Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und afranzö öſiſcher Literatur Eduard Ollmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Leſeb Aeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme zund Rückgabe der Bücher jeden Tag von U Gens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme. eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe * binterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wi 5 b 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt für achentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: — 1r d0 Tf—* erf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mk.— 85 Asyurtige Avonnenten haben für Hin⸗ und neinervin der Bücher auf ihre eig eenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und* defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezei 1. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 4— ——— Taschenbibliothek 3 der ausländischen Klassiker, in neuen Verdeutschungen. N. 75. Walter Scott's Romane. ——— Sechs und dreyſsigstes Bändchen. Walter Scott's Roman e. Aus dem Englischen. Sechs und drejſsigstes Bändchen. Die Presbyterianer. Dritter Theil. ———— * Zwickau, im Verlage der Gebrüder Schumann. 1825. 9 Die Presbyterianer. Dritte der Erzählungen meines Wirths. Von Walter Scott. Aus dem Englischen von Ernst Berthold. Drieeer T: heil. ——————————ͤ Zwickau, im Verlage der Gebrüder Schumann. 18˙2 3. Drey und zwanzigstes Kapitel. — Mit leichter Müh' gewonnen— nun zu Pferde, frisch! Heinrich IV. Erster Theil- Schlegelsche Uebersetzunß- — ——— Mit dem frühsten Tageslichte erwachte Heinrich und fand den treuen Luthbert neben seinem Lager stehen, einen Mantelsack tragend. 8„Ich habe nun Eure Sachen in Ordnung ge- bracht, Herr Junker,“ sagte er,«ehe Ihr auf- 4 wachtet, wie es meine Pflicht ist, da Ihr die Güte gehabt habt, mich in Eure Dienste zu 4 nehmen.“ Ich Dich in meine Dienste nehmen, Luth- bert?» wiederholte Morton. ᷣDu träumst wohl f «Ne, ne, lieber Herr,“ antwortete Luthbert; «sagte ich Euch denn nicht da unten, als ich ans Pferd gebunden war, daſs ich Euer Diener seyn wollte, wenn Ihr je loskommen solltetb Und Ihr sagtet nicht nein dazu. Wenn das nicht Miethen ist, so weiſs ich's nicht. Ihr habt mir freylich kein Miethgeld gegeben, aber vorher, in Milnwood, hab' ich ja genug von Euch gekriegt.» «Gut, Luthbert, wenn Du denn darauf bestehst, es auf mein ungünstiges Glück zu wagen“—— «, da bin ich gut dafür,“ antwortete Luth- bert fröhlich,„das wird schon wieder günstig werden für uns Alle, wenn nur erst meine alte Mutter untergebracht wäre! Ich habe das Kriegs- handwerk bey einem Ende angefangen, wo es recht leicht zu lernen ist.“ «Mit Plündern, wahrscheinlich Pv versetzte Morton;„denn wie kämst Du sonst zu dem Man- telsack 5 «Ich weiſs nicht, ob das Plündern heifst, oder wie Ihr’s sonst nennt,“ erwiederte Luthbert; aber man wird bald damit vertraut, und's ist ein einträglich Gewerbe. Unsere Leute hatten schon die todten Dragoner ausgezogen, ganz splitternackt, noch ehe wir loskamen; aber als die Whigs dem Pauker und dem Andern zu- hörten, da macht' ich mich auf die Socken, um auch für mich und Euch etwas zu suchen. Ich ging so dem Sumpf entlang, rechts hinauf, und 9 sah an den Spuren, dafs Pferde da gegangen waren, bis ich an eine Stelle kam, wo es bunt hergegangen war; denn die armen Teufel lagen da in ihren schönen Kleidern, gerade wie sie sie den Morgen angezogen hatten. Kein Mensch war noch zu der Leichenkammer gekommen; und wen fand ich mitten darunter 5 Unsern alten Be- kannten, den Wachtmeister Bothwell.“ «Sob ist er gefallen P fragte Morton. «Freylich!» erwiederte Luthbert.«Die Augen waren offen, die Stirne gerunzelt und die Zähne zusammen geklemmt, wie eine Marderfalle, wenn die Feder nieder ist. Ich fürchtete mich fast, ihn anzuschen, aber ich dachte, der hätt's wohl an mir verdient, und so macht' ich mich über seine Taschen, wie er's mit manchem ehr- lichen Mann gemacht hat. Und da ist Euer Cold wieder, oder Eures Oheims Gold, das ist ja gleich, was er Euch in Milnwood nahm, an dem unseligen Abend, der uns beyde zu Soldaten ge- macht hat.“ «ᷣDavon können wir ohne Sünde Gebrauch machen,“ sagte Morton, da wir wissen, wie er dazu gekommen ist. Aber Du muſst es mit mir theilen, Luthbert!»* «Wartet ein Bischen, wartet ein Bischen!» erwiederte Luthbert:«Seht, da ist ein Ringel- chen, das hatt' er an einem schwarzen Bande um den Hals hängen. Ich denke, es wird wohl 10 ein Liebesandenken seyn. Der arme Teufel! 's ist doch niemand so rauh, daſs ihn nicht die Mädchen weich machten; und da ist auch ein Buch mit Geschriebenem; auch habe ich sonst noch allerley Zeug gefunden, das ich für mich behalten will.“ «Wahrhaftig, für einen Anfänger hast Du gute Beute gemacht,“ sagte Luthberts neuer Gebieter. «Nicht wahr 5 rief jener jauchzend.«Sagt’ ich Euch nicht, ich wär'’ gar nicht vernagelt, wenn's auf's Nehmen ankämeb— Und ausser- dem hab' ich mir zwey schöne Pferde angeschafft; ein armer Wicht von Leineweber, der Weber- stuhl und Haus verlassen hat, um hier in der kalten Haide zu schreyen, hatte zwey Dragoner- pferde aufgefangen, und nun wufst' er sie nicht zu füttern noch zu lenken; er gab mir sie also beyde für ein Coldstick. Ich hätte sie wohl für die Hälfte gekriegt, aber hier, an dem dummen Orte, hätt' ich doch kein klein Geld wechseln können. Das Geld fehlt, wie Ihr finden werdet, in Bothwells Beutel.“ Du hast einen prächtigen, nützlichen Handel gemacht, Luthbert; aber wie ist's mit diesem Mantelsack b“ «Der,“ antwortete Luthbert,«gehörte gestern dem Lord Evandale, und heute gehört er Euch. Ich fand ihn hinter einem Busche. Sehr Ihr, 11 ein blindes Huhn findet auch eine Perle! Ihr wiſst, wie's in dem alten Liede heifst: Mach links um, Mutter, sprach Thomas vom See." Und dabey fällt mir ein, ich muſs doch gehn, und mich ein Bischen nach meiner armen alten Mutter umsehn, wenn Ihr mir gerade nichts zu befehlen habt.*. «Aber Luthbert,“ sagte Morton,«ich kann wirklich dies Alles nicht ohne Belohnung von Dir annehmen.“— Ach, still doch, Herr!» fiel Luthbert ein: «nehmt'’s nur für jetat; die Belohnung ist ja in guten Händen. Ich habe mich schon selbst mit ein Paar Stück Sachen versehn, die sich besser für mich schicken. Was sollt' ich mit Lord Evandales schönen Kleidern machen p Die vom Wachtmeister Bothwell werden mir bessere Dienste leisten.“ Da Morton seinen aufgedrungenen, uneigen. nützigen Diener durchaus nicht bewegen konnte, aus dieser Kriegsbeute etwas für sich selbst zu behalten, so nahm sich Morton vor, die erste Gelegenheit zu benutzen, dem Lord Evandale. sein Eigenthum wieder zuzustellen, indem er voraussetzte, er lebe noch. Unterdeſs trug er kein Bedenken, Luthberts Recht für sich zu be- nutzen, und eignete sich unter den werthrollen 12 Dingen, welche der Mantelsack enthielt, einige Wäsche und andere unbedeutende Dinge zu. Er übersah darauf eilig die Papiere, die Both- wells Taschenbuch enthielt. Diese waren von sehr verschiedener Art. Oben lagen, ausser einem Namensverzeichnifs der Beurlaubten aus seiner Schaar, Wirthshausrechnungen, Listen von ver- dächtigen, zu bedrückenden Personen, und Be- fehle des Staatsrathes, gewisse, darin namentlich angeführte, Leute von Ausehn einzuzichen; in einer andern Tasche des Buches waren einige Patente und Dienstzeugnisse, die seinen Muth und seine kriegerischen Fähigkeiten sehr rühm- ten. Die merkwürdigsten Papiere darin waren aber ein sorgfältig ausgearbeiteter Stammbaum, Documente, seine Aechtheit zu beweisen, mit einem Verzeichnifs der sämmtlichen grofsen Be- sitzungen des geächteten Grafen von Bothwell, nebst einer besondern Angabe der Hofleute und Croſsen, welche der König Jakoh VI. damit be- schenkt, und deren Abkömmlinge noch im Besitz derselben waren. Darunter stand mit rothen Buchstaben, von der Hand des Verstorbenen ge- schrieben: Haud immemor. F. F. G. B., was wahrscheinlich Franz Stuart, Graf von Bothwell, bedeuten sollte. Bey diesen Zeugnissen, die so ganz die Sinnesweise und die Empfindungsart des verblichenen Eigenthümers bezeichneten, lagen einige Blätter, welche diesen in einem ganz an- 13 dern Lichte darstellten, als ihn der Leser bisher gesehen hat. In einer geheimen Tasche des Buches, die Morton nur mit Mühe entdeckte„befanden sich einige, von einer schönen Frauenhand geschrie- bene Briefe. Sie waren gegen zwanzig Jahre alt, ohne Aufschrift, und nur mit Anfangsbuchstaben unterzeichnet. Morton hatte keine Zeit, sie auf- merksam durchzulesen, eine flüchtige Durchsicht sagte ihm jedoch, dafs sie zierliche, aber zärt- liche Ausdrücke weiblicher Liebe enthielten, an einen Mann gerichtet, dessen Eifersucht sie be- sänftigen sollten, und über dessen ungestüme, argwöhnische, heftige Gemüthsart sie sanft klag- ten. Die Dinte der Handschrift hatte die Zeit gebleicht, und trotz der groſsen Sorgfalt, die sichtlich auf ihre Erhaltung gewendet war, war sie an einigen Stellen ganz unleserlich geworden. Es thut nichts,“ stand auf dem Umschlag derer, die am meisten beschädigt waren, ge- schrieben,«ich weiſs sie auswendig.“ Bey diesen Briefen lag eine Haarlocke einge- wickelt, in ein mit Versen beschriebenes Blatt, welche, nach Mortons Meinung, so viel Empfin- dung aussprachen, dafs man mit ihrer altfränki- schen Steifheit und ihren gezierten Wendungen, welche dem Geschmack des Zeitalters angehörten, sich leicht versöhnte: 14 Dn Mänzest, theures Pfand, in Deiner goldnen. 118121 Pracht, So vein als wie zuerst, in jener sel'gen Nacht, Zu Zauberringeln Dich Agnesens Hände wan- den, Und mir ihr lispelnd Wort:«Ich liebe Dich!* gestanden. Wie lang muſst Du seitdem nah diesem Busen wohnen, Nah seinem wilden Sturm und seinen glüh'nden Zonen, Den Rach' und grimm'ger Haſs zum Tempel 8 sich geweiht, Und jenes erste Kind der Hölle, bleicher Neid, Deſs Blut dem Meere gleicht, durchtost von Ungewittern, Und den jedweder Puls regt wie ein Erd- erschüttern. O pliebst von Gluthen Du und Stürmen unge- kränkt, Wie hätte Agnes sie gezähmet und gelenkt! Nicht hätt' ich rastlos mich und wild umher- getrieben, Wär’ sie mir Führerin auf meiner Bahn geblieben; Die Menschen würden mich, der Himmel mich nicht hassen, Wenn zie die Erde nicht, wenn sie nicht mich . verlassen! Nicht wäre diese Welt und ihre frevler Die einz'ge Freude dann„der frech zer 387 Brust; Heut auf tollkühner Jagd, verfolgen, stürzon, tödten, Und morgen Schwert und Dolch mit Menschen- blute röthen. Verderblich, heimathlos„ ungtät von Ort zu Ort Umherzuschweifen— ha! vom wüsten Bilde fort! Du hättest meinen Crimm mit seidnem Band gebunden, Geheilet hättest Du gie stolzentflammten Wunden, Die Menschen würden mich, mich würde Gott nicht hassen, Weng Pu die Erde nicht, wenn Du nicht mich verlassen!“ Als Morton diese Zeilen gelesen hatte, konnte er sich des Mitleids mit diesem sonderbaren und höchst unglücklichen Manne nicht erwehren, der, wie es schien, im niedrigsten Zustande der Ver- zweiflung, ja der Verächilichkeit, stets die Höhe der Gedanken hatte, auf welche seine Geburt ihm Anspruch zu geben schien; und der, wäh- rend er sich der rohsten Zügellosigkeit iiberliefs, im Ceheim mit bittrer Reue auf den Zeitpunkt 16 «einer Jugend zurücksah, während dem er eine tugendhafte, obwohl unglückliche Neigung ge- nährt hatte. Ach! was sind wir,“ sagte Morton, daſs unsere besten und preiswürdigsten Gefühle so erniedrigt und entwürdigt werden können, daſs edler Stolz zu hochmüthiger und verzweifelter Gleichgültigkeit gegen die öffentliche Meinung herabsinken kann, und die Leiden über hinge- schiedene Liebe in demselben Busen wohnen können, wo Zügellosigkeit, Rachsucht und Raub- gier einheimisch sind? Aber so ist's überall. Die freysinnigen Grundsätze eines Menschen sin- ken zu kalter, gefühlloser Gleichgültigkeit berab, und einen Andern reifst sein frommer Eifer zu wahnsinniger, wilder Schwärmerey. Unsere Eut- schliüsse— unsere Leidenschaften sind gleich den Wogen des Meeres, und ohne den Beystand des- sen, der die Menschenbrust gebildet ha„können wir nicht zu ihrer anschwellenden Fluth sagen: Bis hierher und nicht weiter!“ Nachdem er dies ernstlich erwogen, schlug er die Augen auf, und sah, daſs Burley vor ihm stand. 1 Schon wach bo sprach dieser.«Das ist wacker und zeigt Euren Eifer die Bahn, die vor Euch liegt, zu betreten.— Was sind dies für Schrif- ten py fuhr er fort. Morton erzählte ihm im Kurzen, was Luthbert 17 für einen glücklichen Fang gethan, und übergab ihm das Taschenbuch Bothwells„ nebst dem, was es enthalten hatte. Der Hauptmann sah die Papiere, die Geschäfte betrafen, aufmerksam durch, als er aber auf die Verse stiefs, warf er sie mit Verachtung weg. aIch dachte nicht,“ sagte er, als ich mit Gottes Segen diesem Hauptwerkzeuge der Crau- samkeit und der Zerstörung mein Schwert drey- mal durch den Leib stiefs, daſs ein so verwegner und gefährlicher Mensch mit einer so erbärm- lichen und unheiligen Kunst sich abgäbe. Aber ich sehe, Satanas weifs die verschiedensten Ei- genschaften in seinen liebsten und auserkornen Gehülfen zu vereinigen, und dieselbige Hand, die eine Keule oder ein Mordschwert gegen die Frommen im Thale der Zerstörung schwingen kann, vermag auch eine klingende Laute oder Zitter zu rühren, die Ohren der tanzenden Töch- ter der Verdammniſs zu vergnügen in ihrer eiteln Schöne.“ „ Eure Begriffe von Pflicht,» sagte Morton, aschliefsen also Liebe zu den schönen Künsten aus, von der man sonst doch glaubt, sie reinige und erhebe das Gemüth b Mir, junger Mann,“» erwiederte Balfour, und Allen, die wie ich denke, sind die Vergnügungen dieser Welt, unter welchen Namen sie sich auch verstecken mögen, lauter Eitelkeiten, wie die 73. 3 48 Gröfse und Macht der Welt nur Schlingen sind. Wir haben nur Eines zu thun auf Erden, das ist, den Tempel des Herrn zu erbauen.“ Ich habe meinen Vater sagen hören,“ ver- setzte Morton, dafs Viele, die sich im Namen Gottes Gewalt anmaſsten, eben so streng in ihrer Ausübung waren, und eben so wenig bereit, sie aufzugeben, als wenn allein die Beweggründe einer irdischen Ehrsucht sie angetrieben hätten. — Aber davon ein ander mal! Ist's Euch gelun- en, zu bewirken, daſs ein Ausschufs des Kriegs- rathes ernannt werde?“ Ja,“ antwortete Burley.«Die Anzahl ist auf gechs beschränkt, unter denen Ihr einer seyd, und ich komme, Euch zu den Berathungen zu holen. Morton begleitete ihn zu einem abgelegenen Rasenplatze, wo ihre Rathsgenossen sie erwar- teten. Beyde Hauptfactionen des ordnungslosen Heeres hatten Sorge getragen, drey aus ihrer Mitte zu diesen Bevollmächtigten zu erwählen. Aüf Seiten der Cameronianer waren Burley, Pau- ker und Macbriar, auf Seiten der Gemäſsigten Pfundtert, Heinrich Morton und ein kleiner Guts- besitzer, welcher der Junker von Langcale ge- nannt ward. So hielten sich die beyden Parſheyen in ihren Vertretern in diesem Wahlausschusse das Gleichgewicht, obwohl angenommen werden konnte, dafs diejenigen, welche die heftigsten ꝙ 19 Meinungen hegten, mit der gröfsten Kraft han- deln würden, wie es gewöhnlich in solchen Fällen zu geschehen pflegt. Sie führten inzwischen ihre Verhandlungen mehr als Männer von dieser Welt, als man es hätte nach ihrem Benchmen am vorhergehenden Abend erwarten sollen. Nach- dem sie ihre Mittel und ihre Lage, nebst der Wahrscheinlichkeit ihrer Verstärkung, reiflich erwogen, kamen sie- überein, daſs sie ihre Stel- lung den Tag über behaupten wollten, um ihre Leute sich erholen zu lassen, und neuen Zulauf abzuwarten; daſs sie aber morgen des Tages auf Tillietudlem losgehen, und diese Veste der Bos- heit, wie sie sie nannten, auffordern wollten, sich zu ergeben. Blieb ihre Aufforderung frucht- los, so beschlossen sie, einen tüchtigen Sturm zu versuchen; für den Fall, dafs dieser miſs- länge, ward ausgemacht, daſs sie einen Theil- ihrer Leute zurücklassen wollten, die Burg zu belagern, und sie wo möglich durch Hunger zu zwingen, während ihre Hauptmacht weiter vor- rücken sollte, um Claverhouse und Lord Rofs aus der Stadt Glasgow zu verjagen. Dies war der 3 Beschlufs des Kriegsraths; und so konnte leicht Mortons erste Unternehmung im thätigen Leben der Angriſf eines Schlosses werden, das der Crofs- mutter seiner Geliebten gehörte, und von ihrem Verwandten, dem Major Bellenden, vertheidigt ward, dem er selbst viele Verbindlichkeiten 20 hatte. Er selbst fühlte ganz das Verwirrende dieser Lage, tröstete sich jedoch mit dem CGe- danken, dafs sein nun erlangter Einflufs im Heere der Aufrührer ihm auf jeden Fall die Mit- tel geben würde, den Bewohnern von Tillietudlem einen Schutz angedeihen zu lassen, den ihnen kein anderer Umstand hätte gewähren können. Auch nährte er die Hoffnung, einen Vergleich zwischen ihnen und dem Presbyterianischen Heere zu Stande zu bringen, der ihnen während des bevorstehenden Krieges eine sichere Neutralität bewirken sollte. — 21 —— Vier und zwanzigstes Kapitel. —q—i Seht, wie ein Hitter die Wahnlstate verläſst, Jein Roſs von Regen und Blute durchnãäſss. F oular. — Wir müiissen nun zu dem Schlosse Tillietudlem und zu seinen Bewohnern zuriickkehren. Der Morgen, der erste nach der Schlacht am Loudon- hügel, dämmerte über seine Zinnen, und die Vertheidiger hatten bereits die Arbeiten begon- nen, durch welche sie den Platz haltbar zu machen hofften, als der Wächter auf dem hohen Wartthurm das Zeichen gab, dafs ein Reiter sich nähere. Wie dieser noch dichter ans Schlofs kam, gab ihn die Kleidung als einen Oficier der Leibwache zu erkennen, und die langsamen Schritte des Pferdes, wie die vorgebeugte Haltung des Reiters zeigte deutlich, dafs dieser krank oder verwundet sey. Das Pförtchen ward alsbald 22 zu seiner Aufnahme geöflnet, und Lord Evandale nitt in den Schlofshof, so durch Blutverlust er- schöpft, dafs er nicht ohne Beystand abzusteigen vermochte. Als er, auf einen Diener gelehnt, in die Halle trat, schricen die Damen auf vor ¹ Verwunderung und Schrecken; denn, bleich wie der Tod, von Blut befleckt, die Uniform be- schmutzt und zerrissen, das Haar wild und ver- wirrt, glich er cher einem Gespenste, als einem. lebenden Wesen. Aber ihr nächster Ausruf war der Ausdruck der Freude uber sein Entkommen. Cott sey Dank,“ rief Frau Margarethe, daſs Ihr hier und gerettet seyd aus den Händen der plutdürstigen Mörder, die so manchen treuen Diener des Königs niedergehauen haben!** Colt sey Dank, daſs Ihr hier seyd, und in Sicherheit, setzte Edithe hinzu.«Wir haben das Schlimmste gefürchtet. Aber Ihr seyd ver- wundet, und ich besorge, wir haben nur wenig Mittel, Euch beyzustehen.“ «Meine Wunden sind nur Schwerthiebe,“ ant- wortete der junge Lord, indem er sich auf einen Sessel niedersetzte.«Der Schmerz ist nicht der Rede werth, und ohne den Blutverlust würde ich mich kaum erschöpft fühlen. Aber es war nicht meine Absicht, durch meine Schwäche Eure Gefahr und Noth zu vermehren, sondern FEuch zu helfen, wo möglich. Was kann ich für Euch thunb— Erlaubt mir, fügte er, sich zu der 23 alten Dame wendend, hinzu:«erlaubt mir, als Euer Sohn zu denken und, zu handeln, meine beste gnädige Frau! Als Euer Bruder, Edithe!“ Er sprach die letzten Worte seiner Rede mit einigem Nachdruck, als ob er fürchtete, die Besorgnisse wegen seinen Ansprüchen als Bewer- ber, möchten seine angebotenen Dienste dem Fräulein lästig machen. Sie war nicht unem- pfindlich gegen sein Zartgefühl, aber es war jetzt nicht Zeit, Gefühle auszutauschen. «Wir rüsten uns zur Vertheidigung,“ antwor- tete Frau Margarethe mit vieler Würde. Mein Schwager hat den Befehl über unsere Besatzung iibernommen, und mit Cottes gnädigem Bey- stande wollen wir die Empörer so empfangen, wie sie es verdienen.“ «Wie gern,“ versetzte Evandale, wollt' ich an der Vertheidigung des Schlosses Antheil neh- men! Aber in meinem jetzigen Zustande würd' ich Euch nur eine Last seyn, ja, noch schlimmer; denn die Nachricht, dafſs ein Officier von der Leibwache im Schlosse sey, würde hinreichen, dafs diese Schurken Alles aufböten, zu seinem Besitz zu gelangen. Wenn sie es blos von den Hausgenossen vertheidigt finden, gehen sie viel- leicht nach Glasgow, che sie einen Sturm wagen.* «Und könnt Ihr so klein von uns denken, sagte Edithe, mit dem edeln Ausbruche des Ge- fühls, das die Frauen so oft verrathen„ und das 24 ihnen so gut steht; ihre Stimme eitterte vor Eifer und ihr Cesicht färbte die edle Wärme, die ihr ihre Worte eingab:«könnt Ihr so klein von Euren Freunden denken und glauben, daſs solche Bedenklichkeiten sie hindern würden, Euch Ob- dach und Schutz zu geben in einem Augenblicke, wo Ihr unfähig seyd, Euch zu vertheidigen, und wo die ganze Gegend mit Feinden angefullt ist? Gäb' es wohl eine Hütte in Schottland, deren Besitzer einem werthen Freunde unter solchen Umständen gestatten würde, sie zu verlassen? Und könnt Ihr denken, wir würden zugeben, daſs Ihr aus einem Schlosse ginget, welches wir für unsere eigne Vertheidigung stark genug halten 5 Lord Evandale braucht nie daran zu denken,* sagte Frau Margarethe.„Ich selbst will seine Wunden verbinden; es ist alles, wozu eine alte Frau in Kriegszeiten taugt. Aber das Schlofs Tillietudlem zu verlassen, wenn das Schwert des Feindes gezogen ist, ihn zu tödten— der ge- ringste Reiter, der je des Königs Rock auf dem Leibe getragen, sollte es nicht, vielweniger der junge Lord Evandale. Unser Haus ist nicht von der Art, solche Schmach zu dulden. Das Schloſs Tillietudlem ist zu schr geehrt worden durch den Besuch Seiner allergnädigsten“—— Hier ward sie durch den Eintritt des Majors unterbrochen.« Wir haben einen Gefangenen —ᷣ — 25 gemacht, lieber Oheim, einen verwundeten Ge- fangenen,“ rief ihm Edithe enigegen, und er will uns wieder entschlüpfen. Ihr müßfst uns helfen, ihn mit Gewalt zu halten.“ «Lord Evandale!“» sprach der alte Krieger. aIch freue mich so sehr Euch zu sehen, als wie ich mein Officierpatent bekam. Claverhouse er- zählte, Ihr wäret geblieben, oder wenigstens vermifst. Ich würde getödtet seyn, wenn Euer Freund nicht gewesen wäre,“ erwiederte Lord Evandale, nicht ohne Bewegung und mit niedergeschlagenen Augen, als wünschte er zu vermeiden, den Ein- druck zu sehen, den seine Worte auf das Fräu- lein machen würden:„Ich war ohne Pferd und wehrlos, und das Schwert schon erhoben, das mich in jene Welt schicken sollte, als der junge Morton, der Gefangene, für den Ihr Euch gestern morgen verwendetet, sich auf die edelmüthigste Weise dazwischen warf, mein Leben erhielt und mich in den Stand setzte, zu entkommen.“ Als er diese Worte gesprochen, überwältigte eine peinliche Neugier seinen ersten Entschluls. Seine Augen fielen auf Edithens Gesicht, und er glaubte in der Cluth ihrer Wange und dem Leuchten ihres Auges die Freude zu lesen, daſs ihr Geliebter sicher und frey sey, und froh- locken„daſs er in dem Weitstreit der Groſsmuth nicht zurückgeblieben. Dies waren auch wirk- 26 lich ihre Gefühle, aber sie vermischten sich mit der Bewunderung der bereitwilligen Aufrichtig- keit, mit welcher Lord Evandale sich beeilt hatte, von einer edeln That eines begünstigten Neben- buhlers Zeugnifs abzulegen, und eine Verbind- lichkeit anzuerkennen, die er wahrscheinlich lieber jedem Andern gehabt hätte. Major Bellenden, der dieé Bewegung hexder Theile nicht bemerkt haben würde, wenn sie auch sich noch bey weitem deutlicher gezeigt hätte, begnügte sich zu sagen: Da Heinrich Morton Einflufs auf die Schurken hat, so freuet mich's, dafs er ihn so benutzt hatz aber ich hoffe, er wird sich so bald von ihnen losmachen, als er nur immer kann. Ich kann auch nicht daran zweifeln, daſs er das thun wird. Ich kenne seine Grundsätze: er verabscheuet ihr Geplärr und ihre Heucheley. Ich habe ihn tau- sendmal lachen hören über die Pedanterey des alten Presbyterianischen Schufts Pfundtext, der, nachdem er sich die Indulgenz so vicze Jahre lang zu Nutze gemacht hat, sica nun beym ersten Lärmblasen in seiner wahren Gestalt zeigt, und sich mit drey Theilen seiner rundköpfigen Ge- 3 meinde auf den Weg gemacht hat, und zum Heere der Schwärmer gestofsen ist.— Aber wie entkamt Ihr, nachdem Ihr das Schlachtfeld ver- lassen, lieber Herr Pe «Ich sprengte fort, so schnell ich konnte, wie 27 ein abtrünniger Ritter muſs, erwiederte Lord Evandale lächelnd. Ich schlug den Weg ein, auf dem ich am wenigsten den Feinden zu be- gegnen glaubte, und fand mehrere Stunden lang Obdach— Ihr rathet schwerlich, wopo Im Schlofs Bracklan vielleicht, sagte Frau Margarethe,«oder bey einem andern treuge- sinnten Edelmanne P «Nein, gnädige Frau! Ich ward in mehr als einem Hause der Art unter diesem oder jenem armseligen Vorwande abgewiesen, aus Furcht, dafs der Feind mir auf der Spur sey. Aber ich fand Zuflucht in der Hütte einer armen Wittwe, deren Mann in den letzten drey Monaten durch eine Schaar unserer Reiter erschossen worden, und deren beyde Söhne in diesem Augenblicke bey den Aufrührern sind.“ Wirklich P“ fragte Frau Margarethe. Und war ein fanatisches Weib solcher Grofsmuth fähig? Aber vermuthlich miſsbilligte sie die Glaubensmeinungen der Ihrigen?n «Nichts weniger, gnädige Frau,“ entgegnete Evandale.„Sie war in ihren Grundsätzen eine strenge Pietistin; allein sie sah meine Gefahr und Noth, erblickte in mir den Nebhenmenschen„ und vergafs, dafs ich ein Edelmann und ein Soldat war. Sie verband meine Wunden und erlaubte mir, auf ihrem Bette zu ruhen. Sie verbarg mich einem Haufen Aufrührer, der die Umherschwei- fenden aufsuchte, versah mich mit Speise, und duldete nicht, dafſs ich meinen Zufluchtsort ver- liefs, bis sie erfahren, dafs ich ohne Gefahr mich nach diesem Schlosse begeben könne.“ „Das war edel gehandelt!“ sagte das Fräulein; aund ich hoffe, Ihr werdet Gelegenheit finden, ihre Grofsmuth zu belohnen.“ „Ich bleibe während dieser unglücklichen Vor- fälle überall im Rückstande mit meinen Ver- bindlichkeiten, mein Fräulein,“ versetzte Lord Evandale;«aber wenn ich zu Mitteln gelangen kann, ihr meine Dankbarkeit zu beweisen, soll es mir an dem Willen nicht fehlen.“ Alle vereinigten sich, nun Lord Evandale zu bestimmen, von seiner Absicht, das Schlofs zu verlassen, abzustehen; aber die Gründe des Ma- jors waren die wirksamsten. Eure Gegenwart im Schlosse wird äusserst nützlich seyn, wenn nicht durchaus nöthig, mein lieber Lord, damit Ihr durch Euer Ansehn unter: den Kerlen, die Claverhouse uns als Besatzung zuriickgelassen, gehörige Mannszucht haltet. Sie scheinen ohnehin nichf eben die ordentlichsten Hausgenossen zu seyn. Und wir haben daher auch des Obersten Vollmacht, jeden Ofcier, der etwa des Weges käme, zurückzubehalten.“* «Dies,“ versetzte Lord Evandale,«ist ein un- widerleglicher Grund, weil er mir beweist, dafſs 29 mein Aufenthalt hier von Nutzen seyn kann, selbst in meinem jetzigen untauglichen Zu- stande.“ «Und Eure Wunden„lieber Rittmeister!* fuhr der Major fort.«Wenn meine Schwägerin es übernimmt, gegen einen Fieberanfall zu käm- pfen, sofern der sich zeigen sollte, so stehe ich dafür, mein alter Waſlenbruder CGideon Pike verbindet Euch eine Fleischwunde, als wär' er ein erlernter Feldarzt*). An Uebung hat's ihm zu Montrose's Zeiten nicht gefehlt: denn wir hatten wenige ordentliche Regimentschirurgen, wie Ihr wohl denken könnt.— Ihr bleibt also bey uns 5 «Meine Cründe, dies Schloſs zu verlassen,» erwiederte Lord Evandale, mit einem Blicke auf Edithen,«waren zwar wichtig genug, aber sie müssen denen weichen, die mir sagen, daſs es in meiner Macht steht, Euch zu dienen. Dürft' ich Euch ersuchen„Herr Major, mich mit Euren Mitteln und Plänen zur Vertheidigung bekannt zu machen 5 Oder kann ich mit Euch die Fe- stungswerke besehen P Edithen entging es nicht, dafs Lord Evandale an Ceist und Leib sehr erschöpft war.„Ich dächte, lieber Oheim,» sprach sie zu diesem, — ·VD;ꝛ—:. *) Peldscheer, hat das Original. da Lord Evandale nachgibt, und ein Officier unserer Besatzung geworden ist, Ihr solltet damit anſangen, ihn Euren Verordnungen unterwürfig zu machen, und ihm befchlen, auf sein Zimmer zu gehn, dafs er sich etwas erholt, ehe er zu kriegerischen Angelegenheiten schreitet.“ Ediche hat Recht,“ sprach die Matrone, Ihr mülst gleich zu Bett gehen, mein theurer Lord Evandale, und etwas gegen das Fieber nehmen, was ich mit meiner eignen Hand bereiten will. Meine Kammerdienerin, Frau Martha Meddell, soll Euch ein Hühnchen zurecht machen, oder sonst etwas Leichtes. Zu Wein würde ich nicht rathen.— Gudyill! die Haushälterin soll das gewölbte Zimmer aufschlieſsen. Lord Evandale muſs sich sogleich niederlegen, Pike soll den Verband abnchmen, und den Zustand der Wun- den untersuchen!“ Das sind traurige Vorbereitungen, gnädige Frau!» erwiederte Lord Evandale, indem er der alten Dame dankte, und den Saal verlieſs; „allein ich muſs mich Euch gänzlich unterwerfen, und ich hoffe, Eure Kunst wird mich bald zu cinem geschicktern Vertheidiger Eures Schlosses machen, als ich jetzt bin. Ihr müſst meinen Körper dienstfähig machen, so schnell Ihr könnt, denn meines Kopfes bedürft Ihr nicht, da Major Bellenden bey Euch ist.“ 31 Mit diesen Worten verlieſs er den Saal. «Ein herrlicher junger Mann,“ sagte der Major, „und so bescheiden!“. «Nichts von dem Dünkel,“ setzte seiae Schwä- gerin hinzu, mit dem sonst die jungen Leute immer denken, sie wülsten's besser, wie man ihren Beschwerden abhelfen sollte, als Personen von Erfahrung.“ «Und so ein groſsmüthiger, schöner, vorneh- mer Herr!* sagte Hannchen Dennison, die wäh- rend des letzten Theiles des Gesprächs herein- getreten war, und nun mit ihrer Cebieterin allein gelassen wurde, da der Major zu seinen Ceschäften zurückkehrte, und Frau Margarethe ihre Arzneyen zu besorgen ging. Edithe antwortete diesen Lobsprächen nur mit einem Seufzer; aber trotz ihres Schweigens wufsto sie besser, als irgend jemand, wie sehr sie der Gegenstand derselben verdiente. Hannchen aber versäumte nicht, ihren Streich vollends zu führen. Die gnädige Frau hat am Ende doch Recht, wenn sie sagt, den Presbyterianern sey nicht zu trauen. Es sind alles treulose, meineidige Tau- genichtse. Wer hätte denken sollen, dafs der junge Milnwood und Luthbert Headrigg sich zu dem KAufrührergesindel schlagen würden po Was willst Du sagen mit dem unwahrschein- lichen, dummen Zeuge, Hannchenb“ sprach ihre junge Herrin sehr unwillig. 3² Ich weiſs wohl, Ihr hört's nicht gern, gnädi- ges Fräulein,“ antwortete Hannchen dreist;«und für mich ist's auch keine Freude eben, es zu sagen; aber spät oder frühe müſfst Ihr’'s doch erfahren, und das ganze Schlols ist voll davon.» «Voll P Wovon, Hannchen? Willst Du mich unsinnig machen b“ rief Edithe ungeduldig. «I nu, daſs Heinrich Morton von Milnwood bey den Aufrührern ist, und einer ihrer Haupt- anführer.“ Das ist eine Lüge,“ rief Edithe, eine ab- scheuliche Verläumdung! Und Du bist sehr dreist, daſs Du wagst, sie mir zu wiederholen. Heinrich Morton ist unfähig, eine solche Ver- rätherey zu begehen an König und Vaterland— solche Grausamkeit an mir! an— an allen den unschuldigen und wehrlosen Opfern, mein' ich, die in einem Bürgerkriege leiden müssen. Ich sage Dir, er ist es nicht im Stande, durchaus nicht!“ Ey Du liebe Zeit, gnädiges Fräulein,“ ant- wortete Hannchen, ohne sich irre machen zu lassen,«wer so genau wissen will, was junge Menschen im Stande sind, und was nicht, der muſs besser bekannt mit ihnen seyn, als ich bin, oder je werden mag. Aber seht, der Reiter Hal- liday und ein andrer Kerl sind drauſsen gewesen, mit Mützen über den Ohren und mit grauen Mänteln, wie Landleute, zu reconnätriren, nennt's 33 Gudyill, glaub⸗ ich; und sie sind mitten unter den Aufrührern gewesen, und kamen zurück und erzählten, daſs sie den jungen Milnwood gesehn hätten, wie er auf einem von den Dragoner- Schleife daran, für die alte Bundessache, wie sie’'s nennen— aber der Luthbert hat immer die blauen Bänder geliebt— und auch ein gefältetes Hemd hat er angehabt, wie ein Ede mann. Das schickt sich auch wohl fur seines Gleichen; wahrhaftig 15 «Hannchen,“ sagte das Fräulein hastig: es ist unmöglich! Dieser Leute Erzählung kann nicht wahr seyn; mein Oheim Wuſste in diesem Augenblick noch nichts davon.“ e Ja,“ erwiederte die Kammerjungker, cweil Tom Halliday gerade fünf Minuten nach Lord Erandale ins Schloſs kam; und als er hörte, der wäre da, so verschwor er sich hoch und theuer— der gottlose Wicht!— er wolle dem Herrn ajor keinen Rapport abstatten, wie er's nannte, Wenn ein Officier von seinem eignen Regimente 73. C sich im Schlosse befinde. Er wird also nichts sagen, bis Lord Evandale morgen früh aufwacht; plos mir erzählte er's,“(hier schlug Hannchen ein wenig die Augen nieder)«um mich mit Luthberi zu quälen.“ «Siehst Du, Du einſältiges Mädchen,“ versetzte Edithe, wieder etwas Muth fassend, der Mensch hat sich's erdacht, um Dich zu necken!" O nein, gnädiges Fräulein, das kann nicht seyn; denn Hanns Gudyill nahm den andern Dragoner—'s ist ein alter, garstiger Kerl, ich weiſs seinen Namen nicht— in den Keller, und gab ihm ein Glas Branntewein, um ihn aus der Schule schwatzen zu lassen, und er erzählte alles so, wie’s Thomas Halliday gesagt hatte, Wort für Wort. Und Herr Gudyill kam in solche Wuth, daſs er's uns auf der Stelle wieder er- zählte und sagte: an dem ganzen Aufstande ist am Ende der dumme Streich Schuld, den unsere MHerrschaft gemacht hat, und der Major, und Lord Evandale, als sie gestern Morgen Milnwood und Luthbert losbettelten; denn wenn die ihre Strafe erlitten hätten, sagte er, so wäre das ganze Land ruhig. Und wahrhaftig, ich habe auch Lust, das zu glauben!“ ³ Diese letzte Erläuterung setzte Hannchen zu ihrer Erzählung, aus Empfindlichkeit über die ausserordentlich verstockte Ungläubigkeit ihrer Ilerrin, hinzu. Sie ward aber sogleich durch die 35 Wirkung erschreckt, welche ihre Nachrichten auf das Präulein hervorbrachten, eine doppelt heftige Wirkung, da dies in den CGrundsätzen und Vorurtheilen der bischöflichen Kirche erzo- „ Sen war. Sie ward plötzlich todtenbleich, der Athem schien ihr auszuhleiben, und ihre Glieder vermochten nicht läuger sie zu tragen: sie setzte sich, oder sank vielmehr auf einen Sessel nieder. Hannchen versuchte kaltes Wasser an ihr, ver- brannte Federn, löste das Schnürband, und that alles, was man in solchen Fällen zu thun pflegt— aber vergebens! «Cott sey mir gnädig, was hab' ich angerich- tet P' sagte die reuige Zoſe.„Wäre mir doch die Zunge eher ausgefallen! Wer hätte denken sollen, daſs sie's so hoch nehmen würde, und alles um eines jungen Menschen willen P Liebes Fräuleiml Seyd doch gutes Muths, vielleicht ist alles nicht wahr, was ich gesagt habe. O ich wollte,“s hätte mir einer den Mund versiegelt! Alle Welt hat mir's vorausgesagt, meine Zunge würde naeh einmal Unheil anrichten! Wenn nun die guädige Frau kommt, und der Major! — Und sie sitat obendrein auf dem Throne, Wo keine Menschenscele darauf gesessen hat, seit dem leidigen Morgen, als der König hier war. Ach! was soll ich machen? Was wird aus uns werden 5 Während Hannchen so jammerte, hatte sich 36 Edithe langsam aus der Ohnmacht erholt, in die jene unerwartete Nachricht sie versenkt. «Wäre er unglücklich gewesen,“ sagte sie, ich hätte ihn nimmermehr aufgegeben! Ich that es nie, selbst als es Gefahr und Verdrufs brachte, seine Sache zu führen. Wenn er gestorben wäre, würde ich um ihn klagen, wenn er treulos ge- worden wäre, würde ich ihm verziehen haben; aber ein Empörer gegen seinen König— ein Verräther an seinem Vaterlande— der Spiefs- geselle und Bruder von Meuchelmördern und gemeinen Banditen— der Verfolger von allem Edeln— der erklärte, gotteslästerliche Freund von allem Heiligen— ich will ihn aus meinem Herzen reissen, und sollte mein Herzblut aus der Wunde ausströmen!“ Sie trocknete ihre Augen und erhob sich hastig von dem groſsen Armstuhl(oder Thron, wie ihre Crofsmutter zu sagen pflegte), während das er- schrockne Mädchen schnell zufuhr, die Kissen aufzuschütteln, und jede Spur zu vertilgen, daſs jemand den geheiligten Sitz eingenommen hatte; obwohl König Karl selbst, in Erwägung der Jugend und Schönheit, so wie der Betrübnifs der augenblicklichen Usurpatorin seines heiligen Stuhls, es wahrscheinlich mit dieser Entweihung nicht genau genommen haben würde. Darauf beeilte sie sich, dem Fräulein dienstfertig ihre Hülfe aufzudringen, als dies langsam, und wie . 37 es schien, ganz in Gedanken versunken, durch das Zimmer schritt. «Nehmt meinen Arm, liebes Fräulein," bat sie,«nehmt lieber meinen Arm! Das Leid will sich auslassen, und ohne Zweifel“—— Nie, Hannchen,“ unterbrach sie Edithe mit festem Tone;«Du hast gesehen, wie schwach ich bin, nun sollst Du auch meine Stärke sehen.* «Aber Ihr lehntet Euch ja doch neulich an mich, liebes Fräulein, als Ihr so sehr beküm mert waret“—— Uebel angebrachte, verirrte Zuneigung kann Beystand nöthig baben, Hannchen, die Pflicht kann sich selber halten. Aber ich will nichts übereilt thun. Ich will die Cründe seines Be- tragens zu erfahren suchen— und dann, fort mit ihm, auf immer!“ Diese Worte sprach das Fräulein fest und ent- schlossen. Betroffen üiber ein Benehmen, dessen Ursachen sie weder begreifen, noch würdigen konnte, sagte Hannchen für sich: Wahrhaftig, wenn der erste Anfall vorüber ist, nimmt's Fräu- lein Edithe so leicht als ich, und noch viel leich- ter; denn gewiſs, ich habe mir nie so viel aus Luthbert Headrigg gemacht„ als sie aus dem jungen Milnwood- Uebrigens kann's auch gut seyn, einen Freund auf beyden Seiten zu haben; denn wenn die Whigs das Schlofs nehmen soll- ten, wie's leicht möglich ist, da wir so wenig zu 38 beissen haben, und die Dragoner so tapfer ein- hauen— nun, dann hätten Milnwood und Luth- bert die Oberhand, und ihre Freundschaft wäre Geldeswerth.— Ich dachte heute Morgen schon daran, als ich die Nachricht hörte.“ Mit diesen Trostgedanken ging die Zofe ihren Geschäften nach, und überlieſs es ihrer Gebieterin, ihr Herz so gut sie konnte zu bemeistern, um die Gefühle auszurotten, die sie bis jetzt gegen Heinrich Morton gehegt hatte. 39 ——-B--nͤͤ H:nuN Fünf und zwanzigsles Kapitel. Noch einmal stürmt, noch einmal, lieben Freunde! Heinrich V. Schlegelsche Uebersetzung. Alle Nachrichten, die man am Abend dieses Tages einziehen konnte, führten zu der Ver- muthung, daſs das Aufrührerheer mit Tages- anbruch nach Tillietudlem aufbrechen würde. Pike hatte Lord Evandales Wunden untersucht, und sehr günstigen Bericht über ihre Leichtigkeit erstattet. Es waren ihrer viele, aber keine von Bedeutung, und der Blutverlust hatte vielleicht eben so sehr, als das gerühmte Mittel der Dame vom Hause, das Fieber verhindert; so dafs der Krauke, ungeachtet einiger Schmerzen und grofser Schwachheit, doch im Stande war, mit Hülfe 40 eines Stockes umherzuschleichen. Unter diesen Umständen wollte er durchaus das Zimmer nicht hüten, sowohl um die Soldaten durch seine Ge- genwart zu ermuthigen, als auch in den Ver- theidigungsanstalten, die der Major vielleicht nach einer etwas veralteten Art, Krieg zu führen, eingerichtet hatte, einige Ergänzungen zu machen. Lord Evandale war vollkommen geschickt, über solche Dinge Rath zu ertheilen, da er in seiner frühesten Jugend in Frankreich und in den Nie- derlanden gedient hatte. Aber er fand wenig oder keine Veranlassung, die bereits gemachten Zurüstungen zu ändern, und den Mangel an Le- bensmitteln ausgenommen, war kein Grund zu befürchten, daſs man eine so starke Veste gegen solche Angreifende, wie die, welche sie bedroh- ten, nicht würde halten können. Der Tag graute kaum, als Lord Evandale und Major Bellenden wieder auf den Zinnen waren, die Anstalten untersuchten, und begierig die Annäherung der Feinde erwarteten. Wir hätten anmerken sollen, dafs die Berichte der Kund- schafter nun ordentlich erstattet und vernommen worden waren, aber der Major nahm die Be- hauptung, daſs Morton die Waflfen gegen die Regierung ergrifſfen, mit der unglaublichsten Verachtung auf. 3— «Ich kenne den jungen Menschen besser, war die einzige Antwort, die er darauf zu geben 41 würdigte:„die Kerle haben sich nicht nahe ge- nug getrauet, und sich durch eine eingebildete Aehnlichkeit oder ein albernes Mährchen täu- schen lassen.“ «Ich bin anderer Meinung, lieber Herr Major!* versetzte Lord Evandale. Ich glaube, Ihr werdet den jungen Mann an der Spitze der Empörer sehen; und obwohl mir'’s herzlich Leid thut, sollte mich's doch nicht wundern.“ «Ihr macht's ja so schlimm wie Claverhouse," erwiederte der Major;«der behauptete vorgestern orgen mir ins Gesicht, daſs es dem jungen Men- schen, der ein so muthiger und adlichgesinnter Jüngling ist, als ich nur je einen gekannt habe, nur an einer Gelegenheit fehle, sich an die Spitze der Aufrührer zu stellen.“ Wenn man bedenkt, welche Behandlung er erfahren, und welcher Verdacht auf ihm ruht,“ entgegnete Lord Evandale, so seh' ich nicht, welcher Weg ihm anders übrig bliebe. Ich für meinen Theil würde nicht wissen, ob er mehr Tadel oder Mitleid verdient.“ «Tadel b— Mitleid 5»— rief der Major, er- staunt über die Worte.«Den Galgen hätte er verdient— das ist Alles; und wäre er mein eigner Sohn, ich würde ihn mit Vergnügen hängen sehn. Tadel wahrhaftig! Aber Thr könnt un- möglich wirklich denken, wie Ihr sprecht, mein edler Lord.“ 4² „AufEhre, Major Bellenden, es ist mir oft vor⸗ gekommen, dafs unsere Politiker und Prälaten die Sache bis auf’s Keusserste getrieben, und selbst diesen unglücklichen Ausbruch veranlafst haben, indem sie nicht allein die unteren Volks- klassen durch Gewalithätigkeiten aller Art gegen sich aufbrachten, sondern auch diejenigen unter den höheren Ständen, die nicht heftiger Parthey- geist und Trachten nach Hofgunst an ihre Fahne bindet.“» «Ich bin kein politikus,“ antwortete der Major, und verstehe nichts von spitztindigen Unter- scheidungen; mein Schwert gehört dem König, und sobald er'’s befiehlt, zieh' ich's in seiner Sache.“. Ich hoffe,“ erwiederte der junge Lord,«Ihr werdet mich nicht lässiger finden, als Euch selbst, obwohl ich herzlich wünschte, die Feinde wären Ausländer. Doch— es ist nicht Zeit, darüber zu streiten, denn seht, da unten kommen sie, und wir miüssen uns so gut vertheidigen, als wir können.“ Bey diesen Worten zeigte sich der Vortrab der Insurgenten auf der Heerstrafse, die über den Hügel auf das Schlofs zulief. Sie kamen jedoch nicht den Berg herab, als merkten sie, dafs ihre Reihen, im Fall sie dieses thäten, dem Geschitze der Veste ausgesetzt seyn würden. Aber ihre An- zahl, die Anfangs gering schien, vergröſserte sich 43 mehr und mehr, daſs man, wollte man aus der Masse, die sich jetzt auf der kleinen Hügelspitze zusammendrängte, auf die schliefsen, die noch auf dem Heerwege hinter derselben waren, ihre Macht für sehr anschnlich halten muſste. Eine ängstliche Pause auf beyden Seiten folgte; und während die unstäten Reihen der Bundesgenossen, es sey durch den Druck von hinten, oder die Unsicherheit über ihre nächste Bewegung, Un- ruhe verriethen, glänzten ihre, durch Mannich- faltigkeit malerischen, Waffen in der Morgen- sonne, deren Strahlen sich an einem Walde von Lanzen, Schiefsgewehren, Hellebarden und Streit- äxten brachen. Die bewaffnete Masse verharrto einige Minuten lang in dieser schwankenden Stellung, bis endlich drey oder vier Reiter, die Führer zu seyn schienen, aus der Linie räckten, und sich nach einer Anhöhe, dem Schlosse ein wenig näher, begaben. Hanns Gudyill, der nicht ohne Kenntniſs eines Artilleristen war, wollte eine Kanone auf dieses Reiterhäuflein richten. «Ich lasse den Falken fliegen,“ sagte er(so ward die kleine Kanone genannt):«ich lasse den Fal- ken fliegen, wenn's Eure Cnaden befehlen. Mein' Seel', er soll ihnen den Federbusch versengen.“ Der Major sah Lord Evandale an. WMartet ein wenig!» sagte dieser;«sie senden uns eine Waſſenstillstandsflagge!“ Wirklich stieg auch einer der Reiter ab, und 44 nachdem er ein weiſses Tuch an eine Lanze be- festigt, kam er auf das Schlofs zu, während der Major und Lord Evandale, von den Zinnen der Festung heruntersteigend, ihm bis zur Verschan- zung enigegen gingen; denn sie fanden es unklug, ihn in das Innere der Burg einzulassen. Indem der Abgesandte fortging, zogen sich die vorge- ritinen Reiter wieder von der Anhöhe unter die Menge zuräck, als bätten sie geahnet, welche Anstalten Hanns Gudyill gegen sie machte. Der Bote der Bundesgenossen schien, nach seiner Haltung und Miene zu urtheilen, ganz von dem geistlichen Stolze erfüllt zu seyn, der seine Sekte auszeichnete. Seine Züge waren zu dem Ausdruck schnöder Verachtung heraufge- schraubt, und seine halbgeschlofsnen Augen schienen die irdischen Gegenstände umher kaum eines Blickes zu würdigen, während bey jedem seiner feyerlichen Schritte seine Füſse sich aus- wärts bogen, als schienen sie zu verschmähen, den Boden zu betreten. Lord Evandale konnte beym Anblick dieser sonderbaren Gestalt ein Lächeln nicht unterdrücken: «Habt Ihr je so einen abgeschmackten Glieder- mann gesehn P“ sagte er zu dem Major.„Sollte man nicht schwören, er bewege sich auf Spring- federn? Meint Ihr wohl, dafs er auch sprechen kann 5 Sieh da,“ versetzte der Major, adas scheint 45⁵ ja ein alter Bekannter von mir zu seyn; ein Erz- puritaner, vom ächtesten pharisäischen Sauerteige. Halt!— er hustet und räuspert sich. Er will das Schlofs auffordern mit einem Stücke von einer Predigt, statt mit einem Trompetenstofse." Der alte Krieger, der zu seiner Zeit manche Celegenheit gehabt hatte, mit den Sitten dieser Secte bekannt zu werden, hatte sich in seiner Vermuthung nicht sehr geirrt, nur daſs der Junker von Langcale, denn keine geringere Person war der Gesandte, statt eines Eingangs in Prosa, seine Stentorstimme erhob, und einen Vers aus dem vier und zwanzigsten Psalm anstimmte: «Machet die Thore weit auf, und die Thüren in der Welt hoch, dafs der König der Ehren einziehe!» «Sagt' ich's Euch nicht sprach der Major zu Evandale, und ging darauf an die Thür der Verschanzung vor, indem er fragte, warum er vor dem Thore des Schlosses eim so klägliches Geschrey anhebe, wie ein Eber, dem der Wind abgelaufen sey 5 «Ich komme,“ antwortete der Abgesandte, mit einer hohen, gellenden Stimme, und ohne die gewöhnlichen Begrüſsungen oder Höflichkei- ten:«ich komme von dem sSottseligen Heere des feyerlichen Bundes und Covenants, mit den bey- 46 den fleischlichen Bösgesinnten, Wilhelm Max- well, genannt Lord Evandale, und Milo Bellen- den von Charewood, zu sprechen.“ «Und was habt Ihr dem Milo Bellenden und dem Lord Evandale zu sagenp fragte der Major. «Seyd Ihr die beyden Männerd“ fuhr der Herr von Langcale in demselben scharfen, dünkel- haften, unehrerbietigen Tone fort. «So ist's, wenn ich mich nicht irre,“ derte der Major. «So ist hier der öffentliche Aufruf,» versetzte der Abgesandte, dem Lord Evandale eine Schrift ubergebend: und hier ist auch ein Brief an Milo Bellenden, von einem gottseligen Jünglinge, der die Ehre hat, eine Abtheilung unseres Heeres zu führen. Leset schnell, und Cott gewähre Euch die GCnade, von dem Inhalte gute Früchte zu ziehen, obwohl dieses sehr zu bezweifeln ist.“ Der Aufruf lautete so:«Wir, die ernannten und bestallten Anführer der Herren, der Diener Cottes und Andrer, gegenwärtig in Wallen für die Sache der Freyheit und des wahren Glaubens, ermahnen und fordern auf, Euch, Wilhelm, Lord Evandale, und Milo Bellenden von Chare- wood, und Euch andere Bewaffnete, die Ihr das Schlofs Tillietudlem besetzt haltet, uns besagtes Schlofs auf die redlich zu haltende Bedingung der Schonung Eures Lebens und des freyen Abzugs mit Sack und Pack, zu übergeben, oder gewärtig *erwie- 47 zu seyn, mit Feuer und Schwert heimgesucht zu werden, wie es nach den Kriegsgesetzen denje- nigen gebührt, die einen unhaltbaren Posten vertheidigen. Und so möge Gott seine gute Sache beschülzen!“ Dieser Aufruf war unterzeichnet: Johann Bal- four von Burley, als Oberquartiermeister des heiligen Bundesheeres, für sich und im Namen der andern Führer. Der Brief an den Major war von Heinrich Mor- ton. Er schrieb, wie folgt: «Ich habe einen Schritt gethan, mein verehrter Freund, der unter vielen schmerzlichen Fol een, fürcht' ich, auch die haben wird, daſs Ihr ihn entschieden miſsbilligen werdet. Aber ich habe meinen Entschlufs in Ehren und redlicher Ueber- zeugung, und mit vollkommener Zustimmung meines Gewissens, gefafst. Ich kann nicht länger ruhig zuschn, daſs meine Rechte und die meiner Mitbürger mit Füſsen getreten werden, und daſs man unsere Freyheit verletzt, unsere Personen beschimpft, und unser Blut vergieſst, ohne ge- rechte Ursache und gesetzliches Verfahren.“ «Die Vorschung scheint, durch die Gewalt- thätigkeit der Unte⸗zdräcker selbst, jetzt einen Weg zur Befreyung von dieser unerträglichen Willkühr eröflnet zu haben, und ich halte den des Namens und der Rechte eines freyen Mannes nicht würdig, der mit meinen Ansichten, seinen 48. Arm der Sache des Vaterlandes entzieht. Indes- sen sey Gott, der mein Herz kennt, mein Zeuge, dafs ich die Wuth oder die heftigen Leidenschaf- ten der Unterdrückten und Miſshandelten nicht theile, mit welchen vereinigt ich jetet handle. Mein eifrigster und innigster Wunsch ist, diesen unnatürlichen Krieg bald beendigt zu sehn durch die Vereinigung der Guten, Weisen und Ce- mäßfsigten aller Partheyen, und einen Frieden zu schliefsen, welcher, ohne des Königs verfassungs- mäſsige Rechte zu verletzen, das Ansehn gleicher Gesetze, statt militärischer Gewaltthätigkeit, ein- führt, und indem er jedem verstattet, Gott nach seinem eigenen Gewissen anzubeten, den fana- tischen Eifer durch Vernunft und Milde besiegen kann, statt ihn durch Verfolgung und unduld- same Härte bis zum Wahnsinn zu treiben.“ «Mit welchem schmerzlichen Gefühle ich, mit solchen Gesinnungen bewaflfnet, vor dem Hause Eurer ehrwürdigen Verwandten erscheine, das, wie wir hören, Ihr gegen uns vertheidigen wollt, müſst Ihr einsehen. Erlaubt mir, mit der Ver- sicherung in Euch zu dringen, daſs Cegenwehr nur zu Blutvergieſsen führen wird; daſs, gesetzt auch, der Sturm würde zurückgeworfen, wir noch stark genug sind, das Schlofs zu berennen, und es durch Hunger zu zwingen, da es uns be- kannt ist, dafſs Ihr auf eine, sich lang hinziehende, Belagerung nicht vorbereitet seyd. Es würde mir —— 49 im Innersten des] Herzens wehe thun, daran zu denken, was Ihr in diesem Falle dulden, und wen Ihr deswegen vorzüglich beschuldigen würdet.“ Claubt nicht, mein verehrter Freund, daſs ich Euch Bedingungen vorschlagen wollte, die des hohen, ehrenwerthen Namens nicht würdig wären, den Ihr so verdient erworben und s lange erhalten haht. Wenn die königlichen Sol- daten(denen ich einen sichern Rückzug ver- spreche) aus der Veste entlassen werden, so hoffe ich, wird man nichts als Euer Ehrenwort verlangen, Euch während dieses unglücklichen Kampfes ruhig zu verhalten, auch werde ich Sorge tragen, daſs das Eigenthum der Frau Mar- garethe und das Eurige gehührend geachtet, und Euch keine Besatzung aufgedrungen werde.“ «Ich könnte viel zu Gunsten dieses Vorschlags sagen, aber da ich in Euern Augen in diesem Augenblick ein Verbrecher bin, so fürcht' ich, gute Gründe würden ihren Einflufs verlieren, wenn sie aus so verhafstem Munde kommen. Ich breche daher ab und füge nur noch die Ver- sicherung hinzu, dafs, wie auch künftig Eure esinnungen gegen mich seyn mögen, meine Dankbarkeit gegen Euch nie verringert oder ver- 73. 5⁰ beweisen könnte. Wenn Ihr vielleicht auch im ersten Moment der Empfndlichkeit den Vor- schlag, welchen ich Euch hiermit mache, ver- werfen solltet, so lafst Euch das nicht hindern, die Sache noch einmal zu bedenken, wenn künf- tige Ereignisse ihn Euch annehmbarer machen; denn wo und wie ich Euch immer dienen kann, wird es mir stets die gröſste Freude- gewähren. Heinrich Morton.* Nachdem der Major diesen langen Brief mit allen Zeichen des Unwillens gelesen, überreichte er ihn Lord Evandale. «Ich hätte das nicht von Heinrich Morton ge- glaubt,“ sagte er,«und wenn's die halbe Welt beschworen hätte! Der undankbare, aufrühreri- sche Verräther! Aufrührerisch mit kaltem Blute, und ohne einmal den Vorwand der Schwärmerey zu haben, die dem verriickten Narren, unserm Freunde, dem Herrn Gesandten, das Gehirn verbrannt hat. Aber ich hätte es nicht vergessen sollen; er war ein Presbyterianer. Ich hätte be- denken sollen, dafs ich einen jungen Wolf nährte, dessen teuflische Natur ihn ehestens an- treiben würde, mich beym ersten Anlaſs zu zer- reissen und zu erwürgen. Käme Sanct Paulus wieder auf die Erde, und würde ein Presbyte- rianer, in einem Vierteljahre wär' er ein Empörer, — s liegt ihnen im plute!* 51 «IHört, Herr Major,“ hob Lord Evandale an, ich werde der Letzte seyn, der Uebergabe empſiehlt. Aber wenn unsere Vorräthe ausgehen, und wir keinen Entsatz von Edinburg oder Glas- gow bekommen, so sollten wir, glaub' ich, dies Anerbieten benutzen, um wenigstens die Damen sicher aus dem Schlosse zu bringen.“ «Sie werden lieber alles erdulden„ erwiederte der Major unwillig, als den Schutz eines 80 glattzüngigen Heuchlers annehmen. Ich wi rde sie nicht für meine Verwandten erkennen, däch- ten sie anders. Aber laſst uns doch den wurdigen Herrn Abgesandten entlassen.— Mein Freund,“ fuhr er, sich zu Langcale wendend, fort,«sagt Euern Hauptleuten, und dem Gesindel, das sich da unten versammelt hat, ich rieth ihnen, wenn sie nicht eine besonders gute Meinung von der Härte ihrer Hirnschädel hätten, so möchten sie sich in Acht nehmen, daſs sie sie nicht an diesen alten Mauern einstieſsen. Und sagt auch, sie sollen keine Waſlenstillstandsflaggen mehr sen- den, oder wir knüpfen den Boten auf, zur Wie- dervergeltung für die Ermordung des Fähnrichs Graham.“ Mit dieser Antwort kehrte der Abgesandte zu den Seinigen zurick. Kaum hatte er die Haupt- macht erreicht, als man ein Gemurmel unter der Menge vernahm, und eine groſse rothe, blau Seränderte Fahne vor ihren Linien erhoben ward. 5² Als dieses Zeichen des Kriegs und Angrills seine weiten Falten im Morgenwinde ausbreitete, wurde das alte Familienbanner der Bellenden sammt der königlichen Fahne auf den Mauern der Burg aufgepflanzt, und zur selbigen Zeit eine Ladung des Geschützes gegen die vordersten Reihen der Insurgenten abgefcuert, wodurch sie einigen Ver- lust erlitten. Die Hauptleute lieſsen sie sogleich hinter den schützenden Gipfel des Hügels zu- rücktreten. «Ich denke,“ sagte Hanns Gudyill, während er beschäftigt war, seine Kanonen wieder zu laden:«sie haben den Schnabel des Falken ein Bischen zu hart gefunden. Ja, der pfeift auch nicht um nichts und wieder nichts.“ Kaum aber hatte er diese Worte gesprochen, als die Anhöhe noch einmal mit den gedrängten Reihen des Feindes bedeckt ward. Aller GCewehre richteten sich und feuerten auf die Vertheidiger der Zinnen. Unter dem Schutze des Pulverdam- pfes eilte ein Haufen von Lanzknechten den Heerweg mit entschlossenem Muthe hinab, und unter dem heftigen Feuer der Besatzung drang sie, trotz alles Widerstandes, bis zur ersten Verschan- zung vor, durch welche der Eingang gedeckt war. Er ward von Balfour selbst geführt, der einen Muth zeigte, welcher seinem schwärmerischen Eifer gleich kam. Er erstürmte die Verschanzung, verwundete und tödtete mehrere der Feinde, und 53 zwang die Uebrigen, sich hinter die zweyte Schutz- wehr zurückzuzichen. Die Vorsicht des Majors Bellenden machte indessen dies Vordringen frucht- los. Denn kaum waren die Bundesgenossen im Besitz des Platzes, als sie ein dichtes, verderb- liches Feuer aus dem Schlosse und von den hin- tern Posten begrüfste. Da sie weder sich vor dem Feuer schützen, noch es wirkfam gegen die durch ihre Verschanzungen und Pallisaden Ge- deckten erwiedern konnten, so waren sie gezwun- gen, sich zurückzuziehen. Sie thaten es, aber nicht ohne vorher mit ihren Aexten die Boll- werke zu zerstören, es auf diese Weise den Be- lagerten unmöglich machend, sie wieder zu besetzen. 3 Burley war der Letzte, der sich zuriückzog. Er blieb sogar eine Weile ganz allein zurück, und arbeitete mit der Axt in der Hand, wie ein Schanzgräber, mitten unter einem Regen von Kugeln, wovon viele eigens gegen ihn gerichtet waren. Der Rückzug seiner Schaar ward nicht ohne grofsen Verlust bewerkstelligt, und diente iiber die örtlichen Vortheile der Belagerten zur strengen Lehre. Der nächste Angriſf der Verbündeten ward mit mehr Vorsicht gemacht. Eine starke Abtheilung Schützen(von denen Viele sich um den Preis beym Vogelschiefsen beworben hatten) schlich sich unter Heinrich Mortons Anführung durch das Gehölz, wo es den besten Schutz darbot, und suchte, den offnen Weg vermeidend, und durch Bäum' und Buschwerk die umliegenden Felsen besteigend, cine Stellung zu gewinnen, aus der sie, nur wenig ausgesetzt, die zweyte Verschan- zung von der Scite angreifen könnten, während sie von vorn zum zweytenmale von Burley ange- griſfen ward Die Belagerten sahen die Gefahr dieser Unternehmung, und bemühten sich, die Annäherung der Schützen zu verhindern, indem sie auf jeden Punkt, wo sie sich zeigten, heftig feuerten. Die Angreifenden dagegen verriethen groſse Kaltblütigkeit, Muth und Einsicht in der Art, wie sie sich den Festungswerken nahten. Dies war hauptsächlich dem standhaften und geschickten Benchmen ihres jungen Führers zu- zuschreiben, der eben so viel Vorsicht zeigte, seine Leute zu decken, als Muth gegen die Feinde. Er empfahl seinen Schiüitzen wiederholt, haupt- sächlich auf dic Rothröcke zu zielen, die andern Vertheidiger des Schlosses aber, besonders das Leben des alten Majors, zu schonen, das die eifrige Besorgniſs desselben oft in Gefahr brachte, welche ohne diesen Edelmuth des Feindes ihm hätte verderblich werden müssen. Ein Feuer von Flintenkugeln strömte nun von allen Seiten des schroſfen Berges, auf welchem das Schloſs stand, herab. Von Busch zu Busch, von Klippe zu Klippe, von Baum zu Baum rückten die Schützen 5⁵ vor, Zweige und Baumwurzeln beym Heranklim- men benutzend, und zugleich mit den Schwie- rigkeiten des Bodens und dem feindlichen Feuer kämpfend. Endlich waren sie so hoch gestiegen, daſs einige von ihnen im Stande waren, in die Verschanzung auf die Belagerten zu feuern, die von der Seite nicht gedeckt war- und Burley benutzte sogleich die Verwirrung des Augenblicks, und drang von vorn auf sie ein. Er brach mit derselben Tollkühnheit und dem nämlichen Muth hervor, wie das erste Mal, und fand wenig Widerstand, da die Belagerten durch das Vor- dringen der Scharfschützen„Welche sie umgehen wollten, beunruhigt waren. Entschlossen, seinen Vortheil zu verfolgen, trieb Burley, mit der Axt in der Hand, die Feinde bis in die dritte und letzte Verschanzung zuriick, und drang zugleich mit ihnen hiuein. 8 2 — «Schlagt todt! Schlagt alles todt! Nieder mit den Feinden Cottes und seines Volkes! Kein Quartier! Das Schlofs ist unser! schrie er, seine Freunde zu ermuthigen. Die Unerschrockensten darunter folgten ihm auf dem Fufse, während die Andern mit Aexten, Spaten und andern Werk- zeugen die Erde aufwarfen, Bäume niederhieben, und eilig bemüht waren, hinter der zweyten Verschanzung eine Schutzwehr zu errichten, die sie in Stand setzen sollte, diese Stellung zu be- 56 haupten, im Fall das Schloſs durch diesen Ce- waltstreich nichtgewonnen werden sollte. Lord Evandale konnte seine Ungeduld nicht länger bemeistern. Er fiel mit einigen Kriegern aus, die man im Schlofshofe zurückbehalten hRatte, und gleich er den Arm noch in der Binde trug, ermunterte er sie doch durch Zuruf und Gebehrde, ihren mit Burley fechtenden Ge- fährten beyzustehn. Nun begann ein verzweifelter Kampf. Der enge Pfad füllte sich mit Burleys Leuten, die vordrangen, ihre Waffenbrüder zu unterstützen. Die Soldaten, von Lord Evandales Gegenwart und Zuruf von Neuem angeregt, foch- ten mit Muth. Ihre geringe Anzahl ward einiger- maſsen durch ihre gröſsere Geschicklichkeit und durch ihre Stellung auf einem höhern Boden ersetzt, den sie mit Lanzen und Hellebarden, wie mit den Kolben ihrer Flinten und den Schwertern vertheidigten. Die im Schlosse such- ten ebenfalls ihren Gefährten beyzustehn, so oft sie die Kanonen so richten konnten, dafs sie auf die Feinde zu feuern vermochten, ohne die Ihrigen in Gefahr zu bringen. Die ringsumher zerstreuten Scharfschiüitzen schossen ohne Unter- laſs auf alles, was sich auf den Zinnen zeigte. Das Schlofs stand in Rauch gehüllt, und die Felsen wiederhallten vom Ceschrey der Käm- pfenden. Mitten in dieser Verwirrung hätte ein 57 einzelner Vorfall die Veste beynahe in die Cewalt der Belagerer gebracht. Luthbert Headrigg, der mit den Schützen vor- gedrungen, war mit jedem Felsen und Gebüsch in der Nähe des Schlosses bekannt, wo er so oft mit Hannchen Dennison Nüsse gepflückt hatte. Er konnte daher mit weniger Gefahr weiter kom- men, als die Meisten seiner Gefährten, einige ausgenommen, die ihm auf dem Fuſse folgten. Nun war Luthbert, obwohl im Canzen ein wackrer Bursche, durchaus kein Freund der Ge- fahr, weder an sich selbst, noch des Ruhmes wegen, der sie begleitet. Bey seinem Vorrücken hatte er daher, wie man zu sagen pflegt, den Stier keineswegs bey den Hörnern gefafst, oder dem feindlichen Feuer sich gerade entgegenge- stellt. Im Gegentheil hatte er sich allmählig vom Kampfplatz verkrümelt, und mehr nach der linken Seite zu heraufkletternd, war er endlich bis zu einer ganz andern Fronte des Schlosses gekommen, wo kein Gefecht war, und welche die Vertheidiger, im Vertrauen auf den steilen Abgrund, unbesetzt gelassen hatten. Hier gab es indessen ein gewisses Fenster, das zu einer gewissen Speisekammer gehörte, und vor dem Sanz dicht ein gewisser Eibenbaum stand, wel- cher aus einer steilen Klippe hervorwuchs. Dies war eben der Weg, auf welchem Gänse-Gilbert aus dem Schlosse transportirt wurde, als er Edithens Brief nach Charewood bringen sollte, und der vermuthlich sonst wohl auch für andere verbotene Waare gedient haben mochte. Luth- bert stand auf seinen Flintenkolben gestützt, und nach dem Fenster hinaufschauend, sagte er zu einem seiner Gefährten: «Den Ort da kenne ich recht gut; da hab' ich Hannchen Dennison gar oft aus dem Fenster geholfen, und bin auch selber wohl hinein- gekrochen, wenn ich ihr einen Streich spielen wollte; ja selber, als es mit dem Pfluge schon vorbey war!“* «Und was hindert uns jetzt, auch da hinein- zukletternb fragte der Andre, ein muntrer, unternehmender junger Kerl. «Hindern thut uns gerade nicht viel,» antwor- tete Luthbert,«wenn das alles wäre. Aber was wollen wir denn da machen 5 «Wir nehmen das Schlofs!» rief jener.«Wir sind unsrer Fünf bis Sechs, und die Saldaten sind alle am Thore beschäftigt.“ So kommt denn,“ versetzte Luthbert;«aber das merkt Euch, nicht ein Haar krümmt Ihr der gnädigen Herrschaft, oder dem Fräulein Edithe, oder dem alten Major, oder sonst Jemand als den Soldaten— denen mögt Ihr das Caraus machen, oder Quartier geben, das geht mich nichts an.“ 1 59 Ey,“ erwiederte jener,«lafs uns nur erst drinnen seyn, wir wollen schon unsere Bedin- sungen mit ihnen Allen machen.“ Behutsamlich, als ob er auf Eyern ginge, fing Luthbert an, den wohlbekannten Pfad herauf- zuklimmen, doch mit einigem Widerwillen; denn ausser, daſs er sich etwas vor dem Em- pfange fürchtete, den er drinnen finden würde, behauptete sein Gewissen, dafs er seiner Herr- schaft frühere Güte und Wohlthätigkeit schlecht vergelte. Trotz dem stieg er den Eibenbaum hinan, von seinen Gefährten, einem nach dem andern, gefolgt., Das Fenster war klein und einst von einem Eisengitter geschätzt gewesen; aber dies war zum Theil längst verfallen, zum Theil von den Dienstboten herausgebrochen, um sich zu gelegentlichem Gebrauch einen freyen Aus- gang zu verschaffen. Hereinzukommen war daher leicht, vorausgesetzt, daſs sich gerade niemand in der Speisekammer befand, was Luthbert, ehe er den letzten, gefährlichen Schritt thäte, unter- suchen wollte. Als deswegen seine Gefährten von hinten ihn drängten und ihn bedrohten, und er zögernd seinen Hals ausstreckte, in die Kam- mer zu sehn, erblickte Hannchen Dennison, die darin, als an dem sichersten Orte, das Ende des Sturmes abwarten wollte, plötzlich seinen Kopf. Sie erhob sogleich bey diesem Schreckensanblick ein gellendes Geschrey, flog in die anstofsende 60 Küche, und ergriff in ihrer Todesangst einen Topf mit Suppe, welchen sie selbst vor Anfang des Kampfes aufgesetzt hatte, um dem Thomas Halliday das versprochene Frühstück zu bereiten. Mit dieser Last kehrte sie an das Speiseckammer- fenster zurück, und noch immer schreyend: Mörder— Mörder! Wir werden geplündert— beraubt! Das Schlofs ist genommen! Theilt's unter Euch!“ goſs sie den ganzen siedenden In- halt des Topfes dem armen Luthbert auf den Kopf. So willkommen auch dies Gericht gewesen wäre, wenn Luthbert es auf ordentliche Weise bekommen hätte, so würde es ihm, wie Hann- chen es ihm zutheilte, wahrscheinlich auf immer von der Soldatenlust geheilt haben, hätte er Ferade heraufgesehen, als die Brühe über ihn kam. Aber glücklicherweise war unser Kriegs- mann bey Hannchens erstem Geschrey schon unruhig geworden, und herunter zu seinen Ge- fährten gebeugt, stritt er eben mit ihnen, die den Rückzug verhindern wollten, so dafs die Helm- haube und der Büffelwamms, die einst dem Wachr eister Bothwell gehörten, und von treff- licher Ar: waren, ihn gegen den gröſsten Theil der kochenden Suppe schützten. Indessen hatte ihn doch gen g getroſſfen, ihn empfindlich zu verletzen; er sprang, von Schmerz und Bestür- zung getrieben, hastig vom Baume, über seine Gefährten hinweg, mit offenbarer Gefahr für seine 61 Gliedmafsen, und ohne auf Cründe, Bitten und Befehle zu achten, rannte er auf dem sichersten Wege zu dem Haufen des Heeres zurück, dem er angehörte, und liefs sich weder durch Dro- hungen noch Ueberredung bewegen, zum Angriff zurückzukehren. Als Hannchen so auf den Rücken des einen Anbeters die Speise gegossen, die ihre schönen Hände für den Magen des Andern bereitet hatten, setzte sie ihr Lärmgeschrey fort. Diese gräſs- lichen Töne brachten Alles in Unruhe, und versetzten das ganze Schlofs in solche Verwirrung, dafs Major Bellenden und Lord Evandale es für das Beste hielten, sich von dem Gefecht ausser- halb der Thore zurückzuziehn, und dem Feinde alle äussere Bollwerke überlassend, sich nach dem Schlosse zu begeben, besorgt, daſs man es an einer unbeschützten Stelle überfallen könnte. Ihr Rückzug ward nicht gcehindert; denn der Schreck Luthberts und seiner Gefährten hatte unter den Belagerern fast eben so viel Verwir- rung hervorgebracht, als Hannchens Geschrey unter der Besatzung verursacht hatte. Man versuchte von keiner Seite, den Kampf für heute zu erneuern. Die Insurgenten hatten sehr gelitten, und die Schwierigkeiten, welche sie bey der Einnahme der Verschanzungen ausser- halb des Schlosses erfahren hatten, liefsen ihnen wenig Hoflnung, die Veste selbst mit Sturm zu nehmen. Die Lage der Mannschaft drinnen war dagegen entmuthigend und traurig. Sie hatten einige Leute im CGefechte verloren; mehrere noch waren verwundet; und obwohl ihr Verlust ver- hältnifsmäfsig geringer war, als der der Belagerer, die zwanzig Mann todt auf dem Platze gelassen, so konnte ihre kleine Anzahl ihn auch weniger ertragen, und die verzweifelten Angriffe von jener Seite zeigten, wie ernsthaft die Absicht der An- führer war, das Schlofs zu bezwingen, und wie sehr sie von dem Eiſer der Ihrigen unterstützt wurden. Besonders aber haite die Besatzung Hunger zu fürchten, im Fall man versuchen sollte, sie durch Einschlieſsung zur endlichen Uebergabe zu nöthigen. Des Majors Befehle, Le- bensmittel zu liefern, waren nur unvollkommen befolgt worden, und die Dragoner wüsteten, trotz aller Warnungen und Befehle, in den geringen Vorräthen. Mit schwerem Herzen gebot Major Bellenden daher, das Fenster, durch welches das Schlofs beynahe überrascht worden war, so wie alle andern, welche nur im mindesten die Er- neuerung solcher Angriffe möglich machten, zu verwahren. 63 —-——A Sechs und zwanzigstes Kapitel. „.„.... der Aönig hat Des Landes ganze Stärk' an sich gezogen. Heinrich IWI. Sohleg elsche Uebersetzung. Die Anführer des Presbyterianischen Heeres hiel- ten am Abend des Tages, an welchem man Tillietudlem angegriſfen, eine ernstliche Bera- thung. Es konnte ihnen nicht entgehen, daſs ihre Leute durch den erlittenen Verlust ent- muthigt waren, der, wie gewöhnlich in solchen Fällen, die Bravsten und Verwegensten getroffen hatte. Es war zu fürchten, wenn min das Heer seinen Eifer und seine Kräfte in einem so un- wichtigen Unternehmen, wie die Einnahme die- ser kleinen Veste war, erschöpfen lieſs, daſs es 64 mehr und mehr zusammenschmelze, und man alle Vortheile verlieren würde, die aus der un- vorbereiteten Lage der Regierung erwuchsen. Durch diese GCründe bewogen, kam man überein, daſs die Hauptmacht des Heeres auf Glasgow losgehen, und die darin liegenden Soldaten daraus vertreiben sollte. Der Kriegsrath ernannte Heinrich Morton und einige andere Hauptleute zu diesem Ceschäſt, und bestimmte Burley, mit einer Abtheilung von fünfhundert erlesenen Kriegern zur Blockade des Schlosses Tillietudlem zurückzubleiben. Morton bezeigte den gröſsten Widerwillen gegen diese Einrichtung. Er habe,“ sagte er,«die stärksten persönli- chen Bewegungsgründe zu dem Wunsche, in der Nähe von Tillietudlem zu bleiben, ung wenn die Leitung der Belagerung ihm überlassen werde, zweifle er nicht, einen Vergleich zu Stande zu bringen, der, ohne für die Belagerten hart zu seyn, den Zweck der Belagerer vollkommen er- füllen werde.“ Burley errieth leicht die Ursache des Wider- willens seines jungen Kampfgenossen, mit dem Heere aufzubrechen; denn da ihm daran liegen mufste, die Gemüthsart derer, mit denen er es zu thun hatte, zu kennen, so konnte er ohne groſse Mühe durch Luthberts Einfalt und der alten Magdalis Schwärmereifer erfahren, in wel- 65 chem Verhältnits Morton mit dem Hause Bellen- den stehe. Er benutzte daher die Gelegenheit, als Pfundtent sich erhob, um, wie er sagte, einen Augenblick von Geschäften zu reden, was aber, wie Burley mit Crund vermuthete, wohl eine Stunde dauern konnte, Morton bey Seite zu ziehen, und ihm folgende Vorstellungen zu machen: «Du bist unverständig, Heinrich Morton, daſs Du diese heilige Sache Deiner Freundschaft für einen unbeschnittenen Philister opfern willst, und Deinem Gelüsten nach einem moabitischen Weibe.“ „Ich verstehe nicht, was Ihr sagen wollet, Herr Balfour, und Eure Auspielungen gefallen mir nicht,“ erwiederte Morton unwillig.„Ich weiſs nicht, was Euch veranlafst, eine so grobe Be- schuldigung aufzubringen, oder eine so unhöf- liche Sprache zu führen.“ «Gestehe aber die Wahrheit, daſs Du lieber über Jene in der finstern Burg dort wachen möchtest, wie eine Mutter über ihre Kleinen, als daſs Du das Banner der Kirche von Schott- land über den Nacken ihrer Feinde tragen willst.“ «Wenn Ihr meint, dafs ich gern diesen Krieg ohne einen blutigen Sieg enden möchte, und dafs ich mehr darauf bedacht bin, als mir persönlich Ruhm oder Macht zu erwerben, so 1 Ihr vollkommen Recht,“ versetzte Morton. 73. E «Und nicht ganz Unrecht,“ antwortete Burley, «wenn ich glaube, dafs Du von so einer allgemei- nen Friedensstiftung Deine Freunde im Schlosse Tillietudlem nicht ausschliefsen möchtest.“ «KAllerdings,“ erwiederte Morton, abin ich dem Major Bellenden zu schr verpflichtet, um nicht zu wünschen, ihm nützlich zu werden, so viel der Vortheil der Sache, die ich ergriffen, es verstattet. Ich habe nie ein Geheimniſs aus meiner Achtung gegen ihn gemacht.“ «Das sehe ich,“ verseizte Burley;«aber wenn Du es auch verborgen hättest, würde ich doch Dein Räthsel entdeckt haben. Wohlan, höre auf meine Worte! Dieser Milo Bellenden hat Mittel, seine Besatzung noch einen Monat zu unterhalten.“ Dem ist nicht so,“ enigegnete Morton, wir wissen, seine Vorräthe reichen kaum für eine Woche.“ Ich aber,“ fuhr Burley fort,«habe die stärk- sten Beweise, dafs jenes Gerücht nur von dem arglistigen, bösgesinnten Craukopfe unter der Besatzung ausgesprengt ward, theils um die Sol- daten zu bestimmen, sich eine Verminderung ährer täglichen Nahrung gefallen zu lassen, theils uns so lange vor den Mauern seiner Veste aufzu- halten, bis das Schwert gewetzt ist, uns zu erschlagen und zu vernichten.“ „ 67 „Und warum ward dieser Beweis nicht dem Kriegsrathe vorgelegt Po fragte Morton. Zu welchem Zwecke 5** versetzte Balfour. Warum sollen wir Pauker, Macbriar, Pfundtext und Langcal darüber aufklären b Du muſst ja selbst wissen, dafs alles, was ihnen mitgetheilt wird, das Volk in dem nächsten Cottesdienste von den Predigern erfährt. Der Gedanke, nur eine Woche vor der Veste zu liegen, macht sie schon muthlos. Was würde daraus entstehen, wenn man ihnen sagte, sie sollten sich zu einer monatlichen Belagerung bereiten 5“ Aber warum denn es mir verbergen? Oder Marum es mir jetzt mittheilen? Und vor allen Dingen, was für Beweise habt Ihr für Eure Be- hauptung P“ sagte Morton. Beweise genug,“ entgegnete Burley. Darauf gab er ihm eine Menge von Lieferungsforderun- gen, vom Major Bellenden ausgestellt, nebst den Empfangscheinen an mehrere Landeigenthümer, wodurch so viel Vieh, Korn, Mehl u. s. w. herbeygeschafft schien, dafs jede Möglichheit, die Besatzung werde durch Hunger in Noth kom- men, verschwand. Aber Burley sagte Morton nicht, was er selbst wohl wufste, daſs nämlich die Meisten dieser Lieferungen das Schlofs nicht erreicht hatten, weil die raubgierigen Dragoner, die sie eintreiben sollten, häufig an den Einen verkauften, was sie dem Andern genommen 68 hatten, und also den Major ohngefähr auf eben die Weise betrogen, wie Falstaff den König beym Anwerben der Soldaten.. «Und nun hab' ich Dir nur noch zu sagen,“ fuhr Balfour fort, als er sah, dafs er den ge- wünschten Eindruck gemacht hatte, dafs ich Dir dies nicht länger verborgen habe, als es mir selber gewesen ist, denn ich habe diese Papiere erst heute Morgen empfangen; und ich sage Dir es jetzt, daſs Du freudig Deinen Weg wandeln mögest, und willig das groſse Werk zu Clasgow vollbringest, indem Du versichert bist, dafs Dei- nen Freunden auf Seiten der Bösgesinnten kein Uebel widerfahren kann„ weil ihre Veste hin- reichend mit Lebensmitteln versehen, und ich nicht genug Streitkräfte besitze„ um mehr thun zu können, als einen Ausfall zu verhindern.“ Und warum,“ fing Morton von Neuem an, denn er fühlte einen unaussprechlichen Wider- willen, sich bey Balfours Gründen zu beruhigen: Warum verstattet Ihr mir nicht, als Führer dieses kleinen Haufens zurickzubleibenb War- um geht Ihr nicht selbst nach Glasgow b Es ist ein ehrenvolleres Ceschäft.“ «Ehen darum junger Mann, hab' ich mich bemüht,“ antwortéte Burley,«dafs der Sohn von Silas Morton diesen Auftrag erhalten sollte. Ich werde alt, und dieses graue Haupt hat Ehre ge- nug gehabt, wo sie nur durch Gefahren errungen 69 werden konnte. Ich spreche nicht von jenem Schaum, von jenen Seifenblasen, welche die Menschen irdischen Ruhm nennen; sondern von der Ehre, die dem gehört, der nicht lässig ist bey dem groſsen Werke. Deine Laufbahn er- öflnet sich erst. Du hast das hohe Vertrauen zu rechtfertigen, so Dir gewährt ward auf meine Versicherung, daſs Du seiner würdig seyest. Am Loudonhügel warst Du ein Gefangner; beym letzten Angriſl hattest Du in einer bedeckten Stel- lung zu fechten, während ich den offnen und gefährlichen Angriff leitete; und wenn Du nun vor diesen Wällen bleibst, wenn Du Dich an- derswo thätig zeigen kannst, so würden, glaube ich, die Leute sagen, der Sohn des Silas Morton sey abgewichen von der Bahn seines Vaters.“ Getroffen von dieser letzten Bemerkung, gegen die er als Edelmann und Soldat nichts Pafsliches einwenden konnte, willigte Morton hastig in die vorgeschlagne Anordnung. Aber er war nicht im Stande, sich eines gewissen unwillkiüihrlichen Gefühles von Miſstrauen zu erwehren, das ihm die Quelle, aus weleher er die Nachricht erhielt, einflöſste. err Balfour,“ sagte er,«lafst uns einander völlig verstehen! Ihr habt es der Mühe wenth ge- achtet, meinen mich aliein betroffenen Angele- genheiten und meinen persönlichen Zuneigungen besondere Aufmerksamkeit zu schenken, seyd 7⁰ überzeugt, daſs ich ihnen eben so treu bin, als meinen politischen Grundsätzen. Es ist möglich, daſs es während meiner Abwesenheit in Eure Macht gegeben wird, diesen Gefühlen zu schmei- cheln oder sie zu verwunden. Seyd versichert, was auch der Ausgang unsers gegenwärtigen Aben- theuers seyn möge, Ihr werdet Euch durch die Art Eures Betragens bey solcher Gelegenheit meine ewige Dankbarkeit, oder meinen unver- gänglichen Groll erwerben. So jung und uner- fahren ich bin, zweifle ich doch nicht, daſs ich Freunde finden würde, die mir beyständen, meine Empfindungen in beyden Fällen auszusprechen.“ «Wenn eine Drohung in dieser Ankündigung liegen soll, erwiederte Burley kalt und stolz, « 80 hättet Ihr sie sparen können. Ich weiſs die Achtung meiner Freunde zu schätzen, und die Drohungen meiner Feinde von Herzen zu ver- achten. Aber ich will keinen Anlafs zur Em- pfindlichkeit nehmen. Was auch in Eurer Ab- wesenheit vorfallen möge, soll mit so viel Rück- sicht auf Eure Wünsche geschehen, als meine Pflicht gegen eine höhere Macht es nur immer erlaubt.“* Mit diesem bedingten Versprechen mufste sich Morton begnügen. «Unsere Niederlage wird die Besatzung be- freyen,“ sagte er zu sich selbst,«ehe sie dahin gebracht werden kann, sich auf Cnad' und Un- 2* gnade zu ergeben. Im Fall unseres Sieges aber, so sehe ich sehon aus der Menge der Gemäſsigten unter dem Heere, dals ich eine so mächtige Stimme erhalten werde, als Burley in der Be- stimmung der Benutzung, die wir vom Siege machen wollen.“ Er begleitete Balfour in die Rathsversammlung, wWo. Pauker eben noch seinem Zuletzt eine erläuternde Anwendung hinzufügte. Als er damit fertig war, erklärte Morton seine Bereitwilligkeit, mit dem gröſsern Theile des Heeres zu gehen, der die königlichen Truppen aus Glasgow treiben sollte. Die übrigen Hauptleute wurden ernannt, und Alle empfingen eine stärkende Ermahnung von den gegenwärtigen Predigern. Den nächsten Morgen verlieſs das Heer bey Tagesanbruch das Lager, und brach nach Clasgow auf. Es ist nicht unsere Absicht, Vorfälle umständ- lich zu erzählen, welche man in der damaligen Zeitgeschichte nachlesen kann. Es reicht hin, zu sagen, dafs Claverhouse und Lord Roſs, als sie von der überlegnen Macht, die auf sie los- rückte, hörten, sich in dem NMittelpunkt der Stadt verschanzten oder vielmehr verbollwerkten, wo das Rathhaus und das alte Gefängniſs stan- den; hier wollten sie lieber den Angriff der Aufrührer erwarten, als die Hauptstadt des west- lichen Schottlands verlassen. Die Presbyterianer theilten sich in zwey Haufen, von denen der 7² eine in der Gegend des Collegiums und der Ca- thedralkirche in die Stadt drang, während der andere auf das Galgenthor oder die südöstliche Seite loszog. Beyde Abtheilungen wurden von entschlofsnen Männern geführt, und benahmen sich höchst muthig. Aber die Vortheile der Dis- eiplin und Lage waren zu groſs für ihre unge- regelte Tapferkeit. Roſs und Claverhouse hatten sorglich kleine Haufen Soldaten in die Häuser vertheilt, die an den Enden der Strafsen standen; eben so in den Gäfschen, und ausserdem waren Viele hinter, quer über die Strafse laufenden, Bollwerken verschanzt. Die Eindringenden sahen ihre Reihen durch das Feuer unsichtbarer Gegner gelichtet, und waren nicht im Stande, es wirk- sam zu erwiedern. Umsonst setzten Morton und andere Führer mit der äussersten Tapferkeit sich selbst aus, indem sie sich bemühten, die Feinde zum Handgemenge zu bringen. Ihre Leute wichen überall; und obgleich Heinrich Morton einer der Letzten war, der sich zurückzog, und sein Mög- lichstes that, den Nachtrab in Ordnung zu halten, und jeden Versuch des Feindes zu vereiteln, den errungnen Vortheil zu benutzen, so ward ihm doch die Kränkung, Mehrere unter seinem Haufen mürren zu hören: Dies käme davon, daſs man freydenkerischen Knaben vertraue! Hätte man den redlichen, treuen Burley an der Spitze ge habt, wie bey Erstürmung der Verschanzungen vor Tillietudlem, so würde der Ausgang ganz an- ders gewesen seyn.“ Mit entbrennendem Zorn hörte Morton diese Bemerkungen gerade von denen, die am ersten Zeichen der Muthlosigkeit gegeben. Der ungerechte Vorwurf hatte indessen keine Wirkung auf ihn, als daſs er seinen Wett- eifer entflammte, und er fühlte, dafs in der ge- fährlichen Lage, in welcher er sich befand, ihm nichts übrig bleibe, als zu siegem oder zu sterben. Ich kann nicht mehr zurick,“ sprach er zu sich selber.«Alle sollen gestehen, der Major soll es— Edithe soll es— daſs wenigstens im Muthe der Empörer Morton seinem Vater nicht nachstand.“ Die Verfassung des Heeres war nach diesen zuriichgeschlagnen Angriffe so ohne Kriegszucht und Ordnung, daſs die Anführer es für rathsam hielten, sich cinige Meilen von der Stadt zu ent- fernen, damit man Zeit gewönne, so viel Ord- nung herzustellen, als möglich war. Neue Krieger fanden sich indessen schnell ein, mehr angelockt durch die groſsen Beschwerden ihrer cignen Lage und durch die am Loudonhügel errungenen Vor- mheile, als durch die letzte unglückliche Unter- nehmung zurückgeschreckt. Viele von diesen schlossen sich an Mortons Abtheilung. Zu seiner Kränkung nahm er aber wahr, daſs das Miks- trauen der unduldsameren Eiferer gegen ihn immer mehr zunahm. Die bey seiner Jugend 74 überraschende Klugheit, welche er bey den An- ordnungen unter seinen Leuten zeigte, nannten sie ein Vertrauen auf den Arm des Fleisches, und seine bekannte Duldsamkeit gegen die von seinen religiösen Ueberzeugungen und Gebräuchen Abweichenden, zog ihm höchst ungerecht den Beynamen eines Gallion zu, der nach nichts frage, als nach solchen Dingen. Was aber schlimmer war, als diese unverständigen Urtheile, — der groſse Haufen der Aufrührer, der überall denen den gröſsten Beyfall gab, die ihre religiö- sen und politischen Meinungen aufs Aeusserste trieben, und gegen die murrte, welche ihm das Joch der Mannszucht auflegen wollten, zog auch jetat sichtlich die eifrigern Hauptleute, in den Schaaren Schwärmerey für die Sache, die den Mangel an Ordnung und Subordination er- setzen sollte, den Beschränkungen vor, denen Morton die Krieger unterwerfen wollte. Kurz, wahrend er die Hauptlast der Führung trug(denn seine Mitführer traten ihm willig alles ab, was müihsam und der allgemeinen Stimmung miſs- fällig war), sah er sich doch ohne das Ansehn, das allein seine Anordnungen wirksam machen konnte. Trotz aller dieser Hindernisse hatte er sich doch während einiger Tage so eifrig bemüht, einen gewissen Grad von Disciplin im Heere ein- zuführen, daſs er glaubte, Glasgow mit der 75 sichern Hoſfnung des Sieges zum zweytenmale angreifen zu können. Es kann nicht bezweiſelt werden, daſs Mortons Begierde, sich mit dem Obersten Craham von Claverhouse, von welchem er solche Unbild er- litten, zu messen, ihren Theil an seinen unge- wöhnlichen Anstrengungen hatte. Aber Claver- house vereitelte diese Hoffnung; denn, zufrieden mit dem Vortheil, den ersten Angriff auf Glas- gow zurückgeschlagen zu haben, beschloſs er, mit seinen wenigen Truppen einen zweyten An- griff der Aufrührer nicht abzuwarten, zumal da sie jetzt zahlreicher und geregelter waren, als bey der ersten Unternehmung. Er räumte daher den Ort, und zog an der Spitze seiner Schaar gen Edinburg. Die Insurgenten nahmen also Glasgow ohne Widerstand ein, und ohne daſs Mortons Sehnsucht, noch einmal persönlich mit Claverhouse zusammen au stofsen, erfüllt wurde. Ward ihm aber gleich nicht die Gelegenheit, das Miſsgeschick seiner Abtheilung des Bundesheeres zu rächen, so dienten doch Claverhouses Rück- zug und der Besitz von Glasgow sehr dazu, seine Krieger zu ermuntern, und ihre Zahl zu ver- mehren. Die Nothwendigkeit, neue Officiere zu ernennen, ueue Regimenter und Schwadronen zu bilden, und sie mit den unerläſslichen Regeln der Kriegszucht bekannt zu machen, waren Ar- beiten, die mit allgemeiner Einwilligung Hein- 76 rich Morton übertragen wurden, und denen er sich um so bereitwilliger unterzog, da sein Vater ihn in der Kriegskunst unterrichtet hatte, und er deutlich sah, daſs dieses unangenehme, aber durchaus nöthige Geschäft unverrichtet bleiben wirde, wenn er es nicht übernähme. Das Glück schien den Aufstand mehr zu be- günstigen, als selbst die Hoffnungsvollsten hatten erwarten dürfen. Der Staatsrath von Schottland, erstaunt über den Umſang des Widerstandes, den seine willkührlichen Maſsregeln herausgefordert hatten, schien von Schrecken betäubt und nicht im Stande zu seyn, einen ernsten Schritt zu thun, ihn zu bezwingen. Es waren nur wenige Truppem in Schottland, und diese wurden mach Edinburg gezogen, als wenn sie ein Schutzheer für die Hauptstadt bilden sollten. Die Kronvasallen der verschiedenen Grafschaften wurden entboten 6 mit ihren Dienstmannen sich ins Feld zu stellen, und die dem Könige schuldige Lehnspflicht zu versehn. Aber dem Aufruf ward sehr lässig Folge geleistet. Der Landadel nahm nicht überall Theil an diesem Kriege, und viele von denen, die selbst sich zur Ergreifung der Waffen willig fanden, wurden durch die Abneigung ihrer Frauen, Mütter und Schwestern abgehalten, für eine sol- che Sache zu streiten. Inzwischen erweckte das unangemeſsne Verfahren, durch welches die Schottische Regierung sich zu vertheidigen und. 175 7 8 einen Aufstand zu unterdriücken suchte, der im Beginnen so unbedeutend schien, am Englischen Hofe Zweifel gegen ihre Fähigkeit und gegen die Klugheit und Strenge, welche sie wider die un- terdrückten Presbyterianer ausgeübt hatte. Es ward daher beschlossen, zum Oberbefehlshaber des Heeres von Schottland jenen unglücklichen Herzog von Monmuth zu ernennen, welcher durch Heirathsverbindungen viel Einflufs in dem südlichen Theile des Königreichs hatte. Die Kriegskunst, die er bey verschiedenen Gelegen- heiten im Auslande gezeigt hatte, schien mehr als hinreichend, die Aufrührer im Felde zu über- winden, während sich erwarten liefs, daſs seine milde Gesinnung und seine günstige Stimmung für die Presbyterianer im Allgemeinen die Ce- müther der Menschen besänftigen und sie mit der Regierung versöhnen würde. Der Herzog erhielt daher eine umfassende Vollmacht, die zerrütteten Angelegenheiten Schottlands wieder herzustellen, und verlieſs London, von einer starken Kriegsmacht begleitet, den Oberbefehl über das dortige Heer zu übernehmen. ————————————ℳ— Sieben und zwanzigstes Kapitel. Zum Bothwellhügel muſs ich fort, Und siegen oder sterben dort. Aus einer alten Ballade. Auf beyden Seiten trat nun eine Pause in den kriegerischen Bewegungen ein. Die Regierung schien sich zu begnügen, die Empörer von der Hauptstadt abzuhalten, während diese auf Ver- mehrung und Verstärkung ihrer Streitkräfte be- dacht waren. Zu diesem Endzweck errichteten sie eine Art von Lager in dem Parke, welcher zu dem herzoglichen Wohnsitz zu Hamilton ge- hörte, wo sie recht im Mittelpunkte die Neuge- worbenen zu empfangen, und vor jedem plötz- lichen Ueberfall gesichert waren, da der Clyde, ein tiefer und reissender Strom, ihre Stellung von vorn beschützte, und man über denselben 79 nur vermittelst einer langen, schmalen Brücke beym Schlosse und Dorfe Bothwell gelangen kann. Morton blieb hier ohngefähr vierzehn Tage lang nach dem Angriff auf GClasgow, ganz mit seinen militärischen Pflichten beschäftigt. Er hatte mehr als eine Botschaft von Burley erhalten, aber sie meldeten ihm nur im Allgemeinen, daſs die Burg Tillietudlem sich noch immer halte. Un- geduldig über die Ungewifsheit in einer, ihm so wichtigen, Angelegenheit, hatte er schon längst gegen die übrigen Hauptleute seinen Wunsch, oder eigentlich sein Verlangen geäuſsert— denn er sah nicht ein, warum er sich nicht eben so gut einer Freyheit bedienen sollte, die sich jeder, der wollte, in dem zuchtlosen Heere nahm— auf ein Paar Tage nach Milnwood zu gehn, dort einige wichtige häusliche Angelegenheiten zu ordnen. Der Vorschlag-ward keineswegs gebilligt; alle fühlten zu gut von welchem Werth seine Dienste seyen, als daſs sie nicht hätten fürchten sollen, ihn zu verlieren, und waren sich ihrer Unfähigkeit, ihn zu ersetzen, dunkel bewuſst. Sie durften sich jedoch nicht anmafsen, ihm strengere Gesetze aufzuerlegen, als sie selber befolgten, und Morton konnte daher ohne aus- drücklichen Widerspruch abreisen. Ehren-Pfund- text benutzte die Gelegenheit, einmal wieder sein Wohnhaus in der Nachbarschaft von Miln- 8⁶ wood zu besuchen, und beglückte Morten mit seiner Gesellschaft auf der Reise. Da die Gegend gröſstentheils ihrer Sache zugethan, und von ihren Truppen besetzt war, ein Paar Vesten einiger alten ritterlichen Barone ausgenommen, so durch- reisten sie dieselbe ohne ein anderes Geleite, als das des treuen Luthbert.. Gegen Sonnenuntergang erreichten sie Miln- wood, wo Pfundtext seinen Cefährten Lebewohl sagte, und allein nach seinem Pfarrhause ritt, das näher nach Tillietudlem zu gelegen war. Als Morton seinen eignen GCedanken überlassen war, mit welchen Gefühlen sah er die Wälder, Ge- stade und Gefilde wieder, die ihm so wohl be- kannt waren! Sein Character, seine Gewohnhei- ten, Gedanken und Beschäftigungen waren in einem Zeitraum von wenig Wochen gänzlich umgewandelt, und diese kurze Zeit hatte auf ihn gewirkt, wie eine Reihe von Jahren. Ein sanfter, romantischer, mildgesinnter Jüngling, in Ab- hängigkeit erzogen, der sich geduldig den Be- schränkungen eines geizigen, tyrannischen Ver- wandten unterworfen hatte, war plötzlich durch die Ruthe der Unterdrückung und den Stachel des verletzten Cefühles dahin gebracht worden, der Führer bewaffneter Männer zu werden, war ernstlich verwickelt in öffentliche Angelegenhei- ten, hatte Freunde zu ermuthigen, mit Feinden zu kämpfen, und sah sein eignes Geschick an 81 den Ausgang eines Volksaufstandes, einer Em- pörung gebunden! Es war, als sey er durch einen Zauberschlag aus den poetischen Träumen seiner Jugend mitten unter die Mäühseligkeiten und Sor- gen des männlichen Alters versetzt. Alles, was früher ihn beschäftigt, war aus seinem Gedächt- niſs verwischt, nur sein Cefühl für Edithe ausge- nommen, und selbst seine Liebe schien einen männlichern, uneigennützigern Character ange- nommen zu haben, da sie mit andern Pflichten und Empfindungen in Verbindung und Wider- streit getreten war. Als er diese plötzliche Ver- änderung erwog, die Umstände, die sie zuerst hervorgebracht„ und das Ziel, das vielleicht seiner jetzigen Laufhahn gesteckt war, ward das ängstliche Beben, das durch seine Seele zog, schnell verbannt durch das Auſglühn eines edeln, hochherzigen Muthes. 4 «Ich werde jung fallen,“ sagte er,«wenn ich fallen mufs, meine Absichten werden mifsdeutet, meine Handlungsweise wird verurtheilt werden, von denen, deren Beyfall mir über Alles theuer ist. Aber ich habe das Schwert für Freyheit und Vaterland gezogen, und ich werde nicht unrühm- lich, nicht ungerochen fallen. Sie mögen meinen Körper ausstellen, meine Gebeine an den Galgen hängen lassen, aber es werden andere Zeiten kommen, wo der beschimpfende Urtheilsspruch auf lie zurückfallen wird, die ihn aussprachen. 73. F 82 Der Himmel sey mein Zeuge, er, dessen Name so oft entweiht wird in diesem übernatürlichen Kriege, daſs nur reine Absichten mich geleitet haben.“ Als Heinrich nun vor dem Hause zu Milnwood stand, verrieth sein Pochen an der Pforte nicht mehr die schuldbewufste Schüchternheit eines herangewachsenen Knaben, der über das Mafs geschritten, sondern die Zuversicht eines Mannes, der zum Vollbesitz seiner Rechte gelangt, und Herr seiner Handlungen ist, kühn, frey und entschieden. Die Thüůr ward vorsichtig geöffnet von seiner alten Bekannten, Frau Elisabeth Wil- son, die zurückfuhr, als sie den stählernen Helm. und den nickenden Federbusch des kriegerischen Gastes erblickte, «Wo ist mein Oheim, LiesepP" hob Morton an, lächelnd über ihre Bestürzung. «Um Cotteswillen, Junker Heinrich, seyd Ihr’'s Ho erwiederte die Alte.«Wahrhaftig, das Herz lief mir gleich auf die Zunge, so bald ich Euch sah.— Aber Ihr könnt's nicht selber seyn, Ihr scht gröfser und männlicher aus, als sonst.“ «Und doch bin ich's selber,“ versetzte Hein- rich, zu gleicher Zeit lächelnd und seufzend. «Ich glaube wohl, daſs ich in dieser Tracht gröſser aussche, nnd diese Zeit, Liese, macht aus Kna- ben Männer.“ 83 „Ja, eine traurige Zeit!" erwiederte die Alte— und daſs Ihr dadurch habt in Gefahr kommen müssen! Aber wer kann da helfen?— Ihr seyd schlecht genug behandelt worden; ich hab's Euerm Oheim immer gesagt: ein Wurm krümmt sich, wenn man ihn tritt.“ «Ihr habt mich immer vertheidigt, Liese, und lieſset von Niemand einen Tadel auf mich brin- gen, als von Euch selber, das mufs wahr seyn. — Wo ist mein Oheim 5 «In Edinburg,» antwortete Liese. Der ehr- liche Mann dachte,'s wär’ das Beste, sich an den Herd zu setzen, wenn der Rauch oben auf- steigt. ˙S ist ein gequälter Mann und ein furcht- samer Mann— allein Ihr kennt ja den Herrn so gut wie ich.“. «Seine Gesundheit hat doch hoffentlich nicht gelitten 5“ fuhr Morton fort. «Davon ist nichts zu sagen," erwiederte die Haushälterin,«auch sonst hat er nichts verloren. Wir haben uns so gut gewehrt, als wir konnten. Die Reiter aus Tillietudlem haben uns zwar die rothe Kuh weggeführt und auch die alte Mirke (Ihr erinnert Euch ihrer ja wohl noch b), aber sie lieſsen uns vier andere ab zu gutem Preise, die sie nach dem Schlosse treiben sollten. Lielsen Euch abp" fragte Morton;«wie sob“ I nun, sie waren ausgegangen, um Lebens- mittel für die Besatzung zu holen, antwortete 84 4 die Haushälterin,«aber sie fielen bald wieder in ihr altes Handwerk, und ritten im Lande um- her, und verkauften und verhandelten alles, was sie kriegten. Mein Seel! der Major Bellenden hat das Wenigste von Allem, was sie eintrieben, zu sehen bekommen, obwohl alles in seinem Namen genommen ward.“» Dann muſs es der Besatzung sehr an Lebens- mitteln ſehlen!» sagte Morton hastig. Knapp genug mag's drinnen zugehn,» antwor- tete Liese,«das ist kein Zweifel.“ Ein Lichtstrahl fiel plötzlich in Mortons Seele. Burley mufs mich betrogen haben— sein Glaube erlaubt ihm List, so gut als Grausamhkeit. — Ich kann nicht länger bleiben, Frau Wilson; ich muſs gleich weiter!“ «O ich bitte Euch, eſst doch erst einen Bissen,“ zagte die wohlwollende Haushälterin.„Ich will's Euch zurecht machen, wie ich's vor dieser trau- rigen Zeit zu thun pflegte.“ «Es ist unmöglich!» versetzte Morton.«Luth- bert, halt unsere Pferde bereit! 4 «Die verzehren eben ihren Hafer,» antwortete Luthbert. «Luthbert!" wiederholte Liese;«habt Ihr denn den garstigen, unseligen Schlingel bey Euch?— Er und seine zänkische Mutter haben das erste Unglück in dies Haus gebracht." 85⁵ «Still, still,» versetzte Luthbert;„Ihr solltet vergeben und vergessen, Frau Wilson. Die Mut- ter isr in Glasgow bey ihrer Schwester, und wird Euch nicht mehr plagen, und ich bin jetzt des Hauptmanns Kammerdiener und halte seine Sa- chen besser in Ordnung, als Ihr je gethan habt. Saht Ihr ihn wohl je so schön angezogen, wie alleweile P «Nu, das mufs wahr seyn," sagte die alte Haus- hälterin, indem sie mit groſsem Wohlgefallen ihren jungen Herrn betrachtete, der ihr in seiner Tracht hübscher als je vorkam: wahrhaftig, eine solche Spitzenhalsbinde habt Ihr nicht ge- habt, so lange Ihr in Milnwood waret. Die hab' ich nicht gesäumt.“ Ne, ne, Frau Wilson, die ist durch meine Hände gegangen— ˙s ist etwas von Lord Evan- dales Herrlichkeiten.“ Lord Evandale Po wiederholte die Alte;«das ist ja der, den die Whigs morgen hängen wollen, wie ich höre.“ «Wie sagt Ihr,» rief Morton in äusserster Be- stürzung,«Lord Evandale hängen 5 Ja, das wollen sie," erwiederte die Haushäl. terin.«Gestern Abend machte er einen Ausfall, um sich Lebensmittel zu verschaffen, aber seine Leute wurden zurückgatrieben, und er ward ge- ſangen genommen. Der Aufrührer-Hauptmann Balfour hat cinen Galgen bauen lassen, und hat 86 geschworen, oder auf sein Cewissen versichert, — denn die schwören nicht— wenn die Be- satzung sich nicht bey Tagesanbruch ergäbe, so wollte er den jungen Lord aufknüpfen lassen, den armen Schelm, so hoch wie Hamann.— Das sind böse Zeiten; aber da kann Niemand helfen! So setzt Euch doch nur ein Bischen, und eſst Brod und Käse, bis ich Euch was Besseres gemacht habe. Kein Wort hätte ich Euch gesagt, wenn ich gewulst hätte, daſs es Euch den Appetit verderben würde, Hännschen!" «Luthbert! die Pferde mögen gefressen haben, oder nicht, sattle sie sogleich; wir dürfen nicht ruhen, bis wir das Schlofs erreicht haben.“ Alles Bitten Liesens ohngeachtet, machten sie sich auf der Stelle wieder auf die Reise. Morton versäumte nicht, bey Pfundtexts Woh- nung anzuhalten und ihn aufzufordern, ihn ins Lager zu begleiten. Der geistliche Herr war eben wieder für ein Weilchen zu seinen friedlichen Gewohnheiten zuriückgekehrt; er las gerade in einem theologischen Tractat, die Pfeife im Mun- de, und einen Krug Doppelbier neben sich, die Verdauung der Beweisgründe zu befördern. Mit grofsem Widerwillen verliefs er diese Behaglich- keiten, die er seine Studien nannte, um wieder einen beschwerlichen Ritt auf einem harttraben- den Pferde zu beginnen. Als er indessen ver- nahm, wie die Sache stand, gab er mit einem 87 tieſen Seufzer die Hofſnung auf, einen ruhigen Abend in seinem eignen Stübchen zu verleben; denn er stimmte Morton völlig bey, daſs, was für einen Crund Burley auch haben möchte, den Bruch zwischen den Presbyterianern und der Regierung durch die Hinrichtung des jungen Edelmannes unheilbar zu machen, die gemäſsig- tere Parthey durchaus eine so schändliche Ge- waltthat nicht zulassen dürſe. Und um dem Ehrenmann Cerechtigkeit widerfahren zu lassen, fügen wir hinzu, daſs er, wie die Meisten seines Glaubens, einen entschiedenen Widerwillen ge- gen solche Handlungen unnöthiger Grausamkeit hatte; ausserdem machten auch seine gegenwär- tigen Gefühle ihn geneigt, mit groſsem Wohl- gefallen Morton anzuhören, der ihm bewies, dafs Lord Evandale der Vermittler eines Friedens auf billige und gemäſsigte Bedingungen werden hönne-. Bey diesen übereinstimmenden Ansichten be- schleunigten sie ihre Reise, und erreichten Abends gegen eilf Uhr ein kleines Dorf unweit des Schlos- ses Tillietudlem, wo Burley sein Hauptquartier hatte. Sie wurden von der Schildwache angerufen, die am Eingange des Dorfes ihren trübseligen Auf- und Niedergang hielt, und eingelassen, als sie ihre Namen und Rang im Heere angegeben haiten. Eine andere Wache stand vor einem Hause, das sie für Lord Eyandales Gefängniſs 88 halten muſsten, denn ein Galgen, von einer solchen Höhe, daſs er von den Zinnen des Schlos- ses gesehen werden konnte, war davor errichtet, und bestätigte auf die schrecklichste Weise die Nachricht der Frau Wilson. Morton verlangte sogleich mit Burley zu sprechen, und ward mit Pfundtext in seine Wohnung geführt. Sie fanden ihn in der Schrift lesend, seine Waffen neben ihm, wie bereit auf jede plötzliche Unruhe. Als seine Mitfuhrer eintraten, fuhr er in die Höhe. «Was hat Euch hierher gebracht po rief er hastig.«Bringt Ihr schlimme Nachrichten vom Heerebo «Nein,» erwiederte Morton; aber wir hören, daſs hier ein Schritt gethan werden soll, der für die Sicherheit des Heeres von der gröſsten Wich- tigkeit ist.— Lord Evandale ist Euer Gefangner 5 «Der Herr,» versetzte Burley,«hat ihn in unsere Hände gegeben!“ „Und ihr wollt diesen vom Himmel gewährten Vortheil benutzen, unsere Sache in den Augen der ganzen Welt durch die schmachvolle Hin- richtung eines Gefangenen zu beschimpfen 5 Wird das Schlofs Tillietudlem uns nicht bey Tagesanbruch übergeben,“ entgegnete Burley, s0 thue mir Gott das Gleiche, und mehr, wenn er nicht des Todes sterben soll, wozu sein Anführer und Vorbild Johann Graham von Claverhouse so wiele von Cottes Heiligen verurtheilt hat,“ —— 89 «Wir sind unter Waſfen, v erwiederte Morton, «solchen Grausamkeiten Ziel zu setzen, nicht sie nachzuahmen, weit weniger die Thaten des Schul- digen an dem Unschuldigen zu rächen. Durch welches Gesetz wollt Ihr die rohe Grausamkeit rechtfertigen, die Ihr begehen wollt bo «Wenn Du es nicht weiſst,» versetzte Burley, Dein Cefährte wird wohl das Gesetz kennen, das die Männer von Jericho dem Schwerte Josua's, des Sohnes Nun's, Preis gab.» «Aber wir,» begann der Prediger,«leben unter einem besseren Gebote, das uns lehret, Böses mit Gutem zu vergelten, und für diejenigen zu beten, die uns mit Verachtung behandeln, und uns verfolgen.“» «Das heifst,v sagte Balfour,«Du willst Dein graues Haar mit diesem unreifen Jünglinge vereinigen, mir in dieser Sache zuwider zu handeln «Wir sind zwey von denen,“ versetzte Pfund- text,«welchen, in Vereinigung mit Dir, die Gewalt über dies Heer vertrauet ist, und werden nicht zugeben, dafs Du dem Gefangenen ein Haar krümmest. Es kann GCott gefallen, ihn zum Werkzeuge zu machen, diesen unglücklichen Bruch in unserm Israel zu heilen.“ Ich dachte wohl, daſs es dahin kommen würde,“ entgegnete Burley,«weun Deines Glei- chen für den Rath der Aeltesten ernannt wurden.“ 9⁰ «Meines Gleichen?o rief Pfundtext:«und wer bin ich denn, daſs Ihr mich mit solcher Ver- achtung nennen dürfto Habe ich nicht dreyfsig Jahre lang die Heerde dieser Hürde vor den Wöl- fen geschützt? Ja, während Du, Johann Balfour, fochtest in den Reihen der Unbeschnittenen, selbst ein Philister von frecher Stirn und blutiger Hand— meines Gleichen? Wer bin ich denn?» «Ich will Dir sagen, wer Du bist, weil Du es so gern wissen willst, erwiederte Burley.«Du bist einer von denen, die da gern erndten möch- ten, wo sie nicht säeten, und die Beute theilen, während Andere die Schlacht schlagen; Du bist einer von denen, die dem Evangelium folgen, um der Brode und um der Fische willen, die ihr eignes Haus mehr lieben, denn die Kirche Cot- tes, und die lieber ihre Pfründen genössen unter Bischöflichen oder Heiden, denn das Schicksal der edeln Geister theilen, die da alles hinter sich werfen um des Bundes der Gläubigen willen.“* «Und ich,» antwortete Pfundtext in gerechtem Zorn,«ich will Dir sagen, wer Du bist, Johann Balfour! Du bist einer von denen, um deren blutdürstigen und unbarmherzigen Gemüthes wil- len ein Vorwurf gekommen ist auf die ganze Kirche dieses leidenden Reichs, und wegen deren Cewaltthätigkeit und Blutschuld zu fürchten ist, daſs diese schöne Unternehmung, unsere bürger- lichen und religiösen Rechte wieder zu gewinnen, 9¹ nie von der Vorsehung mit dem ersehnten Erfolge wird gekrönt werden.“ aIhr Herren,“ rief Morton,«hört auf, einan- der zu schmähen! Ihr aber, Herr Balfour, sagt uns, ob es Eure Absicht ist, Euch der Freylas- sung des Lords Evandale zu widersetzen, die uns bey der gegenwärtigen Lage der Dinge eine vor- theilhafte Mafsregel scheint.* Ihr seyd hier zwey Stimmen gegen eine,“ er- wiederte Balfour. Aber Ihr werdet Euch nicht weigern zu warten, bis der vereinte Kriegsrath über die Sache entscheidet.“ «Wir würden es nicht thun,» entgegnete Mor- ton,«wenn wir demjenigen trauen könnten, in dessen Händen wir den Gefangenen lassen müfs- ten. Aber Ihr wiſst,» setzte er, mit einem finstern Blicke auf Burley, hinzu,«dafs Ihr mich in die- ser Sache schon einmal betrogen habt.“ Ceh,» sagte Burley verächtlich:«Du bist ein thörichter, unbesonnener Knabe, der für die schwarzen Augenbraunen eines einfältigen Mäd- chens Glauben und Ehre, und die Sache seines Cottes und seines Vaterlandes hingeben würde!“ «Herr Balfour,» sagte Morton, die Hand ans Schwert legend,«diese Sprache fordert Cenug- thuung!“. aUnd Du oollst sie haben, Knabe, wann und wo Du's wagen willst,“ versetzte Burley. lch gebe Dir mein gutes Wort darauf!* 9² Nun war es an Pfundtext, den Vermittler zu machen; er erinnerte sie, dafs es Tollheit sey, jeizt zu zanken, und brachte mit Mähe eine Art von mürrischer Versöhnung zu Stande. «Was den Gefangnen anbelangt,“ sagte Burley, „so verfahrt mit ihm, wie Ihr wollt. Was auch die Polgen seyn mögen, ich wasche meine Hände! Er ist mein Gefangner, mit meinem Schwert und Speer hab' ich ihn gewonnen, während Ihr, Herr Morton, auf Exercierplätzen und Paraden den Adjutanten spieltet, und Ihr, Herr Pfund- text, die Schrift der Erastianisten mundrecht machen wolltet.— Jedennoch, nehmet ihn hin, und verfahret mit ihm, wie Euch dienlich dünkt. — Dingwell,» fuhr er fort, einen Oflicier rufend, der Adjutantendienste versah, und im anstoſsen- den Zimmer schlief: die Wache, welche vor des bösgesinnten Evandale Thüre steht, soll ab- ziehn, und der den Posten räumen, die Haupt- mann Morton zur Ablösung ernennen wird.— Der Gefangene ist nun in Eurer Macht, Ihr Her- ren!“ fügte er, wieder zu Morton und Pfundtext sich wendend, hinzu: aber bedenkt, es wird einst ein Tag kommen, wo Ihr schwer Rechen- schaft werdet geben müssen für alle diese Dinge!" Mit diesen Worten ging er, ohne ihnen gute Nacht zu sagen, in ein inneres Gemach. Die beyden kamen nach kurzer Ueberlegung überein, es sey rathsam, um über des Gefangenen persönliche 93 Sicherheit ruhig seyn zu können, ihm noch einen andern Wächter aus Pfundtexts Kirchspiel zu geben. Es befand sich gerade eine kleine Ab- theilung solcher im Dorfe, die einstweilen unter Burleys Oberbefehl gestellt waren, daſs die Leute so lange als möglich in der Nähe ihrer Heimath bleiben könnten. Es waren fast alle muntere, thätige Burschen, und wurden gewöhnlich von ihren Cameraden die Schützen von Milnwood ge- nannt. Auf Mortons Verlangen übernahmen vier von ihnen sogleich den Wachdienst; ausserdem lieſs er noch Luthbert bey ihnen, auf dessen Treue er sich verlassen konnte, mit der Weisung, ihn sogleich zu rufen, wenn ctwas Besonderes vorfiele. Nachdem diese Anordnung gemachtwar, nahm Morton mit seinem Gefährten von einer Wohnung Besitz, wie sie in dem überfüllten, elenden Dorfe zu finden war. Sie legten sich jedoch nicht eher zur Ruhe, bis sie eine Denkschrift entwor- fen, welche die Beschwerden der gemäſsigten Presbyterianer vortrug, und das Gesuch aussprach, in Zukunft ihre Religion frey ausüben zu dürfen, und ihnen zu verstatten, die gottesdienstlichen Gebräuche von ihren eignen Geistlichen, ohne Druck oder Belästigung, verwalten zu lassen. Sie baten ferner, dafs ein freyes Parlament berufen werden möchte, die Angelegenheiten der Kirche und des Staats zu ordnen, und denen, von den 94 Unterthanen erlittenen, Rechtseingriffen abzuhel- fen; und daſs Allen, die jetzt oder früher zur Erreichung dieses Endzweckes die Wallen ergrif⸗ fen, verziehen werden möchte. Morton konnte nichts anders als hoffen, daſs diese Bedingungen, die alles umfaſsten, was die Gemäſsigten unter den Aufgestandenen bedurften oder wünschten, selbst unter den Königlichgesinnten Fürsprecher finden würden, da sie von aller fanatischen Hef- tigkeit frey waren, und nur die gewöhnlichen Rechte freyer Schotten forderten. Er rechnete um so sicherer auf eine günstige Aufnahme, da der Herzog von Monmouth, dem Karl das Geschäft libergeben, die Empörung zu unterdrücken, ein Mann von sanfter, gemäſsigter und leutseliger Gesinnung war, bekanntermafsen für die Presbyterianer günstig gestimmt, und mit des Königs ganzer Vollmacht versehn, alle Maſs- regeln zu treffen, das zerrüttete Schottland zu beruhigen. Morton glaubte, ihn zu gewinnen, sey nichts nöthig, als einen schicklichen und achtungswerthen Weg zur Mittheilung zu finden, und ein solcher schien durch Lord Evandale sich zu cröffnen. Er beschlofs daher, den Gefangnen am frühen Morgen zu besuchen, um zu erfon- schen, ob er geneigt sey, das Amt des Vermitt- lers zu übernehmen. Aber es ereignete sich ein Vorfall, der diesen Schritt noch beschleunigte. ——ʒ——— 95 93 —————ℳʃℳVkM— ℳä;ͤ—ℳℳ4æ—---—AABA—õ Acht und zwanzigstes Kapitel. Müſst, Lady, geben euer Haus, Mir übergebet euer Haus! Edom von Gordon. Morton war eben ſfertig mit der Durchsicht und dem Abschreiben der Schrift, in welcher er und Pfundtext gemeinschaftlich alle Beschwerden ih- rer Parthey, und die Bedingungen, unter welchen der gröſste Theil der Insurgenten die Waflen niederlegen würde, dargelegt hatten, und er war im Begriff, sich zur Ruhe zu legen, als es an die Thür seines Zimmers pochte.«Herein!“ rief Morton, und Luthbert Headrigg steckte sein Voll- mondsgesicht durch die Thür.«Komm herein,“ fuhr Morton fort,«und sage mir, was Du willst. Ist etwas vorgefallen 9» 96 «Nein, Herr! aber ich bringe Jemand, der mit Euch sprechen will.“ „Wer ist das, Luthbertp fragte jener. «˙8 ist eine alte Bekanntschaft,» antwortete Luthbert, und die Thür mehr öflnend, fuhrte er halb, halb zog er ein Frauenzimmer herein, die das Gesicht in ihren Mantel verhüllt hatte; «kommt nur, Hannchen, sagte er,«kommt, Ihr braucht Euch nicht so sehr zu schämen vor einem alten Bekannten;“ und ihr den Schleyer abzichend, enthüllte er vor seinem Cebieter das wohlbekannte Cesicht Hannchen Dennisons.«Nu, sprecht nur doch zum Herrn, was Ihr Lord Evandalen sagen wolltet, Ihr allerliebstes Jüng- ferchen!» «Was hätte ich ihm anders zu sagen gehabt als was ich dem Herrn zu sagen hatte," antwor- tete Hannchen, aals ich ihn neulich in der Ce- fangenschaft besuchte, Ihr ErznarrP Denkt Ihr, dafs man nicht gern einmal seine Freunde in ihrem Unglück sehen will, Ihr närrischer Tropf, Ihr!» Hannchem gab diese Antwort mit ihrer gewöhn- lichen Zungengeläufigkeit, aber ihre Stimme bebte, ihre Wangen waren eingefallen und bleich, die Thränen standen ihr in den Augen, ihre Hand zitterte, ihr Benehmen war unruhig, und ihre gSanze Erscheinung trug die Spuren kürzlich er- —— — 97 duldeter Leiden und Entbehrungen, und verrieth, dals ihre Nerven sehr angegriffen waren. «Was gibt’s, Hannchen ba sprach Morton freundlich.„Ihr wifst, wie sehr ich Euch in vieler Hinsicht verpflichtet bin, und Ihr könnzs kaum ein Gesuch haben, das ich nicht gewähren will, wenn'’s in meiner Macht steht.“ Groſsen Dank, lieber Herr,“ erwiederte das weinende Mädchen. Ihr wart ja immer ein freundlicher Herr, obwohl die Leute sagen, Ihn hättet Euch ganz verwandelt.“ Was sagen sie denn von mirp" versetzte Morton. Jedermann sagt, Ihr und die Whigs hätten ein Gelübde gethan, den König Karl vom Thron zu schmeiſsen, und es sollte weder er noch einer seiner Nachkammen, durch alle Geschlechter 2 durch, jemals wieder darauf zu sitzen kommen. Und Hanns Gudyill sagt, Ihr wolltet die Orgeln in der Kirche den Pfeifern geben, und das all- gemeine Gebetbuch durch Henkershände ver- brennen lassen, Euch zu rächen, weil der König die Bundesacte hat verbrennen lassen, als er heimkehrte.“. «Meine Freunde in Tillietudlem urtheilen au übereilt und zu übel über mich,* antwortete Morton.„Ich will nur freye Uebung meines Claubens haben und keinen andern beschimpfen; Vas lüher Haus aber anbetrifft, so Bianehts zch 73. 98 mir eine Gelegenheit, zu zeigen, daſs ich noch die nämliche Freundschaft und Anhänglichkeit für dasselbe hege, wie je.“ 1 Cott segne Euer gütiges Herz, dafs Ihr das sagt, erwiederte Hannchen, in einen Thränen- strom ausbrechend;«sie bedurften auch darin nie mehr der Freundschaft und Cüte, denn sie müssen umkommen vor Hunger!*. «Allgütiger Cott!“ rief Morton. Ich hörte von Mangel, aber nicht von Hungersnoth! Ist es möglich?— Haben die Damen und der Majer--. «Sie haben ausgestanden wie wir Andern,“ wWar Hannchens Antwort; denn sie theilten jeden Bissen und jeden Schluck mit den I cuten im Schlosse. Wahrhaftig,'s ist mir grün und blau vor den Augen, und ich bin so schwindlich im Kopfe, daſs ich kaum allein auf den Beinen stehen kann."“ Das abgezehrte Gesicht und die kervorgetre- tenen Züge des armen Mädchens bezeugten die Wahrheit dessen, was sie sagte. Morton war Ausserst erschüttert. 1 3 2 Setzt Euch, um Cottes willen!* rief er, sie in den einzigen Stuhl niederdrückend, der in der Stube stand, während er selbst in der heftigsten Gnruhe auf und nieder ging, und die abgebroch- nen Worte herausstieſs: Das wuſst' ich nicht! — Das konnt’ ich nicht wissen! Der kaliblü- 599 tige, havtherzige Schwärmer!— Der betrügeri- sche Schurkel— Luthbert, hol' etwas zu essen? — Speise— Wein, wenn's möglich ist, was Du bekommen kannst!“— „eBranntwein ist gut genug für die," murmelte Luthbert.„Wer hättée denken solten, daſs es so knapp bey ihnen hergiuge, als die lose Dirne mir so viel gute Suppe bruhheils über die Ohren SDis ln. fae, den 4 e e eee So schwach und elend Hannchen aussah, Ssie konnte diese Erinnerung an ihre Kriegsthat bey dem Sturmn des Schlosses nicht hören, ohne in éin Gelächter auszubrechen, das aber bald ihre Mattigkeit in ein krampfhaftes Kichern verwanl delte. Ueber ihren Zustand bestürzt, und mit Grausen an die Noth denkend, die im chlosse seyn muſste, wiederholte Morton Luthberten sei- nen Befehl mit nachdrücklichem Tone, und suchte, als jener hinaus war, den Gast zu be- rühigen «VWahrscheinlich, sagte er,«kommt Ihr auf Befehl Eurer Herrin, Lord Evandale zu besuchen, Sagt mir, was sie wünscht; ihr Befehl soll mir Gesetz seyn ¹o 2.. S Hannchen schien einen Augenblick zu übers legen, dann versetzte sie:«Ihr seyd ein so alter Freund, lieber Herr, daſs ich Euch vertrauen und Euch die Wahrheit sagen kann.* 1 100 «Seyd versichert," hob Morion wieder an, ihr Zögern bemerkend: daſs Ihr Eurem Fräulein am besten dient, wenn Ihr aufrichtig gegen mich seyd.» «Nun denn— Ihr müſst wissen, wir sterben vor Hunger, wie ich Euch schon vorher gesagt habe; und so ist schon mancher Tag gewesenz und der Major hat geschworen, er erwarte täglich Entsatz, und eher wolle er nicht das Schloſs dem Feinde übergeben, bis wir seine alten Stiefel auf- gegessen hätten— und Ihr wiſst wohl noch, was die fur dicke Sohlen haben, und das Oberleder ist auch zähe genug. Die Dragoner meinen, am Ende würden sie doch gezwungen werden, sich zu ergeben, und sie können den Hunger nicht Sut véhtragen, nach dem Leben, das sie so lange Zeit in rhyen Quartieren geführt haben; und nun der Lord Evandale gefangen ist, sind sie gar nicht mehr zurecht zu bringen, und der Inglis agt, er wolle die Besatzung den Whigs über- geben, und den Major und die Damen in den Kauf, wenn sie nur die Reiter frey abziehen ließsen.» « Die Schurken!» rief Morton. Warum machen sie nicht Bedingungen für Alle im Schlosse? «Sie fürchten nur, daſs sie selber kein Quar- tier kriegen werden, nachdem sie so viel Unfug im Lande vollführt, und Burley hat auch schon 101 ein Paar von ihnen hängen lassen— so wollen sie nun ihren eignen Hals aus der Schlinge ziehen, und ehrliche Leute dafür Preis geben.* Und Ihr wurdet ausgeschickt,“ fuhr Morton fort,«Lord Evandalen die unerfreuliche Nach- richt von der Meuterey seiner Leute zu bringen?* Ganz recht," erwiederte Hannchen; denn Thomas Halliday kam die Reue an, und er er- zählte es mir, und liefs mich aus dem Schlosse, es dem Lord Evandale zu sagen, wenn ich zu ihm gelangen könnte.“ Aber wie kann er Euch helfen? Er ist ein Gefangner!“ „Ja leider,"“ antwortete das betrübte Mädchen; aber vielleicht könnte er doch gute Bedingungen für uns machen— oder vielleicht einen guten Rath geben— oder vielleicht den Dragonern Befchl schicken, daſs sie sich gut aufführen solk ten— oder“—— «Oder vielleicht,» fiel Morton ein„« solltet Ihr versuchen, ob Ihr ihn in Freyheit setzen könntet 5* «Und wenn's so wäre,» entgegnete Hannchen muthig,«so war's doch nicht das erstemal, daſs ich mein Möglichstes that, einem in der Gefan- genschaft zu dienen.“ Allerdings, Hannchen, ich wäre höchst un- dankbar, wenn ich das vergessen wollte. Aber da kommt Luthbert mit einiger Labung. Ich 102 will gehn und Eure Botschaft an Lord Evandalen ausrichten, während Ihr hier etwas Speis' und Trank zu Euch nehmt.“ 8 Es wird nicht überflüssig seyn, sprach Lnuh. bert zu seinem Herrn,«wenn Ihr wiſst, daſs dies Hannchen, diese Jungfer Dennisom, den Thomas Rand, den Müllerknecht, ganz zahm und kirre zu machen suchte, dafs er sie in Lord Evandales Zimmer’liefs, ohne dafs es jemand wiſste. Sie sah nicht“, daſs ich ihr auf den Hacken war, de Hexe, dielo 6„Und Ihr habt miech récht ergeltreckkt, als Ir so hinter mich kamt und mich packtet,» erwie- derte Hannchen, und zwickte ihn neckiseh— awäret Ihr nicht ein alter: Belaniter: Benrasen⸗ Ihr Pinsel!—-—-.* Luthbert ward ein wenig erwcicht und zak séine sehlaue Liebste kicherndian;: Mortôn hatte un- terdefs seinen Mantel umgenommen;, und sein Schwert unter den Arm, undubegab sich nach dem GCefängniſs des jungen Edelmannes. Er fragte die Schildwache,«ob etwas 3Aus Scrordemi liches vörgefallen sey“ e,E., en E t,n k.en 3 eNichts von Belang,“ antwortete sie; ausser dafs Luthbert eim Mädchen aufgefangen habe, und vom Hauptmann Balfourezwey Eilboten 2bs geschickt séèyen an-die ehrwürdigen Herren Mao- Priar und Pauker, welche héyde in'verschiedenen Städten zwischen dem Lager-Burleys und dem 103 Hauptquantier bey Mhamlton ihre. Seislliehe Trom mel schlugen, as 3 4 Wahrscheinlich, sie Pirhcfes zu penufen da fragte Morton mit angenommener Gleichgül- tigkeit. «So habé ich'gehört, erwiederte der Wächter, welcher mit dem Boten gesprochen hatte. Er will eine siegende Mehrzahl in den Kriegs- rath rufen,“ dachte Morton bey sich,«um jeder Sghandthat, zu der er sich bestimmen möchte, den Anschein des Rechts zu geben, und den Wi- derspruch durch dies Uebergewicht niederzu- schlagen. Ich mufs,cilen, oder die Gelegenheit enigeht mir.“* Als er die armselige, Hütte betrat, welche zu. Evandales Gefängniſs diente, fand er denselben in einer elenden Dachkammer, in Fesseln auf einem Flockenbette liegend. Er war entweder. in Schlummer odér in tiefes Nachdenken versun- ken, und wendete dem Eintretenden, aufstehend. 3 ein Antlitz zu, das durch Platvärfust. Schlaf- losigkeit und Mangel an Nahrung 8o,entstellt war, daſs niemand den tapfern Krieger hätte darin erkennen können, der sich in dem Treffen am Loudonhügel so mutlig betrug. Bey Mortons plötzlicher Erscheinung schien er überrascht. E. Es thut mir weh, Euch so zu finden, mein cdler Herr!" sprach der Jüngling. 104 aIch habe gehört, Herr Morton,» antwortete der Gefangene, Ihr seyd ein Bewunderer der Dichtkunst, vielleicht erinnert Ihr Euch der Verse: Claub' nicht, daſs ich gefangen sey, Weil ich im Kerker hause, Es sieht mein Herz, so still und frey, Im Kerker eine Klause. Aber wäre meine Geſfangenschaft auch weniger erträglich, ich darf ja morgen auf gänzliche Be- freyung hoffen.“ Durch den Todo» sagte Morten. Allerdings, antworltete Lord Evandale.„Es bleibt mir keine andere Aussicht. Euer Waflen- bruder Burley hat bereits seine Hand in das Blut von Männern getaucht, die ihr niederer Stand und dunkles Herkommen eher hätte schützen sollen. Ich kann mich eines solchen Schildes gegen seine Rache nicht rühren, und bin auf sie gefafst.» *„Aber der Major Bellenden kann sich ja erge- ben, Euer Leben zu retten.“ «Nimmermehr; so lange noch ein Mann da ist, die Veste zu vertheidigen, und dieser eine Mann eine Brodrinde zu verzehren hat. Ich weiſs seinen tapfern Entschluſs, und es würde mir Leid mhun, wenn er ihn meinctwegen änderte.» —-—— 105 Morton beeilte sich, ihn mit der Meuterey unter den Dragonern und ihrem Vorsatze bekannt zu machen, das Schloſs zu übergeben, und dis Frauen des Hauses nebst dem Major in die Hände des Feindes zu liefern. Lord Evandale schien anfänglich überrascht und etwas ungläubig, aher gleich darauf ward er sehr niedergeschlagen. «Was ist zu thun b“ sagte er.«Wie ist dies Unglück abzuwenden 5 «Hört mich, edler Herr! hob Morton an. Ich glaube, Ihr werdet nicht abgeneigt seyn, den Oelzweig unserm Herrn, dem Könige, zu über bringen ‚von denen seiner Unterthanen, die jeizt unter Waſfen sind, nicht aus Wahl, sondern gezwungen.* Ihr beurtheilt mich richtig,» antwortete Lord Evandale;«aber zu was soll das führen 5 «Erlaubt mir, edler Herr!» fuhr Morton fort; ich setze Euch in Freyheit auf Euer Ehrenwort: ja, Ihr könnt zu der Besatzung zurückkehren, und sollt ein sicheres Geleit haben ftr die Da- men, den Major und Alle, die das Schlofs ver- lassen, mit der Bedingung seiner unverzüglichen Uebergabe. Indem Ihr dies thut, unterwerft Ihr Euch nur den Umständen; denn bey einer Men- terey unter der Besatzung und ohne Lebensmittel, wird jedermann die Unmöglichkeit einsehen, das Schloſs nur vier und zwanzig Stunden länger zu halten. Die aber, die sich weigern, Euch zu 106 begleiten, müssen ihr Loos erwarten. Ihr und Alle, die mit Euch gehn, sollen bis Edinburg, oder wo der Herzog von Monmouth sonst seyn mag, sicher geleitet werden. Für Pure Freyheit werdet Ihr, wie wir hoffen, Seinen Cnaden; als. OberstatthaltervonSchottland, diese unterthänige Bittschrift und Vorstellung übergeben, die alle Beschwerdent enthält, welche den Aufstand ver- anlafst; ich will mit meinem Kopfe dafür'’stehen, wird ihnen Abhilfe gewähret, soswird der gröfste Theil der Auſßertandenem die Wa len nieder- legen. 53s Lord Ey na e, iiberlas die Schrift mit Hucmere sambeit.«Herr Morton,"esagte er,«nach mei- nem Urtheile kann wider die hier empfohlnen Maſsregeln wenig eingewendet werden; ja, Was mehr ist, ich glaube„ daſs sie auch in vieler Hinsicht des⸗Herzogs persönlichen Ansichten zu- sagenz und doch— umaufriohtig gegen Euch zu seyn— ich habe keine Hoflnung, sie Euch gewährt zu sehn, wenn Ihr nehht⸗ vor Allem die Waſlen niederlegt. 2 2fI.. eif.. 4 Wenn wir das thäten, 17 epmiedierte: Morton, dürdesr, wir dadureh eingestehen! daſs wir nicht das Rechtihatten, sie zu ergralſen unſh das merds ich nie zugeben.“ a, 2 .«Vielleicht läfst: viche auch. laum. erprartene dafs Ihr's thun solltet, wersetzte Lord Evandale: cund doch bin ich gewils, daſs an dieser Klippe 8. ro0 die Unterhandlung scheitern wird. Nachdem ich Euch meine Meinung aufrichtig gesagt habe, bin ich indessen bereit, alles, was in meiner Macht steht; zu thun, eine Versöhnung zu Standose zu bringen. AA & s ist Alles, was wir wünschen 9de&. erwarten böhnen,* entgegnete Morton.«Der Erfolg steht in-Gottes Hand, der die Herzen der Fürsten lenkt. — Ihr nehmt also das sichere Geleit an P. LaeAllerdings," antwortete Lord Evandale,«und wenn ich jetzt mich nicht ausbreite über die Verbindlichkeit, die Ihr mir auferlegt, indem Ihn mein Leben zum zweyten Male rettete, so glaubt mir, ich fühle sie darum nicht minder.“ a Und die Besatzung von Tillietudlem 5 1ν SolI zurückgezogen werden, nach Euerm Vor⸗ schlaget, Ich sehe ein, dér Major wird nicht im Standerseyn, die Meuterer zur Vernunft zu brin- gem, und zittere, wenn ich an die Folgen denke, im Fall die Damen und der wackre Greis diesem blutdürstigen Schurken Burley überliefert werden sollten.“ ieSo seyd Ihr frey, sagte Morton. Macht Euch zurecht, ein Pferd zu besteigen; einige Leute, denen ich vertrauen kann, sollen Euch begleiten, bis Ihr vor unsern herumstreifenden Haufen in Sicherheit seyd.“A E Morten verliefs darauf Lord Waudale, dor mit groſser Ueberraschung und Freude sich so 108 unerwartet befreyt sah. Jener liefs einige erlesene Leute sich bewaffnen, und aufsitzen, und jedem ein Handpferd am Zügel führen. Hanuchen, die, während sie sich beym Essen gütlich that, mit Luthbert Frieden zu schliefsen gesucht hatte, ritt zur Linken dieses tapfern Rit- ters. Bald hörte Lord Evandale den Hufschlag der Pferde unter dem Fenster seines Gefängnisses. Zwey, ihm unbekannte, Männer traten in sein Gemach, befreyten ihn von seinen Fesseln, und ihn die Treppe hinunter leitend, führten sie ihm ein Pferd vor, das sie in ihre Mitte nahmen. In raschem Trabe ging'’s nun auf Tillietudlem zu. Der Mond verschwand vor dem anbrechenden Tage, als sie sich der alten Veste näherten, über deren dunkeln und ungeheuren Zinnen eben das erste bleiche Licht des Morgens schimmerte. Die Reiter hielten an der Verschanzung des Schlosses, ohne sich, aus Furcht vor dem Geschütz, weiter zu wagen. Lord Evandale ritt allein zum Thor herauf, in einiger Entfernung folgte ihm Hann- chen, Dennison. Als sie vor dem Thore ankamen, hörten sie, dafs sich im Schlofshof ein Lärm erhob, der übel zu der heitern Ruhe eines Sommermorgens stimmte. Geschrey und Ffüche vernahmen sie, darauf einige Pistolenschüsse, und alles verkün- digte, daſs die Meuterey ausgebrochen sey. In diesem entscheidenden Augenblicke befand sich V — —,— -— 1⁰9 Lord Evandale vor dem Thore, wo Halliday Schildwach stand. Dieser hatte nur ungern in die Verschwörung gewilligt, und er war es auch, der Hannchens Entkommen aus dem Schlosse, das Complot seinem Offciere anzuzeigen, mög- lich gemacht hatte. Als er Lord Evandales Stlimme vernahm, lieſs er ihn sogleich, und schr erfreut, herein, und jener stand unter den aufrühreri- schen Soldaten, wie vom Himmel gefallen. Sie waren eben dabey, ihren Vorsatz, sich selber des Platzes zu bemächtigen, ins Werk zu stellen, und gerade im Begriff, den Major Bellenden, Harrison und die übrigen Schlofsleute zu ent- waffnen, die jedoch sich so gut wehrten, als es in ihrer Macht stand. Die Erscheinung Lord Evandales veränderte Alles. Er ergriſf Inglis beym Kragen, und ihm seine Schurkerey vorwerfend, befahl er zweyen seiner Cameraden, ihn zu fassen und zu binden; zugleich versicherte er die Andern, dafs sie nun durch unverziigliche Unterwerfung Verzeihung zu hoſſen hätten. Darauf liefs er die Soldaten in Reihe und Glied treten. Sie gehorchten. Er befahl ihnen, ihre Waſlfen niederzulegen. Sie zögerten. Aber bald siegte der Instinct des Ge- horsames, zu dem sich die Deberzeugung gesellte, dafs die so dreist ausgeübte Gewalt ihres Vorge- setzten durch angekommene Truppen vor dem Burgthore unterstützt werde. 110 Nehmt diese Waffen fort!“ sagte Lord Evan dale zu den ELeuten des Schlosses. Ehe diese Menschen nicht besser wissen, zu welchem Ge, prauch ihnen dieselben anvertrauet, sollen sie ihnen nicht wieder zugestellt werden. Und nun,* fuhr er, sich zu den Empörern wendend, fopt! ahinweg mit Euch! Benutzt Eure Zeit, so gut Thr könnt; der Feind gewährt Euch einen Waſfent stillstand von drey Stunden. Nehmt Euren- Weg nach Edinburg; am Moorhause sollt Ihr mit-mir zusammentreffen. Ich brauche Euch nicht zu heiſsen, Euch unterwegs aller Gewaltthätigkeiten zu enthalten; in Eurer jetzigen Lage werdet Ihr schon von selbst den Zorn der Leute nicht reizen wollen. Lafst genauen Gehorsam mir beweisen, dafs Ihr die That von diesem Morgen bereuet!“ Die entwaffneten Soldaten zogen sich schwei- gend von ihrem Officier zurück, und das Schlofs verlassend, schlugen sie den Weg nach dem Ort des Zusammentreffens ein. Sie eilten so sehr sie konnten, von der Furcht angetrieben, auf einen der lrerumstreifenden Haufen der Aufrührer zu stofsen, denen ihre jetzige wehrlose Lage und ihre frühern Gewaltthäligkeiten leicht hätten die Lust einflöſsen können, sich zu rächen. Inglis, dem Evandale Bestrafung zudachte, blieb in seis nem Verwahrsam. Halliday empfing Lobsprüche für sein Betragen und das Verspfechen, dem Schuldigen im Range nachzufolgen. Nachdem * A 111 diese Anordnungen in aller Eile getroffen, wen- dete sich Lord Evandale zu dem Major, vor dessen Augen der Auftritt wie ein Traum vorüber gegangen war. 4 Siae S ra f, d Mein lieber Major, wir müssen die Veste übergeben," sagte er. 2 «Wirkliche antwortete Major Bellenden.„Ich hoffte, Ihr hättet Verstärkung uùnd Vorräthe g6- bracht.-) FA 3 I„— «Nicht einen Mann— nicht ein Pfund Mehl,“ erwiederte Lord Evandale. 2 2 «KAuf jeden Fall bin ich froh, Euch zu sehn, entgegnete der edle Kriegsmann. Wir horten gestern, diese psalmsingenden Schurken hätten einen Anschlag gegen Euer Leben, und ich musterte noch vor einem Weilchen die schuftigen Dragoner, um Burleys Hauptquartier zu über- fallen, und Euch aus Eurer Vorhölle zu erlösen als der Hund Inglis, austatt mir zu gehorchef, in offene Meuterey ausbrach.— Aber was ist jeizt zu thun boe. 8 A,s r e «Ich für meine Person habe keine Wahl, versetzte Lord Evandale.«Ich bin ein Gefangner, auf mein Ehrenwort freygegeben, und mufs nach Edinburg. Ihr und die Damen müſst auch dahih gehen. Ich habe, durch die Cüte eines Freun- des, sicheres Geleit, und Pferde für Euch und Euer Gefolge.— Um Gottes willen, eiltl Ihr könnt nicht daran denken, mit sicben oder acht 18 1¹² Mann und ohne Lebensmittel Euch zu halten. Genug ist für die Ehre geschehn! Genug, die Vertheidigung für die Regierung höchst wichtig zu machen. Mehr wäre unnütz und tollkühn, Die Englischen Truppen sind in Edinburg, und werden schnell auf Hamilton losrücken. Tillie- tudlem wird nur kurze Zeit in den Händen der Aufrührer seyn.“» 1 Wenn Ihr dieser Meinung seyd, mein werther Lord, sagte der alte Krieger mit einem schwe- ren Seufzer,«so mufs ich nachgeben. Denn die Empörung dieser Schufte würde es unmöglich machen, die Wälle zu bemannen.— Gudyill, die Weiber sollen ihre Herrschaft rufen, und alles zum Abzug bereit halten.— Aber wenn ich denken könnte, mein Ausharren in diesen alten Mauern, und wenn ich drinnen vor Hunger zu einer Mumie austrocknen sollte, könnte des Königs Sache nur den mindesten Nutzen bringen, so würde der alte Milo Bellenden sie nicht ver- lassen, so lange noch ein Lebensfunken in ihm wäre.*— 3 Die Frauen, schon durch den Aufstand schr beunruhigt, vernahmen nun den Beschlufs des Majors und stimmten ihm willig bey. Eilig be- reitete man sich, das Schloſs zu verlassen, und lange, che es hell genug ward, die Cegenstände Senau zu erkennen, hatten Alle die Handpferde der Reiter und andere, aus der Nachbarschaft 113 geholte, Rosse bestiegen, und ritten vorwärts, von vier presbyterianischen Reitern begleitet. Die Uebrigen von der Schaar, welche Lord Evandale aus dem Dörfchen geführt, nahmen Besitz von dem verlassenen Schlosse, wo sie sich sorgsam aller Beschädigung und Plünderung enthielten. Als die Sonne aufging, sah man die rothe und blaue Fahne des Schottischen Glaubensbundes von den Thürmen der Burg Tillietudlem wehen. 114 —————:::————— Neun und zwanzigstes Kapitel. Ach! eine Nadel in der Hand der Theuern Verwundet tiefer mich, als tausend Dolche! Marlow. Der Zug, welcher Tillietudlem verlassen hatte, machte, nachdem er an den Vorposten der In- surgenten vorüber war, einige Minuten Halt. Die Bewohner des Schlosses nahmen hier einige Erfri- schungen zu sich, für welche die Celeitsmänner gesorgt hatten, und die ihnen wirklich, nachdem sie so lange Mangel an ordentlicher Speise ge- litten, höchst nothwendig waren. Darauf eilten sie vorwärts auf der Strafse nach Edinburg. Man hätte erwarten sollen, Lord Evandale werde während der Reise viel an der Seite des Fräuleins seyn. Allein nachdem er sie begrüſst, und mit Sorgfalt alle Vorkehrungen getroffen hatte, die 115 zu ihrer Bequemlichkeit dienen konnten, ritt er mit dem Major an der Spitze des Zuges, und schien das Geschäft, dessen liebliche Nichte zu geleiten, einem von den fremden Reitern zu tiberlassen, dessen Gestalt und Züge durch einen dunkeln Soldatenmantel und einen breitrandigen, niedergeschlagenen Federhut verborgen wurden. Sie waren länger als eine halbe Stunde schwei- gend neben einander geritten, als der Fremde das Fräulein mit einer bebenden, geprefsten Stimme anredete: «Fräulein Bellenden,» begann er,«muſs Freun- de haben, wo man sie kennt; selbst unter denen, deren Handlungsw eise sie jetzt miſsbilligt. Gibt es irgend etwas, das diese thun können, ihr ihre Achtung zu beweisen, und ihren Kummer über ihre Leiden 5* «Mögen sie um ihrer selbst willen lernen,“ erwiederle Edithe,«die Gesetze ehren, und un- schuldiges Blut schonen. Mögen sie zu ihrer Pflicht zurückkehren, und ich kann ihnen alles, was ich gelitten, vergeben, und wäre es zehn- mal mehr.“ «Ihr haltet es also für ohnmöglich,“ hob der Reiter wieder an, dafs einer in unsern Reihen dienen könne, dem das Wohl des Vaterlandes aufrichtig am Herzen liegt, und überzeugt ist, eine Pflicht gegen dasselbe zu erfüllen?“ 116 Es wirrde vielleicht unvorsichtig seyn,» ver- setzte das Fräulein,«wollte ich, so gänzlich in Eurer Macht, diese Frage beantworten.“ «Nicht bey den gegenwärtigen Verhältnissen, ich geb' Euch das Wort eines Soldaten zum Pfande,“ erwiederte jener. «Ich bin von Jugend auf zur Aufrichtigkeit gewöhnt worden,“ versetzte Edithe,«und wenn ich einmal spreche, so mufs ich auch meine wahrhaften Ansichten sagen. Cott allein kann das Herz richten— die Menschen müssen die Absichten nach den Handlungen beurtheilen. Verrath, Mord durch Schwert und Calgen, die Unterdrückung einer friedlichen Familie, wie die unsere, die nur zur Vertheidigung ihres Ei- genthums die Waſfen ergreifen, sind Handlungen, die nothwendig alle beflecken müssen, welche Theil daran haben, durch was fär scheinbare Cründe sie auch beschönigt werden mögen.“ „Die Schuld des Bürgerkrieges,“ erwiederte der Reiter,«das Elend, welches er mit sich führt, liegen eher auf den Schultern derjenigen, die ihn durch unrechtlichen Druck erregten, als auf denen, die zu den Waffen getrieben wurden, um ihre natürlichen Rechte als freygeborne Män- ner zu verfechten.“ 4 Das heiſst eine Sache voraussetzen, die be- wiesen werden muſs,» entgegnete Edithe:«jede Parthey behauptet, in Hinsicht der Grundsätze 117 sey das Recht auf ihrer Seite, und darum muſs die Schuld auf diejenigen fallen, die zuerst das Schwert zogen, so wie in einem Handgemenge das Gesetz die für die Strafbaren erkennt, die zuerst zu Gewaltthätigkeiten übergingen.“ «Ach!lo seufzte der Reiter,«käme es hierauf an bey unsrer Rechtfertigung, wie leicht würde es seyn zu zeigen, dafs wir mit einer Geduld ge- litten, die fast über menschliches Vermögen hinausging, ehe wir uns durch den Druck zu offnem Widerstande treiben liefsen.— Aber ich sehe,“ fuhr er fort, noch einmal tief erseufzend, es ist umsonst, vor Fräulein Bellenden eine Sache zu führen, die sie bereits zum voraus ver- urtheilt hat, vielleicht eben so sehr aus Miſs- fallen an den Persönlichkeiten, als an den Grund- sätzen der Männer, die darin verwickelt sind.“ «Verzeiht,“ antwortete Edithe,«ich habe mit Freymüthigkeit meine Meinung von den Grund- sätzen der Insurgenten ausgesprochen; von ihnen selbst kenne ich niemand— einen Einzigen ausgenommen.“* «Und dieser Eine,“ fragte der Reiter,«hat Euer Urtheil über das Ganze bestimmtb“ «Nichts weniger als das,“ erwiederte Edithe. «Er ist— wenigstens glaubte ich es einst— ein Mann, mit dem sich Wenige messen können; er hat— so schien es— frühe Fähigkeiten, hohe Redlichkeit, reine Sitten, innige Gefühle. 118 Kann ich einen Aufruhr billigen, der aus einem solchen Manne, geschafſfen, sein Vaterland zu schmücken, zu erleuchten und zu vertheidigen, den Gefährten düstrer, unwissender Fanatiker, und unsinnig schwatzender Heuchler gemacht hat, den Führer eines rohen Pöbels, den Waflen- bruder von Banditen und Strafsenräubern?— Solltet Ihr in Eurem Lager auf einen solchen Mann stoſsen, so sagt ihm, daſs Edithe Bellenden mehr geweint hat über seine gefallne Seele, über seine zerstörten Aussichten, seinen entehrten Namen, als über die Drangsale ihres eigenen Hauses, und daſs sie besser die Hungersnoth er- duldet hat, die ihre Wange abgezehrt und ihr Auge umnachtet, als die Herzensqual bey dem Gedanken, wie und durch wen diese Leiden über sie gekommen.“ Als sie so sprach, wendete sie ihrem Begleiter ein Gesicht zu, dessen welke Wange von ihren Leiden zeugte, selbst jetzt, wo sie von der augen- plicklichen Lebhaftigkeit glühte, mit welcher sie sprach. Der Reiter war nicht unempfindlich gegen diesen Beweis seiner Schuld. Er fuhr mit der Hand an die Stirn, mit der plötzlichen Be- wegung eines, dem ein stechender Schmerz den Kopf durchzuckt, strich sich hastig über das Ge- sicht, und zog dann den beschatteten Hut noch tiefer über die Augen. Diese Bewegung und das Cefühl, woraus sie entsprang, enigingen Edithen — —,— 11 9 nicht, und sie bemerkte es nicht ohne Rührung. «Und doch, fuhr sie fort,«sollte der Mann, von dem ich sprach, zu tief ergriffen werden von der strengen Meinung seiner— Jugendfreun- din, so sagt ihm, aufrichtige Reue stehe der Unschuld am nächsten; und, obwohl von einer Höhe gestürzt, die nicht leicht wieder zu gewin- nen ist, und der Urheber vieles Bösen, weil sein Beyspiel es zu entschuldigen scheint— könne er doch das Uebel, das er angerichtet, in etwas wieder gut machen.“ Und wiep“ fragte der Reiter mit der nämli- chen gepreſsten— fast erstickten Stimme. «Wenn er sein Möglichstes thut, seinen un- glücklichen Landsleuten den Segen des Friedens zu geben, und die verführten Empörer zu bewe- gen, ihre Waſffen niederzulegen. Indem er ihr Blut schont, versöhnt er das bereits vergoſsne, und der, welcher am thätigsten ist, dies groſse Ziel zu erreichen, wird am besten den Dank seiner Zeit verdienen, und ein ehrenvolles An- denken in der Zukunft.“ «Aber,“ versetzte der Begleiter mit festem Tone, Fräulein Bellenden würde gewiſs nicht wün- schen, daſs in einem solchen Frieden die Rechte des Volkes den Rechten der Krone geopfert würden.“ «Ich bin nur ein Mädchen,“ war des Fräu- leins Antwort,«und kaum kann ich ohne Ver- 120 messenheit über diesen Gegenstand sprechen. Aber da ich einmal so weit gegangen bin, will ich aufrichtig hinzusetzen, ich möchte gern einen Frieden sehn, der allen Partheyen Ruhe gäbe, und die Unterthanen vor der Miſshandlung des Militärs sicher stellte, die ich so sehr verabscheue, als die jetzt dagegen ergriffenen Mittel.“ «Mein Fräulein,“ antwortete Heinrich Morton, indem er sein Gesicht erhob und mit natürlicher Stimme sprach:«der Mann, der eine theuer ge haltene Stelle in Eurer Achtung verloren hat, hat doch noch zu viel Muth, seine Sache als ein Verbrecher zu führen, und indem er fühlt, dafs er nicht länger hoſfen darf, von Euch als ein Freund betrachtet zu werden„würde er bey Eurem harten Tadel schweigen, könnte er sich nicht auf das ehrenvolle Zeugnifs des Lord Evandale be- rufen, daſs sein eifrigster Wunsch und seine thätigsten Bemühungen eben jetat darauf gerichtet sind, einen Frieden zu Stande zu bringen, den auch die Königlichgesinnten nicht verwerfen können.“ Er verbeugte sich mit Würde gegen Edithen, die, obwohl ihre Worte verriethen, dafs sie den, mit welchem sie sprach, wohl kenne, wahr- scheinlich nicht erwartet hatte, daſs er sich mit solcher Lebhaftigkeit vertheidigen würde. Sie erwiederte seinen Gruſs, verwirri und schweigend. Morton ritt vor an die Spitze des Zuges.) — „ 121 Heinrich Morton!“ rief der Major überrascht durch die plötzliche Erscheinung. «Derselbe,“ antwortete Morton, dem es weh thut, von dem Major Bellenden und den Seinigen so hart beurtheilt zu werden. Er überläfst es Lord Evandale,“ fuhr er, sich gegen den jungen Cavalier verbeugend, fort,«seine Freunde über seine Handlungsweise, wie über die Reinhei seiner Absichten, aufzuklären. Lebt wohl, Her Major! Alles Glück sey mit Euch und den Eurir gen!— Mögen wir uns einst in glücklichern- und bessern Zeiten einander begegnen!“ «Glaubt mir,“ sagte Lord Evandale,„Euer Vertrauen, Herr Morton, hat sich nicht vergriffen. Ich werde mich bemühen, die grofsen Dienste, die ich von Euch erhalten, dadurch zu vergelten, dafſs ich mein Möglichstes thue, Euch in der guten Meinung des Majors Bellenden, und Aller, deren Achtung Euch werth ist, wieder herzu- stellen.“ «Ich erwartete nichts Geringeres von Eurer Grofsmuth, mein edler Herr!“ erwiederte Morton. Er rief darauf seinen Begleitern und ritt durch die Haide nach der Gegend von Hamilton; ihre Federbüsche wehten, und ihre stählernen Helme blinkten in der Sonne. Luthbert Headrigg allein blieb einen Augenblick hinter seinen Gefährten zurück, um Hannchen Dennison, der es während dieses kurzen Morgenrittes gelungen war, ihre Gewalt über sein empfängliches Herz wieder herzustellen, ein rührendes Lebewohl zu sagen. Ein Paar einzeln stehende Bäume beschatteten den Auftritt mehr, als daſs sie ihn verbargen, während beyde hielten, um Abschied zu nehmen. «Lebe wohl, Hannchen!“ sagte Luthbert, in- dem er seine Lunge in Thätigkeit setzte und wahrscheinlich einen Seufzer herausstofsen wollte, der aber mehr wie ein Gestöhne klang:«denk' bisweilen an den armen Luthbert— einen ehr- lichen Jungen, der Dich lieb hat, Hannchen! Nicht wahr, Du denkst dann und wann an ihn 5 «Bisweilen— wenn ich Suppe esse,“ antwor- tete das boshafte Mädchen, das weder die beis- sende Antwort, noch das schelmische Lächeln unterdrücken konnte, die sie begleitete. Luthbert rächte sich, wie bäurische Liebhaber pflegen, und wie Hannchen wahrscheinlich er- waytet hatte: er schlug den Arm um den Hals seiner Liebsten, und küfste ihr herzlich Wangen und Lippen. Darauf wandte er sein Pferd und ritt seinem Herrn nach. «Das ist ein Teufelskerl,“ sagte Hannchen, indem sie sich den Mund wischte, und ihre Haube zurecht schob:«zweymal so viel Muth hat er, wie der Thomas, das muſs wahr seyn.— Ich komme, gnädige Frau, ich komme!— Cott „ 123 sey uns gnädig, ich denke doch nicht, daſs die alte Dame uns gesehen hatb «Hannchen,“ sagte Frau Margarethe, als das Mädchen zu ihr kam,«war nicht der junge Mann, der die Reiter anführte, derselbe, der Papagey-Hauptmann ward, und der nachher den Morgen, als Claverhouse kam, gefangen nach Tillietudlem gebracht ward?“ Hannchen, froh, dafs das Verhör nicht ihre eignen kleinen Angelegenheiten betraf, sah auf ihr Fräulein, um, wo möglich, zu entdecken, ob es rathsam sey, die Wahrheit zu sprechen oder nicht; da sie keinen leitenden Wink heraus- finden konnte, folgte sie ihrem Kammermädchen- Instinct und log. alch glaube nicht, dafs er es war, gnäd'ge Frau,“ sagte sie, so ehrlich, als sagte sie ihren Katechismus her: der da war ja ein kleiner schwarzer Mann.“ «Du mufst plind gewesen seyn, Hannchen!* versetzte der Major. Heinrich Morton ist groſs und blond; und jenes war der junge Mensch leibhaftig.“ «Ich habe andere Dinge zu thun, als nach ihm zu kucken“ sagte Hannchen und warf den Kopf auf, meinetwegen mag er so blond seyn, wie ein Pfenniglicht.“ «Haben wir nicht von Glück zu sagen,“ hob Frau Margarethe wieder an,«daſs wir den Hän- 124 den des verwegenen, blutdürstigen Schwärmers entkommen sind Po «Ihr seyd irrig, gnädige Frau,“ versetzte Lord Evandale; der junge Morton verdient diesen Namen von Niemand, am wenigsten von uns. Dafs ich am Leben bin„ und daſs Ihr Euch sicher zu Euren Freunden zurückziehen könnt, statt die Gefangenen eines wirklichen fanatischen Mör- ders zu seyn, verdanken wir allein und gänzlich der bereitwilligen, thätigen, kräftigen Mensch- lichkeit dieses jungen Mannes.“ Er erzählte darauf umständlich die Ereignisse, mit welchen der Leser schon bekannt ist, ver- weilte bey Mortons Handlungsweise und zeigte die Gefahr, mit welcher er ihnen diese wichti- gen Dienste geleistet, als rede er von einem Bruder, aber nicht von einem Nebenbuhler. «Ich wäre mehr als undankbar,“ sagte er, wenn ich von den Verdiensten eines Mannes fehwiege⸗ der mir zweymal das Leben gerettet at.* «Ich denke gern Gutes von Heinrich Morton,“ versetzte der Major,«und ich gestehe, er hat sich sehr wacker gegen Euch, mein edler Freund, und gegen uns betragen. Aber scine jetzige Lauf- bahn kann ich nicht mit der Nachsicht beurthei- len, die Ihr dagegen hegt.“. «Ihr müſst bedenken,“ erwiederte Lord Evan- dale,«daſs er gewissermafsen durch die Noth- 125 wendigkeit auf sie hingedrängt worden; und ich mufs hinzusetzen, seine Grundsätze, obwohl sie in manchen Stücken von den meinigen abweichen, müssen immer Achtung einflöſsen. Claverhouse, dessen Menschenkenntniſs nicht bestritten werden kann, sprach gerecht von ihm, in Betreff seiner ungewöhnlichen Eigenschaften, aber mit Vorur- theil und mit Härte beurtheilte er seine Grund- sätze und Bewegungsgründe.“ «Ihr habt nicht lange Zeit gebraucht, um seine guten Eigenschaften kennen zu lernen, mein werther Lord Evandale,“ antwortete der Major. «Ich, der ich ihn von Kindheit auf kenne, würde vor dieser Geschichte viel von seinen guten Crund- sätzen und von seiner Gutmüthigkeit haben sagen önnen— aber von seinen hohen Anlagen— «Sie waren vermuthlich verborgen, lieber Ma- jor; sogar ihm selber, vielleicht, bis die Um- slände sie hervorriefen; und wenn ich sie ent- deckte, so war es blos, weil unsere Unterredung wichtige und bedeutende Gegenstände betraf. Er arbeitet jetzt darauf hin, diesem Aufruhr ein Ende zu machen, und die Bedingungen, welche er vorschlägt, sind so gemäfsigt, dafs es ihnen an meiner herzlichen Empfehlung nicht erman- geln soll.“ «Und habt Ihr Hoffnung, dafs Euch so umſas- sendes Unternehmen gelingen werde?“ fragte Frau Margarethe. 126 Ich würde sie haben, gnädige Frau, wäre jeder Whig so gemäſsigt, wie Morton, jeder Königsfreund so uneigennützig, wie Major Bel⸗ lenden. Aber der Fanatismus ist auf beyden Sei- ten so groſs, dafs, fürcht' ich, nichts diesen Bürgerkrieg enden wird, als die Schneide des Schwertes.“ Man kann leicht denken, daſs Edithe dieser Unterredung mit dem innigsten Antheile zuhörte. Indem sie bereute, daſs sie sich hart und übereilt gegen ihren Freund geäufsert, fühlte sie zugleich mit Klarheit eine stolze Zufriedenheit, daſs er, selbst nach dem Zeugniſs seines grofsmüthigen Nebenbuhlers, der war, für den ihr zärtliches Herz ihn einst gehalten. «Bürgerliche Spaltungen und die Vorurtheile meines Hauses,“ sagte sie,«können mir es noth- wendig machen, sein Andenken aus meiner Brust zu reissen, aber es ist kein geringer Trost, be- stimmt zu wissen, dafs er der Stelle werth war, die er so lange behauptet.“ Während Edithe sich so ihren ungerechten Unwillen vorwarf, war ihr Freund in dem Lager der Insurgenten, unweit Hamilton, angekommen, das er in groſser Verwirrung fand. Sichre Nach- richten waren eingelaufen, dafs das königliche Heer die Verstärkung aus England bekommen und im Begriff sey, ins Feld zu ziehen. Das Gerücht vergröfserte die Anzahl, die Kunst und 127 glänzende Bewaffnung der Krieger, und verbrei- tete noch andere Nachrichten, welche den Muth der Insurgenten niederschlugen. Was sie auch immer von der günstigen Gesinnung des Herzogs von Monmouth erwarten konnte, der Einfluſs derer, die den Oberbefehl mit ihm theilten, schien alles wieder zu vernichten. Sein General- lieutenant war der berühmte Thomas Dalzell, der die Kriegskunst in dem damals barbarischen Rufsland ausgeübt hatte, und wegen seiner Grau- samkeit und Gleichgültigkeit gegen Menschen- leben und Menschenleiden eben so gefürchtet, als wegen seiner standhaften Diensttreue und unerschrockenen Tapſerkeit geachtet wurde. Die- ser Mann war der zweyte Befehlshaber des Heeres; die Reiterey aber führte Claverhouse, der vor Begierde brannte, den Tod seines Neffen und seine Niederlage bey Drumclog zu rächen. Diesen Nachrichten ward die fürchterlichste, schreckenerregendste Beschreibung des Geschützes und der Reiterschaaren beygefügt, welche das königliche Heer besäſse, und jedes Gerücht ver- mehrte die Besorgniſs der Insurgenten, dafs der König nur mit seiner Rache gezögert, daſs sie desto sicherer und schwerer sie treffe. Morton bemühte sich, die Cemüther der ge- meinen Soldaten zu stärken, indem er sie auf die wahrscheinliche Uebertreibung dieser Ge- rüchte aufmerksam machte, und sie an die Stärke . 128 ihrer Stellung erinnerte, da dicht vor ihnen ein Strom ohne Furth war, über den man nur ver- mittelst einer schmalen und langen Brücke kom- men konnte. Er rief ihnen ihren Sieg über Claverhouse ins Cedächtniſs zurück, den sie mit einer bey weitem geringern Anzahl, als sie jetzt ausmachten, und weit weniger disciplinirt und zur Schlacht gerüstet, erfochten; zeigte ihnen, dafs der Boden wellenförmig und mit Dickicht durchschnitten, sie sehr vor der Artillerie, ja, wenn sie ihn tapfer vertheidigten, selbst vor der Reiterey schützte; und daſs ihr Heil besonders von ihrem Muthe und ihrer Entschlossenheit abhänge. Aber während Morton so den grofsen Haufen aufrecht zu erhalten suchte, benutzte er. jene entmuthigenden Cerüchte, die Führer von der Nothwendigkeit zu überzeugen, der Regierung gemäſsigte Friedensvorschläge zu machen, wäh- rend sie, an der Spitze eines ungebrochnen, zahlreichen Hceres ihr noch furchtbar seyn muſs- en. Er machte sie aufmerksam, daſs bey der jetzigen Stimmung ihrer Anhänger es kaum zu erwarten wäre, dafs sie sich ohne Nachtheil mit den geregelten und vortrefflich gerüsteten Krie. gern des Herzogs von Monmouth einlassen könn- ten; und daſs, im Fall sie geschlagen und zer- streut würden, der Aufstand, in den sie verwik- kelt, statt dem Lande nützlich zu seyn, der * 129 Vorwand seyn würde, es desto härter zu bedrük- ken. Durch diese Beweisgründe gedrängt, und das Zusammenbleiben oder das Entlassen ihrer Truppen für gleich gefährlich haltend, gestan- den die Meisten der Anführer gern ein, daſs der Zweck, für welchen sie die Wallen ergriſfen, groſsentheils erfüllt seyn würde, wenn die Be- dingungen, die der Lord Evandale dem Herzog von Monmouth überreiche, gewährt werden soll- ten. Sie kamen darauf überein, die von Morton auſgesetzte Bittschrift und Beschwerde zu garan- tiren. Auf der andern Seite hingegen gab es noch mehrere Hauptleute(und diese waren es gerade, die am meisten Einfluſs auf den gemeinen Mann hatten), welche jeden Vorschlag eines Vergleiches, der nicht auf der Grundlage des feyerlichen Bundes oder Covenants vom Jahre 1640 ruhe, für gänzlich null und nichtig, gott- los und unchristlich erklärten. Diese Männer theilten ihre Ansichten der Menge mit, die wenig Einsicht und nichts zu verlieren hatte, und über- redeten sie, die furchtsamen Rathgeber, die einen Frieden empföhlen, welcher nicht wenig- stens die Entthronung der königlichen Familie, und nicht die erklärte Unabhängigkeit der Kirche vom Staat zur Bedingung hätte, seyen feige Ar beiter, welche ihre Hände abzichen wollten vom Pfluge, und verächtliche Achselträger, die nur einen scheinbaren Vorwand suchten, ihre Waf- 73. 1 130.. fenbrüder zu verlassen. Diese streitenden Mei- nungen wurden wüthend verfochten in jedem Zelte des Insurgentenheeres, oder vielmehr in den Hütten und Baracken, die ihm zu Zelten dienten; die leidenschaftliche Sprache führte oft zu Streit und Thätlichkeiten, und die Zwietracht, welche das Heer der Verfolgten trennte, war ein nur zu sicheres Vorzeichen seines künſtigen Schicksales. „ —Q———éßͤͤ— Dreyfsigstes Kapitel. 5* Noch ruht der Fluch der Zwietracht und der Spaltung Au eurer Rathsversammlung! . Das geretlele Venedig. Die Klugheit Mortons war in voller Thätigkeit, den reissenden Strom dieser streitenden Partheyen aufzuhalten, als zwey Tage nach seiner Rück- kehr nach Hamilton sein Freund-und Amtsbruder Pfundtext ihn besuchte, welcher, wie sich zeigte, vor dem Angesichte Balfour von Burleys geflohen war. Diesen verlieſsen wir, nicht wenig erzürnt über den Antheil, welchen jener an der Be- freyung Lord Evandales genomimen hatte. Als der ehrwürdige Cottesmann sich etwas von- der Eile und Beschwerde seiner Reise erholt, üng er an, Morton von dem, was seit dem merk- 9 132 würdigen Morgen seiner Entfernung in der Nähe von Tillietudlem vorgefallen war, Bericht zu erstatten. Der nächtliche Zug Mortons war mit solcher Geschicklichkeit ausgeführt worden, und seine Leute hatten so treulich seine Befehle vollzogen, dals Burley nicht eher Nachricht von dem, was vorgefallen, erhielt, als spät am Morgen. Seine erste Frage war, ob Macbriar und Pauker der Aufforderung zufolge, welche er um Mitternacht an sie erlassen, angekommen seyen. Machriar war da, und von Pauker hörte er, daſs er, trotz der Schwerfälligkeit, mit der er sich bewegte, in jedem Augenblick erwartet werden dürfte. Burley schickte darauf einen Boten nach Mortons Quartier, ihn sogleich zu einer Rathsversamm- lung zu berufen. Der Bote kehrte zurück mit der Nachricht, daſs jener das Dorf verlassen habe. Nun ward nach Pfundtext gesandt, der aber, wie er selbst sagte, in der Ueberzeugung, mit zänkischen Leuten sey nicht gut verkehren, sich in sein ruhiges Wohnhaus zurückbegeben hatte, denn trotz dem, dafſs er den ganzen vor- hergehenden Tag zu Pferde gewesen war, hatte er dennoch lieber noch einen nächtlichen Ritt gewacht, als sich den Morgen in einen neuen Streit mit Burley eingelassen, dessen Wildheit ihn erschreckte, wenn nicht Mortons Festigkeit ihn unterstützte. Nun erkundigte sich Burley 135 nach Lord Evandale, und seine Wuth war un⸗ beschreiblich, als er vernahm, dieser sey wäh- rend der Nacht durch einen Haufen Milnwooder Schützen weggeführt, und zwar unter Heinrich Mortons eigener Anführung. «Der Schurke!“ rief Burley, gegen Macbriar sich wendend;«der elende, niedrig gesinnte Ver- räther! Um sich selbst wieder bey der Regierung einzuschmeicheln, hat er den Gefangenen in Freyheit geseizt, den ich mit dieser meiner rechten Hand erobert habe, vermittelst dessen ich hoffen konnte, zu dem Besitz der Veste zu gelangen, die uns schon so viel Müh und Arbeit gekostet hat!“ «Sind wir denn nicht im Besitz derselben 5 fragte Maebriar, aufwärts blickend nach dem Thurme des Schlosses:«Sind das nicht die Far- ben des Bundes, die da oben über den Waͤllen wehen 5 «Eine Kriegslist— blos Trug und List!“ sagte Burley;«eine Verhöhnung unsrer, wegen unsrer getäuschten Hoffnung, sie bittrer und nieder- schlagender für unsere Gemüther zu machen.“ Hier ward er von einem von Mortons Leuten unterbrochen, der abgeschickt war, ihm Bericht von der Uebergabe und Einnahme der Veste zu erstatten. Burley wurde durch die Nachricht von diesem glücklichen Ereigniſs eher in Wuth Sesatzt, als besänftigt. 134 «Ich habe gewacht,“ rief er, aich habe ge- fochten, ich habe gearbeitet, ich habe getrachtet die Veste zu gewinnen; ich habe verschmäht, andere Unternehmungen zu leiten, von mehr Wichtigkeit, und wo mehr Ehre zu erlangen war. Ich habe ihnen den Ausgang versetzt und habe das Wasser ihnen abgeschnitten und das Brod ihnen verkürzt in ihren Mauern; und als die Männer dahin gebracht waren, sich zu beugen aunter meiner Hand, daſs ihre Söhne in Knecht- schaft fielen, und ihre Töchter dem ganzen Lager ein Spott würden— da kommt dieser unbärtige Knabe, und untersteht sich, mit seiner Sichel in meine Erndte zu hauen, und dem Plündrer die Beute zu entreissen. Gewifslich, der Arbeiter ist seines Lohnes werth, und die Stadt mit ihren Gefangenen sollte dem zu Theil werden, der sie gewinnt!“ Nun,“ sagte Macbriar, der durch die heftige Bewegung, welche Burley zeigte, äusserst über- rascht war:«ereifere Dich nicht von wegen des Cottlosen! Der Himmel will seine eignen Werk- zeuge gebrauchen; und wer weiſs, ob nicht die- ser Jüngling“—— Still, still,» unterbrach ihn Burley,«mache Dein besseres Urtheil nicht verdächtig. Du warst es, der mich fruher warnte, mich vor diesem übertünchten Grabe zu hüten; diesem überfirniſs- ten Kupfer, das mir für Gold geboten ward. Ja, Ephraim Macbriar, selbst den Erwählten geht es schlimm, wenn sie die Führung solcher gott- seliger Hirten vernachlässigen, als Du bist. Aber unsere fleischlichen Neigungen verführen uns. Dieses undankbaren Knaben Vater war mein alter Freund. Die, welche sich selbst befreyen, und abschütteln wollen die Bande und Ketten der Menschheit, müssen soreifrig seyn in ihren Käm- pfen, wie Du, Ephraim Macbriar! Mit dieser Schmeicheley griff er den Prediger bey seiner allerschwächsten Seite an, und Bur- ley schloſs daraus, es werde ihm nicht schwer werden, die Meinungen desselben zur Unter- stützung seiner eigenen Zwecke zu gewinnen, besonders da sie beyde in ihren Grundsätzen über kirchliche Regierung vollkommen überein- stimmten. «Laſs uns nun sogleich in die Burg rücken,* sagte Burley,«es ist etwas unter den Schriften in der Veste, das, wohl gebraucht, wie ich es brauchen kann, so viel werth seyn muſs, als ein tapferer Führer und hundert Reiter.“ „Aber,» versetzte der Prediger,«wird dieses auch für die Kinder des Bundes der Gläubigen seyn P Es sind allbereéits zu viele unter uns, die mehr nach Ländereyen und Cold und Silber dürsten, als nach dem Worte. Nicht durch solche soll das Werk der Erlösung vollbracht werden!“ 1 136 «Du irrest, erwiederte Burley,«wir müssen wirken durch Mittel; und diese Weltmenschen sollen uns Werkzcuge seyn. Auf alle Fälle soll dies moabitische Weib ihres Erbes beraubt wer- den, und weder der bösgesinnte Evandale, noch der Erastianer Morton soll jenes Schlofs und Gut besitzen, obwohl sie beyde die Erbin zur Ehe begehren.“ Mit diesen Worten nahm er den Weg zur Burg, wo er das Silberzeug und andere Sachen vomn Werth zum Besten des Heeres mitwegnahm; das Archiv und andere Schränke, in denen Familien- urkunden aufbewahrt wurden, durchsuchte, und die Vorstellung derjenigen mit Verachtung zu- rückwies, die ihn erinnerten, daſs die, der Be- satzung gewährten, Bedingungen ihr die Schonung des Eigenthums der Edelfrau und ihrer Haus- genossen gesichert hatten. Als Burley und Macbriar sich solchergestalt in ährer neu eroberten Besitzung angesiedelt hatten, gesellten sich auch Pauker und der Herr von Langcale zu ihnen, welchen letztern jener thätig- wirkende Geistliche, wie Pfundtext es nannte, von dem reinen Lichte, in welchem er aufge- wachsen war, verführt hatte. So verbunden, sand- ten sie darauf an Pfundtext eine Einladung, oder vielmehr einen Aufruf, sich zur Rathsversamm. lung in Tillietudlem einzustellen. Dieser erin- nerte sich jedoch, dals das Schloſsthor ein eisernes 137 Citter und der Thurm einen Kerker hatte, und beschloſs, sich den erzürnten Amtsbrädern nicht anzuvertrauen. Er entwich daher, oder floh vielmehr nach Hamilton, mit der Zeitung, daſs Burley, Macbriar und Pauker nachkommen wür-⸗ den, sobald sie genug Cameronianer zusammen- gebracht, um den übrigen Theil des Heeres in Furcht zu jagen. «Ihr scht,“ so schlofs Pfundtext mit einem tiefen Seufzer,«sie werden sodann die Mehrheit im Rathe haben.— Der Langcale, der bis jetzt immer zu der redlichen und vernünftigen Seite gerechnet ward, kann jetzt richtig und eigentlich weder als Fisch noch als Fleisch betrachtet wer- den— wer die stärkere Parthey hat, hat Lang- cale. Bey diesem Ende seiner langen Erzählung seufzte der geistliche Herr noch einmal tief auf, denn er erwog die Gefahr, in welcher er stand, zwischen unvernünftigen Gegnern in ihrer Mitte, und dem gemeinschaftlichen Feinde von aussen. Morton ermahnte ihn zur Geduld, Ruhe und Fassung, theilte ihm mit, daßs er die gute Hoff- nung habe, Frieden und Straflosigkeit durch Lord Evandales Vermittlung zu erlangen, und eröff nete ihm die freundliche Aussicht, daſs er bald zu seinem, in Pergament gebundnen, Calvin, zu seiner Abendpfeife, und seinem Kruge voll bo- geisterndem Doppelbier zurückkehren werde, wenn er nur nach seinen besten Kräften die Maſsregeln unterstützen wolle, die Morton wegen eines allgemeinen Friedens getroflen hatte. So gedeckt und getröstet, entschlofs sich Pfundtext grofsherzig, die Ankunft der Cameronianer ab- zuwarten. Burley und seine Verbündeten hatten einen ansehnlichen Haufen dieser Glaubenseiferer zu- sammengezogen, der sich ungefähr auf hundert Reiter und fünfzehnhundert Mann zu Fufs belief. Dem äussern Anblick nach waren sie verschlossen und strenge, finster und spärlich in der Mitthei- lung, dabey hochmüthigen Herzens und zuver- sichtlich in dem Glauben, daſs für sie aus- schliefslich der Weg zum Heile offen stehe, und dafs alle andern Christen, wie gering auch die Abweichung der Lehre derselben von der ihrigen war, nicht viel besser als Verstofsene oder Ver- worfene seyen. Diese Männer rückten im Pres- byterianischen Lager ein, cher als verdächtige und Argwohn erregende Bundesgenossen, oder vielleicht gar Widersacher, denn als Menschen, die aufrichtig für dieselbe Sache stehen, und den nämlichen Cefahren ausgesetzt sind. Burley machte den beyden Führern keine besondere Besuche, und ohne mit ihnen die öffentlichen Angelegenheiten zu besprechen, schickte er ihnen blos eine trockne Einladung, einer allgemeinen 139 Versammlung des Kriegsraths diesen Ahend bey- zuwohnen. Bey Mortons und Pfundtexts Ankunft in dieser Versammlung waren die Uebrigen bereits zuge- gen. Man grülſste einander kalt, und es war leicht zu schen, dafs diejenigen, welche den Kriegsrath berufen, keine freundschaftliche Er- örterungen im Sinne hatten. Die erste Streit- frage ward von Macbriar aufgeworfen, denn der glühende Eifer dieses Mannes reizte ihn, sich bey allen Gelegenbeiten an die Spitze zu stellen. Er begehrte zu wissen, auf wessen Befehl der Bösgesinnte, Lord Evandale genannt, dem Todes- urtheile, das man gerechterweise über ihn ver- hängt, entzogen worden sey. «Auf meinen und Herrn Mortons Befehl,“ er- wiederte Pfundtext, der, indem er gern seinem Verbündeten eine gute Meinung von seinem Muthe geben wollte, sich im Herzen auf den Beystand desselben verliels, und auch weniger Furcht hegte, sich mit Einem von seinem eignen Handwerk einzulassen, der sich auf die Waſlen der Theologie beschränkte, in deren Führung Pfundtext es mit jedem aufnahm, als es mit dem finstern Mörder Burley zu thun zu haben. «Und wer, Herr Bruder,“ sagte Pauker,«we hat Euch Kuftrag gegeben, Euch in eine so wich tige Sache zu mischen?“ 140 «Der Inhalt unsers Auftrages,» versetzte Pfund- text,«xermächtigt uns zu binden und zu lösen. Wenn Lord Evandale gerechterweise durch die Stimme eines Einzigen aus unsrer Mitte zum Tode verurtheilt ward, so konnten ohne Zweifel zwey von uns ihn rechtmäfsig dem Tode ent- ziehen.“ Ceht, geht, rief Burley,«wir kennen Eure Bewegungsgründe! Ihr habt diesen Seidenwurm, dies vergoldete Spielzeug, diesen gestickten Lum- pen von einem Lord fortgeschickt, dem Tyrannen Friedensvorschläge zu überbringen.» „80 ist's,» erwiederte Morton, als er sah, daſs sein Verbündeter vor dem wilden Blicke Burleys zu wanken begann, so ist's. Und was numb Sollen wir die Nation in endlose Kriege verwik- keln, um Entwürfen nachzujagen, die eben so wild und lasterhaft, als unerreichbar sind dn «Hört, wie er lästert!“ rief Burley. „Das ist nicht wahr,» versetzte Morton. Die- jenigen lästern, die Wunder zu erwarten vor- geben, und darüber die Benutzung der mensch- lichen Mittel versäumen, mit denen die Vor- schung sie gesegnet. Ich wiederhole es: unser eingestandener Zweck ist die Wiederherstellung des Friedens auf redliche und ehrenvolle Bedin- gungen, zur Sicherung unseres Glaubens und unserer Freyheit. Von keiner Absicht, den Mei- 141 nungen Andrer Zwang anzuthun, wollen wir etwas wissen.“ Die Streitigkeiten wären heftiger als je ge⸗ worden, allein sie wurden durch die Botschaft unterbrochen, daſs der Herzog von Monmouth gegen die westlichen Landschaften anrücke, und bereits die Hälfte des Weges von Edinburg zu- rückgelegt habe. Diese Nachrichten machten die Uneinigen für den Augenblick verstummen, und es ward beschlossen, dafs der morgende Tag ein allgemeiner Bufstag für die Sünden des Landes seyn sollte; daſs der ehrwürdige Gottesmann Pfundtext dem Heere des Vormittags, Pauker des Nachmittags predigen solle, daſs Niemand einen Cegenstand des Zwiespalts und des Streites berühren, sondern beyde die Krieger ermuntern sollten, bis auf den letzten Blutstropfen, wie Brüder, für ihre gute Sache zu fechten. Als dieser versöhnende Vorschlag allgemein ange- nommen war, wagte die gemäſsigte Parthey noch einen andern, in der sichern Hoffnung, daſs Langcale, der über die eben erhaltenen Nach- richten ganz blafs geworden war, und zu den allermildesten Mafsregeln geneigt schien, ihr beytreten werde.«Es lasse sich vermuthen,“ sagte sie,«dals der König, indem er den Oberbefchl seines Heeres bey dieser Gelegenheit nicht einem ihrer eifrigen Unterdrücker, sondern im Gegen- theil einem Manne von milder, und für ihre 142 Sache günstig gestimmten Gesinnung anvertrauet habe, es besser mit ihnen meinen müsse, als sie bisher erfahren hätten. Sie behaupteten, es sey klug, ja nothwendig, sich durch eine Verhand- lung mit dem Herzog von Monmouth Gewiſsheit zu verschaffen, ob er nicht etwa mit einigen geheimen Vorschriften zu ihren Gunsten versehen sey. Dies aber könne man nur, indem man einen Abgesandten in dessen Lager schickte.“ «Und wer wird dies Geschäft übernehmen?* fragte Burley, der einem Vorschlage, der zu- vernünftig war, um sich ihm geradezu zu wider- setzen, wenigstens ausweichen wollte. VWer wird sich in das Lager wagen wollen, da jeder- mann bekannt ist, daſs Graham von Claverhouse geschworen hat, jeden aufknüpfen zu lassen, den wir ihm senden würden, um des Jünglings, sei- nes Neffen, Tod zu rächen ⁵ ν «Das soll kein Hinderniſs seyn, versetzte Morton;«ich will es gern mit jeder Gefahr auf- nehmen, die dem Ueberbringer Eurer Botschaft droht." 4 Lafs ihn gehn,“ flüsterte Balfour Macbriar zu, es ist gut, wenn wir in unserm Rathe ihn los sind.“ Der Vorschlag fand demnach selbst bey denen keinen Widerspruch, von denen sich das eifrig- ste Entgegenwirken erwarten lieſs, und man kam überein, daſs Heinrich Morton sich nach dem 143 Lager des Herzogs von Monmouth begeben sollte, um zu erfahren, was für Bedingungen man den Insurgenten verstatten würde, in einer Unter- handlung zu machen. Sobald sein Auftrag be- kannt ward, kamen mehrere von der gemäſsigten Parthey zu ihm, und baten ihn, einen Vergleich auf die Basis der, dem Lord Evandale anver- trauten, Birtschrift zu gründen; denn die An- näherung der königlichen Truppen hatte eine allgemeine Bestürzung unter den Insurgenten verbreitet, und der hohe Ton, den die Camero- nianer annahmen, welche doch nichts hatten, ihn zu unterstützen, als ihren unbesonnenen Eifer, konnte sie nicht beruhigen. Mit diesen Vorschriften, und von seinem Diener Luthbert begleitet, brach Morton nach dem Lager der Königlichen auf, allen Gefahren entgegen, wel- che dem drohen, der im Feuer des Bürgerkrieges das Amt des Vermittlers übernimmt. Morton war kaum einige Meilen geritten, als er gewahr ward, daſs er sich den Vorposten des königlichen Heeres nähere. Von einer Höhe, über die ihn sein Weg führte, sah er alle Strafsen in der Gegend von gewaffneter Mannschaft be- deckt, die in vollkommner Ordnung auf dem Bothwellmoor losrückten, einem grolsen offnen Anger, auf welchem sie diesen Abend ihr Lager aufschlagen wollten, nicht weit von dem Strande des Clyde, an dessen entgegengesetztem Ufer, in. 144 einer gewissen Entfernung, auch das Heer der Insurgenten gelagert war. Er übergab sich dem ersten Reiter- Vorposten, auf den er stiefs, und gab seinen Wunsch zu erkennen, vor den Herzog von Monmouth geführt zu werden. Der Unterofficier, der den Haufen befehligte, stattete seinem Vorgesetzten Bericht ab, und dieser wieder seinem Obern. Beyde kamen dar- auf an Morton herangeritten. «Ihr verliert nur Eure Zeit, mein Freund, und wagt Euer Leben,“ sagte einer von ihnen zu dem jungen Mann. Der Herzog wird keine Bedin- gungen annehmen von Verräthern, die die Waf. fen in den Händen haben, und Eure Grausamkeit ist so weit gegangen, daſs sie jedwede Wieder- vergeltung rechtfertigt.» Ich kann ohnmöglich glauben,» erwiederte Morton, daſs der Herzog von Monmouth, selbst Wenn er uns als Verbrecher betrachten sollte, eine so groſse Anzahl seiner Mitbürger verurthei- len sollte, ohne einmal anzuhören, was sie zu ihrer Vertheidigung zu sagen haben. Ich für mein Theil fürchte nichts; ich bin mir bewuſst, weder in eine Grausamkeit gewilligt, noch eine veranlafst zu haben, und die Furcht, unschuldig für die Verbrechen Andrer zu leiden, soll mich nicht abschrecken, meinen Auftrag auszurichten.“ Die beyden Officiere sahen einander an. aIch glaube fast,"» sagte der Jüngere, dies ist der junge Mann, von dem Lord Evandale spraçh.* «ISt Lord Evandale bey dem Heere b' fragte Morton. «Nein, erwiederte der Officier;«wir lieſsen ähn in Edinburg, er war noch zu schwach, in das Feld zu gehn.— Wahrscheinlich seyd Ihr- Herr Heinrich Morton 5 «Der bin ich,» antwortete Morton. «Wir wollen nicht verhindern, daſs Ihr den- Herzog sprecht, werther Herr, entgegnete der Officier mit mehr Höflichkeit;«aber Ihr könnt Euch darauf verfassen, daſs Ihr nichts ausrichten werdet. Denn wenn auch Seine Gnaden selber Euren Leuten geneigt wärc, Andere stehen ihm⸗ zur Seite, die schwerlich darin willigen würden, wenn er seinen. Empfindungen gemäſs handeln⸗ wollte.“* «Es sollte mir leid thun, es so zu finden," erwiederte Morton;«aber meine Pflicht gebietet mir, auf meinem Verlangen nach einer Unter- redung zu bestehen.“ Lumley,“ sagte der Officier,«lafst dem Her- z08 Herrn Mortons Ankunft wissen, und erinnert Seine Gnaden daran, daſs dies derselbige ist, von dem Lord Eyandale mit solcher Wärme sprach." 73.Ä K. 146 Der Officier kehrte mit der Nachricht zuriick, dafs der Feldherr Herrn Morton heut Abend nicht sehen könne, dafs er aber den folgenden Morgen bey guter Zeit vorgelassen werden sollte. In einer nahen Hütte ward Morton die ganze Nacht gefangen gehalten, aber mit Höflichkeit behandelt, und mit allem Nöthigen versehn. Am frühen Morgen kam der Officier, den er zuerst gesehn, zu ihm, um ihn zum Herzoge zu führen. Das Heer stand aufgestellt, und im Begriff, sich zum Marsch und zum Angriff fertig zu machen. Der Herzog befand sich im Centrum, fast eine halbe Stunde von der Hütte, in welcher Morton die Nacht zugebracht hatte. Auf dem Wege hatte er Gelegenheit, die Streitkräfte zu schätzen, die zur Unterdrückung des unüberleg- ten und schlecht vorbereiteten Aufstandes zu- sammengezogen waren. Es waren allein drey bis vier Englische Regimenter darunter, der Kern des königlichen Heeres; ausserdem die Schotti- sche Leibwache, brennend vor Verlangen, ihre neuliche Niederlage zu rächen; andere Schotti- sche Regimenter und eine groſse Schaar Reiter, die theils aus freywilligen Edelleuten, theils aus den Dienstmannen der Krone bestand, zu deren Lehnspflicht der Kriegsdienst gehörte. Morton gewahrte auch mehrere starke Haufen Hochlän- der, die aus den Gränzörtern des Niederlandes 8 82 NS 88 11 47 zusammengezogen waren; diese wurden von den Whigs in den westlichen Landschaften besonders verabscheut, und haſsten und verachteten sie in gleichem Maſse. Sie standen unter ihren Häupt- lingen, und machten einen Theil dieser furcht- baren Kriegsmacht aus. Ein vollständiger Zug von Feldgeschütz begleitete das Heer, und das Ganze hatte ein so imponirendes Ansehn, daſs blos ein Wunder das schlecht ausgerüstete, schlecht geordnete und innerlich zerrissene In- surgentenheer vor gänzlichem Untergange retten zu können schien.. Der Officier, der Morton geleitete, suchte in seinen Blicken zu lesen, welche Empfindungen dieses prächtige und furchbare Schauspiel kriege- rischer Macht in ihm erregte. Aber der Sache treu, die er einmal ergriſfen, zwang er die Be- sorgnifs, die es ihm erregte, in sein Inneres zurück, und betrachtete die kriegerischen Rü- stungen ringsum wie eine Sache, die er erwartet hatte, und die ihn nichts anginge. „Ihr seht, welche Bewirthung man für Euch zubereitet,» sagten die Officiere. «Wenn sie mir nicht willkommen wäre,» erwiederte Morton,„würdet Ihr mich in diesem Augenblicke nicht an Eurer Scite sehen. Aber lieber noch würde mir ein friedlicheres Gastmal seyn, um beyder Partheyen willen.* 148 Während dieses Gesprächs hatten sie sich dem Feldherrn genähert, der, von Officieren umringt, auf einem Hügel safs, von dem man eine aus- gedehnte Aussicht in das ferne Land hinein hatte, und wo man daher auch ohne Mühe die Win- dungen des majestätischen Clyde und das entle- gene Lager der Insurgenten am jenseitigen Ufer erblicken konnte. Die Obersten des königlichen Heeres schienen die Gegend mit der Absicht, alsbald einen Angriff anzuordnen, zu überschauen. Nachdem der Hauptmann Lumley, Mortons Be- gleiter, dem Herzog von Monmouth den Namen und den Zweck der. Sendung desselben zuge- flästert hatte, machte jener ein Zeichen mit der Hand, worauf Alle um ihn herum sich zurück- zogen, mit Ausnahme zweyer vornehmer Stabs- officiere. Sie sprachen einige Augenblicke leise mit einander, ehe es Morton verstattet ward, näher zu treten, und dieser hatte unterdessen Zeit, das Aeussere der Männer, mit denen er. es zu thun hatte, zu betrachten- Es war unmöglich, den Herzog von Monmouth zu sehen, ohne durch die Anmuth und Schön- heit seiner Gestalt ergriffen zu werden, von wel- cher der groſse Hohepriester der Musen späterhin. einmal sagte: 3 149 Anmutl'ge Ruh begleitet all sein Thun, Und seine innerste Natur ist zu gefallen; Ein stiller Reiz lenkt jegliche Bewegung, Und weit erschlossen liegt das Paradies Auf seinem Antlitz...... Dem schärfern Beobachter aber konnte nicht entgehn, daſs der Eindruck der männlichen Schönheit des Herzogs zuweilen durch einen Zug von Schwanken und Unschlüssigkeit geschwächt ward, was Zweifel und Unsicherheit anzudeuten schien, in Augenblicken, in denen ein entschei- dender Entschlufs am nothwendigsten ist. Neben ihm stand Claverhouse, den wir bereits genug beschrieben haben, und ein anderer vor- nehmer Officier, dessen Aeusseres im höchsten Crade auffallend war. Seine Kleidung war nach dem alten Schnitt, den man-zu Karls des Ersten. Zeiten trug, und bestand aus Gemsleder, seltsam aufgeschlitzt und mit altfränkischen Spitzen und Besetzungen überladen. Seine Stiefel und Sporen mochten derselben Periode angchören. Er trug einen Brustharnisch, über den ein grauer Bart von ehrwürdiger Länge hing. Diesen hielt er werth, als ein Zeichen seiner Trauer um Karl den Ersten, und seit der Hinrichtung dieses Für- sten hatte er ihn nicht geschoren. Sein Haupt war unbedeckt-und beynahe ganz kahl. Seine hohe gerunzelte Stirn„ seine durchdringenden 150 grauen Augen und seine scharfen Züge— alles sprach deutlich aus, daſs, trotz seiner Jahre, ihn die Schwäche des Alters nicht gebeugt, und daſs seine finstre Entschlossenheit durch kein menschliches Gefühl gemildert ward. Dies ist das, wenn auch schwache, Bild des berühmten Generals Thomas Dalzell, eines Man⸗ nes, der von den Presbyterianern mehr gehaſst und gefürchtet ward, als selbst Claverhouse, und der die nämlichen Gewaltthätigkeiten aus Ab- scheu gegen ihre Persönlichkeiten, oder vielleicht aus einer angebornen Herzenshärte gegen sie ver- übte, welche Graham nur aus Regeln der Klug- heit beging, als die besten Mittel, die Anhänger der Presbyterianischen Lehre in Furcht zu jagen, und diese Sekte ganz aufaureiben. Die Gegenwart dieser beyden Generale, von denen Morton den Einen durch den Ruf, den andern persönlich kannte, schien diesem ent- scheidend für das Schicksal seiner Sendung. Aber trotz seiner Jugend und Unerfahrenheit, und trotz der ungünstigen Aufnahme, die seiner Aufträge zu warten schien, trat er kühn näher, als man ihm das Zeichen dazu gab, fest entschlossen, die Sache seines Vaterlandes und derer, mit denen er die Waflen ergriffen, solle nicht dar- unter leiden, daſs sie ihm anvertrauet sey. Der Herzog empfing ihn mit der anmuthigen Feinheit, die selbst seine geringfügigsten Hand- 151 lungen begleitete. Dalzell sah ihn mürrisch, finster und ungeduldig an. Claverhouse aber schien ihn mit einem spöttischen Lächeln und einer Neigung des Hauptes, als einen alten Be- kannten, zu grüſsen. Ihr kommt von jenen ungliicklichen Leuten, junger Mann,» begann der Herzog von Monmouth, und Euer Name ist Morton, glaub' ich. Wollt Ihr so gut seyn und uns den Zweck Eurer Sen- dung sagen 5* «Er ist in jener Schrift enthalten, gnädigster Herr," erwiederte Morton, die, Vorstellung und Bitte überschrieben, Lord Evandale, wie ich vermuthe, in Eurer Gnaden Hände gegeben.“ «Das hat er,“ versetzte der Herzog; und ich höre von Lord Evandale, dafs Herr Morton sich in dieser unglücklichen Sache mit solcl Mäſsi- gung und mit solchem Edelmuthe betragen hat, daſs ich ihn bitte, meinen Dank dafür anzu- nehmen.* Hier bemerkte Morton, daſs Dalzell den Kopf unwillig schüttelte, und Claverhousen etwas zu- flüsterte, der zur Antwort lächelte, und die Augenbraunen in die Höhe zog, allein fast in einem unmerklichen GCrade. Der Herzog nahm die Bittschrift aus der Tasche und fuhr fort zu reden, indem er sichtlich zwischen der angebor- nen Milde seiner Gesinnung, zu der die Ueber- zeugung sich gesellte, dafs die Bittenden im 152 Grunde nicht mehr als ihr Recht verlangten, schwankte, und dem VVyunsche, des Königs An- sehn zu befestigen und die Zustimmung der strenger gesinnten Anführer zu erhalten, welche ihm als Rathgeber und Beobachter zur Seite ge- stellt waren. «Diese Schrift enthält Vorschläge, Herr Mor- ton, über deren Angemessenheit an sich, ich für jetzt meine Meinung zurückhalten muſs. Einige davon scheinen mir vernünftig und billig, und ob ich gleich keine ausdrückliche Vorschriften darüber von dem Könige habe, so versichere ich Euch doch, Herr Morton, ja, ich setze meine Ehre zum Pfande, dafs ich mich fär Euch ver- wenden und meinen ganzen Einfluſs gebrauchen will, Euch Genugthuung von Seiner Majestät zu verschaffen. Aber Ihr werdet einsehn, dafs ich nur mit Bittenden, nicht mit Empörern unter- handeln kann, und als vorläufige Bedingung irgend eines Schrittes zu Euren Gunsten von mei- ner Seite, mufs ich darauf bestehen, daſs die Eurigen die Waſlen niederlegen und sich zer- streuen.* «Wenn wir das thäten, Herr Herzog,» erwie- derte Morton unerschrocken, so würden wir uns selbst als die Aufrührer anerkennen, für die unsere Feinde uns erklären. Wir haben das Schwert gezogen, uns ein angebornes, uns ent- ungenes Recht wieder zu crobern. Eurer Cna, 153 den Billigkeit und Einsicht haben schon im All- gemeinen die Gerechtigkeit unsers Verlangens anerkannt, ein Verlangen, auf das man nie ge- hört haben würde, wenn es nicht bey dem Klange der Trompeten ausgesprochen wäre. Wir kön- nen und dürfen daher unsere Waffen nicht niederlegen, selbst auf Eurer Gnaden Versiche- rung nicht, daſs wir es ohne Gefahr können, so lange wir nicht die bestimmte Aussicht haben, dem Unrecht, über welches wir uns beklagen, abgeholfen zu schen.“ «Herr Morton,“ antwortete der Herzog;«Ihr seyd jung, aber Ihr müfst genug von der Welt gesehen haben, um zu wissen, daſs Gesuche, welche an sich durchaus nicht gefährlich sind, es werden durch die Weise, auf die man sie vorträgt und unterstützt.» «Wir könnten antworten, gnädigster Herr,“ versetzte Morton,«dafs dieser unangenehme Weg nicht eher eingeschlagen ward, als bis alle an- dern versperrt waren.“ «Herr Morton,» entgegnete der Herzog,«ich muſs dieses Gespräch abbrechen. Wir sind zum Angriffe bereit und fertig; dennoch will ich ihn eine Stunde aufschieben, dafs Ihr meine Antwort den Insurgenten mittheilen könnt. Wenn sie es zufrieden sind, ihre Leute zu zerstreuen, ihre Wallen niederzulegen, und mir eine friedliche Gesandtschaft schicken, so Wili ich es mir zur 154½ Ehrensache machen, alles, was in meiner Macht steht, zu thun, ihren Beschwerden Abhülfe zu verschaſſfen; wo nicht, so mögen sie auf ihrer Hut seyn, und die Folgen tragen.— Ich denke, Ihr Herren, fligte er hinzu, sich gegen seine Gefährten wendend,«weiter kann ich meine Vorschriften zu Cunsten dieser mifsleiteten Män- ner nicht ausdehnen 5“ «Auf meine Ehre,» antwortete Dalzell rasch, emein geringes Urtheil würde sie schon so weit nicht ausgedehnt haben, wenn ich bedacht hätte, dafs ich dem König und meinem Gewissen ver- antwortlich wäre, Aber ohne Zweifel wissen Eure Gnaden mehr von des Königs geheimen Gesinnungen, als wir, die wir uns nur nach dem Buchstaben unserer Instructionen zu richten haben.“ Der Herzog erröthete bis an die Stirn.«Ihr hört,» sagte er, zu Morton gewendet,„Ceneral Dalzell tadelt mich, dafs ich geneigt bin, so weit zu Euren Gunsten zu gehen.* «Von General Dalzell haben wir keine andere Gesinnungen erwartet, gnädiger Herr,» erwie- derte Morton. Die, welche uns Eure Cnaden ausdrücken, sind so, wie wir sie zu ſinden hoff- ten. Allein ich kann nicht umhin, hinzuzufägen, wenn wir uns auch zu einer gänzlichen Unter⸗ werfung entschlössen, wie Ihr durchaus begehrt, 90 Würde es dennoch weniger als zweifelhaft. 155 seyn, ob selbst Eurer Cnaden Vermittlung uns wirksame Hülfe verschaffen könnte, wenn solche Rathgeber den König umgeben. Aber ich will unsern Anführern Eure Antwort mittheilen, Herr Herzog, und wenn wir keinen Frieden erlangen können, müssen wir den Krieg willkommen heissen, so gut als es gehen will.» Lebt wohl, Herr Morton! entgegnete der Herzog. Ich zögere mit dem Angriff eine Stunde, aber nur eine Stunde. Habt Ihr binnen dieser Zeit eine Antwort zu überbringen, so will ich sie hier empfangen; aber ich bitte Euch ernst- lich, laſst sie so seyn, daſs Blutvergieſsen ver- mieden werde.“ In diesem Augenblicke sahen Dalzell und Cla- verhouse einander noch einmal mit bedeutendem Lächeln an. Der Herzog bemerkte es, und wie- derholte seine Worte mit vieler Würde. «Ja, Ihr Herren, ich sagte, ich hoffe zuver- sichtlich, die Antwort möchte so seyn, daſs des Blutes geschont werde. Ich denke, diese Ge- sinnung bedarf weder Eures Spottes, noch kann sie Euer Miſsfallen erregen.“ Dalzell' beantwortete des Herzogs unmuthige Worte mit einem finstern Blick, aber ohne sonst etwas zu erwiedern. Claverhouse, auf dessen Lippen ein höhnisches Lächeln lauerte, verbeugte sich, und versetzte:«es gezieme ihm nicht, be⸗ 156 urtheilen zu wollen, ob die Gesinnungen Seiner Gnaden angemessen seyen oder nicht.“ Der Herzog gab darauf Morton einen Wink, sich zurückzuziehn. Er gehorchte, und durch seinen frühern Begleiter geführt, ritt er langsam durch das Heer, nach dem Lager der Seinigen zurückzukehren. Als er bey dem schönen Regi- mente Leibwache vorüber kam, fand er Claverhouse schon an dessen Spitze. Kaum erblickte der Oberste Morton, als er auf ihn zuritt und ihn aufs höflichste anredete: Mich dünkt, dies ist nicht das erste Mal, dafs ich Herrn Morton von Milnwood sehe?n Es ist nicht Eure Schuld, Oberst GCraham,“ erwiederte Morton, bitter lächelnd,«wenn jetzt meine Gegenwart Euch oder senst jemand be- lästiget. «Erlaubt mir wenigstens zu sagen, versetzte Claverhouse, dafs Eure jetzige tellung, Herr Morton, die Meinung, die ich von Euch hatte, rechtfertiget, und daſs mein Verfahren bey un- serm letzten Zusammenseyn mir allein von der Pflicht vorgeschrieben ward.“ «Eure Handlungen mit Eurer Pllicht zu ver- söhnen, Oberst Graham, und Eure Pflicht mit Eurem Gewissen, ist Eure Sorge, nicht die mei- ne,“ erwiederte Morton, verletzt, als er sich auf diese Art aufgefordert sah, gleichsam das 157 Uriheil selbst zu billigen, das ihm hätte so'theuer zu stehen kommen können. «Wartet einen Augenblick,» fing Claverhouse von Neuem an:«Evandale behauptet, ich hätte ein Unrecht gegen Euch wieder gut zu machen. Ich werde hoffentlich immer einen Unterschied zu machen wissen zwischen einem hochherzigen Edelmanne, der, wenn auch mißſsleitet, nach edlen Grundsätzen handelt, und den wahnsinni- gen, fanatischen Lumpenkerlen dort, mit den blutdürstigen Meuchelmördern an ihrer Spitze. Zerstreuen sie sich nicht nach Eurer Rückkehr, so laſst mich Euchinständigst bitten, kommit zu unserm Heere herüber, und ergebt Euch, denn ich versichere Euch, Ihr werdet unsern Angriff nicht eine halbe Stunde aushalten. Wollt Ihr Euch rathen lassen, und dies thun, so. sucht mich auf. Monmouth, so seltsam das klingt, kann Euch nicht schützen, Dalzell will nicht, ich kann es und will'es; und ich habe Evandale versprochen, es zu thun, wenn Ihr mir die Ge- legenhcit dazu geben würdet.“ Ich würde dem L.ord Evandale sehr verbunden seyn," antwortete Morton kalt,«wenn nicht seine Fursorge die Meinung zeigte, ich könne dahin gebracht werden, diejenigen zu verlässen, mit denen ich mich verbündet. Wenn Ihr aber, Ilerr Oberst, mich mit einer andern Art von Ce- nugthuung bechren wollt, so werdet Ihr miche 158 wahrscheinlich in der Zeit von einer Stunde am westlichen Ende der Bothwellbrücke mit dem Schwerte in der Hand finden.» «Es wird mich freuen, Euch da zu treffen, versetzte Claverhouse;«aber noch mehr, wenn Ihr meinen ersten Vorschlag erwägt.9 Darauf grüfsten sie einander und schieden. Es ist ein prächtiger Junge, Lumley!* sugte Claverhouse, sich zu dem andern Oflficier wen- dend, zaber er ist ein verlorner Mann! Sein Blut komme über ihn selbst!" Mit diesen Worten ging er an sein Geschäft, indem er alles zur Schlacht vorbereitete. 159 ——-—⸗—⸗—A₰NneAB—O Ein und dreyſsigstes Kapitel. Doch horch! ein andrer Ton schallt aus dem Zelt, Mieht Fried' und Ruh' herrscht länger drin! Burns. Als Morton die gutgeordneten Vorposten des königlichen Heeres hinter sich hatte, und bey denen ankam, die durch seine eigene Parthey ausgestellt waren, fiel ihm der Unterschied in der Disciplin beyder Heere aufs Unangenehmste auf, und er konnte nicht umhin, Besorgniſs über die Folgen zu empfinden. Dieselbe Zwietracht, die den Kriegsrath beunruhigte, tobte unter den Geringen und Niedrigen, und ihren Reitern und Streifwachen lag mehr daran, und sie waren mehr darauf bedacht, über die Wwahren Anlässe und Ursachen des göttlichen Zornes zu streiten, und die Gränzen Erastianischer Ketzerey fest- zusetzen, als nach den Feinden auszusehn, und ihre Bewegungen zu beobachten, obgleich sie schon die Trommeln und Pauken derselben ver- nehmen konnten. Es stand zwar eine Wache auf der langen und schmalen Bothwellbrücke, über die der Feind beym Angriſf nothwendig mufste; aber sie war getheilt und entmuthigt, wie die Uebrigen; und in der Meinung, auf einem Posten zu stehen, wo beym Gefechte keine Rettung für sie zu hoffen wäre, dachte sie daran, sich zu der Hauptmacht zurückzuziehn. Das Verderben des Heeres wäre in diesem Falle unvermeidlich gewesen; denn das Schicksal des Tages schien von der Behauptung oder dem Ver- lust dieses Passes abzuhängen. Jenseits lag nichts als offenes, ebenes Feld, spärlich mit unbedeu- tendem Buschwerk besetzt, und also ein Boden, auf welchem die nicht geübten Kriegsvölker bey ihrer wenigen Reiterey und gänzlich des Ce- schützes ermangelnd, nicht hoſfen konnten, dem Angriſfe des königlichen Heeres zu widerstehen. Morton besichtigte daher den Pafs genau, und bildete sich ein, ihn leicht gegen eine sehr über- legene Macht vertheidigen zu können, wenn er einige Häuser am linken Ufer des Flusses be- setzte, so wie auch das Erlengebüsch und Hasel- strauchwerk, welches sich am Rande desselben, 7 161 hinzog, den Pafs selbst verschanzte und die Thii- ren des Portales, das, der alten Sitte gemäſs, auf den mittlern Bogen der Brücke erbaut war, verrammelte. Er machte darauf hiezu Anord- nungen, und lieſs die Brustlehnen der Brucke auf der andern Seite des Portales niederreissen, daſs sie dem Feinde keinen Schutz gewähren sollten, im Fall es ihm gelänge, sich des Passes zu bemächtigen. Er beschwor die Leute, welche auf diesem wichtigen Posten standen, wachsam und auf ihrer Hut zu seyn, und versprach ihnen schleunige und bedeutende Verstärkung. Er lieſs auch Streifwachen jenscits des Flusses das Vor- rücken des Feindes beobachten, die sich, sobald dieser sich näherte, auf das linke Ufer zurück- ziehn sollten; endlich trug er ihnen auch auf. der Hauptmacht von Allem, was vorginge;, regel- mäſsige Nachricht zu geben. Krieger in einer gefährlichen Lage sind ge- wöhnlich scharfsichtig genug, die Verdienste ihrer Obern zu würdigen. Mortons Klugheit und Thätigkeit erweckte schnell das Vertrauen der Leute, und mit mehr Hoflnung und Muth als zuvor, fingen sie an, ihre Stellung nach seinen Befehlen zu befestigen, und begleiteten ihn mit dreymaligem Beyfallsgeschrey, als er sie verliefs. Morton sprengte nun in aller Eile auf das Lager der Insurgenten zu, aber wie überrascht und bestürzt ward er, in einem Augenblicke, wo 73. 1. 162. Ordnung und Eintracht von wesentlicherer Wich- tigkeit waren, als je, nichts als Verwirrung zu überblicken, und lautes Ceschrey zu vernehmen! Anstati in Schlachtordnung aufgestellt zu stehen, und auf die Befehle ihrer Obern zu hören, drängte sich alles wild durcheinander, und eine dicht zusammengedrückte Menschenmenge schob und wälzte sich einher, wie die Wogen des Meeres, während tausend Stimmen sprachen, oder vielmehr schrieen, und kein einziges Ohr für sie offen war. Entrüstet über dies seltsame Schauspiel, versuchte Morton, sich durch den Haufen zu drängen, um die Ursache der unzeiti- gen Verwirrung zu erfahren, und wo möglich sie zu heben. Unterdeſs er sich so bemühet, wollen wir die Leser mit derselben bekannt machen. Die Insurgenten hatten sich angeschickt, ihren Buſstag zu halten, den sie, nach der Sitte der Puritaner in den frühern Bürgerkriegen, für das wirksamste Mittel hielten, alle Schwierigkeiten zu lösen, und alle Spaltungen auszugleichen. Eine Art von Kanzel ward in der Mitte des La- gers errichtet, die, nach der getroffenen Ueber- einkunft, zuerst von Herrn Peter Pfundtext be- stiegen werclen sollte, dem, als dem ältesten der gegenwärtigen Ceistlichen, diese Ehre be- willigt worden war. Aber als der würdige Cot- tesmaun mit langsamen, stattlichen Schritten 163 auf die für ihn bereitete Bühne losschritt, ward er durch die unerwartete Erscheinung Habakuk Mucklewrath's, des wahnsinnigen Predigers, ge- hemmt, dessen Gestalt und Wesen Morton in dem ersten Kriegsrath, den die Insurgenten nach dem Siege am Loudonhügel hielten, erschreckt hatte. Es ist nicht bekannt, ob er unter dem Ein- flusse oder auf Anreizung der Cameronianer handelte, oder ob nur seine eigne rege Einbil- dungskraft und der lockende Anblick einer leeren Kanzel vor ihm, ihn antrieb, die Celegenheit zu ergreifen, eine so ansehnliche Gemeine zu ermahnen. Gewiſs aber ist's, dafs er die Gele- genheit beym Schopfe fafste, und auf die Kanzel sprang. Hier warf er die Augen wild umher, und ohne sich durch das Gemurr mehrerer der Zuhörer abschrecken zu lassen, öffnete er die Bibel und las seinen Text:«Es sind gewisse Kin- der Belials ausgegangen unter Dir, und haben verfuhret die Bewohner dieser Stadt, und gesaget: lasset uns gehen und andern Cöttern dienen, die ihr nicht kennet.“ Darauf ging ersogleich zu seinem Cegenstande über. Die Rede des Predigers war so wild und schwär- merisch, wie sein Auftreten unrechtmäfsig und zudringlich, im Ganzen aber war sie heraus- fordernd, insofern sie sich lediglich um die 164 Gegenstände der Zwietracht drehte, deren Be- rührung man übereingekommen war, auf eine schicklichere Zeit aufzuschieben. Er überging nichts, was verlelzen konnte, und nachdem er die gemäſsigte Parthey der Ketzerey, des Krie- chens zu den Füſsen der Tyrannen, des Bestre- bens angeklagt hatte, mit CGottes Feinden Frieden zu stiften, beschuldigte er namentlich Morton, daſs er einer von jenen Kindern Belials sey; der, wie sein Text besagte, ausgegangen wäre, die Bewohner der Stadt zu verführen und falschen Cöttern nachzugehen.— Ihm und Allen, die ihm anhingen, oder die sein Betragen gut hieſsen, verkündigte Mucklewrath Zorn und Rache, und ermahnte diejenigen, welche sich rein und unbe- fleckt erhalten wollten, herüber zu kommen aus ihrer Mitte. Fürchtet Euch nicht von wegen des Wieherns der Rosse, oder des Blinkens der Harnische! Suchet nicht Hülfe bey den Egyptiern von wegen der Feinde, und wären sie zahlreich wie die Heuschrecken, und wild wie Drachen. Ihre Zuversicht ist nicht gleich unserer Zuversicht, und ihr Hort ist nicht gleich unserm Horte; wie wüurden sonst Tausend fliehn vor Einem, und Zwey zehn Tausend in die Flucht schlagen? Ich träumte und es erschien mir wie ein Nachtgesicht, und die Stimme sprach: Habakuk, nimm Deine Wanne und sichte den Waizen von der Spreu, 165 auf daſs nicht beyde verzehrt werden vom Feuer des Zornes und von dem Blitze des Grimmes. Darum sage ich, nehmet diesen Heinrich Mor- ton, diesen elenden Achan, der den Fluch über Euch gebracht und sich Brüder gesucht hat im Feldlager der Feinde. Nehmet ihn und steinigt ihn mit Steinen, und dann verbrennet ihn mit Feuer, auf daſs der Zorn weiche von den Kin- dern des Bundes! Er hat kein Babylonisches Gewand umgehängt, aber er hat verkauft das Gewand der Gerechtigkeit an das Weib von Ba- bylon; er hat nicht genommen zweyhundert Seckel feinen Silbers, aber er hat vertauscht die Wahrheit, welche köstlicher ist, als Seckel Sil- ber und baaren Geldes!“ Bey dieser wüthenden Beschuldigung, die so unerwartet auf einen ihrer thätigsten Befehlsha- ber gewälzt ward, brachen die Zuhörer in oflenen Aufruhr aus. Einige verlangten, man solle auf der Stelle zu einer Wahl neuer Obern schreiten, unter denen inskünftlige niemand sollte aufge- nommen werden, als wer, nach ihrem Ausdruck, keine Gemeinschaft hielt mit den Gottlosen, und mehr oder minder den Ketz. reyen und Verderb- nissen der Zeit nachgegeben hätte. Die Camero- nianer, indem sie dies Verlangen aussprachen, schrieen laut: Wer nicht für sie sey, wäre wider s1e; es sey nicht an der Zeit, den wesentlichen Theil des Bundeszeugnisses der Kirche fahren zu 166 lassen, wenn sie Segen ihrer Waflen und ihrer Sache erwarten wollten; in ihren Augen sey ein lauwarmer Presbyterianer wenig besser, als ein Prälatist, ein Widersacher des Bundes, oder ein Unchrist. Die angeklagten Partheyen wiesen die Beschul- digung verbrecherischer Nachgiebigkeit und des Abfalls von der Wahrheit mit Verachtung und Unwillen zurück, und beschuldigten ihre Anklä- ger des Treuebruchs und eines verkehrten, aus- schweifenden Eifers, indem sie Spaltungen in einem Heere verursachten, dessen vereinte Kraft selbst der Allerzuversichtlichste für nicht mehr als hinlänglich halten könnte, es mit dem Feinde aufzunehmen. Pfundtext und ein Paar Andere strengten vergebens ihre Ohnmacht an, die wach- sende Wuth der Partheyen zu hemmen, indem sie ihnen mit den Worten des Patriarchen zu- riefen: Ich bitte dich, laſs nicht Streit seyn zwischen mir und dir, und zwischen meinen Hirten und deinen Hirten, denn wir sind Brü- der!»— Keine friedliche Auseinandersetzung konnte Gehör erlangen. Umsonst erhob selbst Burley, als er die Zwietracht sich so verderblich ausbreiten sah, seine tiefe, kräftige Stimme, Schweigen und Gehorsam gebietend. Der Geist der Zügellosigkeit herrschte, und es schien, als wenn die Ermahnung Habakuk Mucklewrath's allen seinen Zuhörern einen Theil seines Wahn- 167 sinnes eingeflöfst hätte. Die Klügern oder die Furchtsamern aus der Versammlung zogen sich bereits zurück und gaben ihre Sache verloren. Andere liefsen einen harmonischen Ruf, wie sie's etwas unpassend nannten, ertönen, neue Führer zu erwählen, und die früher eingesetzten zu ent- lassen, und das mit einem Lärm und Gezänk, wie es sich zu dem völligen Mangel an Vernunſt und Ordnung schickte, welcher der ganzen Ver- handlung eigen war. In diesem Augenblick er- schien Morton im Lager, und fand das Heer in der äussersten Verwirrung, und im Begriff, sich selbst aufzulösen. Seine Ankunft veranlafste lautes Freudengeschrey von der einen, und Ver⸗ wünschungen von der andern Seite. «Was bedeutet diese verderbliche Unordnung in einem solchen Augenblicke,» rief er Burley zu, der, erschöpft durch seine vergeblichen An- strengungen, die Ordnung wieder herzustellen, auf sein Schwert gelehnt da stand, und die Ver- wirrung mit einem Blick entschlossener Ver- zweiflung betrachtete.. «Æs bedeutet,“ versetzte er,«dafs Gott uns in die Hände unserer Feinde geliefert hat.“ «Nicht also, erwiederte Morton, mit einer Stimme und Gebehrde, die Viele ihm zuzuhören zwang;«nicht Gott hat uns verlassen, wir sind's, die ihn verlassen haben, und uns selbst enteh- ren, indem wir die Sache der Freyheit und des 168 Glaubens entwürdigen und verrathen. Höret mich;,“ rief er, auf die Kanzel springend, die Habakuk vor Erschöpfung hatte verlassen müssen, cich bringe Euch vom Feinde das Anerbieten zu einem Vergleich, wenn Ihr geneigt seyd, die Waffen niederzulegen. Ich kann Euch die Mittel einer ehrenvollen Vertheidigung zusichern, wenn Ihr männlichere Gesinnungen hegt. Die Zeit verfliegt. Lafst uns uns entschliefsen zu Krieg oder Frieden, und lafst nicht die Nachwelt einst von uns sagen, daſs sechs tausend bewaff- nete Schottländer weder den Muth gehabt, sich zu vertheidigen und ihre Sache auszufechten, noch die Klugheit, um Frieden zu unterhandeln, noch einmal die Memmenweisheit, sich zu rech- ter Zeit und mit sicherheit zurückzuziehen. Was heiſst das, daſs Ihr über Geringfügiges in der Kirchenzucht streitet, wenn dem ganzen Gebäude verderblicher Einsturz drohtb O, erin- nert Euch, meine Brüder, das letzte und ärgste Uebel, welches Cott über das Volk verhängt, das er einst erwählt, die letzte und ärgste Strafe ihrer Verblendung und Herzenshärte, waren die blutigen Zwistigkeiten, welche seine Stadt zer- störten, als der Feind an ihren Thoren donnerte.“* Einige der Zuhörer bezeigten ihre Empfindun- gen bey dieser Ermahnung durch lautes Beyfalls- gSeschrey. Andere durch Hohngelächter und den Ruf:«Zu deinen Zelten, o Isracl!“ 169 Morion sah die Reihen der Feinde bereits am rechten Ufer des Flusses erscheinen„ und auf die Brücke losrücken; er erhob die Stimme so sehr er konnte, und mit der Hand hinweisend, rief er:«Still mit Eurem unsinnigen Geschrey; dort ist der Feind! Unser Leben hängt davon ab, dals wir die Brücke behaupten; unser Leben und die Hoſfnung, unsre Gerechtsame und unsre Frey- heiten wieder zu gewinnen. Ein Schottländer wenigstens soll für ihre Vertheidigung sterben. Wer sein Vaterland liebt, folge mir! Aller Blicke hatten sich nach der Gegend ge- richtet, nach welcher er zeigte. Der Anblick der glänzenden Reihen des Fufsvolks, dem viele Reitergeschwader folgten, der Kanonen, die ge- gen die Brücke zu richten die Artilleristen emsig beschäftigt waren, und der langen Truppenreihen, die den Angriff unterstützen sollten, machte auf einmal das aufrührerische Geschrey verstummen, und erregte eine solche Bestürzung, als ob es eine unerwartete Erscheinung, und nicht weit mehr das Ereigniſs gewesen, dem sie hätten entgegen schen sollen. Sie stierten sich einander und ihre Führer an, mit Bloken, wie sie ein Kranker umher wirft, wenn ex, erschöpft nach cinem Anfalle von Fieberwahnsinn, wieder zu sich selbst kommt. Als aber Morton, von der Bühne springend, nach der Brücke zueilte, folg- 170 ten ihm gegen hundert junge Männer, die unter seinem besondern Befehle standen. Burley wendete sich zu Macbriar:«Ephraim,“ sagte er,«die Vorschung zeigt uns den Weg durch die weltliche Weisheit dieses latitudina- rischen Jünglings! Wer das Licht liebt, folge Burley!“ «Verzeihe!“ versetzte Macbriar;«nicht durch Heinrich Morton, oder durch solche, die ihm gleichen, sollen unsere Ausgänge und unsere Eingänge vorgeschrieben werden. Darum ver- weile bey uns! Ich fürchte Verrätherey des Heeres von diesem ungläubigen Achan. Du sollst nicht mit ihm gehn; Du bist unser Wagen und unser Reiter.» «Hindere mich nicht,» erwiederte Burley,«er hat Recht; alles ist verloren, wenn der Feind die Brücke erobert.— Darum laſs mich! Sollen die Kinder dieses Geschlechtes weiser heifsen und tapferer, als die Kinder des Heiligthums P Ordnet Euch unter Eure Führer! Lafst es uns nicht an Verstärkung fehlen, nicht an Pulver und Bley, und verflucht sey der, welcher den Rücken der Arbeit dieses grofsen Tages wendet!" Mit diesen Werten schritt er eilig auf die Brücke zu, und gegen zwey hundert der tapfer- sten und eifrigsten seiner Parthey folgten ihm. Es war eine tiefe, muthlose Stille, als Morton und Burley fort waren. Die Anfuhrer benutzten 1 7 1 dies, ihre Leute einigermafsen zu ordnen, und ermahnten diejenigen, welche am meisten aus- gesetzt waren, sich auf das Gesicht zu werfen, um dem Kanonenfeuer zu entgehen, das sie nun erwarten konnten. Die Insurgenten hörten auf zu widersprechen, und sich zu widersetzen, aber der Schreck, der ihre Zwietracht beschwichtigte, hatte ihren Muth gebrochen. Sie liefsen sich in Reihen stellen, sanft und folgsam, wie eine Heerde Schafe, ohne für den Augenblick etwas Entschlossenheit oder Kraft zu besitzen. Die plötzliche Annähe- rung der drohenden Gefahr, gegen die sie sich zu waffnen, als sie noch fern war, versäumt hatten, hatte sie gänzlich entmannt. Sie wurden dennoch in ziemliche Ordnung gebracht, und da sie doch immer das äussere Ansehn eines Heeres hatten, blieb ihren Führern nichts übrig, als die Hoffnung, daſs irgend ein günstiger Umstand ihren Muth von Neuem beleben werde. Pauker, Pfundtext, Macbriar und andere Pre- diger gingen geschäftig qurch die Reihen und ermahnten die Krieger, einen Psalm zu erheben. Aber die Abergläubischen abrunter bemerkten es als eine böse Vorbedeutung, dafs ihr Lob- und Siegesgesang in einem Zittern der Bestürzung erstarb, und eher einem Buſsliede glich, das am Schaffote einem verurtheilten Verbrecher gesun- gen wird, als der kühnen Weise, welche durch 172 die wilde Haide am Loudonhiigel erklang, und dem Siege dieses Tages voranging. Die traurigen Töne wurden bald von der rauhen Musik des Geschützes begleitet; denn die Kanonen began- nen von einer Seite, die Flinten von beyden zu feuern, und die Bothwellsbrücke und die an- gränzenden Ufer lagen in Dampf und Rauch gehüllt. 173 ——— MℳV————— ⸗— ℳMü0 Zwey und dreyſsigstes Kapitel. Wie ihr den Regen fallen saht, VEie ihr den Pfeil vom Bogen schnellt, So sanken unsre Schotten hin, Und Zeichen deckten Berg und Feld. Aus einer alten Ballade- Ehe noch Morton und Burley den zu verthei- digenden Posten erreicht, hatten die Feinde angefangen, ihn mit entschlossenem Muthe au- zugreifen. Zwey Regimenter Fufsknechte eilten in dicht geschlossener Reihe dem Flusse zu. Das Eine, am rechten Ufer sich ausdehnend, beun- ruhigte die Vertheidiger des Passes mit unauf- hörlichem Feuern, während das Andere sich der Brücke zu bemächtigen suchte. Die Insurgenten hielten den Angriff mit grolser Standhaftigkeit und mit Muth aus, und unterdessen ein Theil 174 derselben das Feuer der, längs dem Flusse ihnen gegenüber stehenden Feinde erwiederte, richteten die Andern ihr Geschütz auf das jenseitige Ende der Brücke selbst, und auf jeden Punkt, wo die königlichen Soldaten vordringen wollten. Die letztern litten bedeutend, demohnerachtet gelang es ihnen, weiter vorzurücken, und die vordersten Glieder des Regiments waren bereits auf der Brücke, als Mortons Ankunft die Lage der Dinge änderte. Seine Schützen zwangen die Stürmenden durch ein wohlgerichtetes und gut unterhaltnes Feuer, mit grofsem Verluste zu weichen. Noch einmal griffen sie an, und wurden noch einmal mit noch gröſserm Verluste zurückgetrieben, als nun auch Burley mit seinem Haufen am Kampfe Theil nahm. Das Feuer ward von beyden Seiten mit der gröſsten Heftigkeit fortgesetzt, und der Ausgang des Treſſens schien äusserst zweifelhaft zu seyn. Monmouth, der einen prächtigen Schimmel ritt, ward auf einer Anhöhe am rechten Ufer des Stromes erblickt, wie er die Krieger antrieb, ermahnte und anfeuerte. Auf seinen Befehl wur- den die Kanonen, die bis jetzt gebraucht waren, unter der fernstehenden Hauptmacht der Presby- terianer Verwüstung anzurichten, nach den Ver- theidigern der Brücke zugewendet. Diese furcht- baren Stücke aber, die weit langsamer in Bewegung zu setzen waren, als in neuern Zeiten, erregten 175 weniger Schreck und Verderben unter den Fein- den, als man erwartet hatte. Die Insurgenten, zum Theil durch das Gesträuch längs des Stro- mesufers geschützt, zum Theil in den bereits erwähnten Häusern verborgen, fochten unter Bedeckung, während die Königlichen, Dank Mortons Vorkehrungen, gänzlich ausgesetzt wa- ren. Die Vertheidigung war so dauernd und hartnäckig, dafs die königlichen Generale schon einen glücklichen Erfolg derselben zu fürchten anfingen. Monmouth warf sich vom Pferde, und die Krieger sammelnd, führte er sie noch einmal zu einem geschlossenen, wüthenden Angriffe, während Dalzell sich an die Spitze der Hochlän- der von Lenox stellte, die, mit ihrem entsetz- lichen Kriegsgeschrey vordringend, inn tapfer unterstützten. In diesem entscheidenden Augen- blicke fingen die Schiefsmaterialien an, den Vertheidigern auszugehn; umsonst wurden Boten, die um Verstärkung bitten und neue Vorräthe verlangen sollten, einer nach dem andern zu der Hauptmacht der Presbyterianer geschickt, die unthätig auf dem offenen Felde in Schlachtord- nung aufgestellt stand. Furcht, Bestürzung und Unordnung herrschte unter ihnen, und während der Posten, von welchem ihre Sicherheit abhing, einer schleunigen und kräftigen Verstärkung be- durfte, war keiner da, der zu befehlen, nie- mand, der zu gehorchen wuſste. 176 Je schwächer das Feuer der Vertheidiger der Brücke ward, je hefliger und je verderblicher ward das d Stürmenden. Ermuthigt durch das Beyspiel und die Ermahnungen ihrer Ober- sten, gewannen sie auf der Brücke selbst festen Fufs, und fingen an, alles aus dem Wege zu räumen, womit man sie verrammelt hatte. Das Brückenthor ward erbrochen, die Balken, Baum- stämme, und was man sonst zur Verschanzung gebraucht, herunter gerissen und in den Fluſs geworfen. Dies ward nicht ohne Widerstand erlangt. Morton und Burley fochten an der Spitze ihrer Leute, und ermunterten sie, mit ihren Spieſsen, Hellebarden und Lanzen den Bajonetten der Garden und den Schwertern der Hochländer zu begegnen. Aber die hinter ihnen fingen an, aus dem ungleichen Kampfe zu wei- chen, und flohen einzeln oder ihrer zwey zu dem Hauptheere; bis auch die Uebrigen, sowohl durch den Druck des feindlichen Haufens, als durch dessen Waffen, völlig von der Brücke hinabgedrängt wurden. Der Weg war nun offen, und die Feinde drangen herüber. Allein die Brücke war lang und schmal, was die Bewegung langsam und gefährlich machte; auch hatten die, welche zuerst herüber kamen, noch die Häuser zu erstürmen, aus deren Fenstern die Insurgen- ten zu feuern fortfuhren. Burley und Morton waren einander nahe in diesem entscheidenden Augenblicke. 177 «Noch ist'’s Zeit, die Reiterey zum Angriff herunter zu bringen," sprach der Erstre,«che sie sich wieder ordnen. So können wir mit Cot- tes Hülſe die Brücke wieder nehmen. Eile und bringe sie herunter, ich will unterdefs mit die- sem müdem Leibe Widerstand leisten!» Morton sah die Wichtigkeit des Raths ein. Er warf sich auf ein Pferd, das Luthbert im Dickicht in Bereitschaft hielt, und sprengte auf einen Rei- terhaufen zu, der unglücklicherweise gerade ganz aus Cameronianern bestand. Ehe er seine Bot- schaft ausrichten oder seine Befehle aussprechen konnte, schallten ihm die Verwünschungen des ganzen Haufens enigegen. Er flieht,» riefen sie;«der feige Verräther flieht, wie ein Hirsch vor den Jägern, und hat den tapfern Burley mitten im Cefecht verlassen!“ «Ich fliehe nicht,“ erwiederte Morton, zich komme, Euch zum Angriſfe zu führen. Muthig vorwäris, und wir werden noch siegen!“* «Folgt ihm nicht, folgt ihm nicht!“ ertönte es mit wildem Geschrey aus dem Haufen;«er hat uns dem Schwerte des Feindes verkauft!“ Während Morton vergebens zuredete, bat und befahl, ging der Augenblick verloren, in dem das Vorrücken der Reiterey von Nutzen gewesen wäre. Die Brücke war nun ganz in den Händen des Feindes. Burley und seine übrig gebliebenen Krieger wurden zu dem grolsen Heethaufen zu- 73. M 178 rückgedrängt, welchem der Anblick der ermü- deten und erschöpften Flüchtigen die Zuver- sicht nicht geben konnte, dessen er so sehr bedurfte. Unterdessen zogen die königlichen Truppen ungestört über die Brücke, deckten den Ein- gang und stellten sich in Schlachtordnung auf. Claverhouse, welcher, wie ein Habicht auf einem Felsen den Augenblick erlauert, wo er auf seine Beute stürzen kann, am entgegengesetzten Ufer den Ausgang des Kampfes beobachtet hatte, sprengte nun an der Spitze der Reiterey über die Brücke, ordnete seine Schaar und fährte sie zum Angriff. Die Insurgenten schienen nun ganz ver- loren, und der leichteste Schein eines Angriffes muſste sie mit Schrecken erfüllen. Mit gebroch- nem Muthe und gänzlich verschwundener Geistes- gegenwart waren sie nicht im Stande, es mit der Reiterey aufzunehmen, deren Vordringen von allem begleitet ward, was für Ohr und Auge furchtbar ist: das Jagen der Rosse, das Erbeben der Erde unter ihren Füfsen, das Blitzen der Schwerter, das Wehen der Helmbüsche und das wilde Geschrey der Reiter. Kaum versuchten die vordersten Glieder ein ungeregeltes, schlecht- gerichtetes GCewehrfeuer; der Nachtrab aber war zerrissen, und in verwirrter Flucht, ehe der Angriff nur einmal vollzogen war, und in weni- ger als fünf Minuten waren die Reiter mitten 179 unter den Insurgenten, ohne Gnade hauend und mordend. Man hörte des Obersten Stimme das Getöse des Kampfes überschallen, die den Krie- gern zurief: Nieder! nieder! kein Quartier! Denkt an Richard Graham!“— Die Dragoner, von denen viele die Schmach am Loudonhügel getheilt hatten, bedurften keine Ermahnungen zu einer Rache, die so leicht als vollständig war. Ihre Schwerter wütheten unter den Flüchtlingen, die keinen Widerstand leisteten. Das Flehen um Quartier ward nur durch das Ceschrey be- antwortet, mit welchem die Verfolgenden ihre Streiche begleiteten, und das Schlachtfeld bot nichts dar, als den Anblick furchtbaren Ce- metzels, Flucht und Verfolgung. Gegen zwölf hundert Insurgenten, die ein wenig abseits von den Uebrigen standen, und dem Angriff der Rei- terey nicht ausgesetzt gewesen waren, warfen ihre Wallen weg und ergaben sich auf Gnad und Ungnade, als der Herzog von Monmouth an der Spitze des Fuſsvolks herbeykam. Der mildge- sinnte Fürst bewilligte ihnen sogleich die Scho- nung, um die sie baten, sprengte durch das Schlachtfeld, und war jetzt eben so thätig, dem Gemetzel Einhalt zu thun, als vorher, den Sieg zu erringen. Bey diesem menschenfreundlichen Bemühen stiefs er auf den Ceneral Dalzell, der die wilden Hochländer und die Freywilligen antrieb, ihren Eifer für König und Vaterland zu 180 zeigen, und die Plamme der Empörung durch das Blut der Empörer zu löschen. «Steckt Euer Schwert ein, General, ich befehle es Euch,“ rief der Herzog,«und lafst zum Rück- zug blasen. Cenug des Bluts ist vergossen. Schont des Königs miſsleitete Unterthanen!“ «Ich gehorche Euer Cnaden,“ antwortete der Creis, indem er sein blutiges Schwert abwischte und in die Scheide steckte:«aber ich sage Euch zum voraus, es ist nicht genug geschehen, diese tollkühnen Empörer in Furcht zu jagen. Haben Euer Gnaden nicht gehört, dafs Basil Olifant mehrere angesehene Leute in Westen gesammelt hat, und eben im Begriff ist, sich mit ihnen zu vereinigen? „Basil Olifantb sagte der Herzog: Wer ist das 5 5 «Der nächste männliche Erbe des letzten Gra- fen von Torwood. Er ist unzufrieden mit der Regierung, weil seine Ansprüche auf die Be- sitzungen desselben zu Gunsten der Frau Mar- garethe Bellenden abgewiesen sind, und ich vermuthe, die Hoffnung, das Erbe zu gewinnen, hat ihn in Bewegung gesetzt.“ „Möge er Bewegungsgründe haben, welche er wolle,“ erwiederte der Herzog,«er wird bald müssen seine Leute auseinander gehen lassen, denn diese Schaaren sind zu sehr zerrüttet, um sich je wieder zu sammeln.— Darum befehle 181 ich Euch noch einmal: chut der Verfolgung Einhalt!“ Es ist Euer Cnaden Amt zu befehlen, und für Eure Befehle verantwortlich zu seyn," ant- wortete Dalzell, und gab mit Widerstreben Ordre, von der Verfolgung abzulassen. Aber der feurige, racheglühende Claverhouse war bereits zu weit voraus, um das Zeichen zum Rückzuge zu vernehmen. Rastlos setzte er mit seinen Reitern die blutige Verſolgung fort, un- ermüdlich jagend, zerstreuend, und alles, was sie einholen konnten, niederhauend. Burley und Morton wurden durch den unauf- haltsamen Strom der Plüchtlinge mit vom Schlacht- felde weggerissen. Sie machten einen Versuch, die Strafse von Hamilton zu vertheidigen, doch während sie darauf hinarbeiteten, die Fliehenden zum Stehen und zum Erwarten des Feindes zu bringen, ward Burleys rechter Arm von einer Kugel zerschmettert. «Dafs die Hand verwelke, die diesen Schufs that!“ rief er aus, als das Schwert, welches er über seinem Haupte schwang, kraftlos darnieder sank.— Ich kann nicht mehr fechten!“ Darauf wendete er sein Pferd und entfloh aus dem wilden Treiben. Morton sah nun ein, dals seine unnöthigen Bemühungen, die Fliehenden zu sammeln, für ihn nur mit Tod oder Gefan. genschaft enden konnten. Von dem treuen Luthbert gefolgt, entzog jetzt auch er sich dem 182 Cedränge; sein rüstiges Pferd setzte über einige Hecken, und bald sah er sich auf offnem Felde. Vom ersten Hügel, den sie auf ihrer Flucht erreichten, blickten sie zurück, und sahen das ganze Land bedeckt mit ihren fliehenden Ge- fährten und denen sie verfolgenden Dragonern, deren wildes Geschrey und Jauchzen beym Nie- derhauen der Eingeholten, mit dem Gestöhne und den Jammertönen ihrer Opfer vermischt, gellend den Hügel hinaufdrang. 3 «Es ist alles aus,“ sagte Morton:«sie können sich nicht wieder aufrichten.“ «Das Aufrichten,“ versetzte Luthbert,«ist an den Königlichen, und die werden genug auf- richten, nämlich Calgen.— Ey du meine Güte, wie die Schwerter funkeln, der Krieg ist doch ein schrecklich Ding; und der muſs es geschickt anfangen, der mich wieder dazu bringen will; — aber um's Himmels willen, bester Herr, laſst uns machen, daſs wir davon kommen!“ Morton sah die Nothwendigkeit ein, dem Rathe seines treuen Knappen zu folgen. Sie setzten sich wieder in schnellen Trab, und ohne einzuhalten, ritten sie nach dem wilden, gebir- gigen Theil des Landes, wo sie mehrere der Flüchtlinge zu finden hofften, die sich dort ge- sammelt haben konnten, entweder um Wider- stand zu leisten, oder von dort aus von Neuem zu unterhandeln. 183 —————-———— ℳℳVV Drey und dreyſsigsles Kapitel. ..„. vom Himmel Begehren sie des Löwen Hers, des Tigers Athem, Ja, und auch seine I ildheit, Flelcher. —qł‧ Es war Abend geworden. Zwey Stunden lang hatten Morton und sein treuer Diener keinen ihrer unglücklichen Gefährten mehr gesehn, als sie in der morastigen Gegend anlangten, und sich einer geräumigen, einsamen Pächterwoh- nung näherten, die am Eingange eines wisten, sumpfigen Thales lag, weit enifernt von jeder andern menschlichen Behausung. „Unsere Pferde tragen uns nicht länger ohne Rast und ohne Futter,“ sagte Morton.„Wir müssen hier, wo möglich, beydes zu bekommen suchen. 184 Bey diesen Wornten ritt er auf das Haus zu. Der Ort war, allem Anschein nach, bewohnt. Der Rauch stieg in einer dicken Säule aus dem Schornstein, und frische Pferdespuren waren vor der Thüre sichtbar. Sie konnten sogar im Hause das Gesumme menschlicher Stimmen vernehmen. Aber alle untere Fenster waren sorgfältig ver- wahrt, und als sie an die Thür klopften, ward ihnen keine Antwort. Nachdem sie umsonst um Einlaſs gerufen und gebeten, suchten sie einen Stall oder Schuppen, um, che sie sich weiter bemühten, in das Haus zu kommen, ihre Pferde zur Ruhe zu bringen. Hier fanden sie zehn bis zwölf Pferde, deren ermüdetes und zwar kriege- risches aber zerrüttetes Ansehn zu erkennen gab, daſs sie flüchtigen Insurgenten angehörten, die sich mit ihnen in gleicher Lage befanden. «Das bedeutet was Gutes, sagte Luthbert. «Sie haben Rindfleisch in Menge, das ist aus- gemacht; denn hier liegt noch eine feuchte Haut, die einem jungen Stiere auf dem Rücken gesessen hat,'s kann kaum eine halbe Stunde her seyn— sie ist noch warm!“ Durch dieses gute Zeichen ermuthigt, kehrten sie nach dem Hause zurück, und indem sie sich als Leute zu erkennen gaben, die mit denen drinnen in gleichen Umständen seyen, forderten sie laut Einlafs. „Wer Ihr auch seyd,“ sprach nach langem, hartnäckigen Schweigen eine mürrische Stimme: «störet nicht die da trauern um die Zerstörung und die Sclaverey des Landes, und forschen nach den Ursachen des Zornes und des Abfalls, auf daſs die Steine des Anstofses hinweggeräumt werden, über welche wir gestrauchelt sind.“ «Sie sind von den wilden Whigs aus dem Westen,“» sagte Luthbert mit flüsternder Stimme: «ich kenne sie an ihrer Sprache. Der Teufel soll mich holen, wenn ich mich unter sie wage.* Morton hingegen rief noch einmal die Leute drinnen an, und bestand darauf, eingelassen zu werden. Als indessen sein Verlangen abermals nicht erfüllt ward, öſfnete er eins der untern Fenster, und die nur schwach verrammelten Laden zurückschiebend, sprang er hinein, und befand sich in der groſsen Küche, aus welcher die Stimme gekommen war. Luthbert folgte ihm, zwischen den Zähnen murmelnd, als er den Kopf in das Fenster steckte, er hoffe, es werde nicht wieder siedende Brühe auf dem Feuer stehen. Herr und Diener standen mitten unter zehn bis zwölf bewaffneten Männern, welche um das Feuer herum safsen, an dem das Essen zu- bercitet ward, und ihre Andacht zu verrichten schienen. In den finstern, durch das Herdfeuer beleuch- teten Gesichtern, erkannte Morton sogleich 186 mehrere jener Eiferer, die sich durch ihre heftige Widersetzlichkeit gegen alle gemäſsigten Schritte ausgezeichnet hatten, sammt ihrem berühmten Prediger Ephraim Macbriar und dem wahnsin- nigen Habakuk. Die Cameronianer rührten nicht Hand, nicht Fufs, ihre Unglücksgefährten zu bewillkommnen, sondern fuhren fort, dem leise gemurmelten Gebet Macbriars zuzuhören, wo- durch er den Allmächtigen anflehte, er möge seine Hand erheben über seinem Volke, und es nicht verderben am Tage seines Zorns. Daſs sie ie Gegenwart der Eingedrungenen bemerkten, zeigte sich nur durch die mürrischen und unwil- ligen Blicke, die sie von Zeit zu Zeit auf dieselben schossen, wenn ihre Augen sich begegneten. Morton, der nun gewahr ward, in welche unfreundliche Cesellschaft er gerathen war, be- Sann an seinen Rückzug zu denken; aber indem er sich umsah, bemerkie er mit einiger Unruhe, daſs sich zwey starke Männer schweigend neben das Fenster gestellt hatten, durch welches er hereingekommen war. Einer dieser, nichts Gutes kündenden, Schildwachen flüsterte Luthbert zu: „Sohn des herrlichen Weibes„ der Magdalis Headrigg, wirf nicht Dein Loos ferner zusammen mit diesem Kinde des Verraths und des Ver- derbens. Geh Deines Wegs und säume nicht, denn der Bluträcher ist hinter Dir!* Hiermit deutete er auf das Fenster, und ohne 187 Zögern sprang Luthbert heraus; denn der em- pfangne gute Rath lehrte ihm, welcher Gefahr er hier ausgesetzt sey. „Mit Fenstern hab' ich kein Glick!“ dachte er, als er sich wieder im Freyen befand. Sein nächster Gedanke aber war der an das wahr- scheinliche Schicksal seines Herrn. « Sie werden ihn tödten, die mörderischen Schufte, und werden meinen, ein gutes Werk zu thun. Aber ich gehe nach Hamilton zurück und sehe, ob ich einige von unsern Leuten finden kann, Hülfe zu bringen, wenn's Noth thut.» Mit diesen Worten eilte er in den Stall, nahm das beste Pferd, das er finden konnte, statt sei- nes eignen müden Thieres, und sprengte nach Hamilton. Das Geräusch des Hufschlags störte einen Au- genblick die Andacht der Schwärmer. Als es in der Ferne erstarb, endigte Macbriar sein Gebet, und seine Zuhörer richteten sich aus der ge- beugten Stellung auf, und erhoben die nieder- wärts gesenkten Blicke. Aller Augen hefteten sich finster auf Morton. «Ihr seht mich mit sonderbaren Mienen an, ihr Herren, begann dieser, ich weiſs durchaus nicht, wie ich sie verdient haben könnte.» «Wehe Dir, wehe Dir!“ rief Habakuk, auf- springend:«das Wort, so Du verschmähet hast, soll ein Fels werden, der Dich zerschmettert und zermalmt; der Speer, den Du gern zerbro- chen hättest, soll Deine Seite durchbohren. Wir haben gebetet und gerungen und geflehet um ein Sühnopfer für die Sünden der Gemeinde, und siehe, das Haupt des Sündigen wird in unsere Hände gegeben. Eingebrochen ist er, wie ein Dieb, durch das Fenster; er ist der Widder, der gefangen ward im Dickicht, und sein Blut soll ein Trankopfer werden, die Rache von der Kirche zu wenden, und der Ort soll hinführo Jehovah Jirah genannt werden, denn das Opfer ist da. Auf denn und bindet es mit Stricken an den Fuſs des Altars!“ Es entstand eine Bewegung unter den Männern, und sehr bereute Morton in diesem Augenblicke die unvorsichtige Eile, mit welcher er sich unter sie gewagt. Er war nur mit seinem Schwerte bewalfnet, denn seine Pistolen hatte er am Sattel- bogen gelassen, und da die Uebrigen alle Ge- wehre trugen, so war wenig oder keine Hoffnung, ihnen zu entkommen, oder Widerstand leisten zu können. Die Verwendung Macbriars indessen schützte ihn für den Augenblick. Zögert noch, meine Brüder,““ sagte er;«laſst uns das Schwert nicht unbesonnen brauchen, daſs nicht die Last des unschuldig vergoſsnen Blutes schwer auf uns liege! Höre,“ fuhr er, zu Mor- ton gewendet, fort:«wir wollen mit Dir ab- rechnen, ehe wir die Sachen rächen, die Du 189 verrathen hast. Hast Du nicht, gleich Kiesel, Deine Stimme verhärtet gegen die Wahrheit in allen Versammlungen des Heeres 52 «Er hat— er hat»— murmelten die tiefen Stimmen der Umstehenden. «Er hat immer nach Frieden gestrebt mit den Bösgesinnten,“ sagte Einer. «Und hat immer für die schreckliche, schwarze Indulgenz gesprochen,“ fügte ein Andrer hinzu. Und hätte das Heer dem Monmouth über- geben,“» fing ein Dritter an,«und war der Erste, der den braven, redlichen Burley verliefs, als er noch kämpfte an der Brücke. Ich sah ihn auf der Haide, und sein Pferd war blutig vom Spor- nen, lange noch, ehe das Feuern an dem Passe auſgehört hatte.“ Ihr Herren,“ erwiederte Morton, wenn Ihr mich durch Geschrey niederwerfen, und mir, ohne mich zu hören, mein Leben nehmen wollet, so steht es vielleicht in Eurer Macht. Aber Ihr werdet vor Gott und Menschen sündigen, wenn Ihr einen solchen Mord begeht. «Ich sage, höret den Jüngling!“ sprach Mac- briar;«denn der Himmel weiſs es, unsere Ein- geweide haben gerungen, daſs er möchte dahin gebracht werden, die Wahrheit zu erkennen, und seine Gaben zu ihrer Vertheidigung anzu- wenden. Aber er ist verblendet durch seine fleischlichen Kenntnisse, und hat das Licht ver- schmähet, als es vor ihm leuchtete.“ 190 Nachdem auf diese Worte eine Stille in der Versammlung entstand, fing Morton an zu be- theuern, dafs er in der Verhandlung mit Mon- mouth redlich zu Werke gegangen, und dafſs er au dem darauf folgenden Treffen thätig Antheil genommen. Ich möchte freylich nicht im Stande seyn, Ihr Herren,“ setzte er hinzu,«in der Meinung, de- nen, die von meinem Glauben sind, misse frey stehen, Andere zu tyrannisiren, so weit zu gehn, als Ihr wünscht; aber niemand wird mich in der Vertheidigung unserer gesetzlichen Freyheit hinter sich lassen. Ueberdem muſs ich erwäh- nen, wenn Andere meiner Gesinnung im Rathe gewesen wären, oder sich gencigt gezeigt hätten, in der Schlacht mir zur Seite zu stehen, würden wir heut' Abend, statt als geschlagene Flücht- linge uns hier zu streiten, die Schwerter, nach einem heilsamen und ehrenvollen Frieden, in die Scheide stoſsen, oder sie nach einem ent- scheidenden Siege jubelnd über unsere Häupter schwingen.“. «Er hat gesprochen das Wort!ꝰ rief Einer au der Versammlung: er hat eingestanden seine fleischliche und Erastinianische Selbstsucht. Lafst ihn des Todes sterben! «Still, noch einmal!» sprach Macbriar;«denn ich will ihn weiter prüfen. War es nicht durch Dich, dafs der bösgesinnte Evandale zweyma dem Tode und der Gefangenschaft entkamb Wa 191 es nicht durch Dich, dafs Milo Bellenden und seine meuchelmörderische Besatzung gerettet wurden vor der Schneide des Schwertes 5 ν «Ich bin stolz darauf, sagen zu können, dafs Ihr in beyden Dingen die Wahrheit gesprochen,“* erwiederte Morton. Höret Ihr? Noch einmal hat es sein Mund gesprochen!“ versetzte Machriar,„Und thatest Du nicht dies von wegen eines Medianitischen Weibes, einer von der Brut der bischöflichen Kirche, eines Spielwerks, das in des Erzfeindes Falle zum Köder dientb Thatest Du nicht alles dieses von wegen Edithe Bellenden b' Ihr seyd ganz unfähig,“ antwortete Morton kühn,«meine Gefühle gegen dies Fräulein zu würdigen. Aber alles, was ich gethan habe, wäre geschehn, auch wenn sie nimmer gelebt hätte.* «Du bist ein hartnäckiger Verstockter gegen die Wahrheit. Und handelst Du nicht also, auf daſs Du durch Weglührung des alten Weibes, der Margarethe Bellenden, und ihrer Enkelin, den weisen, gottgefälligen Plan Johann Balfour von Burleys hintertriebest, durch welchen er den Basil Olifant zum Kampf bewegen wollte, der versprochen hatte, in das Feld zu rücken, wenn ihm der Besitz von dieser Weiber weltlichen Gütern gesichert würde bo „Ich habe von diesem Entwurfe nie etwas ge- hört, entgegnete Morton; daher konnt' ich es 19² auch nicht hintertreiben wollen. Aber erlaubt Euch Euer Glaube, durch solche unredliche und unmoralische Mittel zu werben P“ «Still,» erwiederte Macbriar, mit einiger Ver- legenheit;«nicht Dir steht es an, schwache Bekenner des Glaubens zu unterrichten, oder die Pflichten des Bundes zu bestimmen. Uebri- gens hast Du mehr der Sünde und des leidigen Abfalls eingestanden, als nöthig wäre, um Ver- derben über ein Heer zu bringen, und wäre es so zahlreich, als der Sand am Meere. Und es ist unser Endurtheil, daſs es uns nicht anheim gestellt ist, Dich ungefährdet und lebendig ziehen zu lassen, da die Vorsehung Dich in dem Augen- blick in unsere Hand gegeben hat, daſs wir beteten, wie der gottselige Josua:«Was sollen wir sagen, wenn Israel seinen Feinden den Rücken wendetbo— Da kamest Du, und wurdest uns überliefert, als wäre es durch das Loos, auf daſs Du Strafe erlittest als Einer, der da Thorheit gebracht hat in Israel. Darum höre auf meine Worte: Wir feyern heute den Sabbath, und unsere Hand soll nicht über Dich kommen und Dein Blut vergieſsen an diesem Tage. Aber wenn die zwölfte Stunde schlagen wird, so ist's ein Zeichen, dafs Deine Zeit abgelaufen ist. Benutze demalso die kurze Spanne, denn sie verfleucht schnell.— Ergreift den Gefangnen, meine Brü- der, und nehmt ihm sein Schwert!“ Der Befehl ward so unerwartet gegeben, und 193 so plötzlich von denjenigen ausgeführt, die sich nach und nach dicht um Morton herumgedrängt hatten, daſs er sich überwältigt und entwaflnet sah, ehe er im Stande war, wirksamen Wider- stand zu leisten. Als es vollzogen war, trat eine düstre Todtenstille cin. Die Schwärmer setzten sich rund um einen eichenen grofsen Tisch, Morton in ihrer Mitte behaltend, so daſs er der Uhr gegenüber safs, die ihm zum Tode läuten sollte. Essen ward aufgetragen, von dem sie ihrem auserschenen Opfer einen Theil anboten, aber man wird leicht glauben, dafs er wenig Lust dazu hatte. Als sie fertig waren, begannen sie von Neuem ihre Andachtsübungen, indem Macbriar mit glühendem Eifer zu beten anfing, als hätte er der Cottheit ein Zeichen abringen wollen, dafs das blutige Opfer, welches sie ihr zu bringen gedachten, ihr angenehm sey. Ge- sicht und Gehör der Gegenwärtigen war ängstlich gespannt, als erwarte man irgend eine Erschei- nung zu sehen, oder einen Ton zu hören, den man zu einem Zeichen der Billigung machen oder verwandeln könne, und wieder und wieder richteten sich düstre Blicke auf das Zifferblatt der Uhr, um den Fortgang des Zeigers zu dem Augenblick des blutigen Gerichts zu beobachten. Mortons Auge nahm häufig dieselbe Richtung, und der traurige Gedanke ergriff ihn, daſs es kaum möglich scheine, sein Lcben noch über 73³ 73. 194 den engen Bogen auszudehnen, den der Weiser noch in dem Kreise zu umschreiben hatte, ehe er die unselige Stunde erreichte. Seine natürliche Frömmigkeit, sein festes, unerschütterliches Ehrgefühl, und das Bewuſst- seyn seiner Unschuld gaben ihm die Kraft, die schreckliche Zwischenzeit mit weniger Bewegung zu bestehen, als er selbst geglaubt haben würde, wenn ihm diese Lage voraus verkündigt worden wäre. Aber doch fehlte ihm jenes feurige, er- hebende Gefühl des Rechtes, das ihn in ähn- lichen Verhältnissen aufrecht hielt, als er sich in Claverhouse's Cewalt befand. Damals wuſste er, daſs unter den Gegenwärtigen Viele waren, die seine Lage beklagten, und Einige sein Be- tragen billigten. En Aber hier, unter diesen blödsichtigen, grau- samen Fanatikern, auf deren verhärteter Stirn bald nicht blos Gleichgültigkeit, nein, Jubel über seine Hinrichtung geschrieben stehen sollte, ohne einen Freund, der ihm ein liebendes Wort zuspräche, oder ihm einen Blick der Theilnahme oder der Ermuthigung zuwürfe; wartend, bis das Schwert, das ihn tödten sollte, aus der Scheide hervorgekrochen war, nach und nach, stroh- halmweise; und den Todeskelch in all seiner Bitterkeit, tropfenweise leerend— kein Wun- der, daſs seine Gefühle weniger gefaſst waren, als bey irgend einer frühern Gefahr. Als er umher blickte, schienen die Gestalten und Züge 195 der ihm bestimmten Henker sich zu verwandeln, gleich Gespenstern in einem Fiebertraum: sie vergröſserten sich, blickten verstört, und wie die aufgeregte Einbildungskraft über die Ein- drücke herrscht, welche das Auge wirklich em- pfängt, kam es ihm fast vor, als befände er sich mitten unter einer Rotte von Teufeln ‚„ statt menschlicher Wesen. Die Mauern schienen von Blut zu triefen, und das leise Picken der Uhr zitterte mit so lauter, schmerzlicher Deutlich- keit in sein Ohr, als wäre jeder Ton ein Nadel- stich auf den entblöſsten Nerven gewesen. Es war ihm schmerzlich, dafs er sein Gemüth wanken fühlte auf dem Rande zwischen dieser und jener Welt. Er suchte sich mit Gewalt zu einer Andachtsübung zu sammeln, und unſähig, in diesem furchtbaren Kampfe der Natur seine eignen Gedanken in angemessene Ausdrücke zu fassen, nahm er instinctmälsig seine Zuflucht zu dem Gebete um Gemüthsruhe und Geistesfrey- heit, das sich in dem eingeführten Gebetbuche der Englischen Kirche befindet. Macbriar, des- sen Anverwandte sich zu diesem Glauben hielten, erkannte sogleich die Worte, welche der un- glückliche Gefangene halblaut aussprach. «Dies fehlte nur noch!» sagte er, und Zorn färbte glühend seine bleiche Wange: Dies fehlte nur noch, um meinen fleischlichen Widerwillen, sein Blut zu vergiefsen, ganz auszurotten. Er ist ein Prälatist, der sich ins Lager eingeschlichen 196 hat unter der Maske eines Erastianers, und Alles, und mehr als Alles, so von ihm gesagt worden ist, mufs Wahrheit seyn. Sein Blut komme über sein Haupt, der Betrüger!— Fahre er hinab in den Abgrund mit der schlecht ver- kappten Messe, so er ein Gebetbuch nennt, in seiner Rechten!» Ich erhebe meinen Sang gegen ihn!“ rief der Wahnsinnige;«gleichwie die Sonne zehn Grade zurückging auf dem Zeiger, um die Rettung des gottseligen Hesekia anzudeuten, also soll sie nun vorwärts gehen, auf dafs der Böse hinweg- genommen werde von dem Volke, und der Bund der Gläubigen wieder hergestellt werde in seiner Reinheit.“* Er sprang auf einen Stuhl mit den Gebehrden eines Rasenden, um durch Vorrückung des Wei- sers den Augenblick des Todes zu beschleunigen, und mehrere der Männer rüsteten sich zur als- baldigen Hinrichtung, als Habakuks Arm durch einen Andern der Umstehenden gehalten ward. «Still,“ sagte er,« ich höre ein entferntes Geräusch. Es ist der Bach, der über die Kiesel rauscht,“ versetzte Einer. 3 Der Wind saust im Farrenkraute, sagte ein Andrer.* «Es ist das Getrappel von Pferden,* sprach Morton bey sich, dessen Hörsinn die schreck- 197 liche Lage, in welcher er sich befand, schärfte. Gott gebe, dafs es meine Befreyer sind!» Das Geräusch kam schnell näher und ward immer deutlicher. Es sind Reiter, fing Macbriar von Neuem an: «öffne Einer das Fenster, und sehe, wer sie sind!* Dem Befehle gehorsam, öffnete Einer das Fen- ster:«Der Feind kömmt über uns!“ schrie er, zurickfahrend. Cleich darauf hörte man deutlich den Huf schlag vieler Pferde und laute Stimmen von allen Seiten des Hauses. Einige sprangen auf, sich zur Wehre zu setzen, Andere zu entfliehn. Thüren und Fenster wurden mit einem Male erbrochen, und plötzlich war das Zimmer mit den rothen Gestalten der Dragoner gefüllt. «Nieder mit den blutigen Rebellen!— Denkt an den Fähnrich Graham!“ erscholl es von allen Seiten. Die Lichter wurden umgestürzt, aber bey dem Dämmerscheine des Herdfeuers ward das Gefecht forigesetzt. Mehrere Pistolenschüsse fielen. Der, welcher neben Morton saſs, empfing einen Schufs, indem er aufspringen wollte. Er taumelte gegen den Gefangnen, und ihn mit der Last seines Leibes umreissend, lag er als ein Sterbender über ihn hingestreckt. Dieser Zufall rettete Mor- ton wahrscheinlich vor der Gefahr, der er ohne- dem in einem solchen Kampfe ausgesetzt gewesen 198 wäre; denn wohl länger als fünf Minuten lang fielen Flintenschüsse und Schwerthiebe. „Ist der Gefangene gerettet?“ hörte er endlich Claverhouse's wohlbekannte Stimme fragen.«Seht nach ihm, und macht mit dem Hunde, der da stöhnt, ein Ende!“ Beyde Befehle wurden vollzogen. Die Seufzer des Verwundeten verstummten auf einen Degen- stoſs; und Morton war von der Last befreyt, bald aufgerichtet und in den Armen seines treuen Luthbert, der vor Freude weinte und schrie, als er entdeckte, das Blut, womit sein Herr bedeckt war, sey nicht aus dessen Adern geflossen. Flü- sternd erklärte er Morton, wie es zugegangen, dafs die Soldaten so zur rechten Stunde erschienen waren. „Ich stiefs auf Claverhouses Schaar, als ich welche von unsern Leuten suchen wollte, die Euch aus den Händen der Whigs befreyen soll- ten. Da war ich denn zwischen Hölle und Fege- feuer. Ich dachte,'s wäre immer besser, ich brächte ihn mit her, denn er wird doch das Schlachten heute Abend überdrüssig seyn, und morgen fängt ein neuer Tag an; und Lord Evan- dale ist Euch so noch was schuldig; und Mon- mouth gibt Allen Quartier, die ihn darum bitten, sagen die Dragoner. Darum seyd guten Muths, es wird alles noch gut ablaufen.* 199 — V—ꝛðb—-———————òℳł—òNk₰ͤõ———————B— Vier und dreyſsigstes Kapitel. Erklingt Drometen, und o du mein Sang! Die ganze Melt erfulle mit der Kunde: Mehr als ein Leben, thatenlos und lang, Ist eine einz ge ruhmgekrönte Stunde! Als das rasende Gemetzel aufgehört hatte, be- fahl Claverhouse seinen Leuten, die todten Körper wegzuschaffen, und für sich und für ihre Pferde für einige Stärkung zu sorgen. Sie wollten hier im Hause übernachten, morgen aber in aller Frühe aufbrechen. Darauf richtete er seine Auf- merksamkeit auf Morton, und es war Höflichkeit, ja Herzlichkeit in der Weise, mit welcher er ihn anredete. aIhr würdet Euch Gefahr von beyden Seiten erspart haben, Herr Morton, wenn Ihr meinen Rath von gestern Morgen einiger Aufmerksamkeit 200 gewürdiget hättet. Aber ich ehre Eure Gründe. Ihr seyd als Kriegsgefangner in der Gewalt des Königs und des Staatsraths, aber Ihr sollt nicht unartig behandelt werden, und ich will mich mit Eurem Ehrenworte begnügen, daſs Ihr nicht zu entfliehn versuchen wollt.“ Als Morton darauf sein Wort gegeben hatte, verbeugte sich Claverhouse höflich, wandte sich von ihm und rief seinen Wachtmeister. «Wie viel Gefangene, Halliday? Wie viele getödtet? «Drey im Hause getödtet, gnädiger Herr; zwey im Hofe niedergehauen, und einer im Gar- ten— sechs in Allem und vier Gefangene.* «Bewaffnet oder unbewaffnet?“ fragte Claver- house.. «Drey von Kopf bis zu Fuſs,» antwortete Hal- liday;«einer ohne Waſfen, er sieht aus wie ein Prediger.» «Aha, der Trompeter der langöhrigen Bande wahrscheinlich!» erwiederte Claverhouse, seine Opfer mit flüchtigem Blick übersehend. Ich will morgen mit ihm sprechen. Bring die andern drey in den Hof, lafs zwey Clieder aufmarschie- ren, und sie niederschieſsen. Und höre! be- merke es im Ordonnanzbuche, daſs drey Auf- rührer mit den Waſlfen in der Hand gefangen und erschossen worden sind, und Datum und Name des Ortes dazu. Ich glaube, er heifst —— 201 Drumschinnel. Den Prediger bewache bis mor- gen; da er nicht mit den Waſfen in der Hand gefangen ist, mufs er erst ein kurzes Verhör be- stehen. Oder vielleicht ist's besser, ich bringe ihn vor den Staatsrath; sie können mir immer etwas von dieser ekelhaften Plackerey abnehmen. — Herr Morton soll höflich behandelt werden, und sorge dafür, dafs die Leuternach ihren Pferden sehen. Und sage meinem Reitknecht, er soll dem Wildblut den Rücken mit Weinessig waschen: der Sattel hat ihn ein wenig gedrückt.* Alle diese verschiednen Befehle— uber Leben und Tod, über die Verwahrung der Gefangnen und das Waschen seines Rosses— gab er mit derselben unbewegten gleichgültigen Stimme, und keine Betonung und kein Laut zeigte, dafs der Sprechende ein Gebot für wichtiger hielt, als das andere. Die Cameronianer, die noch eben bereit ge- wesen waren, die Werkzeuge einer blutigen Hin- richtung zu seyn, muſsten nun selbst sich die Opfer werden sehn. Sie schienen zu jedem Aus- gange vorbereitet zu seyn, und keiner zeigte das geringste Merkmal von Furcht, als sie aus dem Gemache gehen mufsten, um sogleich den Tod zu empfangen. Es war ihre ernste Begeisterung, die sie in diesem schrecklichen Augenblicke standhaft erhielt, und mit festem Blick und still- schweigend gingen sie hinaus. Einer nur sah, 2⁰2 che er das Zimmer verlieſs, Claverhouse gerade ins Gesicht, und sprach mit strenger, kräftiger Stimme die Worte: Mifsgeschick soll jagen und verfolgen die Gewaltthätigen!“ die dieser nur mit einem verächtlichen Lächeln beant- wortete, Kaum waren sie fort, als Claverhouse sich zum Essen niedezsetzte, das einige seiner Leute eiligst herbeygeschafft hatten. Er ladete Morton ein, seinem Beyspiele zu folgen, indem er bemerkte, es sey ein saurer Tag für sie beyde gewesen, Morton verbat das Essen, denn der plötzliche Wechsel der Umstände— der Uebergang vom Rande des Grabes zu einer neuen Aussicht ins Leben, hatte sein ganzes Wesen aufgeregt und verwirrt; aber diese beunruhigenden Gefühle waren von einem brennenden Durste begleitet, und er begehrte etwas zu trinken. «Ich will Euch herzlich gerne Bescheid thun,* erwiederte Claverhouse,« denn hier ist ein schwarzer Krug voll Doppelpier, und gut muſs es seyn, wenn es irgend gutes im Lande gibt; denn die Whigs wissen es immer aufzustöbern. Ich bringe Euch dies, Herr Morton!“ fuhr er fort, indem er einen Becher für sich selbst füllte und einen andern dem Gefangnen hinreichte. Morton führte ihn zum Munde, und war eben im Begriff zu trinken, als einige Flintenschüsse unter dem Fenster, und ein darauf folgendes 2 03 tiefes dumpfes Stöhnen, das sich mehreremale und immer schwächer und schwächer wieder- holte, ihm das Schicksal der drey Männer ver- kündete, die eben ihn verlassen. Morton schau- derte und setzte ungekostet den Becher hin. «Ihr seyd noch nicht alt bey solchen Dingen geworden, Herr Morton,» sagte Claverhouse, nachdem er mit unerschütterlicher Fassung den Becher geleert,«und ich denke darum nicht schlimmer von Euch, dafs Ihr. als ein junger Soldat, ein scharfes Gefühl dafür habt. Aber Gewohnheit, Pflicht und Nothwendigkeit versöh- nen den Menschen mit Allem.“ «Ich hoſffe,» versetzte Morton,«sie werden mich nie mit solchen Auftritten, wie diese, versöhnen.» Ihr werdet kaum glauben,» entgegnete Cla- verhouse," dafs ich im Anfange meiner Kriege- rischen Laufbahn eben so viel Widerwillen gegen Blutvergiefsen hatte, als je ein Mensch haben konnte; ja es war mir immer, als sollte mir mein eignes Herzblut ausgepreſst werden— und doch— wenn Ihr einem jener Kerle glauben wollt, so wird er Euch erzählen, dafs ich jeden Morgen vor dem Frühstück einen Becher voll warmen Blutes trinke. Aber in der That, Herr Morton, warum sollen wir uns so viel aus dem Tode machen, wir mögen alt oder jung seyn. Täglich sterben Menschen; es schlägt kein Stun- 204 denschlag, keine Glocke, die nicht irgend Einem zu Crabe läutet. Und warum sollen wir anstehn, Andern die Spanne zu verkürzen, oder übertrie- ben ängstlich sorgen, unsere eigne zu verlängern? Es ist ja alles nur ein Glücksspiel. Mit der Stunde der Mitternacht solltet Ihr sterben. Sie hat geschlagen— Ihr lebt und seyd frey, und das Loos ist auf jene Menschen gefallen, die Euch ermorden wollten. Es ist nicht die Angst des letzten Augenblicks, woran es der Mühe werth ist, zu denken bey einem Ereigniſs, das doch einmal kommen muſs, und das wir jeden Augen- blick zu erwarten haben— es ist das Andenken, das der Krieger zurückläſst, gleich dem langen Lichtstrahl, welcher der gesunknen Sonne folgt; das ist alles, was der Sorge werth ist, und was den Unterschied macht zwischen dem Tode des Tapfern und des Unedlen. Wenn ich an den Tod denke, als an eine Sache, die des Darandenkens werth ist, so ist es in der Hoffnung, einst auf einem tapfer erkämpften, schwer errungenen Schlachtfelde zu liegen, und zu sterben mit dem jubelnden Siegesgeschrey im Ohr— das, mein lieber Morton, ist werth, dafür zu sterben, ja, was mehr ist, es ist werth, dafür gelebt zu haben!* In dem Augenblick, wo Graham von Claver- house diese Gefühle aussprach, und sein Auge von der kriegerischen Begeisterung glänzte, die- einen vorherrschenden Zug seiner Sinnesweise 205 ausmachte, stand eine blutige Gestalt, die aus dem Boden des Gemachs zu erwachsen schien, aufgerichtet vor ihm mit den wilden Gebehrden und den scheufslichen Zügen des uns bekannten wahnsinnigen Predigers. Sein Gesicht, wo nicht Blutstreifen es befleckten, war geisterhaft bleich, denn die Hand des Todes lag auf ihm. Er heftete auf Claverhouse Augen, in denen das Dämmer- licht des Wahnsinns noch zuckte, obwohl es eben im Begriff war, auf immer zu erlöschen, und rief mit den wilden, entsetzlichen Tönen, die ihm eigen waren:«Willst Du trauen auf Deinen Bogen und auf Deinen Speer, auf Dein Roſs und auf Dein Banner? Und soll nicht Gott Dich heimsuchen für unschuldiges Blutb Willst Du Dich Deiner Weisheit rühmen, und Deines Muthes und Deiner Macht, und der Herr soll Dich nicht richten b Schaue die Fürsten, für welche Du Deine Seele dem Verderbea verkauft hast, sie sollen vertrieben werden von ihren Sitzen und verwiesen in fremde Lande, und ihre Namen sollen seyn eine Verwüstung und ein Erstaunen, und ein Zischen und ein Fluch. Und Du, der Du getherit hast den Becher der Wuth und davon trunken worden bist und tolt, Du sollst den Wunsch Deines Herzens erfüllt sehen zu Deinem Verderben, und die Hoffnung Deines Stolzes soll Dich vernichten! Ich lade Dich, Johann Graham, vor dem Richterstuhle Gottes 206 * zu erscheinen, und Rechenschaft zu geben für das unschuldige Blut, und für die Scen von Blut, die Du ausserdem vergossen!“" Er fuhr mit der rechten Hand über sein blutendes Gesicht, und erhob sie zum Himmel, als er diese Worte mit sehr lauter Stimme sprach. Dann fügte er matter hinzu:«Wie lange, Herr, Du Hoher und Getreuer, willst Du nicht Gericht halten, und rächen das Blut Deiner Heiligen ⁵n Als er das letzte Wort aussprach, fiel er rück- wärts hin, ohne einen Versuch, sich zu halten, und war todt, ehe sein Haupt den Boden berührte. Morton war tief erschüttert von diesem selt- samen Auftritte und der Weissagung des sterben- den Mannes, welche so wundersam mit dem Wunsch, den Claverhouse eben ausgesprochen, zusammenklang. Die beyden Dragoner, welche sich in dem Gemache befanden, verhärtet wie sie waren, und an solche Auftritte gewöhnt, zeigten groſse Bestürzung über die plötzliche Er- scheinung, die prophetischen Worte und das Ende des Mannes. Claverhouse allein war unbewegt geblieben. Im ersten Augenblicke hatte er nach seiner Pistole gegriffen; als er aber den Zustand des unglücklichen Verwundeten sah, zog er so- gleich die Hand zurück, und hörte mit groſser Fassung die Ausrufungen des Sterbenden an, 207 Als dieser niedergesunken war, fragte er mit ganz gleichgültigem Tone:«Wie kam der Kerl hieherP— Sprich, Du Narr,“ fuhr er fort, sich zu dem nächststehenden Dragoner wendend,«und blicke nicht so stier, wenn ich Dich nicht fär eine Memme halten soll, die sich vor einem Sterbenden fürchtet.“ Der Dragoner kreuzte sich und antwortete mit bebender Stimme: Jener sey ihnen entgangen, als sie die andern Leichen hinweggebracht hätten, weil er an einer Stelle gelegen, wo man einige Mäntel hingeworfen hätte, durch die er bedeckt worden wäre. «Schaff' ihn denn jetzt weg, Du Maulaffe, und nimm Dich in Acht, daſs er Dich nicht beifst, daſs das alte Spriichwort zu Schanden werde.“ «Dies ist etwas ganz Neues, Herr Morton, daſs die Todten aufstehn, und die Lebendigen von den Stühlen stofſsen. Ich mufſs darauf sehn, daſs meine Schufte ihre Schwerter schärfer schleifen. Sonst pflegen sie ihre Arbeit nicht so lässig zu verrichten.— Aber wir haben einen sauren Tag gehabt; sie sind müde von dem blutigen Tage- werk, und ich vermuthe, Euch, Herr Morton, wie mir, werden ein Paar Stiindchen Ruhe will- kommen seyn.* Er gähnte bey diesen Worten, nahm ein Licht, das ein Soldat ihm hingestellt, grüſste Morton 208 höflich, und ging nach dem Zimmer, welches ihm zum Schlafgemach zurecht gemacht war. Auch für Morton hatte man ein besonderes Zimmer bereitet; als er sich allein sah, war sein erstes Geschäft, dem Himmel zu danken, daſs er ihn aus der Gefahr erlöst, und zwar durch die Dazwischenkunft derer, die seine ärgsten Feinde zu seyn schienen. Er flehte auch aus dem innersten Herzen um den göttlichen Bey- stand auf seinem Wege, durch eine Zeit, wo so viele Gefahren und Ierthümer von dem rechten abzulenken drohten. Als er so seine Seele im Gebete vor dem Allmächtigen ergossen, gab er sich der Ruhe hin, deren er so sehr bedurfte.