Walter Scott's ſaͤmmtliche W er k. — Neu uͤberſetzt. — Neun und neunzigſter Band., Erzaͤhlungen eines Großvaters aus der ſchottiſchen Geſchichte. Fuͤnfter Theil. Stuttgart, dei Gebrüder Franckh. 1 82 8. Erzaͤhlungen eines Großvaters aus der ſchottiſchen Geſchichte. Von Sir Walter Scott. — Aus dem Engliſchen uͤberſetzt. —O Fuͤnfter Theil. Stuttgart, bei Gebruͤder Franckh. 1 8 2 8, „ Erzaͤhlungen eines Großvaters aus der ſchottiſchen Geſchichte. 1 Erſtes Kapitel. Heirath Marla's und Bothwells.— Maria ergiebt ſich den verbündeten Lords bei Carbarry.— Ihre Geſangenſchaft in Lochleven. Scchlacht bei Langſide, und Maria's Flucht nach England.— Ungerechtes Be⸗ tragen Eliſabeths gegen die ſchottiſche Königin.— Murray's Regent⸗ ſchaft und Ermordung.— Bürgerliche Kriege in Schottland.— Mor⸗ ton's Regentſchaft.— Sein Verhör und ſeine Hinrichtung.— Einfall von Ruthven.— Stewart, Graf von Arran, leitet die Angelegenhei⸗ ten Jakobs VI.— Ungnade und Tod dieſes Günſtlings. Die ſchreckliche Ermordung des unglüͤcklichen Darnley erregte den ſtaͤrkſten Verdacht und das groͤßte Mißvergnuͤgen in der Stadt Edinburgh und in dem ganzen Koͤnigreiche. Bothwell wurde von der allgemeinen Stimme fuͤr den Urhe⸗ ber erklaͤrt; und da er ſich noch immer der Gunſt der Koͤnk⸗ gin erfreute, ſo wurde ihr Ruf nicht geſchont. Dieſen maͤch⸗ tigen Verbrecher einer oͤffentlichen und unparteiiſchen gericht⸗ lichen Unterſuchung unterworfen zu haben, waͤre das einzige Mittel fuͤr die Koͤnigin geweſen„die Herzen ihres Volks wie M. Seett's Werke. XCIX. 4 6 der zu gewinnen. Maria uͤbte dieſe oͤffentliche Gerechtigkeit ſcheinbar aus, allein unter Umſtaͤnden, welche den Verbre⸗ cher beguͤnſtigten. Lennox, der Vater des ermordeten Darn⸗ ley, hatte, wie es ſeine natuͤrliche Pflicht war, Bothwell we⸗ gen der Ermordung ſeines Sohns angeklagt. Allein er wurde bei der Verfolgung des Angeklagten wenig unterſtuͤtzt. Man ſchien alles ſo haſtig zu thun, als ob man beſchloſſen gehabt haͤtte, die Wirkungen der Gerechtigkeit zu vereiteln. Lennox erhielt den 23. Maͤrz die Anzeige, daß die gerichtliche Unter⸗ ſuchung am 12. April ſtatt haben werde; und nach der kur⸗ zen Ankuͤndigung von 14 Dagen ſollte er, laut der an ihn er⸗ gangenen Aufforderung, als naͤchſter Verwandter des ermor⸗ deten Monarchen, als Anklaͤger erſcheinen, und die gegen Bothwell erhobene Anklage vertheidigen. Der Graf beklagte ſich daruͤber, daß die Zeit, die man ihm zugeſtanden habe, um die Anklage und die noͤthigen Beweiſe zur Ueberfuͤhrung eines ſo maͤchtigen Verbrechers vorzubereiten, viel zu kurz ſey, allein er konnte keine Verlaͤngerung derſelben auswirken. Es war Sitte in Schottland, daß Perſonen, die wegen Verbrechen angeklagt waren, vor die Schranken eines Ge⸗ richtshofs in der Begleitung aller ihrer Freunde, Anhaͤnger und Vaſallen erſchienen, deren Zahl nicht ſelten ſo groß war, daß die Richter und Anklaͤger eingeſchuͤchtert wurden, und ſich ſcheuten, in der Unterſuchung fortzufahren; ſo daß die Wirkungen der Gerechtigkeit für den Augenblick vereitelt wurden. Bothwell, der ſich ſchuldig wußte, wüͤnſchte ſich dieſes Schutzmittels in dem hoͤchſtmoͤglichen Grade zu bedie⸗ nen. Er erſchien in Edinburgh mit vollen fuͤnftauſend Be⸗ gleitern. Zweihundert auserleſene Musketiere blieben dicht an ſeiner Seite und beſetzten die Thuͤren des Gerichtshofs, ſobald der Verbrecher denſelben betreten hatte. Unter ſolchen „ 7 Umſtaͤnden war eine unparteiiſche Unterſuchung unmoͤglich. Lennox erſchien nicht, ſondern ſandte bloß einen ſeiner Vaſal⸗ len, der gegen die Proceduren des Dags proteſtirte. Keine Anklage wurde vorgebracht— folglich auch kein Beweis ver⸗ langt— und eine Jury, die aus Edelleuten vom erſten Ran⸗ ge beſtand, ſprach Bothwell von einem Verbrechen frei, deſ⸗ ſen ihn jedermann ſchuldig glaubte. Die oͤffentliche Stimme ſprach ſich gegen dieſes Gaukel⸗ ſpiel von Gerechtigkeit aus, allein ohne auf das Murren des Volks zu hoͤren, beeilte ſich Bothwell, den Platz einzunehmen, den er durch Darnley's Ermordung erledigt hatte. Er ver⸗ ſammelte bei Gelegenheit eines Schmauſes, der in einer Schenke gegeben wurde, einen Theil des hoͤchſten Adels, und bewog ihn, eine Schrift zu unterſchreiben, in der ſie Both⸗ well nicht bloß fuͤr unſchuldig an dem Dode des Koͤnigs er⸗ kläͤrten, ſondern ihn auch als die tauglichſte Perſon, die ihre Majeſtaͤt zu einem Gatten waͤhlen koͤnnte, empfahlen. Mor⸗ ton, Maitland und andere, die nachher als Maria's Freun⸗ de und Anklaͤger auftraten, unterſchrieben dieſe merkwuͤrdige urkunde, entweder weil ſie ſich vor den Folgen einer Weige⸗ rung fuͤrchteten, oder weil ihnen der leichteſte und ſicherſte Weg, den ſie einſchlagen koͤnnten, der ſchien, Bothwell und die Koͤnigin aufzumuntern, ihrem Verderben durch eine Hei⸗ rath, die dem ganzen Koͤnigreiche mißfallen mußte, entgegen⸗ zueilen. Murray, die wichtigſte Perſon in Schottland, hatte ſich von allen dieſen Umtrieben entfernt gehalten. Er war in Fi⸗ fe, als der Koͤnig ermordet wurde, und unzgefaͤhr drei Tage vor Bothwell's Verhor erhielt er von ſeiner Schweſter, der Koͤnigin, die Erlaubniß, nach Frankreich zu reiſen. Wahr⸗ r i ſcheinlich glaubte er ſich in Schottland nicht ſicher genug, falls Bothwell Koͤnig werden ſollte. Auf dieſe Art durch den anſcheinenden Beifall des Adels gerechtfertigt, und wahrſcheinlich an dem Beifalle der Koͤni⸗ gin nicht zweifelnd, erſchien der Graf von Bothwell ploͤtzlich an der Bruͤcke von Cramond, mit tauſend Pferden, als Ma⸗ rig daſelbſt auf ihrer Ruͤckkehr von Stirling nach Edinburgh ankam. Er ergriff den Zuͤgel des Pferds der Koͤnigin, um⸗ zingelte und entwaffnete ihre Begleiter, und führte ſie, un⸗ ter einem Scheine von Gewalt, nach der ſtarken Feſtung Dunbar, deren Gouverneur er war. Bei dieſer Gelegenheit ſcheint Maria weder einen Verſuch zum Widerſtand gemacht, noch jenes Gefühl des Unwillens und der Scham, das ihrem Charakter, als Koͤnigin wie als Weib, geziemt haben wuͤrde, ausgedruͤckt zu haben. Ihre Begleiter wurden von Bothwells Ofſizieren verſichert, daß ſie mit ihrer eigenen Einwilligung weggeführt werde; und wenn man bedenkt, daß ein ſolcher Schimpf einer Fuͤrſtin von ihrem ſtolzen und kuͤhnen Geiſte angethan wurde, ſo laͤßt ſich kaum ein anderer Grund für ihre zahme Unterwerfung und das Stillſchweigen, das ſie da⸗ bei beobachtete, auffinden. Sie blieben zehn Tage in Dun⸗ bar, nach deren Verfluß ſie, ſcheinbar verſoͤhnt, wieder in Edinburgh erſchienen. Der Graf leitete ſorgfaͤltig den Zelter der Koͤnigin bei ihrem Einzuge in die Stadt, und führte ſie nach der Burg von Sdinburgh, deren Gouverneur einer ſei⸗ ner Anhaͤnger war. Waͤhrend dieſer ſonderbaren Vorfaͤlle war es Bothwell gelungen, eine Eheſcheidung gegen ſein Weib, eine Schweſter des Grafen von Huntley, auszuwirken. Den 12. Mai er⸗ klaͤrte die Koͤnigin in einem oͤffentlichen Manifeſte, daß ſie Bothwell die Gewaltthat, die er ſich unlaͤngſt erlaubt habe, . 9 verzeihe; und daß ſie, obſchon ſie anfaͤnglich hoͤchſt entruͤſtet uͤber ihn geweſen ſey, doch jetzt beſchloſſen habe, ibm nicht nur ihre Verzeihung zu bewilligen, ſondern ihn auch zu wei⸗ tern Ehrenſtellen zu befördern. Sie hielt ihr Wort, denn ſie erhob ihn zum Herzog von Orkney; und den 15. deſſelben Monats begieng Maria, mit unverzeihlicher Unbeſonnenheit, die große Thorheit, dieſen verworfenen und ehrſuͤchtigen Mann, der mit dem Blute ihres Gemahls Darnley beſleckt war, zu heiratren. Die Koͤnigin entdeckte bald, daß ſie durch dieſe unglüc⸗ che Heirath einen noch grauſamern und ſchlechtern Gemahl, als der lenkſame Darnley geweſen war, erhalten hatte. Bothwell behandelte ſie poͤbelhaft grob, und als er ſeinen Plan, den jungen Prinzen unter ſeine Auſſicht zu bringen, vereitelt ſah, fuͤhrte er eine ſolche beſchimpfende Sprache ge⸗ gen Maria, daß ſie um ein Meſſer bat, um ſich lieber da⸗ mit zu erdolchen, als ſeine rohe Behandlung zu ertragen. Inzwiſchen erreichte das oͤffentliche Mißvergnuͤgen einen hohen Grad, und Morton, Maitland und andere, die in das Geheimniß der Ermordung Darnley's eingeweiht geweſen wa⸗ ren, ſtellten ſich an die Spitze einer zahlreichen Partei des Adels, die ſeinen Tod zu raͤchen, und Bothwell ſeine uſur⸗ pirte Macht zu entreißen beſchloß. Die Verſchworenen er⸗ griffen ſchnell die Waffen, und haͤtten die Koͤnigin und Both⸗ well faſt uͤberraſcht, waͤhrend ſie im Hauſe des Lord Borth⸗ wick ſpeisten, von wo ſie nach Dunbar flohen. Bei dieſer letztern Gelegenheit war die Koͤnigin in einen Pagen ver⸗ kleidet. Die verbuͤndeten Lords ruͤckten gegen Dunbar vor, und die Koͤnigin und Bothwell, die ein Heer verſammelt hatten, ruͤckten ihnen entgegen, und ſtießen bei Carberry Hill, nicht 4⁰ weit von dem Orte, wo die Schlacht von Pinkie geliefert worden war, auf dieſelben. Dieß war am 15. Junius 1507. Maria wuͤrde beſſer gethan haben, ſie haͤtte die angedrohte Schlacht verſchoben; denn die Hamiltonen waren mit einer bedeutenden Streitmacht auf dem Wege zu ihr zu ſtoßen. Allein ſie hatte ſich daran gewoͤhnt, durch raſche und ſchnelle Bewegunsen Siege zu erringen, und ſah anfaͤnglich nicht hinlaͤnglich ein, welch eine unguͤnſtige Stimmung unter ih⸗ rem eigenen Heecre gegen ſie herrſchte. Viele, wo nicht die meiſten dieſer Truppen, die ſich um die Koͤnigin verſammelt, hatten keine große Neigung, für Bothwells Sache zu fechten. Er ſelbſt erbot ſich prahlend, ſeine Unſchuld an der Ermor⸗ dung Darnley's durch einen Zweikampf in den Schranken mit jedem der Lords, der ihn fuͤr ſchuldig erklaͤren wuͤrde, zu beweiſen. Der tapfere Kirkaldy von Grange, Murray von Kullibardin und Lord Lindsſay of the Byres erklaͤrten ſich nach einander zu dem Kampfe bereit; allein Bothwell fand Einwendungen gegen jeden von ihnen, und endlich zeigte es ſich, daß dieſer elende Menſch keinen Muth hatte, mit ir⸗ gend jemand in dieſem Streite zu fechten. Inzwiſchen ſieng das Heer der Koͤnigin an, ſich zu zerſtreuen, und gab ſeinen Entſchluß zu erkennen, in ihrer Sache nicht zu fechten, ſo lange es ſie als eine und dieſelbe mit der des Grafen von Borhwell betrachtete. Sie rieth ihm daher, von dem Kampf⸗ platze zu entſtiehen; ein Rath, den er ohne Zoͤgern befolgte, indem er ſo ſchnell als moͤglich nach Dunbar ritt, und von da zur See entkam. Maria ergab ſich, auf das Verſprechen einer ehrerbieti⸗ gen und gütigen Behandlung, dem Laird von Grange, und wurde von ihm in das Hauptquartier des verbuͤndeten Heers gefuͤhrt. Als ſie daſelbſt ankam, empfingen ſie die Lords mit — 11 ſtummer Ehrfurcht; allein einige unter den Soldaten ſchrieen ihr nach und ſchmaͤhten ſie, bis Grange ſeinen Degen zog, und ſie zum Schweigen noͤthigte. Die Lords faßten den Ent⸗ ſchluß, in die Hauptſtadt zuruͤckzukehren, und fuͤhrten, um⸗ geben von ihren Truppen, Maria dahin. Als ſich die ungluͤckliche Koͤnigin Edinburgh naͤherte, von den Siegern gleichſam im Triumphe aufgefuͤhrt, mußte ſie die groͤßten Rohheiten und Beſchimpfungen von dem Poͤ⸗ bel der Stadt erdulden. Es war fur dieſen Aufſtand eine Fahne verfertigt worden, die auf der einen Geite Darnley's Bild zeigte, wie er ermordet unter einem Baume in dem unheilvollen Baumgarten lag, mit der Unterſchrift,„Richte und raͤche meine Sache, o Herr!(Lord),“ und auf der an⸗ dern Seite, den kleinen Prinzen auf ſeinen Knieen mit em⸗ porgehobenen Haͤnden, als flehe er den Himmel an, die Moͤr⸗ der ſeines Vaters zu beſtrafen. Als die Koͤnigin mit aufge⸗ loͤstem Haare, ungtordneter Kleidung, und von Kummer, Schaam und Ermuͤdung überwaͤltigt, durch die Straßen ritt, wurde dieſe unheilvolle Fahne vor ihren Augen entfaltet, waͤh⸗ rend die rohe Menge ſie laut der Theilnahme an Darnley'’s Heud dun bezuͤchtigte. Vor den Fenſtern des Hauſes des Lord Proooſt, dem ſie einige Stunden, gleichſam als Ge⸗ fangene, uͤbergeben ward, wurde daſſelbe Geſchrei wiederholt, und dieſelbe beſchimpfende Fahne entfaltet. Die beſſere Volks⸗ klaſſe, die der Handwerker und Buͤrger, wurde endlich durch ihren Kummer geruͤhrt, nd zeigte einen ſo ſtarken Wunſch, ihre Partei zu ergreifen, daß die Lords beſchloſſen, ſie aus der Stadt zu entfernen, wo die Achtung für ihre Perſon und ihren Kummer, ihr, trotz ihrer unbeſonnenen Handlungen und des Grolls ihrer Feinde, Anhaͤnger verſchaffen zu koͤn⸗ nen ſchien. Demzufolge wurde Maria, am naͤchſten Mor⸗ 1² gen, den 16ten Junius 1567, unter der Bedeckung einer ſtar⸗ ken bewaffneten Macht, nach dem Schloſſe Lochleven ge⸗ bracht, das auf einer kleinen Inſel liegt, die ein See glei⸗ chen Namens umgiebt. Hier blieb ſie als Gefangene. Die aufrühreriſchen Lords vereinigten ſich jetzt zu einem geheimen Rathe, um die Angelegenheiten des Landes zu lei⸗ ten. Ihre erſte Aufmerkſamkeit war darauf gerichtet, ſich der Perſon Bothwell's zu verſichern, obſchon vielleicht unter ih⸗ nen ſelbſt manche geweſen ſeyn moͤgen, z. B. Morton und Maitland, die mit ihm an Darnley's Ermordung Theil ge⸗ nommen hatten, und die deßwegen nicht wuͤnſchen konnten, daß er vor ein oͤffentliches Gericht geſtellt wuͤrde. Allein man mußte wenigſtens den Schein annehmen, als verfolge man ihn im Ernſte, und viele wünſchten aufrichtig, er moͤchte ge⸗ fangen werden. Kirkaldy von Grange folgte Bothwell mit zwei Schiffen, und haͤtte ihn faſt in dem Hafen von Berwick erhaſcht, da der Fluͤchtling an einem Ausgange der Bucht entwiſchte, waͤhrend Grange an dem andern in dieſelbe einfuhr. Both⸗ well waͤre vielleicht dennoch ergriffen worden, wenn nicht Grange's Schiff an einem Felſen geſcheitert waͤre, wobei je⸗ doch die Mannſchaft gerettet wurde. Bothwell wurde blos für ein trauriges Schickſal aufgeſpart. Er legte ſich in der Nordſee auf die Seeraͤuberei, um ſich und ſeine Schiffs⸗ mannſchaft zu erhalten. Er wurde daher von einigen daͤni⸗ ſchen Kriegsſchiffen angegriffen, und gefangen genommen. Die Daͤnen warfen ihn in die Gefaͤngniſſe des Schloſſes Mal⸗ may, wo er in der Gefangenſchaft, um das Ende des Jah⸗ res 1576, ſtarb. Dieſer ſchreckliche Verbrecher ſoll bei ſei⸗ nem Tode das Bekenntniß abgelegt haben, daß er Darnley's Ermordung, mit Huͤlfe Murray's und Morton's vollfüͤhrt 15 habe, und Maria ganz unſchuldig an dieſem Verbrechen ſey. Allein die Erklaͤrung eines ſo ruchloſen Mannes kann durch⸗ aus nicht als zuverlaͤßig betrachtet werden. Inzwiſchen aͤrndete Maria die Fruͤchte der Ruchloſigkeit Bothwells und ihrer eigenen thoͤrichten Zuneigung zu ihm. Sie, wurde in einen duͤſtern und unbequemen Thurm, auf einer kleinen Inſel, eingeſperrt, wo kaum Raum genug war, um dreißig Schritte weit zu gehen. Nicht einmal die Fuͤr⸗ ſprache der Koͤnigin Eliſabeth, die fuͤr den Augenblick durch den gluͤcklichen Aufſtand von Unterthanen gegen ihre Fuͤrſtin in Beſtuͤrzung gerathen zu ſeyn ſcheint, konnte irgend eine Milderung ihrer Gefangenſchaft bewirken. Es wurde der Vorſchlag gemacht, gegen ſie als gegen eine Mitſchuldige an der Ermordung Darnley's zu verfahren, und ihr das Leben unter dieſem Vorwande zu nehmen. Allein die Lords des geheimen Raths entſchloſſen ſich zu einem milderen Verfah⸗ ren. Sie zwangen Maria, ihre Krone ihrem Sohne, der damals noch ein Kind war, zu uͤbergeben, und den Grafen von Murray zum Regenten waͤhrend der Minderjaͤhrigkeit des Kindes zu machen. Zu dieſem Ende wurden Urkunden abge⸗ faßt, und der Koͤnigin nach der Feſtung Lochleven zur Unter⸗ ſchrift uͤberſchickt. Lord Lindſay, der roheſte, bigotteſte und wildeſte unter den Verbuͤndeten Lords, wurde abgeſchickt, um Maria zu nothigen, ſich den Befehlen des Raths zu fuͤgen. Er betrug ſich mit einer Frechheit, die man vielleicht erwar⸗ tei hatte, und handelte ſo unmaͤnnlich, daß er den Arm der armen Koͤnigin mit ſeinem eiſernen Handſchuhe kneipte, um ſie zu noͤthigen, die Urkunden zu unterſchreiben. Wenn Maria, in ihrer ungluͤcklichen Lage, von irgend Jemand Liebe und Wohl«ollen erwarten konnte, ſo war es ſicherlich von ihrem Bruder Murray. Sie mag ſtrafbar ge⸗ 14 weſen ſeyn— ſie war ſicherlich ſehr thoͤricht und unbeſonnen geweſen— gleichwohl aber verdiente ſte die Guͤte und das Mitleid ihres Bruders. Sie hatte ihn mit Gunſtbezeugungen uͤberhaͤuft, und ihm große Beleidigungen verziehen. Unſtrei⸗ tig erwartete ſie mehr Wohlwollen von ihm, als er ihr er⸗ wies. Allein Murray war ehrgeizig, und der Ehrgeiz durch⸗ bricht die Bande des Bluts und vergißt die Verpflichtungen der Dankbarkeit. Er beſuchte ſie auf dem Schloſſe Lochleven, allein nicht, um ihr Troſt zu bringen; im Gegentheil fuͤhrte er ihr alle ihre Irrthuͤmer mit einer ſolchen hartherzigen Strenge zu Gemüth, daß ſie in Stroͤme von Thraͤnen aus⸗ brach, und ſich der Verzweiflung uͤberließ. Murray nahm die Regentſchaft an, und zerriß dadurch alle noch uͤbrigen Bande der Zaͤrtlichkeit zwiſchen ihm und ſeiner Schweſter. Er ſtand jetzt an der Spitze der herrſchen⸗ den Partei, die aus den ſogenannten Lords des Koͤnigs(The King's Lords) beſtand, waͤhrend derjenige Theil des Adels, welcher wuͤnſchte, die Koͤnigin, die jetzt von Bothwell's Ge⸗ ſellſchaft befreit war, moͤchte in Freiheit geſetzt, und die Ver⸗ waltung des Koͤnigreichs wieder in ihre Haͤnde gegeben wer⸗ den, die Partei der Koͤnigin(the Queen's Party) genannt wurde. Murray's ſtrenge und kluge Regierung brachte die letztgenannte Partei eine Zeitlang zum Schweigen und zur Unterwuͤrſigkeit; allein ein ſonderbarer Vorfall veraͤnderte die Geſtalt der Dinge einen Augenblick, und troͤſtete die unglück⸗ liche Maria durch einen Strahl von Hoffnung. Der Laird von Lochleven, Sir William Douglas, Ei⸗ genthuͤmer der Feſte, in welcher Maria gefangen ſaß, war von muͤtterlicher Seite ein Halbbruder des Regenten Murray. Dieſer Baron verwaltete das Amt eines Kerkermeiſters der Maria mit ſtrenger Treue; allein ſein juͤngſter Bruder, Georg . 15— Douglas, wurde von dem Ungluͤcke, und vielleicht der Schoͤn⸗ heit der Koͤnigin maͤchtiger angezogen, als von den Intereſ⸗ ſen des Regenten, oder ſeiner eigenen Familie. Ein zur Be⸗ freiung der Koͤnigin von ihm entworfener Anſchlag wurde entdeckt, was ſeine Vertreibung aus der Inſel zur Folge hatte. Allein er fuͤhrte einen Briefwechſel mit einem Ver⸗ wandten, Little Douglas genannt, einem Knaben von fuͤnf⸗ zehn oder ſechzehn Jahren, der in dem Schloſſe geblieben war. Den 2ten May 1568 ſtahl dieſer kleine William Douglas die Schlüſſel der Feſte, waͤhrend die Familie zu Nacht ſpeiste. Er fuͤhrte Maria und ihre Dienerin aus dem Thur⸗ me, als ſich alles zur Ruhe begeben hatte, verſchloß die Tho⸗ re des Schloſſes, um nicht verfolgt werden zu koͤnnen, brach⸗ te die Koͤnigin und ihre Kammerfrau in ein kleines Schiff, ſteuerte hierauf dem Ufer zu, und warf die Schluͤſſel der Burg waͤhrend ihrer Ueberfahrt ins Waſſer. In dem Augen⸗ blicke, in welchem ſie im Begriff waren, dieſe kuͤhne Reiſe anzutreten, gab der junge Pilot ein Zeichen, durch ein Licht an einem beſondern Fenſter, das an dem obern Ende des Sees geſehen werden konnte, um anzuzeigen, daß alles ſicher war. Lord Seaton und mehrere von den Hamiltonen warte⸗ ten an dem Landungsplatze. Die Koͤnigin ſiieg augenblick⸗ lich zu Pferde, und eilte nach Niddry in W Leſt⸗Lothian, von wo ſie ſich am naͤchſten Tage nach Hemilton begab. Die Kunde dieſes Vorfalls flog wie ein Vlitz durch das ganze Land, und verbreitete uͤberall Begeiſterung. Das Volk erin⸗ nerte ſich an Maria's Guͤte, Huld und Schoͤnheit— es er⸗ innerte ſich auch an ihr Ungluck— und wenn es uͤber ihre Irrthuͤmer nachdachte, ſo glaubte es, daß ſie bereits hart ge⸗ nug beſtraft worden ſeyen. Am Sonntage war Maria eine traurige und hülſtoſe Gefangene in einem einſamen Thurme. 16 T Am folgenden Sonnabend ſtand ſie an der Spitze eines maͤch⸗ tigen Bundes, durch den neun Grafen, neun Biſchoͤfe, acht⸗ zehn Lords und viele Vornehme von hohem Range ſich ver⸗ pflichtet hatten, ihre Perſon zu vertheidigen, und ſie wieder in den Beſitz ihrer verlornen Gewalt zu ſetzen. Allein dieſer Gluͤcksſchimmer erloſch ſchnell wieder. Die Koͤnigin hatte die Abſicht, ihre Perſon in dem Schloſ⸗ ſe Dunbarton in Sicherheit zu bringen, und ihr Heer, unter dem Grafen von Argyle, beſchloß, ſie in einer Art von Triumph dahin zu geleiten. Der Regent lag in Glasgow mit einer weit geringern Streitmacht; allein, von gerechtem Vertrauen auf ſeine Kriegskunſt, ſo wie auf die Talente Morton's und die Tapferkeit Kirkaldy's und anderer erfahre⸗ ner Krieger erfuͤllt, beſchloß er, die Lords der Koͤnigin auf ihrem beabſichtigten Marſche anzugreifen, und ihnen eine Schlacht zu liefern. Den 13ten May beſetzte Murray das Dorf Langſide, das auf der Marſchlinie des Heers der Koͤnigin lag. Die Ha⸗ miltonen, und andere Edelleute bei Maria's Truppen, ſtuͤrz⸗ ten mit unüberlegter Tapferkeit vorwaͤrts, um Murray's Truppen zu verjagen. Sie fochten jedoch mit Hartnaͤckigkeit nach ſchottiſcher Sitte; d. h. Stirne gegen Stirne aufeinan⸗ der eindringend, befeſtigte jeder ſeinen Speer in dem Schilde ſeines Gegners, und ſuchte ihn niederzuwerfen, wie zwei Stiere, wenn ſie einander im Kampfe begegnen. Morton entſchied die Schlacht daburch, daß er die Flanke der Hamil⸗ tonen angriff, waͤhrend ihre Kolonne in der Fronte in einen harten Kampf verwickelt war. Dieſe Maßregel war entſchei⸗ dend, und das Heer der Koͤnigin wurde voͤllig zerſtreut. Die Koͤnigin Maria war Zeuge dieſer letzten und unheilvollen 5 Nieder⸗ 17 Niederlage auf einem Schloſſe, Crookſtane genannt, ungefaͤhr vier Meilen von Paisley, auf welchem ſie und Darnley eini⸗ ge gluͤckliche Tage nach ihrer Heirath verlebt hatten, und das deßwegen der Schauplatz bitterer Erinnerungen fuͤr ſie gewe⸗ ſen ſeyn mußte. Es zeigte ſich bald, daß die Flucht das einzige Rettungsmittel war, und begleitet von Lord Herries und wenigen treuen Anhaͤngern, ritt ſie ſechzig Meilen weit, ehe ſie bei der Abtei Dundrennan in Galloway Halt machte. Von dieſem Orte aus konnte ſie ſich nach Frankreich oder England zuruͤckziehen. In Frankreich war ſie eines freund⸗ lichen Empfangs gewiß; allein England bot ihr einen naͤhern und, wie ſie glaubte, gleich ſichern Zufluchtsort dar. Indem daher die ſchottiſche Koͤnigin die verſchiedenen Ei⸗ ferſuͤchteleien, die zwiſchen Eliſabeth und ihr herrſchten, ver⸗ gaß, und ſich bloß an die ſuͤßen und ſchmeichelhaften Worte, die ſie von ihr erhalten hatte, erinnerte, kam es ihr nicht in den Sinn, daß ſie ſich irgend einer Gefahr preisgeben koͤnne, wenn ſie ſich der Gaſtfreundſchaft Englands in die Arme werfe. Es laͤßt ſich auch annehmen, daß die arme Maria, unter deren Fehler Mangel an Großmuth nicht gezaͤhlt wer⸗ den konnte, Eliſabeth nach der Art beurtheilte, auf die ſie ſelbſt die Koͤnigin von England in derſelben Lage behandelt haben wuͤrde. Sie beſchloß daher, in Eliſabeth's Koͤnigreich, trotz der Gegenvorſtellungen ihrer klügern Begleiter, Schutz zu ſuchen. Vergebens knieten dieſe vor ihr nieder, und baten ſie flehentlich, dieſen Schritt nicht zu thun. Sie trat in das unheilvolle Boot, fuhr uͤber den Solway und uͤbergab ſich dem engliſchen Uutergraͤnzwaͤchter Lowther. Ueber den Vor⸗ fall ohne Zweifel ſehr erſtaunt, ſchickte er einen Expreſſen ab, um die Koͤnigin Eliſabeth davon in Kenntniß zu ſetzen, und W. Scott's Werke. XCIX. 2 18 wies der ſchottiſchen Koͤnigin, die er mit aller moͤglichen Ehr⸗ furcht empfing, das Schloß Carlisle als Wohnung an. Die Koͤnigin Eliſabeth konnte ſich gegen Maria auf zwei Arten betragen, die mehr oder minder großmuͤthig ſeyn moch⸗ ten, allein gleich gerecht und geſetzmaͤßig waren. Sie haͤtte 1 die Koͤnigin Maria ehrenvoll empfangen, und ihr die verlang⸗ te Hülfe gewaͤhren, oder wenn ſie dieſe nicht fuͤr dienlich er⸗ achtet haͤtte, ihr erlauben koͤnnen, in ihrem Gebiete zu blei⸗ ben, und zwar mit der uneingeſchraͤnkten Freiheit, es nach Gutduͤnken zu verlaſſen, wie ſie es freiwillig betreten hatte. Allein ſo groß auch Eliſabeth bei andern Gelegenheiten ihrer Regierung war, ſo handelte ſie doch bei der gegenwaͤrti⸗ gen aus niedrigen und neidiſchen Beweggruͤnden. Sie ſah in der Entflohenen, die um ihren Schutz bat, eine Fürſtin, die ein Erbfolgerecht auf die engliſche Krone beſaß, das, von dem katholiſchen Theile ihrer Unterthanen wenigſtens, über ihr eigenes geſtellt wurde. Sie erinnerte ſich, daß Maria b hatte bewegen laſſen, Wappen und Ditel der engliſchen Monarchie anzunehmen, oder vielmehr, daß ſie in ihrem Na⸗ men angenommen worden waren. Sie erinnerte ſich, daß Maria ihre Nebenbuhlerin in Beziehung auf innere und aͤuſ⸗ ſere Vorzüge geweſen war; und ſicherlich vergaß ſie nicht, daß ſie ſie an Jugend und Schöoͤnheit uͤbertraf, und, wie ſie ſelbſt ſich ausgedruͤckt, den Vorzug hatte, die Mutter eines huͤbſchen Sohnes zu ſeyn, waͤhrend ſie ein unfruchtbarer Stamm blieb. Sie betrachtete daher die ſchottiſche Koͤnigin nicht als eine Schweſter oder Freundin, die ins Unglück ge⸗ rathen war, ſondern als eine Feindin, uͤber welche die Um⸗ ſtaͤnde ihr Macht verliehen hatten, und beſchloß, ſße zur Ge⸗ „fangenen zu machen. In Folge des Betragens, wezu eine ſo ni⸗ drige Denfart 19 führte, wurde Maria von engliſchen Wachen umgeben, und da Eliſabeth nicht ohne Grund beſorgte, ſie möchte aus Schottland Huͤlfe erhalten, ſo wurde ſie nach Bolton Caſtle in Yorkſyire entfernt. Allein es fehlte an einem Vorwande zu einem ſo gewaltthaͤtigen, unedeln und ungerechten Betra⸗ gen, und Eliſabeth bemuͤhte ſich, einen ſolchen aufzufinden. Der Regent Murray hatte, nach Maria's Flucht nach England, ſein Betragen in den Augen der Koͤnigin Eliſabeth durch die Behauptung zu rechtfertigen geſucht, daß ihre Schweſter an der Ermordung ihres Gemahls Darnley Theil 4 genommen habe, um Bothwell, ihren Geliebten, heirathen zu koͤnnen. Allein obſchon dieß, es als wahr angenommen, ſehr ſtrafbar geweſen waͤre, ſo war doch Eliſabeth nicht im mindeſten berechtigt, ſich zum Richter in dieſer Sache aufzu⸗ werfen. Maria war nicht ihre Unterthanin, auch hatte die engliſche Koͤnigin, dem Voͤlkerrechte zufolge, kein Recht, das Schiedsrichteramt in dem Streite zwiſchen der ſchottiſchen Koͤnigin und ihren Unterthanen zu uͤbernehmen. Allein ſie entlockte der ſchottiſchen Koͤnigin eine gewiſſe Anerkennung ih⸗ rer Befugniſſe, in dieſer Sache zu entſcheiden, und zwar auf folgende Art. Die Abgeſandten der Koͤnigin Eliſabeth erklaͤrten der Koͤnigin Maria, ihre Gebieterin bedaure ungemein, daß ſie die Koͤnigin nicht ſogleich in ihre Gegenwart laſſen, noch ihr den liebevollen Empfang, den ſie ihr zu gewaͤhren ſich ſeh⸗ ne, zu Theil werden laſſen koͤnne, bis ſie in den Augen der Welt von den ſchimpflichen Anklagen ihrer ſchottiſchen Unter⸗ thanen gereinigt ſey. Maria erklaͤrte ſich alsbald bereit, ihre Unſchuld zur Zufriedenheit Eliſabeths darzuthun; und dieß betrachtete die Koͤnigin von England als eine an ſie ergangene * 7 3 20 Aufforderung, das Schiedsrichteramt in dem Streite zwiſchen Maria und der Partei, von der ſie abgeſetzt und verbannt worden war, zu uͤbernehmen. Vergebens erklaͤrte Maria, ſie habe Eliſabeths Bedenklichkeiten bloß aus Achtung für ihre Meinung, und um ſich ihre Gunſt zu erwerben, nicht aber in der Abſicht, die engliſche Koͤnigin zu ihrem Richter in einem geriehtlichen Verhoͤr aufzuſtellen, zu entfernen unternommen. Eliſadeth war entſchloſſen, den erlangten Vortheil nicht auf⸗ zugeben, und zu verfahren, als ob Maria ganz freiwillig die Entſcheidung uͤber ihr Schickſal einzig und allein in ihre Haͤnde gelegt haͤtte. Die Koͤnigin von England ernannte Bevollmaͤchtigte, um die Parteien zu hoͤren, und die Beveiſe, welche beide Theile vorbringen wuͤrden, zu unterſuchen. Der Regent Murray erſchien in eigener Perſon vor dieſen Bevollmaͤchtigten, in der gehaͤſſigen Eigenſchaft des Anklaͤgers ſeiner Schweſter, Wohlthaͤterin und Fuͤrſtin. Koͤnigin Maria ſchickte dagegen die tauglichſten ihrer Anhaͤnger, den Biſchof von Roß, Lord Herries und andere, um ihre Sache zu verfechten. Die Commiſſion trat in York im Oktober 1568 zuſam⸗ men. Die Proceduren begannen mit einem ſonderbaren Ver⸗ ſuche, die veraltete Frage von der angeblichen Obergewalt Englands uͤber Schottland feſtzuſtellen.„Sie kommen hier⸗ her,“ ſagten die engliſchen Bevollmaͤchtigten zu dem Regen⸗ ten und ſeinen Begleitern,„um die Streitigkeiten, welche in dem Koͤnigreiche Schottland obwalten, der Entſcheidung der Koͤnigin von England zu unterwerfen, und deßwegen fordere ich Sie allererſt auf, ihrer Gnaden die ihr ſchuldige Huldi⸗ gung darzubringen.“ Der Graf von Murray erroͤthete und ſchwieg. Allein Maitland von Lethington antwortete mit Geiſt—„Wenn Eliſabeth Schottland die Grafſchaft Hun⸗ 5 ÿ, 8 2 „ —— —— 12 ð 2 n—2 N u A dA 21 tingdon, nebſt Cumberland und Weſtmoreland, zuruͤckgiebt, ſo wollen wir fuͤr dieſes Gebiet dieſelben Huldigungen dar⸗ bringen, wie die alten Souveraͤne Schottlands, die ſich deſ⸗ ſelben erfreuten. Was die Krone und das Koͤnigreich Schott⸗ land betrifft, ſo ſind ſie freier als England, das Rom un⸗ laͤngſt den Peterspfennig entrichtete.“ Als dieſe Frage beſeitigt war, wurde zur Verhandlung des eigentlichen Gegenſtands der Commiſſion geſchritten. Nicht ohne Zoͤgern wurde Murray vermocht, ſeine Anklage in deutlichen und beſtimmten Ausdruͤcken vorzubringen, und noch weit ſchwieriger war es, von ihm irgend einen Beweis der Maria durch jene Anklage zur Laſt gelegten ehelichen Un⸗ treue und Cheilnahme an der Ermordung ihres Gemahls zu erhalten. Es iſt wahr, die Koͤnigin hatte ſich unvorſichtig und unklug betragen, allein daraus konnte nicht gefolgert werden, daß ſie des ſchrecklichen Verbrechens, deſſen ſie be⸗ zuͤchtigt wurde, ſchuldig war. Es fehlte an Beweiſen und endlich wurde eine Schachtel mit Briefen und Papieren vor⸗ gebracht, die, ſagte man, von einem Diener Bothwell's, mit Namen Dalgleiſch, herruͤhrte. Dieſe Briefe, wenn ſie aͤcht waren, bewieſen, daß Maria Bothwell's Geliebte war, ſo lange Darnley noch lebte, und daß ſie um die Ermordung dieſes unglüͤcklichen jungen Mannes wußte und ſie billigte. Allein die Bevollmaͤchtigten der Koͤnigin erklaͤrten dieſe Brie⸗ fe für falſch, und in der Abſicht erſonnen, ihre Gebieterin zu verlaͤumden. Es iſt merkwürdig, daß Dalgleiſch verdammt und hingerichtet wurde, ohne daß man nur eine einzige Fra⸗ ge in Betreff dieſer Briefe an ihn richtete, waͤre dieß auch nur geſchehen, um zu beweiſen, daß ſie bei ihm gefunden worden waren. Lord Herries und der Biſchof von Roß be⸗ gnuͤgten ſich nicht damit, die Koͤnigin zu vertheidigen, ſie 22 klagten ſogar Murray an, er ſelbſt ſey ein Mitſchuldiger Bothwell's bei Darnley's Ermordung. Nach einer fuͤnfmonatlichen Unterſuchung that Eliſabeth beiden Parteien zu wiſſen, daß ſie, auf der einen Seite, ſich durch nichts bewogen gefunden habe, an der Biederkeit und Ehre des Grafen von Murray zu zweifeln, waͤhrend er, auf der andern Seite, ihrer Meinung nach, nichts von den ſchwe⸗ ren Anklagen, die er gegen ſeine Fuͤrſtin erhoben, bewieſen habe. Sie ſey daher, ſagte ſie, entſchloſſen, die Angelegen⸗ heiten Schottlands zu laſſen, wie ſie ſie gefunden habe. Wenn die Koͤnigin beide Parteien unparteiiſch haͤtte be⸗ handeln wollen, wie ihr Spruch anzudeuten ſchien, ſo haͤtte ſie Maria wieder in Freiheit ſetzen muͤſſen. Allein waͤhrend man Murray mit einem bedeutenden Geldanlehen entließ, mußte Maria in jener Gefangenſchaft bleiben, die bloß mit ihrem Leben enden ſollte.. Murray kehrte nach Schottland zuruͤck, nachdem alle Vortheile der Conferenz in York ihm zugefallen waren. Sei⸗ ne Kaſſe war wieder gefuͤllt, und ſeine Macht durch die Gunſt der Koͤnigin Eliſabeth befeſtigt. Es war ihm nun ein Leichtes, die Ueberreſte der Lords der Koͤnigin zu zerſtreuen, die in der That, ſeit der Schlacht bei Langſide und der Flucht ihrer Gebieterin, nie mehr im Stande geweſen waren, ihm die Spitze zu bieten. Inzwiſchen hatten einige außerordentliche Ereigniſſe in England ſtatt.— Der Herzog von Norfolk hatte einen Plan entworfen, die Koͤnigin Maria wieder in Freiheit zu ſetzen, und ſollte dafuͤr durch ihre eheliche Hand belohnt werden. Der Regent Murray war in das Geheimniß dieſer Verſchwo⸗ rung eingeweiht worden, obſchon der Zweck derſelben ihm wohl nicht ſehr erwuͤnſcht ſeyn konnte. Viele von dem hohen 23 Adel hatten an dem Unternehmen Theil genommen, beſonders die maͤchtigen Grafen Weſtmoreland und Northumberland. Norfolk's Verſchwoͤrung wurde, hauptſaͤchlich durch Murray's Erklaͤrungen, der das ihm anvertraute Geheim niß ſchaͤndli⸗ cherweiſe verrieth, entdeckt und gegen ihn bewieſen. In Fol⸗ ge deſſen wurde er ergriffen, ins Gefaͤngniß geworfen, und wenige Monate nachher vor Gericht geſtellt und hingerichtet. Allein vor dieſer Kataſtrophe empoͤrten ſich Northumber⸗ land und Weſtmoreland ſchnell, konnten aber ihr Unterneh⸗ men nicht mit dem erforderlichen Nachdrucke fortſetzen. Ihre Cruppen flohen ohne Schwertſtreich vor dem Heere, das die Koͤnigin Eliſabeth gegen ſie ausſchickte. Weſtmoreland fand einen ſichern Zufluchtsort bei den ſchottiſchen Graͤnzbewoh⸗ nern, die Maria's Sache beguͤnſtigten. Sie halfen ihm nach der Seekuͤſte fliehen, von wo er nach Flandern kam und in der Verbannung ſtarb. Richt ſo gluͤcklich war Northumber⸗ land. Ein Graͤnzbewohner, mit Namen Hektor Armſtrong von Harlaw, verrieth ihn dem Regenten Murray, der ſich zwar weigerte, ihn der Koͤnigin Eliſabeth auszuliefern, ihn aber in demſelben eiſernen Schloſſe Lochleben, welches kurz zuvor der Schauplatz der Gefangenſchaft Maria's geweſen war, gefangen hielt. Alle dieſe Ereigniſſe befeſtigten Murray's Macht, und ſchwaͤchten den Muth der Lords, welche noch der andern Par⸗ tei anhiengen. Allein es geſchieht haͤufig, daß wenn die Men⸗ ſchen im ſicherſten Beſitze der Sache, welche ihnen Muͤhe und Anſtrengung gekoſtet hat, zu ſeyn glauben, ihre Lage ſich ploͤtzlich und ſonderbar veraͤndert. Dem Grafen von Mur⸗ ray ſtand ein Schlag bevor, den der hochmuͤthige Regent, wenn man ihm denſelben genannt haͤtte, wahrſcheinlich ver⸗ 24 achtet haben wuͤrde, weil er ſeine Quelle in dem Grolle eines Privatmanns hatte. Nach der Schlacht von Langſide wurden ſechs von den Hamiltonen, die bei dieſer Gelegenheit den meiſten Eifer ge⸗ zeigt hatten, zum Dode verurtheilt, als des Hochverraths ge⸗ gen Jakob VlI. ſchuldig, weil ſie die Sache ſeiner Mutter vertheidigt hatten. Dieſer Urtheilsſpruch konnte auf wenig Gerechtigkeit Anſpruch machen, wenn man bedenkt, wie ſehr das Land zwiſchen die Anſpruͤche der Mutter und des Sohns getheilt war. Allein das Urtheil wurde nicht vollzogen, und die verurtheilten Perſonen wurden durch die Vermittlung des bekannten John Knox von dem Regenten begnadigt. Einer von den Maͤnnern, welche auf dieſe Art begnadigt wurden, war Hamilton von Bothwellhaugh, ein Mann von wilder und rachſuͤchtiger Gemuͤthsart. Gleich andern in ſei⸗ ner Lage wurde er, durch den Verluſt ſeines Eigenthums be⸗ ſtraft, obſchon ſeines Lebens geſchont wurde. Sein Weib hatte ihm, als Mitgift, die Laͤndereien Woodhouſelee, in der Naͤhe von Roslin, zugebracht, und dieſe ſchenkte Murray ei⸗ nem ſeiner Guͤnſtlinge. Dieſer Menſch uͤbte das ihm verlie⸗ hene Recht ſo ſtrenge aus, daß er Hamilton's Frau ohne Kleidung und Schutz gegen die Wuth des Wetters aus ihrem Hauſe jagte. In Folge dieſer thieriſchen Behandlung wurde ſie wahnſinnig und ſtarb. Ihr Gemahl gelobte Rache, allein nicht gegen den wirklichen Urheber ſeines Ungluͤcks, ſondern gegen den Regenten Murray, den er als die urſpruͤngliche Quelle deſſelben, und in Folge ſeiner Familien⸗Vorurtheile, als den unrechtmaͤßigen Beſitzer der hoͤchſten Gewalt und den Unterdruͤcker des Namens und Hauſes Hamilton betrachtete. Es iß keinem großen Zweifel unterworfen, daß der Erzbiſchof 25 von St. Andreas und einige andere ſeines Namens Bothwell⸗ haugh zu dieſem verzweifelten Entſchluſſe aufmunterten. Er naym ſeine Maßregeln mit aller moͤglichen Beſon⸗ nenheit. Als er erfahren hatte, daß der Regent an einem gewiſſen Dage durch Linlithgow kommen ſollte, ſchlich er im Geheimen in ein Haus, das dem Erzbiſchof von St. Andreas gehoͤrte, und das einen hoͤlzernen Erker nach der Straße zu hatte. Bothwellhaugh hieng ein ſchwarzes Duch an die Wand des Gemachs, in welchem er lag, damit ſein Schatten von auſſen nicht geſehen werden moͤchte, und breitete eine Matratze uͤber den Fußboden, damit der Laut ſeiner Tritte von unten nicht gehoͤrt werden koͤnnte. Um ſeine Flucht zu ſichern, band er ein ſchnelles Roß in dem Garten hinter dem Hauſe an, und riß die Schwellenſteine von den Pfoſten der Gartenthuͤre nieder, um zu Pferde durch daſſelbe ſetzen zu koͤnnen. Auch verrammelte er die Vorderthuͤre des Hauſes, die ſich nach der Straße der Stadt oͤffnete, ſtark. Als er auf dieſe Art alles vorbereitet hatte, um ſeine Abſicht bis zu deren Vollfuͤhrung zu verhehlen, und nach geſchehener Ohat ſicher entfliehen zu koͤnnen, verſah er ſich mit einem geladenen Karabiner, ſchloß ſich in das einſame Zimmer ein, und erwartete die Ankunft ſeines Schlachtopfers. Einer ſeiner Freunde gab Murray einen Wink uͤber die Gefahr, der er ſich ausſetze, wenn er durch die Straßen ei⸗ nes Platzes reite, in welchem er Feinde habe, und rieth ihm, die Stadt zu umgehen, oder wenigſtens ſchnell an der Woh⸗ nung vorbeizureiten, die beſonders verdaͤchtig war, da ſie den Hamiltonen gehoͤrte. Allein der Regent glaubte, der anem⸗ pfohlene Schritt wuͤrde einen Anſchein von Furchtſamkeit ha⸗ ben, und machte auf ſeinem Wege durch die vollgedraͤngte Straße Halt. Als er vor dem unheilvollen Balkone ankam, 26. wurde ſein Pferd durch die Menge der Zuſchauer etwas an⸗ gehalten, was Bothwellhaugh Zeit gab, mit Beſannenheit zu zielen. Er feuerte den Karabiner ab, und der Rozent ſiel, toͤdtlich verwundet. Die Kugel fuhr ihm durch den Leib, und toͤdtete noch das Pferd eines Edelmanns, der auf ſeiner rech⸗ ten Seite ritt. Seine Begleiter ſtuͤrzten wuͤthend nach der Thuͤre des Hauſes, von welchem der Schuß auszegangen war; allein Bothwellhaugh hatte ſo ſichere Vorſichtsmaßregeln ge⸗ troffen, daß ſie nicht eher in das Haus einzudringen vermoch⸗ ten, als bis er ſein gutes Roß beſtiegen hatte, und durch die Gartenthuͤre entwichen war. Er wurde nichts deſtoweniger ſo hitzig verfolgt, daß er faſt erreicht worden waͤre; als aber Peitſche und Sporen nichts mehr fruchteten, ſtachelte er ſein Pferd mit ſeinem Dolche, und zwang es, einen verzweifelten Sprung uͤber einen Graben zu thun, uͤber den ſeine Verfol⸗ ger nicht ſetzen konnten. Auf dieſe Art entkam er. Der Regent ſtarb in der folgenden Nacht, einen Charak⸗ ter hinterlaſſend, der vielleicht von einer Klaſſe von Schrift⸗ ſtellern zu hoch erhoben, und von einer andern zu weit her⸗ abgewuͤrdigt worden iſt, je nachdem ſein Betragen gegen ſeine Schweſter gebilligt oder verdammt wurde. 5 Der Moͤrder entkam nach Frankreich. In den Buͤrger⸗ kriegen dieſes Landes machte man einen Verſuch, ihn, als einen bekannten Wagehals, zur Ermordung des Admirals Coligui. zu bewegen; allein er wies das Anerbieten als eine toͤdtliche Beſchimpfung zurück. Er habe, ſagte er, in Schott⸗ land einen Mann getoͤdtet, der ihm eine toͤdtliche Beleidigung zugefuͤgt habe; allein die ganze Welt koͤnne ihn nicht bewe⸗ gen, einen Verſuch gegen das Leben eines Mannes, der ihm nie ein Leid zugefuͤgt habe, zu unternehmen. Murray's Tod war ein Ereigniß, das viele von Maria's 27 „Anhaͤngern erwartet hatten. In der Nacht, nachdem es er⸗ folgt war, ſielen Scott von Bucleuch und Ker von Fairny⸗ herſt in England ein, und verheerten die Graͤnze mit mehr, ais ihrer gewoͤhnlichen Haͤrte. Als einer von denen, welche unter dieſem Einfalle zu leiden hatten, einwendete, der Re⸗ gent werde eine ſolche ungeſetzliche Gewaltthat beſtrafen, er⸗ wiederte der Graͤnzbewohner veraͤchtlich, der Regent ſey ſo kalt, als ſein Sattelzeug. Dieß bewies, daß ihre Anfuͤhrer um Bothwellhaugh's Vorhaben gewußt hatten, und es zu be⸗ nuͤtzen wuͤnſchten, um einen Anlaß zum Kriege zwiſchen den beiden Läͤndern zu geben. Allein die Koͤnigin Eliſabeth be⸗ gnuͤgte ſich damit, ein kleines Heer nach der Graͤnze zu ſchi⸗ cken, um die Schloͤſſer der beiden Staͤmme, welche den feind⸗ lichen Einfall unternommen hatten, niederzubrennen, und ih⸗ re Laͤndereien zu verheeren; ein Befehl, den die Soldaten mit großer Strenge an den Staͤmmen Scott und Ker voll⸗ zogen, ohne jedoch diejenigen, uͤber welche ſich ihre Gebiete⸗ rin nicht zu beklagen hatte, zu beeintraͤchtigen. Nach Murray's Tod wurde Lennox zum Regenten er⸗ waͤhlt. Er war der Vater des ermordeten Darnley, zeigte aber keinen gar großen Rachedurſt. Er ſuchte eine Vereini⸗ gung der Parteien, zum Behufe eines innern Friedens, zu Stande zu bringen. Allein die Gemuͤther waren auf beiden Seiten zu ſehr erbittert. Die Partei der Koͤnigin wurde durch Maitland von Lethington und Kirkaldy von Grange verſtaͤrkt, die ſich dieſer Partei anſchloſſen, nachdem ſie lange der Stolz der Gartei des Koͤnigs geweſen waren. Lethington haben wir oft als einen der talentoollſten Maͤnner in Schott⸗ land genannt, und Kirkaldy war ſicherlich einer der tapfer⸗ ſten. Er war zudem Gouverneur der Burg von Edinburgh, und ſeine Erklaͤrung, daß er dieſen wichtigen Platz fuͤr die 28 Koͤnigin beſetzt halte, ermuthigte die Anhaͤnger der Maria nicht wenig. Zu gleicher Zeit wurde ſie einer Feſtung, die kaum minder wichtig war, durch den Verluſt von Dunbarton Caſtle, auf folgende auſſerordentliche Art beraubt. Dunbar⸗ ton iſt einer der feſteſten Plaͤtze in der Welt. Er lieat auf einem Felſen, der faſt in ſenkrechter Richtung von einer Ebe⸗ ne bis zu der Hoͤhe von mehreren hundert Fuß emporſteigt. Auf dem Gipfel dieſes Felſens liegen die Gebaͤude, und da von unten bloß ein einziger, ſtark bewachter und befeſtigter Zugang auf Sufen zu der Feſtung fuͤhrt, kann das Fort faſt fuͤr uneinnehmbar gehalten werden. Ein gewißer Kapitain, Crawford von Jordanhill, beſchloß jedoch, einen Verſuch ge⸗ gen die furchtbare Feſtung zu machen. Er benützte eine neblige und mondloſe Nacht, um an den Fuß des Schloßfelſens die Sturmleitern, mit denen er ſich verſehen hatte, zu bringen. Er waͤhlte zu dieſem ſchreck⸗ lichen Verſuche den Ort, wo der Felſen am hoͤchſten, und folglich am wenigſten regelmaͤßig bewacht war. Dieſe Wahl war gluͤcklich; denn die erſte Leiter brach durch das Gewicht der Leute, welche emporzuſteigen verſuchten, und das Geraͤuſch des Falls haͤtte ſie verrathen muͤſſen, wenn irgend eine Schildwache, die ſie haͤtte hoͤren koͤnnen, oben ausgeſtellt ge⸗ weſen waͤre. Unterſtuͤtzt von einem Soldaten, der aus der Feſtung entflohen war, und ihm als Fuͤhrer diente, kletterte Crawford zunaͤchſt empor, und ſuchte die zweite Leiter an die Wurzeln eines Baumes zu befeſtigen, der ungefaͤhr in der Mitte des Felſens ſtand. Hier fanden ſie eine ebene Flaͤche, welche der ganzen Geſellſ aft; die folglich ſehr klein war, Raum gewaͤhrte. Bei der Erſteigung der zweiten Hoͤhe, er⸗ eignete ſich ein anderer Vorfall. Einer von der Geſellſchaft, der mit der Fallſucht behaftet war, wurde von einem ſolchen 29 Anfalle, vielleicht aus Schrecken, ergriffen, waͤhrend er an der Leiter emporkletterte. Seine Krankheit machte es ihm unmoͤglich, hinauf oder hinabzuſteigen. Den Mann toͤdten wuͤrde ein grauſamer Ausweg gewefen ſeyn; zudem haͤtte ſein Fall von der Leiter die Beſatzung aufmerkſam machen muͤſſen. Crawford ließ ihn deßwegen an die Leiter binden; hierauf ſtie⸗ gen alle uͤbrigen herab, keyrten die Leiter um, und ſtiegen dann leicht uͤber den Bauch der fallſuͤchtigen Perſon empor. Als die Geſellſchaft den Gipfel erreichte, erſchlug ſie die Schildwache, ehe ſie Zeit hazte, Laͤrm zu machen, und uͤber⸗ rumpelte leicht die ſchlafende Beſatzung, die der Sicherheit ihrer Feſte zu ſehr vertraut hatte. Dieſe That Crawford's darf ſich mit jeder der Art, von der wir in der Geſchichte le⸗ ſen, meſſen. Hamilton, der Erzbiſchof von St. Andreas, wurde in Dunbarton, wohin er ſich, da er von der Partei des Koͤnigs beſonders gehaßt wurde, gefluͤchtet hatte, gefangen genom⸗ men. Er befand ſich jetzt in ihren Haͤnden, und da ſie ihn fruͤher fuͤr einen Verraͤther erklaͤrt hatten, ſo toͤdteten ſie ihn als ſolchen ohne Bedenklichkeit. Dieſe grauſame That fuͤhrte zu andern Gewaltthaͤtigkei⸗ ten, die aus Rachſucht begangen wurden, und ihrerſeits neues Blutvergießen verurſachten. Alle natuͤrlichen Bande wurden bei der Unterſcheidung von Koͤnigsmaͤnnern(Kingsmen) und Koͤniginmaͤnnern(Oueensmen) vergeſſen; und da keine Par⸗ tei der andern Gnade wiederfahren ließ, ſo nahmen die buͤr⸗ gerlichen Kriege eine hoͤchſt furchtbare Geſtalt an. Vaͤter, Soͤhne und Bruͤder fochten gegeneinander. Sogar die Kin⸗ der der Staͤdte und Doͤrfer bildeten Banden fuͤr Koͤnig Ja⸗ kob oder die Koͤnigin Maria, und fochten hartnaͤckig mit Steinen, Stoͤcken und Meſſern. 30 Mitten in dieſer Verwirrung rief jede Partei ein Par⸗ lament zuſammen, dem bloß die Lords, die auf ihrer Seite ſtanden, beiwohnten. Das Parlament der Koͤnigin trat in Edinburgh, unter dem Schutze des Caſtells und ſeines Gou⸗ verneurs Kirkaldy, zuſammen. Die Partei des Koͤnigs hatte eine weit zahlreichere Verſammlung, und nahm, in Stirling, wo ſie den Koͤnig vorfuͤhrten, um ihre Beſchluͤſſe zu bekraͤfti⸗ gen, dieſelbe Benennung an. Der Knabe bemerkte einen Riß in dem Deppiche, womit der Diſch bedeckt war, an welchem die Schreiber ſaſſen, und bemerkte mit natuͤrlichem Kinder⸗ ſinn,„es ſey ein Loch in dem Parlamente.“ An dieſe Wor⸗ te erinnerte man ſich nachher, als an eine Art Prophezeiung des folgenden ſonderbaren Ereigniſſes. Kirkaldy erdachte ein Unternehmen, das wenn es gegluͤckt waͤre, den Verhandlungen des Parlaments des Koͤnigs, ja dem Buͤrgerkriege ſelbſt, ein Ziel geſetzt haben wuͤrde. Er berief Buecleuch und Fairnyherſt, die bereits als eifrige An⸗ haͤnger Maria's erwaͤhnt worden ſind, zu ſich, und bat ſie, eine ſtarke Abtheilung ihrer beſten Reiterei zu bringen. Zu ihnen ließ er den Lard Claud Hamilton mit einer Abtheilung Fußvolk ſtoſſen. An die Spitze der ganzen Macht wurde ein gewiſſer Bell geſtellt, der die Stadt Stirling kannte, da er ein Eingeborner dieſes Platzes war. Er fuͤhrte den Trupp, der aus ungefaͤhr fuͤnfhundert Mann beſtand, in die Mitte der Stadt, ohne daß ſie auch nur ein Hund anbellte. Dann machten ſie Laͤrmen und riefen,„Gott und die Koͤnigin! Denkt an den Erzbiſchof von St. Andreas! Alles iſt unſer!“ In Folge der Befehle, die ſie erhalten hatten, ſchiekten ſie Abtheilungen ihrer Mannſchaf nach den verſchiedenen Haͤu⸗ ſern, welche die koͤniglichgeſinnten Lords in Beſitz genommen hatten, und machten ſie ohne Widerſtand zu Gefangenen, 34 Moorton ausgenommen, deſſen hartnaͤckige Tapferkeit ſie noͤ⸗ thigte, ſeine Wohnung in Brand zu ſtecken. Er ergab ſich hierauf Buccleuch, der ſein naͤchſter Ver⸗ wandter war. Allein ſein Widerſtand hatte einige Zeit erfor⸗ dert, und die Angreifer hatten ſich der Plünderung halber zerſtreut. In dieſem Augenblicke fuͤhrte Mar eine Abtheilung Musketier aus dem Caſtelle herbei, ſtellte ſie hinter den Mauern eines Hauſes, das er auf dem Caſtlehill zu bauen angefangen hatte, auf, und eroͤffnete ein ſchweres und uner⸗ wartetes Feuer auf die Anhaͤnger der Koͤnigin. Da dieſe be⸗ reits in Unordnung waren, ergriff ſie im Augenblicke des Sieges ein paniſcher Schrecken. Die Scene veraͤnderte ſich jetzt gaͤnzlich, und die, welche einen Augenblick zuvor geſiegt hatten, waren jetzt froh, ſich ihren eigenen Gefangenen zu übergeben. Lennox, der Regent, hatte hinter Spens von Wormoston, der ihn gefangen genommen hatte, auf deſſen Pferde Platz nehmen muͤſſen. Er war ein beſonderer Gegen⸗ ſtand der Rache fuͤr die Hamiltonen, die den Dod des Erz⸗ biſchofs von St. Andreas zu ſuͤhnen wuͤnſchten. Er wurde, wie man glaubt, auf Befehl des Lord Claud Hamilton ge⸗ tödtet, und Spens, der ſeinen Gefangenen loͤblicherweiſe zu beſchuͤtzen ſuchte, wurde zu gleicher Zeit erſchlagen. Die Partei der Koͤnigin zog ſich aus Stirling ohne großer Ver⸗ luſt zuruͤck, denn die Graͤnzbewohner fuͤhrten alle Pferde hin⸗ weg, auf denen die feindliche Partei ihnen haͤtte nachſetzen koͤnnen. Kirkaldy empfing die Nachricht vom Tode des Re⸗ genten mit großer Unzufriedenheit, und ſchalt die Anfuͤhrer hirnloſe Thiere, die einen Sieg weder zu erringen noch zu benüͤtzen wiſſen. Haͤtte er ſich ſelbſt an die Spitze der Ab⸗ theilung geſtellt, wie er ernklich gewänſcht hatte, ſo wuͤrde der Einfall von Stirling(Raid of Stirling) den Krieg wahr⸗ ſcheinlich beendet haben. So aber wurde der Streit durch Lennox' Tod, wo moͤglich, noch vergroͤßert. 4 Der Graf von Mar wurde zum Regenten von Seiten der Koͤnigspartei ernannt. Er war ein Mann von redlichen und gemaͤßigten Abſichten, und war ſo ſehr von dem loͤblichen Wunſche beſeelt, ſeinem Lande die Wohlthat des Friedens wieder zu verleihen, daß die Unmoͤglichkeit, ſeinen Zweck zu erreichen, ſein Leben verkuͤrzt haben ſoll. Er ſtarb den 2oſten Oktober 1572, nachdem er kaum ein Jahr Regent geweſen war. Der Graf von Morton wurde nun zum Regenten er⸗ waͤhlt. Wir haben geſehen, daß dieſer Edelmann zwar we⸗ gen ſeines Muths und ſeiner Talente Achtung verdiente, al⸗ lein von Natur wild und grauſam war. Er hatte an Rizzio's Ermordung TCheil gehabt, und wenigſtens um die des Gra⸗ fen von Darnley gewußt. Es ließ ſich erwarten, daß er den Krieg mit der bisherigen wilden Grauſamkeit fortſetzen wuͤr⸗ de, ſtatt, wie Mar, die Wuth deſſelben zu ſchwaͤchen. Dieß geſchah auch. Jede Partei fuhr fort, ihre Gefangenen hin⸗ zurichten; und da taͤglich Gefechte vorfielen, ſo war die Zahl der Perſonen, welche durch das Schwert fielen, oder am Gal⸗ gen ſtarben, furchtbar groß. Nach dem Familiennamen Mor⸗ ton's nannte man dieſe Kriege die Douglaskriege. Nachdem dieſe Feindſeligkeiten ungefaͤhr fuͤnf Jahre lang fortgedauert hatten, unterwarfen ſich der Herzog von Chatelhexault und der Graf von Huntly, die zwei angeſehenſten Adeligen, wel⸗ che die Sache der Koͤnigin vertheidigt hatten, der Oberherr⸗ lichkeit des Koͤnigs und der Gewalt des Regenten. Kirkaldy von Grange, fuhr, unterſtuͤtzt durch den Rath Maitlands von Lethington, fort, das Caſtell von Edinburgh gegen Mor⸗ ton 5³ ton zu behaupten. Allein die Koͤnigin Eliſabeth, die jetzt die ſchottiſchen Unruhen zu beenden wuͤnſchte, ſchickte von Ber⸗ wick eine bedeutende Abtheilung engliſcher Truppen ab, und, was noch noͤthiger war, einen großen Artilleriezug, der das Caſtell von Edinburgh eng belagerte. Die Beſatzung kam je⸗ doch mehr durch den Mangel an Lebensmitteln, als durch die Kugeln der engliſchen Batterien in Noth. Nur nach einer tapfern Vertheidigung, in deren Laufe eine von den Quellen, welche die Feſtung mit Waſſer verſah, vertrocknet, und die andere durch Druͤmmer verſtopft wurde, konnte der tapfere Kirkaldy zu unterhandeln gezwungen werden. Er ergab ſich dem engliſchen Generale, der ihm das Verſprechen gab, daß ſeine Gebieterin den Regenten zu einer güͤtigen Behandlung des Gouverneurs und ſeiner Anhaͤnger bewegen werde. Dieß konnte um ſo eher erwartet werden, als Morton und Kirkaldy ehedem große Freunde geweſen wa⸗ ren. Allein der Regent verlangte das Leben ſeines kapfern Gegners; und Eliſabeth gab die Gefangenen, die Ehre ihres Generals, wie die ihrige wenig beachtend, Morton's Rache preis. Kirkaldy und ſein Bruder wurden oͤffentlich hingerich⸗ ter, zum großen Bedauern vieler Perſonen von der Partei des Koͤnigs ſogar. Maitland von Lethington, der beruͤhmter durch ſeine Talente, als ſeine Biederkeit war, gab alle Hoff⸗ nung zur Begnadigung auf, als er ſah, daß man ſelbſt des Kirkaldy von Grange nicht geſchont hatte, und machte ſeinem Daſeyn durch Gift ein Ende. So endeten die Buͤrgerkriege unter der Regierung der Koͤnigin Maria mit dem Tode des tapferſten Soldaten und des geſchickteſten Staatsmar uns; denn dieß waren Kirkaldy und Maitland. Seit der, den 20ſten May 1575 erfolgten, Uebe gabe des W. Scott's Werke. XlX. 5 34 CEaſtels von Edinburgh ſah ſich der Regent im vollkommenen Beſitze der hoͤchſten Gewalt in Schottland. Da die Koͤnigin Eliſabeth waͤhrend der Buͤrgerkriege ſeine beſtaͤndige Freundin geweſen war, ſo erfuͤllte er alle ihre Wünſche, als er ſich im unbeſtrittenen Beſitze der Regierung Schottlands ſah. Mor⸗ ton gieng ſogar ſo weit, daß er der Gerechtigkeit oder Rache der engliſchen Koͤnigin jenen ungluͤcklichen Grafen von North⸗ umberland übergab, der, wie ich fruͤher erwaͤhnt habe, eine Verſchwoͤrung in England angezettelt hatte, ſodann nach Schottland entflohen, und von dem Regenten Murray in das Schloß Lochleven eingeſperrt worden war. Die Auslieferung dieſes unglüͤcklichen Edelmanns an England war ein großer Flecken, nicht bloß fuͤr den Charakter Morton's, ſondern auch Schottlands im Allgemeinen, das bisher als ein ſicherer und gaſtfreundlicher Zufluchtsort fuͤr diejenigen, welche Ungluͤck oder politiſcher Zwieſpalt aus ihrem Lande verbannt hatten, betrachtet worden war. Es war um ſo auffallender, weil Morton ſelbſt, als er ſich, wegen ſeines Antheils an Rizzio's Ermordung, gezwungen geſehen hatte, nach England zu ent⸗ fliehen, von dem ungluͤcklichen Edelmanne, den er jetzt aus⸗ lieferte, guͤtig empfangen und beſchützt worden war. Ein weirerer und erſchwerender Umſtand war es, daß es ein Douglas war, der einen Douzlas verrieth; und wenn man die Annalen ihrer Vorfahren zu Rathe zog, ſo fand man, daß ſie zwar viele Handlungen offener Feindſeligkeit, und vie⸗ le Beiſpiele eines engen und feſten Buͤndniſſes enthielten, al⸗ lein bis jetzt noch kein Beiſpiel eines Verraths der einen Fa⸗ milie gezen die andere. Um das Schaͤndliche dieſer That zu erhoͤhen, wurde dem Regenten bei dieſer Gelegenheit eine Geldſumme bezahlt, die er mit Douglas von Lochleven theil⸗ te. Northumberland wurde in Pork 1572 enthauptet. tet. Foſter war begleitet von den Maͤnnern vo 35 3 In andern Hinſichten hatte der Friede mit England große Vortheile für Schottland, da dieſem zerrütteien Lande ein ge⸗ wiſſer Grad von Ruhe hoͤchſt nothwendig war. Er dauerte, mit geringer Unterbrechung, uͤber dreißig Jahre lang. Bei einer Gelegenheit fiel jedoch ein hitziges Gefecht zwi⸗ ſchen den Schotten und Englaͤndern vor, das ich dir hier, obſchon es von keiner großen Wichtigkeit iſt, erzaͤhlen will, hauptſaͤchlich weil es das letzte bedeutende Gefecht war,— mit Ausnahme einer kuͤhnen That, von der du bald hoͤren ſollſt— das die beiden Nationen einander lieferten, oder, wie zu hoffen ſteht, je liefern werden. Die zur Erhaltung des Friedens an der Graͤnze getrof⸗ fene Einrichtung beſtand darin, daß die Graͤnzhuͤter auf bei⸗ den Seiten an beſtimmten Tagen zuſammenzutreſſen und ein⸗ ander die Uebelthaͤter, die Angriffe auf beide Laͤnder gemacht hatten, auszuliefern, oder auch pekuniaͤre Entſchaͤdigungen fuͤr ben Schaden⸗ den df. agerichtnt batiin⸗ zu geben pi eg⸗ ten. neten Clans, reni in ſeinem Rechisgebiete wohnien, 3 eglei⸗ ne die den anweſenden Streitkraͤften der ſchottiſchen Graͤnzber voh⸗ ner an Zahl uͤberlegen waren. Alle waren mit Jneke Speer, ſo wie mit Bogen und Pfeilen, gut bewaffnet. Suſamnnentreffen war anfaͤnglich friedlich. Die Graͤn begannen ihr gewoͤhnlich es Geſchaͤft, und ihre Begleiter gen an, mit einander zu handeln, und ſich in Spieze Beluſtigungen einzulaſſen. Deny trotz ihrer gewoͤhnlichen 1 3. 36 Einfaͤlle, fand zwiſchen den Graͤnzbewohnern auf beiden Sei⸗ ten eine Art Bekanntſchaft ſtatt, jener aͤhnlich, welche zwi⸗ ſchen den Vorpoſten zweier ſtreitenden Heere ſtatt hat. Waͤhrend dieſes friedlichen Verkehrs auf beiden Seiten entſtand ein Streit zwiſchen den beiden Graͤnzhuͤtern. Car⸗ michgel verlangte naͤmlich die Auslieferung eines Freibeuters, für welchen Foſter, auf der andern Seite, nicht verantwort⸗ lich ſeyn wollte. Sie erhoben ſich beide von ihren Sitzen, als der Streit heiß wurde, und Sir John Foſter ſagte Carmi⸗ chael verachtlich, er ſolle ſich mit Seinesgleichen meſſen. Die engliſchen Graͤnzbewohner erhoben alsbald ihr Kriegsgeſchrei, „Herbei Lynedale,“ und ſchoſſen, ohne weitere Umſtaͤnde, ei⸗ neu Hagel von Pfeilen unter die Schotten, die, geringer an Zahl und uͤberraſcht, kaum im Stande waren, ihren Platz zu dehaupten. Ein Haufe von Buͤrgern aus Jedburgh kam noch zeitig genug, um ſeine Landsleute zu unterſtuͤtzen. Da die meiſten von ihnen Feuergewehre hatten, ſo verlor der alte engliſche lange Bogen ſeine fruͤhere Ueberlegenheit. Nach ei⸗ nem hitzigen Gefechte mußten die Englaͤnder das Schlachtfeld raͤumen. Sir John Foſter und viele von den engliſchen Edel⸗ leuten, die gefangen genommen wurden, überlieferte man dem Regenten Morton, um uͤber ſie nach Belieben zu verfuͤ⸗ gen. Sir Georg Heron von Chipchaſe und andere Perſonen von Stand wurden getoͤdtet. Das Mißfallen der Koͤnigin Eliſabeth fuͤrchtend, bſchon die Englaͤnder der beleidigende Theil geweſen waren, behan⸗ delte Morton die Gefangenen mit Auszeichnung, und entließ ſie nicht bloß ohne Loͤſegeld, ſondern auch mit Geſchenken an Falken und andern Zeichen von Hochachtung.„Werdet ihr nicht gut hehandelt?“ ſagte ein Schotte zu einem von dieſen 37 befreiten Gefangenen,„da wir euch lebendige Falken für tob⸗ te Geier geben?“. Dieſes Gefecht, Raid of the Redſchwair genangt, ſiel auf dem Gebirgsrücken des Carter vor. Es unterbrach den Frieden zwiſchen den beiden Laͤndern nicht, da es als eine zu⸗ faͤllige Schlaͤgerei keiner weitern Beachtung gewuͤrdigt wurde. Schottland erfreute ſich daher der Segnungen des Frie⸗ dens waͤhrend des groͤßern Theils der Regentſchaft Morton's, Allein die Vortheile, welche dem Königreiche aus den Frieden erwuchſen, wurden gewiſſermaßen durch die verdor⸗ bene und bedruͤckende Regierung Morton's auf gewogen, der ſeine ganze Aufmerkfamkeit faſt ausſchließlich darauf richtete, Schaͤtze, durch alle ihm zu Gebot ſtehenden Mittel, zuſam⸗ menzuhaͤufen. Das ausgedehnte Eigenthum, welches früher der roͤmiſch⸗katholiſchen Kirche gehoͤrt hatte, war eine Gold⸗ gribe, aus welcher der Regent und die andern großen Ade⸗ ligen ſich bedeutende Reichthämer ſchoͤpften. Dieß thaten ſie hauptſaͤchlich durch die Art, wie ſie gegen dieſenigen verfuh⸗ ren, welche an die Stelle der Aebte und Prioren als Com⸗ mendatoren geſetzt wurden, unter welchem Worte die Schot⸗ ten einen Laien verſtanden, der eine kirchliche Pfruͤnde erhal⸗ ten hatte. An dieſe Commendatoren wandten ſich die Adeli⸗ gen, und noͤthigten ſte durch rechtmaͤßige Mittel oder durch Gewalt, ihnen das Eigenthum der Abteien zu aberlaſſen, oder es ihnen wenigſtens in langen Verpachtungen fuͤr eine unbedeutende Rente zu verkeihen. Um dir einen Begriff von der Art zu geben, auf welche ſolche Geſchaͤfte abgemacht wur⸗ den, will ich dir ein merkwuͤrdiges Beiſpiel davon erzaͤhlen: Im Auguſt 1570 ließ ſich Allan Stewart, Commendator der Abtei Croßraguel in Ayrſchire, bewegen, den Grafen von Cafſilis zu beſuchen, der ihn, einigermaßen gegen ſeinen . 38 Willen, nach einem einſamen, in die See hinausragenden Thurm, das ſchwarze Gewoͤlbe von Denure genannt, deſſen Ruinen noch ſichtbar ſind, führte. Er wurde einige Zeit lang guͤtig behandelt, als ihm aber ſeine Waffen und ſeine Diener genommen wurden, hatte er bald Urſache, ſich weni⸗ ger als einen befreundeten Gaſt, denn als einen Gefangenen zu betrachten, gegen den man irgend einen boͤſen Streich im Schilde fuͤhrte. Endlich ließ der Graf ſeinen Gaſt in ein beſonderes Zimmer bringen, in welchem, außer einem großen plumpen Bratroſte, unter welchem ein Holzkohlenfeuer brann⸗ te, kein anderes Geraͤth war.„Und nun, mein Lord Abt,“ ſagte der Graf von Caſſilis,„wollen Sie die Gefaͤlligkeit ha⸗ ben, dieſe Papiere zu unterzeichnen?“ Mit dieſen Worten legte er ihm Pachtbriefe und andere Papiere vor, die alle Laͤndereien der Abtei Croßraguel dem Grafen ſelbſt verliehen. Der Commendator weigerte ſich, das Eigenthum abzutreten, oder die Papiere zu unterzeichnen. Alsbald trat ein Haufen von Barbaren ein, die den ungluͤrklichen Mann ergriffen, ihm ſeine Kleider vom Leibe riſſen, und ihn auf die eiſernen 6 Sstaͤbe legten, wo ihn das darunter brennende Feuer verſeng⸗ ke, waͤhrend ſie ihn mit Oel begoſſen, wie eine Koͤchin das Fleiſch, das ſie auf einem Bratſpieße roͤſtet. Der arme Mann ſchrie jaͤmmerlich, und bat, ſie moͤchten ihn lieber augenblicklich toͤdten, als ihn dieſer langſamen Marter preis geben, und bot ſeine Boͤrſe mit dem Gelde, das ſie enthielt, jedem an, der ihm aus Barmherzigkeit eine Kugel durch den Kopf ſchießen wuͤrde. Endlich war er genoͤthigt, lieber zu unterſchreiben, was der Graf wuͤnſchte, als die unbeſchreib⸗ liche Qual noch laͤnger zu dulden. Als ihm die Briefe und Pachtyertraͤge uͤberreicht wurden, unterzeichnete er ſie mit ſelger halbverdorrten Hand, waͤhrend der Graf die ganze Zeit 39 uͤber mit der unverſchaͤmteſten Heuchelei ausrief:„Benedici⸗ te, Sie ſind der hartnaͤckigſte Mann, den ich je ſah, daß Sie mich zwangen, Sie ſo zu behandeln; ich dachte nie dar⸗ an, jemand ſo zu behandeln, wie Ihre Halsſtarrigkeit mich Sie zu behandeln gezwungen hat.“ Der Commendator wurde nachher von einer von Hamilton von Bargany befehligten Ab⸗ theilung befreit, die das ſchwarze Gewoͤlbe von Denure, in der Abſicht ihn zu befreien, angriff. Allein das wilde und grauſame Betragen des Grafen zeigt, auf welche Art die Adeligen die Kirchenguͤter von denen, welche fuͤr den Augen⸗ blick im Beſitze derſelben waren, erhielten. Der Graf von Morton gab jedoch das Beiſpiel zu einer andern und minder gewaltthaͤtigen Art, Einkuͤnfte der Kirche ſich zuzuwenden. Dieß geſchah durch die Wiedereinfuͤhrung des Standes der Biſchoͤfe, der von der presbyterianiſchen Form der Kirchenregierung entfernt worden war. Z. B. nach der Hinrichtung des Erzbiſchofs von St. Andreas ließ er Douglas, den Rektor von St. Andreas, zum Erzbiſchofe an ſeiner Statt erwaͤhlen; allein dieſem Namens⸗Praͤlaten bewil⸗ ligte er bloß eine kleine Penſion von den bedeutenden Ein⸗ kuͤnften des Bisthums, und behielt das ganze übrige Ein⸗ kommen fuͤr ſich, obſchon die Renten im Namen des Biſchofs erhoben wurden. Dieſe und andere Umſtaͤnde betruͤbten John Knox, den kuͤhnen und unbeugſamen Vater der ſchottiſchen Reformation ſehr. Er ſah mit Schmerz, daß der proteſtantiſche Adel auch noch den ſpaͤrlichen Unterhalt, welcher der ſchottiſchen Geiſt⸗ lichkeit von den bedeutenden Fonds, die urſpruͤnglich der roͤmi⸗ ſchen Kirche gehoͤrt hatten, bewilligt war, entzog. Er war auch eiferſuͤchtig auf die republikaniſche Gleichheit, als er die Kir⸗ che von Schottland durch dieſe neue Einfuͤhrung von Biſchoͤ⸗ 40 ſen, obſchon mit beſchraͤnktem Einkommen und verminderter Macht, veraͤndert ſah. Aus dieſen und andern Gruͤnden hat⸗ te er dem Regenten Morton mehr als einmal bittere Vor⸗ wuͤrfe gemacht; als aber dieſer merkwuͤrdige Mann flarb, ſprach der Regent, der ſeinem Leichenbegaͤngniſſe beiwohnte, uͤber ſeinem Sarge eine Lobrede, die nie vergeſſen werden ſollte.—„Hier liegt,“ ſagte Morton,„er, der nie das An⸗ geſicht des Menſchen ſcheute.“ In dem Staate wie in der Kirche zeigte der Negent ei⸗ nen rachſuͤchtigen, geizigen und verdorbenen Charakter. Ob⸗ ſchon die Buͤrgerkriege beendet waren, ſo war er doch emſig bemuͤht, an den Hamiltonen wegen der fortwaͤhrenden Hülfe, die dieſe maͤchtige Familie der Partei der Koͤnigin geleiſtet hatte, und wegen der Hinderniſſe, die ſie ſeiner eigenen Er⸗ bebung in den Weg geſtellt hatte, Rache zu nehmen. Er behandelte ſie als oͤffentliche Feinde, verjagte ſie aus Sehott⸗ land, und nahm ihnen ihre Laͤndereien. Der Graf von Ar⸗ ran, der aͤlteſte Bruder der Familie, welchem die Laͤndereien wirklich gehoͤrten, war wahnſinnig und in einem Zuſtande von Gefangenſchaft; allein dieß hielt Morton nicht ab, die Grafſchaft und die dazu gehoͤrenden Laͤndereien als verwirkt zu erklaͤren,— ein Mißbrauch der Geſetze, der den Unwitle aller ehrlichen Leute erregte. Nicht blos durch Conſiscationen ſuchte Morton Reich⸗ thümer zu ſammeln. Er nahm Geld för die Dienße, die er zu erweiſen die Macht hatte. Seibſt bei der Verwaltung der Gerechtigkeit waren ſeine Haͤnde nicht frei von Beſtechungen; obſchon es eines der groͤßten Verbrechen, deſſen ein oͤffentli⸗ cher Mann ſich ſchuldig machen kann, iſt, ſich bei der Hand⸗ habung der Gerechtigkeit von Gunſt oder Gewinnſucht leiten zu laſſen. 3 8 41 In Beziehung auf den Grafen von Morton erzaͤhlt eine Geſchichte der Familie Sommerville nachſtehende Anecdote. Als eines der Mitglieder dieſer Familie in einen großen und wichtigen Proceß verwickelt war, den der Regent nach ſeinem Gutduͤnken entſcheiden konnte, befolgte es, auf den Rath ei⸗ nes alten und erfahrenen Bekannten des Regenten, folgendes fonderbare Verfahren:— Lord Sommeroille machte dem Lord Morton ſeine Aufwartung, und empfahl ſeinen Fall ſeiner guͤnſtigen Meinung,— eine Art perſoͤnlicher Betreibung, die damals ſehr gebraͤuchlich war. Nachdem er mit dem Regen⸗ ten eine kurze Zeit geſprochen hatte, und ſich zum Weggehen anſchickte, oͤffnete er ſeine Boͤrſe, als ob er einiges Geld aus derſelben nehmen wollte, um es den Dienern und Aufwaͤrtern zu geben, wie es bei ſolchen Gelegenheiten gebraͤuchlich war, ließ aber die Boͤrſe auf dem Liſche liegen, als ob er ſie ver⸗ geſſen haͤtte. Morton rief ihm nach—„Mylord, Ihre Boͤr⸗ ſe— Sie haben Ihre Boͤrſe vergeſſen!“— allein Lord Som⸗ merville eilte hinweg, ohne ſich umzukehren. Er hoͤrte nichts mehr von der Boͤrſe, die er ganz voll mit Gold geſtopft hatte; allein Morton entſchied an dieſem Tage zu ſeinen Gunſten. Beiſpiele einer ſolchen verworfenen Habgier entriſſen Morton allmaͤhlig die Liebe und Zuneigung ſeiner beſten Freunde, und ſeine Regierung wurde endlich ſo allgemein verhaßt, daß der allgemeine Wunſch entſtand, der Koͤnig möchte der Regentſchaft durch ſeinen Regierungsantritt ein Ende machen. 1 Dieſe Meinungen herrſchten ſo allgemein, daß Mortsn, den 12. Maͤrz 1578 ſein Regenten⸗Amt niederlegie, und ſich als Privatmann in ſein Schloß Dalkeith zurückzeg, die Ver⸗ waltung der Regierung einem aus zwoͤlf adeligen Mitgliedern beſtehenden Rathe uͤberlaſſend. Allein gewoͤhnt, an der Spitze 4² der Regierung zu ſtehen, konnte er nicht lange unthaͤtig blei⸗ ben. Er entfagte ſeiner Einſamkeit in der duͤſtern Feſte, die das Volk Loͤwenhoͤhle nannte, verjagte die neuen Raͤthe durch eine Miſchung von Liſt und Gewalt, und riß noch einmal, nach der alten Sitte der Douglas, die hoͤchſte Verwaltung der oͤffentlichen Angelegenheiten an ſich. Allein der Fuͤrſt war kein Kind mehr. Er ſieng jetzt an, fuͤr ſich zu denken und zu handeln; und es iſt nothwendig, daß du einiges über ſei⸗ nen Charakter erfaͤhrſt. Jakob VI. war noch ein Kind, als er auf den Thron ſeiner Mutter geſetzt wurde. Er war jetzt ein Knabe von vierzehn Jahren, von guter Gemuͤthsart, und mit ſo viel Ge⸗ lehrſamkeit ausgeſtattet, als zwei treffliche Schulmeiſter ihm beizubringen vermocht hatten. Er hatte in der That mehr Gelehrſamkeit als Weisheit; und doch zeigte es ſich, im Lau⸗ fe ſeines künftigen Lebens, daß er nicht ohne geſunden Ver⸗ ſtand war, ſo ſehr es ihm auch an der Kraft, maͤnnliche Entſchluͤſſe zu entwerfen, und an der zu ihrer Ausfuͤhrung noͤthigen Feſtigkeit fehlte. Eine gewiſſe Kinderhaftigkeit und Geiſtesbeſchraͤnktheit machte ſeinen geſunden Verſtand nutzlos und ſeine Gelehrſamkeit laͤcherlich. Von ſeiner fruͤheſten Kind⸗ heit an hatte er eine leidenſchaftliche Vorliebe füͤr Guͤnſtlinge, und ſchon in ſeinem dreizehnten und vierzehnten Jahre ſtan⸗ den zwei Perſonen in einer ſolchen Gunſt bei ihm, daß ſie ihn bewegen konnten, alles zu thun, was ſie wollten. Der erſte war Esme Stewart von Aubigny, ein Neffe des verſtorbenen Grafen von Lennox und ſein Erbe. Der Koͤnig verlieh dieſem jungen Manne nicht bloß die Ehren ſei⸗ ner Familie wieder, ſondern machte ihn auch zum Herzoge von Lennox, und erhob ihn, mit zu verſchwenderiſcher Groß⸗ muth, zu einem hohen Amte im Staate. Im Charakter die⸗ ſes Guͤnſtlings lag nichts, das ihn einer ſolchen ungemeinen Auszeichnung wuͤrdig oder unwuͤrdig gemacht haͤtte. Er war ein artiger junger Mann, der dem Koͤnige wegen ſeiner Güte hoͤchſt dankbar und geneigt war, ſich derſelben ohne eine Be⸗ leidigung gepen andere zu erfreuen. Ganz verſchieden war der Charakter des andern Guͤnſt⸗ lings Jakobs VI. Dieß war Kapitaͤn Jakob Stewart, ein zweiter Sohn der Familie Ochiltree. Er war ein ſittenloſer und ſchlechter Mann, ohne eine andere Weisheit als Ver⸗ ſchlagenheit, und bloß durch die Verwegenheit ſeines Ehrgei⸗ zes und die Kuͤhnheit ſeines Charakters ausgezeichnet. Die Eingebungen dieſer beiden Guͤnſtlinge vergroͤßerten den natuͤrlichen Wunſch des Koͤnigs, der Herrſchaft Morton's ein Ende zu machen, und Stewart beſchloß, der Vorwand zu ſeiner Entfernung ſolle auch der Vorwand zu ſeinem Dode ſeyn. Der Grund zur Anklage wurde liſtig gewaͤhlt. Der Graf von Morton hatte, bei der Niederlegung der Regent⸗ ſchaft, eine Verzeihung unter dem Groß⸗Siegel fuͤr alle Ver⸗ brechen und Beleidigungen erhalten, deren er ſich gegen den Koͤnig ſchuldig gemacht haben mochte; allein in dieſer Ver⸗ zeihung war der Ermordung Heinrich Darnley's, des Vaters des Koͤnigs, nicht erwaͤhnt, und an dieſem Morde hatte der Graf von Morton ſicherlich Theil gehabt. Der Guͤnſtling Stewart uͤbernahm das Amt eines Anklaͤgers. Er trat ploͤtz⸗ lich in das Gemach des Koͤnigs, als der geheime Rath ver⸗ ſammelt war, ſiel vor Jakob nieder und klagte den Grafen von Merton der Theilnahme an der Ermordung des Vaters des Koͤnigs an. Hierauf antwortete Morton mit hochmuͤthi⸗ gem Laͤcheln, er habe die Thaͤter dieſes Verbrechens zu ſtren⸗ ge beſtraft, als daß es wahrſcheinlich waͤre, daß er ſelbſt ei⸗ 44 ner ſey. Alles was er verlangte, war eine unparteliſche Unterſuchung. In Folge dieſer oͤffentlichen Anklage wurde der Graf, der ſo kurz zuvor noch der rachſuͤchtigſte Mann in Schott⸗ land geweſen war, in Erwartung einer gerichtlichen Unter⸗ ſuchung verhaftet. Die Freunde, die er noch hatte, forder⸗ ten ihn ernſtlich zur Flucht auf. Sein Neffe, der Graf von Angus, erbot ſich, ſeine Leute unter die Waffen zu rufen, und ihn mit Gewalt zu beſchuͤtzen. Morton ſchlug beide Anerbietungen aus, und erklaͤrte, er wolle den Erfolg einer rechtlichen Unterſuchung abwarten. Die Koͤnigin von Eng⸗ land verwandte ſich mit einem ſolchen parteiiſchen Ungeſtuͤm für Morton, daß ſie Jacob vielleicht noch mehr gegen den Gefangenen einnahm, weil dadurch der Glaube in ihm er⸗ regt wurde, Morton ſey der Koͤnigin Eliſabeth ergebener, als ihm ſelbſt. Inzwiſchen wurde der Anklaͤger Stewart zu dem Grafen⸗ thume von Arran, das durch die uͤber die Hamiltonen ver⸗ haͤngte Strafe erledigt worden war, befoͤrdert. Morton, der von dieſer Befoͤrderung nichts wußte, erſtaunte, als er hoͤr⸗ te, daß die Anklage im Namen Jakobs, Grafen von Arran gegen ihn lief. Als er erfuhr, wer jetzt dieſen TDitel fuͤhrte, bemerkte er:„Steht es ſo? Nun weiß ich, was ich zu erwar⸗ ten habe.“ Er erinnerte ſich, wie man glaubte, an eine al⸗ te Prophezeihung, die vorherſagze, daß das blutige Herz (das Wappen der Douglas) durch den Mund Arran's fallen werde,“ und man muthmaßte, die Furcht, irgend einer von den Hamiltonen moͤchte dieſe Prophezeihung erfullen, habe ihn zu dem Entſchluſſe angeſpornt, die Familie zu pernich⸗ ten. Wenn dem ſo iſt, ſo bahnte ſeine eigene tyranniſche 45— Unterdruͤckung bloß den Weg zur Entſtehung eines andern Arran, als die waren, an welche er gedacht hatte. Bei der Unterſuchung der gegen Morton erhobenen An⸗ klage ſcheinen die Regeln einer unparteiiſchen Gerechtigkeit nicht befolgt worden zu ſeyn; denn die Diener der angeklag⸗ ten Perſon wurden ergriffen und auf die Folter geſpannt, um ihnen Geſtaͤndniſſe, die fuͤr ihren Herrn verderblich ſeyn konnten, abzunoͤthigen. Morton proteſtirte gegen zwei oder drei Perſonen, die ſich auf der Liſte der Geſchwornen, die gegen ihn zu erkennen hatten, fanden, weil ſie ſeine Todfein⸗ de ſeyen; allein ſie wurden nichtsdeſtoweniger beibehalten. Sie thaten den Ausſpruch, daß er art and part(Kunſt und Theil) an der Ermordung Heinrich Darnley's ſchuldig ſey. Man ſagt von einem Menſchen, er ſei eines Verbrechens arl and parl ſchuldig, wenn er die Art der That erſinnt, und diejenigen, welche das Verbrechen begehen, aufmuntert, sb⸗ gleich er an der wirklichen Vollfuͤhrung keinen Antheil nimmt. Morton hoͤrte den Ausſpruch, und ſtieß ſeinen Stock auf den Boden, als er die Worte wiederholte: Art and part! ) Art and part! Gott weiß, daß dem nicht ſo iſt.“ An dem Morgen nach ſeinem Urtheilsſpruche wachte er aus einem tie⸗ fen Schlafe auf.„In fruͤhern Nachten,“ ſagte er,„pflegte ich zu wachen und darüber nachzudenken, wie ich mich ver⸗ theidigen ſollte, allein jetzt iſt mein Geiſt von ſeiner Buͤrde befreit.“ Als die Geiſtlichen, die ihn beſuchten, in ihn drangen, Alles zu bekennen, was er uͤber Darnley's Ermor⸗ dung wiſſe, ſagte er ihnen, Bothwell habe ihm den Vorſchlag gemacht, Theil an der That zu nehmen, allein er habe ſich geweigert, dieß zu thun, wofern ihm nicht ein von der Koͤ⸗ nigin unterzeichneter Befehl vorgezeigt wuͤrde, den ihm Both⸗ well zu verſchaffen verſprach, der aber ſein Wort nicht hielt. Morton gab zu, daß er das Geheimniß nicht verrathen habe, weil er nicht gewußt habe, wem er es haͤtte mittheilen ſollen; denn wenn er es der Koͤnigin Maria entdeckt haͤtte, ſo waͤre er verloren geweſen, da ſie ſelbſt zu den Verſchworenen ge⸗ hoͤrt habe; wenn er es dagegen Darnley enthuͤllt haͤtte, ſo war dieſer ein ſolcher Schwachkopf, daß die Koͤnigin es ihm entlockt haben wuͤrde, und dann waͤre es um ihn, Morton, gleichfalls geſchehen geweſen. Er geſtand auch, er habe ge⸗ wußt, daß ſein Freund, Vaſall und Verwandter, Archibald Douglas, bei der Ermordung gegenwaͤrtig geweſen ſey, und daß er ihn deſſenungeachtet nie vor Gericht geſtellt, ſondern ihn fortwaͤhrend beguͤnſtigt habe. Im Ganzen ſchien er ein⸗ zugeſtehen, daß er, mit Recht fuͤr die Verhehlung des Ver⸗ brechens leide, obſchon er laͤugnete, daß er die wirkliche Be⸗ gehung deſſelben durch Rath und That befoͤrdert habe.„Al⸗ lein es iſt ganz daſſelbe,“ ſagte er, ich wuͤrde daſſelbe Schick⸗ ſal zu erleiden gehabt haben, waͤre ich ſo unſchuldig als St. Stephen, oder ſo ſchuldig als Judas geweſen.“ Als man im Begriff war, den Grafen auf den Nicht⸗ platz zu fuͤhren, kam Kapitaͤn Stewart, ſein Anklaͤger, jetzt Graf von Arran, um ihn zu bewegen, eine ſeine Bekenntniſ⸗ ſe enthaltende Schrift zu unterſchreiben. Morton erwiederte: „Ich bitte Sie, belaͤſtigen Sie mich nicht; ich will mich jetzt zum Tode vorbereiten, und kann in dem Zuſtande in wel⸗ chem ich bin, nicht ſchreiben.“”“ Arran wuͤnſchte hierauf, er moͤchte ſich mit ihm ausſoͤhnen, und erklaͤrte, er handle blos aus oͤffentlichen und biedern Beweggruͤnden.„Es iſt jetzt keine Zeit, um an Zwiſtigkeiten zu denken,“ ſagte der Graf —„Ich verzeihe Ihnen und allen Andern.“ Dieſer beruͤhmte Mann wurde durch eine Maſchine ge⸗ toͤdtet, die man das Maͤdchen nannte, und die er ſelbſt 47 von Halifax in Yorkſhire nach Schottland eingefuͤhrt hatte. Den Verbrecher, welcher durch dieſe Maſchine hingerichtet wurde, legte man geſtreckten Wegs auf Bretter nieder, und brachte ſeinen Nacken unter ein ſchwer mit Blei beladenes ſcharfes Beil, das an einem über einem Flaſchenzuge ange⸗ brachten Seile hieng. Wenn das Zeichen gegeben wurde, ließ man das Seil los, und das Beil, das auf den Nacken der verurtheilten Perſon herabfiel, trennte den Kopf vom Rumpfe. Morton unterwarf ſich ſeinem Schickſale mit einer höchſt chriſtlichen Standhaftigkeit; und in ihm ſtarb der letz⸗ ete jener furchtbaren Douglas, deren Muth und Talente ſie zum Stolze ihres Landes machten, deren Ehrgeiz aber auch oft die Geißel deſſelben war. Niemand konnte angeben, was aus den Schaͤtzen geworden war, die er zuſammengehaͤuft, und um derenwillen er ſeine Popularitaͤt als ein liberaler und ſein Gewiſſen als ein ehrlicher Mann aufgeopfert hatte. Er war, oder ſchien ſo arm zu ſeyn, daß er auf ſeinem We⸗ ge nach dem Blutgeruͤſte Geld von einem Freunde borgte, um den Bettlern, die ſein Mitleid anflehten, ſeine letzten Al⸗ moſen zu geben. Einige haben geglaubt, ſeine Reichthuͤmer liegen noch in den geheimen Gewoͤlben ſeines Schloſſes Dal⸗ keith, das jetzt dem Herzoge von Buccleuch gehoͤrt, verbor⸗ gen. Allein Hume von Godscroft, der die Geſchichte der Familie Douglas ſchrieb, ſagt, der Graf von Angus, der Neffe Morton's, habe bedeutende Summen darauf verwen⸗ det, eine Anzahl Verbannter zu unterhalten, die, wie der Graf ſelbſt, aus Schottland verwieſen wurden, und endlich, als er einiges Geld zu dieſem Ende bezahlte, ſoh man ihn ſagen gehört haben:„Das Letzte davon iſt jetzi dahin, und ich glaubte nie, daß es ſo viel Gutes ſtiften wuͤrde.“ Dieß 43 hielt Godseroft fuͤr eine Anſpielung auf die letzte Verwendung der Schaͤtze des Regenten Morton. Nach Morton's Tod wurden ſeine Fehler und Verbre⸗ chen großentheils vergeſſen, als man bemerkte, daß Arran (d. h. Kapitaͤn Stewart) die ganze Verdorbenheit und Unter⸗ druͤckungsſucht des vormaligen Regenten, ohne ſeine Weisheit oder ſeine Talente befaß. Lennox, der andere Guͤnſtling des Koͤnigs, war bei dem Volke ebenfalls nicht beliebt, haupt⸗ ſachlich weil er die Geiſtlichkeit zum Feinde hatte, die, ob⸗ ſchon er ſich oͤffentlich zu der proteſtantiſchen Religion be⸗ kannte, argwoͤhnten, daß er noch eine gewiſſe Anhaͤnglichkeit an den katholiſchen Glauben habe. Dieſer Verdacht ent⸗ ſprang aus dem Umſtande, daß er in Frankreich erzogen worden war. Sie predigten oͤffentlich gegen ihn, als gegen einen großen Helden, ſeine Gnaden genannt, dem, wenn er ſich der Religion zu widerſetzen fortfahre, wenig Gnade bei ſeinem Ende wiederfahren werde.“. Der mißvergnuͤgte Adel verſchwor ſich zu dem Plane, dem Koͤnige ſeine Guͤnſtlinge zu entreißen. Dieß geſchah da⸗ durch, daß man ſich gewaltſamerweiſe der Perſon des Koͤ⸗ nigs ſelbſt bemaͤchtigte, was, waͤhrend der Minderjaͤhrigkeit des Fuͤrſten, die gewoͤhnliche Art war, die Staatsverwaltung in dem Königreiche Schottland zu verändern. Den 23. Auguſt 1582 lud der Graf von Gowrie den Koͤ⸗ nig in ſein Schloß zu Ruthven unter dem Vorwande der Jagd ein. Hier ſah er den Grafen von Mar, Lord Lind⸗ ſay und andere Edelleute ankommen, vorzüglich ſolche, die dem Regenten Morton geneigt geweſen waren, und die, gleich ihm, zur Partei der Koͤnigin Eliſabeth gehoͤrten. Als der Koͤnig ſich ſo viele Perſonen um ihn verfammeln ſah, von denen 49⁹ denen er wußte, daß ſie gegen ſeine gegenwaͤrtigen Maßregeln feindlich geſinnt waren, wurde er wegen ihrer Abſichten be⸗ ſorgt, und druͤckte den Wunſch aus, das Schloß zu verlaſ⸗ ſen. Die Edelleute gaben ihm zu verſtehen, daß man ihm dieß nicht erlauben werde; und als Jacob aufſtand und nach J der Thuͤre des Gemachs zuſchritt, ſtellte ſich Lord Lindſay, ein rauher, finſterer Mann, mit dem Ruͤcken gegen dieſelbe, und noͤthigte ihn zuruͤckzukehren. Dief gekraͤnkt durch dieſe Handlung perſönlicher Gewaltthaͤtigkeit, brach der Koͤnig in Chraͤnen aus.„Laßt ihn weinen,“ ſagte Lord Lindſay in wildem Tone;„beſſer Kinder weinen, als baͤrtige Maͤnner.““ Dieſe Worte praͤgten ſich dem Herzen des Koͤnigs tief ein, auch vergaß oder verzieh er ſie nie. Die aufruͤhreriſchen Lords bemaͤchtigten ſich der Regie⸗ rung, und verbannten den Herzog von Lennox nach Frank⸗ reich, wo er aus Herzeleid über ſeine veraͤnderte Gluͤckslage ſtarb. Jakob rief nachmals ſeinen Sohn nach Schottland zuruͤck, und uͤbertrug ihm das Vermoͤgen und die Wuͤrden ſeines Vaters. Arran, der weit ſchlechtere Guͤnſtling des Koͤnigs wurde ins Gefaͤngniß geworfen und enge bewacht. Der Koͤnig ſelbſt, der ſich, gleich ſeinem Großvater Jakob V., als er in den Haͤnden der Douglas war, in einen Zu⸗ ſtand von Gefangenſchaft verſetzt ſah, richtete ſich nach Zeit und Umſtaͤnden und erwartete eine Gelegenheit zur Flucht ab. Seine Wachen beſtanden aus hundert Edelleuten, und ihr Befehlshaber, der Oberſt Stewart, ein Verwandter des eingekerkerten Arran, ließ ſich leicht bewegen, die Wuͤnſche des Koͤnigs zu erfuͤllen. In der Abſicht, ſeine Freiheit wieder zu erlangen, mach⸗ W. Scott's Werke, XlX, 4 1 4 4 — —— te Jakob einen Beſuch in St. Andreas, und druͤckte, daſelbſt angekommen, ſeinen Wunſch aus, das Schloß zu ſehen. Al⸗ lein kaum hatte er daſſelbe betreten, ſo ließ er die Thore ſchließen, und aus ſeiner Gegenwart d die Adeligen entfernen, die an dem ſogenannten Raid von Ruthven Theil genommen hatten. Da der Graf von Gowrie und ſeine Mitſchuldigen ſich (auf dieſe Art der Aufſicht über die Perſon des Koͤnigs, und ihres Antheils an der Staatsverwaltung beraubt ſahen, ver⸗ einigten ſie ſich zu einer neuen Verſchwoͤrung, um durch ei⸗ nen neuen Mann ihre verlorne Macht wieder zu erlangen Dieß gelang ihnen jedoch nicht. Der Koͤnig ruͤckte ihnen mit einer bedeutenden Streitmacht entgegen; Gowrie wurde ge⸗ fangen genommen, vor Gericht geſtellt und hingerichtet. An⸗ gus und die andern Infurgenten ſlohen nach England, der gewoͤhnlichen Zuſluchtsſtaͤtte der ſchottiſchen Verbannten. Gowrie's Hinrichtung veranlaßte lange nachher jenes auſſer⸗ ordentliche Ereigniß in der ſchottiſchen Geſchichte, welches den Namen Gowrie's Verſchwoͤrung fuͤhrt, und von dem ich⸗ dir naͤchſtens Bericht abſtatten werde. Arran wurde wieder an den Hof gerufen, und hoͤher als je durch jene blinde Zuneigung erhoben, die bei dieſer und andern Gelegenheiten Jakob bewog, Reichthum und Macht ohne Maas und Ziel auf ſeine Günſtlinge zu haͤufen. Er regierte Alles am Hofe und im ganzen Koͤnigreiche; und ob⸗ ſchon er eben ſo unwiſſend, als niedertraͤchtis und ſittenlos war, ſo wurde er doch zur Wuͤrde eines Lord⸗Kanzlers, des hoͤchſten buͤrgerlichen Amtes im Staate, bei welchem Scharf⸗ ſinn, Gelehrſamkeit und dert wurden, erhoben. heit hauptſaͤchlich erfor⸗ 0 Eines Dages, al zuſtizcollegium an der 51 Spitze ſeines zahlreichen Gefolges eilte, ſtand ihm ein alter, ziemlich ſchlecht gekleideter Mann in den Weg. Als Arran barſch an ihm vorbeiſtuͤrzte, hielt ihn der Mann an und ſag⸗ te,„blicken Sie mich an, Mylord— ich bin Oliver Sinc⸗ lair!“ Oliver Sinclair war, wie du dich erinnern wirſt, der Guͤnſtling Jacobs V., und hatte waͤhrend ſeiner Regie⸗ gierung eben ſo unumſchraͤnkt in Schottland geherrſcht, als Arran jetzt unter ſeinem Enkel, Jacob VI. Indem er ſich dem gegenwaͤrtigen Guͤnſtlinge in ſeiner vernachlaͤſſigten Lage zeigte, gab er Arran ein Beiſpiel von der Veraͤnderlichkeit der Hofgunſt. Die Lehre war ergreifend; aber Arran be⸗ nuͤtzte ſie nicht. Seine Regierung wurde ſo unertraͤglich, daß die ver⸗ bannten Lords, im Jahre 1535, eine willkommene Aufnahme in Schottland fanden. Sie marſchirten an der Spitze von 10,000 Mann nach Stirling, und zwangen Jakob, ſie in ſeine Rathsverſammlungen aufzunehmen. Dadurch, daß ſie ihren Sieg mit Maͤßigung benützten, waren ſie im Stande, die Macht, die ſie auf dieſe Art erlangt hatten, zu behaup⸗ ten. Seines Grafenthums und ſeines durch unrechtmaͤßige Mittel erworbenen Vermoͤgens beraubt, und vom Hofe ver⸗ bannt, war Arran gezwungen, ein verborgenes und elendes Leben in den Wildniſſen des Nordweſtens von Ayrſhire aus Furcht vor der Rache ſeiner zahlreichen Feinde zu fuͤhren. Das Schickſal, das er von ihrer Feindſchaft befuͤrchtete, traf ihn endlich. Als er nemlich im Jahre 1596 die Moͤg⸗ lichkeit, des Koͤnigs Gunſt wieder zu erlangen, ſah, oder zu ſehen glaubte, und noch dazu, wie man ſagt, den Worten einer muͤßigen Wahrſagerin traute, die behauptete, ſein Kopf werde naͤchſtens hoͤher als je erhoben werden, wagte er 4„ 52² ſich in die ſüdliche Grafſchaft Dumfries. Hier warnte man ihn, auf ſeiner Hut zu ſeyn, da er ſich jetzt in der Naͤhe der Douglas befinde, deren großes Haupt, der Graf von Morton, durch ihn auf dem Blutgeruͤſte geſtorben war; und beſonders rieth man ihm, ſich vor Jacob Douglas von Tor⸗ thorwald, dem nahen Verwandten des Grafen, zu huͤten. Stewart antwortete ſtolz, er wuͤrde ihm oder allen, die den Namen Douglas fuͤhren, nicht aus dem Wege gehen. Dieß wurde Torthorwald hinterbracht, der, die Aeuſſerung fuͤr ei⸗ ne Herausforderung haltend, alsbald mit drei Dienern zu Pferde ſtieg, und den gefallenen Guͤnſtling verfolgte. Als ſie ihn erreichten, ſtießen ſie ihm einen Spieß durch den Leib, und toͤdteten ihn auf der Stelle, ohne Widerſtand. Sein Kopf wurde vom Rumpfe getrennt, auf eine Lanze ge⸗ ſteckt, und auf den Zinnen des Thurmes von Torthorwald aufgeſteckt. So gieng die Prophezeihung der Wahrſagerin in einem gewiſſen Sinne in Erfüllung, da ſein Kopf hoͤher erhoben wurde, als zuvor, obſchon nicht auf die Art, wie man ihn hatte hoffen laſſen. Sein Leichnam wurde mehrere Tage an dem Orte, wo er getoͤdtet worden war, gelaſſen, und von Hunden und Schweinen verſtuͤmmelt. So endete dieſer nichtswuͤrdige Guͤnſtling durch einen eben ſo blutigen als niedrigen Tod. 55 Zweites Kayittel. 0 Harte Behandlung der Maria während ihrer Gefangenſchaft.— Babing⸗ ton's Nerſchwörung.— Maria's Verhör.— Ihre Verurtheilung und Hinrichtung. Regierung Jacob's VI.— Fehden der Adeligen, und blutdürſtiger Geiſt der Zeiten. Kinmont Willie's Errettung aus dem Schloſſe Carlisle durch Buccleuch.— Die Verſchwörung Gow⸗ rie’'s— Jacods Beſteigung des engliſchen Throns. 4 Du wirſt ohne Zweifel begierig ſeyn zu erfahren, was aus der Koͤnigin Maria geworden iſt. Wir ließen ſie, wie du weißt, in den Haͤnden der Koͤnigin Eliſabeth, welche die Frage in Betreff ihrer Schuld oder Unſchuld zu entſcheiden ſich geweigert hatte. Dieß geſchah im Jahre 1568— 1569, und unſtreitig haͤtte Maria damals nach allen Regeln der Gerechtigkeit in Freiheit geſetzt werden ſollen. Sie war we⸗ gen Dingen angeklagt worden, die nach Eliſabeth eigenen Geſtaͤndniß nicht gegen ſie bewieſen waren, und uͤber welche die Koͤnigin Eliſabeth zu erkennen kein Recht gehabt haben wuͤrde, ſelbſt wenn ſie bewieſen geweſen waͤren. Nichtsdeſto⸗ weniger fuhr Eliſabeth fort, Maria als Verbrecherin zu be⸗ handeln, obſchon ſie ſie nicht fuͤr eine ſolche erklaͤrte, und ſie als ihre Unterthanin zu betrachten, obſchon ſie eine unabhaͤn⸗ gige Fuͤrſtin war, die England zu ihrem Zufluchtsorte ge⸗ waͤhlt hatte, in der Hoffnung, jenen gaſtfreundlichen Schutz zu finden, den man dem geringſten ſchottiſchen Unterthan ge⸗ waͤhrt haben wuͤrde, der, den Geſetzen ſeines Landes entflie⸗ hend, Gaſtfreundſchaft in dem Schweſterreiche geſucht haͤtte. Wenn du die engliſche Geſchichte lieſeſt, wirſt du finden, daß Eliſabeth eine große und glorreiche Königin war, und den Litel der Mutter ihres Landes wohl verdiente; allein ihr Be⸗ tragen gegen die Koͤnigin Maria wirft einen tiefen Schatten auf ihre Dugenden, und veranlaßt uns zu bedenken, welche arme und ſchwache Geſchoͤpfe ſelbſt die kluͤgſten unter den Sterblichen ſind, und aus welchen unvollkommenen Beſtand⸗ theilen das zuſammengeſetzt iſt, was wir menſchliche. Tugend nennen. Stets ihre Freiheit verlangend, und ſtets mit ihrer Bitte zuruͤckgewieſen, wurde Maria von Schloß 38 S Schloß gebracht, und unter die Aufſicht verſchiedener ter geſtellt, die ſich die ſtrengſte Ahndung von Seiten Eli n, wenn ſie jenes Beſtreben offenbarten, die Gefangen⸗ ſchaft der armen Koͤnigin zu mildern, welch es bloße Höflich⸗ keit und Mitleid für gefallene Groͤße zuweilen eingaben. So⸗ gar die Moͤbeln ihres Gemachs wurden auf eine erbaͤrmliche Art vernachlaͤſſigt, und die Koſten ihres Haushalts ſo mur⸗ rend beſtritten, als ob ſie ein unwillkommener Gan Heuelen waͤre, der nach Beliechen abreiſtn kann, und den der Wirth hläͤfſisn lüs 39 uaden nigin von Luemte und die wirkliche Koͤnigin von Shutt⸗ land ein Flaumbett, das ein Anfall von Gliederweh, die Fol⸗ ge von Dampf und Einkerkerung, mehr zu einer Sache der Rothwendigkeit, als der Schwelgerei machte. Wenn man ihr erlaubte, ins Freie zu gehen, war ſie ſtets ſtark bewacht, als ob ſie eine Verbrecherin geweſen waͤre; und wenn ihr ir⸗ gend Jemand ein Kompliment, ein Zeichen von Achtung,⸗ oder ein Wort des Troſtes vergoͤnnte, ſo tadelte Eliſabeth, die uͤberall ihre Spaͤher hatte, ſicherlich die, welche fuͤr den Augenblick Maria's Waͤchter waren, wegen großer Vernach⸗ laͤſſigung ihrer Pflicht, weil ſie einen ſolchen Verkehr er⸗ laubten. 55 Waͤhrend dieſer ſtrengen Gefangenſchaft auf der einen Seite, und der groͤßten Aengſtlichkeit und Eiferſucht auf der andern, fuͤhrten die beiden Koͤniginnen noch eine Art Brief⸗ wechſel mik einander. Im Anfange dieſes Verkehrs ſuchte Maria durch die Macht ihrer Beweisgruͤnde, durch die Lo⸗ ckungen der Schmeichelei, und durch Berufungen auf die Gefuͤhle der Menſchlichkeit Eliſabeth's Herz gegen ſie zu er⸗ weichen. Sie ſuchte ſie auch zu einem gefühlvolleren Betra⸗ gen gegen ſie durch das Anerbieten zu vermoͤgen, ihre Krone abzutreten, und ſich im Auslande aufzuhalten, wenn ſie nur ihre perſoͤnliche Freiheit wieder erlangen koͤnnte. Allein Eli⸗ ſabeth hatte die Koͤnigin von Schottland zu tief beleidigt, als daß ſie es gewagt haͤtte, ſich den Folgen ihres Grolles auszu⸗ ſetzen, und glaubte ſich vielleicht genoͤthigt, auf der einmal betretenen Bahn fortzuſchreiten, aus Furcht, Maria moͤchte, einmal in Freiheit geſetzt, rachſuͤchtige Plane verfolgen, und ſie es unmoͤglich finden, ſie, wenn ſie einmal frei waͤre, zur Erfuͤllung deſſen, was ſie in der Gefangenſchaft zugeſagt ha⸗ ben wuͤrde, zu noͤthigen. Als Maria endlich die Hoffnung aufgegeben hatte, einen günſtigen Eindruck auf Eliſabeth zu machen, beniützte ſie ih⸗ ren Briefwechſel mit der Koͤnigin von England, mit mehr Witz als Klugheit, dazu, ſie zu reizen und zu erbittern; in⸗ dem ſie dem nicht unnatuͤrlichen, obſchon ſicherlich uͤbereilten und unklugen Vorſatz nachgab, einen Cheil der Pein, die ſie ſelbſt erduldete, der Perſon, welche ſie mit Recht als die Ur⸗ heberin ihres Ungluͤcks betrachtete, zu vergelten. Da ſie lange Zeit unter der Aufſicht des Grafen von Shrewsbury ſtand, deſſen Frau ein Weib von muͤrriſcher Gemuthsart war, ſo pflegte Maria der Eliſabeth zu berich⸗ ten, die Graͤfin nenne ſie alt und haͤßlich; ſie habe geſagt ſie ſey an Geiſ und Koͤrper gleich ſtuͤmperhaft, nebſt andern beſchimpfenden Ausdruͤcken, die jedem Weibe, und beſonders einer Koͤuigin, die ſo ſtolz wie Eliſabeth, und ſo ſehr von dem Wunſche beſeelt war, fuͤr ſchoͤn gehalten zu werden, eine ausgeſuchte Pein verurſachen mußten. Unſtreitig vergroͤßerten dieſe Vorwuͤrfe den Haß Eliſabeth's gegen Maria. Allein auſſer dieſen weiblichen Gruͤnden zum Widerwillen gegen ihre Gefangene, hatte Eliſabeth Urſache, die Koͤnigin der Schotten, ſowohl mit Furcht, als mit Neid und Haß zu betrachten. Die katholiſche Partei in England war noch ſehr ſtark, und erhob die Anſpruͤche Maria's auf den Thron von England, als die eines Nachkommen der Prinzeſſin Margarethe, der Tochter Heinrichs VII. über die Anſprüche Eliſabeth's, die, ihrem Urtheile nach, als die Erbin einer ungeſetzlichen Ehe zwiſchen Heinrich VIII. und Anna Bullen, ungeſetzmaͤßig war. Auch ſuchten die Paͤpſte, die Eliſabeth mit Recht als die große Stuͤtze der reformirten Religion be⸗ trachteten, diejenigen ihrer Unterthanen, welche dem roͤmi⸗ ſchen Stuhle noch gehorchten, gegen ſie aufzuwiegeln. End⸗ lich im Jahre 1570— 71 machte Pius ll., der damals re⸗ gierende Papſt eine Bulle, oder einen Bannſpruch bekannt, kraft deſſen er die Koͤnigin Eliſabeth(in ſo weit ſein Ans⸗ ſpruch dieß vermochte), ihre himmliſchen Hoffnungen, ſo wie ihres Koͤnigreichs auf Erden beraubte, ſie von den Vorrech⸗ ten der Chriſten ausſchloß, und ſie als eine Verbrecherin je⸗ dem Preis gab, der vortreten wuͤrde, um die Kirche, durch den Tod ihres groͤßten Feindes, zu raͤchen. Der Eifer der engliſchen Katholiken wurde durch dieſen Ausſpruch des Ober⸗ haupts ihrer Kirche entflammt. Einer derſelben hatte die Kuͤhnheit, eine Abſchrift des Bannfluchs an die Thore des Biſchofs von London anzuſchlagen, und unter den Papiſten 57 wurden viele Verſchwoͤrungen angezettelt, welche die Entthro⸗ nung der Eliſabeth, und die Erhebung Maria's, einer Fuͤr⸗ ſtin ihrer eigenen Religion, und der geſetzmaͤßigen Erbin der Krone in ihren Augen, auf den Thron Englands zum Zweck hatten. Sobald eine dieſer Verſchwoͤrungen entdeckt war, ſchien ſich wieder eine andere zu bilden; und da den Katholiken ein maͤchtiger Beiſtand von Seiten des Koͤnigs von Spanien verheißen war, und die Gewalt des Enthuſiasmus ſie vor⸗ waͤrts trieb, ſo ſchien die Gefahr jeden Tag drohender. Es laͤßt ſich nicht zweifeln, daß viele von dieſen Verſchwoͤrungen der Maria in ihrer Gefangenſchaft mitgetheilt wurden; und in Erwaͤgung der Klagen, die ſie gegen Eliſabeth zu fuͤhren hatte, waͤre es wunderbar geweſen, wenn ſie ihrem Kerker⸗ meiſter die Plane, die zu ihrer Befreiung entworfen wurden, entdeckt haͤtte. Allein dieſe Verſchwoͤrungen, die ſo raſch auf einander folgten, veranlaßten eines der ſonderbarſten Geſetze, die je in England gegeben wurden. Dieſes Geſetz erklaͤrte, daß, wenn irgend eine Empoͤrung oder irgend ein Angriff gegen die Perſon der Koͤnigin Eliſabeth von oder fuͤr irgend eine Perſon beabſichtigt werde, die Anſpruͤche auf die Krone mache, die Koͤnigin eine Kommiſſion von 25 Perſonen zu⸗ ſammenberufen koͤnne, welche befugt ſey, ſolche Verbrechen zu unterſuchen, und darüber zu erkennen; und daß nach der Faͤllung des Urtheils eine Proklamation erlaſſen werden ſolle, welche die Perſonen, zu deſſen Gunſten eine Verſchwoͤrung oder Empoͤrung unternommen worden ſey, alles Anſpruchs auf den Thron beraube; endlich wurde verfuͤgt, daß die letz⸗ tern bis zum Tode verfolgt werden ſollten. Die Haͤrte dieſer Verfüͤgung lag darin, daß ſie Maria, gegen die ſie gerichtet war, ſowohl fuͤr die Handlungen anderer, als fuͤr ihre eige⸗ 58 nen verantwortlich machte; ſo daß wenn die Katholiken ſich, obſchon ohne Maria's Aufforderung oder ſogar gegen ihre Keigung, empoͤrten, ſie nichts deſtoweniger ihr Nachfolgerecht auf die Krone verlor, und ſogar ihr Leben verwirkte. Bloß der Eifer der Englaͤnder fuͤr die reformirte Religion und Eli⸗ ſabeth's perſoͤnliche Sicherheit konnte ſie bewogen haben, ihre Zuſtimmung zu einem ſo ungerechten und grauſamen Geſetze zu geben. Dieſes Geſetz wurde im Jahre 1585 gegeben, und im folgenden Jahre fand man einen Vorwand, eine Anklage ge⸗ gen Martä darauf zu gruͤnden. Anton Babington, ein jun⸗ ger Edelmann, der Vermoͤgen und Talente beſaß, allein ein eifriger Katholik und ein fanatiſcher Enthuſiaſt fuͤr die Sache der Koͤnigin Maria war, hatte ſich mit fuͤnf entſchloſſenen Freunden und Anhaͤngern, die alle Leute von Stand waren, zu dem verzweifelten Unternehmen verbunden, die Koͤnigin Eliſabeth zu ermorden, und die Königin Maria in Freiheit zu ſetzen. Allein ihre Plane wurden Walſingham, dem be⸗ ruͤhmten Miniſter der Koͤnigin von England, im Geheimen verrathen. Man ließ ſie ihr Unternehmen ſo weit verfolgen, als man es fuͤr raͤthlich hielt, hierauf wurden ſie ergriffen, vor Gericht geſtellt, und hingerichtet. Zunaͤchſt wurde beſchloſſen, Maria vor Gericht zu ſtel⸗ len, unter dem Vorwande, daß ſie Babington und ſeine Ge⸗ faͤhrten zu ihrem verzweifelten Unternehmen aufgemuntert ha⸗ be. Sie wurde aus dem Schloſſe Fotheringgay entfernt und unter die Aufſicht zweier Waͤchter, des Sir Amias Paulet und des Sir Drew Drury, geſtellt, von deren wohlbekann⸗ tem Haß gegen die katholiſche Religion man erwartete, daß ſie geneigt ſeyn werden, ſie mit der aͤuſſerſten Strenge zu be⸗ handeln. Man erbrach ihr Privatgemach, ergriff und unter⸗ — 5 59 ſuchte ihren geheimſten Papiere, entfernte ihre vorzuͤglichſten Diener von ihrer Perſon, und nahm ihr ihr Geld und ihre Juwelen. Koͤnigin Eliſabeth ernannte hierauf Bevollmaͤch⸗ tigte, kraft der erwaͤhnten Parlamentsakte. Sie waren vier⸗ zig an Zahl, die ausgezeichnetſten ihrer Staatsmaͤnner und ihres Adels, und erhielten den Befehl, zum Verhoͤre der Maria wegen ihres angeblichen Antheils an Babington's ſchwoͤrung zu ſchreiten. Den 14. Oktober 1586 verſammelten ſich dieſe Bevoll⸗ htigten in der großen Halle von Fotheringay Caſtle. Ob⸗ ſchon Maria ſich ſelbſt uͤberlaſſen wurde, und ſich bei keinem Freunde, Advokaten oder Juriſten Raths erholen konnte, ver⸗ theidigte ſie ſich doch auf eine ihrem hohen Range und ihren ausgezeichneten Talenten entſprechende Art. Sie weigerte ſich, ihre Sache vor einem Gerichte zu fuͤhren, das aus Perſonen beſtand, die ihrem Range nach unter ihr ſtanden, und als ſie endlich ſich dazu verſtand, die gegen ſie erhobene Anklage zu dieß nicht thue, weil ſie die Befugniß des Gerichtshofs an⸗ erkenne, ſondern blos um ihren eigenen Charakter zu ver⸗ theidigen. Der Sachverwalter der Koͤnigin Eliſabeth gab die That⸗ der Verſchwoͤrung Bal“s an, wie ſie unſtreitig hatten, und brachte riften von Briefen zum ein, die Maria geſchriehen haben ſollte, und die den 3 und ſogar Eliſabeths Ermordung billigten. Die Ausſagen Nave's und Curle's, zweier von Maria's Sekre⸗ taͤren, beſtaͤtigten die Thatſache, daß ſie mit Babington, vermittelſt eines Prieſters mit Namen Ballard, in Verbin⸗ dung geſtanden ſey. Endlich wurden die Bekenntniſſe Ba⸗ 5 60. bington's und ſeiner Genoſſen, welche Maria's Theilnahme an ihrem frevelhaften Unternehmen eingeſtanden, verleſen. Auf dieſe Anklagen antwortend laͤugnete Maria, daß ſie mit Ballard in irgend einer Verbindung geſtanden ſey, oder daß ſie je ſolche Briefe, wie die gegen ſie vorgelegten geſchrieben habe. Sie beſtand darauf, daß ſie blos durch ſolche Schriften, welche ihre eigene Hand und Siegel füh⸗ ren, nicht aber durch Abſchriften uͤberwieſen werden koͤnne. Sie verweilte auf dem Umſtande, daß die Erklaͤrungeu ihrer Sekretaͤre im Geheimen und wahrſcheinlich unter dem Ein⸗ fluſſe der Furcht vor der Folter, oder der Hoffnung auf Be⸗ lohnung, wozu in der That alle Wahrſcheinlichkeit vorhan⸗ den iſt, gegeben worden ſeyen. Endlich behauptete ſie, die Bekenntniſſe der Verſchwoͤrer beweiſen nichts gegen ſie, weil ſie ehrloſe Perſonen ſeyen, die wegen eines ehrloſen Ver⸗ brechens geſtorben ſehen. Wenn man ihr Zeugniß zu benuͤ⸗ tzen die Abſicht gehabt habe, ſo haͤtte man ſie begnadigen und ſie ihr perioͤnlich vorſtellen muͤſſen, um gegen ſie zu zeugen. Maria geſtand, ſie habe ſich, da ſie ſeit mehreren Jahren alle Hoffnung aufgegeben, ihre Freiheit aus den Haͤnden der Koͤnigin Eliebeth zu empfangen, in ihrem Elen⸗ de an andere Fuͤrſten gewendet, und ſich auch bemuht, eine Beguͤnſtigung fuͤr die verfolgten Katholiken in England aus⸗ zuwirken, allein ſie laͤugnete, daß ſie Freiheit fuͤr ſich, oder Vortheile für die Katholiken durch das Blut irgend eines Menſchen zu erkaufen geſucht habe, und erklaͤrte, daß ſie, wenn ſie in Eliſabeths Ermordung durch Worte oder auch nur durch Gedanken gemilligt haͤtte, bereit waͤre, ſich nicht bloß dem Urtheile der Menſchen zu unterwerfen, ſondern guch auf die Barmherzigkeit Gottes zu verzichten. Die gegen die Koͤnigin von Schottland vorgebrachten 641 Beweiſe waren der Art, daß ſie gegenwaͤrtig das Leben des geringſten Verbrechers nicht gefahrden wuͤrden; dennoch aber hatte die Commiſſton die Grauſamkeit und Niedertrachtigkeit, Maria des Antheils an Babington's Verſchworung, und des Verbrechens, einen Mordanſchlag auf das Leben der Koͤni⸗ gin Eliſabeth, gegen die zur Sicherheit des Lebens der Koͤ⸗ nigin erlaſſenen Sratuten, erſonnen und verſucht zu haben, fuͤr ſchuldig zu erklaͤren. Und das Parlament von England billigte und beſtaͤtigte dieſes ungerechte Urtheil! Es ließ ſich vielleicht nicht erwarten, daß Jakob VI. ei⸗ ne große natürliche Zuneigung zu ſeiner Mutter hatte, die er ſeit ſeiner Kindheit nie geſehen hatte, und die ihm ohne Zweifel als ein ſehr ſchles es Weib dargeſtellt wonden war, das ihm, nach erlangter Freiheit, die Krone, die er trug, abzunehmen, und ſich ſelbſt wieder aufzuſetzen wuͤnſche. Ma⸗ ria's Gefangenſchaft hatte ihn daher nicht zu dem Mitgefuͤhle angeregt, das ein Kind gegen ſeine Eltern unter aͤhnlichen Umſtaͤnden empfinden ſollte. Allein, als er dieſe Proceduren gegen ihr Feben erfuhr, haͤtte er der gewoͤhnlichſten Gefühle der menſchlichen Natur ermangeln muͤſſen, und wuͤrde ſich zu einem Gegenſtande des Tadels und der Verachtung in ganz Europa gemacht haben, wenn er ſich nicht zu ihren Gunſten verwendet haͤtte. Er ſchickte daher Geſandte ab, zuerſt Sir William Keith, und bald darauf einen zweiten, um bei der Koͤnigin Eliſabeth Fuͤrbitte zu thun, und ſowohl zur Ueber⸗ redung als zu Drohungen ihre Zuflucht zu nehmen, um das Leben ſeiner Mutter zu erhalten. Schottlands Freundſchaft war für England in dieſem Augenblicke wichtiger, als in ir⸗ gend einem fruͤhern Zeitpunkte ſeiner Geſchichte. Der Koͤnig von Spanien war damit beſchaͤftigt, eine ungeheure Flotte (prahleriſcherweiſe die unbeſiegbare Armada genannt) auszuru⸗ 6² ſten, mit der er England erobern wollte. Wenn Jakob VI. geneigt geweſen waͤre, die Haͤfen und Rheden Schottlands den ſpaniſchen Flotten und Heeren zu oͤffnen; ſo wuͤrde er dieſen furchtbaren Einfall durch die Verminderung der Ge⸗ fahr, welche der Armada durch die engliſche Florte drohte, ſehr erleichtert haben. Es ſcheint daher wahrſcheinlich, daß wenn es Jakob ſelbſt mit ſeiner Fuͤrſprache recht Ernſt, oder ſein Geſandter geneigt geweſen waͤre, die ihm anvertraute Vermittlung mit der erforderlichen Feſtigkeit und Ernſthaftigkeit zu betreiben, der Erfolg, fuͤr den Augenblick wenigſtens, nicht anders als guͤnſtig haͤtte ſeyn koͤnnen, allein der zweite Abgeſandte mun⸗ terte, wie man jetzt, weiß, Eliſaleth und ihre Miniſter im Geheimen auf, die grauſame Bahn, die ſie betreten hatten, zu verfolgen, und machte ſie verraͤtheriſcherweiſe glauben, daß, obſchon Jacob des Anſtands halber ſich zu Gunſten ſei⸗ ner Mutter verwenden zu muͤſſen geglaubt habe, er doch im Geheimen ſich nicht ſehr kraͤnken wuͤrde, wenn man Maria, die, von einem Cheile ſeiner Unterthanen, noch immer als die Regentin Schottlands betrachtet werde, auf eine ſtille Weiſe aus dem Wege ſchaffte. Die Intriguen dieſes verraͤ- theriſchen Geſandten bewogen Eliſabeth zu glauben, daß der Zorn des Koͤnigs wegen des Toos ſeiner Mutter weder lang noch heftig ſeyn werde; und da ſie ihren Einſluß bei einem großen Theile des ſchottiſchen Adels und den Eifer der Schot⸗ ten im Allgemeinen für die reformirte Religion kannte, ſo war ſie der Meinung, die aus dieſen Umſtaͤnden entſpringen⸗ den Beweggruͤnde werden Jacob abhalten, gemeinſchaftliche Sache gegen England mit dem Koͤnige von Spanien zu ma⸗ chen. 3 4 In jedem andern Zeitpunkte der engliſchen Geſchichte 63 wuͤrde der Nerſuch eines Fuͤrſten, eine Handlung zu begehen, wie die, welche Eliſabeth im Schilde führte, wa hrſcheinlich durch das edle und maͤnnliche Gefuͤhl der Gerechtigkeit und Humanitaͤt, das einem freien und hochherzigen Volke, wie die Englaͤnder, eigen iſt, vereitelt worden ſeyn. Allein die deſpotiſche Regierung Heinrichs VIII. hatte die Englaͤnder mit dem Anblicke des Bluts groß zer Perſonen, und ſelbſt Koͤniginnen, das unter den geringfi uͤgigſten Vorwaͤnden durch Henkers Hand vergoſſen wurde, vertraut gemacht; und der Gedanke, daß Eliſabeths Leben nicht in Sicherheit ſeyn konn⸗ te, ſo lange Maria lebte, war, in Betracht ihrer tiefen An⸗ haͤnglichkeit an ihre Koͤnigin,(welche dieſelbe des allgemeinen Charakters ihrer Regierung wegen wohl verdiente) maͤchtig genug, um ſie blind gegen die Ungerechtigkeit zu machen, die an einer Fremden und Katholikin ausgeuͤbt wurde. Allein trotz aller Vorurtheile ihrer Unterthanen zu ihren Gunſten haͤtte Eliſabeth doch gewuͤnſcht, Maria's Tod waͤre auf eine ſolche Art erfolgt, daß es geſchienen haͤtte, ſie ſelbſt habe keinen Antheil an ei ſelhen gehabt. Ihre Miniſter er⸗ hielten den Auftrag, Briefe an Maria's Waͤchter zu ſchrei⸗ ben, und ihnen zu bedeuten, welch einen guten Dienſt ſie der Koͤnigin Eliſabeth und der proteſtantiſchen Religion er⸗ weiſen wuͤrden, wenn Maria im Geheimen ermordet werden koͤnnte. Allein dieſe rauhen Waͤchter wollten, obſchon ſie in ihrem Betragen gegen Eliſabeth puͤnktlich und ſtreng waren, von ſolchen Vorſchlaͤgen nichts wiſſen, und gut war es für ſie, daß ſie ihnen kein Gehoͤr ſchenkten, denn Eliſabeth haͤt⸗ te ſicherlich die ganze Schuld der That auf ihre Schultern geworfen, und ſie mit ihrem Leben und Vermoͤgen dafuͤ buͤßen laſſen. Sie zuͤrnte ihnen gleichwohl, und nannte 4 64 Paulet einen aͤngſtlichen Burſchen, der ſich ſeiner Treue zwar zu ruͤymen, aber keine Beweiſe von derſelben zu geben wiſſe. Da man jedoch, wegen Paulet's und Drury's Bedenk⸗ lichkeiten, ganz nach der Form verfahren mußte, ſo unter⸗ zeichnete Eliſabeth eine Vollmacht zur Vollziehung des gegen die Koͤnigin Maria ausgeſprochenen Urtheils, und gab ſie Daviſon, ihrem Staatsſecretaͤre, mit dem Bemerken, daß ſie mit dem Großſiegel Englands verſehen werden müſſe. Daviſon legte die von Eliſabeth unterzeichnete Vollmacht dem geheimen Rathe vor, und am naͤchſten Tage wurde das Großſiegel auf dieſelbe gedrückt. Als Eliſabeth dieß hoͤrte, legte ſie einiges Mißvergnuͤgen darüber an den Tag, daß die Vollmacht ſo ſchnell ausgefertigt worden war, und ſagte dem Sekretaͤr, kluge Maͤnner ſeyen der Meinung, daß gegen die Koͤnigin Maria auf irgend eine andere Art verfahren werden ſollte. Daviſon glaubte in dieſer vorgeblichen Sinnesaͤnde⸗ rung die Gefahr zu ſehen, ſeine Gebieterin moͤchte die Schuld der Hinrichtung, wenn dieſe erfolgt ſey, auf ihn werfen. Er theilte daher dem Siegelbewahrer Eliſabeths Aeuſſerung mit, und erklarte, er wolle nichts weiteres in der Sache wagen. Der geheime Rath, der ſich in Folge deſſen verſammelte, und von den wahren Wünſchen der Koͤnigin uͤberzengt zu ſeyn glaubte, beſchloß, ihr die Muͤhe zu erſpa⸗ ren, ſie deutlicher auszudruͤcken, und ſchickte, entſchloſſen, den Tadel, wenn ein ſolcher daraus entſpringen ſollte, ge⸗ meinſchaftlich zu tragen, die Vollmacht zur Hinrichtung mit ſeinem Secretaͤr Beale ab. Die Grafen von Kent und Shrewsbury nebſt dem Oberſcheriff der Grafſchaft wurden bevollmaͤchtigt und angewieſen, dafuͤr zu ſorgen, daß das unheilvolle Mandat ohne Aufſchub vollzogen wurde. Maria 65 Maria empſteng die traurige Nachricht mit der hoͤchſten Standhaftigkeit.„Die Seele,“ fagte ſie,„ſet der Freuden des Himmels unwüͤrdig, die vor dem Streiche des Nachrich⸗ ters zuruͤckbebe. Sie habe,“ fuͤgte ſie hinzu,„nicht erwar⸗ tet, daß ihre Verwandte in ihren Tod willigen werde, allein ſie unterwerfe ſich nichtsdeſtoweniger willig ihrem Schickſale.“ Sie bat dringend um den Beiſtand eines Prieſters; allein dieſe Gunſt, die den aͤrgſten Verbrechern bewilligt wird, und auf welche die Katholiken ein beſonderes Gewicht legen, wur⸗ de ihr grauſamerweiſe verweigert. Die Koͤnigin ſchrieb hier⸗ auf ihren letzten Willen und kurze und liebevolle Abſchieds⸗ briefe an ihre Verwandten in Frankreich.— Sie theilte un⸗ ter ihre Bedienten die Koſtbarkeiten aus, die man ihr gelaſ⸗ ſen hatte, und bat ſie, ſie moͤchten ſie um ihretwillen behal⸗ ten. Damit brachte ſie den Abend vor dem zur Hinrichtung feſtgeſetzten Tage zu.. Den 8. Februar 1587 wurde die Koͤnigin, die noch im⸗ mer dieſelbe ruhige und gelaſſene Haltung zeigte, die ſie bei ihrem ſogenannten Verhoͤre an den Tag gelegt hatte, in die große Halle des Schloſſes gefuhrt, wo ein Blutgerüſte auf⸗ gerichtet war, auf welchem ſich ein Block und ein Stuhl be⸗ fanden. Das ganze war mit ſchwarzem Duche bedeckt. Ihr Haushofmeiſter, Sir Andreas Meloille, erhielt die Erlaub⸗ niß, einen letzten Abſchied von der Gebieterin zu nehmen, der er ſo lange und treu gedient hatte. Er brach in laute Klagen aus, beweinte ihr Schickſal, und beklagte ſich ſelbſt, daß er dazu beſtimmt ſey, eine ſolche Nachricht nach Schott⸗ land zu bringen.„Weinen Sie nicht, mein guter Melvil⸗ le,“ ſaate die Koͤnigin,„ſondern freuen Sie ſich vielmehr; denn Sie werden heute Maria Stuart von allen ihren Be⸗ W. Scou's Werke. XCIX. 5 66 trübniſſen erlost ſehen.“ Sie wirkte ihren Maͤdchen mit ei⸗ niger Muͤhe die Erlaubniß aus, ſie auf das Blutgeruͤſte zu begleiten. Man machte den Einwurf, das Uebermaß des Kummers derſelben moͤchte das Geſchaͤft ſtoͤren; ſie verbuͤrgte ſich fuͤr ihr ruhiges Verhalten. Als ſie auf dem unheilvollen Stuhle ſaß, hoͤrte ſie die Vollmacht zum Tode, die Beaie, der Sekretaͤr des geheimen Raths, verlas, mit einem Anſcheine von Gleichguͤltigkeit; auch ſchien ſie der Andachtsuͤbung des Dechanten von Peter⸗ borough, an der ſie als Katholikin ohne Verletzung ihres Gewiſſens keinen Antheil nehmen konnte, keine groͤßere Auf⸗ merkſamkeit zu ſchenken. Sie flehte die Barmherziskeit des Himmels nach der von ihrer eigenen Kirche vorgeſchriebenen Form an. Hierauf bereitete ſie ſich zur Hinrichtung vor, und nahm diejenigen Theile ihrer Kleidung, welche dem Todes⸗ ſtreiche hinderlich ſenn konnten, ab. Die Scharfrichter boten ihren Beiſtand an, allein ſie ſchlug ihr Anerbieten aus, in⸗ dem ſie erklaͤrte, ſie ſey weder daran gewoͤhnt worden, ſich vor ſo vielen Zuſchauern zu entkleiden, noch von ſolchen Kam⸗ merdienern bedient zu werden. Ruhig verwies ſie ihre Maͤd⸗ chen, die nicht im Stande waren, ihre Klagen zuruͤckzuhal⸗ ten, und erinnerte ſie, daß ſie ſich für ihr Stillſchweigen verbuͤrgt habe. Zu allerletzt legte Maria ihr Haupt auf den Block, das der Scharfrichter mit zwei Streichen ſeiner Ayt vom Rumpfe trennte. Der Henker hielt es mit der Hand empor, und der Dechant von Peterborbugh rief:„So moͤ⸗ gen alle Feinde der Koͤnigin Eliſabeth ſterben.“ Keine Stim⸗ me, außer die des Grafen von Kent konnte Amen ſagen; die übrigen waren durch Seufzer und Thraͤnen erſtickt. So ſtarb Maria, etwas uber vierz:g Jahre alt. Sie zeichnete ſich durch Schoͤnheit, Talente und Kenntniſſe aus, — ——— ———- —— 3 —— — — 67 auch iſt kein Grund vorhanden, ihre natuͤrliche Herzenszuͤte und die muthvolle Maͤnnlichkeit ihrer Gemuͤthsart in Zweifel zu ziehen. Gleichwohl war ſie, in jedem Sinne, eine der ungluͤcklichſten Furſtinnen, die je lebten, von dem Augenblick an, in welchem ſie in einer Stunde des Ungluͤcks und der Ge⸗ fahr zur Welt kam, bis zu jenem, in welchem ein blutiger und gewaltſamer Dod eine traurige Gefangenſchaft von acht⸗ zehn Jahren endete. 5 Die Koͤnigin Eliſabeth erfuhr nicht ſobald, daß die That geſchehen war, als ſie mit derſelben Heuchelei, welche ihr ganzes Betragen gegen Maria bezeichnet hatte, ſich be⸗ eilte, ihren Antheil an derſelben abzuleugnen. Sie behaup⸗ tete, Daviſon habe die Vollmacht dem geheimen Rath durch⸗ aus gegen ihren Befehl vorgelegt; und um ihrer Anklage groͤßern Nachdruck zu geben, legte ſie ihm eine bedeutende Geldbuße auf, und beraubte ihn auf immer ſeiner Würden und ſeiner Gunſt. Sie ſchickte einen beſondern Geſandten an Koͤnig Jakob ab, um ſich wegen„dieſes ungluͤcklichen Zu⸗ falls,“ wie ſie Maria's Tod zu nennen beliebte, zu entſchul⸗ digen. IJakob qaußerte zuerſt einen hohen Unwillen, den die ſchot⸗ tiſche Nation zu theilen ganz geneigt war. Er weigerte ſich, den engliſchen Geſandten zu ſehen, und murmelte Drohun⸗ gen der Rache. Als eine allgemeine Drauer fuͤr die abge⸗ ſchiedene Koͤnigin verordnet wurde, erſchien der Graf von Argyle bei Hof in Waffenruͤſtung, als ob dieß der geeignete Weg geweſen waͤre, den Volksunwillen uͤber die Behandlung, welche Maria erfahren hatte, an den Tag zu legen. Allein Jakobs Hoffnungen und Beſorgniſſe waren jetzt auf die Nach⸗ folge in der engliſchen Regierung gerichtet, die er durch ei⸗ 3.. 68 verwirkt haben wuͤrde. Die meiſten n zwar dieſem Einwurfe getrotzt ha⸗ e eines ſo bedeutenden Heeres, als öͤnnen, in die engliſche Graͤnze eingefallen ſeyn. Aber Jarkob war von Natur furchtſam und daß das arme und durch innern unkriegeriſch. Er wußte, Zwieſpalt zerriſſene Schottland, an und fuͤr ſich ſelbſt nicht im Stande war, es mit einem ſo reichen und eintraͤchtigen Koͤnigreiche wie England aufzunehmen. Wenn Jakob auf der andern Seite ein Bündniß mit dem ſpaniſchen Monar⸗ chen ſchloß, ſo befuͤrchtete er, von dem reformirten Theile ſeiner Unterthanen verlaſſen zu werden; und zudem wußte er, daß Philipp don Spanien ſelbſt Anſpruch auf die Krone Eng⸗ lands machte; ſo daß er durch die Huͤlfe, die er dieſem Fuͤr⸗ ſten bei ſeinem beabſichtigten Einfalle geleiſtet haͤtte, der Er⸗ füllung ſeiner eigenen Hoffnung in Betreff der engliſchen Krone ein maͤchtiges Hinderniß in den Weg geſtellt haͤtte. Jakob legte daher nach und nach mildere Geſinnungen gegen die Koͤnigin Eliſabeth an den Tag, ſtellte ſich, als glaube er ihre Entſchuldigungen; und in kurzer Zeit ſtanden ſie auf einem ſo freundſchaftlichen Fuße, als je vor dem Dode der unglücklichen Maria. Jakob war jetzt im vollen Beſitze des ſchottiſchen Reichs, und zeigte ſich in einem ſo vortheilhaften oder noch vortheil⸗ hafteren Lichte, als in irgend einem ſpaͤtern Zeitpunkte ſei⸗ nes Lebens. Nach der Entfernung des elenden Jakob Ste⸗ wart aus ſeinen Rathsverſammlungen handelte er hauptſaͤch⸗ lich nach dem Rathe des Sir John Maitland, des Kanzlers, eines Bruders jenes Maitland von Lothringen, deſſen wir ſo oft erwaͤhnt haben. Er war ein kluger und guter Miniſter; und da es in Jakobs Natur, die eine ſonderbare Miſchung nen Krieg mit Eliſabeth ſeiner Vorgaͤnger würder ben, und an der Spitz Schottland haͤtte aufbringen k V 69 von Klugheit und Schwaͤche in ſich vereinte, lag, klug oder albern zu verfahren, je nach dem Nathe, der ihm ertheilt wurde, ſo erhob ſich jetzt in Britannien, und ſogar in Eu⸗ ropa, eine allgemeinere Achtung fuͤr ſeinen Charakter, als die, welche man ſpaͤter in Folge einer beſſern Bekanntſchaft mit demſelben hatte. 3 Zudem war Jakobs Regierung in Schottland mit ſo vie⸗ len ſchwierigen Umſtaͤnden und ſelbſt Gefahren verknuͤpft, daß er auf ſeine Hut geſtellt und gezwungen wurde, ſein Betra⸗ gen nach den ſtrengſten Regeln der Klugheit zu beſtimmen; denn er konnte ſeinen ſtuͤrmiſchen Adel nicht leicht anders als dadurch einſchuͤchtern, daß er die Wuͤrde des koͤniglichen Charakters behauptete. Wenn der Koͤnig die Mittel gehabt haͤtte, Geſchenke unter ſeine maͤchtigen Unterthanen auszuthei⸗ len, ſo waͤre ſein Anſehen groͤßer geweſen; allein dieß war ſo wenig der Fall, daß die Mittel, ſeinen Aufwand zu be⸗ ſtreiten, mit Ausnahme eines jaͤhrlichen Gehalts von 5000 Pf., den er von Eliſabeth bezog, im hoöchſten Grade unſicher wa⸗ ren. Dieß ruͤhrte großentheils von der Pluͤnderung der Ein⸗ kuͤnfte der Krone waͤhrend der buͤrgerlichen Kriege ſeiner Mi⸗ noritaͤt her. Der Koͤnig war ſo abhaͤngig, daß er nicht ein⸗ mal ein Gaſtmahl geben konnte, ohne Gefluͤgel und Wildpret von einigen ſeiner reicheren Unterthanen zu betteln; und ſeine Garderobe war ſo ſchlecht beſtellt, daß er genoͤthigt war, von dem Grafen von Mar ein Paar ſeidene Hoſen zu borgen, um den ſpaniſchen Geſandten in dem gehoͤrigen Putze empfan⸗ gen zu koͤnnen. Es waren auch beſondere Umſtaͤnde vorhanden, die Ja⸗ kobs Lage mißlich machten. Er hatte mit ungemeinen Schwierigkeiten bei ſeinem nothwendigen Verkehre mit der ſchottiſchen Geiſtlichkeit zu kaͤmpfen, die einen Karken Ein⸗ 70 fuß auf die Gemuͤther des Volks beſaß, und ihn zuweilen dazu benützte, ſich in die oͤffentlichen Angelegenheiten zu mi⸗ ſchen. Obgleich die ſchottiſchen Edelleute keinen Sitz in dem Partamente hatten, wie die Biſchoͤfe Englands und anderer Gegenden, ſo gaben ſie ſich nichtsdeſtoweniger mit Polttik ab, und predigten oft von der Kanzel herab gegen den Koͤnig und ſeine Maßregeln. Sie bedienten ſich dieſer Freiheit um ſo kuͤhner, weil ſie behaupteten, ſie ſeyen vor keinem buͤrger⸗ lichen Gerichtshofe wegen deſſen verantwortlich, was ſie in ihren Predigten ſagen, ſondern bloß vor den geiſtlichen Ge⸗ richten, wie ſie genannt wurden; d. h. vor den Synoden und den allgemeinen Kirchenverſammlungen, die aus Geiſtlichen, wie ſie ſelbſt, beſtanden, und von denen daher keine Beſchraͤn⸗ kung der Sprechfreiheit ihrer Collegen erwartet werden konnte. 3 Bei einer Gelegenheit, die ſich am 17. Dezember 1596 ereignete, erreichten Streitigkeiten der Art zwiſchen dem Koͤ⸗ nige und der Kirche eine ſolche Hoͤhe, daß der Poͤbel der Stadt, entflammt durch die Heftigkeit einiger Prebigten, welche ſie hoͤrten, die Waffen ergriff, das Thor des Tolbooth belagerte, wo Jakob mit der Verwaltung der Gerechtigkeit beſchaäftigt war, und es einzubrechen drohte. Der Koͤnig wurde durch die Vermittlung des beſſer geſinnten Theils der Einwohner gerettet, welche die Waffen zu ſeinem Schutze er⸗ griffen. Nichtsdeſtoweniger verließ er am naͤchſten Tage Edin⸗ burgh in großem Aerger, und machte Miene, die Privilegien der Stadt als Strafe fär die Frechheit der Meuterer, auf⸗ zuheben. Er wurde mit Mühe beſaͤnftigt, und war, wie es ſchien, keineswegs ganz befriedigt; denn er ließ die High⸗ Street der Stadt durch eine große Anzahl der Clans der Graͤnze und der Hochlande beſetzen. Erſchrocken durch den . —————= 71 Anblick dieſer furchtbaren und geſetzloſen Leute glaubten die Buͤrger, die Stadt folle gepluͤndert werden, und die Beſtuͤr⸗ zung war ſehr groß. Allein der Koͤnig, der ihnen bloß Schrecken einjagen wollte, hielt eine lange Anrede an die Magiſtrate wegen der Exzeſſe, über welche er ſich beklagte, und verzieh ihnen. Eine andere große Plage der Regierung Jakobs des VI. waren die wiederholten Empoͤrungen eines unruhigen Edel⸗ manns, mit Namen Franz Stewart, Graf von Bothwell, der natuͤrlich eine von Jakob Hepburn, der dieſen Namen unter der Regierung der Koͤnigin Maria fuͤhrte, verſchiedene Perſon war. Dieſer zweite Graf von Bothwell war ein Ver⸗ wandter des Koͤnigs, und machte verſchiedene gewaltſame Verſuche, ſich ſeiner Perſon zu bemaͤchtigen, in der Abſicht, den Staat durch die Gefangenhaltung des Koͤnigs zu regie⸗ ren, wie ehedem die Douglas. Allein obſchon er ſeinen Zweck bei einer oder zwei Gelegenheiten faſt erreicht haͤtte, ſo wurde doch Jakob ſtets aus ſeinen Haͤnden befreit, und war endlich maͤchtig genug, Bothwell ganz aus dem Lande zu ver⸗ bannen. Er ſtarb verachtet und verbannt. 1 Allein bei weitem die groͤßte Peſt Schottlands in jener Zeit waren die tödtlichen Fehden unter dem Adel und den Vornehmen, die zu den blutigſten Folgen fuͤhrten, und vom Vater auf den Sohn vererbt wurden. Die Gutmüͤthigkeit des Koͤnigs, die ihn ſehr geneigt machte, denen zu verzeihen, welche ſolche unmenſchliche Gewaltthaͤtigkeiten begangen hak⸗. ten, machte das Uebel noch haͤufiger. Das Folgende iſt ein merkwurdiger Vorfall.. 3 Der Graf von Huntly, das Haupt der maͤchtigen Fami⸗ lie Gordon, und der angeſehenſte Mann im Norden von Schottland, hatte einige Streitigkeiten mit dem Grafen von 7²2 Murray, dem Eidam des Regenten deſſelben Namens, in de⸗ ren Laufe John Gordon, ein Bruder Gordons von Cluny, durch einen Schuß aus Murray's Schloß Darnoway, getoͤd⸗ tet nurde. Dieß war genug, um beide Familien zu unver⸗ ſoͤhntichen Feinden zu machen, wenn ſie auch ſonſt in einem freundſchaftlichen Vernehmen mit einander geſtanden waͤren. Murray war ein ſo ſchoͤner und wohlgeſtalteter Mann, daß er allgemein unter dem Namen des huͤbſchen Grafen von Murray bekannt war. Um das Jahr 1591—2 wurde Mur⸗ ray angeklagt, Stuart, Grafen von Bothwell, bei einem neuen verraͤtheriſchen Unternehmen unterſtuͤtzt zu haben. Oh⸗ ne ſich vielleicht an die Feindſchaft der beiden Grafen zu er⸗ innern, ſchickte Jakob den Grafen von Huntty mit dem Auf⸗ trage ab, den Grafen von Murray vor ihn zu bringen. Huntly freute ſich wahrſcheinlich uͤber die Bothſchaft, da fie ihm eine Gelegenheit darbot, ſich an ſeinem Feudal⸗Feinde zu raͤchen. Er belagerte das Haus Dunnibirſel, an der noͤrdlichen Seite des Forth, und forderte Murray zur Ueber⸗ gabe auf. Als Antwort wurde eine Kanone geloͤst, die ei⸗ nen von den Gordonen toͤdtlich verwundete. Die Angreifer ſteckten nun das Haus in Brand, und Dunbar, Scherif der Grafſchaft Murray, fagte zu dem Grafen:„Wir wollen nicht hier bleiben, um in dem brennenden Hauſe durch die Flam⸗ men umzukommen; ich will zuerſt hinausgehen, und die Gordonen werden mich fuͤr Eure Herrlichkeit halten, und mich toͤdten, waͤhrend Sie in der Verwirrung entkommen koͤnnen.“ Sie ſtürzten demzufolge unter ihre Feinde hinaus, und Dunbar wurde erſchlagen. Allein ſein Dod rettete ſei⸗ nen Freund nicht. Murray entkam zwar fuͤr den Augen⸗ blick, als er aber nach den Felfen an dem Meeresufer hin⸗ koh, verriethen ihn die an ſeinem Helme haͤngenden ſeidenen 73 Quaſten, die waͤhrend er aus den Flammen hervorgeſtürzt war, Feuer gefangen hatten. Vermittelſt dieſes Zeichens folgten ihm die Verfolger nach den Felſen in der Naͤhe des Meeres, und Gordon von Buckie, der ihn zuerſt erreicht ha⸗ ben ſoll, verwundete ihn toͤdtlich. Waͤhrend Murray in den letzten Zuͤgen lag, kam Huntly herbei; und die Tradition ſagt, Gordon habe ſeinen Dolch gegen die Perſon ſeines An⸗ fuhrers mit den Worten gerichtet:„Beim Himmel, Mylord, Sie ſollen eben ſo tief hinein kommen als ich,“ und ihn auf dieſe Art gezwungen, den ſterbenden Murray zu verwun⸗ den. Huntly ſtieß den Grafen mit wankender Hand ins Ge⸗ ſicht. Noch in dieſem Augenblicke des Dodes an ſeine Schoͤn⸗ heit denkend, ſtammelte Murray die Sterbeworte:„Sie ha⸗ hen ein beſſeres Geſicht, als ihr eigenes, verwuͤſtet.“ Nach dieſer gewaltſamen That fand Huntly nicht fuͤr gut, nach Edinburgh zuruͤckzukehren, ſondern er entfernte ſich nach dem Norden. Er fluͤchtete ſich fuͤr den Augenblick in das Schloß Ravenseraig, das dem Lord Sinclair gehoͤrte, der ihm mit einer Miſchung ſchottiſcher Vorſicht und Gaſt⸗ freundſchaft ſagte: er ſey willkommen in ſeiner Wohnung, allein noch zweimal willkommener wuͤrde er geweſen ſeyn, wenn er an derſelben voruͤbergegangen waͤre. Gordon aͤußer⸗ te lange nachher ſeine Zerknirſchung wegen dieſes Verbrechens. Bald nachher wurden drei katholiſche Lords, die Grafen von Huntly und Errol, die ſich ſtets zu dieſer Religion be⸗ kannt hatten, und der junge Graf von Angus, der ſich zu dem papiſtiſchen Glauben bekehrt hatte, angeklagt, daß ſie mit Spanien in Verbindung ſtehen, und die Abſicht haben, ſpaniſche Truppen zur Wiedereinfuͤhrung der katholiſchen Re⸗ ligion ins Land zu bringen. Die Erzaͤhlung in Betreff die⸗ Verſchwoͤrung ſcheint nicht ſehr wahrſcheinlich. Der Koͤnis 74 befahl gleichwohl dem Grafen von Argyle gegen ſie mit den noͤrdlichen Streitkraͤften des Lord Forbes und anderer, die groͤßtentheils Proteſtanten waren, und den Krieg mit dem religiöſen Eifer führten, der die Reformirten von den Ka⸗ tholiken trennte, zu ziehen. Argyle hob gleicherweiſe große Danden der weſtlichen Hochlaͤnder aus, die ſich nur wenig um Religion bekuͤmmerten, allein ungemein pluͤnderungsſüͤch⸗ tig waren. Argyle's Heer, ungefaͤhr 10,000 Mann ſtark, begegnete Hutly's und Errol's Streitkraͤften bei Glenlivat, den 5. Ok⸗ tober 1594. Das Gefecht war ſehr hitzig. Allein die Gor⸗ dons und Hays waren, obſchon ihre Zahl weit geringer war, wohl beritten und in voͤlliger Waffenrüſtung, und Argyle's Soldaten hatten bloß ihre Plaids und Muͤtzen. Zudem hat⸗ ten die beiden Grafen zwei oder drei Feldſtücke, vor denen ſich die Hochlaͤnder, die an nichts der Art gewoͤhnt waren, ſehr fuͤrchteten. Die Folge des Treffens war, daß, obſchon die Reiterei einen Huͤgel hinauf, wo Steine und Felſen den Weg verſperrten, angreifen mußte, und die Hochlaͤnder mit großem Muthe fochten, doch Huntly's und Errol's kleines Haͤuflein, deſſen Zahl ſich blos auf ungefaͤhr 1500 Roſſe be⸗ lief, das ihm gegenüͤberſtehende Heer durchbrach und mit großem Verluſte zerſtreute. Auf Argyle's Seite fiel einige Verraͤtherei vor; die Grants, ſagt man, nahe Nachbarn, und einige von ihnen Vaſallen der Gordonen, vereinigten ſich mit ihren alten Freunden mitten im Gefechte. Der Haͤuptling von Maclean vertheidigte ſich mit großem Muthe, wurde aber endlich doch zur Flucht gezwungen. Dieß war eine von jenen Gelegenheiten, bei welchen das hochlaͤndiſche unregelmaͤßige Fußvolk gegen den dichten Angriff der Reiterei des ebenen Landes mit ihren langen Lanzen, die es nieder⸗ 75 warf, und nach allen Richtungen zerſtreute, nicht Stand zu halten vermochten. 3 Auf die Nachricht von Argyle's Niederlage zog der Koͤ⸗ nig ſelbſt mit einem kleinen Heere nach den Norden aus, und ſtellte die oͤffentliche Ruhe durch die Beſtrafun 13 der auf⸗ ruͤhreriſchen Grafen wieder her. Wir haben fruͤher erwaͤhnt, daß in dieſen zigelloſen 3 Zei⸗ ten die Kinder ſogar ihre toͤdtlichen Fehden hatten, Waffen fuͤhrten, und dem blutigen Beiſpiele ihrer Vaͤter folgten. Folgendes Beiſpiel von ihrer fruͤhen Wild deit kam im Sep⸗ tember 1595 vor. Die Schuͤler der hohen Schule zu Edin⸗ burgh, die einen Streit mit ihren Lehrern in Betreff der Dauer ihrer Ferien hatten, beſchloſſen, ſich eine laͤngere Va⸗ kanz durch Gewalt auszuwirken. Sie nahmen daher von der Schule, nach jener aufrühreriſchen Art, die man in England Barring-out heißt, Beſitz, und widerſetzten ſich dem Eintritte ihrer Lehrer. Solche Thorheiten ſind anderswo in oͤſſentli⸗ chen Schulen oft vorgekommen; was aber den Knaben der Hochſchule zu Edinburgh beſonders eigen war, war der Um⸗ ſtand, daß ſie die Schule mit Schwerdt und Piſtolen ver⸗ theidigten, und als Baillie Mac Morran, eine der Magiſt⸗ rathsperſonen, den Befehl ertheilte, den Eingang zu erſtuͤr⸗ men, feuerten drei von den Schulknaben und toͤdteten ihn auf der Stelle. Keiner derſelben wurde beſtraft, weil man nicht ausmitteln konnte, welcher von ihnen der Thaͤter war, oder vielmehr weil zwei derſelben Soͤhne von Edelleuten wa⸗ ren. So theilte ſich der blutdürſtige Geiſt der Zeiten ſelbſt den Kindern mit. um Jacob VI. Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen, ſo that er alles Maͤgliche, um dieſen unheilvollen Bluiſcenen ein Ende zu machen. Es wurden kluge Geſetze geseben, um 76 die fo allgemeinen Gewaltthaͤtigkeiten zu hemmen, und um die Fehden unter dem Adel beizulegen, lud Jacob diejenigen, welche Streitigkeiten mit einander hatten, ein, einander die Hand zu reichen, und auf der Stelle Freunde zu werden. Sie gehorchten ihm; und er ſelbſt ſtellte ſich an ihre Spitze und fuͤhrte ſie, immer noch Hand in Hand, zum Zeichen ih⸗ rer voͤlligen Ausſoͤhnung, in Proceſſion nach dem Kreuze von Edinburgh, waͤhrend der Provoſt und die Magiſtratsperſo⸗ nen vor ihnen her tanzten, aus Entzuͤcken uͤber eine ſolche Ausſicht auf Frieden und Eintracht. Vielleicht war dieſe Ausſoͤhnung zu ſchnell, als daß ſie in allen Faͤllen von lan⸗ ger Dauer haͤtte ſeyn koͤnnen; allein im Ganzen gewann das Anſehen der Geſetze immer mehr Kraft, und die Leidenſchaf⸗ ten der Menſchen wurden in dem Maſſe ſanfter, als man ſich ihnen mit weniger Sicherheit uͤberlaſſen konnte. Ich muß jetzt mein Verſprechen erfüllen, und dir hier eine andere That an den Graͤnzen erzaͤhlen, die letzte, die daſelbſt vorfiel, ſicherlich aber eine der ausgezeichneteſten durch Tapferkeit und kluges Benehmen. Die engliſchen und ſchottiſchen Graͤnzwaͤchter, oder die Bevollmaͤchtigten hatten einen Waffenſtillſtandstag zur Beilegung von Graͤnzſtreitig⸗ keiten gehalten, und kehrten, nachdem ſie als Freunde ge⸗ ſchieden waren, beide mit ihren Begleitern nach Haus zu⸗ ruͤck. Bei jedem ſolchem Zuſammentreffen war es allgemeine Regel an den Graͤnzen, daß ein aöbfoluter Waffenſtillſtand von 24 Stunden eintrat, und daß alle Leute, die den Graͤnz⸗ waͤchter auf beiden Seiten nach dem Orte der Zuſammenkunſt begleiteten, die Erlaubniß erhielten, ungeſtoͤrt wieder nach Haus zurückzukehren. 3 Nun hatte ſich bei der Zuſammenkunft, nebſt andern Graͤnzbewohnern, ein bekannter Freibeuter, William Arm⸗ 7 ſtrong genannt, aber allgemeiner unter dem Namen Kni⸗ mont Willie bekannt, eingeſtellt. Dieſer Mann ritt auf der noͤrdlichen oder ſchottiſchen Seite des Ciddell, wo dieſer Strom England und Schottland ſcheidet, heim, als einige von den Englaͤndern, die ihm gram waren, oder durch ſeine Einfaͤlle gelitten hatten, einer ſolchen Verſuchung, ihn an⸗ zugreifen, nicht zu widerſtehen vermochten. Sie ſetzten daher üͤber den Fluß, verfolgten Kinmont Willie mehr als eine Meile auf ſchottiſchem Gebiete, nahmen ihn gefangen, und brachten ihn nach Carlisle Caſtle. Als der Mann kuͤhn und entſchloſſen uͤber den an ſeiner Perſon veruͤbten Bruch des Waffenſtillſtands ſprach, und in entſchiedenem Tone frei gelaſſen zu werden verlangte, ſagte ihm Lord Scrope ſpottend:„ehe er das Schloß verlaſſe, müſſe er ihm„Lebewohl“ ſagen, womit er ſagen wollte, er werde nicht ohne ſeine Erlaubniß gehen duͤrfen. Der Gefan⸗ gene antwortete kühn:„er werde nicht gehen, ohne ihm eine gute Nacht zu ſagen.“ Der Lord von Buccleuch, der Graͤnzwaͤchter von Liddes⸗ dale war, verlangte Kinmont Millie's Freilaſſung, und be⸗ klagte ſich uͤber ſeine Gefangennehmung als über einen Bruch der Graͤnzgeſetze und einen ihm ſelbſt angethanen Schimpf. Lord Scrope weigerte ſich ſeinen Gefangenen auszuliefern, oder gebrauchte wenigſtens Ausflüchte. Buccleuch ſchickte ihm hierauf eine Ausforderung, die Lord Scrope, wegen ſeiner Anſtellung in dem oͤffentlichen Dienſte anzunehmen ſich wei⸗ gerte. Der ſchottiſche Anführer beſchloß daher, den Schimpf, den ſein Land, ſo wie er ſelbſt bei dieſer Gelegen⸗ heit erlitten hatte, durch Gewalt wieder gut zu machen. Er verſammelte unzefaͤhr dreihundert ſeiner beſten Leute und rückte zur Nachtzeit vor Carlisle Caſtle. Eine kleine Abthei⸗ 78 lung auserleſener Leute ſtieg ab; die uͤbrigen blieben zu Pfer⸗ be, um jeden Angriff von Seiten der Stadt abzuhalten. Die Nacht war nebelig und regneriſch. Die Abtheilung, der jenes Geſchaͤft uͤbertragen war, naͤberte ſich dem Fuße der Mauern, und ſuchte ſie vermittelſt der Leitern, welche ſie zu dieſem Ende mit ſich genommen hatten, zu erſteigen. Allein die Leitern waren zu kurz. Sie erbrachen hierauf mit andern Werkzeugen, die ſie bei ſich hatten, ein Pfoͤrt⸗ chen, und drangen in die Burg ein. Ihr Anführer hatte ihnen den ſtrengen Befehl ertheilt, niemand ein Leid zuzufuͤ⸗ gen, auſſer denen, welche ſich ihnen widerſetzen wuͤrden, ſo daß die wenigen Wachen, welche der Laͤrmen zuſammenbrach⸗ te, ohne großen Schaden zuruͤckgetrieben wurden. Als ſie Herren des Schloſſes waren, wurden die Trompeten des Graͤnzwaͤchters geblaſen, zur nicht geringen Beſtuͤrzung der Einwohner von Carlisle, die zu einer ſo fruͤhen Stunde durch Angriffslaute aus ihrem ruhigen Schlafe aufgeſchreckt wurden. Die Glocken des Schoſſes ſchallten; die der Stiftskirche und die von Moothall antworteten; Trommeln riefen zu den Waffen; und Feuerthuͤrme wurden angezuͤndet, um die kriegeriſche Umgegend unter die Waffen zu rufen. Inzwiſchen hatte das ſchottiſche Haͤuflein ſeinen Zweck erreicht. Sie hatten Kinmont Willie aus ſeinem Kerker befreit. Das erſte, was Armſtrong that, war, dem Lord Scrope eine gute Nacht zuzurufen, und ihn zu fragen, ob er keine Neu⸗ igkeiten für Schottland habe. Die Graͤnzbewohner befolgten die Befehte ihres Anführers ſtrenge, und enthielten ſich aller Beute. Sie kehrten von dem Schloſſe zuruͤck und brachten ihren befreiten Landemann und einen Herrn mit Namen Spenſer, einen Diener des Konſtabel des Schlöſſes, mit ſich⸗ Buccieuch entließ ihn, mit ſeinem Empfehlungen an Salkold 79 den Konſtable, den er, ſagte er, fuͤr einen beſſern Edelmann halte, als Lord Scrope, und trug ihm auf, zu ſagen, der Graͤnzwaͤchter von Liddesdale habe die That verrichtet, und den Conſtabel zu bitten, auszugehen und Rache zu ſuchen, wenn er auf den Namen eines Ehrenmannes Anſpruch ma⸗ che. Buccleuch zog Fch hierauf in großer Muße zuruͤck, und betrat Schottland bei Sonnenaufgang in Ehre und Sicher⸗ heit wieder.„Es iſt nie eine tapferere That der Lehenspflicht in Schottland verrichtet worden,“ ſagt ein alter Geſchicht⸗ ſchreiber,„nein, ſelbſt in Wallace's Tagen nicht.“ Eliſabeth war, wie man ſich denken kann, furchtbar gr⸗ bittert uͤber dieſen Schimpf, und verlangte⸗ Buccleuch ſolle den Englaͤndern ausgeliefert werden, da er ſich waͤhrend der Friedenszeit einen ſo großen Anzriff erlaubt habe. Die Sa⸗ che wurde dem ſchottiſchen Adel vorgelegt. Koͤnig Jakob nahm ſich ſelbſt der Sache der Koͤnigin Eliſabeth an, da er ſich, wie man vermuthen kann, dieſer Fürſtin durch ſeine Zahmbeit und Gelebrigkeit empfehlen wollte. Der Staatsſe⸗ cretair vertheidigte Buccleuch; und das ſchottiſche Parlament faßte endlich den Beſchluß, die Frage der Entſcheidung von Bevollmaͤchtigten, die für beide Voͤlker gewaͤhlt werden ſoll⸗ ten, zu unterwerfen. Allein in Betreff der vorgeſchlagenen Auslieferung Buccleuch's an England, erklaͤrte der Praͤſident mit lauter Stimme, ſo werde es Zeit genug für Buccleuch ſeyn, nach England zu gehen, wenn der Koͤnig in eigener Perſon dahin gehen werde. Buccleuch endete endlich den Streit dadurch, daß er, auf des Koͤnigs Bitte und unter der Bedingung, daß ihm kein Leid widerfahren werde, nach England giens. Die Kö⸗ nigin Eliſabeth wuͤnſchte ihn perſönlich zu ſehen, und fragte ihn, wie er einen ſolchen Angriff auf ihr Gebiet zu umer⸗ 30 nehmen gewagt habe. Er antwortete unerſchrocken, er kenne das Ding nicht, das ein Mann nicht zu thun wage. Eliſabeth bewunderte die Antwort, und behandelte ihn mit Auszeichnung, waͤhrend ſeines Aufenthalts in England, der jedoch von nicht langer Dauer war. 3 Allein das ſonderbarſte Abenteuer der Regierung Ja cobs war die ſogenannte Gowrie's Verſchwoͤrung, auf welcher eine Art Geheimniß ruht, welches die Zeit bis jetzt noch nicht ganz entfernt hat. Du mußt dich erinnern, daß ein Graf von Gowrie, waͤhrend Jakob noch ein Knabe war, verurtheilt und hingerichtet wurde. Dieſer Edelmann hinterließ zwei Soͤhne, die im Auslande gut erzogen wurden, und fuͤr hoff⸗ nungsvolle junge Maͤnner galten. Der Koͤnig ſchenkte dem älteſten den Titel und die Herrſchaft Gowrie wieder, und be⸗ günſtigte ſie beide ſehr. Nun begab es ſich im Monat Auguſt 1600, daß Alexan⸗ der Ruthven, der juͤngere der zwei Bruͤder, eines Morgens früh zu dem Koͤnige kam, der damals in dem Park von Falkland jagte, und ihm ſagte, er habe einen Mann von verdaͤchtigem Ausſehen, und mit einem großen Kruge voll Gold unter ſeinem Rocke ſeſtgenommen. Dieſen Mann habe er, ſagte Ruthven, als einen Gefangenen im Hauſe ſeines Bruders in Perth, gefangen gehalten, bis der Koͤnig ihn unterſuchen, und den Schatz in Beſitz nehmen wuͤrde. Durch dieſes Maͤhrchen lockte er Jakob von dem Jagdfelde weg, und beredete ihn, mit ihm nach Perth zu reiten, nur von wenigen Edellenten und Dienern begleitet, die dem Koͤnige ohne Befehl folgten. Bei ihrer Ankunft in Perth begaben ſie ſich in die Wohnung des Grafen, Gowrie⸗Houfe, ein groſſes maſſives Gebaͤu⸗ 84 Gebaͤude, das Gaͤrten hatte, die ſich nach dem Fluſſe Tay hindehnten. Der Graf von Gowrie war, oder ſchien er⸗ ſtaunt, den Koͤnig ſo unerwartet ankommen zu ſehen, und ließ eiligſt ein kleines Gaſtmahl zur Erfriſchung Seiner Ma⸗ jeſtaͤt zubereiten. Nachdem der Koͤnig geſpeist hatte, drang Alexander Ruthven in ihn, mit ihm zu kommen, um den Gefangenen im Geheimen zu ſehen; und Jakob, von Natur neugierig, und arm genug, um geldgierig zu ſeyn, folgte ihm von einem Gemache ins andere, bis Ruthven ihn in ein kleines Thuͤrmchen fuͤhrte, wo nicht ein Gefangener mit ei⸗ nem Kruge voll Geld, ſondern ein bewaffneter Mann ſtand, der, wie es ſchien, zu irgend einem gewaltſamen Unterneh⸗ men bereit war. Der Koͤnig fuhr zuruͤck, allein Ruthven ergriff den Dolch, den der Mann bei ſich fuͤhrte, ſetzte ihn Jakob auf die Bruſt, und befahl ihm, indem er ihn an den Tod ſeines Vaters, des Grafen von Gowrie, erinnerte, ſich bei Todes⸗ ſtrafe ſeiner Willkür zu unterwerfen. Der Koͤnig antwor⸗ tete, er ſey noch ein Knabe geweſen, als der Graf von Gow⸗ rie hingerichtet worden ſey, und warf Ruthven ſeine Undank⸗ barkeit vor. Duch Gewiſſensbiſſe oder irgend einen andern Grund bewogen, verſicherte der Verſchworne daß ſein Leben in Sicherheit ſey, und ließ ihn in dem Thurme bei dem be⸗ waffneten Manne, der zu einem ſo verzweifelten Unterneh⸗ men ſicherlich eben nicht ſehr glucklich auserleſen worden war, da er zitternd in ſeiner Waffenruͤſtung daſtand, ohne entweder ſeinem Herrn oder dem Koͤnige beizuſtehen. Wir wollen jetzt ſehen, was waͤhrend dieſes ſonderbaren Auftritts zwiſchen dem Koͤnig und Ruthven vorgieng. Ja⸗ cob's Begleiter hatten angefangen, ſich uber ſeine Ahweſen⸗ W. Scott's Werke. XCIXN. 6 — 82 heit zu wundern, als ſie ploͤtzlich durch einen Diener des Grafen von Gowrie die Nachricht erhielten, der Koͤnig ſey zu Pferd geſtiegen und habe ſich auf den Nuͤckweg nach Falk⸗ land begeben. Die Edelleute und Diener ſtuͤrzten in den Hofraum der Wohnung und forderten ihre Pferde. Der Graf von Gowrie trieb ſie zu gleicher Zeit zur Eile an. Run ſchlug ſich aber der Pfoͤrtner ins Mittel, und ſagte, der Koͤnig koͤnne das Haus nicht verlaſſen haben, da er noch nicht durch das Thor gegangen ſey, deſſen Schluͤſſel er habe. Gowrie auf der andern Seite nannte ihn einen Lügner, und beharrte darauf, daß der Koͤnig abgereist ſey. Waͤhrend Jacobs Begleiter nicht wußten, was ſie denken ſollten, hoͤrten ſie eine halberſtickte Stimme aus dem Fenſter eines Thuͤrmchens uͤber ihren Koͤpfen rufen,—„Huͤlfe! Verraͤtherei! Hülfe! mein Lord von Mar!“ Sie bliekten em⸗ por und ſahen Jacobs Kopf in großer Anſtrengung durch das Fenſter blicken, waͤhrend man eine Hand ſeine Kehle um⸗ faſſen ſah, als ob ihn Jemand mit Gewalt zuruͤckzuziehen fuchte. Die Erklaͤrung war wie folgt:— Der Koͤnig hatte, ſcheint es, als er allein bei dem bewaffneten Manne gelaſ⸗ ſen war, denſelben vermocht, das Gitterfenſter zu oͤffnen. Dieß war ſo eben geſchehen, als Alexander Ruthven wieder in das Chuͤrmchen trat. Schwoͤrend, der Koͤnig müſſe ffer⸗ ben, ergriff er ihn, und ſuchte ſeine Haͤnde gewaltſamerweife mit einem Strumpfbande zu knuͤpfen. Jakob widerſtand, zog Ruthven an das nunmehr offene Fenſter; und rief ſeinen Begleitern die obigen Worte zu. Sein Gefolge eilte ihm zu Huͤlfe. Der groͤßere Theil rannte nach der Haupttreppe, deſ⸗ ſen Türe ſie verſchloßen fanden, und die ſie alsbald einzu⸗ brechen ſuchten. Juzwiſchen entdechte ein Page des Königs, — — 83 mit Namen Sir John Ramſay, eine geheime Treppe, die zu dem Thuͤrmchen führte, wo Ruthven und der Koͤnig noch miteinander kaͤmpften. Ramſay verſetzte Ruthven zwei Sti⸗ che mit ſeinem Dolche, waͤhrend Jakob ihn aufforderte tief zu ſtechen, weil er ein dichtes Wamms trage. Ramfay warf hierauf den toͤdtlich verwundeten Ruthven nach der geheimen Treppe, wo ihm Sir Tyomas Erskine und Sir Hugh Her⸗ ries, zwei der koͤniglichen Begleiter, begegneten, die ihm mit ihren Schwertern den Garaus machten. Seine letzten Worte waren—„Ach! ich bin wegen dieſer Handlung nicht zu tadeln.“ Dieſe Gefahr war kaum voruͤber, als der Graf von Gowrie in das aͤuſſere Zimmer trat, mit einem gezuͤckten Schwerte in jeder Hand, und begleitet von ſieben Burſchen, die Rache wegen des Dodes ſeines Bruders verlangten. Die Begleiter des Köͤnigs, blos vier an Jahl, warfen Jakob, um der Sicherheit feiner Perſon willen, in das Churmkabinet, und ſchloffen die Chuͤre. Sodann begannen ſie ein Gefecht, das um ſo verzweifelter war, als ſie vier gegen acht kaͤmpf⸗ zen, und Herries ein lahmer und unfaͤhiger Mann war. Als aber Sir John Ramfay dem Grafen von Gowrie das Herz durchbohrt hatte, fiel diefer todt nieder, ohne ein Wort zu ſprechen, und ſeine Diener flohen. Jetzt wurden die Thuͤren der großen Treppen den Edelleuten geoͤffnet, die dem Koͤnig zu Huͤlfe kommen woltten. Inzwiſchen bedrohte den Koͤnig und ſeine wenigen Be⸗ gleiter eine neue Gefahr. Der erſchlagene Graf von Gowrie war Provoſt der Stadt Perth und bel den Buͤrgern ſehr be⸗ liebt. Als ſie hoͤrten, was vorgefallen war, griffen ſie zus den Waffen, und umringten das Herrenhaus, in welchem die⸗ 6 6 84 ſes Trauerſpiel aufgefuͤhrt worden war, drohend, wenn ihnen ihr Provoſt nicht ſicher und wohlbehalten ausgeliefert werde, ſo ſolle des Koͤnigs grauer Rock dafuͤr bezahlen. Die Ma⸗ giſtratsperſonen beſchwichtigten endlich ihre Heftigkeit, und der Poͤbel ließ ſich bewegen, ſich zu zerſtreuen. Der Zweck dieſer ſonderbaren Verſchwoͤrung iſt einer der dunkelſten in der Geſchichte, und was die Sache noch befrem⸗ dender machte, der bewaffnete Mann, der in dem Thuͤrmchen aufgeſtellt war, konnte kein Licht auf denſelben werfen. Er var, wie es ſich erwies, ein gewiſſer Henderſon, Haushofmei⸗ ſter des Grafen von Gowrie, der den Befehl erhalten hatte, ſich zu waffnen, um einen hochlaͤndiſchen Dieb zu ergreifen, und in das Thuͤrmchen von Alexander Ruthven, ohne weitere Andeu⸗ tung deſſen, was er thun ſollte, geſtellt worden war, ſo daß der ganze Auftritt ihn tief überraſchte. Das Geheimniß ſchien ſo undurchdringlich, und ein ſo großer Theil der Erzaͤhlung beruh⸗ te auf Jakob's eigenem Zeugniſſe, daß viele Perſonen dieſes Zeitpunks, und ſelbſt einige Geſchichtſchreiber unſerer Tage ge⸗ glaubt haben, es ſey nicht ſowohl eine Verſchwoͤrung der Bruͤ⸗ der gegen den Koͤnig, als des Koͤnigs gegen die Bruͤder geweſen; und Jakob, der eine Abneigung gegen ſie gefaßt, habe den blu⸗ tigen Auftritt erſonnen und herbeigeführt, und dann den Tadel auf die Ruthvens, die ihr Leben dabei verloren, geworfen. Al⸗ lein die verſoͤhnliche und milde Gemuͤthsart Jakobs, und die Betrachtung abgerechnet, daß kein hinreichender Beweggrund fuͤr die Begehung eines ſo ungaſtfreundlichen Mords aufgefun⸗ den, oder gemuthmaßt werden kann, ſollte man bedenken, daß der Koͤnig von Natur furchtſam war, und ſogar ein gezuͤcktes Schwert nicht anblicken konnte, ohne zu ſchaudern; ſo daß es aller Vernunft und Wahrſcheinlichkeit widerſtreitet, anzuneh⸗ men, daß er einen Plan erdacht habe, bei welchem ſein Leben — 85⁵ wiederholt der drohendſten Gefahr preisgegeben war. Gleich⸗ wohl zeigten ſich mehrere Mitglieder der Geiſtlichkeit widerſpen⸗ ſtig gegen Jakobs Befehl, ein feierliches Dankfeſt für ſeine Er⸗ rettung zu halten, indem ſie ohne Zoͤgern erklaͤrten, daß ſie an der Wahrheit ſeiner Erzaͤhlung ſehr zweifeln. Als der Koͤnig einem dieſer Geiſtlichen hart zu Leibe gieng, ſagte er,—„Er muͤſſe es ohne Zweifel glauben, weil Seine Majeſtaͤt der Koͤnig ſage, er habe es geſehen, wenn aber er es geſehen haͤtte, ſo war⸗ de er ſeinen eigenen Augen nicht getraut haben.“ Jacob aͤrgerre ſich nicht wenig uͤber dieſe Unglaubigkeit, denn es war hart fuͤr ihn, keinen Glauben zu ſinden, nachdem er in ſo großer Ge⸗ fahr geweſen war. Neun Jayre nach dem Vorfalle wurde einiges Licht auf den⸗ ſelben durch einen gewiſſen Sport geworfen, einen oͤffenttichen Notar, der ſich aus bloßer Neugierde gewiſſer Briefe bemaͤch⸗ tigt hatte, die ein gewiſſer Robert Logan von Reſtalrig, ein raͤnkefuͤchtiger, unruhiger und verworfener Mann, an den Grafen von Goyrie geſchrieben haben ſollte. In dieſen Pa⸗ pieren war wiederholt auf den Tod von Gowrie's Vater, auf die Rache die man beabſichtigte, und auf die Ausfuͤhrung eines großen und gefaͤhrlichen Unternehmens angeſpielt. End⸗ lich war angedeuret, die. Rutyven ſollen einen Gefangenen zur See nach Logan's Feſtung, Faſt⸗Caſtle, eine ſtarke und unzugaͤngliche Feſte an der Kuͤſte von Berwirſhire, die in die See hinaushaͤngt, bringen. Dieſen Platz empfehlt er als einen ſichern und heimlichen Ort zur Gefangenhaltung eines wichtigen Gefangenen, und fuͤgt hinzu, er habe Bothwell da in ſeiner aͤuſſerſten Noth beherbergt, was auch der König und ſein Rath habe ſagen moͤgen. Alle dieſe Ausdruͤcke ſcheinen eine Verſchwoͤrung nicht gegen des Koͤnigs Leben, wohl aber gegen ſeine perſoͤnliche — Freiheit anzudeuten, und machen es wahrſcheinlich, daß, wenn Ruthven den Koͤnig durch ſeine Drohungen zum Still⸗ ſchweigen und zur Nachgiebigkeit bewogen haͤtte, die Bruͤder ihn durch die Gaͤrten gefuͤhrt, von da an Bord eines Bootes gebracht, die Muͤndung des Day hinabgeſchifft, und ſodann, nach einem geheimen Zeichen, auf welches Logan anſpielt, ihren königlichen Gefangenen ſicher nach Faſt⸗Caſtle gefuͤhrt haben wuͤrden. Die Gefangennehmung der Perſon des Koͤ⸗ nigs war ein gewoͤhnliches Unternehmen unter dem ſchotti⸗ ſchen Adel, und der Vater der Ruthvens hatte wegen eines ſolchen Verſuchs das Leben verloren. Wenn wir dieß als ih⸗ re Abſicht annehmen, ſo iſt es wahrſcheinlich, daß Eliſabeth um den Verſuch wußte; und da ſie die Gefangenhaltung der Perſon der Maria ſo vortheilhaft fuͤr ſich gefunden hatte, ſo konnte ſie wohl einen aͤhnlichen Plan zur Gefangennehmung ihres Sohns entworſen haben. Ich darf dieſe Geſchichte nicht ſchließen ohne zu bemer⸗ ken, daß Logan's Gebeine vor einen Gerichtshof gebracht wurden, um nach dem Tode gerichtet zu werden, und daß er fuͤr ſchuldig, und ſein Vermoͤgen fuͤr conſiscirt erklaͤrt wurde. Allein man hat nicht beachtet, daß Logan, ein aus⸗ ſchweifender und verſchwenderiſcher Mann, vor ſeinem Tode ſchon eines großen Theils ſeines Vermoͤgens beraubt war, und daß der Koͤnig deßwegen bei der Befolgung dieſer alten und barbariſchen Prozeßform keinen habſuchtigen Zweck ha⸗ hen konnte. Das Schickſal Sprot's, des Notars, war ſon⸗ derbar genug. Er wurde zum Haͤngen verurtheilt, weil er dieſe verrätheriſchen Briefe der Regterung nicht mitgetheilt habe ſie aus bloſſer Neugierde erhalten. hatte, und er litt demzufolge den Dod, behauptete aber bis zu ſeinem letzten Augenblicke, die Briefe ſeyen aͤcht und er Dieſe Thatſache be⸗ 87 ſtaͤtigte er ſogar in ſeinem Todeskampfe; denn, aufgefordert, ein Zeichen von der Wahrbeit und Aufrichtigkeit ſeines Be⸗ kenntniſſes zu geben; nachdem er von der Leiter hinabgewor⸗ fen war, ſolle er dreimal mit den Haͤnden geklatſcht haben. Gleichwohl glaubten einige Perſonen immer noch, Sprot's Bekenntniſſe ſeyen Unwahrheiten, und die Briefe falſche Er⸗ dichtungen geweſen; allein es ſcheint eine große Unglaͤubig⸗ keit zu verrathen, an der Wahrheit eines Bekenntniſſes zu zweifeln, das den Mann, der es ablegte, an den Galgen. brachte, und ſeit einigen Jahren werden die von Sprot vor⸗ gebrachten Briefe von den beſten Richtern in ſolchen Dingen als aͤcht betrachtet. Wenn man ſie als ſolche anerkennt, ſo erhellt aus ihnen, daß der Zweck der Gowrie's Verſchwoͤrung der war, den Koͤnig Jacob zum Gefangenen in dem abgelege⸗ nen und unzugaͤnglichen Schloſſe Faſt⸗Caſtle zu machen, und ihn vielleicht endlich der Koͤnigin Eliſabeth auszuliefern. Wir naͤhern uns jetzt dem Ende dieſer Sammlung von Erzaͤhlungen. Koͤnig Jacob VI. von Schottland heirathete die Tochter des Koͤnigs von Daͤnemark, mit Namen Anna von Daͤnnemark. Sie hatte eine Familie, die ſie dem engli⸗ ſchen Volke ſehr empfahl, das muͤde war, ſeine Krone von einem Weibe zum andern uͤbergehen zu ſehen, ohne irgend eine Ausſicht auf maͤnnliche Nachkommenſchaft. Die Eng⸗ laͤnder ſiengen daher an, ihre Augen auf Jakob, als den naͤch⸗ ſten Erben Koͤnig Heinrich's VII. und den rechtmaͤßigen Nach⸗ folger, falls Eliſabeth keinen Erben hinterlaſſen wuͤrde, zu werfen. Sie war jetzt alt, ihre Geſundheit peinlich verwun⸗ det durch den Dod ihres erſten Guͤnſtlings Eſſer. Man kann kaum ſagen, daß ſie nach ſeiner Hinrichtung ſich je ihrer Ge⸗ ſundheit oder Vernunft wieder erfreute. Sie ſaß auf einem Haufen voll Kiſſen, mit ihrem Finger in ihrem Munde, und, wie es ſchien, auf nichts merkend, als auf die Gebete, die von Zeit zu Zeit in ihrem Zimmer geleſen wurden. Waͤhrend die Koͤnigin von England auf dieſe Art die letzten Augenblicke ihres Lebens hinbrachte, traten ihre Unterthanen mit ihrem Nachfolger Jakob in Verbindung, mit dem ſogar Cecil ſelbſt, der Premier⸗Miniſter Englands, lange einen ge⸗ heimen Briefwechſel gefuͤhrt hatte. Eliſabeth hatte nicht ſobald ihren Geiſt ausgehaucht, als der nahe Verwandte und das Patbchen der verſtorbenen Koͤnigin, Sir Robert Carey, ein Roß beſtieg, und, mit einer Schnelligkeit reiſend, die faſt der Schnelle der neuern Briefpoſtkutſche gleich kam, nach dem Pa⸗ laſte Holyrood die Nachricht brachte, daß Jacob ſowohl Koͤnig von England, Frankreich und Irland, als von Schottland war. Jacob kam in London den 7. May 1605 an, und nahm von ſeinen neuen Reichen ohne den geringſten Widerſtand Beſitz; und ſo kam die Inſel Großbritannien, die ſo lange in die be⸗ ſondern Koͤnigreiche England und Schottland getheilt war, un⸗ ter die Botmaͤſſigkeit eines und deſſelben Fuͤrſten. Hier muͤſſen daher die Erzaͤhlungen deines Großvaters enden, in ſofern ſie ſich auf die Geſchichte Schottlands beziehen. En de. Aufrut an die Teitgenosgen. Bei den Unterzeichneten erſcheint im Laufe dieſes Monats: Hapoleons Ebrentempel. Ein Cyelus der vorzuͤglichern uͤber den Kaiſer Napo⸗ leon und ſeine Zeit erſchienenen Memoiren, Biographien und Anecdoten. Das großartige Drama der franzoͤſiſchen Staatsumwaͤlzung, und der Hauptheld deſſelben, Napoleon Buonaparte, ſind bisher Gegenſtand manchfaltiger, ſchriftſtelleriſcher Thaͤ⸗ tigkeit geweſen, und je mehr jene vielbewegte Zeit in dieje⸗ nige Perſpective zuruͤcktritt, welche erforderlich iſt, um ei⸗ nen ruhigen, klaren Ueberblick zu geſtatten, kurz, je mehr ſie Eigenthum der Geſchichtsforſchung wird, um ſo gehaltvol⸗ ler, klafſiſcher ſind die Werke, welche dieſe Zeit zum Gegen⸗ ſtande haben. Aber— ſey es, daß die Reihe der Erſcheinungen, welche jene denkwürdigen Jahrzehende an uns voruͤbergefuͤhrt haben, uns noch zu nahe ſteht, ſey es, daß der Rieſengeiſt der all⸗ waltend jene Zeit belebte, zu bielgeſtaltig iſt, um in ſeinen Hoͤhen und Tiefen von Einem ganz erfaßt und gezeichnet werden zu koͤnnen— es ergibt ſich bei unbefangenem Urthei⸗ le, daß die Schriften über jene Zeit, bei all ihren einzelnen Vorzuͤgen doch nur in ihrer Totalitaͤt, als umfaſſend und er⸗ ſchoͤpfend betrachtet werden koͤnnen. Wenn aber dem Gebildeten Alles daran liegen muß, das Meteor voͤllig kennen zu lernen, das leuchtend am politiſchen Himmel unſerer Erdhaͤlfte hinzog, bis es im ſudliche⸗ Ocean verſank, wenn es groß iſt mit großen Maͤnnern Umgang zu pflegen, ſo glauben wir einem Beduͤrfniſſe unſerer Zeit ent⸗ gegen zu kommen, wenn wir die Mittel an die Hand geben, einen umfaſſenden Blick in den Geiſt und die Zeit des Ko⸗ ryphaͤen unſers Jahrhunderts thun zu koͤnnen. Wir beabſichtigen daher, eine Sammlung der uͤber Na⸗ poleon und ſeine Zeit im Auslande erſchienenen geſchichtlichen Werke Memoiren, Biographien und Anekdoten in guten, lesbaren Ueberſetzungen zu veranſtalten, wobei natuͤr⸗ lich blos das Intereſſanteſte aufgenommen und überhaupt der Stoff mit Umſicht gewaͤhlt werden ſoll.. Den Anfang machen die ſo eben erſchienenen Denbwürdigbeiten de s. werzogs von Vovigo, ehemaligem Polizeiminiſter des Kaiſers Napolesns, wovon ſogleich die erſten vier Baͤndchen ausgegeben werden. — — Nach Vollendung der Denkwuͤrdigkeiten Rovi⸗ go's folgen: 1) Die Memviren von Fleury de Chaboulon, Cabi⸗ netskretaͤrs Napoleons. 2) Die Manuſcripte des Ba⸗ ron Fain vom Jahre 1312, 1813, 1814. 3) Die Me⸗ moiren des Polizeiminiſters Fouche, Herzogs von Ot⸗ ranto. 4) Napolecon in der Verbannung, oder die Stimme von St. Helena, von Dr. O'Meara. 5) Ta⸗ gebuch von St. Helena von Las Caſes.(Dieſes aus⸗ gezeichnete Werk erſcheint in einer Bearbeitung mit Hin⸗ weglaſſung der, zu haͤufig vorkommenden Wiederholun⸗ gen). 6) Denkwuͤrdigkeiten uͤber die letzten Tage Napo⸗ leons von Dr. Antomarchi. 7) Denkwuͤrdigkeiten des General Rapp. 8) Denkwuͤrdigkeiten des Staatsraths Chibaudeau. 9) Denkwüͤrdigkeiten Carnots. 10) Erxin⸗ nerungen uͤber Napaleon, ſeine Familie und ſeinen Hof. 11) Denkwuͤrdigkeiten uͤber den Prinzen Le Bruͤn, Her⸗ zog von Piacenza. 12) Geſchichte des Eugen Beauhar⸗ nois, Herzogs von Leuchtenberg, ehemaligen Vicekoͤnig von Italien, von General Vaudoncourt. Bei dem hohen Jetereſſe, das eine ſolche Unternehmung haben muß, glauben wir an der Unterſtützung des Publi⸗ kums, das wir zur gefaͤlligen Subſcription einladen, nicht zweifeln zu duͤrfen, und gelaͤnge es, das Werk in recht viele Taufend Haͤnde zu bringen, ſo waͤre unſer ſchoͤnſter Lohn, den Manen Napoleon's ein Denkmal geſetzt zu ha⸗ ben, zu dem wallfahrten alle die da Weisheit ſuchen! Bedingungen der Subseription. 1)„Es erſcheinen von„Napoleons⸗Shrentempel'“ monatlich 2— 3 Baͤndchen ſchoͤn broſchirt. 2) Der Preis eines jeden Baͤndchens iſt auf zwoͤlf Kreuzeroder drei Groſchen ſaͤchſ. feſtgeſetzt; bei dem ausgezeichnet ſchoͤnen Papier, bei der vorzüglichen Bearbei⸗ tung des Werks ſelbſt kann man ſolchen nur unerhoͤrt billig heißen. Ueberhaupt verweiſen wir auf das Werk ſelbſt, nicht pomphafte Verheiſſungen, die Sache ſelbſt wird ſich empfehlen. 3) Jeder Subſcribent marht ſich auf 12 Baͤndchen ver⸗ bindlich, will er nach Ablauf dieſer unzahl austreten, ſo iſt er perpflichtet ſolches nach Erſcheinung des 9ten Baͤndchens anzuzeigen, geſchieht dieß nicht, ſo iſt er je zu den fol⸗ genden 12 Baͤndchen verpflichtet. 4) Es wird weder Vorausbezahlung, noch ſoglei⸗ che Bezahlung bei Ablieferung gefordert, indem wir die Buchhandlungen in den Stand ſetzten, das Werk auf halb⸗ jaͤhrige Rechnung geben zu koͤnnen. 5) Subſcribentenſammler erhalten— wenn ſie ſich direkte an uns wenden— auf 10 Exemplare das 11te Ey. gratis. Alle welche die Begebenheiten unſerer vielbewegten Zeit treu und wahr geſchildert finden wollen, werden aus dieſem Werke lernen, beſonders aber machen wir jene Bra⸗ ven der Rheinbundstruppen darauf aufmerkſam, wel che von ihrem großen Kaiſer oft zum Siege gefuͤhrt, / — 1 —— jene großen Begebenheiten, deren Zeuge und Mitwirker ſie groͤßtentheils waren, im Schatten des Friedens und der Ru⸗ he noch einmal durchleben koͤnnen! 3 Stuttgart, den 1. August 18328. Gebrüder Franckh. ———— e——e— d —— ———— 4—.— . Riſnfſf 9 11 12 13 14 ſſſſſſſſſſſſſſſſſſiſſſſſſſſſtſnnnntſiſhi 15 16 17 18 19