iothek eih- und Igeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Ser ahs 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 4 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe binterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet ird. 4 b 13, Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: 4 für ehentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Nr. 50 Pf. 2 Nk. f. 3 9 haben fü⸗ Ein romantiſches Gemaͤhlde von 8 Walter Scott. Ueberſeßzt von W. A. Lindau. Erſter Theil. Leipzig 1821. Rein'ſche Buchhandlung. Vorwore. Das Original dieſes Werkes erſchien im vorigen Jahre unter den Titel: The Abbot, und ward als Fortſetzung des zunaͤchſt vor⸗ her gegangenen Romans: The Monastery (wovon Herr K. L. Methuſ. Muͤller eine Verteutſchung liefert) angekuͤndigt, doch bil⸗ det es ein fuͤr ſich abgeſchloſſenes Ganzes. Man hat in dieſer Ueberſetzung den urſpruͤng⸗ lichen Titel beibehalten, obgleich er nicht ſehr paſſend iſt, wie uns des Verfaſſers Vorrede ſelbſt ſagt. Am Ende des zten Bandes wird der Ueberſetzer diejenigen ge⸗ ſchichtlichen Umſtaͤnde, die mit dem Roman verwebt ſind, in einer kurzen Ueberſicht zu⸗ ſammen ſtellen, wie es dem Beduͤrfniſſe mancher Leſer willkommen ſeyn wird. 2 — e r ſt A Theil I. — I. Zehn Jahre waren verfloſſen, ſeit Halbert Glen⸗ dinning die Hand der ſchoͤnen Maria von Avenel und mit ihr das Erbe eines alten ritterlichen Ge⸗ ſchlechts gewonnen hatte. Zwei Umſtaͤnde nur verbitterten ihre Vereinigung, die ſonſt ſo gluͤck⸗ lich war, als gegenſeitige Zuneigung ſie machen konnte. Der eine war freilich das gemeinſame Ungluͤck Schottlands, der zerruͤttete Zuſtand des be⸗ draͤngten Landes, wo jedes Schwert des Nachbars Bruſt bedrohte. Glendinning hatte ſich erwieſen, wie der maͤchtige Graf Murray von ihm erwar⸗ tete, als einen ſtandhaften Freund, ſtark in der Schlacht und weiſe im Rathe, aus Dankbarkeit anhaͤnglich, in Lagen, wo ſein eigener unbefan⸗ gener Wille ihn entweder zur Parteiloſigkeit, oder zur entgegen geſetzten Partei gefuͤhrt haben wuͤrde. Wenn Gefahr drohte, und ſelten war ſie weit 4 entfernt, wurde Halbert, den jetzt die Ritter⸗* wuͤrde ſchmuͤckte, immer aufgerufen, ſeinen Goͤn⸗ ner auf Kriegszuͤgen zu begleiten, oder gefaͤhr⸗ 4 liche Unternehmungen zu beſtehen, oder ihm bei bedenklichen Raͤnken, die an einem wenig gebildeten Hofe angezettelt wurden, mit ſeinem Ruthe bei⸗ zuſtehen. Er war oft und auf lange Zeit von ſeinem Schloſſe und ſeiner Gemahlin abweſend, und ſie fuͤhlte dieſe Trennungen deſto ſchmerzlicher, da keine Kinder ihr haͤusliches Gluͤck erhoͤhten. Bei ſolchen Gelegenheiten lebte ſie faſt ganz abgeſchieden in den Mauern ihres Stammſchloſſes. Von Beſuchen bei den Nachbarn war damahl gar nicht die die Rede, auſſer etwa bei feierlichen Veranlaſſungen, und ſelbſt dann ſah man nur die naͤchſten Verwandten. Die Sippſchaft der Edelfrau von Avenel war ausgeſtorben, und die Frauen der nachbarlichen Burgherrn ließen es deutlich merken, daß ſie ihnen weniger die Erbin des Hauſes Avenel, als die Gattin eines Land⸗ 4 mannes war, des Sohnes eines Kloſterlehn⸗ mannes, den Murray's launiſche Gunſt ſo ſchnell erhoben hatte. Der Ahnenſtolz, der die Bruſt —.— — 5 bes aͤltern Adels hob, ward offener von den Frauen ausgeſprochen, und uͤberdieß nicht wenig durch die Fehden jener Zeit erbittert, da die meiſten Haͤuptlinge im ſuͤdlichen Schottland auf der Seite der Koͤnigin Maria ſtanden, und auf Murray's Macht eiferſuͤchtig waren. Das Schloß Avenel war daher der traurigſte und einſamſte Aufenthalt fuͤr die arme Edelfrau, wiewohl ſonſt gegen i Gefahr geſichert. Es lag auf einer Inſel in einem kleinen See, und war nur auf einem Dammwege zugaͤnglich, den aber zwei, durch Zugbruͤcken vertheidigte Graͤben durchſchnitten. Ohne Geſchuͤtz unuͤberwindlich, konnte es gegen einen Ueberfall durch wenige Tapfre geſchuͤtzt werden. Drohte ernſtliche Gefahr, ſo fand man eine anſehnliche Beſatzung unter den maͤnnlichen Bewohnern eines Doͤrfchens, das Halbert Glen⸗ dinning am Ufer des Sees, nahe am Ende des Dammweges, gegruͤndet hatte. Leicht waren hier Anſiedler zuſammen gebracht worden, da der Burgherr von Avenel ein guͤtiger und wohlthaͤ⸗ tiger Gebieter, und durch ſeine naszarsbeuen durch den Ruf ſeiner Washeie und Neblchens 6 durch Murray's Gunſt, wohl geeignet war, alle zu beſchuͤtzen und zu vertheidigen, die unter ſeinem Branner wohnten. Der einzige, aber faſt beſtaͤndige Gaſt im Schloſſe war der Geiſtliche, Heinrich Warden, der ſich jetzt dem ſchweren Geſchaͤfte, das den prote⸗ ſtantiſchen Geiſtlichen oblag, nicht mehr gewachſen fuͤhlte, und durch ſeinen Eifer ſo viele Anfuͤhrer und Haͤuptlinge beleidigt hatte, daß er ſich nur in der wohl bewahrten Burg eines erprobten Freundes ſicher glaubte. Er hoͤrte jedoch nicht auf, ſeiner Sache ſo eifrig mit der Feder zu die⸗ nen, als er es einſt mit ſeiner Zunge gethan, und war eben jetzt in einer bittern Fehde uͤber das Meßopfer mit dem ehrwuͤrdigen Euſtathius, Abte des Marienkloſters zu Kennaquhair. Bei Be⸗ ſchaͤftigungen dieſer Art war der gelehrte Herr nicht eben der anziehendſte Geſellſchafter einer einſamen Frau, und die Gegenwart des ernſten, finſtern, verſchloſſenen Mannes, der ſelten fuͤr etwas anders, als die Angelegenheiten ſeines Glaubens, Theilnahme zeigte, mußte eher die Duͤſterheit vermehren, die uͤber der Burg Avenet 5 — 7 hing. Die Aufſicht uͤber die Arbeiten ihrer zahl⸗ reichen weiblichen Dienſtboten war das Haupt⸗ tagewerk der Edelfrau; ihre Spindel, ihre Bibel, und ein einſamer Gang auf der Zinne der Burg, oder auf dem Dammwege, oder zuweilen, aber ſeltener, am Ufer des Sees, fuͤllten die uͤbrigen Stunden. Die Unſicherheit der Zeit aber war ſo groß, daß immer, wenn ſie uͤber das Doͤrfchen hinaus zu luſtwandeln wagte, der Waͤchter auf der Warte nach allen Seiten ſich ſcharf umſehen mußte, und vier oder fuͤnf Reiſige ihre Pferde bereit hielten, um bei dem geringſten Anſcheine von Gefahr aus dem Dorfe hervor zu brechen. So ſtanden die Sachen, als nach einer Abwe⸗ ſenheit von mehren Wochen der Ritter von Avenel taͤglich erwartet wurde. Ein Tag aber verging nach dem andern, und er kehrte nicht heim. Briefe wurden in jenen Zeiten ſelten geſchrieben, und der Ritter haͤtte auch eines Schreihers dazu bedurft; uͤberdieß war Verkehr aller Art unſicher und Niemand mochte gern die Zeit und die Rich⸗ tung einer Reiſe bekannt werden laſſen, weil man in dem Falle mehr Feinde als Freunde auf 12 — —— 1 — — 8— dem Wege zu finden beſorgen mußte. Die Zeit der Ruͤckkehr des Ritters war daher nicht beſtimmt, und der Tag, den die zaͤrtliche Erwartung ſeiner Gemahlin berechnet hatte, laͤngſt verfloſſen. Die oft getaͤuſchte Hoffnung machte ihr Herz krank. Am Abend eines ſchwuͤlen Sommertages, als die Sonne beinahe hinter die fernen weſtlichen Gebirge von Liddesdate geſunken war, wandelte die Edelfrau einſam auf der Zinne der Burg, wo breite Steinplatten einen bequemen Gang bildeten. Die glatte Oberflaͤche des Sees, die nur zuweilen von einer auftauchenden Kriechente bewegt wurde, gluͤhte unter der ſinkenden Sonne, und ſtrahlte, wie ein goldner Spiegel, die Ge⸗ ſtalt der Huͤgel zuruͤck, die ihn umſchloſſen. Die ſonſt ſo einſame Landſchaft ward von den Stimmen der Dorfkinder belebt, welche, in leiſen Toͤnen verklingend, zu dem Ohre der Edel⸗ frau drangen, oder durch den fernen Ruf des Hirten, der ſein Vieh von der Tagweide im Thale zu dem ſichern Nachtlager in der Naͤhe des Dorfes fuͤhrte. Das Bruͤllen der Kuͤhe ſchien die Milchmaͤdchen herbei zu rufen, welche, laut 5 —— 9 und froͤhlich ſingend, mit ihren Eimern auf den Koͤpfen, daher kamen, ihr Abendwerk zu ver⸗ richten. Die Edelfrau dachte bei dieſem Anblicke an die Zeit ihrer Kindheit, wo ſie, aus der vaͤter⸗ lichen Burg vertrieben, bei Halberts Mutter im Thale Glendearg lebte, und ihr wichtigſtes Ge⸗ ſchaͤft, wie ihr gregees Vergnuͤgen darin fand, bei dem Melken der Kuͤhe zu helfen. Warum war ich nicht, ſprach ſie in Truͤbſinn verſinkend, das Landmaͤdchen, wofuͤr Alle mich hielten! Halbert und ich haͤtten dann friedlich gelebt in ſeinem heimathlichen Thale, ungeſtoͤrt von den Geſpenſtern der Furcht, oder des Ehr⸗ geitzes. Dann waͤr' es ſein groͤßter Stolz ge⸗ weſen, die ſchoͤnſte Herde im Thale zu beſitzen, ſeine groͤßte Faͤhrlichkeit, einen kecken Raͤuber aus dem Graͤnzgebiete zu verjagen, und nur wenn ein Reh auf der Jagd ihn verlockt haͤtte, wuͤrde er ſich weit von mir getrennt haben. Ach! wozu hilft nun das Blut, das Halbert vergoſſen hat, wozu helfen die Gefahren, die er beſteht, nur einen Nahmen und einen Rang zu erhalten, die ihm theuer ſind, weil er ſie von mir hat 10 Wir werden ſie nicht auf Nachkommen bringen. Mit mir ſoll der Nahme Avenel ausſterben. Sie ſeufzte bei dieſem Gedanken, als ſie, auf das Seeufer blickend, einen Haufen froͤhlicher Kinder verſchiedenen Alters gewahrte, die ſich verſammelten, um ein kleines Schiff, das ein kunſtfertiger Dorfbewohner erbaut hatte, ſeine erſte Reiſe machen zu ſehen. Bei dem Freuden⸗ geſchrei ihrer hellen Stimmchen und bei lautem Haͤndeklatſchen, lief es vom Stapel, und ein guͤnſtiger Wind ſchien es an das jenſeitige Ufer tragen zu wollen. Einige der ruͤſtigern Knaben liefen um den See, an dem entfernten Geſtade es aufzuhalten, und ſuchten einander zu uͤber⸗ )ohlen, als ſie froͤhlich laͤngs dem ſchiefrigen Uferrande ſprangen. Die Uebrigen, welchen eine ſolche Reiſe zu beſchwerlich war, blieben zuruͤck, und beobachteten die Bewegungen des Feenſchiff⸗ chens vom Ufer, wo es abgelaufen war. Der Anblick ihrer froͤhlichen Spiele bewegte das Herz der kinderloſen Edelfrau.. Warum gehoͤrt keines von dieſen Kindern mir? fuhr ſie fort in ihren truͤbſinnigen Betrach⸗ —— — tungen. Ihre Aeltern haben fuͤr ſie kaum die roheſte Nahrung, und ich, die ſie reichlich naͤhren koͤnnte, ich bin verurtheilt, nie von einem Kinde den Nahmen Mutter zu hoͤren! Der Gedanke regte ſich in ihrem Herzen mit einer Bitterkeit, die dem Neide glich; ſo tief iſt der Wunſch, Nachkommen zu ſehen, der weib⸗ lichen Bruſt eingepflanzt. Sie preßte ihre Haͤnde zuſammen, und ſchien ſie zu ringen in dem troſt⸗ loſen Gefuͤhle, vom Himmel zu einer kinderloſen Gattin beſtimmt zu ſein. Ein großer Jagdhund, von der Windſpielart, naͤherte ſich ihr, und vielleicht von ihrer Gebehrde angezogen, leckte er ihre Haͤnde und druͤckte ſeinen Kopf daran. Er empfing dagegen die gewuͤnſchte Liebkoſung, aber ihre Traurigkeit blieb.„Wolf! ſprach ſie, als haͤtte das Thier ihre Klagen verſtehen koͤnnen, du biſt gut und ſchoͤn, aber ach! die Liebe und Zuneigung, die ich gern geben moͤchte, iſt von hoͤherer Art, als daß ſie dir zufallen koͤnnte, und doch hab' ich dich recht lieb.“ Und als ob ſie es haͤtte entſchuldigen wollen, daß ſie ihm einen Theil ihrer Aufmerkſamkeit 12— entzoͤge, ſtreichelte ſie liebkoſend ſeinen ſtolzen Kopf und Hals, waͤhrend er, ihr ins Auge blickend, zu fragen ſchien, was ihr fehle, oder wie er ſeine Zuneigung ihr beweiſen koͤnne. In dieſem Augenblicke erſcholl ein Jammergeſchrei am Ufer unter den muntern Knaben, die eben erſt ſo froͤhlich geweſen waren. Die Edelfrau blickte auf und ſah mit großer Angſt die Urſache. Das kleine Schiff, dem die Blicke der Kinder freudig gefolgt waren, blieb zwiſchen Seeblumen ſitzen, welche, ungefaͤhr einen Pfeilſchuß weit vom Ufer, eine kleine Untiefe bedeckten. Ein kuͤhner Knabe, der Anfuͤhrer der Schaar, die den Wettlauf laͤngs dem Uferrande wagte, zoͤgerte nicht einen Augenblick, ſeine Flanelljacke auszu⸗ ziehen, ſich ins Waſſer zu ſtuͤrzen und auf den Gegenſtand ihrer gemeinſchaftlichen Bekuͤmmerniß loszuſchwimmen. Die erſte Regung der Edelfrau war, um Hilfe zu ſchreien, als ſie aber bemerkte, daß der Knabe kraͤftig und furchtlos ſchwamm und auch keiner von den Landleuten, die aus der Ferne zuſahen, Beſorgniß verrieth, glaubte ſie, er ſei der Uebung gewohnt und nichts fuͤr ihn zu — — 13 befuͤrchten. Mochte indeß der kleine Schwimmer ſeine Bruſt an einem Felſen unter dem Waſſer geſtoßen, oder ploͤtzlich den Krampf bekommen, oder ſeine Kraͤfte uͤberſchaͤtzt haben, genug, kaum war das Schiſſchen gluͤcklich aus den Waſſerpflan⸗ zen los gemacht und wieder flott geworden, als der Knabe, nach dem Ufet zuruͤck ſchwimmend, plätzlich ſich aus dem Waſſer hob und mit dem Ausdrucke von Furcht und Schmerz die Haͤnde zuſammen ſchlug. Die Edelfrau rief in ihrer Angſt eilig ihren Leuten zu, nach dem Boote zu eilen. Dazu gehoͤrte Zeit. Das einzige Boot, womit der See befahren werden konnte, lag in dem zweiten Durchſchnitte des Dammweges, und es vergin⸗ gen einige Minuten, ehe es los gemacht und in Bewegung geſetzt werden konnte. Die Edelfrau ſah indeſſen mit peinlicher Angſt, daß der Knabe mit ermattender Anſtrengung gegen das Waſſer kampfte, und dem Unterſinken nahe war, als eine ſchnelle, unerwartete Hilfe kam. Der Windhund, ein geuͤbter Schwimmer, hatte den Gegenſtand ihrer Angſt bemerkt, und von ſeiner 14 Herrin fort eilend, den naͤchſten Punkt geſucht, wo er ſich ſicher in den See ſtuͤrzen konnte. Mit dem wunderbaren Naturtriebe, den dieſe edlen Thiere bei aͤhnlichen Gelegenheiten ſo oft zeigen, ſchwamm er gerade auf die Stelle, wo ſeine Hilfe noͤthig war, und des Knaben Unterkleid mit dem Maule faſſend, hielt er ihn uͤber dem Waſſer und ſchleppte ihn nach dem Dammwege. Das Boot, das einige Maͤnner los gemacht hatten, kam ihm entgegen und befreite ihn von ſeiner Laſt. Man landete mit dem lebloſen Knaben nahe am Eingange des Schloſſes, wo die Edelfrau mit einigen Zofen unruhig wartete, um dem Ungluͤcklichen Beiſtand zu leiſten. Als man den Knaben ins Schloß getragen und auf ein Bett gelegt hatte, wurde jedes Mittel zur Wiederbelebung angewandt, das man in jenen Zeiten kannte, und der Geiſtliche, der einige aͤrztliche Kenntniſſe beſaß, anzugeben ver⸗ mochte. Eine Zeitlang war alles vergebens, und die Edelfrau bewachte mit unbeſchreiblichem Ernſte das bleiche Geſicht des ſchoͤnen Knaben. Er ſchien gegen zehn Jahre alt zu ſein. Seine ——— — ——— 15 Kleidung war ſehr aͤrmlich, aber ſein langes Lockenhaar und ſeine edlen Zuͤge paßten nicht zu dieſem duͤrftigen Anfehn. Der ſtolzeſte Edelmann in Schottland wuͤrde noch ſtolzer geweſen ſein, haͤtte er dieſes Kind ſeinen Erben nennen koͤnnen. Waͤhrend die Ritterfrau mit athemloſer Angſt auf des Knaben Geſicht ſtarrte, kam nach und nach wieder ein leichter Farbenſchatten auf ſeine Wangen; das Leben kehrte allmaͤhlig zuruͤck; er ſeufzte tief, oͤffnete ſeine Augen, die dem menſch⸗ lichen Geſichte ſind, was das Licht einer Land⸗ ſchaft, ſtreckte ſeine Arme der Edelfrau entgegen und ſtammelte das Wort Mutter, unter allen Worten dem weiblichen Ohre das liebſte. Gott hat euren Wuͤnſchen, edle Frau, ſprach der Prediger, das Kind wiedergegeben, darum muͤßt Ihr es als das eure auferziehn, auf daß es nicht eines Tages wuͤnſche, es waͤre umgekommen in ſeiner Unſchuld. Dafuͤr werd' ich ſorgen, erwiederte die Edel⸗ frau. Sie ſchlang noch einmahl ihre Arme um den Knaben und bedeckte ihn mit ihren Kuͤſſen und Liebkoſungen, ſo lebhaft bewegt war ſie von 16 dem Schrecken, den die Gefahr ihr erweckt hatte, und von der Freude uͤber ſeine unerwartete Rettung. Aber Ihr ſeid nicht meine Murter, ſprach der Knabe, ſich erhohlend, und ſtrebte matt, ſich aus ihren Armen zu loͤſen. Ihr ſeid nicht meine Mutter. Ach! ich habe keine Mutter— ich habe nur getraͤumt, ich haͤtte eine. Ich will den Traum fuͤr dich deuten, liebes Kind, ſprach die Edelfrau, ich will ſelber deine Mutter ſein. Gewißlich hat Gott meine Wuͤnſche erhoͤrt und mir auf ſeinen wunderbaren Wegen einen Gegenſtand geſchickt, dem ich meine Zunei⸗ gung weihen kann. Sie ſah bei dieſen Worten den Geiſtlichen an. Er wußte nicht, was er auf einen Ausbruch eines leidenſchaftlichen Gefuͤhls antworten ſollte, das ihm vielleicht feuriger duͤnkte, als es die Gelegen⸗ heit erfoderte. Der große Jagdhund, der trie⸗ fend ſeiner Gebieterinn gefolgt war und waͤhrend der Wiederbelebung des Kindes als ruhiger Zu⸗ ſchauer am Bette geſeſſen hatte, wurde ungedul⸗ dig, als niemand auf ihn achtete, und ſchmiegte » — ,— ſich heulend an ſie mit ſeinen großen rauhen Pfoten. A Ja, guter Wolf, ſprach ſie, du ſollſt auch belohnt werden fuͤr dein Tagewerk und ich will es dir gedenken, daß du dem ſchoͤnen Kinde das Leben gerettet haſt. Der Hund aber war nicht ganz zufrieden mit der Aufmerkſamkeit, die er auf ſich zog. Er fuhr fort mit Heulen und Scharren, aber ſein ganz durchnaͤßtes zottiges Haar machte ſeine Schmei⸗ cheleien ſo laͤſtig, daß die Edelfrau endlich einem Dienſtboten, den er gern hatte, Befehl gab, den Hund aus dem Zimmer zu rufen. Wolf wider⸗ ſtand jeder Lockung, bis ſeine Herrinn ihm endlich mit unwilligem Tone hinaus zu gehen gebot, worauf er ſich zu dem Bette des halb erwachten Knaben wendete, ein tiefes wildes Geheul aus⸗ ſtieß und die Schnauze aufwerfend, die ganze Reihe ſeiner weißen ſcharfen Zaͤhne zeigte, und dann, ſich umdrehend, muͤrriſch dem Dienſt⸗ boten folgte. Sonderbar, das Thier iſt ſo gut gegen Jeder⸗ mann, und zumahl den Kindern ſo beſonders Theil I. 2 18 gewogen, ſprach die Edelfrau zu dem Prediger. Was kann ihn an dem Knaben bekuͤmmern, dem er das Leben gerettet hat? Hunde ſind dem Menſchen in ihren Schwach⸗ heiten nur zu aͤhnlich, erwiederte Warden, wie⸗ wohl ihr Naturtrieb weniger irrt, als die Ver⸗ nunft des armen Sterblichen, wenn er ſeiner eigenen hilfloſen Kraft vertraut. Eiferſucht iſt ihnen nicht unbekannt, und verraͤth ſich oft, nicht nur wenn ihre Herrn andre Hunde vorziehen, ſondern ſelbſt wenn Kinder ihre Nebenbuhler ſind. Ihr habt das Kind ſo lebhaft geliebkoſet, daß der Hund ſich fuͤr einen abgedankten Guͤnſtling haͤlt. Ein ſeltſamer Naturtrieb, ſprach die Edel⸗ frau, und Ihr ſprecht ſo ernſthaft davon, mein ehrwuͤrdiger Freund, daß ich faſt ſagen moͤchte, Ihr hieltet die ſonderbare Eiferſucht des guten Wolf fuͤr gegruͤndet, ja ſelbſt fuͤr gerecht. Aber vielleicht wollt Ihr nur ſcherzen. Ich ſcherze ſelten, antwortete der Prediger. Das Leben ward uns nicht verliehen, daß wir es in eitler Luſtigkeit hinbringen ſollen. Ich *. ————— 19 wuͤnſche, Ihr moͤchtet aus meinen Worten nur die Lehre ziehen, daß unſre beßten Gefuͤhle, wenn wir ſie zum Uebermaß treiben, andern Schmerz bringen koͤnnen. Nur ein Gefuͤhl giebt's, dem wir mit aller Heftigkeit uns uͤberlaſſen duͤrfen, deren unſere Bruſt faͤhig iſt, uͤberzeugt, daß ſelbſt in dem hoͤchſten Grade, wozu es ſich erregen laͤßt, kein Uebermaß moͤglich iſt, ich meine die Liebe zu unſerm Schoͤpfer. Aber gewißlich befiehlt uns das ſelbige Gebot auch die Liebe unſeres Naͤchſten. Ja, edle Frau, hob Warden wieder an, aber unſre Liebe zu Gott ſoll unbegraͤnzt ſein, wir ſollen ihn aus ganzem Herzen, von ganzer Seele, mit ganzer Staͤrke lieben. Die Liebe, welche wir nach dem goͤttlichen Gebote gegen unſern Naͤchſten haben ſollen, hat ihre Graͤnze und Be⸗ ſtimmung; wir ſollen unſern Naͤchſten wie uns ſelber lieben, wie es irgendwo das Gebot de Herrn erklaͤrt, wir ſollen ihm thun, was wir wollen, daß er uns thue. Hier iſt die Graͤnze und das rechte Maß, ſelbſt fuͤr die preiswuͤrdigſte aller unſrer Neigungen, die auf irdiſche Gegen⸗ 20 ſtaͤnde gerichtet ſind. Unſerm Naͤchſten, von welchem Stande und Range er ſein moͤge, ſollen wir eben ſo viel Zuneigung erweiſen, als wir ver⸗ nuͤnftiger Weiſe von denjenigen erwarten koͤnnen, die mit uns in gleichem, Verhaͤltniſſe ſtehen. Wir duͤrfen daher weder Mann noch Ehefrau, weder Sohn noch Tochter, weder Freunde noch Verwandten, gleichſam abaoͤttiſch ehren. Der Herr, unſer Gott, iſt ein eiferſuͤchtiger Gott, und will nicht leiden, daß wir der Kreatur jene Ehrfurcht erweiſen, ſo Er, der uns gemacht hat, als ſein Theil fodert. Ich ſage Euch, edle Frau, ſelbſt in den ſchoͤnſten und reinſten, ſelbſt in den achtbarſten Regungen unſerer Natur, iſt ſo viel von dem erblichen Suͤndenmakel, daß wir inne halten und zoͤgern muͤſſen, ehe wir uns ihnen zum Uebermaß hingeben. Ich verſtehe das nicht, ehrwuͤrdiger Herr, und errathe auch nicht, was ich jetzt geſagt, oder gethan haben kann, das mir eine Ermahnung zuziehen ſollte, die faſt wie ein Vorwurf lautet. Verzeiht mir, edle Frau, ſprach Warden, wenn mein Eifer mich etwas uͤber die Graͤnzen K » ———— — 21 meiner Pflicht hinaus gefuͤhrt hat. Aber Ihr wollet bedenken, ob bei dem heiligen Verſprechen, dieſem armen Kinde nicht nur eine Beſchüttzerinn, ſondern ſelbſt eine Mutter zu ſein, eure Abſicht auch mit den Wuͤnſchen des edlen Ritters, eures Gemahls, uͤberein ſtimmen moͤge. Die Zaͤrtlich⸗ keit, die Ihr dem ungluͤcklichen und allerdings ſehr liebenswuͤrdigen Kinde ſo verſchwenderiſch erwieſen, hat Euch gleichſam einen Vorwurf von 4 eurem treuen Haushunde zugezogen. Mißfallet nicht eurem edlen Gemahle. Maͤnner ſind, wie die Thiere, eiferſuͤchtig auf die Zuneigung Derer, ſo ſie lieben. Das iſt zu viel, ehrwuͤrdiger Herr, ſprach die Edelfrau, hoͤchlich beleidigt. Ihr ſeid lange unſer Gaͤſt geweſen und habt von dem Ritter von Avenet und von mir ſelber alle Ehre und Achtung empfangen, die eurem Stande und eurer Wuͤrde gebuͤhren. Aber meines Wiſſens hab' ich Euch nie Gewalt gegeben, Euch in unſre haͤuslichen Angelegenheiten zu mengen, noch Euch zum Richter uͤber unſer Betragen gegen ein nder beſtellt. Ich bitte, laßt das in Zukunft veraieden ſein. 22 8— Edle Frau, erwiederte der Prediger, mit der Kuͤhnheit, die den Geiſtlichen ſeines Glaubens in jenen Zeiten eigen war: wenn Ihr meiner Ermahnungen muͤde ſeid, wenn ich ſehe, daß meine Dienſte Euch und dem edlen Ritter, eurem Gemahle, nicht laͤnger angenehm ſind, ſo werd' ich erkennen, daß ich nach dem Willen meines Herrn nicht laͤnger hier verweilen ſoll. Ich werde dann zu ihm beten, eurem Hauſe fortdauernd ſeinen beſten Segen zu verleihen, aber waͤr' es ſelbſt im tiefſten Winter und zur Stunde der Mitternacht, werd' ich hinaus gehen dort in die Wuͤſte und fortwandern durch jene oͤden Gebirge, ſo einſam und verlaſſen, aber weit hilfloſer, als zu der Zeit, wo ich euren Gemahl zuerſt im Thale Glendearg fand. So lange ich aber hier bin, will ich Euch nicht ein Haar breit abirren ſehen vom rechten Wege, ohne die Stimme und die Ermahnung des alten Mannes laut werden zu laſſen. Nicht doch, fiel die Edelfrau ein, die den guten Mann liebte und ehrte, wenn auch zuwei⸗ en ein wenig beleidigt durch ein Betragen, das » — —— ſie fuͤr uͤbertriebenen Eifer hielt: auf dieſe Weiſe wollen wir nicht ſcheiden, mein werther Freund. Wir Frauen ſind lebhaft und raſch in unſern Empfindungen, aber glaubet mir, was ich fuͤr dieſes Kind thun will und wuͤnſche, iſt von der Art, daß es von meinem Gemahle und von Euch gebilligt werden ſoll. 7 II. Als Warden mit einer Verbeugung ſich entfernt hatte, uͤberließ ſich die Edelfrau ganz den zaͤrt⸗ lichen Regungen, welche der Anblick des Knaben, ſeine ploͤtzliche Gefahr und ſeine eben gelungene Rettung in ihr erweckten, und nicht laͤnger ge⸗ ſchreckt durch des Predigers finſteres Weſen, wie ſie's nannte, uͤberhaͤufte ſie das holde, anziehende Kind mit ihren Liebkoſungen. Der Knabe hatte ſich ziemlich erhohlt, und empfing leidend, doch nicht ohne Erſtaunen, die Beweiſe von Guͤte, die man an ihm verſchwendete. Die Zuͤge der Edelfrau waren ihm fremd und ihr Anzug ganz anders und weit reicher, als irgend etwas, das er geſehn. Aber der Knabe war unerſchrocken, 24— und Kinder verſtehen ſich uͤberhaupt ſehr gut auf die Deutung der Geſichtszuͤge; es gefaͤllt ihnen nicht nur, was an ſich ſchoͤn iſt, ſondern es iſt in ihnen auch eine auffallend feine Empfaͤnglichkeit fuͤr die Aufmerkſa nkeiten derjenigen, die ihnen wahrhaft wohl wollen. Wiſſen ſie doch ſelbſt in dem Fremden, als waͤre es durch geheime Erken⸗ nungszeichen, den Kinderfreund zu entdecken, wogegen die ungeſchickten Bemuͤhungen der Schmeichler, die nur, um den Aeltern zu gefal⸗ len, ſich ihnen naͤhern, gewoͤhnlich die Abſicht verfehlen, die Aufmerkſamkeit der Kinder zu reizen. Wem mag denn der Knabe gehoͤren? war die erſte Frage der Epelfrau, als ſie endlich, nur dem Kinde Ruhe zu laſſen, ſich entfernt. Einer alten Frau im Dorfe, antwortete Lilias, ihre Zofe. Sie iſt eben vor dem Schloß⸗ thore, nach dem Kinde zu fragen. Gefaͤllt es Euch, ſie vorzulaſſen? Ob's mir gefaͤllt? wiederhohlte die Edelfrau, mit lebhaftem Ausdrucke von Mißfallen und Ueberraſchung. Kannſt du daran zweifeln? 25 Welches weibliche Gemuͤth wird nicht die Angſt einer Mutter bedauern, deren Herz fuͤr die Sicher⸗ heit eines ſo lieben Kindes bebt! Aber dieſe Frau iſt zu alt, daß ſie die Mutter des Kindes ſeyn koͤnnte, ſprach Lilias. Ich glaube eher, ſie iſt ſeine Großmutter, oder eine weitlaͤuftige Verwandte. Mag ſie ſein, wer ſie will, ihr Herz muß unruhig ſein, ſo lange ſie nicht weiß, ob ein ſo liebes Weſen gerettet iſt. Geh ſogleich und bringe ſie her. Auch wuͤnſche ich etwas von ſeiner Her⸗ kunft zu erfahren. Lilias ging und kam bald mit einer großen, ſehr aͤrmlich gekleideten Frau zuruͤck, die aber mehr Anſpruch auf Anſtand und Reinlichkeit ver⸗ rieth, als gewoͤhnlich unter ſo grobem Anz zuge ſich findet. Die Edelfrau erkannte die Geſtalt auf den erſten Blick. Es war eingefuͤhrte Sitte, daß Warden an jedem Sonntage, und uͤberdieß an zwei Abenden in der Woche, eine Predigt oder eine Vorleſung in der Burgkapelle hielt. Die Ausbreitung des proteſtantiſchen Glaubens 26 war nach Grundſaͤtzen, wie ſelbſt nach der Welt⸗ klugheit, eine Hauptangelegenheit des Ritters von Avenel. Die Bewohner des Doͤrfchens wur⸗ den eingeladen, den Vortraͤgen des Predigers bei⸗ zuwohnen, und Viele von ihnen ſchnell fuͤr die Lehre gewonnen, welche ihr Lehnherr und Be⸗ ſchuͤtzer biligte. Der Abt des Marienkloſters war hoͤchſt erbittert gegen dieſe Bemuͤhungen, und hatte oft gedroht, ſeine Lehnleute aufzurufen und jene Reſte der Ketzerei, die Burg Avenel anzugreifen und der Erde gleich zu machen; aber trotz ſeiner ohnmaͤchtigen Wuth, trotz der Abnei⸗ gung des Landes gegen die neue Lehre, fuhr Warden mit unablaͤſſigem Eifer in ſeinen Arbeiten fort und entzog dem roͤmiſchen Glauben immer mehr An⸗ haͤnger. Unter ſeine eifrigſten Zuhoͤrer gehoͤrte die alte Frau, und ihre Geſtalt war der Edelfrau ſeit einiger Zeit oft in der Vurgkapelle aufgefallen. Sie hatte ſchon mehrmahl gefragt, wer die ſtattliche Frau ſei, deren Aeußeres ſo wenig zu ihrem duͤrf⸗ tigen Anzuge paßte; aber die Antwort war immer geweſen, ſie ſei eine Englaͤnderinn, die ſich ſeit eini⸗ ger Zeit im Doͤrfchen aufgehalten, aber Niemand 27 wiſſe mehr von ihr zu ſagen. Die Edelfrau fragte ſie nun nach Nahmen und Herkunft. Mazgdalena Graͤme iſt mein Nahme, prach die Alte. Ich ſtamme von den Graͤme von Hea⸗ thergill; ſie ſind von alter Herkunft. Und warum lebt Ihr ſo weit von eurer Hei⸗ math? fuhr die Edelfrau fort. Sch habe keine Heimath, erwiederte Magda⸗ lenn. Die Grenzraͤuber haben meine Wohnung abgebrannt; mein Mann und mein Sohn wurden erſchlagen und es lebt Niemand, der einen Tropfen Biut von meiner Verwandtſchaft in den Adern butne Das iſt kein ungewöbuliches Scaicml in dieſen wilden Zeiten und in dieſem unruhigen Lande, ſprach die Edelfrau. Die Englaͤnder haben ihre Haͤnde ſo tief in unſer Blut getaucht, als je Schottländer in das Blut eurer Landsleute. Da habt Ihr recht, edle Frau. Man erzaͤhlt von einer Zeit, wo deſes Schloß nicht veſt genug war, eures Vaters Leben zu ſchuͤtzen, oder eurer Mutter und ihrem Kinde eine Zuflucht zu geben. Und weßhalb fragt Ihr mich denn, warum ich 28 nicht in meiner Heimath wohne und bei den. Meinigen? 3 88 Es war freilich eine muͤſſige Frage, in einir Zeit, wo das Ungluͤck ſo oft Fluͤchtlinge macht Aber warum denn Zuflucht ſuchen in einem feind⸗ lichen Lande? Mieine Nachbarn waren Paͤpſtler und Mefß⸗ kraͤmer, antwortete die Alte. Es hat dem Himmel gefallen, mir eine beſſere Einſicht ins Evangelium zu geben, und ich habe mich hier aufgehalten, um die Lehren des wuͤrdigen Mannes, Heinrich War⸗ den, zu hoͤren, der das Wort Gottes wahrhaftig und aufrichtig predigt. 5 Seid Ihr arm? hob die Edelfrau wieder an. Ihr hoͤrt mich Niemanden um Aumöͤſen bitten, ſprach Magdalena. Es folgte eine Pauſe. Das Benahme der alten Frau war, wenn auch nicht unehrerbietig, doch viel weniger als freundlich, und ſie ſchien zu weitern Mittheilungen nicht aufmuntern zu wollen. Die Edelfrau knuͤpfte ein andres Geſpraͤch an. „Ihr habt von der Gefahr gehoͤrt, worin euer Knabe geweſen iſt.“ 1 33 29 Ja, edle Frau, und wie er durch eine beſondre Fuͤgung der Vorſehung vom Tode errettet worden. Moͤge Gott ihn und mich dankbar machen! In welcher Verwandtſchaft ſteht Ihr mit ihm? t⸗ Ich bin ſeine Großmutter, edle Frau die ein⸗ zige Verwandte, die ihm uͤbrig geblieben iſt, ihn zu pflegen.. Es muß Euch in eurer verlaſſenen Lage gewiß ſchwer werden, ihn zu erhalten.. Ich habe mich gegen Niemanden daruͤber be⸗ klagt, ſprach Magdalena Graͤme, mit dem unbe⸗ wegten, trocknen, gleichgiltigen Tone, worin ſie alle Fragen beantwortet hatte. Wuͤrde es nicht fuͤr ihn und Euch vortheilhaft ſein, wenn euer Enkel in das Haus eines Edel⸗ mannes aufgenommen wuͤrde?— In das Haus eines Edelmannes? ſprach die Alte und legte ihre Stirne in die finſterſten Falten. Und warum, wenn ich fragen darf? Um der Edel⸗ knabe der Burgfrau, oder des Burgherrn Lauf⸗ burſche zu ſein? Die abgeſtandenen Speiſen zu eſſen und mit andern Dienſtboten um die Broſa⸗ 39 men von des Herrn Tiſche zu ſtreiten? Sollte er die Fliegen vom Geſichte der Edelfrau wehen, wenn ſie ſchlaͤft, ihre Schleppe tragen, wenn ſie ausgeht, ihr den Teller reichen, wenn ſie ſpeiſet, vor ihr her reiten, wenn ſie zu Pferde iſt, ihr nachtreten, wenn ſie zu Fuße geht, ſingen, wenn ſie zuhoͤrt, und ſchweigen, wenn ſie's gebietet? Ein wahrer Wetterhahn! Er ſcheint Fluͤgel und Gefieder zu haben, und kann ſich doch nicht in die Luft ſchwingen, er kann nicht wegfliegen von der Stelle, wo er ſitzt, und empfängt jeden Anſtoß und macht jede Bewegung, wie's dem veraͤnder⸗ lichen Hauch eines eiteln Weibes gefaͤllt. Wenn der Adler von Helvellin ſich auf den Thurm der Burg ſetzt und ſich dreht und wendet, um den Wind anzuzeigen, dann ſoll Roland Graͤme werden, wozu Ihr ihn machen wollt. Die Alte ſprach mit einer Schnelle und Heftig⸗ keit, die einen Anflug von Wahnſinn zu verrathen ſchienen, und die ploͤtzliche Ahnung der Gefahr, welcher der Knabe unter einer ſolchen Waͤrterinn ausgeſetzt ſein mußte, erhoͤhte den Wunſch der Edelfrau, ihn wo moͤglich im Schloſſe zu behalten. — 31 Ihr mißverſteht mich, gute Frau, ſprach ſie mit beſaͤnftigendem Tone! Ich wuͤnſche nicht, daß der Knabe mir diene, oder meinem Gemahle. Aber ſelbſt wenn er ein Grafenſohn waͤre, wuͤrde er nicht beſſer den Waffendienſt erlernen, und alles, was einem Edelmanne ziemt, als durch den Unter⸗ richt und unter der Aufſicht des Ritters Halbert Glendinning. Ei ja, den Lohn fuͤr ſolche Dienſte kenn' ich, ſprach die Alte in ihrem bitter ſpottenden Tone. Ein Fluch, wenn der Bruſtharniſch nicht blank genug iſt; ein Hieb, iſt der Sattelgurt nicht feſt genug geſchnallt; geſchlagen, weil die Hunde auf falſcher Faͤhrte ſind; geſchimpft, weil die Jagd nicht gluͤcklich iſt; feine Haͤnde auf des Herrn Ge⸗ heiß mit dem Blute von Menſchen und von Vieh beflecken; das unſchuldige Reh zerfleiſchen, Gottes eigenes Ebenbild ermorden und entſtellen, und nicht aus eigner Luſt, ſondern weil's dem Herrn beliebt; leben wie ein zankender Raufer und wie ein gemeiner Meuchelmoͤrder; der Hitze, der Kaͤlte, dem Hunger und allen Entbehrungen eines Ein⸗ ſiedlers ausgeſetzt, nicht aus Liebe zu Gott, ſon⸗ dern zum Dienſte des Satans; am Galgen ſterben, oder in einem ruhmloſen Gefechte; ſein Leben in fleiſchlicher Sicherheit verſchlafen, und erwachen im ewigen Feuer, das nimmer ausgeloͤſcht wird. O nein, einem ſo unheiligen Lebenswandel wird euer Enkel hier nicht ausgeſetzt ſein, erwie⸗ derte die Edelfran. Mein Gemahl iſt gerecht und milde gegen Alle, die unter ſeinem Banner leben, und Ihr wißt ſelber, daß unſer Kaplan ein eben ſo ſtrenger als guͤtiger Lehrer der Jugend iſt. Die Alte ſchien zu uͤberlegen.„Ihr habt den einzigen umſtand genannt, der mich bewegen kann, hob ſie endlich an.— Aber ich muß vorwaͤrts, die Erſcheinung hat es geſagt— ich darf nicht ver⸗ weilen auf derſelben Stelle— Ich muß weiter, muß weiter— es iſt mein Verhaͤngniß. So ſchwoͤrt denn, daß Ihr den Knaben beſchutzen wollet, als waͤr' es euer eignes Kind, bis ich zu⸗ ruͤckkehre, ihn wieder zu fodern, und ich will mich eine Zeitlang von ihm trennen. Aber zumahl muͤßt Ihr ſchwoͤren, daß es ihm nicht an der Unterweiſung des frommen Mannes fehlen ſoll, — 33 der Gottes Wort hoch erhoben hat uͤber! die abgoͤt⸗ tiſchen Glatzkoͤpfe, die Kloſterbruͤder und Moͤnche. Beruhigt Euch,, ſprach die Edelfrau, der Knabe ſoll ſo ſorgfaͤltig gepflegt werden, als waͤr' er aus meinem Blute üſproſſen. Wollt Ihr ihn jetzt ſehen? 3 Nein, erwiederte die Alte ernſt: ſcheiden iſt genug. Ich gehe fort auf meine Sendung. Ich will mein Herz nicht erweichen durch unnuͤße Thraͤnen und Klagen, als waͤr' ich nicht berufen⸗ eine Pflicht zu erfuͤllen. 3 Wollt Ihr nicht etwas annehmen, als eine Unterſtuͤtzung auf eurer Pilgerfahrt? hob die Edel⸗ frau wieder an, und legte ihr zwei Sonnenthaler in die Hand. Die Alte warf ſie auf den Tiſch Gehoͤre ich zum Geſchlechte des Kain, ſtolze Frau, daß Ihr mir Geld bietet fuͤr mein Fleiſch und Blut? So war es nicht gemeint, antwortete die Edelfrau mit mildem Tone, und ich bin auch nicht ſtolz, wie Ihr mich nennet. Ach! mein eigenes Schickſal wuͤrde mich Demuth gelehrt häbem,m wenn ſie mir nicht angeboren waͤre. Theil I. 3 34— Die Alte ſchien ihren ſtrengen Ton ein wenig zu mildern, als ſie wieder anhob:„Ihr ſeid von edlem Blute, ſonſt haͤtten wir nicht ſo lange mit einander geſprochen. Ihr ſeid von edlem Blute, und ſolchem— fuhr ſie fort, ihre hohe Geſtalt aufrichtend— kleidet Stolz ſo gut, als die Feder auf der Muͤtze. Aber dieſe Goldſtuͤcke, edle Frau, muͤßt Ihr zuruͤck nehmen. Ich brauche kein Geld. Ich bin wohl verſorgt, und darf nicht daran denken, wie und von wem ich erhalten werde. Lebt wohl, und haltet euer Wort. Laßt eure Burgthore oͤffnen und eure Bruͤcken niederfallen. Ich will in dieſer Nacht noch aufbrechen. Wenn ich zuruͤckkehre, werd' ich Euch ſtrenge Rechenſchaft abfodern, denn ich habe das Kleinod meines Lebens Euchmgelaſſen. Mein Schlaf wird unruhig unterbrochen werden, die Nahrung mich nicht erfriſchen und die Ruhe meine Kraͤfte nicht erquik⸗ ken, bis ich Roland wiederſehe. Noch einmahl, lebt wohl! Verbeugt Euch, gute Frau, ſprach Lilias, die Zofe, als Magdalena Gräme ſich entfernte: ver⸗ „ 4 35 beugt Euch vor der edlen Frau und danket ihr fuͤr ihre Guͤte, wie ſich's geziemt und recht iſt. Die Alte wendete ſich raſch gegen die dienſt⸗ fertige Zofe.„Laßt ſie doch gegen mich ſich ver⸗ beugen, und ich will's erwiedern. Warum ſollt; ich vor ihr mich beugen? Weil ſie ein ſeidenes Mieder traͤgt und ich eines von blauer Leinwand 2 Wohlan, Kammerfrau, Ihr muͤßt wiſſen, des Mannes Stand erniedrigt des Weibes Rang, und waͤre ſie eine Koͤnigstochter, wenn ſie den Sohn eines Landmannes heirathet, iſt ſie doch nur eine Bauernbraut. Lilias wollte in ihrem lebhaften Unwillen antworten, aber ihre Herrinn gebot Schweigen, und befahl, die Alte unter ſicherm Geleite an's Ufer zu bringen.* Unter ſicherm Geleite? tief die erbitterte Zofe, als Magdalena Graͤme das Zimmer verließ. In den See ſollte man ſie tauchen, und dann wuͤrde ſich zeigen, ob ſie eine Hexe iſt, oder nicht, wie das ganze Dorf ſagt und ſchwoͤrt. Ich wundre mich, edle Frau, daß Ihr ſolche Frechheit ſo lange ertragen konntet. Die Befehle der Edelfrau wurden jedoch er⸗ fuͤllt, und die Alte ward aus dem Schloſſe ge⸗ bracht. Sie hielt Wort. In der naͤchſten Nacht verließ ſie das Dorf und Niemand wußte, wohin ſie ihren Weg genommen. Die Edelfrau erkun⸗ digte ſich, unter welchen Umſtaͤnden die Alte im Dorfe erſchienen waͤre, konnte aber nicht mehr erfahren, als daß man ſie fuͤr die Witwe eines angeſehenen Mannes aus dem Geſchlecht Graͤme hielt, das zu jener Zeit in dem ſo genannten ſtreitigen Lande, oder dem Graͤnzgebiete wohnte, welches oft ein Gegenſtand des Zwiſtes zwiſchen Schottland und England war, und daß ſie in einer der haͤufigen Fehden, wodurch das ungluͤck⸗ liche Land verwuͤſtet wurde, große Unbilden erlitten und aus ihrer Heimath war vertrieben worden. Niemand wußte, in welcher Abſicht ſie ins Dorf gekommen war, und Einige hielten ſie fuͤr eine Hexe, Andre fuͤr eine katholiſche Andaͤchtlerin. Ihre Sprache war geheimnißvoll, ihr Betragen abſtoßend, und man wollte aus ihren Geſpraͤchen ſchließen, baß entweder ein Zauber, oder ein Geluͤbde ſie binde. 37 Dieß war alles, was die Edelfrau auf ihre Erkundigungen uͤber Magdalena Graͤme erfahren konnte, aber es war zu duͤrftig, als daß ſich etwas Befriedigendes daraus haͤtte ziehen laſſen. Das Elend der Zeit und die wechſelnden Schick⸗ ſale eines Graͤnzlandes, machten diejenigen, welchen es an Mitteln zur Vertheidigung, oder zum Schutze gebrach, oft zu heimathloſen Wanderern. Man ſah zu haͤufig ſolche Fluͤchtlinge, als daß ſie viel Aufmerkſamkeit, oder Theilnahme haͤtten erregen koͤnnen. Sie erhielten den kalten Beiſtand, wozu die gewoͤhnlichen Regungen der Menſchlich⸗ keit zwangen, die in einigen Herzen erweckt, in andern aber vielleicht eher erkältet wurden, wenn man ſich erinnerte, daß diejenigen, welche heute Almoſen gaben, morgen ſelbſt darum bitten koͤnn⸗ ten. Magdalena Graͤme erſchien und verſchwand wie ein Schatten aus der Gegend des Schloſſes Avenel. Der Knabe, welchen die Vorſehung, wie die Edelfrau glaubte, ſo wunderbar ihrer Pflege uͤber⸗ geben hatte, wurde alsbald ihr Liebling. Wie haͤtte es auch anders ſein koͤnnen. Er ward der 38 — Gegenſtand jener zaͤrtlichen Gefuͤhle, welche, eben weil ſie fruͤher ſich auf nichts verbreiten konnten, ihr die truͤbe Einſamkeit des Schloſſes noch mehr verbittert hatten. Ihn zu unterrichten, ſo viel ihre Geſchicklichkeit vermochte, fuͤr ſeine kindlichen Bequemlichkeiten zu ſorgen, ſeine Knabenſpiele zu bewachen, ward die Lieblingsbeſchaͤftigung der Edelfrau. In ihrer Lage, wo ihr Ohr nur das Heerdengebruͤll von den fernen Huͤgeln, oder den ſchwerfaͤlligen Tritt des wandelnden Waͤchters auf ſeiner Warte, oder das faſt beneidete Gelaͤchter ihrer ſpinnenden Zofen vernahm, hatte die Er⸗ ſcheinung des bluͤhenden, ſchoͤnen Knaben einen Reiz, den ſchwerlich diejenigen begreifen, welchen ein froͤhlicheres, oder geſchaͤftigeres Leben beſchie⸗ den ward. Der junge Roland war fuͤr die Edel⸗ frau, was die Blume vor dem Fenſter des ein⸗ ſamen Gefangenen dem Ungluͤcklichen iſt, der ſie aufzog und pflegte; etwas, das ihre Sorgfalt auffoderte und belohnte, und wenn ſie dem Knaben ihre Zuneigung ſchenkte, fuͤhlte ſie ſich ihm dankbar dafuͤr, daß er ſie aus der dumpfen Fuͤhuoſigkeit erloͤſet hatte, worein ſie gewoͤhnlich, — 39 waͤhrend der Trennung von ihrem Gemahle, verſunken geweſen war. Selbſt die Reize des bluͤhenden Lieblings aber konnten doch die wiederkehrenden Beſorgniſſe nicht verſcheuchen, die ihres Gemahls verzoͤgerte Ruͤck⸗ kehr erweckte. Bald nach Rolands Erſcheinung im Schloſſe, ſchickte Halbert ihr die Botſchaft, daß eine wichtige Angelegenheit ihn noch immer am Hofe zuruͤck halte. Die Zeit der Heimkehr, welche die Botſchaft beſtimmt hatte, war ver⸗ floſſen; dem Sommer folgte der Herbſt und des Herbſtes Ende nahte, aber noch immer erwartete ſie ihren Gemahl. III. Und Du moͤchteſt auch ein Kriegsmann werden, Roland? ſprach die Edelfrau zu ihrem Pfleglinge, als ſie eines Tages auf einer Steinbank auf der Zinne ſaß und der Knabe mit einem langen Stocke die Bewegungen des Waͤchters nachmachte, wie er ſeine Lanze bald ſchulterte, bald trug, oder ſenkte. Ja, edle Frau, erwiederte der Knabe, der 3 1 4⁰ nun ſchon heimiſch geworden war und immer raſch und munter ihre Fragen beantwortete. Ja, ein Soldat will ich werden, denn nie gab's einen Edelmann, der nicht mit ſeinem Schwerteſ ſich umguͤrtet haͤtte. 1 Du ein Edelmann! ſprach Lilias, die gewoͤhn⸗ lich zugegen war. Einen ſolchen Edelmann wollt' ich mit einem roſtigen Meſſer aus einer Vohnen⸗ huͤlſe ſchneiden. 8 Nein, ſchilt ihn nicht, Lilias! ſie die Sdel⸗ frau ein. Denn wahrhaftig, ich glaube, er ſtammt aus edlem Blute. Sieh doch, wie's ihm ins Geſicht ſteigt bei deinem beleidigenden Vorwurfe. Staͤnd' es in meinem Willen, edle Frau, eine tuͤchtige Birkenruthe ſollt' es ihm noch beſſer in die Wangen jagen. In der That, Lilias, man moͤchte glauben, der arme Knabe haͤtte die etwas zu Leide gethan. Oder ſteht er darum auf der Froſtſeite deiner Gunſt, weil er die Sonnenſeite der meinigen hat? Gott behuͤte, edle Frau! Ich habe ſo lange mit vornehmen Leuten gelebt— und danke meinem Himmel dafuͤr— daß es mir nicht einfaͤllt, mit 4* Thorheiten, oder Einfaͤllen zu ſtreiten, es mag von unvernuͤnftigen Thieren, Voͤgeln, oder Jungen die Rede ſein. Lilias war durch Gunſt verhaͤtſchelt, und nahm ſich oft mehr Freiheit, als ihre Gebieterinn aufzumuntern Luſt hatte. Was der Edelfrau nicht gefiel, mochte ſie nicht anhoͤren, und ſo war's in dieſem Augenblicke. Sie nahm ſich vor, genauet und ſchaͤrfer auf den Knaben zu ſehen, der zeither meiſt unter der Aufſicht der Kammerfrau geſtanden hatte.„Er muß von edlem Stamme ſein, ſagte ſie zu ſich ſelber. Es waͤre ein Schimpf, wenn man anders denken wollte von einer ſo edlen Ge⸗ ſtalt und ſo ſchoͤnen Zuͤgen. Selbſt in der Wild⸗ heit, der er ſich zuweilen uͤberlaͤßt, in dieſer Ver⸗ achtung der Gefahr, in ſeinem Unmuthe gegen Zwang, iſt etwas Edles.“ Ja, der Knabe muß von hoher Herkunft ſein, ſo ſchloß ſie und han⸗ delte nach dieſer Meinung. Ihre Dienſtboten, minder eiferſichtig, oder minder bedenklich, als Lilias, benahmen ſich, wie es in folchen Faͤllen gewoͤhnlich geſchieht, ſie folgten der Neigung und ſchmeichelten aus eigennuͤtziger Abſicht den Launen der Edelfrau, und der Knabe ward bald ſo hoch⸗ fahrend, als es bei dem Anblicke ſteter Nachgie⸗ bigkeit immer der Fall zu ſein pflegt. Es ſchien, als ob Gebieten ſein natuͤrlicher Beruf geweſen waͤre, ſo leicht gewoͤhnte er ſich, Nachgiebigkeit gegen ſeine Launen zu fodern und zu erhalten. Der Kaplan haͤtte das gebieteriſche Weſen, das Roland ſo leicht annahm, wohl beugen koͤnnen, und wuͤrde ihm auch gern dieſen guten Dienſt er⸗ wieſen haben, wenn er nicht genoͤthigt geweſen ware, ſich auf einige Zeit in eine entfernte Gegend des Reichs zu begeben, um einige ſtreitige Gegen⸗ ſtaͤnde der Kirchenzucht mit ſeinen Amtsbruͤdern auszugleichen. 1 So ſtand es in der Burg Avenel, als die gellenden, lang gezogenen Toͤne eines Jagdhorns vom Geſtade des Sees her ſchallten und froͤhlich von dem Waͤrter beantwortet wurden. Die Edel⸗ frau kannte die Toͤne ihres Gemahls und eilte an das Fenſter des Zimmers, wo ſie ſaß. Ein Haufen von dreißig Lanzknechten, mit einem Faͤhnlein an der Spitze, zog laͤngs dem buchten⸗ vollen Seegeſtade zum Dammwege. Ein einzelner 43 Reiter ritt voran, und ſeine glaͤnzende Ruͤſtung blitzte in den Strahlen der herbſtlichen Sonne, als er ſtattlich daher trabte. Selbſt in dieſer Ent⸗ fernung erkannte die Edelfrau den hohen Feder⸗ buſch, in welchem ihre Farben mit dem Stechpal⸗ menzweige vereinigt waren, und des Reiters edle Haltung und ſeines Braunen ſtattlicher Schritt, verkuͤndigten den Ritter Halbert Glendinning. Maria's erſte Regung war frohes Entzuͤcken uͤber die Ruͤckkehr ihres Gemahls, aber es miſchte ſich bald eine Beſorgniß dazu, die ſie zuweilen geſtoͤrt hatte daß er vielleicht die Auszeichnung nicht ganz billigen moͤchte, womit ſie den Waiſen⸗ knaben behandelt hatte. In dieſer Beſorgniß lag das Bewußtſein, ſie habe dem Knaben eine uͤber⸗ triebene Gunſt bewieſen; denn ihr Gemahl war wenigſtens eben ſo guͤtig und nachſichtig, als er feſt und verſtaͤndig in ſeinen haͤuslichen An⸗ gelegenheiten ſich zeigte, und gegen ſie war ſein Benehmen immer liebevoll zaͤrtlich geweſen. Beſorgt, ihr Betragen moͤchte bei dieſer Gele⸗ genheit den Tadel ihres Gemahles erfahren, faßte ſie ſchnell den Entſchluß, ihm erſt am folgenden 44 Tage Rolands Geſchichte zu erzaͤhlen, und befahl der Kammerfrau, den Amaben aus dem m Zimmet zu fuͤhren. Ich will nicht mit Lilias gehen, antwortete der verhaͤtſchelte Knabe, der ſchon oft durch Be⸗ harrung ſeinen Willen durchgeſetzt hatte, und, wie's auch wohl bei Hoͤheren der Fall iſt, in der Ausuͤbung ſolcher Gewalt ſich geſiel. Ich will nicht mit Lilias in ihre elende Stube gehn, ich willl bleiben und den tapfern Kriegsmann ſehen, der da ſo ſtattlich üͤber die Zugbrücke reitet. Du ſollſt nicht bleiben, Roland, ſprach die Edelfrau mit einem entſcheidendern Tone, als ihr kleiner Liebling zu hoͤren gewohnt war. Ich will aber, erwiederte der Knabe, der ſchon ſeine Wichtigkeit nnd die Wahrſcheinlichkeit des Erfolgs gefuͤhlt hatte. Du willſt, Roland? hob die Ebelfrau wieder an. Was iſt das fuͤr ein Wort? Ich ſage dir, du mußt gehn. 1 Will, antwortete der vorſchnelle Knabe, iſt ein Wort fuͤr einen Mann, und mußt iſt kein Wort fuͤr eine Frau. . 45 Du biſt trotzig, Burſche! ſprach die Edelfrau. Lilias, fuͤhr ihn auf der Stelle hinaus. Ich dachte immer, erwiederte Lilias läͤchelnd, als ſie den widerſtrebenden Knaben beim Arme nahmz; daß mein junger Herr meinem alten Herrn weichen muͤßte. Du biſt auch naſeweis, ſprach die Edelfrau zur Zofe. Haben wir andern Mond bekommen, daß Ihr alle Euch vergeßt? 8 Lilias antwortete nicht, und fuͤhrte den Knaben hinaus, welcher, zu ſtolz, vergeblichen Widerſtand zu brauchen, auf ſeine Wohlthaͤterinn einen Blick warf, der deutlich ſagte, wie gern er ihrem An⸗ ſehn getrotzt haͤtte, wenn er die Macht beſeſſen, ſeine Abſicht durchzuſetzen. Die Edelfrau aͤrgerte ſich, als ſie fuhlte, wie ſehr dieſer unbedeutende Umſtand ſie aus der Faſſung gebracht hatte, in dem Augenblicke, wo ihres Gemahls Ruͤckkehr ihr ganzes Gemuͤth haͤtte erfuͤllen ſollen. Aber wir bekommen unſre Faſſung nicht wieder, wenn wir bloß fuͤhlen, daß wir uns zur Unzeit in Unruhe ſetzen. Der Unmuth gruͤhte noch auf den Wangen der Edelfrau, und ſie hatte — ihre ruhige Stimmung noch nicht wieder gewon⸗ nen, als ihr Gemahl unbeheimt, aber in voller Ruͤſtung herein trat. Sein Anblick verſcheuchte jeden andern Gedankenz ſie flog ihm entgegen, ſchloß den Bepanzerten in ihre Arme und kuͤßte die kriegeriſchen, maͤnnlichen Zuͤge mit einer Zaͤttlich⸗ keit, die eben ſo ſichtbar, als aufrichtig war. Der Krieger erwiederte ihre Umarmung und ihre Liebkoſungen mit gleicher Herzlichkeit; denn die Neigung des edlen Paares hatte an verſtaͤndiger Zaͤrtlichkeit gewonnen, was ſie, ſeit der Bund geſchloſſen war, am romantiſcher Glut verloren, und Halbert's lange und oͤftere Entfernungen hatten Ausartung in Gleichgiltigkeit verhuͤtet. Nach den erſten feurigen Begruͤßungen, warf die Edelfrau einen zaͤrtlich forſchenpen Blick auf die Zuͤge ihres Gemahls.„Du haſt Dich veraͤn⸗ dert, Halbert“ ſprach ſie.„Du biſt ſcharf und weit geritten heute, oder krank geweſen“”e Ich bin wohl geweſen, Morie, antwortete der Ritter, uͤberaus wohl bin ich geweſen, und an einen langen Ritt bin ich gewöhnt, das weißt Du ja wohl. Leute von aveliger Geburt moͤgen lebens⸗ 47 kang ſchlummern in den Mauern ihrer Schloͤſſer, aber wer den Adel durch eigene Thaten gewonnen, muß immer im Sattel ſein, um zu zeigen, daß er ſeine Erhoͤhung verdient. Als er dieſe Worte ſprach, heftete ſeine Ge⸗ mahlinn einen liebevollen Blick auf ihn, als haͤtte ſie in ſeinem Innerſten leſen wollen, denn ſein Ton verrieth truͤbſinnige Niedergeſchlagenheit. Halbert Glendinning war noch derſelbe, dem innern Werthe nach, aber ſein Weſen doch ganz anders, als in ſeinen Jugendjahren. Der feurige Freiheitſinn des aufſtrebenden Juͤnglings war der feſten und ernſten Faſſung des erprobten Kriegers und des kundigen Staatsmannes gewichen. Die Sorge hatte ti fe Spuren in die edlen Zuͤge gegra⸗ ben, uͤber welche jede Gemuͤthsregung einſt hinweg zog, wie leichte Wolken an einein ſommerlichen Himmel Der Himmel war jetzt vielleicht nicht bewälkt, aber ſtill und ernſt, wie an einem ruhigen Herbſtabend. Die Stirne war hoͤher und nackter, als in ſeinen Jugendjahren, und die Locken, die noch immer dicht und dunkel um des Kriegers Hanupt wallten, waren an den Schlaͤfen, nicht — 1 vom Alter, aber von dem ſteten Drucke des Hel⸗ mes abgerieben. Sein Bart, nach der Sitte der Zeit kurz und dicht gewachſen, hatte ſich zu einem ſpitzigen Knebelbarte verlaͤngert. Die Wange, vom Wetter gebraͤunt, gluͤhte nicht mehr von dem Feuer der Jugend, aber ſie verrieth die Ruͤſtigkeit des thaͤtigen, gekraͤftigten Mannes. Kurz, Halbert Glendinning war ein Ritter, der zur Rechten eines Koͤnigs reiten, ſein Banner im Kriege tragen mußte, denn aus ſeinen Blicken ſprach jene beſon⸗ nene Feſtigkeit, die weiſe entſchließen und kühn wagen kann. Aber jetzt war uͤber dieſe edlen Zuͤge eine Niedergeſchlagenheit verbreitet, die er ſelber vielleicht nicht ahnete, den Blicken ſeiner bekuͤm⸗ merten und zaͤrtlichen Gemahlinn jedoch nicht entging. 1 289 Es muß ſich etwas ereignet haben, ſprach ſie, oder es ſoll ſich etwas ereignen; denn dieſe Trauer iſt nicht umſonſt auf deiner Stirne— Ungluͤck, fuͤr das Land oder fuͤr uns, muß nahe ſein. Nichts Neues, das ich wuͤßte, ſprach Halbert. Aber es gibt wenig Landesuͤbel, die nicht fuͤr dieſes ungluͤckliche und uneinige Reich zu beſorgen waͤren. — 49 Nein, es muß wirklich etwas Ungluͤckliches auf dem Tapet geweſen ſein, erwiederte die Edelfrau. Lord Mutray wuͤrde Dich nicht ſo lange in Holy⸗ rood aufgehalten haben, wenn er nicht deines Bei⸗ ſtandes in einer wichtigen Angelegenheit bedurft haͤtte.B 44 4 8 Ich bin nicht immer in Holyrood geweſen, Marie, ich war mehre Wochen im Auslande. Im Auslande? Und mir keine Botſchaft geſandt? ſprach die Edelfrau. 2 Ssne Wozu haͤtte die Kunde Dir gedient, als Dich angluͤcklich zu machen, liebe Fraue Den leiſeſten Wind, der unſere See gekraͤuſelt haͤtte, wuͤrde deine Einbildung in einen wuͤthenden Sturm auf dem teutſchen Meere verwandelt haben. Alſo wirklich uͤber Meer biſt Du geweſen? fuhr Marie fort, die mit Schrecken und Staunen den Gedanken erwog. Haſt wirklich dein Vater⸗ land verlaſſen und ferne Kuͤſten betreten, wo die ſchottiſche Sprache nicht gehoͤrt und nicht verſtan⸗ den wird?. Wirklich, ja wirklich! ſprach der Ritter, und faßte liebevoll ſcherzend ihre Hand. Ich habe Theil I. 4 ——— ——— 5— 50 dieſe erſtaunliche That vollbracht, habe drei Tage und drei Naͤchte auf dem Meere mich umher ge⸗ trieben, wo die dunkelgruͤnen Wogen an mein Ruhelager ſchlugen, und nur ein duͤnnes Bret mich von ihnen trennte. Fuͤrwahr, lieber Halbert, das heift die egätte liche Vorſehung verſuchen. Ich bat Dich nie, dein Schwert loszuguͤrten, oder deine Lanze aus der Hand zu legen, ich bat Dich nie, ſtill zu ſitzen, wo die Ehre Dich aufrief. Aber ſind nicht Schwert und Speer gefaͤhrlich genug fuͤr eines Mannes Leben, und wollteſt Du Dich wilden Wogen und ſtuͤrmiſchen Meeren anvertrauen? Es ſind in Teutſchland und in den Nieder⸗ kanden Leute, die der Glaube mit uns verbindet, und es ziemt ſich, uns auch durch ein Buͤndniß mit ihnen zu veremigen. Ich wurde zu Einigen von ihnen mit einem wichtigen und geheimen Auf⸗ trage geſchickt. Ich war ſicher auf meinem Wege und bin wohl behalten zurüͤck gekehrt. Es gibt mehr Gefahren fuͤr eines Menſchen Leben zwiſchen hier und Holyrood, als auf den Meeren, welche die hollaͤndiſchen Kuͤſten beſpuͤlen. —— 51 And ſind Land und Leute, lieber Halbert, wie bei uns im guten Schottland? Und wie betragen ſie ſich gegen Fremde? Sie ſind ein Volk, Marie, ſtark in dem Reichthum, der alle andern Voͤlker ſchwach macht, und ſchwach in den Kuͤnſten des Krieges, wodurch andre Voͤlker ſtark ſind. Ich verſtehe Dich nicht, ſprach die Edelfrau. Die Hollaͤnder und Flamlaͤnder, liebe Marie, zeigen die Kraft ihres Geiſtes im Handel, nicht im Kriege, und ihr Reichthum verſchafft ihnen die Arme fremder Krieger, mit deren Beiſtande ſie ihn vertheidigen. Sie bauen Daͤmme an den Kuͤſten, das Land zu ſchuͤtzen, ſo ſie dem Meere abgewonnen, und werben Fremdlinge, ihre Schaͤtze zu vertheidigen. Sieh, ſo ſind ſie ſtark in ihrer Schwaͤche, denn eben der Reichthum, der ihre Herrn verſucht, ſie zu pluͤndern, bewaffnet Fremde zu ihrem Beiſtande.*) *) Bald nach der geit aber, worein dieſe Ge⸗ ſchichte verlegt iſt(zwiſchen 1560 und 1570) begann der lange Freibeitskampf der Niederlaͤnder, wo auch ihr eigner Arm ſich tapfer zeigte. * 52— Ueber die faulen Knechte! rief Marie, im Geiſte einer Schottlaͤnderinn jener Zeit. Sie haben Haͤnde und fechten nicht fuͤr das Land, ſo ſie geboren hat? Ahhauen ſollte man ſie ihnen? Nein, das waͤre ein grauſames Gericht, er⸗ wiederte Halbert. Ihre Haͤnde nuͤtzen ihrem Lande, wenn auch nicht in der Schlacht, wie die unſrigen. Sieh, die oͤden Huͤgel hier, Marie, das tiefe Thal, das ſich durch die Berge windet, woher eben das Vieh heimkehrt von der duͤrftigen Weide. Die Hand des fleißigen Flamlaͤnders wuͤrde dieſe Berge mit Walde bedecken, und Korn maͤhen, wo wir jetzt nur einen magern Raſen von Heidekraut ſehen. Es ſchmerzt mich, Marie, wenn ich auf dieſes Land blicke, und bedenke, welchen Vortheil es erlangen koͤnnte von ſolchen Menſchen, als ich neulich geſehn. Das ſind Leute, die nicht den eitlen Ruf ſuchen, der von todten Altvordern ſtammt, oder den blutigen Ruhm, der in neuern Streitigkeiten gewonnen wird, aber als Erhalter und Veredler gehen ſie durch das Land, nicht als Bedraͤnger und Ver⸗ wuͤſter. 1— — 53 Solche Verbeſſerungen waͤren nichts als eine leere Einbildung, lieber Halbert. Die Baͤume wuͤrden von feindſeligen Englaͤndern verbrannt werden, wenn ſie noch Geſtraͤuch waͤren, und das Korn, ſo Du ſaͤeteſt, wuͤrde der erſte beßte Nachbar einſammeln, der mehr Reiter im Ge⸗ folge haͤtte, als Du. Warum wollteſt Du das beneiden? Das Schickſal, das Dich zum Schott⸗ laͤnder machte, gab Dir Kopf und Herz und Hand, den Nahmen zu behaupten, wie er muß behauptet werden. Mir gab's keinen Nahmen zu ehaugter, ſprach Halbert, langſam auf und nieder gehend. Mein Arm war voran in jedem Kampfe, meine Stimme ward gehoͤrt in jedem Rathe, und die Weiſeſten haben mich nicht getadelt, und die Schlauſten und Verſchlagenſten haben heimlichen Rath mit mir gepflogen, und die Tapferſten geſtan⸗ den, daß ich im Felde meine Pflicht gethan, als ein wackrer Ritter— aber laß vorüͤber ſein die Noth, wo ſie meines Kopfes und meines Armes beduͤrfen, und ſie werden in mir nur den Sohn des ruhmloſen Landmannes in Glendearg erblicken. 54 Dieß war ein Gegenſtand, den Marie immer fuͤrchtete. Der Rang, den ihr Gemahl erhalten, die Gunſt, welche der maͤchtige Graf von Murray ihm bewieſen hatte, und die hohen Geiſtesgaben, wodurch er ſeinen Anſpruch auf ſolchen Rang und ſolche Gunſt behauptete, waren Eigenſchaften, die den Neid eher reizten, als verminderten, den man gegen Halbert hegte, einen Mann von geringer Herkunft, der bloß durch perſoͤnliches Verdienſt ſich erhoben. Bei aller natuͤrlichen Seelenſtaͤrke, war er doch nicht im Stande, die eingebildeten Vorzuͤge eines alten Stammbaums zu verachten, die von Allen, mit welchen er umging, ſo hoch geachtet wurden, und ſo empfaͤnglich ſind ſelbſt die edelſten Gemuͤther fuͤr ungereimte Eiferſucht, daß es Augenblicke gab, wo es ihm empfindlich war, ſeine Gemahlinn im Beſitze der Vorzuͤge edler Geburt und hoher Abſtammung zu ſehen, die er ſelber nicht beſaß, und wo er bedauerte, ſeine Wichtigkeit als Eigenthuͤmer von Avenel durch den Umſtand gemindert zu ſehen, daß ſie ihm nur als Gemahl der Erbinn gebuͤhrte. Er war nicht ſo ungerecht, unwuͤrdigen Regungen Gewalt⸗ . —f 55 uͤber ſein Gemuͤth zu laſſen, aber ſie erwachten doch von Zeit zu Zeit, und entgingen nicht der unruhigen Beobachtung ſeiner Gemahlinn.„Haͤtte der Himmel uns Kinder geſchenkt, ſagte ſie bei ſolchen Gelegenheiten, haͤtten wir einen Sohn, der meine Vorzuͤge alter Abkunft mit meines Ge⸗ mahls perſoͤnlichem Werthe verbaͤnde, ſo wuͤrden dieſe peinlichen und verdruͤßlichen Betrachtungen unſre Verbindung nicht einen Augenblick geſtoͤrt haben.“. Bei ſolchen wechſelſeitigen Empfindungen, war es nicht zu verwundern, daß es der Edelfrau wehe that, als ſich Halbert zu dem Gegenſtande hin⸗ neigte, der Beide mißvergnuͤgt machte. Sie ſuchte auch jetzt, wie gewoͤhnlich, ſeine Seele da⸗ von abzulenken.„Wie kannſt Du, ſprach ſie, bei ſolchen Gedanken verweilen, die zu nichts nuͤtzen? Und haͤtteſt Du denn wirklich nicht auch einen Nahmen zu behaupten? Du, der Gute und Tapfre, der Weiſe im Rathe und der Starke in der Schlacht, haſt Du nicht den Ruhm zu behaup⸗ ten, welchen Du durch deine Thaten gewonnen? Das iſt ein Ruhm, ehrenvoller, als was Ahnen —————ÿ’— — 8 56 allein geben koͤnnen. Gute Menſchen lieben und ehren Dich, die Boͤſen fuͤrchten Dich, die Unru⸗ higen ſind Dir gehorſam. Und mußt Du nicht Dich anſtrengen, dieſe Liebe, dieſe Ehre, dieſe heilſame Furcht, dieſen nothwendigen Geherſamn dauernd zu machen?“ Als ſie dieſe Worte ſprach, ſog ſein Ange Muth und Staͤrke aus ihren Blicken, und es leuchtete, indem er, ihre Hand ergreifend, erwie⸗ derte:„Du haſt ſehr wahr geſprochen, liebe Marie, und ich verdiene deinen Vorwurf, daß ich vergeſſen habe, wer ich bin, waͤhrend ich murrte, daß ich nicht bin, was ich nicht ſein kann. Ich bin jetzt, was ihre beruͤhmteſten Ahnherrn waren, der geringe Mann, der ſich durch eigene Kraft hoch eerhoben, und es iſt gewiß ein eben ſo ehrenvoller Ruhm, die Faͤhigkeiten zu beſitzen, die der Stifter eines neuen Geſchlechts haben muß, als von Jemand abzuſtammen, der ſie vor Jahrhunderten beſaß. Der ſchwarzgraue Mann, der das Haus Douglas gruͤndete, konnte ſich noch nicht ſo vieler Ahnen ruͤhmen, als ich. Du weißt es ja, Marie, mein Nahme ſtammt von einer Reihe 5⁷ alter Krieger, wiewohl meine naͤchſten Vorfahren den geringern Stand vorzogen, worin Du ſie kennen lernteſt; und Tauglichkeit zu Krieg und Rath ſind meinem Stamme, ſelbſt in ſeinen ſpaͤte⸗ ſten Abkoͤmmlingen, nicht minder eigen, als den ſtolzeſten Freiherrn.“ Er ſchritt bei dieſen Worten durch den Saal, und die Edelfrau mußte innerlich laͤcheln, als ſie bemerkte, wie ſehr ſein Gemuͤth an den Vorzuͤgen der Geburt hing, und ſeine, wenn auch noch ſo entfernten, Anſpruͤche auf einen Antheil daran zu behaupten ſuchte, in eben dem Augenblicke, wo er dieſelben zu verachten ſchien. Sie ließ ſich aber, wie man leicht erraͤth, nicht merken, daß ſie die Schwachheit ihres Mannes gewahr wuͤrde, da ſein ſtolzer Geiſt ſolchen Scharfblick nicht gut ver⸗ ſchmerzt haben moͤchte. Als er, am andern Ende des Saales ſich um⸗ wendend, zu ſeiner Gemahlinn zuruͤck kehrte, blieb er mit der Frage vor ihr ſtehen:„Wo iſt Wolf? Ich hab' ihn noch nicht geſehen ſeit meiner Ruͤck⸗ kehr, und er pflegte mich doch ſonſt zuerſt zu bewillkommen.“ 5⁸— Die Edelfrau konnte eine leichte Anwandlung von Verlegenheit nicht unterdruͤcken, woruͤber ſie ſich vielleicht ſelbſt kaum Rechenſchaft haͤtte geben koͤnnen.„Wolf liegt jetzt an der Kette“ ſprach ſie.„Er iſt muͤrriſch gegen meinen Edelknaben geweſen.“ Wolf an der Kette? Wolf muͤrriſch gegen deinen Edelknaben? erwiederte Halbert. Wolf war nie muͤrriſch gegen Jemand, und die Kette wird entweder ſeinen Muth brechen, oder ihn wild machen. Laß ihn ſogleich los. Es geſchah. Der maͤchtige Hund ſtuͤrzte her⸗ ein, und brachte durch ſeine ſchwerfaͤlligen und ungeſtuͤmen Spruͤnge alle Weifen, Rocken und Spindeln in Unordnung. Lilias, die herbei gerufen ward, alles wieder zurecht zu ſetzen, konnte die Bemerkung nicht unterdruͤcken, der Liebling des Ritters ſei ſo beſchwerlich, als der Herrinn Edelknabe. Und wer iſt dieſer Edelknabe, Marie? ſprach der Ritter, als ſeine Aufmerkſamkeit von Neuem durch die Worte der Kammerfrau gereizt wurde. Wer iſt der Edelknabe, den Jedermann mit meinem 59 alten Freunde Wolf in die Wage legen will? Seit wann trachteſt Du nach der Wuͤrde, einen Edel⸗ knaben zu halten? Oder wer iſt der Knabe? Ich hoffe, lieber Halbert, erwiederte ſie, ein wenig erroͤthend: Du wirſt deine Frau zu einem eben ſo anſehnlichen Gefolge berechtigt halten, als andre Frauen ihres Standes haben? Ei ja, edle Herrinn! erwiederte der Ritter, es iſt genug, den Wunſch zu aͤußern, eine ſolche Aufwartung zu haben. Freilich hab' ich nie gern ſolche unnuͤtze Hausgenoſſen ernaͤhren moͤgen. Ein Edelknabe! Den ſtolzen engliſchen Frauen mag es anſtehen, ein Knaͤblein zu haben, das ihnen die Schleppe nachtraͤgt aus dem Kaͤmmerlein in den Saal, ſie faͤchelt, wenn ſie ſchlummern, und die Laute ſpielt, wenn ſie Luſt haben zuzu⸗ hoͤren, aber unſre ſchottiſchen Frauen waren ſonſt aͤber ſolche Eitelkeit erhaben, und unſre ſchottiſchen Knaben ſollten zum Speer und d zum Steigbuͤgel erzogen werden. Nein, lieber Mann, ich ſcherzte ja nur, als ich dieſen Buben meinen Edelknaben nannte. Er iſt, die Wahrheit zu ſagen, ein Waiſenknabe, 60 den wir aus dem See gerettet haben. Seitdem hhab' ich ihn aus Barmherzigkeit im Schloſſe be⸗ halten. Lilias, bringe den kleinen Roland her. NRoland kam. Er eilte zu der Edelfrau, hielt ſich an den Falten ihres Gewandes, und ſich umwendend, ſtarrte er aufmerkſam, doch nicht ohne Furcht, die hohe Geſtalt des Ritters an. Roland, ſprach die Edelfrau, kuͤſſe dem edlen Ritter die Hand, und bitte ſhn⸗ dein reſchuber zu ſein. Der Knabe gehorchte nicht, und auf feinemn Platze bleibend, fuhr er fort, den Ritter ſer und ſchuͤchtern anzuſehn. Geh' zum Ritter, Knabe! hob Mati wieder an. Was fuͤrchteſt Du? Geh'’ und kuͤſſe ihm d die Hand. Ich will Niemand die Hand büſen, als Euch, edle Frau, antwortete der Knabe.. Thu' was Dir befohlen wird, mein Kind, ſprach ſie. Deine Gegenwart macht ihn beſtuͤrzt, ſprach ſie, entſchuldigend, zu ihrem Gemahl. Aber iſt der Knabe nicht ſchoͤn? Auch Wolf, antwortete Halbert, ſeinen Lieb⸗ „ 4 ——— 61 1 * ling klopfend, iſt ein huͤbſcher Hund, aber er hat den doppelten Vorzug vor deinem neuen Guͤnſt⸗ linge, daß er thut, was ihm geheiſſen wird, und nicht hoͤrt, wenn man ihn lobt. Nun, Du biſt ungehalten auf mich, hob Marie wieder an. Aber warum denn? Es iſt doch nichts Unrechtes darin, eine verlaſſene Waiſe zu unterſtuͤtzen, oder zu lieben, was liebenswuͤrdig iſt und Zuneigung verdient. Aber Du haſt War⸗ den in Edinburgh geſehen, und er wird Dich gegen den armen Knaben eingenommen haben. Liebe Marie, Warden weiß beſſer, was ſich fuͤr ihn ziemt, als daß er ſich erdreiſten ſollte, ſich in deine, oder meine Angelegenheiten zu mengen. Ich tadle weder den Beiſtand, den Du dem Knaben gegeben haſt, noch deine Guͤte gegen ihn, aber es duͤnkt mich, Du ſollteſt ſeine Herkunft und ſeine Aus ſichten bedenken und ihn nicht mit unuͤberlegter Zaͤrtlichkeit behandeln, die ihn am Ende nur untauglich fuͤr den geringen Stand machen kann, wozu die Vorſehung ihn berufen hat. —— Nein, lieber Halbert, ſieh doch den Knaben nur an, und ſage mir, ob er nicht ausſieht, als haͤtte der Himmel ihn zu etwas Edlerem beſtimmt, denn zu einem bloßen Bauer. Koͤnnte er nicht auserſehn ſein, wie Andre, aus einer geringen Lage zu Ehre und Hoheit aufzuſteigen? So ſprach ſie, als der ploͤtzlich in ihr er⸗ wachende Gedanke, daß ſie auf einen bedenklichen Boden trat, ſie verleitete, den ſchlimmſten Schritt zu thun, der bei ſolchen Gelegenheiten geſchehen kann, ſie brach auf einmahl die Erlaͤuterung ab, die ſie angefangen hatte. Ein leichtes Erroͤthen bedeckte ihr Geſicht und Halbert's Stirne wurde ein wenig finſter; aber nur auf einen Augenblick, denn es konnte ihm nicht einfallen, Mariens Meinung mißzuverſtehen, oder zu glauben, daß ſie abſichtlich Geringſchaͤtzung gegen ihn aͤußern wolle. Sei's, wie es Dir gefaͤllt, meine Liebe, ant⸗ wortete er. Ich verdanke Dir zu viel, als daß ich Dir in Etwas zuwider ſein wollte, was Dir dein einſames Leben ertraͤglicher machen kann. 63 Mach' aus dem Knaben, was Du wilſt, ich gebe dir volle Gewalt dazu. Aber vergiß nicht, er ſteht unter deiner Aufſicht, nicht unter meiner; vergiß nicht, er hat Glieder, Maͤnnerarbeit zu thun, er hat eine Seele und eine Zunge, Gott zu verehren. Drum erzieh' ihn, daß er ſelnem Herrn und dem Himmel treu ſei, und ſchalte ſonſt uͤber ihn nach deinem Gutduͤnken, denn es iſt ganz deine Sache und ſoll's bleiben. Dieſe Unterredung entſchied Rolands Schick⸗ ſal. Der Ritter bekuͤmmerte ſich ſeitdem wenig um ihn, aber von der Edelfrau ward er mit Nachſicht und Vorgunſt behandelt. Die Folgen dieſes Verhaͤltniſſes waren wichtig, und bildeten das Gemuͤth des Knaben in allen ſeiren Licht⸗ maſſen und tiefen Schatten. Der Ritter ſchien einmahl ſtillſchweigend angedeutet zu haben, daß er dem Guͤnſtlinge ſeiner Gemahlinn weder Theil⸗ nahme noch Aufſicht widmen wollte, und ſo war der junge Roland von der ſcharfen Zuchk ausge⸗ nommen, welcher er ſonſt, als der Diener eines angeſehenen Mannes, nach der ſtrengen Sitte der Zeit unterworfen geweſen waͤre. Der Haus⸗ 6*% hofmeiſter— wie ſich der erſte Diener jedes ktei⸗ nen Burgherrn ſtolz benannte— hielt es nicht fuͤr rathſam, mit dem Guͤnſtlinge der Edelfrau zuſammen zu gerathen, zumahl da die Guͤter des Haufes von ihr ſtammten. Kaspar Wingate kannte die Weiſe großer Haͤuſer, wie er oft ruͤhmte, und wußte das Steuer zu fuͤhren, ſelbſt wenn Wind und Flut zuwider waren. Der kluge Mann ſah oft durch die Finger, und huͤtele ſich, Gelegenheit zu weiterm Verdruſſe zu geben, indem er nicht mehr von Roland foderte, als dieſer ſelbſt leiſten wollte. Er vermuthete ſehr richtig, daß, wie wenig auch der Knabe die Gunſt des Ritters genoß, ein nachtheiliger Bericht von ihm die Ede rau feindſelig ſtimmen wuͤrde, ohne das Wohlwollen des Gemahles zu fichern. Bei dieſen klugen Erwaͤgungen und gewiß nicht ohne Ruͤck⸗ ſicht auf eigenen Vortheil, lehrte er den Knaben ſo viel, und nur ſo viel, als dieſer lernen wollte, und ließ gern jede Eutſchuldigung gelten, die ſei⸗ nem Zoͤglinge fuͤr Traͤgheit, oder Nachlaͤſſigkeit vorzubringen beliebte. Jeder im Schloſſe, der aͤhnliche Oollegenheiten hatte, ahmte die Behut⸗ 65 ſamkeit des Haushofmeiſters ſo wiltig nach, daß Roland nur wenig Zwang erlitt, und folglich nur ſo viel lernte, als er, von einem ſehr thaͤtigen Geiſte und von ſeiner Abneigung gegen gaͤnzlichen Muͤſſiggang getrieben, auf eigene Hand und durch eigene Anſtrengung lernen konnte. Dem Guͤnſtlinge der Edelfrau konnten die Diener des Ritters nicht ſehr gewogen ſein, von welchen Viele, die mit ihm von gleichem Alter und aͤhnlicher Herkunft waren, zu ſtrenger Be⸗ obachtung der altherkoͤmmlichen Zucht angehalten wurden. Roland war ihnen ein Gegenſtand des Neides, und folglich der Abneigung und Ver⸗ laͤumdung, aber der Knabe beſaß Eigenſchaften, die Niemand herab wuͤrdigen konnte. Stolz und eine fruͤhe Regung des Ehrgeizes, thaten fuͤr ihn, was Strenge und unablaͤſſige Unterwezſung fuͤr Andre thaten. Fruͤh zeigte Roland jene korper⸗ liche und geiſtige Biegſamkeit, welche die Uebung der Kraͤfte der Seele wie des Leibes eher zu einem Spiele, als zu einer Anſtrengung machte, und er ſchien zufaͤllig und gleichſam ruckweiſe jene Ga⸗ ben zu erlangen, welche Andre durch einen ernſt⸗ Theil I. 5 — lichen und ſteten Unterricht, den auch haͤufige Verweiſe und gelegentliche Zuͤchtigungen einſchaͤrf⸗ ten, gewonnen hatten. Jene kriegeriſchen Uebun⸗ gen, jene Kenntniſſe damahliger Zeit, zu welchen er ſich hingezogen fuͤhlte, lernte er ſo vollkommen, daß er Diejenigen beſchaͤmte, die nicht wußten, wie oft feurige Begeiſterung beharrenden Fleiß erſetzt. Die Juüͤnglinge, die regelmaͤßiger zu Waffenuͤbungen, zur Reiterkunſt und zu andern nothwendigen Uebungen angehalten wurden, hat⸗ ten bei allem Neide, den die Nachſicht, oder die Nachlaͤſſigkeit in ihnen erweckte, womit Roland behandelt zu werden ſchien, doch wenig Urſache, ſich ihrer Ueberlegenheit zu ruͤhmen; denn wenige Stunden ſchienen bei der kraͤftigen Anſtrengung eines ſtarken Willens fuͤr ihn mehr zu thun, als ein wochenlanger regelmaͤßiger Unterricht bei Andern vermochte.. Bei dieſen Vortheilen, wenn man es ſo nennen kann, begann die Gemuͤthsart des jun⸗ gen Rolands ſich zu entwickeln. Er war kuͤhn, abſprechend, entſcheidend und herriſch; edelmuͤ⸗ thig, wenn er keinen Widerſtand erfuhr, heftig 67 und leidenſchaftlich bei Tadel und Widerſpruch. Er ſchien ſich an Niemanden gebunden, und Niemanden verantwortlich zu halten, ſeine Ge⸗ bieterinn ausgenommen, und ſelbſt uͤber ihr Gemuͤth hatte er nach und nach jene Gewalt erhalten, die durch Nachſicht ſo leicht veran⸗ laßt wird. Die Diener im Gefolge des Ritters ſahen zwar mit neidiſchen Augen den Einfluß des Juͤnglings, und ergriffen oft die Gelegen⸗ heit, ſeine Eitelkeit zu kraͤnken; aber es fehlte auch nicht an Andern, welche die Gewogenheit der Edelfrau zu erlangen hofften, wenn ſie dem beguͤnſtigten Juͤnglinge willfaͤhrig und hold waͤren. Solche Anhaͤnger hatte Roland beſonders unter den Bewohnern des Doͤrſchens am Seeufer. Dieſe Landleute, die ſich zuweilen verſucht fuͤhl⸗ ten, ihren Zuſtand mit der Lage der Begleiter, die dem Ritter ſtets auf ſeinen Reiſen und Zuͤgen folgten, zu vergleichen, hielten ſich gern mehr fuͤr Unterthanen der Edelfrau, als ihres Gemahles. Bei ihrer Klugheit und ihrer Zunei⸗ gung gegen Halbert, mißbilligte ſie zwar uͤberall den Unterſchied, den man auf dieſe Weiſe machen — wollte; aber die Dorfbewohner dachten fort⸗ dauernd, es muͤßte ihr angenehm ſein, eine Hul⸗ digung zu empfangen, die ſie mit Niemanden theilte, oder handelten doch, als ob ſie ſo gedacht haͤtten, und ſie aͤußerten ihre Geſinnungen beſon⸗ ders durch die Achtung, welche ſie dem jungen Roland, dem Lieblinge ihrer Herrinn, erwieſen. Eine ſolche Schmeichelei war zu wohlgefaͤllig, als daß ſie Verweis, oder Tadel haͤtte treffen koͤnnen, und die Gelegenheit, welche ſie dem Juͤnglinge gab, ſich gleichſam eine eigene Partei zu bilden, erhoͤhte nicht wenig die Verwegenheit und Ent⸗ ſchiedenheit eines Gemuͤthes, das von Natur kuͤhn, ungeſtuͤm und unlenkſam war. Unter den beiden Hausgenoſſen, die fruͤh Eiferſucht gegen Roland gezeigt hatten, ließ ſich Wolf leicht von ſeinen Vorurtheilen abbringen, und ruhte endlich bei andern beruͤhmten Hunden alter Zeiten; aber Warden, der Schloßkaplan, lebte noch und behielt ſeine Abneigung gegen den Juͤngling. So aufrichtig und wohlwollend der gute Mann war, er hatte doch etwas uͤber⸗ ſpannte Begriffe von der Achtung, die ihm, ſei⸗ nes Standes wegen, gebuͤhrte, und foderte von den Schloßbewohnern mehr Nachgiebigkeit, als der dochfahrende Edelknabe, ſtolz auf die Gunſt ſeiner Gebieterinn, und muthwillig im Gefuͤhle der Ju⸗ gendluſt und der Vortheile ſeiner Lage, zu zeigen geneigt war. Rolands kuͤhnes und freies Beneh⸗ men, ſein Hang zu koſtbaren Kleidern und Zier⸗ rathen, ſeine Unempfaͤnglichkeit fuͤr Unterricht, ſeine Verhaͤrtung gegen Verweiſe, waren Um⸗ ſtaͤnde, die den alten Mann verleiteten, faſt mit liebloſer Uebereilung den unbeſonnenen Edelknaben als ein Zorngefaͤß wegzuſetzen, und zu verkuͤndi⸗ gen, daß der Juͤngling jenen Stolz und Hoch⸗ muth zeige, der dem Sturze und der Zerſtoͤrung vorher geht. Die meiſten Diener in des Ritters Gefolge hegten dieſelbe liebloſe Meinung; ſo lange indeß Roland von der Edelfrau beguͤnſtigt und von Halbert geduldet ward, hielten ſie es gegen alle Klugheit, ihre Gedanken laut werden zu laſſen. 3 Roland fuͤhlte das Unangenehme ſeiner Lage, aber im Uebermuthe ſeines Herzens gab er den äbrigen Hausgenoſſen das zuruͤckhaltende, kalte 70— und hoͤhniſche Benehmen zuruͤck, womit ſie ihn behandelten, nahm ein herriſches Weſen an, das die Hartnäckigkeit zum Gehorſam zwang, und hatte die Befriedigung, wenigſtens gefuͤrchtet zu ſein, wenn man ihn auch von Herzen haßte. 1 Des Schloßkaplans auffallende Abneigung gegen Roland hatte die Wirkung, daß Halbert's Bruder Eduard, Pater Ambroſius genannt, ihm deſto mehr Aufmerkſamkeit erwies. Der fromme Mann war einer der wenigen Moͤnche, die mit ihrem alten Abte noch immer im Kloſter Kenna⸗ quhair ein trauriges Leben fuͤhrten. Man hatte ſie aus Achtung gegen den Ritter von Avenel nicht gaͤnzlich vertrieben, obgleich ihr Orden groͤßtentheils unterdruͤckt war; aber alle oͤffent⸗ lichen kirchlichen Feierlichkeiten waren ihnen un⸗ terſagt, und ſie erhielten zu ihrem Unterhalte nur ein geriges Jahrgeld aus ihren einſt ſe reichen Einkuͤnften. Pater Ambroſius kam unter dieſen Umſtaͤnden nur gelegentlich, wiewohl ſehr ſelten, ins Schloß Avenel, und widmete alsdann dem Edelknaben eine beſondete Aufmerkſamkeit, welche Roland mit tieferm Gefühle zu erwiedern — 71 ſchien, als mit ſeinen ſonſtigen Gewohnheiten vereinbar war. 4 n So gingen Jahre voruͤber. Der Ritter von Avenel ſpielte fortdauernd eine wichtige Rolle bei den Erſchuͤtterungen des zerruͤtteten Landes, waͤh⸗ rend Roland in Wünſchen und perſoͤnlichen Vor⸗ zuͤgen dem Alter zuvor eilte, wo er aus der Dun⸗ kelheit ſeiner Lage hervor treten konnte. IV. Als Roland ſiebzehn Jahre alt war, ging er an einem Sommermorgen in Halbert's Falkne⸗ rei, um nach einem Neſtfalken zu ſehen, den er ſelber, mit großer Gefahr, Hals und Beine zu brechen, aus einem Horſt in der Nachbarſchaft gehohlt hatte. Keineswegs zufrieden mit der Be⸗ handlung ſeines Lieblingsvogels, war er nicht laͤßig, ſein Mißfallen dem Falknerjungen zu be⸗ zeigen, der des Vogels haͤtte warten ſollen. Wie! rief er aus, mit ungewaſchenem Futter fuͤtterſt Du mir den Neſtfalken, als ob's der Aeſtling einer nichtswuͤrdigen Nebelkrahe waͤre? Und auch Acznei haſt Du vergeiſen ſeit zwei — Tagen! Meinſt Du, ich haͤtte meinen Hals wagen wollen, den Vogel vom Felſen zu hohlen, daß Du ihn verderben ſollteſt durch deine Nach⸗ laͤſſigkeit? Die Warnung beſſer einzuſchaͤrfen, gab er ein Paar Puͤffe dem ſorgloſen Jungen, deſſen uͤber: maͤßiges Geſchrei den Falkner zu ſeinem Beiſtande herbei rief. Adam Woodcock, der Falkner in Avenel, war ein Englaͤnder von Geburt, aber ſo lange in Halberts Dienſte, daß er uͤber der Anhaͤnglichkeit an ſeinen Gebieter die Heimath vergeſſen hatte. Er war ein Guͤnſtling, eifer⸗ ſuͤchtig und eingebildet auf ſeine Geſchicklichkeit, uͤbrigens ein Spaßvogel und ein Verſemacher, dem eine Flaſche Doppelbier lieber war, als eine lange Predigt, fauſtkraͤftig, wo es Noth that, ſeinem Herrn treu, und ein wenig ſtolz auf ſeine Gewalt uͤber ihn. 4 Die Freiheit, welche der Edelknabe ſich ge⸗ nommen, den Buben zu zuͤchtigen, wollte dem Falkner gar nicht gefallen.„Ei, ei, Herrchen!“ rief er, zwiſchen Roland und den Knaben tre⸗ tend:„nur gemach! Das wird auch eurem 2 8 73 Treſſenwamms gut ſtehen. Nur nicht gleich vorweg mit der Hand! Hat der Junge gefehlt, ſo kann ich ihn ſelber ſchlagen.“ Ihn will ich ſchlagen und Dich dazu! ſprach „Roland ohne Bedenken, wenn Du nicht beſſer auf deine Arbeit ſiehſt. Verrathen und verkauft iſt der Vogel unter Euch. Ich traf den ſorgloſen Faullenzer, wie er ihn mit ungewaſchenem Fleiſche„ fuͤtterte, und es iſt ein Neſtfalk. ZJa, Du biſ ſelbſt ein Neſtfalk, Nitter Ro⸗ land! erwiederte der Falkner. Was verſtehſt Du vom Fuͤttern! Ich ſage, der Neſtfalk muß ſein Futter ungewaſchen haben, bis er ein Aeſtling wird. Das waͤre der gerade Weg, ihn ſchnabel⸗ krank zu machen, wenn man ihm ſein Futter eher waſchen wollte, und das weiß Jedermann, der einen Geier vom Falken unterſcheiden kann. Deine eigene Traͤgheit iſt Schuld daran, Du falſcher Englaͤnder! Du thuſt nichts, als trinken und ſchlafen, und laͤſſeſt den faulen Buben deine Arbeit machen, der eben ſo wenig dran denkt, als Du. Ich traͤge? ſprach der Falkner. Und habe fuͤr 74 viele Falken zu ſorgen, in der Kammer und auf der Trage, und muß ſie werfen im Felde obendrein. Und iſt denn unſer Edelknabe ſo geſchaͤftig, daß er mir was aufmutzen muß? Ich ein falſcher Englaͤnder? Und was in aller Welt biſt denn Du? Weder Englaͤnder noch Schottlaͤnder, weder Fiſch noch Fleiſch; ein Baſtard vom ſtreitigen Graͤnzland, ohne Freund und Ver⸗ wandten. Eil daß Dich der Henker hohle, Du grober Geſelle! Moͤchteſt gar zu gern den Herrn ſpielen! Die Antwort auf dieſen Hohn war eine Ohr⸗ feige, ſo kraͤftig, daß der Falkner in das Waſſer⸗ becken ſtuͤrzte, wo die Falken gebadet wurden. Adam war ſchnell wieder auf den Beinen, und einen nahe liegenden Knuͤttel ergreifend, wuͤrde er die empfangene Unbilde bald vergolten haben, wenn nicht der Edelknabe die Hand an ſeinen Dolch gelegt haͤtte, hoch und theuer ſchwoͤrend, beim erſten Schlage ihm den Stahl in den Leib zu ſtoßen. Der Laͤrm war ſo heftig, daß mehre Hausgenoſſen herbei kamen, und unter ihnen der ernſte Haushofmeiſter, mit der goldnen Kette 75 und dem weißen Stabe, als Zeichen ſeiner Ge⸗ walt. Seine Erſcheinung machte dem Streite fuͤr jetzt ein Ende. Er ergriff dieſe Gelegenheit, dem Edelknaben einen ſcharfen Verweis uͤber ein ſolches Betragen gegen andre Hausgenoſſen zu geben, und verſicherte, wenn er dieſen Zank dem Ritter erzaͤhlte, was er bloß aus Achtung gegen die Edelfrau unterlaſſen wolle, ſo wuͤrde Roland die längſte Zeit im Schloſſe geweſen ſein. Aber unſrer Edelfrau, ſetzte er hinzu, muß ich die Geſchichte melden. Das iſt recht, Herr Wingate, das iſt recht, riefen mehre Stimmen: und unſre Edelfrau wird bedenken, ob fuͤr jedes unnuͤtze Wort Dolche gezo⸗ gen werden muͤſſen, ob wir in einem wohl einge⸗ richteten Hauſe leben ſollen, wo Gottesfurcht herrſcht, oder unter Dolchen und Meſſern. Roland blickte zornig umher, und nur mit Muͤhe die Begierde unterdrückend„ ein wuͤthen⸗ des oder verachtendes Wort zu erwiedern, ſtieß er den Dolch in die Scheide, warf einen unwilli⸗ gen Blick auf das verſammelte Geſinde, und 76 ſchob Jeden auf die Seite, der ihm im Wege ſtand, als er hinaus ging. Ei das waͤre mir, wenn das Herrchen uns ſo mitſpielen ſollte! ſprach der Falkner hinter ihm. Er ſchlug mich geſtern mit der Reitgerte, er⸗ zaͤhlte ein Stallknecht, weil der Schwanz ſeines Wallachs nicht ſo geputzt war, wie ſich's der junge Herr in den Kopf geſett hatte. Und ich geb' Euch mein Wort, fiel die Waͤſcherinn ein, das Herrchen wirft Euch mit Schlumpe und Sudelmenſch um ſich, wenn nur ein Fleckchen Ruß an ſeinem Halskragen iſt. Wenn's Herr Wingate nicht der Edelfrau be⸗ richtet, war der allgemeine Schluß, ſo kann man mit Roland Graͤme nicht mehr unter einem Dache bleiben. Der Haushofmeiſter hoͤrte eine Zeitlang zu, und ſprach dann, das Zeichen zum Stillſchweigen gebend, mit gebuͤhrender Wuͤrde:„Denkt darum nicht ſchlimmer von mir, wenn ich in dieſer Sache mit gehoͤriger Vorſicht zu Werke gehe und nichts aͤbereile. Unſer Herr iſt ein tapferer Ritter und will das Regiment haben zu Hauſe und auswaͤrts⸗ 242 im Wald und Feld, im Schloß und im Gar⸗ ten, wie man ſagen koͤnnte. Unſre Herrinn— Gott ſegne ſie!— iſt auch eine edle Frau von altem Stamme und die rechtmaͤßige Erbinn dieſes Schloſſes; ſie will auch ihren Willen, und ich moͤchte die Frau kennen, die's nicht wollte. Nun war, iſt und wird ſie gewogen ſein dieſem Maul⸗ affen— denn ich weiß nicht, was Gutes an ihm iſt; aber wie die eine Frau einen Hund gern hat, die andre einen ſchreienden Papagei, die dritte einen afrikaniſchen Affen, ſo gefaͤllt es unſrer Edelfrau, dieſem verlaufenen Burſchen gewogen zu ſein, ich begreife nicht warum, als weil ſie ihn vom Erſaufen gerettet hat.“ Der Haushofmeiſter machte eine Pauſe, Woodcock unterbrach ihn mit der Verſicherung, er werde nie wieder einem Falken die Haube auf⸗ ſeten, wenn der vorlaute Edelknabe nicht ge⸗ zuͤchtigt werde.. Ruhig, Adam Woodtock! ſprach Wingate, mit der Hand winkend: ich bitt' Euch, ſeid ruhig, Freund! Unſre Edelfrau iſt dem aufgeſchoſſenen Jungen gewogen, ſagt' ich, unſer Herr aber iſt 78 ihm nicht gruͤn. Nun ſagt mir ſelbſt, ſoll ich Streit zwiſchen ihnen machen, und ſoll ich mich in die Quetſche bringen, um des unbeſonnenen Burſchen willen, den ich ſonſt ſo gern aus dem Schloſſe gepeitſcht ſehen moͤchte? Nur Geduld, und dieſe Beule wird ſchon aufbrechen. ohne daß wir unſre Finger darein ſtecken. Ich bin in Herrendienſten geweſen, ſeit ich einen Bart habe, bis jetzt, da der Bart grau iſt, und ich habe ſelten jemand gekannt, der ſich verbeſſert haͤtte, wen er's mit der Frau gegen den Herrn hielt, aber Niemand hab' ich gekannt, dem's nicht uͤbel bekommen waͤre, wenn er dem Herrn gegen die Frau half. Alſo ſollen wir Alle, wie wir ſind, ſprach Lilias, von dieſem Gelbſchnabel uns auf der Naſe tanzen laſſen? Ich will's zuerſt mit ihm aufnehmen, ich geb' Euch mein Wort. Ich hoffe, Herr Wingate, ſo weiſe Ihr ausſeht, Ihr werdet wohl ſagen wollen, was Ihr heute geſehen habt, wenn's unſre Frau Euch befiehlt. Freilich, wenn's unſre Frau mir befiehlt, iſt's gewiſſermaßen meine Schuldigkeit, Frau 79 Lilias, aber verſteht ſich immer, mit Ausnahme ſolcher Faͤlle, wo es nicht geſagt werden kann, ohne mir, oder der uͤbrigen Dienerſchaft Nach⸗ theil zu bringen. Aber dieſer Hoͤllenjunge gehoͤrt nicht zu euren Freunden oder Mitdienern, ſprach Lilias. Ich hoffe, Ihr werdet es nicht gegen das ganze Haus mit ihm halten wollen. Glaubt mir, Frau Lilias, wenn ich ſaͤhe, daß der rechte Augenblick dazu waͤre, wuͤrde ich ihm gar gern mit meiner Zunge eins verſetzen. Genug geſagt, Herr Wingate! erwiederte die Kammerfrau. Man ſoll bald von ihm pfeifen hoͤren. Fragt mich unſre Edelfrau nicht, ehe ſie zehn Minuten aͤlter iſt, was es hier unten gege⸗ ben hat, ſo iſt ſie kein gebornes Weib und ich will nicht Lilias heißen. Ihrem Plane treu, ermangelte Lilias nicht, als ſie vor ihrer Gebieterinn erſchien, in allen ihren Zuͤgen ein wichtiges Geheimniß zu verra⸗ then. Die niedergezogenen Mundwinkel, die aufwaͤrts gerichteten Augen, die veſt geſchloſſenen Lippen, und das erkünſtelt geheimnißvolle Weſen —x; in ihrem ganzen Benehmen, ſchienen zu ſagen: Ich weiß etwas, aber ich bin entſchloſſen, es nicht zu erzaͤhlen. Lilias hatte ſich nicht verrechnet. Ihre Ge⸗ bieterinn, ſo klug und gut ſie war, gehoͤrte doch zu Eva's Toͤchtern, und konnte dieſes geheimniß⸗ volle Benehmen nicht anſehen, ohne den Wunſch, die geheime Urſache zu erfahren. Eine Zeitlang blieb Lilias hartnaͤckit erſchloſſen bei jeder Frage; ſie ſeutzte, hob die Nahe⸗ noch hoͤher, hoffte das Beßte, wußte aber nichts Beſonders mitzutheilen. Alles dieß reizte, wie ſich leicht begreift, nur die Neugier der Gebieterinn, und ihre Ungeduld ließ ſich nicht abweiſen mit einem:„Gott ſei Dank, ich bin keine Ohrenblaͤſerinn, keine Klatſche— Gott ſei Dank, ich beneidete nie Jemands Gunſt, ich war nie erpicht darauf, andrer Leute ſchlechtes Betragen zu offenbaren. Aber Gott ſei's gedankt, daß es nicht zu Mord und Todt⸗ ſchlag hier im Hauſe hekummen iſt. Das iſt alles.“ Mord und Todtſchlag? def d die Edelfrau. Was ſoll das heißen? Wenn Du nicht gerade 81 heraus ſprichſt, ſo hab' ich etwas fuͤr Dich, wofuͤr Du mir nicht danken ſollſt. Nein, edle Frau! antwortete Lilias, unge⸗ duldig, ihrer Buͤrde los zu werden: wenn Ihr's mir befehlt, die Wahrheit zu ſagen, ſo muͤßt Ihr's Euch auch nicht ruͤhren laſſen, wenn ich etwas ſage, das Euch nicht gefaͤllt. Roland Graͤme hat den Dolch gegen den Falkner Adam gezogen. Das iſt alles. Lieber Himmel! ſprach die Edelfrau, todten⸗ blaß. Er iſt erſtochen? Das nicht, aber erſtochen waͤr' er, wenn nicht ſchnelle Hilfe gekommen waͤre. Aber viel⸗ leicht iſt's euer Belieben, daß der junge Herr hier die Dienſtleute erſtechen ſoll, wie er ſie mit Ruthen und Pruͤgeln ſchlaͤgt. Du biſt auch verwoͤhnt, Du wirſt naſe⸗ weis, erwiederte die Edelfrau. Der Haushof⸗ meiſter ſoll ſogleich zu mir kommen. Lilias eilte, den alten Wingate zu ſuchen und ihn vor die Edelfrau zu bringen. Unterwegs ſagte ſie zu ihm:„Ich habe den Stein in Bewegung geſetzt, ſeht Ihr nun zu, daß er nicht ſtill ſteht.“ Theil I. 6 82— Wingate, zu vorſichtig, ſich auf andre Art bloß zu geben, antwortete mit einem ſchlauen Blicke und einem Winke des Einverſtaͤndniſſes. Als er gleich nachher vor der Edelfrau ſtand, ver⸗ rieth ſein Bück große Ehrerbietung, die theils wahr, theils auch erkuͤnſtelt erſchien, und in ſeiner ſchlauen Miene glaubte man eine ziemlich große Meinung von ſich ſelber zu leſen. Was ſind das fuͤr Dinge, Wingate? ſprach die Edelfrau. Haltet Ihr ſo wenig Ordnung im Schloſſe, daß die Dienſtboten meines Gemahls Dolche gegen einander ziehen, wie in einer Raͤuber⸗ und Moͤrberhoͤhle? Iſt der Verwundete ſchwer verletzt? Und— was iſt aus dem unntücllichen jungen Menſchen geworden: Bis jetzt iſt noch niemand verwundet, antwor⸗ tete der Haushofmeiſter, aber ich bin mit meinem geringen Verſtande nicht vermoͤgend zu wiſſen, wie Viele binnen hier und Oſtern verwundet ſein wer⸗ den, wenn nicht der junge Mann ein bischen zur Ordnung gebracht wird. Es iſt wahr, er iſt ein huͤbſcher junger Mann und geſchickt iſt er auch, aber es juckt ihm gleich in den Fingern und er 83 iſt zu ſchnell mit der Reitgerte und dem Dolche bei der Hand. Und weſſen iſt die Schuld, als Euer? fiel die Ritterfrau ein. Ihr haͤttet ihm beſſere Zucht beibringen ſollen, ſo wuͤrde er icht Vmeen und Dolche ziehen. Wenn's Euch beliebt, edle Frau, die Schuld auf mich zu werfen, ſo muß ich's freilich ertragen; aber Ihr wollet auch gnaͤdig bedenken, wenn ich nicht ſeinen Dolch an die Scheide nageln will, kann ich ihn ſo wenig zur Ruhe bringen, als Queckſilber veſt machen, was ſelbſt der geſchickte Raymundus Lullius nicht vermochte. Ich will nichts von Raymundus Lullius hoͤren, ſprach die Edelfrau ungeduldig. Schickt den Kaplan zu mir. Ihr werdet mir alle zu klug, waͤhrend eures Herrn langer und oͤfterer Abweſen⸗ heiten. Wollte Gott, ſeine Angelegenheiten er⸗ laubten es ihm, daheim zu bleiben, und ſein Hausweſen zu regieren. Es geht uͤber meinen Verſtand und uͤber meine Kunſt. Gott verhuͤt' es, edle Frau, daß Ihr wirklich ſo daͤchtet, als Ihr zu ſagen beliebt! Eure alten 84 Diener duͤrfen wohl hoffen, daß Ihr ihnen nach ſo langen treuen Dienſten mehr Gerechtigkeit er⸗ weiſet, als ihren grauen Haaren zu mißtrauen, weil ſie die muͤrriſche Laune eines jungen Brauſe⸗ kopfes nicht regieren koͤnnen, der ſich ein wenig hoͤher hebt, als ſich fuͤr ihn ziemt. Geht! ſprach die Edelfrau. Ich erwarte jeden Tag die Ruͤckkehr meines Gemahles, und er wird ſelber nach dieſen Dingen ſehn. Geht, Wingate, und kein Wort mehr davon! Ich weiß, Ihr ſeid redlich und der junge Menſch mag muthwillig ſein, aber ich glaube, Ihr ſeid alle gegen ihn, weil ich ihm gewogen bin. Der Haushofmeiſter verbeugte ſich und ging, als ihm bei einem wiederhohlten Verſuche, ſeine Beweggruͤnde zu erklaͤren, Stillſchweigen war ge⸗ boten worden. Der Kaplan erſchien. Auch er gab der unmuthigen Stimmung der Edelfrau nicht viel Linderung, und ſie fand ihn im Gegentheil geneigt, ihrer Nachſicht alle Stoͤrungen, die Rolands heftiger Sinn ſchon gemacht hatte, oder kuͤnftig noch im Hauſe machen koͤnnte, Schuld zu geben. Ich wuͤnſche, geehrte Frau, Ihr haͤttet Euch 65 gleich anfangs in dieſer Sache von mir leiten laſſen, ſintemahl es leicht iſt, ein Uebel in der Quelle zu verſtopfen, aber ſchwer, im Strome dagegen zu kämpfen. Ihr, geehrte Frau— ich brauche das Wort nicht nach der eitlen Gewohn⸗ heit dieſer Welt, ſondern dieweil ich Euch ſtets geliebet und geehret habe, als eine ehrenwerthe und erwaͤhlte Frau— Ihr, will ich ſagen, ſeid gegen meinen einfltigen, aber ernſtlichen Rath, eurem eignen Belieben gefolgt und habt dieſen jungen Menſchen uͤber ſeinen Stand erhoben und faſt dem euren gleich geſetzt. 3 Wie meint Ihr das, ehrwuͤrdiger Herr? Ich habe den Juͤngling zu meinem Edelknaben gemacht, und waͤre darin etwas, das meinem Stand' und Range nicht ziemte? Ich ſtreite nicht, fuhr der hartnaͤckige Prediger fort, gegen die wohlwollende Abſicht, die Ihr bei der Pflege dieſes jungen Menſchen hattet, noch gegen euer Recht, ihn zu eurem Edelknaben zu machen, wenn's Euch, ſo beliebte, wiewohl mein Verſtand nicht einzuſehen vermag, wozu die Er⸗ ziehung eines Knaben unter Frauengefolge anders 86 fuͤhren kann, als Eitelkeit und weibliches Weſen auf Duͤnkel und Anmaßung zu pfropfen. Aber ich muß Euch geradezu tadeln, daß Ihr ſo wenig Sorge getragen habt, ihn gegen die Gefahren ſeiner Lage zu ſchuͤtzen, oder ein von Natur hoch⸗ fahrendes, herrſches und heftiges Gemuͤth zu zaͤh⸗ men und zu baͤndigen. Einen jungen Loͤwen habt Ihr in eure Wohnung gebracht, und waret ſo erfreut uͤber ſein ſchoͤnes Fell und ſeine freundlichen Spruͤnge, daß Ihr ihn nicht an Ketten gelegt habt, wie's ſeine Wildheit verlangte. Ihr habt ihn aufwachſen laſſen, ohne Euch zu fuͤrchten, wie er in ſeiner Waldheimath aufgewachſen waͤre, und nun wundert Ihr Euch und rufet um Hilfe, wenn er zu ſpringen, laͤrmen und wuͤthen beginnt, weil ſeine Natur ihn treibt. Herr Warden, ſprach die Edelfrau, ſehr em⸗ pfindlich, Ihr ſeid der aͤlteſte Freund meines Ge⸗ mahles und ich glaube, Ihr ſeid aufrichtig geſinnt, gegen ihn und die Seinigen. Aber ich muß Euch ſagen, als ich euren Rath verlangte, erwartete ich nicht dieſen rauhen Vorwurf. War es unrecht, daß ich dieſem armen Waiſenknaben gewogener —44 — 87 war, als Andern ſeines Standes, ſo kann ich doch kaum glauben, daß mein Jerthum ſo ſtrengen Tadel verdiente, und wenn ſchaͤrfre Zucht noͤthig war, ſein feuriges Gemuͤth in Ordnung zu halten, ſo haͤtte man bedenken ſollen, daß ich eine Frau bin, und wenn ich in dieſer Sache geirret habe, ein Freund mir eher Beiſtand leiſten, als Vorwuͤrfe machen muͤßte. Ich wuͤnſche, dem Uebel waͤre abgeholfen, ehe mein Gemahl zuruͤck kehrt. Haͤus⸗ liche Zwietracht und Zaͤnkerei iſt ihm zuwider, und ich moͤchte nicht gern daß er glaubte, ſo etwas koͤnnte von Jemand kommen, den ich beguͤnſtigt habe. Was rathet Ihr mir? Entlaſſet den Juͤngling aus eurem Dienſte, geehrte Frau. Das koͤnnt Ihr mich nicht heißen, erwiederte die Ritterfrau, als Chriſt und als Menſchenfreund koͤnnt Ihr mich nicht heißen, einen unbeſchuͤtzten Menſchen zu verjagen, dem meine Gunſt, meine unbedachtſame Gunſt, wenn Ihr wollt, ſo viele Feinde erweckt hat. Es iſt ja nicht noͤthig, daß Ihr gaͤnzlich eure Hand von ihm abzieht, wenn Ihr ihn auch einen 88— andern Dienſt ſuchen laßt, oder einen Beruf, der fuͤr ſeinen Stand beſſer paßt. Er kann anderswo ein nuͤtzlicher und brauchbarer Menſch werden, hier aber iſt er nur ein Friedensſtoͤrer und ein Stein des Anſtoßes. Der junge Menſch hat einen An⸗ flug von Verſtand und Geiſt, nur an Fleiße fehlt's. Ich will ihm ſelber eine Empfehlung an den Profeſſor Olearius in Leyden geben, wo man einen Unter⸗Thuͤrſteher braucht. Da bekommt er, außer unentgeltlichen Unterricht, wenn er unter Gottes Gnade ihn ſuchen will, jaͤhrlich fuͤnf Mark, und des Preofeſſors abgetragene Kleider, der ſie alle zwei Jahre ablegt. 5 Das wird nicht gehen, lieber Herr Warden, ſprach die Edelfrau, und konnte kaum ein Laͤcheln verbergen. Wir wollen aber weiter uͤber die Sache nachdenken. Ich hoffe indeſſen, eure Vorſtellungen werden dieſe heftige und unanſtaͤndige Eiferſucht und Loidenſchaft bei den Dienſtleuten maͤßigen, und ich bitte Euch, ihnen einzuſchaͤrfen, was ſie in dieſer Hinſicht Gott und ihrem Herrn ſchuldig ſind Euer Wille ſoll erfuͤllt werden, edle Frau. » — 8 ⁰ Naͤchſten Donnerſtag werde ich den Leuten eine Ermahnung hatten, und will, mit Gottes Segen, dergeſtalt kaͤmpfen mit dem boͤſen Geiſte des Zornes und der Gewalt, der unter meine kleine Heerde gekommen iſt, daß ich den Wolf aus der Huͤrde zu jagen hoffe, als waͤr er mit Hunden gehetzt. Dieſe Wendung der Unterredung machte dem Geiſtlichen das groͤßte Vergnuͤgen. Die Kanzel war in jenen Zeiten ein eben ſo maͤchtiges Werk⸗ zeug, die Gefuͤhle aufzuregen, als die Drucker⸗ preſſe in unſern Tagen, und Warden hatte als Prediger immer viel gewirkt. Die natuͤrliche Folge davon war, daß er das Vermoͤgen ſeiner Beredſamkeit faſt uͤberſchaͤtzte, und, wie manche ſeiner Amtsbruͤder in jener Zeit, gern eine Gele⸗ genheit ergriff, mit wichtigen Dingen, ſie mochten den Staat oder Einzelne betreffen, ſich zu befaſſen, wenn die Eroͤrterung derſelben in ſeine Predigt gezogen werden konnte. In jenen rohen Zeiten kannte man das Zartgefuͤhl nicht, das bei perſoͤn⸗ lichen Ermahnungen Zeit und Umſtäͤnde vorſchrei⸗ ben; und wie der Hofprediger ſich oft gerade an 90— . den Koͤnig wendete, und ihm ſein Betragen in Staatsangelegenheiten vorſchrieb, ſo ward der Burgherr ſelber, oder einer von ſeinen Leuten in der Schioßkapelle oft, wie's fiel, erbittert oder erſchreckt durch Unterſuchung ſeiner Vergehungen, und durch Tadel mit namentlicher Hindeutung. Die Predigt, wodurch Warden Eintracht und Ordnung im Schloſſe herſtellen wollte, hatte den Text:„Wer das Schwert nimmt, der ſoll durch das Schwert umkommen“ und war eine ſeltſame Miſchung von geſundem Verſtande und kraͤftiger Beredſamkeit mit Steifheit und Ungeſchmack. Er verweilte lange bei dem Worte nimmr, und verſicherte ſeinen Zuhoͤrern, es werde dadurch nicht etwa das bloße Ergreifen eines Schwertes, ſondern wirkliches Stoßen oder Einhauen, ja auf gleiche Weiſe das Schießen mit einer Flinte, einer Armbruſt oder ſonſtigen Pfeil⸗ geſchuͤtz, das Stoßen mit einer Lanze, oder jedem toͤdtlichen Werkzeuge verſtanden. Eben ſo bewies er genuͤgend, daß unter dem Worte Schwert alle Arten von Schwert und ſchneidenden Waffen begriffen werden muͤßten.„Wenn aber unſer Text, fuhr er lebhafter fort, in ſeinen Fluch alle einſchließt, die mit jenen Waffen verletzen, welche der Menſch zur Ausuͤbung offener Feindſeligkeit erfunden, ſo ſind noch mehr diejenigen Waffen darin begriffen, die nach ihrer Geſtalt und Groͤße eher zur verraͤtheriſchen Befriedigung heimliches Grolles dienen, als zur Vernichtung eines Fein⸗ des, der zur Gegenwehr geruͤſtet iſt. Diejeni⸗ gen— fuhr er fort, mit einem ernſten Blicke auf den Platz, wo auf einem Polſter zu den Fuͤßen der Gebieterinn der Edelknabe ſoß, der ſeinen glaͤnzenden Dolch mit vergoldetem Griff im rothen Wehrgehenke trug— halte ich zumahl fuͤr ſolche Todeswerkzeuge, die in unſern wunderlichen Zeiten nicht bloß von Dieben und Moͤrdern getragen werden, fuͤr welche ſie eigentlich gehoͤren, ſondern ſelbſt von Solchen, die Weibern dienen und in den Gemaͤchern ehrbarer Frauen aufwarten. Ja, meine Geliebten, dieſe unſelige Waffe, fuͤr alles Böͤſe und fuͤr nichts Gutes gemacht, iſt unter jener ſchrecklichen Anklage begriffen, ſei es der ſpitzige Dolch, den wir von den verraͤtheriſchen Italienern entlehnt haben, oder der Dolch der wilden Hoch⸗ 92 laͤnder. Selbſt der gewoͤhnliche Raufbold ver⸗ ſchmaͤht den Gebrauch eines ſo verraͤtheriſchen und boshaften Werkzeuges, es taugt daher nicht fuͤr Maͤnner oder Krieger, ſondern nur fuͤr diejenigen, die unter weiblicher Zucht aufgewachſen, ſelber zu weibiſchen Zwittern werden, und weiblichen Groll, weibliche Feigheit zu allen Schwaͤchen und boͤſen Leidenſe baften. ihrer maͤnnlichen Natur füͤgen.% 1. Die Wirkung, welche dieſe Rede auf die Vet⸗ ſammlung machte, laͤßt ſich ſchwerlich beſchreiben. Die Edelfrau ſchien eben ſo verlegen„als empfind⸗ lich zu ſein, und die Dienſtboten konnten, bei dem Anſcheine hohe Aufmerkſamkeit, ihre Freude nicht verhehlen, als ſie den Prediger ſeine Donner⸗ worte gegen den verhaßten Guͤnſtling ſchleudern hoͤrten. Frau Lilias warf den Kopf in den Nacken, mit allem Stolze des befriedigten Grolles, waͤh⸗ rend der Haushofmeiſter die Miene der ſtrengſten Parteiloſigkeit annahm, und ſeine Blicke auf einen alten Wappenſchild an der gegenuͤber ſtehenden 1 Wand heftete, den er mit der groͤßten Genauigkeit zu unterſuchen ſchien, da er vielleicht lieber den — * 7 93 Tadel der Unaufmerkſamkeit auf die Predigt, als den Vorwurf ſich zuziehen mochte, er habe mit auffallendem Beifall den Worten zugehoͤrt, die ſeiner Gebieterinn ſo unangenehm zu ſein ſchienen: Der ungluͤckliche Gegenſtand der Rede, den die Natur mit Leidenſchaften begabt hatte, die bis jetzt eines wirkſamen Zwanges ungewohnt waren, konnte es nicht verbergen, wie empfindlich es ihm war, ſich ſo dem Hohn und dem Tadel der kleinen Welt, worin er lebte, ausgeſetzt zu ſehen. Sein Geſicht gluͤhte, ſeine Lippen erblaßten, er preßte die Zaͤhne zuſammen, ballte die Hand, und griff unwillkuͤhrlich an die Waffe, wovon der Geiſtliche ein ſo ſcheußliches Bild gegeben hatte; endlich aber, als der Ausfall des Predigers lebhafter wurde, konnte der Juͤngling ſeine Wuth ſo wenig bemeiſtern, daß er, in der Beſorgniß, ſich zu einer heftigen That hinreiſſen zu laſſen, ſchnell aufſprang mit raſchen Schritten durch die Kapelle ging und die Verſammlung verließ. 4 Der uͤberraſchte Prediger machte eine plaͤtliche Pauſe, als der feurige Juͤngling wie ein Blitz an ihm voruͤber ſchoß und einen Biick auf ihn warf, 94 als haͤtte er gewuͤnſcht, ihn mit Blitzgewalt ver⸗ nichten zu koͤnnen. Kaum aber hatte Roland die Thuͤre der Kapelle, die durch einen gewoͤlbten Gang ins Schloß fuͤhrte, mit Heftigkeit zugeworfen, als dieſes unſchickliche Betragen dem Prediger einen fruchtbaren Stoff zu einem redneriſchen Erguſſe gab, den er gluͤcklich zu benutzen wußte, um Eindruck auf ſeine Zuhoͤrer zu machen. Nach einem kurzen Schweigen ſprach er mit langſamer und feierlicher Stimme:„Er iſt von uns gegan⸗ gen, weil er nicht zu uns gehoͤrte; dem Kranken iſt die heilſame Bitterkeit der Arznei empfindlich geweſen; der Verwundete iſt ausgewichen vor dem freundlichen Meſſer des Wundarztes, das Schaf iſt geflohen aus der Huͤrde und hat ſich dem Wolfe uͤberliefert, weil es nicht das ruhige und demuͤthige Betragen annehmen wollte, das der große Hirt von uns fodert. O meine Bruͤder! huͤtet Euch vor dem Zorn, huͤtet Euch vor der verderbenden Suͤnde, die unſern ſchwachen Augen ſo oft im Ge⸗ wande des Lichtes erſcheint. Was iſt unſre irdi⸗ ſche Ehre? Stolz und nichts als Stolz. Was ſind unſre irdiſchen Gaben und Gnaden? Stolz und Eitelkeit. Seefahrer erzaͤhlen uns von India⸗ nern, die ſich mit Muſcheln bedecken, und ſich mit Farben bemahlen und mit ihrem Putze prah⸗ len, wie wir mit unſern armſeligen fleiſchlichen Vorzuͤgen. Der Stolz koͤnnte den Morgenſtern herabziehen vom Himmel bis an den Rand des Abgrundes; Stolz und Selbſtduͤnkel entzuͤndeten das Flammenſchwert, das uns aus dem Paradieſe treibt; der Stolz machte Adam ſterblich und zu einem muͤden Wanderer auf der Erde, deren Herr er einſt geweſen; der Stolz hat die Suͤnde unter uns gebracht, und verdoppelt jegliche Suͤnde, ſo er gebracht. Er iſt der Vorpoſten, den der Teufel und das Fleiſch hartnaͤckig behaupten gegen die Angriffe der Gnade, und ſo lange er nicht uͤber⸗ wunden iſt und ſeine Verſchanzungen der Erde gleich gemacht ſind, iſt mehr Hoffnung fuͤr einen Thoren, denn fuͤr einen Suͤnder. Reißet alſo aus eurem Buſen dieſen verfluchten Schoͤßling des unſeligen Apfels, zieht ihn heraus mit den Wur⸗ zeln, wenn er auch mit den Faͤden eures Lebens verwachſen waͤre. Benutzt das Beiſpiel des ungluͤcklichen Suͤnders, der von uns gegangen iſt, und ergreift die Mittel der Gnade, ehe es morgen wird, ehe euer Gewiſſen verbrannt iſt, wie mit einem Feuerbrande, und eure Ohren taub ſind, wie eine Natter, und eure Herzen verhaͤrtet, wie ein Muͤhiſtein. Auf denn, und ſeid thaͤtig; ringet und beſieget; widerſteht und der Feind ſoll von Euch fliehen. Wachet und betet, damit Ihr nicht in Verſuchung fallet, und laſſet das Strau⸗ cheln Anderer Euch zur Warnung und zum Bei⸗ ſpiel dienen. Vor allen Dingen aber verlaſſet Euch nicht auf Euch ſelbſt, denn ſolches Selbſt⸗ vertrauen iſt eben das ſchlimmſte Zeichen der Krankheit. Der Phariſaer hielt ſich vielleicht fuͤr demuͤthig, als er im Tempel ſich beugte, und Gott dankte, daß er nicht waͤre wie andre Leute, noch ſelbſt wie der Zoͤllner. Aber als ſeine Kniee den marmornen Fußboden beruͤhrten, ſtand ſein Kopf ſo hoch, als des Tempels hoͤchſte Zinne. Darum betrieget Euch nicht, und opfert nicht falſches Geld, ſintemahl das reinſte, ſo Ihr dar⸗ bieten konnet, nichts als Schlacke iſt, und glaubet nicht, daß es gut erfunden werde auf der Probier⸗ wage der allmaͤchtigen Weisheit. Aber erbebet » 1 — 92 nicht vor der Arbeit, dieweil ich, wie es meine Pflicht iſt, die Schwierigkeiten Euch nicht verberge. Selbſtpruͤfung vermag viel; Betrachtung vermag viel, die Gnade vermag Alles.“ Er ſchloß mit einer lebhaft ruͤhrenden Ermah⸗ nung, die goͤttliche Gnade zu ſuchen, welche die menſchliche Schwachheit geſchickt mache. Die Anweſenden hoͤrten ihm nicht ohne Bewegung zu, wiewohl ſich bezweifeln ließe, ob nicht das Sieges⸗ gefähl, das der ſchimpfliche Ruͤckzug des Guͤnſt⸗ lings in ihnen erweckte, des Predigers Ermah⸗ nungen zu Milde und Demuth in vielen Gemuüͤ⸗ thern geſchwaͤcht habe. Man ſah auch in ihren Geſichtern einen Ausdruck, welcher der ſtolzen Freude eines Kinderſchwarmes glich, der eben einen Geſpielen fuͤr einen Fehler Strafe erleiden ſah, woran er nicht Theil genommen, und nun deſto froͤhlicher ſein Weſen fortſetzt, weil er aus der Gefahr, und der Schuldige in der Klemme iſt. MNitt ganz andern Empfindungen ging die Edel⸗ frau in ihr Zimmer zuruͤck. Sie war unwillig, daß Warden eine haͤusliche Angelegenheit, woran ſie perſoͤnlichen Antheil nahm, zum Gegenſtande Theil I. A△ 1 2 98 einer ſolchen oͤffentlichen Erorterung gemacht hatte; aber dieß war, wie ſie wußte, etwas, worauf der gute Mann als ein Zubehoͤr ſeiner chriſtlichen Predigerfreiheit Anſpruch machte, wie es bei allen ſeinen Amtsbruͤdern der Fall war. Das eigen⸗ ſinnige Betragen ihres Schuützlinges aber machte ihr noch tiefre Bekuͤmmerniß. Daß er auf eine ſo auffallende Weiſe nicht nur die Achrung gegen ſie, ſondern ſelbſt diejenige Ehrerbietung verletzt hatte, die in jenen Zeiten ſo ſorgfäͤltig beobachtet wurde, verrieth den unbaͤndigen Sinn, den ſeine Feinde ihm beigelegt hatten. Nach ihrer eigenen Beobachtung, war ihr freilich in dieſem heftigen Sinne nicht mehr erſchienen, als jugendliche Leb⸗ haftigkeit. Dieſe Anſicht mochte zum Theil in ihrer Parteilichkeit gegründet ſein, aber wenn ſie 5 ſich auch geſtand, daß ſie immer ſehr nachſichtig gegen ihn geweſen war, ſo hielt ſie es doch fuͤr unmoͤglich, daß ſie ſich in ihrer Meinung von ihm gaͤnzlich geirrt haͤtte. Sie glaubte, daß Heftigkeit ſich kaum mit fortdauernder Heuchelei vertrage, wiewohl nach dem liebloſen Winke der Kammerfrau beide oft gluͤcklich vereinigt geweſen ſein ſollten, — 99 und konnte daher dem fremden Berichte gegen ihre eigene Erfahrung und Beobachtung nicht ganz trauen. Sie hing an dem Verwniſeten mit einer Zaͤrtlichkeit, wovon ſie ſich keine Rechenſchaft geben konnte. Der Himmel ſchien ihr ihn geſchickt zu haben, jene leeren Augenblicke auszufuͤllen, die ihr Leben ſo freudenlos machten. Vielleicht war er ihr auch eben darum ſo theuer, weil ſie wohl ſah, daß ihm ſonſt niemand gewogen war, und weil ſie fuͤhlte, daß ſie dem Urtheile ihres Mannes und Anderer einen Sieg uͤber ihr Urtheil verſchafft haben wuͤrde, wenn ſie ihre Hand von dem Juͤng⸗ linge abgezogen haͤtte; ein Umſtand, der auch dem beßten Gatten nicht ganz gleichgiltig iſt. Unter dieſen Betrachtungen faßte ſie den Entſchluß, ihren Edelknaben nicht aufzugeben, ſo lange ſie ihn vernuͤnftiger Weiſe beſchuͤtzen konnte, und um zu ſehen, in wie fern dieß moͤglich waͤre, ließ ſie ihn zu ſich rufen. V Roland erſchien nicht ſogleich. Die Botinn, Frau Lilias, wollte anfangs die Thuͤre oͤffnen, vermuthlich in der liebreichen Abſicht, ſich der Verlegenheit des Schuldigen zu freuen und ſein Benehmen zu beobachten, aber ein ſtarker Nie⸗ gel, inwendig vorgeſchoben, vereitelte den Vet⸗ ſuch. Sie klopfte mehrmahl, und rief dazwi⸗ ſchen:„Roland—— Roland Graͤme— Junker Roland— beliebt's Euch aufzumachen? Was fehlt Euch? Setzt Ihr in der Einſamkeit das Gebet fort, das Ihr in der Kapelle nicht ge⸗ endigt habt? Wahrhaftig man muß einen Sch irm vor euren Platz in der Kapelle ſetzen, daß die Augen gemeiner Leute eure Artigkeit nicht ſehen.“ Keine Antwort kam. Nun gut, Junker Roland, fuhr Lilias fort, ich muß meiner Herrinn ſagen, wenn ſie eine Antwort haben wolle, müſſe ſſe Jemand zu Euch ſchicken, der die Thuͤre einſchlagen kann. Was ſagt eure Herrinn? ſprach der Edel⸗ knabe in der Kammer.— 3 Oeffnet nur erſt, und Ihr ſollt's erfahren. Ich hoffe, es ziemt ſich wohl, ihre Botſchaft Angeſicht gegen Angeſicht anzuhoͤren, und ich will ſte nicht durch's Schluͤſſelloch pfeifen, um Euch ein eitles Vergnuͤgen zu machen.. Der Nahme der Edelfrau, ſprach Roland, die Thuͤre oͤffnend, iſt ein zu ſchoͤner Deckman⸗ tel fuͤr eure unasſchidenzeſe Was ſagt die Edelfrau?. Ihr ſollet ſogleich zu ihr kommen ins Ne⸗ benzimmer. Ich glaube, ſie wird Euch einige Vorſchriften geben, die in Zukunft beobachtet werden ſollen, wenn man aus der Kapelle geht. Sagt der edlen Frau, ich werde ſogleich ihr aufwarten, antwortete Roland, und in ſeine Kammer zuruͤck kehrend, ſchloß er noch einmahl der Kammerfrau die Thuͤre vor der Naſe zu. Das nenn' ich Hoͤflichkeit, murmelte Lilias, und berichtete ihrer Gebieterinn, Roland werde ihr aufwarten, wann es ihm gelegen ſei. Wie, hat er das geſagt, oder iſt es eine Redensart von Dir, Lilias? erwiederte die Rit⸗ terfrau kalt. 3 102 Jnun, edle Frau, ſ ſprach Lilias, einer geraden Antwort ausweichend: er ſah aus, als⸗ ob er noch viel unbeſcheidnere Dinge haͤtte ſagen koͤnnen, wenn ich Luſt gehabt haͤtte, ſie anzu⸗ hoͤren. Aber, da kommt er, und wird ſelber antworten.„ 4 Rolands Miene war etwas ſtolzer, und eine hoͤhere Glut auf ſeinen Wangen, als gewoͤhn⸗ lich, und die Verlegenheit in ſeinem Weſen kam weder von Furcht, noch von Reue. Junger Menſch, ſprach die Edelfrau, was glaubſt Du, daß ich von deinem heutigen Be⸗ tragen denken muß? Hat es Euch beleidigt, edle Frau, ſ be⸗ kuͤmmert es mich tief. Haͤtte es mich allein beleidigt, das würde wenig bedeuten, aber Du haſt Dir ein Betra⸗ gen zu Schulden kommen laſſen, das deinen Herrn hoͤchlich beleidigen wird, Du haſt Dir Gewaltthaͤtigkeit gegen deine Mitdiener erlaubt und Unehrerbietigkeit gegen Gott, in der Perſon ſeines Abgeſandten. Erlaubet mir zu antworten, wenn ich meine 3 3 5 3 — 103 einzige Gebieterinn, Freundinn und Wohlthaͤte⸗ rinn beleidigt habe, ſo liegt darin meine ganze Schuld und verdient meine ganze Reue. Ritter Halbert nennt mich nicht Diener und ich nenne ihn nicht meinen Heirnz er iſt nicht berechtigt, mich zu tadeln, weil ich einen unverſchaͤmten Buben gezuͤchtigt, und ich fuͤrchte des Himmels Zorn nicht, weil ich die unrechtmaͤßige Ein⸗ miſchung eines Predigers mit Verachtung behan⸗ delt habe. 1 Die Edelfrau hatte ſchon fruͤher in ihrem Guͤnſtlinge manche Zeichen eines jugendlichen Muthwillens und eines Trotzes gegen Tadel und Verweis bemerkt; aber ſein Betragen in dieſem Augenblicke hatte ein ernſthafteres und entſchloſ⸗ ſeneres Ausſehen, und ſie war einige Augen⸗ blicke verlegen, wie ſie den Juͤngling behandeln ſollte, der auf einmahl wie ein Mann, und zwar wie ein kuͤhner, muthvoller Mann ſich benehmen zu wollen ſchien. Sie ſchwieg einen Augenblick und ſprach dann mit aller Wuͤrde, die ihr eigen war:„Gegen mich fuͤhreſt Du dieſe Sprache, Roland? Willſt Du mich bewe⸗ 10 ½. 8— gen, die Gunſt zu bereuen, die ich Dir erzeig: habe, und erklaͤrſt Du Dich darum unabhaͤngig von einem Herrn auf Erden und im Himmel? Haſt Du vergeſſen, wer Du geweſen biſt, und wozu der Verluſt meines Schutzes Dich bald wieder bringen wuͤrde?“ Edle Frau, ich habe nichts vergeſſen, ant⸗ wortete Roland. Ich erinnere mich nur an zu Vieles. Ich weiß, ohne Euch, waͤr' ich um⸗ gekommen dort in den blauen Wellen— ſetzte er hinzu, auf den bewegten See deutend— und eure Guͤte ging noch weiter, denn Ihr ſchuͤtztet mich gegen die Bosheit andrer Menſchen und gegen meine eigene Thorheit. Es ſteht Euch frei, wenn Ihr wollt, von dem Waiſenknaben, den Ihr auferzogen, eure Hand abzuziehen. Ihr habt bei ihm nichts unerfuͤllt gelaſſen, und er beklagt ſich uͤber nichts. Aber glaubet nicht, edle Frau, ich ſei undankbar geweſen, denn ich habe etwas erduldet, was ich um Niemands willen haͤtte erdulden moͤgen, als allein um meiner Wohlthaͤterinn willen. Um meinetwillen? Und was haͤtte ich Dich . 2 105 erdulden laſſen, woran Du anders, als mit Dank Dich erinnern koͤnnteſt? Ihr ſeid zu gerecht, edle Frau, als daß Ihr verlangen wolltet, ich ſollte dankbar ſein fuͤr die kalte Vernachlaͤſſigung, womit euer Gemahl mich ſtets behandelt hat, ja, es war faſt offenbare Abneigung darin zu erkennen. Ihr ſeid zu ge⸗ recht, von mir zu fodern, ich ſollte dankbar ſein fuͤr die unaufhoͤrlichen Beweiſe von Verachtung und Feindſeligkeit, womit Andere mich behandelt haben, oder fuͤr eine ſolche Predigt, als euer ehrwuͤrdiger Kaplan heute auf meine Koſten eurem ganzen Hauſe zum Beßten gegeben hat. Hat ein Menſch je ſo etwas gehoͤrt! ſprach Lilias, mit ausgebreiteten Haͤnden und himmel⸗ waͤrts gewendetem Auge. Er ſpricht ja, als waͤr' er ein Grafenſohn. 8 Roland warf einen Blick der tiefſten Verach⸗ tung auf ſie, aber ohne ſie einer Antwort zu wuͤrdigen. Seine Gebieterinn, die ſich ſchon ernſtlich beleidigt fand, aber doch uͤber des Juͤnglings Thorheit bekuͤmmert war, ſprach nun in gleichem Tone. 106 „In der That, Roland, Du vergiſſeſt Dich ſo ſehr, daß Du mich in Verſuchung bringen wirſt, Dir durch ernſtliche Maßregeln eine beſcheidenere Meinung von Dir zu geben, und Dich in das Verhaͤltniß herab zu ſetzen, wozu Du berufen biſt.“ Und das wuͤrde am beßten geſchehen, fiel Lilias ein, wenn man ihn fortſchickte als eine Bettlerbrut, wie Ihr ihn aufgenommen habt. Lilias ſpricht zu hart, hob die Edelfrau wie⸗ der an, aber ſie hat wahr geſprochen, junger Mann, und ich glaube den Stolz nicht ſchonen zu muͤſſen, der Dir den Kopf ſo ganz verdreht hat. Man hat Dich mit feinen Kleidern heraus⸗ geputzt und Dich wie einen Edelmannſohn behan⸗ delt, daß Du endlich vergeſſen haſt, aus welcher Quelle dein gemeines Blut gefloſſen iſt. Verzeiht mir, edle Frau, Lilias hat nicht wahr geſprochen, und Ihr wiſſet nichts von meiner Herkunft, das Euch berechtigen koͤnnte, mich mit ſo entſchiedener Verachtung zu behandeln. Ich bin nicht eine Bettlerbrut; meine Großmut⸗ ter hat von niemand gebettelt, weder hier, noch — — — 107 anderswo; eher waͤre ſie umgekommen auf der kahlen Heide. Wir wurden ausgepluͤndert und aus unſrer Heimath vertrieben, und das iſt An⸗ dern auch wohl begegnet. Das Schloß Avenel mit ſeinem See und ſeinen Thuͤrmen konnte nicht zu allen Zeiten ſeine Bewohner gegen Noth und Jammer ſchuͤtzen. Hoͤre nur Einer ſolche Dreiſtigkeit! ſprach Lilias. Er wirft unſrer edlen Frau die Bedraͤng⸗ niſſe ihres Hauſes vor.. Es wuͤrde freilich dankbarer geweſen ſein, das nicht zu beruͤhren, erwiederte die Ritterfrau, empfindlich uͤber die Anſpielung. Es war noͤthig zu meiner Rechtfertigung, edle Frau, ſonſt wuͤrde ich auch nicht mit einem Worte auf etwas gedeutet haben, das Euch ſchmerzlich ſein koͤnnte. Aber glaubt mir, edle Frau, ich ſtamme nicht aus gemeinem Blute. Ich kenne zwar meine Herkunft nicht, aber meine einzige Verwandte hat mir geſagt, und mein Herz hat's mir beſtaͤtigt, daß ich aus edlem Blute ſtamme und edler Behandlung werth bin. und auf eine ſo unbeſtimmte Verſicherung, als dieſe, ſprach die Ritterfrau, willſt Du An⸗ ſpruch auf die Achtung und die Vorzuͤge machen, die hohem Range und erlauchter Herkunft gebuͤh⸗ ren, und Vorrechte fodern, die nur dem Edlen gehoͤren? Geh und lerne Dich ſelber kennen, und der Hausshofmeiſter ſoll Dir zeigen, daß auch Du, als ein muthwilliger Burſche, die Ruthe bekommen kannſt. Du haſt zu wenig Zucht gefuͤhlt, wie ſie fuͤr deine Jahre und deinen Stand paßt. Der Haushofmeiſter ſoll meinen Dolch fuͤh⸗ len, ehe ich ſeine Zucht fuͤhlen will, ſprach Roland, unfaͤhig, ſeine Heftigkeit zu bemeiſtern. Edle Frau, ich bin zu lange einem Pantoffel un⸗ terworfen geweſen, zu lange der Sklave eines ſil⸗ bernen Pfeifchens. Ihr muͤßt Euch nach ſonſt Jemand umſehen, der eurem Rufe antwortet; und laſſet ihn an Herkunft und an Muth ſo geringe ſein, daß er den Hohn eures Geſindes ertrage und einen Pfaffendienſtmann ſeinen Ge⸗ bieter nenne.. Ich habe dieſe Beleidigung verdient, ant⸗ wortete die Edelfrau, hoch erroͤthend, weil ich — 1 deinen Muthwillen ſo lange ertragen und genaͤhrt habe... Geht! Heut' Abend noch verlaßt Ihr das Schloß. Ich werde Euch Mittel zu eurem Unterhalt ſchicken, bis Ihr auf irgend eine ehr⸗ bare Art Euch ernaͤhren koͤnnt, aber ich fuͤrchte, eurer eingebildeten Groͤße wird alles zu geringe ſein, außer Raub und Gewaltthat. Geht und kommt mir nie wieder vor die Augen! Roland, von tiefem Schmerz bewegt, warf ſich zu ihren Fuͤßen. Meine theure, verehrte Herrinn... ſprach er, und konnte kein Wort mehr hervor bringen. Steht auf und laßt meinen Mantel los, erwiederte die Ritterfrau. Heuchelei iſt eine ſchlechte Huͤlle fuͤr Undank. Ich bin zu keinem von beiden faͤhig, edle Frau, hob Roland wieder an, als er aufſprang mit dem ſchnellen Wechſel der Leidenſchaft, der ſeinem heftigen Gemuͤthe eigen war. Glaubet nicht, ich wolle die Erlaubniß erflehen, hier zu bleiben. Es iſt laͤngſt mein Entſchluß geweſen, 1 Avenel zu verlaſſen, und nie werde ich's mir ver⸗ geben, daß ich Euch habe ſagen laſſen das Wort: 110 Geht! bevor ich Euch ſagte: Ich verlaſſe Euch. Ich kniete nur, Euch um Vergebung zu bitten fuͤr ein unbedachtſames Wort, das ich im Un⸗ muth ausgeſprochen, aber gegen Euch nicht haͤtte brauchen ſollen. Eine andre Gnade verlangte ich nicht. Ihr habt viel fuͤr mich gethan, aber noch einmahl ſag' ich's, Ihr wißt beſſer, was Ihr gethan, als was ich erduldet. Roland, ſprach die Edelfrau, ein wenig beſaͤnftigt und nachgiebiger gegen den Guͤnſtling: Du haͤtteſt Dich an mich wenden ſollen, wenn Du unbilden erlitten. Du wareſt nicht dazu beſtimmt, Unrecht zu leiden, aber auch nicht berechtigt, es zu raͤchen, ſo lange Du unter meinem Schutze ſtandeſt. Und wenn ich Unrecht erlitten haͤtte, von Denjenigen, welchen Ihr gut und gewogen waret, ſollte ich eure Ruhe ſtoͤren durch unnuͤe Angeberei und ewige Klagen? Nein, edle Frau, ich habe meine Buͤrde ſchweigend getragen, ohne Euch durch Murren zu ſtoͤren, und eben die Achtung, der ich nach eurem Vorwurfe erman⸗ gelt haben ſoll, war fuͤr mich der einzige Grund, ————— 111 warum ich mich weder an Euch gewendet, noch auf eigene Hand wirkſamere Rache genommen. Aber es iſt gut, daß wir ſcheiden. Ich war nicht geboren, ein Lohndiener zu ſein, den ſeine Gebieterinn beguͤnſtigte, bis die Verlaͤumdungen Anderer ihn zu Grunde richteten. Der Himmel gebe Euch ſeinen beßten Segen, geehrte Frau, und um Euretwillen auch Allen, die Euch theuer ſind. Er wollte aus dem Zimmer gehen, als die Edelfrau ihn zuruͤckrief. Er blieb ſtehen, und ſie ſprach zu ihm:„Es war nicht meine Abſicht, und wuͤrde auch nicht gerecht ſein, wenn ich Euch, wie groß auch mein Unwille ſein mag, ohne Hilfsmittel entlaſſen wollte. Nehmt dieſes Gold. Vergebt mir, edle Frau, ſprach Roland, und laßt mich ſcheiden, mit dem Bewußtſein, daß ich nicht ſo tief herabgewuͤrdigt bin, Almoſen anzu⸗ nehmen. Koͤnnen meine geringen Dienſte gegen die Koſten meines Unterhalts und meiner Beklei⸗ dung geſetzt werden, ſo bleibe ich nur euer Schuld⸗ ner fuͤr mein Leben, und das allein iſt eine Schuld, die ich nimmer bezahlen kann. Darum 1¹²2 nehmt euer Gold zuruͤck, und ſagt dafuͤr mir nur, daß Ihr nicht mit Groll von mir ſcheidet. Nein, nicht mit Groll, ſprach die Edelfrau, mehr in Kummer, uͤber deinen Eigenſinn. Aber nimm das Gold, du wirſt es brauchen. Segne Gott Euch noch einmahl, fuͤr den freundlichen Ton und das freundliche Wort, aber das Gold kann ich nicht nehmen. Ich bin nicht ungeſchickt, und es fehlt mir nicht ſo ganz an Freunden, als Ihr denken moͤget, denn es koͤnnte die Zeit kommen, wo ich mich anders, als durch Worte dankbar erweiſen kann. Er warf ſich auf ſeine Knie, kuͤßte die Hand, die ſie ihm nicht entzog, und ging eilig hinaus. Lilias blickte einige Augenblicke auf ihre Gebiete⸗ rinn, welche ſo ungewoͤhnlich blaß ausſah, daß ſie einer Ohnmacht nahe zu ſein ſchien, aber ſchnell ſich erhohlend, lehnte ſie den angebotenen Beiſtand der Kammerfrau ab, und ging in ihr Gemach. 3 ———— 123 VI. Am Morgen des naͤchſten Tages verließ der verſtoßene Guͤnſtling das Schloß. Beim Fruͤh⸗ ſtuͤcke ſaß der behutſame Haushofmeiſter in der Stube der Kammerfrau, und die Unterredung uͤber die merkwuͤrdigen Ereigniſſe wurde durch ein Schuͤſſelchen voll Zuckerwerk verſuͤßt, welchem Wingate eine kleine Flaſche alten Kanarienſekts hinzugefuͤgt hatte. Endlich alſo iſt er fort, ſprach Lilias, aus ihrem Glaſe nippend. Nun, auf ſeine gluͤckliche Reiſe! Amen! ſprach der Haushofmeiſter, mit ernſtem Blicke. Aber ich will dem armen, verlaſſenen Jungen nichts boͤſes wuͤnſchen. Wie eine wilde Ente iſt er fort gegangen, gerade ſo, wie er gekommen iſt, ſprach Lilias. Ueber Zugbruͤcken zu gehen und uͤber Dammwege, das iſt nichts fuͤr ihn. Er iſt fort in dem Boote, das man den kleinen Herodes nennt.— Schande genug, Holz und Eiſen einen chriſtlichen Nahmen zu geben!— und hat ſich ſeliſt hinuͤber gerudert Theil I. 8 114 auf die andere Seite des Sees. Auf und davon iſt er, und alle ſeine ſchoͤnen Sachen liegen umher in ſeiner Stube. Ich will nur ſehn, wer's nach ihm rein machen will, aber des Aufhebens ſind die Sachen wohl werth. b. Ohne Zweifel, Frau Lilias, antwortete e der Haushofmeiſter, und in ſolchem Fall denk' ich, werden ſie wohl nicht lange auf dem Boden liegen. Aber ſagt mir doch, Herr Wingate, klopft Euch denn das Herz nicht vor Freude, daß dieſer Gluͤckspitz aus dem Hauſe iſt, gegen den wir Alle in Schatten ſtanden? J nun, Frau Lilias, antwortete Wingate, was die Freude anbelangt, wer in großen Haͤuſern gelebt hat, wie ich, iſt nicht ſehr eilig, ſich uͤber irgend etwas zu freuen. Freilich gut, daß wir den Roland los ſind, aber Ihr wißt ja, wie das Spruͤchwort ſagt: beſſer kommt ſelten. Beſſer kommt ſelten, wohl wahr, wieder⸗ hohlte Lilias. Ich ſage, nie kann ein Schlimmerer kommen, oder ein halb ſo Boͤſer. Er haͤtte am Ende unſere gute liebe Frau— ſie legte das Schnupftuch an die Augen— voͤllig zu Grunde —— — 115 gerichtet an Leib und Seele, und an Vermoͤgen oben drein; ſie gab ja fuͤr ſeine Kleider mehr Geld aus, als fuͤr alle vier Dienſtboten im Hauſe. Frau Lilias, ſprach der weiſe Haushofmeiſter, ich bin des Dafuͤrhaltens, daß unſere Frau dieſes unſeres Bedauerns gar nicht bedarf, inmaßen es ihr auf alle Weiſe zuſteht, ſelbſt zu ſorgen fuͤr Leib, Seele und Vermoͤgen obendrein. Ihr wuͤrdet das wohl nicht geſagt haben, ant⸗ wortete die Kammerfrau, wenn Ihr geſehn haͤttet, wie ſie ausſah, als das Junkerchen Abſchied nahm— gerade wie Lot's Weib. Die Edelfrau iſt eine gute Frau und eine tugendhafte Frau und man muß gut von ihr ſprechen, aber um alles in der Welt moͤcht' ich nicht, daß Ritter Halbert heute ſie geſehen haͤtte. O! Pfui, pfui, pfui! antwortete der Haus⸗ hofmeiſter. Dienſtboten muͤſſen hoͤren und ſehen und nichts ſagen. Die edle Frau iſt ja auch dem Ritter Halbert ganz ergeben, wie ſie auch nur ſein kann, inmaßen er der beruͤhmteſte Ritter in dieſen Landen iſt. Gut, gut! ſprach Lilias, es war nicht 116 ſchlimm gemeint, aber das weiß ich, wer am wenigſten Ruhm auswaͤrts ſucht, findet am leich⸗ teſten Ruhe zu Hauſe. Und iſt nicht auch zu be⸗ denken, daß die Edelfrau in ihrem einſamen Zu⸗ ſtande ſich gern verleiten ließ, mit der erſten beßten Bettlerbrut vorlieb zu nehmen, die ein Hund hr aus dem See hohlte? Und darum ſag' ich auch, freut Euch nicht zu ſehr, und nicht zu ſchnell, Frau Lilias. Denn wenn die Edelfrau einen Guͤnſtling haben wollte, um ſich die Zeit zu vertreiben, ſo verlaßt Euch darauf, die Zeit wird ihr nicht leichter vergehen, jetzt da er weg iſt. Sie wird ſich ſelbſt einen anderen Guͤnſtling ausſuchen, und glaubt mir, es wird ihr nicht daran fehlen. Und wo ſollte ſie einen andern ſuchen, als unter ihren treuen und bewaͤhrten Dienſtboten, die ſo viele Jahre lang ihr Brod gegeſſen haben? Ich habe viele Edelfrauen gekannt, ſo vornehm als ſie, welchen es nicht einfiel, eine Freundinn anderswo zu ſuchen, als unter ihren Kammer⸗ frauen, verſteht ſich immer mit gebuͤhrender Ruͤck⸗ 117 ſicht auf ihre alten und treuen Haushofmeiſter, Herr Wingate. Ich merke ſchon, Frau Lilias, wohin Ihr zielt, aber ich weiß nicht, ob euer Pfeil treffen wird. Wenn's mit unſerer Edelfrau ſo ſteht, als Ihr voraus ſetzen wollt, ſo wird weder eure kraufe Barthaube, Frau Lilias,— mit gebuͤhrender Achtung ſei davon geſprochen— noch mein graues Haar, oder meine goldene Kette, die Leere aus⸗ fuͤllen koͤnnen, die ſie nach Rolnds Abſchied fuͤhlen muß. Es wird ein junger Gottesgelehrter 4 ſein, mit einer neuen Lehre, ein gelehrtes Doc⸗ torchen mit einer neuen Arznei, ein kuͤhner Ritter, dem man die Gunſt nicht verſagen wird, ihre Farben bei einem Ringelrennen zu tragen, ein ſchlauer Harfner, der einer Frau das Herz aus der Bruſt ſpielen kann, wie's Signor David Rizzio mit unſrer armen Koͤniginn gemacht haben ſoll— das ſind die Leute, die den Verluſt eines wohlge⸗ littenen Guͤnſtlings erſetzen, und nicht ein alter Haushofmeiſter, oder eine Kammerfrau von mitt⸗ leren Jahren. Nun wohl, Ihr habt Erfahrung, Herr 118 Wingate, und ich wollte, unſer Herr ließe das Hin⸗ und Herziehen bleiben, und ſaͤhe beſſer auf ſein Hausweſen. Es wird nicht lange waͤhren, ſo haben wir das ganze Papſtthum unter uns, denn denkt Euch nur, ich habe einen goldenen Roſenkranz unter Rolands Kleidern gefunden. Ich ſag' Euch, Aves und Credos. Wie ein Falke ſtießz' ich darauf. Glaub' es gern, glaub' es gern, ſprach der Haushofmeiſter mit ſchlauem Kopfnicken. Ich habe oft ſeltſame Gewohnheiten bei dem Burſchen bemerkt, die nach Papſtlerei ſchmeckten, und merkte auch, daß er bedacht war, ſie zu verbergen. Ja, ja, ein echter Roſenkranz iſt's, ſetzte er hinzu, den Fund aufmerkſam betrachtend, und er mag vier Unzen an feinem Golde ſchwer ſenrä. Und auf der Stelle laß' ich ihn ſchmelzen, ehe eine verblendete Seele dadurch verfuͤhrt wird. Eine loͤbliche Vorſicht, Frau Lilias! erwie⸗ derte Wingate mit beiſtimmendem Nicken. Ein paar Schuhſchnallen ſollen daraus werden, ſprach Lilias. Ich moͤchte des Papſtes Tand, oder was fonſt ſo ausgeſehen hat, nicht einen Zoll —— 119 uͤber dem Spann tragen, und wenn's Demanten waͤren, ſtatt Gold. Aber das kommt davon, daß Pater Ambroſius in's Schloß geſchlichen kommt, ſo ehrbar, als eine K tze, die Rahm naſchen will. Pater Ambroſius iſt unſres Herrn Bruder, ſprach Wingate ernſthaft. J nun freilich, Herr Wingate, aber ſoll er darum des Ke nigs getreue Unterthanen zum Papſtthum verfuͤhren? Gott bewahre, Frau Lilias, aber es giebt noch ſchlimmere Leute, als die Paͤpſtler. Ich moͤchte wohl wiſſen wo, erwiederte Lilias, ein wenig ſcharf, aber ich glaube, Herr Wingate, wenn jemand vom Teufel mit Euch ſpraͤche, Ihr wuͤrdet ſagen, es gaͤbe ſchlimmere Leute, als der Satan. Sicherlich wuͤrd' ich's ſagen, ſprach der Surnt. hofmeiſter, wofern ich naͤmlich den Satan neben mir ſtehen ſähe. Gott ſegne uns! rief Frau Lilias, zuſommen fahrend. Aber wie koͤnnt Ihr eure Freude daran haben, Einen ſo zu erſchrecken! Das will ich ja nicht, Frau Lilias. Aber 120 laßt Euch nur ſagen— die Paͤpſtler ſind jetzt nie⸗ der, doch wer weiß, wie lange dieß Jetzt dauern wird. Es giebt zwei große katholiſche Grafen in Nord⸗England, welchen die neue Lehre ein Graͤuel iſt, und ſie ſind maͤchtig genug, jeden Thron in der Chriſtenheit zu erſchuͤttern. Unſer Koͤnig von Schottland— Gott ſegne ihn! iſt freilich ein echter Proteſtant, aber ſeine Mutter, unſre gewe⸗ ſene Koͤniginn, ich glaube, es iſt nichts Arges dabei, zu ſagen: Gott ſegne ſie auch!— die iſt katholiſch. Viele Leute fangen nun an, zu glauben, man habe ſie zu hart behandelt, und es gibt maͤch⸗ tige Herrn im Niederlande und im Hochlande, die Ale gern ein anderes Weſen ſehen wollen, und ſollt' es dazu kommen, ſo wird die Koͤniginn ihre Krone wieder nehmen, und Meſſe und Kreuz wie⸗ der aufkommen und dann iſt's vorbei mit Kanzel, Chorrock und dem ſchwarzen Scheitelkaͤppchen. Herr Wingate, Ihr habt das echte Wort Gottes gehoͤrt, und den vorttefflichen Herrn Heinrich Warden, und koͤnnt ſo geduldig ſagen, oder auch nur denken, daß das Papſtthum wieder aͤber uns kommen ſollte, wie ein Ungewitter, oder 121 daß die Marie den koͤniglichen Stuhl von Schott⸗ land wieder zu einem Throne des Graͤuels machte! Kein Wunder, daß Ihr ſo hoͤflich ſeid gegen Pater Ambroſius, wenn er herkommt mit ſeinen nieder⸗ geſchlagenen Augen, die er nie aufſchlaͤgt zu unſrer Edelfrau, mit ſeiner leiſen, ſuͤßen Stimme und ſeinen Benedieites und ſeinem Segen— und da iſt niemand ſo eilig, den Segen fendh; zu neh⸗ men, als unſer Herr Wingate. Frau Lilias, ſprach Wingate mit einer Miene, die dem Streit ein Ende machen ſollte: alles hat ſeine guten Gruͤnde. Wenn ich den Pater Ambro⸗ ſius freundlich aufnahm, und es dann und wann geſchehen ließ, das er heimlich ein Wort mit Roland ſprach, ſo that ich's nicht, weil ich mir was gemacht haͤtte aus ſeinem Segen, oder ſeinem Fluche, ſondern nur weil ich meines Herrn Blut in ihm ehrte. Und wer kann wi iſſen, wenn Marie. wieder auf den Thron kommt, ob er nicht eine eben ſo ſtarke Stuͤtze wird., als es ſein Bruder je geweſen iſt. Denn mit dem Grafen von Murray iſt's aus, wenn die Koͤniginn wieder zu dem Ihrigen kommt, und er wird von Glück zu ſagen 12² haben, wenn er ſeinen Kopf auf den Schultern halten kann. Und mit unſerm Ritter iſt's dann auch aus, wie mit dem Grafen, ſeinem Goͤnner, und wer wuͤrde dann wohl in den leeren Sattel kommen, als eben Pater Ambroſius? Der Papſt zu Rom kann ihn leicht von ſeinen Geluͤbden loͤen und dann haͤtten wir Ritter Eduard, den Kriegs⸗ mann, ſtatt des Prieſters Ambroſius. 4 Empfindlichkeit und Staunen banden der Kammerfrau die Zunge, waͤhrend ihr alter Freund in ſeiner ſelbſtgefaͤlligen Weiſe ihr ſeine politiſchen Berechnungen mittheilte. Endlich machte ſich ihr Unmuth in den zuͤrnenden Worten Luft:„Wie, Herr Wingate, Ihr habt ſo lange Jahre das Brod unſrer Frau gegeſſen, von unſerm Herrn will ich nichts ſagen, und Ihr koͤnnt es denken, daß ein elender Moͤnch, der ihr nicht mit einem Blutstropfen verwandt iſt, ſie ihres Schloſſes berauben ſollte? Ich bin nur ein Weib, aber erſt wollt' ich ſehen, ob mein Spinnrocken, oder ſeine Kutte veſter waͤre. Schaͤmt Euch, Herr Wingate! Waͤren wir nicht ſo alte Bekannte, ſo kaͤme dieß der Edelfrau zu Ohren, und ſollte ich eine Ohren⸗ „. 123 blaͤſerinn und eine Klatſche fuͤr meine Muͤhe heißen, wie damahl, als ich erzaͤhlte, daß Roland den wilden Schwan geſchoſſen hatte. Wingate war ein wenig erſchrocken, als er merkte, daß ſeine Erlaͤuterungen uͤber ſeine weit vooraus ſehende Klugheit bei ſeiner Zuhoͤrerinn eher Verdacht gegen ſeine Treue, als Bewunderung ſeiner Weisheit erweckt haͤtte, und er eilte zu ent⸗ ſchuldigen und zu erklaͤren, wiewohl in ſeinem Innern ſehr empfindlich uͤber die, nach ſeiner Meinung, unverſtaͤndige Auslegung, welche Frau Lilias ſeinen Aeußerungen gegeben hatte, und er blieb in ſeinen Gedanken uͤberzeugt, ihre Mißbilli⸗ gung ſeiner Geſinnungen ſei bloß aus der Exrwaͤ⸗ gung entſprungen, daß Pater Ambroſius, wenn er je zum Beſitze des Schloſſes gelangen ſollte, gewiß die Dienſte eines Haushofmeiſters brauchen, aber eine Kammerfrau ganz und gar nicht noͤthig haben werde. Als man ſeine Erklaͤrung, wie Erklaͤrungen gewoͤhnlich, aufgenommen hatte, trennten ſich Beide, Lilias, um dem Rufe der ſilbernen Pfeife 5 zu folgen, und der weiſe Haushofmeiſter, um 124 ſeines Amtes zu warten. Sie ſchieden nicht mit den gewoͤhnlichen Achtungsbezeigungen, denn Wingate fuͤhlte den Verweis, den ſeine weltſinnige Klugheit von der uneigennuͤtzigern Anhaͤnglichkeit der Kummerfrau erhalten hatte, und Lilias konnte in ihrem alten Freunde nicht viel mehr als einen Wetterhahn ſehen. Roland war unterdeſſen ſchon weit auf ſeiner einſamen Wanderung gekommen, ohne eben zu wiſſen, was ſein Zweck waͤre, oder wo er ſein Ziel finden werde. Er war am Seeufer, in ziem⸗ lich weiter Entfernung vom Dorfe gelandet, um den Blicken der Bewohner auszuweichen. Sein Stolz fliſterte ihm zu, er werde, als ein verſtoße⸗ ner Guͤnſtling, nur ihr Erſtaunen und ihr Mit⸗ leid erwecken, und eine großmuͤthige Regung ſagte ihm, jeder Beweis von Theilnahme, den ſeine Lage gewinnen moͤchte, koͤnnte einen unguͤnſtigen Eindruck im Schloſſe machen. Ein unbedeutender Vorfall uͤberzeugte ihn aber bald, daß er fuͤr ſeine Freunde in dieſer Hinſicht eben nicht viel zu fuͤrch⸗ ten hatte. Er begegnete einem jungen Manne, der nicht viel aͤlter als er, bei fruͤhern Gelegen⸗ 521 heiten ſich ſehr gluͤcklich gefühlt hatte, als unter⸗ wuͤrfiger Gehilfe an den Vergnuͤgungen des Edel⸗ knaben Theil nehmen zu duͤrfen. Ralph eilte mit der mundern Behendigkeit eines demuͤthigen Freun⸗ des herbei, ihn zu begruͤßen. Nun, was iſt das, Junker Roland, ſprach er, ohne Falken oder Hund? Falk' oder Hund! erwiederte Roland. Wer weiß, ob ich ſie je wieder locke. Ich bin verab⸗ ſchiedet— ich meine, ich habe das Schloß ver⸗ laſſen. 3 2 Ralph ſtaunte. Wie, Ihr wollt wohl in des Ritters Dienſte gehn? Panzerhemd und Lanze nehmen? Nein, nicht doch! erwiederte Roland. Ich verlaſſe den Dienſt von Avenel fuͤr immer. Und wohin geht Ihr denn? fuhr der junge Landmann fort. Nun, darauf laͤßt ſich nicht ſogleich antwor⸗ ten. Ich muß das noch uͤberlegen. Ei! ich wette, es wird Euch einerlei ſein, welchen Weg Ihr nehmet. Die Edelfrau wird 126 Euch wohl nicht verabſchiedet haben, ohne erſt eure Taſchen ein bischen zu fuͤttern. Elender Sklave! rief Roland: glaubſt Du, ich haͤtte eine Gabe von ihr angenommen, als ſie mich auf Anſtiften eines Pfaffen und einer naſe⸗ weiſe Dienſtmagd verlaͤumden und zu Grunde richten ließ? Das Brod, das ich mit ſolchem Almoſen gekauft haͤtte, waͤre mir beim erſten Biſſen in der Kehle ſtecken geblieben. Ralph ſah ſeinen ehemahligen Freund mit einem ſtaunenden Blicke an, worin ſich ein wenig Verachtung leſen ließ.„ nun, ſprach er endlich, Ihr braucht nicht ſo in Harniſch zu gerathen. Jedermann weiß am beßten, was fuͤr ſeinen Magen taugt, aber waͤr' ich ſo nun dieſe Zeit auf der offe⸗ nen Heide, und wuͤßte nicht wohin, ich waͤre wohl froh, wenn ich ein paar Goldfuͤchſe in der Ficke haͤtte, moͤcht' ich dazu gekommen ſein, wie ich wollte. Aber vielleicht geht Ihr mit mir zu meinem Vater— auf eine Nacht, mein' ich, denn morgen kommt meines Vaters Bruder mit all' ſeinen Leuten, doch wie geſagt, auf eine Nacht—“ Die froſtige Beſchraͤnkung der angebotenen 127 Gaſtfreiheit auf eine einzige Nacht, und dabei noch ſo ungern gewaͤhrt, beleidigte den Stolz des verabſchiedeten Guͤnſtlings.„Lieber wollt' ich, ſprach er, auf der nackten Heide ſchlafen, wie ich manche Nacht gethan, wo es weniger noͤthig war, als in deines Vaters Rauchloch, das nach Torf⸗ dampf und Branntwein ſtinkt, wie ein Hochlaͤn⸗ dermandel.“ Ihr moͤgt waͤhlen, Junker, wenn Ihr ſo ekel ſeid. Werdet ſchon froh ſein, ein Torffeuer zu riechen, und Branntwein dazu, wenn Ihr noch ſo reiſet, als Ihr vorhabt. Schoͤnen Dank! haͤttet Ihr wohl ſagen ſollen fuͤr meinen guten Willen; nicht Jedermann wird ſich Ungelegenheit machen wollen, durch Beherbergung eines abge⸗ dankten Dienſtboten. Ralph, ſprach Roland, Ihr ſolltet nicht ver⸗ geſſen, daß ich Euch ſchon einmal Hiebe gegeben habe, und hier iſt dieſelbe Ruthe, die Ihr ge⸗ ſchmeckt habt. Der Landmann, ein vierſchroͤtiger derber Bur⸗ ſche, richtete ſich in die Hoͤhe, und im Gefuͤhl voller Ueberlegenheit lachte er hoͤhniſch uͤber die 128 Drohungen des ſchmaͤchtigen Aufſchoͤßlings.„Die⸗ ſelbe Ruthe mag's ſein, aber nicht mehr dieſelbe Hand, ſprach er. Merkt's Euch, Freund Roland, geweſener Edelknabe, als Ihr eure Ruthe auf⸗ hobt, war's nicht die Furcht vor Euch, ſondern vor Leuten, die mehr ſind, mas meine Ruthe niederhielt. Ich weiß nicht, was mich jetzt hindert, mit dieſer Haſelruthe die alte Rechnung abzumachen, ich koͤnnte Euch zeigen, daß ich den Rock unſrer Edelfrau geſchont habe, und nicht euer Fl eiſch und Blut, Junker Roland. Trotz ſeiner Wuth, behielt Roland Beſonnen⸗ hui genug, einzuſehen, daß er durch Fortſetzung des Streites ſich einer rauhen Behandlung ausſetzen wuͤrde, und waͤhrend der ruͤſtige Landmann mit hoͤhniſchem Gelaͤchter zum Kampfe heraus zu fodern ſchien, fuͤhlte der ungluͤckliche Juͤngling ſeine Lage ſo ſchmerzlich, daß er in Thraͤnen ausbrach, die er vergebens mit beiden Hinden zu verbergen ſuchte.* Der rohe Landmann blieb nicht unbewegt bei dem Kummer ſeines ehemahligen Geſpielen.„I, Junker Roland, hob er wieder an, ich hatte ja 1²⁹ nur meinen Spaß mit Dir. Moͤchte Dir nichts zu Leide thun, waͤr's auch nur alter Bekanntſchaft wegen. Aber kuͤnftig miß Dir erſt deinen Mann, ehe Du von Hieben ſprichſt. Siehſt Du denn nicht, dein Arm iſt nur eine Spindel gegen den meinen. Aber ſtill! ich hoͤre den alten Adam ſeinen Falken locken. Komm, Freundchen! wir wollen uns einen luſtigen Nachmittag machen, und froͤh⸗ lich zu meinem Vater gehen, trotz Torfrauch und Branntwein. Vielleicht koͤnnen wir Euch fort⸗ helfen, daß Ihr auf ehrliche Weiſe euer Brod gewinnt, ſo hart dieſe boͤſen Zeiten ſind.“ Roland antwortete nicht und hielt die Haͤnde immer vor den Augen, waͤhrend Ralph in dem Tone fortfuhr, der nach ſeiner Meinung troͤſtend war. „Als Ihr der Liebling der Edelfrau wart, Freund⸗ chen, da hielt man Euch fuͤr ſtolz, und manche Leute meinten, Ihr waͤret ein Paͤpſtler, und wer weiß, was ſonſt. Jetzt habt ihr Niemand, der Euch die Stange haͤlt, drum ſeid huͤbſch geſellig und aufrichtig, und geht zum Prediger in die chriſtliche Lehre, daß Ihr den Leuten ſolche Gedanken aus dem Kopfe bringt, und wenn er Euch ſagt, daß Theil I. 9 130 Ihr unrecht habt, ſo muͤßt Ihr demuͤthig nieder⸗ ſehen, und wenn ein vornehmer Herr, oder der Herr Kammerdiener eines vornehmen Herrn, Euch ein unfreundlich Wort gibt, oder einen kleinen Hieb, ſo ſagt nur: Ich dank' Euch, daß Ihr mir das Wammes ausklopft. Das muͤßt Ihr ſagen, oder ſonſt was, wie ich's bei Euch gethan habe. Aber hoͤrt, Woodcock pfeift wieder. Kommt, wir wollen zu ihm gehn, und unterwegs ſag' ich Euch mehr von ſolchen Pfiffen. Ich dank' Euch, erwiederte Roland, und ſuchte in den Ton der Gleichgiltigkeit und Ueberlegenheit zu kommen. Ich habe einen andern Weg vor mir, und waͤr' es auch nicht, euren Weg koͤnnt' ich nicht betreten. Sehr richtig, Junker Roland, erwiederte der Landmann. Jedermann weiß am beßten, was er zu thun hat, und drum will ich Euch nicht abhalten von eurem Wege. Eure Hand, Freund⸗ chen, um alter Bekanntſchaft willen! Wie, nicht einmahl einen Handſchlag, ehe wir ſcheiden? Nun, meinetwegen! den Eigenſinn muß man gehen laſſen. Lebt wohl und Gott befohlen! — 131 Lebt woht! Lebt wohl, ſprach Roland haſtig, und der Landmann ging mit behendem Schritte pfeifend von dannen, und erfreut, wie es ſchien, einen Bekannten los zu ſein, der laͤſtige Anſpruͤche machen konnte, und keine Mittel mehr hatte, ihm nuͤtzlich zu ſein. Roland ging raſch voran, ſo lange Ralph ihn ſehen konnte, damit ſein Verweilen dem ehemah⸗ ligen Geſpielen nicht die Vermuthung gebe, ſein Entſchluß ſei wankend geworden. Die Anſtren⸗ gung war peinlich. Er war in einer Art von Be⸗ taͤubung; ein Schwindel ergriff ihn, die Erde ſchien unter ſeinen Fuͤßen zu ſchwanken, und zwei⸗ mahl war er auf dem ebenen gruͤnen Raſen dem Fallen nahe. Entſchloſſen ging er weiter, die innere Bewegung bezwingend, bis die Geſtalt des jungen Landmannes in der Ferne hinter einem vorſpringenden Huͤgel verſchwunden war. Sein Gefuͤhl uͤberwaͤltigte ihn noch einmahl. Er ſetzte ſich, fern von dem betretenen Pfade, auf den Raſen nieder, und uͤberließ ſich den ſchmerzlichen Regungen, die verwundeter Stolz, Kummer und Beſorgniſſe in ihm erweckten. 132 Der erſte heftige Ausbruch ſeiner Gefuͤhle war voruͤber, und in dem Gemuͤthe des verlaſſenen, freundloſen Juͤnglings erwachte jener Troſt, der gewoͤhnlich dem Erguſſe des Kummers folgt. Noch rannen Thraͤnen von ſeinen Wangen, aber ſie waren nicht mehr von troſtloſen Gefuͤhlen be⸗ gleitet. Eine traurige, aber mildere Regung erfuͤllte ſein Gemuͤth, bei dem Gedanken an ſeine Wohlthaͤterinn, an die unwandelbare Guͤte, die ſie ſtets, trotz ſo vieler Aeußerungen ſeines belei⸗ digenden Muthwillens, welche er ſich jetzt als unverzeihliche Kraͤnkungen vorwarf, ihm bewieſen, und die ihn gegen die Raͤnke Anderer, wie gegen die Folgen ſeiner eigenen Thorheit geſchuͤtzt hatte, und immer geſchuͤtzt haben wuͤrde, wenn nicht ſein Uebermuth ſie gezwungen haͤtte, ihm ihren Schutz zu entziehen. 8 Jede unwuͤrdige Behandlung, die ich erlitten habe, ſprach er, iſt der verdiente Lohn fuͤr meinen Undank. Und war es recht von mir, die Gaſt⸗ freundſchaft, die mehr als muͤtterliche Guͤte meiner Wohlthaͤterinn, anzunehmen, und ihr dennoch meinen Glauben zu verhehlen? Aber ſie ſoll's 13³3 erfahren, daß ein Katholik ſo viel Dankbarkeit fuͤhlt, als ein Proteſtant, daß ich leichtſinnig geweſen bin, doch nicht boͤſe, daß ich ſelbſt in meinen wildeſten Augenblicken ſie geliebt, geachtet und geehrt habe, daß der Waiſenknabe unbeſonnen ſein konnte, aber nie undankbar. 4 Er kehrte um, als dieſe Gedanken durch ſeine Seele flogen, und fing raſch an, den Weg nach dem Schloſſe zu nehmen. Bald aber wurde die erſte Haſtigkeit des Reuigen gehemmt, als er an den Hohn und die Verachtung dachte, womit die Hausgenoſſen den ruͤckkehrenden Fluͤchtling anſehn wuͤrden, den ſie nothwendig fuͤr einen Gedemuͤthig⸗ ten halten muͤßten, welcher Verzeihung fuͤr ſein Bergehen und die Erlaubniß, wieder in ſeinen Dienſt zu treten, erflehen wollte. Er ging lang⸗ ſamer, aber ohne ſtehen zu bleiben. Moͤgen ſie doch! ſprach er entſchloſſen. Laß ſie winken, deuten, nicken und ſpoͤtteln, laß ſie reden von dem gedemuͤthigten Duͤnkel, von dem gefallenen Stolze— moͤgen ſie doch! Es iſt eine Buße fuͤr meine Thorheit und ich will ſie geduldig ertragen. Aber wenn auch ſie, wenn auch meine 134— Wohlthaͤterinn glauben koͤnnte, ich waͤre nieder⸗ traͤchtig und ſchwach genug, nicht um ihre Ver⸗ gebung allein, auch um die Erneurung der Vor⸗ theile zu bitten, die ihre Gunſt mir gewaͤhrte— nein, ich kann es nicht, ich will es nicht ertragen, daß ſie mich fuͤr niedrig halte. Er blieb ſtehen, und ſein Stolz, der ſich mit feiner angebornen Hartnaͤckigkeit gegen ſein richti⸗ geres Gefuͤhl verband, beredete ihn, daß er eher die Verachtung der Edelfrau ſich zuziehen, als ihre Gunſt gewinnen wuͤrde, wenn er den Entſchluß ausfuͤhren wollte, den die erſte Aufwallung ſeiner reuigen Gefuͤhle ihm vorgeſchrieben hatte.— Haͤtte ich nur, dachte er, einen ſcheinbaren Vorwand, einen Grund fuͤr meine Ruͤckkehr, der ſich hoͤren ließe, einen Grund, wodurch ich zeigen konnte, daß ich nicht als ein herabgewürdigter Flehender, nicht als ein verwieſener Diener komme, ſo koͤnnt' ich hingehen— aber wie's jetzt mit mir iſt, kann ich nicht; mein Herz wuͤrde auffahren und zerſpringen. 85 Als dieſe Gedanken ſein Gemuͤth ergriffen, fuhr etwas durch die Luft, ſo nahe an ihm, daß — — 135 es ſeine Augen blendete, und faſt an ſeinem Feder⸗ buſche hinſtreifte. Er blickte auf, und ſah Hal⸗ berts Lieblingsfalken, der ihm um den Kopf flat⸗ terte und von ihm, als einem bekannten Freunde, Aufmerkſamkeit zu fodern ſchien. Roland ſtreckte ſeinen Arm aus, und als er den wohl bekannten Lockruf hoͤren ließ, ſetzte ſich der Falke alsbald ihm auf die Fauſt, fing an ſich zu pußen, und warf von Zeit zu Zeit einen ſcharfen glaͤnzenden Blick aus ſeinen braunen Augen, der zu fragen ſchien, warum er nicht die gewoͤhnliche freundliche Lieb⸗ koſung empfange. O Demantchen! ſprach er, als haͤtte der Vogel ihn verſtanden: wir beide muͤſſen uns fortan fremd ſein. Manchen wackern Stoß hab' ich dich machen ſehn und manchen muthigen Reiher mit deinen Faͤngen packen, aber das iſt nun alles vor⸗ bei, und fuͤr mich gibt's keine Beiz mehr. Und warum denn nicht, Junker Roland? ſprach Adam Woodcock, der Falkner, hinter einem Erlengeſtraͤuch hervor tretend. Warum keine Beiz mehr fuͤr Euch? Was waͤr' unſer Leben 135⁵ ohne Weidmannsluſt! Du kennſt ja das alte muntre Liedchen: Und lieber moͤcht' Allan im Kerker liegen, Als leben, wo nicht der Falke kann fliegen; Und Allan laͤg' lieber im Kirchhofsgrund, Koͤnnt' er nicht folgen dem muntern Falken und Hund. Die Stimme des ehrlichen Falkners war froh und freundlich, und in dem Tone, womit er das Liedchen halb ſingend herſagte, war Aufrichtigkeit und Herzlichkeit nicht zu verkennen: aber die Erinnerung an den nnangenehmen Zwiſt und deſſen Folgen, machte den Juͤngling verlegen und hielt ihn ab, zu antworten. Der Falkner bemerkte das Zoͤgern, und die Urſache errathend, ſprach er:„Nun, was gibt's, Junker Roland? Ihr ſeid ein halber Englaͤnder, und glaubt, daß ich, der ich ein ganzer bin, Euch Groll nachtragen und Euch in Noth laſſen wollte? Das waͤre ja, wie's einige Schottlaͤnder machen— meinen geehrten Herrn nehm' ich jederzeit aus— die koͤnnen freundlich und falſch ſein auf einmahl, und etwas fuͤr ſich behalten, wie ſie ſagen, und 137 ihre Zeit abwarten, und mit Euch beim Kruge ſitzen, und mit Euch jagen und beizen, und wenn die Zeit kommt, machen ſie doch einen alten Streit mit dem Dolche aus. In meiner lieben Heimath hat man kein Gedaͤchtniß fuͤr ſolche alte Schaͤden. Seht, Freundchen, haͤttet Ihr mir einen harten Streich verſetzt, ich haͤtt' es vielleicht von Euch mir eher gefallen laſſen, als ein unſchoͤnes Wort von einem Andern. Denn Ihr verſteht Euch gut auf die Falknerei, wenn Ihr auch meint, ein Neſtfalk muͤſſe ſein Fleiſch gewaſchen kriegen. Drum eure Hand, Freundchen, und nichts mehr nachgetragen! Roland's Stolz empoͤrte ſich zwar ein wenig gegen des ehrlichen Adams vertrauliches Beneh⸗ men, aber der Juͤngling konnte der freimuͤthigen Aufrichtigkeit, die darin lag, nicht widerſtehen. Er bedeckte das Geſicht mit der einen Hand, und dien andere dem Falkner reichend, erwiederte er gern den freundlichen Druck. Nun, das iſt herzlich gemeint, ſprach Wood⸗ eock. Ich habe immer geſagt, Ihr haͤttet ein gutes Herz, wenn Ihr auch ein Bischen vom 138 Teufel in eurer Nazur habt, das iſt auch wahe. Ich kam mit dem Falken hieher, um Euch zu finden, und ein fauler Luͤmmel ſagte mir, welchen Weg Ihr eingeſchlagen. Ihr hieltet immer zu viel von meinem Jungen, und er weiß doch nichts von der Jagd, als was er von Euch gelernt hat. Ich ſah, wie's zwiſchen Euch Beiden kam, und habe ihn weggeſchickt mit einer Verwuͤnſchung. Ich wollte lieber einen Raͤuber unter meinen Falken haben, als einen falſchen Buben an meiner Seite. Und nun ſagt mir, Roland, belchen Weg wollt Ihr fliegen? Das weiß Gott! antwortete der Jüngling u und konnte einen Seufzer nicht unterdruͤcken. Nein, Freundchen, haͤrmt Euch nicht, daß Ihr den Abſchied gekriegt habt; wer weiß, ob Ihr nicht trotz alle dem deſto hoͤher und ſchoͤner fliegt. Seht nur unſer Demantchen; es iſt ein edler Vogel, und ſieht gar ſtattlich aus, mit 3 Haube, Geſchuͤh und Kurzfeſſeln, und doch gibt's manchen wilden Falken in Norwegen, der nicht mit ihm tauſchen moͤchte. Das wollt' ich von Euch ſagen. Ihr ſeid nicht mehr der Edelknabe ——— — 8 139 in unſerm Schloſſe, Ihr werdet nicht mehr ſo ſchoͤne Kleider tragen, nicht mehr ſo gut eſſen, ſo weich ſchlafen, ſo ſtattlich ausſehen— Aber was liegt daran? Seid Ihr nicht mehr Edelknabe, ſo ſeid Ihr dafuͤr euer eigner Herr, koͤnnt gehen, wohin Ihr wollt, und braucht nicht auf Ruf oder Pfeifchen zu achten. Das Schlimmſte iſt freilich, daß Ihr die Jagd verliert, aber wer weiß, was Euch ſonſt beſchieden iſt. Die Leute ſagen, Ritter Halbert ſelber— ich will ehrerbietig von ihm ſprechen— aber er ſoll einſt froh geweſen ſein, dem Abt als Foͤrſter zu dienen, und jetzt hat er Hunde und Falken, und Adam Woodcock als Falkner dazu. Ihr habt recht und das iſt wohl geſprochen, Adam, antwortete der Juͤngling und ſeine Wangen gluͤhten: der Falke wird ſich hoͤher ſchwingen ohne Geſchuͤh und Feſſeln, als mit ihnen, und wenn ſie auch von Silber waͤren. Das heißt munter geſprochen! hob der Falkner wieder an. Und wohin denn nun? Ich dachte, in die Abtei zu gehn, und Vater Ambroſius um Nath zu fragen. 140 Und geht mit Gott! ſprach Adam. Aber Ihr werdet die alten Moͤnche wohl in Sorgen finden, es heißt, man hat ihnen gedroht, ſie aus ihren Zellen zu werfen, und will einen Teufelsſpuk in ihrer Kirche machen, weil man meint, man haͤtte ſich den Spaß lange verſagt, und ich mein' es auch. 1 Dann wird's fuͤr Vater Ambroſius deſto beſſer fein, wenn ein Freund ihm zur Seite ſteht, ſprach Roland muthvoll. 4 Aber, mein junger Fürchtenichts,. ae den Freund wird's ſchwerlich beſſer ſein, wenn er dem Vater Ambroſius zur Seite ſteht; er koͤnnte ſich die Puͤffe hohlen, die gewoͤhnlich der Mittelsmann kriegt, und das ſind immer die derbſten im Kampfe. Das kuͤmmert mich nicht, erwiederte Roland. Die Furcht vor Gewaltthaͤtigkeit ſollte mich nicht abhalten; aber ich fuͤrchte, es koͤnnte die Vaͤter beunruhigen, wenn ich zu Pater Ambroſius kaͤme. Ich will heute Nacht in St. Cuthberts Klauſe bleiben, wo der alte Prieſter mir ein Nachtlager geben wird, und ich ſchicke dann zu Pater 141 Ambroſius, um ſeinen Rath zu hoͤren, ehe ich ins Kloſter gehe. Bei der heiligen Jungfrau! ſprach Adam, das laͤßt ſich hoͤren. Und nun— fuhr er fort, und ſein freimuͤthiges Benehmen verwandelte ſich in eine linkiſche Verlegenheit, als haͤtte er etwas zu ſagen gehabt, das nicht gern uͤber ſeine Lippen gekommen waͤre— Ihr wißt ja, daß ich eine Taſche trage fuͤr meiner Falken Fleiſch und ſo weiter; aber wißt Ihr, womit ſie gefuͤttert iſt? Mit Leder, ohne allen Zweifel, antwortete Roland, ein wenig verwundert uͤber die Zoͤgerung, womit der Falkner eine ſo einfache Frage ausge⸗ ſprochen hatte. Mit Leder, lieber Junge? hob Woodcock wieder an. Ja, und auch mit Silber dazu. Seht, fuhr er fort, und zeigte einen goheimen Schlitz in dem Futter ſeiner Falknertaſche: da ſind dreißig blanke Silberthaler, ſo gut als ſie je geſchlagen wurden, und zehn davon ſtehn Euch von Herzen zu Dienſte. Und damit iſt's abze⸗ macht. Roland wollte anfangs den angebotenen Bei⸗ ſtand ausſchlagen, aber er beſann ſich, daß er eben erſt das Geluͤbde der Demuth abgelegt hatte, und hier eine gute Gelegenheit ſich zeigte, ſeinen neuen Entſchluß zu erproben. Sch ſelbſt bezwin⸗ gend, antwortete er dem Falkner mit ſo viel Offenherzigkeit, als er nach ſeiner Gemuͤthsart zeigen konnte in dem Augenblicke, wo er gegen ſeine Neigung handelte, er wolle das freundliche Erbie⸗ ten dankbar annehmen, und um ſeinen wieder erwachenden Stolz zu beruhigen, fuͤgte er die Hoffnung hinzu, ſeine Verbindlichkeit bald abtra⸗ gen zu koͤnnen. Wie's Euch beliebt, ganz wie's Euch beliebt, junger Freund, antwortete der Falkner wohlge⸗ muth, und als er dem Juͤnglinge die großmuͤthig dargebotene Beihilfe gereicht hatte, ſetzte er ſehr froͤhlich hinzu:„Nun konnt Ihr getroſt in die Welt gehen. Wer ein Pferd regieren kann, ein Horn blaſen, einen Windhund rufen, einen Falken werfen, mit Schwert und Schild ſpielen, und ein paar ganze Sohlen hat, eine gruͤne Jacke, und zehn lilienweiße Thaler in der Ficke, der kann der Sorge ſagen, ſie ſoll ſich aufhaͤngen mit 143 ihren Kurzfeſſeln. Nun, lebt wohl! fuhr er fort, ſich ſchnell umwendend: und Gott geleite Euch!“ VII. Sankt Cuthbert's Klauſe, wie man's nannte, ward fuͤr einen der Ruheplaͤtze gehalten, die der heilige Mann ſeinen Moͤnchen angewieſen, als ſie, durch die Daͤnen aus ihrem Kloſter vertrieben, eine wandernde Geſellſchaft geworden waren, und den Leib ihres Schutzheiligen, den ſie auf ihren Schultern trugen, von Ort zu Ort durch ganz Schottland und durch das engliſche Graͤnzgebiet brachten, bis es ihm endlich gefiel, ihnen die Muͤhe abzunehmen, ihn weiter zu tragen, und ſeine letzte Ruheſtaͤtte in Durham's ſtattlichen Thuͤrmen zu waͤhlen. Der Geruch der Heiligkeit blieb in jedem Orte zuruͤck, wo er den Moͤnchen eine Erhohlung von ihren Beſchwerden gegoͤnnt hatte, und ſtolz waren Alle, die in ihrer Gegend eine Stelle als einen Ruheplatz des Heiligen ruͤhmen konnten. Wenige warrn beruͤhmter und geehrter, als Cuthbert's Klauſe, wohin Roland ſeinen Weg 144 nahm. Sie lag in einiger Entfernung von der Abtei Kennaquhair, wovon ſie abhing. In der Naͤhe gab es einige jener Empfehlungen, welche bei den erfahrenen katholiſchen Prieſtern auf die Wahl ihrer Andachtoͤrter bedeutenden Einfluß hatten. Unter andern fand man eine heilſame Quelle, welche, wie ſich von ſelbſt verſteht, unter dem Schutze des Heiligen ſtand, und dem Be⸗ wohner der Klauſe gelegentlich manche Vortheile brachte, da begreiflich Niemand den wohlthaͤtigen Einfluß der Quelle erwarten konnte, der nicht dem Prieſter des Heiligen eine milde Gabe reichte. Ein Strich fruchtbaren Landes gab dem Moͤnche einen guten Boden fuͤr ſeinen Garten. Hinter der Wohnung erhob ſich ein baumreicher Huͤgel, der ſie gegen rauhe Winde ſchuͤtzte, und auf der ſuͤdweſtlichen Seite dehnte ſich ein wildes, aber angenehmes Thal aus, das ein munterer Bach durchſtroͤmte.. Die Klauſe war ein einfaches gothiſches Ge⸗ baͤude, mit zwei kleinen. Ge en, wovon das eine dem Moͤnche zur Wohnung, das andre zur Kapelle diente. Weltgeiſtliche wagten es nicht * 145 leicht, ſo nahe an der unwirthlichen Graͤnze zu wohnen, daher war der Beiſtand des Moͤnches in Geſchaͤften der Seelſorge fuͤr die Umwohner nicht ohne Nutzen geweſen, ſo lange der katholiſche Glauben herrſchte. In neuern Zeiten aber, als die proteſtantiſche Lehre Eingang gewonnen, war es ihm rathſamer erſchienen, in ſtrenger Abge⸗ ſchiedenheit zu leben, und ſo viel als moͤglich, der oͤffentlichen Aufmerkſamkeit ſich zu entziehen. Am Ende mußte jedoch auch dieſe Vorſicht unwirk⸗ ſam geweſen ſein, wie es das Anſehn der Klauſe deutlich verrieth, als Roland bei Anbruche des Abends ankam. Im Begriffe, an das Thor zu poochen, bemerkte er zu ſeiner Ueberraſchung, daß es offen ſtand, nicht weil es unverriegelt, ſondern aus der obern Angel geriſſen war und nur noch an der untern veſt hing. Roland ward ein wenig unruhig bei dieſem Anblicke, und als er auf wiederhohltes Pochen und Rufen keine Antwort erhielt, fing er an, die Umgebungen der Klauſe genauer zu betrachten, ehe er es wagte, hinein zu gehn. Die Blumen, die ſonſt, ſorgfaͤltig gepflegt, an den Mauern hinauf wuchſen, ſchien man erſt Theil I. 10 — — 145 neuerlich herab geriſſen zu haben; ihre Gewinde lagen zertreten auf der Erde und das Gitterfenſter war zerbrochen. Spuren friſcher Verwuͤſtung zeigten ſich aͤberall in dem Garten, der einſt unter den Haͤnden des fleißigen Moͤnchs ein Bild der Ordnung und Anmuth geweſen war. Dem Heilquell war es nicht beſſer ergangen. Die Bogendecke, womit die fromme Verehrung der Vorzeit ihn uͤberwoͤlbt hatte, war von zerſtoͤ⸗ render Gewalt faſt ganz zertruͤmmert worden, und abſichtlich ſchien man die Steine in den Brunnen geworfen zu haben, um die Quelle zu verſtopfen. Auch das Dach des Gebaͤudes war zum Theil herab geworfen, und an einer Ecke hatte man mit Brecheiſen einige maͤchtige Steine aus ihren Fugen gehoben, aber die Veſtigkeit des alten Mauerwer⸗ kes war fuͤr die Zeit, oder die Geduld der Stuͤr⸗ mer ſo ſtark geweſen, daß ſie ihr Zerſtoͤrungswerk unvollendet gelaſſen hatten. Wenn an ſolchen veroͤdeten Gebaͤuden im Laufe der Zeit die Spuren der Verwuͤſtung mit Schlüngpflanzen uͤberzogen und durch Verwitterung verwiſcht wurden, betrach⸗ tet man ſie ſelbſt in ihrem Verfalle mit wehmuͤthi⸗ —— — 147 ger Freude, erſcheint aber die Wirkung der Gewalt friſch und neu, ſo vermag keine milde Ruͤhrung das Gefuͤhl der Veroͤdung zu lindern, das ſie dem Beſchauer erwecken, und ein ſolcher Anblick war es, der jetzt in dem Juͤnglinge ſchmerzliche Regun⸗ gen hervor rief. Als ſeine erſte Ueberraſchung voruͤber war, konnte Roland die Urſache dieſer Verwuͤſtung leicht vermuthen. Die Zerſtoͤrung der geiſtlichen Ge⸗ baͤude geſchah nicht auf einmahl in Schottland, ſondern zu verſchiedenen Zeiten, je nach dem Geiſte, dn die proteſtantiſchen Prieſter beſeelte. Einige von ihnen reizten ihre Zuhoͤrer zu ſolchen Verwuͤſtungen, waͤhrend Andre, von beſſerem Sinn und Gefuͤhle belebt, die alten Heiligthuͤmer zu ſchuͤtzen ſuchten, die ſie nur von den Gegenſtaͤnden, welche zu abgoͤttiſcher Verehrung verfuͤhrt hatten, zu reinigen wuͤnſchten. Von Zeit zu Zeit ging daher der Poͤbel in den Staͤdten und Doͤrfern an das Zerſtoͤrungswerk, wenn bald der eigne Abſcheu gegen paͤpſtiſchen Aberglauben, bald die eifernde Lehre der Prediger ihn aufreizte, und wuͤthete dann gegen irgend eine abgelegene Kirche oder 148 3 lauſe, die dem erſten Ausbruche der Wuth gegen den alten Glauben entgangen war. Nicht ſelten gab der laſterhafte Wandel der katholiſchen Geiſt⸗ lichkeit, der aus dem Reichthume und Sittenver⸗ derbniſſe derſelben entſprungen war, nur eine zu gute Entſchuldigung fuͤr die Rache, welche ihre praͤchtigen Wohnſitze traf. Ein alter ſchottiſcher Geſchichtſchreiber erzaͤhlt uns von einer bejahrten Frau, die den Unmuth einiger Buͤrger bei dem Brande eines praͤchtigen Kloſters mit dieſen Worten ſtrafte: Warum trauert Ihr uͤber dieſe Zerſtoͤrung? Wenn Ihr nur halb die abſcheuliche Bosheit kenn⸗ tet, die in dieſem Hauſe geherrſcht hat, ſo wuͤrdet Ihr eher das goͤttliche Strafgericht ſegnen, welches nicht zulaͤßt, daß ſelbſt dieſe fuͤhlloſen Mauern, die ſolche Ruchloſigkeit geſchirmt haben, laͤnger die chriſtliche Erde belaſten.“ Den Moͤnch von St. Cuthbert hatte ſeine an⸗ ſpruchloſe ruhige Abgeſchiedenheit lange gegen die allgemeine Verfolgung geſchuͤtt, aber auch ihn nun endlich, wie es ſchien, der Arm der Zerſtoͤrer erreicht. Mit dem beunruhigenden Zweifel, ob 149 der fromme Mann ſelber der Gewaltthaͤtigkeit ent⸗ gangen ſei, trat Roland in die halb veroͤdete Klauſe. Das Innere des Gebaͤudes war in einem Zuſtande, der die Vermuthung beſtaͤtigte, welche die verwuͤſtete Außenſeite erweckt hatte. Das wenige rohe Hausgeraͤthe in des Klausners Woh⸗ nung war zerbrochen und lag zerſtreut auf dem Boden, wo man mit einigen Truͤmmern ein Feuer gemacht zu haben ſchien, um das Uebrige, und zumahl ein altes Bildniß des heiligen Cuthbert in biſchoͤflichem Gewande, zu zerſtoͤren, welches mit der Art zerſplittert und halb verſengt auf dem Herde lag. In dem kleinen Gemache, das zur Kapelle diente, war der Altar zertruͤmmert und die vier maͤchtigen Steine, die ihn einſt gebildet hatten, lagen umher auf dem Boden. Das große ſteinerne Kreuz in einer Niſche hinter dem Altare, das den frommen Beter anſah, der hier ſeine Andacht verrichtete, war gleichfalls niedergeriſſen und im Falle in drei Stuͤcke zerbrochen. Man ſah daran Spuren des Hammers, aber die maͤchtigen Truͤmmer hatten der gaͤnzlichen Zerſtoͤrung wider⸗ ſtanden, und trotz der erlittenen Beſchaͤdigungen, 150 ließ ſich leicht erkennen, was die lebereeſ vorge⸗ ſtellt hatten. Roland ſah mit Entſetzen die Entweihung des heiligſten Sinnbildes ſeines Glaubens. Es iſt das Zeichen unſrer Erloͤſung, ſprach er, das die Buben anzutaſten gewagt haben. O waͤr' ich ſtark genug, es wieder aufzurichten— ſtark genug, den Frevel zu verſoͤhnen! Er legte Hand an's Werk, und mit einer ploͤtzlichen, ihm ſelbſt faſt unerwarteten Kraftan⸗ ſtrengung, richtete er das untere Ende des Kreuz⸗ ſtammes wieder auf und brachte es auf den Stein, der zum Fußgeſtelle diente. Ermuntert durch dieſen gluͤcklichen Erfolg, hob er das andre Truͤm⸗ merſtuͤck auf, und zu ſeinem Erſtaunen war bald der untre Stamm wieder in dem Ausſchnitte beve⸗ ſtigt, woraus man ihn gehoben hatte. In dem Augenblicke, als dieß geſchah, ſprach hinter ihm eine wohl laute Stimme in wohl be⸗ kannten Toͤnen:„Wohl gethan, Du guter und getreuer Diener! So wollt' ich wiederfinden das Kind meiner Liebe, die Hoffnung meiner alten Augen.“ — 151 Roland wendete ſich erſtaunt um, und neben ihm ſtand Magdalena's hohe, gebietende Geſtalt. Sie war in ein fliegendes Gewand gehuͤllt, wie es Buͤßende in katholiſchen Laͤndern tragen, aber ſchwarz, und einem Pilgerkleide ſo aͤhnlich, als man es ohne Gefahr in einem Lande tragen durfte, wo der Verdacht katholiſcher Andachtuͤbungen oft gefaͤhrlich wurde. Roland warf ſich zu ihren Fuͤßen. Sie hob ihn auf, und umarmte ihn mit einer Zaͤrtlichkeit, die mit einem faſt finſtern Ernſte verſchmolzen war. Du haſt das Vogelein gut bewahrt in deiner Bruſt, ſprach ſie. Als Knabe und als Juͤnglg haſt Du veſt gehalten an deinem Glauben mitten unter Ketzern, Du haſt dein und mein Geheimniß 1 bewahret unter deinen Widerſachern. Ich weinte, als ich von Dir ſchied, ich, die ich ſelten weine, vergoß Thraͤnen, weniger deines Todes wegen, als wegen der Gefahr deiner Seele. 8 Ich wagte es nicht einmahl, Dich zu ſehen, um Dir das letzte Lebewohl zu ſagen, mein Kummer, mein aufſchwellender Kummer, haͤtte mich verrathen vor dieſen Ketzern. Aber Du biſt treu geweſen— 152 Nieder, nieder auf deine Kniee vor dieſem heiligen Zeichen, das boͤſe Menſchen beleidigen und laͤſtern, nieder und preiſe Heilige und Engel fuͤr die Gnade, ſo ſie Dir erwieſen, als ſie Dich bewahrten vor der Peſt des Ausſatzes, der an dem Hauſe klebt, wo Du erzogen worden. Wenn ich zuruͤck gekommen bin, Mutter 5 ich muß Euch immer ſo nennen— als Ihr es gewuͤnſcht habt, ſo verdankt Ihr's der Sorgfalt des frommen Pater Ambroſius, der durch ſeine Lehren euren fruͤhern Unterricht bekraͤftigte und mich unterwies, dem Glauben treu und doch ver⸗ ſchwiegen zu ſein. Er ſei geſegnet dafuͤr! erwiederte ſie— geſeg⸗ net in der Zelle und im Felde, auf der Kanzel und am Altare— die Heiligen moͤgen Segen auf ihn herab gießen! Sie ſind gerecht, und brauchen ſeine fromme Sorgfalt, dem Boͤſen entgegen zu arbeiten, das ſein verabſcheuter Bruder veruͤbt gegen Koͤnigreich und Kirche. Aber er weiß nichts von deiner Herkunft? 4 Ich konnt' ihm ja ſelber nichts davon ſagen, erwiederte Roland. Nur dunkel wußt' ich aus 2Q 15³3 euren Worten, daß Ritter Halbert mein Erbe in Haͤnden hat, und daß ich von ſo edlem Blute bin, als irgend ein Freiherr in Schottland. Das ſi ind Dinge, die ſich nicht vergeſſen laſſen, aber jetzt muß ich Euch bitten, mir mehr daruͤber zu ſagen. Wenn's an der Zeit iſt, ſollſt Du nicht ver⸗ gebens fragen. Aber man ſagt mir, Du biſt kuͤhn und unbeſonnen, und wer ein ſolch Gemuͤth hat, dem muß man nicht leicht vertrauen, was ihn heftig bewegen wird⸗ Mutter, ſagt⸗ lieber„ich bin geduldig und kaltbluͤtig. Koͤnnt Ihr nicht alle Geduld oder Ergebung von Jemand erwarten, der Jahre lang ſeinen Glauben verſpotten und beſchimpfen hoͤrte, und doch nicht ſeinen Dolch dem Laͤſterer in die Bruſt ſtieß? Gib Dich zufrieden, mein Sohn! Die Zeit, die dann und wann Geduld fodert, wird reifen zur Zeit der Anſtrengung und der That. Große Dinge ſtehen bevor, und Du— Du ſollſt auch helfen, ſie herbei zu fuͤhren. Du haſt den Dienſt der Edelfrau von Avenel verlaſſen? 8 Entlaſſen hat man mich, Mutter! Verab⸗ / ſchiedet hat man mich, als waͤr' ich der Geringſte unter dem Geſinee. Es iſt ſo beſſer, mein Sohn, hob die Alte wieder an. Deine Seele wird deſto mehr abge⸗ haͤrtet ſein, zu unternehmen, was nun gethan werden muß. Laßt es nur nichts gegen die Edelfrau von Avenel ſein, wie's eure Blicke und eure Worte anzudeuten ſcheinen. Ich habe ihr Brod gegeſſen, ich habe ihr Wohlwollen empfunden, ich will ſie weder kraͤnken, noch verrathen. Davon kuͤnftig, mein Sohn, aber das mußt Du wiſſen, es iſt nicht deine Sache, uͤber deine Pflicht zu unterhandeln, und zu ſagen: Dieß will ich thun und jenes will ich ungethan laſſen. Nein, Roland, Gott und Menſchen werden die Bosheit dieſes Geſchlechts nicht laͤnger ertragen. Siehſt Du dieſe Truͤmmer? Weißt Du, was ſie bedeu⸗ ten? Und Du kannſt denken, es ſtehe Dir zu, Unterſcheidungen zu machen unter einem, von Gott ſo verfluchten Geſchlechte, daß ſie verlaͤugnen, verletzen, entweihen und zerſtoͤren alles, was wir glauben, und alles, was wir verehren ſollen? — — 155 Als ſie ſprach, beugte ſie ihr Haupt zu dem zerbrochenen Heiligenbilde, und in ihren Zuͤgen waren lebhafte Empfindlichkeit und Eifer mit ſchwaͤrmeriſcher Andacht verſchmolzen. Sie erhob ihre Linke, als haͤtte ſie ein Geluͤbde ablegen wollen, und fuhr fort:„Gib Zeugniß fuͤr mich, o Heiliger, in deſſen entweihtem Tempel wir nun ſtehen, daß ich nie, da nicht aus eigner Rachſucht mein Haß dieſe Menſchen verfolgt, auch aus Gunſt, oder irdiſcher Neigung gegen Einen von ihnen, meine „Hand vom Pfluge ziehen will, wenn er aͤber den verfluchten Boden geht. Gib Zeugniß, o Heiliger! der Du einſt ſelbſt unſtet und fluͤchtig wareſt, wie wir jetzt— gib Zeugniß, Mutter der Barmher⸗ zigkeit, Koͤniginn der Himmel! Gebt Zeugniß, Ihr Heiligen und Ihr Engel!“ In dieſer hochbegeiſterten Stimmung ſtand ſie, hinauf blickend durch das zerbrochene Gewoͤlbe zu den Sternen, die nun aus der matten Daͤmme⸗ rung hervor zu blicken begannen, waͤhrend ihre langen grauen Locken, die von den Schuldern herab hingen, von dem Abendwinde bewegt wurden, welcher durch die offenen Truͤmmer wehte. 156 Roland war durch fruͤhere Gewohnheiten, wie durch den geheimnißvollen Inhalt der Worte ſeiner Großmutter, zu ſehr in eine ehrfurchtvolle Stim⸗ mung geſetzt, als daß er naͤhere Erlaͤuterung uͤber die dunkel angedeutete Abſicht der Alten haͤtte ver⸗ langen koͤnnen. Sie drang auch ſelber nicht weiter in ihn, und als ſie nach ihrem Gebete die Haͤnde feierlich gefaltet und mit dem Zeichen des Kreuzes ſich bezeichnet hatte, wendete ſie ſich wieder zu ihrem Enkel mit einem Tone, der fuͤr die ge⸗ woͤhnlichen Lebensangelegenheiten paſſender war: „Du mußt weg von hier, Roland, aber erſt morgen. Und wie ſoll's mit deinem Nachtlager werden? Du biſt weichlicher aufgewachſen, ſeit wir unter den nebeligen Huͤgeln von Cumberland und Liddesdale mit einander lebten.“ Ich habe wenigſtens die Gewohnheiten behal⸗ ten, die ich zu jener Zeit lernte, ich kann ein hartes Lager ohne Beſchwerde ertragen. Seit wir getrennt ſind, habe ich mit Jagd, Fiſchen und Vogelfang mich unterhalten, und bei jedem wird man gewohnt, unter ſchlimmerem Obdache zu . . 157 ſchlafen, als frevelnde Haͤnde uns hier uͤbrig gelaſſen haben. Als frevelnde Haͤnde uns hier uͤbrig gelaſſen haben! wiederhohlte die Alte, und ſetzte nach einer Pauſe hinzu: Sehr wahr, mein Sohn, und Gottes getreue Kinder haben jetzt ein ſchlimmeres Obdach, wenn ſie in Gottes eigenem Hauſe und in dem Eigenthume ſeiner geſegneten Heiligen woh⸗ nen. Wie werden hier im Kuͤhlen ſchlafen, bei dem Nachtwinde, der durch die Oeffnungen pfeift, welche die Ketzer machten. Sie, die alſo gethan haben, werden waͤrmer liegen, ja das werden ſie, und in einer langen Zukunft. Die Alte ſchien, trotz ihrer wilden, ſeltſamen Reden, noch immer gegen Roland in hohem Grade jene zaͤrtliche unverdroſſene Zuneigung zu hegen, welche Frauen ihren Pfleglingen, und den ihrer Sorgfalt uͤbergebenen Kindern widmen. Alles, was in fruͤhern Zeiten ihre aufmerkſame Theilnahme fuͤr ihn zu thun gewohnt geweſen war, ſchien ſie auch jetzt nicht ſeiner eigenen Thaͤtigkeit uͤberlaſſen zu wollen, als haͤtte, nach ihrer Meinung, der ſchlanke Juͤngling, der vor ihr ſtand, ihrer ſorgenden Auf⸗ 158— merkſamkeit noch eben ſo ſehr bedurft, als einſt das verwaiſete Kind, das ihrer zaͤrtlichen Pflege alles verdankt hatte. Und was haſt Du nun zu eſſen? ſprach ſie, als beide die Kapelle verließen und in des Moͤnchs veroͤdete Wohnung gingen. Kannſt Du auch ein Feuer anmachen, gegen die rauhe, unfreundliche Luft Dich zu ſchuͤtzen? Armer Junge! Du haſt Dich ſchlecht verſorgt fuͤr eine lange Reiſe, und weißt Dir auch wohl nicht durch Klugheit zu helfen, wenn die Mittel kaͤrglich ſind. Aber die heilige Jungfrau hat Dir eine Gefaͤhrtinn gegeben, die mit Mangel in allen Geſtalten ſo bekannt iſt, als ſie es einſt mit Ueberfluß und Glanz war. Und mit dem Mangel, Roland, kommen die Künſte⸗ die er erfindet. Miit einer eifrigen und dienſtfertigen Emſig⸗ keit, die gegen den Ton der ſchwaͤrmeriſchen An⸗ dacht, den ſie vorher hatte hoͤren laſſen, ſeltſam abſtach, machte ſie ihre haͤuslichen Einrichtungen fuͤr den Abend. Aus einer Taſche, die unter ihrem Gewande verborgen war, hohlte ſie Feuer⸗ ſtein und Stahl hervor, und ſie fand, obgleich ——.—-— —— 159 ihre Gewiſſenhaftigkeit keinen Splitter des Heili⸗ genbildes beruͤhrte, doch genug Truͤmmer der Art, daß bald ein munteres Feuer auf dem Herde der verlaſſenen Klauſe loderte. Und nun, ſprach ſie, die noͤthige Nahrung. Denkt nicht daran, Mutter, wenn Ihr an⸗ ders nicht ſelber hungrig ſeid. Fuͤr mich bedeu⸗ tet's nichts, eine Nacht zu faſten, und es iſt eine kleine Buße fuͤr die nothwendige Uebertretung der Geſetze unſrer Kirche, wozu ich waͤhrend meines Aufenthaltes im Schloſſe gezwungen war. Ich ſelber hungrig? erwiederte die Alte. Wiſſe, mein Sohn, eine Mutter fuͤhlt nicht eher Hunger, bis ihr Kind befriedigt iſt. Roland— ſetzte ſie hinzu, und ihre Zaͤrtlichkeit verleitete ſie zu einem Widerſpruche, der ihrem gewoͤhnlichen Venehmen ganz fremd war— Du mußt nicht faſten; Dir iſt's erlaſſen; Du biſt jung, und der Jugend ſind Nahrung und Schlaf Beduͤrfniſſe, die ſie nicht entbehren kann. Spare deine Kraft, mein Sohn, deine Koͤniginn, dein Glaube, dein Vaterland brauchen ſie. Laß das Alter durch Faſten und Nachtwachen einen Leib ausmergeln, der nur 160— zum Leiden taugt; aber laß die Jugend in dieſen unruhigen Zeiten die Glieder und die Staͤrke naͤhren, welche das Handeln fodert. Waͤhrend ſie ſo ſprach, lieferte die Taſche, die das Feuerzeug gegeben hatte, auch noch ein Abend⸗ brod. Sie ſelber beruͤhrte es kaum, und mit eifriger Sorgfalt auf ihren Pflegling blickend, ſchien ſie uͤber jeden Biſſen ſich zu freuen, den er mit einer jugendlichen Eßluſt verſchlang, welche durch lange Enthaltſamkeit ungewoͤhnlich erhoͤht war. Roland folgte willig ihren Aufmunterungen, als ſie ihm ihre Erfriſchungen vorſetzte, aber ſie ſchuͤttelte den Kopf, bei ſeinen Einladungen, an dem Mahle auch Theil zu nehmen, und als er dringender wurde, ſprach ſie ihre Weigerung in hoͤherm Tone aus:„Junger Menſch, Du weißt nicht, mit wem, oder wovon Du redeſt. Die⸗ jenigen, welchen der Himmel ſeine Abſichten er⸗ klaͤrt, muͤſſen ſolche Mittheilung durch Abtoͤdtung ihrer Sinne verdienen. Es iſt in ihrem Innern Etwas, das den Ueberfluß irdiſcher Nahrung nicht verlangt, deſſen diejenigen beduͤrfen, die keine Erſcheinungen haben. Fuͤr ſie iſt eine Nachtwache, 7 — —— —— —-ꝛðõͦ-— ————— —— 161 im Gebete, wie ein erquickender Schlummer, und das Bewußtſein, den Willen des Himmels zu vollziehen, iſt ein koͤſtlicheres Gaſtmahl, als ihnen die Tafeln der Koͤnige darbieten koͤnnen. Du aber ſchlafe ſanft, mein Sohn! fuhr ſie fort, aus dem Tone der Schwaͤrmerei in den Ton muͤtterlicher Zuneigung und Zaͤrtlichkeit fallend: Schlafe Du geſund, ſo lang' dein Leben noch jung iſt, und die Sorgen des Tages im naͤchtlichen Schlummer begraben werden koͤnnen. Verſchieden iſt deine Pflicht von der meinigen, ſo verſchieden, als die ittel, wodurch wir uns zu ihrer Erfuͤllung befeͤ⸗ higen und ſtaͤrken muͤſſen. Von Dir wird Staͤrke des Leibes gefodert, von mir Staͤrke der Seele.“ Bei dieſen Worten bereitete ſie ſchnell und ge⸗ ſchickt ein Lager, wozu ſie zum Theil die duͤrren Blaͤtter nahm, die fruͤher dem frommen Einſiedler und den Fremden, die zuweilen ſeine Gaſtfreund⸗ ſchaft genoſſen, zum Ruhebette gedient hatten, und, von den Zerſtoͤrern vergeſſen, unberuͤhrt im Winkel ſich fanden. Ihre Sorgfalt fuͤgte einige Kleidungſtuͤcke hinzu, die zerriſſen auf dem Boden umher lagen, aber ihr frommer Eifer ſuchte vorher Tbeil I. 11 162— alle diejenigen heraus, bie zu dem prieſterlichen Anzuge gehoͤrt zu haben ſchienen, legte ſie auf die Seite, als zu heilig fuͤr gewoͤhnlichen Gebrauch, und machte von den uͤbrigen ein Lager, das fuͤr einen Muͤden einladend genug war. Waͤhrend der Arbeit verwarf ſie, ſelbſt mit Heftigkeit, jeden Verſuch des Juͤnglings, ihr Beiſtand zu leiſten, und ſeine wiederhohlten Bitten, daß ſie die Ruhe⸗ ſtaͤtte für ſich ſelber behalten moͤge.„Schlaf Du, ſprach ſie, ſchlafe, Roland Graͤme— verfolgtes, euterbtes Waiſenkind— Sohn einer ungluͤcklichen Mutter— ſchlafe Dul Ich bete neben Diin der Kapelle.“ Ihr Benehmen war zu Chwiineäi ernſt, zu eigenſinnig ſtandhaft, als daß Roland laͤnger mit ihr haͤtte ſtreiten moͤgen. Nicht aber ohne Beſchaͤmung gab er nach. Die Alte ſchien ver⸗ geſſen zu haben, daß ſeit ihrem letzten Beiſammen⸗ leben eine lange Reihe von Jahren verfloſſen war, und von dem erwachſenen, durch Nachſicht ver⸗ woͤhnten und eigenwilligen Juͤnglinge, den ſie wiedergefunden, den leidenden Gehorſam des Kin⸗ des zu erwarten, das ſie im Schloſſe Avenel zu⸗ —— 163 3 rück gelaſſen hatte. Dieß mußte den Stolz kraͤn⸗ ken, der ihrem Enkel eigen war. Er gehorchte zwar, zur Unterwuͤrfigkeit geſchreckt durch dieſe ploͤtzliche Ruͤckkehr alter Zucht und durch die Re⸗ gungen von Zuneigung und Dankbarkeit, aber Sansa drüct ihn das Soch Hab' ich Falken und Jagdhunde verlaſſen, ſprach er, daß ich von ihrem Willen mich ſoll lenken laſſen, als waͤr' ich noch ein Kind? Ich, dem ſelbſt neidiſche Geſpieten die Ueberlegenheit in Glen turpetlichen uebengin Aieehmten, die ſi ſ e wie von ſelbſt eigen wurden, als waͤre die Kennt⸗ niß derſelben mein Geburtsrecht geweſen. Das barf nicht ſo ſein, das muß nicht fein. Ich wil nicht zu einem Vogelfalken abgerichtet werden, der mit der Haube auf einer Weiberfauſt ſitzt, und ſeinen Raub nicht anders ſieht, als wann man ihn zum Wurf abhaubet. Ich will ihre Abſicht kennen, ehe ſie mir anſinnet, ihr dabei zu helfen. Dieſe und andre Gedanken flogen dr Roland's Seele und ſo muͤde er von den Be⸗ ſchwerden des Tages war, es dauerte doch lange, ehe der Schlaf ſeine Augen ſchloß. VIII. Die rriſche Morgenluft und die Strahlen der aufgehenden Sonne erweckten den jungen Schläͤfer. Ueberraſchung war ſein erſtes Gefuͤhl, als er nicht durch das Fenſter ſeines ehemahligen Thurmge⸗ maches auf den See von Avenel ſah, ſondern durch eine unvergitterte Oeffnung in den verwuͤſteten Garten des vertriebenen Klausners blickte. Auf ſeinem Laublager ſich erhebend, ordnete er, nicht ohne Erſtaunen, in ſeinem Gedaͤchtniſſe die ſonder⸗ baren Ereigniſſe des vorigen Tages, die ihm, je mehr er ſie betrachtete, deſto auffallender erſchienen. Er hatte die Beſchuͤtzerinn ſeiner Jugend verloren und am ſelbigen Tage die Pflegerinn ſeiner Kind⸗ heit wieder gefunden. Der erſte Verluſt mußte, er fuͤhlte es, unvergaͤnglich ſchmerzen, und es ſchien, als ob das Wiederſehen ſeiner Großmutter ihm nicht eine ungemiſchte Freude gewaͤhren koͤnne. Erinnerte er ſich doch, daß dieſe Frau, die Mutter⸗ — ⏑—⏑——ᷣ——Q⏑—⏑———— — 165 ſtelle bei ihm vertreten hatte, eben ſo zaͤrtlich in ihrer Sorgfalt, als willkuhrlich in der Ausuͤbung ihrer Gewalt war. Mit ſeinen fruͤheſten Erinne⸗ rungen an ſie war eine ſeltſame Miſchung von Liebe und Furcht verbunden, und die Beſorgniß, daß ſie wieder auf die alte unbedingte Leitung ſeiner Bewegungen Anſpruch machen werde, eine Be⸗ ſorgniß, die ihr geſtriges Betragen eben nicht zer⸗ ſtreute, ſtoͤrte nicht wenig die Freude des Wieder⸗ ſehens. Es kann nicht ihre Meinung ſein, ſprach der erwachende Stolz, mich fuͤhren und leiten zu wollen, wie einen Zoͤgling, da ich alt genug bin, ſelber uͤber meine Handlungen urtheilen zu koͤnnen. Sie kann dieß nicht meinen, und wenn ſie's meint⸗ wird ſie ſich ſehr getaͤuſcht ſehen. Seine dankbare Geſinnung gegen die Frau, wider welche ſein Herz ſich alſo empoͤrte, hemmte die erwachenden Regungen. Er widerſtand den Ge⸗ danken, die unwillkuͤhrlich in ſeinem Gemuͤthe auf⸗ ſtiegen, wie er einer Anreizung des boͤſen Feindes widerſtanden haben wuͤrde, und um ſich in dieſem Kampfe zu ſtaͤrken, griff er nach ſeinem Roſen⸗ kranze. Er fand, daß er ihn bei ſeiner eiligen Abreiſe vom Schloſſe Avenel vergeſſen und zuruͤck gelaſſen hatte. Das iſt noch ſchlimmer, ſprach er zu ſich ſelbſt. Zwei Dinge hat ſie mir unter der ernſtlichen Er⸗ mahnung zur Geheimhaltung empfohlen, meinen Roſenkranz zu beten und es doch zu verheimlichen. Ich habe bis jetzt Wort gehalten, und wenn ſie nach meinem Roſenkranze fragt, muß ich ſagen, daß ich ihn vergeſſen habe. Verdiene ich, daß ſie mir traut, wenn ich verſichere, meinen Glauben geheim gehalten zu haben, da ich ſein Sinnbild ſo gering geachtet?— Unruhig ging er auf und nieder. Die Anhaͤng⸗ lichkeit an ſeinen Glauben war bei ihm freilich von einer ganz andern Art, als bei der ſchwaͤrmeriſchen Alten, aber dennoch waͤre es ſein letzter Gedanke geweſen, ſie aufzugeben. Die Ermahnungen ſeiner Großmutter hatten ſich tief einer Seele und einem Gedaͤchtniſſe eingepraͤgt, die jeden Eindruck veſt hielten. Das Kind war, trotz ſeines zarten Alters, ſtolz auf das Vertrauen zu ſeiner Verſchwiegenheit, und entſchloſſen, zu beweiſen, daß man ihm nicht —— 167 unbedachtſam vertraut hatte. Der kindliche Ent⸗ ſchluß wuͤrde aber wohl durch die Wirkung der Vorſchrift und des Beiſpieles nach und nach ermat⸗ tet ſein, wenn nicht die Ermahnungen des Paters Ambroſius ihn geſtaͤrkt haͤtten. Dem eifrigen Moͤnche war durch einen nahmenloſen Brief, den ein Pilger gebracht, berichtet worden, es befinde ſich ein, im katholiſchen Glauben erzogenes Kind im Schloſſe Avenel in einer ſo gefahrvollen Lage, als je die drei Knaben, die man in den feurigen Ofen der Verfolgung geworfen. Der Brief warf auf Pater Ambroſius die Schuld, wenn das ein⸗ ſame Lamm, das man widerwillig in der Woh⸗ nung des raͤuberiſchen Wolfes gelaſſen, endlich eine Beute des Unthiers werden ſollte. Es be⸗ durfte fuͤr den Moͤnch keiner weitern Ermahnung, als des Gedankens, daß eine Seele gefaͤhrdet ſei, daß ein Katholik zum Abfalle verleitet werden koͤnne, und er machte haͤufiger, als gewoͤhnlich, Beſuche im Schloſſe, damit nicht, durch Mangel an heimlicher Aufmunterung und Belehrung, wozu er immer Gelegenheit zu finden wußte, die Kirche einen Neubekehrten verlieren, und, nach dem 168 katholiſchen Glauben, der Teufel eine Seele ge⸗ winnen moͤge. Dieſe Unterredungen waren jedoch ſelten, und obgleich ſie den Knaben ermunterten, ſein Ge⸗ heimniß zu bewahren und an ſeinem Glauben veſt zu halten, ſo waren ſie doch weder haͤufig, noch lange genug, ihm irgend eine andre Geſinnung einzufloͤßen, als blinde Befolgung der Gebraͤuche, die der Prieſter empfahl. Er hing an den Aeußer⸗ lichkeiten ſeines Glaubens mehr, weil er fuͤhlte, es wuͤrde ſchimpflich ſein, vom Glauben ſeiner Vaͤter abzufallen, als weil er den geheimnißvollen Lehren deſſelben aus Gruͤnden und aufrichtig ange⸗ hangen haͤtte. Dieſe Anhaͤnglichkeit war, nach ſeiner Meinung, Etwas, das ihn vor den Men⸗ ſchen, mit welchen er lebte, beſonders auszeich⸗ nete, und ihm einen geheimen Grund mehr gad, diejenigen Hausgenoſſen zu verachten, die ihm eine unverhohlene Abneigung zeigten, und ſich gegen die Belehrungen des Schloßgeiſtlichen zu verhaͤrten.„Der ſchwaͤrmeriſche Prediger— dachte er oft, wenn Warden gegen die roͤmiſche Kirche ſprach— laͤßt ſich's nicht traͤumen, welche — 169 Ohren ſeine unheiligen Lehren vernehmen, und wie ſie mit Verachtung und Abſcheu ſeine Laͤſte⸗ rungen gegen den heiligen Glauben hoͤren, durch welchen Koͤnige ihre Kronen empfingen und fuͤr welchen Maͤrterer ſtarben.“ Mit dieſen ſtolzen Regungen aber des Trotzes gegen die Ketzerei und ihre Anhaͤnger, der den katholiſchen Glauben mit edler Unabhaͤngigkeit, und die proteſtantiſche Lehre mit der Abhaͤngigkeit des Gemuͤthes von Warden’'s unterjochender Lei⸗ tung verbunden ſah, begann und endigte der Glaube des Juͤnglings, und uͤber den Stolz auf ſolche Abſonderung hinaus, bekuͤmmerte er ſich nicht weiter darum, die Eigenheiten der Lehren, die er bekannte, zu verſtehen, und hatte auch Niemand, der ſie ihm haͤtte erklaͤren koͤnnen. Sein Kummer uͤber den Verluſt des Roſenkranzes, den er aus der Hand des Paters Ambroſius em⸗ pfangen hatte, war daher mehr die Scham eines Kriegers, der ſeine Kokarde, oder das Dienſt⸗ zeichen verloren, als der Schmerz eines Frommen, der das Zeichen ſeines Glaubens vergeſſen hatte. Der Gedanke daran bekuͤmmerte ihn deſto — 170 tiefer, da ihn die Beſorgniß beunruhigte, daß ſeine Nachlaͤſſigkeit auch ſeiner Großmutter bekannt werden mußte. Er ahnete, daß Niemand, als ſie, dem Moͤnche heimlich jenen Roſenkranz fuͤr ihn zugeſchickt hatte, und daß er durch ſeine Sorg⸗ loſigkeit ihre Gute ſchlecht vergolten.„Sie wird mich gewiß daruͤber fragen, ſprach er zu ſich ſelber: denn ihren Eifer kann das Alter nicht daͤmpfen, und wenn ſie noch iſt, wie ſonſt, muß meine Antwort ſie erbittern.“ Als er mit dieſen Gedanken ſich beſchaͤftigte, trat Magdalena herein.„Gottes Segen komme auf dein junges Haupt in dieſer Morgenſtunde! ſprach ſie mit einem feierlichen Ausdrucke, der Rolands Herz ergriff, ſo traurig und ernſt klang der Segen in einem Tone, worin Andacht mit Zaͤrtlichkeit verſchmolzen war. Und ſo fruͤh biſt Du aufgeſtanden von deinem Lager, den erſten Morgenhauch zu athmen? Das iſt nicht gut, lieber Roland. Genieße den Schlummer, ſo lange Du kannſt; denn die Zeit iſt nicht fern, wo dein Auge wachen muß, wie das meine.“ Sie ſprach dieſe Worte mit einem zaͤrtlichen 171 und bekuͤmmerten Tone, welcher verrieth, daß, ungeachtet andaͤchtige Regungen gewöhnlich ihr Gemuͤth beſchaͤftigten, doch der Gedanke an ihren Pflegling ſie mit den Banden menſchlicher Zunei⸗ gung und Leidenſchaft an die Erde knuͤpfte. Nicht lange aber blieb ſie in einem Tone, den ſie wahr⸗ ſcheinlich als einen augenblicklichen Abfall von ihrem eingebildeten hohen Berufe betrachtete. „Komm, junger Mann!“ ſprach ſie.„Auf und handle! Es iſt Zeit, daß wir dieſen Ort verlaſſen.“ Und wohin denn geht unſer Weg? fragte Roland. Was iſt die Abſicht eurer Reiſe? Die Alte trat einen Schritt zuruͤck und ſah ihn mit einer Ueberraſchung an, die ſichtbar mit Mißfallen verſchmolzen war.„Wozu dieſe Frage? ſprach ſie. Iſt's nicht genug, daß ich den Weg Dir zeige? Haſt Du unter den Ketzern gelernt, die Eitelkeit deines eigenen Urtheils an die Stelle gebuͤhrender Ehre und ſchutdigen Gehorſams zu ſetzen? 3 Die Zeit iſt ſchon gekommen, dacht Roland, wo ich meine Freiheit veſt ſetzen muſt, wenn ich 172 nicht fuͤr immer ein williger Sklave ſein will. Ich fuͤhle, ich muß bald dafuͤr ſorgen. Sie rechtfertigte ſogleich ſeine Ahnung, als ſie auf den Gegenſtand zuruͤck kam, der ihre Ge⸗ danken unablaͤſſig zu beſchaͤftigen ſchien, wiewohl, wenn es ihr beliebte, niemand ſo gut den Glauben verhehlen konnte.„Nun, mein Sohn“ hob ſie wieder an,„haſt Du ſchon deinen Roſenkranz gebetet?“ Rolands's Wangen gluͤhten. Er fuͤhlte, daß der Sturm nahte, aber er verſchmaͤhte es, ihn durch eine Luͤge abzuwenden.„Ich habe meinen Roſenkranz im Schloſſe Avenel vergeſſen““ ſprach er. Vergeſſen— deinen Roſenkranz rief ſie aus. Untreu deinem Glauben und deiner natuͤrlichen Pflicht, haſt Du verloren, was Dir aus ſo weiter Ferne und unter ſo vielen Gefahren geſandt wurde, ein Zeichen der aufrichtigſten Zuneigung, wovon Dir jedes Kuͤgelchen ſo lieb haͤtte ſein ſollen, als dein Augapfel? Es thut mir wehe, daß es ſo geſchehen iſt, Mutter, ſprach Roland. Das Zeichen war mir lieb, weil's von Euch gekommen; im Uebrigen 8 3 — 773 aber denk' ich Gold genug zu erwerben, wenn ich nur erſt meinen Weg in der Welt mache, und bis dahin muß ein Roſenkranz von ſchwarzem Eichen⸗ holz oder auch von Nuͤſſen, die Stelle vertreten. Hoͤrt nur! ſprach die Alte, ſo jung er iſt, er hat doch ſchon Lehren in des Teufels Schule gelernt. Der Roſenkranz, den der heilige Pater ſelber geweiht und durch ſeinen Segen geheiligt hatte, iſt ihm nichts, als ein Paar Goldkuͤgel⸗ chen, deren Werth durch den Lohn ſeiner unhei⸗ ligen Arbeit erſtattet werden koͤnnte, und deſſen Tugenden ſich durch eine Schnur von Haſelnuͤſſen erſetzen ließen! Das iſt Ketzerei. Von Heinrich Warden, von dem Wolf, der die Heerde des Hirten pluͤndert, haſt Du ſo ſprechen und denken gelernt. Mutter! ſprach Roland, ich bin nicht ein Ketzer. Ich glaube und bete, nach den Vorſchrif⸗ ten unſerer Kirche. Ich bedaure dieſes Unglüͤck, aber ich kann's nich aͤndern. Aber bereuen kannſt Du's, erwiederte ſeine Gewiſſensraͤthinn: bereuen in Staub und Aſche; es verſoͤhnen durch Faſten, Gebet, und Buße, 174—— ſtatt mich anzuſehn mit einer ſo leichtſinnigen Miene, als haͤtteſt Du nur einen Knopf von deiner Muͤtze verloren. Beruhigt Euch, Mutter! ſprach Roland. Ich will mein Vergehen in der naͤchſten Beichte bekennen, und jede Buße uͤben, die der Prieſter mir dafuͤr auflegen wird. Fuͤr die ſchwerſte Suͤnde kann ich ja nicht mehr thun. Aber, Mutter, ſetzte er nach einer Pauſe hinzu, zeigt mir nicht wieder euer Mißfallen, wenn ich noch einmahl frage, wohin unſer Weg geht, und was der Zweck unſrer Reiſe iſt. Ich bin nicht mehr ein ne aber ein Mann und kann uͤber mich ſelbſt entſcheiden, da ich Flaum an Kinn habe, und ein Schwert an der Seite. Ich gehe mit Euch bis an's Ende der Welt, Euch zu Gefallen, aber ich bin's mir ſelber ſchuldig, nach dem Zwecke und Ziel unſrer Reiſe zu fragen. Dir ſelber biſt Du's ſchuldig, Undankbarer? ſprach die Großmutter, und die Leidenſchaft brachte eine Glut auf ihre Wangen, die das Alter ſchon lange aus ihren Zuͤgen verwiſcht hatte. Dir ſelber biſt Du nichts ſchuldig, kannſt Du nichts ſchuldig 17⁵ ſein; mir biſt Du alles ſchuldig, dein Leben, als Du ein Kind warſt, deinen Unterhalt in deiner zarten Jugend; die Mittel zum Unterrichte und die Hoffnung auf Ehre, und ehe Du die edle Sache verlaſſen ſollteſt, der ich Dich geweiht habe, wollte ich Dich lieber als Leiche zu meinen Fuͤßen liegen ſehen. Roland ward unruhig, als er ſie mit einer Bewegung ſprechen hoͤrte, die zu heftig fuͤr ihre Alterſchwaͤche zu ſein ſchien, und er antwortete ſchnell:„Ich vergeſſe nichts, was ich Euch ſchul⸗ dig bin, meine theuerſte Mutter. Sagt mir, wie ich Euch mit meinem Blute meine Dankbar⸗ keit bezeigen kann, und Ihr follt ſehen, ob ich's ſchone. Aber blinder Gehorſam iſt eben ſo wenig verdienſtlich, als vernuͤnftig.“ 3 Ihr Heiligen und Ihr Engel! erwiederle Magdalena. Und ſolche Worte hoͤr' ich von dem Kinde meiner Hoffnungen, von dem Pflegling, an deſſen Bett ich gekniet und fuͤr deſſen Wohl ich jeden Heiligen im Himmel mit Gebeten ermuͤ⸗ det habe? Roland, nur durch Gehorſam kannſt Du deine Lieb' und deine Dankbarkeit beweiſen. 176 Was wuͤrd' es helfen, waͤhlteſt Du vielleicht den Weg, den ich Dir vorzeige, wenn Dir aules genuͦ⸗ gend erklaͤrt waͤre? Du wuͤrdeſt dann nicht meinem Befehle, ſondern deinem eigenen Urtheile folgen, wuͤrdeſt nicht den Willen des Himmels vollbrin⸗ gen, den deine beßte Freundinn, der Du alles verdankſt, Dir mittheilt, wuͤrdeſt nur den blin⸗ Vorſchriften deiner eigenen unvollkommenen Ver⸗ nunft folgen. Hoͤre mich, Roland! es ruft Dich— es heiſcht Dich— es fodert Dich ein Loos, das herrlichſte, ſo einem Manne zu Theil werden kann, und es braucht die Stimme deiner alteſten, deiner beßten, deiner einzigen Freundinn. Willſt Du ihr widerſtehen? Dann gehe deines Weges— verlaß mich hier, und meine Hoffnungen auf Erden ſind dahin und verwelkt; ich will nieder⸗ knien dort vor dem entweihten Altare, und wenn die wuͤthenden Kezer zuruͤck kehren, ſollen ſie ihn faͤrben mit dem Blute einer Maͤrterinn. Theuerſte Mutter! ſprach Roland, deſſen fruͤ⸗ heſte Erinnerungen an ihre Heftigkeit durch jene wilden Ausdruͤcke unbaͤndiger Leidenſchaft furchtbar erweckt wurden: ich will ja bei Euch bleiben— 1727 nicht um die ganze Welt ging' ich von eurer Seite— ich will Euch beſchuͤtzen, Euch vertheidigen— ich will mit Euch leben und fuͤr Euch ſterben. Ein Wort, mein Sohn, waͤre mehr werth, als alles dieß— ſage nur: Ich will Euch gehorchen. Gewiß, will ich's, Mutter, ja ich will's und von ganzem Herzen, aber— Nein, ich nehme kein bedingtes Verſprechen an, fiel Magdalena ein. Ich fodre unbeſchraͤnk⸗ ten Gehorſam, und Segen uͤber Dich, Du theures Andenken an mein geliebtes Kind, wenn Du ſtark genug biſt, ein Verſprechen zu geben, das dem Menſchenſtolz ſo ſchwer wird. Sei des veſten Glaubens, Du haſt in dem Unternehmen, wozu Du Dich bereiteſt, die Maͤchtigen und die Tapfern zu Gefaͤhrten, die Gewalt der Kirche und die Blume des Adels. Glauͤcklich oder ungluͤcklich, lebend oder todt, dein Nahme wird unter Jenen bleiben, fuͤr welche Gelingen oder Mißgeſchick gleich ruhmvoll, Tod oder Leben gleich erwuͤnſcht iſt. Vorwaͤrts denn, vorwaͤrts! Kurz iſt das Leben und muͤhevoll unſer Werk. Engel und Cheil I. 12 178 Heilige und alle himmliſchen Heerſchaaren haben ihre Blicke eben jetzt gerichtet auf dieſes oͤde, vom Mehlthau verderbte Schottland— Was ſag' ich, auf Schottland! nein, auf uns ruhet ihr Auge, auf dem ſchwachen Weibe und auf dem unerfah⸗ renen Juͤnglinge, die unter den Truͤmmern, worein Kirchenraͤuber dieſen heiligen Ort verwandelt haben, ſich der Sache Gottes, der Sache ihrer rechtmaͤßi⸗ 1 gen Koͤniginn weihen. Amen! ſo ſei's. Die geſegneten Blicke der Heiligen und der Maͤrterer, die unſern Entſchluß ſehen, ſollen auch die Voll⸗ ziehung erblicken, oder ihre Ohren, die unſer Geluͤbde vernehmen, ſollen unſern Todesſeufzer hoͤren, wenn wir fallen in der heiligen Sache. Bei dieſen Worten hielt ſie den Juͤngling mit der einen Hand, waͤhrend ſie mit der andern him⸗ melwaͤrts deutete, als haͤtte ſie es ihm unmoͤglich machen wollen, dem Gebete zu widerſprechen, woran er auf dieſe Weiſe Theil nehmen mußte. Nach dieſer Anrufung des Himmes ließ ſie ihm nicht Zeit, noch laͤnger Unſchluͤſſigkeit zu zeigen, oder um Erklaͤrung uͤber ihre Abſicht zu fragen, und ſchnell zu der ſorglichen Aufmerkſamkeit einer — — — 179 bekuͤmmerten Mutter uͤbergehend, beſtuͤrmte ſie ihn mit Fragen uͤber ſeinen Aufenthalt im Schloſſe Avenel, und uͤber die Eigenſchaften und Vorzüge, welche er ſich erworben. 3 Das iſt gut, ſprach ſie, als ihre Erkundigung befriedigt war: mein Habicht iſt gut abgerichtet und wird ſich hoch ſchwingen, aber diejenigen, die ihn auferzogen haben, werden uͤber ſeinen Flug eben ſo beſorgt als verwundert ſein.. Nun zu unſerm Morgenbrode, ſetzte ſie hinzu, wenn's auch nur kärglich iſt. Nach einer kurzen Wan⸗ derung finden wir eine freundlichere Herberge. Nach dem Fruͤhſtuͤcke brachen ſie auf. Mag⸗ dalena ging voran mit veſteren, raſcheren Schrit⸗ ten, als ſich von ihrem Alter haͤtte erwarten laſſen. Roland folgte ihr gedankenvoll und bekuͤmmert, aber keinesweges zufrieden mit der Abhaͤngigkeit, wozu er noch einmahl gebracht zu ſein ſchien. „Soll ich immer, ſprach er zu ſich ſelber, den Trieb zur Unabhaͤngigkeit und zu freiem Handeln fuͤhlen, und doch immer durch Umſtaͤnde genoͤthigt werden, fremdem Willen zu folgen?“ IX. Die Reiſenden ſprachen unterwegs wenig mit einander. Magdalena ſang von Zeit zu Zeit mit leiſer Stimme eine der ſchoͤnen, alten lateiniſchen Hymnen, die zum katholiſchen Gottesdienſte ge⸗ hoͤren, murmelte ein Ave, oder Credo, und ging voran, in andaͤchtige Betrachtungen verloren. Ihres Enkels Gedanken waren mehr auf weltliche Gegenſtaͤnde gerichtet, und zuweilen, wenn Moor⸗ gefluͤgel aus dem Heidekraut aufflog und mit kuhn⸗ lich herausfoderndem Geſchrei uͤber das Sumpfland flatterte, dachte er an den luſtigen Adam Wood⸗ cock und ſeinen zuverlaͤſſigen Falken, oder wenn ſie durch ein Dickig kamen, wo niedrige Baͤume und Geſtraͤuch mit hohen Farnkraut, Heide und Gniſter verwachſen, ein dichtes Wildlager bildeten, traͤumte er von einem Rehbocke und einer Koppel munterer Windhunde. Oft aber wendete ſich ſein Gemuͤth zu ſeiner wohlthaͤtigen und guͤtigen Ge⸗ bieterinn zuruͤck, die er beleidigt hatte, ohne vor der Trennung irgend etwas gethan zu haben, ſie wieder mit ſich auszuſoͤhnen. Mein Schritt, — 8 — . — 181 dachte er, wuͤrde leichter ſein, und mein Herz auch, wenn ich haͤtte zuruͤck kehren koͤnnen, ſie nur einen Augenblick zu ſehen und ihr zu ſagen: Edle Frau, der Waiſenknabe war wild, aber nicht undankbar. In dieſer verſchiedenen Stimmung waren die beiden Reiſenden bis gegen Mittag gewandert, als ſie zu einem zerſtreut liegenden Doͤrfchen kamen, worin man, wie zu jener Zeit gewoͤhnlich in den Graͤnzdoͤrfern, ein paar hoch ragende Thuͤrme, zum Schutze gegen Raͤuberanfaͤlle fand. Ein Bach floß durch das Thal, laͤngs dem Dorf, an deſſen Ende ein einzelnes, ſehr verfallenes und veroͤdetes Haus ſtand, das aber fruͤher, wie es ſchien, an⸗ geſehenen Leuten zur Wohnung gedient hatte. Das Gebaͤude lag recht angenehm auf einer, von dem Bache umfloſſenen Landſpitze, wo einige hohe, breitlaubige Ahornbaͤume das finſtere Anſehn des Hauſes erheiterten. Es ſchien einſt von betraͤcht⸗ lichem Umfange geweſen, jetzt aber zu weit fuͤr ſeine Bewohner geworden zu ſein, denn es waren mehre Fenſter, beſonders im Erdgeſchoſſe, ver⸗ mauert, und andre leichter verrammelt. Der Hof 18² vor dem Eingange, einſt eine Art von Außenwerk, das in Truͤmmern lag, war gepflaſtert, aber jetzt mit großen Neſſeln, Diſteln und anderem Unkraute bewachſen. Selbſt wichtigere Gegenſtaͤnde waren ſo ſehr vernachlaͤſſigt, daß man auf große Traͤgheit, oder Armuth der Bewohner ſchließen mußte. Ein Stuͤck des Ufers, wo eine Ecke des verfallenen Gemaͤuers vorſprang, war unterwaſchen, und die zerbroͤckelten Truͤmmer waren in das Bett des Baches gefallen, der dadurch naͤher an den Fuß des Gebaͤudes gedraͤngt wurde, deſſen Grund die anſpuͤlenden Wellen immer mehr bedrohten. Roland blickte aufmerkſam auf das Gebaͤude, als ſie einem gekruͤmmten Pfade folgten.„Gehn wir zu jenem Hauſe, ſprach er zu ſeiner Groß⸗ mutter, ſo iſt's wohl nur fuͤr einen kurzen Beſuch. alles in den Bach ſtuͤrzen muͤßte.“ Du ſiehſt nur mit leiblichen Augen, erwie⸗ derte ſie. Gott wird ſein Eigenthum beſchuͤtzen, wenn's auch von Menſchen verlaſſen und verachtet iſt. Beſſer, auf dem Sande zu wohnen, unter Es ſieht aus, als ob, nach einigen Regentagen, 3 183 ſeinem Geſetze, als auf den Felſen menſchlicher Zuverſicht zu fliegen. Bei dieſen Worten traten ſie in den Vorhof des alten Gebaͤudes, und Roland bemerkte, daß die Vorderſeite deſſelben einſt viel mit Bildhauer⸗ arbeit verziert geweſen war, aus demſelben dunkel⸗ rothen Steine, woraus das Ganze beſtand. Alle dieſe Verzierungen lagen nun zertruͤmmert umher, und nur die zerſtreuten Ueberreſte von Blenden und Gebälken verriethen die Stellen, wo ſie einſt geweſen waren. Der Haupteingang war vermau⸗ ert, aber ein ſchmaler Fußpfad, der nur ſelten betreten zu werden ſchien, fuͤhrte zu einem Pfoͤrt⸗ chen, das ſtark mit großen Naͤgeln beſchlagen war. Magdalena pochte hier dreimahl, mit einer Pauſe nach jedem Schlage, bis ſie drinnen ein antwor⸗ tendes Klopfen vernahm. Bei dem dritten Schlage oͤffnete eine hagre Frau, mit den Worten: Bene⸗ dicti qui venient in nomine Domini. Sie traten hinein, und die Pfoͤrtnerinn ver⸗ ſchloß hinter ihnen ſchnell die Thuͤre und ſcot die ſchweren Riegel vor. Die aͤltliche Frau fuͤhrte die beiden Gaͤſte durch 184— einen ſchmalen Gang in eine geraͤumigere Halle, die mit Steinen belegt war und rings an den Waͤnden ſteinerne Baͤnke hatte. Am obern Ende war ein einzelnes Fenſter, deſſen von den ſteiner⸗ nen Schaͤften und Boͤgen gebildete Zwiſchenraͤume ſo ſehr vermauert waren, daß nur wenig Licht in das Gemach fiel. Die Herrinn des Haunſes blieb hier ſtehen, umarmte Magdalena, die ſie mit dem Schweſter⸗ nahmen begruͤßte, und gab ihr ſehr feierlich einen Kuß auf jede Wange.„Die heilige Jungfrau ſegne Euch, Schweſter!“ waren ihre naͤchſten Worte, die dem Juͤnglinge keinen Zweifel uͤber den Glauben ihrer Wirthinn ließen, haͤtte er ja auf den Gedanken fallen koͤnnen, daß ſeine ehr⸗ wuͤrdige Fuͤhrerinn anderswo, als in der Wohnung rechtglaͤubiger Katholiken verweilen moͤge. Die beiden Frauen ſprachen heimlich einige Worte mit einander, und der Juͤngling hatte Zeit, die Freundinn ſeiner Großmutter genauer anzuſehn. Sie ſchien uͤber funfzig Jahre alt zu ſein. In ihren Zuͤgen las man eine Miſchung von Schwermuth und Gefuͤhl ihres Ungluͤcks, das faſt 185 an Unzufriedenheit graͤnzte, und die Spuren ehe⸗ mahliger Schoͤnheit, die man noch in ihrem Ge⸗ ſichte fand, verdunkelte. Ihr Anzug war ſehr einfach und gewoͤhnlich, ein dunkelfarbiges Ge⸗ wand, wie Magdalena trug, faſt einem Ordens⸗ kleide aͤhnlich. Die Reinlichkeit, die man in ihrem Aeußern bemerkte, ſchien anzudeuten, daß ſie, wenn auch arm, doch nicht in den Schmutz, oder die fuͤhlloſe Verzweiflung des Elends verſunken war, und noch ſo ſehr am Leben hing, daß ſie Sinn fuͤr Anſtand, ſelbſt fuͤr Zierlichkeit im Leben hatte. Ihr Benehmen, ſo wie ihre Zuͤge und ihr Aeußeres, verriethen einen Stand und eine Erziehung, weit uͤber ihre gegenwaͤrtige Aermlich⸗ keit. Kurz, die ganze Geſtalt erweckte den Ge⸗ danken: die Geſchichte dieſer Frau muß merkwuͤr⸗ dig ſein. Roland hatte ſo eben dieſe Bemerkung gemacht, als die beiden Frauen ihr leiſes Geſpraͤch abbrachen. Die Herrinn des Hauſes trat zu ihm und betrachtete ihn mit großer Aufmerkſamkeit und, wie es ſchien, nicht ohne Theilnahme. Dieſer alſo, ſprach ſie zu ſeiner Großmutter, iſt der Sohn deiner ungluͤcklichen Tochter Magda⸗ 186 lena, und ihn, den einzigen Sproͤßling eueres alten Baumes, willſt Du Gottes Sache weihen? Ja, beim heiligen Kreuz! erwiederte Magda⸗ kena in ihrem gewoͤhnlichen Tone veſter Entſchloſ⸗ ſenheit: der guten Sache weih' ich ihn, mit Fleiſch und Blut und allen Gebeinen, mit Leib und Seele. Du biſt eine gluͤckliche Frau, Schweſter Mag⸗ dalena, ſprach Jene, daß Du, ſo hoch erhaben uͤber menſchliche Zuneigung und menſchliches Ge⸗ fuͤhl, ein ſolches Opfer an den Fuß des Altares binden kannſt. Waͤr' ich berufen worden, ein ſolches Opfer zu bringen, einen ſo zarten, ſchoͤnen Juͤngling unter die Parteiungen und unter den blutduͤrſtigen Verkehr dieſer Zeiten zu ſtoßen, es wuͤrde fuͤr mich eine traurigere Pflicht des Gehor⸗ ſams geweſen ſein, als fuͤr den Patriarchen Abra⸗ ham, da er ſeinen Sohn Iſaak zu dem Opfer⸗ huͤgel fuͤhrte. 1 Sie fuhr fort, mit trauernder Theilnahme den Juͤngling anzuſehn, bis ihr veſter Blick ihm das Blut in die Wangen jagte. Er war in Be⸗ griff, ſich umzuwenden, als ſeine Großmutter . 2 mit der einen Hand ihn zuruͤck hielt, waͤhrend ſie mit der andern die Locken auf ſeiner Stirne theilte, wo jetzt die Farbe der Schamhaftigkeit gluͤhte. Mit einem Tone, worin ſtolze Zuneigung nnd veſte Entſchloſſenheit verſchmolzen, ſprach ſie die Worte:„Ja, ſieh ihn recht an, Schweſter, auf einem ſchoͤnerem Geſichte hat nie dein Auge geruht. Auch ich, als ich zuerſt ihn ſah, fuͤhlte, wie die Weltmenſchen fuͤhlen, und war halb erſchuͤttert in meinem Vorſatze. Aber kein Wind kann ein Blatt reiſſen von einem verwelktem Baume, der laͤngſt ſein Laub verloren, und kein bloß menſch⸗ licher Zufall vermag irdiſche Gefuͤhle zu erwecken, die laͤngſt in der Stille der Andacht eingeſchlafen ſind.“ Waͤhrend die Alte dieſe Worte ſprach, ſtrafte ihr Benehmen ihre Aeußerungen Luͤgen, denn Thraͤnen traten in ihre Augen, indem ſie hinzu⸗ ſetzte:„Aber nicht wahr, Schweſter, je reiner und makelloſer das Opfer, deſto wuͤrdiger iſt es der Genehmigung?“ Sie ſchien den Gefuͤhlen, die ſie bewegten, gern entfliehen zu wollen, und, ſchnell fuͤgte ſie hinzu:„Er wird entrinnen, 133 Schweſter— es wird ein Widder ergriffen werden im Dickig, und die Hand unſerer empoͤrten Bruͤ⸗ der ſoll nicht auf den jugendlichen Joſeph fallen. Der Himmel kann ſeine Rechte vertheidigen, ſelbſt durch Kinder und Saͤuglinge, durch Weiber und unbaͤrtige Knaben. Der Himmel hat uns verlaſſen, ſprach die anndere Frau, um unſerer, und unſerer Vaͤter Suͤnden willen, haben die Heiligen des Himmels ihren Beiſtand dieſem verfluchten Lande entzogen. Wir koͤnnen die Maͤrtererkrone, aber nicht den irdiſchen Siegeskranz erringen. Auch der Mann, deſſen Klugheit in dieſen ſchwierigen Zeiten ſo nothwendig war, iſt in eine beſſere Welt gerufen worden. Abt Euſtathius iſt nicht mehr. Moͤge ſeine Seele Erbarmung finden, ſprach Magdalena, und moͤge der Himmel auch Unſerer ſich erbarmen, die er zuruͤckgelaſſen in dieſem blu⸗ tigem Lande, Sein Verluſt iſt ein gefaͤhrlicher Schlag fuͤr unſere Unternehmung; denn wer bliebe uͤbrig, der ſeine vollendete Erfahrung beſaͤße, ſeinen aufopfernden Eifer, ſeine erprobte Weisheit, ſeinen unbeugſamen Muth. Er iſt gefallen mit der 1 89 Fahne der Kirche in ſeiner Hand; aber Gott wird einen Anderen erwecken, der das heilige Banner erhebe. Wen hat das Kapitel an ſeine Stelle erwaͤhlt? Das Geruͤcht ſagt, Niemand unter den weni⸗ gen uͤbrigen Bruͤdern wage es, das Amt anzu⸗ nehmen. Die Ketzer haben geſchworen, keine neue Wahl zu geſtatten, und jeden Verſuch, einen andern Abt des Marienkloſters zu erwaͤhlen, haben ſie mit harten Strafen bedroht. Conjuraverunt inter se principes, dicentes, Projiciamus laqueos ejus. Quo usque Domine! antwortete Magda⸗ lena. Ja, Schweſter, das waͤre wahrlich ein gefaͤhrlicher und verhaͤngnißvoller Riß in unſere Schaar, aber ich bin veſt in meinem Glauben, es wird ein Anderer an die Stelle Desjenigen treten, der ſo zur Unzeit hinweg genommen ward. Wo iſt deine Tochter, Katharina? Im Zimmer, erwiederte die Alte. Aber— Sie blickte auf Roland und ſagte ihrer Freundinn etwas ins Ohr. Sei unbeſorgt, ſprach Magdalena. Es iſt 190 recht und nothwendig. Fuͤrchte nichts von ihm. Ich wollte, er waͤre ſo veſt im Glauben, von welchem allein Heil kommt, als er frei iſt von jeglichem Gedanken, jeglicher Handlung, jeglicher Rede der Schlechtigkeit. Darin iſt die Zucht der Ketzer zu preiſen, Schweſter, daß ſie ihre Kinder in ſtrenger Sittlichkeit erziehen und jugendlicher Thorheit jede Oeffnung verſtopfen. Das heißt nichts, antwortete Jene, als die Außenſeite des Bechers putzen, als das Grab weißen; aber er ſoll Katharina ſehen, weil Ihr, Schweſter, es fuͤr ſicher und dienlich erachtet. Folgt uns, junger Mannl ſetzte ſie hinzu, und ging mit ihrer Freundinn hinaus. 3 NRoland gehorchte ſchweigend. Waͤhrend ſie ſehr langſam durch einige gekruͤmmte Gaͤnge und zde Gemaͤcher gingen, hatte der Juͤngling Zeit genug, Betrachtungen uͤber ſeine Lage anzuſtellen, die aber fuͤr ſein feuriges Gemuͤth beſonders unan⸗ genehm waren. Hatte er doch jetzt, ſtatt einer, gar zwei Gebieterinnen, oder Hofmeiſterinnen er⸗ halten, beide aͤltliche Frauen, und Beide, wie es ſchien, im Bunde, ſeine Bewegungen nach eige⸗ nem Wohlgefallen, und zur Volzziehung unbe⸗ kannter Entwuͤrfe zu lenken. Das war, nach ſeiner Meinung, zu viel, und er ſchloß mit gutem Grunde, daß ſeine Großmutter und Wohlthaͤterinn, wenn ſie auch das Recht haͤtte, ihn zu leiten, doch keineswegs berechtigt ſein koͤnnte, ihrer Ge⸗ walt eine Andre theilhaft zu machen, die ohne Umſtaͤnde den ſelbigen Ton unbeſchraͤnkter Herr⸗ ſchaft uͤber ihn annehmen zu wollen ſchien.„Es ſoll nicht lange ſo fortgehn, dachte Roland. Ich will nicht mein Lebelang der Sklave eines Weiber⸗ pfeifchens ſein, nicht leben von eines Weibes Lohn, gehen, wenn ſie's heißt, und kommen, wenn ſie ruft. Nein, bei Sankt Andreas! die Hand, die eine Lanze halten kann, ſteht nicht mehr unter der Herrſchaft des Spinnrockens. Ich will ihnen bei der erſten Gelegenheit die abgeſtreifte Schlinge in den Haͤnden laſſen, und dann moͤgen ſie ihre eignen Entwuͤrfe mit eignen Kraͤften ausfuͤhren. Ich denke, es wird ſie aus einer Gefahr retten; denn was ſie im Schilde fuͤhren, ſcheint weder ſicher, noch leicht zu ſein; der Graf von Murray 192 und ſeine Ketzerei ſind zu tief gewurzelt, als daß zwei alte Weiber ſie ausreuten koͤnnen.“ Als er ſo zu ſich ſelber ſprach, traten ſie in das Gemach, wo eine dritte weibliche Geſtalt ſaß. Das Zimmer war das erſte im Hauſe, worin Roland bewegliche Sitze und ſogar einen hölzernen Tiſch ſah, der mit einem Teppich bedeckt war. Auf dem Fußboden lag eine Decke, im Kamin war ein Roſt und das ganze Gemach hatte ein wohnliches Anſehn. Roland's Blicke fanden aber bald beſſere Beſchaͤftigung, als nach den Bequem⸗ lichkeiten des Zimmers zu ſehen; denn dieſe zweite Bewohnerinn des veroͤdeten Hauſes ſchien das Beßte von allem zu ſein, das er hier noch geſehen hatte. Bei ſeinem Eintritte gruͤßte ſie ſchweigend mit einer tiefen Verbeugung die beiden aͤltlichen Frauen, und einen Blick auf Roland werfend, zog ſie den zuruͤck geworfenen Schleier uͤber ihr Geſicht, was ſie mit vieler Beſcheidenheit that, ohne gezierte Haſtigkeit, ohne verlegene Schuͤch⸗ ternheit. Roland hatte dabei Muße, zu beobachten, daß des Maͤdchens Geſicht nicht viel uͤber ſechzehn Jahre —— 193 anküͤndigte, und ihre Augen ſanft und glaͤnzend. waren. Zu dieſer guͤnſtigen Entdeckung kam die Gewißheit, daß ihre Geſtalt eben ſo anziehend war. Ihre Glieder mochten vielleicht ein weyig zu uͤppig gerundet ſein, und mehr fuͤr eine Hebe, als eine Sylphe paſſen, aber ſie waren reizend gebildet, und zeigten ſich ſehr vortheilhaft in einem enge anliegenden Jaͤckchen und Rock, von auslaͤndiſchem Schnitt, und das Roͤckchen war nicht gerade lang genug, einen ſehr huͤbſchen Fuß zu verbergen, der auf dem Riegel des Tiſches ſtand, woran ſie ſaß. Ihre runden Arme und ihre zarten Finger waren eifrig in Bewegung, um den Teppich auszubeſſern, der auf dem Tiſche ausgebreitet lag, aber ſo viele klägliche Riſſe hatte, daß die Kunſt der erfahrenſten Naͤherinn haͤtte aufgeboten werden muͤſſen. Der Juͤngling machte dieſe Entdeckungen durch verſtohlene Blicke, und er glaubte, das Fraͤulein, trotz des Schleiers,„ einmahl oder gar zweimahl auf der That zu ertappen, als ſie aͤhnliche Kunde von ſeiner Geſtalt ſich verſchaffte. Die beiden alten Frauen ſetzten indeß ihr heimliches Geſpraͤch fort, und warfen zuweilen auf die jungen Leute Theil I. 13 — 194 einen Blick, der dem Juͤnglinge keinen Zweifel ließ, daß die Unterredung ihn und das holde Fraͤu⸗ lein betraf. Endlich ſprach Magdalena laut genug die Worte:„Aber wir muͤſſen ihnen Gelegenheit geben, Schweſter, ſich kennen zu lernen. Sie muͤſſen ſich perſoͤnlich kennen, oder wie ſollten ſie im Stande ſein, zu vollbringen, was ihnen an⸗ vertraut wird?“. Katharina's ernſte Pflegerinn war nicht ganz zufrieden mit den Gruͤnden ihrer Freundinn, und machte noch einige Einwuͤrfe, die aber Magdale⸗ na's entſcheidender Ton zuruͤck wies.„Es muß ſein, liebe Schweſter, ſprach ſie. Laßt uns auf den Balkon treten und unſer Geſpraͤch fortſetzen.— Und Ihr Beide, ſprach ſie darauf zu Roland und dem Fraͤulein, macht Bekanntſchaft mit einan⸗ der.“ Mit dieſen Worten trat ſie zu dem Maͤdchen, und als ſie den Schleier aufhob, gluͤhte das ent⸗ huͤllte Geſicht uͤber und uͤber. Es ſei erlaubt, ſprach Magdalena, die Freun⸗ dinn anſehend. Kaum erlaubt! erwiederte dieſe, und gab nur — 195 ungern und zoͤgernd ihre Einwilligung. Sie trat darauf zu dem erroͤthenden Maͤdchen und legte den Schleier wieder ſo zurecht, daß des Fraͤuleins Geſicht zwar nicht verhuͤllt, doch beſchattet war, und fliſterte hoͤrbar genug ihr zu: Vergiß nicht, Katharina, wer Du biſt, und wozu beſtimmt! Die Alte ging mit Magdalena durch eine Glasthiere, die auf einen breiten Balkon fuͤhrte, der einſt laͤngs der ganzen Vorderſeite des Gebaͤu⸗ des gelaufen, aber nun zum Theil verfallen war, doch noch immer einen angenehmen Gang zum Luſtwandeln darbot. Auf und nieder gehend, waren ſie in ihr Geſpraͤch vertieft, aber nicht ſo ſehr, daß Roland nicht jedesmahl, wenn ihre hagern Geſtalten vor dem Fenſter voruͤber gingen, bemerkt haͤtte, wie ſie einen Blick in's Zimmer warfen, um zu ſehen, was vorging. X. Katharina war in dem gluͤcklichen Alter der Unſchuld und der geiſtigen Regſamkeit, wo nach dem erſten Augenblicke der Verlegenheit, die ſelt⸗ ſame Lage, in welche ſie ſich ſo ploͤtzlich verſetzt ſah, mit einem huͤbſchen, ihr nicht einmahl dem Nahmen nach bekannten Juͤnglinge Bekanntſchaft machen zu muͤſſen, nur von der luſtigen Seite ihr auffiel. Sie ſenkte ihre ſchoͤnen Augen auf die Arbeit ihrer fleißigen Haͤnde, und waͤhrend der beiden erſten Gaͤnge der luſtwandelnden Alten auf dem Balkon, ſaß ſie mit ungemeiner Ernſt⸗ haftigkeit ſtill; endlich aber, als ſie das veilchen⸗ blaue Auge ein wenig gegen Roland aufſchlug, und nun ſah, wie er in unbezwinglicher Verwir⸗ rung bald ſeinen Stuhl ruͤckte, bald ſeine Muͤtze in den Haͤnden drehte, und ſichtbar in Verlegen⸗ heit war, die Unterredung zu eroͤffnen, konnte ſie ihre Faſſung nicht laͤnger behaupten, und nach einem vergeblichen Kampfe, brach ſie in ein herzliches, wenn auch unwillkuͤhrliches Gelaͤchter aus. Ihre muntern Augen blickten dabei ſo luſtig durch die Thraͤnen, womit die Anſtrengung ſie fuͤllte, und die üͤppigen Locken wiegten ſich ſo lieblich, daß ſie unbeſchreiblich reizend war. Ein Edelknabe vom Hofe wuͤrde alsbald in ihre Froͤh⸗ lichkeit eingeſtimmt haben; aber Roland war auf dem Lande erzogen, und üͤberdieß ein wenig ein⸗ 197 gebildet und bloͤde, ſetzte er ſich's in den Kopf, er ſei der Gegenſtand des unausloͤſchlichen Gelaͤch⸗ ters. Seine Bemuͤhung, mit Katharina anzu⸗ ſtimmen, konnte es unter dieſen Umſtaͤnden nur zu einem gezwungenen Kichern bringen, das mehr Mißbehagen, als Froͤhlichkeit ausdruͤckte, und die Lachluſt des Fraͤuleins ſo ſehr reizte, daß ſie nicht aufhoͤren konnte, wie viel Muͤhe ſie ſich auch gab. Es war ein Gluͤck fuͤr Katharina und ſelbſt fuͤr Roland, daß er nicht die unmaͤßige Froͤhlich⸗ keit des Fraͤuleins theilte. Mit dem Ruͤcken gegen das Fenſter gekehrt, konnte ſie der Beobachtung der beiden alten Frauen leicht entgehn; Roland aber ſaß ſeitwaͤrts, und wenn er eben ſo luſtig, als ſeine Geſellſchafterinn geweſen waͤre. wuͤrde das Spiel ſeiner Lachmuskeln augenblicklich ſichtbar geworden ſein und die ernſten Frauen beleidigt haben. Es machte ihm Muͤhe, ſeine Ungeduld nicht zu aͤußern, bis endlich Katharina, ermuͤdet, oder des Lachens ſatt, wieder ganz anſtaͤndig auf ihre Arbeit ſah. Er machte nun ziemlich trocken die Bemerkung, es ſcheine eben nicht noͤthig zu ſein, ihnen gute Bekanntſchaft zu empfehlen, da 198 ſie dem Anſcheine nach ſchon ganz ertraͤglich bekannt waͤren. ₰ Katharina hatte große Luſt, wieder aufzu⸗ lachen, aber ſie unterdruͤckte die Anwandlung kraͤftig, und ihre Blicke auf die Arbeit heftend, dat ſie den Juͤngling um Verzeihung, und ver⸗ prach, keinen aͤhnlichen Anſtoß mehr zu geben. Roland war verſtaͤndig genug, zu fuͤhlen, daß der Ausdruck beleidigter Wuͤrde hier ſehr uͤbel an⸗ gebracht geweſen waͤre, und daß er den blauen Augen, die beim Lachen ſo herzlich geholfen hatten, ganz anders begegnen muͤßte. Er ſuchte ſeinen Fehlgriff, ſo viel er vermochte, wieder gut zu machen, und in einen muntern Ton fallend, wünſchte er von dem Fraͤulein zu erfahren, wie, nach ihrem Belieben, die luſtig begonnene Bekanntſchaft fortgeſetzt werden ſollte. Das muͤßt Ihr ſelber ausmitteln, erwiederte ſie. Vielleicht bin ich bei der Eroͤffnung unſrer Unterredung einen Schritt zu weit gegangen. Wie waͤr' es, fuhr Roland fort, wenn wir anfingen, wie in einem Maͤhrchenbuche, und uns 199 einander nach unſern Nahmen und Geſchichten fragten? „Riecht gut erſonnen, erwiederte Katharina, und es verraͤth ein feines Urtheil. Fangt Ihr an und ich will zuhoͤren und nur bei den dunkeln Theilen der Geſchichte eine oder die andre Frage thun. Wohlan, hervor alſo mit eurem Nahmen und eurer Geſchichte, mein neuer Bekannter! Ich heiße Roland Graͤme und dieſe alte Frau iſt meine Großmutter. Und eure Aufſeherinn— gut! Wer ſind eure Aeltern? Beide todt, erwiederte Roland. Nun ja, aber wer waren ſie denn? Vermuth⸗ rich habt Ihr Aeltern gehabt? Ich glaub' es auch, aber ich habe nie viel von ihrer Geſchichte erfahren koͤnnen. Mein Vater war ein ſchottiſcher Ritter, der tapfer im Steigbuͤgel ſtarb; meine Mutter eine Graͤme von Heathergill, im ſtreitigen Graͤnzland, und die Meiſten von ihren Verwandten wurden erſchlagen, als man das Land verheerte. Iſt das lange her? ſprach das Fraͤulein. eoo Ehe ich geboren war, antwortete Roland. Das muß entſetzlich lange ſein, antwortete ſie, mit ernſtem Kopfſchuͤtteln. Seht, ich kann ſie nicht beweinen. Iſt auch nicht noͤthig, ſprach Roland, ſie fielen mit Ehren. Genug von eurer Sippſchaft, mein artiger Herr! erwiederte Katharina, und mit einem Blick auf die Glasthuͤre, ſetzte ſie hinzu: die lebendige Probe davon iſt mir weit lieber, als die Todten. Eure viel geehrte Großmutter ſieht aus, als ob ſie Einen in truͤbſeligem Ernſte zum Weinen brin⸗ gen koͤnnte. Und nun, ſchoͤner Herr, zu Euch ſelbſt! Wenn Ihr eure Geſchichte nicht ſchneller erzaͤhlt, wird ſie in der Mitte abgeſchnitten werden. Mutter Brigitta verweilt laͤnger und laͤnger, ſo oft ſie an die Glasthuͤre kommt, und bei ihr iſt ſo wenig Froͤhlichkeit, als im Grabe eurer Alt⸗ vordern. Meine Geſchichte iſt bald erzaͤhlt. Ich kam ins Schloß Avenel als Edelknabe der Ritterfrau. Eine ſtrenge Hugenottinn, nicht wahr? ſprach das Fraͤulein. — 201 . So ſtrenge als Calvin ſelber. Meine Groß⸗ mutter aber kann die Proteſtantinn ſpielen, wenn's zu ihren Abſichten paßt, und ſie hatte einen be⸗ ſondern Entwurf damit verbunden, mich in's Schloß zu bringen, aber es waͤre, nach einem Aufenthalte von mehren Wochen im Doͤrfchen, doch wohl nicht gelungen, wenn nicht ein uner⸗ warteter Cermonienmeiſter— Und der war? fiel das Maͤdchen ein. Ein großer ſchwarzer Hund, Nahmens Wolf. Er brachte mich eines Tages in ſeinem Maule, wie eine verwundete wilde Aente, und trug mich zu ſeiner Gebieterinn. In der That eine ehrenvolle Einfuͤhrung! Und was habt Ihr in beſagtem Schloſſe gelernt? Ich mag es gar zu gern wiſſen, was meine Be⸗ kannten im Nothfalle leiſten koͤnnen. Einen Falken werfen, einen Jagdhund locken, ein Roß tummeln; Lanze, Boßen 1 und Schwert ſchwingen. Und mit all' dieſen Dingen prahlen, wenn Ihr ſie gelernt habt, fiel Katharina ein. In Frankreich wenigſtens iſt das der gewiſſeſte Vorzug 202 eines Edelknaben. Aber weiter, mein ſchoͤner Herr! Wie kam euer calviniſcher Gebieter und ſeine eben ſo calviniſche Gemahlinn dazu, ein ſo gefaͤhrliches Weſen aufzunehmen, als ein katho⸗ liſcher Edelknabe war? Weil ſie dieſen Theil meiner Geſchichte nicht kannten, den ich ſeit meiner Kindheit geheim zu halten angewieſen war, und weil meiner Groß⸗ mutter eifrige Aufmerkſamkeit bei den Vortraͤgen des ketzeriſchen Schloßpredigers allen Argwohn entfernt hatte, erwiederte Roland und ruͤckte ſeinen Stuhl naͤher zu der ſchoͤnen Fragerinn. Nicht doch, bleibt in enrer Entfernung, mein artiger Herr! ſprach das blauaͤugige Maͤdchen. Denn irre ich nicht ſehr, ſo werden die ehrwuͤr⸗ digen Frauen unſre freundſchaftliche Unterhaltung gar bald unterbrechen, wenn die empfohlene Be⸗ kanntſchaft uͤber einen gewiſſen Punkt hinaus zu gehen ſchiene. Bleibt alſo auf eurem Platze und antwortet auf meine Fragen. Durch welche Thaten erprobtet Ihr die Eigenſchaften eines Edel⸗ knaben, die Ihr ſo gluͤcklich erworben? Roland fing an, in den Ton und Geiſt der * 203 Unterhaltung des Fraͤuleins einzugehn, und ant⸗ wortete aufgeweckt:„In keinen Thaten, ſchoͤnes Fraͤulein, ward ich unerfahren erfunden, wobei es Unfug gab. Ich ſchoß Schwaͤne, hetzte Katzen, erſchreckte die Maͤgde, jagte die Rehe und pluͤn⸗ derte den Obſtgarten. Daß ich den Prediger auf mancherlei Art quaͤlte, will ich nicht erwaͤhnen, es war ja meine Pflicht als guter Katholik. Nun, ſo wahr ich ein Edelfraͤulein bin, ſprach Katharina, ich glaube, fuͤr dieſe Ketzer iſt es eine katholiſche Buße geweſen, einen ſo vollkommenen Diener zu unterhalten. Und welches ungluͤckliche Ereigniß, ſchoͤner Herr, beraubte ſie eines ſo achtungswerthen Hausgenoſſen? Traun, ſchoͤnes Fraͤulein! das Spruͤchwort fagt, der laͤngſte Weg dreht ſich, aber bei mir war's mehr, er drehte ſich ganz ab. Nun, das Wortſpiel mag hingehn! ſprach das froͤhliche Maͤdchen. Und was fuͤhrte zu einer ſo wichtigen Kataſtrophe?— O erſchreckt nur nicht vor meiner Gelahrtheit! Ich bin durch die Schule gelaufen— In klaren Worten, warum wurdet Ihr des Dienſtes entlaſſen? 204 Roland antwortete mit Achſelzucken:„Eine eurze Geſchichte iſt bald erzaͤhlt, und ein kurzes Pferd bald geſtriegelt. Ich ließ den Falknerjungen meine Gerte ſchmecken, da drohte mir der Falkner, ich ſollte ſeinen Knittel koſten— er iſt ein gut⸗ muͤthiger und eben ſo ruͤſtiger Kerl, und ich haͤtte mich lieber von ihm pruͤgeln laſſen, als von ſonſt jemand in der Chriſtenheit, aber ich kannte ihn damahl noch nicht— und darum droht ich ihm, er ſollte meinen Dolch koſten, und die Edelfrau ließ mich ihr: Geht! koſten, und vorbei war's mit dem Edelknaben und dem ſchoͤnen Schloß Avenel. Ich hatte nicht lange gewandert, als ich meine ehrwuͤrdige Großmutter fand— Nun, er⸗ zaͤhlt eure Geſchichte, ſchoͤnes Fraͤulein, ich bin fertig. Eine gluͤckliche Großmutter, die den verirrten Edelknaben fand, als ſeine Gebieterinn ihn eben vom Leitbande gelaſſen hatte, und ein dreimahl gluͤcklicher Edelknabe, der auf einmahl vom Edel⸗ knaben zum Cermonienmeiſter ſprang. Aulls dieß gehoͤrt nicht zu eurer Geſchichte, erwiederte Roland, der anfing, großes Wohlge⸗ 205 fallen an der geiſtesverwandten Lebhaftigkeit des kurzweiligen Fraͤuleins zu haben. Geſchichte fuͤr Geſchichte, iſt Reiſegefaͤhrten⸗Gerechtigkeit. Wartet doch, bis wir Reiſegefaͤhrten ſind, ſprach Katharina. Nein, ſo entgeht Ihr mir nicht, hob Roland wieder an. Wenn Ihr nicht gerecht gegen mich handelt, ſo ruf' ich Frau Brigitte herein, oder wie ſie ſonſt heißt, und zeihe Euch des Betruges. Iſt nicht noͤthig, antwortete das Fraͤulein. Meine Geſchichte iſt das Gegenſtuͤck der eurigen. Es ließen ſich faſt die ſelbigen Worte gebrauchen; nur Kleidung und Nahmen ſind zu aͤndern. Ich heiße Katharina Seyton, und bin eine Waiſe. Sind eure Aeltern ſchon lange todt? Das iſt die einzige Frage, wobei ich nicht 1 lachen kann, ſprach ſie, ihr ſchoͤnes Auge ploͤtzlich mit kummervollem Ausdruck niederſchlagen. 4 Und Frau Brigitta iſt eure Großmutter? Die ploͤtzliche Wolke auf Katharina's Geſicht zog voruͤber, wie ein Woͤlkchen vor der ſommer⸗ lichen Sonne, und ſie erwiederte mit ihrer gewoͤhn⸗ 206 lichen Lebhaftigkeit:„Zwanzigmahl ſchlimmer! Sie iſt meine Jungfer Tante.“ Gott ſei's geklagt! ſprach Roland. Ach! daß Ihr eine ſolche Geſchichte zu erzaͤhlen habt! Und welcher Graͤuel kommt nun? Ganz eure eigene Geſchichte. Ich ward auf Probe in Dienſt genommen. Und weggeſchickt, weil Ihr die Aufſeherinn gezwickt, oder die Kammerfrau eurer Herrinn beleidigt hattet? Nein, hier weicht unſre Geſchichte ab, ant⸗ wortete das Fraͤulein. Unſre Herrin dankte ihr Haus ab, oder ihr Haus wurde abgedankt, was auf eins heraus kommt, und ich bin frei, wie der Vogel im Walde. Und ich bin ſo froh daruͤber, als ob mir Jemand mein Wamms mit Goldſtoff gefuͤttert haͤtte, fiel Roland ein. Ich dank' Euch fuͤr eure Freude, aber die Sache wird Euch ſchwerlich etwas angehen. Aber fahrt nur fort mit eurer Geſchichte, erwiederte Roland. Man wird Euch gleich unter⸗ brechen. Die guten Alten ſchweben da auf dem — 207 Balkon, wie ein paar alte Nebelkraͤhen; ihr Kraͤchzen wird heiſrer mit Anbruche der Nacht, und ſie werden gleich auf die Stange fliegen. Und wer war denn eure Gebieterinn, ſchoͤnes Fraͤulein? O ſie hat einen ſchoͤnen Nahmen in der Welt, erwiederte Katharina. Wenige Frauen hielten ein beſſeres Haus, oder hatten mehr Kammer⸗ frauen, und meine Tante Brigitta war eine von ihren Haushaͤlterinnen. Freilich ſahen wir nie ihr geſegnetes Angeſicht, aber wir hoͤrten genug von ihr, ſtanden fruͤh auf und gingen ſpaͤt zu Bette, und wurden zu langen Gebeten angehalten, bei leichter Koſt. Ueber das karge Muͤtterchen! ſprach Roland. Um's Himmelswillen, laͤſtert nicht! erwiederte das Fraͤulein, mit dem Ausdrucke der Beſorgniß. Gott verzeih' uns Beiden! Es war nicht arg ge⸗ meint. Ich rede von unſrer geſegneten Heiligen, Katharina von Siena. Vergeb' es mir Gott, daß ich ſo leichtſinnig ſprach, und Euch zu einer ſchweren Suͤnde und Laͤſterung verleitet habe. Hier war ihr Kloſter, wo zwoͤlf Nonnen unter 208 einer Aebtinn lebten. Meine Tante war Aebtinn, bis die Ketzer Alle von dannen jagten. Und wo ſind eure Gefaͤhrtinnen? fragte der Juͤngling. Fort mit dem vorjaͤhrigen Schnee, nach Oſt, Nord, Suͤd und Weſt; Einige nach Frankreich, Einige nach Flandern, Andre, fuͤrcht' ich, in die Welt und zu der Welt Freuden. Wir haben Erlaubniß erhalten, hier zu bleiben, oder man hat vielmehr unſer Bleiben nachſichtig geduldet; denn meine Tante hat angeſehene Verwandte, die haben mit toͤdlicher Fehde gedroht, wenn uns ein Haar gekruͤmmt wuͤrde; Bogen und Speer ſind ja in dieſen Zeiten das beßte Recht. So ſitzt Ihr alſo unter ſicherem Schatten, erwiederte der Juͤngling, und ich vermuthe, Ihr weintet Euch blind, als die heilige Katharina ihr Hausweſen aufloͤſete, ehe Ihr Miethgeld in ihrem Dienſte genommen hattet. Still! Um's Himmels willen nichts mehr da⸗ von! ſprach das Fraͤulein, ſich bekreuzend. Aber ich habe meine Augen noch nicht ganz ausgeweint, ſetzte ſie hinzu, und blickte erſt auf den Juͤngling „ —— — 209 und dann wieder auf ihre Arbeit. Es war einer von den Blicken, der das dreifache Erz um die Bruſt erfodert haben wuͤrde, mehr als fuͤr die Seeleute noͤthig war, welchen Horaz es empfahl. Unſer Edelknabe hatte kein Schutzmittel. Was meint Ihr dazu, Fraͤulein Katharina, wenn wir Beide, die wir ſo ſeltſam zu gleicher Zeit aus dem Dienſte gekommen ſind, unſern ſehr ehrwuͤrdigen Aufſeherinnen die Fackel zu halten geben wollten, waͤhrend wir mit einander froͤhlich uͤber die Tenne der leidigen Welt tanzten. Traun, ein herrlicher Vorſchlag, und des tollen Kopfes eines verabſchiedeten Edelknaben wuͤrdig. Und welche Mittel zum Lebensunter⸗ halte wuͤrdet Ihr vorſchlagen? Balladen ſingen, Beutelſchneiden, auf den Landſtraßen laͤrmen? Da wuͤrdet Ihr wohl am eintraͤglichſten euer Gewerbe treiben. Ei wie ſtolz! ſprach Roland, mit Verachtung, als ſie ſo ruhig und unbefangen ſeinen wilden Vorſchlag laͤcherlich machte. Kaum hatte er dieſe Worte geſprochen, als die Geſtalten der beiden Theil I. 14 210 Alten ſich wieder an der Glasthuͤre zeigten und alsbald herein traten.. Habt Ihr mit einander geſprochen, meine Kinder? hob Magdalena an. Seid Ihr mit ein⸗ ander bekannt geworden, als Reiſegefaͤhrten auf dem ſelbigen finſtern und bedenklichen Wege, die der Zufall zuſammen gefuͤhrt hat, und die das Gemuͤth und die Stimmung derjenigen zu erfor⸗ ſchen ſuchen, welche ihre Gefahren theilen ſollen? Die frohmuͤthige Katharina konnte ſelten einen Scherz unterdruͤcken, und ſprach oft vorlaut, wo ſie beſſer geſchwiegen haͤtte.„Euer Enkel, hob ſie an, iſt ſo ſehr entzuͤckt uͤber die Reiſe, die Ihr vorſchlagt, daß er eben jetzt daran dachte, uns ſogleich auf den Weg zu machen.“ Das nenn' ich zu voreilig, Roland, ſprach die Alte, wie Du geſtern zu nachlaͤſſig wareſt. Die rechte Mitte liegt im Gehorſam, der wartet, bis das Zeichen zum Aufbruche gegeben wird, und folgſam iſt, ſo bald er es erhaͤlt. Aber noch ein⸗ mahl, meine Kinder, habt Ihr ſo Eins in des Andern Geſichte geleſen, daß Ihr, wenn Ihr Euch wiederſeht, welche taͤuſchende Verkleidung die Zeit⸗ 211 umſtaͤnde Euch auch vorſchreiben moͤgen, Eins in dem andern wieder erkennet das geheime Ruͤſtzeug des großen Werkes, wozu ihr verbuͤndet ſein ſollet? Seht Euch an, lernt jede Linie und jeden Zug in des Andern Geſicht kennen. Lernet an dem Tritt, an dem Tone der Stimme, an der Bewegung der Hand, an dem Blicke des Auges, den Gefaͤhrten erkennen, den der Himmel geſandt hat, bei der Vollziehung ſeines Willens Beiſtand zu leiſten. Wirſt Du dieſes Maͤdchen wieder er⸗ kennen, wann und wo Du ihr begegnen moͤgeſt, Roland Graͤme? Roland bejahte es bereitwillig und aufrichtig. Und wirſt Du, meine Tochter, der Zuͤge die⸗ ſes Juͤnglings Dich erinnern? In der That, Mutter, erwiederte Katharina, ich habe neuerlich nicht ſo viele Maͤnner geſehen, daß ich euren Enkel ſo gleich vergeſſen ſollte, wenn ich auch nicht viel an ihm bemerke, das einer be⸗ ſondern Erinnerung werth waͤre. Gebt Euch alſo die Haͤnde, Kinder! fuhr Magdalena fort, aber ſie ward alsbald unter⸗ brochen von ihrer Freundinn, die bei ihren kloͤſter⸗ 8 212 lichen Vorurtheilen nach und nach immer unru⸗ higer wurde und nicht laͤnger nachſehen konnte. „Nein, gute Schweſter, Ihr vergeßt, ſprach ſie, daß Katharina dem Himmel angetraut iſt. Solche Vertraulichkeiten koͤnnen nicht ſtatt finden.“ Und fuͤr des Himmels Sache befehl' ich ihnen, ſich zu umarmen, erwiederte Magdalena, mit der vollen Kraft ihrer gewaltigen Stimme. Der Zweck, Schweſter, heiligt die Mittel, deren wir uns bedienen muͤſſen. Es nennt mich Frau Aebtinn, oder Mutter wenigſtens, wer mit mir ſpricht, antwortete Frau Brigitta, ſich ſtolz erhebend, als waͤre ſie beleidigt geweſen uͤber das gebieteriſche Benehmen ihrer Freundinn. Die Edelfrau von Heathergill ver⸗ gißt, daß ſie mit der Aebtinn von Sankt Katha⸗ rina ſpricht. Als ich war, was Ihr mich nennt, ſprach Magdalena, waret Ihr freilich die Aebtinn von Sankt Katharina, aber beide Nahmen ſind nun verſchwunden, mit allem Range, den die Welt und den die Kirche ihnen gab, und wir ſind jetzt, nach menſchlicher Anſicht, nur zwei arme, ver⸗ . † 213 achtete, unterdruͤckte Weiber, die ihr entehrtes Alter zum demuͤthigen Grabe ſchleppen. Aber was ſind wir in den Augen des Himmels? Ge⸗ ſandte zur Vollbringung ſeines Willens, in deren Schwaͤche die Staͤrke der Kirche ſoll offenbar wer⸗ den, und vor welchen Murray's Weisheit und Morton's finſtre Strenge Demuͤthigung erfahren ſollen. Und auf ſolche wollteſt Du anwenden die engen Regeln deiner kloͤſterlichen Einſamkeit? Oder haſt Du den Befehl vergeſſen, den ich Dir von deinem Obern gebracht, daß Du mir folgen ſollſt in dieſen Dingen? So falle denn auf dein Haupt das Aergerniß und die Suͤnde! ſprach die Aebtinn muͤrriſch. Auf mein Haupt beides, erwiederte Magda⸗ lena. Umarmt Euch, ſag ich, meine Kinder. Katharina aber, wohl merkend, wie der Streit enden muͤßte, hatte ſich aus dem Zimmer geſchli⸗ chen, und gab dem Enkel eine wenigſtens eben ſo unangenehme Taͤuſchung, als der Alten. 8 Sie iſt hinaus gegangen, kleine Erfriſchungen zu hohlen, fiel die Kloſterfrau ein. Aber es wird Denjenigen wenig munden, die in der Welt 8 214 gelebt; denn ich wenigſtens kann mich der Regel nicht entbinden, welcher mein Geluͤbde mich weiht, weil's der Wihe boͤſer Menſchen iſt, das Heilig⸗ thum zu zerſtoͤren, wo man meiſt danach lebte. Es iſt gut, Schweſter, erwiederte Magda⸗ lena, wenn Jedermann ſelbſt den geringſten Zehn⸗ ten an Muͤnze und Kuͤmmel zahlt, den die Kirche fodert, und ich tadle nicht deine aͤngſtliche Erfuͤl⸗ lung der Regeln deines Ordens. Aber die Regeln wurden von der Kirche gegeben und zum Vortheile der Kirche, und mit Recht muͤſſen ſie weichen, wenn das Heil der Kirche ſelbſt auf dem Spiele ſteht. 1 Die Kloſterfrau antwortete nicht. Ein geuͤb⸗ terer Menſchenkenner, als der unerfahrene Roland, wuͤrde Vergnuͤgen dabei gefunden haben, die ver⸗ ſchiedene Art von Schwaͤrmereifer zu vergleichen, die in den beiden Frauen ſich offenbarte. Die Aebtinn, furchtſam, engherzig und mißvergnuͤgt, hing an alten Gewohnheiten und Anmaßungen, die mit der Reformation ein Ende genommen, und war im Ungluͤcke, wie ſie's im Gluͤcke geweſen, angſtlich, kleinmuͤthig und aberglaͤubig. Der 215 feurige und hoͤhere Geiſt ihrer Gefaͤhrtinn aber, ſah ein weiteres Feld ſeiner Thaͤtigkeit vor ſich und wollte ſich nicht durch gewoͤhnliche Regeln in den ungewoͤhnlichen Entwuͤrfen beſchraͤnken laſſen, die eine kuͤhne und wilde Einbildungskraft angab. Roland dachte jedoch nicht daran, die Eigenheiten der beiden alten Frauen zu beobachten, und erwar⸗ tete nur mit lebhafter Ungeduld Katharina's Ruͤck⸗ kehr, wahrſcheinlich in der Hoffnung, die Auf⸗ forderung zu einer Umarmung erneuert zu ſehen, da ſeine Großmutter geneigt zu ſein ſchien, ihren Willen durchzuſetzen. Er taͤuſchte ſich, und als Katharina auf den Ruf der Aebtinn wieder herein⸗ trat, und einen irdenen Waſſerkrug und vier hoͤl⸗ zerne Teller mit hoͤlzernen Bechern auf den Tiſch ſtellte, wollte Magdalena, zufrieden, durch ihrs Willkuͤhr Brigitta's Widerſpruch uͤberwunden zu haben, ihren Sig nicht weiter verfolgen; eine Maͤßigung, wofuͤr ihr Roland nicht viel Dank wußte. Katharina war indeß beſchaͤftigt, das kaͤrgliche Mahl anzurichten, das faſt ganz aus jungem Kohl beſtand, der keine andre Wuͤrze, als ein wenig 216— 2 Salz hatte, und keine Zugabe, als ein bischen grobes Gerſtenbrod. Der Waſſerkrug ſpendete das einzige Getraͤnke. Nach einem lateiniſchen Gebete, das Mutter Brigitta ſprach, ſetzten ſich Alle zu dem ſpaͤrlichen Mahle. Die Frauen aßen maͤßig, doch mit den gewoͤhnlichen Zeichen der Eßluſt. Roland aber, an beſſere Koſt und ſelbſt an Ueberfluß gewoͤhnt, ward von lauwarmem Ge⸗ muͤſe und Quellwaſſer nicht ſonderlich gereizt und in ſeinem Geſichte mochte die Erinnerung an die üppige Tafel in Halbert's gaſtlichem Schloſſe ziem⸗ lich deutlich zu leſen ſein; denn die Aebtinn machte die Bemerkung:„Es ſcheint, mein Sohn, die Tafel des ketzeriſchen Ritters, dem Ihr ſo lange gedient habt, iſt koͤſtlicher beſetzt, als der Tiſch der bedraͤngten Toͤchter der Kirche. Und doch fand ich an den feſtlichen Tagen, wenn die Nonnen an meiner Tafel aßen, die Leckerbiſſen, die dann auf⸗ getragen wurden, nicht halb ſo koͤſtlich, als dieſes Gemuͤſe und dieſes Waſſer, wovon ich mich lieber naͤhren, als meinem ſtrengen Geluͤbde entgegen handeln will. Man ſoll nicht ſagen, ich habe dieſes Haus zu einem Hauſe der Schwelgerei 3 217 gemacht, in den Tagen, wo Finſterniß und Truͤb⸗ ſal uͤber der heiligen Kirche hing, deren unwuͤrdiges Mitglied ich bin.“ Du haſt gut geſprochen, Schweſter, fiel Mag⸗ dalena ein. Aber es iſt jetzt nicht allein Zeit, fuͤr die gute Sache zu leiden, ſondern auch fuͤr ſie zu handeln, und dieweil unſer Pilgermahl geendigt iſt, ſo wollen wir aufſtehen und unter vier Augen unſre Reiſe fuͤr morgen beſprechen, und Rath pflegen, wie wir die jungen Leute anſtellen, und was zu thun iſt, um ihrer Unbedachtſamkeit und ihrem Mangel an Klugheit zu Hilfe zu kommen. Trotz des unerquicklichen Mahles, huͤpfte Rolands Herz hoch bei dieſem Vorſchlage, der ihm ein anderes trauliches Zwiegeſpraͤch mit der ſchoͤnen Kloſterjuͤngerinn zu verheißen ſchien. Er irrte ſich. Katharina ſchien nicht Luſt zu haben, ihm ſolche Gunſt zu gewaͤhren; denn ſei es, daß ſie angeregt wurde von Zartgefuͤhl, oder Laune, oder irgend einen von jenen unbeſchreiblichen Mittel⸗ toͤnen zwiſchen beiden, womit die Weiber das rau⸗ here Geſchlecht gern necken und zugleich feſſeln, ſie erinnerte ihre Tante, ſie muͤſſe ſich eine Stunde 218— vor der Vesper entfernen, und als Brigitta willig Beifall gewinkt hatte, erhob ſich Katharina, um hinaus zu gehen. Ehe ſie ging, machte ſie eine tiefe Verbeugung gegen die Frauen, und dann eine leichtere gegen Roland, wobei ſie zwar ſehr ernſthaft that, aber der Juͤngling glaubte doch in ihrem Benehmen eine verſchmitzte und ſchadenfrohe Freude uͤber ſeine heimliche Taͤuſchung zu leſen. . Die beiden Alten entfernten ſich nun gleich⸗ falls, und deuteten dem jungen Manne an, er duͤrfe auf keinen Fall das Kloſter verlaſſen, oder ſich am Fenſter zeigen, wobei die Aebtinn bemerkte, die rohen Ketzer waͤren nur zu bereit, bei jeder Gelegenheit die geiſtlichen Orden zu laͤſtern. Das iſt ja ſchlimmer, als Warden's Strenge, ſprach Roland, ſich ſelber uͤberlaſſen. Ja, man muß es ihm nachruͤhmen, wie ſtrenge er auch Aufmerkſamkeit waͤhrend ſeiner Predigten foderte, nachher ließ er uns ganz freien Willen, und nahm ſogar Antheil an unſern Zeitvertreiben, wenn er ſie fuͤr ganz unſchuldig hielt. Aber dieſe beiden alten Weiber ſind ganz eingehuͤllt in Truͤbſinn, Geheimniß und Selbſtverlaͤugnung. Wohlan, 219 darf ich weder vor das Ther treten, noch aus dem Fenſter ſehen, ſo will ich wenigſtens unterſuchen, ob ich im Innern einen Zeitvertreib finde, und vielleicht begegne ich der blauaͤugigen Lacherinn in dieſem oder jenem Winkel. In dieſer Hoffnung ging er aus der Thuͤre, derjenigen gegenuͤber, durch welche die beiden Frauen hinaus gegangen waren, welche er in ihrer vertraulichen Unterhaltung zu ſtoͤren, gar nicht Luſt hatte. Er ging von Gemach zu Gemach durch das veroͤdete Gebaͤude und ſuchte mit jugend⸗ lichem Eifer irgend Etwas, das ihn haͤtte anziehen, oder beluſtigen koͤnnen. Endlich kam er in einen langen Gang, wo er auf beiden Seiten die ver⸗ laſſenen Nonnenzellen ſah, die ſelbſt von allem Geraͤthe leer waren, das die Ordensregel geſtattet. Die Voͤgel ſind ausgeflogen, dachte Roland, aber ob ſie ſich beſſer befinden in der freien Luft, als in dieſen engen, feuchten Kaͤfigen, das laß' ich Mutter Brigitta und meine ehrwuͤrdige Groß⸗ mutter unter ſich ausmachen. Ich glaube, die Lerche, die zuruͤck geblieben iſt, moͤchte auch lieber unter Gottes freiem Himmel ſingen. 220 Eine Wendeltreppe, ſo enge und ſchmal, als hätte ſie die Nonnen an die Pflicht des Faſtens und der Abmagerung erinnern ſollen, fuͤhrte zu den Gemaͤchern des Erdgeſchoſſes hinab, welche, da ſie die erſten Anfaͤlle der Zerſtoͤrer erfahren hatten, noch mehr verfallen waren, als das obere Stock⸗ werk. Roland war im Begriff, die oͤden Raͤume zu verlaſſen; aber das nahe Gebruͤll einer Kuh aͤberraſchte ihn ſo ſehr, daß er ſtehen blieb. In der erſten Beſtuͤrzung uͤber den unerwarteten Ton, legte er die Hand an ſeinen Dolch, als im ſelbigen Angenblicke Katharina's liebliche Geſtalt am Ein⸗ gange des Gemaches erſchien, woher der Ton gekommen war. Guten Abend, wackerer Kaͤmpe! ſprach ſie. Keiner war je wuͤrdiger, gegen eine ſchwarzbraune Kuh zu ſtreiten. Eine Kuh? erwiederte Roland. Wahrlich, ich dachte, es haͤtte der Teufel ſo nahe neben mir gebruͤllt. Wer hat je in einem Kloſter einen Kuhſtall geſucht! Kuͤhe und Kaͤlber koͤnnen herein kommen, wenn ſie Luſt haben, ſprach Katharina, wir ſind — 221 nicht im Stande, ſie abzuwehren. Aber ich rothe Euch, guter Herr, geht wieder dahin, woher Ihr gekommen ſeid. Nicht eher, bis ich euren Pflegling geſehen habe, ſchoͤne Schweſter, antwortete Roland, und drang in das Gemach, trotz der halb ernſtlichen, halb lachenden Gegenvorſtellungen des Maͤdchens. Die arme Kuh, die von allen Kloſterbewoh⸗ nerinnen allein noch in ſtrenger Abgeſchiedenheit lebte, ſtand in einem geraͤumigen Gemache, welches einſt das Speiſezimmer der Nonnen geweſen war. Die Ueberreſte ehemahliger Bauverzierungen, die Boͤgen an der Decke und die Blenden in der Wand, aus welchen man die Heiligenbilder weg⸗ geriſſen hatte, machten einen ſeltſamen Abſtich gegen die plumpe Krippe fuͤr die Kuh und den neben ihr aufgeſchichteten Futterhaufen. Ich muß Euch wenigſtens helfen, ſchoͤne Katharina, ihr das Nachtlager zurecht zu machen, ſprach Roland, und nahm eine Miſtgabel. Nicht doch! fiel ſie ein. Ihr verſteht's ganz und gar nicht, dem guten Thiere dieſen Dienſt zu leiſten, und werdet mir uͤberdieß einen Verweis 222— zuziehen, woran es mir beim gewoͤhnlichen Laufe der Dinge gerade nicht fehlt. Wie, weil Ihr meinen Beiſtand annehmt? Meinen Beiſtand, und ich ſoll doch euer Ver⸗ buͤndeter in einer hoch wichtigen Angelegenheit ſein? Das waͤre doch unverſtaͤndig genug. Und da ich eben daran denke, ſagt mir doch, wenn Ihr's wißt, zu welcher großen Untemnehmung bin ich denn beſtimmt? Ein Vogelneſt auszunehmen, muß ich glauben, wenn ich den Kaͤmpfer betrachte, den man auser⸗ ſehen hat. Beei meiner Treu! ſprach Roland, wer einen Neſtfalken aus dem hoͤchſten Felſenhorſt gehohlt hat, darf wohl ein bischen prahlen. Aber das iſt nun alles vorbei. Hohl' der Henker den Horſt, die Neſtfalken und ihr Fleiſch, gewaſchen oder. ungewaſchen, denn um all dieſes Quarks willen ward ich auf Reiſen geſchickt. Haͤtte ich Euch nicht gefunden, meine huͤbſche Schweſter, ſo koͤnnt' ich meinen Dolchgriff freſſen vor Aerger uͤber meine Thorheit. Aber, da wir Reiſegefaͤhrten ſein ſollen— 4 Axbeitgefaͤhrten, nicht Reiſegefaͤhrten, erwie⸗ derte das Maͤdchen. Denn zu Eurem Troſte ſollt Ihr wiſſen, daß Tante Brigitta und ich fruͤher aufbrechen, als Ihr mit eurer achtbaren Groß⸗ mutter, und daß ich auch darum jetzt Eure Geſell⸗ ſchaft erdulde, weil wir uns wohl in langer Zeit nicht wieder ſehen. Bei Sankt Andreas! es ſoll nicht ſein, er⸗ 1 wiederte Roland. Ich will gar nicht jagen, wenn wir nicht zuſammen gekoppelt werden. Ich vermuthe, wir werden in dieſem Punkte und in andern wohl thun muͤſſen, was uns ge⸗ heißen wird. Aber ſtill, ich hoͤre die Stimme meiner Tante. Die Alte trat wirklich herein, und warf einen ſtrengen Blick auf ihre Nichte, waͤhrend Roland ſchnell auf den gluͤcklichen Gedanken kam, ſich mit dem Stricke der Kuh ein Geſchaͤft zu machen. Der junge Herr, ſprach Katharina ernſthaft, hilft mir, die Kuh veſter anbinden; ich ſehe, ſie hat vorige Nacht den Kopf aus dem Fenſter ge⸗ ſtreckt, und durch ihr Bruͤllen das ganze Dorf in Unruhe geſetzt. Die Ketzer werden uns der Zau⸗ 224 berei beſchuldigen, wenn ſie die Urſache nicht ent⸗ decken, und wenn ſie's thun, verlieren wir unſre Kuh. 4 Von dieſer Beſorgniß biſt Du frei, ſprach die Tante, ein wenig ſpoͤttiſch. Der Mann, dem die Kuh verkauft wurde, kommt eben, ſie abzuhohlen. Lebe wohl alſo, gutes Thier! ſprach Katha⸗ rina, der Kuh den Hals klopfend. Ich hoffe, Du biſt in freundliche Haͤnde gefallen, denn in dieſen letzten Zeiten habe ich keine gluͤcklichern Stunden gehabt, als diejenigen, die ich deiner Pflege widmete. Ich wollte, ich waͤre zu keiner beſſern Arbeit geboren worden. G Schaͤme Dich, Maͤdchen! ſo gemeine Geſin⸗ nungen zu aͤußern! Sind ſolche Reden des Nah⸗ mens Seyton wuͤrdig, oder ziemen ſie ſich fuͤr eine Schweſter in dieſem Hauſe, die auf dem Pfade der Erwaͤhlung geht, und zumahl in Gegenwart eines fremden Juͤnglings? Geh' in meine Betſtube, Kind! und lies deine Horas, bis ich zu Dir komme; dann will ich Dir einen Tert leſen, welcher Dir den Werth deiner Vorzuͤge erklaͤren ſoll. — — — — 225 Katharina wollte ſich ſchweigend entfernen, und warf einen halb kummervollen, halb komiſchen Blick auf Roland, der ihm zu ſagen ſchien: Da ſeht Ihr's, was Euer unzeitiger Beſuch mir zuge⸗ zogen hat!— aber ploͤtzlich kam ſie auf andere Gedanken, und zu Roland tretend, reichte ſie ihm die Hand, als ſie ihm gute Nacht ſagte. Ihre Haͤnde hatten ſich gedruͤckt, ehe die erſtaunte Tante Einſpruch thun konnte, und Katharina hatte Zeit zu ſagen:„Verzeiht mir, Mutter. Wir haben lange kein Geſicht geſehn, das freundlich auf uns blickte. Seit unter dieſen Zerruͤttungen unſre friedliche Zuflucht erbrochen ward, haben wir nichts als Truͤbſinn und Bosheit geſehn. Ich ſage dieſem jungen Mann ein freundliches Lebewohl, weil er in Freundlichkeit zu uns gekommen iſt, und wir uns hoͤchſt wahrſcheinlich nie wiederſehn in dieſer Welt. Ich errathe beſſer, als er, daß Ihr nicht ſtark genug ſeid, die Entwuͤrfe auszufuͤhren, worein Ihr Euch eingelaſſen habt, und daß Ihr einen Stein in Bewegung ſetzt, der Euch im Herab⸗ ſtuͤrzen zerſchmettern muß. Ich ſage Lebewohl meinem Mitopfer!“ Theil I. 15 226 Die Jungfrau ſprach dieſe Worte mit dem Tone eines tiefen und ernſten Gefuͤhles, der ganz verſchieden von ihrem gewoͤhnlichen Benehmen war, und deutlich verrieth, daß unter dem Leicht⸗ ſinn und der Unerfahrenheit der Jugend in ihrer Bruſt mehr Kraft des Verſtandes und des Ge⸗ fuͤhles ſchlummerte, als ihr bisheriges Betragen offenbart hatte. Die Aebtinn blieb einen Augenblick in Still⸗ ſchweigen verſunken, als Katharina hinaus gegan⸗ gen war. Der Verweis, den ſie ihr zugedacht hatte, erſtarb auf ihrer Zunge, und der ahnungs⸗ volle Ton, womit die Jungfrau ihre Gute Nacht! geſprochen, ſchien ſie maͤchtig ergriffen zu haben. Sie ging ſchweigend voran zu dem Wohnzimmer, wo eine kleine Erquickung, wie's die Aebtinn nannte, von Milch und Gerſtenbrod, aufgetragen war. Magdalena kam aus einem anſtoßenden Gemache, aber Katharina erſchien nicht wieder. Man ſprach wenig, waͤhrend man ſchnell das Abendbrod genoß, und als man aufgeſtanden war, wurde Roland in die naͤchſte Zelle gewieſen, wo man ihm ein Lager hereitet hatte. 2⁸87 Die ſonderbare Lage, worin er ſich befand, beſchaͤftigte ſein Gemuͤth ſo ſehr, daß der Schlaf nicht ſogleich ſein Auge beſuchte. Ein leiſes Ge⸗ murmel in dem anſtoßenden Gemache verrieth ihm, daß die beiden alten Frauen bis tief in die Nacht ihre Unterredung fortſetzten. Als ſie ſich trennten, ſprach die Aebtinn vernehmlich die Worte:„Kurz, liebe Schweſter, ich ehre eure Geſinnung, und die Gewalt, welche meine Obern Euch uͤbertragen haben, aber mich duͤnkt, wir ſollten, bevor wir uns in dieſes bedenkliche Unternehmen einlaſſen, bei einigen Vaͤtern der Kirche uns Raths erhohlen.“ Und wie und wo faͤnden wir einen getreuen Biſchof, oder Abt, den wir um Rath fragen koͤnnten? antwortete Magdalena. Der getreue Euſtathius iſt nicht mehr, er iſt hinweg genom⸗ men aus dieſer boͤſen Welt und aus der Gewalt⸗ herrſchaft der Ketzer. Moͤge der Himmel und die heilige Jungfrau ihm ſeine Suͤnden vergeben und die Zeit der Buße fuͤr ſeine irdiſchen Schwaͤchen kuͤrzen! Wo finden wir einen andern, der uns Nath ertheilen koͤnnte? Der Himmel wird ſorgen fuͤr die Kirche, prac 228 die Aebtinn, und die frommen Vaͤter, die man noch in Kennaquhair wohnen laͤßt, werden einen neuen Abt waͤhlen. Sie werden den Krummſtab nicht fallen laſſen, und die Inful nicht leer laſſen, um des Drohens der Ketzer willen. Das werd' ich morgen erfahren, erwiederte Magdalena. Morgen werd' ich hoͤren, ob noch Einer von den tauſend Heiligen, die aus dem Marienkloſter entſprangen, ſeinen Blick auf das heilige Haus in den Tagen der Bedraͤngniß richtet. Lebt wohl, Schweſter, in Edinburgh finden wir uns wieder. Benedicite! ſprach die Kloſterfrau und Beide ſchieden. Nach Kennaquhair und nach Edinburg alſo geht unſer Weg, dachte Roland. So viel hab' ich nun erfahren, und es paßt gut fuͤr meine Abſicht. In Kennaquhair werde ich Pater Ambro⸗ ſius ſehen; in Edinburgh find' ich Mittel, mir ſelber den Weg zu bahnen durch dieſe laͤrmende Welt, ohne meine zaͤrtliche Großmutter zu bemuͤ⸗ hen, und in Edinburgh ſehe ich auch wohl das “ — „ ——— — „ —— 229 bezaubernde Maͤdchen wieder mit den blauen Augen und dem herausfodernden Laͤcheln. Mit dieſen Gedanken ſchlief er ein und traͤumte von Katharina Seyton. XI. Roland ſah die Sonne ſchon hoch am Himmel ſtehen, in dem Augenblicke, wo die Stimme ſeiner Gefäͤhrtinn ihn erweckte, und als er, ſchnell ſich ankleidend, ihrem Rufe folgte, ſtand die Alte ſchon reiſefertig auf der Schwelle. Es war in dem ganzen Benehmen der begeiſterten Frau eine Schnelligkeit der Vollziehung und ein Ernſt der Beharrung, die aus dem Schwaͤrmereifer hervor gingen, der ihr Inneres durchdrang und alle ge⸗ woͤhnlichen Vorſaͤtze und Regungen irdiſcher Weſen in ſich aufzuloͤſen ſchien. Nur eine menſchliche Regung leuchtete durch ihre ſchwaͤrmeriſche Kraft, wie gebrochene Sonnenſtrahlen durch aufſteigende Sturmwolken. Es war ihre muͤtterliche Zaͤrtlich⸗ keit gegen ihren Enkel, die faſt bis zu wahnſin⸗ niger Heftigkeit ſtieg, wo der Glaube nicht in's 230 Spiel kam; aber ſie wich augenblicklich, ſo bald ſie mit dem entſchiedenern Vorſatze ihrer Seele und der Pflicht, welcher ſie ihr Leben geweiht hatte, in Widerſpruch trat. Gern haͤtte ſie ihr Leben gewagt, den irdiſchen Gegenſtand ihrer Neigung zu retten; aber dieſen ſelbſt wuͤrde ſie willig geop⸗ fert haben, wenn die Wiederherſtellung der roͤmi⸗ ſchen Kirche mit ſeinem Blute haͤtte erkauft werden koͤnnen. Unterwegs ſprach ſie, wenige Veranlaſ⸗ ſungen abgerechnet, wo ihre feurige Liebe gegen ihren Enkel ſich in Beſorgniſſen fuͤr ſeine Geſund⸗ heit und Bequemlichkeit aͤußerte, nur uͤber die Pflicht, die gefallene Ehre der Kirche aufzurichten und wieder einen katholiſchen Fuͤrſten auf den Thron zu ſetzen. Zuweilen gab ſie, wenn auch nur dunkle Winke, daß ſie ſelber vom Himmel auser⸗ ſehen ſei, bei dieſem großen Werke zu helfen, und daß ſie mehr als menſchliche Vollmacht zu dem Eifer habe, womit ſie ſich demſelben widme; aber ſie ſprach daruͤber in ſo allgemeinen Ausdruͤcken, daß ſich nicht leicht ausmitteln ließ, ob ſie auf eine unmittelbare Berufung des Himmels Anſpruch machte, oder nur von der Pflicht ſprach, welche 231 die Zeitumſtaͤnde allen Katholiken auflegte und deren Wichtigkeit ſie in ſo hohem Grade fuͤhlte. Ließ ſie ſelber aber es auch unbeſtimmt, ob ſie hoͤhere Anſpruͤche, als gewoͤhnliche Sterbliche machte, ſo ſchien doch das Benehmen einiger Reiſen⸗ den, die ihnen begegneten, als ſie in den ange⸗ bautern Theil des Thales kamen, auffallend genug anzudeuten, daß man ihr hoͤhere Eigenſchaften zu⸗ ſchrieb. Ein Paar Landleute, die eine Heerde Vieh trieben; einige Dorfmaͤdchen, die zu einer luſtigen Geſellſchaft zu gehen ſchienen; ein herum⸗ ziehender Soldat, und ein wandernder Student, den ſein fadenſcheiniger ſchwarzer Rock und ſein Buͤcherſack verriethen, alle gingen an unſern Wan⸗ derern voruͤber, ohne ſie zu bemerken, oder gar mit einem verachtenden Blicke, und einige Kinder, die der Anblick eines, dem Pilgergewande ſo aͤhn⸗ lichen Anzuges herbei lockte, ſchrien laut und nannten die Alte hoͤhnend eine Meſſenkraͤmerinn. Ein Paar andre Reiſende aber, die in ihrer Bruſt Ehrfurcht vor dem gefallenen Kirchenthume naͤhr⸗ ten, blickten erſt furchtſam umher, ob niemand ſie bemerkte, bekreuzten ſich dann ſchnell, beugten 232 ihre Kniee vor Schweſter Magdalena, wie ſie die Alte begruͤßten, kuͤßten ihr die Hand, oder gar den Saum ihres Gewandes, empfingen demuͤthig das Benedicite, womit Magdalena die Verbeu⸗ gung vergalt, und ſchnell aufſpringend und aber⸗ mahl furchtſam ſich umſehend, ſetzten ſie eilig ihre Wanderung fort. Manche waren ſogar dreiſt genug, ſelbſt vor Leuten von dem herrſchenden Glauben ihre Arme zu falten und ihr Haupt zu beugen, um eine entfernte ſchweigende Andeutung zu geben, daß ſie Schweſter Magdalena erkannten und die Pilgerinn wie ihr Vorhaben ehrten. Sie ermangelte nicht, ihren Enkel auf dieſe Beweiſe von Achtung und Ehrfurcht aufmerkſam zu machen, die ſie von Zeit zu Zeit empfing. „Du ſiehſt, mein Sohn, ſprach ſie, die Feinde ſind nicht vermoͤgend geweſen, den guten Geiſt gaͤnzlich zu unterdruͤcken, oder den echten Samen zu vertilgen. Unter Ketzern und Abtruͤnnigen, unter Pluͤnderern des Kirchengutes, unter Ver⸗ hoͤhnern der Heiligen und der Sakramente gibt es noch ein Ueberreſt.“ Allerdings Mutter, erwiederte Roland, aber 233 mich beduͤnkt, es ſind Leute von einer Art, wovon wir wenig Hilfe erwarten koͤnnen. Seht Ihr denn nicht, daß Alle, die ein Schwert an der Seite tragen, und von edlerm Stande zu ſein ſcheinen, an uns voruͤber gehen, wie vor den elendeſten Bettlern; aber diejenigen, welche uns Theilnahme beweiſen, ſind die Aermſten unter den Armen, der Auswurf von den Duͤrftigen, die weder Brod mit uns zu theilen haben, noch Schwer⸗ ter uns zu vertheidigen, noch auch Geſchicklichkeit, Waffen zu fuͤhren, wenn ſie ſolche haͤtten. Der Elende, der zuletzt ſo andaͤchtig vor Euch kniete, und durch irgend eine verzehrende Krankheit abge⸗ mergelt zu ſein ſchien, der bleiche, zitternde, arm⸗ ſelige Kerl, was koͤnnte er zu den großen Entwuͤr⸗ fen helfen, worauf Ihr ſinnet? Viel, mein Sohn! ſprach Magdalena mit milderem Tone, als Roland erwartete. Wenn dieſer fromme Sohn der Kirche zuruͤckkehrt von Sankt Ringan's Heiligthume, wohin er auf meinen Rath und mit Unterſtuͤtzung guter Katho⸗ liken wallfahret, wenn er nun zuruͤckkehrt, geheilt von ſeiner abzehrenden Krankheit und in friſcher 234— Kraft, wird nicht der Ruhm ſeiner Glaͤubigkeit und ihr wunderbarer Lohn, lauter ſprechen zu den Ohren des bethoͤrten Volkes in Schottland, als das Geraͤuſch, das man woͤchentlich auf tauſend ketzeriſchen Kanzeln macht? Aber ich fuͤrchte, Mutter, der Heilige feiert. Man hat lange nicht von einem Wunder in Sankt Ringan's Heiligthum gehoͤrt. Die Alte machte eine lange Pauſe, und fragte dann mit einer, vor heftiger Bewegung bebenden Stimme:„Biſt Du ſo ungluͤcklich, an der Macht des geſegneten Heiligen zu zweifeln?“ Nicht doch, Mutter! antwortete ſchnell der Juͤngling. Ich glaube, wie's die heilige Kirche befiehlt und zweifle nicht an Sankt Ringan's Heilkraft; aber, mit aller Ehrerbietung ſei's ge⸗ ſagt, er hat neuerlich keine Luſt gezeigt. Und hat dieſes Land es verdient? ſprach die Alte, ſchnell voran gehend, bis ſie auf den Gipfel einer Anhehe kam, uͤber welche der Weg fuͤhrte, und ſtill ſtehend, fuhr ſie fort:„Hier ſtand das Kreuz, auf der Graͤnze des Gebietes des Kloſters unſrer lieben Frau— hier auf dieſer Anhoͤhe, we 235 das Auge des frommen Pilgers zuerſt das uralte Kloſter erblicken konnte, dieſes Licht des Landes, dieſe Wohnung der Heiligen, dieſes Grab der Koͤnige. Wo iſt nun jenes Sinnbild unſeres Glaubens? Es liegt auf der Erde, ein unfoͤrm⸗ licher Block, deſſen zerbrochene Truͤmmer man hinweg gefuͤhrt hat zum gemeinſten Gebrauche, daß nun keine Spur ihrer urſpruͤnglichen Geſtalt mehr ſichtbar iſt. Blicke nach Morgen, mein Sohn, da glaͤnzte die Sonne einſt auf ſtattlichen Thurmſpitzen, von welchen man Kreuze und Glocken hinab geworfen, als haͤtten wilde Heiden noch einmahl das Land uͤberzogen. Blicke auf jene Zinnen, deren Zerſtoͤrung wir ſchon in dieſer Entfernung erkennen, und frage dann, ob dieſes Land von den Heiligen, deren Ueberreſte und Bil⸗ der man entweiht hat, andre Wunder erwarten kann, als Wunder der Rache? Wie lange, fuhr ſie fort, aufwaͤrts blickend: wie lange wird ſie noch zoͤgern?... Sie ſchwieg einige Augenblicke und ſprach dann mit ſchwaͤrmeriſcher Schnelligkeit: „Ja, mein Sohn, alles auf Erden iſt nur von kurzer Dauer; Freude und Kummer, Siegesluſt 236 und Verheerung, wechſeln, wie Wolken und Sonnenſchein. Der Weinberg wird nicht immer zertreten ſein; man wird die Riſſe und Loͤcher ausbeſſern und die fruchtreichen Ranken noch ein⸗ mahl putzen und beſchneiden. Selbſt an dieſem Tage, ſelbſt zu dieſer Stunde hoffe ich wichtige Nachrichten zu hoͤren. Laß uns nicht zaudern— weiter voran— die Zeit iſt kurz und ſicher iſt das Gericht.“ Sie folgte nun dem Wege zur Abtei und in einer halben Stunde waren ſie vor dem praͤchtigen Gebaͤude, das der Wuth der Zeit nicht entgangen war, obgleich die Kirche noch nicht gelitten hatte. Die lange Reihe von Zellen, die zwei Seiten des großen Vierecks einnahmen, lag faſt ganz in Truͤmmern, da die Flammen das Innere verzehrt hatten, welchen nur die ſtarken Außenmauern zu widerſtehen vermoͤgend geweſen war. Des Abt's Wohnung war, wiewohl ſehr beſchaͤbigt, noch“ bewohnt, und gab den wenigen Moͤnchen Zuflucht, welchen mehr durch Nachſicht, als durch wirkliche Ermaͤchtigung, geſtattet war, noch in Kennaqu⸗ hair zu wohnen. Ihre ſtattlichen Wirthſchafts⸗ 237 gebaͤude, ihre angenehmen Gaͤrten, ihre praͤch⸗ tigen Kreuzgaͤnge, alles war verfallen und lag in Truͤmmern, und man ſah, wie die Bewohner der Umgegend, ſelbſt die ehemahligen Dienſtleute des Kloſters, ſich unbedenklich eines Theils der zer⸗ truͤmmerten Bauſtoffe bemächtigt hatten. Roland ſah Ueberreſte reich verzierter gothiſcher Pfeiler als Thuͤrpfoſten in armſeligen Huͤtten, und hier und da war eine verſtuͤmmelte Bildſaͤule, umgekehrt, oder auf die Seite gelegt, zu der Thuͤre oder der Schwelle eines Stalles benutzt. Auch in der ſonſt unverſehrten Kirche waren die Bilder aus den zahlreichen Blenden der Saͤulen und Pfeiler, als Gegenſtaͤnde abgoͤttiſcher Verehrung, herab geriſſen worden, ohne die reichverzierten Himmeldecken und Fußgeſtelle zu ſchonen. Magdalena ſah in dieſer Bilderzerſtoͤrung eine Ruchloſigkeit, welche des Himmels augenblickliche Rache verdiente, und ihr Enkel theilte fuͤr den Augenblick aufrichtig dieſes Gefuͤhl; doch ſprachen beide ihre Regungen nicht in Worten aus, und nur ihre aufgehobenen Haͤnde und Blicke ſagten, was ſie empfanden. Roland wollte eben der 238 großen Kirchenthuͤre gegen Morgen ſich naͤhern, als ſeine Fuͤhrerinn ihn zuruͤck rief.„Dieſe Thuͤre, ſprach ſie, iſt ſchon laͤngſt verrammelt, damit der Ketzerpoͤbel nicht erfahre, daß es unter den Bruͤdern des Marienkloſters noch Maͤnner gibt, welche Gott zu verehren wagen, wo ihre Vorfahren beteten, als ſie lebten, und begraben wurden, als ſie todt waren. Komm hieher, mein Sohn!"“„ Roland folgte ihr. Sie ſah ſich haſtig um, ob ſie beobachtet wuͤrden, da die Gefahren der Zeit ſie zur Vorſicht ermahnt hatten, und befahl dann ihrem Enkel, an ein Pfoͤrtchen zu pochen, das ſie ihm zeigte.„Aber poche leiſe!“ ſprach ſie, mit Vorſicht empfehlender Gebehrde. Als nach einer Pauſe keine Antwort erfolgte, mußte Roland auf ihren Wink noch einmahl klopfen, und endlich ſah man durch die halb geoͤffnete Thuͤre den hagern, furchtſamen Pfoͤrtner, welcher ſich den Blicken der Anpochenden zu verbergen ſuchte, waͤhrend er ſie ungeſehn beobachten wollte. Wie ganz anders war's in den Tagen der Vorzeit, wo der Pfoͤrtner mit hohem Selbſtgefuͤhle ſeine ſtolze Stirne und 239 feine wohl genaͤhrte Geſtalt den ankommenden Pilgern zeigte. Statt ſeines feierlichen Intrate mei filii! hoͤrte man jetzt ein zitterndes:„Ihr koͤnnt jetzt nicht herein, die Bruͤder ſind in ihren Kammern.“ Als aber Magdalena mit leiſer Stimme fragte:„Kennſt Du mich nicht mehr, mein Vater?“ veraͤnderte er ſeine entſchuldigende Weigerung in:„Tretet herein, geehrte Schwe⸗ ſter, aber ſchnell herein, denn es bewachen uns boͤſe Augen.“ Sie gingen hinein, und als der Pfoͤrtner die Thuͤre ſorgfaͤltig verriegelt hatte, folgten ſie ihm durch mehre dunkle Gaͤnge. Waͤhrend ſie langſam voran gingen, ſprach der Moͤnch mit Magdalena ſo leiſe, als haͤtte er gefuͤrchtet, ſelbſt den Mauern das Geſtaͤndniß anzuvertrauen, das er ihr machte.„Unſre Vaͤter, ſprach er, ſind im Kapi⸗ telhauſe verſammelt, wuͤrdige Schweſter— ja, im Kapitelhauſe, um einen Abt zu erwaͤhlen. O es darf nicht Glockengeläute ſein, kein Hoch⸗ amt, und die großen Pforten werden nicht geoͤff⸗ net, damit das Volk den geiſtlichen Vater ſehe und verehre. Die Vaͤter muͤſſen ſich eher als — 240 Raͤuber verbergen, die einen Hauptmann ernen⸗ nen, denn als wuͤrdige Prieſter, die einen infu⸗ lirten Abt erwaͤhlen.“ Laßt Euch das nicht bekuͤmmern, mein Bruder, ſprach Magdalena. Die erſten Nachfolger des heiligen Petrus ſelber wurden nicht im Sonnen⸗ ſchein erwaͤhlt, ſondern in Ungewittern, nicht in den Hallen des Vatikans, ſondern in unter⸗ irdiſchen Gewoͤlben und Gemaͤchern des heidniſchen Roms; ſie wurden nicht begluͤckwuͤnſcht mit Freu⸗ dengeſchrei, Kanonendonner und Gewehrfeuer, nicht mit Feuerwerk, nein, mein Bruder, aber mit dem rauhen Rufe der Lictoren und Praͤtoren, welche die Vaͤter der Kirche zum Maͤrtererthum ſchleppten. Aus ſolcher Truͤbſal ward die Kirche einſt erhoben, und durch ſolche Truͤbſal wird ſie jetzt gereinigt werden. Und wiſſe, Bruder, nicht in den herrlichſten Tagen der infulirten Aebte, ward je ein Oberer erwaͤhlet, dem ſeine Wuͤrde ſo viel Ehre gebracht, als Er wird geehrt werden, der das Amt uͤbernimmt in dieſen Tagen der Ver⸗ folgung. Auf wen wird die Wahl fallen? Auf wen kann ſie fallen— oder ach! wer 241 wollte es wagen, den Ruf anzunehmen, als der wuͤrdige Zoͤgling des heiligen Euſtathius, der gute und wackere Pater Ambroſius. Ich weiß es, erwiederte Magdalena. Mein Herz ſagte es mir, ehe euer Mund den Nahmen ausgeſprochen hatte. Tritt hervor, muthvoller Streiter und ſtehe mannhaft vor dem ungluͤcklichen Riß! Auf! Du kuͤhner und erfahrener Steuer⸗ mann, ergreife das Steuer, waͤhrend der Sturm wuͤthet.— Wende die Schlacht, wo Du tapfer erhoben das gefallene Banner!— Schwinge Stab und Schleuder, edler Hirt einer zerſtreuten Heerde! Still, Schweſter, ich bitte Euch! ſprach der Pfoͤrtner, eine Thuͤre oͤffnend, welche in die Kirche fuͤhrte. Die Bruͤder werden ſogleich eintre⸗ ten, die Wahl durch ein Hochamt zu feiern. Ich muß ſie zum Hochaltare fuͤhren. Alle Aemter dieſes ehrwuͤrdigen Hauſes img han auf mich alten hinfaͤlligen Mann gekommen. Er ging hinaus. Mandalena und Roland blieben allein in dem weiten Gewoͤlbe, deſſen reiche, aber keuſche Baunrt auf die fruͤheſten Zeiten des vierzehnten Jahrhunderts hindeutete. Auch im Theil I. 16 242 1 Innern waren die Heiligenbilder aus ihren Blen⸗ den geriſſen, und die wilde Verwuͤſtung hatte die Graͤber der Helden und Fuͤrſten ſo wenig geſchont, als die Heiligthuͤmer. Lanzen und Schwerter von alter Geſtalt, die uͤber den Graͤbern maͤchtiger Krieger der Vorzeit gehangen hatten, lagen zer⸗ ſtreut unter Reliquien, die von frommen Pilgern geweiht worden, und die Truͤmmer von Rittern und Frauen, die auf den Ruheſtaͤtten ihrer Ge⸗ beine gelegen oder andaͤchtig gekniet hatten, ſah man unter den Bruchſtuͤcken von Heiligen und Engeln liegen, welche gewaltthaͤtige Haͤnde von ihren Fußgeſtellen geſtuͤrzt hatten. Was das ungluͤcklichſte Zeichen zu ſein ſchien, die Moͤnche hatten, ungeachtet ſchon viele Monate ſeit der Gewaltthat verfloſſen waren, doch ſo ganz allen Muth und alle Entſchloſſenheit verloren, daß ſie es nicht eir n hl gewagt, den Schutt weg⸗ zuraͤumen, oder die Kirche wieder anſtaͤndiger ein⸗ zurichten. Mit leichter Muͤhe haͤtte dieß geſchehen koͤnnen, aber der Schrecken hatte die wenigen Ueberreſte der einſt ſo maͤchtigen Kloſtergemeine uberwaͤltigt, und da ſie wohl fuͤhlten, daß man 8 243 ſie nur aus Nachſicht und Mitleid in ihrem alten Wohnſitze ließ, ſo wagten ſie es nicht einen Schritt zu thun, den man fuͤr eine Behauptung ihrer ehe⸗ mahligen Rechte haͤtte halten koͤnnen, ſondern begnuͤgten ſich, ihre gottesdienſtlichen Gebraͤuche heimlich und ſo wenig als moͤglich ohne aͤußeres Gevpraͤnge zu vollziehen. Unter den Grabſteinen, die den Boden bedeck⸗ ten, war der neuſte nur mit den ſchlichten Worten: „Hier liegt Abt Euſtathius“ bezeichnet, da nie⸗ mand es gewagt hatte, ſeine Gelehrſamkeit und ſeinen ſtandhaften Eifer fuͤr den katholiſchen Glau⸗ ben zu preiſen. Als Magdalena, die Inſchriften leſend, zu dieſem Denkmahle kam, hob ſie an:„Zu guter Stunde fuͤr Dich ſelber, aber in boͤſer Stunde fuͤr die Kirche wurdeſt Du von uns gerufen. Laß thige deinen Nachfolger, in deine Fußſtapfen zu treten. Gib ihm deine luune erfindſame Ge⸗ ſchicklichkeit, deinen Eifer und deine Klugheit— ſelbſt deine Froͤmmigkeit uͤbertreffe nicht die ſeinige.“ Als ſie ſprach, oͤſſnete ſich eine Seitenthuͤre, deinen Geiſt bei uns ſein, heiliger Mann! Ermu⸗ 244 welche einen Gang aus der Wohnung des Abtes in die Kirche verſchloß, damit die Vaͤter auf das Chor treten und den neu erwaͤhlten Abt zu dem Hochaltare fuͤhren koͤnnten. Vor Zeiten war dieß eines der glaͤnzendſten Schauſpiele, wodurch die roͤmiſche Kirche die Ver⸗ ehrung der Glaͤubigen anzuziehen ſuchte. Die Zeit der Erledigung der Abtei war ein Zuſtand der Trauer, oder wie man es ſinnbildlich ausdruckte, der Wittwenſchaft, eine truͤbſelige Zeit, die in Freude und Jubel verwandelt wurde bei der Wahl eines neuen Obern. Wenn bei ſolchen feſtlichen Gelegenheiten die Fluͤgelthuͤren ſich oͤffneten, und der neue Abt die Schwelle betrat, mit den Zeichen ſeiner Wuͤrde, mit Ring und Inful, Feſtgewand und Krummſtab, voran ſeine greiſen Fahnentraͤger und Knaben mit Rauchfaͤſſern, hinter ihm der Moͤnche ehrwuͤrdi r Zug, und uͤberdieß alles, was ſeine neu hne Gewalt ankuͤndigte, dann rauſchte in den Orgeltoͤnen der prachtvolle Jubel⸗ geſang, womit das Hallelujah der verſammelten Maenge verſchmolz. Jetzt aber war alles anders. Zwiſchen Schutt und Verodung zogen ſieben bis 245 acht Greiſe, von Kummer und Furcht nicht weni⸗ ger, als von Alter aufgerieben, und eilig ange⸗ than mit dem verbotenen Ordenskleide, gleich Geſpenſtern aus der geoͤffneten Thuͤre, durch den verſchuͤtteten Gang zum Hochaltare, um den er⸗ waͤhlten Obern als Gebieter uͤber Truͤmmer einzu⸗ ſetzen. Man glaubte eine Schar beſtuͤrzter Wande⸗ eer zu ſehen, die einen Haͤuptling in der arabi⸗ ſchen Wuͤſte waͤhlten, oder eine ſchiffbruͤchige Mannſchaft, die auf dem oͤden Eiland, worauf ihr Schickſal ſie geworfen, einen Hauptmann erkieſte. Sa. Wer in friedlichen Zeiten am ehrgeizigſten nach Gewalt trachtet, bebt zuruͤck vor der Mitbewer⸗ bung in ereignißvollen Augenblicken, wo der Beſitz derſelben weder mit Bequemlichkeit, noch Ge⸗ praͤnge verbunden iſt, nur einen ſchmerzvollen Vor⸗ rang in Gefahr und Muͤhſeligkeit gibt und den ungluͤcklichen Haͤuptling dem Murren mißvergnuͤg⸗ ter Gefaͤhrten, wie dem erſten Angriffe des gemein⸗ ſamen Feindes, ausſetzt; aber das Gemuͤth des Mannes, den man zum Abte des Marienkloſters erwaͤhlt hatte, paßte fuͤr die Lage, wozu er berufen 25— war. Kuͤhn und ſchwaͤrmeriſch, aber großmuͤthig und verzeihend, weiſe und erfahren, aber eifernd und raſch, haͤtte er nur eine beſſere Sache haben muͤſſen, als die Unterſtuͤtzung eines verfallenden Aberglaubens, um ſich in der Reihe wahrhaft großer Maͤnner zu erheben. Aber wer redlich und edelmuͤthig fuͤr eine boͤſe Sache ſtreitet und faͤllt, wird bei der Nachwelt nur Mitleid finden, als das Opfer eines edlen, aber unſeligen Irrthums. Ein ſolcher Mann war Ambroſius, der letzte Abt von Kennaquhair, und wenn man ſeine Entwuͤrfe verdammen muß, da ihr gluͤcklicher Erfolg Schott⸗ land wieder mit den Feſſeln veralteten Aberglau⸗ bens und geiſtlicher Willkuͤhrherrſchaft belaſtet haben wuͤrde, ſo foderten doch ſeine Geiſtesgaben Achtung und ſeine Tugenden noͤthigten ſelbſt die Feinde ſeines Glaubens zur Hochachtung. Das Benehmen des neuen Abtes gab einer Feierlichkeit, die ſonſt aller Pracht ermangelte, allein ſchon Wuͤrde. Seine Bruͤder, bekannt mit der Gefahr, worin ſie ſchwebten, und ohne Zweifel beſſerer Zeiten ſich erinnernd, verriethen auffallend eine Regung von Schrecken, Kummer und Scham, 247 welche ſie verleitete, die Feierlichkeit, womit ſie beſchaͤftigt waren, als etwas Herabwuͤrdigendes und Gefaͤhrliches eilig abzumachen. Nicht ſo Pater Ambroſius. Auch in ſeinen Zuͤgen las man tiefe Wehmuth, als er in dem mitlern Gange unter den Truͤmmern von Dingen, die er heilig hielt, hinauf wandelte, aber ſein Blick war nicht kleinmuͤthig, ſein Schritt war veſt und feierlich. Er ſchien zu glauben, die Herrſchaft, die er uͤber⸗ nehmen wollte, hange auf keine Weiſe von den aͤußern Umſtaͤnden ab, unter welchen man ſie ihm uͤbertrug, und wenn ein ſo kraͤftiges Gemuͤth Be⸗ kuͤmmerniß, oder Furcht empfand, ſo dachte er nicht an ſich ſelbſt, ſondern an die Kirche, der er ſich gewidmet hatte. Endlich ſtand er auf den gebrochenen Stufen des Hochaltares, barfuß nach der Ordensregel, und nur ſeinen Hirtenſtab in der Hand, denn Ring und Inful, beide mit Edelſteinen beſetzt, waren ein Raub weltlicher Haͤnde geworden. Es erſchienen keine gehorſamen Dienſtmannen, ihm Huldigung zu leiſten und die Abgabe darzubringen, die ihrem geiſtlichen Oberherrn Zelter und Sattel⸗ 248 ſchmuck verſchaffen ſollte. Kein Biſchof wohnte dem Feſte bei, den Abt in die Reihe des Kirchen⸗ adels aufzunehmen. Die Feierlichkeit eilig abkuͤr⸗ zend, naͤherten ſich ihm die wenigen uͤbrigen Bruͤ⸗ der, ihm den Friedenskuß, als Zeichen bruͤder⸗ licher Zuneigung und geiſtlicher Huldigung, zu geben. Die Meſſe ward darauf ſo eilig geleſen, als haͤtte man nur die Gewiſſensbedenklichkeiten einiger Juͤnglinge, die ungeduldig den Aufbruch zur Jagd erwarteten, beruhigen, nicht aber die wichtigſte Feierlichkeit einer feſtlichen Weihe bege⸗ hen wollen. Der Meßprieſter fehlte in den Worten des Gebetes, und ſah ſich oft um, als haͤtte er eine Unterbrechung mitten im Gottesdienſte befuͤrch⸗ tet, und die Bruͤder hoͤrten zu, als waͤre ihnen die abgekuͤrzte Feierlichkeit nicht kurz genug vor⸗ gekommen. 5 Dieſe Zeichen der Unruhe nahmen zu, als die Feierlichkeit weiter ging, und ſchienen nicht durch bloßen Argwohn hervor gebracht zu werden; denn waͤhrend der Pauſen des Kirchengeſanges hoͤrte man draußen Toͤne ganz andrer Art, die anfangs ſchwach aus der Ferne kamen, endlich aber der 249 Mauer der Kirche ſich naͤherten und durch miß⸗ klingendes Geſchrei die Kirchenſaͤnger betaͤubten. Uebellautende Hoͤrnertoͤne, klappernde Schellen, Trommelgeraſſel, quiekende Dudelſaͤcke und raſſelnde Cymbeln, das Freudengeſchrei der bald lachenden, bald zuͤrnenden Menge, die gellenden Stimmen von Weibern und Kindern, die mit den tiefern Stimmen der Maͤnner ſich miſchten, machten einen Ton⸗ wirrwarr, der den Geſang der Moͤnche erſt betaͤubte und endlich ganz zum Schweigen brachte. XII. Als der Geſang in einem bebenden Laute der Beſtuͤrzung erſtorben war, wollten die Moͤnche anfangs in verſchiedenen Richtungen entfliehen, und draͤngten ſich dann in eiliger Unordnung, mehr verzweifelnd als hoffend, um ihren neuen Abt, der mit dem ſtolzen, unerſchrockenen Blicke, den er waͤhrend der ganzen Feierlichkeit gezeigt hatte, auf der hoͤchſten Stufe des Altares ſtand, als haͤtte er ſich dem Angriffe der drohenden Ge⸗ fahr, ein ausgezeichnetes Ziel, entgegen ſtellen, und durch Selbſtaufopferung ſeine Gefäͤhrten retten wollen, die er nicht anders zu ſchuͤtzen vermochte. Unwillkuͤhrlich gleichſam verließen Magdalena und Roland den Platz, wo ſie bis jetzt unbemerkt geſtanden, und naͤherten ſich dem Altare, als waͤren ſie von dem Wunſche beſeelt geweſen, das Schickſal der Moͤnche zu theilen, wie es auch aus⸗ fallen moͤchte. Beide verbeugten ſich ehrerbietig vor dem Abte, und waͤhrend Masdalena ſprechen zu wollen ſchien, legte der Juͤngling ſeine Hand an den Dolch, indem er nach der Hauptthuͤre blickte, die eben in dieſem Augenblicke mit Kiopfen beſtuͤrmt wurde. Der Abt winkte beide zur Ruhe.„Still Schweſter!“ ſprach er leiſe, doch hoͤrbar, trotz des fortdauernden Laͤrmes:„ſtill! laßt den neuen Abt des Marienkloſters ſelber den dankbaren Zuruf der Dienſtleute empfangen und erwiedern; ſie kom⸗ men heran, ſeine Erhebung zu feiern. Und Du, mein Sohn, ich befehle es Dir, laß ab, die irdi⸗ ſche Waffe zu beruͤhren. Iſt es der Wille unſrer Beſchuͤtzerinn, daß ihr Heiligthum ſoll entweiht werden durch Gewaltthat und verunreinigt durch 251 Blutvergießen, ſo laß es nicht, ich gebiete es Dir, durch einen katholiſchen Sohn der Kirche geſchehen. Der Laͤrm und das Pochen an dem aͤußern Thore wurden jeden Augenblick lauter, und unge⸗ duldige Stimmen foderten Einlaß. Mit Wuͤrde, und mit einem Schritte, den ſelbſt die drohende Gefahr nicht unſicher, noch uͤbereilt machte, ging der Abt zur Thuͤre, und fragte mit gebietendem Tone, wer den Gottesdienſt ſtoͤre und was man verlange. Anfangs herrſchte draußen Stille, dann erſcholl lautes Gelaͤchter und endlich erwiederte eine Stimme:„Wir verlangen Einlaß in die Kirche, und wenn die Thuͤre geoͤffnet wird, ſollt Ihr bald ſehen, wer wir ſind.“ Wer ermaͤchtigt Euch, Einlaß zu begehren? erwiederte der Abt. Das thut der ſehr hochwuͤrdige Herr Abt, antwortete die Stimme draußen, und das nach⸗ ſchallende Gelaͤchter ſchien anzudeuten, daß etwas hoͤchſt Luſtiges hinter dieſer Antwort liege. Ich kenne eure Meinung nicht, und ſuche nicht, ſie kennen zu lernen, ſprach der Abt, denn 252 wahrſcheinlich iſt ſie plump. Geht, im Nahmen Gottes! und laſſet ſeine Diener in Frieden. Ich ſage dieß, da ich rechtmaͤßige Gewalt habe, hier zu befehlen. Aufgemacht! rief eine andre rauhe Stimme, und wir wollen das Recht mit Euch ausmachen, Herr Moͤnch, wir wollen Euch einen Herrn zeigen, dem wir Alle gehorchen muͤſſen. Die Thuͤre aufgebrochen, wenn er laaͤnger zau⸗ dert! ſprach ein Dritter. Und nieder mit den Ludermoͤnchen, die uns gern um unſre Gerecht⸗ ſame bringen moͤchten! Ja, ja, unſre Gerechtſame! unſre Gerecht⸗ ſame! ſchrien alle laut. Nieder mit der Thuͤre, und nieder mit den faulen Moͤnchen, wenn ſie ſich widerſetzen! 3 Dem Pochen folgten nun Schlaͤge mit großen Haͤmmern, welchen ſelbſt die veſten Thuͤren bald haͤtten weichen muͤſſen. Der Abt aber, dem Ge⸗ genwehr vergeblich duͤnkte, und der nicht durch einen Verſuch zum Widerſtande die Anſtuͤrmenden erbittern wollte, foderte ernſtlich Stille.„Meine Kinder, ſprach er, als er mit Muͤhe Gehoͤr erlangt 253 hatte: ich will Euch vor der Begehung einer großen Suͤnde bewahren. Der Pfoͤrtner ſoll die Thuͤre oͤffnen. Er hohlt die Schluͤſſel. Euch aber bitte ich, mittlerweile zu uͤberlegen, ob Ihr in dem Gemuͤthzuſtande ſeid, die heilige Schwelle zu betreten.“ t Larifari eure Papiſterei! antwortete es draußen, wir ſind in dem Gemuͤthzuſtande der Moͤnche, wenn ſie am luſtigſten ſind, das iſt, wenn ſie Brod⸗ ſchnitten in Rindfleiſchbruͤhe eſſen, ſtatt Faſten⸗ ſuppe. Nun, wenn euer Bier nicht einen Stich hat, ſo fuͤllt uns ſchnell die Kannen, oder wir gehn von dannen. War's gut geſagt, Kammeraden? Gut geſagt war's, und auch gut gethan ſoll's werden! rief die Menge, und haͤtte nicht in dieſem Augenblicke der Pfoͤrtner, der mit den Schluͤſſein kam, in der Haſt des Schreckens, die Hauptthuͤre geoͤffnet, ſo wuͤrde der Poͤbel ihm die Muͤhe er⸗ ſpart haben. Kaum hatte er ſein Amt verſehn, als er erſchrocken zuruͤckfloh, wie wenn er eine Schleuſe geoͤffnet, und von der einbrechenden Flut uͤberſchwemmt zu werden gefuͤrchtet haͤtte. Die Maͤnche hatten ſich einmuͤthig hinter den Abt 254 zuruͤck gezogen, der allein ſeinen Platz, in geringer Entfernung von dem Eingange, behauptete, und weder Furcht, noch Beſtuͤrzung verrieth Seine Bruͤder, theils ermuthigt durch ſeine Hingebung, theils ſich ſchaͤmend, ihn zu verlaſſen, theils auch von Pflichtgefuͤhl beſeelt, blieben in einen Haufen gedraͤngt, hinter ihrem Obern. Man hoͤrte ein lautes Gelaͤchter und Freudengeſchrei, als die Thuͤre geoͤffnet wurde; aber gegen alle Erwartung drang kein wuͤthender Haufen in die Kirche.„Halt!“ hieß es vielmehr:„Halt! Zur Ordnung, ihr Leute! Die beiden hochwuͤrdigen Herrn muͤſſen ſich begruͤßen, wie ſich's ziemt.“ Der Haufen bot einen, im Hächſee Grabe wilden Anblick dar. Er beſtand aus Maͤnnern, Weibern und Kindern, alle in verſchiedenen ſpaß⸗ haften Verkleidungen, und mannigfaltigen, luſtigen Gruppen. Hier war Einer vorne mit einem Pferdekopfe, hinten mit einem Schweife bemahlt, und mit einem langen Teppich bedeckt, als ob ein Thier darunter verborgen waͤre, das bald im Paß ging, bald ſich ſchwenkte, ſich baͤumte und ſank. Mit der Geſchicklichkeit und Gewandheit dieſes —— 255⁵ Ungethuͤms wetteifernd, naͤherte ſich eine andre Geſtalt, ein ungeheurer Drache, mit vergoldeten Fiuͤgeln, offenen Rachen, und einer ſcharlach⸗ rothen, vorne geſpalteten Zunge, der einen vor ihm fliehenden Knaben, in der Kleidung der liebens⸗ wuͤrdigen Koͤniginn von Saba, verfolgte und zu verſchlingen ſuchte, waͤhrend ein kriegeriſcher Sankt Georg, ſeltſam bewaffnet mit einem Becher, ſtatt eines Helmes, und einem Bratſpieße, ſtatt einer Lanze, ſich zuweilen einmiſchte und den Lindwurm von ſeiner Beute abtrieb. Ein Baͤr, ein Wolf und einige andre wilde Thiere, zeigten bei der Darſtellung ihrer Rollen eine ſo entſchiedene Vor⸗ liebe fuͤr den Gebrauch ihrer Hinterbeine, daß es keiner weitern Ankuͤndigung bedurfte, auch die furchtſamſten Zuſchauer zu verſichern, ſie haͤtten Hes mit gebornen Zweifuͤßlern zu thun. Auch ſah man einen Haufen von Geaͤchteten, mit Robin Hood und Haͤnschen an der Spitze, und zwar die gelungenſten Rollen, was auch kein Wunder war, da die meiſten Darſteller Verbannte und Diebe waren. Die uͤbrigen Masken waren weniger aus⸗ gezeichnet. Man ſah Maͤnner in Weiberkleidung, f 256— Weiber als Maͤnner verkleidet, Kinder trugen den Anzug Erwachſener, und wankten, mit ihren Kruͤckenſtoͤcken in der Hand, Pelzkleidern auf dem Ruͤcken und Muͤtzen auf den runden Koͤpfen, waͤhrend Erwachſene wie Kinder ſprachen und an⸗ gethan waren. Viele hatten ihre Geſichter be⸗ mahlt, und trugen die Hemden uͤber den Kleidern, Andre waren mit bunter Pappe und Baͤndern ge⸗ ziert. Wer gar keine Mummerei erſinnen konnte, hatte wenigſtens das Geſicht geſchwaͤrzt und das Innere der Jacke auswaͤrts gekehrt. Waͤhrend der Pauſe, wo die Vermummten wahrſcheinlich einen hochanſehnlichen Genoſſen er⸗ warteten, hatten die Kloſterbruͤder Zeit, den abge⸗ ſchmackten Aufzug zu betrachten, und ſie begriffen leicht die Abſicht und den Sinn der Poſſe. Es iſt bekannt genug, daß die roͤmiſche Kirche in fruͤhern Zeiten, und im Vollgenuſſe ihrer Macht, ſolche ſaturnaliſche Freiheiten, als ſich die Um⸗ wohner des Kloſters Kennaquhair jetzt genommen hatten, nicht bloß duldeten, ſondern gar aufmun⸗ terten, und daß man dem Poͤpel bei ſolchen Gels genheiten geſtattete, durch viele, zuweilen kindiſche — 257⁷ und luſtige, zuweilen aber gar unſittliche und ent⸗ weihende Poſſen, ſich fuͤr die Entbehrungen zu entſchaͤdigen, die ihm zu andern Zeiten aufgelegt wurden. Die Gebrauche und Feierlichkeiten der Kirche ſelbſt aber wurden am haͤufigſten auf dieſe Art laͤcherlich gemacht, und, ſeltſam genug, ſogar mit Zuſtimmung der Geiſtlichkeit.*) So lange die Prieſterherrſchaft in vollem Glanze ſtand, ſcheint man die Folgen einer ſo unehrerbietigen Vertrau⸗ lichkeit des Volkes mit heiligen Dingen nicht ge⸗ fuͤrchtet zu haben; man meinte, der Laie gleiche zu ſehr dem Ackerpferde, das Zaum und Peitſche darum nicht minder willig ertraͤgt, wenn man ihm auch in ſeltnen Faͤllen erlaubt, auf ſeiner Weide ausgelaſſen zu ſein und in plumpen Spruͤngen gegen ſeinen Herrn und Treiber auszuſchlagen. Als aber die Zeiten ſich aͤnderten, als Zweifel gegen die katholiſche Lehre und Haß gegen ihre Prieſter die Anhaͤnger der Glaubensverbeſſerer er⸗ griffen hatten, ſah die Geiſtlichkeit zu ſpaͤt, daß kein geringer Nachtheil aus herkoͤmmlichen Spielen *) Etwas daruͤber in: Floͤgel's Geſchichte des Groteske⸗Komiſchen(Liegnitz 1788) S. 159 ff. Theil I. 17 258 und Beluſtigungen entſtand, worin ſie ſelber, und alles, was ihr das Heiligſte war, zum Gegen⸗ ſtande des Gelaͤchters gemacht wurden. Es ward allen klar, daß dieſelben Handlungen ganz anders wirken, wenn ſie im Geiſte hoͤhnender Unver⸗ ſchaͤmtheit und Erbitterung, als bloß in der uͤber⸗ ſprudelnden Fuͤlle roher und unbaͤndiger Gemuͤther gethan werden. Die Geiſtlichen ſuchten daher uͤberall, wo ſie noch etwas Einfluß hatten, von der Erneurung ſolcher unanſtaͤndigen Feſtlichkeiten abzuhalten. Die meiſten Prediger der neuen Lehre vereinigten ſich in dieſer Hinſicht mit den katholi⸗ ſchen Geiſtlichen, weil ſie mehr empoͤrt uͤber die Ruchloſigkeit und Unſittlichkeit vieler von jenen Darſtellungen, als geneigt waren, von dem laͤcher⸗ lichen Lichte, worein dadurch die roͤmiſche Kirche und deren Gebraͤuche geſtellt wuͤrden, Vortheil zu ziehen. Es dauerte aber lange, ehe dieſe aͤrger⸗ lichen Beluſtigungen abgeſchafft werden konnten, der rohe Haufen hing fortdauernd an dieſen Lieb⸗ lingszeitvertreiben, und in England, wie in Schott⸗ land, mußte der Kirchenanzug der katholiſchen, wie der reformirten Biſchoͤfe, der Mantel und das — 259 Ueberſchlaͤglein der kalviniſchen Geiſtlichen, der Reihe nach jenen luſtigen Perſonen, dem Narren⸗ papſt, dem Knabenbiſchof und dem Abte der Un⸗ vernunft, weichen. x) Der Abt der Unvernunft war es, der ſich nun der Hauptthuͤre der Kirche naͤherte. Sein Anzug war ein Zerrbild, oder eine ſpottende Nachbildung der Tracht des wirklichen Kloſterobern, dem er am Tage der Einſetzung, in Gegenwart ſeiner Geiſt⸗ lichen, im Chore ſeiner Kirche, ſich trotzend ent⸗ gegen ſtellte. Der Spottabt war ein gedrungener, unterſetzter Burſche, deſſen dicke, weichfleiſchige Geſtalt ein wohl ausgeſtopfter Wanſt grotesk ge⸗ macht hatte. Er trug eine lederne Biſchofsmuͤtze, deren Vorderſeite einer Grenadiermuͤtze glich, und mit falſcher Stickerei und zinnernem Tand verziert war. Darunter ſah man ein Geſicht, mit einer vorragenden, ungeheuren Naſe, reich mit Rubinen beſetzt. Sein Unterkleid var von Steifleinwand, ſein Chorrock von Segeltuch, ſeltſam bemahlt Nach dem anziehenden Roman: Anaſtaſius (London 1819) uͤberſetzt von W. A. Lindau(Dresden 1821 3 Theile) ſcheint es, daß aͤhnliche Traveſti⸗ rungen auch in der griechiſchen Kirche uͤblich waren. 260 und aufgeſchlitzt. Auf der einen Schulter war eine gemahlte Eule beveſtigt, und in der Rechten hielt er ſeinen Hirtenſtab, in der Linken aber einen kleinen Spiegel mit einer Handhabe, wodurch er an einen weltbekannten Luſtigmacher erinnerte, deſſen Abenteuer weiland auch in England ein beliebtes Volksbuch waren, das noch immer, mit Moͤnchsſchrift gedruckt, gegen ein Pfund Sterling fuͤr jedes Blatt, zu haben iſt.*) Die Begleiter des falſchen Abtes ahmten in ihrer poſſenhaften Tracht den Anzug der Kloſter⸗ beamten nach, wie ihr Anfuͤhrer den Abt. Sie folgten dem Fuͤhrer in einem geordneten Zuge, und die buntſcheckigen Masken, die ihn erwartet hatten, drangen nun in ſeinem Gefolge herein, mit dem Freudengeſchrei:„Platz! Platz! fuͤr den ehrwuͤr⸗ digen Vater Eulenſpiegel, den gelehrten Moͤnch der Mißregel und den hochwurdigen Abt der Unvernunft!“ *) A merry jest of a man that was called Howleglas heißt der Titel der engliſchen Ueber⸗ ſetzung. Mehr uͤber Eulenſpiegel in Floͤgel's Geſchichte der Hofnarren(Liegnitz 1789) S. 458. 261 Der mißtoͤnende Chor erneuerte ſein Geraͤuſch. Die Knaben kreiſchten und heulten, die Maͤnner lachten und tobten, die Weiber kicherten und ſchrieen, die Beſtien bruͤllten, der Drache ſpru⸗ delte und ziſchte, das Pferd wieherte, baͤumte ſich und ſprang, die Uebrigen huͤpften und ſcherzten, mit ihren benagelten Schuhen den Fußboden ſtampfend, bis unter ihren kraͤftigen Spruͤngen Funken ſtoben. Kurz, es war ein Schauſpiel laͤcherlicher Ver⸗ wirrung, das ſelbſt den gleichgiltigſten Zuſchauer häͤtte betaͤuben muͤſſen, aber die Moͤnche wurden erſchreckt durch perſoͤnliche Beſorgniſſe und durch das Bewußtſein, daß die Laͤcherlichkeit, die man auf ſie warf, den Haufen beſonders ergetzte. Es kam dazu der entmuͤthigende Gedanke, daß der Poͤbel, bei der geringſten Anreizung, aus dem Scherze Ernſt machen koͤnne. Sie blickten waͤh⸗ rend des Laͤrms auf ihren Abt, wie Seereiſende auf den Steuermann ſehen, wenn der Sturm am heftigſten wuͤthet, und durch ihre Blicke verrathen, daß ſie von der eignen Kraft nichts mehr hoffen 262— und auf die Anſtrengungen ihres Fuͤhrers nur wenig vertrauen. Der Abt ſelbſt ſchien unſchluͤſſig zu ſein. Es bewegte ihn keine Furcht, aber er fuͤhlte, daß es gefaͤhrlich ſein werde, den aufwallenden Unwillen auszudruͤcken, den er kaum bemeiſtern konnte. Er machte ein Zeichen mit der Hand, als haͤtte er Schweigen gebieten wollen, aber man antwor⸗ tete ihm nur mit verdoppeltem Geſchrei und mit wild ſchallendem Gelaͤchter, und erſt als Eulen⸗ ſpiegel ungefaͤhr dieſelbe Bewegung machte, ge⸗ horchten alsbald ſeine laͤrmenden Gefaͤhrten, die neue Nahrung fuͤr ihre Froͤhlichkeit von der Unter⸗ redung zwiſchen dem wahren und dem falſchen Abte erwarteten, da ſie auf den Poͤbelwitz und die Unverſchaͤmtheit ihres Fuͤhrers nicht wenig Ver⸗ trauen ſebten.„Angefangen, Vaͤter, angefan⸗ gen! Ficht Moͤnch, ſicht Schalksnarr! riefen ſie. Abt gegen Abt iſt redlich Spiel, und ſo iſt's auch Vernunft gegen Unvernunft, Bosheit gegen Moͤncherei.“. Still, Geſellen! ſprach Eulenſpiegel. Koͤnnen denn nicht zwei gelehrte Kirchenvaͤter Gemeinſchaft — 263 mit einander haben, ohne daß Ihr herkommt mit eurem Flegelgebruͤll und Geſchrei, als ob Ihr einen Bullenbeiſſer auf einen tollen Stier hetzen wolltet? Still, ſag' ich! Der gelehrte Vater und ich, wir haben uns zu ſprechen uͤber Dinge, die unſern Stand und unſre Gewalt angehn. Meine Kinder!.. ſprach Pater Ambroſius. Meine Kinder auch— und froͤhliche Kinder ſind's, antwortete ſein ſpaßhaftes Ebenbild. Manch kluges Kind kennt ſeinen Vater nicht, und es iſt gut fuͤr ſie, daß ſie unter zweien zu waͤhlen haben.. Wenn noch etwas Anders in Dir tt, als Spottſucht und Liederlichkeit, ſprach der Abt, ſo laß mich um deines Seelenheiles willen ein Paar Worte mit dieſen verfuͤhrten Menſchen ſprechen. Nichts in mir als Spottſucht, ſagſt Du? erwiederte der Abt der Unvernunft. Ei nun, ehr⸗ wuͤrdiger Bruder, ich habe alles, was ſich heut⸗ zutage fuͤr meine Wuͤrde ziemt. Ich habe Rind⸗ fleiſch, Bier und Branntwein, und andre Wuͤrze, die's nicht der Muͤhe werth iſt, zu nennen. Und was das Sprechen anbelangt— i nun, ſo laß X+ 264 ˖˖——q— Dich nur hoͤren, Freundchen, und wir meſſen uns, wie ehrliche Kerle. Waͤhrend dieſer Vahandlerg war Magdale⸗ na's Zorn auf Hoͤchſte geſtiegen. Sie trat zu dem Abte und ſprach leiſe, doch vernehmlich zu ihm: „Erwache und erhebe Dich, Vater! Sankt Peter's Schwert iſt in deiner Hand; ſchwing' es und raͤche Sankt Peter's Erbtheil! Schlage ſie in die Feſſeln, die im Himmel geſchmiedet ſind, wenn die Kirche ſie auf Erden ſchmiedet.“ Still, Schweſter! ſoprach der Abt. Ihr Wahnſinn ſoll uns nicht die Beſonnenheit rauben. Ich bitte Dich, ſei ruhig, und laß mich thun, was meines Amtes iſt. Es iſt das erſte Mahl und vielleicht auch das letzte Mahl, daß ich berufen bin, es zu thun. Nein, mein frommer Bruder, ſprach Eulen⸗ ſpiegel, ich daͤchte, Ihr folgtet dem Rathe der frommen Schweſter. Nie gedieh ja ein Kloſter ohne Weiberrath. Still, thoͤriger Mann! erwiederte der Abt. Und Ihr, meine Bruͤder— Nicht doch! fiel der Scheinabt ein, nichts zu — 265 den Laien geſagt, ehe Ihr mit eurem Bruder in der Kutte geſprochen habt. Ich ſchwoͤre bei Klingel, Buch und Kerze, keiner in meiner Ver⸗ ſammlung ſoll auf ein Wort hoͤren, das Ihr ſagen wollet; drum thaͤtet Ihr beſſer, Ihr ſpraͤchet mit mir, der Euch anhoͤren will. Um einer ſo poſſenhaften Unterredung auszu⸗ weichen, verſuchte Pater Ambroſius noch einmahl, ob ſich ein Ueberreſt ehrerbietiger Regungen unter den Bewohnern des Kloſtergebietes, die einſt ihrem geiſtlichen Obern ſo ergeben geweſen waren, er⸗ wecken laſſe. Aber ach! Der Abt der Unvernunft durfte nur ſeinen falſchen Krummſtab ſchwingen, und das Schreien, Heulen und Tanzen fing ſo heftig wieder an, daß eine Stentor⸗Lunge es nicht damit haͤtte aufnehmen koͤnnen.— Und nun, Geſellen! ſprach der Abt der Unver⸗ nunft, noch einmahl das Maul gehalten! Laßt uns ſehn, ob der Hahn von Kennaquhair fechten will, oder vom Kampfplatz fliehen. Eine tiefe Pauſe der Erwartung folgte, und Pater Ambroſius benutte die Stille, ſeinen Gegner anzureden, als er ſah, daß er auf andre Art nicht 266— Gehoͤr gewinnen konnte.„öUngluͤcklicher Mann! ſprach er, haſt Du nichts beßres zu thun fuͤr deinen fleiſchlichen Witz, als ihn anzuwenden, um dieſe verblendeten, hilfloſen Geſchoͤpfe in den Ab⸗ grund der Finſterniß zu fuͤhren?“ Wahrlich, Bruder, erwiederte Eulenſpiegel, ich ſehe wenig Unterſchied zwiſchen eurem und mei⸗ nem Amt, als daß Ihr eine Predigt auf einen Spaß macht, und ich einen Spaß auf eine Predigt. uungluͤckliches Geſchoͤpf! ſprach der Abt, wenn Du keinen beſſern Gegenſtand der Froͤhlichkeit haſt, als einen ſolchen, wovor Du zittern ſollteſt, keinen anſtändigern Scherz, als deine Suͤnden, keine beſſern Gegenſtaͤnde des Gelaͤchters, als die Men⸗ ſchen, die Dich von der Suͤndenſchuld losſprechen koͤnnen! Traun, ehrwuͤrdiger Bruder, ſprach der Spottabt, was Ihr da ſagt, moͤchte wahr ſein, wenn ich beim Spott uͤber Heuchler die Religion verſpotten wollte. O es iſt doch ein herrlich Ding, ein langes Kleid zu haben, nebſt Guͤrtel und Kutte! Wir werden dann ein heiliger Pfeiler der Mutter Kirche und kein Bube darf an den Mauern mit — 267 dem Ball ſpielen, aus Furcht, ein gemahltes Fenſter zu zerbrechen. und Ihr, meine Freunde, ſprach der Abt, umher blickend, mit einer ſo heftigen Stimme, daß er auf einen Augenblick ruhiges Gehoͤr fand: wollt Ihr es leiden, daß ein unheiliger Poſſen⸗ reiſſer, mitten in Gottes Tempel, die Diener Gottes beleidige? Viele von Euch, Ihr alle viel⸗ leicht, habt unter meinen frommen Vorfahren gelebt, die zum Regiment in dieſer Kirche berufen waren, wo ich berufen bin, zu leiden. Die welt⸗ lichen Guͤter, die Ihr habt, ſind ihre Gaben, und wenn Ihr nicht verſchmaͤhtet, beßre Gaben anzunehmen, ſo waren die Barmherzigkeit und Verzeihung der Kirche Euch immer gewiß. Bete⸗ ten wir nicht, waͤhrend Ihr froͤhlich waret, wach⸗ ten wir nicht, waͤhrend Ihr ſchliefet? Ja, einige Hausfrauen im Kloſtergebiete pflegten ſo zu ſagen, fiel der Spottabt ein. Sein Scherz aber fand in dieſem Augenblicke nur wenig Beifall, und als Pater Ambroſius ſich eine fluͤchtige Aufmerkſamkeit verſchafft hatte, eilte er, die guͤnſtige Stimmung zu benutzen. 268 „W und * und und iſt es ehrbar, ein Paar alte Maͤnner hoͤhniſch anzufallen, von deren Vorfahren Ihr alles habt, ſterben unter den Truͤmmern eines Hauſes, das einſt das Licht des Landes war, deren taͤgliches Gebet es iſt, daß Gott ſie hinweg nehmen moͤge, bevor die Stunde kommt, wo der letzte Funken erloͤſchen, und das Land in die Finſterniß gerathen wird, die es lieber erwaͤhlt hat, als das Licht. Wir haben nicht die Schaͤrfe des weltlichen 3 Schwertes gegen Euch gekehrt, um unſre zeitliche Verfolgung zu raͤchen; das Ungewitter eurer Wuth hat unſrer Guͤter uns beraubt und uns kaum das taͤgliche Brod gelaſſen, aber wir haben es nicht mit dem Blitze des Kirchenbannes vergol⸗ ten; wir bitten Euch nur um die Erlaubniß, zu leben und zu ſterben in der Kirche, die unſer Eigen⸗ thum iſt, und Gott, unſre heilige Jungfrau, reiſſerei und Gotteslaͤſterung.“ ie! ſprach er, iſt es denkbar, iſt es anſtaͤndig, deren einziger Wunſch es iſt, in Frieden zu die Heiligen um Suͤndenvergebung fuͤr Euch fuͤr uns anzuflehen, ungeſtoͤrt von Poſſen⸗ Dieſe Rede, in Ton und Ausdruck ſo ver⸗ 269 ſchieden von dem, was die unruhige Verſammlung erwartet hatte, machte eine Wirkung auf ihre Ge⸗ fuͤhle, die ſie nicht zur Fortſetzung des Spaßes ermunterte. Der Mohrentanz hoͤrte auf, das Pferd machte keine Spruͤnge mehr, Pfeife und Trommel verſtummten, und Todtenſtille lag auf der vorher ſo lauten Menge. Einige Beſtien waren in ſichtbarer Zerknirſchung; der Baͤr konnte ſeine Seufzer nicht unterdruͤcken und ein unge⸗ heurer Fuchs wiſchte ſich die Augen mit ſeinem Schwanze. Der Lindwurm zumahl, der kurz zuvor ſo furchtbar ſich geſpreizt hatte, zog ſeine ſchrecklichen Krallen ein, wickelte ſeine graͤßlichen Ringe ab, und brummte aus dem feurigen Rachen in reuigem Tone:„Bei der heiligen Meſſe! ich ſah nichts Arges in unſerm alten Zeitvertreibe, aber wenn ich haͤtte denken koͤnnen, daß ſich's der gute Vater ſo zu Herzen nehmen wuͤrde, ich haͤtte lieber euren Teufel geſpielt, als euren Drachen.“ Waͤhrend dieſer kurzen Pauſe ſtand Abt Am⸗ broſius unter den wilden Zerrbildern, die ihn um⸗ ringten, ſiegreich, wie der heilige Antonius in 270 Callot's Verſuchungen; aber Eulenſpiegel wollte ſeinen Zweck nicht ſo leicht aufgeben. Nun, Ihr Leute! hob er an. Iſt das redlich . Spiel, oder nicht? Habt Ihr mich nicht zum Abt der Unvernunft gewaͤhlt, und darf Einer von Euch heute auf geſunden Menſchenverſtand achten? Ward ich nicht von Euch erwaͤhlt im feierlichen Kapitel, das wir in Martin's Schenke hielten, und Ihr wollt mich jetzt verlaſſen und euren alten Zeitvertreib und eure Gerechtſame aufgeben? Ausgeſpielt das Spiel! Und wer wieder ein Wort ſagt von Verſtand, oder Vernunft, oder uns nachdenken und uͤberlegen heißt, oder dergleichen, was nicht fuͤr den Tag paßt, der ſoll feierlich getauft werden im Muͤhlenwehr. Der Poͤbel, wandelbar wie immer, jubelte, Pfeife und Handtrommel ließen ſich hoͤren, das Pferd baͤumte ſich, die Beſtien bruͤllten und ſelbſt der reuige Lindwurm fing wieder an, ſich empor zu recken und ſich zu neuen Spruͤngen vorzuberei⸗ ten. Der Abt wuͤrde aber vielleicht doch durch ſeine Beredſamkeit und ſeine Bitten uͤber die boͤs⸗ lichen Abſichten der Laͤrmer geſiegt haben, wenn nicht Frau Magdalena den Unwillen haͤtte ausbre⸗ chen laſſen, den ſie ſo lange unterdruͤckt hatte. Ihr Spoͤtter und Ihr Belialsſoͤhne! ſprach ſie, gotteslaͤſterliche Ketzer und grauſame Wuͤthe⸗ riche—— Ruhig, Schweſter! fiel der Abt ein. Ich bitte und befehle es Euch. Laßt mich meine Pflicht thun und ſoͤrt mich nicht in meinem Amte. Frau Magdalena aber fuhr fort, ihre Dro⸗ hungen heraus zu donnern im Nahmen der Paͤpſte und der Kirchenverſammlungen, und im Nahmen aller Heiligen, vom Erzengel Michael abwaͤrts. Kameraden! ſprach der Abt der Unvernunft, dieſe gute Frau hat nicht ein einziges vernuͤnftiges Wort geſprochen, und koͤnnte in ſo fern vom Geſetze ausgenommen ſein, aber was ſie ſagte, ſollte nach ihrer Meinung fuͤr Vernunft gelten, und wenn ſie nicht bekennt und verſichert, daß alles, was ſie geſagt hat, Unſinn iſt, ſo ſoll's fuͤr vernuͤnftig gelten und ſie ſoll die Strafe unſeres Geſetzes erleiden. Derowegen, heilige Frau, Pil⸗ gerinn oder Aebtinn, oder was Du ſonſt ſein magſt, halt ein mit deiner Mummerei, oder Du kommſt 271 ——. —õõ⅞;ů⅜“ O———— 1 1 —„ b V V 272 ins Muͤhlenwehr. Wir wollen weder geiſtlichen, noch weltlichen Zank in unſerm Sprengel der Unvernunft. Bei dieſen Worten erhob er ſeine Hand gegen die alte Frau, waͤhrend ſeine Gefaͤhrten ſchrien: „Sie werde gerichtet! gerichtet!“ und ſich an⸗ ſchickten, ſeine Abſicht zu unterſtuͤtzen. Ploͤtzlich aber wurde ſie vereitelt. Roland hatte mit Un⸗ willen den Beleidigungen zugeſehen, die ſein geiſt⸗ licher Lehrer erlitt, er war jedoch verſtaͤndig genug, zu erwaͤgen, daß er ihm keinen Beiſtand leiſten, wohl aber durch unwirkſame Einmiſchung die Sache nur ſchlimmer machen koͤnnte. Als er hin⸗ gegen ſeine alte Großmutter von perſoͤnlicher Ge⸗ waltthaͤtigkeit bedroht ſah, ließ er dem natuͤrlichen 3 Ungeſtuͤm ſeines Gemuͤthes freien Lauf, und vor⸗ tretend, ſtieß er ſeinen Dolch dem Abte der Un⸗ vernunft in den Leib, den der Streich augenblick⸗ lich niederſtreckte. XIII. Die Laͤrmer erhoben ein furchtbares Rachege⸗ ſchrei, als ſie ihre Luſtbarkeit ſo ſchrecklich geſtoͤrt 273 Fahen; aber da es ihnen an Waffen fehlte, und Roland mit zornentflammtem Geſichte ſeinen Dolch ſchwang, mußten ſie fuͤr einen Augenblick eher auf ihre Sicherheit bedacht ſein, waͤhrend der Abt mit erhobenen Haͤnden Verzeihung fuͤr das Blutvergießen im Heiligthum erflehte. Mag⸗ dalena allein frohlockte uͤber den Streich, den ihr Enkel dem Spoͤtter verſetzt hatte, wiewohl auch Beſorgniß fuͤr des Juͤnglings Sicherheit ſich wild und aͤngſtlich aͤußerte.„Laßt ihn umkommen in ſeiner Gotteslaͤſterung, ſprach ſie, laßt ihn ſterben auf dem heiligen Boden, den er beſchimpft hat!“ Aber die Wuth des Haufens, der Kummer des Abtes, das Frohlocken der ſchwaͤrmeriſchen Magdalena, alles war unzeitig und uͤberfluͤſſig. Eulenſpiegel, den man fuͤr toͤdtlich verwundet gehalten, ſprang munter auf, und rief laut: „Ein Wunder! ein Wunder, Ihr Leute! ein eben ſo herrliches Wunder, als je in der Kirche von Kennaquhair geſchehen! Und ich gebiete Euch, Ihr Leute, als euer geſetzmaͤßig erwaͤhlter Abt, Niemand anzuruͤhren ohne meinen Befehl. Ihr, Wolf und Baͤr, huͤtet dieſen unbeſonnenen Bur⸗ Theil I. 18 274 ſchen, doch thut ihm nichts zu Leide. Und Ihr, ehrwuͤrdiger Bruder, geht mit euren Kameraden in eure Zellen, denn unſre Berathſchlagung hat geendet, wie alle Berathſchlagungen; jeder beſteht auf ſeinem Sinne, wie vorher. Fechten wir, ſo kommt Ihr und eure Vruͤder und die Kirche am Schlimmſten weg. Drum packt eure Siebenſachen zuſammen und geht.“ Der Laͤrm begann von Neuem; aber Pater Ambroſius zoͤgerte noch, als waͤre er ungewiß ge⸗ weſen, ob ſeine Pflicht ihm gebiete, dem drohen⸗ den Sturme zu trotzen, oder ſich fuͤr einen beſſern Augenblick aufzuſparen. Der Spottabt bemerkte die Unentſchloſſenheit des frommen Vaters, und ſprach in einem naruͤrlichern und minder gezwun⸗ genen Tone, als er zeither hatte hoͤren laſſen: „Wir kamen hieher, lieber Herr, mehr zum Vergnuͤgen, als zum Unfug. Unſre Rinde iſt ſchlimmer, als der Kern, und vor allen Dingen, wollen wir Euch ſelber nichts zu Leide thun, dero⸗ wegen zieht Euch lieber zuruͤck, ſo lange das Spiel noch gut ſteht. Ein Falke laͤßt ſich nicht gut locken, wenn er einmahl in der Luft iſt, und 275 einem Bullenbeißer kann man ſeinen Raub nicht leicht abjagen. Kommt das Volk erſt wieder zum Zanken, ſo wird's ſelbſt fuͤr Tollheit zu arg werden. Laßt den Abt der Unvernunft dafuͤr ſorgen, die Leute wieder zu der Lockſpeiſe zu bringen. Die Kloſterbruͤder draͤngten ſich um den Abt, und baten ihn einmuͤthig, dem Strome zu weichen. Die laͤrmende Ergezlichkeit, ſagten ſie, ſei eine alte Sitte, die ſeine Vorfahren erlaubt, ſogar wohl mitgemacht haͤtten. Ja, und wir ernten jetzt die Frucht der Saat, die ſie ſo unbeſonnen ausgeſaͤet haben, ſprach der Abt. Sie zeigten den Leuten, wie man uͤber das Heilige ſpottet, und es iſt kein Wunder, daß die Abkoͤmmlinge von Spoͤttern Raͤuber und Pluͤn⸗ derer geworden ſind. Aber ſei es, wie Ihr wollt, meine Bruͤder! Geht in eure Zellen. Und Ihr, fuhr er fort zu Magdalena, entfernt Euch, ohne weiter zu ſprechen; ich befehle es Euch, bei der Gewalt, die ich uͤber Euch habe, und Ihr werdet gehorchen, wenn Euch die Sicherheit des jungen Menſchen lieb iſt.— Doch was habt Ihr fuͤr Abſichten mit dem jungen Manne, den Ihr o,, 276 gefangen haltet? ſprach er darauf zu Eulenſpiegel und ſetzte mit ernſtem Tone hinzu: Wißt Ihr, daß er die Livrei des Hauſes Avenel traͤgt? Wer den Unwillen des Himmels nicht fuͤrchtet, wird doch wenigſtens den Zorn der Menſchen ſcheuen. Seit unbeſorgt um ihn, erwiederte Eulen⸗ ſpiegel, wir wiſſen ſehr wohl, wer und was er iſt. Ich erſuche Euch, ſprach der Abt mit bitten⸗ dem Tone, thut ihm nichts zu Leide fuͤr die unbe⸗ ſonnene That, die er in ſeinem unbedachtſamhen Eifer gewagt hat. Ich ſag' Euch, ſeid unbekuͤmmert darum, Vater, antwortete Eulenſpiegel, und geht mit eurem Gefolge, oder ich nehm' es nicht uͤber mich, die Heilige vor dem Tauchſchemel zu beſchuͤtzen. Und was das Nachtragen anbelangt, dafuͤr hat mein Magen nicht Platz. Eriſt— ſetzte er hinzu, ſeinen runden Wanſt klopfend— zu gut ausgepolſtert mit Stroh und Steifleinwand. Das hat, Gott ſei Dank, den Dolch dieſes Tollkopfes ſo gut abgehalten, als ein Harniſch. Rolands kraͤftig gefüͤhrter Dolch war nicht durch das Fuͤllſel des falſchen Bauches gedrungen, * 277 und nur die Gewalt des Stoßes hatte den Abt der 3 Unvernunft niedergeworfen. Eulenſpiegels Ver⸗ ſicherungen beruhigten einigermaßen den Abt Ambroſius, welcher, als er ſah, daß er der uͤber⸗ legenen Macht weichen mußte, ſich mit den Kloſter⸗ bruͤdern zuruͤck zog, und den Laͤrmern freie Hand ließ, ihren Willen zu vollfuͤhren. Aber ſo wild und trotzig ſie auch waren, ſie begleiteten den Ruͤckzug der Moͤnche nicht mit dem verachtenden Hohngeſchrei, womit man die armen Greiſe zuerſt begruͤßt hatte. Die Rede des Abtes war wirkſam genug geweſen, in Einigen das Gewiſſen aufzu⸗ regen, in Andern Scham zu erwecken und in Allen eine fluͤchtige Regung von Ehrerbietung⸗ Sie blieben ſtill, bis der letzte Moͤnch durch die Seitenthuͤre verſchwunden war, die zu dem Wohn⸗ gebaͤude fuͤhrte, und ſelbſt dann waren einige Er⸗ mahnungen des Eulenſpiegels, einige Spruͤnge des Pferdes und einig Aufwallungen des Lindwur⸗ mes noͤthig, um den eingeſchuͤchterten Geiſt des wilden Jubels noch einmahl zu erwecken. Und was nun, Ihr Leute? ſprach der Spott⸗ abt. Warum ſeht Ihr mich mit ſolchen Pinſel⸗ 278 geſichtern an? Wollt Ihr euren alten Zeitvertreib miſſen, weil ein altes Weib von Heiligen und Fegefeuer geſchwatzt hat? Ich daͤchte, daruͤber waͤret Ihr lange hinaus. Wohlan, aufgeſpielt, Trommel und Harfe! aufgeſpielt Geigen und Stockfiedel! Tanzt und ſeid luſtig, und laßt die Sorge auf morgen wiederkommen! Baͤr und Wolf, ſeht auf euren Gefangenen! Munter Pferdchen! Ziſche Lindwurm! Jubelt, Ihr Jungen! Wir werden aͤlter jeden Augenblick, wo wir muͤſſig ſtehen, und das Leben iſt zu kurz, daß wir's damit zubraͤchten, die Stummen zu ſpielen. 3 Dieſe kraͤftige Ermahnung hatte die gewuͤnſchte Wirkung. Sie raͤucherten in der Kirche mit ver⸗ brannten Wollenlappen und Federn, ſtatt des Weihrauchs, thaten unreines Waſſer in die Weih⸗ keſſel und feierten eine Spottmeſſe, wobei Eulen⸗ ſpiegel den Prieſterdienſt am Altare verrichtete; ſie ſangen luſtige und unanſtaͤndige Spottreime nach der Melodie der Kirchengeſaͤnge; ſie entweih⸗ ten, was ſie von Kirchengewaͤndern und heiligen 3 Gefaͤßen finden konnten, erlaubten ſich alles, was 279 die wilde Laune des Augenblickes ihnen eingab, und gingen endlich gar zu Zerſtoͤrungen uͤber, deren Spuren blieben. Hier und da ward hoͤlzernes Schnitzwerk herab geriſſen, die gemahlten Fenſter, welche fruͤhere Gewaltthaͤtigkeit verſchont hatte, wurden eingeworfen, und bei dem eifrigen Suchen nach abgoͤttiſchem Bildwerk, ſogar alle Verzierun⸗ gen zerſtoͤrt, die man noch auf Grabſteinen und an den Karnieſen der Saͤulen fand. Die Zerſtoͤrungsluſt waͤchſt, wie jeder Hang, dem man nachgibt, und nach dem leichtern Ver⸗ ſuchen im Unfug, fingen die unruhigſten Koͤpfe unter dem Haufen an, auf groͤßere Verwuͤſtung zu ſinnen.„Wir wollen's ganz niederreiſſen das alte Kraͤhenneſt!“ war bald das allgemeine Ge⸗ ſchrei.„Es hat lange genug dem Papſte und ſeinen Kraͤhen gedient.“ uUnd aufgeſpielt ward ein Lied, das zu jener Zeit unter dem Volke beliebt war: Der Papſt, von Heidenhochmuth voll, Ließ uns zu lang' nicht ſehen. Wo Blind' ein Blinder fuͤhren ſoll, Muß jeder irre gehen. 280 Als Koͤnig ganz, Fuͤhrt er den Tanz, Giebt aller Bosheit Raum. Auf tanzt, Juchhei! und ſingt Juchhei! Unter dem gruͤnen Baum, Der Biſchof ließ die Kanzel leer, Weil er mit Dirnen ſcherzte; Der Moͤnch erbettelt' deſto mehr, Wenn er die Weibchen herzte. Das Credo war Dem Pfarrer gar Zu ſchwer, er las es kaum. Auf tanzt, Juchhei! Und ſingt, Juchhei! Unter dem gruͤnen Baum. Dieſer Chor aus einem beruͤhmten Jaͤgerliede, den ein Spottdichter benutzt hatte, ward von bruͤl⸗ lenden Stimmen geſungen, und die Gefaͤhrten des Abtes der Unvernunft wurden mit jedem Augen⸗ blicke ſtuͤrmiſcher und waren ſelbſt fuͤr ihren Fuͤhrer zu unbaͤndig geworden; als ein Ritter in voller Ruͤſtung, von einigen bewaffneten Reiſigen beglei⸗ tet, in die Kirche trat, und mit ernſter Stimme 281 gebot, der laͤrmenden Mummerei ein Ende zu machen. 3 Sein Viſier war aufgeſchlagen, aber waͤre es auch geſchloſſen geweſen, Jedermann wuͤrde an dem gruͤnen Helmbuſche den Ritter Halbert Glen⸗ dinnig erkannt haben. Er war auf dem Heim⸗ wege durch das Dorf Kennaquhair gekommen, und vielleicht beſorgt fuͤr ſeines Bruders Sicher⸗ heit, bei dem Laͤrm des Aufſtandes ſogleich in die Kirche geeilt. — Was ſoll das bedeuten, Ihr Leute? ſprach er. Ihr wollet Chriſten und treue Unterthanen ſein, und zerſtoͤrt und verwuͤſtet Kirche und Chor, als ob Ihr Heiden waͤret? Alle ſtanden ſchweigend ſtill, wiewohl gewiß Manche in ihren Erwartungen getaͤuſcht und uͤber⸗ raſcht waren, als ſie Verweiſe, ſtatt Dank, von einem ſo eifrigen Proteſtanten empfingen. Der Drache nahm endlich das Wort, und bruͤllte aus der Tiefe ſeines bemahlten Rachens, man habe nur mit dem Beſen der Zerſtoͤrung die Paͤpſtlerei aus der Kirche gefegt. Wie, meine Freunde, ſprach der Ritter, 282 glaubt Ihr, es ſei in dieſer Mummerei nicht mehr vom Papſtthum, als in dieſen Mauern? Bringt den Ausſatz von eurem Fleiſche, ehe Ihr davon redet, dieſe Mauern zu reinigen, laßt ab von eurer unverſchaͤmten Zuͤgelloſigkeit, die nur zu thoͤriger Eitelkeit und ſuͤndhafter Ausſchweifung fuͤhrt, und wiſſet, was Ihr jetzt treibt, iſt einer von den unheiligen und unanſtaͤndigen Zeitvertrei⸗ ben, welche die roͤmiſchen Prieſter ſelber einfuͤhr⸗ ten, um die Seelen, die in ihre Netze fielen, zu verfuͤhren und zu verwildern. Ei ſeht mir doch! wollt Ihr da hinaus? brummte der Drache mit einer Verdruͤßlichkeit, die gut zu ſeiner Rolle paßte. Wir waͤren ja beſſer Paͤpſtler geblieben, wenn wir keine Freiheit in unſern Zeitvertreiben haben ſollen. Mir antworteſt Du ſo? ſprach Halbert. Oder iſt ein Zeitvertreib dabei, wie eine ungeheure Raupe auf der Erde zu kriechen? Heraus aus deinem gemahlten Gehaͤuſe, oder, ſo wahr ich Ritter bin! ich will Dich behandeln, wie die Beſtie, wozu Du Dich gemacht haſt. Beſtie? erwiederte der beleidigte Lindwurm. — 283 Von deinem Ritterthum abgeſehen, halte ich mich fuͤr einen ſo wohl gebornen Mann, als Du ſelber diſt. Der Ritter erwiederte nicht mit Worten, aber er gab dem muthwilligen Drachen ein Paar ſo⸗ kraͤftige Hiebe mit dem Schafte ſeiner Lanze, daß nur die ſtarken Reife, welche die Rippen des Ge⸗ haͤuſes bildeten, die eigenen Rippen des verbor⸗ genen Schauſpielers ſchuͤtzten. Der Erſchrockene kroch eilig aus der Lindwurmhuͤlle, um nicht einen dritten Schlag des erzuͤrenten Ritters zu füͤhlen, und als er auf ſeinen Beinen ſtand, er⸗ kannte Halbert die wohl bekannten Zuͤge eines Mannes, der ſein Geſpiele geweſen war, ehe ſein Gluͤck ihn ſo hoch erhoben. Der Landmann ſah den Ritter muͤrriſch an, als haͤtte er ihm ſeine Heftigkeit gegen einen alten Bekannten vorruͤcken wollen, und Halbert war ſo gutmuͤthig, daß er ſich ſelber bald ſeine Gewaltthaͤtigkeit vorwarf. Es war unrecht, Dich zu ſchlagen, ſprach der Ritter, aber ich kannte Dich wahrlich nicht, Daniel. Du warſt immer ein toller Burſche. 284 Komm auf's Schloß, und wir wollen ſehen, was meine Falken machen. Und wenn wir ihm nicht Falken zeigen, die ſo luſtig aufſteigen, als Raketen, ſo wollt' ich, Ihr haͤttet meine Knochen ſo hart getroffen, als den Lindwurm, ſprach der Abt der Unvernunft. Was hoͤr' ich? rief der Ritter. Wie kommſt Du hieher, Schurke? Der Spottabt warf ſchnell ſeine falſche Naſe weg, ließ den Zuſatzwanſt fallen, und ſtand vor ſeinem Gebieter als Adam Woodcock, der Falkner von Avenel. 1 Wie, Du haſt Dich erdreiſtet, das Haus zu ſtoͤren, wo mein Bruder wohnt? hob der Ritter wieder an. Verzeiht mir, edler Herr, eben deßwegen kam ich hierher, erwiederte Adam. Ich hoͤrte, das Volk waͤre aufgeſtanden, einen Abt der Unver⸗ nunft zu waͤhlen. Da dacht' ich, Du kannſt ja ſingen, tanzen und ruͤckwaͤrts ſpringen uͤber ein Schwert, und biſt ein ſoguter Narr, als je einer, der eine Anſtellung ſuchte; Du wirſt den Dienſt ohne Zweifel verſehen koͤnnen, und braͤchteſt 285 Du's dahin, daß man Dich waͤhlte, ſo koͤnnteſt Du dem Bruder unſres Herrn von Nutzen ſein, wenn's in der Kirche zu arg werden ſollte. Du biſt nur ein Fuchsſchwaͤnzer, ſprach Ritter Halbert. Ich weiß es wohl, Bier und Brannt⸗ wein, und die Luſt zu ſchwaͤrmen und zu laͤrmen, koͤnnten Dich eine Meile weit ziehen, aber die Liebe zu meinem Hauſe braͤchte Dich kaum ein Paar Schritte weit. Doch fort von hier! Fuͤhre die Schreier anderswohin, in's Wirthshaus, wenn ſie wollen, und hier ſind ein Paar Kronen fuͤr eure Zeche. Bringt den tollen Tag zu Ende, ohne weiter Unfug zu treiben, und ſeid morgen vernuͤnftig. In Zukunft aber lernt, daß man einer guten Sache beſſer nuͤtzen kann, als wenn man ſich wie ein Raͤuber betraͤgt. Dem Befehl ſeines Gebieters gehorſam, ſam⸗ melte der Falkner ſeine entmuthigten Gefaͤhrten, und fliſterte ihnen zu: Fort, fort! Haltet's dem guten Ritter nicht fuͤr ungut, daß er ſo ſtrenge gegen Zeitvertreib iſt. Wir treiben unſern Spaß fort bei einem Kruge Doppelbier in der Schenke. Auf! Harfe und Tamburin, Dudelſack und 286 Trommel! Alles ſtill, bis wir uͤber den Kirchhof ſind; dann mag's wieder los gehen. Vorwaͤrts, Wolf und Baͤr! und huͤbſch auf den Hinterbeinen! Seid Ihr erſt uͤber die Kirche hinaus, ſo koͤnnt Ihr wieder Beſtien ſein... Warum hat ihn der Teufel auch hergefuͤhrt, uns den Spaß zu ver⸗ derben! Aber ſeid nicht boͤs auf ihn, Kinder; ſeine Lanze iſt kein Gaͤnſekiel, davon wiſſen Daniels Rippen zu erzaͤhlen. Bei meiner Seele! fiel Daniel ein, waͤr's nicht mein alter Kamerad geweſen, er haͤtte es fuͤhlen ſollen, daß ich meine Faͤuſte nicht umſonſt habe. Still, ſtill! Freund, fiel Adam ein. Nichts davon, wenn Euch eure Knochen lieb ſind. Wir muͤſſen einen Hieb im Vorbeigehn uns ſchon ge⸗ fallen laſſen, wenn nicht offenbar boͤſe Abſicht dabei iſt. Ich will mir aber das nicht gefallen laſſen, erwiederte Daniel muͤrriſch, als Woodcock ihn aus der Kirche ziehen wollte. Der Ritter entdeckte nun mit ſchnellem Blicke den jungen Roland zwiſchen zwei Waͤchtern. 287 „Ha, Schurke! ſprach er zu dem Falkner, Du haſt den Edelknaben meiner Gemahlinn in meiner Livrei mitgebracht, Dir beizuſtehn in deinen tollen Poſſen mit deinen Woͤlfen und Baͤren? Wenn Du ſolche Mummereien treiben wolteſt, haͤtteſt Du die Ehre meines Hauſes ſchonen und ihn nicht als Maulaffen hier zuſehen laſſen ſollen. Her mit ihm, ihr Burſchen!“ Adam Woodcock war zu ehrlich und aufrichtig, als daß er unverdienten Tadel auf den Juͤngling haͤtte werfen laſſen. Er betheuerte, Roland ſei keinesweges von ihm mitgebracht worden. Ohne Zweifel alſo, um ſeine eigene muth⸗ willige Luſt zu befriedigen? hob der Ritter wieder an. Hieher, junger Springinsfeld! Sage mir, hat deine Gebieterinn Dir erlaubt, Dich ſo weit vom Schloſſe zu entfernen, oder meine Livrei durch die Theilnahme an ſolchem Poſſenſpiel zu entehren. Herr Ritter, erwiederte Roland mit Veſtig⸗ keit: ich habe die Erlaubniß, oder vielmehr den Befehl eurer Gemahlinn erhalten, fortan meine Zeit nach eigenem Gefallen zuzubringen. Ich bin 288— ganz wider Willen Zeuge dieſes Poſſenſpiels gewe⸗ ſen, wie Ihr's zu nennen beliebt, und ich trage eure Livrei nur noch ſo lange, bis ich ein andres Kleid finde, das nicht ein ſolches Zeichen der Dienſtbarkeit iſt. Wie ſoll ich das verſtehen, junger Menſch? erwiederte der Ritter. Sprich deutlicher; es iſt nicht meine Sache, Naͤthſel auszulegen. Ich weiß, daß Du bei meiner Gemahlinn in Gunſt geſtanden, aber wodurch haſt Du ihr Mißfallen Dir zugezogen und deine Verabſchiedung veranlaßt? Es iſt nicht der Rede werth, antwortete Wood⸗ cock fuͤr den Juͤngling. Ein thoͤriger Zank mit mir, den man noch thoͤriger unſrer geehrten Edel⸗ frau meldete, hat den armen Jungen um den Dienſt gebracht. Ich will aufrichtig geſtehen, das unrecht war von Anfang bis zu Ende auf meiner Seite, ausgenommen, was das Futterwaſchen fuͤr den Neſtfalken anbelangt. Darin hatte ich recht, das laß' ich mir nicht nehmen. Der gutmuͤthige Falkner erzaͤhlte darauf ſeinem Herrn die ganze Geſchichte des Streites, aber auf eine, fuͤr Roland ſo guͤnſtige Weiſe, daß der 289 Ritter den großmuͤthigen Beweggrund ahnen mußte. Du biſt ein gutherziger Burſche, Adam, ſprach Halbert.. So gut, als je Einer, der einen Falken auf der Fauſt trug, erwiederte Adam. Und was das angeht, Junker Roland iſt's auch, aber weil er durch ſeinen Dienſt ein halber Edelmann iſt, ſo ſteigt ihm das Blut gleich zu Kopfe, und mir geht's eben ſo. Sei dem, wie ihm wolle, hob der Ritter wieder an, meine Gemahlinn hat uͤber⸗ eilt gehandelt, denn dieſe Beleidigung war ja nicht groß genug, um den Knaben wegzuſchicken, den ſie ſo lange auferzogen hatte. Aber ohne Zweifel hat er durch ſeine Zunge das Uebel aͤrger gemacht. Gut, es paßt ſo zu einem Vorſatze, den ich ſchon gefaßt hatte. Woodcock, ſchafft die Leute weg, und Du, Roland Graͤme, gehſt mit mir. Der Juͤngling folgte ſchweigend dem Ritter in die Abtei. In dem erſten offnen Zimmer befahl er einem ſeiner Reiſigen, ſeinem Bruder, Eduard Glendinning, zu melden, daß er mit ihm zu ſprechen wuͤnſche. Die uͤbrigen Reiſigen gingen Theil I. 19 1 gern zu Adam Woodeock und dem luſtigen Haufen, der ſich in der nahen Schenke verſammelt hatte. Der Ritter blieb mit Roland allein, und als er ſchweigend einen Augenblick auf und nieder gegan⸗ gen war, hob er an:„Du mußt es bemerkt haben, junger Menſch, daß ich dich nur ſelten durch einige Aufmerkſamkeit ausgezeichnet habe. Ich ſehe, die Glut ſteigt Dir ins Geſicht, aber hoͤre mich erſt ruhig an, ehe Du ſprichſt. Ich ſage, ich habe Dich nie ſehr ausgezeichnet; aber keineswegs, weil ich nicht dasjenige in Dir erkannt hoͤtte, was des Lobes wuͤrdig war, ſondern weil ich etwas Tadelnswerthes ſah, das durch ſolches Lob noch ſchlimmer haͤtte werden koͤnnen. Deine Gebie⸗ terinn, die in ihrem Haushalte ganz nach ihren eigenen Gefallen handelt, wie's ihr auch mit vollem Rechte gebuͤhrt, hat Dich vor den uͤbrigen Haus⸗ genoſſen ausgezeichnet, und Dich mehr als einen Verwandten, denn als einen Diener behandelt, und haſt Du bei ſolchem Vorzuge auch etwas Eitelkeit und Muthwillen gezeigt, ſo waͤr' es doch unrecht, wenn man nicht geſtehen wollte, daß Du Dich gut gebildet und viele Funken eines — 291 edlen, mannhaften Geiſtes verrathen haſt. Ueber⸗ dieß wuͤrde es unedel fein, wenn man Dich, nach einer Erziehung, die Dich launiſch und heftig gemacht hat, dem Mangel, oder einer unſteten Lebensweiſe preisgeben wollte, eben weil Du die Empfindlichkeit und den Trotz bewieſen haſt, die aus deiner zu zaͤrtlichen Erziehung entſtanden ſind. Darum und um der Ehre meines Hauſes willen, bin ich entſchloſſen, Dich in meinem Gefolge zu behalten, bis ich Dich ehrenvoll unterbringen kann, wo ſich Dir eine ſchoͤne Ausſicht oͤffnet, deinen Weg durch die Welt zu machen, und dem Hauſe, das Dich auferzogen, Ehre zu bringen.“ Roland fand in des Ritters Worten etwas, das ſeinem Stolze ſchmeichelte, aber auch vieles, das, nach ſeiner Denkart, die Schmeichelei ver⸗ minderte. Eine innere Stimme ſagte ihm jedoch alsbald, daß er mit Dankbarkeit das Erbieten an⸗ nehmen muͤßte, welches der Gemahl ſeiner guͤtigen Beſchuͤtzerinn ihm machte, und ſein Bischen Klugheit ſah wohl ein, er wuͤrde im Gefolge des Ritters Halbert, der durch Weisheit, Muth und Einfluß ſo beruͤhmt war, ganz anders in der Welt auf⸗ 292 treten, als wenn er mit ſeiner Großmutter umher wandern und ihre Entwuͤrfe, die ihm ſchwaͤrme⸗ riſch erſchienen, ausfuͤhren ſollte. Er fuͤhlte jedoch einen ſo ſtarken Widerwillen, wieder in die Dienſte zu treten, woraus man ihn mit Verach⸗ tung entlaſſen hatte, daß jene Betrachtungen ſeinen Entſchluß noch nicht beſtimmen konnten. Der Ritter ſah ihn verwundert an.„Du ſcheinſt unſchluͤſſig zu ſein, junger Menſch? Sind deine eigenen Ausſichten ſo lockend, daß Du zoͤgerſt, ehe Du mein Erbieten annimmſt? Noch eins bedenke. Wenn Du auch deine Wohlthaͤ⸗ terinn ſo ſehr beleidigt haſt, daß Du deinen Dienſt verloren, ſo bin ich doch uͤberzeugt, es muß ihr Sorge und Kummer machen, daß Du ohne Fuͤhrer, nach deinem eigenen wilden Sinne, in eine ſo unruhige Welt gehſt, als jetzt unſer Schottland iſt. Dankbarkeit macht es Dir zur Pflicht, ſie vor dieſem ſchmerzlichen Gefuͤhle zu bewahren, ſo wie gewoͤhnliche Klugheit Dir die Pflicht auflegt, den Schutz, den ich Dir anbiete, um deiner ſelbſt willen anzunehmen, da Leib und Seele gefaͤhrdet ſein werden, wenn Du ihn ausſchlaͤgſt⸗ — — 293 Roland antwortete mit ehrerbietigem Tone, doch auch nicht ohne Muth:„Ich bin nicht un⸗ dankbar fuͤr die Unterſtuͤtzung, die ich auch von dem Herrn von Avenel erhalten, und es freut mich, zum erſten Mahl zu vernehmen, daß ich nicht ſo ungluͤcklich geweſen bin, ganz von ihm uͤberſehen zu werden, wie ich gedacht hatte. Ich brauche nur zu wiſſen, wie ich meine Pflicht und meine Dankbarkeit gegen meine fruͤhe und beſtaͤn⸗ dige Wohlthaͤterinn beweiſen kann, und ſollte mein Leben dabei gefaͤhrdet ſein, ich will es gern wagen.“ Das ſind nur Worte, junger Mann, ſprach der Ritter. Man braucht oft unbeſtimmte Be⸗ theurungen, wenn es an wahrem Dienſteifer mangelt. Ich wuͤßte keinen Fall, wo Du meiner Gemahlinn mit Gefahr deines Lebens dienen köͤnnteſt; aber ſo viel weiß ich, es wuͤrde ihr Freude machen, wenn ſie erfuͤhre, daß Du einen Weg betreten haͤtteſt, wo deine Sicherheit und das Heil deiner Seele geſchützt waͤren. Was haͤlt Dich ab, ſolchen Schutz anzunehmen, wenn er Dir angeboten wird? Seit ich das Schloß Avenel verlaſſen mußte, 294 antwortete Roland, habe ich meine einzige Ver⸗ wandte wiedergefunden, die einzige wenigſtens, ſo ich je geſehen, und ich muß mich mit ihr bera⸗ then, ob ich dem Wege folgen kann, worauf Ihr mich ruft, oder ob ihre zunehmende Schwaͤche, oder die Gewalt, ſo ſie uͤber mich hat, nicht etwa fodert, daß ich bei ihr bleibe. Wo iſt dieſe Verwandte? fragte der Ritter Hier im Kloſter. So geh denn und ſuche ſie. Es iſt mehr als ſchicklich, daß Du ihre Zuſtimmung einhohleſt, aber ſchlimmer als thoͤrig wuͤrde es lein⸗ wenn ſie nicht zuſtimmen wollte. Roland entfernte ſich, ſeine Großmutter zu ſuchen, und als er das Zimmer verließ, trat der Abt herein.. Die beiden Bruͤder begruͤßten ſich als Brüͤder, die ſich innig lieben, aber ſelten ſehen. So war's. Ihre gegenſeitige Zuneigung zog ſie zu einander; aber uͤberall, wo ſein Streben, oder ſeine Ge⸗ wohnheiten und Geſinnungen, mit den Zwiſſtig⸗ keiten der Zeit verbunden waren, ſtand Murray's Freund und Rathgeber dem katholiſchen Prieſter 295 entgegen, und ſie konnten auch nicht viel Umgang mit einander haben, ohne ihren beiderſeitigen Verbuͤndeten zu Empfindlichkeit, oder Argwohn Anlaß zu geben. Als nach einer innigen Umar⸗ mung, der Abt ſeinen Bruder bewillkommt hatte, freute ſich der Ritter, daß er zu rechter Zeit ge⸗ kommen, den Aufſtand zu ſtillen, welchen Eulen⸗ ſpiegel und ſeine aufruͤhriſchen Geſellen erregt hatten.„Und doch, ſetzte er hinzu, wenn ich dein Gewand ſehe, Bruder Eduard, muß ich denken, daß noch immer ein Abt der Unvernunft in den Mauern des Kloſters wohne.“ uund warum uͤber mein Gewand ſpotten, Bruder Halbert? erwiederte der Abt. Es iſt die geiſtliche Ruͤſtung meines Berufes, und als ſolche ziemt es mir ſo gut, als Harniſch und Wehr⸗ gehenke deiner Bruſt. Ja, aber mich duͤnkt, es iſt nicht ſehr weiſe, eine Ruͤſtung anzulegen, wenn wir nicht Kraft zum Streiten haben; es iſt nur eine gefaͤhrliche Vermeſſenheit, den Feind herauszufodern, dem wir nicht widerſtehen koͤnnen. Dafuͤr, Bruder, kann Niemand buͤrgen, bis 296 die Schlacht gefochten wird, und waͤre es auch, wie Du ſagſt, ſo will mich doch beduͤnken, ein tapfrer Mann wuͤrde, ſelbſt wenn er am Siege verzweifelte, lieber fechten und fallen wollen, als Schwert und Schild hingeben in einem unwuͤr⸗ digen und entehrenden Vergleiche mit einem hoͤh⸗ nenden Feinde. Doch laß uns beide nicht ſtreiten uͤber einen Punkt, woruͤber wir nicht einig ſein koͤnnen; bleibe lieber und nimm Theil an dem Feſte, das bei meiner Erhebung gefeiert wird. Du darfſt nicht fuͤrchten, Bruder, daß dein Eifer, die alte Kirchenzucht herzuſtellen, bei dieſer Gele⸗ genheit durch einen uͤppigen Kloſterſchmauß belei⸗ digt werden moͤchte. Die Tage unſeres alten Freundes, des Abtes Bonifac us, ſind nicht mehr, und der Abt des Marienkloſters hat weder Waͤlder, noch Teiche, noch Weiden und Aecker, weder Heerden, noch Wild, weder Kornboͤden, noch Vorrathhaͤuſer von Oehl und Wein, Bier und Meth. Des Kellners Amt iſt aufgehoben, und nur ein Mahl, wie es ein Klausner in einem Maͤhrchen dem irrenden Ritter vorſetzt, iſt alles, was wir Dir anbieten koͤnnen. Aber willſt Du —— 292 es mit uns theilen, ſo wollen wir es mit froͤhlichem Herzen verzehren. Fuͤr den Schutz, den Du mir zur guten Stunde gegen dieſe rohen Spoͤtter ge⸗ waͤhrſt, dank ich Dir, Bruder. Es thut mir ſehr leid, mein theuerſter Bruder, daß ich nicht bei Dir bleiben kann, aber es wuͤrde fuͤr uns beide nicht gut ſein, wenn ein Anhaͤnger der neuen Lehre deinem Antrittsmahie beiwohnte. Kann ich je das Vergnuͤgen haben, Dir wirkſamen Schutz zu leiſten, ſo werde ich's beſonders dadurch erlangen, daß ich nicht den Verdacht auf mich lade, eure geiſtlichen Gebraͤuche und Feierlichkeiten zu unterſtuͤben und zu billigen. Ich werde allen Einſtuß, den ich auf meine Freunde erlangen kann, noͤthig haben, um den kuͤhnen Mann zu beſchuͤtzen, der es, den Staatsgeſetzen zuwider, gewagt hat, die Wuͤrde eines Abtes im Marien⸗ kloſter anzunehmen. Bemuͤhe Dich nicht damit, Bruder, erwie⸗ derte Pater Ambroſius. Mein Herzblut gaͤb' ich darum, wenn ich wuͤßte, daß Du die Kirche um der Kirche willen vertheidigteſt, aber da Du un⸗ gluͤcklicher Weiſe ihr Feind bleibſt, ſo wuͤnſche ich Schutz zu geben. Doch— wer kommt da, die wenigen Augenblicke bruͤderlicher Unterhaltung zu ſtoͤren, die unſer ungluͤckliches Schickſal uns ver⸗ goͤnnt! Die Thuͤre oͤffnete ſich in dieſem Augenblicke, und Magdalena Graͤme trat herein. Wer iſt die Frau? ſprach Halbert, ein venig finſter. Und was will ſie? Daß Ihr mich nicht kennt, will wenig bedeu⸗ ten, ſprach die Alte. Ich komme auf ener Geheiß, und gebe meine freie Einwilligung, daß Roland Graͤme wieder in eure Dienſte trete, und dun ich dieß geſagt, ſoll Euch meine Gegenwart nicht laͤnger ſtoͤren. Friede ſei mit Euch! Sie wendete ſich um, und wollte gihet. als des Ritters Fragen ſie aufhielten„Wer ſeid Ihr? ſprach er. Was ſeid Ihr? Und warum erwartet Ihr nicht meine Antwort?“ Ich war, als ich noch der Welt angehete eine Frau von nicht gemeinem Nahmen. Jetzt 1 nicht, daß Du deine eigene Sicherheit gefaͤhrden, 5. oder deine Ruhe ſtoͤren moͤchteſt, um mir allein —— Schuld. I 299 bin ich Magdalena, eine arme Pilgerinn, um der heiligen Kirche willen. Alſo katholiſch biſt Du? ſprach der Ritter. Ich denke, meine Gemahlinn hat mir geſagt, Roland ſtamme von reformirten Aeltern. Sein Vater, erwiederte die Alte, war ein Ketzer, oder vielmehr er achtete weder auf Recht⸗ glaͤubigkeit, noch auf Irrlehren, weder auf die Kirche, noch auf den Antichriſt. Ich ſelber habe— denn die ſuͤndige Zeit macht Suͤnder— euern unheiligen Gebraͤuchen mich zu bequemen geſchie⸗ nen, aber ich hatte meine Erlaſſung dazu und meine Losſprechung. Du ſiehſt, Bruver, ſprach Halbert mit bedeut⸗ ſamen Laͤcheln zu dem Abte, wir beſchuldigen Euch nicht ganz ohne Grund einer Zweideutigkeit der Geſinnung. Ihr thut uns unrecht, Bruder, erwiederte der Abt. Dieſe Frau, wie ihr Benehmen ſchon zeigt, iſt nicht bei geſundem Verſtande Daran, muß ich ſagen, iſt die Verfolgung eurer raͤuberi⸗ ſchen Edelleute und eurer freigeiſtiſchen Prieſter 1 300 Die Uebel unſerer Zeit ſind leider ſo zahlreich, daß beide Kirchen ſie theilen koͤnnen, und doch noch uͤbrig haben.— Bei dieſen Worten legte er ſich in's Fenſter und blies ſein Horn. Warum ſchon dein Horn geblaſen, Bruder? ſprach der Abt. Wir ſind ja erſt wenige Minuten beiſammen geweſen. Ach! und ſchon dieſe wenigen Augenblicke wurden durch Zwietracht getruͤbt, erwiederte Hal⸗ bert. Ich muß aufbrechen, Bruder, auch darum, weil ſchleunige Anſtrengungen von meiner Seite noͤthig ſind, wenn ich den Folgen der Unbeſonnen⸗ heit, die Du heute begangen, vorbeugen will.— Liebe Frau, ſeid ſo gut, eurem Verwandten zu ſagen, daß wir ſogleich zu Pferde ſteigen. Er ſoll nicht nach Avenel mit mir zuruͤck kehren. Es wuͤrde zu neuen Zaͤnkereien zwiſchen ihm und meinen Dienſtboten Anlaß geben, wenigſtens zu Spoͤtteleien, die ſein ſtolzes Herz nicht gut ertragen erweiſen. Er geht nach Edinburgh mit Einem Ich will's nicht beſtreiten, ſprach Halbert. wuͤrde, und ich wuͤnſche, mich ihm freundlich zu —,— — 301 von meinen Begleitern, den ich zuruͤck ſende, um zu berichten, was ſich hier zugetragen. Ich glaube, es freut Euch? ſetzte er hinzu, und beftete ſein ſcharfes Auge auf Magdalena, die ſeinen Buck mit ruhiger Gleichgeltigkeit erwiederte. Ich wollte lieber, ſprach ſie, Roland, der arme, freundloſe Waiſe, waͤre ein Spiel der Menſchen in der weiten Welt, als der Dienſt⸗ hoten in Avenel. Seid unbeſorgt, ſprach der Ritter, es ſoll ihn Niemand ſchmaͤhen. Es kann ſein, erwiederte ſie, es kann wohl ſein, aber ich will mehr ſeinem eignen Betragen trauen, als eurem Beiſtande. Mit dieſen Worten ging ſie hinaus. Der Ritter ſah ihr nach, aber alsbald ſich zu ſeinem Bruder wendend, aͤußerte er mit liebevoller Theil⸗ nahme ſeine Wuͤnſche fuͤr deſſen Wohlfahrt und Gluͤck und wollte Abſchied nehmen.„Meine Buben, ſprach er, ſind zu geſchaͤftig in der Schenke, daß der leere Schall eines Hifthorns ſie vom Gelage locken koͤnnte.“ 3 Du haſt ſie von hoͤherem Zwange frei gemacht, 30²2 Halbert, antwortete der Abt, und dadurch ihnen koͤnnen. 1 Fuͤrchte das nicht, Eduard, ſprach der Ritter, der ſeinem Bruder nie den Kloſternahmen gab: Niemand gehorcht ſo gut dem Gebote wahrer Pflicht, als wer frei iſt von ſklaviſcher Dienſt⸗ barkeit. 2 Er wollte aufbrechen, als der Abt wieder anhob:„Laß uns noch nicht ſcheiden, Bruder— da kommt eine kleine Erfriſchung. Verweile noch einen Augenblick in dieſem Hauſe, das ich nun mein nennen muß, bis Gewalt mich vertreibt, und ehe Du gehſt, brich wenigſtens erſt Brod mit mir. Der Laienbruder, der den Pfoͤrtner gemacht hatte, trat herein mit einer einfachen Erfriſchung und einer Flaſche Wein. Er habe dieſe gefunden, ſagte er mit dienſtfertiger Demuth, als er jeden Winkel des Kellers durchſucht. n Der Ritter fuͤllte ſich einen kleinen ſilbernen Becher, und als er ihn ausgetrunken, bat er ſeinen Bruder, ihm Beſcheid zu thun. Es ſei gezeigt, wie ſie ſich gegen deinen Zwang empoͤren ——— —,— 303 Bacharacher Wein, ſetzte er hinzu, vom beßten Gewaͤchs und von hohem Alter. Ja, ſprach der Laienbruder, ich fand die Flaſche in der Ecke, die der alte Bruder Nico⸗ las— Gott ſegne ſeine Seele!— Abt Ingel⸗ ram's Ecke zu nennen pflegte, und Abt Ingelram wurde im Kloſter zu Wuͤrzburg erzogen, das nicht weit von dem Orte ſein ſoll, wo dieſer erleſene Wein waͤchſt. Ganz recht! erwiederte Halbert, und darum bitte ich Dich, lieber Bruder, und Euch auch, mir Beſcheid zu thun mit einem Becher von diſem rechtglaͤubigen Weine. Der hagre alte Pfoͤrtner ſah den Abt mit einem ſehnſuchtvollen Blicke an. Do veniam, ſprach der Obere, und der Greis nahm mit zitternder Hand einen Trank, woran er lange nicht gewohnt geweſen war, ſchluͤrfte den Bocher aus, im verlaͤngerten Genuſſe ſich des Wohlge⸗ ſchmackes und Ouftes erfreuend, und ſetzte ihn nieder mit wehmuͤthigem Laͤcheln und Kopfſchuͤt⸗ teln, als haͤtte er fuͤr immer ſolchem koͤſtlichen Labetrunke Lebewohl ſagen wollen. Die beiden 304 Bruͤder laͤchelten. Der Ritter bat nun auch den Abt, den Becher zu nehmen und ihm Beſcheid zu thun, aber mit Kopfſchuͤtteln erwiederte der Moͤnch:„Es iſt heute nicht der Tag fuͤr den Abt des Marienkloſters, leckere Speiſen zu eſſen und Suͤßes zu trinken. In Waſſer aus dem Marien⸗ born, ſetzte er hinzu, den Becher fuͤllend: thu' ich Dir Beſcheid, mein Bruder, und wuͤnſche Dir alles Gluͤck, und vor allen Dingen eine klare Erkenntniß deiner geiſtigen Irrthuͤmer.“ Und Dir, mein lieber Eduard, erwiederte Halbert, wuͤnſch' ich freien Gebrauch deiner eige⸗ nen freien Vernunft, und die Erfullung wichti⸗ gerer Pflichten, als mit dem leeren Nahmen ver⸗ bunden ſind, den Du heute unbeſonnen ange⸗ nommen. Die Bruͤder ſchieden, tief bewegt, und doch fuͤhlte Jeder, der eigenen Meinung vertrauend, ſich etwas leichter, als der Andre ſich entfernt hatte, den er ſo ſehr achtete, und⸗ mit welchem er ſo wenig einſtimmen konnte. Alsbald hoͤrte man die Trompeten des Ritters von Avenel, und der Abt ſtieg auf einen Thurm, 3⁰⁵ von deſſen zerſtoͤrter Zinne er bald die Reiter er⸗ blickte, welche die Anhoͤhe hinan zogen. Magda⸗ lena trat zu ihm.„Willſt Du noch einmahl deinen Enkel ſehen, Schweſter? ſprach er. Sieh, dort unten zieht er hin, im Gefolge des beßten Ritters in Schottland, ſeinen Glauben immer ausgenommen.“ Du kannſt Zeugniß geben, mein Vater, antwortete die Alte, es war weder mein, noch Roland's Wunſch, was den Ritter von Avenel, wie er genannt wird, bewogen hat, meinen Enkel noch einmahl unter ſeine Hausgenoſſen aufzuneh⸗ men. Der Himmel, der die Weiſen verwirret in ihrer Weisheit und die Boͤſen in ihrer Liſt, hat ihn dahin gebracht, wo ich ihn zum Nutzen der Kirche am liebſten ſehen moͤchte. Ich weiß nicht, was Du meinſt, Schweſter, ſprach der Abt. Hochwuͤrdiger Vater, erwiederte Magdalena, haſt Du nie gehoͤrt, daß es Geiſter gibt, die ſo maͤchtig ſind, daß ſie die Mauern eines Schloſſes zerreiſſen, wenn ſie einmahl Einlaß erhalten, und die doch nicht in's Haus kommen koͤnnen, wenn Theil J.. 20 ſie nicht eingeladen werden, ja, uͤber die Schwelle geſchleppt? Zweimahl ward Roland Graͤme ſo ins Haus von Avenel gezogen von Denen, ſo den Nahmen davon fuͤhren. Moͤgen ſie ſehen, was daraus folgt. Mit dieſen Worten verließ ſie den Thurm. Der Abt erwog einen Augenblick ihre Worte, die er dem zerruͤtteten Zuſtande ihres Gemuͤthes zu⸗ ſchrieb, und ſtieg dann auch die Wendeltreppe hinab, um ſeine Erhebung, nicht mit Schmauß und Dankfeſt, aber mit Faſten und Gebet zu feiern. Ende des erſten Theiles. 1 * ſſiſſ ſnnſini nſinſnſſnnſinſnſſiſnſiſinſnſnnſſn 8 9 11 12 13 14 15 16 17 18 19 9 L v 5 EEEE