f deeutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Oikmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 3 eih- und Leſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ fangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.— 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von eem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ en angenommen. 3 3.(Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet o wird.. 3 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————x— auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mr.— Pf. 3. 1 2 5. Auswörtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurüͤckſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſeldſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Solche dramatiſche Vorſtellungen waren in Schottland neuern Ur⸗ ſprunges und reizten daher nicht wenig die Auf⸗ merkſamkeit der Zuſchauer. Alle andre Beluſti⸗ gungen hörten auf. Der Tanz um den Mai⸗ baum ruhte, der Reigen zerſtreute ſich und jeder Taͤnzer huͤpfte mit ſeiner Gefaͤhrtinn an der Hand zu der laͤndlichen Schaubuͤhne. Es ward gleichfalls ein Stillſtand zwiſchen einem . 4 die an ſeinem zottigen Pelze zogen und zerrten, wozu die Mitwirkung des Baͤrenfuͤhrers und einiger Fleiſcher und Bauern half, welche durch Losbrechen, wie's die Jaͤger nennen, die ungluͤck⸗ lichen Thiere trennten, deren Wuth eine Stunde lang die Hauptunterhaltung des Volkes geweſen war. Der wandernde Saͤnger ward von ſeinen Zuhoͤrern verlaſſen, ſelbſt bei der anziehendſten Stelle der Romanzen, die er ſang, in dem Augenblicke, als er ſeinen Knaben mit der Muͤtze umherſchickte, die Spenden einzuſam⸗ meln. Unwillig brach er ſein Lied von Roſe⸗ wal und Lilian ab, ſchob die dreiſaitige Stock⸗ fidel in die lederne Kapſel und folgte der Menge ungern zu der Unterhaltung, welche die ſeinige geſtoͤrt hatte. Der Gaukler hoͤrte auf, Flamme und Rauch auszuathmen, und begnuͤgte ſich, wie andre Sterbliche Athem zu ſchoͤpfen, ohne laͤnger die Rolle eines feurigen Drachen zu ſpielen. Man wuͤrde ſehr irren, wenn man jenes Schauſpiel mit den Buͤhnen⸗Darſtellungen unſerer Zeit vergleichen wolite; die rohen Leiſtungen des —x 5 Thespis waren weit weniger verſchieden von den Darſtellungen des Schauſpiels des Euripides auf der Buͤhne von Athen. Man ſah keine eigent⸗ liche Baͤhne, keine Maſchienerie, kein Parterre, keine Logen, kein Paradies, und was dem armen Schottland einiger Troſt fuͤr andre Entbehrun⸗ gen ſein konnte, es ward auch kein Eintritts⸗ geld bezahlt. Ein gruͤner Raſenplatz war die Buͤhne, ein Hagedornbuſch das Ankleidezimmer; die Zuſchauer aber ſaßen auf einer Bank, die man um den groͤßten Theil des Schauplatzes gezogen hatte, waͤhrend auf der einen Seite eine Oeffnung blieb, durch welche die Darſteller auf und abtraten. Hier ſaßen die genuͤgſamen Zu⸗ ſchauer und mitten unter ihnen der Schloßauf⸗ ſeher, als der Angeſehnſte, alle fuͤr Vergnuͤgen empfaͤnglich und zur Bewunderung aufgelegt, und daher nicht zum Tadel geſtimmt. Die Rollen, welche den Zuſchauern Unter⸗ haltung gaben, waren diejenigen, die man auf der Buͤhne aller Voͤtker in fruͤhern Zeiten fin⸗ det; alte Maͤnner, von ihren Weibern und Toͤch⸗ tern betrogen, gepluͤndert von ihren Soͤhnen, .„* 6 geprellt von ihren Dienſtboten, ein prahlhafter Kriegsmann, ein ſpitzbuͤbiſcher Reliquienkraͤmer, ein toͤlpiſcher Landmann und eine buhleriſche Staͤdterinn. Von allen aber war der willkom⸗ menſte, der Narr, der ſich alles erlauben durfte, der Gracioſo der ſpaniſchen Buͤhne, der in ſeiner Muͤtze einem Stutzer glich, und mit ſeinem Stabe, worauf eine geſchnitzte Figur ſaß, und der Schel⸗ lenkappe in der Hand, kam und ging, ſich in jede Scene miſchte, das Geſpräch unterbrach, ohne daß er zur Handlung gehoͤrte, und zuwei⸗ len ſogar ſeine Keckereien auch gegen die Zuſchauer richtete, die ihm immer ihren Beifall bezeigten. Der Witz des Stuͤckes war nicht von der feinſten Art, und traf meiſt gegen die aberglaͤu⸗ bigen Gebraͤuche des katholiſchen Glaubens. Niemand anders, als Doctor Lundin ſelber, hatte bei dieſer Gelegenheit das Buͤhnengeſchuͤtz gerichtet, und nicht nur dem Vorſteher befohlen, eine von den zahlloſen Spottſchriften gegen das Papſtthum, deren viele in dramatiſcher Form waren, zur oͤffentlichen Unterhaltung auszuwaͤh⸗ len, ſondern auch, wie Hamlet, einige Scherze . 3 —— ꝙpf —— 7 aus ſeiner eigenen Feder uͤber jenen unerſchoͤpf⸗ lichen Gegenſtand eingelegt, in der Hoffnung, dadurch den ſtrengen Eifer der Edelfrau von Loch⸗ leven gegen ſolchen Zeitvertreib zu mildern. Er ermangelte nicht, Roland, der neben ihm ſaß, durch Elbogenſtoͤße auf dieſe Lieblingſtellen auf⸗ merkſam zu machen. Der Juͤngling aber, dem ſelbſt der Gedanke einer ſolchen Darſtellung, bei aller Einfachheit, durchaus neu war, ſah mit dem immer lauten Entzuͤcken zu, womit Men⸗ ſchen jedes Standes die erſte dramatiſche Vor⸗ ſtellung betrachten, lachte, ſchrie und hoͤrte nicht auf, Beifall zu klatſchen. Endlich trat ein Um⸗ ſtand ein, der den Antheil ſtoͤrte, womit er dem Schauſpiele zuſah. 3 Eine von den Hauptrollen in dem komiſchen Theile der Vorſtellung hielt ein Reliquienkraͤmer, einer jener Landſtreicher, die von Orte zu Orte mit echten oder angeblichen Reliquien zogen, wo⸗ mit ſie zugleich die Andacht und die Mildthaͤ⸗ tigkeit des gemeinen. Volkes weckten, und ge⸗ woͤhnlich Beide betrogen. Die Heuchelei, Un⸗ verſchaͤmtheit und Liederlichkeit dieſer geiſtlichen * 9 Wandrer hatten ſeit Chaucer's Zeiten die Spott⸗ luſt aufgeregt. Der Schauſpieler, in deſſen Haͤn⸗ den die Rolle war, ermangelte nicht, ſeine Vor⸗ bilder treulich darzuſtellen, verkaufte Ferkelkno⸗ chen fuͤr Heiligthuͤmer, ruͤhmte die Tugenden zinnerner Kreuzchen, die in der heiligen Suppen⸗ ſchuͤſſel zu Loretto geſchuͤttelt ſein ſollten, und gemeiner Muſchelſchalen, die vorgeblich aus dem Reliquienkaͤſtchen des heiligen Jakobs zu Compoſtela kamen, und die andaͤchtigen Katho⸗ liken mußten alles faſt zu ſo hohen Preiſen kaufen, als heutiges Tages die Alterthuͤmler fuͤr Spielwerk von gleichem inneren Werth bezahlen. Endlich zog der Mann aus ſeiner Taſche ein Flaͤſchchen mit klarem Waſſer hervor, deſſen Tu⸗ gend er alſo ruͤhmte: Hoͤrt mich an, ihr lieben Leute da! Im fernen Lande, Babylonia— Es liegt gen Morgen, wie ich weiß,. Und wird zuerſt von der Sonnen heiß, Wenn aus dem Meer herauf ſie ſteigt— In dieſem Lande, wenn recht mich daͤucht E E Wie die heiligen Geſchichten uns erzaͤhlen, Thut aus dem Fels ein Bruͤnnlein quellen, Und fließet in ein Bad von Stein. Da ſtieg die keuſche Suſanna hinein, In alten Zeiten, ſo läͤngſt verſchwunden, Zu baden in den heißen Stunden. Des Waſſers Tugend muß man preiſen, Das ſoll Euch bald dies Glas beweiſen. Durch Tageshitz' und kuͤhle Nacht Hab' ich's mit mir hieher gebracht. Iſt'ne Frau aus ihrer Pflicht geſchritten, Oder ein Maͤgdlein ausgeglitten, Und wenn ſie nur auf dies Waſſer riecht, Sie nieſet, mag wollen oder nicht. Der Scherz drehte ſich, wie jeder in den alten kurzweiligen Geſchichten bewanderte Leſer ſieht, um denſelben Witz, der in den alten Sagenliedern vom Trinkhorn des Koͤnigs Arthur und dem Probemantel weht; aber die Zuhoͤrer waren nicht gelehrt genug, den Mangel an Ur⸗ eigenheit aufzuſtechen. Das kraͤftige Wunder⸗ waſſer wurde, nach gebuͤhrenden Poſſenreißereien, * 10 allen Schauſpielerinnen reicht, und nicht Eine beſtand die vorgebliche Tugendprobe; ſon⸗ dern zum groͤßten Ergetzen der Zuhoͤrer nieſeten Alle weit lauter und laͤnger, als ſie vielleicht ſelbſt gedacht hatten. Der Scherz ſchien abge⸗ nutzt zu werden, und der Reliquienkraͤmer war auf einen neuen Spaß bedacht, als der Hans⸗ wurſt im Stuͤcke das Wunderflaͤſchchen, deſſen er ſich heimlich bemaͤchtigt hatte, ploͤtzlich einem Maͤdchen vorhielt, die ſchwarz verſchleiert in der vorderſten Reihe ſaß, und aufmerkſam auf das Schauſpiel zu achten ſchien. Der Inhalt der Flaſche, welcher darauf eingerichtet war, das Maͤhrchen des Betruͤgers zu bewaͤhren, brachte das Maͤdchen zu ſo heftigem Nieſen, daß alle Zu⸗ hoͤrer dieſes Geſtaͤndniß der Schwachheit mit lau⸗ tem Jubel empfingen. Das Gelaͤchter ward aber auf Koſten des Hanswurſtes wiederhohlt, als das beleidigte Maͤdchen, ehe die Nieſewuth ganz voruͤber war, eine Hand aus den Falten ihres Mantels zog, und dem Poſſenreißer eine ſo derbe Maulſchelle gab, daß er laͤngelang niederfiel. Der Hanswurſt fand wenig Theilnahme, —,— 11 als er, wieder au d, feine Klagen uͤber harte Behandlung wimmerte, und den Beiſtand der Verſammlung anſprach. Doctor Lundin, der eine Beleidigung ſeiner Wuͤrde ahnden zu muͤſſen glaubte, gab zwei Helbardirern den Be⸗ fehl, die Schuldige vor ihn zu fuͤhren. Als ſich die Bewaffneten zuerſt der Amazone naͤher⸗ ten, ſetzte ſie ſich in eine trotzige Stellung, als haͤtte ſie kraͤftigen Widerſtand leiſten wollen, und der Beweis von Kraft und Muth, den ſie ſchon gegeben hatte, ſchien die Maͤnner eben nicht eilig zur Vollziehung ihres Auftrages zu machen. Nach kurzer Ueberlegung aber veraͤnderte ſie auf einmahl Stellung und Benehmen, wickelte die Arme ſittſam und maͤdchenhaft in ihren Man⸗ tel, und erhob ſich, freiwillig vor den hohen Gebieter zu treten, deſſen mannhafte Trabanten ihr folgten. Als ſie uͤber den freien Platz ging und endlich vor dem Schemel des Richterſitzes ſtand, zeigte ſie jenen leichten, gewandten Gang, jene natuͤrliche Anmuth des Benehmens, welche⸗ wie Kenner wiſſen, ſo ſelten von weiblicher Schoͤnheit getrennt ſind. Ihr nettes braunes * 12 Jaͤckchen und das kurze Roͤckchen von gleicher Farbe, ließen eine huͤbſche Geſtalt und einen niedlichen Fuß ſehen. Der Schleier verbarg zwar ihre Zuͤge, aber der Doctor, der bei aller Ernſthaftigkeit doch einen Anſpruch auf Kenner⸗ ſchaft machte, ſah genug, um guͤnſtig auf das Ganze ſchließen zu koͤnnen. Nun, unverſchaͤmtes Maͤdchen, hob er in⸗ deß mit ziemlich ſtrengem Tone an: was wer⸗ det Ihr ſagen, wenn ich Euch nicht in den See tauchen laſſe, da Ihr Euch doch unterſtan⸗ den habt, in meiner Gegenwart gewaltthaͤtige Hand an Jemand zu legen? nun, antwortete die Schuldige, ich werde denken, daß Ihr ein kaltes Bad nicht heilſam fuͤr mich haltet. Ein verwuͤnſchtes Ding! fliſterte der Doc⸗ tor zu Roland: und ich wette, ein allerliebſtes Stuͤckchen. Ihre Stimme iſt ſo ſuͤß, als Syrup. Aber mein huͤbſches Kind, fuhr er fort, Ihr laßt uns auch gar zu wenig von eurem Ge⸗ ſichtchen ſehen. Wollt Ihr nicht ſo gut ſein, euren Schleier aufzuſchlagen! 13 Ich hoffe, Ihr werdet's mir nicht uͤbel nehmen, wenn ich damit warte, bis wir allein ſind, antwortete das Maͤdchen. Ich bin hier bekannt, und ich moͤchte es nicht gern haben, wenn man erfuͤhre, daß ich das arme Maͤdchen geweſen waͤre, mit welchem der ſchaͤndliche Bube ſeinen Spaß getrieben hat. Fuͤrchte nichts fuͤr deinen guten Nahmen, mein kleines Zuckerpuͤppchen, erwiederte der Doc⸗ tor, denn ich betheure Dir, ſo wahr ich Schloß⸗ aufſeher von Lochleven, Kinroß und ſo weiter bin, die keuſche Suſanna ſelber haͤtte nicht ohne zu Nieſen auf das Elixir riechen koͤnnen, als welches nichts andres iſt, denn eine beſondre Deſtillation von rectificirtem Eſſig, die ich mit eigenen Haͤnden bereitet habe. Da Du nun, wie Du ſageſt, in meine Behauſung kommen willſt, um Deine Reue uͤber das Vergehen aus⸗ zudruͤcken, deſſen Du Dich ſchuldig gemacht, ſo befehle ich, daß alles jetzt ſeinen Fortgang haben 3 ſoll, als ob keine Unterbrechung der vorgeſchrie⸗ benen Ordnung ſtatt gefunden. 14 Das Maͤdchen verbeugte ſich und trippelte wieder auf ihren Platz. Das Schauſpiel ward fortgeſetzt, konnte aber nicht laͤnger Roland's Aufmerkſamkeit feſſeln. Die Stimme, die Ge⸗ ſtalt, und was unter dem Schleier von Hals und Locken des Landmaͤdchens zu erkennen war, alles erinnerte ihn ſo ſehr an Katharina Seyton, daß er in den Irrgaͤngen eines wechſelvollen, betaͤubenden Traumes zu ſein glaubte. Der merkwuͤrdige Auftritt in der Herberge zu Edin⸗ burgh kam mit allen ſeinen zweideutigen und wunderbaren Umſtaͤnden vor ſeine Seele zuruͤck. Wurden die Zaubermaͤhrchen, die er geleſen hatte, in dieſem außerordentlichen Maͤdchen wirklich? Konnte ſie aus den wohlverwahrten Mauern des Schloſſes Lochleven kommen, das von einem breiten See umfloſſen war, und ſo angſtlich bewacht wurde, als haͤtte es die Sicherheit eines Volkes gegolten? Er blickte auf den See zu⸗ ruͤck, als ob er ſich ſelber haͤtte uͤberzeugen wol⸗ len, daß der breite Waſſerſpiegel noch da ſei. Konnte ſie alle dieſe Hinderniſſe uͤberwinden, und einen ſo unbeſonnenen und gefaͤhrlichen Gebrauch * 5 ———— 15 von ihrer Freiheit machen, ſich oͤffentlich bei einem laͤndlichen Feſte in einen Streit einzulaſ⸗ ſen? Roland wußte nicht, ob ſie mehr durch die Muͤhe, welche es ihr gekoſtet haben mußte, ihre Freiheit zu gewinnen, oder durch den Ge⸗ brauch, den ſie davon machte, unbegreiflich war. 3 In dieſe Betrachtungen verloren, heftete er ſein Auge veſt auf die Verſchleierte, und in jeder ihrer zufaͤlligen Bewegungen, entdeckte oder glaubte er etwas zu entdecken, das ihn immer mehr an Katharina Seyton erinnerte. Mehr als einmahl fiel es ihm zwar ein, daß er ſich taͤuſchen koͤnne, indem er zu viel in einer zufaͤl⸗ ligen Aehnlichkeit ſinden wolle; wenn er dann aber an den Auftritt in der Herberge dachte, kam es ihm hoͤchſt unwahrſcheinlich vor, daß unter ſo verſchiedenen Umſtaͤnden die Einbildung ihm zweimahl denſelben Streich geſpielt haben ſollte. Er war entſchloſſen, ſich dieſe Gelegen⸗ heit nicht entgehen zu laſſen, um ſeine Zweifel zu loͤſen, und ſo lange das Schauſpiel noch waͤhrte, lauerte er, wie ein Windhund, der . 16— den aufſpringenden Haſen ereilen will. Die Unbekannte, die er ſo aufmerkſam bewachte, damit ſie beim Schluſſe des Schauſpieles im Gedraͤnge ihm nicht entwiſche, ſchien gar nicht zu wiſſen, daß ſie beobachtet wurde. Der Doc⸗ 33 tor aber bemerkte ſehr wohl, welche Richtung die Blicke Rolands nahmen, und großmuͤthig unterdruͤckte er den Wunſch, der Theſeus dieſer Hippolita zu werden, um die Anſpruͤche der Gaſtfreundſchaft nicht zuruͤck zu ſetzen, die es ihm zur Pflicht machte, dem Vergnuͤgen ſei⸗ nes jungen Freundes nicht im Wege zu ſtehen. Er machte einige Spoͤttereien uͤber die unver⸗ ruͤckte Aufmerkſamkeit, die Roland der Unbe⸗ kannten widmete, und uͤber ſeine eigene Eifer⸗ ſucht, meinte aber, wenn ſie Beide zugleich der Kranken dargeboten wuͤrden, ſo moͤchte ſie den juͤngern Mann ohne Zweifel fuͤr das wohlthaͤ⸗ tigſte Heilmittel halten.„Ich fuͤrchte, ſagte er, wir werden von dem Schelm, dem Fuhr⸗ mann, fuͤr's Erſte wohl nichts erfahren, denn die Kerle, die ich nach ihm geſchickt habe, wol⸗ len Rabenboten werden, wie es ausſieht. Ihr ———— ——=— 17 habt alſo ein Paar Stunden frei, Herr Edel⸗ knabe; die Spielleute ſtimmen ſchon, da das Schauſpiel zu Ende iſt, und wenn Ihr Luſt zu einem Taͤnzchen habt, wohlan, dort iſt der gruͤne Raſen und hier ſitzt eure Taͤnzerinn. Ich hoffe, Ihr werdet geſtehen, daß ich mich darauf verſtehe, Krankheiten zu erkennen, denn mit halbem Auge ſehe ich, was Euch fehlet, und habe Euch ein angenehmes Mittel vorge⸗ ſchrieben. Discernit sapiens res quas con- fundit asellus— das heißt: Leichtlich ſon⸗ dert der weiſere Mann, was ein Eſel ver⸗ wirret.“ 1. Roland hoͤrte kaum das Ende des Waih⸗ ſpruches, noch die Ermahnung des Doctors, huͤbſch in der Naͤhe zu bleiben, wenn ja der Fuhrmann ploͤtzlich, oder unerwartet fruͤh, ein⸗ treffen ſollte. Er war zu begierig, ſich von ſei⸗ nem gelehrten Geſellſchafter los zu machen und ſeine Neugierde uͤber die Unbekannte zu befrie⸗ digen; aber ſo eilig er ſich ihr auch naͤherte, er fand doch einen Augenblick Zeit zu uͤberlegen, daß er ſie nicht gleich bei der erſten Begruͤßung Theil III. 2 2 18 beunruhigen durfte, wenn er ſich eine Gelegen⸗ heit verſchaffen wollte, allein mit ihr zu ſpre⸗ chen. Mit ruhigerer Faſſung und gebuͤhrendem Selbſtvertrauen, kam er einigen jungen Land⸗ leuten zuvor, welche gleiche Abſicht hatten, aber ihre Bitte nicht recht vorzutragen wußten, und ſagte ihr, daß er als Abgeordneter des Schloß⸗ aufſehers, um die Ehre bitte, ſie zum Tanze zu fuͤhren. Der Heer Schloßaufſeher, ſprach das Maͤd⸗ chen, ihm die Hand reichend, thut ſehr wohl, dieſen Theil ſeines Vorrechtes durch einen Stell⸗ vertreter ausuͤben zu laſſen; und ich glaube, die Geſetze des Feſtes laſſen mir keine andre Wahl, als feinen getreuen Abgeordneten anzunehmen. Das heißt, wenn Euch der gewaͤhlte Abge⸗ ordnete nicht ganz zuwider iſt, mein ſchoͤnes Kind, antwortete Roland. Daruͤber, ſchoͤner Herr, ſage ich Euch mehr, wenn wir den erſten Takt getanzt haben. Wir wiſſen, daß Katharina Seyton eine bewundernswürdige Fertigkeit im Tanze beſaß, die ſie zuweilen zur Unterhaltung ihrer koͤniglichen —— — 19 Gebieterinn zeigen mußte. Roland war oft Zeuge dieſer Kunſtuͤbungen, und zuweilen auch, auf Maria's Befehl, Katharina's Mittaͤnzer geweſen. Er kannte daher ſehr gut ihre Tanz⸗ weiſe, und bemerkte, daß ſeine Taͤnzerinn in Anmuth, Gewandeheit, Feinheit des Ohres und Genauigkeit der Ausfuͤhrung ihr vollkommen glich, ausgenommen, daß der ſchottiſche Bauern⸗ tanz, den er mit ihr tanzte, eine heftigere und raſchere Bewegung, eine kraͤftigere Behendigkeit foderte, als die ſtattliche Pavane, die Lavölte, der Couranto, welche Katharina in dem Zimmer der Koͤniginn ausgefuͤhrt hatte. Waͤhrend der Tanz ſeine ganze Aufmerkſamkeit foderte, hatte er weder zu Betrachtungen, noch zur Unterhal⸗ tung Zeit, als ſie aber ihr pas de deux unter dem Beifallrufe der erſtaunten Landleute geendigt hatten, benutzte er, in dem Augenblicke, wo ſie einem andern Paare Platz machten, die Gele⸗ genheit, ſich des Taͤnzervorrechtes zu bedienen, und mit der geheimnißvollen Schoͤnen, die er noch immer bei der Hand hielt, ein Geſpraͤch anzuknuͤpfen.„Darf ich nicht um den Nah⸗ . 28 men meiner ſchoͤnen Taͤnzerinn bitten, die mir ſo viel Ehre erwieſen hat?“ hob er an. Das duͤrfet Ihr, erwiederte ſie, aber es iſt eine andre Frage, ob ich Euch antworten werde. Und warum nicht? ſprach Roland. Weil Niemand Etwas fuͤr Nichts gibt, und Ihr koͤnnt mir nichts ſagen, woran mir etwas gelegen waͤre. Koͤnnte ich Euch nicht meinen Nahmen und meine Abſtammung ſagen, wenn ich beides von Euch gehoͤrt haͤtte! Nein, antwortete ſie, Ihr wißt ja von kei⸗ nem von Beiden viel. Wie ſo! ſprach Roland, ein wenig unmuthig. Werdet nur nicht boͤſe daruͤber, fuhr das Maͤdchen fort, ich will Euch ſogleich zeigen, daß ich mehr von Euch weiß, als Ihr ſelber. Was Ihr ſagt! ſprach Roland. Nun, wofuͤr haltet Ihr mich denn?— Fuͤr einen wilden Falken, den ein Hund in ſeinem Maule auf ein gewiſſes Schloß brachte, als er noch ein unreifer Reſtling war; fuͤr den Habicht, den man nicht fliegen laſſen will, weil „ — —— 2 1 er gern den Raub verlaͤßt und auf Aas ſtoͤßt, den man bekappt halten muß, bis er gehoͤrig ſehen, und Gutes von Boͤſem unterſcheiden kann. Gut, es ſei darum! erwiederte Roland. Ich errathe einen Theil eurer Gleichnißrede, meine ſchoͤne Gebieterinn; aber vielleicht weiß ich eben ſo viel von Euch, als Ihr von mir, und kann die Nachrichten entbehren, womit Ihr ſo karg ſeid. J Beweiſet das, ſprach das Maͤdchen, und ich will Euch mehr Scharfſinn beilegen, als ich Euch uͤberhaupt zugetraut habe. Ich beweiſe es auf der Stelle. Der erſte Buchſtabe eures Nahmens iſt S und der letzte N. Vortrefflich! Weiter gerathen. Es beliebt Euch heute, fuhr Roland fort, mit Flechte und Mieder zu erſcheinen, und mor⸗ gen kann man Euch vielleicht in Hut und Feder, in Beinkleidern und Wamms ſehen. Getroffen! getroffen! Recht in die Mitte! fprach das Fraͤulein, und unterdruͤckte mit Muͤhe das Lachen. * Ihr koͤnnt den Leuten die Augen aus dem Kopfe hauen, wie die Herzen aus dem Leibe. Dieſe letzten Worte ſprach Roland mit lei⸗ ſem zaͤrtlichen Tone, der aber zu ſeiner großen Demuͤthigung, ja faſt zu ſeinem Mißfallen die Lachluſt ſeiner Taͤnzerinn nicht daͤmpfte, ſondern vielmehr erhoͤhte. Sie konnte ſich kaum faſ⸗ ſen, als ſie ihm antwortete, indem ſie ihre Hand aus der ſeinigen wand:„Wenn Ihr meine Hand fuͤr ſo furchtbar gehalten haͤttet, ſo wuͤr⸗ det Ihr ſie nicht ſo hart gedruͤckt haben; aber ich merke, Ihr kennt mich ſo vollkommen, daß es nicht weiter noͤthig iſt, Euch mein Geſicht zu zeigen.“ Schoͤne Katharina, derjenige waͤre ſehr unwuͤrdig, Euch je gekannt, viel weniger ſo lange mit Euch unter einem Dache gewohnt und ge⸗ dient zu haben, der euer Benehmen, eure Ge⸗ behrde, euren Schritt im Gehen und Tanzen, das Ebenmaß eurer Geſtalt verkennen koͤnnte; nein, Niemand koͤnnte ſo ſtumpfſinnig ſein, Euch an ſo vielen Beweiſen zu verkennen; aber ich — ———; .— —— 23 konnte ſelbſt bei dieſer Flechte ſchwoͤren, die unter eurem Schleier hervor faͤllt. Und auch wohl bei dem Geſichte, das die⸗ ſer Schleier deckt? ſprach das Maͤdchen, den Schleier aufhebend, den ſie jedoch alsbald wieder herab zu ziehen ſuchte. Roland ſah Katharina's Zuͤge, aber ein ungewoͤhnlicher Grad von muth⸗ williger Ungeduld gluͤhte in ihrem Geſichte, als ſie bei dem Legen des Schleiers ſich ſo linkiſch benahm, daß ſie nicht im Stande war, ihn mit der Gewandtheit zu ordnen, die eine Hauptfer⸗ tigkeit der gefallſuͤchtigen Frauen jener Zeit war. Daß der Teufel den Lumpen in Fetzen reiße! ſprach das Maͤdchen, als der Schleier um ihre Schultern flatterte, mit einem ſo ern⸗ ſten, entſchloſſenen Tone, daß Roland ſtutzte. Er blickte ihr noch einmahl in's Geſicht, aber das Zeugniß ſeiner Augen lautete wie vorher. Er half ihr, den Schleier zurecht zu legen, und beide ſchwiegen einen Augenblick. Das Fraͤulein brach endlich das Schweigen, da Roland zu beſtuͤrzt uͤber die Widerſpruͤche war, die in Katha⸗ rina's Weſen zu liegen ſchiene —n 2½— Ihr ſeid verwundert uͤber alles, was Ihr ſehet und hoͤrt, ſprach ſie. Aber die Zeiten, 4 welche Weiber zu Maͤnnern machen, taugen am wenigſten fuͤr Maͤnner dazu, Weiber zu werden. Ihr ſelber ſeid in Gefahr, eine ſolche Umwand⸗ lung zu erleiden. Ich in Gefahr, weibiſch zu werden? fragte Roland. Ja eben Ihr, ſo kuͤhn auch eure Antwort lautet. zu der Zeit, wo Ihr euren Glauben veſt halten ſolltet, da er auf allen Seiten von Aufruͤhrern, Verraͤthern und Kebern angefallen wird, laſſet Ihr ihn aus eurer Bruſt gleiten, wie Waſſer, das man mit der Hand ſchoͤpfet. Wenn Ihr vor dem Glauben eurer Vaͤter ge⸗ trieben werdet durch die Furcht von einem Ver⸗ raͤther, iſt das nicht weibiſch? Wenn Ihr Euch einnehmen laßt durch die liſtigen Gruͤnde eines alten Trompeters der Ketzerei, iſt das nicht wei⸗ biſch? Wenn Ihr beſtochen werdet durch die Hoffnung auf Beute und Befoͤrderung, iſt das nicht weibiſch? Und wenn Ihr Euch wundert, daß ich eine Drohung, oder eine Verwuͤnſchung 4 . — ausſtoße, ſolltet Ihr Euch nicht vielmehr über Euch ſelber wundern, da Ihr auf einen edlen Nahmen Anſpruch machet, und nach der Rit⸗ terwuͤrde ſtrebt, und doch zugleich feige, ſchwach und eigennuͤtzig ſeid! Ich wollte, es waͤre ein Mann, der eine ſolche Beſchuldigung wagte, er ſollte ſehen, ehe er eine Minute aͤlter wuͤrde, ob er Urſache haͤtte, mich feige zu nennen, oder nicht. 8½ Nehmt Euch nur in Acht mit ſolchen ſtol⸗ zen Worten, erwiederte das Maͤdchen. Ihr habt ja eben erſt geſagt, daß ich zuweilen Bein⸗ kleider und Wamms trage. Bleibt aber immer Katharina Seyton, Ihr moͤget tragen, was Ihr wollet, ſprach Roland, und ſuchte wieder ihre Hand zu faſſen. Es beliebt Euch freilich, mich ſo zu nen⸗ nen, antwortete das Maͤdchen, ihre Hand zu⸗ ruͤckziehend: aber ich habe noch viele andre Nahmen. Und wollet Ihr nicht auf den Nahmen antworten, wodurch Ihr Euch vor allen andern Maͤdchen in Selennd auszeichnt2 235 26 Ohne ſich durch ſeine Lobpreiſungen locken zu laſſen, hielt ſich das Fraͤulein entfernt von ihm, und ſang froͤhlich die Worte einer alten Ballade: Man nennt mich Haͤnschen, ſuͤßes Kind, Auch nennet man mich Gill; Doch wenn ich reit' zur Burg geſchwind, Mein Nahm iſt Willreich Will. Willreich Will! rief Roland ungeduldig. Lieber Haͤnschen Irrwiſch ſolltet Ihr ſagen. Nie gab es ſolch ein truͤgliches, wanderndes Luftbild. Wenn ich das bin, ſo fodre ich doch von keinem Narren, mir zu folgen. Thun ſie's, ſo iſt's ihr eigener Wille, und Mlchieh auf ihre eigene Gefahr. Aber, liebſte Katharina, ſprach Roland, ſeid doch nur einen Augenblick ernſthaft! Wollet Ihr mich eure liebſte Katharina nennen, da ich Euch nun einmahl ſo viele Nah⸗ men zur Auswahl gegeben habe, ſo moͤchte ich Euch doch fragen, wie Ihr in dem Glauben, daß ich auf ein Paar Stunden aus jener Burg / 27 entwiſcht waͤre, ſo grauſam ſein koͤnntet, von mir zu verlangen, daß ich waͤhrend der einzigen frohen Augenblicke, die ich vielleicht ſeit Mona⸗ ten geſehen, ernſthaft ſein ſollte. Aber, ſchoͤne Katharina, es gibt Augen⸗ blicke tiefen und wahren Gefuͤhls, die ſo viel werth ſind, als zehntauſend Jahre der leben⸗ digſten Froͤhlichkeit, und ein folcher war geſtern, als Ihr ſo nahe— Nun, ſo nahe? fragte das Fraͤulein ſchnell. Als eure Lippen ſo nahe zu dem Zeichen kamen, das Ihr auf meine Stirne gemacht hattet. Mutter des Himmels! ſprach ſie mit noch ungeſtuͤmerem Tone und einem maͤnnlicheren Be⸗ nehmen, als ſie bis dahin verrathen hatte: Katha⸗ rina Seyton waͤre mit ihren Lippen eines Man⸗ nes Stirne nahe gekommen? Und Du waͤreſt dieſer Mann? Knecht, du luͤgſt! Roland war erſtaunt; aber als er fuͤhlte, daß er des Maͤdchens Zartgefuͤhl beleidigt hatte durch eine Anſpielung auf die Begeiſterung eines Augenblickes und auf ihren Ausdruck dieſer Regung, . 28— wollte er eine Entſchuldigung ſtammeln. Er war zwar unfaͤhig, ſeiner Rechtfertigung die gehoͤrige Einkleidung zu geben, das Fraͤulein ließ ſie jedoch gelten, und hatte ihren Unwillen gleich nach dem erſten Ausbruche auch ſchon unterdruͤckt.„Sprecht nicht mehr davon, hob ſie wieder an, und laßt uns ſcheiden. Unſre Unterredung koͤnnte mehr auffallen, als fůͦr uns beide taugt.“ Erlaubt mir wenigſtens, mit Euch irgend wohin zu gehn, wo wir unbeobachtet ſein koͤnnen. Ihr wagt es nicht, erwiederte das Maͤdchen. Wie, nicht wagen? ſprach Roland. Ich ſollte nicht wagen, Euch zu folgen, wohin Ihr zu gehen wagt? Ihr fuͤrchtet einen Irrwiſch, antwortete das Fraͤulein, und wie wolltet Ihr einen feuri⸗ gen Drachen anſehen koͤnnen, der eine Zaube⸗ rinn auf ſeinem Ruͤcken truͤge? Wie in den Nitterbuͤchern, nicht wahr? Und es gaͤbe hier ſolche Spielwerke? Ich gehe zu Mutter Nicneven, ſprach das 29 Maͤdchen, und ſie iſt Hexe genug, den gehoͤrnten Teufel mit einem rothen Seidenfaden, ſtatt des Zaumes zu regieren. Ich folge Euch, hob Roland wieder an. Aber nur in der Entfernung, erwiederte ſie. Sie huͤllte ſich nun geſchickter in ihren Man⸗ tel, als bei dem erſten Verſuche, miſchte ſich in das Gedraͤnge und ging durch die Straße. Ro⸗ land folgte ihr behutſam, und brauchte jede Vorſicht, um unbemerkt zu bleiben. II. Am Eingange der einzigen Straße des Ortes, blickte das Fraͤulein ruͤckwaͤrts nach Roland, der ihr folgte, als haͤtte ſie gewiß ſein wollen, daß er ihre Spur nicht verloren habe, und eilte dann in eine ſehr ſchmale Gaſſe, die zwiſchen verfallenen Huͤtten lief. Sie blieb einen Augen⸗ blick vor einer von dieſen armſeligen Wohnungen ſtehen, warf noch einmahl einen Blick auf Ro⸗ land, oͤffnete die Huͤttenthuͤre und verſchwand vor ſeinen Blicken. . 30— Roland folgte ihr eilig, aber da er die Art, den etwas ungewoͤhnlich eingerichteten Riegel zu oͤffnen, nicht ohne Schwierigkeit entdeckte, und die Thuͤre auch nicht gleich dem erſten Drucke wich, ſo vergingen einige Minuten, ehe er in die Huͤtte kam. Ein dunkler, rauchiger Gang lief, wie gewoͤhnlich, zwiſchen der aͤußern Mauer und der Scheidewand, die von dem innern Theile des Hauſes die Luft abhaͤlt.*) Am Ende dieſes Ganges fuͤhrte eine Thuͤre durch dieſe Lehmwand in das innere Gemach,**) und als Roland den Riegel hob, rief drinnen eine weibliche Stimme: Benedictus qui ve- niat in nomine Domini, damnandus qui in nomine inimici. Als er hierauf hinein⸗ trat, erblickte er die Geſtalt, die Lundin ihm als Mutter Nicneven angegeben hatte. Sie ſaß am niedrigen Heerde. Außer ihr war Niemand in dem Gemache. Roland ſah ſich verwundert nach der verſchwundenen Katharina um, ohne der angeblichen Zauberinn beſondere Aufmerkſamkeit *) Schoktiſch heißt die Wand Hallan. **) Schottiſch Ben. —— 31 zu widmen, bis ſie ſeine Blicke durch den Ton feſſelte, womit ſie ihn fragte:„Was ſucheſt du hier?« Ich ſuche, erwiederte Roland ſehr verlegen, ich ſuche— Seine Antwort aͤber wurde ploͤtzlich unter⸗ brochen, als die Alte ihre großen greiſen Au⸗ genbrauen finſter zuſammenzog und die Stirne in tauſend ernſte Falten runzelte, ſich erhob und hoch aufrichtete, das verhuͤllende Tuch vom Kopfe nahm, und den Juͤngling beim Arme faſſend, mit zwei Schritten zu dem kleinen Fenſter trat, wodurch das Licht auf ihr Geſicht fiel. Der erſtaunte Roland erkannte Magdalena Graͤme. Ja, Roland, ſprach ſie, deine Augen betrie⸗ gen dich nicht; du ſieheſt wahrhaftig die Zuͤge derjenigen, die du betrogen, der du ihren Wein in Galle, ihr Freudenbrod in bitteres Gift, ihre Hoffnung in die ſchwaͤrzeſte Verzweiflung verwandelt haſt. Sie iſt es, die jetzo dich fra⸗ get: Was ſucheſt du hier? Sie, deren ſchwerſte Suͤnde gegen den Himmel geweſen, daß ſie dich mehr geliebet hat, denn das Heil der ganzen . 32— Kirche, und daß ſie nicht ohne Widerſtreben dich ſelbſt der Sache Gottes hat widmen koͤn⸗ nen, ſie fraget dich nun: Was ſucheſt du hier: Waͤhrend ſie ſprach, heftete ſie ihr großes ſchwarzes Auge auf des Juͤnglings Geſicht, wie der Adler auf ſeine Beute blickt, ehe er ſie zerreißt. Roland war in dieſem Augenblicke unfaͤhig, zu antworten, oder auszuweichen. Die ſonderbare Schwaͤrmerinn uͤbte noch immer etwas von dem Einftuſſe auf ihn aus, den ſie in ſeiner Kindheit erlangt hatte: er wußte uͤberdieß, wie heftig ihre Leidenſchaften waren, und wie wenig ſie Widerſpruch ertragen konnte, und er fuͤhlte, daß jede Antwort, die er geben konnte, ſie in wilde Wuth ſetzen wuͤrde. Er ſchwieg und Magdalena fuhr mit ſtei⸗ gender Begeiſterung fort:„Noch einmahl, was ſucheſt du, falſcher Bube? Sucheſt du die Ehre, ſo du aufgegeben, den Glauben, den du verlaſſen, die Hoffnungen, ſo du zerſtoͤret haſt? Oder ſucheſt du mich, die einzige Beſchuͤtzerinn deiner Jugend, die einzige Verwandte, die du je gekannt, damit du meine grauen Haare zer. — 33 treteſt, wie du bereits die beßten Wuͤnſche meines Herzens zertreten haſt?« Verzeiht mir, Mutter, ſprach Roland, aber wahrhaftig, ich verdiene eure Vorwuͤrfe nicht. Ich bin unter Euch allen, ſelbſt von Euch, meine geehrte Mutter, wie von Jedermann, als ein Menſch behandelt worden, dem es an den gemeinſten Gaben, an freiem Willen und Menſchenverſtande gebreche, oder der wenigſtens fuͤr unfuͤhig gehalten werde, ſie zu benutzen. Man hat mich in ein bezaubertes Land gefuͤhrt, und mit Wundern mich umgeben; Jedermann iſt mir verkleidet entgegen gekommen; Jedermann hat nur in Gleichniſſen mit mir geſprochen; ich bin wie ein Menſch geweſen, der in einem ſchweren und verwirrenden Traume wandelt, und nun tadelt Ihr mich, daß ich nicht den Ver⸗ ſtand, die Einſicht und die Standhaftigkeit eines wachenden, entzauberten und vernuͤnftigen Man⸗ nes habe, der da weiß, was er thut, und warum er es thut. Wenn man mit Larven und Geſpenſtern wandeln muß, die von einem Orte zum andern ſchweben, eher wie in einem Theil. II. 3 34 Traumgeſichte, als in der Wirklichkeit, ſo koͤnnte der geſundeſte Glaube erſchuͤttert, und der kluͤgſte Kopf verwirrt werden. Wohlan, muß ich denn meine Thorheit geſtehen, ich ſuchte eben jene Katharina Seyton, mit welcher Ihr mich zuerſt bekannt gemacht habt, und die ich, ſeltſam genug, hier in dieſem Orte finde, die Mun⸗ terſte unter den Froͤhlichen, da ich ſie doch eben erſt in dem wohl verwahrten Schloſſe Lochleven, als die traurige Geſellſchafterinn einer gefange⸗ nen Koͤniginn verlaſſen habe. Ich ſuchte ſie, und finde Euch, Mutter, ſeltſamer verkleidet, als ſie ſelbſt iſt. Und was hatteſt du zu thun mit Katha⸗ rina Seyton? ſprach die Alte mit ſtrengem Tone. Lebeſt du in einer Zeit und in einer Welt, wo es ſich ſchicke, Maͤdchen nachzugehen und um einen Maibaum zu tanzen? Wenn die Trompete jeden biederherzigen Schottlaͤnder zu der Fahne des wahren Fuͤrſten rufet, willſt du dich muͤſſig in einem Frauengemache herum treiben? 35 Nein, bei Gott nicht! Aber auch nicht eingeſperrt ſein in den ſchroffen Mauern eines Inſelſchloſſes. Ich wollte, das Schmettern er⸗ ſchallte eben jetzt, denn ich fuͤrchte, nur ein ſo lauter Ton wird die Truggebilde verſcheuchen koͤnnen, womit ich umgeben bin. Zweifle nicht, es wird erſchallen, und ſo furchtbar laut, daß Schottland nie etwas Aehn⸗ liches hoͤren wird, bis zu dem letzten und lau⸗ teſten Schalle, der Bergen und Thaͤlern verkuͤn⸗ den wird, daß die Zeit nicht mehr iſt. Sei du indeſſen tapfer und ſtandhaft. Diene Gott und ehre deine Fuͤrſtinn. Bleibe bei deinem Glauben! Ich kann nicht— ich will nicht— ich darf dich nicht fragen, ob ſie wahr ſind, die ſchrecklichen Vermuthungen uͤber deinen Ab⸗ fall, wovon ich gehoͤrt habe. Vollende nicht die⸗ ſes verfluchte Opfer! Auch jetzt noch, in dieſer ſpaͤten Stunde noch, kannſt du ſein, was ich gehofft habe fuͤr den Sohn meiner theuerſten Hoffnung— nein, nicht der Sohn meiner Hoffnung, du ſollſt die Hoffnung Schottlands, ſein Ruhm und ſeine Ehre ſein. Selbſt deine 36 verwegenſten, thoͤrigſten Wuͤnſche koͤnnen vielleicht noch erfuͤllt werden. Ich ſchaͤme mich, gemei⸗ nere Beweggruͤnde mit dem edleren Lohne zu verbinden, den ich dir bewahre, und wenn ich bedenke, wer ich bin, muß ich erroͤthen, wenn ich der eitlen Leidenſchaften der Jugend anders, als mit Verachtung und mit der Abſicht zu tadeln gedenke; aber wir muͤſſen Kinder zu heil⸗ ſamer Arznei durch Leckerbiſſen anlocken, und Juͤnglinge durch Verheißung von Vergnuͤgen zu ehrenvollen Thaten. Merk auf, Roland! Ka⸗ tharina's Liebe wird nur dem Manne gehoͤren, der ihre Gebieterinn befreit, und glaube mir, es koͤnnte eines Tages in deiner Gewalt ſtehen, dieſer gluͤckliche Liebhaber zu ſein. Darum wirf Zweifel und Furcht von dir, und ruͤſte dich, zu thun, was dein Glaube dir gebietet, was dein Vaterland von dir fodert, was deine Pflicht als Unterthan und als Diener von dir verlangt, und ſei verſichert, ſelbſt die thoͤrigſten Wuͤnſche deines Herzens werden am leichteſten erreicht wer⸗ den, wenn du dem Rufe deiner Pflicht folgeſt. Als ſie ſchwieg, ward zweimahl an der 3² innern Thuͤre gepocht. Die Alte legte ſchnell ihren Schleier zurecht, ſetzte ſich wieder an den Herd und fragte, wer da ſei. Salve in nomine sancto, antwortete es draußen. Salvete et vos, ſprach Magdalena. Es trat ein Mann herein, in der gewoͤhn⸗ lichen Tracht der Reiſigen eines Edlen; mit ei⸗ nem Schwerte umguͤrtet und einem Schilde am Arm.„Ich ſuchte Euch, Mutter, ſprach er, und denjenigen, der bei Euch iſt.“ Haſt du nicht, wandte er ſich darauf zu Roland, ein Sendſchreiben von Georg Douglas?“ So iſt es, erwiederte Roland, ſich ſchnell des Briefes erinnernd, den man ihm an dem Morgen dieſes Tages uͤbergeben hatte. Aber ich kann es Niemanden uͤberliefern, der mir nicht ein Zeichen gibt, daß er ein Recht hat, es zu fodern. Du haſt recht, ſprach der Diener, und fliſterte ihm zu: das Sendſchreiben, ſo ich fodre, iſt der Bericht an ſeinen Vater? Wird dieſes Zeichen genuͤgen? . 38 Ja, antwortete Roland und reichte dem Mann das Sendſchreiben. Ich bin ſogleich wieder da, ſprach der Die⸗ ner und ging aus der Huͤtte. Roland hatte ſich nun von ſeiner Ueber⸗ raſchung ſo ſehr erhohlt, daß er ſeiner Großmut⸗ ter ſich naͤherte, und ſie bat, ihm zu ſagen, warum ſie in ſolcher Verkleidung und an einem ſo gefaͤhrlichen Orte ſei.„Ihr muͤßt ja wiſſen, ſprach er, wie ſehr die Edelfrau von Lochleven Leute von eurem— ich meine, von unſerm Glauben haſſet. Dieſe Verkleidung ſetzt Euch⸗ einem Verdachte anderer Art aus, der aber nicht weniger Gefahr bringen kann. Als Katholikinn, als Zauberinn, oder als Freundinn der ungluͤck⸗ lichen Koͤniginn, ſeid Ihr in gleicher Gefahr, 4 wenn Ihr im Gebiete des Hauſes Douglas Euch treffen laſſet, und Ihr wißt, daß der Schloßaufſeher, der hier vollmaͤchtig iſt, ſeine beſondern Urſach chen hat, Euch bitter anzufeinden. Ich weiß es, erwiederte die Alte, und Frohlocken glaͤnzte in ihren Augen: ich weiß, daß Lukas Lundin, ſtolz auf ſeinen Schulwitz 39 und ſeine fleiſchliche Weisheit, mit Eiferſucht und Haß die Segnungen betrachtet, welche die Heiligen meinen Gebeten, und den heiligen Reli⸗ quien verliehen haben, bei deren Beruͤhrung, ja vor deren Gegenwart Krankheit und Tod ſchon oft gewichen ſind. Ich weiß es, er moͤchte mich gern zerreißen und zerfleiſchen; aber der Bullen⸗ beißer hat eine Kette und einen Maulkorb, die ihn abhalten, und die Diener des Herrn ſollen nicht von ihm gekraͤnkt werden, bis das Werk des Herrn vollbracht iſt. Kommt dieſe Stunde, dann moͤgen die Schatten des Abends auf mich herabſinken in Donner und Sturm, und die Zeit ſoll mir willkommen ſein, die mein Auge erloͤſet vom Anblicke der Schuld, und meine Ohren, daß ſie die Gotteslaͤſterung nicht ver⸗ nehmen. Sei du nur ſtandhaft; ſpiele deine Rolle, wie ich die meinige geſpielt habe, und fortan ſpielen will, und ich ſoll dann erloͤſet werden, wie ein ſeliger Maͤrterer, den die Engel mit Pſalmen und Geſaͤngen begruͤßen, waͤhrend die Erde ihn mit Ziſchen und Verwuͤnſchungen verfolgt. 40 Als ſie dieſe Worte geſprochen hatte, trat der Diener wieder herein.„Alles iſt in Ord⸗ nung, ſprach er. Die Zeit iſt veſt geſetzt auf morgen Nacht.“ Welche Zeit? Wozu veſt geſetzt? rief Ro⸗ land. Ich hoffe doch nicht, daß ich des Doug⸗ las Sendſchreiben einem Unrechten gegeben. Beruhige dich dabei, junger Mann, ſprach der Diener, daß du mein Wort und mein Zei⸗ chen haſt. Ich weiß nicht, ob das Zeichen richtig iſt, und wenig achte ich auf das Wort eines Fremden. Und wenn du auch ein Sendſchreiben, das einer von den Empoͤrern gegen die Koͤniginn dir anvertraut, einem getreuen Unterthan uͤber⸗ liefert haͤtteſt, ſo waͤre darin kein großes Ver⸗ ſehen, du Hitzkopf, ſprach Magdalena. Bei Sankt Andreas! das waͤre doch ein ſchaͤndliches Verſehen, erwiederte der Edelknabe. Es iſt das Weſen meiner Pflicht, auf dieſer erſten Stufe der Ritterſchaft, wo ich ſtehe, das Anvertraute treulich zu bewahren, und haͤtte mir der Teufel einen Auftrag gegeben, ich wuͤrde 41 nie, haͤtte ich einmahl mein Wort verpfaͤndet, ſeine Rathſchluͤſſe einem Engel des Lichtes ver⸗ rathen. O bei der Liebe, die ich einſt gegen dich gehegt, ſprach Magdalena, ich koͤnnte dich mit meiner eigenen Hand erſchlagen, wenn du ſprichſt, daß du Empoͤrern und Ketzern mehe Treue ſchul⸗ dig ſeieſt, als deiner Kirche und deiner Fuͤrſtinn. Seid ruhig, gute Schweſter, hob der Die⸗ ner wieder an, ich will ihm Gruͤnde geben, die allen Bedenklichkeiten, welche ihn quaͤlen, das Gegengewicht halten ſollen. Der Grundſatz, dem er folgt, iſt ehrenwerth, mag aber jetzt unzeitig und uͤbel angebracht ſein. Folgt mir, junger Mann. Ehe ich mit dieſem Fremden gehe, der mir Rede ſtehen ſoll, ſprach Roland zu der Alten, ſaget mir, ob ich nichts zu eurer Erquickung und Sicherheit vermag. Nichts, antwortete ſie, nichts, als was deſto mehr zu deiner eigenen Ehre fuͤhren wird. Die Heiligen, welche mich zeither beſchuͤtzt haben, werden mir ihren Beiſtand geben, wenn ich ihn . 42 T† brauche. Betritt den Pfad des Ruhmes, der vor dir liegt, und gedenke meiner nur, als des Geſchoͤpfes auf Erden, das am meiſten ſich freuen wird, von deinem Ruhme zu hoͤren. Folge dem Fremden, er hat Neuigkeiten fuͤr dich, die du wenig erwarten wirſt. Der Fremde blieb auf der Thuͤrſchwelle, als haͤtte er auf Roland gewartet, und ſo bald der Juͤngling wieder aufbrach, ging jener mit ſchnel⸗ len Schritten vor ihm her. Der Weg, den ſie nahmen, ſenkte ſich tiefer in die ſchmale Gaſſe hinab, die hier nur auf einer Seite von Gebaͤu⸗ den, auf der andern aber von einer hohen alten Mauer eingeſchloſſen war, uͤber welche einige Baͤume ihre Zweige ſtreckten. Endlich kamen ſie zu einer kleinen Thuͤre in der Mauer. Ro⸗ lands Fuͤhrer blieb ſtehen, blickte einen Augen⸗ blick umher, um zu ſehen, ob ſie beobachtet waͤren, oͤffnete alsdann die Thuͤre mit einem Schluͤſſel, den er aus ſeiner Taſche zog, und gab dem Juͤnglinge einen Wink, ihm zu folgen. Als Roland gleichfalls hinein getreten war, ver⸗ ſchloß der Fremde die Thuͤre ſorgfäͤltig von innen. 43 Sie waren in einem kleinen, ſehr gut gepflegten Oöſtgarten. Der Fremde ging durch einige, von reich beladenen Baͤumen beſchattete Gaͤnge, zu einer Laube, wo er ſich auf eine Raſenbank ſetzte, und dem Juͤnglinge ein Zeichen gab, ſich auf eine andere Bank, ihm gegenuͤber niederzulaſſen. Nach einer kurzen Pauſe hob er an:„Nicht wahr, Ihr habt eine beſſere Buͤrgſchaft verlangt, als das Wort eines bloßen Fremden, um Euch zu uͤberzeugen, daß Georg Douglas mich ermaͤch⸗ tigt hat, das Sendſchreiben zu empfangen, das Euch anvertraut wurde?“ Ja, das iſt es eben, woruͤber Ihr mir Rede ſtehen muͤſſet. Ich fuͤrchte, uͤbereilt ge⸗ handelt zu haben, und wenn das iſt, ſo muß ich meinen Fehler verbeſſern, ſo gut ich kann. Ich bin Euch alſo ganz fremd? fuhr der Unbekannte fort. Blickt mich genau an, und ſehet, ob meine Zuͤge Euch nicht an einen Mann erinnern, den Ihr einſt gut gekannt habt. Roland folgte der Auffoderung, aber die Gedanken, die dabei in ihm erwachten, waren * ——= 44 ſo unvereinbar mit dem ſchlechten, knechtiſchen Anzuge des Mannes, der vor ihm ſaß, daß er es nicht wagte, die Meinung auszuſprechen, die ſich ihm unwiderſtehlich aufdrang.— Ja, mein Sohn, ſprach der Fremde, als er des Juͤnglings Verlegenheit gewahrte, Ihr ſehet in der That den ungluͤcklichen Ambroſius vor Euch, der einſt durch gluͤckliche Erfuͤllung ſeines geiſtlichen Berufes Euch aus den Netzen der Ketzerei gerettet zu haben glaubte, aber— jetzt verurtheilt iſt, dich als einen Verlorenen zu beweinen. Roland war wenigſtens eben ſo gutmuͤthig, als lebhaft; er konnte es nicht ertragen, ſeinen ehemahligen verehrten Lehrer und geiſtlichen Fuͤh⸗ rer in einer Lage zu ſehen, die einen ſo trauri⸗ gen Gluͤckswechſel verrieth, und, die Kniee des ehrwuͤrdigen Mannes umfaſſend, brach er in Thraͤnen aus. Was bedeuten dieſe Thraͤnen, mein Sohn? ſprach der Abt. Vergießeſt du ſie um deiner eigenen Suͤnden und Thorheiten willen, ſo ſind es gewißlich Gnadenſtroͤme, und koͤnnen dir heil⸗ —x 45 2 ſam ſein; aber weine nicht, wenn du um mei⸗ netwillen klageſt. Du ſiehſt freilich den Abt des Marienkloſters in der Tracht eines armen Reiſi⸗ gen, der fuͤr ſeinen Herrn Schwert und Schild und, wo es noͤthig, ſein Leben hingiebt, gegen einen groben Rock und vier Mark Jahrlohn. Eine ſolche Tracht aber paßt fuͤr dieſe Zeit, und in den Tagen der ſtreitenden Kirche kleidet ſie ihre Praͤlaten ſo gut, als Inful und Krumm⸗ ſtab in den Tagen der ſiegreichen Kirche. Durch welches Schickſal— hob Roland wieder an, und ſetzte ſchnell hinzu: aber wozu die Frage? Katharina Seyton hat mich ſchon darauf vorbereitet; aber daß die Veraͤnderung ſo weit gehen ſollte— die Zerſtoͤrung ſo gaͤnzlich— Ja, mein Sohn, ſprach der Abt, du haſt mit eigenen Augen geſehen, wie ich unwuͤrdig auf den Sitz des Abtes erhoben wurde, bei der letzten heiligen Feierlichkeit, die man in der Kirche der heiligen Jungfrau geſehen, bis es Gott gefallen wird, ſeine Kirche aus der Gefan⸗ genſchaft zu erloͤſen. Jetzt iſt der Hirt nieder⸗ geworfen, ja, er liegt auf der Erde— die . 46 Heerde zerſtreut, und die Schreine der Heiligen und der Maͤrterer und der frommen Kirchen⸗ wohlthaͤter ſind den Nachteulen preis gegeben und den Bewohnern der Waldeinoͤden. Und vermochte denn euer Bruder, der Rit⸗ ter von Avenel, nichts zu eurem Schutze? Er ſelber iſt den Gewaltigen verdaͤchtig wor⸗ den, die eben ſo ungerecht gegen ihre Freunde ſind, als grauſam gegen ihre Feinde. Ich koͤnnte daruͤber mich nicht graͤmen, wenn ich hoffen duͤrfte, daß es ihn von ſeinem Wege abzufuͤh⸗ ren vermoͤchte, aber ich kenne Halberts Seele, und ich fuͤrchte, es wird ihn eher dazu treiben, ſeine Treue gegen ihre unſelige Sache durch eine That zu beweiſen, die fuͤr die Kirche noch ver⸗ derblicher, und gegen Gott noch beleidigender ſein wird... Doch genug davon, und jetzt zu dem Gegenſtande unſrer Zuſammenkunft. Ich hoffe, Ihr werdet es fuͤr hinlaͤnglich halten, wenn ich Euch mein Wort gebe, das jenes Send⸗ ſchreiben, daß Ihr von Georg Douglas empfan⸗ gen habt, fuͤr mich beſtimmt war. 42 Und Georg Douglas waͤre alſo— Ein treuer Freund ſeiner Koͤniginn, erwie⸗ derte der Abt, und wird bald, hoffe ich, ſeine Augen uͤber die Irrthuͤmer ſeiner faͤlſchlich ſoge⸗ nannten Kirche oͤffnen. Und was iſt er gegen ſeinen Vater, was gegen die Edelfrau von Lochleven, die Mutter⸗ ſtelle bei ihm vertreten hat? ſprach Roland ziem⸗ lich heftig. Der beßte Freund von Beiden in Zeit und Ewigkeit, wenn er das gluͤckliche Werkzeug wird, die Uebel gut zu machen, die ſie gethan haben, und noch immer thun. Der gute Dienſt kann mir nicht gefallen, der mit einem Treubruch anhebt, ſprach Roland. Ich tadle deine Bedenklichkeiten nicht, mein Sohn, aber die Zeit, welche den Gehorſam der Chriſten gegen die Kirche und der Unterthanen gegen ihren Koͤnig zerriß, hat auch alle geringere geſellſchaftliche Verbindungen aufgeloͤſet, und in ſolchen Tagen muͤſſen bloße menſchliche Bande unſern Fortſchritt nicht mehr aufhalten, als Brombeergeſtraͤuch, das ſein Gewand faſſet, den * 48 Pilger auf ſeinem Wege hemmen darf, wenn er wandert, ſein Geluͤbde zu loͤſen. Aber, ehrwuͤrdiger Vater— hob der Juͤng⸗ ling wieder an, und brach ploͤtzlich ab. Rede weiter, mein Sohn, rede ohne Furcht. So nehmt es nicht uͤbel, wenn ich Euch ſage, daß es gerade dieß iſt, was unſre Gegner uns vorwerfen; wir bildeten, ſagen ſie, die Mittel nach dem Zwecke, und begingen leicht ein großes Uebel, um ein kuͤnftiges Gut hervor⸗ zubringen. Die Ketzer haben ihre gewoͤhnlichen Kuͤnſte gegen dich gebraucht, mein Sohn; ſie moͤchten uns gern die Macht rauben, klug und heimlich zu handeln, obgleich die äͤberlegene Gewalt, ſo ſie beſitzen, es uns verbietet, mit gleichen Waffen gegen ſie zu kaͤmpfen. Sie haben uns in den Zuſtand erſchoͤpfter Schwaͤche hinabgedruͤckt, und moͤchten nun gern die Mittel verdammen, wo⸗ durch die Schwaͤche uͤberall in der Natur den Mangel an Kraft erſetzt, und ſich gegen maͤch⸗ tige Feinde vertheidigt. Der Hund koͤnnte eben ſo gut zu dem Haſen ſagen: Laß ab von dieſen 49 liſtigen Querſpruͤngen, mir zu entwiſchen, ſon⸗ dern ſtreite mit mir in einem ordentlichen Tref⸗ fen— als die bewaffneten und maͤchtigen Ketzer von den niedergetretenen und unterdruͤckten Ka⸗ tholiken verlangen, die Schlangenklugheit aufzu⸗ geben, mit deren Hilfe ſie allein hoffen koͤnnen, das Jeruſalem wieder aufzurichten, welches ſie beweinen, und wieder aufzubauen ſchuldig ſind. Doch nachher davon mehr! Jetzt, mein Sohn, befehle ich dir, bei deinem Glauben, mir wahr⸗ haftig und umſtaͤndlich zu ſagen, welche Veraͤn⸗ derung ſich mit dir begeben hat, ſeit wir uns zuletzt geſehen, und mir den Zuſtand deines Ge⸗ wiſſens zu entdecken. Deine Verwandte, unſre Schweſter Magdalena, iſt eine Frau von treff⸗ lichen Gaben, und mit einem Eifer ausgeruͤſtet, den weder Zweifel, noch Gefahr zu daͤmpfen vermoͤgen, aber ihr Eifer iſt nicht ganz mit Einſicht gepaart. Darum, mein Sohn, moͤchte ich gern ſelber dein Pruͤfer und Rathgeber ſein in dieſen Tagen der Finſterniß und der Liſt. Mit der Ehrerbietung, die er ſeinem erſten Lehrer ſchuldig war, erzaͤhlte Roland ihm ſchnell Theil II. 4 . 50— die Ereigniſſe, die wir kennen, und waͤhrend er ihm nicht verhehlte, welchen Eindruck die Gruͤnde des Predigers Henderſon auf ihn gemacht hat⸗ ten, verrieth er ſeinem Beichtvater zufaͤllig, ja faſt unwillkuͤhrlich, wie viel Gewalt Katharina Seyton uͤber ſeine Seele gewonnen. Ich ſehe mit Freude, mein geliebteſter Sohn, ſprach der Abt, daß ich zu rechter Zeit gekommen bin, dich am Rande des Abgrundes veſt zu halten, dem du nahe wareſt. Dieſe Zweifel, woruͤber du klageſt, ſind das Unkraut, das leicht aufwaͤchſt in einem kraͤftigen Boden, und das nur des Landbauers ſorgſame Hand ausrotten kann. Du mußt fleißig ein Buͤchlein leſen, das ich dir zu ſchicklicher Zeit geben will, und worin ich, unter dem gnaͤdigen Beiſtand unſerer heiligen Jungfrau, die Streitpunkte klaͤr⸗ lich auseinander ſetze, die es zwiſchen uns und dieſen Ketzern gibt, welche unter den Weizen den ſelbigen Lolch ausſaͤen, den vor Zeiten heim⸗ lich die Albingenſer und Lollharden unter dis gute Saat ausſtreuten. Nicht aber durch die Vernunft allein mußt du hoffen, dieſe Ein⸗ I ☛ fliſterungen des boͤſen Feindes zu beſiegen; es geſchieht zuweilen durch zeitigen Wioderſtand, haͤufiger jedoch durch zeitige Flucht. Du mußt dein Ohr verſchließen gegen die Gruͤnde des Ketzerhauptes, wenn es die Umſtaͤnde dir nicht erlauben, ſeine Geſellſchaft zu meiden. Ankre deine Gedanken an das Gebet zu der heiligen Jungfrau, waͤhrend er ſeine ketzeriſchen Trug⸗ ſchuͤſſe vergeblich darlegt. Biſt du nicht im Stande, deine Aufmerkſamkeit beſtiglich auf himmliſche Dinge zu heften, ſo denke lieber an deine irdiſchen Vergnuͤgungen, als daß du die Vorſehung und die Heiligen verſuchteſt, wenn du den Irrlehren ein aufmerkſames Ohr lieheſt; denke an deinen Falken, deinen Jagdhund, deine Angelruthe, dein Schwert und deinen Schild, denke ſelbſt an Katharina Seyton, ehe du deine Seele den Lehren des Verſuchers hin⸗ gebeſt. Ach, mein Sohn! glaube nicht, daß ich durch Leiden aufgerieben, und mehr durch Kummer, als durch Alter gebeugt, die Wirkung der Schoͤnheit auf das jugendliche Herz vergeſ⸗ ſen habe. Selbſt in den ſchlafloſen Naͤchten, . 52 wenn ich an eine gefangene Koͤniginn, an ein zerruͤttetes Reich, an eine verheerte und veroͤdete Kirche gedenke, kommen andre Gedanken, als jene darbieten, und Gefuͤhle, die einer fruͤhern und gluͤcklichern Lebenszeit gehoͤrten. Nun, wir muͤſſen unſre Buͤrde tragen, ſo gut wir koͤnnen, und nicht vergebens ſind dieſe Leidenſchaften in unſre Bruſt gepflanzt, da ſie, wie's jetzt bei dir der Fall iſt, Entſchließungen unterſtuͤtzen koͤnnen, die auf edlerm Grund gebaut ſind. Aber ſei auf deiner Hut, mein Sohn! Dieſe Katha⸗ rina Seyton iſt die Tochter eines der ſtolzeſten und wuͤrdigſten Edlen Schottlands, und dein Stand moͤchte dir bis jetzt noch nicht erlauben, ſo hoch zu ſtreben. Aber ſo iſt es; der Him⸗ mel vollziehet ſeine Rathſchluͤſſe durch die Thor⸗ heit der Menſchen, und Douglas ſoll durch ſeine ehrgeizige Zuneigung, wie du durch die deinige, das erwuͤnſchte Ziel erringen helfen. Wie, ehrwuͤrdiger Vater, ſprach Roland, mein Argwohn waͤre alſo gegruͤndet? Douglas liebt— — 53 Ja, und ſeine Liebe iſt ſo verkehrt, als die deinige; aber huͤte dich vor ihm— ſei ihm nicht zuwider— hindre ihn nicht. Mag er mir nicht zuwider ſein und mich nicht hindern, denn ich will ihm nicht einen Zollbreit weichen, und haͤtte er die Seele von jedem Douglas im Leibe, der ſeit dem dunkeln grauen Maͤnnlein*) lebte. Nun, ruhig, thoͤriger Juͤngling! fiel der Abt ein, und bedenke, daß deine Bewerbung nie mit der ſeinigen zuſammen gerathen kann... Doch— nichts mehr von dieſen Thorheiten! Wir wollen die kurze Zeit, wo wir noch beiſam⸗ men ſein koͤnnen, beſſer benutzen. Auf deine Kniee, mein Sohn! und erfuͤlle die lange ver⸗ ſaͤumte Pflicht der Beichte, auf daß, was ſich auch begebe, die Stunde der Entſcheidung einen treuen Katholiken in dir finde, welcher der Sün⸗ denſchuld durch die Gewalt der heiligen Kirche ledig geworden. Koͤnnte ich dir ſagen, Roland, mit welcher Freude ich ſehe, wie du deine Kniee *)) Nach der Sage, der Stammvater des alten ſchottiſchen, noch bluͤhenden Geſchlechts D Douglas. . 5⁴4— wieder auf die beßte und ſchicklichſte Weiſe ge⸗ draucheſt! Quid dicis, mi fili? Culpas meas, erwiederte der Juͤngling, und als er nach dem Gebrauche der katholiſchen Kirche gebeichtet hatte, empfing er die Los⸗ ſprechung, womit die Bedingung, gewiſſe Buß⸗ uͤbungen zu erfuͤllen, verbunden ward. Als dieſe Andachtuͤbung vollzogen war, kam ein Mann in der Tracht eines wohlhabenden Bauers, der den Abt gruͤßte.„Ich habe das Ende eurer Andacht abwarten wollen, hob er an, um Euch zu ſagen, daß der junge Mann vom Schloßau ſeher geſucht wird, und es waͤre wohl gut, wenn er unverzuͤglich ſich zeigte. Ach ihr Heiligen! kaͤmen ſeine Helbardirer, ihn hier zu ſuchen, wie wuͤrde es meinem Garten ergehen! Die ſehen nicht zu, wo ſie hintreten, und ging s bei jedem Schritte uͤber einen Jasmin und einen Nelkenſtock.“ Wir wollen ihn ſchnell fortſchicken, lieber Bruder, erwiederte der Abt, aber ach! wie iſt es moͤglich, daß ſolche Kleinigkeiten in Eurer — 55 Seele Raum haben, zu einer Zeit, wo etwas ſo Furchtbares bevorſtehet! Ehrwuͤrdiger Vater, ſprach der Eigner des Gartens, wie oft ſoll ich Euch bitten, eure hohen Nathſchlaͤge fuͤr ſo hohe Gemuͤther, als das eurige, zu behalten? Was habt Ihr von mir verlangt, das ich nicht ohne Widerſtreben gewaͤhret haͤtte, wiewohl mit ſchwerem Herzen? Ich moͤchte von Euch verlangen, mein Bruder, daß Ihr Euch ſelber nicht verlaͤugne⸗ tet, Euch erinnertet, wer Ihr waret und wozu eure Geluͤhde Euch einſt verbunden haben. Ich ſage dir, Vater Ambroſius, ſprach der Gaͤrtner, die Geduld des beßten Heiligen, der je ſein Paternoſter betete, wuͤrde durch die Pruͤfungen erſchoͤpft werden, welchen Ihr meine Geduld unterworfen habt. Was ich geweſen bin, davon braucht jetzt nicht die Rede zu ſeyn; Niemand aber weiß beſſer, als Ihr, Vater Am⸗ broſius, was ich aufgegeben habe, in der Hoff⸗ nung, Ruhe und Frieden fuͤr meine uͤbrigen Lebenstage zu finden, und Niemand weiß beſſer, wie man mich in meiner Zuflucht geſtoͤrt hat, . 56 wie meine Obſtbaͤume zerbrochen, meine Blu⸗ menbeete niedergetreten, meine Ruhe weggeſchreckt, und den Schlaf von meinem Lager weggejagt, ſeit dieſe arme Koͤniginn— Gott ſegne ſie!— in Lochleven wohnt. Ich tadle ſie nicht; es iſt natuͤrlich, daß ſie als Gefangene wuͤnſcht, aus einem ſo ſchlechten Aufenthalte zu kommen, wo kaum ein Plaͤtzchen zu einem leidlichen Garten iſt, und die Waſſerduͤnſte, wie ich mir habe ſagen laſſen, die erſten Bluͤten verderben— Nein, ich tadle ſie nicht, daͤß ſie ſich frei zu machen ſucht; aber warum muß ich in den An⸗ ſchlag hinein gezogen werden, warum ſollen meine unſchuldigen Lauben, die ich mit eigener Hand gepflanzt habe, zu heimlichen Verſchwoͤrungen dienen, warum ſoll mein kleiner Landungsplatz, den ich fuͤr meinen kleinen Fiſcherkahn angelegt habe, als ein Hafen fuͤr heimliche Einſchiffun⸗ gen gebraucht werden— kurz, warum ich in Dinge gezogen werden ſoll, wo Koͤpfen oder Haͤngen leicht das Ende vom Liede ſeyn kann, das begreife ich ganz und gar nicht. —— — 5⁷ Lieber Bruder, erwiederte der Abt, Ihr ſeid weiſe, und ſolltet wiſſen— Nein, ich bin nicht— bin nicht— bin nicht weiſe, ſprach der Gaͤrtner aͤrgerlich, und hielt ſich die Ohren zu: man hat mich nie weiſe genannt, als wenn man mich zu einer offenbar thoͤrigen Sache verleiten wollte. Aber, mein guter Bruder— fuhr der Abt fort. Auch gut bin ich nicht, fiel der Gaͤrtner ein: weder gut, noch weiſe. Waͤre ich weiſe, ſo wuͤrdet Ihr hier nicht Zutritt erhalten haben, und waͤre ich gut, ſo wuͤrde ich Euch wohl anders wohin ſchicken, eure Anſchlaͤge zur Stoͤ⸗ rung des Landfriedens zu ſchmieden. Wozu ſtreiten uͤber Koͤniginn oder Koͤnig, wenn der Menſch ruhig ſitzen kann sub umbra vitis suae? So machte ich's, nach dem Geſetze der heiligen Schrift, wenn ich weiſe oder gut waͤre, wie Ihr mich nennet. Aber wie ich nun bin, muß ich den Hals ins Joch ſtecken, und Ihr laſſet mich jede Laſt ziehen, wie es Euch beliebt. Kommt mit mir, junger Mann! Der — 58— ehrwuͤrdige Vater, der in ſeinem Reiſigenkleide ungefaͤhr eben ſo ehrwuͤrdig ausſieht, als ich, wird wenigſtens in einer einzigen Sache mit mir einig ſein, und das iſt, daß Ihr lange genug hier geweſen ſeid. Roland, folgt dem guten Vater! ſprach der Abt, und gedenket meiner Worte. Es nahet ein Tag, der jeglichen echten Schottlaͤnder auf die Probe ſtellen wird. Moͤge dein Herz treu erfunden werden, wie der Stahl deiner Klinge! Der Juͤngling verbeugte ſich ſchweigend. Der Gaͤrtner ging, trotz ſeines hohen Alters, mit raſchen Schritten vor ihm her, und mur⸗ melte, halb fuͤr ſich, halb gegen ſeinen Gefaͤhr⸗ ten, nach der Art ſchwachgeiſtiger Greiſe.„Als ich groß war, ſprach er, und mein Maulthier und meinen Zelter hatte, ja wahrlich, da haͤtte ich ſo gut durch die Luft fliegen koͤnnen, als ich jetzt Schritt halten kann. Ich hatte meine Gicht und mein Gliederreißen, und hundert andre Dinge ſonſt, die mir Ketten an die Beine haͤng⸗ ten; aber nun— Dank der heiligen Jungfrau und ehrlicher Arbeit!— nun kann ich mit jedem 4 —q 59 wackern Mann im Lande um die Wette gehen — Eine Schande iſt's, daß die Erfahrung ſo langſam kommt.“ Als er ſo murmelte, ward er den Zweig eines Birnbaumes gewahr, der aus Mangel einer Stuͤtze tief herab hing, und ſeine Eile auf ein⸗ mahl vergeſſend, blieb der alte Mann ſtehen, und fing ernſtlich an, den Baum zu ſtuͤtzen. Roland, bereitwillig, geſchickt und gutmuͤthig, leiſtete ihm ſchnell Beiſtand, und in zwei Minu⸗ ten war der Aſt unterſtuͤtzt und zur Zufrieden⸗ heit des alten Mannes beveſtigt, der mit großem Wohlgefallen ihn betrachtete.„Es ſind Berga⸗ motten, ſprach er, und wenn Ihr im Herbſte heruͤber kommen wollet, ſollt Ihr ſie koſten. So etwas gibt's im Schloſſe Lochleven nicht. Der Garten da, iſt ein armſeliges Ding, und der Gaͤrt⸗ ner hat's Pulver nicht erfunden. Kommt heruͤber, Junker, im Herbſte, wenn Ihr Birnen eſſen wollt. Aber was will ich denn! Ehe die Zeit kommt, wird man dir Holzbirnen fuͤr Pflaumen gegeben haben. Hoͤre auf den Rath eines alten Man⸗ nes, der lange mitgelaufen iſt, und auf hoͤhern 60— Plaͤtzen geſeſſen hat, als du hoffen kannſt, mache kein Gartenmeſſer aus deinem Degen, und eine Hacke aus deinem Dolche. Du wirſt dabei laͤnger leben und geſunder ſein, und willſt du kommen, mir in meinem Garten zu helfen, ſo zeige ich dir die echte franzoͤſiſche Art zu impfen. Thue das, und thu' es ohne Zeitverluſt; es kommt ei Wirbelwind uͤber's Land, und Nie⸗ mand wird ihm entgehen, als wer ſo tief unter dem Sturme liegt, daß ſeine Aeſte nicht gebro⸗ ſchen werden koͤnnen.“ 4 Mit dieſen Worten Sfnete e er dem Juͤng⸗ linge eine Thuͤre, die nicht auf der Seite der Eingangspforte lag, und als er ihn mit einem Segen entlaſſen hatte, ging er, mit ſich ſelber murmelnd, in den Garten zuruͤck, und verrie⸗ gelte von innen die Thuͤre. 2* III. Als Roland aus dem Garten des alten Mannes war, trennte ihn von dem Dorfe noch ein grasreiches Gehaͤge, wo ein Paar Kuͤhe ſprangen, die dem Gaͤrtner gehoͤrten. Ueber die — 61 Worte des Abtes nachdenkend, folgte er dem Pfade, der hinuͤber fuͤhrte. Vater Ambroſius hatte mit Erfolge den Einfluß auf ihn ausge⸗ uͤbt, den die Huͤter und Lehrer unſerer Kind⸗ heit gewoͤhnlich auch in unſrer reifen Jugendzeit behalten. Erwog aber Roland noch einmahl, was der Abt ihm geſagt hatte, ſo konnte er des Argwohnes ſich nicht erwehren, daß ſein Beichtvater eher geſucht hatte, einer Verhand⸗ lung uͤber den Streitpunkt zwiſchen beiden Kir⸗ chen auszuweichen, als die Einwuͤrfe und Zwei⸗ fel zu beſeitigen, wozu Henderſons Vortraͤge Anlaß gegeben hatten.„Er hatte ja nicht Zeit dazu, dachte der Juͤngling, und ich bin jetzt nicht ruhig und nicht gelehrt genug, uͤber Gegen⸗ ſtaͤnde von ſolcher Wichtigkeit zu urtheilen. Es waͤre auch niedrig, meinen Glauben zu verlaſſen, ſo lange der Wind des Gluͤckes gegen ihn iſt, wenn ich mich nicht in einer Lage befaͤnde, wo mein Uebertritt, ſontte er ja ſtatt haben, frei von jeder Beſchuldigung einer eigennuͤtzigen Ab⸗ ſicht waͤre. Ich wurde katholiſch erzogen, in dem Glauben von Bruce und Wallace erzogen, —— 4 — . 2 8 62 und will dieſem Glauben treu ſein, bis Zeit und Vernunft mich uͤberzeugen, daß er mich auf Irrwege füͤhret. Ich will der armen Koͤniginn dienen, wie iin unterthan einer gefangenen, ge⸗ kraͤnkten Koͤniginn dienen ſoll. Wer mich in ihren Dienſt gebracht hat, moͤge ſich ſelber die Schuld beimeſſen; man hat einen Edelgebornen hergeſchickt, der auf dem Wege der Redliche keit und Ehre erzogen ward, aber man haͤtte einen geſchmeidigen, fuchsſchwaͤnzelnden, zwei⸗ zuͤngleriſchen Schurken ſchicken ſollen, der zu gleicher Zeit der gehorſame Diener der Koͤni⸗ ginn, und der dienſtfertig Knundſchafter ihrer Feinde waͤre. Habe ich nun die Waht, ihr zu helfen, oder ſie zu betriegen, ſo will ich mich dazu entſchließen, was ihrem Diener und ihrem Unterthan gebuͤhret. Aber Katharina Seyton— Katharina, die von Douglas geliebt wird, und die mich anzieht, oder abſtößt, wie es ihr Zeit oder Laune erlauben— was ſoll ich mit dem flatterſinnigen Maͤdchen anfangen? Beim Himmel! ſie ſoll mir bei der erſten Gelegenheit 63 Rechenſchaft uͤber ihr Betragen geben, oder ich breche mit ihr auf immer. Als er dieſen tapfern Entſchluß faßte, wand er ſich um den Drilling, der aus dem kleinen Gehaͤge fuͤhrte, und ward ſogleich von Lukas Lundin begruͤßt.„Ah mein trefflicher junger Freund, ſprach der Doctor, woher des Weges? O ich merke ſchon. Ja, des Nachbars Gar⸗ ten paßt gut zu einer Zuſammenkunft und Ihr ſeid in dem Alter, wo die jungen Burſchen mit dem einen Auge nach einem huͤbſchen Maͤdchen, und mit dem andern nach einer leckern Pflaume ſehen. Aber was iſt das? Ihr ſeht ja ganz traurig und truͤbſinnig aus? Ich fuͤrchte, Ihr habt das Maͤdchen grauſam, oder die Pflaumen unreif gefunden. Des Nachbars Damascener⸗ pflaumen werden ſich wohl kaum den Winter hindurch erhalten haben; er ſpart den Zuckerſaft in⸗ ſeinem Eingemachten. Aber ſeid gutes Muthes, Freundchen! es gibt mehr Kathchen in Kinroß, und auf unreife Fruͤchte ſchmeeckt ein Gaͤschen von meinem doppelt abgezogenen Wunderwaſſer. 64— Roland warf einen zornigen Blick auf den ſpaßhaften Arzt, aber als er ſich bald beſann, daß der Nahme Kaͤthchen, der ihn unmuthig gemacht hatte, wahrſcheinlich bloß um der Buch⸗ ſtabengleichheit willen mit Kinroß zuſammen ge⸗ ſtelt wurde, unterdruͤckte er ſeine Wuth, und fragte nur, ob Nachricht von den Wagen ange⸗ kommen ſei. Nun, ich habe ſo eben nach Euch geſchickt, ſprach Lundin, um Euch zu ſagen, daß alles in eurem Boote iſt, und das Boot auf euren Befehl wartet. Der Fuhrmann iſt mit einem faulen Geſellen zuſammengekommen, und ein Stuͤbgen Branntwein hat beide aufgehalten. Eure Schiffer haben die Ruder in den Haͤnden, und ſchon hat man vom Wartthurme des Schloſ⸗ ſes ein Paarmahl ein Zeichen gegeben, daß man eure Ruͤckkehr ungeduldig erwartet. Aber Ihr habt auch noch Zeit genug, erſt einen kleinen Imbiß zu nehmen, und als euer Freund und 3 Arzt halte ich's nicht fuͤr paſſend, daß Ihr Euch mit leerem Magen der Waſſerluft ausſetzet. 65 Roland hatte nichts Angelegentlichers, als mit allem frohen Muthe, den er in ſich erwecken konnte, zu dem Landungsplatze zuruͤck zu kehren, und alle Einladungen wurden von ihm abgelehnt, obgleich der Doctor verſprach, den Imbiß mit einer die Eßluſt reizenden Kraͤuterabkochung zu eroͤffnen. Roland mochte durch die bittre Erin⸗ nerung an ſein Morgenſchluͤckchen wohl bewogen werden, ſich ſtandhaft gegen jede Bewirthung zu wehren, der eine ſo unſchmackhafte Vorrede angehaͤngt werden ſollte. Als ſie zu dem Boote gingen, wohin der hoͤfliche Schloßaufſeher ihn begleiten wollte, glaubte Roland unter einem Haufen, der ſich um eine Geſellſchaft umher⸗ ziehender Spielleute ſammelte, Katharina Sey⸗ ton zu erkennen. Er machte ſich von ſeinem Begleiter los, und war in einem Sprunge an der Seite des Maͤdchens!„Katharina, fliſterte er ihr zu, taugt es denn fuͤr Euch, daß Ihr noch hier ſeid? Wollt Ihr nicht ins Schloß zuruͤckkehren?“ Zum Henker mit euren Katharinen und euren Schloͤſſern! erwiederte das Maͤdchen ſchnip⸗ Theil. III. 5 2 66 piſch. Habt Ihr noch nicht Zeit gehabt, von ruren Thorheiten Euch los zu machen? Geht! Ich mag nicht laͤnger in eurer Geſellſchaft blei⸗ ben, und es koͤnnte gefaͤhrlich ſein, ſie mir auf⸗ zudringen. 3 Ei, ſchoͤnſte Katharina, wenn Gefahr dabei iſt, warum wollet Ihr mich nicht hier bleiben und ſie mit Euch theilen laſſen? Zudringlicher Thor! ſprach das Midchen, auf deiner Seite allein iſt die Gefahr, und daß ich mit duͤrren Worten ſage, du haſt zu be⸗ fuͤrchten, daß ich dich mit dem Hefte meines Dolches auf's Maul ſchlage. 8 MNiit dieſen Worten wandte ſie ſich tolz 8 von ihm, und ging durch das draͤngende Volk, das erſtaunt der Jungfrau auswich, die ſich mit ſo viel maͤnnlicher Thaͤtigkeit ihren Weg bahnte. Als Roland, ſehr empfindlich, ihr folgen wollte, packte ihn Doctor Lundin auf der andern Seite, und erinnerte ihn an das bereits geladene Boot, an die beiden Zeichen mit der Fahne vom Schloſſe, an die Gefahr, ſich der kalten Luft auszuſetzen, und an die Thorheit, bei ſproͤen 67 Maͤdchen und ſauren Pflaumen mehr Zeit zu verſchwenden. Roland mußte ſich faſt zu ſeinem Boote ſchleppen laſſen. Die Ueberfahrt wurde ſchnell vollendet, und auf dem Landungsplatze empfing den Edelknaben der alte Haushofmeiſter mit einem finſtern Blicke.„Nun, ſeid Ihr endlich da? ſprach er. Sechs Stunden habt Ihr auf Euch warten laſſen und zweimahl ha⸗ ben wir ein Zeichen geben muͤſſen. Aber ich wette, es hat irgend eine unnuͤtze Naͤſcherei Euch ſo ſehr aufgehalten, daß Ihr nicht an euren Dienſt, oder an eure Pflicht denken konntet. Wo iſt das Verzeichniß uͤber das Silberwerk und das Hausgeraͤth? Gott gebe, daß unter den ſorgloſen Haͤnden eines ſo faſeligen jungen Herrchens nur nichts weggekommen iſt! Weggekommen unter meinen Haͤnden? ſprach Roland unmuthig. Sagt Ihr das in Ernſt, ſo ſoll, bei Gott! euer graues Haar die unver⸗ ſchaͤmte Zunge nicht ſchuͤtzen. Nur nicht gepoltert, junger Herr! Wir haben Riegel und Kerker fuͤr Laͤrmer. Geh zu der Herrinn, und poltere vor ihr, wenn du's ——õ;——— wageſt. Sie wird dir ſchon Urſache zum Aerger geben; weil ſie lange und ungeduldig auf dich ge⸗ wartet hat. Und wo iſt denn die Frau von Lochleven? fragte Roland. Von ihr wirſt du doch wohl reden. 3 Nun, von wem ſonſt? erwiederte der Alte. Wer ſonſt, als die Frau von Lochleven hat in dieſem Schloſſe zu befehlen? Die Frau von Lochleven iſt deine Herrinn, die meinige iſt die Koͤniginn von Schottland. Der Haushofmeiſter blickte den Edelknaben einen Augenblick mit forſchendem Auge an, worin ſich Argwohn und Miffallen unter er⸗ kuͤnſtelter Verachtung ſchlecht verbargen.„Das ſtolze Haͤhnlein verraͤth ſich durch ſein voreiliges Krähen, ſprach er endlich. Ich habe dein ver⸗ aͤndertes Betragen in der Kapelle ſeit Kurzem wohl bemerkt, ja, und ich habe es recht gut geſehen, wie du bei der Tafel Blicke gewechſelt haſt mit einem gewiſſen thoͤrigen Fraͤulein, das, wie du, uͤber alles Ernſthafte und Gute lacht. Ich finde etwas an Euch, Junker, das wir 69 ein Bischen aufmerkſamer betrachten muͤſſen. Nun, wenn Ihr wiſſen wollet, ob die Frau von Lochleven, oder jene andre Frau uͤber eure Dienſte zu gebieten hat, ſo koͤnnt Ihr's in Frau Maria's Vorzimmer erfahren, wo Ihr Beide findet.“ 1 Roland eilte dahin. Er wollte gern dem boshaften Scharfblicke des Alten ausweichen, und fragte ſich verwundert, was die Edelfrau bewogen haben koͤnnte, zu einer ſo ungewoͤhn⸗ lichen Stunde das Zimmer der Koͤniginn zu be⸗ ſuchen. Sein Scharfſinn errieth alsbald die Abſicht.„Sie will beobachten, wie die Koͤniginn bei meiner Ruͤckkehr mich empfaͤngt; um daraus abzunehmen, ob ein geheimes Verſtaͤndniß zwi⸗ ſchen uns iſt. Ich muß auf meiner Hut ſein.« Mit dieſem Entſchluſſe trat er ins Zim⸗ mer, wo die Koͤniginn, in ihrem Seſſel ſaß, auf deſſen Ruͤcklehne Marie Flemming ſich lehnte, die Frau von Lochleven aber ſchon beinahe eine Stunde mit ſichtbar ſteigender Mißlaune vor ihr ſtand. Roland verbeugte ſich bei ſeinem Ein⸗ tritte zuerſt gegen die Koͤniginn und dann gegen — 70 die Ebelfrau, worauf er ſchweigend ſtehen blieb, um weitere Fragen zu erwarten.„Nun, kommt ihr endlich zuruͤck?“ hob die Edelfrau an. Aber unwilig ſchwieg ſie, als die Koͤniginn, ohne ſie anzuſehen, ſie unterbrach:„Roland, ſeid uns willkkommen! Ihr ſeid ein echter Tauben⸗ bote, und nicht ein Rabe. Aber ich haͤtte es Euch gewiß auch leicht vergeben koͤnnen, wenn Ihr einmahl aus unſerer waſſerumfloſſenen Arche entlaſſen, nie zuruͤckgekommen waͤret. Ich hoffe, Ihr habt einen Oehlzweig mitgebracht. Unſre guͤtige und wuͤrdige Wirthinn hat ſich uͤber eure lange Abweſenheit ſehr ereifert, und nie brauch⸗ ten wir ſo ſehr ein Sinnbild des Friedens und der Verſoͤhnung.“ Es thut mir leid, daß ich mich habe auf⸗ halten muͤſſen, erwiederte Roland, aber der Mann, dem die Sachen anvertraut waren, die ich abhohlen ſollte, blieb ſo lange aus, daß ich ſie erſt am Tage erhalten habe. Da habt Ihr's! ſprach die Koͤniginn zu der Edelfrau. Wir konnten Euch nicht uͤberzeu⸗ gen, theuerſte Frau Wirthinn, daß euer Haus⸗ —— 21 geräthe in ſichern Haͤnden waͤre. Freilich koͤn⸗ nen wir euer Bekuͤmmerniß wohl entſchuldigen, wenn wir bedenken, wie dieſe Prachtzimmer ſo aͤrmlich eingerichtet ſind, daß es uns nicht ein⸗ mahl möglich geweſen iſt, Euch einen Stuhl anzubieten in der langen Zeit, wo Ihr uns mit eurem Beſuche erfreut habt. Der Wille, gnaͤdige Frau, der Wille fehlte mehr, als die Mittel, mir eine ſolche Erleich⸗ terung anzubieten, ſprach die Eoelfrau. Wie! ſprach die Koͤniginn, mit erkuͤnſtel⸗ ter Ueberraſchung ſich umſehend: ſind denn Stuͤhle in dieſem Zimmer? Eins— zwei— nicht weni⸗ ger als vier, den zerbrochenen mitgerechnet. Eine koͤnigliche Einrichtung! Wir haben es nicht be⸗ merkt. Wollt Ihr Euch gefaͤllig niederlaſſen? Nein, gnaͤdige Frau, ich will Euch bald von meiner Gegenwart befreien, erwiederte die Edelfrau. So tange ich bei Euch bin, koͤnnen meine alten Glieder eher Muͤdigkeit ertragen, als mein Gemuͤth ſich erniedrigen mag, geziwungene Hoͤflichkeit anzunehmen. 72—— Nein, Frau von Lochleven, wenn Ihr's ſo hoch aufnehmet, ſprach die Koͤniginn auf⸗ ſtehend, und deutete auf ihren leeren Stuhl: ſo wollte ich lieber, Ihr naͤhmet meinen eigenen Sitz ein; Ihr waͤret ja nicht die Einzige eures Stammes, die es thaͤte. Die Edelfrau lehnte die Einladung mit einer Verbeugung ab, ſchien jedoch nur mit Muͤhe die unmuthige Antwort zuruͤckzuhalten, die man auf ihren Lippen ſah. Waͤhrend dieſes ſcharfen Geſpraͤches war Rolands Aufmerkſamkeit faſt ganz mit Katharina Seyton beſchaͤftigt. Sie kam aus dem innern Zimmer in der Kleidung, worin ſie gewoͤhnlich der Koͤniginn aufwartete, und nichts in ihrem Benehmen verrieth weder die Eile, oder Ver⸗ wirtung, die mit einer ploͤtzlichen Veraͤnderung des Anzuges verbunden iſt, noch auch die Furcht vor der Entdeckung in einem gefäͤhrlichen Unter⸗ nehmen. Roland wagte es, ihr eine Verbeu⸗ gung zu machen, als ſie herein trat; aber ſie 72½ 73 haͤltniſſen, worin ſie zu einander ſtanden, ganz unvertraͤglich war.„Sie kann doch wahrhaftig nicht daran denken, dachte er, mich heraus zu zanken aus dem Glauben, den ich meinen eige⸗ nen Augen ſchuldig bin, wie ſie's mit der Er⸗ ſcheinung in der Herberge zu Edindurgh machte. Ich will doch ſehen, ob ich ihr nicht begreiflich machen kann, daß dieß nur vergebliche Muͤhe ſein wird, und daß es kluͤger und ſicherer iſt, mir Vertrauen zu zeigen.“ Schnell waren dieſe Gedanken durch ſeine Seele geflogen, als die Koͤniginn, nach abgebro⸗ chenem Wortwechſel mit der Edelfrau, ihn wie⸗ der anredete:„Nun, Roland, wie war's mit den Luſtbarkeiten im Dorfe? Mich daͤucht, es ging froͤhlich dabei zu, wenn ich nach einigen matten Toͤnen der Feoͤhlichkeit und der entfern⸗ ten Muſik urtheilen kann, die bis in dieſe vergitterten Fenſter drangen und dann hier er⸗ ſtarben, wie es bei allem, was foͤhlich iſt, nicht anders ſein kann. Aber du ſiehſt ja ſo traurig aus, als ob du aus einer heimlichen Verſamm⸗ lung von Hugenotten kaͤmeſt? 74 Und ſo iſt es vielleicht auch, erwiederte die Edelfrau, auf welche dieſer Pfeil ſeitwaͤrts geſchoſſen wurde. Ich hoffe, daß man dort bei den eitlen Narretheien auch daran gedacht haben wird, die reine Lehre vernehmen zu laſſen, zu einem beſſeren Zwecke, als jene unnuͤtze Froͤh⸗ lichkeit, welche, wie duͤrre Dornbuͤſche, auflodert und verſchwindet, und denjenigen, ſo ſie lieben, nichts als Staub und Aſche zuruͤck laͤßt. 3 Marie Fleming, ſprach die Koͤniginn ſich umſehend, und wickelte ſich in ihren Mantel: ich wollte wir haͤtten auf unſerm Kaminherde ein Paar Buͤndel von dieſen Dornbuͤſchen, die unſre Frau Wirthinn ſo gut beſchreibt. Mich daͤucht, die feuchte Luft vom See, die in die⸗ ſen Zimmern ſich veſt ſetzt, macht ſie ſchaurig kalt. Euer Wunſch ſoll erfuͤllt werden, gnaͤdige Frau, erwiederte die Frau von Lochleven, aber darf ich's wagen, Euch zu erinnern, daß wir jetzt im Sommer ſind? Ich danke Euch fuͤr die Nachricht, liebe Frau, denn fuͤr Gefangene iſt's beſſer, daß ſie 7 — 2 ihren Kalender aus dem Munde ihres Kerker⸗ meiſters, als aus irgend einer Veraͤnderung ler⸗ nen, die ſie ſelber in den Jahreszeiten bemer⸗ ken.— Noch einmahl, Roland, wie war's mit den Luſtharkeiten? Es ging munter zu, gnaͤdigſte Frau, aber wie gewoͤhnlich, und es moͤchte kaum werth ſein, daß Ihr etwas davon anhoͤrtet. § Ihr wiſſet nicht, ſprach die Koͤniginn, wie gern ſich jetzt mein Ohr zu allem neiget, das von der Freiheit und den Freuden der Freien ſpricht. Ich glaube, lieber haͤtte ich dem Tanze der froͤhlichen Landleute um den Mai⸗ baum zuſehen, als dem praͤchtigſten Maskentanz in einem Palaſte beiwohnen wollen. Man ſieht keine ſteinernen Mauern, man fuͤhlt, daß man den gruͤnen Raſen mit unbeſchraͤnkter Freiheit betreten kann, und das iſt mehr werth, als alles, womit Kunſt, oder Pracht Hoffeſte zieren kann. Ich hoffe, ſprach die Edelfrau zu Roland, es gab bei dieſen Thorheiten nichts von den 76 Schwelgereien und Stoͤrungen, wozu ſie ſo leicht fuͤhren? 4 Roland warf einen fluͤchtigen Blick auf Katharina, als haͤtte er ihre Aufmerkſamkeit in Anſpruch nehmen wollen, indem er antwortete: „Ich habe nichts Unrechtes geſehen, edle Frau, das der Rede werth waͤre; in der That gar nichts, außer daß ein kuͤhnes Fraͤulein ihre Hand ein bischen zu vertraut mit dem Backen eines Schauſpielers machte und in Gefahr kam, in den See getaucht zu werden.“ Bei dieſen Worten warf er einen ſchnellen Blick auf Katharina, aber mit der groͤßten Hei⸗ terkeit und Ruhe in ihrem Benehmen hoͤrte ſie den Wink, welcher, nach ſeiner Vermuthung, ſie etwas beſorgt und verlegen machen ſollte. Ich will Euer Gnaden mit meiner Gegen⸗ wart nicht laͤnger laͤſtig fallen, ſprach nun die Edelfrau: es ſei denn, Ihr haͤttet noch einen Befehl fuͤr mich. Nichts, meine gute Wirthinn, erwwicherte die Koͤniginn, als daß wir Euch bitten wollen, daß Ihr bei einer andern Gelegenheit es nicht —— 77 fuͤr noͤthig erachten moͤget, eure beſſern Geſchaͤfte zuruͤck zu ſetzen, um ſo lange bei uns zu ſein. Seid ſo guͤtig, euerm Edelknaben zu befeh⸗ len, daß er mir folge, hob die Frau von Loch⸗ leven wieder an; ich muß von ihm Bericht uͤber die Dinge erhalten, die man zu Euer Gnaden Gebrauch hieher geſchickt hat. Wir koͤnnen nicht verweigern, was Ihr zu verlangen beliebt, erwiederte die Koͤniginn. Roland geht mit der edlen Frau, wenn wirklich unſer Befehl dazu noͤthig iſt. Wir wollen mor⸗ gen die Geſchichte von der laͤndlichen Luſtbarkeit hoͤren. Fuͤr heute Abend brauchen wir deine Aufwartung nicht mehr. Roland begleitete die Edelfrau, die nicht ermangelte, ihm viele Fragen uͤber alles, was ſich bei dem Maifeſte ereignet hatte, vorzule⸗ gen. Er ſuchte ſeine Antworten ſo einzurichten, daß er jeden Verdacht, als ob er fuͤr die Koͤni⸗ ginn Maria guͤnſtige Geſinnungen hege, ein⸗ ſchlaͤferte, und war vor allen Dingen auf ſei⸗ ner Hut, mit keiner Silbe der Erſcheinung ſei⸗ ner Großmutter und des Abtes Ambroſius zu 78 2* erwaͤhnen. Endlich wurde er, nach einer lan⸗ gen und ziemlich ſcharfen Befragung, mit Aus⸗ druͤcken entlaſſen, die im Munde der zuruͤckhal⸗ tenden, finſtern Frau fuͤr Zeichen von Gunſt und Vorliebe gelten konnten.. Als er gegeſſen hatte, ſchlich er ſich in den Garten, wo er ſich einige Augenblicke ergehen wollte, da er an dieſem Abende vom Dienſte frei war, und die Geſellſchaft, die er im Schloſſe fand, nicht viel Anziehendes fuͤr ihn hatte. Bei der Anlage des Gartens hatte der ſinnreiche Werkmeiſter ſich bemuͤht, ſo viel als moͤglich aus dem kleinen Raume zu machen, und durch Schirmwaͤnde, ſowohl von plumpen ſteinernen Verzierungen, als durch gruͤne Hecken, ſo viele Jergaͤnge und ſo viel Mannigfaltigkeit hervor zu bringen, als der beſchraͤnkte Umfang geſtattete. Vraurig ging Roland hier auf und nieder, die Ereigniſſe dieſes Tages erwaͤgend, und ver⸗ glich die Aeußerungen, welche dem Abte entfallen waren, mit ſeinen eigenen Bemerkungen uͤber das Benehmen des jungen Douglas.„Es muß 3 ſo ſein! war das ſchmerzliche, er unahweisliche 79 Ergebniß ſeiner Betrachtungen.„Nur durch ſei⸗ nen Beiſtand iſt es ihr moͤglich, ſich wie ein Geiſt von Ort zu Ort zu begeben, und nach Belieben an dem Geſtade, oder auf der Inſel ſich zu zeigen. Es muß ſo ſein! ſprach er noch einmahl zu ſich ſelber. Sie hat mit ihm ein inniges, heimliches, trautes Einverſtaͤndniß, das ganz unvertraͤglich iſt mit den guͤnſtigen Blicken, die ſie zuweilen auf mich geworfen hat, und mit den Hoffnungen, welche, wie ſie weiß, dieſe Blicke in mir erwecken mußten.“ Und doch kam zuweilen— denn die Liebe hofft, wo die Vernunft verzweifelt— der Ge⸗ danke in ſeine Seele, daß Katharina die Lei⸗ denſchaft des jungen Douglas vielleicht nur in ſo fern aufgemuntert habe, als der Vortheil eihrer Gebieterinn dadurch gefoͤrdert werden konnte, umd daß ſie zu offenherzig, zu edel und zu auf⸗ richeig ſei, ihm Hoffnungen zu geben, die ſie nicht zu erfuͤllen denke. In dieſe Vermuthun⸗ gen ſich verlierend, ſetzte er ſich auf eine Raſen⸗ bank, ws man auf der einen Seite eine Aus⸗ ſicht auf der See hatte, auf der andern die Mauer des Schloſſes ſah, wo die Zimmer der Koͤniginn lagen. Die Sonne war ſchon untergegangen und die Daͤmmerung des milden Maitages verlor ſich ſchnell in eine heitre Nacht. Die Oberflaͤche des Sees hob ſich und ſank bei dem leiſeſten Hauche eines ſuͤdlichen Windes„ der kaum den Waſſerſpiegel kraͤuſelte. In der Ferne ſah man noch die verſchwimmenden Umriſſe einer kleinen Inſel, welche vordem von frommen Walfahrern beſucht ward, als die heilige Staͤtte, wo ein Mann Gottes gewandelt; jetzt aber vernachlaͤſ⸗ ſigt, oder gar verletzt, als die Zuflucht traͤger Prieſter, die den Schafen und Kuͤhen proteſtan⸗ tiſcher Barone hatten weichen muͤſſen. Als Roland auf das dunkle Eiland blickte, das von dem lichteren Blau des Waſſers umge⸗ ben war, erinnerte er ſich wieder an die Irec⸗ 4 gaͤnge des Meinungſtreites. Waren jene Män⸗ ner mit Recht verbannt worden, als ausſehwei⸗ fende Drohnen, als die Raͤuber und die Sf Schande des fleißigen Bienenſtockes, oder hatten Habgier und Raubſucht ſie aus dem Tempel vertrieben, — 81 nicht als die Liederlichen, die ihn entweihten, ſondern die treuen Prieſter, die dem Heiligthume ehrenvoll und redlich dienten? Pater Ambroſius hatte ihn freilich aufgefodert, der Stimme des Gefuͤhles mehr als den Ausſpruͤchen des Ver⸗ ſtandes zu trauen, aber wenn dieſe Berufung auf das Gefuͤhl auch in dem Laͤrm des beweg⸗ ten Lebens Eindruck auf ihn machte, ſo war es doch weit weniger der Fall bei ruhigerm Nachdenken, und kaum ließen ſich jene Gruͤnde des Gegners dadurch zuruͤck ſchlagen. Roland mußte ſich Gewalt anthun, um ſeinen Geiſt von dieſem verwirrenden Gegenſtande abzulenken, und er fand, daß ihm dieß am beßten gelang, wenn er ſeine Blicke auf das Schloß heftete, und das ſchimmernde Licht bewachte, das noch aus Katharina's Fenſter leuchtete, und nur von Zeit zu Zeit verdunkelt wurde, wenn der Schat⸗ ten der ſchoͤnen Bewohnerinn voruͤber ging. End⸗ lich verſchwand oder verloſch das Licht, und auch dieſer Gegenſtand ward dem Blicke des ſinnen⸗ den Verliebten entzogen. Darf ich die Wahrheit geſtehen, ohne ſeinem Rufe als Romanheld fuͤr Theil III. 6 8² immer zu ſchaden? Seine Augen wurden nach und nach ſchwerer; Zweifel uͤber ſtreitige Lehr⸗ meinungen und bekuͤmmernde Vermuthungen uͤber die Herzensſtimmung ſeiner Geliebten verwirrten ſich in ſeinem Nachdenken, und als endlich das Gefuͤhl der Ermuͤdung nach den Anſtrengungen eines unruhigen Tages ſelbſt die peinlichen Re⸗ gungen, welche die Gegenſtaͤnde ſeiner Betrach⸗ tung in ihm erweckten, zum Sehweigen brachte, fiel er in tiefen Schlaf. Endlich erweckten ihn ploͤtzlich die dumpfen Toͤne der Schloßglocke, die weit uͤber den See hinaus ſchallten und den Widerhall auf ſeinen ſteilen fuͤdlichen Ufern erweckten. Roland fuhr auf, denn immer wurde die Glocke um zehn Uhr angeſchlagen, ein Zeichen, daß die Schloß⸗ thore geſchloſſen und die Schluͤſſel dem Sene⸗ ſchal uͤberliefert werden ſollten. Er eilte zu dem Pfoͤrtchen, das aus dem Schloſſe in den Gar⸗ ten fuͤhrte, aber zu ſeinem großen Verdruſſe hoͤrte er in dem Augenblicke, als er davor war, den ſchweren Riegel in den Falz der Thurſchwelle fahren. —— 8³3 Halt! halt! rief Roland, laßt mich hinein, ehe Ihr zuriegelt. Die Stunde hat geſchlagen, ſchoͤner Jun⸗ ker, erwiederte des Haushofmeiſters muͤrriſche Stimme. Ihr ſeid ja nicht gern in dieſen Mauern, ſo moͤget Ihr denn einen ganzen Feier⸗ tag machen und auch die Nacht, wie den Tag, draußen zubringen. Macht auf! rief unwillig der Edelknabe, oder, beim Himmel! du ſollſt dafuͤr buͤßen. Nur keinen Laͤrm gemacht! ſprach der uner⸗ ſchuͤtterliche Alte. Behalte deine fuͤndhaften Schwuͤre und deine einfaͤltigen Drohungen fuͤr diejenigen, welche ſie angehen. Ich thue meine Pflicht und bringe die Schluͤſſel dem Seneſchal. Gott befohlen, Junker! Die kuͤhle Nacht wird gut fuͤr euer heißes Blut ſein. Der Alte hatte recht; denn wohl war der kalte Nachtwind noͤthig, die fieberiſche Zornglut abzukuͤhlen, die Roland empfand, und es dauerte eine Zeitlang, ehe das Mittel anſchlug. End⸗ lich, als der junge Mann einigemahl ſchnell im Garten auf und nieder gegangen war, und ſeinen 84 Zorn in vergeblichen Rachegeluͤbten ausgeſtroͤmt hatte, fuͤhlte er, daß ſeine Lage eher zum Lachen als zu ernſtlicher Empfindlichkeit Stoff gab. Fuͤr einen Juͤngling, an das Jaͤgerleben gewoͤhnt, konnte eine Nacht unter freiem Himmel nicht ſehr beſchwerlich ſein, und die armſelige Bosheit des Haushofmeiſters ſchien mehr Verachtung als Zorn zu verdienen.„Ich wollte, der muͤrriſche Alte haͤtte ſich immer begnuͤgt, eine ſo ſpaß⸗ hafte Rache zu nehmen, ſprach er zu ſich ſelber. Er ſieht oft aus, als ob er uns aͤrgere Streiche zu ſpielen faͤhig waͤre.“ Roland ging zu der Raſenbank zuruͤck, welche zum Theil von einer Stechpalmenhecke verborgen war, wickelte ſich in ſeinen Mantel, ſtreckte ſich auf dem gruͤnen Sitze aus, und ſuchte den Schlaf wieder zu finden, den die Schloßglocke ſo unnuͤtz unterbrochen hatte. Aber der Schlaf iſt, wie andre irdiſche Dinge, am geizigſten mit ſeiner Gunſt, wenn am Meiſten nach ihm getrachtet wird. Je mehr Roland ihn herbei rief, deſto weiter floh die eahnint Erquickung von ſeinen Augen. Endlich, als ſeine —— —— 85 Seele durch die unerfreulichen Betrachtungen, die ihn beſtuͤrmten, abgeſpannt war, gelang es ihm, ſich in einen unruhigen Schlummer zu ſchmeicheln. Bald aber ward er wieder durch zwei Stimmen aufgeſtoͤrt, und als die Toͤne der beiden Sprechenden ſich eine Zeitlang mit ſeinen Traͤumen vermiſcht hatten, ward er end⸗ lich voͤllig wach. Er erhob ſich, nicht wenig erſtaunt, als er zwei Menſchen in dieſer Stunde der Nacht außerhalb des ſtrenge bewachten Schloſſes ein Geſpraͤch fuͤhren hoͤrte. Anfangs dachte er gar an eine uͤbernatuͤrliche Erſchei⸗ nung, dann aber an irgend einen Verſuch der Freunde und Anhaͤnger der Koͤniginn, und end⸗ lich kam er auf den Gedanken, daß Georg Douglas, der als Bewahrer der Thorſchluͤſſel freien Ein⸗ und Ausgang hatte, dieſen Umſtand benutzt, um mit Katharina Seyton eine Zuſam⸗ enkunft im Schloßgarten zu halten. Dieſe Vermuthung wurde alsbald beſtaͤtigt, als eine wohl bekannte Stimme leiſe fragte, ob alles bereit ſei. 3 IV. Durch eine Oeffnung in der Stechpalmen⸗ hecke und bei dem Lichte des Vollmondes, der eben aufgegangen war, konnte Roland, unbe⸗ merkt, die Geſtalten und die Bewegungen der⸗ jenigen erkennen, die ſeine Ruhe ſo unerwartet unterbrochen hatten, und was er ſah, beſtaͤtigte ſeine eiferſuͤchtigen Beſorgniſſe. Beide ſtanden, kaum zehn Schritte von ſeinem Ruheplatze, in einem traulichen und eifrigen Geſpraͤche begriffen, und leicht konnte er die hohe Geſtalt und tiefe Stimme des jungen Douglas und den nicht minder auffallenden Anzug und Ton des Edel⸗ knaben aus der Herberge zum heiligen Michael unterſcheiden. Ich bin an der Thuͤre des Edelknaben ge⸗ weſen, ſprach Douglas, aber er iſt nicht de oder will nicht antworten. Sie iſt von innen veſt verriegelt, wie gewoͤhnlich, und wir koͤnnen nicht hinein. Was ſein Schweigen verkuͤndigt, weiß ich nicht. . 87 Ihr habt ihm zu viel vertraut, erwiederte der andre. Man kann nicht hoffen, auf den Wankelmuth und den Hitzkopf des jungen Gecken einen bleibenden Eindruck zu machen. Ich ſelber war auch nicht geneigt, ihm zu vertrauen, ſprach Douglas, aber man gab mir die Verſicherung, er werde ſich als treuen Freund erweiſen, ſo bald man ihn aufrufe, denn— Hier redete Douglas ſo leiſe, daß Roland ihn nicht mehr verſtehen konnte, was ihm deſto aͤrgerlicher war, da er deutlich erkannte, daß das Geſpraͤch Niemand, als ihn betraf. Nein, ich habe ihn von mieiner Seite mit ſchoͤnen Worten abgefertigt, ſprach der Fremde lauter. Thoren laſſen ſich damit kirren. Aber wenn Ihr ihm nicht traut jetzt, da es zum Treffen geht, ſo braucht euren Dolch gegen ihn und macht Euch offne Bahn. Das waͤre zu hitzig gehandelt, erwiederte Douglas. Und ich ſage Euch ja, die Thuͤre ſeines Gemaches iſt verſchloſſen und verriegelt. Ich will noch einmahl ſehen, ob ich ihn nicht er⸗ wecken kann. 88 Roland begriff alsbald, daß die Kammer⸗ frauen der Koͤniginn, als ſie gemerkt, daß er im Garten war, die Thuͤre des aͤußern Zim⸗ mers, wo er gewoͤhnlich, als Waͤchter des ein⸗ zigen Eingangs zu den Gemaͤchern der Koͤniginn ſchlief, verriegelt hatten. Aber wie kam Katha⸗ rina Seyton in den Garten, wenn die Koͤniginn und Marie Fleming noch in ihren Zimmern ſich befanden und der Eingang verſchloſſen war? „Ich will ſogleich hinter dieſe Geheimniſſe kom⸗ men, ſprach er, und dann dem Fraͤulein, wenn ſie's wirklich iſt, dafuͤr danken, daß ſie Douglas ermahnt hat, einen ſo freundlichen Gebrauch von ſeinem Dolche zu machen. Ich ſehe, ſie ſuchen mich, und ſollen mich nicht vergebens ſuchen.“ Douglas war indeſſen durch das Neben⸗ pfoͤrtchen wieder ins Schloß gegangen und hatte es offen gelaſſen. Der Fremde ſtand allein im Garten, mit untergeſchlagenen Armen, und blickte unmuthig zu dem Mnde hinauf, als haͤtte er ihn anklagen wllen, daß der herrliche Glanz 4 ihn verrathe. Roland ſtand ploͤtzlich vor ihm. „Eine ſchoͤne Nacht, Fraͤulein Katharina, fuͤr ein junges Maͤdchen verkleidet umher zu ſchwei⸗ fen, und mit Maͤnnern in einem Garten zuſam⸗ men zu kommen. Still! rief der Fremde: ſtill, du thoͤriger Burſche, und ſage uns mit einem Worte, ob du Freund oder Feind biſt. S Wie ſollte ich ein Freund von derjenigen ſein, die mich durch ſchoͤne Worte taͤuſcht, und Dou⸗ glas bewegen wollte, ſeinen Dolch gegen mich zu brauchen?— Der Henker hohle Donglas und dich dazu, du ſchellenlauter Thor! Man wird uns entdecken, und dann iſt Tod! die Loſung. Katharina, ſprach Roland, Ihr ſeid falſch und grauſam gegen mich geweſen, und jetzt iſt der Augenblick der Erklaͤrung gekommen. Ich will ſie haben und Ihr ſollt mir nicht entgehen. Verruͤckter Menſch! erwiederte der Fremde. Ich bin weder Kaͤthe noch Katharine. Der Mond ſcheint doch wohl hell genug, daß man den Hirſch von der Hindinn unterſchelden kann. Damit kommt Ihr nicht weg, ſchoͤnes Fraͤulein, ſprach Roland und hielt den Mantel — 90 des Fremden veſt. Dießmahl wenigſtens muß ich wiſſen, mit wem ich zu thun habe. Laßt mich los! rief der Fremde, als er ſich los zu machen ſuchte, mit einem Tone, worin Zorn mit Lachluſt kaͤmpfte. Seid Ihr unnbeſcheiden gegen Seyton's Tochter? Als aber Roland, den vielleicht ihre Nei⸗ gung zum Lachen auf die Vorausſetzung brachte, daß ſeine Heftigkeit nicht fuͤr eine unverzeihliche Beleidigung gehalten werde, den Mantel noch immer veſt hielt, ſprach der fremde Edeiknabe mit dem ernſterm Tone der Empfindlichkeit: „Laßt mich los, Wahnſinniger! Leben und Tod haͤngt an dieſem Augenblicke. Ich moͤchte dir nicht gern etwas zu Leide thun, aber— nimm dich in Acht! Bei dieſen Worten wollte der Fremde ſich ploͤtzlich losreißen, aber in dieſem Augenblick ging ein Piſtol los, das er in der Hand, oder bei ſich hatte* Dieſer kriegeriſche Ton erregte alsbald das wohl bewachte Schloß, der Waͤchter ſtieß ins Horn und zog die Schloßglocke, mit laute 91 Stimme rufend:„Verrath! Verrath! Alle herbei! herbei!“ Katharina's Geſtalt, die Roland im erſten Augenblicke der Beſtuͤrzung losgelaſſen hatte, ver⸗ ſchwand in den finſtern Gaͤngen des Gartens, aber alsbald hoͤrte man Ruderſchlag und einige Augenblicke nachher wurden fuͤnf bis ſechs Schuͤſſe aus Musketen und einem Falkonet nach einander von den Zinnen des Schloſſes gefeuert, als haͤtte man auf einen Gegenſtand auf dem Waſſer gezielt. Beſtuͤrzt uͤber dieſen Vorfall, ſah Roland zur Rettung der armen Katharina, die nach ſeiner Vermuthung in dem Boote war, das eben vom Ufer abſtieß, keinen andern Ausweg, als zu Georg Douglas ſeine Zuflucht zu nehmen. Er eilte nach dem Zimmer der Koͤniginn und hoͤrte drinnen, als er noch vor der Thuͤre war, laute Stimmen und ſtarkes Hin⸗ und Hergehen. Bei ſeinem Eintritte kam er zu einer beſtuͤrzten Gruppe von Menſchen, die ſich alle erſtaunt anſtierten. Oben im Zimmer ſtand die Koͤniginn, im Reiſekleide, und an ihrer Seite nicht nur Marie Fleming, ſondern auch die allgegenwaͤrtige Katharina, in dem Anzuge ihres — „ſageſt, um deinen Nahmen zu reinigen, ſelbſt 92 Geſchlechtes, und in ihrer Hand hielt ſie ein Kaͤſtchen mit dem Geſchmeide, das man der Koͤniginn noch gelaſſen hatte. Am andern Ende des Zimmers war die Edelfrau, in dem Anzuge, den ſie eilig umgeworfen, als ſie aus dem Schlafe aufgeſtoͤrt worden, und von ihren Dienſtleuten umgeben, von welchen Einige Fackeln trugen, andre entbloͤßte Schwerter, Partiſanen, Piſtolen und andere Waffen hielten, die ſie bei dem naͤchtlichen Aufſtand in der Eile ergriffen hat⸗ ten. Zwiſchen beiden Gruppen ſtand Georg Douglas mit untergeſchlagenen Armen, die Blicke auf den Boden heftend, wie ein Ver⸗ brecher, der nicht weiß, wie er laͤugnen ſoll, und doch auch die Schuld nicht geſtehen will, worauf man ihn ertappt hat. Sprich, Georg Douglas! hob die Edel⸗ frau an: ſprich und entferne den ſchrecklichen 2 Verdacht, der auf deinem Nahmen liegt. Sprich: Ein Douglas verrieth nie das Vertrauen und ich bin ein Douglas! Sage dieß, mein theuer⸗ ſter Sohn, und ich verlange nicht, baß du mehr — 93 bei einer ſo ſchaͤndlichen Beſchuldigung. Sage, es war nur eine Hinterliſt dieſer unſeligen Frau und dieſes falſchen Buben, um eine Flucht aus⸗ zufuͤhren, ſo unheilvoll fuͤr Schottland, und ſo verderblich fuͤr deines Vaters Haus. Gnaͤdige Frau, ſprach Dryfesdale, der alte Haushofmeiſter, ſo viel muß ich fuͤr dieſen albernen Edelknaben ſagen, daß er am Auf⸗ ſchließen der Thuͤren keine Schuld haben kann, denn ich ſelber habe dieſen Abend die Thuͤre vor ihm zugeſchloſſen, als er draußen war. Wer auch dieſes Nachtſtuͤckchen geſpielt haben mag, der Burſche kann nicht viel Antheil daran haben. Du luͤgſt, Dryfesdale, ſprach die Edelfrau, und willſt Schmach auf deines Herrn Haus werfen, um das nichtswuͤrdige Leben eines Zi⸗ geunerbuben zu retten. Sein Tod waͤre mir lieber, als ſein Leben, erwiederte muͤrriſch der Alte, aber was wahr iſt, das iſt wahr. Bei dieſen Worten erhob Douglas ſein Haupt, richtete ſich ſtolz empor, und ſprach 94 kuͤhn und gelaſſen, wie Jemand, deſſen Ent⸗ ſchluß gefaßt war:„Kein Leben ſei gefaͤhrdet, als das meine! Ich allein— Douglas! fiel die Koͤniginn ein: ſeid Ihr von Sinnen? Redet nicht, ich gebiete es Euch. Gnäͤdigſte Frau, erwiederte er, ſich ehrer⸗ bietig verbeugend: gern wuͤrde ich eurem Be⸗ fehle gehorchen, aber man muß ein Opfer ha⸗ ben, und es ſei das wahre. Ja, fuhr er fort, ſich zu ſeiner Großmutter wendend: ich allein bin der Schuldige. Gilt Euch das Wort eines Douglas noch etwas, ſo glaubet mir, daß die⸗ ſer Juͤngling unſchuldig iſt, und ich lege es Euch auf das Gewiſſen, daß Ihr ihm nicht unrecht thuet. Auch der Koͤniginn begegnet nicht hart dafuͤr, daß ſie eine Gelegenheit zur Befreiung ergriffen hat, welche aufrichtige Pflicht⸗ treue— ja ein tieferes Gefuͤhl ihr dargeboten hat. Ja, ich hatte den Plan zur Rettung der ſchoͤuſten, der verfolgteſten Frau entworfen, und es reuet mich ſo wenig, die Bosheit ihrer Feinde auf einen Augenblick getaͤuſcht zu haben, daß ich ſtolz darauf bin, und ſehr bereit, mein Leben fuͤr ihre Sache zu wagen. Gott gebe meinem Alter Troſt, ſprach die Edelfrau, und Kruft, dieſe Buͤrde der Truͤbſal zu tragen. O Furſtinn, zur ungluͤcklichen Stunde geboren, wann wollet Ihr aufhoͤren, das Werkzeug der Verfuͤhrung und des Verder⸗ bens fuͤr Alle zu ſein, ſo Euch nahe kommen! O du altes Haus Lochleven! eine boͤſe Stunde war's, welche den Trug unter dein Dach brachte! Sprechet nicht ſo, fiel ihr Enkel ein: der alte Ruhm des Stammes Douglas wird uͤber⸗ ſtrahlt werden, wenn einer von ſeinen Abkoͤmm⸗ lingen fuͤr die gekraͤnkteſte aller Koͤniginnen, fuͤr die liebenswuͤrdigſte Frau ſtirbt. Douglas, ſprach die Koͤniginn, muß ich in dieſem Augenblicke— ja, ſelbſt in dieſem Augenblicke, wo ich einen treuen Unterthan fuͤr immer verlieren kann, mit dir zuͤrnen, daß du vergiſſeſt, was du mir als deiner Koͤniginn ſchuldig biſt? ———————— 9 5— ungluͤcklicher Menſch! rief, auter ſich, die Edelfrau, biſt du gar ſo weit in die Schlingen dieſes moabitiſchen Weibes gefallen? Haſt du hingegeben deinen Nahmen, beine Unterthanen⸗ pflicht, deinen ritterlichen Eid, deine Pflicht gegen deine Aeltern, dein Vaterland und deinen Gott, fuͤr eine geheuchelte Thraͤne, fuͤr ein kraͤnkliches Laͤcheln von jenen Lippen, die dem ſchwaͤchlichen Franz ſchmeichelten, den einfaͤltigen Darnley in den Tod lockten, ſuͤßliche Dichtun⸗ gen mit dem Lieblinge Chatelet laſen, in die zaͤrtlichen Lieder einſtimmten, die der Bettler Rizzio ſang, und entzuͤckt mit den Lippen des ſchaͤndlichen und liederlichen Bothwell ſich ver⸗ einigten? Laͤſtert nicht! ſprach Douglas. Und Ihr, ſchoͤne Koͤniginn, und ſo tugendhaft als ſchoͤn, ſcheltet nicht in dieſem Augenblicke die Verwe⸗ genheit eures Unterthans! Glaubet nicht, daß die bloße Ergebenheit eines Unterthans mich zu der Rolle haͤtte bewegen koͤnnen, die ich uͤber⸗ nommen habe. Ihr verdient es wohl, daß je⸗ der eurer Unterthanen fuͤr Euch in den Tod —x; 97 gehe; aber ich habe mehr gethan; ich habe gethan, wozu Liebe allein einen Douglas ver⸗ moͤgen konnte— ich habe geheuchelt! Lebt wohl denn, o Koͤniginn aller Herzen! Kaiſe⸗ rinn meines Herzens! Seid Ihr erloͤſet aus dieſer ſchmaͤhlichen Knechtſchaft— erloͤſet ſollet Ihr werden, wenn Gerechtigkeit im Himmel iſt— und uͤberhaͤufet Ihr dann mit Ehren und Wuͤrden den Gluͤcklichen, der Euch befreien ſoll, ſo weihet nur einen Gedanken demjenigen, deſſen Herz jeglichen Lohn verſchmaͤht haben wuͤrde fuͤr einen Kuß auf eure Hand— einen Gedanken weihet ſeiner Treue und laßt eine Thraͤne auf ſein Grah fallen. Mit dieſen Worten warf er ſich zu ihren Fuͤßen und druͤckte ihre Hand an ſeinen Mund. Dieß vor meinen Augen! ſprach die Edel⸗ frau. Willſt du deiner ehebrecheriſchen Bulinn vor den Augen deiner Großmutter ſchmeicheln? Reißt ſie auseinander und bringt ihn in enge Verwahrung! Greift ihn, wenn euer Leben Euch lieb iſt! fuͤgte ſie hinzu, als ſie ſah, daß ihre Diener ſich unſchluͤſſig einander anſahen. Theil. III. 7 98 Sie zoͤgern, ſprach Marie. Douglas, rette dich, ich befehle es dir! Er ſprang auf, und mit den Worten: „Fuͤr Euch mein Leben, fuͤr Euch in den Tod! zog er ſein Schwert, und bahnte ſich den Weg durch die Dienſtleute, die zwiſchen ihm und der Thuͤre ſtanden. Die Begeiſterung, womit er hervorbrach, war zu ploͤtlich und zu lebhaft, als daß irgend etwas anders, als der entſchloſ⸗ ſenſte Widerſtand, ſich ihm haͤtte entgegen ſtel⸗ len koͤnnen, aber er wurde von ſeines Vaters Unterthanen eben ſo ſehr geliebt, als gefuͤrchtet, und Niemand haͤtte ihn kraͤnken moͤgen. Die Edelfrau war beſtuͤrzt uͤber ſeine ploͤt⸗ liche Flucht.„Bin ich von Verraͤthern umringt? ſprach ſie. Ihm nach, Elende! Verfolgt ihn— ſtecht— haut ihn nieder!“ Er kann die Inſel nicht verlaſſen, gnaͤdige Frau, fiel Dryfesdale ein, ich habe den Schluͤſ⸗ ſel zur Kette, woran das Boot liegt. 3 Einige aber, die ihm aus Neugierde, oder auf den Befehl ihrer Herrinn gefolgt waren, rie⸗ 99 fen von unten herauf, Douglas habe ſich in den See geſtuͤrzt. Tapferer Douglas! rief die Koͤniginn. O du treues und edles Herz, das den Tod der Ge⸗ fangenſchaft vorzieht.. Feuert auf ihn! ſprach die Frau von Loch⸗ leven. Iſt hier ein treuer Diener ſeines Vaters, ſo ſchießt den Abtruͤnnigen nieder, und der See bedecke unſre Schande! 1 Man hoͤrte ein Paar Schuͤſſe fallen, aber wahrſcheinlich wurden ſie nur abgefeuert, um der Herrinn zu gehorchen, nicht in der Abſicht, das Ziel zu treffen, und bald darauf erſchien ein Knecht mit der Nachricht, Junker Georg ſei von einem Boote aufgenommen worden, das in einiger Entfernung vom Schloſſe gelegen. Bemannt einen Kahn und verfolgt ſie, gebot die Edelfrau. Es iſt ganz vergeblich, meinte der Knecht, ſie ſind jetzt ſchon halb am Ufer, und es iſt eine Wolke vor den Mond gekommen. Und der Verraͤther iſt entflohen? ſprach die Frau von Lochleven, und druͤckte ihre Haͤnde 100 mit der Gebehrde der Verzweiflung vor die Stirne. Die Ehre unſres Hauſes iſt fuͤr im⸗ mer dahin, und man wird uns Alle fuͤr mitſchul⸗ dig an dieſer niedertraͤchtigen Verraͤtherei halten. Frau von Lochleven, ſprach die Koͤniginn, ſich ihr naͤhernd: Ihr habt mir heute Nacht meine ſchoͤnſten Hoffnungen genommen; Ihr habt die erwartete Freiheit in Knechtſchaft verwandelt, und den Becher der Freude in dem Augenblicke weggeſchleudert, als ich ihn an meine Lippen brin⸗ gen wollte; aber ich fuͤhle doch mit eurem Kummer das Mitleid, das Ihr meinem Gram verwei⸗ gert. Gern wollte ich Euch troͤſten, wenn ich koͤnnte, aber da ich's nicht kann, ſo moͤchte ich wenigſtens gern in Liebe von Euch ſcheiden. Fort, ſtolze Frau! ſprach die Burgherrinn. Wer verſtand es immer beſſer, als Ihr, die tiefſten Wunden zu verſetzen, unter dem Scheine von Guͤte und Hoͤflichkeit? Wer konnte je, ſeit dem großen Verraͤther, ſo mit einem Kuſſe verrathen ² Frau Douglas von Lochleven, ſprach die Koͤniginn, in dieſem Augenblicke kannſt. du mich — 3———— 101 nicht beleidigen, ſelbſt nicht durch deine rauhe unweibliche Rede, die du in Gegenwart von Ge⸗ ſinde und bewaffneten Dienſtleuten an mich rich⸗ teſt. Ich verdanke in dieſer Nacht einem Mit⸗ gliede des Hauſes Lochleven ſo viel, daß alles dadurch getilgt wird, was ſeine Herrinn in der Wuth ihrer Leidenſchaft thun oder ſagen kann. Wir ſind Euch verbunden, gnaͤdigſte Frau, ſprach die Burgherrinn, indem ſie ſich ſelber Gewalt anthat, und aus dem heftigen Tone in bittern Spott verfiel. Unſer armes Haus wurde nur ſelten beehrt mit dem Laͤcheln eines koͤniglichen Angeſichts, und ſoll, nach meinem Willen, ſeine rauhe Redlichkeit nicht leicht mit ſolcher Hofehre vertauſchen, als Maria von Schottland jetzo verleihen kann. Diejenigen, die es ſo gut verſtahen, zu nehmen, moͤgen ſich der Verbindlichkeit ent⸗ heben zu koͤnnen glauben, die das Empfangen auflegt. Es iſt die Schuld des Hauſes Dou⸗ glas und ſeiner Verbuͤndeten, daß ich jetzt wenig zu verleihen habe. Seid unbeſorgt, gnaͤdigſte Frau, erwiederte die Burgherrinn, in demſelben bittern Tone: Ihr habt ja noch immer eine Schatzkammer, ddie eure Vergeudung nicht erſchoͤpfen, und deren euer beleidigtes Land Euch nicht berauben kann. So lange ſchoͤne Worte und taͤuſchendes Laͤcheln Euch zu Gebote ſtehen, beduͤrft Ihr keiner an⸗ dern Beſtechungen, um junge Leute zu Thor⸗ heiten zu verlocken. Die Koͤniginn warf einen nicht unbefrie⸗ digten Blick auf einen großen Spiegel, der auf der einen Seite des Gemaches hing, und vom Fackelglanz erleuchtet, ihre reizende Geſtalt zu⸗ ruͤck warf.„Unſre Wirthinn wird hoͤflich, liebe Fleming, ſprach ſie. Wir haͤtten nicht gedacht, daß Kummer und Gefangenſchaft uns noch ſo viel von jenem Reichthume gelaſſen haͤtten, den Frauen am hoͤchſten ſchaͤtzen“ Gnaͤdigſte Frau, ſprach Marie Fleming leiſe, Ihr werdet dieſe ſtrenge Frau wuͤthend machen. Ich flehe Euch knieend an, Ihr wol⸗ let bedenken, daß ſie bereits furchtbar gekraͤnkt iſt, und daß wir in ihrer Gewalt ſind. 103 Ich will ſie nicht ſchonen, liebe Fleming, erwiederte die Koͤniginn. Es iſt gegen meine Natur. Sie hat meine aufrichtige Theilnahme mit Beleidigung und Schimpf erwiedert; ich will ſie dafuͤr wieder quaͤlen. Iſt ihr Wit zu ſtumpf zur Antwort, ſo mag ſie ihren Dolch brauchen, wenn ſie's wagt. Die edle Frau von Lochleven, ſprach nun die Kammerfrau laut, wuͤrde wohl thun, wenn ſie ſich jetzt entfernte, und Ihre Gnaden der Nacht⸗ ruhe uͤberließe. Ja, und es Ihrer Gnaden und den Lieb⸗ lingen Ihrer Gnaden uͤberließe, nachzudenken, welche einfaͤltige Fliege ſie nun zunaͤchſt in ihren Netzen fangen koͤnnten. Mein aͤlteſter Enkel iſt Witwer— waͤre er nicht der ſchmeichelnden Hoff. nungen wuͤrdiger, womit Ihr ſeinen Bruder ver⸗ fuͤhrt habt? Freilich iſt das Joch der Ehe ſchon dreimahl verſucht worden, aber die roͤmiſche Kirche nennt's ja ein Sakrament und ihre Anhaͤnger moͤgen es fuͤr ein Gnadenmittel halten, woran ſie nicht zu oft Theil nehmen koͤnnen. 1 104 Und die Anhaͤnger der Kirche von Genf, ſprach Maria, vor Unwillen ergluͤhend: halten ſie nicht fuͤr ein Sakrament, und ſollen zuweilen die heilige Feierlichkeit ſich erſparen. Sie hielt inne, als haͤtten die Folgen dieſer beißenden Anſpielung auf das Jugendleben der Burgherrinn ſie erſchreckt, und ſetzte ſchnell hin⸗ zu:„Komm, liebe Fleming, wir erzeigen ihr durch dieſen Wortwechſel zu viel Gnade; wir wollen in unſer Schlafgemach gehen. Will ſie uns heute Nacht noch einmahl ſtoͤren, ſo muß ſie die Thuͤre aufſprengen laſſen.“ Mit dieſen Worten ging ſie, von ihren beiden Kammerfrauen begleitet, in das anſtoßende Zimmer. Die Burgherrinn, gleichſam betaͤubt durch die letzten empfindlichen Worte der Koͤni⸗ ginn, und deſto erbitterter, da ſie den Spott ſelber auf ſich gezogen hatte, ſtand wie ein Marmorbild auf der Stelle, wo ſie eine ſo hef⸗ tige Beleidigung empfing. Dryfesdale und der Knecht ſuchten ſie durch Fragen wieder zur Weſin⸗ nung zu bringen. * “ 105 Was befehlet Ihr, daß nun geſchehen ſoll? fragte der Eine. t Sollen wir nicht die Wachen verdoppeln, und eine zu dem Boote, die andre in den Garten ſtellen? ſetzte der Knecht hinzu. 3 Soll nicht ein Eilbote mit der Nachricht von dem Vorfall an unſern Herrn nach Edin⸗ burgh geſchickt werden? fuhr der Haushofmeiſter fort. Waͤre es nicht gut, Bewaffnete in Kin⸗ roß aufzubieten, wenn etwa feindliches Volk am Ufer des Sees waͤre? Thue alles, was du willſt, ſprach die Edel⸗ frau, ſich ſammelnd, und im Begriff hinaus zu gehen. Du haſt den Ruf eines guten Sol⸗ daten, Dryfesdale. Brauche alle Vorſicht... Heiliger Himmel, daß man mich ſo oͤffentlich beſchimpft hat! Iſt es euer Wille, fragte Dryfesdale zoͤ⸗ gernd, daß dieſe Perſon— dieſe Frau— ſtren⸗ ger gehalten werden ſoll? Nein! erwiederte die Burgherrinn unwillig, meine Rache laͤßt ſich nicht zu ſo gemeiner Be⸗ friedigung herab. Aber ich will eine wuͤrdigere 106 Rache haben, oder das Grab meiner Ahnen ſoll meine Schande bedecken. Und Ihr ſollet ſie haben, gnaͤdige Frau, erwiederte Dryfesdale. Bevor die Sonne zwei⸗ mahl untergegangen, ſollet Ihr Euch voͤllig ge⸗ raͤchet ſehen. Die Edelfrau antwortete nicht, und viel⸗ leicht uͤberhoͤrte ſie des Dieners Worte, da ſie eben das Zimmer verließ. Dryfesdale ließ die äbrigen Dienſtleute aus einander gehen, und befahl Einigen von ihnen, die Wachen zu ver⸗ ſtaͤrken, Andern aber, ſich zur Ruhe zu begeben. Der Haushofmeiſter blieb zuruͤck, als alle ſich entfernt hatten, und Roland, der noch im Zim⸗ mer war, wurde nicht wenig uͤberraſcht, als ſich der alte Kriegsmann mit einem Scheine von Herzlichkeit ihm naͤherte, den derſelbe nie zuvor gegen ihn gezeigt hatte, und der zu ſeinen muͤr⸗ riſchen Zuͤgen wenig paßte. Junger Menſch, ſprach er, ich habe dir unrecht gethan. Das iſt aber deine Schuld; denn dein Betragen kam mir ſo leicht vor, als die Feder, die du auf deinem Hute traͤgſt. J, — 107 deine ſeltſame Tracht, und dein eitler Hang zu Luſtigkeit und Thorheit haben mich verleitet, dich ein wenig hart zu beurtheilen. Aber als ich heute Nacht aus meinem Fenſter ſchaute, um zu ſehen, was du im Garten machteſt, da ſah ich, wie du dich redlich anſtrengteſt, den Mitgeſellen dieſes Treuloſen veſt zu halten, der nicht werth iſt, daß man ihn bei ſeines Vaters Nahmen nenne, ſondern wie ein verfaulter Aſt von dieſem Stamme muß abgehauen werden. Ich war eben im Begriff, dir zu Hilfe zu kom⸗ men, als das Piſtol los ging. Der Waͤchter, ein falſcher Schurke, der wohl beſtochen geweſen ſein mag, mußte dann den Laͤrm machen, den er bis dahin gern unterlaſſen hatte. Ich moͤchte meine Ungerechtigkeit gegen Euch wieder gut machen, und wollte Euch gern eine Hoͤflichkeit erweiſen, wenn ihr ſie von meinen Haͤnden an⸗ nehmen wollet. Darf ich zuvor fragen, worin ſie beſteht? erwiederte Roland. Du ſollſt die Nachricht von dieſer Ent⸗ deckung nach Edinburgh bringen. Du wirſt da V 1 8l große Gunſt erlangen, ſowohl bei dem Grafen von Morton und dem Regenten, als auch bei unſerm Herrn, dem Ritter Douglas, dieweil du 3 die ganze Sache von Anfang bis zu Ende ge⸗ ſehen und redlich dabei geholfen. Es wird dem⸗ nach in deiner Hand liegen, dein Gluͤck zu machen; denn ich hoffe, du wirſt dich von thoͤ⸗ riger Eitelkeit nun fern halten, und in dieſer Welt deinen Weg gehen, Pie Jemand, der an die zukuͤnftige denkt. Ich danke Euch fuͤr eure Hoͤflichkeit, Herr Hanushofmeiſter, aber euren Auftrag kann ich f nicht ausrichten. Ich gelte ja fuͤr einen Diener der Koͤniginn und kann nicht gegen ſie auftre⸗ ten. Aber auch davon abgeſehen, duͤnkt es mich nicht der beßte Weg zu eures Herrn Gunſt, wenn ich der Erſte bin, der ihm ſeines Sohnes Abfall berichtet, und auch der Regent wuͤrde nicht allzugern von der Untreue eines Vaſallen hoͤren, noch Morton von der Treuloſigkeit ſei⸗ nes Verwandten. Hm! antwortete der Haushofmeiſter mit einem Tone, der Ueberraſchung und zugleich — —— 109 Mißfallen ausdruͤckte. Nun, ſo fliegt denn ganz nach eurem Geluͤſten; denn ſo einfaͤltig Ihr ſein moͤget, Ihr wißt Euch doch in der Welt zu benehmen. Ich will Euch zeigen, daß ich nicht ſo eigennuͤtzig bin, als ihr denkt, erwiederte Ro⸗ land. Ich halte Wahrhaftigkeit und Froͤhlich⸗ keit fuͤr beſſer, als Ernſthaftigkeit und Liſt; am Ende findet der Verſchlagenſte doch ſeinen Mann. Ihr habt mich nie weniger geliebt, als eben in dieſem Augenblicke. Ich weiß, daß Ihr mir nicht ein aufrichtiges Vertrauen geben wollet, und ich will falſche Betheurungen nicht als gute Muͤnze annehmen. Macht's wieder, wie zuvor; beargwohnt mich, ſo ſehr Ihr wollet, und be⸗ wacht mich ſo ſcharf, als es Euch beliebt; ich biete Euch Trotz. Ihr habt euren Mann ge⸗ funden. Beim Himmel! junger Menſch, ſprach der Haushofmeiſter mit einem Blicke bitterer Bos⸗ heit: wageſt du's Verraͤtherei anzuſpinnen gegen das Haus Lochleven, ſo ſoll dein Kopf verdoͤr⸗ ren auf des Wachters Thurme. 3 Wer ſich weigert, ein Vertrauter zu wer⸗ den, kann nicht Verraͤtherei begehen, antwortete der ſteht ſo veſt auf meinen Schultern, als je ein Thurm, den ein Maurer gebaut. Lebe wohl, du geſchwaͤtzige, buntſcheckige Elſter! ſprach der Haushofmeiſter. Du biſt ſo eitel auf deine thoͤrige Zunge und dein buntes Kleid! Huͤte dich vor Fallen und Leimruthen. Und auch du, lebe wohl, heiſrer alter Rabe! erwiederte Roland. Dein ernſter Flug, dein ſchwarzes Gefieder und dein dumpfes Kraͤch⸗ zen machen dich nicht veſt gegen Vogelbolzen und Schrot, und dazu koͤnnteſt du kommen. fuͤr die Sache ſeiner Gebieterinn, und Gott ſchuͤtzt das Recht! V. Wie muͤde Roland auch des Lebens im Schloſſe Lochleven war, und wie lebhaft er auch wuͤnſchen mochte, daß der Entwurf zu Maria's Flucht gelungen waͤre, es fragt ſich, Roland, und was meinen Kopf angeht, nun— Es iſt offner Krieg zwiſchen uns; jeder ſteht II11 ob er je mit freudigern Gefuͤhlen erwachte, als am Morgen nach dem mißlungenen Rettungs⸗ entwurfe. Er war nun voͤllig uͤberzeugt, daß er des Abtes Wink mißverſtanden hatte, und daß Douglas nicht Katharina Seyton, ſondern die Koͤniginn liebte, und dann glaubte er, daß es ihm nach der Erklaͤrung, die zwiſchen dem Haushofmeiſter und ihm ſtatt gefunden hatte, frei ſtehe, zu jedem kuͤnftigen Verſuche zur Be⸗ freiung der Koͤniginn nach ſeinen beßten Kraͤf⸗ ten beizutragen, ohne dadurch irgend eine Eh⸗ renpflicht gegen das Haus Lochleven zu verletzen. Er hatte ſelber den guten Willen, die Unter⸗ nehmung zu wagen, und wußte uͤberdieß, daß er auf dieſem Wege am ſicherſten Katharina's Ganſt erlangte. Eine Gelegenheit mußte nun gefunden werden, ihr zu ſagen, daß er ſich dieſer Unternehmung geweiht habe, und ſein gutes Gluͤck beguͤnſtigte ihn mehr, als er es erwarten konnte. Zur gewoͤhnlichen Stunde brachte der Haus⸗ hofmeiſter das Feuͤhſtuͤck mit der herkoͤmmlichen Foͤrmlichkeit, und als man es auf den Tiſch geſetzt hatte, ſprach er zu Roland mit einem ſpoͤttiſchen Blicke:„Ich uͤberlaſſe es Euch, junger Herr, das Geſchaͤft des Vorſchneiders zu uͤbernehmen, das zu lange Einer vom Hauſe Douglas bei Frau Maria verſehen hat.“ Und waͤre er der Erſte und Vornehmſte ſeines Nahmens, ſprach Roland, das Geſchaͤft wuͤrde ihn ehren. Der Haushofmeiſter ging hinaus, ohne auf dieſe Prahlerei anders als mit einem fin⸗ ſtern, hoͤhniſchen Blicke zu antworten. Als Roland allein war, beſchaͤftigte er ſich eifrig, die Anmuth und Artigkeit, womit Georg Dou⸗ glas ſein Amt an der Tafel der Koͤniginn ver⸗ ſehen hatte, ſo gut als er konnte, nachzuah⸗ men. Es war mehr als jugendliche Eitelkeit, es war eine edelmuͤthige Aufopferung in dem Gefuͤhle, womit er an das Geſchaͤft ging, wie ein tapfrer Soldat den Platz eines Waffenbru⸗ ders einnimmt, der in der Schlachtlinie gefallen, „Ich bin jetzt ihr einziger Kaͤmpfer, ſprach er, und es komme Gluͤck oder Ungluͤck, ich will, ſo viel meine Geſchicklichkeit und meine Kraft — 113 vermoͤgen, ſo treu, ſo zuverlaͤſſig und ſo tapfer ſein, als ein Douglas nur immer geweſen ſein koͤnnte.“ In dieſem Augenblicke trat Katharina, ge⸗ gen ihre Gewohnheit, allein ins Zimmer, und eben ſo ungewoͤhnlich war es, ſie mit dem Tuche vor den Augen zu ſehen. Roland naͤherte ſich ihr mit pochendem Herzen und geſenkten Blicken, und fragte ſie mit leiſer, unſicherer Stimme, ob die Koͤniginn ſich wohl befinde. 1 Wie koͤnnt Ihr das glauben? ſprach Katha⸗ rina. Ihr Herz und Leib muͤßten ja von Stahl und Eiſen ſein, wenn ſie die grauſame Taͤuſchung von geſtern Abend und die ſchaͤndlichen Hoͤhne⸗ reien der puritaniſchen Hexe aushalten koͤnnte. Wollte Gott, ich waͤre ein Mann, daß ich ihr kraͤftigen Beiſtand leiſten koͤnnte! Wenn diejenigen, die Piſtolen, Stoͤcke und Dolche fuͤhren, auch nicht Maͤnner ſind, ſo ſind ſie doch wenigſtens Amazonen, und das iſt eben ſo furchtbar, ſprach Roland. Moͤget Ihr immer euren Wiß glaͤnzen laſ⸗ ſen, erwiederte das Fraͤulein, aber ich bin nicht Theil III. 3 1 114 in der Stimmung, mich daruͤber zu freuen, oder darauf zu antworten. Nun, ſo hoͤrt mich denn ganz ernſthaft an. Zuerſt muß ich Euch ſagen, die Geſchichte von der vorigen Nacht wuͤrde beſſer gegangen ſein, wenn Ihr mich zum Vertrauten gemacht haͤttet. Das war auch unſre Abſicht, aber wer haͤtte errathen koͤnnen, daß es dem Herrn Edel⸗ knaben einfallen wuͤrde, die ganze Nacht im Gar⸗ ten zuzubringen, wie ein mondſuͤchtiger Ritter in einer ſpaniſchen Romanze, ſtatt in ſeinem Schlafzimmer zu ſein, als Douglas kam, um ſich mit ihm uͤber unſern Entwurf zu beſprechen? Und warum wurde eine ſo wichtige Mitthei⸗ lung ſo lange aufgeſchoben! Weit euer Verkehr mit Henderſon und— nichts fuͤr ungut— der natuͤrliche Ungeſtuͤm und Wankelmuth eurer Stimmung uns ſo be⸗ ſorgt machten, daß wir uns nicht entſchließen konnten, Euch ein ſo wichtiges Geheimniß eher, als im letzten Augenblicke anzuvertrauen. * — 115 Und warum erſt im letzten Augenblicke? ſprach Roland, empfindlich uͤber jenes offene Ge⸗ ſtaͤndniß. Warum in dieſem, oder in irgend einem Augenblicke, da ich einmahl das Ungluͤck hatte, ſo ſehr verdaͤchtig zu ſein? Ihr ſeid jetzt aufgebracht, ſprach das Fraͤu⸗ lein, und es waͤre am beßten, ich braͤche dieſes Geſpraͤch ganz ab; aber ich will großmuͤthig ſein und eure Frage beantworten. Wiſſet alſo, wir hatten zwei Urſachen, Euch zum Vertrauten zu machen. Fuͤr's Erſte konnten wir's kaum ver⸗ meiden, da Ihr in dem Zimmer ſchliefet, wo⸗ durch wir gehen mußten; fuͤr's Zweite— O den zweiten Grund koͤnnt Ihr erſparen, da ſchon der Erſte euer Vertrauen gegen mich zu einer Nothwendigkeit machte. Sehr wohl. Aber ſtill nun! Fuͤr's zweite alſo, es gibt unter uns ein thoͤriges Geſchoͤpf, das der Meinung iſt, Roland Graͤme habe ein warmes Herz, wenn auch einen leichtſinnigen Kopf, ſein Blut ſei rein, wenn's auch zu ſchnell aufwallt, und ſein Glaube und ſein Ehrgefuͤhl ſeien unwandelbar, wie der Angelſtern, wenn 116— auch ſeine Zunge zuweilen nichts weniger als vorſichtig iſt. 1 Katharina ſprach dieſes Geſtaͤndniß mit ge⸗ ſenkten Blicken aus, als haͤtte ſie gefuͤrchtet, Rolands Blicken zu begegnen, waͤhrend ſie es uͤber ihre Lippen gehen ließ.„Und dieſe eine Freundinn, rief der Entzuͤckte, dieſe Einzige, die dem armen Roland Gerechtigkeit erweiſet, und der ihr eigenes edles Herz ſagt, daß man zwiſchen Thorheiten des Kopfes und Fehlern des Herzens einen Unterſchied machen muͤſſe— wer iſt ſie, theuerſte Katharina, der ich meinen innig⸗ ſten herzlichſten Dank ſchuldig bin?“ Nun, ſprach Katharina, noch immer ihre Blicke ſenkend wenn euer eignes Herz es Euch nicht ſagt— Theuerſte Katharina! rief Roland, und er⸗ griff, niederknieend, ihre Hand. Wenn's euer eignes Herz Euch nicht ſagt, fuhr Katharina fort, und wand ihre Hand ſanft los: ſo iſt es ſehr undankbar, denn da die muͤt⸗ terliche Guͤte, die Marie Fleming— 1 1 Roland ſprang auf.„Beim Himmel, Ka⸗ tharina! eure Zunge verkleidet ſich ſo oft, als eure Geſtalt. Ihr ſpottet meiner nur, grauſa⸗ mes Maͤdchen. Ihr wißt ja, Marie Fleming achtet auf irgend Jemand ſo wenig, als die einſame Prinzeſſin dort auf der alten Tapete. Kann ſein, erwiederte Katharina. Sprecht nur nicht ſo laut. Pah! ſprach Roland, aber leiſer fuhr er fort: Sie bekuͤmmert ſich um Niemanden, als um ſich ſelber und um die Koͤniginn. Und Ihr wißt ja auch, es iſt Niemand hier, an deſſen guter Meinung mir etwas laͤge, wenn ich nicht die eurige habe; nein, ſelbſt nicht an der Mei⸗ nung der Koͤniginn. Deſto mehr Schande fuͤr Euch, wenn dem ſo iſt, ſprach Katharina mit großer Faſſung. Aber warum wollet Ihr meinen Eifer ſo daͤmpfen, ſchoͤne Katharina, wenn ich mich mit Leib und Seele der Sache eurer Gebieterinn weihe? Weil Ihr dabei eine ſo edle Sache herab wuͤrdigt, wenn Ihr einen niedrigern, oder eigen⸗ 118— nutzigern Beweggrund dafuͤr angebt. Glaubet mir, fuhr Katharina fort, mit leuchtendem Auge und gluͤhender Wange: man denkt unwuͤrdig und falſch von den Frauen— die dieſes Nahmens werth ſind, meine ich— wenn man glaubt, daß ſie die Befriedigung ihrer Eitelkeit, oder den kleinlichen Zweck, die Bewunderung und Zuneigung eines Liebhabers zu erhoͤhen, mehr lieben, als die Tugend und Ehre des Mannes, dem ſie den Vorzug geben. Wer ſeinem Glau⸗ ben, ſeinem Fuͤrſten und ſeinem Vaterlande mit Eifer und Ergebenheit dient, braucht ſeine Sache nicht mit dem abgenutzten Geſchwaͤtze ge⸗ woͤhnlicher Liebelei zu fuͤhren; die Frau, welche er mit ſeiner Liebe beehrt, wird ſeine Schuldnerinn und ihre Gegenliebe iſt der Lohn fuͤr ſeine ruͤhmliche Arbeit. Che eena Preis habt Ihr fuͤr ſolche Arbeit, ſprach Roland, und heftete auf ſie das begeiſterte Auge. Nur ein Herz, das ſie zu ſchaͤtzen weiß, ſprach Katharina. Der Mann, der die ge⸗ kraͤnkte Fuͤrſtinn aus dieſem Kerker fuͤhrte, und ——— 119 ſie in Freiheit unter ihre freien und tapfern Edlen braͤchte, deren Herzen ihr entgegen ſchla⸗ gen— wo iſt eine Jungfrau in Schottland, die ſich durch eines ſolchen Helden Liebe nicht wuͤrde geehrt fuͤhlen, und waͤre ſie aus dem koͤniglichen Blute entſprungen, koͤmmling des aͤrmſten Bauers, fuͤhrte? und er der Ab⸗ der je den Pflug Ich bin entſchloſſen, ſprach Roland, das Unternehmen zu wagen. Sagt mir zuerſt, ſchoͤne Katharina, und ſprecht wie zu dem Prie⸗ ſter im Beichtſtuhle— ich weiß es, Koͤniginn iſt ungluͤcklich, aber, duͤnkt Euch von ihrer Unſchuld! Mordes beſchuldigt. Halte ich das Lamm fuͤr ſchuldig, der Wolf es anfaͤllt? Halte ich die Sonne die arme Katharina, was Sie wird des weil dort fuͤr befleckt, weil der irdiſche Dunſt ihre Strahlen truͤbt?. Roland ſeufzte und ſchlug die Augen nie⸗ der.„Waͤre doch meine Ueber zeugung ſo innig, als die eurige! ſprach er. Eins aber iſt mir klar, ſie leidet Unrecht in dieſer Gefangenſchaft. ——— —— 120 Sie ergab ſich durch Vergleich, und man hat die Bedingungen nicht erfuͤllt. Ich weihe ihrer Sache mein Leben!“. Wollt Ihr's, wollet Ihr's in der That? ſprach Katharina, ſeine Hand ergreifend. O habe nur ein ſtandhaftes Gemuͤth, wie du kuͤhn biſt im Handeln und ſchnell im Entſchluſſe; ſei nur treu deinem Worte, und die Nachwelt wird dich als Schottlands Retter ehren. Aber wenn ich nun gluͤcklich gearbeitet habe, dieſe Lea, die Ehre, zu gewinnen, ſo wirſt du mich doch nicht verurtheilen, meine Katharina, noch einmahl zu dienen, um auch die Rahel, Liebe, zu erlangen? Wir werden Zeit genug haben, daruͤber zu ſprechen, erwiederte Katharina, ihre Hand wieder los windend: aber die Ehre iſt die aͤltere Schweſter und muß zuerſt gewonnen werden. Vielleicht gewinne ich ſie nicht, ſprach Ro⸗ land, aber ich will redlich fuͤr ſie wagen, und mehr kann der Menſch nicht thun. Auch ſollt Ihr wiſſen, ſchoͤne Katharina— denn auch der geheimſte Gedanke meines Herzens ſei Euch — 121 unverborgen— nicht die Ehre allein, nicht allein jene andre ſchoͤnere Schweſter, uͤber deren Erwaͤhnung Ihr mit mir zuͤrnet, auch das ernſtere Gebot der Pflicht treibt mich, zur Be⸗ freiung der Koͤniginn beizutragen. Wirklich? erwiederte Katharina. Ueber die⸗ ſen Punkt hattet Ihr ja ſonſt Zweifel. Ja, als ihr Leben nicht bedroht war, ſprach Roland. Und waͤre es jetzt mehr gefaͤhrdet, als zuvor? fragte Katharina mit bangem Schrecken. Beunruhigt Euch nicht; aber Ihr habt ja gehoͤrt, auf welche Weiſe ſich eure koͤnigliche Gebieterinn von der Frau von Lochleven trennte. Wie ſollte ich nicht! antwortete Katharina. Ach! daß ſie ihre Empfindlichkeit nicht maͤßigen und ſolcher Streitigkeiten ſich nicht enthalten Lann! Es iſt etwas zwiſchen ihnen vorgefallen, das Weiber Weibern nie verzeihen. Ich ſah, wie das Geſicht der Edelfrau erſt erbla ßte, und dann dunkel gluͤhte, als ſie vor ihren Dienſt⸗ leuten und im Augenblick ihrer Macht von der 122 Koͤniginn durch den Vorwurf ihrer Schande bis zum Staube gedemuͤthigt ward. Ich hoͤrte auch den Schwur toͤdtlicher Rache, den ſie ei⸗ nem Menſchen zufliſterte, der nach ſeiner Ant⸗ wort zu ſchließen, nur zu bereit ſein wird, ihren Willen zu vollfuͤhren. Ighr erſchreckt mich, ſprach Katharina. Nehmt's nicht ſo. Ruft die maͤnnliche Kraft eures Geiſtes auf! Wir wollen entgegen arbeiten und ihre Entwuͤrfe vereiteln, wie gefaͤhr⸗ lich ſie auch ſein moͤgen. Warum ſeht Ihr mich ſo an, und weinet? Ach! ſprach Katharina, weil Ihr hier vor mir ſteht, lebend und athmend, in dem kuͤh⸗ nen Feuer und der Unternehmungsluſt des Juͤnglings, in dem froͤhlichen Muthe der Kind⸗ heit— Ihr ſtehet da, in edler Thatenluſt und in kindlicher Sorgloſigkeit, und wenn Ihr heute, morgen, oder ſonſt in kurzer Zeit, eine verſtummelte Leiche, auf dem Boden dieſes ver⸗ haßten Kerkers liegt, wer anders, als Katharina Seyton wird die Schuld tragen, daß eure tapfre, froͤhliche Laufbahn abgeſchnitten wird, wenn Ihr —— 123 kaum euren Anlauf genommen habt? Ach! nur zu leicht koͤnnte es geſchehen, daß ſie, die Euch den Kranz winden ſollte, euer Leichentuch berei⸗ ten muß. Und wenn auch, Katharina! ſprach Roland in der Glut jugendlicher Begeiſterung. Magſt du auch mein Leichentuch bereiten ſollen, wenn du ihm ſolche Thraͤnen weiheſt, als du jetzt bei dem Gedanken daran vergießeſt, wird es meine Gebeine mehr ehren, als ein Grafenmantel mich im Leben ehren wuͤrde. Aber Pfui uͤber ſolchen Kleinmuth! Dieſe Zeit fodert eine muthigere Stimmung. Faſſe dich, Katharina! habe maͤnn⸗ lichen Muth— du kannſt ja ein Mann ſein, wenn du willſt. Katharina trocknete ihre Thraͤnen, und verſuchte zu laͤcheln.„Ihr muͤßt mich jetzt nicht uͤber die Dinge fragen, die euer Gemuͤth ſo ſehr beunruhigen. Zu ſeiner Zeit ſollt Ihr alles erfahren, ja, jetzt gleich ſolltet Ihr es hoͤren, wenn nicht— Still! die Koͤniginn kommt.“ Maria trat herein. Sie war bleicher als gewoͤhnlich, und ſichtbar erſchoͤpft durch eine 124—— ſchlafloſe Nacht, und durch die ſchmerzlichen Gedanken, die ihre Ruhe verſcheucht hatten; aber dieſe Mattigkeit war ihren Reizen keines⸗ wegs nachtheilig, nur ſah man, ſtatt der maje⸗ ſtaͤtſchen Anmuth der Koͤniginn, die ſchwaͤch⸗ liche Zartheit der liebenswürdigen Frau. Gegen ihre Gewohnheit, ſchien ſie ihrem Putze nur einen fluͤchtigen Augenblick gewidmet zu haben, und ihre Haare, die Marie Fleming gewoͤhn⸗ lich mit großer Sorgfalt flocht, wallten in lan⸗ gen uͤppigen Locken unter der Haube hervor und floſſen auf Hals und Buſen herab, die minder ſorgfaͤltig als ſonſt verhuͤllt waren. Als die Koͤniginn uͤber die Schwelle ihres Zimmers kam, trocknete Katharina ſchnell ihre Thraͤnen, eilte ihrer Gebieterinn entgegen, und als ſie auf die Knie ſich niedergelaſſen und ihr die Hand gekuͤßt hatte, erhob ſie ſich ſogleich, und ſtellte ſich auf die andre Seite der Koͤni⸗ ginn, eifrig bedacht, mit Marie Fleming die Ehre zu theilen, die Wankende zu unter⸗ ſtuͤtzen. Roland naͤherte ſich gleichfalls, um den Seſſel zu ruͤcken, den die Koͤniginn gewoͤhnlich 125 einnahm, und als er Polſter und Fußſchemel geordnet hatte, trat er zuruͤck, und zu ihrem Dienſte bereit, blieb er auf dem Platze ſtehen, wo ſein Vorgaͤnger, der junge Seneſchal gewoͤhn⸗ lich geſtanden war. Die Koͤniginn warf einen fluͤchtigen Blick auf ihn, und die Veraͤnderung auf dieſem Platze mußte ihr auffallen. Sie konnte wenigſtens ihr Mitleid einem tapfern Juͤnglinge nicht verweigern, der fuͤr ihre Sache gelitten hatte, obgleich er bei ſeinem Unterneh⸗ men von einer zu verwegenen Leidenſchaft war geleitet worden.„Armer Douglas!“ entfuhr ihren Lippen, vielleicht unbewußt, als ſie ſich in ihren Seſſel zuruͤcklehnte, und ihr Tuch an die Augen hielt. Ja, gnaͤdigſte Frau, ſprach Katharina, in einen muntern Ton fallend, um ihre Gebiete⸗ rinn zu erheitern: unſer tapferer Ritter iſt frei⸗ lich verbannt, und das Abenteuer war ihm nicht beſtimmt; aber er hat einen jungen Knap⸗ pen zuruͤckgelaſſen, der Euer Gnaden eben ſo ergeben iſt, und Euch durch mich ſeinen Arm und ſein Schwert anbietet. 126 Wenn ſie Euer Gnaden nuͤhlich ſein koͤnnen — ſprach Roland, ſich tief verbeugend. Ach! wozu das, Katharina? ſprach die Koͤniginn. Warum ſollen wir neue Schlacht⸗ opfer ſuchen, die in mein grauſames Schickſal verwickelt werden und dabei umkommen ſollten? Waͤre es nicht beſſer, wir hoͤrten auf, laͤnger zu kaͤmpfen, und ließen uns von der Flut ver⸗ ſchlingen, ohne weiter zu widerſtehen, als daß wir jedes edle Herz, das ſich fuͤr uns wagt, ins Verderben ziehen? Ich bin zu ſehr mit boͤſen Anſchlaͤgen und Raͤnken umringt geweſen, ſeit ich als hilfloſe Waiſe in meiner Wiege lag, waͤhrend die Edlen des Landes ſich ſtritten, wer herrſchen ſollte im Nahmen des unſchuldigen Kindes, das von nichts wußte. Ja gewiß, es iſt Zeit, daß dieſer wilde, gefahrvolle Laͤrm ein Ende nehme. Ein Kloſter ſei fortan mein Ge⸗ faͤngniß, und meine Abgeſchiedenheit eine frei⸗ willige Entfremdung von der Welt und von ih⸗ ren Wegen.— Sprecht nicht alſo, gnaͤdigſte Frau, vor euren getreuen Dienern, hob Katharina wieder —-ꝛ—— — 127 an: es muß ihren Eifer auf einmahl nieder⸗ ſchlagen und ihre Herzen brechen. Koͤnigstoch⸗ ter, ſei in dieſer Stunde nicht ſo unkoͤniglich! Kommt Roland, wir, die juͤngſten ihrer Die⸗ ner, wollen uns ihrer Sache wuͤrdig zeigen. Laßt uns niederknieen vor ihrem Schemel, und ſie bitten, daß ſie die großherzige Maria ſei. Mit dieſen Worten fuͤhrte ſie den Juͤng⸗ ling zu dem Sitze der Koͤniginn und Beide knie⸗ ten nieder. Maria erhob ſich in ihrem Seſſel, und waͤhrend ſie dem Edelknaben eine Hand zum Kuſſe reichte, theilte ſie mit der andern die uͤppigen Locken, welche die kuͤhne, aber zarte Stirne der hochherzigen Katharina beſchatteten. Ach! mein Liebchen, ſprach ſie ſanft, warum mit meinem ungluͤcklichen Schickſal das Gluͤck eures jungen Lebens ſo tollkuͤhn vereinen!.. Sind ſie nicht ein liebliches Paar, gute Fle⸗ ming? Und iſt es nicht ein Gedanke, der des Herz zerreißt, daß ich ſie in’s Verderben brin⸗ gen ſoll? Nicht doch, gnaͤdigſte Koͤniginn, ſprach Ro⸗ land, wir wollen eure Befreier ſein. 128[——† Ex oribus parvulorum! ſprach die Koͤ⸗ niginn zum Himmel blickend. Wenn der Him⸗ mel mich durch den Mund dieſer Kinder auffo⸗ dert, wieder die hohen Gedanken zu faſſen, die meiner Herkunft und meinen Rechten ziemen, ſo wird Gott ihnen auch ſeinen Schutz verleihen, und mir die Macht, ihren Eifer zu belohnen. Du weißt, meine Freundinn— fuhr ſie fort, zu Marie Fleming ſich wendend— ob es nicht immer mein liebſter Zeitvertreib war, diejenigen gluͤcklich zu machen, die mir gedient hatten. Warum ſchalten mich die finſtern Prediger der calviniſtiſchen Ketzerei, warum wendeten die wil⸗ den Blicke meiner Edlen ſich von mir, als weil ich an den unſchuldigen Spielen der froͤhlichen Jugend Theil genommen, weil ich, mehr um ihres Gluͤckes, als um des meinigen willen, mit der Jugend meines Hofes im Geſange, oder im Tanze mich gefreut hatte? Nein, ich be⸗ reue es nicht, wenn auch Knox es Suͤnde genannt hat, und Morkon Herabwuͤrdigung. Ich war gluͤcklich, weil ich Gluͤck um mich her ſah, und Wehe komme uͤber den elenden Arg⸗ — — — wohn, der in dem Ueberſtroͤmen einer unbewach⸗ ten Froͤhlichkeit Schuld finden kann! Liebe Fle⸗ ming, wenn wir unſern Thron wieder beſteigen, ſollen wir doch wohl einen froͤhlichen Tag auf einer froͤhlichen Hochzeit haben? Wir nennen jetzt weder Braut, noch Braͤutigam, aber der Braͤutigam ſoll die Herrſchaft Blairgowrie erhal⸗ ten, eine ſchoͤne Gabe ſelbſt fuͤr eine Koͤniginn, und in den Kranz der Braut ſollen die ſchoͤnſten Perlen kommen, die je in der Tiefe des Loch⸗ Lomond gefunden wurden, und du ſelber, Marie Fleming, die beßte Flechterinn, die je einer Koͤ⸗ niginn das Haar flocht, und die es verſchmaͤhen wuͤrde, die Locken einer Geringern zu beruͤhren, du ſelber ſollſt, mir zu Liebe, ſie in die Locken der Braut ſchlingen. Sieh, liebe Fleming, wenn es ſolche uͤppige Locken waͤren, als bei unſerer Katharina, ſie wuͤrden fuͤr deine Ge⸗ ſchicklichkeit kein Schimpf ſein. Mit dieſen Worten fuhr ihre Hand zaͤrt⸗ lich uͤber den Kopf ihrer jungen Freundinn, waͤhrend die aͤltere Dienerinn tief bewegt ant⸗ Theil III. 9 130— wortete:„Ach gnaͤdigſte Frau, auf welchen Wegen laßt Ihr eure Gedanken ſchweifen?“ Nun ja, liebe Fleming, ſie ſchweifen um⸗ her, erwiederte Maria, aber iſt es gut und freundlich von Euch, ſie zuruͤck zu rufen? Gott weiß es, ich habe ſie heute Nacht wohl bei mir behalten muͤſſen! Laß mich noch einmahl den heiteren Traum zuruͤck rufen, und waͤre es auch nur, die ſchweifenden Gedanken zu beſtrafen. Ja, auf jener froͤhlichen Hochzeit ſoll Marie die Laſt ihrer Leiden vergeſſen, und die Be⸗ ſchwerden ihrer Wuͤrde, und noch einmahl den Reigen fuͤhren. Sage mir, liebe Fleming, auf welcher Hochzeit tanzte ich denn zuletzt? Ich glaube, der Kummer hat mein Gedaͤchtniß ge⸗ ſchwaͤcht, aber etwas ſollte ich doch davon wiſ⸗ ſen. Kannſt du mir nicht darauf helfen? Ja, du kannſt es. Ach, gnaͤdigſte Frau! erwiederte die di. nerinn. Wie! ſprach die Koͤniginn, willſt du mich nicht darauf bringen? Ei das iſt eine unfreund⸗ liche Anhaͤnglichkeit an deine ernſtere Meinung, —-— 131 die mein Geſchwaͤtz fuͤr Thorheit haͤlt. Aber du biſt am Hofe erzogen, und wirſt mich ver⸗ ſtehen, wenn ich ſpreche, die Koͤniginn befiehlt, ihr zu ſagen, wo ſie zuletzt den Reigen gefuͤhrt hat. Mit todtenblaſſem Geſichte, mit einem Ausdrucke in ihren Zuͤgen, als haͤtte ſie ſollen in die Erde ſinken, ſprach die Kammerfrau, nicht wagend, laͤnger den Gehorſam zu verwei⸗ gern:„Guaͤdigſte Frau— wenn mein Ge⸗ daͤchtniß mich nicht taͤuſcht— es war auf einem Maskenballe in Holyrood— auf Sebaſtian's Hochzeit.“ 1 Die ungluͤckliche Koͤniginn hatte zeither mit einem ſchwermuͤthigen Laͤcheln, das die Abnei⸗ gung, womit Marie Fleming an ihre Antwort ging, erweckte, ihr zugehoͤrt, aber bei dem Nah⸗ men, den ſie nun vernahm, ſtieß ſie einen ſo wilden und lauten Schrei aus, daß des Zim⸗ mers Gewoͤlbe wiederhallte und Roland und Katharina erſchrocken und unruhig aufſprangen. Die furchtbaren Gedanken, die ſo ploͤtzlich er⸗ weckt wurden, ſchienen der Koͤniginn nicht nur alle Selbſtbeherrſchung zu rauben, ſondern fuͤr einen Augenblick ſelbſt ihren Verſtand zu zer⸗ ruͤtten. Verraͤtherinn! rief ſie der Dienerinn zu, willſt du deine Koͤniginn toͤdten!— Ruft meine franzoͤſiſche Leibwache! A moi, à moi! mes Français!— Ich bin von Verraͤthern umgeben in meinem eigenen Schloſſe.— Sie haben meinen Gemahl ermordet— Hilfe! Hilfe! fuͤr die Köͤniginn von Schottland! Siie ſprang auf. Ihre Zuͤge, vor weni⸗ gen Augenblicken noch ſo lieblich in ihrer Blaͤſſe, waren jetzt von Wuth entflammt, wie die Zuͤge der Kriegsgöttinn.„Wir wollen ſelber zu Felde ziehn! fuhr ſie fort. Verkuͤndigt's in der Stadt, und in Lothian und Fife! Sattelt mein ſpa⸗ niſches Pferd! Ladet meine Piſtolen! Beſſer geſtorben an der Spitze unſerer tapfern Schott⸗ laͤnder, wie mein Großvater in der Schlacht von Floddenfield, als mit gebrochenem Herzen, wie unſer ungluͤcklicher Vater.”“ Seid ruhig! Faſſet Euch, theuerſte Koͤni⸗ ginn! ſprach Katharina, und zu Marie Fleming — 133 unmuthig ſich wendend, ſetzte ſie hinzu:„Wie konntet Ihr etwas ſagen, ſie zu erinnern an ihren Gemahl?“ Das Wort entging der ungluͤcklichen Koͤni⸗ ginn nicht, und es auffaſſend, ſprach ſie raſch: „Gemahl? Was fuͤr ein Gemahl? Nicht Sr. allerchriſtlichſte Majeſtat— Er iſt ſchwaͤchlich und kann nicht zu Pferde ſteigen. Auch nicht jener von Lennor— Du meineſt den Herzog von Orkney.“ Um Gotteswillen, gnaͤdigſte Frau, ſeid ruhig, ſprach Maria Fleming. Die lebhaft erregte Einbildungskraft der Koͤniginn ließ ſich durch keine Vorſtellung be⸗ ſchwichtigen.„Sagt ihm, er ſoll hierher kom⸗ men, uns zu helfen! fuhr ſie fort. Und ſeine Laͤmmer ſoll er mitbringen, wie er ſie nennt— Bowton, Hay von Talla, den ſchwarzen Or⸗ mis... Pfui, wie ſchwarz ſie ſind, und wie ſie nach Schwefel riechen!— Wie, mit Mor⸗ ton hat er ſich eingeſchloſſen? Ja, wenn der Douglas und der Hepburn uͤber einen Anſchlag bruͤten, ſo wird der Vogel, der aus dem Eie 134—— kriecht, ganz Schottland eſchnenes Nicht waßi⸗ liebe Fleming? Sie kommt immer mehr außer ſich, ſprach Marie Fleming. Wir haben zu viele Zuhorer fuͤr dieſe ſeltſamen Worte. Roland! ſprach Katharina, um Gottes wii⸗ len, geht! Ihr koͤnnt uns hier nicht helfen. Laßt uns allein bei ihr bleiben! Fort! fort! Mit dieſen Worten ſchob ſie ihn an die Thuͤre des Vorzimmers, aber als er in dieſes Gemach gegangen war und die Thuͤre verſchloſ⸗ ſen hatte, hoͤrte er die Koͤniginn noch mit lau⸗ tem entſchloſſenen Tone reden, als haͤtte ſie Befehle gegeben, bis endlich ihre Stimme in einer matten, fortdauernden Klage hinſtarb. Katharina trat nun in das Vorzimmer. „Seid nicht zu aͤngſtlich, ſprach ſie zu Roland. Der Anfall iſt nun voruͤber. Aber bewacht die Thuͤre, und laßt Niemanden herein, bis die Koͤniginn gefaßter iſt.“ Um Gotteswillen, was bedeutet dieß? fragte Roland. Oder was war in den Worten, die —— Marie Fleming ſprach, das eine ſo wilde Auf⸗ wallung haͤtte erregen koͤnnen? + Marie Fleming iſt eine Thoͤrinn, ant⸗ wortete Katharina unmuthig. Sie liebt ihre Gebieterinn, aber ſie weiß ihre Liebe ſo wenig auszudruͤcken, daß ſie, ſelbſt wenn die Koͤniginn Gift von ihr foderte, es fuͤr ihre Schuldigkeit halten wuͤrde, dem Befehle nicht Gehorſam zu weigern. Ich haͤtte ihr die ſteife Haube von dem ſteifen Kopfe reißen koͤnnen! Eher haͤtte mir die Koͤniginn das Herz aus dem Leibe, als das Wort Sebaßkiam⸗ von den Lippen ziehen ſollen. Und was iſt das fuͤr eine Geſchichte mit dem Sebaſtian? Bei Gott, Katharina, Ihr ſeid alle mit einander ein Raͤthſel. Ihr ſeid eben ſo thoͤrig, als Fleming, antwortete ungeduldig das Maͤdchen. Wißt Ihr denn nicht, daß in der Nacht, wo Hein⸗ rich Darnley ermordet wurde, und die Kirche in der Vorſtadt von Edinburgh in die Luft flog, die Koͤniginn deswegen abweſend war, weil ſie ſich auf einem Maskenball in Holyrood befand, 136 den ſie bei Gelegenheit der Hochzeit eben dieſes Sebaſtians gab; er war ein Lieblingsdiener, der eine von ihren Kammerfrauen heirathete. Nun wahrlich, da wundert's mich nicht, daß ſie ſo in Wuth gerieth, ſprach Roland, aber es iſt mir unbegreiflich, wie ſie ſich vergeſ⸗ ſen konnte, Marie Fleming nach ſo etwas zu fragen. Ich begreife es ſelber nicht, aber es ſcheint, als ob großer und heftiger Kummer, oder Schau⸗ der zuweilen ihr Gedaͤchtniß verfinſterte, und eine Wolke uͤber Umſtaͤnde breitete, womit jene furchtbaren Ereigniſſe begleitet waren. Aber— ich darf nicht laͤnger hier verweilen. Ich wollte nur meinem Aerger gegen die unkluge Fleming Luft machen. Jetzt bin ich kuͤhler geworden, und werde ihre Gegenwart wieder ertragen kön⸗ anen, ohne daß es mich in den Fingern zuckt, ihr die Haube zu zerknittern. Haltet nur die Thuͤre gut beſetzt. Nicht fuͤr mein Leben moͤchte ich, daß dieſe Ketzer ſie in dieſem ungluͤcklichen Zuſtande ſaͤhen; ſie iſt hinein gekommen durch den Erfolg der teufliſchen Raͤnke dieſer Leute, . 137 aber man wuͤrde ſich nicht bedenken, es mit nuͤſchelndem Tone ein Strafgericht Gottes zu nennen. Sie ging aus dem Vorzimmer, in dem Augenblicke, als man draußen die Thuͤre zu oͤffnen verſuchte, aber Roland hatte den Riegel ſo veſt gemacht, daß es vergebens war. Wer iſt da? rief er. Des Haushofmeiſters rauhe Stimme ant⸗ wortete, jedoch nur leiſe. Jetzt koͤnnt Ihr nicht herein, ſprach Roland. Und warum nicht? Ich komme nur, meine Pflicht zu thun, und zu ſehen, was das Ge⸗ ſchrei in dem Zimmer dieſes moabitiſchen Wei⸗ bes bedeuten ſoll. Warum denn koͤnnte ich nicht hinein, wenn dieß mein Geſchaͤft iſt? J nun, weil der Riegel vorgelegt iſt und ich nicht Luſt habe, ihn wegzuſchieben. Ich ſtehe heute auf der rechten Seite der Thuͤre, wie Ihr heute Nacht. 8 Naſeweiſer Burſche! Warte du! Mir ſo was zu ſagen! Die Edelfrau ſoll deine Unver⸗ ſchaͤmtheit erfahren. 138— Die Unverſchaͤmtheit iſt auf dich allein ge⸗ muͤnzt, zur Vergeltung fuͤr deine Undoͤflichkeit gegen mich. Fuͤr die Erkundigungen deiner Edel⸗ frau habe ich hoͤflichere Antwort. Ihr koͤnnt ſagen, die Koͤniginn ſei unpaͤßlich und wolle weder durch Beſuche, noch durch Botſchaften geſtoͤrt werden. Ich beſchwoͤre Euch im Nahmen Gottes! ſprach der Alte, mit einem feierlicherem Tone, als er bis jetzt hatte hoͤren laſſen: ſagt mir nur, ob wirklich die Krankheit zunimmt. Sie mag keine Hilfe von Euch, oder eurer Herrinn. Darum geht, und ſtoͤret uns nicht mehr! Wir brauchen und moͤgen nicht Hilfe von Euch. Murrend ging der Alte die Treppe hinab. VI. Die Edelfrau ſaß allein in ihrem Zimmer, und bemuͤhte ſich mit aufrichtigem, aber vergeb⸗ lichem Eifer ihre Blicke und ihre Aufmerkſam⸗ keit auf die vor ihr liegende Bibel zu heften, die in geſticktem Sammet gebunden und mit —y——— — ——— 139 großen ſilbernen Hacken und Knoͤpfen geziert war. Umſonſt aber ſtrengte ſie ſich an, ihr Ge⸗ muͤth von der peinlichen Erinnerung an den Wortwechſel zwiſchen ihr und der Koͤniginn ab⸗ zuziehen, worin Marie ſie mit ſo bitterm Hohne an den lange bereuten Fehltritt gemahnt hatte. Nun, ſprach ſie, warum ſollte ich es ſo tief empfinden, daß eine Andre mir vorwirft, was ich ſelber nie aufgehoͤrt habe, mir zum Vorwurf zu machen? Doch warum ſollte dieſe Frau, welche die Fruͤchte meiner Thorheit erntet, wenigſtens geerntet, und meinen Sohn vom Throne geſchoben hat, warum ſollte ſie im An⸗ geſichte meiner Dienſtleute und der ihrigen, meine Schande und Thorheit mir vorwerfen? Iſt ſie nicht in meiner Gewalt? Fuͤrchtet ſie mich nicht?.. Ha! elender Verſucher, ich will mit dir kampfen, und mit beſſeren Gruͤnden, als die Eingebungen meines eigenen boͤfen Her⸗ zens ſind. Sie blickte wieder auf die Bibel, und fuchre ihre Gedanken zu ſammeln, als ein leiſes Po⸗ chen an der Thuͤre ſie wieder aufſtoͤrte. Auf 140 ihr Wort, ward geoͤffnet, und der Haushof⸗ meiſter ſtand vor ihr mit finſterm, verſtoͤrtem Geſicht. Nun, Dryfesdale, was giebt's, daß du ſo ausſiehſt? Iſt eine boͤſe Zeitung gekommen von meinem Sohne, oder meinen Enkeln? Nein, edle Frau; aber man hat Euch heute Nacht bitter beſchimpft, und ich fuͤrchte, Ihr ſeid heute eben ſo bitter Pelchs Wo iſt der Burgkaplan? Was ſoll der finſtre Wink? wozu die ploͤtz⸗ liche Frage? Ihr wißt ja, der Burgkaplan iſt in Perth, um einer Verſammlung der Bruͤder beizuwohnen. Meinetwegen! erwiederte der Alte. Er iſ ja doch nur ein Baalsprieſter. 8— Dryfesdale, ſprach die Edelfrau ernſt, was ſoll das heißen? Ich habe immer gehoͤrt, daß du dich in den Niederlanden zu den Wiedertaͤu⸗ fern gehalten haſt— zu den Ebern, die den Weinberg aufwuͤhlen. Aber die Geiſtlichen, die fuͤr mich und mein Haus paſſen, muͤſſen auch meinen Dienſtleuten genuͤgen. -— —— ———— 141 Es waͤre mir doch lieb, wenn ich guten zeiſtlichen Rath haͤtte, erwiederte der Alte, ohne auf den Verweis ſeiner Gebieterinn zu achten, und ſchien mit ſich ſelber zu ſprechen. Dieſes moabitiſche— Sprich mit Ehrerbietung von ihr, fiel die Edelfrau ein, ſie iſt eine Koͤnigstochter. Mag es ſein, antwortete Dryfesdale, ſie geht dahin, wo wenig Unterſchied iſt zwiſchen ihr und einer Bettlertochter. Marie von Schott⸗ land— ſtirbt. Stirbt? Und in meinem Schloſſe? fuhr die Edelfrau beſtuͤrzt auf. An welcher Krankheit? Durch welchen Zufall? Habt Geduld, edle Frau. Ich hab's gethan. Du? Elender Verraͤther! Wie haſt du⸗ gewagt— Ich hoͤrte, wie Ihr beſchimpft wurdet, edle Frau— Ich hoͤrte, wie Ihr Rache be⸗ gehrtet— ich verſprach ſie Euch, und nun bringe ich Euch die Bothſchaft davon. 142— „Dryfesdale, ich hoffe, du raſeſt! ſprach die Edelfrau. Ich raſe nicht. Was von mir geſchrieben ſtand eine Million Jahre vorher, ehe ich das Licht erblickte, muß von mir vollbracht werden. Sie hat etwas in ihren Adern, das bald, fuͤrchte ich, ihre Lebensquellen verſtopfen wird. Grauſamer Bube! Vergiftet haͤtteſt du ſie? Und wenn ich's haͤtte, was waͤre es wei⸗ ter? Man vertreibt ja Ungeziefer, warum ſollte man ſich nicht auch von ſeinen Feinden befreien? In Italien thut man's fuͤr ein Goldſtuͤck. Feiger Schurke! Fort aus meinem An⸗ geſicht! Achtet meinen Eifer beſſer, edle Frau, und urtheilt nicht, ohne reifer zu erwaͤgen. Lindſay, Ruthven und euer Vetter Morton, die haben den Rizzio erſtochen, und Ihr ſeht doch wohl kein Blut auf ihren geſtickten Kleidern? Wo iſt ein Edelmann in Schottland, der nicht bei blutigen Haͤndeln geweſen waͤre, und wer ſagt ihm etwas daruͤber? Laßt Euch doch nicht durch Nahmen irre machen— ein Dolch und ein — 143 Traͤnkchen, das kommt ja auf eins hinaus, und beide ſind ſich nicht ſehr ungleich; das eine iſt im Glaͤschen gefangen, das andre ſitzt in der ledernen Scheide. Aber— ich ſage nicht, daß ich der Frau was gegeben haͤtte. Was ſoll es bedeuten, daß du ſo mit mir ſchwatzeſt? Willſt du deinen Hals von dem Stricke retten, den du verdienſt, ſo erzaͤhle mir aufrichtig, was geſchehen iſt. Man kennt dich laͤngſt als einen gefaͤhrlichen Menſchen. Ja, in meines Herrn Dienſten kann ich kalt und ſcharf ſein, wie mein Schwert. Ihr ſollet wiſſen, als ich zuletzt druͤben war, da ſprach ich mit einer klugen Frau, die viel ver⸗ mag, genannt Nic⸗Neven, wovon ſeit Kurzem alle Welt ſpricht. Narren foderten Zaubermit⸗ tel von ihr, um Liebe zu gewinnen, Filze woll⸗ ten Mittel haben, ihre Schaͤtze zu vermehren, Einige wuͤnſchten die Zukunft zu kennen— die Thoren! als ob die ſich aͤndern ließe!— Andre wollten ſich die Vergangenheit erklaͤren laſſen— Noch aͤrgere Thoren! ſie kann ja nicht zuruͤck gerufen werden. Ich hoͤrte mit Verachtung auf 144— alle dieſe Anliegen, und foderte fuͤr mich nur das Mittel, mich von einem Todfeinde zu be⸗ freien, denn ich werde alt, und da traut ſich's nicht gut auf die Klinge. Die Alte gab mir ein Pulver. Thut das in irgend etwas Fluͤſſt⸗ ges, ſprach ſie, und die Rache wird vollſtaͤndig ſein. Elender! Und du haſt es in das Getraͤnk der Gefangenen gethan— zur ewigen Schande von deines Herrn Hauſe? Um die gekraͤnkte Ehre von meines Herrn Hauſe zu retten, habe ich das Pulver in einen Krug mit Cichorienwaſſer*) gethan; das laſſen 4 ſie ſelten ſtehen und die Frau liebt's mehr, als alles andre. Es war ein Werk der Hoͤlle, ſprach die Edelfrau, daß du es verlangt haſt, und daß man's dir gegeben. Fort, Elender! Laß uns ſehen, ob Hilfe noch nicht zu ſpaͤt iſt. Man wird uns nicht hinein laſſen, edle Frau, wenn wir nicht Gewalt brauchen. Ich ) Wie es ſcheint, war dieſer Aufguß zu jener Zeit als kuͤhlender Trank gewoͤhnlich. 2 —— war zweimahl an der Thuͤre, aber man oͤffnete nicht. Wir ſprengen ſie, wenn's ſein muß. Komm! Aber warte— Randal ſoll ſogleich kommen.— Randal, hier ſind ſchaͤndliche, boͤſe Dinge vor⸗ gegangen. Fahre ſchnell hinuͤber, und hohle Lukas Lundin; er ſoll geſchickt ſein. Suche auch die boͤe Hexe, Nic⸗ Neven; ſie muß erſt ih⸗ ren Zauber aufheben, und dann ſoll ſie zu Aſche verbrannt werden. Fort! Fort! Laß ſie die Segel ſpannen und munter die Ruder fuͤhren, wenn ſie je Gutes genießen wollen vom Hauſe Douglas. Mutter Nic⸗Neven wird nicht leicht her⸗ kommen auf ſolche Bedingungen, ſprach der Haushofmeiſter. Verſprecht ihr volle Sicherheit— Sorge du dafuͤr, denn du ſtehſt mir mit deinem Leben fuͤr die Wiederherſtellung dieſer Frau. Ich haͤtte mir das denken koͤnnen, ſprach Dryfesdale muͤrriſch. Aber es iſt mein Troſt, daß ich meine Sache, wie die eure, geraͤchet habe. Sie hat mich gehoͤhnt und verlacht, und Theil III. 160 145 146—— ihren naſeweiſen Liebling, den Edelknaben, hat ſie angereizt, meinen ſteifen Gang und meine langſame Rede zu verſpotten. Ich fuͤhlte, es war mir vorher beſtimmt, daß ich an ihnen geraͤchet werden ſollte. 4 Geh' in den Thurm! ſprach die Edelfrau, und bleibe da, bis wir ſehen, wie die Sache endigen wird. Ich kenne deine Entſchloſſenheit; du wirſt nicht verſuchen, zu entfliehen. „Nicht, und wenn die Mauer des Thurms wie eine Eierſchale waͤre, und der See mit Eis belegt. Ich bin in dem veſten Glauben, daß der Menſch nichts aus ſich ſelber thut; er iſt nur der Schaum der Welle, die ſteigt, auf⸗ wallet und platzt, nicht aus eigener Kraft, ſon⸗ dern auf den maͤchtigern Anſtoß des Schickſales, das ſie treibt. Aber, edle Frau, wenn ich Euch eathen darf, bei eurer Beforgniß fuͤr das Leben der ſchottiſchen Jeſabel, vergeſſet nicht, was Ihr eurer Ehre ſchuldig ſeid und haltet die Sache geheim.. 8 3 Bei dieſen Worten ging der finſtre Mann mit ſeinem Schickſalsglauben hinaus, und ſchritt — — — — —— 145 mit muͤrriſcher Faſſung in das angewieſene Ge⸗ faͤngniß.. Die Edelfrau befolgte ſeinen letzten Wink, und aͤußerte nur ihre Furcht, daß die Gefangene eine ungeſunde Speiſe genoſſen habe und gefaͤhr⸗ lich krank ſei. Das ganze Schloß war bald in Unruhe und Verwirrung. Randal ward ans Geſtade geſchickt, um Lundin zu rufen, der mit Gegengiften kommen ſollte, zugleich erhielt er den Auftrag, Mutter Nic⸗Neven mitzubringen, wenn ſie aufzufinden waͤre, und Vollmacht, das Wort der Edelfrau fuͤr die Sicherheit der Wahr⸗ ſagerinn zu verpfaͤnden. Die Frau von Lochleven kam unterdeſſen ſelber an die Thuͤre des Vorzimmers, und foderte den Edeiknaben vergebens auf, ihr zu oͤffnen. Thoͤriger Knabe! ſprach ſie, es gilt dein und deiner Gebieterinn Leben. Mach' auf, ſag ich dir, oder wir ſprengen die Thuͤre. Ich darf die Thuͤre nicht oͤffnen, ohne Befehl meiner koͤniglichen Gebieterinn, erwiederte Roland. Sie iſt ſehr krank geweſen; jetzt ſchlummert ſie, und wenn Ihr ſie erweckt durch —/¶ 148 gewaltſamnes Eindringen, ſo kommen die Jolgen auf Euch und eure Begleiter. Welche ſchreckliche Verlegenheit! ſprach die Edelfrau. Verhuͤte es wenigſtens, unbeſonnener Menſch, daß Niemand die Speiſen anrüͤhre, beſonders nicht den Krug mit Cichorienwaſſer. Darauf eilte ſie in den Thurm, wo Dry⸗ fesdale mit ruhiger Ergebung in ſeinem Gefaͤng⸗ niſſe ſaß, und mit Leſen ſich beſchaͤftigte.— „War dein unſeliger Trank von ſchneller Wir⸗ kung?“ fragte ſie. 4— Langſam wirkt er. Die Hexe fragte mich, was ich wuͤnſchte, und ich ſagte ihr, ich liebte eine langſame und ſichere Rache. Gegen wen, Ungluͤcklicher, konnteſt du eine ſo grauſame Rache hegen? Ich hatte viele Gegenſtaͤnde, aber beſon⸗ ders war's auf den unverſchaͤmten Edelknaben gemüͤnzt. Der Knabe? Grauſamer Menſch! was fonnte er thun, deine Rache zu verdienen? Er ſtieg in eurer Gunſt und Ihr beehr⸗ tet ihn mit euren Auftraͤgen, das war eins. 149 Er ſtieg auch in eures Enkels Gunſt, das war das andre. Er war der Guͤnſtling des Kalvi⸗ niſten Henderſon, der mich haßte, weil ich ein beſonderes Prieſterthum mißbillige. Die moabi⸗ tiſche Königinn hatte ihn lieb— von allen Sei⸗ ten blies der Wind ihm guͤnſtig— der alte Diener eures Hauſes wurde hier gering geach⸗ tet— und uͤberdieß, von der erſten Zeit an, wo ich ihn ſah, verlangte es mich, ihn zu ver⸗ nichten.. Welchen boͤſen Feind habe ich in meinem Hauſe genährt! ſprach die Edelfrau. Moͤge Gott mir die Suͤnde verzeihen, daß ich dir Nahrung und Kleidung gegeben! Ihr konntet nicht waͤhlen, edle Frau. Lange vorher, ehe dieſe Burg gebaut war— ja lange vorher, ehe die Inſel, worauf ſie ruhet, ſich aus dem blauen Waſſer erhoben, war ich be⸗ ſtimmt, euer treuer Sklave, und Ihr meine undankbare Gebieterinn zu ſein. Erinnert Ihr Euch, wie ich mich, zur Zeit der Mutter die⸗ ſer Frau, mitten unter die Franzoſen ſtuͤrzte, und euren Gemahl frei machte, als diejenigen, 150— die an einer Bruſt mit ihm gelegen, es nicht wagten, ihn zu retten? Erinnert Euch, wie ich mich in den See ſtuͤrzte, als eures Enkels Kahn vom Sturm uͤberfallen wurde, wie ich ihn erreichte und ſicher ans Ufer ſteuerte. Edle Frau, der Diener eines ſchottiſchen Freiherrn iſt derjenige, der nicht ſein eigenes Leben, und ſonſt kein Leben achtet, als ſeines Herrn. Ich haͤtte die Kraft des Trankes ſchon eher an der Frau verſucht, wenn nicht Junker Georg der Vor⸗ koſter geweſen waͤre. Ihr Tod— haͤtte Schott⸗ land je eine gluͤcklichere Botſchaft vernommen? Iſt ſie nicht vom blutigen Stamme der Guiſen, die ihr Schwert ſo oft geroͤthet haben mit dem Blute der Heiligen Gottes? Iſt ſie nicht die Tochter des elenden Tyrannen Jacob, den der Himmel von ſeinem Throne und von ſeinem Stolze herab ſtuͤrzte, ſo wie der Koͤnig von Ba⸗ bylon geſtuͤrzt ward? Schweig' Elender! ſprach die Edeffan, die bei dem Nahmen ihres koͤniglichen Buhlen von tauſend Erinnerungen ergriffen ward. Schweige, und ſtoͤre nicht die Aſche der Todten— der konig⸗ — — 151 lichen, der ungluͤcklichen Todten! Lies deine Bi⸗ bel, und Gott moͤge dir gewaͤhren, daß du ihren Inhalt beſſer benutzeſt, als du zeither gethan! Sie entfernte ſich ſchnell, und als ſie in das naͤchſte Gemach kam, ſtroͤmten ihre Thraͤ⸗ nen ſo ſehr, daß ſie ſtehen bleiben mußte, um ihre Augen zu trocknen.„Ich haͤtte das nicht gedacht, ſprach ſie, ſo wenig, als daß ich Waſ⸗ ſer aus einem trocknen Kieſel, oder Saft aus einem verdorrten Baume ziehen koͤnnte. Ich ſah mit thraͤnenloſem Auge den Abfall und die Schande Georgs, der Hoffnung von meines Sohnes Hauſe, meines geliebten Kindes— und doch weine ich nun um ihn, der ſchon ſo lange in ſeinem Grabe liegt— um ihn, der es ver⸗ ſchuldet hat, daß ſeine Tochter mich jetzt ver⸗ hoͤhnen und verſpotten kann. Aber ſie iſt ſeine Tochter— mein Herz, das gegen ſie aus ſo vielen Urſachen hart iſt, wird weich, wenn ein Blick ihres Auges mir unerwartet das Bild ih⸗ res Vaters zuruͤck ruft, aber eben ſo oft hat ihre Aehnlichkeit mit ihrer verabſcheuten Mutter, der echten Tochter der Guiſen, meinen Entſchluß wieder beveſtigt. Doch nein— ſie muß nicht — muß nicht ſterben in meinem Hauſe, und nicht auf ſo ſchaͤndliche Weiſe. Gott ſei Dank, die Wirkung des Trankes iſt langſam und kann verhuͤtet werden. Ich gehe noch einmahl vor ihr Zimmer. Aber— der hartherzige Schurke, auf deſſen Treue wir ſo viel vertrauten und vertrauen durften! Welches Wunder kann in einer Bruſt ſo viel Voshai und ſo viel Treue vereinen!e.— Die Edelfrau wußte nicht, wie weit Ge⸗ muͤther, welchen eine gewiſſe finſtre und ent⸗ ſchloſſene Stimmung angeboren iſt, durch Em⸗ pfindlichkeit uͤber kleine Unbilden und Beleidigun⸗ gen getrieben werden koͤnnen, zumahl wo ſich mit Gewinnſucht und Eigennutz, wie hier, die rohen und unverdauten Schwaͤrmermeinungen verſchmolzen, die dieſer Mann unter den ver⸗ ruͤckten Sektirern in Teutſchland aufgeleſen hatte; ſie wußte nicht, wie ſehr die Lehre des Verhaͤngnißglaubens, welcher er ſo entſchieden anhing, das Gewiſſen des Menſchen laͤhmen kann, da ſie ihnen unſere Handlungen als das ‿ Ergebniß einer unvermeidlichen Nothwendigkeit darſtellt. B 3 Waͤhrend ſie den Gefangenen beſuchte, hatte Roland der ſchoͤnen Katharina den Inhalt ſei⸗ nes Geſpraͤchs mit der Edelfrau mitgetheilt. Der Scharfblick des Maͤdchens errieth ſogleich, was fuͤr ein Ereigniß man im Schloſſe voraus⸗ ſetzte, aber ihre Vorurtheile jagten ſie uͤber die Graͤnze der Wahrheit hinaus. 8 Sie glauben, uns vergiftet zu haben, rief ſie mit Entſetzen, und da ſteht der ungluͤckliche Trank, der die Unthat veruͤben ſollte. Ja, ſo⸗ bald Douglas nicht mehr unſer Vorkoſter war, mußten wir ſo etwas erwarten. Du, Roland, ſollteſt den Gifttrank zuerſt erproben und mit uns zu ſterben verurtheilt ſein. O theuerſte Fleming! verzeiht mir die Beleidigungen, die ich in meiner Empfindlichkeit zu Euch geſagt habe. Der Himmel hatte eure Worte Euch eingegeben, um uns, und beſonders der gekraͤnk⸗ ten Koͤniginn, das Leben zu retten. Aber was iſt nun zu thun Sie wird bald kommen, die Alte vom See, um ihre Krokodilthraͤnen bei 254— unſerm Todeskampfe zu vergießen. Was ſollen wir thun, liebe Fleming? Die heilige Jungfrau helfe uns in unſeer Noth! ſprach Marie Fleming. Was eoͤnnten wir thun, wenn wir uns nicht beim Regenten beklagen wollen! Beim Teufel beklagen, rief Katharina un⸗ geduldig, und ſeine Mutter vor ſeinem Flam⸗ menthrone beſchuldigen!— Die Koͤniginn ſchlaͤft noch. Wir muͤſſen Zeit gewinnen. Die giftmiſchende Hexe darf nicht wiſſen, daß ihr Anſchiag mißlungen iſt; die alte giftige Spinne hat nur zu viele Mittel, ihr zerriſſenes Gewebe wieder auszubeſſern. Der Krug mit Cichorien⸗ waſſer, ſagte ſie. Roland, biſt du ein Mann, ſo hilf mir, wir gießen den Keug in den Ka⸗ min, oder aus dem Fenſter. Unter den Spei⸗ ſen raͤume auf, als ob wir, wie gewoͤhnlich, gegeſſen haͤtten, und laß den Reſt in Becher und Schuͤſſel, aber nur nichts gekoſtet, wenn dir dein Leben lieb iſt. Ich will mich an's Ruhebett der Koͤniginn ſetzen, und wenn ſie aufwacht, ihr ſagen, in welcher furchtbaren 153 Lage wir ſind. Ihr feiner, ſchneller Verſtand wird uns ſagen, was ſich am beßten thun laͤßt. Bis auf weitre Nachricht merkſt du dir, Ro⸗ land, daß die Koͤniginn in einer Betaͤubung liegt, daß Marie Fleming unpaͤßlich iſt— das iſt die beßte Rolle fuͤr ſie, ſetzte die Schlaue mit leiſem Tone hinzu, und erſpart ihrem Witze eine vergebliche Anſtrengung. Ich bin eben nicht ſehr unpaͤßlich, verſtehſt du? Und ich? fiel Roland ein. Ihr? erwiederte Katharina. J nun, Ihr ſeid ganz wohl. Wer haͤlt's der Muͤhe werth, junge Hunde und Edelknaben zu vergiften! Solcher Leichtſinn paßte fuͤr dieſen Augen⸗ blick? fragte der Juͤngling. Er paßt, er paßt, antwortete ſie. Wenn's die Koͤniginn genehmiget, ſo ſehe ich deutlich, wie dieſer mißlungene Anſchlag uns nüͤtzlich wer⸗ den kann. Wäͤhrend ſie ſprach, legte ſie Hand ans Werk, und Roland half ihr fleißig. Auf dem Fruͤhſtuͤcktiſche ſah es bald aus, als ob man, wie gewoͤhnlich, gegeſſen haͤtte. Die Frauen 156— gingen alsdann ſo leiſe als moͤglich in das Schlafgemach der Koͤniginn. Auf die erneuerte Auffoderung der Edelfrau oͤffnete Roland ihr die Thuͤre des Vorzimmers, und entſchuldigte ſeine fruͤhere Weigerung mit der Angabe: die Koͤniginn ſei nach dem Fruͤhſtuͤcke in einen ſchweren Schlaf gefallen. Sie hat alſo gegeſſen und gestunken⸗ fragte die Edelfrau. Allerdings, wie ſie's gewoͤhnlich thut, wenn nicht gebotener Faſttag iſt. Der Krug iſt len ſprach die Edelfran, haſtig hinein ſehend: hat ſie dieſes Waſſer ganz ausgetrunken? 3 Sehr viel, edle Frau, und ih hoͤrte, wie Fraͤulein Katharina der andern Kammerfrau im Scherze vorwarf, daß ſie mehr als ihren Antheil vom Reſte getrunken haͤtte, und ihr nicht viel mehr uͤbrig bliebe.— Und ſie befinden ſich wohll Marie Fleming, antwortete der Edelknabe, klagt uͤber Traͤgheit und ſieht ungewoͤhnlich matt — 157 aus, und Fraͤulein Katharina iſt nur ein wenig mehr ſchwindelkoͤpſig, als gewoͤhnlich. Roland erhob ein wenig ſeine Stimme, als er dieſen Bericht gab, um die Frauen hoͤren zu laſſen, welche Rolle er jeder von ihnen zutheilte, und vielleicht auch nicht ohne den Wunſch, der muntern Katharina zu verrathen, welcher Scherz in ſeinen Worten verborgen lag. 93 Ich will ins Zimmer der Koͤniginn, ſprach die Edelfrau, die Angelegenheit iſt dringend. Als ſie ſich der Thuͤre naͤherte, rief Kg⸗ tharina drinnen:„Niemand darf herein; die Koͤniginn ſchlaͤft.⸗⸗ Ich dulde keinen Widerſpruch, junges Fraͤu⸗ lein. Inwendig iſt kein Riegel, ſo viel ich weiß, und Euch zum Trotze will ich hinein. Inwendig iſt zwar kein Riegel, erwiederte Katharina ſtandhaft, aber die Klammern dazu ſind da, und ich habe meinen Arm hinein geſteckt, wie einſt eure Ahnfrau, als ſie, beſſer beſchaͤftigt, denn heutiges Tages die Frauen des Hauſes Douglas, das Schlafgemach ihrer Koͤniginn ſo gegen Moͤrder ſchuͤtzte. Erprobt denn eure Staͤrke, 158 und ſehel zu, ob eine Seyton in Muth mit einem Maͤdchen aus dem Haſe Dounias wetl⸗ eifern kann. Auf ſolche Gefahr mag ich den Eingang nicht erzwingen, erwiederte die Edelfrau. Son⸗ derbar, daß dieſe Fuͤrſtinn, bei allem Tadel, den man mit Recht gegen ſie aufbringen kann, ſo viel Gewalt uͤber das Gemuͤth ihrer Diener hat. Maͤdchen, ich gebe dir mein Ehrenwort, daß ich zum Heil und zum Vortheil der Koͤni⸗ ginn komme. Wecke ſie, wenn du ſie liebeſt, und bitte ſie, mir den Eintzitt zu erlauben. Ich will indeſſen von der Thuͤre mich entfernen. Willſt du die Koͤniginn nicht wecken? fragte Marie Fleming. Was bleibt uns uͤbrig? ſprach Katharina mit ſchneller Faſſung. Oder haltet Ihr’s fuͤr 9 beſſer, zu warten, bis die Frau von Lochleven 4½ ſelber den Kammerfrauendienſt uͤbernimmt? Ihre Anwandlung von Geduld wird nicht lange aus⸗ halten, und die Koͤniginn muß ſich valte elsre ſi ſe zu empfangen. 6 Aber ſie wird ihren Anfall wieder bekom⸗ men, wenn du ſie aufſtoͤreſt. 4 Gott verhuͤte es! antwortete Katharina. Aber wenn es waͤre, muß es fuͤr eine Wirkung des Giftes gelten. Ich hoffe, es wird beſſer kommen, und wenn die Koͤniginn aufwacht, wird ſie in dieſer furchtbaren Lage ſelber eine Entſchei⸗ dung geben koͤnnen. Mittlerweile, liebe Fleming, ſeht Ihr ſo traͤge und unluſtig aus, als es euer munterer Geiſt nur erlauben will. Katharina kniete neben dem Bette der Ko⸗ niginn, und kuͤßte der Schlafenden ſo oft die Hand, daß dieſe endlich, ohne Unruhe, erwachte. Sie ſchien ſich zu wundern, daß ſie voͤllig ange⸗ zogen war, und als ſie ſich im Beite aufrich⸗ tete, zeigte ſie ſo viel ruhige Faſſung, daß Ka⸗ tharina Seyton glaubte, ihr ohne weitere Vor⸗ rede entdecken zu koͤnnen, in welcher Lage man ſich befand. Marie erbtaßte, und bekreuzte ſich mehrmahl, als ſie hoͤrte, in welcher drohenden Gefahr ſie geweſen war. Aber ſchnell flog ein Gedanke durch ihre Seele, und ſie uͤberſchaute 160 voͤllig ihre Lage mit allen Euſihan und Vor⸗ theilen die dabei waren. 3 Sie druͤckte das Maͤdchen liebevoll an ihre Bruſt, und ſprach nach ſchneller Berathung: „Wir koͤnnen nichts beſſeres thun, als den An⸗ ſchlag ausfuͤhren, den dein gluͤcklicher Witz und, deine kuͤhne Zuneigung entworfen haben. Heffne der Frau von Lochleven die Thuͤre. Sie ſoll ihres Gleichen finden in Liſt, wenn auch nicht in Treuloſigkeit. Liebe Fleming, ziehe den Vor⸗ hang veſt zu, und ſtelle dich dahinter. Du taugſt beſſer ins Ankleidezimmer, als auf die Buͤhne. Aber athme ſchwer, und wenn du willſſt, magſt du auch ein bischen ſtoͤhnen; ſo ſpielſt du deine Rolle vortrefflich. Horch! ſie kommen. Nun, Katharina von Medici, moͤge dein Geiſt mich beſeelen; ein kaltes nordiſches Gehirn iſt zu ſtumpf fuͤr dieſen Auftritt.“. Von Katharina Seyton gefuͤhrt, trat die Edelfrau ſo leiſe als ſie konnte, in das daͤm⸗ mernde Gemach, und naͤherte ſich dem Lager, wo Maria, matt und erſchoͤpft von einer ſchlaf⸗ loſen Nacht und von der heftigen Bewegung, — 161* die ſſe am Morgen dieſes Tages erfahren hatke, ſo traͤge ausgeſtreckt lag, daß die Wirthinn ihre baͤngſten Beſorgniſſe beſtaͤtigt zu ſehen glaubte. Gott vergebe uns unſte Suͤnden! ſprach die Edelfrau, und warf ſich, ihren Stolz ver⸗ geſſend, vor dem Bette auf ihre Kniee. Es iſt nur zu wahr— ſie iſt ermordet. „ Wer iſt im Zimmer? ſprach die Koͤniginn, als waͤre ſie aus ſchwerem Schlummer erwacht. Seyton— Fleming— wo ſeid Ihr? Ich hoͤrte eine fremde Stimme. Wer iſt da? Rufe Courzellee. Ach! ihre Gedanken ſind in Holyrood, wenn auch ihr Leib in Lochleven iſt. Verzeiht, gnaͤdigſte Frau, fuhr die Edelfrau fort, wenn ich eure Aufmerkſamkeit auf mich ziehe. Ich bin Margaretha Erskine, vom Hauſe Mar, ver⸗ maͤhlte Douglas von Lochleven. O unſre freundliche Wirthinn! ſprach die Koͤniginn. Sie ſorgt ſo eifrig fuͤr unſre Woh⸗ nung und unſre Nahrung. Wir fallen Euch zu ſehr und zu lange zur Laſt, gute Frau von Theil. III. I11 16²2 Lochleven, aber wir hoffen jetzt, eure gaſtfreund⸗ liche Bemuͤhung wird bald zu Ende ſein. Ihre Worte gehen mir wie ein Schwert durch die Seele, ſprach die Edelfrau. Mit ge⸗ brochenem Herzen bitte ich Euch, gnaͤdigſte Frau, ſaget mir, was Euch fehlet, auf daß wir Hilfe ſuchen, wenn's noch Zeit iſt. Was mir fehlt, iſt nicht der Rede werth, erwiederte die Koͤniginn, nicht werth, daß ein Arzt darauf achte. Es liegt mir ſo ſchwer in den Gliedern— ſo kalt um's Herz— Glieder und Herz einer Gefangenen ſind ſelten anders. Friſche Luft, glaub' ich, und Freiheit wuͤrden mich bald wieder beleben; aber da man es ſo verordnet hat, ſo kann nur der Tod die Pforten meines Kerkers oͤffnen. Waͤre es moͤglich, gnaͤdigſte Frau, daß Freiheit Euch wiederherſtellen koͤnnte, ich wollte dem Zorne des Regenten mich bloß ſtellen, dem Zorne meines Sohnes, ja aller meiner Freunde, ehe ich Euch in dieſem Schloſſe ſterben ließe. Ach, edle Frau, ſprach Marie Fleming, welche den Augenblick fuͤr guͤnſtig hielt, zu zeigen, ———-— —+ ——,— 163 daß man ihre Geſchicklichkeit zu geringe ange⸗ ſchlagen hatte: es kommt ja nur auf den Ver⸗ ſuch an, was Freiheit uns nutzen koͤnnte. Ich fuͤr mein Theil glaube, ein Gang auf den Ra⸗ ſenplatz druͤben wuͤrde mir gut bekommen. Die Edelfrau erhob ſich, und warf einen durchdringenden Blick auf die Kammerfrau: „Seid Ihr ſo unpaͤßlich?⸗ Unpaͤßlich freilich, erwiederte jene, zumahl ſeit dem Fuͤhſtuckk. Hilfe! Hilfe! rief Katharina, die gern eine Unterredung unterbrechen wollte, welche ihe rem Anſchlage nichts Gutes verkuͤndigte. Hilfe, ſag' ich! Die Koͤniginn wird wieder ohnmaͤch⸗ tig. Helft ihr, Frau von Lochleven, wenn Ihr ein weibliches Herz habt.— Die Edelfrau eilte, das Haupt der Koͤni⸗ ginn zu halten. Maria ſah ſie mit mattem Blicke an, und ſprach:„Ich danke Euch, theuerſte Frau von Lochleven. Was auch neuer⸗ lich vorgegangen iſt, ich habe eure Zuneigung zu unſerm Hauſe nie verkannt, oder bezweifelt. 164— Ihr habt ſie bewieſen, ehe ich geboren wurde, wie man mir geſagt hat. bns Die Edelfrau ſprang vom Boden dohe wo ſie wieder auf ihren Knieen gelegen hatte, und als ſie, heftig bewegt, durch das Zimmer ge⸗ gangen war, flog ſie zu dem Fenſter, als haͤtte⸗ ſie Luft ſchoͤpfen muͤſſen. Die heilige Jungfrau ſei mir gnäͤdig! ſprach Katharina zu ſich ſelber. Wie tief muß die Spottluſt uns Weibern in die Bruſt gepflanzt ſein, da die Koͤniginn, bei all ihrem Verſtande, ſich lieber dem Verderben ausſetzen, als ihren Witz zuͤgeln will. 1 Sie wagte es, indem ſie ſch zu der gäni⸗ ginn hinabbeugte, ihr den Arm zu druͤcken, und ſprach leiſe:„Um Gotteswillen, znädidſt Faau. maͤßigt Euch.“ Du biſt zu vorlaut, Maͤdchen! eusedeete die Koͤniginn, aber ſchnell ſetzte ſie mit leiſem Fliſtern hinzu: Vergib mir Katharina! Als ich die moͤrderiſche Hand der Hexe an meinem Kopfe und Halſe fuͤhlte, empfand ich einen ſol⸗ chen Ekel und Haß, daß ich etwas ſagen mußte, —— 155 ſonſt waͤre ich geſtorben. Aber ich werde ſchon mich beſſer betragen lernen; ſieh du nur darauf, daß ſie mich nicht wieder anruͤhrt. Nun, Gott ſei gelobt! ſprach die Edel⸗ frau, vom Fenſter ſich zuruͤckbeugend: das Boot kommt, ſo ſchnell als Segel und Ruder es trei⸗ ben koͤnnen. Es bringt den Arzt und eine Frau; ich glaube, eben dieſelbe, die ich habe ſuchen laſſen. Waͤre ſie nur auch erſt wieder aus dem Schloſſe, ohne Nachtheil unſrer Ehre, ſo wollte ich, ſie ſaͤße auf dem Gipfel des oͤde⸗ ſten Berges in Norwegen— oder waͤre ich nur ſelber da geweſen, ehe ich mich ſo gebunden hatte! Als ſie am Fenſter ſtehend, ſo zu ſich ſel⸗ ber ſprach, beobachtete Roland an dem andern das Boot, welches ſchnell durch die ſchaͤumen⸗ den Wellen des Sees ſchnitt. Auch er ſah als⸗ bald, daß Doctor Lundin in ſeinem ſchwarzen Sammetmantel im Spiegel des Bootes ſaß, ſeine Großmutter aber, als Mutter Nic⸗Ne⸗ ven, im Vordertheile ſtand, die gefalteten Haͤnde gegen das Schloß erhebend, und ſelbſt in dieſer 166— Entfernung ſah man, wie ihre Gebehrde das ſchwaͤrmeriſche Verlangen ausdruͤckte, auf der Inſel zu landen. Das Boot legte endlich an. Die vermeinte Hexe ward in einem Zimmer des Erdgeſchoſſes zuruͤck gehalten, waͤhrend man den Arzt in das Zimmer der Koͤniginn fuͤhrte, wo er mit gebuͤhrender Feierlichkeit erſchien. Katharina war unterdeſſen von dem Ruhebette der Koͤniginn zuruͤck getreten, und benutzte eine Gelegenheit, dem Edelknaben zuzufliſtern:„Mich daͤucht, nach dem abgetragenen Sammetmantel und dem ehrwuͤrdigen Barte zu urtheilen, wird es nicht allzuviel Muͤhe koſten, dieſen Pinſel im Zaume zu halten. Aber, deine Großmutter, Roland— ſie wird uns durch ihren Eifer zu Grunde richten, wenn wir ihr nicht einen Wink geben koͤnnen, ſich zu verſtellen.“ Roland ſchlich ſich, ohne zu antworten, zur Thuͤre, eilte durch das Wohnzimmer und kam ſicher in den Vorſaal; als er aber weiter gehen wollte, ſah er zwei mit Karabinern be⸗ waffnete Maͤnner, und das Wort: Zuruͤck! zuruͤck! uͤberzeugte ihn, daß die Edelfrau in 167 4 ihrer Beſtuͤrzung doch ihren Argwohn nicht ver⸗ geſſen, ſondern die Vorſicht gehabt hatte, ihre Gefangenen durch Schildwachen huͤten zu laſſen. Er ging wieder in das Wohnzimmer zuruͤck, wo die Edelfrau mit dem Arzte ſich berieth. Bleibt mir mit eurem Kauderwelſch und euren feierlichen Poſſen vom Leibe, Lundin! Kannſt du mir ſagen, ob dieſe Frau etwas Un⸗ geſundes genoſſen hat? Das muß ich ſogleich wiſſen. 2 1 Nein— aber beßte gnaͤdige Frau— ge⸗ eehrte Goͤnnerinn, der ich mit meinen Faͤhigkei⸗ ten, wie mit meinen Dienſten, treulich ergeben bin— ſeid nur billig gegen mich. Wenn dieſe meine erlauchte Kranke, auf keine Frage anders, als mit Seufzen und Stoͤhnen antwortet—— wenn die andre geehrte Frau, oder Fraͤulein mich nur angaͤhnt, ſo oft ich nach den Zeichen der Krankheit forſche, und wenn das andre junge Fraͤulein, ſo wahrlich ein artiges Maͤgd⸗ lein iſt— 3 3 Schwatzt nicht von Artigkeit, oder von Fraͤulein, ſprach die Frau von Lochleven: ich 1 166— frage, ob ſie ſich uͤbel befinden. Mit einem Worte, haben ſie Gift bekommen, oder nicht? Gifte, edle Frau, ſprach der gelehrte Sohn des Aeskulap: ſind von verſchiedener Art. Da gibt es ein thieriſches Gift, wie der Lepus marinus, deſſen Dioskorides und Galenus er⸗ waͤhnen— da gibt es mineraliſche und halb mineraliſche Gifte, als da ſind die Zuſammen⸗ ſetzungen von ſublimirtem Spießglanzkoͤnig, Vi⸗ triol und Arſenik— Salzen— da gibt es ferner Gifte von Kraͤutern und Gewaͤchſen, zum Exempel Aqua cymbalariae, Opium, Sturm⸗ hut und dergleichen mehr— da gibt es auch— O uͤber den gelehrten Narren! ſprach die Edelfrau. Daß ich auch von einem ſolchen Stocke heilſamen Rath erwarten wollte! O gnaͤdige Frau, wenn Ihr doch nur Ge⸗ duld haben wolltet! Wenn ich wuͤßte, was ſie zu ſich genommen haben, oder auch nur die Reſte von den Speiſen ſehen koͤnnte, wovon ſie zuletzt gegeſſen, inmaßen ich aus den aͤußern und innern Symptomen nichts erſehen kann, denn wie Ga⸗ lenus ſagt— —; — 169 Hinweg, Narr! ſprach die Edelfrau. Schicke mir die Hexe her. Sie ſoll geſtehen, was ſie dem Elenden gegeben hat, oder die Daumſchrauben ſollen's ihr aus den Fingerſpitzen preſſen. 13 3 Die Kunſt hat keinen Veraͤchter, als den Unwiſſenden, ſprach empfindlich der Arzt, war aber klug genug, ſeine Bemerkung unter der lateiniſchen Ueberſetzung zu verſchleiern, und zog ſich in eine Ecke des Zimmers zuruͤck, um den Erfolg zu beobachten. Nach einigen Minuten trat Magdalena Graͤme herein. Sie war gekleidet, wie wir ſie bei dem laͤndlichen Feſte geſehen haben, aber ſie hatte ihren Schleier zuruͤck geworfen, und war gar nicht mehr bemuͤht, ſich zu verſtellen. Zwei Waͤchter, deren Gegenwart ſie nicht zu bemer⸗ ken ſchien, folgten ihr mit einer Scheu und Aengſtlichkeit, die wahrſcheinlich durch den Glau⸗ ben an die uͤbernatuͤrlichen Gaben der Frau, welche uͤberdieß ein ſo kuͤhnes entſchloſſenes Be⸗ nehmen zeigte, erweckt wurden. Sie trat vor 9120 die Edelfrau, die mit hoher Verachtung die dreiſte Zuverſicht in dem Blicke und Benehmen der Alten zu ertragen ſchien. Ungluͤckſeliges Weib! ſprach die Burgher⸗ rinn, als ſie eine Weile es verſucht hatte, die Alte durch den ſtolzen Ernſt ihres Blickes nie⸗ derzuſchlagen: was fuͤr ein Pulver haſt du einem Diener dieſes Hauſes, Nahmens Robert Dry⸗ fesdale, gegeben, auf daß er damit eine lang⸗ ſame und heimliche Rache befriedige? Bekenne deſſen Natur und Eigenſchaften, oder— bei der Ehre des Hauſes Douglas! ich laſſe dich verbrennen, ehe die Sonne tiefer ſteht. Ach! erwiederte Magdalena Graͤme, und ſeit wann war ein Douglas, oder eines Dou⸗ glas Dienſtmann, ſo leer an Mitteln zu Rache, daß er ſie bei einer armen und verlaſſenen Frau ſuchen ſollte? Die Thuͤrme, worin eure Gefan⸗ genen in's unbeweinte Grab ſich abhaͤrmen, ſtehen noch veſt auf ihren Grundmauern; die Verbrechen, ſo darin veruͤbt werden, haben deren Gewoͤlbe noch nicht geſprengt; eure Dienſtleute — haben noch ihre Armbruͤſte, ihre Piſtolen und Dolche— warum brauchet Ihr Kraͤuter und Zaubermittel zu ſuchen zur Vollziehung eurer Hoͤre mich, ſchaͤndliche Hexe! ſprach die Burgherrinn. Aber was hilft's, mit dir zu reden! Bringt Dryfesdale her, und ſtellt beide einander gegenuͤber. Ihr koͤnnt euren Leuten die Muͤhe erſpa⸗ ren, erwiederte Magdalena. Ich bin nicht hie⸗ her gekommen, einem elenden Knechte gegenuͤber zu ſtehen, noch auf die Fragen von Jakob's ketzeriſcher Buhlinn zu antworten. Ich bin ge⸗ 8 kommen, mit der Koͤniginn von Schottland zu ſprechen. Platz da!. Waͤhrend die Edelfrau durch die Kuͤhnheit der Alten, und den Vorwurf, welchen ſie hatte anhoͤren muͤſſen, aus der Faſſung gebracht war, ſchritt Magdalena Graͤme ſtolz an ihr voruͤber, und ging in das Schlafgemach der Koͤniginn, wo ſie, niederknieend, bei ihrem Gruße nach morgenlaͤndiſcher Sitte die Erde faſt mit der Stirne beruͤhrte. 172— Heil dir, Fuͤrſtinn! ſprach ſie, Heil dir, von vielen Koͤnigen entſproſſen! Aber du biſt erhaben uͤber ſie alle, weil du berufen biſt, fuͤr den wahren Glauben zu leiden! Heil dir, denn das reine Gold deiner Krone iſt gepruͤft worden im ſiebenmal geheitzten Ofen der Truͤbſal! Hoͤre den Troſt, den Gott und die heilige Jungfrau dir ſenden durch den Mund deiner unwuͤrdigen Dienerinn. Aber zuerſt— fuhr ſie fort, und indem ſie ihr Haupt ſenkte und mehrmahl mit dem Kreuze ſich bezeichnete, ſchien ſie ſchnell ein Gebet zu ſprechen. Greift ſie und fort mit ihr ins Gefaͤng⸗ niß! In den tiefſten Kerker mit der Zauberinn, der nur ihr Herr, der Teufel, die Kuͤhnheit eingeben konnte, die Mutter eines Douglas in ihrem eigenen Schloſſe zu beſchimpfen. So ſprach heftig die Burgherrinn, aber der Arzt wagte es, ſich ins Mittel zu legen.„Ich bitte Euch, gnaͤdige Frau, ſprach er, laßt ſie ohne Unterbrechung reden. Vieleicht erfahren wir von ihr etwas uͤber das Arcanum, ſo ſie, gegen das Geſetz und gegen die Regeln der — 173 Kunſt, dieſen Frauen durch Vermittelung des Haushofmeiſters Dryfesdale beigebracht hat.“ Fuͤr einen Thoren haſt du klug gerathen, erwiederte die Edelfrau, ich will meinen Unmuth beherrſchen, bis ihre Unterredung geendigt iſt. Gott verhuͤte es, geehrteſte Frau, ſprach Lundin, daß Ihr ihn laͤnger unterdruͤcken ſolltet; inmaßen nichts euern geehrten Leib mehr gefaͤhr⸗ den koͤnnte. Iſt Zauberei dabei, ſo iſt, nach der Meinung des Volkes, und ſelbſt gruͤndlicher Schriftſteller uͤber die Daͤmonologie, eine Gabe von drei Skrupeln von der Aſche einer gehoͤrig verbrannten Hexe ein großes Hauptmittel in ſolchen Faͤllen, ſo wie orinis canis rabidi, das Haar des tollen Hundes, bei der Waſſer⸗ ſcheu verſchrieben wird. Ich billige keine von beiden Kurarten, inmaßen ſie gegen die Regeln der Schule ſind; es kann jedoch in gegenwaͤrti⸗ gem Falle nicht ſchaden, es an der alten Hexe und Quackſalberinn zu erproben;— Fiat ex*- perimentum in corpore vili, pflegen wir zu ſagen. 8 174 Schweige, Narr! fiel die Edelfrau ein. Sie will ſprechen. In dieſem Augenblicke ſtand Magdalena Graͤme auf, und ihr Geſicht zu der Koͤniginn wendend, ſchritt ſie vor, ſtreckte ihren Arm aus, und zeigte den Blick und die Gebehrde einer wahnſinnigen Sybille. Ihr graues Haar wallte unter der Haube hervor, ihr Auge ſchoß Flammen unter den ſtruppigen Brauen, und die Wirkung ihrer ausdruckvollen, wenn auch hagern Zuͤge ward durch eine, an Raſerei graͤnzende Begeiſterung erhoͤht. Ihr Anblick erweckte Furcht bei Allen, die zugegen waren. Ihr Auge blickte eine Zeitlang wild uniher, als haͤtte ſie Bei⸗ ſtand geſucht, um die Kraft ihrer Redegabe zu ſammeln, und ihre Lippen bewegten ſich zitternd, wie bei Jemand, der zu ſprechen wuͤnſcht, aber die Worte, welche ſich ihm darbieten, als unpaſ⸗ ſend verwirft. Selbſt die Koͤniginn wurde, wie von einem geheimen Einfluſſe ergriffen, und in ihrem Bette ſich aufrichtend, konnte ſie ihr Auge nicht von der Alten abziehen, und wartete, wie auf einen Orakelſpruch. Sie brauchte nicht 175 lange zu harren, und kaum hatte die Schwaͤr⸗ merinn ſich geſammelt, ſo ward ihr Blick veſt, aus ihren Zuͤgen ſprach entſchloſſene Kraft, und ſo bald ſie zu reden begann, ſtroͤmten ihr die Worte mit einer Gelaͤuſigkeit vom Munde, die fuͤr Begeiſterung haͤtte gelten koͤnnen, und die ſie vielleicht ſelber dafuͤr hielt. Erhebe Dich, ſprach ſie, Koͤniginn von Frankreich und England! rief ſie aus. Erhebe dich, Loͤwinn von Schottland, und ſei nicht erſchrocken, wenn auch die Netze der Jaͤger dich umgarnen. Laſſe dich nicht herab, dich zu ver⸗ ſtellen gegen die Falſchen, die du bald im Felde ſehen ſollſt. Der Erfolg der Schlacht liegt in der Hand des Gottes der Heerſchaaren, aber durch Schlacht ſoll deine Sache gepruͤft werden. Drum lege ab die Kuͤnſte gemeiner Sterbli⸗ chen, und nimm diejenigen an, die einer Koͤni⸗ ginn ziemen. Redliche Vertheidigerinn des allein wahren Glaubens, die Ruͤſtkammer des Him⸗ mels ſtehet dir offen. Treue Tochter der Kirche, nimm die Schluͤſſel des heiligen Petrus, zu binden und zu loͤſen! Fuͤrſtinn dieſes Landes, 176— nimm das Schwert des heiligen Paulus, zu verwunden und zu ſchiagen! Es iſt Dunkelheit in deinem Schickſale, aber nicht in dieſer Burg, nicht unter dem Gebote ihrer ſtolzen Herrinn, ſoll dein Schickſal erfuͤllet werden. In andern Laͤndern mag die Loͤwinn ſich beugen unter der Gewalt der Tiegerinn, aber nicht in ihrem eige⸗ nen,— nicht in Schottland ſoll Schottlands Koͤniginn lange gefangen liegen, und das Schick⸗ ſal der koͤniglichen Stuart iſt nicht in die Hand des Verraͤthers Douglas gegeben. Mag die Herrin von Lochleven ihre Riegel verdoppeln, und ihre Kerker vertiefen— ſie ſollen dich nicht halten. Jedes Element ſoll dir ſeinen Beiſtand geben, ehe du laͤnger gefangen biſt; das Land ſoll ſein Erdbeben leihen, das Waſſer ſeine Wo⸗ gen, die Luft ihre Stuͤrme, das Feuer ſeine verzehrenden Flammen, dieſes Haus zu verwuͤ⸗ ſten, ehe es laͤnger der Ort deiner Gefangen⸗ ſchaft ſein ſoll. Hoͤret dieß und bebet, Ihr Alle, ſo Ihr gegen das Licht kaͤmpfet, denn ſie ſagt es, der es geoffenbart wurde. — — 177 Sie ſchwieg, und der erſtaunte Arzt hob an:„Gab es je eine Beſeſſene in unſern Ta⸗ gen, ſo ſpricht ein Teufel mit der Zunge dieſes Weibes.* Liſt! rief die Edelfrau, ſich von ihrer Ueber⸗ raſchung erhohlend: nichts als Liſt und Trug! In den Kerker mit ihr! Frau von Lochleven, ſprach Maria, von dem Bette aufſtehend, und trat mit ihrer ge⸗ woͤhnlichen Wuͤrde vor: ehe Ihr in unſrer Ge⸗ genwart Jemanden verhaften laſſet, hoͤret mich an. Ich habe Euch unrecht gethan. Ich hielt Euch fuͤr einverſtanden mit dem Mordanſchlage eures Dienſtmannes, und ich taͤuſchte Euch, als ich Euch in dem Glauben ließ, er habe Wirkung gehabt. Ich that Euch unrecht, Frau von Loch⸗ leven, denn ich ſehe, Ihr hattet die aufrichtige Abſicht, mir zu helfen. Wir haben nicht von dem Tranke genoſſen, und ſind auch nicht krank, außer daß wir nach Freiheit ſchmachten. Ein Geſtaͤndniß, wie's Marta von Schott⸗ land ziemt! ſprach Mandalena Graͤme. Aber wiſſet, ſelbſt wenn die Koͤniginn den Trank bis Theil III. 12 178 auf die Hefen geleert haͤtte, er waͤre ſo unſchäͤd⸗ lich geweſen, als Waſſer aus einem heiligen Quell. Glaubet Ihr, ſtolze Frau, fuhr ſie fort, ſich zu der Burgherrinn wendend: ich— ich waͤre ſo elend geweſen, einem Diener oder Knechte des Hauſes Lochleven Gift in die Hand zu geben, da ich wußte, wer in dem Hauſe wohnte? Eben ſo wenig, als ich Gift zur Ermordung meiner Tochter gereicht haͤtte. Und man hat mich in meinem eignen Schloſſe geneckt? rief die Edelfrau. In den Kerker mit ihr! Sie ſoll erfahren, was denje⸗ nigen gebuͤhrt, die Gifte verkaufen und mit Zaubermitteln ſich abgeben. Hoͤret mich einen Augenblick an, ſprach Maria zu der Edelfrau, und zu Magdalena ſich wendend: Schweigt, ich befehle es Euch!— Euer Haushofmeiſter, Frau von Lochleven, hat 4 nach ſeinem Eingeſtaͤndniſſe einen Anſchlag gegen mein und meiner Dienſtleute Leben gemacht, und dieſe Frau hat ihr Beßtes gethan, uns zu retten, als ſie ihm twas Unſchaͤdliches gab, ſtatt des Giftes, das er erwartete. Ich glaube, — 179 Euch einen redlichen Tauſch anzubieten, wenn ch Euch ſage, ich verzeihe eurem Diener von ganzem Herzen und uͤberlaſſe die Rache Gott und dem Gewiſſen des Menſchen, wofern Ihr dieſer Frau ihre Kuͤhnheit in eurer Gegenwart vergebet. Ich hoffe doch, Ihr werdet es nicht fuͤr ein Verbrechen halten, daß ſie ein unſchul⸗ diges Mittel, ſtatt des verderblichen, gegeben hat, das unſern Becher vergiften ſollte? Gott verhuͤte, gnaͤdigſte Frau, daß ich fuͤr ein Verbrechen halten ſollte, was das Haus Douglas vor einer ſchaͤndlichen Verletzung der Ehre und des Gaſtrechtes bewahrt hat. Wir haben unſerm Sohne das Verbrechen unſers Dieners berichtet, und er wird ihm das Urtheil ſprechen, das wahrſcheinlich Todesſtrafe ſein wird. Dieſes Weibes Gewerbe aber wird von der hei⸗ ligen Schrift verdammt, und mit dem Tode be⸗ droht durch die weiſen Geſetze unſrer Vorfahren — und auch ſie muß ihr Urtheil empfangen. Und habe ich denn keinen Anſpruch an das Haus Lochleven fuͤr das Unrecht, das ich in ſeinen Mauern bald erlitten haͤtte? Ich fodre 180 zur Vergeltung nichts als das Leben eines ſchwa⸗ chen, bejahrten Weibes, deſſen Verſtand, wie Ihr ſelber einſehen koͤnnt, durch Alter und Lei⸗ den gelitten zu haben ſcheint? Iſt Frau Maria, erwiederte die unbeug⸗ ſame Burgherrinn, in dem Hauſe Douglas be⸗ droht geweſen, ſo mag es als eine Vergeltung dafuͤr angeſehen werden, daß ihre Raͤnke einem geachteten Sohne dieſes Hauſes Verbannung zugezogen Haben. Sprecht nicht mehr fuͤr mich, gnädigſte Koͤniginn, ſprach Magdalena, und erniedrigt Euch nicht, auch nur ein graues Haar meines Hauptes von ihrer Hand zu begehren. Ich wußte, welche Gefahr es fuͤr mich hatte, meis aner Kirche und meiner Koniginn zu dienen, und war ſtets bereit, mein armes Leben als Loͤſegeld darzubringen. Aber es troͤſtet mich der Gedanke, wenn man mich toͤdtet, oder meine Freiheit ein⸗ ſchraͤnkt, oder auch nur eines meiner grauen Haare kraͤnkt, ſo wird dieſes Haus, auf deſſen Ehre ſie ſo ſtolz iſt, das Maaß ſeiner Schande *A 181 erfuͤllen durch den Bruch eines feierlich verſproche⸗ nen ſichern Geleites. Mit dieſen Worten zog ſie eine Schrift her⸗ vor, welche ſie der Koͤniginn uͤberreichte. Es iſt ein feierliches Verſprechen der Si⸗ cherheit fuͤr Leib und Leben, ſprach Maria, mit voller Freiheit hin und her zu gehen, von dem Schloßaufſeher in Kinroß ausgeſtellt fuͤr Mag⸗ dalena Graͤme, genannt Mutter Nie⸗Neven, in Erwaͤgung, daß ſie eingewilligt habe, ſich auf vier und zwanzig Stunden, wo es verlangt werden ſollte, in dem Schloſſe Lochleven zu ſtellen. Schaͤndlich! rief die Edelfrau, ſich zu Lukas Lundin wendend: Wie habt Ihr Euch unter⸗ ſtehen koͤnnen, Ihr ſolchen Schutz zu gewaͤhren? Auf euren Befehl, gnaͤdige Frau, wie ich: ihn durch Randal erhalten habe, der es bezeu⸗ gen kann. Ich bin hier gleichſam nur der Apo⸗ theker geweſen, der die Arzeneien nach dem Re⸗ zepte des Arztes macht.— Ja, ich erinnere mich, erwiederte die Edel⸗ frau, aber ich wollte die Verſicherung nur ſo ver⸗ 182 ſtanden wiſſen, daß dieſe Frau, im Falle ſie unter fremder Gerichtsgewalt wohnte, nicht von uns ergriffen werden ſollte. Die Frau von Lochleven, hob die Koͤniginn wieder an, iſt indeſſen gebunden durch die Ver⸗ ſicherung, die ihr Bevollmaͤchtigter ausgeſtellt hat. Das Haus Douglas hat noch nie ein ſicheres Geleit verletzt, und wird es nie thun, ſprach die Edelfrau. Zu ſehr hat es ſelber ge⸗ litten durch einen ſolchen Treubruch, den es erdulden mußte, als Euer Gnaden Ahnherr, Jacob der Zweite, trotz des Gaſtrechtes und trotz ſeines eigenhaͤndigen Geleitsbriefes, den tapfern Grafen Douglas mit eigener Hand erſtach, wenige Schritte von dem geſelligen Tiſche, wo Douglas kurz vorher als des Koͤnigs von Schottland geehrter Gaſt geſeſſen hatte. Wenn man an dieſes ſo neue und ſchreck⸗ liche Trauerſpiel denkt, ſprach die Koͤniginn gleichgiltig, das wohl ein paar Schock Jahre alt ſein mag, ſo moͤchte man glauben, die Glie⸗ der des Hauſes Douglas ſollten weniger hart⸗ näckig an der Geſellſchaft ihrer Fuͤrſten gehangen —— —-— haben, als Ihr an der meinigen zu hangen ſcheint. Randal ſoll die Hexe an's Land zuruͤckbrin⸗ gen und in Freiheit ſetzen, befahl die Edelfrau ihren Dienſtleuten, aber in Zukunft ſoll ſie ſich nicht in unſerm Gebiete betreten laſſen, bei Lebensſtrafe. Eure Weisheit, ſprach ſie darauf zu Lundin, ſoll ihr Geſellſchaft leiſten. Fuͤrch⸗ tet nichts fuͤr euren Ruf davon; denn muß man auch zugeben, daß ſie eine Hexe iſt, ſo waͤre es doch nur Holzverſchwendung, Euch zu ver⸗ brennen, Ihr ſeid ja— kein Hexenmeiſter. Der kleinlaute Schloßvogt wollte ſich ent⸗ fernen, aber Magdalena Graͤme war im Begriffe, eine Antwort zu geben, als die Koͤniginn ihr zuvor kam.„Gute Mutter, ſprach ſie, wir danken Euch herzlich fuͤr den aufrichtigen Eifer, womit Ihr uns anhanget, und bitten Euch, daß Ihr von allem ablaſſet, was Euch in per⸗ ſönliche Gefahr bringen koͤnnte. Es iſt unſer Wille, daß Ihr dieſes Schloß verlaſſet, ohne noch ein Wort zu ſagen. Fuͤr jetzt nehmt zum Lohne dieſes Neliquienkaͤſtchen; es iſt ein Geſchenk 184 unſres Oheims, des Kardinals, und der heilige Vater ſelber hat es geweiht. Nun, entfernt Euch ruhig und ſchweigend.“ Die Koͤniginn wendete ſich darauf zu dem Arzte, der ſie mit einer Verbeugung begruͤßte, worin ſeine doppelte Verlegenheit ſichtbar war; denn durch die Gegenwart der Koͤniginn geſchreckt, war er beſorgt, zu wenig zu thun, und das Miß⸗ fallen ſeiner Gebieterinn mußte er fuͤrchten, wenn er zu viel that.„Gelehrter Herr, ſprach die Koͤniginn zu ihm, es war nicht euere Schuld, ſondern nur unſer gutes Gluͤck, daß wir eurer Geſchicklichkeit fuͤr jetzt nicht bedurften, aber es wuͤrde ſich dennoch nicht ziemen, wenn wir unſern Arzt entließen, ohne eine Belohnung, wie wir in unſern Umſtaͤnden ſie anbieten koͤnnen.“ Bei dieſen Worten reichte ſie mit der An⸗ muth, die ihr nie fehlte, wiewohl dießmahl ein wenig Spott darunter lauern mochte, dem Arzte ein geſticktes Geldbeutelchen. Mit gekruͤmmtem Ruͤcken ſtreckte er die Finger aus, die Gabe der ſchoͤnen und erlnuchten Hano anzunehmen, als die Edelfrau einen Blick auf ihn warf, und 185 mit lauter Stimme ſprach:„Kein Diener unſe⸗ res Hauſes, wenn er nicht ſogleich ſeine Ent⸗ laſſung erhalten und uͤberdieß unſer hoͤchſtes Mißfallen ſich zuziehen will, ſoll ſich unterſtehen, ein Geſchenk von Frau Maria von Schottland anzunehmen.“ Traurig und langſam erhob Lundin ſeine gebuͤckte Geſtalt wieder zu der lothrechten Stel⸗ lung und ging niedergeſchlagen hinaus. Ehe Magdalena ihm folgte, kuͤßte ſie mit ſtummer, aber ausdruckvoller Gebehrde das Reliquienkaͤſt⸗ chen, das die Koͤniginn ihr geſchenkt hatte, und die gefalteten Haͤnde und das aufgeſchlagene Auge zum Himmel erhebend, ſchien ſie Segen auf die koͤnigliche Gefangene herabzuflehen. Als ſie das Schloß verließ, und ſich dem Ufer naͤherte, wo das Boot lag, trat ihr Roland in den Weg, um ihr, wo moͤglich, ein Paar Worte zu ſagen, und es waͤre ihm ohne Zweifel gelungen, da Niemand als der niedergeſchlagene Schloßvogt und ſeine Helbardiere ſie bewachten, haͤtte es nicht geſchienen, als ob ſie den Befehl der Koͤniginn, die ihr Schweigen geboten, im ſtrengſten und 3 186 buchſtaͤblichen Sinne nehmen wollte; denn auf ſeine wiederhohlten Winke legte ſie, ſtatt aller Antwort, den Finger auf den Mund. Lundin war nicht ſo zuruͤckhaltend. Der Verluſt des huͤbſchen Geſchenkes, und die Selbſt⸗ verlaͤugnung, die er gezwungen ſich hatte aufle⸗ gen muͤſſen, machten ihm tiefen Kummer.„So wird das Verdienſt belohnt, lieber Freund, ſprach er, dem Edelknaben beim Abſchiede die Hand druͤckend. Ich kam, dieſe ungluͤckliche Frau zu heilen— und ich geſtehe, ſie verdiente die Muͤhe; denn man ſage, was man wlll, ſie hat ein ſehr einnehmendes Weſen, eine ſuͤße Stimme, ein holdes Laͤcheln, und weiß die Hand gar majeſtaͤtiſch zu bewegen. Sagt mir, liober Junker Roland, iſt's meine Schuld, daß ſie nicht vergiftet war? Ich war ja bereit, ſie zu heilen, wenn's geſchehen waͤre. Und nun erlaubt man mir nicht, meinen wohl verdienten Ehren⸗ ſold anzunehmen! O Galenus! O Hippokra⸗ tes! iſt es ſo weit gekömmen mit des Doctor's Hut und Mantel!“ —— Ihr davon haltet, gnaͤdige Frau, aber auswaͤrts 187 VII. Nach dem angreifenden Auftritte im Zim⸗ mer der Koͤniginn, ging die Edelfrau in ihr eigenes Gemach, und gab Befehl, den Haus⸗ hofmeiſter zu rufen. Hat man dich nicht entwaffnet, Dryfes⸗ dale? ſprach ſie, als er, wie gewoͤhnlich, mit Degen und Dolch herein trat. Nein! erwiederte der Alte. Wie haͤtte man's auch thun ſollen! Als Ihr, gnaͤdige Frau, mich zur Haft ſchicktet, ſagtet Ihr nicht, daß ich meine Waffen ablegen ſollte, und ich denke, Niemand von euren Dienſtleuten wird es ohne euren, oder eures Sohnes Befehl wa⸗ gen, mir in ſolcher Abſicht nahe zu kommen. Soll ich Euch meinen Degen nun uͤbergeben? Jetzt iſt er wenig mehr werth; er hat ſo lange fuͤr euer Haus gefochten, daß er nicht beſſer iſt, als des Tafeldeckers altes Vorlegemeſſer. Ihr habt ein todeswuͤrdiges Verbrechen verſucht— Gift dem anvertrauten Gaſte! Anvertraut! Hm! Ich weiß nicht, was 188— meinen die Leute, man habe Euch das Anver⸗ traute gerade zu dem Zwecke uͤberliefert. Es waͤre gut fuͤr Euch geweſen, wenn's ſo geendigt haͤtte, als ich's vorſchlug. Elender! Und ſo thoͤrig als ſchlecht, daß Ihr nicht einmahl das beſchloſſene Verbrechen vollziehen konntet. Ich habe alles gethan, was man von einem Menſchen fodern kann. Ich ging zu einem Weibe, einer Hexe und einer Papiſtinn. Ich habe kein Gift erhalten, weil's anders vor⸗ her beſtimmt war. Ich habe mir redlich Muͤhe darum gegeben, aber die halb gethane Verrich⸗ tung kann auch vollendet werden, wenn Ihr wollt. 3 Elender! Ich bin eben dabei, einen Bo⸗ ten an meinen Sohn zu ſchicken, damit er ver⸗ fuͤge, was mit dir geſchehen ſoll. Bereite dich zum Tode, wenn du kannſt. 8 Wer den Tod als etwas anſieht, das er nicht vermeiden kann, und das ſeine beſtimmte und gewiſſe Stunde hat, der iſt immer bereit. Wer im Mai gehaͤngt werden ſoll, ißt keinen —— 189 Eierkaͤſe am Johannestage.— Aber wen wol⸗ let Ihr abſenden? An Boten wird's nicht fehlen, erwiederte die Edelfrau. 8 Ja wahrlich, es wird fehlen, erwiederte der Alte. Euer Schloß hat keine Leute uͤbrig, da Ihr wegen dieſer Frau ſo viele Wachen zu beſetzen habt. Den Waͤchter und zwei Andte habt Ihr ja entlaſſen, weil ſie's mit Junker Georg gehalten haben. Die Leute muͤſſen ſchon in ihren Kleidern ſchlafen, und wenn Ihr noch Einen fortſchicken wollet, ſo koͤnnen ſie den Wachdienſt nicht mehr beſorgen, ohne zu erlie⸗ gen. Friſches Kriegsvolk einzunehmen, das iſt gefährlich; der Dienſt fodert gepruͤfte Leute. Ich ſehe nur ein Mittel— ich ſelber will die Bot⸗ ſchaft an den Herrn Ritter ausrichten. Nun, das waͤre wahrlich eine Hilfe. Aber an welchem Tage binnen zwanzig Jahren wuͤrde es geſchehen? 5 4 So ſchnell als Mann und Pferd fortkom⸗ men koͤnnen. Mir liegt wenig an den letten Tagen von eines alten Dieners Leben, aber ich 190 moͤchte doch gern ſo bald als moͤglich wiſſen, ob mein Hals mir, oder dem Henker gehoͤrt. Achteſt du dein eigenes Leben ſo geringe? Sonſt habe ich mich mehr um andrer Le⸗ ben bekuͤmmert. Was iſt denn Tod? Aufhoͤ⸗ ren zu leben. Und was iſt Leben? Ein lang⸗ weiliger Wechſel von Hell und Dunkel, Schla⸗ fen und Wachen, Hungern und Eſſen. Eure todten Dienſtleute brauchen weder Licht, noch Krug, weder Feuer, noch Bett, und des Tiſch⸗ lers Kaſten iſt fuͤr ſie die ewige Livrei. Unglucklicher Menſch! glaubſt du nicht an ein Gericht nach dem Tode? Gnaͤdige Frau, Ihr ſeid meine Gebiete⸗ rinn, drum darf ich nicht gegen eure Worte ſtreiten, aber Ihr ſeid, geiſtlicher Weiſe zu ſpre⸗ chen, nur noch unter den Ziegelbrennern im Lande Aegypten und kennt nicht die Freiheit der Heiligen. Derjenige kann nicht ſuͤndigen, der bloß vollbringt, was vorher beſtimmt war, ſo lehrte mich— — 191 Schweige! Antworte mir nicht mit den Lehren der Gotteslaͤſterer. Hoͤre, du biſt ein alter Diener unſeres Hauſes— Ein geborner Diener des Hauſes Douglas. Es hat die beßte Zeit von meinem Leben gehabt. Dein ſchaͤndlicher Anſchlag iſt mißlungen, und du haſt nur durch den Vorſatz dich ſchul⸗ dig gemacht. Du verdienteſt, an dem Wart⸗ thurm aufgehaͤngt zu werden, aber bei deiner jetzigen Gemuͤthſtimmung hieße das, deine Seele dem Teufel uͤbergeben. Ich nehme dein Erbie⸗ ten an. Mache dich auf den Weg. Hier iſt mein Sendſchreiben. Ich will nur noch eine Zeile hinzu fuͤgen, und meinen Sohn erſuchen, mir noch ein paar treue Diener zur Bewachung des Schloſſes zu ſenden. Er mag mit dir thun, was ihm beliebt. Biſt du klug, ſo wirſt du das Sendſchreiben durch einen Andern uͤber⸗ reichen laſſen, ſo bald du an Ort und Stelle biſt; ſorge nur, daß es nicht verloren gehe. Nein, gnaͤdige Frau, ich bin ein geborner Diener des Hauſes Douglas, und will kein Rabenbote ſein in meinen alten Tagen. Eure 3 192—— 7 Botſchaft ſoll ſo treulich ausgerichtet werden, als ob's eines andern Menſchen Hals anginge. Die Edelfrau gab ihre Befehle und der Haushofmeiſter ward ans Geſtade gebracht, um ſeinen ſeltſamen Botengang anzutreten. Als er im Dorfe ankam, erhielt er, obgleich ſeine Ungnade bereits bekannt war, doch durch den Schloßvogt alsbald ein Pferd, und da man die Straße fuͤr unſicher hielt, ſo geſellte er ſich zu dem Landfuhrmann, um mit ihm nach Edin⸗ burgh zu reiſen. Dem Fuhrmanne fehlte es, wie allen Wagenfuͤhrern ſeit den aͤlteſten Zeiten, nie an einem guten Grunde, ſich unterwegs aufzuhalten, wie oft und wo es ihm beliebte, und der anziehendſte Ruheplatz fuͤr ihn war eine Schenke, nicht weit von dem Eingange eines anmuthigen Thales. Als man hier ankam, bot der alte Haushofmeiſter vergebens ſein, ohnehin ſchon geſchwaͤchtes Anſehen auf, ſeinen Reiſege⸗ faͤhrten vom Verweilen abzuhalten. Der Wirth empfing den Fuhrmann mit ſeiner gewoͤhnlichen Herzlichkeit, und fuͤhrte ihn ins Haus, unter dem Vorwande eines wichtigen Geſchaͤftes, das = 3 in dem Koſten eines neu angekommenen Brannt⸗ weins beſtand. Der verlaſſene Haushofmeiſter, noch einmahl ſo muͤrriſch und finſter, als ge⸗ woͤhnlich, ging indeß in die Kuͤche, wo nur ein Gaſt war. Der Fremde war eine ſchmaͤchtige Geſtalt, kaum uͤber das Knabenalter hinaus, in der Tracht eines Edelknaben, aber es war ſo viel adelſtolze Kuͤhnheit, und ſelbſt Unver⸗ ſchaͤmtheit in ſeinem Benehmen, daß der Alte geglaubt haben wuͤrde, der junge Burſche habe wirklich Anſpruch auf hoͤhern Rang, wenn er nicht aus Erfahrung gewußt haͤtte, wie gewoͤhn⸗ lich ſolcher Hochmuth bei den Dienſtleuten und Kriegsknechten der ſchottiſchen Edeln war. Ein Pilger bietet Euch guten Morgen, alter Herr, hob der Juͤngling an. Ihr kommt wohl vom Schloſſe Lochleven? Was neues von unſerer lieben Koͤniginn? Eine ſchoͤnere Taube ward nie in einem ſo ſchlechten Taubenſchlag eingeſchloſſen. 2 Wer von Lochleven ſpricht, und von den⸗ jenigen die da wohnen, der ſpricht von Dingen, ſo das Haus Douglas angehn, und wer von Theil III. 13 194 Dingen ſpricht, ſo das Haus Douglas angehn, der thut's auf ſeine Gefahr. Sprecht Ihr aus Furcht vor ihnen, alter Mann, oder wollt Ihr Streit fuͤr ſie anfan⸗ gen? Ich haͤtte gedacht, euer Alter wuͤrde euer Blut abgekuͤhlt haben.. Nicht doch, ſo lange es uͤberall leerkoͤpfige Stutzer gibt, die's warm machen. Der Anblick deiner grauen Haare haͤlt mein Blut kalt, ſprach der Juͤngling, der aufgeſtan⸗ den war und ſich wieder niedergeſetzt hatte. Das iſt gut fuͤr dich, ſonſt haͤtte ich's mit dieſer Gerte kuͤhlen wollen, erwiederte der Haus⸗ hofmeiſter. Du ſcheinſt mir einer von den Eiſenfreſſern zu ſein, die in Bierhaͤuſern und Schenken prahlen, ja wenn Worte Lanzen und wenn Fluͤche Schwerter waͤren, wuͤrden ſie gar bald wieder den Glauben von Babylon ins Land, und das moabitiſche Weib auf den Thron bringen. Bei Sankt Benedikt fuͤr Seyton! rief der Juͤngling, ich ſchlage dich auf das loſe Maul⸗ du ſpoͤttelnder alter Ketzer! — 195 Sankt Benedikt— fuͤr Seyton! wieder⸗ hohlte der Alte. Ei! Sankt Benedikt waͤre mir der rechte Gewaͤhrsmann fuͤr ein Raubyo⸗ gelneſt, wie die Seyton! Ich will dich veſt nehmen, als einen Verraͤther gegen Koͤnig Ja⸗ kob und den guten Regenten. Hilfe gegen einen Verraͤther! Mit dieſen Worten legte er Hand an den Juͤngling und zog ſeine Wehre. Auf das Hilf⸗ geſchrei ſah der Fuhrmann in die Kuͤche, eilte aber, beim Anblicke der entbloͤßten Waffe, ſchnel⸗ ler hinaus, als er gekommen war. Der Wirth. blieb zuruͤck, ohne einem der Streitenden zu helfen, und ließ nur ſein: Um Gotteswillen, Ihr Herrn! und aͤhnliche Ausrufungen hoͤren. Es folgte ein Kampf. Der Juͤngling, wuͤthend uͤber des Alten Kuͤhnheit, wurde von ſeinem ent⸗ ſchloſſenen Gegner ſo kraͤftig gepackt, daß er ſich nicht ſo leicht losmachen konnte, als er gedacht hatte, aber ſchnell zog er ſeinen Dolch und ver⸗ ſetzte ihm drei Wunden, wovon die geringſte toͤd⸗ lich war. Der Alte ſank mit einem tiefen 196— Seufzer zu Boden und der beſtuͤrzte Wirth ſtieß ein klaͤgliches Geſchrei aus. Still! rief der Verwundete ihm zu. Sind Dolchſtoͤße und Sterbende ſolche Seltenheiten in Schottland, daß du ſchreieſt, als ob das Haus einſtuͤrzte? Junger Menſch, ich vergebe dir nicht, denn zwiſchen uns iſt nichts zu vergeben. Du haſt gethan, was ich mehr als Einem ge⸗ than, und ich leide, was ich Andre leiden geſe⸗ hen. Es war verfuͤgt, daß es ſo ſein ſollte und nicht anders. Aber wenn du gerecht gegen mich ſein willſt, ſo wirſt du dieß Sendſchreiben ſicher an den Ritter William Douglas befoͤrdern. Sieh auch darauf, daß mein Ruf nicht leide, als ob ich in der Ausrichtung meiner Botſchaft aus Furcht für mein Leben gezoͤgert haͤtte. Der Juͤngling, deſſen Zorn abgekuͤhlt war, ſobald er die blutige That vollbracht hatte, hoͤrte den Sterbenden mit Theilnahme an, als ein 4 andrer Mann, in einen Mantel gehuͤllt, herein trat, und beſtuͤrzt ausrief:„Guter Gott!.. Dryfesdale— Todt!“ Ja, und Dryfesdale wollte, er waͤre todt geweſen, ehe ſeine Ohren die Worte des einzi⸗ gen Douglas gehoͤrt haͤtten, der je falſch war. Aber es iſt doch beſſer, ſo wie es iſt. Wohlan, mein Moͤrder, und Ihr Andern, geht ein wenig auf die Seite und laßt mich ein Wort mit die⸗ ſem ungluͤcklichen Abtruͤnnigen ſprechen. Kniet neben mir nieder, Douglas! Ihr habt gehoͤrt, daß es mir mißlungen iſt, den moabitiſchen Stein des Anſtoßes, und was dem anhaͤngt, wegzuſchaffen. Ich gab ihnen„was, nach mei⸗ nen Gedanken, die Verſuchung dir aus dem Wege geraͤumt haben wuͤrde, und wenn ich auch ſonſt noch Gruͤnde dazu hatte, fuͤr deine Mutter und Andre, ſo that ich's doch meiſt um deinet⸗ willen.. Um meinetwillen, elender Giftmiſcher. Ei⸗ nen ſo ſchrecklichen Mord jwollteſt du begehen, und wagſt es, meinen Nahmen dabei zu nennen? Warum nicht, Georg Douglas! erwiederte der Alte. Der Athem iſt jetzt ſelten bei mir, aber ich wollte gern den letzten Hauch dafuͤr hingeben. Haſt du nicht, trotz der Achtung, die 198—— du deinen Angehorigen ſchuldig biſt, trotz der Treue gegen deinen Glauben, trotz der Pflicht gegen deinen Koͤnig, dich ſo weit verleiten laſſen von den Reizen dieſer ſchoͤnen Zauberinn, daß du ihr behilflich ſein wollteſt, aus ihrem Gefaͤng⸗ niſſe zu entkommen und wieder auf den Thron zu ſteigen, den ſie zu einem Orte des Graͤuels gemacht hat? Nein— weiche nicht von mir! Meine Hand faͤngt ſchon an ſteif zu werden, aber ſie kann dich noch halten. Was iſt deine Abſicht? Dieſe Hexe von Schottland zu hei⸗ rathen? O gewiß, das köͤnnte dir gelingen! Ihr Herz und ihre Hand wurden oft noch um wohlfeilern Preis gewonnen, als du in deiner Thorheit bezahlen wollteſt. Aber ſollte ein Die⸗ ner von deines Vaters Hauſe ruhig zuſehen, wie du dem Schickſale des Dummkopfs Darn⸗ ley, oder des Schuftes Bothwell entgegen gin⸗ geſt, da eine Unze Rattengift dich retten konnte? Denke an Gott Dryfesdale, ſprach Douglas, und ſprich nicht mehr ſolche Graͤuel aus. Bereue, wenn du kannſt, wo nicht, ſo ſchweige wenig⸗ ſtens. Laßt uns dem Sterbenden beiſtehen, 199 Seyton, daß er zu beſſern Gedanken komme, wenn’'s moͤglich iſt. Seyton? ſprach der Alte. Wiel! von eines Seyton's Hand muß ich endlich fallen? Darin iſt Vergeltung; das Haus haͤtte beinahe eine Schweſter durch mich verloren... Ja, er hat ganz ihre Zuͤge, fuhr er fort, das brechende Auge auf den Juͤngling heftend. Komm, laß mich dich genauer anſehn, junger Menſch! Ich moͤchte dich gern wieder erkennen, wenn wir uns in jener Welt treffen, wo Moͤrder ſich geſellen werden, und ich bin auch einer. Er zog Sey⸗ ton's Kopf, obgleich der Juͤngling ſich ſtraͤubte, zu ſich herab, blickte ihm ſcharf in's Geſicht und fuhr fort: Du haſt jung angefangen— deine Laufbahn wird deſto kuͤrzer ſein, ja, du wirſt deinen Mann finden, und das bald. Eine junge Pflanze gedeiht nicht, die mit eines alten Mannes Blute begoſſen wird... Doch warum ſchmaͤhe ich dich?— Sonderbare Fuͤgung des Schickſals! fuhr er fort, zu ſich ſelber ſprechend: ich hatte zur Abſicht, was ich nicht vollbringen konnte, und er hat gethan, was er vielleicht 200— nicht im Sinne hatte. Wunderbar, daß ſich unſer Wille ſtets dem maͤchtigen und unab⸗ wendbaren Strome des Schickſales entgegen ſtemmen muß, daß wir gegen den Strom kaͤm⸗ pfen, wenn wir mit ihm forttreiben koͤnnten!.. Leb wohl, Douglas, fuhr er nach einer Pauſe fort, ich ſterbe, deines Vaters Hauſe treu. Bei dieſen Worten kam der Todeskampf, und er verſchied in wenigen Augenblicken. Sey⸗ ton und Douglas blickten auf den Sterben⸗ den, und als er geendigt hatte, hob jener an: „Wahrlich Douglas, ich hatte nicht die Abſicht, ihn zu toͤdten, und es thut mir leid um ihn; aber als er Hand an mich legte, zwang er mich, meine Freiheit, ſo gut ich konnte, mit meinem Dolche zu vertheidigen. Waͤre er zehnmahl dein Freund und Diener, ich koͤnnte doch nur ſagen — es thut mir leid.“ Ich tadle dich nicht, Seyton, aber ich be⸗ klage den Unfall. Ja, es iſt ein allgewaltiges Verhaͤngniß uͤber uns, wiewohl nicht in dem Sinne dieſes ungluͤckſeligen Mannes, der durch Schwaͤrmerei verfuͤhrt, das furchtbare Wort ——C—C—C—ꝭ—ꝭ—C—/O — 201 als Entſchuldigung brauchte fuͤr jede That, wozu er ſich verleiten ließ.— Aber wir muͤſſen ſehen, was es mit dem Sendſchreiben iſt. Sie gingen in ein anderes Gemach, und waren in ernſtlicher Berathung, als der Wirth ſie ſtoͤrte, der mit verlegenem Geſichte den Jun⸗ ker Douglas fragte, was mit dem Leichnam werden ſollte.„Ihr wißt, ſetzte er hinzu, ich lebe von Lebendigen, nicht von Todten. Der alte Dryfesdale war ein ſchlechter Kundmann, als er noch lebte, und nun nimmt er mir gar, da er todt iſt, den Huat in der Schenkſtube weg.“⸗ Bindet ihm einen Stein an den Hals, ſprach Seyton, und werft ihn nach Sonnenun⸗ tergang in den See; da mag er dann ſelber den Grund ſuchen. Mit Gunſt, Seyton, ſo ſoll's nicht ſein, erwiederte Douglas, und ſprach darauf zu dem Wirthe:„Du biſt mir ttreu ergeben, und es ſoll dir Vortheil bringen. Schaffe den Leich⸗ nam zur naͤchſten Kirche, und ſage, der Mann. ſei in einem Streite mit unruhigen Gaͤſten 202 um's Leben gekommen. Der Fuhrmann weiß nichts von der Geſchichte, und die Zeiten ſind nicht ſo friedlich, daß man ſolche Dinge genauer unterſuchen ſollte. Nun, mag er doch die Sache erzaͤhlen, fiel Seyton ein, ſo fern es unſern Anſchlag nicht ſtoͤret. Sagt nur immer, Heinrich Sey⸗ ton habe mit ihm zu thun gehabt. Es liegt mir nichts daran, wenn's bekannt wird, daß ich Haͤndel gehabt habe. Haͤndel mit dem Hauſe Douglas hat man jedoch immer gefuͤrchtet, ſprach Georg, und Un⸗ muth blickte aus dem ſtrengen Ernſt hervor, der ſeinem Weſen eigen war. Nicht, wenn der beßte Nahme auf meiner Seite iſt, erwiederte Seyton. Ach! Heinrich, wenn du auf mich zieleſt, ich bin nur ein halber Douglas bei dieſem Wag⸗ ſtuͤcke— Kopf, Herz, Hand— alles nur halb! Aber ich will an etwas denken, das unvergeßlich iſt, und alles ſein, oder mehr, als je einer von meinen Ahnen war.— Saget, Heinrich Sey⸗ ton habe die That veruͤbt, ſprach er darauf zu . 203 dem Wirthe, aber huͤtet Euch, ein Wort von mir zu ſagen. Der Fuhrmann ſoll dieß Send⸗ ſchreiben meinem Vater in Edinburgh bringen, fuhr er fort, den Brief ihm uͤbergebend, den er mit ſeinem eigenen Petſchafte wieder geſiegelt hatte. Und hier haſt du etwas fuͤr die Begraͤb⸗ nißkoſten und deinen Verluſt an Kundſchaft. Und fuͤr das Abwaſchen des Fußbodens? ſprach der Wirth. Das iſt ein ſchwer Stuͤck Arbeit. Blut, ſagt man, laͤßt ſich ſelten je wegſchaffen. Was nun unſern Anſchlag betrifft, ſprach Douglas zu Seyton, als haͤtte er die fruͤher abgebrochene Unterredung wieder angeknuͤpft, ſo ſcheint alles recht gut zu ſtehen. Aber nehmt's mir nicht uͤbel, Ihr ſeid zu hitzig und zu jung, andre Gruͤnde nicht zu erwaͤhnen, die es bedenk⸗ lich machen, Euch die Rolle zuzutheilen, die Ihr gern ſpielen wollet. Wir wollen daruͤber den Abt befragen, erwiederte Seyton. Reitet Ihr heute Abend nach Kinroß? 8 28 204 Ja, es iſt mein Wille. Die Nacht wird finſter werden und paßt fuͤr einen Vermumm⸗ ten.— Ich habe vergeſſen, lieber Wirth, es ſoll ein Denkſtein auf des Mannes Grab kom⸗ men. Laßt ſeinen Nahmen darauf ſetzen und ſein einziges Verdienſt, daß er ein treuer Die⸗ ner des Hauſes Douglas geweſen. Von welchem Glauben war der Mann? fragte Seyton. Seine Worte laſſen mich fuͤrch⸗ ten, ich habe dem Teufel eine Seele geſchickt, die er ſich ſelber hohlen wollte. Ich kann Euch daruͤber wenig ſagen. Er war dafuͤr bekannt, daß er weder vom Papſte, noch von Calvin etwas wiſſen wollte, und er ſprach von dem Lichte, das ihm aufgegangen waͤre unter den rauhen Sektirern in Nieder⸗ teutſchland— eine boͤſe Lehre, wenn wir nach den Fruͤchten urtheilen wollen. Gott behuͤte uns, daß wir des Himmels Geheimniſſe vermeſ⸗ ſen beurtheilen! Amen! ſprach Heinrich Seyton. Und daß wir heute Abend auf Niemand ſtoßen. Du pflegſt ſonſt nicht ſo zu beten, hob Douglas wieder an. Nein, das moͤget Ihr thun, erwiederte der Juͤngling, wenn Ihr Bedenklichkeiten habt, eures Vaters Dienſtleuten Euch entgegen zu ſtellen. Aber ich moͤchte wohl gern des alten Mannes Blut von meinen Haͤnden haben, ehe ich mehr vergieße. Ich will heute Abend dem Abte beich⸗ ten, und hoffe, mit leichter Buße dafuͤr wegzu⸗ kommen, daß ich die Erde von einem ſolchen Unglaͤubigen befreit habe. Es thut mir nur leid, daß er nicht zwanzig Jahre juͤnger war. Aber er zog zuerſt, und— das iſt ein Troſt. VIII. Wir kehren ins Schloß Lochleven zuruͤck, wo die Herrinn den Haushofmeiſter ſo eben verabſchiedet hatte. Der Mittag, die gewoͤhnliche Tiſchzeit, war bereits voruͤber, und man ſah noch keine Vorbereitungen zum Eſſen. Die Koͤniginn ſaß in ihrem Gemache, eifrig mit Schreiben beſchaͤftigt. Ihre Kammerfrauen und der Edel⸗ knabe waren beiſammen im Mittelzimmer, und 206 wunderten ſich uͤber eine Zoͤgerung, die ihnen ſchon zu lange waͤhrte, weil ſie um das Fruͤh⸗ ſtuͤk gekommen waren. Ich glaube wahrhaftig, ſprach Roland, da der Giftmiſcheranſchlag mißlungen iſt, weil ſie ſich an den unrechten Kaufmann gewendet ha⸗ ben, ſo wollen ſie nun verſuchen, was mit Hun⸗ ger auszurichten iſt. Marie Fleming wurde ein wenig bekuͤm⸗ mert uͤber dieſe Vermuthung, aber ſie beruhigte ſich bald, als ſie ſich erinnerte, daß die Kuͤche den ganzen Tag geraucht hatte. Katharina rief nun auch:„Ja, ich ſehe ſie ſchon mit den Schluͤſſeln uͤber den Hof kommen. Unſre Wir⸗ thinn ſelber geht voran. Sie hat ihren hoͤchſten und ſteifſten Halskragen, ihre langen Haͤnge⸗ aͤrmel und ihren altfraͤnkiſchen Reifrock von rothem Sammet.“ Ja, ſprach Roland, der auch ans Fenſter getreten war, ich glaube wahrlich, in dieſem Reifrocke hat ſie das Herz des artigen Koͤnigs Jakob gefangen, wodurch unſere arme Koͤniginn zu einem herrlichen Bruder kam. — ——— 7. — 207 Das Geſpraͤch ward unterbrochen, als die Burgherrinn herein trat. Ihr folgten die Die⸗ ner mit den Schuͤſſeln, und ſie uͤbernahm das Geſchaͤft, von jedem Gerichte zu koſten. Marie Fleming bedauerte mit einer hoͤflichen Redensart, daß die Edelfrau ſich einer ſo laͤſtigen Muͤhe unterziehe. Nach dem ſonderbaren Vorfalle des heuti⸗ gen Tages, ſprach die Frau von Lochleven, ver⸗ langt es meine und meines Sohnes Ehre, daß ich von allem koſte, was meinem unfreiwilligen Gaſte gereicht wird. Seid ſo gut, Frau Maria zu ſagen, daß ich ihre Befehle erwarte. Ihrer Majeſtaͤt, ſprach die Kammerfrau und legte gehoͤrigen Nachdruck auf das Wort: ſoll gemeldet werden, daß die edle Frau von Lochleven wartet. Maria erſchien alsbald, und begruͤßte ihre Wirthinn mit einer Hoͤflichkeit, die ſogar etwas⸗ Herzlicheres als gewoͤhnlich hatte.„Das iſt edel von Euch, Frau von Lochleven, ſprach ſie. Wir ſelber zwar fuͤrchten keine Gefahr unter eurem Dache, aber unſre Kammerfrauen ſind * 208 durch den heutigen Vorfall ſehr in Unruhe ge⸗ ſetzt worden, und unſer Mahl wird durch eure Gegenwart und beruhigende Theilnahme deſto froͤhlicher werden. Setzt Euch doch.“ Die Edelfrau folgte der Auffoderung, und Roland beſorgte, wie gewoͤhnlich, das Geſchaͤft des Vorſchneiders und Aufwaͤrters. Das Mahl aber war, ungeachtet Maria's Aeußerung, ſtill und ungeſellig, und jeder Verſuch, den die Koͤni⸗ ginn machte, um eine Unterhaltung anzuknuͤpfen, wurde durch die feierlichen und kalten Antwor⸗ ten der Burgherrinn vereitelt. Endlich ward es ſichtbar, daß ſich die Koͤniginn, die ihre Vor⸗ ſchritte fuͤr eine Herablaſſung hielt und ſich mit Recht auf ihre Gabe zu gefallen etwas einbil⸗ dete, durch das abſtoßende Benehmen ihrer Wirthinn beleidigt fuͤhlte. Sie warf einen be⸗ deutſamen Blick auf ihre Kammerfrauen, zuckte leicht die Achſeln, und ſchwieg. Eine Pauſe folgte.„Ich merke, gnaͤdigſte Frau, hob endlich die Burgherrinn an, daß meine Gegenwart der Froͤhlichkeit dieſer ſchoͤnen Geſellſchaft Zwang auflegt. Ich bitte um eure ———— 209 Entſchuldigung. Ich bin Witwe; hier allein, und habe einen gefaͤhrlichen Auftrag uͤbernom⸗ men— verlaſſen von meinem Enkel— verra⸗ then von meinem Diener, und ich bin der Gnade wenig werth, die Ihr mir erweiſet, indem Ihr mir einen Platz an eurer Tafel anbietet, wo man, wie ich ſehe, Witz und Klugheit von den Gaͤſten zu erwarten pflegt.“ Wenn die Frau von Lochleven in Ernſt ſpricht, erwiederte die Koͤniginn, ſo wundern wir uns, daß ſie erwarten kann, Froͤhlichkeit bei unſern Mahlzeiten zu finden. Iſt ſie auch Witwe, ſie lebt doch geehrt und ohne Zwang an der Spitze von ihres verſtorbenen Gemahles Haushalte. Aber ich kenne wenigſtens eine Witwe in der Welt, vor welcher man von Ab⸗ fall und Verraͤtherei nie ſprechen ſollte, da Nie⸗ mand die Bedeutung dieſer Worte ſo ſchmerzlich kennen gelernt hat. Ich wollte Euch nicht an euer Ungluͤck erinnern durch Erwaͤhnung meines Mißgeſchickes, erwiederte die Edelfrau. Es folgte wieder ein tiefes Schweigen. Theil. III. 14 Die Koͤniginn wandte ſich endlich zu ihrer Kammerfrau.„Liebe Fleming, ſprach ſie, wir koͤnnen hier keine Todſuͤnden begehen, wo wir ſo gut bewacht und gehuͤtet werden, aber wenn es waͤre, ſo koͤnnte dieſes Kartheuſer⸗Schweigen als eine Art von Buße nuͤtzlich ſein. Haſt du meinen Schleier unrecht gelegt, liebe Fleming, oder hat Katharina einen falſchen Stich in ihrer Stickerei gemacht, wenn ihre Gedanken nicht bei ihrer Arbeit waren, oder hat Roland Graͤme auf eine wilde Aente im Fluge fehl geſchoſſen, oder eine Scheibe im Thurmfenſter zerbrochen, wie's ihm vorige Woche begegnete; ſo habt Ihr jetzt Zeit, an eure Suͤnden zu denken und ſie zu bereuen.“ Gnaͤdigſte Frau, hob die Burgherrinn an, ich ſpreche mit aller Ehrerbietung, aber ich bin alt und darf auf das Vorrecht des Alters An⸗ ſpruch machen. Mich daͤucht, eure Dienerſchaft haͤtte wohl ſchicklichere Anlaͤſſe zur Reue, als die Kleinigkeiten, deren Ihr erwaͤhnet, und auf eine Art erwaͤhnet, als ob Ihr— ich bitte Euch noch einmahl um Verzeihung— mit 211* Suͤnde und mit Reue euren Scherz treiben wolltet. Ihr ſeid unſre Vorkoſterinn geweſen, Frau 6 von Lochleven, ſprach die Koͤniginn, aber ich ſehe nun, Ihr habt Luſt, eurem Amte auch noch das Geſchaͤft unſeres Beichtvaters anzu⸗ ſtuͤken. Doch— weil Ihr einmahl wuͤnſcht, daß unſre Unterhaltung ernſthaft ſei, darf ich Euch fragen, warum das Verſprechen des Regen⸗ ten— wie ſich euer Sohn zu nennen beliebt — nicht erfuͤllt worden iſte Von Zeit zu Zeit hat man mir dieſe Zuſage erneuert und doch immer gebrochen. Mich daͤucht, diejenigen, die auf ſo viel Ernſthaftigkeit und Heiligkeit An⸗ ſpruch machen, ſollten Andern den Beiſtand des Glaubens nicht vorenthalten wollen, den ihr Gewiſſen verlangt. Gnaͤdigſte Frau, erwiederte die Burgher⸗ rinn, der Graf von Murray iſt allerdings ſchwach genug geweſen, euren ungluͤcklichen Vor⸗ urtheilen nachzugeben. Es iſt auch ein Poͤpſtler, den er geſchickt hat, in unſerm Flecken Kinroß eingetroffen; aber Douglas iſt Herr in ſeinem Schloſſe, und wird nicht geſtatten, daß ſeine Wohnung, auch nur auf einen Augenblick, durch einen Abgeſandten des Biſchofes von Rom ver⸗ finſtert werde. Nun, ſo wuͤrde es gut ſein, daͤucht mich, wenn der Regent mich dahin ſchickte, wo es weniger Bedenklichkeiten und mehr Chriſtenliebe gibt. Ihr verkennt in dieſem Punkte die Natur der Chriſtenliebe und der Religion, erwiederte die Edelfrau. Chriſtenliebe gibt den Raſenden die Heilmittel, die ihnen zur Geneſung dienlich ſein koͤnnen, aber ſie verweigert ihnen die Lecker⸗ biſſen, die nur den Gaumen kitzeln, aber die Krankheit vermehren. Solche Chriſtenliebe, Frau von Lochleven, iſt nichts als Grauſamkeit unter der heuchleri⸗ ſchen Huͤlle freundlicher Sorgfalt. Ich werde hier gedruͤckt, als ob Ihr die Abſicht haͤttet, meinen Leib und meine Seele zu vernichten, aber der Himmel wird ſolche Ungerechtigkeit nicht fuͤr immer dulden, und diejenigen, die am 5 — 213 thaͤtigſten dabei ſind, koͤnnen bhren banhizen Lohn erwarten. In dieſem Augenblicke trat der Knecht Nandal herein, und ſein Blick war ſo verſtoͤrt, daß Maria Fleming ein Angſtgeſchrei ausſtieß, die Koͤniginn ſichtbar beſtuͤrzt war, und die Edelfrau, obgleich ſie zu viel Kuͤhnheit und Stolz hatte, um Unruhe zu verrathen, ſchnell fragte, was vorgefallen waͤre. Dryfesdale iſt todt, erwiederte der Knecht. Ermordet wurde er, ſobald er ans Land gekom⸗ men war, von der Hand des Junkers Hrinxich Seyton. Katharina erblaßte beſtuͤrzt. Iſt der Moͤrder eines Dieners des Hauſes Douglas entronnen? fragte die Edelfrau haſtig. Es war Niemand da, als der Wirth und der Landfuhrmann, ſprach der Knecht, und die paßten beide nicht dazu, es mit einem der ver⸗ wegenſten Burſchen in Schottland aufzunehmen, und er wußte uberdieß, daß Freunde und Spieß⸗ geſellen in der Naͤhe waren. 2143 Alſo todt? hob die Burgherrinn wieder an. Wird nie wieder aufſtehen, antwortete Ran⸗ dal. Ein Seyton ſtoͤßt ſelten fehl. Der Leich⸗ nam ward aber nicht beraubt, und euer Send⸗ ſchreiben bringt der Fuhrmann nach Edinburgh. Eine Pauſe folgte nach dem ungluͤcklichen Berichte. Die Koͤniginn und die Edelfrau ſahen ſich an, als ob jede erwogen haͤtte, wie ſie den Vorfall am beßten nutzen koͤnnte in dem Streite, der nie zwiſchen ihnen ruhte. Katharina Sey⸗ ton verhuͤllte ihr Geſicht und weinte. Da ſeht Ihr die blutigen Grundſätze der irrenden Paͤpſtler! ſprach die Edelfrau zu der Koͤniginn. Nein, ſagt vielmehr, daß wir die verdiente Strafe des Himmels an einem calviniſchen Gift⸗ miſcher ſehen, antwortete die Koͤniginn. Dryfesdale gehoͤrte nicht zur calviniſchen, oder ſchottiſchen Kirche, ſprach die Edelfrau ſchnell. Aber ein Ketzer war er doch, erwiederte die Koͤniginn. Es gibt nur einen wahren und — 215 rechten Weg, alle andere fuͤhren auf gleiche Weiſe in den Irrthum. Wohlan, gnaͤdigſte Frau, dieſe That zeigt Euch die Geſinnungen der Menſchen, die eure Freiheit wuͤnſchen, und ich glaube, dieß muß Euch mit eurer Einſamkeit verſoͤhnen. Blut⸗ duͤrſtig und moͤrderiſch ſind ſie alle, die Haͤupt⸗ linge im Hochlande, die Anfuͤhrer im ſuͤdli⸗ chen Lande, die moͤrderiſchen Seytons im oͤſtli⸗ chen und— Ihr vergeßt wohl, Frau von Lochleven, daß ich eine Seyton bin? ſprach Katharina, ihr Geſicht enthuͤllend, das von Unwillen gluͤhte. Wenn ich's vergeſſen haͤtte, ſchoͤnes Fraͤu⸗ lein, erwiederte die Burgherrinn, wuͤrde euer vorwitziges Benehmen mich daran erinnert haben. Wenn mein Bruder den Elenden erſtochen hat, der die Koͤniginn und mich vergiften wollte, ſo thut es mir nur darum leid, weil er dem Henker in's Amt gegriffen hat. Sonſt, und waͤre es der beßte Douglas im Lande geweſen, es wuͤrde ihn geehrt haben, wenn er von eines Seytons Hand gefallen waͤre. 216 Lebt wohl, munteres Fraͤulein, ſprach die Edelfrau, als ſie aufſtand, um ſich zu entfernen. Solche Maͤdchen, als Ihr ſeid, machen unbe⸗ ſonnene Laͤrmer und mordgierige Zaͤnker. Kna⸗ ben muͤſſen verwegen werden, wenn ſie die Gunſt eines munteren Fraͤuleins beſitzen, das durch's Leben huͤpft, wie in einem franzoͤſiſchen Tanze... Auch Ihr ſeid Gott befohlen, gnaͤdigſte Frau, fuhr die Burgherrinn fort, ſich vor der Koͤni⸗ ginn verbeugend: bis heute Abend, wo ich wohl wieder eine unwillkommene Erſcheinung an eurer Tafel ſein werde.— Gehe mit mir, Randal, und erzaͤhle mir mehr von der ſchrecklichen Geſchichte. Ein ſonderbarer Vorfall! ſprach die Koͤni⸗ ginn, als die Edelfrau ſich entfernt hatte. Aber ſo ſchlecht der Menſch war, ich wollte doch, er haͤtte Zeit zur Reue gehabt. Wir wollen ihm ein Seelengeraͤthe ſtiften, wenn wir je wieder unſre Freiheit erlangen, und die Kirche wird auch fuͤr einen Ketzer ein ſolches Gnadenmittel 4 erlauben.— Aber ſage mir, Katharina, mein Liebchen, iſt dieſer Bruder, der ſo verwegen iſt, — 215 wie's der Menſch nannte, dir noch immer ſo wunderbar aͤhnlich, als ehedem? Wenn Ihr von der Geſinnung redet, gnaͤ⸗ digſte Frau, ſo wißt Ihr ſelber, ob ich ſo ver⸗ wegen bin, als der Knecht ihn ſchilderte. Ja, du biſt wohl ein bischen vorwitzig, aber dennoch mein Liebchen. Ich meinte nur, ob dieſer Zwillingbruder dir noch ſo aͤhnlich an Geſtalt und Zuͤgen iſt, als in fruͤherer Zelt? Ich erinnere mich, deine liebe Mutter wollte dich auch darum dem Kloſter weihen, weil ſie glaubte, es wuͤrden gewiß einige von deines Bruders tollen Streichen auf deine Rechnung kommen, wenn Ihr Beide in der Welt waͤret. Ich glaube, gnaͤdigſte Frau, es gibt noch jetzt einige ungewoͤhnlich einfaͤltige Leute, die uns kaum von einander unterſcheiden koͤnnen, zumahl wenn mein Bruder, aus Kurzweil, in Frauentracht erſcheint. 3 8 Bei dieſen Worten warf Katharina einen ſchnellen Blick auf Roland„ dem dieſe Unterre⸗ dung einen Lichtſtrahl gab, ſo willkommen, als je das Tageslicht, welches durch die geoͤffnete 218 Kerkerthuͤre einem Gefangenen, als Verkündi⸗ gung der Freiheit, entgegen ſchien. Er muß ein huͤbſcher Juͤngling ſein, wenn er dir ſo aͤhnlich iſt, erwiederte die Koͤniginn. Er iſt wohl in den letzten Jahren in Frankreich geweſen, daß ich ihn nicht in Edinburgh geſe⸗ hen habe? Gegen ſein Ausſehen hat nie Jemand et⸗ was ſagen koͤnnen, ſprach Katharina. Haͤtte er nur nicht ſo viel von dem zornigen und hitzi⸗ gen Weſen, woran in boͤſen Zeiten unſere jun⸗ gen Edelleute ſich gewoͤhnt haben. Gott weiß es, ich murre nicht, daß er ſein Leben im Kampfe fuͤr Euch daran ſetzt, und ich liebe ihn fuͤr die Bereitwilligkeit, womit er an eurer Rettung arbeitet. Aber warum zankt er ſich mit einem elenden alten Dienſtmann, und befleckt ſeinen Nahmen durch ſolchen Streit, wie ſeine Hand mit dem Blute des Nichtswuͤrdigen? Still, Katharina! Du ſollſt mir meinen tapfern jungen Ritter nicht ſchmaͤhen. Habe ich Heinrich zu meinem Ritter, und Roland Graͤme zu meinem treuen Knappen, ſo komme ich mit vor, wie eine Maͤhrchen⸗ Prinzeſſinn, die bald den Kerkern und den Waffen aller boͤſen Zau⸗ berer Trotz bieten kann... Aber mein Kopf iſt krank von der Unruhe des heutigen Tages. Hohle mir La môr des histoires*) und laß uns fortfahren, wo wir neulich ſtehen geblieben ſind.— Aber, Maͤdchen, die heilige Jungfrau helfe deinem Kopfe, oder vielmehr deinem Her⸗ zen! Ich foderte das Meer der Geſchichten und du bringſt mir La chronique de l'amour. Als die Koͤniginn endlich auf dem Meere der Geſchichten ſich eingeſchifft hatte, nahm ſie ihre Stickerei zur Hand, waͤhrend die beiden Diene⸗ einnen abwechſelnd ein paar Stunden vorlaſen. Roland mochte indeſſen heimlich mit der Chro⸗ nik der Liebe ſich beſchaͤftigen, ungeachtet des Tadels, den die Koͤniginn auf dieſen Zweig des Studiums geworfen zu haben ſchien. Nun 2 Die Ueberſetzung einer im J. 1475. zu Luͤbeck unter dem Titel: Rudimentum Noviciorum erſchienenen allgemeinen Geſchichte, die bis 1473. geht. Sie erſchien zu Paris 1488, 1316 und 1586, in Folio.* 220 erinnerte er ſich an tauſend kleine Umſtäͤnde in der Stimme und im Benehmen, woran er, wenn er minder befangen geweſen waͤre, den Bruder von der Schweſter haͤtte unterſcheiden muͤſſen, und er ſchaͤmte ſi), daß er Katharina, deren Gebehrden, Wore und Betragen er ſo genau kannte, fuͤr faͤhig gehalten hatte, ſelbſt wenn ſie noch ſo muthig und leichtſinnig war, den kuͤhnen Gang, den lauten Ton, und die dreiſte Zuverſicht anzunehmen, die zu ihres Bru⸗ ders unbeſonnener und maͤnnlicher Gemuͤthsart freilich gut genug paßten. Er ſuchte mehrmahl einen Blick von Katharina's Auge zu gewinnen, zum zu errathen, wie ſie nach der gemachten Entdeckung gegen ihn geſinnt ſei; aber es gelang ihm nicht, da Katharina, wann ſie nicht ſelber las, ſo viel Antheil an den Heldenthaten der teutſchen Ritter gegen die Heiden in Ehſtland und Liefland zu nehmen ſchien, daß er auch nicht auf eine Sekunde ihren Blick uͤberraſchen konnte. Als endlich das Buch geſchloſſen wurde, und die Koͤniginn ihrem Gefolge befahl, ſie in den Garten zu begleiten, gab ſie, vielleicht abſicht⸗ — ——— 22 lich, da einer ſo geuͤbten Beobachterinn die Un⸗ ruhe des Jünglings nicht entgehen konnte, ihm eine guͤnſtige Gelegenheit, ſich mit ſeiner Ge⸗ liebten zu unterhalten. Sie gebot den jungen Leuten, ihr in einiger Entfernung zu folgen, waͤhrend ſie mit Marie Fleming heimlich ſprach, und zwar uͤber keinen wichtigern Gegenſtand, als die Vorzuͤge eines hohen ſtehenden und eines fallenden Kragens. Roland müͤßte einfaͤltiger geweſen ſein, als ie ein junger Liebhaber, wenn er eine ſolche Gelegenheit unbenutzt gelaſſen haͤtte.„Ich habe mich den ganzen Abend geſehnt, ſprach er, Euch zu fragen, ſchoͤne Katharina, wie thoͤrig und gedankenlos ich Euch vorgekommen ſein muß, weil ich Euch ſo mit eurem Bruder verwechſeln konnte.“ Dieſer Umſtand kann in der That kein güͤnſtiges Zeugniß fur die Feinheit meines Betra⸗ gens geben, da man einen wilden Juͤngling ſo leicht mit mir verwechſeln konnte. Aber ich werde mit der Zeit kluüger werden und in dieſer Hoffnung will ich nicht an eure Thorheiten den⸗ ken, ſondern die Meinigen aͤndern. Das wird wohl das Leichteſte ſein, ſprach Roland. 1 . 3 Ich weiß 2s nicht, erwfederte Katharina, ſehr ernſthaft. Mir iſt bange, wir ſind Beide unverzeihlich thoͤrig geweſen. 3 Ich bin toll, unverzeihlich toll geweſen, „ hob Roland wieder an: aber Ihr, holde Ka⸗ thaeina— 111ℳ Ich habe Euch zu lange eiiäubt, folche Ausdruͤcke gegen mich zu gebrauchen, antwortete Katharina, in demſelben Tone ungewoͤhnichee Ernſthaftigkeit. Ich fuͤchte, daß ſich ſie nicht laͤnger geſtatten darf, und ich muß mir Vot⸗ wuͤrfe daruͤber machen, daß es Euch wehe bhän wird. Und was kann ſich denn ſo ploͤtzlich ereig⸗ net haben, daß unſere Verhaͤltniſſe gegen einan⸗ der umgewandelt, und Euch bewogen haͤtte, euer ganzes Benehmen gegen mich auf einmahl ſo grauſam zu andernaaa — 223 Ich wuͤßte es Euch ſchwerlich zu ſagen, erwiederte Katharina, wenn es nicht etwa darin liegt, daß die Vorfaͤlle des heutigen Tages mir die Nothwendigkeit fuͤhlbar gemacht haben, mehr Zuruͤckhaltung gegen einander zu beobachten. Ein aͤhnlicher Umſtand, wie derjenige, der Euch das Daſein meines Bruders verrathen hat, koͤnnte meinen Bruder Heinrich mit den Aus⸗ druͤcken bekannt machen, welche Ihr gegen mich gebraucht habt— und ach! ſein ganzes Beneh⸗ men, wie ſeine heutige That, erweckt mir ge⸗ rechte Beſorgniß vor den Folgen. Seid daruͤber ganz unbeſorgt, ſchoͤne Ka⸗ tharina, ich weiß mich gegen Gefahren der Art gut zu ſchuͤtzen. Das heißt, erwiederte ſie, Ihr wollet gegen meinen Zwillingbruder fechten, um eure Achtung gegen die Schweſter zu zeigen? Die Koͤniginn ſagte zuweilen in ihren truͤben Stunden, die Maͤnner waͤren in Liebe, wie in Haß, die eigen⸗ liebigſten Thiere in der ganzen Schoͤpfung, und eure Sorgloſigkeit in dieſem Stuͤcke ſieht ganz 224—p/ᷓ ſo aus. Aber ſchaͤmt Euch nur nicht zu ſehr daruͤber, Ihr ſeid nicht ſchlimmer als die Andern. Ihr thut mir unrecht, Katharina. Ich dachte nur an den Fall, wo ich mit einem Schwerte bedroht wuͤrde, und erinnerte mich nicht, in weſſen Haͤnde eure Einbildung es ge⸗ geben hatte. Wenn euer Bruder vor mir ſtaͤnde, mit dem entbloͤßten Schwerte in ſeiner Hand, und Euch ſo aͤhnlich in Rede, Geſtalt, und Zuͤgen, er koͤnnte mein Herzblut vergießen, ehe ich Muth faͤnde, ſeinen Beleidigungen Wi⸗ derſtand entgegen zu ſetzen. Ach! es iſt nicht mein Bruber allein. Ihr denkt nur an die ſonderbaren Umſtaͤnde, die uns in ein naͤheres„ich moͤchte ſagen, vertrauliches Verhaͤltniß gefuͤhrt haben. Aber ſo bald ich wieder in meines Vaters Haus zuruͤck gekehrt bin, iſt eine Kluft zwiſchen uns, die Ihr nicht ohne Lebensgefahr uͤberſpringen koͤnnt— das bedenkt Ihr nicht. Eure einzige gekannte Ver⸗ wandte iſt eine Frau von wilden, ſeltſamen Sitten, und von einem feindſeligen, zerſprengten Stamme. Eure uͤbrigen Angehoͤrigen kennt — 225 Niemand. Verzeiht mir, daß ich von etwas rede, das eine unlaͤugbare Wahrheit iſt. Die Liebe macht ſich nichts aus Stamm⸗ baͤumen, ſchoͤne Katharina. 3 Die Liebe wohl, aber nicht Lord Seyton, erwiederte das Fraͤulein. Die Koͤniginn, deine und meine Gebiete⸗ rinn, wird ſich fuͤr uns verwenden.— O treibt mich nicht von Euch, in dem Augenblicke, wo ich mich fuͤr den Gluͤcklichſten hielt! Und wenn ich zu ihrer Befreiung helfe, ſagtet Ihr ja ſelber, wuͤrdet Ihr und ſie meine Schuldne⸗ nnnen werden. Ganz Schottland wird euer Schuldner, ſprach Katharina. Aber wenn Ihr thaͤtige Beweiſe unſrer Dankbarkeit hofft, muͤßt Ihr nie vergeſſen, daß ich ganz dem Willen meines Vaters unterworfen bin, und die arme Koͤni⸗ ginn wird wohl auf eine lange Zeit eher ab⸗ haͤngig von dem Willen der Großen ihrer Par⸗ tei, als maͤchtig genug A ſan. ühnen Einhalt ʒu thun. Theil III. 15 226 Mag es ſein, antwortete Roland, meine Thaten ſollen ſelbſt dem Vorurtheile Einhalt thun. Wir leben in einer unruhigen Welt, und ich will auch mein Theil daran haben. Der Ritter von Avenel, ſo hoch er nun ſteht, iſt von ſo dunkler Herkunft, als ich. Ja, da ſprach der mannhafte Maͤhrchen⸗ ritter, der ſich den Weg bahnet zur gefange⸗ nen Prinzeſſinn durch boͤſe Geiſter und feurige Drachen.— Aber wenn ich die Prinzeſſinn erloͤſen und ihr die eigene freie Wahl wiedergeben kann, wohin wird dieſe Wahl ſich neigen, theuerſte Katharina? Erloͤſet die Prinzeſſinn aus ihrer Gefan⸗ genſchaft, und ſie wird's Euch ſagen, antwortete Katharina, und das Geſpräͤch ſchnell abbrechend, naͤherte ſie ſich der Koͤniginn ſo ploͤtzlich, daß Maria halb laut ausrief:„Keine boͤſen Zeitun⸗ gen mehr! Kein Zwiſt, will ich hoffen, in meinem beſchraͤnkten Haushalt?“ Nach dieſen Worten bemerkte ſie Kathari⸗ na's erroͤthende Wange, Rolands heitere Stirne — — — ruͤck gekommen war, ich moͤchte nur gern an 227 und ſein leuchtendes Auge.„Nein, nein! fuhr ſie fort, ich ſehe, alles ſteht gut. Liebchen, geh⸗ in mein Zimmer, und hohle mir— was denn gleich?— Mein Biſambuͤchschen.“ Als ſie die holde Freundinn weggeſchickt hatte, um ihr Gelegenheit zu geben, ihre Ver⸗ wirrung zu verbergen, ſprach ſie heimlich zu Roland:„Wenigſtens zwei dankbare Untertha⸗ nen hoffe ich zu haben, in Katharina und in Euch. Welche Koͤniginn, als Maria, wuͤrde treuer Liebe ſo gern beiſtehen?.. Ihr legt eure Hand an den Degen? Der unſchuldige Degen! Nun, aber in Kurzem werden wir ſehen, ob all das Gute, das man uns betheuert hat, echt iſt. Horch! man laͤutet die Abend⸗ glocke in Kinroß. Wir wollen in unſer Zim⸗ mer gehn; unſre Wirthinn hat ja verſprochen, bei unſerm Abendeſſen zugegen zu ſein. Haͤtte ich nicht die Hoffnung baldiger Erloͤſung, ihre Gegenwart wuͤrde mich raſend machen. Doch — ich will geduldig ſein. Wahrlich, ſprach Katharina, die eben zu⸗ 228— Heinrichs Stelle ſein, mit allen Vorrechten eines Mannes, auf einen einzigen Augenblick. Mich verlangt oft, dieſem Gemiſch von Stolz, Foͤrm⸗ lichkeit und Bosheit meinen Teller an den Kopf zu werfen. Marie Fleming gab ihrer jungen Gefaͤhr⸗ tinn einen Verweis uͤber jenen Ausbruch des Unmuths, die Koͤniginn aber lachte. Alle gin⸗ gen nun in den Saal, wo gleich nachher die Edelfrau erſchien, der die Diener mit dem Eſſen folgten. Die Koͤniginn, veſt in ihrem klugen Entſchluſſe, ertrug die Gegenwart der verhaßten Frau mit großer Standhaftigkeit und vielem Gleichmuthe, bis ihre Geduld durch eine neue Erſcheinung geſtoͤrt wurde, die zeither noch nicht zum Schloßbrauche gehoͤrt hatte. Als die uͤbri⸗ gen Diener hinaus gegangen waren, trat Ran⸗ dal mit den Schluͤſſeln der Schloßthore herein, die an einem Ringe beveſtigt waren, und mel⸗ dete, daß die Wachen ausgeſtellt und die Thore verſchloſſen waͤren. Die Koͤniginn und ihre Geſellſchafterinnen warfen ſich einen Blick zu, der getaͤuſchte Er⸗ 229 wartung, Verdruß und Unruhe verrieth.„Wir koͤnnen uns nicht beklagen, ſprach die Koͤniginn laut, daß unſer Hofſtaat ſo klein iſt, wenn wir ſehen, daß unſre Wirthinn ſo viele Dienſte, die dazu gehoͤren, in eigener Perſon verrichtet. Zu dem Amte eines Oberhofmeiſters oder Großal⸗ moſeniers, fuͤgt ſie heute Abend noch den Dienſt des Hauptmanns unſerer Leibwache.“ Und ſie wird fortfahren, es zu thun, erwie⸗ derte die Burgherrinn mit großer Ernſthaftigkeit. Die Geſchichte von Schottland kann mich beleh⸗ ren, wie ſchlecht die Amtspflicht voll zogen wird, wenn man ſie einem beguͤnſtigten Stellvertreter uͤberlaͤßt. Wir haben in neuern Zeiten ja von Guͤnſtlingen mit geringen Verdienſten gehoͤrt. O freilich! antwortete die Koͤniginn, mein Vater hatte ſo gut ſeine weiblichen, als ſeine maͤnnlichen Guͤnſtlinge; da gab es ja verſchiedene beguͤnſtigte Frauen, deren Nahmen in dem Ge⸗ daͤchtniſſe einer ſo ernſthaften Frau, als Ihr ſeid, nicht fortleben koͤnnen. Die Edelfrau ſah aus, als haͤtte ſie der Koͤniginn auf der Stelle einen Todesſtoß geben 230— wollen; aber ſie bezwang ihr Gemuͤth, und ging hinaus mit dem ſchweren Schluͤſſelbunde in der Hand. Ein Gluͤck, daß dieſe Frau in ihrer Jugend einen Fehltritt gethan hat, ſprach die Koͤniginn. Haͤtte ſie nicht dieſe ſchwache Seite, ſo wuͤrde ich vergebens Worte gegen ſie verlieren. Bei dieſem Flecken trifft gerade das Gegentheil von dem ein, was man vom Hexenmaal ſagt. Sie iſt uͤberall unempfindlich, nur hier nicht.— Aber was ſagt Ihr, Maͤdchen, zu dieſer neuen Schwierigkeit? Wie iſt dieſen Schluͤſſeln beizu⸗ kommen? Dieſer Drache iſt nicht zu betriegen, oder zu beſtechen, glaube ich. 8 Darf ich fragen, gnaͤdigſte Frau, hob Ro⸗ land an, ob Ihr, wenn Ihr einmahl aus dem Schloſſe waͤret, Mittel finden koͤnntet, an's jenſeitige Ufer zu kommen, und dort Schu zu erwarten haͤttet? Verlaß dich darauf, Roland, erwiederte die Koͤniginn, was das angeht, iſt unſer An⸗ ſchlag ziemlich gut entworfen. — — —— 231 Wenn ich denn offen reden darf, gnaͤdigſte Frau, ſo denke ich hierin wohl nuͤtzlich ſein zu koͤnnen. Und wie denn, guter Roland? erwiederte die Koͤniginn. Rede! Und ohne Fur cht. Mein Beſchuͤtzer, der Ritter von Avenel, trieb die jungen Leute, die in ſeinem Hauſe erzogen wurden, den Gebrauch des Beiles und Hammers zu lernen, und Holz und Eiſen zu bearbeiten. Er erzaͤhlte uns von den alten nor⸗ diſchen Kaͤmpfern, die ſich ſelber ihre Waffen ſchmiedeten, und von einem hochlaͤndiſchen Haupt⸗ mann, den er ſelber gekannt hatte, Donald nan Ord, oder Donald vom Hammer, der mit einem Schmiedehammer in jeder Hand auf dem Am⸗ boß zu arbeiten pflegte. Manche Leute ſagten, er prieſe dieſe Kunſt, weil er ſelber aus Bauern⸗ blut entſproſſen waͤre. Mag dem ſein, wie ihm wolle, ich habe auch etwas davon gelernt. Fraͤulein Katharina weiß es ſelber, ich habe ihr einen ſilbernen Haarſpieß geſchmiedet. Ja, fiel Katharina ein, aber Ihr ſolltet auch ſagen, daß er ſchlecht genug war. Er brach am naͤchſten Tage, und ich warf ihn weg. Glaubt's nicht, Roland, ſprach die Koͤni⸗ ginn, ſie weinte, als er zerbrochen war, und ſteckte die Stuͤcke in ihren Buſen. Aber, wie⸗ der auf euren Anſchlag zu kommen, wuͤrdet Ihr wohl geſchickt genug ſein, andre Schluͤſſel zu machen? Nein, gnaͤdigſte Nran, das nicht, weil ich die Schloͤſſer nicht kenne; aber ich bin gewiß, ich koͤnnte eine Anzahl von Schluͤſſeln machen, die dieſem verwuͤnſchten Bunde, womit die Edelfrau eben hinausgegangen iſt, ganz aͤhnlich ſein ſollten, und wenn's uns dann möglich waͤre, ſie zu vertauſchen, ſo ſollte es ihr nie im Traume einfallen, daß ſie die unrechten haͤtte. Und die gute Frau iſt zum Gluͤck ein we⸗ nig blind, ſprach die Koͤniginn. Aber wo wirſt du eine Schmiede finden, lieber Roland, wie wirſt du unbeobachtet arbeiten koͤnnen? Des Waffenſchmidts Werkſtaͤtte, wo ich zuweilen mit ihm gearbeitet habe, iſt im Ge⸗ woͤlbe unten aum Thurm. Man hat ihn weg⸗ — — 233 geſchickt, weil man glaubte, er halte es zu ſehr mit Junker Douglas. Die Dienſtleute ſind's gewohnt, mich da arbeiten zu ſehen, und ich will ſchon einen Vorwand finden, womit ſie ſich begnuͤgen ſollen, wenn ich wieder Blaſebalg und Amboß in Bewegung ſetze. 4 Nun, der Plan ſieht gut aus, erwiederte die Koͤniginn. Schnell ans Werk, lieber Ro⸗ land, nur huͤtet Euch, daß man nicht entdecke, was Ihr arbeitet.— O nein! Ich wil ſo frei ſein, den Rie⸗ gel vorzulegen, und wenn dann ja ein Beſuch kommt, ſo habe ich Zeit, meine Arbeit auf die Seite zu ſchaffen, ehe ich oͤffne. Aber wird nicht eben dieß Verdacht erwecken, an einem Orte, wo er ſchon ſo gaͤnge und gebe iſt? fragte Katharina. Nicht doch! Auch der Waffenſchmidt ſchloß ſich ja ein, und jeder gute Schmidt thut's, wenn er an einem Meiſterſtuͤck arbeitet. Und— etwas wagen muß man freilich. Gute Nacht alſo fuͤr heute! ſprach die Koͤni⸗ ginn. Gott ſegne Euch, Kinder! Erhebt Maria 234— je wieder ihr Haupt uͤber das Waſſer, Ihr ſollt Euch Alle mit ihr erheben. IX. Roland's Unternehmen ſchien zu gelingen. Einige Spielereien, wozu die Koͤniginn das Sil⸗ ber gab, wurden kluͤglich denjenigen auͤberreicht, die am Meiſten geneigt ſein konnten, der Schmie⸗ dearbeit ein wenig ſchaͤrfer zuzuſehen, und ſie ließen ſich dadurch einbilden, die Arbeit ſei nuͤtz⸗ lich fuͤr Andre und an ſich unſchaͤdlich. Vor den Leuten war Roland nur mit ſolchem Tand beſchaͤftigt; heimlich aber ſchwiedete er eine An⸗ zahl von Schluͤſſeln, die denjenigen, welche der Edelfrau jeden Abend gebracht wurden, in Ge⸗ wicht und Geſtalt ſo ähnlich waren, daß man bei fluͤchtiger Anſicht die Verſchiedenheit nicht leicht bemerkt haben wuͤrde. Er gab ihnen durch Salzwaſſer die dunkle Roſtfarbe, und ſtolz auf ſeine Kunſt, brachte er ſie endlich, eine Stunde vor dem Abendlaͤuten, in das Zimmer der Koͤ⸗ niginn. —— — 235 Sie betrachtete die Schluͤſſel mit Freude, konnte aber ihre Zweifel nicht unterdruͤcken.„Ich gebe es zu, ſprach ſie, wir koͤnnten die Augen unſrer Wirthinn taͤuſchen, wenn es moͤglich waͤre, dieſe Schluͤſſel den echten unterzuſchieben. Aber wie wird das angehen? Wer unter Euch koͤnnte dieſen Taſchenſpielerſtreich mit gluͤcklichem Erfolge wagen? Wenn wir ſie nur in eine ernſte Unterredung verwickeln koͤnnten, aber alle Geſpraͤche, die ich mit ihr anknuͤpfe, ſind immer von der Art, daß ſie nur ſchneller nach ihren Schluͤſſeln greift, als ob ſie zu ſich ſelber ſpraͤche: Dieß hier ſetzt mich uͤber alle eure Spoͤtteteien und Vorwüͤrfe hinaus.— Und ſelbſt wenn's ihre Freiheit gelten ſollte, koͤnnte Maria Stuart ſich nicht herab laſſen, mit der ſtolzen Ketzerinn freundlich zu reden. Was iſt 4 9n zu thun? Soll unſre Fleming ihre Beredſam⸗ keit zeigen in der Beſchreibung des neuſten Kopfputzes von Paris? Ach! die gute Frau hat ihre Tracht nicht geaͤndert ſeit vierzig Jah⸗ ren, ſo viel ich weiß. Soll mein Liebchen, Katharina, eines von den ruͤhrenden Liedchen 236 ſingen, die mir und Roland das Innerſte bewe⸗ gen? Ach! Frau Margaretha Douglas wuͤrde tieber einen hugenottiſchen Pſalm hoͤren nach der Weiſe: Reveillez- vons belle endormie. Liebe getreue Raͤthe, was iſt zu thun? Mein Witz iſt zu Ende. Soll unſer Wehrmann und treuer Kaͤmpe, Roland Graͤme, die Alte mann⸗ haft anpacken und ihr mit Gewalt die Schluͤſ⸗ ſel nehmen?“ Wenn Ihr's mir erlaubt 4 aonfdaſe Frau, ſprach Roland, ſo zweifle ich nicht, die Sache glimpflicher leiten zu koͤnnen, wiewohl ich zu eurem Dienſte mich auch nicht fuͤrchte— Mit einem Heere von alten Weibern es aufzunehmen, wo jede mit Rocken und Spin⸗ del bewaffnet waͤre, fiel Katharina ein, aber mit Lanzen und Partiſanen mag er nichts zu thun haben. Wer ſich vor ſchoͤner Frauen zunget nicht ſcheuet, braucht ſonſt nichts zu fuͤrchten, erwie⸗ derte Roland.— Gnaͤdigſte Frau, ich bin ziemlich ſicher, daß es mir wohl gelingen wuͤrde, der Edelfrau ihre Schluͤſſel zu vertauſchen; aber ich fuͤrchte die Schildwache, die jetzt allnaͤchtlich im Garten ſteht, wodurch doch nothwendig un⸗ ſer Weg gehen muß. Unſere letzten Botſchaften von unſerm Freunde am Geſtade haben uns in dieſem Stuͤcke Beiſtand verſprochen, antwortete die Koͤniginn. Und ſeid Ihr denn, gnaͤdigſte Frau, der Treue und Wachſamkeit eurer Anhaͤnger ver⸗ ſichert? fragte Roland. Fuͤr ihre Treue ſtehe ich mit meinem Le⸗ ben, und fuͤr ihre Wachſamkeit auch. Ich will dir ſogleich einen Beweis geben, mein ereuer Roland, daß ſie ſo ſinnreich und zuver⸗ aͤſſig ſind, als du. Komm hieher!— Nein, Katharina, du gehſt mit uns; einen ſo artigen Edelknaben laſſen wir nicht allein in unſer Ge⸗ mach. Verſchließt die Thuͤre, liebe Fleming, und gebt uns ein Zeichen, wenn Ihr nur einen Fußtritt hoͤrt. Oder bleibt— du gehſt an die Thuͤre, Katharina— ſeßte ſie hinzu, und fliſterte leiſe: Deine Ohren und dein Witz ſind⸗ ſchaͤrfer.— Gute Fleming, du gehſt mit uns, 238— fuhr ſie fort, und fliſterte noch einmahl Katha⸗ rina zu: Ihre achtbare Gegenwart wird Ro⸗ land ſo ſicher bewachen, als du ſelber es koͤnn⸗ teſt; drum ſei nicht eiferſuͤchtig, Liebchen! Marie Fleming ging mit dem Lichte in der Koͤniginn Schlafzimmer voran, ein kleines Gemach, mit einem Erkerfenſter. Tretet an's Fenſter, Roland, ſprach ſie. Sehet Ihr nicht unter den Lichtern, die durch die Daͤmmerung, von Kinroß her ſchimmern, ein einzelnes, das dem Ufer naͤher zu ſein ſcheint?. Es ſieht von hier nicht glaͤnzender aus, als ein Johanniswuͤrmchen, aber, lieber Roland, dieſes Licht iſt Maria Stuart theurer, als jeder Stern, der am blauen Himmelsge⸗ woͤlbe funkelt. Dieſes Zeichen verkuͤndet mir, daß mehr als ein treues Herz an meiner Be⸗ freiung arbeitet, und ohne dieſe Gewißheit, ohne die Hoffnung auf Erloͤſung, die ſie mir gibt, wuͤrde ich ſchon laͤngſt meinem Schickſale erle⸗ gen und mit gebrochenem Herzen geſtorben ſein. Man hat einen Entwurf nach dem andern ge⸗ macht und wieder aufgegeben, aber noch immer — 239 gläͤnzet das Licht, und ſo lange es glaͤnzt, lebt meine Hoffnung. O wie manchen Abend habe ich da geſeſſen, verzweiflungvoll an unſte zer⸗ ſtoͤrten Plane gedacht, und kaum gehofft, je wieder das gluͤckliche Zeichen zu erblicken, bis ploͤtzlich es erglaͤnzte und Hoffnung und Troſt in das gebeugte Herz brachte. 2 Irre ich nicht, erwiederte Roland, ſo ſcheint das Licht aus dem Hauſe des Gaͤrtners Blinkhoolie. Du haſt ein gutes Auge, ſprach die Koͤni⸗ ginn. Ja, da verſammeln ſich meine Getreuen — Gott und die Heiligen ſegnen ſie!— um ſich uͤber meine Befreiung zu berathen. Die Stimme der ungluͤcklichen Gefangenen wuͤrde auf dem blauen Waſſer verhallen, ehe ſie zu ihnen draͤnge, und doch kann ich mich mit ihnen beſprechen. Ich will dir alles vertrauen. Wohl⸗ an, ich frage die treuen Freunde, ob der Au⸗ genblick fuͤr die grofe Unternehmung nahe iſt. Stellt die Lampe ans Fenſter, liebe Fleming. Sie that's, und nahm das Licht ſogleich 240 wieder weg. Im naͤchſten Augenblicke verſchwaͤnd das Licht in der Huͤtte des Gaͤrtners. Nun zaͤhlet, ſprach die Koͤniginn, mein Herz pocht ſo heftig, daß ich ſelber nicht zaͤhlen kann. Marie Fleming zaͤhlte bedachtſam, Eins, Zwei, Drei, und als ſie bis zu Zehn gekom⸗ men war, erblickte man wieder des Lichtes blaſ⸗ ſen Schimmer an der Kuͤſte. Die heilige Jungfrau ſei geprieſen! ſprach die Koͤniginn. Es ſind erſt zwei Abende, als das Licht ſo lange ausblieb, bis ich Dreißig gezuͤhlt hatte. Die Stunde der Erloͤſung nahet. Gott ſegne Alle, die ſo treu daran arbeiten! Auch Euch ſegne Gott, meine Kinder! Kommt, wir muͤſſen nun wieder in den Saal. Unſre Abweſenheit koͤnnte Verdacht erregen. Sie gingen in den Saal, und der Abend verfloß, wie gewoͤhnlich. Am folgenden Tage, beim Mittagseſſen, ereignete ſich etwas Unge⸗ woͤhnliches. Waͤhrend die Edelfrau ihr Geſchaͤft an der Tafel der Koͤniginn verrichtete, meldete man ihr, es ſei ein Kriegsmann angelangt, — 242 den ihr Sohn geſendet habe, wiewohl ohne einen Brief, oder ein anderes Zeichen, als eine muͤndliche Botſchaft. Hat er Euch das Zeichen gegeben? fragte die Edelfrau. Er wird es fuͤr Euer Gnaden aufbewahrt haben, erwiederte der Knecht. Daran thut er wohl, ſprach die Burgher⸗ rinn. Sage ihm, er ſolle mich in der Halle erwarten. Doch nein— Ihr erlaubt's mir, gnaͤdigſte Frau, daß ich ihn hier empfange. Da es Euch beliebt, eure Dienſtleute in meiner Gegenwart zu empfangen, antwortete die Koͤniginn, ſo bleibt mir keine Wahl— Meine Kränklichkeit muß mich entſchuldi⸗ gen, hob die Edelfrau wieder an. Das Leben, welches ich hier zu fuͤhren habe, paßt wenig zu der Laſt der Jahre, die auf mir liegt, und ich muß unnüͤtze Foͤrmlichkeiten ablehnen. O gute Frau von Lochleven, erwiederte die Koͤniginn, ich wollte, es waͤre in eurem Schloſſe nichts, was haͤrteren Zwang auflegte, als die Spinnwebenketten der Foͤrmlichkeit; aber Theil III. 8 16 242 Riegel und Stangen ſind Dinge, wogegen ſich ſchwerer kaͤmpfen laͤßt. Als ſie noch redete, trat der Mann, den der Knecht angekuͤndigt hatte, herein, und Ro⸗ land erkannte in ihm alsbald den Abt Am⸗ broſius. Wie heißt Ihr, lieber Mann? ſprach die Edelfrau. Eduard Glendinning, erwiederte der Abt, ſich verbeugend. Biſt du ein Verwandter des Ritters von Avenel? fuhr die Burgherrinn fort. Ja, edle Frau, und zwar ein naher, ant⸗ wortete der angebliche Kriegsmann. Sehr wahrſcheinlich, ſprach ſie, der Ritter hat ſich durch ſeine eigenen guten Thaten aus dunkelm Stamme zu ſeinem jetzigen Range erho⸗ ben. Aber er iſt von ſicherer Treue, von be⸗ waͤhrter Tuͤchtigkeit, und ſein Verwandter iſt. uns willkommen. Ihr ſeid ohne Zweifel vom wahren Glauben? Zweifelt nicht daran, edle Frau, erwiederte der verkleidete Prieſter. 3 — 2½3 Haſt du ein Wahrzeichen fuͤr mich vom Ritter Douglas? Ja, edle Frau, aber ich muß es Euch heimlich ſagen. Du haſt recht, erwiederte die Edelfrau und ging an ein Fenſter. Nun, worin beſteht es 2 In den Worten eines alten Saͤngers, erwiederte der Abt. Sage ſie, fuhr die Burgherrinn fort, und er ſprach mit leiſem Tone die Worte eines al⸗ ten Liedes:„O Douglas, Douglas, mild und treu. Ja, ſo ſpricht der edle Saͤnger, deſſen Harfe immer von der Ehre des Hauſes Dou⸗ glas erklang, ſprach die Edelfrau. Wir neh⸗ men Euch unter unſre Kriegsleute auf, Glen⸗ dinning. Aber, Randal, laß ihn nur die aͤußern Wachen beſetzen, bis wir mehr uͤber ihn von unſerm Sohne hoͤren. Du ſcheueſt doch nicht die Nachtluft, Glendinning?. In der Sache der edlen Frau, vor wel⸗ cher ich ſtehe, fuͤrchte ich nichts, ſprach der ver⸗ kleidete Abt. 3 3 244 3— Unſre Beſatzung iſt alſo um einen zuver⸗ laͤſſigen Kriegsmann ſtärker, ſprach die Burg⸗ herrinn. Geh nun in die Speiſekammer, und laß dich gut bewirthen. Als die Edelfrau hinausgegangen war, wandte ſich die Koͤniginn zu Roland.„Ich leſe etwas Teoͤſtliches in den Zuͤgen dieſes Frem⸗ den; ich weiß nicht, was mich darauf bringt, aber ich bin uͤberzeugt, er iſt ein Freund.“ 3 Euer Scharfblick, gnaͤdigſte Frau, truͤgt Euch nicht, erwiederte Roland, und er ſagte ihr, daß der Abt des Marienkloſters ſelber die Rolle des Kriegsmannes ſpielte. Die Koͤniginn bezeichnete ſich mit dem Kreuze und blickte zum Himmel.„Und fuͤr mich, die unwuͤrdige Suͤnderinn, will ein ſo heiliger Mann, in einem ſo hohen Kirchenamte, das Kleid eines gemeinen Kriegsmannes tragen, und ſich in Gefahr bringen, wie ein Verraͤther hingerichtet zu werden?“ Der Himmel wird ſeinen Diener beſchuͤtzen, gnaͤdigſte Frau, ſprach Katharina. Seine Hilfe — 245 wuͤrde Segen auf unſre Unternehmung bringen, waͤre ſie nicht an ſich ſchon geſegnet. Ich bewundere an meinem geiſtlichen Va⸗ ter den veſten Blick, den er auf mich warf, ohne durch das mindeſte Zeichen unſte fruͤhere Bekanntſchaft zu verrathen. Ich dachte nicht, daß ſo etwas moͤglich ſei, ſeit ich aufgehoͤrt habe zu glauben, daß Heinrich und Katharina eine Perſon waͤren. Aber habt Ihr nicht bemerkt, wie liſtig der gute Vater den Fragen der Lochleven aus⸗ wich, indem er ihr die reine Wahrheit ſagte, die ſie doch nicht als ſolche annahm? hob die Koͤniginn wieder an. 1. Roland dachte in ſeinem Herzen, wenn die Wahrheit, in der Abſicht zu betriegen, geſagt werde, ſo ſei ſie nicht viel beſſer, als eine ver⸗ ſchleierte Luͤge. Aber es war nicht Zeit, ſolche Gewiſſensfragen zu verhandeln. Es ahnet mir, ſprach Katharina, wir wer⸗ den heute Abend zwei Lichter, ſtatt eines aus jenem Garten in Eden ſchimmern ſehen. Spielt dann tapfer eure Rolle, Roland, und wir tanzen 246 auf dem gruͤnen Raſen, wie Elfen um Mitter⸗ nacht. Katharina's Ahnung ward erfuͤllt. Zwei Lichter erglaͤnzten Abends aus der Huͤtte am Geſtade, und Roland hoͤrte mit pochendem Her⸗ ien, daß der neu angekommene Kriegsmann außerhalb des Schloſſes den Wachdienſt ver⸗ ſehen ſollte. Als er der Koͤniginn dieſe Nach⸗ richten brachte, ſtreckte ſie ihre Hand ihm ent⸗ gegen. Er kniete, und als er die Hand ehrer⸗ bietig an ſeine Lippen fuͤhrte, fand er ſie kalt, wie Marmor. Um Gotteswillen, gnaͤdigſte Frau, ſprach er, werdet, jetzt nicht muthlos— jetzt nicht kleinlaut!. Ruft die heilige Jungfrau an, o Koͤni⸗ ginn, ſprach Marie Fleming: ruft euren Schutz⸗ heiligen an! Ruft die Geiſter der hundert Koͤnige an, von welchen Ihr abſtammet, fuhr Roland fort. In dieſer Stunde der Noth iſt die Entſchloſſen⸗ heit eines Koͤnigs ſo viel werth, als der Bei⸗ ſtand von hundert Heiligen. 242 O Roland Graͤme! ſprach die Koͤniginn mit dem Tone des baͤngſten Kleinmuthes: ſei mir treu! Viele haben ſich falſch gegen mich gezeigt. Ach! ich bin nicht immer treu gegen mich ſelber geweſen. Eine geheime Ahnung ſagt mir, ich ſoll in Knechtſchaft ſterben, und dieſer kuͤhne Verſuch wird uns Allen das Leben koſten. Eine Wahrſagerinn hat mir in Frankreich ver⸗ kuͤndigt, daß ich in der Gefangenſchaft eines gewaltſamen Todes ſterben ſoll— und jetzt kommt die Stunde! O wollte Gott, ſſe faͤnde mich bereit! Gnaͤdigſte Frau, hob Katharina an, erin⸗ nert Euch, daß Ihr eine Koͤniginn ſeid. Beſſer, wir ſterben Alle, im tapfern Verſuche, unſre Freiheit zu erlangen, als daß wir hier bleiben, um uns durch Gift hinrichten zu laſſen. Ihr habt Recht, Katharina, ſprach die Koͤniginn, und Maria's Betragen wird ihrer wuͤrdig ſein. Aber ach! euer junger hochfliegen⸗ der Geiſt kann kaum verſtehen, was meinen Geiſt gebrochen hat... Vergebet mir, meine 248—. Kinder! Lebt wohl auf einige Zeit! Ich will mich ſtaͤrken zu dem furchtbaren Wagniß. Sie trennten ſich, bis das Laͤuten der Abendglocke ſie wieder zuſammen rief. Die Koͤ⸗ niginn erſchien, ernſthaft, aber ſtandhaft und entſchloſſen. Marie Fleming wußte mit der Kunſt eines erfahrenen Hoͤflings ihre innere Bangigkeit zu verſtellen. Katharina's Auge leuchtete, als haͤtte die Kuͤhnheit des Unterneh⸗ mens ſie entflammt, und das leiſe Laͤcheln, das auf ihren ſchoͤnen Lippen ſchwebte, ſchien alle Gefahr und alle Folgen der Entdeckung zu ver⸗ achten. Roland, der wohl fuͤhlte, wie ſehr der gluͤckliche Erfolg von ſeiner Gewandtheit und Kuͤhnheit abhing, rief ſeine ganze Beſonnenheit zuſammen, und wenn ſein Muth auf einen Augenblick ſchwanken wollte, warf er ſeinen Blick auf Katharina, die ihm nie ſo reizend erſchienen war. Ich kann erliegen, dachte er, 8 aber mit der Ausſicht auf dieſe Belohnung laſſe ich mich nicht werfen, wenn ſie nicht den Teu⸗ fel zum Beiſtand haben. — — 249 So entſchloſſen, ſtand er, wie ein Wind⸗ hund auf dem Sprunge, Hand, Herz und Auge bereit, die Gelegenheit zur Ausfuͤhrung des Ent⸗ wurfes herbeizufuͤhren und zu benutzen. Man hatte die Schluͤſſel, wie gewoͤhnlich, der Edelfrau uͤbergeben. Sie ſtand, mit dem Nuͤcken gegen das Fenſter, welches, wie das Zimmer der Koͤniginn, eine Ausſicht nach dem Flecken Kinroß oͤffnete, deſſen Kirche naͤher am Seegeſtade ſich erhob. Vor der Burgherrinn lagen die Schluͤſſel auf dem Tiſche, waͤhrend ſie die Gerichte koſtets, die man auftrug, und wie es den Gefangenen vorkam, bewachte ſie auf⸗ merkſamer, als gewoͤhnlich, das ſchwere Schluͤſ⸗ ſelbund. Eben als ſie mit dem Vorkoſten fer⸗ tig war, und nach den Schluͤſſeln greifen wollte, blickte Roland, der neben ihr ſtand und ihr die Speiſen gereicht hatte, ſeitwaͤrts nach dem Fen⸗ ſter, und rief auf einmahl, er ſaͤhe Leichenlich⸗ ter auf dem Kirchhofe. Die Edelfrau war nicht ganz frei von dem Aberglauben ihrer Zeit; das Schickſal ihrer Soͤhne machte ſie fuͤr den Glau⸗ ben an Vorbedeutungen empfaͤnglich, und ein 230 Leichenlicht, wie man's nannte, auf dem Be⸗ graͤbnißplatze der Familie, bedeutete einen Todes⸗ fall. Sie wendete ſich nach dem Fenſter, ſah einen entfernten Schimmer, vergaß auf einen Augenblick ihr Amt, und in dieſem Augenblicke gingen alle Fruͤchte ihrer fruͤhern Wachſamkeit ver⸗ loren. Roland hielt die falſchen Schluͤſſel unter ſeinem Mantel, und vertauſchte ſie ſehr geſchickt mit den echten. Bei aller Gewandtheit aber wurde doch ein leichtes Klirren nicht vermieden, als er das Schluͤſſelbund aufhob. Wer greift meine Schluͤſſel an? ſprach die Edelfrau, und als Roland antwortete, er haͤtte ſie mit ſeinem Aermel beruͤhrt, ſah ſie ſich um, nahm die ausgetauſchten Schluͤſſel zu ſich und blickte wieder nach den vorgeblichen Leichenlichtern. Ich glaube, ſprach ſie, nach einigen Au⸗ genblicken, dieſer Schimmer kommt nicht vom Kirchhofe, ſondern aus der Huͤtte des alten Gaͤrtners Blinkhoolie. Ich begreife nicht, was der Menſch treibt, daß er ſeit Kurzem immer bis ſpaͤt in die Nacht Licht in ſeinem Hauſe gehabt hat. Ich hielt ihn fuͤr einen fleißigen —— —r 251 friedlichen Mann, aber wenn er anfaͤngt, Muͤſ⸗ ſiggaͤnger und Nachtſchwaͤrmer zu herbergen, muß man ihm den Laufpaß geben. Vielleicht macht er Koͤrbe, ſprach Roland, der ihren Verdacht abzulenken wuͤnſchte. Oder wohl Netze, nicht wahr? fuhr die Edelfrau fort. Vielleicht, edle Frau, erwiederte Roland, fuͤr Forellen und Lachſe. Oder fuͤr Narren und Schelme. Aber mor⸗ gen ſoll die Sache naͤher unterſucht werden.— Gnaͤdigſte Frau, ich wuͤnſche Euch und eurer Geſellſchaft eine gute Nacht. Randal, du folgſt.. mir. Randal, der im Vorzimmer wartete, ſeit er das Schluͤſſelbund abgegeben hatte, begleitete, wie gewoͤhnlich, ſeine Gebieterinn, die ſich in ihr Zimmer begab. Morgen? ſprach Roland, freudig ſeine Haͤnde reibend. Thoren ſehen auf Morgen und kluge Leute benutzen das Heute. ten, gnaͤdiaſte Koͤniginn, daß Ihr auf eine Darf ich Euch bit⸗ halbe Stunde Euch entfernet, bis alles im 252— Schloſſe zur Ruhe gegangen iſt? Ich muß dieſe gluͤcklichen Werkzeuge unſrer Erloͤſung mit Oehl beſtreichen. Nur Muth und Standhaf⸗ tigkeit, und alles geht gut, wenn anders unſre Freunde druͤben das Boot ſchicken, wovon Ihr geſprochen habt. Seid unbeſorgt, ſprach Katharina, ſie find treu, wie das Schwert, wenn nur unſre theure Gebiererinn ihren edlen koͤniglichen Muth behauptet. Zweifle nicht an mir, Katharina, erwie⸗ derte die Koͤniginn. Vor wenigen Augenblicken war ich noch kleinmuͤthig, aber ich habe den Muth meiner fruͤhern, froͤhlichern Tage zuruͤck gerufen, wo ich meine bewaffneten Edlen beglei⸗ tete, und ſelber ein Mann zu ſein wuͤnſchte, um zu ſehen, wie man im Felde lebt mit Schwert und Schild, mit Schlauch und Tor⸗ niſter. O die Lerche lebt nicht froͤhlicher, und ſingt kein heiterer, munterer Lied, als der luſtige Kriegsmann, ſprach Katharina. Bald, gnaͤdigſte Frau, bald ſollt Ihr mitten unter ihnen ſein, — 253 und wenn ſie eine ſolche Koͤniginn erblicken, wird jeder in eurem Heere zur Stunde der Noth fuͤr drei Maͤnner ſtehn. Aber ich muß an mein Geſchaͤft. 1 Wir haben nur noch wenig Zeit, erwie⸗ derte die Koͤniginn. Eines der beiden Lichter in der Huͤtte iſt erloſchen; ein Zeichen, daß der Kahn abgefahren iſt. 1 Sie werden nur ſehr langſam rudern, ſprach Roland, und alles Geraͤuſch zu vermeiden ſuchen. Jetzt jedes zu ſeinem Geſchaͤfte! Ich beſpreche mich mit dem frommen Vater. In der ſtillen Mitternachtſtunde, wo alles im Schloſſe ruhte, ſteckte Roland den Schluͤſſel in das Schloß des Pfoͤrtchens, das in den Garten ging, und am Fuße einer Treppe war, die zu den Zimmern der Koͤniginn fuͤhrte. „Nun drehe dich ſanft und leiſe, du guter Schluͤſſel, wenn je Oehl den Roſt ſchmeidigen konnte.“- Seine Vorſicht war ſo wirkſam, daß ſich das Schloß faſt ohne Geraͤuſch oͤffnete. Er wagte es nicht, uͤber die Schwelle zu gehen, 254 und fragte nur den Abt, ob das Boot bereit waͤre. Seit einer halben Stunde liegt es unter der Mauer, ſo nahe an der Inſel, daß es der Waͤchter nicht ſehen kann, antwortete die Schild⸗ wache, aber ich fuͤrchte, es wird ſeinen Blicken kaum entgehen, wenn es wieder abfaͤhrt. Die Nacht iſt ſo dunkel, und wir werden ſo ſtill ſeyn, daß es unbeobachtet abfahren kann, wie es gekommen iſt. Der Waͤchter auf dem Thurm iſt ein daͤmiſcher Kerl, der einen Krug Doppelbier fuͤr den beßten Schutz bei einer Nachtwache haͤlt. Er ſchlaͤft, darauf laͤßt ſich wetten. Hohle die Koͤniginn, ſprach der Abt, und ich will Heinrich Seyton rufen, der ſie ins Boot bringen ſoll. Auf den Zehen, mit leiſem Schritte und angehaltenem Athem, bei jedem Raſcheln ihrer eigenen Gewaͤnder zitternd, ſtiegen die ſchoͤnen Gefangenen, Eine nach der Andern, von Ro⸗ land gefuͤhrt, die Wendeltreppe hinab, und wur⸗ 255 den von Heinrich Seyton und dem Abte am Pfoͤrtchen empfangen. 3 Heinrich ſchien alsbald die ganze Leitung des Unternehmens an ſich reißen zu wollen. „Herr Abt, ſprach er, gebt meine Schweſter den Arm. Ich fuͤhre die Koͤniginn, und der Juͤngling wird die Ehre haben, Frau Fleming zu fuͤhren.“ Es war nicht die Zeit, ſich gegen dieſe Anordnung aufzulehnen, wiewohl Roland ſie nicht gewaͤhlt haben wuͤrde. Katharina, die den Gartenpfad gut genug kannte, huͤpfte, wie eine Sylphe, voran, und fuͤhrte eher den Abt, als daß ſie ſeine Unteeſtuͤtzung erhalten haͤtte. Die Koͤniginn ging an Seyton's Arm mit neſtem Schritte vorwaͤrts, und ihr angeborner Muth bemeiſterte ihre weibliche Furcht und tau⸗ ſend peinliche Erinnerungen. Marie Fleming, die aͤngſtlich Beſorgte, hing ſchwer an dem Arme des Edelknaben, der zuletzt folgte, und unter dem andern Arme ein Pakt mit Habſe⸗ ligkeiten der Koͤniginn trug. Die Frauen wur⸗ den nun ſchnell an's Ufer gefuͤhrt, wo ein Boot 3 3 256 mit ſechs Ruderern lag, die ſich gebuͤckt hatten, um der Beobachtung zu entgehen. Heinrich Seyton fuͤhrte die Koͤniginn in den Spiegel des Bootes; der Abt wollte Katharina Beiſtand lei⸗ ſten, aber ſie ſetzte ſich neben die Koͤniginn, ehe er ſeine Hilfe anbieten konnte. Roland wollte eben die Kammerfrau in's Boot heben, als ploͤtzlich ein Gedanke ihm durch den Kopf zu fahren ſchien.„Vergeſſen! Vergeſſen! Nur eine halbe Minute wartet auf mich.“ Mit dieſen Worten ſetzte er die hilfloſe Kammerfrau wieder an's Ufer, warf das Paͤkt⸗ chen der Koͤniginn in's Boot und flog ſchnell, wie ein Vogel, aber leiſe durch den Garten. Beim Himmel! er wird zuletzt noch treu⸗ los! ſprach Seyton. Das habe ich immer ge⸗ fuͤrchtet. Er iſt aufrichtig, wie der Himmel ſelbſt, ſprach Katharina, und dafuͤr will ich ſtehen. Schweige, Maͤdchen! erwiederte ihr Bru⸗ der. Schaͤme dich wenigſtens, wenn du dich nicht fuͤrchteſt. Fort, Ihr Leute, und rudert, was Ihr koͤnnt! —— 257 Helft mir! Bringt mich ins Boot! ſprach die verlaſſene Kammerfrau lauter, als es die Vor⸗ ſicht erlaubte. Fort! fort! rief Seyton. Laßt alles zuruͤck, wenn nur die Koͤniginn gerettet iſt. Wollt Ihr dieß geſtatten, gaaͤdigſte Frau, ſprach Katharina flehend. Euern Befreier dem Tode hingeben! Nein! antwortete die Koͤniginn, ich will's nicht. Seyton, ich befehle es Euch, zu warten, welche Gefahr auch drohe. Verzeiht, gnaͤdigſte Frau, wenn ich Euch nicht gehorche, ſprach der unlenkſame Juͤngling, und als er mit der einen Hand die Kammer⸗ frau hinein gehoben hatte, ſtieß er ſelbſt das Boot vom Ufer. Schon wollten die Ruderer das Vordertheil des Schiffes wenden, als Roland zuruͤck kehrte, im kraͤftigen Sprunge vom Ufer das Boot er⸗ reichte, und Seyton umwarf, indem er ſich uͤber ihn ſchwang. Der Juͤngling unterdruͤckte einen heftigen Fluch, und hielt Roland auf, der in den Spiegel des Schiffes gehen wollte.„Euer Theil IIY. 12 258— Platz iſt nicht unter den hochgebornen Frauen, ſprach er. Geht ins Gallion und richtet die Segel ein. Nun, ſchnell! Rudert fuͤr Gott und die Koͤniginn! 46 Die Ruderer gehorchten und fingen an, ruͤſtig zu arbeiten. Warum habt Ihr die Ruder nicht um⸗ wickelt? fragte Roland. Das Geraͤuſch wird die Schildwache erwecken. Der alte Thurmwaͤch⸗ ter muß Mohnſuppe gegeſſen haben, ſonſt haͤtte das Fliſtern ihn aufgeſtoͤrt. Du biſt Schuld an der Zoͤgerung, erwie⸗ derte Seyton, und ſollſt mir kuͤnftig Rede ſtahen dafuͤr und fuͤr andre Dinge. Roland's Beſorgniſſe wurden ſo ſchnell er⸗ fuͤllt, daß er nicht Zeit zu einer Antwört hatze. Der Waͤchter, der im Schlummer das Fliſtern nicht gehoͤrt hatte, wurde durch den Ruderſchlag erweckt. Sein Ruf ward alsbald vernommen. „Ein Boot! Ein Boot! Dreht bei, oder ich ſchieße.“ Als man munter zu rudern fortfuhr, rief er laut:„Verrath! Verrath!“ zog die Schloß⸗ 259 glocke und feuerte ſeinen Doppelhaken auf das Boot. Die Frauen draͤngten ſich an einander, als ſie den Pulverblitz ſahen und den Knall hoͤrten, waͤhrend ihre Begleiter die Ruderer zu verdoppelter Eile trieben. Mehr als eine Kugel hoͤrte man uͤber die Flaͤche des Sees, nicht weit von der kleinen Barke, pfeifen, und die Lichter, die von einem Fenſter zum andern leuchteten, verriethen deutlich, daß das ganze Schloß in Unruhe und ihre Flucht entdeckt war. Friſch gerudert! rief Seyton noch einmahl. Strengt alle Kraͤfte an, oder ich will Euch mit meinem Dolche treiben. Man wird ſogleich mit einem Boote uns nachſetzen. Dafuͤr iſt geſorgt, ſprach Roland. Ich ſchloß die Gartenthuͤre und das Pfoͤrtchen zu, als ich zuruͤck ging, und heute Nacht wird kein Boot von der Inſel abſtoßen, wenn Thuͤren von gutem Eichenholze und eiſerne Riegel die Leute in ihren Mauern zuruͤck halten koͤnnen. Und nun will ich mein Amt als Thuͤrhuͤter von Lochleven niederlegen und gebe der Nixe die Schluͤſſel zu huͤten. 260 Als das ſchwere Schluͤſſelbund in den See hinab ſank, rief der Abt, der bis dahin gebetet hatte:„Nun ſei geſegnet, mein Sohn! Deine Geiſtesgegenwart und Klugheit beſchaͤmt uns alle.“ Ich wußte, ſprach die Koͤniginn, und ath⸗ mete freier, als ſie nun außer dem Bereiche der Musketen waren: daß mein Edelknabe treu, gewandt und ſcharfſinnig war. Ich muß ihn befreunden mit meinen nicht minder treuen Rit⸗ tern, Douglas und Seyton. Aber wo iſt denn Douglas? Hier, gnaͤdigſte Frau, antwortete die tiefe, ſchwermuͤthige Stimme des Schiffers, der neben ihr ſaß, und das Steuer lenkte. Ach! waret Ihr es, der mit ſeiner Bruſt mich deckte, als die Kugeln um uns regneten? Glaubt Ihr denn, ſprach er leiſe, daß Douglas einem Andern es uͤberlaſſen haben wuͤrde, das Leben ſeiner Koͤniginn mit ſeinem eigenen zu ſchuͤtzen? Das Geſpraͤch ward hier unterbrochen, als ein Schuß aus einem Falkonet fiel, einem kleinen — — 261 Geſchuͤtz, das in jenen Zeiten zur Vertheidigung der Schloͤſſer gebraucht ward. Der Schuß blieb ohne Wirkung; aber der hellere Pulverblitz, der tiefere Donner, und der lautere Wiederhall von dem gebirgigen Geſtade in der Stille der Mit⸗ ternacht, erſchreckten die befreiten Gefangenen ſo ſehr, daß ſie ſchwiegen. Das Boot hatte einen Landungplat erreicht, der laͤngs einem Garten von großem Umfange hinlief, ehe wieder Je⸗ mand zu ſprechen wagte. Sie landeten, und waͤhrend der Abt laut dem Himmel dankte, der bis dahin das Unternehmen beguͤnſtigt hatte, empfing Douglas den ſchoͤnſten Lohn fuͤr ſein gefaͤhrliches Wageſtuͤck, als er die Koͤniginn in des Gaͤrtners Haus fuͤhrte. In dieſem Augen⸗ blicke, wo die Regungen des Schreckens ſie erſchoͤpft hatten, war die Koͤniginn jedoch Ro⸗ lands nicht uneingedenk, und befahl dem jungen Heinrich Seyton ausdruͤcklich, ihrer aͤltern Kam⸗ merfrau Beiſtand zu leiſten, waͤhrend Katharina freiwillig und ohne Geheiß den Arm des Edel⸗ knaben faßte. Seyton aber uͤberließ die Kam⸗ merfrau alsbald dem Abte, unter dem Vorgeben, 262—— er muͤſſe nach den Pferden ſehen, und ſeine Die⸗ ner, die ſchnell ihre Schifferkleidung abwarfen, eilten, ihm beizuſtehen. 8 Die Koͤniginn verweilte in des Gaͤrtners Huͤtte einige Minuten, waͤhrend man die Pferde bereitete. Sie ſah den Gaͤrtner in einer Ecke ſitzen, und als ſie ihn zu ſich rief, naͤherte er ſich, widerwillig, wie es ſchien. Wie, Bruder, ſprach der Abt, ſo langſam biſt du, deine koͤnigliche Gebieterinn zu bewill⸗ kommen, in dem Augenblicke, wo ſie ihre Frei⸗ heit und ihr Reich wieder erlangt? Der alte Mann naͤherte ſich auf dieſe Er⸗ mahnung, und wuͤnſchte der Koͤniginn mit wohl geſetzten Worten Gluͤck zu ihrer Befreiung. Die Koͤniginn dankte ihm mit großer Freundlichkeit, und ſetzte hinzu:„Wir duͤrfen nicht vergeſſen, Euch ſogleich eine Belohnung fuͤr eure Treue anzubieten; denn wir wiſſen wohl, euer Haus iſt lange der Zufluchtort geweſen, wo unſere ge⸗ treuen Diener ſich verſammelt haben, um Maß⸗ regeln zu unſrer Befreiung zu verabreden.“ 263 Mit dieſen Worten bot ſie ihm einige Gold⸗ ſtuͤcke an, und fuhr fort:„Kuͤnftig wollen wir eure Dienſte reichlicher vergelten.“ Knie nieder, Bruder, ſprach der Abt, und danke unſrer gnaͤdigſten Frau fuͤr ihre Guͤte. Guter Bruder, der Ihr einſt einige Stufen unter mir ſtandet, und noch immer viele Jahre junger ſeid, erwiederte der Gaͤrtner muͤrriſch: laßt mich meine Erkenntlichkeit auf meine eigene Art bezeigen. Koͤniginnen haben wohl eher vor mir gekniet, und in Wahrheit meine Kniee ſind zu alt und zu ſteif, als daß ich ſie vor dieſer Frau mit dem holdſeligen Antlitz beugen ſollte.— Eure Diener, gnaͤdigſte Frau, haben in meinem Hauſe geſchaltet, daß ich's kaum mein eigen nennen konnte, haben meine Blumen zertreten in ihrem Eifer, wenn ſie um Mitternacht kamen und gingen, haben die Erntehoffnung mir zer⸗ ſoͤrt, als ſie ihre Kriegsroſſe in meinen Garten brachten; dafuͤr erbitte ich von Euch zur Ver⸗ geltung nichts, als daß Ihr euren Wohnſitz ſo weit als moͤglich von mir waͤhlet. Ich bin ein alter Mann, der gern ſo leicht, als er kann, 264.— zu ſeinem Grabe kriechen moͤchte, in Frieden, in Wohlwollen und bei ruhiger Arbeit. Ich verſpreche es Euch aufrichtig, guter Mann, erwiederte die Koͤniginn, jenes Schloß werde ich nicht wieder zu meinem Wohnſihe machen, wenn ich's verhuͤten kann. Aber nehmt dieß Geld von mir an; es mag eine kleine Ver⸗ gutung ſein fuͤr die Verwuͤſtung, die wir in eurem Garten angerichtet haben. Ich danke Euch, gnaͤdigſte Frau, aber es wird mir nicht die geringſte Verguͤtung ſein. Die zerſtoͤrten Arbeiten eines ganzen Jahres foͤnnen demjenigen nicht ſo leicht erſetzt werden, der vielleicht nur noch dieſes eine Jahr zu leben hat, und uͤberdieß ſagt man mir, ich muͤßte dieſen Ort verlaſſen und unſtet werden in mei⸗ nen alten Tagen, und ich habe doch nichts auf Erden, als dieſe Obſtbaͤume, und einige alte Pergamente mit Familiengeheimniſſen, die fuͤr Niemand Wichtigkeit haben. Waͤre meine Nei⸗ gung auf Gold gegangen, ſo haͤtte ich Abt des Marienkloſters bleiben koͤnnen. Und doch, wer weiß— Wenn der Abt Bonifacius jetzt nur 265 der arme Landmann Blinkhoolie iſt, ſo hat ſich ſein Nachfolger, Abt Ambroſius, noch ſchlimmer umgewandelt in einen Kriegsmann. Iſt dieß wirklich der Abt Bonifacius, von welchem ich gehort habe? fragte die Koͤniginn. Ehrwuͤrdiger Vater, ich haͤtte vor Euch knien ſollen, euren Segen zu erbitten. Beuget das Knie nicht vor mir, gaaͤdigſte Frau. Der Segen eines alten Mannes, der nicht mehr Abt iſt, begleite Euch uͤber Berg und Thal. Ich hoͤre eure Pferde kommen. Lebt wohl, frommer Vater! ſprach die Koͤ⸗ niginn. Wenn wir wieder in Holyrood auf unſerm koͤniglichen Sitze ſind, werden wir weder dich, noch deinen beſchaͤdigten Garten vergeſſen. Vergeſſet uns beide, ſprach der Alte, und Gott ſei bei Euch! Als ſie aus dem Hauſe eilten, hoͤrten ſie ihn noch mit ſich ſelber ſprechen, indem er ſchnell Rie⸗ gel und Stange vorſchob. Die Rache des Hauſes Douglas wird den guten alten Mann erreichen ſprach die Koͤniginn. 266 Gott helfe mir! Ich bringe jedem Verderben, dem ich nahe komme: 1 Fuür ſeine Sicherheit iſt geſorgt, antwortete Seyton. Er darf nicht hier bleiben; und wird heimlich an einen Ort gebracht werden, wo er ohne Gefahr iſt. Aber, gnaͤdigſte Frau, ich wollte, Ihr waͤret im Sattel. Zu Pferde! zu Pferde!. Die Diener, welche bei den Pferden wa⸗ ren, verſtaͤrkten das Gefolge von Seyton und Douglas. Die Königinn und ihre Kammer⸗ frauen ſtiegen alsbald zu Pferde, und entfern⸗ ten ſich von dem Flecken, wo das Schießen bereits Unruhe erweckt hatte. Douglas zeigte den Weg, und ſo bald ſie im Freien waren, ritten ſie ſo ſchnell, als ſie durften, ohne die Ordnung des Zuges zu ſtoͤren. Die friſche Nachtluft, der muntre Ritt über Huͤgel und Ebene, die Aufregung des Ge⸗ muͤthes, die das Gefuͤhl der Freiheit und die raſche Bewegung hervor brachten, vertrieben — 26 allmaͤhlich die Verwirrung und den Kleinmuth, welche den Geiſt der Koͤniginn anfangs betaͤubt hatten. Sie konnte den Wechſel ihrer Empfin⸗ dungen dem Manne, der an ihrer Seite ritt, nicht verbergen, und zweifelte nicht, daß es der Abt waͤre; denn Seyton gab ſich, mit allem Ungeſtuͤm eines Juͤnglings, der ſtolz auf ſein erſtes gluͤckliches Abenteuer war, das wichtige Anſehn eines Anfuͤhrers des kleinen Haufens, der Schortlands Gluͤck, wie man's nannte, ge⸗ leitete. Er ritt bald an der Spitze, und hielt bald ſein muthiges Roß an, um den Nachtrab zu erwarten, ermahnte die Fuͤhrer, in gemeſſe⸗ nem, aber raſchem Schritte voran zu traben, und gebot den Letzten im Zuge, ihre Pferde zu ſpornen, und die Reihe nicht zu unterbrechen; bald aber naͤherte er ſich der Koͤniginn, oder ihren Dienerinnen, um ſich zu erkundigen, ob ſie den raſchen Ritt aushalten koͤnnten, und ihm etwas zu befehlen haͤtten. Waͤhrend Sey⸗ ton bei dieſer Geſchaͤftigkeit nicht ganz ohne Vor⸗ theil erſchien, aber noch weit mehr Prahlerei zeigte, widmete der Reiter, welcher der Koͤniginn 268— zur Seite blieb, ihr ſeine ganze, ungetheilte Aufmerkſamkeit, als ob er einem hoͤhern Weſen gedient haͤtte. Wo der Weg rauh und gefaͤhr⸗ lich war, achtete er faſt gar nicht auf ſein eige⸗ nes Pferd und behielt immer den Zuͤgel des Zelters der Koͤniginn, und mußte durch einen Fluß, oder einen Bach geſetzt werden, ſo hielt er ſie mit dem linken Arm im Sattel, waͤhrend er mit der rechten Hand ihren Zuͤgel faßte. Ich haͤtte nicht gedacht, ehrwuͤrdiger Vater, ſprach die Koͤniginn, als ſie am jenſeitigen Ufer waren, daß ſich im Kloſter ſo gute Reiter bilden konnten.* Ihr Begleiter ſeufzte, ohne zu antworten. Ich weiß nicht, wie es kommt, fuhr die Koͤniginn fort, hat das Gefuhl der Freiheit mir Fluͤgel gegeben, oder hat es die Freude gethan, endlich wieder, nach langer Entbehrung, das Lieblingsvergnuͤgen des Reitens zu genießen. Nie ſchoß ein Fiſch durch's Waſſer, nie ein Vogel durch die Luft mit dieſem Freiheitgefuͤhle und dieſem Entzuͤcken, womit ich durch den Nachtwind uͤber die Ebene fliege. Ja, es hat 269 etwas ſo Bezauberndes fuͤr mich, noch einmahl im Sattel zu ſitzen, daß ich faſt ſchwoͤren koͤnnte, ich ſaͤße in dieſem Augenblicke auf mei⸗ ner lieben Roſabelle, die an Geſchwindigkeit, an leichtem und ſicherm Gange ihres Gleichen nie in Schottland hatte. Und wenn das Pferd, welches eine ſo thente Buͤrde traͤgt, ſprechen koͤnnte, erwiederte die tiefe Stimme des ſchwermuͤthigen Douglas, wuͤrde es nicht antworten: Wer ſonſt, als Roſabelle, ſollte in einem ſo wichtigen Augenblicke der geliebten Herrinn dienen, oder wer, als Douglas, ihren Zuͤgel halten! Die Koͤniginn ward beſfdtgt. Sie ſah auf einmahl das Ungluͤck voraus, das fuͤr ſie und fuͤr ihn aus der tiefen, ſchwaͤrmeriſchen Leiden⸗ ſchaft des Juͤnglings entſpringen konnte; aber die Gefuͤhle der dankbaren und mitleidigen Frau hielten ſie ab, die Wuͤrde der Koͤniginn zu zei⸗ gen, und ſie ſuchte die Unterhaltung mit gleich⸗ giltigem Tone fortzuſetzen. Mich daͤucht, hob ſie wieder an, ich habe gehoͤrt, Roſabelle waͤre bei der Theilung meiner 270— Beute das Eigenthum von Lord Morton's Ge⸗ liebten geworden. Dem edlen Zelter ward allerdings ein ſo gemeines Loos zugetheilt, erwiederte Douglas: man hielt ihn unter vier Schloͤſſern, unter der Obhut zahlreicher Knechte; aber die Koͤniginn brauchte Roſabelle und Roſabelle iſt hier. Und war es gut gethan, Douglas, daß Ihr in einem Augenblicke, wo ſo furchtbare Gefahren verſchiedener Art zu beſtehen ſind, die Gefahr fuͤr Euch ſelber, um eines ſo unbedeu⸗ tenden Gegenſtandes willen, vermehrtet? Nennt Ihr unbedeutend, was Euch einen Augenblick Vergnuͤgen gewaͤhrt hat? Waret Ihr nicht freudig bewegt, als ich Euch ſagte, daß Ihr Roſabelle rittet? Und um Euch ein Ver⸗ gnuͤgen zu verſchaffen, ſelbſt wenn es ſchnell, wie ein Blitz, verginge, wuͤrde Douglas tau⸗ ſendmahl ſein Leben wagen. O ſtill, Douglas, ſtill! ſprach die Koͤni⸗ ginn, eine ſolche Sprache paßt nicht, und uͤber⸗ dieß, fuhr ſie fort, ſich beſinnend: wollte ich mit dem Abte ſprechen. Nein, Douglas, Ihr . 271 ſollt nicht mißvergnuͤgt den Zuͤgel meines Pfer⸗ des fahren laſſen. 1 Miisvergnuͤgt, gnaͤdigſte Frau? Ach! Kum⸗ mer iſt alles, was ich bei eurer Verſchmaͤhung fuͤhlen kann, wofuͤr Ihr nur zu viel Grund habt. Nein, nicht mißvergnuͤgt, ſo wenig, als gegen den Himmel, wenn er den kuͤhnſten Wunſch verſagt, den ein Sterblicher hegen kann... Blleibt an meiner Seite, hob die Koͤni⸗ ginn wieder an. Es iſt Platz fuͤr den Herru Abt an der andern, und ich zweifle, ob ſein Beiſtand mir und meiner Roſabelle ſo nuͤtzlich ſein wuͤrde, als der eurige, wenn der Weg wie⸗ der ſchlecht werden ſollte. Der Abt kam an ihre Seite, und ſie be⸗ gann alsbald ein Geſpraͤch uͤber die Stellung der Parteien im Staate, und uͤber den beßten Plan, den ſie nach ihrer Befreiung befolgen koͤnnte. Douglas nahm wenig Antheil an die⸗ ſer Unterhaltung, und nie anders, als wenn er angeredet ward, waͤhrend er, wie zuvor, nur mit der perſoͤnlichen Sicherheit der Koͤniginn 272 beſchaͤftigt war. Sie erfuhr indeſſen, daß ſie eine neue Verbindlichkeit gegen ihn hatte, da der Abt, dem er die Looſung des Hauſes Dou⸗ glas mitgetheilt hatte, durch ſeine Vermittlung ins Schloß war gebracht worden. Lange vor Tagesanbruche endigten ſie die ſchnelle und gefahrvolle Reiſe vor den Thoren des Schloſſes Weſt⸗Niddrie, das dem Lord Seyton gehoͤrte. Als die Koͤniginn abſteigen wollte, hob Heinrich Seyton, der dem eifrigen Douglas zuvor kam, ſie herab, und nieder⸗ knieend, bat er ſie, in das Haus ſeines Vaters, ihres treuen Dieners, zu treten. Ihr koͤnnt hier, gnaͤdigſte Frau, in voͤlli⸗ ger Sicherheit ausruhen, ſetzte er hinzu. Das Schloß hat eine Beſatzung von treuen Kriegern zu eurem Schutze, und ich habe einen Eilbo⸗ ten an meinen Vater geſchickt, der alsbald mit fuͤnfhundert Mann ankommen wird. Erſchrecket daher nicht, wenn euer Schlaf durch Pferdege⸗ trampel geſtoͤrt werden ſollte, ſondern denkt nur, daß ein Haufen von den trotzigen Seytons mehr gekommen iſt, Euch zu dienen. 273 Und von beſſern Freunden, als von den erogigen Seytons, kann eine Koͤniginn von Schottland nicht bewacht werden, erwiederte Maria. Roſabelle ging ſchnell wie ein Som⸗ merluͤftchen, und faſt eben ſo leicht; aber ich habe lange nicht eine Reiſe gemacht, und ich fuͤhle, daß Ruhe mir willkommen ſein wird. Liebe Katharina, Ihr ſchlaft heute in meinem Zimmer und muͤßt mich bewillkommen in eures edlen Vaters Schloſſe. Dank— Dank allen meinen guͤtigen Befreiern! Dank und eine gute Nacht iſt alles, was ich jetzt bieten kann, aber wenn ich wieder oben auf das Rad der Gluͤcks⸗ goͤttinn komme, will ich nicht ihre Binde vor den Augen haben. Maria Stuart wird mit offnen Augen ſehen und ihre Freunde unter⸗ ſcheiden. Seyton, ich brauche den ehrwuͤrdigen Herrn Abt, Douglas und meinen Edelknaben eurer Sorgfalt und Gaſffreundſchaft nicht erſt zu empfehlen. Seyton verbeugte ſich, und die Koͤniginn begab ſich mit ihren Kammerfrauen in ihr Zim⸗ mer, wo ſie bald geſtand, daß es ihr ſchwer Sheil. III. 18 274 falle, ihr Verſprechen, die Augen offen zu be⸗ halten, in dieſem Augenblicke zu erfuͤllen, und als ſie ſich niedergelegt hatte, erwachte ſie erſt am ſpaͤten Morgen. Ihre erſte Regung beim Erwachen war ein Zweifel an ihrer Freiheit, und ſchnell auf⸗ ſpringend, huͤllte ſie ſich in ihren Mantel, um aus dem Fenſter zu ſehen. O freudiger An⸗ blick! ſtatt der einfoͤrmigen Spiegelflaͤche des Sees von Lochleven, lag eine waldige Heide⸗ landſchaft vor ihr, und der Luſtwald, der das Schloß umgab, war mit dem Kriegsvolke ihrer getreuſten Edlen angefuͤllt. Auf, auf! Katharina! rief ſie entzuͤckt. Steh' auf und komm' hieher! Hier. ſind Schwerter und Speere in redlichen Haͤnden, und die ſchimmernde Ruͤſtung deckt treue Her⸗ zen. Hier, liebes Maͤdchen, wehen die Paniere leicht, wie Sommerwolken im Winde. Großer Gott! welche Luſt fuͤr meine ermatteten Augen, ihre Wappen zu unterſcheiden! Da iſt deines tapfern Vaters Banner— dort des maͤchtigen Hamilton— dort des treuen Fleming. Sieh! — 275 ſieh! man hat mich erblickt, und alles draͤngt ſich zu dem Fenſter. Sie riß das Fenſter auf, und mit entbloͤß⸗ tem Haupte, welches die fliegenden Locken um⸗ wehten, mit dem ſchoͤnen Arme, den der Man⸗ tel kaum verhuͤllte, erwiederte ſie, durch Ge⸗ behrde und Zeichen, den Jubelruf der Krieger, der weit umher wiederhallte. Als der erſte Ausbruch des Entzuͤckens voruͤber war, beſann ſie ſich, wie leicht ſie gekleidet war, und ihr Geſicht, das bei dieſer Erinnerung ergluͤhte, mit beiden Haͤnden bedeckend, entfernte ſie ſich ſchnell vom Fenſter. Die Urſache ihrer Entfernung wurde leicht errathen, und erhoͤhte die Begei⸗ ſterung fuͤr eine Fuͤrſtinn, die ihren Rang ver⸗ geſſen hatte, zu eilig, die Dienſte ihrer Ge⸗ treuen dankbar anzuerkennen. Die ungeſchmuͤck⸗ ten Reize der ſchoͤnen Frau bewegten die Krie⸗ ger mehr, als es der hoͤchſte Prunk der Fuͤrſten⸗ groͤße gethan haben wuͤrde, und was in ihrer Art, vor ihnen ſich zu zeigen, zu frei haͤtte ſcheinen koͤnnen, wurde hinlaͤnglich verguͤtet durch die Begeiſterung, die der Augenblick aufregte, 276 und durch das Zartgefuͤhl, das ſie durch ihre ſchnelle Entfernung verrieth. So oft der Jubel⸗ ruf erſtorben war, wurde er wiederhohlt, bis es noch einmahl durch Wald und Huͤgel ſcholl, und mancher hohe Schwur ward an dieſem Mor⸗ gen auf das Kreuz des Schwertgriffes abgelegt, daß die Hand ſich nicht von der Waffe trennen ſollte, bis Maria Stuart wieder zu ihrem Rechte gekommen. Aber was ſind die Verſprechungen, was ſind die Hoffnungen der Sterblichen! Maria warf ſich auf den naͤchſten Stuhl, und halb erroͤthend, halb laͤchelnd, rief ſie aus: „Liebes Kind, was wird man von mir denken? Nur der fliegende Mantel— meine Locken ungebunden auf meinen Schultern— Arme und Hals ſo blos— O ſie koͤnnen nichts Milderes denken, als daß die Gefangenſchaft ihre Koͤniginn verruͤckt gemacht hat. Aber meine aufruͤhriſchen Unterthanen haben mich in der tief⸗ ſten Truͤbſal geſehen, warum ſollte ich eine kaͤl⸗ tere Foͤrmlichkeit gegen dieſe treuen und redlichen Maͤnner zeigen? Rufe Marie Fleming. Ich hoffe, ſie hat das Paͤktchen mit meinen Sachen 227 nicht vergeſſen. Wir muͤſſen uns ſo gut puten, als wir koͤnnen. Nein, gnaͤdigſte Frau, unſre gute Fleming war nicht in dem Zuſtande, ſich an irgend etwas zu erinnern. Du ſcherzeſt, Katharina, ſprach die Koͤni⸗ ginn, ein wenig unmuthig. Es iſt gewißlich nicht in ihrer Art, ihre Pflicht ſo ſehr zu ver⸗ geſſen, daß wir nicht einmahl unſere Kleider beih. ſeln koͤnnten. Roland hat dafuͤr geſorgt, gnaͤdigſte Frau. Er warf das Paͤktchen mit euren Kleidern und eurem Geſchmeide in das Boot, ehe er zuruͤck lief, das Thor zu verſchließen. Ich habe in meinem Leben nicht einen ſo linkiſchen Edelknaben geſehen; das Paͤktchen fiel mir beinahe auf den Kopf. Er ſoll dir Erſatz geben, liebes Maͤdchen, ſprach die Koͤniginn lachend: dafuͤr und füͤr andre Beleidigungen... Aber rufe unſre Fleming, wir muͤſſen uns in Staat werfen, um unſre ge⸗ treuen Edlen zu empfangen. Die Vorbereitungen waren ſo gut getroffen worden und Marie Fleming ſo geſchickt, daß die N8 278 Koͤniginn vor ihren verſammelten Edlen in einem Putze erſchien, der zwar ihre natuͤrliche Wuͤrde nicht erhoͤhen konnte, aber dazu paßte. Mit der einnehmendſten Hoͤflichkeit ſagte ſie jedem Einzel⸗ nen ihren innigſten Dank, und ehrte nicht allein jeden der anweſenden Großen, ſondern auch viele der geringern Edelleute durch ihre beſondre Auf⸗ merkſamkeit. Und wohin nun, meine Herrn? ſprach ſie darauf. Welchen Weg zeigt uns euer Rath? Nach dem Schloſſe Draphane, ſprach Einer der Edlen, wenns Euer Majeſtaͤt gefaͤllt, und weiter nach Dumbharton, wo wir ⸗Euch in Sicher⸗ heit bringen; dann aber verlangt es uns, zu ſehen, ob die Verraͤther uns im Felde erwarten wollen.. Und wann reiſen wir? hob die Koͤniginn wieder an. 1 Nach dem Morgenimbiß, gnaͤdigſte Frau, erwiederte Lord Seyton, wenn's eure Muͤdigkeit erlaubt.. Wir folgen eurem Gutduͤnken, meine Herrn, erwiederte die Koͤniginn. Wir wollen nach dem — 279 Rathe eurer Weisheit jetzt unſre Reiſe einrichten, ſo wie wir kuͤnftig bei der Verwaltung unſeres Reiches auch Vortheil davon zu ziehen gedenken. Ihr werdet mir und meinen Geſellſchafterinnen erlauben, Ihr guten Herrn, mit Euch zu fruͤh⸗ ſtuͤcken. Wir muͤſſen ſelber halb Soldaten ſem und alles Gepraͤnge bei Seite ſetzen. Tief beugte ſich manches behelmte Haupt bei dieſer gnaͤdigen Einladung, als die Koͤni⸗ ginn, unter den verſammelten Anfuͤhrern umher blickend, Douglas und Roland vermißte. Sie fragte Katharina leiſe, wo beide waͤren. Sie ſind in der Betkapelle, gnaͤdigſte Frau, und traurig genug, erwiederte Katharina, und die Koͤniginn bemerkte, daß ihre Freundinn roth geweinte Augen hatte. Das muß nicht ſein, ſprach die Koͤniginn. Beſchaͤftige die Geſellſchaft; ich will ſie luchen und ſelber ſie hier einfuͤhren. Sie ging in die Betkapelle. Georg Dou⸗ glas ſtand hier unter einem Fenſterbogen, den Ruͤcken an die Wand lehnend, mit untergeſchla⸗ genen Armen. Beim Anblicke der Koͤniginn fuhr 280 er auf, und auf ſeinem Geſichte zeigte ſich fuͤr einen Augenblick hohes Entzuͤcken, dem aber bald wieder der Ausdruck ſeiner gewoͤhnlichen tiefen Schwermuth folgte. Was bedeutet dieß? ſprach ſie. Douglas, warum meidet der erſte Urheber und kuͤhne Voll⸗ bringer des gluͤcklichen Rettungentwurfes, die Geſellſchaft ſeiner edlen Genoſſen, und ſeiner Koͤniginn, die er verpflichtet hat? Guaͤdigſte Frau, erwiederte Douglas, die Maͤnner, welche die Ehre haben, vor Euch zu erſcheinen, bringen Reiſige mit, zur Verfechtung eurer Sache, und Reichthum, euren koͤniglichen Hofſtaat zu unterſtuͤtzen; ſie koͤnnen Euch Hal⸗ len offnen, worin Ihr Gaſtmahle findet, und unbezwingliche Burgen zu eurem Schutze. Ich bin von Haus und Hof vertrieben, enterbt von meinem Vater und mit ſeinem Fluche belaſtet — verlaͤugnet von meinem Stamm und mei⸗ nen Verwandten, und bringe nichts zu euren Fahnen, als ein einzelnes Schwert und das arme Leben ſeines Eigenthuͤmers. 3 281 Wollet Ihr mir Vorwuͤrfe machen, Dou⸗ glas, daß Ihr mir zeiget, was Ihr fuͤr meine Sache verloren habt? Gott verhuͤte es, gnaͤdigſte Frau, erwiederte Douglas lebhaft. Nein, waͤre das Unternehmen noch einmahl zu wagen, und haͤtte ich zehn⸗ mahl ſo viel Rang und Reichthum, zwanzig⸗ mahl ſo viel Freunde zu verlieren, mein Ver⸗ luſt wuͤrde reichlich erſetzt ſein, durch den erſten Schritt, den Ihr, als freie Fuͤrſtinn, auf dem Boden eures angeſtammten Koͤnigreiches thaͤtet. Und was fehlet Euch denn, daß Ihr Euch nicht freuen wollet mit denjenigen, die ſich freuen bei dieſem froͤhlichen Anlaß? Gnaͤdigſte Frau, wenn auch enterbt und verſtoßen, bin ich doch ein Douglas. Mit den Meiſten jener Edlen liegt mein Stamm ſeit Jahrhunderten in Fehde; ein kalter Empfang unter ihnen waͤre Beſchimpfung, und ein freund⸗ licher noch groͤßere Demuͤthigung. Schaͤme dich, Douglas! Weg mit dieſem unmaͤnnlichen Truͤbſinn! Ich kann dich den Beßten unter ihnen gleich ſtellen in Wuͤrden 292.— und Reichthum, und glaube mir, ich wil''s. Geht zu ihnen, ich befehle es Euch! Das Wort iſt genug— ich gehe. Nur das Eine laßt mich ſagen, gnaͤdigſte Frau, nicht wegen Reichthum oder Wuͤrden habe ich gethan, was ich gethan. Maria Stuart will mich nicht belohnen, die Koͤniginn— kann es nicht. Mit dieſen Worten ging er hinaus, miſchte ſich unter die Edlen und nahm ſeinen Platz unten an der Tafel.— Die Koͤniginn ſah ihm nach, und verhuͤllte ihr Geſicht.„Heilige Jungfrau! ſprach ſie, erbarme dich meiner! Kaum iſt meine Kerker⸗ noth zu Ende, ſo umdraͤngen mich wieder die Sorgen der Frau und der Koͤniginn.— Gluͤck⸗ liche Eliſabeth! Dir iſt die Staatsangelegen⸗ heit alles, und dein Herz verraͤth nie deinen Kopf.— Nun muß ich den andern Juͤngling aufſuchen, wenn ich blutigen Streit zwiſchen ihm und dem jungen Seyton verhuͤten will.“ Roland war gleichfalls in der Betkapelle, aber ſo weit von Douglas entfernt, daß er nicht hoͤren konnte, was zwiſchen der Koͤniginn und 283 dieſem vorging. Er war auch muͤrriſch und gedankenvoll, ſeine Stirne erheiterte ſich jedoch, als die Koͤniginn ihn fragte:„Nun, Roland, Ihr ſeid ja heute morgen nachlaͤſſig in eurem Dienſte. Hat Euch der naͤchtliche Ritt ſo ſehr ermuͤdet?“ Nicht doch, gnaͤdigſte Frau; aber man ſagt mir, der Edelknabe von Lochleven ſei nicht Edel⸗ knabe im Schloſſe Niddrie, und es hat dem Junker Heinrich Seyton beliebt, meine Dienſte unnoͤthig zu machen. Ei, lieber Himmel, wie fruͤh fangen dieſe Haͤhnlein an zu ſchreien! Aber unter Kindern und Knaben kann ich wenigſtens Koͤniginn ſein. Ihr ſollt Freunde werden. Man rufe mir Heinrich Seyton hieher! ſprach ſie laut, und alsbald trat der Juͤngling herein. Kommt zu mir, Heinrich Seyton! fuhr ſie fort. Ich ver⸗ lange, daß Ihr dieſem Juͤnglinge die Hand gebt, der bei dem Unternehmen meiner Befrei⸗ ung ſo gut geholfen hat. Gern, gnaͤdigſte Frau, erwiederte Seyton, wenn der junge Mann mir dagegen die Ver⸗ 234— geltung gewaͤhren will, die Hand einer andern Perſon meines Nahmens nicht zu berühren.— Will er meine Freundſchaft gewinnen, ſo muß er den Gedanken an die Liebe meiner Schweſter aufgeben. Heinrich Seyton, ſprach die Koͤniginn, ziemt es Euch, meinem Befehle Bedingungen hinzu zu fuͤgen? 1 Gnaͤdigſte Frau, erwiederte Heinrich, ich bin der Diener eures Thrones, der Sohn des treuſten Unterthanen in Schottland. Unſre Habe, unſre Burgen, unſer Blut, alles gehoͤrt Euch. Unſre Ehre bewahren wir ſelber. Ich koͤnnte mehr ſagen, aber— Nein, ſprich weiter, unfeiner Juͤngling; hob die Koͤniginn wieder an. Was hilft es mir, daß ich aus Lochleven erloͤſet bin, wenn ich unter das Joch meiner vorgeblichen Befreier kommen, und gehindert werden ſoll, demjenigen Gerechtigkeit zu erweiſen, der ſich um mich ſo verdient gemacht hat, als Ihr ſelber? Entruͤſtet Euch nicht ſo um meinetwillen, gnaͤdigſte Koͤniginn, ſprach Roland. Dieſer — 285 junge Herr, euer getreuer Diener und Katharina Seyton's Bruder, hat etwas, das meinen Zorn, ſelbſt in der heftigſten Aufwallung, beſchwichti⸗ gen kann. Ich warne Euch noch einmahl ſprach Sey⸗ ton ſtolz, laſſet Euch kein Wort entfallen, wor⸗ aus ſich entnehmen ließe, daß die Tochter des Lords Seyton Euch mehr ſein koͤnnte, als ſie jedem Bauernabkoͤmmling in Schottland iſt. Die Koͤniginn wollte wieder ein Wort zur Suͤhne reden, da Rolands Geſicht ergluͤhte, und es zweifelhaft wurde, wie lange ſeine Liebe zu Katharina das natuͤrliche Feuer ſeines Ge⸗ muͤthes unterdruͤcken koͤnnte; aber die Zwiſchen⸗ kunft einer andern, bis dahin ungeſehenen Ver⸗ mittlerinn kam der Abſicht der Koͤniginn zuvor. In der Betkapelle war eine, von einem hohen durchbrochenen Schirm umſchloſſene Blende, in welcher ein hoch verehrtes Heiligenbild ſtand. Aus dieſem Winkel, wo ſie wahrſcheinlich ihre Andacht verrichtet hatte, trat ploͤtzlich Magdalene Graͤme hervor, und wandte ſich zu Heinrich Seyton, als er ſeine letzten beleidigenden Worte —, 286— geſprochen hatte.„Und aus welchem Thone ſeid denn Ihr vom Stamme Seyton geformt, daß Einer vom Geſchlechte Graͤme nicht wagen duͤrfte, nach einer Verbindung mit Euch zu trachten? Wiſſe, ſtolzer Knabe, wenn ich dieſen Juͤngling das Kind meiner Tochter nen⸗ ne, ſo behaupte ich, daß er vom Grafen Stra⸗ thern abſtammt, und ich glaube, das Blut eu⸗ res Geſchlechtes ſpringt 4 aus einer hoͤhern Quelle.“ Gute Mutter, erwiederte Seyton, mich daͤucht, eure Heiligkeit ſollte Euch hinaus ſetzen aͤber ſolche weltliche Eitelkeiten, und es ſcheint in der That, als ob ſie Euch in dieſen Angele⸗ genheiten vergeßlich gemacht haͤtte, da des Va⸗ ters Nahme und Stamm ſo gut, als der muͤt⸗ terliche, erprobt ſein muß, wenn man von edler Herkunft ſein ſoll. Und wenn ich ſage, er ſtammt aus dem Blute Avenel von vaͤterlicher Seite, ſprach Magdalena, nenne ich da nicht ein Blut, das ſo hoch gefäͤrbt iſt, als das deine? 287 Avenel? fragte die Koͤniginn. Mein Edel⸗ knabe ſtammt aus dem Hauſe Avenel? Ja, gnaͤdigſte Koͤniginn, er iſt der letzte maͤnnliche Erbe dieſes alten Hauſes. Julian Avenel war ſein Vater, der in der Schlacht fiel.*) Ich habe die traurige Geſchichte gehoͤrt, erwiederte die Koͤniginn. Deine Tochter alſo war es, die dem ungluͤcklichen Ritter ins Feld folgte, und auf ſeiner Leiche ſtarb? Ach! auf wie vielerlei Weiſe macht weibliche Zuneigung ſich ſelber ungluͤcklich! Oft hat man die Trauer⸗ geſchichte erzaͤhlt und geſungen. Und du, Ro⸗ land, biſt das Unglüͤckskind, das unter Leichen und Sterbenden zuruͤck gelaſſen ward? Heinrich Seyton, er iſt deines Gleichen nach Abſtam⸗ mung und Herkunft. Schwerlich, antwortete Seyton, ſelbſt wenn er ehelich waͤre; aber wenn man die Geſchichte recht erzaͤhlt und geſungen hat, ſo war Julian Avenel ein falſcher Ritter und ſeine Buhlinn ein ſchwaches leichtglaͤubiges Maͤdchen. *) S. den Roman: Das Kloſter. 88— Beim Himmel, du luͤgſt! ſprach Roland, und legte die Hand ans Schwert. 3 Lord Seyton trat in dieſem Augenblicke herein. 1 Helft mir, Lord Seyton, ſprach die Koͤni⸗ ginn, und bringt dieſe wilden Hitzkoͤpfe aus einander. 3 Wie, Heinrich! ſprach der Freiherr. In meinem Schloſſe, in Gegenwart der Koͤniginn, ſolche Frechheit und Heftigkeit? Und mit wem ſtreiteſt du? Erkenne ich dieſes Zeichen recht, ſo iſt's derſelbe Juͤngling, der mir ſo tapfer beiſtand in dem Gefechte gegen Leslie's Anhaͤn⸗ ger. Laß mich den Schaupfennig anſehn, den du an deiner Muͤtze traͤgſt, wackrer Junge. Ja, bei Sankt Benedikt! er iſt es. Heinrich, ich befehle dir, laß ab von ihm, wenn dir mein Segen lieb iſt— Und wenn Ihr meinen Befehl ehret, ſetzte die Koͤniginn hinzu. Er hat mir gute Dienſte geleiſtet. 4— Ja, gnaͤdigſte Frau, erwiederte Seyton, als er das Briefchen in der Schwereſcheide nach 1 289 Lochleven brachte. Ei, der gute Junge wußte ſo wenig, als ein Packpferd, was er trug. Aber ich, die ich ihn weihte zu dieſem großen Werke, ſprach Magdaleng: ich, durch deren Rath und Mithilfe dieſe echte Erbinn aus der Knechtſchaft iſt erloͤet worden— ich, die ich die letzte Hoffnung eines fallenden Stam⸗ mes in dieſem großen Werke nicht ſchonte— ich wenigſtens habe es gewußt und angerathen. Was auch mein Verdienſt geweſen ſei, laßt den Lohn, gnaͤdigſte Koͤniginn, auf dieſen Juͤngling fallen. Mein Geſchaͤft iſt hier vollbracht. Ihr ſeid frei, eine gebietende Fuͤrſtinn, an der Spitze eines tapfern Heeres, von mannhaften Edlen umgeben. Meine Dienſte koͤnnten Euch fortan nicht mehr nützen, wohl aber ſchaden. Euer Schickſal haͤngt nun von Maͤnnerherzen ab und von Maͤnnerſchwertern. Moͤgen ſie ſich ſo be⸗ waͤhrt zeigen, als Frauentreue! Ihr wollt uns doch nicht verlaſſen, Mut⸗ ter? ſprach die Koͤniginn. Ihr habt zu unſerm Vortheile ſo wirkſame Liſten erſonnen, ſo viele Gefahren beſtanden, ſo viele Verkleidungen ge⸗ Theil III.. 19 290— tragen, um unſre Feinde zu verblenden, unſre Freunde zu ſtaͤrken. Nein, Ihr werdet uns nicht verlaſſen, in dem Augenblicke, wo unſer Gluͤck wieder auflebt, ehe wir Zeit gehabt haben, Euch kennen zu lernen und Euch zu danken. Ihr koͤnnt ſie nicht kennen, die ſich ſelber nicht kennet, erwiederte Magdalena. Es gibt Zeiten, wo in dieſer meiner weiblichen Huͤlle die Staͤrke des Mannes von Gath iſt, in dieſem zerplagten Gehirne die Weisheit des kluͤgſten Rathgebers; und dann liegt wieder ein Nebel auf mir und meine Staͤrke iſt Schwaͤche, meine Weisheit iſt Thorheit. Ich habe geſprochen vor Fuͤrſten und Kardinaͤlen— ja, edle Koͤniginn, ſelbſt vor den Prinzen deines Hauſes Lothrin⸗ gen, und ich weiß nicht, woher die Worte der Ueberredung kamen, die von meinen Lippen floſ⸗ ſen, und von ihren Ohren eingeſogen wurden. Und jetzt, ſelbſt wenn ich Worte der Ueberredung am meiſten brauche, iſt meine Zunge gebunden, daß ich kaum zu reden vermag. Steht irgend etwas in meiner Macht, das dir Freude geben koͤnnte, ſprach die Koͤniginn, — 298 ſo nenne es nur, und es ſoll eben ſo wirkſam ſein, als all deine Beredſamkeit. 1 Koͤniginn, erwiederte die Alte, ich ſchaͤme mich, daß in dieſem hohen Augenblicke etwas von menſchlicher Schwachheit derjenigen anhaͤngt, deren Gebete die Heiligen erhoͤrt haben, deren Arbeiten in der gerechten Sache der Himmel hat gelingen laſſen. Aber ſo wird es ſein, ſo lange der lebendige Geiſt in den Thon der Sterb⸗ lichkeit eingeſchloſſen iſt. Ich will der Thorheit nachgeben, fuhr ſie fort, mit weinenden Augen: es iſt zum Letztenmahl. Darauf ergriff ſie die Hand ihres Enkels, fuͤhrte ihn zu der Koͤniginn, und ſich ſelber auf ein Knie niederlaſſend, ließ ſie ihn auf beiden knien.„Maͤchtige Fuͤrſtinn, hob ſie an, ſieh auf dieſe Blume— ſie ward von einem guͤti⸗ gen Fremden auf dem blutigen Schlachtfelde ge⸗ funden, und lange waͤhrte es, ehe alles, was uͤbrig war von meiner einzigen Tochter, meine Augen ſahen und meine Arme umſchloſſen. Um euretwillen, um des heiligen Glaubens willen, den wir beide bekennen konnte ich dieſe Pflanze, 7 292 ſo zart ſie war, der Pflege von Fremden— ja von Feinden uͤberlaſſen, welchen ſein Blut viel⸗ leicht wie Wein geweſen waͤre, haͤtte der Ketzer Glendinning gewußt, daß er Julian Avenel's Erben in ſeinem Hauſe haͤtte... Seitdem habe ich ihn nicht anders geſehen, als in wenigen Stunden des Zweifels und der Furcht, und nun ſcheide ich von dem Kinde meiner Liebe— fuͤr immer— fuͤr immer! O bei jedem muͤh⸗ ſeligen Schritte, den ich in eurer gerechten Sache gethan habe, hier und in fremden Landen, gebet Schutz dem Kinde, das ich nicht mehr mein nen⸗ nen darf!“ Ich ſchwoͤre es Euch, Mutter, ſprach die Koͤniginn, tief bewegt: um euretwillen und um ſeinetwillen will ich fuͤr ſein Gluͤck und ſeine Wohlfahrt ſorgen. Ich danke Euch, Koͤnigstochter! awiederte Magdalena, und druͤckte ihren Mund erſt auf die Hand der Koͤniginn, und dann auf ihres Enkels Stirne. Und nun— fuhr ſie fort, ihre Thraͤnen trocknend, und erhob ſich mit Wuͤrde— die Erde hat das ihrige; der Himmel 293 fodert das Uebrige. Loͤwinn von Schottland, gehe hervor und ſiege! Koͤnnen die Gebete einer Gottgeweihten dir nuͤben, ſo werden ſie aufſtei⸗ gen in vielen Laͤndern und aus manchem ent⸗ fernten Heiligthume. Wie ein Geiſt will ich ſchleichen von Lande zu Lande, von Tempel zu Tempel, und wo ſelbſt der Nahme meines Va⸗ terlandes unbekannt iſt, ſollen die Prieſter fra⸗ gen: Wer iſt die Koͤniginn dieſes fernen nor⸗ diſchen Landes, fuͤr welche die alte Pilgerinn ſo feurig betet? Lebe wohl! Ehre ſei dein und irdiſche Wohlfahrt, wenn's Gottes Wille iſt— wo nicht, ſo moͤge die Buße, ſo du hier thun ſollſt, dir Gluͤckſeligkeit in einer andern Welt erwerben. Niemand rede mit mir, Nie⸗ mand folge mir— mein Entſchluß iſt gefaßt— mein Geluͤbde kann nicht aufgehoben werden. Sie ſchlich mit dieſen Worten fort, und ihr letzter Blick ruhte auf ihrem geliebten En⸗ kel. Er wollte ſich erheben, ihr zu folgen, als die Koͤniginn und Lord Seyton ihn zuruͤck hielten. 294— Deaͤngt ſie jetzt nicht, ſprach Lord Seyton, wenn Ihr ſie nicht fuͤr immer verlieren wollt. Oft haben wir die fromme Mutter geſehen, oft im Augenblicke der hoͤchſten Noth, aber wer in ihre Geheimniſſe eindringen, ihren Abſichten entgegenhandeln will, dem wird ſie nie verzei⸗ hen. Ich hoffe, wir werden ſie wiederſehen, wenn ſie in Noth iſt. Eine fromme Frau iſt ſie ſichertich, ganz dem Gebete und der Buße geweiht, weshalb die Ketzer ſie fuͤr wahnſinnig halten, waͤhrend die Katholiken ſie als eine Heilige verehren.. Laßt mich hoffen, Lord Seyton, hob die Koͤniginn wieder an, daß Ihr mich unterſtützen werdet, ihre letzte Bitte zu erfuͤllen. Wie! in der Beſchuͤtzung meines jungen Vertheidigers? Gern, ich meine in allem, was Eurer Majeſtaͤt ſchicklich duͤnken kann, von mir zu begehren. Heinrich, gib ſogleich deine Hand Roland Avenel, wie er nun wird heißen muͤſſen.“ Und er ſoll die Herrſchaft erhalten, wenn Gott unſre gerechten Waffen ſchust⸗ fuhr die Koͤniginn fort. — 295 Ich koͤnnte ſie nur annehmen, um ſie meiner guͤtigen Beſchuͤtzerinn zuruͤck zu geben, erwiederte Roland. Lieber wollte ich mein Lebe⸗ lang guͤterlos ſein, als daß ſie durch mich eine Ruthe Land veriieren ſollte. Ja, ſprach die Koͤniginn, mit einem Blicke auf Lord Seyton: ſein Gemuͤth iſt edel, wie ſeine Herkunft.— Heinrich, du haſt ihm deine Hand noch nicht gegeben. Er hat ſie, antwortete Heinrich, und gab ihm mit anſcheinender Hoͤflichkeit die Hand, aber leiſe ſprach er zu ihm: Bei alle dem haſt du meiner Schweſter Hand nicht. Gaaͤdigſte Frau, da dieſe Sachen nun ab⸗ gethan ſind, wollet Ihr unſer geringes Mahl mit eurer Gegenwart beehren, hob Lord Seyton wieder an. Es iſt Zeit, daß unſre Banner ſich in den Wellen des Clyde ſpiegeln. XI. Wir uͤberlaſſen es der Geſchichte, umſtaͤnd⸗ lich zu erzaͤhlen, wie waͤhrend der Woche, die nach der Befreiung der ungluͤcklichen Koͤniginn 296—q— verfloß, ihre Anhaͤnger ein Heer ſammelten, das bald auf ſechstauſend Mann anwuchs, und be⸗ gnuͤgen uns, hier zu erwaͤhnen, daß zu der Zeit wo die Koͤniginn mit ihren Kriegsvöͤlkern bei Hamilton ſtand, der Regent und ſeine Anhaͤnger im Nahmen des unmuͤndigen Koͤnigs ein Heer bei Glasgow zuſammen zogen, das zwar gerin⸗ ger an Zahl, als die Macht der Koͤniginn, aber furchtbar war durch die Kriegskunde des Gra⸗ fen von Murray, Morton's und Anderer, die ſeit ihrer Jugend in Feldlagern aufgewachſen war. Unter dieſen Umſtaͤnden war fuͤr die Koͤni⸗ ginn der kluͤgſte Entſchluß, ein Treffen zu ver⸗ meiden. War ſie einmahl in Sicherheit, ſo mußte die Zahl ihrer Anhaͤnger taͤglich zuneh⸗ men, wodurch die Macht ihrer Gegner, wie es in der fruͤhern Zeit ihrer Regierung oft der Fall geweſen war, ſich gemindert und der Muth der⸗ ſelben abgenommen haben wuͤrde. Ihren Rath⸗ gebern war dieß auch ſo einleuchtend, daß ſie ſich anfangs vorgenommen hatten, es ſollte ihr erſter Schritt ſein, die Koniginn in das veſte —— — 297 Schloß Dumbarton zu bringen, und hier die Ereigniſſe, die Ankunft einer Kriegshilfe aus Frankreich und den Erfolg der Nuͤſtungen, die ihre Anhaͤnger in allen Gegenden von Schott⸗ land machten, abzuwarten. Man gab Befehl, daß die geſummte Mannſchaft, Reiter and Fuß⸗ volk, ſich kampffertig und bereit halten ſollten, den Fahnen der Königinn zu folgen, da man den Entſchluß ausgeſprochen hatte, die Koͤni⸗ ginn, trotz ihren Feinden, nach dem Schloſſe Dumbarton zu fuͤhren. 3 Das Heer ſammelte ſich auf der Heide bei Hamilton und begann ſeinen Zug mit allem Prunk. Kriegsmuſik erſcholl, Banner und Fah⸗ nen wehten, Ruͤſtungen glaͤnzten weit umher und Speere funkelten, wie Sterne in einer Froſtnacht. Dem kriegeriſchen Prachtzuge gab die Gegenwart der Koͤniginn noch hoͤhere Wuͤrde. Sie hatte ein ſchoͤnes Gefolge von Frauen und Hofbedien⸗ ten und eine beſondre Leibwache von Edelleuten, unter welchen Seyton und Roland ſich auszeich⸗ neten, und ſie floͤßte dem Heere, das ſich um ſie her ausbreitete, frohe Zuverſicht ein. Auch 298 viele Geiſtliche geſellten ſich zu dem Haufen, von welchem Mehre kein Bedenken trugen, ſich zu bewaffnen. Nicht ſo der Abt Ambroſius. Roland hatte ihn ſeit der naͤchtlichen Flucht von Lochleven nicht geſehen, und fand ihn jetzt im Ordenskleide an der Seite der Koͤniginn. Roland naͤherte ſich ihm und bat ihn um ſei⸗ nen Segen. Du haſt ihn, ſprach der Prieſter. Ich ſehe dich jetzt unter deinem wahren Nahmen und in deinem rechten Putz. Wohl ſteht dir der gruͤne Buſch auf dem Helme, und ich habe lange gewartet, dich im Beſitze deines Rechtes zu ſehen. Ihr kanntet alſo meine Abkunft, ehrwuͤr⸗ diger Vater? Ja, aber nur unter dem Siegel der Beichte hatte deine Großmutter mir davon erzaͤhlt. Und ihre Gruͤnde fuͤr dieſes Geheimniß? fragte Roland. Furcht vor meinem Bruder vielleicht, aber eine ungegruͤndete Furcht; denn nie wuͤrde Hal⸗ bert, ſollte er ein Koͤnigreich gewinnen, eine 299 Waiſe berauben wollen. Euer Anſpruch wuͤrde uͤberdieß, in ruhigen Zeiten, ſelbſt wenn euer Vater gegen eure Mutter gerecht geweſen waͤre, wie ich gern hoffe, doch mit den Rechten der Frau meines Bruders nicht den Streit haben wagen duͤrfen, da ſie das Kind von Julians aͤlterem Bruder iſt. Von mir duͤrfen ſie keine Mitbewerbung fuͤrchten. Schottland iſt groß genug, und viele Herrſchaften ſind zu erlangen, ohne meine Wohl⸗ thaͤter zu pluͤndern. Aber beweiſet mir, ehrwuͤr⸗ diger Herr, daß mein Vater gerecht gegen meine Mutter gewefen iſt, zeigt mir, daß ich mich einen rechtmaͤßigen Avenel nennen kann, und ewig werde ich Euch verbunden ſein. Ja, erwiederte der Abt, ich hoͤre, das Haus Seyton haͤlt dich geringe wegen dieſes Makels auf deinem Schilde. Ich habe indeſſen etwas von dem Abte Bonifacius vernommen, was, wenn ſich's bewaͤhrt, dich von dieſem Vorwurfe befreien wird. Sagt mir dieſe gluͤckliche Neuigkeit, ſprach 300 Roland, und ich widme kuͤnftig mein ganzes Leben—— Voreiliger Juͤngling! unterbrach ihn der Abt, ich wuͤrde dein ungeduldiges Gemuͤth voll⸗ ends aufreizen, wenn ich eine Hoffnung erweckte, die vielleicht nie erfuͤllt werden koͤnnte. Iſt dieß der Augenblick dazu? Denke, welchem gefaͤhr⸗ lichen Unternehmen wir entgegen gehen, und haſt du noch eine Suͤnde auf deinem Gewiſſen, ſo verſaͤume nicht die einzige Gelegenheit, die der Himmel dir vielleicht zur Beichte und zur Losſprechung gibt. Ich hoffe, es wird Zeit genug dazu ſein, wenn wir nach Dumbarton kommen, erwiederte Roland. O du kraͤheſt ſo laut, als alle Andere, ſprach der Abt. Wir ſind aber noch nicht in Dumbarton und es liegt ein Loͤwe im Wege. Meint Ihr Murray, Morton und die an⸗ dern Empoͤrer in Glasgow, ehrwuͤrdiger Vater? Bah! ſie wagen's nicht, das koͤnigliche Banner anzuſehen. 4 Eben ſo ſprechen Leute, die kluͤger ſind, als du. Ich komme aus den ſuͤdlichen Gegenden — 301 des Landes, wo ich manchen beruͤhmten Haͤupt⸗ ling gefunden habe, der ſich fuͤr die Koͤniginn ruͤſtete. Ich ließ die Herren als verſtaͤndige und beſonnene Maͤnner zuruͤck und finde ſie als Verrückte wieder. Aus bloßem Stolze und eit⸗ ler Prahlerei wollen ſie dem Feinde trotzen, und die Koͤniginn, wie im Siegesaufzuge, an den Mauern von Glasgow, im Angeſichte des Fein⸗ des, voruͤber fuͤhren. Selten iſt der Himmel ſolcher unzeitigen Zuverſicht guͤnſtig. Man wird uns entgegen kommen und das mit Abſicht. Deſto beſſer, erwiederte Roland, das Schlachtfeld war ja meine Wiege. Huͤte dich, daß es nicht dein Todesbett werde! Aber was hilft's, jungen Woͤlfen von den Gefahren Jagd vorzureden. Ihr wer⸗ det vielleicht hhe dieſer Tag zu Ende geht, erfahren, was fuͤr Maͤnner es ſind, die Ihr ſo unbeſengen ver chtet.. ind ſe denn? ſprach Heinei b hir zzu kam. Haben ſie Seh⸗ nen von. Danht und Fleiſch von Eiſen? Wird Blei ſie durchbohren und Stahl ſie verwunden? 30²2 Wenn das iſt, ehrwuͤrdiger Vater, ſo haben wir wenig zu fuͤrchten. Sie ſind boͤſe Maͤnner, erwiederte der Abt, 46 aber das Kriegsgewerbe verlangt keine Heiligen. Murray und Morton ſind als die beßten Feld⸗ herrn in Schottland bekannt. Niemand ſah je Lindſay, oder Ruthven weichen. Kirkaldy von Grange ward von dem Connetable von Mont⸗ morency der erſte Soldat in Europa genannt. Mein Bruder, ein zu guter Nahme fuͤr eine ſolche Sache, iſt weit und breit als Krieger bekannt. Deſto beſſer, deſto beſſer! ſprach Seyton jubelnd, wir werden dieſe Verraͤther auf dem Schlachtfelde vor uns haben. Unſre Sache iſt die beßte, wir ſind an Zahl uͤberlegen, an Muth und Leibeskraft ihnen gleich. Sankt Benedikt und vorwaͤrts! Der Abt antwortete nicht, ſchien aber in Nachdenken verloren zu ſein, und ſeine Aengſt⸗ lichkeit ſteckte Roland an, der immer, ſo oft der Heerzug uͤber eine Anhoͤhe kam, einen unruhi⸗ gen Blick auf die Thuͤrme von Glasgow warf, * —— als haͤtte er Zeichen von dem Ausfalle der Feinde zu ſehen erwartet. Er fuͤrchtete zwar das Ge⸗ fecht nicht, aber der Erfolg war ſo wichtig fuͤr ſein Vaterland und fuͤr ihn ſelber, daß ſeines Geiſtes Feuer mit einer minder lebhaften, jedoch innigern Glut brannte. Liebe, Ehre, Ruf, Gluͤck, alles ſchien von dem Ausgange des Kam⸗ pfes abzuhangen, den man vielleicht unbeſonnen wagte, nun aber kaum vermeiden zu koͤnnen ſchien. Als der Zug endlich der Stadt Glasgow beinahe gegenuͤber war, bemerkte Roland, daß die Anhoͤhen vor ihnen zum Theil bereits von einem Heerhaufen beſetzt waren, der, wie ſie, das koͤnigliche Banner von Schottland fuͤhrte, und durch neue Schaaren von Fußvolk und Rei⸗ terei verſtaͤrkt wurde, welche aus den Stadktho⸗ ren ſich ergoſſen, und ſchnell vorruͤckten, um die Krieger zu unterſtuͤtzen, welche bereits das Gelände, dem Heere der Koͤniginn gegenuͤber, beſetzt hatten. Ein Reiter nach dem andern kam von dem Vortrabe heran geſprengt mit der Nachricht, daß Murray's ganze Macht im Felde ſtehe, daß ſein Zweck ſei, den Zug des Heeres der Koͤniginn zu unterbrechen, und die Abſicht ſich nicht verkennen laſſe, eine Schlacht zu wagen. Die Gemuͤther der Maͤnner ſahen ſich nun einer pioͤtzlichen und harten Pruͤfung ausgeſetzt, und diejenigen, welche mit zu ſtolzer Zuverſicht geglaubt hatten, daß man ſie, ohne einen Angriff zu wagen, voruͤber ziehen laſſen wuͤrde, kamen ein wenig aus der Faſſung, als ſie ſich auf einmahl, ehe ſie viel Zeit zur Ueber⸗ legung hatten, einem entſchloſſenen Feinde ge⸗ genuͤber ſahen. Die Anfuͤhrer ſammelten ſich alsbald um die Koͤniginn, und hielten einen ſchnellen Kriegs⸗ rath.. Maria'’s zitternde Lippe verrieth die Fuccht, welche ſie unter einem kuͤhnen und edeln Benehmen zu verbergen ſuchte. Ihre Anſtren⸗ gungen aber wurden vereitelt durch peinliche Ruͤckerinnerungen an den ungluͤcklichen Erfolg ihrer letzten Kriegsruͤſtung bei Carberry⸗Hill, und als ſie den Rath der Anfuͤhrer wegen der Anordnung zur Schlacht fodern wollte, fragte — 305 ſie unwillkuͤhrlich, ob es kein Mittel gebe, ohne ein Gefecht zu entkommen. Entkommen? erwiederte Lord Seyton. Wenn ich, Einer gegen Zehn, Eurer Majeſtaͤt Feinden gegenuͤber ſtehe, koͤnnte ich an's Entkommen den⸗ ken, nie aber, wenn ich Drei gegen Zwei bin. Zur Schlacht! zur Schlacht! riefen die verſammelten Herren. Wir wollen die Empoͤ⸗ rer aus ihrer guten Stellung treiben, wie der Hund dem Haſen beikommt. Mich daͤucht, edle Herren, ſprach der Abt, es waͤre eben ſo gut, ſie zu hindern, ſich in dieſer vortheilhaften Stellung veſt zu ſetzen. Unſer Weg geht durch jenes Doͤrfchen auf dem Ruͤcken der Anhoͤhe, und die Partei, welche es mit ſeinen kleinen Gaͤrten und Einhaͤgungen in Beſitz hat, wird ſich mit gutem Erfolge ver⸗ theidigen köͤnnen. 3 Der ehrwuͤrdige Vater hat recht, ſprach die Koͤniginn. O eile, Seyton, eile, ihnen zuvor⸗ zukommen, ſie dringen vorwaͤrts, wie der Wind. Seyton verbeugte ſich und wendete ſein Pferd.„Euer Auftrag, gnaͤdigſte Frau, ehret Tbeil III. 20 306 mich, ſprach er, ich dringe ſogleich vor und nehme den Paß.“ Nicht vor mir, Lord Seyton, ich fuͤhre den Vortrab, rief Lord Arbroath. Vor Euch und vor jedem Hamilton in Schottland, erwiederte Seyton, da es die Koͤni⸗ ginn mir befiehlt. Mir nach, ihr Herrn! Mir nach, meine Mannen und Freunde! Sankt Benedikt und vorwaͤrts! Und mir nach, rief Arbroath, edle Freunde und tapfre Mannen! Wir wollen ſehen, wer zuerſt den gefaͤhrlichen Poſten erreicht. Fuͤr Gort und Koͤniginn Maria! Ungluͤckverkuͤndende Eile und unſeliger Streit! ſprach der Abt, als er ſah, wie beide Haufen, ihren Anfuͤhrern folgend, in haſtigem Wetteifer die Hoͤhe zu gewinnen ſuchten, ohne zu warten, bis ihre Leute in Ordnung waren. Und Ihr, wendete er ſich zu Roland und Sexton, die Beide den Andern fokgen wollten, die ordnung⸗ los in den Kampf eilten: wollet Ihr die Koͤni⸗ ginn unbeſchüͤtzt laſſen? O verlaßt mich nicht! hob die Koͤniginn an. Roland und Seyton, verlaßt mich nicht! Es ſind genug Arme, in dieſem wilden Kampfe zu ſtreiten; nehmet mir nicht auch diejenigen die ich zu meiner Sicherheit brauche.. Wir koͤnnen die gnaͤdigſte Frau nicht ver⸗ laſſen, ſprach Roland zu Seyton, und wendete ſein Pferd. Ich habe ſchon lange erwartet, daß du dieß ausfinden wuͤrdeſt, erwiederte der feurige Juͤngling. Roland ſchwieg, aber biß ſich heftig in die Lippen, und als er, ſein Pferd ſpornend, zu Katharina geſprengt war, fliſterte er leiſe::6. Jch habe nie geglaubt, etwas gethan zu haben, um Euch zu verdienen; aber heute hoͤre ich mir Feigheit vorwerfen, und doch bleibt mein Schwert in der Scheide und all das aus Liebe zu Euch!“ Ihr ſeid alle wahnſinnig! ſprach das, Fraͤu⸗ lein: mein Vater, mein Bruder und Ihr— alle habt Ihr den Verſtand verloren. Ihr ſoll⸗ tet nur an die arme Koͤniginn denken, und Ihr werdet Alle von eurer abgeſchmackten Eiferſucht 308 getrieben. Der Moͤnch iſt der einzige Krieger, der einzige verſtaͤndige Mann unter Euch Allen. Herr Abt, ſprach ſie laut, waͤre es nicht beſſer, wir wendeten uns gegen Abend, um den Erfolg abzuwarten, der in Gottes Hand liegt, ſtatt auf der Heerſtraße zu bleiben, wo wir die Koͤ⸗ niginn in Gefaht laſſen, und den anruͤckenden Kriegsvoͤlkern im Wege ſind? Ihr habt recht, meine Tochter, erwiederte der Abt, haͤtten wir nur Jemand, der uns an einen Ort fuͤhren koͤnnte, wo die Koͤniginn in Sicherheit waͤre. Unſre Edlen rennen in die Schlacht, ohne nur einen Gedanken auf die eigentliche Urſache des Krieges zu werfen. Folgt mir! ſprach ein wohl berittener Kriegs⸗ mann in ſchwarzer Ruͤſtung, der das Viſier ſei⸗ nes Helmes geſchloſſen hatte, und weder einen Heimbuſch trug, noch ein Wappen auf ſeinem Schilde fuͤhrte... Wir folgen keinem Fremden, ohne Buͤrg⸗ ſchaft fuͤr ſeine Redlichkeit, erwiederte der Abt. Ich bin ein Fremder und in euren Haͤn⸗ den, hob der Reiter wieder an, aber wenn Ihr — 309 mehr von mir zu wiſſen begehrt, ſo wied die Koͤniginn ſelber meine Buͤrginn ſein. Die Koͤniginn war auf den Platz gebannt, als haͤtte Furcht ſie gelaͤhmt, aber unwillkuͤhr⸗ lich laͤchelnd, nickte ſie und winkte mit der Hand, als man die Banner und die Speere vor ihr ſenkte, waͤhrend durch den Wettſtreit zwiſchen Seyton und Arbroath entflammt, eine Schaar nach der andern gegen den Feind vordrang. Kaum aber hatte der ſchwarze Reiter der Koͤni⸗ ginn etwas ins Ohr gefliſtert, ſo gab ſie ſeinen Worten Beifall, und als er laut anhob:„Ihr Herren, es iſt der Koͤniginn Wille, daß Ihr mir folget“ ſprach ſie mit einiger Lebhaftigkeit: Ja!— In einem Augenblicke waren Alle in Bewe⸗ gung, denn der ſchwarze Reiter, der eine gewiſſe Traͤgheit, die bei dem erſten Blicke ſeinem Be⸗ nehmen eigen zu ſein ſchien, auf einmahl fah⸗ ren ließ, ſprengte hin und her auf ſeinem Roſſe, das er vollkommen zu beherrſchen verſtand, und als er das kleine Gefolge der Koͤniginn in Ord⸗ nung gebracht hatte, ſtellte er ſich an die Spitze, e 310 und ritt links auf ein Schloß zu, welches auf einer Anhoͤhe ſich erhebend, die umliegende Ge⸗ gend uͤberſah, und beſonders eine Ausſicht uͤber die Hoͤhen gewaͤhrte, wo die beiden vorruͤckenden Heere ſich bald treffen zu muͤſſen ſchienen. Wem gehoͤrt jene Burg? fragte der Abt den ſchwarzen Reiter. Iſt ſie jetzt in Freun⸗ deshaͤnden? Sie hat wenigſtens keine feindſeligen Be⸗ wohner, erwiederte der Fremde. Aber, Herr Abt, treibt die jungen Leute, daß ſie ſich ſpu⸗ ten. Es iſt nicht Zeit dazu, ihre muͤßige Neu⸗ gier zu befriedigen, und nach der Schlacht hin⸗ aus zu blicken, woran ſie nicht Theil nehmen ſollen. 8 Das iſt leider mein Unſtern! ſprach Hein⸗ rich Seyton, der ihn hoͤrte. Ich wollte in die⸗ ſem Augenblicke lieber unter meines Vaters Ban⸗ ner ſein, als mich fuͤr die treue und geduldige Erfuͤllung dieſes friedlichen Huͤteramtes zum Kam⸗ merherrn in Holyrood gemacht ſehen. Der Platz unter eures Vaters Banner wird bald ſehr gefaͤhrlich ſein, ſprach Roland, welcher 311 ſein Pferd nach der Abendſeite lenkend, doch immer ſeinen Blick auf die beiden Heere gerich⸗ tet hatte. Ich ſehe dort Reiterei, die von Mor⸗ gen kommt, und das Dorf erreichen wird, ehe Lord Seyton ſo weit gekommen iſt. Es ſind nur Reiter, erwiederte Seyton, aufmerkſam zuſehend. Sie koͤnnen das Dorf nicht halten, ohne Musketenfeuer. Blickt nur genauer hin, ſprach Roland, ſo erkennt Ihr, daß Jeder von den Reitern, die ſo ſchnell von Glasgow vorruͤcken, einen Schuͤtzen hinter ſi ſich hat. 3 Ja, bei Gott, er hat recht! hob der ſchwarze Ritter an. Einer von Euch beiden muß dieſe Meldung zu Lord Seyton und Lord Arbroath bringen, auf daß ſie nicht zu ſehr mit ihrer Reiterei dem Fußvolke zuvor eilen, ſon⸗ dern regelmaͤßiger anrüͤcken. Das ſei mein Geſchaͤft, hob Roland wie⸗ der an, denn ich bin die Liſt des Feindes zuerſt gewahr worden. Mit Gunſt, fiel Seyton ein, dort iſt aber meines Vaters Banner im Kampfe, und mir 312 ziemt es am beßten, ihm die rettende Botſchaft zu bringen. Der Ausſpruch der Koͤniginn mag es ent⸗ ſcheiden, ſprach Roland. Welcher neue Streit? hob die Koͤniginn an. Sind dort in dem finſtern Heere nicht Feinde genug gegen Maria Stuart, daß auch noch ihre Freunde ſogar ſich feindlich entgegen treten wollen? Nein, gnaͤdigſte Frau, hob Roland an, es war zwiſchen Junker Seyton und mir nur Streit daruͤber, wer aus eurer Naͤhe ſich ent⸗ fernen ſollte, um dem Heere eine ſehr wichtige Botſchaft zu bringen. Er glaubte, ſein Rang gäbe ihm Anſpruch darauf, und ich meinte, daß eher Jemand von ſo geringer Bedeutung, als ich bin, der Gefahr ſich ausſetzen koͤnnte. Nicht ſo, ſprach, die Koͤniginn, muß Einer mich verlaſſen, ſo ſei es Seyton. 3 Heinrich Seyton verbeugte ſich ſo tief, daß die weißen Federn auf ſeinem Helme die fliegende Maͤhne ſeines muthigen Roſſes beruͤhrten, ſetzte ſich in den Sattel, ſchwang ſeine Lanze hoch, 313 4 mit ſtolzer entſchloſſener Miene, und ſein Pferd ſpornend, flog er zu ſeines Vaters Banner, das noch immer gegen die Anhoͤhe vorruͤckte. Mein Bruder— mein Vater! rief Ka⸗ tharina, mit dem Ausdrucke banger Beſorgniß: ſie ſind mitten unter Gefahren und ich bin in Sicherheit. Wollte Gott, ich waͤre unter ihnen, ſprach Roland, und koͤnnte jeden ihrer Blutstropfen mit zwei Tropfen meines Blutes loͤſen. Weiß ich denn nicht, daß du es wuͤnſcheſt! erwiederte Katharina. Koͤnnte eine Frau zu einem Manne ſagen, was ich dir beinahe geſagt habe, und doch glauben, daß er Furcht und Muthlo⸗ ſigkeit hege? Es iſt etwas in jenem entfernten Tone der nahen Schlacht, das mir gefaͤllt, ſo ſehr es mich erſchreckt. Ich wollte, ich waͤre ein Mann, daß ich jenes rauhe Entzuͤcken empfi den koͤnnte, ohne Beimiſchung von Furcht. Reitet voran, Fraͤulein Seyton! ſprach der Abt, als ſie in raſchem Trabe unter die Mauern des Schloſſes kamen: reitet voran, und ſteht der Koͤniginn bei; ſie wird immer ſchwaͤcher. 314 Katharina und Maria Fleming hoben die Koͤniginn vom Sattel, und wollten ſie zum Schloſſe fuͤhren, als ſie mit matter Stimme ſprach:„Nicht dahin— nicht dahin— Nie gehe ich wieder in dieſe Mauern.“ Seid eine Koͤniginn, hob der Abt an, und vergeſſet, daß Ihr eine Frau ſeid. O ich muß veel— viel mehr vergeſſen, erwiederte die ungluͤckliche Koͤniginn mit gedaͤmpf⸗ tem Tone, ehe ich mit veſtem Blicke auf dieſe wohl bekannten Mauern ſehen kann. Ich muß die Tage vergeſſen, die ich hier zubrachte, als die Braut des verlorenen— des ermordeten— Dieß iſt das Schloß Crookſtone, ſprach Maria Fleming zu dem Abte, wo die Koͤniginn nach ihrer Vermaͤhlung mit Darnley ihren Hof hielt. der Abt. Erhebt euren Geiſt, gnaͤdigſte Frau! fuhr er fort. Eure Feinde ſind die Feinde der heiligen Kirche, und Gott wird heute entſchei⸗ den, ob Schottland katholiſch, oder kebzriſch ſein ſoll. Himmel, deine Hand liegt auf uns! ſprach / 8 7 Ein heftiges, fortgeſetztes Gewehrfeuer gab ſeinen Worten einen furchtbaren Nachdruck, und ſchien mehr als ſie den Geiſt der Koͤniginn auf⸗ zurichten. 4 Dort zu jenem Baume! hob ſie wieder an, auf einen Eibenbaum deutend, der auf einem kleinen Huͤgel nahe am Schloſſe wuchs: ich kenne ihn gut— man hat dort eine weite Ausſicht.. *☛ Sie machte ſich bei dieſen Worten von 1 ihren Fuͤhrerinnen los, und ging mit entſchloſ⸗ * ſenen, doch etwas ungeſtuͤmen Schritten auf den Baum zu. Der Abt folgte ihr mit Katharina und Roland, waͤhrend Maria Fleming das ge⸗ . ringere Gefolge entfernt hielt. Auch der ſchwarze Reiter folgte der Koͤniginn, hielt ſich aber immer in einer Entfernung von einigen Schritten, und waͤhrend er dn iit untergeſchlagenen Armen ſtand und der Schlacht den Nuͤcken zukehrte, ſchien er bloß damit beſchaͤftigt zu ſein, die Koͤniginn durch das Gitter ſeines Viſiers anzublicken. Die Koͤniginn ſah ihn nicht an, ſondern heftete ihre Biicke auf den weit ſchattenden Eibenbaum. 316 Ei, du ſchoͤner, praͤchtiger Baum! ſprach ſie, als ob ſie bei dem Anblicke deſſelben der Gegenwart waͤre entruͤckt worden, und das Ent⸗ ſetzen, welches bei ihrer Annäaͤherung zu dem Schloſſe ſie ergriff, bezwungen haͤtte: da ſtehſt du, ſo froͤhlich und herrlich als je, obgleich du die Toͤne des Krieges vernimmſt, ſtatt der Schwuͤre der Liebe. Alles iſt dahin, ſeit ich zuletzt dich gegruͤßt— Liebe und Geliebter— Schwuͤre und Schwoͤrer— Koͤnig und Koͤnig⸗ reich.— Wie ſteht die Schlacht, Herr Abt? Fuͤr uns, hoff' ich. Aber was anders, als ungluͤck koͤnnen Maria's Augen von dieſer Stelle ſehen! Alle richteten ihre Blicke eifrig auf das Schlachtfeld, konnten aber nichts entdecken, als daß man hartnaͤckig kämpfte. Die kleinen Ein⸗ friedigungen und Gaͤrtchen des fes, welche ſie uͤberſahen, und welche vor Kurzem noch im Schatten ihrer Ahornbaͤume und Aeſchen ſo ſtill und friedlich in dem milden Lichte der Maiſonne gelegen hatten, ſtanden jetzt in Feuer und waren mit Rauchwolken uͤberdeckt. Der fortdauernde 3 317 Donner des Gewehrfeuers und des Geſchuͤtzes, womit das Geſchrei der zuſammenſtoßenden Strei⸗ ter verſchmolz, verrieth, daß noch keine Partei gewichen war. Manche Seele findet ihren Weg zum Him⸗ mel, oder in die Hoͤlle, bei dieſem furchtbaren Donner, ſprach der Abt. Alle, die an die hei⸗ lige Kirche glauben, beten mit mir fuͤr den Sieg in dieſer furchtbaren Stunde. Nicht hier— nicht hier! erwiederte die ungluͤckliche Koͤniginn. Betet nicht hier, ehr⸗ wuͤrdiger Vater, oder betet im Stillen. Mein Gemuͤth wird zu ſehr hin und her geriſſen zwiſchen Vergangenheit und Gegenwart, als daß ich's wagte, dem himmliſchen Throne mich zu nahen. Oder wollt Ihr beten, ſo ſei es fuͤr diejenige, deren innigſte Zuneigungen immer ihre groͤßten echen waren, und die aufgehoͤrt hat, eine inn zu ſein, nur weil ſie eine betrogene und zaͤrtliche Ftau war. Waͤre es nicht gut, wenn ich ein wenig näher zu dem Heere ritte, und den Erfolg des Kampfes beobachtete? hob Roland wieder an. 318 Thue das, in Gottes Nahmen! ſprach der Abt, denn werden unſre Freunde zerſtreut, ſo muͤſſen wir ſchnell fliehen; aber naͤhere dich nicht zu ſehr dem Kampfe, es haͤngt ja mehr als ein Leben von deiner gluͤcklichen Ruͤckkehr ab. O geht nicht zu nahe! ſprach Katharina, aber vergeßt es nicht, zuzuſehen, wie die Maͤn⸗ ner unter Seyton's Banner fechten und ſich betragen. Fuͤrchtet nichts, ich will auf meiner Hut ſein, ſprach Roland, und ohne auf weitre Ant⸗ wort zu warten, ritt er nach dem Kampfplatze hin, waͤhrend er ſich auf dem hoͤher liegenden, nicht eingefriedigten Gelaͤnde hielt, und ſich immer vorſichtig umſah, um nicht unter einen feindlichen Haufen zu kommen. Als er naͤher kam, ſchmetterte das Schießen immer ſchaͤrfer an ſein Ohr, das Kampfgeſchrei ward immer wilder, und er fuͤhlte jenes laute Herzpochen, jene Miſchung von natuͤrlicher Beſorgniß, leb⸗ hafter Neugier und angſtvoller Bekuͤmmerniß um den ungewiſſen Ausgang, welche ſelbſt die — Tapferſten fuͤhlen, wenn ſie ſich allein einem anziehenden und gefahrvollen Schauſpiele naͤhern. Er kam endlich ſo nahe, daß er von einer Anhoͤhe, die durch Gebuͤſch und Geſtruͤppe ge⸗ ſchirmt war, deutlich ſehen konnte, wo am Hart⸗ naͤckigſten gefochten wurde. Es war in einem Hohlwege, in welchem der Vortrab des Heeres der Koͤniginn mehr mit ungeſtuͤmen Muthe, als mit verſtaͤndiger Vorſicht hinan gezogen war, um ſich dieſes vortheilhaften Poſtens zu bemaͤch⸗ tigen. Man fand die Einfriedigungen bereits von den Feinden beſetzt, die der beruͤhmte Kir⸗ kaldy von Grange und der Graf von Morton anfuͤhrten, und man erlitt großen Verluſt, waͤh⸗ rend man vordrang, um mit den Gegnern hand⸗ gemein zu werden. Die Kaͤmpfer fuͤr die Sache der Koͤniginn aber, welche meiſt aus den Haͤup⸗ tern des Lehnadels und deren Verwandten und Gefolge beſtanden, verachteten Hinderniſſe und Gefahren; ſie fochten, als Roland ſich dem Kampfplatze naͤherte, bereits Mann gegen Mann mit Murray's Vortrab, und ſuchten mit ihren Speeren die Feinde aus dem Dorfe zu verjagen, 320— die dagegen, veſt entſchloſſen, ihren Vortheil zu behaupten, mit gleicher Hartnaͤckigkeit die An⸗ ſtuͤrmenden zuruͤck zu treiben trachteten. Beide Theile kaͤmpften zu Fuße und waren in voller Ruͤſtung. Als die langen Speere der vordern Reihen wider die Schilde, Panzer und Bruſtharniſche der Gegner gerichtet waren, glaubte man den Kampf zweier Stiere zu ſehen, welche mit ihren Stirnen gegen einander rennend, Stundenlang in dieſer Stellung bleiben, bis die uͤberlegene Staͤrke oder Hartnaͤckigkeit des Einen den Andern in die Flucht treibt, oder niederwirft. Zuſammengedraͤngt im toͤdlichen Kampfe, der hin und her ſchwankte, wie die eine oder die andre Partei Vortheile errang, wurden die Fallenden von Freunden und Fein⸗ den zertreten; und diejenigen, deren Waffen zerbrochen waren, zogen ſich aus der vordern Reihe zuruͤck, wo Andre an ihre Sielle traten, waͤhrend die hintern Reihen, die anders nicht am Kampfe Theil nehmen konnten, ihre Ge⸗ wehre abfeuerten, und ihre Dolche, oder die. — 321 Spitzen und Schaͤfte ihrer zerbrochenen Waffen wie Wurfſpieße auf die Feinde ſchleuderten. Gott und die Koͤniginn! ſcholl es von der einen Seite: Gott und der König! donnerte es von der andern, waͤhrend im Nahmen ihrer Fuͤrſten Mitbuͤrger einander toͤdteten und im Nahmen ihres Schoͤpfers ſein Abbild entſtellten. Mitten unter dem Toſen des Kampfes hoͤrte man oft die Stimmen der Anfuͤhrer, die ihre Befehle laut ſchrien, der Haͤuptlinge, die ihre Loſung riefen, und das Stoͤhnen und Schmerz⸗ geſchrei der Fallenden und Sterbenden. Der Kampf dauerte beinahe eine Stunde. Beide Theile ſchienen erſchoͤpft zu ſein, aber ihre Wuth war noch unvermindert, ihre Hartnaͤckig⸗ keit nicht gebeugt, als Roland, deſſen Auge und Ohr uͤberall war, einen Haufen Fußvolk, mit einigen Reitern an der Spitze, um den Fuß der Thalwand, wo er hielt, hervorkommen ſah. Dieſe neuen Feinde ſchwangen alsbald ihre langen Speere und machten einen Seitenangriff gegen den Vortrab des Heeres der Koͤniginn, das eben noch von vorne in den heftigen Kampf Theil. III. 21 322 verwickelt war. Auf den erſten Blick erkannte er in dem Anfuͤhrer des Haufens den Ritter von Avenel, und er ſah im naͤchſten Augen⸗ blicke, daß dieſe Bewegung entſcheidend ſein werde. Der Erfolg des Angriffes friſcher und ungeſchwaͤch⸗ ter Kriegsvoͤlker gegen die erſchoͤpften Gegner war in der That auf das Schnellſte entſchieden. Die Anſtuͤrmenden, die zeither wie eine dunkle, dichte und veſt verbundene Reihe von Helmen mit weißen Federbuͤſchen erſchienen wa⸗ ren, wurden alsbald gebrochen, und eilten in Verwirrung den Huͤgel hinab, den ſie ſo lange zu erklimmen getrachtet hatten. Vergebens er⸗ mahnten die Anfuͤhrer mit lauter Stimme ihre Krieger, den Kampf fortzuſetzen, und leiſteten ſelber Widerſtand, wo alle Gegenwehr offenbar fruchtlos war. Sie wurden erſchlagen, oder geworfen, oder von dem Andrange der Fliehen⸗ den und der Verfolger fort geriſſen. Was empfand Noland, als er die Niederlage ſah, und nun fuͤhlte, daß fuͤr ihn nichts uͤbrig blieb, als umzukehren und fuͤr die Sicherheit der Koͤ⸗ niginn zu ſorgen. Wie lebhaft aber auch ſein 323 Kummer und ſeine Beſchaͤmung waren, beides wurde vergeſſen, als er faſt unter der Anhoͤhe, wo er ſich befand, Heinrich Seyton erblickte, welcher in der Verwirrung des Kampfes von den Seinigen war getrennt worden und mit Staube und Blut bedeckt, ſich wuͤthend gegen einige Feinde wehrte, die ſeine glaͤnzende Ruͤſtung angelockt hatte. Roland zoͤgerte nicht einen Au⸗ genblick, ſprengte vom Huͤgel hinab unter den feindlichen Haufen, theilte einige Hiebe aus, die zwei Gegner niederwarfen, die andern aber zuruͤckſchreckten, und dem Verwundeten die Hand reichend, bat er ihn, ſich veſt an des Pferdes Mähne zu halten.„Wir leben und ſterben heute mit einander, ſprach er, haltet Euch nur veſt, bis wir aus dem Gedraͤnge ſind, dann iſt mein Pferd euer.“ Seyton ſtrengte ſeine letzten Kraͤfte an, und durch vereinte Vemuͤhung gelang es Roland, ihn aus dar Gefahr zu reißen und ihn hinter das Gehoͤlzze zu bringen, wo er der ungluͤcklichen Ent⸗ ſcheidung des Kampfes zugeſehen hatte. Kaum ader waren ſie unter dem Schatten der Baͤume, . 324 als Seyton die Maͤhne des Pferdes losließ, und Trotz aller Anſtrengungen ſeines Retters, ihn zu halten, auf den Raſen niederſank.„Be⸗ kuͤmmert Euch nicht weiter um mich, ſprach er, dieß iſt meine erſte und letzte Schlacht, und ich habe ſchon zu viel davon geſehen, als daß ich wuͤnſchte, den Ausgang zu erblicken. Eilt, die Koͤniginn zu retten— gruͤßt meine Schweſter — ſie wird nie mehr fuͤr mich gehalten wer⸗ den, noch ich fuͤr ſie— der letzte Schwertſtreich hat einen ewigen Unterſchied gemacht.“ Laßt mich Euch auf mein Pferd helfen, ſprach Roland dringend: und vielleicht koͤnnt Ihr noch gerettet werden. Ich kann meinen Weg zu Fuße finden. Wendet nur mein Pferd nach Abend, und fluͤchtig und leicht wie der Wind, wird es Euch hinweg tragen. Ich werde nie mehr ein Pferd beſteigen, erwiederte Heinrich. Lebe wohl! Ich liebe dich mehr im Tode, als ich je im Leben dachte, dich lieben zu koͤnnen. Ich wollte, dieſes alten Mannes Blut waͤre nicht an meinen Haͤnden. Sancte Benedicte, ora pro me!— Steht 325. nicht laͤnger da, einen Sterbenden anzuſehen, und eilet, die Koͤniginn zu retten. Er ſprach dieſe Worte mit der letzten An⸗ ſtrengung ſeiner Stimme, und kaum hatte er ausgeredet, ſo entfloh ſeine Seele. Roland wurde dadurch an ſeine Pflicht erinnert, die er beinahe vergeſſen hatte, aber jene Worte waren auch andern Ohren nicht entgangen. Die Koͤniginn! Wo iſt die Koͤniginn? ſprach Halbert Glendinning, der mit zwei bis drei Reitern in dieſem Augenblicke erſchien. Roland antwortete nicht, aber er wendete ſein Pferd und auf ſeine Schnelligkeit ver⸗ trauend, ſprengte er nach dem Schloſſe Crook⸗ ſtone. Schwerer bewaffnet, und auf einem minder fluͤchtigen Roſſe, folgte ihm Halbert Glendinning mit eingelegter Lanze, und rief laut:„Freund mit dem gruͤnen Helmbuſche, macht halt und beweiſet euer Recht, dieſes Zei⸗ chen zu tragen. Fliehe nicht ſo feige, und ent⸗ ehre nicht das Zeichen, das du unwuͤrdig fuͤh⸗— reſt. Halt, Memme! oder beim Himmel, ich 326— treffe dich von hinten mit meiner Lanze. Ich bin Halbert Glendinning, der Ritter von Avenel.“ Roland aber, der gar nicht die Abſicht hatte, mit ſeinem ehemahligen Gebieter zuſam⸗ men zu treffen, und uͤberdieß wußte, daß die Sicherheit der Koͤniginn von ſeiner Schnelligkeit abhing, erwiederte nicht ein Wort auf jene Her⸗ ausfoderungen und Vorwuͤrfe; ſondern ritt, ſein Pferd ſpornend, noch ſchneller als vorher, und hatte ſeinem Verfolger uͤber hundert Schritte abgewonnen, als er dem Eibenbaum nahe kam, wo er die Koͤniginn verlaſſen hatte, die jetzt mit ihren Begleiterinnen zu Pferde ſtieg. „Feinde! Feinde! rief er mit ſeiner lauteſten Stimme. Eilt, eilt! Tapfre Maͤnner, thut eure Pflicht, die Frauen zu ſchuͤtzen!« Mit dieſen Worten wendete er ſein Pferd, und Halbert's Stoße aus weichend, gab er einem Krieger aus deſſen Gefoige einen ſo heftigen Lanzenſtoß, daß Pferd und Mann ſtuͤrzten. Darauf zog er ſein Schwert, und griff den Zweiten an, waͤhrend der ſchwarze Reiter ſo heftig mit Glendinning zuſammentraf, daß Beide — — ₰.. 327 aus dem Sattel flogen. Keiner von Beiden konnte wieder aufſtehen; denn der ſchwarze Rei⸗ ter war von Glendinning's Lanze durchbohrt, und der Ritter von Avenel, der unter ſeinem Pferde lag und uͤberdieß eine harte Quetſchung erhalten hatte, ſchien in einem nicht viel beſſern Zuſtande zu ſein, als der toͤdlich Verwundete. Ergib dich, Ritter von Avenel, ſprach Ro⸗ land, der herbei eilte, um Halbert von der Er⸗ neurung des Kampfes abzuhalten. Ich habe keine andre Wahl, als Erge⸗ bung, erwiederte Glendinning, weil ich nicht mehr fechten kann, aber ich ſchaͤme mich, daß ich ein ſolches Wort zu einem Feigen, wie du biſt, ſprechen muß. Nennt mich nicht feige, erwiederte Roland, fein Viſier aufſchlagend, und half ſeinem Ge⸗ fangenen auf: denn haͤtte ich mich nicht der Guͤte erinnert, die ich von Euch und beſonders von eurer Gemahlinn empfing, ich wuͤrde Euch entgegen getreten ſein, wie's tapfern Maͤnnern ziemt. 328 Der Edelknabe meines Weibes! ſprach Hal⸗ bert erſtaunt. Ungluͤcklicher Bube, ich habe von deiner Verraͤtherei in Lochleven gehoͤrt. Mache ihm keine Vorwuͤrfe, Bruder! hob der Abt an, er war nur ein Werkzeug in des Himmels Hand. Zu Pferde! zu Pferde! ſprach Katharina Seyton. Fort, oder wir ſind alle verloren. Ich ſehe unſer tapferes Heer fliehen. Zu Pferde, Herr Abt! zu Pferde, Roland! Gnaͤdigſte Koͤ⸗ niginn, laßt uns eilen, wir koͤnnten ſchon eine Meile weit ſein.’ Blicke auf dieſe Zuͤge, ſprach Maria, auf den ſterbenden Ritter deutend, dem eine mitlei⸗ dige Hand den Helm abgenommen: Blicke hin — und ſage mir, ob diejenige, die Allen Ver⸗ derben bringt, welche ſie lieben, noch einen Schritt weiter fliehen ſollte, um ihr elendes Le⸗ ben zu retten.. Wir haben lange ſchon die Entdeckung geah⸗ net, welche die Gefuͤhle der Koͤniginn gemacht hatten, ehe ihr Auge ſie beſtaͤtigte. Co waren 329 die Zuͤge des ungluͤcklichen Douglas, welche ſchon Todesblaͤſſe bedeckte. Seht— ſeht ihn recht an! fuhr die Koͤni⸗ ginn fort. So war's mit Allen, die Maria Stuart liebten. Franzens Koͤnigswuͤrde, Cha⸗ telet's Witz, des muntern Gordons Macht und Tapferkeit, Rizzio's Melodie, Darnley's edle Geſtalt und jugendliche Anmuth, Bothwell's Dreiſtigkeit und hoͤfliche Sitte— und nun die innige Leidenſchaft des edlen Douglas— nichts konnte ſie retten; ſie blickten auf die ungluͤckliche Maria, und ſie geliebt zu haben, war ein Ver⸗ brechen, das mit fruͤhem Tode gebuͤßt werden mußte. Kaum hatten die ungluͤcklichen Opfer einen freundlichen Gedanken auf mich gerichtet, als der Giftbecher, das Beil, der Dolch und die Pulvermine bereitet waren, ſie dafuͤr zu ſtrafen, daß ſie ihre Zuneigung auf mich Un⸗ gluͤckliche geworfen hatten. Treibet mich nicht; ich will nicht weiter fliehen— ich kann nur einmal ſterben, und will hier ſterben. Als ſie ſprach, fielen ihre Thraͤnen auf das Geſicht des Sterbenden, der ſeine Blicke 330 auf ſie mit dem Feuer der Leidenſchaft heftete, das ſelbſt der Tod kaum daͤmpfen konnte. „Trauert nicht um mich, ſprach er mit matter Stimme: ſorget fuͤr eure Sicherheit. Ich ſterbe als ein Douglas, und ſterbe, beklagt von Ma⸗ ria Stuart.“. Er verſchied mit dieſen Worten, und ohne ſeine Blicke von ihr zu wenden. Die Koͤni⸗ ginn, deren Herz ſo ſanft und weich war, daß es, im haͤuslichen Leben und an der Seite eines paſſendern Gemahls, als Darnley, ihr Gluͤck gemacht haben wuͤrde, weinte bei dem Sterbenden, bis ſie durch den Abt wieder zu ſich ſelbſt gebracht ward.„Auch wir, gnaͤdigſte Frau, ſprach er mit ungewoͤhnlichem Ernſte: auch wir, eure getreuen Diener, haben Freunde und Verwandten zu beweinen. Ich laſſe einen Bruder in großer Gefahr zuruͤck; die naͤchſten Verwandten eurer Kammerfrauen, alle ſind auf jenem blutigen Schlachtfelde erſchlagen, muͤſſen wir fuͤrchten, oder gefangen. Wir vergeſſen das Schickſal unſrer Naͤchſten und Theuerſten, um unſrer Koͤniginn aufzuwarten, und ſie iſt zu 331 ſehr beſchäͤftigt mit ihren eigenen Leiden, als daß ſie an die unſrigen denken koͤnnte.“ Ich verdiene euren Vorwurf nicht, ehrwuͤr⸗ diger Vater, antwortete die Koͤniginn, ihre Thraͤnen trocknend, aber ich bin gelehrig. Wo⸗ hin muͤſſen wir gehen? Was muͤſſen wir thun?. Wir muͤſſen fliehen, und das ſogleich, ſprach der Abt. Wohin, laͤßt ſich nicht ſo leicht beantworten, aber wir koͤnnen unterwegs daruͤber ſprechen. Zu Pferde und voran. Sie brachen. auf. Roland verweilte noch einen Augenblick. Er befahl den Dienern des Ritters von Avenel, ihren Herrn ins Schloß Crookſtone zu bringen, und ſagte, er wollte ihm die Freiheit auf die Bedingung geben, daß Glen⸗ dinning und ſeine Reiſigen nicht offenbarten, nach welcher Gegend die Koͤniginn geflohen. Als er ſein Pferd umlenkte, ſtierte ihn Adam Woodcock's ehrliches Geſicht mit einem Aus⸗ drucke der Ueberraſchung an, der zu einer andern Zeit ihm herzliche Freude gemacht haben wuͤrde. Adam war einer der Reiſigen, welche Roland 18 33² die Kraft ſeines Armes hatte fuͤhlen laſſen, und Beide erkannten ſich nun, da der Juͤngling ſein Viſier aufgeſchlagen und der gute Falkner ſeine vergitterte Blechhaube weggeworfen hatte, um ſeinem Heern ſchneller beiſtehen zu koͤnnen. Ro⸗ land vergaß nicht, in dieſe Blechhaube, als ſie auf der Erde lag, ein Paar Goldſtuͤcke zu wer⸗ fen, und als er dem Alten ein Zeichen wohl⸗ wollender Erinnerung und fortdauernder Freund⸗ ſchaft gegeben hatte, ſprengte er davon, um die Koͤniginn einzuhohlen, die mit ihrem Gefolge bereits vom Huͤgel hinab war. Es iſt nicht Hexengeld, ſprach der ehrliche Adam, die Goldſtuͤcke in der Hand waͤgend. Ja, es iſt Junker Roland ſelber, das iſt gewiß — dieſelbe offene Hand, und beim Himmel!— ſetzte er mit Achſelzucken hinzu— dieſelbe ſchlag⸗ fertige Fauſt. Unſre Edelfrau wird mit Freu⸗ den von dieſer Geſchichte hoͤren; ſie trauert ja um ihn, als waͤre er ihr Sohn. Und wie munter er iſt! Ja, dieſe leichten Burſchen ſind doch gewiß immer oben auf, wie der Schaum 85 333 uͤber dem Bierkruge. Der Mann mit nützli⸗ chen Faͤhigkeiten bleibt ſein Lebelang ein Falkner. Mit dieſen Worten ging er, den uͤbrigen Dienern zu helfen, die jetzt zahlreich ſich ſam⸗ melten, um ihren Herrn in das Schloß Crook⸗ ſtone zu bringen. XII. Auf der eiligen Flucht der Koͤniginn floß manche bittre Thraͤne uͤber gefallene Hoffnungen, uͤber die Ausſicht in die Zukunft, uͤber erſchla⸗ gene Freunde. Der Tod des wackern Douglas, des feurigen aber tapfern Seyton, ſchien die Koͤniginn eben ſo ſehr anzugreifen, als der Fall von dem Throne, auf welchen ſie ſich beinahe wieder erhoben hatte. Katharina Seyton ver⸗ barg ihren eigenen Kummer, eifrig bedacht, den geſunkenen Muth ihrer Gebieterinn zu erheben, und der Abt, welcher bekuͤmmert auf die Zu⸗ kunft blickte, ſuchte vergebens einen Entwurf zu faſſen, der einen Schatten von Hoffnung geben koͤnnte. Der Muth des jungen Rolands, der auch an den eiligen Berathungen der Gefaͤhrten 334 7 ſeiner fliehenden Koͤniginn Theil nahm, blieb ungebeugt. 5 Gnaͤdigſte Frau, ſprach er, Ihr habt eine Schlacht verloren; aber euer Ahnherr; Robert Bruce, verlor ſieben Schlachten nach einander, ehe er auf Schottlands Throne ſaß, und auf dem Schlachtfelde von Bannockburn*) mit der Siegerſtimme die Unabhaͤngigkeit ſeines Landes verküͤndigte. Sind nicht dieſe Heiden, woruͤber wir ziehen, beſſer, als das verſchloſſene, bewachte, waſſerumgebene Schloß Lochleven? Wir ſind frei— in dieſem einen Worte liegt Troſt fuͤr alle unſre Verluſte. Er ſchlug einen dreiſten Ton an, aber Maria's Herz gab keine Antwort.„Beſſer, ich waͤre noch in Lochleven, ſprach ſie, als daß ich die Niederlage geſehn haͤtte, welche die Auf⸗ ruͤhrer unter den Unterthanen angerichtet haben, die ſich fuͤr meine Sache dem Tode weihten. Sprecht nicht von weitern Anſtrengungen; ſie wuͤrden nur Euch das Leben koſten, den Freun⸗ den, die ſie empfehlen. Ich moͤchte nicht noch *) Im J. 1314. 2 4 335 einmahl erdulden, was ich fuͤhlte, als ich von jenem Huͤgel ſah, wie die Schwerter der grau⸗ ſamen Reiter Morton's unter den Getreuen wuͤtheten, die ihrer Koͤniginn ſo redlich ergeben waren— nicht noch einmahl moͤchte ich fuͤhlen, was ich empfand, als das Blut des biedern Douglas meinen Mantel faͤrbte, weil er Maria Stuart geliebt hatte— nein, nicht noch ein⸗ mahl, und ſollte ich herrſchen uͤber alles Land, das Britaniens Seen umguͤrten! Sucht mir einen Ort, wo ich mein ungluͤckliches Haupt verbergen koͤnne, das Allen, die mich lieben, Verderben bringt. Es iſt der letzte Dienſt, den Maria von ihren Getreuen fodert.“ In dieſer niedergeſchlagenen Stimmung ſetzte die ungluͤckliche Koͤniginn ihre ſchnelle Flucht fort, und als noch ein kleiner Haufen treuer Anhaͤnger unter Lord Herries zu ihr geſtoßen war, wurde endlich vor der Abtei Dundrennan, gegen dreißig Wegſtunden vom Schlachtfelde, Halt gemacht. In dieſer abge⸗ legenen Gegend der Grafſchaft Galloway, wo man die Grundſaͤtze des neuen Glaubens noch 336 nicht ſtrenge gegen die Moͤnche in Ausuͤbung gebracht hatte, lebten deren noch einige unge⸗ ſtoͤrt in ihren Zellen. Der Obere des Kloſters empfing die Koͤniginn mit weinenden Augen an der Pforte.. Ich bringe Euch Verderben, ehrwuͤrdiger Vater, ſprach Maria, als man ſie von ihrem Zelter gehoben hatte. 1 Es iſt willkommen, erwiederte der Moͤnch, wenn's im Gefolge der Pflicht kommt. Als die Koͤniginn abgeſtiegen war, und zwiſchen ihren Kammerfrauen ſtand, blickte ſie einen Augenblick auf ihr Pferd, das ermattet den Kopf ſenkte, und uͤber das Ungluͤck ſeiner Herrinn zu trauern ſchien. Guter Roland, ſprach Maria leiſe, ſorge fuͤr Roſabelle. Frage dein eigenes Herz, und es wird dir ſagen, warum ich ſelbſt in dieſer furchtbaren Stunde dieſe kleine Bitte thue. Man fuͤhrte ſie in ihr Zimmer, und in der eiligen Verathung, welche ihre Getreuen hielten, wurde der unſelige Entſchluß, in Eng⸗ land Zuflucht zu ſuchen, endlich angenommen. — — 33⁷ Am folgenden Morgen gab ſie ihre Zuſtimmung, und es ward ein Bote an den engliſchen Graͤnz⸗ huͤter geſandt, um ſicheres Geleit und Gaſt⸗ freundſchaft fuͤr die Koͤniginn von Schottland zu erbitten. Als der Abt am naͤchſten Tage mit Roland im Kloſtergarten ging, aͤußerte er ſeine Mißbilligung des gefaßten Entſchluſſes.„Es iſt Wahnſinn und der Schritt zum Verderben, ſprach er. Beſſer, ſich den wilden Hochlaͤndern zu uͤbergeben, als Eliſabeth ſich anzuvertrauen. Ein Weib der Nebenbuhlerinn— die vermuth⸗ liche Thronerbinn ſich anvertrauen einer eiferſuͤch⸗ tigen Koͤniginn! Roland, gewiß iſt Herries treu und redlich, aber ſein Rath bringt einer Koͤni⸗ ginn Verderben.“— Ja, Verderben folgt uns uͤberall, ſprach ein alter Mann, mit einem Spaten in der Hand, und wie ein Laienbruder gekleidet, deſſen Gegenwart der Abt in ſeiner bewegten Stim⸗ mung nicht bemerkt hatte. Staunt mich nicht ſo verwundert an, fuhr er fort. Ich bin es, der in Kennaquhair Abt Bonifacius war, in Lochleven Gaͤrtner Blinkhoolie, ich ward herum Theil III. 22 338 gejagt bis zu dem Orte, wo ich im Noviziat geweſen bin, und nun kommt Ihr, mich wie⸗ der aufzujagen. Ein mühſeliges Leben habe ich gehabt, und doch war mir der Frieden ſtets der theuerſte Segen. Wir werden Euch bald von unſerer Geſell⸗ ſchaft befreien, guter Vater, ſprach der Abt, und ich fuͤrchte, die Koͤniginn wird euren Zu⸗ fluchtort nicht mehr ſtoͤren. Ja, das habt Ihr neulich auch geſagt, erwiederte der graͤmliche Alte, und doch ward ich von Kinroß vertrieben und unterwegs vom Kriegsvolke gepluͤndert. Sie nahmen mir jenes Zeugniß, Ihr wißt ja von dem Freiherrn— Nun, er war ja ſelber ſo ein Raufbold— Ihr habt mich danach gefragt und ich konnte es nicht finden; es bezeugte die Heirath von— von— Ja, mein Gedaͤchtniß iſt ſo ſchwach! Wie ſich der Menſch aͤndert! Nun, wer war's denn— War nicht Avenel der Nahme, den Ihr ſuchet, guter Vater? ſprach Roland ungeduldig, aber er maͤßigte ſeinen Ton, um den ſchwachen Alten nicht zu beunruhigen, oder zu beleidigen. — 339 Ja, richtig! Avenel— Julian Avenel— Ihr habt den rechten Nahmen getroffen. Ich habe jede beſondere Beichte treu aufbewahrt, und glaubte, dieß ſei einſtimmig mit meinem Geluͤbde. Ich konnte das Papier nicht finden, als Abt Ambroſius davon ſprach, aber die Soldaten fan⸗ den's und der Ritter ſchlug ſich auf die Bruſt, daß ſein Schild raſſelte, wie eine leere Gieß⸗ kanne. Heilige Maria! ſprach der Ae, bei wem. konnte eine ſolche Schrift ſo viel Antheil erres gen? Wie ſah der Ritter aus 2 Same Ruͤ⸗ ſtung?. Sein Banner? Ihr verwirtt mich mit euern Fergemn Ich wagte es kaum, ihn anzuſehn. Sie gaben mir Schuld, ich haͤtte Briefe an die Köͤniginn bei mir, und unterſuchten meine Sachen.. Ich hoffe zu Gott, ſprach der Abt zu Roland, der neben ihm ſtand und vor Unge⸗ duld zitterte: die Schrift iſt in meines Bruders Haͤnde gefallen. Ich hoͤrte, er waͤre mit ſeinen Reiſigen auf einem Streifzuge zwiſchen Stirling und Glasgow geweſen. Trug nicht der Ritter 340 einen Stechpalmenzweig auf dem Helme? Kannſt du dich nicht erinnern? D erinnern— erinnern! erwiederte der Alte muͤrriſch. Zaͤhlt erſt ſo viele Jahre als ich, wenn Ihr bei euren Raͤnken je dazu kommt, und ſeht zu, was und wie viel Ihr Euch erinnert. Kann ich mich doch kaum an die Birnbaͤume erinnern, die ich hier vor funf⸗ zig Jahren mit eigner Hand gepfropft habe. In dieſem Augenöliafe ward der laute Ton eines Hornes vernommen. Ton verkuͤndigt der Herrſcgkte der Koͤni⸗ ginn Maria den Tod, ſprach Ambroſtus. Der engliſche Graͤnzwaͤchter hat Antwort geſchickt, eine guͤnſtige ohne Zweifel; denn wann wurde je die Thuͤre der Falle vor dem Opfer geſchloſ⸗ ſen, dem ſie geſtellt war? Laßt den Muth nicht ſinken, Roland! Dieſe Sache ſoll gruͤnd⸗ lich erwogen werden. Wir duͤrfen die Koͤniginn jetzt nicht verlaſſen. Kommt mit mir! Wir wollen unſre Pflicht thun und den Erfolg von Gokt erwarten. Lebt wohl, guter Vater! Ich werde Euch bald wieder beſuchen. 3„ — 341 Er wollte den Garten verlaſſen, und Ro⸗ land folgte ihm ungern mit zoͤgernden Schrit⸗ ten. Der alte Moͤnch griff wieder zu ſeinem Spaten.„Ich koͤnnte bekuͤmmert ſein um dieſe Menſchen und um die arme Koͤniginn, ſprach er zu ſich ſelber, aber was helfen irdiſche Sor⸗ gen einem Mann von achtzig Jahren? Das Alter hat ihn ſchwachſinnig gemacht, hob der Abt wieder an, und zog Roland fort. Wir muͤſſen ihm Zeit laſſen, ſich zu beſinnen; jetzt koͤnnen wir nur an das Schickſal der Ko⸗ niginn denken. 11 1 115 Sie kamen bald an's Ufer, wo ſich die Koͤniginn befand, von ihrem kleinen Gefolge umgeben. An ihrer Seite ſtand der Landrichter der Grufſchaft Cumberland, in praͤchtigem An⸗ zuge, und von Soldaten umgeben. In dem Benehmen der Koͤniginn las man eine ſonder⸗ bare Miſchung von Munterkeit und Abneigung gegen die Abreiſe. Ihre Worte und ihre Ge⸗ behrden gaben ihren Dienern Hoffnung und Troſt, und ſie ſchien ſich ſelber gern uͤberreden zu wollen, daß der Schritt, wozu ſie ſich ent⸗ 342 ſchloſſen hatte, ohne Gefahr und die erhaltene Zuſicherung freundlicher Aufnahme ganz befrie⸗ digend waͤre; aber ihre zitternde Lippe, ihr unruhiges Auge, verriethen den Kummer, den ſte bei dem Abſchiebe aus Schottland fuͤhlte, und die Beſorgniſſe, womit ſie ſich der zweifel⸗ haften Treue Englands uͤberließ. Willkommen, Herr Abt! ſprach ſie, und Ihr auch, Roland Avenel! wir haben frohe Nachrichten fuͤr Euch. Der Beamte unſrer lie⸗ ben Schweſter bietet uns in ihrem Nahmen eine ſichre Zuflucht vor den Empoͤrern an, die uns aus unſerm Eigenthume vertrieben haben. Nur thut es mir leid, duß wir hier auf kurze Zei von Euch ſcheiden muͤſſen. Von uns ſcheiden, gnaͤdigſte Frau? fragse der Abt. Es iſt alſo euer Willkommen in England, daß Ihr damit anfangen muͤßt, euer Gefolge zu vermindern und eure Räͤte zu ent⸗ kaſſen? Nehmt's nicht von der Seite, ehrwuͤrdiger Vater, erwiederte die Köoͤniginn. Dieſe getreuen Diener unſrer koͤniglichen Schweſter halten es 343 fuͤr nothwendig, die Anordnungen ihrer Gedie⸗ terinn in dieſem Falle buchſtaͤblich zu befolgen, und koͤnnen mich nur mit meinem weiblichen Gefolge zulaſſen. Es ſoll alsbald ein Eilbote von London abgehen, der mir einen Wohnſitz anweiſen wird, und ich werde ſo gleich Euch Allen Nachricht ſchicken, ſobald mein Hofſtaat eingerichtet werden ſoll? 3 Euer Hofſtaat in England eingerichtet? So lange Eliſabeth lebt und herrſcht? ſprach der Abt. Das wird geſchehen, wenn wir zwei Sonnen am Himmel ſehen. Glaubet das nicht, erwiederte die Koͤni⸗ ginn. Wir ſind wohl verſichert von der Auf⸗ richtigkeit unſrer Schweſter. Eliſabeth liebt den Ruhm; und alles, was ſie gewonnen durch ihre Macht und Weisheit, wird dem Ruhme nicht gleichen, den ſie erlanget, wenn ſie eine bedraͤngte Schweſter gaſtfreundlich aufnimmt; und alles Gute, Weiſe und Große, das ſie ſpaͤterhin thun koͤnnte, wuͤrde die Schmach nicht austil⸗ gen, wenn ſie unſer Vertrauen mißbrauchte. Lebe wohl, mein Edelknabe— jetzt mein Ritter— 344— lebe wohl auf kurze Zeit! Ich will Katharinn's Thraͤnen trocknen, oder ich will mit ihr weinen, bis keines von uns laͤnger weinen kann. Bei dieſen Worten hielt ſie ihre Hand dem Juͤnglinge hin, der ſich auf ſeine Kniee warf, und ſehr bewegt die Hand kuͤßte. Er wollte ſeiner Katharina dieſelbe Huldigung erwei⸗ ſen, als die Koͤniginn, mit munterm Tone, ſprach:„Ihre Lippen, naͤrriſcher Junge! Und Katharina, thue du nicht ſproͤde; dieſe engliſchen Herrn ſollen ſehen, daß auch in unſerm kalten Klima die Schoͤnheit weiß, wie Tapferkeit und Treue zu belohnen ſind. Wir lernen nicht erſt jetzt, wie maͤchtig ſchottiſche Schoͤnheit, oder wie lebhaft ſchotti⸗ ſcher Muth iſt, ſprach hoͤflich der engliſche Be⸗ amte. Ich wollte, es ſtaͤnde in meiner Macht, dieſe Diener derjenigen, die ſelber die Fuͤrſtinn der ſchottiſchen Schoͤnheit iſt, in England ſo zu bewilkommen, als meine Sorgfalt es gern thun wuͤrde; aber die Befehle unſerer Koͤniginn ſind, in einem Falle von ſolcher Wichtigkeit, unbe⸗ dingt, und es ziemt nicht einem Unterthan, * 345 dagegen ſich aufzulehnen. Darf ich Eure Ma⸗ jeſtat erinnern, daß die Flut ſchnell abnimmt? Der Beamte faßte die Hand der Koͤniginn, und ſchon hatte ſie ihren Fuß auf die Lauf⸗ planke geſetzt, uͤber welche ſie ins Boot gehen ſollte, als der Abt, bei den Worten des Eng⸗ laͤnders aus Gram und Beſtuͤrzung aufgeſtoͤrt, ins Waſſer ſprang und ihren Mantel ergriff. Sie ſah's vorher! rief er aus, ſie ſah eure Flucht in ihr Reich vorher, und deshalb gab ſie Befehl, daß Ihr ſo empfangen werden ſolltet. Verbiendete, betrogene, dem Verderben geweihte Fuͤrſtinn, euer Verhaͤngniß iſt erfuͤllt, wenn Ihr dieſes Geſtade verlaſſet. Koͤniginn von Schottland, du ſollſt dein Erbtheil nicht aufgeben, fuhr er fort, ihren Mantel noch veſter haltend. Treue Maͤnner ſollen ſich empoͤ⸗ ren gegen deinen Willen, auf daß ſie dich ret⸗ ten von Gefangenſchaft oder Tod. Fuͤrchte nicht die Helbarden und die Bogen, die dieſem mun⸗ teren Manne auf ſeinen Wink zu Gebote ſtehen. Wir wollen ihm mit Gewalt Widerſtand leiſten. 8 1 1— 5 —————————— 346 + haͤtte ich deinen Arm, mein tapferer Bru⸗ der! Roland von Avenel, ziehe dein Schwert! Die Koͤniginn ſtand unſchluͤſſig und erſchrok⸗ ken, mit dem einen Fuße auf der Planke, mit dem andern auf dem Sandgeſtade ihres Hei⸗ mathlandes, das ſie fuͤr immer verlaſſen wollte. Wozu diefe Heftigkeit, geiſtlicher Herr? ſprach der engliſche Beamte. Ich kam hieher auf eurer Koͤniginn Befehl, um ihr zu dienen, und auf ihr leiſeſtes Gebot gehe ich fort, wenn ſie die Hilfe verſchmaͤhet, die ich anbieten kann. Kein Wunder, daß die Weisheit unſerer Koͤni⸗ ginn vorausſah, es werde bei den Unruhen eures zerruͤtteten Landes ein ſolcher Vorfall ſich ereig⸗ nen, und daß ſie bei ihrer Bereitwilligkeit, der königlichen Schweſter Gaſtfreundſchaft zu erwei⸗ ſen, es fuͤr klug hielt, den Ueberreſten eines zerſtreuten Heeres den Zutritt in England zu verſagen. Ihr hoͤret, ſprach die Koͤniginn, als ſie ſanft ihren Mantel aus des Abtes Hand los— machte: daß wir mit freier Wahl dieſes Ufer verlaſſen, und ohne Zweifel wird es uns eben 8 347 ſo frei ſtehen, nach Frankreich uns zu begeben, oder in unſer eigenes Land zuruͤck zu kehren, wenn wir uns dazu entſchließen. Ueberdieß iſt es nun zu ſpaͤt, einen andern Entſchluß zu faſ⸗ ſen. Euren Segen, ehrwuͤrdiger Vater und dann geleite Euch Gott! 1 Moͤge Er ſich deiner erbarmen und dich auch geleiten! erwiederte der Abt, ſich entfer⸗ nend. Aber es ahnet mir, ich ſehe dich zum Letztenmahl. Die Segel wurden aufgezogen, die Ruder arbeiteten und raſch ſchnitt das Schiff duech den Frith, der Schottland von der engliſchen Graͤnzlandſchaft Cumberland trennt; aber erſt als das Boot zur Geſtalt eines Kinderſchiffchens ſich verkleinert hatte, verließen die niedergeſchla⸗ genen Anhaͤnger der Koͤniginn das Geſtade, und lange, lange konnten ſie Maria's weißes Tuch ſehen, womit ſie ihren treuen Freunden und Schottlands Geſtade Lebewohl zuwinkte. 348—— †* † Haͤtte Roland in guten Nachrichten, die ſeine eigenen Angelegenheiten angingen, Troſt fuͤr den Abſchied von ſeiner Geliebten und fuͤr den Schmerz uͤber das Ungluͤck ſeiner Fuͤrſtinn finden koͤnnen, ſo erhielt er ihn einige Tage nach der Abreiſe der Koͤniginn. Ein athemloſer Bote, und zwar Niemand anders, als Adam Woodcock, brachte ein Sendſchreiben von. Hal⸗ bert Glendinning an den Abt, der noch immer mit Roland in dem Kloſter Dundrennan ſich aufhielt, und den alten Bonifacius mit vergeb⸗ lichen Fragen quaͤlte. Das Schreiben enthielt eine dringende Einladung an den Abt, eine Zeit lang im Schloſſe Avenel zu wohnen.„Die Milde des Regenten, ſetzte der Briefſchreiber hin⸗ zu, hat Roland und Euch Verzeihung gewaͤhrt, mit der Bedingung, daß Ihr Beide einige Zeir unter meiner Obhut bleibet. Ich habe uͤber Roland's Abſtammung Nachrichten mitzutheilen, die du, mein Bruder, gern vernehmen wirſt, und die mir, als dem Gemahl ſeiner naͤchſten — 349 Verwandten, es zu einer Angelegenheit machen, an ſeinem kuͤnftigen Lebensgluͤcke Antheil zu nehmen.“ 1 Der Abt las den Brief und ſchien ſchwei⸗ gend zu erwaͤgen, welcher Entſchluß der beßte fuͤr ihn ſei Woodcock nahm unterdeſſen Ro⸗ land auf die Seite, und ſprach zu ihm:„Nun, Junker Roland, ſeht zu, daß nicht Paͤpſtler⸗ Unſinn Euch und den Prieſter von dem rechten Wild ableite. Ihr habt Euch jederzeit wie ein Stuͤck von einem Edelmann aufgefuͤhrt. Leſet dieß, und danket Gott, daß er uns den Abt Bonifacius in den Weg warf, als ihn zwei von Seyton's Reiſigen nach Dundrennan geleiteten. Wir unterſuchten ihn, um Ewas zu finnden, das uns Aufſchluß uͤber euer ſchoͤnes Stuͤckchen in Lochleven geben koͤnnte, und fanden etwas, das beſſer in euren Kram dient, als in den unſern. Die Schrift, welche er dem Juͤnglinge mittheilte, war eine Beſcheinigung des verſtor⸗ benen Moͤnches, Bruder Philipp*) der die *) Den Leſern des Romans: Das Klo⸗ ſter— iſt er bekannt genug. 35⁰— * Verſicherung gab, daß er unter dem Verſprechen des Geheimniſſes Julian Avenel und Katharina Graͤme durch das Sakrament der Ehe verbun⸗ den habe; daß er aber, als Julian die einge⸗ gangene Verbindung bereuet, ſich durch denſelben zu der Suͤnde habe verleiten laſſen, die Trauung zu verhehlen, und das arme Fraͤulein zu dem Glauben zu verleiten, die heilige Feierlichkeit waͤre nicht von einem Prieſter verrichtet worden. Aus einem Briefe von Julian ging hervor, daß der Abt Bonifacius ſich in dieſe Angelegenheit gemiſcht, und dem Freiherrn das Verſprechen abgewonnen hatte, ſeine Ehe offentlich bekannt zu machen. Als aber Julian und ſeine belei⸗ digte Braut geſtorben waren kam die Sache, bei der Unbekanntſchaft des Abtes mit dem Schickſale ihres ungluͤcklichen Abkömmlinges und bei ſeiner verdroſſenen traͤgen Stimmung gaͤnz⸗ lich in Vergeſſenheit, bis der Abt Ambroſtus in einem zufäͤlligen Geſpraͤche uͤber die Schickſale des Hauſes Avenel ſie wieder in Erinnerung brachte. Auf ſeines Nachfolgers Bitte ſuchte nun der alte Bonifacius nach den vergeſſenen — 351 Schriften, aber da er nie fremde Augen in ſeine Urkundenſchaͤtze blicken laſſen wollte, ſo waͤren ſie wohl immer verborgen geblieben, wenn nicht Halbert Glendinning ſich beſſer auf's Nach⸗ ſuchen verſtanden haͤtte. Ihr werdet nun wohl am Ende Erbe von Avenel, Junker Roland, wenn unſer Ritter und ſeine Gemahlinn das Zeitliche geiegnet haben werden, hob Adam Woodcock wieder an, und da ich nur um eine einzige Gabe bitten will, ſo hoffe ich, Ihr werdet mich nicht mit einem Nein heim ſchicken. Nicht doch, ehrlicher Freund, wenn's in meiner Macht ſteht, Ja zu ſagen, erwiederte Roland. J nun, ſollte ich den Tag erleben, ſo muß ich fortfahren, die Neſtfalken mit ungewaſchenem Futter zu naͤhren, ſprach Woodcock dreiſt, doch im Zweifel, wie es ſchien, ob ſeine Bitte eine guͤnſtige Aufnahme finden. werde. Du ſollſt ſie fuͤttern, womit es dir gefaͤllt, antwortete Roland lachend. Ich bin noch nicht viele Monate aͤlter geworden, ſeit ich das Schloß 35²—õ verließ, aber ich hoffe, gewiscst genug bin ich geworden, daß ich keinem geſchickten Manne in ſeinem Berufe entgegen handle. Nun, dann tauſche ich nicht mit des Koͤ⸗ nigs Falkner, noch mit der Koͤniginn ihrem, ſprach Woodcock. Aber es heißt, die wird ein⸗„ geſperrt werden und wohl nie wieder einen Falkner brauchen. Ich ſehe, es macht Euch traurig, daran zu denken, und zur Geſellſchaft 1 koͤnnte ich mit Euch traurig ſein, aber was kann's helfen! Das Gluͤck fliegt, wie's will, und wenn man ihm Hallo nachſchrie, bis man heiſer wuͤrde. Der Abt und Roland reiſeten nach Avenel, wo Halbert ſeinen Bruder liebevoll empfing, waͤh⸗ rend ſeine Gemahlinn vor Freude weinte, als ſie fand, daß ſie in dem theuren Waiſenkna⸗ ben den einzigen uͤbrigen Zweig ihres Stammes beſchuͤtzt hatte. Halbert Glendinning und ſeine Leute waren nicht wenig erſtaunt uͤber die Ver⸗ aͤnderung, welche eine kurze Bekanntſchaft mit der Welt in ihrem ehemahligen Hausgenoſſen hervorgebracht hatte, und freuten ſich, in dem 353 verhaͤtſchelten und anmaßenden Edelknaben einen beſcheidenen und anſpruchloſen jungen Mann wieder zu finden, der zu gut ſeine Erwartungen und ſeine Wuͤrde kannte, als daß er heftig oder muthwillig die Achtung haͤtte fodern ſollen, die man ihm gern und freiwillig widmete. Der alte Haushofmeiſter Wingate war der Erſte, der ihn lobte, und Frau Lilias ſtimmte laut ein, in der Hoffnung, Gott werde ihn zu dem rei⸗ nen Evangelium fuͤhren. Rolands Gemuth hatte ſich ſchon laͤngſt dazu hingeneigt, und die Abreiſe des guten Ab⸗ tes nach Frankreich raͤumte das Haupthinderniß weg, das den Juͤngling abgehalten hatte, dem katholiſchen Glauben zu entſagen. Ein anderes Hinderniß haͤtte er in den Pflichten finden koͤn⸗ nen, die ihn an Magdalena Graͤme banden; aber er war noch nicht lange in Avenel gewe ſen, als er hoͤrte, daß ſeine Großmutter in einer zu ſtrengen Bußuͤbung, welche ſie ſich, auf die Nachricht von der entſcheidenden Niederlage ihrer Partei, fuͤr die Koͤniginn und die Kirche von Schottland aufgelegt hatte, zu Koͤlln geſtorben Theil. III. 23 354 war. Der Eifer des Abtes Ambroſius war ge⸗ maͤßigter. Er fand Zuflucht in einem Schotten⸗ kloſter in Frankreich, und fuͤhrte ein ſo andaͤch⸗ tiges Leben, daß ſeine Bruͤder die Ehre der Hei⸗ ligſprechung fuͤr ihn verlangen wollten. Ihre Abſicht ahnend, bat er ſie auf dem Todbette, dem Leichnam eines Mannes, der ſo ſuͤndhaft, als ſie ſelber waͤre, keine Ehre zu erweiſen; aber Leichnam und Herz in die Gruft des Hau⸗ ſes Avenel im Marienkloſter zu bringen, damit der letzte Abt des beruͤhmten Gotteshauſes unter deſſen Truͤmmern ruhen moͤchte. Lange vorher war Roland Katharina's Ge⸗ mahl. Nach einem zweijaͤhrigen Aufenthalte bei ihrer ungluͤcklichen Gebieterinn, die bald in ſtren⸗ gere Haft kam, wurde ſie entlaſſen und kehrte ins vaͤterliche Haus zuruͤck. Roland, der aner⸗ kannte Erbe des alten Hauſes Avenel, das durch Halbert Glendinning's Vorſorge anſehnlichen Zu⸗ wachs erhalten hatte, war Katharina's Ver⸗ wandten nun ein willkommener Bewerber. In den unruhigen Zeiten, welche auf Maria's Flucht nach England folgten, ſchloß ihr Vater nicht 355 ungern eine Verbindung mit einem Juͤnglinge, der ſelber der Koͤniginn treu ergeben war, aber durch Halbert Glendinning auch Einfluß auf die Machthaber hatte. So wurden alle Schwierigkei⸗ ten ausgeglichen, und Roland und Katharina wa⸗ ren, trotz der Verſchiedenheit des Glaubens, innig verbunden.. Ende. 88 & ◻ Nachſchrift. Die Geſchichte der ungluͤcklichen Maria Stu⸗ art, woraus Walter Scott einen Abſchnitt in ſeinen Roman verwebt hat, iſt in ihren Haupt⸗ zuͤgen dem groͤßten Theile der deutſchen Leſer bekannt, ſeit Schiller's Trauerſpiel ein Eigen⸗ thum unſrer Buͤhne iſt; nicht Allen aber wird der Zuſammenhang der Begebenheiten, die das Leben der ſchottiſchen Koͤniginn zu einem tragi⸗ ſchen Stoffe gemacht haben, gegenwaͤrtig ſein. Es fehlt noch an einer guten Lebensgeſchichte Maria's, worin die neuern Forſchungen briti⸗ ſcher Geſchichtſchreiber, die zum Theil durch eine 5 ungefaͤllige Form abſtoßen, mit gruͤndlicher und unbefangener Pruͤfung zu einem vollendeten Ge⸗ maͤhlde ihres merkwuͤrdigen Lebens benutzt waͤren. Was Feiedrich Genß in ſeinem, im Taſchen⸗ buch fuͤr 1799. enthaltenen, Umriſſe mittheilt, iſt auch in dieſer Hinſicht nicht befriedigend, und ſcheint uͤberhaupt zu verrathen, daß des 327 3292 Verfaſſers Kunde vom Schauplatze und von den Begebenheiten noch ein neues Erwerbniß war, als er ſein Bild entwarf. Heinrich hat da⸗ gegen, in ſeiner Geſchichte von England(B. II. S. 427. ff) Manches als ausgemachte Thatſache aufgeſtellt, was Maria's Vertheidiger, beſonders Whitacker und Stuart, doch nur wahr⸗ ſcheinlich gemacht haben, und Manches nicht beruͤhrt, was die Koͤniginn nicht leicht gegen Vorwurf ſchuͤtzen koͤnnte, und zwar Umſtaͤnde, die ihr Verhaͤltniß zu Bothwell angehen. Es iſt freilich ſchwer, wo nicht unmoͤglich, ſo lange nicht ein ganz neues Licht aufgeſteckt wird, eine Geſchichte voͤllig aufzuklaͤren, welche die leiden⸗ ſchaftliche Parteiwuth einer ſtuͤrmiſch bewegten Zeit ohne Zweifel ſelbſt durch falſche Zeugniſſe boͤslich entſtellt hat. Der Einfluß dieſer untreuen Darſtellung wirkte uͤber zweihundert Jahre ſo nachtheilig fort, daß das Urtheil der Geſchichte, ſelbſt im Munde ſo wahrheitliebender Forſcher, als Hume und Robertſon waren, die Un⸗ gluͤckliche zu ſtrenge verdammte. Die Verthei⸗ digung, welche Maria's eifriger Anhaͤnger, der 1 358 Kiſchof Lesley, ſchon 1569. heimlich in Lon⸗ don drucken ließ, wurde von andern Parteiſtim⸗ men uͤbertaͤubt, und erſt um die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts erhoben ſich ſiegreiche Verfechter ihres verlaͤſterten Rufes. Zuerſt trat Goodall im Jahre 1754. auf, und behauptete aus aͤußern Gruͤnden die Unechtheit der, ſchon von Lesley fuͤr untergeſchoben erklaͤrten acht Briefe, worauf man die Beſchuldigung einer Theilnahme an dem Morde ihres Gemahles gegruͤndet hatte. Ihm folgten Tytler und Stuart(in ſ. History of Scotland from- tthe establishment of reformation till the death of Queen Mary. London 1782. 2 Bde. 4.) und endlich Whitacker(in Mary Queen of Soots vindicated. London 178. 3 Bde. 8.), welcher ſogar die Verfaſſer der zaͤrt⸗ lichen Sonette, die man der Koͤniginn zuge⸗ ſchrieben hat, der Briefe an Bothwell, eines Eheverſprechens, das ſie ihm vor ihres Gemah⸗ les Ermordung gegeben, und eines Ehevertrages, den ſie acht Wochen nach der Graͤuelthat, ehe noch Bothwell von ſeiner Gemahlinn geſchieden ☛ 2— war, vollzogen haben ſollte, nahmentlich angibt. Das Ergebniß dieſer Unterſuchungen moͤchte ſein, daß Maria freigeſprochen werden muß von den Verbrechen des Ehebruches und der Theilnahme an ihres Gemahles Ermordung, deren ihre Geg⸗ ner unter ihren Unterthanen ſie beſchuldigten, um die Empoͤrung zu rechtfertigen, und die eifer⸗ ſuͤchtige Eliſabeth ſie anklagte, um einen Vor⸗ wand zur Veſthaltung der verhaßten ſchoͤnen Nebenbuhlerinn zu haben, daß aber in hohem Grade der Vorwurf bleibt, den Hannah Ken⸗ nedy ihr in Schillers Trauerſpiel macht: Der Leichtſinn nur iſt euer Laſter. Es wuͤrde auch nur zu einem Umriſſe ihrer Lebensgeſchichte hier nicht der Ort ſein, doch ſind einige Andeutungen an ihrer Stelle, welche an die Hauptzuͤge ihrer Geſchichte erinnern, und zeigen moͤgen, in wie fern Scott den begruͤn⸗ deten Thatſachen treu geblieben iſt. Als Maria auf den Schauplatz trat, war ihr Vaterland, dritthalbhundert Jahre lang, von innern Fehden und ſteten Kriegen mit England zerruͤttet worden. Nirgend war die eoͤnigliche 360 Gewalt mehe, als hier, durch einen uͤbermaͤchti⸗ gen Lehnadel beſchraͤnkt. Im Hochlande, wo die Stammhaͤupter ſeit den fruͤhſten Zeiten ein⸗ heimiſchen Fuͤrſten, beſonders den maͤchtigen Herrn der Inſeln, gehorchten, wurden die Koͤnige von Schottland hoͤchſtens dem Nahmen nach als Oberherrn erkannt, und lebten mit jenen oft im Kriege, bis im Jahre 1410. jenes Inſelreich erſchuͤrtert und von der ſchottiſchen Krone abhaͤngig gemacht ward.*) Die Kriege mit England, die vom Ende des 13ten Jahr⸗ hunderts bis um die Mitte des 16ten nur mit kurzen Unterbrechungen fortdauerten, trugen vor⸗ zuͤglich dazu bei, die Macht des Lehnadels zu erheben. Mitten in dieſer ſtuͤrmiſchen Zeit kam, nach dem Ausſterben der maͤnnlichen Nachkom⸗ menſchaft des tapfern Robert Bruce, das ver⸗ wandte Haus Stuart auf den ſchottiſchen Khron Kaum gibt es ein anderes Fuͤrſten⸗ *) Das Vorwort zu meiner Verteutſchung des Roman Waverley(unter dem Titel: ESduard— Dresden 1821.)— beruͤhrt die Feiihire Geſchichte des Hochlandes. 3 13⁄ 361 geſchlecht, das von ſeiner Erhebung bis zu ſeiner ruhmloſen Erloͤſchung ſo grauſam vom Schick⸗ ſale waͤre verfolgt worden. Mehre Koͤnige die⸗ ſes Stammes fielen auf dem Schlachtfelde, oder von Moͤrderhand, und haͤufige Minderjaͤhrigkei⸗ ten beguͤnſtigten die Umgriffe des Lehnadels und den Fortſchritt der innern Zerruͤttung. Selbſt die naͤhere Verbindung, die das Haus Stuart mit den engliſchen Koͤnigen ſchloß, als Hein⸗ rich VII. ſeine Tochter Margaretha dem ſchot⸗ tiſchen Koͤnige, Jakob IV., Maria's Großvater, zur Gemahlinn gab, konkte die alte Eiferſucht zwiſchen heiden Voͤlkern nicht beſaͤnftigen, und wirkte erſt in ihren ſpaͤtern Folgen wohlthaͤtig, als die Grundurſache der Vereinigung beider Reiche unter einem Herrſcher. Es kam bald ein neuer Anlaß zur Eiferſucht, da Maria's Vater, Koͤnig Jakob V., die Verbindung e der Schweſter der maͤchtegen Herzoge von Guiſe, der verwitweten Herzoginn von Lon⸗ gueville, andern Antraͤgen vorzog. Dieſes Buͤndniß, das Schottland an Frankreich kettete, gab in der Verwaltung der oͤffentlichen Ange⸗ 352 legenheiten um ſo leichter Anlaß zu Maßregeln, die dem Sinne des Volkes entgegen waren, da die Reformation ſehr fruͤh in Schottland zahl⸗ reiche Anhaͤnger fand. Der Einfluß der Geiſt⸗ lichkeit auf Jakob V. und das Zureden ſeiner Gemahlinn, brachten das koͤnigliche Haus gleich anfangs in eine feindſelige Stellung gegen die neue Lehre und zugleich gegen Koͤnig Heinrich VIII., der ſeinen Nachbar bewegen wolite, ſich gleichfalls vom Papſte zu trennen. Es kam zu einem Kriege mit England, und bald nach der ſchmaͤhlichen Niedertäge ſeines Heeres ſtarb Koͤ⸗ nig Jakob, wenige Tage nach der Geburt ſeiner Tochter Maria, im Jahre 1542. In dem Friedensvertrage mit Koͤnig Hein⸗ rich ward beſtimmt, daß Maria mit ſeinem Sohne Eduard vermaͤhlt, und in ihrem zehnten Jahre nach England gebracht werden ſollte. Waͤhrend des Paeeikampfes, der in den naͤch⸗ ſten Jahren das Land zerruͤttete, ward dieſer Vertrag aufgehoben, und als die verwitwete Koͤniginn den andern Machthabern, welche die Verwaltung des Staats an ſich geriſſen hatten⸗ — 363 aͤberlegen war, gelang es ihr, die Abſicht durch⸗ zuſetzen, ihre Tochter mit dem aͤlteſten Sohne Heinrichs II. von Frankreich zu verloben, und im Jahre 1548. ward Maria nach Frankreich gebracht, wo ſie endlich, kaum ſechzehn Jahre alt, mit dem Dauphin Franz vermaͤhlt ward. In demſelben Jahre, 1558, ſtarb die Koͤniginn Maria von England, Heinrichs VIII. Tochter von ſeiner erſten Gemahlinn Katharina. Maria Stuart, die das naͤchſte Recht zur Thronfolge in England hatte, wenn ein fruͤherer feierlicher Ausſpruch, daß Elſeter Heinaihs VIII. Toch⸗ ter von Anna Boleyn, fuͤr unehelich gehalten werden ſollte, giltig blieb, nahm ſogleich den Titel einer Koͤniginn, wie ihr Gemahl eines Koͤnigs von England an. Dieß war der erſte Anlaß zu dem Haſſe, den Eliſabeth, die ohne Widerſtand den engliſchen Thron beſtieg, auf Maria warf. Maria's Gemahl ſtarb ſchon 1560, und von ihren Unterthanen eingeladen, verließ ſie im folgenden Jahre ihr geliebtes Frankreich und kehrte nach Schottland zuruͤck. Sie war neunzehn Jahre alt, durch Schoͤnheit, feine 3⁵4 Siute und hohe Geiſtesbildung ausgezeichnet, als ſie die Regierung ihres Landes antrat. Auf der einen Seite aber hatte ſie mit ihren mißvergnuͤg⸗ ten Unterthanen zu kaͤmpfen, und auf der andern ſtand ihr Eliſabeth feindlich gegenuͤber, die nicht bloß politiſche Eiferſucht gegen die Koͤniginn von Schottland, ihre naͤchſte Erbinn, hegte, ſondern auch aus kleinlicher und niedriger Eitelkeit die reizende Frau beneidete, welche der Ruf mit tauſend Zungen pries. Eliſabeth beguͤnſtigte die ſchottiſchen Proteſtanten, und wußte durch dieſe ſtets einen maͤchtigen und ſtoͤrenden Einfluß auf die Angelegenheiten des Landes zu erhalten. Ma⸗ ria aber ſuchte vergebens die Zuneigung ihrer pro⸗ teſtantiſchen Unterthanen zu gewinnen, obgleich ſie den Haͤuptern dieſer Partei, beſonders ihrem Halbbruder, Jakob Stuart, Jakob's V. Sohne von Margaretha Douglas, einem eben ſo geiſt⸗ reichen als ehrgeizigen Manne, den ſie zum Gra⸗ fen von Murray erhob, ein ausgedehntes Ver⸗ trauen bewies. Vier Jahre nach ihrer Ruͤckkehr vermaͤhlte ſich Maria, ungeachtet mehre Große dagegen — 365 waren, mit ihrem Vetter, dem Sohne des Gra⸗ fen Lenox, dem ſchoͤnen Heinrich Darnley. Eine ſchnell auflodernde Leidenſchaft ſchloß die⸗ ſes Buͤndniß, aber bald erkaltete ihre Liebe, als ſich ſein ungebildeter Geiſt, ſeine niedrige Geſin⸗ nung und ſein unkluges Betragen vertiethen. Maria ſelber hatte ſich jedoch die empoͤrten Groſ⸗ ſen durch das unbedachtſame Vertrauen entfrem⸗ det, das ſie ihrem Geheimſchreiber, David Rizzio ſchenkte. Er wer der Sohn eines Ton⸗ kuͤnſtlers in Turin, und kam mit dem ſavoiſchen Geſandten nach Schottland, wo er ſich der Koͤni⸗ ginn anfangs durch die Kunſt des Geſanges em⸗ pfahl, und aus ihrem Hofſaͤnger ward bald ihr vertrauteſter Rathgeber, den dieſe Auszeichnung ſtolz und unbeſcheiden machte. Die Beſchuldigung aber, daß ſie in einem zaͤrtlichen Verſtaͤndniſſe mit dem nichts weniger als ſchoͤnen und ſchon ziemlich bejahrten Manne geſtanden, iſt durch neuere Forſchungen als grundlos erwieſen wor⸗ den. Der Koͤnig, der den Fremdling fuͤr den Urheber der Abneigung hielt, die Maria ihm bewies, ließ ſich durch mehre Große, worunter 365— Graf Morton, Lord Ruthven und Lord Lindſay waren, zu einem Mordanſchlage verleiten, und Rizzio ward im Jahre 1566. in Holyrood⸗ houſe an der Seite der Koͤniginn von den Ge⸗ hilfen ihres Gemahles mit Dolchſtichen durch⸗ bohrt. Das Verhaͤltniß zwiſchen Maria und ihrem Gemahle war von nun an geſtoͤrt. Beide lebten getrennt. Maria hatte indeß einem andern Guͤnſtlinge ihr Vertrauen geſchenkt. Es war der Graf von Botheell, ein Mann von den ſchlechteſten Grundſaͤtzen, der aber durch den Eifer, womit er ſich der Koͤniginn in den Bedraͤngniſſen an⸗ nahm, die ſie nach Rizzio's Ermordung lei⸗ den mußte, ihre Dankbarkeit und ihr Wohlwol⸗ len erworben hatte. Dieſe ungluͤckliche Verbin⸗ dung kann man als den Anfang aller Leiden an⸗ ſehen, welche die ungluͤckliche Fuͤrſtinn ſeitdem verfolgten. Wenn man auch die an Both⸗ well gerichteten Briefe und Sonette fuͤr erwir⸗ ſen unecht haͤlt, ſo koͤnnen doch einige andre Umſtaͤnde leicht auf die Vermuthung fuͤhren, daß eine zweideutige Vertraulichkeit zwiſchen der * —— — 36⁷ Koͤniginn und Bothwell beſtanden habe; ſo viel wenigſtens iſt offenbar, daß ſie zu dem Ver⸗ dachte, der ſie verfolgt und ihr Andenken in der Geſchichte ſo lange befleckt hat, durch ungluͤck⸗ liche Unbeſonnenheiten Anlaß gegeben. Maria begegnete ihrem Gemahle mit einer Gleichgiltig⸗ keit, die ſich faſt als Verachtung zeigte, und die Trennung war ſo feindſelig, daß er nicht einmahl der feierlichen Taufe des Sohnes, den Maria im Junius 1566. geboren hatte, des nachmahligen Koͤnigs von Großbritanien, Ja⸗ kobs I., beiwohnte. Die Feinde der Koͤniginn, welche die Mine unter ihren Fuͤßen gruben, hatten wahrſcheinlich eifrig dazu beigetragen, den ungluͤcklichen Bruch unheilbar zu machen. Bald nachher, gegen Ende des Decembers, verließ der Koͤnig das Schloß Stirling, ohne von ſeiner Ge⸗ mahlinn Abſchied zu nehmen, und ging nach Glasgow; ehe er aber dahin kam, ward er von einer heftigen Krankheit befallen, welche die Feinde der Koͤniginn fuͤr die Folge einer Vergiftung, ihre parteilichen Vertheidiger fuͤr die Folge ſeiner Ausſchweifungen, undefangenere Erzaͤhler fuͤr die 8 368— Pocken ausgaben. Die Koͤniginn ging gegen Ende des Januars 1567. zu ihm nach Glasgow, als die Gefahr bereits voruͤber war; aber die Beweg⸗ gruͤnde des Beſuches, und die Stimmung, worin ſie ſich ihm naͤherte, ſind nach den Anſichten der Parteien verſchieden gedeutet worden. Nimmt man an, Maria habe Heinrichs heimliche Ent⸗ fernung aus Schottland, die ſie befuͤrchtete, ver⸗ huͤten wollen, ſo laͤßt ſich wohl erklaͤren, wie ſie ſich, trotz ihrer heimlichen Abneigung gegen Hein⸗ rich, die ſie noch Tags vor ihrer Abreiſe in ei⸗ nem Briefe an den franzoͤſiſchen Geſandten ver⸗ tieth, zu Bitten und Schmeicheleien entſchließen konnte, um ihren Gemahl zu gewinnen. Mag ihr Betragen Verſtellung geweſen, oder wirklich aus friedlichen Geſinnungen hervor gegangen ſein, genug, es war ploͤtzlich das freundlichſte Verneh⸗ men zwiſchen den beiden Gatten hergeſtellt. Ma⸗ ria nahm ihren Gemahl mit nach Edinburgh, wo man ihm, am 30. Januar, in einem außerhalb der Stadtmauer gelegenen Gebaͤude, Nahmens Kirk of Field— Feldkirche— deſſen ge⸗ ſunde Lage man ruͤhmte, eine Wohnung bereitete. — 4 — *7 — 369 Die Kzniginn lebte hier einige Tage an ſeiner Seite, pfiegte ihn mit der eifrigſten Sorgfalt, und ſchlief mit ihm unter einem Dache. In der Nacht vom 9. zum 10. Februar aber ent⸗ fernte ſie ſich eine Stunde vor Mitternacht, um einem Maskenballe im Schloſſe beizuwohnen, wo ein Tonkuͤnſtler von ihrer Kapelle, Nahmens Sebaſtian, mit einer ihrer Kammerfrauen Hochzeit hielt. Gegen 2 Uhr Morgens wurde das Haus, worin ihr Gemahl wohnte, durch Pulver in die Luft geſprengt, und man fand den Koͤnig und einen ſeiner Diener, der bei ihm in demſelben Zimmer geſchlafen hatte, todt in einem nahen Garten. Laute Stimmen beſchuldigten alsbald den Grafen Bothwell des Mordes, und die Feinde der Koͤniginn erregten gegen ſie den Ver⸗ dacht der Theilnahme. Die Hauptanklage gegen Maria beruht auf den oben erwaͤhnten Briefen an Bothwell. Dieſe Zeugniſſe, welche auch ſpaͤterhin, als Maria in der Gewalt der Koͤni⸗ ginn von England war, der Graf von Murray, zur Begruͤndung ſeiner Beſchuldigung, den Abge⸗ Theil III. 24 370 ordneten der engliſchen Monarchinn in Weſtmin⸗ ſter vorlegte, wurden ſchon zu jener Zeit von Maria's Vertheidigern fuͤr unecht erklaͤrt, und der Biſchof Lesley zeihet den Grafen Murray und deſſen Verbuͤndete ausdruͤcklich der Graͤuel⸗ that. Die oben angefuͤhrten neuern Schrift⸗ ſteller, beſonders Whitacker, ſuchen wahr⸗ ſcheinlich zu machen, Darnley's Ermordung ſei urſpruͤnglich zwiſchen der Koͤniginn Eliſabeth, ihrem Staatsſecretaͤr Cecil und den Grafen Murray und Morton entworfen, von den bei⸗ den letzten und deren Anhaͤngern in Schottland vorbereitet, und von Bothwell ausgefuͤhrt wor⸗ den. Daß dieſer Ruchloſe die Hand zum Morde geliehen, iſt uͤber allen Zweifel ausgemacht. Der Vater des Ermordeten, der Graf von Lenox, drang in mehren Briefen an die Koͤni⸗ ginn auf Bothwells Beſtrafung, und endlich ward am 28.Maͤrz der 12 April zur gerichtli⸗ chen Unterſuchung beſtimmt, wiewohl nach den damahls giltigen geſetzlichen Vorſchriften die Par⸗ teien vierzig Tage vorher geladen werden muß⸗ ten. Lenox, der vergebens um laͤngere Friſt — —.f.— 371 gebeten hatte, ſchickte einen Abgeordneten, Both⸗ well aber erſchien ſelber, mit einem zahlreichen Gefolge von Anhaͤngern und gedungenen Krie⸗ gern in der Hauptſtadt, und wurde von dem Gerichte, das aus Murray's und Morton's Freunden beſtand, feierlich losgeſprochen. Ei⸗ nige Tage nachher reiſete die Koͤniginn nach Stirling, um ihren Sohn zu deſuchen. Auf dem Ruͤckwege kam Bothwell ihr bei Linlithgow mit 1000 Reitern entgegen, zerſtreute ihr klei⸗ nes Gefolge, das keinen Widerſtand leiſtete, und fuͤhrte die Koͤniginn als Gefangene nach ſeinem Schloſſe Dunbar. Er ließ das Geruͤcht aus⸗ breiten, ſein Unternehmen ſei in Einverſtaͤndniß mit der Koͤniginn ausgefuͤhrt worden. Mehre der angeſehenſten Großen, worunter ſowohl Geg⸗ ner, als Vertraute der Koͤniginn waren, hatten ihm eine, von ihnen unterzeichnete Schrift uͤber⸗ geben, worin ſie ihn der Koͤniginn zum Gemahl dringend empfahlen. Maria's Feinde behaupte⸗ ten, die Entführung ſei mit ihr verabrebet und nur ein leeres Gaukelſpiel geweſen, ihre Verthei⸗ diger ſagten, Bothwell habe ſie, waͤhrend ſie 322 ſeine Gefangene war, durch Ueberredung, ja durch Gewalt gezwungen. Wenige Tage nach der Entfuͤhrung foderte Bothwell die Trennung von ſeiner Gemahlinn bei dem geiſtlichen Gerichte des Erzbiſchofs von St. Andrews, unter dem Vorwande der Nichtigkeit wegen eines verbote⸗ nen Verwandtſchaftgrades, und zu gleicher Zeit wurde bei dem proteſtantiſchen Gerichte auf Scheidung geklagt. Nach einigen Tagen ward die Ehe aufgeloͤſet. Bothwell fuͤhrte darauf in den erſten Tagen des Mais(1567.) die Koͤni⸗ ginn nach Edinburgh zuruͤck, und ſie erklaͤrte feierlich vor der oberſten Staatsbehoͤrde, ſie ſei zwar mit Gewalt nach Dunbar gefuͤhrt, aber hier ſo ehrerbietig behandelt worden, daß ſie die ihr zugefuͤgte Beleidigung vergeſſen und dem Grafen gaͤnzlich verziehen habe. Sie erhob ihn zum Herzoge von Orkney und ließ ſich am 15.Mai feierlich mit ihm trauen. Selbſt wenn ſie ihn fuͤr unſchuldig gehalten hat, der ungluͤck⸗ liche Schritt, den Mann zu heirathen, welchen die oͤffentliche Meinung der Ermordung ihres Gemahles beſchuldigte, bleibt, wie Robertſon — 373 mit Recht ſagt, und koͤnnte auch jede andre Handlung in ihrem Leben gerechtfertigt werden, ein unwiderleglicher Beweis ihrer Unbeſonnenheit, wo nicht ihrer Schuld. So ſah es auch die Meinung ihres Volkes an. Die Zuneigung und das Vertrauen deſſelben hatte ſie nun ver⸗ loren, und wie ſelbſt ihre Freunde im Auslande den Schritt beurtheilen wuͤrden, konnte ihr das Benehmen des franzoͤſiſchen Geſandten verrathen, der ſich ausdruͤcklich weigerte, der Vermaͤhlung⸗ feier beizuwohnen. Bothwel''s frecher Uebermuth empoͤrte Alle. Der Graf von Murray, der ſich bald nach Darnley's Ermordung nach Frankreich begeben hatte, wirkte auch aus der Ferne durch ſeine Freunde, und bald nach Maria's Vermaͤhlung ward ein Bund der Großen gegen Bothwell und die Koͤniginn geſchloſſen. Der innere Krieg be⸗ gann. Bothwell und die. Koͤniginn flohen nach Dunbar, als ſich die Verbuͤndeten der Haupt⸗ ſtadt naͤherten; bald nachher aber zogen ſie mit der ſchnell geſammelten Kriegsmacht ihren Fein⸗ den entgegen. Beide Heere, an Zahl ziemlich 4 zuruͤck treten koͤnnen, und es wurde beſchloſſen, 374 gleich, trafen ſich bei Carberry. Als der Kampf beginnen ſollte, regte ſich Unmuth unter Maria's Heere, und gegen Bothwell erbittert, entfernten ſich viele Krieger. Maria trat in Unterhandlung, und in einer Unterredung mit dem biedern Kirkaldy von Grange, einem der verbuͤndeten Edelleute, erklaͤrte ſie, ſich auf anſtaͤndige Bedingungen ergeben zu wollen. Man foderte Bothwell's Entfernung. Maria mußte einwilligen. Bothwell fluͤchtete, ſuchte anfangs auf den orkadiſchen Inſeln Zuflucht, und lebte von Sesraͤuberei, bis er endlich, von Schiffen verfolgt, ſich nach Daͤnemark rettete, wo er ins Gefaͤngniß geworfen ward, und acht Jahre ſpaͤ⸗ ter in Geiſteszerruͤttung ſtarb. Die ſiegenden Greßen brachten, den Vergleich verletzend, die Königinn als Gefangene, unter dem beſchimp⸗ fenden Geſchrei des Volkes, nach Edinburgh, wo man ihr, am 15. Junius, in dem Hauſe des Stadtvogts(Provoſt) eine Wohnung an⸗ wies. Die Verbuͤndeten waren zu weit gegan⸗ gen, ais daß ſie, ohne eigene Gefahr, haͤtten — 375 die Koͤniginn am Abend des naͤchſten Tages nach dem Schloſſe Lochleven zu bringen, das auf einer kleinen Inſel in einem gleichnahmigen See in der Grafſchaft Kinroß liegt. Das Schloß gehoͤrte einem nahen Verwandten des Grafen von Morton, Wilhelm Douglas, wel⸗ cher mit Margaretha Douglas, der Tochter des Lords Erskine und Mutter des Grafen von Murray, vermaͤhlt war. Dieſe ſtolze Frau, von rohen Sitten, haßte ihre ungluͤckliche Gefangene unver⸗ ſoͤhnlich, und ruͤhmte ſich ſtets, daß ſie die recht⸗ maͤßige Gemahlinn Jakobs V. geweſen ſey. Ma⸗ ria erduldete unter dieſer ſtrengen Waͤchterinn alle Leiden der haͤrteſten Gefangenſchaft, welche ſie durch die Kunſtfertigkeiten, die ſie in gluͤcklichern Tagen ſich erworben, zu mildern ſuchte. Hier ſoll ſie einige der Lieder, die man ihr zuſchreibt, gedichtet und zur Laute geſungen haben. Lochleven iſt einer der ſchoͤnſten ſchottiſchen Seen, nicht ſo groß als der herrliche Lochlomond, doch mit anmuthigen Ufern umkraͤnzt, ungefaͤhr vier engliſche Meilen lang, faſt eben ſo breit und von zwoͤlf engliſchen Meilen im Umfange. Oeſtlich 37⁵ begräͤnzen ihn die Lomond⸗Hoͤhen, ſuͤdlich der Benarty, noͤrdlich und weſtlich die Ebenen von Kinroß. Vier Eilande liegen in dem See zer⸗ ſtreut, und auf dem einen ſieht man noch die Truͤmmer des Schloſſes, wo Maria litt. Von dem Begraͤbnißplatze bei Kinroß geſehen, ſcheint die Inſel, ſammt ihren Truͤmmern und Baͤumen, im See zu ſchwimmen.*) Zwei engliſche Mei⸗ len fuͤdoͤſtlich von dem Schloſſ e liegt ein groͤßeres Eiland, St. Serf's Inſel. Hier ſtand ehedem die alte Priorey Lochleven, die dem heiligen Serf, oder Servanus, gewidmet war. Kinroß, der Hauptort der Grafſchaft⸗ liegt ſehr angenehm am weſtlichen Ende des Sees, an der Straße von Evinburgh nach Perth. 3 Kaum war Maria in Gefangenſchaft, als die verbuͤndeten Großen ſich noch enger vereinten, und ſich unter dem Nahmen der Herrn vom gehei⸗ men Ratche der Obergewalt bemaͤchtigten. Both⸗ *) Eine Anſſcht in Garnett's Observations or a tour thyough the Highlands, and part of the western Isles of Sootland(London 1800 2 Bde 4) die L. Th. Koſegarten Möe 1802 2 Bde 8. verdeutſchte.) — 9— —— 3⁷⁷ well ward geaͤchtet und ein Preis auf ſeinen Kopf geſetzt. Im naͤchſten Monate(Julius 1567.) wurde Lord Lindſay, der rauheſte Eiferer un⸗ ter ihrer Partei, nach Lochleven geſandt, um die Koͤniginn zur Thronentſagung zu noͤthigen. Er vollzog dieſen Auftrag mit Haͤrte und Rohheit, ja ihre Weigerung wuͤrde ſie in Todesgefahr ge⸗ bracht haben. Robert Melvil gab ihr im Nah⸗ men einiger gemaͤßigten Maͤnner unter den Ver⸗ buͤndeten den Wink, daß eine, durch Furcht erzwun⸗ gene und in der Gefangenſchaft gegebene Ent⸗ ſagung nichtig ſey, und bei der Wiedererlangung ihrer Freiheit widerrufen werden koͤnne. Maria folgte dieſer Meinung, und unterſchrieb, ohne ſie zu leſen, drei Urkunden. In der erſten ent⸗ ſagte ſie der Herrſchaft, und willigte in die Kroͤ⸗ nung ihres Sohnes, in der andern beſtellte ſie den Grafen von Murray zum Regenten des Reiches, in der dritten ernannte ſie, im Falle Murray die Obergewalt nicht nehmen wuͤrde, einige andre Edelleute. Murray, der kurz nachher aus Frank⸗ reich zuruͤckkehrte, zoͤgerte eine Zeitlang mit ſeiner . Erklaͤrung. Er begab ſich zuerſt zur Koͤniginn 378— nach Lochleven, taͤuſchte ſie, wie Einige erzaͤh⸗ len, durch verſtellte Freundſchaft und ließ ſich von ihr bitten, die Regentſchaft anzunehmen; nach andern Berichten aber ſoll er ihr mit rau⸗ her Haͤrte ihr Betragen vorgeworfen, und die Ungluͤckliche, die bruͤderliche Geſinnungen von ihm erwartete, aufs Tiefſte gebeugt haben. Gleich nachher nahm er die Obergewalt an. Maria's Sohn war vorher ſchon zu Stirling gekroͤnt worden, und im Nahmen des einjaͤhri⸗ gen Kindes wurde nun der Staat verwaltet. Das bald nachher verſammelte Parliament be⸗ ſtaͤtigte alle jene Schritte, und auf das Zeugniß der erwaͤhnten Briefe an Bothwell, die man nun zum Vorſchein brachte, wurde Maria der Theilnahme an dem Morde ihres Gemahles beſchuldigt. Der Regent herrſchte nun zwar mit unge⸗ ſtoͤrter Gewalt, aber uͤberall gab es viele heim⸗ liche Unzufriedene, die ſich immer mehr zu ver⸗ ſtaͤrken ſuchten. Dazu gehoͤrten beſonders die Anhaͤnger des Hauſes Hamilton, deſſen Haupt, der Herzog von Chatelherault, nach Ma⸗ ria der nachſte Thronerbe war, und daher ein unbezweifeltes Recht auf die Regentſchaft zu ha⸗ ben glaubte. Maria's harte Gefangenſchaft regte —————— —- —— —— 9 Mitleid in vielen Herzen auf. Die Katholiken, die ſich vielen Verfolgungen ausgeſetzt ſahen, und noch mehr von Murray's Eifer fuͤrchteten, wurden fuͤr die Koͤniginn begeiſtert. Der Re⸗ gent beſaß, bei allen ſeinen ausgezeichneten Faͤhigkeiten, doch nicht die Gabe, die Wuth oder die Eiferſucht der verſchiedenen Parteien zu mildern. Er haͤtte wohl Viele von ſeinen Geg⸗ nern durch Feinheit und freundliche Behandlung gewinnen, oder beſaͤnftigen koͤnnen; aber dieſe milden Kuͤnſte waren ihm fremd, und ſeit ſei⸗ ner Erhebung zeigte er ſich kalt und ſtolz in ſeinem Benehmen gegen ſeines Gleichen. Durch dieſes Betragen beleidigte er einige Edelleute und beunruhigte Andre. Die leicht zerſtreute Partei der Koͤniginn ſammelte ſich wieder, und wurde heimlich von Einigen beguͤnſtigt, die vorher eif⸗ rige Anhänger der Verbuͤndeten geweſen waren. So war die Stimmung in Schottland, als Maria unerwartet ihre Freiheit erhielt, wo⸗ zu fruͤher mehre mißlungene Verſuche waren ge⸗ macht worden. Scott erzaͤhlt ihre Befreiung in der Hauptſache der Geſchichte treu. Georg Douglas, den ſie durch ihre Freundlichkeit gewann, ſogar durch Hoffnung auf ihre Hand begeiſterte, war der Bruder des Burgherrn, 339 Wilhelm Douglas. Nach den meiſten gleichzei⸗ tigen Erzaͤhlungen war es einer ſeiner Gehilfen, der die Schluͤſſel aus des Burgherrn Zimmer wegnahm, waͤhrend dieſer bei Tiſche ſaß, und die uͤbrigen Glieder der Familie in Andachtuͤbun⸗ gen vertieft waren, alsdann der Koͤniginn und einer ihrer Kammerfrauen die Thuͤren oͤffnete und hinter ihnen wieder verſchloß, die Schluͤſſel aber in den See warf. Der Biſchof Lesley nennt in ſeiner Vertheidigung der Koͤniginn Ma⸗ ria(in Anderſon's Collections relating to the history of Mary Queen of Scot- land— London 1729.— Bd. 1. S. 78.) Georg Douglas gar nicht, ſondern ſagt, ein armer, im Schloſſe erzogener, kaum achtzehn Jahre alter Waiſenknabe haͤtte die Schluͤſſel dem Burgherrn, dem ſie jeden Abend waͤren uͤberlie⸗ fert worden, vor den Augen weggenommen. Maria ging haſtig zu dem wartenden Boote, und ward am Geſtade von Douglas, Lord Seyton (Seaton) und andern Anhaͤngern freudig empfan⸗ gen. Sie ſetzte ſich zu Pferde und eilte nach Sey⸗ ton's Landſitze, Niddrie in Weſt⸗Lothian, wo ſie, ohne verfolgt zu werden, in der Nacht ankam. Nach kurzer Ruhe ſetzte ſie die Reiſe nach Hamil⸗ ton fort, das gegen 12 teutſche Meilen von Loch⸗ —yy— ——— 381 leven liegt. Ihre Anhaͤnger, die Grafen Argyle, Rothes und Clinton, die Lords Herries, Fleming und andre Große, eilten zu ihr. Bald war ein Heer geruͤſtet, das meiſt aus den Anhaͤngern des Haufes Hamilton beſtand. Der Erzbiſchof von St. Andrews, der Bruder des Herzogs von Cha⸗ telherault, ward Maria's vertrauteſter Rathgeber. Murray, der in Glasgow ſich befand, wurde von einigen Anhaͤngern verlaſſen und Mehre wankten. Geiſtesſtaͤrke und Entſchloſſenheit retteten ihn. Maria ließ ihn auffodern, die Obergewalt nieder⸗ zulegen, und erklaͤrte ihre Thronentſagung fuͤr ungiltig. Murray ſchien auf einige Eroͤffnungen zu einer Ausgleichung eingehen zu wollen, ſam⸗ melte aber ſchnell ſeine Kriegsmacht und war bald im Stande, ins Feld zu ruͤcken. Sein Heer war geringer an Zahl, als Maria's Streitkraͤfte, aber er vertraute ſo ſicher auf den Muth ſeiner Krieger und die Erfahrenheit ſeiner Offiziere, daß er die Unterhandlung abbrach und ſich zum Kampf ent⸗ ſchloß. Die Anfuͤhrer des Heeres der Koͤniginn ruͤckten gleichfalls heran. Sie hatten die Abſicht, Maria nach dem veſten Schloſſe Dumbarton zu bringen, wo der getreue Lord Fleming Befehlha⸗ ber war, wollten aber dem Feinde auch nicht aus⸗ weichen, wenn ſie auf ihn ſtießen. Durch vor⸗ 382 ſichtiges Zoͤgern haͤtte Maria vielleicht noch ein⸗ mahl den verlorenen Thron gewonnen, aber als ſie, nach wunderbarer Rettung, von einem zahl⸗ reichen Heere ſich umringt ſah, uͤberließ auch ſie ſich den freudigſten Hoffnungen, und der kriege⸗ riſche Ungeſtuͤm ihrer Anhaͤnger uͤberwand alle Be⸗ ſorgniſſe. Bei Langſide, auf dem Wege von Hamilton nach Dumbarton, kam es zum Treffen. Der Regent beſetzte eine Anhoͤhe und ein nahes Dorf, in dieſer guͤnſtigen Stellung den Feind erwartend, deſſen Reiterei auf dem ungleichen Gelaͤnde nicht mit Vortheil ſchlagen konnte. Die Vorhut, aus Hamilton's Anhaͤngern beſtehend, brach mit unbeſonnenem Ungeſtuͤm hervor, und wurde von der Hauptmacht getrennt. Nach einem heftigen Angriffe, mußte ſie, von dem uͤbrigen Heere nicht unterſtuͤtzt, bald weichen, und die Flucht ward allgemein. Der Regent gewann ei⸗ nen vollſtaͤndigen und ziemlich unblutigen Sieg. Maria ſah die Niederlage ihres Heeres von einer Anhoͤhe, und als ſie dieſe letzte Hoffnung vernichtet ſah, floh ſie verzweifelnd mit einem klei⸗ nen Gefolge, ohne auszuruhen, nach der Abtei Dundrenan in Galloway, uͤber 60 ſchottiſche Meilen vom Schlachtfelde. In dem kurzen Zeit⸗ raume von vierzehn Tagen war ſie eine ſtreng — — 383 bewachte Gefangene, dann mit ſtolzen Hoffnungen an der Spitze eines Heeres und endlich gezwungen, in einem Winkel ihres Reiches Zuflucht zu ſuchen. Hier ward der Entſchluß erwogen, der ihr uͤbrig blieb. Sie hielt ſich in ihrer Zuflucht nicht ſicher, wiewohl ſie in einer Gegend war, wo das Volk ihr treu anhing, und ihre Feinde ſie noch nicht ver⸗ folgten. Frankreich lag ihr offen, aber ſie konnte ſich nicht entſchließen, in dem Lande, das ſie im Glanze koͤniglicher Wuͤrde geſehen hatte, als Ver⸗ bannte und Vertriebene zu erſcheinen, wenn auch die Flucht leicht geweſen waͤre. Sie faßte den ungluͤcklichen Entſchluß, nach England zu fliehen. Eliſabeth hatte der Gefangenen in Lochleven Freund⸗ ſchaftverſicherungen geſchickt, und ſich bei den Macht⸗ habern in Schottland mit einer Waͤrme, die aufrich⸗ tig zu ſein ſchien, fuͤr die Ungluͤckliche verwendet. Maria traute dem truͤglichen Scheine, vergaß, wie Eliſabeth, ſeit mehr als zehn Jahren, mit offener und heimlicher Feindſeligkeit gegen ſie gehandelt hatte, und achtete nicht auf das Flehen ihrer Ge⸗ treuen, die ſie knieend beſchworen, auf die Ver⸗ ſprechungen oder die Großmuth der Koͤniginn von England nicht zu trauen. In ungluͤcklicher Ver⸗ blendung eilte ſie, am 16. Mai 13608. ehe noch auf ihre Anfrage, wie man ſie aufnehmen wuͤrde, 384— Antwort gekommen war, in einem Fiſcherboote, von zwanzig Dienern begleitet, uͤber den Seearm, Solway Firth, der Schottland von der engliſchen Grafſchaft Cumberland trennt. Hier, wo Scott's Erzaͤhlung endigt, ſchließe auch dieſe geſchichtliche Andeutung, und der Leſer moͤge ſich von den oben genannten Schriftſtellern umſtaͤndlicher erzaͤhlen laſſen, wie die ungluͤckliche Koͤniginn von der tüͤckiſchen Eliſabeth in ſicherer Haft gehalten, uͤber Beſchuldigungen, welche ihre empoͤrten Unterthanen gegen ſie vorbrachten, vor engliſche Richter gefodert, von einem veſten Schloſſe nach dem andern gebracht und endlich, c. nach mehr als achtzehnjaͤhriger Gefangenſchaft, von ihrer unverſoͤhnlichen Feindinn zum Tode ver⸗ urtheilt, und am 8. Februar 1587. im Schloſſe Fotheringay hingerichtet ward. Ende. * Nnnſnnnſinnmſmnmmſmnnſnnſinn ſinnnſnſnnnnſ 15 1 7 8 9 10 11 13 14 6 4 9 S p EEEEE M V — 4 . * F — * 4* *— 8 4