Taschenbibliothek der ausländischen Klassiker, in neuen Verdeutschungen. 0 5 N ·* 78. 3 Walter Scott's Romane. Ein und vierzigstes Bändchen. Walter Scott's R omanle. Aus dem Englischen. Ein und vierzigstes Bändchen. Der Alterthümler, Vierter Theil. Zwickau„ im Verlage der Gebrüder Schumann. 1823. —,— ——⸗—/:;/— Der Alterthümler. Roman vom Verfasser des Waverley, Deutsch von Heinrich Döring. In vier Theilen Vierter Theil. „iIch kannt' Anselmo. Er ugar schlau und klag. Klugheit und List besass er gleichermassen, Doch störrig. wie ein eigensinnig Kind, Ergötzt ihr Hpielwerk, wie's die Jugend liebt: Ein Fabelbuch, geziert mit manchem Holzschnitt, Das Klimpern einer rostigen Medaille, Iyrgend ein altes Lied, wieis an der TViege König Pipin's zuerst gesungen ward.“¹ ——--—-——— ℳ q êuV—6»-ͤ——-ℳ2KA Zwickau, im Verlage der Gebrüder Schumann. 1 8 2 3. — 7— 1— — ————-:——— òêℳꝗqYA3ℳ-ngn Fünf und dreyſsigstes Kapitel. ———— Mit Euch zu leben, Macht mir den Kopf heiſs, bringt das Blut ia WMallung. Eu'r Leben gleicht dem Wein des lust'gen Ze- chers, Der's Herz erfreut, die Phantasie erhöht; Das meine nun dem trüben Rest des Bechers, Schaal und geschmacklos, mit dem Hodensatze Desudelnd das Gefäſs, das ihn enthult. Alles Schauspiel. „Aber denken Sie nur, was mein Bruder für ein Mensch ist, Herr Blattergowl!» sagte Fräu- lein Griselda.«Er will doch sonst so klug und gelehrt seyn, und auf einmal kömmt's ihm in den Sinn, den Grafen in's Haus zu bringen, ohne 8 irgend Jemand auch nur ein Wort davon zu sa- een.— Und nun ist auch gerade das Unglick bey Mucklebackit's! Nicht eine Fischflofse ist zu bekommen, und nach Fairport zu schicken, haben wir keine Zeit, um etwas Rindfleisch holen zu lassen; denn das Schöpsenfleisch ist frisch ge- schlachtet, und Jenny Rintherout, die alberne Dirne, hat Krämpfe und lacht bald, und dann weint sie wieder, und das dauert nun schon zwey ganze Tage, und wir müssen am Ende den frem- den Menschen, der so vornehm und- gravitätisch aussieht, als der COraf selbst, ersuchen, den Schenktisch zu besorgen. Ich aber kann nicht in die Küche gehen, um irgend was anzuordnen, denn er ist da, um ein apartes Cericht für My- lord zu bereiten; denn der iist nicht wie andere Leute. Und was man nur mit dem fremden Be- dienten zur Essenszeit anfangen soll! Wahrlich, Hèerr Blattergowl, mir steht der Verstand still, wenn ich nur daran denke!“ «Ich mufs gestehen, Miſs Griselda, entgeg- nete der Ceistliche,«dafs Monkbarns schr un- besonnen gehandelt hat. Wenigstens hätt' er sich einen Tag Zeit nehmen sollen, seine Einla- dung anzubringen, wie es mit den Titulirten bey Abschätzungen und Verkäufen gehalten wird. In- defs— der vornehme Herr hätte doch in keinem Hause im ganzen Kirchspiel so unerwartet seinen Besuch abstatten können, wo er mit Lebensmit- teln besser bedient worden wäre— das mufs ich sagen! Der Duft aus der Küche dringt gar lieb- lich in meine Nase! Haben Sie irgend ein häus- liches Geschäft, Miſs Griselda, so bitt' ich, sich vor mir, als einem Freunde, nicht im minde- sten zu geniren; ich will mir schon mit der Fo- lio-Ausgabe von Erskine's Institutionen die Zeit vertreiben.“ Und damit nahm er das unterhaltende Buch (den Schottischen Loke über Littleton) von dem Fenstersitze, schlug es auf, und gerieth, wie in- stinktmäſsig, gleich auf das Kapitel von den Zehn- ten, wobey er sich in eine scharfsinnige Abhand- lung über die weltlichen Einkünfte geistlicher Pfründen vertiefte. Endlich ward das Essen aufgetragen, weshalb Miſs Oldbuck so sehr in Angst gewesen war, und der Graf Glenallan setzte sich, zum ersten Male nach seinem Unglück, an eines Fremden Tisch, von Fremden umgeben. Er kam sich selbst wie ein Mensch in wachem Traume vor, oder wie Einer, der sich noch nicht ganz von den Wir- kungen eines betäubenden Gifis erholt hat. Wenn er gleich diesen Morgen von dem Bilde der Schuld, welches seine Phantasie bisher ängstlich beschäf- tigt hatte, befreyt worden war, und nun seinen Kummer als eine leichtere und erträglichere Last empfand, so war er doch noch nicht fähig, an der allgemeinen Unterhaltung Antheil zu nehmen. 10 Diese war indefs auch wirklich von ganz anderer Art, als die, an welche er bisher gewöhnt gewe- sen war. Oldbuck's Derbheit, die langweiligen Apologien seiner Schwester, die pedantische Art des Ceistlichen, und die Lebhaftigkeit des jun- gen Kriegers, welche mehr nach dem Lager, als nach dem Hofe schmeckte— das Alles war ganz neu für einen Edelmann, der so viele Jahre in düsterer Zurückgezogenheit gelebt hatte, und dem nun die Sitten der Welt eben so fremd als wider- lich erschienen. Fräulein Mac-Intyre allein schien, wegen der natürlichen Feinheit und an- spruchslosen Einfalt in ihrem Benehmen, zu je- ner Klasse der Gesellschaft zu gehören, an die er in seinen frühern und bessern Tagen gewöhnt gewesen war. Auch Lord GClenallan's Benehmen setzte die Gesellschaft in nicht geringes Erstaunen. Ob- eich ein einfaches, aber trefflich zubereitetes nausliches Mahl aufgetragen war— denn Miſs Criselda konnte, wie Herr Blattergowl sehr rich- tig bemerkt hatte, nie in Verlegenheit kommen, auch wenn ihre Speisekammer nicht eben sehr ge- füllt war— und obgleich Herr Oldbuck seinen besten Portwein auftischte, und ihn mit dem Falerner*) des Horaz verglich, so widerstand —— *²) Ein berühmter Wein der Alten, dessen Horaz in det eilfien Ode des zweyten Buchs und an mehrern au- dern Orten gedenkt. A. d. Uebera. „ 11 doch Lord Glenallan den Lockungen Beyder. Sein Diener stellte eine kleine Schüssel Gemüse vor ihm hin, das nämliche Gericht, dessen Bereitung Griselda in so groſse Unruhe versetzt hatte, und zwar mit kleinlichster, eigensinnigster Nettigkeit zugerichtet. Er afs nur wenig davon, und ein Glas klares Wasser, aus der Quelle geschöpft, machte den Beschlufs seiner Mahlzeit. Diese Diät hatte, wie der Diener sagte, sein Herr viele Jahre lang beobachtet, ausgenommen bey hohen Kirch- und Festtagen, oder wenn er sehr vor- nehme Gesellschaft in Clenallan-House zur Ta- fel gebeten habe. Dann sey er von seiner stren- gen Diät ein wenig abgewichen, und habe sich ein oder ein Paar Gläser erlaubt. Aber hier zu Monkbarns konnte kein Einsiedler ein spärliche- res und einfacheres Mahl halten. Der Alterthumsforscher war, wie wir geschen haben, in seiner Denkungsart ein Mann von Bil- dung; doch derb und sorglos zugleich in der Art sich auszudriicken, weil er immer von Menschen umgeben gewesen war, gegen die er sich keinen Zwang anzuthun brauchte. Er griff daher, ohne sich ein Gewissen daraus zu machen, seinen Gast wegen der Strenge seiner Lebensweise an. «Ein wenig halb gekochtes Cemüse und Erd- äpfel,» sprach er,«ein Clas eiskaltes Wasser, sie hinunter zu spülen— wahrlich, Mylord, da- für gibt's kein Document im ganzen Alterthume! Dies Haus hat zu allen Zeiten für ein hospitium gegolten, aber nur für Christen. Sie indefs, My- Iord, leben ja, wie ein heidnischer Pythagoräer, oder Indischer Bramine, ja noch strenger, wenn Sie diese herrlichen Aepfel verschmähen.“* Bedenken Sie, dafs ich ein Katholik bin,“ entgegnete Lord Glenallan, der einer weitern Erörterung auszuweichen wünschte;«Sie wissen ja, daſs unsre Kirche—* „Manche Kreuzigung des Fleisches auferlegt; allein ich habe nie gehört, daſs man mit solcher Strenge darauf gehalten hätte. Denken Sie nur an meine Vorfahren, Johann von Cirnell, oder den lustigen Abt, von dem dieser Apfel hier sei- nen Namen erhielt.* Während der Alterthumsforscher denselben schälte, berichtete er, trotz dem: Pfuy doch, Monkbarns! von Seiten seiner Schwester und dem unaufhörlichen Räuspern des Geistlichen, wobey seine ungeheure perücke in Bewegung gerieth, auf's umständlichste die ganze Intrigue, welche Apfels begründet hatte. Sein den Ruf des Abt- Scherz machte indefs sehr matürlich keine Wir- kung, denn diese Anekdote von klösterlicher Calanterie brachte auf dem Gesicht des Grafen auch nicht das mindeste Lächeln hervor. Old- buck lenkte nun das Gespräch auf Ossian, Mae- pherson und Mac-Cribb; allein der Lord hatte weder von dem einen noch dem andern je etwas 13 gehört— so wenig war er mit der neuern Litera- tur fortgegangen. Die Unterhaltung gerieth nun in Gefahr zu stocken, oder dem Herrn Blatter- gowl in die Hände zu fallen, der schon das furcht- bare Wort:«Zehntfrey!“ ausgesprochen hatte, als auf einmal die Französische Revolution auf's Tapet kam, ein politisches Ereigniſs, welches Lord Clenallan mit all' dem vorurtheilsvollen Abscheu eines bigotten Katholiken und eifrigen Aristokraten betrachtete. Oldbuck indeſs war weit entfernt, seinen Abscheu gegen die Grund- sätze derselben so weit zu treiben. Es gab doch, sagte er,«in der ersten con- stituirenden Versammlung Männer, welche ge- sunde republikanische Grundsätze hegten, und eine Verfassung zu begründen strebten, die dem Volke hinreichende Freyheit zusicherte. Und wenn auch elnige wüthende Tollköpfe jetzt die Zügel der Regierung in Händen hätten, so sey dies Etwas, was sich bey grofsen Staatsumwälzun- gen oft ereigne, wo man in dem Drange des Au- genblicks zu ausserordentlichen Maſsregeln schrei- ten müſste, und der Staat dem bewegten Pendel einer Uhr gliche, der sich von ciner Seite zur andern schwingt, bis er endlich wieder in seine gehörige senkrechte Richtung kommt. Oder man könne den Staat auch wohl mit einem Sturm oder Orkan vergleichen, der in der Gegend, über die er hinstreicht, groſsen Schaden anrichtet, zu- gleich aber auch die faulen und schädlichen Dün- Ste zerstreut, und die unmittelbare Verheerung, die er anzurichten pflegt, durch zukünftige Ge- sundheit und Fruchtbarkeit auszugleichen pflegt. Der Craf schüttelte den Kopf; da er indefs weder Muth noch Lust zum Streite hatte, so lieſs er die Aeusserungenseines Wirthes unangefochten An dies Gespräch ketteten sich die Erfahrungen des jungen Kriegers. Er gedachte der Gefechte, denen er beygewohnt hatte, mit Bescheidenheit, und zugleich mit einem Anstrich von Geist und Eifer, der dem Crafen sehr geſfiel, welcher, gleich manchen andern Gliedern seines Hauses, in der Meynung auferzogen war, dafs das Kriegs- handwerk die erste Pflicht des Mannes, und die Wallen gegen Frankreich zu führen, eine Art von heiligem Kriege oder Kreuzzug sey. „VWas wollt' ich darum geben,“ flüsterte er Oldbuck zu, als sie aufstanden, um sich zu den Frauen in das Cesellschaftszimmer zu verfügen; was würd' ich darum geben, wenn ich einen Sohn von solchem Geiste hätte, wie diesen jun- gen Mann! Es fehlt ihm freylich noch so etwas Feines und Gewandtes, eine gewisse Abgeschlif. fenheit, die er aber in guter Gesellschaft bald erlangen würde.— Mit welcher Lebendigkeit, mit welchem Feuer erzählt er indels? Wie liebt er seinen Stand? Wie schr erkennt er die Ver- 15 dienste Anderer an, wie bescheiden äussert er sich über das, was er selbst gethan!“ «Hektor ist Ihnen vielen Dank schuldig, My- lord, entgegnete Oldbuck; noch Niemand hat, glaub' ich, nur halb so gut von ihm gesprochen, der Sergeant seiner Compagnie etwa ausgenom- men, wenn er einen Hochländer überreden woll- te, in derselben Dienste zu nehmen. Indeſs ein guter Junge ist's in der That, wenn er auch nicht gerade der Held ist, wozu Sie, Mylord, ihn ma- chen wollen, und wenn mein Lob mehr seine Herzensgüte, als die Lebhaftigkeit seines Charac- ters betrifft. Ich kann Sie versichern, sein hoher Geist ist mehr eine Art von Heftigkeit des Tem- peraments, welche ihn bey Allem, was er unter- nimmt, ergreift, und seinen Freunden mitunter ein wenig lästig fällt. So liefs er sich noch vor Kurzem in einen lebhaften Kampf mit einer Pho- ca oder einem Seehunde ein„ und zwar mit einer Heſtigkeit, als hätt' er gegen Dümouriez gefoch- ten. Allein die Phoca behielt die Oberhand, wie Dümouriez bey gewissen andern Leuten. Auch spricht er wohl, wenn nicht mit gröſserem, doch mit gleichem Enthusiasmus, über die guten Ei- genschaften eines Hühnerhundes, als über den Plan zu einem Feldzuge.“ Er soll vollkommene Freyheit haben, auf meinem Grund und Boden zu jagen,“» sagte der Craf,«wenn ihm diese Beschäftigung so viel Ver- guügen macht.“ Da werden Sie ihn sich mit Leib und Seele verbinden, Mylord,“ entgegnete Oldbuck.«Er- lauben Sie ihm, seine Vogelflinte auf ein armes Häuflein Reb- oder Wasserhühner loszuknallen, und er ist auf ewig der Ihre. Ich werd' ihn durch diese Nachricht sehr glücklich machen.— Aber, Mylord, meinen Phönix, Lovel, hätten Sie ken- nen sollen. Das ist der Fürst, das Haupt der Jugend unserer Zeit! Und doch keinesweges ohne er gab meinem Qeist und Feuer! Ich sag' Ihnen, ungestümen Neſfen ein quid pro quo— ein wah- rer Roland für einen Olivier, wie man zu sagen pflegt, in Bezus auf die zwey berühmten Paladine Karls des Groſsen*).* Nach dem Kaffee bat Lord Glenallan um eine besondere Unterredung mit dem Alterthumsfor- scher, der ihn in seine Bibliothek führte. eIch muſs Sie Ihrer eignen liebenswürdigen Familie entziehen,“ sagte der Graf,«um Sie mit den Verlegenheiten eines unglücklichen Mannes Sie kennen die Welt, der bekannt zu machen. ich mich so lang entzogen habe; denn Glenallan- +— ²) Der letztere kommt in Ariost's Orlando furioso(Deutsch von Gries. Jena 1808. 4 Bde.) Ges. 40, St. 21. 26, und an einigen andern Stellen vor- A. d. Uebers- 17 House ist für mich mehr ein Kerker, als eine Wohnung gewesen, wiewohl ein Kerker, aus welchem ich weder Stärke noch Muth hatte, mich zu befreyen.“ «Lassen Sie mich erst fragen, Mylord, worin Ihre Wünsche und Absichten in dieser Angele- genheit bestehen P Canz vorzüglich wiinsch' ich, meine unglück- liche Vermählung zu erklären, und den Ruf der unglücklichen Eveline wiederherzustellen, wenn Sie nämlich eine Möglichkeit sehen, dies zu thun, ohne dafs das Benehmen meiner Mutter der Welt bekannt wird.“ SFuum cuique tribuito!» sagte der Alterthums- forscher,«Jedem das Seine! Das Andenken die- ses unglücklichen Frauenzimmers ist zu lange durch lieblose Urtheile herabgesetzt worden, und läfst sich doch, denk' ich, von allen Flecken rei- nigen, ohne eben das Andenken Ihrer Mutter zu beschimpfen, wenn man zu verstehen gäbe, daſs sie die Vermählung gemilsbilligt, und sich ihr widersetzt habe. Jeder, der dies von der verstor- benen Cräfin von Glenallan hört, wird sich eben nicht darüber verwundern.“ «Sie vergessen aber einen schrecklichen Um- stand, Herr Oldbuck!» «Ich wüſste nicht welchen,“» entgegnete der Alterthumsforscher. 3 78. B 18 Das Schicksal des Kindes— sein Verschwin- den mit der vertrauten Dienerin meiner Mutter, und die schrecklichen Folgerungen, welche sich aus meiner Unterredung mit Elsbeth ziehen lassen.“ „Wollen Sie meine wahre Meynung verneh- men, und nicht die Sache als einen Gegenstand bestimmter Hoffnung betrachten, so möcht' ich wohl behaupten, daſs es nicht unmöglich sey, daſs das Kind noch lebe. So viel weiſs ich durch meine frühern Nachforschungen in Betreff des Vorfalls, der sich an jenem unglücklichen Abend. ereignete, dafs ein Kind end ein Weib in jener Nacht aus der Hütte zu Sraigburnfoot in einem Wagen mit vier Pferden, von Ihrem Bruder Edu- ard Geraldin Neville fortgeschafft wurden, dessen Spur nach England zu mit diesen Reisegefährten jch mehrere Stationen weit verfolgte. Ich hielt es für eine Bedingung der Familien-Ueberein- kunft, ein Kind, welches mit dem Namen eines unehlichen gebrandmarkt werden sollte, aus die- sem Lande fortzuschaffen, wo eszufällig Beschützer und Vertheidiger seiner Rechte finden konnte. Jetzt glaub' ich indels, daſs Ihr Bruder, wenn er auch, wie Sie selbst, Grund hatte zu glauben, dals auf dem Kinde eine noch unyertilgbarere Schande hafte, es doch verborgen habe, theils aus Rücksichten für die Ehre seines Hauses, theils um es den Gefahren zu entziehen, denen es in — 19 der Nähe der Lady GClenallan ausgesetzt gewesen seyn würde.“* Bey diesen Worten wurde der Graf Glenallan leichenbleich, und wäre beynahe vom Stuhle gefallen. Der Alterthumsforscher rannte umher, irgend ein Stärkungsmittel zu finden, allein sein Museum, wenn auch mit einem ganzen Schwall von nutzlosen Dingen versehen, bot nichts dar, was bey dieser oder irgend einer ähnlichen Ge- legenheit hätte von Nutzen seyn können. Als er aus dem Zimmer stürzte, um das Riechfläschchen seiner Schwester zu holen, konnt' er sich nicht enthalten, vor Verwunderung und Schmerz einen tiefen Seufzer auszustofsen, dafs scin Haus durch die sonderbarsten Vorfälle erst zu einem Hospital für einen im Zweykampf Verwundeten, und dann zu einem Krankenlager eines sterbenden Edelman- nes habe dienen müssen.«Und doch“, sprach er zu sich selbst, hab' ich mich immer von dem Militair und dem Adel entfernt zu halten gesucht. Mein coenobitium braucht nun nur noch eine Ent- bindungsanstalt zu werden— dann ist die Ver⸗ wandlung vollkommen!* Als er mit dem Mittel zurückkam, befand sich Lord GClenallan schon bey weitem besser. Das neue und unerwartete Licht, welches Oldbuck über die traurige Geschichte seiner Familie ver- breitet, hatte ihn beynahe übermannt. aSie glauben also, Herr Oldbuck,» sagte er; 20 «ͥdenn Sie sind doch noch des Nachdenkens fä- hig, was in diesem Augenblicke ausserhalb mei- ner Kräfte liegt— Sie glauben also, dafs es mög- lich— das heifst nicht unmöglich sey, dafs mein Kind noch lebeb?“ «Allerdings bin ich der Meynung,“ entgegnete Oldbuck,«es scheint mir unmöglich, dafs Ihr Bruder ihm sollte ein Leid zugefügt haben, denn man kannte ihn wohl als lebenslustigen, dem Vergnügen ergebenen Mann, doch nicht als grau- sam oder unedel. Auch würd' er wohl, wenn er so was vorgehabt hätte, sich nicht selbst so um das Schicksal des Kindes bekümmert haben, als er es, wie ich Ihnen beweisen will, gethan hat.* 4 Mit diesen Worten öffnete Herr Oldbuck ein Schubfach in dem Schreibepulte seines Vorfahren Aldobrand, und zog ein Packet Papiere hervor, mit einem schwarzen Bande zusammengébunden, und überschrieben, wie folgt:«Verhöre u. s. w., augestellt von Jonathan Oldbuck, Friedensrich- ter, iiber den 18. Februar 17..»— Etwas wei- ter unten standen mit kleinerer Schrift die Worte: Eheu Evelina!“— Dem Grafen rollten die Thränen von den Wangen herab, während er vergeblich bemüht war, den Knoten aufzulösen, der diese Documente zusammenhielt. *Es wäre doch wohl besser, Mylord,“ sagte Oldbuck, diese Blätter jétzt nicht zu lesen. Sie —— —— sind zu sehr erschüttert, und da Sie noch so manches Geschäft vor sich haben, so dürfen Sie Ihre Kräfte nicht gänzlich erschöpfen. Ihres Bru- ders Erbschaft ist, wie ich vermuthe, jetzt Ihr Eigenthum, und Sie werden nun leicht unter sei- nen Leuten und Dienern nachforschen können, wo sich das Kind befindet, wenn es glücklichen weise noch am Leben seyn sollte.“ Ach, das wag' ich wirklich kaum zu hoffen! Warum hätte mir mein Bruder nichts davon ge- sagt? Aber, Mylord, warum hätt' er Ihnen denn von dem Daseyn eines Wesens etwas mittheilen sollen, das Sie, Ihrer Ansicht nach, für den Spröſsling einer“— Sehr wahr! Das ist ein nahe liegender und zarter Grund seines Schweigens. Hätte irgend etwas das Entsetzen des grausen Traums vermeh- ren können, der mein ganzes Daseyn vergiftet hat, so würd' es die Ueberzeugung gewesen seyn, dafs ein solches Kind des Elends existire.“ Also— wenn es auch ein ziemlich übereilter Schlufs wäre, nach einem Zeitraum von mehr als zwanzig Jahren anzunehmen, daſs Ihr Sohn noch am Leben sey, weil er als Kind nicht um- gebracht worden— ich dächte, sie stellten so- gleich Ihre Nachforschungen an.“ Es soll geschehen, entgegnete der Lord; ich will an einen alten treuen Haushofmeister —. 22 meines Vaters schreiben, der noch bey meinem Bruder Neville dasselbe Amt bekleidete.— In- deſs der Erbe meines Bruders bin ich nicht, Herr Oldbuck!¹* «Nicht? Das thut mir leid, Mylord! Es ist ein schönes Gut, und die Ruinen des alten Schlos- ses Nevillesburg allein, welche zu den herrlich- sten Ueberresten der anglo-normannischen Bau- kunst in dieser Gegend gehören, könnten mir schon Lust zu seinem Besitze machen. Ich glaubite, Ihr Vater hätte keinen andern Sohn oder nähern Erben gehabt?“ «Sie haben Recht, Herr Oldbuck,» versetzte Lord Glenallan;«allein mein Bruder nahm po- litische Grundsätze und eine Religionsform an, welche von denen, wozu man sich stets in uns- rem Hause bekannt hatte, gänzlich abwichen. Unser ganzes Wesen war sehr verschieden, und meine unglückliche Mutter war immer der Mey- nung, er lasse es an dem ihr schuldigen Gehor- sam fchlen. Kurz, es entstand ein Familien- zwist, und mein Bruder, der über sein Eigen- thum völlig disponiren konnte, bediente sich die- ses Rechts, und setzte einen Fremden zum Erben ein. Ich habe diesen Umstand nie als eine Sache von Wichtigkeit betrachtet, denn wenn irdischer Besitz Elend lindern kann, so hab' ich dessen mehr als zu viel. Allein jetzt sollt' es mir leid thun, wenn, wie der Fall sich wohl ereignen könnte, dies unsern Untersuchungen und Nach- forschungen hinderlich wäre; denn falls ich ei- nen rechtmäfsigen leiblichen Sohn hätte, und mein Bruder ohne Nachkommen sterben sollte, so würden meines Vaters Besitzungen meinem Sohne zufallen. Es ist daher wohl nicht zu hof fen, daſs sein Erbe, sey er Wer er will, uns zu einer Entdeckung behülflich seyn wird, die so sehr zu seinem Schaden ausfallen könnte.* „Und sehr wahrscheinlich ist der Diener, My- lord, den Sie erwähniten, auch in seinen Diensten. »Aller Wahrscheinlichkeit nach,» entgegnete der Lord Glenallan, und da der Mann ein Pro- testant ist, so weiſs ich nicht, in wiefern man ihm trauen—* Was das betrifft, Mylord, so dächt' ich, ein protestant sey doch wohl des Vertrauens eben so würdig, als ein Katholik. Ich bin doppelt in- teressirt bey dem Glauben der Protestanten, My- lord; denn mein Vorfahr, Aldobrand Oldenbuck, druckte die berühmte Augsburgische Confession, von der ich die Originalausgabe selbst besitze und vorzeigen kann.“ „Ich zweifle nicht im mindesten daran, Herr Oldbuck. Auch sprech' ich gar nicht aus Fröm- migkeit oder Unduldsamkeit; allein es ist doch wahrscheinlich, daſs der protestantische Haus- hofmeister den protestantischen Erben mehr be- günstigt, als den katholischen, wenn anders mein 24 Sohn in seines Vaters Glauben erzogen worden, oder ach! wenn er überhaupt noch am Leben ist.» «Wir müssen darüber erst genaue Auskunft haben, ehe wir weiter gehen,“* sagte Oldbuck. «Ich hab' einen literärischen Freund zu York, mit dem ich über das Sächsische Horn, welches in dem dortigen Münster aufbewahrt wird, schon lange correspondire. Wir haben nun schon sechs Jahre lang einander geschrieben, und sind erst so weit gekommen, dafs wir die erste Zeile der Inschrift genau bestimmen können. Ich will sogleich an diesen Mann, den Doctor Dryasdust, schreiben, und mich nach allem; was Ihres Bru- ders Erben betrifft, seinem Character u. s. w., so wie, was sonst den Nachforschungen Ew. Eerr- lichkeit förderlich seyn könnte, genau erkundi- gen. Unterdessen müſsten Sié die Beweise für die Ehe sammeln, die sich noch wohl, wie ich hoffe, werden auffinden lassen.“ Gewifs!— Die Zeugen, welche damals ent- fernt wurden, um Ihren Nachforschungen zu ent- gehen, sind noch am Leben. Mein Erzieher, der die Trauung vollzog, erhielt eine Pfarre in Frankreich, wohin er vor Kurzem als Emigrant zurückgekehrt ist— ein Schritt, zu dem er sich durch seinen Eifer für Rechtlichkeit, Legitimilät und Religion bewogen fand.» «Das ist denn doch eine von den glücklichen — Folgen der Revolution!“ rief Oldbuck; adoch lassen wir das ruhn!— Ich werd' in Ihren An- gelegenheiten mit demselben Eifer handeln, als wenn ich auch in Politik und Religion dieselben Crundsätze hegte. Haben Sie überhaupt eine wichtige Angelegenheit, die Sie recht pünktlich besorgt wissen wollen, so vertrauen Sie sie nur einem Alterthumsliebhaber, denn da diese sich stets die Untersuchung und Prüfung von Kleinig- keiten sehr angelegen seyn lassen, so lassen sie sich unmöglich in wichtigen Dingen hintergehen. Uebung macht den Meister! Der Soldat, den man auf dem Exercierplatze tüchtig zugestutzt hat, ist gewiſs auch der beste auf dem Schlachtfelde.— Doch da wir einmal auf den Gegenstand gekom- men sind, so wünscht' ich, Ew. Cnaden etwas darüber vorzulesen, damit uns die Zeit bis zum Abendessen vergeht.“ „Ich muſs Sie bitten, sagte Lord Glenallan, ameinetwegen keine besondern Anstalten zu tref- fen; denn nach Sonneuntergang pflege ich nie etwas zu mir zu nehmen.“ „Auch ich eigentlich nicht, Mylord,a entgeg nete Oldbuck,«obgleich dies bey den Alien all- gemein Sitte gewesen ist. Allein dafür halt' ich auch ein ganz anderes Mittagsmahl, als Ew. Herr- lichkeit, und kann daher desto leichter die künst- lich bereiteten Gerichte entbehren, womit mein Weibsvolk— soll heiſsen: meine Schwester und 26 Nichte— mehr um ihr Kochtalent zu zeigen, als um unsre Bedürfnisse zu befriedigen, den Tisch zu besetzen pflegen. Indeſs ein gebratnes Häühnchen, oder ein Stück geräucherten Kabliau, oder ein Paar Austern, oder ein Stück Schinken, von unserer eigenen Bereitung, nebst etwas gerö- stetem Brod und einem Krug Bier oder derglei- chen, um den Magen zu schlieſsen, eh' man zu Beite geht, das ist doch wohl in Ew. Herrlich- heit beschränkten Diät eben so wenig mit begrif- fen, als in der meinigen?“ «Mein Nichtzuabendessen ist buchstäblich zu nehmen, Herr Oldbuck; allein ich will mit Ver- gnügen Ihnen bey Ihrer Abendtafel Cesellschaft leisten.“* „Gut, Mylord, und ich will dann versuchen, Ihnen einen kleinen Ohrenschmaus zu geben, wenn sich einmal mit Ihrem Gaumen nichts an- fangen läſst. Was ich Ihnen vorzulesen gedenke, bezieht sich auf die Schlachten des Hochlandes.* Lord Glenallan, der freylich lieber auf seine eigenen Angelegenheiten und Aussichten zurück- gekommen wäre, sah sich gleichwohl aus Höf- lichkeit genöthigt, durch ein Zeichen seine Ein- willigung zu erkennen zu geben. Der Alterthumsforscher holte nun sein groſses Portefeuille, welches lauter einzelne Blätter ent- hielt, und nachdem er die Bemerkung vorausge- schickt hatte, dafs die iopographischen Details, 27 welche er hier gegeben, zur Erläuterung eines kleinen Versuchs über die Kunst, ein Lager aufzuschlagen, dienen sollten, der mit Beyfall in mehrern Gesellschaften von Alter- thumsforschern vorgelesen worden sey, fing er an, wie folgt: „Der Gegenstand der Abhandlung, Mylord, ist die Bergreste von Quickensbog, dessen Lage Ew. Herrlichkeit vermuthlich kennen; denn es liegt auf Ihrem Vorwerk Mantanner, in der Herr- schaft Clochnaben.“ „Es ist mir so, als hätt' ich die Namen der Orte gehört, versetzte der Graf, in Erwiederung auf die Seitenbemerkung des Alterthumsforschers. „Als hätt' ich gehört!“ wiederholte dieser. Das Vorwerk bringt Ihnen ja jährlich sechshun- dert Pfund ein!— Du mein Gott!» Dieser halb unterdrückte Ausruf entschlüpfte dem Alterthumsforscher. Seine Castfreundlich- keit trug indefs den Sieg über sein Befremden da- von, und er fuhr fort, mit vernehmlicher Stimme seine Abhandlung zu lesen, höchst erfreut, daſs er einen ruhigen, und wie er sich einbildete, auch aufmerksamen Zuhörer gefunden habe. Der Name Quickens-Bog scheint sich zuvör- derst von den Quecken herzuleiten, einer Pflanze, die im Schottischen Queckengras oder Hundsgras heiſst, das triticum repens des Linnäus, und die Sylbe Bog bedeutet in der Englischen Volks- 28 sprache einen Sumpf oder Morast, palus im La- teinischen. Doch werden die Freunde etymolo- gischer Ableitungen nicht wenig in die Enge ge- rathen, wenn sie hören, daſs das Quecken- oder Hundsgras— um mich wissenschaftlich auszu- drucken, das triticum repens des Linné— inner- halb einer Viertelmeile von diesem castrum, oder dieser Bergveste gar nicht wächst, deren Wälle gleichmäſsig mit kurzem grünem Rasen bedeckt sind, und daſs wir daher einen Bog oder palus in weiterer Entfernung suchen mäüssen; der näch- ste Ort wäre das, eine gute halbe Meile entlegene Gird-the-mear.— Die letzte Sylbe Bo ist da- her augenscheinlich blos corrumpirte Aussprache des Sächsischen Burg, das sich wieder in ver- schiedenen Veränderungen, wie Burrow, Bruff, Buff und Boff findet, welches letzte dem Ton des in Frage stehenden Wortes sehr nahe kommt, u. s. w., u. s. w.“ Wir wollen mehr Mitleid mit unsern Lesern haben, als Herr Oldbuck gegen seinen Gast be- wies, der freylich die günstige Gelegenheit, wel che ihm eine so bedeutende Person, wie Lord Glenallan war, als geduldigen Zuhörer entgegen- gefuhrt, gehörig benutzte, oder vielmehr auf's Aeusserste miſsbrauchte.“ — — Sechs und dreyſsigstes Kapitel. Alter kann mit Jugend Micht zusammen leben! Foll von Lust ist Jugend., Alter— voll von Sorge. Jugend— Sommermorgen, Alter— minterwetter; Jugend, frisch wie jener, Alter öd', wie dieses. Shabspeare*). Am folgenden Morgen wurde der Alterthumsfor- scher, der ein wenig Langschläfer war, früher als gewöhnlich von Caxon geweckt, *) Diese Verse befinden sich, noch über die Halfte ver- mehrt in Percy's Kelicks f ane. Engl. Toetry Vol. I. P. 198, unter dew Titel: Tauth and Age(Jugend ͤͤ ᷓ 30⁰ «Was gibt's denn P rief er gähnend, indem er die Hand nach der groſsen goldenen Repetir- uhr ausstreckte, die auf einem seidenen Indischen Schnupftuche neben seinem Haupte lag;«was gibt's denn, Caxon? Es kann ja kaum acht Uhr seyn!* Freylich, Sir; aber Mylord'sDiener suchte mich auf; denn er hält mich für Ihren ValletSchamm — und das bin ich auch, Ihr und des Herrn Pfar- rers Kammerdiener— wenigstens haben Sie kei- nen andern, so viel ich weiſs. Sir Arthur be⸗ dien' ich zwar auch, aber das schlägt doch mehr in meine Profession ein.“ 3 «Schon gut, schon gut! Glücklich aber ist der, der sein eigener Vallet-Schamm, wie Du es nennst, seyn kann— warum störst Du mich aber denn in meinem Morgenschlafe b «Der vornehme Herr ist schon mit Tagesan- —— und Alter).„Sie stehen,“" sagt Percy,„ in der klei- nen Sammlung von Shakspeare's Sonetten, der ver- liebte Pilger(dhe passionate pilgrime) betitelt, von denen sich der gröſsere Theil auf die Liebe der Ve- nus und des Adonis zu beziehen scheint. Wahr⸗ scheinlich waren diese Verse leichte Ergiefsungen seiner Phantasie, die Shakspeare hinwarf, während er sich mit seinem gröfsern Gedlichte Venus und donis beschäftigte.“ Die als Motto angeführten YVerse scheint er der Venus in den Mund gelegt zu haben, welche den reizenden Adonis mit dem be- jahrten Vnlkan vergleieht. A. d. Uebers, — 31 bruch auf gewesen, und in die Stadt gegangen, um einen Expressen nach seiner Equipage zu schicken. Er wird bald wieder hier seyn, und wünscht Sie noch einmal zu sehen, ch' er ab- reis't.* «Ey, ey! die vornehmen Leute schalten doch in den Häusern und mit der Zeit von unser Ei- nem, als ob beydes ihr Eigenthum wäre.— Nun, einmal ist nicht immer!— Ist denn Jenny wieder zur Besinnung gekommen, Caxon?“ Ja, Sir, aber freylich nur soso! Diesen Mor- gen ist sie freylich wieder nicht recht bey Sinnen gewesen, denn es fehlte nicht viel, dafs sie die Chokolade in den Spülnapf schüttete, und sie in ihrem Anfall selbst austrank; aber mit Hülfe der Miſs Mac-Intyre hat sie sich denn wieder gefaſst.»* «So sind denn alle meine Weibsleute auf den Beinen bo sagte Oldbuck. Nun, da kann ich wahrlich auch nicht länger der Ruhe pflegen, wenn's ordentlich im Hause kergehen soll.— Reiche mir einmal meinen Schlafrock her. Was gibt's denn Neues aus Fairports“ «Was kann's da weiter geben, als die groſse Neuigkeit von Mylord? Der ist, wie sie sagen, seit zwanzig Jahren nicht über die Thürschwelle gekommen, und da ist's doch allerdings eine groſse Neuigkeit, daſs er Ew. Gnaden seinen Be- such abgestattet!* Was meynen sie denn davon, Caxon?5 Ey, da gibt's gar verschiedene Meynungen, Sir! Die Democrabben, wie sie sie nennen, das heifst die, die gegen den König sind, und gegen die Gesetze und gegen das Frisiren— nun, die sogen: er wäre gekommen, um sich mit Ew. GCna- den zu besprechen, weil er seine Leute aus dem Hochlande mitbringen wolle, und die sollten die Versammlungen der Freunde des Volks ausein- ander treiben. Da sagt' ich denn: Ew. Cnaden lieſsen sich auf so was nicht ein, wo es Schläge setzen und Blut vergossen werden könnte. Aber. da meynten sie: wenn Sie'’s nicht thäten, so thät'* es Ihr Neffe, der wäre schon als ein Royalist bekannt; Sie aber wären das Haupt und er die Hand, und der Craf gäbe die Mannschaft her und das Geld—* „Nun, da kann ich ja froh seyn,» sagte Old- buck;«kostet der Krieg mich doch nichts weiter, als guten Rath!* «Wie gesagt, kein Mensch glaubt, dafs Ew. Cnaden selber fechten, oder nur einen Heller für die eine oder die andere Parthey geben wollten! „Gut! Das ist also die Meynung der Demo- crabben, wie Du sie nennst! Was spricht denn aber das übrige Fairport?“ aIch kann wahrlich,“" versetzte der aufrichtige Berichterstatter,«von dem nicht viel Bessren za- 33 gen! Capitain Coquet von den Freywilligen— der der neue Steuereinnehmer werden soll— und noch einige Andere von dem blauen Clubb, die sagen: es sey doch nicht recht, Papisten, die so viele Freunde in Frankreich hätten, als der Graf von Glenallan, so frey im Lande herumstreichen zu lassen, und— aber Ew. Gnaden werden böse werden— „Nicht doch, Caxon! Schiefse nur los, als wenn Du das ganze Peloton von Capitain Coquet wärest— ich stehe meinen Mann.“ «Nun denn, Sir! Sie sagen, weil Sie nicht die Bittschrift wegen des Friedens unterstützten, und auch nicht eine Bittschrift zu Gunsten der neuen Taxe wollten, und weil Sie den Pöbel nicht durch die Garde in Ordnung gehalten, sondern das Volk durch Constables verhaftet wissen wollten — so sagen sie: Sie wären kein Freund der Re- gierung, und man müsse daher auf Zusammen- künfte, wie die zwischen einem so mächtigen Herrn, als der Graf, und einem so klugen Manne, als Ew. Gnaden, ein wachsames Auge haben. Einige waren sogar der Meynung, man solle Sie Beyde, ohne Weiteres, auf das Schlofs zu Edin- burg schicken-* Das muſs ich sagen!“ versetzte der Alter- thumsforscher,«ich bin meinen werthen Nachbarn unendlich verbunden für die gute Meynung, die sie von mir hegen. Ich, der ich mich nie in ihre 28. C 34 Händel gemischt, sondern immer nur zur Ruhe und zu gemäſsigten Mafsregeln gerathen habe— ich werde nun von beyden Theilen aufgegeben, als ein Mann, der entweder gegen den König oder gegen das Volk mit Hochverrath umgeht!— Gib mir meinen Rock, Caxon! Meinen Rock!— Es ist nur gut, daſs ich nicht von ihrer Meynung leben mufs!— Hast Du etwas von Taffril und seinem Schiffe gehörtp“ Cavxon machte eine bedenkliche Miene. Die Stürme sind freylich sehr heftig gewesen, und dies ist hier eine gefährliche Küste, um beym Ost- winde auf der See zu kreuzen. Die Landspitzen laufen so weit hinaus, daſs ein Schiff dazwischen gerathen kann, ch' ich ein Rasirmesser schärfe, auch gibt'’s keinen Hafen, keine Stadt, oder ir- gend einen andern Zufluchtsort an unsrer Küste— nichts als Felsen und Klippen. Stöfst ein Schiff auf diese, so fährt es auseinander wie Puder, wenn ich den Puderquast schüttle, und läfst sich nicht gut wieder zusammenlesen.— Das pfleg“ ich immer meiner Tochter zu sagen, wenn sie ängstlich einen Brief von dem Lieutenant Taffril erwartet; es dient ihm doch zur Entschuldigung. Du mußst nicht gleich auf ihn böse werden, Kind, sag' ich, wer kann denn wissen, was vorgefallen ist?“ «Das muſs wahr seyn, Caxon, Du bist ein eben so guter Tröster, als Kammerdiener. Gib mir 35 eine weiſse Halsbinde. Ich kann doch nicht mit einem solchen Halstuche herunterkommen, wenn ich Besuch habe!“ «Lieber Herr,“ enigegnete Caxon,«der Capi- tain sagt, ein dreyzipfliches Halstuch wäre die allerneucste Mode; Halsbinden schickten sich nur für Ew. Gnaden und mich, und ähnliche alte Leute. Ich bitt' um Vergebung, daſs ich mich mit Ihnen zugleich genannt habe; allein er drückte sich einmal so aus.“ „Der Capitain ist ein Narr, und Du bist eine Cans, Caxon.“ «Das kann wohl seyn! Ew. GCnaden müssen's am besten wissen.“— Vor dem Frühstück ging der Lord Glenallan, der heute bey besserer Laune zu seyn schien, als Abends zuvor, die mannichfachen Beweismittel durch, welche Oldbuck durch seine frühern Be- mühungen zusammengebracht hatte, und deutete zugleich auf die Mittel hin, die er besitze, um den vollständigen Beweis für seine Ehe führen zu können. Er äusserte dabey, daſs er fest ent- schlossen sey, sich sogleich an das peinliche Ge- schäft zu machen, Alles zu sammeln und in Ord- nung zu bringen, was sich auf die Bescheinigung von Fveline Neville's Herkunft beziehe, und, nach Elsbeth's Aussage, sich in seiner Mutter Händen befunden habe. 36 Und doch, Herr Oldbuck,» sagte er,« komm' zch mir wie Jemand vor, der wichtige Nachrich- ten empfängt, ech' er völlig erwacht ist, und nun zweifelt, ob er sie auf das wirkliche Leben be- ziehen, oder blos als Fortseizung seines Traumes petrachten soll. Dies Weib, diese Elsbeth, sie ist hoch betagt, und nahe daran, kindisch zu werden. Hab' ich nicht vielleicht zu voreilig ihre jetzige Aussage als beweisend im Gegensatz zu der frühern angenommen, die doch ganz anders lautete?“ Oldbuck schwieg einen Augenblick, und ent- gegnete dann sehr bestimmt:« Nein, Mylord! Ich glaube nicht, daſs Sie mit Grund die Wahrheit dessen bezweifeln können, was Sie Ihnen offen- bar aus keinem andern Antriebe, als dem Drange ihres Gewissens, mitgetheilt hat. Ihr Bekennt- niſs war freywillig, uneigennützig, bestimmt, und sowohl mit sich selbst, als mit allen andern bekannten Umständen der Sache übereinstim- mend. Ich möcht' indessen keine Zeit damit verlieren, die andern Documente, auf die sie sich bezogen, zu prüfen und in Ordnung zu brin- gen, und halt es fur's Beste, wenn man ihre eigenen Angaben niederschriebe, und zwar auf möglichst förmliche Weisc. Wir wollten das Anfangs gemeinschaftlich veranstalten, doch ist es für Ew. Herrlichkeit eine Erleichterung, denk ich, und gewinnt auch das Ansehn einer gröſsern 37 Unpartheylichkeit, wenn ich die Nachforschung allein, und in der Qualität einer obrigkeitlichen Person beginne. Wenigstens will ich einen Ver- such machen, sobald ich sehe, dafs sie sich in einem Gemüthszustand befindet, wo sie sich füg- lich einem Verhör unterziehen kann.“ Lord Glenallan drückte ihm, als Zeichen sei- nes Beyfalls, die Hand.„Ich kann es Ihnen nicht genug ausdrücken, Herr Oldbuck," sagte er,«wie sehr Ihr Benehmen und Ihre Mitwirkung bey diesem düstern und melancholischen Geschäfte mir Vertrauen einflöfst und Erleichterung ver- schafft. Ich kann mir selbst nicht genug Glück wünschen, dafs ich dem plötzlichen Antriebe nachgab, der mich bestimmte, Sie gleichsam zu zwingen, mein Vertrauter zu werden, weil ich Ihre Festigkeit in Erfullung Ihrer obrigkeitlichen Amtspflichten, dann aber auch Ihre Theilnahme an jedem Unglücklichen schon früher kennen gelernt hatte. Was auch immer die Sache für einen Ausgang nehmen möge— und ich nähre einige Hollnung, daſs ein Strahl der Dämmerung sich über das Unglück meines Hauses verbreitet, wenn ich auch nicht den Anbruch des vollen Lichts erleben sollte— was auch immer der Ausgang seyn möge, so haben Sie sich meine Familie und mich selbst zum lebhaftesten Danke ver- pflichtet.“ «Mylord,“ enigegnete der Alterthumsforscher- 38 ich habe von jeher die gröfste Achtung gegen Ihre Familie gehegt, die ich als eine der älte- sten in Schottland kenne, da sie unstreitig von Aymer von Geraldin abstammt, der in dem Par- lamente zu Perth, unter der Regierung Alexan- ders II., safs, und die, nach einer minder ver- bürgten, aber wahrscheinlichen Volkssage, sich von dem Marmor von Clochnaben herschreiben soll. Allein, bey aller Verehrung für Ihre alte Herkunft, mufs ich doch gestehen, daſs ich mich zu jeder Hülfe und Unterstützung, insofern sie in meinen ziemlich beschränkten Kräften steht, noch bey weitem mehr durch. aufrichtiges Mitleid mit Ihrem Kummer, und durch meinen Abscheu vor allem Betrug veranlafst fühle, den man sich so lange gegen Sie erlaubt hat.— Aber das Mor- genbrod, Mylord, ist, wie ich sehe, fertig. Er- lauben Sie mir, Ihnen den Weg durch die ver- schlungenen Pfade meines Coenobitiums zu zeigen, welches mehr eine Menge von wunderlich zusam- mengeworfenen und über einander gebauten Zel- len ist, als ein eigentlich regelmäſsiges Gebäude. Ich will hoffen, daſs Sie heute Ihre gestrige, ziemlich spärliche Diät nicht so strenge halten werden.“* 1 Allein dies paſste keinesweges in das System des Lord Glenallan. Als er die Gesellschaft mit jener ernsten, halb melincholischen Höflichkeit begrülst hatte, die sein Benehmen vor dem der — 39 Uebrigen auszeichnete, brachte sein Diener ein kleines Stück geröstetes Brod, nebst einem Glase Wasser, worin das gewöhnliche Frühstück des Lords bestand. Während indefs der junge Krie- ger und Oldbuck ein etwas nahrhafteres Morgen- brod zu sich nahmen, hörte man draussen das Geräusch eines Wagens. Da kommt ja Ew. Herrlichkeit Equipage, wie ich glaube,“ sagte der Alterthumsforscher, an's Fenster tretend.«Wahrlich, eine hübsche qua- driga, denn das war, nach den besten Scholia- sten, der eigentliche Ausdruck, die voæ signata der Römer für ein Fuhrwerk, welches, wie das Ew. Herrlichkeit, von vier Pferden gezogen ward.“ «Das mufs ich sagen,“ rief Hektor, der eben- falls neugierig zum Fenster hinausschaute, vier Braune, die besser zusammenpafsten, hab' ich noch nie vor einem Wagen geschen. Was für schöne Vorderpferde! Die müſsten capitale Kriegs- rosse abgeben! Darf ich fragen, ob sie von Ew. Herrlichkeit eigenen Zucht sind Ich— ich glaub' es,» sagte Lord Glenallan. «Kllein ich gesteh's, ich bekümmre mich um meine bäuslichen Angelegenheiten so wenig, daſs ich mich schämen muſs. Calvert wird es wissen.“ Hier sah er sich nach seinem Diener um, Auſzuwarten!y sagte dieser,«sie sind aus Ew. V 40 Gnaden eigener Zucht, und zwar von dem tollen Tom und von der Jemina und der Yariko, Ew. Herrlichkeit Zuchtstuten.“ «Besitz ich mehrere von dieser Rage?» fragte Lord Glenallan. «Zwey, Mylord! Das eine ist vier, das andere fünf Hände höher als dies GCras— beydes ein Paar schöne Thiere.“ Nun, so laſs sie Dawkins morgen hieher nach Monkbarns bringen. Ich hoffe, Capitain Mac- Intyre wird sie von mir annehmen, wenn er sie zum Dienst passend findet.*. Die Augen des jungen Kriegers glänzten vor Preude; er war ganz unerschöpflich in Ausdrük- ken der lebhaftesten Dankbarkeit. Oldbuck fafste dagegen den Graſen beym Ermel, und suchte ein Geschenk abzuwenden, von dem sich weder für seinen Futterkasten, noch seinen Heuboden viel Erfreuliches versprechen lieſs. «Ich bin Ihnen recht sehr verbunden, Mylord! recht sehr verbunden!» sagte er;«allein Hektor ist ein Infanterist, und besteigt in dem Treffen nie ein Pferd. Er ist ein hochländischer Soldat und seine Kleidung pafst gar nicht für den Dienst der Cavallerie. Selbst Macpherson läfst seine Vorfahren nicht reiten, ob er gleich unverschämt genug ist, zu sagen, sie wären auf Wagen ein- 4¹ kergezogen*). Was aber Hektor'n im Kopſe spuckt, Mylord, das ist der Dienst zu Wagen, keinesweges der Dienst bey der Cavallerie. Sunt quos curriculo pulverem Olympicum Collegisse juvat*)— Nach einem Wagen strebt er; besitzt aber weder Geld, ihn zu bezahlen, noch Geschicklichkeit, ihn zu lenken. Ich versichre Sie, Mylord, der Besitz von zwey solchen Vierfüſslern würde mehr Unheil anrichten, als eins seiner Duelle, sey es mit einem menschlichen Feinde, oder mit mei- ner Freundin, der pkhoca.“ „Sie haben in diesem Augenblick über uns Alle zu gebieten, Herr Oldbuck,“» sagte der Graf mit vieler Höflichkeit;«indefs hoff' ich, Sie wer- den mich nicht daran verhindern, meinem jun- gen Freunde auf irgend eine Art, die ihm Ver- gnügen macht, gefällig zu seyn.“* „Mit irgend etwas Nützlichem, recht gern, — *) car-borne, Wörtlich Wagengeboren; ein gewöhnli- ches Epitethon der Ossianischen Helden. A. d. Uebers. **)„Viel sind, welche den Staub, Renner Olympia's, Anfzuwölken erfreut.“ Horas in der ersten Odle an den Mäcen, nach der Vossischen Uebersetzung. * b Mylord! Nur mit keinem curriculum! Sie kön- nen mir'’s glauben, es dauerte gar nicht lang, so würd' er auch eine quadriga haben wollen.— Aber— was ist denn das dort für eine alte Post- chaise, die von Fairport her gerumpelt kommt? Ich hab' ja keine bestellt!“ «Aber ich, Sir!» versetzte Hektor ein wenig verstimmt, denn er fühlte sich eben nicht sonder- lich erbaut, sowohl durch die Einmischung sei- nes Oheims bey dem beabsichtigten Ceschenk des Craſen überhaupt, als auch besonders durch das Bezweifeln seiner Geschicklichkeit im Fahren. 3 Auch die kränkende Anspielung auf den schlech- ten Ausgang seines Duells und seines Kampfes mit dem Sechunde hatte ihn nicht wenig ver- drossen. «DuP fragte der Alterthumsforscher in Bezie- hung auf Hektors Worte. Wozu brauchst Du denn die Postchaise, wenn ich fragen darfb Ist diese glänzende Equipage, diese biga— wie ich sie nennen möchte— etwa ein Vorspiel zur Ein- führung einer quadriga oder eines curriculi?“ Ich mufs mich deutlicher und bestimmter er- klären, Sir, und Ihnen sagen, daſs ich ein klei- nes Geschäft zu Fairport habe.“ «Darf man denn fragen, worin dies Geschäft besteht, Hektor 5 Regimentsangelegenheiten, dächt' ich, könnten doch wohl von Deinem wär- digen Deputirten, dem Sergeanten— einem recht 43 wackern Manne, der die Güte hat, seit er hier bey uns angelangt ist, Monkbarns ganz als seine Heimath zu betrachten— eben so gut besorgt werden, und jedes Deiner Geschäfte könnt' er, wie ich glaube, füglich ausrichten, ohne daſs Du auf einen Tag zwey 80 elende Pferde zu bezah- len brauchtest, und ein solches, aus nichis als verfaultem Holz, mit zerbrochenen Fenstern und zerrissenem Leder bestehendes Ding— ein sol- ches Ceripp von ciner Postchaise, wie die ist, welche hier vor dem Hause hält!* Es ist kein Regimentsgeschäft, was mich dort- hin ruſt, Sir. Weil Sie's denn durchaus wissen wollen, so mufs ich Ihnen sagen, daſs Cavon heute Morgen die Nachricht mitgebracht hat: der alte Ochiltree, der Bettler, solle noch heute vor Ge- richt gezogen werden, weil man eine peinliche Anklage gegen ihn cingeleitet, und da mõöcht’ ich denn doch schen, ob dem ehrlichen alten Kerl nicht Unrecht gethan wird. Das ist's Alles.“ Wirklich? Nun, gehört hab' ich schon etwas davon, allein ich konnt's nicht für Ernst halten. Du aber, Capitain Hektor, stets bereit, eines Je- den Secundant zu seyn, bey allen Arten von Hän- deln, im Civil und Militair, zu Land und zu Wasser, und am Scestrande, was nimmst Du denn för einen besondern Antheil an dem alten Adam Ochiltree P' „Er diente in meines Vaters Compagnie, Sir, 44 und ausserdem wufst' er's immer zu verhindern, wenn ich irgend einen dummen Streich machen wollte, und hat mir manchen gutén Rath ertheilt, wie Sie, Sir, ihn mir nur immer hätten geben können.“ «Und die Wirkung davon war gewiſs dieselbe,“ drauf wollt' ich schwören. Nicht wahr, Hektor, gesteh's nur, sein Rath war ebenfalls wegge- worfenb» «Das war er freylich, Sir, indeſs seh' ich nicht ein, warum ich meiner Thorheit wegen, minder erkenntlich gegen die CGüte seyn sollte, die er beabsichtigte 5 3 «Brav, Hektor! Das ist das gescheidteste Wort, das ich je von Dir gchört habe! Aber jeizt mache mich mit Deinem pPlan ohne Rückhalt bekannt. Ich gehe selbst mit Dir; denn der alte Mann ist unschuldig— davon bin ich überzeugt, und am Ende kann ich doch in seiner Verlegenheit mehr fur ihn thun, als Du vermagst. Ueberdies, lieber Junge, ersparst Du dabey eine halbe Guinee, und das ist ein Umstand, den Du doch in Zu- kunft minder aus der Acht lassen solltest.»- Lord Glenallan hatte sich aus Artigkeit wegge- wendet, und unterhielt sich mit den Damen, als der Streit zwischen dem Onkel und Neſffen zu ernsthaft und heftig zu werden drohte, dafs ein Fremder schicklicherweise wohl nicht zuhören konnte. Allein der Graf mischte sich sogleich 4 45⁵ wieder in's Gespräch, als der gutmüthige Ton des Alterthumsforschers auf eine freundlichere Wen- dung desselben schliefsen lieſs. Nachdem er eine kurze Auskunft über den Betller erhalten hatte, und über die gegen ihn erhobene Klage, welche Oldbuck ohne Weiteres auf Dousterswi- vels Rechnung schrieb, fragte Lord Glenallan, ob der Mann nicht friiher Soldat gewesen sey. Seine Frage wurde mit Ja beantwortet. „Trug er nicht,“ fragte der Lord weiter,«einen groben blauen Rock mit einem Schildeb War er nicht ein groſser Mann, mit scharfem Blick, grauem Bart und Haar, der seinen Körper auflal- lend gerade trug, und sich mit einer gewissen ruhigen Unbefangenheit zu äussern pflegte, die mit seinem Gewerbe einen seltsamen Contrast bildeteb“ 4 «Alles das gibt ein treues Bild von dem Manne,“ sagte Oldbuck. „Nun denn,“ fuhr Lord Glenallan fort,«wenn ich gleich befürchte, ihm in seiner gegenwärtigen Verſegenheit keinen wesentlichen Dienst leisten zu Lönnen, so bin ich ihm doch Dank schuldig, dafs er der erste war, der mir eine Nachricht von der höchsten Wichtigkeit überbrachte. Wenn er nur erst aus seiner jetzigen Lage heraus ist, so will ich ihm schon eine bequeme Versorgung bey mir anbieten.“ aSchwerlich, Mylord,“ entgegnete Oldbuck, 3 46 wird er seine gewohnte umherstreifende Lebens- weise mit der Annahme Ihres gütigen Anerbie- tens zu vereinigen wissen, wenigstens hab' ich diesen Versuch schon ohne Wirkung gemacht. Bey dem Publikum im Allgemeinen zu betteln, hält er für eine Art von Unabhängigkeit, im Ver- gleich mit der Lage, wo er seine ganze Unter- stützung dem Wohlwollen eines einzelnen Men- schen zu verdanken haben soll. Er ist insofern ein wahrer Philosoph, dafs er sich an keine Zeit und Stunde bindet. Wenn er Hunger hat, so iſst er, trinkt, wenn ihn durstet, und legt sich schlafen, wenn er müd' ist. Dabey ist er so gleichgultig gegen alle Umstände und Anstalten, womit wir einen s0 groſsen Lärm machen, daſs ich glaube, er hat in seinem ganzen Leben noch nie schlecht gespeifst oder schlecht logirt. Dann ist er aber auch in gewisser Hlinsicht das Orakel der Gegend, durch die er wandert, ihr Genealo- gist, ihr Zeitungsträger, ihr maltre de plaisirs, und ihr Arzt in geistigen und leiblichen Nöthen. Ich gebe Ihnen mein Wort darauf, er hat zu viel Geschäfte ad betreibt sie mit zu groſsem Eifer, als dafs man ihn füglich überreden könnte, sie aufzugeben. Aber es sollte mir wahrlich leid thun, wenn man den armen gemüthlichen Alten Wochenlang in einem Gefängnisse schmachten liefse. Ich bin überzeugt, der Verlust seiner Freyheit würde ihm das lHera brechen.“ 47 So endigte sich die Unterredung. Als Glenal- lan von den Damen Abschied genommen hatte, wandte er sich zu dem Capitain Mac-Intyre, und machte ihm nochmals das Anerbieten, auf sei- nem Eigenthum frey zu jagen, was dieser mit Vergnügen annahm. «Ich kann nur noch hinzufügen,“ sagte er, «dafs, wenn Ihre gute Laune nicht durch unge- niefsbare Gesellschaft verscheucht wird, Glenal- lan-House Ihnen zu allen Zeiten offen steht. Zwey Tage in der Woche, nämlich Freytag und Sonnabend, bleib' ich allein auf meinem Zim- mer; indeſs wird dies insofern mehr für Sie eine Erholung seyn, als Sie dann ungestört die Ge- sellschaft meines Allmoseniers, des Herrn Glads- moor, genieſsen, der Gelehrter und Weltmann zugleich ist.“ Hektor, dem das Herz vor Freude hüpfte bey dem Gedanken, die Gehege des Schlosses Glen- allan und die Moorgegenden von Clochnaben auf der Jagd durchstreichen zu dürfen, stattete für diese Ehre auf's verbindlichste seinen Dank ab. Oldbuck wufste ale Aufmerksamkeit des Grafen gegen seinen Neſfen zu schätzen; Mils Macntyre war vergnügt, weil sie ihren Bruder zufrieden sahe; und Fräulein Griselda Oldbuck warf einen heitern Blick in die Zukunft, wo unstreitig ganze Säcke von Wasserenten und Schwarzwild in der Küche anlangen würden, die Herrn Blattergowl’s Lieblingsspeise waren. 4 48 So waren denn Alle— wie dies immer der Fall ist, wenn ein Mann von Stande von einem Familiencirkel, dem er sich geflissentlich ver- bindlich gemacht hat, Abschied nimmt— un⸗ erschöpflich in dem Lobe des Grafen, als dieser fort war, und sein Wagen mit den vier bewun- derten Braunen dahin rollte. Die Lobrede wurde indeſs kurz abgebrochen, da Oldbuck sich mit seinem Nelſlen in die Miethskutsche aus Fairport setzte, welche mit ihren zwey Rossen, wovon das eine Trab hielt, während das andere im Pafs ging, nach dem berühmten Sechafen hinknarrte, rumpelte und schwankte, und so in dem kläg. lichsten Contraste zu der Schnelligkeit stand, womit des Lords Equipage den Augen der Nach- schauenden gleich entschwunden war. — 49 ——————ℳMℳM₰:?—X—ꝛ—ꝛz——————ℳ3K;nA Sieben und dreyſsigstes Kapitel. Ich lieb' Gerechtigkeit, so gut, als Ihr! Doch, da die gute Dame blind ist, mag Fie mich entschuldigen, daſs ich nun eben, Menn Zeit und Umständ' es verlangen, stumm bin. Das Wort, das jetzt aus meinem Munde geht, Hebt künft ge M orte Keinesweges auf. Alles Schauspiel. Mi Hülfe der milden Spenden, die Adam Ochil- tree von den Ortsbewohnern erhalten und in das Gefängniſs mitgenommen hatte, waren ihm die ersten Tage seiner Verhaftung leidlich verstri- chen, und er hatte den Verlust seiner Freyheit um so weniger empfunden, je schlechter und reg- nigter das Wetter in dieser Zeit gewesen war. 7 78. b 4 Das Gefängniſs,v sprach er zu sich selbst, ist doch am Ende nicht so ein schlechter Ort, als man denkt. Man hat doch ein gutes Dach über'm Kopf, das Einen vor. dem bösen Wetter schützt, und wenu's auch keine Clasfenster gibt, so ist's dagegen hier luſtiger und lustiger zur Sommerszeit. Leute, mit denen man schwatzen kann, gibt's ja auch, und wenn man was 2u es- sen hat, was kümmert man sich um's Ucbge!l“* Der Muth unsres Philosophen fing indeſs doch ein wenig an zu sinken, als die Sonnenstrahlen so freundlich auf die rostigen Stäbe seines Fen- stergitters fielen, und ein elender Hänfling, den ein armer Schuldner in einem Käſfig an seinem Fenster hatte aufhängen dürfen, fröhlich zwit- scherte. «Du bist bey besserer Laune, als ich, sagte Adam, indem er sich zu dem Vogel hinwandte, denn ich kann weder trillern noch singen, wenn ich an die schönen Flufsufer und grünen Felder denke, auf denen ich bey so schönem Wetter hätt' umherschlendern können. Du thust auch ganz Recht daran, dafs Du lusrig bist, denn es ist nicht deine Schuld, daſs du in dem Käfig da steckst; ich aber bin wohl Schuld daran, daſs ich mich hier in dem traurigen Orite eingeschlos- sen befinde.* Ochiltree's Selbstgespräch wurde durch einen Gerichtsdiener unterbrochen, der ihn aufforderte, 51 vor dem Magistrat zu erscheinen. So machte er sich denn auf, und wurde in feyerlicher Proces- sion zwischen zwey armen Schächern, von denen keiner nur halb so rüstig war, als er selbst, vor das Justiztribunal geführt. Als der bejahrte Ge- fangene von der krüppelhaften Wache über die Strafse geführt ward, rief die versammelte Volks- menge:«Seht doch einmal den, mit den grauen Haaren! Der soll Straſsenraub begangen haben, und steht schon mit Einem Fufse im Crabe!“ Die Kinder aber wünschten den Gerichtsdienern, Puggie Orrock und Jack Ormston, die abwech- selnd der Gegenstand ihres Schreckens und Spot- tes waren, Glück, dafſs sie einen Gefangenen hätten, der so alt wäre, als sie selbst. So bewegte sich der Zug vorwäris, und Adam erschien— keinesweges zum ersten Male— vor dem würdigen Amtmanne Littlejohn, einem, der Bedeutung seines Namens ganz zuwider, sehr grofsen, wohlgenährten Beamten*), dem man'’s gleich ansah, dafs die amtlichen Brosamen recht gut bey ihm angeschlagen hatten. Er war ein eifriger Royalist zu jener überhaupt eifrigen Zeit, etwas streng und peremptorisch in der Erfüllung. seiner Pflicht, ziemlich aufgeblasen durch das *) Littlejohn— kleiner Johann oder Hans. A. d. Uebers. 5² Bewuſstseyn seiner Gewalt und Wichtigkeit; sonst aber ein rechtlicher, wohlmeynender und nützli- cher Bürger. 4 „Herein mit ihm! Herein mit ihm!“ rief er. «Es sind doch wahrlich schreckliche, unnatürli- che Zeiten! Selbst die, so von Ihrer Majestät Cnade leben, sind die ersten, welche gegen seine Gesetze sündigen. Da ist ein alter Blaurock, der sogar Straſsenraub begangen hat. Wahrschein- lich wird der nächste nun die königliche Milde, die ihn mit Kleidung und Pension und mit der Erlaubnifs, betteln zu dürfen, beglückt, durch Hochverrath, oder wenigstens durch Aufruhr ver- gelten.— Aber bringt ihn nur herein!“ Adam machte seine Verbeugung, und blieb dann, wie's seine Gewohnheit war, fest und auf- recht stehen, die eine Seite des Gesichts etwas in die Höhe gerichtet, so, als wolle er jedes Wort auffangen, welches der Magistrat an ihn richtete. Die ersten allgemeinen Fragen nach seinem Namen und Gewerbe beantwortete der Bettler bestimmt und ohne zu stocken, als aber der Richter, nachdem er dem Schreiber geboten, dies zu Papier zu bringen, den Gefangenen fragte, wo er denn in der Nacht gewesen sey, als Dou- sterswivel jenen Unfall erlitten, zögerte Adam ein wenig mit seinem Bekenntnisse. 4 «Können Sie mir sagen, Herr Amtmann— denn Sie sind doch in den Gesetzen bewandert, — — 53 was es mir helfen kann, wenn ich Ihre Fragen beantworte 55 HelfenP nicht viel, mein Freund! Ausser, daſs ich Euch, nach einer genauen und wahr- haften Auskunft, die Ihr mir gebt, vielleicht in Freyheit setzen kann, falls Ihr nämlich unschul- dig seyd. «Mir aber scheint es vernünftiger, daſs Sie, Herr Amtmann, oder wer sonst etwas wider mich hat; meine Schuld peweisen, statt von mir zu verlangen, daſs ich meine Unschuld darthun soll.“ Ich bin nicht hier,» versetzte der Richter, um über Rechtspunkte mit Euch zu disputiren. Ich frag' Euch demnach: Wollt Ihr mir antwor- ten, ob Ihr an dem Tage, den ich Euch angege- ben, bey Ringan Aickwood, dem Forstaufseher, gewesen seyd?5" «Ich fühle wahrlich keinen Beruf in mir, mich daran zu erinnern.“ «Oder ob Ihr, im Laufe dieses Tages oder die- ser Nacht, Stephan oder Steenie Mucklebackit gesehen habt? Ihr kanntet ihn doch?“. Ich werde doch den Steenie gekannt haben— den armen Burschen!— Aber zu welcher Zeit ich ihn gerade zuletzt gesehen, kann ich mich nicht mehr entsinnen.“* «War't Ihr an diesem Abend, zu irgend einer Stunde, in den Ruinen von St. Ruth 5 „Herr Amtmann Littlejohn,» versetzte der Bett- ler,«wenn's Euch gefällig ist, so wollen wir die Geschichte kurz machen, das heifst mit an- dern Worten: ich bin nicht gesonnen, auf eine dieser Fragen zu antworten. Ich bin schon zu lang in der Welt herumgewandert, als dafs ich mich durch meine Zunge sollt' in Verlegenheit bringen lassen.“ «Schreibt nieder, sagte der Richter, er wei- gert sich auf jede Frage zu antworten, aus Furcht, daſs er, falls er die Wahrheit sage, in Ungele- genheit kommen könne.* «Nein, nein!“ rief Ochiltree,«das darf nicht niedergeschrieben werden als ein Theil meiner Antwort. Ich wollte nur so viel sagen, daſs aus den Antworten auf eitle Fragen, wie ich aus Er- fahrung weils, nie etwas Gutes entsprungen ist.“ «Schreibt nieder: daſs, da der Declarant durch ange Erfahrung den Cang der gerichllichen Un⸗ tersuchungen kennen gelernt, und durch Beant- wortung der Fragen, die man bey solchen Gele- genheiten an ihn richtete, mancherley Nachtheil erlitten hat, er sich deshalb nun weigert—* «Nein, nein! Herr Amtmann!“ rief Adam nochmals;«Ihr sollt mir auch auf diesem Wege nichts anhaben.“ «Nun, so dictirt denn die Antwort selbst,* sagte der Richter;«der Secretair soll sie wörtlich niederschreiben.“ 55 „Nun, das ist recht und billig,» entgegnete Adam;«ich bin sogleich zu Euren Diensten.— So schreibt denn nieder, Nachbar, dafs der De- clarant, Adam Ochiltree, für die Freyheit strei- tet— nein, das sollt' ich eigentlich nicht sagen — ich bin kein Freyheitsmann! Hab' gegen sie gefochten in den Aufständen zu Dublin— und dann hab' ich auch schon so lange Zeit des Kö- nigs Gnadenbrod gegessen.— Wartet nur ein wenig!— Ja! Schreibt: Adam Ochiltree, der Blaurock, streitet für das Prärogativ— buchsta- birt aber das Wort auch richtig, es ist lang— also, für das Prärogativ der Unterthanen des Lan- des, und daſs er nicht gesonnen ist, auf Fragen zu antworten, die man ihm vorlegt, wenn er nicht den Grund davon einsieht.— Das schreibt nieder, junger Herr!* „Da ich keine gehörige Auskunft von Euch über diese Sache erhalte," sagte der Richter,«so muſs ich Euch in's Gefängniſs zurücksenden, bis Ihr im rechtlichen Laufe des Processes daraus be- freyt werdet.“. „Nun, Sir,» entgegnete Adam,«wenn's Cottes und der Menschen Wille ist, so muſs ich mich wohl unterwerfen. Ich habe gegen das Gefäng- niſs an und für sich nicht eben viel einzuwenden, ausser, daſs man nicht heraus kann. Wenn's Ihnen aber nichts verschlüge, Herr Amtmann, so wollt' ich Ihnen mein Wort geben, daſs ich mich 56 vor den Lords bey der Cantonrevision*) oder vor jedem andern Gerichtshofe, den Sie bestimmen mögen, auf den festgesetzten Tag stellen will.“ «Ich glaube, guter Freund, Euer Wort wird eine schlechte Sicherheit in einer Sache seyn, wo Euer Hals leicht in Gefahr kommen dürfte. Ihr möchtet wohl, meyn' ich, ein solches Pfand leicht verfallen lassen. Könnt' Ihr mir aber hinläng- liche Bürgschaft stellen, so—» In diesem Augenblicke trat der Alterthumsfor- scher mit dem Capitain Mac-Intyre ins Zimmer. Cuten Morgen, meine Herren!* sagte der Richter; Sie finden mich in meinem gewöhnli- chen Berufe, die Verbrechen des Volks ausspä- hend; arbeitend für die res publica, Herr Old- buck; unsrem Herrn, dem König dienend, Ca- pitain Mac-Intyre— denn vermuthlich wissen Sie schon, daſs ich das Schwert wieder zur Hand genommen habe 5 «Es gehört ja auch zu den Sinnbildern der Ce- rechtigkeit,»“ versetzte der Alterthumsforscher, «aber ich dächte doch, die Wage müſste besser —— *) Im Original steht circuit. Die einzelnen Cantone, namentlich die sechs in England und Wales, wer- den nämlich zwey Mal im Jahre von zwey königli- chen Justizbeamten, der Rechtspfege halber, be- reiset, A. d. Uebers. ——— 57 für Sie passen, Herr Amtmann, besonders da Sie sie im Laden immer bey der Hand haben!* «Gut, gut, Monkbarns! Vortrefflich! Aber nicht als Richter, sondern als Soldat, hab' ich zum Schwert gegriſſfen. Ich sollte wohl eigent- lich sagen, nach der Muskete und dem Bajonet, die da an meinem Sorgenstuhle stehen— denn ich bin noch nicht recht exercirt, und ein flüch- tiger Besuch unsres alten Freundes, des Podagra, hindert mich immer. Indeſs kann ich mich doch auf den Beinen erhalten, wenn unser Sergeant mich die Handgrifle durchmachen läfst. Ich möchte doch wissen, Capitain Mac-Intyre, ob er nur dem Reglement ordentlich folgt! Er bringt uns mit Müh' und Noth bis zum Präsentiren.* Mit diesen Worten humpelte er nach seiner Walfe, um seine Zweifel in's Klare zu setzen, und seine Fortschritte zu zeigen. „Es freut mich, dafs wir so eifrige Vaterlands- vertheidiger haben, Herr Amtmann, entgegnete Oldbuck,«und Hektor wird Ihnen seine Meynung über Ihre Fortschritte nicht vorenthalten, und Ihnen so in Ihrem neuen Berufe einen Dienst leisten.— Aber Sie sind ja wahrlich, wie die Ilekate der Alten— ein Kaufmann auf dem Markte, ein Richter auf dem Rathhause, ein Sol- dat in Reih' und Clied— Quid non pro patria? Aber ich hab's in diesem Augenblicke mit der 58 Justiz zu thun, und so mag Handel und Krieg einstweilen ruhen.“ «Nun, Sir, womit kann ich, Ihnen dienen 5 fragte der Amtmann. «Da ist ein alter Bekannter von mir, Adam Ochiltree mit Namen; den haben einige von Ih- ren Häschern in’s Gefängnifs geschleppt, weil man ihn beschuldigt, daſs er sich an dem Kerl, dem Dousterswivel, thätlich vergrillen habe— eine Anklage, der ich durchaus keinen Glauben beymessen kann.“ Der Richter nahm eine sehr ernste Miene an. «Sie müssen wissen, versetzte er,„daſs er des- Raubes und intendirten Mordes angeklagt worden — eine sehr ernsthafte Sache! Solche Verbrechen kommen nicht oft vor mein Tribunal.“ «Und vermuthlich ergreifen Sie desto schneller die Gelegenheit, aus denen, die Ihnen unter die Hände kommen, etwas recht Bedeutendes zu ma- chen?— Aber steht denn die Sache des alten Mannes wirklich so schlechtPo «Es ist freylich nicht in der Regel,“ sagte der Amtmann;«indeſs da Sie selbst mit in der Com- mission sind, Monkbarns, so trag' ich kein Be- denken, Ihnen Dousterswivel's Angaben, und was zu vorläufiger Erörterung derselben geschehen ist, mitzutheilen.“ 2 Mit diesen Worten übergab er dem Alterthums- forscher die Papiere, der seine Brille herauszog, 59 und sich in einen Winkel setzte, um sie durch- zugehen. Indefs hatten die Gerichtsdiener Befehl erhal- ten, den Gefangenen in ein anderes Zimmer zu führen; allein ch' sie dies thun konnten, nahm der Capitain Mac-Intyre die Gelegenheit wahr, den alten Adam zu begrüſsen und ihm eine Gui- nee in die Hand zu drücken. Cott vergelt' es Ihnen,“ sagte der alte Mann; des ist die Gabe eines jungen Kriegers, und wird gewiſs einem alten wohl bekommen. Ich weise sie nicht zurück, ob's zwar gegen meine alte Re- gel ist; denn wenn sie mich hier lange stecken lassen, so möcht' ich am Ende doch wohl von meinen Freunden vergessen werden. Aus den Augen, aus dem Sinn, sagt das Spruchwort. Und es würde sich doch auch für mich, der ich von der Gnade des Königs lebe, und mündlich Je- mand um ein Almosen ansprechen darf, nicht wohl schicken, wenn ich nach Kupferpfennigen durch das Fenster meines Gefängnisses, mit ei- nem alten Strumpfe an der Schnur, angeln wollte.* Als er diese Bemerkung machte, wurde er aus dem Zimmer abgeführt. Was ich wohl eigentlich Lust hätte, ihn zu fragen,» sagte Monkbarns,«wäre: was er dènn in den Ruinen von St. Ruth, an einem so einsamen Orte und zu solcher Zeit, mit einem Begleiter, wie Ochiltree, gewollt habe! Es führt „ 60 doch keine Strafse dorthin, und es ist mir uner- klärlich, wie eine blose Liebhaberey an dem Ma- lerischen der Gegend den Deutschen in einer so stürmischen Nacht dahin geführt haben sollte. Er hat offenbar einen schlechten Streich vorge- habt, und sich bey der Celegenheit in seiner ei- genen Schlinge gefangen. Mec lex justitior ulla!* Der Richter gab zu, daſs in diesem Umstande allerdings etwas Geheimniſsvolles liege, und ent- schuldigte sich zugleich, daſs er nicht weiter in Dousterswivel gedrungen sey, da seine Aussage freywillig gewesen. Allein zur Unterstätzung der Haupibeschuldigung berief er sich auf die Angabe Aickwood's, in Betreff des Zustandes, worin man Dousterswivel gefunden häbe, und wodurch das wichtige Factum begründet ward, daſs der Bett- ler die Scheune, worin er sich auſgehalten, ver- lassen habe, und nicht wieder dahin zuriickge- kehrt sey. Zwey Personen, welche zu dem Be- sorger des Leichenbegängnisses aus Fairport ge- hörten, und in dieser Nacht der Beerdigung der Cräfin Glenallan beygewohnt, hatten ebenfalls ausgesagt: da man sie zur Verfolgung zweyer ver- dächtigen Personen abgesandt habe, welche in dem Augenblicke, als der Leichenzug bey den Ruinen von St. Ruth ankam, dieselben verlassen, und vielleicht einiges von dem Leichengepränge hätten stehlen wollen, so wären dieselben bald ihren Augen entschwunden, bald hätten sie sie 61 wieder erblickt, indem der Boden ihnen das Rei- ten sehr erschwert habe; endlich aber seyen beyde glücklich in Mucklebackit's Hütte angelangt. Der eine von den Männern fügte noch hinzu: daſs er, der Declarant, als er von dem Pferde gestiegen, und dicht an's Fenster der Hütte getreten sey, dort den alten Blaurock und den jungen Steenie Mucklebackit, nebst Andern, beym Essen und Trinken erblickt, und zugleich gesehen habe, wis besagter Steenie Mucklebackit den Andern ein Taschenbuch gezeigt; auch zweifle er, Declarant, nicht im mindesten, dafs Ochiltree und Muckle- backit die Personen gewesen seyen, die er und sein Kamerad, wie oben erzählt, verfolgt hätten. Auf die Frage, warum er nicht in die besagte Hütte hereingetreten, entgegnete er: er habe keinen schriftlichen Verhaftsbefehl gehabt, und da Mucklebackit und seine Hausgenossen als hand- feste Leute bekannt wären, so sey er, Declarant, nicht eben geneigt gewesen, sich in ihre Angele- genheiten zu mischen. Causad scientiae patet. Alles hier Bemerkte der Wahrheit gemäſs u. s. w. «Nun, was sagen Sie zu diesen Beweisen gegen Ihren Freund?“ fragte der Richter, als er sah, dafs der Alterthumsforscher das letzte Blatt um- gewendet hatte. „Hm! beträfe die Sache Jemand anders, so muſs ich gestehen, ich würde sagen, sie sieht beym ersten Anblick— prima facie— nicht 62 ganz gut aus. Ich kann's indeſs Niemand verden- ken, wenn er den Dousterswivel durchprügelt. Wär' ich selbst etwas jüngen, oder besäſs ich nur etwas von Ihrem kriegerischen Geiste, Herr Amtmann, so hätt' ich das schon längst selbst gethan. Es ist ein nebulo nebulonum, der Dou- sterswivel, ein unverschämter, betrügerischer, lügenhafter Kerl, der mich schon durch seine Schurkereyen hundert Pfund kostet, und meinen Nachbar, den Sir Arthur, wer weiſs wie viel!— Ueberdies, Herr Amtmann, halt' ich ihn nicht für einen Freund der Regierung.“ «Wirklichb» sagte Littlejohn;«wenn dem so wäre, das würde der ganzen Sache eine andere Wendung geben.“ «Richtig! Prügelte ihn der Beitler, so gab er dadurch blos seine Dankbarkeit gegen den König zu erkennen, dafs er dessen Feind ein wenig ab- drosch, und wenn er ihn beraubte, so hat er nur einen Zigeuner geplündert, dessen Schätze ohnedies dem Geselze verfallen sind. Gesetzt nun, diese Zusammenkunft in den Ruinen von St. Ruth habe auf Politik Bezug gehabt, und diese Ceschichte von verborgenen Schätzen u. s. w. wäre eine blose Lockspeise von jenseits des Meeres für irgend einen bedeutenden Mann, oder es wären bestimmte Fonds, um einen Clubb von Aufrüh- rern zu unterstützen—» Sie haben wahrlich meine Cedanken, Sir,“ 63 entgegnete der Richter.«Wie glücklich würd' ich mich schätzen, wenn ich mit meinen gerin- gen Kräften der Sache auf den Grund kommen könnte! Was meynen Sie, wenn wir die Frey- willigen zusammenberiefen, und sie in Activität setzten P 5 «Vor der Hand wenigstens nicht, dächt' ich, da das Podagra ihnen ein wesentliches Miiglied ihres Corps entzieht. Aber wollen Sie wohl er- lauben, daſs ich den Ochiltree ein wenig exa- minire b* «Sehr gern; Sie werden indefs nichts aus ihm herausbringen. Gab er mir doch deutlich zu ver- stehen, daſs er die Cefahr einer gerichtlichen Erklärung von Seiten eines Angeklagten wohl kenne, die denn auch in der That schon man- chen chrlichern Mann, als ihn, an den Galgen gebracht hat. „Sie haben also nichts dagegen, Herr Amtmann, wenn ich ihn ein wenig ausforsche?" «Nicht das geringste, Monkbarns.— Aber da hör' ich den Sergeanten unten! Ich will einst- weilen ein wenig exerciren.— Baby, trage doch meine Flinte und mein Bajonett in das untere Zimmer hin— es macht nicht so viel Lärm, wenn wir das Gewehr beym Fufs nehmen.» Mir diesen Worten enifernte sich der kriege- rische Richter, dem das Mädchen seine Waffen nachtrug. ——⸗: 2—,„,„,— 64 Das Mädchen ist ein guter Waſfenträger für einen Ritter, der’'s Podagra hat!“ sagte Oldbuck. „Hurtig ihm nach, Hektor, lieber Junge! Mach Dir ein wenig mit ihm zu schaffen— hörst Dup Nur eine halbe Stunde— wirf mit einigen krie- gerischen Redensarten um Dich, und lobe sein Exercitium und seine Haltung!* Capitain Mac-Intyre, der, wie Alle seines Standes, nur mit tiefer Verachtung auf diese Bür- gergarde herabsah, welche die Waffen ergriffen hatte, ohne dafs es eigentlich ihres Amts war, stand mit groſsem Widerwillen auf, und bemerk- te, dafs er durchaus nicht wisse, was er dem Herrn Littlejohn sagen solle, und daſs es doch über alle Mafsen lächerlich sey, wenn ein alter, mit dem Podagra behafteter Krämer sich dem Exercitium und den militärischen Uebungen ei- nes Soldaten unterziehen wolle. «Das kann wohl seyn,“ versetzte der Alter- thumsforscher, der selten mit Jemand in einer Meynung und Ansicht geradezu übereinstimmte; das kann diesmal und bey manchen andern Ge- legenheiten der Fall seyn; allein in diesem Au- genblicke gleicht das Vaterland den Klägern in einem Cerichtshofe für kleine Schuldsachen, wel- che aus Mangel an Geld ihre Sache selbst führen, statt zu den eigentlichen juristischen Federheldem ihre Zuflucht zu nehmen. Ich bin überzeugt, daſs wir in dem einen Falle die scharfsinnige Bered- 86 69 samkeit der Rechtsgelehrten nicht vermissen, und hoff' auch, dafs wir in dem andern mit unsern Herzen und Musketen wohl durchkommen, ge- setzt auch, es ginge uns etwas von der Disciplin Eurer Eisenfresser ab.“ Meinetwegen mag die ganze Welt fechten,* entgegnete Hektor, mürrisch und mit Widerwil- len auhtehend,«wenn sie Lust dazu hat; doch bitt' ich, mich in Ruhe zu lassen!" «Du bist freylich ein ruhiger Mensch, der vor Begier nach Streit und Hader nicht einmal eine arme schlafende Phoca in Ruhe lassen kann. Und gleichwohl behauptest Du— Hektor, der wohl merkte, welche Wendung das Gespräch nehmen würde, machte sich, da ihm alle Anspielungen auf den genannten Zwey- kampf verhafst waren, schnell aus dem Staube, ehe noch der Alterthumsforscher seine Rede vol- lenden konnte. b —— 66 ————jj— Acht und dreyſsigstes Kapitel. ½ Im schlimmsten Fall ist's weder Trug, noch Diebstahl, Wafern ich Alles weiſs, drob ihr mich anklagt. Wenn einen zweyten Schats das Grab gebar, Und irgend wem verlieh, der nicht drum wuſste- Je nun, So hei ſot doch tauschen niemals stehlen*), Um wie oiel wen'ger eine blose WMohlthat! Altes Schauspiel. Der Alterthumsforscher, welcher von der er- theilten Erlaubnifs, den Angeklagten selbst zu befragen, Gebrauch machen wollte, begab sich lieber nach dem Zimmer, wo Ochiltree gefangen **) Exrchange is no robberry, ein bekanntes Engl. Sprüch- Wort.’ A. d. Uebers. 67 saſs, als daſs er ein förmliches Verhör, im Bey- seyn des Richters, mit ihm hätte anstellen sollen. Er fand den alten Mann an einem Fenster siz- zend, welches auf die See hinausging, und in- dem er unverwandt dorthin blickte, traten ihm unwillkührlich helle Thränen in's Auge, welche über die Wangen in den weifsen Bart hinabran- nen. In seinem Gesichte lag indefs Ruhe und Fassung, und in seinem Benehmen Geduld und Ergebung. Oldbuck hatte sich ihm unbemerkt genähert, und weckte ihn aus seinem Nachdenken mit den freundlichen Worten:«Es thut mir leid, Adam, dafs ich Euch wegen der Geschichte so niedergeschlagen sche l Der Bettler fuhr auf, trocknete sich schnell mit dem Aermel die Augen, und suchte in seinen gewöhnlichen, heitern und scherzenden Ton über- zugchen, indem er mit einer mehr als gewöhn- lich zitternden Stimme sagte:«Ich konnt's wohl denken, Monkbarns, dafs nur Ihr oder Eures Cleichen mich hier stören könmten, und es ist ein groſser Vortheil bey Gefängnissen und Ge- richtshöfen, daſs Ihr Euch, wenn Ihr wollt, Eure Augen aus dem Kopfe weinen könnt, ohne daſs die Leute, die dabey zu thun haben, Euch fra- gen, warum Ihr das thut.“ «Nun Adam, entgegnete Oldbuck,«ich denke doch, gegen Euer jetziges Unglück wird sich nocha wohl Hülfe finden lassen.“. 68 «Ich hätte geglaubt, Monkbarns,“ versetzte der Bettler, in einem Tone des Vorwurſs, Ihr kenn- tet mich besser, als dafs Ihr glaubtet, um einer solchen Kleinigkeit willen, die nur mich betrifft, wären mir die Thränen ins Auge getreten!— Nein! Nein! Das ist's nicht! Da war aber das arme Mädchen, Caxon's Tochter— die sucht überall Trost und findet so wenig— denn man hat keine Nachrichten von Taffril's Brigg seit dem letzten Sturme, und, wie die Leute sagen, soll ein königliches Schiff an dem Riff von Rattray ge- scheitert, und die ganze Mannschaft ertrunken seyn.— Gott verhüt' es, aher so gewiſs Ihr lebt, Monkbarns, ist dann auch der arme Lovel, den Ihr so lieb hattet, mit umgekommen.“ Ja, das verhüte Gott!* wiederholte der Alter- thumsforscher;«lieber wollt' ich, Monkbarns ständ' in Flammen. Mein armer theurer Freund und Gehülfe!— Ich will doch gleich hinunter an den Kay!» „Da werdet Ihr doch nichts mehr erfahren, als ich Euch schon gesagt habe,“ entgegnete Ochil- tree;«denn die Beamten hier waren sehr höflich — versteht sich nach ibrer Art— und sahen ihre Briefe und Berichte nach, und konnten doch nichts weiter herausbringen." „Es kann nicht wahr seyn! Es soll nicht wahr seyn! rief der Alterthumsforscher, und ich will's nicht glauben, wenn’s wirklich so ist! 59 Taffril ist ein trefflicher Seemann, und Lovel— mein armer Lovel!— besitzt alle Eigenschaften eines guten, angenehmen Gesellschafters zur See und zu Lande. Es ist ein Mann, Adam, den ich wegen seines trefflichen Characters vor allen An- dern zum Gefährten wählen würde, wenn ich einmal eine Seereise machen sollte— was ich freylich nie thun werde, ausser auf einer Fähre, um fragilem mecum soloere phaselum— denn gegen diesen meinen Gefährten, dächt' ich, könn- ten die Elemente unmöglich Groll hegen.— Nein, Adam, es ist nicht so— kann nicht so seyn! Es ist eine Erdichtung des unnützen Weibsbildes, fama genannt, das ich mit der Trompete um den Hals noch gehangen sehen möchte, weil es zu nichts weiter dient, als mit seinem Eulengeschrey chrliche Leute um ihre fünf Sinne zu pringen!— Aber sag' mir doch, wie bist Du denn eigentlich in diese Klemme gerathen?* Befragt Ihr mich als obrigkeitliche Person, Monkbarns, oder nur zu Eurer eigenen Befriedi- gungb“ entgegnete der Bettler. „Blos zu meiner Befriedigung,“ versetzte Old- buck.. Nun, so steckt nur Euer Taschenbuch und Euren Bleystift ein, denn ich sage kein Wort, so lang' Ihr die Schreibematerialien da in den Händen habt. Sie sind ein Schrecken für unge- lehrte Leute, wie ich bin. Wahrlich, der erste 70 beste von den Schreibern, die da im nächsten Zimmer sitzen, kann Euch schwarz auf weiſs so viel hinkritzeln, als eben nöthig ist, einen Men- schen zu hängen, ehe man noch weiſs, was er gesagt hat.“ Adam erzählte nun mit vieler Freymüthigkeit den Theil der Geschichte, den die Leser bereits kennen, und unterrichtete den Alterthumsforscher von dem Autftritte zwischen Dousterswivel und seinem Patron, von dem er Augenzeuge gewesen war, indem er offenherzig gestand, dafs er der Versuchung nicht habe widerstehen können, den Adepten noch einmal nach Misticot's Grabe zu führen, um sich dort, wegen seiner Marktschreye- rey, auf scherzhafte Weise an ihm zu rächen. Es sey ihm leicht geworden, Steenie, als einen kecken, unbesonnenen jungen Menschen, zu über- reden, daſs er den Spafs mitmachen möge, der nun aber ganz unvermerkt und ohne Vorsatz wei- ter getrieben worden sey, als es früher in ihrem Plane gelegen. Was das Taschenbuch betreffe, so erklärte er, dafs er sogleich sein Befremden und Mifsfallen darüber an den Tag gelegt habe, und zwar im Beyseyn aller Bewohner der Hütte, als er gefunden, daſs man es aus Verseben mit- genommen. Steenie hab' es den folgenden Tag dem Eigenthümer wieder zuriickbringen wollen, woran er aber durch seinen unvermutheten Tod verhindert worden sey. 7¹ Euer Bericht,» sagte der KAlterthumsforscher, nach einigem Besinnen, ascheint mir sehr wahr- scheinlich, und ich messe ihm, nach dem, was ich von den Partheyen weifs, Glauben bey. In- defs denk' ich doch, daſs Ihr noch bey weitem mehr wiſst, als Ihr für gut befunden habt, mir mitzutheilen, besonders hinsichtlich der Schatz- gräberey. Ich vermuthe, Ihr habt die Rolle des Lar familiaris im Plautus gespielt, oder— um mich Euch deutlicher auszudrücken— eine Art von Brownie*), Adam, der über den verborge- nen Schätzen wacht. S0 viel ich mich erinnere, wart Ihr der erste, dem wir begegneten„als Sir Arthur den unglücklichen Versuch auf Misticot's Crabe wagte, und wiederum der erste, der, als die Arbeiter anfingen mücde zu werden, in die Gruft sprang und den Schatz eigentlich entdeckte. Nun müſst Ihr mir das Alles hinlänglich erklä- ren, wenn Ihr nicht wollt, dafs ich so mit Euch umgchen soll, wie Euclio die Staphyla in der Aulalaria**) behandelt.* *) Brownie— ein Spuckgeist oder Kobold in Schott- land, nach Jamieson analog den swartalſar, Schwarzelfen der Edda. A. d. Uebers- **) Rine Comödie des Plautus(geb. 227 v. Chr., gest. 186), worin der Geizhals Euclio die alte Staphyla mit Schlägen aus dem Hause jagt, weil er glauht, dafs sie seinen vergrabenen Schatz ausspüren werde. 7² Aber um'’'s Himmels willen, was weiſs ich denn von Eurer Haulularia Das klingt ja nicht, als ob Menschen, sondern als ob die Hunde reden.“ 3 «Ihr wufstet aber doch,“ fuhr Oldbuck fort, «dafs hier der Kasten mit dem Schatze sich be- fand «Lieber Herr, wo ist denn hier irgend eine Wahrscheinlichkeitb Denkt Ihr denn ‚ ein so ar- mer Teufel wie ich, würde so was gewufst, und es sich nicht zu nutze gemacht haben?— Ihr wiſst wohl, ich suchte nichts, und fand nichts. Was konnte mich denn die Sache angehen bo «Das möcht' ich eben von Euch wissen„» ent- gegnete Oldbuck,«denn ich bin fest überzeugt, Ihr wuſstet, daſs er dort lag.“ Ihro Gnaden sind ein positiver Mann, und als solcher haben Sie denn auch oft Recht.“ «Ihr gebt also zu, dafs meine Vermuthung ge- gründet ist Adam nickte mit dem Kopfe, zum Zeichen der Bejahung. «Nun so setzt denn auch die Geschichte von Anfang bis zu Ende auseinander,“ sagte der Al- terthumsforscher. —— (Man vergl die Uebersetzung der Lustspiele des Plau- tus von Danz. Leipz 1806— 7. 2 Bde.) A. d. Uebers, Wär'’ es Plos mein Ceheimniſs, Monkbarns,» versetzte der Bettler, aso solltet Ihr mich nicht zweymal fragen, denn ich hab's ja schon hinter Eurem Rücken gesagt, daſs Ihr, einige Grillen abgerechnet, die Euch dann und wann im Kopfe spucken, der klügste und besonnenste Mann un⸗- ter all' unsern vornehmen Leuten seyd. Indefs, ich will offenherzig gegen Euch seyn, und Euch bekennen, daſs es ein Freundesgeheimniſs ist, und dals ich mich eher mit wilden Pferden zer- reissen, oder auseinander sägen liefse, wie die Kinder Ammons, ch' ich noch ein Wort über diese Angelegenheit verliere, ausser, dafſs dabey durchaus nichts Böses beabsichtigt wurde, son- dern lauter Cutes, und dafs der Zweck war, Leuten einen Dienst zu erweisen, die hundert Mal mehr waren, als ich. Es gibt auch, glaub' ich, kein Gesetz, daſs es Einem als Sünde an- rechnet, wenn man weiſs, wo Andrer Leute Geld liegt, falls man nur nicht die Hand darnach aus- streckt.». Oldbuck ging einige Male in tiefen Gedanken im Zimmer auf und ab, und suchte irgend einen scheinbaren Crund für dies geheimnifsvolle Be- nehmen aufzufinden; allein sein Scharfsinn schlug diesmal fehl. Hlierauf trat er wieder zu dem Gefangenen. „Eure Geschichte, Freund Adam, sprach er, cist mir ein völliges Räthscl, zu dessen Lösung 74 in der That ein zweiter Oedipus gehörte— wer Oedipus war, will ich Euch schon ein anders Mal erzählen, wenn Ihr mich daran erinnert.— Indessen, mag dies nun auf Rechnung meiner Weisheit oder der Grillen kommen, die Ihr mir gütig beylegt, so fühl' ich mich doch versucht zu glauben, daſs Ihr die Wahrheit gesagt habt, um so mehr, da Ihr nicht zu Anrufung höherer Mächte Eure Zuflucht genommen haht, ein Kunst- griff, dessen Ihr und Eure Kameraden Euch ge- wöhnlich bedient, wenn's gilt, die Leute zu be- trügen.“(Hier konnte sich Adam des Lächelns nicht enthalten.)«Wenn Ihr mir also eine Frage beantworten wollt, so will ich versuchen, Euch die Freyheit wieder zu verschaflen.“ Lafst hören!“ sagte Adam mit der Behutsam- keit eines verschmitzten Schotten;«ich werd' Euch dann sagen, ob ich antworten kann oder nicht.“ „Es ist eine ganz einfache Frage,“ entgegnete der Alterthumsforscher:«Wuſste Dousterswivel etwas von dem Verbergen der Kiste mit dem Silber P“* ⸗ «Der nichtswürdige Mensch b'“ versetzte Adam. «Ey! hätte der gewuſst, was sie enthielte, oder nur das geringste davon erfahren, so würd' sie nicht lange dort geblieben seyn.“ «Das meyn' ich auch,“ sagte Oldbuck.„Nun- Adam. wenn ich Dich in Freyheit setzen soll, so mufst Du, auf Verlangen, vor dem Richter er- 75⁵ scheinen, und mich von meiner Bürgschaft be- freyen; denn die Zeiten sind jetzt wahrlich nicht darnach, dafs ein kluger Mann sich um so was strafen lassen sollte— Ihr müſstet denn noch eine andere aulam auri plenam quadrilibrem, ein anderes Search Nro. 1. aufzufinden wissen.“* «Ach!“ entgegnete der Bettler, den Kopfschüt- telnd,«der Vogel ist davon geflogen, glaub' ich, der die goldenen Eyer gelegt hat; ich will ihn keine Cans nennen, wenn es gleich so in dem Historienbuche steht. Aber am bestimmten Tage will ich erscheinen, Monkbarns! Ihr sollt durch mich auch nicht einen Pfennig einbüſsen. Das Weiter wird wiederum recht schön, und da möcht'’ ich gar zu gern sehen, was meine Freunde machen!“ «Gut, Adam! Da das Stampfen und Stofsen da unten etwas aufgehört hat, so glaub' ich, der Amtmann Littlejohn hat seinen militärischen Prä- ceptor entlassen, und ist von den GCeschäften des MMars zu denen der Themis wieder zurückgekehrt. — Ich werde mich mit ihm besprechen— doch, was die traurigen Neuigkeiten betrifft, die Ihr mir erzähltet, so kann und will ich nichts davon glauben!“ „Wollte Cott, dafs ich gelogen hätte!“ sagte der Bettler. Oldbuck, der hierauf das Zimmer verlieſs, fand den Richter, durch die Austrengungen des Exer- 76 cirens völlig erschöpft, im Lehnstuhl ruhend, wo er das Lied:«Lustig leben die Soldaten!“ vor sich hin brummte, und zwischen jeder Strophe sich mit einem Löffel Schildkrötensuppe stärkte. Er befahl, Oldbuck eine gleiche Erfrischung vor- zusetzen; allein dieser lehnte es ab, mit der Be- merkung, daſs, da er keine Militärperson sey, er auch von seiner Gewohnheit, das Essen zu ei- ner bestimmten Zeit einzunehmen, nicht gern abweichen wolle.«Soldaten, wie Ihr, Herr Amt- mann,“ sprach er,«müssen freylich essen, wie und wann sie können. Doch— ich habe mit Kummer vernommen, daſs keine guten Nachrich- ten von Taffril's Brigg eingelaufen sind.“ Ach! der arme Mensch! Er war doch wirklich eine Zierde der Stadt! Hat sich so ausgezeichnet am ersten Juny!“ «Warum sprecht Ihr denn von ihm im praete- rito— in der vergangenen Zeit?“ entgegnete Old buck. «Leider glaub' ich, nur zu viel Ursache dazu zu haben, Monkbarns; indefs, wir wollen das Beste hoffen! Der Unfall soll sich, wie man sagt, in dem Felsenriff von Rattray, zwanzig Meilen nordwärts, nicht weit von Dirtenalan-Bay ereig- net haben. Ich hab' schon Leute ausgeschickt, um Erkundigungen einzuziehen, und Euer Neſle ist selbst hingelaufen, mit einer Schnelligkeit, 77 als ob er die Hofzeitung mit der Naehricht von einem Siege holen wollte.“ In diesem Augenblicke trat Hektor in's Zim- mer, und rief:«Das ist wahrscheinlich Alles eine verdammte Lüge! Die Sache läfst sich auch nicht im mindesten verbürgen— nichts als all- gemeine Cerüchte!“ „Aber Hektor,“ sagte der Onkel,«wenn es doch wahr wäre, auf wen würde die Schuld fallen, dafs sich Lovel an Bord befunden?' Aufmich nicht!“ versetzte Hektor;«es würde nur mein Unglück gewesen seyn.“ «Wahrhaftig,“ sagte der Onkel, das wäre mir nicht eingefallen.“ „Aber Sir, so schr Sie auch geneigt sind, mir immer Unrecht zu geben, so werden Sie mir doch hoffentlich zugestehen, dafs meine Absicht in diesem Falle durchaus keinen Tadel verdiente. Ich that, was ich konnte, Loveln nicht zu fehlen, und wenn es mir gelungen wäre, so ist's ja klar, dafs er in meiner Lage gewesen seyn würde, so wie jetzt der umgekehrte Fall statt findet.“ „Und auf wen oder worauf zielst Du denn jetzt, daſs Du den ledernen Sack da, mit dem Wortes Schiefspulver darauf, mitnimmst 9* Ich muſs mich ja für Lord Glenallan's Moor auf den zwölften dieses in Bereitschaft setzen!“ entgegnete Mac-Intyre- 78 „Aha! Deine grofse chasse, wie die Franzosen es nennen, würde am besten statt fnden— Omne cum Proteus pecus agitaret Lisere montes— Möchtest Du doch eine Phoca treffen, statt ei- nes unkriegerischen Waldvogels.“ «Der T— hole den Seehund oder die Phoca, wenn Ihnen der Name besser gefällt! Es ist doch ärgerlich, dafs solch ein Spaſs gar kein Ende nehmen will.“ 3 «Ich bin froh,“ sagte Oldbuck,«dafs Du Dich ein wenig darüber schämst.— Da ich das ganze Geschlecht der Nimrods verabscheue, so wünscht' ich, sie möchten alle so ankommen.— Aber fahre doch nur nicht so auf bey einem blosen Scherze! Ich will kein Wort mehr über die Phoca verlieren; aber der Herr Amtmann wird uns sa- gen können, wie hoch jetzt die Seehundsfelle im Preise stehen.“„ «Sehr hoch,“ versetzte der Richter,«sehr hoch! Die Fischerey ist in der letzten Zeit nicht ergie- big gewesen.“ «Das können wir selbst bezeugen,“ sagte der Alterthumsforscher, der nicht nachlieſs mit sei- nen Neckereyen, und sich freute, dafs ihm die- ser Vorfall eine Art von Ueberlegenheit über den 79 jungen Waidmann gegeben hatte. Nun, noch ein Wort, Hektor, und Ein Sechundsfell ziert dann die müden Clieder. Doch Du muſfst nicht böse werden, lieber Junge. Allein jetzt muſs ich wahrlich an meine Geschälte gehen. Herr Amtmann, auf ein Wort! Sie müs- sen Bürgschaft annehmen— versteht sich mäs- sige Bürgschaft für das Erscheinen des alten Ochiltree.“ „Sie bedenken nicht, was Sie verlangen„“ sagte der Amtmann, die Beschuldigung betriflt Mord- anschlag und Raub.“ „Davon kein Wort mehr,“ entgegnete der Al- terthumsforscher.«Ich gab Ihnen schon früher einen Wink, und werde mich nachher deutlicher erklären. Ich versichre Sie, dahinter steckt ein CGeheimniſs.“ «Aber, wenn nun der Staat dabey interessirt ist, Herr Oldbuck, so habe doch ich, der die ganze Plage bey der Sache hat, auch ein Recht, au Rathe gezogen zu werden, und so lang' ich nicht—* «Stille, stille!“ sagte der Alterthumsforscher, indem er ihm einen Wink gab, und den Finger bedächtig an die Nase legte; die ganze Ehre soll Ihre seyn, und Sie sollen die ganze Leitung ha- ben, sobald die Sachen reif sind.— Es ist aber doch cin hartnäckiger alter Kerl; er will durch. „ „ aus nicht zwey Menschen in sein Geheimuiſs schauen lassen; auch fehlt mir noch der Schlüs- sel zu Dousterswivels geheimen Anschlägen, mit denen er mich ebenfalls nicht bekannt gemacht hat.“ „So müssen wir wohl das Ausländerdekret ge- gen ihn in Anwendung bringen? Was meynen Sie.“ Oſfenherzig gestanden, wünscht' ich, Sie thä- ten es.“ „Schon gut,“ sagte der Richter,«es soll als- bald geschehen. Er soll entfernt werden, tan- quam suspect— das ist ja, wenn ich nicht irre, so eine von ihren Redensarten, Monkbarns 5 (Sie ist elassisch, Herr Amtmann! Sie machen Fortschritte.“ «Die öffentlichen Angelegenheiten, sehn Sie, haben in den letzten Zeiten so auf mir gelastet, dafs ich mich genöthigt sah, meinen Vorsitzer als Compagnon anzunehmen. Ich habe zwey be- sondere Correspondenzen mit dem Unter-Staats- secretär gchabt, einer wegen der proponirten Taxe auf den Ringaer Leinsaamen, die andere wegen Unterdrückung politischer Cesellschaften. Sie können mir deshalb ganz sicher entdecken, was Sie von dem Anschlag des alten Kerls gegen den Staat erfahren haben.“ 3 Dazu bin ich augenblicklich bereit, wenn ich es erst selbst genauer kenne. Mir ist die Unruhe 84 höchst verhafst, die es Einem macht, wenn man so was selbst betreiben soll. Bedenken Sie in- defs wohl, daſs ich nicht bestimmt von einem Anschlage gegen den Staat gesprochen habe. Ich sage nur, ich hoffe, vermittelst dieses Mannes, einen schlechten Anschlag zu entdecken.“ aWenn's nur ein Anschlag ist! Hochverrath, Aufruhr wenigstens muſs dabey seyn. Wollen Sie mit vierhundert Mark für ihn bürgen?“ «Vierhundert Mark für einen alten Blaurock 5“ rief Oldbuck,«Denken Sie doch an das Dekret vom J. 1701, in Betreflf der Bürgschaften. Strei- chen Sie die eine Null weg! Mit vierzig Mark will ich für ihn bürgen.“ Es sey darum, Herr Oldbuck! Jedermann in Fairport ist Ihnen ja gern gefällig, und überdies kenn' ich Sie als einen klugen Mann, der eben so wenig vierzig, als vierhundert Mark leichtsin- nig einbüſst. Ich nehme daher Ihre Bürgschaft an, meo periculo— Was sagen Sie wieder zu diesem juristischen Ausdruck e Ichehab' ihn von einem gelehrten Advokaten gelernt. Ich will dafür gut sagen, Mylord, sprach er, meo perr- culo!— «So will ich denn auf gleiche Weise für Adam Ochiltree gut sagen,“ entgegnete Oldbuck,«meo periculo! Lassen Sie doch den Bürgebrief durch Ihren Schreiber abfassen; ich will ihn unter- zeichnen.“ 78. F Als diese Ceremonie vorüber war, theilte Old- buck dem alten Adam die frohe Nachricht mit, daſs er frey sey, und sagte ihm: er solle sich ge- rades Weges nach Monkbarns begeben, wohin der Alterthumsforscher selbst, nebst seinem Nef- fen, zurückkehrte, nachdem Beyde ihr gutes Werk vollendet hatten. 83 2 ——————— Neun und dreyſsigstes Kapitel. Von weisen Sprüchen voll und Rechtsinstanzen. Shabspeare: W ie es euch géefällt. „Wie sehr wünscht' ich, Hektor,“ sagte der, Alterthumsforscher am folgenden Morgen nach dem Frühstücke, dafs Du unsre Nerven schon- test, und nicht so unaufhörlich mit Deiner Flinte knalltest!“. „Es thut mir wirklich leid, dafs ich Sie störe, Sir! Aber es ist eine Capitalflinte, von Joe Man- ton gemacht, und kostet vierzig Cuineen.“ „Ein Thor sucht sich so bald als möglich von seinem Gelde zu befreyen, lieber Neffe; ich bin Hur froh, daſs Du so viel Guineen wegzuwerfen ast. „Jeder hat so sein Steckenpferd, lieber nkel, das Ihre sind die Bücher.“ 84 Sternunt se somno diversae in litore phocae, Welches man wohl so wiedergeben könnte: Ja, wenn Du meine Sammlung hättest, da würde sie sich bald bey dem Büchsenmacher, dem Pferdehändler, dem Hundedressirer zer- streuen— coemtos undique nobiles libros mutare loricis Iberis!“ „Ihre Bücher könnt' ich freylich nicht brau- chen, lieber Onkel, und Sie werden wohl thun, wenn Sie sie in bessere Hände kommen lassen; aber rechnen Sie die Fehler meines Kopfes nicht meinem Herzen zu. Ich werde mich nicht von einem Cordery trennen, der einst einem alten Freunde gehörte, wenn ich auch ein Paar Pferde, wie die des Lords Glenallan, dafür bekommen sollte.“. „Das trau' ich Dir zu, lieber Junge! das trau' ich Dir zu! Ich plage Dich nur zuweilen ein wenig; das hält den Geist der Zucht und die ge- wohnte Unterwürſfigkeit aufrecht. Du wirst ge- wiſs Deine Zeit hier recht angenehm zubringen, wenn Du von Niemanden, als mir, von keinem Capitain oder Obersten, oder Knight in Arms, wie es bey Milton heiſst, Befehle anzunehmen brauchst, und anstatt der Franzosen nur die Gens humida ponti— denn, wie Virgil sagt: Die Sechund' ruhn am Ufer hier In unsers Hektor's Kampfrevier 85⁵ Aber, wenn Du böse wirst, so sag' ich kein Wort mehr. Aha! da ist ja auch der alte Adam im Hofe! Mit dem hab' ich Geschäfte. Leb' wohl, Hektor! Denke nur, wie sie in die See plumpte, wie ihr Meister Proteus, et se jactu dedit acquor in allum.“ Mac-Intyre wartete nur so lange, bis der On- kel die Thüre hinter sich zugemacht hatte; dann lieis er seinem Aerger vollen Lauf. «Mein Onkel,“ sagte er zu sich selbst,«ist der beste Mann von der Welt, und in seiner Art auch der gutmüthigste. Eh' ich indefs noch ein Wort von der verdammten Phoca höre, will ich lieber bey einem Regiment nach Westindien Dienste nehmen, und sein Angesicht nie wieder sehen.* Mifs Mac-Intyre, welche ihrem Onkel aus Dankbarkeit ergeben war, aber ihren Bruder fast leidenschaftlich liebte, pflegte bey solchen Gele- genheiten gewöhnlich die Priedensstifterin zu spielen. Sie eilte dem Onkel entgegen, ehe er noch in's Gesellschaftszimmer trat. Nun, Mifs Frauenzimmer, was soll denn diese flehende Miene bedeuten Hat die Juno etwa wieder ein Unheil angerichtet b' «Nein, lieber Onkel, aber Juno's Herr ist so alarmirt wegen Ihres Scherzes mit dem Seehunde. Sie können mir's glauben, er fühlt das tiefer und schmerzlicher, als sie selbst wünschen werden. Albern ist’s von ihm, das ist wahr; allein Sie 86 können auch Jedermann so lächerlich machen, daſs— „Nun, liebes Kind, ich will meiner satyrischen Ader künftighin nicht mehr so freyen Lauf lassen — will die Phoca gar nicht mehr erwähnen, und auch nicht einmal darauf anspielen. Ich bin gar nicht monitoribus aspern, vielmehr, wie Cott weiſs, das mildeste, sanfteste und ruhigste Ge- schöpf, das sich von Schwester, Nichte und Nef- fen ganz nach Willkühr leiten läfst.“ Mit dieser kleinen Lobrede, die Oldbuck sich selbst hielt, trat er in das Gesellschaftszimmer, und machte seinem Neffen den Vorschlag, mit ihm nach der Muschelklippe zu gehen.«Ich hab' einem Weibe in Mucklebackit's Hütte einige Fra- gen vorzulegen, und wünschte gern einen Zeu- gen. So muſs ich denn, in Ermanglung eines bessern, mit Dir vorlieb nehmen, Hektor!“ Der alte Adam ist ja da und Caxon! Sollten die nicht besser dazu taugen, als ich?“ Das mufs ich sagen, Du schlägst mir ja recht hübsche Begleiter vor. Ich bin Dir für Deine Artigkeit in der That verbunden. Der alte Blau- rock soll zwar mit mir gehen, allein keineswegs als gültiger Zeuge; denn das kann er nicht, da er jetat, wie unser Freund, der Amtmann lüttle- john— Cott segne seine Studien— sich aus- zudrücken pflegt, tanquam suspeotus zu betrach- 87 ten ist. Du aber bist suspicione major, wie sich unsre Gesetze ausdrücken.“ Ich wünscht, ich wäre Major, Sir!“ ent- gegnete Hektor, der blos das letzte, für das Ohr eines Soldaten so ausdrucksvolle Wort auffaſste; aber ohne Geld und Fürsprache ist wenig Hoff- nung zu einer solchen Beförderung.“ «Nur ruhig, Du tapfrer Sohn des Priamus!“ sagte der Alterthumsforscher;«folge nur der Lei- tung Deiner Freunde— wer weiſs, was geschicht! Jetzt komm' mit mir, und Du wirst etwas sehen, das Dir nützlich werden kann, wenn Du einmal in einem Kriegsgerichte sitzen solltest.“ Ich habe schon manchen Regimentssitzungen beygewohnt, Sir,“ entgegnete Capitain Mac-In- tyre.—«Aber hier ist ein neues Rohr für Sie!“ Danke, danke verbindlichst.“ «Ich hab's von unsrem Regimentstambour ge- kauft, der von der Armee in Bengalen, als diese vom rothen Meere herunter kam, sich an unser Regiment anschlofs. Es ist an. den Ufern des Indus geschnitten— so viel kann ich sie ver- sichern.“ „Es ist wahrlich ein schönes Indisches Rohr, und ersetzt mir den Verlust des Spazierstocks, den ich bey der Pho— doch, was hätt' ich bald gesagt!“ Die ganze Cesellschaft, bestehend aus dem Al- terthumsforscher, seinem Neflen und dem alten 88 Bettler, schlug nun den Weg nach der Muschel- klippe ein— Oldbuck äusserst aufgelegt, Beleh- rung zu ertheilen, und die Uebrigen, aus einem Gefühl früherer Verbindlichkeiten und einiger Hoffnung auf künftige Gunstbezeugungen, geneigt, ihm ihre Aufmerksamkeit zu schenken. Der On- kel und der Neffe gingen neben einander, der Bettler befand sich anderthalb Schritt hinter ih- nen, und seinem Cönner gerade nahe genug, dafs dieser, ohne sich umzusehen, sich ihm durch ein leises Umdrehen verständlich machen konnte. Petrie in seinem Versuch einer guten Erzie- hung, ein Werk, das er der Obrigkeit zu Edin- burg zugeeignet hat, empfiehlt aus eigener Erfah- rung, da er selbst in einer angeschenen Familie Hofmeister war, die Beobachtung des erwähnten Anstandes allen Schranzen, Erzichern und abhän- gigen Leute, zu welcher Classe sie gehören mögen. So bewegte sich demnach der Alterthumsfor- scher vorwärts, voll von Gelehrsamkeit, und nicht unähnlich einem Kriegsschiffe, das bald von dieser bald von jener Seite den Feinden, die es verfolgen, eine volle Ladung gibt. «Ihr meynt also,“ sagte er zu dem Bettler, dafs dieser Glücksfall, diese arcoa auri, wie Plau- tus sagt, dem Sir Arthur in seinen Nöthen eben nicht viel helfen wird?“ Er müſste freylich noch zehn Mal mehr fn. den,“ entgegnete Ochiltree,«und daran zweifle 89 ich sehr.— Ich hörte Puggie Orrock und den andern Schuft von Cerichtsdiener darüber spre- chen, und dann steht'’s in der That mit einem rechtlichen Manne schlimm, wenn solche Leute erst schlecht von seinen Angelegenheiten sprechen dürfen. Ich fürchte, sie sperren ihn noch ein, wenn er nicht schnelle und gewisse Hülfe findet.“ 15⸗ «Ihr redet wie ein Narr!“ sagte der Alterthums- forscher.—«Es ist doch merkwürdig, Neffe, daſs man in diesem glücklichen Lande Niemand Schul- den halber festsetzen darf.“ «Wirklich, Sir P“ versetzte Mac-Intyre, da- von hab' ich noch nie etwas gehört.— Nun, der Theil unsrer Gesetze würde Einigen von unsrer Tischgesellschaft wohl zu Statten kommen.“ «Wie geht's denn aber zu,“ sagte Ochiltree, a daſs sich so viele arme Teufel in dem Gefäng- nisse zu Fairport befinden, wenn sie nicht Schul- den halber verhaftet sindo Man sagt doch, ihre Gläubiger hätten sie festsetzen lassen.— Wenn's wenigstens ihr freyer Wille ist, so mufſs es ihnen dort wahrlich besser gefallen, als mir.“ „ «Eine sehr natürliche Bemerkung, Adam, die auch wohl mancher Vornehmere machen könnte; allein sie gründet sich auf blose Unbekanntschaft mit dem Feudalsystem.— Hektor! Ich bitte Dich recht sehr, höre doch zu, wenn Du nicht etwa 1* schon wieder nach einer— hm! hm! 9⁰ Hektor gab sich alle mögliche Mühe, aufmerk- sam zu seyn. «Auch Euch, Adam, kann es nützen, nerum cognoscere causas. Die Natur und der Ursprung eines Verhaftbefehls ist ein Ding haud alienum a Scaevolae studiis. Ich muſs Euch daher noch- mals sagen, daſs in Schottland kein Mensch Schulden halber verhaftet werden kann.“ «Das ist mir ziemlich einerley,“ sagte der Alte, seinem Bettler borgt so Niemand viel.“ «Ruhig! Als ein Zwangmittel zur Zahlung— wozu die Schuldner bekanntlich von Natur nicht geneigt zu seyn pflegen, wie ich aus eigener Er- fahrung weifs— hatten wir zuerst Briefe von viererley Form, eine Art höflicher Einladung, wodurch unser allergnädigster Herr, der König, wie es einem Monarchen zukommt, in die Ord- nung der Privatangelegenheiten seiner Untertha- nen eingrilf— Anfangs auf gütlichem Wege durch Ermahnung, dann auf eine strengere und dringendere Weise.— Was siehst Du denn aber nach dem Vogel dort, Hektor Es ist ja eine Seemöve!“ Es ist eine Seeschwalbe!“ sagte Adam. Immerhin! Was thut das jetzt zur Sache? Aber ich merke schon, Ihr habt Langeweile. Ich will daher die viererley schriftlichen Erinnerun- gen übergehen, und blos die Procedur in neuerer Zeit berühren. Ihr glaubt vermuthlich, man 91 verhafte Jemand deswegen, weil er seine Schul- den nicht bezahlen kannb Bewahre der Himmel! Der König ist blos so gütig, sich auf Anregen des Gläubigers für ihn au verwenden, und dem Schuldner seinen königlichen Befehl zuzusenden, jenem in einer bestimmten Frist— innerhalb vierzehn Tagen, einer Woche, oder je nachdem's nun ist— gerecht zu werden. Ist der Schuldner ungchorsam, widersetzt er sich— was folgt ꝰ Natärlich nichts anderes, als dafs er mit Recht nach den Gesetzen für einen Empörer gegen un- sern allergnädigsten Monarchen erklärt wird, dessen Befehlen er nicht gehorcht, und zwar durch einen dreymaligen Stofs in das Horn, auf dem Markte zu Edinburg, als der Hauptstadt Schottlands. Dann wird er gesetzlich verhaftet, nicht wegen einer Civilschuld, sondern weil er den königlichen Befehl nicht respectirt hat.— Nun, was sagst Du dazu, Hektor? Nicht wahr, das hast Du noch nicht gewufst d“ „Nein, lieber Onkel,“ entgegnète MacIntyre; „indefs wäre mir's weit lieber, falls ich Geld brauchte, um meine Schulden zu bezahlen, wenn mir der König welches schickte, statt dafs er mich für einen Rebellen erklärt, weil ich nicht that, was ich unmöglich thun konnte.“ „Du bist durch Deine Erziehung noch nicht so weit gedicehen, daſs Du diese Dinge aus dem rechten Gesichtspunkte betrachten kannst!“ ver- 9² setzte der Onkel. Du bist nicht im Stande, die Eleganz der gesetzlichen Fiction zu schätzen, und die Art und Weise, wie man eine, zum Schutze des Handels nothwendige Strenge gegen wider- spenstige Schuldner, mit der gewissenhaftesten Berücksichtigung der Unterthanenfreyheit zu ver- einigen gewuſst hat.“. «Das weiſs ich freylich nicht, Sir! Allein wenn Jemand entweder seine Schulden bezahlen, oder in's Gefängnifs wandern muſs, so wär's, dächt' ich, ziemlich gleich, ob er als Schulduer oder als Rebell dahin wandert. Aber Sie sagten ja, der königliche Befehl gestatte noch immer einige Tage Frist, und da würd' ich, wenn ich mich in Verlegenheit befände, zum Abmarsch blasen, und den König und den Gläubiger es unter sich ausmachen lassen, ehe zum Acussersten geschrit- ten würde.“ «Ich würd's eben so machen,“ versetzte Adam, und würd' ihnen eine Fersen-Bürgschaft geben.“ «CGanz gut; aber mit denen, welche das Gesetz im Verdacht hat, daſs sie die übliche Visitation nicht gehörig respectiren, verfährt man auf kür- zere Weise, durch eine Auflorderung ohne wei- tere Umstände, wie man's mit Personen zu ma- chen pflegt, bey denen Ceduld und Nachsicht verschwendet seyn würden.“ Hm!“ sagte Ochiltree,«das ist wohl das, was man einen Steckbrief nennt? Nun, ich kenn's! „ —— 9⁵ Im Süden gibt's auch Cränzbriefe— das sind recht rasche, fatale Dinge. Ich wurde durch so einen auf dem St. Jacobsmarkte arretirt, und in dem alten Gewölbe zu Kelso einen ganzen Tag und eine Nacht festgehalten— ein kalter, schau- riger Ort war's, das könnt Ihr glauben!— Aber was ist denn das für ein Weib, mit dem Korbe auf dem Rücken. Wenn ich nicht irre, so ist's die arme Frau GCrete selbst!“ Sie war es wirklich. Des armen Weibes Schmerz über ihren Verlust war, wenn auch nicht ver- mindert, doch wenigstens ruhiger geworden, da sie sich durchaus genöthigt sah, für ihre Familie Unterhalt zu erwerben, und in ihrer Anrede an Oldbuck lag etwas von der gewöhnlichen Art, womit sie ihren Kunden ihre Waare empfahl, und von dem Ton der Klage über ihren kürzlich erlittenen Verlust.. «Wie geht’s Euch denn, Monkbarns?“ sagte sie,«ich hab' noch nicht das Glück gehabt, Ew. Herrlichkeit für die Gnade zu danken, die Sie dem armen Steenie erwiesen haben, da Sie sein Haupt zu Grabe trugen. Der arme Junge!“— Hier trocknete sie sich die Augen mit dem Zipfel ihrer blauen Schürze.— Jetzt rückt doch die Zeit zum Fischfange heran; mein Mann aber, der hat gar keine Lust, sich auf's Wasser zu wa- gen, Es thäte indeſs wahrlich gut, wenn er die Hand wieder an's Werk legte. Ich getraue mir 94 nicht, es ihm zu sagen; es klingt so besonders, wenn unser eins zu einem Manne so was spricht. — Indeſs, ich habe hier ein Paar recht hübsche, ansehnliche Schellfische. Für drey Schillinge das Dutzend will ich sie Euch lassen, denn ich kann nicht viel handeln, und nehme, was mir eine Christenseele dafür bieten will, ohne Umstände.“ Was machen wir, Hektor?'“ sagte Oldbuck, und blieb stehen. Ich kam schon einmal bey meinen Weibsleuten übel an, weil ich einen schlechten Handel gemacht hatte. Diese See- thiere, Hektor, stiften in unsrer Familie nichts als Unheil.“ 3 Was wir machen, Onkel?“ entgegnete Mac- Intyre.«Wir bezahlen der armen Frau Grete, was sie fordert, oder— erlauben Sie mir, daſs ich ein Gericht Fische nach Monkbarns schicke.» Mlit diesen Worten reichte er der Verkäuferin das Geld; allein diese zog ihre Hand zurück. „Nein! nein! Capitain!“ sprach sie, Ihr seyd jung und wiſst's Geld nicht zu schätzen. Ein Zank mit der alten Haushälterin zu Monkbarns oder mit Fräulein Griselda wird eben nicht schaden, denk' ich. Und dann mußs ich doch auch sehen, was Jenny Rintherout macht— das wilde Mäd- chen. Sie ist nicht wohl, wie's heifst. Am Ende grämt sie sich noch über den armen Steenie! Das einfältige Ding! Als ob der auf ein Mädchen, wie sie, jemals ein Auge gchabt hätte!— Nun, 95⁵ Monkbarns, es sind gute Schellfische; aber wenn Sie heut zu Mittage eine Mehlspeise*) haben, so werden Sie mir wohl nicht viel dafür bieten.“ So schritt sie mit ihrem beladenen Korbe wei- ter. Kummer, Dankbarkeit gegen die Theilnahme vornehmer Leute, und die gewohnte Liebe zum Handel und Erwerb kreuzten sich abwechselnd in ihrem Kopfe. «Da stehen wir nun vor der Thür der Hütte,“ sagte Ochiltree;«ich möchte doch wissen, Monk- barns, warum Ihr mich bis hieher geschleppt habt? Lust, hineinzugehen, hab' ich, offen gestanden, nicht. Ich mag nicht daran denken, wie die jungen Leute so alle neben mir gefallen sind, und ich nun dastehe wie ein alter Baumstamm, der kein grünes Blatt mehr hat.“ «Sandte Euch nicht das alte Weib hier drinnen, als Boten, an den Grafen von Glenallan ab?“ fragte Oldbuck. «Ja,“ versetzte der Bettler erstaunt, aallein woher wiſst Ihr denn das p'* 1 «Aus Glenallan's eigenem Munde. Es ist also kein Verratlr, kein Treubruch von Deiner Seite, und weil er wünscht, daſs ich ihre Aussage über verschiedene wichtige Familienangelegenheiten zu *) Im Original steht crappit- keads, ein Schottisches Gericht, das aus Kabliau und Hafermehl oder Grüz- ze bereitet wird. A. d. Uebers. Papier bringen möge, s0 hab' ich Dich mitge- nommen, da in ihrem Zustande, der zwischen Ceistesschwäche und vollem Bewuſstseyn abwech- selt, Deine Stimmefund PDein Anblick vielleicht Erinnerungen in ihr wecken können, die sonst schwerlich erwachen möchten. Das Gemüth des Menschen— Aber, was hast Du denn vor, Hektor?“ „Ich pfiff blos dem Hunde, Sir! Er verläuft sich sonst zu weit. Ich wuſst's wohl, dafs ich Ihnen lästig seyn würde.“ Bewahre! Nicht im mindesten!— Das Ge- müth des Menschen gleicht einem Gewirre aus- gezupfter Seide, wo man erst sorgfältig das freye Ende eines Fadens aufsuchen mufs, che sich das Ganze auflösen läſst.“ Davon versteh' ich nichts,“ sagte der Bettler; zallein wenn meine alte Bekannte noch gauz, oder auch nur so ziemlich dieselbe ist, so wird sie uns schon zu schaffen machen. Es ist ordent- lich schauerlich, wenn man sie sieht und hört, wie sie so die Arme wirft, und wie ein gedrucktées Buch spricht, ob sie gleich nur ein altes Fischer- weib ist. Eine vornehme Erziehung hat sie frey- lich genossen, und es wurde viel aus ihr gemacht, che sie sich so tief unter ihrem Stande verheyra- thete. Sie kann wohl so ein zehn Jahr älter seyn, als ich, und ich entsinne mich recht gut, daſs man's ihr sehr verdachte, wie sie sich mit dem 1 97 Simon Mucklebackit, dem Vater von dem Saun- ders, vermählte, so, als ob sie recht was Vor- nehmes gewesen wäre. 8ie kam indeſs wieder in Gunst, und verlor sie nachher abermals, wie ich von ihrem Sohn gehört habe, der damals noch ein Kind war. Endlich aber bekam sie viel Geld, verliefs ganz das Gebiet der Gräfin, und nahm hier ihren Wohnsitz. Allein es wollt' ihr nie recht gut gehen. Eine recht gute Erziehung hat sie indeſs gehabt, und wenn sie erst anfängt, Englisch zu sprechen, wie ich's denn wohl in einigen seltenen Fällen gehört habe, da wird sie uns gewiſs viel zu schaffen machen!“ ——— 2 ———— Vierzigstes Kapitel. Das Leben, in so hohem Alter, nimmt Unmerklich ab, gleichwie die Ebb' allmählig Zuruckläſst die gestrandete Galeere.— 3 Noch kürzlich schwankte sie bey jedem Stoſs Von Mind und Welle; doch es ruht ihr Kiel MNun auf dem Sand', und einen Winkel bildet Der Mast jetzt unverändert mit dem Himmel; Bey jeder neuen Welle schwankt sie minder, Zis sie zuletzt am Meeresstrande daliegt, Mutz- und bewegungslos.— Altes Schauspiel. — Als der Alterthumsforscher die Thüre öffnete, erstaunte er nicht wenig, als er Elsbeth mit schauerlich klagendem Tone eine alte Ballade, in der Art eines Recitativs, singen hörte —r 99 Der Hering liebt des Mondes Schein, Die Makrele liebt den Wind, Die Austern nimmt das Fischerlied ein, Weil von edlem GCeschlechte sie sind.“ Oldbuck, ein fleiſsiger Sammler solcher alten Poesien, blieb an der Thürschwelle stehen, und griff unwillkührlich nach Taschenbuch und Bley- stift, um Einiges davon aufzuzeichnen. Von Zeit zu Zeit redete die Alte, als ob sie mit den Kin- dern spräche;«Still, Kleiner, hörst Du nicht? Ich will Dir auch was Hübscheres singen— Nun zähmt die Zunge, Weib und Mann, Habt, Groſs und Klein, wohl Acht! Ich sing' vom Grafen Glenallan, Der schlug die Harlaw's-Schlacht. Am Bennachie der Cronach*) klang, Er klang am Don mit Macht, Und Thal und Hochland trau'rte bang Ob der blut'gen Harlaw's-Schlacht. «Auf die nächsten Verse kann ich mich nicht mehr besinnen,“ sprach Elsbeth zu sich selbst, das Gedächtniſs verläfst mich— schreckliche Cedan- — *) Cronach— die bey den Hochländern übl'’che Tod- tenklage. A. d. Uebers. 100 ken treten vor meine Seele— der Herr führ' uns nicht in Versuchung“— Hier verloren sich ihre Worte in einem unverständlichen Gemurmel. Es ist eine historische Ballade,“ sagte Old- buck begeistert, ohne allen Zweifel ein ächtes Fragment des Minstrelgesanges. Percy würde seine Einfachheit bewundern, und Ritson*) könn- te seine Aechtheit nicht bestreiten.“ Es ist doch traurig,“ versetzte Ochiltree,«dafs ein Mensch so abgestumpft werden kann, dafs er nach einem Verluste, wie sie erfahren, noch der- gleichen alte Lieder absingt!“ 3 «Still, still!“ sagte der Alterthumsforscher, „sie hat den Faden der Geschichte wieder aufge- nommen!“— Indem er so sprach, sang sie: „Sie sattelten hundert weiſse Ross', Und hundert schwarz' im Flug; Ein Chafron den Kopf jedes Pferdes umschloſs, Das seinen Ritter trug.“ „Chafron! rief der Alterthumsforscher;«viel- leicht gleichbedeutend mit cheveron)? Das — *) Ein Commentator Shakspeare’s. A. d. Uebers: **) Oder chevron, auch im Französischen, der Sparren oder Balken in der Heraldik. A. d. Uebers. 101 Wort ist einen Thaler werth!“ Und augenblick- lich stand es in seinem Taschenbuche. „Sie ritten noch nicht eine Meile weit, Als sie mit Staunen sahn, Dafs Donald nahte, gerüstet zum Streit, Mit zwanzig tausend Mann. Die Tartan's*) flattern hoch empor, Hell glänzend blinkt das Schwert, Der Pibroch**) tönt, der jedes Ohr Betäubt, so wie's ihn hört. Der groſse GCraf im Bügel stand, Des Hochlands Heer zu sehn: Wo ist ein Rittersmann wohlbekannt, Um einen Kampf**) zu bestehn P *) TZuartan— das gewöhnliche Kleid der Hochländer, welches aus einem kreuzweise gestreiften, vielfarbi- gen Zeuge besteht. A d. Uebers. **) Pibroch— ein kriegerischer Gesang der Hochländer, der gewöhnlich von einem Dudelsacke oder einer Sackpfeife(bag-pipe) begleitet Wird.(S. Beattie's Ersays on laughler dnd ludicrous composition.) A. d. Uebers. ²*½) Im Original steht eigentlich jeopardie, alt für jeo- pardy(dus dem Franzosischen jeu perdu oder jeu parti) die Fährlichkeit, das Wagstick So kommt es in Shakspeare's König Johann(Act III. Sc. l.) vor. A. d. Uebers. 102 Was würdest du thun, mein Knappe, so brav, Der nimmer von mir wich, Wär'st heute du Glenallan's Graf, Und Roland Cheyne wär'’ ich? Zu fliehen wär' wohl Schande nun, Im Kampf droht Todesschlaf— Wäs, Roland Cheyne, würd'st du jetzt thun, Wär'st du Glenallan's Graf b' Ihr müfst wissen, Kinder, dieser Roland Cheyne war mein Ahnherr, so alt und arm Ihr mich auch hier an dem Feuer sitzen seht, und war an dem Tage der Schlacht ein furchtbaren Mann, besonders, nachdem der Craf gefallen war; er machte sich indefs selbst Vorwürfe wegen des Raths, den er gegeben hatte, zu fechten, ehe noch Mar mit Mearns und Aberdeen und Angus zu ihm stieſs.“ Mit lauterer Stimme und lebhafter, als vorher, sang sie nun den kriegerischen Rath ihres Ahn- herrn: «Wär'’ ich jetzo Glenallan's Craf, Und Roland Cheyne wär't Ihr: Dem Roſs liefs ich die Zügel schlaff, Und spornt' es für und für. V —— . 103 Und hättet tausend Klingen ihr, Und wir nur zweymal zehn: Euch hüllt der Tartan, während wir Im Panzerhemde stehn. Wild sprengt mein Roſs durch ihre Reihn, Wir setzen uns zur Wehr! Den Normann nimmt die Furcht nicht ein, Naht sich des Hochlands Heer.“ Hörst Du, Neffer“ sagte Oldbuck. Deine Caelischen Vorfahren wurden von den Kriegern der Thalgegend nicht eben sehr geachtet!“ aIch hab' nichts weiter gehört,“ entgegnete Hektor, als dafs ein altes dummes Weib ein altes einfältiges Lied singt. Ich mufs mich in der That wundern, daſs Sie, Sir, der Sie nicht einmal Ossian's Gesänge von Selma hören mögen, an solchem Gewäsche Geschmack finden können. Ich muſs gestehen, dafs ich nie ein elenderes Gassenlied gehört habe, und der elendeste Tröd- ler kann kaum ein schlechteres in seinem Pack herumtragen. Schämen müfst' ich mich, wenn ich glauben könnte, daſs die Ehre der Hochländer durch solches Zeug beschimpft würde.“ Dabey warf er den Kopf stolz in die Höhe und plickte verächtlich um sich. Wahrscheinlich hatte die Alte ihre Stimmen von innen gehört; denn sie hörte auf zu singen, 104. und rief: Nur herein, nur herein, meine Her- wnen! Wer was Gutes im Sinne hat, bleihbt nicht auf der Schwelle stehen!“ Als sie eintraten, fanden sie Elsbeth, zu ih- rem Erstaunen, allein,«gespenstisch am Heerde sitzend,“ wie das personificirte Alter in dem Jä- gerlied von der Eule*),«zerlumpt und ärmlich, mit tiefen Runzeln und trübumflortem Auge, bleich und starr.“ «Sie sind alle ausgegangen,“ sagte sie, als jene eintraten;«wenn Ihr Ruch indeſs ein wenig nie- derlassen wollt, so wird wohl bald Jemand kom- men. Habt Ihr Ceschäfte mit meiner Schwieger- tochter oder mit meinem Sohn, so wartet nur ein wenig, sie müssen bald eintreffen. Ich rede nicht mehr von Ceschäften.— Kinder, gebt den Frem- den Sessel! Aber sie sind auch wohl fort!“ fügte sie hinzu, indem sie sich umsah. Ich sang ih- nen vorher etwas vor, damit sie nur ein Weil- chen ruhig seyn sollten, und da sind sie denn doch wieder hinausgelaufen.— Nun, nehmt doch Platz, Ihr Herren! 3 Mit diesen Worten lieſs sie die Spindel wieder aus der Hand auf dem Boden hintanzen, und „ *) In Mr. Grants Werk: Ueber den Aberglauben der Hochländer(on the Highland Superstitions) Band II. 8. 260 findet man eine gelungene Uebersetzung die- ses Gedichts aus dem Gaelischen. 205 schien einzig damit beschäftigt, daſs sie dieselbe in gehöriger Bewegung erhielt, ohne sich um die Fremden zu bekümmern, so wie sie auch völlig gleichgültig gegen ihren Rang schien, und gegen das, was sie hieher geführt hatte. «Ich wünschte, sie setzte ihren Gesang fort,“ sagte Oldbuck,«denn ich glaube immer, dafs vor dem Haupttreffen bey Harlaw noch ein Ge- fecht der Reiterey vorgefallen ist.“ Wenn's Euer Gnaden anders beliebt,“ ver- setzte Adam,«so wär's wohl besser, dächt' ich, Sie machten sich sogleich an das eigentliche Ge- schäft, um dessentwillen wir hier sind. Das Lied sollen Sie schon bekommen.“ «Du hast Recht, Adam— da manus— ich unterwerfe mich. Aber wie fangen wir's nun an? Da sitzt sie, das leibhafte Ebenbild des kindi- schen Alters. Rede Du sie an, Adam! Versuch' einmal, ob Du sie dahin bringen kannst, daſs sie sich erinnert, Dich nach Glenallan-House ge- sandt zu haben.* Adam stand auf, ging quer über die Hausflur, und nahm dann dieselbe Stellung an, wie damals, als er sich mit ihr unterhalten hatte. «Es freut mich, Mutter,“ sprach er,«daſs Ihr so wohl ausseht, da Ihr doch seit der Zeit, da ich unter Eurem Dache gewesen bin, so viel Unglück erlebt habt.“ „Ja,“ verscetzte Elsbeth, mehr durch die all- 106 gemeine Idee von Unglück angeregt, als durch eine bestimmte Erinnerung dessen, was vorgefal- len.„Ja, wir haben kürzlich viel Unglück ge- habt. Ich wundre mich, wie's das junge Volk erträgt— ich trag' es schwer. Hör' ich, wie der Wind pfeift und die See tobt, so ist mir's, als säh' ich das Boot, mit dem Kiel oben, und den Armen mit den Wellen kämpfend. Ach, Ihr Herren, dergleichen schwere Träume kommen Einem zwischen Schlaf und Wachen, ehe man zu dem ewigen und gesunden Schlummer gelan- gen kann. Manches Mal stell' ich mir sogar vor: mein Sohn oder mein Enkel Steenie sey todt, und ich hätte sie begraben sehen. Sind das nicht recht schwere Träume für ein altes Weib? Wa- rum sollten sie denn gerade cher sterben, als ich? Das wäre ja wahrlich ganz gegen den Lauf der Natur.“ Ich glaube, Sir, Sie werden wenig aus dem alten einfältigen Weibe herausbringen,“ sagte Hektor, der vielleicht wegen des Liedes und der geringschätzigen Art, wie darin seiner Landsleute gedacht wurde, einige Abueigung gegen sie fühlte; «wie gesagt, Sie werden wenig aus ihr heraus- bringen, glaub' ich, und wir verschwenden nur die Zeit, wenn wir hier sitzen bleiben, und dem kindischen Geschwätze zuhören!“ „Hektor!“ versetzte der Alterthumsforscher un illig;«wenn Du auch ihr Unglück nicht ach- 107 test, so achte wenigstens ihre grauen Haare. Dies ist die letzte Periode des Lebens, welche der Rö- mische Dichter so schön schildert: ———— omni Membrorum damno major dementia, quae neo Nomina servorum, nec oultus agnoscit amici, Cum quo praeterita coenavit nocte, nec illos, Quos genuit, quos eduxit——*) «Das ist lateinisch!“ sagte Elsbeth mit einor Geberde, als ob sie den Versen, welche der Al- terthumsforscher mit vielem Pomp declamirte, ein aufmerksames Ohr lieh.«Das ist Lateinisch!“ und dabey schaute sie mit wilden Blicken um- her. So hat mich denn doch endlich ein Prie- ster hier entdeckt P“* «Du siehst, Neffe,“ sagte Oldbuck,«sie ver- steht diese schöne Stelle eben nicht viel besser, als Du!** Ich will doch hoffen, Sir, Sie trauen mir zu, daſs ich eben so gut weiſs, was Lateinisch ist! ——ʃͦ;——:-:— *) Schrecklicher noch, denn aller Glieder Verlust, ist der Wahnsinn, Der nicht die Namen der Sklaven erkennt, noch das Antlitz des Freundes. Welcher Abends zuvor mit ihm safs beym Mahle, noch jene, Die er gezcugt und erzogen.—— 108 Das wohl, aber— doch, horch! sie will weiter reden.“ Ich will aber keinen Priester! ich will kei- nen!“ rief die Alte mit ohnmächtiger Heftigkeit. «Wie ich gelebt habe, will ich auch sterben; Niemand soll sagen, daſs ich meine Gebieterin verrathen habe, und wenn ich auch meine Seele dadurch retten könnte!“ «Das zeugt von einem bösen Gewissen,“ sagte der Bettler;«sie würde wohl mit der Sprache frey herausrücken, wenn's nur sie allein beträfe.“ Demungeachtet machte er einen abermaligen Versuch. Nun Alte,“ sprach er,« ich hab' Eure Botschaft an den Crafen bestellt.“ An welchen Crafen? Ich kenne keinen Cra- fen. Eine Cräfin— ja, die kannt' ich einst, und wollte, ich hätte sie nie gekannt; denn durch diese Bekanntschaft, Nachbar, kamen—“ sie zählte, während sie sprach, an ihren dürren Fin- gern—«erstens der Stolz, dann die Bosheit, dann die Rache, dann das falsche Zeugniſs, und — der Mord pochte an die Thür, aber er kam noch nicht herein.— Nun, waren das nicht ar- tige Cäste, um sich in einem weiblichen Herzen einzunisten 5 Gesellschaft genug war'’s 12 „Aber, Mutter, ich meynte ja nicht die Grä- ſin von Glenallan, sondern ihren Sohn, der Lord Geraldin hiefs.“ „Jetat besinn' ich mich,“ sagte Elsbeih, Es „ 109 ist noch nicht lange her, daſs ich ihn sah, und wir sprachen über wichtige Dinge mit einander. — Xch, Ihr Herren, der hubsche junge Lord ist so alt und hinfällig geworden, wie ich selber. Gram und Herzenskummer und Kränkung treuer Liebe nimmt ein junges Blut gar sehr mit. Aber das hätte die Mutter selbst bedenken sollen! Wir vollzogen ja nur ihre Befehle, wie Ihr selbst wifst. So viel weiſs ich, dafs mir kein Mensch daräber Vorwürfe machen kann. War es doch nicht mein Sohn— sie aber war meine Gebieterin. Ihr wiſst ja, wie's im Liede heifst — ich habe beynahe das Singen verlernt, oder mein alter Kopf kann sich wenigstens auf die Melodie nicht mehr besinnen: Er dreht' ihn hin und her:«Treibt ja Mit Mutterlieb' nicht Scherz! Feinsliebchen find' ich hie und da, Doch nie ein Mutterherz.“ Dann war er ja aber auch nur halbbrätig, wie Ihr wifst, und der ihre war der rechte Glenallan. Nein! Nein! Es darf mich nicht dauern, was ich für die Gräfin Joscelind gethan und gelitten habe. Ich werde mich nie darüber beklagen.“ Mit diesen Worten zog sie wieder den Flachs vom Rocken, und setzte mit finstrer Miene ihre 110 Arbeit fort, wie Jemand, der entschlossen ist, nichis zu bekennen. elch hab' aber gehört.“ versetzte der Bettler, sich auf das stützend, was ihm Oldbuck von der Geschichte mitgetheilt hatte. Ich habe gehört, dafſs eine böse Zunge zwischen den Grafen, näm- lich den Lord Geraldin, und seine junge Braut gekommen ist.“ «Böse Zunge!“ sagte sie rasch und heftig;«was hatte sie denn zu fürchten von einer bösen Zun- ge?— Sie war gut und schön genug— wenig⸗ stens galt sie dafür bey allen Leuten. Wenn sie indeſs nur ihre eigene Zunge im Zaum gehalten hätte, wie eine Lady hätte sie leben können, mocht' auch geschehen, was da wolle.“ „Auch hab' ich sagen hören,“ fuhr Ochiltree fort,«man habe sich in der Gegend mit einem Gerücht getragen: sie und ihr Gemahl wären zu nahe verwandt gewesen, als sie sich geheyrathet.“ «Wer darf das behauptenp“ entgegnete die Alte schnell;«wer darf sagen, dafs sie vermählt wa- renb Wer wuſste darumb— Die Gräfin nicht — ich nicht— waren sie insgeheim vermählt, so wurden sie auch heimlich geschieden. Sie tranken aus dem Quell ihres eigenen Betruges.“ «Nein, elende Hexe!**) rief Oldbuck, der *) Im Original steht Beldame, das bekanntlich im gu- ten und bösen Sinne gebraucht wird; im erstern für: 111 nicht länger zu schweigen vermochte;«sie tran- ken das Gift, das Du und Deine verruchte Ge- bieterin ihnen bereitet hatten.“ «Ha! Ha!“ versetzte jene,«hab' ich's doch ge- dacht, dafs es dahin kommen würde! Ich darf aber nur schweigen, wenn sie mich verhören— cs gibt ja heut zu Tage keine Toriur mehr, und gäb's auch eine— je nun, sie mögen mich mar- tern. Es ist immer schlecht, wenn ein Diener den verräth, dessen Brod er ifst.“ «Sprich Du mit ihr, Adam!“ sagte der Alter- thumsforscher,«sie kennt einmal Deine Stimme und ist bereitwilliger, Dir zu antworten.“ «Wir bringen jetzt wohl nichts mehr aus ihr heraus,“ enigegnete Ochiltree;«wenn sie sich so zusammengekrüimmt und die Hände über ein- ander geschlagen hat, da spricht sie uichts mehr, viele Wochen lang, wie mansagt. Auch kommt’s mir vor, als ob sich ihr Gesicht sehr verändert hätte, seit wir hier sind. Indeſs versuchen will ich's noch einmal, um Ew. Gnaden zufrieden zu stellen. Könnt Ihr Ruch nicht entsinnen, Mut- ter, dafs Eure alte Herrschaft, die Gräfin Josce- linde, mit Tode abgegangen istb* «Die Gräfin mit Tode abgegangen?“ rief Els- Mütterchen, im letztern für Hexe.(So bey Shak- peare im König Johann und Macbeth.) A. d. Uebers. 112 beih; denn der Name verfehlte nie die gewohnte Wirkung auf sie.«Da müssen wir folgen! Wenn sie im Sattel sitzt, müssen wir reiten— sagt nur dem Lord Geraldin: wir wären schon voraus! Bringt mir meine Haube und meine Schärpe.— Aber ich kann ja nicht mit meiner Gebieterin in den Wagen steigen, wenn meine Haare so in Unordnung sind!“* Sie erhob in diesem Augenblicke ihre dürren Arme, und machte eine Bewegung, wie Jemand, der sich ankleidet, um auszugchen; dann lieſs Indefſs schien ihr noch immer der Gedanke einer Reise vorzuschweben; denn sie fuhr verworren und mit häufigen Unterbrechungen fort: Ruft Miſs Neville!— wen nennt Ihr Lady Geraldinb Es gibt keine Lady Ceraldin.— Sagt ihr das, und sie solle trockene Kleider anzichen, und solle nicht so bleich aussehen.— KindP Was soll sie mit einem Kinde?— Mädchen ha- ben keine Kinder, denk' ich.— Theresa, The- resa, die Herrschaft ruft uns! Bring' ein Licht! Die groſse Treppe ist dunkel wie in der Weih- nachtsnacht!— Wir kommen, wir kommen schon, Milady!“ Mit diesen Worten sank sie auf den Sessel zu- rück, und dann von diesem seitwärts herab auf den Boden. sie die Hände wieder starr und langsam sinken. — 113 Adam eilte, ihr beyzuspringen, allein kaum hatte er sie in die Arme gefaſst, so rief er:«Es ist aus mit ihr! Mit den letzten Worten ist sie hinübergegangen!“* Unmöglich!“ entgegnete Oldbuck, schnell hinzutretend. Sein Neffe that dasselbe. Allein es war gewiſs. Sie war mit dem letzten Wort, das ihren Lippen entfloh, verschieden, und die Umstehenden sa- hen nur die sterbliche Hülle eines Wesens vor sich, das so lange mit dem innern Bewuſstseyn verhehlter Schuld, so wie mit allem Ungemach des Alters und der Armuth gekämpft hatte. «Cott gebe, daſs sie zu einem bessern Ort hin- ſibergegangen ist!“ sagte Adam, den Leichnam betrachtend,«ach! es lag ihr etwas schwer auf dem Herzen. Ich habe schon so manchen sterben sehen, auf dem Schlachtfelde und daheim auf dem Strohlager, aber Alles das wollt'’ ich lieber noch einmal sechen, als ein so grausenhaftes Hin- scheiden, wie das ihrige.“* „Wir mäüssen auf der Stelle die Nachbarn ru- fen,“ sagte Oldbuck, als er sich etwas von sei- nem Schreck und Staunen erholt hatte,«und ih- nen diesen neuen Unfall anzeigen. Wenn wir sie nur zu einem Geständnisse hätten bringen kön- nen! Auch hätt' ich gern— wiewohl das min- der wichtig ist— das Bruchstück der alten Bal- 78. H 114 lade aufgeschrieben.— Indeſs, des Himmels Wille geschehe!“„ Sie verliefsen sogleich die Häütte, und machten Lärm in dem Dorfe. Die Matronen kamen her- bey, um sich der Leiche derjenigen anzunehmen, die als Mutter aller Haushaltungen betrachtet werden konnte. Oldbuck versprach, der Beer- digung beyzuwohnen. «Ew. Gnaden sollten uns wohl etwas senden zur Herzstärkung bey der Leichenwache“*), sagte Ailison Breck, die Aelteste nach der Verstorbe- nen; denn Saunders Wachholderbranntwein ist- bey der Bestattung des armen Steenie rein aus- geirunken worden, und so mit trocknem Munde Pönnen wir doch nicht bey der Leiche sitzen.— Elsbeih war sehr klug in ihrer Jugend, wie ich mich recht wohl entsinne; aber das Gerücht sagte auch allerley unheimliche Dinge von ihr aus. Von den Todten soll man freylich nichts Böses reden, zumal, wenn's Nachbarn sind und alte Bekannte.— Man sprach so allerley Seltsa- mes von einer Dame und einem Kinde, ehe sie noch Craigburnfoot verliefs.— Aber wahrlich, es wird eine schlechte Leichenwache werden, ———j *) Die sogenannte Lrie-wake, eine in Schottland ziem- lich allgemein übliche Ceremonie. A. d. Uebers. 115 wenn Sie uns nicht etwas schicken, damit wir munter bleiben.“* „Ihr sollt etwas Branntwein bekommen,“ ent- gegnete Oldbuck,«um so eher, da Ihr das ei- gentliche Wort, für den alten Gebrauch bey den Todten zu wachen, beybehalten habt.— Sieh, Hektor, das ist ursprünglich Deutsch oder Teutonisch, von dem Gothischen: Leich- nam, ein todter Körper. Es ist falsch, wenn man letzte Wache*) sagt, obgleich Brand diese neuere Verfälschung und Derivation gut- heiſst.“ «Ich glaub', mein Onkel gäbe ganz Monkbarns weg,“ sagte Hektor zu sich selbst,«wenn ihn Jemand im ächt Sächsischen Dialect darum bäte! Die armen alten Weiber hätten gewiſs keinen Tropfen Branntwein bekommen, wenn sie ihn zur letzten Wache verlangt hätten.“ Indeſs Oldbuck fernere Anweisungen ertheilte, und Unterstützung versprach, kam ein Diener von Sir Arthur sehr eilig längs dem Strande hergerit- ten, und hielt sein Pferd an, als er den Alter- thumsforscher erblickte. Es sey etwas ganz Besonderes im Schlosse vor- gefallen, sagte er— was es sey, konnt' oder *) Late- wale. Brand's Schrift führt den Titel: Popu- lar Antiquities. A. d Uebers. wollt' er nicht angeben— und Mils Wardour hab' ihn als Expressen nach Monkbarns gesandt, um Herrn Oldbuck zu bitten, dafs er doch ohne Verzug zu ihnen kommen möge. Ich fürchte,“ versetzte der Alterthumsforscher, amit dem geht's auch zu Ende.— Was kann ich thund“ „Was Sie thunb“ rief Hektor mit seiner cigen- thümlichen Ungeduld und Heftigkeit.«Sie setzen sich auf's Pferd, kehren es um, und sind inner- halb zehn Minuten in Knockwinnock. „Es ist ein tüchtiger Renner!“ sagte der Die- ner, indem er abstieg und die Steigbügel und den Gurt zurecht schnallte, er macht blos einige Capriolen, wenn er keinen kräftigen Reiter auf sich fühlt.“ „Da dürft' ich denn wohl nicht lange oben sitzen bleiben, mein Freund„ entgegnete der Alterthumsforscher.«Aber, zum Teufel, Neffe, nast Du mich denn satt, oder glaubst Du, ich sey meines Lebens überdrüssig, daſs ich's wagen sollte, einen solchen Bucephalus zu besteigen? — Nein, guter Freund, wenn ich heute noch nach Knockwinnock kommen soll, so werd' ich anz gemächlich zu Fufse wandern, und das soll denn, sobald als möglich, geschehen. Capitain Mac-Intyre mag selbst auf dem Pferde reiten, wenn er Lust hat.“ „Ich habe zwar wenig Hoffnung, etwas helfen 117 * zu können, lieber Onkel, indefs kann ich doch nicht an ihren Kummer denken, ohne wenigstens zu wünschen, ihnen meine Theilnahme zu be- zeugen.— Ich will also vorausreiten und Sie an- melden.— Ihr gebt mir wohl Eure Sporen, Freund 5˙* «Sie werden sie kaum vonnôthen haben,“ sagte der Diener, indem er sie abnahm, und dem Ca- pitain anschnallte.«Er kennt den Weg schon.“* Oldbuck erstaunte über diese Verwegenheit. «Bist Du toll, Hektor P“ rief er,«oder hast Du vergessen, was Quintus Curtius sagt, mit dem Du, als ein Soldat, genau bekannt seyn solltest: Nobilis equus umbra quidem virgae regilur; ig- navus ne calcari quidem ewcitari potest, woraus klar erhellt, dafs Sporen überall unnütz, und obendrein meistens gefährlich sind.“ Allein Hektor, dem bey dieser Celegenheit die Meynung von Quintus Curtius eben so gleichgül- tig war, als die des Alterthumsforschers, ant- wortete blos:«Seyn Sie ganz unbesorgt, Sir, ganz unbesorgt.“ „ Hierauf liefs er dem schnellen Roſs die Zügel, Und drückte, vorgebeugt, die scharfen Sporen In seiner armen Mähr'’ erhitzte Weichen, Bis an des Rädchens Knopf. So schoſs er fort, Und schien den Weg im Laufe zu verschlingen, Nicht weiter Antwort gebend.— 118 „Die passen gut zusammen!“ sagte Oldbuck, indem er dem Pferd' und Reiter nachschaute. „Ein tolles Roſs und ein wilder Bursche, die beyden unbändigsten Geschöpfe in der Christen- heit.— Und das Alles nur, um eine halbe Stunde früher in einem Ort einzutreffen, wo ihn Nie- mand braucht! Denn Sir Arthurs Bedrängniſs wird wohl schwerlich von unsrem schnellfüſsigen Reiter gehoben werden können. Sie rührt ge- wiſs von Dousterswivels Schurkerey her, für den Sir Arthur so viel gethan hat; denn ich kann mich nicht enthalten zu bemerken, daſs bey manchen Naturen sich die Maxime des Tacitus bestätigt: Beneficia eo usque laeta sunt, dum videntur exsolvi posse, ubi multum antevenere, pro gratia odium redditur*), was denn manchem klugen Mann zur Warnung dienen könnte, Nie- mand mehr Gutes zu erweisen, als er hoffen darf, vergolten zu sehen, damit er nicht Ursa- che ist, daſs sein Schuldner an Dankbarkeit ban- kerott wird.“ Indem unser Alterthumsforscher dergleichen Brocken der Cynischen Philosophie hinwarf, *) Wohlthaten sind nur so lange erfreulich, als man glaubt sie vergelten zu können; Werden sie zu be- deutend, so Wird nur zu leicht Liebe durch Haſs vergolten-. A. d. Uebers 119 schlenderte er den Pfad nach Knockwinnock, längs dem Strande hin. Wir aber wollen ihm zuvoreilen, und dem Leser die Ursachen melden, warum man dort seine Anwesenheit so dringend begehrte. Ein und vierzigstes Kapitel. Die Gans, wie man wohl in der Fabel las, Auf ihren goldnen Eyern brütend saſs. Da streckt die Hand der Knabe gierig aus, Und nahm sie aus verborg nem Nest keraus. Im siſsen Traume sah sie sich getäuscht, Und flattert ängstlich hin und her, und weischft. Die Liebe der Meergräser. Seit der Zeit, daſs Sir Arthur Wardour Besitzer des in Misticot's Grabe gefundenen Schatzes ge- worden war, glich sein Gemüthszustand mehr einer Art von Verzückung, als ruhiger Besonnen- heit. Seine Tochter war wirklich schon einmal im Ernste wegen seines Verstandes besorgt gewe- sen; denn da er nicht zweifelte, dafs er sich in 121 dem geheimen Besitz eines unermelslichen Reich- thums befände, so glich seine Rede und sein gan- zes Benehmen dem eines Mannes, der den Stein der Weisen gefunden zu haben glaubt. Er sprach von dem Ankauf zusammengränzender Besitzun- gen, die sich von einem Ende der Insel bis zum andern erstrecken sollten, so, als hab' er be- schlossen, keinen Nachbar, als die See, neben sich zu dulden. Er stand mit einem ausgezeich- neten Architecten in Correspondenz, in Betreff eines Plans zum neuen Aufbau des Schlosses sei- ner Vorfahren in einem äusserst prachtvollen Style, der sich mit dem Schlosse von Windsor messen konnte, und wie die Anlagen dazu am passendsten zu machen wären. Schon erblickt' er im Ceiste in den Hallen dieses Schlosses eine groſse Zahl von Dienern in Livrée, und— zu welchen Ansprüchen berechtigt nicht ungemesse- ner Reichthum seinen Besitzer— eine Marquis- oder Herzogskrone schwebte schon vor seiner phantasie. Seine Tochter— zu welchen Verbin- dungen konnte sie sich nicht Hoffnung machen? Selbst eine Verwandtschaft mit dem königlichen Blute lag nicht ausserhalb der Sphäre seiner Hoflnungen. Sein Sohn war schon General, und er selbst, was nur der Ehrgeiz in seinem wilde- sten Fluge träumen mochte. Wenn irgend Je- mand den Sir Arthur wieder in den Kreis des gewöhnlichen Lebens hinabziehen wollte, so lautete seine Antwort immer wie die des alten Pistol's*): „Der Welt'ne Feig'**), und niedern Welt- lingen! Von Afrika sprech' ich, und gold'nen Tagen!“ Der Leser kann sich das Erstaunen der Miſs Wardour vorstellen, als sie, statt einer Unter- suchung über die Bewerbungen Lovel’s, die sie nach dem langen Gespräche ihres Vaters mit Herrn Oldbuck an jenem Morgen, wo der Schatz entdeckt ward, befürchtet hatte, Sir Arthur in seiner Unterhaltung eine Phantasie verrieth, wel- che durch die Hoffnung des Besitzes unermeſsli- cher Schätze erhitzt war. Allein sie wurde in al- lem Ernst bestürzt, als Dousterswivel gebeten wurde, auf's Schlofs zu kommen, Sir Arthur sich mit ihm einschlofs, seine Parthie nahm, und ihm seinen Verlust ersetzte. Der Verdacht, den sie schon lange hinsichtlich dieses Mannes gehegt hatte, wurde durch die Bemerkung verstärkt, dafs *2) In Shakspeare's lustigen Weibern von Windsor. A. d. Uebers. 58) Fico— die Feige; dann der durch Zeige- und Mit telfinger zum Zeichen der Verachtung gesteckte Dau- men. Daher sprüchwörtlich: to give one tke fico, ei⸗ nem die Feige, den Daumen Wweisen. A. d. Uebers. 123 er die goldenen Hoffnungen ihres Vaters zu näh- ren, und sich selbst, unter allerley Vorwänden, so viel als möglich bey dem Glücksfalle zu sichern suchte, der Sir Arthur auf so seltsame Weise zu Theil geworden war. Noch andre üble Symptome traten, eins nach dem andern, hervor. Mit jeder Post langten Briefe an, welche Sir Arthur, so wie er die Aufschrift betrachtet, schnell ins Feuer warf, ohne sich die Muhe zu nehmen, sie zu lesen. Miſs Arthur konnte nicht umhin, zu vermuthen, daſs diese Briefe, deren Inhalt ihrem Vater schon durch eine Art von geheimer Ahnung bekannt zu seyn schien, von drängenden Cläubigern herrührten. Unterdessen war die einstweilige Hülfe, welche er dem Schatz verdankte, fast verschwunden. Bey weitem der gröfste Theil war durch die nothwen- dige Bezahlung des Wechsels von sechshundert Pfund, welcher den Sir Arthur mit augenblickli- cher Unannehmlichkeit bedroht hatte, verschlun- gen worden. Einen Theil des Rests hatte der Adept erhalten, ein anderer war zu verschwen- derischen Ausgaben verwendet worden, wozu sich der arme Ritter durch seine Hoffnungen, die gleichsam in voller Blüthe standen, wohl berech- tigt glaubte, und endlich hatte ein Theil solchen Schreyern den Mund stopfen müssen, die, der schön Versprechungen überdrüssig, Harpagon's Meynung theilten: daſs man doch auch etwas Substanzielles erhalten miisse. Endlich zeigte es sich, nach allen Umständen, nur zu deutlich, daſs Alles innerhalb zwey bis drey Tagen nach der Entdeckung aufgegangen war, ohne daſs sich eine Aussicht des Ersatzes zeigte. Sir Arthur, von Natur hitzig, machte Dousterswivel'n auf's neue die heftigsten Vorwürfe, daſs er sein Ver- sprechen nicht gehalten, wodurch er gehofft habe, all' sein Bley in Gold zu verwandeln. Doch die- ser Ehrenmann hatte seinen Zweck nun erreicht, und da er zu höflich war, um selbst Zeuge von dem Sturze des Hauses zu seyn, das er untergra- ben hatte, so suchte er den Sir Arthur durch ei-. nige gelehrte Kunstwörter und Formeln zu be- schwichtigen, um sich wenigstens für den Augen- blick zu decken. Dann nahm er mit der Versi- cherung von ihm Abschied, daſs er den nächsten Morgen wieder in Knockwinnock eintreffen, und zugleich Nachrichten mitbringen werde, die Sir Arthur von Allem, was ihn drücke, befreyen sollten. «Seitdem ich mich mit Erforschung von Din- gen dieser Art beschäftigt habe,“ sagte Herr Her- mann Dousterswivel bey jener Celegenheit, bin ich dem arcanum, das Sie das groſse Geheimniſs, die Panchresta— Polychresta nennen, noch nie so nahe gewesen. Ich weiſs eben so viel davon, als Pelaso de Taranta oder Basilius, und ich bring' Ihnen entweder in zwey bis drey Tagen Nro. 2 — — 125 von Mischtekoth, oder Sie mögen mich einen Schurken nennen und nie eines Blickes mehr würdigen.“ Mit dieser Versicherung entfernte sich der Adept, fest entschlossen, den letzten Theil seiner Aeus- serung in Erfüllung zu bringen. und sich nie wieder vor seinem gekränkten Gönner schen zu lassen. Sir Arthur blieb indefs in einem schwan- kenden und ängstlichen Gemüthszustande zurück. Die bestimmte Zusage des Philosophen, von den hochtönenden Worten Panchresta, Basilius u. s. w. begleitet, machte zwar einigen Eindruck auf ihn, allein er war doch durch dergleichen Re- densarten schon zu oft getäuscht worden, als daſs gar kein Zweifel in ihm hätte rege werden sollen. Er brachte den Abend in seiner Bibliothek zu, und sein Zustand war der eines Mannes, der, über einem Abgrunde schwebend, nicht mehr zurücktreten kaun, und, indem er fühlt, daſs der Stein, auf dem er steht, immer mehr wankt, den Augenblick seines Sturzes voraussieht. Die Bilder der Hoffnung verschwanden nach und nach; dagegen aber nahm jene fieberhafte Vorahnung verhältnifsmäſsig zu, womit ein in dem Bewuſstseyn eines gewissen Ansehns erzoge- ner und im Wohlstande auſgewachsener Mann, der Erbe eines alten Namens und der Vater von zwey offnungsvollen Kindern, die Stunde heran- rücken sah, die ihm all' jenen Glanz raubte, der ihm durch Zeit und Gewohnheit gleichsam unentbehrlich geworden war, um ihn in die Welt hinauszustofsen, und dem Kampfe mit Armuth, Raubsucht und Verachtung preiszugeben. Bey so düstern Vorbedeutungen wurde seine Stimmung, die schon durch die verzögerte Erfüllung seiner Hoffnungen sehr gelitten hatte, höchst mürrisch und unfreundlich, und seine Worte und Hand- lungen verriethen mitunter eine Art von trostloser Verzweiflung, welche Miſs Wardour ausseror- dentlich beunruhigte. Wir haben bey einer frühern Gelegenheit ge- sehen, daſs er, trotz der Schwäche seines Cha- racters, in anderer Hinsicht ein leicht erregba- rer, leidenschaftlicher Mann war. Nie gewohnt, dafs man ihm widersprach, mochte die Gutmü- thigkeit und Milde, die er bisher gezeigt, wohl daher rühren, dafs sich ihm im Laufe seines Le- bens selten eine Veranlassung dargeboten hatte, wodurch seine Rcizbarkeit zur feststehenden Ge- wohnheit hätte werden können. Am dritten Morgen nach Dousterswivel's Ab- reise legte der Diener, wie gewöhnlich, beym Frühstück die Zeitungen und eingegangenen Briefe auf den Tisch. Miſs Wardour nahm die erstern zur Hand, um dem fortdauernden üblen Humor ihres Vaters nicht zum Gegenstande zu dienen, der sich schon über das zu sehr geröstete Brod heftig geäussert hatte. 2—— — 127 «Jetzt merk' ich’s, wie es steht,“ sagte er zum Beschlufs seiner Aeusserung über diesen interes- santen Gegenstand;«meine Diener, welche ih- ren Antheil von meinem Glücke empfangen haben, glauben jetzt, dafs nicht viel mehr bey mir zu machen seyn werde. Allein so lang' ich noch Herr der Schurken bin, will ich es auch seyn, und keine Vernachläfsigung dulden. Nein! auch nicht ein Haar breit sollen sie von der Achtung weichen, die ich von ihnen mit Recht fordern kann!“ 1 «Ich will sogleich Ew. Gnaden Dienste verlas- sen,“ sagte der Diener, der des Versehens be- schuldigt wurde,«sobald Sie mir den rückstän- digen Lohn auszahlen lassen.“ Wie von einer Schlange gestochen, fuhr Sir Arthur sogleich mit der Hand in die Tasche, und zog alles Geld hervor, das darinnen war, allein nicht so viel betrug, um die Forderung des Die- ners zu befriedigen. «Was haben Sie bey sich, Miſs- Wardour?“ fragte er mit dem Ton erzwungner Ruhe, ohne indefs seine heftige innere Bewegung verbergen zu können. Miſs Wardour reichte ihm ihre Börse. Er wollte die darin befindlichen Banknoten zählen, war indels nicht im Stande, sie zusammenzurech- nen. Nachdem er sich zwey Mal verzählt hatte, warf er das Ganze seiner Tochter wieder hin, und 128 sagte mit ernstem Tone:«Bezahle den Schurken; dann aber soll er augenblicklich das Haus ver- lassen!“— Mit diesen Worten schritt er aus dem Zimmer. Die junge Dame und der Diener standen be- troffen da über seine Bewegung und Heftigkeit. „Wär' ich mir nur der mindesten Schuld be- wuſst gewesen„ begann endlich der letztere,«so würd' ich mich gar micht verantwortet haben, als Sir Arthur mich anfuhr. Ich hab' ihm so lange gedient, und er war immer ein freundlicher Herr, so wie Sie eine freundliche Herrschaft. Es würde mich kränken, wenn Sie dächten, ich könnte um. eines einzigen raschen Wortes willen fortgehen. Ich that sehr Unrecht daran, dafs ich den Herrn an meinen Lohn erinnerte, dem vielleicht irgend erwas im Kopfe herumging. Es ist mir nicht in den Sinn gekommen, meine Herrschaft auf diese Weise zu verlassen.“ „Geh' uur hinunter, Robert!“ sagte Miſs War- dour;«es ist meinem Vater etwas Unangenehmes begegnet; geh' hinunter und lafs Alick herauf- kommen, wenn geklingelt wird.“ Als der Diener das Zimmer verlassen hatte, trat Sir Arthur wieder herein, gleichsam als hab er nur auf sein Weggehen gewarlet. „Was soll denn das heifden p' rief er, als er die Banknoten noch auf dem Tische liegen sah. „Ist er nicht gegangen? Versagt man mir nicht 129 blos als Herrn, sondern auch als Vater den Ge- horsam 55. «Er ging fort, um der Haushälterin das ihm Anvertraute zu übergeben. Ich habe nicht ge glaubt, daſs es so grofse Eile hätte!“ «Es hat Eile, Miſs Wardour!“ versetzte ihr Vater, sie unterbrechend. Was ich hinfort in dem Hause meiner Vorfahren thun will, muſs schnell geschehen oder nie.“ Er setzte sich nieder, und nahm mit zittern- der Hand die für ihn zubereitete Tasse Thee, zö- gerte aber mit dem Austrinken derselben, als wolle er die nothwendige Oeffnung der auf dem Tische liegenden Briefe verschieben, die er von Zeit zu Zeit betrachtete, als wären sie ein Nest von Ottern, welche jeden Augenblick erwachen und auf ihn zuspringen könnten. aSie werden sich freuen, wenn Sie hören,“ sagte Miſs Wardour, welche ihren Vater gern von jenen düstern Betrachtungen ablenken wollte, in die er versenkt schien:«Sie werden sich freuen, wenn Sie hören, daſs die Brigg des Lieutenants Taffril glucklich auf der Rhede von Leith ange- kommen ist. Man ist wegen seines Lebens sehr besorgt gewesen, wie ich höre. Es freut mich, daſs wir nicht eher etwas davon vernommen haben, als bis man dem Gerüchte zugleich widerspro- chen hat.“ Wasgeht mich denn Taffril und winedrigs an?“ 76. 130 Wie, Sir 5“ verseizte Mifs Wardour voll Er- staunen: denn Sir Arthur pflegte in seinem ge- wöhnlichen Gemüthszustande eine Art von flüch- tigem Interesse an allen Tagesneuigkeiten in der Gegend umher zu nehmen. «Ich sage,“ fuhr er mit stärkerem und unge- duldigerem Tone fort:«Was kümmert'’s mich, wer gerettet oder untergegangen ist? Was hab' ich damit zu thun?' aIch wuſste nicht, dafs Sie beschäftigt waren, Sir Arthur,» versetzte Mifs Wardour, und ich glaubte, weil Herr Taffril doch ein braver Mann und aus unsrer Gegend ist, so würden Sie sich freuen, wenn Sie hörten, dafs—* 0O ich freue mich auch— ganz ausserordent- lich freu' ich mich, und damit Du Dich auch freuen mögest, will ich Dir dafür einige von mei- nen guten Neuigkeiten mittheilen.“ . Er nahm einen Brief vom Tische. Es ist im uaunde einerley, welchen ich zuerst öffne. Sie sind alle in Einem Tone abgefaſst." Hastig brach er das Siegel auf, sah den Brief flüchtig durch, und warf ihn dann seiner Tochter hin. „Nun, das konnte nicht gläcklicher kommen,“ sprach er, es setzt der Sache die Krone auf." In schweigender Angst nahm Miſs Wardour den Brief in die Hand. „Lies ihn! Lies ihn laut!“ sagte der Vater. 131 Man kann ihn nicht zu oft lesen. Du wirst da- durch mit den andern guten Nachrichten von derselben Art bekannt werden.“ Mit zitternder Stimme fing sie an zu lesen: Mein theurer Herr!* „Dem bin ich auch sein theurer, wie Du siehst. Der unverschämte Schreibers-Packesel, den ich noch vor einem Jahre nicht an meinem Tische hätte essen lassen. Vermuthlich werd ich nach und nach noch theurer Ritter beym ihm werden.»* „Mein theurer Herr!“ fing Miſs Wardour aber- mals an, allein schnell abbrechend, setzte sie hinzu:«Der Inhalt des Briefs ist nicht angenehm, wie ich sehe; Sie würden sich nur entrüsten, wenn ich ihn laut vorlesen sollte.“ Hoffentlich wirst Du mir doch zugeben, daſs ich wissen muſs, was ich gern habe oder nicht. und darum bitt' ich Dich, fahre fort. Wenn's nicht nöthig wäre, würd' ich Dich nicht beschweren.“ „Da ich,“ las Miſs Wardaur weiter,«vor Kur- zem von Herrn Gilbert Creenhorn, dem Sohne Ihres letzten Correspondenten und Geschäftsfüh- rers, CGirnigo GCreenhorn Esq., Secretär des kö- nigl. Insiegels, als Associé aufgenommen worden, dessen Geschäfte ich schon als Parlamentsschrei- ber mehrere Jahre geführt habe, welches Ge- schäft in Zukunft unter der Firma: Oreenhorn und Grinderson, geführt werden wird(welcnes 132 ich hiebey bemerke, damit Sie Ihre künftigen Briefe genau addressiren können), und da Sie Kürzlich meinen vorbenannten Associe, Cilbert Greenhorn, mit Ihrer Zuschrift beehrt, so habe zch, zufolge seiner dermaligen Abwesenheit bey dem Wettrenuen zu Lamberton, die Ehre, auf besagte Zuschrift zu antworten.* Du siehst, wie methodisch mein Freund zu Werke geht, und erst die Ursachen auseinander setzt, denen ich einen 8 bescheidenen und zier- nichen Correspondenten zu verdanken habe.— Doch weiter! Nur weiter! Ich kann's schon er- tragen.“*. Diese Worte begleitete jenes bittre Celächter, das vielleicht der Furchtbarste Ausdruck des See- lenleidens ist. Mils Wardour, welche zitterte, fortzufahren, doch aber auch nicht den Muth hatte, ungehorsam zu seyn, las weiter: Was mich und meinen Associe anlangt, 80 thut es uns sehr leid, dafs wir Ihnen in Betreff der Summen, welche Sie zu haben wünschen, nicht dienen, s0 wie auch den begehrten Auf- schub der Zahlung hinsichtlich der Goldiebird'- schen Schuldverschreibung nicht auswirken kön- nen, welches letztere wir um so weniger zu thun zm Stande sind, da wir als Procuratoren und Sachwalter des bemeldeten Goldiebird, seine Ce- rechtsame wahrnehmen müssen, in welcher Ei- genschaft wir uns denn auch die Freyheit genom- 133 men haben, Ihnen wegen der Summe von Vier Tausend Sieben Hundert und Scchs und Fünfzig Pfund, fünf Schillinge und sechs und ein Viertel Pfennig Sterling einen Mahnbrief zu senden, wie Sie aus dem von dem Boten zurückgelassenen Zet- tel ersehen werden; und erwarten wir demnach, dafs benannte Summe, um anderweitige Unan- nehmlichkeiten zu vermeiden, zu gehöriger Zeit, nebst den jährlichen Zinsen und Vergütung der Unkosten, werde abgetragen werden. Zu glei- cher Zeit seh' ich mich genöthigt, unsrer eigenen Rechnung zu gedenken, welche sich auf Sieben Hundert und Neun und Neunzig Pfund, zehn Schilling und sechs Pence beläuft, und deren Be- richtigung wir nun gleichfalls entgegensehen. Da wir indessen von Ihnen Documente als Pfand in Händen haben, so tragen wir kein Bedenken, Ih- nen noch eine ziemliche Zeit, d. h. bis zur ge- wöhnlichen Zahlungsfrist, Nachsicht zu gönnen. Uebrigens mufs ich noch in meinem und meines Associe’s Namen hinzufügen, dafs wir von Herrn Coldiebird beauftragt sind, peremptorie und sine mora zu verfahren, welches wir Ihnen zu melden das Vergnügen haben, um fernern Miſsverständ- nissen vorzubeugen, indem wir uns ausserdem vorbehalten, auf dem Wege Rechtens zu verfah- ren. Ich bin, für mich und meinen Associe, Ihr ergebenster Diener. Gabriel Grinderson, für: Greenhorn und Grinderson. Undankbarer Schurke!“ rief Mils Wardour. „Bewahre! Das ist ja ganz in der Regel- Der Schlag würde seine Wirkung verfehlt haben, wenn er von einer andern Hand gefallen wäre. Es ist Alles, wie es seyn soll!“— Dies sagte der arme Baronet mit erzwungener Fassung. Allein seine bebenden Lippen und sein rollendes Auge straft' ihn Lügen. „Aber da ist ja noch eine Nachschrift,v sagte er,«die ich nicht bemerkt hatte. Komm', lies den Brief ganz zu Ende.* Noch muſs ich,”» fuhr Mifs Wardour fort, anicht für mich, sondern im Namen meines As- socle's hinzusetzen, dafs Herr Oreenhorn bereit ist, Ihr Tafelservice oder Ihre Braunen, wenn diese anders gesund und brauchbar sind, nach billiger Schätzung, auf Ihre Rechnung an Zah- lungs Statt anzunehmen.* „Cott verdamm' ihn!* rief Sir Arthur, der bey diesem Vorschlage alle Fassung verlor. Sein Crofsvater beschlug meines Vaters Pferde, und der Nachkomme eines elenden Hufschmids will mich listig um die meinigen bringen. Aber ich will ihm schon antworten 15 Er setzte sich auf der Stelle nieder, und fing mit vieler Hefligkeit an zu schreiben; dann hielt er inne, und las laut: «Herr Cilbert Creenhorn! Als Antwort auf mei- ne zwey letzten Briefe erhielt ich ein Schreiben von Jemand, der sich Grinderson nennt, und 155 sich als Ihren Associe angibt. Wenn ich an Je- mand schreibe, so erwarte ich nicht, durch ei- nen Stellvertreter Antwort zu erhalten. Ich glaub', ich bin Ihrem Vater nützlich gewesen, habe mich gegen Sie selbst freundschaftlich und höflich be- nommen; daher muſs ich mich nun wundern— Aber,“ fuhr er, sich selbst unterbrechend, fort, warum sollt' ich mich darüber, oder überhaupt über Etwas verwundern— warum mir die Zeit nehmen, an einen solchen Schurken zu schrei- ben b Immer und ewig werd' ich doch nicht im Gefängnisse sitzen, denk' ich, und das erste, was ich thue, wenn ich wieder heraus bin, ist, dals ich dem Kerl Arm' und Beine entzwey schlage!“ aIm Gefängnisse, Sir?“ versetzte Miſs War- dour bestürzt. Ja, im Gefängnisse! Wie kannst Du das noch fragen? Des Herrn u. s. w. saubrer Brief, in sei- nem und seines Associe Namen, scheint Dir ganz entfallen zu seyn, oder hast Du etwa vier Tau- send und so und so viel hundert Pfund nebst den dazu gehörigen Schillingen, Pfennigen und halben Pfennigen bey der Hand, um die bemerkte For- derung zu bezahlen? Ich, Sirb— Ach, wenn ich nur die Mittel hätte! Aber wo ist denn mein Bruder? Warum kommt er nicht? EFr ist schon so lange in Schottland. Der könnte wohl etwas für uns thun, dächt' ich!“ «Werd? Reginaldb— O, der ist wahrschein- lich mit Herrn Cilbert Greenhorn, oder einer 136 ähnlichen respectabeln Person zu dem Wettfen- nen nach Lamberton gegangen. Schon vergangene Woche hab' ich ihn erwartet; allein es nimmtmich nicht Wunder, daſs mich meine Kinder, wie alle andere Leute, verlassen!— Doch— vergib mir diese Aeusserung, gutes Kind. Hast Du mich doch in Deinem ganzen Leben noch nie vernach- läſsigt oder gekränkt!“ Er küfste sie auf die Wange, als sie ihre Arme um seinen Nacken schlang, und fühlte in diesem Augenblicke jenen Trost, den ein Vater auch in der verzweiflungsvollsten Lage durch die Ueber- zeugung von der Liebe seines Kindes empfindet Dliſs Wardour benutzte diese Rückkehr des zärtlichen Cefühls, um zu versuchen, ob's ihr gelänge, den Vater völlig zu beruhigen. Sie suchte ihn dadurch zu trösten, dafs er doch noch manche Freunde habe. „Ich hatte einst welche, versetzte Sir Ar- thur; aallein die Cüte von einigen habe ich durch meine ausschweifenden Projecte erschöpft; an- dere sind ausser Stande, mir zu helfen, noch audere wollen mir nicht helfen! Es ist aus mit mir.— O dafs sich nur Reginald an meiner Thor- heit ein Beyspiel nehmen möchte!* 4 „Soll ich nicht zu Monkbarns schicken?" fragte die Tochter. Wozub Eine solche Summe kann er mir doch nicht leihen, und wenn er's auch könnte, s0 würd' er's schon deshalb nicht thun, weil er weiſs, daſs 137 ich auch sonst noch in Schulden stecke. Ein Paar Brocken Menschenliebe und Mitleid, und einige Lateinische Floskeln dazu— die würd' er mir zuwerfen. Das wäre Alles!“ „Aber er ist doch klug und verständig— ist in Geschäften erzogen, und ich bin gewiſs, daſs er unsrer Familie immer zugethan gewesen ist.“* Ja, ja, das glaub' ich!— Es ist doch ziem- lich weit mit uns gekommen, wenn die Liebe ei- nes Oldbuck zu einem Wardour so gar viel bo- deutet!— Indels, wenn's wirklich zum Acusser- sten kommt, was, wie ich fürchte, jetzt wohl nicht ausbleibt, dann mag immerhin nach ihm geschickt werden.— Doch nun mache Deinen Spaziargang, liebes Kind; ich bin jetzt gefaſster, als da ich Dir diese Nachrichten noch nicht mit- getheilt hatte. Das Schlimmste weiſst Du nun, und mufst Dich täglich und stündlich darauf ge- faſst machen. Also— geh' und mache Deinen Spaziergang! Ich möchte gern ein wenig allein seyn.* 3 Als Mifſs Wardour das Zimmer verlieſs, war ihr erstes Geschäft, die halb und halb gegebene Erlaubnifs ihres Vaters zu benutzen, und einen Boten nach Monkbarns abzusenden, der denn auch, wie wir bereits gesehn haben, den Alter- thumsforscher nebst seinem Neffen an dem Sec- strande traf. Unbekümmert, ja in der That kaum wissend, wohin sie sich wandte, kam sie durch Zufall auf den Weg unter dem sogenannten Brombeerfelsen. Ein Bach, der in frühern Zeiten den Schlofsgra- ben mit Wasser versehen hatte, strömte hier in ein kleines Thal durch eine enge Schlucht, in deren Nähe Miſs Wardour einen natiirlichen Fuſs- pfad hatte ebnen lassen, der, reinlich und be- quem, gleichwohl nicht durch Kunst angelegt und unterhalten zu seyn schien. Er pafste sehr gut zu dem Character des Thals, das von Cebü- schen und niedrigem Gesträuch beschattet wurde, mit denen sich, wie gewöhnlich, Rankengewächse und Dornen vereinigten. Auf diesem CGange hatte die Erklärungsscene- zwiscken Mifs Wardour und Lovel statt gefunden, bey der Adam Ochiltree einen Lauscher abgege- ben hatte. Mit einem, von dem Unglücke ihres Hauses tief gerührten Ilerzen, rief sich Mifs War- dour jetzt jedes Wort und jeden Grund zurück, wodurch Lovel seine Werbung unterstützt hatte, und sie konnte nicht umhin, sich zu gestehen, daſs sie wohl stolz darauf seyn könne, einem jun- gen Manne von seinen Vorzügen, eine so starke und uneigennützige Zuneigung eingeflöfst zu ha- ben. Dals er eine Laufbahn verlassen, worin er, wie man sagte, so schnell stieg, um sich an ei- nem 80 unangenehmen Orte, wie Fairport, zu vergraben, und über eine unerwiederte Liebe zu brüten, konnte vielleicht als romantische Crille manchen zum Spott reizen, mufste aber natürlich in den Augen derjenigen, welche der Gegenstand 159 seiner Zuneigung war, sehr verzeihlich seyn. Hätte er sich nur in einer gewissen Unabhängigkeit be- funden, nur ein mäſsiges Vermögen besessen, oder auch nur klare und unzweydeutige Ansprü- che auf den Rang in der Gesellschaft aufzuweisen gehabt, deren Zierde er werden konnte, so,wäre sie jetzt vielleicht im Stande, ihrem Vater bey seinem Mifsgeschick ein Asyl in ihrem Eigenthu- me anzubieten.— Diese, dem abwesenden Lieb- haber so günstigen Cedanken kreuaten sich jetzt so schnell in ihrer Scele, und sie wiederholte sich dabey jedes Wort von ihm, jeden Blick und jede Handlung mit so vieler Cenauigkeit, dafs man deutlich daraus abnehmen konnte, ihr f here Zuräckweisen seiner Bewerbung sey mehr aus Pflichtgefühl als aus freyer Ueberzeugung geschehen. Isabella war noch abwechselnd in Gedanken über diesen Gegenstand, so wie über ihres Vaters Unglück versunken, als da, wo sich der Pfad um einen kleinen, mit Gesträuch be- wachsenen Zügel zog, der alte Blaurock plötzlich vor ihr stand. Er zog seine Mütze mit einer Miene ab, als hab' er ihr irgend etwas Wichtiges und Geheim- nifsvolles mitzutheilen, und sein behutsamer Schritt, so wie der Ton seiner Stimme, war der ei- nes Menschen, der nicht gerne behorcht seyn will. Ich hab' schon lange gewünscht, mit Ew. Cna- den zu sprechen, sagte er;«allein ich wagte mich nicht in's Haus, Dousterswirel's wegen. Ich habe wohl davon gehört,» enigegnete Miſs Wardour, indem sie ein Almosen in seine Mütze fallen liefs, dafs Ihr einen sehr thörichten, wenn auch nicht in demselben Crade schlechten Streich ausgeübt habt. Es thut mir leid, Adam, so etwas von Euch hören zu müssen.“ Ihr thut mir Unrecht, gute Lady! Einen thörichten Streich? Ist doch die ganze Welt thö- richt, wie sollte denn der alte Adam allein weise seyn? Und was das schlecht betrifft, so lafst Euch von denen, die mit Dousterswiveln zu thun haben, sagen, ob er einen Gran mehr bekommen hat, als er verdient!*. «Das mag immerhin seyn, Adam,“ versetzte Mifs Wardour,«aber Ihr habt doch sehr unrecht gehandelt.“* „Nun, wir wollen darüber jetzt nicht streiten; ich wollte in Ihren eigenen Angelegenheiten mit Ihnen sprechen. Wissen Sie denn, was dem Hause von Knockwinnock bevorsteht?n «Croſses Unglück, fürcht’ ich,» entgegnete Mils Wardour;«allein ich wundere mich, daſs dies schon bekannt ist.» Bekannt? Sweepelean, der Gerichtsbote, wird sich heute noch mit all' seinen Werkzeugen hier einstellen. Ich weiſs es von einem Concurrenten, wie sie sie nennen; der ist aufgefordert worden, jenen hier zu erwarten, und sie werden bald lland an's Werk legen. Wo die verschneiden, 141 da ist kein Kamm mehr nöthig— sie scheeren glatt weg.“* «Wiſst Ihr denn aber gewiſs, Adam, daſs diese unglückliche Stunde so nahe ist? Dafs sie kom- men wird, weiſs ich.“ aEs ist so, wie ich Euch sage, Lady. Aber seyd nicht niedergeschlagen! Es ist ein Himmel über Eurem Haupte, so wie er in jener furchtba- ren Nacht zwischen dem Bally-Burghneſs und dem Halkethead war. Glaubt Ihr nicht, daſs Er, welcher die Fluthen damals zurückhielt, Euch auch jetzt schützen könne gegen den Zorn der Menschen, und wenn sie sich auch gerüstet hät- ten mit all ihrer Machtb» „Ja wohl, er ist unsre einzige Hoffnung.“ 0 Ihr wiſst es nicht— wiſst es wahrlich nicht! Wenn die Nacht am dunkelsten ist, ist der Tag am nächsten! Hätt' ich nur ein gutes Pferd, oder könnte reiten, wenn ich eins hätte, es wäre doch noch vielleicht Hülfe zu finden, glaub' ich. Ich dachte, ein Stück Weges mit der Roya 1-Char- lotte fortzukommen; aber die hat dort oben bey Kittlebrig umgeworfen. Es safs ein junger Mann auf dem Bocke, der gern fahren wollte, und Tom Sang, der Kutscher, der freylich mehr Verstand hätte haben sollen, gab das zu. Da konnte der junge Sausewind nicht ordentlich um die Ecke der Brücke lenken, fuhr gegen den Eckstein, und warf die Kutsche um, wie ich eine leere Kanne umkehre. Mein CGlüúck war's, dafs ich nicht oben darauf safs. Da bin ich denn nun halb in Hoff- nung, halb in Verzweiflung hieher gerannt, um Euch zu fragen, ob Ihr mich nicht vielleicht weg- schicken wolltb“ „Aber wohin denn, Adam?? Nach Tannonburgh, Mylady.—(Dies war näm- lich die erste Station von Fairport aus, aber ein gutes Stück näher an Knockwinnock). Und zwar unverzüglich, es geht in Euren eigenen Ceschäften. In unsern Geschäften, Adame Ich bin zwar überzeugt von Eurem guten Willen, aber—* Kein Aber, Mylady! Gehen muſs ich einmal.“ «Aber was willst Du denn eigentlich in Tan- nonburgh? und wie kann das meines Vaters Lage verbessern, falls Du dorthin gehstꝰ“ Wahrlich, beste Lady, Ihr müfst Euch schon einmal auf des alten Adams grauen Kopf verlas- sen, und mich um nichts weiter fragen. Hab' ich mein Leben für Euch in jener Nacht gewagt, so ist ja kein Grund vorhanden, daſs ich Euch am Tage Eures Unglücks einen schlimmen Streich spielen sollte!“ Wohlan, so folgt mir, Adam!“ versetzte Miſs Wardour;«ich will zusehen, ob ich Euch nach Tannonburgh senden kann,- Aber nur schnell, Mylady, um alles in der Welt willen, nur schnell!“ Mit diesen Worten trieb er sie fortwährend zur Eile an, bis sie das Schlofs erreicht hatten. —— 143 ———————— ℳ3B:——O' Zwey und vierzigstes Kapitel. 5 3 P Mag's sehen immerhin, wer will— ich nicht! Wenn er ein S&klas' auch war von lang und Ansehn, Und jener nicht gen Pracht, von der ihn nun Der strenge Spruch der ernsten Noth geschieden, SFo schmerzt es doch, die trübe Stirn zu sehn, Auf der umsonst der Stole mit luft gem Schlorer Die Furchen inn'rer Reu und Angst bedeckt. Altes Schauspiel. Als Mils Wardour in den Schlofshof trat, sah sie auf den ersten Blick, dafs die obrigkeitlichen Personen sich bereits eingestellt hatten. Bestür- zung, Unruhe und Verwirrung herrschte unter den Dienstboten des Hauses, während die Diener des Gesetzes hin nnd wieder liefen, und ein In- ventarium über die Gegenstände aufnahmen, wel- che mit Beschlag belegt werden sollten. / 144 Capitain Mac-Intyre flog Isabellen entgegen, als sie, ergriffen und niedergebeugt von der trau- rigen Gewifsheit, dafs ihr Vater nun gänzlich zu Grunde gerichtet sey, an der Schwelle des Hof- thores stehen blieb. „Beruhigen Sie sich, theure Miſs Wardour,* sagte er,«mein Onkel wird sogleich hier seyn, und sicher Mittel ausfindig machen, das Haus von djesen Schurken zu säubern.“ «Ach! Capitain, ich fürchte, es ist zu spät.* „Nein, nein!“ antwortete Adam ungeduldig; awenn ich nur noch nach Tannonburgh kommen könnte! Um des Himmels willen, Capitain, ge- ben Sie mir irgend ein Mittel an, wie ich hin- kommen kann. Sie leisten wahrlich dieser ar- men, unglücklichen Familie einen Dienst, wie er ihr seit Rothhands Zeiten nicht geleistet wor- den ist. Denn heute trifft wahrlich die alte Pro- phezeihung ein: Knockwinnock's Haus und Land wird an Einem Tage verloren und gewonnen.* „Aber was kannst Du denn thun, Alter?“ sagte Hektor. In diesem Augenblicke trat Robert, der Diener, dem Sir Arthur diesen Morgen sein Miſsfallen bę- zeugt hatte, und der, wie's schien, plos auf eine Gelegenheit wartete, seinen Diensteifer zu be- währen, schnell hinzu, und sagte zu seiser Ce- bieterin:«Ew. Cnaden erlauben, dieser Alte, der Ochiltree, ist doch in mancherley Dingen erfah- 145 ren und geschickt; er versteht sich z. B. auf die Cur der Pferde, Kühe und dergleichen, und so glaub' ich, er wird keineswegs um nichts und wieder nichts nach Tannonburgh wollen, da er so sehr darauf besteht. Wenn Ew. Cnaden er- lauben, so bring' ich ihn hin auf dem Karren. In einer kleinen Stunde sind wir da. Ich möchte gar zu gern etwas dabey thun.— Die Zunge könnt' ich mir abbeifsen, wenn ich an diesen Morgen denke!“— „Ich danke Dir, Robert,» sagte Miſs Wardour, aund wenn Du wirklich glaubst, daſs es auf ir- gend eine Weise nützlich seyn könnte, so—* «In Cottes Namen denn! versetzte der Alte. „Spanne den Karren an, Robert, und wenn ich Euch nicht so oder so nützlich werde, so mögt Ihr mich, wenn wir zurückkommen, uber die Brücke von Kittlebrig in's Wasser werfen. Aber eile, Robert, eile! Die Zeit ist kostbar.“* Robert sah seine Gebieterin an, als sie in's Haus ging, und da er bemerkte, daſfs sie nichts dawider hatte, so flog er nach dem Sialle, der an den Schlofshof stiefs, um das Fuhrwerk anzu- spannen. Denn, wiewohl der alte Bettler unter Allen unstreitig diejenige Person war, von der man sich in Geldverlegenheiten am wenigsten Hülfe versprechen konnte, so hatten doch Adams Bekannten eine hohe Meynung von seiner Klug- heit und seittem Scharfsinn, und Robert glaubte 78. K 146 sich dadurch zu dem Schlusse berechtigt, dals je- ner nicht so dringend auf diese Sendung bestan- den haben würde, falls er nicht von dem Nutzen derselben überzeugt gewesen wäre. Allein in dem Augenblicke, wo der Diener das Pferd aus dem Stalle führen und es anschir- ren wollte, klopfte ihm einer der Cerichtsbeam- ten auf die Schulter und sagte:«Lafst das Pferd nun stehen, Freund, es befindet sich mit auf der Liste.“ Wasb rief Robert,«darf ich denn nicht mei- nes Herrn Pferde nehmen, um die Befehle der jungen Lady auszurichten? Nicht das Mindeste dürft Ihr hier anrühren,“* versetzte der Gerichtsbeamte,«wenn Ihr nicht für alle Folgen verantwortlich seyn wollt.“ Was zum Henker, Herr!“ rief Hektor, der nachgegangen war, um von Ochiltree genauere Auskunft über seine Hoffnungen und Erwartungen zu erhalten. Sein Haar hatte sich bereits längst, auf ähnliche Weise, wie bey den Dachshunden in seinem Vaterlande, emporgesträubt, und er hatte gleichsam nur einen schicklichen Vorwand ge- sucht, sein Mifsvergnügen laut werden zu lassen. — Treibt Ihr denn die Unverschämtheit so weit, dafs Ihr einem Diener wehren wollt, den Befeh- len der jungen Lady Gehorsam zu leisten ⁵* In der Miene und dem Ton des iungen Krie- gers lag etwas, das anzudeuten schien, als ob seine Einmischung sich nicht auf ein bloses Wort- gefecht beschränken wolle, und das, wenn es auch am Ende den Vortheil eines Processes, we- gen thätlicher Vergreifung und Cewaltthätigkeit hoffen lieſs, doch mit den unangenehmen Um- ständen beginnen muſste, worauf sich eine solche Anklage gründen konnte. Der Cerichtsbeamte griff, dem Sohn des Mars gegenüber, bestürzt mit der einen Hand an den schmutzigen Knüßtel, der zur Bekräftigung seiner Authorität die an sollie, während er mit der andern seinen kurzen Amtsstab emporhob, der an dem einen Ende mit Silber beschlagen und mit einem beweglichen Ringe verschen war. «Capitain Mac-Intyre, sprach er,«mit Ihnen hab' ich nichts zu schaffen; falls Sie mich aber in meiner Amispflicht stören, so ist der Friedens- stab gebrochen, und ich mufs mich für gewalt- sam verletzt erklären.“ Ich kümmere mich den Teufel darum, für was Ihr Euch erklärt!“» rief Hektor,«und was das Zerbrechen Eures Stabes oder den Friedens- bruch anlangt, so mögt Ihr nur wissen, dafs ich Euch Arm' und Beine breche, wenn Ihr den Men- schen da hindert anzuspannen, wie's ihm von sei- ner Herrschaft befohlen worden ist.» Ich rufe alle Anwesenden zu Zeugen auf,“ entgegnete der Cerichtsdiener, daſs ich ihm mein Amiszcichen vorgewiesen, und mein Ge- 148 schäft erklärt habe.— Des Menschen Wille ist sein Himmelreich!* Mit diesen Worten schob er den geheimniſs- vollen Ring an seinem Stocke von einem Ende zum andern, welches das Zeichen war, dafs er in der Ausübung seiner Amtspflicht auf gewalt- same Weise gestört worden sey, Der ehrliche Hektor, der mehr an die Tactik eines Heers, als an die des GCesetzes gewohnt war, betrachtete diese geheimnifsvolle Ceremonie mit vieler Gleichgültigkeit, und blieb eben so unbe- fangen dabey, als der Cerichtsbeamte sich nie- dersetzte, um den Bericht über. diese gesetzwi- drige Störung zu Papier zu bringen. Allein in diesem Augenblicke erschien, gerade zu rechter Zeit, um dem wohlmeynenden Hitzkopf von ei- nem Hochländer eine strenge Bestrafung zu er- sparen, der Alterthumsforscher, der sein Schnupf- tuch unter dem Hute um den Kopf gebunden hatte, und seine Perücke auf der Spitze des Stockes trug. Was zum Henker gibt's denn hierb“ rief er, indem er schnell seinen Hauptschmuck in Ord- nung brachte.„Da lauf' ich Dir nach, aus Be- sorgnifs, Deinen Trotzkopf an irgend einem Fel- zen zerschmewert zu finden, und treſfe Dich nun hier, abgestiegen von Deinem Bucephalus, und auch schon im Stneite mit Sweepclean. Ein Ce- richtsbote, Hektor, ist ein schlimmerer Feind, 149 als eine Phoca, sey'’s nun cine phoca barbata oder phoca oitulina, mit der Du vor Kurzem kämpftest.» Ey, so hol' doch der T— die Phoca!“ rief Hektor, es mag seyn, welche es will. Ich werd's doch nicht ruhig mit ansehen, wenn ein Schuft, wie dieser, weil er sich ein königlicher Gerichits- bote nennt— der König hat hoſfentlich zu sei- nen geringsten Geschäften bessere— eine junge Dame von Stand und Bildung, wie Miſs War- dour, beschimpfen will 9 Ein richtiger Schlufs, Hektor! Allein der König hat, wie andere Leute, auch dann und wann schlechte Botschaften auszurichten, un dazu muſs er denn auch, im Vertrauen gesa— lumpige Kerls haben. Allein, gesetzt auch, Du wärst nicht bekannt mit den Statuten Wilhelms des Löwen, in welchen capite quarto, oersu quin- ko, dies Verbrechen gewaltsamer Widersetzlich- keit despectus Domini Hegis genannt wird, d. h. eine Verachtung des Königs selbst, von dem alle gesetzlichen Verordnungen ausgehen— konntest Du denn nicht aus der Belehrung, die ich Dir noch heut mit so vieler Mühe ertheilee, den Schlufs zichen, dafs diejenigen, welche Cerichts- diener stören, die einen Befehl zur Beschlagnah- me von irgend etwas vollziehen wollen, tanquam Participes criminis rebellionis an betrachten sind, indem der, welcher einem ebellen Vorschub 150 leistet, selbst quodammodo zur Rebellion gehört? — Indeſs, ich will Dir diesmal aus der Klemme helfen.* Er sprach hierauf mit dem Cerichtsboten, der gleich bey seiner Ankunft den Gedanken aufge- geben hatte, aus Hektor's Widersetzlichkeit noch ein kleines Nebenprofitchen zu machen, und Oldbucks Versicherung annahm, dafs Pferd und Karren schon binnen ein bis zwey Stunden wie- der da seyn sollten. Nun, Herr,“ sagte der Alterthumsforscher, „da Ihr so höflich seyd, so sollt Ihr ein anderes einträgliches Geschäft haben, das in Euer Amt eiuschlägt— eine Art von Staatsangelegenheit— ein Verbrechen, das per legem Jultam zu bestra- fen ist. Kommt einmal her, Herr Sweepcleau!* Nachdem er ungefähr fünf Minuten lang sich leise mit ihm unterredet, gab er ihm ein Papier, nach dessen Empfang der Gerichtsbote sein Pferd bestieg, und mit einem seiner Gehülfen in schar- fem Trabe davon ritt. Der Mensch, welcher zu- rückblieb, schien das Geschäft absichtlich zu verzögern, und erftillte seine Amtspflicht so lang- sam und zugleich so vorsichtig und genau, wie Jemand, der sich von einem geschickten und strengen Aufscher beobachtet weifs. Unterdessen fafste Oldbuckseinen Neffen beym Arm, und schritt mit ihm ins Haus, worauſ beyde sogleich zu Sir Arthur Wardour geführt 5 arden, 151 der zwischen verletztem Stolze und ängstlicher Besorgniſs schwankend, sich vergeblich bemühte, Beydes unter dem Anschein von Gleichgültigkeit zu verstecken, und so einen Anblick darbot, der zur schmerzlichsten Theilnahme aufforderte. „Es freut mich, Sie zu sehen, Herr Oldbuck; es freut mich immer, wenn ich meine Freunde sehe— bey gutem, wie bey schlechtem Wetter!“* sagte der arme Baronet, indem er sich aus allen 1Säften bemühte, nicht blos gefafst, sondern auch heiter zu scheinen, eine Anstrengung, die mit seinem krampfhaften, langen Händedruck und seinem aufgeregten Wesen in dem lebhafte- sten Widerspruche stand. aIch freue mich, Sie zu schen; Sie sind zu Pferde gekommen, wie ich sehe. Nun, ich will hoffen, daſs man in dieser Verwirrung Ihre Pferde nicht verabsäumen wird. Ich hab's stets gern gehabt, dafs meiner Freunde Pferde gehörig besorgt wurden, und jelzt kann ich mich ja wohl desto besser um sie bekümmern, da man mir, wie'’s scheint, keins von meinen eigenen lassen will. Nicht wahr, Herr Oldbuck? Ha! ha! hal* Durch diesen erzwungenen Scherz und dies krampfhafte Lachen wollte Sir Arthur einen Be- weis von seinem Cleichmuth und seiner Selbst- behenrschung geben.. „Sie wissen ja, Sir Arthur, daſs ich nie reite,“ versetzte der Alterthumsforscher. „Da bitt ich um Verzeihung! Ihren Neffen hab' ich indefs noch vor wenigen Augenblicken zu Pferde hier ankommen sehn. Für Officierspferde mufs man Sorge tragen, und das seinige war ein schönes graues Paradepferd.“ Sir Arthur wollte eben klingeln, als Oldbuck sagte: Mein Neffe kam ja auf Ihrem eigenen Grauschimmel, Sir Arthur!* «Auf meinem P entgegnete der Baronet.«Der war mein? Nun, da mufs mich wohl die Sonne geblendet haben.— Aber ich verdiene auch wohl nicht länger, ein Pferd zu besitzen, da ich das melue nicht mehr kenne, wenn's mir zu Gesicht kommt!*. Cott im Himmel!ꝰ dachte Oldbuck,«wie ist der Mann verändert gegen seine sonstige thörichte Förmlichkeit! Er fängt an, im Unglück zu scher- zen— sed pereunti mille ſigurae.— Sir Arthur,* fuhr er laut fort,«wir müssen durchaus ein wenig über Geschäfte sprechen!“ «Canz wohl,“ sagte dieser;«aber artig war's doch in der That, daſs ich das Pferd nicht kannte, das ich nun fünf Jahre lang geritten habe! Ha! ha! ha!» „ Sir Arthur,“» versetzte der Alterthumsforscher, lassen Sie uns die Zeit nicht verschwenden— sie ist kostbar. Zum Scherze findet sich wohl noch Celegenheit. Desipere in loco! ist Horazens Grundsatz. Ich vermuthe mehr als jemals, daſs die ganze Sache von Dousterswivel's schlechten Streichen herrührt.“* „Nennen Sie diesen Namen nicht, Sir!» rief der Baronet. Sein ganzes Wesen veränderte sich in diesem Augenblicke, und ging von einer er- zwungenen, heltigen Fröhlichkeit zur vollen Wuth über. Sein Auge sprühte Funben, sein Mund schäumte, seine Hände ballten sich. „Nennen Sie diesen Namen nicht!» rief er abermals mit Heftigkeit,«wenn Sie mich nicht rasend machen wollen! Was ich für ein jämmer- licher Tropf gewesen bin, was für ein thörichter Einfaltspinsel, was für ein Vieh, ja dreymal dümmer, als ein Vich, mich von solch einem Schurken, unter so lächerlichen Vorspiegelungen, lenken und treiben zu lassen! Mich selbst könnt' ich zerreissen, wenn ich daran denke, Herr Old- buck!* Ich wollte Ihnen blos sagen, versetzte der Alterthumsforscher,«dafs dieser Kerl wahrschein- lich bald seinen verdienten Lohn bekommen wird; ich denke immer noch, wir werden etwas aus ihm herauskriegen, das Ihnen gute Dienste leisten kann. Er hat offenbar eine verbotene Cor- nespondenz jenseits des Meers—* Hat er? Hat er wirklichb Nun, mag der Hen- ker Eflecten, Pferde und Alles holen! Ich gehe, als ein glücklicher Mann in'’s Cefängniſs, und hoffe zum Himmel, daſs gewisse Aussicht da ist, dafs der Mensch an den Calgen kommt!“ 154 Nun, ziemlich gewisse, entgegnete Oldbuck, der sich bemühte, diese Abschweifung seiner Ce- danken zu unterstützen, weil er dadurch die Ce- müthsbewegung, die den armen Mann leicht um seinen Verstand hätte bringen können, zu mil- dern hoffte.«Haben doch schon ehrlichere Leute den Strick um den Hals bekommen, und das Ge- setz mülſste hier frevelhaft verletzt werden, wenn — Aber Ihre unglückliche Angelegenheit— kann man denn nichts thun?— Lassen Sie mich doch einmal die Klage sehen!“ Er nahm die Papiere zur Hand. Während dem Lesen wurde seine Miene immer düsterer und trostloser. Indefs war Mils Wardour in's Zimmer getreten, welche ihr Auge fest auf Oldbuck rich- tete, als wolle sie ihr Schicksal in seinen Blicken lesen, und leider aus der Veränderung in seinem Blicke und dem Herabhängen der untern Kinn- lade, sich überzeugte, daſs wenig Hoffnung vor- handen sey. So sind wir denn ohne Rettung verloren, Herr Oldbuckb“ sagte sie. «Ohne Rettung? Das hoff' ich nicht! Allein die Forderung ist für den Augenblick bedeutend, und andere werden nicht ausbleiben, fürcht' ich.“ «Da habt Ihr Recht, Monkbarns,“ sagte Sir Arthur, ewo ein Aas ist, da sammeln sich die Adler. Ich gleich' einem Schafe, das in einen Abgrund stürzt, oder aus Krankheit umfällt. Und 155 wenn sich auch seit vierzehn Tagen nicht ein ein- ziger Rabe oder eine Mandelkrähe in der Gegend hätte sehen lassen, so liegt es doch gewiſs nicht zehn Minuten lang auf der Haide, ohne dafs nicht ein halbes Dutzend ihm die Augen ausgehackt — hier fuhr er sich mit der Hand über seine ei- genen— aund es zerfleischt hat, ehe noch das arme Thier völlig todt ist. Der verdammte, Al- les auswitternde Geyer, der mich so lang, um- flattert hat— sie halten ihn doch nun wohl fest?“ O ja!“ entgegnete der Alterthumsforscher; „der Ehrenmann wollte zwar Fliigel der Morgen- röthe nehmen*), sich ganz säuberlich in die— wie heilst sie doch— nun in die Kutsche mit vier Pferden setzen, und davon fahren; allein er würde in Edinburg schon Leimruthen gefunden haben. Er kam indeſs nicht einmal so weit, denn die Kutsche warf um; wie hätte sie auch miteinem solchen Jonas gläcklich davon kommen sollen! Er hat einen höllischen Fall gethan, ist in ein Bauerhaus unweit Kittlebrig gebracht wor- den, und damit ihm die Möglichkeit zu entwi- schen gänzlich abgeschnitten ist, hab' ich Ihren Freund Sweepclean abgesandt, der ihn in nomine ²) Eine aus Psalm 139. V. 8 entlehnte Metapher: I take the wings of he morning, and remain en ihe tut- termost partr of the sea.(Nähm; ich Flügel der Mor- tenröthe, und blieb' am äussersten Meer.) A. d. Uebers. 156 regis nach Fairport zurückbringen, oder auch quasi als Krankenwärter in Kittlebrig bey ihm bleiben soll.— Und nun, Sir Arthur, erlauben Sie, daſs ich über den gegenwärtigen unangeneh- men Stand Ihrer Angelegenheiten oſfen spreche, damit wir sehen, wie Ihnen am besten geholfen werden kann.“ Mit diesen Worten schlug der Alterthumsfor- scher den Weg nach der Bibliothek ein, wohin ihm Sir Arthur folgte. Ohngefähr zwey Stunden mochten sie dort ein- geschlossen gewesen seyn, als Miſs Wardour sie unterbrach, die, in ihren Mantel gehüllt, ein- trat, so, als wolle sie eine Reise unternehmen. Sie sah sehr blafs, allein aus ihren Zügen sprach die ihr eigenthümliche Fassung. „Der Bote ist zurückgekehrt, Herr Oldbuck,“ sagte sie. Was der T—! Er hat den Kerl doch nicht etwa entschlüpfen lassen?“ „Nein! So viel ich gehört habe, hat er ihn in's Gefängniſs gebracht; jetzt aber ist er zurückge- kommen, um meinen Vater wegzubegleiten; er sagt: er könne nicht länger warten. In diesem Augenblicke hörte man auf der Trep- pe ein lautes Gezänk, in dem man Hektors Stim- me genau unterschied. «Ihr, eine Cerichtsparson, Herr, und dies Lumpengesindel Euer Gefolge? Es ist ja nichts 157 als ein Haufe bettelhafter Schneidergesellen. Zählt Euch zu neun und neun ab, dann wird man erst sehen, wie viel Ihr seyd!“ Die Stimme des Gerichtsbeamten murmelte da- zwischen, worauf man abermals Hektors Worte vernahm: Das hilft Euch Alles nichts! Macht, dafs Ihr mit Eurem sogenannten Gefolge aus dem Hause kommt, oder ich will Euch schon zeigen, was Rechtens ist!“ aIch wollte, Hektor wäre beym T— 1! rief der Alterthumsforscher, schnell dem Kampſfplatze zueilend. Das Hochländische Blut sprudelt schon wieder auf, und am Ende kommt's noch zu ei- nem Duell zwischen ihm und dem Gerichtsdiener. — Herr Sweepclean, Sie müssen uns ein wenig Zeit lassen. Sie werden den Sir Arthur nicht übereilen wollen, das weiſs ich!““ Keinesweges, Sir!“ entgegnete der Gerichts- diener, indem er den Hut wieder abnahm, den er, um zu zeigen, dafs er Capitain Mac-Intyre's Drohungen nicht fürchte, wieder aufgesetzt hatte. „Aber Ihr Neffe benimmt sich äusserst unhöflich! ich habe das schon zu lange ertragen müssen. Der Instruction gemäſs, die mir ertheilt worden, darf ich eigentlich meinen Gefangnen nicht länger hier lassen, falls er anders nicht im Stande ist, die darin bemerkte Summe zu bezahlen.“ Mit diesen Worten hielt er den Verhaftsbefehl hin, und deutete mit dem ehrfurchtgebietenden 158 Stabe, den er in der Rechten hielt, auf die Rei- he der auf der Rückseite desselben befindlichen Ziffern. Hektor seinerseits gab, obgleich er aus Ach- tung für seinen Onkel schwieg, seine Antwort durch die geballte Faust zu erkennen, die er dem Gerichtsboten mit der vollen Wuth eines hitzi- gen Hochländers entgegenhielt. So sey doch ruhig, thörichter Bursche!“ sagte Oldbuck,«und komm' mit mir in's Zimmer. Der Mensch erfüllt seine traurige Pflicht, und Deine Widersetzlichkeit verschlimmert nur noch die Sache!— Ich fürchte, Sir Arthur, Sie werden diesem Manne nach Fairport folgen müssen; we- nigsens seh' ich für den Augenblick keine Hülfe dagegen. Indeſs will ich Sie begleiten, damit ich sche, was sich weiter bey der Sache thun lälst. Mein Neffe wird Mils Wardour nach Monkbarns bringen, wo sie sich, hoff' ich, so lange aufhal- ten wird, bis wir mit der ganzen unangenehmen Sache ins Reine gekommen sind.“ Ich gehe mit meinem Vater, Herr Oldbuck,“ enigegnete Miſs Wardour;«ich habe schon seine Kleidungsstücke, so wie die meinigen, zurecht gelegt. Den Wagen, denk' ich doch, wird man uns nicht verweigern?“ Alles was Recht ist, Fräulein,“ versetzte der Gerichtsbote;«ich hab' ihn schon vorfahren las- ven, er hält vor der Thüre. Ich will mich zu „ 159 dem Kuischer auf den Bock setzen, um nicht zu- dringlich zu scheinen; aber zwey aus dem Gefolge müssen den Wagen zu Pferde begleiten.“ «Ich begleit' ihn ebenfalls ¹' rief Hektor, in- dem er sogleich hinab rannte, um für sich ein Pferd zu bestellen. Wir müssen also gehen“ thumsforscher. aIn's Gefängnifs,“ sagte der Baronet mit einem unwillkührlichen Seufzer.«Doch, was ist's denn mehr?“ fügte er mit einem erzwungenen scherz- haften Tone hinzu;«es ist ja doch nichts weiter, als ein Haus, das man nicht verlassen darf. Hätt' ich einen Anfall des Podagra bekommen, so wäre Knockwinnock für mich eben dasselbe. Nun, Monkbarns, so wollen wir denn den ganzen Spaſs auch einen Anfall von Podagra nennen, und zwar einen ohne die verdammten Schmerzen.“ Als er indefs dies sprach, traten Thränen in seine Augen, und der gebrochene Ton seiner Stimme bewies nur zu deutlich, wie viel Ueber- windung ihm diese angenommene Gemüthsruhe koste. Der Alterthumsforscher drückte ihm die Hand, und, wie die Indischen Banianen, welche durch Zeichen ein wichtiges Handelsgeschäft abschlies- sen, indem sie dem Anschein nach von gleich- gültigen Dingen sprechen, so gab Sir Arthur durch cine krampfhafte Erwiederung des Hände- „ — sagte der Alter- 160 drucks, dem Freunde zugleich seine Erkenntlich- keit und seinen wahren trostlosen Gemüthszu- stand zu erkennen. Sie schritten nun langsam die prächtige Treppe hinab. Jeder wohlbekannte Gegenstand schien jetzt dem unglücklichen Vater und seiner Tochter in bestimmteren, bedeutenderen Umrissen ent- gegenzutreten, als wolle er zum letzten Male sich ihuen recht tief einprägen. Auf dem ersten Absalz der Treppe stand Sir Arthur plötzlich sehr bewegtstill, und da er sah, daſs Oldbuck ihn mit unruhigen Blicken betrach- tete, sagte er mit erkünstelter Würde:«Ich glaube doch, Herr Oldbuck, dafs. dem Spröfſsling eines alten Stammes, dem Repräsentanten von Richard Rothhand und Gamelyn von Guardover, wohl ein Seufzer verzeihlich ist, wenn er dem Schloſs seiner Väter, von einem so armseligen Cefolge begleitet, den Rücken kehren muſs. ich entsinne mich, dafſs ich mit meinem verstorbenen Vater im Jahr 1745 nach dem Tower gebracht wurde, weil man uns des Hochverraths beschuldigte. Allein jene Anklage geschah, wie’s unsrem Rang und Stande zukam, und wir wur- den von Highgate aus durch eine Abtheilung der Leibgarde begleitet, und dann auf ausdrücklichen Befehl des Staatssecretärs verhaftet. Jetzt aber, in meinen alten Tagen, werd' ich aus meinem Eigenthum gerissen, von einer elenden Creatur, 161 wie diese“— dabey deutete er auf den Gerichts- diener— und wegen einer erbärmlichen Ange- legenheit, die nach Pfunden, Schillingen und Pencen bercchnet wird!“ Wenigstens haben Sie doch jetzt das Geleit einer zärtlichen,Tochter,“ sagte Oldbuck,«und eines treuen Freundes, wenn ich mich so nennen darf, und einiger Trost ist dies doch immer ne- ben der Gewiſfsheit, daſs es hier nicht zum Hän- gen, von Pferden zerrissen werden, oder zum Viertheilen kommen kann.— Aber da hör' ich schon wieder den hitzigen Burschen, den Hektor! Wenn er nur nicht neue Händel angelangen hat! Es ist ein verwünschter Zufall, der ihn gerade jetzt hieher führen muſste.“* Wirklich unterbrach ein plötzliches Geschrey, worin man Hektor's laute Stimme und seinen Nordischen Dialekt nur zu deutlich unterschied, die Unterredung. Die Ursache davon wollen wir im nächsten Kapitel angeben. 16² ———§ᷣ———— Drey und vierzigstes Kapitel. Fortuna, sagt man, flieht oor uns; doch kreis't sie Nur gleich dem flinken Vogel um das Boot Des Vogelstellers— jelzt verhüllt vom Nebel, Und jetzt vorbey am weiſsen Segel streifend, lls lockt' er seinen Feind aum Schuſs.— K- ahrung Iot wach und hat das Glück auf ihrem Rade. Der triumphirende Ruf in Hektors kriegerischen Tönen war nicht leicht von dem Schlachtgeschrey zu unterscheiden. Als er aber, ein Packet in der Hand, die Treppe mit den Worten heraufstürmte: «Lang' lebe der alte Soldat! Hier kommt Adam mit einem ganzen Haufen von Neuigkeiten!“ Da ward es klar, daſs die gegenwärtige Veranlas- sung seines Geschreys von angenehmer Art sey. Er übergab Oldbuck den Brief, schüttelte Sir 163 Arthur herzlich die Hand, und wünschte Mifs Wardour, mit aller Freymüthigkeit Hochländi- scher Sitte, Glück. Indefs zog sich der Gerichts- bote, der eine Art von angeborener Scheu vor dem Capitain Mac-Intyre hatte, in die Nähe sei- nes Gefangenen zurück, und gab mit argwöl i- schem Blick auf jede Bewegung des Kriegers ge- nau Acht. «Glaube nur nicht, Du schmutziger Geselle, daſs es auf Dich abgesehen ist,“ sagte der junge Krieger;«hier ist eine Cuinee für die Furcht, die ich Dir eingejagt habe, und da kommt ein Alter vom zwey und vierzigsten Regiment*), der wird schon besser mit Dir umzugehen wissen, als ich.“ Der Gerichtsdiener, einer von den Wichten, die es nicht verschmähen, auch das schmutzigste Brod zu essen, fng die Guinee auf, welche Hek- tor ihm zuwarf, und erwartete neugierig, was die Sache für eine Wendung nehmen werde. Unter- defs wurden alle Stimmen laut; jeder wollte sich nach dem, was vorgefallen sey, erkundigen, und gleichwohl beeilte sich Niemand, darauf zu ant- worten.. 1 «VWas gibt's denn eigentlich, Capitain 5“ fragte Sir Arthur. Fragen Sie nur den alten Adam!“ entgegnete *) lm Original: an old fort-two man. 164 Hektor;«ich weiſs nur so viel, dafs Alles gut steht.* «Was will denn das Alles sagen 9“ fragte Miſs Wardour den Bettler. «Da müssen Ew. Cnaden Monkbarns befragen, der hat die briefliche Correspondenz in Händen.“ «Gott erhalte den König!“ rief der Alterthums- forscher, bey dem ersten Blicke, den er auf das Packet warf, und vor Erstaunen allen Anstand, seine Philosophie und sein Phlegma vergessend, schleuderte er seinen dreycckigten Hut in die Luft, der indefs nicht wieder herabkam, sondern an einem Arm des Kronleuchters hängen blieb.— IHieraufblickte er freudig umher, griff mit der Hand an die Perücke, und würde sie wahrscheinlich dem Hute nachgeworfen haben, hätt' ihn nicht Adam mit dem Ausrufe davon zurückgehalten: Um des Himmels Willen! Der ist rein verrückt geworden! Bedenken Sie doch, dafs Caxon nicht da ist, um den Schaden wieder zu repariren!* Der Alterthumsforscher wurde nun von Allen bestürmt, die Ursache dieser plötzlichen Begei- sterung anzugeben. Etwas beschämt über den unbändigen Ausdruck seiner Freude, drehte er sich schnell um, wie ein Fuchs, der einen Trupp Hunde hinter sich bellen hört, und sprang, je- desmal über zwey Stufen, die Treppe hinauf, bis auf den obersten Absatz, wo er sich umwandte, und diestaunende Versammlung folgendermaſsen auredete: 165 Favete linguis, meine lieben Freunde! Wenn ich Euch worüber Bericht abstatten soll„ 80 muſs ich, den Grundsätzen der Logik zufolge, es doch erst selbst wissen. Vergönnt mir daher, daſs ich mich in die Bibliothek begebe, und diese Papiere hier gehörig untersuche. Sir Arthur und Miſs Wardour werden so gefällig seyn, sich einst- weilen in's Gesellschaftszimmer zu verfügen. Herr Sweepclean, supersede paulisper! oder, um mich in Eurer Sprache auszudrücken, bewilligt uns ein supersedere Eures Amtsbefehls auf einige Minu- ten!— Hektor, ziche Deine Truppen zurück, und blase Deinen Renommisten-Tusch*) anders- wo.— Kurz, seyd Alle gutes Muths, bis zu mei- ner Rückkehr die instanter erfolgen soll.“ Der Inhalt des Packets war so unerwartet, daſs der Alterthumsforscher wohl Verzeihung verdiente, sowohl seiner Ecstase wegen, als auch hinsicht- lich des Wunsches, der Versammlung den Inhalt nicht eher mitzutheilen, als bis er ihn selbst ge- hörig geordnet und verdaut hatte. In dem Umschlage befand sich ein Brief an Jo- nathan Oldbuck, Esq. von Monkbarns, folgenden Inhalts: *) Bean-garden flourirh. Nach Bailey's Wörterbuch in der Umarbeitung von A. Wagner beifst Bear- ganden eigentlich ein Bärzwinger, dann ein Ort des Auf- rubrs, oder wo's toll und wild hergeht. A. d. Uebers. 166 „Werther Herr! Ich nehme mir die Freyheit, mich an Sie, als meines Vaters geprüften und be- währten Freund, zu wenden, da mich dringende militärische Dienstgeschäfte hier festhalten. Sie werden unterdessen gewiſs mit dem verwickelten Zustande unsrer Angelegenheiten bekannt gewor- den seyn, und es wird Sie freuen, das weiſs ich, wenn ich Ihnen sage, dafs ich gliicklich und un- erwarteter Weise im Stande bin, zur Entwirrung derselben thätigen Beystand zu leisten. Wie ich höre, wird Sir Arthur von Personen, die früher- hin seine Agenten waren, mit strengen Mafsre- geln bedroht; ich habe mir indeſs, auf den Rath eines zuverläſsigen Geschäftsmannes, die einge- schlossene Schrift zu verschaffen gewuſst, welche, wie man mir versichert hat, dem Verfahren die- ser Leute vor der Hand Einhalt thun wird, bis ihre Forderungen. gesetzlich erörtert, und auf ih- ren wahren Betrag reducirt seyn werden. Zugleich schliefs' ich Wechsel auf tausend Pfund bey, um andere dringende Forderungen zu befriedigen, und bitte Sie, diese Summe, wie's Ihnen gut dünkt, zu verwenden. Es wird Sie ohne Zweifel wun- dern, dafs ich Ihnen mit diesem Auftrage be- schwerlich falle, da es weit natürlicher wäre, mich in den Angelegenheiten meines Vaters an jhn selbst zu wenden. Allein ich bin noch nicht völlig überzeugt. daſs ihm die Augen über den Cha- racter eimes Menschen geöſffnet sind, vor dem Sie 167 ihn, wie ich wohl weils, öfters warnten, und dessen unglücklicher Einflufs an all' diesem Un- glücke Schuld ist. Da ich nun die Mittel, Sir Arthur zu helfen, der Groſsmuth eines überaus trefflichen Freundes verdanke, so halt' ich’ für meine Pflicht, die sichersten Maſsregeln zu er- greifen, damit diese Unterstätzung zu dem Zwecke, wozu sie eigentlich bestimmt ist, verwendet wer- de, und ich bin überzeugt, daſs Sie, bey Ihrer Einsicht und Güte, darauf sehen werden, dafs dies geschieht. Mein Freund, dem an Ihrer Ach- tung viel liegt, hat Ihnen einige seiner Ansich- ten und Pläne in dem beyliegenden Briefe mitge- theilt. Da der Zustand der Postverwaltung zu Fair- port fast notorisch schlecht ist, so muſst ich diesen Brief nach Tannonburgh senden; allein der alte Ochiltree, der durch besondere Umstände als zurerläſsig empfohlen worden, weiſs, wann dies packet wahrscheinlich dort anlangen wird, und wird dann für weitere Beförderung desselben sor- gen. Ich hoffe bald Gelegenheit zu haben, mich wegen der Freyheit, die ich mir genommen, per- sönlich bey Ihnen zu entschuldigen, und habe die Ehre zu seyn Ihr ganz ergebenster Diener Reginald Gamelyn Wardobr. Edinburg d. 6. August 179— 163 Der Alterthumsforscher brach schnell das Sie- gel des Einschlusses auf, und las den Inhalt mit eben so vielem Erstaunen, als Vergnügen. Als er sich, nach dem Empfange so unerwarteter Nachrichten, ein wenig gesammelt hatte, sah er auch sorgfältig die ibrigen Papiere durch, wel- che sich alle auf das Geschäft bezogen; steckte hierauf den Wechsel in die Brieftasche, und schrieb eine kurze Quittung, welche noch mit der heutigen Post abgehen sollte; denn in Geldse sachen war er ausserordentlich pünktlich. Mit den wichtigen Aufschlüssen beladen, schritt er nun die Treppe hinab, und trat ins Cesellschafts- zimmer. 3 „Sweepclean!“*) sagte er sogleich beym Ein- treten zu dem Cerichtsboten, der voll Respect an der Thüre stand.«Ihr müfst auf der Stelle mit all' Eurem Gefolge und Sack und Pack**) Schloſs Knockwinnock räumen! Siehst Du hier das Pa- pier, Mensch? Ein Befehl zum Aufschub des Verfahrens!² sagte der Gerichtsbote, mit dem Blick getäuschter Erwartung.«Hab' ich's doch gleich gedacht, dafs *) Sweepclean, ein Ausfeger. 2) Im Original tag-rag and bob-tail— wörtlich; Lum⸗ penpack und Strunzen. S0 kommt das erste Wora un Shakspeare' Julius Cäsar(Act. I. Sc. ²) das 2 te im König Lear vor, A. d, Uebers. 169 nichts herauskommen würde, wenn man mit der endlichen Vollstreckung der Execution gegen ei- nen so vornehmen Herrn, wie Sir Arthur, Ernst machen will.— Cut, Sir! Ich werde meiner Wege gehn, nebst meinen Leuten. Allein wer bezahlt denn die Gebühren 5* Je nun, wer Dich hergeschickt hat,“ entgeg- nete Oldbuck, das mufst Du doch wohl wissen! — Aber da kommt ja noch ein zweyter expresser Bote. Heute drängt wahrlich eine Neuigkeit die andere!“ Es war Herr Mailsetter auf seiner Stute, der von Fairport kam, und einen Brief an Sir Arthur, so wie einen an die Cerichtsdiener mitbrachte, die er, wie man ihm befohlen, beyde gleich be- sorgen solle. Der Gerichtsdiener öffnete den sei- nigen, und äusserte: Oreenhorn und Grinderson wären schon sichere Leute genug, um die Ge- richtsgebühren zu zahlen, und diesem ihrem Briefe zufolge, sollten er und seine Leute von dem wei- tern Verfahren abstehen. Der Mann verlieſs dem- zufolge sogleich das Zimmer, hielt sich nicht länger auf, als nöthig war, um seine Leute zu- sammenzubringen, und räumte Flandern, wie sich Hektor ausdrückte, der, wie ein knurriger Bullenbeifser auf das Weggehen eines abgewie- senen Bettlers, auf den Abzug der Gerichtsdiener geharrt hatte. 3 Sir Arthur's Brief war von Herrn Greenhorn, 17⁰ und in seiner Art merkwürdig genug. Wir thei- len ihn hier, nebst den eingeschalteten Bemer- kungen des Baronets, mit: „Sir!(O! nun bin ich kein theurer Sir mehr! Den Herren Greenhorn und Grinderson sind die Leute nur theuer, wenn sie in Noth sind). Es thut mir sehr leid, bey meiner Rückkehr vom Lande, wohin mich besondere Geschäfte riefen (aller Wahrscheinlichkeit nach eine Wette auf cin einzelnes Wettrennen!) zu vernehmen, dafſs mein Associe, während meiner Abwesenheit, auf unverantwortliche Weise Ihre Angelegenheiten denen des Herrn Goldiebird nachgesetzt, und auf eine höchst unschickliche Art an Sie geschrieben hat. Ich bitte Ssie recht sehr, sowohl mich, als Herrn Crinderson, deshalb zu entschuldigen(Ey! er kann auch in seinem und seines Associe’s Na- men schreiben, wie ich sehe!) und versichert zu seyn, daſs ich die stete Gunst und Gewogenheit nie vergessen, noch mit Undank vergelten kann, deren sich meine Familic(Seine Familie! was der Mann grofs thut!) stets von der von Knock- winnock zu erfreuen gehabt hat. Es thut mir leid, laſs Herr Wardour, nach meiner heutigen Unterredung mit ihm zu schliefsen, sehr aufge- bracht ist, und zwar, wie mir scheint, offenbar Recht dazu hat. Um indels das Miſsverständniſs, so viel an mir liegt, wieder zu beseitigen(Ein schönes Mifsverständnifs, seinen Cönner in's Ge- 17¹ fängniſs zu schicken!) hab' ich diesen Expressen abgeschickt, um jedes weitre Verfahren gegen Ihre Person oder gegen Ihr Eigenthum zu suspen- diren, zugleich aber auch meine ergebenste Ent- schuldigung zu überbringen. Ich habe blos noch hinzuzufügen, daſs Herr Grinderson der Meynung ist, er könne Ihnen, Wwenn er Ihr Zutrauen wie- der gewonnen haben würde, Umstände angeben, welche mit Herrn Goldiebird's gegenwärtiger For- derung in Verbindung ständen, und den Betrag derselben sehr vermindern dürften(80 5 Also Schelw gegen Freund und Feind ¹) und daſs es durchaus keine Eile habe, den Saldo unsrer Rech- nung mit Ihnen abzuschliefsen; auch bin ich für mich sowohl, als Herrn Grinderson, theurer Herr (Er ist während des Schreibens ordentlich in ei- nen vertraulichen Ton gekommen) Ihr ganz ergebenster und gehorsamster Diener Gilbert Greenhorn. Gut gesagt, Herr Cilbert Creenhorn, gut ge- sagt!» rief Monkbarns. lch sche nun, dafs es nicht ohne Nutzen ist, wenn man z ey Sachwal- ter unter einer Firma hat. Sie bewegen sich wie Mann und Weib in cinem Holländischen Pup- penhäuschen. Weau's schön Wetter bey dem Clienten ist, so tritt der vornehme Associe heraus 17² und wedelt wie ein Schoofshündchen; ist'’s aber schlechtes Wetter, so schiefst der Herr Compag- non hervor, und packt an, wie ein Bullenbeifser, Cott sey Dank, dafs mein Geschäftsmann immer seinen gleichseitigen dreyeckigten Hut trägt, ein Haus in der Altstadt besitzt, sich eben so sehr vor einem Pferde fürchtet, als ich selbst, am Sonnabend Golf*) spielt, Sonntags regelmäſsig in die Kirche geht, und, weil er keinen Associe hat, sich auch nur seiner eigenen Thorheiten we- gen zu entschuldigen braucht.“ «Es gibt doch aber Schreiber und Advocaten, die sehr rechtliche Leute sind,» versetzte Hektor, «und ich möchte wissen, ob wohl Jemand gegen die Ehrlichkeit meines Vetters, Donald Mac-In- tyre, Strathtudlem's siebentem Sohn— die sechs andern dienen in der Armee— etwas einwenden könnte.“ «Bewahre, Hektor, bewahre! Alle Mac-Intyre's haben einmal das Patent, dafs sie rechtliche Leute sind. Ich wollte nur so viel sagen, daſs man sich bey einem Gewerbe, wo sich ohne unbedingtes Zutrauen nichts ausrichten läſst, eben nicht wun- dern darf, wenn Thoren dies aus Sorglosigkeit *) Ein in Schottland übliches Spiel, bey dem sich der Spielende bemüht, vermittelst eines Schlägels, einen Ball in das von seinem Nachbar in der Erde ausge- grabene Loch zu treiben. A. d. Uebers. 175 verscherzen, oder Schurken es aus Schlechtigkeit mifsbrauchen. Desto mehr Ehre bringt es aber denen, welche Rechtschaffenheit mit Geschick- lichkeit und Aufmerksamkeit vereinigen— wie ich mich denn für manche in dieser Hinsicht ver- bürgen will— und da ihren geraden Weg gehen, wo es für Leute von entgegengesetztem Character so viele Fallstricke und Steine des Anstoſses gibt. Solchen Männern können ihre Mitbürger ohne Bedenken die Sorge für die Beschützung ihrer Ei- genthumsrechte anvertrauen, so wie das Vater- land die noch heiligere Aufrechthaltung seiner Gesetze und Privilegien.“ «Auf jeden Fall kommen doch wohl die am besten weg, welche am wenigsten mit ihnen zu thun haben,“ sagte Ochiltree, der in diesem Augenblicke seinen Kopf durch die Thür des Ce- sellschaftszimmers steckte; denn da sich die all- gemeine Bestürzung in der Familie noch nicht ge- legt hatte, so hatten auch die Diener, gleich den Wogen nach einem heftigen Sturme, sich noch nicht genau wieder in ihre gehörigen Schranken zurückgezogen, sondern liefen im Hause wild durcheinander. «Nun, Du alte ehrliche Haut*),» sprach der *) In dieser Bedcutung kommt das Wort True-penny in Shakspeare’s Hamlet(Act I. Sc. 4.) vor. A. d. Uebers. 174 Alterthumsforscher,«bist Du auch dab Sie er- lauben wohl, Sir Arthur, daſs ich den Glücksbo- ten hereinkommen lasse, wenn's auch nur ein lahmer ist. Sie sprachen doch letzthin von den Raben, die schon von weitem auswittern, wo etwas gefallen ist; diese blaue Taube hier— frey- lich etwas alt und zähe, hat gute Neuigkeiten auf sechs bis sieben Meilen weit gewittert, und ist mit dem Oelzweige zurtickgekehrt.“ „Das habt Ihr blos dem wackern Robert zu danken," entgegnete der Bettler; der arme Bur- sche glaubt, er sey bey der Lady und Sir Arthur in Ungnade gefallen.* Voll Reu' und Beschämung guckte Roberts Ge- sicht über des Bettlers Schulter. aIn Ungnade? Bey mir P' sagte Sir Arthur, wie so?⁵— Denn der Zorn, mit dem er sich bey Gelegenheit des gerösteten Brods geäussert, war längst vergessen. Ach! jetzt besinn' ich mich, Robert! Ich war böse und Du hattest Un- recht. Geh' nur an Deine Arbeit, und verant- worte Dich nie wieder gegen Deinen Herrn, wenn er in der Hitze mit Dir spricht.9 «Freylich,“ versetzte der Alterthumsforscher, zeine sanfte Antwort ist das Beste auf hitzige Reden.* „Und Deiner Mutter,“» fügte Miſs Wardour hin- zu, adie mit dem Rheumatismus geplagt ist, kannst Du nur sagen, sie solle sich morgen bey 175 der Haushälterin melden; wir wollen sehen, wo- mit wir ihr helfen können.* Gott segne Ew. Cnaden,“ sagte der arme Ro- bert,«und auch Ew. Cnaden, Sir Arthur, und den jungen Herrn, und das ganze Haus in allen seinen Zweigen, fern und nahe. Es ist doch stets ein gütiges und wohlwollendes Haus für Arme geo wesen, seit vielen hundert Jahren.“ «Das wollen wir nicht bestreiten, versente der Alterthumsforscher, indem er sich zu Sir Ar- thur wandte;«allein Sie sehen auch, daſs die Dankbarkeit der armen Leute ganz natürlich nur den bürgerlichen Tugenden Ihrer Familie gilt. Von Rothhand oder Hell-in-Harneſs er- wähnen sie nicht ein Wort. Was mich betrifft, so gesteh' ich unverhohlen: odi accipitrem, qui semper vioit in armis!*)— Lassen Sie uns in Frieden essen und trinken, Herr Ritter, und gu- ter Dinge seyn!“ In dem Cesellschaftszimmer wurde schnell eine Tafel gedeckt, an der man sich fröhlich nieder- liels, um einige Erfrischungen einzunehmen. Dem alten Adam Ochiltree wurde, auf Oldbuck's Bit- ten, vergönnt, an einem besondern Tische, in einem grofsen ledernen Armstuhle Platz zu neh- men, den man etwas hinter einen Schirm stellte. — *) Ieh hasse den Ranbgierigen(wörtlich: den Habicht) der stets unter den Waffen lebt, 176 «Das geb' ich um so lieber zu,» sagte Sir Ar- thur, da ich mich genau entsinne, dafs zu mei- nes Vaters Lebzeiten ein gewisser Ailshie Gourlay diesen Stuhl einzunehmen pflegte, der, so viel ich weils, der letzte privilegirte Narr oder Spafs- macher war, der von einer angesehenen Schotti- schen Familie unterhalten wurde.“ O! Sir Arthur,» versetzte der Bettler, der kein Bedenken trug, mit einem kecken Scherz herauszurücken,«mancher weise Mann sitzt auf einem Narrenstuhl, und mancher Narr auf dem eines weisen Mannes, besonders in vornehmen Familien!* Mifs Wardour, welche besorgte, dafs diese Aeusserung— obwohl Ailshie Gourlay's oder ei- nes andern privilegirten Narren vollkommen wür- dig— auf ihres Vaters Nerven nicht eben den günstigsten Eindruck machen möchte, fragte schnell und angelegentlich, ob etwa Brod und Fleisch unter die Diener und das Volk vertheilt werden sollte, welches sich aus Neugier vor dem Schlosse versammelt hatte. «Allerdings, Liebe!» sagte der Vater;«wann ward es denn je anders gehalten in unsrer Fami- lie, nach irgend einer aufgehobenen Belagerung 9 5 „Ja, ja! Eine Belagerung,“ versetzte Oldbuck, unternommen von Saunders Sweepclean, und aufgehoben von Adam Ochiltree, dem Bettler!— par nobile fratrum! Beyde ziemlich gleich re- spectabel. Indessen sind dergleichen Belagerun- gen und Aufhebungen derselben, die einzigen, welche unsre Zeit gestattet, und unsre Befreyung, Sir Arthur, verdient deshalb nicht minder durch ein Glas dieses trefflichen Weins gefeyert zu wer- den.— Es ist wahrlich Burgunder, wenn ich nicht irre nν 3 „Hätten wir auch noch etwas Besseres in uns- rem Keller, sagte Miſs Wardour,«so wär' es doch immer zu wenig, Sie, nach so vielen freund- schaftlichen Bemühungen, gehörig zu bewirthen.“ Wirklich?“ entgegnete der Alterthumsfor- scher. Wohlan denn! Ein Glas aus Dankbar- keit Ihnen, meine schöne Feindin! Mögen Sie bald so belagert werden, wie's die Mädchen gern haben, und in der Capelle von St. Winnox die Capitulation abschlieſsen!* Miſs Wardour erröthete; Hektor verfärbte sich, und wurde unmittelbar darauf wieder bleich. Meine Tochter ist Ihnen sehrverbunden, Monk- barns,» versetzte Sir Arthur;«allein wenn Sie sie nicht selbst nehmen wollen, so weiſs ich in der That nicht, wo sich die Tochter eines armen Rit- ters in diesen gewinnsüchtigen Zeiten nach einer Verbindung umsehen soll.“* «Ich, Sir Arthur P Keineswegs! Allein ich be- rufe mich auf das Recht des Zweykampfs, und da ich nicht selbst im Stande bin, mich meiner schönen Feindin zu stellen, so werd' ich durch 78. M meinen Kämpfer erscheinen.— Doch davon her- nach! Was suchst Du denn in diesen Papieren, dais Du Dich so darüber hinbeugst, als ob Dir die Nase blutete?' Eben nichts Besonderes, Sir,* entgegnete Hek- 10r. Da indeſs mein Arm fast wieder curirt ist, so will ich Sie auf ein Paar Tage von meiner Ge- sellschaft befreyen, und nach Edinburg gehen. Ich weiſs, Major Neville ist dort eingetroffen, und ich wöcht' ihn gar gern sehen.“ Was für ein Major?“ Major Neville, Sir!* Wer zum Henker ist denn der Major Neville? „Sollten Sie sich nicht erinnern? Herr Old- buck," sagte Sir Arthur;«der Name ist häufig in den Zeitungen vorgekommen. Es ist ein sehr ausgezeichneter junger Ofcier. Allein ich freue mich, Ihnen sagen zu können, dafs Herr Mac- Intyre nicht nöthig hat, Monkbarns zu verlassen; denn, wie mir mein Sohn schreibt, wird der Ma- jor mit ihm nach Knockwinnock kommen, und ich brauch' es kaum zu sagen, wie sehr es mich freut, daſs ich die jungen Herren mit einander bekannt machen kann, falls sie sich nicht etwa schon kennen.“ „Persönlich nicht,* versetzte Hektor,«allein zch habe gelegen tlich sehr viel Gutes von ihm ge- hört, und wir haben mehrere gemeinschaftliche Freunde, unter denen sich auch Ihr Herr Sohn 1' 179 befindet.— Indefs mufs ich doch gehen, denn ich merke, mein Onkel fängt an, meiner über- drüssig zu werden, und ich fürchte—* «Dafs Du auch seiner überdrüssig werden wirst P“ unterbrach ihn Oldbuck.«Dagegen hilfe kein Beten mehr, fürcht' ich.— Allein Du hast am Ende vergessen, dafs der herrliche zwölfte August ziemlich nahe ist, und dafs Du da ver- sprochen hast, mit einem Jäger des Lords Glen- allan, Cott weiſs wo, zusammenzutreffen, um die friedliche geſiederte Schöpfung zu verfolgen!* «Das hatt' ich wahrlich vergessen, lieber On- kel!“ rief der flüchtige Hektor;«allein Sie spra- chen so eben etwas, was mich an gar nichts an- deres denken lieſs.* «Mit Ew. Cnaden Erlaubniſs,» sagte der alte Adam, indem er seinen weiſsen Kopf hinter dem Schirme hervorstreckte, wo er sich an Ale und kalter Küche recht gütlich gethan:«Ich kann Ihnen etwas mittheilen, was den Capitain wohl eben so gut bey uns zurückhalten wird, als die Jagd.— Haben Sie denn nicht gehört, daſs die Franzosen kommen?“ «Die Franzosen Po versetzte Oldbuck,«die Fran- zosen, Dummkopfb Pah!“ «Ich habe noch nieht Zeit gehabt,“ sagte Sir Arthur, meine Lieutnants-Correspondenz*) von *) Nämlich als Lieutnant(Statthalter) der Grafschaft. A. d. Uebers. 180 der letzten Woche zu durchlaufen, obgleich ich mir's eigentlich zum Cesetz gemacht habe, sie alle Mittwoche zu lesen, in dringenden Fällen ausgenommen, denn ich pflege alles gern nach einer gewissen Ordnung zu verrichten. Allein nach flüchtiger Durchsicht meiner Briefe mufs ich ver- muthen, dafs man einige ernsthafte Besorgnisse genährt hat.“ «Besorgnissep?“ entgegnete Adam. αu Besorg- nissen ist allerdings Grund vorhanden. Der Bur- germeister hat befohlen, daſs auf der Halketspitze das Lärmfeuer in aller Eile angezündet werden solle, und zur Wache dabey hat der Stadtrath keinen geringern Mann, als den alten Caxon selbst, ernannt. Einige sagen, das sey aus Ar- tigkeit gegen den Lieutenant Taffril geschehen, der, wie man für gewiſs behauptet, Jenny Caxon heyrathen wird. Dagegen aber sind Andere der Meynung: man habe Ew. Gnaden und Monkbarns dadurch ein Compliment machen wollen, weil Sie Pericken tragen; und einige glauben, es hänge mit einer alten Geschichte zusammen, daſs nämlich Einer von der Obrigkeit schon vor lam ger Zeit eine Perücke bekommen, und sie nie bezahlt hat.— Genug, er sitzt nun da, wie ein Wasserrabe auf einer Felsenspitze, der krächzt, wenn'’s schlechtes Weiter wird.“ 3 Das ist, bey meiner Ehre, ein schöner Wäch ter!“ sagte Monkbarns.«Was soll denn unter. defs aus meiner Perücke werden 181 Das hab' ich Caxon auch schon gefragt, ent- gegnete Ochiltree,«xund da gab er mir zur Ant- wort: er könne ja jeden Morgen kommen, und ch' er zu Bett ginge, einen Strich daran thun; denn es ist noch ein zweyter Mann dort, dst am Tage wachen mufs. Uebrigens könne er Ew. Gna- den Perücke auch halb im Schlafe frisiren, sagt er. ² Diese Nachrichten gaben dem Gespräche eine andere Wendung. Man kam nämlich auf Volks- vertheidigung zu sprechen und auf die Pflicht, für das Land, in dem man lebt, zu fechten, und so rückte denn allmählig die Stun? der Trennung heran. Der Alterthumsforscher uud sein Nefle schlugen den Weg nach ihrer Heimath ein, nach- dem sie mit den wärmsten Ausdrücken gegensei- tiger Achtung von den Bewohnern Knockwinnocks Abschied genommen, und versprochen hatten, so bald als möglich wieder einen Besuch zu machen. Vier und vierzigstes Kapitel. Wein, liebt sie mich nicht, frag' ich nlchts nach ihr! Soll ich bleich sehen, weil das Mädchen blüht? Und seufzen, weil sie lächelt— Andern lä- chelt? Heym Himmel, nein! Mein Fried' ist mir zu theuer, Daſs ich, der Feder gleich auf ihrem Hut. Ihn schnell von jeder Zaun' erschüttern lieſse Alles Schauspiel. „Hektor!“ sagte der Onkel zu dem Capitain Mac-Intyre auf dem Heimwege,«ich komme wirklich manchmal auf die Vermuthung, daſs Du doch, in einer Hinsicht, ein Narr bist. „Wenn Sie mich nur in Einer Hinsicht dafür halten,“ entgegncte der Neſfe,«so thun Sie mir 185 mehr Ehre an, als ich verdiene oder erwartet hätte.“ Ich meyne, in einer besonders, par excellenee. Es ist mir nämlich bisweilen so vorgekommen, als hättest Du auf Miſs Wardour ein Auge ge- worfen 5“ Nun ja, Sir l. Jab Zum Henker! Antwortet der Mensch nicht wahrlich so, als ob's das Cescheidteste in der Welt wäre, dafs ein Capitain bey der Armee, der sonst gar nichts weiter ist, die Tochter eines Baronets heyrathen will ¹“* „Je nun! Von Miſs Wardour's Seite würd' es doch, dächt' ich, eben keine Mifsheyrath seyn, wenigstens in Hinsicht auf die Familie.“ Um des Himmels Willen nichts über diesen punkt!— Gleich, beyde gleich, sag' ich, in Hinsicht auf den Stammbaum ganz, und berech- tigt, auf jeden roturier in Schottland mit Ver- achtung herabzublicken.“ Und was das Vermögen betrifft,“ fuhr Hektor fort,«so sind wir uns ebenfalls ganz gleich; denn keins von beyden hat Etwas.— Ich kann mich bierin freylich irren, allein ich glaube mit eini- gem Crund zu vermuthen, daſs—“ „Und ich kann Dir sagen,“ fiel ihm der Onkel zns Wort,«dafs Du Dich wirklich irrst.— S 1 will Dich nicht, Hektor!“ „Ist das wahr?“ 184 CGanz gewils, Hektor, und damit Du Dich völlig überzeugst, muſs ich Dir nur sagen: sie liebt einen Andern! Sie verstand einige Worte, die ich einmal gegen sie äusserte, falsch, und seitdem hab' ich die Erklärung, die sie ihnen un- terlegte, errathen können. Damals wufst' ich freylich nicht, was ich mir bey ihrem Stocken und Erröthen denken sollte; allein jetzt, mein armer Hektor, muſs ich es als den Todesstreich für Deine Hoffnungen und Ansprüche betrachten, Darum rath' ich Dir, lafs zum Rückzug blasen, und ziehe Deine Truppen, so gut es geht, aus dem Gefechte, denn die Festung ist zu gut besetzt, als daſs Du sie durch Sturm einnehmen könntest.* «Ich brauche gar nicht zum Rückzuge blasen zu lassen,“ sagte Hektor, indem er sich in die Brust warf, und mit einer Art von gekränkter und beleidigter Würde einherschritt;«wer nicht avan- cirt ist, braucht nicht zu retiriren. Es gibt, aus- ser Miſs Wardour, noch Mädchen genug in Schott- land, und von eben so guter Familie.“ Und besserem Ceschmacke!“ fügte der Onkel hinzu. Du hast Recht, Hektor, und ob ich gleich sagen muſs, dafs sie eins von den gebil- detsten und verständigsten jungen Mädchen ist, die ich gesehen habe, so muſs ich doch zweifeln, ob Du diese Vorzüge würdest zu schätzen wissen. — Eine hohe, in die Augen fallende Gestalt, mit zwey quer überliegenden Federn auf dem Kopſe 185 — eine grün und eine blau— die ein Reitkleid von Deiner Regimentsfarbe trüge, heute ihr Ca- briolet selbst lenkte, und morgen auf dem grauen Klepper, der das Fuhrwerk zog, das Regiment bey sich vorbey defiliren lieſse— hoc erat in potis! Das wären ungefähr so die Eigenschaften, die Dein Herz erobern könnten, besonders, wenn sie ausserdem noch Geschmack an der Naturge- schichte fände, und vorzüglich dem Phoca-Ge- schlecht zugethan wäre.“ «Es ist doch hart, Sir, daſs mir der verdammte Seehund bey jeder Gelegenheit in den Bart ge- worfen wird; aber ich mache mir nichts draus, und werde Miſs Wardour's wegen noch eben nicht ver- zweifeln. Sie hat Freyheit, zu wählen, und ich wünsche ihr alles mögliche Gluck.“ «Ein grofsmüthiger Entschlufs, Du Stütze von Troja!“ versetzte Oldbuck;«ich fürchtete mich wahrlich schon, daſs es eine Scene geben könnte — Deine Schwester sagte mir, Du seyst ganz de- sperat in Miſs Wardour verliebt.A „Sie werden doch nicht wollen, Sir, dafs ich über und über in ein Mädchen verliebt seyn soll, das sich nichts aus mir macht?“ Recht, Neffe!“ sagte der Alterthumsforscher ernsthafter.«Was Du da eben sagst, ist sehr vernünftig; ich selbst hätte vor zwanzig oder fünf und zwanzig Jahren viel darum gegeben, wenn ich damals so hätte denken können, wie Du jetzt.* 186 „Ich denke, Jedermann darf über dergleichen Dinge seine eigene Ansicht haben.“ «Nach der alten Schule nicht,“ entgegnete Oldbuck.«Kllein, wie gesagt, die Sitte der neu- ern Zeit scheint in diesem Falle die klügste, wenn auch nicht die interessanteste, wie mir dünkt. Jecat aber möcht' ich hören, was Du über den so allgemein besprochenen Gegenstand eines feind- lichen Einbruchs denkst. Das Gerücht sagt noch immer, sie kommen.“ Hektor verschluckte seine Kränkung, die er vorzüglich vor des Onkels satyrischer Laune zu verbergen suchte, und lieſs sich willig in ein Ge- spräch ein, das die Cedanken des Alterthumsfor- schers von Mifs Wardour und dem Seehunde ab- lenken mufste. Als sie Monkbarns erreichten, wurden diese delicaten Punkte nicht mehr berührt, weil sie den Frauen dasjenige mittheilten, was sich auf dem Schlosse zugetragen, und diese da- gegen wieder erzählten, wie lange sie mit dem Essen gewartet, und es nicht gewagt hätten, sich in Oldbucks Abwesenheit zu Tische zu setzen. Am nächsten Morgen stand der Alterthumsfor- scher früh auf, und da Caxon noch nicht erschie- nen war, so fing er an, innerlich den Mangel an kleinen Neuigkeiten und dem Cerede der Leute zu empünden, die der Ex-Peruqier stets getreu berichtet, und die dem Alterthumsforscher durch die Gewohnheit fast so unentbehrlich geworden 7 I 4 187 waren, als seine Prise Schnupftabak, wenn er sich gleich so stellte, als lege er beyden gleichen innern Werth bey. Das Gefühl der Leere, das durch diese Entbehrung eintrat, wurde durch die Erscheinung des alten Ochiltree einigermafsen gemildert, der an den geschorenen Eibenbaum- und Stechpalmhecken hinschlenderte, als ob er hier zu Hause wäre. Wirklich war er seit der letzten Zeit so einheimisch geworden, daſs selbst Juno ihn nicht mehr anbellte, sondern sich da- mit begnögte, ihn scharf und genau zu beobach- ten. Unser Alterthumsforscher trat sogleich im Schlafrocke aus dem Zimmer und empfing Adams Gruſs, den er erwiederte. Jetzt kommen sie in allem Ernst, Monkbarns!* sagte der Bettler. Ich komme so eben von Fair- port mit dieser Nachricht, und will auch bald wieder zurück. Die Search ist ebe- in die Bay eingelaufen, und man sagt, sie sey von einer Französischen Flotte verfolgt worden.“ „Die Search?“ entgegnete Oldbuck, einen Au genblick nachsinnend.«Ohol“ „Ja, ja, Capitain Taffril's Kanonenbrigg, die Fearch!“* Wier am Ende gar verwandt mit Fearch Nro. 2 5* Der Bettler hielt, wie Jemand, den man auf einem listigen Streiche ertappt hat, die Mütze 188 vor's Cesicht, und konnte sich nicht enthalten, herzlich zu lachen. Ihr habt den T— 1 im Leibe, Monkbarns,“ sagte er.«Ihr fügt da Dinge die Kreuz und die Quer in einander! Wer hätte denken sollen, daſs Ihr gleich das und das zu- sammenreimen würdet? Potz tausend! Da sitz' ich nun fest.“ «Ich sche Alles,“ sagte Oldbuck,«so deutlich, wie die Umschrift an einer wohlerhaltenen Münze. Die Kiste, worin man das Silber fand, gehörte der Kanonenbrigg, und der Schatz meinem Phö- nix ⁵* Adam nickte mit dem Kopfe.. Und wurde dort vergraben,“ fuhr Oldbuck fort, damit Sir Arthur in seiner Verlegenheit Unterstützung erhalten möchte 5* Ja,“ sagte Adam, durch mich, und zwey Leute von der Brigg; aber diese wuſsten nichts von dem Inhalt der Kiste, und hielten's so für eine kleine Contreband-Waare von dem Capitain. Ich wachte Tag und Nacht, bis ich's in den rech-. ten Händen sah. Und als der Deutsche Teufel auf den Deckel der Kiste hinstarrte, weil er viel- leicht den Braten riechen mochte, da gab mir's wahrscheinlich ein Schottischer Teufel ein, ihm jenen schlimmen Streich zu spielen. Nun seht Ihr aber wohl ein, dafs wenn ich dem Amtmann Littlejohn nur irgend etwas von dieser Geschichte 189 erzählt hätte, so würd's gleich bekannt worden seyn, und Herr Lovel hätte Verdriefslichkeiten gehabt, wenn so Alles ans Licht gekommen wäre.“ «Ich muſs gestehen, er hat seinen Vertrauten gut gewählt, wenn auch ein wenig sonderbar—⸗ «Nun, Monkbarns,“ unterbrach ihn Ochiltree, «das mufs ich von mir selbst sagen, dafs es wohl Wenige im Lande gibt, denen man so sicher Gold und Silber anvertrauen könnte, als mir. Ich brauch' es nicht und begehr’' es nichts könnt'’s auch nicht nutzen, wenn ich's besäſse. Aber dem armen jungen Herrn war auch keine Wahl geblieben; denn er dachte, er müſste das Land auf immer verlassen— darin hat er sich freylich geirrt, glaub' ich— und die Nacht war schon eingebrochen, als wir durch einen besondern Zu- fall von Sir Arthurs grofser Bedrängniſs Nachricht erhielten; Lovel aber mufste an Bord seyn, so wie der Tag anfing zu grauen. Nach fünf Näch- ten lief indefs die Brigg wieder in die Buckt ein; ich begab mich verabredeter Maſsen dorthin, wo das Boot anlegte, und wir vergruben den Schat= da, wo Ihr ihn gefunden habt.“ Ein höchst wunderbares, tolles Unterneh- men!“ sagte Oldbuck.«Warum vertrautet Ihr Euch denn nicht mir oder einem andern Freunde?“ «Das Blut Eures Schwestersochns, entgegnete 19⁰ Adam, aklehte ja an seiner Hand; ja, er konnte wohl auch todt seyn. Und hatte er denn Zeit, sich mit Jemand zu berathen, oder konnte er bey Euch oder irgend wem anfragen k“ „Du hast Recht! Aber wenn uns nun Douster- 4 swivel zuvorgekommen wäre— wie da b'* Es war nicht zu befürchten, daſs er ohne Sir Arthur dorthin kommen würde, weil er die Nacht zuvor schon einen ziemlichen Schreck erlebt, und 4 es lag offenbar nicht in seinem Plane, den Ort noch eimnal zu besuchen, falls man ihn nicht mit Gewalt dazu gezwungen hätte. Dafs er den ersten Schatz versteckt hatte, wuſste er recht wohl, wie konnt' er denn einen zweyten erwar- ten? Er schwatzte nur so davon, um desto mehr aus Sir Arthur herauszupressen.“ Aber wie hätte denn dieser dahin kommen sollen,“ versetzte Oldbuck,«falls er nicht von dem Deutschen hingeführt worden wäre?“ Hm! entgegnete Adam trocken,«ich hatte schon eine Geschichte von Misticoat in Bereit- schaft; die hätt' ihn vierzig Meilen weit, viel- leicht noch weiter gelockt. Ausserdem konnte man leicht vermuthen, dals er die Stelle bald wieder besuchen würde, wo er Silber gefunden; denn von dem heimlichen Streiche wufst' er ja nichts. Kurz, da das Silber einmal in dieser Gestalt vorhanden, Sir Arthur in der äussersten 1 9 1 Verlegenheit, und Lovel fest entschlossen war, es zu verhindern, daſs jener jemals die Hand kennen lernte, die ihm gcholfen— denn darauf bestand er am meisten— so konnten wir kein bessres Mittel ausfindig machen, als wenn wir ihm den Bettel auf diese Weise in die Hände spielten— wir mochten so viel grübeln und sin- nen, als wir wollten. Hätte vielleicht durch einen unglücklichen Zufall Dousterswivel seine Klauen darnach ausgestreckt, so hätt' ich augenblicklich Ihnen, oder dem Sheriff die ganze Geschichte vertraut.“ «Aller dieser weisen Vorsichtsmafsregeln un- geachtet, scheint mir Euer Plan besser gelungen, als er es, seiner plumpen Aulage nach, eigent- lich verdiente.— Aber wie zum Henker kam denn Lovel zu einer solchen Masse von Silberstangen?'⸗* «Das weiſs ich nicht; allein sie waren mit sei- nen Sachen schon zu Fairport an Bord gebracht worden, und wir legten sie nun in eine Muni- tions-Kiste der Brigg, theils um sie zu verber- gen, dann aber auch, um sie leichter fortschaffen zu können.“* aDu lieber Gott!“ sagte Oldbuck, dem seine erste Bekanntschaft mit Lovel in diesem Augen- blicke einfiel;«und diesem jungen Manne, der Hunderte so seltsam auf's Spiel setzte, gab ich den Rath, eine Subscription für sich zu eröffnen, und bezahlte seine Rechnung auf der Fähre. Ich 1 9²³ will doch auch nie wieder für Jemand das Ce- ringste bezahlen, so viel weiſs ich.— Vermuth- lich habt Ihr mit Lovel fortwährend in Briefwech- sel gestanden 5** alch bekam so ein Gekritzel von seiner Feder,“ entgegnete Adam, wodurch er mich benach- richtigte, es werde sich— gestern Abend näm- lich— ein Packet zu Tannonburgh befinden mit äusserst wichtigen Briefen für die Leute in Knock- winnock; denn sie fürchteten, man würd' unsre Briefe in Fairport aufbrechen. 80 viel ist gewiſs, daſs Mistrefs Mailsetter, wie ich höre, ihre Stelle verlieren wird, weil sie sich immer um anderer Leute Geschäfte bekümmert, und darüber ihre eigenen von jeher vernachläfsigt hat.“ „Was erwartest Du denn nun für Dich, Adam, der Du doch der Rathgeber, Bote, Wächter und Vertraute bey all diesen Dingen gewesen bistp“ „Verteufelt wenig!“ enigegnete Ochiltree. „Nichts weiter, als daſs auch alle vornehmen Leute den Bettler zu Crabe begleiten werden, und dafs Ihr vielleicht auch bey mir das Kopf- ende tragen werdet, wie Ihr's bey dem armen Steenie Mucklebackit gethan habt.— Was hat's mir denn auch am Ende für Mühe gemacht? Herumgehen— je nun, das thu' ich ja ohne⸗ dies. Orich hab' mich nicht wenig gefreut, als zie mich wieder aus dem Gefängnisse heraus- 193 lieſsen; denn ich dachte, wenn nun der böse Brief ankämèh während ich dort eingeschlossen wäre, wie eine Auster, und Alles schief ginge. Da hab' ich denn so manchmal gedacht, ich wollte mir's leichter um's Herz machen und wollt' Euch Alles geradezu entdecken, allein, ohne Lo- vels ausdrücklichem Befehl zuwider zu handeln, ging das doch nicht an, und er mufste noch erst Jemand zu Edinburg sprechen, glaub' ich, eh' er das thun konnte, was er für Sir Arthur und des- sen Familie zu thun Willens war.“ «Doch nun gib auch Deine politischen Nach- richten zum Besten, Adam!— Sie kommen also wirklich n“ «Ja wohl, Sir; die Leute sagen's! Es ist auch Befehl gekommen, dafs sich die Truppen und Freywilligen bereit halten sollen. Auch erwartet man einen recht gescheidten jungen Officier; der soll zusehen, ob Alles zur Vertheidigung gehörig eingerichtet ist. Ich sah, wie die Magd des Amtmanns die Degenkuppel und die weiſsen Bein- kleider ihres Herrn putzte. Da war ich ihr denn etwas behülflich— denn Ihr könnt leicht den- ken, daſs sie nicht eben sonderlich damit umzu- gehen verstand, und als Lohn für meine Mühe erfuhr ich denn alle die Neuigkeiten.“ «Was denkst Du denn davon, als ein alter Soldatp'“ 78. N 194 Ich weils in der That nicht— sind wirklich ihrer so viele, als man sagt, so möchten sie uns wohl überlegen seyn. Unter den Freywilligen ist allerdings mancher brave Bursche; von denen will ich nichts sagen, die nicht so recht mehr auf dem Zeuge sind, weil ich wohl selbst dazu gehöre— indefs wir wollen unser Bestes thun!* „WieL Dein kriegerischer Geist ist auch wie- der erwacht, Adam—* Selbst in der Asche glüht das alte Feuer.» Hätt' ich doch nicht geglaubt, daſs Du so viel pesäfsest, wofür Du fechten möchtest.“ «Ich nicht viel, um dafür zu fechten Pꝰ ver- setzte Adam.«Hab' ich nicht ein Vaterland, und Wohnungen, wo ich einkehren kann, und gibt's nicht Frauen, die mir herzlich gern mein Bischen Brod geben, und Kinder, die mit mir spielen, wenn ich in ein Dorf komme? Den T— 1 auch l* fuhr er fort, indem er seiner Pikenstock in vol- ler Begeisterung schwang, hätt' ich noch eben so viel Kraft, als guten Willen und eine gute Sache, ich wollte schon Manchem zu schaffen machen!* Bravo, Adam, Bravo!* rief Oldbuck. Mit dem Vaterlande kann es wohl nicht auf'’s Aeus⸗ serste kommen, wenn der Bettler eben so bereit- ist, für seine Nahrung zu fechten, als der Guts- herr für seinen Crund und Boden!“— 195 Ihr weiteres Gespräch bezog sich auf die nä- hern Umstände jener Nacht, welche der Bettler und Lovel in den Ruinen von St. Ruth zugebracht hatten, deren Erzählung den Alterthumsforscher ausserordentlich belustigte. «Eine Cuinee hätt' ich darum gegeben,» sagte er,«wenn ich den Schurken von einem Deutschen in derselben Angst gesehen hätte, die er Andern durch seine Gaukelcyen einzuflölsen sucht— in dem einen Augenblicke vor der Wuth seines Cönners zitternd, in dem andern wieder die Er- scheinung eines Ceistes fürchtend.“ «Ja,» versetzte der Bettler,'s war hohe Zeit, dafs der Kerl sich drückte; denn es schien or- dentlich, als ob der leibhafte Geist von dem Hell-in-Harnefs in Sir Arthur gefahren wäre. — Aber was wird denn nun aus dem Landläufer werden 5 „Aus einem Briefe, den ich diesen Morgen er- hielt, seh' ich, daſs er die Anklage gegen Dich zurückgenommen hat und sich zu Emtdeckungen anheischig macht, wodurch Sir Arthur's Angele- benheiten sich leichtere Weise reguliren las- sen, als wir glausten. So schreibt der Sheriff, und fügt hinzu, daſs er der Regierung eine Pri- vatnachricht von besonderer Wichtigkeit mitge- theilt habe. In Erwägung dessen soll er wieder nach seinem Vaterlande zurückgesandt werden — K 196 wie ich höre, um dort seine Schurkenrolle fort- zuspielen.* „Aber die schönen Maschinen und Räder, und die Höhlen und Gräben dort unten bey Glenwi- thershins— was soll denn daraus werden? fragte Adam. „Die Leute werden schon ein hübsches Feuer aus ihren Spielwerken machen, denk' ich, che sie auseinander gehen, so wie eine Armee ihr Ceschütz vernichtet, wenn sie eine Belagerung über Hals und Kopf aufheben muſs. Die Löcher aber, Adam, die können zu Rattenfallen dienen für die nächsten klugen Leute, die das, was sie wirklich in der Hand haben, fahren lassen, um nach blosem Schatten zu haschen.“ «Aber bester Herr! die Maschinen verbrennen, das ist doch offenbare Verschwendung! Thäten Sie denn nicht besser, wenn Sie durch den Ver- kauf der Materialien Ihre hundert Pfund wieder zu bekommen suchten?“ fuhr er in dem Tone angenommener Theilnahme fort. «Nicht einen Pfennig!“» entgegnete der Alter- thumsforscher mürrisch, indem er sich umwand- te und einen oder ein Paar Schritte weiter ging. Gleich darauf drehte er sich aber wieder um, und sagte, halb lächelnd über seine Miſslaune: „Ceh' in's Haus, Adam, und nimm Dir meinen Rath zu Herzen: Sprich nie wieder mit mir von ——— —— 197 einem Bergwerke und mit meinem Neffen von einer phoca oder einem Seehunde, wie Du's nennst.* «Jetzt mufs ich gleich wieder nach Fairport,» versetzte Adam,«um zu hören, was man da über die Invasion spricht; aber ich will mir's schon merken, dafs ich nie wieder mit Ihnen von ei- nem Sechund, und mit dem Capitain von den hundert Pfunden sprechen soll, die Sie dem Douster— „Dafs Dich der Henker! Du sollst das ja nie wieder in meiner Gegenwart erwähnen.“ «Nun, nun, Sir!“ sagte Adam, mit angenom- menem Erstaunen,«ich dachte, es gäbe nichts, was Euer Cnaden bey einer angenehmen Unter- haltung verdriefslich seyn könnte, als das Prä- torianische Lager dort, und der Kupferpfennig, den Ihnen der Botenläufer für ein, alte Münze verkaufte.“ «fuy, Pfuy!» rief der Alterthümler, indem er sich schnell von ihm wandte und in's Haus zurückkehrte. Der Beitler sah ihm einen Augenblick nach, und schlug dann, mit dem kichernden Lachen, das eine Elster oder ein Papagey hören läſst, wenn er einen diebischen Streich glücklich aus- geführt hat, den Weg nach Fairport ein. Ein gewisses unstätes Leben war ihm zur Gewohnheit 198 geworden, in der ihn noch das Vergnügen, Neu- igkeiten einzusammeln, bestärkte, und so hatte er denn in Kurzem wieder die Stadt erreicht, die er erst diesen Morgen verlassen hatte, und zwar aus keinem andern CGrunde, als um mit Monk- barns ein wenig zu schwatzen. *₰ 199 ———— * Fünf und vierzigstes Kapitel. Auf Duwnell flammt' die Bak'*) empor, Auf Skiddaw glühten drey; Das Jägerhorn durch Thal und Moor Klang rastlos mit Geschrey. 5 James Hogg · Der Wächter, der auf dem Hügel stand, und nach Birnam zu schaute, glaubte wahrscheinlich, er träume, als er zuerst sah, daſs der unheil- bringende Wald sich nach Dunsinan in Bewegung setzte**) — *) Heacon— die Bake, oder das in frühern Zeiten auf Thürmen angebrachte Feuerbecken, das zur War- nung, Fehde, zum Aufſtebot u. s. W. diente. A. d. Uebers. 2 ⁸) S. Shakspeare'’s Macheth, Act V. Sc. 5. 1 A. d. Uebers. 200 Ehben so ging es dem alten Caxon, als er in der Nacht, die auf jene Unterredung des Alter- thumsforschers mit Adam folgte, in seiner Warte zusammengekrümmt, und in tiefe Betrachtungen versenkt über die bevorstehende Vermählung sei- ner Tochter und über seine Würde als Schwie- gerrater, gelegentlich einmal nach der Signal- stange blickte, mit der die seinige in Verbindung stand, und zu seinem Erstaunen gerad' in dieser Richtung ein Licht wahrnahm. Er rieb sich die Augen, blickte nochmals hin, und suchte seine Beobachtung vermittelst eines Jacobsstabes zu be- richtigen, den er so gestellt hatte, daſs er ge- rade auf den bestimmten Punkt hinwies. Allein er sah deutlich, daſs das Licht zunahm, wie der Comet in den Augen eines Astronomen,«ganzen Nationen Unheil drohend.» «Gott sey uns gnädig!“ rief Caxon;«was ist nun zu thunp Da mögen klügere Leute zusehen — ich zünde das Lärmfeuer an!“* Sogleich flammte das Feuer in einer zitternden Flammensäule zum Himmel empor, und spiegelte sich, indem es die Seevögel aus ihren Schlupf- winkeln aufstörte, in den göthlichen Wellen der See wieder. Die andern Wächter folgten so- gleich Caxon’'s Beyspiel, und zündeten ebenfalls ihre Lärmfeuer an. Man sah in wenigen Minu⸗ ten auf Landspitzen, Vorgebirgen und Hügeln rings umher Flammen, und die ganze Gegend 201 war durch die Zeichen der Landung des Feindes in Bewegung gesetzt. Unser Alterthumsforscher pflegte bereits, den Kopf in doppelte Nachtmützen warm eingehüllt, der Ruhe, als er von dem Geschrey der Schwe- stern, der Nichte und der Dienstmädchen plötz- lich aus dem Schlaf auffuhr. «Was Teufel gibt's denn?» rief er, indem er sich im Bett aufrichtete.„Frauenspersenen in meinem Zimmer des Nachts? Seyd Ihr denn alle toll geworden P „Das Lärmfeuer, Onkel!“ sagte Miſs Mac- Intyre. Die Franzosen kommen, und wollen uns Alle ermorden!ꝰ schrie Mifſs Criselda. „Das Lärmfeuer! Das Lärmfeuer! Die Franzo- sen! Die Franzosen! Mord! Mord! und Schlim- meres noch als Mord!“ riefen die beyden Dienst- mädchen, gleich dem Chor in einer Oper. «Die Franzosen P“ sagte Oldbuck, sich auf- richtend.«Verlafst das Zimmer, Ihr Weibsleute! Ich mufs mich erst ankleiden. Und meinen De- gen bringt, hört Ihr? «Welchen denn, Monkbarns indem sie in der einen Hand ein Römisches Schwert von Erz, und in der andern einen Eisenfresser ohne Ge- fäſs hinhielt. „Den längsten! den längsten!“ schrie Jenny Rintherout, und brachte ein Schwert mit zwey 2 02. Griffen, aus dem zwölften Jahrhundert, herbey- geschleppt. „Aber so fafst Euch doch, Ihr Weiber!» sagte Oldbuck, obgleich selbst in groſser Bewegung, «und lafst Euch nicht sogleich vom blinden Schreck bemeistern. Wifst Ihr's denn gewiſs, dafs sie kommen 5 5 «Gewifs! ganz gewiſs!“ rief Jenny;«nur zu ge- wiſs! Alle Seetruppen, und die Landwehr, und die Freywilligen und die Freysassen, alle sind streitfertig, und ziehen nach Fairport, so schnell, als Mann und Pferd nur laufen kann. Selbst der alte Mucklebackit geht mit unter der Reserve, und wird gewiſs gut drein schlagen.— Ach! wenn Er noch lebte, er bätte gewiſs für König und Vaterland tapfer gestritten!“ «Gib mir den Degen, sagte Oldbuck, den mein Vater Anno 45 führte; er hat freylich we- der Cehenk noch Koppel, aber wir wollen uns schon helfen.» So steckte er denn die Waſſfe durch die Hosen- tasche. In diesem Augenblicke trat Hektor her- ein, der eine benachbarte Anhöhe erstiegen hatte, um sich zu überzeugen, ob's nicht blos ein blin- der Lärm sey. Wo sind Deine Waſfen, Neffep rief ihm Oldbuck entgegen!«Wo hast Du Deine Doppel- flinte? Sie kam Dir ja sonst nie aus der Hand, in Fällen, wo's eben nicht Noth that. 203 Pahlꝰ entgegnete Hektor. Wer braucht denn eine Vogelflinte im Cefecht? Ich hab' ja meine Uniform angezogen, wie Sie schen, und hoſſe mehr zu nützen, wenn man mir ein Commando gibt, als wenn ich zehn Doppelflinten habe. Sie, Sir, müssen nach Fairport, um Anstalten zu tref- fen zur Einquartierung und Verpflegung der Trup- pen, und um Unordnungen vorzubeugen.- „Du hast Recht, Hektor!“ versetzte Oldbuck, dich werde wohl am Ende eben so viel mit dem Kopfe, als mit dem Arme leisten.— Aber da kömmt ja Sir Arthur Wardour! Der wird— un- ter uns gesagt, weder mit dem einen, noch mit dem andern viel bewerkstelligen.“ Sir Arthur aber war vermuthlich ganz andrer Meynung, denn er hatte als Bezirksvorsteher seine Lieutenants-Uniform angezogen, und wollte nach Fairport. Er sprach hier blos ein, um Herrn Oldbuck mitzunehmen, denn die letzten Vorfälle hatten ihn in der hohen Meynung, dic er von dem Scharfblick des Alterthumsforschers hegte, sehr bestärkt. Oldbuck nahm auch nebst seinem Nef- fen augenblicklich dies Anerbieten an, so sehr auch die Frauen ihre ganze Beredsamkeit aufbo- ten, dafs er lieber als Garnison in Monkbarns zurückbleiben solle. Diejenigen, welche selbst solchen Auftritten mit beygewohnt haben, werden sich leicht eine Vorstellung von dem Gewühl in Fairport machen 204 können. Hunderte von Lichtern glänzten an den Fenstern, die, indem sie bald erschienen, bald wieder verschwanden, die allgemeine Verwirrung innerhalb des Hauses andeuteten. Die Weiber aus den niedern Volksklassen versammelten sich lärmend und schreyend auf den Strafsen. Die Landcigenthümer, welche aus den verschiedenen Thälern zusammenkamen, galoppirten durch die Stadt, bald einzeln, bald zu fünfen oder sechsen, wie sie sich eben unterwegs getroffen hatten. Die Trommeln und Pfeifen der Freywilligen riefen zu den Waflfen; dazwischen vernahm man den Ruf der Officiere, den Ton der Signalhörner, und das Geläut der Glocken von den Thürmen. Die Schiffe im Hafen wurden erleuchtet, und die Böte von den bewallneten Fahrzeugen vermehrten den Lärm, indem sie mit ihrer Mannschaft und mit den Kanonen landeten, die zur Vertheidi- gung des Platzes dienen sollten. Diesen Theil der Vorkehrungen leitete Taffril mit vieler Thä- tigkeit. Zwey bis drey leichte Schiffe hatten. schon ihre Taue gekappt, und gingen in See, um den vermeintlichen Feind zu entdecken. Eine solche Verwirrung herrschte dort, als Sir Arthur Wardour, Oldbuck und Hektor sich mit Mühe den Weg bis zum Hauptplatze bahnten, wo das Rathbaus stand. Es war erleuchtet, und der Magistrat hatte sich, nebst einigen Edelleu- ten aus der Nachbarschaft, versammelt. 205 Hier konnte man nun, wie bey manchen ähn- lichen Gelegenheiten in Schottland, bemerken, dafs der gesunde Verstand und die Festigkeit des Volks den Mangel an Erfahrung und Kenntnissen fast gänzlich zu ersetzen pflegt. Der Magistrat ward nämlich wegen der Billette für Mannschaft und Pferde von den Quartiermeistern bestürmt. Da sprach der Amtmann Littlejohn: «Lafst uns doch die Pferde in unsre Waaren- lager, und die Mannschaſt in unsre Gesellschafts- zimmer nehmen, unsern Tisch mit den einen, unsre Fourage mit den andern theilen. Wir sind unter einer freyen und väterlichen Regierung reich geworden; jetzt ist's Zeit zu zeigen, dafs wir ihren Werth zu schätzen wissen.“ Ein lauter und freudiger Beyfall ertönte rings umher, und das Vermögen sowohl, als alle Per- sonen ohne Unterschied des Ranges und Standes, wurden einstimmig zur Vertheidigung des Vater- landes dargeboten. Der Capitain Mac-Intyre versah bey dieser Ce- legenheit das Geschäft eines militärischen Rath- gebers und Adjutanten bey der vornehmsten Ma- gistratsperson, und zeigte dabey einen Grad von Geistesgegenwart und Kenntniſs seines Amtes, den sein Onkel nicht in ihm gesucht hatte, wel- cher denn auch, seiner gewöhnlichen insouciance und Hitze sich erinnernd, ihn dann und wann erstaunt betrachtete, und die ruhige, besonnene 2⁰6 Art nicht unbemerkt lieſs, womit er die ver- schiedenen Vorsichtsmafsregeln auseinander setz- te, die er aus Erfahrung kannte, und deren Aus- füͤhrung er leitete. Er fand die verschiedenen Corps in guter Ordnung, besonders in Betracht der unregelmäſsigen Bestandtheile, aus denen s1e zusammengesetat waren; ihre Zahl war stark und Alle belebte Muth und Vertrauen. Die militäri- sche Erfahrung überwog in diesem Augenblicke so sehr alle Ansprüche auf Consequenz, daſs selbst der alte Adam, statt, wie Diogenes von Sinope, ruhig in seiner Tonne zu bleiben*), während Alles um ihn her sich zur Vertheidigung anschick- te, das Geschäft erhielt, über die Vertheilung der Munition die Aufsicht zu führen, welches er denn auch schr gewissenhaft verwaltete. Zweyerley ward noch mit Aengstlichkeit er- wartet, die Ankunft nämlich der Glenallan'schen Freywilligen, welche, in Betreff des Ansehns je- ner Familie, zu einem besondern Corps vereinigt worden waren, und das Eintreffen des vorher an- gekündigten Officiers, dem die Vertheidigung der ²) Die Anekdote dieses Cynikers, der von dem Könitz Klexander von Macedouien, welcher ibm Erlaubniſs gegeben hatte, sich eine Guade auszubitten, nichts Weiter verlangte, als dafs er ihm ein wenig aus der Sonne gehen solle, ist bekanut. A. d. Uebers. 207 Käüste von dem Oberbefehlshaber übertragen war, und der, diesem Amte gemäls, die ganze Verfü- gung über die Streitkräfte auf sich nehmen sollte. Endlich hörte man die Hörner der Glenallan- schen Insassen, und der Craf selbst erschien, zur Verwunderung Aller, welche seine Lebensweise und seinen Gesundheitszustand kannten, in Uni- form an ihrer Spitze. Sie bildeten eine recht schöne, wohlberittene Schwadron, und bestanden gänzlich aus den Pächtern des Grafen im Nieder- lande. Ihnen folgte ein Regiment von fünf hun- dert Mann, völlig nach Hochländischer Sitte equi- pirt, welches er aus den Thälern des obern Landes zusammengebracht hatte, mit blasenden Pfeifen im ersten Gliede. Das höchst nette und militä- rische Ansehn dieses Trupps von Lehnsleuten konnte Capitain Mac-Intyrèe nicht genug bewun- dern, allein sein Onkel wurde mehr von der Art ergriſfen, wie, in diesem Augenblicke der Gefahr, der alte kriegerische Geist des Hauses Glenallan in der abgelebten und schwachen Gestalt des Grafen, als ihres Anführers, von neuem kräftig wieder aufzuleben schien. Auf sein Begehren wurde ihm und seinen Leuten dar Posten ange- wiesen, der wahrscheinlich der gefährlichste war. Er bewies sich bey den nöthigen Anordnungen äusserst thätig und besprach sich darüber mit vie- ler Einsicht. Unter diesen militärischen Bera- 208 whungen brach der Morgen an, wo denn alle die nöthigen Anstalten zur Vertheidigung trafen. Endlich liefs sich ein Geschrey unter dem Volke höreu: Da kommt ja der brave Major Neville und noch ein Ofcier!“ und gleich dar- auf rollte auch eine mit vier Pferden bespannte Postchaise, unter dem Jubelruf der Freywilligen und der Einwohner, auf den Marktplatz. Die Magistratspersonen, nebst den Assessoren der Statthalterschaft, eilten sogleich an die Thüure des Rathhauses, um den Ankömmling gehörig zu em- pfangen. Wie sehr erstaunten aber Alle, und besonders der Alterthumsforscher, als er sah, dafs aus der schönen Uniform und unter der krie- gerischen Kopfbedeckung das Gesicht des fried- lichen Lovel hervorblickte. Oldbuck muſste sich erst durch eine feurige Umarmung und ei- nen herzlichen Händedruck völlig überzeugen, dafs er sich nicht getäuscht habe. Sir Arthur aber war nicht weniger erstaunt, in Lovel's oder vielmehr des Majors Neville Gefährten, seinen Sohn, den Capitain Wardour wiederzuerkennen. Die ersten Worte der jungen Officiere enthielten die feste Versicherung an die Umstehenden, dafſs aller Muth und Eiler, den sie bewiesen, frucht- los gewesen sey, ausser in so fern, als sie da- durch einen oflenbaren Beweis von ihren guten Oesinnungen und ihrer Bereitwilligkeit zum Dien- ste abgelegt hätten. — 209 Der Wächter zu Halket-Head,“ sagte der Major Neville,«hatte sich, wie aus der Unter- suchung, die wir unterwegs anstellten, hervor- ging, auf ganz natürliche Weise durch ein Feuer täuschen lassen, das einige müssige Leute auf dem Hügel jenseits Clenwithershins angezündet, und zwar gerade in der Richtung des Lärmfeuers, mit dem das seinige in Verbindung stand.“ Oldbuck warf Sir Arthur einen bedeutenden Blick zu, den dieser mit einer kläglichen Miene und mit Achselzucken erwiederte. «Es müssen die Maschinen gewesen seyn, die wir in unserm Zorne den Flammen weihten,* sagte der Alterthumsforscher, der sich ein Hera fafste, wenn er gleich nicht wenig beschämt war, dafs er diese Unruhe mit veranlafst hatte. Der Henker hole den Dousterswivel!“ fuhr er fort; ger hat uns wahrlich ein Vermächtniſs von dum- men Streichen und Unheil hinterlassen, als ob er bey seinem Abschiede noch einige Stücke Feuer- werke abgebrannt hätte. Ich bin nur neugierig, was für eine Rakete nun zunächst unter uns los- platzen wird!— Aber da kommt ja der kluge Caxon! Den Kopit in die Höhe, Du Esel! Bes- sere Leute als Du, haben Deinetwegen Schimpf und Schande gehabt.— Hier, nimm dies!“ fügte er hinzu, indem er ihm sein Schwert reichte; was Würd' ich wohl gestern dem geantworlet ha- 78. 210 ben, der mir gesagt hätte, dafs ich heute so ein Ding an meinen Rockschofs hängen würde 5“ Iu diesem Augenblicke fafste ihn Lord Glen- allan leis' am Arme, und zog ihn in ein beson- deres Zimmer. Um's Himmels Willen, wer ist der junge Mann, der so ausserordentliche Aehnlichkeit hat mit—** «Mit der ungläcklichen Ereline!“ ſiel ihm Oldbuck in's Wort.„Ja wohl! ich fühlte mich sogleich, als ich ihn sah, zu ihm gezogen, und Ew. Herrlichkeit haben die wahre Ursache er- rathen.“ «Aber wer— wer ist er denn 5“ rief Lord Glenallan, indem er den Alterthumsforscher krampfhaft am Arme festhielt. «Früher würd' ich gesagt haben: Lovel; al- lein jetzt ist er zum Major Neville geworden.“ «Den mein Bruder als seinen natürlichen Sohn erzog— den er zu seinem Erben einsetzte!— Cütiger Himmel! Das Kind meiner Eveline!“ «Ruhig, Mylord, ruhig!“ verselzte Oldbuck, eben Sie nicht zu schnell einer solchen Vermu- thung Raum! Was ist denn hier für Wahrschein- lichkeit vorhanden 5 «Wahrscheinlichkeitb— Es ist Cewiſsheit, völlige Cewiſsheitl Der Agent, dessen ich gegen Sie erwähnte, schrieb mir die ganze CGeschichte. 8 Erst gestern erhielt ich den Brief. Um Cottes- willen bringen Sie ihn zu mir, dafs des Vaters Auge ihn segne, eh' er aus dieser Welt scheidet.“ «Das will ich gerne thun,“ enigegnete Old- buck; allein um Ihrer und Seiner selbst Willen bitt' ich, gönnen Sie ihm ein Paar Augenblicke Zeit, um sich vorzubereiten.“ Entschlossen, noch einige weitere Nachfor- schungen anzustellen, ehe er einer so seltsamen Geschichte vollen Glauben beymäfse, suchte der Alterthumsforscher den Major Neville sogleich auf, und fand ihn mit den nöthigen Maksregeln zum Auseinandergehen der versammelten Truppen beschäftigt. «Wenn ich bitten darf, Herr Major,“ sagte Oldbuck,«so überlassen Sie wohl dies Geschäft auf einige Augenblicke dem Capitain Wardour und Hektor, mit dem Sie, wie ich hoffe, sich völlig ausgesöhnt haben, und gönnen mir augen- blicklich Gehör.“ Neville reichte lächelnd Hektor über dem Ti- sche die Hand, und sagte:«Sie haben über mich zu befehlen, Herr Oldbuck, und wenn meine Geschäfte auch noch dringender wären. Denn ich habe mich bey Ihnen unter einem falschen Na- men eingeschlichen, und Ihre Castfreundschaft dadurch belohnt, dafs ich Ihren Neſfen beleidigte.“ «Je nun, er hat'’s verdient,“ entgegnete Old- buck;«ob ich gleich sagen mufs, dafs er heute eben so viel gesunden Verstand, als Muth gezeigt 2˙12 hat. Wahrlich, wenn er nur seine Studien wie- der vornehmen, den Cäsar und Polybius und die stratagemata Polyaeni lesen wollte, er würde gewiſs in der Armee avanciren, und an meiner Nachhülfe sollt's ihm nicht fehlen.“ «Er verdient es auch wirklich,“ sagte Neville. Was mich betrifft, so macht es mir Freude, daſs Sie mich entschuldigen, und Sie können dies um so eher, wenn ich Ihnen sage, dafs ich so un- glücklich bin, auf den mir allgemein beygeleg- ten Namen Neville kein gröſseres Recht zu haben, als auf den von Lovel, unter dem Sie mich ken- nen lernten.“ «Wirklichb Nun, wir werden schon einen aus- findig machen, hoflf' ich, auf den Sie einen be- gründeten und gesetzlichen Anspruch haben.“ «Sir! Sollten Sie vielleicht das Unglück mei- ner Geburt fur einen Gegenstand halten, der— «Keinesweges, junger Mann!“ unterbrach ihn der Alterthumsforscher.«lch glaub', ich bin besser hinsichtlich Ihrer Geburt unterrichtet, als Sie selbst, und um Sie davon zu überzeugen, sag' ich Ihnen: Sie wurden erzogen und anerkannt als ein natürlicher Sohn Geraldin Neville's von Nevillesburgh in Yorkshire, und, wie ich ver- muthe, als sein künftiger Erbe.“ Ich bitt' um Verzeihung! Solche Aussichten wurden mir nicht eröfluet. Man gab mir zwar eine anständige Erziehung, und brachte mich durch Geld und Verwendungen in der Armee vorwärts; allein mein vermeintlicher Vater hatte sich, glaub' ich, lange mit dem Plan getragen, daſs er sich vermählen wolle, wenn er ihn gleich nie ausführte.“ Ihrvermeintlicher Vater, sagen Sie?5— Woher vermuthen Sie denn, daſs Herr Geraldin Neville nicht Ihr wirklicher Vater war 5 «Ich bin überzeugt, Herr Oldbuck, dafs Sie eine so zarte Saite nicht berühren würden, um eine blose Neugier zu befriedigen. Daher will ich Ihnen offen gestehen, dafs ieh im vorigen Jahre, als wir eben eine kleine Stadt im Fran- zösischen Flandern besetzt hatten, in einem Klo- ster, in dessen Nähe ich einquartirt war, ein Frauenzimmer fand, das auffallend gut Englisch sprach. Sie war eine Spanierin, Theresa d'Acunha mit Namen. Im Foritgange unsrer Bekanntschaft entdeckte sie, wer ich war, und gab sich mir selbst als die Person zu erkennen, die mich als Kind gepflegt hatte. Sie lieſs mehr als einmal Winke über den Rang fallen, der mir ganz un- streilig gebühre, und über das mir zugefügte Un- recht, wobey sie mir zugleich weitere Aufklä- rung versprach, im Fall eine Dame in Schottland mit Tode abgehen sollte, bey deren Lebzeiten sie das Geheimniſs durchaus bewahren müsse. Sie deutete ebenfalls darauf hin, dafs Herr Ge- raldin Neville nicht mein Vater sey.— Wir 214 wurden unterdessen vom Feinde angegriflen und aus der Stadt vertrieben, welche dann mit wilder Wuth von den Republikanern geplündert ward. Ihr Haupthafs und ihre Grausamkeit war gegen die geistlichen Orden gerichtet. Das Kloster ging in Flammen auf, und mehrere Nonnen kamen dabey um, unter diesen auch Therese, wodurch mir jede Möglichkeit abgeschnitten ward, etwas über die Geschichte meiner Herkunft zu erfahren — die, nach allem, was mir darüber bekannt geworden, traurig genug seyn mufs.“ «Naνο antecedentem scelestum, oder wie ich hier sagen muſs, scelestam deseruit poena!“*) versetzte Oldbuck;«das nahmen schon die Epi- curäer an.— Was thaten Sie denn aber hier- aufb“ «Ich wandte mich schriftlich an Herrn Neville, jedoch ohne Erfolg. Hicrauf nahm ich Urlaub, warf mich ihm zu Fülsen, und beschwor ihn, die von Theresa begonnene Entdeckung zu vollen- den. Er weigerte sich, und als ich immer drin- gender wurde, warf er mir voll Zorn die mir bereits erwiesenen Wohlthaten vor. Ich glaubte, er mifsbrauche die Rechte eines Wohlthäters, und da er zugeben mufste, daſs er kein Recht ³) Selten entging der Verbrecher der gebührenden Stra fe. 2 219 habe, sich Vater zu nennen, so trennten wir uns in gegeuseitigem Miſsvergnigen. Ich legte den Namen Neville ab, und nahm den an, unter dem Sie mich kennen gelernt haben. Damals war es, wo ich, bey einem Freunde in Nord- England mich aufhaltend, der mich in meiner Rolle unterstützte, mit Miſs Wardour bebannt wurde, und auf den romantischen Einfall kam, ihr hicher nach Schottland zu folgen. In Betreff eines kunfligen Lebensplansschwankend, entschlofſs ich mich, mich noch einmal an Herrn Neville zu wenden, und ihn um die Enthüllung des Ge- heimnisses meiner Geburt zu ersuchen. Es dau- erte lange, eh' ich eine Antwort erhielt, und Sie waren gegenwärtig, als sie mir eingehändigt wurde. Er benachrichtigte mich von seinem schlechten Gesundheitszuslande, und beschwor mich, um meiner selbst willen, nicht weiter darüber nachzuforschen, von welcher Art sein Verhältnifs zu mir sey, sondern mich mit der Erklärung zu begnügen, dafs dasselbe so nahe und dergestalt beschaflen wäre, dafs er den Ent- schluſs gefafst habe, mich zu seinem Erben zu ernennen. Als ich mich aber anschickte, Fair- port zu verlassen, und mich zu ihm zu begeben, erhielt ich durch einen Expressen die Nachricht, dafs er nicht mehr sey. Der Besitz eines sehr beträchtlichen Vermögens war nicht im Stande, das Gefühl der Reue zu unterdrücken, das hin- 216 sichtlich des Benchmens gegen meinen Wohl- thäter in mir rege ward, und da ich aus einigen Winken in seinem Briefe schliefsen zu können glaubte, daſs ein stärkerer Flecken auf meiner Geburt hafte, als der einer gewöhnlichen ausser- ehlichen Erzeugung, so flelen mir gewisse Vor- urtheile Sir Arthur's ein—* Und Sie brüteten über diesen melancholischen Gedanken,“ unterbrach ihn Oldbuck,«bis Sie krank wurden, anstatt, dafs Sie hätten zu mir kommen, und mir die ganze Geschichte vertrau- en sollen.“ Leider that ich das. Dann aber ſiel der Zwist mit Capitain Mac-Intyre vor, wodurch ich ge- nöthigt ward, Fairport und die benachbarte Ge- gend zu verlassen.“ Und Lieb' und Dichtkunst aufzugeben,“ sagte Oldbuck, Miſs Wardour und die Caledoniade.“ «o war'’s.“ «Und seit jener Zeit waren Sie vermuthlich fort- dauernd mit Plänen beschäftigt, Sir Arthur Bey- stand zu leisten?“ «Ja wohl, Sirl der Capitain Wardour in Edin- burg unterstützte mich dabey.“ „Und der alte Ocbiltree hier ebenfalls, nicht wahr?— Sie sehen, ich bin mit der ganzen Ce- schichte bekannt. Aber wie kamen Sie denn zu dem Schatlze?' 217 Es war eine Menge von Silbergeräth, das mei- nem Onkel gehört hatte, und sich in Verwah- rung bey Jemand in Fairport befand. Einige Zeit vor seinem Tode hatte er Befehl gegeben, dafs es eingeschmolzen werden solle. Vielleicht wünscht’ er nicht, dafs ich das Glenallan'sche Wappen darauf sehen möchte.“* «Cut, Major Neville, oder— lassen Sie mich lieber Lovel sagen! Ieh habe diesen Namen nun einmal lieb. Sie werden jetzt ihre beyden Alias wohl mit dem Namen und Titel des achtbaren William Geraldin, gemeinhin Lord Ceraldin ge- nannt, vertauschen.“ Der Alterthumsforscher gedachte nun der selt- samen und traurigen Umsltände, unter denen sei- ne Mutter gestorben war. «Ich zweifle nicht,“ sagte er,«dafs Ihr Onkel wünschte, man möchte dem Cerücht Glauben beymessen, als sey das Kind dieser ungliickli- chen Ehe nicht mehr am Leben; vielleicht hatte er selbst ein Auge auf die Erbschaft seines Bru- ders; denn er war damals ein wilder, junger Mann, der nach Vergnügungen haschte. Allein von allen schlechten Absichten gegen Ihre Per- son mufs ihn Theresens Geschichte und Ihre ei- gene völlig freysprechen, so sehr auch Elsbeth's böses GCewissen wegen der heftigen Gemüthsbe- wegung, worin sie ihn erblickte, geneigt war, Verdacht gegen ihn zu schöpfen.— Doch nun 218 erlauben Sie mir wohl, daſs ich das Vergnügen ha- ben darf, eiunen Sohn seinem Vater vorzustellen.“ Wir wollen diese Zusammenkunft nicht schil- dern. Die Beweise wurden auf allen Seiten voll- ständig gefunden; denn Herr Neville hatte ei- nen genauen Bericht über die ganzen Ereignisse in die Hände seines vertrauten Haushofmeisters, in einem versiegelten Packet, niedergelegt, wel- ches erst nach dem Tode der Cräfin erôffnet wer- den sollte. Die Ursache, warum das Gceheim- niſs so lange bewahrt werden sollte, war wohl die Furcht vor dem Eindrucke, den eine so un- glückliche Entdeckung unfehlbar auf die stolze und heftige Gemüthsart jener Dame machen muſste. Am Abend dieses Tages tranken die Pächter und Freywilligen von Glenallan auf das Wohl ihres jungen Herrn. Einen Monat später erfolgte Lord Geraldin's Vermählung mit Mifs Wardour, und der Alterthumsforscher schenkte bey dieser Celegenheit der jangen Frau einen Trauring von antiker Form, auf dem sich Aldobrand Oldenbucks Motto: Kunst macht Gunst, befand. Der alte Adam, die wichtigste Person, die je- mals einen blauen Rock getragen hat, schlendert nun gemächlich von dem Ilause eines Freundes zu dem andern, und rühmt sich, daſs er nie- mals wandre, als wenn's schönes Wetter gäbe. Vor Kurzem aber haben sich einige Symptome 219 gezeigt, als wolle er jetzt einen festen Wohnsitz wählen, weil man ihn öfters in der Ecke eines netten Bauernhäuschens zwischen Monkbarns und Knockwinnock trifft, wohin sich Caxon, nach der Verheirathung seiner Tochter, begeben, damit er den drey Perücken des Kirchspiels recht nahe sey, die er denn auch noch immer, wenn gleich nur zu seiner Unterhaltung, gehörig besorgt.— Adam soll kürzlich geäussert haben: Es ist doch ein schönes, pehagliches plätzchen hier, und recht angenchm, so einen Winkel zu haben, wo man sich bey schlechtem Wetter hineindrücken kann!“ Man glaubt, daſs er sich, da seine Füſse an- fangen, immer steifer zu werden, hier endlich häuslich niederlassen wird. Die Milde einer so wohlhabenden Herrschaft, wie Lord und Lady Geraldin, ergoſs sich reich- lich über Mistrefs Hadoway und die Mucklebak- kitsche Familie. Die erstere wandte es gut an; die letztere verschwendete es. Indefs erhalten die Mucklebackit's das Regelmäſsige fort, allein unter Adam Ochiltree's Aufsicht; sie murren da- her bey jedesmaligem Empfange über den Canal, durch den es ihnen zuflieſst. Hektor rückt schnell in der Armee vorv und ist mehr als einmal in den Zeitungen erwähnt worden; auch steigt er verhältniſsmälsig immer mehr in der Gunst seines Onkels. Auch hat er ärts, 220 was dem jungen Krieger gewiſs nicht unangenehm seyn wird, schon zwey Seehunde geschossen, wo- durch denn die beständigen Anspielungen des On- kels auf die Geschichte mit der phoca aufgehört haben. Man spricht von einer Vermählung zwi- schen Mifs Mac-Intyre und dem Capitain War- dour; doch bedarf dies noch der Bestätigung. Der Alterthumsforscher stattet häufig in Knock- winnock und Clenallan-House seinen Besuch ab, angeblich, um zwey Abhandlungen zu beendigen, die eine: über das Panzerhemd des grofsen Gra- fen, die andere: über den Handschuh der linken Hand von Hell-in-Harnefs. Er erkundigt sich regelmäſsig, ob Lord Geraldin die Catedo- niade angefangen habe, und schäüttelt den Kopf über die Antworten, die er erhält. Seine Noten hat er indefs doch vollendet, und wuürde sie, glauben wir, gern Jemand zur Herausgabe über- lassen, doch nur ohne Gefahr und Kosten für den Alterthumsforscher. En d e. Anzeig e⸗ Die bercits erschienenen Bändchen der Taschenbibliothek der ausländischen Klassiker, welche durch alle Buchhandlungen zu haben sind, enthalten: Band 1— 2. Voltaire's Candide; übersetzt von Si gismund. 2 Thle. 3. Moliere's Tartüff; von Dr. Langen * beck. 4— 6. Voltaire's Karl XII.; von M. Stein. 3 Thle. 7. Byron's Poesien; von J. Körner, 13— 17. Heinr. Döring, Theod. Hell, 21— 26. A. Schumann, u. s. W. 12 Thle. 8. Shakespeare's Timon; von C. Regis. 9— 10. Torq. Tasso's lyrische Gedichte; von K. Förster. 2 Thle. 11— 12. 3 Virgils Aeneide; von Dr. Nürn- 27— 28. berger. 4 Thle. 18—19. Alfieri's Tyranney; von HI. Schwei- zer. 2 Thle. Band 41— 42. 39— 40. 20. Torq. Tasso's Amyntas; von H. L. v. Danford. 29— 30. W. Scott's Jungfrau vom See; von Willib. Alexis. 2 Thle. 31— 34. dessen Guy-Mannering, oder der Sterndeuter; v. Wilhelmine Ger- hard. 4 Thle. 35— 36. CGuarini's treuer Schäfer; von H. Müller. 2 Thle. . Thomson's Jahreszeiten; von Dr. Schmitthenner. 2 Thle. Delille's Landmann; von Dr. Georg Döring. 2 Thle. Thom. Moore's Lalla Rocokh; von M. Witthaus. 2 Thle. . W. Scott's schwarzer Zwerg; von Ernst Berthold. 2 Thle. . dessen Tvanhoe; von Elise v. Ho- henhausen. 4 Thle. dessen Secräuber von Heinrich Döring. 5 Thle. . dessen Herz Mid-Lothians etc.; von Sophie May. 5 Thle. . dessen Kloster; von Dr. Friedrich Diez. 4 Thle. — Band. 63— 66. W. Scott's Abt; von H. Müller. 4 Thle. 67— 7o. dessen Waverley etc.; von Karl Richter. 4 Thle. 71— 74. dessen Presbyterianer; von Ernst Berthold. 4 Thle. 75— 78. dessen Alterthümler; von Heinrich Döring. 4 Thle. ſiſſſſiiſſiſſſſſſſnſſninſtninnſmſmnanpnmnnhn 12 1 4 15 1 ſ! 8 9 10 11 3 1 6 17 9 L v ök““