— deutſcher, Seiß- und 1. Offensein d pfangnahme und 7 Uhr bis Abend 2. Lesepreis. eines geliehenen Buches wird von jedem Ta ie Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ on. 4 Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme i Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtatttt wird. 5 14 Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und fträgt, 8 4 ¹ für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 3 auf 1 Monat: 4 MRr.— Pf. ckſendung bſt zu ſorgen. verlorene und n ꝛc.) muß der eſchmutzte, ver⸗ ren Werkes, ſo iſt ) e kauf aufmerkſam g er nicht ſtattfinden darf, in mir geliehen, auch dafü⸗ 8— 1 Taschenbibliothek der ausländischen Klassiker, neuen Verdeutschungen. 9* 4 Walter Scott's Romane. Vierzigstes Bändchen. ——⅓— , Snlcheeeg. Z. Mavake. ſ Vſh, Walter Scott's 4 R omane. ℳ Aus dem Englischen Vierzigstes Bändchen. Der Alterthumler. Dritter Theil. —— im Verlage der Gebrüder Schumann. 1823. Zwickau, Der Alterthümler. Roman vom Verfasser des Waverley. Deutsch von Heinrich Döring. In vier Theilen. Dritter Theil. „Ich kannt' Anselmo. Er war schlau und klug- Klug heit und List besass er gleichermasten; Doch stõrrig. wie ein eigenrinnig Kind, Ergötzt' ihr Spielwerk, wie's die Jugend liebt: Ein Fabelbuch, geziert mit manchem Holasolmitt, Das Klimpern einer rostigen Medaille, Irgend ein altes Lied, wie's an der Wiege König Pipin's zuerst gesungen ward.“ —ℳuͤö—————:———ℳ3 Zwickau, im Verlage der Gebrüder Schumann, 1 8 2 3. Drey und zwanzigstes Kapitel. ————— Und dieser Doctor, Eu'r Herr Gevatter mit beruſstem Sehnausbart, m ird euch mit Gold den einen Kolben füllen, Den andern wiederum mit sublimirtem Quecksilber— das zerplatzt dann in der Hitze, Und Alles geht in Rauch auf. Der Alchymist. — Wie befinden Sie sich, lieber Herr Oldbuck,“ sagte Dousterswivel; mit dem jungen Herrn, dem Capitain Mac-Intyre, geht's doch hoffentlich auch besser? Ach, es ist immer ein schlechtes Geschäft, wenn sich junge Herren bleierne Ku- geln in den Leib jagen!“ «Abentheuer mit Bley sind in jeder Art miſs. lich, Herr Dousterswivel,“ entgegnete Oldbuck, wallein ich höre von meinem Freunde Sir Arthur, daſs Sie sich mit einem bessern Handel beschäf- tigen und Gold entdeckt haben.“ Ach, Herr Oldbuck, mein guter und verehr- ter Patron hätte über diese Sache gar kein Wort verlieren sollen; denn bey dem unbeschränkte- sten Vertrauen, das ich auf Herrn Oldbucks Klug- heit und Discretion, so wie auf seine Freund- schaft gegen Sir Arthur Wardour setze, ist das doch, bey Cott, ein Geheimnifs von groſser Wichtigkeit.“ «Vielleicht wichtiger, als das Metall, das wir dadurch gewinnen werden,“ verselzte Oldbuck. «Das hängt von dem Glauben und der Geduld ab, die Sie zu dem grofsen Versuche mitbringen. Falls Sie sich mit Sir Arthur verbinden wollen, so haben Sie nur hundert Pfund zuzulegen; denn fünfzig sind schon da, in einer Anweisung auf ein Haus in Fairport. Dann aber bekommen Sie so viel GCold und Silber, daſs ich selbst die Quan- tität nicht bestimmt angeben kann.“ Das wird auch wohl sonst Niemand können,“ entgegnete Oldbuck.„Aber hören Sie einmal, Herr Dousterswivel! Gesetzt, wir störten den niesenden Geist durch keine weitern Räucherun- gen, sondern gingen zusammen bey Tage hin, und nähmen, statt aller Beschwörungsinstrumente, mit gutem Cewissen, nur ein Paar Hacken und Schaufeln, womit wir den Boden des Chors in den Ruinen von einem Ende bis'zum andern durch- 9 grüben, und dann sähen, ob sich der vermeint- liche Schatz entdecken liefse, ohne uns deshalb in irgend einige Unkosten zu verwickeln— die Ruinen gehören ohnedies Sir Arthur.— Meynen Sie nicht, daſs wir auf diesem Wege besser zum Ziele kämen 5* «Hm! da würden Sie nicht einen kupfernen Fingerhut finden! Aber Sir Arthur mag thun, was ihm beliebt. Ich für mein Theil hab' ihm die Möglichkeit gezeigt, die Möglichkeit, sag' ich, eine bedeutende Summe zu gewinnen— habe sie ihm durch ein wirkliches Experiment bewie- sen. Will er mir nicht glauben, lieber Herr Oldbuck, so geht das Hermann Dousterswiveln weiter nichts an— er verliert blos Geld, Gold und Silber, das ist Alles!“ Sir Arthur Wardour warf einen schüchternen Blick auf Oldbuck, der besonders durch seine persönliche Gegenwart, trotz der häufigen Ver- schiedenheit in ihren Meynungen und Ansichten, einen nicht unbedeutenden Einflufs auf seine Denkart äusserte. Der Ritter fühlte in der That, was er sonst nicht leicht anerkannt haben würde, dafs sein Geist sich vor dem des Alterthumsfor- schers beugen müsse. Er hatte eine gewisse ehr- erbietige Scheu vor seinem klugen, Alles durch- forschenden und sarkastischen Character, und fürchtete seine Satyre, wenn er gleich seine An- sichten im Allgemeinen als vernünftig gelten lieſs. 10 Er sah ihn daher an, seiner Erlaubniſs, eh' er sich seiner I. bigkeit überliefso. Dous gut, daſs er Cefahr lief, seinen leichigläubigen Schülec zu verlieren, wenn er nicht in irgend einer Weise einen günstigen Eindruck auf seinen Rathgeber hervorbrächte. Ich weiſs, lieber Herr Oldbuck, «es würde vergeblich seyn, ren Erscheinung mit Ihnen trachten Sie dieses wunderbare Horn. Ihnen, der Sie die Seltenheiten aller Länder kennen„ wird es nicht unbekannt seyn, daſs das grolse Oldenbur- ger Horn, welches man noch jetzt in dem Mu- seum zu Copenhagen aufbewahrt, dem Herzoge von Oldenburg von einem weiblichen Waldgeiste übergeben ward. Ich würde Ihnen, wenn ich auch gewollt hätte, dennoch keinen Streich ha- ben spielen können, da Ihnen ja alle Seltenhei- ten bekannt sind. Nun ist aber hier auch ein Horn voll Mänzen— wenn es eine Büchse oder ein Kästchen gewesen wäre, so hätt' ich kein Wort darüber verloren.“ «Da es ein Horn ist, bestätigt es allerdings Ihre Meynung. Es war ein Werkzeug zu Cestaltun der Natur, und daher unter rohen Völkern sehn gewöhnlich, obgleich das Horn im metaphori⸗- schen Sinne mehr vorkommt, in dem Mafse, wie die Civilisation mehr zunimmt. Dies Horn hier,“ gleichsam als bedürfe er eichtgläu- terswivel merkte nur zu begann er, über Geister und de- zu reden. Allein be- 11 fuahr er fort, indem er es auf seinem Aermel rieb,«ist eine seltene und ehrwürdige Reliquie, und sollte ohne Zweifel für diesen oder jenen, nur nicht für den Adepten oder seinen Gönner, ein cornu copiae werden.“ «Sie sind noch immer sehr schwergläubig, Herr Oldbuck, allein ich kann Sie versichern, die Mönche verstanden sich auf das magisterium.“ „Lassen wir jetzt das magisterium aus dem Spiel, Herr Dousterswivel, und denken wir lie- ber an den Magistrat. Wissen Sie denn wohl, dafs Ihre Beschäftigung nach Schottischen Ge. setzen unerlaubt ist, und dafs Sir Arthur und ich selbst Mitglieder der Friedenscommission sind 5“ «Du lieber Himmel, was wollen Sie denn da- mit sagen, da ich Ihnen so viel Qutes erweise, als irgend in meinen Kräften steht p' «Sie müssen wissen, daſs die Gesetzgebung, als sie die grausamen Verordnungen gegen Zauberey abschaffte, nicht hoffen durfte, damit auch den Aberglauben der Menschen zu vertilgen, auf dem dergleichen Hirngespinnste sich gründen. Damit indefs listige Personen keinen Mifsbrauch von diesem Aberglauben machen sollten, so steht in der neunten Verordnung Georgs II, Cap. 5: daſs wer durch vorgebliche Erfahrung in einer gehei- men Wissenschaft, darauf ausgeht, verlorene, gestohlene oder verborgene Sachen wieder an's Licht zu bringen, als ein gemeiner Betrüger, mit dem Pranger und Gefängnifs bestraft werden solle. «Steht das wirklich in den Gesetzen 5“ fragte Dousterswivel, mit einiger Unruhe. «Ich kann Ihnen die Verordnung zeigen,“ ver- selzte der Alterthumsforscher. «Dann, meine Herren, habe ich die Ehre, mich Ihnen zu empſehlen. Ich hab' eben keine Lust, bey dem Dinge zu stehen, was Sie den Pranger nennen. Es scheint mir nicht der beste Ort, um die freye Luft zu geniefsen, und die Gefängnisse lich' ich vollends nicht, weil man da so gut als gar keine hat.. «Ich mufs Ihnen indeſs doch rathen„Herr Dou- sterswivel, vor der Hand zu bleiben„ wo Sie sind, denn ich kann Sie nicht gehen lassen, ausser in der Begleitung eines Constabels. Ueberdies er- wart' ich auch, daſs Sie mit uns nach den Rui- nen von St. Ruth gehen, und die Stelle genau bezeichnen werden, wo Sie den Schatz zu finden gedenken.“. «Du lieber Himmel, Herr Oldbuck, was ist denn das für ein Benehmen gegen Ihren alten Freund! Hab' ich Ihnen doch schon so deutlich, als ich's irgend vermag, erklärt, daſs, wenn Sie jetzt gehen, Sie auch nicht das geringste von ei- nem Schatze finden werden.“ 1 3 «Ich will den Versuch wagen, und Sie sollen Ihren Antheil davon erhalten, je nachdem die * 13 gache gelingt— versteht sich, mit Sir Arthurs Erlaubniſs.“ Der letztere hatte sich während dieser Verhand- lung in nicht geringer Verlegenheit befunden. Durch Oldbucks beharrlichen Unglauben fand er sich bewogen, Dousterswivel's Betrügerey we- nigstens zu ahnen, und die Art und Weise, wie der Adept sich zu behaupten suchte, zeugte kei- nesweges von der Entschlossenheit, die jener er- wartet hatte. Demungeachtet gab er ihn noch nicht ganz auf. «Herr Oldbuck,“ sagte der Baronet, Sie sind gegen Herrn Dousterswivel nicht gerecht. Er hat seine Entdeckung machen wollen mit Hülfe sei- ner Kunst, und dadurch, daſs er die Zeichen der Kräfte anwandte, welche die planetarische Stun- de beherrschen, und Sie verlangen von ihm, un- ter Androhung von Strafen, daſs er das Werk beginnen solle, ohne jene Vorkehrungen und Einleitungen getroffen zu haben, welche nach seiner Ansicht einen günstigen Erfolg sichern.“ „Das ist nicht meine Meynung gewesen. Ich verlangte blos, daſs er, während wir nachsuch- ten, gegenwärtig seyn, und er uns nicht verlas- sen sollte. Ich fürchte, er steht mit den Kräf- ten, von denen Sie sprechen, im Einverständniſs, und was auch jetzt zu St. Ruth verborgen liegen mag, es verschwindet wahrscheinlich, ehe wir binkommen.“ 14 Wohlan, meine Herren,“ sagte Dousterswi- vel verdriefslich;„ich will mich nicht mit Ihnen zu gehen; aber das sag' ich Ihnen gleich voraus: Sie werden auch nicht so viel fin- den, daſs es sich der Mühe verlohnte, zwanzig Schritte aus Ihrer Wohnung d gehen.“ „bis er vôn der Spazierfahrt zurück- kehren wiürde. Die junge Dame wuſste freylich nicht, wie sich diese Weisung mit dem Inhalte des Gesprächs, das„ ihrem Vermuthen nach, zwischen Sir Arthur und Oldb hatte, füglich vereinigen lieſs; genöthigt, vor der Hand den ni men Zustand der Ungewiſsheit zu ertragen. Die Schatzgräber bildeten eine höchst traurige Gesellschaft. Dousterswivel blieb finster und verschlossen; er brütete über zerstörte Hoffnun- gen und über die Strafe, die ihn bedrohte. Sin Arthur, dessen goldene Träume allmählig viel von ihrem Glanz verloren, betrachtete mit dä- sterem Ernst die bevorstehenden Schwierigkeiten seiner Lage; und Oldbuck„ welcher glaubte, dafs seine Einmischung in die Angelegenheiten des 15 Baronets diesem ein Recht gebe, eine thätige Unterstützung von ihm zu verlangen, ging mit sich zu Rath, wie weit er wohl zu diesem Zwecke seine Börse öffnen sollte. Da auf diese Weise jeder seinen eigenen Gedanken nachhing, so wurde kaum ein Wort gesprochen, bis man die vier Hufeisen erreicht hatte, ein Wirthshaus, dessen wir bereits früher erwähnthaben. Hier wur- den sogleich die zum Graben erforderlichen Werk- zeuge herbeygeschafft. Bey diesen Vorkehrungen überraschte sie der alte Bettler Adam Ochiltree. «Nun, alter Freund, woher des Weges?'“ sagte Oldbuck. «Der Herr segne Euch und verleih' Euch langes Leben!“ entgegnete Adam.„Ich habe mit Ver- gnügen gehört, daſs der junge Herr Capitain Maoc- Intyre wieder frisch und gesund auf den Beinen steht.— Vergeſst auch heute Euren armen Bett- ler nicht! «Warum bist Du denn gar nicht nach Monk- barns gekommen, seit uns die Cefahr zwischen den Felsen und Fluthen bedrohte?— Da hast Du etwas, um Dir Schnupftabak zu kaufen.“ Indefs Oldbuck so in seiner Tasche umher- suchte, liefs er zufällig das Horn, welches die Münzen enthielt, herausfallen. «Ey!“ sagte der Bettler, das Horn betrachtend, „das sieht ja einer alten Bekanntschaft von mir ähnlich. Die alte Dose hätt' ich unter tausenden 16 erkennen wollen— ich hab' sie viele Jahre bey mir geführt, bis ich sie endlich gegen eine dün- nere von dem alten Georg Glen, dem Bergmann, vertauschte, als er auf den Einfall kam, zu Clen- Withershins nachzugraben.“ «Wirklichb'“ sagte Oldbuck.«Also von einem Bergmann hast Du sie eingetauscht?— Aber so gut gefüllt hast Du sie wohl nie geschen 5 Mit diesen Worten zeigte er ihm die Münzen. «So lange sie mein war— darauf kann ich schwören, Monkbarns— hab' ich kaum für sechs Pfennige Tabak darin gehabt. Aber Ihr wollt wohl jetzt eine Antike daraus machen, wie Ihr's schon mit manchen andern Dingen gemacht habto Nun, ich habe nichts dawider, und wünschte nur, es machte Jemand aus mir selbst eine An- tike. Das geschicht leider nur mit Kupfer, Horn, Erz und dergleichen— um einen alten Kerl, der hier geboren und zu Hause ist, bekümmert sich kein Mensch.“ «Sie werden nun schon errathen, wie die Sache zusammenhängt,“ sagte Oldbuck zu Sir Arthur. «Ich hoffe, wir werden diesen Morgen zum Zweck kommen, ohne etwas daſür bezahlen zu diirfen.“ «Wo wollen Sie denn mit den Hacken und Schaufeln hinb“ fragte der Bettler. Das ist ge- wils ein Einfall von Euch, Monkbarns. Ihr habt am Ende Lust, so ein Paar alte Mönche in ihren Gräbern umzuwenden, che sie die lelzte Posaune 4 hören! Nun, ich gehe mit, und sehe zu, was Ihr macht.“ Der Zug kam indeſs in den Klosterruinen. an, und als man sich in dem Chor der Kirche befand, stand die Cesellschaft still, um zu überlegen, wohin man sich zunächst wenden sollte. Der Alterthumsforscher redete unterdessen den Adepten an:«Was meynen Sie bey der Sache, Herr Dousterswivel? Versprechen Sie sich einen günstigern Erfolg, wenn wir von Osten nach We- sten graben, oder umgekehrt? Oder wollen Sie Ihre dreyeckige Phiole, mit Maythau gefüllt, zur Hand nehmen, oder Ihre Wünschelruthe von Ha- selstauder Vielleicht wären Sie auch so gütig, uns mit einigen Ihrer hochtrabenden Kunstwörter zu Hülfe zu kommen, die— sollten Sie duch bey dieser Celegenheit wenig helfen— doch de- nen vielleicht von Nutzen seyn können, welche nicht das Glück des Junggesellenstandes genies- sen, um ihre schreyenden Kinder damit zum Schweigen zu bringen.“ «Herr Oldbuck,“ entgegnete Dousterswivel ziemlich verdriefslich,«ich hab' Ihnen schon ge- sagt, daſs Sie keine guten Geschäfte machen wer- den, und es wird sich schon Gelegenheit ſinden, um Ihnen für Ihre Artigkeiten meinen Dank ab- zustatten— ja, ja, ganz gewiſs!“ «Wenn Ihro Gnaden den Boden umzugraben Sedenken,“ sagte Adam,«und dabey den Rath 77 3 B 28 eines alten Knaben nicht verachten, so wär's wohl am besten, wenn Sie den Stein dort auf- hüben, auf dem ein Mann liegend abgebildet ist.“ «Ich glaube selbst, dafs dies der rechte Weg ist,“ verse der Baronet. «Ich habe nichts dagegen,“ sagte Oldbuck; es ist gar nichts Ungewöhnliches, Schätze in den Gräbern der Todten zu verbergen— Bartholinus und Andere haben uns mehrere Beyspiele davon aufbewahrt.“ Der Crabstein— derselbe, unter dem Sir Ar- thur und der Deutsche die Münzen gefunden hat- ten— wurde sogleich weggeschafft, und die Erde lieſs sich mit dem Spaten bequem durchgraben. «.Das ist schon bearbeitete Erde,“ sagte Adam; wich weiſs das recht gut, weil ich einmal mit dem alten Will Winnett einen Sommer hindurch gearbeitet habe, der mehr Gräber machte, als irgend wer in der jetzigen Zeit. Im Winter aber war mir'’'s zu kalt, und dann kam ein grünes Weihnachten, da starben die Menschen wie die Fliegen. Da wurde mir's zu arg, und ich lieſs den alten Will sein Geschäft allein besorgen.“ Die Grabenden waren indeſs so weit vorgerückt, dafs man deutlich schen konnte, die Seiten des Grabes waren ursprünglich mit vier Wänden von Stein versehen Sewesen, welche ein Parallelo- sram bildeten, wahrscheinlich bestimmt, um den Sarg aufaunehmen. 3 19 Es ist doch am Ende der Mühe werth, die Arbeit fortzusetzen,“ sagle der Alterthumsforscher zu Sir Arthur,«wär's auch nur, um die Neugier zu befriedigen. Es nimmt mich Wunder, auf wessen Crab man eine so ungewöhnliche Sorgfalt verwandt hat.“ 1 «Das Wappen auf dem Schilde,“ verseizte Sir Arthur mit einem Seufzer, zist ganz das nämli- che, wie auf dem Misticot's-Thurme, den Mal- colm, der Usurpator, erbaut haben soll. Es wuſste kein Mensch, wo er begraben sey, und wir haben eine alte Prophezeihung in unsrer Fa- milie, derzufolge die Entdeckung seines Grabes auf nichts Gutes deutet.“. Ja, ja,“ sagte der Bettler,«die hab' ich schon als Kind gehört: Kommt Malcolm Misticot's Crab an die Sonnen, IstKnockwinnocks Land verloren und gewonnen. Oldbuck kniete schon, mit der Brille auf der Nase, an dem Denkmale, und suchte theils mit dem Auge, theils mit dem Finger die einzelnen Zeilen verfolgend, die vermodente Inschrift un- der dem Bilde des Kriegers zu entziffern. Ja, ja,“ rief er,„das ist das Wappen von Kmoahninnoch, und dabey das Schilsvon War- our.“ „Richard Vardour, der Rotharmige genannt,“ 20 er IIlegitimität, quer über beyde Wappen auf den Schild gelegt.— Wo habt Ihr nur Eure Augen gehabt, dafs Ihr dies seltene Denkmal nicht schon längst bemerkt habt p' Wo muſs denn der alte dafs er mir nicht früher zu „ und was nur sonst ein Mensch ausspürt, das bleibt mir gewiſs nicht verborgen.“ Dies gab allen Veranlassung, sich den frühern Zustand der Ruinen in diesem Winkel des Chors in's Cedächtniſs zurückzurufen, und sie erinner- Schutthaufens, welcher wegges um das Crabmahl sichtbar zu machen. Sir Ar- thur hätte sich vielleicht erinnern können, ‚allein sein Cemüah war zu bewegt, als daſs er den Umstand mit der CGegenwart vergleichen konnte. Während die Umstehenden in solche Erinne- 2 1 rungen und Betrachtungen versunken warem, setzten die Arbeiter ihr Geschäft fort. Sie hat- ten bercits fünf Fufs tief gegraben, als das Aus- werſen der Erde immer beschwerlicher, und sie selbst der Arbeit überdrüssig wurden. «Wir sind nun bald bis auf den Grund,“ sagte der Eine,„und kömmt weder ein Sarg. noch sonst was zum Vorschein! Es sind gewiſs schon andere Gräber vor uns hier gewesen, das merkt man deutlich.“ Mit diesen Worten stieg der Arbeiter aus der Tiefe herauf. Weiſst Du was, Bursche,“ sagte Adam, in- dem er an seiner Stelle hinunterstieg,«ich will einmal einen Versuch machen— bin ja ein alter Todtengräber. Gute Sucher seyd Ihr wohl, aber schlechte Finder.“ Als er in das Grab hinabgestiegen war, stiefs er seinen Stock mit der Eisenspitze kräftig in die Erde. Er fand Widerstand in der Tiefe, und der Beitler rief, nach Art eines Schulknaben:; «Halb Part! ich hab' etwas gefunden! Jedermann, von dem niedergeschlagenen Ba- ronet bis zu dem verblüfften Adepten, drängte sich, von Neugier überwältigt, zu dem Crabe, und würde, wenn es Alle hätte fassen können, vielleicht gar hineingesprungen seyn. Die Arbei- ter nahmen nun wieder ihre Werkzeuge zur Hand, und trieben ihr Geschäft mit dem Eifer neugieri- 22 ger Erwartung. Ihre Schaufeln stieſsen bald auf eine feste hölzerne Oberfläche, die, nachdem man die Erde hinweggeräumt hatte, die bestimm- sich eine Menge Schiffswerg befand, und endlich Augen traute, hob eine Stange Silber nach der andern empor. Es fand sich keine Inschrift, oder dem andern heraus, untersuchte alle, der Reihe nach, und besorgte schon, daſs die untern Lagen 23 den obern an Werth nicht gleich kommen möch- ten. Allein es liefs sich in dieser Hinsicht durch- aus kein Unterschied bemerken, und er mulste ge- stehen, dafs Sir Arthur jetzt einen Schatz an Silber besitze, der mindestens tausend Pfund Ster- ling werth sey. Sir Arthur versprach nun denen, welche geholfen hatten, eine ansehnliche Beloh- nung für ihre Mühe, und fing eben an, zur Fort- schaffung dieses bedeutenden Fundes nach Knock- winnock Anstalten zu treffen, als der Adept, sich von seinem Erstaunen erholend, welches nicht minder groſs, als das der Andern gewesen war, den Ritter am Kermel zupfte, und sich, nach- dem er ihm unterthänigst Glück gewünscht, mit einer Art von Triumph zu Oldbuck wandte. Ich sagte Ihnen vorhin, mein werther Freund,“ begann er,«dafs ich nur nach einer Gelegenheit suchte, Ihnen für Ihre Höflichkeit meinen Dank abzustatten. Clauben Sie nicht, daſs ich jetzt eine gefunden habe?“ «Wie? Herr Dousterswivelb Sie glauben wohl etwas zum glücklichen Ausgange unsres Unter- nehmens beygetragen zu haben? Entsinnen Sie sich nicht, dafs Sie uns alle Unterstützung Ihres Kenntnisse verweigert habenf Sie sind hier ohne Waſlen, und wollen doch die Schlacht für uns entschieden haben! Weder Amulet, Platte, Sie- gel, Talisman, Zauberspruch, Crystall, Penta- 24 kel ⁴), noch den magischen 8 trische Figuren haben Sie ang piegel oder geome- ewandt. Wo sind denn Ihre Zaubergürtel und Abrakadabra's*), Freund 5“ Wo Ihre Krõ ten, Ihre Krähen, Dra chen, Panther, Und Sonn' und Mond, Ihr Firmament und Thierkreis P Ihr Lato, Azoch„Zernich, Chibrit, Hotarit, Nebst Ihren mannigfachen Brüh'n und Tränken, Und all' dem Apparat, bey dem man wahrlich Vom blosen Nennen gleich zerplatzen könntep O Du trefflicher Ben Johnson! Deinem Staube, daſs Du die Gau so derb gezüchtigt hast! Wer h len, dafs sie in der unsrigen würden P“ Die Antwort des Adepten auf diese Aeusserung des Alterthumsforschers müssen wir bis zum näch- sten Kapitel verschieben. 3 /——— .*) Ein auf Jungſernpergament ode ietzel, dem man die Wirkung beylegte. A. d. Uebers. **) Ein altes magisches Wort, von so geheimer Kraft, als der Name Abraxas, dessen Buchstaben die Zahl 365 enthalten.(S. Vofsens Gedichte. Könitsberg 1802. Bd. II. S. 369.) A. d. Uebers. Friede sey mit kler Deiner Zeit ätte denken sol- wieder aufleben r Metall gedrücktes eines groſsen Zaubers —ꝓꝓ— 25 AAAnnnnnnnnn Vier und zwanzigstes Kapitel. Claus. 1 Thr sollt den König Des Bettlerschatzes nunmehr kennen lernen, Und sollt nooh heut hier Eure Herberg finden— Stellt ja Euch ein, ich will's Euch schon ver- gelten. Das Beltlergebisch. Der Deutsche, wie es schien, entschlossen, die vortheilhafte Stelle zu behaupten, worin ihn die Entdeckung versetzt hatte, erwiederte Oldbucks Angriff mit einer gewissen Würde und Feyer- lichkeit. Herr Oldbuck,“ sprach er, das mag Alles recht witzig und belustigend seyn; indeſs Leuten, welche ihren eigenen Augen nicht glauben, hab' ich nichts zu sagen— ganz und gar nichts! Frey- 26 lich hab' ich heute nichts von den künstlichen Dingen, die Sie erwähnen, bey mir; allein eben deshalb mufſs das, was ich bewirkt, um 80 wun- derbarer erscheinen. Ich mufs Sie indefs doch bitten, mein verehrter, groſsmüthiger Gönner, die rechte Hand in Ihre Westentasche zu stecken, und mir das zu zeigen, was Sie dort finden werden.“ Sir Arthur that es, und zog die kleine Silber- platte heraus, die er, unter der Anleitung des Adepten, bey frühern Gelegenheiten gebraucht hatte. ⸗Wahrlich,“ sagte er, indem er den Alter- thumsforscher ernst ansah,„das ist das Siegel, wodurch Herr Dousterswivel und ich unsre erste Entdeckung zu Stande brachten.“ «Ey, mein theurer Freund,“ entgegnete Old- buck; ich halte Sie für zu verständig, als daſs Sie an den Einfluſs eines dünn geschlagenen und bekritzelten Kronenstücks glauben sollten. Ich sage Dir, Sir Arthur, hätte Dousterswivel ge- wuſst, wo dieser Schatz zu heben gewesen wäre, Du hättest wahrlich auch nicht den kleinsten Theil davon bekommen.“ E«Euer Gnaden erlauben,“ sagte Adam, der äberall gern sein Wort dazu gab,«ich denke, da Herr Dousterswivel so groſsen Antheil an der Entdeckung hat, so ist's doch das Weuigste, waf ₰+△ Ihr für ihn thun könnt, dafs Ihr ihm dasjenigs 27 überlafst, was er noch zu heben übrig gelassen hat; denn wer o viel hat finden können, der wird auch noch mehr entdecken.“ Dousterswivel zog die Augenbraunen bey die- sem Vorschlag, ihm das, was er selbst erworben, wie Ochiltree sich ausdrückte, auch selbst zu überlassen, finster zusammen, allein der Bettler nahm ihn auf die Seite, und flüsterte ihm ein Paar Worte ins Obr, die er mit vieler Aufmerk- samkeit zu vernehmen schien. Unterdessen sprach Sir Arthur, von seinem Clücke begeistert, mit lauter Stimme: Kehren Sie sich nicht an unsern Freund Monkbarns, Herr Dousterswivel, sondern kommen Sie morgen auf’s Schloſs, wo ich Ihnen beweisen werde, daſs ich für die mir in dieser Sache ertheilten Winke nicht undankbar bin, und die fünfzig schmutzigen Bank- noten von Fairport, wie Sie sie nennen, stehen Ihnen gleichfalls zu Diensten.— He da, Bursche, macht den Deckel der kostbaren Kiste wieder zu.“* Allein der Deckel war in der allgemeinen Ver- wirrung unter den Schutt und unter die lockere Erde gekommen, die man aus dem Crabe ge- schaufelt hatte, und liefs sich nirgends entdecken-. Cleichviel!“* sagte Sir Arthur, abindet ein Stück Wachstuch darüber, und bringt die Kiste in den Wagen. Nun, Monkbarns, wollen wir uns auf den Weg machen? Ich mufs mit Ihnen zurück, um Fräulein Vardour abzuholen.“ alch hoffe, Sir Arthur, Sie werden bey mir zu Mittage bleiben, und ein Gles Wein auf den glücklichen Ausgang des Abentheuers mit mir trinken. Sieè mässen ja ohnedies wegen der Sa- che an die Schatzkammer schreiben, wenn etwa sich die Krone darin mischen sollte. Man köpnte wohl, wenn sie Ansprüche darauf machen sollte, eine Sehenkungsurkunde erhalten— doch dar- über müssen wir uns weiter besprechen.“ «Ich befehle insbesondere,“ sagte Sir Arthur, allen, die hier gegenwärtig sind, tiefes Still- schweigen.“ Sie verbeugten sich sämmtlich, und versprachen es. «Hm versetzte Monkbarns,«da Stillschwei- gen empfehlen, wo ein Dutzend Menschen um ein Ceheimniſs weiſs, das heiſst nur der Wahr- heit einen Schleyer umhängen; denn die Geschich- te verbreitet sich doch bald unter zwanzigerley Gestalten; die wahre aber sollen nun die Richter erfahren, und mehr bedarf's nicht.“ 1 aIch will noch diese Nacht einen Expressen ab- schicken,“ entgegnete der Baronet. «Da kann ich Euer Gnaden eine siehre Cele- genheit empfehlen,“ sagte Ochiltree,« den klei- nen David Mailsetter auf des Fleischers Klepper.“ «Wir wollen das Weitre auf dem Wege nach Monkbarns besprechen,“ versetate Sir Arthur. „Hört, Kinder!“ fuhr er fort, indem er sich zu den Arbeitern wandte, kommt mit mir nach 1 5 29 den Vier Hufeisen; da will ich all' Eure Namen aufschreiben. Sie, Herr Dousterswivel möcht' ich nicht nach Monkbarns einladen, da Herrn Oldbuck's Ansichten und die Ihrigen so sehr von einander abweichen; kommen Sie aber ja mor⸗ gen zu mir.“ Dousterswivel murmelte eine Antwort, von der man blos die Worte:«Schuldigkeit, mein verehrter Gönner!“ und aufzuwarten, Sir Ar- thur!“ verstehen konnte. Nachdem der Baronet und sein Freund, in Begleitung der Arbeitsleute, die Ruinen verlassen hatten, blieb der Adept noch, in düstrem Sinnen verloren, neben dem offenen Grabe stehen. «Wer hätte das denken sollen p' rief er end- lich unwillkührlich;«du meine Heiligkeit! Ich habe zwar oft von dergleichen Dingen gehört und gesprochen, aber Sapperment! nie hätt' ich ge- glaubt, so eiwas mit eigenen Augen zu sehen. Nur zwey bis drey Fufs tiefer hätt' ich in die Erde dringen sollen, und Alles das wäre jetzt mein— um so mehr, da ich mich schon lange von die- sem thörichten Manne habe losmachen wollen!“ Hier schwieg der Deuische, denn als er sich umsah, erblickte er den Beitler Adam„der der Gesellschaft nicht gefolgt war, sondern, wie ge- wöhnlich, auf seinen Pikenstock gestützt, sich auf die andere Seite des Crabes hingepflanzt hatte. Die Augen des Alten, die, von Natur klug und 30 ausdrucksvoll, beynahe den Stempel der Verschla- genheit trugen, hatten in diesem Augenblicke so etwas Eindringendes, daſs selbst Dousterswivel, obgleich ein Abentheurer von Profession, dadurch betroffen ward. Er fühlte indeſs die Nothwendig- keit einer Erklärung, und redete daher, seinen Muth zusammennehmend, den Bettler über die Vorfälle des heutigen Tages an. Lieber Herr Adam Ochiltree“— begann er. Adam Ochiltree schlechtweg! kein Herr, nur Euer und des Königs armer Bettelmann!“ ver- setzte der Blaurock. «Also: lieber Adam, was denkt Ihr denn über alle diese Dinge?“ «Ich dachte so eben darüber nach, daſs es von Euch recht gut war— denn einfältig darf ich's doch wohl nicht nennen— zwey reichen Leuten, welche Ländereyen und zahllose Einkünfte haben, eine solche Last Silber zu geben— dreymal ge- läutert im Feuer, wie die Schrift sagt— die Euch und zwey oder drey andere Leute so glück- lich und zufrieden gemacht hätte, als man nur wünschen könnte.“ «Das ist wohl wahr, lieber Adam; allein ich wufste nicht— das heifst, ich war nicht ganz sicher, wo ich das Geld finden sollte.“ «Vie? Ceschah es denn nicht auf Euren Rath und Antrieb, daſs sich Monkbarns und der Herr von Knockwinnock hieher begaben?“ 31 Freylich wohl; aber es waren noch andere Umstände dabey. Dafs sic einen solchen Schatz entdecken würden, wuſst' ich nicht, wenn ich gleich aus dem Husten, Niesen und Stöhnen des Geistes in einer der vorigen Nächte an dieser Stelle, schlofs, dafs hier wohl Gold und Silber verborgen seyn musse. Ach, mein Himmel! der Ceist seufat und stöhnt über seinem Golde, wie ein Holländischer Bürgermeister, wenn er, nach einem groſsen Feste auf dem Stadthause, seine Thaler zählt.“ «Ihr glaubt also wirklich an so was, Herr Dou- sterswivelb Pfuy! ein so geschickter, kluget Mann, wie Ihr!“. Mein Freund, ich glaubte so wenig daran, als Ihr, oder Jemand anders, bis ich in einer der letzten Nächte das Aechzen und Winseln mit meinen eigenen Ohren hörte, und heute die Ur- sache mit meinen eigenen Augen sahe, nämlich die grofse Kiste, mit gediegenem Silber aus Me- zicol Was hätt' ich denn sonst davon denken sollen b“ Was würdet Ihr aber wohl dem geben, der Ruch auch zu einer solchen Kiste voll Silber ver- hülfe?“ Cebenb mein Himmel! ein ganzes reichli- ches Viertel davon.“ Wäre das Ceheimniſs mein,“ sagte der Beit- ler,«ich würd' es nicht anders, als um die Hälfte 32 thun. Denn seht, wenn ich auch nur ein armer Teufel bin, der weder Gold„ noch Silber, oder sonst derglęichen zum Verkauf bringen könnte, ohne Gefahr zu laufen, dafs man mich auf der Stelle festhielte, so dächt' ich doch schon Leute zu finden, die sich dessen, mit einem weit grös- sern Vortheil für mich, unterziehen würden.“ Ach Himmel! liebster, bester Freund— was sagt ich denn? Ich wollte eigentlich sagen, Ihr solltet drey Viertel davon als Antheil bekommen, und ich wollte mich geru mit einem begnügen!** «Nein, nein, Herr Dousterswivel, wir wollen gleich theilen, wie Bruder und Bruder, was wir finden. Betrachtet einmal das Brett da, das ich dort in den dunkeln Winkel warf, als Monkbarns auf der andern Seite nach dem Silber schaute. Er ist gescheidt genug, und ich war froh, dafs ich's ihm so aus dem CGesichte rücken konnte, Ihr werdet die Buchstaben besser lesen können, als ich— ich bin kein Gelehrter, wenigstens hab' ich keine Uebung in dergleichen Dingen.“ Nach diesem bescheidenen Ceständnisse seiner Unwissenheit, zog Ochiltree hinter einem Pfeiler den Deckel der Kiste des Schatzes hervor, der, indefs man den Inhalt mit dem gröſsten Eifer un- tersucht hatte, sorglos auf die Seite geworfen, und von dem Bettler versteckt worden war. Auf diesem Deckel stand ein Wort und eine Zahl, und der Bettler machte beydes noch sichtbarer, indem er auf sein blaues Schnupftuch spuckte, und damit den Schmutz abrieb, der die Inschrift unleserlich machte. Sie war mit Cothischen Buchstaben geschrieben. Könnt Ihr das lesen p' fragte der Bettler den Adepten. «,“ sagte der Philosoph, wie ein Kind, das buchstabieren lernt,«S, 7', A, R, C, H Itarch(Stärke)— das ist ja das, womit die Wäscherinnen die Halstücher und die Hemdkra- gen steifen!“ Starch?“ wiederholte Ochiltree;«nicht doch, Herr Dousterswivel, auf's Beschwören versteht Ihr Euch besser, wie's scheint, als auf's Lesen! Fearch, heiſst es, Freund, search(suche)— da steht ja das E klar und deutlich!“ «Ja, ja, nun seh' ich's! Es heifst search und number one(Nummer Eins) Mein Himmel, da muſs doch auch eine Nummer Zwey seyn, bester Freund; denn suchen ist doch so viel als nach- forschen und graben, und dies ist erst Eins! Auf mein Wort, groſser Gewinn für uns im ter Meister Ochiltree!“ Das mag allerdings seyn,“ versetzte Adam; aber wir können's doch jetzt nicht herausbekom- men, weil es uns an Schaufeln fehlt. Die haben sie mitgenommen, und am Ende kommen Einige zurück, und werfen das Loch wieder zu, und 77· Nummer hier steckt noch ein Glücksrade, mein gu- 34 machen das GCanze wieder eben. Wollt Ihr Euch indefs hier im Walde ein wenig mit mir nieder- setzen, so will ich Euch beweisen, dafs Ihr ge- rad' an den rechten Mann gekommen seyd, der Euch die beste Auskunft geben kann über Malcolm Misticot und seine verborgenen Schätze. Allein erst wollen wir die Buchstaben auf dem Brette auslöschen— sie könnten am Ende von unsrem Gespräche was verrathen!* Der Bettler krazte nun mit einem Messer die Buchstaben aus, oder machte sie unkenntlich, daſs sie Niemand mehr lesen konnte; auch be- strich er das Brett wieder dergestalt mit ange- feuchteter Thonerde, daſs keine Spur der Vertil- gung sichtbar war. Dousterswivel sah ihn bedenklich an, ohne ein Wort zu sprechen. Nach den Bewegungen des Alten zu schliefsen, in denen sich durchaus Ver- stand and helle Einsicht ausdrückte, war ennicht ein Mann, der sich leicht übervortheilen lieſs, und unser Adept— denn auch Schurken erken- nen in gewissem Crade den Geist der Ueberle- genheit an— fühlte mit Miſsbehagen, daſs er hier die zweyte Rolle spielen, uad die Ernte mit einem so niedrigen Gefährten theilen sollte. Die Liebe zum Gewinne war indeſs stark genug, um seinen beleidigten Stolz zu unterdrücken, und obgleich mehr Betrüger als Betrogener, glaubte er doch selbst gewissermaſsen an die Täuschungen, 2 55 womit er Andere hinterging. Stets gewohnt, bey solchen Gelegenheiten nur als Führer aufzutré- ten, fühlte er sich gedemüthigt, dafs er sich gleichsam in der Lage eines Geyers erblickte, der durch einen Raben zu seiner Beute geführt wird. Ich will doch seine Ceschichte zu Ende hö- ren, sprach er zu sich selbst; es müſste wun- derlich zugehen, wenn ich meinen Vortheil nicht besser dabey finden sollte, als sich's der Meister Adam Ochiltree vorstellen mag.“ Der Adept, der auf diese Weise von einem Lehrer der mystischen Kunst plötzlich zu einem blosen Lehrling herabgesunken war, folgte dem Bettler ohne Widerstreben zu der Priors-Eiche, einem Orte, der, wie sich die Leser erinnern, in der Nähe der Ruinen lag. Hier setzte sich der Deutsche nieder, und erwartete die Mitthei- lung des Alten. „Herr Dousterswivel,“ begann der Erzähler, es ist ziemlich lange her, dafs ich die Geschichte selbst gehört habe; denn die Herren von Knock- winnock, sowohl Sir Arthur, als sein Vater und Grofsvater— so viel weils ich mich noch zu er- innern— hatten's nicht gern, wenn man davon sprach, und lieben es auch jetzt noch nicht. Aber das thut nichts, es wurde doch in der Küche dar- über gesprochen, wie in manchen groſsen Häu- sern, wenn man auch in der Stube nicht davon 36 reden durfte. So hört' ich denn von alten Dienst- boten der Familie davon sprechen, und es fragt sich, ob in diesen Tagen, wo man solche alte Geschichten nicht zur Winterszeit am Kamin auf- tischt, irgend Jemand, ausser mir, etwas davon weiſs— es müfste denn der Herr selbst seyn; denn in dem Archiv zu Knockwinnock gibt es, wie ich gehört habe, auch ein altes Pergament- buch darüber.“ «Das mag Alles wahr seyn,“ sagte Douster- swivel;„aber kommt nur zu Eurer Geschichte selbst, guter Freund!- «Nun seht,“ fuhr der Beitler fort, die Ce- schichte fällt in die alten Zeiten, wo's wild und unruhig im Lande zuging, wo jeder nur für sich selbst sorgte, und Gott für uns alle. Wer kein Eigenthum besafs, der nahm es mit Gewalt, und besafs es auch nur so lange, als er's schützen konnte. Es ging damals Alles bunt durch ein- ander, und nicht plos hier in den östlichen Ce- genden, sondern gewiſs auch eben so in ganz Schottland.“ «In jener Zeit kam nun Sir Richard Wardour hieher, und war der erste des Namens im Lande. Seitdem sind nun ihrer mehrere hier gewesen, und die meisten davon, wie er selbst, den man die Höll' im Harnisch nannte, schlummern dort. unter den Ruinen. Sie waren stolze, rauhe Män- ner, aber sehr tapfer, und standga fest und un- 57 erschüttert für das Wohl des Landes— Cott segne sie dafür, ich denk', in dem Wuusche liegt nichts Päbstisches. Sie hiefsen die Normännischen Wardour's, ob sie gleich von Süden herkamen. Jener Richard nun, der Rotharmige genannt, machte Bekanntschaft mit dem alten Knockwin- nock— denn damals hieſsen sie noch Knockwin- nocks— und warb um seine einzige Tochter, auf dafs Schlofs und Land in seine Hände käme. Schwer, sehr schwer liefs sich Sibylla— so nannte sie der, der mir die Geschichte erzählte — 2u der Ehe bewegen, denn sie hatte sich schon ziemlich weit in einen Liebeshandel mit einem Vetter eingelassen, den ihr Vater nicht gut lei- den mochte, und so kam es denn, dafſs, als sie mit dem Herrn Richard kaum vier Monat ver- heirathet war— denn heirathen hatte sie ihn einmal müssen— sie ihn mit einem hübschen, kräftigen Knaben beschenkte. Das gab nun einen unerhörten Lärm, und man sprach von nichts weiter, als wie sie verbrannt, und das Kind ge- tödtet werden sollte. Allein die Sache ward end- lich auf irgend eine Weise ausgeglichen, der Knabe fortgeschickt und in den Hochlanden er- zogen, wo er zu einem kräftigen Manne aufwuchs, wie so manches andere unehlich geborene Kind. Richard der Rotharmige bekam aber selbst noch eine grofse Nachkommenschaft, und lebte in Frieden fort, bis er sein Haupt zur Ruhe legte Nun aber kam Malcolm Misticot— Sir Arthur meynt, es sollte misbegot, unehlich, heiſsen— von den Bergen mit einer Schaar von Hochländern herab, behauptete, dafs Schlofs und Land ihm, als dem ältesten Sohne, gehöre, und trieb die Wardours hinaus. Darüber entstand ein groſses Gefecht und Blutvergieſsen; denn die Edlen des Landes schlugen sich theils auf diese, theils auf jene Scite. Malcolm indeſs behielt das Ueber- gewicht, indem er das Schloſs behauptete, es hefestigte, und den groſsen Thurm erbaute, der noch heut zu Tage Misticots-Thurm heifst.“ «Aber, bester Adam,“ unterbrach ihn der Deut sche; das klingt ganz, wie unsre langen CGeschich- ten von den Baronen mit sechzehn Ahnen. Ich möchte lieber etwas von Gold und Silber ver- nehmen.“ «Nun seht, dieser Malcolm ward von einem Oheim unterstützt, einem Bruder seines Vaters, der Abt von St. Ruth war, und Beyde sammelten grofse Schätze, um die Nachfolge ihres Hauses in dem Gute Knockwinnock zu sichern. Die Mönche in jener Zeit, sagt man, hätten sich auf die Kunst verstanden, das Metall zu vermehren — genug, sie waren sehr reich. Endlich kam es dahin, dafs der junge Wardour, der Sohn Richard des Rotharmigen, den Misticot heraus- forderte, mit ihm zu kämpfen in geschlossenen Schranken. Misticot wurde besiegt, und sein 59 Bruder, ob er gleich über sein Leben gebieten konnte, mochte sich doch nicht mit dem Blute von Knockwinnock, das in Beyder Adern rollte, beflecken, und so wurde denn Malcolm zum Mönchsstande gezwungen, und starb bald in dem Kloster vor Gram und Verzweiflung. Kein Mensch wuſste, wo ihn sein Cheim, der Abt, hatte be- erdigen lassen, oder wozu er sein GCold und Sil- ber verwendet, denn er berief sich auf das Recht der heiligen Kirche, und legte von seinen Hand- lungen Niemand Rechenschaft ab. Indeſfs lief doch eine Prophezeihung im Lande umher, daſs, sobald Misticot's Grab aufgefunden werden sollte, das Schloſs Knockwinnock verloren und gewon- nen würde.“ «Ach, lieber alter Freund, das ist nicht so ganz unwahrscheinlich, wenn Sir Arthur sich mit allen seinen guten Freunden, blos Herrn Old- buck zu Gefallen, entzweyt.— Ihr glaubt also, dies Gold und Silber gehöre dem guten Herrn Malcolm Mistkoth P“ „Allerdings, Herr Dousterdüwel!“ Und glaubt auch, daſs noch mehr dort ver- borgen seyn müsse?“ «Das glaub' ich ebenfalls. Bedenkt doch nur: SFeareh Wro. 1. das heifst ja nichts andres, als: sucht, und ihr werdet Nummer zwey Ilinden. Ue- berdies enthält diese Kiste doch nur Silber, und A 'so viel ich gehört habe, befindet sich in Misti. cot's Schatze auch viel Cold.“ „Wenn das ist, liebster Freund„ rief der Adept, rasch aufspringend,«warum beginnen wir denn nicht ohne Weiteres unser kleines Un- ternehmenb?“ «Aus zwey guten GCründen,“ versetzte der Bett- ler, indem er ruhig auf seinem Platze sitzen blieb.„Erstlich haben wir, wie ich schon vor- hin sagte, keine Werkzeuge zum Craben hier, da die Arbeiter ihre Hacken und Schaufeln alle mitgenommen haben. Dann könnten aber auch Leute, so lang' es noch Tag ist, in die Höhle gucken, oder der Herr könnte gar Jemanden her- schicken, um das Crab wieder zuzufüllen, und da wären wir gefangen. Wenn Ihr mich aber Nachts um zwölf Uhr mit einer dunkeln Laterne hier erwarten wollt, so will ich die nöthigen Werkzeuge mitbringen, und wir können dann ungestört an unser Unternehmen gehen.“ «Aber— aber— liebster Freund,“ sagte Dou- sterswivel, der, trotz den glänzenden Hoffnungen, die ihm Adams Erzählung vorspiegelte, sein frü- heres nächtliches Abentheuer nicht vergessen konnte— aes ist gar nicht geheuer bey Mist- koths Crabe so mitten in der Nacht— habt Ihr denn vergessen, was ich Euch von dem Aechzen und Winseln des Geistes erzählt habe** .Wenn Ihr Euch vor Geistern furchtet„ent⸗ 41 gegnete der Bettler kalt,«so mach' ich den Ver- such für mich allein, und bring' Euch Euren An- theil am Silber an einen Ort, den Ihr mir selber bezeichnen mögt.“ «Nein, nein! liebster, bester Herr Adam, das würd' Euch zu viel Mähe machen. Ich kann's durchaus nicht zugeben, und will schon selbst kommen; das ist doch besser. Denn, alter Freund, ich war's ja eigentlich, ich, Hermann Douster- swivel, der Mistkoths Grab entdeckte, als ich mich nach einer Stelle umsah, wo ich ein Paar kleine schlechte Münzen verbergen wollte, blos um Sir Arthur damit einen Spafs zu machen— ja, ja, blos zum Vergnügen, zu weiter nichts! Da räumt' ich denn den Schutt hinweg, und ent- deckte Mistkoths eigenes Denkmal. Nun ist es doch wahrscheinlich, dafs er mich zum Erben gewollt hat, und es würd' eben nicht höflich von mir seyn, wenn ich nicht selber nach meiner Erbschaft gehen sollte.“ Um zwölf Uhr also,“ sagte der Bettler,«tref- fen wir uns unter diesem Baume. Ich will einst- weilen hier Wache halten, und dafür sorgen, dafs sich Niemand an das Grab macht— ich darf nur sagen, die Herren hätten's verboten. Dann geh' ich zu Ringan, dem Pfandverleiher, der hier gleich in der Nähe wohnt, und bitt' ihn, dafs ich in seiner Scheune schlafen darf; Nachts aber schlüpf' ich aus dem Hause, und finde mich hier ein,“ „So ist's recht, lieber Adam! Ich werd' Euch schon hier treffen, und wenn auch alle Ceister zusammen ächzen und niesen sollten.* Mit diesen Worten drückte er dem Alten die Hand, und Beyde schieden, nach gegeuseitigem Einverständnisse, von einander. 43 ——————— Fünf und zwanzigstes Kapitel. Fieh immerhin die Beutel Fammelnder Aebte schütteln, setze du Gefang'ne Engel wiederum in Freyheit— Nicht Glocke, Buch und Licht hält mich zu- . rück, Wo Gold und Silber winkt, vorwärts Zu schreiten. Shalespeare's König Johann. Die Nacht war stürmisch, von Wind und Regen- schauern begleitet. Hm!“ sagte der alte Bettler, indem er sich unter der groſsen Eiche niederlicfs, um auf sei- nen Cefährten zu warten: aes ist doch etwas Wunqderliches, die menschliche Natur. Nichts anders, als die übermäfsige Gewinnsucht treibt nun diesen Dousterswivel in einer so stürmischen 44 Nacht hinaus, zur Zeit der Gespensterstunde! Und ich selbst— bin ich nicht noch ein gröſserer Thor, daſs ich hier auf ihn warte?“ Unter diesen weisen Betrachtungen hüllte er sich dicht in seinen Mantel, und heftete seine Blicke auf den Mond; der durch dunkle Wolken hinzuwandeln schien, welche der Wind von Zeit zu Zeit über seine Scheibe hinwegtrieb. Der trübe und dämmernde Schimmer, der zwischen den flüchtigen Schatten hindurch fiel, warf ein seltsames Licht auf die geriefelten Bogen und spitzen Fenster des alten Gebäudes, so daſs man augenblicklich alle Umrisse genau unterscheiden konnte, und gleich darauf wieder Alles in eine dunkle, verworrene Masse zusammenflofs. Der kleine See wurde ebenfalls von den wechselnden Lichtstrahlen erhellt, und man sah, wie die Fluthen, vom Sturme bewegt, schäumend auf- braufsten, bis eine Wolke vor der Mondesscheibe wieder diesen Anblick dem Auge entzog, und das Ohr nur die dumpfe Brandung der Wellen an dem Ufer vernahm. Die Waldschlucht hallte von jedem Windstoſse, jedem Rauschen der Bäume wieder, womit diese dem Wirbelwinde antworteten. Diese Töne lösten sich endlich in ein mattes Aechzen auf, das fast dem Stöhnen eines erschöpften Verbrechers glich, der die er- sten Crade der Tortur ausgehalten hat. Der Aberglaube würde in diesen Tönen hinreichende 45 Nahrung gefunden haben für den Zustand des Schauers und Schreckens, den er zugleich fürch- tet und liebt. Allein Gefühle dieser Art waren dem Gemüth Ochiltree's fremd. Er versetzte sich in Gedanken in die Zeit seiner Jugend zurück. «Ich habe,“ sprach er zu sich selbst, auf manchen Vorposten gestanden, in Deutschland wie in Amerika, in schlimmern Nächten, als diese, und wo ich wuſste, dafs wohl so ein Dutzend Scharfschützen in dem Dickicht vor mir stecken konnten. Aber ich erfüllte immer meine Pflicht auf's pünktlichste, und Niemand hat wohl den Adam schlafend gefunden.“ Während er diese Worte vor sich hinmurmelte, schwang er unwintkührlich seinen Pikenstock auf die Schulter, nahm die Stellung einer Schild- wache an, und rief, als er hörte, dafs sich Schritte dem Baume näherten, mit einem Tone, der besser zu seinen militärischen Reminiscen- zen, als für scine gegenwärtige Lage pafste:«Wer da? Halt!* Zum Teufel, Adam,“ versetzte Dousterswivel, «warum schreyst Du denn wie ein Bärenhäuter, oder wie eine Schildwache auf ihrem Posten?“ «Ich dacht' in diesem Augenblick, ich wär' eine Schildwache— es ist doch eine furchtbare Nacht! Habt Ihr denn eine Laterne mitgebracht und einen Sack“ 46 „Ja, bester Freund, ich habe zwey Sattelsäcke mitgebracht, einen für Euch, den andern für mich. Ich will sie auf mein Pferd nehmen, und Euch, als einem alten Manne, die Beschwerde des Tragens ersparen.“ „Habt Ihr denn ein Pferd bey Euch 5“ Ja, Freund, ich hab's dort angebunden.“ «Nun, ich hab' auch einen Anspruch auf den Cewinn— meinen Theil lasse ich nicht auf Euer Pferd packen.“ «Was habt Ihr denn dabey zu besorgen 5“ «Nichts weiter, als dafs ich Pferd, Mann und Gold leicht aus dem Gesichte verlieren könnte.“ «Das heifst, wenn Ihr's noch nicht wiſst, aus einem ehrlichen Mann einen Schurken machen wollen 5“ O, mancher ehrliche Mann macht sich selbst dazu,“ entgegnete Ochiltree; aber warum strei- ten wir unsb Wollt Ihr, oder wollt Ihr nicht. Im letztern Falle geh' ich nach Ringan Aikwood's Scheune zurück, die ich so nicht gern verlassen habe, und geb' Schaufel und Hacke wieder ab, wo ich sie geliehen habe.“ Dousterswivel ging einen Augenblick mit sich zu Rathe, ob er nicht, falls er Adam gehen lieſse, den ganzen Schatz für sich allein behalten könnte. Allein der Mangel an Werkzeugen zum Craben, die Ungewiſsheit, ob er, wenn er sie auch bey der Hand hätte, ohne fremde Hülfe bis zu einer 47 zu bedeutenden Tiefe würde graben können, vor allem aber die Furcht, welche ihn, nach den in der vorigen Nacht gemachten Erfahrungen, ab- hielt, ganz allein den Schrecknissen an Misticot's Grabe Trotz zu bieten, liefs ihn dies Unterneh- men als höchst geſährlich betrachten. Er ver- suchte daher wieder seinen gewöhnlichen schmei- chelnden Ton anzunehmen, ob er gleich in sei- nem Innern ganz anders gestimmt war, und bat Adam, ihn nur hinzuführen; er wolle sich gern Alles gefallen lassen, was sein trefflicher Freund für gut befinden wünde, vorzuschlagen. Wohlan,“ sagte der Bettler,«nehmt nur Eure Füfse in Acht zwischen dem hohen GCrase- und den grofsen Steinen.— Wenn wir nur das Licht brennend erhalten in dem furchtbaren Winde!— Indefs, der Mond blickt ja auch mitunter durch die Wolken* Mit diesen Worten schlug der alte Adam, in Begleitung des Adepten, der sich dicht an ihn anschloſs, den Weg nach den Ruinen ein. Als sie sich aber vor denselben befanden, stand er plötzlich still. «Ihr seyd ein gelehrter Mann, Herr Douster- swivel,“ sprach er,«und kennt viele von den Wunderbaren Werken der Natur— lafst mich Euch eine Frage vorlegen: Glaubt Ihr an Geister und Cespenster, die auf der Erde umgehen? Ja, oder nein?“ „Aber, lieber Adam, ist denn das hier die Zeit oder der Ort zu einer solchen Frage?'““ Allerdings beydes, Herr Dusterschuflel; denn ich muſs Euch nur sagen, man erzählt, der alte Misticot soll hier in den Ruinen umherwandeln. Das wäre nun heut eben keine bequeme Nacht, ihm zu begegnen, und wer weils, ob er's gut auf- nimmt, daſs wir sein Crab besuchen wollen n“ «Alle gute Geister“— murmelte der Adept, und verschluckte den Rest der Beschwörungsfor- mel mit zitterndem Tone.„Ich bitt' Euch, Adam, sprecht nicht so; denn nach Allem, was ich hier schon einmal in einer andern Nacht gehört habe, glaub' ich allerdings, daſs—“ «Ich aber,“ sagte Ochiltree, indem er in's Chor der Kirche trat, und eine Art von herausfordern- der Bewegung mit dem Arme machte,« frage nichts darnach, wenn er auch in diesem Augen- blick erschiene! Es ist ja nur ein körperloser Geist, und wir Beyde haben Körper—“ Um des Himmels Willen!“* rief Dousterswivel, aschweigt! Sowohl von körperlosen, als mit Kör- pern begabten Wesen!“ Cut,“ sagte der Bettler, indem er die Blende der Laterne hinwegschob;«hier ist der Stein, und Geist oder kein Ceist, ich mufs ein wenig tiefer in die Gruft!“ Mit diesen Worten sprang er da hinab, wo die kostbare Kiste diesen Morgen war heraufgebracht 49 worden. Nachdem er einige Steine weggeschafft hatte, wurde er müde, oder stellte sich wenig. stens so, und sprach zu seinem Gefährten:« Jetzt merk ich's doch„ daſs dem Alter die Kräfte feh- len! Ihr könnt nun den Spaten auch ein Bischen führen, Nachbar; es wird sich schon der Mühe verlohnen, denk' ich. Um eine Weile lös' ich Euch wieder ab.“ Dousterswivel nahm die Stelle des Bettlers ein, und arbeitete mit all' dem Eifer, den erregte Habsucht, verbunden mit dem ängstlichen Wun, sche, das Unternehmen so schnell als möglich beendigt zu sehen, und den Ort verlassen zu können, in einem eben so gewinnsüchtigen, als furchtsamen und miſstrauischen Gemüthe erzeu- gen muſfste. 4 Adam, der ganz behaglich an dem Grabe stand, ermunterte seinen Gefährten, recht fleiſsig zu arbeiten. „Meiner Treu',“ rief er,«es werden wohl nicht Viele um einen solchen Tagelohn gearbeitet ha- en; denn wenn Nummer 2 auch nur den zehn- ten Theil so groſs ist, als Nummer 1, so ist es doppelt so viel werth„sobald es, statt des Silbers, mit Cold gefüullt ist. Der Tausend! Ihr arbeitet ja, als ob Ihr bey Hack' und Spaten erzogen wä- ret! Eure halbe Krone könntet Ihr täglich ver- dienen. Nehmt Euch in Acht vor dem Stein!“* Mit diesen Worten gab er einem recht grofſsen 77. D Stein, den der Adept mit vieler Mühe herausge- worfen hatte, einen Stofs, dafs er wieder hinab- rollte. Dousterswivel arbeitete unter dem Schutt und den Steinen umher, wie ein Pferd, wobey man- cher Deutsche Fluchseinen Lippen entfuhr. Wenn Adam dergleichen unheilige Sylben aus seinem Munde vernahm, so feuerte er seine Batterie auf ihn ab. „Flucht doch nicht so? Man kann ja nicht wissen, wer es hört— Cott sey bey uns! Was ist denn das dorte— Ach, es ist eine Epheuranke, die sich von der Mauer losgemacht hat; wenn der Mond darauf schien, sah es gerade aus, wie der Arm eines Todten, der eine Wachskerze hält. Ich glaubte schon, es wäre Misticot selbst!— Nun, laſst Euch nur nicht stören, arbeitet frisch fort, und werft die Erde aus! Ihr seyd wahrlich ein eben so guter Todtengräber, als Will Win- net selbst.— Aber warum hört Ihr denn nun auff Ihr seyd ja ganz nah am Ziel!“* „Ich bin ja,“ sagte der Deutsche in einem Tone des tiefsten Unmuths,«jetzt auf dem Felsenbo- den, worauf die verdammten Ruinen— Cott vergeb’ mir die Sünde!— gegründet sind.“ 1 «Ach,“ sagte der Bettler, es wird wohl nur der Deckstein der Kiste seyn, die das Gold ent- hält. Schlagt nur stärker, darauf! So! das heiſst wie Wallace geschlagen!“ 4 51 Der Adept führte, durch Adams Ermunterung bewogen, wirklich ein Paar so zerzweifelte Strei- che gegen das Gestein, daſs zwar nicht das, wor- auf er schlug, wohl aber das, womit er schlug, zerbrach; denn jenes war wirklich der Felsen- grund, und so fest, dafs ihm von dem Wider- stande die Arme bis zu den Schulterblättern schmerzten. Ey,“ rief Adam,« Ringan's Hacke zerbrochen! Es ist doch eine wahre Schande für die Leute in Fairport, dafs sie so zerbrechliche Werkzeuge verkaufen. Versuchts einmal mit dem Spaten, Herr Dousterswivel!“ Der Adept gab indefs keine Antwort, sondern kroch aus dem etwa sechs Fufs tiefen Grabe her- aus, und redete seinen Gefährten mif einer vor Aerger zitternden Stimme an: Wilst Ihr denn aber auch, Meister Adam Ochiltree, wer der ist, den Ihr zum Gegenstande Eures Spottes und Muthwillens macht b* 0 Herr Dusterdüwel, ich kenn' Euch recht Fut, und hab' Euch schon lange gekannt. Von Muthwillen ist hier gar keine Rede; ich möchte nur gern unsre Schätze zu Tage gefördert sehen, und dachte, wir sollten beyde Seiten des Mantel- sacks voll haben„ der hoffentlich grofs genug ist, um den ganzen Vorrath hinein zu packen?“ Hört einmal, Ihr unverschämter Kerl, wenn Ihr Euch noch länger über mich lustig mnacht, so spalt' ich Euch mit dem Spaten den Kopf!“ aIn diesem Falle hab' ich noch meine beyden Arme und den Pikenstock! Ich bin nicht so alt geworden, Herr Dousterswirel, um mich von Kuch in die Enge treiben zu lassen. Was hilft's Euch denn, wenn Ihr mit allen Euren Freunden zerfallt? Ich will drauf wetten, daſs ich den Schatz in einer Minute finde!“ 3 Mit diesen Worten sprang er in die Grube, und ergriff den Spaten. 1 3 aIch schwör'’s Euch zu,“ sagte der Adept, des- sen Miſstrauen nunmehr völlig rege ward, habt Ihr mich hier zum Besten gehabt, so macht Euch nur gefaſst auf eine derbe Tracht Prügel.“ Da hör einmal Einer!“ sagte Ochiltree;«er weiſs, wie man die Leute zum Arbeiten bringt; ich glaub', sie haben's früher so mit ihm ge macht.“ Bey dieser Aeusserung, welche offenbar auf die frühere Scene zwischen ihm und Sir Arthur an- spielte, verlor der Philosoph den letzten Rest seiner Ceduld, und, von Natur beftigen Tempera- 4 ments, hob er den Stiel der zerbrochenen Hacke empor, um auf das Haupt des alten Mannes los- zuschlagen. Wahrscheinlich würde der Schlag tödtlich für ihn geworden seyn, hätte Adam nicht leich mit festem und ernstem Tone. gerufen: zSchämt Euch doch, Mensch! Glaubt Ihr den Himmel und Erde würden's ungerächt lassen, wenn Ihr einen alten Mann umbrächtet, der Euer Vater seyn könnte?— Seht Euch nur einmal um!* Dousterswivel that es unwillkührlich, und er- blickte, zu seinem höchsten Erstaunen, eine lange schwarze Cestalt, welche dicht hinter ihm stand. Die Erscheinung liefs ihm nicht Zeit, den Exorcismus, oder etwas anderes zu versuchen, sondern schritt sogleich zur That, und maſs des Adepten Schulter drey bis vier Mal mit so kräf- tigen Schlägen, daſs er unter dem Gewicht der- selben niedersank, und einige Minuten zwischen Furcht und Schrecken besinnungslos liegen blieb. Als er wieder erwachte, befand er sich in dem verfallenen Chor allein, und lag auf der lockern und feuchten Erde, die aus Misticot's Grabe her- ausgeschaufelt worden war. Er stand auf, mit dem gemischten Cefühl des Aergers und Schrek- kens, und erst, als er einige Augenblicke auf- recht gesessen hatte, war er im Stande, seine Cedanken zu sammeln, und sich zu erinnern, wie und in welcher Absicht er hieher gekommen sey. Als er seine Besinnung völlig wieder erlangt hatte, schien es ihm fast ausser Zweifel, daſs der Köder, womit ihn Ochiltree an diesen einsamen Ort gelockt, der Spott, womit er ihn zum Streite gereizt, und die schnelle Hülfe, die er gleich bey der Hand gehabt habe, diesen auf die vorhin beschriebene Art zu enden, Theile eines Planes wären, der darauf hinausliefe, Hermann Douster- swivel in Schaden und Unglück zu stürzen. Es wollte ihm schwer einleuchten, dafs das, was er erlitten, blos Adam Ochiltree's Bosheit beyzu- messen sey, sondern er vermuthete: derBettler habe wohl nur eine ihm von einer bedeutendern Per- son übertragene Rolle gespielt. Sein Verdacht schwankte zwischen Oldbuck und Sir Arthur War- dour. Der erste hatte sein Miſsfallen deutlich genug zu erkennen gegeben; den letztern aber hatte er selbst tief gekränkt, und wenn er auch nicht glaubte, daſs Sir Arthur den ihm gespielten Betrug in seinem ganzen Umfange kenne, so lieſs sich doch leicht vermuthen, dafs er so weit hin- ter die Wahrheit gekommen sey, um nach Rache zu dürsten. Ochiltree hatte wenigstens auf einen Umstand angespielt, von dem der Adept mit gu- tem Grunde glauben konnte, dafſs er ein Geheim- niſs zwischen Sir Arthur und ihm geblieben sey; daher mufste er ihn von dem erstern erfahren ha- ben. Nach Oldbuck’'s Reden zu schliefsen, war er von seiner Betrügerey überzeugt, und Sir Ar- thur hatte das Alles mitangehört, ohne ihn leb- haft zu vertheidigen. Endlich war die Art, wie der Baronet, nach Dousterswivels Vermuthung, seine Rache ausgeübt hatte, keinesweges unver- träglich mit der in andern Ländern üplichen Sitte, womit der Adept besser bekannt war, als mit der 5⁵ von Nord-England. Bey ihm war, wie bey schlechten Menschen überhaupt, der Verdacht einer erlittenen Kränkung und das Nähren des Vorsatzes sich zu rächen, ein und dasselbe Ge- fühl. Und ehe noch Dousterswivel wieder fest auf den Füſsen stand, hatte er schon im Stillen seinem Wohlthäter Verderben geschworen, des- sen Hereinbrechen er unglücklicherweise nur zu leicht beschleunigen konnte. Wenn indeſs auch der Vorsatz der Rache vor seiner Scele schwebte, so war es doch jetzt nicht Zeit, dergleichen Betrachtungen nachzuhängen. Die Stunde, der Ort, seine eigene Lage, viel- leichtauch die Cegenwart oder Näheseiner Feinde, machten dem Adepten die Selbsterhaltung zur dringendsten Sorge. Die Laterne war in dem Handgemenge zu Boden geworfen worden, und erloschen. Der Wind, der früherhin so heftig durch die Gewölbe der verfallenen Kirche blies, hatte sich gelegt; doch strömte ein sehr starker Regen herab. Der Mond wurde dadurch ganz verfinstert, und ohbgleich Dousterswivel die Rui- nen einigermaſsen kannte, und wuſste, daſs er sich nach dem östlichen Thore zu wenden mufste, so waren doch seine Gedanken in diesem Augen- blicke so verwirrt, daſs er eine Zeitlang ungewiſs blieb, in welcher Richtung er es zu suchen habe. In dieser Verlegenheit begannen die Eingebungen des Aberglaubens, welche die Dunkelheit und sein böses Gewissen noch verstärkte, auf's neue vor seine verstörte Einbildungskraft zu treten. „Bah!“ sagte er, seine Fassung wieder gewin- nend, zu sich selbst.«Am Enqde ist's doch alles dummes Zeug— nichts als Hinterlist und Betrug. Der Teufel! dafs ein solcher Dummkopf von Schottischem Baronet, den ich funf Jahre bey der Nase berumgeführt habe, den Hermann Dou- sterswivel täuschen soll!“ Als er eben diesen Schlufs machte, ereignete sich ein Vorfall, der den Grund, auf dem er be- ruhte, gar sehr erschütterte. Mitten unter den melancholischen Seufzern des sich allmählig le- genden Windes und dem Plätschern des Regens auf den Blättern und Steinen, liefs sich, wie es schien in nicht sehr grofser Entfernung, eine Vokalmusik hören, so düster und feyerlich, als ob die abgeschiedenen Geister der Mönche, die einst diese Trümmer bewohnt hatten, über die öde Zerstörung trauerten, der ihre geweihten Wohnsitze nun Preis gegeben waren. Douster- swivel, der jetzt wieder auf den Beinen war, und an den Wänden des Chors herumtappte, stand wie angewurzelt über diese neue Erscheinung. Jede Kraft seiner Scele schien augenblicklich in die des Cehörs zu verschmelzen, und Alles über- zeugte ihn, daſs der dumpfe, schauerliche, lang ausgehaltene Gesang die Musik einer feyerlichen Todtenamts der Römischen Kirche sey. Warum 57 sie aber in dieser Einsamkeit aufgeführt ward, und von welchen Sängern— das waren Fragen, welche die aufgeregte Einbildungskraft des Adep- ten, dem die in Deutschland gewöhnlichen aber- gläubischen Vorstellungen von Nixen, Erlkönigen, Wehrwölfen, Kobolden, schwarzen und weifsen, blauen und grauen Geistern vorschwebten, nicht zu beantworten vermochte. Unterdessen war ein anderer seiner Sinne be- schäftigt, der Sache auf die Spur zu kommen. Am äussersten Ende eines der Kreuzflügel der Kirche, wo einige Stufen zu einer Vertiefung hinabführten, befand sich eine kleine eiserne Citterthür, welche, so viel er sich erinnerte, in eine Art von niedrigem Gewölbe oder Sakristey führte. Als er sich nach der Gegend wandte, woher die Töne zu kommen schienen, bemerkte er einen starken Wiederschein von röthlichem Lichte, das durch diese Citterthür schimmerte, und auf die Stufen fel, die in das Gewölbe hin- abführten. Dousterswivel stand einen Augenblick still, ungewiſs, was er thun solle; dann aber faſste er schnell einen verzweifelten Entschlufs, und ging auf den Ort zu, von dem das Licht her- zukommen schien. Geschitzt durch das Zeichen des Kreuzes und alle möglichen Beschwörungsformeln, die ihm nur irgend einfielen, näherte er sich dem Citter, von wo aus er, ohne bemerkt zu werden, Alles beobachten konnte, was innerhalb des Cewölbes vorging. Als er mit furchtsamen, ungewissen Schritten hinzutrat, schwieg der Gesang, nach einer oder ein Paar lang ausgehaltenen Cadenzen, gänzlich. Durch das Citter aber zeigte sich ihm in dem Innern der Sakristey ein seltsames Schau- spiel. Ein oſfenes Grab, mit vier Fackeln, wo- von jede etwa sechs Fufs hoch war, an den vier Ecken desselben; eine Bahre, worauf ein Todter, mit kreuzweis über die Brust gefalteten Händen, im Leichenhemde lag, und die auf dem Cestelle stand, als ob die Beerdigung eben vor sich gehen sollte; ein Priester im Mefsgewande, mit aufge- schlagenem Brevier, ein anderer den Weihkessel tragend, und zwey weiſs gekleidete Knaben mit Rauchſässern; ein Mann von hoher, Ehrfurcht Febioirndnr Gestalt, jetzt aber durch Alter oder örperliche Leiden gebeugt, ganz allein dem Sarge zunächst stehend, in liefer Trauer.— Dies waren die hervorstechendsten Figuren der Gruppe. In einiger Entfernung befanden sich zwey oder drey Personen beyderley Geschlechts, in langen Trauerschleyern und schwarzen Cewändern, und fünf oder sechs Andere, ähnlich gekleidet, stan- den, weiter von dem Todten entfernt, an den Wänden des Gewölbes in bewegungsloser Reihe da, jeder eine groſse Fackel von schwarzem Wachs in der Hand tragend. Das Licht, durch den Rauch so vieler Fackeln gedämpft, warf einen 2 59 düstern, ungewissen Glanz umher, und gab den Umrissen dieser seltsamen Erscheinung ein ge- spensterartiges Ansehen. Mit lauter, deutlicher und sonorer Stimme las nun der Priester aus dem Meſsbuche, das er in der Hand hielt, jene feyer- lichen Worte, welche, nach dem Ritual der ka- tholischen Kirche, bey der Vereinigung des Stau- bes mit dem Staube gesprochen werden. Unterdessen schwebte Dousterswivel noch im- mer in Ungewilsheit, ob das, was er an diesem Orte und in dieser Stunde erblickte, etwas Wirk- liches, oder nur eine überirdische Darstellung der Gebräuche sey, die in frühern Zeiten in diesen Mauern öfters statt gefunden hatten, heut zu Tage aber in protestantischen Ländern selten, in Schott- land fast nie, vorkommen. Er war nicht mit sich eins, ob er den Schlufs der Feyerlichkeit abwarten, oder einen Versuch machen sollte, wieder in das Chor zurückzukehren, als er durch eine Veränderung seiner Stellung einem der Leid- tragenden durch das Citter sichtbar ward. Die Person, welche ihn zuerst erspähte, zeigte ihre Entdeckung der Figur an, welche allein und dem Sarge zunächst stand, und auf ein antwortendes Zeichen derselben, trennten sich zwey von der Gruppe, und indem sie mit leisen Schritten, als fürchteten sie die heilige Handlung zu stören, nach dem CGitter, welches sie von dem Adepten schied, hinschlüpften, schlossen sie es auf undöflneten es. Jede der beyden Gestalten faſste ihn mit einer Gewalt beym Arme, bey der jeder Wäiderstand vergeblich gewesen seyn würde, wenn ihm auch seine Furcht einen Versuch dieser Art erlaubt hätte. Sie setzten ihn auf den Boden des Chors nieder, und nahmen an seiner Seite Platz, als ob sie Willens wären, ihn hier festzuhalten. Der Adept, schon zufrieden, daſs er sich in der Cewalt von Wesen seines Gleichen befand, hätte gern einige Fragen an sie gerichtet; allein wäh- rend der Eine nach dem CGewölbe zeigte, aus dem die Stimme des Priesters sich deutlich vernehmen liefs, legte der Andere ihm, zum Zeichen des Schweigens, den Finger auf den Mund, ein Wink, den der Deutsche zu befolgen für gut befand. Auf diese Art hielten sie ihn so lange fest, bis ein lautes Hallelujah, welches durch die öden Bogen der Kirche wiederhallte, die seltsame Ceremonie beschlofs, die er zufällig mitangesehen hatte. Als der Gesang sammt den Echo's verhallt war, sagte einer der Schwarzgekleideten, unter deren Bewachung sich der Adept befunden hatte, in ziemlich vertraulichem Tone zu ihm:«Seyd Ihr's denn wirklich, Herr Dousterswivel? Warum liefset Ihr es uns denn nicht wissen, wenn Ihr der Feyerlichkeit beywohnen wolltet? Meinem Herrn wird's nicht lieb seyn, dafs Ihr Euch auf diese Art hier eingeschlichen habt!“ 61 Um des Himmels Willen, wer seyd Ihrö- fragte seinerseits der Deutsche. 3 «Wer ich bind Wer denn anders, als Ringan Aikwood, der Pfandleiher von Knockwinnock. Was habt Ihr denn aber hier zu thun gehabt, wenn Ihr nicht kamt, um dem Begräbniſs der Lady beyzuwohnen 5“ Ich mufs Euch nur sagen, lieber Aikwood,* entgeguete der Deutsche, indem er aufstand; ich bin diese Nacht fast ermordet, beraubt und in Lebensgefahr gebracht worden." «BeraubtP Wer sollte denn hier so was thunb Ermordet Nun, für einen Ermordeten sprecht Ihr doch noch ganz leidlich. In Lebensgefahr Wie denn das 5⸗ Ich will's Euch sagen, Herr Aikwood Ringan! An alle dem ist der alte Schurke, der Blaurock, Schuld; den Ihr Adam Ochiltree nennt.“ «Das glaub' ich nimmermehr!“ versetzte Rin- gan. Ich kenne Adam, und auch mein Vater hat ihn schon als einen ehrlichen Biedermann gekannt. Ueberdies schläft er auch schon seit zehn Uhr in unsrer Scheune. Mag's drum gewesen seyn, wer's will, Herr Dousterswivel, so viel ist gewifs: Adam ist unschuldig.* «Hört einmal, Meister Ringan, ich weifs zwar nicht, was Ihr unschuldig nennt; aber so vieb kann ich für gewiſs behaupten, dafs ich diese Nacht durch Euren schmutzigen Freund um fünf- zig Pfund bestohlen worden bin, und er ist eben so wenig mehr in Eurer Scheune, als ich jemals im Himmel seyn werde.“* Wilſst Ihr wasb Wenn Ihr mit mir gehen wollt, sobald sich das Leichengefolge zerstreut hat, so will ich Euch in meiner Hütte ein Bett zurecht machen lassen, und dann können wir ja schen, ob Adam in der Scheune ist. Als wir mit der Leiche hier ankamen, dasahen wirzwey Kerls, die recht desperat aussahen, aus der alten Kirche hinausgehen, und der Priester, der's nicht gern hat, wenn ein Ketzer unsern Kirchenceremonien beywohnt, schickte ihnen sogleich zwey aus uns- rem Trauergefolge zu Pferde nach; die werden uns schon berichten, wer's gewesen ist.“* Mit diese Worten legte der Mann, mit Hülfe des stummen Begleiters, der sein Sohn war, den Mantel ab, und zeigte sich bereit, Dousterswiveln zu dem Ruheplätzchen zu begleiten, dessen er so sehr bedurfte. 4 Ich werde mich morgen an die Obrigkeit wen- den,“ sagte der Adept, und die Macht der Ge- setze gegen all' dies Volk zu Hülfe rufen.“ Indem er sich wegen des erlittenen Unrechts auf diese Weise zu rächen beschloſs, stolperte er über die Trümmer hinweg, auf Ringan und dessen Sohn sich stützend, deren Beystand ihm in seiner jetzigen Schwäche sehr vonnöthen war- 63 Als sie sich ausserhalb der Ruinen des Klosters befanden, und die kleine Wiese erreicht hatten, auf der es eigentlich stand, bemerkte Douster- swivel die Fackeln, welche ihm so viel Schrek- ken verursacht hatten, wie sie in regelmäſsiger Procession aus den Ruinen hervorkamen„ und ih- ren Schein, wie ein Irrlicht, auf die Ufer des Sees warfen. Nachdem sie sich eine kurze Zeit auf dem Pfade hin und her bewegt hatten, erlo- schen sie auf einmal in dem Dunkel der Nacht. „Wir löschen allemal bey solchen Gelegenhei- ten die Fackeln an dem heiligen Kreuze aus,“ sagte der Waldbewohner zu seinem Gaste, und so konnte auch Dousterswivels Auge nicht einen Schimmer mehr von dem Zuge enidecken, wenn er gleich den entfernten Hufschlag der Rosse noch einige Zeit in der Richtung hörte, die das Trauer- gefolge genommen hatte. Sechs und zwanzigstes Kapitel. Wohl rudert dort das Boot dahin— Wie's leicht und eilig fährt! Wohl rudert dort das Boot dahin, Das Weib und Kind ernährt. Es rudert hin, es rudert her; Wie froh und unbedrängt Ist dessen Leben, der im Meer Makrel' und Schmerle fängt! Alte Ballade. Wir müssen jetzt unsre Leser in das Innere der Fischerhütte führen, welche in dem neunten Ka- pitel des ersten Theils unsrer erbaulichen Ge- schichte erwähnt worden ist. Ich wünschte sagen zu können, dals dies Innere wohlgeordnet, an- ständig möblirt, und leidlich sauber und reinlich gewesen wäre; allein ich muls im Gegentheil ge- 65 stehen, dafs sich dort eine groſse Unorduung und viel Schmutz zeigte. Bey alle dem bemerkte man an den Bewohnern, Luckie Mucklebackit und seiner Familie, eine gewisse Wohlhabenheit, einen Ueberfluſs und behaglichen Zustand, den ihr eigenes Sprüchwort:„Je schmutziger, desto wärmer!“ zu bestätigen schien. Auf dem Heerde brannte, obgleich es Sommer war, ein groſses Feuer, welches, indem es Licht und Wärme ver- lieh, zugleich zum Zubereiten de ahrung diente. Der Fischfang war ergiebig gewesen, und die Fa- milie hatte, mit gewöhnlicher Unbesorgtheit, seit die Ladung hereingebracht worden war, sich unaufhörlich mit dem Braten und Rösten des zum Verbrauch bestimmten Theils beschäftigt. Gräten und Ueberreste von Fischen lagen auf hölzernen Tellern umher; auch befanden sich Stücke Hafer- brod und Scherben von Krügen mit halb ausge- trunkenem Bier darunter. In der Mitte präsen- tirte sich die kraftvolle, rüslige Gestalt der Haus- frau GCrete, welche sich unter einer Menge halb- erwachsener Mädchen und kleiner Kinder umher- tummelte, eins hierhin„das andere dorthin stieſs, und dabey immer rief:«Fort, aus dem Wege, Ihr kleinen Taugenichtse!“ Sie bildete einen auffallenden Contrast mit dem theilnahmlosen. halb einfältigen Blick und Benehmen der Mutter des Hausvaters, einer Frau, welche sich fast an dem Ziel der irdischen Laufbahn befand, und in 77· E 66 ihrem gewohnten Stuhle dicht an dem Feuer safs, dessen Wärme sie zwar zu suchen, aber kaum zu empfinden schien, und entweder etwas vor sich hin murmelte, oder den Kindern gleichgül- tig zulächelte, wenn sie mit den Schnüren ihrer Mütze spielten, oder an ihrer blau gewürfelten Schürze zupften. Den Rocken im Busen und die Spindel in der Hand, spann sie, nach Altschot- tischer Weise, mechanisch ihren groben Faden ab. Die jüngern Kinder, zwischen den Füfsen der ältern umherkriechend, bemerkten aufmerk- sam, wie sich die Spindel der Grofsmutter nach und nach fällte, und suchten zuweilen ihren Tanz auf dem Boden zu unterbrechen, der jetzt durch das regelmäfsigere Spinnrad allgemein verbannt worden ist, so daſs selbst die verwünschte Prin- cessin in dem bekannten Feenmährchen jetzt ganz Schottland durchwandern könnte, ohne sich die Hand mit einer Spindel zu verletzen, und an der Wunde zu sterben. Obgleich es schon spät war— denn Mitter- nacht war längst vorüber— so befand sich die Familie doch noch auf den Beinen, und machte keine Anstalten zu Bette zu gehen. Die Haus- frau buck noch immer sehrgeschäftig Eyerkuchen auf dem Bleche, und die älteste Tochter, die halbnackte Syrene, deren wir schon anderswo ge- dachten, bereitete ein Gericht von Findhorn- Kabliau(d. h. Kabliau, welcher an grünem Holze 67 geräuchert wird), welches nebst den Ueberresten des Speisevorraths zum Mahle dienen sollte. Indefs Alle so beschäftigt waren, klopfte Je- mand leise an die Thür, und eine Stimme rief: Seyd Ihr noch wach bo„Ja, jal“ war die Ant- wort,«nur herein, Mädchen!“ Die Thär öffnete sich, und Jenny Rintherout, das Dienstmädchen unsers Alterthumsforschers, trat herein. «Ey, seht doch!“ rief die Hausfrau,«eyd Ihr's denn wirklich, Jenny? Ihr macht Euch ja ordent- lich selten.“ «Ach, seht nur, die Wunde des Herrn Capi- tains hat uns Allen so viel zu schaffen gemacht, daſs ich kaum Zeit gehabt habe, den Fuſs vor die Thüre zu setzen. Doch nun geht's besser mit ihm, und der alte Caxon schläft jetzt in seiner Stube, falls er etwas bedürfen sollte. 80 wie unser altes Volk zu Bette war, band ich mir das Haar etwas zusammen, und klinkte blos die Thüre zu, falls Jemand in meiner Abwesenheit hinein oder heraus gehen wollte. Und so bin ich denn nun hier, um einmal zu schen, was Ihr macht?- *Ey, ey!" sagte Frau Grete, Ihr habt ja, wie ich sehe, Euren ganzen Staat angelegt. Ihr kommt wohl nur Steenie's wegen; aber der ist diese Nacht nicht zu Hause. Indeſs pafst Ihr gar nicht für den Steenie— so ein schwaches Ding, wie Ihr, kann ja gar keinen Mann gehörig er- halten.» 68 «Steenie pafst nicht. für mich!“ erwiederte Jenny, und warf dabey den Kopf so in die Höhe, wie’s kaum ein adeliches Fräulein gethan haben würde; ich mag nur einen Mann haben, der seine Frau erhalten kann.“ «Ja, ja, das sind nun so Eure Begriſfe auf dem Lande und in den Städten!— Aber da verstehen's die Fischerfrauen besser! Die halten den Mann, das Haus, das Geld, mit Einem Wort Alles in Ordnung.“* 0, ihr armen, geplagten Ceschöpfe!» entgeg- nete die Landnymphe der Wassernixe.«Sobald der Kiel nur an'’s Ufer stöfst, so rührt auch der träge Pischer keine Hand mehr, und nun müssen die Weiber die Röcke aufschürzen, und in dem Wasser umherwaten, um die Fische an's Land zu bringen. Indeſs zieht der Mann Rock und Wamms aus, setzt sich, die Pfeif' im Munde, mit seinem Bierkrug an's Feuer, und denkt an nichts weiter, bis er wieder zur See geht. Die Frau muſs nun die Butte auf den Rücken nehmen, und mit den Fischen fort zur nächsten Stadt, und muſs sich mit jedem Weibe, das an ihr Händel sucht, herumschelten und zanken, bis sie ver- kauft sind.— Das ist das Leben der Fischer- frauen— Sklavinnen sind sie, nichts anders! «Sklayinnen? Geht mir weg, Jungfer! Das Haupt des Hauses eine Sklavin5 Ihr mögt Euch recht darauf verstehen! Wagt denn mein Saun- 69 ders ein Wort zu sprechen, oder einen Schritt aus dem Hause zu thun, ausser, wenn er essen und trinken und sich einmal lustig machen will, wie andere ehrliche Leuteb Er ist zu verständig, als daſs er glauben sollte, das Ceringste gehöre ihm allein, von dem Dach der Hütte bis zu dem zerbrochenen Teller auf dem Brette dort. Er weils nur 2 gut, wer ihn speis't und kleidet, und Alles in Ordnung hält, wenn er sich in sei- nem Kahn auf der See mufs herumschaukeln las- sen— der arme Kerl!— Das ist nichts gesagt, Jungfer! Wer den Vorrath verkauft, der führt den Beutel, und wer den Beutel führt, der re- giert das Haus. Zeigt mir einmal einen von Eu- ern Bauern oder Pächtern„der die Frau auf den Markt schickte, um die Schulden einzutreiben! Nein! nein!“ «Nun, ländlich sittlich, Mutter Grete! Aber wo ist denn Steenie diese Nacht, und wo der Vater b“ 8 «Den Vater hab' ich zu Bette gebracht, weil er sehr müde war; Steenie aber ist mit einigen Ka- meraden und mit dem alten Bettler, dem Adam Ochiltree, weggegangen, wahrscheinlich, um sich ein Bischen lustig zu machen. Sie kommen gewifs bald zurück. Lafst Euch unterdefs nieder.“ «Lange kann ich mich nicht aufhalten,“ sagte Jenny, einen Stuhl nehmend,„indeſs mufs ich Euch doch was Neues erzählen. Habt Ihr denn 7⁰ von der grofsen Kiste mit Gold gehört, die Sir Arthur in den Ruinen von St. Ruth gefunden hat? — Nun wird er noch einmal so stolz werden, und sich kaum bäcken, wenn er niefst, damit er nur die Schuhe nicht sieht!" «Ja, ja, ich hab' so was davon gehört! Die Kiste sey schr schwer gewesen, sagte der alte Adam, und er hätte sie selber herausheben se- hen. Da kann ein armer Teufel lange warten, ch' er einen solchen Fund thut!» 3 «Das ist wohl wahr!— Habt Ihr denn auch gehört, daſs die Gräfin von Glenallan gestorben ist, und auf einem Paradebette liegt, und diese Nacht mit Fackeln in St. Ruth begraben werden soll, und daſs die Papisten und die Dienerschaft, und Ringan Aikwood, der auch ein Papist ist, der Feyerlichkeit beywohnen werden, und dais es das glänzendste Schauspiel werden soll, das man jemals gesehen?“ 3 Ey,“ versetzte die Najade,„wenn nur Papi- sten der Beerdigung beywohnen sollen, so wird's eben so gar prächtig nicht ausfallen; denn die alte Hure, wie sie unser würdiger Herr Pfarrer PBlattergowl nennt, hat nur noch wenige Anhän- ger hier, die aus ihrem Zauberbecher trinken. Aber warum wollen sie denn den alten Drachen — denn ein rohes Weib war es ein für alle Mal.— bey Nacht brgraben? Vielleicht weils es ungre alle Croſsmutter.“* 71¹ Hierauf rief sie mit lauter Stimme: Groſs- mutter, Crofsmutter! Aber versunken in der Theilnahmlosigkeit des Alters und taub dazu, spann die alte Sybille immer fort, ohne auf den Zuruf zu achten. „Rede Du doch einmal die Crofsmutter an, Jenny! Ich wollte lieber den Kahn auf eine halbe Meile anrufen, und wenn mir auch der Nord- Westwind gerade in die Zähne blasen sollte.“ «Crofsmutter,» sagte die kleine Scejungker, mit einem Tone, an den die alte Frau mehr ge- wöhnt war,„die Mutter möchte wissen, warum die Glenallans bey Fackelschein in den Ruinen von St. Ruth begraben werden?* 8 Die alte Frau machte eine Pause im Drehen ihrer Spindel, hob, zur übrigen Gesellschaft sich wendend, ihre welke, zitternde, erdfarbige Hand empor, und schaute mit dem runzlichten Ge- sichte, das sich nur durch das äusserst lebhafte, hellblaue Augenpaar von einem Todtenkopfe un- terschied, überall umher; und als suche sie müh- sam eine Ideenverbindung mit der wirklichen Welt, versetzte sie:«Warum die Familie Clen- allan ihre Todten bey Fackelschein begräht, fragst Du michb Ist denn jetzt wieder ein Glenallan gestorben Pn «Wir könnten am Ende Alle todt und begraben seyn, ohne dafs Ihr's wälstet!“ sagte Frau Grete, und fügte dann mit stärkerer Stimme, so daſs 7² die Schwiegermutter sie verstehen konnte, hinzu: „Es ist die alte Gräfin, Groſsmutter!» „So hat sie doch endlich auch fort gemufst! versetzte die Alte mit einem Tone, in dem mehr Empfindung und Antheil lag, als sie sonst bey ihrem hohen Alter und der gewöhnlichen Kälte und Gleichgültigk eit ihres Wesens zu zeigen pflegte.«So ist sie denn endlich auch aufgekor- dert worden, Rechenschaft abzulegen, sie, die sich so lang voll Stolz gebrüstet.— Cott vergeb ihr’'s!“ Aber die Mutter fragt’ Euch, dng das Mäad; chen wieder an«warum die Familie Glenallan ihre Todten bey Fackelschein begräbtbn Das haben sie immer s0 gehalten,„» entgeg⸗- nete die Groſsmutter,«seitdem der groſse GCraf in der wilden Schlacht bey Harlaw gefallen ist, wo der Coronach*) an einem Tage von der Mün. dung des Tay bis zum Ende des Cabrach ertönte, so dafs man weit urd breit nichts vernahm, als Jammer und Wehklage über die Edeln, die in der Schlacht gegen Donald von den Inseln gefal- len waren. Aber die Mutter des groſsen Grafen lebte noch, und wollte keinen Coronach singen lassen fur ihren Sohn— wie denn die Frauen *) Eine Art Lon Altschottischem Trauergesange. 4 A. d. Uebers. 7³ aus dem Hause Clenallan ein hartes, stolzes Ge- schlecht waren— sondern lieſs ihn ganz in der Stille um Mitternacht zu seiner Ruhestätte brin- gen, ohne daſs der Abschiedstrunk geleert, oder die Wehklage angestimmt worden wäre. Er hätte, sagte sie, genug Menschen an seinem Todestage getödtet, und die Wittwen und Töchter der Hoch- länder, die er erschlagen, könnten für die, wel- che sie verloren, und fur ihn zugleich den Coro- nach anstimmen. Und so legte sie denn ihren Sohn, mit trocknem Auge, und ohne Seufzer und Klage, in's Grab. Es war ein stolzes Wort, und die Familie hat daran gehalten, ganz vorzüglich in der letzten Zeit, weil sie des Nachts frey- ern Spielraum hatten, ihre papistischen Gebräu- che heimlich und im Dunkeln auszuüben. We- nigstens war's zu meiner Zeit so; denn falls es bey Tage statt gefunden hätte, so würde das Ge- setz und die Gemeinden zu Fairport es keines- wegs gelitten haben. Jeizt mag ihnen mehr Frey- heit gestattet seyn, die Welt ändert sich— ich weiſs manchmal nicht, ob ich sitz' oder stehe, ob ich noch am Leben oder todt bin.“ Cleichsam als wolle sie sich überzeugen, wie es denn eigentlich mit ihr stehe, blickte die alte Elisabeth nach dem Feuer hin, sank aber bald wieder in ihre gewöhnliche mechanische Beschäf- ligung des Spindeldrehens zurück. Das mufs ich sagen,“ flüsterte Jenny Rin- 74 therout ihrer Gevatterin zu, aes ist ordentlich schauerlich, wenn man Eure Croſsmutter so re- den hört; es klingt, als ob ein Todter zu den Lebenden spräche!“ «Ihr habt nicht Unrecht! Sie bekümmert sich um nichts, was den Tag über vorgeht; wenn man sie aber auf alte Ceschichten bringt, da spricht sie wie ein gedrucktes Buch. Von der Familie Glenallan weiſs sie übrigens mehr, als die mei- sten Leute; denn ihr Mann ist lange Zeit bey den Glenallans Fischer gewesen. Ihr wiſst ja, die Papisten halten viel auf's Fischessen, und das ist eben nicht der schlechteste Theil ihrer Religion, mag sie auch übrigens beschaffen seyn, wie sie will. Ich habe selbst immer die besten Fische zu den besten Preisen für die Tafel der Cräfin verkauft, namentlich Freytags.— Aber scht einmal, wie die Händ' und Lippen der Croſs- mutter sich bewegen! Es geht ihr, im Kopfe her- um, als ob es drin gährte. Nun wird sie gewiſs die Nacht über sprechen, wenn sie gleich sonst wo- chenlang mit Niemand ein Wort wechselt, aus- ser mit den Kindern da.“ «Hört, Frau Mucklebackit, sie ist doch eine seltsame, grauenhafte Person. Ob sie nur so den rechten Glauben hat? Die Leute sagen, sie ging' in keine Kirche, spräche nicht den Geistli- chen, und wäre ehemals Papistin gewesen; seit dem Tode ihres Mannes wülste indefs Niemand, 75 was sie sey.— Claubt Ihr selbst, dals sie eine gefährliche Person ist 55 «Cefährlichb albernes Ding! Meynt Ihr im Ernste, ein altes Weib sey gefährlicher, als das andere, Alice Breck ausgenommen?— Indels will ich nicht darauf schwören— ich weiſs wohl, dafs die Körbe, die sie hinsetzte, sich immer zuerst mit Krebsen anfällten, während—* «Still, still! Eure Schwiegermutter fängt wie- der an zu reden!* «Sagte vorhin nicht Jemand von Euch,“ sprach die alte Sybille,„oder hat mir'’s nur geträumt, oder ist mir's offenbart worden, dafs Joscelind, Gräfin von Glenallan, gestorben, und diese Nacht begraben worden ist b* «Ja, Mutter,“ entgegnete die Schwiegertoch- ter mit lauter Stimme,«so ist es!* Es ist recht gut so,“ sagte die alte Elsbeth; asie hat bey ihren Lebzeiten so manches Herz schwer verwundet; selbst das ihres eigenen Soh- nes— lebt denn der nochb“ «Ja, er lebt noch, wird aber wohl nicht lange mehr leben. Wißſst Ihr noch wohl, wie er Euch im vergangenen Frühling besuchte und Geld gabp“ «Das kann seyn, aber ich entsinne mich des- sen nicht mehr. Es war ein stattlicher, hubscher Mann, gerade so wie sein Vater. Wenn der nur leben geblieben wäre, da wären sie gut dar- an gewesen. Aber er starb, und nun schaltete 76 die Lady mit ihrem Sohne, wie sie wollte. Er muſfste glauben, was er nie hätte glauben sollen, und thun, was ihn sein ganzes Leben lang ge- reut hat, und ewig reuen wird; wär's auch so lang und mühselig als das meine—“ Was war denn das, Groſsmutter? Was war denn das, Luckie Elsbeth b riefen die Kinder, die Mutter und die Fremde aus Einem Munde. «Fragt nicht darnach, sondern fleht zu GCott, daſs er eure eigenen Herzen vor Stolz und Ge- fühllosigkeit bewahren möge. Sie sind in der Hütte so mächtig, als in Pallästen— ich kann ein trauriges Zeugniſs davon ablegen.— O die schreckliche, furchtbare Nacht! Will sie denn mein alter Kopf nie vergessen? Noch immer sch' ich sie auf dem Boden liegen, ihr langes Haar vom Scewasser tricfend! O der Himmel wird Rache nehmen at jedem, der daran Theil hat! — Sagt mir doch, ist mein Sohn in solchem Winde auf der See mit dem Kahne? «Nein, Mutter, nein! Es kann sich ja kein Kahn in solchem Winde erhalten! Er schläft in seinem Bette dort hinter der Wand.“ «Der Steenie aber ist auf der Sec?n „Ebenfalls nicht, Grofsmutter! Steenie ist ausgegangen mit Adam Ochiltree, dem Bettler, Sie werden wohl das Begräbnifs haben mitanse- hen wollen.* 77 «Das kann nicht seyn, sagte die IIausfrau, awir haben's ja nicht eher erfahren, als bis Jack Rand zu uns kam, und erzählte: die Aikwood's wären aufgeſordert worden, sich dabey einzufin- den. Dergleichen Dinge halten sie indefs sehr geheim, und haben die Leiche zehn Meilen weit vom Schlosse bey Nacht und Dunkel hergebracht. Sie hat zehn Tage lang auf dem Schlosse Glen- allan in einem grolsen Zimmer in Parade dagele- gen, und das Zimmer ist schwarz ausgeschlagen gewesen, und erleuchtet mit Wachskerzen.“ «Cott sey ihr gnädig!“ vief die alte Elsbeth, deren Gedanken sich noch immer mit dem Tode der Gräfin zu beschäftigen schienen;«es war eine hartherzige Frau, aber nun ist sie dahin, um Rechenschaft abzulegen; doch— Seine Onade ist unendlich! Gott gebe, dafs auch sie dieselbe so finde!“ Die Alte sank nun wieder in ihr Schwaigen zurück, ohne es den ganzen übrigen Abend wie- der zu brechen. «Ich kann gar nicht begreifen, was der alte einfältige Bettler und unser Sohn Steenie in einer solchen Nacht draussen zu thun haben!“ sagte Frau Mucklebackit, und Jenny Rintherout stimm- te mit ein in diese Verwunderung. Gehe doch eins von Euch, Ihr Kinder, auf die Klippe, und rufe nach ihnen hinaus— vielleicht hören 78 sie's! Die Eyerkuchen verbrennen ja sonst wahr- lich zu Kohlen.“* Der kleine Bote eilte fort, kam aber nach ei- nigen Minuten schon wieder zurück, und rief: Ach Mutter, Orofsmutter! da draussen jagt ein weiſses Gespenst eben zwey schwarze von dem Felsen herab!“ Ein Ceräusch von Fufstritten folgte auf diese sonderbare Botschaft, und der junge Steenie Mucklebackit, dem Adam Ochiltree auf dem Fufse folgte, stürzte in die Hütte. Beyde waren ganz ausser Athem. Das erste, was Steenie that, war, dafſs er nach dem Riegel der Thüre sah, aber die Mutter erinnerte ihn, daſs in dem har- ten Winter vor drey Jahren sie ihn aus Mangel an Brennholz verbrannt hätten.«Ich wülste auch nicht,“ fügte sie hinzu,«wozu Leute, wie wir, der Riegel bedürften!“ «Es verfolgt uns Niemand,» sagte der Bettler, „aber wir sind fast wie Verbrecher, welche flie- hen, auch wenn sie Niemand verfolgt.* Verfolgt wurden wir aber doch,“ entgegnete Steenie,«von einem Geiste, oder was es sonst war.- Es war ein Mann auf einem weifsen Pferde,* sagte Adam;«er ist gewiſs in dem weichen Boden mit dem Rosse versunken. Ich hätte nimmer- mehr gedacht, dafs mich meine alten Beine so hätten davon bringen können; ich lief wahrlich so schnell, als ob ich bey Prestonpans gewesen wäre.* Ueber Euch furchtsame Bursche!“ versetzte Luckie Mucklebackit;«wer wird's denn anders gewesen seyn, als einer von den Reitern aus dem Leichenzuge der Cräfin 5 «Wieb sagte Adam,«ist denn die alte Gräfin diese Nacht in St. Ruth begraben wordenp— Nun erklär' ich mir die Lichter und das Geräusch dazu, das uns forttrieb. Hätt' ich das gewuſst, ich hätte den Mann nicht im Stiche gelassen— nun, sie werden sich seiner schon angenommen haben! Ihr schlugt aber auch ein wenig derb darauf los, Steenie! Ich dachte, Ihr würdet dem Burschen den Garaus machen.“ 3 «Glaubt das nicht!" sagte Steenie lachend, «der hat derbe, breite Schultern, ich hab' ihm nur eben mit meinem Stocke das Maſs genommen. Hätt ich nicht so kurzen Proceſs mit ihm gemacht, 8 er hätt' Euch's Gehirn aus dem Schädel geschlagen! „Gott sey Dank, daſs ich so davon gekommen bin!» sagte Adam;«ich will die Vorsehung nie wieder versuchen. Ich dachte freylich nicht, dafs es etwas Unrechtes wäre, einen solchen Schelm und Landstreicher zu prellen, der nur von dem Betruge ehrlicher Leute lebt.» „Aber was machen wir denn damitb“ sagte Steenie, ein Taschenbuch hervorziehend. Gott bewahr' uns!“ rief Adam in groſser Be- 8⁰ stürzung; srührt's ja nicht an! Ein einziges Blatt aus diesem Taschenbuche könnt' uns beyde an den Calgen bringen.“ „Das hab' ich nicht gewuſst,“ versetzte Stee- nie. Das Buch muſs ihm aus der Tasche gefal- len seyn, denn ich fand es zu meinen Fülsen, als ich eben bemüht war, ihm wieder auf die Beine zu helfen, und da steckt' ich's in die Ta- sche, damit es nicht verloren ginge. Aber in dem Augenblicke lieſs sich auch das Pferdegetram- pel hören, und Ihr rieft:„Lauf', lauf' Da hab' ich denn nicht mehr an das Buch gedacht!* „Auf eine oder die andere Art müssen'’'s wir doch dem Schuft wieder zustellen. Ich denk, es ist am besten, Ihr tragt's gleich mit Tagesan- bruch zu Ringan Aikwood. Ich möchte um hun- dert Pfund nicht, daſs man's bey uns fände.“ Steenie versprach, dies zu thun. „Ihr habt die Nacht schön zugebracht, Herr Steenie!“ sagte Jenny Rintherout, die, unwil- lig, daſs von ihr noch gar keine Notliz genommen, vor den jungen Fischer hintrat.«Ihr habt die Nacht schön zugebracht, habt Euch mit Bettlern herumgetrieben und von Wehrwölfen verfolgen lassen, statt ruhig im Bette zu schlafen, wie Euer Vater, der wackere Mann.“* Dieser Angriff wurde von dem jungen Fischer mit ländlichem Witze gehörig erwiedert, und nun ging man tapfer auf die Eyerkuchen und auf 5 8¹ den geräucherten Fisch lIos; ein Paar K riige Zwey- pfennigbier und eine Flasche Wachholderbrannt- wein wurden gleichfalls nicht geschont. Hierauf begab sich der Bettler auf seine Stren, die in einem anstossenden Schoppen lag; die Kinder hatten sich schon, eins nach dem andern, in ihr Nest verkrochen, und die Grofsmutter Latte sich ebenfalls in ihrem Federbette zur Ruhe begeben. Steenie war, trotz seiner Ermüdung, so höflich, Jenny Rintherout nach ihrer Woh- nung zurückzubegleiten, und wir können nicht genau angeben, um welche Zeit er urückgekehrt sey. Die Hausfrau aber begab sich zuletzt zur Ruhe, nachdem sie zuvor die Kohlen auf dem Heerde zusammengescharrt, und alle Geräthe wieder an Ort und Stelle gebracht hatte. Sieben und zwanzigstes Kapitel. — ——„Mancher Großse Würd' drum die Hälſte seiner Güter geben, WMenn er auf s Betteln, in der eigentlich Vornehmen II eise, sich verstünde.“ Der Bettlerbusch. Der alte Adam war mit der Lerche munter, und seine erste Frage war nach Steenie und dem Ta- schenbuche. Der junge Fischer hatte den Vater noch vor Tagesanbruch begleiten müssen, um die Zeit der Fluth nicht zu versäumen; doch hatte er versprochen, so wie er zurückkäme, das Ta- schenbuch nebst seinem ganzen Inhalt, sorgfältig in ein Stück Segeltuch gewickelt, an Ringan Kik wood abzuliefern, damit dieser es Dousterswiveln, als dem Eigenthümer, zustelle. 4. 83 Die Hausfrau hatte das Morgenbrod für die Pamilie bereitet, und war dann, mit ihrem Fischkorbe auf dem Rücken, rüstig nach Fair- port gewandert. Die Kinder spielten vor der Thür, denn es war ein schöner, heiterer Tag. Die alte Groſsmutter saſs wieder auf ihrem Lehn- stuhl am Feuer, in der Hand ihre ewige Spindel, und gänzlich unbekümmert um das Geschrey der Kinder und das Schelten der Mutter„ welches vor der Zerstreuung der Familie statt gefunden hatte. Adam hatte sein Gepäck in Ordnung gebracht, um seine Wanderung wieder anzutreten, und nahte sich jetzt, mit schuldiger Höflichkeit, von der Alten Abschied zu nehmen. 4 «Cott geb' Euch heut einen guten Tag, Mut⸗ ter,“» sagte er,«und noch viele andere dazu. Vor Ende der Ernte werd' ich wohl noch wiederkom- men, und hofl' Euch Alle frisch und munter anzutreffen.» «Betet nur, daſs Ihr mich in meinem stillen Grabe finden mõögt!“ enigegnete die Alte in einem hohlen Tone, wobey sich indeſs ihre Gesichtszüge nicht im mindesten veränderten. Ihr seyd alt, Mutter, und ich bin's eben falls, sagte Adam, aber wir müssen Beyde Seinen Willen erwarten— wir werden zu seiner Zeit nicht vergessen werden.“ «Auch unsre Thaten nicht!“ versetzte die Alte, 84 „was der Mensch im Fleische gethan hat, das mufſs er im Geist verantworten.* „Das ist wohl wahr, und ich kann's mir wohl zu Herzen nehmen, da ich von jeher ein unstä- tes, wüstes Leben geführt habe. Aber Ihr waret ja immer eine brave Prau. Wir sind freylich Alle schwach— aber Eure Bürde ist doch wohl so schwer nicht!* „Sie könnte wohl noch schwerer seyn, aber sie ist doch so schwer, dafs die stärkste Brigg, die je aus dem Hafen von Fairport gelaufen ist, falls sie damit beladen wäre, untersinken müßfste. — Sagte nicht gestern Jemand— oder ist mir's nur gerade so eingefallen, denn alte Leute haben ein schwaches Gedächtnifs— dafs Jocelind, Grä- fin von Glenallan, hinübergeschieden ist b* „Wer's sagte, hat wahr gesprochen,“ entgeg- nete der Bettler.«Sie wurde gestern bey Fackel- chein in den Ruinen von St. Ruth begraben, und ich erschrack wie ein Narr, als ich die vielen Lichter und die Reiter erblickte." Das ist so bey ihnen Sitte,“ versetzte die Alte, seitdem der groſse Graf bey Harlow um's Leben kam. Sie thaten es, um zu zeigen, dafs sie nicht wie andere Menschen sterben und begraben seyn wollten. Die Frauen aus dem Hause Glenallan weinen nicht vm ihre Männer, und keine Schwe- ter um ihren Bruder.— Aber ist sie denn wirk- 85 lich zu ihrer groſsen Rechenschaft abgerufen worden 5 §o gewifs,» sagte Adam, aals auch wir sie einst Alle ablegen müssen!" „Nun, so will ich denn mein Herz erleichtern, es komme was da will.“ Sie sprach diese Worte mit gröſserer Lebhaf- tigkeit, als man wohl sonst in ihren Zügen zu be- merken pflegte, und machte zugleich eine Bewe- gung mit der Hand, als wolle sie etwas von sich wegstofsen. Hierauf hob sie ihre ansehnliche Gestalt empor, die, obgleich durch Alter und Gicht sehr gekrümmt, noch immer verrieth, was sie chedem gewesen war, und stand nun vor dem Bettler, wieseine Mumie, die ein irrender Geist auf einige Zeit wieder belebte. Ihre licht- blauen Augen rollten hin und her, als ob sie abwechselnd vergäſse und sich doch wieder daran erinnerte, warum ihre durre, welke Hand in einer groſsen Tasche von alträterischem Ansehn umhersuchte. Sie zog endlich ein kleines Schäch- telchen hervor, öffnete es, und nahm einen sehr schönen Ring heraus, in dem sich eine doppelte Locke, aus schwarzem und lichibraunem Haar, mit Brillanten von bedeutendem Werth einge- falst, befand. «Alter, sagte sie zu Ochiltree, so wahr Ihr auf die ewige Barmherzigkeit hofft— Ihr mülst 86 für mich einen Gang nach dem Hause Clenallan thun, und dort nach dem Grafen fragen.“ Nach dem Grafen von Glenallanb Bedenkt doch, Mutter, daſs der, der nicht einmal die Edlen des Landes bey sich sieht, einen alten Bettler, wie ich, schwerlich vorlassen wird!“ So geht wenigstent hin, und versucht es! Sagt jhm nur: Elsbeth von Craigburnfoot— denn un- ter diesem Namen wird er sich meiner wohl am hesten erinnern— müsse ihn durchaus noch ein- mal sehen, che sie von ihrer langen Pilgerschaft erlöset werde, und sie sende ihm diesen Ring, um ihm dadurch anzudeuten, worüber sie mit ihm sprechen wolle.» Ochiltree betrachtete den Ring, seinen schein- baren Werth bewundernd, und legte ihn dann wieder sorgfältig in das Schächtelchen, welches er in ein altes, zerrissenes Schnupftuch wickelte, und in den Busen steckte.. Nun, ich will Euren Wunsch erfüllen, Mut⸗ ter!“» sagte er;«an mir soll's nicht liegen. Aber in der That, ein solches Geschenk ist wohl noch Niemanden, von einem alten Fischerweibe, durch einen herumzichenden Bettler, wie ich bin, überbracht worden.“ Nach dieser Bemerkung ergriff Adam seinen pikenstock, setzte seine Mütze mit breiten-Krem- pen auf, und trat seine Wanderung an. 87 Die Alte blieb noch einige Zeit aufrechtstehen, und sah mit gespannten Blicken nach der Thur hin, durch die sich ihr Bote entfernt hatte. Die scheinbare Aulgeregtheit, welche das Cespräch veranlaſst hattes Teslor sich allmählig aus ihren Zügen; sie sank wieder auf ihren gew Sohpten Sitz zurdel, und nahm die Spindel mit ihrer alten, gleichgültigen Miene zur Hand. Unterdessen setzte Ochiltree seine Wanderung fort. Clenallan lag etwa zehn E velische Meilen entfernt, eine Strecke Weges, ks der alte Soldat in vier Stunden zurücklegte. Mit jener Neugier, die sciner müſsigen L GLehee eise und seinem leb. haften Chaiacten eigen war, quälte er sich den ganzen Weg über mit Vermuthungen, was wohl die gebeimnifsvolle Botschaft, die er ausrichten sollte, eigentlich bedeute, oder in welcher Ver- bindung der stolze, reiche und mächtige Graf von Glenallan mit dem Verbrechen oder der Reue einer alten Frau stehe, die im Leben eben kei- nen viel bedeutendern Rang einnahm, als ihr Bote. Er rief sich alles ins Gedächtnifs zurück, was er je über die Familie Glenallan gehört hatte; indefs führte dies doch zu keinem bestimmten und klaren Begriffe. So viel wufst' er, dafs die gesammten weitläuftigen Besitzungen der alten und mächtigen Familie der Ielatverslorbemen Grä- ſin zugefallen waren, auf die auch in hohem Grade der stolze, unbeugsame, finstere Character 88 üöbergegangen war, durch den sich das Haus Glen allan, seit es sich in den Annalen der Schotti- schen Geschichte bemerkbar gemacht, auszeich- nete. Gleich allen ihren Vorfahren war die Grä- fin dem römisch-katholischen Glauben eifrig zu- gethan, und vermählte sich mit einem Englischen Edelmann, der sich ebenfalls dazu bekannte und ein beträchtliches Vermögen besafs; er starb in- defs zwey Jahre nach ihrer Verbindung. Der Cräfin, die sich so frühzeitig verwittwet sah, lag nun die unumschränkte Verwaltung der groſsen Cüter ihrer beyden Söhne ob. Der ältere, Lord Geraldin, der einst den Titel und das Vermögen der Glenallans erbte, war bey Lebzeiten seiner Mutter ganz und gar von ihr abhängig. Der zweyte nahm, als er das gehörige Alter erreicht hatte, den Namen und das Wappen seines Vaters an, und setzte sich zugleich, den Heirathsverträgen der CGräfin gemäfs, in den Besitz seiner Cüter. Von dieser Zeit an hielt er sich gréfstentheils in England auf, und stattete der Mutter und dem Bruder nur bisweilen einen kurzen Besuch ab, der, als er endlich zur reformirten Kirche über- trat, gänzlich wegſiel. Allein schon früher, ehe noch die Mutter diese tiefe Kränkung erfuhr, hatte der Aufenthalt zu Glenallan wenig Anzichendes für einen heitern, jungen Mann, wie Eduard Geraldin Neville, da hingegen die düstere Abgeschiedenb eit jenes Ortes 89 zu dem zurückgezogenen, melancholischen Cha- racter seines ältern Bruders besser paſste. Lord Geraldin war, in der ersten Blüthe seines Lebens, ein junger Mann von vieler Bildung, der zu schö- nen Hoflnungen berechtigte. Wer ihn aufseinen Reisen kennen gelernt hatte, hegte groſse Erwar- tungen von seiner künftigen Laufbahn. Allein auf einen heitern Morgen folgt oft ein umwölkter Himmel. Der junge Edelmann kehrte nach Schottland surück, und als er etwa ein Jahr bey seiner Mutter im Schlosse Glenallan zugebracht hatte, schien es, als hab' er den finstern Ernst und das Melancholische ibres Characters durch- aus angenommen. Von po' ttischen Beschäftigun- gen durch seine Religion ausgeschlossen, und für andere Zerstreuungen keinen Sinn habend, führte Lord Geraldin ein höchst eingezogenes Leben. Sein gewöhnlicher Umgang bestand aus dem Geist- lichen seiner Confession, der ihn dann und wann besuchte; selten, und nur bey festlichen Cele- genheiten, wurden eine oder ein Paar Familien, die sich gleichfalls zur katholischen Religion be- kannten, im Schlosse Glenallan feyerlich bewir- thet. Das war aber auch alles. Die ketzerischen Nachbarn erfuhren von der Familie so gut als Sar nichts, und selbst die Katholiken sahen nichts weiter, als den Aufwand und die feyerliche Pracht, die bey solchen Gelegenheiten statt fand, und Jedermann kabrte davon zurück, ungewiſs, wor- 9⁰ über er sich mehr wundern sollte, über das ernst- ſeyerliche, steife Benehmen der Gräfin, oder über die tiefe Niedergeschlagenheit ihres Sohnes, die nicht einen Kugenblick seine finstern Züge zu verlassen schien. Das letzte Ereigniſs hatte ihn in den Besitz seines Vermögens und Titels gesetzt, und man fing in der Nachbarschaft schon an zu vermuthen, dafs mit dieser Unabhängigkeit sein froher Sinn wiederkehren werde, als die, welche Gelegenheit hatten, die Familie in ihrem Innern näher kennen zu lernen, das Gerücht verbreite- ten, daſs die Gesundheit des Grafen durch strenge Religionsübungen untergraben sey, und daſs er höchst wahrscheinlich seiner Mutter sehr bald in's Grab nachfolgen werde. Diese Vermuthung hatte um so mehr für sich, da sein Bruder ebenfalls an einer schleichenden Krankheit gestorben war, welche in den letzten Jahren seines Lebens Kör- per und Ceist zugleich angegriflen hatte, so daſs die Heraldiker und Genealogen schon ihre Regi- ster nachschlugen, um den muthmafslichen Erben dieser unglücklichen Pamilie aufzufinden, schon mit freudigem Vorgefühl von einem grofsen Glen- allan'schen Processe sprachen. Als sich Adam Ochiltree der Vorderseite von Glenallan-House näherte, das in einem sehr al- ten Gebäude von grofsem Umfange bestand, des- sen neuester Theil nach der Zeichnung des be- rühmtén Inigo Jones aufgeführt worden war, über, 9¹ legte er, wie er es wohl am besten anfangen könne, um vorgelassen zu werden und seinen Auftrag auszurichten. Nach einigem Hin- und Hersinnen beschlofs er, das ihm anvertraute Pfand dem Crafen durch einen seiner Dieuer zustellen zu lassen. In dieser Absicht trat er in ein klei- nes Haus, wo er den Ring in ein Paket, das einer Bittschrift ähnlich sah, einsiegelte, und die Ad- dresse: Seiner Herrlichkeit, dem Crafen von Glenallan, inzufügte. Er wuſste indefs nur zu gut, daſs Bestellungen, an den Thüren der Cros- sen durch seines Cleichen gemacht, nicht immer an denjenigen gelangen, an den sie gerichtet sind, und beschlofs daher, als ein alter Soldat, erst das Terrain zu recognosciren, ch' er einen Angrifl begönne. Als er sich so dem Hauschen des Thürhüters näherte, sah er aus der Anzahl der Armen, welche sich dort eingefunden hatten — theils dürftige Leute aus der Nachbarschaft, theils Landstreicher— daſs hier wahrscheinlich eine allgemeine Vertheilung von Allmosen statt ſinden werde. «Eine gute Handlung bleibt doch selten unbe- lobhnt!* sagte Adam zu sich selbst.«Da bekomm' ich bey der Gelegenheit auch wohl ein gutes All- mosen, das mir schwerlich zugefallen wäre, wenn ich die Botschaft der Alten nicht hätte ausrich- ten wollen.“ Er stellte sich demzufolge mit dem zerlump- 9² ten Regiment in Reih' und Glied, und zwar so nah' als möglich an der Fronte— eine Auszeich- nung, die ihm, wie er glaubte, schon wegen seines blauen Rocks und seines Schildes, dann aber auch hinsichtlich seines Alters und seiner Erfahrung gebiühre. Allein er sah bald ein, dafs hier eine ganz andere Rangordnung statt fand, von der er nichts wuſste. «Seyd Ihr denn ein dreyfacher Empfänger, daſs Ihr Euch so keck vordrängtb Ich dächte nicht; denn dies Schild trägt kein Katholik.“" «Ich bin auch keiner!“ sagte Adam. «Nun so stellt Euch auch zu den doppelten oder den einfachen Reihen dort, zu den Bischöf- lichen oder den Presbyterianern! Es ist eine wahre Schande, einen Ketzer zu sehen mit einem so langen weifsen Bart, der sich für einen Ein- siedler pafste!9 Ochiltree, der auf diese Weise aus der Gesell- schaft der katholischen Bettler, oder derer, die sich dafür ausgaben, ausgestossen war, stellte sich nun zu den zur Englichen Kirche gehörenden Aranen, denen der milde Herr des Schlosses nur eine doppelte Portion bewilligt hatte. Nie aber war wohl ein armer Nonconformist von einer Congregation der hohen Kirche rauher zurückge- wiesen worden, selbst nicht zur Zeit der guten Königin Anna, wo dieser Cegenstand mit voller Wuth verhandelt worden. 93 „Seht doch einmal den mit seinem Schilde!* hiefs es;«er hat wohl einen von des Königs pres- byterianischen Caplänen alle Geburtstage einmal seine Predigt herausstöhnen gehört, und will nun selbst für einen von der bischöflichen Kirche gel- ten. Bewahre, bewahre! das geht nicht!* Adam, der sich so von Rom und der bischöf- lichen Kirche zurückgewiesen sah, war froh, daſs er sich vor dem Gelächter seiner Brüder unter dem kleinen Häuflein der Presbyterianer verber- gen konnte, die entweder zu stolz waren, ihre religiösen Meynungen deshalb zu verbergen, da- mit sie ein gröſseres Allmosen erhielten, oder vielleicht auch wuſsten, dals sie einen solchen Betrug, ohne die Gefahr entdeckt zu werden, nicht wagen konnten. Dieselbe Art von Vorzug wurde auch bey der Vertheilung des Allmosens beobachtet, welches in Brod, Fleisch und etwas Geld für jeden Ein- zelnen aus den drey Classen bestand. Der All- mosenspender, ein Geistlicher von würdigem An- sehn und Benehmen, leitete in Person die Ver- theilung unter die katholischen Bettler, richtete an jeden, indem er ihm das Allmosen gab, ein Paar Fragen, und empfahl ihm, in seinem Gebet die Seele Jocelindens, der verstorbenen Gräfin von Glenallan, der Mutter ihres Wohlthäters, einzuschlieſsen. Der Thürhüter, ausgezeichnet durch seinen langen, mit Silber beschlagenen Stab, und durch das schwarze Kleid, besetzt mit Spitzen von gleicher Farbe, das er wegen der Trauer im Hause angelegt, hatte die Aufsicht bey der Allmosenvertheilung unter die Prälatisten. Die weniger begünstigten Anhänger der Schotti- schen Kirche waren der Sorge eines bejahrten Dieners überlassen. Als der letztere sich mit dem Thürsteher über etwas stritt, und sein Name zufällig dabey er- wähnt wurde, fiel dieser, so wie seine Gesichts- züge, Ochiltree auf, und erweckte Erinnerungen aus früherer Zeit. Die übrigen Allmosenempfän- ger hatten sich unterdefs allmählig entfernt, und der Diener näherte sich dem Orte, wo Adam noch immer verweilte, und sagte im Aberdeenshire- schen Dialecte zu ihm:«Was willst Du denn noch hier, Alter 5 Warum gehst Du nichte Hast Du nicht Dein Essen und Geld bekommen?“ Franz Macraw lo entgegnete Adam Ochiltree, denkst Du wohl noch an Fontenoy, und an das: Vor- und rückwärts, schliefst Euch’ «IHoho, hoho!» rief Franz mit einem ächt Nordländischen Erkennungsruf, das kann Nie- mand sagen, als mein alter Vordermann Adam Ochiltre?! Es dauert mich aber doch, dafs ich Dich in so armseligem Zustande erblicke ba «Er ist nicht so armselig, als Du denkst, Franz. Es thut mir nur leid, daſs ich von hier fort soll, ohne dafs ich mit Dir ein wenig habe plaudern —— —,— 9⁵ können. Weiſs ich doch nicht, wenn ich Dich einmal wieder sehe, denn Eure Leute haben die Protestanten nicht gern, und das ist auch der Grund, warum ich noch nie hier gewesen bin.* Ey,“ sagte Franz,«das darf Dich nicht ab- halten. Lafs den Floh in der Wand stecken! Wenn der Schmutz trocken ist, reibt man ihn aus.— Aber komm' mit mir, ich will Dir schon was Besseres geben, als das Bischen Fleisch.* Nachdem er ein Wort im Vertrauen mit dem Thürhüter gesprochen— vermuthlich, um sich seiner Zustimmung zu versichern— und so lange gewartet hatte, bis der Allmosenspender mit lang- samen, feyerlichen Schritten in das Haus zurück- gekehrt war, führte Franz Macraw seinen alten Cameraden in den Hof von Glenallan-House, über dessen düsterem Thor sich ein groſses Wap- penschild befand, worin der Herold und der An- ordner des Leichengepränges, wie gewöhnlich, die Embleme des menschlichen Stolzes mit den Sinnbildern der menschlichen Hinfälligkeit ver- eint, angebracht hatten. Denn das erbliche Wap- pen der Gräfin mit allen seinen zahlreichen Fel- dern in eine Raute zusammengestellt, und von den besondern Schildern ihrer Ahnen von mütter- licher und väterlicher Seite umgeben, prangte zugleich auch mit Schädeln, Stundengläsern, Sensen und andern Symbolen der Sterblichkeit, die jeden Unterschied des Ranges aufheben. Macraw führte seinen Freund so schnell als möglich über den groſsen gepflasterten Hof, und brachte ihn dann durch eine Seitenthür in ein kleines Gemach neben dem Bedientenzimmer, das ihm, wegen seines persönlichen Dienstes bey dem Grafen von Glenallan, eingeräumt worden war, und welches er als sein eigen betrachten durfte. Fleisch mancherley Art, starkes Bier, nebst einem GClase geistigen Getränks herbeyzu- schaffen, war für einen so wichtigen Mann, wie Franz, keine schwierige Aufgabe, zumal da er, bey dem vollen Bewuſstseyn seiner Würde, doch die wohlberechnende, nordländische Klugheit nicht aus den Augen liefs, derzufolge er mit dem Kellermeister fortdauernd auf gutem Fuſse stand. Unser Bettler-Gesandte leerte wohlgemuth sein Glas Ale, und plauderte mit seinem Cameraden von alten Geschichten, bis er endlich, da sich kein anderer Gegenstand der Unterhaltung mehr darbot, sich entschlofs, seine Gesandtschaft zu berühren, die er schon beynahe vergessen hatte. Er fing damit an, daſs er dem Grafen eine Bittschrift zu überreichen habe; denn er hielt es für's Beste, von dem Ringe nichts zu sagen, da er, wie er nachher bemerkte, nicht wufste, wie weit der Character eines gemeinen Soldaten durch den Dienst in einem vornehmen Hause verdorben seyn könnte. Das geht nicht! sagte Franz; der Graf 97 nimmt keine Bittschrifien an; ich kann sie nur dem Almosenier übergeben.“ «Sie bezieht sich indefs auf ein Geheimniſs, und da, dächt' ich, müſste sie der Graf doch wohl selbst sehen.“ «Und gerade darin liegt der GCrund, warum sie der Almosenier zuerst und vor allen Andern wird sehen wollen.“ «Sieh' aber, Franz, ich hab' den Weg hieher gemacht, um sie zu übergeben, und Du mufst mir schon dazu behülflich seyn.* «Nun, das will ich von ganzem Herzen thun,“ entgegnete der Mann aus Aberdeenshire; mögen sie so böse werden, als sie wollen! Sie können mich doch nur aus dem Dienst jagen, und ich hab' schon selbst daran gedacht, daſs ich um meine Entlassung bitten, und den Rest meines Lebens zu Inverarie zubringen wollte.“ Mit diesem festen Entschlusse, seinem Freunde unter allen Umständen zu dienen„ indem er doch in diesem Falle nichts Unangenehmes zu besorgen hatte, verliefs Franz Macraw das Zimmer. Es dauerte ziemlich lange, ch' er wieder kam„ und in seinem ganzen Wesen drückte sich Erstaunen und Bewegung aus. «Ich weils wahrhaftig nicht,» begann er, ob Du Adam Ochiltree bist, der im zwey und vier- zigsten Regimente von Carrick's Compagnie stand, oder der Teufel in leibhafter Gestalt’s 77. G „Was soll denn das heifsen ⁵ fragte der Bett- ler erstaunt. „Hab' ich doch den Herrn noch nie so über- rascht und so niedergeschlagen geschen!— Aber sprechen wird er Dich— das hab' ich schon ver- anstaltet. Einige Minuten lang war er ganz wie abwesend; ich glaubt“, er würde ohnmächtig werden. Als er indeſs wieder zu sich kam, fragt er, wer das Packet gebracht habe, und was meynst Du, daſs ich drauf antworteten“ «Nun, ein alter Soldat!» versetzte Adam.«Das thut die beste Wirkung, wenn man bey einem Edelmanne was zu suchen hat. Bey einem Pach- ter oder Bauer ist man lieber ein alter Kessel- flicker; denn die Hausfrau hat vielleicht irgend was auszubessern.“ „Ich habe keins von beyden gesagt,“ erwiederte Franz;«der Herr fragt nicht viel darnach. Er geht am besten mit denen um, die sich darauf verstehen, das Gewissen zu repariren, und so hab' ich denn gesagt: das Papier hätte ein alter Mann mit langem Barte gebracht; es könnte viel- leicht ein Kapuziner seyn, denn er gehe sonst wie ein Pilger gekleidet. Er wird Dich rufen lassen, sobald er wieder gefaſst genug ist, Dich zu sehen." Ich wünschte, das Geschäft wäre schon vor- über,» dachte Adam; die Leute meynen, es sey nicht gauz richtig mit dem Verstande des Grafen, —xæ 99 und wer kann mir dafür stehen, ob es ihn nicht verdrossen, daſs ich mir so viel herausgenommen habe."* An einen Rückzug war indefs nicht mehr zu denken; denn aus einem entfernten Theile des Gebäudes ertönte eine Glocke, und Macraw sagte mit leiser Stimme, als ständ' er bereits vor sei- nem Herrn selbst:„Das ist Mylords Glocke! Folge mir, Adam, nur gSanz leise und behutsam!¹* Adam folgte seinem Führer, der so vorsichtig wandelte, als fürcht' er, es möge ihn Jemand behorchen, durch einen langen Gang, eine dunkle Treppe hinauf, welche ind die Familienzimmer führte. Sie waren geräumig und ansehnlich, und man konnte aus den Möbeln auf den ehemaligen Glanz und das Ansehn der Familie schliefsen. Indefs waren alle Verzierungen sa sehr in dem Geschmacke einer frühern, längst vergangenen Zeit, daſs man in den Gemächern eines Schotti- schen Edelmannes vor der Vereinigung der beyden Kronen zu wandeln glaubte. Die letztverstorbene Gräfin hatte, theils aus einer Geringschätzung und Verachtung der Zeiten, in denen sie lebte, theils aus einem gewissen Familienstolze, nicht Sestattet, dafs man während ihres Aufenthalts zu Glenallan-House die Möbeln änderte, oder mo- derner einrichtete. Der kostbarste Theil der Ver- zierungen bestand in einer ausgesuchten Samm- lung von Gemälden der besten Meister, deren — 100 schwere Rahmen jedoch von der Zeit etwas ge- litten hatten. Allein auch hierin liefs sich der düstere Geist und Geschmack der Familie nicht verkennen. Denn ob man gleich schöne Fami- lienportraits von Van Dyk und andern ausgezeich- neten Malern erblickte, so war doch die Samm- lung am reichsten an Bildern der Heiligen und Märtyrer, von Dominichino, Velasquez und Mu- rillo, und andern Sujets ähnlicher Art, welche vorzugsweise statt der Landschaften und histori- schen Stücke gewählt worden waren. Die Art und Weise, wie diese ehrfurchtgebietenden, mit- unter aber auch zurückschreckenden Süjets dar- gestellt waren, stimmte mit dem düstern Ansehn der Gemächer völlig überein; ein Umstand, der dem alten Manne nicht entging, als er an der Hand seines ehemaligen Kriegskameraden an je- nen Gemälden vorüberschritt. Er war nahe da- ran, diese Bemerkung laut zu äussern, als ihm Franz durch einen Wink zu schweigen gebot, und eine, am Ende der langen Cemäldegallerie befindliche Thür öffnend, ihn in ein kleines, schwarz ausgeschlagenes Vorzimmer eintreten liefs. Hier fanden sie den Almosenier, und zwar dicht an eine Thür gelehnt, derjenigen gegenüber, durch welche sie eingetreten waren, in der Stel- lung eines aufmerksam Horchenden, der aber zugleich dabey enideckt zu werden fürchtet. Der alte Diener und der Geistliche starrten sich 101 gegenseitig an; allein der letztere besann sich zuerst wieder, und sagte, auf Macraw zugehend, mit gebietendem Tone:«Wie könnt Ihr's wagen, Euch dem Gemache des Grafen zu nahn, ohne anzuklopfen? Und wer ist der Fremde, oder was sucht er hier b Geht in die Gallerie zurück, und wartet dort auf mich!* «Diesmal kann ich Euer Ehrwürden nicht ge- horchen,“ enigegnete Macraw mit so lauter Stim- me, dafs man ihn im anstoſsenden Zimmer hö- ren muſste, da er überzeugt war, daſs der Mönch den Streit nicht fortsetzen würde, weil sein Ge- bieter jedes Wort vernehmen konnte— der Craf hat geklingelt!“ Er hatte kaum diese Worte gesprochen, als die Glocke abermals und stärker geläutet wurde. Der Ceistliche, der jetzt jede weitere Einwendung für vergeblich hielt, hob drohend den Finger em- por gegen Macraw, und verlieſs sogleich das Ge- mach. «Hab' ich's Euch nicht gesagtbo flüsterte der Mann aus Aberdeenshire seinem Gefährten zu, und Beyde schritten jnach der Thüre, an der sie den Caplan stehend gefunden hatten. 10⁰02 —9———ℳnnn—Aene’ Acht und zwanzigstes Kapitel. —— NHier dieser Ring, Der kleine Ring hat, wie mit Zauberkraft, Graunvoll den Geist der Lust herauf beschworen, Und das Gefühl für Ehr' und Lieb' in solchen Gestalten, daſs ich vor mir selbst erschrecke. Die unglückliche Heyrath. Die alten Trauergebräuche wurden in dem Schlos- se Clenallan, ungeachtet der Härte, womit die Mitglieder der Familie den Todten den gewöhnli- chen Zoll der Klage versagten, sehr pünktlich beobachtet. Man wollte bemerkt haben, daſs beym Empfange des unglücklichen Briefes, wo- rin der Cräfin das Hinscheiden ihres zweyten Soh- nes, und ihres Lieblings, wie man vermuthete, gemeldet ward, weder ihre Hand zitterte, noch ihre Augenlieder zuckten, so daſs es den An- —— — 103 schein hatte, als läse sie einen gewöhnlichen Geschäftsbrief. Indefs mag der Himmel wissen, ob nicht die Unterdrückung des mütterlichen Ge- fühls, welche ihr Stolz verlangte, ihren Tod ge- wissermaſsen beschleunigt haben mochte. Wenig- stens nahm man allgemein an, daſs der Schlag- flufs, der kurz nachher ihrem Leben ein Ende machte, gleichsam die Rache der beleidigten Na- tur, wegen der gewaltsamen Unterdrückung ihrer Gefühle gewesen sey. Wenn man indefs auch an der Gräfin Glenallan kein äusseres Zeichen des Grams bemerkte, so hatte sie doch manche Ce- mächer des Schlosses, unter andern ihr eignes und das des Grafen, mit dem äussern Gewande der Trauer bekleiden lassen. 4 Der letztere saſs daher auch in einem mit schwarzen Tapeten verhangenen Gemache, wel- che in düstern Falten von den hohen Wänden niederwallten. Ein mit schwarzem Boy überzo- gener Schirm, der gegen das hohe und schmale Fenster gestellt war, hinderte das Eindringen des spärlichen Lichts, welches durch das gemalte Glas fiel, auf dem, nach der Sitte des vierzehn- ten Jahrhunderts, das Leben und Leiden des Pro- pheten Jeremias dargestellt war. Auf dem Ti- sche, an dem der GCraf saſs, befanden sich zwey silberne Ampeln, welche jenen unangenehmen, dämmernden Schein verbreiteten„ der durch die Vermischung des künstlichen Lichtes mit der Ta- 104 geshelle entsteht. Auf demselben Tische stand ein Crucifix, und daneben lagen ein Paar ver- schlossene Pergamentbücher. Ein groſses Bild, von Spagnoletto trefflich gemahlt, stellte das Märtyrerthum des heiligen Stephan vor, und war die einzige Verzierung des Zimmers. Der Herr und Bewohner dieses traurigen Ge- maches war ein Mann, der noch nicht über die Blüthe des Lebens hinaus, aber so niedergebeugt war durch körperliche und geistige Leiden, und so hager und gespensterartig aussah, daſs er nur dem Schatten eines Mannes glich; und als er sich schnell erhob und dem Eintretenden entgegen- schritt, schien diese Anstrengung seinen abge- zehrten Körper fast zu erschöpfen. Als Beyde in der Mitte des Zimmers zusammentrafen, zeigte sich ein höchst auffallender Contrast. Die volle Wange, der feste Schritt, die aufrechte Cestalt, das Sichere und Unerschrockene in dem Beneh- men des alten Bettlers, zeugte von Ruhe und Zu- friedenheit am höchsten Ziele des Lebens, und unter den niedrigsten Verhältnissen, zu denen der Menusch herabsinken kann; da hingegen das tief- liegende Auge die bleiche Wange, die wankende Gestalt des Edelmannes, der ihm jetzt gegen- über stand, einen deutlichen Beweis ablegten, wie wenig das, was dem Gemüth Ruhe und dem Kör- per Festigkeit zu geben vermag, mit Reichthum, Macht und selbst den Vorzügen der Jugend zu- sammenhängt. ——y’ — 105 Der Craf traf mit dem alten Manne in der Mitte des Zimmers zusammen, und nachdem er seinem Diener befohlen hatte, sich in die Calle- rie zu begeben, und Niemand in das Vorzimmer zu lassen, bis er klingeln würde, wartete er mit ängstlicher Ungeduld, bis er hörte, dafs die Thüre seines Gemaches, und dann auch die des Vorzimmers gehörig verschlossen ward. Als er sich auf diese Weise sicher glaubte, nicht be- horcht werden zu können, trat er noch näher zu dem Bettler hin, den er, allem Vermuthen nach. für einen verkleideten Ordensgeistlichen hielt, und sagte mit schnellem aber wankendem Tone: «Bey Allem, was unsre Religion als das Heiligste verehrt, sprecht, ehrwürdiger Vater, was hab' ich von einer Mitthceilung zu erwarten, die mit einem Zeichen eröffnet ward, woran sich so furchtbare Erinnerungen knüpfen b Der alte Mann, erschrocken tber ein Beneh- men, das er von dem stolzen und mächtigen Edel- manne durchaus nicht erwartet hatte, wuſste nicht, was er antworten, und wie er den Fragen- den aus seinem Irrthum heraushelfen sollte. «„Sagt mir,“» fuhr der Graf mit steigender Angst und Besorgnifs fort,«kommt Ihr vielleicht, um mir zu melden, dafs Alles, was ich zu Abbüfsung einer so schrecklichen Schuld gethan habe, zu gering und unbedeutend gewesen ist, und wollt Ihr mir etwa eine neue, strengere Bufse auflegen? 106 Ich zittere nicht davor, Vater, undl will lieber für mein Verbrechen im Fleische büfsen, als der- einst im Geist!“ Adam hatte unterdefs so viel Fassung wieder- gewonnen, um einzusehen, dafs, falls er den Grafen in seinen freymüthigen Enthüllungen nicht unterbräche, er wahrscheinlich hinter mehr Ge- heimnisse kommen dürfte, als für ihn zu wissen gut wären. Mit zitternder Stimme enlgegnete er daher schnell:«Eure Herrlichkeit sind im Irr- thum— ich bin nicht Ihres Glaubens— auch kein Geistlicher, sondern in aller Ehrfurcht und Unterthänigkeit, der arme Adam Ochiltree, des Königs und Eurer Herrlichkeit Allmosenem- Pfänger.» Er begleitete diese Erklärung, nach seiner ge- wöhnlichen Art, mit einem tieten Bückling, rich- tete sich dann wieder empor, und blieb aufsei- nen Stock gelehnt stehen, indem er sein langes, weilses Haar zurückstrich, und den Crafen mit festem Blick betrachtete, als warte er auf eine Antwort. «Ihr seyd also nicht ein katholischer Geistli- cherd“ sagte Lord Glenallan nach einer Pause. «Cott bewahre!» erwiederte Adam, in seiner Bestürzung vergessend, mit wem er sprach. Ich bin, wie gesagt, blos des Königs und Euer Hlerr- lichkeit Allmosenempfänger.» 107 Der Craf wandte sich schnell hinweg, und ging einige Male im Zimmer auf und ab, um sich, wie es schien, von den Wirkungen dieses Miſs- verständnisses zu erholen. Dann trat er wieder dicht vor den Bettler hin, und fragte mit finstrem und gebietendem Tone, warum er sich bey ihm eingedrängt, und woher er den ihm zugestellten Ring erhalten habe. Adam, ein Mann von vieler Eutschlossenheit, war über diese Art des Fragens weit weniger be- stürzt, als über den frühern vertraulichen Ton, den der Graf beym Beginn des Gesprächs ange- nommen hatte. Auf die wiederholte Frage, wo- her er den Ring habe, antwortete er gefafst und ruhig:«Von Jemanden, den der Grat wohl bes- ser kennen werde, als er selbst.“. «Ich soll ihn besser kennen, Mensch, Py rief der Lord Glenallan.«Was soll das heiſsen? Wofern Du Dich nicht den Augenblick erklärst, so sollst Du erfahren, was es auf sich hat, die Trauer einer Famitie zu stören!“ «Die alte Elsbeth Mucklebackit sandte mich hicher,“ sagte der Bettler,«um Euch zu sagen—» aaIhr sprecht im Traume, alter Mann,» ver- setzte der Craf. Ich habe diesen Namen nie gehört, und— doch erinnert mich dieses furcht- bare Zeichen—» «Jetzt fällt mir's ein,» fuhr Ochiltree fort, sie sagte mir: Eußr Herrlichkeit würden sie 108 eher kennen, wenn ich sie Elsbeth von Craigburn- foot nennte. Diesen Namen führte sie, als sie auf Euer Herrlichkeit Besitzungen lebte, das heifst, auf denen von der verehrten Mutter Eurer Herrlichkeit— Gott hab' sie selig!“ «Ja,“ sagte der erschrockene Edelmann, in- dem sich seine Züge veränderten und eine Lei- chenblässe seine Wange überzog, dieser Name steht allerdings auf dem furchtbarsten Blatte ei- ner traurigen Geschichte.— Aber was kann sie von mir wollen? Ist sie todt, oder lebt sie noch ⁵ «Sie lebt noch, und wünscht sehnlichst Eure Herrlichkeit noch einmal vor ihrem Tode zu spre- chen; denn sie hat Euch etwas mitzutheilen, das schwer auf ihrer Seele lastet, und könne, sagt sie, nicht eher ruhig sterben, als bis sie Eure Herrlichkeit gesprochen.“* «Nicht sterben, ehe sie mich gesprochen! Was soll das heifsenb Sie weiſs vor Alter und Schwä- che nicht mehr, was sie spricht. Es ist kaum ein Jahr her, daſs ich sie in ihrer Hätte selbst be- suchte, weil ich vernahm, daſs sie im Elende lebe, und damals kannte sie weder mein Gesicht noch meine Stimme.* «Wenn Eure Herrlichkeit mir's zu gut halten wollen,“ sagte Adam, der im Verfolg des Ge- sprächs seine Bettlerdreistigkeit und sein ange- bornes geschwätziges Wesen wieder erhalten hatte —«wenn Eure Herrlichkeit mir's zu gut halten 109 wollen, so möcht' ich sagen, dafs die alte Els- beth gewissermaſsen Aehnlichkeit mit jenen alten Burgen und Schlössern hat, die man dort auf den Felsen erblickt. Einige Theile ihres Ge- sichts scheinen, wenn ich mich so ausdrücken darf, verfallen und wüst zu seyn; dafür treten sie aber desto grofsartiger und kühner hervor, weil sie nur wie verschonte Ueberreste unter den Trümmern sich erheben. Sie ist ciue ehrfurcht- gebietende Frau.“ «Das war sie immer!“ versetzte der Graf, die Bemerkung des Bettlers fast bewufstlos wiederho- lend;«sie unterschied sich stets durch Geist und Gemüth von andern Weibern, und war der am ähnlichsten, welche nicht mehr ist— sie wünscht mich also zu sehen, sagt Ihr P „Das wünschtsie, che sie stirbt.“ sagte Adam, aund läfst Euch dringend darum ersuchen.“ «Das wird für uns Beyde keinesweges angenehm seyn," entgegnete der Graf sehr ernst;«indefs soll ihr Wunsch erfüllt werden.— So viel ich weiſs, wohnt sie am Seestrande, südwärts von Fairport.“ „Gerade zwischen Monkbarns und Knockwin- nock, aber näher nach Monkbarns zu. Ohne Zweifel kennen Eure Herrlichkeit den Gutsherrn und Sir Arthur P Lord Glenallan blickte, statt zu antworten, starr vor sich hin, als verstände er nichi die Frage 110 des Bettlers. Adam sah wohl ein, dafs seine Ce- danken ganz wo anders Waren, und wagte nicht eine Frage zu wiederholen, die mit der Sache selbst so wenig zusammenhing. «Seyd Ihr ein Katholik, Alter P fragte der Craf. «Nein, Mylord,» erwiederte Ochiltree mit ent- schlossenem Tone: denn die Erinnerung an die ungleiche Vertheilung der Caben trat in diesem Augenblicke vor seine Seele.«Ich bin, Cott sey Dank, ein guter Protestant.» «Wer sich mit reinem Gewissen gut nennen kann, der hat allerdings Ursache, dem Himmel zu danken, sey auch die Form seines christlichen Glaubens, welche sie wolle.— Aber wo ist der, der dies wagen darf Pa «Ich wag' es nicht von mir zu behaupten,* entgegnete Adam,«von der Sünde des Hoch- muths bin ich, wie ich glaube, frey.“ Was war Euer Gewerbe in Eurer Jugendp fuhr der Graf fort. «Ich war Soldat, Mylord, und habe manchen heiſsen Tag erlebt. Ich sollte cben Sergeant wer- den, aber—» 5 «Soldatbꝰ versetzte der Graf;«so habt Ihr also geraubt und gemordet, gesengt und gebrenntba Ich will nicht behaupten,“ sagte Adam,«daſs ich besser gewesen bin, als meine Cameraden. Ein rohes Handwerk ist's und bleibt's einmal; — — —— 1— 111 der Krieg kann nur für den etwas Anziehendes haben, der ihn nicht aus Erfahrung kennt.“" «Und jetzt seyd Ihr alt und elend, und genö- thigt, von der Barmherzigkeit Anderer die Nah- rung zu erbetteln, die Ihr sonst dem armen Land- mann mit Gewalt nahmt bo «Ich bin ein Bettler, das ist allerdings wahr, doch so gränzenlos elend bin ich keinesweges. Was meine Sünden anlangt, so ist mir die GCnade zu Theil geworden, sie zu bereuen, wenn ich so sagen darf, und sie dahin zu legen, wo sie leich- ter getragen werden können, als von mir; und was meinen Unterhalt betrifft, so verweigert Nie- mand einem alten Manne einen Bissen und einen Trunk. So leb' ich denn, so gut es geht, und sterbe mit Freuden, wenn ich aus dieser Welt abgerufen werde.* «S0 plickt Ihr also mit Ruhe auf das Wenige zuröck, was in Eurem vergangenen Leben lobens- werth war, und eben so auf das Wenige, was Euch diesseits bleibt, und verlebt so den Rest Eurer Tage?— Hinweg, entfernt Euch, und be- neidet, selbst bey Eurem Alter, Eurer Armuth und Rurem Elende, nicht den Herrn eines solchen Schlosses, wie dieses, weder im Wachen, noch im Schlafen.— Hier ist etwas für Dich!* Mit diesen Worten drückte der GCraf dem Al- ten fünf bis sechs Guineen in die Hand. Viel- leicht würde Adam, wie er es zu thun pflegte, seine Bedenklichkeiten hinsichtlich des Betrags dieser Wohlthat geäussert haben; allein der Ton des Grafen war zu bestimmt, um eine Ausflucht oder Widerrede zu gestatten. Er rief hierauf seinen Diener. «Begleite,“ sprach er,„diesen alten Mann aus dem Schlosse, und gib Acht, dals ihn Niemand ausfragt. Und Ihr, Freund,“ fuhr er fort, in- dem er sich zu dem Bettler wendete,«macht Euch sogleich davon, und vergeſst den Weg, der zu meinem Schlosse führt." «Das würde mir schwer werden,“ sagte Adam, mit einem Blick auf das Geld, das er noch in der Hand hielt, da Eure Herrlichkeit mir so viel Ursache gegeben hat, mich daran zu erin- nern.»* 4 Lord Glenallan maſs ihn mit starrem Blick, als könne er die Kühnheit des Alten, Worie mit ihm zu wechseln, durchaus nicht begreifen, und gab ihm einen abermaligen Wink, sich zu ent- fernen, dem der Bettler augenblicklicli gehorchte. —— vo liefs er kein 113 Neun und zwanzigstes Kapitel. Denn stets bereit, bey Soherz und Spiel zu dienen, KHerrscht er, gleich einem König, unter ihnen; Den Rogen wuſot' er und den Hall zu machen, Raket, Ballstäb' und manche andre Cachen.. Crabbe's Doyf. — Franz Macraw begleitete, dem Befehl seines Herrn gemäſs, den Bettler, um zu sehen, daſs er glücklich aus dem Gebiete des Grafen käme, und mit keinem der Unterthanen oder Dienstbo. ten desselben sich in ein Gespräch oder in irgend einen Verkehr einliefs. Da er indeſs glaubte, daſs diese Einschränkung sich auf ihn, als derje- jenigen Person, die zur Begleitung des Bettlers beauftragt war, nicht füglich ausdehnen könne, Mittel unyersucht, den Stoff der 77. H Unterhaltung zwischen Lord Glenallan und dem Bettler, von dem letztern zu erfahren. Allein Adam war schon das Fragen in die Kreuz' und die Quer gewohnt, und wich daher den Nachfor- schungen] seines ehemaligen Cameraden leicht aus. Die Geheimnisse vornehmer Leute, dachte Ocbiltree bey sich selbst, gleichen den wilden Thieren, die man in einen Käfig einsperrt. Hält man sie fest und sicher verwahrt, so ist alles ganz gut; läſst man sie aber heraus, so wenden sie sich um, und zerreissen jeden, der ihnen in den Weg tritt. Ich denke noch immer daran, wie schlecht es dem Dugald Cunn bekam, daſs er seine Zunge nicht zähmen konnte, und von der Frau Majorin und dem Capitain Bandolier so etwas verlauten liefs. Franz sah sich daher in seinen Angriffen auf die Treue des Beitlers getäuscht, und gerieth, wie ein schlechter Schachspieler, mit jedem Zuge mehr und mehr in die Gewalt seines Gegners. «Du behauptest also in völligem Ernste, Du hättest mit dem Herrn von nichts, als Deinen eignen Angelegenheiten gesprochen?ν «Allerdings, und ausserdem etwa noch von den Kleinigkeiten, die ich ihm aus der Fremde mit- gebracht habe. Weiſs ich doch, dafs ihr Papi- sten nun einmal ganz versessen seyd auf die Re- liquien, die man Euch aus fernen Kirchen, oder sonst wo anders her, mitbringt!* 115 „Das will ich glauben! und der Herr wird auch wohl so ausser sich gerathen über Etwas, das Du ihm bringst, Adam 1* „Nun, in der Hauptsache mögt Ihr wohl recht haben, Nachbar; aber er mag wohl in der Ju- gend manche bittre Erfahrung gemacht haben. Das erschüttert zuweilen die Leute gar sehr.“ «Du hast Recht, Adam, und weil Du wohl nicht so leicht wieder hieher kommen, oder, wenn das auch der Fall wäre, mich nicht mehr hier treffen würdest, so will ich Dir nur so viel sagen, daſs sein Herz in seinen jungen Jahren schwer verwundet und zerrissen worden, und man muſs sich ordentlich wundern, daſs es nicht schon lange gebrochen ist.“» Wirklich b sagte Ochiltree; ein Weib ist wohl die Ursache davon gewesen pP“ Errathen! Es war eine nahe Verwandte von ihm— Fräulein Eveline Neville hiefs sie. Man raunte sich allerley darüber in's Ohr, aber es wurde vertuscht, weil die groſsen Leute dabey im Spiele waren. Es mag nun wohl zwanzig bis drey und zwanzig Jahre her seyn.* «Ich war damals in Amerika,» sagte der Bett- ler. Da konnt' ich freylich von dem Geklatsch ier in der Gegend herum nichts hören.» «Es war nicht viel davon zu klatschen, Freund,* «er liebte die junge Dame, eirathen wollen; dahinter, und nun war der versette Macraw.; und habe sie, sagt man, auch h aber seine Mutter kam Teufel los! Endlich stürzte sich das arme Mäd- chen von der Klippe bey Craigburnfoot selbst in die See, und so hatte die Ceschichte ein Ende.* „Mit dem armen Frauenzimmer freylich, nur nicht mit dem Crafen, sollt' ich meynen!“ „Mit ihm wohl nicht, als bis es mit seinem Leben zu Ende geht,“* erwiederte der Mann aus Aberdeen. Aber warum wollte denn die alte Gräfin nicht in die Heirath willigen?“ fuhr der unermüdliche Frager fort. „Warumb sie mocht's wohl eigentlich selbst nicht recht wissen; sie wollte nur immer, daſs man ihr gehorchen sollte— mochte sie nun Recht oder Unrecht haben. Man wuſste indefs, daſs die junge Dame sich zu den Ketzereyen im Lande hinneigte, und sie soll ihm auch näher verwandt gewesen seyn, als es unsere Kirche bey ehelichen Verbindungen gestattet. So wurde denn die Lady zu der verzweiſlungsvollen That bewogen, und der Graf hat seitdem nie wieder Jemand frey ins Gesicht blicken können, wie ein anderer Blensch.* Es ist doch sonderbar, v entgegnete Ochiltree, dafs ich von der Geschichte noch nie ein Wort gehört habe.* „Und eben so sonderbar, daſs Du jetzt davon hörst. Denn, falls die alte Gräfin noch lebte, zo häute wahrlich keiner von den Dienern es go- 117 wagt, davon zu reden. Das war Dir eine Frau, Adam! Sie würde auch dem klügsten Manne schon zu schaffen gemacht haben. Aber sie ruht nun im Crabe, und da kann man eher seiner Zunge freyen Lauf lassen, wenn man einmal ei- nen guten Freund trifft. Doch— leb' wohl, Adam, ich mufs zur Abendandacht wieder im Schlosse seyn. Wenn Du vielleicht in einem halben Jahr wieder nach Inverarie kommst, so vergifs nicht, nach Franz Macraw zu fragen.“ Adam versprach dieser gütigen Aufforderung Genüge zu leisten, und die beyden Freunde schie- den von einander mit Versicherungen gegenseiti- ger Cewogenheit. Der Diener des Grafen Glen- allan begab sich zum Schlosse seines Herrn zu- rück, und der alte Ochiltree setzte seine gewöhn- liche Wanderung fort. Es war ein schöner Sommerabend, und die Welt, oder vielmehr der kleine Kreis, der dem, welcher sich in ihm umherbewegte, Alles in Al- lem war, lag offen da vor Adam Ochiltree, um sich ein Nachtquartier zu wählen. Als er die minder gastfreundlichen Besitzungen von Glen- allan hinter sich hatte, blieb ihm die Wahl zwi- schen gar vielen Orten, wo er Herberge zu fin- den hoffte, so dafs ihm ein Entschluls schwer ward. Ailie Sim's Schenke lag gerade am Wege, ungefähr eine Meile vor ihm, aber da gab's Sam- stag Abends immer eine Menge von jungen Leu- 118 ten, so daſs man zu keinem ruhigen Gespräche kommen konnte. Andere Hausmänner und Haus- frauen, wie man die Pächter und ihre Weiber in Schottland nennt, fielen ihm nach einander ein. Allein der Eine war taub, und konnte ihn nicht verstehen, ein Anderer hatte keine Zähne, und den konnte er wieder nicht verstehen; ein dritter war ihm zu unfreundlich, und der vierte hatte einen bösen Haushund. In Monkbarns und Knockwinnock durfte er zwar eine freundliche und gastfreye Aufnahme mit Gewiſsheit erwarten; allein beyde Orte lagen zu entfernt, um sie noch vor Einbruch der Nacht erreichen zu können. «Ich weiſs nicht, wie's zugeht,“ sagte der Alte zu sich selbst;«ich bin heut eigensinniger in der Wahl meines Nachiquartiers, als ich's, so viel ich mich erinnere, je gewesen bin. Ich glaube fast, seit ich die Prachi dort gesehen und gefun- den habe, dafs man ohne sie viel glücklicher seyn kann, bin ich ordentlich stolz auf mein Loos geworden; doch das bringt, so viel ich weiſs, nie Gutes, denn Hochmuth kommt vor dem Falle. Sey dem aber auch, wie ihm wolle, so ist die schlechtesteScheune immer ein angenehmerer Ort, als Glenallan-House, mit all' den Bildern, und schwarzem Sammt und Silbergeschirr.— Nun, so will ich denn der Sache auf einmal ein Ende machen, und zu Ailie Sim gehen.“ Als der alte Mann den Hügel über dem Dorfe, 119 wohin er wanderte, hinabstieg, hatte die unter- gehende Sonne so eben die Bewohner von ihrer Arbeit erlös't, und die jungen Leute beschäftig- ten sich, um den schönen Abend zu genieſsen, auf dem freyen Rasenplatze mit Kegelspielen, indefs die Weiber und ältern Personen zusahen. Der Lärm, das Gelächter, die Ausrufungen der Gewinnenden und Verlierenden tönten verworren zu dem Fufspfade hinauf, welchen Ochiltree hin- abschritt, und erinnerten ihn lebhaft an die Zeit, wo er selbst an solchen rüstigen Spielen Theil genommen, und manchen Preis davon getragen hatte.— Bey solchen Rückerinnerungen können wir selten einen Seufzer unterdrücken, selbst wenn der Abend des Lebens eine freundlichere Aussicht darbietet, als es bey unsrem Bettler der Fall war. «2u jener Zeit,» dacht' er bey sich selbst, würd' ich mich auch wohl eben so wenig um einen Pilger bekümmert haben, der von dem Kinblyth-Berge herabgekommen wäre, als sich das junge Völkchen da um den alten Adam Ochil- tree bekümmert!“ Er ward indefs recht angenehm überrascht, als er fand, daſs man auf seine Ankunft mehr Werth legte, als seine Bescheidenheit ihn hoffen liefs. Es hatte sich nämlich unter den Spielenden ein Streit entsponnen, und da der Aicher die eine Parthie, der Schulmeister die andere begünstigte, 120 so hätte die Sache leicht ernstliche Folgen haben können. Der Müller und der Schmidt hatten ebenfalls Parthie genommen, und wenn man die Hitze der Streitenden betrachtete, so konnte man wohl zweifeln, ob sich die Sache werde gütlich beylegen lassen. Allein der erste, der den Bett- ler bemerkte, rief:«Ey, da kommt ja der alte Adam! Der kennt die Regeln der ländlichen Spiele besser, als irgend Jemand, der eine Ku- gel geschoben, oder eine Axe geworfen, oder ei- nen Stein im Brette gezogen haben mag.— Zankt Euch nicht mehr, Bursche! Der alte Adam soll entscheiden!“ Der Bettler wurde bewillkommt, und einstim- mig zum Schiedsrichter ernannt. Mit aller Be- scheidenheit eines Bischofs, dem die Mitra dar- geboten, oder eines Redners, der zum Kanzel- vortrag berufen wird, lehnte der alte Mann an- fänglich die Ehre und Verantwortlichkeit ab, die mit seinem neuen Geschäfte verbunden war, und genoſs, als Lohn seiner Demuth und esignation, das Vergnügen, von Jung und Alt die wiederhol- ten Versicherungen zu erhalten, dafs er in der ganzen GCegend umher vor allen Andern dem Amte eines Schiedsrichters gewachsen sey. Durch solche Aufmunterungen beherzter gemacht, begann er endlich mit vieler Würde sein Geschäft, und nachdem er jede kränkende oder beleidigende Aeusserungen beyden Theilen streng untersagt 121 hatte, vernahm er den Schmidt und den Aicher auf der einen, den Müller und Schulmeister auf der andern Seite. Adam hatte sich indefs, noch che die Verhandlung begann, völlig entschieden, Wie so mancher Richter, der demungeachtet die sämmtlichen Formen beobachten und die Bered- samkeit und Logik der Advokaten in ihrer ganzen Breite anhören mufs. Denn als Alles aufbeydensei- ten gesagt und vieles mehr als einmal wiederholt worden war, fällte der Senior, nach reiflichem Nachdenken, das gelinde und versöhnende Urtheil, dafs der Wurf mitten inne stehe, und deswegen Niemanden zum Vortheil gerechnet werden solle. Diese weise Entscheidung stellte den Frieden auf dem Spielplatze wieder her; die Parthicen und Wetten wurden, mit dem bey solchen Dorflust- barkeiten üblichen, lärmenden Jubel wieder ein- gerichtet und angestellt, und die eifrigern Spieler hatten bereits ihre Wämser ausgezogen, und sie, nebst ihren bunten Schnupftüchern, ihren Wei- bern, Schwestern und Geliebten zur Aufbewah- rung übergeben— als auf einmal ihre Freude auf eine seltsame Weise gestört ward. Ausserhalb der Gruppe der Spielenden lieſsen sich Töne von ganz andrer Art, als die der Freude, vernehmen. Man hörte unterdrückte Seufzer und Ausrufungen, welche die erste Nachricht von ei- nem Unglücke gewöhnlich begleiten. Unter den Weibern erhob sich ein Gemurmel: Ach, so jung und so plötzlich abgerufen!» das sich end- lich auch unter den Männern verbreitete, und den allgemeinen Jubel zum Schweigen brachte. Allem Vermuthen nach, muſste sich ein Unfall in der Cegend zugetragen haben, und jeder rich- tete sich mit Fragen an seinen Nachbar, der lei- der eben so wenig wuſste, als der Fragende selbst. Endlich kam das Gerücht auch zu Adams Ohren, der grad' in der Mitte der Versammlung stand. Das Boot Mucklebackit's, des schon mehrmals erwähnten Fischers, sey, wie man sagte, auf der See umgeschlagen, und vier Menschen, Muckle- backit und seinen Sohn mitgerechnet, wären er- trunken. Allein, wie gewöhnlich, hatte das Ge- rücht auch diesmal den Vorfall vergröſsert. Das Boot war allerdings umgeschlagen, allein Nie- mand weiter ertrunken, als Stephan, oder Steenie Mucklebackit, wie man ihn gewöhnlich nannte. Obgleich der junge Mensch durch die Entfernung seiner Wohnung, so wie seines Gewerbes wegen, wenig mit den Landleuten in Berülrung gekom- men war, so schwieg doch augenblicklich ihr Jubel, und sie brachten dem plötzlich hereinge- brochenen Unglücke den Zoll des Mitleids, der ihm in ausserordentlichen Fällen gewöhnlich zu Theil wird. Vorzüglich aber tönte dem Bettler Ochiltree diese Nachricht wie eine Trauerglocke in die Ohren, um so mehr, da er den jungen Menschen erst vor Kurzem zu einem losen Strei- 123 che vermocht hatte, der, wenn auch daraus dem Deutschen Adepten kein Verlust oder Nachtheil erwachsen sollte, doch nicht gerade zu den Din- gen gehörte, mit denen man sich in den letzten Stunden des Lebens gern beschäftigt. Ein Unglück kömmt selten allein!— Indefs Ochiltree, nachdenkend auf seinen Stab gelehnt, sein Bedauern mit den Klagen der Dorfbewohner über den frühen Tod des jungen Mannes verei- nigte, und sich Vorwürfe über den Handel machte, in den er ihn vor Kurzem verwickelt, wurde er von einem Polizeybeamten am Kragen gefaſst, der in der rechten seinen Amitsstab trug, und ihm zurief: Im Namen des Königs! Der Aicher und Schulmeister boten vereint ihre Beredsamkeit auf, um dem Constabel und seinen Amisgehülfen darzuthun, dafs er gar kein Recht habe, des Königs Allmosenempfänger als einen Landstreicher zu verhaften; der Müller und der Schmidt dagegen bedienten sich der stummen Sprache ihrer gebatlten Fäuste, indem sie sich anschickten, für ihren Schiedsrichter Hochländi- sche Bürgschaft zu stellen, und behaupteten, daſs sein blauer Rock ihm in der ganzen Gegend umher als Pafs dienen müsse. Der blaue Rock," versetzte der Polizeybeamte, wist aber kein Schutz gegen gewaltthätige Angriffe, Raub und Mord, und ich habe Befehl, ihn die- ser Verbrechen wegen zu verhaften.“ 124 «Mord Py sagte Adam;«wen hab' ich denn je ermordet?“ «Den Herrn Hermann Doustersüwel, den Agen- ten des Bergwerks von Glen-Withershin.“» «Dousterswivel ermordet? Ey, der lebt, und ist frisch und gesund, wie wir Alle.* «Nun, so hat er es wenigstens Euch gewiſs nicht zu danken, denn, wenn's wahr ist, was er erzählt, so ist er nur mit genauer Noth mit dem Leben davon gekommen, und Ihr werdet Euch deshalb vor der Obrigkeit rechtfertigen müssen.“ Die Vertheidiger des Bettlers erschracken, als sie die harten Beschuldigungen vernahmen, die gegen ihn vorgebracht wurden; allein mehr als eine Hand gab ihm doch Brod und Nahrung ande- rer Art, wie auch etwas Celd, damit er im Ge- fängnisse, wohin er nun gebracht werden sollte, nicht Noth litte. «Danke, danke! Cott segn' Euch, Kinder!* rief Adam. Ich hab' schon manches Mal mei- nen Kopf aus der Schlinge gezogen, wo ich's we- niger verdiente, so gut davon zu kommen; und so werd' ich auch diemal, wie der Vogel dem Vogelsteller entwischen.— Spielt nur fort, und kümmert Euch nicht weiter um mich!— Der arme Steenie, der sein Leben eingebüſst hat, liegt mir mehr am Herzen, als mein eignes Schicksal.* 3 125 Der Gefangene lieſs sich willig fortführen, steckte die Almosen, die man ihm von allen Seiten reichte, mechanisch in die Tasche, und war, ehe er das Dorf verliefs, beladen wie ein Proviantschifl. Die Beschwerde des Tragens wurde ihm indeſs erleichtert, denn der Constabel liels sich ein Pferd und einen Karren geben, um den alten Mann zur Untersuchung vor eine obrigkeit- liche Person zu bringen. Steenie's Unglück und die Verhaftung des alten Ochiltree machten den ländlichen Vergnügungen ein Ende. Die Dorfbewohner stellten düstere Betrachtungen an über den schnellen Wechsel alles Irdischen, der den einen ihrer Gefährten in’'s Crab gebracht, und ihren mattre de plaisirs der Gefahr ausgesetzt hatte, gehangen zu werden. Da Dousterswivels Character allgemein bekannt oder, was hier gleich viel heifst, allgemein ver- abscheut war, so vermutheten Viele, es möge dieser Anklage wohl irgend eine boshafte Tücke zum Crunde liegen. Doch alle waren darin mit einander einverstanden, dafs wenn Ochiltree am Leben gestraft werden sollte, man wenigstens bedauern müsse, dafs er den Dousterswivel nicht geradezu umgebracht, und so sein Schicksal bes- ser verdient habe. ———————— Dreyfsigstes Kapitel. Eer ist er?— Einer, der, anstatt zu Lande, Muſs auf dem Wasser streiten. Rief er doch Den I allfisch auf zum Kamf, unter dem Na- men Des Behemoth, Leviathan*) und so weiter- Auch mit dem Schwertfisch stritt er.— Wahr- lich, Herr, Jo'n Seethier hat's am besten— dieser Satz Wurmt unsre Kempen ft. Alles Schauspiel. Der arme junge Mensch, der Steenie Muckle- backit, soll also heut früh beerdigt werden 5ν sagte unser alter Freund Oldbuck, indem er se- *) Leviathan— im Hebräischen das Crocodill, und Be- hemoth das Nilpferd. A. d. Uebers. 127 nen wattirten Schlafrock auszog, und ein schwar- zes Kleid von altmodischem Schnitt anlegte, statt des schnupftabakfarbigen Rocks, den er gewöhn- lich trug.—„Und ich soll wahrscheinlich der Leiche folgen b- «Ja wohl,“» versetzte der treue Caxon, indem er emsig die Fäden und Flocken von dem Rocke seines Herrn abbürstete;«Du lieber Gott, der Körper war so an den Felsen zerschmettert wor- den, daſs man mit dem Begräbnisse eilen mufste. Mit der See ist's doch eine kitzliche Sache, hab' ich immer zu meiner Tochter gesagt, dem armen Kinde, wenn sie Trost nöthig hat. Die See, Jenny, pfleg' ich zu sagen, ist ein eben so. un- gewisses Stück Brod als—» «Als das eines alten Perückenmachers," flel Oldbuck ein,«der durch Titusköpfe und Puder- taxen um seine Arbeit kommt. Deine Trostgründe, Caxon, sind eben so übel gewählt, als sie auf den jetzigen Fall durchaus nicht passen. Quid mihi cum foemina? Was hab' ich mit Deinem Weibsvolk zu schaffen, da ich schon mit dem meinigen vollauf zu thun habe? Ich frage daher abermals: Erwarten mich die armen Leute bey der Beerdigung ihres Sohnes 5" «Dafs man Sie dort erwartet, ist gar keine Frage, Sgnädiger Herr,“ antwortete Caxon;«ich Weils es indeſs bestimmt. Es ist Ihnen ja selbst bekannt, wie gern man'’s hier zu Lande hat, wenn 128 der Edelmann so höflich ist, auf seinem CGrund und Boden die Leichen zu begleiten. Sie brau- chen ja nicht weiter zu gehen, als bis an die Gränze, und dürfen Ihr Gebiet gar nicht verlas- sen— es ist nur eine Art von Kelso-Gefolge, das heiſst, anderthalb Schritte über die Thür- schwelle.* Ein Kelso-Gefolgeb» sagte der wifsbegierige Alterthumsforscher;«warum ist's denn eben ein Kelso-Gefolge, und nicht eins von ganz gewöhn- licher Art?» Lieber Herr,» entgegnete Caxon,«wie soll ich denn das wissen? Mann nenut's nun einmal s0. «Caxon ,» erwiederte Oldbuck,«Du bist doch auch gar nichts weiter, als ein Perückenmacher. Hätt ich die Frage an Ochiltree gerichtet, der würde gleich eine alte Geschichte bey der Hand gehabt haben." «Mein Ceschäft,» versetzte Caxon in einem etwas empfindlichern Tone, als es sonst bey ihm der Fall war,«mein Geschäft beschränki sich blos auf die Aussenseite Ihres Kopfes, wie Sie selbst zu sagen pflegen.“ «Nunr, das ist allerdings wahr, Caxon, und man kann es dem Schieferdecker nicht zum Vor- wurſe machen, daſs er kein Tapezierer ist.“ Hierauf zog er sein Erinnerungsbuch hervor, und schrieb hinein: Kelso- Gefolge, soll andert- 129 halb Schritte über die Thürschwelle seyn. Auto- rität: Caxon. Quaere. Woher stammt das? Mem. An den Doctor Graysteel deshalb zu schreiben. Als er dies eingetragen hatte, fuhr er fort: Ich muſs sagen, die Sitte, daſs der Gutsherr die Leiche eines Bauren zum Grabe begleitet, gefällt mir, Caxon! Sie stammt gewiſs aus alten Zeiten, und gründet sich auf die Begrifle wechselseitiger Häülfe und Abhängigkeit zwischen dem Herrn und dem Bebauer des Bodens. Und hierin, mufſs ich gestehen, so wie in der Artigkeit gegen das weib- liche Ceschlecht, wenn die letztere auch viel- leicht zu weit ging, hierin, wie gesagt, zeigte sich der milde Einflufs der Sitten des Feudalsy- stems auf die Rohheit des classischen Zeitalters. Es hat wohl Niemand gehört, Caxon, daſs ein Spartaner dem Leichenbegängnisse eines Heloten beygewohnt habe; ja, ich kann darauf schwören, dafs Johann von Girnell— Du hast doch von ihm gehört, Caxon 5 «Allerdings,“ enigegnete Caxon,„wer sollte sich eine Weile in Ihrer Nähe befunden, und noch kein Wort von dem Herrn vernommen haben b «Cut,» fuhr der Alterthumsforscher fort; ich wollte fast darauf wetten, daſs es keinen Kolb- Kerl, oder Leibeigenen, noch einen Bauer oder glebae adsoriptus gegeben habe, den nicht, falls 77. 1I er da unten in dem Gebiet der Mönche gestorben wäre, Johann von Cirnell ordentlich und anstän- dig hätte beerdigen lassen.“ „Aber, mit Threr Erlaubniſs, gnädiger Herr,* enigegnete Caxon mit selbstgefälligem Lächeln, man sagt doch, er habe sich die Geburten bey weitem mehr angelegen seyn lassen, als die Be- gräbnisse!" «Gut gesagt, Caxon, recht gut! Du bist ja heute ordentlich bey Laune!“* «Ausserdem,“ fügte jener hinzu, da er merkte, daſs seine Unterhaltung dem Herrn nicht miſs- fiel,«ausserdem sagt man auch, dafs es den ka- tholischen Priestern damals immer etwas eintrug, wenn sie einem Leichenzuge folgten.“ «Richtig, Caxon, richtig, wie mein Handschuh — dabey fällt mir ein, daſs diese Redensart, glaub' ich, wahrscheinlich von der Sitte her- stammt, einen Handschuh zum Zeichen und Pfand unverbrichlicher Treue zu machen. Richtig, sag ich, Caxon, wie mein Handschuh— allein wir Protestanten haben denn doch mehr Verdienst, daſs wir diese Pflicht umsonst üben, welche in dem Reiche jener Königin des Aberglaubens be- zahlt werden muſste, die Spenser*) allegorisch *) Ein ausgezeichneter Englischer Dichter(geb. 1510. gest. 1596) vorzüglich bekannt durch seine romanti- sche Epopoe The Fairry- Oueen(die Feenkönigin) in s Werben, London 1715. 6 Pde. A. d. Uebers. 131 —— die Tochter jenes blinden Weibes, Abessa, Tochter der Corecca— nennt. Aber, wie bin ich nur darauf gekommen, von so etwas mit Dir zu sprechen. Mein armer Lovel hat mich freylich so verwöhnt, dafs ich noch immer laut von solchen Dingen rede, da es doch eben so gut ist, als spräch ich mit mir selbst.— Aber wo ist denn mein Neifle, Hektor Mao-Intyre ⁵5. «Er ist mit den Damen im Gesellschaftszimmer.“ ¹Cut,» entgegnete Oldbuck, so werd' ich mich auch dahin verfügen.“* «Monkbarns!" sagte seine Schwester zu ihm, als er in's Zimmer trat,«Du mußst nicht böse werden.“ Lieber Oheim,“ begann Fräulein Mac Intyre. «Was soll denn das heifsen Po sagte Oldbuck, der irgend eine schlimme Nachricht vermuthend, aus dem bittenden Ton der Damen sich auf nichts CGutes gefaſst machte, wie eine Festung einen 8. 8 Angriffl befürchtet, wenn sie den ersten Klang der Trompeten vernimmt.—«Was soll denn das P Warum nehmt Ihr meine Nachsicht inAnspruchbn «Es ist nichts Besonderes, will ich hoffen, ⸗ versetzte Hebtor, der, den Arm in der Binde, an dem Frühstückstische saſs; indefls, mag es seyn, was es will antwortlich, so „ so mach' ich mich dafur ver- wie für so manche Unruhe, die 132 ich verursacht, und wofür ich wenig mehr als meinen Dank darzubieten habe.“ «Schon gut, schon gut!“" enigegnete der Alter- thumsforscher, es ist gern geschehen— recht gern; nur laſs Dir das in Zukunft eine Warnung seyn, und hüte Dich vor den Ausbrüchen des Zorns, denn der ist immer eine Art von kurzem Wahnsinn— ira furor brevis!— Aber worin besteht denn das neue Unglückb“ «Mein Hund hat unglücklicherweise etwas her- untergeworfen.“ «Um des Himmels Willen, doch nicht etwa die Thränenurne von Clochnaben P rief Oldbuck. «Lieber Onkel," sagte das Fräulein, ich fürchte, es war das, was auf dem kleinen Tische stand; dem armen Thier war es eigentlich nur um die frische Butter zu thun.“ «Die es denn auch wohl, allem Vermuthen nach, verzehrt hat, denn ich sehe, dafs die auf dem Tische gesalzen ist. Dock das hat nichts auf sich; aber meine Thränenurne, die Haupt- stütze meiner Theorie, wodurch ich, dem un- wissenden und halsstarrigen Mac-Cribb zum Trotz, beweisen wollte, dafs die Römer bis über diese Gebinge gekommen, und Spuren ihrer Kunst und Bewaflnung zurickgelassen haben— die Urne ist dahin, vernichtet, zertrümmert in Scherben, wie ein ganz gemeiner Blumentopf!“ 3 133 ——— Hektor, ich liebe Dich! Doch nie kann ich in Deinem Heer mehr dienen! Und wahrlich, ich würd' auch eine schlechte Figur in einem von Dir angeworbenen Regimente spielen.“ «Wenigstens wünscht' ich, Hektor, Du ent- lieſsest Deinen Feldtrofs, und marschirtest ex- peditus oder relictis impedimenlis. Du kannst Dir gar nicht vorstellen, was mir die Bestie zu schaffen macht. Sie begeht, glaub' ich, sogar gewaltsame Diebstähle, ist, wie ich vernehme, noch vor Kurzem in die Küche eingebrochen, ob- gleich die Thüren alle verschlossen waren, und hat eine Schöpsenkeule verzehrt.“ 4 Unsere Leser werden sich nämlich wohl noch erinnern, daſs Jenny Rintherout, als sie nach der Fischerhütte ging, vorsichtiger Weise die Thüre oſfen lieſs, und daher die arme Juno wahrschein- lich von der Erschwerung ihrer Schuld frey spre- chen, welche die Rechtsgelehrten claustrum fre- git nennen, und welche den Unterschied zwi- schen Einbrrich und gewöhnlichem Diebstahl an- gibt.. Es thut mir wahrlich leid,» sagte Hektor, «dafs Juno so viel Unheil anrichtet; allein der Dressirer selbst, Jack Muirhead, war nicht im Stande, sie ganz unter sein Commando zu brin- gen. Sie weiſs indeſs besser, als irgend eine andre Hündin, die Spur auszuwittern—» 134 Nun, so wünscht' ich, sie fände die, Hek- tor, welche zu meinem Gebiet hinausführt.» «Wir wollen uns Beyde morgen, vielleicht noch heute entfernen; indefſs möcht' ich doch nicht gern von dem Bruder meiner Mutter auf eine unfreundliche Art scheiden, um eines elen- den Topfes willen—» O Bruder! Bruder!“ rief Fräulein Mac-Intyre, ganz in Verzweiflung über diesen geringschätzi- gen Ausdruck. «Nun, wie hätt' ich's denn anders nennen sol- len?“ fuhr Hektor fort;«es ist so, ein Ding, das man in Egypten zum Abkühlen des Weins, Sor- bets oder Wassers praucht; ich hab' ein Paar der Art mitgebracht, und hätt', wenn ich wollte, zwanzig mitbringen können.“ VWasps sagte Oldbuck,«von der Form, wie das, was Dein Hund heruntergeworfen hat b «Allerdings; eben solche irdene Töpfe, wie der, der auf dem Wandtische stand. Sie stehen in meiner Wohnung zu Fairport.. Wir brachten einige davon mit, unsern Wein auf der Ueber- fahrt abzukühlen— dazu sind sie herrlich zu gebrauchen— wenn ich hoffen durfte, dafs sie Ihnen einigermafsen Ihren Verlust ersetzen, oder Ihnen sonst Vergnügen machen könnten, so würd' ich mich sehr gechrt fühlen, wenn Sie sie an- nehmen wollten.» «Wahrlich, licher Junge, eine rechte Freude 3 152 würd' ich daran haben, wenn ich sie bekäme. Schon lange war es mein Lieblingsgeschäft, der Verbindung der verschiedenen Völker, hinsicht- lich ihrer Sitten und der Achnlichkeit ihrer Ce- räthschaften, auf die Spur zu kommen, und Al- les, was dergleichen Verhältnisse aufzuklären vermag, hat für mich immer sehr vielen Werth.» «Gut, es soll mich freuen, wenn Ihnen diese und andere Kleinigkeiten ähnlicher Art Vergnä- gen machen.— Dals Sie mir verziehen haben, darf ich doch wohl hoffen 5 5 «Bester Junge, Du bist nur unbedachtsam und leichtsinnig.* «Was Juno betrifft, Sie können mir's glauben, die ist auch blos unbedachtsam. Der Dressirer hat mir selbst gesagt, bös' und hartnäckig sey sie eigentlich nicht.“ «Nun, so soll denn auch die Juno Pardon ha- ben, doch nur unter der Bedingung, daſs Du selbst ihrem Beyspiel nachfolgst, allen Trotz und Tücke ablegst, und dafs sie sich von nun an nicht weiter im Cesellschaftszimmer von Mouk- barns sehen läfst.“ «Sehn Sie, lieber Oheim,“ sagte der Capitain, ich würde mich geschämt haben, Ihnen, um meine Sünden nebst denen meiner Begleiterin abzubüſsen, etwas darzubieten, das des Anneh! mens werth gewesen wäre. Nun aber Alles ver- geben ist, erlauben Sie wohl Ihrem verwaisten 136 Neſfen, bey dem Sie Vaterstelle vertreten haben, dafs er Ihnen eine Kleinigkeit überreicht, die, wie man mir versichert, wirklich Werth hat, und, wenn nicht meine Verwundung dazwischen gekommen, schon längst in Ihren Händen wäre. Ich hekam sie von einem Französischen Gelehr- ten, dem ich nach der Affaire bey Alexandrien einige Dienste leistete.“ Mit diesen Worten überreichte Mac-Intyre dem Alterthumsforscher eine kleine Ringkapsel, wo- rin dieser, als er sie öffnete, einen antiken Ring von massivem Colde mit einem Camee von der herrlichsten Arbeit, einen Kopf der Kleopatra darstellend, fand. Der Alterthumsforscher ge- rieth hierüber völlig in Ecstase, schuttelte seinem Neſfen traulich die Hand, und dankte ihm hun- dert Mal, während er den Ring seiner Schwester und Nichte zeigte. Die letztere war klug genug, ihn nach Verdienst zu bewundern, Fräulein Cri- selda indeſs besaſs, wenn sie gleich dem Neffen eben so gewogen war, nicht die gehörige Cewandt- heit, um sogleich in jenen Ton miteinzustimmen. «Es ist ein recht hübsches Ding, Monkbarns,* sagte sie, und mag auch wohl was werth seyn; aber es liegt ganz ausser meiner Sphäre; Du weiſst ja, dafs ich mich auf solche Sachen gar nicht ver- stehe.“ 4 «Da hört man ganz Fairport mit Einem Male!* rief Oldbuck. Das ist der wahre Geiste des 137 Fleckens, der uns alle angesteckt hat. Ich glaub"⸗ ich hab' in diesen Tagen an dem Rauch gerochen, dafs der Wind, wie eine remora, immer in Nord- osten zurückgeblieben ist, und seine Vorurtheile fliegen noch weiter, als seine Dünste. Du kannst mir'’s glauben, lieber Hektor, wenn ich die Haupt- strafse von Fairport hinaufginge, und diesen un- schätzbaren Edelstein Jedem, der mir begegnete, zeigen wollte, nicht eine Seele, von dem Bürger- meister an bis zu dem Stadtausrufer, würde stehen bleiben, und mich um die Ceschichte des- selben befragen. Trüg' ich aber einen Ballen Leinwand unter dem Arme, so käm' ich wahr- lich nicht bis zum Pferdemarkte, ohne dafs man mich mit Fragen über die Feinheit und den Preis bestürmte. O man möchte sich fast versucht fühlen, die grobe Unwissenheit durch GCray's Worte zu parodiren: Webe hin und webe her, Web' ein Kleid aus Witz und Geist; Nichtig ist dein Thun und leer, Gegen das, was Celd verheiſst.» *) Ein bekannter Englischer-Dichter(geb. 1716. gest. 1771.) vorzüglich berühmt durch seine Elegiè auf ei- nem Dorktkirchhofe geschrieben(elegy written in a country-gard) in s. Werken. London 1288. 4 Vol. Eine Ueberseizung seiner Gedichte(von K. W. Mül- ler) erschien zu Leipzig 1776. A. d. Uebers. Der klarste Beweis, dafs dieses Friedenspfand sehr gnädig auſgenommen worden, war, daſs, indeſs der Alterthumsforscher sich in voller De- clamation befand, Juno, welche groſse Furcht vor ihm hatte, vermöge des merkwürdigen In- stinkts, wonach die Hunde sogleich die, welche sie gern haben, und die, welche sie nicht leiden mögen, herauszufinden wissen— zu verschiede- nen Malen in das Zimmer geguckt, und endlich, da sie in seiner Miene nichts Verfängliches be- merkt hatte, so kühn gewesen war, geradezu hereinzukommen, und durch die Ungestraftheit noch beherzter gemacht, Oldbuck's geröstetes Brod verzehrt hatte, während er, bald diesen, bald jenen aus der Gesellschaft anblickend, mit einer Art von Selbsigefälligkeit die Worte wie- derholt hatte:. «Webe hin und webe her u. s. W.» «Ihr erinnert Euch gewiſs der Stelle in den Schicksals-Schwestern, welche übrigens nicht so schön ist, als in dem Original.— Aber der Tau⸗ send! da ist ja mein Brod verschwunden— und ich seh' auch schon auf welche Weise. Ha, Du Urbild allercPeizer, List kein Wunder, dals sie an Deinem Gechfèec Snamèn Anstofs nehmen!* Mit diesen Worten wies er der Juno drohend die Faust, die sich gleich darauf aus dem Zimmer schlich. 3 139 Indefs,“ fügte er hinzu,«da nach dem Homer, Jupiter die Juno im Himmel nicht zähmen konnte, und da es Jack Muirhead, nach Hektors eigenem Geständnisse, nicht besser geglückt ist, so muſs man sie schon sich selbst überlassen.“ Diesen milden Verweis nahmen Bruder und Schwester für einen GCeneralpardon der Juno an, und man setzte sich in guter Laune zum Früh- stücke. 4 Als dies vorüber war, machte der Alterthums- forscher seinem Neffen den Vorschlag, mit ihm dem Leichenzuge beyzuwohnen. Der Capitain schützte den Mangel eines Trauerkleides vor. «Ey, das hat nichts zu bedeuten,“ sagte Old- buck, Deine Gegenwart ist die Hauptsache. Du wirst, sag' ich Dir, etwas schen, das Dich unter- halten wird— doch, das ist nicht das eigentli- che Wort— dafs Dich interessiren wird, und zwar wegen der Aehnlichkeit, die ich Dir zwi- schen den Sitten und Cebräuchen unsres Volkes boy solchen Gelegenheiten, und denen der Alten, zeigen werde.“ «Der Himmel steh' mir bey,“ dachte Mac- Intyre;«da benchm' ich mich gewifs schlecht, und verliere wieder den ganzen Credit, den ich erst ehen durch einen günstigen Zufall erworben habe.“* Als sie sich auf den Weg machten, faſste der Capitain, der die warnenden Blicke und Bitten 8 seiner Schwester sich zu Herzen genommen hatte, den festen Entschlufs, auf keine Weise durch Mangel an Aufmerksambeit oder Ungeduld den Oheim zu kränken. Allein wir wanken oft in unsern besten Entschlüssen, wenn sie mit unsern Lieblingsneigungen in Collision gerathen. Der Alterthumsforscher, der nichts unerklärt lassen wollte, hatte mit den Leichenceremonien der alten Scandinavier den Ankang gemacht, als sein Neſfe ihn in der Vorlesung über das Al- ter der Grabhügel mit der Bemerkung un- terbrach, dafs eine groſse Seemöve, welche um sie herumflog, schon zwey Mal in Schuſs gekom- men sey. Nachdem diese Verirrung eingestanden und verziehen worden, fuhr Oldbuck in seinen Erörterungen fort. Das Alles,“ sprach er,«sind Gegenstände, lieber Hektor, mit denen Du Dich bekannt ma- chen solltest; denn bey den sonderbaren Wen- dungen des gegenwärtigen Krieges, der in jedem Winkel von Europa tobt, lälst sich's nicht be- stimmen, wohin Dich Dein Dienst führen kann. Angenommen, es sey in Dänemark oder Norwe- gen, oder in irgend einem Theile des ehemaligen Scaniens oder Scandinaviens, wie wir es nennen, was kann Dir willkommener seyn, als wenn Du die Geschichte und Antiquitäten dieses alten Lan- des, der oficina gentium, der Amme jener Hel- den, von denen es heiſst: 3 141 Ernst im Entschlufs, hartnäckig im Ertragen, Ging jeder lächelnd selbst dem Tod entgegen— wenn Du dies Alles, sag' ich, gleichsam an den Fingern herzählen kannstb Würd' es Dich z. B. nicht begeistern, wenn Du Dich nach einem be- schwerlichen Marsche in der Nähe eines Runen- denkmals befändest, und nun entdecktest, daſs Du Dein Zelt dicht neben dem Crabe eines Hel- den aufgeschlagen hättest P» «Ich dächte doch, unsere Feldküche würde sich viel besser dabey befinden, wenn uns der Zufall in die Nähe eines guten Hühnerhofes führte!“ 4 «Es thut mir leid um Dich!— Ja, ja, es ist kein Wunder, daſs die Tage bey Cressy und Azin- court*) nicht wiederkehren, da die Achtung vor der alten Tapferkeit in der Brust der Brittischen Krieger erloschen ist.“ Keineswegs,“ versetzte der Capitain,«keines- wegs! Ja, ich wage zu behaupten, daſs Eduard und Heinrich, und alle übrigen Helden jener Zeit ebenfalls erst an ihr Mittagsmahl dachten, ehe ———— *) Zwey Französische Dörfer, bey denen die Engländer einen bedeutenden Sieg über die Franzosen erfoch- ten. Die Schlacht bey Cressy, unter Anführung des schwarzen Prinzen, fiel im J. 1346, das Treffen bey Aeincourt 1415 vor. A. d. Uebers. 142 sie ein altes Grabmal in Augenschein nahmen. Allein ich versichre Sie, wir sind gegen den Ruhm unsrer Väter nichts weniger als unempfindlich. Ich habe mir so manchen Abend von dem alten Rory Mac Alpin die Gesänge Ossian's von den Schlachten Fingal's und Lathmon Mor, und Mag. nus und den Geist von Muirartach vorsingen lassen.“ Claubst Du denn wirklich,“ fragte der Alter- thumsforscher aufgeregt,«glaubst Du, einfältiger Junge, denn in allem Ernst, daſs Macpherson’s Zeug aus alter Zeit herrührt? «Ob ich'’s glaubeb Wie sollt' ich's denn nicht glauben, da ich die Gesänge von Kindheit an vernommen habe?“ Doch wohl nicht die in Macpherson's Engli- schem Ossian 5 Du wirst doch nicht so thöricht seyn, das zu behaupten, hoff ich P“ versetzte der Alterthumsforscher, auf dessen Stirne sich eine Wolke des Zorns zusammenzog. Allein Hektor bot dem Sturme männlich Trotz. Wie mancher tapfre Celte, bildete er sich ein, die Ehre seines Vaterlandes und seiner Mutter- sprachè, sey mit der Aechtheit dieser Volkslieder verknüpft, und eher würd' er Leib und Leben gelassen, als nur eine Zeile davon aufgegeben haben. Er behauptete daher unerschrocken: Rory Mac Alpin könne das ganze Buch von Anfang bis zu Ende hersagen; und erst nach einigem 143 Hin- und Herfragen von Oldbuck' Seite, er- klärte er diese allgemeine Behauptung dahin, daſs er sagte: jener könne wenigstens, wenn man ihm eine gehörige Quantität Branntwein be- willige, so lange declamiren, als man ihm zu- hören wolle. Hm! hm!' sagte der Alterthums forscher, das wird vermuthlich nicht lange gedauert haben Wir hatten allerdings unsern Dienst zu ver- sehen, und konnten deshalb nicht die ganze Nacht dasitzen, und dem Pfeifer zuhören.“ «Erinnerst Du Dich denn noch,“ fuhr Oldbuck fort, indem er die Zähne fest zusammenbifs, und ohne sie zu öffnen, redete, was er, wenn man ihm widersprach, gewöhnlich zu thun pflegte— cerinnerst Du Dich denn noch einiger Verse, die Dir vorzüglich schön und interessant vorgekom- men sind? Denn in solchen Dingen bist Du ein Kenner, das weifs ich!“ Ich mache darauf eben keine Ansprüche, lie- ber Onkel,“ entgegnete Mac-Intyre,«aber Sie haben eigentlich gar keinen Grund, auf mich öse zu seyn, weil ich die Alterthümer meines Vaterlandes höher achte, als die der Harolde, Harfagers und Haco's, welche Sie so sehr lieben.“ «Und doch waren diese mächtigen und unbe- siegten Gothen Deine Vorfahren! Die unbehose- ten Celten, welche sie unterjochten, und als ein 144 mächtiges Volk sie zwangen, sich in die Höhlen und Felsenklüfte zurückzuzielen— diese waren blos ihre mancipia oder Serfs.“ Hektor erröthete vor Zorn. Was maneipia und Serfs heifst,“ begann er,«weiſs ich nicht; allein so viel ist mir klar, dafs dergleichen Na- men auf die Schottischen Hochländer ganz und gar nicht passen. Niemand ‚als meiner Mutter Bruder, hätte sich übrigens eine solche Sprache in meinem Beyseyn erlauben dürfen, und ich möchte Sie darauf aufmerksam machen, daſs, meiner Ansicht nach, ein solches Benehmen ge- gen Ihren Cast und Verwandten weder gastfreund- lich, noch anständig, artig oder edelmüthig ist. Meine Vorfahren, Herr Oldbuck—“ «Waren groſse und tapfere Helden, das be- haupt' ich, Hektor, und es war gar nicht meine Absicht, Dich so heftig zu beleidigen, als ich diesen Punkt des entfernten Alterthums berührte, ein Süjet, bey dem ich stets kalt, besonnen und leidenschaftslos bleibe. Aber Du geräthst auch gleich so in Feuer und Flammen, als ob Du Hektor, Achill und Agamemnon in Einer Person wärest!“ „Es thut mir leid, lieber Onkel, daſs ich mich so heftig geäussert habe, insbesondere gegen Sie, der Sie immer so bieder und gütig gewesen sind. Aber meine Vorfahren—“ 4 145 «Nichts mehr davon, Junge!l ich habe sie nicht schmähen wollen— durchaus nicht!“ »Nun, das freut mich! Denn das Haus Mac- Intyre—* «Friede mit ihnen allen, ohne Ausnahme,“ unterbrach ihn der Alierthumsforscher; aber— um auf unsern Gegenstand zurückzukommen, fällt Dir denn nicht eins von den Gedichten ein die Dir so viel Vergnügen gemacht haben b“ «Es ist doch verdrieſslich,“ dachte Mac-Intyre, «über Alles, was nur alt ist, spricht er mit so vielem Behagen, nur von meiner Familie nicht.“ Nach einigem Besinnen fügte er dann laut hinzu: Ich denk', es werden mir einige Stellen ein- fallen, aber Sie verstehen ja doch das Gaelische nicht.“ «Kannst Du mir nicht eine Idee davon in uns- rer Muttersprache geben b“ «Ich werd' als Dollmetscher eine schlechte Rolle spielen!“ sagte Mac-Intyre, indem er schnell die Verse in der Ursprache durchging, worin nicht wenige aghes, aughs und oughs und ähnliche Kehllaute vorkamen, und dann hustete und sich räusperte, als sey ihm die Uebersetzung im Halse stecken geblieben. Endlich, nachdem er zuvor bemerkt hatte, das das Gedicht aus ei- nem Dialog zwischen dem Dichter Osin oder Ossian, und Patrik, dem Schutzheiligen von Ir- 77. K * 146 land bestünde, und dafs es sehwer, wo nicht un- möglich sey, die seltene Leichtigkeit der ersten zwey oder drey Zeilen wiederzugeben, sagte er, der Sinn davon sey ungefähr folgender: Patrik der Psalmensänger: Da Du nicht achten willst auf eine meiner Geschichten, Obschon du sie noch nimmer gehört hast, So thut mir's leid, dir sagen zu müssen, Daſfs du eben nicht viel besser bist, als ein— Esel!“ Gut! gut!“ rief der Alterthumsforscher; aber weiter!— Das ist allerdings die gröſste Dumm- heit, und ich muſs gestehen, der Dichter hat Recht. Was sagt denn der Heilige 5“ «Er spricht ganz in seinem Character,“ ver- setzte Mac-Intyre; aber Sie hätten von Mac-Al- pin das Original sollen singen hören.— Ossian's Reden werden alle in einem tiefen Basse gesun- gen, die von Patrik dagegen im Tenor.“ Wie Mae-Alpin'’s Baſs, und die kleinen Pfei- fen in seinem Dudelsack, denk' ich,“ sagte Old- buck;«nur weiter, weiter!“ Patrik also entgegnet dem Ossian: Auf mein Wort, Sohn Fingal's! Während ich Psalmen erlönen lasse, 147 Stören mich deine alten Weibergeschichten In meinen Andachtsübungen.“ «Herrlich! das kommt ja immer besser! St. Patrik sang hoffentlich besser, als Blattergowl's Vorsänger; sonst würd' es zweifelhaft seyn, wen man hängen lassen sollte, den Dichter oder den Psalmisten. Was ich aber bewundre ‚ ist die gegenseitige Höflichkeit dieser beyden hohen Per- sonen. Es ist schade, dafs in Macphersons Ue- bersetzungen kein Wort davon vorkommt.“ «Wenn Sie das gewifs wissen,“ versetzte Mac- Intyre ernst,«so muſs er sich bey dem Originale Sanz unverantwortliche Freyheiten erlaubthaben.“ «Das wird sich bald zeigen; fahre nur fort!“ Nun,“ sagte der Capitain,«Ossian antwortet darauf folgendermafsen: Wagt Ihr's, Eure Psalmen zu vergleichen, Ihr, der Sohn eines—* «Wessen Sohn b unterbrach ihn Oldbuck schnell. «Ich glaube,“ sagte der junge Krieger mit ei nigem Zögern,„der Sohn einer Hundin!“ Wagt Ihr's, Eure Psalmen zu vergleichen Mit den Erzählungen der nacktarmigen Feniers“ 148 «Bist Du aber auch gewiſs, daſs Du das letzte Epitheton richtig übersetzest, Hektor?“ «Ganz gewiſs,“ „Ich glaubte, die Nacktheit wäre etwa von ei- nem andern Theile des Körpers angegeben.“ Hektor, der diesen Einwurf keiner Antwort würdigte, declamirte weiter: versetzte dieser mürrisch. Ich werde mir wenig daraus machen, Wenn ich Euer graues Haupt von den Schultern trenne.“ «Aber was ist denn das dort 5“ rief Hektor plötzlich, sich selbst unterbrechend. «Æin Stück von der Heerde des Proteus,“ ver- setzte der Alterthumsforscher,«eine phoca, oder Seehund, der schlafend am Ufer liegt.“ «Den muſfs ich haben! den mufſs ich haben!“ rief Mac-Intyre mit dem Eifer eines jungen Waid- mannes, und vergafs darüber ganz und gar den Ossian, Patrik, seinen Oheim und seine Wunde. Dem erstaunten Alterthumsforscher seinen Spa- zierstock aus der Hand reifsend, wobey er ihn beynahe umgestoſsen hätte, rannte er spornstreichs fort, um zwischen das Thier und die See zu kom- men, nach welchem Elemente sich der Seehund, der indefs aufmerksam geworden war, schnell zurückzog. 3 149 Sancho*) selbst, als ihn sein Herr in der Er- zählung von den Streitern Pentapolin's mit dem nackten Arm unterbrach, um in eigener Person gegen die Schafbeerde anzurücken, konnte nicht erstaunter da stehen, als Oldbuck bey dem plötz- lichen Entwischen seines Neffen. «Ist er denn ganz des Teufels?“ war sein er- ster Ausruf;«mit dem Thier da anzubinden, das ihm nichts gethan hat!“— Dann rief er lauter: «Hektor— Neffe— Tollkopf! laſs doch die pho- ca zufrieden— die Thiere beiſsen, sag' ich Dir, wie rasend.— Er hört nicht— nun, die phoca wird's ihm schon zeigen— nun sind sie an ein- ander, und— wahrlich, die phoca behält die Oberhand. Das freut mich, setzte er in seinem Kerger hinzu, obgleich er um seinen Neſfen be- sorgt war, das freut mich von ganzem Herzen!** Der Seehund, dem durch den schnellfüfſsigen Krieger der Rückzug abgeschnitten war, bot ihm muthig die Stirn, und nachdem er, ohne sich viel daraus zu machen, einen tüchtigen Schlag ausgchalten hatte, zog er, wie es diese Thiere thun, wenn sie erbittert sind, die Augenbraunen zusammen, drehte mit der Vorderpfote und ver- ——V—;—;——— ³) Sa ncho Pansa, der Schildknappe des Ritters Don Quixote de la Mancha, in dem mehrfach erwähnten E. RKomanc dieses Namens von Cervantes. d. Uebers. möge seiner unbehälſflichen Kraft, dem Angrei- fenden die Waffe aus der Hand, rifs ihn in den Sand nieder, und stürzte sich hierauf, ohne ihm sonst etwas zu Leide zu thun, in die See hinab. Capitain Mac-Intyre, der bey dem Ausgange dieses Gefechts einen ziemlichen Theil seiner Fassung verloren hatte, stand eben auf, um die spöttischen Glückswünsche des Oheims zu einem Zweykampfe zu empfangen, der es wohl verdient hätte, von Ossian selbst besungen zu werden. «Dein groſsmüthiger Gegner,“ sagte der Alter- thumsforscher,„entwich, wenn auch nicht auf Adlersschwingen, aus den Augen seines gedemü- thigten Feindes; ja er entprang mit aller An⸗ muth des Triumphes, und hat auch, als Spolia opima, meinen Stock mitgenommen.“ Mac-Intyre wuſste nichts anders darauf zu er- wiedern, als dafs ein Hochländer keinem Thiere begegnen könne, gleichviel ob's ein Wild, oder ein Sechund sey, ohne sich wit ihm zu messen, falls sich nur die Möglichkeit eines Kampfes den- ken lasse. Er aber habe vergessen, daſs er den einen Arm in der Binde trage. ErF bediente sich seines Falles zugleich als einer Entschuldigung, nach Monkbarns zurückzukeh- ren, und so entging er dem fernern Spotte des Ohcims, so wie seinen Klagen um den verlore- nen Spazierstock.. 151 Ich schnitt ihn mir,“ sagte Oldbuck,«in den classischen Wäldern von Hawthornden, als ich noch nicht glaubte, daſs ich ein Hagestolz blei- ben würde. Nicht um ein ganzes Meer voll See- hunde hätt' ich ihn hingegeben! O Hektor! Hek- tor! Dein Namensvetter wurdegeboren zum Schutz und Schirm Troja's; Du aber zur Plage von Monk- barns!“ 152 2—— qMℳUũ—ℳä6————ℳMWęͤAÜAn Ein und dreyſsigstes Kapitel. Freund, sag' das nicht! Wenn Jüng're wei- nen, sind's Nur laue Thränen— unsren alten Augen Entstürzt der Gram, den nord'sehen Schlossen gleich, Frostschauernd über unsre welken Mangen, Und kalt, wie unser Hoffen und Gefühl. Kein Seufzer folget ihren Thränen— unsre Prallen zurück, sie häufen auf der Ebne Sich an, und noch vor uns erbleichen Alle. Alles Schauspiel. 5 Der Alterthumsforscher, der sich nun allein sah, beschleunigte seine Schritte, da er durch die ver. schiedenen Erörterungen und den Zweykampf. der ihnen ein Ende gemacht hatte, sehr au halten worden war, und erreichte bald das h 153 Ausser ihrem schmutzigen und unbequemen An- sehen, erblickte man nun noch rings umher Zei- chen der Trauer. Die Böte waren alle an's Ufer gezogen, und wiewohl es ein schöner Tag und die Jahreszeit günstig war, vernahm man doch weder den sonst üblichen Gesang der Fischer, wenn sie in See sind. noch das Lärmen der Kinder, und den hellen Gesang der Mütter, wenn sie vor der Thüre sitzend, die Netze ausbessern. Einige Nachbarn, theils in alterthümlichen, schwarzen, wohlerhaltenen Kleidern, theils in ihrem gewöhn- lichen, Alle aber in ihren Zügen den Ausdruck schmerzlicher Theilnahme bey einem so unerwar- teten und plötzlichen Unglücksfalle verrathend, hatten sich vor Mucklebackit's Hütte versammelt, und warteten, bis die Leiche aufgehoben würde. Als sich der Herr von Monkbarns näherte, mach- ten sie Platz, um ihn hineinzulassen, indem sie ihre Häüte und Mützen, als er an ihnen vorüber- ging, mit düsterer Höflichkeit abnahmen. Er erwiederte ihre Grüfse auf gleiche Weise. In dem Innern der Hütte zeigte sich eine Scene, die nur unser Wilkie, mit dem ihm eignen Naturgefühle, das alle seine bezaubernden Pro- ductionen characterisirt, hätte malen können. Der Todite lag in seinem Sarge, in dem höl- zernen Bette, worin der junge Fischer in Leben geschlafen hatte. Nicht weit davon stand der Vater, dessen Antlitz, vom Wind und Wetter 15⁴4 gebräunt, und beschattet von seinen grauen Haa- ren, mancher stürmischen Nacht und manchem nachtähnlichen Tage Trotz geboten hatte. Er schien mit jenem starken Gefühl schmerzlichen Grams über seinen Verlust zu brüten, das rauhen und harten Gemüthern eigenthümlich ist, und beynahe in Hals gegen die Welt ausbricht, gegen Alles, was in ihr zurückbleibt, wenn der geliebte Gegenstand ihm entzogen ist. Der alte Mann hatte die verzweifeltesten Versuche gemacht, sei- nen Sohn zu retten, und war nur mit Gewalt zu- rückgehalten worden, sie zu erneuern in dem Augenblicke, wo er selbst, ohne dem Verun- glückten beystehen zu können, ohne Rettung zu Grunde gegangen seyn würde. Alles dies lebte wahrscheinlich jetat in seiner Erinnerung wieder auf. Sein Blick schweifte seitwärts nach dem Sarge hin, als dem Gegenstande, worauf er ihn weder fest heften, noch sein Auge davon abwen- den konnte. Seine Antworten auf nothwendige Fragen, die gelegentlich an ihn gethan wurden, waren kurz, barsch, ja beynahe heftig. Seine Familie hatte es noch nicht gewagt, ein Wort an ihn zu richten, um ihn zu trösten, oder ihr Mitleid zu bezeigen. Seine Cattin, ein wahres Mannweib und unbeschränkte Herrscherin im Hause, wie sie dies selbst bey jeder Gelegenheit- „von sich rühmte, war durch diesen grofsen Ver- lust völlig zum Schweigen und Gehorsam gebracht, E 15255 und gezwungen, die Ausbrüche ihres mütterli- chen Kummers der Beobachtung ihres CGatten zu entziehen. Da er, seitdem dies Unglück gesche- hen, alle Nahrung von sich gewiesen hatte, und sie es nicht wagte, sich ihm selbst zu nähern, so hatte sie sich diesen Morgen eines Kunstgriffes bedient, und das jüngste und liebste Kind mit einigen Nahrungsmitteln zum Vater gehen heifsen. Das erste, was dieser that war, dafs er das ihm Dargebotene mit solcher Heftigkeit von sich wieſs, dafs das Kind darüber erschrack; gleich darauf aber hob er den Knaben empor, und küfste ihn zu wiederholten Malen auf'’s innigste. «Du wirst ein braver Bursche werden, Patie, wenn Du leben bleibst,“ sagte er;«aber Du kannst mir nie— nie werden, was mir jener war! Seit seinem zehnten Jahr war er mit mir auf der See, und es gab keinen, zwischen hier und Buchaneſs, der das Netz wie er zog.— Man muſs sich in sein Schicksal ergeben, heifst es— nun, ich will's versuchen.“ Von diesem Augenblicke an hatte er kein Wort gesprochen, und nur, wie wir bereits erwähnt, die nöthigsten Fragen beantwortet. In diesem trostlosen Zustande befand sich der Vater. In einer andern Ecke der Hütte, das Gesicht mit ihrer Schürze bedeckt, saſs die Mutter. Die Gröſse ihres Grams wurde durch das Händeringen, und die convulsivische Bewegung des Busens, die 156 die Bedeckung desselben nicht verbergen konnte, hinlänglich angedeutet. Zwey ihrer Cevatterinnen, schienen, indem sie ihr die gewöhnlichen Ge- meinplätze von Unterwerfung unter unvermeidli- ches Mifsgeschick in's Ohr raunten, den Kum- mer, den sie nicht lindern konnten, wenigstens betäuben zu wollen. In den Schmerz der Kinder mischte sich ein Erstaunen über die Zubereitungen, die sie um sich her erblickten, und über das ungewöhnliche Vertheilen von Weizenbrod und Wein, die auch der ärmste Fischer bey solchen Trauerfällen an- zubieten pflegt, und auf diese Art verlor sich ihr Kummer öüber den Tod des Bruders fast ganz in der Bewunderung seiner glänzenden Leichenbe- stattung. Die Cestalt der alten Croſsmutter war indels unstreitig die merkwürdigste in der trauernden Oruppe. Sie saſs auf ihrem alten Stuhle, mit ihrer gewöhnlichen Gleichgültigkeit an dem, was um sie her vorging, keinen Antheil nehmend; nur dann und wann schien sie mechanisch die Bewegung des Drehens der Spindel zu machen, und darauf in ihrem Busen nach dem Rocken zu schauen, obgleich Beydes bey Seite gelegt wor- den war. Zuweilen blickte sie auch umher, als wundere sie sich, dafs ihr die gewöhnlichen Werbzeuge ihres Fleiſses fehlten, und schien er- griflen von dem Anblicke des schwarzen Kleides, 157 das man ihr angelegt hatte, und verlegen über die Menge von Personen, die sie erblickte. End- lich hob sie das Haupt mit einem geisterartigen Blicke empor, und heftete ihre Augen auf das Bett, worauf der Sarg ihres Enkels stand. Es war, als habe sie plötzlich und zum ersten Male ihre volle Besinnung erhalten, um ihr unaus- sprechliches Elend ganz zu empfinden. Diese wechseluden Gefühle der Verlegenheit, des Er- staunens und Grams schienen sich mehr als ein- mal in ihren starren Zügen auszudrücken. Al- lein sie sprach kein Wort— hatte keine Thräne vergossen, und Niemand von der Familie konnte aus ihren Blicken oder Reden schliefsen, inwie- fern sie die um sie her vorgehende Bewegung verstehe. So sals sie unter der trauernden Familie wie ein Verbindungsglied zwischen den Lebenden, welche weinten, und dem Todten, der beweint ward, und glich einem Wesen, in dem das Licht des Daseyns schon verdunkelt wurde durch die hereinbrechenden Schatten des Todes. Als Oldbuck in das Trauerhaus trat, ward er mit einem allgemeinen, schw eigenden Kopfnicken empfangen, und man reichte, nach der, bey solchen Gelegenheiten in Schottland üblichen Sitte, den Cästen Wein, geistige Getränke und Brod. Während diese Erfrischungen herumge- geben wurden, setzte Elsbeih die ganze Cesell- 158 schaft in nicht geringe Verwunderung, indem sie der Person, welche dieselben darbot, ein Zei- chen gab, stehen zu bleiben. Hierauf nahm sie ein Glas, hob es in die Höhe, und sagte, mit dem Lächeln des Wahnwitzes, in dem mit tiefen Furchen bedeckten Gesichte, hohl und dumpf die Worte:«Auf Eure Gesundheit, Ihr Herren! Mögen wir noch oft so lustig zusammenkommen! Alle erschracken über diese ahnungsvolle Ce- sundheit, und jeder setzte das unberührte Glas mit einer Art von Schauder wieder hin, worüber sich Niemand wundern wird, der den mannich- fachen Aberglauben kennt, den man bey derglei- chen Gelegenheiten noch unter den niedern Volks- klassen in Schottland findet. Als aber die Alte den Wein kostete, stieſs sie einen plötzlichen Schrey aus, und rief:«Das ist Wein! Wie kommt Wein in meines Sohnes Hausb— Ach!“ fuhr sie dann mit einem unter- drückten Seufzer fort;«jetzt weiſs ich die Ur- sache!“— Das Glas fiel aus ihrer Hand. Sie blieb einen Augenblick stehen, den Blick starr auf das Bett geheftet, in dem der Sarg ihres Enkels stand, und sank dann allmählig in ihren Sessel zurück, indem sie die bleiche, knöcherne Hand vor Stirn'* und Augen hielt. 4 4 In diesem Momente trat der Geistliche in die Hütte. Herr Blattergowl, obgleich sehr lang- 159 weilig, wenn er über Augmentationen, Localitä- ten, Zehnten und Vorschläge in der Session der Generalversammlung sprach, wo er, zum Un- glück seiner Zuhörer, das Wort führte, war demungeachtet ein guter Mann, in der vollen Bedeutung des Worts Kein Ceistlicher besuchte die Kranken und Bekümmerten fleifsiger, unter- richtete die Jugend sorgfältiger in der Religion, belehrte die Unwissenden besser, und wies die Irrenden ernster auf den rechten Pfad zurück. Daher kam es denn auch, dafs unser Freund, der Alterthumsforscher, trotz der Ungeduld, die er bey Blattergowl's Weitschweifigkeit empfand, und des Unwillens über seine persönlichen und Stan- desvorurtheile, so wie einer gewissen angewöhn- ten Geringschätzung seines Urtheils, vorzüglich über Dinge, welche Genie und Geschmack be- trafen, und worüber Blattergowl gern weitschwei- ſig wurde, weil er sich noch dereinst den Weg zu einem Lehrstuhle der Rhetorik oder der schö- nen Wissenschaften bahnen wollte— aller die- ser gegen ihn obwaltenden, ungünstigen Vorur- theile ungeachtet, sag' ich, bewies der Alter- thumskforscher bemeldetem Blattergowl grofse Achtung, ob er gleich nur selten sowohl durch seinen eignen Sinn für das Schickliche als durch die Vorstellungen der Frauen dahin gebracht wer den kounte, seine Predigten zu hören. GCewöhn lich aber schämte er sich'selbst über dies Weg 160 bleiben, wenn Blattergowl zum Mittagsmahl in Monkbarns erschien, wozu er gewöhnlich Sonn- tags eingeladen ward; ein gewisser Beweis von Achtung, der, wie der Cutsbesitzer glaubte, dem Ceistlichen eben so angenehm seyn müſste, als seine Cegenwart in der Kirche, und auch mehr mitseinen eigenen Gewohnheiten äbereinstimmte. Wir kehren nun zurück von einer Abschwei- fung, welche blos dazu dienen sollte, unsre Le- ser mit dem wackern Geistlichen näher bekannt zu machen. Als Herr Blattergowl in die Hütte getreten war, und die stummen und melancho- lischen Begrüfsungen der Cesellschaft empfangen hatte, ging er auf den unglücklichen Vater zu, und suchte ihm mit wenig Worten Trost zuzu- sprechen. Der alte Mann war indeſs unfähig, ihnen Gehör zu geben. Er nickite düster mit dem Kopfe, und schüttelte dem Geistlichen die Hand, als ein Zeichen, daſs er seinen guten Willen er- kenne. Zu einem dankenden Worte konnte er es jedoch nicht bringen. 3 Des Geistliche wandte sich hierauf zur Mutter, und zwar mit so leisem und abgemessenem Schrit- te, als besorge er, der Boden möchte, wie un- sichres Eis, unter seinen Fufsen brechen, oder der Widerhall seines Fufstritts irgend einen Zau- ber lösen, und die Hütte sammt allen ihren Be- wohnern in einen Abgrund versenken. Den In- halt dessen, was er dem armen Weibe sagte, 161 konnte man blos aus ihrer Antwort abnehmen; denn mit halb unterdrücktem Schluchzen und durch das Tuch, worin sie sich noch immer ge- hüllt hatte, erwiederte sie, so oft er in seiner Rede einhielt, jedes Mal: Ja, Sir, ja!— Sie sind sehr gut— sehr gut!— Ganz gewifs, ganz gewifs!— Wir müssen uns drein ergeben!— Aber, mein lieber, armer Steenie! Er war mein Stolz— so schön und gut— die Stütze seiner Familie— unser Aller Trost— und wer ihn nur sah, hatte seine Freude an ihm!— O mein Kind, mein Kind! Warum muſfst Du hier lie- gen, warum muſs ich es erleben, daſs ich Dich beweine?“ Es war durchaus unmöglich, die wiederholten Ausbrüche ihres Kummers und ihrer Zärtlichkeit zu bekämpfen. Oldbuck muſste mehrere Male seine Zuflucht zur Schnupftabaksdose nehmen, um die Thränen zu verbergen, welche, trotz sei- nem scharfen und schneidenden Wesen, doch bey solchen Gelegenheiten hervorbrachen. Die Weiber wimmerten, die Männer hielten sich die Mützen vor's Gesicht, oder sprachen mit einan- der. Der Geistliche wendete sich unterdefs mit seinem Trostspruche an die Grofsmutter. Anfangs horchte sie, oder schien wenigstens auf das zu horchen, was er sagte, und zwar, wie gewöhn. lich, bewuſstlos und ohne Theilnahme. Als er indefs, um seinen Worten mehr Nachdruck zu 77⸗ L 162 geben, ihrem Ohre so nahe rückte, daſs ihr der Sinn seiner Worte ganz verständlich wurde, ob- gleich sie von den entfernter Stehenden nicht gehört wurden, so nahm ihr Wesen auf einmal! wieder jenen ernsten, bedeutungsvollen Ausdruck an, der ihre lichten Zwischenräume characteri- sirte., Sie richtete Haupt und Körper empor, schüttelte das erstere auf eine Art, welche, wenn auch nicht Verachtung seines Rathes, doch min- destens Ungeduld verrieth, und bewegte die Hand zwar nur wenig, aber doch auf eine so bedeu- tungsvolle Weise, dafs alle Umstehenden eine unwillige, verächtliche Verwerfung des ihr dar. gebotenen geistlichen Trostes darin erkannten. Der Geistliche wich, wie zurückgestoſsen, von ihr, und schien, indem er die Hand sanft em- porhob und wieder sinken lieſs, Erstaunen, Kum. mer und Mitleid mit ihrem schrecklichen Ce- müthszustande ausdrücken zu wollen. Durch die ganze theilnehmende Versammlung schlich ein Ieises Geflüster, welches andeutète, wie sehr das verzweiflungsvolle, determinirte Wesen der Alten Jedermann mit Schrecken, ja mit Schauder er- füllte. Unterdessen war das Leichengefolge durch die Ankunft einiger Personen, die man noch von Fairport erwartet hatte, vollzählig geworden. Man reichte wieder Wein und andere geistige Getrànke herum, und die düstern Begrüfsungen 163 fanden von neuem statt. Die alte Groſsmutter ergriff zum zweyten Male das Glas, trank es aus, und rief mit einem ganz eigenen Lachen:«Ha! ha! Da hab' ich ja zwey Mal an einem Tage Wein gekostet! Wann hab' ich das jemals gethan, Ce- vattern Nie, nie, seitdem—“ In diesem Augenblick verschwand die vorüber- gehende Heiterkeit aus ihren Zügen. Sie setzte das Glas nieder; und sank auf den Sessel zuriick, von dem sie sich erhoben hatte, es zu ergreifen. Als sich das allgemeine Erstaunen gelegt hatte, äusserte Oldbuck, dem das Herz beym Anblick dessen blutete, was er für die Verirrung eines geschwächten, mit dem Froste des Alters und Kummers kämpfenden Verstandes hielt, gegen den Geistlichen, dafs es nun Zeit sey, die Feyer- lichkeit zu beginnen. Der Vater war nicht im Stande, die nöthigen Anweisungen zu geben; al- lein die nächsten Verwandten des Hauses gaben dem Zimmermann, der in solchen Fällen immer bey der Hand seyn mufs, ein Zeichen, sein Ce- schäft zu vollbringen. Das Geräusch der Sarg- schrauben deutete nun an, dafs der Deckel des letzten Hauses über seinem Bewohner befestigt war. Diese letzte Handlung, welche uns fúr immer, selbst von den sterblichen Ueberresten der Person trennt, welche wir betrauern, pflegt gewöhnlich auch das gleichgültigste, selbstsüchtigste und hartherzigste Cemüth tief zu erschüttern. Im Geiste des Widerspruchs, den wir unmöglich anders als engherzig nennen können, verwarfen die Väter der Schottischen Kirche, selbst bey solchen höchst feyerlichen Gelegenheiten, die Form einer Anrede an die Gottheit, damit man nicht glauben möchte, sie begünstigten auf ir⸗ gend eine Weise die Gebräuche der Römischen oder Englischen Kirche. Nach einer bessern, liberalern Ansicht pflegen die meisten Schotti- schen Ceistlichen diese Gelegenheit zu einem Gebet und einer Ermahnungsrede zu benutzen, um auf die Lebenden zu wirken„ während diese noch die Ueberreste desjenigen erblicken, der noch vor Kurzem als einer ihres Gleichen unter ihnen wandelte, und sich nun in einem Zustande befindet, der auch dereinst ihrer harrt.— Allein diese zweckmäſsige und lobenswerthe Sitte war zu der Zeit, wovon hier die Rede ist, noch nicht üblich, oder Herr Blattergowl beobachtete sie Wenigstens nicht, und so ging denn die Ceremonie ohne irgend eine Andachtsiibung vor sich. Der Sarg, mit dem Leichentuche bedeckt, und von den nächsten Verwandten auf untergelegten Hölzern getragen, erwartete nur noch den Vater, welcher, der Sitte gemäſs, das Hauptende tragen sollte. Zwey bis drey dieser privilegirten Perso- nen sprachen mit ihm; er schuüttelte indefs blos den Kopf, als Zeichen der abschlägigen Antwort. 165 Beynahe hätten die Freunde, mit mehr gutem Willen als richtiger Beurtheilung, das, was sie als eine, den Lebenden schuldige Pflicht und als einen Beweis der Achtung gegen die Todten be- trachteten, zu erzwingen versucht, wenn nicht Oldbuck als Vermittler zwischen den trostlosen Vater und seinen wohlmeynenden Peinigern ge- treten wäre, und geäussert hätte, daſs er selbst, als Crund- und Cerichtsherr des Verstorbenen, das Haupt desselben zu Crabe tragen wolle. Ungeachtet der traurigen Veranlassung, wur- den die Herzen der Verwandten durch den Be- weis der Auszeichnung von Seiten des Laird aus- serordentlich gerührt, und die alte Ailison Breck, die sich mit unter den Fischerweibern befand, schwur mit lauter Stimme: Seine 1 errlichkeit, Monkbarns, solle gewiſs in der rechten Jahres- zeit allemal sechs Fäfschen Austern erhalten— es war bekannt, daſs er sie sehr liebte— und wenn sie für ihre Person sich in dem heftigsten Sturme auf die See begeben und ſischen sollte.— Das gemeine Volk in Schottland fühlt übrigens so fein, daſs durch diesen Beweis des Anschmie- gens an seine Sitten, so wie der Achtung gegen sie selbst, Herr Oldbuck sich weit beliebter machte, als durch alle Summen, die er zu all- gemeinen oder besondern wohlthätigen Zwecken in dem Kirchspiele vertheilt hatte. Der düstere Zug bewegte sich jetat langsam 166 vorwärts. Voran gingen die Marschälle oder Füh- rer mit ihren Stäben— elend aussehende, alte Männer, schwankend, als ob sie selbst am Rande des Crabes stünden, zu dem sie jetzt einen An⸗ dern begleiteten. Sie trugen, nach Schottischer Sitte, schwarze, abgetragene Kleider, und Jagd- mützen, mit altem Crepflor geziert, auf dem Kopfe. Monkbarus hätte wahrscheinlich, wenn man ihn um Rath gefragt, gegen diesen über- flässigen Prunk einige Einwendungen gemacht; er würd' indefs in diesem Falle mehr verloren haben, als er durch sein sonstiges Benehmen ge- Wonnen hatte, und hielt daher seinen Tadel zu- rück. Die Schottischen Landleute sind wirklich noch immer von jener Wuth nach Leichenfeyerlich- keiten besessen, die einst den Croſsen des Reichs dermaſsen eigen war, daſs das Schottische Parla- ment ein eigenes Luxus-Cesetz erlieſs, um die- sen Aufwand zu beschränken. Ich selbst habe Manche in den niedrigsten Verhältnissen gekannt, welche sich nicht nur die Beduemlichkeiten, son- dern selbst die nothwendigsten Bedürfnisse des Lebens versagten, um eine Summe zu ersparen, wodurch ihre überlebenden Freunde in Stand ge- setzt würden, sie, wie sie's nannten, christlich zu beerdigen. Auch liefsen sich die gewissenhaf- ten Testamentsvollstrecker auf keine Weise bewe- gen, zu Unterstützung der Lebenden— wenn diese 16⁷ es auch noch so nöthig brauchten— das Geld zu verwenden, welches zu Bestattung der Todten un- nütz verschwendet wurde. Mit der gewöhnlichen düstern Feyerlichkeit nahte sich der Zug dem ungefähr eine halbe Meile entfernten Kirchhofe. Der Leichnam wurde der mütterlichen Erde übergeben, und als die Todtengräber das Grab zugefüllt und mit frischem Rasen bedeckt hatten, zog Herr Oldbuck den Hut ab, grüfste die Umstehenden, welche in stiller Trauer zugesehen hatten, und gab so das Zeichen zum Auseinandergchen des Leichenge- folges. Der Geistliche bot unsrem Alterthumsforscher an, ihm auf dem Heimwege Gesellschaft zu lei- sten; allein Oldbuck war durch das Benehmen des Fischers und seiner Mutter vorhin so sehr er- griffen worden, daſs er, durch Mitleid aufgeregt, vielleicht auch durch jene Neugier bewogen, die uns antreibt, selbst das aufzusuchen, was wir nur mit Schmerz betrachten, lieber einen einsa- men Spaziergang an der Küste unternahm, um beym Vorbeyvbehen in der Hütte einzukehren. Zwey und dreyſsigstes Kapitel. [— Worin besteht dies heimliche Ferbrechen, Und die verschwieg'ne That, die nicht durch Kunst sich Reraus läſst Iocken, nooh durch Huſse sühnen? An seinem Ort ist Feder ihrer Muskeln— Nicht wild bewegt, noch starr— Kein plõtzliches Erröthen zeigt sich, noch der Lippe Beben. Die geheimniſsvolle Mutter. Der Sarg war von dem Platze, wo er stand, weg. Setragen worden. Die Leidtragenden hatten sich, in regelmäſsiger Abstufung nach Stand und Rang, oder nach dem Verhältnisse ihrer Ver- wandtschaft mit dem Verstorbenen, von der Hütte an, der Bahre angereiht, indeſs die jüngern Kin- 169 der männlichen Geschlechts hinterdrein geführt wurden, und eine Feyerlichkeit anstaunten, von der sie schwerlich einen Begrifl hatten. Die Weiblichen Angehörigen und Freundinnen bra- chen nun auch auf, und nahmen, die Lage der Eltern bericksichtigend, die Mädchen mit sich, um dem unglücklichen Paare Zeit zu lassen, ihre Herzen gegenseitig zu öflnen, und ihren Gram durch Mitibgilung zu lindern. Ihre freund- liche Absicht blieb indefs ohne Erfolg. Denn kaum hatte die letzte von ihnen die Hütte ver- lassen, und die Thüre leise hinter sich zuge- macht, als der Vater, der schnell umherblickend sich überzeugt hatte, dafs kein Fremder mehr da sey, aufsprang, die Hände wild über dem Kopfe zusammenschlug, einen Schrey der Ver- zweiflung ausstiefs, den er bisher unterdrückt hatte, und mit der ohnmächtigen Hast des Grams nach dem Bette, auf dem der Sarg gestanden, halb wankte, halb schritt, sich dann darauf nie- derwarf, und sein Gesicht in den Betttüchern verbergend, sich den Ausbrüchen seines Schmer- zes überliefs. Umsonst bemühte sich die un- glückliche Mutter, erschreckt durch die Heftig- keit in dem Betragen ihres Gatten— dessen Gram um so furchtbarer war, als er einen Mann von so festem Sinn und starkem Körperbau erschüt- terte— ihr eigenes Schluchzen und ihre Thränen zu unterdrücken, und indem sie ihn am Saum 170 des Kleides faſste, beschwor sie ihn, aufzustehen und zu bedenken, dafs, wenn er auch Ein Kind verloren habe, ihm doch noch ein Weib und andere Kinder geblieben seyen, die seines Tro- stes und Beystandes bedürften. Diese Aufforde- rung kam aber zu früh für seinen Cram, und wurde gar nicht beachtet. Er blieb liegen, und sowohl sein Schluchzen, welches so heftig war, dafſs er das Bett und die Bretterwand daneben er- schütterte, als die Heftigkeit, mit der er die Betttücher krampfhaft fafste, und dabey an allen Gliedern zitterte, bewiesen die Tiefe und Stärke des väterlichen Grams. , was ist das für ein Tag! was ist das für ein Tag!“ rief die arme Mutter, deren Schmerz, als Weib, durch Schluchzen und Thränen schon ganz erschöpft, und die jetzt nur von Schrecken erfüllt war über den Zustand, worin sie ihren Mann erblickte.«Welch eine furchtbare Stunde! Ist denn Niemand da, der einem armen Weibe beystehtb Wenn Ihr doch nur' ein Wort zu ihm sprechen, und ihn bitten wolltet, sich zu fassen! L Zu ihrem Erstaunen, aber auch zu ihrem Schrecken, vernahm und beantwortete die Mutter ihres Mannes den Aufruf. Sie stand auf, und ging ohne Häülfe, so wie ohne sichtbare Schwäche, „durch die Stube, und zu dem Bette hintretend, worauf ihr Sohn sich ausgestreckt hatte, sagte sie: 17¹ „Steh' auf, mein Sohn! traure nicht um ihn, der über Sünde, Sorg' und Versuchung erhaben ist; die Sorge ist nur für diejenigen, die in die- sem dunkeln Jammerthale zurückbleiben. Mir, die ich um Niemand mehr klagen und trauern kann, mir gebühren am meisten Euer Kummer und Eure Thränen!“ Die Stimme der Mutter, die er seit Jahren nicht im thätigen Leben, oder Trost und Rath ertheilend gehört hatte, verfehlte ihre Wirkung auf den Sohn keineswegs. Er richtete sich auf dem Bett empor, und seine Haltung, seine Mie- nen und Geberden gingen von dem Zustande wil- der Verzweiflung in den eines tiefen Grams über. Die Grofsmutter kehrte in ihren Winkel zurück, die Mutter nahm ihre zerrissene Bibel zur Hand, und schien zu lesen, wenn gleich ihr Auge in Thränen schwamm. In diesem Augenblicke vernahm man ein lautes Pochen an der Thüre. Hört doch!“ sagte die arme Mutter.„Wer mag denn noch jetzt zu uns kommen? Von uns- rem Unglücke können sie doch nicht gehört ha- ben, das weiſs ich!“ Das Pochen erklang abermals. Sie stand auf und öllnete die Thür, indem sie verdriefslich ausrief:«Nun, was ist denn das für eine Art, die Stille, eine betrübte Familie in ihrer Ruhe zu stören 9 Ein groſser, schwarz gekleideter Mann stand vor ihr, in dem sie augenblicklich den Lord Glenallan erkannte. Wohnt nicht hier,“ fragte er,«oder in einer der benachbarten Hütten eine alte Frau, Namens Elsbeth, welche lange Zeit zu Craigburnfoot bey Glenallan gewohnt hat? Das ist meine Schwiegermutter, Mylord 2 sagte Margarethe,«allein sie kann jetzt keinen Menschen scehen.— O, es hat uns ein hartes, hartes Schicksal betroffen!“ «Gott behüte mich,“ entgegnete Lord Glen- allan, daſs ich einer unbedeutenden Angelegen- heit wegen Euch in Eurem Kummer stören sollte; allein meine Tage sind gezählt— Eure Schwie- germutter ist sehr alt. Seh' ich sie heute nicht, so kommen wir in diesem Leben wohl nie wie- der zusammen.“ Aber was wollt Ihr denn an einem so bejahr- ten Weibe sehen, das gebeugt vom Altèr, und deren Herz längst vor Kummer gebrochen ist?— Nein, weder vornehmer noch geringer Leute Fuſs darf an dem Tage, wo meines Kindes Leiche über die Schwelle getragen worden, unsre Hütte betreten!“ Indem sie sich so der natürlichen Reizbarkeit ihres Characters und Gewerbes überlieſs, die sich schon in gewissem Grade mit ihrem Kummer zu mischen aufing, da die ersten gewaltsamen Aus 173 brüche desselben voriber waren, hielt sie die Thüre ungefähr ein Drittel offen, und stellte sich selbst in die Oeffnung, gleichsam als wolle sie dadurch dem Besuchenden den Eintritt verweh- ren. Allein von Innen lieſs sich die Stimme ih- res Mannes hören. «Was soll denn das heiſsen, Greteb Warum sperrst Du die Leute hinaus? Laſs sie herein- kommen! Von jetzt an kümmre ich mich eben so wenig darum, als um ein altes Tauende, wer hier aus- und eingeht.“ Die Frau trat bey dem Befehl ihres Mannes auf die Seite, und liefs den Lord Glenallan in die Hütte tretea. Die Niedergeschlagenheit, welche seine zusammengesunkene, hagere Gestalt verrieth, bildete einen scharfen Contrast mit den Wirkungen des GCrams, die sich auf dem rohen, von Wind und Wetter gebräunten Antlitz des Fischers, und in den männlichen Zügen seines Weibes offenbarten. Er näherte sich der Alten, als sie wieder an ihrer gewöhnlichen Stelle saſs, und fragte sie so laut und deutlich, als er es vermochte:«Seyd Ihr Elsbeth von Craigburnfoot bey Clenallan? «Wer fragt nach dem unseligen Aufenthalte dieses schlechten Weibesb“ antwortete die Alte- aDer unglückliche Graf von Glenallan.“ „Craf? Graf von Glenallan?“ „Derselbe, der William Lord Ceraldin hiefs,“ enigegnete der GCraf,«und den seiner Mutter Tod zum Grafen von Glenallan gemacht hat.“ „Oeffne den Fènsterladen!“ rief die Alte fest und hastig ihrer Schwiegertochter zu. Oeffne schnell den Fensterladen, dafs ich sehen kann, ob's der rechte Lord Geraldin ist, der Sohn mei- ner Gebieterin, er, den ich eine Stunde nach seiner Geburt auf den Armen trug— er, der mich verwünschen sollte, daſs ich ihn nicht er- stickte, ehe diese Stunde vorüber war!?“ Das Fenster, welches man verschlossen hatte, um durch ein dämmerndes Zwielicht die Feyer- lichkeit der Leichenbestattung zu erhöhen, wurde auf ihren Befehl geöffnet, und warf ein helles Licht in die räuchrige und dunstige Atmosphäre der engen Hütte. Indem es in einem vollen Strom auf den Kamin fiel, beleuchteten seine Strahlen, in ächt Rembrandtischer Manier*), die Züge des unglücklichen Edelmanns, so wie die der alten Sibylle, welche jetzt aufrecht stehend und ihn an der Hand haltend, mit ihren lichtblauen Augen ihn forschend anblickte; dann aber, ihren lan- gen, dürren Zeigefinger ausstreckend, mit dem- ²) Panl Rembrandt van Rhyn, einer der berühmiesten 1 Maler und Kupferâtzer der Niederländischen Schule, geb- 1606, gest. 1674. A d. Uehbers. 175 selben, in einiger Entfernung von seinem Gesichte, auf und ab fuhr, gleichsam als wolle sie die Um- risse copiren, und die Erinnerung des Vergange- nen mit dem, was sie vor sich sah, in Ueberein- stimmung bringen. Als sie ihre Forschung beendigt batte, sagte sie mit einem tiefen Seufzer:«„Sehr— sehr ver- ändert! Und wer ist Schuld daran?— Doch das ist ja da niedergeschrieben auf eherne Tafeln mit stählernem Griffel, wo Alles, Alles aufgezeichnet wird, was man im Fleische gethan hat.— Was will denn aber,“ fügte sie nach einer kleinen Weile hinzu,«was will Lord Geraldin von ei- nem armen, alten Geschöpfe, wie ich, das schon todt ist, und nur noch insofern dem Leben an- gehört, als es noch nicht begraben ward 5* 8 Aber, um des Himmels willen,“ entgegnete Lord Glenallan,«warum verlangtet Ihr denn so dringend mich zu sehen? Und warum verstärk- tet Ihr Eure Bitte durch ein Zeichen, das ich, wie Ihr wohl wissen konntet, nicht zurückweisen würde 5˙* Mit diesen Worten zog er aus seiner Börse den Ring hervor, welchen Adam Ochiltree ihm zu Glenallan-House übergeben hatte. Der Anblick dieses Pfandes brachte auf die Alte augenblick- lich eine seltsame Wirkung hervor. Von Furcht und Alter zugleich gelähmt, begann sie auf der Stelle, mit der zitternden und hastigen Bewegung 176 eines Menschen, der zuerst bemerkt, daſs er et- was von hohem Werthe verloren hat, ihre Ta- schen zu durchsuchen. Dann wandte sie sich, gleichsam überzeugt, daſs ihre Furcht gegründet gewesen sey, zu dem Grafen, und fragte:«Wie kamt Ihr dazup 1 h glaubte doch, ich hätt' ihn so sicher aufgehoben!— Was wird die Gräfin sagen 5˙* «Ihr wiſst ja,“ sagte der Graf, der müſst wenigstens gehört haben, daſs meine Mutter ge- storben ist.“* «Gestorben? Wollt Ihr mich nicht etwa täu- schen? So hat sie also endlich Land und Herr- schaft und Ahnen hinter sich gelassenp'“ „Alles, alles!“ sagte der Graf,«wie der Sterb- liche nun einmal die Eitelkeit der Welt verle- sen mufs.“ «Jetzt fällt mir's ein,“ versetzte Elsbeth; ich habe schon davon gehört; aber es hat seitdem in unsrem Hause so viel Kummer und Herzeleid gegeben, und mein Cedächtniſs ist so schwach geworden.— Ihr wiſst es also gewiſs, dafs Eure Mutter, die Frau Gräfin, heimgegangen ist b'“ Der Graf versicherte sie, daſs ihre ehemalige Gebieterin nicht mehr sey. «Wohlan,“ sagte Elsbeth,«so soll die Last nicht länger meine Seele drücken! Bey ihren Lebzeiten freylich, wer hätt's da wagen dürfen, 177 von etwas zu sprechen, das sie, wie man wuſste, nicht gerne laut werden lassen wollte! Aber sie ist dahin— und ich will Alles bekennen!“ Sie wandte sich hierauf zu ihrem Sohn und ih- rer Schwiegertochter, und befahl ihnen mit ge- bietendem Tone aus dem Hause zu gehen, und sie mit Lord Ceraldin— wie sie ihn noch im- mer nannte— allein zu lassen. Allein Marga- rethe Mucklebackit schien, da der erste Ausbruch ihres Kummers vorüber war, keineswegs geneigt, inihrem eigenen Hause den Befehlen ihrer Schwie- germutter unbedingten Gehorsam zu leisten, zu- mal, da Leuten in ihren Verhältnissen eine sol- che Obermacht höchst unangenehm scheint, und sie sich um so mehr darüber wundern muſste, sie jetzt wieder aufleben zu schen, je länger sie bereits ganz vergessen und aufgegeben worden war. Es ist doch seltsam„ sagte sie mit mürri- schem Tone— denn Lord Glenallan's Rang ver- bot ihr, sich stärker auszudrücken—«es ist doch seltsam, einer Mutter zu gebieten, daſs sie ihr eigenes Haus verlassen soll, und zwar gerade zu einer Zeit, wo ihr Auge noch voll Thränen, und ihr ältester Sohn kaum über die Schwelle hin- ausgetragen ist!“ «Heut ist kein Tag,“ fügte der Fischer mit trotzigem, Bustrem Tone hinzu,«um Eure alten Geschichten zu erzählen, Mutter! Mylord— 77⸗ M 178 wenn es wirklich ein Lord ist— kann ein an- ders Mal wiederkommen, oder laut heraus spre- chen, was er zu sagen hat. Es ist Niemand hier, dem es der Mühe verlohnte, darauf zu horchen, was er oder Ihr sprecht! Uebrigens geb' ich mein Haus Keinem Preis, mag's seyn, wer's will, vornehm oder gering, Herr oder Knecht, zumal an dem Tage, wo mein armer—* Hier bebte der Ton seiner Stimme; er konnte nicht weiter sprechen. Allein so wie er beym Eintritt des Lord Glenallan aufgestanden war, so warf er sich nun mürrisch auf einen Sessel, und nahm die trotzige Geberde eines Menschen an, der fest entschlossen ist, Wort zu halten. „ Allein die Alte, welche durch diese Wendung der Dinge ihre völlige Geistesgegenwart und Fe- stigkeit wieder erlangt zu haben schien, die sie ehedem in hohem Grade besessen hatte, trat auf den Sohn zu, und sprach mit feyerlichem Tone: „Mein Sohn! Da Du gewiſs nicht Deiner Mut⸗ ter Schande vernehmen, noch Zeuge ihrer Schuld seyn willst; wohl aber, statt ihren Fluch auf Dich zu laden, ihren Segen zu empfangen wün- schest, so beschwör' ich Dich, bey dem Leibe, der Dich trug und nährte, laſs mich frey und ungestört mit Lord Geraldin das besprechen, was ausser dem seinigen kein sterbliches Ohr ver- „nehmen darf!— Gehorche meinen Worten, da- mit wenn Du dereinst die Erdseholle auf mein 179 Haupt legst— o dafs die Zeit schon da wäre!— Du Dich dieser Stunde ohne den Vorwurf erin- nern mögest, das letzte Gebot, welches Deine Mutter auf Erden an Dich richtete, nicht erfüllt zu haben!“ Diese feyerlichen Worte erweckten in dem Herzen des Fischers von neuem den instinktmäs- sigen GCehorsam, in dem ihn seine Mutter erzo- gen, und den er ohne Widerrede so lange be- obachtet, als sie völlige Gewalt hatte, ihn zu fordern. Die Erinncrung daran vermischte sich mit der vorherrschenden Leidenschaft des Augen- blicks; denn indem seine Blicke auf das Bett ſielen, worauf der Todte gelegen hatte, mur- melte er vor sich hin:«Er ist mir nie, mit oder ohne Crund, ungehorsam gewesen, warum sollt' ich denn sie betrüben b' Hierauf nahm er die widerstrebende Hausfrau am Arm, führte sie sanft aus der Hütte, und klinkte die Thüre, als sie hinaus waren, zu. Als die unglücklichen Eltern sich entfernt hatten, drang Lord Glenallan, ehe die Alte wieder in ihre gewöhnliche Lethargie verfiel, in sie, ihm dasjenige, was sie ihm mittheilen wolle, zu vertrauen. «Ihr werdet's zeitig genug erfahren,“ versetzte sie;«mein Kopf ist jetzt ganz hell, und Ihr dürft nicht fürchten, dafs ich irgend etwas von dem, was ich zu sagen habe, vergessen werde. Meine Wohnung zu Craigburnfoot steht mir noch so lebhaft vor Augen, als ob ich sie wirklich sähe — das grüne Ufer, wo der Bach in die Sce floſs; die beyden kleinen Böte, mit ihren zusammenge- wickelten Segeln, welche in der Bucht lagen, die das Meer dort natürlich bildet; die hohe Klippe, die mit dem Schlofsgarten von Glenallan zusammenhing, und sich über den Strom hinab- senkte. Ach! ich möchte eher vergessen, daſs ich einen Mann hatte und ihn verlor; daſs ich nur noch einen von meinen vier wackern Söhnen am Leben habe; dafs Unglück über Unglück den schlecht erworbenen Reichthum verzehrt hat; dafs sie den Leichnam von meines Sohnes Erstgebor- nem diesen Morgen aus dem Hause getragen ha- ben— das Alles könnt' ich cher vergessen, als die Tage, die ich in dem lieben Craigburnfoot zugebracht habe!“ „Ihr wart ein Liebling meiner Mutter,“ sagte Lord Glenallan, welcher sehnlich wünschte, sie wieder auf den Punct zurückzubringen, von dem sie ausgegangen war. „Ich war's, ich war's! Ihr braucht mich nicht daran zu erinnern. Sie erzog mich über meinen Stand, rüstete mich, vor allen meines Gleichen, mit Kenntnissen aus— aber mit der Erkennt- niſs des Guten lehrte sie mich auch, wie der „ „Versucher des menschlichen Geschlechts, ldie Kenntnifs des Bösen.“ 181 Um Cotteswillen, Elsbeth!“ rief der erstaunte Graf;«sagt mir mehr, wenn Ihr könnt, und er- klärt mir die furchtbaren Winke, die Ihr mir gegeben habt. Ich weiſs, Ihr seyd eingeweiht in ein schreckliches GCeheimnifs, bey dessen blo- sem Namen die Wände dieses Hauses zersplittern würden— aber sprecht nur weiter!“ 3 «Das will ich,“ versetzte sie,«das will ich! Habt nur ein wenig Geduld mit mir!“ Sie schien in diesem Augenblick wieder in Er- innerungen verloren, die indefs keinen Anstrich von Abstumpfung oder kalter Gleichgültigkeit ver- riethen. Sie wandte sich nun wieder zu dem Gegenstande, der so lange ihre Seele belastet hatte, und der wahrscheinlich in Augenblicken, wo sie todt für Alles um sie her schien, ihren Geist beschäftigte. Merkwürdig war es, daſs die innere Thätigkeit des Geistes einen solchen Ein- flufs auf ihre körperlichen Kräfte und ihr Ner- vensystem äusserte, daſs, ihrer sonstigen Taub- heit ungeachtet, jedes Wort, welches Glenallan während dieser merkwürdigen Unterredung sprach, obgleich dies mit dem leisesten Tone der Angs: und des Schauders geschah, so deutlich in Els- beths Ohr klang, als es nur in einer frühern Pe- riode ihres Lebens der Fall gewesen seyn würde. Sie selbst sprach ebenfalls schr deutlich, bestimmt und langsam, als wünsche sie sehnlichst, dafs ihre Mitthcilung genau aufgefafst werden möchte. Auch vermied sie jene Weitschweifigkeit und Redseligkeit, welche Personen ihres Geschlechts und Standes sonst eigen zu seyn pflegt. Kurz, ihr ganzer Vortrag zeugte von einer bessern Erzie- 1 hung, so wie einem ungewöhnlich festen und ent- schlossenen Wesen, und einem Character, in dem sich grofse Tugenden und grofse Laster wohl vereint denken lieſsen. Den Inhalt ihrer Mitthei- lung wollen wir bis zum folgenden Capitel ver- sparen. 183 2——— ℳ—ℳqℳ——— ℳℳ———— Drey und dreyſsigstes Kapitel. Gewissensbisse schlummern nie!— Sie folgen, Gleich einem blut gen Spürhund unsrem Tritt, Durch's wilde Labyrinth des Jugendwahnsinns-- Oft unbemerkt, bis uns das Alter zähmt. Dann, auf dem Lager, wo mit starren Gliedern. Wir ruhn, zum Kampf unfähig, wie zur Flucht, Tönt uns ihr hohler Zuruf, der uns W eh Und Straf' und Zorn verkündet, die uns droh'n. Altes Schauspiel. „Ich brauche nicht zu sagen,“ begann die Alte, indem sie sich zu dem Grafen von Glenallan wandte,«dafs ich der Liebling und die Vertraute Joscelinden's, Cräfin von Glenallan, war— Cott hab' sie selig!“— Hier bekreuzte sie sich.— Auch glaub' ich, Ihr werdet's nicht vergessen haben, dafs ich ihr Wohlwollen viele Jahre lang genofs. Ich vergalt dies durch die treu'ste An- hänglichkeit; allein ich fiel in Ungnade wegen eines unbedeutenden Beweises von Ungehorsam, der Eurer Mutter von einer Person hinterbracht wurde, welche glaubte— und zwar nicht mit Unrecht— dafs ich ihre Handlungen und die Eurigen auszuspähen suchte.“ 1 «Ich sage Dir, Weib,“ rief der Craf mit einer vor Zorn bebenden Stimme, anenne ihren Namen nicht in meiner Gegenwart!“ Ich mufs!“ versetzte die Beichtende gefaſst und ruhig;«wie könntet Ihr mich sonst ver- stehen P'* Der Craf setzte sich auf einen von den in der Hütte befindlichen hölzernen Stühlen, drückte den Hut tief in's Gesicht, ballte die Hände und biſs die Zähne zusammen, wie Jemand, der sei- nen ganzen Muth zusammennimmt, um eine schmerzhafte Operation auszuhalten. Er gab ihr hierauf einen Wink, daſs sie fortfahren möge. «Ich sag' also,“ versetzte die Alte,„daſs ich meiner Cebicterin Ungnade hauptsächlich der Miſs Ereline Neville zu verdanken hatte, die da- mals zu Glenallan-House als die Tochter eines Geschwisterkindes und genauen Freundes Eures Vaters, der schon gestorben war, erzogen wurde. Ihre Geschichte schwebte in geheimnifsvollem * 185 Dunkel; wer hätt' es indefs gewagt, weiter zu forschen, als es der Gräfin selbst gefiel, darüber zu sprechen? Alle in Glenallan-House liebten Miſs Neville— zwey ausgenommen— Eure Mutter und ich— wir beyde hafsten sie.“ «Weshalb denn aberb Wo gab es denn in der Welt ein sanfteres, gütigeres Wesen, so ganz dazu geschaffen, um Zuneigung einzuflöſsen b“ «Das mag immerhin seyn,“ enigegnete Els- beth;«aber Eure Mutter hafste einmal Alles, was aus Eures Vaters Familie kam; ihn selbst aus- genommen. Die Veranlassung dazu gaben Strei- tigkeiten, welche sie mit jener Familie gleich nach ihrer Heyrath hatte; die nähern Umstände thun hier nichis zur Sache. Doppelt aber hafste sie Eveline Neville, als sie bemerkte, dafs zwi- schen Euch und dem unglücklichen Mädchen sich eine zärtliche Neigung entspann. Ihr werdet Euch erinnern, daſs der Gräſin Miſsvergnügen sich anfänglich nur in einem kalten Widerwillen äusserte; wenigstens bemerkte man nichts weiter. Endlich aber brach es in so heftige Aeusserungen aus, dafs Mifs Neville sich genöthigt sah, in dem Schlosse Knockwinnock, bey Sir Arthurs Gemah- lin— Coit segne sie!— welche damals noch lebte, eine Zuflucht zu suchen.“ 3 «Ihr zerreifst mir das Herz, indem Ihr alle diese Umstände in meiner Seele zurückruft!— Aber fahrt nur fort! O daſs doch meine jetzige 186 Qnal als ein Zusatz zu der Reue über das un- willkührliche Verbrechen angenommen werden möchte!“ Sie war einige Monate abwesend gewesen,“ fuhr Elsbeth fort,«als ich eines Nachis noch in meiner Hütte wach geblieben war, und auf die Rückkehr meines Mannes vom Fischfange harrte. Ich vergoſs bittre Thränen, welche mir mein stol- zer Sinn auspreſste, wenn ich an meine Ungnade dachte. Die Thür ging auf, und herein trat die Cräfin, Eure Mutter. Ich glaubt', ich säh' ei- nen Geist, denn eine solche Ehre hatte sie mir, selbst zu der Zeit, da ich bey ihr in Cunst stand, nicht erwiesen. Sie sah blafs und gespenstisch aus, gleichsam, als wäre sie aus dem Grabe er- standen. Sie setzte sich nieder, rang das Wasser aus ihrem Haar und Mantel; denn es fiel ein Staub- regen, und sie war durch die Pflanzungen gegan- gen, die vom Thau perlten. Ich erwähne dies Alles blos, um Euch zu zeigen, wie deutlich mir diese Nacht im Gedächtnisse geblieben ist, und wohl stets bleiben wird. Ich erstaunte sehr, als ich sie sah, wagte indeſs Anfangs nicht mehr zu sprechen, als ob ich eine Erscheinung gesehen hätte— ich wagt' es nicht, Mylord, ich, die ich doch so manches Furchtbare gesehen hatte, ohne davor zurickzubeben. Nach einem kurzen Schweigen sagte sie:«Elsbeth Cheyne— denn sie pflegte mich immer bey meinem Mädchenna- 187 men zu nennen— seyd Ihr nicht die Tochter von jenem Reginald Cheyne, welcher, um sei- nen Herrn, den Lord Glenallan, zu retten, auf dem Schlachtfelde von Sheriffmuir sein Leben liefs.“ Ich aber entgegnete nicht minder stolz: Eben so gewifs, als Ihr die Tochter jenes Grafen von Glenallan seyd, den mein Vater an jenem Tage, mit Aufopferung seines eignen Lebens, rettete.“ Hier machte sie eine lange Pause. Und was folgie? Was folgte nun p'' rief der Graf. Um des Himmels Willen, gute Frau— doch warum nenn' ich Euch sop— Cut oder schlecht— ich gebiete Dir, rede!** Ich würde auf irdischen Befehl wenig achten,"“ versetzte Elsbeth,«hätte nicht wachend und im Schlaf eine Stimme mir zugerufen, und mich un- widerstehlich angetrieben, diese traurige Ge- schichte zu erzählen.— Nun, Mylord, die Grä- fin sagte zu mir: Mein Sohn liebt Eveline Ne- ville— sie sind einig— haben sich verspro- chen! Wenn sie einen Sohn bekommen, so geht mein Recht auf Glenallan zu Crunde; ich sink' in diesem Augenblick von einer herrschenden Gräfin zu einer elenden pensionirten Wittwe herab— ich, die ich meinem Gemahl Land und Vasallen, edles Blut und alten Ruhm zugebracht habe, mufs aufhören, Herrin zu seyn, sobald mein Sohn einen männlichen Erben bekommt. Und gleichwohl würd' ich es ertragen, wenn er nur nicht eine von den verhafsten Neville's ge- wählt hätte. Aber daſs sie, gerade sie und ihre Nachkommen das Ansehn und die Rechte mei- ner Vorfahren genieſsen sollen, das geht mir durch's Herz, wie ein zweyschneidiger Dolch. Und dieses Mädchen— ich verabscheue sie— ich»... Mein Herz entbrannte bey diesen Wor- ten, und ich erwiederte, dafs mein Hais dem ihrigen ganz gleich sey.“* „Elende!“ rief der Craf, trotz seines Ent- schlusses zu schweigen,«Elende! welchen Grund konntest Du haben, ein so holdes, unschuldiges. Wesen zu hassen?. alch haſste, was meine Gebieterin haſste,* entgegnete Elsbeth,«wie es unter den Vasallen des Hauses Clenallan die Sitte mit sich brachte; denn, obgleich ich mich auch unter meinem Stande verheyrathete, Mylord, so ging doch kei- ner Eurer Vorfahren in's Schlachtfeld, ohne dafs ihm ein Vorfahr der gebrechlichen, abgelebten, blödsinnigen Alten, welche jetzt mit Euch spricht, den Schild vorgetragen hätte.— Aber das war es nicht allein,“ fuhr die Alte fort, deren irdi- sche, niedrige Leidenschaften bey dem Feuer, worin sie durch ihre Erzählung gerieth, wieder erwachten;«das war es nicht allein! Ich haſste Mifs Eveline Neville ihrer selbst willen. Ich brachte sie nämlich von England herüber, und 189 während unsrer ganzen Reise spottete sie über meinen nordischen Dialekt und über meine Klei- dung, wie es die südländischen Mädchen nebst ihren Gespielinnen dort in den sogenannten Kostschulen zu thun pflegen— genug, sie ver- spottete und verachtete mich; doch mögen die, welche den Tartan*) schmähen, sich vor dem Dol- che hüten.* Es war übrigens sonderbar, dafs die Alte von einer Kränkung, die ihr ein unbesonnenes, eben aus der Schule gekommenes Mädchen, ganz ohne Absicht zugefügt, mit einem solchen Hafs und einer solchen Erbitterung sprach, die, nach ei- ner so langen Zeit, selbst bey einer tödtlichen Beleidigung, in einem wohlwollenden Gemüth sich weder rechtfertigen liefse, noch sich über- haupt darin geregt haben würde. Nachdem die Alte eine Weile geschwiegen, fuhr sie fort:«Ich läugne indeſs nicht, dafs ich sie mehr hafste, als sie es verdiente. Meine Ge- bieterin, die Gräfin, bestand fest auf ihrem Sin- ne, und sagte: Elsbeth Cheyne! Der ungehor- same Bube wird sich mit dem falschen Engli- ²) Ein Kleid der Hochländer oder Bergschotten, das aus einem Stück Zeug von geschorener Wolle ba- steht, wie Camelot, bunt und kreuzweise gestreift. A. d. Uebers. 190 schen Blute vermählen— wär' es noch wie sonst, so könnt' ich sie in den Kerker von Glenallan werfen, und ihn in den Zwinger von Strathbon- nel sperren lassen. Aber die Zeiten sind vor- über, und die weiland von den Edlen des Lan- des ausgeübte Gewalt, die sie auch jetzt noch ausüben sollten, ist nun spitzfindigen Rechitsge- lehrten und ihren elenden Gehulfen anvertraut. Höre mich an, Elsbeth! Wenn Du Deines Va- ters Tochter bist, wie ich die des meinen, so hoff' ich schon Mittel zu finden, diese Vermäh- lung zu hintertreiben. Sie geht öfters an der Klippe spazieren, welche über deine Wohnung herabhängt, um nach dem Bodt ihres Geliebten zu schauen— Ihr wiſst wohl noch, Mylord, wie gern Ihr damals auf der Sce warett— Laſs ihn sie vierzig Faden tiefer ſinden, als er sie er- wartet!— Ja, bebt nur, und schaudert, und ringt die Hände— so gewilſs ich vor dem ein- zigen Wesen stehen werde, das ich je fürchtete — ol daſs ich es mehr gefürchtet hätte!— das waren Eurer Mutter eigene Worte. Was könnt' es mir auch nützen, wenn ich Euch belöge?— Aber ich wollte meine Hand nicht mit Blut be- flecken.— Darauf sagte sie: Bey der Religion unserer heiligen Kirche, sie sind überdies noch au nahe mit einander verwandt! Aber ich erwarte nichts anders, als dafs Beyde Ketzer und ungehorsame Verworfene werden! Damit 191 verstärkte sie ihre Ueberredungsgrinde. Wie nun aber der böse Feind stets in solchen Kö- pfen, wie der meinige, geschäftig ist, so sagt ich unglücklicherweise: Vielleicht könnte man. es dahin bringen, daſs sie sich selbst für so nahe verwandt halten müſsten, daſs kein christ- liches Gesetz ihre Verheirathung erlauben kann Bey diesen Worten stieſs der Craf einen so durchdringenden Schrey aus, daſs das Dach der Hütte zu zittern schien. Ach! so war denn Eveline Neville nicht die— die—* «Die Tochter Eures Vaters, wollt Ihr sagen P fuhr Elsbeth fort.«Nein! Ihr müſfst die Wahr- heit erfahren, mag sie Euch Qual oder Trost bereiten. Sie war eben so wenig die Tochter Eures Vaters, als ich es bi 1“ Betrüge mich nicht, Weibl“ rief d: Craf. „Lafs mich nicht das Andenken meiner lutter, die ich eben erst zur Cruft begleitet habe, ver- wünschen, weil sie an einem so furchibaren, höllischen Complott Theil genommen—* a Bedenkt, zrd Geraldin, eh' ihr das Anden- ken theurer, veoustorbener Verwandten verwünscht. ob nicht Jemand von dem Blute der Glenallans noch am Leben ist, dessen Vergehen diese furcht- bare Catastrophe vorbereitet haben 5 Meynst Du meinen Bruder P“ sagte der Graf; der ist ebenfalls todt.* 19² „Nein,v versetzte die Sybille;«Euch selbst meyn' ich!, Lord Geraldin. Hättet Ihr nicht den kindlichen Gehorsam aus den Augen gesetzt, als Ihr Euch mit Eveline, während ihres Aufenthalts in Knockwinnock, heimlich vermähltet, so wür- den unsre Vorkehrungen Euch wohl auf einige Zeit getrennt haben; allein Euer Kummer würde doch nicht durch Gewissensbisse vergiftet worden seyn. Aber Euer eigenes Benehmen hatte die Waſfen vergiftet, die wir gegen Euch führten, und sie verwundeten Euch um so tiefer, je blin- der Ihr selbst hineinranntet. Wäre Eure Ehe öffentlich und anerkannt gewesen, so hätten wir unsre List, Euch ein unübersteigliches Hindernifs in den Weg zu legen, auf keinen Fall ausfüh- ren können.“* „Cott im Himmel!“ rief der unglückliche Lord;«jetzt sinkt mir die Binde von den Augen! Nun versteh' ich erst die zweifelhaften Winke des Trostes, die meine unglückliche Mutter fal- len liefs, und die unmittelbar dahin zielten, die Bewcise der furchtbaren Schuld zu schwächen, deren ich mich, durch ihre Künste verleitet, für theilhaftig hielt.“. 3 „Sie konnte sich nicht deutlicher erklären,* sagte Elsbeth,«ohne ihren eigenen Betrug ein- zugestehen, und würde sich cher von Pferden haben zerreissen lassen, als das, was sie gethan, enthüllt haben, und, wäre sie noch am Leben — 193 se hätt' auch ich um ihreiwillen mich keines- wegs dazu verstanden. Wohl gab es in dem Ge- schlecht der Glenallans starke und kühne Herzen, Männer wie Weiber, und so waren auch Alle, die in alten Zeiten das Losungswort L.o chnaben hatten— Schulter an Schulter gedrängt, stan- den sie im Kampf. Nie wich Einer, aus Cewinn- sucht oder aus dem Gefühl für Recht und Un- recht, von seinem Führer. Blindlings folgten sie ihm. Die Zeiten aber haben sich verändert, wie ich höre.* Der unglückliche Lord war zu sehr in seinen eignen verwirrten und zerstreuten Gedanken ver- tieft, als daſs er den rohen Ausdruck wilder Treue hätte beachten sollen, worin, selbst am Ziele des Lebens, die unglückliche Urheberin seines Leidens eine feste und sichre Quelle des Trostes zu finden schien. «Crofser Gott!“ vief er;«so bin ich denn frey von der furchtbarsten Schuld, mit der ein Mensch sich beflecken kann, einer Schuld, deren Bewuſst- seyn, wenn sie gleich nicht mit Willen geschah, meine Ruhe wwergraben, meine Gesundheit zer- stört, und mich einem frühen Grabe entgegen- geführt hat. Empfange denn— rief er inbrün- stig, den Blick zum Himmel emporgerichtet— empfange denn in tiefer Demuth meinen Dank! So clend mein Leben auch ist— ich sterbe doch wenigstens nicht befleckt mit dieser unnalürlichen 27- N 194 Schuld.— Du aber, wenn Du noch mehr zu er- zählen hast, fahre fort, so lange Du Athem hast zu reden, und ich Kraft, Dich anzuhören.* „Ja," sagte die Alte, die Augenblicke, wo Ihr mich anhören könnt, und ich im Stande bin, mit Euch zu sprechen, entfliehen nur zu schnell. Der Tod hat bereits Eure Stirn mit seinem Fin- ger gezeichnet, und auch ich fühle, daſs seine Hand mit jedem Tage kälter an mein Herz greift. — Vnterbrecht mich nicht mehr mit Euren Aus- rufungen, Seufzern und Vorwürfen, sondern laſst mich meine Erzählung vollenden. Dann aber— wenn Ihr anders ein solcher Lord von Glenallan seyd, wie sie zu meiner Zeit lebten— dann laſst Eure Possenreifser Dornen und Reisig und grüne Stechpalmen zusammenhäufen, bis es ein Haufen wird, Thurm hoch, und dann— verbrennt, ver- prennt, verbrennt die alte Hexe Elsbeth, und alles, was Euch daran erinnern könnte, daſs je ein solches Geschöpf auf Erden herumbroch!? Fahre fort,“ sagte der Graf,«fahre fort! Ich will Dich nicht wieder unterbrechen.“ Er sprach diese Worte in alb ersticktem, wenn gleich entschlossenem Tone, mit dem fe- sten Vorsatze, dafs er durch keine Empfindlich- keit von seiner Seite die Gelegenheit verscherzen wollte, Beweise für die wunderbare Geschichte zu erhalten, die er jetzt vernahm. Elsbeth fühlte sich indeſs durch die fortlaufen- 195 de Erzählung von nicht unbeträchtlicher Länge gänzlich erschöpft; der folgende Theil ihrer Ge- schichte war daher abgebrochener, und wenn auch in den meisten Eällen verständlich, fehlte es ihm doch an jener Kfacheit und Besummtheit, welche sich in dem ersten Theile in so hohem Grade entfaltet hatte. Lord Glenallan sah sich daher, nach einigen vergeblichen Versuchen, wel- che die Alte gemacht hatte, in ihrer Erzählung fortzufahren, genöthigt, ihrem Gedächtnisse zu Hülfe zu kommen, und sie zu fragen, welche Beweise sie für die Wahrheit dessen beybringen könne, was von ihren ursprünglichen Aussagen so sehr verschieden sey.. «Die Beweise von Evelinen's wahrer Herkunft,“ versetzte sie,«befanden sich im Besitze der Grä- fin, welche Gründe hatte, sie einige Zeit geheim zu halten. Falls sie die Documente nicht selbst vernichtet hat, s müssen sie sich in dem linken Schubfache des Schrankes von Ebenholz befinden, der in dem Ankleidezimmer der Gräfin stand. Sic wollte dieselben so lang, unterdrücken, bis Ihr Euch in's Ausland begeben hättet, wo sie dann hoffte, vor Eurer Rückkehr Mifs Neville wieder in ihre Heimath zu senden, oder verhey- rathen zu können.“ „Aber zeigtet Ihr mir nicht Briefe von der Haud meines Vaters, welche, wie mir schien— wenn mich nicht in dem schrecklichen Augen- 196 blicke alle meine Sinne verlieſsen— seine Ver- wandtschaft mit— mit der Unglücklichen bestä- tigten 9* Das thaten wir allerdings; und wie konntet Ihr und sie, bey meisem Zeugnisse, daran zwei- feln? Die wahre Erklärung dieser Briefe hielten wir indefs zuriück: dafs nämlich Euer Vater, we- gen einiger unter ihnen obwaltenden Familien- ursachen, wünschte, dafs das junge Mädchen ei- ne Zeitlang für seine Tochter gelten möchte.* «Als Ihr indeſs unsre Verbindung erfuhrt, war- um beharrtet Ihr denn bey diesem furchtbaren Betruge?“. «Nicht eh', als erst ELady Glenallan,» erwie- derte sie,«die falsche Erzählung Euch mitgetheilt hatte, stieg in ihr der Verdacht auf, daſs Ihr wirklich vermählt seyn möchtet; auch gestandet Ihr ja nicht offen, ob die Trauung wirklich voll- zogen sey, oder nicht. Erinnert Euch nur— o Ihr mäſst's Euch genau erinnern, was bey je- ner furchtbaren Zusammenkmunft vorfiel ¹ Weib! Hast Du nicht auf's Evangelium die Thatsache beschworen, welche Du jetzt läugnest 5 «Das hab' ich gethan, und würde noch einen gröfsern Eid geleistet haben, wenn es einen ge- geben hätte. Und wenn es mein Blut— wenn es meine Seligkeit gegolten hätte, ich w ürde dem Hause Glenallan meine Dienste nicht entsogen haben!* 3 V 197 Elende! Den furchtbaren Meineid, den noch furchtbarere Folgen begleiteten— den hältst Du für einen dem Hause Deiner Wohlthäter gelei- steten Dienst?o 7 „Ich diente ihr, die- damals das Haupt des Hauses war, da sie meine Dienste verlangte. Die Ursache hatte sie mit Gott und ihrem Gewissen auszumachen, ich die Art der Ausführung mit ihm und dem meinigen. Sie ist zur Rechenschaft gefordert worden, und ich muls folgen— wiſst Ihr nun Alles?“ „Nein,“ enigegnete Lord Glenallan,«Ihr habt mir noch mehr mitzutheilen— müfst mir erzäh- len, wie der Engel starb, den Euer Meineid zur Verzweiflung trieb, befleckt, wie er wähnte, mit einem so schrecklichen Verbrechen. Sprecht wahr und offen! War der furchtbare, schreck- liche Vorfall»— er konnte kaum die Worte herausbringen— 8 wie er erzählt wird, oder war er das Werk einer noch weiter getriebenen, wenn auch nicht schrecklichern Grausamkeit, von andern Händen ausgeübtd“ Ich versteh' Euch,» sagte Elsbeth;«aber die Sage ist wahr. Unser falsches Zeugniſs war al- lerdings Ursache, sber die That war die Folge ihrer eigenen Geisteszerrüttung. Bey jener furchts haren Enthüllung, als ihr von der Gräfin hinveg. sturztet, Euch auf's Pferd warft, und blitzschnell aus dem Schlosse fortsprengtet, damals hatte die 198 Gräfin Eure heimliche Vermählung noch nicht entdeckt; sie wufste noch nicht, daſs diese Ver- mählung, die sie durch jene schreckliche Erdich- tung hindern wollte, bereits vollzogen war. Ihr floht ja aus dem Hause, als ob Feuer vom Him- mel darauf niederfallen sollte, und Miſs Neville wurde halb bewufstlos der Obhut einer Wärterin übergeben. Diese schlief indeſs ein, und die Gefangene wachte. Das Fenster war oflen— der Weg lag vor ihr— dort ragte die Klippe empor, und dort war die See— Ach! wann, wann werd' ich das vergessen!“ «Sie starb demzufolge so, wie die Sage berich- tetd?» fragte der Graf. 4 «Nein, Mylord! Ich war nach der Bucht ge- gangen. Die Fluth war eingetreten, und diese stieg, wie Ihr Euch erinnern werdet, bis an den Fuſs der Klippe— und das war eine groſse Be- quemlichkeit für meines Mannes Gewerbe— doch wo gerathe ich hin?— Ich sah einen weis- sen Cegenstand sich von dem Gipfel der Klippe, wie eine Seemöve, durch den Nebel herunter- schwingen, und der laute Fall ins Wasser, so wie der Schaum überzeugte mich, daſs ein mensch- liches Wesen hinabgestürzt seyn müsse. Ich war kühn und kräftig, und mit der Fluth vertraut. Ich sprang also hinein, ergriff sie beym Gewande, zog sie empor, und irug sie auf meinen Schul- tern— auf denen ich damals leicht zwey ihres 199 Gleichen hätte tragen können— in meine Hütte, wo ich sie auf's Beit legte. Es kamen Nachbaren hinzu, und leisteten mir Beystand; allein die Worte, welche sie in ihren Anfällen ausstiefs, als sie wieder sprechen konnte, waren von der Art, dafs ich die Leute entfernen, und die sache nach Glenallan-House berichten mufste. Die Cräfin sandte sogleich ihre Spanische Dienerin Therese— wenn der böse Feind je auf Erden in menschlicher Gestalt wandelte, so war es in der ihrigen. Sie und ich sollten das unglückliche Mädchen hüten, und Niemand zu ihr lassen. Goit weiſs, was Therese sonst noch für Befehle erhalten, sie hat mir's nicht gesagt— allein der Himmel nahm das Ende selbst über sich. Die Geburtswehen ergriſfen sic vor der Zeit; sie ge- bar einen Knaben, und starb in meinen Armen — in den Armen ihrer tödtlichsten Feindin!— Ja, ja, weint Ihr nur! Es war ein schönes Ge- schöpf! Aber ich, die ich damals nicht um sie weinte, sollte nun um sie trauern? Nein! Nein! Ich liefs Theresen bey der Leiche und dem Knaben zurück, und machte mich auf den Weg, um die Befehle der Gräfßn zu vernehmen. Da es schon spät war, lieſs ich sie wecken, und sie befahl mir, auch Euren Bruder zu wecken— Meinen Bruder?— Ja, Lord Geraldin, Euren Bruder, den sie, wie man hie und da sprach, zu ihrem Erben 200 wünschte. Auf alle Fälle war er diejenige Per- son, welche die Erbfolge des Hauses Glenallan am nächsten anging.“ «Aber wie ist es möglich zu glauben, daſs mein Bruder, aus Begierde, die Hand nach meinem Erbe auszustrecken, sich zu einer so niedrigen und schrecklichen List hergegeben haben sollteb «Eure Mutter glaubte es,v erwiederte die Alte mit teuflischem Lächeln; es war kein Plan von meiner Erfindung— was sie aber thaten oder sagten, will ich nicht verrathen, weil ich es nicht hörte. Lang' und lebhaft besprachen sie sich in dem schwarzgetäfelten Staatszimmer mit einander, und als Euer Bruder durch das Gemach ging, wo ich stand, schien es mir— und es hat mir seitdem öfters so geschienen— als ob das Feuer der Hölle ihm auf den Wangen und in den Augen brannte. Allein auch der Mutter hatte er etwas davon zurückgelassen, denn sie trat, wie eine Wahnsinnige, in das Gemach, und ihre ersten Worte waren: Elsbeth Cheyne, hast Du je eine frisch aufgebrochene Blume ab- gepflücktb Ich antwortete, wie Ihr denken könnt: Ja, öfters!— Nun dann wirst Du auch am be- sten wissen, fuhr sie fort, wie der unächte und ketzerische Spröfsling zu vertilgen ist, der diese Nacht, dem edlen Hause meines Vaters zur Schande, geboren ward. Sieh hier— dabey gab Sic mir eine goldene Nadel— nur Cold darf das 201 Blut der Glenallans vergiefsen. Dies Kind ist schon so gut als todt, und da Du und Therese allein wissen, daſs es lebt, so handelt jetzt, wie Ihr es gegen mich verantworten könnt.— Wä⸗ thend wandte sie sich von mir, und lieſs die Na- del in meiner Hand zurück. Hier ist sie! Diese Nadel und der Ring von Miſs Neville sind das Einzige, was ich von meinem schlecht erworbe- nen Gute aubbewahrt habe, und ich hatte mir viel erworben. Und treu hab' ich das Geheim- niſs bewahrt, und nicht um Coldes oder sonsti- gen Gewinnstes willen hätt' ich es verrathen.“ Mit der iangen, dürren Hand reichte sie hier- auf dem Lord Glenallan eine goldene Nadel, an der er noch im Geiste das Blut seines Kindes herabträufeln sahe. Elende!“ rief der Graf,«Du hattest wirklich den Muth dazu bn Ob ich ihn gehabt haben würde oder nicht, das weiſs ich nicht. Halb bewulstlos kehrte ich in meine Hütte zurück. Therese und das Kind waren verschwunden— Alles Lebende war fort, und der entseelte Leichnam allein zurückge- blieben.* „Erfuhrst Du denn nie etwas von dem Schick- sal meines Kindes «Blos vermuthen konnt' ich's. Ich hab' Euch Eurer Mutter Absicht entdeckt, und ich weiſs, Therese hatte eine teuflische Natur. Man sah sie 202 seit jener Zeit nicht mehr in Schottland, und ich habe gehört, dafſs sie in ihr Vaterland zurückge- kehrt sey. Ein dunkler Schleyer ruht über der Vergangenheit, und die Wenigen, welche etwas davon erfuhren, konnten blos Verführung und Selbstmord ahnen. Ihr selbst—* „Ich weiſs, ich weiſs Alles!“ entgegnete der Graf. „Ihr wiſst auch nun Alles, was ich Euch sagen kann— und nun, Erbe von Glenallan, könnt Ihr mir vergeben?* Bittet nicht Menschen— bittet Gott um Ver- gebung!“ sagte der Graf, sich wegwendend. Wie soll ich von dem Reinen und Makellosen das erflehen, was mir ein Sünder, wie ich selbst bin, versagt? Ich habe gesündigt, hab' ich aber nicht auch gebüſst? Hab' ich jemals einen Tag Ruh' und Frieden gehabt, seitdem die langen, nassen Locken auf meinem Kissen zu Craigburn- foot ruhten 5 Ist nicht mein Haus, mit meinem Kind in der Wiege, abgebrannt 5 Sind niche meine Böte untergegangen, indefs andere dem Sturm Trotz boten? Hat nicht Alles, was mir theuer und nahe war, meiner Sünden halber ge- littenb Hat nicht das Feuer, der Wind, die See ihren Theil genommenp Ach!? setzte sie mit langem, tiefem Seufzer hinzu, indem sie zum Him- mel emporblickte, und gleich darauf ihr Auge niederschlug; ach! dals doch auch die Erde ih- 203 ren Theil nähme, der sich schon lange gesehnt hat, mit ihr vereinigt zu werden!“ Lord Glenallan hatte die Thür der Hütte er- reicht; allein sein Edelmuth erlaubte ihm nicht, das unglückliche Weib zu verlassen, ohne ihre Verzweiflung zu lindern.«Möge Cott Dir eben so vergeben, unglückliches Weib,“ sagte er, als ich Dir aufrichtig verzeihe! Ihn, der sie Dir allein verleihen kann, bitt' um Gnade, und möge Dein Gebet so erhört werden, als ob es mein eigénes wäre.— Ich will Dir einen Geist- lichen senden.“ „Nein! Nein! keinen Priester! keinen Prie- ster! rief sie heftig aus. Die Thür der Hütte öffnete sich, und hinderte sie weiter zu sprechen. —L—KqKMV—B——Cℳ—BWVN——MOAů* . 4 Vier und dreyſsigstes Kapitel. Die todte Hand, geballt, hält noch das Eisen Das seines aters Herz durohbohrt— gleich- wie Das abgehau'ne und begrab'ne Glied 4 Noch mit dem Stumpf' aft in Verbindung steht, An dem die Verven halb gelähmt noch zucken. Alles Schauspiel. Der Alterthumsforscher hatte sich, wie wir am Schlusse eines der frühern Capitel erwähnten, von der Gooellschaft Sr. Wohlehrwürden, des Herrn Blattergowl, losgemacht, obgleich dieser sich erboten hatte, ihn mit einem Auszuge aus der besten Rede zu unterhalten, die er je in dem Zehent-Gericht gehört, und welche der Procu- rator der Kirche in dem merkwürdigen Falle der plarrey von Gatherem gehalten habe. Dieser Ver- 205 suchung widerstehend, schlug der alte Herr ei- nen einsamen Fufspfad ein, der ihn zu Muckle- backit's Hütte fuührte. Als er sich derselben nä- herte, bemerkte er einen Mann, der mit der Reperatur eines Bootes emsig beschäftigt schien, und war nicht wenig erstaunt, als er Muckle- backit selbst erkannte. «Ich freue mich,“ sagte Oldbuck mit theilneh- mendem Tone,«daſs Ihr Euch zu der Arbeit da aufgelegt fühltPn „Was bpleibt mir denn anders zu thun übrig,“ versetzte der Fischer unmuthig,«wenn ich nicht vier Kinder will sterben sehen, weil eins ertrun- ken istb Ihr vornehmen Leute könnt wohl zu Hause sitzen, und Euch das Tuch vor die Augen halten, wenn Ihr einen Freund verloren habt; allein unser eins mufs schon wieder an die Ar- beit gehen, und wenn uns das Heræ auch so stark schlüge, wie mein Hammer hier.»* Ohne von Oldbuck irgend weiter Notiz zu neh- men, ging er wieder an seine Arbeit, und der Alterthumsforscher, dem die Aeusserung der menschlichen Natur unter dem Einfluſs erschüt- ternder Leidenschaften nichts weniger als gleich- gültig war, blieb schweigend neben ihm stehen, als beobachte er das Fortschreiten der Arbeit. Mehr als einmal bemerkte er, wie sich die star- ren Züge des Mannes, gleichsam durch die Ge- walt des Zusammenhangs mit der Handlung, in 206 Bewegung setzten, um den Ton des Hammers und der Säge mit einer gewöhnlichen, einfachen Melodie zu begleiten, die er vor sich hin zu brum- men oder zu pfeifen pflegte, und wie eben so oft ein krampfhafter Ausdruck seiner Gesichtszüge verrieth, dafs ehe der Ton noch über seine Lip- pen kam, er sich durch einen plötzlichen Gedan- ken veranlafst fand, ihn zu unterdrücken. Als er endlich einen groſsen Riſs ausgebessert hatte, und sich nun an einen zweyten machen wollte, schienen seine Empfindungen so stark zu werden, dafs sie ihm die zur Vollendung seiner Arbeit nöthige Aufmerksamkeit entzogen. Das Stück Holz, welches er aufnageln wollte, war Anfangs zu lang, als er es darauf absägte, wiederum zu kurz, und ein anderes, welches er wählte, paſste ebenfalls nicht. Endlich warf er's ärgerlich weg, wischte sich mit zitternder Hand das nasse Auge, und rief: Es mufs ein Fluch auf mir, oder dem alten Boote liegen, das ich so oft an's Ufer gezogen und ausgebessert habe! Hat mir's doch endlich meinen armen Steenie ertrinken lassen! Ey, so hol's auch der—* Mit diesen Worten warf er seinen Hammer gegen das Boot, als hätte es absichtlich sein Un- glück herbeygezogen. Was hilft mir's aber,“ fügte er nach einigem Besinnen hinzu, dafs ich mich gegen ein Ding erzürne, das weder Seele noch Gefühl hate Bin — 207 ich doch selbst nicht viel besser. Das Boot ist ein Haufen alter, verfaulter Bretter, und in Sturm und Wetter herumgeschleudert worden, und ich bin ein alter Kerl, zu Land und Wasser in jedem Wind und Weiter umhergetrieben, und hatte nicht mehr Verstand, als das Ding dab— Es muſs doch wieder ordentlich in Stand gesetzt werden bis morgen früh zur Fluth— das kann Alles nichts helfen!» Hierauf suchte er seine Werkzeuge zusammen, und machte sich von Neuem an die Arbeit. Old- buck aber ergriff freundlich seine Hand, und sagte:«Laſs gut seyn, Saunders! Das ist heut“ keine Arbeit für Dich! Ich werde den Zimmer- mann Shavings hinunterschicken; der soll das Boot wieder zurecht machen, und das Arbeitslohn auf meine Rechnung setzen. Auch ist's wohl am besten, wenn Ihr morgen früh zu Hause pleibt, und Eure Familie in ihrem Jammer tröstet. Und da soll Euch denn mein Gärtner Gemüse und Lebensmittel von Monkbarns bringen.“ aIch dank' Euch, Monkbarns!“ versetzte der arme Fischer;«seht, ich bin nur ein schlichter, gerader Mann, und kann eben nicht viel Redens machen. Von meiner Mutter hätt' ich freylich feinere Sitten lernen können; aber ich habe nie gesehen, dafs sie ihr viel geholfen hätten— in- deſs dank' ich Euch nochmals herzlich. Ihr wart immer gütig und zutraulich, was man auch von 208 Eurer Sparsamkeit und Eurem Ceiz hie und da schwatzen mag! Ich hab'’s oft gesagt— zu der Zeit, wo man das gemeine Volk gern gegen die Vornehmen aufzureizen suchte— da hab' ich oft gesagt: Niemand soll's wagen, Monkbarns auch nur ein Haar zu krümmen, so lang' Steenie und ich nur noch eine Hand rühren können— und Steenie hat's auch gesagt. Ich sag' Euch, Monk- barns, als Ihr sein Haupt zur Ruhe brachtet, Wo- für ich Euch tausendmal Dank weiſs, da habt Ihr einen wackern Menschen zur Cruft tragen sehen, der Euch sehr lieb hatte, wenn er gleich nicht viel Worte darüber machte.“*. Oldbuck, den der Stolz seines eingebildeten Cynismus im Stiche lieſs, hätte es nicht gern ge- schen, wenn er durch irgend Jemand bey dieser Gelegenheit an seine Lieblingssätze aus der stoi- schen Philosophie erinnert worden wäre. Grofse Tropfen fielen schnell hinter einander aus seinen Augen, als er den Vater, der bey dem Andenken an die muthige und edelmüthige Cesinnung sei- nes Sohnes in Thränen zerfloſs, bat, sich keinem vergeblichen Grame zu überlassen, und ihn am Arme in seine cigene Wohnung führte, wo den Alterthumsforscher eine Scene von ganz anderer Art erwartete. Als er nämlich hier eintrat, war die erste Person, die sich ihm zeigte, der Lord Glenallan. Sie begrülsten sich beyde mit gegenseitigem — — 20⁰9 Erstaunen; Oldbuck benahm sich dabey stolz und zurückhaltend, der Graf schien verlegen. «Mylord Glenallan, wenn mir recht ist," sagte Oldbuck. Ja, aber sehr verändert, seit der Zeit, vo er Herrn Oldbuck gekannt.» «Es lag nicht in meinem Plan, mich Ihnen aufzudringen, Mylord,» versetzte der Alterthums- forscher;«ich wollte nur diese unglückliche Fa- milie besuchen!“ «Und haben Jemand gefunden,» entgegnete der Graf, der noch gröfsere Ansprüche auf Ihr Mitleid hat!? «Auf mein Mitleid? Lord Glenallan kann meines Mitleids unmöglich bedürfen, und ge- setzt, er hedürft' es, so glaub' ich kaum, daſs er es verlangen würde.“ «Unsere frühere Bekanntschaft»— sagte der Graf. «Ist schon so lange her, dauerte so kurze Zeit, und war mit so schmerzlichen Beziehungen ver- bunden, daſs wir besser thäten, glaub' ich, wenn wir sie nicht erneuerten.“ Mit diesen Worten wandte sich der Alterthums- forscher von ihm, und verliefs die Hütte; allein Lord Clenallan folgte ihm in's Freye, und trotz einem hastigen:«Guten Morgen, Mylord!“ bat er um ein Gespräch von wenigen Minuten, un⸗ 77. 3 0 3 210 um die Gefälligkeit, ihm in einer wichtigen An- gelegenheit mit seinem Rathe behülflich zu seyn. „Sie werden leicht Jemand finden, Mylord,* sagte Oldbuck,«der Ihnen besser zu rathen ver- mag, als ich, und der sich geehrt fühlen wird, sich mit Ilmen unterhalten zu dürfen. Was mich betrifft, so bin ich ein Mann, der sich von der Welt und den Geschäften ganz zurückgezogen, und eben keine groſse Freude daran hat, die ver- angenen Ereignisse seines nutzlosen Lebens wie- der aufzufrischen. Auch komm' ich— verzeihen Sie mir, dafs ich das sage— höchst ungern auf jene Periode zurück, wo ich wie ein Thor han- delte, und Sie, Mylord, wien— Er hielt plötz- lich inne. „Wie ein schlechter Mensch, wollen Sie sa- geml» erwiederte Lord Glenallan;«denn dafür müssen Sie mich wohl gehalten haben.“* «Mylord— Mylord, ich trage kein Verlangen, Ihre Beichte zu hören! versetzte Oldbuck. 3 «Aber wie, Sir? Wenn ich Ihnen nun darthun kann, dafs man mehr an mir gesündigt, als ich selbst gesündigt habe; daſs ich ein über allen Kusdruck elender Mensch gewesen bin, der in diesem Augenblicke nach einem frühen Grabe, als dem Hafen der Ruhe, sehnend blickt— sollten Sie auch dann noch das Vertrauen zuriick- weisen, womit ich in Sie dringe, da ich Ihr Er- scheinen in diesem entscheidenden Moment als einen Wink des Himmels betrachte?n 211 Seyn Sie überzeugt, Mylord, dafs ich der Fortsetzung dieser ungewöhnlichen Zusammen- kunft nicht länger ausweichen werde.“ «Ich mufs Sie also an unser gelegentliches Zu- sammentreffen, vor ungefähr zwanzig Jahren auf dem Schlosse zu Knockwinnock, erinnern; doch darf ich wohl kaum eine junge Dame, welche damals ein Mitglied der Familie ausmachte, Ih- nen in’'s Gedächtniſs zurückrufen.* 6 «Die unglückliche Miſs Eveline Neville, My- lord— ich untsinne mich Ihrer sehr genau—* „Cegen die Sie Gefühle nährten— «Sehr verschieden von denen, womit ich vor- und nachher ihr Geschlecht betrachtet habe. Ihre Artigkeit, Gelchrigkeit, ihr Vergnügen an den Studien, die ich ihr empfahl, fesselten mich mehr an sie, als sich für mein Alter— obgleich dies damals noch nicht sehr vorgerückt war— so wie für meinen ernsten Character schicken mochte. Kaum darf ich, Mylord, Sie an die mannigfache Art erinnern, wie Sie sich auf Ko- sten eines vielleicht etwas unbeholfenen und zu- rückgezogenen Mannes, den der Ausdruck von Gefühlen, die so neu für ihn waren, nur noch verlegener machte, zu belustigen pflegten, und ich zweifle nicht, daſs ie junge Dame in den wohlverdienten Spott miteinstimmte— denn das liegt einmal so in der Art der Weiber. Ich habe der schmerzlichen Umstände meiner Huldigung 212 und deren Zurickweisung deshalb gedacht, damit Sie, Mylord, sich überzeugen, dafs Alles noch frisch in meinem Gedächtnisse lebt, und nun Ihre Ceschichte, insofern ich dabey interessirt bin, ohne Bedenklichkeit und unnöthige Delica- tesse vortragen mögen.» Das will ich,“ versetzte Lord Glenallan; aber zuvor muſs ich Ihnen sagen, daſs Sie dem Anden- ken des sanftesten, gittigsten, und zugleich un⸗ glücklichsten Weibes zu nahe treten, wenn Sie annehmen, Sie habe mit der edlen Liebe eines Mannes, wie Sie ihren Spoit treiben können. Sie hat mir's oft vorgeworfen, Herr Oldbuck, dafs ich meinen Leichtsinn auf Ihre Kosten be- friedigte. Darf ich jetzt wohl annchmen, daſs Sie die Freyheiten entschuldigen, durch die Sie sich damals beleidigt fanden? Ich bin seitdem durch meinen Gemüthszustand nie in die Noth- wendigkeit versetet worden, wegen Unbesonnen- heiten eines leichten und glücklichen Tempera- ments mich zu entschuldigen.“* „Mylord, ich verzeihe Ihnen völlig,“ enigeg- nete Oldbuck.«Sie werden jetzt begreifen, dafs ich, wie alle Andern, zu jener Zeit nicht wuſste, dafs ich mich mit Ihnen zugleich um die Gunst des Fräuleins bewarb, und daſs ich wähnte, Miſs Neville befände sich in einem Zustande von Ab- hängigkeit, der ihr es wünschenswerth machen dürfte, eine angenehme Unabhängigkeit und die 210 Hand eines wackern Mannes vorzuziehen.— Al- lein ich verschwende die Zeit. Ich wünschte, dafs die Absichten Anderer, hinsichtlich Eyveli- nen's, eben so rein und edel gewesen wären, als die meinigen.“» «Herr Oldbuck, Sie urtheilen sehr hartl“ „Nicht ohne Grund, Mylord. Als ich allein, unter allen Magistratspersonen des Landes, we- der, wie Einige derselben, die Ehre hatte, mit Ihrer mächtigen Familie in Verbindung zu ste- hen, noch wie Andere klein genug dachte, sie zu fürchten— als ich einige Nachforschungen über die Todesart der Miſs Neville anstellte— ich ihue Ihnen weh„Mylord, aber ich muſs offen seyn— so muſs ich gestehen, dafs man gegen sie sehr ge- wissenlos gehandelt, und sie entweder durch eine vorgebliche Heyrath hintergangen, oder sich sehr gewaltsamer Maſsregeln bedient hat, die Beweise der wirklich vollzogenen Ehe zu unterdrücken und zu vernichten. Und ich kann nicht zweifeln, daſs diese Grausamkeit von Ihrer deite, Mylord— mochte sie nun aus freyem Willen oder von dem Einflusse der verstorbenen Gräſin herrühren— das unglückliche Mädchen zu dem verzweifelten Schritte bewogen habe, ihrem Leben ein Ende zu machen.“ Sie täuschen sich selbst durch Schlüsse, Herr Oldbuck, welche, so natürlich sie auch aus den Umständen heryorgehen, dennoch ungerecht sind. — 214 Glauben Sie mir, ich achtete Sie, selbst da, als Sie durch ihre eifrigen Bemühungen, unser Fa- milienglück auszuforschen, mich in grofse Ver- legenheit setzten. Sie zeigten sich der Miſs Ne- ville würdiger, als ich, durch den lebhaften Ei- fer, womit Sie ihren Ruf, selbst nach ihrem To- de, zu vertheidigen suchten. Allein der feste Glaube, Ihre wohlgemeynten Anstrengungen könnten blos dazu dienen, eine Begebenheit an's Licht zu ziehen, welche zu furchtbar ist, um hier näher erörtert zu werden, veranlaſste mich, meine unglückliche Mutter in ihren Plänen zu unterstützen, um jeden Beweis der rechtmäfsigen Verbindung, welche zwischen mir und Miſs Ne- ville statt gefunden hatte, bey Scite zu schaffen oder zu vernichten.— Doch— wir wollen uns hier auf dieser Bank niederlassen, denn ich bin nicht im Stande, länger zu stehen. Hören Sie mir gütigst zu! Ich will Ihnen eine ausserordent- liche Entdeckung mittheilen, die ich heut ge- macht habe.* Sie setzten sich demzufolge, und Lord Glenal- lan erzählte nun kürzlich seine unglückliche Fa- miliengeschichte, seine verheimlichte Heyrath— die furchtbare Wist, wodurch seine Mutter die bereits statt gefundene Verbindung unmöglich zu machen gedachte. Er entwickelte die Kunstgriffe, vermöge deren die Gräfin, da sie alle, auf Miſs Neville's Geburt sich beziehenden Documente in * 215 Händen hatte, nur diejenigen vorzeigte, die sich auf eine Periode bezogen, während welcher sein Vater es aus Familienursachen geschehen lieſs, daſs die junge Lady für seine natürliche Tochter galt, und zeigte, wie unmöglich es war, daſs er den von seiner. Mutter an ihm verübten Betrug, der durch die Eide ihrer Dienerinnen, Therese und Elsbeth, bestätigt worden, entdecken oder auch nur ahnen konnte. „Ich verliefs mein väterliches Haus,“ schloſs Lord Glenallan,«als ob die Furien der Hölle mich von hinnen trieben, und rannte wie ein Wahnsinniger fort, ohne dafs ich selbst wufſste, wohin. Auch kann ich mich nicht im mindesten erinnern, was ich that, oder wohin ich kam, bis ich von meinem Bruder entdeckt wurde. Ich will Sie nicht ermüden durch die Erzählung meines Krankenlagers und meiner Wiedergenesung, oder wie lang' ich versuchte, mich nach der Theilneh- merin meines Unglücks zu erkundigen, und end.- lich hörte, daſs ihre Verzweiflung ein schreckli- ches Heilmittel für alle Leiden des Lebens ge- funden habe. Das Erste, wodurch ich zur Be- sinnung kam, war, daſs ich von Ihnen Nachfor- schungen in Betreff dieser schrecklichen Angele- genheit hörte, und Sie werden sich schwerlich wundern, dafs ich demzufolge, was ich damals glaubte, auch jene Mittel, Ihren Nachforschungen Rinhalt zu thun, wodurch meine Mutter schon mhätig zu wirken begonnen hatte, billigte und 216 theilte. Der Bericht, den ich dieser, in Betreff der Umstände und der Zeugen unsrer heimlichen Verbindung, abstattete, setzte sie in den Stand, Ihren Eifer unwirksam zu machen. Der Geistliche und die Zeugen, als Personen, welche hier blos aus Gefälligkeit gegen den mächtigen Erben von Glenallan gehandelt hatten, waren nicht unem- pfindlich gegen sein Versprechen und seine Dro- hungen„ und wurden dergestalt belohnt, daſs sie kein Bedenken trugen, dieses Land mit einem andern zu vertauschen.» «Ich selbst, Herr Oldbuck,» fuhr der Unglück- liche fort,«betrachtete mich, von diesem Augen- blicke an, als ausgestrichen aus dem Buche der Lebenden, und als ausgeschlossen von allen Ver- hältnissen zur Welt. Meine Mutter versuchte auf alle Weise mich mit dem Leben auszusöhnen — selbst durch Andeutungen, welche ich mir jetzt nur so erklären kann, daſs sie Zweifel an der furchlbaren Erzählung, welche sie selbst ge- schmiedet hatte, in mir aufregen sollten. Allein ich hielt Alles, was sie sagte, für Empfindungen mütterlicher Liebe. Ich will jeden Vorwurf un- terdrücken— sie ist nicht mehr— und, wie ihre elende Mitschuldige sagt, wuſste sie nicht, wie vergiftet der Pfeil war, oder wie tief er eindrin- gen muſste, wenn er von ihrer Hand geschleudert wurde. Allein, Herr Oldbuck, wenn während dieser zwanzig Jahre ein lebendes Wesen sich auf Erden herumbewegt hat, das Ihr Mitleid verdiente, 217 so bin ich es sicher. Meine Nahrung hat mich nicht genährt— mein Schlaf nicht erquickt— mein Cebet nicht getröstet; Alles, was andern Menschen erfreulich und heilsam ist, hat sich für mich in Cift verwandelt. Der seltene und beschränkte Umgang, in dem ich noch mit An- dern stand, war mir höchst zuwider. Es war mir immer, als stecke ich mit meiner unnatürlichen und unaussprechlichen Schuld den harmlos Hei- tern, den Unschuldigen an. Es gab Augenblicke, wo ich auf andere Gedanken kam. Ich wollte mich in Kriegesabentheuer stürzen, oder den Ce- fahren Trotz bieten, welche dem Reisenden in einem fremden, rauhen Clima drohen; ich wollte mich in politische Händel mischen, und dann auch wieder, wie ein Einsiedler, in stiller Ab- geschiedenheit ein frommes Leben führen. Alle diese Gedanken kreuzten sich in meiner Seele, allein die Ausführung des einen wie des andern verlangte eine Kraft, die ich damals nicht besaſs; denn der Schlag, den ich erlitten, hatte mich gänzlick pelähmt. Ich führte daher mein Pflan- zenleben, o gut ich konnte, an einem und dem- selben Orte fort. Phantasie, Empfindung, Ur- theilskraft verminderten sich in dem Grade, als meine Gesundheit abnahm. Ich glich einem Baume, dessen Rinde man abgeschält hat; zu- erst welken seine Blüthen, dann seine Zweige, und endlich gleicht er dem saftlosen, odten Stamme, den Sie hier vor sich sehen.— Werden 218 Sie mir nun Ihr Mitleid schenken und mir ver- geben?“ «Mylord, entgegnete der Alterthumsforscher sehr bewegt,«mein Mitleid, meine Verzeihung dürfen Sie nicht erst fordern; denn Ihre unglück- liche Geschichte ist nicht nur schon an und für sich eine hinreichende Entschuldigung alles des- sen, was in Ihrem Benehmen geheimnifsvoll schei- nen möchte, sondern würd' auch, denk' ich, selbst ihre bittersten Feinde— und zu diesen hab' ich mich nie gezählt— zur Theilnahme und zu Thränen bewegen. Aber erlauben Sie mir eine Frage! Was gedenken Sie jetzt zu thun, und wie kömmt es, daſs Sie mich, dessen Meynung Ihnen doch ganz gleichgültig seyn muſs, mit Ih- rem Vertrauen bey dieser Gelegenheit beehren 5* „Herr Oldbuck,“ versetzte der Craf,«da ich nicht voraussehen konnte, von welcher Art das Bekenntnifs, das ich heute vernommen, seyn würde, so brauch' ich auch nicht zu sagen, dafs es gar nicht meine Absicht war, Sie oder Jemand anders bey einer Sache um Rath zu fragen, deren eigentliche Tendenz ich durchaus nicht ahnen konnte. Indeſs— ich bin ohne Freunde, unge- übt in Geschäften, und durch lange Zurückgezo- genheit völlig unbekannt mit den Landesgesetzen und den Sitten der jetzt lebenden Ceneration, und da ich mich nun so unerwartet in Angelegen- heitef verwickelt sehe, die ich so wenig kenne, so greif' ich, wie Siner, der nahe daran ist zu 219 ertrinken, nach der ersten besten Hilfe, die sich mir darbietet. Diese Hülfe nun sind sie, Herr Oldbuck. Ich habe Sie stets rühmen hören als einen Mann von Verstand und Einsicht— habe Ihren entschlossenen und festen Character ken- nen lernen; ausserdem aber gibt es einen Um- stand, der uns Beyde in gewisser Hinsicht einan- der näher bringen sollte; der nämlich, dafſs wir Beyde dem trefflichen Character der armen Eve- line gehuldigt haben. Sie boten sich mir von selbst in meiner Noth dar, und waren schon be- kannt mit dem Anſange meines Miſsgeschicks. Zu Ihnen nehm' ich daher natürlich meine Zuflucht, um Rath, Mitleid, Hülfe zu erhalten.“ «Sie sollen keines umsonst suchen, Mylord,» enigegnete Oldbuck,«insofern es meine geringen Kräfte gestatten, und ich fühle mich durch den Vorzug, den Sie mir einräumen, geehrt, mag er nun die Folge freyer Wahl, oder die des Zufalls seyn. Aber die Sache will reiflich überlegt seyn. Darf ich fragen, was jetzt Ihre Hauptabsicht ist?» «Von dem Schicksal meines Kindes genauere Nachricht zu erhalten,“ sagte der Graf,«mögen die Folgen seyn, welche sie wollen; sodann der Ehre Evelinen's Gerechtigkeit widerfahren zu las- sen, welche ich nur deswegen unverfochten ge- lassen habe, damit der schreckliche Fleck, der, wie ich glaubte, an ihr hafte, nicht an's Tages- licht käme.“* Und das Andenken Ihrer Mutter?“ 220 «Muſs belastet bleiben, wie es ist,» erwiederte der Craf mit liefem Seufzer;„besser, daſs sie mit Recht des Betrugs überführt werde, wenn dies einmal nöthig ist, als daſs Andere ungerech- ter Weise noch schrecklicherer Verbrechen be- züchtigt werden.“ «Nun, so muſs es unsre erste Sorge seyn, My- lord,» sagte Oldbuck, die Aussage der alten Elsbeth in eine regelmäſsige und authentische Form zu bringen.» Das wird, wie ich fürchte, jetzt ganz unmög- lich seyn, entgegnete Lord Glenallan.«Sieselbst ist sehr erschöpft, und obendrein von ihrer un- glücklichen Familie umgeben. Vielleicht ging' es morgen, wenn sie allein ist— indeſs ich zweifle doch, ob sie, bey ihrem schwankenden Gefühl von Recht und Unrecht, in irgend eines Menschen Gegenwart, ausser der meinigen, sich frey aus- sprechen wird.— Auch ich bin ausserordentlich erschöpft.» Nun, Mylord,“ sagte der Alterthumsforscher, den das Interesse des Augenblicks über die Be- denklichkeiten wegen der Kosten und der Bequem- lichkeit hinweghob, die sonst bey ihm nur zu sehr in Anschlag kamen:«ich möcht’ Ihnen vorschla- gen, da Sie so ermüdet sind, statt nach Glenal- lan-House zurückzukehren, oder— was noch unbequemer seyn dürfte— in einem schlechten Wirthshause zu Fairport Nachtquartier zu neh- men, und alle Zungen der Stadt in Bewegung zu v 221 setzen— wie gesagt, ich möcht Thnen vorschla- gen, dafs Sie sich'’s diese Nacht lieber bey mir in Monkbarns gefallen lieſsen. Morgen werden die armen L.eute doch wohl wieder ihr Gewerbe ausserhalb dem Hause treiben müssen; denn der Gram darf doch ihre Arbeit nicht zu lange unter- brechen, und dann können wir die alte Elsbeth allein sprechen, und ihre Aussagen gehörig zu Papier bringen." Lord Glenallan entschuldigte sich mit vieler Förmlichkeit wegen der Beschwerde, die er ver- ursache; nahm indefs den Vorschlag an, und hörte unterweges mit vieler Geduld der ganzen Geschichte von Johann von Cirnell zu, einer Le- gende, welcher Niemand entgehen konnte, der Oldbuck's Schwelle betrat. Die Ankunft eines Fremden von solcher Bedeu- tung, mit zwey Reitpferden und einem schwarz- gekleideten Diener, der Pistolenhalfter am Sattel trug, an denen man eine Crafenkrone erblickte, setzte das Haus von Monkbarns in allgemeine Bewegung. Jenny Rintherout, kaum genesen von den Kräm- pfen, die sie bey der Nachricht von Steenie's un- glücklichem Ende befallen hatten, machte so- gleich Jagd auf die Enten und Hühner, schrie und kakelte dabey lauter, als diese selbst, und schlachtete am Ende um die Hälfte mehr, als nöthig war. Fräulein Griselda machte so ihre weisen Betrach angen über die hitzige Willfährig- 222 keit ihres Bruders, die solche Verheerungen zur Folge hatte, indem er ihnen plötzlich einen pa- pistischen Edelmann auf den Hals geschafft hatte. Sie wagte es sogar, dem Herrn Blattergowl von der ungewöhnlichen Niederlage, die im Huhner- hofe statt gefunden, einen Wink zu geben; dies bewog den Ceistlichen, sich zu erkundigen, wie sein Freund nach Hause gekommen, und ob er nicht übel daran gethan habe, zu einer Zeit, die so nahe an die Stuncke des Mittagsmahls gränzte, dem Leichenzuge beyzuwohnen; wobey denn dem Alterthumsforscher keine andere Wahl blieb, als ihn zum Essen zu nöthigen, damit er bey Tische den Segen sprechen könne. Fräulein Mac-Intyre ihrerseits, fählte einige Neugier, den mächtigen Pair zu sehen, von dem Alle schon so viel ver- nommen, wie die Unterthanen eines Orientali- schen Sultans oder Caliphen von ihrem Beherr- scher hören. Doch ergriff sie auch eine gewisse Scheu bey dem Gedanken, mit einem Manne zu- sammenzutreffen, dessen ungeselliges, finstres Wesen schon zu manchen seltsamen Geriichten Anlaſs gegeben hatte, so dafs ihre Furcht wenig- stens mit ihrer Neugiergleichen Schritt hielt. Auch die alte Haushälterin wurde durch die zahllosen, zum Theil sich geradezu widersprechenden Be- fehle hinsichtlich des Eingemachten, des Back- werks und der Früchte, des Auftragens und An- ordnens der Mittagstafel, der Warnung, die ge- schmolzene Butter nicht zu Oel auseinander lau- 223 fen zu lassen, der Achtsamkeit auf die Juno— welche, trotz ihrer förmlichen Verbannung aus dem Gesellschaftszimmer, doch um die Aussen- werke des Hauses herumzuschleichen pflegte und leicht in die Küche kommen konnte— völlig ausser Athem geseizt. Der einzige Bewohner von Monkbarns, der bey dieser Gelegenheit ganz gleichgultig blieb, war Hektor Mac-Intyre, weil er sich aus einem Gra- fen nicht mehr machte, als aus einem Bürgerli- chen, und sich für diesen Besuch nur insofern interessirte, als er dadurch einigen Schutz gegen den Unwillen des Cheims, wegen seines Wegblei- bens von dem Leichenzuge, und mehr noch gegen den Spott desselben über seinen tapfern, aber unglücklichen Zweykampf mit der Phoca oder dem Sechunde, zu gewinnen hoffte. Diesen allen nun, den Mitgliedern seines Hau- ses, stellte Oldbuck den Grafen von Glenallan vor, der denn auch mit geduldiger Höflichkeit sowohl die matten Reden Sr. Wohlehrwürden, als die langen Entschuldigungen Griselda's, welche ihr Bruder vergebens abzukürzen bemüht war, an- hörte. Vor dem Mittagsmahle bat Graf Glenallan um die Erlaubniſs, sich einige Zeit auf sein Zim- mer begeben zu dürfen. Herr Oldbuck beglei- tete seinen Gast in die grüne Stube, welche in aller Eile zu seiner Aufnahme eingerichtet wor- den war. Als er hier eingetreten war, sah er sich mit einer Art von schmerzlicher Erinnerung um. 224 Irr' ich nicht, Herr Oldbuck,» sagte er nach einer Pause,«so war ich schon einmal in diesem Zimmer.* Allerdings, Mylord,“ entgegnete Oldbuck, und zwar bey Gelegenheit eines Ausflugs von Knockwinnock; und da wir einmal auf einen so melancholischen Cegenstand gekommen sind, so werden Sie sich auch wohl noch erinnern, wes- sen Geschmack jene Versé aus Chaucer angab, diesich jetzt als Motto auf dieser Tapete befinden?* Ich ahne es,» sagte der Graf,«obgleich ich mich dessen nicht deutlich entsinnen kann.— Sie übertraf mich an literärischer Bildung und Einsicht eben so wie in jeder andern Geschicklich- keit, und es ist eine von den geheinmiſsvollen Fügungen der Vorsehung, Herr Oldbuck, daſs ein an Geist und Körper so ausgezeichnetes Ge- schöpf auf eine so traurige Weise enden muſste, blos weil sie eine Neigung zu einem Elenden, wie ich bin, gefaſst hatte.“9 Herr Oldbuck unterlieſs es, auf diesen Ausbruch des Kummers von Seiten seines Gastes, der so sehr an dessen Herzen nagte, zu antworten, son- dern drückte mit der einen Hand die des Lords, und ſuhr mit der andern über seine langen Augen- wimpern, als wolle er den Nebel, der seinen Blick umwölkte, wegwischen. Hierauf verliels er den Grafen, damit dieser Zeit gewänne, sich bis zum Mittagsmahle ein wenig zu sammeln. ——