiele, und ſchlaͤgt den Lord von Bruce, der ſein Lehrer war, taͤglich.“ „Allein der Gemuͤthszuſtand des Lord von Bruce— iſt er heiter— iſt er gluͤcklich?“ fragte Lady Harriette. „Er iſt kein Mann nach dieſer Welt, Lady Harriette, und wird es nie werden— aber wer darf es wagen, ihn ungluͤcklich zu nennen? Er miſcht ſich in keine Geſellſchaft, allein er reitet oft mit Eliſabeth und zuweilen allein aus. Sie iſt ſein Sonnenlicht!— wie rein und liebevoll iſt ihre Verbindung.“ „Allein iſt er wohl?“ ſagte Lady Harriette. „Lord Rantletree laͤugnet dieß beharrlich,“ fuhr Delancy fort;„denn er behauptet, obſchon Seine Herrlichkeit in einigen Punkten beſſer ſey, ſo ſey er doch im andern ſchlimmer. Kurz es hat ihn„ein religidſer Wahnſinn“ befallen; und er unterhaͤlt zu gleicher eit eine papiſtiſche Haus⸗ haͤlterin und einen cameronianiſchen Prediger: — was ſeine beſondern Lehrſaͤtze ſind, kann Nie⸗ mand ſagen.“ „Allein Seine Herrlichkeit miſcht ſich nie in ge⸗ woͤhnliche Geſellſchaften? nimmt keine Beſuche an ⁰ ſagte Lady Harriette. „In ſeinen eigenen Gemaͤchern nicht, ausge⸗ nommen die privilegirte Frau Wolf Grahame, die manche ihrer Morgenſtunden daſelbſt zu⸗ 2 559 bringt. Vor einiger Zeit brachte ſie alle Abende bei ihm zu; allein unmittelbar vor meinem Be⸗ ſuche bei meinem Vetter hatte ein anderer Gaſt den Weg in dieſe bezaubernden Zimmer gefun⸗ den,— ein Maͤdchen, das unter der geſchickten Leitung ihres Großoheims bereits ihre Hand kuͤßt, und ſich mehr mit der Grazie und Wuͤrde des alten Hofs, als irgend einer jungen Dame ihres Alters in Schottland verbeugt.“ „Ah! ich begreife,“ ſagte Lady Hariette.„Und in der That dieß iſt die einzige Art von jungen Damen, die ich unwiderſtehlich finde.“ „Die Thuͤren, die dem ganzen ſchlechten und reifen Theile des menſchlichen Geſchlechts ver⸗ ſchloſſen ſind,“ ſagte Delancy laͤchelnd,„erman⸗ geln nie, dem kleinen Geraͤuſche, und dem kindli⸗ chen, einſchmeichelnden Lallen des kleinen Dings aufzufliegen, das wankend ſeine erſten Verſuche zu gehen macht, und den Namen Aileen O'Con⸗ or erhalten hat.„/“ Die junge Aileen, von der Delancy ſprach, hatte eine ſo auffallende Aehnlichkeit mit dem liebenswuͤrdigen Weſen, nach welchem ſie genannt worden war, daß Bruce, waͤhrend er ſie anblickte und ſie auf ſeinen Knieen hielt, wieder ein Traͤu⸗ mer haͤtte werden, und ſich einbilden koͤnnen, der himmliſche Geiſt derer, die das Sternenlicht ſei⸗ ner Kindheit geweſen war, habe ſich noch einmal in eine liebenswuͤrdige und unſchuldige menſch⸗ liche Geſtalt gehaͤllt. Eine kleine Anwandlung kindiſchen Muthwillens pfiegte die Taͤuſchung 340 zu zerſtoͤren, ohne den Traͤumer zu kraͤnken. Durch die liebevolle Geſchicklichkeit ſeiner Mutter zog die ungeküͤnſtelte Bezauberung dieſes Kindes, in dem Laufe des zweiten Winters, den Lord jeden Abend in den haͤuslichen Kreis zu Monkshaugh, um Eliſabeth vorzuleſen, waͤhrend ſie mit ihrer Arbeit beſchaͤftigt war, oder ihren einfachen Con⸗ zerten beizuwohnen. 11 Die merkwuͤrdige Aehnlichkeit des kleinen Maͤdchens mit Lady Montegle machte es auch zum Lieblinge der alten Monica; und wenn Güte und Liebkoſungen je ein von Natur edles und liebevolles Geſchoͤpf verderben konnten, ſo war die junge Aileen einigermaßen in Gefahr, verdorben zu werden. Kaum war ſie jedoch in ihren Menuet⸗Verbeugungen ausgebildet, als ihr Erzieher ſie gaͤnzlich den Bewohnern der bezauberten Zimmer uͤberließ; dem Verfertigen von Strumpfbaͤndern und Treſſen entſagte, und anfing, den Telemach und Cyrus Reiſen von dem Chevalier Ramfſay, zum Beſten ſeines Groß⸗ neffen Fohn von Bruce Grahame, zu ſtudiren, der jezt ein Prinz von drei Wochen war, und den die Wittwe Tamtallan unter ihren beſondern Schutz genommen hatte. Um ſeinetwillen ver⸗ gab ſie die Suͤnden ſeiner ganzen Generation. Nebſt zahlreichen Anweiſungen zur Erziehung des hoffnungsvollen Knabens, ſandte ſie, zu⸗ ſannt ihrer Verzeihung, die alte mit Schnitzwerk geſchmuͤckte Familienwiege, die aus einer Er⸗ 541 nescraiger⸗Eiche vor drei Jahrhunderten ausge⸗ hoͤhlt worden war. Der Segen eines Cardinalz hatte dieſe Wiege, in der noch kein weibliches Kind gelegen war, geheiligt,— und das ohne die geringſte Verunglimpfung der Zauberſpruͤ⸗ che, die ebenfalls uͤber derſelben gemurmelt wur⸗ den. Das Gepraͤnge einer oͤffentlichen Taufe im Hauſe der Tamtallan, die jezt zu alt zum Reiſen war, vermied Eliſabeth ſowohl aus Ab⸗ neigung gegen alle großen Bewegungen, als aus Achtung gegen die Gefuͤhle der juͤngern Lady Tamtallan, die zu ihrer urſpruͤnglichen Suͤnde der neun Muſen ſeitdem die drei Grazien hinzugefuͤgt hatte. 4 „O wie gerne wuͤrde ich, ſagte Lady Harriette, als Delancy ſchloß,„der alten unnatuͤrlichen Hexe ſagen, wie anziehend und ſchon Lady Tamtallan, umgeben mit ihren zwoͤlf unverheiratheten Toͤchtern, ausſieht! Wie wuͤr⸗ den ihre gruͤnen Augen mich verſengen!“ Lachend ſagte jezt Delanch—„Darf ich fra⸗ gen, wie lange es iſt, ſeit die friſchen Winde der Inſel Wight jenen begleitenden Teufel hinwegblieſen, der meiner ganzen Beſchwoͤrungs⸗ kraft widerſtand? Wie ſchoͤn iſt Ihre Wohnung — ſie hat nicht Eine Ecke, in welcher der Spleen ſeine finſtere Brut aushegen koͤnnte!“ „Sie iſt in der That ſehr huͤbſch:— ich genieße eine Seeausſicht und die Muſik der See. Denn ſeit wir uns trennten, habe ich das Hinterdeck— ja und das Hauptdeck betreten; 342 und 8 wulben Orean in allen ſeinen Lau. nen, ſeinem Murran, ſeiner Wuth und ſenes Milde geſehen. Allein ſetzen Sie Ihre eigene Kraft nicht herab— weder der Geiſt des Sturms, noch der maͤchtigere Geiſt⸗ der Einſamkeit vermochten den alten eingeniſte⸗ ten Feind, der Ihrer wohlwollenden Philoſophie trozte, zu verbannen. Es waren andere Heil⸗ mittel noͤthig, um den Teufel 30 vertreiben— über faldon Sir üt⸗ Auf den Spitzen der Zehen gehend, fuͤhrte Harriette Copely Delaney durch die Thuͤre mit Schiebfenſtern, die ein Fenſter ihres kleinen Geſellſchaftszimmers⸗ bildete. Die um die Fen⸗ ſter gewundenen Pflanzen, und die leichten Umhaͤnge verbreiteten in dem zierlichen kleinen Gemache ein angenehmes Zwielichtbdunkel; und in einem Alkoven in noch tieferem Schatten, ſah Delanch eines der ſchoͤnſten Schauſpiele in der Natur, zwei liebliche Zwillingskinder, die mit einander auf demſelben weichen Bette ſchliefen. Der kleine Burſche lag auf ſeinem Ruͤcken— ſeine mit Gruͤbchen verſehenen Fuͤße und Haͤnde nach ſeinem roſigen Geſichte emporgezogen— ſeine Lippen bewegend, als ſoͤge eer an der muͤt⸗ terlichen Bruſt die ſuͤße Nahrung ein. Das Mädchen, das ſich bereits durch eine ſanftere Schonheit auszeichnete, lag mit ſeinem Geſichte gegen ſeinen Bruder gekehrt, und die langen dunkeln Wimpern ſeiner Mutter ruhten auf dem 343. reichen Hochroth der kleinen Wange— das Lächeln gluͤcklicher Traͤume kruͤmmte den kleinen „Mund. Lady Harriette zog den Shawl. ſanft aber die nackte elfenbeinerne Schulter, die aus. dem Bette hervorblickte. ,„Zwei kleine Zwillinge,“ fluͤſterte ſie ſanft. „Aber Delancy, wir muͤſſen jezt anes Eſſen und Trinken denken. Ich fuͤhrte Sie nicht in mein Geſellſchaftszimmer ein, damit Sie Ihr Gewiſ⸗ ſen dadurch beflecken ſollten, daß Sie ſchwoͤren, dieſes Zwillingspaar von Roſenknospen ſeyen die ſchoͤnſten Geſchoͤpfe, welche Sie oder die Sonne je geſehen haben; denn in Wahrheit ich bin ſo vollkommen davon uͤberzeugt, daß ich in dieſem Punkte keiner Verſicherung bedarf; allein ich wuͤnſchte Ihnen zu zeigen, Friedrich, durch welche Beſchwoͤrung und welchen maͤchti⸗ gen Zauber die That vollbracht wurde, die Ihrer Beredtſamkeit trozte.— Doch genug hie⸗ von, Friedrich— und jezt nur noch Eine Frage — und ich kann kein Glas von Copely's. grie⸗ chiſchem Weine, mit wahrhaft froͤhlichem Herzen, auf Ihre langerſehnte, willkommene Ankunft leeren, bis ſie ſeinem Weibe dieſe eine Frage beantwortet haben.— Sie errathen ſie ſchon—“ „O'Connor!“ ſagte Delanch, ſeine Augen niederſenkend. Er hoͤrte das ſchnelle Athemho⸗ len, das auf den Ton folgte, in welchem er die Worte murmelte;„er focht unter dem Herzoge von Braunſchweig, und fiel im tapfern Kampfe fuͤr Deutſchlands Freiheit.“ Delancy wollte nicht 344 ſehen, daß die Lippen und Augenlieder der Zu⸗ hoͤrerin einen Augenblick lang bebten, oder daß ihre Wange eine toͤdtliche Blaͤſſe bedeckte. Nach Verfluß eines Augenblicks blickte ſie jedoch mit ruhiger Faſſung auf, und fluſterte, ihren Kopf niederbeugend, mit feſter und tiefer Stimme =—„Gottes Wille geſchehe!“ 3 ar ende des dritten und lezten Bandes. ſſſ 6 16 17 18 19 EAAEEZZ 9 11 12 13 14 15 9 9 v L laltlahn AAnnnannnnnrn