Taschenbibliothek der 3 ausländischen Klassiker, neuen Verdeutschungen. Walter Scott's Romanc. Sieben und dreyfsigstes Bändchen. —.,— Walter Scott's Romanme. Aus dem Englischen. .„. Sieben und dreyſsigstes Bändchen. Die Presbyterianer. Vierter Theil. —B—,—Q—; Zwickan, im Verlage der Gebrüder Schumann. 1823. D ie Presbyterianer. Dritte der Erzählungen meines Wirths. Von Walter Jcott. Aus dem Englischen von Ernst Benthol d. FV, i er er T e 1. ——ęVB:n Puvuͤ———ℳ—ℳęʒͤ Zwickau, im Verlage der Cebrüder Schumann. 1 8 2 3. Fünf und dreyſsigstes Kapitel. — Die Klag' ist vernommen, die Anwalte harren, Es sitzen die Richter— ein schrecklicher Anblick! Bettleroper. So tief war der Schlummer, welcher der Er- schütterung und Verwirrung dieses Tages folgte, dafs Morton kaum wuſste, wo er war, als er am folgenden Morgen durch das Stampfen der Pferde, durch rauhe Menschenstimmen und den schmet- ternden Ton der Trompeten, die zum Aufbruch pliesen, geweckt ward. Gleich darauf kam der Wachtmeister, ihn zu rufen, was er auf eine sehr ehrerbietige Weise mit den Worten that: Der General“(denn dee war Claverhouse jeizt) choffe unterweges das Vergnügen seiner Gesell- schaft zu haben.“ In mancher Lagse ist eine 8 Meldung ein Befchl, und Mlorton sah ein, dals er sich in einer solchen befand. Er begab sich so schnell, als er konnte, zu Claverhouse, fand sein Pferd für sich gesattelt und Luthbert zu sei- ner Bedienung bereit. Beyde mufsten zwar ihre Schieſsgewehre abgeben, sonst aber schienen sie eher zu den Soldaten selbst zu gehören, als ihre Cefangenen zu seyn. Auch durfte Morton sein Schwert behalten, das in jenen Zeiten das be- zeichnende Merkmal eines Mannes von Stande war. Claverhouse schien überdem Vergnügen darin zu finden, neben ihm zu reiten, sich mit ihm zu unterhalten, und ihn irre zu machen, wenn er versuchte, seine wahre Gesinnung zu erforschen. Die Feinheit und Gefälligkeit seines Benehmens im Canzen, die hohen und ritter- lichen Begriffe von der pflichtmäſsigen Selbst- verläugnung des Kriegers, die er gelegentlich aussprach, sein tiefer und scharfer Blick in das menschliche Herz, nöthigten jedem, der mit ihm umging, zu gleicher Zeit Beyfall und Erstaunen ab, während auf der andern Seite seine kalte Gleichgiltigkeit gegen militärische Gewaltthätig- keit und Grausamkeit wiederum mit den geset- ligen, fast bewundernswürdigen Eigenschaften, die man an ihm wahrnehmen muſste, ganz un- vereinbar zu seyn schienen. Morton konnte nicht umhin, ihn im Uerzen mit Balfour von Burley zu vergleichen, und der Gedanke durchdrang — 9 Ihn so ganz, dafs er einen Wink davon fallen lieſs, als sie in einiger Entfernung von der Rei- terschaar neben einander herritten. «Ihr habt Recht, sagte Claverhouse lächelnd: «Ihr habt schr Recht— wir sind beyde Schwär- mer; aber es ist ein Unterschied zwischen der Schwärmerey der Ehre und der des finstern, ver- stockten Aberglaubens.“ «Aber Beyde vergiefst Ihr Blut ohne Barm- herzigkeit und ohne Gewissensbisse,“ versetzte Morton, der seine Empfindungen nicht unter- drücken konnte. 1 «Allerdings," erwiederte Claverhouse mit eben der Fassung; aber was für Blut? Es ist eben- falls ein Unterschied, denk' ich, zwischen dem Blut ehrwürdiger und gelehrter Bischöfe und Doctoren, tapferer Soldaten und edelgeborner Männer, und zwischen dem rothen Pfützen- schlamm, der in den Adern psalmsingender Handwerker, hirnverbrannter Volksrädelsführer und grämlicher Bauernkerle stockt— ein Unter- schied, denk' ich, eine Flasche edeln Weins auszugieſsen und eine Kanne niedriges, trübes Bier umzuwerfen.“ 8 «Eure Unterscheidung ist zu spitzſindig für meine Fassungskraft,“ entgegnete Morton. Von Cott stammt jedweder Lebensfunken, der des Bauers so gut, wie der des Fürsten, und die- jenigen, welche sein Werk sorglos und ohne 10 Ursache zerstören, müssen Rechenschaft geben für jenes, wie für dieses. Welch ein gröſseres Recht, zum Beyspiel, hab' ich jetzt auf General Grahams Schutz, als damals, wo ich ihn zum erstenmale sahpn Und kaum den Folgen entging, wollt Ihr sagen?“ erwiederte Claverhouse.«Gut, ich will Euch offenherzig antworten. Damals dacht' ich, ich hätte es mit dem Sohn eines alten rund- köpſigen Aufrührers zu thun, mit dem Neſfen eines fllzigen Presbyterianischen Gutsbesitzers; jetzt kenne ich Euch besser, und es ist Etwas in Euch, was ich in Feind und Freund gleich achte. Ich habe Manches und Vieles von Euch erfahren, seit unserm ersten Zusammentreſfen, und ich hoffe, Ihr habt gefunden, daſs meine Auslegung der erhaltenen Nachrichten Euch nicht ungünstig gewesen ist.* «Und dennoch“— hob Morton wieder an. Und dennoch,“ unterbrach ihn Graham, das Wort nehmend,«wart Ihr derselbe, wollt Ihr sagen, als ich zuerst mit Euch zusammentraf, der Ihr jetzt seyd? Das ist wahr, aber wie konnt; ich das wissen b Und trotz dem, im Vorbeygehn gesagt, kann selbst mein Widerwille, Eure Hin- richtung aufzuschieben, Euch zeigen, wie hoch ich Eure Fähigkeit zu schätzen wuſste.» Erwartet Ihr, Herr General, daſs ich Euch 11 für diesen Beweis von Achtung besonders dank- bar seyn werde?n « Pah, pahl“ erwiederte Claverhouse:« Ihr wollt einmal durchaus unzufrieden seyn. Habt Ihr je den Froissart gelesen 5 «Niemals, antwortete Morton. «Ich hätte fast Lust,“ fuhr Claverhouse fort, zu bewerkstelligen, daſs Ihr auf sechs Monate ins Gefängnifs kämt, blos um Euch dies Ver- gnügen zu verschaflen. Sein Buch begeistert mich mehr, als selbst Gedichte. Wie schön und mit welchem ächt ritterlichen Cefühl drückt der edle GCeistliche seinen Schmerz aus, wenn irgend ein tapferer, edelgeborner Ritter geblieben ist, des- sen Tod man bedauern mufste, so grofs war seine Treue gegen seinen König, sein standhafter Glaube, sein Muth dem Feinde gegenüber, und seine Ergebenheit gegen die Dame seines Herzens. Wie klagt er über den Fall einer solchen Perle der Ritterschaft, sey es nun auf der Seite, die er begünstigt, oder auf der andern. Aber wahr- lich, wenn vom Angesichte der Erde ein Paar hundert elender Bauernkerle weggefegt werden, die blos geboren sind, sie zu pflügen, so fühlt der edelgeborne, forschbegierige Geschichtschrei- ber so wenig Theilnahme, als Johann Graham von Claverhouse, oder vielleicht noch weniger.* s ist ein Landmann in Eurer Gewalt, Herr General,v erwiederte Morton,«für welchen ich 12 doch um Eure Gunst flehen möchte, trotz Eurer Verachtung gegen einen Stand, den einige Weise für eben so mützlich gehalten haben, wie den des Soldaten.* aIhr meint,» antwortete Claverhouse, in ein Denkbuch blickend,«einen gewissen Hatherick- Headrigg— ja, Luthbert Headrigg, hier ist er— O für den fürchtet nichts, wenn er sich nur behandeln läfst! Die Damen von Tillietudlem haben sich schon bey mir für ihn verrendet, schon vor einiger Zeit. Er soll ihr Kammer- mädchen heyrathen, glaube ich. Er wird leicht so durchschlüpfen können, wenn er nur durch seinen Eigensinn sein gutes Glück nicht selbst zerstört.* „Ich glaube nicht, dafs er den Ehrgeiz hat, ein Märtyrer zu werden,“ versetzte Morton. «Desto besser für ihn,» sagte Claverhouse. „Ausserdem bin ich sein Freund, wenn schon er eigentlich mancherley zu verantworten hätte; denn der verwegne Muth, mit dem er sich gestern Nacht mitten unter uns warf, als er Hülſe für Euch suchte, hat mir gefallen. Ich verlasse nie- manden, der sich mir mit solchem unbedingten Vertrauen hingibt. Aber offenherzig mit Euch zu reden, wir haben ihn schon lange im Auge gehabt. 5 Halliday, gib mir einmal das schwarze Buch er! ²³ 19 Als der Wachtmeister dem GCeneral dies ge- fährliche Verzeichnifs der Miſsvergnügten ge- bracht, das in alphabetischer Ordnung verfafst war, überschlug Claverhouse einige Blätter, bis er an den gesuchten Buchstaben kam: aGumblegumptirn, ein Prediger, 50 Jahre alt, von der geduldeten Kirche; verschlossen, schlau, und so weiter— pah!— er— dieser— hier hab' ich ihn! Heathercat— geächtet, ein Predi- ger, ein eifriger Cameronianer— hält religiöse Versammlungen— still! hier ist er: Headrigg, Luthbert Headrigg. Seine Mutter, eine grimmige Puritanerin, er selbst ein einfältiger Bursche, rasch und unbesonnen mit der That, aber ohne Verstand für Verschwörungen; gefährlicher durch seinen Arm, als durch seinen Kopf, könnte noch auf den rechten Weg gebracht werden, wenn nicht seine Anhänglichkeit an»—— hier sah Claverhouse Morton an, schlug das Buch zu und fuhr mit verändertem Tone fort: Treue und Redlichkeit, Herr Morton, sind Worte, die bey mir nimmermehr verloren sind. Ihr könnt Euch auf des jungen Menschen Sicherheit verlassen." Empört es nicht ein Gemüth, wie das Eure,* hob Morton an,«Euch zu Crundsätzen zu beken- nen, zu deren Haltung Ihr solcher kleinlicher Nachforschungen nach den dunkelsten, uubedeu- iendsten Menschen bedürft p 14 „Ihr glaubt doch nicht, dafs wir uns diese Mühe geben?"» erwiederte der Ceneral stolz- „Die Pfarrer sind's, die ihrer selbst wegen willig diese Materialien sammeln, um in ihrem eignen Kirchspiel Bescheid zu wissen. Sie kennen die schwarzen Schafe in der Heerde am besten. Euer Bildnifs habe ich schon vor drey Jahren be- sessen.“ «Wirklich Po sagte Morton.«Wollt Ihr wohl so gütig seyn, es mir mitzutheilen P Recht gern,“ versetzte Claverhouse.«Es kann nichts mehr schaden, denn Ihr könnt Euch an dem Pfarrer nicht mehr rächen, da Ihr wahr- scheinlich Schottland auf einige Zeit verlassen werdet.* Diese Worte wurden in einem gleichgültigen Tone gesprochen. Morton fühlte einen unwill- kührlichen Schauder, als er so seine Verbannung aus seinem Vaterlande aussprechen hörte, aber ehe er antworten konnte, las Claverhouse: «Heinrich Morton, Sohn des Silas Morton, Obersten der Reiter des Schottischen Parlaments, und Neſfe Mortons von Milnwood; unvollkom- men erzogen, aber über seine Jahre klug; aus- gezeichnet in allen körperlichen Geschicklich- keiten; gleichgültig gegen Glaubensformen, doch scheint er sich zum Presbyterianismus zu neigen— hat überspannte und gefährliche Begriffe von Denk- und Sprechfreyheit, und schwebt zwischen 15 einem Latitudinarianer und einem Schwärmer. Sehr bewundert und geliebt von den Jünglingen seines Alters; bescheiden, ruhig, ohne Anmaſsung im Betragen, aber im Herzen besonders kühn und unbiegsam. Er ist— hier stehen drey rothe Kreuze, Herr Morton, sie bedeuten dreyfach gefährlich. Ihr seht, was Ihr für eine wichtige Person seyd. Aber was will der Kerl dort P» Ein Reiter war unterdefs zu ihnen gestoſsen und übergab Claverhouse einen Brief. Dieser überblickte ihn, lachte verächtlich, und trug dem Boten auf, seinem Herrn zu sagen: Er möchte seine Gefangenen nach Edinburg senden, es sey weiter keine Antwort nöthig.“ Als der Reiter fort ritt, wendete er sich zu Morton und sagte zu ihm mit geringschätzigem Tone: Hier ist einer von Euren Verbündeten, der von Euch abgefallen ist, oder vielmehr ein Verbündeter Eures guten Freundes Burley, sollte ich sagen. Hört doch, was er vorzubringen hat: Hochge- schätzter Freund!“(ich weiſs nicht, wie ich zu dieser Vertraulichkeit komme). ‧Ich bitte Eure Excellenz gehorsamst, meine unterthänigsten Glückwünsche über den Sieg anzunehmen'—— hm! hm!— mit dem das Heer Seiner Majestät gesegnet worden. Ich melde Euch hiermit, dafs ich meine Leute unter den Waſſen habe, und alle Flüchtigen auffangen lasse, auch bereits mehrere Gefangene und so weiter. Unterzeichnet 16 Basil Olifant.“— Ihr kennt den Kerl dem Namen nach— nicht?“ „Ist er nicht ein Verwandter der Frau Marga⸗ rethe Bellenden P' fragte Morton. Ja, erwiederte Claverhouse,«und der männ- liche Erbe von ihres Vaters Familie, obwohl sehr entfernt verwandt; und überdem ein Freyer der schönen Editha, aber abgefertigt als ein Unwür- diger. Besonders aber ein Bewundrer von der Herrschaft Tillietudlem und von Allem, was dazu gehört." Er hat einen üblen Weg eingeschlagen, sich den Damen von Tillieiudlem zu empfehlen,* versetzte Morton, seine Gefühle unterdrückend, „wenn er sich zu unsrer unglucklichen Sache hält.“ O dieser herrliche Basil versteht es vortreff- lich, den Mantel nach dem Winde zu hängen. Er war unzufrieden mit der Regierung, weil sie zu seinen Gunsten das Testament des letzten Grafen von Torwood nicht umwerfen wollte, der seine Besitzungen seiner Tochter hinterlieſs. Er war unzufrieden mit Frau Margarelhen, weil sie kein Verlangen nach der Verbindung mit ihm zeigte, und mit der reizenden Edithe, weil seine lange unliebenswürdige Figur ihr nicht gefel. Er stand in engem Verkehr mit Burley, und hatte seine Leute zusammengezogen, ihm bey- zustehn, wenn er keines Beystandes brauchte, — 5⸗ 17 das heifſst, wenn Ihr gestern uns geschlagen hättet. Und nun behauptet der Schurke, er sey stets für den König thätig gewesen, und ich wette, der Staatsrath wird alles tär baare Mänze neh- men, denn er weils sich Freunde darunter zu machen. Ein Paar Schock armer fanatischer Herumzigler wird man niederschieſsen oder auf- knüpfen, während dieser spitzbübische Schuft sicher liegt unter dem Deckmantel der ergebnen Treue, der mit dem Fuchspelze der Heucheley wohl ausgefüttert ist.» Mit Gesprächen dieser Art verkürzten sie sich den Weg. Claverhouse sprach stets mit grofser Freymüthigkeit und behandelte Morton mehr wie einen Freund und Gefährten, als wie einen Gefangenen; so dafs, wie ungewiſs sein Schicksal auch war, die Stunden, welche dieser Letztere in der Gesellschaft des merkwürdigen Mannes zubrachte, ihm so angenehm durch das rege Spiel der Einbildungskraft und die tiefe Kennt- niſs der menschlichen Natur desselben verschwan- den, daſs, seitdem er Kriegsgefangener war, und er sich von der Besorgnifs über seine zweifelhafte und gefährliche Lage unter den Insurgenten und den Folgen ihres argwöhnischen Hasses befreyt sah, er sich unbekummerter und unbefangener fühlte, als je, seitdem er in das öffentliche Le- ben getreten war. Er glich nun, was sein Schick- sal betraf, einem Reiler, der die Zügel seinem 74. B 18 Rosse auf den Hals gelegt hat, und während er sich den Umständen überlieſs, war er wenigstens der Mühe des Versuches überhoben, sie zu lei- ten. In dieser Stimmung reiste er immer vor- wärts. Die Zahl der Reisegefährten vermehrte sich fortdauernd durch Reiterschaaren, die aus allen Gegenden des Landes herbeykamen, und meistentheils einige Unglückliche mit sich führ- ten, die ihnen in die Hände gefallen waren. Endlich erreichten sie Edinburg. «Unser Siaatsrath,“ sagte Claverhouse, chat, glaub' ich, beschlossen, durch seinen jetzigen Jubel zu zeigen, wie grols früher sein Schrecken gewesen ist, Sund darum eine Art von Triumph- einzug für uns Sieger und unsere Gefangene an- geordnet. Da ich aber der Sache nicht viel Geschmack abgewinnen kann, so möcht' ich mich gern meiner Rolle dabey entziehn, und will Euch auch gern die Eure erlassen.“ Er ühergab darauf Allan(der jetzt Oberst- lieutenant geworden war) die Führung der Dra- goner, und ritt, von Morton und einigen Dienern begleitet, durch eine Nebengasse in die Stadt. Als Claverhouse in dem Quartier in der Kano- nenstrafse, wo er gewöhnlich abstieg, ankam, wies er seinem Gefangnen ein kleines Zimmer an, mit der Bemerkung, sein Wort nöthige ihn für jetzt, es zu hüten. Nachdem Morton ohngefähr eine Viertelstunde — 19 in einsamem Nachsinnen über die seltsamen Wechsel im letzten Theile seines Lebens zuge- bracht, ward er durch einen groſsen Lärm unten auf der Strafse an das Fenstèr gezogen. Trom- Peten, Trommeln und Pauken, die fast von dem Jubelgeschrey eines zahlreichen Pöbels noch übertönt wurden, verkiündigten ihm, daſs die Reiterey ihren Siegescinzug hielt, wovon Claver- house ihm schon gesagt hatte. Der Magistrat, von seinen Trabanten begleitet, hatte die Sieger glückwünschend am Stadtthor empfangen, und ging ihnen nun im Aufzuge voran. Dann folgten zwey Köpfe, auf Piken setragen, und vor jedem Dlutigen Haupte trug man die Hände der un- glücklichen Zerstückelten, welche die Träger oft mit rohem Spotte zusammenschlugen, als woll- ten sie zum Gebete oder zur geistlichen Erbau- ungsrede sich falten. Diese blutigen Trophäen gehörten zwey Predigern, die an der Bothwell- Brücke gefallen waren. Darauf kam ein Karren, der von Henkersknechten Sezogen ward, und auf welchem Macbriar, nebst zwey andern Gefange- nen, saſs, die mit ihm von gleichem Stande zu seyn schienen. Sie waren entblöfsten Hauptes, und stark gebunden, aber sie sahen mit Blicken umher, die cher Triumph als Furcht aussprachen, und weder das Schichsal ihrer Gefährten, von dem das blutige Zeugnifs vor ihnen hergetragen Ward, schien sie zu erschüttern, noch der Schrek- 20 ken vor ihrer eignen nahen Hinrichtung, die Alles ihnen verkündete.* Hinter diesen, so dem öffentlichen Schimpf und Hohn ausgeselzten Gefangenen, kam eine Schaar Reiter, die ihre Schwerter schwangen, und die breite Strafse mit lautem Jubelruf füll- ten. Ihnen antwortete das tobende Hurrah- geschrey des Pöbels, der in jeder gröfsern Stadt nur froh ist, wenn ihm verstattet wird, zu jauchzen und zu schreyen über jedwede Sache, die ihn zusammentreibt. 3 Nach diesen Reitern kam ein ganzer Haufe von Gefangenen, an dessen Spitze einige Insurgenten- hauptleute, die auf allerley Weise beschimpft und auf die erfinderischste Art verhöhnt wurden. Mehrere waren, das Gesicht gegen den Schwanz gekehrt, auf das Pferd gesetzt. Andere waren an eiserne Stangen gefesselt, die sie in den Hän- den tragen mufsten, wie die Galeerensclaven in Spanien, wenn sie nach dem Hafen gebracht werden, indem sie auf das Schiff sollen. Die Häupter anderer Gefallner wurden im Triumph vor den Ueberlebenden hergetragen, einige auf Piken und Hellcbarden, andere in Säcken, an denen auswendig Zeitel mit dem Namen der Getödteten hingen. Diese Unglücklichen bilde- ten den ersten Theil des furchtbaren Zuges, und sie schienen dem Tode so bestimmt geweiht zu seyn, als Wären sie mit dem sanbenito der ver- 21 urtheilten Ketzer bey einem Auro-da Ne bekleidet gewesen. Hinter ihnen kam ein namenloser Schwarm von mehreren hundert Gefangenen, von denen einige in ihrem Miſsgeschick noch Vertrauen auf die Sache zeigten, für die sie die Geſangen- schaft erduldeten, und bald noch ein blutigeres Zeugniſs geben sollten. Andere erschienen bleich, entmuthigt, niedergeschlagen, in ihrem Innern zweifelhaft, ob es klug gewesen war, eine Sache zu ergreifen, welche die Vorschung verworfen zu haben schien, und nach einem Ausweg um- herblickend, auf dem sie den Folgen ihrer Unbesonnenheit entgehen könnten. Noch andere schienen unfähig zu seyn, ihre Lage zu beur- theilen, irgend eine Hoffnung zu fassen, Furcht oder Zuversicht zu hegen; von Durst und Müdig- keit ganz entkräftet, stolperten sie daher, wie eine zu sehr getriebene Heerde Schlachtrich, todt für alles übrige, ausser ihr gegenwärtiges Elend, und ohne eine deutliche Vorstellung, ob sie zur Schlachtbank oder zur Weide getrieben würden. Diese Unglücklichen wurden von bey- den Seiten von Reitern bewacht, und dicht hinter ihnen kam der eigentliche Stamm der Reiterey, deren kriegerisches Spiel von den hohen Häusern an beyden Seiten der Strafse zuräckschallte, und sich mit ihren Sieges- und Jubelgesängen und dem wilden Ceschrey des Pöbels vermischie. 22 Morton fühlte sein Herz erkrankt, als er dies entsetzliche Schauspiel mit ansah, und in den plutigen Häuptern und noch elendern und angst- vollern Zügen der Lebenden, Gesichter erkannte, die er während des kurzen Aufstandes täglich gesehen hatte. Verwirrt und betäubt sank er in einen Stuhl zuriück, bis Luthberts Stimme ihn wieder zu sich brachte. «Gott sey uns gnädig, lieber Herr!» sagte der arme Mensch, und schlug mit den Zähnen zusam- men wie ein Nuſsknacker, seine Haare standen empor wie Eberborsten, und sein Gesicht war bleich:«Gott sey uns gnädig, wir müssen so- gleich vor den Staatsrath. Ach du mein Cott, was haben nun so viele grofse, adliche Herren davon, dafs sie so einen armen Schlucker holen lassen, wie ich bin! Und da kommt meine Mutter von Clasgow auch her trottirt, und will sehn, wie ich Zeugniſs ablege, wie sie's nennt, das heiſst, wie ich bekenne und gehängt werde. Aber der Teufel soll mich holen, wenn sie dies- mal so einen Esel aus mir machen, wenn ich anders aus der Patsche kommen kann. Da kommt Claverhouse selber! Gott sey uns gnädig und behüte uns! sag' ich noch einmal!“ «Ih müfst gleich nach dem Staatsrath, Herr Morton,» sagte Claverhouse, der, während Luth- bert sprach, hereingetreten war,« und Euer Diener muſs Euch begleiten, Ihr braucht nichts 23 für Euch selbst zu fürchten. Aber ich sage Euch voraus, Ihr werdet etwas mit ausehen, das Euch Pein erregen wird. Ich hätt' es Euch gern er- spart, wenn es in meiner Macht gestanden hätte. Mein Wagen warlet. Ist's Euch gefällig 5 Man kann leicht denken, daſs Morton nicht wagte, die Einladung auszuschlagen, so unan- genehm sie auch war. Er stand auf und folgie Claverhouse. Ich mufs Euch benachrichtigen,„» sagte dieser, als er mit ihm die Treppe herunter ging,«daſs Ihr wohlfeil davon kommen werdet, und so auch Euer Diener, vorausgesetzt, daſs er seine Zunge im Zaum halten kann.“ Luthbert vernahm die letzten Vorle zu seiner grofsen Freude. Der Henker soll mich holen, wenn ich das nicht kann,» sagte er. Wenn meine Mutter nur diesmal ihre Hände aus dem Spiel läfst.» In dem Augenblick ward er von der alten Magdalis bey der Schulter ergrillen. Es war ihr gelungen, sich in das Vorgemach der Wohnung zu drängen, O mein Sohn, mein Sohn!» rief sie, an Luth- berts Halse hängend;«ich bin froh und stolz und traurig und demüthig zu gleicher Zeit, daſs ich nun mein Kind soll Zeugniſs ablegen sehn für die Wahrheit, rühmlich mit seiner Zunge 24 im Rath, wie er's that mit seinem Schwert auf dem Schlachtfelde.* 21 «Still, still, Mutter!“ rief Luthbert ungedul- dig:«Ir einfältiges Weib, ist das eine Zeit, von solchen Dingen zu sprechen? Ich sage Euch, ich will weder auf diese noch auf jene Weise Zeugniſs ablegen. Ich habe mit dem Herrn Pfundtext gesprochen, und will die Erklärung annehmen, oder wie sie's nennen; wir werden alle frey, wenn wir das thun; er hat das Leben geschenkt gekriegt für sich und seine ganze Ge- meine. Seht, das ist mein Mann! Ich halte gar nichts von Euren Predigten, die auf dem Grasmarkt*) dröhnen.“ Luthbert! Kind!» versetzte die Alte, halb für das Scelenheil, halb für das leibliche Wohl ihres Schnes bekümmert;«sehr grämen würd'’ ich mich, wenn sie Dir Leides anthäten; aber bedenke, mein liebes Kind, Du hast gestritten für den Glauben, lafs nicht die Furcht, irdische Genüsse zu verlieren, Dich vertreiben aus dem guten Kampfe!“. So haltet doch nur das Maul, Mutter,“ er- wiederte Luthbert;«ich habe schon mehr als au viel gefochten, und frey von der Leber weg- gesprochen; ich bin des Handels satt. Lange genug bin ich mit Säbeln und Flinten und Pi- *) Hinrichtungsplatz in Edinburg. — —— 25 stolen und Bandaliren und Büſfelkollern einher stolzirt, die Pflugschaar gefällt mir tausendmal besser. Ich weiſs gar nicht, was Einen zum Fechten bringen kann(das heifst, wenn man nicht etwa im Zorn ist), ausgenommen die Furcht, gehängt oder erschlagen zu werden, wenn man ausreiſst.* Aber, mein lieber Luthbert,» hob die be- harrliche Alte wieder an,«Dein Bräutigamskleid! — O mein Sohn, beflecke nicht das hochzeit- liche Kleid!» *Fort, fort, Mutter!“ antwortete Luthbert; aseht Ihr nicht, dafs die Leute da auf mich warlen Fürchtet nichts für mich! Ich verstehe das Ding besser zu machen, als Ihr; denn Ihr sprecht vom Heyrathen, und hier ist die Rede vom Hängen.* Mit diesen Worten riſs er sich aus den Armen seiner Mutter, und bat die Soldaten, die auf ihn Acht hatten, ihn unverzüglich an den Ort zu führen, wo man verhört werde. Claverhouse und Morion waren dahin schon vorangegangen. 26 Sechs und dreyſsigstes Kapitel. Mein Faterland, gut Nacht! Lord Byron. Der Staatsrath von Schottland, der, seit der Vereinigung der Kronen, sowohl die höchste richterliche Cewalt, als auch die Oberaufsicht über die ausübende besafs, war in dem alten dunkeln Cothischen Saale versammelt, der an das Parlamentshaus stöfst, als der Ceneral Gra- ham eintrat, und seinen Platz unter den Räthen einnahm. «Ihr habt uns heute drey Kampfhähne einge- bragfog“ Herr General, fing ein Edelmann von holem Range an.«Hier ist ein überwundner Hahn, der bekennen soll; ein andrer, der zu guter Letat noch einen Kampf wagen will— 27 und wie soll ich den dritten nennen, Herr General 9 «Ohne fernere Metapher, Euer Gnaden,“ er- wiederte Claverhouse,«will ich Euch bitten, ihn einen Mann zu nennen, an dem ich beson- dern Antheil nehme.“ «Und einen Whig obendrein,“ versetzte der Edelmann, eine Zunge heraussteckend, die im- mer zu dick für seinen Mund war, und seine plumpen Züge zu einem höhnischen Lächeln verziehend, das ihnen natürlich geworden zu seyn schien. «.Ja, ein Whig, Euer GCnaden, wie Euer Cna- den selber einer im Jahre 1641 war,“ antwortete Claverhouse, mit seiner gewöhnlichen höflichen Miene. «Da hat er Euch gefangen, Herr Herzog, sagte einer von den Räthen. «Ja, ja,» erwiederte der Herzog lachend, es ist gar kein Auskommen mehr mit ihm seit der Ceschichte bey Drumsclog.— Aber führt die Cefangenen herein! Und Ihr, Schreiber, beginnt Euer Amt.“ 1 Der Schreiber las darauf eine Schrift vor, durch welche sich General Graham von Claver- house und Lord Evandale als Bürgen„klärten, daſs Heinrich Morton, Junker von Milnwood, ausser Landes gehe, und in der Fremde bleiben Werde, bis Seiner Majestät Willensmeinung über 28 des besagten Heinrich Mortons Theilnahme an dem letzten Aufstande näher bekannt wäre, und dafs im Fall einer Uebertretung besagter Hein- rich Morton mit dem Leben bufsen, ein jeder der Bürgen aber zehntausend Mark zahlen solle. «Nehmt Ihr des Königs Gnade auf diese Bo- dingungen an, Herr Morton d» fragte der Herzog von Lauderdale, der den Vorsitz im Staatsrathe führte.— Es bleibt mir keine Wahl, Herr Herzog,“* erwiederte Morton. .o unterschreibt mit Eurem Namen diese Schrift!“ Morton that dies ohne Widerrede, denn er sah wohl ein, daſs er unter den stattfindenden Umständen nicht leichter durchkommen konnte. Macbriar, der in demselben Augenblick auf einen Stuhl gebunden, denn seine Schwachheit erlaubte ihm nicht, zu stehn, vor die Richter gebracht ward, sah Morton eine Handlung begehen, die in seinen Augen Abtrännigkeit war. «Ær hat seinen Abfall vollendet durch Aner- kennung der fleischlichen Gewalt des Tyrannen,* rief er aus, und seufzte tief.«Ein gefallener Stern! Ein gefallener Stern! «Seyd Gtill," sagte der Herzog,«und behaltet Euren Athem, Eure eigene Suppe kalt zu blasen. Ihr werdet sie siedend heifs finden, das sag' ich Euch. Ruft den andern Burschen herein, der 29 etwas gesunden Menschenverstand hat. Ein Schaf springt über den Craben, wenn ein anderes vor- angesprungen ist.“» „Luthbert ward nun hereingeführt, ungeſesselt, aber von zwey Soldaten bewacht, und an das Ende des Tisches neben Macbriar gestellt. Der arme Kerl warf einen jämmerlichen Blick umher, in welchem Furcht vor den groſsen Herren, vor denen er stand, Mitleid mit seinen Leidensge- fährten, und keine geringe Besorgniſs für sein eigenes Schicksal vermischt, lag. Er machte einige tölpische Reverenzen mit aller möglichen Ehrerbietigkeit, und erwartete dann die Eröſf- nung des schrecklichen Schauspiels. «Waret Ihr in der Schlacht an der Bothwell- brückeb» war die erste Frage, die in seine Ohren donnerte. Luthbert fiel zuerst ein, zu läugnen, sein guter Verstand sagte ihm aber doch nach einiger Ueberlegung, dafs er gegen die Wahrheit nichis ausrichten könne; so half er sich denn mit einer ächt Schottischen, ausweichenden Antwort. Ich will's gerade nicht sagen, aber möglich wäre es, daſs ich dabey gewesen wäre.“ Antworte ohne Umstände, Schelm— ja oder neind— Wir wissen, Du warst dabey.“ «Es gchört sich nicht für mich, Euer herzog- lichen Gnaden zu widersprechen,» versetzte Luthbert. 30 «Noch einmal, Bursche, rief der Herzog un- geduldig:«warst Du dabey, oder nicht? Ja, oder nein 5 5 Du liebe Zeit,» erwiederte Luthbert,«wie kann man sich nur immer besinnen, wo man all sein' Lebtage gewesen istb Rede gerade heraus, Du Schurke, fuhr der General Dalzell auf,«oder ich stofse Dir die Zähne mit meinem Degenknopfe ein. Denkst Du, wir können hier den ganzen Tag sitzen, und uns mit Euch herumzerren und hetzen, wie Hunde mit einem Hasen? eNun, Ihr Herren,» antwortete Luthbert, wenn Ihr es denn absolut nicht anders haben wollt, so schreibt's nur nieder, denn ich kann nicht läugnen, daſs ich dabey gewesen bin.“ „Nun, und hältst Du,“ fuhr der Herzog fort, «den KAufstand für eine Rebellion oder nichtb“ «Ich bin sonst eben nicht gerade frey heraus mit meiner Meinung, gnädiger Herr, wenn'’s mir den Hals kosten kann; aber ich muſs sagen, was viel Besseres war es nicht.“ « Viel besser, als was? «Nu, als eine Rebellion, wie's Eure Gestren- gen nennen? „Gut, das heiſst doch geantwortet! Und seyd Ihr es zufrieden, des Königs Begnadigung für Eure Schuld als ein Rebell anzunehmen, und 4 „ * 51 die Kirche zu besuchen, und für den König zu beten 5* «Herzlich gern, gnädiger Herr, und seine Ge- sundheit zu trinken obendrein, wenn das Bier gut ist.* Sich da,» sagte der Herzog, das ist ein treuherziger Bursche!— Was hat denn Euch in so schlimmen Handel verwickelt, mein ehrlicher Freund b 3 Das böse Beyspiel, gnädiger Herr Herzog, und eine alte närrische Mutter, mit Eurer GCna- den Erlaubniſs."* „Nun, mein Freund, das weiſs der Himmel, Du bist nicht der Mann, Verrätherey auf Deine eigne Hand zu begehen. Fertigt seine Begnadi- gung aus, und bringt den Schurken im Sessel vor!* Macbriar ward darauf vorgebracht an den Ort des Verhörs. Wie jenem ward ihm die Frage vorgelegt: „VWart Ihr bey der Schlacht an der Bothwell- brücke bn «Ich war dabey,“ antwortete der Gefangne mit kühner, entschlofsner Stimme. Wart Ihr bewaffnet? Nein. Ich war in meinem Berufe, als ein Prediger des göttlichen Wortes, die zu ermuthi- gen, so da führten das Schwert für seine Sache.“ 32 In andern Worten: den Aufrährern beyzu- stehn und sie zu reizen Po sagte der Herzog. Du hast es gesagt,“ erwiederte der Cefangne. Cut,“ fuhr der Frager fort:«so sagt uns denn auch, ob Johann Balfour von Burley unter Eurem Heere focht; Ihr kennt ihn doch P aIch danke Gott, daſs ich ihn kenne,“ ent- gegnete Macbriar;«er ist ein eifriger und auf- richtiger Christ.“9 B «Und wann und wo habt Ihr den frommen Mann zuletzt gesehn Po ward gleich darauf ge- fragt. «Ich bin hier, um für mich selbst zu antwor- ten, nicht Andere in Gefahr zu Pringen.* Wir wissen schon, hob Dalzell an,«wie wir Euch eine Sprache finden machen wollen,* aWenn Ihr ihn in Cedanken nach einem Con- ventikel versetzen könnt,“ versetzte Lauderdale, 80 Wird er sie schon ohne Euch finden. Kommt, Freundchen, thut den Mund auf, so lange das Spiel noch gut steht!— Ihr seyd zu jung, um die Last zu tragen, die Euch sonst auferlegt wird.* «Ich trotze Euch,» antwortete Machriar: dies ist nicht die erste meiner Einkerkerungen und Duldungen; und wie jung ich auch seyn mag, lange genug hab' ich gelebt, um zu wissen, wie ich sterben muſs, wenn ich gerufen werde.* 33 Ja, aber es gibt einige Dinge, die dem leich- ten Tode vorangehen müssen, wenn Ihr so hart- näckig bleibt, sagte Lauderdale, und schellte mit einer kleinen silbernen Klingel, die vor ihm auf dem Tische stand. Ein dunkelrother Vorhang, der eine Art Nische oder Gothische Maueryvertiefung bedeckte, öffnete sich auf dies Zeichen, und man erblickte den Henker, eine lange, grimmige, scheufsliche Ce- stalt, und vor ihm einen eichenen Tisch, auf welchem Daumschrauben und eiserne Behälinisse lagen, welche man Schottische Stiefeln naunte: Marterwerkzeuge, welche in jenen grausamen Tagen bey Angeschuldigten angewendet wurden. Morton, der auf diesen entsetzlichen Anblick nicht vorbereitet war, fuhr zurück, als der Vor- hang sich öffnete; aber Macbriars Nerven waren fester. Er plickte auf die schrecklichen Zu- rüstungen mit vieler Fassung, und wenn die Natur eine Secunde lang das Blut aus seinen angen rief, so sandte doch der Entschlufs es bald mit grölserer Willenskraft in sein Ge- sicht zuriick. „Kennt Ihr diesen Mann po fragte Dauderdale mit leiser, dumpfer Stimme, die bald zum Flüstern herabsank. «Wahrscheinlich,» erwiederte Macbriar,„ist es der schändlickhe Vollstrecker Eurer blutigen 74. 0 34 Befehle gegen die Kinder vom Voll Gottes. Er und Ihr steht beydé gleich tief unter mir, und dem Allmächtigen sey Dank, ich fürchte das nicht mehr, was er mir zufügen kann, als das, was Ihr befehlen könnt. Fleisch und Blut mögen erbeben unter den Leiden, zu denen Ihr mich verdammen könnt; die arme gebrechliche Natur mag Thränen vergieſsen, und einen Schrey des Schmerzes ausstofsen, aber ich hoffe zuversicht- lich, meine Seele ist festgeankert an den Felsen der Zeiten.“ „Thut was Eures Amtes ist,“ sprach der Herzog zum Henker. Der Mann trat hervor, und fragte mit rauher, miſstönender Stimme, auf welche von des Ge- fangenen Clieder er zuerst seine Werkzeuge anwenden sollte? Er mag selbst wählen,» antwortete der Herzog. Ich will ihm gern in allen billigen Dingen gefällig seyn.“ «Weil Ihr mir es überlafst," sprach der Ce- fangene, das rechte Bein ausstreckend,«so neh- met das Beste; ich opfere es gern der Sache, für welche ich leide.“ 3 Der Henker schlofs darauf, mit Hülfe der Henkersknechte, das Bein und Knie in den engen eisernen Stiefel, legte einen Keil von demselben Metall zwischen das Knie und den Rand des 35 Folterwerkzeuges, nahm einen Hammer in die Hand, und stand in Erwartung weiterer Befehle. Ein wohlgekleideter Mann, seines Standes ein Wunqdarzt, stellte sich auf die andere Seite des Gefangenen, entblöſste dessen Arm und legte seinen Daumen ihm auf den Puls, um die Folter nach den Kräften des Leidenden abmessen zu lassen. Als diese Zurüstungen gemacht waren, wieder- holte der Vorsitzer des Rathes mit der nämlichen strengen Stimme die Frage: «Wann und wo sahet Ihr zuletzt den Johann Balfour von Burley Po Der Gefangene, statt zu antworten, richtete seine Augen gen Himmel, als flehe er um Kraft von oben, und murmelte einige Worte, wovon die letztern verständlich lauteten:«Du hast ge- sagt, Dein Volk soll willig seyn in den Tagen Deiner Macht!" Der Herzog von Lauderdale bliekte rund herum in der Versammlung, und schien die Stimmen zu sammeln; darauf gab er, die stummen Zei- chen der Räthe deutend, dem Henker einen ink, worauf dieser gleich mit dem Hammer niederfuhr, und, den Keil zwischen Knie und Eisenstiefel zwängend, dem Cemarterten die entsetzlichste Pein verursachte, wie die Gluth, 36 welche die Wangen und Stirn desselben bedeckte, bezeugte. Der Mensch hob darauf sein Werkzeug noch einmal, und stand bereit, einen zweyten Schlag zu geben. «Wollt Ihr nun sagen," wiederholte der Herzog von Lauderdale, wo und wann Ihr Euch zuletzt von Balfour von Burley trenntet P Ihr habt meine Antwort," entgegnete der Dulder entschlossen, und der zweyte Schlag fiel. Der dritte und vierte folgte, aber beym fünften, mit dem man einen grölsern Keil eingetrieben hatte, stieſfs der Gefangne einen Angstschrey aus. Morton, dessen Blut bey dem Anblick solcher Grausamkeit kochte, konnte es nicht länger ertragen, und obwohl wehrlos und selbst in groſser Gefahr, wollte er vorstürzen, als Claver- house, der ihn beobachtete, ihn mit Gewalt zu- rückhielt, indem er die eine Hand ihm auf den Arm, die andere auf die Lippen legte, und ihm zuflüsterte:«Um Cottes willen„bedenkt, wo Ihr seyd!“ Zu seinem Glück ward diese Bewegung von keinem Andern der Räthe bemerkt; ihre Auf- merksamkeit war auf die schreckliche Scene vor ihnen gerichtet. 37 « Er ist hin,» sagte endlich der Wundarzt. „Er ist ohnmächtig, gnädige Herren; die mensch- liche Natur erträgt nicht mehr.» „Lafst ihn Ios!* sprach der Herzog, und fuhr, sich zu Dalzell wendend, fort: Er macht das alte Sprichwort wahr, denn schwerlich wird er heute reiten, obwohl er seine Stiefeln angehabt hat. Ich denke, wir machen ein Ende mit ihm.* «Cut, fertigt sein Urtheil aus, und laſst es gut mit ihm seyn,» antwortete Dalzell;«wir haben noch übergenug Plackerey vor uns.“ Starke, geistige Wasser wurden nun emsig angewendet, den unglücklichen Gefangenen wie- der zur Besinnung zu bringen, und kaum kün- digte sein erster schwacher Athemzug die Rück- kehr seines Bewuſstseyns an, als der Herzog das Todesurtheil gegen ihn aussprach, als einen in ofſnem Aufruhr ergriſfenen Verräther. Er sollte sogleich aus dem Verhör auf den Richiplatz ge- führt, und daselbst gehängt werden. Nach scinem Tode sollten ihm IHlände und Haupt abgehauen und damit nach dem Willen des Staatsrathes verfahren werden. Alle seine unterschiedlichen Besitzungen aber und fahrende Habe solle dem König anheim fallen. Urtheilssprecher, fuhr er fort,«wiederhole dem Gefangenen das Urtheil!* 38 Das Amt des Urtheilssprechers ward in jener Zeit und noch späterhin von dem Henker ver- waltet, unbeschadet seiner gewöhnlichen Ver- richtungen. Es bestand darin, dem unglücklichen Verbrecher das, vom Richter ausgesprochene, Urtheil zu wiederholen, welches ein noch furcht- bareres GCewicht durch den Gedanken erhielt, daſs der verabscheute Mann, der es verkündete, zu gleicher Zeit der Vollstrecker der angedrohten Grausamkeiten war. Macbriar hatte kaum die Worte des Urtheils verstanden, als der Vorsitzer des Staatsrathes es ihm verkündigte; allein er war wieder gesam- melt genug, zu hören und zu antworten, als die rauhe, verhafste Stimme des Schrecklichen es aussprach, der es vollstrecken sollte; und auf die letzten furchtbaren Worte: Und dies ist das Urtheil, das ich verkündige, antwortete er kühn: «Ihr Herren, ich danke Euch für die einzige Gunst, nach der ich trachtete, und die ich von Euren Händen annehmen möchte, nämlich daſs Ihr diesem zerquetschten und verstümmelten Leibe, der heute Eure Grausamkeit erduldet hat, ein schnelles Ende vergönnt. Es ist mir ein Geringese ob ich am Hochgericht sterbe, oder im Kerker; aber wenn der Tod, dicht auf die Qualen folgend, die ich heute erlitten, mich in — 39 meiner Zelle in Dunkelheit und Banden gefunden hätte, so hätten Viele des Anblicks entbehrt, wie ein Christ kann dulden für die gute Sache. Uebrigens vergeb' ich Euch, Ihr Herren, was Ihr an mir gethan, und was ich ausgestanden habe. Und warum sollt' ich es nicht?— Ihr vergönnet mir einen glücklichen Tausch. Ihr sendet mich in die Versammlung von Engeln und den Geistern der Gerechten, aus der von schwachem Staube und Asche; Ihr sendet mich aus der Finsterniſs in das ewige Licht, von der Sterblichkeit zur Unsterblichkeit; in einem Worte, von der Erde zum Himmel! Darum, wenn der Dank und die Vergebung eines Sterbenden Euch wohl thun kann, so nehmet beydes hin aus meinen Händen, und möge Euer letzter Augenblick so glücklich seyn, als der meine!“ Als er diese Worte mit freudeglänzenden, ja frohlockenden Blicken gesprochen, wurde er von denen, die ihn in das Gemach gebracht hatten, wieder hinweg geführt. Eine halbe Stunde darauf ward er hingerichtet, und starb mit derselben schwärmerischen Standhaftigkeit, die er durch sein ganzes Leben bewiesen. Der Staatsrath ward aufgehoben, und Morton safs wieder im Wagen neben General Graham. Welche bewundernswürdige Standhaftigkeit! welcher Muth!» rief Morton, als er über Mac⸗ briars Betragen nachdachte. Wie traurig, daſs sich mit dieser Selbstaufopferung, mit diesem Heldenmuthe, die wilden Züge seiner Secte vereinigten!" «Ihr meint,“ sagte Claverhouse, seinen Ent- schlufs, Euch zum Tode zu verdammen? Damit würde er sich bald„ vermittelst irgend einer Bibelstelle, versöhnt haben; z. B.: VUnd Phinnas stand auf und vollzog das Urtheil— oder so was Aehnliches.— Allein wilst Ihr denn, wohin es jetzt mit Eueh geht, Herr Morton 5 «Wir sind auf der Strafse nach Leith, sehe ich,» erwiederte Morton.„Ist mir nicht ver- stattet, meine Freunde noch einmal zu sehn, ehe ich mein Vaterland verlasse P «Mit Eurem Oheim,» versetzte Claverhouse, cist gesprochen. Er will Euch nicht besuchen. Der alte Herr frirchtet, und nicht ohne guten CGrund, das Verbrechen Eures Verraths möge auf seine Ländereyen und Besitzungen ausgedehnt werden. Er schickt Euch aber seinen Segen und ein wenig Celd. Lord Evandale ist immer noch sehr krank. Der Major Bellenden ist in Tillie- tudlem, und bringt es dort wieder in Ordnung. Die Schurken haben groſse Verwistung angerich- tet unter den alten Denkmälern der Frau Mar- garethe, und haben unter andern den Stuhl zer- trümmert, den die gute Dame den Stuhl Seiner —O—O—C—ꝭ—ę——:ᷓ:õᷓᷓ’́’’;— —agB—O;;— 41 allerheiligsten Majestät nannte. Ist sonst noch Jemand, den Ihr zu schen wünschtP“ Morton seufzte tief, als er antwortete:„Nein — es würde zu nichts führen;— aber einige Vorbereitungen mufs ich nothwendig machen, und wenn es noch so wenige sind.“ «Es ist alles besorgt,» versetzte der Ceneral; Lord Evandale ist all' Euren Wünschen zuvor- gekommen. Hier ist ein Packet von ihm, mit Empfehlungsbriefen an den Hof des Prinzen von Oranien; ich habe ihnen auch einige beygelegt. Ich machte meinen ersten Feldzug unter ihm, und sah das erste Feuer in der Schlacht bey Seneff. Es sind auch Wechselbriefe dabey für Eure nächsten Bedürfnisse, und mehrere sollen Euch geschickt werden, sobald Ihr es verlangt.* Morton hörte alles mit verwirrter und be- stürzter Miene an, und empfing mechanisch das Packet, so plötzlich erschien ihm die Ausfüh- rung des Verbannungs-Urtheils. „Und mein Diener?' fragte er. Für ihn wird gesorgt werdemn; wenn er sich weisen läfst, soll er wieder in die Dienste der Frau Margarethe kommen. Ich denke, er wird die Musterung nicht wieder versäumen, oder zum zweytenmale ein Whig werden. Aber wir sind am Strande und das Boot wartet auf Euch.“ Es war, wie Claverhouse sagte. Ein Boot war- tete auf Capitain Morton, und war mit allem Gepäck versehen. Claverhouse drückte ihm die Hand, und wünschte ihm glückliche Reise, und eine fröhliche Zurückkunft nach Schottland in ruhigern Zeiten. Niemals," sagte er,«werde ich Euer ritter- liches Betragen gegen meinen Freund Evandale vergessen, unter Umständen, in denen Mancher gesucht haben würde, ihn aus dem Wege zu schaffen." Noch ein freundlicher Händedruck und sie schieden. Als Morton nach dem Hafen ging, in das Boot zu steigen, schob eine fremde Hand einen sehr klein gefalteren Zettel in die seinige. Er sah sich um. Der Mensch, der es ihm gegeben hatte, war ganz verhüllt, und legte den Finger auf den Mund, dann verschwand er im Gedränge. Der Vorfall erweckte Mortons Neugierde; und als er sich am Bord eines Schiffes sah, das nach Rotterdam bestimmt war, und alle seine Reise- gefährten mit ihrer Einrichtung beschäftigt waren, nahm er einen Augenblick wahr, das ihm 80 geheimniſsvoll anvertraute Schreiben zu öffnen. Es lautete also: Dein Muth an dem unseligen Tage, an wel- chem Psrael floh vor seinen Feinden, hat einiger- 43 maſsen Deine unglückliche Theilnahme an den Erastianern wieder gut gemacht. Es ist nicht aun der Zeit, daſs Ephraim Streite mit Israel.— Ich weiſs, Dein Herz hängt an der Tochter des Frem- den. Aber laſs ab von dieser Thorheit; denn in der Verbannung und in der Flucht und selbst im Tode soll meine Hand schwer ruhen auf die- sem bösgesinnten, blutigen Hause. Und die Vorsehung hat mir die Mittel gegeben, ihnen zu messen mit ihrem eigenen Maſse der Zerstörung und der Einziehung ihrer Güter. Der Wider- stand ihrer Veste war die Hauptursache, daſs wir an der Bothwellbrücke zerstreut worden sind, und ich habe es mir auf die Seele gebunden, es ihnen zu vergelten. Darum denke nicht mehr an sie, sondern vereinige Dich mit unsern Brü- dern in der Verbannung, deren Herzen noch gegen dies elende Land gewendet sind, es zu retten und zu erlösen. Es ist noch eine Gemeine Redlicher in Holland, deren Augen aussehn nach Erlösung. Geselle Dich zu ihnen, als der ächte Sohn des tapfern und trefflichen Silas Morton, und Du wirst gute Aufnahme finden unter ihnen seinetwegen und Deiner eignen Thaten wegen. Solltest Du würdig befunden werden, noch ein- mal zu arbeiten auf dem Weinberge des Herrn, so wirst Du zu allen Zeiten hören von meinen Eingängen und Ausgängen, wenn Du nach Quintin Mackell von Irongray fragst, im Hause des aus- 44 erlesenen christlichen Weibes Elisabeth Macburn, nicht weit von dem Bierhause, in welehem Ni- colaus Blane Gäste setzet.— So viel von dem, der wieder von Dir zu hören hofft, als von einem Bruder, der bis zum letzten Blutstropfen wider- steht, und eifert gegen die Sünde. Unterdessen aber fasse Dieh in Geduld! Habe Dein Schwert umgürtet, und halte Deine Lampe brennend, als Einer, der da wacht in der Nacht. Denn Er, der den Berg Esau richten wird, und die falschen Lehrer zu Stroh machen, und die Bösgesinnten zu Stoppeln, Er wird kommen in der vierten Nachtwache, sein Kleid mit Blut befleckt, und das Haus Jaeobs wird geplündert werden, und das Haus Josephs wird in Rauch aufgehn. Ich habe dies niedergeschrieben, dessen Hand auf dem Gewaltigen gelegen hat, auf dem wüsten Gefilde.“* Dieser seltsame Brief war unterschrieben J. B. von B.; aber die Unterschrift diesen Anfangs- buchstaben war nicht einmal nöthig, Morton zu überzeugen, dafs er von niemand anders als von Burley kommen könne. Er gab ihm neue Cele- genheit, über den unzubändigenden Ceist dieses Mannes zu erstaunen, der mit eben so viel Fein- heit als Muth und Bebarrlichkeit geschäftig war, 5 jetzt schon das Gewebe der Verschwörung wieder anzuknüpfen, da es kaum zerrissen worden war. Aber er fühlte kein Verlangen in diesem Augen- — 45 plick, eine Verbindung zu unterhalten, die ihm gefährlich werden mufste, oder eine Camerad- schaft zu erneuen, die ihm schon auf mannich- fache Weise beynahe verderblich geworden war. Die Drohungen, welche Burley gegen das Haus Bellenden ausstiefs, betrachtete er als den bloſsen Ausbruch seines Verdrusses wegen der Vertheidi- gung von Tillietudlem, und nichts schien weniger wahrscheinlich, als dafs in dem nämlichen Au- genblicke, wo die Parthey, zu welcher die Fa- milie sich hielt, gesiegt hatte, ihr flüchtiger, unglücklicher Widersacher den geringsten Ein- flufs auf ihr Geschick ausüben könne. Demohngeachtet war Morton eine Weile un- schlüssig, ob er nicht dem Major oder Lord Evandale von Burleys Drohungen Nachricht geben sollte. Bey näherer Ueberlegung fand er indessen, dafs er es nicht könne, ohne den vertraulichen Brief desselben zu verrathen. Vor seinen Dro- hungen zu warnen, wenn er ihnen nicht einen Weg gezeigt hätte, durch Ergreifung der Person des Schreibers die Ausführung derselben zu hin- dern, würde von geringem Nutzen gewesen seyn; und wenn er das gethan hätte, würde er geglaubt aben, das Vertrauen zu verletzen, um einem Uebel zuvor zu kommen„ das fast nur einge- bildet schien. Nachdem er alles wohl erwogen, zerriſs er daher den Brief, woraus er zuvor sich den Namen, unter welchem, und den Ort, wo- 46 selbst von dem Briefsteller zu hören war, auf- geschrieben, und warf die Stücke in das Meer. Unterdeſs waren die Anker gelichtet, und ein günstiger Nordwestwind schwellte die Segel. Vom Winde getrieben, durchschnitt das Schiff rau- schend die Wogen, und lange, gekräuselte Furchen zeigten die Spur der Fahrt. Stadt und Hafen lagen bald in undeutlicher Ferne; die Hügel rings umher verloren sich endlich am blauen Himmel, und Morton war füur mehrere Jahre von seiner Heimath getrennt. — —— 47 2— VℳV———ö—— ê êÜêſêB—öêqòłRmnnn Sieben und dreyfsigstes Kapitel. Mit wem galoppirt die Zeit? Shalspoare. — FEs ist ein Glück für den Erzähler, dafs er nicht, wie der Schauspieldichter, an die Ein- heiten der Zeit und des Ortes gebunden ist, sondern seine Helden nach seinem Belieben nach Athen und Theben, und wie es ihm gut dünkt, wieder zurückführen darf. Die Zeit, um Rosa- lindes*) Bild zu brauchen, hatte jetzt mit un- serm Freunde Schritt gehalten; denn von Mortons erstem Auftreten, als ein Mitbewerber um den Papageypreis und seiner endlichen Abreise nach Holland, waren kaum zwey Monate verflossen. Jahre aber müssen wir dahin gleiten sehen, ehe ————n *) Siehe Shakspeares: Wie es Euch Befällt. 48 wir im Stande sind, den Faden unserer Erzäh- lung wieder aufzunehmen„ und man muſs an- nehmen, daſs die Zeit in vollem Laufe durch diesen Zwischenraum geeilt sey. Indem ich also mich des Vorrechtes meines Standes bediene, ersuche ich den Leser, seine Aufmerksamkeit gütig der Fortsetzung dieser Erzählung zu leihen, die mit einem neuen Zeitpunkt beginnt, näm- lich mit dem Jahre, das unmittelbar der Britti- schen Staatsumwälzung*) folgte. Schottland hatte eben angefangen, sich von der Erschütterung zu erholen, welche der Wech- sel des Herrschergeschlechtes veranlafste, und durch die kluge Mälsigung des Königs Wilhelm war es dem Schrecken eines langwierigen Bürger- krieges entgangen. Der Ackerbau begann wieder aufzuleben, und die Unterthanen, deren Ge- müther durch die gewaltsamen politischen Be- wegungen, und durch die gänzliche Umwälzung des Regierungssystems in Kirche und Staat wun- dersam aufgeregt waren, fingen an, sich in das gewöhnliche Gleis zurückzubegeben, und ihren eignen häuslichen Angelegenheiten wieder die Aufmerksamkeit zu schenken, die sie zeither nur den öffentlichen Begebenheiten zugewendet hat- ten. Die Hochländer allein leisteten noch Wi- derstand gegen die neue Ordnung der Dinge, und —— *) Im Jahr 1688. 49 standen, ein ansehnlicher Haufen, in Wallen⸗ unter dem Viscount von Dundee, den unsere Leser bereits unter dem Namen Graham von. Claverhouse kennen gelernt haben. Der Zustand der Hochlande war jedoch ge- wöhnlich so ordnungslos, daſs man, sah man sie mehr oder weniger aufgeregt, darum nicht viel für die öffentliche Ruhe im Allgemeinen fürchtete, so lange nur ihre aufrührerische Be- wegungen sich nicht über die begränzenden Ge- birge erstreckten. In den Niederlanden hatten die Jacobiten, jetzt die schwächere Parthey, auf- gehört, einen unmittelbaren Vortheil von offnem Widerstande zu erwarten, und nun waren sie es, die dahin gebracht waren, geheime Versamm- lungen zu halten, und Verbindungen zur gemein- schaftlichen Vertheidigung zu knüpfen, welche die Regierung Hochverrath nannte, während sie über Verfolgung schrieen. Die siegreiche Parthey der Whigs war jedoch, als sie den Presbyterianismus als Nationalreligion wiederherstellte, und den allgemeinen Versamm- lungen der Schottischen Kirche ihren alten Ein- fluſs wieder gab, weit entfernt, ihre Forderun- gen so weit zu treiben, als die Cameronianer und der überspanntere Theil der Nonconfor- misten unter Karl und Jakob laut verlangten. Sie wollten von keinem Vorschlag, den feyer- lichen Bund oder Covenant zu erneuern, 74. D 50 etwas hören, und diejenigen, die gehofft hatten, in König Wilhelm einen Beschützer desselben zu erhalten, sahen sich schmerzlich getäuscht, als er mit aller Kaltblütigkeit, die seinem Volke eigen ist, seinen Willen kund gab, alle Glau- bensformen zu dulden, welche sich mit der Sicherheit des Staates vertrügen. Diese Grund- sätze der Duldung, zu denen sich die Regierung bekannte, und deren sie sich rühmte, gaben den Heftigern und Eifrigern groſsen Anstofs. Sie erklärten sie, als der Schrift geradezu wider- sprechend, und wufſsten für ihre engherzige Lehre mehrere biblische Stellen anzuführen, die, aus ihrem Zusammenhange gerissen, aus denen an die Juden im alten Testamente ergangenen Ge- boten genommen waren, durch welche ihnen befohlen wird, die Cötzendieuer aus dem ge- lobten Lande zu tilgen. Sie murrten auch laut gegen den Einfluſs der Weltlichen in Hinsicht der Ausübung des Patronatrechts, und nannten dies Verfahren eine Verletzung der Keuschheit der Kirche. Sie verurtheilten und verdammten als Erastianische Maſsregeln viele Schritte, durch welche die Regierung sich geneigt zeigte, sich in die kirchlichen Einrichtungen zu mischen, und weigerten sich entschieden, dem König Wilhelm und der Königin Maria den Eid der Treue zu leisten, bis diese den feyerlichen Bund und Covenant, die Magna Charta der Presbyteriani- 51 schen Kirche, wie sie es nannten, beschworen hätten. Diese Parthey blieb daher murrend und miſs- vergnügt, und stellte wiederholt Erklärungen aus gegen den Abfall und die Ursachen des gött- lichen Zornes, die, hätte die jetzige Regierung den Grundsätzen der beyden vorigen gefolgt, nothwendig wieder hätten zu ollnem Aufstande führen müssen. Da aber die Murrenden ihre Versammlungen ungestört fort halten, und, so viel es ihnen immer beliebte, Zengniſs ablegen durften gegen Socianismus, Erastianismus und gegen alle Nachgiebigkeit und allen Abfall der Zeit, so erstarb nachgerade ihr Eifer, den keine Verfolgung mehr in Athem erhielt, ihre Anzahl ward geringer, und so verloren sie sich allge- mach, und als Ueberrest blieben nur zerstreut einige strenge, gewissenhafte, aber harmlose Schwärmer zurück, als deren ziemlich getreuen Repräsentanten man jenen seltsamen Greis be- trachten kann, dessen Sagen die Grundlage mei- ner Erzählung geworden sind. In den Jahren jedoch, die unmittelbar der Thronumwälzung folgten, waren die Cameronianer noch stark an Zahl und heftig in ihren politischen Meinungen, welche die Regierung entmuthigen wollte, in- dem sie klüglich nachzugeben schien. Diese änner bildeten die eine aufrührerisch gesinnte . Parthey im Staate; und die Anhänger der Bischöfe 52 und Jakoßs suchten, trotz ihres chemaligen ge- genscitigen Hasses, wiederholt, sie für sich zu gewinnen, und ihre Unzufriedenheit zum Bey- stande Bey der beabsichtigten Wiederherstellung des Hauses Stuart zu benutzen. Die neue Regierung ward inzwischen von der groſsen Masse des Volkes in den Niederlanden gehalten, die sich vorzüglich zu einem gemäſsig- ten Presbyterianismus neigte, und zum Theil aus der Parthey bestand, die unter den frühern be- drückenden Herrschern von den Cameronianern verketzert war, weil sie ihre Religion unter dem Schutze der Indulgenzacte ausübten, die Karl II. erlassen. So standen die Sachen in Schottland unmittelbar nach dem Thronwechsel. Es war an einem schönen Sommerabend, als cin Fremder, der das Ansehn eines vornehmen Kriegsmannes hatte, auf einem stattlichen Rosse einen Pfad Rinab ritt, welcher eine Aussicht auf die romantischen Trümmer des Schlosses Both- well bot, und auf den Flufs Clyde, der sich so herrlich durchi Felsen und Wälder windet, und sich rauschend um die einst von Aymer von Va- lencia erbauten Thürme schlingt. Die Botliwell- brücke lag in geringer Entfernung, und war ebenfalls zu sehn. Das Feld gegenüber, einst der Schauplatz von Kampf und Gemetzel, lag nun vor ihm in heitrer Ruhe, wie die Fläche aines Sees an einem Sommerabend. Bäume und. 53 Büsche, die rings herum in reizender Mannich- faltigkeit standen, wurden kaum vom Hauche der Abendluft bewegt, und selbst das sanfte Mur- meln des Flusses schien mit der Stille der Gegend umher in Einklang. Der Pfad, auf welchem der Reisende hinabritt, war hier und dort von einzelnen hochstämmigen Bäumen beschattet, und dann wieder dunch die Ilecken und Zweige üppiger Obstgärten, an denen reichlich des Sommers Früchte lasteten. Der nächste bemerkenswerthe Gegenstand war ein Haus, das ein Pachthof oder die Wohnung eines kleinen Gutsbesitzers seyn mochte, und an dem sonnigen, mit Kepfel- und Birnbäumen bedeckten, Ufer lag. Am Ende des Weges, der zu diesem bescheidnen Landhause führte, stand ein kleineres, das einer Thürsteherwohnung glich, offenbar aber nicht zu diesem Cebrauche be- stimmt war. Das Häuschen schien bequem und zierlicher eingerichtet, als es in Schottland gewöhnlich ist; es hatte seinen kleinen Carten, wo einige Frucht- bäume und Sträucher, vermischt mit Küchen- kräutern, standen. Eine Kuh und sechs Schafe weideten in einem nahen Crasegarten, der Hahn brüstete sich vor der Thür, krähte und rief die Seinigen um sich herum; aufgehäuftes Holz und Torf, zierlich geschichtet, zeigte, dafs für den Wintervorrath gesorgt war, und die dünne, blaue — 54 Rauchwolke, die aus dem Schornstein im Stroh- dache stieg, und langsam zwischen den grünen Bäumen dahin wirbelte, verrieth, dafs die Abend- mahlzeit bereitet ward. Dieses kleine Bild länd- licher Ruhe und Wohlhabenheit zu vollenden, stand ein kleines Mädchen von ungefähr fünf Jahren und mit einem Kruge das reinste Wasser schöpfend, an einem schönen Quell, der ohn- weit des Hauses, am Fuſse einer morschen, alten Eiche, plätschernd hervorsprang. Der Fremde hielt sein Pferd an, und rief der Kleinen zu, er wünsche zu wissen, wo der Weg nach Pairyknowe gehen Das Kind setzte seinen Wasserkrug hin, und kaum verstehend, was er sprach, strich sie ihr weiſsblondes Haar aus der Stirne, rifs die runden blauen Augen auf, und fragte verwundernd:«Was wollt Ihr b5 gewöhn- lich des Landmanns erste Antwort auf jede Frage, wenn man es anders eine Antwort nennen kann. «Ich wünschte den Weg nach Fairyknowe zu wissen.* «Mutter! Mutter!“ rief das Kind, nach der Hausthür laufend;«komm heraus, und sprich mit dem Herrn!* Die Mutter trat heraus— eine hübsche junge Frau, deren eigentlich schlauen und schelmi- schen Zugen die Ehe jenen anständig- ehrbaren Ausdruck gegeben hatte, welcher die Bäuerinnen Schottlands besonders auszeichnet. Sie hatte ein 25 Kind auf dem einen Arm, und strich mit dem andern ihre Schurze glatt, an welcher ein paus- bäckiger Junge von zwey Jahren hing. Das ältere Mädchen, welches der Fremde zuerst geschen hatte, verbarg sich hinter der Mutter, sobald diese erschien, und behauptete diese Stelle, von wo sie von Zeit zu Zeit hervorguckte, nach dem Fremden zu lauschen. «Was ist dem Herrn gefällig?“ sagte die Frau mit einem ehrerbietigen Anstande, der bey Leuten ihres Standes nicht gewöhnlich ist, aber ohne allen Vorwitz. Der Fremde blickte sie einen Augenblick lang mit ernster Aufmerksamkeit an, dann erwiederte er:«Ich suche einen Ort, der Frairyknowe heiſst, und einen Mann, Namens Luthbert Headrigg. Ihr könnt mich wahrscheinlich zu ihm weisen.* «Das ist mein Ehewirth, lieber Herr,“ antwor tete die junge Frau mit bewillkommendem Lä- cheln.«Wollt Ihr nicht absteigen und herein- kommen in unsere geringe Wohnung?— Luth- bert!» rief sie in die Hütte, und ein weiſs- köpfiger, vierjähriger Bube kam in die Thür: Lauf, lieber Junge, und sag' Deinem Vater, es frage ein Herr nach ihm. Oder— warte— Hannchen, Du bist verständiger; lauf und sag's ihm. Er ist hinten auf dem Felde. Wollt Ihr nicht ein Bischen absteigen, guter Herr? Oder wollt Ihr nicht einen Schluck Bier trinken und 56 einen Bissen Brod und Käse essen Wir haben Sutes Doppelbier; ich sollte es zwar nicht sagen, weil ich's selber braue, aber der Bauersmann hat schwere Arbeit und braucht was zur Herzens- stärkung mehr, wie andere Leute; darum thue ich auch immer ein gutes Bischen Malz in den Kessel.“ Als der Fremde die höfliche Einladung ablehnte, erschien Luthbert, des Lesers alter Bekannter. Sein Gesicht hatte noch dieselbe Mischung von scheinbarer Einfalt und einer Verschlagenheit, welche man so oft auch bey benagelten Schuhen findet, und die sich gelegentlich in hellen Blitzen zeigte. Er sah den Reiter an, als hätte er ihn nie zuvor gekannt, und eröffnete die Unterredung, wie seine Tochter und seine Frau, mit der ge- wöhnlichen Frage:«Vas wollt Ihr von mir, Herr 5 «Ich möchte gern Auskunft über Einiges, was dies Land betrifft, haben, antwortete der Rei- sende,«xund man hat mich an Euch gewiesen, als an einen verständigen Mann, der mir meine Fragen würde beantworten können.“ Allerdings, lieber Herr,“ erwiederte Luthbert nach kurzem Besinnen;«allein vorher möcht' ich gern erst wissen, was es eigentlich für Fragen sind. Wenn Ihr wüſstet, was ich in meinem Leben alles mit Fragen zu thun gehabt habe, und auf was für curiose Weise, Ihr Würdet Euch 57 nicht wundern, daſs ich ein Bischen bedenklich dabey bin. Erst mufst' ich bey meiner Mutter den Katechismus hersagen: das war einmal eine Noth! Dann mufst' ich meine Pathen und pa- thinnen auswendig lernen, der alten Edelfrau zu Gefallen; und nun vermengte ich sie immer un- ter einander, und machte es keiner von beyden recht; und als ich zu Mannesjahren kam, kam gar noch ein anderes Gefrage in die Moder, und das war das Schlimmste von Allen. So könnt Ihr mir es denn nicht verdenken, lieber Herr, wenn ich die Fragen erst wissen will, ehe ich sie beantworte.“ «Von den meinigen habt Ihr nichts zu fürchten, mein guter Freund, sie betreffen blos den Zu- stand des Landes.“ «Des Landes P wiederholte Luthbert. I, das Land befände sich wohl genug, wenn nur der verhenkerte Claverhouse nicht wäre, den sie jetzt Dundee nennen! Der hat die Hochlande aufgo- rührt, all die Donalds und Dugalds und Dun- ans, und wie die ohnehosigen Kerle weiter heifsen, und treibt sich mit ihnen herum, und möchte gern das Oberste zu unterst kehren, nun da wir kaum alles im vernünftigen Stande haben. Aber lange wird's nicht mehr mit ihm dauern, dafür steh' ich, es wird ihm schon bald das Garaus gemacht werden.“ 58 «Was macht Euch dessen so gewiſsb» fragte der Reiter. «Ich habe es mit meinen eigenen Ohren ange- hört," antwortete Luthbert,«wie's ihm von einem Manne geprophezeihet ward, der drey Stunden mausetodt gelegen hatte, und blos wieder auf die Erde kam, um ihm das Gewissen zu schärfen. Es war an einem Orte, Namens Drumschinnel.“ VrGNklichP erwiederte der Fremde. Ich kann Euch kaum glauben, mein Freund!»* Ihr könntet meine Mutter fragen, wenn die noch am Leben wäre, antwortete Luthbert. «Die war es auch, die mir alles erklärt hat; denn ich dachte, der Mann wäre nur verwundet gewesen. Der sprach Euch davon, daſs die Stuarte verjagt werden würden, und nannte sie bey dem Namen, und von der Strafe, die Cla- verhouse und seine Dragoner einholen würde. Der Mann hieſs Habakuk Mucklewrath; in sei- nem Kopfe sah's ein Bischen bunt aus, aber predigen that er Euch prächtig.“ Ihr scheint in einer rceichen, friedlichen Ge- gend zu leben,“ hob der Fremde wieder an. «Es läſst sich eben nicht darüber klagen,» erwiederte Luthbert,«wenn wir nur erst die Erndte gut herein hätten. Aber wenn Ihr gesehn hättet, wie das Blut über die Brücke dort weg- floſs, wie jetzt das Wasser darunter wegflieſst, 59 so würde es Euch nicht einen so hübschen An- blick gegeben haben."* «Ihr redet von der Schlacht, die hier vor eini- gen Jahren Statt fand. Ich war an dem Morgen bey Monmouth, und sah etwas von dem Gefechte, mein Freund!“ versetzte der Fremde. Dann habt Ihr ein tüchtiges Treffen mit ange- sehn,» enigegnete Luthbert;«ich habe für all mein Lebtage genug daran. Ich dachte es gleich, dafs Ihr ein Reiterofficier wäret, wie ich Euren rothen Rock und Euren Tressenhut sah.“ «Und auf welcher Seite waret Ihr, mein Freundbo fuhr der forschende Fremde fort. Ey, ey,“ versetzte Luthbert, mit einem klu- gen Blicke, oder einem, der es wenigstens seyn sollte: xes ist eben nicht nöthig, daſs ich es sage, ehe ich weifs, wer mich darnach fragt.* «Ich lobe Eure Vorsicht, aber sie ist unnütz. Ich weiſs, Ihr waret zu jener Zeit Diener Hein- rich Mortons.* «So Py antwortete Luthbert überrascht: Wie kommt Ihr denn zu dem Geheimnifs? Nu, ich brauche eben nicht viel darnach zu fragen; denn jetzt sind wir im Sonnenschein. Ich wollte, mein Herr wäre am Leben, und könnte sich auch drin wärmen!“ «Und was ist aus ihm geworden Po fragte der Fremde weiter. «Er ging mit dem Schiffe unter, das ihn nach dem dummen Holland bringen sollte. Mann und Maus kam um, und mein armer Herr mit. — S war von keiner lebendigen Seele wieder etwas zu sehn und zu hören.“ Hierbey stiefs Luthbert einen tiefen Seufzer aus. «Ihr hattet also einige Anhänglichkeit an ihn b- fuhr der Fremde fort. „Ey, wie hätt' ich anders können? Sein Ge- sicht war wie eine Geige; jedermann, der ihn ansah, war ihm gut. Und ein braver Soldat war er, das mufs wahr seyn. Dort an der Brücke hättet Ihr ihn sechen sollen, wie er da, gleich einem fliegenden Drachen, hin und her flog, und die Leute zum Fechten bringen wollte, die so wenig Lust zum Fechten hatten. Er und der sauertöpfische Whig, der Burley— ja, wenn zwey Menschen eine Schlacht gewinnen könnten, die hätten uns an dem Tage nicht das Leder gegerbt! ⸗ «Ihr sprecht von Burley; wilst Ihr, wo er jetzt lebt Pn «Viel weiſs ich nicht von ihm. Die Leute sagen, er sey ausser Landes gewesen, und unsre Verfolgten hätten keine Gemeinschaft mit ihm halten wollen, weil er den Erzbischof ermordet hätte. So kam er noch zehnmal grimmiger wie- der heim, und brach mit den meisten Presbyte- 6¹ rianern, und als der Prinz von Oranien ncuerlich ins Land kam, soll er sich gar keinen Credit und keine Befehlshaberstelle haben verschaffen kön- nen, weil sie sich vor seiner Teufelsnatur ge- fürchtet haben; seitdem hat man nichts von ilhm gehört. Einige wollen wissen, Stolz und Aerger hätten ihn jeizt ganz toll gemacht.“ «Und— und“— begann nach langem Zögern der Reisende von Neuem,«wifst Ihr etwas von Lord Evandale 5 Ob ich was von Lord Evandale weiſsb— Wie sollte das zugehenb Mein gnädiges Fräulein dort in dem Herrenhause, die ist so gut als verhey- rathet mit ihm!“ Also noch nicht verheyrathet?“ fragte der Reiter hastig. Nu, nur was sie verlobt nennen. Meine Frau und ich waren Zeugen. ˙S ist erst ein Paar Mo- nate her. Es war gar eine lange Freyerey, Wenig Leute wissen die Gründe, ausser Hannchen und mir. Aber wollt Ihr nicht absteigen, ich kann Euch da nicht so sitzen lassen, und die Wolken thürmen sich dick auf gegen Abend, über Glas- gow. Das, sagen kluge Leute, bedeutet Regen.* Wirklich stand schon eine schwarze Wolke über der untergehenden Sonne. Einige schwere Regentropfen fielen und ein leises Rollen des- Donners ward aus der Ferne gehört. «Der Teufel steckt in dem Manne,“ dachte Luthbert bey sich; aich wollte, er stiege ab, oder ritte weiter, daſs er in Hamilton wäre, ehe der Schauer herunter kömmt!“ Aber der Reiter sals, nach seiner letzten Frage, einige Augenblicke lang regungslos auf seinem Pferde, wie Einer, der durch eine ungewöhn- liche Anstrengung erschöpft ist. Endlich fand er durch eine gewaltsame, schmerzliche Sammlung all seiner Kräfte Fassung zu der Frage: Ob Frau Margarethe Bellenden noch lebe P «Sie lebt noch,“ war Luthberts Antwort, aber es geht mit ihr auf die Neige. Seit den schlim- men Zeiten ist die Familie recht herunter ge- kommen; sie haben früher und jetzt viel gelitten; und haben die alte Burg verloren, und die ganze schöne Herrschaft, und die Felder, die ich so oft gepflügt habe, und meinen Kohlgarten auch, den ich wieder kriegen sollte, und alles für nichts und wieder nichts, möchte man sagen, als weil ein Paar Fetzen Schafsleder fehlen„die in der Verwirrung bey der Einnahme von Tillie- tudlem verloren gegangen.“ Ich habe davon gehört,» sprach der Fremde mit tieferer Stimme und abgewendetem Gesicht. Ich nehme Theil an dem Hause und möchte gern helfen, wenn ich könnte. Könnt Ihr mir ein Nachtquartier geben, mein Freund p Es ist nur ein Winkel, was wir haben, lieber 63 Herr," antwortete Luthbert, aber wir wollen's versuchen, cehe wir Euch im Donner und Regen weiter reisen lassen. Denn wenn ich's frey her- aus sagen soll, guter Herr, Ihr scheint mir auch nicht ganz wohl zu seyn.“ «Ich bekomme zuweilen einen Schwindel,“ versetzte der Fremde, aber es wird bald vor- über seyn.“ Dafs ich Euch ein anständig Abendbrod geben kann, weiſs ich,» erwiederte Luthbert,«und nach einem Bette wollen wir uns auch umsehn, so gut wie wir können. Es sollte uns leid seyn, wenn'’s einem Fremden woran mangelte, was wir haben; mit den Betten geht's aber ein Bischen knapp bey uns her; Hannchen hat so viele Kin- der. Cott segne die Mutter und das kleine Volk! Ich muſs wahrhaftig nächstens mit Lord Evandale sprechen, daſs er mir noch ein Paar Fenster an das Häuschen anbauen läſst.“ Ich werde leicht zufrieden gestellt seyn," sprach der Fremde, indem er in das Haus ging. «Und darauf könnt Ihr Euch verlassen, dafs Euer Brauner gut besorgt wird,» versetzte Luth- bert. Ich weils recht wohl, wie viel ein Pferd zu Abend bekommen muſs, und das ist ein tüchtiges Thier.“ Luthbert führte das Pferd in den kleinen Kuh- stall, und rief sein Weib, unterdeſs für des Fremden Bequemlichkeit zu sorgen. 64 Der Kriegsmann trat in die Stube und wart sich, etwas entfernt vom Herd, auf einen Sessel, indem er zugleich vorsichtig den Rücken den Fenstern zukehrte. Hannchen, oder Frau Hea- drigg, mit des Lesers Erlaubniſs, ersuchte ihn, Mantel, Wehrgehenk und den niedergeschlagnen Reischut abzulegen, aber er entschuldigte sich damit, daſs ihm kalt sey; sich bis zu Luthberts Zurückkunft die Zeit zu vertreiben, liefs er sich in ein Spiel mit den Kindern ein, wobey er die forschenden Blicke der Wirthin sorgsam- vermied. 3 65 ————————-—ℳ Acht und dreyſsigstes Kapitel. 9 Thränenschleyer, der des Auges Licht In Nebel hüllt, so bleich und trübe! O tausendfacher Tod, der unsre Herzen bricht, Um die gebrochne Freundschaftspflicht, Um die geschwundne Jugendliebe! Logan. — Luthbert kehrte bald zurück, und versicherte dem Fremden mit froher Stimme: für sein Pferd wäre prächtig gesorgt und seine Hausfrau mache ihm ein Beit im Herrenhause zurecht, das be- quemer und besser seyn werde, als er und seines Gleichen es ihm geben könnten. «ISt die Herrschaft zu Hause?" fragte der Fremde mit unsichrer, gebrochner Stimme. «Nein, lieber Herr, sie sind fort mit allen Dienstboten. Sie haben heut zu Tage nur zweye. 74 E 66 Jeine Frau hier hat die Schlüssel und die Auf- sicht über's Haus, obwohl sie nicht eigentlich zum Gesinde gehört. Sie ist in der Familie ge- boren und erzogen, und es bleibt ihr alles tiberlassen. Wenn sie hier wären, durften wir uns nicht ohne Befehl die Freyheit nehmen, doch wenn sie fort sind, werden sie's gern haben, dafs wir einem fremden Herrn gefällig sind. Das Fräulein würde der ganzen Welt helfen, wenn sie könnte, wie sie Wollte, und die Groſsmama, Frau Margarethe, hat einen gewaltigen Respect vor dem Adel, und gegen arme Leute ist sie auch nicht böse. Nun, Frau, warum legst Du dena die Suppe nicht vor? «Nur Geduld, Kind,“ erwiederte Hannchen. „Du sollst sie schon zur rechten Zeit haben. Ich weiſs schon, daſs Du die Suppe gern brühheiſs hast.“ Luthbert schmunzelte verlegen, und lachte mit einer vielwissenden Miene über die Antwort, worauf ein unbedeutendes Gespräch zwischen seiner Frau und ihm folgte, an welchem der Fremde nicht Theil nahm. Endlich unterbrach er es plötzlich mit der Frage: «Könnt Ihr mir nicht sagen, wann Lord Evan- dales Hochzeit seyn wird?n «Sehr bald, hoffen wir,» erwiederte Hannchen, ehe es ihrem Manne möglich war, zu antworten; „sie wäre schon längst gewesen, wenn der Tod 67 des Majors Bellenden nicht dazwischen gekommen wäre.“ «Der herrliche alte Mann!» sagte der Fremde-. „Ich hörte schon in Edinburg, dafs er nicht mehr lebe. War er lange krank b“ «r konnte nicht wieder froh werden, seitdem seines Bruders Frau und seine Nichte so aus dem eignen Hause waren getrieben worden. Er hatte auech cine Menge Geldes geborgt, um den Proceſs zu führen, aber es war in der letzten Zeit von König Jakobs Regierung, und Basil Olifant, der die Herrschaft haben wollte, ward auf einmal ein Papist, um den Herren am Hofe zu gefallen, und da wurde ihm nichts mehr abgeschlagen; so verlor meine gnädige Herrschaft zuletzt den Pro- cefs, nachdem sie sich eine schöne lange Zeit herumgeschlagen hatten, und der Major, wie ich schon vorhin sagte, konnte nicht wieder froh werden. Und dann kam es noch, daſs die Stuarte verjagt wurden, und obwohl er eben nicht viel Ursache hatte, sie zu lieben, so konnte er das doch durchaus nicht verwinden, und das brach ihm das Herz; und die Gläubiger kamen nach Charewood, und räumten alles aus, was sie fan- den.— Er war niemals reich, der gute alte Mann, denn er konnte nicht sehen, daſs es jemand fehlte.“ «Es war in der That ein vortrefflicher Mann,» sprach der Fremde mit schwankender Stimme, 68 das heiſst, ich habe gehört, er sey es gewesen. So blieben die Damen ohne Vermögen und ohne Beschützer 5 «Es wird ihnen weder an dem Einen noch dem Andern fehlen, so lange Lord Evandale lebt, antwortete Hannchen,«der ist ein wahrer Freund in der Noth. Selbst das Haus, in welchem sie leben, gehört dem gnädigen Herrn, und nie, wie meine alte Schwiegermutter zu sagen pflegte, diente ein Mann so lange um ein Weib, seit des Patriarchen Jakobs Zeiten, und so ergeben, wie der gute Lord Evandale es gethan hat.* Und warumb“ fragte der Fremde wieder, und seine Stimme bebte vor innerer Bewegung: «ᷣVarum ward er nicht früher von dem Gegen- stande seiner Neigung belohnt 5 «Der Proceſs sollte erst geendet seyn,“» ant- wortete Hannchen schnell,«und ausserdem gab's noch manche häusliche Einrichtungen.“ «Nu,“ fing Luthbert an,«ausserdem gab’'s noch einen andern Grund; seht, Herr, das Fräulein?—— «Still, halt's Maul, und iſs Deine Suppe!* unterbrach ihn seine Frau.„Ich sehe, der Herr ist nicht wohl, und darf nicht unsre grobe Kost essen. Ich will ihm geschwind ein Hühnchen abschlachten.“ «Es ist nicht nöthig,“ versetzte der Fremde. 69 aIch bedarf nur eines Glas Wassers und des Alleinseyns.“ Seyd nur so gütig, mir zu folgen,“ sagte Hannchen, eine Handlaterne anzündend; ich will Euch den Weg zeigen.“ Luthbert bot gleichfalls seinen Beystand an, aber seine Frau erinnerte ihn, die Kinder wür- den sich zanken und sich einander in's Feuer stofsen; er bplieb also zuriick, um die Aufsicht zu führen.. Die junge Frau führte den Fremden einen schmalen, krummen Pfad, der, sich durch Hage- buttensträucher und Geisblatt windend, nach der Hintertbür eines kleinen Gartens führte. Sie klinkte die Pforte auf, und ging mit ihm durch einen altmodischen Blumengarten, mit verschnit- tenen Taxushecken und steifen, regelmäſsigen Beeten, auf eine Glasthiir zu, die sie mit einem Haupischlässel öffnete. Sie zündete ein Licht an, setzte es auf einen kleinen Arbeitstisch, und bat ihn um Verzeihung, dafs sie ihn einen Augen- blick verlassen müsse, sein Zimmer zurecht zu machen. Sie brachte kaum fünf Minuten damit zu; aber als sie zurickkehrte, fand sie zu ihrer Bestürzung den Fremden mit dem Kopfe vorn auf den Tisch gesunken, und fürchtete zuerst, er sey von einer Ohnmacht befallen. Als sie jedoch näher trat, verrieth ihr sein verhaltnes Schluch- zen, daſs es ein Anfall von Seelenangst sey. Sie 8 . 7⁰ trat vorsichtig zuriick, bis er den Kopf erhoben, dann erst trat sie hervor, und ohne ihm merken zu lassen, daſs sie Zeugin seiner heftigen Bewe- Zung gewesen, meldete sie ihm, dals sein Bette bereit sey. Der Fremde starrte sie einen Augen- blick an, als hätte er den Sinn ihrer Worte erst fassen müssen. Sie wiederholte sie ihm, und leicht den Kopf beugend, zum Zeichen, daſs er sie verstanden habe, ging er in das Zimmer, dessen Thür sie ihm wies. Es war ein kleines Schlaſzimmer, dessen, wie sie ihm sagte, Lord Evandale sich zu bedienen pflegte, wenn er zum Besuch nach Fairyknowe komme, und das auf der einen Scite an ein kleines Japanisches Cabi- net stiefs, welches in den Carten führte, auf der andern Scite aber an einen Saal gränzte, von welchem es nur eine dünne Bretterwand trennte. Nachdem Mannchen dem Fremden gute Besse- rung und angenehme Ruhe gewünscht, ging sie, so schnell sie konnte, nach ihrer Wohnung zurück. 0 Luthbertlo rief sie ihrem Manne im Her- eintreten zu:«ich glaube, wir sind zu Grunde gerichtet!“* «Wie so denn b Was hast Du denn vor b» ver- setzte der unerschütterte Luthbert, der zu den Menschen gehörte, die sich nicht leicht über irgend etwas beunruhigen. 71 „Wer, denkst Du, dafs der fremde Herr drü- ben istb O, dafs Du ihn gebeten hast, hier abzusteigen!“ rief Hannchen. „Nu, wer Teufel soll es denn seyn f erwie- derte Luthbert;«ich denke doch, es gibt kein Verbot jetzt mehr, jemanden zu beherbergen und mit ihm zu sprechen; Whig oder Tory, was geht das uns an!* „Ja, aber es ist jemand, der uns durch Lord Evandales Heyrath wieder einen Querstrich ma- chen kann; wenn man sich nicht vo⸗ ieht,“» ver- setzte Hannchen,«es ist des Fräuleins erster Liebster, er ist Dein alter Herr, Luthbert!* Das wär' der Henker, Frau!? fuhr Luthbert bestürzt auf;«denkst Du denn, ich bin blind? Den Junker Heinrich würd' ich unter Hunderten heraus finden.“ Blind bist Du nicht, Freund Luthbert,» ant. wortete Hannchen;«aber Du passest nicht so auf, als ich.“ „Nun, was brauchst Du mir denn das jetzt gerade vorzurücken? Und was willst Du denn geschen haben, das ihn zum Junker Heinrich macht b“ aIch will Dir sagen,“ hob Hannchen an, zes fiel mir gleich auf, dafs er sern Gesicht immer verbarg, und mit so erzwungner Stimme redete; siehst Du, drum versucht' ich ihn mit allerley alten Geschichten, und wie ich von der Suppe 7² anfing, weilst Dup da lachte er gerade nicht, dazu ist er jetzt zu ernsthaft, aber er machte so ein Gesicht, daſs ich's ihm sleich ansah, daſs er wuſste, wovon die Rede war. Und seine Sanze Noth rührt von des Fräuleins Heyrath her; all mein Lebtag ist mir kein Mensch vorgekom- men, der treuer geliebt; weder Mann noch Weib. Das mufs wahr seyn. Ich denke noch immer daran, wie übel Fräulein Edithe that, als er und Du— Du garstiger Taugenichts!— mit den Rebellen gegen das Schloſs im Anzuge waret! Aber was gibt's, Mann, was hast Du vorpo «Was ich vor habe b» erwiederte Luthbert, der schnell die Kleider wieder anlegte, die er schon angefangen hatte, auszuziehen. Was anders, als gleich zu meinem Herrn zu gehn.» «Nein, Luthbert,“ antwortete Hannchen kalt- blütig und entschlossen,«da wirst Du nicht hingehn.“ «Der Teufel steckt in dem Weibe!“ rief Luth- bert. Denkst Du, ich stehe unter dem Pan- toſſel, und lasse mich all mein Lebtage von Weibern meistern 55 8* „ Und worunter willst Du denn stehen, Freund Luthbert? Und wer soll Dich denn meistern, als ich 5“ fragte Hannchen.„Ich will Dir's begreif- lich machen, ehe ich eine Hand umdrche. Kein Mensch weiſs, dafs der Junker lebt, ausser uns beyden, daraus, dafs er sich so sorgsam verhiygt, 75 vermuthe ich, er hat sich vorgenommen, wenn er das Fräulein verheyrathet fände, oder im Be- griff, sich zu verheyrathen, leise davon zu schlei- chen und sie nicht mehr zu beunruhigen. Aber wenn das Fräulein erführe, daſs er am Leben wäre, und wenn sie schon mit dem Lord Evan- dale vor dem Altare stände; Nein, würde sie sagen, wenn sie Ja sagen sollte.“ «Nu, und was geht das mich and Wenn dem Fräulein ihr alter Liebster besser gefällt, als ihr neuer, warum sollte sie sich nicht so gut anders besinnen können, wie andere Leute. Du weiſst ja, Halliday bleiht dabey, Du hättest ihm die Ehe versprochen.“ «Halliday ist ein Lügner und Du bist ein Pin- sel, daſs Du auf ihn hörst, Luthbert! Und des Fräuleins Wahl— Herr Jemine! Du kannst Dich darauf verlassen, alles Gold, was Morton hat, sitzt ihm auf dem Rock; und wie kann er also die alte gnädige Frau und Fräulein Edithen erhalten 5* Ist denn nicht Milnwood dab erwiederte Luthbert.«Der alte Herr hat zwar der Haushäl- terin die Leibrente hinterlassen, weil er kein Wort von seinem Neſfen hörte; aber man braucht dem alten Weibe nur ein gut Wort 2u geben, und sie können recht gut zusammen leben, die snädige Frau und alle mit einander.“ 8 74 a Ja, Du verstehst es!“ entgegnete Hannchen. Da kennst Du sie wenig, wenn Du glaubst, sol- che vornehme Damen würden mit der alten Liese Wilson eine Wirthschaft haben wollen! Von Lord Evandale selber Wohlthaten anzunehmen, sind sie ja zu stolz. Nein, wenn sie Morton nimmt, müssen sie mit ins Feld ziehen.“ «Das würde der alten Edelfrau schlecht be- kommen, das ist wahr,“ räumte Luthbert ein, aund über einen Tag crtrüge sie's gewiſs nicht im Packwagen.“ 2 «Und dann, was für ein ewiges Gezänk wirde zwischen ihuen seyn über die Whigs und die Torys,“ fuhr Hannchen fort. «Ja, das ist wahr,“ versetzte Luthbert, die alte Dame ist gewaltig kitzlich in dem Stücke.“ «Und dann, Luthbert,“ fuhr seine Hälfte fort, die wohlbedächtlich ihr stärkstes Argument bis zuletzt auſgespart hatte,«wenn die Heyrath mit Lord Evandale nicht zu Stande kommt, ws soll aus uns werden? Wie wird's mit unserm Häus- chen, mit unserm Kohlgarten und dem Weide- platzb Ich fürchte, wir und die lieben Kinder- chen würden in die weite Welt hinausgejagt werden!* Hier fing Hannchen an zu schluchzen. Luth- „ bert drehte sich hier hin und dort hin, ein wahres Bild der Unentschlossenheit. Endlich sagte er: 75 „Nun, Frau, kannst Du denn nicht sagen, was zu thun ist, ohne so viel Lärm zu machen? «Eben gar nichts ist zu thun, gar nichts,“ antwortete Hannchen;«wir thun, als wüſsten wir kein Wort von dem fremden Herrn, und sagen keiner Menschenscele etwas davon, daſs er hier im Hause gewesen ist, oder drüben im herr- schaftlichen. Hätt' ich ihn nur erkannt, ich hätte ihm mein eigenes Bett gegeben, und im Kuhstall geschlafen, oder er hätte weiter gemuſst; aber nun ist nicht mehr zu helfen. Das Nächste, was wir zu thun haben, ist, ihn morgen auf eine gute Art wegzubringen, und ich denke, er wird wohl nicht cilig seyn, wieder zurückzukommen.* „Mein armer Herr!“ seufzte Luthbert.«Ich soll ihn also gar nicht sprechen?“ 8* «Bey leibe nicht!» erwiederte Hannchen. Du brauchst ihn ja gar nicht zu kennen! Ich hätte Dir's auch gar nicht gesagt, wenn ich nicht be- fürchtet hätte, Du möchtest ihn morgen früh erkennen.“ «Nun gut,“ sagte Luthbert, mit einem tiefen Seufzer:«Ich will auf's Feld gehn und pflügen. Denn wenn ich nicht mit ihm sprechen soll, so will ich ihm lieber aus dem Wege gehn.“ «Sehr recht, mein Lieber,“ antwortete Hann- chen. Niemand hat mehr Verstand, wie Du, wenn Du erst ein Bischen mit jemand eine Sache 76 überlegt hast; aber Du solltest nie etwas von selbst nach Deinem eignen Kopfe thun.“ «Man sollte wahrhaftig denken,'s wäre was Wahres daran,“ erwiederte Luthbert; denn ich habe immer so ein Weib oder Mädchen gehabt, die mich auf ihre Weise führten, statt mich nach meiner thun zu lassen. Erst war's meine Mutter,“ fuhr er fort, indem er sich auskleidete, und ins Bett plumpte, dann war die Edelfrau, die mich gar nicht zu miir selber kommen liefs; dann zankte sich meine Mutter mit der, und nun zerr- ten und zogen sie an mir, die Eine hierher und dice Andere dorthin, wie der Hanswurst und der Teufel im Puppenspiel, wenn sie sich um den Bäcker zanken. Und nun,“ murmelte er weiter, indem er die Bettdecke um sich herumwickelte, «nun hab' ich ein Weib genommen, die thut, als ob sie mich ganz und gar führen wollte.“ Und bin ich nicht die beste Führerin, die Du all Dein Lebetage gehabt hastꝰ» fragte Hann- chen, als sie, dem Gespräch ein Ende machend, ihren Platz neben ihm einnahm und das Licht auslöschte. Indem wir dies Paar seiner Ruhe überlassen, haben wir dem Leser zunächst zu erzählen, das am folgenden Morgen ganz in der Frühe, von ihrem Diener begleitet, zwey Damen zu Pſerde anlangten, in denen Hannchen zu ihrer gröſsten Bestürzung sogleich Fräulein Bellenden und Frau 77 Emilie Hamilton, Lord Evandales Schwester, erkannte. «Soll ich nicht lieber nach dem Hause gehn und alles zurecht machen?“ fragte Hannchen, ganz verwirrt über die unerwartete Erscheinung. «Wir brauchen nur den Hauptschlüssel,“ ant- wortete das Fräulein;«Gudyill wird schon die Fenster im kleinen Saale öffnen.“ «Der kleine Saal ist verschlossen, und das Schloſs ist verdorben,“ hob Hannchen wieder an, sich der Verbindung erinnernd, die zwischen diesem Gemach und der Schlafkammer des Gastes war.. «Ins rothe Zimmer also,“ sagte das Fräulein, und ritt nach der Vorderseite des Hauses auf einem andern Wege, als auf welchem Morton hingeführt worden. «Alles ist aus,“ dachte Hannchen, wenn ich ihn nicht durch die Hinterthüre aus dem Hause schaffen kann.“ Mit diesen Worten eilte sie in groſser Angst und Unschlüssigkeit nach dem Garten, um durch ihn nach dem Hause zu gehen. «Ich hätte lieber gleich sagen sollen, dafs ein Fremder da wäre,“ dachte sie.«Aber dann hätten sie ihn zum Frühstück bitten lassen. O Gott, was soll ich thunb Und da geht Cudyill im Garten herum; das fehlte noch!“ fuhr sie fort, als sie an die Hinterthüre kam.«Und ich darf 78 nicht in den Nebengang gehn, bis er aus dem Wege ist. Lieber GCott, wie wird das noch werden?“ In dieser Verlegenheit ging sie auf den weiland Kellermeister zu, mit der Absicht, ihn aus dem Carten zu locken. Aber Hanns Gudyill's Stim- mung war nicht liebenswürdiger geworden durch seine Standeserniedrigung und seinen Zuwachs an Jahren. Gleich vielen mürrischen Leuten schien er eine geheime Ahnung zu haben, was die, mit denen er verkehrte, am meisten necken konnte; und auch jetzt dienten Hannchens Bemühungen, ihn aus dem Garten zu entfernen, nur dazu, ihn so fest darin zu wurzeln, als wenn er eine der Stauden gewesen wäre, die darin wuchsen. Un- glücklicherweise war er, seitdem er in Fairy- knowe wohnte, ein Blumenfreund geworden, und alle andern Dinge der Besorgung von Frau Emi- liens Diener überlassend, war sein erstes Ge- schäft, nach den Blumen zu sehen, die er unter seine besondere Obhut genommen hatte, und während er sie stützte, auflockerte und begofs, lieſs er sich mit der gröſsten Redseligkeit gegen das arme Hannchen, die zitternd und bebend vor Angst und Furcht neben ihm stand, über ihre Verdienste aus. Das Schicksal schien überhaupt an diesem un- glücklichen Morgen das Spiel gegen Hannchen gewinnen zu wollen. Sobald die Damen in das 79 Haus getreten waren, bemerkten sie, dafs die Thür zu dem kleinen Saal, das Gemach, aus welchem jene sie wegen seines Zusammenh ges mit dem Zimmer, in dem Morton schlief, gern entfernt wissen wollte, nicht allein unverschlos- sen war, sondern sogar völlig offen stand. Edithe war zu sehr mit ihren innern GCedanken beschäf- tigt, um viel auf diesen Umstand zu achten; sie befahl dem Diener plos, die Fensterläden zu öflnen, und ging mit ihrer Freundin in das Zin ner.„ Er ist noch nicht da,“ fing sie an:«was kann nur Euer Bruder wollen? Warum wünschte er so eifrig, dafs wir hier mit ihm zusammentreffen sollten? Und warum kam er nicht nach Schloſs Dinnan, wie er wollte? Ich gestehe Euch, liebe Emilie, obwohl ich in so naher Verbindung mit ihm bin, und obwohl Eure Gegenwart mieh vor jedem Vorwurf schützt, so weifs ich doch nicht, ob ich ganz recht gethan habe, ihm nachzu- geben.“ Evandale war nie eigenwillig,“ antwortete Emilie;«ich bin gewiſs, seine Gründe werden uns befriedigen, und wo nicht, so will ich Euch schon helfen, ihn auszuzanken.“ Was ich besonders fürchte,“ hob Edithe wieder an,«ist, daſs er sich in eine der gehei- men Verbindungen dieser bewegten unglückli- chen Zeit eingelassen. Ich weils es, sein Herz „ 80 hängt an jenem schrecklichen Claverhouse und seiuem Heere, und ich glaube, er hätte sich schon cher zu ihnen gesellt, wenn ihm nicht meines Oheims Tod noch mehr Sorge und Un- ruhe unsertwegen gegeben. Wie sonderbar, daſs man mit so viel Vernunft und mit vollkommnem Ueberblicke aller der Irrthümer des verbannten Königsstammes, Alles zu seiner Wiedereinsetzung zu wagen sich entschlieſst.“ «Es läſst sich nicht viel darüber sagen,“ ant- wortete Frau Emilie. Evandale betrachtet es als eine Ehrensache. Unser Haus ist immer dem König ergeben gewesen; er diente lange unter der Garde; der Viscount von Dundee war sein Oberster, und seit Jahren sein Freund; viele seiner eigenen Verwandten sehen ihn mit schee- len Blicken an und schreiben seine Unthätigkeit einem Mangel an Muth zu. Ihr wiſst ja, liebe Edithe, dafs oft Familienverbindungen und frühe Vorliebe für eine Sache mehr Einfluſs auf unsere Handlungen haben, als alle Gründe der Ver- nunft. Allein ich hoffe, Evandale wird ruhig bleiben, obschon ich, aufrichtig gesprochen, glaube, dafs Ihr die Einzige seyd, die ihn so erhalten kann.“ Und wie stände das in meiner Machtp'“ fragte das Fräulein. «Ihr könnt ihm ja, wegen seines Zuhause- bleibens, zu der biblischen Entschuldigung ver- 3 81 helfen: Er hat ein Weib gefreyet, und darum kann er nicht kommen.“ «lch habe mein Wort gegeben,“ sagte Edithe mit bebender Stimme, zaber ich hoffe, ich werde in Binsicht der Zeit nicht gedrängt werden.“ «Nicht doch,“ erwiederte Emilie,«ich will es Evandale überlassen, seine Sache selbst zu führen. Dort kommt er!“* «Bleibt, bleibt, um Cottes willen!“ rief Edi- the, indem sie sie zu halten suchte. «Nein, nein!“ erwiederte jene lachend, und machte sich los.« Bey solchen Celegenheiten spielt der Dritte immer eine einfältige Rolle. Wenn Ihr mich zum Frühstück haben wollt, im⸗ Weidengange am Flusse bin ich zu finden.“— Als sie zum Zimmer hinauslief, trat eben Lord Evandale ein.—«Guten Morgen, Bruder, und Gott befohlen bis zum Frühstück,“ rief sie schelmisch;«ich hoffe, Du hast Fräulein Bellen- den gute Gründe anzugeben, warum Du ihre Morgenruhe so frühe gestört hast.“ Mit diesen Worten liefs sie sie beyde allein, ohne eine Antwort abzuwarten. «Und darf ich Euch nun bitten, Lord Evandale,“ begann Edithe,«mir zu sagen, was Eure sonder- bare Bitte, mich zu so früher Stunde hier zu treffen, bedeutet b“* Sie wollte hinzufiigen, daſs sie es sich kaum verzeihe, sie erfüllt zu haben, aber indem sie 74. „ ihn ansall, fuhr sie bestürzt über den sonderbar bewegten Ausdruck seines Gesichtes zurüick, und sich selbst unterbrechend, rief sie: Ums Him- mels willen, was haht IhrP“ «Des Königs treue Unterthanen,“ antwortete er,«haben einen groſsen Sieg erfochten bey Blair von Athole; aber ach! mein tapfrer Freund, Lord Dundee“——„ «Er ist gefallen?“ fragte Edithe, den übrigen 3 Theil der Zeitung ahnend. «Ja wohl ist er gefallen! Cestorben in den Armen des Sieges, und nicht ein Mann ist da, dessen Fähigkeit und Einflufs seinen Verlust im Dienste des Königs Jakobs ersetzen könnte. Dies, Edithe, ist keine Zeit, mit der Erfüllung unsrer 8 Pflicht zu zôgern. Ich habe meinen Leuten Be- fehl gegeben, aufzustehen, und muſs diesen Abend Abschied von Euch nehmen.“ «Denket nicht daran, mein verehrter Freund,“ erwiederte Edithe.«Euer Leben ist Euren Freun. den zu wichtig. Werkft es nicht in einem so unbesonnenen Abentheuer weg! Was kann Euer einzelner Arm, was können die wenigen Dienst- mannen und Knechte, die Euch folgen werden, gegen die Macht von fast ganz Schottland, die Hochländischen Clans allein ausgenommen? Hört mich, Edithe!“ versetzte Lord Evandale. Ich bin nicht so unbesonnen, als Ihr zu glauben scheint, noch sind meine Cründe von so geringer 83 Wichtigkeit, daſs sie nur diejenigen angingen, die persönlich von mir abhängen. Die Leib- wache, in der ich so lange diente, ist zwar von dem Prinzen von Oranien neu eingerichtet, und mit neuen Officieren versehn; allein sie hat noch immer viel Vorliebe für ihren rechtmäſsigen Herrn bewahrt, und“— dies sagte er flüsternd, als fürchte er, die Wände des Zimmers könnten ihn belauschen—«wenn man weiſs, dafs mein Fuſs im Steigbügel steht, so wollen zwey Reiter- regimenter, wie sie beschworen haben, den Dienst des Usurpators verlassen, und unter mei- nem Beſehle fechten. Sie zögerten nur, bis Dundee in dem Niederlande eingerückt wäre; jetzt, da er nicht mehr ist, wird keiner seiner Nachfolger diesen entscheidenden Schritt wagen. wenn nicht die Erklärung der Truppen ihn dazu ermuthigt. Unterdessen aber möchte der Fifer der Soldaten erkalten. Ich bringe sie zum Enz schlufs, jetzt, wo ihre Herzen glühen vor Freude über den Sieg, den ihr alter Führer erfochten, und wo sie brennen, seinen Tod zu rächen.“ «Ihr kennt diese Soldaten, mein theurer Freund,“ sagte Edithe;«und auf die Treue sol- cher Menschen wollt Ihr einen Entschlufs von so furchtbarer Wichtigkeit bauen 5 Ich will— ich muſs,“ antwortete Lord Evan- dale: ich habe meine Ehre und Treue zum Pfande gesetzt.“ 84 „Und dies alles für einen Fürsten,“ fuhr das Fräulein fort,«dessen Schritte, als er noch auf dem Throne saſs, niemand schärfer tadeln konnte, als Lord Evandale?“* „Sehr wahr,“ erwiederte er,«und wie, als er noch auf dem Gipfel seiner Macht war, seine Neuerungen in Kirche und Staat mich als einen freygebornen Unterthanen mit Unwillen erfüllten, so will ich jetzt, da er im Unglück ist, seine Rechte als ein getreuer vertheidigen. Laſst Höflinge und Schmeichler der Macht huldigen und das Unglück verlassen: ich will weder das Eine noch das Andere.“ „Und wenn Ihr denn entschlossen seyd, einen Schritt zu thun, den mein schwaches Urtheil noch immer übereilt nennen mufs, warum be- mühtet Ihr Euch noch um diese unzeitige Zu- sammenkunft?“* „Wäre es nicht genug, wenn ich antwortete,“ erwiederte Lord Evandale,«dafs, che ich mich in die Gefahr eines Krieges stürze, ich meiner verlobten Braut Lebewohl zu sagen wünschteb— Cewifs, das heifst meine Gefühle für viel zu kalt halten, und die Gleichgültigkeit der Eurigen zu deutlich zeigen, wenn Ihr mich nach dem Grund zu einer so natürlichen Bitte fragt.“ «Aber warum an diesem Orte, mein theurer Freundo Warum unter so geheimniſsvollen Um- ständen?“ 8 8⁵ „Weil,“ antworiete er, indem er ihr einen Brief übergab,«ich noch eine andere Bitte habe, die ich kaum vorzutragen wage, selbst wenn die- ses Beglaubigungsschreiben sie einleitet.“ Eilig und erschrocken überblickte Edithe den Brief, der von ihrer Groſsmutter war. «Mein theuerstes Kind!» lautete der Inhalt: «Niemalen habe ich so innig beklagt, dafs meine Cichtschmerzen mir nicht das Reiten verstatten, als indem ich dies schreibe, wo ich gern seyn möchte, allwo bald das Blatt seyn wird, das heifst, in Fairyknowe, bey meines lieben, seli- gen Wilhelms einzigem Kinde. Aber es ist des Herrn Wille, daſs ich nicht bey ihr seyn soll, worauf ich schliefse aus den verm urten Schmer- zen, die ich anjetzo leide, und aus dem Um- stande, dafs weder Umschläge von Camillen, noch der Decoct von wildem Senf, womit ich Andere so oft curirt habe, mich haben davon befreyen können. Deswegen muſs ich Dir schrift- lich vortragen, was ich Dir mündlich nicht sagen kann, dafs alldieweil unsern theuren Freund, Lord Evandale, seine Ehre und Pflicht in das Feld ruft, derselbe mich eifrigst ersucht hat, zu gestatten, daſs die Bande der heiligen Ehe Dich, che er sich in den Krieg begäbe, mit ihm ver- einigten, zur Vollziehung des Vertrages, der früher deshalb geschlossen worden ist, wogegen ich keine vernünftige Einwendung absehe, und 86 dahero auch sicherlich verhoffe, daſs Du, welche Du allerwegen ein gutes, gehorsames Kind ge- wesen bist, keine solche anführen wirst, so We- niger als vernünftig wäre. Es ist wahr, daſs die Ehebündnisse in unserm Hause bis Dato auf eine Weise vollzogen worden sind, welche unserm Stande mehr geziemen, und nicht im Geheim und vor wenigen Zeugen, als eine Sache, welche in einem abgelegenen Winkel geschicht. Allein es ist nun einmal des Himmels Wille gewesen, so wie der des Reiches, woselbst wir leben, uns unsere Cüter zu nehmen, wie dem Könige seinen Thron. Aber ich hoffe, er wird den rechtmäſsi- gen Erben wieder auf den Thron setzen, und sein Herz wieder dem allein wahrhaften, protestan- tisch episcopälischen Glauben zuwenden, als welches ich um so mehr mir schmeicheln kann, noch mit meinen alten Augen zu ersehen, als ich schon einmal erlebt habe, daſs die königliche Familie mit mächtigen Usurpatoren und Rebel- len hart zu kämpfen hatte, wie anjctzo. Dazu- mal nämlich, als Seine allerheiligste Majestät, Karls II. höchstseligen Andenkens, unser geringes Haus Tillietudlem mit seiner allerhöchsten Ge- genwart beehrte, um daselbst ein Dejeuner ein- zunehmen.“ etc. etc. Wir wollen des Lesers Geduld nicht mils- brauchen, indem wir noch mehr von Frau Mar- Sarethens weitläufigem Briefe hiehersetzen. Es 87 ist genug, wenn wir hinzufügen, dafs er mit dem Befehl für ihre Enkelin schlofs, ohne Zeitverlust in die Trauung zu willigen. Edithen sank der Brief aus der Hand. Ich hätte nie bis zu diesem Augenblick geglaubt,“ sagte sie,«dafs Lord Evandale unedelmüthig handeln könnte.“ Unedelmütbig, Edithen?“ wiederholte der Bräutigam. Wie könnt Ihr meinen Wunsch, Euch mein zu nennen, che ich mich vielleicht auf ewig von Euch trenne, so nennen 9* Lord Evandale hätte sich erinnern sollen,“ fuhr Edithe fort,«dafs, als seine Beharrlichkeit, und, muſfs ich hinzusetzen, mein schuldiges An- erkennen seiner Verdienste und der Verpflichtun- gen, die wir ihm haben, mir endlich de Ein- willigung abdrang, daſs ich einmal seine Wün- sche gewähren würde, ich die Bedingung machte, nicht zu einem schnellen Erfüllen meines Ver- sprechens genöthigt zu werden; und nun benuizt er seinen Einflufs auf meine einzige lebende Verwandte, mich mit hastigem, ja unzartem Dringen zu treiben. Cewiſs liegt mehr Eigen- nutz als Edelmuth in diesem heftigen und zwin- genden Anliegen.“ Sichtbar verletzt, ging Lord Evandale einige- mal durch das Zimmer, ehe er etwas auf diese Beschuldigung erwiederte; endlich sagte er:«Ich würde diesem schmerzlichen Vorwurſe entgangen 88 seyn, hätte ich Euch auf einmal den Haupigrund für meine dringende Bitte sagen dürfen, mein Fräulein! In Hinsicht Eurer selbst werdet Ihr ihn vielleicht verachten, aber Eurer Grofsmutter wegen muſs er Euch von Gewicht seyn. Mein Tod in der Schlacht gibt alle meine Güter meinen, von mir eingesetzten, Erben. Meine Handlungs- weise wird aber von der aufgedrunguen Regierung als Hochverrath betrachtet werden, und sie wer- den dem Prinzen von Oranien oder irgend einem Holländischen Günstlinge zufallen. In beyden Fällen wird meine chrwürdige Freundin und meine verlobte Braut ohne Schutz und in Dürf- tigkeit zurückbleiben. Mit den Rechten und Vor- theilen meiner Gattin versehn, wird aber Edithe sich in der Lage befinden, ihrer bejahrten Ver. wandtin beystehen zu können, und darin einigen Trost für die Nachgiebigkeit sehn, mit der sie einwilligt, Namen und Vermögen eines Mannes zu theilen, der nicht darauf Anspruch macht, ihrer würdig zu seyn.“ Edithe verstummte bey einem Grunde, den sie nicht erwartet hatte, und muſste gestehen, daſs Lord Evandale ihr sein Gesuch mit eben so viel Zartheit, als Achtung vorgestellt hatte. Und dennoch,“ sagte sie,«wendet sich mein armes Herz so widerspenstig den frübern Zeiten zu, dafs ich nicht“— sie brach in einen Thrä- nenstrom aus—«nicht ohne ein unheilweissa- 89 gendes Widerstreben mein Versprechen in so kurzer Frist erfüllen kann.“ «Wir haben diesen schmerzlichen Gegenstand bereits reiflich erwogen, meine theuerste Edithe,“ erwiederte Lord Evandale;«und Eure eignen Nachforschungen, wie die meinigen, mussen Euch überzeugt haben, daſs diese Thränen frucht- los sind.“ «Fruchtlos, ja wohl!“ sagte Edithe mit einem tiefen Seufzer, der, wie von einem unerwarteten Wiederhalle im anstofsenden Zimmer, wieder- holt ward. Das Fäulein fuhr bey dem Klange auf und beruhigte sich kaum auf Lord Evandales Versicherungen, dafs sie nur das Echo ihres eignen Seufzers gehört habe. Lord Evandale bemühte sich eifrig, ihre Un- ruhe zu stillen, und sie mit einer Maſsregel zu versöhnen, welche ihm, trotz ihrer Eile, als das einzige Mittel erschien, ihre Unabhängigkeit zu sichern. Er führte für scin Verlangen den abge- schlofsnsn Vertrag ihrer Groſsmutter Wunsch und Befehl an, verweilte bey der Aussicht, ihr eine bequeme und unabhängige Lage zu verschaffen, und berührte nur leicht seine lange, treue Liebe, die er ihr durch so viele und durch so mannich- fache Dienste bewiesen. Diese fühlte Edithe je tiefer, je weniger Gewicht darauf gelegt ward, und endlich, da sie nichts mehr seinem Dringen entgegen zu setzen wuſste, ausser ein grundloses 15⸗ 90 Widerstreben, dessen sie sich gegen so viel der Croſsmuth zu erwähnen schämte, blieb ihr nichts anders übrig, als die Unmöglichkeit anzuführen, die Trauung in solcher Eile und an diesem Orte zu vollziehn. Lord Evandale aber war auf alles vorbereitet, und erklärte ihr mit lebhafter Freude, dafs der chemalige Caplan seines Regiments be- reits in dem Landhause warte, nebst einem treuen Diener, der in eben demselben Unierofficier ge- wesen sey; daſs er seine Schwester schon in das Ceheimniſs gezogen, und wenn es ihr angenehm sey, auch Headrigg und seine Frau als Zeugen dienen könnten. Was den Ort anbelange, so habe er ihn mit Fleiſs gewählt. Die Heyrath müsse ein Geheimniſs pleiben, weil er sehr bald nach der Trauung verkleidet abreisen werde, ein Umstand, der, wäre die Hochzeit öffentlich voll- zogen, die Aufmerksamkeit der Regierung auf ihn gelenkt haben würde, die aus dieser Hand- lungsweise schliefsen müſste, daſs er sich in irgend einen gefährlichen Anschlag eingelassen. Nachdem er ihr in der gröfsten Eile diese Gründe angeführt und von seinen Einrichtungen Rechen- schaft gegeben hatte, begab er sich schnell, ohne eine Antwort abzuwarten, zu seiner Schwester, sie zu seiner Braut zu senden, während er die übrigen Personen, deren Gegenwart man be- durfte, zusammenholte. 9¹ Als Frau Emilie Hamilton kam, fand sie ihre Freundin so in Schmerz und Thränen aufgelöst, daſs sie in einige Verlegenheit gerieth, den Grund davon einzusehen. Sie gchörte zu denje- nigen Frauenzimmern, die in einer Heyrath weder etwas Wunderbares noch etwas Schreck- liches finden, und war mit fast aller Welt der Meinung, daſs die Sache darum nicht beunruhi- gender würde, weil Lord Evandale der Bräutigam war. Von diesen Gefühlen geleitet, erschöpfte sie nach einander alle gewöhnlichen GCründe, mit denen man Muth einspricht, und alle Ver- sicherungen der Theilnahme und des Bedauerns, die man gemeiniglich bey solchen Gelegenheiten auwendet. Als sie aber ibre künftige Schwägerin taub für alle Trostgründe, als sie unaufhörlich Thränenströme ihre marmorbleichen Wangen herunterstürzen sah, als sie fühlte, dafs die Hand derselben, die sie zur Verstärkung ihres Zuredens gefafst hatte, in der ihrigen kalt ward, und wie eine Todtenhand, fühllos und den Druck uner- wiedernd, darin lag, machten ihre theilnehmen- den Empfindungen dem Gefühle des verletzten Stolzes und verdriefslichem Unmuth Platz. Ich mufs gestehn,“ sagte sie,«ich weifs nicht, wie ich das alles nehmen soll, Fräulein Bellen- den. Monate sind verflossen, scitdem ihr ein- gewilligt habt, meinen Bruder zu heyrathen, und Ihr habt die Erfüllung Eures Versprechens von 9² einer Zeit zur andern hinausgeschoben, als hättet Ihr ciner entehrenden und höchst unangenehmen Verbindung auszuweichen gehabt. Ich denke, ich kann für Lord Evandale stehen, daſs er sich nicht um die Hand eines Frauenzimmers gegen ihre Neigung bewerben wird, und obwohl ich seine Schwester bin, kann ich doch dreist sagen, daſs er nicht nöthig hat, irgend eine Frau weiter zu drängen, als ihre Neigung sie führt. Ihr müſst es mir nicht übel nehmen, Fräulein Bellen- den, aber Euer jetziger Schmerz ist ein schlech- tes Zeichen für meines Bruders Glück, und ich muſs nothwendig sagen, daſs er alle Eure Acus- serungen von Widerwillen und Schmerz keines- weges verdient, und daſs dies eine sehr seltsame Erniedrigung der Liebe ist, die er Euch so lange, und seit so vielen Jahren bewiesen hat.“ «Ihr habt Recht, Emilie,“ versetzte Edithe, indem sie ihre Augen trocknete, und wieder ihr gewöhnliches Wesen anzunehmen suchte, wäh- rend indessen noch ihre bebende Stimme und die Blässe ihrer Wangen ihre innere Bewegung verrieth.«Ihr habt vollkommen Recht! Lord Evandale verdient eine solche Behandlung von Niemanden, am wenigsten von der, die er mit seiner Zuneigung beehrt. Doch wenn ich zum letztenmale einem plötzlichen und unwidersteh- lichen Ausbruche meines Gefühls Raum gab, 80 ist es mein Trost, liebe Emilie, daſs Euer Bruder 93 die Ursache weiſs, dafs ich ihm nichts verborgen habe, und daſs er wenigstens nicht fürchten darf, in Edithen Bellenden eine Gattin zu be- sitzen, die seiner unwürdig wäre. Aber dennoch habt Ihr Recht, und ich verdiene Euren Tadel, daſs ich einen Augenblick lang fruchtlosem Schmerz und quälenden Erinnerungen Raum gab. Es soll nicht länger so seyn. Mein Loos ist mit Evandale geworfen, und mit ihm es zu tragen, bin ich entschlossen! Nichts soll künftig ihm Anlafs geben zu klagen, oder seinen Verwandten zu zürnen. Keine eitle Gedanken an vergangene Tage sollen sich mehr zwischen mich und die eifrige, liebende Erfüllung meiner Pflicht stellen; keine thörichte Täuschungen vergangner Tage zurückrufen!“* Als sie diese Worte sprach, erhob sie langsam das Gesicht, das sie vorher mit der Hand ver- borgen gehalten, nach dem vergitterten Fenster des Zimmers, das halb offen stand, stiefs einen entsetzlichen Schrey aus, und sank ohnmächtig nieder. Emiliens Blicke folgten der nämlichen Richtung, aber sie sah nur den Schatten eines Mannes, der vom Fenster zu verschwinden schien, und mehr durch den Zustand Edithens erschreckt, als durch die Erscheinung, die sie selbst erblickt, stieſs sie Schrey auf Schrey um Hülfe aus. Ihr Bruder kam sogleich mit dem Caplan und Hann- chen herbey, aber es bedurfte starker und hefti- 94 ger Mittel, das Fräulein wieder zur Besinnung und ins Leben zu bringen. Selbst alsdann war ihre Sprache noch wild und unzusammen- hängend. «Dringt nicht länger in mich,“ sagte sie zu Lord Evandale:«es kann nicht seyn. Himmel und Erde— Lebendige und Todte haben sich gegen diese unselige Verbindung verschworen. Nehmt alles, was ich geben kannz die schwe- sterlichste Neigung, die innigste Freundschaft— ja, wie eine Schwester will ich Euch lieben, wie eine Magd will ich Euch dienen— aber nimmer — nimmer sprecht mir wieder von Heyrath!* Man kann sich das Erstaunen Lord Evandales vorstellen.«Emilie,“ sagte er zu seiner Schwe- ster,«das ist Dein Werk! In einer unseligen Stunde hab' ich Dich hieher gebracht. Deine alles untereinander werfénde Thorheit hat sie um den Verstand gebracht!“ Auf mein Wort, Herr Bruder, Du wärst im Stande, alle Weiber in Schottland um den Ver- stand zu bringen! Weil Deine Gebieterin Lust hat, Dich zum Besten zu haben, zankst Du mit Deiner Schwester, die sich Deiner Sache annahm, und sie schon zum ruhigen Anhören gebracht hatte, als auf einmal ein Mann zum Fenster herein sah, den ihre verwirrte Einbildungsbkraft entweder für Dich oder für sonst jemand hielt, 95⁵ und so haben wir umsonst ein Stück von einem Trauerspiele zu sehen bekommen.* «Was für ein Mann? Was für ein Fenster?“ rief Lord Evandale unmuthig und ungeduldig. Fräulein Bellenden ist unfähig, meiner zu spot- ten, und was könnte sonst—— «Still, still,“ unterbrach ihn Hannchen, der besonders daran lag, weitere Untersuchunz zu verhindern,«um Gottes willen spracht leise, gnäd'ger Herr; das Fräulein fängt an, sich zu erholen.“ Edithe war kaum wieder etwas zu sich selbst gekommen, als sie mit schwacher Stimme bat, mit Lord Evandale allein gelassen zu werden. Alle gingen hinaus; Hannchen mit ihrer gewöhn- lichen Miene dienstfertiger Einfalt, Emilie und der Geistliche mit erregter Neugier. Sobald sie das Zimmer verlassen hatten, winkte Edithe Lord Evandale, sich an ihre Seite zu setzen. Ihre nächste Bewegung war, seine Hand zu greifen, und siu crotz des Widerstandes des Ueberraschten, an ihre Lippen zu drücken; dar- auf sank sie von ihrem Sitze und umschlang seine Kniee. Vergebt mir, mein theurer, mein rerehrter Freund lo rief sie;«vergebt mir! Ich muſs un- redlich gegen Euch handeln, und ein feyerliches Bündnifs brechen. Ihr habt meine Freundschaft, Ihr habt meine höchste Achtung, meine innigste 96 Dankbarkeit— Ihr habt mehr, Ihr habt mein Wort und meinen Schwur— aber, o vergebt mir— die Schuld ist nicht mein. Ihr habt nicht meine Liebe, und ich kann Euch ohne Sünde nicht ehelichen.“ «Ihr träumet, meine geliebte Edithe,“ erwie- derte Evandale im höchsten Grade bestürzt;«Ihr laſst Eure Einbildungskraft Euch betrügen; es ist ein bplofses Blendwerk Eures überreizten Ge- müths. Der Mann, den Ihr mir vorzogt, ist seit lange in einer bessern Welt, wohin Eure ver- gebliche Sehnsucht ihm nicht folgen kann, oder wenn sie es könnte, nur seine Glückseligkeit vermindern wurde.“ Ihr irrt Euch, Lord Evandale,“ antwortete Edithe feyerlich,«ich bin keine Nachtwandlerin, kein wahnsinniges Mädchen. Nein, Nicmanden würd' ich geglaubt haben, was ich selbst gesehn habe. Aber da ich ihn gesehn habe, mufs ich meinen eignen Augen glauben.“ «Ihn gesehn? Wen gesehnß“ fragte Evandale in grofser Angst. Heinrich Morton,“ antwortete Edithe, und diese beyden Worte schienen ihre letzten zu seyn. Sie war einer Ohnmacht nahe. Mein Fräulein,“ sagte Lord Evandale,«Ihr behandelt mich wie einen Thoren, oder wie ein Kind. Wenn Ihr mein gegebnes Wort bereut,“ fuhr er unwillig fort,«ich bin nicht der Mann, „ 97 Euch gegen Eure Neigung zu zwingen. Aber be- handelt mich wie einen Mann, und lafst die Kindereyen!* Er war im Begriff, fort zu gehen, als ihre unsteten Blicke und ihre bleichen Wangen ihm verriethen, daſs nichts weniger als Betrug aus ihr handle, und daſs ihre Einbildungskraft wirk- lich durch Entsetzen und Furcht gestört war, was auch die Ursache seyn mochte. Er änderte seinen Ton, und bot seine ganze Beredsamkeit auf, sie zu beruhigen, und von ihr die geheime Ursache ihres Schreckens zu erfahren. „Ich sah ihn,“ wiederholte sie,«ich sah Hein- rich Morton an jenem Fenster stehen, und in das Zimmer sehen„ gerade in dem Augenblick, als ich im Begriſl war, ihn für immer abzu- schwören. Sein Gesicht war trüber, magerer, bleicher, als er einst war; er trug einen Reiter- mantel, und den Hut ins Gesicht gedrückt, und seine Miene war wie jene, mit der er an jenem schrecklichen Morgen in Tillietudlem Claver- house gegenüber stand. Fragt Eure Schwester, fragt Emilien, ob sie ihn nicht so gut gesehn hat, als ich. Ich weiſs, was ihn heraufgerufen hat. Er kam„ mir vorzuwerfen, daſs ich„ während mein Herz bey ihm in der todten, tiefen See lag, meine Hand einem Andern geben wollte. Mein Freund, es ist aus zwischen Euch und mir! Mögen die Folgen seyn, welche sie wollen, die 74 C 98 kann sich nicht vermählen, deren Hochzeit die Ruhe der Todten stört. «Gütiger Himmel,“ sagte Evandale, indem er selbst ganz verwirrt vor Bestürzung und Schmerz im Zimmer umher ging,«ihr schöner Verstand muſs ganz zerrüttet seyn, und das durch die Ge- walt, die sie sich angethan, mir meine unzeitige, wenn auch wohlgemeinte Bitte zu gewähren. Ohne Ruhe und Pflege ist ihre Gesundheit auf immer zerstört.“ In diesem Augenblick öffnete sich die Thirr, und Halliday, der Lord Evandales Kammerdiener geworden war, seitdem beyde während der Re- volution den Dienst verlassen hatten, stolperte mit einem so bleichen und entsetzten Ge- sichte ins Zimmer, wie's der Schreck nur malen konnte. «Was gibt es, Hallidayp“ rief sein Herr, auf- fahrend; doch nichts entdeckt von“—— Er hatte gerade Geistesgegenwart genug, die gefährliche Frage in der Mitte abzubrechen. «Nein, gnädiger Herr,“ antwortete Halliday, das ist's nicht, auch nichis Aehnliches. Aber ich habe einen Geist geschn.“ «Einen Ceiste Du Einfaltspinsel!“ rief Evan- dale, dem nun alle Geduld rifs:«Hat sich alle Welt verschworen, mich toll zu machen?— Was für einen Geist, Du Dummkopt?“ 99 Den Ceist Heinrich Mortons, des Rebellen- hauptmanns an der Bothwellbrücke,“ antwortete Halliday;«er fuhr wie ein Blitz au mir vorüber, als ich im Garten war.“ Leben wir denn in den Hundstagen Po sagte Lord Evandale;«oder ist hier etwa eine Schur- kerey im Spiele?— Hannchen, führt Euer Fräu- lein auf ihr Zimmer; unterdeſs will ich suchen, den Schlüssel hier zu finden.“ Lord Evandales Nachforschungen waren ver- geblich. Hannchen, die, wenn sie gewollt, die beste Auskunft hätte geben können, fand so sehr ihren Vortheil dabey, die Sache im Dunkeln zu lassen; und der eigne Vortheil war ein Ding, welches jetzt bey Hannchen am meisten galt, seit der Besitz eines fleifsigen und liebevollen Mannes ihre Coketterie nach und nach geschwächt hatte. Sie hatte die ersten Augenblicke der Verwirrung bestmöglichst benutzt, jede Spur, daſs Jemand in dem anstoſsenden Zimmer geschlaſen hatte, zu vertilgen, und auch die Fuſstritte unter dem Fenster wieder zu ebnen, durch welches, wie sie vermuthete, Edithe Morton gesehn hatte, als er, che er den Garten verlieſs, noch einen Blick auf die Theure werfen wollte, die er so lange geliebt, und nun auf immer verlassen sollte. Dafs er an Halliday im Garten vorüber gestri * 100 chen, war ebenfalls klar, und von ihrem ältesten Knaben, dem sie geheiſsen hatte, des Fremden Pferd zu satteln, und es zu seiner Abreise fertig zu halten, erfuhr sie, daſs jener in den Stall gestürzt sey, dem Kinde eine Guinee zugewor- fen habe, und sich auf das Roſs werfend, dem Clyde hinunter gejagt sey. Das Geheimniſs war also im Besitz ihrer eignen Familie, und Hann- chen war entschlossen, dafſs es da bleiben sollte. Denn,“ sagte sic bey sich,«wenn das Fräulein und Halliday Junker Morton auch bey hellem Tageslicht erkennen, so folgt daraus noch nicht, daßs ich ihn auch in der Dämmierung und bey Abend erkennen mufs, und noch dazu, wenn er vor mir und Luthbert beständig sein Gesicht verbirgt.“ So blieb sie standhaft bey ihrem Nein, als Lord Evandale sie ausfragte. Was Halliday an- belangte, so konnte er nur sagen, dafs der ver- meinte Geist, als er in den Garten getreten, schnell an ihm vorbeygestreift sey, und mit einem Gesichte, in welchem sich Schmerz und Zorn zu streiten geschienen. Er kenne ihn wohl,“ sagte er,«denn er habe ihn mehreremale bewachen, und auf den Fall der Flucht, Gesicht und Gestalt des Gefangnen beschreiben und aufzeichnen müssen. Und,“ setzte er hinzu,«'s gab wenig Cesichter, wie 101 Herrn Morton seines. Was ihn abez dazu brin- gen sollte, im Lande umherauschweifen, da er weder gefangen noch erschossen sey, das konnte Halliday durchaus nicht begreifen. Emilie sagte aus: sie hätte das Gesicht eines Mannes am Fenster gesehn, aber ihr Zeugniſs ging nicht weiter. Hans Gudyill wuſste gar nichts von der Ge- schichte. Er hatte gerade zu der Zeit der ver- meinten Erscheinung seine Cärinerarbeit verlas- sen, um sein Morgenschlückchen einzunehmen. Frau Emiliens Diener war in der Küche ge- wesen, und kein andrer Mensch war weiter in und ausser dem Hause zu finden. Lord Evandale kehrte verwirrt und im höchsten Grade mifsmüthig zurück, dafs er einen Ent- wurf, dessen Ausführung er nicht weniger nöthig für Edithens Schutz in etwa vorkommenden Fäl- len, als für die Sicherung seines eignen Glückes hielt, und schon so nahe sah, ohne irgend einen vernünftigen oder scheinbaren Grund aufgeben mufste. Er kannte Edithen zu gut, um einem Verdacht Raum zu geben, als habe sie hinter einer vorgegebenen Erscheinung eine launenhafte Aenderung ihres Entschlusses verbergen wollen. Aber er hätte gern dies Cesicht dem Einflusse einer überreizten Phantasie zugeschrieben, wel- che durch die Lage, in welclie sie sich so plötzlich 2 102 versetzt sah, heftig ergriffen war, wenn nicht Hallidays einstimmiges Zeugniſs gewesen wäre, der keinen Grund hatte, an Morton mehr, als an sonst jemand zu denken, und nichts von des Fräuleins Gesicht wufste, als er das seine erzählte. Auf der andern Seite war es im höchsten Grade unwahrscheinlich, dafs Morton, nach dem man so lange vergeblich gesucht hatte, und den man mit so gutem Grunde mit dem Holländischen Schiffe, die Freyheit von Rotterdam, das mit Schiffsvolk und Reisenden versank, untergegangen glauben mufste, am Leben und im Lande ver- borgen sey, wo er keine Ursache mehr hatte, sich nicht öffentlich zu zeigen, da die jetzige Regierung seine Parthey begünstigte. Lord Evan- dale gewann es mit Mühe über sich, seine Zweifel auch dem Kaplan vorzutragen, um seine Meinung darüber zu vernehmen. Statt dessen muſste er aber eine lange Abhandlung über die Ceisterlehre mit anhören, in welcher der ge- lehrte Mann, nachdem er Delvio, Burthoog und de l'’Ancre über die Erscheinungen, und unter- schiedentliche Rechtsgelehrte über die Natur des Zeugnisses citirt hatte, das Resultat seines Nach- denkens erklärte, und sein Defnnitivschlufs war: Es sey entweder wirklich die Erscheinung des Geistes des abgeschiedenen Heinrich Mortons gewesen, welche Möglichkeit er als Geistlicher und Weltweiser weder bestreiten noch behaupten -—-y— 103 könne, oder der besagte Heinrich Morton lebe noch, und sey diesen Morgen in eigner Person da gewesen; oder endlich, eine starke deceptio visus, d. h. Gesichtstäuschung durch eine auffal- lende Aehnlichkeit der Gestalt, habe die Augen des Fräuleins Bellenden und des Thomas Halli- day betrogen. Welche von diesen Hypothesen die wahrscheinlichste sey, wollte der Doctor nicht entscheiden, aber er erklärte sich bereit, darauf zu sterben, daſs einer von diesen dreyen Fällen die Unruhe dieses Morgens veranlaſst habe. Lord Evandale hatte bald noch mehr Ursache, sich zu beunruhigen und zu ängstigen. Das Fräulein ward für gefährlich krank erkannt. „Ich will diesen Ort nicht verlassen„“ rief er, „bis ich weiſs, daſs sie nicht mehr in Gefahr ist. Ich kann es weder, noch darf ich es. Denn was auch die eigentliche Ursache ihrer Krankheit seyn mag, ich habe sie doch zuerst durch meine unglückliche Bitte veranlaſst.“ Er richtete sich daher förmlich als Gast in dem Hause ein, was bey der Gegenwart seiner Schwester und der Frau Margarethe Bellenden, die, als sie von ihrer Enkelin Krankheit hörte, sich sogleich zu ihr bringen lieſs, weder un- schicklich noch unzart war. So erwartete er in ängstlicher Besorgniſs die Zeit, Wo Edithe, ohne „ 104 Nachtheil für ihre Gesundheit, eine entschei- dende Erklärung vertragen könne, und wollte nicht cher ins Feld gehen. «Nie,“ sagte der edle junge Mann,„soll sie ähre Verlobung mit mir als eine Verpflichtung betrachten, sie zu einer Verbindung zu zwingen, deren bloſser Gedanke schon ihren Verstand zu zerrütten scheint.“ 10⁵ An Neun und dreyſsigstes Kapitel. O theure Hügel, grünbebuschte Haide! O Heimathsfluren, ihr Geliebten, Die ich durchschweift im leichten Elügelkleide, Mie Augen, die noch keine Thränen trübten! Aus einer Ode auzf eine. ferne Auisiohit von der Rohen Jchule au Elon. Nicht körperliche Bedürfnisse und Gebrechlich- keiten sind es allein, was Menschen von den ausgezeichnetsten Fähigkeiten, so lange sie Pilger dieser Erde sind, dem grofsen Haufen des mensch- lichen Geschlechtes gleichstellen. Es gibt Augen- blicke der erschätterten Empfindung, in denen der Stärkste mit dem Schwächsten seiner Brüder in einer Reihe steht; wo, den allgemeinen Zoll der Menschheit bezahlend, sein Unglück durch 106 das Bewufſstseyn vermehrt wird, dafs er, indem er sich seinem Kummer überläſst, die Vorschrif- ten der Religion und der Weisheit verletzt, denen er im Allgemeinen seine Leidenschaften und Handlungen zu unterwerfen strebt. In einem solchen heftigen Anfall von Schmerz verliefs der unglückliche Morton Fairyknowe. So bitter ihm die Gewilsheit war, dafs seine lang und immer noch geliebte Edithe, deren Bild seit so vielen Jahren seine Seele füllte, im Begriff war, sich mit seinem alten Nebenbuhler zu vermählen, welcher sich durch so mannichfache Dienste Am sprüche auf ihr Herz erworben hatte, dafs ihr kaum das Recht mehr übrig blieb, dieselben zu- rückzuweisen, so wenig unerwartet traf ihn dieser Streich. Während seines Aufenthaltes im Aus- lande hatte er einmal an Edithen geschrieben. Es geschah, um ihr für immer Lebewohl zu sagen, und sie zu beschwören, ihn zu vergessen. Er hatte sie gebeten, seinen Brief nicht zu beant- worten, allein lange Zeit hoffte er halb und halb, daſs sie diese Vorschrift übertreten werde. Der Brief gelangte niemals zu ihr, und Morion, der das Mifsgeschick derselben nicht wufste, konnte sich, seiner eignen selbstverläugnenden Bitte ge mäſs, nur aufgegeben und vergessen glauben. Alles, was er von ihren gemeinschaftlichen Be- kannten seit seiner Rückkehr nach Schottland gehört hatte, mulste ihn darauf vorbereiten, das 107 Fräulein als Lord Evandales verlobte Braut zu betrachten; und selbst wenn er von der Bürde der Verbindlichkeiten gegen diesen befreyet ge- wesen wäre, würde es mit seiner edlen Gesinnung unvereinbar gewesen seyn, die Uebercinkunft zwischen ihnen zu stören durch den Versuch, einen Anspruch geltend zu machen, der durch Abwesenheit verjährt war, und dem tausend Hin- dernisse entgegen standen. Warum suchte er denn das kleine Haus auf, das der Frau Marga⸗ rethe Bellenden und ihrer Enkelin in ihren ge- sunknen Glücksumständen zum Zufluchtsort dien- ten Wir sind gezwungen, es zu gestehn: Er gab dem Antriebe eines widersprechenden Wunsches nach, den viele Andere in seiner Lage auch ge- fühlt hätten. Durch einen Zufall erfuhr er, als er nach seiner heimathlichen Provinz reiste, daſs die Da- men, an deren Wohnorte er vorüber muſfste, gerade abwesend waren, und da er hörte, daſs Luthbert und seine Frau als Gesinde hier im Hause wären, konnte er nicht widerstehen, an der Hütte derselben anzuhalten, um, wo möglich, zu erfahren, wie weit es dem Lord Evandale ge- lungen sey, die Liebe Edithens zu gewinnen, ach, nicht länger seiner Edithe! Wie dieser unbesonnene Versuch endete, ha- ben wir erzählt, und er verlieſs Fairyknowe mit dem Bewuſstseyn, dafs zwar Edithe ihn noch 108 liebe, dafs aber Ehre und Redlichkeit ihn zwän- gen, sie für immer aufzugeben. Mit welchen Gefühlen er das Gespräch zwischen Lord Evan- dale und Edithen mit anhörte, dessen gröſsten Theil er, ohne es zu wollen, behorchen muſfste, möge der Leser sich vorstellen, denn wir wagen uns nicht an den Versuch, sie zu beschreiben. Hundertmal war er im Begriff, hervorzubrechen, oder laut zu rufen: Edithe, ich lebe noch!* Aber eben so oft hielt ihn die Erinnerung an ihr gegebenes Wort und an die Dankbarkeit, die er Lord Evandale schuldig war(dessen Einfluſs auf Claverhouse er mit Grund es zuschrieb, daſs er der Folter und dem Tode entgangen war), von einer Unbesonnenheit ab, die in der That Alle in gröſsere Noth gestürzt hätte, ohne sein eignes Glück zu befördern. Er unterdriickte gewaltsam diese selbstischen Regungen, aber mit eiuem Schmerze, unter dem jede Nerve erbebte. *Nein, Edithe,“ schwur er sich zu, nie will ich noch einen Dorn auf Dein Kissen legen! Wie es der Himmel beschlossen hat, also ge- schehe es! Und die Last, die Du zu tragen hast, will ich nicht durch meine eigennützigen Leiden noch schwerer machen. Ich war todt für Dich, als Du Deinen Entschlufs fafstest— und nim- dher⸗ nimmer sollst Du erfahren, daſs ich noch ebe!“* 109 Diesen Vorsatz fafste er, und sich selbst mifg- trauend, ob er auch die Kraft besäfse, ihn aus- zuffihren, und in der Flucht die Festigkeit suchend, die jeden Augenblick durch Edithens Stimme erschüttert ward, stürzte er aus dem Zimmer durch das kleine Cemach in den Garten. So fest er aber auch entschlossen zu seyn glaubte, er konnte den Ort, wo die letzten Töne der ge- liebten Stimme noch vor seinen Ohren zitterten, nicht verlassen, ohne die Gelegenheit wahrzu- nehmen, welche das offen stehende Fenster ihm bot, noch einen Blick auf die liebenswürdige Sprecherin zu werfen. Bey diesem Versuche, den er machte, während Edithe ihre Augen unverrückt auf den Boden geheftet zu haben schien, war es, wo diese, den Kopf plötzlich aufrichtend, ihn entdeckte. Sobald ihr Schrey des Entsetzens dies dem unglücklichen Gegenstande einer so bestän- digen, und wie es schien, so unseligen Liebe verkündete, stürzte er fort, wie von Furien ver- folgt. An Halliday streifte er im Garten vorbey, ehne ihn zu erkennen, und ohne einmal zu be- merken, dals jener ihn gesehn, warf er sich aufs Pferd, und mehr unwillkührlich als mit Ueber- legung schlug er den ersten Nebenweg ein, der ihn von der öffentlichen Heerstraſse nach Hamil- ton abführte. Wahrscheinlich verhinderte dieser Umstand, daſs Lord Evandale etwas von Mortons wirkli- 110 chem Daseyn erfuhr; denn die Nachricht, dafs die Hochländer einen entscheidenden Sieg bey Killiecrankie gewonnen, hatte Veranlassung ge- geben, alle Pässe genau zu untersuchen, aus Furcht vor einer Bewegung unter den Jacobiten des Niederlandes. Es war auch nicht versäumt worden, Wachen an der Bothwellbrücke aufzu- stellen, und da diese nach Westen zu keinen Reisenden bemerkt hatten, und die andern Sol- daten, welche in dem Dorfe Bothwell standen, auch behbaupteten, dafs keiner vorüber gekom- men; so ward die Erscheinung, die Edithe und Halliday gesehen haben wollten, immer geheim- niſsvoller für Lord Evandale, der zuletzt geneigt war, sich bey dem Glauben zu beruhigen, dafs die erhitzte und gestörte Einbildungskraft Edi- thens sich das Phantom erschaffen, welches sie mit leiblichen Augen erblicktzu haben behauptete, und dafs Halliday auf irgend eine unbegreifliche Weise von dem nämlichen Aberglauben ergriffen worden sey. Unterdels brachte der Seitenweg, welchen Morton mit aller Eile verfolgte, deren sein kräf- tiges Pferd fähig war, ihn in wenigen Secunden an das Ufer des Clyde, zu einer Stelle, wo man die Hufspuren der Pferde sah, welche hier ge- wöhnlich in die Schwemme getrieben wurden. Das Roſs, im höchsten Grade angestrengt, zögerte nicht einen Augenblick, und warf sich in den 111 Flufs. Indem Morton das Geräusch, welches es im Hineinspringen machte, vernahm, und das kalte Wasser fühlte, das ihm bis zum Wehr- gehenk stieg, kam er erst wieder zu sich selbst; bis hieher war er sich seines Thuns nicht einmal bewulst gewesen, jetzt empfand er die Nothwen- digkeit, Mafsregeln zu treffen, sich und das edle Thier zu retten. Ein Meister in allen körper lichen Uebungen, wuſste er mit der Behandlung eines Pferdes im Wasser so gut Bescheid, wie auf einer Wiese. Er liefs es den Strom hinab- schwimmen nach einer ebnen Uferstelle, wo man ohne Müuhe landen zu können schien. Der erste und zweyte Versuch ward durch die Beschaffen- heit des Bodens vereitelt, und das Pferd wäre beynahe mit seineu Reiter hinten ühergestürzt. Der Trieb der Selbsterhaltung bringt gewöhnlich, selbst in den verzweifeltsten Lagen, das mensch- liche Gemüth wieder einigermafsen ins Gleich- gewicht, wenn es nicht etwa durch den Schrecken gänzlich zerstört ist, und Morton verdankte der Gefahr, in welcher er sich befand, die völlige Wiedererlangung seiner Fassung. Ein dritter Versuch an einer, mit mehr Sorgfalt und Einsicht Sewählten, Stelle gelang besser, als die frühern, und brachte Rofs und Reiter sicher auf das jen- seitige Ufer des Clyde. «Aber wohin richtest Du nun Deinen Weg?“ fragte sich Morton im Kummer seines Herzens. 112 Doch was liegt daran, in welche Gegend der Erde ein so ganz rettungslos Unglücklicher sich wende? Ich wollte, wäre der Wunsch nicht Sünde, diese dunkeln Wellen wären über mir zusammengeschlagen, und hätten alle meine Ce- danken an das Einst und Jetzt begraben ¹ Kaum hatte er durch diesen heftigen Ausbruch dem Unmuth, welchen seine verstörten Gefühle erregten, Luft gemacht, als ihn Beschämung an- griff, dafs er einem solchen Anfalle so viel Ge- walt über sich verstattet habe. Er erinnerte sich, auf welche wunderbare Weise das Leben, wel- ches er jetzt in dem bittern Schmerz getäuschter Hoffnungen so gering achtete, in den Peständigen Gefahren, die ihn seit seinem Eintritt in das öffentliche Leben umringt hatten, ihm war erhal- ten worden. 3 «Ich bin ein Thor,“ sagte er, und schlimmer als ein Thor, das gering zu schätzen, was der Himmel so oft auf die wunderbarste Weise erhalten. Etwas bleibt doch noch übrig für mich in dieser Welt, und wäre es nur, meine Leiden wie ein Mann zu tragen, und Andern zu helfen, die meines Beystandes bedürfen.— Was hab' ich gesehn, was hab'’ ich gehört, als eben das, was ich erwarten mufsten? Sie“— auch im Selbst- gespräche wagte er ihre Namen nicht auszuspre- chen—«sie sind in Verlegenheit, und in einer 113 schwierigen Lage. Sie sind ihres Erbtheiles be- raubt, und er scheint sich in eine gefährliche Laufbahn zu stürzen. Sie sprachen zu leise, als daſs ich alles hätte verstehen können. Sollte es kein Mittel geben, ihnen beyzustehen, oder sie zu warnen P* Als er diese Sache näher erwog, und seine Gedanken gewaltsam von seinen eignen getäusch- ten Hoffnungen abziehend, alle seine Aufmerk- samkeit auf die Angelegenheiten Edithens und ihres verlobten Gatten zu heften sich zwang, kam ihm plötzlich der lang vergeſsne Brief Burleys in das Gedächtniſs, und wie ein Lichtstrahl durch den Nebel bricht, fuhr der Gedanke durch seine Seele:«Ihr Ungliick muſs sein Werk seyn; wenn es noch möglich ist, ihm abzuhelfen, kann es nur durch ihn geschehn, oder durch seine Nachweisungen. Ich will ihn aufsuchen, wie störrig, listig und schwärmerisch er auch ist, meine offne, gerade Redlichkeit der Absicht hat mehr als einmal sehon über ihn gesiegt. Auf suchen will ich ihn wenigstens, und wer weiſs, welchen Einflufs die Nachweisung, die ich von ihm erhalten kann, auf das Glück der Theuren aben kann, die ich nie wieder sehen will, und die wahrscheinlich nie erfahren wird, dafs ich jetat meinen eignen Kummer bezwinge, um, wo- möglich, ihr Glück zu mehren.“ 74: II 114 Durch diese Hoffnungen, auf wie unsicherm Crunde sie auch beruhten, belebt, suchte er den nächsten Weg nach der Landstrafse, und da alle Pfade durch das Thal, in welchem er in seiner frühern Jugend gejagt hatte, ihm bekannt waren, brauchte er blos über einige Einhägungen zu setzen, um auf den Weg nach dem kleinen Flecken zu kommen, wo einst das Vogelschiefsen gefeyert ward. In einer sehr traurigen und niedergeschlagenen Stimmung zwar ritt er dahin, aber doch von der frühern unerträglichen Angst erlöst; denn ein tugendhafter Entschlufs, und eine männliche Selbstverläugnungy ehlen selten, da wenigstens die Ruhe wieder nerzustellen, wo sie kein Glück zu verschaffen vermögen. Mit Cewalt richtete er alle seine Cedanken auf ein Mittel, Burley zu entdecken, und auf die Möglichkeit, ihm ein Wort zu entreissen, welches er zu deren Guusten benutzen könne, für deren Sache er wirken wollte. Endlich beschlofs er, sich durch die Umstände leiten zu lassen, in denen er den Gegenstand seiner Nachforschungen fände, und nach dem, was Luthbert ihm von einer Spaltung zwischen Burley und seinen Presbyterianischen Brüdern gesagt hatte, hoffte er jenen weniger erbittert gegen Fräulein Bellenden zu finden, und geneigter, als früher, die Macht, welche er über 115 das Glück derselben zu haben behauptete, zu ihren Gunsten zu üben. Der Mittag war bereits vorüber, als unser Rei- sender in die Nähe von seines verstorbenen Oheims Wohnsitz kam. Das Haus sah aus Go- hölz und Büschen heraus, die durch tausend frühe freudige und schmerazliche Erinnerungen belebt waren; und Mortons Herz ward von jenen trüben, wehmüthig süfsen Cefühlen bewegt, die dem empfänglichern Menschen natürlich sind, wenn er, nachdem er alle Wechsel und Stürme des öffentlichen Lebens erfahren„ zurückkehrt zu den heimischen Stätten sciner Kindheit und frühen Jugend. Ein mächtiges Verlangen erwachte in ihm, das Haus selbst zu besuchen. Die alte Liese,“ dachte er, wird mich 80 wenig kennen, als das ehrliche Paar, das ich gestern sah. Ich kann meine Neugier befriedigen, und meine Reise fortsetzen, ohne dafs sie mein Daseyn erfährt. Wenn mir recht ist, so sagte man mir, mein Oheim habe ihr mein Stammgut vermacht— immerhin! Ich habe um zu viel andere Dinge zu klagen, um mich über eine solche getäuschte Erwartung zu kümmern; und doch dunkt mich, er hat in der keifenden Alten einer Reihe von ehrenwerthen, wenn nicht aus- sezeichneten, Ahnen„ eine wunderliche Nach- folgerin gegeben. Sey dem, wie ihm wolle: 116 noch einmal wenigstens will ich die alte Woh- nung wiedersehen.“ Das Schlofs Milnwood hatte selbst in seinen besten Tagen nichts Freundliches gehabt, aber unter der Obhut der alten Haushälterin erschien es noch einmal so düster. Zwar war alles in gutem Stande: es fehlte kein Schiefer auf dem steilen grauen Dache, und keine Scheibe war zer- brochen in den schmalen Fenstern. Aber das Gras im Hofe sah aus, als hätte seit Jahren keines Menschen Fufs ihn betreten; die Thüren waren sorgsam verschlossen, und die, welche zu der Halle führte, schien seit langer Zeit nicht geöffnet zu seyn, denn die Spinuen hatten Schlofs und Pfosten förmlich mit ihrem Gewebe übersponnen. Nichts Lebendes ward gesehn noch gehört, bis endlich, nachdem Morton lange geklopft, das kleine Fenster, durch welches man die Besuchen- den vorher besah, mit groſser Vorsicht geöffnet ward. Das Cesicht der alten Liese, welches zu den Runzeln, mit denen es durchfurcht war, als Mor- ton Scholtland verlieſs, noch ein Paar Dutzend andere bekommen hatte, zeigte sich darauf aus einen Nachthaube herausschauend, unter welcher einige graue Haarlocken sich mehr malerisch als schön hervordrängten. Mit ihrer gellenden, zit- ternden Stimme fragte sie nach der Ursache des Klopfens. 3 117 eIch wünschte einen Augenblick mit einer ge⸗ wissen Liese Wilson zu sprechen, die hier wohnt,“ antwortete Heiarich. „Sie ist nicht zu Hause heute,“ antwortete Frau Wilson in eigner Person, indem wahrscheinlich der Zustand ihres Kopfputzes sie bewog, sich so Seradezu selbst zu verläugnen,«und Ihr seyd auch eben nicht der Wohlerzogenste, daſs Ihr auf solche Weise nach ihr fragt. Ihr hättet auch den Mund nicht weiter aufzumachen brauchen„ wenn Ihr sie Frau Wilson von Milnwood genannt hättet.“ Ich bitte um Vergebung,“ erwiederte Morton, heimlich lächelnd, als er hörte, daſs die alte Liese noch eben so eifersüchtig auf die ihr be- wiesene Ehre war, als sie sich ihm sonst oft ge- zeigt:«ich bitte um Vergebung. Ich bin ein Fremder in diesem Lande, und bin so lange draufsen gewesen, daſs ich ſast meine Mutrer- sprache vergessen habe.“ Kommt Ihr aus dem Auslande fragte die Alte:«Habt Ihr da etwa von einem jungen Edel- manne aus diesem Lande gehört, der Heinrich Morton hieſs 5 «Ich habe den Namen in Deutschland nennen ören,“ entgegnete Morton. Bleibt doch ein wenig, Freundchen; oder 118 wartet! Ceht um das Haus herum, da werdet Ihr an eine niedrige Thüre kommen; sie ist nur eingeklinkt, denn sie wird immer erst mit Son- nenuntergang verschlossen. Die macht nur auf; und nehmt Euch in Acht, daſs Ihr nicht über das Faſs fallt, denn's ist dunkel im Eingange- Dann wendet Euch rechts, und geht dann nur gerade aus, und dann haltet Euch nur wieder rechts, und nehmt Euch vor der Kellertreppe in Acht, und dann kommt Ihr an die Thür der kleinen Küche— wir brauchen jetzt keine andere in Milnwood— da will ich hinunter zu Euch kommen, und was Ihr der Frau Wilson sagen wollet, das könnt Ihr mir eben so gut sagen. ⸗ Trotz der Ausführlichkeit von Liesens Anwei- sungen, hätte es einem Fremden Mühe kosten sollen, sicher durch die dunkeln Irrgänge zu steuern, die von der Hinterthür nach der kleinen Küche führten. Heinrich aber kannte die Schif- fahrt in diesen Meerengen zu gut, um Gefahr zu besorgen, weder von der Scylla, die an der einen Seite in Gestalt eines Waschfasses laucrte, noch von der Charibdis, die an der andern, als der Abgrund einer Wendeltreppe, gähnte. Das ein- zige Hinderniſs fand er in dem Knurren und hef- tigen Bellen eines kleinen Hühnerhundes, der cinst ihm selbst gehört, welcher aber, ungleich dem treuen Argus, scinen Herrn ohne ein Zeichen 119 des Wiedererkennens von seinen Wanderungen heimkehren sah. Der kleine Hund und Alles! sagte Morton zu sich selber, als auch sein ehemaliger Liebling nichts mehr von ihm wissen wollte.„Ich bin so verändert, daſs kein lebendes Geschöpf, das ich einst gekannt und geliebt habe, mich mehr an- erkennen will.“ In diesem Augenblicke hatte er die Küche er- reicht, und gleich darauf hörte er auf der Treppe den Tritt von Liesens hohen Hacken, und das Aufstoſsen des Krückenstockes, der ihr zugleich diente, ihre Schritte zu stützen und zu leiten. Die Ankündigung dauerte eine ganze Weile, ehe sie in die Küche trat. Morton hatte daher Zeit, die kärgliche Wirth- schaft zu besichtigen, die jeizt im IHause seiner Väter geführt ward. Das Feuer wurde, unge- achtet es Kohlen in Ueberflufs in der Gegend gab, mit der sorgfältigsten Sparsamkeit unter- halten, und das kleine Töpfchen, in welchem das Mittagsessen für die Alte und ihre Diene- rin, ein zwölfjähriges Mädchen, die die Stelle alles andern Gesindes versah, gekocht ward, verrieth durch seinen dünnen Wasserdampf, daſs sich die Lebensart der Frau Wilson nicht mit lren zunchmenden Glücksumständen gebessert aute. 120 Als sie eintrat, erkannie Morton die alte Liese von Kopf bis zum Fufse wieder: das wichtig thuende Kopfnicken, die Züge, in denen eine, durch Gewohnheit und Nachgeben entstandne, reizbare mürrische Stimmung, mit einer ange- bornen, wohlwollenden Gutherzigkeit stritt. Der Kopfpuiz, die Schürze, das blaugewürfelte Kleid — alles war ihm von Alters her bekannt. Nur eine Spitzenhaube, die sie eiligst, den Fremden zu empfangen, aufgesetzt hatte, und einige an- dere kleine Zierden des Anzuges, bezeichneten den Unterschied zwischen Frau Wilson von Miln- wood und der Haushälterin des verstorbenen Besitzers. Was ist Euch von Frau Wilson gefällig, mein Herr? Ich bin Frau Wilson,“ war ihre Anrede; denn die fünf Minuten Zeit, die sie gehabt hatte, ihren Anzug zu ordnen, berechtigten sie, ihrer Meinung nach, in der ganzen Würde ihres er- lauchten Namens aufzutreten, und ihrem Gast in ungetrübtem Glanze zu erscheinen. Morton ward durch die Gedanken an Vergangenheit und Gegenwart so verwirrt, daſs es ihm schwer ge- worden seyn wiürde, zu antworten, selbst wenn er gewuſst hätte, was er sagen sollte. Da er zumal noch nicht entschlossen war, welche Rolle er zu spielen hätte, so lange er seinen eigent- lichen Namen verbergen wollte, so hatte er noch mehr Grund, stll zu schweigen. Frau Wilson 121 ward betroffen, und wiederholte ihre Frage mit einiger Furchtsamkeit. „Was ist Euch von mir gefällig, mein Herr? Ihr sagt, Ihr habt den Junker Heinrich Morton gekannt bo «Verzeiht, Frau Wilson,“ antwortete Heinrich, ich sprach von einem gewissen Silas Morton.“ Der Alten Cesicht ward lang. «Dann war es sein Vater, den Ihr gekannt habt, den Bruder des verstorbenen Milnwood. Im Auslande aber könnt Ihr den nicht gesehn haben; ich sollte denken, der wäre heim ge- kommen, che Ihr geboren wart. Ich dachte, Ihr brächtet mir Nachricht vom armen Junker Heinrich.“ „Meinen Vater hab' ich vom Obersten Morton reden hören,“ versetzte Heinrich.«Von dem Sohne weifs ich wenig oder nichts. Das Gerücht sagt, er sey auf der Ueberfahrt nach Holland umgekommen.“ Aeh der ist das nur zu wahr, und manche Thränen hat's meinen alten Augen schon gekostet. Sein Oheim, der arme selige Herr! liefs auch seinen Namen seinen letzten Seufzer seyn. Er hatte mir ganz genaue Anweisungen gegeben, wie er alles auf seinem Begräbniſs gehalten wissen wollte; mit dem Wein und dem Brod und dem 122 Branntewein, und wie oft es sollte in der Gesell- schaft herumgegeben werden; denn im Leben und im Tode war er ein gar kluger und mäfsiger Mann, der sich's sauer werden liefs, und dann sagte er: Liese,“ sagte er; denn er nannte mich immer Liese; wir waren alte Bekannte: Liese, sorge für Alles, und halte Alles recht zusammen! denn der Name Morton von Milnwood ist ausge- gangen, wie der letzte Ton eines alten Liedes,“ und dann fiel er aus einer Ohnmacht in die an- dere, und sprach kein Wort mehr, als etwas, was wir nicht recht verstehen konnten, so was von einem gezognen Lichte;'s wäre gut genug, um dabey zu sterben. Er mochte niemals ein gegofsnes sehn, und unglücklicherweise stand gerade eins auf dem Tische.“ Während Frau Wilson solchergestalt die letz- ten Augenblicke des alten Ceizhalses beschrieb, hatte Morton genug zu thun, die zudringliche Neugier des Hundes zurückzuweisen, der, von seiner ersten Ueberraschung zu sich gekommen, und frühere Erinnerungen an einander reihend, 4 3 8 nach vielem Schnuppern und Prüfen, an dem Fremden heraufzuspringen anfing, und jeden Augenblick ihn zu verrathen drohte. Endlich machte er es so arg, daſs Morton sich nicht ver- halten konnte, im Tone ausbrechender Ungeduld zu rufen:«Kusch, Elphin, kusch!* 123 Ihr wiſst unsres Hundes Namen d fragte die Alte höchst überrascht und bestürzt: Ihr kennt des Hundes Namen, und es ist kein gewöhnli cher! Und das Thier kennt Euch auch,“ fuhr sie in bewegterem, gellenderen Tone fort:«Gott behüte, es ist ja wohl mein Jüngelchen!“* Mit diesen Worten warf sich die arme Alte Morton um den Hals, hing an ihm und küſste ihn, vor Freude weinend, als ob er ihr eignes Kind gewesen wäre. Die Entdeckung war nicht mehr abzuwenden, wenn er auch das Herz gehabt hätte, eine fernere Verstellung—« versuchen. Er erwiederte die Vmarmung mit der dankbarsten Wärme, und antwortete: Ja, ich lebe noch, liebe Liese, Euch für alle Eure Güte zu danken, für ehemals und jetzt, und mich zu freuen, daſs mich doch wenigstens ein freundlichgesinntes Wesen in meinem YVaterlande willkommen heiſst!* 1 «Ach!» sagte die Alte,«s werden Viele freund- luch gesinnt seyn, Schätzchen, eine ee Freunde werdet Ihr haben, denn Der Himmel gebe, daſs Ihr einen guten Gebrauch davon macht!— Aber du liebe Zeit,“ fuhr sie fort, ihn mit der zitternden Hand und dem runzlichen Arme zurückschiebend, und sein Gesicht betrachtend, als wollte sie in be- (uemerer Ferne lesen, was für Verwüstungen, 124½ mehr der Kummer, als die Zeit, darauf ange- richtet:«Du meine Güte, wie habt Ihr Euch verändert! Euer Gesicht ist pleich, die Augen sind eingesunken, und die schönen roth und weifsen Bäckchen sind ganz dunkelbraun und sonnenverbrannt. Ach! die Kriege, die Kriege, . die verderben gar manches hübsche Gesicht! Wann seyd Ihr denn wieder heimgekommen, Hännschen? Und wo seyd Ihr denn gewesens Und was habt Ihr gemacht? Und warum habt Ihr uns nicht geschrieben? Und wie kommt'’s denn, daſs Ihr Euch für todt ausgegeben habt? Und warum schleicht Ihr Euch in Euer eignes Haus, wie nichts Gutes, und erschreckt die arme alte Liese soby setzte sie, unter Thränen lächelnd hinzu. Es bedurſte einiger Zeit, ehe Morton seiner eignen Bewegung so weit Herr werden konnte, der freundlichen Alten zu erzählen, was wir unsern Lesern im nächsten Kapitel mittheilen wollen. 7 12.5 —Mö——————łʃ ℳkS——ℳ—ℳA:ê öê ℳâꝛ˖—u—ℳℳ——;-A Vierzigstes Kapitel. Aumerle war er, Doch das ist aus, weil Richards Freund er war, Jetzt, edle Frau, muüſst ihr ihn Rutland nennen. Richard der Zuveyte. Die Entwicklungsscene ward nun eilig von der kleinen Küche in das mit Matten belegte Zimmer ilson verlegt, dasselbe, welches sie lushälterin bewohnt hatte, Es war, , besser gegen Zugwind verwahrt, als die Halle, die sie für ihre Flüsse gefährlich gefunden, und auch besser für sie zu gebrauchen, als des alten guten Milnwoods Zimmer, wo sie nur traurige Gedanken bekomme. Das grofse, LP Eichenholz getäfelte Gemach aber ward nicht 126 anders geöflnet, als um gelüftet, gescheuert und ausgestäubt zu werden, wie es in der Familie ein nicht überschrittner Gebrauch war, ausser etwa bey besonders feyerlichen Gelegenheiten. In der Mattenstube also liefsen sie sich nieder, umgeben von Gläsern und Töpfen mit Eingemach- tem aller Art, welches die weiland Haushälterin aus bloſser Cewohnheit zu bereiten fortfuhr, ob- wohl weder sie noch irgend jemand der süſsen Dinge genoſs, für die sie alljährlich sorgte. Morton richtete seine Erzählung für die Fas- sungskraft seiner Zuhörerin ein, und erzählte ihr mit kurzen Worten, dafſs das Schiff gescheitert, und alles Schiffsvolk untergegangen sey, einige wenige gemeine Seeleute ausgenommen, die früh- zeitig sich des Bootes versichert hatten, und eben vom Schiffe abstofsen wollten, als er unerwartet und ganz gegen den Willen derselben vom Ver- deck mit hineinsprang, sich so rettend und sich ihnen zum Reisegefährten aufdringend. In Vliefsingen, wo er landete, war en sauglück- lich, einen alten Officier anzutreffemh mit seinem Vater gedient hatte. Auf seillen Rath ging er nicht sogleich nach dem Haag, sondern schickte nur seine Briefe an den Hof des Statt- halters voraus. Unser Prinz,“ sagte der alte Krieger,«muſs jetzt noch mit seinem Schwiegervater und mit „ 127 Eurem König Karl in gutem Vernehmen bleiben. Wenn Ihr Euch ihm als ein Schottischer Miſfs-* vergnügter nähertet, so würde er Euch nicht ohne Unvorsichtigkeit durch scine Gunst auszeichnen können. Wariet daher seine Befehle ab, ohne Euch in seine Nähe zu drängen, beobachtet die genaueste Vorsicht und Zurückgezogenheit, neh- met fur jetzt einen andern Namen an; vermeidet die Gesellschaft der Brittischen Verwiesenen; und verlafst Euch darauf, Eure Klugheit wird Euch nicht gereuen!“ Der alte Freund hatte Recht. Nachdem schon eine beträchtliche Zeit verflossen, kam der Prinz von Oranien auf einer Reise durch die vereinigten Staaten nach der Stadt, wo Morton, unmuthig über seine Lage und die Verborgenheit, in der er sich halten muſste, trotz dieser Ungeduld noch verweilte. Er hatte eine geheime Unterredung mit ihm, worin der Prinz grofse Zufriedenheit mit seiner Einsicht, Klugheit und den freyen Ansichten verrieth, welche jener von den Par- they seines Vaterlandes, ihren Beweggrün- den u gwecken zu haben schien. Sehr gern,“ sagte Wilhelm,«möchte ich Euch in der Nähe meiner Person haben, allein das kann ich nicht, ohne in England Anstoſs zu geben. Aber ich will für Euch thun, was ich kann, so- wohl aus Achtung vor den Meinungen, die Ihr 128 mir ausgesprochen, als aus Rücksicht auf dte Empfehlungen, welche Ihr mir mitgebracht. Für jetzt gebe ich Euch eine Officierstelle in einem Schweizerregiment in einer entlegenen Provinz, wo Ihr auf keinen oder auf wenige Eurer Lands- leute stofsen werdet. Fahrt fort, Euch Haupt- mann Melxville zu nennen, und laſst den Namen Morton ruhen, bis zu bessern Zeiten.“ So begann mein Glück,» setzte Morton hinzu, «und meine Dienste sind bey verschiednen Gele- genheiten von dem Prinzen belohnt worden, bis zu dem Augenblicke, wo er als der Retter des Staates nach Britannien kam. Sein Befehl muſs mein Stillschweigen bey meinen Freunden in Schottland entschuldigen, und ich wundre mich nicht, dafs sich das Gerücht vomsmeinem Tode verbreitet, da das Schiff strandete, und ich keine Gelegenheit fand, die Wechselbriefe zu benutzen, mit denen mich die Freygebigkeit einiger Freun- de versehen hatte; ein Umstand, der den Glau- ben an meinen Tod verstärken muſste.“ Aber, Schätzchen,» fragte Frau Wilson, awar denn an des Prinzen von Oranien Hof kein Schotte, der Euch kannte? Ich sollte meinen, der Morton von Milnwood wäre im ganzen Lande bekannt.“* aIch ward absichtlich in auswärtigen Geschäf- ten gebraucht,“ antwortete Morton, bis zu einer — 129 Zeit, wo niemand ohne eine so herzliche und freundliche Theilnahme, als die Eure, Liese, den kaum erwachsenen Morton im Generalmajor Melville wieder erkannt haben würde.“ „Melville war Eurer Mutter Name,“ versetzte Frau Wilson, ε† Morton klingt meinen alten Ohren viel schöner. Und wenn Ihr das Gut in Besitz nehmt, mülst Ihr den alten Namen und Titel auch wieder annehmen.“* Es hat keine Eile, liebe Liese, weder mit dem Einen, noch mit dem Andern. Für jetzt habe ich Cründe, vor jedem lebendigen Wesen, ausser vor Euch, zu verbergen, daſs ich am Leben bin, und was das Gut Milnwood anbetrifft, so ist's in Suten Händen.» «In guten Händen, Hänschenb» wiederholte Liese. Ich hoffe doch nicht, daſs Ihr mich meintn Ich habe nur Plackerey mit all den Zinsen und Ländereyen; ich müſste mir aur einen Gehülfen nehmen; der Wilhelm Mactrickit, der Schreiber, hat mir's zwar nahe genug gelegt, und sich gar viel Mühe gegeben, aber da bin ich viel zu alt dazu, als dafs ich mich noch beschwatzen lieſe. Ne, mich soll er nicht beluxen, wie so viele Andere! Und dann dachte ich auch immer, Ihr würdet zurückkommen, und ich würde mein Bischen Mehl und meine Milchsuppe kriegen, I 74. 130 und Eure Sachen in Ordnung halten, wie ich’s zu Eures sel'gen Oheims Zeiten gethan, und ich würde Freude genug daran haben, wenn ich's bey Euch gedeihen, und Euch mit Haab und Gut hübsch haushälterisch umgehen sähe. Das habt Ihr gewiſs in Holland gelernt, denn da sind die Leute wirthschaftlich, wichch mir habe sagen lassen. Aber ein Bischen besser werdet Ihr es Euch wohl wollen gehen lassen, als der selige alte Milnwood; und, wahrhaftig, ich fände es auch gut, wenn Ihr vielleicht die Woche drey- mal frisches Fleisch essen wolltet; das bläht den Magen nicht auf.» «Wir wollen ein andermal von alle dem spre- chen,“ erwiederte Morton, verwundert über die Grofsmuth in wichtigen Dingen, welche sich in Liesens Denkungs- und Handlungsweise, mit ih- rem gewohnten kleinlichen Geize, mischte, und über den seltsamen Gegensatz zwischen ihrer Liebe zum Gewinnst und ihrer Gleichgültigkeit gegen den eignen Vortheil. Ihr mülst wissen.“ fuhr er fort,„dafs ich nur für wenige Tage um eines Geschäftes willen, das für die Regierung von Wichtigkeit ist, hier im Lande bin, darum, Liese, kein Wort davon, daſs Ihr mich gesehn habt. Zu einer andern Zeit will ich Euch mit allen meinen Gründen und Absichten bekannt machen.* 131 «Wie Ihr wollt, mein Herzchen,“ antwortete Frau Wilson.„Ich kann ein Geheimniſs be. wahren, so gut wie Anderg, der gute selige Herr wuſste das wohl, denn er sagte mir, wo er sein Geld hatte, und das halten die meisten Leute so geheim, wie zie nur können. Aber kommt doch mit mir, mein Söhnchen, dals ich Euch das grofse Zimmer zeige, wie gut es im Stande ist, gerade als hätt' ich Euch jeden Tag zurück erwartet; keine andere Hand, als meine. darf aber auch darin etwas anrühren. Es hat mir immer eine Art Vergnügen gemacht, wenn mir schon die Thränen dabey in den Augen standen. Ja. sagte ich dann zu mir selber,„was hilft das nun, daſs du dich plagst und das Gitterwerk putzest, und die Tapeten abkehrst, und die Pol- ster und die vielen metallnen Leuchter? Der, dem alles dies von Rechtswegen gehört, kehrt ja doch nimmer heim!“ Mit diesen Worten zog sie ihn mit fort zu ihrem Allerheiligsten, das zu reinigen und zu abputze, der ihm zeigte, daſs Liese ihre Weise, sich ein Ansehn zu geben, nicht verlernt hatte. Im Eintreten konnte er nicht umhin, sich der 13² feyerlichen, ehrfurchtsvollen Gefühle zu erin- nern, die ihn als Knabe durchdrangen, wenn er bisweilen bey besondern Gelegenheiten in dies Zimmer gelassen ward, das, nach seiner dama- ligen Meinung, blos in den Pallästen der Fürsten seines Gleichen hatte. Es lälst sich denken, daſs die mit Wolle beschlagnen Stühle, mit ihren kurzen Beinen von Ebenbolz und hohéen geraden Lehnen, jetzt einen ganz andern Eindruck auf ihn machten, dafs die groſsen metallenen Feuer- böcke viel von ihrem Glanze verloren zu haben schienen, dafs die grüne, wollene Tapete ihm nicht mehr wie ein Meisterstück der Weber- stühle von Arras vorkam, und daſs ihm das ganze Gemach nster, trübe und unheimlich aussah. Aber er fand hier zwey Gemälde,«zwey Brüder, dargestellt in Bildnissen,“ die so unähnlich, wie jene, welche Hamlet beschreibt, sein Gemüth mit den verschiedensten Regungen erfüllten. Ein Bild in Lebensgröfse stellte seinen Vater dar in voller Rüstung, mit einem Gesicht, das seinen männlichen, entschiednen Sinn aussprach. Das andere zeigte seinen Oheim, der, in Cold- stoff und Sammet gekleidet, aussah, als wenn er sich seines Putzes schämte, obwohl er ihn ledig- lich der Freygebigkeit des Malers verdankte, „Es war ein närrischer Einfall,v sagte Liese, den alten Biedermann in solchem Flitterstaat —. 133 zu malen, den er all sein Lebtage nicht getra- gen hat; statt dessen hätten sie ihm seinen ehrbaren grauen Friesrock anziehen sollen, und seinen Halskragen mit der schmalen Borte.“ Morton mußste ihr bey sich Recht geben, denn alles, was sich dem Anzug eines Mannes vom Stande näherte, saſs der unschönen Gestalt seines Oheims so schlecht, alk ein offner, edler Aus- druck zu seinem gemeinen Wucherergesicht ge- pafst hätte. Er machte sich endlieh von der Altem los, einige seiner Lieblingsplätze im be- nachbarten Gehölz zu besuchen, unterdefs jene für einen Zusatz des Mittagsessens songte; ein Vorfall, der wegen nichts weiter merkwürdig war, als dafs er einem Huhn das Leben kostete, wel- ches ohne einen so wichtigen Vorfall, als die Ankunft Heinrich Mortons war, wohl bis in sein hohes Alter gegackt haben würde, ehe Liese sich eines Mordes schuldig gemacht hätte. Die Mahl- zeit ward durch Gespräche von alten Zeiten ge- würzt, und durch die Entwürfe, welche Liese für die Zukunft machte, in welchen sie ihrem jungen Herrn alle weisen Gewohnheiten ihres Alten empfahl, und die Geschicklichkeit heraus- strich, mit welcher sie ihre Pflicht als Haus- hälterin versehe. Morton lieſs die alte Frau sich an ihren gold. nen Träumen und Luftschlössern freuen in jenen 134 Augenblicken der Freude, und verschob bis zu einer schicklichern Gelegenheit die Eröffnung seiner Absicht, wieder nach dem festen Lande zurückzukehren, und sein Leben dort zuzu- bringen. Sein nächstes Geschäft war, seine Kriegertracht abzulegen, da er fürchtete, sie möchte ihm seine Aufspürung Burleys erschweren. Er vertauschte sie mit einem grauen Wamms und Mantel, seinem gewöhnlichen Anzug in frühern Zeiten, den Frau Wilson aus einem Nußsbaumschrank langte, worin sie ihn aufbewahrt hatte, ohne zu vergessen, ihn von Zeit zu Zeit auszubürsten und an die Luft zu bringen. Schwert und Feuergewehr aber, ohne welche wenige in jenen unruhigen Zeiten reisten, behielt er. Als er in diesem veränderten Anzuge er- schien, äufserte Frau Wilson zuvörderst ihre Freude, daſs ihm alles noch so gut paſste, da er, wie sie meinte, zwar nicht stärker geworden wäre, aber doch männlicher aussähe, als wie er von Milnwood weggeführt worden sey. Darauf verbreitete sie sich über den Vortheil, alte Kleider aufzubewahren. Sie nannte sie die Aushelfer der neuen, und war weit vorgerückt in der CGeschichte eines Sammtmantels, der dem verstorbnen Miluwood gehört hatte, erst in einen —,— n 135 Wamms und dann in ein Paar Unterkleider verwandelt worden war, und immer so gut wie neu ausgesehen hätte, als Morton die Erzählung der Verwandlungen unterbrach, um ihr Lebe- wohl zu sagen. Er gab in der That ihrem Herzen einen em- pfindlichen Stofs, als er ihr erklärte, er müsse durchaus seine Reise noch diesen Abend fort- setzen. 3. «Und wo wollt Ihr denn hin? Und warum wollt Ihr denn fortp Wo wollt Ihr denn anders schlafen, als in Eurem eignen Hause, nachdem Ihr so lange abwesend gewesen seyd bo 4 «Ich fühle es, daſs es unfreundlich ist, liebe Liese; doch es mufs so seyn. Das war der Grund, aus dem ich mich vor Euch zu verbergen wünschte, da ich gleich dachte, Ihr würdet mich so leicht nicht fort lassen.“ Aber wo wollt Ihr denn hinb“ fragte die alte Liese noch einmal.«Hat je einer so etwas ge- sehn! Auf einen Augenblick zu kommen und gleich wieder fortzufliegen, wie der Pfeil vom Bogen!" 4 Ich muſs zu Nicolaus Blane, dem Pfeifer, noch diesen Abend. Er wird mir doch ein Bett geben können 5 136 „Ein Bettꝰy verseiztée Liese.„Das kann er wohl, und Euch was Tüchtiges dafür abfordern, obendrein. Haht Ihr denn, vor den Kukuk, im Auslande den Verstand verloren, dafs Ihr ins Wirthshaus gehen und für eine Abendmahlzeit und ein Bett Geld ausgeben wollt, da Ihr beydes umsonst haben könnt, und noch Dank dazu, wenn Ihr’'s annehmt Ich versichre Euch, Liese," erwiederte Mor- ton, der ihre Einwendungen beschwichtigen wollte,«es ist ein Geschäft von groſser Wichtig- keit, in welchem ich vielleicht gewinnen, ohn- möglich aber verlieren kann.“ «Nu, das begreife ich nicht, wie Ihr was ge- winnen wollt, wenn Ihr damit anfangt, zwölf Schillinge Schottisch für's Abendbrod auszugeben. Aber junge Leute sind immer wagehälsig, und denken auf diesem Wege zu gewinnen. Mein sel'ger Alter ging sicherer zu Werke, und gab das Geld nie weg, wenn er'’s einmal hatte.* Auf seinem kühnen Entschlusse beharrend, nahm Morton Abschied von der Alten, bestieg sein Pferd wieder und schlug den Weg nach dem kleinen Flecken ein. Vorher aber muſfste sie ihm feyerlich versprechen, dafs sie seine Rückkehr geheim halten wollte, bis sie ihn wieder sähe, oder von ihm hörte. 137 «Ich bin eben nicht unmäfsig," dachte er, als er langsam auf dem Wege nach dem Flecken trabte,«aber sollte Liese mit mir wirthschaften, wie sie mir vorschlägt, meine Verschwendung . würde dem guten alten Geschöpfe das Herz bre- chen, ehe eine Woche vergangen wäre.» —————z⸗— ê ęê êßę—:——ℳ———ℳA Ein und vierzigstes Kapitel. Mo ist der muntre Wirth, Von dem Ihr mir gesagt? Von jeher Pflegt“ 3 ich Mit meinem Wirthe mich zu unterhalten. Morton erreichte den Flecken, ohne dafs ihm etwas Bemerkenswerthes zustiefs, und stieg vor dem kleinen Wirthshause ab. Es war ihm unter- weges mehr als einmal eingefallen, daſs der Anzug, den er als Jüngling getragen, wenn er auch seine Absichten sonst begünstigte, es ihm erschweren würde, unbekannt zu bleiben. Aber einige wenige Jahre im Felde und auf Reisen verlebt, hatten sein Aeusseres so sehr verändert, dafs er sich darauf verliefs, es werde niemand in dem gereiften Manne, auf dessen Stirn Ent- schlossenheit und Besonnenheit deutlich zu lesen 139 war, den unerfahrnen, blöden Jüngling wieder erkennen, der einst hier beym Spiel den Papagey gewann. Das einzige, was er zu fürchten hatte, war, daſs vielleicht hier und dort ein Whig, den er in der Schlacht angeführt, sich des Haupt- manns der Milnwooder Schützen erinnern könnte, aber dieser Gefahr, wenn sie ja Statt fand, liefs sich einmal nicht ausweichen. Das Biarhaus schien voll und besucht, und seinen alten Ruf zu behaupten. Aus Gestalt und Benehmen des Wirthes, der dicker und weniger höf- lich geworden war, als sonst, lieſs sich schliefsen, daſs er nicht allein an Wohlbeleibtheit, sondern auch an Reichthum zugenommen hatte; denn in Schottland steht eines Wirthes Gefälligkeit in der genauesten Wechselwirkung mit dem Glück, das er in der Welt macht. Seine Tochter hatte das Betragen eines gewandten Schenkmädchens angenommen, das weder durch Liebe, noch durch Krieg beunruhigt wird, welche beyde Dinge ihr in der Erfällung ihres Berufs hinder- lich seyn können. Vater und Tochter bezeigten Morton den Grad von Aufmerksamkeit, den ein Fremder, welcher ohne Bedienten reist, erwar- ten konnte, zu einer Zeit, wo diese hauptsäch- lich Rang und Stand der Herrschaft bezeugten. Er führte auch die Rolle durch, die seine äussere Erscheinung ankündigte, ging selber in den Stall, um nach seinem Pferde zu sehen; kehrte dann 140 in das Haus zurück, und setzte sich in die Cast- stube. Ein eignes Zimmer für sich zu fordern, wäre, in jenen Zeiten, der höchste Grad über- müthigen Dünkels gewesen. Es war die näm- liche Stube, in welcher er vor einigen Jahren seinen Sieg beym Vogelschieſsen gefeyert hatte, ein scherzhafter Vorzug, der so ernsthafte Folgen herbeygeführt. Man kann leicht denken, dals er sich seit jenem Feste sehr verändert fühlte, und dennoch, als er umherblickte, schienen die Gestalten, die er hier in Gruppen zusammen sah, denen nicht unähnlich, welche er früher an diesem Ort einst gesehen. Einige Spiefsbürger safsen chrsam bey ihren kleinen Branntweingläsern, ein Paar Dra- goner plauderten bey triibem Doppelbier, und verwünschten die friedliche Zeit, die ihnen kei- nen bessern Trank vergönnte. Ihr Fähnrich spielte freylich nicht im Brette mit dem Pfarrer im langen Kleide, aber er trank ein Fläschchen aqua mirabilis mit dem Presbyterianischen Pre- diger im grauen Mantel. Die Scene war eine andere und doch die nämliche, die Personen waren verschieden, aber im Ganzen einander ähnlich an Sinnesweise. «Die Flut des Lebens steige oder falle, wie sie wolle, dachte er, als er sich umsah, wes werden sich genug finden, die die Plätze wieder —yo ausfüllen, welche der Zufall leer gemacht; und in den gewöhnlichen Beschäftigungen und Ver- snügungen des Lebens werden die Menschen einander folgen, wie Blätter auf demselben Baum, mit derselben Verschiedenheit im Einzelnen und der nämlichen Aehnlichkeit im Allgemeinen. Nachdem Morton eine kleine Weile still da gesessen, iorderte er eine Kanne Wein, denn er wuſste aus Erfahrung, auf welche Weise man am besten sich die Aufmerksamkeit dieser Leute sichert. Als darauf der lächelnde Wirth mit dem zinnernen Kruge voll schäumenden, frisch abge- zapften Weines erschien(den Wein auf Flaschen zu füllen, war damals nicht üblich), lud er ihn ein, sich zu ihm zu setzen, und es sich mit ihm wohlseyn zu lassen. Eine solche Einladung war für Niklas Blane besonders angenehm, der, wenn er sie auch nicht geradezu von jedem Gaste, welcher nicht mit besserer Gesellschaft versehen war, erwartete, sie doch von Vielen empfing, und weder dadurch beschämt noch überrascht wurde. Er setzte sich also mit seinem Gaste in einen einsamen Winkel unweit des Kamins, und während er, von jenem ermuntert, bey weitem den gröſsten Theil des Weines austrank, kam er endlich auf die Neuigkeiten der GCegend umher, Qeburten, Todesfälle, Heyrathen, Güterverkauf, Verfall alter Geschlechter und Aufkommen neuer. 142 Aber von Politik, der fruchtbarsten Gesprächs- quelle, schien unser Wirth nichts einflieſsen lassen zu wollen, und blos als Antwort auf eine Frage Mortons, erwiederte er mit gleichgültigem Tone: Hm! ja, wir haben noch immer Soldaten hier stehn, mehr oder weniger. Es steht Deut- sche Reiterey drüben in Glasgow, hochmüthiges Volk! Ihr Oberster heiſst Witzbold, oder so ungefähr, es ist aber der griesgrämischste alte Holländische Bär, den ich all mein Lebtage gekannt habe.“ Wittenbold vielleichtbo fragte Morton. Ein bejahrter Mann mit grauem Haar und kurzem, schwarzen Schnurrbarte Spricht selten 5 «Und raucht dafür beständig, versetzte Niklas Blane.«Ich sehe, Eure Wohledeln kennen den Mann. Es mag der beste Mann von der Welt seyn, und mufs wohl, weil er ein Soldat und ein Holländer ist— aber das muſs wahr seyn— und wenn er der gröſste General und der vor- nehmste Witzbold wäre— von der Sackpfeife versteht er nichts, er liefs mich einhalten, mitten in dem schönsten Stück, das jemals für den Dudelsack geseizt ist.“ «Sind diese Leute nicht von den Seinigen?“ fragte Morton wieder, seitwärts auf die Soldaten deutend, die sich in der Stube befanden. — 143 «Bewahre! das sind Schottische Dragoner, un- zer altes Ungeziefer;'s waren vor Zeiten Claver- housens Leute, und wären's wohl noch, wenn er wieder die Oberhand hätte.“ «Geht nicht ein Gerücht von seinem Tode* sagte Morton. «Allerdings, Euer Wohledeln haben Recht. Es läuft so ein Cerücht herum, aber nach mei- ner geringen Meinung dauerts lange, eche der Teufel stirbt. Ich wollte, man wäre hier ein Bischen auf seiner Hut. Wenn er einen Ausfall macht, ist er hier, che ich dies Glas austrinke, und was wird es denn für eine Ceschichte geben? Alle die Teufelskerle von Dragoner sind auf seiner Seite, wie er nur pfeift. Freylich sind sie jeizt Wilhelms Truppen, wie sie noch vor Kur- zem Jakobs Truppen waren, und das mit Recht — sie fochten ja für ihren Sold, und wofür an- ders sollten sie fechten 5 Sie haben weder Land noch Häuser, denk' ich.— Ja, es ist ein gutes Ding um die Veränderung, um die Revolution, Wie sie's nennen. Man kann doch jetzt ein Wort vor diesen Burschen sprechen, ohne dafſs man zu fürchten braucht, dais sie einen auf die Wache schleppen, oder einem Daumschrauben auf die ingerspitzen setzen, gerade wie ich den Kork. zicher durch einen Stöpsel treibe.* Es entstand cine kleine Pause, che Morton, 144 in der Hoffnung, die ihm die zunehmende Zau- traulichkeit des Wirthes einflöſste, jedoch nicht ohne die Aengstlichkeit, mit der man eine Frage thut, deren Antwort man für wichtig hält, bey ſene sich erkundigte:«ob er nicht eine Frau ier in der Gegend kenne, die Elisabeth Maclure heilse ⁵" „Ob ich Liesen Maclure kenneb“ erwiederte der Wirth lachend. Ich werde doch die Schwe- ster des ersten Mannes meiner eignen Frau ken- nenb Gott hab' sie selig!— Eine ehrliche Frau ist sie, die Liese Maclure, aber von Unglück gar sehr heimgesucht. Sie hat zwey wackre Jungen verloren in der Zeit der Verfolgung, wie sie's heut zu Tage nennen, und hat ihre Bürde sanft- müthiglich und still getragen, und niemand ge- tadelt und niemand verdamint. Cibt's eine ehrliche Frau in der Welt, so ist es Liese Ma- clure! Ihre beyden Söhne zu verlieren, wie ge- sagt, und zu dulden, dafs die Dragoner ihr auf liegen, schon über einen Monat; denn es mögen Whigs oder Torys am Brette seyn, die Kerle werden immer zu Gastwirthen gelegt; wie gesagt, zwey Söhne“—— „Die Frau hält ein Wirthshaus?» fiel ihm Morton ins Wort. Eine kleine, ärmliche Schenke,“ erwiederte Nibklas, und sah sich selbstgefällig in seiner vor- 145 nehmern Einrichtung um; zein saures Cebräu von dünnem Bier verkauft sie an Leute, die zu müde und durstig von der Reise sind, um zu mäkeln; aber ein namhaftes Gewerbe oder ein ordentlieh gedeihliches Wirthshaus kann man's nicht nennen.* «Könnt Ihr mir einen Fährer dahin verschaf- fen 5* fragte Morton. Eure Wohledeln wollen die Nacht dort Plei- ben? Ihr werdet schwerlich bey Liesen Eure Bequemlichkeit finden, erwiederte Niklas, des- sen Rücksichten für die Schwägerin seiner ver- storbenen Frau sich keinesweges so weit erstreck- ten, Kunden aus seinem Hause in das ihre zu schicken. «Ich soll einen Freund dort antreffen,» ant- wortete Morton,«und habe hier nur vorgespro- chen, mich mit einem Trank zu erfrischen und mich nach dem Wege zu erkundigen.» Eure Wohledlen,“ fing der Wirth mit aller Beharrlichkeit seines Standes wieder an„«sollten lieber jemand hinschicken und Euren Freund hieher bescheiden lassen.“ «Ich sage Euch, Herr Wirth„» erwiederte Mor⸗ ton ungeduldig,„das will mir nicht passen. Ieh muſs Seradesweges nach der Frau Maelure Hause, und ich wünschte, Ihr verschafftet mir einen Führer.“* 74. K «Gut, gnäd'’ger Herr, ganz nach Eurem Ce- fallen. Aber einen Führer braucht Ihr gar nicht, Ihr mülst nur längs dem Flusse hinunter reiten, ein halbes Stündchen lang ohngefähr, gerade, als wenn Ihr nach Milnwood wolltetz und dann biegt Ihr in die erste holprige unwegsame Straſse ein, die ins Gebirge führt; Ihr könnt sie gleich an einer alten Esche erkennen, die an einem Gewässer steht, gerade da, wo die Straſsen zu- sammenlaufen, und dann reitet nur die Straſse hinauf, so könnt Ihr der Wittwe Maclure Schenke nicht verfehlen, denn zehn Stunden lang ist kein anderes Haus oder Gehöft am Wege zu finden. Es thut mir leid, dafs Ihr die Nacht nicht in meinem Hause bleiben wollt, gnädiger Herr; aber meiner sel'gen Frauen Schwägerin ist eine redli- che Frau, und was ein guter Freund gewinnt, das ist ja kein Verlust.“ Morton bezahlte darauf seine Rechnung, und bräch auf; beym Sonnenuntergang befand er sich an der alten Esche, wo der Weg nach der Haide hinauf lief. „Hier,* sprach er zu sich selbst,«hier begann mein Unglück. Denn hier gerade war Burley im Begriff, sich von mir zu trennen, am Abend, als ich ihn zum erstenmale sah, als er durch die Nachricht beunruhigt ward, daſs die Pässe von ihm auflauernden Soldaten besetzt wären. Unter 147 dieser nämlichen Esche safs eine alte Frau, die ihn von der Gefahr benachrichtigte. Wie selt- sam, daſs mein ganzes Schicksal mit dem dieses Mannes so unzerreilsbar verwebt worden ist, ohne dafs ich mehr dazu gethan habe, als eine ganz gemeine Pflicht der Menschlichkeit erfüllt. Wollte der Himmel, ich könnte die bescheidne Ruhe und den Frieden meines Cemiiths auf der Stelle wiederfinden, wo ich sie verlor!* Indem er dies halb dachte, halb sprach, ritt er den Pfad hinauf. Der Abend sank hinab, als er in dem engen Thale weiter kam, das einst ein Cehölz gewesen, jetzt aber von Bäumen entblöſst war, einige we- nige ausgenommen, die durch ihre unzugäng. liche Lage am Rande steiler Abhänge, oder zwischen Felsen und ungeheuren Steinblöcken eingeklemmt, dem feindlichen Angriffe von Men- schen und Vieh Trotz boten, gleichwie zerstreute Stämme in einem eroberten Lande dahin gebracht werden, Zuflucht in der öden Veste ihrer Berge zu suchen. Wist und verfallen standen sie da, sie lebten ohne gedeihlich zu blühn und zu grü- nen, und schienen nur da zu seyn, um zu zcigen, was einst die Landschaft gewesen. Aber der Strom tobte zwischen ihnen hinab in all seiner Kraft und Schöne, und gab der Gegend jenen lebendigen Reiz, den schon ein blofser Gebirgs- 148 bach dem wüstesten, ödesten Landstrich gewäh- ren kann, und den die Bewohner eines solchen Landes vermissen, wenn sie den stillen Win- dungen eines majestätischen Stromes nachschauen, der zwischen blühenden Ebenen und neben präch- tigen Pallästen vorüberfliefst. Der Weg folgte dem Laufe des Gewässers, das jetat sichtbar ward, und jetzt dem Wanderer nur sein tosen- des Geräusch zwischen den Steinen vernehmen lieſs, wenn Felsenklippen bisweilen seinen Lauf unterbrachen. Wie du murrsc!“ sagte Morton, in schwär- merischen Träumereyen versenkt.«Warum den Felsen zürnen, die deinen Lauf für einen Augen- blick hemmen? Es ist ein Meer, das dich in seinen Schoofs aufnimmt, und eine Ewighkeit ist für den Menschen, wenn sein unmuthiger, rascher Lauf durch das Thal der Zeit vorbey und zu Ende ist. Was dein kleinliches Tosen ist gegen die tiefen, mächtigen Wogen eines uferlosen Meeres, das sind unsre Sorgen und Hoffnungen, unsre Furcht, unsre Freude und unsre Leiden gegen dasjenige, was uns beschäftigen soll in der furcht- baren, endlosen Ewigkeit!“ In diesen Gedanken ritt er immer weiter, bis die Schlucht sich öffnete, und die vom Bache zu- rückweichenden Felsenwände ein enges, grünes Thal schen liefsen. Ein kleines umzäuntes Feld * 149 zeigte sich dem Reisenden, worauf Cetreide sparsam wuchs, und daneben ein ärmliches Haus, dessen Mauern nicht über fünf Fufs hoch waren, und dessen Strohdach grün von Feuchtigkeit, altem Hauslauch und Gras, an einigen Stellen durch die Zudringlichkeit zweyer Kuhe beschädigt war, welche dies täuschende Grün von einer Weide gelockt, zu der sie berechtigter waren. Eine falsch und schlecht geschriebene Inschrift verkündete dem Reisenden, daſs hier Erfrischun- gen zu finden wären für Reiter und Rofs; so schlecht das Aeussere der Hütte auch war, keine unwillkommne Anzeige, da er zu ihr auf so wüstem Wege gekommen, und hohe, öde Berge in schauerlicher Erhabenheit hinter dem demü- thigen Zufluchtsorte emporragten. «Es muſste wirklich ein Ort wie dieser seyn, dachte Morton,«wo Burley eine g chgestimmto Vertraute finden konnte.“* Als er näher kam, sah er die ehrwürdige Haus- frau selbst vor der Thür sitzen; sie war ihm bis dahin von einem groſsen Erlenbusch verborgen worden. Guten Abend, Mutter!“ sagte der Reisende; „Ihr heifst Frau Maclure P' Elisabeth Maclure, lieber Herr; eine arme Wittwe,“» war die Antwort. «Könnt Ihr einen Fremden die Nacht beher- bergen 5* 15⁰ Das kann ich, lieber Herr, wenn er zufrieden seyn will mit dem Brod der Wittwe, und dem Kruge der Wittwe.“ aIch bin Soldat gewesen, gute Frau,» antwor- tete Morton,«und habe gelernt, mit jeder Be- wirthung zufrieden zu seyn.“ « Soldat, Herr?» fragte die Alte mit einem Seufzer. Cott gebe Euch ein besseres Gewerbe!“ «Es gilt für einen ehrenwerthen Stand, meine gute Frau, erwiederte Morton.«Ich hoſfe, Ihr denkt darum nicht schlimmer von mir, weil ich ihm angehört habe."* Ich richte Keinen, lieber Herr!“ versetzte die Frau: und Eure Stimme klingt wie die eines wohlgesitteten, herablassenden Herrn. Doch ich habe so viel Böses vom Soldatenstande gesehn in diesem armen Lande, dafs ich zufrieden bin, dafs ich nicht mehr noch sehn kann mit diesen meinen blinden Augen.“ Morton bemerkte jeizt erst, daſs sie blind war. Werd' ich Euch auch nicht lästig seyn, meine gute Fraup» sagte er mitleidig.„Eure Gebrech- lichkeit scheint wenig zu Eurem Cewerbe zu passen.* „Nein, lieber Herr,“ antwortete die Alte; ich kann im Hause ordentlich herumgehen, und hab' ein kleines Mädchen, das mir hilft; und die Dragoner werden nach Eurem Pferde sehn, 8 151 wenn sie von ihrer Runde heimkommen; sie thun's für eine Kleinigkeit, sie sind jetzt gesit- teter, als ehedem.* Auf diese Versicherung stieg Morton ab. „Creichen, mein Lämmchen,“ fuhr die Wir- thin fort, sich zu einem kleinen Mädchen von ohngefähr zwölf Jahren wendend, das unterdeſs herbeygekommen war, führ' des Herrn Pferd in den Stall, mache den Gurt los, nimm ihm die Zügel ab, und schütte ihm ein Bischen Heu hin, bis die Dragoner zurückkommen.— Kommt herein, lieber Herr,» setzte sie hinzu. Ihr werdet meine Wohnung reinlich finden, wie ärmlich auch Alles drinnen ist.* Morton ſolgte ihr also in die Hütte. 125²2 —V—FVB——V—————M—⸗⸗—— ℳ ℳ——éêꝗ́B3e—⸗—— Zwey und vierzigstes Kapitel. Darauf die alte Mutter sprach, Und ihre Thränen strömten dicht: Ioh warnte Dich, mein Sohn Johann! Geh auf die Jagd Du heute nicht!“ Aus einer alten Ballade. — Als er in die Hütte trat, bemerkte er, dafs die alte Wirthin die Wahrheit gesprochen hatte. Das Innere derselben widersprach dem äussern Ansehn derselben, und war reinlich, ja selbst bequem, besonders das hintre Zimmer, wo Mor- ton, wie ihm die Wirthin sagte, essen und schlafen sollte. Man setzte ihm ein Abendbrod vor, so gut als das kleine Wirthshaus es liefern konnte, und obwohl er kein Bedürfniſs darnach fühlte, nahm er das Anerbieten an, als ein Mittel, mit der Wirthin ein Gespräch zu unter- — 453 kalten. Ohnerachtet ihrer Blindheit war diese immer emsig beschäftigt, ihn zu bedienen, und eine Art von innerm Triebe schien ihr den Weg zu allem zu weisen, was sic brauchte. Habt Ihr niemand, als dies hübsche kleine Mädchen, Euch in der Aufwartung Eurer Gäste beyzustehn P fragte Morton. Niemand, lieber Herr! Ich wohne allein, gleich der Wittwe von Sarepta. Wenig Gäste kommen an diesen armen Ort, und ich habe nicht Kundschaft genug, mir Gesinde zu miethen. Ich hatte einst zwey wackre Söhne, die nach Allem sahen; aber der Herr gibt und nimmt. Sein Name sey gepriesen!“ fuhr sie fort, die umwölkten Augen gen Himmel wendend;«ich war einst besser daran, das heifst, weltlich ge- sprochen, selbst nachdem ich sie verloren, aber das war vor der letzten Veränderung.“* «Wirklichp Aber Ihr seyd ja eine Presbyteria- nerin, gute Mutter, denk' ich bo «Das bin ich, lieber Herr! Gepriesen sey das Licht, das mir den rechten Weg zeigte!» erwie- derte die Wirthin. So hätte, sollt' ich glauben, die Veränderung Euch nichts als Qutes gebracht P» «Wenn sie,“ versetzte die Alte,«dem Lande Gutes gebracht hat, Freyheit des Gottesdienstes 154 den zarten Gewissen, so bedeutet es wenig, was sie einem armen blinden Wurm gebracht hat, wie ich bin.“ «Doch begreife ich nicht,» sagte Morton, awie Ihr dadurch gekränkt werden konntet.» Æs ist eine lange Geschichte; aber eines Abends, ohngefähr sechs Wochen vor der Schlacht an der Bothwellbrügke, kam ein junger Herr zu dieser armen Hütte, steif und blutig von Wun- den, bleich und ganz hin vom Reiten, und sein Pferd war so müde, daſs es nicht mehr die Füſse schleppen konnte, und seine Feinde waren dicht hinter ihm; er aber war Einer von unsern Wi- dersachern— was konnt' ich thun, Herr 5— Ihr, der Ihr ein Soldat seyd, werdet mich für ein einfältiges altes Weib halten— ich nährte ihn, stand ihm bey und hielt ihn verborgen, bis die Verfolgung vorüber war.“ 3 Und wer wagte, sagte Morton,«Eure Hand- lungsweise zu mifsbilligen?“ „Ich weiſs nicht; aber von einigen unserer eignen Leute ward mir's schr übel gedeutet. Sie sagten, ich hätte ihm thun sollen, was Joel an Sissera that— aber ich wufſste wohl, daſs ich keinen göttlichen Befehl hatte, Blut zu vergiefsen, und es zu schonen, schien mir, sich für ein Weib zu gehören, wie für eine Christin. Und dann sagten sie, es fehle mir an der müttterli- —— 155⁵ chen Liebe, dafs ich Einem beystehe, der zu der Bande gehörte, die meine beyden Söhne ermordet.» «Die Eure beyden Söhne ermordetb“ Ja, Herr! oder wenn Ihr's vielleicht anders nennen wollt; der Eine fiel mit dem Schwert in der Hand, fechtend für den gebrochnen Bund der Gläubigen unter dem Volke. Der Andere— ach sie nahmen ihn, und schossen ihn todt auf dem grünen Platze vor seiner Mutter Angesicht. Meine alten Augen wurden geblendet, als sie die Kugel losschossen; meine Gedanken sind immer schwächer und schwächer geworden seit jenem unseligen Tage, und Gram und Herzeleid und Thränen mögen das Uebel vollends arg ge- macht haben. Aber ach, wenn ich Lord Evan- dales junges Blut verrathen hätte, ich würde meinen Ninian und meinen Hans nicht wieder ins Leben gebracht haben!“ «Lord Evandaleß fragte Morton überrascht. „ War es Lord Evandale, dessen Leben Ihr rettetet Pn „Ja wohl; und er war nachher gütig gegen mich, gab mir eine Kuh und ein Kalb, Malz, Mehl und Geld, und niemand durfte mir etwas thun, als er noch mächlig war. Aber das Stück- chen Feld hier gehört zu Tillietudlem, und um die Herrschaft wurden Rechtsstreitigkeiten ge- 156 führt zwischen der Frau Margarethe Bellenden und Basil Olifant, dem jetzigen Herrn, und Lord Evandale vertrat die alte Gutsfrau, aus Liebe zu ihrer Enkelin, der Fräulein Edithe, die eins der besten und schönsten Mädchen in Schottland seyn soll. Allein sie mufsten weichen, und Basil bekam Schlofs und Land, und gleich hinterher kam die Revolution, und wer hing den Mantel schneller nach dem Winde, als der Gutsherr 5 Er behauptete, er wäre immer ein ächter Whig gewesen, und wäre nur um der Mode willen pa- pistisch geworden. Darauf kam er in Gunst, und mit Lord Evandale ging es bergunter; denn er war viel zu stolz und wacker, sich jedem Winde zu beugen, obwohl jedermann es so gut weiſs, als ich, daſs er, mögen auch seine Grundsätze seyn, welche sie wollen, es immer gut mit unsern Leuten meinte, so lange er uns beschützen konn- te, und yiel besser als Basil Olifant, der immer mit dem Strom schwimmt. Aber er ward zurück- gesetzt und schief angesehn, und seine Stimme galt nichts mehr, und Basil, der ein rachsüchti- ger Mann ist, fing an, ihm alles zum Possen zu thun, besonders indem er die alte Wittwe be- drückte und beraubte; die alte Maclure, die Lord Evandale das Leben gerettet hatte, und gegen die er so freundlich gesinnt war. Aber er irrt sich, wenn das sein Zweck ist; denn es wird lange dauern, ehe Lord Evandale ein Wort da- 157 von hört, daſs sie mir meine Kuh verkauft haben für den Zins, den ich schuldig seyn sollte, oder von der Dragonereinquartierung, die sie mir ge- geben haben, obwohl das Land ruhig ist, oder von irgend etwas, was sie gethan haben, ihn zu ärgern. Jeh kann meine Last geduldig tragen; und weltlicher Dinge Verlust ist der geringste Theil davon.» Erstaunt und gerührt von diesem Bilde gedul⸗ diger, dankbarer, uneigennütziger Ergebung, konnte Morton eine Verwünschung des nieder- trächtigen Schurken, der sich auf so feige Weise rächte, nicht unterdrücken. „Fluchet ihm nicht, Herr!» sagte die Alte; ich habe einen guten Mann sagen hören, ein Fluch sey wie ein Stein, der gen Himmel gewor- fen werde, und falle meist auf dessen Haupt zu- riick, der ihn geschleudert habe. Aber wenn Ihr Lord Evandale kennet, so heiſset ihm auf seiner Hut seyn, denn ich höre seltsame Worte hin und hergehen zwischen den Soldaten, die hier liegen, und sein Name wird oft erwähnt, auch ist der Eine von ihnen zweymal oben in Tillietudlem gewesen. Er ist von dem Gutsherrn besonders begünstigt, obwohl er sonst einer der Srausamsten Bedrücker gewesen ist, der je durch das Land ritt, den Wachtmeister Bothwell aus- genommen. Er heiſst Inglis.* Ich nehme den allerinnigsten Antheil an Lord Evandales Sicherheit,» versetzte Morton,«und Ihr könnt Euch darauf verlassen, dafs ich einen Weg ausfinden werde, ihn von diesen, Verdacht erweckenden, Umständen zu benachrichtigen. Dagegen, meine gute Frau, seyd so geſfällig, mir eine andere Frage zu beantworten. Wiſst Ihr etwas von Quintin Mackell von Irongray d Von wem soll ich wissen 5o erwiederte die Blinde höchst überrascht und bestürzt. «Von Quintin Mackell von Irongray, wieder- holte Morton.«Liegt denn etwas so Beunruhi- gendes im Klange dieses Namens? Nein, nein,“ antwortete die Alte zögernd; „aber einen Fremden und einen Soldaten nach ihm fragen zu hören— Cott behüte uns! Was für ein Unglück ist wieder vor der Thür!“ «Durch mich keines, ich geb' Euch mein Wort,“» versicherte Morton. Der, nach dem ich mich erkundige, hat nichts von mir zu fürchten, und wenn anders dieser Quintin Mackell wirklich ein und derselbe ist mit Hans Balf—— Nennt den Namen nicht, unterbrach ihn die alte Wittwe, die Finger auf den Mund legend. aIch sehe, Ihr haht sein Geheimniſs und seine 159 Losung, und will frey mit Euch reden. Aber um des Himmels willen, sprecht ruhig und leise? Ich hoffe zu Cott, Ihr sucht ihn nicht, ihm Leides zuzufügen. Ihr sagtet, Ihr wäret Soldat P Ich sprach die Wahrheit; aber noch einmal: er hat nichts von mir zu fürchten. Ich war einer der Hauptleute an der Bothwellbrücke.- «Wirklichb» versetzte die Frau.«Wahrhaftig, es ist etwas in Eurer Stimme, worauf ich ver- traue!— Ihr sprecht rasch und ohne Euch zu bedenken, wie ein ehrlicher Mann.“ aIch bin es auch, hoffe ich,* erwiederte Morton. Nehmt mir es nicht übel, Herr,* fuhr Frau Maclure fort,«in diesen unseligen Zeiten ist die Hand des Bruders gegen den Bruder, und er fürchtet fast so viel von der jetzigen Regierung, als je von den alten Verfolgern.“ aIn der That b fragte Morton mit forschendem Tone.«Das wuſste ich nicht. Allein ich bin auch eben erst aus der Fremde zurückge- kehrt.* «Ich will Euch sagen,“ fing die Blinde au, und nahm zuvor eine horchende Stellung an, die zeigte, wie wirksam ihr Vermögen, etwas 160 aufzufassen, von dem Auge auf das Ohr über- tragen war; denn statt einen vorsichtigen Blick umhergehn zu lassen, neigte sie ihr Gesicht, und drehte den Kopf langsam herum, um auf diese Weise sich zu versichern, daſs nicht der leiseste Laut in der Nähe sich rege:«ich will Euch sagen, Ihr wiſst, wie er gearbeitet hat, den Bund der Gläubigen wieder aufzurichten, der da verbrannt, zerrissen und begraben ist in den harten Herzen und dem selbstsüchtigen Rathe dieses widerspenstigen Volkes. Als er nun nach Holland kam, fand er nicht Beystand und Dank bey den Grofsen, und fand nicht die erfreuliche Prüderschaft der Frommen, was Beydes er wohl mit Recht erwarten konnte. Der Prinz von Ora- nien wollte ihm keine Gunst bezeigen, und die Prediger wollten keine gottselige Gemeinschaft mit ihm halten. Das war hart zu tragen für einen, der da viel gelitten hatte, und viel ge- than, zu viel vielleicht! Allein warum sollt' ich richtenb Er kam zurück zu mir und zu dem alten Zufluchtsort, der ihn oft aufgenommen hatte in seinen Nöthen, besonders vor dem groſsen Siegestage bey Drumclog; denn ich werde es nimmer vergessen, wie er eines Abends hier- her kam; es war am nämlichen Tage nach dem Vogelschiefsen, bey welchem der junge Miln- wood den Papagey gewann; aber dasmal warnte ich ihn.» 161 Wie bo rief Morton;„Ihr wart jene Frau, die im rothen Mantel am Hohlwege safs, und ihm sagtet, es liege ein Löwe am Wege d“ Um des Himmels willen, wer seyd IhrP sagte die Alte, in ihrer Erzählung erstaunt inne- haltend.„Aber möget Ihr seyn, wer Ihr wollet,* fuhr sie mit ihrer vorigen Ruhe fort,«Ihr wisset nichts Schlimmeres von mir, als daſs ich bemüht gewesen bin, einem Freunde und einem Feinde das Leben zu retten.“ «Ich weiſs nichts Böses von Euch, Frau Mac- lure, und meine es nicht böse mit Euch. Ich wünschte blos Euch zu zeigen, daſs ich so viel von den Angelegenheiten dieses Mannes weiſs, dafs Ihr mir sicher das Uebrige anvertrauen könnt. Ich bitte Euck, fahrt fort in Eurer Erzählung.“ «Es ist etwas seltsam Cebietendes in Eurer Stimme," erwiederte die Blinde, obwohl ihre Töne lieblich sind.— Ich habe wenig mehr zu sagen. Die Stuarte sind vom Thron gestoſsen, und Wilhelm und Maria regieren an ihrer Statt, aber kein Wort mehr vernimmt man von dem Bunde der Gläubigen, als wenn es ein todter Buchstabe wäre! Die ehemals geduldete Ceist- lichkeit haben sie in ihren Schoofs auſgenommen, und einer Erastianischen Generalversammlung, 74. L der einst reinen und siegreichen Kirche von Schottland, haben sie die Arme geöffnet. Unsre getreuen Kämpfer des Zeugnisses können sich noch weniger dabey zufrieden geben, als bey der ofinen Tyranney und dem Abfall der Zeit der Verfolgung; denn die Scelen sind verhärtet und. erstorben, und der Mund der fastenden Menge wird gestopft mit saftlosen Kleyen, statt des süfsen Wortes zur rechten Zeit, und manches arme heifshungrige, lechzende Geschöpf Gottes, das am Sonntag Morgen da sitzt, etwas zu erlan- gen, das es erwärmen könue zu dem grofsen Werke, mufs ein trocknes Gewäsch von Moral vor seinen Ohren anstimmen hören,“—— Kurz,» fiel Morton ein, ader einer Verhand- lung ein Ende zu machen wünschte, welche die gute Alte, die so schwärmerisch an ihrer Glar- beuslehre, als an den Pflichten der Menschlich- keit hing, wohl noch länger fortgesetzt hätte: «kurz, Ihr seyd nicht geneigt, Euch unter die- ser neuen Regierung zufrieden zu geben, und Burley ist derselben Meinung?“ „Viele unserer Brüder, lieber Herr, sind des Glaubens; wir fochten fuůr den Covenant, und fasteten, und beteten, und litten für das groſse Volksbündniſs, und nun sollen wir nichts weder sehn noch hören von dem, wofür wir gelitten, gefochten, gefastet und gebetet haben. Einst 163 dachte man, man könnte etwas ausrichten, wenn man das alte Königsgeschlecht wieder zurück- brächte auf neue Bedingungen und auf neuem Grunde; denn als König Jakob wegging, soll ja der groſse Streit zwischen den Englischen und ihm nur von wegen sieben unheiliger Bischöfe entstanden seyn; und obwohl sich einige von unsern Leuten die jetzige Einrichtung gefallen lieſsen, und ein bewaffnetes Regiment ausheben unter dem Crafen von Angus, so waren doch unser redlicher Freund und Andere von der reinen Lehre und freyem Gewissen entschlossen, erst zu hören, was die Jacobiten sogten, ehe sie Parthey wider sie ergriffen, in der Furcht, zu Boden zu stürzen wie eine Mauer, die mit un- gelöschtem Kalk erbaut ist, oder sich zwischen zwey Stühle zu setzen.“ «Es war ein wunderlicher Einfall," sagte Mor- ton,«von der Seite reine Lehre und Gewissens- freyheit zu erwarten.“, O mein werther Herr! der natürliche Sonnen- aufgang ist im Osten, aber der geistliche Tag kann im Norden anbrechen„ so weit wir blinden Sterblichen es einsehen können.“ «Und Burley ging nach dem Norden, ihn zu suchen 5 164 Ja wohl, Herr, und er sah Claverhousen selbst, den sie jetzt Dundee nennen.“ «Das wäre!“ rief Morton. aIch hätte darauf schwören wollen, eine solche Zusammenkunft hätte einem von beyden das Leben kosten müssen.“ Keinesv des, lieber Herr! In unruhigen Zei- ten, hab' ich immer gehört, gehn gar schnelle Wechsel vor. Montgomery und Ferguson und viele Andre mehr, die des Königs Jakob ärgste Feinde waren, sind jetzt auf seiner Seite.— Claverhouse sprach gar gütlich mit unserm Freunde, und schickte ihn zu Lord Evandale, um die Sache mit dem zu überlegen. Aber da war alles gleich abgebrochen; denn Lord Evan- dale wollte ihn weder sehn noch hören, noch mit ihm sprechen; und nun ist er wieder schlim- mer und wilder ais je, und schnaubt Rache gegen Lord Evandale, und will von nichts hören, als von brennen und morden. O diese entsetzlichen Anfälle; sie zerrütten sein Gemüth und geben dom Feinde viel Gewalt uber ihn!* Dem Feinde?“ fragte Morton. Was für einem Feinde ⁵* Was für einem Feinde? Ihr seyd mit Hans Balfour von Burley bekannt und vertraut, und wiſst nicht, daſs er harte und häufige Kämpfe 165 mit dem Bösen zu bestehen hat? Habt Ihr ihn je, wenn er allein ist, anders gesehn, als mit der Bibel in der Hand, und das gezogne Schwert auf den Knieenb Schlieft Ihr nie im nämlichen Zimmer mit ihm, und hörtet ihn streiten gegen die Blendwerke Satans 5 O Ihr kennt ihn wenig, wenn Ihr ihn nur bey hellem Tageslicht saht. Kein Mensch kann bey seinen schrecklichen Kämpfen und Heimsuchungen so aussehen, wie er. Ich habe ihn nach einem solchen Todes- kampfe zittern sehn, dafs ein Kind ihn hätte halten können, und das Haar auf seiner Stirn tröpfelte vor Angstschweifs, wie je mein armes Strohdach bey heftigen Regengissen.“» Während sie sprach, erinnerte sich Morton an Burleys Gebehrden, als er auf dem Heuboden in Milnwood schlief, an Luthberts Aeusserungen, dafs der Verstand desselben gelitten habe, und an ein leises Cerücht, das unter den Camero- nianern herum lief, die sich häufig der Seelen- anstrengungen Burleys und seiner Kämpfe mit dem bösen Feinde rühmten. Alle diese ver- schiednen Umstände lieſsen ihn schliefsen, daſs der Mann selbst ein Opfer dieser Täuschungen sey, obwohl er mit einer von Natur starken und kräftigen Seele nicht allein seinen Aberglauben denen zu verbergen wufste, in deren Meinung er sein Urtheil herabgesetzt haben würde, sondern 166 auch mit einer Cewalt, die denen mit der fal- lenden Sucht Behafteten überhaupt eigen seyn soll, die Anfälle derselben aufzuschieben im Stande war, bis er entweder sich von beobach- tender Auſsicht befreyt, oder nur von Menschen umgeben sah, die ihn um dieser Heimsuchungen willen noch höher achteten. Sehr nahe lag der Gedanke, und ward durch die Erzählung der Frau Maclure noch bestätigt, daſs getäuschter Ehrgeiz, zerstörte Hoffnungen und der Sturz einer Parthey, der er mit so alles auf das Spiel setzender Treue gedient hatte, seine Schwärme- rey zu Anfällen von Wahnsinn gesteigert haben. In der That war es nichts Ungewöhnliches in diesen seltsamen Zeiten, daſs Männer, wie Sir Heinrich Vane, Harrison, Overton und Andere, die selber Sclaven der wildesten, ausschweifend- sten Schwärmereyen waren, wenn sie mit der Welt verkehrten, sich nicht allein in schwierigen Lagen mit Verstand und mit Muth in Gefahren benahmen, sondern sogar mit dem ausgezeichnet- sten Scharfsinne und der enischiedensten Tapfer- keit. Was Frau Maclure weiter sprach, be- stärkte Morton noch mehr in diesem Glauben. «Wenn der Morgen graut,“ sagte sie,„soll mein kleines Greichen Euch den Weg zu ihm zeigen, che die Soldaten auf sind. Aber Ihr müſst seine gefährliche Stunde vorüberlassen, 167 wie er es selbst nennt, eche Ihr Euch zu ihm in seinen Zufluchtsort wagt. Gretchen wird Euch sagen, wenn Ihr es wagen könnt. Sie kennt seine Weise gut, denn sie trägt ihm bisweilen die kleine Unterstützung hin, die er zu seinem Lebensunterhal nicht entbehren kann.“» „Und an was für einem Orte, fragte Mor- ton,«hat der unglückliche Mann Zuſfucht ge- funden ⁵ «An einer so schrecklichen Stelle, antwontete die Blinde,«als wo je ein lebendiges Geschöpf Zuflucht fand. Man nennt sie den schwarzen Wasserfall von Linklater; es ist ein gräulicher Ort! Aber er liebt ihn vor allen andern, weil er dort sich oft sicher verborgen hat, und ich glaube, er zieht ihn einem Gemach mit Tapeten und einem Dunenbett vor. Doch Ihr werdet ihn schn. Daſfs ich ihn sah, ist schon lange Zeit her. Ich war noch ein muthwilliges, schelmi- sches Mädchen, und ahnte nicht, was da kom- men sollte.— Beliebt Euch noch etwas, Herr, che Ihr Euch zur Ruhe legte Denn Ihr mäfst mit der ersten Dämmerung des Tageslichts wach seyn 5 «Nichts mehr, meine gute Mutter,“ antwor- tete Morton, und sie trennten sich für den Abend. 168 Morton empfahl sich dem Schutze des Him- mels, warf sich auf das Bett, und als er zwi. schen Schlummer und Wachen den Hufschlag der Dragonerpferde gehört hatte, deren Reiter von ihrer Runde zurückkehrten, beruhigte ein gesunder Schlaf sein schmerzli-. bewegtes Ce- müth. 269 2————— Drey und vierzigsles Kapitel- Und als sie in die düstre Höhle traten, Fanden Jie den unsel'gen Mann auf niedrem Boden sitzend, In Trübsinn tief versenkt die finstre Seele. Spenser. -— Als kaum der Morgen über den Bergen erschien, hörte Morton ein leises Klopfen an der Thür seines ärmlichen Schlafeimmers, und eine klare Mädchenstimme draufsen fragte: Ob es ihm gefällig sey, nach dem Wasserfall zu gehn, ehe die Leute aufständen p Er erhob sich auf diese Auſforderung, und als er sich schnell angekleidet hatte, ging er zu der kleinen Führerin hinaus. Das Gebirgskind hüpfte leicht vor ihm her durch den grauen Morgen- nebel über Hügel und Moor. Es war ein wüster, 17⁰ wechselnder Gang, kein regelmäſsiger, bemerk- barer Pfad war zu schen; im Ganzen behielt er die Richtung den Strom hinauf, ohne aber seinen Windungen zu folgen. Je weiter sie kamen, je öcder und wilder war die Landschaft, bis endlich nichts als Haide und Felsen zu beyden Seiten das Thal einschlossen. «Ist der Ort noch fern H fragte Morton. „Noch eine halbe Stunde etwa," antwortete das Mädchen.«Wir sind gleich dort.“ «Und gehst Du diesen wilden Weg oft, mein liebes Kind d fuhr Morton fort. Wenn die Groſsmutter mich mit Milch und Mehl nach dem Stromfall sendet,“ erwiederte das Kind. «Und färchtest Du Dich nicht, einen so wüsten VWeg allein zu machen?“ Bewahre, lieber Herr!“ versetzte die kleine Führerin.« Kein lebendes Geschöpf wird so einem kleinen Dinge was thun, als ich bin, und Groſsmutter sagt, wir hätten niemals was zu* fürchten, wenn wir was Gutes thäten.“ «Stark in der Unschuld wie in dreyfachem Panzer!“ dachte Morton, und folgte schweigend ihren Schritten. Sie kamen bald an ein halb verwüstetes Dik- kicht, wo Brombcersträuche und Dornen die Stelle der Eichen und Birken ersetzten, aus denen es einst bestanden. Hier verliefs die Füh- rerin die offne Haide, und ging mit Morton auf einem Rain zu dem Bache. Ein dumpfer, to- sender Lärm hatte ihn zum Theil schon auf das Schauspiel vorbereitet, welches sich jetzt seinen Blicken darbot; gennoch muſste es ihn über- raschen, ja ihm Entsetzen erregen. Als er aus dem Dichkicht trat, sah er sich auf einer flachen Felsenklippestehn, die über die eine Seite einer, wohl hundert Fuſs tiefen, Kluft vorsprang, wo der dunkle Bergstrom sich mit reissender Schnelle über den Abhang stürzte, und von dem tiefen, schwarzen, gähnenden Abgrund verschlungen ward. Das Auge suchte vergebens die Tiefe des Falles, es sah nur die tosenden Wogen, wie sie schäumend sich aufwälzten und klar wieder hinabstürzten; weiter hinunter zu dringen, ver- hinderten die vorragenden Klippen, die den Grund des Wasserfalles bedeckten, und dem Blicke den finstern Pfuhl verbargen, der die ge- peitschten Wasser aufnahm; in beträchtlicher Entfernung erst sah man wieder den Strom, wie er in offnen Windungen sich weiter bewegte; bis dahin war er dem Blicke fast so verdeckt, als wenn eine Höhle sich über ihn hinwölbte; und wirklich schlossen sich die Felseuklippen, durch die er sich seinen dunkeln Weg bahnte, beynahe zum bergenden Dach zusammen. 172 Als Morton verloren stand im Anblick dieses Schauspiels tosenden Aufruhrs, das sich beynahe jedem Auge verbergen zu wollen schien, indem es sich so mit Dickicht und Klippen umringte, zupfte auf einmal ihm die kleine Führerin, die neben ihm auf dem abgeplatteten Felsen stand, von wo man die günstigste icht des Wasser- falles hatte, am Kermel, und sagte ihm so leise, daſs er sein Ohr hinabbeugen mufste, sie zu verstehen:«Hört ihn! hört ihn doch!» Morton horchte aufmerksamer, und aus dem Abgrunde, in welchen sich der Strom stürzte, mitten unter dem tosenden Lärm des Wasser- falles, glaubte er Geschrey, Ausrufungen und selbst deutlich gesprochne Worte zu vernehmen, als wenn der gequälte Stromgeist seine Klagen mit dem GCebrüll der gebrochnen Wellen ver- mischt hätte. «Dies ist der Weg,“» sagte das kleine Mäd. chen;«folgt mir, Herr, wenn's Euch gefällig ist, aber nehmt Euch mit den Füſsen in Acht!* Und mit der kühnen Gewandtheit, welche die Gewohnheit ihr gegeben hatte, sprang sie rasch von der Felsenplatte, auf welcher sie stand, und kletterte, sieh an den kaum vorragenden Steinen und Vertiefungen festhaltend, hinab in den Ab- grund. Beharrlich, kühn und rüstig, stand Mor- ton nicht an, ihr zu folgen; aber die Aufmerk 173 samkeit, die er nöthig hatte, sich anzuhalten und festen Fuſs zu fassen, auf einem Abhange, wo der Klimmende Hand und Fuſs zu seiner Sicherheit bedurfte, verhinderte ihn, sich umzu- sehen, bis seine Führerin, nachdem sie nahe an zwanzig Fuſs hinunter gestiegen war, und den Pfuhl, der den Strom in sich aufnahm, sechzig bis siebenzig unter sich hatte, still stand, und er sich wieder an ihrer Seite, in einer eben so unsichern, als romantischen Lage sah. Sie stan- den dem Wasserfall beynahe gegenüber, in einer Tiefe, die den vierten Theil der Höhe der Klippe, über welche er hinabdonnerte, betragen mochte, aber wohl drey Viertheile der Höhe, über dem dunkeln, tiefen, ruhelosen Pfuhl, der das stür- zende Wasser aufnahm. Diese beyden furchtbaren Punkte, der erste Sturz des noch ungebrochnen Stroms, und der unermeſsliche, finstre Abgrund, in den er sich warf, lagen vor seinen Blicken, wie die schäu- menden Wogen, wild über einander tosend, wirbelten und siedeten. Sie standen diesem Srandiosen Schauspiel so nahe, daſs der sprützende Schaum sie bedeckte, und das unaufhörliche Toben sie betäubte. Dem Wassersturz gerade gegenüber, ohngefähr sechs Fufs davon enifernt, bildete ein alter Ei- chenstamm, der quer über der Kluft lag, durch 174 Zufall, wie es schien, eine furchtbar schmale, unsichre Brücke. Das obere Ende des Baumes ruhte auf der Felsenplatte, auf welcher sie stan- den; das untere, die Wurzel, kam hinter einem Vorsprunge, auf der entgegengesetzten Seite, her- vor; worauf sie ruhte, konnte Mortons Auge nicht deutlich erkennen. Hinter demselben Felsen schimmerte ein starkes Pröthliches Licht, das, in den Wellen des stürzenden Wassers sich spie- gelnd, und sie theilweise mit dunklem Purpur färbend, eine seltsam übernatürliche grauliche Wirkung hervorbrachte, im Gegensatze mit den Strahlen der aufgehenden Sonne, welche die ersten gebrochnen Wellen des Falles beleuchtete, obgleich sie selbst in ihrem mittäglichen Glanze nicht bis in den dritten Theil seiner ganzen Tiefe dringen konnte- Als Morton sich hier einen Augenblick umge- sehen hatte, zupfte ihn das Mädchen wieder am KAermel, und auf die Eiche und den vorragenden Felsen deutend— vom Verstehen ausgesprochner Worte konnte hier nicht mehr die Rede seyn— gab sie ihm zu erkennen, daſs der Weg, da hin- über ginge. Morton blickte sie verwundert an; er wuſste zwar wohl, daſs die verfolgten Presbyterianer unter den vorhergehenden Regierungen in Schluch- ten und Dickichten, unter Höhlen und. Wasser- 175 fällen Zuflucht gesucht— an den wundersamsten und abgelegensten Orten— er hatte zwar von den Kämpfern des Covenants gehört, die sich lange neben dem Dobspfuhl, auf den wilden Höhen von Polmoodie, verborgen gehalten, und von andern, die sich in der noch grausenhaftern Höhle, die der Creehopepfuhl genannt ward, im Kirchspiel von Closeburs, versteckt hatten; aber seine Einbildungskraft hatte sich nie die Schrek- ken solch eines Aufenthalts deutlich ausgemalt, und es überraschte ihn, daſs dies seltsame ro- mantische Schauspiel, das jetzt vor ihm lag, ihm so lange hatte unbekannt bleiben können, da er, als ein warmer Freund der Natur, solche Er- scheinungen von jeher eifrig aufgesucht hatte; allein er begriff sogleich, dafs das Ceheimnils des Daseyns dieses Ortes, der durch seine öde und ferne Lage sich trefflich zur Zuflucht für die verfolgten Prediger und Belenner der abweichen- den Lehre eignete, absichtlich und sorglich von den wenigen Hirten, die darum gewufst haben mochten, bewahrt worden war. Als er, aus die- sen Gedanken erwachend, zu erwägen begann, wie er über die gefährliche, schreckliche Brücke kommen solle, die, von den stürzenden Wassern umgeben, und naſs und schlupfrig durch den ewigen Sprühregen, sechzig Fufs hoch vom Boden über den Abgrund führte, lief seine Führerin vor ihm her, und höüpfte, ohne im mindesten zu 176 zögern, hinüber und wieder zurück, als wollte sie ihm Muth machen. Er beneidete einen Au- genblick die kleine Barfüſsige, die auf der rauhen Seite des Stammes einen sicherern Tritt hatte, als er es mit seinen schweren Stiefeln erwarten konnte; dennoch entschloſs er sich, den Ueber- gang zu versuchen, und seine Augen ſfest auf einen bestimmten Punkt der andern Seite rich- tend, ohne zu schwindeln, ohne seine Aufmerk- samkeit durch den Wellenschlag, das Schäumen und Tosen der Gewässer rings um ihn, abziehen zu lassen, schritt er fest und sicher über die ge- fährliche Brücke, und kam an die Oeſfnung einer kleinen Höhle, auf der andern Seite der Strö- mung. Hier stand er still, denn ein Licht, wel- ches von einem Kohlenfeuer ausging, verstattete ihm, in das Innere der Höhle zu sehen, und machte es ihm möglich, die Cestalt des Bewoh- ners zu betrachten, von welchem er selbst nicht sogleich erblickt werden konnte, da der Schatten des Felsens ihn verbarg. Was er sah, würde einen weniger entschlossenen Mann keinesweges ermuthigt haben, das begonnene Unternehmen auszuführen. Burley, dessen Aeusseres nur in einen langen grauen Bart verändert war, stand in der Mitte der Höhle, die zugeschlofsne Bibel in einer Hand, 2 das gezogne Schwert in der andern. Die Gestalt, 177 dunkel geröthet qurch das Licht der Kohlengluth, glich der eines Teufels in dem schwarzgelben Dunstkreise des Höllenreiches, und seine Ge- behrden und Worte, so viel sich von den letztern verstehen lieſsen, schienen eben so heftig und wild. Ganz allein und an einem, fast bis zur Unzugänglichkeit abgeschiedenen Orte, war sein Betragen das eines Mannes, der auf Leben und Tod mit einem wüthenden Feinde kämpft. αᷣ Ha! ha!— Da— dal“ rief er aus, und begleitete jedes Wort mit einem Stoſse in die leere, fühllose Luft, der seine ganze Kyaft in Anspruch nahm.«Sagt’ ich Dir es nichtb Ich habe widerstanden und Du fliehst vor mir 5— Du Memme! komm mit all deinen Schrecknissen, omm mit meinen eignen bösen Thaten, die dich schrecklicher als alles machen! Es ist genug zwischen den Schalen dieses Buches, mich zu retten.— Was murmelst du von grauen Haaren b — Es war wohlgethan, ihn zu erschlagen; je reifer das Korn, je besser für die Sichel!— Bist du fortb— Bist du fortb— Ich habe es immer gewuſst, du bist nur eine Memme! Ha! ha! a!* Mit diesem wilden Ausruf senkte er die Spitze seines Schwertes, und blieb in dieser Stellung stehen, wie ein Rasender, dessen Anfall vorüber ist. 74. M & 478 «Die gefährliche Zeit ist nun vorbey, sagte das Kind, das Morton gefolgt war.„Sie dauert selten länger, als bis die Sonne hinter den Hü- geln ist. Ihr könnt jetzt gehn und mit ihm sprechen; ich will Euch auf der andern Seite des Wassersturzes erwarten; er kann'’s nicht leiden, zwey Menschen auf einmal zu sehen.“ Langsam und vorsichtig und stets auf seiner Hut, trat jetzt Morton näher, und zeigte sich seinem alten Kriegsgefährten. Wos kommst Du wieder, da Deine Stunde vorüber ist!“ rief dieser, und sein Schwert hoch schwingend, bekam sein Gesicht einen Ausdruck, in dem bleiches Entsetzen mit der Wuth eines Besessenen sich mischte. «Ich komme, Herr Balfour,» sagte Morton mit männlichem, gefafstem Tone,«eine Be- kanntschaft zu erneuern, welche seit dem Ge- fecht an der Bothwellbrücke abgebrochen ward.“ Sobald Burley gewahr wurde, dafs Morton vor ihm stand, eine Vorstellung, die er mit bewun- dernswürdiger Schnelligkeit fafste, übte er so- gleich jene Herrschaft über seine erhitzte und schwärmerische Einbildungskraft, in deren Be- zwingung eine der auffallendsten Züge, dieses erstaunenswürdigen Mannes bestand. Er lieſs plötzlich sein Schwert sinken, und indem er es 119 gefafst in die Scheide steckte, murmelte er etwas von der feuchten Kälte, die einen alten Solda- ten zu Fechtübungen treibe, sein Blut vor Er- starrung zu bewahren. Hierauf nahm er die kalte, entschloſsne Weise an, die seinem ge- wöhnlichen Betragen eigen war. «Du hast lange gezögert, Heinrich Morton! sagte er; und bist nicht gekommen zur Wein- lese, che die zwölfte Stunde geschlagen hat. Bist Du noch willig, die rechte Hand der Brüder- schaft anzunehmen, und einer von denen zu seyn, die nicht auf Throne oder Fürstenstämme blicken, sondern allein auf die Lehre der Schrift p Es überrascht mich," sagte Morton, einer bestimmten Antwort seiner Frage ausweichend, daſs Ihr mich nach so vielen Jahren wieder erkennt,“ „Die Züge derjenigen, die mit mir handeln sollen, sind in mein Herz gegraben," antwortete Burley; und wenig Andere, als der Sohn Silas Mortons, hätten es wagen dürfen, mir in diese meine Veste zu folgen, in der ich Zuflucht ge- funden. Siehst Du diese Zughrücke, welche die Natur selbst erbautbo fuhr er fort, auf die hin- gestreckte Eiche deutend. Ein Stofs meines Fufses, und sie liegt in dem Abgrund dort unten! Den Feinden auf jener Seite ist Trotz geboten, 4180 und die auf dieser sind der Barmherzigkeit dessen überlassen, der nie seines Gleichen im Zwey- kampf fand.» „Solcher Vertheidigungsmafsregeln, sollt' ich denken, hättet Ihr jetzt wenig nöthig,» versetzte Morton. «Wenig nöthig P' wiederholte Burley ungedul- dig.«Wenig nöthig, wenn eingefleischte Teufel gegen mich auf Erden verbündet sind, und Satan selbst.— Doch es liegt nichts daran,“» fügte er hinzu, sich bezwingend. Genug, mein Zu- fluchtsort, meine Höhle von Adullam, gefällt mir, und ich vertauschte ihre rauhen Kalkstein- wände nicht für die schönen Gemächer des Schlosses der Grafen von Torwood, nicht mit der ganzen ausgedehnten Herrschaft. Du magst anders denken, wenn nicht etwa Dein Fieber- anſall vorüber ist.“ «Eben über diese Cüter wollt' ich mit Euch sprechen,» erwiederte Morton,«und ich zweifle nicht, in Herrn Balfour den nämlichen, ver- ständigen, nachdenkenden Mann zu finden, als ich ihn kannte zu ciner Zeit, wo der Eifer Brüder entzweyte.“ «So, sprach Burley; wirklichb Solche Hoff- nungen habt Ihr in der That?— Wollt Ihr Euckh wohl deutlicher erklären 5 181 Mit einem Worte denn,» entgegnete Morton, „Ihr habt, auf welche Weise, kann ich wohl errathen, einen geheimen, aber sehr nachthei- ligen Einflufs auf das Vermögen der Frau Mar- garethe Bellenden und ihrer Enkelin ausgeühbt, und das zu Gunsten jenes niederträchligen, drückenden Abtrünnigen, Basil Olifant, den die Gesetze, durch Eure Ränke hintergangen, in Besitz des rechtmäſsigen Eigenthums jener gesetzt haben.“ Sagst Dupo sprach Burley. «Ich sage es, erwiederte Morton, und Auge in Auge werdet Ihr mir es nicht abläugnen wol- len, was Eure Handschrift bezeugen kann.“ „Und wenn ich's nun nicht läugne," versetzte Burley,«und wenn es nun Deiner Beredsamkeit selänge, mich dahin zu bringen, die Schritte zurück zu thun, die ich nach reiflicher Ueber- legung gethan habe— was würde Dein Lohn seyn?5— Hoflst Du noch, das schönhaarige Mädchen zu besitzen mit ihrem groſsen, reichen Erbe? Ich hege keine solche Hoffnung,» antwortete Morton ruhig. Und für wen denn hast Du diese groſse Sache gewagt, für wen suchst Du dem Tapfern die Beute zu entreiſsen, Nahrung zu holen aus der 182 Höhle des Löwen, und Süſsigkeit zu ziehen aus dem Magen dessen, der sie verschlungen?— Um wessentwillen hast Du unternommen, dies Räthsel zu lösen, das schwerer ist, wie das des- Simsons 5 Um Lord Evandales und seiner Braut willen,“ sagte Morton fest.«Denkt besser von den Men- schen, Herr Balfour, und glaubt mir, es gibt einige, die bereit sind, ihr Glück für das Glück Anderer zu opfern.“ «So wahr meine Seele lebt!" erwiederte Bal- four;«dann bist Du, und wenn Du auch einen Bart trägst, ein Roſs besteigst, und ein Schwert führst, der zahmste, geduldigste Cliedermann, der je eine Beleidigung ungerächt lieſs. Was, Du willst diesen verfluchten Evandale in die Arme des Weibes helfen, das Du liebstb Du willst sie mit Reichthum und Gütern ausstatten, und glaubst, dafs noch ein andrer Mann, noch tiefer beleidigt als Du, aber eben so kaltblütig und niedrig denkend, auf der Erde herumkröche, und Du wagest zu glauben, dieser Mann sey Hans Balfour Pn Was meine eignen Gefühle anbetrifft,» ver- setzte Morton rubig,«so bin ich nur dem Him- mel dafür verantwortlich— für Euch aber, Herr Balfour, dächt' ich, könnte es von geringer 183 Wichtigkeit seyn, ob Basil Olifant oder Lord Evandale diese Cüter besitze." «Du betrügst Dich, erwiederte Burley;„beyde zwar wandeln in Finsterniſs, und sind dem Lichte so fremd, als einer, dessen Augen nie dem Tageslicht erschlossen waren. Aber dieser Basil Olifant ist ein Nabal, ein Demas, ein niederträchtiger Kerl, dessen Reichthum und Macht in den Händen dessen sind, der ihm drohen kann, sie ihm zu rauben. Er ward ein Bekenner, weil ihm die Herrschaft Tillietudlem genommen war; er ward ein Papist, um zu ihrem Besitz zu gelangen; er nannte sich einen Erastianer, sie nicht wieder zu verlieren, und er wird werden, was ich haben will, weil die Urkunde in meiner Macht ist, die sie ihm wie- der rauben kann. Diese Cüter sind ein Gebiſs zwischen seinen Kinnbacken, und ein Haken in seinen Nasenlöchern; Zügel und Zaum aber sind sie in meinen Händen, sie zu führen, wie ich es für gut befinde; und sein sollen sie darum bleiben, wenn ich nicht die Gewifsheit habe, sie einem sichern und aufrichtigen Freund zu übergeben. Lord Evandale aber ist ein Bösge- sinnter; sein Herz ist wie ein Kiesel, und seine Stirn wie ein Demant. Die Cüter dieser Welt fallen auf ihn, wie Blätter auf die festgefrorne Erde, und unbewegt wird er den ersten Wind 184 zie wegwehen sehen. Scine und seines Cleichen heidnische Tugenden sind uns gefährlicher, als die schmutzige Habsucht derer, die, durch ihren Eigennutz gelenkt, folgen müssen, wo er sie hinführt, und die, eben weil sie Sclaven ihres Ceizes sind, gezwungen werden können, in dem Weinberge zu arbeiten, und wäre es nur, um den Lohn der Sünde zu erndten.“ «Dies wäre ganz gut vor einigen Jahren ge- wesen,“ erwiederte Morton,«ich würde Eure Gründe begriffen haben, wenn ich sie auch nie hätte billigen können. Aber im gegenwärtigen Augenblick scheint es Euch ganz nutzlos zu seyn, dafs Ihr darauf beharrt, Euch einen Einflufs zu bewahren, der nicht mehr zu einem ersprieſs- lichen Zweck zu gebrauchen ist. Das Land hat Frieden, Freyheit, und leidet unter keinem Ge- wissenszwange mehr. Was wollt Ihr weiter 5* «Was ich weiter willb“ rief Burley, und zog sein Schwert wieder aus der Scheide mit einer Heftigkeit, die Morton fast erschreckte:„Be- trachte die Scharten in dieser Klinge, es sind ihrer drey; nicht wahr P Es scheint so," antwortete Morton; zaber Wozu das P" «Das Stück Stahl, das aus dieser ersten Spalte sprang, blieb in dem Schädel des meineidigen 185 Verräthers, der zuerst das bischöfliche Regimen: in Schottland einführte; diese zweyte Scharte ward auf den Rippen cines gottlosen Bösewichts gehauen, des kühnsten und besten Kriegers, der die Sache der Prälaten bey Drumelog verfocht. Diese dritte hieb ich auf der stählernen Helm- haube des Hanptmanns, der die Kapelle von Holyrood vertheidigte, als das Volk aufstand und die Revolution begann. Ich spaltete ihm den Kopf bis zu den Zähnen, durch Stahl und Kno- chen. Sie hat groſse Dinge gethan, diese kleine Waſſe, und jeder ihrer Streiche war eine Erlö- sung der Kirche. Dies Schwert,“ setzte er hinzu, es wieder in die Scheide stoſsend, dies Schw 8t hat noch mehr zu thun; es muſs ausrotten diese niederträchtige, vergiftende Ketzerey des Erastia- nismus! Es muſs wieder herstellen die wahre Freyheit der Kirche in ihrer Reinheit; wieder aufrichten den Covenant in seiner Herrlichkeit, dann mag es vermodern und verrosten neben den Gebeinen seines Herrn!“ «„Ihr habt weder Macht noch Mittel, die nun beſestigte Regierung zu beunruhigen, Herr Bal- four,» sagte Morton; das Volk ist im Allge- meinen zufrieden, die Herren von der Jacobiti- schen Parthey ausgenommen, und sicher würdet Ihr Euch nicht mit diesen vereinigen wollen, die Euch nur zu ihren eignen Zwecken würden brauchen wollen.* 186 «Sie sind es, n yersetzte Burley, adie den unsern dienen sollen. Ich war in dem Lager des bösgesinnten Claverhouse, gleichwie der zu- künftige König von Israel das Land der Philister aufsuchte; ich verabredete mit ihm einen Auf- stand, und wäre der Schurke Evandale nicht gewesen; so wären jetzt die Erastianer aus dem VWesten vertrieben. Ich könnte ihn erschlagen,* setzte er mit einem finstern Blick hinzu, der von Rachsucht flammte,«und wenn er den Fuſs des Altars umfaſst hielte!“ Dann fuhr er in ruhi- gerem Tone fort:„Wenn Du, Sohn meines alten Kriegsgefährten, Dich selbst um diese Edithe Bellenden bewürbest, und wärest Du bereit, selbst Hand an das groſse Werk zu legen mit einem Eifer, der Deinem Muthe gliche, so glaube ich nicht, daſs ich die Freundschaft Basil Olifants der Deinen vorziehen würde, Du soll- test dann die Mittel haben, die diese Urkunde bietet"(er zog ein Pergament hervor), asie wie- der in den Besitz der Cüter ihrer Väter zu seizen. Es hat mich verlangt, Dir dies zu sagen, seit ich Dich so tapfer an der unseligen Brücke den guten Kampf kämpfen sah. Das Mädchen liebte Dich und Du sie.* Morton antwortete mit fester Stimme:„lIeh will nicht falsch gegen Euch seyn, Ilerr Balfour, selbst um eines guten Zweckes willen nicht. Ich 187 komme in der Hoffnung, Euch zu einem Schritt der Gerechtigkeit gegen Andere zu bereden, nicht aber einen eigennützigen Zweck für mich selbst zu erreichen. Ich habe mich getäuscht; ich bedaure es mehr um Euretwillen, als des Ver- lustes wegen, den Andere durch Eure Ungerech- tigkeit erleiden werden.“* «Ihr schlagt mein Anerbieten also aus 5 fragte Burley mit funkelnden Augen. Ja,* erwiederte Morton.„Wäret Ihr wirk- lich, wofür Ihr gehalten seyn möchtet, ein Mann von Ehre und Cewissen, Ihr würdet ohne Rück- sicht auf irgend etwas anderes dem Lord Eyan- dale dies Pergament wieder zustellen, daſs er es zum Nutzen der rechtmäſsigen Erbin ge- brauche.“ «Eher soll es untergehn!“ rief Burley, und die Schrift in den glühenden Kohlenbaufen wer- fend, trat er sie mit dem Absatze des Stiefels nieder. Während das Blatt rauchte, zusammen- schrumpfte, und in den Flammen prasselte, sprang Morton zu, es zu ergreifen, und als Bur- ley ihm in den Arm ſiel, erfolgte ein Kampf. Beyde waren starke Männer, aber obwohl Morton bey weitem jünger und ristiger war, übertraf ihn doch Burley an Kräften, und verhinderte ihn 188 wirklich, die Urkunde zu retten, bis sie gänz- lich in Asche verwandelt war. Sic liefsen darauf einander los, und der Schwärmer, dessen ganze Wildheit durch den Kampf aufgeregt schien, sah Morton mit einem Blick an, der die wüthendste Rachsucht ausdrückte. 2.... „Du hast mein Geheimnifs— Du mufst mein seyn, oder sterben.“ «Ich verachte Eure Drohungen,» erwiederte Morton.«Ich bemitleide und verlasse Euch.“* Aber indem er sich zum Fortgehen wendete, kam Burley ihm zuvor, er stiefs den Eichenstamm von dem Orte, worauf er ruhte, und als er don- nernd und krachend in die Tiofe stürzte, zog er sein Schwert und rief mit einer Stimme, die das Tosen der stürzenden Wasser und den Donner der fallenden Eiche betäuben zu wollen schien: Nun mufst Du— nun kämpfe— ergib Dich oder stirb!“— und sich in die Oeffnung der Höhle stellend, schwang er das nackte Schwert. «Ich will nicht mit dem Manne fechten, der meines Vaters Leben rettete,“ versetzte Morton; «ich habe nicht gelernt, das Wort Ergebung auszusprechen, und mein Leben will ich retten, so gut ich kann.“ Dlit diesen Worten drängte er sich bey Burley vorbey, und che dieser seine Absicht wahrnek- 189 men konnte, sprang er mit der jugendlichen Gewandtheit, die er in so hohem Maſse besaſs, rasch über die furchlbare Kluft, welche die Oeffnung der Höhle vom jenseitigen Felsenvor- sprunge trennte, und stand da sicher und gerettet, dem wüthenden Feinde gegenüber. Sogleich stieg er die Schlucht hinan, und als er sich umdrehte, sah er Burley einen Augenblick lang starr vor Erstaunen stehen, und dann mit der Raserey unbefriedigter Wuth in das Innere der Höhle eilen. Es war nicht schwer für ihn, wahrzunehmen, daſs das Cemüth des unglücklichen Mannes, so lange durch verzweifelte Entwürfe und plötzliche Vereitlungen erschüttert, sein Gleichgewicht ver- loren habe, und daſs jetzt in seinem Benehmen ein Anflug von Wahnsinn sey, der durch die List und Kraft, womit er seine Zwecke verfolgte, nicht weniger auffallend war. Bald fand Morton seine Führerin wieder, die der Fall der Eiche erschreckt hatte. Er sagte ihr, es sey ein Zufall gewesen, und sie versicherte ihm dagegen, daſs der Bewohner der Höhle kei- nen Nachtheil davon empfinden werde, da er stets mit den Mitteln verschen sey, eine andere Brücke zu bauen. Die Abentheuer dieses Morgens waren noch nicht geendet. Als sie sich der Hütte näherten, 1 90 stiefs die Kleine einen Ausruf der Verwunderung aus, wie sie ihre Grofsmutter, die, nach Art der Blinden, den Weg mit den Händen in der Luft tastend suchte, ihnen entgegenkommen sah, in einer gröſsern Entfernung vom Hause, als die Kleine es für möglich gehalten hatte. 0 bester Herr,“ rief die Alte, als sie jene kommen hörte,«wenn Ihr je Lord Evandale liebtet, so helft ihm jeizt, oder nie! Cott sey gepriesen, der mir mein Gehör liefſs, als er mir mein armes Augenlicht nahm. Kommt hierher — hierher! O tretet leise! Gretchen, Kind, gch und sattle dem Herrn das Pferd, und führe es stille hinauf, hinter die Dornenbüsche; dort warte auf ihn!* Sie führte darauf Morton zu einem kleinen Fenster, durch welches er, selbst unbemerkt, zwey Dragoner sehen konnte, die bey ihrem Morgentrunke safsen, und eifrig mit einander redeten. 3 Je mehr ich daran denke, Inglis,“ sagte der Eine, je weniger geſällt mir's. Evandale war immer ein guter Officier, und des Soldaten Freund; wir sind zwar wegen der Empörung in Tillietudlem gestraft, aber— Franz, Ihr müſst sgestehn, wir verdienten's.“ — 19 1 Der Teufel soll mich holen, wenn ich s ihm je vergebe!“ versetzte der Andre, aund ich den- ke, jelzt kann ich ihm eins versetzen.“» Ey, Mensch, Ihr solltet vergeben und ver- gessen. Es ist besser, wir gehn mit ihm davon, wie die Andern, zu den tollen Hochländern, Wir haben Alle König Jakobs Brod gegessen.“* Du bist ein Esel. Mit dem Davongehn wird's nimmermehr was. Der Tag ist aufgeschoben. Halliday hat einen Geist gesehn, Fräulein Bel- lenden hat den Pips gekriegt, oder was sonst für dummes Zeug dahinter steckt. Das Ding dauert nicht zwey Tage länger, und der Erste, der's ausbringt, hat den Lohn davon.“ Das ist andem,“ erwiederte der Andre; und bezahlt denn der Kerl, der Basil Olifant, gut 55 „Wie ein Fürst, Mensch! Auf der ganzen Welt haſst er Keinen so, als Evandale; ausser- dem fürchtet er ihn wegen einer gewissen Pro- cefsgeschichle, und denkt, wenn der einmal aus dem Wege geräumt ist, so wird alles ihm ge- hören.“ „Aber sind wir denn auch sicher und stark genug? Wenig Menschen würden gegen den gnäd'gen Herrn aufstehen wollen, und wir könn- ten leicht einige von unsern eignen Leuten bey ihm finden, ihn zu decken.“ 19² Du bist eine feige Memme, Richard,“ ver- setzte Inglis;«er wohnt ganz ruhig in Fairy- knowe, um allen Verdacht zu vermeiden; Olifant ist eine obrigkeitliche Person, und wird welche von seinen eignen Dienern bey sich haben, auf die er sich verlassen kann. Wir sind unser zwey, und der Herr sagt, er könne noch einen ver- zweifelt fechtenden Kerl von Whig schaffen, der Quintin Mackel heiſse, und einen alten Groll auf Evandale hege.“ «Nun gut, Ihr seyd mein Vorgesetzter, wie Ihr wifst, und wenn was Unrechtes daran ist“—— Ich nehm's auf mich,“ erwiederte Inglis. «Komm, noch einen Krug Bier, und dann fort nach Tillietudlem. He, blinde Liese! Wo Teufel, wo ist die alte Hexe hingekrochen b «Haltet sie so lange auf, als Ihr könnt,» flüsterte Morton, indem er seiner Wirthin seine Börse in die Hand steckte:«alles hängt davon ab, dafs wir Zeit gewinnen.“ «Darauf ging er schnell nach dem Orte, wo die Kleine sein Pferd bereit hielt.«Nach Fairy- knowen?— Nein. Allein hönnt' ich sie nicht beschützen. Ich mufs sogleich nach Glasgow. Wittenbold, der dortige Befehlshaber, wird mir gern Unterstützung durch Soldaten gewähren, 193 und mir den Beystand der bürgerlichen Obrig- keit verschaffen. Im Vorbeyreiten mufs ich eine Warnung fallen lassen.— Auf, Moorkopf,* sprach eir au seinem Pferde, als er sich hinauf schwang,«dieser Tag soll deinen Athem und deine Schnelligkcit erproben.“ 194 ——— êq——ℳNööIbN————Rw— Vier und vierzigstes Kapitel. Duroh Todesdämmerung, mit halbgeschloſsnen 1 Blicken, Sah er auf die Geliebte, unverwandt; So lag er Sprachlos; ihre theure NHand, Die in der seinen ruhte, leise drücken Konnt' er mit letzter Kraft, und seufzte ziefe Als er, die Seel' aushauchend, sanft entschlief. Palamon und Arcite. Edithe war durch ihr Uebelbefinden genöthigt, den ganzen ereigniſsvollen Tag, an welchem Mortons unerwartete Erscheinung sie so heftig erschättert hatte, das Beit zu hiüten. Den näch- sten Morgen hiefs es indessen, sie wäre so weit wieder besser, daſs Lord Evandale von Neuem daran denken konnte, Fairyknowe zu verlassen. In einer späten Vormittagsstunde trat Frau Emilie 195 Hamilton mit auffallend ernstem Wesen in Edithens Zimmer. Nachdem sie sich einander guten Tag gewünscht, bemerkte sie, er werde traurig für sie seyn, obwohl er Fräulein Bellen- den von einer Last befreyen würde.„ Mein Bruder verläſst uns heute; Fräulein Bellenden,“ setzte sie hinzu. «Verläſst uns!» rief Edithe bestürzt;„doch um nach seinem eignen Hause zurückzukehren, hoffe ich zu Gotb!“ „Ich habe Ursache zu glauben, er habe eine weitre Reise vor. Es ist wenig, was ihn in die- sem Lande hält.“ Grofser Cott!o rief Edithe:«warum bin ich geboren, um das Verderben aller apfern und Edeln zu werden! Was kann geschehn, ihn zu- rückzuhalten, daſs er nicht blindlings in den Abgrund stürzt P Ich will sogleich herunter kom- men. Sagt ihm, ich häte ihn flehentlich, nicht elier abzureisen, bis ich ihn gesprochen.* Es wird umsonst seyn, Fräulein Bellenden; aber ich will Euren Auftrag ausrichten.* Sie verliefs das Zimmer mit so gezwungnem, steifen Anstande, als sie es betreten hatte, und meldete ihrem Bruder, Fräulein Bellenden wäre so. weit wieder hergestellt, daſs sie sich vor- 196 genommen, herunter zu kommen, ehe er abreise. «Wahrscheinlich,“ setzte sie übellaunig hinzu, hat die Aussicht, bald von unsrer Gesellschaft erlöst zu werden, ihre erschütterten Nerven geheilt.“ „Schwester,“ sagte Lord Evandale,«Du bist ungerecht, wenn nicht gar neidisch.“ «Ungerecht bin ich vielleicht, Evandale, aber zch hätte mir nicht träumen lassen,“ erwiederte sie, mit einem Blick in den Spiegel,«dafs ich ohne bessere Ursache für neidisch gehalten würde. Aber wir wollen zu der alten Dame gehn. Sie richtet in dem andern Zimmer ein Gastmahl an, wovon sich Dein ganzes Regiment satt essen könnte— wenn Du eins hättest.“ Lord Evandale ging schweigend mit ihr in den Saal, denn er wufste, es war umsonst, gegen ihre vorgefaſsten Meinungen und ihren verletzten Stolz zu kämpfen. Sie fanden den Tisch mit Speisen besetzt, die unter Frau Margarethens sorgsamer Aufsicht geordnet waren. Ihr habt heute Morgen kaum gefrühstückt, mein Lord Evandale, und müſst eine kleine Mahlzeit einnehmen, che Ihr reitet, so wie dies geringe Haus, deren Bewohner Euch so sehr 797 verpflichtet sind, es in den jetzigen Umständen derselben darbieten kann. Ich halte darauf, daſs junge Leute etwas zu sich nehmen, che sie aus- reiten, sey es nun zu ihrem Vergnügen, oder in Heirhiſenr das sagt' ich auch zu Seiner aller- heiligsten Majestät, als sie in Tillietudlem früh- stückten, im Jahr A= Gnade sechzehnhundert und ein und fünfzig; und seine allerheiligste Majestät geruhten mir zu antwonten, indem sie zu gleicher Zeit meine Gesundheit in einem Clase mit Rheinwein tranken: Frau Margarethe, Ihr redet gleich einem Holländischen Orakel!“ — Dies waren Seiner Majestät höchst eigne Worte, so daſs Eure Herrlichkeit urtheilen kann, ob ich mich nicht auf gutem Grund stütze, wenn ich junge Leute antreibe, etwas Ordent- liches zu sich zu nehmen.“ Man kann wohl denken, daſs manches Wort der guten Dame Lord Evandale entging, der nur nach Edithens leichten Schritten horchte. Seine Geistesabwesenheit kam ihm aber sehr theuer zu stehen; denn während die Hausfrau die freundliche Wirthin spielte, eine Rolle, in welcher sie sich gefiel und hervorthat, ward sie von Hans Gudyill unterbrochen, der mit der ge- wöhnlichen Redeusart, mit welcher ein Cerin- gerer der Dame vom Hause angekündigt wird, sagte:«Es wolle jemand mit Ihro Gnaden sprechen.* 198 Jemand? Was fär ein Jemand? Hat er keinen Namen? Ihr sprecht, als ob ich einen Laden hielte, und auf Jedermanns Pfeife kommen müſste.“ «Ja, er hat einen Namen,“ erwiederte Gudyill, aber Eure Gnaden hören ihn nicht gern.“ Wer ist'’s, Ihr Narr i Es ist Kälber-Cilbert, gnädige Frau,“ ant- wortete Gudyill mit einem Tone, der fast lauter war, als es der ehrerbietige Anstand erlaubte, welchen er bisweilen überschritt, im Vertrauen auf seine Verdienste, als ein treuer Diener des Hauses, der bey seiner Herrschaft auch in ihren gesunknen Glücksumständen aushielt:«Es ist Kälbert-Gilbert, wenn's Ihro Gnaden durchaus wissen wollen, der drüben an der Brücke Adam Henschaw'’n die Kühe hütet; derselbe, der in Tillietudlem Cänse-Cilbert hiefs, und bey der Wallenschau»—— «Schweigt, Gudyill; Ihr seyd sehr unverschämt zu glauben, daſs ich mit solchen Menschen spreche. Er mag sein Geschäft bey Euch, oder bey Frau Headrigg anbringen.“ «Davon will er nichts hören, gnädige Frau; er sagt, die, welche ihn geschickt, hätten ihm geheifsen, das Ding nur Euch selbst, oder Lord Evandale zu übergeben, er weiſs nicht recht, 299 wem. Aber die Wahrheit zu sagen, hat er ein Bischen was in der Krone, und ohnedem ist er auch ein Einfaltspinsel.“ «Dann weist ihn fort,“ sagte Frau Margarethe. Laß hn⸗ er soll morgen wieder kommen, wenn er nüchtern ist. Ich vermuthe, er wird um eine milde Gabe bitten wollen; als ein alter Diener des Hauses.“ „Sehr wahrscheinlich, gnädige Frau; denn er —„ Snädig; ist ganz zerlumpt, der arme Kerl.“ Cudhyill machte noch einen Versuch, Gilberts Auftrag zu erfahren, der in der That von der höchsten Wichtigkeit war; einige Zeilen von Morton an Lord Evandale, die ihm die Gefahr . meldeten, in welche Olifants Ränke ihn seizten, und ihn ermahnten, entweder sogleich zu fliehen, oder nach Glasgow zu kommen, und sich zu ergeben, wo er ihm Schutz zusichern könne. Diesen eilig geschriebnen Zettel vertraute er Gilbert an, den er an der Brücke bey der Heerde fand, und gab seinem Verlangen, daſs es auf der Stelle an Lord Evandale abgegeben werden sollte, durch ein Paar Thaler Nachdruck. Aber es stand in den Sternen geschrieben, Gänse-Cilberts Vermittlung, mochte er als Bote oder als Bewaffneter dienen, sollte dem Hause Tillietudlem nur Unglück bringen; unglückli- 200 cherweise säumte er so lange in dem Bierhause, zu erproben, ob das empfangne Geld gut sey, dafs, als er endlich in Fairyknowe anlangte, der wenige Verstand, mit dem die Natur ihn aus- gestattet, in Bier und Branntwein ertrunken war. Anstatt daher nach Lord Evandale zu gen, verlangte er Frau Margarethe zu sprechen, deren Name ihm geläufiger war. Da er nun nicht vor- gelassen ward, taumelte er fort, ohne den Brief abzugeben, Mortons Befehlen in dem einen Punkte hartnäckig treu, in welchem er wohl- gethan hätte, ihnen nicht zu gehorchen. Wenig Augenblicke nachher trat Edithe in das Zimmer. Lord Evandale und sie sahen sich mit einer Verlegenheit wieder, die Frau Mar⸗ garethe, welche nur im Allgemeinen wuſste, dafs die Verbindung wegen ihrer Enkelin Un- päſslichkeit aufgeschoben worden war, der Ver- schämtheit einer Braut und eines Bräutigams zu- schrieb. Um beyden Zeit zur Fassung zu geben, fing sie an, mit Frau Emilien von sleichgültigen Gegenständen zu sprechen. Sogleich sagte Edithe, bleich wie der Tod und mehr murmelnd als flüsternd, zu Lord Evandale, sie wünsche mit ihm allein zu reden. Er bot ihr den Arm, und führte sie in das kleine Vorzimmer, welches, wie wir vorher erwähnt haben, an den Gesell- schaftssaal stiefs. Er leitete sie zu einem Stuhl, 201 und sich selbst einen nehmend, erwartete er, dafs sie das Gespräch eröffnen werde. «Ich bin tief bekümmert, Lord Evandale,“ waren die ersten Worte, die sie müt Anstrengung lpelen konnte:«ich weiſs kaum, was ich sagen wollte, noch wie ich es sagen soll.“ «Wenn meine Gegenwart Theil an Eurer Un- ruhe hat, Edithe,“ erwiederte Lord Evandale sanft, so werdet Ihr Euch bald davon erlöst sehen.“ «Ihr seyd also entschlossen, mein verehrter Freund, diesen verzweifelten Schritt zu thun, in Gemeinschaft mit Menscnen„ die Alles wagen müssen, trotz Eurer eignen bessern Einsicht— trotz Eurer Freunde Bitten, trotz des unver- meidlichen Verderbens, denen er Euch entgegen- führt 5⸗ «Verzeiht mir, mein Fräulein; selbst Eure Bekümmernifs um mich darf mich nicht zuriück- halten, wenn mich die Ehre ruft. Meine Pferde stehen gesattelt, meine Diener sind bereit, das Zeichen zum Aufstande wird gegeben, sobald ich Kilsyth erreicht.— Ist es mein Schicksal, das mich ruft, so will ich ihm nicht ausweichen, ich will ihm entgegen gehen. Es wird doch etwas seyn,“ setzte er hinzu, indem er ihre Hand ergriff,«wenn ich sterbend Euer Mitleid 202 gewinne, da ich Eure Liebe nicht erwerben kann.“ 0 mein Freund, bleibt!“ sagte Edithe mit einer Stimme, die ihm ins Herz drang. Die Zeit kann das seltsame Ereigniſs aufklären, das ieh so tief ergriffen hat. Meine erschüttert e- bensgeister können wieder ihre Ruhe erlangen. O stürzt Euch nicht in Tod und Verderben! Bleibet, unsre Stütze und unser Schutz zu seyn, und hoſfet Alles von der Zeit.“ «Es ist zu spät, Edithe! und ich wäre sehr unedelmüthig, wenn ich Eure Wärme und Freundlichkeit für mich zu meinen Gunsten miſsbrauchen wollte.— Ich weiſs, Ihr könnt mich nicht lieben. Eine so starke Gemüths- erschütterung. daſs sie Todte heraufbeschwören, oder Abwesende Euren Blicken vorführen kann, deutet auf eine zu mächtige Vorliebe, um je der Freundschaft und Dankbarkcit allein Raum zu geben. Aber wäre es auch anders: das Loos ist nun geworfen!“ Als er so sprach, stürzte Luthbert mit er- schrocknen Blicken und hastigem Wesen in das Zimmer. «Enäd'ger Herr, verbergt Euch!» rief er athemlos; sie haben die Ausgänge des Hauses besetzt!" «Sie? Werpy fragte Lord Evandale. «Ein Haufen Reiter, den Basil Olifant an führt,“ antwortete Luthbert. c verbergt Euch!» rief Edithe in der ent- setzlichsten Angst. Beym Himmel, das will ich nicht!“» erwie- derte Lord Evandale.«Welches Recht hat der Schurke, mich anzugreifen, oder mir den Weg zu hemmen? Ich will mir meinen Weg bahnen, und stände er an der Spitze eines Regiments! Heiſst Halliday und Hunter die Pferde heraus- führen! Und nun lebt wohl, Edithe! Er nahm sie in seine Arme, und küſste sie zärtlich. Darauf von seiner Schwester sich los- reissend, die mit Frau Margarethen ihn zu hal- ten suchte, stürzte er aus dem Zimmer, und schwang sich auf's Pferd. Alles war in Verwirrung. Die Frauen schrieen und eilten bestürzt zu den vordern Fenstern des Hauses, aus denen sie eine kleine Schaar Reiter sehen konnten, worunter nur zwey Soldaten zu seyn schienen; sie befanden sich auf dem offnen Platze vor Luthberts Wohnung, am Fuſse des Abhanges, der sich vom Hause hinuntersenkte. Sie näherten sich mit Vorsicht, als wüſsten sie nicht recht, wie stark es besetzt sey. 204 «Er kann entkommen! Er kann entkommen!* rief Edithe. O schlüg' er doch den Seitenweg ein! Allein Lord Evandale war entschlossen, einer Gefahr die Stirn zu bieten, die sein hoher Muth zu gering achtete. Er befahl seinen Dienern, ihm zu folgen, und ritt geſaſst den Abhang hin- unter. Der alte Gudyill eilte, sich zu bewaffnen, und Luthbert brachte ein Gewehr herbeyge- schleppt, das man zur Beschützung des Hauses aufbewahrte, und folgte zu Fufse Lord Evandale. Umsonst hing sich seine Frau, die auf den Lärm herbeygelaufen war, an ihn, und drohte ihm den Tod durch Schwerter oder Strick, wenn er sich in andrer Leute Sachen mischte. «Halt's Maul, Du Gans! versetzte Luthbert; «wenn das nicht verständlich gesprochen ist, so weiſs ich's nicht. Sind das andrer Leute Sachen, wenn Lord Evandale vor meinen leibhaftigen Augen ermordet wird?“ Und damit lief er die Anhöhe hinunter. Un- terwegs aber erwog er, daſs er allein das ganze Fuſsvolk ausmachte, da Hans Gudyill noch nicht da war; er nahm also seinen Posten hinter der Hecke, schärfte seinen Feuerstein, spannte den Hahn, und auf den Junker Basil, wie er genannt ward, zielend, stand er schufsfertig. 2⁰05 Sobald Lord Evandale erschien, breitete sich Olifants Haufen ein weniger aus, als wenn man ihn einschlieſsen wollte. Der Führer hielt Stand, von drey Männern unterstützt, von denen zwey Dragoner waren, der Dritte aber Tracht und Ansehn eines Landmannes hatte. Alle waren wohlbewaffnet, aber die kräftige Gestalt und das entschloſsne Wesen des Dritten dieser Begleiter machten ihn zu dem furchtbarsten der Schaar, und wer je ihn vorher gesehn hatte, konnte kei- nen Augenblick Balfour von Burley verkennen. «Folgt mir!“ sprach Lord Evandale zu seinen Dienern,«und widersetzen sie sich uns gewalt- sam, so thut, was ich thue.“ . Darauf sprengte er auf Olifant zu, und war eben im Begriff zu fragen, warum er so den Weg besetzt habe, als jener rief:„Schiefst den Verräther nieder!“ worauf alle vier ihre Gewehre 1 auf den Unglücklichen losfeuerten. Er schwankte im Sattel, griff nach der Halfter und zog ein Pistol hervor, aber unvermögend, es abzudrük- ken, stürzte er tödtlich verwundet vom Pferde. Die Diener hatten angelegt. Hunter schofſs sein Gewehr auf's Cerathewohl ab, Halliday indessen, ein unerschrockner Kerl, zielte auf Inglis und streckte ihn todt nieder. Im nämlichen Augen- blicke rächte ein Schufs, der hinter der Hecke vorkam, Evandale noch wirksamer; denn die 206 Kugel flog Basil Olifant gerade an die Stirn und warf ihn leblos vom Pferde. Seine Begleiter, bestürzt über diese schnelle That, schienen fast Lust zu haben, unthätig zuzusehen, als Burley, dessen Blut durch den Kampf in Wallung ge⸗ kommen war, rief: Nieder mit den Midia- niten!» und mit dem Schwert in der Hand auf Halliday eindrang. Zugleich ward das Geräusch von Hufschlägen gehört, und eine Reiterschaar kam den Weg von Clasgew her eiligst heran- gesprengt. Es waren fremde Dragoner, die der Holländische Oberst Wittenbold anführte. Mor- ton und eine obrigkeitliche Person begleiteten ihn. Einer raschen Aufforderung in Cottes und des Königs Wilhelm Namen, gehorchten Alle, aus- ser Burley, der sein Pferd umwendete und zu entfliehen versuchte. Auf den Befehl der Offi- ciere folgten ihm mehrere Soldaten, aber da er schr gut beritten war, schienen nur die beyden Vordersten ihn einholen zu können. Zweymal wandte er sich bedächtig um, und beyde Pistolen nach einander abfeuernd, befreyte er sich von dem Einen der Verfolgenden, den er tödtlich verwundete, und dann von dem Andern, indem er ihm das Pferd unter dem Leibe erschoſs; darauf sprengte er nach der Bothwellbrücke, wo- er zu seinem Unglück die Thore verschlossen und besetzt fand. Schnell umkehrend, ritt er zu. 2 07 einer Stelle, wo eine Furth zu seyn schien, und stürzte sich hinein, während die Pistolen- und Flintenkugeln seiner Verfolger ihn umsausten. Zwey davon trafen ihn, als er in der Mitte des Stromes war, und er fühlte sich gefährlich ver- wundet. Darauf lenkte er im Flusse sein Pferd nach dem eben verlafsnen Ufer zurück; zugleich winkte er mit der Hand, als wäre er entschlos- sen, sich zuwargeben. Die Reiter hörten daher auf, auf ihn zu schieſsen, und zwey davon ritten eine Strecke in den Flufs, um ihn zu ergreifen und zu entwaffnen. KAber jetzt ward klar, daſs nur Rache, nicht Rettung seine Absicht gewesen sey. Kaum waren ihm die heyden Soldaten nahe, als er dem Einen einen Schlag an den Kopf gab, daſs er vom Pferde taumelte. Der andre Dragoner aber, ein starker, kräftiger Mann, hatte inzwischen Hand an ihn gelegt. Burley packte ihn an der Kehle, wie ein sterbender Tiger seine Beute ergreift, und als sie im Ringen Beyde den Sattel verloren, stürzten sie in den Flufs, und wurden mit der Strömung hinab- geführt. Ihr Weg ward durch das Blut bezeich- net, das über der Wasserfläche aufwallte. Zwey- mal sah man sie auftauchen, der Holländer suchte zu schwimmen, die Art aber, wie Burley ihn umklammert hielt, zeigte, daſs er die AP- sicht hatte, ihn mit sich in den Untergang zu zichen. Den Fluſs weiter hinunter, zog man ihre Leichen aus dem Wasser. Balfours Hände hatten so fest gepackt, dafs man ihn nicht von seinem Gegner lösen konnte, ohne sie abzuhauen; beyde wurden daher in ein eilig bereitetes Grab geworfen, das noch jetzt ein roher Stein und eine rohere Inschrift bezeichnet*). Während die Sceele des finstern Schwärmers zur Rechenschaft hinüber eilte, sward auch die des tapfern, hochherzigen Lord E andale enlöst. Morton hatte sich vom Pferde geworſen, als er seine Lage wahrnahm, dem sterbenden Freund *) Gencigter Leser! Ich ersuchte meinen werthen Freund, Peter Stolzfufs, einen reisenden Kaufmann, der im ganzen Lande wegen seines billigen und redlichen Verfahrens bekannt ist, sowohl im Handel mit Muslinen und Batist-Muslinen, als in dem, mit kurzer Waare, mir. wenn er wieder in jene Gegend reiste, eine Absckrift von obbesagtem Epi- taphium zu verschaffen. Nach seinem Bericht, wel- chem ich keine Ursache zu mifstrauen habe, lautet es folgendergestalt: Hier liegt ein Frommer, gegen die Prälaten ent- brannt, Hans Balfour von Kinloch, auch Burley genannt. Um Rache zu nehmen auf er stuad Für den Covenant und den heiligen Bund. Durch ihn in Fife, auf dem Magusmoor, Jakob Sharp, der Abtrünnige, das Leben verlor. Wund von der Holländer Hieb und Schufs Ertrank er allhier in diesem Fluſs, 209 die Häülfe zu verschaffen, die in seiner Macht stand. Evandale kannte ihn, denn er drückte seine Hand, und unfähig zu sprechen, deutete er durch Zeichen seinen Wunsch an, nach dem Hause gebracht zu werden. Dies geschah mit der möglichsten Sorgfalt, und bald war er von seinen jammeraden Freundinnen umringt. In- niger als die lauten Klagen Emiliens war Edi- thens schweigender Schmerz. Ohne einmal Mor- tons Gegenwart zu bemerken, hing sie über dem Sterbenden, und nicht eher wurde sie gewahr, dafs das Schicksal, einen treuen Freund ihr raubend, einen andern ihr gleichsam aus dem Grabe zurückgeführt habe, bis Lord Evandale, Beyder Hände ergreifend, sie liebevoll drückte, und sie in einander legend, das Antlitz erhob, als flehe er Segen auf sie herab. Darauf sank er zurück, und verschied im nächsten Augenblick. 210 2————ℳͤ— ſ:ê Ü Vê êVqNêꝑ ê’ſ’ſsAͤ́n’AAAmnnn Secnluts. —.— Ich hatte mir vorgenommen, um die Mähe ei- nes Schlufskapitels zu ersparen, des Lesers Ein- bildungskraft alles zu überlassen, was nach Lord Evandales Tod nothwendig folgen mufste. Da ich indessen kein stützendes Beyspiel für ein Verfahren finden konnte, das im Grunde Lesern und Verfassern anstehen muſs, gerieth ich in groſse Verlegenheit, als ich zum Glück mit einer Einladung zum Thee von der Jungfer Martha Buskbody beehrt ward. Diese Jungfer Martha ist ein junges Frauen- zimmer, das in Gandercleugh und in der Um: gegend mit groſsem Erfolge seit ohngefähr vierzig Jahren das Frauenschneiderhandwerk treibt. Da ich ihren Geschmack an Erzählungen dieser Art kannte, so bat ich sie, den Morgen des Tages, an dem ich zu ihr geladen war, die Blätter durchzulesen, und mich mit der Erfahrung zu 211 unterstützen, die sie als Mitglied dreyer Lese- gesellschaften in Gandercleugh und den zwey nächsten Marktflecken erlangt haben muſste. Als ich mit pochendem Herzen den Abend vor ihr erschien, fand ich sie sehr in der Stimmung, mir Complimente zu sagen. Nie,“ sagie sie, indem sie die Gläser ihrer Brille abwischte,«hat mich ein Noman mehr gerührt, wenn ich etwa die Geschichte Jakobs und Hannchens Jassamy ausnehme, die gar zu herzerschütternd ist; aber Ihr Einfall, einen förmlichen Schlufs auszulassen, taugt gar nichts. Sie können im Verlauf Ihrer Erzählung unsre Nerven bearbeiten und zerreissen, wie's Ihnen nur beliebt, aber wenn Sie nicht den Geist des Verfassers der Julie de Roubigné haben, so dür- fen sie das Ende nicht ganz in dunkle Wolken hüllen. Lassen Sie einige Sonnenstrahlen durch- dringen. Dies ist wesentlich nöthig.“ „Nichts würde leichter für mich seyn, Made- moiselle,“ erwiederte ich,«als Ihrem Befehl zu gehorchen, denn wirklich, die Personen, an denen Sie so gütigen Antheil nehmen, lebten lange und glücklich, und zeugten Söhne und Töchter.“* „ Es ist gerade nicht nöthig,“ versetzte sie mit etwas verweisender Miene, dafs sie lange bey 212 ihren ehelichen Freuden verweilen. Aber was hält Sie ab, uns im Allgemeinen einen Schim- mer ihres künftigen Clückes sehn zu lassen bo «In der That, Mademoiselle, Sie müssen be- merkt haben, wie jeder Roman nach und nach weniger interessant wird, wenn der Verfasser sich zum Schlusse neigt, gerade wie Ihr Thee, der zwar ganz herrlicher Heysan ist, dennoch in der letzten Tasse schwächer und unschmackhafter seyn mufs. So wie un, denk' ich, dieser kei- nesweges dadurch gebessert wird, daſs man am Ende auf dem Boden ein widrigsüfses Stückchen halbaufgelösten Zucker findet, so bin ich auch der Meinung, daſs das einer kraftloser und matter werdenden Erzählung nur Krücken unterschieben heifst, wenn ihr Verfasser Umstände ausmalt, die jeder Leser schon muſs vorausgesehen haben, und wenn er auch alle Blumen und Bilder der Sprache dabey erschöpft.“ «Das will mir nicht gefallen, Herr Pattieson, ſing meine Wirthin wieder an: Sie haben, um mich so auszudrücken, Ihre Geschichte am Ende mit fingerlangen Heftstichen zusammengenäht; und ich in meinem Gewerbe würde der jüngsten Lehrlingin etwas hinter die Ohren geben, wenn sie mir ein solches abscheuliches, verpfuschtes Stück Arbeit aus der Hand legte. Und wenn 8ie nicht diesen groben Fehler dadurch wieder gut 213 machen, dafs Sie uns Alles von der Heyrath zwischen Morton und Edithen erzählen, und was aus den andern Personen der Geschichte geworden ist, von Frau Margarethen an bis zu Gänse-Cilbert, so wird Sie kein Mensch loben können.“ Gut also, Mademoiselle,“ antwortete ich, cich habe noch so viel vorräthig, uaſs ich hoffe, Ihre Neugierde befriedigen zu können, wenn sie nicht etwa sich zu ganz unbedeutenden Dingen herabläſst.“ „Zuerst also,“ sagte sie, denn das ist etwas Wesentliches, bekam Frau Margarethe ihr Ver- mögen und ihr Schlofs wieder?* «Allerdings, Mademoiselle, und auf dem leichtesten Wege von der Welt, nämlich als Erbin ihres würdigen Vetters, Basil Olifants, der ohne Testament starb, und so durch seinen Tod das Glück derer nicht allein wieder her- stellte, sondern sogar vermehrte, die er während seines Lebens mit der ausgesuchtesten Bosheit verfolgt hatte. Hans Gudyill ward wieder in seine Würde eingesetzt, und machte sich wich- tiger, als je; dem entzückten Luthbert aber ward von Neuem die Bebauung der Felder von Tillietudlem überlassen, und seine alte Woh- nung wieder gegeben. Nie hörte man ihn in⸗ 214 dessen, schlau und vorsichtig, wie er war, sich rühmen, daſs er die glickliche Kugel abgefeuert, welche die Edelfrau wieder in den Besitz ihrer Cüter gesetzt. Bey Allem,“ sagte er zu Hann- chen, seiner einzigen Vertrauten, war er der Vetter der Herrschaft und ein vornehmer Herr, und wenn er auch wider die Gesetze handelte, wie ich mir habe sagen lassen, denn er zeigte weder einen Verhaftsbefehl vor, noch forderte er Lord Evandale auf, sich zu ergeben, und wenn ich ihn auch nur gerade so todt schoſs, wie man einen Wasserhahn todt schiefst, so ist's doch besser, man behält's für sich.“ Er that nicht allein das, sondern wuſste auch sehr ge- schickt das Gerücht zu verbreiten, daſs der alte Gudyill die That verrichtet, was ihm manches Glas Branntwein von dem Kellermeister ein- brachte, der, ganz anders gesinnt, ais Luthbert, mehr geneigt war, seine Heldenthaten zu über- treiben, als zu unterdrücken. Für die blinde Wittwe ward auf's Beste gesorgt, so wie für die kleine Führerin nach dem Wasserfall; und“— «Aber sas ist das Alles gegen die Heyrath— die Heyrath der Hauptpersonen,“ unterbrach mich Jungfer Buskbody, ungeduldig eine Prise Tabak nehmend. «Die Heyrath Mortons und Fräulein Bellendens Ward einige Monate auſgeschoben, wWeil beyde 215 wegen Lord Evandales Tod tief trauerten. Dar- auf vermählten sie sich.“ «Ich hoffe, nicht ohne die Einwilligung der Frau Mangarethe, Herr Pattieson. Ich liebe die Bücher, welche jungen Leuten pflichtschul- digen Gehorsam gegen ihre Eltern lehren. In einem Roman miüssen sie sich ohne den Willen derselben verlieben, weil dies zur Verwicklung der Geschichte durchaus nothwendig ist, aber zuletzt müssen sie so glücklich seyn, ihre Ein- willigung zu bekommen. Selbst der alte Del- ville nahm Cecilien auf, obwohl sie die Tochter eines Mannes von niedrer Geburt war“*). Eben so, Mademoiselle, ward auch Frau Margareihe bewogen, Morton als Sohn anzu- erkennen, obwohl der alte Covenanter, sein Vater, ihr eine Zeitlang sehr schwer auf dem Herzen lag. Edithe war ihre einzige Hoffnung, und sie wünschte sie glücklich zu sehn. Morton, oder Melville-Morton, wie er allgemeiner ge- nannt ward, genofs in der Welt eines so hohen Rufes und war in jeder Hinsicht eine so vor- zügliche Parthie, daſs sie ihr Vorurtheil bey Seite setzte, und sich mit dem Gedanken tröstete, dafs die Ehen im Himmel geschlossen werden, *) Ceeilie, ein beliebter Roman der Frau Burney: 216 wie, nach ihrer Erzählung, Seine allerheiligste Majestät, Karl der Zweyte, höchstseligen An- denkens, bemerkt habe, als sie ihm die Bilder ihres Groſsvaters Fergus, des dritten Grafen von Torwood, des schönsten Mannes seiner Zeit, und der Gräſin Johanna, seiner zweyten Gemahlin, zeigte, welche einen Höcker und nur ein Auge hatte.„Dies waren Seiner Majestät höchsteigne Worte,“ setzte sie hinzu, an jenem merkwür- digen Morgen, als er sich herablieſs, sein De- jeuner“—— „Nun,“ fiel Jungfer Buskbody mir wieder ins Wort,«wenn sie ihre Einwilligung zu einer Miſsheyrath auf diese Weise zu rechtfertigen weiſs, so läfst sich nichts mehr sagen. Was aber ward aus der alten Fraub— wié hiefs sien — der Haushälterin 5 «Frau Wilson, Mademoiselle,“ antwortete ich. „Sie war vielleicht die Glücklichste von Allen; denn einmal im Jahre und nicht öfter, aſs der General Melville-Morton mit seiner Gemahlin zu Mittag in dem groſsen getäfelten Zimmer, wo alles in feyerlichen Stand gesetzt war, die Tapeten ausgebreitet, die Decken hingelegt, und die groſsen Metall-Leuchter, ringsum mit Lor- beerblättern besteckt, auf dem Tische standen. Die Vorbereitungen zu diesem jährlichen Feste beschäftigten ihre Seele sechs Monate vorher, ehe 217 3 es herankam, und die übrigen sechs Monate hatte sie zu thun, wieder Alles in Ordnung zu bringen, so daſs ein einziger Tag der Freude ihr für das ganze Jahr Geschäfte gab.“ Und Nikolaus Blanep* Lebte bis in sein spätes Alter, trank Bier und Branntwein mit Cästen jedes Glaubens, war Whig oder Jakobit, wie's seinen Kunden gerade am besten geſiel, und starb als ein so reicher Mann, daſs er Hannchen an einen Gutsbesitzer verheyrathete. Ich hoffe, Mademoiselle, jetzt haben Sie weiter keine Fragen zu thun, denn in der That»—— «Gänse-Gilbert, Herr Pattieson— Cänse- Gilbert, dessen Botschaft so wichtige Folgen für die Helden Ihrer Geschichte hatte“—-— Bedenken Sie, beste Jungfer Buskbody(ich bitte um Vergebung für diese trauliche Benen- nung), bedenken Sie, dafs selbst das Gedächtniſs der berühmten Sherzerade, der Kaiserin aller Erzählerinnen, nicht jeden Umstand aufbewah- ren konnte. Ueber das Schicksal Cänse-Gilberts bin ich etwas in Ungewiſsheit, aber ich bin geneigt zu glauben, daſs es der Nämliche mit einem gewissen Gilbert Duddee, auch Kälber- Cilbert, ist, der in Hamilton wegen Hühner- diebstahl ausgepeitscht wurde.“ 218 1 Jungfer Buskbody schlug jeizt ihre Füfse über einander, legte sich auf ihren Stuhl zurück, und blickte an die Decke. Als ich sie diese nachdenkende Stellung annehmen sah, schlois ich, dafs sie sich auf eine neue Querfrage be- sönne, nahm darum schnell meinen Hut, und wünschte ihr eilig gute Nacht, ehe der böse Geist der Kritik sie mit neuem Stoff zum Examen versehn konnte. Gleicherweise, geneigter Leser, bin ich so frey, indem ich Dir für die Geduld danke, die Dich bis hieher geführt hat, mich für jetzt auch Dir zu empfehlen. Anzeige. Die bereits erschienenen Bändchen der Taschenbibliothek der ausländischen Klassiker, welche durch alle Buchhandlungen zu haben snd, enthalten: Band 1— 2. Voltaire's Candide; übersetzt von Si- gismund. 2 Thle. 3. Moliere's Tartüff; von Dr. Langen- beck. 4— 6. Voltaire's Karl XII.; von M. Stein. 3 Thle.— 7. Byron's Poesien; von J. Kerner, 13— 17. Heinr. Döring, Tkeod. Hell, 21— 26. A. Schumann, u. s. w. 12 Thle. 8. Shakespeare's Timon; von G. Regis. 9— 10. Torq. Tasso's lyrische Gedichte; von K. Förster. 2 Thle. 11— 12. Virgils Aeneide; von Dr. Nürn- 27— 28. berger. 4 Thle. 18— 19. Alfieri's Tyranney; von II. Schwei- zer. 2 Thle. Band 20. Torq. Tasso's Amyntas; von H. L. v. Danford. 29— 30. W. Scott's Jungfrau vom See; von Willib. Alexis. 2 Thle. 31— 34. dessen Guy-Mannering, oder der Sterndeuter; v. Wilhel mine Ger- hard. 4 Thle.— 35— 36. Guarini's treuer Schäfer; von H. Müller. 2 Thle. 3 7— 36. Thomson's Jahreszeiten; von Dr. Schmitthenner. 2 Thle. 39— 40. Delille's Landmann; von Dr. Georg Döring. 2 Thle. 41— 42. Thom. Moore's Lalla Rookh; von M. Witthaus. 2 Thle. 43— 44. W. 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