— 1 b Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Ednard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Deih- und Jeſehedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 chr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. .3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe Pinterlegen. welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet ird. 3 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: 1 Mk. Pf. 1 Mr. 50 ſf. 2 Nf. Pf. v. 3„ 2„—„ 3„=„„— o 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— 81 das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ——————— 2. Suh — — Erzahlungen eines Großvaters aus der ſchottiſchen Geſchichte. Von Sir Walter Scott. r——— 5 Aus dem Engliſchen uͤberſetze. Vierter Theil. 4. Stuttgart, F bei Gebruͤder Franckh. 2 8. 2 8. 4 3 Erzoͤhlungen eines Großvaters aus der ſchottiſchen Geſchichte. Erſtes Kapitel. Reglerungsantrlit des Graſfen von Angus.— Unwirkſame Verſuche Bur⸗ cleuch's und Lennor, den jungen König aus der Gewalt des Graſen von Augus zu befreien.— Jakob's Entkommen.— Verbannung des Graſen von Angus und der übrigen Douglss. Die Koͤnigin Margarethe, die ihren Gemahl Angus⸗ wie ich Dir geſagt habe, haßte, verband ſich jetzt mit ſeinem Feinde Arran, um Jakob V., ihren Sohn(obſchon er da⸗ mals erſt zwoͤlf Jahre alt war), an die Spitze der oͤffentli⸗ chen Geſchaͤfte zu rufen: aber der Graf von Angus, der in dieſer Criſe aus Frankreich zuruͤckkehrte, verſchaffte ſich ſchnell ein Uebergewicht in den ſchottiſchen Raths⸗Verfammlungen, und wurde das Haupt jener Adeligen, die lieber eine freund⸗ ſchaftliche Verbindung mit England, als die Fortſetzung je⸗ nes Buͤndnigſes mit Frankreich, das Schottland ſo oft in Zwiſtigkeiten mit ſeinem maͤchtigen Nachbar verwickelt hatte, wuͤnſchten. 2.. Scott's Werke. XVM. 2 Marzarrethe haͤtte ihre Gewalt behaupten koͤnnen, denn ſie war perſoͤnlich ſehr beliebt; allein es war das Schi ckſal oder ie Thorheit dieſer Koͤnigin, raſche Ehen zu ſchließen. Nachdem ſie eine Eheſcheidung von Angus ausgewi et hatte, heirathete ſie einen jungen Mann von geringer Gewalt und miederem Range, mit Namen Heinrich Stewart, einen juͤngern Sohn des Lord Evandale. Dieſer unkluge Schritt brachte ſie um ihren Einfluß. Angus kam daher in den Beſitz der hoͤchſten Gewalt, bemaͤchtigte ſich der Perſon des Koͤnigs, that alles in Jakobs Namen, allein aus eigener Gewalt, und wurde der Regent Schottlands im vollen Sinne des Worts, obſchon er den Namen nicht annahm. Die Talente des Grafen von Angus entſprachen dem Amte, das er verwaltete, und als er ſich mit ſeinem alten Nebenbuhler, dem Grafen von Arran ausſoͤhnte, ſchien ſeine Macht auf einen ſichern Grund gebaut. Es gelang ihm, einen Friedensvertrag mit England zu Stande zu bringen, der dem Koͤnigreiche von großem Nutzen war. Allein der Sitte der Zeiten gemaͤß, war Angus viel zu ſehr bemüht, al⸗ le hohen Aemter, Laͤndereien und andere Vor rtheile, uͤber welche eie Krone zu verfüͤgen hatte, ſeinen Freunden und An⸗ haͤngern zu uͤbertragen, mit Ausſchließung aller der Adeligen und Vornehmen, die entweder bei dem letzten Kampfe um die hoͤchſte Gewalt Partei gegen ihn genommen hatten, oder nicht ſeine entſchiedenen Anhaͤnger waren. Auch wurde der Gang der Gerechtigkeit durch die Parteilichkeit des Grafen von Angus fuͤr ſeine Freunde, Verwandten und Anhaͤnger auf eine ſchaͤndliche Weiſe verkehrt. Ein alter Geſchichtſchreiber ſagt:„es habe Nlemand mit einem Douglas, oder auch nur mit dem Anhaͤnger eines Donglas vor Gericht zu ſtreiten gewagt, denn er ſey ſtets , — —, . uͤberzeugt geweſen, daß er den Kuͤrzern bei ſeinem Rechtsſtrei⸗ te ziehen werde, und,“ fuͤgt er hinzu,„obſchon Angus durch das Land reiste, unter dem Vorwande: Diebe, Raͤuber und Moͤrder zu beſtrafen, ſo gab es doch keine ſo großen Uebel⸗ thaͤter, als diejenigen, welche in ſeiner eigenen Geſellſchaft ritten.“ Dem Koͤnige, der jetzt vierzehn Jahre alt war, mißfiel der Zwang ſehr, dem Angus ihn unterwarf, weswegen er ſich von ſeiner Vormundſchaft frei zu machen ſuchte. Seine Mutter hatte einen natuͤrlichen Einfluß auf ihn, und auch dieſer wurde zum Nachtheile des Grafen ausgeübt. Der Graf von Lennox, ein weiſer und verſtaͤndiger Edelmann, und mit dem Koͤnige nahe verwandt, ſuchte ſeine Abneigung gegen die Douglas ebenfalls zu naͤhren und zu vergroͤßern, und es wurden Plane in Vorſchlag gebracht, die Verſon des Koͤnigs den Haͤnden des Grafen von Angus zu entreißen gus war im Beſitze der hoͤchſten Gewalt ſo ſtark befeſtigt, daß ſeine Macht nur durch Waffengewalt zerſtoͤrt werden konnte, und es war nicht leicht, eine ſolche gegen einen ſo maͤchtigen und ſo kriegeriſch geſinnten Mann aufzubringen. Endlich ſcheint man den Entſchluß gefaßt zu haben, ſich der Dienſte des Sir Walter Scott von Bucceleuch zu bedie⸗ ten, eines Mannes von groſſem Muthe und militaͤriſchem Talente, des Haupts eines zahlreichen und maͤchtigen Stam⸗ mes, der zudem an der Graͤnze in großem Anſehen ſtand. Er war fruͤher der Freund des Angus geweſen, und hatte ſo⸗ gar die Mauern von Edinburgh mit einer großen Abtheilung ſeines Stammes erſtiegen, um der Partei des Grafen in die⸗ ſer Stadt die Oberhand zu verſchaffen. Allein ſeitdem hatte er ſich mit Lennox verbunden, deſſen Eingebungen ihn in 4„ fher An⸗ Aber An⸗ dem Unternehmen, von dem ich Dir Bericht abzuſtatten im Begriff bin, geleitet zu haben ſcheinen. An An ende Anzahl auserleſener Begleiter. Angus war auf gege von dieſer Expedition und hatte die Nacht in zugebracht. Die Kers und Homes hatten ſich von dem Grafen verabſchiedet, der mit dem Koͤnige und ſeinem ſchaar prötzlich an der Seite einer Anhoͤhe, mit don⸗Hill, erſchien, in das Thal herab ritt, und ſich zwiſchen den Grafen und die Bruͤcke ſtellte, auf der er bei feiner Heimkehr uͤber bie Lwed ſetzen mußte. „Sir,“ ſagte Angus zu dem Könige,„dort kommt Bucckeuch, mit den Grenzbieben von Teviotdale und Liddes⸗ dale, um die Reiſe Eur. Gnaden zu Unterbrechen. Ich ge⸗ kobe bei Gott, ſie ſollen entweder fechten, oder ſliehen. Sie werden mit meinem Bruder Georg auf dieſem Hugel bleiben, waͤhrend wir dieſe Banditen verjagen, und die Straße füͤr Eure Gnaden ſaͤnbern.“ Der /Koͤnig gab keine Antwort, denn in ſeinem Herzen wänſchte er, Buccleuch's Unternehmen moͤchte gelingen; al⸗ kein er wagte dieß nicht zu ſagen.. Anzus ſchickte inzwiſchen einen Herold ab, um Buccleuch ißuſordern, ſich mit ſeinen Streitkraͤften zuruͤckzuziehen: tt erwiederte,„er ſey, der Sitte der Grenzlande gemäß, zeammen, um dem Kaͤnige ſeinen Stamm und ſeine Anhaͤn⸗ 9 ger zit zeigen, und ſeine Gnaden einzteladen, in feinem Hau⸗ ſe zu ſpeiſen.“ Er fuͤgte noch bei,„er wiſſe des Koͤnigs Ge⸗ ſinnung eben ſo gut als Angus.“ Der Graf ruͤckte vor, und ihr Kriegsgeſchrei„Bellenden“ erhebend, wurden die Graͤnz⸗ bewohner alsbald handgemein und fochten tapfer; aber die Homes und Kers, die in keiner großen Entfernung waren, kehrten, als ſie den Laͤrm hoͤrten, durch das kleine Dorf Darnik zuruͤck, ſie⸗ len uͤber Buceleuch's Leute her und entſchleden das Schickſal des Tags. Die Graͤnzreiter flahen, allein Buccleuch und ſeine Be⸗ gleiter kaͤmpften noch waͤhrend ihres Ruͤckzugs hartnaͤckig. Sie wandten ſich nach den Kers um, und erſchlugen mehrere von ihnen, beſonders Ker von Ceßford, einen Haͤuptling des Na⸗ mens, den einer der Ellioten, ein Untergebener Buccleuchs mit ſeiner Lanze erſtach. Sein Dod erregte eine toͤdliche Feh⸗ de zwiſchen den Staͤmmen Scott und Ker, die ein Jahrhun⸗ dert lang dauerte, und viel Blut koſtete. Dieſes Gefecht hatte am 25. Julius 1526 ſtatt. Ungefaͤhr 90 Schotten blie⸗ ben auf dem Schlachtfelde, und Buccleuch wurde, nehſt vie⸗ ken andern ſeines Stamms, des Hochverraths für ſchuldig erklaͤrt. Allein nachdem der Koͤnig das Joch der Douglas abgeſchuͤttelt hatte, begab er ſich in eigener Perſon in das Parlament, um die Reſtauration Buccleuch's auszuwirken, der, wie er auf ſein koͤnigliches Wort erklaͤrte, ohne eine feindliche Abſicht, ſondern blos um ſeinen Fuͤrſten ſeine Ehr⸗ furcht zu bezeugen, und ihm die Zahl ſeiner Anhaͤnger zu zeigen, nach Melroſe gekommen mar. Zum Beweiſe deſſen ſagte der Koͤnig, der genannte Wat habe keine Waffenruͤſtung, ſondern bloß ein ledernes Koller und eine ſchwarze Muͤtze ge⸗ tragen. Die Familie wurde dem zufolge wieder in den Be⸗ ſitz ihrer Laͤndereien geſetzt; allein Sir Walter Scott wurde 49 lange nachher von den Kers in Edinburgh als Sühne füͤr den Tod des Lairds von Eeßford, ermordet. Als der Graf von Lennox ſeinen Plan, den Koͤnig mit Buccleuch's Huͤlfe zu befreien, vereitelt ſah, beſchloß er, dieß perſoͤnlich zu verſuchen. Er wurde zu dieſem Unternehmen von dem Kanzler Beaton(der ſich bei dem Gefechte Clean⸗the Cauſeway ausgezeichnet hatte,) von dem Grafen von Glen⸗ cairn, und andern Edelleuten aufgemuntert, die es ungerne ſahen, daß der Graf von Angus den jungen Koͤnig als einen Gefangenen behandelte, und daß die ganze Verwaltung des Königreichs in den Haͤnden der Douglas ruhte. Er verſam⸗ melte ein Heer von zehn oder zwoͤlftauſend Mann, und ruͤck⸗ te von Stirling nach Edinburgh vor. Angus und Arran, die noch immer eng mit einander verbunden waren, ſtießen bei dem Dorfe Newliſton auf Lennox. Das Geruͤcht, daß eine Schlacht geliefert werden ſollte, gelangte bald nach Edinburgh, wo Sir Georg Douglas ſich beeilte, die Buͤrger unter die Waffen zu rufen, um ſeinen Bruder, den Grafen von Angus, zu unterſtügen. Die Glocken der Stadt wurden gelaͤutet, Trompeten ſchallten, und der Koͤnig ſelbſt mußte zu Pferde ſteigen, um die Maßregeln der Dougläs, die er in feinem Herzen verabſcheute, zu unterſtützen. Jakob war ſei⸗ ner Lage ſo uͤberdruͤßig, daß er den Abzug der Streitkraͤfte, die in Edinburgh gemuſtert wurden, durch alle moͤglichen Mittel zu ve rn ſuchte. Als ſie das Dorf Corſtorphine erreichten n. ſie den Donner des Geſchuͤtzes, was die wilde ld des Georg Douglas das Schlachtfeld zu er⸗ reichen, vergrößerte, ſo wie es den jungen Koͤnig, der die Hoffnung hegte, Angus werde geſchlagen werden, ehe ſein Bruder ihm zu Hülſe kommen köͤnne, zu groͤßerem Zoͤgern bewog. Als Georg Douglas dieß bemerkte, redete er ihn in d —— 11 einer Sprache an, die Jakob nie vergaß noch verzieh;— „Eure Gnaden duͤrſen nicht glauben, daß Sie uns entkom⸗ men werden,“ ſagte dieſer wilde Krieger—„wenn unſere Feinde Sie auf der einen Seite, und wir auf der andern ge⸗ packt haͤtten, ſo wuͤrden wir Sie lieber in Stuͤcke zerreißen, als Sie fahren laſſen.“ Nun erhielt man von dem Schlachtfelde die Nachricht, daß Lennor geſchlagen worden ſey, und Angus den Sieg da⸗ von getragen habe. Der junge König, beſtuͤrzt über die Nachricht, trieb jetzt ſeine Begleiter zu eben ſo großer Eile an, als er fruͤher ihren Marſch zu verzoͤgern geſucht hatte. Er forderte ſie auf, dem Blutbade Einhalt zu thun, und beſonders Lennox' Leben zu retten. Sir Andreas Wood, ei⸗ ner von den Mundſchenken des Koͤnigs, kam noch zeitig genug auf dem Schlachtfelde an, um den Grafen von Glencairn zu retten, der auf einem guͤnſtigen Terrain noch tapfer focht, sbſchon er kaum noch 30 Mann unter ſich hatte. Wood brachte ihn wohlbehalten aus dem Schlachtfelde. Allein Len⸗ noy, fuͤr deſſen Sicherheit der Koͤnig ſo ſehr bangte, war nicht mehr unter der Zahl der Lebenden. Er war kaltbluͤtig von jenem blutdärſtigen Manne, Sir Jakob Hamilton von Draxhane, der ihn dem Laird von Pardiyan, dem er ſich er⸗ geben hatte, entriß, erſchlagen worden. Dieſe That ſchien aus der thieriſchen Natur des Thaͤters zu entſpringen, der ein ſolches Vergnuͤgen am Blutvergießen fand, daß er die Ge⸗ ſichter vieler Gefangenen eigenhaͤndig zerfetzte. Arran, der Vater dieſes wilden Mannes, beweinte das Schickſal des Lennox, der ſein Neſſe war, bitter. Man fand ihn in troſt⸗ loſer Gemuͤthsſtimmung neben dem Leichname, uͤber den er ſeinen ſcharlachenen Rock ausgebreitet hatte.„Der kuͤhnſte, 42 wackerſte und klügſte Mann, den Schottland hervorbrachte,“ ſagte er,„liegt hier erſchlagen.“ 1 Nach dieſen zwei Kriegen ſchien der Graf von Angus ſei⸗ ne Macht ſo ſehr befeſtigt zu haben, daß feine Anhaͤnger ih⸗ rem Uebermuthe kein Ziel ſetzten, und ſeine Feinde fliehen und ſich verbergen mußten. Der Kanzler Beaton huͤtete, als Schaͤfer verkleidet, Schaafe auf Bogrian⸗Knowe, bis er ſich mit den Grafen von Angus und Arran, durch große Geſchen⸗ ke ſowohl an Geld, als an Kirchenguͤtern, verſoͤhnte.. Angus umgab die Perſon des Koͤnigs mit einer von ihm auserlefenen Wache von hundert Mann, die Douglas von Parkhead be⸗ fehligte; er machte ſeinen Bruder Georg, den Jakob verab⸗ ſcheute, zum Vorſteher des koͤniglichen Haushalls; und Ar⸗ chibald von Kilſpindie, zum Schatzmeiſter des Koͤnigreichs. Allein die ſtrenge Gefangenſchaft, welcher der Koͤnig unter⸗ worfen wurde, vergroͤßerte nur ſeinen heftigen Wunſch, von allen Douglas los zu werden. Nachdem die offene Gewalt zweimal feyhl geſchlagen hatte, nahm Jakob ſeine Zuflucht zur Liſt.. Er bewog ſeine Mutter, die Koͤnigin Margarethe, ihm das Schloß Stirling, das ihre Wittwen⸗Wohnung war, zu uͤberlaſſen, und es einer Perſon, der er trauen konnte, in die Haͤnde zu geben. Dieß geſchah in der groͤßten Stille. Da Jakob auf dieſe Art einen Zufluchtsort hatte, ſo lauerte er aͤngſtlich auf eine Gelegenheit, nach demſelben zu entflie⸗ hen; auch betrug er ſich mit einem ſolchen anſcheinenden Zutrauen gegen Angus, daß die Donglas ſorglos wurden, und glaubten, der Koͤnig habe ſich mit ſeiner Gefangenſchaft ausgeſoͤhnt, und aller Hoffnung zur Flucht entfagt. Jakob befand ſich damals in Falkland, einem koͤniglichen 15 Pallaſte, der zur Jagd und Falkenbaize, woran er großes Vergnuͤgen zu finden ſchien, bequem gelegen war. Der Graf von Angus verließ in dieſem Zeitpunkte den Hof, und begab ſich nach Lothian, wo er einige dringende Geſchaͤfte hatte— Archibald Donglas von Kilſpindie ging nach Dundee, um eine Dame zu beſuchen, mit der er in Verbindung ſtand— und Georg Donglas war nach St. Andreas gegangen, um dem Kanzler Beaton, der jetzt Erzbiſchof dieſes Bisthums, und Primat von Schottland war, einige weitere Vortheile abzunoͤthigen. Auf dieſe Art war kein Douglas mehr in der Umgebung des Koͤnigs, ausgenommen Parkhead,— mit ſei⸗ ner Wache von 100 Mann, auf deren Wachſamkeit die an⸗ dern vertrauten. Der Koͤnig hielt die Zeit guͤnſtig für ſeine Flucht. um allen Verdacht einzuſchlaͤfern, erklaͤrte er, er wolle am naͤch⸗ ſten Morgen fruͤhe aufſtehen, um auf die Hirſchjagd zu ge⸗ hen. Douglas der nichts argwoͤhnte, begab ſich zu Bette, nachdem er ſeine Wache ausgeſtellt hatte. Allein der Koͤnig war nicht ſobald in ſeinem beſondern Gemache, als er einen treuen Pagen, mit Namen John Hart, rief;— John,“ ſagte er,„llebſt Du mich?“ „Mehr als mich ſelbſt,“ antwortete der Diener. „Und willſt Du etwas für mich wagen?“ „Mein Leben mit Vergnügen,“ ſagte John Hart. Der Koͤnig machte ihn hierauf mit ſeiner Abſicht be⸗ kannt, verkleidete ſich in einen Stallknecht, und ging mit Hart in den Stall, als ob er die Pferde zur Jagd des naͤch⸗ ſten Tags in Bereitſchaft ſetzen wollte. Getaͤuſcht durch ihr Ausſehen ließen die Wachen ſie ruhig vorüͤbergehen. In dem Stalle waren drei zute Pferde geſattelt und in Bereitſchaft, 44 . 27 unter der Aufſicht eines Leibwaͤchters oder Stallknechts, dem der Koͤnig ſeinen Plan anvertraut hatte. Jakob ſtieg mit ſeinen zwei Dienern zu Pferde, und ga⸗ loppirte die ganze Nacht hindurch ſo ſchnell wie ein Vogel, der ſo eben ſeinem Gefaͤngniſſe entſchluͤyft iſt. Bei Tagesan⸗ bruch erreichte er die Bruͤcke von Stirling, die das einzige Mittel war, uͤber den Fluß zu ſetzen ausgenommen auf Boͤ⸗ ten. Sie war durch Thore vertheidigt, die der Koͤnig ſchlieſ⸗ ſen ließ. Auch befahl er den Uebergang zu bewachen. Er war ſehr ermuͤdet, als er Stirling Caſtle erreichte, wo er von dem Gouverneur, dem er ſelbßt das Commando in dieſer ſtarken Feſtung anvertraut hatte, freudig empfangen wurde. Die Zugbrücken wurden aufgezogen, die Fallgatter herabge⸗ laſſen, Wachen ausgeſtellt, und jede Maßregel der Verthei⸗ digung und Vorſicht genommen. Allein der Koͤnig hatte ei⸗ nen ſolchen Abſcheu davor, den Douglas wieder in die Haͤn⸗ de zu fallen, daß er, ſo ermüdet er auch war, nicht zu Bette gehen wollte, bis die Schlüſſel des Schloſſes unter ſein Kopf⸗ kiſſen gelegt waren. 4 Am Morgen herrſchte große Beſtuͤrzung in Falkland. Sir Georg Douglas war in der Nacht der Abreiſe des Koͤ⸗ nigs, um 14 Uhr, dahin zurückgekehrt. Bei ſeiner Ankunft fragte er nach dem Koͤnige, und der Chuͤrſteher, ſo wie die Wachen antworteten ihm, er ſchlafe in ſeinem Zimmer, da er am naͤchſten Morgen fruͤhzeltig auf die Jagd wolle. Er begab ſich daher früͤhzeitig zur Ruͤhe. Allein am naͤchſten Morgen erhielt er andere Nachrichten. Ein gewiſſer Peter Cramichael, Bailie von Abernethy, klopfte an die Thure ſeines Zimmers, und fragte ihn,„ob er wiſſe, was der Koͤ⸗ nig an dieſem Morgen thue?“. Er ſchlaͤft in ſeinem Zimmer,“ ſagte Sir Georg. . 415 „Sie irren ſich,“ antwortete Cramichael;„er hat in der verfloſſenen Nacht die Bruͤcke von Stirling überſchritten.““ Als Douglas diß hoͤrte, fuhr er ſchnell auf, begab ſich nach des Koͤnigs Zimmer, und begehrte Einlaß. Als man ihm keine Antwort gab, ließ er die Thüre einbrechen, und als er das Zimmer leer fand, vief er:„Verraͤtherei!— Der Koͤnig iſt fort, und Niemand weiß wohin!“ Hierauf ſchickte er ſeinem Bruder, dem Grafen von Angus, einen Expreſſen, und ſandte nach jeder Richtung Leute aus, um den Koͤnig zu ſuchen und die Douglas zu verſammeln. Als man die Wahrheit erfuhr, ritten die Anhaͤnger des Grafen von Angus mit einander nach Stirling; allein der Koͤnig war ſo weit entfernt, ſie aufzunehmen, daß er, mit Trompetenſchall, drohke, jeden Douglas fuͤr einen Ver⸗ raͤther zu erklaͤren, der ſich ſeiner Verſon bis auf 12 Meilen naͤhern, oder ſich in die Verwaltung der Regierung miſchen würde. Einige von den Douglas hatten im Sinne, ſich die⸗ ſe Proklamationen zu widerſetzen, aber der Graf von Angus und ſein Bruder beſchloſſen, ihr zu gehorchen, und zogen ſich nach Linlithgow zuruͤck. Bald nachher verſammelte der Koͤnig den zahlreichen Adel um ſich, der die Macht der Grafen von Angus und Arran beneidete, uder Beleidigungen von ihnen erlitten hat⸗ te; und klagte ſie im offenen Parlamente des Hochverraths an, indem er erklaͤrte, er ſey, ſo lange er ſich in ihrer Ge⸗ walt befunden habe, ſeines Lebens nie ſicher geweſen. Der Graf von Angus wurde daher ſeines Eigenthums fuͤr verlu⸗ ſtig erklaͤrt, und mit allen ſeinen Freunden und Verwandten in die Verbannung geſtoßen. Und ſo theilten die rothen Dou⸗ 3 glas des Hauſes Angus faſt daſſelbe Schickſal mit den ſchwar⸗ zen Douglas des aͤltern Stammes dieſes maͤchtigen Hauſes; 16. mit dem Unterſchiede, daß, da ſie nie ſo hoch geſtiegen wa⸗ ren, ſie auch nicht ſo unrettbar tief ſielen; denn der Graf von Angus kehrte nach Schottland zuruͤck, und gelangte wie⸗ der zum⸗Beſitze ſeiner Laͤndereien in Schottland, wo er eine ausgezeichnete Rolle ſpielte. Allein dieß geſchah nach dem Tode Jakobs V., der, waͤhrend ſeines ganzen Lebens, einen unverſoͤhnlichen Groll gegen die Douglas hegte, und ſo lange er Jebte, keinem dieſes Namens erlaubte, ſich in Schottland niederzulaſſen.. Jakob beharrte auf dieſem Entſchluſſe, ſelbſt unter Um⸗ kaͤnden, welche ſeinen unerbittlichen Groll ungroßmuͤthig machten. Archibald Douglas von Kilſpindie, der Oheim des Grafen von Angus, war ein perſoͤnlicher Guͤnſtling des Königs vor der Ungnade ſeiner Familie geweſen. Er war bei Jakob wegen ſeiner großen Staͤrke, ſeines maͤnnlichen Aus⸗ ſehens und ſeiner Geſchicklichkeit in jeder Art kriegeriſcher Uebungen ſo beliebt, daß er ihn ſeinen Grayſteil, nach dem Namen eines Kampſhelden in einer damals allgemein bekann⸗ ten Romanze, zu nennen pflegte. Archtbald, der nunmehr ein alter Mann und ſeiner Verbannung in England muͤde war, beſchloß die Gnade des Koͤniss zu verſuchen. Er glaubte, da ſie fruͤher ſo gut bekannnt geweſen ſeyen, und er Jasob nie perſoͤnlich beleidigt habe, ſo werde er ihrer al⸗ ten Vertraulichkeit wegen Gnade finden. Er warf ſich da⸗ her dem Koͤnig eines Tags, als er von einer Jagd in dem Barke zu Stirling zuruͤckkehrte in den Weg. Jakob hatte ihn ſchon viele Jahre nicht mehr geſehen, allein er erkannte ihn in einer großen Entfernung an ſeinem feſten und ſtattli⸗ chen Schritte, und ſagte:„dort iſt mein Grayſteil, Archi⸗ hald von Kilſgindie.“ Als ſie aber einander nahe kamen, . ſellte 5 17 ſtellte er ſich, als ob er ſei en alten Diener nicht wieder er⸗ kenne. Dvuglas wandte ſich um, und lief in der Hoffnung, einen Blick guͤtiger Erinnerung zu erhalten, neben dem Koͤ⸗ nige her; und obſchon Jacob ſein Pferd ſchnell gegen den Huͤ⸗ gel antrieb, und Donglas unter ſeiner Kleidung ein ſchweres Pauzerhemd, aus Furcht vor Ermordung, trug, ſo war Gray⸗ ſteil doch ſo bald an dem Schloßthore als der Koͤnig. Jacob ritt an ihm vorüber in den Schloßhof, allein Douglas ſtzte ſich erſchopft an dem Thore nieder, und bat um einen Becher Wein. Der Haß des Koͤnigs gegen den Namen Douglas war ſo bekannt, daß kein Diener es wagte, dem alten Krieger dieſe unbedeutende Erfriſchung zu reichen. Der Koͤnig tadel⸗ te wirklich ſeine Diener wegen dieſer Unh oͤllichkeit, und ſagte ſogar:„er w uͤrde ohne ſeinen Sid, nie einen Douglas anzut⸗ ſtellen, Archibald von Kilſpindie in ſeinen Dienſt g genommen haben, da er ihn fruͤher als einen Mann von großer E Geſehick⸗ lichkeit kennen gelernt habe. Gleichwohl ſchickte er ſeinem armen Grayſteil den Befehl, ſich nach Frankreich zuruckzu⸗ ziehen, wo er bald nachher aus Herzeleid ſtarb. Selbſt Hein⸗ rich VII. von England, der ſelbſt von Natur unverſuͤhnlich war, tadelte Jacobs Unverſöhnlichkeit bei dieſer Gelegenheit, und fuͤhrte ein altes Spruͤchwort an, A Hing's face Shonid give grace. (Eines Koͤnigs Geſicht Sollte Gnade geben.) —. 28ο W. Scott's Werke. XCVIH. 8. 8 13 Zweites Kapitel. Charakter Jacobs V.— Sein Feldzug zur Beſtrafung der Freibeuter der Gränze.— Seine Abenteuer während er in Verkleidungen reiste.— Ländlicher Jagdpalaſt in Athole.— Errichtung des Gerechtigkeits⸗ Kollegiums.— Goldbergwerke in Schottland.— Aufmunterung der Gelehrſamkeit. Befreit von der ſtrengen Aufſicht der Familie Douglas ſieng Jacob V. jetzt an, das Reich perſoͤnlich zu verwalten, und legte viele Eigenſchaften eines klugen und guten Fuͤrſten an den Tag. Er war huͤhſch von Perſon, und glich ſeinem Vater in der Liebe kriegeriſcher Uebungen, und dem Geiſte⸗ ritterlicher hre⸗ den Jacob WV. ſo gerne zeigte. Er erbte auch ſei nes T Paters Gerechtigkeitsliebe, und ſeinen Wunſch, weiſe und gerechte(teſetze zur Beſchuͤtzung des Schwachen ge⸗ gen die Unterdruͤckung des Großen einzufuͤhren. Es war leicht, Geſetze zu geben, allein weit ſchwieriger, ſie kraͤftig vollziehen zu laſſen, und bei ſeinen Bemihungen, dieſen loͤb⸗ lichen Zweck zu erreichen, zog er ſich oft die Feindſchaft der maͤchtisſeen Adeligen zu. Er war ein gut erzogener und ge⸗ bildeter Mann, und gleich ſeinem Ahnherrn, Jacob 1., Dich⸗ ter und Tonkenßler. Er hatte jedoch ſeine Fehler. Er ver⸗ mied die Verſchwendung ſeines Naters, da er keine aufge⸗ haͤuften Schaͤtze an Pracht und Gepraͤnge zu verwenden hat⸗ te; allein, er fiel durch eine ubertriebene Sparſamkeit in den entgegengeſetzten Febler, und obſchon er ein Freund von Pracht und Glonz war, ſo ſuchte er doch dieſen Geſchmack ſo ſparſam als moelir zu befriedigen, ſo daß er als zu karg und habſuͤchtig getadelt worden iſt. Er war auch, obſchon dieſe Schwaͤchen unvertraͤglich ſcheinen⸗ vergnuͤgungsſuͤchtig —— 19 und zu einer zu großen Nachſicht geneigt. Es muß hinzuge⸗ fuͤgt werden, daß er, wenn er gereizt wurde, unverſoͤhnlich war bis zur Grauſamkeit, was ſich jedoch einigermaßen ent⸗ ſchuldigen laͤßt, wenn man die Wildheit der Unterthanen, uͤber welche er herrſchte, in Erwaͤgung zieht. Aber im Gan⸗ zen genommen, war Jacob ein liebenswuͤrdiger Mann und ein guter Fuͤrſt. Seine erſte Sorge war, die Graͤnzen Schottlands eini⸗ ger Ordnung zu unterwerfen. Dieſe wurden, wie ſchon fruͤ⸗ her geſagt worden iſt, von Menſchenſtaͤmmen bewohnt, von denen jeder einen beſondern Clan, wie man ſie nannte, bil⸗ dete, und die keinen andern Befehlen gehorchten, als denen, welche ihnen von ihren Haͤuptlingen ertheilt wurden. Dieſe Haͤuptlinge repraͤſentirten, wie man annahm, den erſten Gruͤnder des Namens oder der Familie. Die Anhaͤnglichkeit des Clan an den Haͤuptling war ſehr groß: in der That er achtete ſonſt Niemand. Hierin glichen die Graͤnzbewohner den Hochlaͤndern, ſo wie auch in ihrer Raubſucht und ihrer Gleichguͤltigkeit gegen die allgemeinen Geſetze des Landes. Al⸗ lein die Graͤnzbewohner trugen keinen Plaid und dienten faſt immer zu Pferd, wogegen die Hochlaͤnder ſtets zu Fuß agir⸗ ten. Du wirſt dich auch erinnern, daß ſie die ſchottiſche Sprache, und nicht die unter den Bergbewohnern gebraͤuchli⸗ che gaͤliſche Mundart redeten. Die Lage dieſer Clans an den Graͤnzen ſetzte ſie einem beſtaͤndigen Kriege aus, ſo daß alle ihre Gedanken darauf ge⸗ richtet waren, Banden ihrer Anhaͤnger zu verſammeln, und Einfaͤlle, ohne großen Unterſchied, in das Gebiet der Eng⸗ laͤnder oder der Schotten der Ebene oder der Clans unter⸗ einander zu machen. Sie nahmen wenig Ruͤckſicht auf Waf⸗ 2 ⸗ 29 fenſtillſtaͤnde oder Friedensvertraͤge, und gaben vft zu Krie⸗ gen Anlaß, die ſonſt nicht ſtatt gefunden haben wuürden. Man ſagt von einer angeſehenen Familie an den Graͤn⸗ zen, daß, als ſie alles Vieh in der Burg verzehrt hatte, ein Paar Sporen, in einer bedeckten Schuͤſſel, auf den Tiſch ge⸗ ſtellt wurden, als ein Wink, daß man ausreiten und mehr holen muͤſſe. Die Anführer beſtimmten die Heirathsguter ih⸗ rer Toͤchter nach dem Naube, den ſie im Laufe eines Mo⸗ nats um die Zeit des St. Michaels⸗Tags, wo das verlaͤnger⸗ te Licht des Mondes ihre raͤuberiſchen Streiſzuͤge beguͤnſtigte, machen wuͤrden. Sie waren ſehr tapfer in der Schlacht, allein zur Friedenszeit ein Peſtuͤbel fuͤr ihre Nachbarn. Da ihr lebermuth, nachdem die Schlacht bei Flodden das Land in Verwirrung gebracht hatte, hoch geſtiegen war, ſo beſchloß Jakob V. ſehr ſtrenge Maßregeln gegen ſie zu ergreifen. Er verſicherte ſich allererſt der Perſonen der angeſehen⸗ ſten Haͤnptlinge, welche dieſe Unordnungen im Geheimen be⸗ günſtigten. Der Graf von Bothwell, Lord Home, Lord Maxwell, Scott von Buccleuch, Ker von Fairnyherſt und andere maͤchtige Haͤuptlnge, die ſich den Abſichten des Koͤntes widerſetzt haben wuͤrden, wurden ergriffen und in be⸗ ſondere Feſtungen in dem platten Lande eingeſperrt. Jakob verſammelte hierauf ein Heer, das ſowohl den Krieg, als Jagdbeluſtigungen zum Zwecke hatte; denn er be⸗ fahl allen Edelleuten in den wilden Diſtrikten, die er beſu⸗ ſuchen wollte, ihre beſten Hunde mitzubringen, als ob er blos den Zweck gehabt haͤtte, das Wild in dieſen einſamen Gegenden zu jagen. Dabei hatte er den Zweck, die Graͤnz⸗ kemohner nicht zu erſchrecken, in welchem Falle ſie ſich in ihre Gebirge und Feſtungen zuruͤckgezogen haben wuͤrden, aus denen man ſie nicht leicht haͤtte vertreiben koͤnnen. 24. Dieſe Leute hatten in der That keinen deutlichen Begriff von den Beleidigungen, die ſie begangen hatten, und ahnten folglich das Mißfalten des Koͤnigs gegen ſie nicht. Die Ge⸗ ſetze hatten ſo lange in dieſer oͤden Gegend geſchwiegen, daß die Gewaltthätigkeiten, welche der Starke gegen den Sch chen veruͤbte, den Thaͤtern der natuͤrliche Gang der Geſell⸗ ſchaft, und durchaus nichts Strafwuͤrdiges ſchlenen. So naͤherte ſich der Koͤnig im Anfange ſeiner Expedi⸗ tion ploͤtztich dem Schloſſe des Piers Cockburn von Hender⸗ land. Dieſer Baron traf die Anſtalten zu einem großen Gaſtmahle, um ihn zu empfangen, als Jakob ihn ploͤtzlich ergreifen und hinrichten ließ. Adam Scott von Tushielaw, der Koͤnig der Graͤnze genannt, erlitt daſſelbe Schickſal. Al⸗ lein ein Ereigniß von groͤßerer Wichtigkeit war das Schick⸗ ſal des John Armſtrong von Gilnockie, in der Naͤhe von Langleeholm. Dieſer Freibeuter hatte ſich ein groſſes Anſehen erworben, und der ganze benachbarte Diſtrikt Englands zahlte ihm black mail, eine Art Tribut, kraft deſſen er denſelben bei ſeinen Naͤubereien verſchonte. Er hatte einen hohen Begriff von ſeiner Wichtigkeit, und war ſich, wie es ſcheint, nicht be⸗ wußt, daß er irgend eine ſtrenge Behandlung von Seiten des Koͤnigs verdient hatte. Im Gegentheil ging er ſeinem Fürſten entgegen, und traf ihn an einem zehn Meilen von Hawick entfernten Orte, die Kapelle Lon Carlinrigg genannt, in reichem Anzuge, und begleitet von vierundzwanzig Edel⸗ keuten, ſeinem beſtaͤndigen Gefolge, die eben ſo koſtbar als er ſelbſt gekleidet waren. Entruͤſtet, einen Freibeuter ſo glaͤnzend erquipirt zu ſehen, befahl der Koͤnig die augenbliek⸗ liche Hinrichtung deſſelben mit den Worten,„was braucht dieſer Schurke weiter als eine Krone, um ſo praͤchtig zu wa⸗ 22² 8 ſehn als ein Koͤnig?“ John Armſtrong machte große An⸗ erbietungen fuͤr ſein Leben. Er verſprach, ſich mit vierzig Mann auf ſeine eigenen Koſten bereit zu halten, um dem Koͤnige, auf den geringſten Wink, ſogleich zu dienen; zu⸗ gleich verpflichtete er ſich Feinen ſchottiſchen Unterthan zu be⸗ leidigen oder zu beeintraͤchtigen, was auch nie ſeine Gewohn⸗ heit geweſen ſey, und gelobte, daß kein Mann in England, welchen Rang er auch haben moͤge, Herzog, Graf, Lord oder Baron, ſey, den er nicht dem Koͤnig, todt oder leben⸗ big, innerhalb einer beſtimmten Zeit zu uͤberliefern ſich an⸗ heiſchig mache. Als aber der Koͤnig auf keine ſeiner Aner⸗ bietungen hoͤren wollte, ſagte er in hoͤchſt ſtolzem Tone,„ich bin bloß ein Narr, daß ich Gnade von einem vermaledeiten Geſichte verlange; allein haͤtte ich gemuthmaßt, daß ſie mich ſo behandeln wuͤrden, ſo würde ich an der Grenze geblieben ſeyn, trotz des Koͤnigs von England und euch beiden; denn ich weiß wohl, daß Koͤnig Heinrich das Gewicht meines beſten Roſſes in Gold geben wuͤrde, wenn er wuͤßte, daß ich heute zum Tode verurtheilt worden bin.“ John Armſtrong wurde nebſt allen ſeinen Leuten ohne Barmherzigkeit aufgeknüpt. Das Volk der Ebene war froh, daß es von ihm befreit war; allein an den Grenzen wurde er vermißt und beklagt, als ein tapferer Krieger und kuͤhner Kampfheld gegen England. 3 So groß waren die Wirkungen des Schreckens, den die⸗ ſe allgemeinen Hinrichtungen erregten, daß man Jakob nach⸗ ſagte, er habe gemacht,„daß der Binſenbuſch die Kuh be⸗ bewache,“(the rash bush keep lhe cow); das heißt, daß in dieſem geſetzloſen Theile des Landes die Menſchen das Eigen⸗ thum nicht mehr anzugreifen wasten, und das Vieh unbe⸗ wacht guf ſeinen Waideplaͤtzen bleiben konnte. Jakob ſah ſich 23 auch in den Stand geſetzt, Nutzen aus den Laͤndereien zu ziehen, welche die Krone in der Naͤhe der Graͤnze beſaß. Er ſoll zu gleicher Zeit 10,000 Schaafe in Ettrick Foreſt auf der Waide gehabt haben, und zwar unter der Aufſicht des An⸗ dreas Bell, der dem Koͤnige eine ſo genaue Rechenſchaft von dem Gewinne der Heerde ablegte, als ob ſie in den Triften von Fife, welches damals der cioiliſirteſte Theil Schottlands war, gewaidet haͤtte. Auf der andern Seite wurden die Graͤnzen Schottlands durch die Vernichtung ſo vieler tapferer Maͤnner, die, unge⸗ achtet ihrer geſetzloſen Lebensart, wahre Vertheidiger ihres Landes waren, nicht wenig geſchwaͤcht und deßwegen verdient die Strenge, mit der Jacob zu Werke ging, als in einem gewiſſen Grade unpolitiſch, und wirklich hoͤchſt grauſam und uͤbertrieven, einige Ruͤge. Auf gleiche Weiſe verfuhr Jakob gegen die hochlaͤndiſchen Haͤuptlinge, und durch Hinrichtungen, Conſiskationen und andere ſtrenge Maßregeln, unterwarfen ſich die noͤrdlichen Bergbewohner wie die ſuͤdlichen. Er ſetzte dann die Graͤnz⸗ haͤuptlinge und andere, die er eingekerkert hatte, damit ſie den Gang ſeiner Gerechtigkeit nicht hemmen moͤchten, in Freiheit.— 2 Da dieſe wilde Haͤuptlinge, nach dieſer ſtrengen Zuͤchti⸗ gung, nicht mehr wie fraͤher ihre gegenſeitigen Schlöſſer an⸗ greifen konnten, ſo mußten ſie ihren toͤdlichen Groll in Duellen auslaſſen, die haͤuſig in der Gegenwart des Koͤnigs nach vorheriger Einholung ſeiner koͤniglichen Erlaubniß, aus⸗ gefochten wurden. So kaͤmpften Douglas von Drumlanrigg und Charis von Amisfield in Gegenwart des Koͤnigs mitein⸗ Ander, nach * chrem einer den andern des Hochverraths angeklagt hatte. Sie fochten zu Fuß mit großen zweigriffigen Schwer⸗ ſpaͤt, und der Geſellſchaft fehlte es an Lebensmitteln, obſchon tern. Drumlanriga war ein wenig blind oder kurzſichtig, und dieb in großer Wuth um ſich, ohne zu ſehen, wohin er ſchlug. Der Laird von Amisfield war nicht gluͤcklicher, denn fein Schwert brach waͤhrend des Kampfes. Der Koͤnig ließ hier⸗ auf dem Zweikampfe ein Ende machen, und die Kaͤmpfenden wurden mit Muͤhe getrennt. So erlaubte der Koͤnig dieſen inbeisſamen Baronen, in ſeiner eigenen Gegenwart zu fech⸗ ten, um ſie zu bewegen, anderswo im Frieden zu bleiben. Jacob V. hatte die Gewohnheit, als Privatperſon ver⸗ kleidet im Lande umherzugehen, um Klagen zu hoͤren, die ſonſt ſein Ohr nicht erreicht haben wuͤrden, und vielleicht auch, um Vergnuͤgungen zu genießen, deren er ſich in ſei⸗ nem anerkannten koͤniglichen Charakter nicht haͤtte erfreuen koͤnnen. Dieß ſoll auch eine Gewohnheit Jacobs IV. ſeines Vaters, geweſen ſeyn, und man erzaͤhlt verſchiedene Aben⸗ teuer, die ihnen bei ſolchen Gelegenheiten begegneten. Eine oder zwei vun dieſen Erzaͤhlungen moͤgen zur Belebung unſe⸗ rer Geſchichte beitragen. Wenn Jacob V. in einer Verkleibung reiste, ſo fuͤhrte er einen Namen, der bloß einigen ſeiner vorzuͤglichſten Edel⸗ leute und Begleiter bekannt war. Er hieß der Goodman (das iſt der Paͤchter) von Ballengiech. Ballengiech iſt ein ſteiler Engpaß, der ſich hinter dem Kaſtelle von Stirling hin⸗ abzieht. Als der Koͤnig einmal in Stirling ſpeiste, ſchickte er ſeine Leute nach den benachbarten Huͤgeln, um einiges Wildpret zu erlegen. Das Wildpret wurde erlegt und auf Pferde gelegt, um nach Stirling gebracht zu werden. Un⸗ glücklicherweiſe mußten ſie an den Thoren des Schloſſes von Arnpryor vorbei, das einem Haͤuptlinge der Buchanans ge⸗ hörte, der eine große Anzahl Gaͤſte bei ſich hatte. Es war 25 ſie der ſtarken Getraͤnke mehr als genug hatte. Als der Haͤuptling ſo viel fettes Wildpret dicht an ſeiner Thuͤre vor⸗ uͤberfüͤhren ſah, entriß er es den Eigenrhuͤmern, und gab ih⸗ nen, als ſie ihm ſagten, es gehoͤre dem Koͤnige Jacob, die unverſchaͤmte Antwort,„wenn Jacob Koͤnig in Schottland ſey, ſo ſey er, Buchanan, Koͤnig in Kippen.“ Dieß war der Rame des Diſtriktes, in welchem das Schloß Arnpryor lag. Als der Koͤnig hoͤrte, was vorgefallen war, ſtieg er auf der Stelle zu Pferde, und ritt augenblicklich von Stirling nach Buchanan's Wohnung, wo er einen ſtarken, wildausſehenden Hochlaͤnder fand, der, mit einer Axt auf den Schultern, an der Thuͤre Wache ſtand. Dieſer grimmige Waͤchter wollze den Koͤnig nicht einlaſſen, indem er erklaͤrte, der Laird von Arnpryor halte ſeine Mahlzeit, und wolle ſich nicht ſtoͤren laſſen.„Gcehe gleichwohl zu der Geſellſchaft, mein guter Freund,“ ſagte der Koͤnig,„und ſage ihm, daß der Paͤchter von Ballengiech gekommen ſey, um mit dem Koͤnige von Kippen zu ſpeiſen.“ Der Thuürſteher ging murrend in das Haus, und ſagte ſeinem Herrn, es ſey ein Purſche mit eis nem rothen Barte an der Pforte des Schloſſes, der ſich den Paͤchter von Ballengiech nenne, und behauptete, er ſey ge⸗ kommen, um mit dem Koͤnige von Kippen zu ſpeiſen. So⸗ bald Buchanan dieſe Worte hoͤrte, wußte er, daß der Koͤnig perſoͤnlich da war, und beeilte ſich vor Jacob niederzuknieen, um ihn wegen ſeines unverſchaͤmten Betragens um Verzei⸗ hung zu bitten. Allein der Koͤnig, der ihn bloß in einen augenblicklichen Schrecken jagen wollte, verzieh ihm offenher⸗ zig, begab ſich ſodann in das Schloß, und aß von ſeinem eigenen Wildprete, das Buchanan aufgefangen hatte. Bu⸗ chanan von Arnpryor wurde nachher ſets Koͤnig von Kippen genannt. * 26 Bei einer andern Gelegenheit gerieth der Koͤnig Jacob, der allein und verkleidet war, in einen Streit mit einigen Zigeunern, oder andern Landſtreichern, und wurde von vier oder fuͤnf derſelben angegriffen. Dieß ſiel in der Naͤhe der Bruͤcke von Cramond vor; der Koͤnig begab ſich daher auf die Brücke, die, da ſie hoch und eng war, ihn in Stand ſetzte, ſich mit ſeinem Schwerte gegen die Anzahl von Per⸗ ſonen, von denen er angegriffen wurde, zu vertheidigen. In einer Scheune, nicht weit von der Bruͤcke, droſch ein armer Mann Korn, der, als er den Laͤrmen des Handgemengs hoͤr⸗ te, herbei kam, und als er einen Mann ſich gegen mehrere vertheidigen ſah, ſeine Parthei mit ſeinem Dreſchflegel ſo kraͤftig ergriff, daß die Zigeuner die Flucht ergreifen muß⸗ ten. Der Landwirth nahm den Koͤnig hlerauf in die Scheu⸗ ne, brachte ihm ein Handtuch und Waſſer, um das Blut von ſeinem Geſichte und ſeinen Haͤnden wegzuwaſchen, und begleitete ihn endlich eine kleine Strecke nach Edinburgh, da⸗ mit er nicht wieder angegriffen werden moͤchte. Auf dem Wege fragte der Koͤnig ſeinen Gefaͤhrten, was und wer er ſey. Der Arbeiter antwortete, ſein Name ſey John Howie⸗ ſon, und er ſey ein Arbeiter auf dem Pachtgute Brahead, in der Naͤhe von Cramond, das dem Koͤnige von Schottland gehoͤre. Jacob fragte hierauf den armen Mann, ob es ir⸗ gens einen Wunſch in der Welt gaͤbe, deſſen Erfuͤtlung er vorzugsweiſe wuͤnſche, und der ehrliche John geſtand, er wuͤr⸗ de ſich für den gluͤcklichſen Mann in Schottland halten, wenn er der Eigenthuͤmer des Pachtgutes waͤre, auf welchem er ein bloßer Arbeiter ſey. Er fragte hierauf den Koͤnig ſei⸗ nerſeits, wer er ſey, und Jacob erwiederte, wie gewoͤhnlich, er ſey der Paͤchter von Ballengiech, ein armer Mann, der eine kleine Anſtellung in dem Palaſte habe; wenn aber, fuͤgte 1 27 er hinzu, John Howieſon ihn am naͤchſten Sonntage beſu⸗ chen wollte, ſo wuͤrde er ihm ſeinen maͤnnlichen Beiſtand zu vergelten ſuchen, und ihm wenigſtens das Vergnuͤgen gewaͤh⸗ ren, die koͤniglichen Gemaͤcher zu ſehen. 3 John zog ſeine beſten Kleider an, und erſchien an einer Thuͤre des Palaſtes, wo er ſich nach dem Paͤchter von Bal⸗ lengiech erkundigte. Der Koͤnig hatte befohlen ihn einzulaſ⸗ ſen, und John fand ſeinen Freund, den Paͤchter, in derſel⸗ ben Verkleidung, die er früher getragen hatte. Der Koͤnig, der die Rolle eines untergeordneten Dieners des Haushaltes noch beibehielt, fuͤhrte Jehn Howieſon von einem Gemache ins andere, und ergoͤtzte ſich an ſeiner Verwunderung und ſeinen Bemerkungen. Endlich fragte er ihn, ob er den Koͤ⸗ nig zu ſehen wuͤnſchte; worauf John erwiederte, nichts würde ihn ſo ſehr freuen, wenn dieß ohne Beleidigung geſchehen koͤnnte. Der Paͤchter von Ballengiech verſicherte ihn, der Koͤnig werde nicht zuͤrnen.„Allein,“ ſagte John,„wie ſoll ich Seine Gnaden von den Adeligen, die alle um ihn her⸗ um ſeyn werden, zu unterſcheiden wiſſen?“—„Leicht,“ antwortete ſein Gefaͤhrte,„alle andern werden ihr Haupt entbloͤßt haben— der Koͤnig allein wird ſeinen Hut oder ſei⸗ ne Muͤtze tragen.“ Mit dieſen Worten fuͤhrte Koͤnig Jacob den Landmann in eine große Halle ein, die mit dem Adel und den Kronbe⸗ amten angefüllt war. John war ein wenig erſchrocken, und ſchmiegte ſich an ſeinen Begleiter an, konnte aber den Koͤnig nicht unterſcheiden.„Ich ſagte euch, daß ihr ihn an dem Hute erkennen werdet, den er trage,“ ſagte ſein Fuͤhrer. „Dann,“ ſagte John, nachdem er wieder im Zimmer um⸗ hergeblickt hatte,„muͤſſen entweder Sie oder ich es ſeyn, denn alle, ausgenommen wir zwei, haben das Haupt entbloͤßt.“ 28 Der Köͤnig lachte uͤber Jehn's Einfall, und damit ber lich gewuͤnſcht hatte, mit der Bedingung jedoch, daß John Howieſon, sder ſeine Nachfolger, bereit ſeyn follten, einen Waſſerkrug und ein Becken fuͤr den Koͤnig zu uͤberreichen, Georg lV. im Jahre 1822, nach Schottland kam, erſchien M der Abkoͤmmling des John Howieſon von Braehead, der das Landgut, das ſeinem Ahnherrn geſchenkt wurde, noch beſitzt, bei einer feſtlichen Gelegenheit, und hot Seiner Majeſtaͤt Waſſer aus einem ſilbernen Kruge an, um die Pflicht zu er⸗ fuͤllen, Kraft welcher er ſeine Laͤndereien beſaß. wenn er dieſem Vergnuͤgen in den Hochlanden nachhieng, pflegte er die heſondere Tracht dieſes Landes zu tragen. Die Berichte hievon finden ſich noch in den Buͤchern ſeines Kaͤm⸗ merlings. 3 Bei einer gewiſſen Gelegenbeit, als der Koͤnig einen Ge⸗ ſandten des Papſtes bei ſich hatte, wurden ſie von dem Gra⸗ fen von Athole in einem großen und ſonderbaren laͤndlichen Palafte glaͤnzend bewirthet. Er war aus Holz, in der Mitte eeinner großen Wieſe, erbaut, und mit Graͤben umgeben, die voll von den koͤßlichſten Fiſchen waren. Er war mit Thuͤr⸗ men umſchloſſen und vertheidigt, wie eine regelmaͤßige Fe⸗ ſtung, und hatte viele Gemaͤcher, die mit Blumen und Zwei⸗ gen bedeckt waren, ſo daß man in denſelben in einem Gar⸗ und andere Mundoarraͤthe im Ueberfuuſſe vorhanden, nebſt vielen Koͤchen, um ſie fertig zu machen, und eine Menge der gute Landmann auch Urſache zur Freude haben moͤchte, ſchenk⸗ te er ihm das Pachtgut Braehead, deſſen Beſitz er ſo ſehn⸗ wenn ſeine Majeſtaͤt nach dem Palaſte Holyrood kommen, oder uͤber die Bruͤcke von Cramond gehen wuͤrde. Als daher Jacob V. hatte eine große Vorliebe für die Jagd, und ten zu ſeyn glaubte. Hier waren alle Arten von Wiloͤpret —— / 29 koͤſtlichſten Gewuͤrze und Weine. Der italieniſche Geſandte war hoͤchlich erſtaunt, unter Felſen und Einoͤden, die ihm das Ende der Welt zu ſeyn ſchienen, eine ſo gute Wohnung und ein ſo herrliches Gaſtmahl zu finden. Was ihn aber am meiſten in Staunen ſetzte, war der Umſtand, daß die Hochlaͤnder das hoͤlzerne Schloß in Brand ſteckten, ſobald die Jagd voruͤber und der Koͤnig im Begriff war, abzureiſen. „Dieß iſt die beſtaͤndige Gewohnheit unſerer Hochlaͤnder,“ ſagte Jakob zu dem Geſandten;„ſo gut ſie auch die Nacht uͤber logirt ſeyn moͤgen, ſo verbrennen ſie doch ihre Wohnung ſtets, ehe ſie ſie verlaſſen.“ Dadurch deutete der Koͤnig die raͤuberiſche und geſetzloſe Lebensart dieſer Bergbewohner an. Die Regierung Jakob's v. zeichnete ſich nicht bloß durch ſeine perſoͤnlichen Abenteuer und Zeitvertreibe aus, ſondern auch durch weiſe Geſetze, die er zur Regierung des Volks, und zur Unterdruͤckung der Verbrechen und Gewaltthaͤtigkei⸗ ten gab, die haͤufig unter demſelben veruͤbt wurden, und die beſonders in Mordthaten, Brandſtiftungen und dem Wegtrei⸗ ben des Viehes beſtanden, den gewoͤhnlichen und ſchnellen Mitteln, wodurch große Maͤnner ſich an ihren Lehensfeinden raͤchten. Zur Entſcheibung buͤrgerlicher Rechtsfragen erfand und errichtete Jacob V. das ſogenannte Juſtizkollegium, welches der hoͤchte Gerichtsdof Schottlands in bärgerlichen Angele⸗ genheiten war. Es beſtand aus vierzehn Nichtern und einem Praſidenten, welche Proceſſe hoͤrten und entſchieden. Einer gewiſſen Anzahl gelehrter Manner, welche die Geſetze ſtudirt hauen, ward die Augabe, die Sache derer zu vertheidigen, welche Proceſſe vor dieten Richtern hatten, die das, nach ei⸗ nem Voiksausdrucke ſogenannte, Seſſonsgericht(Gourt of Session) bildeten. Dieſe NMaͤnner hießen Adyokaten; und dieß war die erſte Errichtung einer regelmaͤß S ig zu dem Geſetze er⸗ zogenen Corporation, die ſeitdem in Schottland ſtets als ein ehrenwerther Beruf betrachtet worden iſt, und große Maͤnner hervorgebracht hat.— Jacob V. verwandte große Sorgfalt auf die Perheſſerung ſeiner Scemacht, und unternahm die in fener Zeit getährliche Aufgabe, Schottland zu umſegeln, und die verſchiedenen Kuͤ⸗ ſten, Buchten, Inſeln, Haͤfen und Nehden ſeines Koͤkig⸗ reichs, von denen ſeinen Norgaͤngern viele nicht einmal dem Namen nach bekannt geweſen waren, genau beſichtigen zu laſſen 1. Dieſer thaͤtige und patriotiſche Fuͤ rf 4 auch den mine⸗ raliſchen Reichthum Schottlands unterſuchen. Er ließ Berg⸗ leute aus Deutſchland kommen, die fuwoh Gold als Silber aus den Bergwerken von Leadhills, in dem obern Theile von Elydesdale, ausbeuteten. Das Gold war von vorzüglicher Qualitaͤt, und wurde in hinreichender Menge gefunden, um das Metall zu einer eleganten Goldmuͤnze zu liefern, die auf der einen Seite den Kopf Jacob's V. mit einer Muͤtze fuͤhrte, und deßwegen das Mützenſtück genannt wurde. Man ſagt, der Koͤnig habe bei einer gewiſſen Gelegenheit die Geſandten von Syanien, Frankreich und andern fremden Laͤndern einge⸗ laden, mit ihm in Grawford, dem Dißrikte, in welchem die eben erwaͤhnten Berawerke liegen, zu jagen. Sie ſpeisten in dem Schloſſe Gramford, einer duͤſtern, alten Feſtung. Der Koͤnig entſchuldigte ſich wegen des Mittageſſens, das aus dem Wildpret beſtand, welches ſie waͤhrend der Jagd und Falken⸗ beize des Tags erlegt hatten, verſicherte aber ſeine Gaͤſte, der Nachtiſch werde ſe einigermaßen entſchaͤdigen, da er den Befehl ertheilt habe, daß er aus den herrlichſten Fruͤchten, welche die Gegend darbiete, beſtehen ſolle. Die Fremden 31 blickten einander erſtaunt an, als ſie den Kuͤnig von Früch⸗ ten ſprechen hoͤrten, die in den ſchwarzen Moors und un⸗ fruchtbaren Bergen, die ſie umgaben, wachſen ſollten. Al⸗ lein der Nachtiſch erſchien in der Geſtalt einer Anzahl bedeck⸗ ter Tunkſchüſſeln. Nor jeden der Gaͤſte wurde eine derſelben geßellt, und bei naͤherer Unterſuchung fanden ſie dieſelben mit goldenen Muͤtzenſtuͤcken angefuͤllt, die man ſie als die von den Bergen von Grawfordmoor erzeugte Frucht Anzanneß⸗ men bat. Dieſe neue Art von Nachtiſch war ohne Zweiſel 7 er⸗ wuͤnſcht, als die koͤſtlichſten Früchte eines ſuͤdlichern Kliwas. Die Bergwerke des Landes werden jetzt nur noch des Bleis wegen bearbeitet, von welchem ſie noch eine reichliche Menge liefern. Obſchon Jacob, wie wir geſagt haben, ein guter Oeko⸗ nom war, ſo vernachlaͤßigte er doch die Ausbildung der ſchoͤ⸗ nen Kuͤnſte nicht. Er baute den Palaſt von Linlithgow nach einem doͤchſt praͤchtigen Plane wieder auf, und vergroͤßerte den Palaſt von Stirling. Er munterte viele vortreffliche Dichter und gelehrte Maͤnner auf, und ſeine gemoͤhnliche Le⸗ bensart ſcheint froͤhlich und glücklich geweſen zu ſeyn. Er war ſelbſt ein Dichter von einigem Talente, und erlaubte den Reimern ſeiner Zeit große Freiheiten, indem ſie oft Verſe an ihn richteten, die nicht nur einen ſtarken Tadel gegen ſei⸗ ne Regierung, ſondern auch Satyren auf ſeine Schwaͤchen enthielten. Jaceb munterte auch die Wiſſenſchaften auf, allein er wurde von einem Fremden getaͤuſcht, der die Kunſt der Gold⸗ m acherei zu verſtehen vorgab. Dieſer Mann, der entweder ein Narr oder ein Betruͤger war, vernichtete jedoch ſeinen ei⸗ gener TCredit durch die Verfertigung von ein Parr Fluͤgeln, A 32 mit denen er von der Spitze des Schloßes von Stirling weg⸗ fliegen wollte. Er machte wirelich den Verſuch, allein da ſeine Schwingen ſich nicht leicht genug bewegen wollten, ſo fiel er nieder, und brach das Schenkelbein. Da das Koͤnigreich Schottland, mit Ausnahme eines ſehr kurzen Krieges mit England, bis gegen das Ende der Regie⸗ rung Jacob's in Frieden blieb, und da dieſer Monarch ein weiſer und thaͤtiger Fuͤrſt war, ſo haͤtte man hoffen koͤnnen, daß wenigſtens er dem Ungluͤcke entgangen waͤre, das an ven Namen Stewart gekettet ſchien. Allein ein großer Wechſel, der in dieſem Zeitpunkte ſtatt hatte, verſetzte Jakob V. in ei⸗ ne Lage, die ſo unglucklich war, als die irgend eines ſeine Ahnherrn. 5 — Drittes Kapitel. Mißbräuche der römiſchen Kirche.— Reformation in Engkand— und in Schortland.— Krieg mit England, und Tod Facob's V. Du erinnerſt dich, mein theures Kind, daß Jacob V. ein Neffe Heinrich's VIll, von England, als ein Sohn Mar⸗ garethens, der Schweſter dieſes Monarchen, war. Dieſe Verwandtſchaft, und vielleicht die Politik Heinrich's, der ein⸗ ſay, daß es fuͤr beide Laͤnder beſſer ſey, wenn ſie mileinander im Frieden blieben, verhinderte mehrere Jahre die Erneuc⸗ tuns der verheerenden Kriege zwiſchen den delben Haͤlften der 3 Inſel. Das gute Einverſtaͤndniß waͤre wahrſcheinlich, ohne die große und allgemeine Veraͤnderung in religiofen Dingen, rie 33 die in der Geſchichte die Reformation genannt wird, noch vollkommener geweſen. Ich muß dir einen Begriff von der Katur dieſer Veraͤnderung geben; ſonſt kannſt du die Folgen, zu denen ſie fuͤhrte, nicht begreifen. Nach dem Dode unſers geſegneten Erloͤſers, Jeſus Chri⸗ ſtus, wurde die Lehre, welche er predigte, nach Rom, der Hauptſtadt des großen roͤmiſchen Reichs, durch den Apoſte Petrus, wie man ſagt, verpflanzt, den die Katholiken deßwe⸗ gen den erſten Biſchof von Rom nennen. Im Laufe der Zeit maßten ſich die Biſchoͤfe von Rom, die ſich fuͤr die Nachfol⸗ ger des Apoſtels in ſeinem Amte ausgaben, eine Obergewalt uͤber alle andern in der Chriſtenheit an. Gute und wohlmei⸗ nende Perſonen erkannten, in ihrer Ehrfurcht fuͤr die Reli⸗ gion, die ſte angenommen hatten, dieſe Anſpruͤche ohne große Pruͤfung an. Als die chriſtliche Religion ſich weiter aus⸗ breitete, glaubten die Kaiſer und Koͤnige, die ſie annahmen, ihre Froͤmmigkeit dadurch an den Tag zu legen, daß ſie Wohlthaten auf die Kirche, und beſonders auf die roͤmiſchen Biſchoͤfe haͤuften, die endlich große Laͤndereien und Domainen als weltliche Fuͤrſten erhielten, waͤhrend ſie in ihrem Charak⸗ ter als Geiſtliche den Titel Paͤpſte, und die volle und aus⸗ ſchließliche Gewalt uͤber alle Geiſtlichen in der chriſtlichen Welt annahmen. Da das Volk dieſer Zeiten hoͤchſt unwiſ⸗ ſend war, waren alle noch uͤbrigen Kenntniſſe unter der Geiſt⸗ lichkeit zu ſinden, die einige Muſe zum Studiren hatte; waͤh⸗ rend die Layen, das heißt, die welche keine Geiſtlichen wa⸗ ren, faſt nichts anderes lernten, als turnieren, fechten und ſchmauſen. Nachdem die Paͤpſte zu Rom ſich zu Oberhaͤup⸗ tern der Kirche aufgeworfen hatten, fuͤhrten ſie allmaͤhtig in das, in dem Eyangelium uns üͤberlieferte einfache und ſchoͤne W. Scoti's Werke. XCVIII. 3 84 Syſtem andere Lehren ein, von denen viele mit der reinen Chriſtuslehre unvertraͤglich waren, und die alle die Vergroͤ⸗ Berung der Gewalt der Prieſter über den Geiſt und das Ge⸗ wiſſen anderer Menſchen zum Zwecke hatten. Es war den Paͤpſten nicht ſchwer, dieſe Veraͤnderungen einzufuͤhren. Denn da ſie behaupteten, ſie ſeyen die ſichtbaren Nachfolger des heiligen Petrus, ſo erklaͤrten ſie, ſie ſeyen ſo unfehlbar, als der Apoſtel ſelbſt, und alles, was ſie in ihren Vorſchriften, die ſie Bullen nannten, bekannt machen, muͤſſe von allen Chriſten eben ſo geglaubt werden, als ob es in der heiligen Schrift ſelbſt vorgeſchrieben worden waͤre. Wir wollen hier zwei oder drei dieſer Neuerungen mittheilen. Einige gute Leute hatten ſich im Anfange des Chriſten⸗ thums von der Welt zuruͤckgezogen, um Gott in der Einſam⸗ keit zu verehren. Sie arbeiteten uͤm ihr Brod, gaben den Armen Almoſen, brachten ihre freie Zeit mit Andachtsuͤbun⸗ gen zu, und waren mit Recht geachtet. Als aber nach und nach gutgeſinnte Perſonen große Summen auf die Unterſtü⸗ tzung von Bereinen ſolcher heiliger Leute verwandten, den Klöſtern, in welchen ſie lebten, Laͤndereien vermachten, und ſie bereicherten, wichen die Moͤnche, wie man ſie nannte, von der Einfachheit ihres Standes ab, und ver nachlaͤßigten die Tugenden, die ſie ausuͤben ſollten. Zudem wurden durch die uͤbermaͤgigen Stiſtungen dieſer Klöſter große Gelbſummen und bedeutende Laͤndereien darauf verwendet, eine nutzloſe Men⸗ ſchenklaſſe zu erhalten, die unter dem Vorwande, Andachts⸗ uͤbungen zu verrichten, ſich von den Geſchuͤften und allen haͤuslichen Pflichten zuruͤckzogen.. Eben ſo wurde auch die Verehrung der Heiligen, zu der uns die Schrift durchaus keine Erlaubniß giebt, in dieſen unwiſſenden Zeiten eingefuͤhrt. Es iſt natuͤrlich, daß wir — 35 das Andenken eines merkwuͤrdig guten Mannes achten und alles hochſchaͤtzen, was ihm angehoͤrt. Allein die roͤmiſche Kirche erlaubte nicht nur, die Reliquien eines heiligen Man⸗ nes, wie z. B. Haarlocken, Beine, Kleidungsſtuͤcke und an⸗ dern Plunder zu verehren, ſondern auch zu glauben, daß die⸗ ſe Dinge im Stande ſeyen, Krankheiten zu heilen, oder an⸗ dere dem gemeinen Menſchenverſtande zuwiderlaufende Wun⸗ der zu bewirken. Ja, die roͤmiſche Kirche bahnte den Wes zu dieſer Albernheit, und legte dieſen Reliquien, die oft ein bloßer Betrug waren, die Macht bei, die Gott allein beſitzt, die Geſetze der Natur, die ſeine Weisheit vorgeſchrieben hat, zu veraͤndern. Die Paͤpſte befahlen auch die Verehrung der Heiligen, das heißt, der Seelen abgeſchiedener heiliger Maͤn⸗ ner, als einer Art untergeordneter Gottheiten, deren Vermitt⸗ lung uns vor dem Throne Gottes von Nutzen ſeyn koͤnne, ob⸗ ſchon das Evangelium ausdruͤcklich erklaͤrt, daß unſer Herr Jeſus Chriſtus unſer einziger Vermittler ſey. Und Kraft die⸗ ſer Meinung wurden nicht nur die Jungfrau Maria, die Apoſtel und faſt jede andere in den Evangelien erwaͤhnte Per⸗ ſon, von den Römiſch⸗Katholiſchen zu Heiligen erhoben, ſon⸗ dern auch viele andere, zuweilen bloße Namen, die nie als Menſchen exiſtirten, wurden kand wie man es nannte, das heißt von dem Papfe heilig geſorochen, und hatten Al⸗ taͤe Auch Gemalde und Statüen, welche dieſe angehlichen heiligen Perſonen vorſtellten, wurden in den Kir⸗ chen aufgeſteltt, und empfengen die Verehl ung, die dem zwei⸗ ten Bebole zu Folge, keinem Goͤtzen oder gegrabenen Bilde erwieſen werden ſollie. 7 ir hen. Er gab noch andere Lehren, die an beſondern Tagen zu faßrn, und ſich beſonderer Arten von Nayrung zu enthalten 2 3 2 8 36 befahlen, und die alle nach und nach in den roͤmiſchkatholi⸗ ſchen Glauben aufgenommen wurden, obſchon ſie dem Evan⸗ gelium widerſtritten. Allein die wichtigſte Neuerung, und die, wodurch die Prieſter ſich am meiſten Geld erwarben, war die Lehre, daß die Kirche, ober mit andern Worten der Prieſter, die Macht beſitze, diejenig en Suͤnden, welche ihm gebeichtet wurden, zu vergeben, wenn der Schuldige der von dem Prieſter ihm auf⸗ erlegten Buſſe ſich unterwarf. Jedermann war daher genoͤ⸗ thigt, einem Prieſter zu beichten, wenn er die Vergebung ſei⸗ ner Suͤnden wuͤnſchte, und der Prieſter befahl mehr oder minder ſtrenge Buſſen, je nach den Umſtaͤnden des Vergehens. Allein im Allgemeinen konnten dieſe Buſſen erlaſſen werden, wofern der Kirche eine entſprechende Geldſumme bezahlt wur⸗ e, die auf dieſe Art eine fortwaͤhrende und hoͤchſt ergiebige Quelte des Einkommens beſaß. Dieſes Einkommen wurde durch den Glauben an das Fegfeller nicht wenig vergroͤßert. Die Schrift berechtigt uns durchaus nicht zu dem Glau⸗ ben an das Daſeyn eines Mittelſtandes zwiſchen dem der Glückſeligkeit, den wir den Himmel nennen, und in den die guten Minſchen unmittelbar nach ihrem Tode verſetzt werden, oder zwiſchen dem der Hoͤlle, welches der Ort ewiger Beſtra⸗ küng iſt, und in den die Abtilüfen mit dem Teufel und ſei⸗ nen Engeln eingeſperrt wurden. Allein die katholiſchen Prie⸗ ſter erſannen einen Mittelzuſtand, den ſie das Fegfeuer nann⸗ ten. Sie nahmen an, viele ober in der That die meiſten Leu⸗ te ſeyen nicht ſo fromm, da 5 ſe eine augenblickliche Zulaſ⸗ ſung in einen Zuſtand ewiger Gluckſeligkeit verdienen; aber auch nicht ſo gottlos, daß ſie eine augenblickliche und ewige Verdammung verdienen. Zum Beſten dieſer erfanden ſie das Fegfeuer, einen Ort der Beſtrafung, in den faſt jeder, der 37 nicht zur Hoͤlle ſelbſt verdammt war, auf eine kuͤrzere vder laͤngere Zeit, je nach dem Maße ſeiner Suͤnden, wandern mußte. ehe er in einen Zuſtand von Glückſeligkeit zugelaſſen wurde. Allein hierin lag der Hauptpunkt der Lehré. Die Kirche beſaß die Macht, für die Seelen, welche im Fegfeuer waren, durch Gebete Verzeihung zu erhalten, und zu bewir⸗ ken, daß die Thore diefes Ortes der Qual ihnen baͤlder geoͤff⸗ net wurden, als ſonſt geſchehen ſeyn wuͤrde. Daher hinter⸗ ließen Leute, denen ihr Gewiſſen ſagte, daß ſie einen langen Aufenthalt in dieſem Straforte verdienen, der Kirche reichli⸗ che Summen, um fuͤr ihre Seelen Gebete zu lefen. Auf glei⸗ che Weiſe ließen Kinder Meſſen, das heißt, eine beſondere bei den Katholiken gebraͤuchliche Art der Gottesverehrung, fuͤr die Seelen ihrer Eltern leſen. Wittwen thaten daſſelbe fuͤr ihre verſtorbenen Maͤnner— Maͤnner fuͤr ihre Weiber. Alle die⸗ ſe Meſſen und Gebete erhielt man bloß durch Geld, und al⸗ les dieſes Geld kam in die Haͤnde der Prieſter. Allein der „Papſt und ſeine Geiſtlichkeit trieben die Sache noch weiter; ſie verkauften nicht nur die Verzeihung des Himmels denen⸗ welche Suͤnden begangen hatten, ſondern ſie bewilligten ihnen auch(ſtets fuͤr Geld) die Fretheit, die Geſetze Gottes und der Kirche zu verletzen. Dieſe letztern Bewilligungen nannte man Ablaß, weil die, welche ſie kauften, das Vorrecht hatten, Suͤnden und Laſter zu begehen, ohne ſich deswegen die Stra⸗ fe des Himmels zuzuziehen. Zur Befeſtigung dieſes aberglaͤubiſchen Syſtems maßte ſich der Papſt die ausgedehnteſte Vollmacht an, die ſogar das Recht in ſich ſchloß, die Könige ihrer Throne durch ſeinen Bannfluch zu berauben, der ihre Unterthanen ihres Huldi⸗ gungseids entband, und ſie ermaͤchtigte, ſich gegen ihren Für⸗ ſten zu empoͤren, und ihn zu toͤdten. Zu andern Zeiten nahm 4 38 ſich der Payſt die Freiheit, die Koͤnigreiche des mit dem Bannfluche belegten Fuͤrſten irgend einem ehrſuͤchtigen Nach⸗ bar zu ſchenken. Die Herrſchaft der roͤmiſchen Kirche war gegen geringere Perſonen ſo ſtreng, als gegen Fuͤrſten. Wenn eine Laye die Bibel las, ſo wurde er eines großen Verbre⸗ chens fuͤr ſchuldig erklaͤrt, denn die Prieſter wußten wohl, daß das Leſen der heiligen Schriften den Leuten die Augen in Beziehung auf ihre uͤbermaͤßigen Anmaßungen oͤffnen wuͤrbe. Wenn ein Indioiduum eine von den Lehren der roͤmiſchen Kirche nicht glaubte, oder ſich zu einer bekannte, die mit denſelben unvertraͤglich war, ſo wurde es als Ketzer vor Ge⸗ vicht geſtellt, und zu der furchtbaren Strafe, lebendig ver⸗ brannt zu werden, verdammt. Dieſe Strafe wurde ohne Barmherzigkeit, wegen der geringſten Ausdruͤcke, die ſich dem, was die Papiſten Ketzerei nannten, naͤherten, verhaͤngt. Dieſe außerordentliche und tyranniſche Gewalt uͤber das Gewiſſen der Menſchen maßte man ſich in jenen Zeitaltern der europaͤiſchen Geſchichte an, welche man die finſtern nennt, weil die Menſchen damals des Lichts der Kenntniſſe und Wiſ⸗ ſenſchaften heraubt waren. Allein die Entdeckung der Buch⸗ druckerkunſi ſteng im 15ten Jahrhundert an, den Geiſt der Menſchen aufzuhellen. Die Bibel, die in den Haͤnden der 3 Geiſtlichkeit verſchloſſen geweſen war, kam in die Haͤnde des Volks, und wurde allgemein geleſe. Auch machten weiſe und biedere Maͤnner in Deutſchland und der Schweiz es zu einem Gegenſtande ihres Nachdenkens, die Irrthuͤmer und Fehler des roͤmiſchen Stuhls aufzudecken. Sie bewieſen, daß die Lehre von der Verehrung der Heiligen Abgoͤtterei— die Lehre von der Sündenvergebung und dem Ablaſſe eine ſchaͤnd⸗ liche Aufmunterung zum Laſter— die Lehre vom Fegfeuer, ein liſtiges Mittel,Geld zu erpreſſen, und der Anſpruch des 39 Papſtes auf Unfehlbarkeit, eine gotteslaͤſterliche Annahme der Attribute der Gottheit ſey. Dieſe neuen Meinungen nannte man die Lehren der Reformatoren, und die Zahl derer, wel⸗ che ſie annahmen, wurde immer groͤßer. Die roͤmiſchkatholi⸗ ſchen Prieſter ſuchten die Lehrſaͤtze ihrer Kirche durch Beweis⸗ gruͤnde zu vertheidigen; als ſie aber dieß ſchwer fanden, ſo ſuchten ſie in den meiſten Laͤndern Europa's ſie durch Gewalt einzuſchaͤrfen; allein die Reformatoren fanden Schuttz in ver⸗ ſchiedenen Gegenden Deutſchlands. Ihre Anzahl ſchien mehr zu als abzunehmen, und eine große Revolution in der chriſt⸗ lichen Welt zu verkünden. Heinrich VIII, Köͤnig von England, beſaß einige Gelehr⸗ ſamkeit, und hatte große Luſt, ſie in dieſem Streite zu zei⸗ gen. Da er im Anfange ſeiner Regierung der roͤmiſchen Kirche aufrichtig ergeben war, ſo ſchrieb er ein Buch zur Vertheidigung ihrer Lehre gegen Martin Luther, einen der vorzüglichſten Reformatoren. Der Papſt war ſo ſehr erfreut uͤber dieſen Beweis von Eifer, daß er dem Koͤnig den Na⸗ men: Vertheidiger des Glaubens beilegte: ein Titel, den Heinrichs Nachfolger noch fuͤhren, obſchon nicht mehr in dem Sinne, in welchem er anfaͤnglich verliehen wurde. Nun war Heinrich, wie du wiſſen mußt, mit einer ſehr guten Prinzeſſin, mit Namen Katharina, einer Qochter des Koͤnigs von Spanien, und einer Schweſter des Kaiſers von Deutſchland verheirathet. Sie war in ihrer Jugend mit Heinrichs aͤlterem Bruder Arthur verlobt geweſen; als aber dieſer Prinz ſtarb, und Heinrich Erbe des Throns wurde, wurde Katharina mit ihm vereinigt. Sie hatten lange mit einander gelebt, und Katharina eine Tochter Maria geborer, welche die natuͤrliche muthmaßliche Erbin der engliſchen Kro⸗ ne war. Endlich aber verliebte ſich Heinrich VII. in ein England von Tag zu Tag, ger Fuͤrſt, als je einer lebte, taͤndelte, beſchloß er, ſeine G dieſem Ende laͤugnete er die Gewalt des Pap Schweſter nicht zu beleidigen. 40 d ſchoͤnes, junges Weib, mit Namen Anna Bullen, eine Eh⸗ rendame im Gefolge der Koͤnigin, ſo daß er der Königin Katharina los zu werden, und dieſe junge Dame zu heirathen wuͤnſchte. Zu dieſem Ende wandte er ſich an den Yapſt, um eine Eheſcheidung von der guten Koͤnigin, unter dem Vor⸗ wande, daß ſie mit ſeinem aͤltern Bruder verlobt geweſen ſey, zu erlangen. Er glaube, ſagte er, in dem Falle zu ſeyn, ſei⸗ nes Bruders Weib geheirathet zu haben, und deswegen wuͤn⸗ ſche er, der Papſt moͤchte eine Ehe aufheben, die ſein Gewiſ⸗ ſen peinige. Die Wahrheit war, wenig beunruhigt haben wuͤrde, haͤtte er nicht ein anderes, juͤngeres und ſchoͤneres Weib zu heirathen gewuͤnſcht. Der Papſt wuͤrde wahrſcheinlich, Heinrichs Wunſch gerne erfuͤllt haben, wenigſtens hatten ſeine Vorgaͤnger, Maͤnnern von geringerer Wichtigkeit groͤßere Gunſtbezeugungen ertheilt, allein Katharina war die Schweſter Karls V, der ſowohl Kaiſer von Deutſchland, als Koͤnig von Spanien, und einer der weiſeſten und maͤchtigſten Fuͤrſten der Chriſtenheit war. Der Papſt, der Karls Huͤlfe zur Unterdruͤckung der Reforma⸗ tion noͤthig hatte, wagte ihn durch die Eheſcheidung ſeiner Seine Heiligkeit wich daher einer beſtimmten Antwort auf das Geſuch des Koͤnigs von von Woche zu Woche, und von Jahr zu Jahr aus. Allein dieß fuͤhrte zu einer Gefahr, die der Papſt nicht vorhergeſehen hatte. 3 Als Heinrich VIII, ein ſo hitziger, wilder und ungeduldi⸗ fand, daß der Papſt mit ihm ewalt ganz abzuſchuͤtteln. Zu ſtes in England, pt der engliſchen und erklaͤrte, er ſelbſt ſey das einzige Hau Kirche, und der Biſchof zu Nom habe nichts mit ihm oder daß ſein Gewiſſen ihn ſehr —— 4 41 ſeinem Gebiete zu ſchaffen. Viele von den Biſchoͤfen und Geiſtlichen der engliſchen Kirche nahmen die reformirten Leh⸗ ren an, und alle laͤugneten die dem Papſte zugeſchriebene hoͤchſte Gewalt. Allein der groͤßte Schlag fuͤr die paͤpſtliche Gewalt war die Aufßzoͤſung der Kloͤſter. Der Koͤnig bemaͤchtigte ſich der⸗ ſelben, ſo wie der ihnen angehoͤrenden Laͤndereien, und theilte den Rrichthum der Kiöͤſter unter die Großen ſeines Hofes aus. Auf dieſe Art vernichtete er jene großen Anſtalten auf immer, und legte der katholiſchen Religion ein unbeſtegbares Hinderniß in den Weg, da nunmehr ſo viele Perſonen die Ausſchließung derſelben ihres eigenen Vortheils wegen wuͤn⸗ ſchen mußten. Der Beweggrund des Betragens Heinrichs VIII. war kei⸗ neswegs lobenswerth, allein es hatte die wichtigſten und heil⸗ ſamſten Folgen, da England nachmals fuͤr immer, ausge⸗ nommen waͤhrend der kurzen Regierung ſeiner aͤlteſten Toch⸗ ter, von aller Abhaͤngigkeit von dem Pipſie, und von den aberglaͤubiſchen Lehren der roͤmiſch⸗katholiſchen Kirche befreit wurde. Zur ſchottiſchen Geſchichte zuruͤckkehrend, muß ich dir ſa⸗ gen, daß einer von Heinrichs Hauptwuͤnſchen darin beſtand, ſeinen Neffen, den zungen Koͤnig von Schottland, zu bewe⸗ gen, dieſelbe Religionsveraͤnderung, die er in England ein⸗ gefuͤhrt hatte, in ſeinem Lande eintreten zu laſſen. Heinrich machte, wenn wir den ſchottiſchen Geſchichtſchreibern glauben duͤrfen, Jacob die glaͤnzendſten Anerdietungen, um ihn zu dieſer Maßregel zu bewegen. Er erbot ſich, ihm die Hand ſeiner Dochter Marie zur Ehe zu geben, und ihn zum Her⸗ zos von Pork zu machen, und zum Behufe der Begründung eines dauernden Friedens zwiſchen den beiden Laͤndern, wuͤnſch⸗ 42 te er ernſtlich eine perſoͤnliche Zuſammenkunft mit ſeinem Neffen im Norden von England. Man hat Urſache zu glauben, daß Jakob einmal den Lehren der Reformation ein wenig geneigt war, wenigſtens munterte er einen ſchottiſchen Dichter, mit Namen Sir Da⸗ vid Lindeſay of the Mount, ſo wie den berühmten Gelehrten Georg Buchanan auf, einige beißende Satyren gegen die Verdorbenheit der roͤmiſch⸗katholiſchen Religion zu verfaſſen; allein deſſen ungeachtet war der Koͤnig keineswegs geneigt, ganz von der roͤmiſchen Kirche abzufallen. Er fürchtete die Macht Englands, und den rauhen, gewaltthaͤtigen und un⸗ geſtuͤmen Charakter Heinrichs, der ſeinen Neffen durch die unkluge Heftigkeit, mit der er ihn zur Nachahmung ſeiner Schritte aufforderte, aͤrgerte. Beſonders nothwendig aber fand Jakob die Anhaͤnglichkeit an den roͤmiſch⸗katholiſchen Glauben, wegen der Geſchicklichkeit, Einſicht und Gelehrſam⸗ keit der Geiſtlichkeit, der weit faͤhiger war, Staatsaͤmter zu bekleiden und ihm in der Verwaltung oͤffentlicher Geſchaͤfte beizuſtehen, als der Adel, der ſowohl unwiſſend als ſtolz, anmaßend und ehrſuͤchtig war. Der bereits erwaͤhnte Erzbiſchof Beaton, und ſein Neffe David Beaton, der nachmals zum Cardinal erhoben wurde, ſtiegen hoch in Jakobs Gunſt; und ohne Zweifel wurde der Einſluß, den ſie auf den Geiſt des Koͤnigs hatten, dazu an⸗ sgewendet, ihn von der Befolgung des Beiſpiels ſeines Oheims Heinrich in religiöſen Angelegenheiten abzuhalten. Derſelbe Einfluß mochte ihn auch bewegen, eher ein Buͤndniß mit Frankreich, als mit England zu ſuchen; denn es war natuͤrlich, daß die katholiſche Geiſtlichkeit, mit der Jakob ſich berieth, durch allo in ihrer Macht ſtehenden Mit⸗ tel jede Annaͤherung zu einem engen Buͤndniſſe mit Heinrich, 43 dem Todfeinde des paͤpſtlichen Stuhles, zu verhuͤten ſuchte. Jakob V. beſuchte demzufolge Frankreich, und erhielt die Hand Magdalena's, der Dochter Franz J. mit einer bedeuten⸗ den Mitgift. Dieſe Prinzeſſin wurde bei ihrer Landung in Leith mit großer Freude und ſo viel Glanz empfangen, als die Armuth des Landes erlaubte. Allein die junge Koͤnigin befand ſich in ſchlimmen Geſundheits⸗Umſtaͤnden, und ſtarb 40 Tage nach ihrer Heirath. Nach dem TDode dieſer Prinzeſſin heirathete der Koͤnig Marie von Guiſe, die Thchter des Herzogs von Guiſe, und verband ſich ſo mit einer Familie, die ſtolz, ehrſüchtig und der katholiſchen Sache im ausſchweifendſten Grade zugethan war. Dieſe Verbindung vergroͤßerte ohne Zweifel Jakobs Abneigung gegen jede Veraͤnderung in dem eingefuͤhrten Glauben. Allein welche Geſinnungen der Fuͤrſt auch hegen mochte, die der Unterthanen neigten ſich allmaͤhlig mehr und mehr nach einer Umaͤnderung der Religion hin. Schottland beſaß in dieſem Zeitpunkt mehrere gelehrte Maͤnner, die im Aus⸗ lande ſtudirt und da die Lehren des großen Reformators Cal⸗ vin angenommen hatten. Sie brachten bei ihrer Ruͤckkehr Abſchriften von der heiligen Schrift mit ſich, und konnten hinlaͤngliche Auskunft uͤber den Streit der Proteſtanten, wie ſie jetzt genannt wurden, und der roͤmiſch⸗katholiſchen Kirche geben. Viele unter den Schotten von hohem und niederm Range nahmen die neuen Lehren an. Die papiſtiſchen Miniſter und Rathgeber des Koͤnigs wagten es, zur Gewalt ihre Zuflucht zu nehmen, um dieſen Refultaten entgegen zu wirken. Mehrere Perſonen wurden verhaftet, vor das geiſtliche Gericht des Biſchofs von St. An⸗ dreas geſtellt, und zu den Flammen verurtheilt. Die Be⸗ 1 die proteſtantiſchen Lehren. Kloͤſter reizte ebenfalls viele von dem Adel, die einen Antheil ſcheidenheit und der Anſtand, mit welchen dieſe Maͤnner ſich bei ihren Verhoͤren betrugen, die Geduld, mit der ſie die Qualen eines grauſamen Dodes ertrugen, und die Standhaf⸗ tigkeit, mit der ſie noch in den Flammen ihren Glauben an die Lehre, wegen welcher ſie verurtheilt worden waren, aus⸗ ſprachen, machten den tiefſten Eindruck auf die Zuſchauer, und vergroͤßerten die Zuverſicht derer, welche die Lehrſaͤtze der Reformation angenommen hatten. Strengere und grau⸗ ſamere Geſetze wurden gegen die Beſtreitung der Gewalt des Papſtes wurde mit dem Dode be⸗ ſtraft; allein die Reformation ſchien nach Maßgabe der Be⸗ muͤhungen, ſie zu unterdruͤcken, feſten Boden zu gewinnen. Die Begünſtigungen, welche der Koͤnig der katholiſchen Geiſtlichkeit zu Theil werden ließ, erregten die Eiferſucht des ſchottiſchen Adels, und vergroͤßerten feine Anhaͤnglichkeit an Der Reichthum der Abteien und an ihren Laͤndereien, im Falle ihrer Abſchaffung, wie in England, zu erhalten hofften. Und obſchon es ohne 8 ſowohl gute als ſchlechte Maͤnner unter den Moͤnchen gab, ſo machte doch die muͤßige und ausſchweifende Lebensart vieler derſelben ſie im Allgemeinen bei dem gemeinen Volke verhaßt und verachtet. Das Mißvergnuͤgen des Volks wurde durch einen Vor⸗ fall, der im Jahre 1537 ſtatt hatte, vergroͤßert. Eine Ma⸗ trone vom hoͤchſten Stande, Johanna Douglas, die Schwe⸗ ſter des verbannten Grafen son Angus, Wittwe des John Lyon, Lord von Glamis, und Gattin des Archibald Campbell von Kepneith, wurde angeklagt, einen Angriff auf das Leben Jacobs, durch das eingebildete Verbrechen der Zauberei, und das furchtharere Mittel der Vergiftung, begbſichtigt zu ha⸗ Ketzerei erlaſſen, ſelbſt die weifel 45 ben. Ihr Zweck war, wie man behauptete, die Zuruͤckberu⸗ fung der Douglas nach Schottland und die Wiederherſtellung ihres Anſehens und Einſluſſes in dieſem Lande. Die Dame wurde lebendig auf dem Schloßhofe von Edinburgh verbrannt, und die Zuſchauer, von Mitleid fuͤr ihre Jugend und Schoͤn⸗ heit bewegt, und uͤber den Muth, mit welchem ſie ihr Schick⸗ ſal erduldete, erſtaunt, ermangelten nicht, ihre Hinrichtung nicht ſowohl einem wahren Verbrechen, als vielmehr dem tiefgewurzelten Haſſe des Koͤnigs gegen das Haus Douglas beizuſchreiben. Eine andere Dodesſtrafe beſtaͤtigte, obſchon ſie einen Gegenſtand des allgemeinen Mißfallens traf, die Stim⸗ mung von Jacobs ſtrenger, wo nicht grauſamer Gemuͤthsart. Wir haben des Sir Jacob Hamilton von Draphane, mit dem Beinamen des Baſtarts von Arran, als eines durch die Wild⸗ heit ſeines Charakters und die Mordthaten, die er kaltbluͤtig begieng, ausgezeichneten Mannes erwaͤhnt. Dieſer Mann war zum Scheriff von Ayr gemacht worden, und hatte andere Beweiſe von der Gunſt des Koͤnigs empfangen. Deſſenunge⸗ achtet wurde er ploͤtzlich von einem Vetter gleichen Namens der Verraͤtherei angeklagt; und auf dieſes bloße Zeugniß hin verurtheilt und hingerichtet. Auch bei dieſer Gelegenheit mach⸗ te die oͤffentliche Meinung Jacob den Vorwurf, daß er ohne hinreichenden Schuldbeweis verfahren ſey. Inzwiſchen fuhr Heinrich fort, den Koͤnig von Schott⸗ land durch Briefe und Unterhandlungen aufzufordern, ge⸗ inſchaftliche Maßregeln mit ihm gegen die katholiſche Geiſt⸗ eit zu ergreifen. Er tadelte ſeinen Neffen, daß er es vorziehe, ſein koͤnigliches Einkommen durch Viehzucht zu ver⸗ groͤßern, die er als eine unfurſtliche Beſchaͤftigung darſtellte, und erklaͤrte, daß wenn er Geld brauche, er, ſein guͤtiger Oheim, bereit ſey, ihm ſo viel zu geben, gls er verlange, 46 oder daß der Reichthum der katholiſchen Klöſter ein Fond ſey, der ihm zu Gebot ſtehe, ſobald er ſich deſſelben bemaͤch⸗ tigen wolle. Endlich verweilte der engliſche Geſandte, Sir Ralph Sadtler, ſeinen Inſtruktionen gemaͤß, auf den ſchlech⸗ ten Lehren und dem laſterhaften Leben der Geiſtlichkeit, gegen die er den Koͤnig aufforderte, gewaltſame Maßregeln zu er⸗ greifen. Ein großer Theil dieſer Bolſchaft war darauf berechnet, Jacob zu beſchimpfen, allein er antwortete mit. Maͤßigung. Er erklaͤrte, er ziehe es vor, von ſeinem eigenen Einkommen, ſo wie es ſey, zu leben, als von einem andern Koͤnige, und wenn er auch ſein Oheim waͤre, abhaͤngig zu werden. Er habe keinen Vorwand oder Beweggrund, ſagte er, ſich der Beſitzungen der Geiſtlichkeit zu bemaͤchtigen, weil ſie ſiets be⸗ reit ſey, ihm Geld vorzuſchießen, wenn er deſſen beduͤrfe. Diejenigen unter ihnen, welche ein laſterhaftes Leben füyren, werde er, fügte er hinzu, nicht ermangeln, ſtrenge zu beſtra⸗ fen; allein er halte es nicht fuͤr gerecht, die ganze Geſellſchaft wegen der Fehler Weniger zu beſtrafen. Koͤnig Jacob ließ ſich ein zweifelhaftes Verſprechen entlocken, daß er mit Hein⸗ rich in York zuſammen kommen wolle, wenn die Angelegen⸗ heiten ſeines Koͤnigreichs es ihm erlauben wuͤrden. Der Koͤnig hatte jetzt die traurige Wahl vor ſich, in die Wuͤnſche ſeines Oheims zu willigen, ſeine Buͤndniſe mit Frankreich zu brechen, und die refd ormirte Religion in jeinem Lande einzufuͤhren, oder aber ich durch ſrine Anhänglickkeit an Frankreich, oder den katholit des allen Geis eines Kriegs mit England auszute Seiſtliche in dieſem kritiſchen Zeitpunkee: Geſinnungen aus. Das Gotd ſpart, um ſeinen Entſchlu, zu „ 47 nehmen, daß die junge Koͤnigin, die mit dem katholiſchen Hauſe Guiſe ſo nahe verwandt war, dieſelbe Partei unter⸗ ſtuͤtzte. Jacob beſchloß endlich, ſeinen Oheim zu enttaͤuſchen. Nachdem der ſtolze Heinrich 6 Dage in York, in Erwartung ſeiner Ankunft, geblieben war, entſchuldigte ſich Jacob durch eine kahle Ausrede. Heinrich war, wie natuͤrlich, toͤdtlich beleidigt, und ruͤſtete ſich zum Kriege. Nun begann ein wuͤthender und verderblicher Krieg. Heinrich ſchickte zahlreiche Streitkraͤfte ab, um die ſchottiſchen Graͤnzen zu verheeren. Jacob ſiegte in dem erſten bedeuten⸗ den Gefechte, zu ſeinem unnennbaren Vergnuͤgen, und traf die Anſtalten zu einer entſcheidenderen Feindſeligkeit. Er verſammelte ein Heer um ſich, und ruͤckte von Edinburgh bis Fala, auf ſeinem Wege nach der Graͤnze, vor, als den 1. November 1542 die Nachricht ankam, daß der engliſche Ge⸗ neral ſeine Streitkraͤfte in die engliſchen Graͤnzen zuruͤckgezo⸗ gen habe. Auf dieſe Nachricht erklaͤrten die ſchottiſchen Edel⸗ leute, die mit ihren Vaſallen zu dem koͤniglichen Banner ge⸗ ſtoßen waren, ihrem Fuͤrſten, daß, obſchon ſie die Waffen er⸗ griffen haben, um das Land gegen einen feindlichen Einfall zu ſchüͤtzen, ſie doch den Krieg mit England als eine unkluge, und blos aus Nachgiebigkeit gegen die Geiſtlichkeit unternom⸗ mene Maßregel betrachten, und daß ſie deswegen, da die Englaͤnder ſich zuruͤckgezogen haben, entſchleſſen ſeyen, keinen Fuß auf das feindliche Gebiet zu ſetzen. Ein einziger Graͤnz⸗ haͤuptling erbot ſich mit ſeinem Gefolge dem Koͤnige zu fol⸗ gen wohin er ſie fuͤhren wolle. Dieß war John Scott von Thielſtane, den Jacob dadurch belohnte, daß er ſeinem vaͤter⸗ lichen Wappenſchilde einen Buͤſchel Speere als Helmzier, und das Motto:„Bereit, ſtets bereit,“ beifuͤgen ließ. Als Jacob ſich auf dieſe Art allgemein von dem Adel 48 verlaſſen fand, kehrte er nach Edinburgh zuruͤck, von ſeinem Volke entehrt und in der tiefſten Niedergeſchlage. theit. Um die Einfaͤlle der Englaͤnder zu vergelten, und das Andenken an Fala Moor zu vertilgen, beſchloß der Koͤnig, daß ein Heer von 10,000 Mann in die weſtliche Graͤnze Eng⸗ lands einfallen ſolle. Er war unklug genug, ſeinen beſon⸗ dern Liebling Oliver Sinclair mit demſelben abzuſchicken, ob⸗ ſchon er mit den Prieſtern die Unpopularitaͤt des engliſchen Kriegs theilte, und dem Adel als einer von denen, welche die koͤnigliche Gunſt zu ihrem Nachtheile an ſich zogen, hoͤchſt verhaßt war. Das Heer hatte gerade den engliſchen Boden an einem Orte mit Namen Solway⸗Moor betreten, als dieſer Oliver Sinclair auf die Schilder der Soldaten erhoben wi irde, um dem Heere eine Urkunde vorzuleſen, die Lord Maxwell zum Befehlshaber der Expedition ernannte. Aber Niemand zwei⸗ felte, daß Oliver Sinclair ſelbſt zum Oberbefehlshaber er⸗ nannt worden war; und da er allgemein verhaßt und verach⸗ tet war, gerieth das Heer augenblicklich in einen Zuſtand der groͤßten Verwirrung. Vier oder fuͤnfhundert Graͤnzbe⸗ wohner, von Thomas Dacre und John Musgrave befehligt, bemerkten dieſes Schwanken, und griffen die zahlreichen Schwadronen des ſchottiſchen Heers an. Die Schotten flohen ohne einen Schwerdtſtreich. Eine Menge Edelleute ließen ſich lieber zu Gefangenen machen, als daß ſie Zeugen des Mißvergnuͤgens ihres getäuſchten Fuͤrſten ſeyn wollten. Der ungluͤckliche I Jakob war ſeit einiger Zeit durch ver⸗ ſchiedene Ungluͤcks zwei Soͤhne und die Schande des Abfalls bei Fala hatten ei⸗ nen tiefen Eindruck auf ſeinen Geiſt gemacht, und quaͤlten ihn sfaͤlle heimgeſu cht worden. Der Tod ſeiner 49 ihn ſelbſt in ſeinen Traͤumen. Er traͤumte, er ſehe den wil⸗ den Sir Jakob Hamilton, den er ohne binlaͤngliche Beweiſe hatte toͤdten laſſen. Der blutige Schotte nahte ſich ihm mit einem Schwerdte und ſagte:„grauſamer Tyrann, du haſt mich ungerechterweiſe ermordet, mich der ich zwar grauſam gegen andere Menſchen, allein ſtets treu gegen Dich war; weswegen Du jetzt deine verdiente Strafe erleiden ſollſt.“ Waͤhrend er dieſes ſagte, ſchnitt ihm Sir Jakob Hamllton, wie es ihm daͤuchte, zuerſt einen Arm und dann auch den andern ab, worauf er ihn mit der Drohung entließ, bald zuruͤckzukommen, und auch ſeinen Kopf abzuhauen. Ein ſol⸗ cher Traum war bei dem Koͤnige, in Betracht ſeines durch Ungluͤcksfaͤlle geſtoͤrten Gemuͤthszuſtands, und der Vorwuͤrfe, die er ſich vielleicht innerlich wegen des Tods des Eir Ja⸗ kobs Hamilton machte, natürlich. Allein Jakob hielt das Abhauen ſeiner Arme fuͤr eine Anſpielung auf den Dod ſeiner zwei Soͤhne, und er wurde uͤberzeugt, daß die Drohungen ſeines Traums ſeinen eigenen Tod weiſſagten. Die unangenehme Nachricht von der Schlacht oder viel⸗ mehr der Flucht bei Solway machte das Maas ſeiner Ver⸗ zweiflung und ſeines Kummers voll. Er ſchloß ſich in den Palaſt Falkland ein, und wies alle Troͤſtungen zuruͤck. Ein hitziges Fleber, die Folge ſeines Grams und ſeiner Schande, beſiel den ungluͤcklichen Monarchen. Sie brachten ihm die Nachricht, daß ſeine Gemahlin eine Dochter geboren habe, allein er antwortete blos:„ſie(er meinte die Krone) kam mit einem Maͤdchen, und wird mit einem Maͤdchen gehen.“ Er ſprach wenig mehr, ſondern kehrte ſein Geſicht nach der Wand, und ſtarb an der traurigſten aller Krankheiten, an einem gebrochenen Herzen. Er war kaum 31 Jahre alt, und 48. Scott's Werke. XCVIII. 4 N 8 unmuͤndige Koͤ folglich noch in der Blüͤthe ſeines Lebens. Wenn er ſich durch die Nathſchlaͤge der katholiſchen Prieſter nicht zu einem unuͤberlegten Kriege mit England haͤtte bewegen laſſen, ſo haͤtte Jakob V. ein ſo gluͤcklicher Furſt ſeyn können, als ſeine Faͤhigkeiten und Talente es verdienten. „ Viertes Kapitel. — Unterhandlungen einer Helrath zwiſchen der jungen Königin Maria und dem Prinzen Cduard von England.— Mißlingen derſelben.— Einſall in Schottland.— Cardinal Beaton's Verwaltung und Tod.— Schlacht bei Pinkie.— Die Königin Maria wird nach Frantreich geſchickt, und die Königin Wittwe wird Regentin— Fortſchritte der Reforma⸗ tion. Die Königin Maria entſchließt ſich, nach Schottland zurückzu⸗ kehren. 4 Das Ungluͤck der Maria Stewart, die ihrem Vater in der Regierung Schottlands nachfolgte, begann mit ihrer Ge⸗ burt und endete kaum im Laufe ihres ganzen Lebens. Von allen den unglücklichen Fuͤrſten des Hauſes Stewart zeichnete ſich ihr Loys durch das gleichfoͤrmigſte und beharrlichſte Elend aus. Sie wurde den 17. Dezember 1542 geboren, und we⸗ nige Tage nachher wurde ſie, durch ihres Vaters Tod, die n eines zerruͤtteten Landes. kaͤmpften, wie dieß in Zeiten der Min⸗ derjahrigkeit gewoͤhnlich der Fall iſt, um die hoͤchſte Gewalt. Marig von Guſſe, die Koͤnigin Mutter, nehſt dem Kardinale ſtanden an der Spitze jener Partei, welche Zwei Par ¹ Dayvid Beat die Verbuͤndung mit Frankreich beguͤnſtigte. Hamilton, Graf von Arran, der naͤchſte maͤnnliche Verwandte der jungen Koͤ⸗ nigin, war das Haupt der andern, und beſaß eine groͤßer⸗ 51 Popularitaͤt; denn die Adeligen fuͤrchteten den kuͤhnen und ehrſuͤchtigen Charakter des Cardinals, und das gemeine Volk verabſcheute ihn, wegen ſeiner grauſamen Verfolgung der Re⸗ formatoren. Der Graf von Arran war jedoch ein wankel⸗ nuͤthiger und furchtſamer Mann, der auſſer ſeiner hohen Geburt wenig Empfehlendes beſaß. Er wurde jedoch zum Regenten erwaͤhlt. Heinrich VIII. ſoll großen Kummer wegen des Tods ſei⸗ nes Neffen an den Tag gelegt, und geſast haben: es werde nie mehr ein ſo nabe mit ihm verwandter, und ihm ſo theu⸗ rer Koͤnig in Schottland regieren, und er tadle, wegen des ungluͤcklichen Streits zwiſchen ihnen, nicht den verſtorbenen Jakob V., ſondern ſeine ſchlechten Rathgeber. Zu gleicher Zeit entwarf Heinrich den Plan, die Koͤnigreiche England und Schottland durch eine Heirath zwiſchen der jungen Koͤ⸗ nigin von Schottland und ſeinem einzigen Sohne Eduard VI., der damals noch ein Kind war, zu vereinigen. Er nahm den Grafen von Glencairn und andere ſchottiſche Edel⸗ leute, die in der Schlacht bei Solway zu Gefangenen ge⸗ macht worden waren, in ſeine Nathsverſammlungen auf, und erbot ſich, ſie in Freiheit zu ſetzen, vorausgeſetzt, daß ſie bei ihrer Ruͤckkehr nach Schottland die vorgeſchlagene Hei⸗ rath befoͤrdern wuͤrden. Sie wurden demzufolge in Freiheit geſetzt, nachdem ſie Buͤrgſchaft dafür geleiſtet hatten, daß ſie zuruͤckkehren wollen, falls der Vertrag nicht erfuͤllt werden ſollte. 4 Archibald, Graf von Angus, ergriff nebſt ſeinem Bru⸗ der Sir Georg Douglas dieſelbe Gelegenheit, nach einer 15jaͤhrigen Verbannung nach Schottland zuruͤckzukehren. Heinrich hatte ihnen waͤhrend dieſes langen Zeitraums Schutz 4.. 52 und Unterſtützung gewaͤhrt. Er hatte ſie ſogar zu Mitglie⸗ dern ſeines geheimen Raths gemacht, und den vormaligen Koͤnig Jakob durch die Gunſt, die er thnen geſchenkt hatte, tief beleidigt. Wenn man daher den Einfluß der Douglas, die ihm natürlich aus Dankbarkeit ergeben waren, ſich mit dem Einfluſſe Glencairns und der andern, die in Solway gefangen wurden, und dem allgemeinen Gewichte der Prote⸗ ſtanten, die natuͤrlich ein Buͤndniß mit England beguͤnſtig⸗ ten, vereinigte, ſo mußte man annehmen, daß Heinrich eine bedeutende Partei in Schottland hatte, die ſeiner Abſicht hoͤchſt guͤnſtig war. Allein der engliſche Monarch richtete ſeinen eigenen Plan durch ſeine Ungeduld zu Grunde. Er verlangte die Aufſicht über die junge Koͤnigin von Schottland, bis ſie das erforder⸗ liche Alter zu der, durch das gegenwaͤrtige Buͤndniß abge⸗ ſchloſſenen, Helrath haben wuͤrde, und beharrte darauf, daß einige der ſtaͤrkſten Feſtungen des Koͤnigreichs in ſeine Haͤnde gegeben werden ſollten. Dieſe Vorſchlaͤge machten die Eifer⸗ ſucht der Schotten und die charakteriſtiſche Liebe zur Freiheit und Unabhaͤngigkeit, welche dieſes Volk ſtets an den Dag ge⸗ legt hat, rege. Die Nation im Allgemeinen wurde uͤberzeugt, daß Heinrich VIII, unter dem Vorwande einer Ehe, gleich Eduard 1. unter aͤhnlichen Umſtaͤnden, die Abſicht hege, das Land zu unterjochen. Die Lords, dle ſich verpflichtet hatten, Heinrichs Abſicht zu unterſtuͤtzen, konnten ihm ſeiner unge⸗ reimten Forderungen wezen, von keinem Nutzen ſeyn. Sie ſagten: Sir Raph Sadtler, dem engliſchen Geſandten, ohne Scheu: die Nation werde nicht dulden, daß die Perſon der Koͤnigin unter Heinrichs Aufſicht geſtellt werde— ihre eige⸗ nen Vaſallen werden die Waffen in einer ſolchen Sache nicht fͤr ſie ergreifen— die alten Weiber Schottlanos mit ihren 53½ Spinnrocken, ja die Steine auf der Straße fogar, wuͤrden ſich erheben und dagegen ſtreiten. Heinrich ließ ſich mit Muͤhe bewegen, mit der Uebernah⸗ me der Aufſicht uͤber die Perſon der Koͤnigin Marla ſo lange zu warten, bis ſie zehen Jahre alt ſeyn wuͤrde; allein ſelbſt dieſer gemilderte Vorſchlag erregte die groͤßte Eiferſucht; und Sir Georg Douglas, Heinrichs eifrigſter Fuͤrſprecher, wagte die Einwilligung in den Vorſchlag des Koͤnigs blos als ein Mittel, Zeit zu gewinnen, anzuempfehlen. Er erzaͤhlte den ſchottiſchen Edelleuten von einem gewiſſen Koͤnlge, der ſo verliebt in einen Eſel war, daß er darauf beharrte, ſein vor⸗ zuͤglichſter Arzt ſolle das Thier bei Todesſtrafe ſprechen lehren. Der Arzt verſprach die Kur zu unterneymen, gab aber dem Könige zu verſtehen, daß ſeine Arznelen ihre volle Wirkung erſt nach zehen Jahren thun werden. Der Koͤnig erlaubte ihm demgemaͤß Hand an das Werk zu legen. Als nun einer ſeiner Freunde ihn mit dem Tbiere beſchaͤftigt fand, druͤckte er ſeine Verwunderung daruͤber aus, daß ein ſo kluger Mann etwas uͤbernehme, das gegen die Natur ſtreite; worauf der Arzt antwortete:—„Sehen Sie nicht, daß ich zehen Jahre zum Beſten erhalten habe? Wenn ich mich den Befehlen des Koͤntgs widerſetzt haͤtte, ſo haͤtte ich augenblicklich ſterben muͤſſen, allein wie die Sache jetzt ſteht, iſt mir ein langer Aufſchub vergoͤnnt, waͤhrend deſſen der Koͤnig, der Eſel, oder ich ſelbſt ſterben kann. In jedem der drei Faͤlle werde ich von meiner Verlegenheit befreit.„Ebenſo,“ ſagte Sir Geor Douglas,„vermeiden wir, wenn wir in dieſen Vertrag wil⸗ ligen, einen biutigen und verheerenden Krieg, und haben ei⸗ nen langen Zeitpunkt vor uns, waͤhrend deſſen der Koͤnig von England, ſein Sohn Prinz Eduard, oder die junge Koͤnigin Maria ſterben koͤnnen, ſo daß der Vertrag aufgehoben ſeyn 54 wird.“ Durch ſolche Vernunftgruͤnde bewogen, willigte ein Parlament, das faſt gaͤnzlich aus den Lords der engliſchen Partei beſtand, in die Heirath mit England, und auch der Regent Arran gab ſeine Zuſtimmung dazu. Waͤhrend aber ein Theil des ſchottiſchen Adels den Ent⸗ ſchluß faßte, mit dem Koͤnige Heinrich nach ſeinen eigenen Bedingungen zu unterhandeln, ſtanden die Koͤnigin Mutter und Cardinal Beaton an der Spitze einer andern und noch zahlreichern Partei, die der alten Religion und dem Buͤnd⸗ niſſe mit Frankreich zugethan war, und ſich ſo deswegen der engliſchen Heirath geradezu widerſetzte. Der ſchwache Charak⸗ ter des Regenten trug dazu bei, daß er den Vertrag, den er unterſchrieben hatte, brach. Vierzehn Tage, nachdem er die Bedingungen der Heirath mit England genehmigt hatte, ſoͤhn⸗ te er ſich mit dem Cardinale und der Koͤnigin Mutter aus, und bemühte ſich in Verbindung mit ihnen, die vorgeſchla⸗ gene Heirath zu hintertreiben. Wenn der engliſche Koͤnig wachſam und geduldig haͤtte ſeyn koͤnnen, ſo haͤtte er die Maßregel, die fuͤr beide Laͤnder gleich wichtig war, vielleicht noch einmal durchſetzen koͤnnen. Allein entruͤſtet uͤber das hinterliſtige Verfahren des Regenten beſchioß er augenblicklichen Krieg. Er ſchickte eine Flotte und ein Heer nach der Muͤndung des Forth ab, das landete, und da es keinen Widerſtand fand, die Hauptſtadt Schott⸗ lands und deſſen Seehafen verbrannte, und das Land rings umher pluͤnderte. Sir Ralph Evers und Sir Brian Latoun, erhielten zu gleicher Zeit den Befehl, Einfaͤlle an der Graͤnze zu machen, die im hoͤchſten Grade furchtbar und verheerend waren. Der Bericht der Verwuͤſtung iſt ſchrecklich. Bei ei⸗ nem Einfalle zaͤhlten ſie 192 Burgen und feſte Plaͤtze, die ſie verbrannten oder ſchleiften, 400 Schotten, die ſie todte⸗ 55 ten, und 800 die ſie zu Gefangenen machten; 10,000 Stuͤck Rindviech, 12,000 Schaafe und 1000 Roſſe, die ſie als Beu⸗ te wegtrieben. Ein anderes Verzeichniß liefert einen Bericht von der Zerſioͤrung oon ſieben Kloͤſtern, ſechzehn Schlöſſern oder Burgen, fuͤnf Marktſtaͤ Spitaͤlern, die alle niedergeriſſen oder verbrannt wurden. Die Thaten der engliſchen Anfuͤhrer mochten Heinrichs Eroll befriedigen, allein ſie ſchadeten ſeinem Einfluſſe in Schottland ungemein, denn alle Eingeborene vereinigten ſich zur Zuruͤtktreibung der Angreifer, und ſelbſt diejenigen, wel⸗ che die beabſichtigte Hrirath mit England am meiſten beguͤn⸗ ſtigten, wurden, um mich eines Ausdrurks jener Zeit zu be⸗ dienen, uͤber eine ſo rauhe Werbung erbittert. Die Douglas ſelbſt, die durch ſo viele Bande an Heinrich geknuͤpft waren, kanden ſich bei dem Anblicke des Elends und der Verwitſtung des Landes bewogen, Partei in dem Kriege gegen ihn zu neh⸗ men, und fanden bald eine Gelegenheit dazu. Heinrich hatte, wie es ſcheint, ſeinen zwei ſiegreichen Anfuͤhrern Evers und Latoun zalle die Laͤndereien, die ſie an der Graͤnze erobern wuͤrden, und beſo rs die ſchoͤnen Graf⸗ ſchaften Merſe und Teviotdale geſchenkt.—„Ich will die Beſitzurkunde auf ihre eigenen Leiber mit ſcharfen Federn und blutrother Dinte ſchreiben,“ ſagte der Graf von Angus,„weit ſie die Graͤber meiner Vorfahren in der Abtei Melroſe zer⸗ ſtoͤrten.“ Er forderte daher den Regenten Arran oder Gou⸗ verneur, wie man ihn nannte, auf, nach den Graͤnzen zu ziehen, um ſie zu beſchutzen. Der Gouverneur ließ ſich nur mit Mühe bewegen, in ſuͤdlicher Richtung nach Melroſe mit kaum 500 Mann in ſeiner Geſellſchaft vorzuruͤcken. Die eng⸗ liſchen Anfuͤhrer lagen mit 5000 Mann in Jedburgh. Mann daoon waren regelmaͤßige Soldaten, die der 88& 1 58 von England bezablte; die uͤbrigen waren Graͤnzbewohner, unter denen viele ſchottiſche Clans waren, die das rothe Kreuz genommen, und ſich der Herrſchaft Englands unter⸗ worfen hatten. Mit dieſen Streitkraͤften machten Evers und Latoun einen ploͤtzlichen Marſch, um den Gouverneur und ſeine Hand voll Leute zu uͤberfallen, allein ſie erreichten ih⸗ ren Zweck nicht, denn die Schotten zogen ſich hinter die Tweed nach den Huͤgeln bei Galashiels zuruͤck.. Die Englaͤnder ſchickten ſich hierauf an, ſich nach Jed⸗ burgb zuruͤckzuziehen, und der Gouverneur, der nach dem Rathe des Grafen von Angus handelte, folgte ihnen und be⸗ obachtete ihre Bewegungen. Inzwiſchen verſtaͤrkte ſich das ſchottiſche Heer. Ein kuͤhner junger Mann, Norman Leslie, war der erſte, der mit 300 gutgerüſteten Reitern aus Fife herbeieilte. Spaͤter ſtieß der Lord von Buccleuch mit einigen ſeiner Clans zu ihnen, die in voller Eile ankamen, und ſie verſicherten, die uͤbrigen werden unverzuͤglich nachfolgen. Die⸗ ſer Graͤnzhaͤuptling war ein Mann von großem militaͤriſchem Scharfſinn, und kannte das Terrain gut. Er rieth dem Gouverneur und dem Grafen von Angus, ihre Leute am Fuße eines kleinen Hügels außuſtellen, und ihre Pferde nach dem Hintertreffen zu ſchicken. Die Englaͤnder, welche die Pferde der Schotten den Huͤgel hinaufſteigen ſahen, glaub⸗ ten, ſie ſeyen auf der Flucht begriffen, und kehrten ſich um, ſie anzugreiſen, in voller Verwirrung, wie zu einer gewiſfen Beute eilend. So kamen ſie an die Fronte des ſchottiſchen Heers, des in enger und feſter Schlachtordnung daſtand, eben in den Assenblicke, in welchem ſie ſelbſt durch ihr haſtiges 2 wufehen in gaͤnzliche Unordnung gerathen waren. Als die Schotten ihren Angriff begannen, rief der Graf von Angus, der einen her aus dem Sumpfe lauffliegen ſah,„daß ich — — — — 57 meinen Falken hier haͤtte, damit wir alle zugleich handge⸗ mein werden koͤnnten!“ Ueberraſcht und athemlos, und zu⸗ dem den Wind in ihrem Geſichte und die Sonne in ihren D Augen habend, wurden die Englaͤnder voͤllig geſchlagen, und gezwungen, die Flucht zu ergreifen. Als die ſchottiſchen Graͤnzbewohner ſaben, daß ihre Landsleute ſiegten, warfen ſie ihre rothen Kreuze, die Auszeichnung, die ſie als engli⸗ ſche Unterthanen angenommen hatten, weg, und fielen uͤber die Englaͤnder her. Dieſe Abtrünnigen richteten ein ſchreckli⸗ ches Bintbad an, und die Schotten im Allgemeinen, die wahrſcheinlich durch die letzten Verheerungen der Englaͤnder erbittert waren, zeigten ſich ſo grauſam gegen die Beſtegten, daß ſie den harten Schlag, der die Nation nachher traf, zu verdienen ſchienen. Die Tradition ſagt, daß ein ſchoͤnes jun⸗ ges Maͤdchen, mit Namen Lilliard, ihrem Liebhaber aus dem kleinen Dorfe Marton folgte, und als ſie ihn in der Schlacht fallen ſah, ſich in das Gedraͤnge der Schlacht ſtuͤrzte, nach⸗ dem ſie wehrere von den Englaͤndern getoͤdtet hatte. Nach dem Namen dieſes Maͤdchens nennen ſie das Schlachtfeld Lil⸗ liards Schaͤrfe bis auf dieſen Tag. Dieſe Schlacht wurde den 14. December 1544 geliefert. Tauſend Englaͤnder ſielen nebſt ihren zwei Anfuͤhrern, von denen Evers in der Abtei Melroſe, die er mehrmals geplüͤn⸗ dert und endlich verbrannt batte, begraben wurde. Eine große Anzahl wurde gefangen genommen. Unter dieſen befand ſich Thomas Read, ein Aldermann der Stadt London, den wir in einer ſolchen Lage zu rreffen erſtaunt ſind. Dieſer wuͤrdige Buͤrer hatte, ſcheint es, ſich geweigert, ſeinen An⸗ theil an einem Gratial, wie man es nannte, zu bezahlen, das heißt, an einer Geldſumme, welche der Koͤnig von den Burgern Londons verlangte. Es ſcheint, daß der Koͤnis zwar 58 nicht die Macht hatte, ihn in den Kerker zu werfen, ihn aber doch zwingen konnte, ins Feld zu ziehen und es iſt ein Brief an Lord Evers vorhanden, der dieſem beſtehlt, Read die ganze Haͤrte und alle Strapazen des Kriegsdien iſtes fuͤhlen zu laſſen, damit er erfuͤhre, was die Soldaten erdulden muſ⸗ ſen, und ein anderesmal bereitwilliger waͤre, den Koͤnig mit Geld zur Bezahlung derſelben zu unterſtützen. Es tase ſich vermuthen, daß der Aldermann dem Schotten, der das Gluͤck hatte, ihn gefangen zu nehmen, ein bedeutendes hbeſ be⸗ zahlen mußte. Heinrich VIII. war ungemein entrüſte t über dieſe Nieder⸗ lage bei Lilliard's Schaͤrfe oder Ancrammoor, wie das Schlachtfeld haͤufig genannt wird, und machte ſeinem Miß⸗ vergnuͤgen durch Drohungen gegen den Grafen von An⸗ gus Luft, ungeachtet ihrer Verwandtſchaft, durch des Gra⸗ fen Heirath mit der Schweſter des Koͤnigs. Angus behan⸗ delte die Drohungen des engliſchen Monarchen mit Verach⸗ tung.„Iſt unſer koͤniglicher Schwager,“ ſagte er,„darüä⸗ ber erzuͤrnt, daß ich ein guter Schotte bin, zund an Raplh Evers die Zerſtoͤrung der Graͤber meiner Vorfahren in Mel⸗ roſe geraͤcht habe? Sie waren beſſere Maͤnner als er und ich konnte ehrenhalber nicht gelinder verfahren, Und will er mir deßwegen das Leben nehmen? Wenig kennt Koͤnig Hein⸗ rich die Saͤume von Cairntable(ein Gebirg in der Naͤhe von Douglas Caßtle); ich kann mich da gegen ſein ganzes engli⸗ ſches Heer halten.“ Die Wahrheit iſt: daß das ſchottiſche Volk in keinem Zeitpunkte ſeiner Geſchichte Frankreich mehr zugethan, und England mehr abgeneigt war, als jetzt. Die vorgeſchlagene Hetrath zwiſchen der jungen Koͤnigin und dem engliſchen Prinzen wurde mit allgemeinem Abſcheu betrachtet, was —yy—— ——— . 59 hauptſaͤchlich eine Folge der rachſuͤchtigen und wuͤthenden Art war, auf welche Heinrich den Krieg führte. Von allen den ſchottiſchen Adeligen, die urſpruͤnglich zu der engliſchen Par⸗ tei gehoͤrt hatten, blieb Lennoy allein Heinrich treu, und als er genoͤthigt war, nach England zu entfliehen, bewog ihn der Koͤnig, Lady Margaretha Douglas, eine Tochter ſeiner Schweſter Margarethe von deren zweitem Gemahle, dem Grafen von Angus, und folglich des Koͤnigs Nichte zu hei⸗ rathen. Ihr Sohn war der ungluͤckliche Heinrich Lord Darn⸗ ley, von dem wir ſpaͤter viel zu ſagen haben werden. Der Koͤnig von Frankreich ſchickte den Schotten ein ſtar⸗ kes Huͤlfscorps nebſt bedeutenden Geldzuſchuͤſſen, die ſie in den Stand ſetzten, die engliſchen Verwuſtungen zu vergelten, ſo daß die Graͤnzen auf beiden Seiten furchtbar verwuͤſtet wurden. Ein Frieden im Junius 1546 endete endlich einen Krieg, in welchem beide Laͤnder gleich ſtark litten, ohne daß eines derſelben irgend einen entſcheidenden Vortheil erlangt haͤtte. 4 Die ſchottiſchen Angelegenheiten wurden jetzt faſt gaͤnzlich von Cardinal Beaton geleitet, der, wie wir fruͤher bemerkt haben, ein Staatsmann von großen Faͤhigkeiten, aber ein bigotter Katholik und ein Mann von grauſamer Gemüthsart war. Er hatte einen unbeſchraͤnkten Einfluß auf den Regen⸗ ten Arran erlangt, und dieſen wankelmuͤthigen Mann bewo⸗ gen, die proteſtantiſche Lehre aufzugeben, ſich mit der roͤmi⸗ ſchen Kirche auszuſoͤhnen, und die Ketzer, wie die Proteſtan⸗ ten noch genannt wurden, zu verfolgen. Viele Grauſamkei⸗ ten wurden veruͤbt, allein die, welche den oͤffeutlichen Unwil⸗ len aufs Hoͤchſte ſteigerten, war der grauſame Tod des Ge⸗ org Wishart. Dieſer Maͤrtyrer der Reformation war ein Mann von 4 60 edler Geburt, großer Klugheit und Beredtſamkeit, und aus⸗ gezeichneter Froͤmmigkeit. Er predigte die Lehren der refor⸗ mirten Religion mit Eifer und Erfolg, und wurde einige Zeit lang gegen die Bemühungen der rachſuͤchtigen Katholi⸗ ken durch die Barone beſchuͤtzt, die ſich zu dem proteſtanti⸗ ſchen Glauben bekehrt hatten. Endlich fiel er jedoch in die Haͤnde des Cardinals, dem Lord Bothwell ihn uͤberlieferte. Er wurde in das Schloß St. Andreas, einen Palaſt und ei⸗ ne ſtarke Feſtung, die dem Cardinal als Erzbiſchof gehoͤrte, gebracht, und daſelbſt in einen Kerker geworſen. Wishart wurde bierauf der Ketzerei wegen vor das geiſtliche Gericht, in welchem der Cardinal den Vorſitz führte, geſtellt. Er wurde des Verbrechens, ketzertſche Lehren zu predigen, von zwei Prieſtern, Lander und Oliphant, angeklagt, deren wü⸗ thende Heftigkeit ſtark gegen die Geiſtesgegenwart und Ge⸗ duld des Gefangenen abſtach. Er berief ſich auf die Autori⸗ taͤt der Bibel gegen die der roͤmiſchen Kirche, allein ſeine Richter waren nicht ſehr gencigt, auf ſeine Beweisgruͤnde zu hoͤren, und er wurde zum Flammentode verurtbeilt. Der Ort der Hinrichtung lag dem herrlichen Schloſſe des Ear⸗ dinals gegenuͤber, und Beaton ſelbſt ſaß auf den Mauern, die mit Dapeten behaͤngt waren, um Zeuge der Hinrichtung ſeines ketzeriſchen Gefangenen zu ſeyn. Wisbart wurde nun auf den Richtplatz gefuͤhrt, und mit eiſernen Ketten an einen Pfoſten gebunden. Er trug ein ſteif leinwandenes Gewand, und mehrere Saͤcke mit Schießpulver waren um ſeinen Leib gebunden, um die Operation des Feuers zu beſchleunigen. Der Pfoſten war mit einer Menge Reisbuſcheln umgeben, Waͤbrend er in der Erwartung ſeines grauſamen Todes da⸗ ſtand, warf er ſeine Augen auf ſeinen Feind, den Cardinal, waͤhrend dieſer auf den Mauern des Schloſſes ſaß, ſich des ——— 61 furchtbaren Schauſpiels erfreuend.„Kapitain,“ ſagte er zu dem, welcher die Wache befehligte,„mag Gott jenem Man⸗ ne verzeihen, der ſo ſtolz auf der Mauer liegt— in wenigen Tagen wird man hn in ebenſo großer Schande, als er jetzt Pomp und Eitelkeit zelgt, daltegen ſehen.“ Der Scheiterhaufe wurde hierauf in Brand geſteckt, das Schießpulver knallte los, das Feuer flammte empor, und Wishart ging durch einen peinlichen Tod zu einer Ahanlichen Unſterblichkeit in der naͤchſten Welt uͤber. Vielleicht ſpornten Wishart's letzte Worte, die einen prophetiſchen Gelſt zu enthalten ſchienen, einige Menſchen an, ſeinen Tod zu raͤchen. In jedem Falle vergroͤßerte Wis⸗ hart's Verbrennung den oͤffentlichen Abſcheu gegen den Car⸗ dinal in einem hohen Grade, und ein tollkuͤhner Mann trat auf, um den allgemeinen Wunſch durch die Toͤdtung des Cardinals zu befriedigen. Dieß war Normann Leslie, der⸗ ſelbe, welcher die Maͤnner von Fife in der Schlacht bei An⸗ cram⸗Moor anfuͤhrte. Es ſcheint, daß er neben ſeinem An⸗ theile an dem gemeinſchaftlichen Haß gegen den Cardinal, als einen Verfolger, irgend einen beſondern Streit oder Grund zur Verbitterung gegen ihn hatte. Mit nicht mehr als ſechszehn Mann unternahm es Leslte, den Cardinal in ſeinem eigenen Schloſſe unter ſeinen zahlreichen Leibwachen und Bedienten anzugreifen. Da noch viele Handwerker an den Feſtungswerken des Schloſſes beſchaͤftigt waren, ſo war das Pfoͤrtchen des Schloßthores fruͤh Morgens zufaͤllig offen, damit ſie zu ihrer Arbeit gehen konnten. Die Verſchwoͤrer benützten dieſen Umſtand, und drangen in den Schloßraum ein. Hierauf ergriffen ſie die Diener des Cardinals, und ſchafften ſie einen nach dem andern aus dem Schloſſe. Dann eilten ſie nach dem Zimmer des Cardinals, der die Thuͤre verſchloſſen hatte. Er weigerte ſich, ſie einzulaſſen, bis ſie Feuer anzuwenden drobten, als er end! ich, da er erfuhr, daß Normann Leslie draußen war, die Thüre oͤffnete, und um Gnade bat. Melleville einer der Verſchwoͤrer ſagte ihm, es werde ihm blos die Gnade widerfahren, die er Ge eorg Wis⸗ hart und den andern Dienern Gottes, die auf ſeinen Befehl erſchlagen worden ſeyen, habe zu Theil werden laffen. Er ſetzte ihm hierauf den Degen auf die Bruſt, und hieß ihn ſein Gebet zu Gott verrichten, denn ſeine letzte Stunde ſey gekommen. Die Verſchwoͤrer erdolchten nun ihr Schlachtop⸗ fer, und zogen den Leichnam nachher nach den Man tern, um ihn den Buͤrgern von St. Andreas, ſeinen Klienten und Va⸗ ſalen, zu zeigen, die wuͤthend herbeieilten, um zu fragen, was aus ihrem Biſchofe geworden ſey. So kam ſein Leich⸗ nam wirklich, mit offener Scham, auf die Zinnen ſeines ei⸗ genen Schloſſes zu liegen, wo er im Triumphe geſeſſen war, um Wishart's Hinrichtung zu ſehen. Viele Perſonen, welche dieſe huͤchſt ungerechte Handlung mißbilligten, waren gleichwohl froh, daß dieſer ſtolze Cardi⸗ nal, der das Land gewiſſermaſſen an Frankreich verkauft hat⸗ te, endlich aus dem Wege geſchafft war. Einige Individuen, die ſicherlich keinen Antheil an der Ermordung genommen haben wuͤrden, vereinigten ſich mit den Moͤrdern des Cardi⸗ nals zur Vertheidigung des Schloßes. Der Regent beeilte ſich, den Platz zu belagern; der, von England mit Geld, — Ingenieurs und Mundvorraͤthen verſehen, dem ſchottiſchen Heere fünf Monate widerſtehen konnte. Frankreich ſandte je⸗ doch Schottland eine Flotte und ein Heer, nebſt Ingenieurs, die mit der Kunſt, Feſtungen anzugreifen, beſſer bekannt waren, als die der ſchottiſchen Nation. Das Schloß ergab ſich. Die Hauptvertheidiger deſſelben wurden nach Frankreich —— —— 63 geſchickt, und da einige Zeit als Galeeren⸗Sclaven gebraucht. Das gemeine Volk machte ein Lied auf das Ereigniß, das 2 folgenden Schlußreim hatte: —„Priests content you now, And, priests contont you now, Since Norman and his company Have flled the galleys fou.“ Bald nach dieſem tragiſchen Vorfalle ſtarb Koͤnig Hein⸗ rich VIII. Allein ſein ungeduldiger und zorniger Geiſt fuhr fort, in den Rathsverſammlungen der Nation unter dem Lord Protector Somerſet zu herrſchen, der dieſelben gewalt⸗ ſamen Maßregeln, wie Heinrich, zu ergreifen beſchloß, um die Schotten zu zwingen, ihre junge Koͤnigin mit Eduard VI. zu verheiraeben. Ein auserleſenes und gut geuͤbtes Heer von 18,000 Mann, mit allem Nothwendigen wohl verſehen, und von einer bewaffneten Flotte unterſtützt ſiel in Schottland auf — 4 2 3 der oͤſtlichen Graͤnze ein. Die Schotten verſammelten ein Heer, das faſt doppelt ſo ſtark, als das der Angreifer, al⸗ lein, wie gewoͤhnlich, nicht gewoͤhnt war, gemeinſchaftlich zu agiren, oder die Befehle eines einzigen Generals zu befolgen. Nichts deſto weniger zeigten ſie im Anfange des Feldzugs ei⸗ nige militairiſche Geſchicklichkeit. Sie poſtirten ihr Heer hin⸗ ter dem Fluſſe Esk, in der Naͤhe von Muſſelburgh, einem Dorfe ungefaͤhr ſechs Meilen von Edinburgh, und ſchienen entſchloſſen, den Angriff der Englaͤnder daſelbſt abzuwarten. Der Herzog von Somerſet, Regent von England und General des angreifenden Heers, befand ſich jetzt in einer ſchwierigen Lage. Die Schotten waren zu ſtark poſtirt, als daß ſie mit Erfolg haͤtten angegriffen werden koͤnnen, und wahrſcheinlich haͤtten die Englaͤnder mit Schande abziehen muͤſſen, häͤtten nicht ihre Feinde, in einem jener Anfaͤlle von 64 Ungeduld, welche ſo oiel Unheil uͤber die Nation brachten, ihre Stellung verlaſſen. Auf die Zahl ſeines Heers vertrauend, ſetzte der ſchotti⸗ ſche Regent, Graf von Arran, uͤber die Esk, und uͤberließ auf dieſe Art den Englaͤndern den Vortheil des Terrains⸗ indem dieſe auf der Spitze einer Anhoͤhe aufgeſtellt waren. Die Schotten bildeten ihre gewohnliche Schlachtordnung. Sie waren mit breiten Schwertern von einer bewundernswuͤr⸗ digen Form und Haͤrte bewaffnet, und ein grobes Schnupf⸗ tuch war in doppelten und dreifachen Falten um ihren Nak⸗ ken gebunden,—„nicht der Kaͤlte,“ ſagt ein alter Geſchicht⸗ ſchreiber,„ſondern der Hiebe wegen.“ Beſonders fuͤhrte je⸗ der Mann einen achtzehn Fuß langen Speer. Wenn ſie in Schlachtordnung geſtellt waren, ſtanden ſie dicht nebeneinan⸗ der. Die erſte Reihe kniete auf einem Knie, und richtete ihre Speere nach dem Feinde. Die folgenden Reihen buͤckten ſich ein wenig, und die andern ſtanden aufeecht, ihre Lanzen uͤber die Koͤpfe ihrer Kameraden haltend. Auf dieſe Art wa⸗ ren die ſchottiſchen Reiden durch die enge Ordnung, in der ſie ſtanden, und die Laͤnge ihrer Lanzen ſo gut vertheidigt, daß ſie anzugreifen eine ſo voreilige Handlung ſchien, als die bloße Hand den Stacheln eines Igels auszuſetzen. Die engliſche Reiterei unter Lord Gray begann die Schlacht, indem ſie auf die enge Schlachtordnung der Schot⸗ ten losſtürzte. Dieſe diieben feſt ſtehen, bedrohten die Reiter mit ibren Picken, und riefen,„Kommt herbei, ihr Ketzer!“ Der Angriff war furchtbar; da aber die Speere der ſchotti⸗ ſchen Reiter weit kuͤrzer waren, als die des engliſchen Fuß⸗ volks, ſo zogen ſie den Kuͤrzern, und wurden mit einem groſ⸗ ſen Verluſte zuruͤckgeſchlagen. Der Herzog von Soherſee 1 ah Bere gerieth in Verwirr Eok zwi iſch e⸗ aber einen 85 fahl dem Lord Gray, den Angriff zu erneuern, aber Gray antwortete, er koͤnnte ihm eben ſo gut befehlen, eine Schloß⸗ mauer anzugreifen. Auf den Rath des Grafen von Warwick mußte eine Abtheiln ng Bogenſchutzen und Musketiere, ſtatt der Reiterei, vorruͤcken. Ihre dichte Schlachtordnung ſetzte die Schotten einem unertraͤglichen Verluſte durch dieſe Ge⸗ ſchoße aus, ſo daß der Graf von Angus, der das Vordertref⸗ fen befehligte, eine ſchiefe Bewegu ng machte, um aus ihrem e zu kommen; alle in das H auptcorps der Schotten hielt dieſe Bewegung ung rweiſe für eine Flucht, und 29 rdertreſfen ſoh hi ierauf auch, die Rdhgtilchen Reiter zum Angriffe zuruͤckkehrten, — and 7 chr. orwaͤrts draͤngten, erfochten ſie den Sieg Die Schotten verſuchten keine 1 8 Blutbad war ſehr groß, wei ingen und einem Sicherheitsor Der Vertuſt war deen wdene Weun mnahr d3 fint Mi en waren die Feld Schildern und daten weggew rie n hitten, um dess ſehn eller dfir rteiten d nen. Der Tag war ſo ſchimpflich als unheilvoll: ſo daß die Schlacht von Pinkie, wie ſie die große letzte Niederlag welche die Schotten durch die Englaͤnder erlitten, auch eine er undeilvollſten war. Sie wurde am zehnten September 1547 geliefert. Es Leh z in dieſen unglücklichen Nationalkriegen eine aoniß zu ſeyn, daß die Englaͤnder oft im Stande ſes un ſiten, ar öße Siege uͤber die Schotten zu erringen, nie eibenden Vortheil aus ihren gluͤcklichen Erfolgen zu ziehen. Weit entfernt, den Weg zu einer Ehe zwiſchen der W. Scott's Werke. XCVIII. 5 5 — —₰—— 66 1 Königin Maria und Eduard VI. zu bahnen, was der Zweck der Expedttion Somerſet's war, erbitterte die Schlacht von Pinkie die Schotten in einem ſolchen Grade, daß ſie den Entſchluß faßten, die Moͤglichkeit einer ſolchen Vereinigung dadurch zu vernichten, daß ſie ihre junge Gebieterin mit dem Dauphin, das heißt, dem aͤlteſten Sohne des Koͤnigs von Frankreich, vermaͤhlten, und ſie an den franzöſiſchen Hof fchickten, um da erzogen zu werden. Der große Zweck der engliſchen Resierung wurde auf dieſe Art vereitelt: allein die Schotten hatten wenig Urſache zum Triumphe. Die Verei⸗ nigung mit Frankreich, zu der ſie ſich ſo vorſchnell enlſchloſ⸗ fen, verhaͤngte eine neue und lange Reihe verderblicher Fole⸗ gen uͤber das Land. Schotttand erfreute ſich jedoch des augenblicklichen Vor⸗ theils einer bedeutenden Huͤlfsmacht ranzoͤſiſcher Krieger un⸗ ter einem Offiziere mit Namen D'Eſſe, die ihnen verſchiedene Forts und Burgen, die nach der Schlacht von Pinkie in die Haͤnde der Englaͤnder gefallen waren, und in denen ſie Be⸗ ſatzungen zuruͤckgelaſſen hatten, wieder erobern half. Die Gegenwart dieſer bewaffneten Fremden erleichterte die Voll⸗ ziehung des Vertrags mit Frankreich ungemein. Der Regent wurde mit dem Herzogthume Chatelherault beſchenkt, das zm der franzoͤſiſche Koͤnig, nebſt einer bedeutenden Penſion verlieh, um ihn zur Einwilligung in die Heirath zu bewegen. Die junge Koͤnigin wurde an Bord der franzoͤſiſchen Galee⸗ xen, im Inlius 1548, eingeſchifft, begleitet von vier jungen Standesdamen von ihrem eigenen Alter, die zu ihren Spiel⸗ genoſſen in ihrer Kindheit, und zu ihren Gefäͤhrtinnen in ih⸗ rem reiferen Alter beſtimmt waren. Sie alle fuͤhrten denſel⸗ ben Namen wie ihre Gebieterin, und hießen die Marien der Koͤnigin.— 3 — 67 Als die junge Koͤnigia auf dieſe Art nach Frankreich ge⸗ bracht war, hatte ihre Mutter, Maria von Guiſe, die Witt⸗ we Jacob's V. die Geſchicklichkeit, ſich an die Spitze der Ge⸗ ſchaͤfte von Schottland zu ſtellen. Der Herzog von Chatel⸗ herault, wie wir jetzt den Grafen von Arran nennen muͤſſen, ſtets wankelmuthig in ſeiner Geſinnung, ließ ſich bewegen, das Regentenamt nieberzulegen, das die Koͤnigin Wittwe in Beſitz nahm, die in der Verwaltung des Koͤnigreichs einen hohen Grad von Klugheit und Vorſicht an den Tag legte⸗ Die meiſten Menſchen wunderten ſich uͤber die Bereitwillig⸗ keit, mit welcher der Herzog von Chatelherault, der felbſt ſo⸗ nahe mit dem Chrone verwandt war, der Maria von Gu ſe Platz gemacht hatte, allein Niemand war ſo entruͤſtet dar⸗ uͤber, als der natuͤrliche Bruder des Herzogs, der Beaton als Erzbiſchof von St. Andreas nachgefolgt war. Er tobte, mit oͤffentlicher Ungebuͤhr, gegen den gemeinen Geiſt ſeines Bruders, der auf dieſe Art die Gewalt eines Regenten aus⸗ den Haͤnden gegeben habe, als bloß ein„wimmerndes Maͤd⸗ chen“ zwiſchen ihm und der Krone geweſen ſey. Die Koͤnigin Regentin ſuchte, auf dieſe Art zur Gewalt gelangt, ſich durch die Verminderung der Macht des ſchotti⸗ ſchen Adels und die Vergroͤßerung der Gewalt der Krone⸗ zu ſichern. Zu dieſem Ende machte ſie den Vorſchlag, es folle in dem Lande im Allgemeinen eine Steuer erhoben wer⸗ den, um Miethſoldaten zu bezahlen, ſtatt die Vertheidigung des Landes dem Adel und ſeinen Vaſallen anzuvertrauen⸗ Dieſer Vorſchlag wurde von dem ſchottiſchen Parlamente un⸗ gemein uͤbel aufgenommen.„Wir werden fuͤr unſere Fami⸗ lien und üunſer Land,“ ſagten ſie,„beſſer fechten, als X Mieth⸗ kinge thun koͤnnen— unſere Vaͤter thaten dieß, und ſeit wul⸗ 5- 68 zen chrem Beiſplele folgen.“ Als dem Grafen von Angus Vorwürfe gemacht wurden, daß er mit 1000 Roſſen, gegen eine Proklamation der Koͤnigin Regentin, daß keiner mit mehr als ſeiner gewöhnlichen Dienerſchaft reiſen ſollte, ins. 3 arlament gekommen ſey, antwortete er ſcherzend,„die Schel⸗ me wollen ihn nicht verlaſſen; und er wuͤrde der Koͤnigin ver⸗ pflichtet ſeyn, wenn ſie ihn auf irgend eine Art von ihnen efreien koͤnnte, denn ſie verzehren ſein Rindfleiſch und Bier.“ Eben ſo wenig Gluͤck hatte ſie, als ſie den Grafen zu uͤberreden ſuchte, ihr ſein ſtarkes Schloß Tantallon zu tbergeben, unter dem Vorwande, eine Beſatzung in daſſelbe zu Baen, um es gegen die Englaͤnder zu vertheidigen. An⸗ twortete er indirekt, als ob er mit einem Falken ce, den er gerade auf ſeiner Fauſt hatte, und fütterte, der Ter afel,“ ſagte er,„iſt in dem hungrigen Falken! Wird er nie voll werden?“ Die Koͤnigin fuhr, dieſen Wink nicht beachtend, ſort, in r Geſuch in Betreff der Beſatzung zu verfolgen.„Das S Schloß, Mabame,“ erwiederte er, „ſtett ihnen zu Gebot; allein bei der heiligen Braut von Deuglas Hich muß der Kapitain werden, und ich will es fuͤr vertheidigen, als irgend einer ben ſie in daſfelbe Die andern Adeligen hegten gleiche Geſin⸗ us, und wollten keineswegs in den Vorſchla ruppen auszuheben, die, wie ſie fürchteten, z ken der Koͤnigin Regentin zur Verminde⸗ rung der Freiheiten bes Kͤnigreichs augewendet werden konnten. 3 Das Uehergeriche der proteſtantiſchen Lehren in Schott⸗ land betaͤrkte den ſchott ſſchen Adel in ſeinem Entſchluſſe, ſich dem Wunſche der Koͤnigin Negentin, ihre Macht zu vergroͤ⸗ ßern, zu widerſetzen. Viele große Edelleute, und ein noch 69 groͤßerer Theil der kleinern Barone hatten die reformirten Meinungen angenommen, und die Predigten des John Knox, eines Mannes von großem Muthe, Eifer und Talenten, er⸗ warben dem proteſtantiſchen Glauben taͤglich neue Anhaͤnger. Die Koͤnigin Regentin hatte, obſchon ſie ſelbſt eine eif⸗ rige Katholikin war, die proteſtantiſche Partei eine Zeit lang geduldet und ſogar aufgemuntere, weil ſie ihr Intereſſe gegen das der Hamiltonen unterſtuͤtzte; allein in Frankreich war von ihren Brüdern aus dem Hauſe Guiſe eine Politik ange⸗ nommen worden, die ſie bewog, ihr Betragen in dieſer Hin⸗ ſicht zu veraͤndern. Du wirſt dich erinnern, daß Eduard V. ſeinem Vater Heinrich in der Regierung nachfolgte. Er nahm die prote⸗ ſtantiſche Lehre an, und vollendete die Reformation, die ſein Vater begonnen hatte. Aber er ſtarb fruͤhzeitig, und ſeine Schweſter, Maria oon England, die Tochter Heinrichs Vill., von ſeinem erſten Weibe, Katharina von Arragonien, von der er ſich, unter dem Vorwande von Gewi ſſenrzweifeln, ſchied, folgte ihm nach. Dieſe Maria ſuchte die katheliſche Religion wieder einzufuͤhren, und ließ die Geſetze gegen die Ketzerei mit der groͤßten Strenge vollziehen. Viele Perſonen wurden unter ihrer Regierung verbrannt, und davon iſt ſie die blutige Köͤnigin Maria genannt worden. Sie ſtarb je⸗ doch nach einer kurzen und ungluͤrklichen Regierung, und ih⸗ re Schweſter Eliſaberh beſtieg den Thron mit der allgemei⸗ nen Einwilligung des ganzen engliſchen Volks. Die Katho⸗ liken fremder Laͤnder, und beſonders die franzoͤſiſchen, beſtrit⸗ ten Eliſabeth's Anſpruͤche auf die Krone. Eliſabeth war Heinrichs Tochter von ſeinem zweiten Weibe, Anna Ballen Da nun der Papſt nie ſeine Zuſtimmung weder zu der Ehr⸗ ſcheidung der Koͤnigin Katharine, noch zu der veirath Auna 70 Bullens, gegeben hatte, ſo behaupteten die Katholiken, Eli⸗ ſabeth müſſe als ungeſetzmaͤßig betrachtet werden, und koͤnne deßwegen kein geſetzliches Recht auf den Thron haben, der, ta Heinrich VII. kein anderes Kind habe, der Koͤnigin Ma⸗ ria von Schottland, als der Enkelin Margarethens, Hein⸗ richs Schweſter, der Gemahlin Jacob's IV. von Schottland, und, ihrer Anſicht zu Folge, der naͤchſten geſetzmaͤßigen Er⸗ bin, zufallen muͤſſe. Der franzoͤſiſche Hof, der nicht bedachte, daß die Eng⸗ laͤnder ſelbſt fuͤr die beſten Richter in Betreff der Anſprüche ihrer eigenen Koͤniginnen gehalten werden muͤſſen, beſchloß in einer boͤſen Stunde, dieſen Anſpruch der ſchottiſchen Lönidin auf die engliſche Krone geltend zu machen. Es wurde Geld gepräͤgt, und Silbergeſchirr verfertigt, auf welchem Moria mit ihrem Gemahle Franz, dem Dauphin, den Namen, Ti⸗ tel, und das Wappen Englands, wie Schottlands, annahm; und ſo wurde der erſte Grund zu jenem toͤdtlichen Haſſe zwi⸗ ſchen Eliſabeth und Maria, der, wie du naͤchſtens hoͤren wirſt, zu ſo ungluͤcklichen Folgen fuͤhrte, gelegt. Albs die Koͤnigin Eliſabeth fand, daß Frankreich geneigt war, ihr Recht auf die Krone Englands zu beſtreiten, ſchick⸗ te ſie ſich an, daſſelbe mit dem ganzen Muthe und der Klug⸗ heit ihres Charakters zu vertheidigen. Ihre erſte Sorge war, die reformirte Religion wieder auf den Fuß zu ſtellen, auf den Eduard VI. ſie geſetzt hatte, und die roͤmiſch⸗kalholiſche Einrichtungen, welche ihre Vorgaͤngerin Maria wieder einzu⸗ kühren gefucht hatte, zu vernichten. Wie die Katholiken Frankreichs und Schottlands ihre natuͤrlichen Feinde waren, und die Anſprüche der Koͤnigin Maria uͤber die ihrigen zu erheben ſuchten, ſo war ſie uͤberzeugt, in den Proteſtanten Schottlands Freunde zu finden, die nicht ermangeln kennten, —— 71 Achtung und ſelbſt Liebe für eine Fürſtin zu haben, die mit Recht als die Beſchützerin der proteſtantiſchen Sache in gandz Europa betrachtet wurde. Als daher dieſe Veraͤnderungen in England erfolgten⸗ ſieng die Koͤnigin Regentin, auf Antrieb ihrer Bruͤder aus dem Hauſe Guiſe, noch einmal an, die Proteſtanten in Schott⸗ land zu verfolgen, waͤhrend die Haͤupter der letztern ſich um Schutz, Rath und Beiſtand nach Eliſabeth umſahen, die al⸗ les dieß einer Geſellſchaft zu gewaͤhren bereit war, deren Sa⸗ che auf demſelben Grunde, wie ihre eigene, beruhte. Waͤh⸗ rend daher Frankreich Miene machte, das Koͤnigreich Eng⸗ land in Marig's Namen in Anſpruch zu nehmen, und bei den engliſchen Katholiken Hülfe ſuchte, vergröͤßerte Eliſabeth noch weit wirkſamer die innern Unruhen Schottlands, durch den Schutz, den ſie der Sache der Proteſtanten dieſes Landes angedeihen ließ. 8 Dieſe ſchottiſchen Proteſtanten beſtanden nicht mehr bloß aus gelehrten und nachdenkenden Maͤnnern, die ſich durch ih⸗ re ſpekulativen Nachforſchungen bewogen fanden,⸗ beſondere Meinungen in religioͤſen Sachen anzunehmen, und die nach Belieben vor die geiſtlichen Gerichtshoͤfe geſchleppt, mit Geld⸗ bußen belegt, eingekerkert, gepluͤndert, verbannt, oder ver⸗ brannt werden konnten. Die reformirte Sache war jetzt von vielen des hohen Adels angenommen worden, und da ſie ſo⸗ wohl die Sache der Vernunftreligion als der geſetzmaͤßigen Freiheit war, ſo wurde ſie allgemein von denen angenommen⸗ die ſich durch Weisheit und Gemeingeiſt am meiſten aus⸗ zeichneten. 4 3 e Unter denen, welche zum proteſtantiſchen Glauben uͤber⸗ gegangen waren, befand ſich ein natuͤrlicher Sohn des ver⸗ ſtorbenen Jakob V., der, da er für die Kirche beſtimmt war, 3 72 um dieſe Zeit Lord Jakob Stewart, oder Prior von St. An⸗ dreas hieß, nachher aber unter dem Namen Graf von Mur⸗ ray beſſer bekannt war. Er war ein junger Edelmann von großen Talenten, tapfer und geſchickt im Kriege, und im Frieden ein Freund der Gerechtigkeit und der Freiheiten ſeines Landes. Seine Weisheit, ſein gutes ſittliches Betragen, und der Eifer, den er fuͤx die reformirte Religion an den Tag legte, machten ihn zum thaͤtigſten Anfuͤhrer unter den Lord's der Congregation, wie die Anfuͤhrer der proteſtantiſchen Par⸗ tei jetzt genannt wurden. Die Koͤnigin Regentin ſieng, mehr den Wuͤnſchen ihrer Bruͤder, als ihrer eigenen Neigung, die ſanft und gemaͤßigt war, gehorchend, den Streit damit an, daß ſee die proteſtan⸗ tiſchen Prediger vor einen Gerichtshof in Stirling den zehn⸗ ten May 1559 rief; allein ein ſoicher Zufammenfluß von Freunden und Goͤnnern begleitete ſie, daß die Koͤnigin Re⸗ gentin froh war, das Verhoͤr unter der Bedingung einzußtel⸗ len, daß ſie nicht in die Stadt kamen. Allein ſie brach die⸗ ſes Verſprechen, und erklaͤrte ſie, wegen ihrer Nichta ſchei⸗ nuns, fuͤr geaͤchtet, obſchon ſie auf ihren eigenen Befehl aus⸗ geblieben waren. Beide Parteien rüͤft ſich hierauf zu Feindſeligkeiten; und es ereignet all, der ihre Erbitterung erhößte, und zuglei nge der Norma⸗ Die Proteſtanten hatten ihr Hat ier in Perth auf⸗ geſchlagen, wo ſie bereits die oͤffentliche Ausubung ihrer Re⸗ kigion begonnen hatten. John Knor, von deſſen Beredtſam⸗ keit wir bereits Erwaͤhnung gethan haben, hatte eine heftige Rede gegen die Suͤnde der Abg iterei-gehalten, in der er die Vorwuͤrfe nicht ſparte: welche die Kuͤnigin Regentin we⸗ gen ihres Treubruchs verdiente. G — ,— — ſtoͤrte faſt — 73 Als er ſeine Rede beendigt hatte, und waͤhrend die Ge⸗ müther der Zuhoͤrer noch durch die Wirkungen derſelben auf⸗ geregt waren, zog ein Moͤnch einen kleinen glaͤſernen Behaͤl⸗ ter, oder ein Sakramenthaͤuschen, hervor, das heilige Bilder enthielt, die er anzubeten die Umſtehenden aufforderte. Ein Knabe, der dabei ſtund, rief,„dieß ſey grobe und gottlofe Abgoͤtterel.“ Der Prieſter, ſo unvorſichtig in ſeiner Leiden⸗ ſchaft, als unzeitig 3 ſeiner Andacht, verſetzte dem Knaben einen Streich; und der Knabe warf aus Rache einen Stein, der eines der Bilder eun Alsbald fing das ganze Volk an, Steine nicht bloß auf die Bilder, fondern auch nach den ſchoͤn bemalten ganſtem 8 werfen, und rießen endlich die Altäre nieder, verunſtaltete die Zierden der Kirche und jer⸗ as ganze Gebaͤnde. Dieſes Beiſpiel wurde an an⸗ dern Orten befolgt; und wir haben zu berauern, daß vie dle ſchöne Gebaͤude als Opfer der Wuth der niedern Staͤndt fie⸗ len, und entweder gaͤnzlich vernichtet, oder in geſtaltloſe Truͤmmerhaufen verwandelt wurden. Die Reformatoren der beſſern Claſſen unterſtuͤtzten dieſe Ausſe Gelfungon iicht, obſchon das gem neine Volk, auſſer ſei⸗ ner natürlichen Neigung zu tumultuariſchen Handlungen, ei⸗ nige Urſache zu ſeinem 7 8 valtthaͤtigen Verfahren hatte. Ein großer Punkt, in welchem die Katholiken und Proteſtanten von einander abwichen, beſtand darin, daß die erſtern die Kirchen als an und fuͤr ſich beilige blaͤtze betrachteten, deren Ausſchmuͤckung mit jeder Art architektoniſe cher Schoͤnheiten, eine hoͤchſt verdienſtliche Pflicht war. Die ſchottif chen Prote⸗ ſtanten dagegen betrachteten ſie als bloße Gehaͤude von Stein und Lehm, die keinen beſondern Anſpruch auf Achtung hat⸗ ten, wenn der Goltesdienſt vpruͤber war. Die Verunſtaltung und Vernichtung der glaͤnzenden katholiſchen Klrches ſchien 3. den früßen Reformatören die leichteſte Art, ihren Eifer ge⸗ gen den Aberglauben des Papſtthums an den Tag zu legen. Es lag ein Grad von Schlauheit in der Niederreiſſung der Abteien und Klöſter, mit den Zellen und Wohnungen zur Beguemlichkeit der Moͤnche.„Reißt die Neſter nieder,“ ſag⸗ te John Knox,„und die Kraͤhen werden davon fliegen.“ Al⸗ lein dieſe Maxime bezog ſich nicht auf die Gebaͤude, die zur oͤffentlichen Gottesverehrung gebraucht wurden. In Bezie⸗ hung auf dieſe wenigſtens, wuͤrde es beſſer geweſen ſeyn, wenn man das Beiſpiel der Burger von Glasgow befolgt haͤtte, die mit den Waffen in der Hand auszogen, als die Menge im Begriff war, die Hochkirche dieſer Stadt zu zer⸗ ſtoͤren, und waͤhrend ſie mit den Eifrigeren uͤber die Entfer⸗ nung aller Sinnbilder papiſtiſcher Verehrung einig waren, darauf beharrten, daß das Gebaͤude ſelbſt unverletzt bleiben, und zum Gebrauche einer proteſtantiſchen Kirche angewendet werden ſolle. 3 Obgleich jedoch im Ganzen viele herrliche Gebaͤude in Schottland, in der erſten Wuth der Reformation, zerſtoͤrt wurden, ſo iſt es doch beſſer, daß das Land dieſer Zierden entbehrt, als daß ſie mit Beibehaltung der verdorbenen und aberglaͤubiſchen Lehren, die man in ihnen gelehrt hatte, un⸗ verſehrt erhalten worden waͤren. Die Zerſtoͤrung der Kirchen und heiligen Gebaͤude ver⸗ groͤßerte das Mißvergnuͤgen der Koͤnigin Regentin gegen die Loroͤs der Congregation, und endlich rückten belde Theile ins Feld. Die proteſtantiſchen Adeligen ſtanden an der Spi⸗ tze ihrer zahlreichen Anhaͤnger; die Koͤnigin verließ ſich haupt⸗ ſaͤchlich auf ein kleines, aber auserleſenes Corps franzoͤſiſcher Truppen. Der Krieg wurde ſehr lau gefuͤhrt, denn die Sei⸗ te der Proteſtanten wurde taͤglich ſiaͤrker. Der Herzog von 75 Chatelherault, der erſte Edelmann in Schottland, erklaͤrte ſich zum zweitenmale fuͤr die Sache der Congregation, und Maitland von Lethington, einer der weiſeſten Staatsmaͤnner in dem Koͤnigreiche, faßte einen gleichen Entſchluß. Ob aber gleich die Lords es leicht fanden, ſtarke Truppenkorps zuſammenzubringen, ſo hatten ſie doch nicht die noͤthigen Mittel, um ſie eine lange Zeit unterhalten zu koͤnnen, waͤh⸗ rend die franzöſiſchen Veteraner ſtets bereit waren, ſich die Truppenverminderung, zu der die reformirten Anfuͤhrer, ſich p genoͤthigt ſahen, zu Nutze zu machen. Ihre Lage wurde ſchwieriger, als die Koͤnigin Regentin ihren Entſchluß zu er⸗ kennen gab, die Stad: Leith und die benachbarte Inſel Inch⸗ Keith ſtark zu befeſtigen, und ihre franzoͤſiſchen Soldaten als Beſatzung dahin verlegte; ſo daß ſie, vermoͤge des Beſitzes dieſes Scehavens, zu jeder Seit, wenn ſie es fuͤr noͤthig hielt, neue fremde Truppen in das Land bringen konnte. Unerfahren in der Belagerungskunſt, und ganz ohne Geld, natzmen die Lords der Congregation ihre Zuflucht zu der Huͤlfe Englands, und zum erſtenmale naͤherte ſich eine engliſche Flotte und ein engliſches Heer dem ſchottiſchen Ge⸗ biete zu Waſſer und zu Land, nicht um es anzugreifen, wie dieß fruͤher gewoͤhnlich der Fall geweſen war, ſondern um der Nation in ihrem Widerſtande gegen die franzoͤſiſchen Waffen und die roͤmiſche Religton beizuſtehen. Das engliſche Heer vereinigte ſich bald mit den ſchotti⸗ ſchen Lords der Congregation, ruͤckte vor Leith, und belager⸗ te die Sltadt, die hoͤchſt tapfer von den franzoͤſiſchen Solda⸗ ten vertheidigt wurde, die bei ihrer Vertheidigung einen Grad von Scharfſinn entwickelt zu haben ſcheinen, der eine Zeitlang jeder Bemuͤhung der Belagerer widerſtand. Sie wurden jedoch von der engliſchen Flotte blokirt, und da ſie 3 76 nun keine Mundvorraͤthe mehr von der See her erhalten konn⸗ ten, und die Feſtung zu Land von einem zahlreichen Heere umzingelt war, ſo wurden ihre Vorraͤthe ſo klein, daß ſie Pferdeſteiſch eſſen mußten. Inzwiſchen hatte ſich ihre Gebieterin, die Koͤnigin Re⸗ gentin, nach der Burg von Edinburgh zuruͤckgezogen, wo Gram, Ermattung und getaͤuſchte Erwartungen ihr eine Krankheit zuzogen, an der ſie den zehnten Junius 1560 ſtarb. Die franzöſiſchen Truppen in Leith waren jetzt aufs Aeuſſer⸗ ſte gebracht, und Franz und Maria beſchloſſen, vermoͤge hoͤchſt wichtiger Bewilligungen, die ſie der reformirten Par⸗ tei zugeſtanden, Frieden in Schottland zu machen. Sie ka⸗ nen uͤberein, daß, ſtatt der Ernennung eines neuen Gouver⸗ neurs, die Regierung einem von dem Parlamente gewaͤhlten Regierungs⸗Conſeil übertragen werden folle; ſie erließen eine Indemnitaͤts⸗Acte, wie man ſte nennt, das heißt, eine Acte, welche alle waͤhrend dieſer Kriege begangenen Verbrechen ver⸗ zieh, und uͤberließ die religioͤſe Streitfrage der Entſcheidung des Parlaments, wodurch der reformirten Partei in der That volle Gewalt eingeraͤumt wurde. Alle fremden Truppen auf beiden Seiten mußten in Folge deſſen entfernt werden. England und beſonders die Koͤnigin Eliſabeth erreichten einen wichtigen Punkt durch dieſen Vertrag; denn er erkann⸗ te ausdruͤcklich das Recht dieſer Fuͤrſtin auf den Thron an; und Franz und Maria verpflichteten ſich, ſich aller Anſpruͤche auf das Koͤnigreich England, nebſt dem Wappen und den Sinabildern der engliſchen Souverainitaͤt, die ſie angenom⸗ men hatten, zu begeben. Als das Parlament von Schottland zuſammengetreten war, zeigte es ſich ba'd, daß die Reformaloren die Macht und die Neigung beſaſſen, alle ihre Beſchluͤſſe auf den Ge⸗ —— —— —— errichtet. di 77. genſtand der Religion zu richten. Sie verdammten einmüthig de ganze papiſtiſche Syſtem, und nahmen ſtatt der Lehren der roͤmiſchen Kirche, die Lehrſaͤtze an, die in einem von den belicbe teſten proteſtantiſchen Geiſtlichen abgefaßten Glaubens⸗ bekenniniſſe enthalten waren. So wurde die ganze religioͤſe Verfaſſung der Kirche ploͤtzlich geaͤndert. Es gab einem Punkt, in welchem die ſchottiſchen Refor⸗ matoren bedeutend von den engliſchen abwichen. Der engli⸗ ſche Dednrahe der die Gewalt des Papſtes abſchaffte, hatte die der Krone als des ſichtbaren Haupts der engliſchen Kieche ieſer Ausdruck will nicht ſagen, daß der Koͤnig die Gewalt habe, die religioͤſen Lehren der Kirche zu veraͤn⸗ dern, ſondern bloß, daß er das Haupt der Regierung in Kirchenangelegenheiten ſey, wie er es ſtets in den Angelegen⸗ heiten des Staats war. Die reformirten Prediger Schott⸗ lands dagegen verwarfen jede Einmiſchung der gerlichen Obrigkeit in die Angelegenheiten der Kirche, die von einer aus ihrer eigenen Mitte gewaͤhlten Deputation, der eine ge⸗, wiſſe Anzahl von Layen beigegeben war, und die eine ſoge⸗ naunte allgemeine Verſammlung bildete, regiert wurde. Die ſchettiſchen Reſormatoren verwarfen auch die Eintheilung der Geiſtlichkeit in Biſchoͤfe, Dechanten, Stiftsherrn und andere Elaſſen des geiſtlichen Standes. Si fen dieſe Rangſtufen ab, obſchon ſie in der engl tantiſchen Kirche beibehalten wurden, indem ſie behaupteten⸗ ſebe Geiſt⸗ liche, dem ein Seelenamt anvertraut ſey, ſtehe in jeder Hin⸗ ſicht mit ſeinen uͤbrigen Kollegen auf voͤllig glei 1 Eine beſondere Rin ſchlen ihnen der Umkan daß der biſchsfle nd einen Sitz in ſammlung oder dem Barlamente hatte, und die Einmiſchung hung in weltliche Anzeiegenhe . 78 8—— ſich unſchicklich fuͤr ihr Amt, und führe natuͤrlich zu einer unerlaubten Herrſchaft uͤber das Gewiſſen der Menſchen, was der Hauptgraͤuel der roͤmiſchen Kirche geweſen ſey. Der weltliche Stand Schottlands und beſonders der hohe Adel ſah mit Vergnuͤgen die Bereitwilligkeit der Geiſilichen, allen ihren Anſpruͤchen auf weltlichen Rang und weltliches Anſe⸗ hen, worauf die roͤmiſch⸗kathol ſche Geiſtlichkeit beharrt hat⸗ te, zu eniſagen; und betrachtete ihre ſelbfeverlettgnende Ab⸗ ſchwoͤrung von Diteln und weltlichen Geſchaͤften als einen Grund, den Unterhalt, den ſie von den Fonds der Kirche beziehen ſollten, auf die möglichſt kleine Summe einer jaͤhr⸗ lichen Beſoldung zu beſchranken, waͤhrend ſie den Ueberreſt ſich ſelbſt ohne Bedenklichkeit aneigneten. 3 Es war nun noch uͤber den Reichthum zu verfuͤgen, deſ⸗ ſen ſich fruͤher die katholiſche Geiſtlichfeit erfreutt hatte, die im Beſitze der Haͤlfte der Landeinkuͤnfte Schottlands geweſen ſeyn ſoll. Knox und die üͤbrige reformirte Geiſtlichkeit hat⸗ ten einen Plan zu der anſtaͤndigen Unterhaltung einer Natio⸗ nalkirche, vermittelſt jener ausgedehnten Laͤndereien entworfen, und machten den Vorſchlag, der Ueberreſt ſocke auf Spitaͤler, Schulen, tniverſttaͤten und Unterrichtsgrätze verwendet wer⸗ den. Allein die Lords, welche ſich der Einkaͤnfte der Kirche bemaͤchtigt hatten, waren entſchloſſen, ihre Beute nicht aus den Haͤnden zu geben, und die, welche bei der Vernichtung des Papßthums am thaͤtigſten gewefen waren, waren wunder⸗ bar kalt, als man ihnen den Vorſchlag machte, die Laͤnde⸗ reien, deren ſie ſich zu ihrem eigenen Gebrauche bemaͤchtigt hatten, abzutreten. Der Plan des John Knox war, ſagten ſie,„eine fromme Einbildung,“ eine Grille, welche die gu⸗ ten Abſichten des Predigers zeigte, allein unmoͤglich ausge⸗ kührt werden konnte. .79 Als Franz und Maria, die jetzt Koͤnig und Koͤnigin von Frankreich geworden waren, hoͤrten, daß das ſchottiſche Par⸗ kament die Religion gaͤnzlich veraͤndert, und die Formen der Nationalkirche von den katholiſchen in die proteſtantiſchen umgewandelt hatte, waren ſie ungemein erbittert; und haͤtte der Koͤnig laͤnger gelebt, ſo iſt es hoͤchſt wahrſcheinlich, daß ſie ihre Einwilligung in dieſe große Neuerung verweigert, und es vorgezogen haben würden, den Kries durch die Ab⸗ ſchickung eines neuen franzoͤſiſchen Heeres nach Schottland zu erneuern. Allein wenn ſie eine ſolche Maßregel beabfich⸗ tigten, ſo wurde ſie gaͤnzlich vereitelt, durch den Tod Franz IL, den Aten Dezember 1560. Waͤhrend der Lebzeiten ihres Gemahls hatte Maria eine große Gewalt in Frankreich ausgeuͤbt, denn ſie beſaß einen graͤnzenloſen Einfluß auf ſein Gemuͤth. Nach ſeinem Dode, und der Thronbeſteigung ſeines Bruders Carl, nahmen dieſer Einfluß und dieſe Gewalt ein gaͤnzliches Ende. Es mußte fuͤr einen ſtolzen Geiſt, wie den der Marig, peinlich geweſen ſeyn, Kaͤlte und Vernaͤchlaͤſſigung an dem Orte zu erdulden, wo ſie mit Ehre und Unterthaͤtigkeit behandelt worden war. Sie entfernte ſich daher von dem franzoͤfiſchen Hofe, und be⸗ ſchloß, nach ihrem Erbreiche Schottland zuruͤckzukehren: ein an und fuͤr ſich natürlicher Entſchluß, der aber die Einlei⸗ tung zu einer langen und traurigen Reihe von Unglucksfal⸗ len wurde. Fünftes Kapitel. Rückrehr der Königin Maria nach Schottland.— Slücklicher Anfang ibrer Regierung.— Exrpedition gegen Huntly.— unterhandlungen mit Cuilabeh von England in Betreff einer zweiten Heirath.— Hetrath Marias und Darnley's. Maria Stewart, die verwittwete Koͤnigin von Frank⸗ reich, und die erbliche Koͤni igin von Schottland, mar, ohn Ausnahme, die ſchoͤnſte und gebildetſte Frau ihrer Zeit. Ih⸗ re Geſichtsbildung war liebe nowindig; ſie war ſchlank, wohl⸗ geſtaltet, Iierlich in allen ihren Bewe egungen, geſchiekt in den Uebungen des Reitens und Tanzens, und beſaß alle weibli⸗ chen Iüunnnenen ten, welche zu jener Zeit Mode waren. 929 I Auf re Erziehung war in Frankreich alle moͤgliche Sorg⸗ falt verwendet worden, 1 4 ſie hatte die i ihr dargeboten ene Ge⸗ legenheit, ſich zu unterrichten, benützt. Sie war in mehre⸗ ren Sprachen vollkommen be ewandert, und verſtand ſich auf Staatsgeſchaͤfte, in welchen ihr Gatte ſich oft Raths bei ihr erholte. Maria's Schoͤnheit wuürde durch ihre große Herab⸗ laſſung, und die gute Laune und Fröͤhlichkeit, die ſie zuwei⸗ len bis an den Rand des neberm aßes trieb, erhoͤht. Ihre Jugend, denn ſie war er ſt achtzehn Jahre alt, als ſie nach Schottland zuruͤckkehrte, erhoͤhte die Liebenswurdigkeit ihres Charakters. Die catholiſche Religion, die ihre Exzieher ihr renge ein geyragt hatten, war din großer ke gen ihres Volk 9 ‿2 ehr mit wehr Ha ei dem Gedanken emp nd die Fröhlichkeiten nen Him⸗ Hofs mit den rauhen 8 2 8 . E., — = C 81 rauhen Stuͤrmen und der ungeſtuͤmmen Politik ihres Geburts⸗ lands zu vertauſchen. Maria ſegelte von Frankreich den 15. Aug. 1561 ab. Die engliſche Flotte war auf der hohen See, und es iſt ſehr wahrſcheinlich, daß ſie die Abſicht hatte, die Koͤnigin der Schotten als eine Nachbarin, deren Ruͤckkehr Eliſabeth fuͤrchtete, aufzufangen. Von aͤngſtlichen Ahnungen erfuͤllt, blieb die Koͤnigin auf dem Verdecke ihrer Galeere, nach den Kuͤſten Frankreichs brickend. Der Morgen fand ſie in derſel⸗ ben Stellung; und als die franzoͤſiſchen Kuͤſten ihrem Anblick entſchwanden, rief ſie traurig aus:„Lebewohl, lebewohl, gluͤckliches Frankreich; ich werde dich nie wiederſehen!“ Sie fuhr an der engliſchen Flotte unter dem Schutze ei⸗ Nebels voruͤber, und kam den 20. Auguſt in Leith an, wo wenige oder gar keine Anſtalten zu ihrem Empfange getroffen worden waren. Diejenigen Edelleute, welche ſich in der Hauptſtadt befanden, beeilten ſich, ſie zu empfangen, und nach Holyrood, dem Palaſte ihrer Vorfahren, zu geleiten. Es wurden Roſſe abgeſchickt, um ſie und ihr Gefolge nach Edinburgh zu bringen; allein es waren elende Klepper und hatten ein ſo zerlumptes Geſchirr, daß die arme Maria, wenn ſie an die glaͤnzenden Prunkroſſe und reichen Gemaͤcher an dem franzoͤſiſchen Hofe dachte, ſich der Chraͤnen nicht er⸗ wehren konnte. Das Volk war jedoch, auf ſeinem Wege, er⸗ freut ſie zu ſehen, und ungefaͤhr hundert Buͤrger von Edin⸗ burgh, von denen ein jeder ſein Moͤglichſtes auf einer mit drei Saiten beſpannten Geige that, ſpielten die ganze Nacht vor ihrem Fenſter, als Willkommen, eine polternde Serena⸗ de, die ſie des Schlafs nach ihrer Ermuͤdung beraubte. Sie nahm die Sache jedoch, wie ſie gemeint war, und druͤk⸗ T. Seott's Werke. XCVIII. 6 82 te den Urhebern dieſes mißtoͤnigen und unzeitigen Coneerts ihren Dank aus. Maria erlebte unmittelbar nach ihrer Ankunft eine Probe von dem religioͤſen Eifer ihrer reformir⸗ ten Unterthanen. Sie hatte einem papiſtiſchen Geiſtlichen be⸗ fohlen, in ihrer eigenen Kapelle die Meſſe zu leſen, allein der Volksunwille erhob ſich ſo ſtark dagegen, daß ohne die Einmiſchung ihres natuͤrlichen Bruders, des Priors von St. Andreas, dem ſie dieſen Ditel verliehen hatte, der Prieſter an ſeinem eigenen Altare ermordet worden waͤre. Maria betrug ſich in dieſem Zeitpunkte ihrer Regierung mit bewundernswuͤrdiger Klugheit. Sie entzuͤckte das gemei⸗ ne Volk durch ihre Huld und Herablaſſung und waͤhrend ſie im Rathe ſaß, gewoͤhnlich mit irgend einer weiblichen Arbeit befchaͤftigt, hatten die Staatsmaͤnner, die ſie befragte, Gele⸗ genheit, ihre Weisheit zu bewundern. Sie huͤtete ſich wohl, etwas gegen die Religion ihrer Unterthanen zu unternehmen, obſchon ſie von der ihrigen abwich; und durch den Beiſtand des Priors von St⸗Andreas, und des ſcharfſinnigen Mait⸗ kand machte ſie raſche Fortſchritte in der Zuneigung ihres Volks. Sie verlieh dem Prior die Grafſchaft Mar. Mit aͤhulicher Klugheit unterhielt die Koͤnigin den gan⸗ zen gebraͤuchlichen Hoͤflichkeitsverkehr mit Eliſabeth und waͤhrend ſie ſich weigerte, ihren Anſprüchen auf die engliſche Krone, falls Eliſabeth ohne Teiteserben ſterben ſollte, zu ent⸗ ſagen, drückte ſie ihren aͤngſtlichen Wunſch aus, mit der eng⸗ liſchen Koͤnigin auf dem beſten Fuße zu leben, und ihre Be⸗ reitwilligkeit, waͤhrend des Lebens der engliſchen Koͤnigin, je⸗ dem Erbrechte, das ſie zu ihrem Nachtheile beſitzen moͤge, zu entſagen. Ekiſabeth ſchwieg, wenn ſie auch nicht befriedigt war, und es fand ein beſtaͤndiger Nerkehr ſcheinbarer Freund⸗ ſchaft zwiſchen den beiden Koͤniginnen, und ein Austauſch 83 von Briefen, Komplimenten und gelegenheitlichen Geſchenken, die ihrem Range geziemten, nebſt vlelen Verſicherungen ge⸗ genfeitiger Gewogenheit, ſtatt. 3 Allein es gab eine wichtige Klaſſe von Perſonen, denen Maria's Religionsform ſo verhaßt war, daß ſie zu keiner guͤnſigen Geſinnung gegen ſie vermocht werden konnten. Dieß waren die Predigey des reformirten Glaubens, die, an Maria's Abkunft von der, ſtets feindſelig gegen die proteſtan⸗ ttſche Sache geſinnten Familie Guiſe ſich erinnernd, gegen die Koͤnigin ſelbſt auf der Kanzel mit einer unanſtaͤndigen Heftigkeit, die ſich für dieſen Ort nicht ſchickte, ſchrien, und nie anders von ihr ſprachen, als von einer in dem Wider⸗ ſtande gegen die Stimme der wahren chriſtlichen Belehrung verhaͤrteten Perſon. John Knoy ſelbſt ließ in ſeinen Predig⸗ ten ſo harte Ausdruͤcke einfließen, daß die Koͤnigin Maria ſich herabließ, ihn perſoͤnlich zur Rede zu ſtellen und ihn zu ermahnen, ſich einer mildern Sprache bei der Erfuͤllung ſei⸗ ner Pflicht zu bedienen. Obgleich jedoch die Sprache dieſer rauhen Reformatoren zu heftig, und ihre Strenge unklug war, inſofern ſie Maria's Abneigung gegen ſie und ihre Re⸗ ligionsform unndͤthigerweiſe vergroͤßerte, ſo muß man doch anerkennen, daß ihr Verdacht gegen Maria's Aufrichtigkeit natuͤrlich, und der Wahrſcheinlichkeit nach gegrüͤndet war. Die Koͤnigin weigerte ſich beharrlich, das von dem Parla⸗ mente im Jahre 1560 angenommene religioͤſe Syſtem, oder die Confiskation der Kirchenlaͤndereien zu genehmigen. Sie ſehien ſtets den gegenwaͤrtigen Hußand der Dinge als eine temporaͤre Anordnung zu betrachten, der ſie ſich zwar fuͤr den Augenblick zu fügen bereit war, allein mit dem Vorbehalte, ſie Veraͤnderungen zu unterwerfen, ſobald ſich die Gelegeg⸗ 4 5 6.* — 84 heit dazu zeigen wuͤrde. Ihr Bruder, der neugeſchaffene Graf von Mar, der um dieſe Zeit ihr Hauptrathgeber und ihr beſter Freund war, benutzte jedoch ſeinen Einfluß bei der proteſtantiſchen Geiſtlichkeit zu ihren Gunſten, und einige Kaͤlte entſtand zwiſchen ihm und John Knox wegen dieſer Sache, die mehr als ein Jahr lang dauerte. Die erſte Unruhe unter der Regierung der Koͤnigin Ma⸗ ria ſcheint aus ihrer Anhaͤnglichkeit an Lord Jakob Stewart und ſein Intereſſe entſprungen zu ſeyn. Sie hatte ihn, wie wir geſagt haben, zum Grafen von Mar erhoben; allein ſie hatte die Abſicht, ihm, ſtatt dieſes Ditels, den eines Grafen von Murray zu verleihen, und mit demſelben einen großen Theil der zu dieſer noͤrdlichen Grafſchaft gehoͤrenden ausge⸗ dehnten Laͤndereien, die nach der Erloͤſchung der Erben des beruͤhmten Thomas Randolph, der ſie unter der Regierung des großen Robert Bruce beſeſſen hatte, der Krone einverleibt worden waren. Dieſer Tauſch konnte jedoch nicht ſtatt ſinden, ohne daß der Graf von Huntly, der oͤfters als das Haupt der maͤch⸗ tigſten Familie in dem Norden erwaͤhnt worden iſt, und der ſich in den Beſitz eines bedeutenden Cheils der Laͤndereien, die zu der Grafſchaft Murray gehoͤrt, geſetzt hatte, dadurch beleidigt wurde. Dieſer Graf von Huntly war ein tapferer Mann, und beſaß eine ſehr große Macht in den noͤrdlichen Grafſchaften. Er war einer der wenigen Pairs, die der ka⸗ tholiſchen Religion treu blieben, und nach der Familie Ha⸗ milton der naͤchſte Verwandte der koͤniglichen Familie. Man glaubte, wenn die Koͤnigin, ſtatt nach Leith zu kommen, in Aberdeen gelandet, und ihren Entſchluß erklaͤrt haͤtte, die katholiſche Religion wieder einzufuͤhren, der Graf bereit geweſen waͤre, ſie mit 20,000 Mann bei der Anfüh⸗ ——— ——— 8⁵ rung dieſes Vorſatzes zu unterſtuͤtzen. Maria hatte jedoch ſeinen Vorſchlag verworfen, da ein großer Buͤrgerkrieg die unmittelbare Folge davon geweſen waͤre. Der Graf von Huntly wurde deswegen fuͤr einen Feind der gegenwaͤrtigen Regierung und des Grafen von Mar, der die oberſte Leitung der Angelegenheiten des Koͤnigreichs in Haͤnden hatte, gehal⸗ ten; und da er im Beſitze einer großen Gewalt war, und ei⸗ ne Menge Vaſallen und Anhaͤnger hatte, ſo vermuthete man, er werde ſeinem politiſchen Feinde keinen Theil der Laͤndereien der Grafſchaft von Murray, die er beſaß, frei⸗ willig abtreten. 3 Der Graf von Mar war, ſeinerſeits, entſchloſſen, die Macht dieſes großen Gegners zu brechen; und die Koͤnigin Maria, die Huntly's Macht, und den Gebrauch, den er da⸗ von zu machen geneigt ſchien, ebenfalls gefuͤrchtet zu haben ſcheint, unternahm eine perſönliche Reiſe nach dem Norden von Schottland, um ihren Befehlen Gehorſam zu verſchaffen. Um dieſelbe Zeit begieng Sir John Gordon, der Sohn des Grafen von Huntly, ein Feudalvergehen, wegen deſſen er zu einer temporaͤren Gefaͤngnißſtrafe verurtheilt wurde. Dieſe Strafe, ſo gering ſie auch war, wurde als ein neues Zei⸗ chen von Mißgunſt gegen das Haus Gordon betrachtet, und vergroͤßerte die Wahrſcheinlichkeit ſeines Widerſtands. Es iſt ſchwer, oder vielmehr unmoͤglich, zu beſtimmen, ob gute Gründe zu dem Verdachte vorhanden waren, daß Huntly im Ernſte geſonnen geweſen ſey, die Waffen gegen die Krone zu ergreifen. Allein ſein Betragen war, um den gelindeſten Aus⸗ druck zu gebrauchen, unvorſichtig und verdaͤchtig. Die junge Koͤnigin zog an der Spitze eines kleinen Heers nach dem Norden Schottlands. Sie kampirte waͤhrend des Marſches auf dem Felde, oder nahm die elenden Wohnungen 86 an, welche die Haͤuſer des niedern Adels darboten. Es war jedoch eine Scene, die ihren natuͤrlichen Muth aufregte, und als ſie an der Spitze ihres Heers einher ritt, fühlte ſie ſich ſo begeiſtert, daß ſie oͤffentlich wuͤnſchte, ſie waͤre als Mann geboren worden, um die ganze Nacht auf dem Felde zu ſchla⸗ fen, und mit einem Panzer und einer Stahlhaube bewaffnet, einen guten Schild auf ihrem Ruͤcken, und ein breites Schwert an ihrer Seite, einherzugehen. Huntly ſcheint, durch die Ankunft ſeiner Fuͤrſtin uͤber⸗ raſcht, unſchluͤſſig geweſen zu ſeyn, was er thun ſolle. Waͤh⸗ 4 rend er gegen die Koͤnigin alle Unterwuͤrfigkeit an den Tag legte, und ſie zu bewegen ſuchte, ſein Haus, als das eines pflichterfuͤllten Unterthanen, zu beſuchen, widerſetzte ſich eine Abtheilung ſeiner Vaſallen ihrem Eintritte in das koͤnigliche Schloß Inverneß, und ſuchte dieſe Feſtung gegen ſie zu ver⸗ theidigen. Sie ſahen ſich jedoch genoͤthigt, ſich zu ergeben, und der Gouverneur wurde als Verraͤther hingerichtet. Inzwiſchen entfloh Sir John Gordon aus dem Gefaͤng⸗ niſſe, zu dem ihn die Königin verurtheilt hatte, und ſtellte ſich an die Spitze der Vaſallen ſeines Vaters, die jetzt nach allen Richtungen ſich erhoben; und ſein Vater der Graf von Huntly, der die Koͤnigin als gaͤnzlich von ſeinem Feinde, dem Grafen von Mar geleitet, betrachtete, griff endlich zu den Waffen.. Huntly verſammelte mit leichter Muͤhe ein bedeutendes Heer, und ruͤckte nach Aberdeen vor. Der Zweck ſeines Un⸗ ternehmens war vielleicht dem aͤhnlich, welchen Buccleuch auf dem Schlachtfelde von Melroſe gehabt hatte,— ein Angriff mehr auf die Rathgeber der Koͤnigin, als auf ihre eigene Perſon. Aber ihr Bruder, der jetzt den Ditel: Graf von Murray angenommen hatte, war eben ſo tapfer und gluͤcklich 1 87. als Angus bei der fruͤhern Gelegenheit; mit dem Vortheile, daß er das Zutrauen ſeiner Fuͤrſtin beſaß. Er befand ſich jedoch in einer höchſt ſchwierigen Lage. Der Leute, auf wel⸗ che er mit Sicherheit bauen konnte, waren wenige, da ſie blos aus denen beſtanden, die er aus den innern Grafſchaf⸗ ten zuſammengezogen hatte. Er ließ in der That ein Aufge⸗ bot an die noͤrdlichen Barone in der Nachbarſchaft ergehen; ſie erſchienen zwar, allein mit zweifelhaften Abſichten, und voll Ehrfurcht fuͤr das Haus Gordon, und wahrſcheinlich mit dem geheimen Entſchluſſe, ſich nach den Umſtaͤnden zu richten. 3 Murray, der ein trefflicher Krieger war, ſtellte die Leu⸗ te, auf die er ſich verlaſſen konnte, auf eine Anhoͤhe mit Na⸗ men Hill of Faͤre, in der Naͤhe von Corrichie auf. Er ge⸗ ſtattete den noͤrdlichen Clans nicht, ſich mit dieſem entſchloſ⸗ ſenen Bataillon zu vermiſchen, und der Erfolg zeigte die Weisheit ſeiner Vorſicht. Huntly naͤherte ſich, und griff die uardlichen Truppen, ſeine Verbuͤndeten und Nachbarn an, die wenig oder keinen Widerſtand leiſteten. Sie flohen ver⸗ wirrt nach Murray's Hauptkorps, von den Gordonen ver⸗ folgt, die ihre Speere wegwarfen, ihre Schwerter zogen, und in aufgeloͤsten Reihen, zu einem gewiſſen Siege, herbeiruͤck⸗ ten. In dieſem Tumulte trafen ſie auf den Widerſtand des feſten Bataillons der Lanzentraͤger Murray's, die den Angriff in geſchloſſener Schlachtordnung und mit feſter Entſchloſſen⸗ 8 heit empfiengen. Die Gordonen wurden ihrerſeits zuruͤckge⸗ ſchlagen, und als diejenigen Clans, welche zuvor geflohen waren, ſahen, daß die Gordonen den Kuͤrzern zogen, kehrten ſie mit Haidekraut auf ihren Muͤtzen, das ſie gebraucht hat⸗ ten, um ſich auszuzeichnen, zuruͤck, fielen uͤber die Gordonen her, und vollendeten Murray's Sieg. Huntly⸗ ein ſtaͤmmij⸗ 88 ger und ſchwerbewaffneter Mann, fiel waͤhrend der Flucht vom Pferde und wurde zertreten, oder ſtarb, wie andere ſa⸗ gen, aus Herzeleid. Dieſe Schlacht fiel den 28. October 1562 vor. Der Leichnam eines Mannes, der vor Kurzem für einen der tapferſten, weiſeſten und maͤchtigſten in Schott⸗ land galt, wurde nachher, in ein Wamms von grober Lein⸗ wand gekleidet, vor einen Gerichtshof gebracht, damit das Urtheil eines Verraͤthers uͤber den gefuͤhlloſen Leichnam aus⸗ geſprochen wuͤrde.. Sir John Gordon, der Sohn des beſiegten Grafen, wurde in Aberdeen drei Dage nach der Schlacht enthauptet. Murray wurde in den Beſitz der zu ſeiner neuen Grafſchaft gehoͤrigen Laͤndereien geſetzt, und die Koͤnigin kehrte zuruͤck, nachdem ſie, durch die Thaͤtigkeit ihrer Maßregeln und das Gluͤck ihrer Waffen, allgemeinen Schrecken unter den Baro⸗ nen verbreitet hatte, die man im Verdachte der Widerſpen⸗ ſtigkeit hatte..= Bis hierher war Marias Regierung ausgezeichnet gluͤck⸗ lich gewefen; allein jetzt naͤherte ſich eine unheilvolle Kriſe, die ſie in das tiefſte Elend ſtuͤrzte. Sie hatte von ihrem ver⸗ ſtorbenen Gemahle, dem Koͤnige von Frankreich, keine Kin⸗ der, und ihre Unterthanen wünſchten, ſie moͤchte einen zwei⸗ ten Gemahl heirathen, eine Abſicht, die ſie ſelbſt hegte und beguͤnſtigte. Es war nothwendig, oder wenigſtens klug, die Koͤnigin Eliſabeth uͤber dieſen Punkt zu befragen. Dieſe Fuͤrſtin hatte erklaͤrt, ſie werde nie heirathen, und falls ſie auf deeſem Entſchluſſe beharrte, war Maria von Schottland die naͤchſte Erbin der engliſchen Krone. In Erwartung die⸗ ſer reichen und glaͤnzenden Erbſchaft war es daher ſowohl klug als natürlich, daß Marig bei der neuen Ehe, die ſie zu ſchliefen im Begriff ſand, den Rath und Beifall der Fuͤr⸗ — 89 ſtin ſuchte, deren Koͤnigreich ſie oder ihre Kinder zu erlangen hoffen konnten, beſonders wenn ſie ihre Gunſt nicht verwirkte. Eliſabeth von England war eine der weiſeſten und ſcharf⸗ ſinnigſten Koͤniginnen, die je eine Krone trugen, und die Englaͤnder ehren noch bis auf dieſen Tag ihr Andenken mit wohlverdienter Achtung und Waͤrme. Allein ihr Betragen gegen ihre Verwandte Maria offenbarte, vom Anfang bis zum Ende, einen Grad von Neid und Betrug, der ihres allgemeinen Charakters ganz unwuͤrdig war. Entſchloſſen nicht zu heirathen, ſcheint ſie einen gleichen Entſchluß von Seiten Maria's gewuͤnſcht zu haben, um nicht ein fremdes Geſchlecht vor ſich ſehen zu duͤrfen, das ihren Thron unmit⸗ telbar nach ihrem Tode in Beſitz zu nehmen bereit war. Sie befolgte daher eine veraͤchtliche und hinterliſtige Politik, in⸗ dem ſie ihrer Verwandten eine Heirath nach der andern vor⸗ ſchlug, allein Hinderniſſe in den Weg legte, ſo oft es mit einer derſelben Ernſt zu werden ſchien. Anfaͤnglich ſchien ſie zu wuͤnſchen, Maria moͤchte den Grafen von Leiceſter heira⸗ then, einen Edelmann, der ſich weder durch ſeine Talente noch durch ſeinen Charakter auszeichnete, den ſie ſelbſt aber, ſeiner perſoͤnlichen Schoͤnheit wegen, in dem Maße bewun⸗ derte, daß ſie erklaͤrte, ſie wuͤrde ihn zu ihrem eigenen Ge⸗ mahle erkohren haben, wenn ſie nicht das Geluͤbde gethan haͤtte, nie zu heirathen. Man wird gerne glauben, daß ſie nicht geſonnen war, die angedeutete Heirath ſtatt finden zu laſſen, und daß ſie, falls Maria ſich bereit erklaͤrt haͤtte, Leiceſter anzunehmen, ſchnell Mittel gefunden haben wuͤrde, die Heirath zu hintertreiben. Dieſer Vorſchlag war jedoch der Koͤnigin Maria durch⸗ aus nicht erwuͤnſcht. Leiceſter war, wenn auch ſeine perſoͤn⸗ lichen Verdienſte weit groͤßer geweſen waͤren, von zu niedri⸗ / 90 ger Herkunft, als daß er nach der Hand einer Köͤaigin zon Schottland und einer verwittweten Koͤnigin von Frankreich, um welche die maͤchtigſten Monarchen in Europa zu gleicher Zeit warben, haͤtte ſtreben dürfen. Der Erzherzog Karl, dritter Sohn des Kaiſers von Deutſchland, wurde auf der einen Seite, der Erbprinz von Spanien auf der andern vorgeſchlagen; der Herzog von An⸗ jon, der nachher Heinrich II. von Frankreich wurde, trug ſich ebenfalls an. Haͤtte aber Maria die Hand eines frem⸗ den Fuͤrſten angenommen, ſo wuͤrde ſie ſich der Ausficht, die engliſche Krone zu erlangen, beraubt, ja, in Betracht der Eiferſucht ihrer proteſtantiſchen Unterthanen, ſogar ihren Be⸗ ſitz der Krone Schottlands gefaͤhrdet haben. Sie war ſo tief von dieſen Betrachtungen durchdrungen, daß ſie ſogar erklaͤr⸗ te, ſie wuͤrde in die Heirath mit dem Grafen von Leiceſter willigen, wenn Eliſabeth ſie als die naͤchſte Erbin der engli⸗ ſchen Krone, im Fall ihres Abſterbens ohne Kinder, anerken⸗ nen wollte. Dieß entſprach jedoch Eliſabeths Politik nicht. Sie wuͤnſchte Marien mit niemand, viel weniger mit Leice⸗ ſter, ihrem eigenen Guͤnſtlinge, vermaͤhlt zu ſehen; und war daher ungemein abgeneigt, ihre Geſinnung uͤber die Thron⸗ folge(einen Gegenſtand, in Betreff deſſen ſie ſtets das ge⸗ heimnißvollſte Stillſchweigen beobachtete) auszuſprechen, um die Verbindung ihrer Nebenbuhlerin mit dem Manne, den ſie ſelbſt vorzog, zu Stande zu bringen. Inzwiſchen warf die Koͤnigin Maria ihr Auge auf einen jungen Edelmann von hoher Geburt, der ſowohl mit ihrer, als mit Eliſabeths Familie nahe verwandt war. Dieß war Heinrich Stewart, Lord Darnley, der aͤlteſte Sohn des Gra⸗ fen von Lennox. Du wirſt dich erinnern, daß der Graf von Angus, nach der Schlacht bei Flodden, die, verwittwete Koͤ⸗ -— -— 9¹ nigin von Schottland heirathete, und ſich bei den nachheri⸗ gen Unruhen genoͤthigt ſah, auf eine Zeit lang nach London zu entweichen. Waͤhrend ſeines Aufenthalts in England ge⸗ bar ihm ſeine Frau eine Tochter, mit Namen Margarethe Douglas, die, als ihre Eltern nach Schottland zuruͤckkehr⸗ ten, an dem engliſchen Hofe, unter dem Schutze ihres Oheims, des Koͤnigs Heinrich, blieb. Eben ſo mußt du dich erinnern, daß, waͤhrend der Regentſchaft des Herzogs von Chatelherault, der Graf von Lennor ſich an die Spitze der engliſchen Partei in Schottland zu ſtellen ſuchte, daß er aber, nachdem ſein Verſuch aus Mangel an Macht oder durch ſein fehlerhaftes Betragen mißlungen war, ſich eben⸗ falls nach England zuruͤckziehen mußte, wo ihm Heinrich VIII., aus Dankbarkeit fuͤr ſeinen nutzloſen Verſuch, die Hand ſeiner Nichte, der Lady Margarethe Douglas, gab, die durch ihre Mutter Margarethe, einen Anſpruch auf die Ererbung der engliſchen Krone hatte. Da der Vater des jungen Lord Darnley einen ſo hohen Rang, und ſeine Eltern ſolche Anſpruͤche hatten, glaubte Maria, ſie werde durch ihre Heirath mit ihm Eliſabeths Wuͤnſche erfuͤllen, die, obſchon nur undeutlich, einen Einge⸗ borenen Britanniens, und einen Mann, der keinen koͤnigli⸗ chen Rang hatte, als ihre ſicherſte Wahl, und als die, wel⸗ che ihr ſelbſt die angenehmſte ſeyn würde, zu bezeichnen ſchien. Elifabeth ſchien den Vorſchlag guͤnſtig aufzunehmen, und erlaubte dem jungen Manne und ſeinem Vater Lennor, den ſchottiſchen Hof zu beſuchen, in der Hoffnung, ihre Ge⸗ genwart werde die Angelegenheiten dieſes Landes in noch groͤſ⸗ ſere Verwirrung bringen; und in der Meinung, ſie werde, im Falle es mit der Heirath Ernſt werden ſollte, ſie leicht vereiteln koͤnnen, wenn ſie dieſelben als ihre Unterthanen zu⸗ 92 rückbert fen werde; ein Befehl, den ſie, glaubte ſie, nicht zu mißachten wagen wuͤrden, da ſie alle ihre Lindereien und Unterhalsmittel in England hatten. Der junge Darnley war ausgezeichnet ſchlank und ſchoͤn, heſaß feine und hoͤchſt ausgebildete Manieren, war aber un⸗— gluͤcklicherweiſe ohne Scharfſinn, Klugheit und Feſtigkeit des— Karakters, und zeigte einen ſehr zweifelhaften Muth, obſchon er in ſeinen Leidenſchaften ungemein heftig war. Haͤtte die⸗ ſer junge Mann einen nur maͤßigen Antheil an geſundem Verſtande, oder auch nur an Dankbarkeit beſeſſen, ſo haͤtten wir vielleicht eine ganz andere Geſchichte von Marig's Re⸗ gierung zu erzaͤhlen— ſo wie ſie iſt, wirſt du eine ſehr trau⸗ rige hoͤren. Maria hatte das Unglück, mit parteiiſchem Au⸗ ge auf dieſen jungen Mann zu blicken, und war um ſo eher geneigt, ihrer Zuneigung zu ihm zu willfahren, als ſie den Intriguen, durch welche Eliſabeth ſie zu betruͤgen und ihre Ehe zu verhindern geſucht hatte, ein Ziel zu ſetzen wuͤnſchte, In der That, waͤhrend die beiden Koͤniginnen ſich der Spra⸗ 8 che der liebevollſten Herzlichkeit gegen einander bedienten,. herrſchte weder Auſrichtigkeit noch Redlichkeit, ſondern groſ⸗ ſ ſe Heuchelei, Neid und Furcht, zwiſchen ihnen. Darnley, der inzwiſchen die Gunſt, in der er bei Maria ſtand, zu erhoͤhen trachtete, nahm ſeine Zuflucht zu der Freundſchaft eines Mannes, der zwar von niederm Range war, allein bei der Koͤnigin in beſonderem Anſehen ſtand. Dieß war ein Italiener von gemeiner Abkunft, mit Namen David Rizzio, der von einem bloßen Diener des Haushalts, der Koͤnigin zu dem vertraulichen Amte eines franzoͤſiſchen 4 Sekretaͤrs erhoben worden war. Seine Talente in der Muſik verſchafften ihm haͤufig die Gunſt, in Maria's Gegenwart, die großen Gefallen an jener Kunſt fand, zugelaſſen zu wer⸗ — — 95 den; und ſeine Gewandtheit und Kunſt ſich einzuſchmeicheln, erwarben ihm einen bedeutenden Einfluß auf ihren Geiſt. Es war faſt nothwendig, daß die Koͤnigin in ihrer Umgebung irgend einen vertrauten Diener hatte, der ſowohl in Spra⸗ chen als in Geſchaͤften bewandert war, und durch den ſie mit fremden Staaten und beſonders mit ihren Freunden in Frankreich verkehren konnte. Es war wohl kein ſolcher Agent in Schottland zu finden, wofern ſie nicht einen katholiſchen Prieſter gewaͤhlt haͤtte, was ihre proteſtantiſchen Unterthanen mehr beleidigt haben wuͤrde, als die Anſtellung eines Man⸗ nes wie Rizzio. Allein die Erhebung dieſer Perſon, eines Fremden und eines Katholiken, zum Range eines Miniſters der Krone— und noch mehr, die perſoͤnliche Vertraulichkeit, der ihn die Koͤnigin wuͤrdigte, und die vornehme und gebiet⸗ riſche Miene, die dieſer niedriggeborne Fremde annahm, be⸗ leidigten die ſtolzen ſchottiſchen Edelleute, und erregten Aer⸗ gerniß unter dem gemeinen Volke. Aengſtlich bemuͤht, die Gunſt, in der er bei der Koͤnigin ſtand, auf jede Art zu verſtaͤrken, ſchloß Darnley eine ver⸗ traute Freundſchaft mit Rizzio, der alle Kraͤfte der Schmei⸗ chelei und Ehrerbietung anwandte, um ſich ſeine Gunſt zu verſchaffen, und ihm ohne Zweifel bei ſeiner Bewerbung von Nutzen war. Die Koͤnigin bemuͤhte ſich inzwiſchen, die Hin⸗ derniſſe, die ihrer Verbindung mit Darnley im Wege ſtan⸗ den, zu entfernen, und zwar mit einem ſo gluͤcklichen Erfol⸗ ge, daß ſie mit Genehmigung faſt ihres ganzen Volks, in Edinburgh den 29. Julius 1565 vermaͤhlt wurden. 94 Sechstes Kapitel. — Murray's Empörung(Runabont-Raid.— Rizzio's Ermordung.— Seburt Jacobs VI.— Darnley's Tod. Als Eliſabeth die Nachricht erhielt, daß dieſe Vereini⸗ gung feſt beſchloſſen war, uͤberließ ſie ſich der ganzen Schwaͤ⸗ che eines neidiſchen Weibes. Sie machte Einwendungen ge⸗ gen die Heirath, obſchon Maria ſchwerlich eine fuͤr England minder gefaͤhrliche Wahl hätte treffen koͤnnen. Sie rief Len⸗ noy und ſeinen Sohn Darnley aus Schottland zuruͤck— ein Befehl, dem ſie gar nicht, oder wenigſtens nicht ſogleich, gehorchten. Sle ließ die Graͤfin von Lennox, das einzige Mitglied der Familie, das in ihrem Bereiche war, als Ge⸗ fangene in den Tower von London einſperren. Vor allem ſuchte ſie den Frieden Schottlands, und die Regierung Ma⸗ ria’s und ihres neuen Gemahls dadurch zu ſtoͤren, daß ſie diejenigen Mitglieder des ſchottiſchen Adels, denen die Hei⸗ rath mit Darnley mißſiel, zum Aufruhr anſpornte. Der Bruder der Königin, der Graf von Murray, war bei weitem der talentvollſte und maͤchtigſte unter denen, wel⸗ chen Maria's Heirath mißfiel. Darnley und er waren per⸗ ſoͤnliche Feinde, und zudem war Murray das Haupt der Lords der Congregation, die in Maria's Heirath mit Darn⸗ len, und in dem Zwieſpalt, der dadurch zwiſchen Schottland und England entſpringen konnte, Gefahr fuͤx die proreſtanti⸗ ſche Religion zu ſehen vorgaben. Murray entwarf ſogar ei⸗ nen Plan, Darnley aufzufangen, ſich ſeiner Perſon zu be⸗ maͤchtigen, und ihn entweder zu toͤdten, oder als Gefangenen nach England zu ſchicken. Eine Abtheilung Reiterei, wurde 7 . 9⁵ zu dieſem Ende an einem Paſſe unter dem Huͤgel Bennarley, in der Naͤhe von Kinroß, die Parrotsquelle genannt, poſtirt, um die Koͤnigin und Darnley, die von einer Reiſe nach Perth zuruͤckkehrten, außzufangen. Sie entgiengen der Ge⸗ fahr bloß durch einen ſchnellen, am fruͤhen Morgen angetre⸗ tenen Marſch.. Nach der Heirath griffen Murray und ſeine Verbunde⸗ ten, der Herzog von Chatelherault, Glencairn, Argyle, Ro⸗ thes, und andere, zu den Waffen. Die Koͤnigin verſammel⸗ te in dieſer Noth ihre Unterthanen um ſich. Sie kamen in großer Anzahl, was einen Beweis von der Gunſt lieferte, in der ſie bei dem Volke ſtand. Darnley ritt an ihrer Spitze, in einer vergoldeten Waſfenruͤſtung, und begleitet von der Koͤnigin ſelbſt, welche geladene Piſtolen an ihrem Sattelbo⸗ gen hatte. Nicht im Stande, das Feld zu halten, wichen Murray und ſeine Mitſchuldigen der Verfolgung des koͤnig⸗ lichen Heers aus, und marſchirten ploͤtzlich nach Edinburgh, wo ſie Freunde zu finden hofften. Da aber die Buͤrger ſich nicht auf ihre Seite ſchlugen, und das Schloß auf ſie zu feuern drohte, mußten die Inſurgenten ſich zuruͤckziehen, zu-⸗ erſt nach Hamilton, dann nach Dumfries, bis ſie endlich ihre Streitkraͤfte verzweifelnd entließen und die Anfuͤhrer nach Eng⸗ land entflohen. So endete ein Aufſtand, der, wegen der ſchnellen und ungewiſſen Art, auf welche die Verſchwoͤrer von einem Cheile des Koͤnigreichs nach dem andern zogen, den Namen Ruͤn⸗about⸗Raid erhielt. Eliſabeth, die Murray und ſeine Verbuͤndeten aufgemun⸗ tert halte, ſich gegen Maria zu empoͤren, wuͤnſchte ſich kei⸗ neswegs der Schande, dieß acthan zu haben, preiszugeben, als ſie ſah, daß ihr Verſuch mißlungen war. Sie befahl Murray und dem Abt von Kilwinning, in Gegenwart der 96 Geſandten Frankreichs und Spaniens, die ſie beſchuldigt hat⸗ ten, ſie beguͤnſtige die ſchottiſchen Unruhen, vor ihr zu er⸗ ſcheinen.„Was ſagen Sie,“ rief ſie aus,„mein Lord von Murray, und Sie, ſein Gefaͤhrte? Haben Sie von mir bei Ihrem letzten Unternehmen Nath oder Aufmunterung erhal⸗ ten?“ Die Verbannten ſcheuten ſich, die Wahrheit zu ſagen, und begnügten ſich mit der falſchen Erklaͤrung, daß ſie we⸗ der Rath noch Beiſtand von ihr erhalten haben.„Ihr ſagt in der That die Wahrheit,“ erwiederte Eliſabeth;„denn we⸗ der ich, noch irgend Jemand in meinem Namen, munterte euch zur Empoͤrung gegen eure Koͤnigin auf; und ein boͤſes Beiſpiel habt ihr meinen Unterthanen, ſo wie denen anderer Souveraine gegeben. Entfernt euch aus meinen Augen als unwuͤrdige Verraͤther.“ Gekraͤnkt und entehrt, zogen ſich Murray und ſeine Gefaͤhrten wieder nach der Graͤnze zuruͤck, wo die Koͤnigin Eliſabeth, ungeachtet ihres angeblichen Grolls, ſie im Geheimen unterſtuͤtzte, bis die Zeit ihnen er⸗ lauben wuͤrde, nach Schottland zurückzukehren, und die Un⸗ ruhen daſelbſt zu erneuern. Maria hatte auf dieſe Art ihre aufruͤhriſchen untertha⸗ nen beſiegt, allein ſie fand bald, daß der thoͤrichte und lei⸗ denſchaftliche Gemahl, den ſie gewaͤhlt hatte, ein weit furcht⸗ barerer Feind fuͤr ſie war. Dieſer halsſtarrige junge Mann behandelte ſeine Frau, als Weib wie als Koͤnigin, auf eine ſehr unehrerbietige Weiſe, und uͤberließ ſich gewoͤhnlich der Trunkenheit und andern ſchaͤndlichen Laſtern. Obſchon er bereits mehr Gewalt beſaß, als ſeiner Faͤhigkeit oder ſeinem Alter angemeſſen war, denn er war blos 19 Jahre alt, ſo forderte er doch dringend und ungeſtuͤmm die in Schottland ſogenannir eheliche Kroue, d. h. den Genuß des koͤniglichen Rechts 7 97 3 Rechts in der ganzen Ausdehnung, in der ſeine Gemahlin ſich deſſelben erfreute. Bis er dieſe Auszeichnung erlangte⸗ wurde er nicht als Koͤnig betrachtet, obſchon man ihn aus Hoͤflichkeit ſo nannte. Er war blos der Gemahl der Koͤnigin. Dieſe eheliche Krone war Franzen, Maria's erſtem Ge⸗ mahle, zu Theil geworden, und Darnley war entſchloſſen, ſich denſetben Rang zu verſchaffen. Allein Maria, deren Guͤte gegen ihn ſeine Verdienſte, ſo wie ſeine Dankbarkeit, bereits weit uͤberſtiegen hatte, war entſchloſſen, ihm dieſe letzte Forderung, wenigſtens ohne den Rath und die Zuſtim⸗ mung des Parlaments, nicht zu bewilligen.. Aus kindiſcher Ungeduld hegte Darnley einen toͤdtlichen Groll gegen alles, was in der augenblicklichen Erfuͤllung ſei⸗ ner Wuͤnſche in den Weg trat, und ſein Haß fiel bei dieſer Gelegenheit auf den italieniſchen Sekretair, der fruher ſein Freund geweſen war, den er aber jetzt fuͤr ſeinen Todfeind hielt, weil er vermuthete, Rizzio muntere die Koͤnigin auf, ſeinem haſtigen Ehrgeize zu widerſtehen. Seine Entruͤſtung gegen den ungluͤcklichen Fremden ſtieg bis zu einer ſolchen Hoͤhe, daß er ihn mit eigener Hand zu erdolchen drohte; und da Rizzio viele Feinde und keinen andern Freund als ſeine Gebieterin hatte, ſo verſchaffte ſich Darnley leicht Werkzeuge, und zwar von keinem niedrigen Range, welche die Vollfuͤh⸗ rung ſeiner Rache auf ſich nahmen. Der bedeutendſte unter Darnley's Mitſchuldigen, bei dieſer ungluͤcklichen Gelegenheit, war Jakob Douglas, Graf von Morton, Kanzler des Koͤnigreichs, Vormuͤnder und Oheim des Grafen von Angus(der damals gerade minderjaͤh⸗ rig war), und daher Verwalter der ganzen Gewalt des groſ⸗ ſen Hauſes Douglas. Er war ein Edelmann von hohem W. Scon's Werte. X0VlIII. 7 militaͤriſchen Talente, und großer politiſcher Weisheit; allein obſchon er auf Heiligkeit des Lebens Anſpruch machte, ſo be⸗ weiſen doch ſeine Handlungen, daß er ein laſterhafter und gewiſſenloſer Mann war. Obſchon er Kanzler des Koͤnig⸗ reichs, und deßwegen beſonders verpflichtet war, die Geſetze zu achten, trug er doch kein Bedenken, in den graufamen und ungeſetzlichen Vorſatz des Koͤnigs einzugehen. Lord Ruthven, ein Mann, deſſen Koͤrper durch Krankheit erſchoͤpft war, ſchnallte nichts deſtoweniger ſeine Ruͤſtung zu dem ge⸗ nannten Zwecke an; und es war ihnen nicht ſchwer, noch an⸗ dere Agenten zu finden.— Leicht haͤtte man ſich Rizzlo's bemaͤchtigen und ihn be⸗ handeln koͤnnen, wie die ſchottiſchen Pairs bei der Bruͤcke von Lauder die Guͤnſtlinge Jakob's III. behandelten. Allein dieß wuͤrde den Rachedurſt Darnley's nicht geſtillt haben, der ſich daruͤber beklagte, daß die Koͤnigin ſich gegen dieſen nied⸗ rigen Italiener hoͤflicher benehme, als gegen ihn ſelbſt; und deßwegen den grauſamen Entſchluß faßte, ſich ſeiner in ihrer Gegenwart zu bemaͤchtigen. Dieſer Plan war um ſo un⸗ menſchlicher, als Marig um dieſe Zeit ſchwanger war, und der Schrecken und die Beſtuͤrzung, welche eine ſolche Hand⸗ lung der Gewaltthaͤtigkeit verurſachen mußte, ihr Leben oder das ihres ungebornen Sproͤßlings haͤtte gefaͤhrden koͤnnen. Waͤhrend dieſe grauſame Verſchwoͤrung verabredet wur⸗ de, erhielt Rizzio verſchiedene Winke von dem, was geſche⸗ hen ſollte. Sir Jacob Melville ſuchte ihm die Gefahr dar⸗ zuthun, welcher ein Fremder in jedem Lande ſich ausſetze, der ſo hoch in der Gunſt eines Fuͤrſten geſtiegen ſey, daß er ſich die Abneigung der Eingebornen des Laudes zugezogen habe. Ein franzoͤſiſcher Prieſter, der eine Art Sterndeuter war, armahnzt ihn, ſich vor einem Baſtard zu huͤten. Auf ſolche —, 4 99 1 Warnungen erwiederte er,„die Schotten pflegen mehr zu drohen als auszufuͤhren; und was den Baſtard betreffe(wo⸗ mit ſeiner Meinung nach der Graf von Murray gemeint war), ſo wolle er Sorge dafuͤr tragen, daß er nie Macht ge⸗ nug in Schottland beſitze, um ihm etwas Boͤſes zuzufuͤgen.“ Zutrauensvoll und unbekümmert blieb er daher am Hofe, um ſein Schickſal zu erleiden. 1 Diejenigen Lords, welche an der Verſchwoͤrung Theit nahmen, waren nicht geneigt, Darnley's Groll gegen Rizzio umſonſt zu befriedigen. Als Lohn ihres Beiſtandes verlang⸗ ten ſie, er folle ihnen Verzeihung und Begnadigung fur Murray und ſeine Mitſchuldigen bei dem Rou⸗about⸗Raid auswirken helfen⸗ Auch wurden die letztern von dem ganzeu Unternehmen in Kenntniß geſetzt.. Die Koͤnigin Maria fand, gleich ihrem Vater Jakob V. ein Vergnuͤgen daran, ihre fuͤrſtliche Wuͤrde abzulegen, und ſich durch kleine, ruhige und luſtige Partien, wie ſie ſich⸗ ausdrückte, zu vergnuͤgen. Bei ſolchen Gelegenheiten ließ ſie ihre Lieblingsdiener an ihre Tafel zu, und Rizzio ſcheinte haͤufig dieſe Ehre gehabt zu haben. Am neunten Maͤrz 1566 hatten ſechs Perſonen in emem kleinen Kabinete, das an das Schlafzimmer der Koͤnigin anſtieß, und deſſen einziger Ein⸗ gang durch das letztere fuͤhrte, zu Nacht geſpeist. Nizzio war unter der Zahl. Um ſieben uhr Abenoͤs wurden die Thore des Palaſtes von Morton mit einer Abtheilung vom 200 Mann beſetzt; und mehrere der Verſchwoͤrer, von Darn⸗ ley ſelbſt geführt, drangen auf einer geheimen Treppe in das Gemach der Koͤnigin. Darnley trat zuerſt in das Cabinet, und ſtand einen Augenblick ſchweigend da, ſein Schlachtop⸗ fer mit ſinſtern Blicken betrachtend. Lord Ruthven folgte in .. 5. 3 100 voͤlliger Rüſtung, blaß und geiſterhaft ausſehend, wie ein Menſch, der ſich kaum erſt von einer langen Krankheit erholt hat. Nach ihnen drangen mehrere andere herein, bis das kleine Gemach mit Bewaffneten angefuͤllt war. Waͤh⸗ rend die Koͤnigin ſie nach dem Zwecke ihres Beſuches fragte, ſchlich Rizzio, der ſah, daß es ſein Leben galt, hinter ſie, und ergriff die Falten ihres Gewandes, damit die ihrer Perſon ſchuldige Achtung ihn beſchüͤtzen moͤchte. Die Meu⸗ chelmoͤrder warfen den Tiſch um und ergriffen den unglückli⸗ chen Gegenſtand ihrer Nache, waͤhrend Darnley ſelbſt die Koͤnigin feſthielt. Es war ohne Zweifel ihre Abſicht, Rizzio aus Maria's Gegenwart wegzuſchleppen, und ihn anderswo zu toͤdten; allein ihre wilde Ungeduld riß ſie zu einem augen⸗ blicklichen Morde hin. Georg Douglas, genannt der Poſtu⸗ lat von Arbroath, ein natürlicher Bruder des Grafen von Morton, machte den Anfang damit, daß er Darnley den Dolch aus dem Guͤrtel riß, und Rizzio damit verwundete. Er empfieng viele andere Stiche. Sie ſchleppten ihn hierauf durch das Schlafzimmer und Vorgemach, und machten ſei⸗ nem Leben oben an der Treppe mit nicht weniger als 56 Wunden ein Ende. Muͤde von ſeiner Anſtrengung, ſaß Ruthven, nachdem alles voruͤber war, in der Koͤnigin Ge⸗ genwart nieder, und forderte einen Trunk zu ſeiner Erfri⸗ ſchung, als ob er die unſchuldigſte Sache in der Welt ge⸗ than haͤtte. Die Zeugen, die Schauſpieler, und der Schauplatz die⸗ ſer grauſamen Lragoͤdie machen ſie zu einer der auſſerordent⸗ lichſten, deren die Geſchichte Erwaͤhnung thut. Das Kabinet und Schlafzimmer befinden ſich noch in dem naͤmlichen Zu⸗ dde, wie zu jener Zeit, und das Eſtrich oöben an der Trep⸗ rraͤst ſichthare Spuren von dem Blute des ungluͤcklichen —,—— —,—— 6 40¹ Rizzio. Die Koͤnigin flehte fortwaͤhrend mit Bitten und Thränen um ſein Leben; als ſie aber erfuhr, daß er verſchie⸗ den war, trocknete ſie ihre Thraͤnen.—„Ich werde jetzt,“ ſagte ſie,„auf Rache ſinnen.“ 4 Die Verſchwoͤrer, welche die grauſame Handlung einzig und allein, oder hauptſaͤchlich Darnley zu Gefallen, began⸗ gen hetten, glaudten ſich deßwegen ſeines Schutzes gewiß⸗ Sie vereinigten ſich mit Murragy und ſeinen Verbuündeten, die verabredetermaſſen ſo eben aus England zurückgekehrt wa⸗ ren, und entwarfen einen gemeinſchaftlichen Plan. Die Koͤ⸗ nigin ſollte in dem Schloſſe zu Edinburgh, oder ſonſt wo in ſtreuger Haft gehalten werden; und Murray und Morton den Staat in Darnley's Namen, der die ſo aͤngſtlich erſehn⸗ te eheliche Krone erhalten ſollte, regieren. Allein dieſer gan⸗ ze Anſchlag wurde durch Darnley's Abfall vereitelt. En wankelmuͤthig als heftig, und ſo furchtſam als er ſich grau⸗ ſam gezeigt hatte, war Nizzio nicht ſo bald erſchlagen, als Darnley uͤber das Geſchehene erſchrack, und genelgt wurbe, allen Antheil an dem Verbrechen abzulaͤugnen. Als Maria ſah, daß ihr ſchwachherziger Gemahl von Gewiſſnsangſt und Fnrcht geplagt wurde, bewog ſie i 3 gen dieſelben Perſonen, die er zu der obenerwaͤhnten lichen That aufgefordert hatte, Partei zu nehmen. Darnley und Maria entwichen mit einander aus Holyroydhouſe und flohen nach Dunbar, wo die Königin eine Proklamatinn er⸗ ließ, die bald viele treue Anhaͤnger um ſie verſammelte. Jetzt war die Reihe zu zittern au den Verſchwoͤrern. Damit der Sieg der Koͤnigin über ſie deſto gewiſſer ſeyn moͤchte, ver⸗ zieh ſie dem Grafen von Murray und ſeinen Mitſchuldigen bei dem Runabout⸗Raid, indem ſie ſie fuͤr minder ſchuldig erklaͤrte, als Rizzi's Morder. Ss wurden Murray, Gieid⸗ 10⁰0² eairn und andere begnadigt, waͤhrend Morton und ſeine Ka⸗ meraden ihrerſeits nach England entflohen. Kein ſchottiſcher Unterthan, welches Verbrechens er ſich auch ſchuldig gemacht haben mochte, konnte daſelbſt eine Zufluchtsſtaͤtte ſuchen, oh⸗ ne geheimen Schutz, wo nicht eine offene freundliche Auf⸗ nahme zu finden. Dieß war Eliſabeth's beſtaͤndige Politik. Abermals ſah ſich die Koͤnigin Maria im Beſitze der hoͤchſten Gewalt, allein großen Verdruß erweckte ihr das thoͤ⸗ richte Betragen ihres Gemahls, deſſen Albernheit und Ueber⸗ muth durch die Folgen von Rizzio's Dod nicht gezügelt wor⸗ den war, ſo daß zwiſchen dem koͤniglichen Ehepaare fortwaͤh⸗ rend das ſchlechteſte Einverſtaͤndniß herrſchte, obſchon ein Schein von Wiederausſoͤhnung es verdeckte. Den 19ten Innius 1566 wurde Maria von einem Soh⸗ ne, dem nachmaligen Jakob VI. entbunden. Als die Kunde von dieſem Ereigniſſe nach London gelangte, war Eliſabeth gerade auf einem Balle und mit Tanzen beſchaͤftigt. Als ſie hoͤrte, was vorgefallen war, hoͤrte ſie auf zu tanzen, und ſetz⸗ te ſich nieder, ihren Kopf auf ihre Hand ſtuͤtzend, und ihren Damen in leidenſchaftlicher Aufregung zurufend:„Hoͤrt ihr nicht, daß die Koͤnigin von Schottland einen huͤbſchen Sohn hat, und ich bin bloß ein unfruchtbarer Stamm!“ Allein am naͤchſten Morgen hatte ſie ſich hiulaͤnglich erholt, um ih⸗ re gewoͤhnliche aͤuſſere Hoͤflichkeit ſchimmern zu laſſen. Sie empfing den ſchottiſchen Geſandten mit großer anſcheinender Huld, und nahm das Amt einer Kaufpathe des jungen Prin⸗ zen, das er ihr im Namen der Koͤnigin Maria anbot, mit Dank an. NRach einer glaͤnzenden Feierlichkeit bei Gelegenheit der Taufe des Erben von Schottland, ſcheint die Koͤnigin Maria auf die Beſeitigung der Unordnungen des Adels bedacht ge⸗ — —— —— — 403 weſen zu ſeyn. Ihren gerechten Groll aufopfernd, verzieh ſke allen, welche an Rizzis's Ermordung Theil gehabt hatten. Auſſer zwei Maͤnnern von niedrigem Range war Niemand wegen dieſes Verbrechens hingerichtet worden. Lord Ruthven, der die Hauptrolle dabei geſpielt hatte, war in England ge⸗ ſtorben, wo er ſo ruhig von„David's Ermordung“ geſpro⸗ chen und geſchrieben hatte, als ob ſie die gleichguͤltigſte, wo nicht die verdienſtlichſte Handlung geweſen waͤre. Georg Douglas, der den erſten Streich that, und Ker von Faldon⸗ ſide, ein anderer Boͤſewicht, der bei jener Gelegenheit ſeine Piſtole nach dem Buſen der Koͤnigin gerichtet hatte, wurden von der allgemeinen Verzeihung ausgeſchloſſen. Morton und alle andern erhielten die Erlaubniß, zuruͤckzukehren, um neue Veeraͤthereien und Mordthaten auszubruͤten. Wir ſind jetzt, mein theures Kind, zu einer ſehr ſchwie⸗ rigen Periode in der Geſchichte gekommen. Die nachfolgen⸗ den Ereigniſſe der Königin Maria ſind wohlbekannt; allein ‚weder uͤber die Namen der Hauptagenten bei dieſen Ereigniſ⸗ ſen, noch uͤber die Beweggruͤnde, nach welchen ſie handelten, ſind die Geſchichtſchreiber einig. Man hat beſonders heftig daruͤber geſtritten, und wird wahrſcheinlich noch lange dar⸗ uͤber ſtreiten, in wie weit die Koͤnigin Maria als aus freiem Willen handelnde Perſon bei den tragiſchen und verbrecheri⸗ ſchen Vorfaͤllen, welche ich dir zu erzaͤhlen im Begriffe bin, zu betrachten iſt; oder in wie weit ſie, rein von jedem Vor⸗ herwiſſen dieſer gewaltſamen Handlungen, ein unſchuldiges Opfer der Schurkerei anderer war. Es dir uͤberlaſſend, die⸗ ſen hiſtoriſchen Punkt fuͤr dich zu ſtudiren, wenn du zu rei⸗ fern Jahren gekommen ſeyn wirſt, werde ich dir einen Abriß der Thatſachen, ſo wie ſie von allen Seiten zugegeben und bewieſen ſind, zu entwerfen ſuchen. 10⁴ Jakob Hepburn, Graf von Bothwell, ein Mann von mittlerem Alter, hatte ſeit mehreren Jahren eine hervorſte⸗ chende Rolle in dieſen unruhigen Zeiten geſpielt. Er hatte es mit der Koͤnigin Regentin gegen die reformirte Partei ge⸗ halten, und man glaubte, daß er mehr der regierenden Koͤni⸗ gin, als irgend einer der Parteien, die ihr gegenuͤber ſtanden, zugethan war. Er war das Haupt der maͤchtigen Familie Hepburn, und beſaß großen Einfluß in Oſt⸗Lotbian und Ber⸗ wickſhire, wo ſtets treffliche Soldaten aufgebracht werden konnten. In ſeiner Sittlichkeit war Bothwell wild und aus⸗ ſchweifend, in ſeinem Ehrgeize regellos und verwegen; und ohſchon ſeine Geſchichte nicht viele Beiſpiele von perſoͤnlichem Muthe darbietet, ſo ſtand er doch in ſeiner fruͤhern Lebens⸗ periode in dem Rufe eines ſehr beherzten Mannes. Er war bei Gelegenheit von Rizzio's Ermordung in Gefahr geweſen, weil man, in Folge ſeiner Achtung für die Koͤnigin geglaubt hatte, er habe dieſen grauſamen Schimpf gegen ihre Perſon und Gewalt zu verhuͤten geſucht. Da der Graf von Both⸗ well großen Eifer fuͤr Maria's Sache zeigte, ſo fand ſie ſich natuͤrlich bewogen, ihn bei Hof zu befoͤrdern, bis Viele, und beſonders die Prediger der reformirten Religion, glaubten, fie wuͤrdige einen Mann von einem ſo wilden und verworfe⸗ nen Charakter einer zu großen Vertraulichkeit; und die oͤffentliche Stimme klagte die Königin an, daß ſie eine groͤße⸗ re Zuneigung zu Bothwell habe, als verheiratheten Perſonen, wie ſie beide ſeyen, ihre Pflicht erlaube. Eine unuberlegte Handlung Maria's ſchien dieſen Ver⸗ dacht zu beſtaͤtigen. Bothwell bekleidete unter vielen andern Aemtern das eines Huͤters aller Graͤnzen,(Lord Warden of all ihe Marches) und hielt ſich in dem Caſtle of Hermitage — 10³ auf, einer königlichen Feſtung die zu dieſem Amte gehoͤrte, um einige Unruhen an der Graͤnze zu unterdruͤcken. Als er im Oktober 1566 einen Freibeuter der Graͤnze, Johann Ellist of the Park genannt, mit eigener Hand feſtzunehmen ſuch⸗ te, wurde er an der Hand ſchwer verwundet. Die Koͤnigin, die damals in Jedburgh Gericht hielt, eilte durch Waͤlder, Moraͤſte und Waſſer, um dem vermundeten Graͤnzhuͤter ei⸗ nen Beſuch abzuſtatten; und obſchon die Entfernung zwanzig engliſche Meilen betrug, ging und kehrte ſie doch an demſel⸗ ben Tage von Hermitage Caſtle zuruͤck. Dieſe Reiſe mochte ihren Grund blos in Maria's Wunſch haben, die Urſache und die beſondern Umſtaͤnde eines ſo großen, ihrem Lieutenant angethanen, Schimpfs zu erfahren; allein alle diejenigen, welche ihr abgeneigt waren, und deren waren nicht wenige, fanden den Beweggund derſelben in ihrer aͤngſelichen Beſorg⸗ niß für die Sicherheit ihres Liebhabers. Inzwiſchen wuchs die Zwietracht zwiſchen Darnley und der Koͤnigin; und wie er Marien wegen ſeiner zahlreichen Zwiſte und Beſchimpfungen gegen ſie, ſo wie wegen ſeines Antheils an Rizzio's Ermordung im hoͤchſten Grade mißfal⸗ len mußte, ſo betrachteten ihn ſeine Mitverſchwornen bei die⸗ ſem letztern Verbrechen ats einen elenden, feigherzigen Wicht, der, nachdem er ſeine Verbuͤndeten zu einer ſo verwegenen Chat verleitet hatte, ſie nachher betrog und verließ. Sein ſpaͤteres Betragen verrieth keine Zunahme an Verſtand oder Muth. Er erklaͤrte, er werde das Koͤnigreich verlaſſen, und durch dieſe und andere grillenhafte Entſchluͤffe verlor er die Zuneigung der Koͤnigin in dem Grade, daß viele der gewiſ⸗ ſenloſen und raͤnkſüchtigen Adeligen, von welchen ſie umge⸗ ben war, auf den Gedanken kamen, es wuͤrde Marien ſehr angenehm ſeyn, wenn ſie von ihrer Verbindung mit dieſem unvernuͤnftigen und boͤsartigen jungen Mann befreit werden koͤnnte. Der erſte Vorſchlag, der ihr gemacht wurde, war der, ſie ſolle ſich von Darnley durch eine Eheſcheidung trennen. Bothwell, Maitland, Morton und Murray ſollen die Koͤni⸗ gin, die ſich damals in Craigmillar Caſtle, in der Naͤhe von Edinburgh, aufhielt, zu dieſem Vorſchlage zu bewegen geſucht haben, allein ſie verwarf ihn hartnaͤckig. Eine fin⸗ ſtere Verſchwoͤrung wurde hierauf, zur Ermordung des un⸗ gluͤcklichen Darnley, angezettelt; und Bothwell ſcheint nicht ſehr gezweifelt zu haben, daß Maria, auf dieſe Art von ei⸗ nem unerwuͤnſchten Gemahle befreit, ihn zu ſeinem Nachfol⸗ ger waͤhlen werde. Er ſprach mit dem Grafen von Morton uͤber Darnley's Wegſchaffung, und ſtellte ſie als ein Unter⸗ nehmen dar, das den Beifall der Koͤnigin habe. Morton weigerte ſich, an einer ſo wichtigen Sache Theil zu nehmen, bis er ein von der Koͤnigin unterzeichnetes Mandat erhalten wuͤrde. Bothwell verſprach ihm eine ſolche Vollmacht zu verſchaffen, hielt aber ſein Wort nie. Dieß geſtand Morton bei ſeinem Tode. Als der Geiſtliche, dem er beichtete, ihn fragte, warum er die Verſchwoͤrung nicht durch die Bekannt⸗ machung derſelben verhindert habe, erwiederte er:„er habe die Sache niemand mit Sicherheit mittheilen konnen. Die Koͤnigin,“ ſagte er,„war ſelbſt in dem Komplot; und wenn ich Darnley davon in Kenntniß geſetzt haͤtte, ſo war ſeine Narrheit ſo groß, daß ich uͤberzeugt bin, er wuͤrde es ſeinem Weibe verrathen haben, und ſo wuͤrde mein Untergang un⸗ vermeidlich geweſen ſeyn““ Allein obſchon er nicht weiter an⸗ erkannte, als ich dir geſagt habe, ſo ſtand doch Morton ſtets 197 im Verdachte, einer von den Mitverſchworenen gewefen 38 ſeyn; und man glaubte allgemein, daß ein verwegener und ſittenloſer Rerwandter von ihm, mit Namen Archibald Douglas, Pfarier von Glasgow, einer von den wiklichen Moͤrdern war. Waͤhrend auf Morton ſelbſt dieſer Verdacht ruhte, ſcheint fein Glaube auf keinem andern Grunde, als auf Bothwells Aeußerungen, bernht zu haben: da er zusiebt, daß Bothwell ihm nie irgend eine von der Koͤnigin eigenhaͤn⸗ dig unterzeichnete Vollmacht vorgezeigt habe, obſchon er es ihm verſprochen habe. Es ſcheint wahrſcheinlich, daß Mait⸗ land von Lethington ebenfalls um das unheilvolle und verbre⸗ cheriſche Geheimniß wußte. Morton und er waren jedoch beide Maͤnner von tiefer Einſicht. Sie ſahen vorher, daß Bothwell ſich und vielleicht auch die Koͤnigin der Nation durch die finſtere und blutige Handlung, die ſie im Schilde fuͤhr⸗ ten, verhaßt machen werden, und beſchloſſen deswegen, ſei⸗ nen Abſichten kein Hinderniß in den Weg zu legen, hoffend⸗ daß ihn ein baldiger Sturz uͤbereilen, und ſie ſelbſt die hoch. ſte Gewalt werden an ſich reißen koͤnnen. Waͤhrend dieſe Plaͤne gegen ſein Leben im Werke waren, erkrankte Darnley in Glasgow, und es zeigte ſich, daß ſeine Krankheit in den Kinderblattern beſtand. Die Koͤnigin ſchickte ihren Arzt, beſuchte ihn nachher in eigener Perſon, und es kam eine anſcheinende Ausſoͤhnuͤng zwiſchen ihnen zu Stande. Sie kamen den 31. Januar 1566— 67 miteinander nach Edinburgh. Der Koͤnig wurde in ein Kloſter, die Feld⸗ kirche genannt, vor den Mauern der Stadt, gebracht. Die Koͤnigin und der junge Prinz nahmen ihre Wohnung in dem Palaſte Holirvod. Der Grund, den man fuͤr dieſe Abſonde⸗ rung angab, war die Abſicht, das Kind vor der Gefahr, von 108 der Krankheit ſeines Vaters angeſteſteckt zu werden, zu bewah⸗ ren. Allein die Koͤnigin legte große Aufmerkſamkeit gegen ihren Gemahl an den Tag, und beſuchte ihn haͤufig; ſo daß ſie nie in beſſerem Vernehmen mit einander geſtanden zu ha⸗ ben ſchienen, als in dem Zeitpunkte, in welchem die Ver⸗ ſchwoͤrung gegen Darnley's Leben ihrer Ausfuͤhrung nahe war. Inzwiſchen waren Darnley und ſein Kammerdiener allein und abgeſondert von jeder andern Perſon, als folgende furchtbare Vorkehrungen getroffen wurden.— Am Abend des 9. Februar begaben ſich verſchiedene Per⸗ fonen, Verwandte, Anhaͤnger und Diener des Grafen von Bothwell im Geheimen nach der Feldkirche. Sie hatten eine große Menge Schießpulver bei ſich; und vermittelſt falſcher Schluͤſſel drangen ſie in den Keller des Gebaͤudes, wo ſie das Pulver in den Gewoͤlben unter Darnley's Gemach, und be⸗ ſonders unter ſeiner Bettſtelle, niederlegten. Vor zwei Uhr nach Mitternacht am folgenden Morgen kam Bothwell ſelbſt, in ein Reitkleid gehauͤllt, um Zeuge der Ausfuͤhrung des grauſamen Plans zu ſeyn. Zwei von ſeinen Schuften gien⸗ gen hinein, und zuͤndeten ein Stuͤck oon einem langſan nende Schwefelfaden an dem einen Ende an, das andere in das Schießpulver legten. Sie w den Erfolg einige Zeit lang ab, und B ſo unge⸗ duldig, daß man ihn nur mit M das Haus zu gehen, um zu ſehen, ob das Lich rgend ei⸗ nen Zufall erloſchen war. Einer ſeiner Mitbe ſchworenen überzeugte ſich, durch ein Fenſter blickend, daß es noch brannte. Die Exploſon erfolgte augenbli klich, die Feidkir⸗ che flog in die Luft, und die ganze Stadt gerieth in Be⸗ Ruͤrzung. Darnley's Leichnam wurde in dem außoohßenden 1³99 Baumgarten gefunden. Das Bett, in welchem er lag, hatte ihn vor jeder Wirkung des Feuers bewahrt, was zu dem all⸗ gemeinen Glauben Anlaß gab, daß er und ſein Kammerdie⸗ ner, der in derſelben Lage gefunden wurde, erwuͤrgt und aus dem Kloſter entfernt worden ſeyen, ehe das Haus in die Luft geflogen ſey. Allein dieß war eln Irrthum. Es iſt durch das Zeugniß derer, welche bei dem Vorfalle anweſend waren, klar bewieſen, daß keine andere Mittel als das Schießpulver angewendet wurden, eine Vernichtungsart, die maͤchtig genug war, um jede andere uͤberfluͤſſig zu machen. Im Verlage der Gebruͤder Franckh zu Stuttgart iſt ſo⸗ eben erſchienen nnd in allen Buchhandlungen zu haben: Deutſchland, oder Br ief e 5 eines in Deutſchland reiſenden Deutſchen. 4 Theile. gr. 8. 3 Ein Recenſent in der Leipz. Lit. Zeit. ſagt uͤber dieſes unter andern: Wir haben wenige Neiſebeſchreibungen, die ſich mit unſerm Vaterlande beſchaͤſtigen, von gleichem Wer⸗ the, den man der gegenwaͤrtigen zuerkennen muß.— Der Verf. derſelben, der ſich nicht genannt, ſcheint uns in ſich alle Eigenſchaften zu vereinen, die ihn zur Loͤſung ſeiner Aufgabe eignen: Kenntniß der Laͤnder und Menſchen durch eigene Anſicht und Umgang, der Statiſtik und der aͤltern und neuern Geſchichte; er hat eine große Beleſenheit, ein richtiges Urtheil, Witz und Laune, Bekanntſchaft mit frem⸗ den Noͤlkern und andern Staͤnden, als den ſeinigen, ſo daß er ſich in ſeinem Ausſpruche uͤber den Gehalt der Menſchen und der Dinge weder kleinſtaͤdtiſch, oder kleinſtagtiſch, noch einſeitig oder befangen zeigt.— Moͤgen auch Risbeck's „Briefe eines reiſenden Franzoſen“ ſich leichter und angeneh⸗ mer leſen laſſen, durch die Perſoͤnlichkeit bedeutender Men⸗ ſchen, die er hoͤchſt freimuͤthig, manchmal boshaft behandelt, mehr anziehen; dann hat gegenwaͤrtiges Werk doch mehr in⸗ nern Gehalt, und lehrt uns die Laͤnder, durch die es uns fuhrt, und ihre Bewohner weit beſſer kennen. Kurz wir duͤr⸗ fen es mit dem beſten Wiſſen, und als ein gutes Werk em⸗ Pfehlen, und zu den erfreulichſten Erſcheinungen in dem Ge⸗ biete unſerer Literatur zaͤhlen, die in der ſpatern Zeit eben nicht beſonders reich an ſolchen Schriften iß. Der erſte Band — vir erwarten die folgenden recht fehnlich— enthaͤlt in 36 Briefen eine allgemeine ſtatiſtiſche Ueberſicht unſeres Ge⸗ ſammt⸗Deutſchlands, die ſehr zweckmaͤßig vorausgeſchickt wird, und mit vieler Einſicht und großer Wahrheitsliebe geſchrieben iſt, die Beſchreibung der Reiſen des Verfaſſers durch das Ko⸗ nigreich Wuͤrtemberg, das Großherzogthum Baden und das Koͤnigreich Baiern, ohne jedoch die Graͤnzen des Rheins zu uͤberſchreiten. P a ul Jon e 3, der Seeraͤuber fuͤr Amerika's Freiheit. Ein Roman von Allan Cunningham. A. d. Engl. 5 Vände. 8. Ein Werk von der Hand des wohlbekannten ſchottiſchen Meiſters, das an Originalitaͤt der Erſtndung, an herrlicher, ſließender Sprache, an pſochologiſchem und hiſtoriſchem In⸗ tereſſe, und an unterhaltender Erzaͤhlung wohl mehr als ir⸗ gend eine der neueſten literariſch das wird hier mit feurigen, lebhaften Farben, im glaͤnzend⸗ 8 bewegen. Wie die Nothwendigkeit, gewaktig in das zel der Freiheit tretend, ein großes Streben nach unbewußten Zielen lenkt. das wird der Menſchenbeobachten in dieſem Ge⸗ urkraͤftig ſteht der Geiſt des Verfaſſers in der zuͤngſten Zeit, und waͤhlt fuͤr das große Gemuͤth den großen Gegen⸗ ſtand. Faͤr alle, die Coopers trefflichen Roman geleſen ha⸗ den, wird es unwiderſtehliches Beduͤrfniß werden, hier ihre Erklaͤrung zu ſuchen, und nun das Ganze in ſeinem Zuſam⸗ menhang zu uͤberblicken. Saämmtliche Werke 7 d er Lady Sidney Morgan. Neu überſetzt. 54 Jedes Bändchen gr. 12. broſchirt, Preis 36 kr. oder 9 Groſchen ſächſiſch. Es iſt gewiß kein unverdienſtliches Unternehmen, die Werke dieſer ausgezeichneten Schriftſtellerin in einer vollſtaͤndigen vorzüglichen Ueberſetzung in einer wohlfeilen Ausgabe dem deutſchen Publikum vorzulegen. 1 Man kann mit Recht behaupten, daß Lady Morgan unter allen Damen, die es jemals gewagt haben, in politi⸗ ſchen, geſchichtlichen und poetiſchen Darſtellungen mit Maͤn⸗ nern zu wetteifern den erſten Rang behauptet. Sie hat mit andern nicht nur Kenntniſſe, nicht nur Scharfſinn und Witz, nicht nur ein gefühlvolles Herz, nicht nur die Gabe der Rede gemein, ſondern vor allen andeen auch einen gewißen Tact, eine Haltung des Charakters und Ideen, die man in der Regel faſt nur bei Maͤnnern findet, und die bei ihr um ſo mehr Bewunderung verdienen; ſie hat ſich dadurch den Vorrang uͤber ihre geiſtvolle Nebenbuhlerin die Frau von Stael geſichert. Den Anfang der Werke bildet der ſo eben erſchienene Roman: Die O Brien's und O ⸗Flaherty's welcher von allen Kritikern als ein Meiſterwerk bezeichnet wird. Ausfüͤhrliche Anzeigen werden nachſtens im Buchyan⸗ del zu haben ſeyn, 3