Eduard ofkmernr in giche 6 Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Ceiß- und efeßedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Wiblinthee ſteht zur Em⸗ pfan ngnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens Uhr bis Abends 8 Uhr offen 2. Lesepreis. Bei Ilrſtd eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ en angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Aieithe deſſelben entſprechende Summe— 4. interlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet 14 aonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: anf 1 Monat: 2be— df 1 5b df 2 Mt.— 33. Auswärtig, der Wücher au n.— Iſt das zeit n ecte ris ein Theil eines größere m Erſatz des Ganzen verpflichtet. ihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgen der und wird arauf aufmerkſam gemacht, daß das eiterverleihen 4 Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejeni en, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen habe — — —ͤͤͤ ſſ . Ein romantiſches Gemaͤhlde von Walter Scott. Ueberſetzt von W. A. L i n d a u. AA Zweiter Theil. Leipzig 1821. Rein'ſche Buchhandlung. * . Sheei.. Thei II. ₰ 3———— 3—— „ 1. Feohlich trabte Roland voran im Gefolge des Nitters Halbert Glendinning. Er war erloͤſet von ſeiner peinlichſten Beſorgniß, den Hohn und die Spoͤttereien ertragen zu muͤſſen, womit er bei ſeiner ſchnellen Ruͤckkehr in die Burg Avenel wohl waͤre empfangen worden.„Es wird ſich Manches aͤndern, ehe ſie mich wiederſehen, ſprach er zu ſich ſelber; ich werde einen Harniſch tragen, ſtatt der Buͤffeljacke und einen Helm, ſtatt der Federmuͤtze. Sie werden nicht ſo kuͤhn ſein, fuͤr die Thorheiten des Edelknaben mit dem Kriegsmanne anzubinden, und ich hoffe, ehe wir heim kehren, werd' ich etwas gethan haben, das mehr der Rede werth iſt, als einen Hund hinter ein Reh zu hetzen, oder eine Klippe zu erſteigen, um ein Falkenneſt zu hohlen.“ 2 Er mußte ſich indeß nicht wenig wundern, daß ſeine Großmutter, bei allen ihren Glaubens⸗ vorurtheilen, ſich ſcheinbar auf die entgegen geſetzte Seite neigte, und ſo leicht zu ſeiner Ruͤckkehr in des Ritters Dienſte ihre Einwilligung gegeben hatte, und noch auffallender war ihm die geheimnißvolle Freude geweſen, womit ſie in der Abtei Abſchied von ihm nahm.„Der Himmel— waren ihre Worte bei dem Scheidekuſſe— vollbringt ſeine Werke ſelbſt durch diejenigen unſrer Feinde, die ſich fuͤr die Staͤrkſten und Weiſeſten halten. Sei bereit, mein Sohn, zu handeln, wenn dein Glaube und dein Vaterland Dich rufen, und erinnere Dich, daß jedes irdiſche Band, welches Du knuͤpfen magſt, gegen die Bande, ſo Dich an jene binden, wie lockrer Flachs iſt gegen das ge⸗ drehte Tau. Haſt Du die Züge und die Geſtalt des Fraͤuleins, Katharina Seyton, nicht vergeſſen?“ Roland haͤtte verneinend antworten moͤgen, aber das Wort ſchien ihm in der Kehle ſtecken zu bleiben, und die Alte fuhr in ihren Ermahnungen fort.„Du darfſt ſie nicht vergeſſen, mein Sohn, und hier geb' ich Dir ein Zeichen, das Du wohl — B — 5 bald treu und heimlich in ihre eigene Hand wirſt bringen koͤnnen.“ Sie uͤbergab bei dieſen Worten dem Juͤnglinge ein ſehr kleines Pakt, und empfahl ihm noch ein⸗ mahl, es auf das Sorgfaͤltigſte zu bewahren, und es Niemanden ſehen zu laſſen, als allein Katharina Seyton, welche, wie ſie unnoͤthig erinnerte, jenes Maͤdchen ſei, das er Tags vorher geſehen. Darauf gab fie ihm feierlich ihren Segen und empfahl ihn Gottes Geleite. Es war etwas Geheimnißvolles in ihrem Weſen und Benehmen; aber es lag nicht in der Stimmung des muntern Juͤnglings, viel Zeit damit zu verſchwenden, um ihre Meinung heraus zu gruͤbeln. Alles, was ihm bei ſeiner jetzigen Reiſe klar vor Augen lag, verhieß ihm Vergnuͤgen und neue Genuͤſſe. Er freute ſich, daß er Edin⸗ burgh ſehen ſollte, um als Mann aufzutreten und die Knabenrolle abzugeben. Es entzuͤckte ihn der Gedanke, leicht eine Gelegenheit zu finden, Katha⸗ rina Seyton wiederzuſehen, deren feuriges Auge und lebhaftes Weſen einen ſo guͤnſtigen Eindruck auf ſeine Seele gemacht hatten. Dem unerfah⸗ . 6— renen, aber muthigen Juͤnglinge huͤpfte das Herz, als er daran dachte, daß er nun jenen Hofglanz, jene kriegeriſchen Abenteuer ſehen ſollte, wovon Halberts Reiſigen bei ihren gelegentlichen Beſuchen im Schloſſe Avenel ſo oft prahlend erzaͤhlt hatten, die Verwunderung und den Neid der Hausgenoſſen erweckend, welche, wie Roland, Hoͤfe und Feld⸗ lager nur von Hoͤrenſagen kannten, und nur zu einſamen laͤndlichen Vergnuͤgungen, und zu einer faſt kloͤſterlichen Abgeſchiedenheit in der Burg, die an dem ſtillen See, von pfadloſen Bergen eingeſchloſſen lag, ſich verurtheilt ſahen.„Sie ſollen meinen Nahmen nennen hoͤren, ſprach er zu ſich ſelber, wenn ich mir mit Gefahr meines Lebens Gelegenheiten zur Auszeichnung verſchaffen kann, und Katharina's muthwilliges Auge ſoll mit mehr Achtung auf dem geruͤhmten Krieger ruhen, als ſie dem ungebildeten, unerfahrnen Edelknaben zeigte, den ſie ſpottend verlachte.“ Er hatte nun aues, was noͤthig war, ſeine frohe Stimmung zu erhoͤhen, als er wieder auf einem feurigen, muntern Pferde ſaß, und nicht mehr, wie an den beiden letzten Tagen, ſich zu 3 . Fuße fortſchleppen mußte. Von ſeinem lebhaften Muthe getrieben, den ſo viele Umſtaͤnde nur noch mehr anſpornen mußten, ließ er bald ſeine Stimme und ſein frohes Gelaͤchter unter dem luſtig fort⸗ trabenden Gefolge erſchallen, und mehr als ein⸗ mahl gewann er die Aufmerkſamkeit des Anfuͤh⸗ rers, der mit Vergnuͤgen bemerkte, daß der Juͤngling mit gutmuͤthiger Neckerei auf die Scherze der Reiſigen antwortete, die ihn uͤber ſeine Verabſchiedung und ſeine Ruͤckkehr auf. zogen. 3 Ich daͤchte, Junker Roland, prach Einer der Krieger, der gruͤne Buſch auf eurer Muͤtze haͤtte auch etwas von Mehlthau weggekriegt. Nur ein bischen von einem halbſtuͤndigen Froſte, und Ihr ſeht, er bluͤhet jetzt gruͤner als je. Fuͤr die Pflanze, paßt ein ſo hitziger Boden nicht, als dein Kopf iſt, Ju nkerchen, ſprach Halbert's alter Stallmeiſter. 1 Will ſie nicht allein wachſen, erwiederte Roland, ſo will ich ſie mit dem Lorber und der Mirthe paaren, und alle ſollen ſo hoch zu den 8 — Wolken ſtreben, daß man vergeſſen wird, wie ihr Wuchs einſt verkruͤppelt geweſen. Bei dieſen Worten ſtieß er ſeinem Roſſe die Spornen in die Seiten, und den Zuͤgel ſtraff an⸗ ziehend, ließ er es eine froͤhliche Schwenkung machen. Ritter Halbert blickte auf das Beneh⸗ men ſeines neuen Dieners mit jener wehmuͤthigen Freude, womit ein Mann, der lange den Be⸗ ſtrebungen der Menſchen gefolgt und ihrer Eitel⸗ keit inne geworden iſt, auf junge, froͤhliche hoch⸗ fliegende Geiſter blickt, die im Leben nichts als Hoffnung und Verheißung ſehen. Adam Woodcock, der Falkner„ hatte indeß ſeine Maske abgelegt, und erſchien in dem Anzuge, der ſeinen Beruf andeutete, der gruͤnen Jacke, mit einer Falknertaſche auf der einen Seite, dem Jagdmeſſer auf der andern, einem hoch hinaufrei⸗ chenden Handſchuh an der linken Hand und einer Federmuͤtze auf dem Kopfe. Er hohlte den Haufen in ſchnellem Trabe ein, und wendete ſich ſogleich zu Roland. So, Junker, noch einmahl unter dem Schat⸗ ten des gruͤnen Helmbuſches? hob er an. . 9 Und im Stande, Euch eure zehn Silbergro⸗ ſchen zu erſtatten, mein guter Freund. Die Ihr mir vor einer Stunde faſt mit zehn Zoll Stahl bezahlt haͤttet, erwiederte der Falkner. Wahrhaftig, es ſteht geſchrieben im Buche eures Schickſales, daß ich am Ende noch euren Dolch fuͤhlen ſoll. Nichts davon, mein Freund! ſprach Roland. Ich wuͤrde lieber mich ſelber durchbohrt haben, als eure Bruſt; aber wer haͤtte Euch in der Mum⸗ merei errathen koͤnnen? Nun, ich war wohl ein ſo guter Eulenſpiegel, als je im Karneval auftrat, und nicht der ſchlech⸗ teſte Abt der Unvernunft. Kein Teufel ſoll mich entlarven, wenn ich mein Viſier vornehme. Aber daß uns auch der Ritter auf den Hals kommen mußte, ehe unſer Spiel zu Ende war. Ihr haͤttet hoͤren ſollen, mit welcher Stimme ich die Ballade geſungen haͤtte, die ich ſelber gemacht habe. Aber ich bitte Euch, Junker Roland, ſeid nicht ſo vorlaut mit eurem Dolche bei geringen Gelegen⸗ heiten, denn haͤtt' ich meinen ehrwuͤrdigen Bauch nicht ſo gut gepolſtert gehabt, ich waͤre nur aus — 10 der Kirche gekommen, um meinen Platz auf dem Kirchhofe einzunehmen. Erlaßt's mir, dieß auszufechten, erwiederte Roland. Wir werden nicht Zeit dazu haben. Ich ſoll nach Edinburgh, ſo will's der Ritter. Ich weiß es, und eben deßwegen werden wir Zeit haben, unterwegs den Riß zu flicken, denn Ritter Halbert hat mich zu euren Begleiter und Fuͤhrer auserſehen. So? Und warum das? ſprach Roland. Das kann ich Euch nicht ſagen; aber ſo viel weiß ich, mag das Futter füͤr die Neſtfalken ge⸗ waſchen, oder nicht gewaſchen werden, und Gott weiß wie unſern Falken es ergeht, ich ſoll mit Euch nach Edinburgh und Euch ſicher dem Regen⸗ ten uͤberliefern. Wie, dem Regenten? rief Roland uͤberraſcht. Wmas ich Euch ſage, dem Regenten, und ich geb' Euch mein Wort, wenn Ihr nicht in ſeine Dienſte treten ſollt, ſo bleibt Ihr wenigſtens bei ihm als ein Diener des Ritters von Avenel. Ich wuͤßte nicht, daß der Ritter von Avenel ein Recht haͤtte, meine Dienſte Andern abzutre⸗ — II ten, vorausgeſetzt, daß ich ihm zu Dienſten ver⸗ pflichtet waͤre. Still! Still! antwortete der Falkner, Ich rathe Jedermann die Frage nicht aufzuruͤhren, bis er den Berg, oder den See, oder noch beſſer die Graͤnze, zwiſchen ſich und ſeinem Lehnherrn hat. Ritter Halbert Glendinning iſt nicht mein Lehnherr, noch hat er ſonſt Gewalt uͤber mich— Ich bitte Euch, mein Sohn, haltet eure Zunge im Zaum, erwiederte Adam. Wenn Ihr den Unwillen des Herrn reizet, ſo wird's Euch ſchwerer werden, ihn zu beruhigen, als die Edel⸗ frau. Wenn er mit ſeinem kleinen Finger an⸗ ruͤhrt, ſo trifft's ſchwerer, als ihr haͤrteſter Schlag. Bei meiner Treue, ein Mann von Stahl iſt er⸗ ſo echt und rein als Stahl, aber auch ſo hart und unbarmherzig. Erinnert Ihr Euch nicht des armen Teufels, den er eines bloßen Verſehens wegen uͤber dem Schloßthore aufhaͤngen ließ? Der wackre Kerl hatte ein Joch Ochſen in Schottland weggenommen, weil er meinte, er waͤre ſchon auf engliſchen Grund und Boden.— Aber ſeht, . 5 6. * feh len. 3 4 — 12 der edle Ritter haͤlt ſtill. Wir kommen zu der Bruͤcke. Reitet ſcharf zu, wir muͤſſen ſeine letzten Befehle hohlen. So war's. In dem Hohlwege, der zur Bruͤcke fuͤhrte, ließ der Ritter ſeine Reiſigen halten, und winkte den Falkner und Roland zu ſich. Woodcock, ſprach er, Du weißt, wohin Du dieſen Juͤngling fuͤhren ſollſt. Und Du, junger Mann, folge beſcheiden und emſig den Be⸗ fehlen, die Du erhalten wirſt. Baͤndige dein ditles, empfindliches Gemuͤth. Sei gerecht, wahrhaftig und getreu, und es iſt etwas in Dir, das Dich weit uͤber deine jetzige Lage erheben kann. Nie, wenn Du Dich wacker und redlich erweiſeſt, ſoll Dir Avenel's Schutz und Beiſtand Nach dieſen Worten ließ der Ritter ſie vor dem Eingange der uͤberbauten Bruͤcke, deren hoher Thurm einen langen Schatten auf den Strom warf, und wendete ſich links am Ufer hinauf, nach der Huͤgelreihe, in deren Schooße die Burg lag. Niemand blieb zuruͤck, als der Falkner, der Edelknabe und ein Knecht des Ritters, der jene bedienen ſollte. Ihr Weg ging nordwaͤrts uͤber den Strom. Sie riefen dem Bruͤckenwaͤchter, dem alten muͤrriſchen Peter, zu, die Zugbruͤcke niederzulaſſen. Daraus wird nichts, erwiederte er. Mag Paͤpſtler kommen, oder Proteſtant, ſie ſind Alle uͤber einen Kamm geſchoren. Der Paͤpſtler droht uns mit dem Fegefeuer und rupft uns mit dem Ablaß, der Proteſtant haͤlt uns das Schwert ent⸗ gegen und ſchiert uns mit der Gewiſſensfreiheit, aber Keiner ſagt je: Peter, hier iſt dein Pfennig. Ich habe das ſatt, und es kommt mir Niemand uͤber die Bruͤcke, der nicht baar Geld ſehen laͤßt. Daß Ihr's nur wißt, ich mache mir aus Kalvin ſo wenig als aus dem Papſt, und aus Predigten nicht mehr als aus Ablaßbriefen, und ich mag von keinen Paͤſſen hoͤren, als von guten Süberpfen. nigen. Da kriegen wir's mit einemn Luͤmmel zu thun, ſprach Woodcock zu Roland, und ſeine Stimme erhebend, fuhr er fort:„Alter Schurke, meinſt Du, wir haͤtten Rom den Peterspfennig verwei⸗ — — 14 gert, um Dir einen zu bezahlen auf der Bruͤcke von Kennaquhair? Laß die Zugbruͤcke nieder vor den Dienern des Hauſes Avenel, oder bei meines Vaters Hand— und der war ein Mann, der ſeine Fauſt nicht umſonſt hatte— bei meines Vaters Hand! ſag' ich, unſer Ritter wird Dich aus deinem Thurmneſt blaſen mit dem Falkonet⸗ chen, das wir morgen von Edinburgh bringen.“ Der Henker hohl⸗ eure Falken und Falkonet⸗ chen, Kanonen und Feldſchlangen, murmelte der alte Peter, und all' die laͤrmenden Bullenbeißer, die ſie in unſern Tagen gegen Stein und Moͤrtel hetzen! Es war eine luſtige Zeit, als es nicht viel anders gab, als die Hiebe eines kraͤftigen Armes, und ein Pfeilregen die ſteinernen Mauern nicht mehr beſchaͤdigte, als eben ſo viele Schloßenſteine. Aber— was hilft's, wir muͤſſen ſchon in den ſauern Apfel beiſſen. Damit troͤſtete er ſich, ließ die Zugbruͤcke nieder und die Reiſenden zogen hinuͤber. Bei dem Anblicke der grauen Haare des Mannes, ward Roland von Mitleid bewegt, und wollte ihm ein Almoſen reichen, aber der Falkner hielt ihn ab. —, — 15 „Laßt ihn buͤßen, ſprach er, für ſeine ehemahlige Grobheit und Habſucht. Der Wolf, der ſeine Zaͤhne verloren hat, muß nicht beſſer behandelt werden, als ein Hofhund.“ Die Reiſenden ließen den Bruͤckenwaͤchter jammern uͤber die boͤſen Zeiten, welche herriſche Soldaten und laͤrmende Reiſigen, ſtatt friedſamer Wallfahrer, zu ſeiner Bruͤcke fuͤhrten. Woodcock, welcher der Gegend ſehr kundig war, machte den Vorſchlag, den kuͤrzern Weg durch das kleine Thal Glendearg zu waͤhlen. Roland hatte von den wunderbaren Abenteuern, die ſich in Halbert's Jugendzeit daſelbſt zugetragen, viel erzaͤhlen hoͤren,*) und betrachtete mit Theilnahme den Schauplatz dieſer Sagen. Adam Woodcock dachte indeß mit Bedauern daran, daß er mitten in ſeiner Mummerei war geſtoͤrt worden, und ſeine Ballade nicht hatte ausſingen konnen. Waͤhrend ſie fuͤrbaß ritten, unterbrach er zuweilen die Stille mit einigen Verſen aus dem Spottſang. *) Man ſehe den Roman: Das Kloſter, uͤberſetzt von K. L. Merhul. Muͤller. Die Moͤnche tranken Doppelbier, “s ward beſſer nicht gefunden, Und ließen bei verſchloſſ'ner Thuͤr Sich Fleiſch am Faſtag munden. Das Pfaͤſlein gar Mit grauem Haar Kuͤßt' gern noch Kloſterfrau'n. Auf, tanzt Juchhei Und ſingt Juchhei Unter dem gruͤnen Baum! Wahrlich, Freund Woodcock, wenn Ihr auch ein tuͤchtiger Bibelleſer ſeid, der ſich weder aus Hei⸗ ligen noch aus Teufeln etwas macht, Ihr ſolltet doch nicht ſolche weltliche Lieder in dieſem Thale ſingen, und bedenken, was hier vor Zeiten ſich begeben hat. Was frag' ich nach euren Geſpenſtern! erwie⸗ derte der Falkner. Sind ſie nicht alle ausgeriſſen, ſeitdem ehrliche Maͤnner auf den Kanzeln ſtehen und das Volk die reine Lehre hoͤrt? Ich hab' in meinem Liede auch was davon. Haͤtte Ritter Haibert mich nur zu Ende ſingen laſſen, ſo wuͤrd' er wohl herzlich gelacht haben, und ſo 15 wird's ihm ſelten. 17 Wenn alles wahr iſt, was die Leute von ſeinen Jugendjahren erzaͤhlen, ſo hat er wohl am wenig⸗ ſten recht, uͤber Geſpenſter zu lachen, fiel Roland ein. Ja, wenn alles wahr iſt. Aber wer ſteht uns dafuͤr? Es waren nur Moͤnchsmaͤhrchen, womit man uns einfaͤltige Laien hinter's Licht fuͤhren wollte. Die Pfaffen wußten wohl, daß die Feen uns Geſpenſter die Aves und Paternoſter in Ruf brachten. Aber nun iſt's vorbei mit den Bildern von Holz und Stein, und ich däͤchte, 3 wir ſollten uns nicht mehr fuͤrchten vor Schatten in der Luft und dergleichen. Aber die Katholiken ſagen ja, ſprach Roland, ſie verehren Holz oder Stein nicht als heilige Dinge an ſich, ſondern nur als Sinnbilder der Heiligen. Bah! einen Quark geb' ich fuͤr das Geſchwaͤtz! erwiederte der Falkner. Sie ſangen uns ein andres Lied vor, als dieſe ihre getauften Goͤtzenbilder ihnen Gaben aus allen vier Weltgegen den einbrach⸗ ten und den alten Weibern ihr Korn und ihre Lichtſtuͤnpfchen, ihre Butter, ihren Speck und ihren Kaͤſe ablockten. Theil II. 2 7 18 Roland war ſchon lange gezwungen geweſen, ſeinen Glauben als ein tiefes Geheimniß zu be⸗ trachten, und angewieſen worden, nie, was man auch dagegen ſprechen moͤge, etwas zur Ver⸗ theidigung deſſelben zu ſagen, um ſich nicht den Verdacht zuzuziehen, daß er zu der geſunkenen Kirche gehoͤre. Er ließ daher den Falkner ohne Widerſpruch ſeines Siegs ſich freuen, und fragte ſich verwundert, ob nicht irgend eines der Ge⸗ ſpenſter, die hier einſt ſo wirkſam geweſen, des Zäͤgers rohen Spott raͤchen werde, ehe ſie das Than verließen. Aber nichts der Art geſchah⸗ Sie brachten die Nacht ruhig in einer Huͤtte des Thales zu und ſetzten am naͤchſten Morgen ihren Weg nach Edinburgh fort. II. Das iſt alſo Edinburgh? ſprach der Juͤngling, als die Reiſenden auf eine der ſuͤdlichen Hoͤhen kamen, wo man die ſchottiſche Hauptſtadt uͤber⸗ ſieht. Das iſt Edinburgh, wovon ich ſo viel gehoͤrt habe? Nun ja, da ſteht's! erwiederte Adam. Auf 19 zwanzig Meilen ſieht man den Rauch uͤber ihm ſchweben, wie den Habicht uͤber einem Flug junger wilder Aenten. Seht, dort unten iſt das alte Schloß, und dort zur Rechten auf der Anhoͤhe ſteht das Schloß Craigmillar: da war zu meiner Zeit ein luſtiges Leben. Hielt nicht die Koͤniginn da ihren Hof? fprach Roland mit leiſer Stimme. Ja, ja, erwiederte der Falkner, Koͤniginn war ſie zu jener Zeit, aber jetzt duͤrft Ihr ſie nicht ſo nennen. J nun, mag man ſagen, was man will, manches biedre Herz wird bekuͤmmert ſein um Maria Stuart, ſelbſt wenn alles wahr waͤre, was die Leute von ihr ſagen. Seht, Junker Roland, Sie war das lieblichſte Geſchopf, das meine Augen je geſehen haben, und keine Edel⸗ frau im Lande liebte mehr die Falkenbeiz. Ich war auf dem Roslin⸗Moor bei der großen Wette zwiſchen Bothwell— das war ein Ungluͤcksmann fuͦr ſie, der Bothwell— und dem Freiherrn von Roslin, der ſich gar trefflich auf die Beiz verſtand. Ein Faß Rheinwein und ein goldner Ring war der Wettpreis, und es wurde wacker darum 20 geſtritten. Da haͤttet Ihr ſie ſehen ſollen auf ihrem weißen Zelter, der mit ihr daher flog, als haͤtte er nur die Bluͤtenſpitzen des Heidekrautes beruͤhren wollen. Und wie ihre Stimme, ſo ſuͤß und lieblich, wie Droſſelſchlag, in unſer Jagd⸗ geſchrei und Pfeifen hinein klang! Wie die Edel⸗ leute alle ſich um ſie draͤngten, und jeder gluͤcklich war, der ein Wort, oder einen Blick von ihr gewann. Durch Sumpf und Pfuͤtzen ging's, und Hals und Beine wagten ſie, um das Lob eines kuͤhnen Reiters zu erlangen und einen Blick von dem ſtrahlenden Auge der lieben Koͤniginn zu ge⸗ winnen.. O wo ſie nun lebt, da wird ſie nicht viel von der Falkenbeiz zu ſehen kriegen. Und wo iſt die arme Koͤniginn jetzt eingeſperrt? fragte Roland, mit lebhafter Theilnahme an dem Schickſale einer Frau, deren Schoͤnheit und An⸗ muth ſelbſt auf Woodcock's rohes Gemuͤth einen ſo tiefen Eindruck gemacht hatte. Wo ſie eingeſperrt iſt? Nun, in einem Schloſſe im noͤrdlichen Schottland, heißt es. Ich weiß nicht, wo es iſt; denn ich, fuͤr mein Theil denke, es iſt nicht der Muͤhe werth, ſich uͤber etwas zu 21 bekaͤmmern, was nicht zu aͤndern ſteht. Haͤtte ſie ihre Gewalt gur gebraucht, ſo lange ſie ſie hatte, ſo wuͤrde es ihr nicht ſo ſchlimm ergangen ſein. Die Leute ſagen, ſie muß die Herrſchaft dem klei⸗ nen Prinzenkind abtreten, denn ihr will man ſie nicht laͤnger anvertrauen. Unſer Herr hat ſeine Hand dabei auch im Spiel gehabt, ſo gut als ſeine Nachbarn. Kaͤme die Koͤniginn wieder zu ihrem Eigenthum, ſo wuͤrde die Burg Avenel dafuͤr wohl in Flammen aufgehn, wenn er nicht ſonſt ſeinen Handel beſſer machte. In einem Schloſſe in Nord⸗Schottland wird die Koͤniginn Maria aufbewahrt? hob Roland wieder an. Nun ja, ſo heißt es wenigſtens. In einem Schloſſe, jenſeit jenes großen Fluſſes, der da unten herab kommt, aber es ſieht nur aus, wie ein Fluß und iſt ein See⸗Arm, bitter wie Salzlake. Und iſt unter allen ihren Unterthanen nicht Einer, der etwas wagen wollte zu ihrem Beiſtande? fragte Roland, nicht ohne Bewegung. Das iſt eine kitzliche Frage, erwiederte der 22—— Falkner, und wenn Ihr ofte ſo ſragt, Junker Roland, ſo wird man Euch ſelber wohl in eins jener Schloͤſſer einſperren, wenn man Euch nicht lieber gleich ein haͤnfenes Halsband gibt, um ſich nicht weiter mit Euch zu placken. Etwas wagen? Warum nicht gar! Murray hat jetzt guten Wind in ſeinen Segeln, und es geht ſo friſch und munter mit ihm vor⸗ waͤrts, daß kein Teufel es ihm gleich thun kann. Nein, nein! wo ſie iſt, da muß ſie bleiben, bis der Himmel ihr Erloͤſung gibt, oder bis ihr Sohn das Heft in Haͤnden hat. Aber Murray wird ſie nicht wieder los laſſen; er kennt ſie zu gut... Aber laß Dir noch ein Woͤrtchen ſagen, liebes Maͤnnchen. Mit uns geht's nach Holyrood;*) da wirſt Du Neuigkeiten die Fuͤlle finden und Hofleute genug, die ſie herum tragen. Aber nimm den guten Rath von mir an, tritt huͤbſch leiſe auf; hoͤre auf Jedermanns Rath, aber folge nur deinem eigenen Rath. Und hoͤrſt Du eine Neruuggkeit, die Dir gefaͤllt, ſo ſpringe nicht gleich, als ob Du auf der Stelle die Waffen fuͤr die Sache 9) Der Palaſ der laairiſchen Koͤnige i in Edin⸗ burgh. — 23 ergreifen wollteſt. Unſer alter Herr Wingate, der kennt das Hofvolk recht gut, und er pflegt zu ſagen: wenn dir Jemand erzaͤhlt, der alte Koͤnig ſei wieder lebendig geworden, ſo antworte Du: „Iſt er's in der That? ich hab's noch nicht gehoͤrt“ und laß Dich's nicht mehr anfechten, als wenn Dir jemand als eine Neuigkeit erzaͤhlte, der alte Koͤnig ſei todt und begraben. Drum, Junker Roland, ſeid auf eurer Hut, denn glaubt mir, Ihr kommt unter Leute, die ſind wie ein hungriger Habicht. Und zieht nicht gleich den Dolch bei jedem ſchiefen Worte, das Ihr hoͤrt, denn Ihr findet gewißlich eben ſolche Hitzkepfe als Ihr ſelber ſeid, und dann geht's an ein Aderlaſſen, ohne erſt den Arzt, oder den Kalender zu fragen. Ihr ſollt ſehen, mein lieber Freund, wie ge⸗ ſeßt ich ſein werde und wie vorſichtig... Aber, lieber Himmel, was iſt das fuͤr ein ſchoͤnes Ge⸗ baͤude, das ſo nahe bei der Stadt in Truͤmmern liegt? Hat man hier etwa auch den Abt der Unver⸗ nunft geſpielt und am Ende die Kirche in Brand geſteckt? Schon wieder ſliegt die Klugheit davon! Wie — 24 ein wilder Falke, im Alter gefangen und abgetra⸗ gen, der ſich weder locken noch winken laͤßt. Das iſt eine Frage, die haͤttet Ihr ſo leiſe thun ſollen, als ich darauf antworten muß. Wenn ich noch lange hier bleibe, erwiederte 3 Noland, werde ich wohl gar den Gebrauch meiner Stimme verlieren. Aber was ſind das fuͤr Truͤmmer? Die Feldkirche, ſprach der Falkner, mit leiſem, eindringlichen Tone, und legte zugleich den Finger auf den Mund: Fragt nichts mehr daruͤber. Es ward da Jemanden uͤbel mitgeſpielt und noch Jemand zog ſich uͤble Nachrede dabei zu, und es fing das Spiel da an, das vielleicht in unſern Tagen nicht ausgeſpielt werden kann. Der arme Heinrich Darnley, wenn er auch ein Pinſel war, verſtand doch etwas von der Falkenbeiz, aber ſie haben ihn ſelbſt in die Luft ſteigen laſſen in einer hellen Mondnacht. Dieſes Ereigniß war in ſo friſchem Andenken, daß Noland mit Entſetzen ſeine Blicke von den Seümmern abwendete, und die Beſchuldigungen gegen Maria Stuart, wozu es Anlaß gegeben, machten einen ſo ſtarken Eindruck auf ſein Gemuͤth, daß ſich das Mitleid minderte, welches ihre un⸗ gluͤckliche Lage ihm eingefloͤßt hatte. In jenem bewegten Gemuͤthzuſtande, der theils durch Entſetzen, aber mehr noch durch leb⸗ hafte Theilnahme und Neugier aufgeregt wird, zog der Juͤngling uͤber den Schauplatz jener furcht⸗ baren Ereigniſſe, deren Geruͤcht die entlegenſten Einſamkeiten Schottlands geſtoͤrt hatte, gleich dem Wiederhall eines entfernten Donners, der durch die Gebirge rollt.„Jetzt— dachte er— jetzt, oder nie werd' ich ein Mann, und erhalte mein Theil an jenen Thaten, welche die einfaͤltigſten Bewohner unſerer Doͤrfchen ſich einander erzaͤhlen, als waͤren ſie von hoͤheren Weſen gewirkt worden. Ich will nun wiſſen, warum der Ritter von Avenel ſeinen Helmbuſch ſo viel hoͤher traͤgt, als andre Freiherrn, und wie's kommt, daß ein Mann durch Tapferkeit und Weisheit ſich aus dem grauen Bauernkittel zum goldgeſtickten Scharlachmantel arbeitete. Die Leute ſagen, daß ich mich durch Weisheit nicht ſonderlich auszeichne, und wenn das wahr iſt, muß ich's durch Muth thun, denn 26.— ich will ein Mann ſein unter lebenden Maͤnnern, oder ein Todter unter Todten.“ Von dieſen Entwuͤrfen des Ehrgeitzes wandte er ſeine Gedanken zu Entwuͤrfen froͤhliches Lebens⸗ genuſſes, und beſchäftigte ſich mit Vermuthungen, wann und wo er Katharina Seyton wiederſehen, und wie die Bekanntſchaft mit ihr erneuert werden ſollte. Als er mit dieſen Vermuthungen ſich un⸗ terhielt, ſah er ſich in die Stadt verſetzt, und alle andere Gefuͤhle wichen der Regung des ſchwin⸗ delnden Erſtaunens, das den Bewohner einer ein⸗ ſamen Gegend ergreift, wenn er ſich zum erſten Mahle in den Straßen einer großen, volkreichen Stadt findet. Die Hauptſtraße von Edinburgh war ſchon zu jener Zeit, wie jetzt, eine der geraͤumigſten in Europa. Die hohen Haͤuſer, die gothiſchen Gie⸗ bel, Zinnen und Erker, die auf beiden Seiten auf der Himmelsdecke ſich abſchnitten, wuͤrden ſelbſt ein erfahreneres Auge uͤberraſcht haben. Die zuſammen gedraͤngte Volksmenge, die um dieſe Zeit durch viele Ritter von des Koͤnigs Partei vermehrt ward, welche dem Regenten Murray — —— 27 auſzuwarten gekommen waren, regte ſich, wie ein Bienenſchwarm, in der breiten praͤchtigen Straße. In vorſpringenden Buden ſah man Waaren aller Art zum Verkaufe ausgeſtellt, und wenn's auch nicht die reichſten waren, ſo glaubte doch Roland hier den Reichthum der ganzen Welt in den Ballen flandriſcher Tuͤcher und in nieder⸗ laͤndiſchen Tapeten zu erblicken, und dort ſah er mit Verwunderung eine Menge von Hausrath und Silberwerk ausgeſtellt. Der Anblick der Schwertfegerbuden, die mit Schwertern und Dolchen aus einheimiſchen Werkſtaͤtten und allerlei auslaͤndiſchen Ruͤſtungen reichlich verſehen waren, erhoͤhte ſein Erſtaunen, und er fand bei jedem Schritte ſo viel zu bewundern und anzugaffen, daß Adam Woodcock ſeine Noth hatte, ihn unter allen dieſen Bezauberungen vorwaͤrts zu bringen. Das Gedraͤnge in den Straßen ſetzte ihn eben ſo ſehr in Verwunderung. Hier ging ein mun⸗ teres Fraͤulein, in einen ſeidenen Schleier gehuͤllt, ſittig ihren Weg, ihr voran ein Kammerdiener, und hinter ihr ein Edeiknabe, der ihre Schleppe trug, und eine Kammerfrau mit ihrer Bibel, eine 28 Andeutung, daß die Gebieterinn in die Kirche ging. Dort eine Gruppe von Buͤrgern, die auf dem ſelbigen Wege waren, in kurzen flamlaͤndiſchen Maͤnteln, weiten Beinkleidern, Waͤmmſern mit hohen Kragen, eine Tracht, der die Schottlaͤnder, wie der Federmuͤtze, lange treu waren. Jetzt er⸗ ſchien der Geiſtliche ſelber, im ſchwarzen Chorrock mit dem Ueberſchlaͤglein, ernſt horchend auf die Reden mehrer Begleiter, die ſonder Zweifel uber den Gegenſtand ſeiner Predigt ſich mit ihm be⸗ ſprachen. Auch fehlte es nicht an Wanderern andrer Art. Bei jeder Wendung ſah Roland einen tapfern Kriegsmann in der neuern franzoͤſiſchen Tracht, im aufgeſchlitzten Wammſe, mit einem langen Degen auf der einen und dem Dolche auf der andern Seite, und hinter ihm eine Schaar ruͤſtiger Diener, kriegeriſchen Anſehens, mit Schwert und rundem Schilde bewaffnet. Zwei von dieſen Haufen, mit einem angeſehenen Manne an der Spitze, begegneten ſich in der Mitte der Straße, auf dem Ehrenwege, den man damahl mit trotziger Hartnaͤckigkeit zu behaupten pflegte. Die beiden Anfuͤhrer, gleiches Ranges und hoͤchſt 29 wahrſcheinlich durch politiſche Abneigung, oder die Erinnerung an ererbte Zwietracht feindſelig ge⸗ ſtimmt, gingen einander gerade entgegen, ohne einen Zollbreit rechts oder links auszuweichen, und keiner von Beiden ſchien geſonnen zu ſein, Platz zu machen. Nach einigen Augenblicken zogen ſie ihre Schwerter. Ihre Begleiter thaten des⸗ gleichen. Viele Waffen blitzten in der Sonne; Schwerter und Schilde klirrten, waͤhrend das Gefolge auf der einen Seite rief:„Zu Hilfe einem Leslie! einem Leslie!“ und auf der andern: „Seyton! Seyton!“ mit dem aufreizenden Zuſatze: „Greift an! Greift an! Nader mit dem Schurken!“ Dem Falkner ward es jetzt voͤllig unmoͤglich, den Juͤngling vorwaͤrts zu bringen. Roland hielt ſein Pferd an, klatſchte in die Haͤnde, und ent⸗ zuͤckt uͤber den Kampf, ſchrie er faſt ſo laut als die Streitenden. Der Kampflaͤrm zog noch einige andre Edelleute mit ihrem Dienergefolge herbei, und auch einzelne Voruͤhergehende nahmen alsbald, aus Neigung oder Haß, Antheil an dem Zwiſte, ais ſie die beruͤhmten Nahmen hoͤrten, welche die 30—— Loſung waren. Es ward nun heftig geſtritten, und wenn gleich Schwerter und Schilde mehr Geklirr und Geraͤuſch machten, als wirklich be⸗ ſchaͤdigten, ſo gab es doch auf beiden Seiten blutige Streiche, und diejenigen, welche Stoßdegen fuͤhr⸗ ten, eine gefaͤhrlichere Waffe, als die gewoͤhnlichen ſchottiſchen Schwerter, gaben und empfingen ſchwere Wunden. Schon lagen zwei Maͤnner nieder geſtreckt und Seyton's Partei begann zu weichen, da ſie die ſchwaͤchere war und mit ihren Gegnern ſich mehre Buͤrger vereint hatten, aber Roland, der den tapfer kaͤmpfenden Anfuͤhrer in harter Bedraͤngniß ſah, konnte nicht laͤnger an ſich halten.„Adam Woodcock, ſprach er, wenn Ihr ein Mann ſeid, ſo zieht und laßt uns dem Seyton helfen.“— Ohne auf die Antwort zu warten, ohne auf den Falkner zu hoͤren, der ihn ernſtlich abmahnte, an einem Zwiſte Theil zu nehmen, der ihn nichts angehe, ſprang der feurige Juͤngling vom Pferde, zog ſein kurzes Schwert, und mit den Uebrigen rufend:„Seyton! Seyton! Greift an! Greift an!“ ſtuͤrzte er ſich in den Kampf und ſtieß einen ———„f — 31 „der Gegner nieder, der dem Edelmann, deſſen Partei er nun ergriff, am haͤrteſten zuſetzte. Dieſe ploͤtzliche Verſtaͤrkung gab der geſchwaͤchten Partei friſchen Muth, und ſie wollte den Kampf mit Tapferkeit erneuern, als einige obrigkeitliche Be⸗ amte, durch ihre Sammetmaͤntel und goldnen Ketten ausgezeichnet, mit einigen Helbardieren und bewaffneten Buͤrgern herbei kamen, die kuͤhn⸗ lich vorwaͤrts drangen, und alsbald die Kaͤmpfer trennten, welche in verſchiedenen Richtungen aus⸗ riſſen und die Verwundeten von beiden Parteien auf der Straße liegen ließen. Der Falkner, der ſich ſchon vor Aerger uͤber des Juͤnglings Unbeſonnenheit den Bart gerauft hatte, ritt nun anf ihn zu, das leere Pferd am Zuͤgel fuͤhrend, und rief laut:„Junker Roland— Tollkopf, der Ihr ſeid— ſteigt auf und macht Euch aus dem Staube, oder man bringt Euch ins Gefaͤngniß und laͤßt Euch Red' und Antwort geben fuͤr dieß ſaubre Tagewerk.“— Roland, der ſich mit Seyton's Partei zuruͤck gezogen hatte, als ob er ihr natuͤrlicher Verbuͤn⸗ deter geweſen waͤre, wurde bei dieſem Aufrufe 32 gewahr, daß er wie ein Thor handelte, und ziem⸗ lich beſchaͤmt der Aufforderung folgend, ſprang er ſchnell aufs Pferd, in dem Augenblicke, als ein Beamter ihn einhohlte, den er beinahe uͤber⸗ ritten haͤtte, als er mit ſeinem Begleiter ſchnell davon flog, um auſſer den Bereich der Nachſchreier zu kommen. Zwiſtigkeiten der Art waren zu jener Zeit ſo gewoͤhnlich in Edinburgh, daß die Stoͤrung ſelten viel Aufmerkſamkeit erregte, wenn der Kampf voruͤber war, wofern nicht etwa ein be⸗ deutender Mann ſeinen Tod gefunden hatte, deſſen Freunde ſich zur Rache verpflichtet fuͤhlten. Der Arm der Obrigkeit war ſo ſchwach, daß ſolche Kämpfe oft ganze Stunden waͤhrten, wenn die Parteien zahlreich und ſich gleich waren; der Regent aber, ein Mann von ſehr kraͤftigem Ge⸗ muͤthe, der die Nachtheile ſolcher Gewaltthaͤtig⸗ keiten wohl erkannte, hatte zu jener Zeit die Obrigkeiten veranlaßt, ſtets Bewaffnete bereit zu halten, um ſtoͤrenden Streitigkeiten alshald ein Ende machen zu koͤnnen. Als der Falkner und ſein junger Begleiter in eine andere Straße gekommen waren, ritten 33 ſie langſamer, um Aufſehen zu vermeiden, da uͤberdieß niemand, wie es ſchien, ſie verfolgte.— Roland ließ den Kopf hangen, als haͤtte er wohl gefuͤhlt, ſein Benehmen ſei nicht das weiſeſte geweſen. Sagt mir doch, Junker Roland, hob Adam nun an, habt Ihr einen lebendigen Teufel im Leibe, oder nicht? Wahrhaftig, Freund Adam, ich moͤchte gern hoffen, es waͤre nicht. Dann moͤcht' ich gern wiſſen, fuhr der Falkner fort, was Euch reizt und treibt, Euch immer in blutige Haͤndel einzulaſſen? Sagt mir nur, was gehn Euch die Seytons und Leslies an, die Ihr nie in eurem Leben habt nennen hoͤren? Ihr irrt Euch, mein Freund, erwiederte Roland, ich habe meine guten Gruͤnde, ein Freund der Seytons zu ſein. Das muͤſſen doch ſehr geheime Gruͤnde ſein, meinte Adam. Ich koͤnnte wetten, daͤcht' ich, Ihr habt nie Einen des Nahmens gekannt, und ich glaube immer noch, es war mehr eure unſelige Luſt an dem Schwertergeklirr, als eine Bekuͤm⸗ Theil II.. 3 merniß um Seyton oder Leslie, was Euch ver⸗ leitete, euren thoͤrigen Kopf in einen Handel zu ſtecken, der Euch ganz und gar nichts anging. Aber laßt's Euch zur Warnung ſagen, wenn Ihr das Schwert ziehen wollt gegen jeden Mann, der's hier auf der Straße zieht, ſo iſt's kaum der Muͤhe werth, die Klinge wieder in die Scheide zu ſtecken, ſo lange Ihr lebt. Nicht ein Paar Stunden konnt Ihr ſie darin laſſen. Ich geb' Euch das ernſtlich zu bedenken. Auf mein Wort, Adam, ich achte euren Rath, und ich verſpreche Euch, ich will ihn ſo treulich befolgen, als waͤr' ich euer Lehrling in der Kunſt, mich auf dem neuen Lebenspfade, den ich betreten ſoll, mit Weisheit und Vorſicht zu betragen. Und Ihr werdet wohl daran thun. Ich zanke nicht darum mit Euch, Junker Roland, weil Ihr ein Bischen zu viel Muth habt; ich weiß es ja wohl, man kann einen wilden Falken abrichten, auf die Fauſt zu fliegen, aber eine Henne vom Miſthaufen nie. Ihr habt von zwei Fehlern freilich den beßten. Aber, mein lieber Junker 35 Roland, ich merke, Ihr habt außer eurer beſon⸗ dern Neigung, Streit anzufangen und eurem Begleiter zu entwiſchen, auch noch die eigene Gabe, jedem Frauenzimmer unter den Schleier zu blicken, als ob Ihr eine alte Bekannte zu finden erwartetet. Aber es ſollte mich ſehr wundern, wenn Ihr Eine auskundſchaften wolltet, ich weiß ja recht gut, daß Ihr nur wenig von dieſem wilden Gefluͤgel geſehn habt. Still, Freund! Mit deinem thoͤrigen Ge⸗ ſchwaͤtz! Ich wollte nur ſehen, was fuͤr Augen dieſe artigen Falken unter ihren Kappen haben. Ei, das iſt eine gefaͤhrliche Unterſuchung, erwiederte der Falkner: ſchlimmer, als wenn Ihr eure nackte Fauſt ausſtrecktet, einen Adler darauf zu tragen. Seht Junker, dieſe huͤbſchen wilden Gaͤnſe laſſen ſich nicht ohne Gefahr beizen, es iſt bei ihnen des Ausweichens und des Neckens ſo viel, als bei dem luſtigſten Wild, worauf je ein Falke geworfen ward. Und zudem iſt jedes Frauen⸗ zimmerchen gedeckt durch ihren Mann, ihren guten Freund, ihren Bruder, ihren Vetter, oder wenig⸗ ſtens einen vertrauten Diener. Aber, Junker 36 Roland, Ihr hoͤrt mich gar nicht an, und ich kenne doch dieß Wild ſo gut. Euer Auge hängt ganz an dem huͤbſchen Fraͤulein, das da vor uns her trippelt. Memer Treu', das mag eine muntre Taͤnzerinn ſein. Ein Paar ſilberne Schelichen wuͤrden den huͤbſchen Knoͤcheln ſo gut ſtehen, als das Schellengeſchuͤh dem ſchoͤnſten norwegiſchen Falken. Du biſt ein Thor, Adam, erwiederte Roland. Was geht mich das Maͤdchen an, oder ihre Knoͤchel! Aber auf etwas muß man doch ſehen. Sehr richtig! Aber ſucht Euch etwas Beſſeres zum Anſehen aus. Seht Ihr denn nicht, daß jedes verſchleierte Frauenzimmer hier in der Straße einen Kammerdiener vor ſich, oder einen Ver⸗ wandten, oder Ehemann an der Seite hat? Ein Paar ruͤſtige Burſchen mit Schwert und Schild ſind auch nicht ſo weit hinter ihr, daß ſie nicht ſchnell herbei kommen koͤnnten... Aber Ihr achtet ja ſo wenig auf mich, als ein Habicht auf eine Goldammer. O ja doch— ich achte wohl auf Euch, erwie⸗ derte Roland, aber ſeid ſo gut, und haltet mir 37 mein Pferd ein Weilchen. Im Augenblicke bin ich wieder bei Euch. Mit dieſen Worten, und ehe Adam die Rede endigen konnte, die auf ſeinen Lippen erſtarb, warf Roland ihm den Zuͤgel zu, ſprang vom Pferde, und folgte, zu des Falkners groͤßtem Er⸗ ſtaunen, dem Maͤochen, das er vorher ſo genau betrachtet hatte, in eine ſchmale Nebengaſſe, wohin ſie ihren Weg nahm. Au' ihr Heiligen! rief Adam, als er den Juͤngling wie wahnſinnig einem Maͤdchen nach⸗ rennen ſah, das ihm doch nicht bekannt ſein konnte, wie der ehrliche Falkner meinte: oder Sankt Satan und Sankt Belzebub— ja, man moͤchte wahr⸗ haftig bei den Heiligen und bei dem Teufel ſchwoͤ⸗ ren— was kann dem Jungen auf einmahl in den Kopf gekommen ſein! Und was ſoll ich unterdeſſen thun? Er bringt ſich um ſeinen Hals, ſo wahr ich Adam heiße. Haͤtte ich nur Jemand, der mir die Pferde hielte! Saͤh' ich nur jemand von den Hofleuten. Einem Fremden kann ich die Pferbe nicht uͤberlaſſen, und aus der Straße gehen, will ich nicht, ſo lange der Junge in Gefahr iſt. 33 Wir laſſen den Falkner in ſeiner Bekuͤmmerniß und folgen dem jungen Hitzkopfe, der ihn in dieſe Verlegenheit gebracht hatte. Adams weiſe Ermahnungen waren fuͤr Roland meiſt verloren geweſen, da er in einer der verſchlei⸗ erten Geſtalten, die durch die Straße trippelten, eine auffallende Aehnlichkeit mit Katharina Seyton gefunden hatte. Waͤhrend des Falkners Worte ihm undeachtet in die Ohren klangen, heftete er 6 ſein Auge auf einen ſo anziehenden Gegenſtand der Beobachtung, und als das Maͤdchen, in dem Augenblicke, wo ſie durch einen gewoͤlbten B Bogen⸗ gang in der Seitengaſſe ausbog, i ihren gruͤnen Schleier aufhob, um vielleicht den Reiter zu er⸗ ſpaͤhen, deſſen Blicke ſie ſo eifrig verfolgt hatten, ſah Roland ſo viel von ihren blauen Augen, ſchoͤnen Locken und muntern Zuͤgen, daß nicht mehr noͤthig war, den unbeſonnenen Jüngling, den man an nichts weniger als Widerſpruch und beſonnene Ueberlegung gewoͤhnt hatte, zu verlei⸗ ten, ihr nachzueilen. 8 8 8 Weiber wiſſen ſich ſchnell zu helfen, Katharina aber ſchien kein beſſeres Mittel zu wiſſen, als 6* — 39 ſchneller voran zu gehen, in der Hoffnung, eine Zuflucht zu finden, ehe Roland entdecken konnte, wo ſie geblieben waͤre. Einem achtzehnjaͤhrigen Juͤngling aber, der ein geliebtes Maͤdchen verfolgt, laͤßt ſich nicht ſo leicht entrinnen. Katharina flog uͤber einen Hof, den große ſteinerne Vaſen, mit Taxusbaͤumen, Cypreſſen und anderni immer gruͤnen Gewaͤchſen zierten, die dem hohen ſchwerfalligen Gebaͤude, vor welchem ſie finſter gruͤnten, noch ein ernſteres Anſehn gaben, als die ungeheuren dunkeln Mauern, die das Viereck einſchloſſen, und das ſchwere Gebaͤlke uͤber jedem Stockwerke. Wie ein gehetztzs Reh eilte Katharina zu einer groß Pforte in der Vorderſeite, riß ſo haſtig an dem Schloſſe, daß die Klinke aufflog und ſprang in das alte Gebaͤude. Aber floh ſie wie ein Reh, ſo vetfolgte Roland ſie raſch und eifrig wie ein junger Hirſchhund, der zum rſten Mahl le auf ſeinen Raub losgelaſſen wird. Er behielt ſie im Geſicht, troß ihrer An⸗ ſtrengungen, denn Sr einer ſolchen Jagd, hat der Liebhaber, der ſehen i will, einen großen Vor⸗ theil vor dem Maͤdchen, das nicht geſehen zu 40 X werden wuͤnſcht. Er ſah ihren wehenden Schleier, hoͤrte den leichten Tritt ihres Fußes, als ſie uͤber den Hof flog, und erblickte ihre Geſtalt, in dem Augenblick, wo ſie in die Thuͤre des Hauſes ſchluͤpfte. Roland, der unbeſonnene Juͤngling, der die wirkliche Welt nur aus Romanen kannte, der nie daran dachte, ſich Zwang aufzulegen, wenn er einem lebhaften Antriebe folgte, und uͤberdieß von raſchem Muthe beſeelt war, zoͤgerte nicht einen Augenblick, ſich der Thuͤre zu naͤhern, durch welche das Fraͤulein verſchwunden war. Die ſchwere Klinke flog auf, als er ſie heftig angriff, ſchnell trat er herein, und ſah ſich in einer weiten daͤm⸗ mernden Halle, worein durch die vergitterten bunten Glasfenſter nur ein mattes Licht aus dem, von hohen Mauern umſchloſſenen Hofe fiel. An den Waͤnden hingen alte roſtige Waffenruͤſtungen zwiſchen ungeheuren ſteinernen Wappenſchilden mit allerlei heraldiſchen Verzierungen, worauf Roland nicht einen Augenblick achtete. Er hatte nur Augen fuͤr Katharina's Geſtalt, welche ſich hier fuͤr ſo ſicher hielt, daß ſie ſich auf einen —q— 41 großen Seſſel niedergelaſſen hatte, der am obern Ende der Halle ſtand. Roland's Eintritt ſtoͤrte ſie ploͤtzlich auf. Sie erhob ſich ſchnell mit einem ſchwachen Schrei der Ueberraſchung und enteilte durch eine der Fluͤgelthuͤren, die ſich in die Halle oͤffneten. Dieſe Thuͤre, welcher Roland ſich alsbald naͤherte, fuͤhrte in einen großen, hell erleuchteten Gang, in deſſen Hintergrunde mehre Stimmen laut wur⸗ den. Mit ſchnellen Schritten naͤherte man ſich der Halle. Der Juͤngling ward ein wenig beſon⸗ nener, als ernſtliche Gefahr zu drohen ſchien, und uͤberlegte noch, ob er dreiſt ſtehen bleiben, oder ſich zuruͤck ziehen ſollte, als Katharina Seyton durch eine Seitenthuͤre herein trat und ſo ſchnell auf ihn zu eilte, als ſie wenige Minuten vorher ihm entflohen war. O welcher Unſtern hat Euch hieher gebracht! ſprach ſie. Flieht— flieht oder Ihr ſeid des Todes. Nein— bleibt! Sie kommen! Flucht iſt unmuͤglich. Sagt, Ihr ſucht Lord Seyton. Mit dieſen Worten ſprang ſie von ihm und eilte wieder in die Thuͤte, aus welcher fie gekom⸗ men war, und im ſelbigen Augenblicke ward eine 4². Fluͤgelthuͤre am obern Ende des Ganges heftig aufgeriſſen, und ſechs bis ſieben praͤchtig gekleidete junge Maͤnner drangen, meiſt alle mit bloßen Schwertern, in die Halle. Wer erkuͤhnt ſich, ſprach Einer von ihnen, in unſer Haus einzudringen? Haut ihn nieder! rief ein Andrer. Laßt ihn buͤßen fuͤr die heutige Frechheit und Gewaltthat! Er gehoͤrt zum Gefolge der Rothes. Nein, bei der heiligen Jungfrau! ſprach ein Dritter, vielmehr zu dem Erzfeind und geadelten Bauer Halbert Glendinning, der ſich von Avenel nennt; einſt ein Kirchendienſtmann, jetzt ein Kirchenraͤuber. So iſt's, erwiederte ein Vierter. Ich kenne ihn am gruͤnen Helmbuſche, ihrem Abzeichen. Bewacht die Pforte. Er muß Rede ſtehen fuͤr ſeine Verwegenheit. Zwei der Bewaffneten beſetzten die Thuͤre, durch welche Roland in die Halle gekommen war, als haͤtten ſie ihm die Flucht abſchneiden wollen. Die Uebrigen gingen auf den Juͤngling zu, der verſtaͤndig genug war, einzuſehn, daß ein Verſuch 43³ zur Gegenwehr fruchtlos und unbeſonnen ſein werde. Mehre Stimmen, die nicht freundlich klangen, fragten ihn auf einmahl, wer er ſei, woher er komme, was er wolle und wer ihn geſchickt habe. Mit Fragen alſo beſtuͤrmt, mußte er fuͤr ſein fortdauerndes Schweigen einige Augenblicke Entſchuldigung finden, aber ehe dieſer kurze Waffenſtillſtand voruͤber war, trat ein Mann in die Halle, bei deſſen Erſcheinung die j jungen Leute, welche ſo ungeſtuͤm auf Roland eingedrungen waren, ehrerbietig zuruͤck wichen. Es war ein langer Mann, deſſen dunkles Haar bereits ergraute, aber in ſeinem Auge und ſeinen ſtolzen Zuͤgen las man noch das ganze Jugendfeuer. Der Oberleib war nur mit einem Hemde von hollaͤndiſcher Leinwand bedeckt, deſſen weite Falten mit Blute beſpritzt waren. Einen rothen Mantel, mit reichem Pelzwerke beſetzt, hatte er um ſich geworfen. Auf dem Kopfe trug er eine rothe Sammetmuͤtze, auf der einen Seite mit einer kleinen vielgliedrigen goldenen Kette umbortet, die dreimahl um die Kappe geſchlungen —— —— 44 und mit einer Denkmuͤnze, nach damahliger Sitte der Vornehmen, beveſtigt war. Wen habt Ihr hier, meine Soͤhne und Vettern, ſprach er, auf welchen ihr ſo unfreund⸗ lich eindringt? Wißt Ihr nicht, daß unter dem Schutze dieſes Daches Jedermann redliche Behand⸗ lung finden ſoll, er mag in friedlicher Abſicht, oder in offener und mannhafter Feindſeligkeit kommen? — Aber dieſer hier, erwiederte Einer der Juͤng⸗ linge iſt ein Schalk, der als treuloſer Kundſchafter kommt. 3 Ich läͤugne die Beſchuldigung, ſprach Roland dreiſt. Ich kam bloß, mich nach Lord Seyton zu erkundigen..— „ Ei das klingt ſehr wahrſcheinlich in dem Munde eines Anhaͤngers von Glendinning, antwortete Einer der Anklaͤger. Still, ihr jungen Leute! ſprach der Lord, denn der aͤltliche Mann war es ſelber. Laßt mich dieſen Juͤngling betrachten. Beim Himmel, es iſt ja derſelbe Fremdling, der vor wenigen Minu⸗ ten ſo kuͤhn an meine Seite trat, als Einige meiner Leute mehr auf ihre eigene, als auf meine ——— 45 Rettung achteten. Weg von ihm! Er verdient eher Ehre und freundliches Willkommen von Euch, als ſolche rauhe Behandlung. Alle traten zuruͤck, dem Befehle des Lords gehorchend, der Roland bei der Hand nahm, ihm fuͤr ſeinen ſchnellen und tapfern Beiſtand dankte, und hinzuſetzte, er zweifle nicht, daß dieſelbe Theiln hme, die den Juͤngling bewogen habe, bei dem Kampfe fuͤr ihn zu fechten, auch dieſe Erkundigung veranlast habe. Rolands tiefe Verbeugung druckte Beiſtim⸗ mung aus. Kann ich Euch vielleicht mit irgend etwas dienen, um Euch meine Erkenntlichkeit fuͤr eure bereitwillige Tapferkeit zu beweiſen? Roland hielt es fuͤr das Beßte, bei der Ent⸗ ſchuldigung ſeines Beſuches, die Lord Seyton ihm ſo paſſend angegeben hatte, ſtehen zu bleiben, und erwiederte, er ſei bloß in der Abſicht gekommen, ſich uͤber des Lords Befinden zu beruhigen, da er geſehen zu haben glaube, daß dieſer im Gefechte verletzt worden. Unbedeutend, erwiederte Lord Seyton. Ich 4⁵ hatte mein Wamms nur abgelegt, um den Wund⸗ arzt nach einem kleinen Ritze ſehen zu laſſen, als dieſe unbedachtſamen Burſchen uns durch ihr Geſchrei unterbrachen. Roland machte eine tiefe Verbeugung und wollte Abſchied nehmen, da er, von der Gefahr befreit, fuͤr einen Kundſchafter zu gelten, nun zu fuͤrchten begann, ſein Begleiter, Adam Woodeock, den er ſo ohne Umſtäͤnde verlaſſen hatte, werde entweder in dem Hauſe des Lords ihn aufſuchen und ihn dadurch in neue Verlegenheit bringen, oder wegreiten und ihn ganz zuruͤck laſſen. Lord Seyton aber entließ ihn nicht ſo leicht.„Ver⸗ weilet noch, junger Mann, ſprach er, und nennt mir euren Stand und Nahmen. Seyton hat in dieſen letzten Zeiten mehr erfahren, daß Freunde. und Anhaͤnger von ſeiner Seite weichen, als Fremde ihm Beiſtand leiſten. Aber es kennte eine neue Ordnung der Dinge kommen, wo er vielleicht im Stande waͤre, ſeine Freunde zu belohnen.“ Mein Nahme iſt Roland Graͤme, edler Herr, und fuͤr jetzt bin ich in den Dienſten des Ritters Halbert Glendinning. 1 —— — 47 Das hab' ich gleich geſagt, hob Einer der Juͤnglinge wieder an, und ich ſetze mein Leben zum Pfande, dieß iſt ein Pfeil aus des Ketzers Koͤcher; nichts als eine Liſt, um Einen ſeiner Kundſchafter in euer Vertrauen ſich ſchleichen zu laſſen. Sie verſtehen ſich darauf, Juͤnglinge und Weiber als Zutraͤger zu brauchen. Das iſt nicht wahr, wenn's gegen mich ge⸗ meint iſt, erwiederte Roland. Niemand in Schott⸗ land ſoll mich zu ſolcher Schlechtigkeit abrichten. Ich glaube Dir, junger Menſch, ſprach der Lord. Deine Hiebe waren zu tuͤchtig, als daß Du ſie im Einverſtaͤndniſſe mit denjenigen ausge⸗ theilt haͤtteſt, die ſie empfingen. Aber glaube mir, ich erwartete nichts weniger, als von Jemand aus deines Herrn Gefolge Beiſtand in der Noth zu erhalten, und ich moͤchte wohl wiſſen, was Dich bewogen hat, mit eigener Gefahr in meinen Streit Dich zu miſchen. Edler Herr, erwiederte Roland, ich glaube, mein Gebieter ſelber wuͤrde nicht ruhig zugeſehen haben, daß ein Ehrenmann durch Uebermacht waͤre uͤberwaͤltigt worden, wenn ſein Arm ihm haͤtte helfen koͤnnen. Das war's wenigſtens, was man uns in der Burg Avenel vom Ritterthum gelehrt hat. Der gute Samen iſt auf gutes Land gefallen, junger Mann, ſprach Lord Seyton. Aber ach! wenn Du ſo ehrenvollen Krieg fuͤhreſt in dieſen ehrloſen Zeiten, wo das Recht uͤberall gebeugt wird durch Gewalt, ſo wird dein Leben, armer Junge, nur von kurzer Dauer ſein. Sey es kurz, wenn's nur ehrenvoll iſt, ant⸗ wortete Roland. Und nun erlaubt mir, edler G Herr, eurer Gunſt mich zu empfehlen und Abſchied zu nehmen. Mein Begleiter wartet mit meinem Pferde auf der Straße. Doch nehmt dieß, junger Mann, ſpeach der Lord, die goldne Kette mit der Denkmünze von ſeiner Muͤtze loͤſend: und tragt's zu meinem Andenken. Mit nicht geringem Stolze nahm Roland die Gabe, die er ſchnell um ſeine Muͤtze ſchlang, und noch einmahl ſich verbeugend, verließ er die Halle, eilte uͤber den Hof und kam auf die Straße in demſelben Augenblicke, als Adam Woodeock, —— 49 verdruͤßlich und bekuͤmmert uͤber des Juͤnglings Ausbleiben, ſich eben entſchloſſen hatte, die Pferde ihrem Schickſale zu uͤberlaſſen, und ſeinen Gefaͤhr⸗ ten aufzuſuchen.„Nun, was fuͤr einen Streich haſt Du eben wieder gemacht?“ rief er, hoͤchlich erfreut uͤber Rolands Erſcheinung, wiewohl ſeine Zuͤge deutlich verriethen, daß er in großer Angſt geweſen war. Fragt mich nicht! erwiederte Roland, froͤhlich auf ſein Pferd ſpringend. Aber ſeht nur, wie wenig Zeit man braucht, eine goldene Kette zu gewinnen. Nun, Gott verhuͤt' es, daß Du ſie nicht geſtohlen, oder mit Gewalt genommen haſt! fuhr der Falkner fort. Aber ich wuͤßte nicht, wie Du ſonſt dazu haͤtteſt kommen koͤnnen. Ich bin oft hier geweſen, ja ganze Monate, und habe weder Kette, noch Denkauͤnze bekommen. Du ſiehſt, ich habe bei kuͤrzerer Bekanntſchaft in der Stadt doch eine gewonnen. Aber dein red⸗ liches Herz moͤge ruhig ſein. Was ehrlich gewon⸗ nen und freiwillig gegeben ward, iſt weder geraubt, noch geſtohlen.. Theil II.— 4 5⁰ —— Ei daß Dich! Du wirſt noch haͤngen an deiner Kette. Im Waſſer wirſt Du ja doch nicht er⸗ ſaufen, glaub' ich, und ein Hanffſtrick wird Dich nicht erdroſſeln. Als Edelknabe unſerer Frau haſt Du deinen Abſchied gekriegt, um wieder als des Ritters Junker zuruͤck zu kehren, und als Du einem jungen Fraͤulein in ein vornehmes Haus folgteſt, gewannſt Du eine Kette und ein Schau⸗ ſtuͤck, wo ein Andrer ſich eine Pruͤgeltracht gehohlt haͤtte, wenn er einem Dolchſtoße entgangen waͤre...Aber— da ſind wir vor dem Schloſſe. Nimm dein gutes Gluͤck mit uͤber die Schwelle, und, bei der heiligen Jungfrau! Du kannſt es zu was bringen in Schottland. Sie hielten vor dem gewoͤlbten Thore der alten Koͤnigsburg und ſahen durch den finſteri Eingang ein unregelmaͤßiges kloͤſterliches Gebaͤude, wovon noch jetzt ein Fluͤgel uͤbrig iſt. Der Falkner uͤbergab die Pferde einem bereit ſtehenden Diener, und empfahl ihm gebieteriſch, ſie ſicher in den Stall zu ſchaffen.„Wir gehoͤren zu dem Ritter von Avenel“ ſprach er, und ſetzte leiſe binzu, gegen Roland ſich wendend:„Was wir — ——— 51 hier gelten wollen, das haͤngt von unſerm Betragen. ab, denn wie Du Dich hier benimmſt, ſo viel gilſt Du, und wer zu beſcheiden iſt, den druͤckt man an die Wand; drum Freundchen, ſchiebe deine Muͤtze trotzig in die Hoͤhe und laß uns muthig uͤber den Weg gehen.“ — III. Roland blieb am Eingange des Hofes ſtehen, und bat ſeinen Begleiter, ihn nur erſt ein wenig zu Athem kommen zu laſſen.„Ich muß mich doch erſt einen Augenblick umſehen, ſprach er. Ihr bedenkt nicht, Adam, daß ich nie in meinem Leben ſo etwas geſehen habe. Und dieß iſt alſo Holyrood, der Sammelplatz der Tapfern und der Froͤhlichen, der Schoͤnen und der Weiſen und Maͤchtigen?“ Ei nun ja doch! erwiederte Adam. Aber ich wollte, ich koͤnnte Dich bedecken, wie einen Falken, denn Du blickſt mir ſo wild umher, als ob Du ein anderes Gefecht, oder eine andre Kette ſuchteſt. Haͤtte ich Dich nur erſt ſicher unter⸗ gebracht! * 5² Es war fuͤr Roland freilich kein gewoͤhnlicher Anblick, als er die Gruppen ſah, die uͤber den Schloßhof gingen; Einige, aus deren Zuͤgen Froͤhlichkeit glaͤnzte, Andre, ſinnend und dem Anſcheine nach von oͤffentlichen, oder eigenen An⸗ gelegenheiten niedergedruͤckt. Hier der greiſe Staats⸗ mann, mit ſeinem vorſichtigen, aber gebieteriſchen Blicke, ſeinem Pelzmantel und ſchwarzen Pantof⸗ feln; dort der Kriegsmann mit Knebelbart und finſteren Brauen, im Buͤffelwamms und Panzer, das lange Schwert auf dem Pflaſter nachſchlep⸗ pend, und dort des Gebieters Diener, hochmuͤthig und blutgierig, demuͤthig gegen ſeinen Herrn und ſeines Herrn Gleichen, uͤbermuͤthig g gegen jeden Andern. Zu ihnen geſellte ſich der arme Hilfe⸗ ſuchende mit aͤngſtlichem Blicke und niedergeſchla⸗ gener Miene; der anmaßende Offizier, der Vor⸗ nehmere und wohl ſelbſt ſeine Wohlthäͤter aus dem Wege ſtieß, der ſtolze Prieſter, der eine beſſere Pfruͤnde ſuchte, der ſtolze Freiherr, der nach Kirchenguͤtern trachtete, der Raͤuberhauptmann, der Verzeihung fuͤr die Beleidigungen ſuchen wollte, die er ſeinen Nachbarn zugefuͤgt hatte, der gepluͤn⸗ derte Hausvogt, der Rache fuͤr dasjenige foderte, was er ſelber empfangen. Wachen und Kriegs⸗ leute wurden gemuſtert und vertheilt, Boten ab⸗ geſandt und angenommen; Roſſe ſtampften und wieherten vor dem Thore, Waffen blitzten, Feder⸗ buͤſche rauſchten, Spornen klierten im Hofe. Es war jene frohe, praͤchtige Verwirrung, worin das Auge der Jugend nur Tapferkeit und Glanz, der Blick des Erfahrenen aber viel Zweifelhaftes, Truͤg⸗ liches, Falſches und Leeres ſieht, Hoffnungen, die nie Befriedigung, Verheißungen, die nie Erfuͤl⸗ lung finden, Stolz unter der Larve der Demuth, Frechheit unter der Huͤlle auftichtiger und edler Guͤte. Als Adam Woodcock, welcher der eifrigen und entzuͤckten Aufmerkſamkeit, womit der Edelknabe ein ihm ſo neues Schauſpiel betrachtete, muͤde zu ſein ſchien, ihn voran zu treiben ſuchte, ehe dieſes uͤbermaͤßige Erſtaunen den ſcharfſehenden Hofleuten auffiele, zog der Falkner ſelbſt die Blicke eines muntern Dieners auf ſich, der zu einem dunkel⸗ gruͤnen Treſſenmantel eine gleichfarbige Federmuͤtze trug. Beide erkannten ſich.„Ei, was ſeh' ich! 54 Michael! rief der Falkner. Nun, wie ſteht's mit der Windhund⸗Betze?“ Nicht zum beßten, wie mit uns ſelber, erwie⸗ derte Jener. Acht Jahre iſt er mitgelaufen. Die vier Beine tragen einen Hund auch nicht ewig. Wir behalten ihn nur zur Zucht. Aber was ſteht Ihr da, und gafft? Ich ſag' Euch, der gnaͤdige Herr hat Euch zu ſehen gewuͤnſcht und nach Euch gefragt. Wie, Lord Murray nach mir gefragt? Der Regent des Koͤnigreichs? fuhr Adam fort. Es verlangt mich, dem guten Herrn meine Aufwar⸗ tung zu machen. Aber ich kann's mir ſchon denken, der gnaͤdige Herr erinnert ſich der Jagd auf dem Carnwarth⸗Moor, wo mein Falke, der auf die Habichte von der Inſel Man ſtieß, dem Lord hundert Kronen von einem andern Herrn gewann. Nein, Adam, ich will Dir nicht ſchmeicheln, antwortete der Hoffreund, er denkt weder an Dich, noch an deinen Falken. Er iſt ſeitdem hoͤher geflogen und auch auf ſeinen Raub geſtoßen. Aber komm weg von hier! Ich hoffe, wir werden gute Kameraden ſein, wie vor Zeiten. B Hi — 55⁵ Einen Krug ſoll ich mit Euch leeren? ſprach Adam. Aber erſt muß ich meinen Neſtfalken unterbringen, wo er weder ein Maͤdchen findet, auf das er ſtoßen kann, noch einen Burſchen, gegen den er das Schwert ziehen mag. Iſt der Junker von der Art? fragte Michael. Ja, bei meiner Kappe, er ſtoͤßt auf alles Wild. Dann geht er beſſer mit uns, antwortete Michael. Zechen wollen wir jetzt eigentlich nicht, nur den Schnabel ein Bischen naß machen. Ehe Ihr zum gnaͤdigen Herrn geht, muß ich von Euch hoͤren, wie's im Marienkloſter ausſieht, und ich will Euch ſagen, wie hier der Wind pfeift. Bei dieſen Worten oͤffnete er eine Thuͤre, die in den Hof ging, uad fuͤhrte die beiden Fremden durch einige dunkle Gaͤnge in eine kleine Kammer, wo er dem Falkner einen uͤberſchaͤumenden Bier⸗ krug darreichte, aus welchem Jener einen tuͤch⸗ tigen Zug that, betheuernd, die Angſt um ſeinen jungen Begleiter habe ihm die Kehle ausgetrocknet. Dem helft abl! erwiederte ſein gaſtfreier Freund, den Krug wieder fuͤllend. Aber jetzt, 56 merkt Euch, was ich Euch ſagen will. Heute Morgen kam der Graf von Morton in gewaltigem Zorn zum gnaͤdigen Herrn.— So? Iſt noch die alte Freundſchaft zwiſchen ihnen? fiel Woodcock ein. J nun ja! erwiederte Michael. Wie koͤnnt es anders ſein? Eine Hand waͤſcht die andre. In gewaltigem Zorne war der Graf, und bei ſolchen Gelegenheiten ſieht er ganz finſter aus, ja ſo zu ſagen teufliſch. Und er ſagte zum gnaͤdigen Herrn— Ich war im Zimmer, muͤßt Ihr wiſſen, und wollte ſeine Befehle wegen der Falken vernehmen, die wir hohlen ſollen. Ich ſag' Euch, Freund Adam, ſie ſind ſo gut, als die euren. Das werd' ich glauben, antwortete Adam Woodcock, wenn ich ſie ſo hoch ſteigen ſehe. Alſo was ich ſagen wollte, fuhr Michael fort, der Graf fragte den gnaͤdigen Herrn ſehr zornig, ob man ihn gut behandle. Mein Bruder, ſagte er, ſollte Komthur von Kenn quhair werden und das geſammte Kloſtergut als eine Herrſchaft erhal⸗ ten, und da ſind die falſchen Moͤnche, ſagte er, ſo unverſchaͤmt geweſen und haben einen neuen —, 57 52 Abt erwaͤhlt, der meinem Bruder ſich entgegen ſtellen ſoll, und das Geſindel in der Nachbarſchaft hat die Abtei verbrannt und alles ſo rein ausge⸗ pluͤndert, daß mein Bruder nicht ein Haus zum Wohnen haben wird, wenn er die faulen Pfaffen ausgetrieben hat. Als nun der gnaͤdige Herr ihn ſo zornig ſah, ſagte er freundlich: Das ſind wohl boͤſe Nachrichten, aber ich hoffe, ſie ſind nicht wahr. Halbert Glendinning iſt geſtern mit einem Haufen Lanzknechte abgereiſet, und wenn ſo was geſchehen waͤre, daß die Moͤnche es gewagt haͤtten, einen Abt zu waͤhlen, oder das Kloſter verbrannt waͤre, ſo haͤtte er auf der Stelle ſolche Frechheit geſtraft und mir Botſchaft geſchickt. Der Graf antwortete darauf— Glaubt mir, Freund Adam, ich ſag' Euch das aus Liebe zu Euch und eurem Herrn und auch aus alter Kameradſchaft, und weil ich den Grafen von Morton nicht leiden kann. Aber Ihr werdet mich nicht verrathen, das waͤre ſchlecht— Der Graf ſagte alſo: Traut nur dem Glendinning nicht zu viel, er ſtammt aus Bauern⸗ blut und das war dem Adel nie treu. Ja wahr⸗ haftig, das waren ſeine eigenen Worte. Und zu⸗ / 5³⁸—— dem, ſagte er weiter, hat ja Glendinning einen Bruder, der iſt Moͤnch im Kloſter, und von ihm laͤßt er ſich ganz leiten und haͤlt auch Freundſchaft mit den Edelleuten auf der Graͤnze, und wird ſich mit ihnen vereinigen, wenn die Sachen hier eine andre Wendung nehmen ſollten. Aber der Lord antwortete, wie's einem freien edeln Herrn geziemt: Still, Graf Morton! Fuͤr Glendinnings Treue will ich ſtehen, und ſein Bruder, der iſt ein Traͤumer und denkt nur an ſeine Buͤcher und ſein Brevier. Waͤre ſo etwas geſchehen, als Ihr ſagt, ſo werde ich von Glendinning die Kutte eines ge⸗ haͤngten Mäͤnchs erhalten und den Kopf eines aufruͤhriſchen Bauers, zum Beweiſe, daß er ſcharfe und ſchnelle Gerechtigkeit geuͤbt hat.— Graf Morton ging hinaus, und ein bischen unzu⸗ frieden, wie's mir vorkam. Seitdem hat der gnaͤdige Herr mich mehr als einmal gefragt, ob kein Bote vom Ritter von Avenel gekommen waͤre. Ich hab' Euch alles dieß ſagen wollen, Adam, daß Ihr eure Rede auf's Beßte danach einrichtet; denn ich glaube, der gnaͤdige Herr wird nicht gut zu ſprechen ſein, wenn ſo was geſchehen waͤre, —-— —q— 59 als Graf Morton erzaͤhlte und euer Ritter nicht ſtrenge Ordnung gehalten haͤtte. Es war etwas in dieſer Mittheilung, das Adams dreiſtes Geſicht ziemlich blaß machte. „Was ſagte denn, ſprach er, der grimmige Graf Morton von einem Bauernkopf?“ Nein, der gnaͤdige Herr ſagte, wenn die Abtei beſchaͤdigt waͤre, ſo wuͤrde euer Ritter ihm gewiß den Kopf des Raͤdelsfuͤhrers ſchicken. Aber heißt das, als ein echter Proteſtant handeln? hob der Falkner wieder an. Ja, als wir die Kloͤſter in den Grafſchaften Fife und Perth zerſtoͤrten, da waren wir ihre lieben Jungen! Ei, da hatte ja die alte Frau Mutter Rom noch das Ihrige, antwortete Michael, und unſre großen Herrn wollten, ſie ſollte in Schottland kein Plaͤtzchen mohr haben, wohin ſie ihr Haupt legen koͤnnte. Aber nun ſind die Pfaffen in alle vier Winde geflohen und ihre Laͤndereien und Haͤuſer haben unſre Großen und die koͤnnen's nicht ruhig anſehn, daß wir die Schloͤſſer eifriger Pronſt tanten zerſtoͤren. Aber ich ſag' Euch, das Marienkloſter iſt nicht 60 zerſtoͤrt, ſprach Adam, mit ſteigender Bewegung. Ein paar nichtsnuͤtzige gemahlte Fenſter hat man zerbrochen, die doch kein Edelmann in ſeinem Hauſe gelitten haͤtte, und ein paar ſteinerne Heilige herabgeriſſen, das iſt alles, aber was das Verbrennen anbelangt, nicht eine Lunte wurde angezuͤndet, als um das Werg anzubrennen, das der Lindwurm gegen Sankt Georg ſpie. Nein, dafuͤr hatte ich Sorge getragen. Wie, Adam Woodcock, erwiederte Michael, ich hoffe doch, Du haſt nicht deine Hand in dem ſaubern Spiele gehabt? Hoͤrt, Adam, ich moͤcht' Euch nicht gern erſchrecken, aber laßt's Euch ſagen, Graf Morton hat Euch eine Jungfer von Hallifax mitgebracht, ſo was habt Ihr in eurem Leben nicht geſehn, die wird Euch um den Hals faſſen und euer Kopf bleibt in ihren Armen. Bah! erwiederte Adam. Ich bin zu alt, mir von irgend einem Maͤdchen den Kopf umdrehen zu laſſen. Ich weiß wohl, Graf Morton geht, wer weiß wie weit, nach einer ſchmucken Dirnen, aber was hat er in Halifaf zu thun, und wenn er da —— 61 ein Maͤdchen ſich gehohlt hat, was hat ſie mit meinem Kopfe zu ſchaffen? Viel! Viel! erwiederte Michael. Die Tochter Herodis, die mit ihren Fuͤßen ſolche Hinrichtungen vornahm, tanzte den Leuten die Koͤpfe nicht ſo gut ab, als Mortons Jungfer es kann. Es iſt ein Beil, Freundchen, ein Beil, das von ſelbſt nieder⸗ faͤlt, wie ein Schiebfenſter, und macht dem Henker gar keine Muͤhe. Meiner Treu', eine boͤſe Erfindung iſt das, ſprach Adam. Gott behuͤt' uns davor. Roland unterbrach die endlos ſich fortſpinnende Unterredung, und nach allem, was er gehoͤrt hatte, ſehr bekuͤmmert uͤber das Schickſal des Abtes, hob er an:„Ich daͤchte, Freund Adam, Du thaͤteſt beſſer, den Brief deines Herrn dem Regenten abzuliefern, ſonder Zweifel hat er darin alles, was ſich in Kennaquhair begeben, auf's Guͤnſtigſte fuͤr Alle dargeſtellt. Der Burſche hat recht, ſprach Michael. Der gnaͤdige Herr wird ſehr ungeduldig ſein. Ja, der Burſche hat Witz genug, ſich ſelbſt warm zu betten, erwiederte Adam, aus ſeiner Falkner⸗ 62 taſche des Ritters Brief an den Grafen von Mur⸗ ray hervor ziehend: und ich auch. Seid ſo gut, Junker Roland, dem Grafen ſelbſt eure Aufwar⸗ tung zu machen, er wird einen jungen Edelknaben lieber ſehen, als einen alten Falkner. Gut geſagt, alter Schelm! hob Michael wie⸗ der an. Aber Du hatteſt ja eben erſt ſo große Luſt, unſern gnaͤdigen Herrn zu ſehen? Wie⸗ willſt Du vielleicht den Burſchen in die Schlinge gehen laſſen, um Dich herauszuziehen? Oder meinſt Du, die Jungfer wuͤrde ſeinen huͤbſchen jungen Hals lieber umſchließen, als deine alte ſonnenbraune Kehle? 3 Steige Du nur hoch mit deinem Witze; aber ob Du auf deinen Raub ſtoßen kannſt, iſt eine 3 andre Frage, ſprach der Falkner. Ich ſage Dir,. der junge Menſch hat nichts zu fuͤrchten, er war ja gar nicht bei dem Spiele. Ein herrliches Spiel war das, Michael! Und eine Ballade hatte ich gemacht! Wenn ich ſie nur haͤtte zu Ende ſingen koͤnnen. Doch— nichts mehr davon! Bring den Junker zum gnaͤdigen Herrn; ich warte hier, 4 mit dem Zuͤgel in der Hand, und ſtoße die Spor⸗ — 63 nen dem Pferd bis uͤber's Raͤdchen in die Rippen, wenn der Habicht mir in den Weg fliegt. Es ſoll bald eine gute Srrecke Land zwiſchen dem Regenten und mir liegen, wenn er Arges gegen mich im Sinne hat. So komm denn, Burſche, ſprach Michael, wenn Du nun vor Freund Adam in den Sprenkel fliegen mußt. Nach dieſen Worten fuͤhrte er den Juͤngling durch mehre Gaͤnge, bis ſie endlich zu einer brei⸗ ten Wendeltreppe kamen, die zu dem Eingange eines Vorſahles brachte, der ſo finſter war, daß Roland beinahe uͤber eine Stufe an der Schwelle gefallen waͤre. Nimm Dich in Acht, mein junger Freund, ſprach Michael mit leiſem Gefliſter, als er ſich behutſam umgeſehen hatte, ob kein Horcher lau⸗ ſche: denn wer auf dieſen Braͤtern faͤllt, ſteht ſelten wieder auf. Siehſt Du das da? fuhr er noch leiſer fort, auf einige rothe Flecken deutend, welche ein, durch eine kleine Spalte einfallender Lichtſtrahl auf dem Fußboden ſichtbar machte. 64 Siehſt Du's? Geh behutſam! Andre ſind hier vor Dir gefallen. Was meint Ihr? fragte Roland und ſchau⸗ derte unwillkuͤhrtlich. Iſt es Blut? Ja, ja, Blut iſt's, erwiederte Michael, ihn fort ziehend. Aber es iſt nicht Zeit, zu fragen, oder auch nur hinzuſehn. Blut iſt's, abſcheulich und furchtbar vergoſſen, wie abſcheulich und furchtbar geraͤchet. Es iſt das Blut von Signor David, ſetzte er leiſer hinzu. Rolands Herz ſchlug heftig, als er ſich ſo uner⸗ wartet auf der Stelle fand, wo Rizzio's Mord geſchehen war, ein Ereigniß, das ſelbſt in jenen roßen Zeiten Jedermann mit Schauder erfuͤllt, und in jeder Huͤtte, wie in jedem Schloſſe Schott⸗ lands Beſtuͤrzung und Mitleid erregt hatte. Sein Fuͤhrer aber drängte ihn vorwaͤrts, ohne ihm weiter eine Frage zu erlauben, als haͤtte er ſchon zu viel uͤber einen gefaͤhrlichen Gegenſtand geſagt. Er pochte an eine Thuͤre, die vorſichtig ein Auf⸗ waͤrter oͤffnete, dem Michael den Boten des Rit⸗ ters von Avenel meldete. 4 Der Staatsrath wird nicht lange mehr ver⸗ 1* ——— 65 ſammelt ſein, erwiederte der Aufwaͤrter. Aber gebt mir den Brief. Seine Gnaden, der Regent, wird ſogleich den Boten vorlaſſen. Der Brief muß dem Regenten eigenhaͤndig uͤbergeben werden, ſo hat mein Herr befohlen, ſprach Roland. Der Aufwaͤrter betrachtete den Juͤngling von Kopf bis zu den Zehen, als haͤtte deſſen Dreiſtig⸗ keit ihn uͤberraſcht, und ſprach dann ein wenig ſcharf:„Meinſt Du, Junkerchen? Du kraͤhſt laut genug fuͤr ein Kuͤchlein, und noch dazu aus einer Bauernſcheune.“ Waͤr' es Zeit oder Ort dazu, ſo ſollteſt Du ſehen, daß ich mehr als kraͤhen kann, antwortete Roland. Aber thut eure Pflicht und ſagt dem Regenten, daß ich ſeine Befehle erwarte. Von meiner Pflicht willſt Du mit mir ſprechen, junger Naſeweis? hob der Hofdiener wieder an. Aber es wird ſich ſchon eine Zeit finden, wo ich Dir zeigen kann, daß Du deine Pflicht vergiſſeſt. Wartet hier, bis man Euch verlangt. Mit dieſen Worten ſchloß er die Thuͤre vor Roland zu. Michael, der waͤhrend jenes Wort⸗ Theil II. 5 66 wechſels, nach der Gewohnheit aller Hoͤflinge hohen und niedern Stands, von dem Juͤnglinge zuruͤck gewichen war, wagte es nun wieder, ſich ihm zu naͤhern.„Ei, Du biſt mir ein hoffnungs⸗ voller junger Springinsfeld, und ich ſehe wohl, Freund Adam iſt mit Recht vorſichtig geweſen. Kaum biſt Du fuͤnf Minuten am Hofe, und haſt deine Zeit ſchon ſo gut benutzt, Dir den Aufwaͤrter des Staatsraths zu einem toͤdlichen Feinde zu machen. Glaube mir, Du haͤtteſt eher ſonſt jemand beleidigen koͤnnen. Was liegt mir daran! erwiederte Roland. Ich will Jedermann zeigen, den ich anrede, wie er hoͤflich mit mir zu ſprechen hat. Ich bin nicht von Avenel gekommen, um mir in Holyrood grimmige Blicke machen zu laſſen. Bravo, junger Menſch! ſprach Michael. Du haſt einen froͤhlichen Muth, wenn Du nur auch damit durchkommen kannſt. Aber ſieh, die Thuͤre oͤffnet ſich. Der Aufwaͤrter meldete mit hoͤflicherem Ton und Benehmen, Seine Gnaden, der Regent, wolle den Boten des Ritters von Avenel vorlaſſen. — 41 67 Er fuͤhrte darauf den Juͤngling in den Saal, den die Mitglieder des Rathes eben verließen. Es ſtand ein großer eichener Tiſch in dem Zimmer, mit hoͤlzernen Stuͤhlen umſtellt, und oben ein großer, mit rothem Sammet bedeckter Lehnſtuhl. Schriften lagen umher. Einige Raͤthe, die zuruͤck geblieben waren, nahmen Mantel, Muͤtze und Schwert und beurlaubten ſich bei dem Regenten. Der Graf ſchien eben einen Scherz gemacht zu haben, da die laͤchelnden Zuͤge der Staatsmaͤnner jenen freundlichen Beifall ausdruckten, womit Hoͤflinge die herablaſſenden Scherze eines Fuͤrſten aufzunehmen pflegen. Als der Regent die Raͤthe munter verabſchie⸗ det hatte, wandte er ſich langſam zu Roland, und die Spuren wahrer, oder erzwungener Froͤhlichkeit verſchwanden ſo ganz aus ſeinen Zuͤgen, wie die Waſſerblaſen auf dem dunkeln Spiegel eines tiefen Sees zerfließen, worein der Wandrer einen Stein 3 geworfen. In einer Minute hatten ſeine edlen Zuͤge ihren natuͤrlichen Ausdruck eines tiefen, ja ſchwermuͤthigen Ernſtes wieder angenommen. Dieſer ausgezeichnete Staatsmann, wie ſelbſt „ 68 ſeine aͤrgſten Feinde ihn nannten, beſaß alle aͤußere. Wuͤrde, und faſt alle die edlen Eigenſchaften, welche mit der Macht, die er gewonnen, verſoͤh⸗ nen konnten, und haͤtte er den Thron, als ſein rechtmaͤßiges Erbe erlangt, ſo wuͤrde man ihn wahrſcheinlich als einen der weiſeſten und groͤßten Köͤnige Schottlands geruͤhmt haben. Daß er ſeine Macht aber durch die Entthronung und Ein⸗ ſperrung ſeiner Schweſter und Wohlthaͤterinn erlangt hatte, war ein Verbrechen, welches nur diejenigen verzeihlich finden koͤnnen, die den Ehr⸗ geitz fuͤr eine Entſchuldigung des Undanks halten. Er teug ein einfaches ſchwarzes Sammetkleid, nach niederlaͤndiſcher Sitte, einen hohen Hut, auf der einen Seite mit einer Spange von Edel⸗ ſteinen aufgeſchlagen. Sein Dolch ſteckte im Guͤrtel, ſein Schwert lag auf dem Tiſche.* Das war der Mann, vor welchem Roland mit banger Ehrfurcht ſtand, die ſo ganz verſchie⸗ den von der gewoͤhnlichen Kuͤhnheit und Lebhaf⸗ tigkeit ſeines Gemuͤths war. Der Juͤngling war durch natuͤrliche Anlage und Erziehung unbeſon⸗ 8 — 69 nen, aber nicht unverſchaͤmt, und er wurde leichter in Zwang gehalten durch die ſittliche Ueberlegenheit, die aus den hohen Geiſtesgaben und dem Ruhme derjenigen hervor ging, mit welchen er Verkehr hatte, als durch die, bloß auf Rang oder aͤußern Glanz gegruͤndeten Anſpruͤche. Gleichgiltig wuͤrde er vor einen Grafen getreten ſein, den nur Wehr⸗ gehenke und Wappenſchild ausgezeichnet haͤtten, aber furchtſam ſtand er vor dem beruͤhmten Krieger und Staatsmann, der uͤber die Kraͤfte eines Landes gebot, und deſſen Heere fuͤhrte. Die Maͤchtigſten und Weiſeſten fuͤhlen ſich geſchmeichelt durch die Ehrerbietung der Jugend, die an ſich ſelbſt ſo freundlich und geziemend iſt. Der Graf nahm ſehr hoͤflich den Brief aus der Hand des erroͤthenden Edelknaben und antwortete freundlich auf den kaum vernehmlich geſtotterten Gruß, den ihm der Juͤngling von dem Ritter von Avenel brachte. Er zogerte einen Augenblick, ehe er das ſeidene Band loͤſete, womit der Brief umwunden war, um den Nahmen des jungen Mannes zu erfragen, deſſen ſchoͤne Zuͤge ihn uͤberraſchten. Roland Gräme! ſprach er dem ſtammelnden 70 Juͤnglinge nach. Wie, aus dem Hauſe der Gra⸗ hame von Lennox? Nein, gnaͤdiger Herr, erwiederte Roland, — meine Aeltern wohnten im ſtreitigen Graͤnzland. Murray fragte nicht weiter und las die Bot⸗ ſchaft, aber waͤhrend er damit beſchaͤftigt war, wurde der Ausdruck ſeiner Zuͤge finſter, als haͤtte er etwas gefunden, das eben ſo uͤberraſchend als beunruhigend fuͤr ihn geweſen waͤre. Er ſetzte ſich nieder, immer dunkler wurde die Wolke auf ſeiner Stirne und als er den Brief zweimahl gele⸗. ſen hatte, ſchwieg er einige Minuten. Endlich erhob er ſein Haupt und ſein Aunge fiel auf den Thuͤrſteher, der ſich vergebens bemuͤhte, den Spaͤherblick, womit er in des Regenten Zuͤgen geleſen hatte, in den kalten, gleichgiltigen Aus⸗ druck des Geſichtes zu verwandeln, welcher auf alles blickend, gar nichts zu bemerken ſcheint. Die Großen ſind ſo eiferſichtig auf ihre Gedanken, als es die Gemahlinn des Koͤnigs Candaules auf ihre Reize war, und werden eben ſo bereit ſein, als dieſe, diejenigen zu ſtrafen, welche ſie, wenn ——— 5 —] 21 auch unwilkuͤhrlich, im geiſtigen Nachtkleide geſehn haben. 5 Geht hinaus! ſprach der 9 egent finſter zu ihm, und uͤbt eure Beobachtung anderswo. Ihr ſeid zu geſchickt fuͤr eure Stelle, die, nach einem beſondern Befehle, fuͤr Leute von ſtumpferem Geiſt beſtimmt iſt. So! nun ſeht Ihr eher aus, wie ein Thor, als vorher, ſetzte er hinzu, als der Aufwaͤrter nicht wenig beſtuͤrzt ihn anſah Geht! Der Diener ging, und vergaß nicht, in das Verzeichniß der Urſachen ſeiner Abneigung gegen Roland Graͤme, auch den Umſtand einzutragen, daß der junge Mann Zeuge jenes ſtrengen Ver⸗ weiſes geweſen war. Armſtrong iſt euer Nahme, ſagt Ihr? hob der Regent wieder an, als er allein mit Roland war. Nein, erwiederte der Juͤngling. Graͤme iſt mein Nahme. Meine Vorfahren nannten ſich nach Heathergill im ſtreitigen Gränzlande. O ich wußte ja, es iſt ein Nahme aus jenem Lande. Haſt Du Bekannte hier in Edinburgh! Gnaͤdiger Herr— erwiederte Roland, der 72 die Frage lieber umgehen, als geradezu beantwor⸗ ten wollte, da 28* ſogleich auffiel, daß es die Klugheit gebiete, ber das Abenteuer mit Lord Seyton Stillſchweigen zu besbachten— ich bin erſt ſeit einer Stunde in Edinburgh und das zum erſten Mahl in meinem Leben. do? Und Du biſt ein Edelknabe des Ritters Hathen Glendinning? Ich wurde als der Edelknabe ſeiner Gemahlinn auferzogen, und verließ das Schloß zum erſten Mahl, erſt vor drei Tagen. Der Edelknabe ſeiner Gemahlinn? ſprach Graf Murray zu ſich ſelber. Sonderbar, den Edelknaben ſeiner Gemahlinn in einer ſo wichtigen Angelegenheit zu ſenden. Morton wird ſagen, das paſſe alles recht gut zu der Erwaͤhlung ſeines Bruders zum Kloſterabt. Und doch taugt auch wieder ein unerfahrener Juͤngling am beßten dazu... Was haſt Du denn gelernt in deinen Lehrjahren, junger Mann? Jagen, gnaͤdiger Herr und beizen, euwiedet⸗ Roland. 3 Kaninchen jagen und Amſeln beizen? ſorah 73 der Regent laͤchelnd. Das ſind ja Jagdbeluſtigungen fuͤr Frauen und ihr Gefolge. Rolands Wange gluͤhte hoch, als er nicht ohne Nachdruck antwortete:„Hirſche uͤber fuͤnf Jahr alt jagen und Reiher beizen, die ſich am hoͤchſten ſchwingen, heißt vielleicht hier, Kaninchen und Amſeln nachgehen. Auch verſtehe ich ein Schwert zu ſchwingen und eine Lanze einzulegen— vielleicht heißen die hier Schwertlilien und Binſen. Deine Worte klingen wie Metall, erwiederte der Regent, und ich vergebe es ihnen, daß ſie ſcharf ſind, weil Wahrheit darin iſt. Du weißt alſo, was zu den Pflichten eines Kriegsmannes gehoͤrt? Ja, in ſo fern Uebung, ohne wirklichen Dienſt im Felde, es lehren kann, ſprach Roland. Unſer Ritter erlaubte es keinem von ſeinen Haus⸗ genoſſen, auf Abenteuer auszureiten und ich war nie ſo gluͤcklich, ein Schlachtfeld zu ſehen. So gluͤcklich! wiederhohlte der Regent, faſt wehmuͤthig laͤchelnd. Glaube mir, junger Mann, der Krieg iſt ein Spiel, worin beide Theile nur verlieren. Nicht immer, gnaͤdiger Herr, antwortete 74 Roland, mit der ihm eigenen Kuͤhnheit, wenn das Geruͤcht wahr redet. Wie ſo? ſprach der Regent, erroͤthend, und vielleicht argwoͤhnend, es werde in jenen Worten unbeſcheiden angeſpielt auf die Hoͤhe, die er durch die Zufaͤlle des Buͤrgerkrieges erſchwungen hatte. Ohne ſeinen Ton zu aͤndern, antwortete Roland:„Weil derjenige, der gut ficht, Ruhm im Leben erwirbt, oder Ehre im Tode, und darum iſt der Krieg ein Spiel, worin Niemand verlieren kann.“ Der Regent laͤchelte kopfſchuͤttelnd, als in dieſem Augenblicke die Thuͤre ſich oͤffnete und der Graf von Morton hereintrat.„Ich komme ein wenig eilig und unangemeldet, ſprach er. Meine Neuigkeiten ſind wichtig. Es iſt ſo, wie ich geſagt habe, Eduard Glendinning iſt zum Abte erwaͤhlt und—. 3 Still, Graf! erwiederte Murray, ich weiß es, aber— Und wußtet es vielleicht eher als ich, Graf Murray, ſprach Morton, und ſeine finſtre Stirne ward immer finſterer. 75 Morton, antwortete Murray, hegt nicht Argwohn gegen mich, taſtet meine Ehre nicht an. Ich habe genug zu leiden von den Verlaͤumdungen meiner Feinde, laßt mich nicht gegen den unge⸗ rechten Argwohn meiner Freunde kaͤmpfen. Wir ſind nicht allein, ſetzte er hinzu, ſich ſammelnd, ſonſt koͤnnte ich Euch mehr ſagen. Bei dieſen Worten fuͤhrte er Morton in eine der tiefen Fenſterwoͤlbungen. Roland ſah beide ſehr eifrig mit einander ſprechen; Murray ſchien ernſt und nachdruͤcklich zu reden, Morton verrieth Eiferſucht und Empfindlichkeit, bis er nach und nach den Verſicherungen des Regenten nachgab. Als ihr Geſpraͤch ernſthafter wurde, redeten ſte allmaͤhlig lauter. Sie hatten vielleicht die An⸗ weſenheit des Edelknaben vergeſſen, was deſto leichter moͤglich war, da er auf einem Platze im Zimmer ſtand, wo er nicht auffiel. Roland hoͤrte mehr von ihrer Rede, als ihm zu hoͤren lieb war; denn trotz ſeiner jugendlichen Unbedachtſam⸗ keit, war doch unedle Neugier auf fremde Geheim⸗ niſſe nie ſein Fehler geweſen, und bei aller ſeiner Unbeſonnenheit, fuͤhlte er wohl, wie gefaͤhrlich es 25 war, mit der heimlichen Unterredung ſo machtiger und gefuͤrchteter Maͤnner vertraut zu werden. Seine Ohren konnte er aber eben ſo wenig ver⸗ ſchließen, als ſchicklicher Weiſe das Zimmer ver⸗ laſſen, und waͤhrend er auf Mittel ſann, ſeine Gegenwart kund zu geben, hatte er ſchon ſo viel gehoͤrt, daß es eben ſo ungeſchickt und vielleicht gefaͤhrlich geweſen waͤre, ſich ploͤtzlich zu zeigen, als ruhig das Ende des Geſpraͤches abzuwarten. Was er vernahm, war jedoch nur ein unvollſtaͤn⸗ diger Theil ihrer Unterredung, und wiewohl ein erfahrner, mit den Zeitumſtaͤnden vertrauter, Staatsmann ohne Muͤhe die Meinung errathen haben wuͤrde, ſo konnte doch Roland nur ſehr unbeſtimmte Vermuthungen uͤber die Bedeutung ihrer Aeußerungen machen. Alles iſt bereit, ſprach Murray, und Lord Lindſay macht ſich auf den Weg. Sie darf nicht laͤnger zoͤgern. Du ſiehſt, ich handle nach deinem Rathe und verhaͤrte mich gegen mildere Erwaͤ⸗ gungen. Das iſt wahr, Graf Murray, erwiederte Morton, uͤberall, wo es darauf ankommt, Macht . 1 zu erlangen, zoͤgert Ihr nicht, und geht kuͤhn auf euer Ziel los. Aber ſeid Ihr auch eben ſo ſorgfaͤltig, zu vertheidigen und zu bewahren, was Ihr gewonnen? Warum ihr eine ſo zahlreiche Dienerſchaft geben? Hat nicht eure Mutter Diener und Maͤgde genug, ihr aufzuwarten? Wozu dieſes uͤberfluͤſſige und gefaͤhrliche Gefolge? Schaͤmt Euch, Morton! Eine Fuͤrſtinn und meine Schweſter— Was konnt' ich weniger thun, als ihr eine anſtaͤndige Bedienung erlauben? Ja, ſo fliegen alle eure Pfeile, antwortete Morton, alle fliegen ſcharf vom Bogen und ſind nicht ungeſchickt gezielt, aber ein Hauch thoͤriger Zuneigung weht immer dagegen und treibt den Pfeil von Ziele ab. Redet nicht ſo, Morton, ich habe gewagt und gehandelt— Za, genug, um zu gewinnen, doch nicht genug, um zu bewahren. Rechnet nicht darauf, daß ſie ſo denken und handeln werde. Ihr habt ſie tief verwundet, in ihrem Stolze und in ihrer Gewalt. Es fuͤhrt zu nichts, wenn Ihr jetzt die Wunde mit unnuͤtzen Salben beſtreicht; wie die Sachen jetzt mit Euch ſtehen, muͤßt Ihr den Nahmen eines liebevollen Bruders auf's Spier ſetzen, um den Nahmen eines kuͤhnen und ent⸗ ſchloſſenen Staatsmannes zu behaupten. Morton, erwiederte Murray, ein wenig unge⸗ duldig, dieſe Spoͤttereien leide ich nicht. Was ich gethan habe, das iſt geſchehen, was ich ferner thun muß, das muß und will ich; aber ich bin nicht eiſern, wie Du, und ich muß mich erin⸗ nern— Genug davon! Mein Vorſat ſteht veſt. Und ich hoffe, ſprach Morton, die Wahl dieſer troͤſtenden Dienerſchaft wird— Hier wurden Nahmen gefliſtert, die Roland nicht hoͤren konnte. Murray antwortete eben ſo leiſe, aber endlich erhob er ſeine Stimmie wieder ſo hoch, daß Roland die Worte vernahm:„Und ſeinetwegen bin ich ſicher, durch Glendinning's Empfehlung.“ 85 Ja, die mag eben ſo viel Vertrauen verdienen, als juͤngſt ſein Benehmen gegen die Abtei, ant⸗ wortete Morton. Ihr habt gehaͤrt, ſein Bruder iſt Abt geworden. Euer Guͤnſtling, Ritter Halbert, 79 hat eben ſo viel bruͤderliche Zuneigung, als Ihr ſelber, Graf Murray. Bei Gott, Morton, der Spott verlangte eine unfreundliche Antwort, aber ich verzeihe ihn; denn euer Bruder iſt auch dabei im Spiele. Ich gebe Euch mein Wort, die Wahl ſoll fuͤr nichtig erklärt werden. Aber laßt Euch ſagen, Graf Morton, ſo lange ich das Schwert des Staates im Nahmen meines koͤniglichen Neffen fuͤhre, ſoll kein Herr und Ritter in Schottland meine Gewalt mir ſtreitig machen, und wenn ich Beleidigungen von meinen Freunden ertrage, ſo thue ich's nur, ſo lange ich weiß, daß ſie meine Freunde ſind, und verzeihe ihre Thorheiten wegen ihrer Treue. Morton murmelte etwas, das wie eine Ent⸗ ſchuldigung klang. Der Regent antwortete ihm in einem mildern Tone, und fuͤgte hinzu:„Ich habe, außer Glendinning's Empfehlung, auch noch ein Unterpfand fuͤr die Treue dieſes jungen Menſchen; ſeine naͤchſte Verwandte hat ſich mir, als ſeine Buͤrgſchaft uͤberliefert, damit ich gegen ſie verfahre, wie es ſein Betragen verdienen wird.“ 80— Das iſt etwas, erwiederte Morton, aber den⸗ noch muß ich mit aufrichtigem Wohlmeinen Euch bitten, daß Ihr auf eurer Hut ſein wollet. Die Feinde ruͤhren ſich wieder, wie Fliegen und Hor⸗ niſſe geſchaͤftig werden, ſo bald das Ungewitter voruͤber iſt. Georg Seyton verlegte heute Morgen mit einem Haufen ſeiner Leute die Straße, und hatte einen Streit mit meinen Freunden vom Hauſe Leslie. Es war ein heftiges Gefecht, bis der Stadtvogt mit der Wache dazu kam, und ſie aus einander trieb mit den Hellbarden, wie man Hund' und Baͤren auseinander treibt. Ich hatte es ihm befohlen, ſprach der Regent. Ward jemand verwundet? Georg Seyton ſelber von Ralph Leslie. Ver⸗ dammt daß der Degen ihn nicht durchbohrte! Ralph bekam einen Stoß von einem Edelknaben, den Niemand kannte. Von edlem Blut iſt nicht viel verſpritzt worden; ein Paar Leute von beiden Seiten haben die Beine gebrochen und die Ohren verloren. Die Weiber aus den Schenken, die am Ende allein bei dem Unfalle der Schurken zu kur; kommen, haben ſie aus der Straße geſchleppt und 4 4 ſchreien nun in trunknem Muthe die Todtenklage uͤber ſie. Ihr nehmt's zu leicht, Douglas, ſprach der Regent. Dieſe Streitigkeiten und Fehden wuͤrden der Hauptſtadt des Großtuͤrken Schande machen, wie viel mehr der Stadt eines chriſtlichen Reiches, wo die neue Lehre herrſcht. Aber, wenn ich am Leben bleibe, ſoll das anders werden, und leſen die Leute meine Geſchichte, ſo ſollen ſie ſagen, wenn's auch mein ungluͤckliches Schickſal geweſen waͤre, durch die Entthronung einer Schweſter zur Macht mich zu erheben, ſo haͤtte ich ſie doch, als ich ſie einmahl gewonnen, zum Wohl des Gemein. weſens benutzt. Und zum Wohl eurer Freunde, ſiel Morton ein. Darum vertrau' ich darauf, Ihr werdet alsbald Befehl geben, die Wahl des faulen Abtes, Eduard Glendinning, fur nichtig zu erklaͤren. Ihr ſollt ſogleich befriedigt werden, erwiederte der Regent, und als er, vorwaͤrts tretend, den Thuͤrſteher rufen wolllte, fiel ſein Blick auf Roland Graͤme. Wahrlich, Douglas! ſprach er, zu Theil II. 6 8² ſeinem Freunde ſich umwendend: es ſind unſer Drei im Rathe geweſen. Ja, und nur zwei koͤnnen Rath pflegen, er⸗ wiederte Morton. Drum ſei es vorbei mit dem Burſchen! Pfui Morton! Ein Waiſenknabe!.. Hoͤre, mein Sohn, Du haſt mir etwas von deinen Kenntniſſen geſagt— kannſt Du die Wahrhet reden? Ja, gnaͤdiger Herr, wenn's mir dienlich iſt, antwortete Roland Graͤme. Es ſoll Dir jetzt dienlich ſein, ſprach der Regent, und Falſchheit bringt Dir den Untergang. Wie viel haſt Du gehoͤrt, oder verſtanden von unſerm Geſpraͤche? Nicht viel, gnaͤdiger Herr, das ich begriffen haͤtte, erwiederte Roland, ausgenommen, daß es mir vorkam, als ob Ihr an der Treue drs Ritters von Avenel zweifeltet, unter deſſen Dache ich er⸗ zogen wuͤrde. Und wos haͤtteſt Du daruͤber zu ſagen, junger Menſch? fuhr der Regent fort, und heftete ſein Auge, ſcharf beobachtend auf ihn. — —— — 83 Das haͤngt davon ab, was es fuͤr Leute ſind, die gegen die Ehre des Mannes ſprechen, deſſen Brod ich lange gegeſſen habe. Stehen ſie unter mir, ſo ſag' ich, ſie luͤgen, und will's mit mei⸗ nem Stocke behaupten; ſind's meines Gleichen, ſo ſag' ich auch, ſie luͤgen, und will's mit meinem Schwerte verfechten, wenn ſie Luſt haben; ſind's Hoͤhere—— Er hielt inne.„Nur dreiſt weiter!“ ſprach der Regent. Was thaͤteſt Du, wenn ein Hoͤherer etwas ſagte, das deines Herrn Ehre antaſtete?“ Ich wuͤrde ſagen, es ſei nicht wohl gethan, den Abweſenden zu laͤſtern, und mein Herr ſei ein Mann, welcher fuͤr ſeine Handlungen Jeg⸗ lichem Rede ſtehen koͤnnte, der ihm Angeſicht gegen Angeſicht ſie abfoderte.. Und das war mannhaft geſprochen, hob der Regent wieder an. Was denkt Ihr davon, Morton? Ich denke, erwiederte Morton, wenn der Burſche einem gewiſſen alten Freunde von uns ſo ſehr in Verſchlagenheit gleicht, als er ihm in den Zuͤgen aͤhnlich iſt, ſo mag ein großer Unter⸗ 84 ſchied zwiſchen ſeiner Meinung und ſeinen Worten ſein.. Und wem waͤre er denn ſo aͤhnlich? hob Murray wieder an. Nun, dem vielgetreuen Julian Avenel, er⸗ wiederte Morton. Aber der junge Menſch iſt aus dem ſtreitigen Graͤnzlande, wandte der Regent ein. Mag ſein. Julian Avenel wußte das Wild gut zu wittern, und ging oft weit, wenn er einem huͤbſchen Schmalthier auf der Faͤhrte war. Bah! fiel Murray ein. Leere Worte! Bringt den jungen Menſchen zu ſeinem Reiſegefaͤhrten, ſprach er darauf zu dem Thuͤrſteher. Haltet Euch beide bereit, fuhr er fort, zu Roland ſich wendend: auf den erſten Wink von hier aufzubrechen. IV. Mit einer Ernſthaftigkeit, welche die muͤrri⸗ ſche Eiferſucht ſchlecht verhehlte, fuͤhrte der Thuͤr⸗ ſteher den Edelknaben in das untere Gemach, wo der Falkner verweilte. Beiden deutete jener an, dieſes Gemach werde ihre Herberge ſein, bis auf 85 des Regenten weitre Befehle, und ſie ſollten zu der gewoͤhnlichen Zeit in der Speiſekammer, im Keller und in der Kuͤche ſich melden, um ihr gebuͤhren⸗ des Theil zu empfangen. Euer Nachtlager aber, ſetzte der Thuͤrſteher hinzu, muͤßt Ihr in der Her⸗ berge zum heiligen Michael ſuchen, das Schloß iſt dieſen Augenblick ganz voll von der Dienerſchaft der großen Herrn. 3 Kaum war der Thuͤrſteher hinaus gegangen, als der Falkner ausrief:„Nun, Junker Roland, deine Neuigkeiten! Komm, kehre deine Taſche um, und heraus mit deinen Zeitungen! Was ſagt der Regent? Fragt er nach Adam Woodcock? Iſt alles ausgeglichen, oder muß der Abt der Un⸗ vernunft noch dafuͤr ausbaden?“ Alles iſt gut, was das angeht, erwiederte Roland. Aber warum habt Ihr die Kette und die Schaumuͤnze von meiner Muͤtze genommen? War wohl auch die rechte Zeit dazu! Fragte doch der Thuͤrſteher, der Schelm mit dem ſauer⸗ toͤpfiſchen Geſichte, was Ihr fuͤr Paͤpſtlertand truͤget. Meiner Treu, man haͤtte die Kette weg⸗ genommen, um des lieben Gewiſſens willen, wie 86 eure andre Spielerei in Avenel, die Frau Lilias in der Geſtalt von Schnallen auf ihren Schuhen tragen wird. Das kommt davon, wenn man paͤbſtleriſch Spielwerk bei ſich hat! So? Einſchmelzen laſſen will ſie meinen Roſenkranz zu Schnallen fuͤr ihre plumpen Fuͤße? Mag ſie! Ich habe der alten Lilias manchen loſen Streich geſpielt, weil ich nichts Beſſeres zu thun hatte, und die Schnallen werden ſie daran erin⸗ nern. Beſinnt Ihr Euch noch, wie ich Holzaͤp⸗ feleſſig in die Konfituren that, als der alte Win⸗ gate und ſie am Oſtermorgen fruͤhſtuͤckten? Ei wie ſollt' ich nicht! Der Alte hatte ja den ganzen Morgen ein Maul ſo krumm, als ein Falkenſchnabel. Jedem andern Edelknaben waͤr' es ſchlimm bekommen, aber die Gunſt der Ritter⸗ frau wandte manchen Schlag von Euch ab. Gott gebe, ihr Schutz moͤge zu eurem Beßten gereichen! Wenigſtens bin ich dankbar dafuͤr, Adam, ſprach Roland und ich danke Euch, daß Ihr mich daran mahnt. 5 Gut! Aber die Neuigkeiten, Junker! heraus —,— — 87 damit! Worauf ſollen wir das naͤchſte Mahl ſtoßen? Was ſagte der Regent zu Euch? Nichts, das ich wiederſagen duͤrfte, antwortete Roland, den Kopf ſchuͤttelnd. Ei, ei! ſprach Adam, wie klug ſind wir auf einmahl geworden! Ihr ſeid weit gekommen in kurzer Zeit, Junker Roland. Ihr waret nahe daran, den Hals zu brechen und habt eine goldne Kette gewonnen, und habt Euch einen Feind gemacht, den Herrn Thuͤrſteher mit ſeinen Spreiz⸗ beinen, und habt den erſten Mann im Koͤnigreiche geſprochen, und macht ein ſo geheimnißvolles Ge⸗ ſicht, als ob Ihr in der Hofluft geflogen waͤret, ſeit Ihr aus dem Ei gekrochen. Meiner Treu! ich glaube, Ihr wuͤrdet mit einem Stuͤcke von der Eierſchale auf dem Kopfe davon rennen, wie die Waſſerhuͤhner bei Avenel— o ich wollte, wir waͤren wieder hinter ihnen!.. Aber ſetze dich, Freundchen! Adam Woodcock war nie der Mann, der verbotene Geheimniſſe ausſpaͤhen wollte. Setze dich und ich will uns was zu eſſen hohlen— Ich kenne Schaffner und Kellermeiſter von alten Zeiten her. 4 8⁸— Waͤhrend der gutmuͤthige Falkner ſeinem Ge⸗ ſchaͤfte nachging, uͤberließ ſich Roland den verwir⸗ renden, beunruhigenden Betrachtungen, welche die Ereigniſſe dieſes Morgens in ihm erweckten. Geſtern war er ein unbedeutender Landſtreicher, der Begleiter einer Verwandten, von deren geſun⸗ dem Verſtande er ſelber nicht die hoͤchſte Meinung hatte; und nun war er, wußt⸗ er doch ſelber nicht wie und warum, oder in welchem Umfange, der Beſitzer eines wichtigen Staatsgeheimniſſes gewor⸗ den, an deſſen ſicherer Bewahrung dem Pegenten ſelber viel gelegen war. Die unerwartete Lage, worein er ſich verſetzt ſah, wurde gerade dadurch „noch anziehender, daß er ſelber nicht ganz begreiſen konnte, in wie fern die Geheimniſſe, in deren Beſitz er unwiſſentlich gekommen war, ihm gefaͤhr⸗ lich werden konnten. Es war ihm, wie Jeman⸗ den, der in eine anmuthige Landſchaft hinaus blickt, deren Umriſſe er anfangs ſieht, bis Nebel und Sturmwolken ſie verdunkeln. Wenn das Auge Felſen, Baͤume, und andre Gegenſtaͤnde rings umher, nur unvollkommen erkennt, werden dieſe verhuͤllten Berge, dieſe finſtern Abgruͤnde — 89 doppelt erhaben, und der Einbildungskraft bleibt es uͤberlaſſen, Hoͤhe, Tiefe und Umfang derſelben zu ermeſſen. Selten aber verliert ſich der Menſch, beſon⸗ ders der muntre Juͤngling vor dem zwanzigſten Jahre, ſo ſehr in Traͤumereien, daß nicht endlich auch die irdiſchen Beduͤrfniſſe ſeine Aufmerkſamkeit auf ſich zoͤgen und mit frohem Laͤcheln begruͤßte Roland den Falkner, der mit zwei hoch beladenen Schuͤſſeln herein trat. Ein Knecht folgte mit Brod, Salz und anderm Zubehoͤr. Als alles auf dem eichenen Tiſche ſtand, klagte der Falkner, es ſei, ſo lange er den Hof kenne, von Tag zu Tage ſchlimmer fuͤr die Dienerſchaft der Edelleute ge⸗ worden, und nun gar zu arg; uͤberall ein Ge⸗ draͤnge vor den Thuͤren, uberall muͤrriſche Antwor⸗ ten, nichts als magre Knochen, nichts als Achſel⸗ zucken in Speiſekammer und Keller, nichts zu bekommen, als Duͤnnbier. Wahrlich, mein junger Freund, fuhr er fort, als er ſah, wie ſchnell Roland auf ſeinem Teller aufraͤumte: das Klagen uͤber alte Zeiten hilft nicht ſo viel, als die 90 Gegenwart benutzen, da wir doch einmahl auf beiden Seiten verlieren. Mit dieſen Worten ruͤckte der Falkner zu dem Tiſche, zog ſein Meſſer aus der Scheide und folgte dem Beiſpiele ſeines jungen Gefaͤhrten. Er ſprach dem Bierkrug wacker zu, ohne ſich zu erinnern, daß er von dem Schloßgebraͤude ziemlich herab⸗ wuͤrdigend geſprochen hatte. In froͤhlicher Laune warf er ſich zuruͤck in den alten Lehnſtuhl, und das eine Bein gemaͤchlich uͤber das andre ſchlagend, das er ausgeſtreckt hielt, ſah er dem Edelknaben ſorgenlos ins Geſicht, und erinnerte ihn, er habe ihm die Ballade noch nicht vorgeſungen, die er fuͤr den Abt der Unvernunft gemacht habe. Luſtig begann er darauf: Der Papſt, von Heidenhochmuth voll, Ließ uns ſo lang' nicht ſehen— 3 Roland, der an des Falkners Spottliede, wie man leicht vermuthen kann, nicht ſonderlich viel Gefallen fand, ergriff ſeinen Mantel und warf ihn um die Schultern, worauf Adam alsbald ſein Lied unterbrach.„Aber zum Henker, wohin wollt Ihr nun, unruhiger Burſche! Wahrhaftig, Du 91 haſt Queckſilber in deinen Adern, und kannſt bei einem ſtillen und vernuͤnftigen Geſpraͤche eben ſo wenig aushalten, als ein Falke ohne Haube auf meiner Fauſt ſitzen bliebe.“ Wenn Ihr's denn wiſſen muͤßt, Adam, ich will mich ein Bischen in dieſer ſchoͤnen Stadt um⸗ ſehen. Es moͤchte einer lieber noch im alten Schloſſe am See eingeſperrt ſein, wenn man den ganzen langen Abend zwiſchen vier Waͤnden ſitzen und alte Balladen anhoͤren ſollte. Eine neue Ballade iſt's, und zwar eine der beßten, die je ein laͤrmender Chor ſang. Mag ſein, erwiederte Roland. Ich will ſie ein andermahl hoͤren, wenn der Regen an mein Fenſter ſchlaͤgt, und kein Roß ſtampft, kein Sporn klirrt, kein Helmbuſch weht in der Naͤhe und meine Aufmerkſamkeit ſtoͤrt. Jetzt aber muß ich unter die Leute und mich umſehen. Aber keinen Schritt ſollt Ihr gehen ohne mich, ſprach der Falkner, bis Euch der Regent friſch und geſund aus meinen Haͤnden erhalten hat. Wenn Ihr wollt, gehen wir in die Herberge zum heiligen Michael; da werdet Ihr Leute genug 92 ſehen, aber wohl gemerkt, durch's Fenſter. Euch durch die Straßen herumſchweifen zu laſſen, die Seytons und Leslies aufzuſuchen, daß man Euch ein halb Dutzend Loͤcher in euer neues Wamms bohre, daraus wird nichts mit meinem Willen. 3 In der Herberge zum heiligen Michael— recht gern! erwiederte Roland. Beide verließen das Schloß, und als ſie am Thore Nahmen und Geſchaͤft der Schildwache an⸗ gegeben hatten, wurde ihnen ein kleines Pfoͤrtchen im ſtark verriegelten Thore geoͤſſnet und ſie kamen bald zu der Herberge, welche ſeitwaͤrts der Haupt⸗ ſtraße lag, von einem großen Hofe umgeben, wuͤſt und ungemaͤchlich, faſt einem morgenlaͤndiſchen Karawanſerai aͤhnlich, wo man nichts als Obdach fand, aber fuͤr jede andre Bequemlichkeit ſelber ſorgen mußte. Der Laͤrm und die Verwirrung dieſes Ortes gaben Rolands unerfahrenem Auge viel Unterhaltung. In dem Gaſtzimmer, wohin ſie ſelbſt den Weg finden mußten, ſah man Rei⸗ ſende und Stadtbewohner, die ein⸗ und ausgingen, ſich begegneten und begruͤßten, mit einander ſpielten oder tranken, ohne auf einander ſonderlich zu 93 achten, alles im ſtaͤrkſten Gegenſatze mit der ernſten und einfoͤrmigen Ordnung, die im wohleingerich⸗ teten Haushalt zu Avenel herrſchte. Streitigkeiten, in Schimpf und Ernſt, erhoben ſich unter den Umſtehenden, aber Niemand ſchien von dem Laͤrm und den zankenden Stimmen geſtöoͤrt zu werden, und Niemand darauf zu achten, als diejenigen, welche Theil am Wortwechſel hatten. Der Falkner ging mit ſeinem jungen Gefaͤhr⸗ ten zu einem, in den Hof vorſpringenden Erker⸗ fenſter, und mußte lange rufen, ehe ein Kellner ihm die Ueberreſte eines kalten Kapauns, eine Rindszunge und einen Krug mit leichtem Franzwein brachte.„Brantwein hohl; uns, Schurke!“ ſprach der Falkner, und als man ihn befriedigt hatte, wendete er ſich zu dem Edelknaben:„Wir wollen heute guter Dinge ſein, Junker! und ſorgen nicht fuͤr morgen.“ Roland hatte noch nicht Luſt an dem guten Mahle Theil zu nehmen, und ſah neugierig durch das vergitterte Fenſter auf den Hof, wo die Staͤlle der Herberge waren und buntes Leben ſich regte. Der Falkner ſprach indeß dem Becher und der 45 94— Schuͤſſel fleißig zu, wobei er zuweilen einen Vers ſeiner, in der Geburt erſtickten Ballade traͤllerte, und den Takt dazu mit den Fingern auf dem Tiſche ſchlug; oft aber unterbrachen ihn die Ausrufungen ſeines Gefaͤhrten, den immer etwas Neues im Hofe anzog. Es war hier ein geſchaͤftiges Gewuͤhl, da bei dem Zuſammenfluſſe vieler Edlen in der Hauptſtadt alle Herbergen mit ihrem Gefolge und ihren Pfer⸗ den angefuͤllt waren. Man ſah einen Schwarm von Dienern, die ihre oder ihrer Herrn Pferde beſorgten, pfiffen, ſangen, lachten und ſich ein⸗ ander mit einer Art von Witzworten aufzogen, die Roland in dem wohl geordneten Schloſſe Avenel nie gehoͤrt hatte. Andre waren beſchaͤftigt, ihre Waffen auszubeſſern, oder die Ruͤſtung ihrer Ge⸗ bieter zu putzen. Ein Burſche, der eben ein Buͤndel Lanzen gekauft hatte, ſaß in einer Ecke und ſtrich die Schaͤfte gelb und roth an. Andre Diener fuͤhrten große Hetzhunde, die mit Maul⸗ koͤrben verwahrt waren, um Ungluͤck zu verhuͤten. Alles ging hin und her, durch einander und von einander, unter dem entzuͤckten Auge des Edel⸗ * —— 95 knaben, deſſen Einbildungskraft ſich nie ein aͤhn⸗ liches Schauſpiel gedacht hatte, das mit den Ge⸗ genſtaͤnden, die er am liebſten ſah, ſo froͤhlich gemiſcht war, und immer ſtoͤrte er die ſtille Traͤu⸗ merei des ruhig genießenden Falkners. Seht doch, Adam! den ſchoͤnen Braunen!. Und der Grauſchimmel da, den der Junge in der Frießjacke ſo ungeſchickt ſtriegelt, als ob er in ſeinem Leben nur mit Kuͤhen zu thun gehabt haͤtte. Wenn ich nur unten waͤre, ich wollt' es ihm zeigen!.. Ei, ſeht nur, Adam, die Ruͤſtung, die der Dienſtmann putzt, lauter Stahl und Silber, wie unſeres Ritters beßter Waffenſchmuck, wovon Wingate ſo viel Weſens macht... Und das huͤb⸗ ſche Maͤdchen dort, in der rothen Jacke, wie's mit dem Milcheimer mitten durch alle huͤpft. Meiner Treu, Burſche! fiel der Falkner ein, es iſt gut fuͤr Dich, daß Du aufgewachſen biſt, wo Gottes Wort geachtet wird. Selbſt im Schloſſe Avenel warſt Du ein Erzwildfang, aber waͤreſt Du hier aufgewachſen, einen Pfeilſchuß weit vom Hofe, Du waͤreſt der tollſte Edelknabe geworden, der je eine Feder auf der Muͤtze, oder 8 96 ein Schwerk an der Seite trug. Wahrlich, ich wuͤnſche, daß es ein gutes Ende mit Dir nehme. So laß doch dein einfaͤltiges Traͤllern und Trommeln, alter Adam, und komm an's Fenſter, ehe Du deine Beſinnung in deinem Kruge erſaͤuft haſt. Sieh, da kommt ein luſtiger Spielmann mit ſeiner Bande und mit ihm eine Dirne, die tanzt mit Schellen an den Knoͤcheln; die Reiſigen und Edelknaben verlaſſen ihre Pferde und die Ruͤſtungen, und kommen, auf Spiel und Ge⸗ ſang zu hoͤren. Komm, Adam, laß uns auch hinunter gehen! Ei, da werd' ich mich huͤten! erwiederte der Falkner. Ihr koͤnnt ſo gute Muſik in der Naͤhe haben, als er machen kann, wenn's Euch nur von Gott gegeben waͤre, darauf zu hoͤren. Aber ſieh doch, das Maͤdchen in der rothen Jacke bleibt auch ſtehen. Beim Himmel, Adam! ſie wollen tanzen. Die Frießjacke will mit der rothen Jacke tanzen, aber ſie iſt ſcheu und mag nicht.. 4 Ploͤtzlich verwandelte ſich ſein leichter Ton, und mit dem Ausdrucke des lebhafteſten Antheils —— 9 2 und der hoͤchſten Ueberraſchung rief er aus⸗ „Himmelskoͤniginn! was ſeh' ich?“ Er ſchwieg. Der Falkner, den Rolands Ausrufungen beluſtigten, ungeachtet er ſie mit Verachtung anzuhoͤren ſchien, bekam endlich wieder Luſt, ſeine Zunge in Bewegung zu ſetzen, um ſich der Ueberlegenheit zu freuen, welche ihm ſeine ver⸗ traute Bekanntſchaft mit allen Umſtaͤnden gab, die ſeines jungen Gefaͤhrten Verwunderung erweck⸗ ten. Nun, was ſeht Ihr denn, ſprach er endlich, daß Ihr auf einmahl ſo ſtumm geworden ſeid? Roland antwortete nicht. Junker Roland, fuhr Woodcock fort, bei mir zu Lande iſt es Sitte, zu reden, wenn man mit uns ſpricht. 1 Roland blieb ſtumm.. Was Henker! fehlt dem Burſchen? Er hat wohl ſeine Augen ausgeſtiert und ſeine Zunge in Stuͤcke geſchwatzt! Der Falkner trank ſchuell ſeinen Krug aus, und trat zu Roland, der wie eine Bildſaͤule ſtand und ſtarr hinab in den Hof blikte, aber Woodcock Theil II. 2 98 konnte unter dem froͤhlichen Haufen nichts ent⸗ decken, das ſolcher Aufmerkſamkeit werth geweſen waͤre. ſich ſelber. Aber Roland hatte wohl gute Gruͤnde zu ſeiner Ueberraſchung, nur konnte er ſie ſeinem Gefaͤhrten nicht mittheilen. Der alte Spielmann hatte kaum in die Saiten gegriffen, und ſchon mehre Zuhoͤrer von der Straße herein gelockt, als Jemand in das Hofthor trat, der Rolands Auf⸗ merkſamkeit allein auf ſich zog. Es war ein 2 Juͤngling nicht voͤllig ſeines Alters, wie es ſchien, und nach Tracht und Benehmen zu urtheilen, auch von gleichem Stande und Berufe, da er ganz das ſtutzerhafte und anſpruchvolle Betragen zeigte, das zu einer huͤbſchen, aber ſchmaͤchtigen und kleinen Geſtalt und zu einem zierlichen Anzuge paßte, den ein weiter Purpurmantel zum Theil verhuͤllte. Als er in den Hof trat, blickte er zum Fenſter hinauf, und Roland erkannte zu ſeinem groͤßten Erſtaunen unter der rothen Sammtmütze mit weißer Feder jene Zuͤge, die ſich ſeiner Seele ſo tief eingedruͤckt hatten, die golonen, uͤppigen Der Junge iſt verruͤckt, ſprach der Falkner zu — Locken, das feoͤhliche, große blaue Auge, die ſchoͤn gewoͤlbten Augenbrauen, die Naſe, die ſich von der geraden Linie nur unmerklich bog, die roſige Lippe, deren gewoͤhnlicher Ausdruck ein ſchlaues, halb unterdruͤcktes Laͤcheln zu ſein ſchien; kurz Katharina's Zuͤge und Geſtalt, in Manns⸗ tracht, und mit gluͤcklichem Erfolge das Benehmen eines jungen muthwilligen Edelknaben nachaͤffend. Bei Sankt Georg und Sankt Andreas! ſprach der erſtaunte Roland zu ſich ſelber: wer hat je ſolch eine verwegene Dirne geſehn!.. Sie ſcheint ſich auch ein bischen zu ſchaͤmen uͤber ihre Mum⸗ merei, ſie haͤlt ja den Zipfel ihres Mantels vor's Geſicht, und ihre Wangen gluͤhen— aber, bei der heiligen Jungfrau! wie ſie ſich durch das Ge⸗ draͤnge Platz macht, mit ſo veſtem und kuͤhnem Schritte, als ob ſich nie ein Roͤckchen um ihre Huͤfte geſpannt haͤtte. Alle Heiligen! ſie ſchwingt ja die Reitgerte, als wollte ſie jemand eins damit verſetzen, der ihr am meiſten im Wege ſteht. Ja, wahrlich und wahrhaftig! ſie benimmt ſich, wie ein Muſter von einem Edelknaben. Ei ſeht doch! 100— ſte will doch nicht gar in allem Ernſt die Seußise 4 ausklopfen! 8 Der Zweifel ward bald geloͤſet; denn der Burſche, der die wiederhohlte Warnung nicht achtete, und mit toͤlpiſcher Hartnaͤckigkeit oder Dummheit dem geſchaͤftigen Edelknaben im Wege ſtand, fuͤhlte alsbald den Hieb der Gerte. Der Beleidigte ſprang auf die Seite, unwillige Ver⸗ wuͤnſchungen ausſtoßend, und Roland war im Begriff der vermummten Katharina zu Hilfe zu eilen; aber Alle im Hofe lachten die Frießjacke aus, die freilich in jenen Tagen im Kampfe mit Sammet und Stickerei nicht eben auf redliches Betragen rechnen konnte. Der arme Burſche ſchlich ſich zu ſeinem Grauſchimmel und niemand lachte ihn mehr aus, als die Dirne in der rothen Jacke, welche wie er, in der Herberge diente. Sie war ſo grauſam, den Urheber der Kraͤnkung mit beifaͤlligen Laͤcheln anzuſehen, und redete dreiſt ihn an:„Sucht Ihr Jemand hier, mein huͤbſcher Herr, daß Ihr ſo eilig ſeid?“ Ich ſuche einen jungen Burſchen mit einem gruͤnen Zweige auf der Muͤtze, mit ſchwarzem 8 101 Haar und ſchwarzen Augen, gruͤner Jacke, wie ein Stutzer vom Lande ſieht er aus. Ich hab' ihn uͤberall in den Straßen geſucht. Hohl' ihn der Henker! Wer hat je ſo was geſehn! murmelte Roland. Ich will ihn Euch ſogleich ſuchen, mein hänre junger Herr, antwortete die Dirne. Thut das, ſprach der Edelknabe, und wenn Ihr mir ihn bringt, ſollt Ihr heute Abend ein Stuͤck Geld haben, und Sonntag einen Kuß, wenn Ihr ein reineres Mieder anhabt. Nein, wer hat je ſo was geſehn! murmelte Roland noch einmahl. Das geht zu hoch! Im naͤchſten Augenblicke trat die Magd in das Zimmer und fuͤhrte den vermummten Edelknaben herein. Die verkleidete Veſtale ſuchte mit dreiſtem, ſchnellem Blicke unter den Anweſenden in dem weiten Zimmer, und Roland, der in ſeinem Innern eine bloͤde Verlegenheit fuͤhlte, die er ſeines kuͤhnen, hochfliegenden Strebens ganz un⸗ wuͤrdig achtete, nahm ſich vor, dem ſonderbaren Maͤdchen gegenuͤber nicht ſchuͤchtern und verlegen zu ſein, ſondern ihr mit einem ſo ſchlauen, ſo 102—— durchdringenden, ſo ausdruckvoll kaunigen Blicke des Erkennens entgegen zu kommen, der ihr ſagen ſollte, daß er im Beſitze ihres Geheimniſſes und Herr uͤber ihr Schickfal ſei,— ſollte, ſich vor ihm demuͤthig, wenigſtens mit dem An⸗ ſchein und Benehmen entſchuldigender Ehrerbietung, zu zeigen. Alles ſehr gut entworfen, aber eben als Roland den kundigen Blick annahm, das unter⸗ bruͤckte Laͤcheln, die ſchlaue Miene, wodurch er ſeinen Sieg zu erringen hoffte, begegnete er dem dreiſten, veſten unverruͤckten Blicke des wahren oder vermummten Edelknaben, der ihn mit ſeinem Falkenauge faßte, und alsbald den Geſuchte n in ihm erkennend, mit der groͤßten Unbefangenheit, und der ruhigſten Faſſung ſich ihm naͤherte, und ihm zurief:„Ihr mit dem gruͤnen Buſche, mit Euch hab' ich zu ſprechen.“ Die Stimme war eben dieſelbe, die Roland im alten Kloſter gehoͤrt hatte, und dieſe Zuͤge in der Naͤhe geſehen, waren der Geſtalt des Fraͤu⸗ leins noch aͤhnlicher als in der Ferne, aber die Kaltbluͤtigkeit und Zuverſicht, womit jene Worte ℳ — 103 geſprochen wurden, brachten eine ſolche Verwir⸗ rung in Rolands Seele hervor, daß er in Zweifel gerieth, ob er ſich nicht von vorne herein geirrt habe; die mitwiſſende Schlauheit, die ſeine Zuͤge beleben ſollte, verlor ſich in eine einfaͤltige Bloͤ⸗ digkeit, und das halb unterdruͤckte, aber ſprechende Laͤcheln wurde das unverſtaͤndige Kichern eines Verlegenen, der lacht, um ſeine Verwirrung zu verbergen.. Verſteht man eine ſchottiſche Zunge in deiner Heimath? hob der wunderbare Fremdling wieder an. Ich ſagte, ich haͤtte mit Dir zu reden. Was habt Ihr mit meinem Kameraden zu thun, mein junges Kuͤchlein? fragte der Falkner, der ſeinem Gefaͤhrten zu Hilfe kommen wollte, ſo wenig er begreifen konnte, warum Roland ſeine gewoͤhnliche Munterkeit und Geiſtesgegenwart ſo ploͤtzlich verloren hatte. Mit Euch nichts, mein akter Falkenhahn, erwiederte der Edelknabe. Geht Ihr hin, und ſorgt dafuͤr, euren Falken zu purgiren. Ich ſeh's an eurer Taſche und eurem Handſchuh, Ihr ſeid dazu beſtellt, eine Art von Habicht abzuwarten. 10⁰4 Er lachte bei dieſen Worten, und das Lachen erinnerte Roland ſo unwiederſtehlich an das herz⸗ liche Gelaͤchter, dem Katharina auf ſeine Koſten ſich uͤberlaſſen hatte, als ſie ſich zuerſt im aleen Kloſter trafen, daß er kaum ſich enthalten konnte, ihren Nahmen auszurufen, aber er that ſich Ge⸗ walt an, und ſagte bloß:„Ich daͤchte, wir waͤren einander nicht ganz fremd.“ Dann muͤßten wir uns in unſern Traͤumen geſehn haben, und ich bin bei Tage ſo beſchaͤftigt, daß ich mich nicht erinnern kann, was ich Nachts denke. Oder wohl an einem Tage Euch nicht an, die⸗ jenigen erinnern koͤnnt, die Ihr am vorigen Abend geſehn habt, erwiederte Roland. Der Juͤngling ſah ihn mit einiger Ueberra⸗ ſchung an, als er antwortete:„Was Ihr meint, weiß ich ſo wenig, als das Pferd, das ich reite. Soll Beleidigung in euren Worten liegen, ſo findet Ihr mich ſo. bereit, den Fehdehandſchuh aufzu⸗ nehmen, als irgend jemand. 8 Ihr wißt wohl, ſprach Roland, wenn's Euch — 105 auch beliebt, die Sprache eines Fremden anzuneh⸗ men, mit Euch kann ich keinen Streit haben. So laßt mich mein Geſchaͤft verrichten, und ich habe nichts mehr mit Euch zu ſchaffen, erwie⸗ derte der fremde Edelknabe. Kommt hieher, daß uns die alte Lederfauſt nicht hoͤrt. Sie traten in das Erkerfenſter. Der Bote kehrte den Uebrigen den Ruͤcken zu, als er ſchnell einen ſcharfen Blick umher geworfen hatte, um zu ſehen, ob ſie beobachtet wuͤrden. Roland that desgleichen, und der Edelknabe im Purpurmantel zog ein kurzes, aber ſchoͤn gearbeitetes Schwert hervor, woran Griff und Verzierungen auf der Scheide von vergoldetem Silber waren.„Ich bringe Euch, ſprach er, dieſe Waffe von jemand, der Euch wohl will, und ſie Euch unter der feier⸗ lichen Bedingung uͤbergiebt, daß Ihr ſie nicht eher entbloͤßt, bis eure rechtmaͤßige Koͤnigin es Euch gebietet. Man kennt euer feuriges Weſen und die Vermeſſenheit, womit Ihr in fremde Haͤndel Euch eindraͤngt, und darum wird Euch dieß als Buße aufgelegt, von Denjenigen, die es gut mit Euch meinen, und die Einfluß auf euer Schickſal 106 haben werden im Guten oder im Boͤſen. Euch dieß zu ſagen, war mein Auftrag. Wollt Ihr nun ein redlich Wort geben fuͤr ein redlich Schwert, und euer Verſprechen mit Hand und Mund, ſo iſt alles abgemacht, wo nicht aber, ſo bring' ich den Flamberg Denen zuruͤck, die ihn ſenden. Und darf ich nicht fragen, wer die ſind? ſprach Roland, das ſchoͤne Schwert mit Bewun⸗ derung betrachtend. Es liegt auf keine Weiſe in meinem Auftrage, eine ſolche Frage zu beantworten, erwiederte der Fremde im Purpurmantel. Aber wenn ich beleidigt werde, darf ich es nicht ziehen zu meiner Vertheidigung? fragte Roland. Nicht dieſes Schwert, antwortete jener, aber Ihr habt ja eure eigene Waffe, und wozu tragt Ihr ſie ſonſt? Fuͤr nichts Gutes, fiel der Falkner ein, der nun hinzu trat, davon kann ich ſo gut Zeugniß geben, als irgend jemand. Zuruͤck, Alter! ſprach der Schwertbringer. Du haſt ein zudringliches, neugieriges Geſicht, 107 das zu einer Ohrfeige kommen kann, wenn ſich's findet, wo es nichts zu ſchaffen hat. Eine Ohrfeige, Junker Naſeweis? ſprach der Falkner, der ſich indeß zuruͤck zog. Lieber die Fauſt an ſich gehalten, oder bei der heiligen Jungfrau! auf Ohrfeige folgt Ohrfeige. Sei ruhig, Adam Woodcock! ſprach Roland. Und Ihr, mein ſchoͤner Herr, wenn Ihr denn ſo genannt ſein wollt, beliebt mir zu ſagen, ob ich dieſes ſchoͤne Schwert nicht entbloͤßen darf, bloß aus Neugier, um zu wiſſen, ob Griff undScheide, beide ſo ſchoͤn, auch eine Klinge haben, die dazu paßt. Auf keine Weiſe, erwiederte der Bote. Mit einem Worte, Ihr muͤßt es mit dem Verſprechen annehmen, daß Ihr es nie ziehen wollet, bis eure rechtmaͤßige Koͤniginn Euch den Befehl dazu gibt, oder Ihr koͤnnt es nicht erhalten. Unter der Bedingung, und da es von eurer freundlichen Hand kommt, nehme ich das Schwert an, ſprach Roland, es an ſich ziehend. Aber glaubt mir, wenn wir Beide zu einer großen Unternehmung mitwirken ſollten, wie ich zu glauben 408— Urſache habe, ſo wird etwas Vertrauen und Offen⸗ herzigkeit von eurer Seite noͤthig ſein, meinem Eifer den rechten Antrieb zu geben. Fuͤr jetzt dringe ich nicht auf mehr, es iſt genug daß Ihr mich verſteht. Ich Euch verſtehen? erwiederte der Edelknabe im Purpurmantel, und ſah jenen mit unverſtellter Ueberraſchung an. Bei meiner Seele nicht! Ihr ſteht da, und kichert, und laͤchelt und macht ein liſtiges Geſicht, als ob wir Gott weiß was fur Raͤnke und Einverſtaͤndniſſe haͤtten, und Ihr habt mich doch nie geſehen. Wie! ſprach Roland, Ihr wollt abrsugnen, daß wir uns ſchon einmahl geſehen haben? Freilich will ich das, und will's behaupten vor jedem chriſtlichen Hofe, eripiederten der andre Edelknabe. 14— Und Ihr wollt auch laͤugnen, fuhr Roland fort, daß uns Beiden empfohlen wurde, unſre beiderſeitigen Geſichtszuͤge uns wohl einzupraͤgen, damit wir uns als die geheimen Werkzeugt einer großen Unternehmung wieder erkennen koͤnnten, in welcher taͤuſchenden Verkleidung wir uns auch 100 begegnen moͤchten? Erinnert Ihr Euch nicht, daß Schweſter Magdalena und Brigitta— Der Bote unterbrach ihn hier, mit einem mitleidigen Blicke die Achſeln zuckend:„Brigitta und Magdalena! Wahnſinn und Traͤumerei! Hoͤrt, Junker Gruͤnbuſch, Ihr habt eure Ge⸗ danken nicht beiſammen. Staͤrkt Euch mit einer Kratfbruͤhe, bedeckt euer krankes Hirn mit einer wollenen Schlafmuͤtze und ſo— Gott befohlen!“ Als er mit dieſem hoͤflichen Zuruf ſchied, ſprach Woodcock, der wieder am Zechtiſche ſaß:„Wollt Ihr nicht einen Becher leeren, junger Mann, da Ihr nun mit eurem Geſchaͤfte fertig ſeid, und ein gutes Liedchen anhoͤren?“ Und ohne die Antwort zu erwarten, hob er an: Der Papſt, von Heidenhochmuth voll, Ließ uns ſo lang' nicht ſehen—. Der Wein hatte vermuthlich in des Falkners Kopfe ein wenig Verwirrung gemacht, ſonſt wuͤrde er ſich wohl erinnert haben, wie gefaͤhrlich es war, an oͤffentlichen Orten uͤber Staatsſachen oder Kirchenſtreitigkeiten zu ſcherzen, in einer Zeit, wo die Gemuͤther heftig gereizt waren. Er ſah aller⸗ 110— dings ſeinen Fehler ein, und hielt ſogleich inne, als er ſah, daß das Wort Papſt ploͤtzlich die ver⸗ traulichen Unterredungen der Anweſenden in dem Zimmer unterbrochen hatte, und viele bereits ſich erhoben, trotzig aufblickten und ſich bereiteten, an dem bevorſtehenden Streite Antheil zu nehmen, waͤhrend Andre, die geſetzter und behutſamer waren, ſchnell ihre Zeche bezahlten und ſich zum Aufbruche ruͤſteten, ehe das Uebel aͤrger wuͤrde. Aerger ſchien es leicht werden zu koͤnnen; denn kaum hatte der fremde Edelknabe den Anfang des Geſanges vernommen, als er ſeine Gerte mit dem drohenden Ausrufe erhob:„Wer in meiner Ge⸗ genwart unehrerbietig vom heiligen Vater ſpricht, iſt von einer ketzeriſchen Woͤlfinn geworfen, und ich will ihn peitſchen, wie einen Baſtardhund.“ Und ich will Dir den Schaͤdel zerſchmeiſſen, wenn Du einen Finger gegen mich aufzuheben wageſt, ſprach der Falkner, und trotz der Drohun. gen des Edelknaben, hob er unverzagt wieder an: Der Papſt, von Heidenhochmuth voll, Ließ uns ſo lang— V 111 Aber er konnte nicht weiter gehen, da ihm bei einem Gertenhiebe, den ihm der wilde Edelknabe uͤber die Augen verſetzte, ſelber das Sehen verging. Wuͤthend uͤber den Schmerz und die Beſchimpfung, ſprang der Falkner auf, und wenn ihm nicht das Waſſer in die Augen getreten waͤre, wuͤrde er als⸗ bald mit ſeinem trotzigen Gegner handgemein ge⸗ worden ſein; aber Roland, ganz gegen ſeine Natur, ſpielte einmahl den Beſonnenen und den Frieden⸗ ſtifter, und warf ſich, den Falkner zur Ruhe auf⸗ fodernd, zwiſchen Beide.„Ihr wißt nicht, mit wem Ihr zu thun habt“ ſprach er zu jenem, und zu dem Schwertbringer ſich wendend, der hoͤhniſch uͤber Adams Wuth lachte:„Geh von hinnen, wer Du auch ſein magſt. Biſt Du, was ich ver⸗ muthe, ſo weißt Du recht wohl, es gibt triftige Gruͤnde, die Dich dazu noͤthigen.“ Du haſt einmahl das Ziel getroffen, Gruͤn⸗ buſch, ſprach der Fremde, wenn Du deinen Pfeil vermuthlich auch nur auf gut Gluͤck abgeſchoſſen haſt. Holla, Wirth! gebt dem alten Burſchen einen Krug Wein, ſich die Augen auszuwaſchen, und hier iſt ein franzoͤſiſcher Kronenthaler fuͤr ihn. 112 Mit dieſen Worten warf er das Geld auf den Tiſch, ging mit ſchnellen, aber veſten Schritten aus dem Zimmer, muthig rechts und links blickend, als haͤtte er heraus fodern wollen, ihm den Weg zu vertreten, und ſchlug einigen achtbaren Buͤrgern ein Schnippchen, welche laut ſagten, es ſei Schimpf und Schande, daß man Jemand zur Vertheidigung des Papſtes prahlen und zanken laſſe, und die Griffe ihrer Schwerter ſuchten, die ſich zum Ungluͤcke in ihre Maͤntel verwickelt hatten. Aber der Gegner war fort, ehe einer von ihnen zu ſeiner Waffe kam, und ſie hielten es nicht mehr fuͤr noͤthig, blank zu ziehen, ſondern begnuͤgten ſich mit der Bemerkung:„Es iſt doch wahrlich mehr als freche Gewaltthat, einen armen Mann uͤber's Geſicht zu hauen, weil er ein Lied gegen die babyloniſche Hure ſingt. Wenn des Papſtes Vorfechter die Buͤttel in unſern Schenken machen wollen, werden wir bald wieder die alte Plackerei auf dem Halſe haben.“ Sie gingen; und waͤhrend der Unmuth uͤber die Unverſchaͤmtheit des Edelknaben in leeren Dro⸗ hungen verdunſtete, mußte Roland den ernſtlichern — 113 ϑ Unwillen des Falkners beſchwichtigen.„Hat ja nicht viel zu bedeuten, Freundchen. Wiſcht Euch die Augen, und Ihr ſeht ſo gut als vorher.“ Wahrlich und wahrhaftig, Du biſt ein falſcher Freund gegen mich geweſen, junger Menſch, haſt mir weder geholfen im gerechten Streite, noch mich ſelber ihn ausfechten laſſen. Schaͤmet Euch, Adam Woodcock! ſprach Roland, ſchlau den Spieß gegen ihn umkehrend: ja ſchaͤmen ſolltet Ihr Euch! Wie koͤnnt Ihr ſolche Reden fuͤhren! Ihr ſeid hieher geſchickt, meine unſchuldige Jugend gegen Schlingen zu bewahren, und— Ich wollte, eure unſchuldige Jugend haͤtte einen Strick! ſprach der Falkner, der zu merken anfing, wohin die Ermahnung zielte. Und anſtatt mir ein gutes Beiſpiel von Geduld und Maͤßigkeit zu geben, wie's dem Falkner des Ritters Halbert geziemt, fuhr Roland fort, ſtuͤrzt Ihr, wer weiß, wie viele Kruͤge Doppelbier hinunter, und Wein und Brantwein in Fuͤlle dazu. Es war ja nur eine kleine Flaſche, erwiederte Theil II. 8 114 Adam, der, von ſeinem Gewiſſen gemahnt, ſich bloß auf Vertheidigung beſchraͤnken mußte. Aber genug, Euch um eure Beſinnung zu bringen. Und ſtatt ruhig zu Bette zu gehen, und euren Rauſch auszuſchlafen, ſitzt Ihr hier, und ſingt euer laͤrmendes Lied von Papſt und Heiden, bis man Euch beinahe die Augen aus dem Kopfe haut, und waͤr' ich nicht dazu gekommen ich, den eure betrunkene Undankbarkeit des treuloſen Ab⸗ falles beſchuldigt, ſo haͤtte der Wildfang Euch die Kehle abgeſchnitten, denn er zog ſchon einen Dolch, ſo breit, als meine Hand und ſo ſcharf, als ein Schermeſſer. Sind das Lehren fuͤr einen uner⸗ fahrenen Juͤngling? O Adam, pfui uͤber Euch! Ja von ganzem Herzen ſag' ich: pfui uͤber meine Thorheit, daß ich etwas anders als unver⸗ ſchaͤmten Spott von einem Burſchen wie Du, erwartete! Wenn Du deinen Vater in ber Klemme ſaͤheſt, wuͤrdeſt Du lachen, ſtatt ihm beizuſtehen. Aber ich will Euch ja beiſtehen, ſprach Roland lachend, das heißt, ich will Dich in deine Kammer fuͤhren, guter Adam, wo Du Wein und Doppel⸗ bier, Zorn und Unwillen ausſchlafen ſollſt, und 115 morgen erwachen mit all dem guten Witze, den die Natur Dir geſchenkt hat. Nur eines laß Dir fagen, guter Adam, wenn Du kuͤnftig mit mir daruͤber zankeſt, daß ich ein Hitzkopf bin und gleich zu meinem Dolche fahre, ſo ſoll deine Ermahnung als Vorwort dienen zur Erzaͤhlung von dem be⸗ ruͤhmten Abenteuer mit der Reitgerte in der Her⸗ berge zum heiligen Michael. Mit dieſen Beileidsbezeigungen brachte er den niedergeſchlagenen Falkner zu Bette, und begab ſich dann auch zu ſeinem Lager, wo der Schlaf nicht ſogleich ſein Auge beſuchen wollte. War der Bote, den er geſehen, wirklich Katharina Seyton, welches gewaltige ſtuͤrmiſche Mannweib mußte ſie ſein! Wie ſie mit Unverſchaͤmtheit und Duͤnkel ausgeſtattet war! Ihre eherne Stirne koͤnnte zwanzig Edelknaben die Stirne glaͤtten, und ich weiß, dachte Roland, was das ſagen will. Und doch— ihre Zuͤge, ihr Blick, ihr leichter Gang, ihr lachendes Auge, die feine Kunſt, womit ſie den Mantel ordnete, um gerade nicht mehr von ihren Gliedern ſehen zu laſſen, als eben noͤthig war— es freut mich, daß ſie wenigſtens noch ſo 116 viel von weiblicher Anmuth bewahrt hatte— ihre Stimme, ihr Laͤcheln— ja, es muß Katharina Seyton geweſen ſein, oder der Teufel unter ihrer Geſtalt... Eins aber iſt gut dabei, ich habe die ewigen Ausrufungen des albernen Falkners zum Schweigen gebracht, der den Sittenprediger und Hofmeiſter bei mir ſpielen wollte„ſo bald er ſeine Falkentrage im Ruͤcken hatte. Mit dieſer troͤſtenden Betrachtung, die ſich zu der gluͤcklichen Gleichgiltigkeit der Jugend gegen kuͤnftige Ereigniſſe geſellte, fiel Roland bald in Schlummer. V. Kaum graute der Morgen, da pochte es heftig an der Thuͤre der Herberge, und als man draußen rief, es warte eine Botſchaft vom Regenten, ward augenblicklich geoͤffnet. In der naͤchſten Minute ſtand der Jaͤger Michel vor dem Lager unſrer Reiſenden. Auf! auf! rief er. Nicht geſchlafen, wenn Murray Arbeit hat! Beide Schlaͤfer ſprangen auf, und ntnanfen ſich in die Kleider. 117 Ihr, alter Freund, ſprach Michel zu Adam Woodcock, muͤßt ſogleich zu Pferde, mit dieſem Sendſchreiben an die Moͤnche zu Kennaquhair, und mit dieſem an den Ritter von Avenel. Die Moͤnche ſollen ihre Wahl wieder aufheben, und mein Herr ſoll darauf ſehen, daß es erfuͤllt werde, das iſt's, darauf will ich wetten, ſprach Adam, die beiden Briefe in ſeine Falknertaſche ſteckend. Bruder gegen Bruder hetzen— nun, das iſt nicht ganz redlich Spiel, duͤnkt mich. Stecke Du nicht deine Naſe darein, alter Knabe, erwiederte Michel. Aufgeſeſſen! Werden dieſe Befehle nicht vollzogen, ſo wird man von dem Marienkloſter bald nur die nackten Mauern ſehen, und leichtlich erging's dem Schloſſe Avenel nicht beſſer. Ich hoͤrte es, Morton ſprach ſtark mit dem Regenten, und wir ſtehen jetzt auf einem Fuße mit ihm, daß wir auf Kleinigkeiten nicht achten koͤnnen. Aber, fiel Adam ein, was ſagten ſie denn uͤber die Geſchichte mit dem Abte der Unvernunft? Wollen ſie daruͤber anbinden„ſo thaͤte ich beſſer, ——— ———— 118— wenn ich die Sendſchreiben zum Satan werfe, und mein Heil uͤber der Graͤnze ſuche. O das hat man uͤberſehen, als einen Spaß, weil nicht viel Unheil daraus entſtanden iſt. Aber laß Dir ſagen, Adam, fuhr Michel fort, findeſt Du ein Dutzend erledigte Abteien unterwegs, ſo laß Dir's nicht geluͤſten, ſei's in Scherz, oder Ernſt, in Vernunft, oder Unvernunft, ihre Müuͤtzen Dir uͤber die Ohren zu ziehen. Die Zeit paßt nicht dazu, Freundchen. Und unſre Jungfer moͤchte gar zu gern den Hals eines fetten Pfaffen umſchließen. Den meinen ſoll ſie nimmermehr ſo wegpußen, ſprach der Falkner, ſein Tuch um den ſonnenbrau⸗ nen, dicken Hals windend. Junker Roland! fuhr er fort: ſputet Euch! Wir muͤſſen wieder zuruͤck zu unſern Falken, und Gott ſei Dank! wir gehen mit heiler Haut. Nicht doch! fiel Michel ein, der Edelknabe geht nicht mit Euch. Der Regent hat fuͤr ihn ein andres Geſchaͤft. Alle Heiligen im Himmel! rief Adam: Junker Roland hier bleiben und ich zuruͤck nach Avenel! 119 Kann nicht ſein! Der Junge kann ſich in dieſer weiten Welt nicht leiten ohne mich, und es iſt die Frage, ob er auf ein ander Pfeifchen hoͤren wird, als auf meins. Es gibt ja Zeiten, wo ich ſelber ihn kaum locken kann. Roland hatte es auf der Zunge, etwas von der Gelegenheit zu ſagen, die beide gehabt hatten, gegenſeitig von ihrer Klugheit Nutzen zu ziehen, aber Adam war ſo aufrichtig bekuͤmmert uͤber den Abſchied, daß der Juͤngling die Luſt verlor, ſo unfreundlichen Scherz zu wagen. Der Falkner kam indeß nicht ganz davon, denn als er ſich gegen das Fenſter wendete, ſah ihm ſein Freund Michel ins Geſicht und rief verwundert!„Ei, Adam Woodcock, was haſt Du mit deinen Augen ge⸗ macht? Sie ſind ja geſchwollen, als wenn ſie aus ihren Hoͤhlen brechen wollten.“ Ganz und gar nichts! erwiederte Adam, einen bittenden Blick auf Roland werfend. Es kommt nur davon, in dem verdammten Rollbett ohne Pfuͤhl zu ſchlafen. Ei, Du biſt ja ganz verwuͤnſcht weichlich ge⸗ worden, Adam, ſprach der alte Jagdfreund. Ich 120 weiß die Zeit, wo Du die ganze Nacht kein beſſeres Kopfkiſſen hatteſt, als ein Buͤndel Heidekraut, und mit der Sonne aufſtandeſt, ſo munter als ein Falke, und nun ſehen deine Augen aus— Still, Freundchen, was liegt daran, wie meine Augen ausſehen. Brate mir nur einen Apfel und eine Flaſche Doppelbier dazu; die Kehle damit ausgebadet, und Du ſollſt ſehen, wie ſich's aͤndert. Und wirſt geſtimmt ſein, dein munteres Lied vom Papſte zu ſingen? ſprach Michel. Ja, das will ich, ſobald dieſe ruhige Stadt fuͤnf Meilen hinter uns liegt, wenn Du deinen Klepper ſatteln und mich ſo weit begleiten willſt. Nein, das geht nicht, ſprach Michel. Ich kann nur den Morgentrunk mit Dir theilen, und bei Dir bieiben, bis ich Dich wohlbehalten im Sattel ſehe. Ich will ſogleich dein Pferd beſtellen und deinen gebratenen Apfel. Als er hinaus gegangen war, nahm Adam den Edelknaben bei der Hand.„Ich will nie wie⸗ der einem Falken die Haube aufſetzen, ſprach der gutmuͤthige Alte, wenn mir nicht der Abſchied —— N 121 von Euch ſo nahe geht, als ob Ihr mein eigenes Kind waͤret— nichts fuͤr ungut! Ich weiß nicht, warum ich Euch ſo gut bin, wenn's nicht aus eben der Urſache iſt, warum ich den verteufelten Braunen ſo lieb hatte, den unſer Ritter den Satan nannte, bis der ehrwuͤrdige Herr Warden ihm den Nahmen Seyton gab; denn er ſagte, es waͤre zu vermeſſen, ein unvernuͤnftig Thier nach dem Faͤrſten der Finſterniß zu benennen.“ Und es war auch uͤbervermeſſen von ihm, glaub' ich, eine ſchlechte Beſtie nach einem edlen Geſchlechte zu nennen. Meinetwegen! Seyton oder Satan— ich hatte den Braunen lieb vor allen Pferden im Stalle. Keine Ruhe auf ſeinem Ruͤcken— das war eine ewige Unruhe, ein Ausſchlagen, ein Baͤumen, ein Beißen! Ich glaube, ich hab' Euch lieber, als alle andre Jungen im Schloſſe, aus derſelben Urſache. 1 Danke, danke, guter Adam! Ich bin Euch verbunden fuͤr die gute Meinung, die ihr von mir habt. Unterbrecht mich nur nicht, ſprach der Falkner. 122 Satan war ein gutes Thier— Aber ich ſag' Euch, ich werde die beiden Neſtfalken nach Euch nennen, den einen Roland, den andern Graͤme, und ſo lange Adam Woodcock lebt, ſollt Ihr wahrhaftig einen Freund haben. Nimm meine Hand darauf. Roland erwiederte herzlich den Druck der dar⸗ gebotenen Hand, und als der Falkner einen tuͤch⸗ tigen Schluck gethan hatte, fuhr er in ſeiner Abſchiedsrede fort:„Gegen drei Dinge will ich Euch warnen, Roland, da Ihr nun in dieſe müh⸗ ſelige Welt treten ſollet, ohne den Beiſtand meiner Erfahrung. Fuͤr's Erſte, zieht nicht den Dolch bei unbedeutenden Gelegenheiten; denn nicht Jeder⸗ manns Wammss iſt ſo gut ausgeſtopft, als es bei einem gewiſſen Abt war, den Ihr kennt. Fuͤr's Zweite fliegt nicht jedem huͤbſchen Maͤdchen nach, wie ein Lerchenhabicht der Droſchel; Ihr werdet nicht immer eine goldne Kette fuͤr Eure Muͤhe gewinnen. Und hier habt Ihr euer Kleinod wieder; haltet's warm, es iſt ſchwer an Golde, und kann Euch von gutem Nutzen ſein, wenn Ihr einmahl in der Klemme ſeid. Zum Dritten und zum Schluſſe, wie unſer ehrwuͤrdiger Prediger 123 ſagt, huͤtet Euch vor der Flaſche; ſie hat kluͤgere Leute, als Ihr ſeid, um ihre Beſinnung gebracht. Ich koͤnnte Beiſpiele davon anfuͤhren, aber es wird nicht vonnoͤthen ſein; denn wenn Ihr eure eigenen Unfalle vergeſſen ſolltet, ſo werdet Ihr kaum ermangeln, an den meinigen zu denken. Und damit Lebewohl, mein Sohn!“ Roland erwiederte des Falkners gute Wuͤnſche, und gab ihm den Auftrag, der guͤtigen Edelfrau die Huldigung ſeiner Ehrerbietung darzubringen, und ihr zu ſagen, wie leid es ihm thue, ſie belei⸗ digt zu haben, und wie veſt er entſchloſſen ſei, ſich ſo in der Welt zu betragen, daß ſie des edel⸗ muͤthigen Schutzes, den ſie ihm gegeben, ſich nicht ſchaͤmen ſolle. 8 Der Falkner umarmte ſeinen jungen Freund, und als er ſein munteres wohl genaͤhrtes Pferd beſtiegen hatte, nahm er ſuͤdwaͤrts ſeinen Weg. Dumpf hallte der Hufſchlag wieder, als haͤtte er den Kummer des gutmuͤthigen Reiters verkuͤndet. Jeder Ton traf Rolands Herz, als er hoͤrte, daß ſein Gefährte ſich nicht mit ſeiner gewoͤhnlichen ————ʒ —ʒʒè;— —— 124— Munterkeit entfernte, und er fuͤhlte, daß er wie⸗ der allein in der Welt ſtand. Michel erweckte ihn aus ſeiner Traͤumerei, ihn erinnernd, es ſei noͤthig, alsbald ins Schloß zuruͤck zu kehren, da der Regent fruͤh Morgens in den Staatsrath gehe. Sie gingen. Der Jäͤger, ein alter beguͤnſtigter Diener, der dem Regenten ſich vertraulicher naͤhern durfte, als mancher Andre in einem wichtigern Amte, fuͤhrte den Edelknaben ſogleich in ein kleines, mit Matten belegtes Zimmer, wo der Beherrſcher des unru⸗ higen Landes ihn empfing. Der Graf von Mur⸗ ray war in einem dunkelfarbigen Morgenkleide, aber ſelbſt in dieſem bequemen Anzuge hielt er ſeinen Degen mit der Scheide in der Hand, eine Vorſicht, die er bei dem Empfange von Fremden zu beobachten pflegte, aber mehr aus Nachgiebig⸗ keit gegen die ernſtlichen Vorſtellungen ſeiner Freunde und Anhaͤnger, als aus eigenen Beſorg⸗ niſſen. Er erwiederte mit ſtummen Kopfnicken die ehrerbietige Verbeugung des Edelknaben, und ging einige Mahle ſchweigend ab und nieder im 125 Zimmer, ſeinen ſcharfen Blick auf Roland heftend, als haͤtte er in des Juͤnglings Seele leſen wollen. Ihr heißt Julian Graͤme, denk' ich? hob er endlich an. Roland Graͤme, gnaͤdiger Herr, nicht Julian, erwiederte der Edelknabe. Richtig! Mein Gedaͤchtniß fuͤhrte mich irre. Roland Graͤme aus dem ſtreitigen Graͤnzlande. Roland, kennſt Du die Pflichten, die zum Dienſte bei den Frauen gehoͤren? Ich muß ſie wohl kennen, gnaͤdiger Herr; ich bin ja an der Seite der Edelfrau von Avenel erzogen; aber ich hoffe, ſie nie wieder ausuͤben zu muͤſſen, da der Ritter mir verſprochen— Still, junger Menſch, fiel der Regent ein. Ich habe zu reden, Ihr muͤßt zuhoͤren und gehor⸗ chen. Es iſt nothwendig, daß Ihr, wenigſtens fuͤr eine kurze Zeit, wieder in die Dienſte einer Frau tretet, der Niemand in ganz Schottland im Range gleich iſt; aber haſt Du dieſen Dienſt geleiſtet, ſo geb' ich Dir mein Wort als Ritter und Fuͤrſt, es ſoll ſich deinem Ehrgeize eine Lauf⸗ bahn oͤffnen, welche die kuͤhnen Wuͤnſche eines 27 Menſchen befriedigen wuͤrde, den die Umſtaͤnde zu weit hoͤheren Ausſichten berechtigen, als Dich. Ich werde Euch in meinen Hofſtaat aufnehmen, und in meine Naͤhe ziehen, oder Euch, wenn Ihr lieber wollt, den Befehl uͤber ein Faͤhnlein Fuß⸗ volk geben; und beides wird eine Befoͤrderung ſein, die der ſtolzeſte Edelmann im Lande gern einem nachgebornen Sohn verſchaffen moͤchte. Darf ich fragen, gnaͤdiger Herr, fiel Roland ein, als der Regent auf eine Antwort zu warten ſchien: wem zuerſt meine geringen Dienſte be⸗ ſtimmt ſein ſollen? n bi Das ſollt Ihr nachher erfahren, erwiederte der Regent, und als haͤtte er einen inneren Wider⸗ willen bekaͤmpft, laͤnger ſelbſt zu ſprechen, ſetzte er nach einer Pauſe hinzu: Aber warum ſollte ich's Euch nicht ſelber ſagen, daß Ihr in die Dienſte einer ſehr erlauchten— ſehr ungluͤcklichen Frau treten ſollet, in die Dienſte Maria's von Schottland.— Der Koͤniginn, gnaͤdiger Herr? ſprach Roland, unvermoͤgend, ſeine Ueberraſchung zu unterdruͤcken. Sie war Koͤniginn! antwortete Murray, mit 821 127 einer ſonderbaren Miſchung von Mißfallen und Verlegenheit in dem Tone ſeiner Stimme. Ihr muͤßt wiſſen, junger Mann, daß ihr Sohn ſtatt lher die Herrſchaft beſitzt. 1 Er ſeufte mit einer Bewegung, die zum Theit Fellecht natütlich, zum Theit eenuffſt war. und ſoll ich ihre Gnaden in ihrer Gefangen⸗ ſchaft aufwarten? fragte Roland, mit einer vor⸗ ſchnellen, dreiſten Unbefangenheit, die den klugen und maͤchtigen Staatsmann ein wenig aus der Faſſung brachte. Sie iſt nicht gefangen, antwortete er unmu⸗ thig. Gott verhuͤte es! Sie iſt nur von den Staatsangelegenheiten und den oͤffentlichen Ge⸗ ſchaͤften entfernt, bis die Welt ſo wirkſam beruhigt ſein wird, daß ſie ihre natuͤrliche und unbeſchraͤnkte Freiheit genießen kann, ohne daß ihre koͤnigliche Geſinnung den Raͤnken boͤſer und argliſtiger Men⸗ ſchen ausgeſetzt iſt. Nun gebuͤhrt ſich's zwar, ihr die Dienerſchaft zu geben, die fuͤr ihre gegenwaͤr⸗ tige Abgeſchiedenheit paßt, aber jene Umſtaͤnde machen es noͤthig, nur ſolche Perſonen zu ihrer Umgebung zu waͤhlen, auf deren Klugheit ich mich verlaſſen kann. Ihr ſehet alſo, daß Ihr berufen ſeid, einen Dienſt zu verſehen, der an ſich ehrenvoll iſt, und ihn zugleich ſo zu verſehen, daß Ihr Euch den Regenten von Schottland zum Freunde macht. Du biſt, hat man mir geſagt, ein junger Menſch von ungemeiner Faſſungskraft, und ich leſe es in deinem Blicke, daß Du ſchon verſtehſt, was ich uͤber dieſe Sache ſagen moͤchte. In dieſem Papiere findet Ihr umſtaͤndlichere Vor⸗ ſchriften über eure Pflicht; aber die Hauptſache, die von Euch gefodert wird, iſt Treue, ich will ſagen, Treue gegen mich und gegen den Staat. Ihr ſollet demnach ein wachſames Auge haben auf jeden Verſuch, den man wagen koͤnnte, oder auf jede Neigung, die ſich verrathen moͤchte, eine Verbindung anzuknüͤpfen mit den Edelleuten, die ſich im weſtlichen Lande verbuͤndet haben, mit Hamilton, mit Seyton, mit Fleming und An⸗ dern. Meine gnaͤdige Frau Schweſter hat, in Erwaͤgung der Unfaͤlle, die dieſem armen Lande zugeſtoßen ſind, durch die Schuld der boͤſen Rath⸗ geber, welche ihr koͤnigliches Gemuͤth in fruͤhern 129 Zeiten verleitet haben, freilich den Entſchluß gefaßt, ſich in Zukunft von Staatsgeſchaͤften zuruͤck zu ziehen; aber es iſt unſre Pflicht, als Vormund und Stelvvertreter unſeres unmuͤndigen Neffen, gegen die Uebel auf unſrer Hut zu ſein, die aus einer Veraͤnderung oder Wandelbarkeit in ihren koͤniglichen Entſchließungen entſtehen koͤnnten. Du wirſt derowegen die Pflicht zu erfuͤllen haben, wachſam zu ſein und unſrer Frau Mutter, deren Gaſt unſre Schweſter fuͤr jetzt iſt, getreuen Be⸗ richt zu erſtatten, von allen Umſtaͤnden, welche die Abſicht verrathen moͤchten, ſie aus ihrem ſichern Aufenthalte zu ziehen, oder ein Einverſtaͤndniß mit Auswaͤrtigen anzuknuͤpfen. Wofern euer beo⸗ bachtendes Auge irgend etwas Wichtiges entdecken ſollte, das mehr als bloßer Verdacht waͤre, werdet Ihr nicht ermangeln, mir alsbald eine eigene Botſchaft zu ſenden, und dieſer Ring ſoll Euch ermaͤchtigen, in ſolchen Faͤllen uͤber Pferde und Boten zu verfuͤgen. Nun geht!— Haſt Du nur halb ſo viel Verſtand im Kopfe, als ich Faſſungskraft in deinen Blicken leſe, ſo verſtehſt Du vöͤllig, was ich ſagen will. Diene mir treu, Theil II. 9 130 und ſo wahr ich ein Graf bin, deine Belohnung ſoll groß ſein. Roland verbeugte ſich, und wollte gehen. Der Graf gab ihm ein Zeichen, noch zu verweilen. „Ich habe Dir viel Vertrauen bewieſen, junger Menſch, hob er wieder an, denn Du biſt der Ein⸗ zige in ihrem Gefolge, der auf meine Empfehlung angeſtellt wird. Ihre Kammerfrauen hat ſie ſelber ernannt; es waͤre zu hart geweſen, ihr dieſes Vorrecht zu beſchraͤnken, wiewohl Einige meinten, dieß ſei unvertraͤglich mit ſicherer Politik. Du biſt jung und huͤbſch. Nimm Theil an ihren Thorheiten, und ſiehe zu, daß ſie nicht unter der Huͤlle weiblichen Leichtſinnes tiefere Anſchlaͤge ver⸗ bergen; machen ſie Minen, ſo mache Du Gegen⸗ minen. Uebrigens beobachte ſtets Anſtand und Ehrerbietung gegen deine Gebieterinn; ſie iſt eine Fuͤrſtinn wenn auch ungluͤcklich, und iſt Koͤniginn geweſen, wiewohl jetzt leider! nicht mehr. Er⸗ weiſe ihr daher alle Achtung und Ehre, ſo viel mit deiner Treue gegen den Koͤnig und mich ver⸗ traͤglich iſt. Nun— Lebe wohl. Warte— Du reiſeſt mit Lord Lindeſay. Er iſt ein Mann — 13* von der alten Welt, rauh und ehrlich, wiewohl ungebildet. Huͤte Dich, ihn zu beleidigen; er kann Scherz nicht leicht ertengen⸗ und Du zbiſt wie ich hoͤre, ein Zaͤnker. Er ſprach dieß lichen, und 8 Hühuu „Ich haͤtte gern den Auftrag, den er ausrichten ſoll, einem andern Edelmann von feinerem Beneh⸗ men gegeben.“ 1 Und warum haͤttet Ihr das gern gethan? fragte Morton, der eben jetzt herein trat. Der Staatsrath hat fuͤr den Beſtten entſchieden. Wir haben nur zu viele Beweiſe von der Hartnaͤckigkeit dieſer Frau, und die Eiche, die der ſcharfen ſtaͤhlernen Axt widerſteht, muß mit dem rauhen eiſernen Keil geſpalten werden. Und der hier ſoll ihr Edelknabe ſein?— Seiner Gnaden, der Regent, hat Euch ohne Zweifel unterwieſen, wie Ihr in dieſen Dingen Euch zu benehmen habt; und ich will von meiner Seite nur einen kleinen Wink hinzu fuͤgen. Ihr geht in das Schloß eines Douglas, wo Verraͤtherei nie gedeihet; der erſte Augenblick, der Verdacht auf Euch bringt, wird der letzte eures Lehens ſein. Mein Vetter, 132— 1 William Douglas, verſteht keinen Scherz, und hat er einmahl Grund, Euch fuͤr falſch zu halten, ſo fliegt Ihr von den Zinnen des Schloſſes, ehe die Sonne uͤber ſeinem Zorne untergeht... Und wird ſie auch noch einen Kaplan erhalten? Zuweilen, Douglas, erwiederte der Regent. Es wuͤrde zu hart ſein, ihr den geiſtlichen Troſt zu verſagen, den ſie zu ihrem Geelenheit vonnoͤthen haͤlt. Ihr ſeid immer zu weichherzi ſprach Morton. Wie! ein falſcher Prieſter, der ihre Klagen nicht nur unſern Widerſachern in Schottland bringen ſoll, ſondern auch zu den Guiſen, nach Ronn, nach Spanien und wer weiß wohin! Seid unbeſorgt! antwortete der Regent. Wir wollen ſchon Anordnungen treffen, die aller Ver⸗ raͤtherei vorbeugen werden. So ſeht Euch denn vor! ſprach Morton.. Shr kennt meine Meinung uͤber die Dirne, die ſie mit eurer Einwilligung als Kammerfraͤulein annehmen dürfte; ſie gehoͤrt zu einem Geſchlechte, das ihr vor allen andern immer ergeben und feindlich gegen uns geſinnt war. Waͤren wir nicht vorſichtig geweſen, ſie haͤtte auch einen Edelknaben erhalten, der ſo gut zu ihren Abſichten getaugt haͤtte, als ihre Zofe. Es geht das Geruͤcht, eine alte wahn⸗ ſinnige Pilgerinn, die unter den Paͤpſtlern fuͤr eine halbe Heilige gilt, ſei dazu gebraucht worden, einen paſſenden Knaben aufzuſuchen. Der Gefahr wenigſtens ſind wir entgangen, erwiederte der Regent, und haben dafuͤr einen Vortheil gewonnen, wenn wir ihr dieſen Juͤngling aus Glendinnings Hauſe ſchicken. Und was das Fraͤulein anbelangt, ſo goͤnnt ihr doch dieſe ein⸗ zige Zofe, ſtatt der vier edlen Kammerfrauen und ihres prunkenden Gefolges. Aus der Zofe mache ich mir nicht ſo viel, hob „Morton wieder an: aber den Kaplan kann ich nicht leiden. Ich glaube, die Prieſter von allen Bekenntniſſen ſind einander aͤhnlich. Da iſt der John Knox, der ſo herrlich nieder geriſſen, und nun den Ehrgeiz hat, wieder aufzubauen und Schulen zu ſtiften von den Abteienguͤtern, den Biſchofseinkuͤnften und von anderer katholiſcher Beute, die Schottlands Adel mit Schwert und Bogen gewonnen, und womit er nun neue Bienen⸗ 133 134 koͤrbe begaben will, welche die alte Drohne beſingen ſollen. Er iſt ein Mann Gottes, und ſein Plan eine andaͤchtige Einbildung. fn Der Regent ſprach dieſe Worte mit einem Laͤcheln, das es ſehr zweifelhaft ließ, ob er den Entwurf des ſchottiſchen Kirchenverbeſſerers billigte, oder verſpottete. Darauf wendete er ſich zu Noland, als haͤtte er geglaubt, der Juͤngling ſei lange genug Zeuge dieſer Unterredung geweſen, und hieß ihn alsbald zu Pferde zu ſteigen, da Lord Lindeſay im Begriff ſei, aufzubrechen. Der Edelknabe ging. Von Michael geleitet, fand er ſein Pferd geſattelt im Burghofe, wo gegen zwanzig Bewaffnete ſich verſammelt hatten, deren Anfuͤhrer nicht wenig muͤrriſche Ungeduld verrieth. Iſt das der Mautaffe von Edelknaben, der uns ſo lange hat warten laſſen? ſprach er zu Michael. Lord Ruthven wird lange vor uns das Schloß erreichen. Michael ſtimmte ein, und ſebte zinzu, der junge Menſch ſei von dem Regenten aufgehalten 135 worden, um noch einige Weiſungen vor dem Ab⸗ ſchiede zu empfangen. Der Anfuͤhrer verſchluckte ein Paar unvernehmliche Toͤne, die eine muͤrriſche Beiſtimmung ausdruͤckten, und rief einem ſeiner Begleiter zu: Eward, nehmt den Burſchen unter eure Aufſicht und laßt ihn mit Niemand weiter ſprechen. Darauf ſprach er mit einem aͤltlichen Mann von achtbaren Ausſehen, den er Sir Robert nannte, und der allein unter dem ganzen Haufen uͤber den Rang eines Dieners ſich erhob. Er meinte, es ſei die groͤßte Eile noͤthig. Waͤhrend ſie ſich unterhielten und langſam durch die Vorſtadt ritten, hatte Roland Zeit, die Zuͤge und die Ge⸗ ſtalt des Anfuͤhrers ſchaͤrfer ins Auge zu faſſen. Lord Lindeſay war noch nicht vom Alter gebeugt. Seine gerade Geſtalt und ſeine kraͤftigen Glieder verriethen, daß er noch allen Beſchwerden des Krieges gewachſen war. Seine dichten Augen⸗ brauen, zum Theil ſchon ergraut, hingen uͤber ſeine großen dunkel gluͤhenden Augen, die in den ungewoͤhnlich tiefen Augenhoͤhlen noch dunkler er⸗ ſchienen. Seine von Natur kraͤftigen und harten 136 Zuͤge wurden noch finſterer durch ein Paar Hiebe, die er in der Schlacht empfangen. Eine offne Helmhaube mit einem vorſpringenden Stirnſtuͤck, aber ohne Viſier, beſchattete dieſe Zuͤge, und uͤber das Halsſtuͤck wallte der grauende Bart des grim⸗ migen Freiherrn und verbarg den ganzen untern Theil ſeines Geſichts. Sein Obergewand war ein Wamms von Buͤffelleder, das einſt mit Seide gefuͤttert und mit Stickerei verziert geweſen war, aber auf Reiſen viele Flecken und Hiebe, wahr⸗ ſcheinlich in der Schlacht, erhalten hatte. Dar⸗ unter war ein Bruſtharniſch, einſt von geglaͤttetem Stahl und ſchoͤn vergoldet, aber jetzt ziemlich ver⸗ roſtet. Ein Schwert von altfraͤnkiſcher Geſtalt und ungewoͤhnlicher Groͤße, das nur mit beiden Haͤnden gefuͤhrt werden konnte, eine damahl ſchon ungewoͤhnliche Waffe, hing von der Schulter an einem Wehrgehaͤnge; der maͤchtige Griff ſtand uͤber die linke Schulter hervor und die Endſpitze reichte bis zum Abſatze herab, und ſchlug an den Sporn, wenn er ging. Dieſe ſchwerfaͤllige Waffe konnte nicht anders aus der Scheide gezogen wer⸗ den, als wenn der Griff uͤber die Schulter gebracht 13⁷ wurde, da kein Menſchenarm lang genug war, das Schwert auf die gewoͤhnliche Art zu ziehen. Sein ganzer Anzug verrieth den rauhen Krieger, der ſein Aeußeres ſelbſt bis zu menſchenfeindlicher Verdruͤßlichkeit vernachlaͤſſigte, und der kurz abge⸗ brochene, barſche ſtolze Ton, den er gegen ſeine Untergebenen annahm, war gleichfalls der Aus⸗ druck des ungebildeten Gemuͤthes. Der Begleiter, der an des Lords Seite ritt, war gerade ſein Gegenbild in Benehmen, Geſtalt und Zuͤgen. Sein duͤnnes weiches Haar war bereits gebleicht, wiewohl er hoͤchſtens funfzig Jahre alt zu ſein ſchien. Der Ton ſeiner Stimme ſanft und einſchmeichelnd, ſeine Geſtalt ſchmaͤchtig, hager und durch angewoͤhnte Haltung gebeugt; auf ſeiner bleichen Wange war der Ausdruck von Ver⸗ ſchlagenheit und Verſtand, ſein Blick lebhaft, aber ruhig, ſein ganzes Benehmen milde und verſoͤhn⸗ lich. Er ritt einen Zelter, wie gewoͤhnlich Frauen, Prieſter und andre Perſonen von friedlichem Be⸗ rufe; trug ein Reitkleid von ſchwarzem Sammet, Muͤtze und Feder von gleicher Farbe, mit einer Denkmuͤnze geziert, und mehr zum Staat und 138 als Zeichen ſeiner Wuͤrde, dann zum wirklichen Gebrauche, einen kurzen Degen, aber ſonſt keine Trutz⸗ oder Schutzwaffe.. Als die Reiſegeſellſchaft aus der Stabt t war, wandte ſie ſich in munterm Trabe weſtwaͤrts. Rol. und haͤtte gern etwas von der Abſicht und dem Ziele der Reiſe erfahren, aber das Geſicht des Mannes, an deſſen Seite er ritt, konnte nichts weniger als Muth zu einer vertraulichen Annaͤhe⸗ rung einfloͤßen. Der Freiherr ſelber ſah nicht grimmiger und unzugaͤnglicher aus, als ſein Dienſtmann, deſſen grauer Bart uͤber den Mund hing, wie das Fallgatter vor einem Schloßthore, als haͤtte es das Entſchluͤpfen jedes Wortes ver⸗ huͤten ſollen, das nicht durchaus nothwendig waͤre. Die Uebrigen im Gefolge ſchienen in einer eben ſo ſchweigſamen Stimmung zu ſein, und zogen voran, ohne ein Wort zu wechſeln, mehr einem Haufen Karthaͤuſer als kriegeriſchen Reiſigen gleich. Roland war erſtaunt uͤber dieſe ſtrenge Zucht; denn ſelbſt im Haushalte des Ritters von Avenel, wo doch die puͤnktlichſte Beobachtung des Anſtandes ſo ernſtlich gefodert wurde, war eine Reiſe eine Zeit — 139 der Ungebundenheit, wo Scherz und Geſang, und alles, was in den Graͤnzen anſtaͤndigen Frohſinns und Zeitvertreibes blieb, frei gelaſſen war. Dieſes ungewoͤhnliche Schweigen war ihm jedoch in ſo fern willkommen, als es ihm Zeit gab, alle Ueber⸗ legſamkeit, die er beſaß, zuſammen zu nehmen, um ſeine Lage und ſeine Ausſichten zu erwaͤgen, die jedem nachdenklichen Menſchen im hoͤchſten Geade gefaͤhrlich und beunruhigend vorgekommen ſein wuͤrden. — Es war ganz offenbar, daß er durch verſchie⸗ dene Umſtaͤnde, woruͤber er nicht Herr geweſen, widerſprechende Verbindungen mit den beiden ſtreitenden Parteien, deren Kampf das Reich zer⸗ ruͤttete, geſchloſſen hatte, ohne eigentlich einer von beiden anzuhangen. Es ſchien auch klar zu ſein, daß dieſelbe Stelle im Haushalt der entſetz⸗ ten Koͤniginn, wozu der Regent ihn befoͤrderte, ihm von ſeiner ſchwaͤrmeriſchen Großmutter be⸗ ſtimmt geweſen war; daruͤber hatten die Worte, die Morton fallen ließ, ihm Licht gegeben. Nicht weniger offenbar aber war es, daß dieſe beiden Menſchen, der eine der erklaͤrte Feind, die andre die begeiſterte Anhaͤngerinn des katholiſchen Glau⸗ bens, der eine an der Spitze der neuen Staats⸗ verwaltung, die andre eine Widerſacherinn dieſer Verwaltung, als einer verbrecheriſchen Anmaſſung, ganz verſchiedene Dienſtleiſtungen von demjenigen erwarteten, den ſie ſo einſtimmig empfohlen hatten. Es ließ ſich bei wenig Nachdenken voraus ſehen, daß dieſe widerſprechenden Anſpruͤche auf ſeine Dienſte ihn bald in eine Lage bringen muͤßten, wo ſeine Ehre wie ſein Leben gefaͤhrdet ſein konnten. In Roland's Weſen aber lag es nicht, an ein Ungluͤck zu denken, ehe es da war, oder ſich zum Kampfe mit Schwierigkeiten zu ruͤſten, ehe ſie ihn umring⸗ ten.„Ich will dieſe ſchoͤne und ungluͤckliche Maria Stuart ſehen, ſprach er zu ſich ſelber ,von welcher wir ſo viel gehoͤrt haben, und dann wird’s Zeit genug ſein, zu beſtimmen, ob ich dem Koͤnige, oder der Koͤniginn anhangen will. Keiner von ihnen kann ſagen, daß ich mich durch Wort oder Zuſage ihrer Partei verbunden habe. Ich bin ja von ihnen, wie mit verbundenen Augen, auf und nieder gefuͤhrt worden, ohne daß ſie mir Licht daruͤber gegeben haͤtten, was ich thun ſoll. Ein —OQ— —— Gluͤck aber war's, daß heute der grimmige Morton in des Regenten Zimmer kam, ſonſt wäͤr' ich nicht davon gekommen, mich zu verpflichten zu allem, wes der Graf von mir gefodert haben wuͤrde, und am Ende ſchien es doch nur ein un⸗ redlich Spiel gegen die arme Gefangene zu ſein, ihren Edelknaben ihr als einen Kundſchafter an die Seite zu ſetzen.“ Leicht uͤber Wichtiges hinhuͤpfend, verfolgten die Gedanken des Wildfanges angenehmere Gegen⸗ ſtände. Jetzt bewunderte er die gothiſchen Thuͤrme von Barnbougte, die auf dem meerumſpielten Felſen ſich erheben, und eine der herrlichſten Land⸗ ſchaften Schottlands beherrſchen; jetzt bedachte er, welchen willkommenen Spielraum fuͤr Hunde und Falken die Gegend darbieten muͤßte, durch welche ſie zogen, und jetzt verglich er den langweiligen Trab, womit ſie ihre Reiſe fortſetzen, mit der Luſt, über Berg und Thal ſeinem Lieblingszeit⸗ vertreibe nachzufliegen. Als er, von dieſen froͤh⸗ lichen Erinnerungen aufgeregt, ſein Pferd ſpornte und ſpringen ließ, bekam er alsbald einen Verweis von ſeinem ernſten Nachbar, der ihm den Wink 142 gab, ruhig und ordentlich Schritt zu halten, wenn man nicht auf eine fuͤr ihn ſehr unangenehme Art auf dieſe abſchweifenden Bewegungen achten ſolle. Dieſer Verweis, und der Zwang, worunter ſich der Juͤngling nun befand, erinnerte ihn an ſeinen nachgiebigen Reiſegefaͤhrten Adam Woodcock, und bei dieſem Gedanken machte ſeine Einbilbungs⸗ kraft einen kurzen Flug nach dem Schloſſe Avenel; er dachte an das ſtille zwangloſe Leben der Be⸗ wohner deſſelben, an die Guͤte ſeiner erſten Be⸗ ſchuͤtzerinn, ſelbſt an die Bewohner der Staͤlle, an Jagdhunde und Falken. Bald aber wichen alle dieſe Gegenſtaͤnde dem Gedanken an das raͤth⸗ ſelhafte Maͤdchen, Katharina Seyton, die vor das Auge ſeiner Seele trat, jetzt in weiblicher Geſtalt, jetzt in Mannstracht, jetzt in beiden Ge⸗ ſtalten zugleich, gleich einem wunderbaren Traum⸗ bilde, das uns daſſelbe Weſen in demſelben Augen⸗ blick unter zwei verſchiedenen Formen zeigt. Er gedacht auch ihres geheimnißvollen Geſchenkes, des Schwertes, das jetzt an ſeiner Seite hing, aber nicht anders als auf den Befehl ſeiner rechtmaͤßigen Beherrſcherinn gezogen werden ſollte. Er glaubte 143 jedoch den Schluͤſſel zu dieſem Geheimniſſe an dem Ziele ſeiner Reiſe zu finden. Mit dieſen Gedanken beſchaͤftigt, begleitete Roland das Gefolge des Lords Lindeſay, zu der Faͤhre uͤber den Forth, wo Fahrzeuge bereit lagen. Es begegnete ihnen im Verfolge ihrer Reiſe kein Abenteuer, ausgenommen, daß im Geiſte jener Zeit von einem alten Schloſſe, deſſen Gebieter mit Lord Lindeſay in Fehde lebte, eine Feldſchlange auf die Reiſegeſellſchaft abgefeuert wurde. Die Beleidigung reizte jedoch, als unſchaͤdlich, nicht zur Rache, und ohne weitre Fährlichkeiten kamen die Reiſenden bald in die Gegen, wo der Loch⸗ leven ſeinen herrlichen Waſſerſpiegel in den Strahlen einer ſommerlichen Sonne ausbreitete. Das alte Schloß auf einem Eilande faſt in der Mitte des Sees, erinnerte den Edelknaben an die Burg Avenel. Der See aber war groͤßer und hatte noch mehre Eilande, außer jenem, auf welchem die Veſte lag, und ſtatt von Huͤgeln um⸗ gurtet zu ſein, wie der See von Avenel, war dieſer nur auf der Mittagſeite von einer praͤchtigen Bergwand begranzt, die ein Abhang der Lomond⸗ 4 144— Berge war, und auf der andern Seite umfaßt von der weitgedehnten und fruchtbaren Ebene von Kinroſſ. Roland blickte mit einer Regung von Banzigkeit auf die waſſerumguͤrtete Veſte, welche damahl, wie jetzt, nur aus einem großen Thurm beſtand, den ein großer Hof mit zwei runden Eckthuͤrmen umgab, wo mann noch einige minder wichtige Gebaͤude ſah. Einige alte Baumgruppen, die dicht an den Mauern ſich erhoben, erheiterte die oͤde Einſamkeit ein wenig. Als Roland auf das abgeſchiedene Gebaͤude blickte, mußte er mit regem Mitgefuͤhl an die Lage der Fuͤrſtinn denken, die verurtheilt war, es zu bewohnen, aber nicht weniger dachte er an ſeine eigene Lage.„Ich muß, ſprach er zu ſich ſelber, unter dem Sterne geboren ſein, der uͤber Frauen und Seen herrſcht, denn ich kann's auf keine Weiſe vermeiden, Frauen zu dienen und in Seen zu wohnen. Aber wenn man mir nicht die Freiheit laͤßt, meinem Zeitvertreibe nachzugehen, ſo ſollen ſie erfahren, daß es eben ſo ſchwer iſt, eine wilde Aente einzuſperren als einen jungen Kerl, der ſchthinmen kinn, trob einer Aente.“ 145 Die Reiter waren nun am Geſtade und Einer von ihnen ritt vor und ließ Lord Lindeſay's Ban⸗ ner wehen, waͤhrend der Freiherr ſelbſt laut in ſein Horn ſtieß Alsbald wehte, dem Zeichen antwortend, ein Banner von der Zinne des Schloſſes, und einige Geſtalten waren beſchaͤftigt, ein Boot zu loͤſen, das dicht am Ufer des Eilands lag.. 4 2n* Es wird lange dauern, ehe ſie mit dem Boote zu uns kommen, ſprach des Lords Begleiter, dar⸗ um thaͤten wir wohl, wir gingen in die Stadt, um uns ein wenig beſſer in Ordnung zu bringen, ehe wir erſcheinen vor— Das moͤget Ihr thun, wenn's Euch beliebt, Sir Robert, erwiederte Lindeſay: ich aber habe weder Zeit noch Luſt zu ſolchen Eitelkeiten. Sie hat mir manchen harten„Ritt gekoſtet und muß ſich nun nicht aͤrgern uͤber den abgetragenen Rock und das beſchmutzte Wamms, womit ich angethan bin. Das iſt ja die Liverei, worein ſie ganz Schottland gebracht hat. 8 Sprecht nicht ſo hart, erwiederte Sir Robert. Hat ſie unrecht gethan, ſo hat ſie ſchwer dafuͤr Dheil II. 10 146 gebuͤßt, und nach dem Verluſt aller wirklichen Macht, moͤchte man ihr doch nicht das bischen aͤußere Ehrenbezeigung rauben, das ihr als Frau und als Fuͤrſtin gebuͤhrt. Noch einmahl, Sir Robert Melville, erwie⸗ derte Lindeſay, thut, was Euch beliebt; ich meines Theils aber bin nun zu alt, den hoͤflichen Ritter zu ſpielen und im Luſtgemache der Frauen zu glaͤnzen. Im Luſtgemache der Frauen? ſprach Melville, auf den alten Thurm blickend. Dem finſtern, vergitterten Schloſſe, dem Kerker einer gefangenen Koͤniginn, gebt Ihr einen ſo froͤhlichen Nahmen? Nennt's, wie Ihr wollt, ſprach Lindeſay. Haͤtte der Regent einen Geſandten ſchicken wollen, der im Stande geweſen waͤre, mit einer gefangenen Koͤniginn zu reden, ſo waͤren wohl viele hoͤfliche Herrn an ſeinem Hofe geweſen, die gern nach der Gelegenheit getrachtet haͤtten, aus dem Amadis von Gallien, oder aus dem Spiegel des Ritter⸗ thums Reden zu borgen. Aber als er den rauhen alten Lindeſay ſandte, da wußt' er wohl, daß dieſer zu einem gemißleiteten Weibe reden wuͤrde, wie ¼ à — 147 es ihre fruͤhern Miſſethaten und ihre ietzige Lage erfoderten. Ich habe dieſen Auftrag nicht geſucht; man hat ihn mir aufgedrungen, und ich will mich bei der Ausrichtung nicht mit mehr Umſtaͤnden beſchweren, als bei ſolchem Geſchaͤfte gerade noth⸗ wendig iſt. Mit dieſen Worten ſtieg Lord Lindeſay vom Pferde, und ſeinen Reitermantel umwerfend, legte er ſich auf den Raſen, die Ankunft des Bootes zu erwarten, das jetzt vom Schloſſe ans Geſtade ruderte. Sir Robert Melville, der auch abgeſtiegen war, ging auf und nieder am Ufer, ſeinen Weg kurz abbrechend, mit gekreuzten Armen, oft auf das Schloß blickend, und ſeine Zuͤge verriethen eine Miſchung von Schmerz und Angſt. Die Uebrigen ſaßen, wie Steinbilder, auf ihren Pferden, und bewegten ſich ſo wenig, als die Spitzen ihrer Lanzen, die uͤber ihnen empor ragten. Als das Boot ſich dem Landungsplatze naͤherte, wo die Reiter hielten, erhob ſich Lord Lindeſay und fragte den Faͤhrmann, warum er nicht ein 148 groͤßeres Boot gebracht habe, um auch ſein Ge⸗ folge uͤber zu ſetzen. Unſre gnaͤdigſte Frau hat uns befohlen, erwie⸗ derte jener, nicht mehr als vier Menſchen uͤber⸗ zufahren. Recht klug von der gnaͤdigſten Frau, bei mir Verraͤtherei zu argwohnen! ſprach Lindeſay Aber wenn ich ſo etwas im Sinne gehabt haͤtte, was hinderte uns, Dich und deine Gefaͤhrten in den See zu werfen und das Boot mit meinen eigenen * Leuten zu fuͤllen?. Als der Faͤhrmann dieß vernahm, ga6 er ſeinen Leuten haſtig ein Zeichen, mit Rudern inne u halten und von der Kuͤſte entfernt zu bleiben, der ſie ſich naͤherten. Dumkopf! rief Lindeſay, denkſt Du denn, daß ich Dir im Ernſt zu Leibe wollte? Hoͤre, Freund, mit weniger als drei Dienern gehe ich nicht hinuͤber, Sir Robert Melville braucht wenig⸗ ſtens einen Diener, und Du wirſt es mit deiner gnaͤdigſten Frau zu verantworten haben, wenn uns Zutritt verſagt wird, da wir in einer wichtigen Landesangelegenheit kommen. * 7 1 Der Faͤhrmann antwortete mit Feſtigkeit, aber in ſehr hoͤflichen Ausdruͤcken, er habe den beſtimm⸗ teſten Befehl, nicht mehr als vier Perſonen auf die Inſel zu bringen, erbot ſich aber, umzukehren, um eine veraͤnderte Weiſung zu erhalten. Thut das, mein Freund, ſprach Sir Robert Melville, als er vergebens verſucht hatte, ſeinen ſtarrſinnigen Gefaͤhrten zu bewegen, ſich einmahl m un geringern Gefolge zu begnuͤgen. Fahrt zuruͤck nach dem Schloſſe, da ſich nichts Beſſeres thun laͤßt, und hohlt von der gnaͤdigſten Frau den Befehl, Lord Lindeſay, nnich und unſer Gefolge uͤberzufahren. und hoͤrt, Freund, hob Lindeſay wieder an, nehmt dieſen Edelknaben mit hinuͤber, der beſtimmt iſt, der Gaſtfreundinn eurer Edelfrau aufzuwarten. Steigt ab, wendete er ſich zu Roland, und fahrt mit den Leuten. Und was ſoll aus meinem Pferde werden? fragte Roland. Ich muß meinem Herrn dafuͤr ſtehen. Ich will Euch dieſer Sorge entheben, erwie⸗ „ 149 150— derte Lindeſay. Ihr werdet die naͤchſten zehn Jahre nicht viel mit Pferden zu thun haben. Wenn ich das daͤchte— hob Roland an, aber Robert Melville fiel ihm ins Wort und ſprach freundlich:„Streitet nicht dagegen, junger Freund. Widerſtand kann zu nichts helfen, und wuͤrde Dich nur in Gefahr ſtuͤrzen.“ Roland fuͤhlte, daß der Rath gut war, und ſo wenig ihm gefiel, was Lindeſay ſagte und wie er es ſagte, er hielt es fuͤr das Beßte, ſich der Nothwendigkeit zu unterwerfen, und ohne weitere Vorſtellungen ins Boot zu gehen. Die Ruderer begannen zu arbeiten. Die Kuͤſte, wo der Reiter⸗ haufen blieb, zog ſich zuruͤck, waͤhrend das Schloß auf der Inſel ſich naͤherte, und bald lan⸗ dete das Fahrzeug unter dem Schatten eines hing. Der Faͤhrmann und Roland ſprangen auf's Geſtade, und weitre Befehle erwartend, lehnten ſich die Schiffer auf ihre Ruder. mächtigen alten Baumes„der uͤber das Ufer herab ma— — — — 151 VI. Am Hofthore des Schloſſes zeigte ſich die hohe Geſtalt der Herrinn von Lochleven, deren fruͤhe Reize Jakob V gefeſſelt hatten, dem ſie den be⸗ ruͤhmten Regenten Murray gebar. Da ſie von edler Herkunft, eine Tochter des Hauſes Mar, und von großer Schoͤnheit war, ſo lag in ihrer Verbindung mit dem Koͤnige kein Hinderniß, daß ſpaͤter manche tapfre Maͤnner um ſie warben, von welchen ſie Sir William Douglas von Lochleven vorzog. Die Edelfrau ſtand zwar jetzt, als Ge⸗ mahlinn eines Mannes von Rang und Einfluß und als Mutter ehelicher Nachkommen, auf einer hoͤhern Stufe, aber ſie konnte darum doch nicht das peinliche Gefuͤhl ihrer Herabwuͤrdigung unter⸗ drüͤcken, ſo ſtolz ſie auf die Geiſtesgaben, die Macht und die Wuͤrde ihres Sohnes war, der ſie doch immer an ihre unerlaubte Verbindung erin⸗ nerte. Haͤtte Koͤnig Jakob, ſprach es heimlich in ihrem Herzen, ihr die Gerechtigkeit erwieſen, worauf ihr Anſpruch zuſtand, ſo wuͤrde ſie in ihrem Sohne, als einem Gegenſtande ungetruͤbter Freude 152 und unverkimmerten Stolzes, den rechtmaͤßigen Koͤnig Schottlands, und einen der Trefflichſten, der je ein Schwert gefuͤhrt, erblickt haben. Das Haus Mar haͤtte dann auch eine Koͤniginn unter ſeinen Toͤchtern gezaͤhlt, und waͤre von dem Vor⸗ wurfe frei geweſen, der die weibliche Schwachheit trifft, ſelbſt wenn ein fürſtlicher Liebhaber ſie ent⸗ ſchuldigen ſoll. Dieſe Gefuͤhle, die in einem von Natur ſtolzen und ſtrengen Herzen nagten, hatten auf ihre Zuͤge eingewirkt, worin ſich bei den Ueber⸗ teſten großer Schoͤnheit die Spuren inneren Miß⸗ muths und muͤrriſchen Truͤbſinnes deutlich verrie⸗ then. Vielleicht trug es nicht wenig zur Erhoͤhung dieſer Stimmung bei, daß die Edelfrau von Loch⸗ leven ungewoͤhnlich ſtrenge Glaubensmeinungen angenommen hatte, und in ihren Anſichten von der neuen Lehre in den ſchlimmſten Irrthum der Anhaͤnger des alten Kirchenglaubens fiel, welche die Wohlthaten des Evangeliums auf diejenigen beſchraͤnken, die ihre Lehrſaͤtze annehmen. Die ungluͤckliche Koͤniginn Maria, jetzt ge⸗ zwungene Gaſtfreundinn, oder vielmehr Gefan⸗. gene der graͤmlichen Frau, war dieſer in jeder — 3 4 — — 153 Hinſicht ein Dorn im Auge. Die Edelfrau von Lochleven konnte ſie nicht leiden als die Tochter Mariens von Guiſe, der rechtmaͤßigen Beſitzerinn jener Rechte auf Jakob's Herz und Hand, die man ihr, wie ſie glaubte, unrechtmaͤßig geraubt hatte, noch weniger aber als die Bekennerinn eines Glaubens, den ſie aͤrger als Heidenthum verab⸗ ſcheute. So war die Frau, welche mit vornehmer Miene und ſcharf ausgeſprochenen, aber huͤbſchen Zuͤgen, die eine ſchwarze Sammethaube beſchat⸗ teten, den Faͤhrmann fragte, der eben das Boot ans Ufer brachte, was aus Lindeſay und Melville geworden ſei. Der Schiffer berichtete, was vor⸗ gegangen war, und ſie laͤchelte ſpoͤttiſch bei der Antwort:„Thoren muß man ſchmeicheln, nicht gegen ſie ſtreiten. Fahre zuruͤck, entſchuldige Dich, ſo gut Du kannſt, ſage, es ſei Lord Ruthven ſchon hier angekommen, und warte ungeduldig auf Lord Lindeſay. Geh! aber halt— wer iſt der Burſche, den Du mitgebracht haſt?“ Gnnaͤdigſte Frau, es iſt der Edelknabe, zur Aufwartung fuͤr— 3 O der neue Liebling! ſprach die Edelfrau. Die Zofe iſt geſtern angekommen. Ich werde mit dieſer Frau und ihrem Gefolge einen wohl ein⸗ gerichteten Hausſtand haben; aber ich hoffe, man wird bald Andre finden, die ſich ſolcher Muͤhe unterziehen. Geht! Und Ihr, fuhr ſie fort zu Roland: folgt mir in den Garten. Sie ging mit langſamen, ſtolzen Schritten voran zu einem kleinen Garten, welcher, von einer ſteinernen, mit Bildſaͤulen verzierten Mauer umgeben, und mit einem kuͤnſtlichen Springbrun⸗ nen in der Mitte, in langweiligen Blumenbeeten an der Seite des Schloßhofes hinlief, womit eine niedrige Bogenpforte ihn verband. In dem engen Raume der ſteifen Gartengaͤnge mußte Maria Stuart nun die ſchwere Rolle einer Gefangenen lernen, die ſie, nur mit kurzer Unterbrechung, waͤhrend ihres ganzen uͤbrigen Lebens fortzuſetzen verurtheilt war. Langſam und ſchwermuͤthig wan⸗ delnd, war ſie von zwei Dienerinnen begleitet, aber nach dem erſten Blicke, den Roland auf die erlauchte Frau geworfen, die durch Schoͤnheit, Geiſtesbildung und Mißgeſchick ſo ausgezeichnet —— —— 155 war, hatte er nur Augen fuͤr die unaicch Koͤniginn von Schottland. Ihr Geſicht und ihre Geſtalt haben ſich der Einbildungskraft ſo tief eingepraͤgt, daß es ſelbſt nach einem Zeitraume von beinahe drei Jahrhun⸗ derten uͤberfluͤſſig waͤre, auch den unkundigſten Leſer an die ſprechenden Zuͤge zu erinnern, welche jenes merkwuͤrdige Geſicht auszeichnen, das alles zu vereinen ſcheint, was wir Hoheit, Anmuth und Glanz nennen, und uns in Ungewißheit laͤßt, ob ſie gluͤcklicher die Koͤniginn, die Schoͤnheit, oder das vollendete Weib bezeichnen. Wem ſteht nicht, wenn Maria's Nahme nur ausgeſprochen wird, ihr Bild vor Augen, befreundet wie das Bild ſeiner Jugendgeliebten, oder der theuren Tochter ſeines reifern Alters? Selbſt diejenigen, welche alle, oder die meiſten Beſchuldigungen glauben, die ihre Feinde gegen ſie aufgebracht haben, koͤnnen nicht ohne Seufzer an die Zuͤge denken, die eher alles andre, als die ſchaͤndlichen Verbrechen aus⸗ druͤcken, deren man ſie bei ihren Lebzeiten beſchul⸗ digte, und die noch immer ihr Andenken, wenn nicht ſchwaͤrzer, doch in Schatten ſtellen. Jene 156 Stirne, ſo edel und ſo koͤniglich, jene Augenbrauen, ſo regelmaͤßig und anmuthvoll, aber geſchuͤtzt gegen den Vorwurf der Unbedeutſamkeit, die nicht ſelten die Regelmaͤßigkeit begleitet, durch die ſchoͤnen braunen Augen, die uns tauſend muntre Geſchich⸗ ten zu erzaͤhlen ſcheinen; die Naſe, von griechiſchen Umriſſen; der Mund, ſo ebenmaͤßig und ſo ſanft gebildet, als waͤre er nur beſtimmt, Erfreuliches zu ſagen; das Kinn mit dem Gruͤbchen; der ſtolze ſchwanenweiße Hals— alles dieß bildete eine Geſtalt, wie man ſie nie in jenen hoͤhern Klaſſen der Geſell⸗ ſchaft erblickt hat, wo Frauen und Maͤnner alge⸗ meine und ungetheilte Aufmerkſamkeit fodern. Man wende nicht ein, daß die Bildniſſe, die man von dieſer merkwuͤrdigen Frau beſitzt, einander nicht aͤhnlich ſind; denn bei aller Verſchiedenheit hat jedes doch allgemeine Zuͤge, die das Auge ſo⸗ gleich an die Geſtalt erinnern, die unſre Einbil⸗ dungskraft ſich ausmahlte, als wir zum erſten Mahle ihre Geſchichte laſen, und die unſrer Seele durch die zahlreichen Kupferſtiche und Abbildungen, die wir von ihr ſahen, noch tiefer eingepraͤgt wurde. Man kann in der That nicht das ſchlechteſte jener 157 Buldniſſe anſehen, wie mangelhaft auch die Aus⸗ fuͤhrung ſein moͤge, ohne zu ſagen, daß es die Koͤniginn Maria vorſtellen ſoll. Es iſt gewiß kein geringer Beweis fuͤr die Macht der Schoͤnheit, daß Maria's Reize nach ſo langer Zeit noch immer der Gegenſtand nicht bloß der Bewunderung, ſon⸗ dern auch einer warmen und ritterlichen Theilnahme geblieben ſind. Wir wiſſen ja, daß ſelbſt die⸗ jenigen, welche in ſpaͤtern Zeiten die unguͤnſtige Meinung von Maria's Gemuͤthsart am ſchaͤrfſten verfochten, wie der Scharfrichter fuͤhlte, der ſich vor der Vollziehung ſeines furchtbaren Geſchaͤftes ſehnte, die ſchoͤne Hand der Ungluͤcklichen zu kuͤſſen, an welcher er ſeine ſchreckliche Dienſtpflicht aus⸗ uͤben ſollte. In ſchwarzem Trauerkleide, mit allen Reizen ihrer Zuͤge, ihrer Geſtalt und ihres Benehmens, womit die treue Ueberlieferung jeden Leſer vertraut gemacht hat, naͤherte ſich Maria Stuart der Edel⸗ frau von Lochleven, welche ſich bemuͤhte, Abnei⸗ gung und Beſorgniß unter dem Scheine ehrerbie⸗ tiger Gleichgiltigkeit zu verbergen. Sie wußte ja aus vielfaͤltiger Erfahrung, daß die Koͤniginn ihr 158 uͤberlegen war in jener Art des verſtellten, aber ſchneidenden Spottes, womit die Frauen fuͤr wahre und weſentliche Kraͤnkungen ſo gluͤcklich ſich zu raͤchen verſtehen. Man darf mit Recht bezweifeln, ob nicht auch dieſe Gabe ihrer Beſitzerinn ſo ver⸗ derblich geworden ſei, als die vielen andern, welche dieſe reich ausgeſtattete aber ungluͤckliche Frau aus⸗ zeichneten; denn das Mittel, das ſie oft darin fand, ſich einen augenblicklichen Sieg uͤber ihre Huͤter zu verſchaffen, verfehlte nicht, die Empfind⸗ lichkeit derſelben zu reizen, und der bittre Spott, dem ſie ſich nicht ſelten uͤberließ, ward oft durch ſchweres und bitteres Ungemach vergolten, das— jene ihr zufuͤgen konnten. Es iſt bekannt genug, 3 daß ihr Tod endlich durch einen Brief an die Koͤniginn Eliſabeth beſchleunigt wurde, worinn ſie ihre eiferſuͤchtige Nebenbuhlerinn und die Graͤ⸗ finn von Schrewsbury mit der ſchaͤrfſten Hoͤhnerei und beiſſendem Spotte behandelte. Als ſich die beiden Frauen begegneten, ſprach die Koͤniginn, die Verbeugung der Edelfrau mit einem Kopfnicken erwiedernd:„Wir ſind heute gluͤcklich; wir genießen die Geſellſchaft unſerer * ——— 159 liebenswuͤrdigen Wirthinn zu ungewoͤhnlicher Stunde, und zu einer Zeit, die uns bis jetzt zur Bewegung im Freien vergoͤnnt war. Aber unſre gute Wirthinn weiß es wohl, daß ſie zu allen Zeiten Zutritt zu unſrer Perſon hat, und die unnuͤtze Foͤrmlichkeit, unſre Erlaubniß nachzu⸗ ſuchen, nicht zu beobachten braucht.“ Es thut mir leid, daß Euer Gnaden meine Gegenwart laͤſtig iſt, erwiederte die Edelfrau von Lochleven. Ich kam bloß, Euch zu melden, daß euer Gefolge einen Zuwachs erhalten, fuhr ſie fort, auf Roland deutend, und das iſt etwas, wogegen die Frauen ſelten gleichgiltig ſind. O verzeiht mir! erwiederte Maria. Hoͤchlich verbunden bin ich ſuͤr die Guͤte meiner Edlen oder ſoll ich ſie meine Herrn nennen?— die mir einen ſo achtbaren Zuwachs meines Gefolges erlaubt haben 4 Sie haben ſich in der That bemuͤht, ſich Euer Gnaden gefaͤllig zu erweiſen, ſprach die Edelfrau. Vielleicht iſt's nicht ganz nach den Regeln der Klugheit, und ich hoffe, ihr Benehmen wird keine Mißdeutung erfahren. 160 Unmoͤglich! erwiederte die Koͤniginn. Die Gefaͤlligkeit, welche der Tochter ſo vieler Koͤnige, die auch ſelber noch Koͤniginn dieſes Reiches iſt, die Aufwartung zweier Zofen und eines Knaben geſtattet, iſt ja eine Gnabe, die Maria Stuart nie hinlaͤnglich verdanken kann. Nun, da werde ich ja ein Gefolge haben, wie jede Edelfrau hier in eurem Koͤnigreich Fife*) ausgenommen einen Kammerdiener und zwei Lackaien in blauer Liverei. Aber ich vergeſſe ja in meiner eigennuͤtzigen Freude, daß dieſe Vermehrung unſeres Gefolges neue Stoͤrung und Beſchwerde fuͤr unſre guͤtige Wir⸗ thinn und das ganze Haus Lochleven herbei fuͤhren wird. Das macht vermuthlich eure Stirne ſo finſter, werthe Frau. Aber ſeid gutes Muthes! Schottlands Krone hat noch manches ſchoͤne Haus, und euer liebreicher Sohn uand mein nicht minder liebreicher Bruder, wird den guten Ritter, euren Gemahl, mit dem beßten Hauſe begaben, ehe Maria dieſe gaſtfreundliche Burg verlaſſen ſollte, weil es Euch an Mitteln fehlte, die Beſchwerde zu ertragen. *) Eine Grafſchaft in Schottland. 161 Die Douglas von Lochleven, antwortete die Edelfrau, haben ſeit alten Zeiten ihre Pflicht gegen den Staat zu erfuͤllen gewußt, ohne auf Belohnung zu ſehen, ſelbſt wenn's verdruͤßlich und gefaͤhrlich war. Ei, meine liebe gochleven, ſprach die Koͤni⸗ ginn, Ihr ſeid zu gewiſſenhaft. Warum nicht einen huͤbſchen Edelhof annehmen? Wovon ſollte die Königinn von Schottland unterhalten werden, in dieſem ihren fuͤrſtlichen Hofe, als von ihren eigenen Kronguͤtern? Und wer ſollte den Beduͤrf⸗ niſſen einer Mutter entgegen kommen, als ein lieb⸗ „reicher Sohn, wie der Graf von Murray, der ſo wunderbar die Macht und die Neigung dazu beſitzt? Oder wollt Ihr ſagen, es ſei die Gefahr des Geſchaͤftes, was eure ſanfte gaſtfreundliche Stirne verfinſtert? Ein Edelknabe iſt freilich eine furchtbare Verſtaͤrkung meiner weiblichen Leibwache, und ich beſinne mich, es muß aus dieſer Urſache geweſen ſein, daß Lord Lindeſay eben jetzt ſich weigerte, in den Bereich einer ſo furchtbaren Macht zu kommen, ohne den Schutz eines ange⸗ meſſenen Gefolges. Theil II. 4 11 — Die Edelfrau von Lochleven ſtutzte, und ſchien ein wenig uͤberraſcht zu ſein. Maria aber aͤnderte ploͤtzlich ihr Benehmen und verwandelte ihre ſanfte, ſpoͤttiſch erkuͤnſtelte Freundlichkeit in den Ton des ſtrengen Gebotes, und ihre edle Geſtalt erhebend, ſprach ſie mit aller Hoheit ihrer Wuͤrde:„Ja, Frau von Lochleven, ich weiß, daß Ruthven ſchon im Schloſſe iſt, und Lindeſay am Geſtade auf die Ruͤckkehr eures Bootes wartet, das ihn und Sir Robert Melville hieher bringen ſoll. In welcher Abſicht kommen dieſe Herrn? Und warum verfaͤumt man die Pflicht des Wohlſtandes, mir ihre Ankunft zu melden??“ b Ihre Abſicht, muͤſſen ſie ſelber erklaͤren, erwie⸗ derte die Edelfrau: eine foͤrmliche Anmeldung aber war unnoͤthig, da Euer Gnaden Diener hat, die ſich ſo gut auf's Kundſchaften verſtehen. Ach, arme Fleming, ſprach die Koͤniginn zu ihrer aͤltern Begleiterinn: Du wirſt verhoͤrt, verurtheilt und gehaͤngt werden, wegen Kund⸗ ſchafterei in der Beſatzung, weil Du zufaͤllig durch die große Halle gingeſt, als meine gute Frau von Lochleven mit lauter Stimme zu ihrem Steuer⸗ — 163 mann ſprach. Stopfe ſchwarze Wolle in deine Ohren, Maͤdchen, wenn Ou ſie laͤnger behalten willſt. Du mußt wiſſen, im Schloſſe Lochleven hat man Ohren und Zungen nicht zum Gebrauche, nur zur Schau. Unſre gute Wirthinn kann fuͤr uns alle hoͤren und ſprechen. Wir entſchuldigen es, Frau Wirthinn, wenn Ihr nicht laͤnger hier bleibt, fuhr die Koͤniginn fort, zu dem Gegen⸗ ſtande ihrer Empfindlichkeit ſich wendend. Wir wollen uns zu einer Zuſammenkunft mit unſern aufruͤhriſchen Edlen bereiten. Das Vorzimmer unſeres Schlafgemaches ſoll unſer Prunkſaal ſein... Und Ihr, junger Mann, ſprach ſie zu Roland und milderte ploͤtzlich den ſpoͤttiſch ſcharfen Ton in freundlichen Scherz: Ihr ſollt unſer ganzes maͤnnliches Gefolge ſein, vom Oberkammer⸗ herrn bis herab zum letzten Laufburſchen, darum folget uns, damit unſer Hof in Ordnung komme. Mit dieſen Worten wendete ſie ſich um und ging langſam ins Schloß. Die Edelfrau von Lochleven ſchlug ihre Arme unter, und laͤchelte mit bitterer Empfindlichkeit, als ihre Blicke der Koͤniginn folgten. 164 Dein ganzes maͤnnliches Gefolge? murmelte ſie. Wohl Dir, wenn dein Gefolge nie groͤßer geweſen waͤre!— Sie wendete ſich darauf zu Roland, dem ſie im Wege geſtanden, als ſie, in Gedanken verloren, verweilte, und ihm Platz machend, ſprach ſie:„Biſt Du auch ſchon ein Horcher? Folge deiner Gebieterinn, neuer Guͤnſt⸗ ling, und wenn Du willſt, ſo erzaͤhle ihr, was ich geſagt habe.“ Roland folgte eilig der Aöntginn und ihren Begleiterinnen, die eben in die Pforte ttaten, welche aus dem Garten in's Schloß fuͤhrte. Sie ſtiegen auf einer hohen Wendeltreppe in das zweite Stockwerk, wo drei zuſammen hangende Zimmer die Wohnung der gefangenen Fuͤrſtinn waren. Noland blieb im Vorſaal, an welchen das geraͤu⸗ mige Wohnzimmer und das Schlafgemach der Koͤniginn ſtießen, und wollte die Befehle ſeiner Gebieterinn erwarten. Aus dem verzitterten Fenſter ſah er, wie Lindeſay, Melville und ihr Gefolge landeten, und an der Schloßpforte ein dritter Herr ſie empfing, dem Lindeſay mit ſeiner 165 lauten, rauhen Stimme zurief:„Lord Ruthven, Ihr habt uns den Rang abgelaufen.“ Rolands Aufmerkſamkeit wurde in dieſem Augenblicke abgelenkt, als er im anſtoßenden Zimmer ein krankhaftes Geſtoͤhne, und das Ge⸗ ſchrei erſchrockener Weiber vernahm. Er flog augenblicklich zu ihrem Beiſtande. Als er in das Zimmer trat, ſah er in einem Lehnſtuhle unweit der Thuͤre die Koͤniginn ſitzen, und ſchwer athmen. Die aͤltere Begleiterinn hielt ſie in ihren Armen, wähend. die fuͤngere ihr das Geſicht abwechſelnd n Waſſer und mit Thraͤnen badete. Feile, junger Mann! ſprach die aͤltere, un⸗ rußng. Fort— hohlt Beiſtand— ſie iſt uhn. maͤchtig. Aber mit matter, gebrochener Stimme ſprach die Koͤniginn:„Bleibt, ich befehl es Euch! Ruft keine Zeugen. Mir iſt beſſer. Ich werde mich gleich erhohlen.“ Mit einer Anſtrengung, wie jemand, der fuͤr ſein Leben kaͤmpft, richtete ſie ſich in dem Lehnſtuhle auf, und ſuchte ihre Faſſung wieder zu gewinnen, waͤhrend in ihren Zuͤgen noch die * 166 heftige koͤrperliche und geiſtige Erſchuͤtterung zitterte, die ſie erlitten hatte. Ich ſchaͤme mich meiner Schwachheit, liebe Maͤdchen, ſprach ſie, die Hand einer ihrer Be⸗ gleiterinnen ergreifend. Aber es iſt vorbei, und ich bin wieder Marie Stuart. Der rauhe Ton der Stimme dieſes Mannes— ich kenne ſeine Unverſchaͤmtheit— der Nahme, den er nannte— die Abſicht, welche ſie hieher fuͤhrt— das ent⸗ ſchuldigt eine augenblickliche Schwachheit, aber nur eine augenblickliche ſoll es ſein. Sie riß nach dieſen Worten die Haube ab, die waͤhrend ihres Anfalles in Unordnung gekommen war, ſchuͤttelte die dunkelbraunen Locken herab, die vorher davon bedeckt geweſen waren, und mit den zarten Fingern die uͤppige Fuͤlle theilend, erhob ſie ſich und ſtand da, wie die Geſtalt einer begei⸗ ſterten griechiſchen Seherinn, in einer Stimmung, die zwiſchen Kummer und Stolz, zwiſchen Laͤcheln und Thraͤnen in der Mitte lag.„Wir ſind ſchlecht vorbereitet, ſprach ſie, unſre aufruͤhriſchen Unter⸗ thanen zu empfangen, aber wir wolien uns nach Kraͤften bemuͤhen, uns ſo zu zeigen, wie's ihrer ——— —— 167 Koͤniginn gebuͤhrt. Kommt, Maͤdchen! Wie ſagt dein Lieblingslied, liebe Fleming? Kommt, NMaͤdchen, in mein Kaͤmmerlein Und ſchmuͤckt mein nußbraun Haar; Zehnmahl mehr laßt's geflochten ſein Und voller als es war. Ach! ſetzte ſie hinzu, als ſie laͤchelnd dieſe Zeilen einer alten Ballade wiederhohlt hatte: Gewaltthaͤ⸗ tigkeit hat mir ſchon den gewoͤhnlichen Schmuck meiner Wuͤrde geraubt, und den geringen, den die Natur mir gab, haben Gram und Furcht zerſtoͤrt. 1 Bei dieſen Worten aber ließ ſie noch einmahl durch ihre ſchlanken Finger die Fuͤlle ihrer ſchoͤnen Locken gleiten, die den ſtolzen Hals und den ſchwel⸗ lenden Buſen verhuͤllten, als haͤtte ſie, ſelbſt in dem Schmerze ihrer Seele, das Bewußtſein ihrer unvergleichlichen Reize nicht ganz verloren. Roland, auf deſſen Jugend, Unerfahrenheit und warme Empfaͤnglichkeit fuͤr alles Edle und Liebenswuͤrdige das Benehmen der ſchoͤnen und er⸗ lauchten Frau mit Zaubergewalt wirkte, ſtand in den Boden gewurzelt, von Ueherraſchung und 168— Theilnahme ergriffen, und ſehnte ſich, ſein Leben zu wagen in einem ſo ſchoͤnen Kampfe, als der Kampf fuͤr Maria Stuart ſein mußte. Sie war in Frankreich erzogen; es ſchmuͤckte ſie herrliche Schoͤnheit; ſie hatte als Koͤniginn geherrſcht, und als Koͤniginn von Schottland, fuͤr welche Kenntniß der Gemuͤthsart ſo noͤthig war, als Lebensluft. In allen dieſen Beziehungen war Maria vor allen andern Frauen fahig, die Eindruͤcke, welche ihre Reize faſt auf alle machten, die in ihren Wir⸗ kungskreis kamen, auf das Schnellſte zu bemerken und Nutzen davon zu ziehen. Sie warf auf Roland einen Blick, der ein Herz von Stein haͤtte ſchmelzen können.„Armer Juͤngling, ſprach ſie, mit einem Geküͤhle, das theils wahr, theils aus Klugheit erkuͤnſtelt war: Ihr ſeid ein Fremd⸗ ling unter uns. In dieſe traurige Gefangenſchaft kommt Ihr aus der Geſellſchaft einer zaͤrtlichen Mutter, einer Schweſter, eines Maͤdchens, wo Ihr Freiheit hattet, froͤhlich um den Maibaum zu tanzen. Ich bedaure Euch. Aber Ihr ſeid das einzige maͤnnliche Weſen in meinem beſchraͤnkten Haushalt— Willſt Du meinen Befehlen gehorchen? 169 Bis in den Tod, gnaͤdigſte Frau! ſprach Roland mit entſchloſſenem Tone. So huͤte denn die Thuͤre meines Gemaches, ſprach die Koͤniginn. Huͤte ſie, bis man offen⸗ bare Gewalt brauchen will, oder bis wir in gehoͤ riger Ordnung ſind, dieſen indtihglichen Beſuch zu empfangen. Ich will ſie vertheidigen, bis ſie uͤber meinen Leichnam gehen, erwiederte Roland. Jede Be⸗ denklichkeit, die er in Hinſicht auf das Betragen gefuͤhlt hatte, das er beobachten ſollte, war durch den maͤchtigen Eindruck des s Augenblickes gaͤnzlich verdraͤngt. Nicht ſo, mein guter Juͤngling, antwortete die Koͤniginn, nicht ſo; ich befehle es Dir. Hab' ich einen getreuen Unterthan an meiner Seite„ ſo muß ich, Gott weiß es, wohl fuͤr ſeine Sicherheit ſorgen. Widerſteht ihnen, aber ſobald ſie ſchmaͤh⸗ lich zu offenbarer Gewalt ſchreiten, ſollt Ihr weichen. So will ich's: gedenkt meiner Befehle. Mit einem Laͤcheln, das zugleich Gunſt und Herrſchaft ausdruͤckte, wendete ſie ſich von ihm, und ging mit ihren Begleiterinnen in ihr Schlafgemach. 170— Die Juͤngſte wartete einen Augenblick, ehe ſie ihrer Gefahrtinn folgte, und gab dem Juͤnglinge ein Zeichen mit der Hand. Roland hatte ſchon laͤngſt geſehen, daß er Katharina Seyton in ihr wiederfand, und dieß konnte ihn, den ſcharfſich⸗ tigen Juͤngling, nicht ſehr uͤberraſchen, der ſich der geheimnißvollen Unterredung zwiſchen den bei⸗ den alten Frauen im veroͤdeten Nonnenkloſter erin⸗ nerte, auf welche ſein Zuſammentreffen mit Katha⸗ rina in dieſem Schloſſe ſo viel Licht warf. So maͤchtig aber wirkte Maria's Naͤhe, daß ſelbſt die Empfindungen eines liebenden Juͤnglings auf einen Augenblick zum Schweigen gebracht wurden, und erſt als Katharina Seyton verſchwunden war, fing Roland an zu bedenken, in welchem Verhaͤlt⸗ niſſe ſie zu einander ſtehen ſollten. Sie erhob ihre Hand, gleichſam gebieteriſch, ſprach er zu ſich ſelber. Vielleicht wollte ſie meinen Vorſatz ſtaͤrken, die Befehle der Koͤniginn zu voll⸗ ziehen; denn ich hoffe doch nicht, daß ſie mir die Zuchtigung zugedacht hat, die ſie der Frießjacke und dem armen Adam Woodcock zutheilte. Das wird ſich bald finden; fuͤr jetzt muß ich den Auftrag 1* ——— — 171 der ungluͤcklichen Koͤniginn vollziehen. Ich glaube, Graf Murray ſelber wird der Meinung ſein, daß einem getreuen Edelknaben die Pflicht obliegt, ſeine Gebieterinn gegen Zudringlichkeit zu ſchuͤtzen. Er begab ſich darauf in das Vorzimmer, ver⸗ riegelte die Thuͤre, welche auf die Treppe fuͤhrte, und ſetzte ſich dann nieder, den Erfolg zu erwarten. Es waͤhrte nicht lange, als eine plumpe, kraͤftige Hand zuerſt die Klinke zu heben verſuchte, dann heftig gegen die Thuͤre ſtieß, und unmuthig uͤber den Widerſtand, ausrief: Aufgemacht, Ihr drinnen!“ Warum und auf weſſen Befehl, ſoll ich die Thuͤre der Koͤniginn von Schottland oͤffnen? ſprach Roland. Ein neuer vergeblicher Verſuch, wobei Angeln und Riegel klirrten, verrieth, daß der ungeduldige Pocher gern eingedrungen waͤre, ohne auf Rolands Worte zu achten; aber endlich kam eine Antwort. Aufgemacht! Auf eure Gefahr! Lord Lindeſay kommt, mit Maria von Schottland zu ſprechen. Lord Lindeſay, als ſchottiſcher Edelmann, muß 172 warten, bis ſeine Koͤniginn Zeit hat, erwiederte Roland. Es entſtand zwiſchen den Maͤnnern draußen ein ernſtlicher Wortwechſel, worin Roland die rauhe Stimme des Lords Lindeſay unterſchied, der auf Melville's beſaͤnftigende Rede erwiederte: „Nein, nein, nein! Ich ſag' Euch nein. Lieber lege ich eine Petarde an die Thuͤre, ehe ich mich von einem laſterhaften Weibe foppen, und von einem unverſchaͤmten Diener mir trotzen laſſe.“ Nun, ſo laßt mich wenigſtens erſt gelinde Mittel verſuchen, fiel Melville ein. Gewaltthat gegen eine Frau wuͤrde euren Wappenſchild fuͤr immer beflecken. Oder wartet⸗ bis Lord Ruthven kommt. Ich will nicht laͤnger warten, ſprach Lindeſay. Es iſt hohe Zeit, daß wir unſer Geſchaͤft vollziehen und dann in den Staatsrath zuruͤck kehren. Aber magſt Du deine gelinden Mittel verſuchen, wie Du's nennſt; ich will von meinen Leuten eine Petarde machen laſſen. Um Gotteswillen ſeid ruhig! erwiederte Mel⸗ ville, und zu der Thuͤre tretend, ſprach er:„Sagt 3 — — 173 der Koͤniginn, ich, ihr getreuer Diener, Robert Melville, bitte ſie, um ihres eigenen Beßten willen und um ſchlimmere Folgen zu verhuͤten, die Thuͤre oͤffnen zu laſſen und Lord Lindeſay Zutritt zu geſtatten, der einen Auftrag vom Staats⸗ rath hat.“ Ich will der Koͤniginn eure Botſchaft über⸗ bringen, ſprach Roland, und Euch ihre Antwort melden. 4 Roland ging darauf zu der Thuͤre des Schlaf⸗ gemaches, und als er leiſe pochte, erſchien das aͤltere Kammerfraͤulein, das ſeinen Bericht annahm und mit dem Befehle der Koͤniginn, Melville und Lindeſay einzulaſſen, zuruͤck kehrte. Roland oͤffnete, und Lindeſay trat herein, trotzig, wie ein Soldat, der ſich fechtend den Weg in eine eroberte Veſte gebahnt hat, waͤhrend Melville, tief be⸗ kuͤmmert, ihm mit langſamern Schritten folgte. Ich berufe mich auf euer Zeugniß und eure Ausſage, ſprach Roland zu Melville, daß ich, ohne den ausdruͤcklichen Befehl der Koͤniginn, den Eingang mit allen meinen Kraͤften und mit meinem 174 beßten Blute gegen ganz Schottland tertheidihr haben wuͤrde. Still, junger Mann, pprach Melville, ernſt verweiſend, ſchůre das Feuer nicht noch mehr an. Es iſt nicht die Zeit dazu, mit deiner knabenhaften Ritterlichkeit zu prahlen. Sie iſt noch nicht einmahl da! hob Lindeſay an, der jetzt in der Mitte des Zimmers ſtand. Wie nennt Ihr dieſe Poſſen? Geduld, Lord Lindeſay! erwiederte Melville. Wir haben ja nicht ſo viel Eile, und Lord Nuth⸗ ven iſt auch noch nicht da. In dieſem Augenblicke offnete ſich die Thuͤre des anſtoßenden Gemachs, und die Koͤniginn Maria trat herein, mit der Miene beſonderer Anmuth und Hoheit, und ſie verrieth weder uͤber den Beſuch, noch uͤber die Unfreund ichkeit womit man ihn aufgedrungen hatte, irgend eine Empfind⸗ lichkeit. Ihr Haupt bedeckte eine kleine Spitzen⸗ haube, und ein duͤnner weiſſer Schleier hing von ihren Schultern uͤber das lange ſchwarze Gewand in ſo weiten leichten Falten, daß ſie ſich nach Belieben darein verhuͤllen konnte. Ein goldnes — — 175 Kreuz hing an ihrem Halſe und ein Roſenkranz von Gold und Ebenholz an ihrem Guͤrtel. Ihre beiden Kammerfraͤulein folgten ihr, und blieben waͤhrend der Unterredung hinter ihr ſtehen. Selbſt Lord Lindeſay, der rauheſte Edelmann jener rauhen Zeit, verrieth in ſeiner Ueberraſchung eine Art von Ehrerbietung, als er die Unbefangenheit und Hoheit in dem Benehmen der Koͤniginn bemerkte, die er wuͤthend in ohnmaͤchtigem Zorne, oder auf⸗ geloͤſet in unnuͤtzem und fruchtloſem Gram, oder äberwaͤltigt von den Beſorgniſſen, die in einer ſolchen Lage fuͤr eine gefallene Koͤniginn natuͤrlich waren, zu finden erwartet hatte⸗ Wir fuͤrchten, wir haben Euch warten laſſen, Lord Lindeſay, ſprach Maria, waͤhrend ſie ſeiner widerwilligen Verbeugung dankte. Aber die Frauen empfagen nicht gern einen Beſuch, ohne erſt einige Minuten am Putttiſche zu verweilen. Die Maͤn⸗ ner duͤrfen weniger auf ſolche Foͤrmlichkeiten achten. Lord Lindeſay, der einen Blick auf ſeinen unordentlichen Anzug warf, murmelte etwas von einer eiligen Reiſe, und die Koͤniginn begruͤßte Melville mit Hoͤflichkeit, ja mit Freundlichkeit, 176.˖— wie es ſchien. Eine ſtumme Pauſe folgte, waͤhrend Lindeſay nach der Thuͤre ſah, als haͤtte er unge⸗ duldig ſeinen Mitgeſandten erwartet. Die Koͤni⸗ ginn allein war ohne alle Verlegenheit, und ſchien das Stillſchweigen brechen zu wollen, als ſie ſich zu Lord Lindeſay wendete, mit einem Blicke auf das große ſchwerfuͤlige Schwert, das von ſeiner Schulter herab hing.„Ihr habt da„ ſprach ſie, einen treuen und gewichtigen Reiſegefaͤhrten. Ich hoffe, Ihr glaubtet nicht, hier einen Feind zu finden, gegen welchen eine ſo furchtbare Waffe noͤthig geweſen waͤre? Es iſt, duͤnkt mich, eine etwas ſonderbare Zierde an einem Hofe, wiewohl ich, wie es ſein muß, zu viel von einer Stuart habe, als daß ich ein Schwert fuͤrchten ſollte.“ Es iſt nicht zum erſten Mahle gnaͤdigſte Frau, erwiederte Lindeſay, das Schwert wendend und ſich mit einer Hand auf das maͤchtige Heft ſtuͤtzend: nicht das erſte Mahl, das dieſes Schwert vor dem Hauſe Stuart zu erſcheinen wagt. Wohl moͤglich, Lord Lindeſay, antwortete Maria. Es mag meinen Vorfahren gedient haben. —— 177 Eure Vorfahren, Lord Lindeſay, waren ihren Fuͤrſten trei. 1 Ja, gnaͤdigſte Frau, Dienſte hat es geleiſtet, aber Dienſte, die Koͤnige weder gern anerkennen, noch gern belohnen. Es war der Dienſt, den das Meſſer dem Baume leiſtet, wenn's in's Gruͤne ſchneidet, und ihn von den unnuͤtzen Schoͤßlingen befreit, die ihm die Nahrung entziehen. Ihr ſprecht in Raͤthſeln, Lord Lindeſay, erwie⸗ derte Maria. Ich will hoffen, die Erklaͤrung hat nichts beleidigendes. Urtheilt ſelber, gnaͤdigſte Frau, ſprach Lindeſay. Mit dieſem guten Schwerte ward Archibald Douglas, Graf von Angus, umguͤrtet an dem merkwuͤrdigen Tage, wo er von der Seite eures Urgroßvaters, Jakob des Dritten, einen Schwarm von Guͤnſtlingen, Schmeichlern und Schmarozern riß, und ſie uͤber der Bruͤcke von Lauder auf⸗ knuͤpfte, zur Warnung fuͤr das Gewuͤrm, das ſich dem Throne Schottlands naͤhert. Mit dem ſelbigen Degen hat der ſelbige unbeugſame Verfechter der ſchottiſchen Ehre und des ſchottiſchen Adels auf einen Streich einen Hoͤſting eures Großvaters, * Sheil II. 3 12 178 Jakobs des Vierten, erſchlagen, der es gewagt, in des Koͤnigs Gegenwart geringſchaͤtzig von ihm zu ſprechen. Sie fochten am Fala⸗Bach, und Archibald hieb mit dieſer Klinge ſeinem Gegner das Bein ab, ſo leicht als ein Schaͤferknabe einen Zweig von einem Baͤumchen ſchneidet. Lord Lindeſay, ſprach die Koͤniginn mit gluͤhen⸗ den Wangen, meine Nerven ſind zu gut, als daß ich ſie mit dieſer ſchrecklichen Geſchichte erſchuͤt⸗ tern laſſen moͤchte. Aber darf ich Euch fragen, wie eine ſo beruͤhmte Klinge vom Hauſe Douglas auf das Haus Lindeſay gekommen iſt? Mich daͤucht, ſie haͤtte als heilige Reliquie aufbewahrt werden ſollen von einer Familie, die da meinte, alles was ſie gegen ihren Koͤnig thun konnte, ſei zu Gunſten ihres Vaterlandes gethan. Nein, gnaͤdigſte Frau, fiel Melville unruhig ein, fraget Lord Lindeſay nicht ſo— und Ihr, Lord Lindeſay, verletzt nicht Scham und Anſtand durch Beantwortung der Frage. Es iſt Zeit, daß dieſe Frau die Whabr)ai höre, erwiederte Lindeſay. Und ſeid verſichert, ſprach Maria, ſie wird 4 —.— 5 ——— 179 durch keine Wahrheit, die ſie von Euch vernehmen koͤnnte, zu Zorn gereizt werden. Es gibt Fälle, wo gerechte Verachtung immer die Oberhand behaͤlt uͤber gerechten Zorn. So wiſſet denn, als jener falſche und ſchaͤnd⸗ liche Verraͤther und Moͤrder, Jakob, zuweilen Graf von Bothwell genannt, mit dem Spottnah⸗ men Herzog von Orkney, zum Zweikampfe heraus foderte einen von den verbuͤndeten Edlen, die ihn vor Gericht ſchleppen wollten, da nahm ich die Herausfoderung an, und ward von dem edlen Grafen von Morton mit dieſem Schwerte begabt, auf daß ich den Streit damit ausfechten ſollte. O, ſo wahr der Himmel mir helfe, waͤre ſein Duͤnkel ein wenig groͤßer geweſen, oder ſeine Feig⸗ heit ein wenig geringer, ſo haͤtte ich mit dieſem guten Stahl ſeinen verraͤtheriſchen Leib ſo zuge⸗ richtet, daß die Hunde und Raben ihr Futter lecker zugeſchnitten gefunden haben ſollten. Der Muth der Koͤniginn wich beinahe, als ſie Bothwell's Nahmen hoͤrte, einen Nahmen, an welchen ſich ſo viel Schuld, Schande und Unheil knuͤpfte. Lindeſay's verlaͤngerte Prahlerei aber — — — b 180 ließ ihr Zeit, ſich zu ſammeln, und mit dem An⸗ ſchein kalter Verachtung zu erwiedern:„Es iſt leicht, einen Feind zu ſchlagen, der nicht in die Schranken tritt. Aber haͤtte Maria Stuart ihres Vaters Schwert geerbt, wie ſie ſein Zepter erbte, ſo haͤtten die Kuͤhnſten unter ihrem empoͤrten Volke ſich an dieſem Tage nicht beklagen ſollen, ſie faͤnden Niemand, gegen welchen ſie ſtreiten koͤnnten. Verzeiht mir, Lord Lindeſay, daß ich dieſe Unter⸗ redung abbreche. Eine kurze Beſchreibung eines blutigen Gefechtes iſt lang genug, die Neugier einer Frau zu befriedigen, und wenn Ihr nichts Wichtigers uns zu ſagen habt, als die Thaten von Archibald Douglas, und wie Ihr ſelber ihm nachgeſtrebt haben wuͤrdet, wenn Zeit und Um⸗ ſtaͤnde es erlaubt haͤtten, ſo wollen wir in unſer Zimmer zuruͤck kehren. Kommt, liebe Fleming, Ihr ſollt mir mehr vorleſen aus dem Buͤchlein von den ſpaniſchen Aufſchneidereien. Wartet, gnaͤdigſte Frau, ſprach Lindeſay mit gluͤhendem Geſichte. Ich kenne euren lebhaften Wiz von alten Zeiten her zu gut, als daß ich eine Unterredung mit Euch geſucht haͤtte, nur um Euch 181 Gelegenheit zu geben, auf Koſten meiner Ehre witzig zu ſein. Lord Ruthven, ich und Sir Robert Melville kommen zu Euer Gnaden im Nahmen des geheimen Raths, Euch zu uͤbergeben, was fuͤr die Sicherheit eures Lebens und die Wohlfahrt des Staates von hoͤchſter Wichtigkeit iſt. Der geheime Rath? ſprach die Koͤniginn. Kraft welcher Macht kann er beſtehen, oder han⸗ deln, ſo lange ich, die ich ihn beſtellt habe, hier unter ungerechtem Zwange lebe? Doch es liegt nichts daran. Was Schottlands Wohlfahrt an⸗ geht, wird fuͤr Maria Stuart immer willkommen ſein, woher es auch kommen mag, und was ihr eigenes Leben angeht, ſo hat ſie lange genug gelebt, um ſeiner muͤde zu ſein, wiewohl ſie erſt fuͤnf und zwanzig Jahre alt iſt. Wo iſt euer Gefäͤhute? Warum zoͤgert er? Er kommt, gnaͤdigſte Frau, ſprach Melville, und Lord Ruthven trat in dieſem Augenblicke her⸗ ein, mit einem Pakte in der Hand. Als die Koͤniginn ſeinen Gruß erwiederte, ward ſie todten⸗ blaß, faßte ſich aber augenblicklich durch kraͤftigen und ploͤtzlichen Entſchluß, in dem Augenblicke, 182 als der Lord, deſſen Anblick ſo lebhafte Bewegung in ihrer Bruſt zu erregen ſchien, ins Zimmer trat. Ihn begleitete Georg Douglas, der juͤngſte Sohn des Ritters von Lochleven, der waͤhrend der Ab⸗ weſenheit ſeines Vaters und ſeiner Bruͤder, den Seneſchall des Schloſſes machte, unter der Leitung der Edelfrau von Lochleven, ſeines Vaters Mutter. VII. Lord Ruthven hatte das Anſehen und Beneh⸗ men eines Kriegers und Staatsmannes. Sein Anzug, ein Wamms von geſticktem Buͤffelleder, glich faſt einer Kriegertracht, verrieth aber auf keine Weiſe die ſchmutzige Nachlaͤſſigkeit, die man in Lindeſay's Anzuge ſah. Aber der Sohn eines ungluͤcklichen Vaters, und der Vater einer noch ungluͤcklichern Familie, hatte in ſeinen Zuͤgen jene unheilverkuͤndende Schwermuth, welche nach der Meinung der Geſichtsdeuter jener Zeit diejenigen auszeichnete, die zu einem gewaltſamen und un⸗ gluͤcklichen Tode vorher beſtimmt waren. Der Schrecken, den dieſes Mannes Anblick der Koͤniginn einfloͤßte, hatte ſeinen Grund in dem — 183 thaͤtigen Antheile, den er an David Rizzio's Ermordung genommen. Sein Vater hatte die Vollziehung jenes abſcheulichen Verbrechens gelei⸗ tet, obgleich er ſo ſchwach von langer Krankheit war, daß er das Gewicht der Ruͤſtung nicht ertra⸗ gen konnte, als er von dem Siechbette aufgeſtan⸗ den war, um in Gegenwart ſeiner Koͤniginn einen Mord zu begehen. Kein Wunder, daß die Koͤni⸗ ginn, zumahl bei der Lage, worin ſie ſich befand, als die ſchreckliche That in ihrer Gegenwart veruͤbt wurde, einen unuͤberwindlichen Abſcheu gegen die Theilnehmer an dem Morde behalten hatte. Sie erwiederte jedoch den Gruß des Lords Ruthven mit Freundlichkeit, und reichte ihre Hand dem jungen Douglas, der ſie knieend mit Ehrerbietung kuͤßte. Es war der erſte Beweis von Unterthanen⸗ huldigung, den Roland der gefangenen Fuͤrſtinn erweiſen ſah. Sie dankte ſchweigend dem Gruße, und es folgte eine kurze Pauſe, waͤhrend der Haushofmeiſter, ein finſter ausſehender Mann, dem Douglas ſeine Winke gab, einen Tiſch mit Schreibezeug zurecht ſetzte. Auf den ſtummen Wink ſeiner Gebieterinn ruͤckte der Edelknabe einen 18 4 großen Lehnſtuhl zu der Koͤniginn. Der Tiſch trennte ſie und ihr kleines Gefolge von den unwill⸗ kommnen Beſuchern. Als der Haushofmeiſter ſich entfernt hatte, brach die Koͤniginn das Schweigen, „Erlaubt, daß ich mich ſetze, Ihr Herrn, ſprach ſie. Meine Spaziergaͤnge ſind jetzt freilich auf einen ſo kleinen Raum beſchraͤnkt, daß ſie mich nicht ſehr ermuͤden, aber ich fuͤhle, daß ich mehr als gewoͤhnlich der Ruhe bedarf.“ ee Sie ſetzte ſich, und mit ihrer ſchoͤnen Hand die Wange bedeckend, heftete ſie auf jeden der drei Maͤnner nach einander einen ſcharfen und eindring⸗ lichen Blick. Marie Fleming hielt ihr Tuch vor die Augen; Katharina Seyton und Roland warfen ſich einen Blick zu, der verrieth, daß ſie zu innigen Antheil an ihrer Gebieterinn nahmen, um an irgend etwas, das ſie ſelber betraf, denken zu koͤnnen. Ich erwarte die Botſchaft von denjenigen, die Ihr den geheimen Rath nennt, hob die Koͤniginn an, als ſie ſich geſetzt hatte, und eine ſtumme Pauſe herrſchte. Ich hoffe, es iſt ein Geſuch um meine Verzeihung, und der Wunſch, daß ich meinen ererbten Thron wieder beſteigen moͤge, 185⁵ ohne mit gebuͤhrender Strenge mein Strafrecht gegen diejenigen auszuuͤben, die mich entſetzt haben. Gnaͤdigſte Frau, hob Ruthven an, es iſt peinlich fuͤr uns, der Fuͤrſtinn, die uns ſo lange beherrſcht hat, harte Wahrheiten zu ſagen. Aber wir kommen, Verzeihung anzubieten, nicht zu erbitten. Mit einem Worte, gnaͤdigſte Frau, wir ſollen Euch im Nahmen des geheimen Rathes vor⸗ ſchlagen, dieſe Urkunden zu unterzeichnen, welche ſehr viel zur Beruhigung Schottlands, zur Aus⸗ breitung des goͤttlichen Wortes und zu eurer eige⸗ nen zukuͤnftigen Wohlfahrt beitragen werden. Glaubt man, daß ich dieſe ſchoͤnen Worte auf Treu und Glauben annehmen werde? Oder darf ich den Inhalt dieſer verſoͤhnenden Schriften ver⸗ nehmen, ehe ich aufgefodert werde„ ſie zu unter⸗ zeichnen? 1 Ohne Zweifel, gnaͤdigſte Frau; es iſt unſre Abſicht und unſer Wunſch, daß Ihr die Schriften leſet, deren Unterzeichnung man von Euch verlangt. Verlangt! wiederhohlte die Koͤniginn mit eini⸗ gem Nachdruck. Aber der Ausdruck Paßt zur Sache. Leſet, Lord Rurhben. 186 Lord Ruthven las eine foͤrmliche Urkunde, die im Nahmen der Koͤniginn ausgefertigt war, des Inhalts, daß ſie in fruͤher Jugend zur Verwal⸗ tung des Reiches berufen worden, und eifrig ihres Berufes gewartet habe, bis ſie an Leib und Seele ſo ermuͤdet und uͤberdruͤßig geworden, daß ſie nicht im Stande ſei, die Arbeit und Muͤhe der Staats⸗ angelegenheiten laͤnger zu ertragen, und da Gott ſie mit einem ſchoͤnen und hoffnungvollen Sohne geſegnet habe, ſo wuͤnſche ſie, ihm, noch bei ihren Lebzeiten, die Thronfolge zu ſichern, die ihm nach dem Erbrechte gebuͤhre.„Derowegen, fuhr die Urkunde fort, haben wir aus der muͤtterlichen Zuneigung, ſo wir zu beſagtem unſerm Sohne hegen, entſagt und abgegeben, wie wir Kraft dieſes unſeres Briefes aus freiem Willen entſagen und abgeben, die Krone, die Regierung und die Herr⸗ ſchaft uͤber das Koͤnigreich Schottland, zu Gunſten beſagten unſeres Sohnes, auf daß er uns als geborner Erbe des Thrones nachfolge, als ob wir durch Ableben, und nicht durch unſern eigenen Willen, von dem Regiment waͤren entfernt worden. Zu mehrer und beßrer Bekraͤftigung dieſer Abdan⸗ 187 A kung unſrer koͤniglichen Gewalt, und damit Nie⸗ mand Unwiſſenheit vorſchuͤtzen moͤge, geben, ver⸗ leihen und uͤbertragen wir volle, freie und unbe⸗ ſchraͤnkte Gewalt unſern getreuen Vettern, Lord Lindeſay, William Lord Ruthven, daß ſie erſchei⸗ nen vor ſo vielen Perſonen aus dem Adel, der Geiſtlichkeit und dem Fuͤrgerſtande, als deren ſich in Stirling verſammeln moͤgen, um in unſerm Nahmen oͤffentlich und Angeſichts Jener, der Krone und dem Regiment dieſes unſeres Koͤnig⸗ reiches Schottlands zu entſagen.“. Die Koͤniginn unterbrach den Leſenden hier mit der Miene lebhafter Ueberraſchung.„Was iſt das, Ihr Herrn? ſprach ſie. Sind meine Ohren Rebellen geworden, daß ſie mich mit ſo ſelt⸗ ſamen Toͤnen betriegen? Und kein Wunder waͤr' es, wenn ſie nun, da ſie ſo lange mit Aufruhr zu thun gehabt haben, die Sprache der Empoͤrung meinem Verſtande aufdringen wollten. Sagt mir doch, daß ich im Irrthum bin, Ihr Herrn. Sagt mir, Euch ſelber und dem ſchottiſchen Adel zu Ehren, daß meine getreuen Vettern, Lindeſay und Ruthven, zwei Edle von kriegeriſchem Ruhme 188 und alten Stamme, nicht in der Abſicht, welche dieſe Worte anzudeuten ſcheinen, das Gefaͤngniß ihrer guͤtigen Gebieterinn aufgeſucht haben. Sagt mir, um der Ehre und der Treue willen, daß meine Ohren mich getaͤuſcht haben. Nein, gnaͤdigſte Frau, ſprach Ruthven ernſt, eure Ohren haben Euch nicht getaͤuſcht; aber ſie „haben Euch getaͤuſcht, als ſie verſchloſſen waren gegen die Prediger des Evangeliums und den red⸗ lichen Rath eurer treuen Unterthanen, und immer offen gegen die Schmeichelei der Ohrenblaͤſer und Verraͤther, der fremden Kaͤmmerlinge und der einheimiſchen Guͤnſtlinge. Das Land mag nicht laͤnger die Herrſchaft derjenigen ertragen, die ſich ſelber nicht beherrſchen kann. Ich bitte Euch da⸗ hero, Ihr wollet den letzten noch uͤbrigen Wunſch eurer Unterthanen und Raͤthe erfuͤllen, und Euch und uns die weitre Eroͤrterung einer ſo peinlichen Sache erſparen.. Und iſt dieß alles, was meine liebevollen Unterthanen von mir verlangen? ſprach Maria im Tone bitteren Spottes. Begnuͤgen ſie ſich wirklich mit der geringen Bitte, daß ich die Krone, mein 8 — 189 Erbtheil, einem Kinde hingebe, das kaum ein Jahr alt iſt, mein Zepter wegwerfe, und die Spindel nehme? O nein, das iſt fuͤr ſie zu wenig verlangt! Die andre Pergament⸗Rolle enthaͤlt wohl etwas, ſo ſchwerer zu erfuͤllen, und wird meine Bereitwil⸗ ligkeit, den Bitten meiner Unterthanen nachzu⸗ geben, gewiß hoͤher angeſchlagen. Dieß Pergament, erwiederte Ruthven mit demſelben Tone des unbiegſamen Ernſtes, und entfaltete die Schrift: iſt eine Urkunde, wodurch Euer Gnaden den naͤchſten Blutsfreund, den ehrenwertheſten und zuverlaͤßigſten eurer Untertha⸗ nen, Jakob Grafen von Murray, zum Regenten des Reiches waͤhrend der Minderjaͤhrigkeit des Koͤnigs beſtellt. Er hat bereits dieſe Stelle vom geheimen Rath. Die Koniginn ſtieß einen Schrei aus, und die Haͤnde zuſammen ſchlagend, rief ſie:„Kommt der Pfeil daher? Von meines Bruders Bogen? Ach ich erſehnte ſeine Ruͤckkehr aus Frankreich ſo ſehr, und baute darauf meine lette, wenigſtens meine ſicherſte Hoffnung auf Befreiung! Und ſelbſt als ich hoͤrte, daß er die Regierung an ſich 190 genommen, glaubte ich noch, er wuͤrde ſich ſchaͤ⸗ men, ſie in meinem Nahmen zu fuͤhren. Ich mus Euch bitten, gnaͤdigſte Frau, ſprach Lord Ruthven, das Begehren des geheimen Makzes zu beantworten. Das Begehren des geheimen Rathes? erwie⸗ derte die Koͤniginn. Sagt lieber, das Begehren einer Rotte von Naͤubern, die ungeduldig ſind, ihre Beute zu theilen. Auf ein ſolches Begehren, das mir ein Verraͤther uͤberbringt, deſſen Schaͤdel laͤngſt uͤber dem Stadtthore ſtände, haͤtte nicht meine Weibergůͤte ihn geſchont, hat Maria von Schottland keine Antwort. Ich hoffe, ſprach Lord Ruthven, eure Hart⸗ naͤckigkeit wird nicht dadurch vermehrt werden, daß ich Euch ein unwillkommener Anblick bin. Ihr koͤnntet Cuch wohl erinnern, daß der Tod des Lieblings Rizzio dem Hauſe Ruthven ſein Haupt koſtete. Mein Vater, mehr werth als eine ganze Provinz voll ſolcher niedrigen Schmeichler, ſtarb in der Verbannung, mit gebrochenem Herzen. Die Koͤniginn bedeckte ihr Geſicht mit den 1+ 191 Haͤnden, ſtuͤtzte die Arme auf den Tiſch, und weinte ſo bitterlich, daß die Thraͤnen in Stroͤmen zwiſchen den weißen, zarten Fingern hervor dran⸗ gen, womit ſie dieſelben verbergen wollte. Das iſt zu hart, ſprach Melville zu den beiden Lords. Erlaubt mir zu bemerken, daß wir hieher gekommen ſind, nicht um alten Kummer wieder zu erwecken, ſondern um das Mittel zu finden, neuem vorzubeugen. Sir Robert Melville, erwiederte Ruthven, wir wiſſen am beßten, weßhalb wir hieher geſchickt wurden und warum Ihr, etwas unnoͤthig, uns zur Begleitung gegeben wurdet. Nein, bei meiner Treu! fiel Lindeſay ein, ich weiß nicht, warum man uns mit dem guten Herrn beſchwert hat, wenn er nicht etwa ſtatt des Stuͤckchens Zucker dienen ſoll, das die Apo⸗ theker in ihre heilſamen aber bittern Arzneien ſtecken, einem eigenſinnigen Kinde zu Liebe; eine unnuͤtze Arbeit, duͤnkt mich, wo Maͤnner die Mittel beſitzen, ihnen die Arznei auf eine andre Art einzugeben. Freilich, Ihr Herrn, kennt Ihr am beßten 192 den Inhalt eurer geheimen Vorſchriften, hob Mel⸗ ville wieder an. Ich aber glaube die meinigen am beßten zu befolgen, wenn ich den Vermittler zwi⸗ ſchen Ihrer Gnaden und Euch zu machen ſuche. Seid ruhig, Sir Robert Melville, ſprach die Koͤniginn, aufſtehend, und ihr gluͤhendes Geſicht verrieth ihre innere Bewegung, als ſie ſprach. Mein Schnupftuch, liebe Fleming; ich ſchaͤme mich, daß Verraͤther mich ſo ſehr haben erſchuͤt⸗ tern koͤnnen. Saget mir, Ihr ſtolzen Lords, ſetzte ſie hinzu, die Thraͤnen abtrocknend, waͤhrend ſie ſprach: kraft welcher irdiſchen Vollmacht koͤnnen Unterthanen ſich der Rechte eines geſalbten Herr⸗ ſchers anmaßen, des Gehorſames ſich entbinden, den ſie gelobt haben, und die Krone von dem Haupte nehmen, worauf Gottes Wille ſie geſetzt hat? Ich will aufrichtig mit Euch reden, gnaͤdigſte Frau, hob Ruthven wieder an. Seit dem furcht⸗ baren Schlachtfelde von Pinkie⸗Cleuch, wo Ihr ein Wiegenkind waret, bis auf dieſen Augenblick, wo Ihr als erwachſene Frau vor uns ſiehet, iſt eure Regierung ein ſolches Trauerſpiel von Ver⸗ 193 luſten, Unfaͤllen, buͤrgerlichen Zwiſtigkeiten und auswaͤrtigen Kriegen geweſen, daß ſich nichts Aehnliches in unſern Geſchichten findet. Die Franzoſen und Englaͤnder haben Schottland ein⸗ muͤthig zu dem Kampfplatze gewaͤhlt, wo ſie ihren alten Streit ausfechten wollten. Von uns ſelber hat Bruder gegen Bruder geſtritten, und kein Jahr iſt vergangen ohne Aufruhr und Blutver⸗ gießen, ohne Verbannung der Edlen, ohne Unter⸗ druͤckung der Gemeinen. Wir koͤnnen's nicht laͤnger ertragen, und darum, dieweil Ihr eine Fuͤrſtinn ſeid, der Gott die Gabe verſagt hat, auf weiſen Rath zu hoͤren, und auf deren Thaten und Vor⸗ ſätze nie Segen herab gekommen, ſo bitten wir Euch, einer andern Herrſchaft und Verwaltung des Landes Platz zu machen, auf daß noch ein Ueberreſt dieſem zerruͤtteten Lande gerettet werde. Mich duͤnkt, Ihr Herrn, ſprach Maria, Ihr haͤuft auf mein ungluͤckliches, dem Verderben geweihtes Haupt jene Uebel, die Ihr mit gerech⸗ terem Grunde zuſchreiben wuͤrdet euren eigenen unruhigen, wilden unbaͤndigen Neigungen, und er raſenden Heftigkeit, womit Ihr, die Großen Theil II. 13 194 des Landes, Fehden gegen einander fuͤhret, wobei Ihr vor keiner Grauſamkeit zuruͤck bebet, um eure Wuth zu befriedigen, Euch blutig raͤchet fuͤr die geringſte Beleidigung, den weiſen Geſetzen trotzt, die eure Vorfahren gemacht haben, um ſolcher Grauſamkeit Einhalt zu thun, gegen die recht⸗ maͤßige Herrſchaft Euch auflehnt, und Euch be⸗ traget, als ob es keinen Koͤnig im Lande gebe, oder als ob jeder von Euch ein Koͤnig in ſeiner Wohnung waͤre. Und nun werfet Ihr auf mich die Schuld, auf mich, deren Leben verbittert, deren Schlaf geſtoͤrt, deren Gluͤck vernichtet wurde durch eure Zwiſtigkeiten. War ich nicht ſelber genoͤthigt, an der Spitze einiger wenigen Getreuen durch Wildniſſe und Gebirge zu ziehen, um den Frieden zu ſchuͤtzen und der Unterdruͤckung zu weh⸗ ren? Hab' ich nicht einen Panzer getragen, und Piſtolen an meinem Suaͤttel gefuͤhrt, und gern die weibliche Sanftmuth und die Wuͤrde einer Koͤni⸗ ginn vergeſſen, um meinen Anhaͤngern ein Beiſpiel zu geben? Wir geben zu, gnaͤdigſte Frau, ſprach Linde⸗ ſay mit rauhem Tone: die Aufſtaͤnde, die eure ——— 195 ſchlechte Verwaltung veranlaßt hat, moͤgen Euch wohl zuweilen aufgeſtoͤrt haben bei einer Mummerei, oder einem froͤhlichen Tanze, oder auch wohl unter⸗ brochen den Goͤtzendienſt einer Meſſe, oder die jeſuitiſchen Rathſchlaͤge eines franzoͤſiſchen Geſand⸗ ten. Die laͤngſte und muͤhſamſte Reiſe aber, die Euer Gnaden gemacht, ſo viel ich mich erinnere, war von Hawick zum Schloſſe Hermitage, und ob dieſe zum Wohle des Staats, oder zu eurer Ehre geweſen iſt, das mag Euer Gnaden mit eurem eignen Gewiſſen ausmachen. Die Koͤniginn wandte ſich zu ihm mit unaus⸗ ſprechlicher Sanftmuth in Ton und Benehmen, und mit jenem einnehmenden Blicke, den der Himmel ihr verliehen, als haͤtte ſich zeigen ſollen, daß die feinſte Kunſt, die Zuneigung der Maͤnner zu gewinnen, umſonſt gegeben werden koͤnne. Lindeſay, hob ſie an, Ihr ſprachet ni dt in dieſem ſtrengen Tone mit mir, nicht mit ſo niedrigem Hohne, an jenem ſchoͤnen Sommerabend, als Ihr und ich nach dem Ziele ſchoſſen gegen den Grafen von Mar und Maria Liynigſtone, und von ihnen das Abendbrod gewannen im Garten von St. 1☛* 196— Andrews. Der Junker Lindeſay war damahl mein Freund, und gelobte mir, mein Kaͤmpfer zu ſein. Wie ich den Lord Lindeſay gekraͤnkt habe, weiß ich nicht; es waͤre denn, daß Ehren Sitten geaͤndert haͤtten. Lindeſay, ſo hartherzig er war, ſchien von dieſem unerwarteten Aufruf an ſein Gefuͤhl ergriffen zu werden, aber ſchnell ſich faſſend, antwortete er: „Es iſt bekannt genug, gnaͤdigſte Frau, daß Ihr zu jener Zeit Jeglichen, der Euch nahe kam, zum Thoren machen konntet. Ich meine nicht, daß ich damahl kluͤger geweſen, als Andre, aber luſtigere Leute und beſſere Hoͤflinge ſchoben meine plumpe Huldigung bald auf die Seite, und ich daͤchte, Ihr muͤßtet Euch wohl der Zeiten erinnern, wo meine ungeſchickten Verſuche, die Sitten anzu⸗ nehmen, die Euch gefielen, ein Spott der Hof⸗ Papageien und der Franzoͤſinnen waren. Es thut mir leid, Lord Lindeſay, wenn ich Euch durch eitle Frolichkeit beleidigt habe, ſprach die Koͤniginn, und ich kann nur ſagen, es iſt ganz wider Wiſſen geſchehen. Ihr habt dafuͤr volle Vergeltung, denn durch Froͤhlichkeit, ſetzte 197 ſie ſeufzend hinzu, werd' ich Niemand mehr beleidigen. Wir verlieren unſre Zeit, gnaͤdigſte Frau, ſiel Lord Ruthven ein. Ich muß bitten um eure Entſcheidung in der wichtigen Sache, die ich Euch vorgelegt habe. 1 4 Wie! Lord Ruthven, antwortete Maria, ſo⸗ gleich und ohne einen Augenblick zur Ueberlegung? Kann der Staatsrath, wie er ſich nennt, dieß von mir erwarten? Snaͤdigſte Frau, hob Lord Ruthven wieder an, der Staatsrath iſt der Meinung, daß nach allem, was zwiſchen der Nacht, wo Koͤnig Heinrich ermordet ward, und dem Kampfe bei Carberry⸗Hill vorgefallen iſt, Euer Gnaden auf die jetzt vorgeſchlagene Maßregel vorbereitet ſein muß; ſie iſt das leichteſte Mittel, Euch aus vielen Gefahren und Schwierigkeiten zu retten. Großer Gott! rief die Koͤniginn, und als eine Wohlthat ſchlagt Ihr mir vor, was jeder chriſt⸗ liche Koͤnig als einen Verluſt der Ehre, ſo ungluͤck⸗ lich als der Verluſt des Lebens, betrachten ſollte? Ihr nehmet mir meine Krone, meine Macht, — 198 meine Unterthanen, meinen Reichthum, meinen Rang. Bei allen Heiligen, was koͤnnt Ihr an⸗ bieten, was bietet Ihr an, zur Vergeltung fuͤr meine Einwilligung? Wir gewaͤhren Euch Verzeihung, antwortete Ruthven finſter, wir geben Euch Friſt und Mittel, euer Leben in Buße und Abgeſchiedenheit zuzubrin⸗ gen; wir geben Euch Zeit, Frieden mit dem Himmel zu machen, und das reine Evangelium anzunehmen, das Ihr ſtets verworfen und ver⸗ folgt habt. Die Koͤniginn erblaßte bei der Drohung, welche dieſe Worte, und der rauhe unbeugſame Ton des Sprechers zu enthalten ſchienen.„Und wenn ich eurem Verlangen nicht nachgebe, das ſo ungeſtuͤm gefodert wird, wie denn?“ Sie ſprach dieß mit einer Stimme, worin die, den Frauen natuͤrliche Furcht mit dem Gefuͤhle beleidigter Wuͤrde kaͤmpfte. Es folgte eine Pauſe, als haͤtte Niemand Luſt gehabt, eine beſtimmte Antwort auf jene Frage zu geben. Endlich ſprach Ruthven:„Euer Gnaden iſt wohl bewandert in den Geſetzen und Geſchichten dieſes Landes, drum — 199 iſt's nicht vonnoͤthen, Euch zu ſagen, daß Mord und Ehebruch Verbrechen ſind, wofuͤr ſelbſt Koͤni⸗ ginnen mit dem Tode gebuͤßt haben. Und wo, Lord Ruthven, oder wie habt Ihr eine ſo entſetzliche Beſchuldigung gegen diejenige gefunden, ſo hier vor Euch ſtehet? ſprach die Koͤniginn. Die niedrigen und gehaͤfſigen Ver⸗ laͤumdungen, welche die oͤffentliche Meinung ver⸗ giftet, und mich als eine hilfloſe Gefangene in eure Gewalt gebracht haben, ſind gewiß kein Beweis der Schuld. Wir brauchen keinen weitern Beweis, als die ſchaͤndliche Heirath zwiſchen der Witwe des Ermor⸗ deten und dem Anfuͤhrer der Moͤrderrolle. Die⸗ jenigen, die im ungluͤcklichen Monat Mai ihre Haͤnde vereinten, hatten ſchon ihre Herzen und Entſchließungen vereinigt in jener That, die der Heirath nur wenige Wochen vorher ging. Lord Ruthven, ſprach die Koͤniginn lebhaft, erinnert Euch wohl, es haben außer mir noch andre ihre Zuſtimmung zu jener unſeligen Verbin⸗ dung gegeben, zu dieſer ungluͤcklichſten Handlung des ungluͤcklichſten Lebens. Die boͤſen Schritten G der Fuͤrſten ſind oft die Eingebungen ſchlechter Raͤthe, aber dieſe Raͤthe ſind ſchlimmer, als der boͤſe Feind, welcher in Verſuchung fuͤhrt und ver⸗ raͤth, wenn ſie ſelber zuerſt ihre ungluͤcklichen Fuͤrſten zur Rechenſchaft ziehen uͤber die Folgen ihres eigenen Rathes. Hoͤrtet Ihr nie von einer Schrift der Großen, llche dieſe ungluͤckliche Ver⸗ bindung der ungluͤcklichen Maria empfahlen? Mich daͤucht, bei genauer Unterſuchung wuͤrde man die Nahmen Morton Lindeſay und Ruthven 4 in jener Schrift finden, welche in mich drang. jenen ungluͤcklichen Mann zu heirathen— O Du* tapferer, redlicher Lord Herries, der Du nie Trug und Ehrloſigkeit kannteſt, Du bogeſt vergebens dein edles Knie vor mir, mich zu warnen vor der Gefahr, und zogeſt doch zuerſt dein gutes Schwert zu meiner Vertheidigung, als ich fuͤr die Mißach⸗ tung deines Rathes leiden mußte! Treuer Ritter und wahrer Edelmann, wie wenig gleicheſt Du jenen Menſchen, die zum Boͤſen riethen, und nun mein Leben bedrohen, weil ich in die Schlin⸗ gen gefallen bin, die ſie mir gelegt haben! Gnaͤdigſte Frau, ſprach Ruthven, wir wiſſen, — 201 daß Ihr eine Rednerin ſeid, und vielleicht darum hat der Staatsrath Maͤnner hieher geſandt, welche mehr Verkehr mit Kriegen gehabt haben, als mit der Sprache der Schulen, oder mit Staatsraͤnken. Wir begehren bloß, zu wiſſen, ob Ihr gegen die Zuſicherung eures Lebens und eurer Ehren die Herrſchaft uͤber das Koͤnigreich Schottland abgeben wollt. Und welche Buͤrgſchaft habe ich, ſprach die Koͤniginn, daß Ihr den Vergleich halten werdet, wenn ich meine koͤnigliche Wuͤrde mit Abgeſchie⸗ denheit vertauſchen, und in der Verborgenheit weinen wollte? Unſer Ehrenwort, gnaͤdigſte Frau, antwortete Ruthven. Das iſt eine zu leichte und unſichere Buͤrg⸗ ſchaft, Lord Ruthven, ſprach die Koͤniginn, thut wenigſtens eine Hand voll Diſtelwolle dazu, um ihr ein Gewicht in der Wagſchale zu geben. Fort Ruthven! rief Lindeſay. Sie war immer taub gegen Rath, ausgenommen von Sklaven und Schmeichlern. Laßt ſie bei ihrer Weigerung beharren! 202— Bleibt, Lord Lindeſay, ſprach Melville, oder erlaubet mir, ein paar Minuten mit Ihro Gnaden allein zu ſprechen. Kann meine Gegenwart hier einigen Nutzen bringen, ſo muß es durch Vermit⸗ telung geſchehen. Ich beſchwoͤre Euch, verlaßt das Schloß nicht, oder brecht die Unterhandlung nicht ab, bis ich Euch melde, wozu Ihro Gnaden ſich endlich entſchloſſen hat. Wir bleiben eine halbe Stunde in der Halle, ſprach Lindeſay Aber wenn ſie unſer Wort und das Unterpfand unſerer Ehre verſchmaͤhet, taſtet ſie die Ehre meines Nahmens an. Mag ſie ſelbſt ſehen, was ſie zu thun hat. Geht die halbe Stunde voruͤber, ohne daß ſie ſich entſchloſſen hat, dem Verlangen des Volkes zu willfahren, ſo wird ihre Laufbahn kurz genug ſein. Ohne viele Umſtaͤnde verließen die beiden Edelleute das Zimmer, gingen durch die Vorhalle, und als ſie die Wendeltreppe hinabſtiegen, hoͤrte man Lindeſay's maͤchtiges Schwert klirren, das gegen jede Stufe ſchlug. Georg Douglas folgte ihnen, als er durch eine Gebehrde gegen Melville ſein Erſtaunen und ſeine Theilnahme verrathen hatte. — 203 4 Kaum waren ſie hinaus, als die Koͤniginn, ihrem Schmerze und ihren Beſorgniſſen ſich uͤber⸗ laſſend, ſich in den Lehnſtuhl warf, ihre Haͤnde rang und der Verzweiflung ſich hinzugeben ſchien. Ihre weinenden Zofen ſuchten ſie zu beruhigen, und Melville that knieend dieſelbe Bitte. Nach einem heftigen Erguſſe ihres Kummers ſprach ſie d * endlich zu Melville:„Kniet nicht vor mir, Mel⸗ * ville— ſpottet meiner nicht mit einer Huldigung, die dem Herzen ſo fremd iſt! Warum bleibet Ihr bei der Entſetzten, der Verurtheilten? Vieleeicht hat ſie nur noch wenige Stunden zu leben! Ihr habt Gunſtbezeigungen erhalten, ſo gut als die Uebrigen; warum laßt Ihr den leeren Schein der Dankbarkeit laͤnger fortdauern, als ſie? So wahr der Himmel mir helfen ſoll in meinen 6 Noͤthen, gnaͤdigſte Frau, ſprach Melville, mein Herz iſt Euch ſo treu, als zu der Zeit, wo Ihr am hoͤchſten ſtandet. Mir treu! mir treu! wiederhohlte Marie, faſt hoͤhniſch. Still, Melville, was iſt das fuͤr 4 eine Treue, die mit der Falſchheit meiner Feinde 1 8 Hand in Hand gehet? Deine Hand und dein 5 2⁰ʃ S Schwert ſind nie ſo gute Bekannte geweſen, daß ich Dir trauen koͤnnte, wo es Mannhaftigkeit gilt... O Seyton, dein kuͤhner Vater, der iſt weiſe, treu und tapfer zugleich! Roland konnte nicht laͤnger den tief empfun⸗ denen Wunſch unterdruͤcken, einer ſo bedraͤngten, ſo ſchoͤnen Fuͤrſtinn ſeine Dienſte anzubieten. „Kann ein Schwert, ſprach er, etwas thun, die Weisheit dieſes ernſten Rathes zu unterſtuͤtzen, gnaͤdigſte Frau, oder eure gerechte Sache zu ver⸗ theidigen, hier iſt meine Waffe, und hier meine Hand bereit, ſie zu fuͤhren.“ Bei dieſen Worten erhob er mit der einen Hand ſein Schwert und legte die andre an den Griff. Da rief Katharina Seyton: Mich daͤucht, gnaͤdigſte Frau, ich ſeh' ein Zeichen von meinem Vater.“ Mit dieſen Worten eilte ſie vor, und Roland beim Saum des Mantels faſſend, fragte ſie ihn lebhaft, wie er zu dem Schwerte gekommen. Roland antwortete mit Ueberraſchung: Mich baͤucht, hier iſt nicht der Ort zu ſcherzen. Wahr⸗ lich, Fraͤulein, Ihr wißt es ſelber am bäßten, wo und wie ich dieſe Waffe erhalten habe — — 205 Iſt jetzt Zeit zu Poſſen? ſprach Katharina. Sogleich das Schwert gezogen! Wenn's die Koͤniginn mir gebietet, antwortete der Juͤngling, zu Maria blickend. Schaͤme Dich, Maͤdchen! fiel Maria ein, wollteſt Du den Juͤngling anreizen, unnuͤtzen Streit zu beginnen mit zwei der erprobteſten Krieger in Schottland? 3 Wenn's die Sache Euer Gnaden gilt, erwie⸗ derte Roland, wag' ich mein Leben gegen ſie. Bei dieſen Worten zog er das Schwert halb aus der Scheide, und ein Stuͤck Pergament, das um die Klinge gewickelt war, loͤſete ſich und fiel auf den Boden. Katharina Seyton nahm es eilig auf.„Es iſt meines Vaters Hand, ſprach Sie und gewiß bringt es Eurer Majeſtaͤt ſeinen beßten ehrerbie⸗ tigen Rath. Ich wußte, daß man den Vorſatz hatte, ihn mit dieſem Schwerte zu finden, aber ich erwartete einen Iudern Boten.“ Wahrlich, ſchoͤnes Kind, dachte Roland, wenn Du nicht gewußt haſt, daß ich eine ſolche geheime Sendung bei mir hatte, ich wußt' es noch weniger. Die Koͤniginn warf einen Blick auf den Zettel und war einige Augenblicke in tiefen Gedanken. „Sir Robert Melville, ſprach ſie endlich, dieſer Zettel raͤth mir, mich der Nothwendigkeit zu unter⸗ werfen, und die Urkunden zu unterſchreiben, welche dieſe harten Maͤnner mitgebracht haben, wie ich denn nicht anders, als der Furcht, nachgeben koͤnnte, welche die Drohungen von Aufruͤhrern und Moͤrdern einfloͤßen.“ Ihr ſeid ein verſtaͤn⸗ diger Mann, Sir Robert, und Seyton iſt klug und tapfer. Ich glaube, keiner von Euch beiden wird mich irre leiten wollen in dieſen Dingen. Ich bin nicht ſo ſtark, als Herries und Seyton, erwiederte Melville, aber im Eifer fuͤr die Sache Eurer Majeſtaͤt ſtehe ich Keinem nach. Ich kann nicht fechten fuͤr Euch, wie dieſe Herrn, aber Keiner von ihnen kann bereitwilliger ſein, in eurem Dienſte zu ſterben. Ich glaub' es, mein alter getreuer Rathgeber, hob Maria wieder an, und glaube Du mir, Mel⸗ ville, ich verkannte Dich nur einen Augenblick. 8 — A 207† Sieh, was uns Lord Seyton ſchreibt, und gib uns deinen beßten Rath. Melville blickte auf das Pergament und erwie⸗ derte alsbald:„O meine theure koͤnigliche Frau, nur Treuloſigkeit koͤnnte Euch einen andern Rath geben, als Lord Seyton hier ausgeſprochen hat. Er, Huntly, der engliſche Geſandte Throgmorton, und eure andern Freunde, ſind alle der Meinung, daß alle Urkunden, oder Schriften, ſo Ihr in dieſen Mauren unterzeichnet, alle Kraft und Giltig⸗ keit verlieren muͤſſen, da ſie Euch abgepreßt worden durch Zwang, durch Erduldung gegenwaͤrtiger Leiden, durch Menſchenfurcht, durch Furcht vor uungluͤcklichen Folgen eurer Weigerung. Gebet 0 alſo dem Strome nach, und ſeiet verſichert, Ihr verbindet Euch zu nichts, welche Urkunden ſie Euch auch zur Unterſchrift vorlegen moͤgen, da eurer Unterzeichnung mangelt, was ſie allein giltig machen kann, der freie Wille der Gewaͤhrung. Ja, ſo ſpricht Lord Seyton, erwiederte Marie. Aber mich daͤucht, fuͤr die Tochter eines ſo alten Koͤnigſtammes waͤre es nicht ſehr koͤniglich, ihrem Erbrechte zu entſagen, und wuͤrde in kuͤnftigen 208 Geſchichten fuͤr Maria's Ruhm nicht gut lauten. Nein, Sir Robert, die Verraͤther koͤnnen wohl ſchwere Drohungen und kuͤhne Worte anwenden, aber ſie werden's nicht wagen, ihre Hand an uns zu legen. Ach! gnaͤdigſte Frau, man hat ſchon ſo viel gewagt, und ſolchen Gefahren ſich ausgeſetzt durch alles, was man vermeſſen gethan, daß nur noch ein einziger Schritt bis zum Schlimmſten und Aeußerſten iſt. Wahrlich nein, erwiederte Maria, ihren Be⸗ ſorgniſſen ſich wieder uͤberlaſſend: ſchottiſche Edel⸗ leute wuͤrden ſich nicht dazu hergeben, ein hilfloſes Weib zu ermorden. Bedenkt, gnaͤdigſte Frau, ſprach Meloille, welche ſchrecklichen Schauſpiele man in unſern Tagen geſehen, und welche That war ſo ſchwarz, wozu nicht eine ſchottiſche Hand ſich erkuͤhnt haͤtte? Lord Lindeſay, muͤrriſch von Natur und von hartem Gemuͤthe, iſt der naͤchſte Blutsfreund von Heinrich Darnley, und Ruthven hat ſeine eigenen geheimen und gefahrlichen Anſchlaͤge. Auch redet man im Staatsrath von Beweiſen durch Schrift —— 209 und Wort, von einem Kaͤſtchen mit Briefen— und ich weiß nicht, wovon ſonſt. O guter Melville! erwiederte Marie, waͤr' ich ſo gewiß von der redlichen Unparteilichkeit meiner Richter, als von meiner Unſchuld— und rdoch— Still, gnaͤdigſte Frau, ſprach Melville, ſelbſt die Unſchuld muß zu Zeiten beleidigenden Tadel erdulden. Ueberdieß ſeid Ihr hier— Er ſah ſich um und ſchwieg. Redet frei, Melville, hob die Koͤniginn wieder an. Nie kam Jemand mir nahe, der Boͤſes gegen mich im Sinne gehabt haͤtte; und ſelbſt dieſem guten Edelknaben, den ich heute zum erſten Mahle in meinem Leben ſehe, kann eure Mit⸗ theilung ſicher anvertraut werden. Nun denn, gnaͤdigſte Frau, erwiederte Mel⸗ ville, da die Umſtaͤnde ſo dringend ſind, und er die Botſchaft von Lord Seyton uͤberbracht hat, ſo wage ich's vor ihm und dieſen beiden Fraͤulein, deren Treue ich nicht bezweifle, Euch zu ſagen, daß abgeſetzte Fuͤrſten oft auf andre Weiſe zum Tode gebracht werden, als durch offenes Gericht, Theil II. 14 210 und wie Macchiavelli ſagt, es iſt nur ein Schritt zwiſchen eines Koͤnigs Gefaͤngniß und ſeinem Grabe. 8 O waͤr' es nur ſchnell und leicht fuͤr den Leib, ſprach die ungluͤckliche Fuͤrſtinn, waͤr' es nur eine ſichere und gluͤckliche Veraͤnderung fuͤr die Seele, keine Frau wuͤrde ſo willig zu dem Schritte ſein als ich. Aber ach! Melville, wenn wir an den Tod gedenken, dann ſehen wir tauſend Suͤnden, die wir zertreten haben wie Gewuͤrme, wieder auf⸗ ſtehen gegen uns als flammende Schlangen. Die Anklage, daß ich an Darnley's Tode mitſchuldig geweſen, war hoͤchſt ehrenruͤhrig, aber— heilige Mutter des Herrn!— ich gab nur zu viel Anlaß zu dem Verdacht, als ich— Bothwell heirathete. Denkt jetzt nicht daran, gnaͤdigſte Frau, ſprach Melville, denket nur an eure und eures Sohnes Rettung. Fuͤget Euch jetzt dem unbilligen Ver⸗ langen und rechnet darauf, daß in Kurzem beſſere Zeiten kommen werden. Gnaͤdigſte Frau, hob Roland an, wenn's Euch gefäͤllt, ſo ſchwimm' ich alsbald durch den See, wofern man mich nicht an's Ufer laſſen will, 211 und ich gehe an die Hoͤfe von England, Frank⸗ reich und Spanien, und will zeigen, daß Ihr dieſe ſchaͤndlichen Schriften nur aus Furcht vor dem Tode unterzeichnet habt, und kaͤmpfe mit Jedem, der anders ſpricht. Die Koͤniginn wendete ſich um, und mit jenem ſuͤßen Laͤcheln, das in des Lebens roman⸗ tiſcher Zeit jede Gefahr reichlich verguͤtet, hielt ſie dem Juͤnglinge ihre Hand hin, ohne ein Wort zu ſprechen. Er kniete ehrerbietig nieder, und kuͤßte die Hand. Gunaͤdigſte Frau, hob Melville wieder an, die Zeit dringt, und Ihr duͤrfet die Boote, die man eben jetzt bereit macht, wie ich ſehe, nicht abfahren laſſen. Hier ſind Zeugen genug— eure beiden Fraͤulein, dieſer kuͤhne Juͤngling— ich ſelber, wenn's eurer Sache wirklich nuͤtzlich ſein kann, denn ich moͤchte mich nicht uͤbereilt bloß ſtellen in dieſer Sache— aber auch ohne mich ſind hier Zeugen genug, die darthun koͤnnen, daß Ihr dem Verlangen des Staatsrathes nur durch Ge⸗ walt und Furcht gezwungen, nicht aber aufrichtig und freiwillig nachgegeben habt. Die Schiffer ſind — 1 bereits in den Booten— o erlaubt es eurem alten Diener, ſie zuruͤck zu rufen. Melville, ſprach die Koͤniginn, Du biſt ein alter Hofmann; aber haſt Du je einen Fuͤrſten geſehen, der Unterthanen zu ſich zuruͤck gerufen haͤtte, die unter ſolchen Umſtänden von ihm ge⸗ gangen waren, als dieſe Boten des Staatsrathes? Nein, und ſollt' es mir Leben und Krone koſten, ich rufe ſie nicht noch einmahl zu mir zuruͤck. Ach! gnaͤdigſte Frau, ſoll dieſe leere Foͤrm⸗ lichkeit ein Hinderniß werden? Verſteh' ich Euch recht, ſo ſeid Ihr nicht abgeneigt, auf einen vor⸗ theilhaften Rath zu hoͤren— aber eure Bedenk⸗ lichkeit iſt gehoben; ich hoͤre, ſie kommen zuruͤck, euren endlichen Entſchluß zu erfahren.— Oachtet auf den Rath des edlen Seyton, und Ihr koͤnnt noch einmahl uͤber diejenigen herrſchen, die ſich jetzt eines Sieges uͤber Euch anmaßen... Still, ſie ſind im Vorſaal. In dieſem Augenblicke, oͤffnete Georg Douglas die Thuͤre und fuͤhrte die beiden Abgeſandten herein. Wir kommen, gnaͤdigſte Frau, ſprach Ruthven, 3 . —— 213 Euch um eure Antwort auf den Antrag des Staats⸗ rathes zu bitten. 4 Eure entſcheidende Antwort, fiel Lindeſay ein; denn auf eine Weigerung folgt die Gewißheit, daß Ihr euer Schickſal beſchleunigt, und die letzte Ge⸗ legenheit aufgegeben habt, euren Frieden mit Gott zu machen und Euch einen laͤngern Aufenthalt in der Welt zu ſichern. Maria aber ſprach mit unbeſchreiblicher An⸗ muth und Wuͤrde:„Uebeln, welche wir nicht ab⸗ wenden koͤnnen, muͤſſen wir uns unterwerfen. Ich will dieſe Urkunden mit ſo viel Freiwilligkeit unterſchreiben, als meine Lage geſtattet. Waͤr' ich druͤben am Geſtade, auf einem fluͤchtigen Pferde, von zehn guten und treuen Rittern umgeben, ich unterſchriebe eher das Urtheil meiner ewigen Ver⸗ dammniß, als die Tyronentſagung. Hier aber, im Schloſſe Lochleven, von tiefem Waſſer umge⸗ ben, und Euch, Ihr Herrn, an meiner Seite, hier hab' ich nicht freie Wahl. Gebt mir die Feder, Melville, und ſeiet Zeuge von dem, was ich thue, und warum ich's thue.“ Wir hoffen, gnaͤdigſte Frau, Ihr werdet nicht 214 meinen, daß Ihr durch Furcht vor uns gezwungen waͤret, etwas zu thun, das eure eigene freiwillige Handlung ſein muß. Die Koͤniginn hatte ſich bereits dem Tiſche genaͤhert, das Pergament vor ſich gelegt, und hielt die Feder in der Hand, zu dem wichtigen Schritte der Unterzeichnung bereit. Als aber Lord Ruthven geſprochen, blickte ſie auf, und die Feder wegwerfend, hob ſie an:„Wenn man von mir die Erklaͤrung erwartet, daß ich meine Krone aus freiem Wilen, oder aus andern Urſachen, als weil ich zur Entſagung durch Androhung größe⸗ rer Uebel fuͤr mich und meine Unterthanen gezwun⸗ gen bin, ſo ſetze ich meinen Nahmen nicht zu einer ſolchen Unwahrheit, und ſollt' ich vollen Beſitz von England, Frankreich und Schottland erhal⸗ ten, einſt alle mein eigen, durch Beſitz oder dem Rechte nach.“ 3 Seht Euch vor, ſprach Lindeſay und druͤckte den Arm der Koͤniginn mit ſeinem Panzerhand⸗ ſchuh in der wilden Aufwallung der Leidenſchaft veſter, als er vielleicht ſeiber werkte: ſehet Euch vor, wie Ihr mit denjenigen ſtreitet, ſo die — 215 Staͤrkeren ſind und uͤber euer Schickſal Gewalt haben. Er hielt ihren Arm veſt, und heftete einen zornigen, erſchreckenden Blick auf ſie, bis endlich Ruthven und Melville ihm zuriefen, von ſo ſchmaͤh⸗ licher Behandlung abzulaſſen, und Douglas, der zeither in anſcheinender Gleichgiltigkeit zugeſehen hatte, naͤher trat, als haͤtte er ſich einmiſchen wollen. Der Rohe ließ nun Mariens Arm los, und verbarg die Verlegenheit, die er wirklich dar⸗ uͤber empfand, daß er ſich ſeiner Leidenſchaft ſo ſehr uͤberlaſſen hatte, unter einem tuͤckiſchen und verachtenden Laͤcheln. Die Koͤniginn aber, ihren Schmerz verrathend, ſtreifte alsbald den Aermel ihres Gewandes auf, und es zeigten ſich auf dem gedruͤckten Arme die purpurnen Spuren vom Griffe der eiſernen Finger. „Lord Lindeſay, ſprach ſie, Ihr haͤttet als Ritter und als Edelmann, meinem ſchwachen Arme wohl einen ſo harten Beweis erſparen koͤnnen, daß die groͤßte Staͤrke auf eurer Seite iſt, und daß Ihr entſchloſſen ſeid, Gebrauch davon zu machen. Aber ich danke Euch auch dafuͤr; es iſt die ent⸗ 216— 5 ſcheidendſte Probe von der Art und Weiſe, wie das Geſchaͤft des heutigen Tages verhandelt werden ſoll. Ich nehme Euch zu Zeugen, Ihr Herrn und Frauen, ſetzte ſie hinzu, die Spuren von Lindeſay's Druck auf ihrem Arme zeigend: daß ich dieſe Urkunden unterſchreibe, aus Gehorſam gegen Lord Lindeſay's Handzeichen, das Ihr hier auf meinem Arm eingedruͤckt ſehen koͤnnt.“ Lindeſay wollte das Wort nehmen, aber Lord Ruthven unterbrach ihn.„Ruhig, Mylord! Laßt Frau Maria von Schottland ihre Unterſchrift herleiten, woraus ſie will; es iſt unſer Geſchaͤft, ſie uns zu verſchaffen, und ſie dem Staatsrathe zu uͤberbringen. Sollte in der Folge Streit uͤber die Art der Anwendung entſtehen, ſo wird ſich dann ja weiter daruͤber ſprechen laſſen.“ Lindeſay ſchwieg, und murmelte in den Bart: „Ich woltte ihr nicht wehe thun, aber es ſieht aus, als ob Weiberfleiſch ſo zart würe, als friſch gefallener Schnee.“ Die Koͤniginn unterſchrieb indeſſen die Perga⸗ mente mit haſtiger Gleichgiltigkeit, als waͤre es von geringer Bedeutung und nichts als bloße 217 Foͤrmlichkeit geweſen. Kaum war dieſes peinliche Geſchaͤft vollbracht, ſo ſtand ſie auf, und nach iner Verbeugung gegen die Abgeſandten, wollte ſie in ihr Gemach gehen. Ruthven machte eine foͤrmliche Verbeugung, Melville aber verrieth in ſeiner Begruͤßung, daß der Wunſch, ſein Mit⸗ gefuͤhl zu aͤußern, durch die Beſorgniß gehemmt wurde, in den Augen ſeiner Gefaͤhrten zu parteilich fuͤr ſeine ehemahlige Gebieterin zu erſcheinen. Lindeſay ſtand unbeweglich, ſelbſt als die Andern im Begriffe waren, aufzubrechen. Endlich, wie von einem ploͤtzlichen Antriebe bewegt, ging er um den Tiſch, der bis dahin zwiſchen ihnen und der Koͤniginn geweſen war, ließ ſich auf ein Knie nieder, kuͤßte ihre Hand, ließ ſie fallen, und ſprach aufſtehend:„Frau, Du biſt ein edles Ge⸗ ſchoͤpf, wenn Du auch Gottes köſtliche Gaben gemißbraucht haſt. Ich beweiſe dieſe Ehrerbietung deinem maͤnnlichen Geiſte, aber nie wuͤrd' ich ſie der Macht bewieſen haben, die Du lange unver⸗ dient beſeſſen haſt— ich kniee vor Maria Stuart, nicht vor der Koͤniginn.“ Die Koͤniginn und Maria Stuart bemitleiden 218 Dich beide, Lindeſay, ſprach ſie, beide bemitleiden Dich und ſie verzeihen Dir. Ein ehrenwerther Krieger warſt Du an eines Koͤnigs Seite— mit Empoͤrern verbuͤndet, was biſt Du anders, als eine gute Klinge in der Hand eines Moͤrders?— Lebet wohl, Lord Ruthven— der glaͤttere, aber der verſtecktere Verraͤther! Lebt wohl, Melville! Moͤgeſt Du Gebieter finden, die Staatsklugheit beſſer verſtehen, und Mittel haben, ſie reichlicher zu belohnen, als Maria Stuart.— Lebt wohl, Georg Douglas! Meldet eurer geehrten Groß⸗ mutter, daß wir dieſen uͤbrigen Tag allein zu ſein wuͤnſchen. Gott weiß es, wir haben es noth⸗ wendig, unſre Gedanken zu ſammeln. Alle verbeugten ſich und gingen; aber kaum waren ſie im Vorzimmer, als Ruthven und Linde⸗ ſay ſchon in Unfrieden waren.„Scheltet mich nicht, Ruthven!“ hoͤrte man Lindeſay ſagen, zur Antwort auf Etwas, das jener weniger deut⸗ lich ausgeſprochen hatte:„Scheltet mich nicht, ich will das nicht leiden. Ihr habt mir das Henkers⸗Geſchaͤft in dieſer Sache aufgetragen, und ſelbſt der Henker hat die Erlaubniß, gleichſam „ * 219 Verzeihung von denjenigen zu bitten, an welchen er ſeine Pflicht ausuͤbt. Ich wollte, mir waͤre ein ſo triftiger Grund gegeben, der Freund dieſer Frau zu ſein, als ich ihr Feind ſein muß, Du ſollteſt ſehen, ob ich Leib und Leben ſchonte im Kampfe fuͤr ſie.“ Ei Du biſt mir ein ſuͤßer Guͤnſtling, ſprach Ruthven, fuͤr eine Frau zu fechten, und alles das fuͤr eine glatte hohe Stirne und eine Thraͤne im Auge. An ſolche Poſſen haſt Du ſeit vielen Jahren nicht gedacht. Thut mir nicht unrecht; Ruthven! antwortete Lindeſay. Ihr gleicht einem glatten Bruſtſtück; es ſcheint praͤchtiger, iſt aber nicht ein bischen weicher, nein's iſt fuͤnfmahl haͤrter, als ein Harniſch von geſchlagenem Eiſen. Genug, wir kennen einander. Sie ſtiegen die Treppe hinab. Man hoͤrte im Zimmer der Koͤniginn, wie ſie befahlen, mit ihren Booten zu kommen. Maria gab Roland ein Zeichen/ ſich in den Vorſaal zu begeben und ſie mit ihren beiden Fraͤulein allein zu laſſen. VIII. Roland ſtand an einem kleinen Fenſter des Vorſaales und beobachtete die Abfahrt der Geſand⸗ ten. Er ſah, wie ihre Reiſigen am Geſtade ſich unter ihre Banner ſammelten, waͤhrend die Abend⸗ ſonne auf ihren Harniſchen und Helmen glaͤnzte, als ſie ſich hin und her bewegten, und abwechſelnd auf⸗ oder abſtiegen. Ruthven und Lindeſay gingen auf dem ſchmalen Uferrande vom Schloſſe langſam zum Landungsplatze, begleitet von der Burgherrinn, ihrem Enkel und den Erſten ihrer Dienerſchaft. Alle nahmen feierlich Abſchied, wie Roland aus ihren Gebehrden ſchloß, und die Boote ſtießen vom Ufer. Die Rudrer arbeiteten munter und bald verkleinerten ſie ſich vor dem Blicke des muͤſſi⸗ gen Beobachters, der nichts beſſeres zu thun hatte, als ihre Bewegungen zu bewachen. Auch die Edelfrau von Lochleven und Georg Douglas ſchie⸗ nen ein Gleiches zu thun. Als ſie vom Landungs⸗ platze zuruͤck kehrten, ſahen ſie oft nach den Booten ſich um, und verweilten endlich unter dem Fenſter, wo Roland beobachtete. Er hoͤrte, wie die Edel⸗ 221 frau, als Beide den eilenden Booten nachblickten, zu ihrem Enkel ſagte:„Und ſie hat alſo den ſtolzen Sinn gebeugt, um ihr Leben auf Soſten ihrer Krone zu retten?“ Ihr Leben? ſprach Douglas. Ich weiß nicht, wer es wagen wollte, in meines Vaters Schloſſe ihrem Leben nachzuſtellen. Haͤtte es mir einfallen koͤnnen, daß Lindeſay in ſolcher Abſicht darauf beſtand, ſeine Begleiter mitzunehmen, weder er noch ſie haͤtten durch das eiſerne Thor des Schloſſes Lochleven kommen ſollen. Ich rede nicht von heimlichem Morde, mein Sohn, ſondern von oͤffentlicher Unterſuchung, Ver⸗ urtheilung und Hinrichtung; denn nur damit hat man ſie bedroht, und ſolchen Drohungen hat ſie nachgegeben. Haͤtte ſie nicht mehr von dem falſchen Blute der Guiſen in ihren Adern, als von dem edlen ſchottiſchen Blute, ſie wuͤrde ihnen kuͤhnlich Trotz geboten haben. Aber es iſt uͤberall von gleicher Art, und Niedertraͤchtigkeit iſt die natuͤr⸗ liche Gefaͤhrtinn der Liederlichkeit. Ich werde alſo heute nicht ihrem gnaͤdigen Blicke zur Laſt fallen. Gehe Du, mein Sohn, und verſieh deinen 222 gewoͤhnlichen Dienſt bei der Meihliei dieſer ent⸗ koͤnigten Koͤniginn. 3 So wollt Ihr's, Frau Mutter, erwiederte Douglas. Mir liegt wenig daran, mich ihr zu naͤhern. Du haſt recht, mein Sohn, und deßhalb rechne ich auf deine Klugheit, eben weil ich deine Vorſicht bemerkt habe. Sie iſt wie eine Inſel im Weltmeere, von Untiefen und Sandbaͤnken um⸗ geben; ihr freundliches Gruͤn lockt das Auge an, aber man ſieht da das Wrack von manchem Schiffe, das ſich zu unbeſonnen genaͤhert hat. Fuͤr Dich, mein Sohn, bin ich unbeſorgt. Unſre Ehre fodert es, daß jemand von uns zugegen iſt, wenn ſie ſpeiſet. Sie koͤnnte ſterben durch des Himmels Rathſchluß, oder der boͤſe Feind koͤnnte Gewalt uͤber ſie haben in ihrer Verzweiflung, und dann wuͤrde es unſre Ehre verlangen, daß wir zeigten, ſie haͤtte in unſerm Hauſe und an unſerm Tiſche nur redliches Betragen und geziemende Behand⸗ lung erfahren. Roland ward in dieſem Augenblicke durch einen kruͤftigen Schlag auf die Achſel geſtoͤrt, der ihn — 223 lebhaft an Woodcock's Abenteuer am Abende des vorigen Tages erinnerte. Er wendete ſich um, faſt in der Erwartung, den Edelknaben aus der Herberge zum heiligen Michael zu erblicken. Er ſah Katharina Seyton, aber in einer weiblichen Kleidung, die in Stoff und Schnitt ſehr verſchie⸗ den von dem Anzuge war, worin er ſie bei der erſten Zuſammenkunft geſehen hatte, und die auch fuͤr die Tochter eines maͤchtigen Edlen und die Geſellſchafterinn einer Fuͤrſtinn beſſer paßte. Ei, ſchoͤner Edelknabe, ſprach ſie, Horchen iſt alſo wohl auch einer von euren Edelknaben⸗ Vorzuͤgen? Schoͤne Schweſter, erwiederte Roland in dem⸗ ſelben Tone: wenn gewiſſe Freunde von mir mit unſerm uͤbrigen Geheimniſſe ſo bekannt ſind, als mit Fluchen, Großſprecherei, und Peitſchenhieben, ſo brauchen ſie bei keinem Edelknaben in der Chri⸗ ſtenheit nach weiterer Kenntniß von ſeinem Berufe zu forſchen. Wenn Ihr mit dieſen huͤbſchen Worten nicht etwa zu verſtehen geben wollet, daß Ihr ſeit unſrer letzten Zuſammenkunft ſelbſt die Peitſche bekommen 224 3— habt, was mir keineswegs unwahrſcheinlich iſt, ſo muß ich bekennen, ſchoͤner Edelknabe, daß ich nicht errathen kann, was Ihr meint. Aber wir haben jetzt nicht Zeit, daruͤber zu verhandeln. Man bringt das Abendeſſen. Seid ſo gut, euer Amt zu verſehen.. Vier Diener traten mit Schuͤſſeln herein; voran der finſtre alte Haushofmeiſter, den Roland ſchon bemerkt hatte, und ihnen folgte Georg Douglas, welcher, das Amt eines Seneſchalles verwaltend, die Stelle ſeines Vaters, des Burg⸗ herrn, vertrat. Er hatte die Arme untergeſchlagen, und ſeine Blicke waren tief geſenkt. Mit Rolands Hilfe wurde der Tiſch im mittleren Gemache gedeckt, und ſobald die Diener ihre Schuͤſſeln ehrerbietig hingeſetzt hatten, und die Tafel in Ordnung war, verbeugten ſich der Haushofmeiſter und Douglas tief, als ob ihre koͤnigliche Gefangene bereits ihren Platz am Tiſche eingenommen haͤtte. Die Thuͤre oͤffnete ſich. Douglas blickte ſchnell auf, und ſenkte alsbald wieder ſeine Blicke, als er ſah, daß nur Marie Fleming erſchien. Sie ſagte, die Koͤniginn wolle nicht zu Abend eſſen. — — 225 Wir wollen hoffen, daß es ihr anders gefallen werde, erwiederte Douglas, und indeſen unſre Pflicht erfuͤllen. Ein Diener reichte nun Brod und Salz auf einem ſilbernen Teller umher, und der alte Haus⸗ hofmeiſter ſchnitt von jedem der aufgetragenen Gerichte ein kleines Stuͤck fuͤr Douglas ab, das dieſer koſtete, wie es damahl Sitte an fuͤrſtlichen Tafeln war, wo man den Tod oft unter der Huͤlle der Lebensnahrung zu finden argwohnte. Die Koͤniginn will alſo heute Abend nicht er⸗ ſcheinen? fragte Douglas. So war ihr Entſchluß, antwortete das Kam⸗ merfraͤulein. Unſre laͤngere Gegenwart iſt dann un bergäſſg. Wir laſſen Euch allein bei Tiſche, ſchoͤne Feintann. und wuͤnſchen Euch gute Nacht. Er entfernte ſich langſam, wie er gekommen war, mit niedergeſchlagenem Blicke. Die Diener⸗ ſchaft folgte ihm. Die beiden Fraͤulein ſetzten ſich zu Tiſche, und Roland bereitete ſich mit freudiger Hurtigkeit, ihnen aufzuwarten. Katharina Seyton fliſterte der Andern etwas zu, und dieſe antwortete Theil II. 15 226 leiſe, mit einem Blicke auf Roland:„Iſt er von edler Herkunft und gut erzogen?“. Die Antwort ſchien befriedigend zu ſein, denn ſte ſprach zu Roland:„Setzt Euch, junger Herr, und eßt mit euren Mitgefangenen.“ Erlaubt mir lieber, meine Pflicht zu thun und Euch zu bedienen, erwiederte Roland, der gern zeigen wollte, daß er die Ehrerbietung kannte, welche die Geſetze der Ritterſchaft gegen das weib⸗ liche Geſchlecht, und beſonders gegen Frauen und Fraͤulein vorſchrieben. Ihr werdet finden, junger Herr, daß Euch nicht viel Zeit zu euren Mahlzeiten vergoͤnnt iſt, ſprach Katharina. Verſchwendet ſie nicht mit Höflichkeitsbezeigungen, oder Ihr koͤnnt eure Artig⸗ keit bereuen, ehe es Morgen wird. Ihr ſprecht zu frei, Maͤdchen! hob das aͤltere Fraͤulein an. Die jugendliche Sittſamkeit ſollte Euch ein geziemenderes Benehmen gegen Jemand lehren, den Ihr heut zum erſtenmahl ſeht. Katharina ſchlug die Augen nieder, aber erſt warf ſie einen unausſprechlich ſchlauen Blick auf Roland, den ihre ernſtere Geſpielinn nun im Tone m· 22⁷ einer Beſchuͤtzerinn anredete:„Seht ſie nicht an, junger Herr. Sie verſteht wenig von der Sitte der Welt, als was ſie in einem Kloſter auf dem Lande gelernt hat. Setzt Euch unten an den Tiſch und erquickt Euch nach der Reiſe.“ Roland gehorchte willig, da er den ganzen Tag noch nichts gegeſſen hatte, aber ſo munter auch ſeine Eßluſt war, er wurde durch ſeine natuͤrliche Neigung zur Artigkeit gegen die Frauen, durch den Wunſch, ſich als einen wohl gebildeten hoͤflichen Ritterjuͤngling zu zeigen, und gewiß auch durch das Vergnuͤgen, Katharina zu bedienen, waͤhrend der Mahlzeit immer aufgeregt, jene Dienſte zu leiſten, welche die feinen Herrn ſeiner Zeit zu erweiſen pflegten. Er legte ſauber und anſtaͤndig vor, und ermangelte nicht, den beiden Fraͤulein das Erleſenſte darzubieten. Ehe ſie einen Wunſch ausgeſprochen hatten, ſprang er auf, ihn zu erfuͤllen; ſchenkte Wein, miſchte ihn mit Waſſer, und leiſtete alle Dienſte mit freudigem Eifer, tiefer Ehrerbietung und anmuthiger Behendigkeit. Als er ſah, daß Beide ihre Mahlzeit geendigt hatten, eilte er mit Gießkanne, Waſchbecken und Handtuch zu dem aͤltern Fraͤulein und bediente ſie mit einer Feierlichkeit und einem Ernſte, wie er gegen die Koͤniginn Marie ſelbſt gezeigt haben wuͤrde. Dar⸗ auf trat er mit dem friſch gefuͤllten Becken auch vor Katharina Seyton. In der Abſicht vermuth⸗ lich, ihn, wo moͤglich, aus der Faſſung zu bringen, ſpritzte ſie, beim Haͤndewaſchen, dem eifrigen Diener, als waͤre es durch Zufall geſchehen, einige Waſſertropfen ins Geſicht. Hatte ſie eine ſo heil⸗ loſe Abſicht, ſo ſah ſie ſich gaͤnzlich getaͤuſcht, und Roland, der ſich auf ſeine Selbſtbeherrſchung heimlich etwas einbildete, ließ ſich weder ins Lachen, noch aus der Faſſung bringen. Katharina gewann durch ihre Froͤhlichkeit nichts, als einen ſtrengen Verweis von ihrer Gefaͤhrtinn, die ihr Ungeſchick und Unanſtaͤndigkeit vorwarf. Sie antwortete nicht, ſondern ſaß ſchmollend, wie ein verzogenes Kind, das auf die Gelegenheit wartet, an irgend Jemanden ſeine Empfindlichkeit fuͤr einen verdien⸗ ten Verweis auszulaſſen. Maria Fleming war indeſſen ſehr zufrieden mit der ſchnellen und ehrerbietigen Dienſtfertigkeit des Edelknaben, und ſprach zu Katharina, nach — 229 einem guͤnſtigen Blicke auf Roland:„Ihr habt mit Recht geſagt, Katharina, unſer Gefaͤhrte in der Unthaͤtigkeit ſei von guter Herkunft und feiner Bildung. Ich moͤchte ihn nicht eitel machen durch mein Lob; aber bei ſeinen Dienſtleiſtungen ent⸗ behren wir Georg Douglas nicht, der nur, wenn die Koͤniginn ſelber zugegen iſt, ſich herab laͤßt, auch uns zu bedienen.“ Hm!l ich daͤchte kaum! antwortete Katharina. Georg Douglas iſt einer der huͤbſcheſten Ritter⸗ juͤnglinge in Schottland, und es iſt eine Freude, ihn anzuſehen, ſelbſt wenn das finſtere Weſen, das im Schloſſe Lochleven herrſcht, auch uͤber ihn die Schwermuth verbreitet hat, wie uͤber alles andre. Als er in Holyrood*) war, wer haͤtte da gedacht, der junge muntre Douglas wuͤrde ſich's gefallen laſſen, hier in Lochleven den Waͤchter zu machen, ohne eine froͤhlichere Beſchaͤftigung als ein paar hilfloſe Weiber einzuſchließen. Ein ſeltſames Amt fuͤr einen Ritter von dem wunden Herzen! Warum uͤberlaͤßt er's nicht ſeinem Vater, oder ſeinen Bruͤdern? *) Koͤnigliches Schloß zu Edinburgh. 230— Er hat vielleicht, wie wir, keine andre Wahl, erwiederte Fraͤulein Fleming. Aber Du haſt deinen kurzen Aufenthalt am Hofe gut benutzt, Katha⸗ rina, daß Du Dich ſo gut erinnerſt, was Douglas zu jener Zeit war. Ich gebrauchte meine Augen, was ich ver⸗ muthlich thun ſollte, und es war der Muͤhe werh, ſie da zu gebrauchen. Als ich im Kloſter lebte, waren ſie ziemlich nutzloſe Zubehoͤrungen, und nun hier in Lochleven taugen ſie zu nichts, als auf dieſe ewige Stickerei zu ſehen. „Ihr ſprecht ſchon ſo und ſeid erſt ſo kurze Zeit bei uns? antwortete Fraͤulein Fleming. War dieß das Maͤdchen, das in einen Kerker leben und ſterben wollte, wenn's ihr nur vergoͤnnt waͤre, ihre huldvolle Koͤniginn zu bedienen? Nein, wenn Ihr in Ernſt ſcheltet, iſt mein Scherz vorbei, ſprach Katharina. In der Zunei⸗ gung gegen meine gute Pathinn weiche ich nicht der ernſthafteſten Frau, mit weiſen Spruͤchen im Munde, und mit einem zweimahl geſtaͤrkten Kragen um den Hals. Ihr wißt's, Fraͤulein Maria 231 Fleming, ich will's nicht, und wer anders ſagt, thut mir Schimpf an. Sie will das andere Fraͤulein herausfodern, dachte Roland; ſie will ihr gewißlich den Fehde⸗ handſchuh hinwerfen, und wenn Fraͤulein Fleming das Herz hat, ihn aufzuheben, ſo haben wir ein Gefecht in den Schranken. Fraͤulein Marie aber gab eine Antwort, die allen Zorn beſaͤnftigen konnte.„Du biſt ein gutes Kind, liebe Katharina, und getreu; aber Gott erbarme ſich deſſen, der einſt ein ſo ſchoͤnes Ge⸗ ſchopf haben ſoll, ihn zu erfreuen, und ein ſo heil⸗ loſes Ding, ihn zu quaͤlen. Du biſt im Stande, zwanzig Maͤnner zum Wahnſinn zu treiben.“ Nieeinn, ſprach Katharina, und ließ ihrer ſorg⸗ loſen Laune vollen Lauf: der muß zuvor aber⸗ witzig geweſen ſein, der mir eine ſolche Gelegen⸗ heit gibt. Aber es freut mich, daß Ihr nicht im Ernſte boͤſe auf mich ſeid, ſetzte ſie hinzu, ſich in 1 die Arme ihrer Freundinn werfend, und ſie auf 4 beide Wangen kuͤſſend, fuhr ſie fort, mit dem Tone zaͤrtlicher Entſchuldigung:„Ihr wißt ja, liebe Fleming, ich habe mit meines Vaters hohem 232 Stolze und meiner Mutter kuͤhnem Muthe zu kaͤmpfen— Gott ſegne ſie! Dieſe guten Eigen⸗ ſchaften haben ſie mir hinterlaſſen, und hatten mir in dieſen ſchlimmen Zeiten ſonſt keine große Mitgift zu geben. Seht, ſo bin ich eigenſinnig und trotzig geworden; aber laßt mich nur eine Woche in dieſem Schloſſe bleiben, liebe Fleming, und mein Geiſt wird ſo gezuͤchtigt und ſo denärhig ſein, als der eurige.“ Dees Fraͤuleins Gefuͤhl fuͤr Wuͤrde und Hang zur Foͤrmlichkeit, konnten dieſem liebevollen Auf⸗ rufe nicht widerſtehen. Sie kuͤßte Katharina zaͤrt⸗ lich, und ſprach:„Nein, liebe Katharina, das verhuͤte der Himmel, daß Ihr irgend etwas verlieren folltet, was eurem leichten Herzen und eurer muntern Laune ſo gut ſteht. Laßt euren ſcharfen Witz nur nicht uͤber die Schnur hauen, und er kann uns nur Freude machen. Aber laß mich gehen, tolles Maͤdchen— Ich hin den fülbernen Ruf der Koͤniginn.“ Mit dieſen Worten loͤſte ſie ſich aus Katharina's Armen, und ging zu dem Gemache der Koͤniginn, woher der leiſe Ton eines ſilbernen Pfeifchens kam, * 233 deſſen heute zu Tage nur der Hochbootsmann auf Schiffen ſich bedient, das zu jenen Zeiten aber, in Ermangelung von Klingeln, die gewoͤhnliche Art ſelbſt der vornehmſten Frauen war, ihre Dienſtboten zu rufen. Als ſie ein Paar Schritte gegen die Thuͤre gemacht hatte, kehrte ſie um, und ſprach zu den jungen Leuten in einem ſehr ernſten, aber leiſen Tone:„Ich hoffe, es kann unmoͤglich jemand von uns vergeſſen, daß wir Wenige den Hofſtaat der Koͤniginn von Schott⸗ land ausmachen, und daß, bei ihren Drangſalen, aller kindiſche Frohſinn und Scherz nur dazu dienen wuͤrde, ihren Feinden einen groͤßern Sieg zu geben; ſie haben ja ſchon ihre Rechnung dabei gefunden, ihr jede froͤhliche Thorheit, welche die muntre Jugend an ihrem Hofe trieb, zum Vorwurfe zu machen.“ 1 Mit dieſen Worten ging ſie hinaus. Katha⸗ rina ſchien uͤber die Ermahnung ihrer Freundinn ſehr betroffen zu ſein. Sie ſank in einen Lehn⸗ ſtuhl, und ſaß eine Zeitlang, den Kopf auf ihre Hand ſtuͤtzend. Roland aber blickte ernſtlich auf ſie, und es war in ſeinem Innern eine Miſchung 234 von Empfindungen, die er ſelber vielleicht haͤtte weder zergliedern, noch erklaͤren koͤnnen. Als ſie ihr Geſicht langſam aus der Stellung erhob, worein die Regung eines Selbſtvorwurfes es gebeugt hatte, begegnete ihr Auge dem Blicke des Juͤng⸗ lings und belebte ſich allmaͤhlig mit dem Geiſte des boshaften Scherzes, der es gewoͤhnlich beſeelte, und ganz natuͤrlich einen aͤhnlichen Ausdruck in dem Auge des eben ſo fluͤchtigen Edelknaben er⸗ weckte. Sie ſaßen zwei Minuten, und ſahen ſich einander mit großem Ernſt in ihren Zuͤgen und vieler Froͤhlichkeit in ihren Augen, ins Geſicht, bis endlich Katharina das Schweigen brach. Duͤrfte ich Euch bitten, ſchoͤner Herr, hob ſie ſehr ſproͤde an: mir zu ſagen, was Ihr in meinem Geſicht ſehet, das ſo ungemein ſcharfe und kundige Blicke reizen koͤnnte, als womit Ihr mich zu beehren beliebt? Es koͤnnte ausſehen, als ob Wunder was fuͤr eine Vertraulichkeit und ein Einverſtaͤndniß zwiſchen uns waͤre, wenn man nach euren ungemein ſchlauen Blicken urtheilen wollte, und der Himmel weiß es, ich habe Euch ja nur zweimahl vorher geſehen. —— 235 Und wenn ich ſo dreiſt ſein darf zu fragen, wo waren dieſe gluͤcklichen Gelegenheiten? Im Nonnenkloſter der heiligen Katharina zuerſt, und dann fuͤnf Minuten lang bei einem gewiſſen Einfall, den Ihr in das Haus meines Vaters, des Lords Seyton, zu machen beliebtet, und wovon Ihr zu meiner und vermuthlich auch zu eurer Verwunderung mit einem Zeichen von Freundſchaft und Gunſt zuruͤck kehrtet, ſtatt mit zerſchlagenen Gebeinen, die Ihr fuͤr eine ſolche Zudringlichkeit, bei dem raſchen Zorn des Hauſes Seyton, eher haͤttet davon tragen koͤnnen. Es kraͤnkt tief, ſetzte ſie ſpoͤttiſch hinzu: daß eure Erinnerung bei einer ſo wichtigen Sache einer Auffriſchung bedarf, und daß mein Gedaͤchtniß bei einer ſolchen Gelegenheit ſtaͤrker als das eurige ſich zeigt, iſt wahrhaftig demuͤthigend. Euer eigenes Gedaͤchtniß iſt nicht ſo ganz genau, ſchoͤnes Fraͤulein, antwortete Roland. Ich ſehe, Ihr habt das dritte Zuſammentreffen vergeſſen, in der Schenke zum heiligen Michael, als es Euch gefiel, meinen Reiſegefaͤhrten mit der Peitſche uͤber das Geſicht zu hauen, ohne Zweifel, 236 um zu zeigen, daß im Hauſe Seyton weder der raſche Zorn, noch der Gebrauch des Kriegerwamm⸗ ſes und der Beinkleider dem ſaliſchen Geſetze unter⸗ worfen, oder bloß auf Maͤnner beſchraͤnkt iſt. Schoͤner Herr, erwiederte Katharina, mit veſtem Blicke und nicht ohne Ueberraſchung: wenn Euch nicht euer ſchoͤner Verſtand davon gelaufen iſt, ſo weiß ich nicht zu errathen, was Ihr ſagen wollet. Wahrlich, ſchoͤnes Fraͤulein, ſprach Roland, und waͤr' ich der weiſeſte Hexenmeiſter, ich koͤnnte den Traum doch nicht entraͤthſeln, den Ihr mir vorlegt. Sah ich Euch nicht neulich des Abends in der Herberge zum heiligen Michael? Brachtet Ihr mir nicht dieſes Schwert, mit dem Befehle, es nicht anders zu ziehen, als auf das Gebot meiner rechtmaͤßigen Fuͤrſtinn? Und hab' ich nicht gehandelt nach eurem Verlangen? Oder iſt das Schwert ein Stuͤck Peitſche— mein Wort eine Binſe— mein Gedaͤchtniß ein Traum, und meine Augen zu nichts gut, als zu Kundſchaftern, die mir die Raben aus dem Kopfe hacken koͤnnen? Und wenn eure Augen Euch bei andern ¹ ½ 8* — 237 Gelegenheiten nicht beſſer dienen, als bei eurem Traumgeſichte in der Herberge zum heiligen Michael, ſo wuͤßte ich nicht, ob die Raben, vom Schmerz abgeſehen, Euch durch das Aushacken großen Schaden zufuͤgen wuͤrden... Aber horch! die Glocke! Still!! um Gotteswillen, wir werden unterbrochen. Sie hatte recht, und kaum hatte der dumpfe Ton der Glocke in dem gewoͤlbten Gemache wider⸗ hallet, als die Thuͤre des Vorſaales ſchnell geoͤffnet wurde, und der Haushofmeiſter mit ſeiner ernſten Miene, ſeiner goldnen Kette, und ſeinem weißen Stabe trat in das Zimmer. Es folgte ihm ein Zug von Dienſtboten, welche mit eben ſo viel Feierlichkeit, als ſie das Eſſen gebracht hatten, die leeren Schuͤſſeln wegraͤumten. 55 Der Haushofmeiſter ſtand unbeweglich wie ein altes Bild, waͤhrend die Dienſtboten ihr Geſchaͤft verrichteten. Als ſie damit fertig waren, alles von der Tafel abgehoben und den Tiſch an die Wand geſetzt hatten, ſprach er laut, ohne Jemand ins beſondre dabei anzuſehen, feſt im Tone eines Heroldes, der eine Bekanntmachung ablieſet: 238 „Meine edle Herrinn, Frau Margaretha Erskine, vermaͤhlte Douglas, thut der Frau Maria von Schottland und deren Gefolge zu wiſſen, daß ein Diener des echten Evangelii, ihr hochehrwuͤr⸗ diger Kaplan, heute Abend, wie gewoͤhnlich, erklaͤren, vorleſen und katechiſiren wird, nach dem Gebrauche der Verſammlung der Evangeliſchen.“ Hoͤrt, Freund Dryfesdale, ſprach Katharina, ich kenne dieſe Ankuͤndigung; Ihr laßt ſie uns ja jede Nacht hoͤren. Nun bitte ich Euch, zu be⸗ merken, daß Fraͤulein Fleming und ich— denn ich hoffe, eure unbeſcheidene Einladung iſt nur an uns gerichtet— daß wir beide Sankt Peters Weg zum Himmel gewaͤhlt haben, und ich kenne daher Niemand, der von eurer gottſeligen Ermahnung, Catechiſation und Vorleſung Nutzen ziehen koͤnnte, als etwa dieſer arme Edelknabe, der, wie Ihr, in Satan's Gewalt iſt, und daher beſſer thun wird, mit Euch zu beten, als bei unſerer beſſern Andacht uns laͤſtig zu fallen. Der Edelknabe war nahe daran, die Behaup⸗ tung zu laͤugnen, die in dieſen Worten lag, aber er erinnerte ſich, was zwiſchen ihm und dem „ * * —— ——— —— — 239 Regenten vorgegangen war, und als er Katha⸗ rina's mahnend erhobenen Finger ſah, fuͤhlte er⸗ wie bei fruͤhern Gelegenheiten im Schloſſe Avenel⸗ die Nothwendigkeit, ſich zu verſtellen. Er folgte dem Haushofmeiſter in die Schloßkapelle, wo er der Abendandacht beiwohnte. Der Kaplan, Elias Henderſon, war ein Mann in der Bluͤte des Lebens, und mit guten Geiſtesgaben ausgeſtattet, die durch die beßte Erziehung, welche jene Zeiten darboten, ſorgfaͤltig ausgebildet waren. Mit dieſen Eigenſchaften ver⸗ hand er die Gabe einer gruͤndlichen Eroͤrterung, und zuweilen die Kunſt, ſeinen Gegenſtand gluͤck⸗ lich und beredt zu erlaͤutern. Roland's Glaubens⸗ meinungen ruhten, wie wir ſchon fruͤher bemerkt haben, auf keiner ſichern Grundlage, ſondern wurden mehr aus Gehorſam gegen die Befehle ſeiner Großmutter, und aus dem geheimen Ver⸗ langen, dem Schloßkaplan in Avenel zu wider⸗ ſprechen, als aus veſter und wohl begruͤndeter Ueberzeugung von der roͤmiſchen Lehre gehegt. Seine Begtiffe h hatten ſich durch die Auftritte, wovon er Zeuge geweſen war, nicht wenig erwei⸗ 4* 84 „* 240— tert; und das Gefuͤhl, daß man ſich ſchaͤmen muͤſſe, wenn man von den Streitigkeiten zwiſchen den Anhaͤngern des alten und des neuen Glaubens nicht unterrichtet ſei, bewog ihn, mit groͤßerer Aufmerkſamkeit, als er zeither bei ſolchen Gele⸗ genheiten zu zeigen Luſt gehabt hatte, auf eine lebhafte Darſtellung der weſentlichſten Abweichungen zwiſchen beiden Kirchen zu hoͤren. So verfloß ihm der erſte Tag im Schloſſe Lochleven, und die folgenden waren eine Zeitlang von ſehr einfoͤr⸗ miger Art. IX. Die Lebensweiſe, wozu Maria mit ihrem kleinen Gefolge ſich verurtheilt ſoch, war im hoͤchſten Grade abgeſchieden und einſam; nur wenn das Wetter den gewoͤhnlichen Spaziergang der Koͤniginn im Garten oder auf der Zinne ge⸗ ſtattete, oder verbot, gab es einige Abwechſelung. Die Morgenſtunden widmete ſie, in Geſellſchaft ihrer Kammerfraulein, faſt ganz jenen Stickereien, wovon noch viele, als Beweiſe ihres unermuͤdeten Fleißes, ſich erhalten haben. In dieſen Stunden war es dem Edelknaben vergoͤnnt, im Schloſſe und auf der Inſel ſich frei umher zu treiben, ja er ward auch wohl eingeladen, Georg Douglas zu begleiten, der zuweilen auf dem See fiſchte, oder an deſſen Ufern jagte. Dieſe Zeitvertreibe wurden nur durch die auffallende Schwermuth getruͤbt, die immer auf des jungen Mannes Stirne lag und ſein ganzes Benehmen bezeichnete eine Traurigkeit, die ſo tief war, daß Roland ihn nie laͤcheln ſah, oder ein Wort von ihm hoͤrte, welches nicht mit dem unmittelbaren Gegenſtande der Unter⸗ haltung verbunden geweſen waͤre. Die angenehmſte Zeit des Tages waren fuͤr Roland die Stunden, wo er bei der Koͤniginn und ihren Kammerfraͤulein ſein durfte, und die Eſſens⸗ zeit, wo er immer in Geſellſchaft der beiden Fraͤu⸗ lein war. Bei dieſen Gelegenheiten konnte er haͤufig den lebhaften Geiſt und die erfinderiſche Einbildungskraft Katharing's bewundern, die unermuͤdet darauf ſann, ihre Gebieterinn zu unter⸗ halten; und wenigſtens auf Augenblicke die Schwer⸗ muth zu verbannen, welche an dem Herzen der ungluͤcklichen Fuͤrſtinn nagte. Sie tanzte, ſang Theil II. 16 2 42 und erzaͤhlte Geſchichten aus alten und neuen Zeiten mit jener Innigkeit in der Anwendung ihrer Geiſtesgaben, deren Reiz nicht in dem eitlen Ge⸗ nuſſe, ſie vor Andern darzulegen, ſondern in dem begeiſternden Bewußtſein liegt, daß wir ſie ſelbſt beſitzen. Dieſe hohen Vorzuͤge aber waren mit einem Anſtriche von baͤueriſchem Weſen und wilder Lebhaftigkeit verbunden, die eher einem Dorfmaͤd⸗ chen, oder der muntern liebelnden Koͤniginn des Maireigens gehoͤrten, als der fein gebildeten Tochter eines Freiherrn von altem Stamme. Eine Kuͤhn⸗ heit, die von Frechheit weit entfernt war und noch aweniger der Gemeinheit ſich naͤherte, gab allem, was ſie that, eine gewiſſe Wildheit. Die Koͤni⸗ ginn vertheidigte ſie zuweilen gegen den Tadel der ernſten Gefahrtinn, und verglich ſie dann mit einem abgerichteten, aus dem Kaͤfig entflohenen Singvogel, der im uͤppigen Genuſſe der Freiheit und im vollen Beſitze des Waldbaumaſtes die Toͤne ſingt, die er in ſeiner fruͤhern Gefangenſchaft gelernt hat. Die Augenblicke, die Roland an der Seite dieſes bezaubernden Geſchoͤpfes zubringen durfte, — 243 huͤpften ſo raſch dahin, daß ſie, troß ihrer Kuͤrze, fuͤr die ermuͤdende Schwerfaͤlligkeit der uͤbrigen Tagesſtunden entſchaͤdigten. Zuſammenkuͤnfte unter vier Augen waren nicht erlaubt, ja kaum moͤglich. Sei es, daß in dem Haushalte der Koͤniginn beſondre Vorſichtsmaßregeln fuͤr noͤthig erachtet wurden, oder daß Maria Fleming ihren allgemeinen Anſichten von Schicklichkeit folgte, ſie ſchien mit ganz beſonderer Sorgfalt allen heimlichen Verkehr der jungen Leute zu verhuͤten, und benutzte, zu Katharina's alleinigem Frommen, den ganzen Vorrath von Klugheit und Erfahrung, den ſie einſt als Vorgeſetzte der Hoffraͤulein der Koͤniginn, ſammt dem herzlichen Haſſe der Maͤdchen, erwor⸗ ben hatte. Zufaͤllige Zuſammenkuͤnfte konnten indeß nicht vermieden werden, es ſei denn, daß Katharina geneigter geweſen waͤre, ſſe zu fliehen, oder Roland weniger begierig, ſie zu ſuchen. Ein Laͤcheln, eine Stichelei, ein beißender Spott, den der ſchlaue Blick, wovon er begleitet war, ſeine Strenge nahm, konnten bei ſolchen Gelegenheiten zwiſchen ihnen immer ein Einverſtaͤndniß unter⸗ halten. Solche fluͤchtige Zuſammenkuͤnfte aber 244 gaben weder Zeit noch Gelegenheit, die Unterre⸗ dung uͤber die Umſtaͤnde ihrer fruͤheren Bekannt⸗ ſchaft zu erneuern, noch auch Roland zu erlauben, aber das Geheimniß von der Erſcheinung des Edel⸗ knaben im Sammetmantel Nachforſchungen anzu⸗ ſtellen. Langweilig ſchlichen die Wintermonate vor⸗ aͤber, und der Fruͤhling war ſchon weit vorgeruͤckt, als Roland in dem Benehmen ſeiner Mitgefan⸗ genen eine auffallende Veraͤnderung bemerkte. Da er fuͤr ſich kein Geſchaͤft hatte, und, wie junge Leute ſeines Alters und Standes, auf alles, was um ihn vorging, neugierig war, ſo argwoͤhnte er allmaͤhlig, und ward endlich voͤllig uͤberzeugt, daß unter ſeinen Mitgefangenen etwas im Werke war, das man ihm nicht entdecken wollte. Ja, es ward ihm faſt gewiß, daß die Koͤniginn durch einige ihm unbegreifliche Mittel, ein Einverſtaͤnd⸗ niß auſſerhalb des Schloſſes unterhielt, und daß ſie die geheime Hoffnung, auf Erloͤſung oder Flucht hegte. Die Koͤniginn konnte in ihren Unterhaltun⸗ gen mit ihren Dienerinnen, wovon er oft Zeuge ſein mußte, nicht verbergen, daß ſie mit auswaͤr⸗ — 245 tigen Ereigniſſen bekannt war, die er ſelber nur aus ihren Erzaͤhlungen kennen lernte. Er bemerkte, daß ſie haͤufiger ſchrieb, und weniger arbeitete, als ſie fruͤherhin gewohnt geweſen war, und daß ſie, als haͤtte ſie den Argwohn einſchlaͤfern wollen, ihr Benehmen gegen die Edelfrau von Lochleven in ein freundlicheres Betragen umwandelte, das eine Er⸗ gebung in ihr Schickſal auszudruͤcken ſchien. Sie halten mich fuͤr blind, ſprach Roland zu ſich ſelber, ſie meinen, ich verdiene kein Vertrauen, weil ich ſo jung bin, oder vielleicht auch, weil mich der Re⸗ gent hieher geſandt hat. Gut, mag es ſo ſein! Vielleicht, ſind ſie froh, wenn ſie mir endlich ver⸗ trauen koͤnnen. Katharina Seyton, ſo trozig ſie iſt, wird dann wohl finden, daß ich ein ſo ſicherer Vertrauter bin, als der muͤrriſche Douglas, dem ſie immer nachlaͤuft. Vieleeicht ſind ſie boͤſe auf mich, weil ich dem Elias Henderſon zuhoͤre, aber es iſt ihre Schuld, ſie haben mich ja zu ihm ge⸗ ſchickt, und wenn der Mann wahr und verſtaͤndig ſpricht, und nur Gottes Wort predigt, ſo mag er eben ſo recht haben, als der Papſt, oder die Kirchenverſammlungen—.“ 246 Wahrſcheinlich hatte Roland in der letzten Ver⸗ muthung die wahre Urſache getroffen welche die Frauen abhielt, ihm ihre Anſchlaͤge zu vertrauen. Er hatte neulich mit Henderſon mehre Unterredun⸗ gen uͤber Glaubensgegenſtaͤnde gehabt, und ihm zu verſtehen gegeben, daß er ſeines Unterrichts beduͤrfe, wiewohl er es nicht fuͤr klug oder noͤthig gehalten hatte, ihm zu geſtehen, daß er zeither den Mei⸗ nungen der roͤmiſchen Kirche ergeben geweſen war. Elias Henderſon, ein kuͤhner eifriger Verbrei⸗ ter der neuen Lehre, hatte ſich in das einſame Schloß Lochleven begeben, in der ausdruͤcklichen Abſicht und Erwartung, unter den Hausgenoſſen der entſetzten Koͤniginn Einige zu der neuen Lehre hinuͤber zu ziehen, und diejenigen im Glauben zu ſtarken, die bereits proteſtantiſch geſinnt waren. Vielleicht ſchwangen ſich ſeine Hoffnungen noch hoͤher, und er mochte ſogar die Erwartung hegen, die Koͤniginn ſelbſt zu ſeiner Kirche hinuͤber zu ziehen, aber die Hartnaͤckigkeit, womit die Koͤniginn und ihre Dienerinnen ſich weigerten, ihn weder zu ſehen noch anzuhoͤren, vereitelte dieſe Hoffnung, wenn er ſie naͤhrte. Den gutem Manne war — 2447 baher die Gelegenheit, den Edelknaben ſorg⸗ faͤltiger zu unterrichten, hoͤchſt willkommen, und er ſah darin einen Wink der Vorſehung, einen Suͤnder auf den Weg des Heils zu fuͤhren. Es fiel ihm nicht ein, daß er einen Paͤpſtler bekehrte, aber Rolands Unwiſſenheit in den weſentlichſten Punkten der Glaubenslehre war ſo groß, daß Henderſon, wenn er Rolands Gelehrigkeit der Edelfrau und ihrem Enkel ruͤhmte, gewoͤhnlich hinzuſetzte, ſein ehrwuͤrdiger Amtsbruder, Herr Warden, muͤſſe viel von ſeiner geiſtigen Kraft ver⸗ loren haben, da einer ſeiner Zoͤglinge in den Grundlehren des Glaubens ſchlecht unterrichtet ſei. Roland hielt es fuͤr unnoͤthig, die wahre Urſache davon anzugeben, die keine andere war, als daß er eine Ehre darin geſucht hatte, alle Lehren des Predigers zu vergeſſen, ſo bald er nicht mehr ge⸗ zwungen war, ſie als eine auswendig gelernte Auf⸗ gabe zu wiederhohlen. Der Unterricht ſeines neuen Lehrers wurde mit willigerm Ohre und aus gebile determ Verſtande aufgenommen, und die Einſam⸗ keit des Schloſſes Lochleven erweckte ernſtere Ge⸗ danken, als Roland zeither gehegt hatte. Er —— 248 ſchwankte zwar noch, wie bei unvollkommener Ueberzeugung, aber ſeine Aufmerkſamkeit gegen die Belehrungen des Kaplans verſchafften ihm ſelbſt die Gunſt der alten Edelfrau, und es ward ihm, wiewohl nur mit großer Vorſicht, erlaubt, in das nahe Dorf am Seegeſtade zu gehen, um irgend einen gewoͤhnlichen Auftrag ſeiner ungluͤcklichen Gebieterinn auszurichten. Eine Zeitlang ſtand Roland einigermaßen par⸗ teilos zwiſchen den feindlich geſinnten Bewohnern der waſſerumguͤrteten Burg Lochleven; aber als er in der guten Meinung der Edelfrau und des Schloß⸗ geiſtlichen ſtieg, ſah er mit großem Kummer die Gunſt der Koͤniginn und ihrer Geſellſchafterinnen abnehmen. Er merkte allmaͤhlig, daß man ihn fuͤr einen Ausſpaͤher ihrer Aeußerungen hielt. Statt der Unbefangenheit, womit ſie ſonſt in ſeiner Gegenwart geſprochen hatten, ohne eine Regung von Unmuth, Kummer, oder Freude zu unter⸗ druͤcken, wie das Geſpraͤch des Augenblickes ſie erweckte, ſprachen ſie nun gefliſſentlich nur uͤber die gleichgiltigſten Gegenſtaͤnde, und ſelbſt in dieſen Geſpraͤchen war ihre Zuruͤckhaltung auffallend. 149 Dieſer ſichtbare Mangel an Zutrauen war mit einer Veraͤnderung in dem Benehmen gegen den ungluͤck⸗ lichen Roland begleitet. Die Koͤniginn, die ihn anfangs mit ausgezeichneter Hoͤflichkeit behandelt hatte, ſprach kaum anders mit ihm, als um ihm Befehle in Dienſtgeſchaͤften zu geben. Fraͤulein Fleming begnuͤgte ſich mit den trockenſten und kaͤlteſten Ausdruͤcken der Hoͤflichkeit, und Katha⸗ rina Seyton wurde bitter in ihren Scherzen, und ſchuͤchtern, verdruͤßlich und launiſch, ſo oft ſie ſich fahen, ja was ihn noch mehr aufbrachte: er be⸗ merkte, oder glaubte zu bemerken, daß zwiſchen Georg Douglas und Katharina ein Einverſtaͤndniß war, und durch Eiferſucht gereizt, brachte er ſich faſt zu der Ueberzeugung, daß die Blicke, die ſie wechſelten, Dinge von großer Wichtigkeit betrafen. Kein Wunder, dachte er, daß ſie fuͤr den armen Edelknaben kein Wort und keinen Blick mehr hat, wenn der Sohn eines ſtolzen und maͤchtigen Frei⸗ herrn um ſie wirbt. Kurz, Rolands Lage wurde ſehr abehogſch und ſein Herz mußte ſich gegen die Ungerechtigkeit einer Behandlung empoͤren, die ihn des einzigen 25⁰ — Troſtes beraubte, der ihm die laͤſtige Gefangen⸗ ſchaft hatte ertraͤglich machen ſollen. Er behaup⸗ tete die Koͤniginn und Katharina Seyton— an der Meinung des aͤlteren Kammerfraͤuleins lag ihm nichts— waͤren mit ſich ſelber im Wider⸗ ſpruche, wenn ſie mit ihm uͤber die natuͤrlichen Folgen eines Befehles, den ſie ihm gegeben hatten, zuͤrnen wollten. Warum hatten ſie ihm geheißen, den uͤberwaͤltigenden Prediger zu hoͤren? Der Aht Ambroſius, meinte er, haͤtte die Schwaͤche der paͤpſtlichen Sache beſſer verſtanden; denn dieſer hatte ihm eingeſchaͤrft, immer das Ave, Credo und Paternoſter in Gedanken zu wiederhohlen, ſo oft Warden Predigten oder Vorleſungen hielt, um ſicher zu ſein, auch nicht einen Augenblick auf ketzeriſche Lehren zu horchen. Ich will dieſes Leben nicht laͤnger ertragen, ſprach er muthig zu ſich ſelber. Glaubt man denn, ich wollte die Sache meiner Gebieterinn verrathen, weil ich Urſache finde, gegen ihren Glauben Zweifel zu hegen? Das hieße, wie man zu ſagen pflegt, dem Teufel um Gortes willen dienen. Ich wil fort in die Welt. Wer ſchoͤnen ——— 251 Frauen dient, darf wenigſtens freundliche Blicke und freundliche Worte erwarten, und ich habe nicht darum einen ritterlichen Sinn, daß ich kalte Behandlung und Argwohn ertruͤge und lebenslaͤng⸗ liche Gefangenſchaft obendrein. Ich ſpreche mit Douglas, morgen, wenn wir auf den Fiſchfang gehn. Eine ſchlafloſe Nacht wurde mit der Erwaͤ⸗ gung dieſes wackern Entſchluſſes zugebracht, und er ſtand auf, nicht ganz entſchieden, ob er ihn ausfuͤhren wollte, oder nicht. Er wurde zu unge⸗ woͤhnlicher Stunde zur Koͤniginn gerufen, als er eben im Begriffe war, mit Douglas auszugehen. Er ging in den Garten, ihre Befehle zu empfan⸗ gen, aber die Angelruthe in ſeiner Hand, verrieth ſeine fruͤhere Abſicht, und die Koͤniginn wendete ſich zu Fraͤulein Fleming mit den Worten:„Katha⸗ rina wird auf eine andre Unterhaltung fuͤr uns ſinnen muͤſſen; unſer beſcheidener Edelknabe hat bereits ſeinen Zeitvertreib fuͤr heute beſtimmt.“ Ich ſagte Euch ja gleich von Anfang an, gnaͤdigſte Frau, antwortete Maria Fleming, Ihr ſolltet Euch nicht darauf verlaſſen, mit der Geſelle . 252 ſchaft eines jungen Menſchen begluͤckt zu werden, der ſo viele Bekannte unter den Hugenotten hat, und ſich weit angenehmer beſchaͤftigen kann, als mit uns. Ich wollte, ſprach Katharina, und Unmuth roͤthete ihre belebten Zuͤge: ſeine Freunde ſegelten mit ihm von dannen und braͤchten uns einen Edel⸗ knaben, der ſeiner Koͤniginn und ſeinem Glauben treu waͤre. Zum Theil koͤnnte euer Wunſch erfuͤllt werden, Fraͤulein, ſprach Roland, unvermoͤgend, ſeine Empfindlichkeit uͤber die Behandlung, die man ihm zeigte, laͤnger zu unterdruͤcken. Er wollte hinzuſeben, daß er ihr von Herzen einen Geſell⸗ ſchafter wuͤnſche, der faͤhig ſei, Weiberlaunen zu ... ertragen, ohne verruͤckt zu werden; zum Gluͤcke dachte er an die Vorwuͤrfe, die er ſich ſelber ge⸗ macht hatte, als er bei einer aͤhnlichen Gelegen⸗ heit von ſeiner lebhaften Aufwallung war hinge⸗ riſſen worden, und ſchloß ſeine Lippen, bis der Vorwurf erſtorben war, der in der Gegenwart der Koͤniginn anſtoͤßig geweſen ſein wuͤrde. - 253 Warum bleibet Ihr hier, ſprach die Koͤniginn, als ob Ihr in den Boden gewurzelt waͤret! Ich erwarte nur eure Befehle, gnaͤdigſte Frau, erwiederte Roland. Ich habe Euch keine zu geben. Geht. Als er den Garten verließ, um zu dem Boote zu gehen, hoͤrte er deutlich, wie die Koͤniginn zu einer ihrer Dienerinnen ſprach:„Ihr ſeht, welcher Unannehmlichkeit Ihr uns ausgeſetzt habt.“ Dieſer Auftritt beſtimmte auf einmahl Rolands Entſchluß, die Burg zu verlaſſen, wenn es moͤg⸗ lich waͤre, und ohne Zeitverluſt mit Douglas von ſeinem Vorſatze zu ſprechen. Douglas ſaß bereits im Hintertheile des kleinen Schiffes, das gewoͤhn⸗ lich zum Fiſchfange gebraucht wurde, in ſchweig⸗ ſamer Stimmung, wie immer, putzte ſeine Fiſcher⸗ geraͤthſchaften und gab dem Edelknaben, der das Ruder fuͤhrte, von Zeit zu Zeit ein Zeichen, wo⸗ hin er fahren ſollte. Als ſie eine ziemliche Strecke voom Schloſſe waren, ließ Roland das Ruder fallen, und ſprach ohne weitere Vorbereitung zu ihm: „Ich habe Euch etwas Wichtiges zu ſaßen, wenn 6 Euch beliebt.“ 5 5 ——— 254 Die ſinnende Schwermuth in des jungen Mannes Zuͤgen wich ploͤtzlich dem lebhaften, ſcharfen und beſtuͤrzten Blicke, der etwas Wichtiges und Beunruhigendes zu hoͤren erwartet. Ich bin des Lebens im Schloſſe Lochleven zum Sterben uͤberdruͤſſig, hob Roland wieder an. Iſt das alles? ſprach Douglas. Ich kenne keinen von ſeinen Inwohnern, dem es viel beſſer darin gefiele. Ja— aber das Schloß iſt weder meine Hei⸗ math, noch bin ich ein Gefangener darin, und kann daher billig begehren, es zu verlaſſen. Ihr könntet es eben ſo billig begehren, wenn Ihr beides waͤret. Aber ich bin's nicht nur muͤde, laͤnger im Schloſſe zu leben, fuhr Nolano fort, ſondern auch entſchloſſen, es zu verlaſſen. Der Entſchluß iſt leichter gefaßt, als aus⸗ gefuͤhrt, ſprach Douglas. Nicht, wenn Ihr und eure Frau Mutter einwilligen. Ihr uͤberſeht etwas bei der Sache, erwiederte Douglas. Die Einwilligung zweier andern Per⸗ 25⁵ ſonen iſt eben ſo weſentlich noͤthig, der Frau Maria, eurer Herrinn, und meines Oheimes, des Regenten, der Euch zu ihrer Aufwartung beſtimmt hat, und es nicht fuͤr ſchicklich halten wird, ihre Diener ſo oft zu wechſeln. Und muß ich denn bleiben, ich mag wollen, oder nicht? fragte Roland, ein wenig erſchrocken uͤber eine Anſicht des Gegenſtandes, die einem Erfahrenern laͤngſt ſchon klar geworden waͤre. Wenigſtens muͤßt Ihr bleiben wollen, bis mein Oheim will, daß Ihr gehet, ſprach Douglas. Offenherzig geſtehe ich Euch, als einem Edel⸗ mann, der unfaͤhig iſt, mich zu verrathen, wenn ich mich fuͤr einen Gefangenen in dieſem Schloſſe halten muͤßte, ſo ſollten weder Mauern, noch Waſſer mich laͤnger abhalten. Offenherzig geſprochen, antwortete Douglas, ich koͤnnte Euch deßhalb nicht ſehr tadeln; aber Ihr ſollt wiſſen, mein Vater, oder mein Oheim, oder der Graf, oder einer von meinen Bruͤdern, kurz irgend einer von des Koͤnigs Rittern, dem. Ihr in die Haͤnde fielet, wuͤrde Euch in einem ſalchen Falle aufhängen, wie einen Hund, oder 256 wie eine Schildwache, die ihren Poſten verlaſſen hat. Auf mein Wort, Ihr wuͤrdet ihnen ſchwer⸗ lich entgehen. Aber rudert nach dem kleinen Eiland dort; da kommen wir gegen den Wind, und werden einen guten Fang machen. Wir ſprechen weiter von eurer Sache, wenn wir eine Stunde gefiſcht haben. Der Fang war gut, wiewohl nie zwei Angler bei dem ungeſelligen Vergnuͤgen wortkarger geweſen waren. Als eine Stunde voruͤber war, griff Douglas ſelber zum Ruder, und Roland mußte an's Steuer gehen, und auf den Landungsplatz am Schloſſe ſteuern. Nach einer Weile ließ auch Douglas das Ruder ſinken, und als er um ſich geblickt hatte, ſprach er zu Roland:„Es gibt etwas, das ich Dir ſagen koͤnnte, aber es iſt ein ſo tiefes Geheimniß, daß ich ſelbſt hier, wo wir zwiſchen Waſſer und Himmel ſein, und kein Horcher lauſchen kann, mich nicht zu uͤberwinden vermag, davon zu ſprechen.“ So laßt es lieber ungeſagt, erwiederte Roland, wenn Ihr dem Ehrgefuͤhle des Einzigen nicht vertraut, der's hoͤren kann. bin? 2⁵5⁷7 Ich habe keinen Zweifel gegen eure Ehre, ſprach Douglas, aber Ihr ſeid jung, unbeſonnen und wankelmuͤthig. Jung bin ich, mag auch unbeſonnen ſein, aber wer hat Euch geſagt, daß ich wankelmuͤthig Jemand, der Euch vielleicht beſſer kennt, als Ihr ſelber Euch kennen moͤget, antwortete Douglas. Ihr meinet vermuthlich Katharina Seyton, ſprach Roland und ſein Herz ſchwoll: aber ſie iſt vielleicht ſelber funfzigmahl unbeſtaͤndiger in ihrer Laune, als das Waſſer, worauf wir ſchwimmen. Junger Mann, ich bitte Euch, nicht zu ver⸗ geſſen, daß Katharina Seyton ein Fraͤulein von edlem Stamme iſt, und nicht geringſchaͤtzig von ihr geſprochen werden darf. 1 Junker Georg Douglas, antwortete Roland, da in dieſen euren Worten etwas zu liegen ſcheint, das wie eine Drohung lautet, ſo bitte ich Euch, zu bemerken, daß ich eine Drohung nicht mehr achte, als eine Finne von dieſen todten Forellen; und uͤberdieß moͤget Ihr bedenken, daß ein Kaͤmpfer, Theil II. 12 1 Simmer zu gehen. der jedes edel geborne Fraͤulein vertheidigen will, das man des Wankelmuthes in Treue und in Sitte bezuͤchtigt, wohl viel zu thun haben moͤchte. Laß es gut ſein, ſprach Douglas im Tone freundlicher Laune. Du biſt ein toller Burſche, und es laͤßt ſich mit Dir uͤber nichts Ernſthafteres reden, als uͤber Netzwerfen und Falkenbeiz. Geht euer Geheimniß Katharina Seyton an, ſo iſt's mir gleichgiltig, und Ihr moͤget das ihr ſelber ſagen, wenn's Euch beliebt. Ich weiß, ſie kann Euch Gelegenheit geben, mit Ihr zu ſprechen, und es waͤre nicht die erſte. Das Erroͤthen, welches uͤber die Wangen des jungen Mannes flog, verrieth dem Edelknaben, daß er die Wahrheit getroffen hatte, wo er nur auf Geradewohl ſprach, und was er bei dieſer Vermuthung fuͤhlte, war ein Dolchſtoß fuͤr ſein Herz. Douglas griff wieder zum Ruder, ohne etwas zu antworten, und arbeitete munter, bis ſie die Inſel erreichten. Die Dienſtboten uͤber⸗ nahmen den Ertrag des Fanges, und die beiden Fiſcher trennten ſich ſchweigend, um in ihre 259 Roland hatte gegen eine Stunde zugebracht, gegen Katharina, gegen die Koͤniginn, gegen den Regenten, und das ganze Haus Lochleven, mit Georg Douglas an der Spitze, zu murren, da kam die Zeit, wo er der Koͤniginn bei Tiſche auf⸗ warten mußte. Als er ſeinen Anzug ordnete, war er aͤrgerlich uͤber die Muͤhe, die er ſonſt bei ſolchen Gelegenheiten mit kindiſcher Geckerei als eines der wichtigſten Geſchaͤfte des Tages betrachtet hatte. Waͤhrend er hinter dem Stuhle der Koͤniginn ſtand, war in ſeinen Zuͤgen das Gefuͤhl beleidigter Wuͤrde ſo auffallend, daß es ihr nicht entging, und mochte ihr laͤcherlich genug vorkommen; denn ſie fliſterte ihren Geſellſchafterinnen einige franzoͤſiſche Worte zu, woruͤber Fraͤulein Fleming lachte, Katharina aber halb ergetzt, halb verlegen war. Der ungluͤck⸗ liche Edelknabe fand in dieſem Scherze, deſſen Gegenſtand man ihm verbarg, neuen Anlaß zur Empfindlichkeit, und ſeine Zuͤge wurden noch muͤrriſcher und ernſter, was ihm leicht noch mehre Neckereien zugezogen haben wuͤrde, wenn nicht die 31 Königinn verrathen haͤtte, daß ſie gegen feine 1 Gefuͤhle Nachſicht und Mitleid haben wollte. 260 Mit dem feinen Sinn und Zartgefuͤhle, das nie eine Frau in hoͤherem Grade beſaß, als ſie, wußte ſie allmaͤhlig das empfindliche Gemuͤth ihres ſtolzen Dieners zu beſaͤnftigen. Der Wohlgeſchmack der Forellen, die er von ſeinem Fiſchfange mitge⸗ bracht hatte, gab ihr zuerſt Anlaß, ihm fuͤr eine ſo angenehme Zugabe zu ihrer Mahlzeit, beſonders an einem Faſttage, zu danken, und fuͤhrte ſie dann zu verſchiedenen Fragen uͤber den Fundort der Fiſche, ihre Groͤße, ihre Eigenſchaften, ihre beßte Jahrzeit und zu einer Vergleichung der be⸗ ruͤhmten Forellen im See Lochleven mit den Fiſchen aus den Seen und Fluͤſſen in Suͤd⸗ Schottland. Rolands uͤble Laune war nie hart⸗ naͤckiger Art. Sie verſchwand, wie Nebel vor der Sonne, und er ließ ſich leicht verleiten zu einer lebhaften Abhandlung uͤber die Forellen im See Lochleven, uͤber Meerforellen, Flußforellen, uͤber Lachskunzen, uͤber aͤhnliche Fiſche, die nur im Schloßſee von Lochmaben gefunden werden. In froͤhlicher Begeiſterung fuhr er fort, uͤber den Lieblingsgegenſtand zu ſprechen, als er bemerkte, daß das Laͤcheln, womit die Koͤniginn ihm anfangs — 261 zugehoͤrt hatte, matt verſchwand, und trotz aller Gewalt, die ſie ſich anthat, die Thraͤnen ihr in die Augen traten. Er hielt ploͤtzlich inne, und fragte bekuͤmmert, ob er ſo ungluͤcklich geweſen ſei, ihr unwiſſentlich zu mißfallen. Nein, guter Juͤngling, ſprach ſie, aber als Ihr die Seen und Fluͤſſe meines Koͤnigreiches aufzaͤhltet, da taͤuſchte mich meine Einbildung und entfuͤhrte mich aus dieſen oͤden Mauern, zu den ſchoͤnen Stroͤmen von Nithsdale und zu den koͤniglichen Thuͤrmen von Lochmaben. O Land, das meine Vaͤter ſo lange beherrſchten, deine Koͤniginn iſt nun der Freuden beraubt, die Du ſo freigebig darbieteſt, und der aͤrmſte Bettler, der frei von einem Orte zu andern zieht, wuͤrd' es verſchmaͤhen, mit Maria von Schnetlüad zu⸗ tauſchen. Gnaͤdigſte Frau, ſprach geiutein Fleming, es waͤre wohl gut, wenn Ihr in euer Gemach ginget. Komm mit mir, liebe Fleming, antwortete die Koͤniginn. Nein, ich moͤchte ſo junge Herzen, als dieſe, nicht mit dem Anblicke meiner Leiden bekuͤmmern. 262 Sie begleitete dieſe Worte mit einem Blicke ſchwermuͤthiger Theilnahme auf Roland und Katharina, die allein im Zimmer blieben. Der Edelknabe war nicht wenig verlegen. Wer weiß es nicht, wie ſchwer es iſt, die ganze Wuͤrde eines Beleidigten, einem ſchoͤnen Maͤdchen gegenuͤber, zu behaupten, wie viel Urſache zum Unmuthe man auch haben mag! Katharina ſaß da ſtill, wie ein zoͤgerndes Geſpenſt, welches, die Furcht kennend, die ſeine Gegenwart erweckt, dem beſtuͤrzten Sterblichen, den es beſucht, Zeit laſſen will, ſich zu erhohlen, und die große Regel der Geiſterlehre, welche zuerſt zu ſprechen befiehlt, zu befolgen. Als Roland aber nicht eilig zu ſein ſchien, ihre Herablaſſung zu benutzen, ging ſie einen Schritt weiter, und eroͤffnete das Geſpraͤch. Sagt mir doch, ſchoͤner Herr— wenn's er⸗ laubt iſt, euer erhabenes Nachdenken durch eine ſo ernſte Frage zu ſtoͤren— was iſt aus eurem Roſenkranze geworden? . Verloren, mein Fraͤulein, ſchon ſeit einiger Zeit verloren, erwiederte Roland, halb verlegen, halb unwillig. r 263 Und darf ich weiter fragen, hob Katharina wieder an, warum Ihr ihn nicht mit einem andern erſetzt habt? Ich habe beinahe Luſt, ſetzte ſie hin⸗ zu, und zog aus ihrer Taſche einen Roſenkranz von Ebenholz, mit Golde verziert: Euch einen zu geben, den Ihr um meinetwillen tragen moͤget, Euch an die alte Bekanntſchaft zu erinnern. Der Ton, womit ſie dieſe Worte ſprach, war faſt bebend, und hatte die Wirkung, daß Rolands Unmuth verſchwand. Er war ſogleich an Katha⸗ rina's Seite. Sie aber nahm ſchnell wieder den dreiſten und veſten Ton an, der ihr eigen war, und fuhr fort:„Ich habe Euch nicht geheißen, Euch ſo nahe zu mir zu ſetzen; denn die Bekannt⸗ ſchaft, wovon ich ſprach, iſt ſeit vielen Tagen teif und kalt, todt und begraben.“ Gott verhuͤt' es, erwiederte Roland. Si⸗ hat nur geſchlafen, und da Ihr jetzt wuͤnſcht, daß ſie wieder erwache, ſchoͤne Katharina, ſo ſeid ver⸗ ſichert, daß ein Zeichen eurer zuruckkehrenden Gunſt— Nein, nein! ſprach Katharina, den Roſen⸗ kranz zuruͤckziehend, nach welchem Roland die Hand 26 4 ausſtreckte: ich habe mich, bei beſſerer Ueberzeugung, anders beſonnen. Was ſollte ein Ketzer thun mit dieſem heiligen Roſenkranze, den der Vater der Kirche geweihet hat? Roland ſah voraus, welche Wendung das Geſpraͤch nehmen konnte, und fuͤhlte peinlich, daß es ihn auf alle Faͤlle in Verlegenheit ſetzen mußte. „Aber Ihr habt ihn ja als ein Zeichen eurer Acchtung geben wollen.“ Ja, aber dieſe Achtung gehoͤrte dem gehor⸗ ſamen Unterthan, dem treuen und frommen Katho⸗ liken, dem Juͤnglinge, der ſo feierlich, zu gleicher Zeit mit mir, einer großen Pflicht geweiht wurde, der Pflicht— das muͤßt Ihr jetzt einſehen— der Kirche und der Koͤniginn zu dienen; einem ſolchen Manne, wenn Ihr je von ihm gehoͤrt habt, ge⸗ buͤhrte meine Achtung, aber nicht demjenigen, der ſich zu Ketzern geſellt, und im Begriff iſt, abtruͤne: nig zu werden.. Ich ſollte kaum glauben, ſchoͤnes Fraͤulein, erwiederte Roland unwillig, daß ſich die Wetter⸗ fahne eurer Gunſt bloß nach katholiſchem Winde drehte, da ſie ſo deutlich auf Georg Douglas zeigt, — 265 der ein Koͤnigsfreund und zugleich ein Prote⸗ ſtant iſt. Denket beſſer von Georg Douglas, als daß Ihr glaubet— Doch, fuhr ſie, ſchnell abbrechend fort, als ob ſie zu viel geſagt haͤtte: ich verſichere Euch, Alle, die Euch wohl wollen, ſind bekuͤm⸗ mert um Euch. Es moͤgen ihrer wohl nicht viele ſein, ſprach Roland, und ihre Bekuͤmmerniß, wenn ſie ſo etwas fuͤhlen, mag nur ſo tief gehen, daß ſie in zehn Minuten geheilt werden kann. Sie ſind zahlreicher und ſind tiefer um Euch bekümmert, als Ihr zu bemerken ſcheint. Aber vielleicht haben ſie unrecht, um Euch beſorgt zu ſein. Ihr koͤnnt am beßten uͤber Euch ſelbſt urtheilen, und wenn Ihr Gold und Kirchenguͤter der Ehre und Treue und dem Glauben eurer Vaͤter vorzieht, warum ſolltet Ihr in eurem Gewiſſen unruhiger als Andre ſein? Der Himmel' ſei mein Zeuge, antwortete Roland, wenn ich adweichende Meinungen habe, das heißt, wenn ich Zweifel gegen einige Punkte der Religion hege, ſo bin ich durch eigene Ueber⸗ 8 266= zeugung, durch die Stimme meines Gewiſſens darauf gekommen. Ja, ja, euer Gewiſſen— euer Gewiſſen! wiederhohlte ſie mit ſpoͤttiſchem Nachdrucke; euer Gewiſſen iſt der Suͤndenbock. Ei ja, dazu mag's ſehr gut taugen; es wird eines der beßten Land⸗ guͤter der Abtei Kennaquhair tragen, die neuerlich unſerm Herrn, dem Könige, anheim gefallen iſt, durch die Schuld des Abtes und der Kloſterge⸗ meine, weil ſie das große Verbrechen begangen haben, ihren frommen Geluͤbden treu zu ſein, und der hohe und maͤchtige Verraͤther und ſo weiter, Jakob Graf von Murray, hat ſie anjetzt dem guten Junker Roland Graͤme verliehen, zur Belohnung ſeiner treuen Dienſte als Unterkund⸗ ſchafter und Unterkerkermeiſter bei ſeiner recht⸗ maͤßigen Koͤniginn. Ihr verkennt mich grauſam, ſprach Roland, ja, Katharina, ſehr grauſam. Gott weiß es, ich wollte zur Beſchuͤtzung der Koͤniginn mein Leben gefaͤhrden, mein Leben hingeben; aber was kann ich, was kann irgend Jemand fuͤr ſie thun? Viel kann gethan werden, genug gethan, 2 267 alles gethan, wenn Manner treu und edel ſind, wie Schottlaͤnder waren in den Tagen, als Bruce und Wallace lebten. O Roland, von welcher Unternehmung ziehet Ihr jetzt eure Hand ab, weil Ihr wankelmuͤthig und kaltſinnig ſeid! Wie kann ich mich von einer Unternehmung zuruͤck ziehen, wovon mir nie etwas geſagt worden? Hat die Koͤniginn, habet Ihr, hat irgend Jemand je etwas zu ihrem Dienſte gefodert, das ich ver⸗ weigert haͤtte? Oder habt Ihr nicht Alle mich ſo weit von eurem Nathe zuruͤck gehalten, als ob ich der treuloſeſte Kundſchafter waͤre? 4.1 Und wer, ſprach Katharina, wer wollte dem treuverbundenen Freunde, dem Zoͤglinge und Ge⸗ ſellſchafter des ketzeriſchen Predigers Henderſon trauen? Ei ja, Ihr habt einen tuͤchtigen Lehrer gewaͤhlt, ſtatt des trefflichen Ambroſius, der jett, von Haus und Hof vertrieben, umher geht, wenn er nicht gar in einem Kerker ſchmachtet, weil er Morton's Gewalt widerſtanden, deſſen Bruder der Regent die weltlichen Guͤter des edlen Gottes⸗ hauſes gegeben hat.* 268 Iſt es moͤglich? ſprach Roland. In ſolcher Bedraͤngniß waͤre der treffliche Vater Ambroſius? Er wuͤrde die Nachricht von eurem Abfalle vom Glauben eurer Vaͤter fuͤr ein größeres Miß⸗ geſchick halten, als alles, was harte Gewalt ihm ſelber zufuͤgen kann. Aber warum, erwiederte Roland, ſehr bewegt, warum wollt Ihr glauben, daß— daß— es ſo mit mir ſtehe, als Ihr ſaget? Wollet Ihr's laͤugnen? Geſtehet Ihr nicht, daß Ihr das Gift getrunken, ſo Ihr von euren Lippen haͤttet wegſtoßen ſollen? Laͤugnet Ihr, daß es jezt in euren Adern gaͤhret, wenn's nicht bereits die Lebensquellen vergiftet hat? Laͤugnet Ihr, daß Ihr eure Zweifel habt, wie Ihr es ſtolz benennt, uͤber Dinge, woran nach den Erklaͤrungen der Paͤpſte und der Kirche zu zweifeln unerlaubt iſt? Euer Glaube, iſt er nicht wankend, oder gar ſchon gefallen? Ruͤhmt ſich nicht der ketzeriſche Prediger ſeiner Eroberung? Haͤlt nicht das ketzeriſche Weib in dieſem Gefaͤngniſſe Euer Beiſpiel Andern vor? Glauben nicht die Kuͤniginn und Fraͤulein Fleming an Euern Abfall? Gibt es noch irgend Jemand, —— 269 einen einzigen Menſchen ausgenommen— ja ich will es frei heraus ſagen, moͤget Ihr ſo gering von mir denken als Ihr wollt— gibt es Jemand, mich ausgenommen, der noch eine ſchwache Hoff⸗ nung hegte, daß Ihr erſuͤllen werdet, was wir einſt alle von Euch glaubten? Der arme Roland war ſehr beſtuͤrzt, als ihm auf dieſe Weiſe das Betragen gezeigt wurde, das man von ihm erwartete, und zwar von derjenigen, die ihm waͤhrend des langen Aufenthaltes im Schloſſe Lochleven, wo Niemand ſonſt ſeine Auf⸗ merkſamkeit anziehen konnte, nur noch theurer geworden war.„Ich weiß nicht, ſprach er, was Ihr von mir erwartet, oder von mir fuͤrchtet. Ich wurde hieher geſchickt, der Koͤngginn Maria aufzuwarten, und gegen ſie hab' ich die Pflicht eines treuen Dieners auf Leben und Tod. Hat Jemand Dienſte anderer Art von mir erwartet, ſo hat man ſich in mir verrechnet. Ich will die Lehren der Kirchenverbeſſerer weder billigen, noch verſchmaͤhen. Soll ich Euch die Wahrheit ſagen, mich daͤucht, der unordentliche Wandel der katho⸗ liſchen Geiſtlichkeit hat dieſes Strafgericht auf ihr 270 —— Haupt gebracht, und ſo viel ich ſehe, wird's zu ihrer Beſſerung ſein. Aber dieſe ungluͤckliche Koͤniginn zu verrathen, das iſt mir, Gott weiß es, nicht eingefallen. Und wenn ich ſchlimmer von ihr daͤchte, als ihr Diener wuͤnſcht, und als ihr Unterthan darf, ſo wuͤrd' ich ſie doch nicht verrathen. Nein, ich wuͤrde ihr in allem beiſtehen, was zu einer redlichen Unterſuchung ihrer Gachf fuͤhren koͤnnte. Genug! genug! antwortete Katharina, in die Haͤnde klatſchend: Du willſt uns alſo nicht verlaſſen, wenn ſich Mittel zeigen, durch welche die Koͤniginn befreit, und ihre Sache zwiſchen ihr und ihren Unterthanen redlich ausgeglichen werden koͤnnte?. Aber, ſchoͤne Katharina, fiel Roland ein: hoͤrt nur, was Lord Murray zu mir ſagte, als er mich hieher ſchickte— Hoͤrt, was der Teufel ſagte, antwortete das Maͤdchen, eher als was ein falſcher Unterthan, ein falſcher Bruder, ein falſcher Rath und ein falſcher Freund ſagte. Dieſer Mann, der vorher ein geringes Jahrgeld von der Koͤniginn erhielt, 8 271 und ſich nun zum Rathgeber der Majeſtaͤt und zum erſten Vertheiler der oͤffentlichen Wohlthaten empor gehoben hat, der Mann, mit welchem Rang, Vermoͤgen, Wuͤrden, Anſehen und Macht, alles wie ein Pilz aufwuchs, im warmen Sonnen⸗ ſcheine des Wohlwollens einer Schweſter, die er jetzt zur Vergeltung in ein trauriges Gefaͤngniß eingeſchloſſen, die er zur weiteren Vergeltung ent⸗ ſetzt hat, und die er, wenn er duͤrfte, ermorden wuͤrde. Ich denke nicht ſo ſchlimm vom Grafen von Murray, antwortete Roland, und die Wahrheit zu geſtehen, ſetzte er laͤchelnd hinzu, es waͤre etwas Beſtechung noͤthig, wenn ich mit veſter und verwegener Entſchloſſenheit mich auf die eine oder auf die andere Seite ſchlagen ſollte. Nun, wenn das alles iſt, erwiederte Katha⸗ rina, mit begeiſtertem Tone, Ihr ſollt belohnt werden mit den Gebeten der unterdruͤckten Unter⸗ thanen, der vertriebenen Geiſtlichen, der beſchimpf⸗ ten Edelleute; mit dem unſterblichen Ruhme kuͤnf⸗ tiger Zeiten, mit dem lebhaften Danke der Mit⸗ welt, mit Ruhm auf Erden und mit Gluͤckſeligkeit * 1 272— im Himmel. Euer Vaterland wird Euch danken, euere Koͤniginn wird eure Schuldnerinn ſein, und Ihr werdet von der geringſten Stufe der Ritter⸗ wuͤrde ſogleich zur hoͤchſten hinauf ſteigen. Alle Maͤnner werden Euch ehren, alle Frauen Euch lieben; und ich, fruͤh mit Euch verbunden zu Maria's Befreiung, ich will— ja mehr will ich Euch lieben, als eine Schweſter den Bruder liebt. Redet weiter, redet weiter! ſprach Roland, nieder knieend, und ergriff die Hand, welche Katharina in dem Feuer ihrer Ermahnung gegen ihn ausgeſtreckt hatte. Nein, ſprach ſie nach einer Pauſe: ich habe ſchon zu viel geſagt! weit zu viel, wenn ich Euch nicht bewege, weit zu wenig, wenn ich's thue. Aber ich bewege Euch, fuhr ſie fort, als ſie ſah, daß in den Zuͤgen des Juͤnglings die Begeiſterung gluͤhte, die ihr Auge entflammte: ich bewege Euch, oder vielmehr bewegt Euch die gute Sache, durch ihre eigene Kraft und— ſo laß Dich denn ihr weihen! Bei dieſen Worten naͤherte ſie ihren Finger der Stirne des erſtaunten Juͤnglings, und machte, 273 ohne ſie zu beruͤhren, das Zeichen des Kreuzes. Sie neigte ihr Geſicht zu ihm hinab, und ſchien den leeren Raum zu kuͤſſen, wo ſie das heilige Zeichen gemacht hatte. Dann, ſchnell aufſprin⸗ gend, und ſeinen ausgebreiteten Armen entflie⸗ hend, eilte ſie in das Zimmer der Koͤniginn. Als das begeiſterte Maͤdchen hinausgegangen war, blieb Roland auf ſeinen Knieen liegen, kaum athmend, und heftete ſeine Augen auf die Stelle, wo Katharina's Feengeſtalt geſeßen hatte. Waren ſeine Regungen auch nicht unvermiſchtes Entzuͤcken, ſie gehoͤrten doch jenem berauſchenden, wenn auch gemiſchten Gefuͤhle von Schmerz und Freude, das maͤchtigſte von allen, welches das Leben in ſeinem Kelche uns darbietet. Er ſtand auf und ging langſam hinaus. Der Schloßpre⸗ diger Henderſon hielt an dieſem Abende ſe ine beßte Rede von den Irrthuͤmern des Pe pſtthums, aber es iſt die Frage, ob der junge Mann ſeinen Grun⸗ den, zu deſſen Frommen er dieſen Gegenſtand aus⸗ druͤcklich behandelte, ſehr aufmerkſam zuhoͤrte. 4 Theil II.. 18 X. In tiefes Nachdenken verloren, gieng Roland am naͤchſten Morgen auf die Zinne der Burg, wo er ungeſtoͤrt ſeinen Traͤumereien nachhangen zu koͤnnen hoffte. In dieſem Augenblicke aber war die Zuflucht nicht gut gewaͤhlt; denn alsbald geſellte ſich Elias Henderſon zu ihm. Ich ſuchte Euch, junger Mann, ſprach der Geiſtliche, ich habe Euch etwas zu ſagen, das Euch nahe angeht. Roland hatte keinen Vorwand, die Unterre⸗ dung abzulehnen, die der Prediger ihm anbot, aber er ahnete, daß er in Verlegenheit gerathen werde. Als ich Dich, ſo weit meine geringe Kenntniß geſtattet, in deiner Pflicht gegen Gott unter⸗ wies, haͤtte ich auch manches Beſondre von deinen Pflichten gegen Menſchen ſagen muͤſſen, wovon ich aber nicht gern lange und viel ſprechen wollte. Ihr ſeid hier im Dienſte einer Frau; achtbar, ſo viel ihre Herkunft anlangt, bedauernswuͤrdig wegen ihres Ungluck:s und nur zu ſehr mit jenen lcche Frau hat mehr Anerbietungen der Gnade, 225 aͤußern Vorzuͤgen ausgeſtattet, welche die Achtung und Zuneigung der Menſchen gewinnen. Habt Ihr je euer Verhaͤltniß gegen dieſe Frau, Maria von Schottland, in dem wahren Lichte und in der wahren Bedeutung erwogen? Ich hoffe, ehrwuͤrdiger Herr, antwortete Roland, die Pflichten zu kennen, die ein Diener in meiner Lage ſeiner koͤniglichen Gebieterinn ſchuldig iſt, zumahl in ihren bedraͤngten Um⸗ ſtaͤnden. Wahr, aber es iſt eben dieſes redliche Gefuͤhl, das Dich bei Frau Maria zu Berbrechen und Ver⸗ rath fuͤhren koͤnnte. Wie ſo, ehrwuͤrdiger Herr? Ich verſtehe Euch nicht. Ich ſpreche nicht von den Verbrechen deeſe unvorſichtigen Frau, erwiederte der Prediger: ſie taugen nicht fuͤr die Ohren ihrer verpflichteten Diener. Es iſt genug, zu ſagen, dieſe ungluͤck⸗ mehr Hoffnungen auf Ruhm verworfen, als e einem Fuͤrſten der Erde entgegen gebracht wurden, 4 und jetzt, da die Tage der Gunſt fuͤr ſie verſchwun⸗ 276 den ſind, iſt ſie eingeſchloſſen in dieſe einſame Burg, fuͤr das Gemeinwohl des ſchottiſchen Volkes, und vielleicht zum Heil ihrer eigenen Seele. Ehrwuͤrdiger Herr, ſprach Roland, ein wenig unmuthig, ich merke nur zu ſehr, daß meine ungluͤckliche Gebieterinn gefangen iſt, da ich ſelber das Ungluͤck habe, ihre Einſchraͤnkung zu theilen, deren ich wahrlich, von Herzen muͤde bin. Eben davon wollte ich reden, erwiederte der Prediger milde. Aber zuvor, mein guter Roland, betrachtet die anmuthige Ausſicht auf die angebaute Ebene. Dort, wo der Rauch aufſteigt, ſehet Ihr das Dorf, halb hinter den Baͤumen verbor⸗ gen, und Ihr wißt, es iſt die Heimath des Friedens und des Fleißes. Hier und da, an gruͤnen Ufern, ſeht Ihr die grauen Burgen der Edlen, und laͤndliche Huͤtten dazwiſchen; und Ihr wiſſet, daß auch ſie, ſammt ihren Haus⸗ genoſſen, jetzt in Eintracht leben; die Lanze haͤngt in der Wand und das Schwert iſt in der Scheide. Ihr ſehet auch mehr denn eine ſchoͤne Kirche, bo des Lebens minſtes Waſſa dem Durſtigen darge — 42* 27⁷ boten wird, und die Hungrigen erquickt werden mit geiſtlicher Speiſe. Was wuͤrde Derjenige verdienen, ſo Feuer und Mord braͤchte in dieſe ſchoͤne und gluͤckliche Landſchaft, die Schwerter der Edlen entbloͤßte und gegen einander richtete, 6 Burg und Huͤtte den Flammen opferte, und die Glutaſche daͤmpfte mit dem Blute der Inwohner? Was wuͤrde der verdienen, wer wieder aufrichtete den alten Goͤtzen des Aberglaubens, welchen die Helden unſrer Tage niedergeworfen, und wer noch ein⸗ mahl Gottes Kirchen zu Baals⸗Tempeln machte? 1 Ihr habt ein ſchreckliches Bild gemahlt, ehr⸗ wuͤrdiger Herr; aber ich kann nicht errathen, wen Ihr der Abſicht beſchuldigen wollet, eine ſo. furcht⸗ bare Veraͤnderung zu machen. Gott verhuͤte, erwiederte der Prediger, daß 3 ich zu Dir ſagen ſollte: Du biſt's! Aber ſiehe zu, Roland Graͤme, daß Du im ienſte deiner Ge⸗ bieterinn den hoͤhern Dienſt veſt halteſt, welchen Du dem Frieden deines Landes und der Wohl⸗ fahrt ſeiner Inwohner ſchuldig biſt: ſonſt, Roland Graͤme, koͤnnteſt Du der Mann ſein, auf deſſen Haupt die Fluͤche und die gewiſſe Iprafung fallen, 278— die ſolchem Werke gebuͤhren. Wenn Du gewon⸗ nen wirſt durch den Geſang dieſer Sirenen, der ungluͤcklichen Frau Beiſtand zu leiſten, auf daß ſie entrinne dieſem Orte der Buße und der Sicher⸗ heit, ſo iſt es vorbei mit dem Frieden in Schott⸗ lands Huͤtten, und mit der Wohlfahrt in ſeinen Burgen; und das Kind, ſo da noch wird geboren werden, ſoll verfluchen den Nahmen des Menſchen, welcher der Unordnung Einlaß gab, die dem Kriege zwiſchen der Mutter und dem Sohne folgen wird. Ich weiß nichts von einem ſolchen Anſchlage, antwortete Roland, und kann alſo nicht dabei helfen. Meine Pflicht gegen die Koͤniginn iſt nichts als Dienſtpflicht, es iſt eine Arbeit, wovon ich zuweilen gern frei waͤre, aber— Ich wollte Dich vorbereiten auf den Genuß einer groͤßeren Freiheit, ſprach Henderſon, darum hab' ich getrachtet, Dir die Verantwortlichkeit einzuſchaͤrfen, die Du bei deinem Dienſte haſt. Georg Douglas hat der Edelfrau geſagt, daß Du dieſes Dienſtes muͤde biſt, und auf meine Fürbitte hat die gute Herrinn beſchloſſen, daß Du, da deine Entlaſſung nicht gewaͤhrt werden kann, zu 8 — 279 gewiſſen Auftraͤgen auf dem andern Ufer gebraucht werden ſollſt, die man zeither andern Vertrauten gegeben hat. Darum komm mit mir zu der Edel⸗ frau, denn ſchon heute ſoll ein ſolches Geſchaͤft Dir aufgetragen werden. Ich hoffe, Ihr werdet mich entſchuldigen, ehrwuͤrdiger Herr, antwortete Roland, der wohl fuͤhlte, daß ein erhoͤhtes Vertrauen von Seiten der Edelfrau und ihrer Angehoͤrigen, ſeine Lage doppelt ſchwierig machen werde. Man kann nicht zwei Herren dienen, ſetzte er hinzu, und ich fuͤrchte ſehr, meine Gebieterinn wird es nicht entſchuldigen, wenn ich einem Andern meine Dienſte weihe. Fuͤrchte das nicht, ſprach der Prediger. Ihre Einwilligung wird gefodert und erlangt werden. Ich fuͤrchte, ſie wird nur zu leicht einwilligen, weil ſie hofft, durch deine Mitwirkung ein Ver⸗ ſtaͤndniß mit ihren Freunden zu unterhalten, wie ſich faͤlſchlich diejenigen nennen, ſo Maria's Nah⸗ men zum Loſungsworte des Buͤrgerkrieges machen wuͤrden. Ich werde dabei auf allen Seiten dem Ver⸗ dachte ausgeſetzt ſein, antwortete Roland. Meine Gebieterinn wird mich fuͤr einen Kundſchafter halten, wenn ſie ſieht, daß ich ſo viel Vertrauen bei ihren Feinden habe, und die Edelfrau wird immer argwoͤhnen, daß ich ſie verrathen koͤnnte, weil die Umſtaͤnde mir Verraͤtherei moͤglich Anachen. Ich bleibe lieber, was ich bin. Eine Pauſe folgte. Henderſon heftete einen veſten Blick auf Rolands Geſicht, als haͤtte er ſich verſichern wollen, ob nicht mehr in des J Juͤng⸗ lings Antwort liege, als die Worte anzudeuten ſchienen. Es gelang ihm nicht; denn Roland, von Kindheit an, im Edelknabendienſt erzogen, verſtand ſehr gut, unter einem graͤmlichen Ge⸗ ſichte alle inneren Regungen zu verbergen. Ich verſtehe dich nicht, Roland, ſprach Hen⸗ derſon, oder deine Gedanken uͤber dieſe Sache ſind tiefer, als ich's dir zutraute. Ich daͤchte, das Vergnuͤgen, mit Armbruſt, Flinte, oder Angelruthe an's Ufer zu gehen, haͤtte al. andere Gefuͤhle verdraͤngt. Und das muͤrde es auch, erwiederte Roland, der wohl einſah, wie gefaͤhrlich es war, wenn er Henderſon's halb erwachten Argwohn voͤllig erregte: 281 und ich haͤtte nur an Flinte und Ruder, und an das Waſſergefluͤgel gedacht, das mich anlockt, dort unter das Riedgras zu ſegeln, wenn Ihr nicht geſagt haͤttet, es wuͤrden Staͤdte und Burgen verbrannt werden, das Evangelium umgeſtoßen und die Meſſe wieder aufkommen, wenn ich an's Ufer ginge. Kommt mit mir, hob Henderſon wieder an, wir wollen die Edelfrau ſuchen. Sie war beim Fruͤhſtuͤcke mit ihrem Enkel Georg Douglas. Friede ſei mit Euch, edle Frau, prach der Prediger, ſich verbeugend: Roland Graͤme erwar⸗ tet eure Befehle. Junger Mann, ſprach die Edelfrau, unſer Kaplan hat ſich fuͤr deine Treue verbuͤrgt, und wir ſind entſchloſſen, Dir einen Auftrag zu geben, den Du in unſrer Stadt Kinroſſ ausrichten ſollſt. Ich habe nicht dazu gerathen, ſprach Douglas kalt. Das ſagte ich auch nicht, erwiederte die cveffeu ziemlich ſcharf. Die Mutter deines Vaters wird wohl alt genug ſein, in einer ſo einfachen Sache 28²2 ſelber urtheilen zu koͤnnen. Du nimmſt einen Kahn, Roland, und faͤhrſt mit zwei von meinen Leuten hinuͤber, um mir Silberzeug und Tapeten zu hohlen, die geſtern von Edinburgh in Kinroſſ angekommen ſind. Und gebt dieſen Brief einem unſerer Dienſt⸗ boten, der Euch dort erwarten wird, ſprach Douglas. Es iſt der Bericht an meinen Vater, ſetzte er hinzu, auf ſeine Grohmuüter blickend, die beifaͤllig nickte. Ich habe dem Herrn Henderſon bereits geſagt, daß die Koͤniginn, der ich nach meiner Pflicht aufwarten ſoll, erſt ihre Erlaubniß geben muß, bevor ich euern Auftrag annehmen kann, antwor⸗ tete Roland.— Sorge dafuͤr, mein Sohn, ſprach die Edel⸗ frau, die Bedenklichkeit macht dem jungen Men⸗ ſchen Ehre. 1 Verzeiht, erwiederte Douglas mit gleichgilti⸗ gem Tone, ich habe nicht Luſt, mich ſo fruͤh ihr aufzudringen; es koͤnnte ihr mißfallen und mir waͤre es keineswegs angenehm. Und ich, ſprach die Edelfrau, bin nicht & — 283 Willens, mich ihrem grollenden Witze auszuſetzen, obgleich ihre Stimmung in der letzten Zeit freund⸗ licher geweſen iſt. Ich werde, mit eurer Erlaubniß, edle Frau, der Koͤniginn euer Geſuch ſelber uͤberbringen, hob der Prediger an. Waͤhrend meines langen Auf⸗ enthaltes in dieſem Hauſe hat ſie noch nicht geru⸗ het, mich vor ſich zu laſſen, oder meine Lehre anzuhoͤren; aber ſo wahr Gott meine Arbeiten ſegnen moͤge, es war nur die Liebe zu ihrer Seele, und das Verlangen, ſie auf den rechten Pfad zu bringen, was mich antrieb, hieher zu kommen. Seht Euch vor, Herr Henderſon, ſprach Douglas, mit einem Tone, der faſt hoͤhniſch klang, daß Ihr Euch nicht uͤbereilt in ein Unter⸗ nehmen einlaßt, wozu Ihr keinen Beruf habet. Ihr ſeid ein Gelehrter, und kennet das Sprichwort: Ne accesseris in consilium nisi vocatus. Wer hat hier euren Rath verlangt? Der Herr, zu deſſen Dienſt ich berufen bin, erwiederte der Prediger, aufwaͤrts blickend. Er, der mir geboten hat, eifrig zu ſein, wenn es Zeit iſt und wenn es nicht Zeit iſtt— 284 Ihr ſeid mit Hoͤfen oder Fuͤrſten nicht ſonder⸗ lich bekannt geweſen, glaube ich, erwiederte Douglas. Nein, erwiederte Henderſon, aber wie mein Lehrer Knor ſehe ich nichts, das mich erſchrecken koͤnnte, in dem ſchoͤnen Geſichte einer huͤbſchen Frau. Mein Sohn, ſprach die Edelfrau, daͤmpfe nicht den Eifer dieſes guten Mannes; laß ihm ſeinen Auftrag ausrichten bei dieſer unglückuchen Fuäͤrſtinn. 4 Lieber, als ich ihn ſelber ausrichtete, erwie⸗ derte Douglas, aber es war etwas in ſeinen Worten, das ſein Penehmen zu widerſpitchen ſchien. Der Prediger ging, und erhielt, auf ſeine Bitte, Zutritt bei der gefangenen Fuͤrſtinn. Er fand ſie und ihre Geſellſchafterinnen mit Stickerei beſchaͤftigt. Die Koͤniginn empfing ihn mit jener Hoͤflichkeit, welche ſie gewoͤhnlich Allen bewies, die ſich ihr naͤherten, und der Geiſtliche war bei der Eroͤffnung ſeines Auftrages ſichtbar verlegner, als er ſelber erwartet hatte.„Die gute Frau von 285 Lochleven, hob er an— wenn es Euer Gnaden gefaͤllt“— Er hielt inne, und Maria ſprach laͤchelnd: „Meiner Gnaden wuͤrde es wahrlich wohl gefallen, wenn die Frau von Lochleven unſre gute Frau waͤre. Aber weiter! Was iſt der Wille der guten Frau von Lochleven?“ Sie verlangt, gnaͤdigſte Frau, erwiederte der Kaplan, daß Ihr euren jungen Edelknaben, Roland Graͤme, erlauben wollt, nach Kinroſſ zu fahren, wo er nach Hausgeraͤthe und Tapeten ſehen ſoll, die man geſchickt hat, um Euer Gnaden Wohnung beſſer einzurichten. Die Frau von Lochleven, antwortete die Koͤniginn, macht unnoͤthige Umſtaͤnde, wenn ſie unſere Erlaubniß in einer Sache verlangt, die ganz in ihrem Belieben ſteht. Wir wiſſen ſehr wohl, daß man uns den Dienſt dieſes jungen Menſchen nicht ſo lange geſtattet haben wuͤrde, wenn man nicht glaubte, daß er mehr den Befehlen der guten Frau gehorchte, als den unſrigen. Aber wir geben gern unſere Einwilligung, daß er den Auftrag ausrichte; mit unſerem Willen moͤchten wir kein 286 lebendes Geſchoͤpf zu der Gefangenſchaft verur⸗ theilen, die wir ſelbſt erleiden müſſſen. Ja, gnaͤdigſte Frau, antwortete der Prediger. Es iſt ohne Zweifel der Menſchheit natuͤrlich, mit ihrem Gefängniſſe zu ſtreiten. Es hat aber Leute gegeben, die da gefunden, es koͤnne die Zeit im Hauſe zeitlicher Gefangenſchaft ſo benutzt werden, daß ſie uns von geiſtlicher Sklaverei zu erloͤſen vermag. Ich verſtehe euere Meinung, antwortete die Koͤniginn. Ich habe euern Apoſtel gehoͤrt, Meiſter Knox. Und ſollte ich verfuͤhrt werden, ſo wollte ich lieber dem geſchickteſten und maͤchtig⸗ ſten aller Ketzer die geringe Ehre laſſen, die er gewinnen koͤnnte, wenn er meinen Glauben und meine Hoffnung uͤberwaͤnde. Gnaͤdigſte Frau, antwortete der Prediger, Gott gibt nicht der Einſicht und der Geſchicklich⸗ keit des Landwirths den Zuwachs. Die Worte, welcher Derjenige, den Ihr mit Recht unſern Apoſtel nennt, bei dem froͤhlichen Laͤrm des Hof⸗ lebens Euch vergebens anbot, koͤnnten beſſere Aufnahme finden bei der Muße zum Nachdenken, 287 welche dieſer Ort gewaͤhrt. Gott weiß es, gnaͤ⸗ digſte Frau, ich ſpreche in der Einfalt meines Herzens, als Jemand, der ſich eher den unſterb⸗ lichen Engeln vergleichen wollte, als dem Manne, den Ihr eben genannt habt. Aber moͤchtet Ihr doch jene Gaben und jene Gelehrſamkeit, die Jedermann Euch zugeſteht, zu ihrem edelſten Gebrauche anwenden, moͤchtet Ihr uns nur die geringſte Hoffnung laſſen, daß Ihr anhoͤren und beachten wollet, was geſagt werden kann gegen den blinden Aberglauben und Goͤtzendienſt, worin Ihr auferzogen wurdet, ja ſo wuͤrden wahrlich die geiſtreichſten meiner Bruͤder, und Johann Knox wuͤrde ſelbſt hieher eilen, und die Erloͤſung eurer Seele aus den Netzen des roͤmiſchen Irr⸗ thums hoͤher achten— Ich bin Euch und ihnen fuͤr ihre Barmherzig⸗ keit verbunden, ſagte Maria. Aber da ich jetzt nur ein Audienzzimmer habe, ſo moͤchte ich es nicht gern zu einer Hugenotten⸗Verſammlung hingeben.— 8 Seid wenigſtens nicht ſo hartnaͤckig verblendet in eueren Jrrthuͤmern, gnaͤdigſte Frau. Hoͤret 288—— Jemand, der gehungert hat und gedurſtet, und gewachet hat und gebetet, um das gute Werk euere Bekehrung zu unternehmen, und der gern ſterben wuͤrde in dem Augenblicke, wo ein Werk volbracht waͤre, ſo vortheilhaft fuͤr Euch ſelbſt, und ſo wohlthaͤtig fuͤr Schottland. Ja, gnaͤdigſte Frau, koͤnnte ich den letzten uͤbrigen Pfeiler in dem Heiden⸗Tempel dieſes Landes erſchuͤttern, koͤnnte ich eurem Glauben an Roms Irrthuͤmer ein Ende machen, ich wuͤrde gern ſterben, unter den Truͤmmern begraben. 3 Ich will eures Eifers nicht ſpotten, antwor⸗ tete Maria, wenn ich ſage, daß Ihr den Phili⸗ ſtern wohl eher Spaß machen, als ſie uͤberwaͤl⸗ tigen werdet. Eure Theilnahme fodert meinen Dank, denn ſie iſt warm ausgeſprochen und mag aufrichtig gemeint ſein. Aber denkt ſo gut von mir, als ich gern von Euch denken will, und glaubet mir, daß ich eben ſo eifrig bedacht ſein kann, Euch auf den alten und einzigen Weg zuruͤck zu rufen, als Ihr es ſeid, mir eure neuen Nebenwege zu dem Paravieſe zu zeigen. Wenn das eure edle Abſicht iſt, gnaͤdigſte — 289 Frau, ſprach Henderſon lebhaft: was hindert uns, daß wir einen Theil der Zeit, die Ihr zum Ungluͤcke nur zu ſehr uͤbrig habt, der Eroͤrterung eines ſo wichtigen Gegenſtandes widmen? Ihr ſeid, wie alle Menſchen ſagen, gelehrt und witzig, und ich, wiewohl ohne ſolche Vorzuͤge, bin ſtark in meiner Sache, wie in einer veſten Burg. Warum ſollten wir nicht einige Zeit oazu widmen, um zu entdecken, wer in dieſer wichtigen Sache unrecht hat? Nein, ſprach die Koͤniginn, ich habe nie be⸗ hauptet, daß ich ſtark genug waͤre, einen Zwei⸗ kampf in den Schranken zu beſtehen mit einem gelehrten Streiter. Der Kampf iſt auch nicht gleich. Ihr koͤnnt Euch zuruͤckziehen, ſo bald Ihr fuͤhlt, daß Ihr im Nachtheile ſeid. Ich aber muß dabei bleiben, und es iſt mir nicht erlaubt zu ſagen, daß der Streit mich ermuͤdet. Ich wuͤnſche allein zu ſein. Sie verbeugte ſich tief bei dieſen Worten, und Henderſon, der trotz ſeines feurigen Eifers das Zartgefuͤhl nicht verletzte, verbeugte ſich gleich⸗ falls und wollte ſich entfernen.„Ich wollte, Theil II.* 19 290 ſprach er, daß mein lebhafteſter Wunſch und mein eifrigſtes Gebet Euer Gnaden einen Segen oder einen Troſt verſchaffen koͤnnte, beſonders das⸗ jenige, worin allein Segen oder Troſt iſt. Aber Ihr braucht euren Wunſch nur zu verrathen, und ich meide eure Gegenwart.“) Er wollte hinausgehen, als die Koͤniginn ſehr hoͤflich zu ihm ſprach:„Thut mir nicht unrecht in euren Gedanken, guter Herr. Es koͤnnte ſein, wenn ſich mein Aufenthalt hier verlaͤngerte— was, wie ich hoffe, nicht der Fall ſein wird, da entweder meine aufruͤhriſchen Unterthanen ihre Untreue bereuen, oder meine Getreuen die Ober⸗ hand gewinnen werden— aber wenn ſich mein Aufenthalt hier verlaͤngerte, ſo wuͤrd' es mir viel⸗ leicht nicht mißfaͤllig ſein, einen Mann anzuhoͤren, der ſo vernuͤnftig und theilnehmend zu ſein ſcheint, als Ihr, und vielleicht will ich einmahl, ſelbſt wenn ich eure Geringſchaͤtzung mir zuziehen ſollte, mich auf die Gruͤnde zu beſinnen ſuchen, die Gelehrte und Kirchenverſammlungen fuͤr den Glauben gegeben haben, der in mir iſt; wiewohl ich leider fuͤrchten muß, daß auch mein Latein 291 mit meinen andern Gaben mich verlaſſen hat. Aber dazu nehmen wir einen andern Tag. Die Frau von Lochleven mag indeß meinen Edelknaben nach ihrem Belieben zu ihren Dienſten gebrauchen, und um nicht Verdacht zu erwecken, ſpreche ich kein Wort mit ihm, ehe er geht. Roland Graͤme, verliere die Gelegenheit nicht, Dich zu erluſtigen; tanze, ſinge, laufe, ſpringe; alles mag man froͤhlich thun, druͤben am Ufer, aber man muͤßte Queckſilber in den Adern haben, wenn man hier luſtig ſein wollte. Ach! gnaͤdigſte Frau! ſprach der Prediger, wozu ermahnet Ihr die Jugend, da die Zeit vor⸗ uͤber geht und die Ewigkeit ruft! Kann unſer Heil kommen von eitler Luſtigkeit, oder unſer gutes Werk gethan werden ohne Furcht und Zittern? Ich kann nicht fuͤrchten, oder zittern, erwie⸗ derte die Koͤniginn: Maria Stuart kennt ſolche Regungen nicht. Aber wenn Weinen und Kummer von meiner Seite es abbuͤßen koͤnnen, daß der junge Menſch eine Stunde lang jugendliche Freu⸗ 292 den genießt, ſo ſeid verſichert, die Buße ſoll treulich gethan werden. Nein, gnaͤdigſte Frau, erwiederte Henderſon, darin irret Ihr ſehr. Unſere Thraͤnen und unſre Leiden ſind alleſammt zu geringe fuͤr unß er und Thorheiten, noch moͤgen wir ſi Kirche faͤlſchlich lehret, zum Vorthei uͤbertragen. 1 Duͤrfte ich Euch bitten, ohne E beleidigen zu wollen, Euch ſelber an einen andern Ort hinuͤber zu tragen? Mir iſt nicht wohl, und ich mag mich nun nicht laͤnger durch Streitigkeiten ſtoͤren laſſen. Du, Roland, nimm dieſen kleinen Beutel, fuhr Maria fort, und dem Prediger den Inhalt zeigend, ſetzte ſie hinzu: Seht, ehr⸗ wuͤrdiger Herr, es ſind nur ein Paar Goldſchil⸗ linge darin. Es iſt zwar mein Gepraͤge mit meinem armen Bildniſſe, aber ich habe es immer mehr gegen mich, als fuͤr mich wirkſam gefunden, gerade ſo wie meine Unterthanen die Waffen gegen mich ergreifen, und in meinem Nahmen ihre Auffoderungen und Loſungen geben... Nimm dieſen Beutel, Roland, damit es Dir nicht an 8 293 Mitteln fehle, Dir Vergnuͤgen zu machen. Aber vergiß mir ja nicht, Neuigkeiten von Kinroſf zu bringen, nur laß es ſolche ſein, die ſich, ohne Argwohn oder Beleidigung zu geben, in Gegen⸗ N wart dieſes ehrwuͤrdigen Herrn, oder der guten Frau von Lochleven ſelber erzaͤhlen laſſen. 4 Der letzte Wink war zu unwiderſtehlich, als daß ſich dagegen haͤtte ſtreiten laſſen. Henderſon entfernte ſich. Die Aufnahme, die er bei der Koͤniginn gefunden hatte, war halb demuͤthigend, halb erfreulich fuͤr ihn; denn lange Gewohnheit und die ihr natuͤrliche Art, ſich gegen Andre zu benehmen, hatten ihr in einem hohen Grade die Kunſt gegeben, einem Geſpraͤche, das ihren Ge⸗ fuͤhlen oder Vorurtheilen unangenehm war, aus⸗ zuweichen, ohne diejenigen, die es aufbrachten, zu beleidigen. Roland entfernte ſich auf ein Zeichen von ſeiner Gebieterinn; aber als er der Koͤniginn beim Hin⸗ ausgehen eine Verbeugung machte, entging es ihm nicht, daß Katharina Seyton ihren ſchlanken Finger erhob, mit einer Gebehrde, welche, ihm 294 allein ſichtbar, zu ſagen ſchien: Erinnere Dich, was zwiſchen uns vorgegangen iſt! Roland erhielt ſeine letzten Weiſungen von der Edelfrau.„Es iſt heute eine Luſtbarkeit druͤben, ſprach ſie. Meines Sohnes Anſehen iſt noch nicht im Stande, dieſem alten Sauerteige der Thorheit Einhalt zu thun, den die katholiſchen Prieſter ganz in die Seelen der ſchotziſchen Bauern hinein geknetet haben. Ich befehle Dir nicht, davon abzuſtehen, das hieße nur, Deiner Thorheit eine Schlinge legen, oder Dich zur Falſchheit an⸗ fuͤhren; aber genieße dieſe Eitelkeiten mit Maaß, und ſieh ſie als Dinge an, welche Du bald aufzu⸗ geben und zu verachten lernen mußt. Unſer Diener in Kinroſſ, Lukas Lundin— Doctor nennt ſich der Narr— wird Dir ſagen, was Du wegen der Sache zu thun haſt, die ich Dir aufgetragen habe. Erinnere Dich, daß ich Dir vertraue, und zeige Dich alſo des Vertrauens werth.“ Wir koͤnnen uns nicht wundern, daß Rolands Herz hoch ſchlug von froher Hoffnung und Neugier bei dem Gedanken, auch nun den Freuden eines laͤndlichen Kirchweihfeſtes beizuwohnen, wenn wir — 295 uns erinnern, daß er noch nicht neunzehn Jahre alt war, und den groͤßten Theil ſeines Lebens im einſamen Schloſſe Avenel zugebracht hatte, aus⸗ 8 genommen die wenigen Stunden, die er in Edin⸗ burgh geweſen war, und ſeinen Aufenthalt in Lochleven, der aber wenig dazu gedient hatte, ſeine Bekanntſchaft mit der froͤhlichen Welt zu erweitern. Er eilte in ſeine Kammer und muſterte den anſtaͤndigen Kleidervorrath, womit man ihn, vermuthlich auf Befehl des Grafen von Murray, von Edinburgh aus verſorgt hatte. Bei der Koͤniginn hatte er zeither, nach ihrem Willen, Trauertracht, oder doch dunkelfarbige Kleider, getragen. Ihre Lage, ſagte ſie, erlaube keine froͤhlichere Tracht. Zu dem Feſte ſich ſchmuͤckend, waͤhlte er das munterſte Gewand, ein Scharlach⸗ kleid, mit Schlitzen von ſchwarzem Atlas, die koͤniglichen Farben Schottlands; er ringelte ſein langes Lockenhaar, ſchlang ſeine goldne Kette mit der Denkmuͤnze um einen Biberhut von der neuſten Form, und mit dem ſchoͤnen Schwerte, das auf eine ſo geheimnißvolle Art ihm zugekommen war und in einem geſtickten Wehrgehenke an ſeiner 296 Seite hing, bei ſeiner von Natur offnen Miene, ſeiner huͤbſchen Geſtalt, machte ihn ſein Anzug zu einem ſehr artigen Muſter von Stutzer aus jener Zeit. Er wuͤnſchte, vor ſeiner Abfahrt noch einmahl der Koͤniginn und ihren beiden Kammerfraͤulein ſeine Aufwartung zu machen, aber der alte Haushofmeiſter trieb ihn ins Boot. Von einer geheimen Unterredung wollen wir nichts wiſſen, Junker! ſprach er. Wir wollen Euch wenigſtens vor der Verſuchung der Gelegen⸗ heit bewahren, ſintemahl man Euch etwas anver⸗ traut hat.— Der muͤrriſche Alte warf einen Blick der Ver⸗ achtung auf Roland's muntern Anzug, der Juͤng⸗ ling aber unterdruͤckte mit Muͤhe ſeinen Unmuth, wickelte ſich in ſeinen Scharlachmantel und ſprang in das Boot, das zwei Ruderer„auch neugierig auf die Luſtbarkeit, ruͤſtig uͤber den See fuͤhrten. Beim Abſtoßen vom Ufer glaubte Roland Katha⸗ rina's Geſicht, ſo ſorgfaͤltig ſie ſich zu verbergen ſuchte, in einer Schießſcharte zu entdecken. Er nahm ſeinen Hut ab, und ſchwenkte ihn, als ein Zeichen, daß er ſie erkannte und ihr Abſchied zu⸗ 297 winkte. Ein weißes Tuch wehte einen Augenblick vor der Schießſcharte, und der Gedanke an Katha⸗ rina Seyton war waͤhrend der kurzen Ueberfahrt ſo lebhaft in ſeiner Seele, daß die Erwartungen, womit er der laͤndlichen Luſtbarkeit entgegen ſah, ſie nicht allein beſchaͤftigten. Dem Ufer naͤher, hoͤrten ſie die Toͤne der Freude und der Muſik, des Gelaͤchters und Frohlockens lauter, und kaum hatte das Boot angelegt, als Roland den Diener der Edelfrau aufzuſuchen eilte, um zu erfahren, wie viel Zeit er fuͤr ſich haben werde, die er dann gern auf's Beßte benutzen wollte. — XI. Roland hatte unter dem Haufen der Luſtigen, die auf einem Freiplatze zwiſchen dem Orte und dem Seegeſtade jubelten, einen ſo wichtigen Mann, als den Doctor Lukas Lundin, bald aus⸗ gefunden. Der Schloßvogt hatte die amtliche Obliegenheit, den Gutsherrn vorzuſtellen, und zur Unterſtuͤtzung ſeiner Gewalt begleiteten ihn ein Pfeifer, ein Trommler und vier derbe Burſchen, die verroſtete Helbarden mit bunten Baͤndern 298⁸— trugen, und ſchon mehr als einen zu lauten Geſellen, ſo fruͤh es noch am Tage war, in dem furchtbaren Nahmen des Burgherrn von Lochleven und des Schloßvogtes ihren Arm hatten fuͤhlen laſſen. Doctor Lundin erfuhr, daß ein Kahn aus dem Schloſſe ein zierliches Herrchen, wie ein Freiherrnſohn wenigſtens gekleidet, gebracht hatte, und der Gelandete ihn zu ſprechen wünſchte. Er brachte ſeinen Faltenkragen und ſeinen ſchwarzen Rock in Ordnung, drehte ſeinen Guͤrtel um, bis des Raufdegens vergoldeter Griff ſichtbar wurde, und ſchritt mit gebuͤhrender Feierlichkeit an's Ge⸗ ſtade. Er hatte ſich der ehrwuͤrdigen Arzneikunde befliſſen, wie Jedermann, der damit bekannt war, bald aus den Redensarten errieth, womit er ſeine Geſpraͤche ſchmuͤckte. Der Erfolg war jedoch ſeinen Anſpruͤchen nicht gleich geweſen; aber als Eingeborner der Grafſchaft Fife und als ent⸗ fernter Verwandter des alten Geſchlechtes Lundin, das mit dem Hauſe Lochleven in enger Freund⸗ ſchaft ſtand, hatte er, durch dieſe Verbindung beguͤnſtigt, ſich ganz gemächuih am Geſtade des 299 ſchoͤnen Sees eingerichtet. Die Gefaͤlle ſeines Schloßaufſeheramtes waren, zumahl in jenen unruhigen Zeiten, ſo geringe, daß er ſie durch ſein urſpruͤngliches Gewerbe zu vermehren ſuchte, und man ſagt, die Inwohner der Herrſchaft Kinroſſ waͤren nicht mehr zu des Gutsherrn 4 Muͤhle, als zu dem aͤrztlichen Alleingewerbe des Schloßvogtes gebannt geweſen. Wehe dem reichen Bauer, der ſich erkuͤhnte, ohne einen Paß vom Dockor Lundin das Leben zu verlaſſen! Hatten ſeine Erben etwas mit dem Guthsherrn abzu⸗ machen, wie es ſelten anders der Fall war, ſo fanden ſie gewiß einen kaltſinnigen Freund in dem Schloßvogt. Er war jedoch billig genug, die Armen unentgeltlich von ihren Krankheiten, und zuweilen auch wohl zu gleicher Zeit von allen andern Lebensplagen, zu befreien. Foͤrmlich in doppeltem Maaße, als Arzt und als Beamter, und ſtolz auf die gelehrten Brocken, womit er ſeine Sprache bis zur Unverſtaͤndlichkeit ausſtattete, naͤherte ſich Doctor Lundin dem Geſtade und redete den Edelknaben alſo an: „Willkommen an dieſem friſchen Morgen, ſchoͤner 300 Herr! Ihr ſeid ſonder Zweifel hieher geſandt, zu ſehen, ob wir hier das Regiment fuͤhren, wie es die edle Frau vorzuſchreiben geruhet, und alle aberglaͤubigen Gebraͤuche und thoͤrige Poſſen bei dieſen unſern Luſtbarkeiten vermeiden. Ich weiß wohl, die edle Frau haͤtte ſelbige gern gaͤnzlich abgeſchafft und aufgehoben; aber, wie ich die Ehre hatte, hochderſelben in den Worten eines gelehrten Mannes zu bemerken: omnis curatio est vel canonica, vel coacta, das heißt, mein ſchoͤner Herr— denn ich weiß wohl, Sammet und Seide haben ihr Latein ſelten auf den Fingern— das hheißt: jede Kur muß entweder durch Einfuͤhrung kunſtmaͤßiger Lebensordnung, oder durch Zwang bewirket werden, und der verſtaͤndige Arzt waͤhlet das Erſtgenannte. Da nun unſre hochgebietende Frau ſelbigen Grund beifaͤllig aufzunehmen geruhet, ſo habe ich mir angelegen ſein laſſen, Belehrung und Vorſicht mit Vergnuͤgen zu verbinden, gleich⸗ ſam eine Mixtur davon zu machen. Ich kann dafuͤr einſtehen, daß in den Gemuͤthern des Volkes, durch das angewandte Heilmittel, Poſſen und Thorheiten des Papſtthums gehoͤrig ausgeleert — 301 und abgefuͤhret worden, dergeſtalt, daß die erſten Wege gereinigt ſind und nun Herr Henderſon, oder ſonſt ein geſchickter Seelſorger ſtaͤrkende Mittel anwenden und die moraliſche Kur voll⸗ kommen bewirken kann, tuto, oito, jucundo, Roland erwiederte:„Ich habe keinen Eufting, Herr Doctor.“— Nennt mich nicht Doctor, fiel Lundin ein, ſintemahl ich meinen Pelzmantel und Hut bei Seite gelegt, und mich in dieſes Amt eines Schloßvogtes zuruͤck gezogen habe. O lieber Herr, erwiederte Roland, der von den Seltſamkeiten des Mannes fruͤher ſchon Manches gehoͤrt hatte: Die Kutte macht ja nicht den Moͤnch, und auch der Leibſtrick nicht. Wir haben alle gehoͤrt, wie Viele Doctor Lundin gluͤck⸗ lich geheilt hat. 3 Poſſen, junger Herr, Kleinigkeiten! erwie⸗ derte der Arzt, den Ruhm ernſt ablehnend. Gluͤckliche oder ungluͤckliche Praxis eines armen Mannes in ſeiner Abgeſchiedenheit!.. Nun, Gott gebe ſeinen Segen! Ja, das kann ich ſagen, beruͤhmtere Aerzte haben nicht ſo Viele durch⸗ 302— geſchleppt. Lunga roba, corta scienza, ſagt der Italiener. O ſchoͤner Herr! Ihr verſteht's wohl?— Roland hielt es nicht fuͤr noͤthig, dem gelehr⸗ ten Herrn zu verrathen, ob er ihn verſtehe, oder nicht; aber dieß unentſchieden laſſend, eroͤffnete er dem Manne, er habe den Auftrag, ſich nach gewiſſen Pakten, die angekommen und in des Schloßvogts Gewahrſam ſein ſollten, zu erkun⸗ digen. Lieber Himmel, ſprach Doctor Lundin, ich fuͤrchte, unſerm Fuhrmann muß ein Ungluͤck he⸗ gegnet ſein, ſonſt waͤre er geſtern Abend mit ſeinem Wagen gekommen. Es iſt ſchlimmes Reiſen hier zu Lande, lieber Junker, und der Narr wird auch gar bei Nacht gereiſet ſein, obgleich er leicht auf ein Dutzend Eiſenfreſſer ſtoßen könnte, die ihn auf einmahl von allem Gepaͤcke und all ſeinen Erdenleiden befreien wuͤrden. Ich muß nach ihm ſchicken; er hat Sachen fuͤr unſre Edelfrau bei ſich, und beim Himmel! auch fuͤr mich, einige Arzneien, die man mir von Edinburgh ſchickt. Er rief uisbaid Einen aus ſeiner furchtbaren — 303 Leibwache herbei, und gab ihm den Auftrag, mit einem Gefaͤhrten ſchnell zu ſatteln, und nach dem Fuhrmann und dem Wagen zu ſehen..„Ich weiß es wohl, ſetzte er hinzu, es iſt nur die Arzenei der Trinkflaſche, das einzige Medicament, das die Beſtie braucht, was ihn unterwegs auf⸗ gehalten hat. Nehmt die Baͤnder von euren Helbarden, ihr Kerle! Schnell die Harniſche angezogen, die Armſchienen angelegt, die Blech⸗ hauben aufgeſetzt, daß man ein Bischen bange vor Euch wird, wenn Ihr Widerſtand findet.— Ich wette, ſprach er darauf zu Roland, wir haben in Kurzem Nachricht von dem Wagen. Beliebt's Euch, ſo gehen wir unterdeſſen zu dem luſtigen Voͤlkchen, aber zuvor kommt in meine geringe Wohnung, und nehmt euer Morgen⸗ ſchluͤkchen. Wißt Ihr was die Schule von Salerno ſagt: Poculum mane haustum, re- staurat naturam exhaustam. Eure Gelehrſamkeit iſt fuͤr mich zu hoch, erwiederte Roland, und ich fuͤrchte, mit eurem Schluͤckchen wuͤrde es auch ſo ſein. 304 Ei nicht doch, lieber Herr! Ein Glaͤschen Sekt mit Wermuth verſetzt, iſt das beßte Traͤnk⸗ chen gegen Seuchengift, und in Wahrheit, die peſtilentialiſchen Miasmen ſind anjetzo ſehr reif in dem Dunſtkreiſe. Wir leben in einer gluͤcklichen Zeit, junger Mann, ſetzte er in dem Tone ernſten Spottes hinzu: und genießen viele Segnungen, die unſern Vaͤtern unbekannt waren. Da ſind hier zwei Oberherrn im Lande, der eine hat die Herrſchaft, der andre will ſie haben. Das ſind der guten Dinge genug. Aber wer noch mehr braucht, kann einen Koͤnig in jeder Burg finden, und wenn wir keine Regierung haben, ſo iſt's nicht weil's an Regierern fehlte. Ein Buͤrgerkrieg erquickt uns jedes Jahr und ſorgt dafuͤr, daß die Inwohner nicht aus Mangel an Nahrung umkommen. In gleicher Abſicht macht uns die Seuche einen Be⸗ ſuch, und die iſt das beßte Mittel, in einem Lande aufzuraͤumen, und juͤngere Bruͤder an die Stelle von aͤlteren zu bringen. Nun, Jedermann hat ſeinen Beruf. Die jungen Herrn mit den Degen an der Seite, wollen ringen, fechten und ſo weiter, mit irgend einem gewandten Gegner, A 3⁰⁵5 und ich mag's auch gern auf Leben und Tod auf⸗ nehmen mit der Seuche. Als ſie durch die Straße zu des Doctors Wohnung gingen, wurde ſeine Aufmerkſamkeit auf verſchiedene Menſchen gezogen, die ihm in den Weg kamen. Er ſprach uͤber jeden mit ſeinem Begleiter.„Seht Ihr den Kerl mit der rothen Muͤtze, im blauen Wamms und mit dem Knittel in der Hand? Funfzig Jahre hat der derbe Bengel in der Welt gelebt, und noch nie durch einen Pfennig fuͤr Arznei die nuͤtzlichen Wiſſenſchaften ermuntert... Aber ſeht Jenen dort mit der facies hippocratica! fuhr er fort, auf einen magern Landmann zeigend, der einer Leiche glich. Den muß ich einen der wackerſten Menſchen in der ganzen Herrſchaft nennen. Er nimmt Frauͤhſtuͤck, Morgenimbiß, Mittageſſen und Abendbrod, ganz nach meiner Vorſchrift und nicht ohne meine Arznei, und er wird fuͤr ſich allein mehr von einem ziemlichen Arzneivorrathe brauchen, als die halbe Herrſchaft. Wie geht's, mein guter Freund? ſprach Lundin mit theilnehmendem Tone zu dem Belobten. Theil II. 20 3⁰6 Sehr ſchlimm, lieber Herr, antwortete der Kranke, ſeit ich die letzte Latwerge genommen habe. Es vertrug ſich ſchlecht mit einem bischen Erſen ſuppe und Buttermilch. Erbſenſuppe und Buttermilch! wiederhohlte der Doctor. Ihr habt zehn Jahre Arznei ge⸗ braucht, und beobachtet die Lebensordnung ſo ſchlecht? Nehmt morgen Fruͤh die Latwerg allein, und eßt ſechs Stunden nachher gar nichts. 5 Der arme Kerl verbeugte ſich und ſchob fort. Der Naͤchſte, den der Doctor anredete, war ein lahmer Burſche, der dieſer Auszeichnung ganz unwerth war, da er bei dem Anblicke des Arztes ſich ſo ſchnell durch das Gedraͤnge wand, als ſeine Gebrechlichkeit es erlaubte.„Das iſt Euch ein undankbarer Schlingel, ſprach Lundin. Ich habe ihm von der Gicht in den Beinen geholfen, und nnn ſpricht er von der Koſtbarkeit der Arznei, und der erſte Gebrauch, den er von ſeinen wiederher⸗ geſtellten Beinen macht, iſt, daß er ſeinem Arzt entflieht. So geht's; Engel ſind wir, wenn wir zum Helfen kommen, und Teufel, wenn wir Bezahlung fodern. Aber er ſoll's ſehen, ich will 30⁸ ſeinem Beutel ſchon eine Purganz geben... Da kommt ſein Bruder, auch ein geiziger Schlingel... Nun, Ihr ſeid krank geweſen hoͤr' ich?“ rief er ihm zu. Es war juſt wieder voruͤber, als ich zu Euch ſchicken wollte, erwiederte der Landmann; und bin nun wieder friſch und geſund;'s war nicht der Rede werth. So? fuhr der Doctor fort. Aber ich hoffe, Ihr werdet Euch erinnern, daß Ihr der Herr⸗ ſchaft vier Stein Gerſtenmehl ſchuldig ſeid und Hafer dazu? Und ich will Euch rathen, nicht wieder ſolches Gefluͤgel zu ſchicken, als am letzten Zinstage; das ſah ja ſo elend aus, als Kranke, die eben aus dem Spital kommen. Geldzinſen ſind auch noch ruͤckſtaͤndig. Ich denke, lieber Herr, antwortete der Land⸗ mann, der Antwort auf den Hauptgegenſtand liſtig ausweichend: es wird wohl am beßten ſein, daß ich zu Euch komme und Euch um Rath frage, wenn ich meine Noth wieder kriege. Thut das, Schüngel! und bedenkt, was ge⸗ 308 ſchrieben ſtehet:„Ehre den Arzt mit gebuͤhrlicher Verehrung, daß du ihn habeſt zur Noth.“ Dieſe Ermahnung ward unterbrochen durch eine Erſcheinung, die den Doctor eben ſo ſehr in Beſtuͤrzung zu ſetzen ſchien, als ſein Anblick Einige der Angeredeten erſchreckt hatte.“ Es war eine lange alte Frau, die einen hohen Hut und einen Schleier trug; jener erhoͤhte ihre Geſtalt, dieſer verhuͤllte den untern Theil ihres Geſichtes, und da der Hut tief niedergeſchlagen war, ſo ſah man nichts von ihrem Geſichte, als die braunen Backenknochen und ſchwarze feurige Augen, die unter ſtruppigen grauen Augenbrauen hervor ſahen. Sie trug ein langes dunkelfarbiges Gewand von ungewoͤhnlichem Schnitt, das an den Raͤndern und auf dem Bruſtſtuͤcke weiß aus⸗ genaͤht war und Buchſtaben in einer unbekannten Sprache hatte. In der Hand hielt ſie einen Stock von Ebenholz. 1 Bei der Seele des großen Celſus! ſprach Lukas Lundin, es iſt Mutter Nicneven ſelber. Sie tritt mir trotzig vor's Geſicht in meinem eigenen Gebiete und in der Ausuͤbung meiner — 309 Amtspflicht... Greift die Alte, ſprach er zu einem ſeiner Helbardentraͤger: und fort mit ihr ins Ge⸗ faͤngniß! Gibt es etwa ein paar Eiferer, die ſie nach Verdienſt zuͤchtigen und in den See tauchen wollen, als eine Hexe, ſo legt Ihr ihnen nichts in den Weg. Die Helbardenmaͤnner aber waren nicht eilig, dieſen Befehl zu erfuͤllen. Einer von ihnen nahm das Wort, und verſicherte, er wolle zwar gern des Schloßvogts Geheiß gehorchen, und was man auch von der Zauberkunſt der Mutter Nieneven zu ſagen wiſſe, mit Vertrauen auf Gott ſie ohne Furcht beim Kragen nehmen. Aber Mutter Nicneven, ſetzte er hinzu, ſei keine gemeine Wahrſagerinn; ſie ſei mit großen Herrn bekannt, die fuͤr ſie ſtreiten wuͤrden; man ſehe auch einige von ihnen mit vielen bewaffneten Reiſigen beim Kirchweihfeſte, und es koͤnnte leicht boͤſe 1 Haͤndel geben, wenn man die alte katholiſche Hexe greifen wolle, zumahl da die beßten Leute des Burgherrn mit ihm in Edinburgh waͤren, und der Schloßvogt ſchwerlich Viele zur Unterſtuͤtzung finden würde, wenn die Klingen gezogen waͤren. 2. 310 Doctor Lundin achtete ungern auf dieſen klugen Rath, und beruhigte ſich bei dem Ver⸗ ſprechen ſeines getreuen Trabanten, die Alte ſolle ſicher ergriffen werden, ſobald ſie ſich wieder in der Herrſchaft blicken laſſe. Und dann ſoll Feuer und Flammen der beßte Willkommen fuͤr ſie ſein, ſprach der Doctor zu ſeinem Begleiter. Die Alte hoͤrte dieſe Worte, aber als ſie bei ihm voruͤber ging, ſchoß ſie unter ihren grauen Augenbrauen einen Blick hoͤhnender ſtolzer Ver⸗ achtung auf ihn. 4 Hieher! rief der Arzt, ſeinen Gaſt in da Haus fuͤhrend. Nehmt Euch in Acht, daß Ihr nicht uͤber eine Retorte fallet, denn es iſt gefäͤhr⸗ lich fuͤr den Unwiſſenden, auf dem Pfade der Kunſt zu wandeln. 3 Roland fand die Warnung wohl gegruͤndet. Außer ausgeſtopften Vögein, außer Eidechſen und Schlangen in Weingeiſt, Buͤndeln von Heilkraͤu⸗ tern, andern Kraͤutern, die zum Trocknen aus⸗ gebreitet waren, und aller Verwirrung, zu ge⸗ ſchweigen der widrigen Geruͤche eines Arzneiladens, —— — 311 hatte er auch vor Haufen von Holzkohlen, Schmelz⸗ tiegeln, Vorlagen, Oefen und anderm Geraͤthe eines chemiſchen Laboratoriums ſich zu huͤten. Zu den Eigenſchaften, die Lucas Lundin mit vielen ſeiner gelehrten Standesgenoſſen gemein hatte, gehoͤrte auch Unordnung. Seine alte Haus⸗ haͤlterinn, welche, wie ſie ſich ruͤhmte, ihr ganzes Leben damit zugebracht hatte, ihn in Ordnung zu halten, war mit Andern und Juͤngern auf den Schauplatz der Froͤhlichfeit gegangen. Nach vielem Geraͤuſche unter Flaſchen und Phiolen, fand der Doctor endlich den heilſamen Trank, den er ſo eifrig empfohlen, und ein eben ſo laͤrmendes Suchen unter Kannen und zerbrochenen Toͤpfen war noͤthig, ehe er ein Teinkgeſchirr finden konnte. Als endlich Beides zur Hand war, gab der Doctor ſeinem Gaſte das Beiſpiel und leerte einen Becher des herzſtaͤrkenden Trankes, worauf er beifäͤllig mit den Lippen ſchmatzte, als er ihn hinab ge⸗ ſchluͤrft hatte. Roland trank gleichfalls, aber er fand das Gemiſche ſo unausſtehlich bitter, daß er gern aus dem Laboratorium gelaufen waͤre, um durch einen Trunk reinen Waſſers den Geſchmack 312² zu vertreiben. Seinen Bemuͤhungen zum Troze, hielt die Geſchwaͤtzigkeit ſeines Wirthes ihn auf, bis endlich die Rede wieder auf Mutter Nicneven kam. Ich mag nicht gern im Freien und vor vielen Leuten von ihr ſprechen, fuhr der Doctor fort, nicht aus Furcht, wie das Haſenherz unter meinen Helbardirern, ſondern weil ich nicht Anlaß zu einer Balgerei geben wollte. Haͤtte ich denn auch Zeit, nach Stichen, Hieben und zerſchlagenen Gebeinen zu ſehen! Die Leute nennen die alte Hexe eine Wahrſagerin. Ich glaube, ſie weiß kaum vorher zu ſagen, wann ein Kuͤchlein aus dem Eie kriechen werde. Die Leute ſagen, ſie leſe in den Sternen. Ich glaube, meine ſchwarze Betze verſteht eben ſo viel davon, wenn ſie den Mond anbellt. Man behauptet auch, ſie ſei eine Zauberinn, und wer weiß was alles. Unter uns geſagt, ich will nie dem Geruͤchte widerſprechen, das ſie auf den verdienten Scheiterhaufen bringen kann; aber ich glaube auch, die Geſchichten von Hexen, womit man uns vor den Ohren liegt, geſchwaͤtz. bern, die ſich's unverſchaͤmter Weiſe einfallen maenſchlichen Geſellſchaft, als dieſe alten einge⸗ regelmaͤßige, kunſtgerechte Kur ſtoͤren und hindern, 313 ſind nichts als Spitzbüberei, Betrug und Weiber⸗ Aber um's Himmelswillen, was iſt ſie denn, daß Ihr ſo viel Laͤrm um ſie macht? fragte Roland. 44 Sie iſt eine von den verdammten alten Wei⸗ laſſen, den Kranken ihren Rath zu geben, ja ſie gar zu heilen, und dazu brauchen ſie unnuͤtzen Quark von Kraͤutern, Zauberſpruͤche, ein Traͤnk⸗ chen, eine Herzſtaͤrkung. Nein, ſagt nichts weiter! fiel Roland ein, wenn ſie Herzſtaͤrkungen brauen, ſo ergeh' es ihnen uͤbel, und Allen, die es eben ſo machen. Ihr habt recht, junger Mann, erwiederte Lundin. Ich kenne keine ſchlimmere Peſt der fleiſchten Teufel, welche ſich in die Kammer der irren Kranken eindraͤngen, die ſo wahnſinnig ſind, ihnen eine Einmiſchung zu erlauben, wo ſie dann mit ihren Traͤnken und Pillen und Pulvern eine um den Nahmen und Ruf einer klugen Frau zu Theil II. 21 314— gewinnen. Aber genug davon! Mutter Nicneven und ich, wir treffen uns ſchon wieder, und dann ſoll ſie ſehen, daß es gefaͤhrlich iſt, mit einem Doctor etwas zu thun zu haben. Doas iſt ein wahres Wort und Viele haben's erfahren, erwiederte Roland. Aber ich moͤchte nun gern ausgehen, und der Luſtbarkeit beiwohnen. Sie iſt ſchon recht im Gange, ſprach Doctor Lundin. Kommt, ich ſelber muß mich draußen ſehen laſſen. Das Schauſpiel wird auch auf uns warten. Heute— totus mundus agit histrio- nem— jedermann macht den Komoͤdianten. 2 Ende des zweiten Theils. In der Rein'ſchen Buchhandlung in Leipzig ſind folgende empfehlungswerthe Werke erſchie⸗ nen, welche ſich vorzuͤglich fuͤr Leſe⸗ und Privat⸗ Bibliotheken eignen. — Abentheuer in der Sierra Morena, aus den Pa⸗ pieren des Grafen von*** Mit Kupfern. 1 Thlr. 12 Gr. Alpenwanderer, der, vom Verfaſſer des Mazarino. 2 Bde. Mit Kupfern. 3 Thlr. 12 Gr. Amina, die ſchoͤne Circaſſierin, vom Verfaſſer des Mazarino. 2 Thlr. Mit Kofrn. 2 Thlr. Angebinde fuͤr die Bekenner des moſaiſchen Glau⸗ bens(eine vorzuͤgliche Auswahl Anekdoten von Muͤchler) geh.. 8 Gr. Argwohn, der beſtrafte, Luſtſpiel in 1 Akt. 8 Gr. Aſtrolog, der, eine caledoniſche Wunderſage nach Walter Scott, frei bearbeitet von W. A. Lindau. 3 Thle. 3 3 Thlr. Barrow, J., Reiſe nach Cochinchina uͤber Madeira, Teneriffa ꝛc. A. d. Engl. Mit Kpfrn und Kar⸗ ten. 2te Auflage. 1 Thlr. 8 Gr. Beitraͤge, intereſſante, zur Geſchichte der Ereig⸗ niſſe in Tyrol im Jahre 1809 u. 1870. 1 Thlr. 8 Gr. Bolinbroke, H., Reiſe nach dem Demarary, nebſt einer Beſchreibung der Niederlaſſungen daſelbſt ſo wie jener am Eſſequebo ꝛc. Aus dem Engl. .. 1 Thlr. 8 Gr. Cervantes Portrait; Luſtſpiel in 3 Akten. 12 Gr. Ehemann, der, u. der Hageſtolz, oder welcher Lebensweg iſt der beſte Komiſcher Roman. 2 Thle. 2 Thlr. 8 Gr. Eichenblaͤtter. 8 Gr. I Etons Schilderung des tuͤrkiſchen Reichs. Engl. M. Kupfern und Karten. 3 Thlr. Eugenia und Mathilde, oder Denkwuͤrdigkeiten der Familie des Grafen von Revel. 2 Baͤnde. 2 Thlr. 6 Gr. Fall, der, der Schweiz. Trauerſpiel in 5 Aufzuͤgen. — 12 r. Freundſchaftsbruch, der, Trauerſpiel in 5 Auf⸗ zuͤgen. 1 12 Gr. Fruͤhlingsblumen, Erzaͤhlungen. 1 Thlr. 12 Gr. Gebhards kleiner Beitrag fuͤr die Buͤhne, ent⸗ haltend: die Ruͤckkunft der Soͤhne, der Sturm, der Leibkoſack, die Fuchsprelle, die heirathsluſtige Familie. 1 Thlr. 12 Gr. Georgien, oder hiſt. Gemaͤlde von Geuſien. Aus dem Ruſſ. 1 Thlr. 8 Gr. Geſchichte der Herzogin von Portsmouth, oder ge⸗ beime Liebſchaften Karls des Zweiten. 10 Gr. Glorwina, das wilde Maͤdchen in Irland. A. d. Engl. Vom Verfaſſer des Romans: Heliodora. 3 Bde. Mit Kupfern. 2 Thlr. Grollberrys Reiſe durch das weſtliche Afrika. A. d. Franzoſ. 2 Bde. Mit Kupfern. 2 Thlr. 16 Gr. Grote, C. W., Zeitloſen, eine Bluͤthenleſe aus den Gaben der Freunde u. eignen Dichtungen. . 1 Thlr. 3 Gr. Guiskardo der Dichter, oder das Ideal, von Franz Horn. Neue Auflage. M. 1 Kpf. 1 Thlr. 6 Gr. Hexenfahrten und Teufelskuͤnſte, aus dem geheimen „Archive der Walpurgisnaͤchte. M. Kpfrn. 20 Gr. Hopfenkeim, Herr von. Eine Faſtnachtspoſſe in 4 Aufzuͤgen von G. Reinbeck. 1. 16 Gr. Höoͤhle, die, des Todes. Aus d. Franzoͤſ. v. C. Fr. Schlegel. Mit Kupfern. 16 Gr. Hulda, oder das ſchoͤne Waſſerfraͤulein. M. Kpf Igſter, J., romantiſche Erzaͤhlungen des Tages und der Vorzeit. M. Kupfern. 12 G. Kaffka, Polyhymnia. 2 Bde. 1 Thlr. 12 Gr. Kleinigkeiten, dramatiſche, oder 3 kleine Luſtſpiele fuͤr Liebhabertheater. 1 Thlr. Lilien, Erzaͤhlungen von Fanny Tarnow. 2 Bde. Lindau, W. A., Gemalde aus der Geſchichte der Voͤlker. 1 Thlr. Lucindora die Zauberin; vom Verfaſſer des Rinaldo. 3 I Thlr. 12. Gr. Ludovico di Parma. Ein dramatiſches Gemaͤlde. Mit Muſik. 18 Gr. Markulf v. Schauermann, oder die Bluthochzeit der ſchwarzen Brüder. M. 1 Kupf. 1 Thlr. 3 Gr. Minna, das neue Raͤubermaͤdchen, v. G. Bertrand. 1 1 Thlr. 8 Gr. Narbe, die, an der Stirn. Luſtſpiel in 4 Auf⸗ zuͤgen, von Sievers. 16 Gr. Nothanker, der andre, oder Leben und Meinungen eines Exprofeſſors, im Druck gegeben durch ſeinen Vetter. 1 Thlr. 16 Gr. Olivier, G. A., Reiſe in Aegypten, Syrien, Meſo⸗ potamien ꝛc. M. Kpf. u. Karten. 2 Thlr. 12 Gr. Pedro, Don, und Seraphine, oder die geheimniß⸗ vollen Waltungen des Schickſals. 2 Baͤnde. 1 Thlr. 16 Gr. Percival's, R., Beſchreibung des Vorgebirges der guten Hoffnung. A. d. Engl. 1 Thlr. 16 Gr. Deſſen Beſchreibung der Infel Ceylon. A. d. Engl. Mit 1 Karte..2 Thlr. 12 Gr. Pergami's Leben, vorzuͤglich in Hinſicht ſeines Ver⸗ haͤltniſſes zur Koͤnigin von England. Mit ſeinem Portrait. 8 Gr. Raſowsky, Graf, oder nicht alles iſt falſch, was glaͤnzt. Ein ruſſ. Sittengemaͤlde in 4 üuftgen . 1 Thlr. Reinbeck, G., fluͤchtige Bemerkungen auf einer Reiſe von St. Petersburg uͤber Moskau, Grod⸗ no, Warſchau ꝛc. nach Deutſchland. 2 Thle 3 Thlr. . 1 r. Reinbeck Erzaͤhlungen. Neue Aufl. 1 Thlr. 12 Gr. deſſen Schauſpiele. 1 Thlr 16 Gr. deſſen Winterbluthen. 2 Thle. M. Kupfern. Neue 2 Thlr. 12 Gr. Auflage. Reiſe, abentheuerliche, des Superintendenten Typke aus Dobrilugk nach der Reſidenz des Prinzen Beelzebub. 2 Gr. Reiſeabentheuer einer Predigerfamilie. Mit 1 Kpf. 1 Thlr. Naderig oder der Zauberthurm. Ein alesvrffges emaͤl de. Roſenhayn, J. S., Gedichte. 1 Thlr. 112 Gr Saryeſcheme 83 G., Reiſe durch den nordoͤſtlichen Theil Siberiens. A. d. Ruſſ. 3 Theile. Mit illum. und ſchwarz. Kupfern. 7 Thlr. Siegfriedskirche, die heilige. Ein Roman nach der 12ten engl. Ausgabe uͤberſetzt. 5 Baͤnde. Mit Kupfern. 3 Thlr. 16 Gr. Spaziergaͤnge in St. Petersburg. Enthaltend eine Dehhraibing di dieſer Hauptſtadt und eine Schil⸗ derung der Ruſſen. 1 Thlr. 8 Gr. Stark, Lorenz, oder die deutſche Familie. Schau⸗ ſpiel in 3 Aufzuͤgen v. F. L. Schmidt. 20 Gr. Stellas Fruͤhling des Lebens; Seitenſtuͤck zu Bel⸗ lamo's letzter Abend, von E. G. Cramer, M. Kupfern. 1 Thlr. 12 Gr. Stephanor, oder die Graͤuel der Inquiſition. M. Kupfern. 1 Thlir 8 Gr. Strohm, Karl von, genannt Ilmen, Bruder des Bundes der einzigen wahren Groͤße. 1 Thlr. 12 Gr. Studien, hogarthſche. Druckp. 1. Fln Schrbp. Thlr. 12 Gr. Sylphen, die. Eine Zauber⸗ Oper In 3 Aufz. nach Gozzi von Robert. In Muſik geſetzt v. Hiumnhel. 18 Tagebuch meiner Reiſe durch die Schweiz. Mit Kupfern. 2 Thlr. Tempelherr, der, 2 Bde. 1 Thlr. 8 Gr. Teufeleien von Heidelberg bis Weimar und in Thuͤringen, von Franz Wildehold. 18 Gr. Tolf, Malchen, eine Geſchichte fuͤr angehende Liebhaber. Mit Kupfern. 1 Thlr. 8 Gr. Verbrechen der Liebe. Ein⸗ Reihe heroiſch tragiſcher Gemaäͤlde. A. d. Engl. 2 Bde. 2 Thlr. Vermachtniß, das, eines Einſamen; vom Verfaſſer der Heliodora. 1 Thlr. Verſuch einer Biographie der Graͤfin von Licheean. Waffenbeier, die, oder Freundſchaff. bis weſots des Grabes. Thlr. Weiberliſt, Luſtſpiel von Juͤnger. 8 Gr. Willigerod, Geſchichte Ehſtlandes. 12 Gr. Wittmanns, W., Reiſen in der Europ. Tuͤrkey, klein Aſien ꝛc. A. d. Engl. 2 Bde. Mit illum. und ſchw Kpfrn. 5 Talr. Zelomir, ein Gemaͤlde, aus den Zeiten der Kreuz⸗ züͤge. 16 Gr. Zuͤge, rhapſodiſche, 18 Gr. Marpha ou la prise de Novgorod, nouvelle histo- rique par Mr. de Raramzin. 16 Gr. Wer ſich mit einer bedeutenden Beſtellung un⸗ mitteibar an die Verlagshandlung wendet, kann dabei auf groͤßere Geſchaͤftsvortheile rechnen, als „bei indirecter Beziehung durch andere Handlungen. 8 nnennen 9 13 17 18 19 9 L v L 1“