Taschenbibliothek der ausländischen Klassiker, i n neuen Verdeutschungen. N. 72. 8- 3 Walter Scott's Romane. Fünf und dreyſsigstes Bändchen. Walter Scotl's Roman e. Aus dem Englischen. Fünf und dreyfsigstes Bändchen. Die Presbyterianer. Zweyter Theil. —————ʃ—-ͤ——' Zwickau, im Verlage der Gebrüder Schumann. 1823. D i e Presbyterianer. Dritte der Erzählungen meines Wirths. Von Walter Scott.. Aus dem Englischen von Ernst Berthol d. 4 Zweyter Theil. vN»Nꝛnn—MℳMOℳMOͤ—A Zwickau, im Verlage der Gebrüder Schumann. 1 8 2 3. ————— Eilftes kapitel. Nun kommen die Reiter, das Macht wort 8 erschallt, Fie ziehn in den Haf und der Hauptmann ruft: Halt! * Gideon Pike, des Majors Bellenden alter Diener, legte seines Herrn Kleider vor dessen Bett zu- recht, dafs der würdige Creis sie sogleich bey der Hand hätte, und meldete ihm, als Ent- schuldigung ,weil er ihn eine Stunde früher, als gewöhnlich, störte, es sey ein Bote von Tillie- tudlem da. 4* „Von Tillietudlem Pꝰ sagte der alte Herr, sich schnell im Bette empor richtend, und straff aufrecht sitzend. Oeffne die Läden, Pike.— Meine Schwägerin ist doch wohlb— Zieh den Vorhang auf!— Was bekomm' ich denn hier?' Er sah in Edithen's Brief. Die Cichtt I, sie weiſs ja, daſs ich seit Lichtmefs keinen Anfall davon gehabt habe.— Die Waflfenschaupb Ich habe ihr ja schon vor einem Monat gesagt, daſs ich nicht dabey seyn würde.— Das seidne Kleid mit den Hängcärmeln? Ey, dafs dich der Teufel, kleine Hexe!— Crolser Gyrus und Philippdastus — ist das Mädchen verrückt gewordenp Ist das der Mühe werth, einen cignen Boten zu schik- ken, und mich um fünf Uhr Morgens wecken zu lassen, um des dummen Zeuges willen! Aber was steht denn in der Nachschrift Gott sey mir gnädig! rief er aus, als er sie überlesen. Pike, sattle gleich den alten Kilsyth und ein anderes Pferd für Dich. «Doch wohl keine schlimme Nachrichten von der Burg, gnädiger HerrP“ fragte Pike, erstaunt über seines Gebieters plötzliche Bewegung. Ja— nein— ja, das heiſst, ich mufs Cla- verhouse über eine wichtige Sache sprechen. Drum gesattelt, Pike, so schnell Du kannst.— O Cott, was sind doch das für Zeiten! Der arme Junge, meines alten Freundes Sohn, und das dumme Mädchen steckt das in ihre Nachschrift, ganz ans Ende von all dem Gefasel von alten Kleidern und neuen Liebesgeschichten!“ In wenig Augenblicken war der gute alte Kriegsmann fertig angezogen; und nachdem er sein mageres Rofs bestiegen, so htzamlieh als Mark-Anton selber es nur immer thun konnte, * —— ritt er gemächlich dahin auf dem Wege nach Schlofs Tillietudlem. Unterwegs fafste er den vorsichtigen Entschlufs, der alten Dame, deren eingewurzelten Hafs ge- gen Presbyterianer aller Art er kannte, nichts von dem Stande und den Verhältnissen des CGe- fangenen, welcher innerhalb ihrer Mauern be- wacht wurde, zu sagen, sondern zu versuchen, ob er, durch seinen eignen Einfluſs auf Claver- house, Mortons Befreyung bewirken könne. «Ein so loyaler Mann, wie er ist, wird ja für einen alten Edelmann, wie ich bin, etwas thun,“* dachte er bey sich selbst, und wenn er ein so guter Soldat ist, als die Welt es von ihm rühmt, so wird's ihm lieb seyn, dem Sohn eines alten Kriegsmannes dienen zu können. Ich habe nie einen rechten Soldaten gekannt, der nicht ein offenherziger, ehrlicher Kerl gewesen wäre, und ich denke, es wäre tausendmal besser, wenn die Vollstreckung der Gesetze Kriegsleuten an- vertraut wäre, als schachernden Rechtsgelehrten und Dummköpfen von Landjunkern;'s ist frey- lich traurig, daſs man nöthig gefunden hat, sie so streng zu machen!? In solchen Betrachtungen wurde der Major Bellenden von dem Kellermeister Gudyill unter- brochen, der, noch halb im Rausche, des Pferdes Zügel fafste, und ihm auf dem schlecht gepflaster- ten Hoſe». Tillietudlem absteigen half. 10 Ey, Hanns,“ sprach der alte Kriegsmann, was Teufel haltet Ihr hier für eine Mannszucht? Schon beym Morgensegen zu tief in die Flasche gekuckt?n Ja, den Morgensegen hab' ich gebetet,“ ant- wortete Gudyill, der nur ein Wort von des Majors Anrede verstanden hatte; und das schwere Hlaupt mit einer gewissen Ernsthaftigkeit, die ihm der Rausch gab, schüttelnd, fuhr er fort: «Ja, Herr Oberstwachtmeister, das Leben ist kurz. Wir sind wie die Blumen auf dem Felde, gnädiger Herr— wie die Lilien des Thales“— «Blumen und Lilien? Ey, Freund, solche alte Kerle, wie Du und ich, die können höch- stens alte Schierlingspflanzen heifsen, verdorrte Nesseln, oder welkes Unkraut. Aber ich merke, Ihr glaubt, wir sind noch immer des Begieſsens werth.“ «Ich bin ein alter Soldat, Herr Oberstwacht- meister, Cott sey Dankl—— «Ein alter Mundschenk, wollt Ihr sagen, Hanns! Aber laſs gut seyn; führ mich zu Deiner Gebie- terin, alter Knabe! Hlanns Gudyill ging voran nach der groſsen Halle, wo Frau Margarethe geschäftig umher lief, Aufsicht fuhrte, anordnete und verbesserte in den Vorbereitungen zu dem Empfange des be- rühmten Claverhouse, den eine Parthey als einen Helden erhob und verehrte, während die an- 11 dere in ihm einen blutdürstigen Unterdrücker verabscheute. «Hab' ich Euch denn nicht gesagt, Mysia,“ sprach sie zu ihrer alten obersten Dienerin,«daſs es mein ausdrücklicher Wille sey, bey dieser Gelegenheit alles genau in derselben Ordnung zu haben, wie es jenen berühmten Morgen war, als Seine allergnädigste Majestät das Frühstück in Tillietudlem einzunchmen geruhten?— Ja wohl habt Ihr es so befohlen, gnädiige Frau, so viel ich weifs,“ war Mysia’'s Antwort, die die Edelfrau mit dem Vorwurfe unterbrach. „Nun, warum ist denn also die Wildprett- pastete auf die linke Seite des Thrones gesetzt, und der rothe Wein auf der rechten? Ihr müſst es Euch doch noch erinnern, Mysia, daſs Seine allergnädigste Majestät mit höchst eigner Hand die Pastete auf die Seite schob, wo die Flasche stand, und sagte, das wären zu gute Freunde, um getrennt zu werden.“ „Ich erinnere mich dessen noch recht wohl,* versetzte Mysia,«und wenn ich's auch hätte ver- gessen wollen, ich habe ja seitdem Eure Gnaden so oft von jenem wichtigen Morgen sprechen hören. Aber ich dachte, alles sollte so gestellt werden, wie es stand, als Seine Majestat der König, den Cott segnen möge, in das Zimmer trat, wo er mehr aussah wie ein Engel, als wie 12 ein Mensch— wenn er nur besser berathen ge- wesen wäre!“— «Da habt Ihr was Einfältiges gedacht, Mysia; denn auf welche Weise Seine allergnädigste Ma- jestät die Schüsseln und Flaschen gestellt hat, das soll ein Gesetz für seine Unterthanen seyn, wie sein königlicher Wille in grölsern Dingen, und im Schlosse Tillietudlem sollen stets seine Winke heilig gehalten werden.“ Nun, gnädige Frau,“ sagte Mysia, indem sie die verlangte Aenderung ins Werk setzte, ader Fehler ist leicht zu verbessern; aber wenn alles so seyn sollte, wie's der König verliefs, so müſste die Wildprettpastete auch ein grofes Loch haben.“ 3 1 In diesem Augenblicke öffnete sich die Thür. «Wer ist da, Gudyill5“ rief die Edelfrau. „Ich kann jetzt niemand sprechen. Seyd Ihr es, lieber Herr Bruderb“ setzte sie ein wenig über- rascht hinzu, als der Major eintrat: Das ist ja ein recht früher Besuch! «„Nicht zu früh, um willkommen zu seyn, hoffe ich,“ erwiederte der Major, die Wittwe seines verstorbenen Bruders begrüſsend; ich habe aus einem Briefe, den Edithe wegen einiger Sachen und Bücher nach Charewood schickte, erfahren, dafs Ihr heut' Morgen Claverhouse hier habt, und da dacht' ich alter Degen, ich könnte wohl mit dem angehenden Kriegsmann ein Bis- 13 chen schwatzen. Ich lieſs Pike den Kilsyth sat- teln, und da sind wir beyde.“ «Seyd auf's Freundlichste willkommen,“ ver- setzte die alte Dame. Ich würde gerade darum gebeten haben, wenn ich geglaubt hätte, es sey Zeit dazu. Ihr seht, ich bin mit Vorbereitungen beschäftigt. Alles soll so eingerichtet werden, wie an jenem Tage, als“—— 4 «Der König in Tillietudlem frühstuckte„ fiel der Major ein, der, wie alle Freunde der ehr- würdigen Dame, den Anfang jener Erzählung fürchtete, und sie nicht dazu kommen lassen wollte. Ich erinnere mich recht gut. Ihr wiſst, ich wartete ja Seiner Majestät auf.“ „Ja wohl, Herr Bruder,“ sagte Frau Marga- rethe,«und vielleicht könnt Ihr meinem Ge- dächtnisse wegen der Einrichtung des Mahles etwas zu Hülfe kommen.“ «Gott behüte, Gott hehüte!» versetzte der Major. Das verdammte Mittagsessen, das Herr Oliver*) uns bey Worcester ein Paar Tage drauf gab, hat mir alle Eure Kostbarkeiten aus dem Gedächtniſs gejagt. Aber was soll dasb Ihr habt ja selbst den grofsen ledernen Armstuhl mit den Teppichpolstern wieder in Parade aufgestellt? Den Thron, Herr Bruder, wenn ich bitten darf,“ sagte Frau Margarethe ernsthaft. ²) Cromwell. 14 «Nun, meinetwegen den Thron also,“ fuhr der Major fort.«Und da soll Claverhouse seinen Posten haben beym Angriff auf die Pastete ⁵' «Nein, Herr Bruder,“ antwortete seine Schwä- gerin.«Da diese Polster einmal die Ehre gehabt haben, der Person unsers allergnädigsten Mo- narchen gedient zu haben, so sollen sie nie, ge- liebt's Cott, so lange ich lebe, eine minder würdige Last tragen.“ «Nun, so solltet Ihr den Stuhl nicht einem alten ehrlichen Reiter in den Weg stellen, der ein Paar Meilen vor dem Fruhstück gemacht hat; denn die Wahrheit zu sagen, er sicht mich sehr einladend an. Wo aber ist Edithe ⁵“ «Auf der Zinne des Wartthurms,“ erwiederte Frau Margarethe;«sie sicht da nach, ob unsere Cäste kommen.“ Sob Da geh' ich auch hin, und Ihr solltet's auch thun, Frau Margarethe, so bald Ihr hier Eure Schlachtlinie völlig in Ordnung gebracht habt. Ich kann Euch sagen, es ist was Hübsches, ein Reiterregiment anmarschiren zu sehn.“ Bey diesen Worten bot er mit altyäterischer Galanterie seiner Schwägerin den Arm, und diese nahm ihn mit der erkenntlichen höflichen Verneigung an, wie sie die Damen am Hofe zu Holyrood bis zum Jahre 1642 zu machen pflegten, wo für eine Zeitlang Höflichkeit und Höfe au⸗ der Mode kamen. 15 Auf der Zinne des Thurmes, wohin mehrere Wendeltreppen und krumme Cänge sie führten, fanden sie Edithen, nicht in der Stellung eines jungen Mädchens, die mit unruhiger Neubegier einer muntern Reiterschaar entgegen sieht, son- dern bleich, niedergeschlagen, und mit einem Gesicht, das deutlich verrieth, dafs ihr Haupt die verwichene Nacht ohne Schlaf auf ihrem Kissen geruht. Der gute alte Kriegsmann er- schrack vor ihrem Aussehn, das ihrer Groſs- mutter in ihrer geschäftigen Eile nicht aufge- fallen war. «Was ist Dir zugestoſsen, Du einfältiges Mäd- chenbo sagte er.«Warum siehst Du denn aus, wie eine Officiersfrau, wenn sie nach einem Oelecht den Schlachtbericht aufschlägt, und ih- ren Mann unter den Todten oder Verwundeten zu finden fürchtet? Aber ich weiſs schon, woher das kommt; Du fährst gewiſs fort, Tag und Nacht das dumme Romanenzeug zu lesen, und wimmerst über Leiden, die es niemals gegeben hat. Wie Teufel kannst Du glauben, daſs der Artamines, oder wie der Kerl heiſst, ganz allein mit einem ganzen Bataillon gefochten habet Einer gegen Drey, und die drey besiegt, ist das Höchste, was je gesehn ist, und ich habe nie- mand gekannt, der das auf sich genommen hätte, als den alten Wachtmeister Raddlebanes. Aber diese verwünschten Bücher stellen aller wackern 16 Männer Thaten in Schatten. Ich wette, der Raddlebanes scheint Dir ein wahrer Lump zu seyn gegen Deinen Artamines. Ich wollte, die Kerle, die solch dummes Zeug schreiben, müſs- ten einmal mit marschiren für ihre Lügen.“ Frau Margarethe, die selber gern Romane las, tbernahm ihre Vertheidigung. «Scuderi, Herr Bruder, ist ein Soldat, und zwar, wie ich höre, ein ganzer Soldat, und der Sieur d'Urfé ebenfalls.“ «Desto mehr Schande für sie; dann sollten sie besser gewufst haben, was sie schrieben. Ich für mein Theil habe diese zwanzig Jahre über kein Buch in die Hand genommen, ausser meine Bibel, die vollständige Pflicht des Menschen, und ganz neuerlich Turner's Pallas armata, oder Tractat über den Gebrauch der Piken; aber ich kann eben nicht sagen, daſs mir seine Vorschläge gefielen. Er will die Reiterey gerade in die Fronte der Piken aufstellen, statt dafs sie auf dem Flügel seyn muſs, So viel weiſs ich, hätten wir's bey Kilsyth so gemacht, statt dafs wir unsere Paar Reiter in den Seiten behalten hätten, die erste Salve hätte sie hinter zu unsern Hoch- ländern gebracht.— Aber horch! Da kommen die Pauken.“ Alle blickten jetzt von der Zinne des Thurmes hinab, von wo man eine weite Aussicht, den Flufs hinunter, in das Thal hatte. Der Felsen, auf welchem das Schloſs Tillietudlem stand, oder vielleicht noch steht, bildet auf der einen Seite ein steiles Ufer des Clyde, der hier sich mit einem ansehnlichen Bache vereinigt. Eine schmale Brücke mit einem hohen Bogen wölbte sich über diesen Bach, unweit seiner Mündung; über dieselbe, und um das hohe, zerrissene Fel- senufer herum, wand sich die Landstraſse, und die Veste, die auf diese Weise Brücke und Paſs beherrschte, war in Kriegszeiten stets ein Platz von grofser Wichtigkeit gewesen, den man in Besitz haben mufste, um sich die Verbindung zwischen den obern, wüstern Bezirken des Lan- des, und den untern, besser angebauten Thal- gegenden zu sichern. Der Blick hinabwärts bietet eine grofsartige Waldlandschaft dar; die Ebnen und sanften Abhänge am Ufer sind als Felder angebaut, von unregelmäſsiger Gestaltung, von Baumanpflanzungen und Gebüschen durchschnit- ten, die wie aus dem Walde herausgchauen scheinen, der rings sie umgibt, und die steilern Abhänge und die enifernteren Ufer in unzer- rissenen Massen bedeckt. Der Strom von glän- zender, bräunlicher Farbe rauscht in Kühnen Schwingungen und Bogen durch diese romanti- sche Gegend, bald sichtbar, bald verborgen durch dic Bäunze, welche seine Ufer bedecken. Mit einer, in andern Theilen Schottlands un- bekannten, Sorgfalt haben hier die Landleute 72. B rund um ihre Wohnungen Obsigärten angepflanzt, und die überall verbreiteten Aepfelbäume, die zu dieser Jahrszeit in voller Blüthe stehen, gaben dem ganzen Theile der Gegend das Ansehen eines Blumengartens. Den Flufs aufwärts nahm die Landschaft einen andern, weniger schönen Character an. Ein hägelicher, öder, unangebauter Landstrich läuft dicht van dem Ufer weg; wenige vereinzelte Bäume stehen am Rande des Stromes, und in geringer Entfernung von diesem schwellen die wüsten Moore zu unförmlichen, traurigen Hügeln an, über welchen wiederum eine Reihe hoher Berge hervorragt, die dämmernd am Horizonte zu schen ist. So bot das Schlofs zwey Aussichten dar, die eine in ein wohlangebautes und reich geschmücktes Land, die andere aber in die düstre Einförmigkeit einer morastigen, unwirth- lichen Wildnifs. Für diesmal wurden die Augen des Schauen- den auf die untere Seite gezogen, nicht allein wegen ihrer grölsern Schönheit, sondern auch, weil ferne Töne von Kriegsmusik von der Land- strafse, die sich das Thal herauf krümmt, her- schallten, und die Annäherung des erwarteten Reiterregiments verkündigten. Kur⸗ darauf sahen sie auch die schimmernden Reihen in der Ferne verschwindend und wieder erscheinend, wie die Bäume und die Windungen der Landstrafie es 19 verstatteten, und meist nur durch die Lichtblitze zu unterscheiden, die ihre Waffen im Wider- scheine der Sonne machten. Der Zug war lang und ansehnlich, denn er bestand aus zwey hundert und fünfzig Reitern, und die blinkenden Schwerter, die wehenden Fahnen, der Klang der Trompeten und Pauken— alles zusammen mufste die Einbildungskraft mächtig ergreifen. Als sie nun immer näher und näher kamen, sah man deutlich die Reihen dieser erwählten Schaaren, wie sie einander, sämmtlich vollkommen ge- rüstet und vortrefflich beritten, im langen Zuge folgten. «Es ist ein Anblick, der mich um dreyfsig Jahre jünger macht,“ sagte der alte Kriegsmann, «und doch gefällt mir der Dienst eben nicht, den die armen Kerle jetzt haben. Ich habe zwar auch mein Theil in Bürgerkriegen erlebt, aber ich kann nicht sagen, dafs mir diese Art des Dienstes jemals so viel wahre Freude gemacht hätte, als wie ich auf dem festen Lande diente, und wir auf Kerle mit fremden Cesichtern und ausländischen Zungen einhieben. Es geht einem ans Herz, wenn so eine landsmänn'sche Schot- tische Zunge um Quartier bittet, und man die armen Teufel gerade so niedersäbeln muſs, als hätte er misericorde gerufen. So, da kommen sie schon aus dem Walde; auf Ehre, prächtige Kerle sind's und vortrefflich beritten! Der, wel- 20 cher jetzt von Rinten vorsprengt, muſs Claver- house selbst seyn; ja, er reitet voran über die Brücke. Nun keine fünf Minuten, und sie sind bey uns.“ Bey der Brücke unter dem Thurme theilten sich die Reiter, und der gröſsere Theil ritt am linken Ufer des Baches herauf, bis sie zu einer Furth kamen, welche sie auf den Weg nach der Meyerey, einem zum Schlosse gehörigen Vor- werke, führte, woselbst Frau Margarethe alles hatte zu ihrem Empfange und ihrer gehörigen Bewirthung bereiten lassen. Die Officiere allein mit ihrer Standarte und einer Wache sah man den steilen Weg nach dem Schlofsthore hinauf- ziehn, wo sie jetzt sichtbar waren, jetzt durch vorspringende Felsen, oder durch die groſsen Bäume, die hier standen, verborgen Wurden. Als sie diesen unbequemen Weg zurückgeleat hatten, empfingen sie die gastlich geöffneten Thore der Burg. Frau Margarethe, die mit Edi- then und ihrem Schwager schnell den Wart- thurm verlassen hatte, erschien nun, ging ihnen, mit einem Gefolge von Dienstboten hinter sich, enigegen, so gut sie es nach den Gelagen von gestern Abend hatte zusammenbringen können, und bewillkommte ihre Gäste. Der galante junge Fähnrich, ein Verwandter und Namensvetter des Obersten Claverhouse, dessen Bekanntschaft der Leser bereits gemacht hat, senkte bey Trompe- 21 tenschall die Fahne, dem Range der alten Dame und den Reizen der Enkelin huldigend, und die alten Mauern wiederhallten von dem Geschmetter der Trompeten und dem Stampfen und Wichern der Rosse. Claverhouse selbst schwang sich von seinem Rappen, ein Pferd, wie es in Schottland kein schöneres gab. Es hatte kein einziges weilses Haar auf dem ganzen Leibe, ein Umstand, der, verbunden mit dem Feuer und der Schnelligkeit des Thieres, und des häufigen Gebrauches des- selben zur Verfolgung der widerspenstigen Pres- byterianer, die Sage veranlaſste und verbreitete, daſs der böse Feind selber dem Reiter den Rappen geschenkt, ihm bey der Verfolgung der flüchtig Umhergetriebenen behülflich zu seyn. Nachdem Claverhouse die Damen mit ritterlicher Höflich- keit begrüfst, die Unruhe, in die er sie versetzte, entschuldigt, und dafür die Versicherung em- pfangen hatte, daſs es unmöglich sey, das als Unbequemlichkeit zu betrachten, was einen so ausgezeichneten Krieger und einen so treuen Diener des Königs in die Mauern von Tillietudlem brachte; kurz, nachdem alle Formen der Höf- lichkeit und der Castlichkeit gebührend beobach- tet waren, bat Claverhouse um die Erlaubniſs, Bothwells Bericht zu hören, der schon in Bereit- schaft stand. Sie sprachen darauf einige Augen- blicke mit einander. Major Bellenden ergriff . 22 eine Gelegenheit, seiner Nichte, ohne dafs ihre Groſsmutter es hören konnte, zu sagen:«Was machst Du für närrisches Zeug, Mädchen! Schickst mir einen Brief mit lauter Possen von Büchern und Kleidern, und das einzige Ding, worauf ich was gebe, schiebst Du in die Nach- schrift.“. «Ich wuſste nicht,“ antwortete Edithe zögernd, ob es für mich ganz— ganz schicklich wäre.“— «Ich weifs, was Du sagen willst: ob es auch recht wäre, an einem Presbyterianer Antheil zu nehmen. Aber ich habe des Burschen Vater gut gelannt. Es war ein wackrer Soldat, und wenn er auch einmal Unrecht hatte, so hatte er doch auch einmal Recht. Ich mufs Deine Vorsicht loben, Edithe, dafs Du Deiner Croſsmutter nichts von der Geschichte dieses jungen Mannes gesagt hast. Du kannst Dich drauf verlassen, dafs ich nicht— Ich will eine GCelegenheit er- greifen, mit Claverhouse zu sprechen. Komm, mein Liebchen; sie gehn zum Frühstöck, laſs uns ihnen folgen.“ ——B Zwölkbes kapitel. 1 1 — Drauf nahmen ein tuüchtiges Frühstück sie ein, WMie es stets sollte Sitte be Keisenden seyn. Prior. D)as Frühstück der Frau Margarethe Bellenden hatic nicht mehr Aehnlichbeit mit einem De- jeuner unsrer Tage, als die groſse gew ölbie Halle von Tillietudlem mit einem unsrer jetzigen Ge- sellschaftssäle. Weder Thee, noch Kaffee, noch Zuckerwerk mancherley Art, sondern solide, kräf- tige Fleischspeisen bedeckten die Tafel: ein prie- sterlicher Schinken, ein ritterlicher Rinderbraten, freyherrliches Rofsbeef und eine fürstliche Wild- prettpastete; ausser silbernen Flaschen, die man dinst mit Mühe vor den Klauen der Aufrührer gerettet, gefüllt mit Bier, Meih und mit edeln FVeinen yon verschiedener Art und Cüte. Die 24 Eſslust der Cäste stimmte vortrefflich zu der Pracht und Reichlichkeit der Bewirthung: kein zimperliches Kosten und knabenhaftes Nippen— wohl aber jenes rüstige und heharrliche Kinn- backenspiel, das durch frühe Morgenritte auf rauhen Wegen am besten zu lernen ist. Frau Margarethe sah mit Vergnügen die Spei- sen, die sie so reichlich angeschafft, mit solcher Bchendigkeit sich in die Mägen ihrer verehrten Cäste versenken, und fand wenig Gelegenheit, an einem Andern, als an Claverhouse selbst, jenen nöthigenden Zwang zum Essen zu üben, mit dem, nach der Sitte der damaligen Zeit, die Damen ihre Cäste zu martern pflegten. Der Führer allein war mehr darauf bedacht, Fräulein Bellenden, neben welcher er saſs, höf- lichst zu unterhalten, als scine Efslust zu befrie- digen, und schien auf die köstlichen Schüsseln vor ihm wenig zu achten. Edithe hörte, ohne Antwort, die galanten Worte an, die er an sie richtete, und mit einer Stimme aussprach, klang- reich und biegsam, gleich geschickt, in die lei- sen Töne einer anziehenden Unterhaltung hinzu- schmelzen, als durch das Schlachigelöse zu dringen«laut wie die Drommete mit silbernem Klang.“ Der Gedanke, dafs sie neben dem furchtbaren Manne saſs, an dessen Ausspruch das Leben Heinrich Mortons hing, die Erinnerung an den Schrecken, der in dem bloſsen Namen des Ober- sten lag*), nahm ihr eine Zeitlang nicht allein den Muth zu antworten, sondern sogar die Kraft, ihn anzublicken. Als sie aber, kühner gemacht durch die schmeichelnden Töne seiner Stimme, endlich die Augen erhob, etwas zu erwiedern, hatte der Mann, den sie ansah, wenigstens in scinem Aceussern, nichts von den furchtbaren Eigenschaften, die ihre Furcht ihm zugetheilt hatte. Graham von Claverhouse war in der Blüte des Lebens, fast klein von Cestalt, aber schlank und zierlich gebaut. Gebehrden, Sprache und äussere Sitten verriethen den Mann, der unter Vorneh- men und Lebenslustigen aufgewachsen war. Seine Züge hatten eine fast weibliche Regelmäſsigkeit. Ein längliches Gesicht, eine gerade, wohlgebil- dete Nase, dunkelbraune Augen, eine Gesichts- farbe, gerade genug gebräunt, um sie vor dem Vorwurfe des Weibischen zu sichern, eine kurze Oberlippe, aufwärts gebogen, wie die einer Grie- chischen Bildsäule, leicht beschattet von einem kleinen lichtbraunen Knebelbarte, und eine Fülle gleichfarbiger Ringellocken, die auf beyden Sei- ten des Anuntlitzes herabfielen— alles dieses bildete ein Gesicht, wie Maler es gern malen, und Frauen es gern betrachten. *) Claverhouse— Schlächterhaus. 26 Die Strenge seiner Sinnesweise und die herr- schenden Eigenschaften eines unerschrocknen und unternehmenden Muthes, den selbst seine Feinde in ihm anzuerkennen gezwungen waren, lagen unter einem Acussern verborgen, das sich mehr für den Hof und für Tanzsälc, als für das Feld- lager zu eignen schien. Dieselbe Milde und Hei- terkeit des Ausdrucks, die in seinen Züigen herrschend war, schien aus seinen Bewegungen und Sitten zu sprechen, und im Ganzen hätte man ihn beym ersten Anblick mehr für einen Geweihten des Vergnügens, als des Ehrgeizes halten sollen. Aber unter diesem sanften Keus- sern lag ein Geist verborgen, der, unbegränzt in seinem Wagen und Streben, dennoch besonnen und vorsichtig war, wie der Machiavell's. Er- fahren in den Geheimnissen der Staatskunst, und daher an jene Miſsachtung der Rechte des Ein- zelnen gewöhnt, welche ihre Ränke fast immer entstehen machen, war er kalt und gefatst in der Gefahr, heftig und feurig in der Verfolgung des Sieges, den Tod selber nicht fürchtend, und ohne Erbarmen Andere ihm weihend. Solche Charactere bilden sich in den Zeiten bürger- licher Zwietracht, wo die herrlichsten Eigen- schaften, durch Partheygeist verderbt, und durch steten Widerstand entflammt, nur zu oft mit Lastern und Ausschweifungen verbunden sind, die sie zugleich ihres Verdienstes und ihres Glan- zes berauben.. 27 Als Edithe die artigen Kleinigkeiten, mit wel- chen Claverhouse sie unterhielt, zu beantworten suchte, zcigte sie sich so verlegen, daſs ihre Grofsmutter für nöthig fand, ihr zu Hülfe zu kommen. Edithe Bellenden,“ sagte sie, chat bey mei- ner zurückgezognen Lebensweise noch so Wenige ihres Standes gesehn, dafs es ihr schwer wird, immer passende Antworten zu finden. Ein Sol- dat ist bey uns eine so seltne Erscheinung, da ſs wir, ausser dem jungen Lord Evandale, kaum eine Gelegenheit gehabt haben, einen Herrn in Uniform zu empfangen. Und nun, da ich ein- mal von diesem vortrefflichen jungen Cavalier rede, Herr Oberst, erlaubt mir zu fragen, ob ich nicht die Ehre haben werde, ihn heute mit dem Regimente bey mir zu schn b Lord Evandale war bey uns auf unserm Mar- sche, gnädige Frau,“ antwortete der Führer, aber ich war genöthigt, ihn mit einem kleinen Haufen zu versenden, um eine Versammlung der unruhigen Schurken aus einander zu jagen, wel- che die Unverschämtheit gehabt hatten, sich eine Stunde von meinem Hauptquartier zusammen zu rotten.“ «In der Thatbo erwiederte die Edelfrau; das ist ein Grad von Vermessenheit, den ich den aufrührerischen Schwärmern kaum zugeiraut hätte. Aber wir leben in seltsamen Zeiten. Es herrscht 28 ein böser Ceist im Lande, Herr Oberst, der selbst die Lehnsleute vornehmer Personen aufreizt, sich gegen das Haus zu empören, das sie erhält und ernährt. Wollt Ihr glauben, daſs neulich einer von meinen riistigsten Leuten sich förmlich wei- gerte, auf mein Geheifs sich zur Waffenschau zu stellen? Gibt es denn kein Gesetz gegen solche 4 Widerspenstigkeiten, Herr OberstP* «Ich werde wohl eins finden können,“ sprach Claverhouse mit groſser Fassung,«wenn Ihr mir nur Namen und Wohnort des Schuldigen nennen wollt, gnädige Frau.“ «Er heiſst Luthbert Headrigg,“ versctzte Frau Margarethe,«seine Wohnung kann ich nicht an- geben, denn Ihr könnt wohl denken, Herr Oberst, dafs er nicht länger in Tillietudlem bleiben durfte, sondern schleunig für seine Widerspen- stigkeit aus meinem Gebiete vertrieben ward. Ich wünsche dem Burschen nichts Böses, aber Einsperrung oder selbst ein Paar Hiebe könnten hier in der Gegend ein gutes Beyspiel geben. Seine Mutter, die ihn eigentlich dazu gebracht hat, ist eine alte Dienerin meines Hauses, was mich zum Erbarmen geneigt macht, obschon,“ fuhr die alte Dame fort, indem sie auf die Bild- nisse ihres Mannes und ihrer Söhne schaute, die im Saale hingen, und zugleich einen tiefen Seuf- zer ausstiefs:«obschon ich, für mein Theil, Herr Oberst, wenig Ursache habe, mit dem hartnäk- 2. „ „ . kigen, aufrührerischen Geschlechte Mitleid zu fühlen. Sic haben mich zu einer kinderlosen Wiitwe gemacht, und wenn nicht unser, aller- gnädigster König und seine tapfern Soldaten mich schützten, würden sie mir bald noch Hab und Qut, Herd und Altar rauben. Sieben von meinen pächtern, deren Grundzins zusammen noch an hundert Mark betragen mag, haben sich schon geweigert, Steuer und Abgaben zu bezahlen, und hatten die Kuhnheit, meinem Verwalter zu sagen, sie wollten weder König noch CGutsherrn anerken- nen, als wer ihren Glaubensbund beschworen hätte.“ «Sie sollen es mit mir zu thun bekommen, das heifst, wenn Ihr es erlaubt,“ antwortete Claverhouse. α Es würde mir wenig geziemen, wollte ich die Unterstützung des gesetzlichen Ansehns vernachlässigen, wenn es so würdigen Händen anvertraut ist, wie denen der Frau Mar- garethe Bellenden. Aber ich muſs bekennen, es wird läglich schlimmer und schlimmer hier zu Lande, und ich bin gezwungen, Maſsregeln gegen die Widerspenstigen zu nehmen, die mehr mit meiner Pflicht, als mit meinen Neigungen übereinstimmen. Allein da ich davon spreche, darf ich nicht vergessen, Euch meinen Dank für die gastliche Cüte abzustatten, die sich bis auf eine Abtheilung meiner Reiter erstreckt hat, wel- che einen Gefangnen eingebracht hat, dem man 50 Schuld gibt, den morderischen Schurken Balfour von Burley beherbergt zu haben. «Das Haus Tillietudlem,“ versetzte die Wir- thin,«ist immer den Dienern Seiner Majestät offen gewesen, und ich hoffe, es wird, so lange seine Steine auf einander liegen, so sehr zu ihrem Befehl stehen, als zu dem unsern. Aber dies erinnert mich, Euch zu sagen, Herr Oberst, dals der Mann, der jene Abtheilung befehligt, ohn- möglich auf seiner ihm gebührenden Stelle im Heere seyn kann, wenn man erwägt, welch Blut in seinen Adern fliefst. Und wenn ich mir schmeicheln dürfte, daſs mein Ansuchen von einiger Wirkung seyn könnte, würd' ich Euch bitten, ihn bey einer günstigen Gelegenheit zu befördern.“ „Wahrscheinlich meint Ihr den Wachtmeister Franz Stuart, den wir Bothwell nennen, meine gnädige Fraupb» erwiederte Claverhouse lächelnd. „Ich mufs Euch sagen, er ist ein wenig zu barsch hier zu Lande gewesen, und den Gesetzen der Mannszucht nicht immer so gehorsam, als es der Dienst verlangt. Aber mich wissen lassen, wie ich Frau Margarethe Bellenden verbinden kann, heiſst mir ein CGesetz auferlegen.— Bothwell,“ fuhr er gegen den Wachtmeister fort, der gerade in die Thüre trat,«küfst der gnädigen Frau die Iland, sie verwendet sich für Eure Beförderung, und die nächste erledigte Officierstelle soll Euer seyn.“ 31 Bothwell verrichtete die Huldigung, aber nicht ohne sichtliche Zeichen eines stolzen Wider- willens, und als er den Befehl erfüllt hatte, sagte er laut:«Einer Dame die Hand zu küssen, kann keinen Edelmann herabsetzen, aber keinem Maune küfste ich die Hand, ausser dem König, und sollt' ich General werden.“. Da hört Ihr es,“ versetzte Claverhouse lächelnd. Das ist die Klippe, an der er scheitert. Er kann seinen Stammbaum nicht vergessen.“ Ich weils, mein Herr Oberst,“ sagte Both- well in demselben Tone,«dafs Ihr Eures Ver- sprechens nicht vergessen werdet; und daun wird es vielleicht dem Fähnrich Stuart erlaubt seyn, sich seines Croßsvaters zu crinnern, Wenn auch der Wachtmeister ihn vergessen muſs.“ „Genug davon,“ sprach Claverhouse mit der gebieterischen Art, die ihm natürlich war.«Sagt mir, was hattet Ihr mir jetzt eben zu melden? „Lord Evandale hält mit seinen Leuten auf der Landstraſse, und hat einige Geſangene bey sich,“ antwortete Bothwell. „Lord Evandaleb" rief Frau Margarethe. Ce- wiſs, Herr Oberst, werdet Ihr erlauben, daſs er mich auch mit seiner Gesellschaft beehrt, und hier ein geringes Frähstück verzehre, um so- mehr, da selbst Seine allergnädigste Majestät nicht bey dem Schlossc Tillietudlem vorüberzog, 32 ohne anzuhalten und einige Erfrischungen zu sich zu nehmen.“ Da dies bereits das dritte Nl im Laufe der Unterredung war, daſs die Dame vom Hause auf dies merkwürdige Er eigniſs anspielte, so benutzte der Oberst Graham, so schnell als es die Höf- lichkeit erlauben wollte, die erste Pause, den fernern Fortgang der Erzählung aufzuhalten, in- dem er sagte:«Wir sind schon eine allzugrofse Anzahl von Cästen; da ich indessen weiſs, was Lord Evandale leiden würde,“ fuhr er, Edithen anblickend, fort,«wenn ich ihm des Vergnügens beraubte, das wir genieſsen, so will ich's wagen, Eurer Gastfreundschaft lästig zu fallen.— Both- well, sagt dem Lord, die gnädige Frau ersuche ihn um die Ehre seiner Cesellschaft. 22 «Und Harrison soll Sorge tragen,* fügte Frau Margarethe hinzu, dafs Leute und Pferde ge- hörig versehn werden!“ Edithens Herz klopfte hörbar während des Ce- sprächs, denn es war ihr plötzlich eingefallen, dafs sie durch ihren Einflufs auf Lord Evandale Mittel Bnden könnte, Morton aus seiner gefähr- lichen Lage zu retten, im Fall ihres Oheims Ver- wendung bey Claverhouse unwirksam bleiben sollte. Zu jeder andern Zeit würde es ihren Empfindungen widerstanden haben, diesen Ein- flufs zu benutzen; denn wie unerfahren sie auch war, so sagte ihr doch ihr angebornes Zartgefuhl, * 35 welchen Vortheil eine schöne junge Frau einem Manne einräumt, wenn sie ihm gestattet, ihr eine Verbindlichkeit aufzulegen. Und sie würde noch weniger geneigt gewesen seyn, den Lord Evandale um eine Gefälligkeit zu bitten, da die Klatschschwestern von Clydesdale ihn aus Ur- sachen, die wir späterhin angeben werden, zu ihrem Freyer machten, und da sie sich nicht verhehlen konnte, dafs es nur einer sehr kleinen Aufmunterung bedurft hätte, Vermuthungen einen Grund zu geben, der ihnen bisher ermangelt hatte. Dies mufste sie um so mehr fürchten, da, im Fall einer förmlichen Erklärung, Lord Evandale hoffen durfte, durch den Einflufs ihrer Crofsmutter und ihrer übrigen Freunde unter- stützt zu werden, und da sie Bitten und Befehlen nichts hätte entgegensetzen können, als eine Neigung, die zu gestehen, wie sie wuſste, eben so gefährlich, als nutzlos war. Sic beschlofs da- her, den Erfolg von ihres Oheims Verwendung abzuwarten, und wenn diese vergeblich sey, was sie aus den Blicken oder Worten des offenherzi- gen alten Kriegsmannes bald zu erkennen hoffte, als das letzte Mittel Evandales Neigung für sie zu Mortons Gunsten zu benutzen. Ihr GCemüth sollte nicht lange über den Erfolg von ihres Oheims Verwendung in Zweifel bleiben. Major Bellenden, der bey Tische den Wirth gemacht, und mit den kriegerischen Gästen 72.. 34 (welche am Ende der Tafel safsen) gelacht und gescherzt hatte, konnte nun nach aufgehobener Mahlzeit seinen Platz verlassen. Er näherte sich dem Oberst Claverhouse, und ersuchte zugleich seine Nichte, ihn jenem besonders vorzustellen. Sein Name und seine Denkart waren so bekannt, daſs die beyden Kriegsmänner einander mit Aus- drücken gegenseitiger Hochachtung begrüſsten. Edithe sah mit klopfendem Herzen ihren alten Oheim mit seinem neuen Bekannten in eine Fensterwölbung des Saals treten. Sie bewachte ihre Unterredung mit unablässigen ängstlichen Blicken, und da die Unruhe ihrer Seeie ihre Beobachtung schärfte, so konnte sie aus den Ge- behrden, welche das Gespräch begleiteten, den Gang und den Erfolg der Verwendung fär Hein- rich Morton errathen. Anfangs zeigte das Gesicht des Obersten jene offne, bereitwillige Höflichkeit, die, noch cehe sie zu wissen verlangt, von welcher Art die ge- forderte Gefälligkeit seyn soll, zu sagen scheint, dafs der Gebetne sich glücklich fühlt, den Bit- tenden verbinden zu können. Doch im Verlauf der Unterredung ward die Stirn des jungen Krie- gers immer finstrer und strenger, und seine Züge, obwohl sie noch immer den Ausdruck höflicher Mäſsigung behielten, sprachen nach und nach nur Härte und Unerbittlichkeit aus. Wenigstens sah Edithens erschreckte Einbildungskraft nichts 35 anders. Bald preſste er die Lippen ungeduldig zusammen, bald zog er sie leicht in die Höhe, indem er mit höflicher Nichtachtung die Gründe des Majors Bellenden anzuhören schien. Die Sprache dieses Letztern war dringend und eifrig, so weit man sie aus seinen Bewegungen beur- theilen konnte, und schien die ganze einfache Herzlichkeit seines Characters und allen Nach- druck zu haben, zu dem sein Alter und sein Ruf ihn berechtigten. Aber sie schien wenig Eindruck auf den Obersten Craham zu machen; er änderte bald den Ort, wo sie standen, und schnitt des Majors lästige Bitten kurz ab, indem er die Un- terredung schnell mit einem höflichen Bedauern abbrach, das eine bestimmte Verweigerung des Gesuchs desselben begleitete. Diese Bewegung brachte sie Edithen so nahe, dafs sie Claverhouse deutlich sagen hörte:«Es kann nicht seyn, Herr Major! Gelindigkeit in diesem Falle würde die Gränzen meiner Vorschriften überschreiten. In allen andern Dingen werde ich Euch mit dem gröſsten Vergnügen gefällig seyn.— Sieh da, hier kommt ja Evandale! Was für Zeitungen, Evandale Po fuhr er, zu dem jungen Lord gewen- det, fort, welcher eben in voller Uniform herein- trat, dessen zerstörter Anzug aber und besprützte Stiefeln zeigten, daſs er einen mühseligen Ritt gethan. Unangenehme Zeitungen, Herr Oberst!“ war 36 die Antwort.«Ein groſser Haufen Whigs ist im Gebirge unter den Waffen und der Aufstand ist wirklich ausgebrochen. Sie haben mehrere Ver- ordnungen, welche die bischöfliche Kirchenver- fassung und das Märtyrerthum Carls des Ersten betreffen, öffentlich verbrannt, und erklärt, sie wollten unter Waffen bleiben, um das Werk der Glaubensverbesserung zu fördern.“ Diese unerwartete Nachricht machte Alle An- wesenden bestürzt und verstört: nur Claverhouse blieb unerschüttert. «Unangenehme Nachrichten nennt Ihr das 5 hob er an, und sein dunkles Auge glühte.«Es sind die besten, die ich seit einem halben Jahre— gehört habe. Nun, da die Schurken sich zusam- menrottirt haben, wird es nur kurze Arbeit mit ihnen geben. Wenn die Natter an das Tages- licht kriecht,“ setzte er hinzu, mit dem Absatze auf den Boden stofsend, als ob er ein giftiges Gewürme zerträte,«so kann ich sie todt treten; sie ist nur sicher, so lange sie in ihrer Höhle oder im Moore lauert.— Wo ist das Gesindel?“ fuhr er gegen Evandale fort. 8 Ohngefähr zwey Meilen von hier fand ich sie im Gebirge,“ erwiederte jener,«an einem Ort, der Loudonhügel heifst. Ich zerstreute die Ver- sammlung, gegen welche Ihr mich gesendet hat- tet, und nahm einen alten Aufruhrtrompeter gefangen, der gerade seine Zuhörer ermahnte, 37 aufzustehen für die gute Sache; nebst einigen dieser Zuhörer, die besonders unverschämt waren. Was ich Euch erzähle, habe ich von Landleuten und Kundschaftern erfahren.“ Wie stark mögen sie seyn?» fragte der Oberst. Dem Anscheine nach gegen tausend Mann, aber die Nachrichten sind sehr abweichend.“ Cut,“ sagte Claverhouse.« Es ist Zeit für uns, dafs wir auch Hand an's Werk legen. Laſst zum Aufbruch blasen, Bothwell!“ Bothwell, der, gleich dem Streitrofs in der Schrift, die Schlacht von fern roch, eilte hinaus, um sechs Negern, die reich mit Cold besetzte Kleider trugen, und schwere silberne Halsbänder und Armschienen hatten, seine Befchle zu erthei- len. Diese Schwarzen waren die Trompeter des Regiments, und bald wiederhallten Schlofs und Wälder ringsum von ihrem schmetternden Rufe. „ aIhr mülst uns also verlassen,“ sagte Frau Margarethe, und ihr Herz beängstigte die Erin- nerung an krühere unglückliche Zeiten.«Wollt Ihr nicht lieber erst die Stärke der Aufrührer ausforschen lassenb— O wie manche blühende Oestalt habe ich schon diese furchtbaren Töne aus dem Schlosse Tillietudlem rufen hören, die meine alten Augen nimmermehr zurückkehren sahen.“ 38 aIch kann unmöglich länger bleiben,“ erwie- derte Claverhouse.«Es gibt Schurken genug im Lande, die Aufrührer noch fünfmal so stark zu machen, wenn sie nicht auf einmal gebändigt werden.“ «Schon strömen viele ihnen zu,“ versetzte Evandale,«und sie sprengen aus, daſs sie einen starken Haufen der geduldeten Presbyterianer erwarlen, welche der junge Milnwood, wie sie ihn nennen, der Sohn jenes bekannten alten Rundkopfes, des Obersten Silas Morton, anfüh- ren soll.“ Diese Worte machten auf die Anwesenden einen verschiedenen Eindruck. Edithe sank fast vom Stuhl vor Schrecken, während Claverhouse einen Blick voll spöttischen Frohlockens auf den Major warf, der zu sagen schien:«Da seht Ihr, was der junge Mann für Grundsätze hat, für den Ihr Euch verwendet!» «Es ist eine Lüge, eine verdammte Lüge der schurkischen S. ärmer!“ rief der Major hastig. «Ich will für Heinrich Morton stehn, wie für meinen eignen Sohn. Der junge Mensch hat so gute Glaubensgrundsätze, als einer von den Her- ren unter der Leibwache. Ich will niemand beleidigen. Er ist fünfzig Mal mit mir im Got- 7 „ tesdienst gewesen, und nie fehlte ihm eine ein- zige Antwort beym Gebete. Edithe Bellenden kann das so gut bezeugen, als ich. Er las immer —N—22—,— 39 mit ihr aus demselbigen Gebeibuche, und kannte die Texte so gut, als der pfarrer selber. Ruft ihn herauf; laſst ihn für sich selbst sprechen! «Das kann nicht schaden,“ enigegnete Claver- house,«mag er schuldig oder unschuldig seyn. Major Allan,“ fuhr er fort, sich an den Officier wendend, der ihm an Rang zunächst stand, nehmt einen Wegweiser, und führt das Regi- ment so schnell als möglich nach dem Loudon- hügel. Reitet zu, und schont die Pferde nicht! Lord Evandale und ich holen Euch in einer Viertelstunde ein. Bothwelln laſst einige Reiter zurück, die Gefangenen fortzuschaffen.“ Allan neigte sich, und verliefs mit sämmt- lichen Officieren, Claverhouse und den jungen Lord ausgenommen, den Saal. In wenigen Mi- nuten verkündigten die Töne der Kriegsmusik und der Hufschlag der Rosse, dafs die Reiter das Schlofs verliefsen. Jetzt ward der Schall nur abgerissen vernommen, und bald erstarb er ganz in der Ferne. Während Claverhouse die Unruhe der alten Dame zu beschwichtigen, und den Major mit der Meinung, die er von Morton hatte, auszu- söhnen suchte, näherte sich Evandale Edithen, die natürliche Schüchternheit überwindend, die einen unschuldigen Jüngling zaghaft gegen die Geliebte macht, und redete sie mir einer Stimme 40 an, die zugleich Ehrerbietung und rege Thell- nahme ausdrückten: «Wir sollen Euch verlassen,“ sagte er, inden er ihre Hand ergriff, und mit groſser Bewegung drückte:«Euch verlassen, und einem Abentheuer entgegengehn, das nicht ohne Gefahr ist. Lebt wohl, mein theures Fräulein— meine geliebte Edithe.— Lafst mich Euch zum ersten, und vielleicht zum letzten Mal so nennen! Wir tren- nen uns unter Umständen, die so ungewöhnlich sind, daſs sie wohl einige Feyerlichkeit des Ab- schieds entschuldigen dürfen von Euch, die— ich so lange gekannt habe, die— ich so tief verehre!“ Sein Benehmen schien, mit den Worten nicht ganz übereinstimmend, ein tieferes, bewegteres CGefühl auszudriicken, als in seiner Rede lag. Kein weibliches Herz hätte von dem bescheidnen und tiefempfundnen Ausdruck seiner Zärtlichkeit ganz ungerührt bleiben können. Auch Edithe, wie sehr sie das Unglück und die drohende Ce- fahr des Mannes, den sie liebte, niederbeugten, ward innig bewegt durch die hoffnungslose und ehrfurchtsvolle Leidenschaft des trefflichen Jüng- lings, der jetzt von ihr schied, um ungewöhn- lichen Fährlichkeiten entgegen zu eilen. Ich hoffe, sagte sie— ich verlasse mich fest darauf, es hat keine Cefahr. Ich hoſffe, es ist keine Veranlassung zu so feyerlichem Abschiede. 41¹ Diese unvorsichtigen Aufrührer werden mehr durch Furcht zerstreut werden, als durch Ge- walt; und Lord Evandale wird in Kurzem zurück- kehren, und wieder seyn, was er immer seyn mufs, der theure, werihe Freund von Allen in diesem Schlosse.“ Von Allenb» wiederholte er, einen schwer- müthigen Nachdruck auf das Wort legend. Aber mag es so seyn!— Was Euch nahe ist, ist mir lieb und werth, und so ist mir ihr Beyfall nicht gleichgültig. Ueber den Erfolg unseres Zuges täusche ich mich nicht. Wir sind an Zahl zu Wenige, als dafs wir hoffen könnten, diesen unseligen Unruhen ein schnelles, sicheres und unblutiges Ende zu geben. Diese Menschen sind begeistert, entschlossen und tollkühn. Sie haben Anführer, die nicht ganz unerfahren sind in Kriegssachen. Ich mufs glauben, unser Oberst treibt uns ihnen etwas voreilig entgegen. Aber es gibt Wenige, die geringeren Crund haben, die Cefahr zu meiden, als ich.“ Edithe hatte nun die gewinschte Gelegenheit, den jungen Edelmann um seine Fürsprache und Verwendung für Heinrich Morton zu bitten, und es schien kein anderer Weg übrig zu seyn, ihn vom drohenden Untergange zu retten. Aber sie fuhlie in diesem Augenblicke, dafs sie dadurch die Neigung und das Vertrauen des Liebenden miſsbrauche, dessen Herz so offen vor ihr lag, 42 als ob sein Mund eine ausdrückliche Erklärung ausgesprochen hätte. Cestattete es ihr die Ehre, Lord Evandale aufzufordern, einem Nebenbuhler zu dienen? Die Klugheit, ihm eine Bitte zu thun, oder sich eine Verbindlichkeit gegen ihn aufzu- legen? Gründete sie dadurch nicht Hofſnungen, die sie nimmer zu erfüllen vermochte P Aber der Augenblick war zu dringend für die Bedenklich- keiten, oder auch nur für jene Erläuterungen, mit denen sie sonst wohl ihre Bitte hätte ein- leiten können. «Ich will nur noch erst über den jungen Men- schen verfügen,“ hörte sie Claverhouse am andern Ende des Saales sagen,«und dann, Lord Evan- dale, es thut mir leid, daſs ich Eure angenehme Unterhaltung stören mufſs— aber wir müssen dann gleich aufsitzen. Bothwell, warum bringt Ihr den Gefangenen nicht heraufb Und hört Ihr? Zwey Clieder sollen ihre Carabiner laden!“ In diesen Worten glaubte Edithe das Todes- urtheil ihres Geliebten zu hören. Auf der Stelle überwand sie den Zwang, der sie bis jetzt am Sprechen gehindert. «Lord Evandale,“ sagte sie,«dieser junge Mann ist ein genauer Freund meines Oheims. Euer Einfluſs auf Euren Obersten mufs groſs seyn. Lafst mich Euch um Eure Verwendung für ihn bitten! Ihr werdet meinem Oheim eine ewige Verbindlichkeit auflegen!“ 4³ Ihr haltet meinen Einfluſs für gröfser, als er ist, mein Fräulein,“ erwiederte Lord Evandale. Solche Versuche sind mir oft verunglückt, wenn ich sie blos im Namen der Menschlichkeit un- ternahm.“* Dennoch versucht es noch einmal— um meines Oheims willen.“ «Und warum nicht auch um Euretwillen? entgegnete Lord Evandale.«Wollt Ihr mir nicht verstatten zu glauben, dafs ich Euch selbst durch diesen Schritt verbinde?— Seyd Ihr so miſs- trauisch gegen einen alten Freund, dafs Ihr mir nicht die Freude vergönnen wollt, zu denken, ich erfülle Eure Wünsche?“ Gewiſs— gewiſs— Ihr werdet mich unend- lich verbinden!“ versetzte Edithe. Igh nehme Antheil an dem jungen Manne= meineés Oheims wegen!— Um Cottes willen, verliert keine Zeit!*. Sie ward kühner und dringender in ihren Bit- ten, denn sie hörte die Schritte der Soldaten, die mit ihrem Gefangenen eintraten. Beym Himmel,“ sagte Evandale,«dann soll er nicht sterben, und wenn ich an seiner Stelle sterben müfste! Aber wollt Ihr nicht,“ setzte er hinzu, von Neuem ihre Hand ergreifend, die sie in ihrer Verwirrung nicht zurückzuziehn wagte, wollt Ihr mir nicht ein Gesuch gewähren für meinen Diensteifer?“ Ihr dürft alles fordern, Lord Evandale, was schwesterliche Zuneigung gewähren kann.“ «Und ist dies alles,“ fuhr er fort,«was Ihr für meine Liebe im Leben, für mein Andenken im Tode habtb „Sprecht nicht so, Lord Evandale!“ versetzte Edithe. Ihr betrübt mich und thut Euch selbst unrecht. Es gibt keinen Freund, den ich höher schätze, oder dem ich williger jeden Beweis von Achtung gewähren wollte— wenn nicht— aber“— Ein tiefer Seufzer hinter ihr unterbrach sie. Sie wendete sich schnell, ehe sie noch das letzte Wort hatte aussprechen können, und noch un- schlüssig, wie sie die Ausnahme auszudrücken hätte, die ihre Rede beschliéſsen sollte, gewahrte sie plötzlich, daſs Morton sie gehört, der schwer gefesselt, und von Soldaten bewacht, gerade hin- ter ihr weg geführt ward, um Claverhouse vor- gestellt zu werden. Als ihre Augen einander begegneten, schien der schmerzliche, vorwurfs- volle Ausdruck von Mortons Blick ihr zu verrathen, däſs er einen Theil ihres Gesprächs gehört, und ihre Worte gemifsdeutet habe. Dies fehlte noch, um ihren Kummer und ihre Verwirrung aufs Höchste zu treiben. Das Blut stieg ihr bis an die Stirn, und trat ihr dann wieder plötzlich an das Herz, daſs sie bleich wie der Tod dastand. Dieser Wechsel entging Evandales Beobachtung 45 nicht, dessen schneller Blick leicht entdeckte, daſs zwischen dem Gefangenen und seiner eignen Herzensgeliebten eine seltsame, ungewöhnliche Verbindung Statt fand. Er liefs die Hand des Fräuleins fahren, plickte von Neuem den Gefan- genen schärfer an, sah dann wieder auf Edithen, und bemerkte deutlich die Verwirrung, die sie nicht länger verbergen konnte. Ich glaube,“ sagte er nach einem Augenblick finstern Stillschweigens,« dies ist der junge Mann, der den Preis beym Vogelschiefsen gewann.“ Ich weifs es nicht,“ stammelte Edithe,«aber — nein, ich glaube es nicht,“ setzte sie hinzu, kaum wissend, was sie sprach. Er ist es,“ sagte Evandale entscheidend.«Ich kenne ihn wohl. Ein Sieger,“ fuhr er ein wenig stolz fort, hätte doch einer schönen Zuschauerin mehr Theilnahme einflöſsen sollen.“ Er wendete sich darauf von Edithen ab, und zu dem Tische tretend, wo Claverhouse sich niederliefs, stand er in einiger Entfernung, auf sein Schwert gestiitzt, ein stummer, aber nicht gleichgültiger Zuschauer des Vorgehenden 46 —A—OA———õ Dreyzehntes Kapitel. O mein Gott, bewahre mich vor Eifersucht! Othello. Um den tiefen Eindruck zu erklären, welchen jene wenigen abgerissenen Worte aus Edithens Munde auf den unglücklichen Gefangenen mach- ten, der sie vernehmen mufste, ist es nothwendig, etwas über seinen frühern Gemüthszustand, und über die Entstehung seiner Verbindung mit Edi- then zu sagen.. Heinrich Morton gehörte zu jenen reichbe- gabten Gemüthern, die eine Kraft des Geistes pesitzen, welche der Eigenthiimer selbst nicht ahnet. Er hatte von seinem Vater einen uner- schütterlichen Muth und einen entschiednen, unversöhnlichen Abscheu gegen Unterdrückung jeder Art geerbt, sey es die der bürgerlichen Preyheit, oder die des Glaubens. Aber sein En- 47 thusiasmus war unbefleckt von fanatischem Eifer, und rein von der sauren Strenge des puritani- schen Scktengeistes. Zum Theil war sein Gemüth davon durch die thätige Uebung seines eignen trefflichen Verstandes befreyt geblieben, zum Theil hatten ihm auch seine häufigen und langen Besuche bey dem Major Bellenden Gelegenheit gegeben, viele Cäste kennen zu lernen, deren Umgang ihn lehrte, daſs Güte und Menschen- werth nicht auf die Bekenner einer einzelnen Glaubensart eingeschränkt sind. Der niedrige Geiz seines Oheims war Mortons Erzichung in vieler Hinsicht hinderlich gewesen, aber er hatte die Gelegenheiten, die sich ihm darboten, so vortheilhaft benutzt, dafs seine Lchrer wie seine Freunde über seine Fortschritte unter so ungünstigen Umständen äusserst erstaunt waren. Noch aber hemmte den freyen Flug seines Ceistes das Gefühl seiner Abhängigkeit, seiner Armuth, besonders aber das Bewufstseyn seiner unvollkommnen und beschränkten Erzie- hung. Diese Gefühle gaben ihm ein Miſstrauen gegen sich selbst, und eine Zurückhaltung, wel- che wirklich vor allen, ausser seinen genauesten Freunden, den Umfang seiner Anlagen und die Festigkeit seines Charakters, die wir ihm zuge- sprochen, verbargen. Die Zeitumstände hatten- jener Zurückhaltung ein Ansehn von Unschlüs- sigkeit und Gleichgültigkeit gegeben, denn da er sich zu keiner von den Partheyen hielt, welche das Reich theilten, so hielt man ihn fur stumpf, unempfindlich und unempfänglich für die Ge- fühle der Religion und der Vaterlandsliebe. Kein Schlufs hätte jedoch ungerechter seyn können; und die Neutralität, die er bisher beobachtet, hatte ihre ganz andern, höchst preiswürdigen Bewegungsgründe. Er hatte mit Wenigen der Verfolgten eine genauere Verbindung angeknüpft, und war sowohl durch ihren engherzigen, selb- stischen Partbeygeist, als durch ihre finstere Schwärmerey, ihre verabscheuende Verdammung aller schönen Wissenschaften, aller unschuldi- gen Vergnügungen, und den giftigen Croll ihrer politischen Feindschaften, von ihnen zurück- gescheucht worden. Aber sein Gemüth wurde noch mehr empört durch das gewaltthätige, be- drückende Betragen der Regierung, durch die Unordnung, Zügellosigkeit und Brutalität des Kriegsvolks, durch die Hinrichtungen auf dem Bluigcriiste, die Metzeleyen im offenen Felde, die Einquartierung und Erpressungen nach dem Kriegsrecht, wodurch Leben und Gäter eines freyen Volkes denen Asiatischer Sclaven gleich- gestellt wurden. So die Ausschweifungen beyder Partheyen gleich verdammend, des Anblicks von Uebeln übersatt, denen er nicht abzuhelfen ver- mochte, abwechselnd Klagen und Frohlocken hörend, und in beyden nicht einstimmen kön- nend, hätte er schon lange Schottland verlassen, wenn nicht seine Neigung gegen Edithe Bellen- den ihn zurickgehalten. Das erste Begegnen der jungen Leute hatte in Charewood Statt gefunden, wo der Major Bellen- den, der bey solchen Gelegenheiten so wenig mifstrauisch war, als der Oheim Tobias*) selbst sie dazu ermunterte, sich einander immerwäh- rend Gesellschaft zu leisten, ohne die mindeste Besorgniſs über die natürlichen Folgen zu hegen. Wie es gewöhnlich in solchen Fällen ist, borgte die Liebe den Namen der Freundschaft, ge- brauchte ihre Sprache, und maſste sich ihre Rechte an. Als Edithe Bellenden in ihrer Crofsmutter Schlofs zurückgekehrt war, war es erstaunlich, durch was für sonderbare und immer wieder- kehrende Zufälle sie oft dem jungen Morton auf ihren einsamen Spaziergängen begegnete, beson- ders wenn man die Entfernung ihrer beyden Wohnungen erwog. Sie pflegte jedennoch die Verwundrung, welche dies häufige Begegnen na- türlich hätte erwecken müssen, niemals auszu- drücken, und allmählig bekam ihr Umgang einen zarteren Charakter, und ihre Zusammen- künfte fingen an, Verabredungen ähnlich zu sehn. —xqq; *) Tristram Shandi. 72. 5⁰ Bucher, Zeichnungen, Briefe wurden gewechselt, und jeder unbedeutende, gegebene oder vollzo- gene Auftrag veranlafste einen neuen Briefwechsel. Von Liebe war zwischen ihnen freylich noch nicht die Rede gewesen, aber jeder kannte den Zustand des eignen Herzens, und konnte den des andern nur errathen. Unfähig, einen Umgang abzubrechen, der für beyde so viel Reiz hatte, aber zitternd vor seinen nur zu wahrscheinlichen Folgen, hatten sie ihn ohne ausdrückliche Er- klärung bis jetzt fortgesetzt, wo das Schicksal das Ende selbst in die Hände genommen zu haban schien. — war eine natürliche Folge dieser Lage der Diuge und des Miſstrauens, das Morton in dieser Zeit gegen sich selbst fühlte, dafs sein Vertrauen auf Edithens Gegenliebe oft erschüttert ward. Ihre Lage war um so viel glänzender, ihr Werth so anerkannt, ihre Vorzüge so mannichfaltig, zhr Aeusseres so reizend, ihr Betragen so bezau- bernd, daſs er nicht umhin konnte zu fürchten, ein Freyer, durch das Glück begünstigter als er, und Edithens Verwandten annehmlicher, als er zu seyn hoflen durfte, möchte zwischen ihn und die Geliebte treten. Ein allgemeines Gerücht stellte ihm diesen Nebenbuhler in Lord Evandale entgegen, und die Herkunft, der Reichthum, die Verbindungen und politischen Grundsätze des- selben, macl n-ihn so wahrscheinlich zu einem 851 begünstigten Freyer, als seine häufigen Besuche in Titlietudlem, und seine regelmäſsige Beglei- tung der beyden Damen an allen öffentlichen Plätzen. Es traf sich auch häufig und unvermeidlich, daſs manche Lustbarkeiten, bey denen auch Lord Evandale zugegen war, die Zusammenkünfte der Liebenden störten, und Heinrich mufste bemer- ken, dafs Edithe sorgſältig vermied, von dem jungen Evandale zu sprechen, oder wenn sie es ja that, mit sichtlicher Zurückhaltung und Ver- legenheit redete. Diese Erscheinungen, die wirklich nur in dem Zartgefühl ihrer Liebe gegen Morton selbst ihren Grund hatten, wurden von dem miſstrauischen Gemüthe dieses Letztern falsch ausgelegt, und die Eifersucht, die sie in ihm erweckten, ward durch die gelegentlichen Bemerkungen Hannchen Dennisons noch verstärkt. Dies, zu einer Zofe geborne, Mädchen war eine so vollkommne Co- kette, als es nur eine auf dem Lande geben kann; und wenn es ihr an Gelegenheit fehlte, ihre eignen Liebhaber zu necken, nahm sie gern eine Veranlassung wahr, die ihres Fräuleins zu quälen. Nicht etwa, daſs sie dem jungen Morlon abgeneigt gewesen wäre; im Gegentheil stand er sowohl um ihres Fräuleins willen, als seiner eignen Schönheit wegen bey ihr in hoher Gunst. Aber Lord Evandale war auch schön. Er war 52 weit freygebiger, als es Morton möglich war zu seyn. Ueberdem war er ein Lord, und wenn Fräulein Edithe scine Hand annahm, ward sie eine Freyfrau, und was noch drüber ging, das kleine Hannchen, die jetzt von der furchtbaren Haushälterin in Tillietudlem nach Belieben an- gefahren ward, wurde dann Jungfer Dennison der gnädigen Frau erste Kammerfrau, oder viel- leicht gar der gnädigen Frau Kammerfräulein. Die Unpartheylichkeit Hannchen Dennison's ging daher nicht so weit, daſs sie, wie Frau Quick- ly*), hätte wünschen sollen, dafs doch die bey- den hübschen Bewerber ihr Fräulein heyrathen könnten; die Wagschale, auf welche sie die Wünsche Lord Evandales gelegt, sank im Gegen- theil ziemlich tief, und ihre Wünsche zu seiuen Qunsten äufserten sich oft auf eine ftir Morton sehr quälende Weise. Bald warnte sie ihn freund- schaftlich, bald schien sie die Sache als ausge- macht zu betrachten, und dann scherate sie wie- der muthwillig darüber. Immer hatte sie die Absicht, den Gedanken zu bestätigen, daſs sein Liebensverständnifs mit ihrer jungen Herrin über kurz oder lang ein Ende haben müsse, und daſs Edithe, trotz ihrer Sommerspaziergänge im grü⸗ nen Walde, trotz des Austausches von Versen, *) Siehe die lustigen Weiber von Windsor. 53 Zeichnungen und Büchern, am Ende doch Evan- dales Cemahlin werden würde. Die Wiuke trafen so genau mit Mortons eignem Argwohn und seiner Befürchtung zusammen, daſs er alle eifersüchtigen Regungen empfand, die jeder fühlt, der aufrichtig liebt, denen aber die- jenigen am meisten hingegeben sind, deren Liebe der Billigung der Angehörigen ermangelt, oder denen ein neidisches Schicksal sonst ein Hinder- niſs in den Weg schiebt. Edithe selbst trug un- wissentlich in ihrer edelmüthigen Offenherzigkeit zu dem Irrthume bey, in den ihr Geliebter zu fallen in Gefahr war. Ihr Gespräch kam einst auf einige, von Kriegs- leuten begangene, Kusschweifungen, deren An- führer, wie fälschlich behauptet ward, Lord Evandale gewesen seyn sollte. Edithe, so treu in der Freundschaft als in der Liebe, ward etwas verletzt durch den strengen Tadel, der Morton bey dieser Gelegenheit entfuhr, und der vielleicht in Rücksicht auf des Anführers Person nicht mil- der ausgesprochen wurde. Sie übernahm Lord Evandales Vertheidigung mit so groſser Lebhaf- tigkeit, dafs sich Morton bis ins Innerste des Herzens gekränkt fühlte, Hannchen Dennison aber, ihre gewhnliche Begleiterin auf ihren Spaziergängen, sich nicht wenig belustigte. Edithe bemerkte ihr Versehn, und bemühte sich, es wieder gut zu machen, aber der Eindruck ward 54 nicht so leicht verwischt, und trug nicht wenig dazu bey, ihren Freund zu dem Entschlusse zu bestimmen, ins Ausland zu gehn, wie wir bereits erzählt haben. Der Besuch, den er von Edithen während seiner Cefangenschaft erhielt, die tiefe und innige Theil- nahme, die er sie für sein Schicksal hatte aus- sprechen hören, hätten schon an sich seinen Arg- wohn verscheuchen sollen; aber erfindrisch, sich selbst zu quälen, überredete er sich, auch dies könne auf Rechnung ihrer alten Freundschaft, oder einer flüchtigen Neigung geschrieben werden, welche bald den Umständen, dem Dringen ihrer Freunde, dem Befehle ihrer Grofsmutter, und Lord Eyandales Ausdauer weichen würde. Und was ist Schuld,“ sagte er,«dafs ich nicht aufstehen kann, wie ein Mann, um meine An- sprüche auf sie zu verfechten, che ich mich so um sie betrügen lasse? Was anders, als diese fluchwürdige Gewaltherrschaft, die zu gleicher Zeit unsern Leib, unsern Geist, unser Gut und unsern Willen zu Crunde richtetb Und einem dieser hochadlichen Henkersknechte der drücken- den Zwingherrschaft soll ich meine Ansprüche auf Edithen abtreten? Nein, beym Himmel, das will ich nicht!— Es ist mir eine gerechte Strafe, dafs ich todt seyn konnte für die verletzten Volks- rechte, daſs ich nun mit Kränkungen heimgesucht 5 die ich am wenigsten erdulden und werde, tragen kann!“ Als diese stürmischen Empündungen durch seinen Busen brausten, und während er noch die mannichfachen Arten von Verletzungen und Be- leidigungen, die er in seiner und des Vaterlandes Sache erlitten hatte, überlief, trat Bothwell in scin Cemach, von zwey Dragonern begleitet, von denen der Eine Handschellen trug. „Ihr müſst mir folgen, junger Mann,“* sprach er,«aber erst müssen wir Euch in Putz werfen.“ In Putz P wiederholte Morton;«Was wollt Ihr damit sagen? «l nun, wir miissen Euch diese harten Arm- bänder anlegen. Ich darf nicht— nein verdammt! ich darf alles thun, aber für drey Stunden plünderung in einer erstürmten Stadt m öchte ich nicht einen Whig ungefesselt vor meinen Obersten bringen. Kommt, junger Mann, seht Jarum nicht so finster aus.“ Er näherte sich, ihm die Eisen anzulegen; aber Morton ergrill den hölzernen Stuhl, auf dem er gesessen, und drohte, dem ersten, der ihm nahe käme, das Gehirn einzuschlagen. eIch wollte Euch im Nu bändigen, mein Junkerchen,“ sagte Bothwell;«aber es wäre mir lieber, wenn Ihr ruhig die Segel stricht.“ Hier redete er in der That die Wahrheit; nicht aus Furcht oder aus Widerwillen gegen 56 gewaltsame Maſsregeln, aber er scheute die Fol- gen eines geräuschvollen Streites, wodurch es wahrscheinlich oflenbar geworden wäre, daſs er, dem ausdrücklichen Befehl zuwider, seinen Ce- fangnen die Nacht über nicht gehörig verwahrt gehalten hatte. «Ihr thätet besser, Euch vorzusehn,“ fuhr Bothwell in einem Tone fort, der besänftigend seyn sollte,«und Euch nicht selber das Spiel zu verderben. Sie sagen hier im Schlosse, die En- kelin der Edelfrau werde unsern jungen Ritt- meister, den Lord Evandale, heyrathen; ich sah sie beyde zusammenstehn, drüben im Saale, und ich hörte, daſs sie ihn bat, er sollte sich für Eure Begnadigung verwenden. Sie sah ihn so verteufelt lieblich und freundlich an, dafs ich, bey meiner Seele— aber was Henker— was fehlt Euch? Ihr seyd ja wie ein Betttuch! Wollt Ihr etwas Branntwein 5 «Das Fräulein bat Evandale um mein Leben?“ fragte der Gefangne bebend. Ja, Ja, die Weiber sind die besten Freunde; die gelten bey Hofe und im Felde. Kommt, jetzt seyd Ihr vernünftig. Ja, ich dacht' es wohl, dafs ich Euch herumkriegen würde.“ Hierauf machte er sich an die Arbeit, Morton Fesseln anzulegen, wogegen diescr, durch jene Nachricht betäubt, nicht den mindesten Wider- stand leistete. — 57 „Mein Leben von ihm erbeten! Und sie that cs! Ja, legt nur die Fesseln an; meine Glieder sollen sich der Qual nicht entziehn, die mir je in die tiefste Secle gedrungen: Edithe bat um mein Leben— und bat Evandale!* Ja, und er kann's auch gewähren,“ versetzte Bothwell.«Er vermag mehr über den Obersten, als irgend einer im Regiment.“ Während er dies sprach, führte er und seine Leute den Gefangenen nach der Halle. Indem sie hinter Edithens Stuhl weggingen, glaubte der unglückliche Cefangne in den abgerifsnen Wor- ten, welche er aus des Fräuleins und Evandales GSespräch vernahm, die volle Bestätigung von dem, was der Wachtmeister ihm gesagt, zu hören. In diesem Augenblicke ging eine merk- würdige, plötzliche Umwälzung in seiner Seele vor. Die gänzliche Hoffnungslosigkeit, zu der seine Liebe und sein Glück gebracht war, die Gefahr, in welcher sein Leben zu schweben schien, die Verwandlung von Edithens Gesinnung, ihre Verwendung zu seinen Gunsten, die ihren Wankelmuth ihm nur noch bittrer empfinden machte— alles dies schien alle Gefühle zerstört zu haben, fůr welche er bis jetzt gelebt, aber zu gleicher Zeit schienen auch alle in ihm zu erwachen, die bisher durch sanftere, aber doch selbstischere Leidenschaften unterdrückt worden waren. Nichts füur sich selbst mehr hoffend, be- „ 58 schloßs er, die Rechte seines Vaterlandes, die in seiner Person verletzt waren, zu verfechten. Sein Gemüth war in diesem Augenblick verwan- delt, wie der Anblick eines Landhauses, das lauge der Sitz häuslicher Ruhe und Glückseligkeit gewesen, und durch plötzliches Eindringen einer bewaflneten Macht zu einer furchtbaren Veste umgeschalflen ist. Wir haben schon erzählt, wie er auf Edithen einen Blick warf, in welchem Vorwurk und Schmerz verschmolzen lag, und ihr ewiges Lebe- wohl zu sagen schien. Darauf ging er mit festem Schritt auf den Tisch zu, an dem der Oberst Graham sals. «Mit welchem Rechte„“ sprach er entschlossen, und ohne eine Frage abzuwarten,«it welchem Rechte haben diese Soldaten mich von den Mei- nigen gerissen, und einen freyen Mann in Fes- seln geschlagen.“ „Ihr Recht war mein Befehl,“ erwiederte Cla erhouse,«und jetzt befehle ich Euch, zu schwei- gen, und meine Fragen anzuhören.* „Ich will nicht!“ entgegnete Morton mit ent- schlofsnem Tone, und seine Kühnheit schien alle Omstehenden mächtig zu ergreifen.«Ich will wissen, ob ich in gesetzlichem Verhafte bin und vor einer bürgerlichen Ohrigkeit, ehe die Frey- heiten meines Vaterlandes in mir sollen verletzt werden.“ 59 „Ein schöner Springinsfeld, auf Ehre,“ rief Claverhouse. «Seyd Ihr toll? rief der Major Bellenden sei- nem jungen Freunde zu: Um Gotteswillen,“ fuhr er mit einem Tone fort, der zwischen Ver- weis und Bitte schwankte,«bedenkt doch, daſs Ihr mit einem Oberoffcier des Königs sprecht!* «Eben darum verlangte ich zu wissen,“ erwie- derte Heinrich fest,«mit welchem Rechte er mich ohne einen gesetzlichen Verhaftbefehl fest- hält. Wäre er ein bürgerlicher Gerichtsbeamter, so wüfste ich, daſs Unterwerfung mir Plflicht sey.“ „Euer Freund,“ sagte Claverhouse kaltblütig zu dem alten Kriegsmann,«ist einer von den gewissenhaften Herren, die, wie der Narr in der Gomödie, ihr Halstuch nicht umbinden wollen, ohne einen Befehl des Herrn Friedensrichters Overdo. Aber ich will ihm zeigen, ehe wir aus- einander gehen, dals mein Achselband ein eben so gesetzliches Zeichen der Gewalt ist, als deer Stab des Friedeusrichters. Also, ohne weitere Vorrede, seyd so gefällig, junger Mann, und sagt mir gerade heraus, wann Ihr Balfour von Bourley gesehn habt?“ Da Ihr, so viel ich weifs, kein Recht habt, diese Frage zu thun, so verweigere ich Euch, sie zu beantworten.“ „Ihr habt meinem Wachtmeister bekannt, dats 60 Ihr ihn gesehn und aufgenommen habt, da Ihr doch wulstet, dafs er ein dem CGeseuze verfallner Verräther war. Warum seyd Ihr gegen mich nicht eben so offenherzig b“ «Weil ich vermuthe,“ erwiederte der Gefangne, dafs Eure Erzichung Euch die Rechte kennen gelehrt, die Ihr mit Füſsen tretet, und weil ich Euch zeigen will, daſs es noch Schottländer gibt, die Schottlands Freyheit zu behaupten wissen.“ «Und diese vermeintlichen Rechte wollt Ihr wahrscheinlich mit Eurem Schwerte vertheidi- genb“ fuhr Claverhouse fort. «Wäre ich bewaffnet, wie Ihr, und wir wären allein draufsen auf den Bergen, Ihr solltet mich nicht zweymal so fragen!“ «Es ist völlig genug,“ versetzte Claverhouse gelassen.«Eure Sprache stimmt überein mit allem, was ich von Euch gehört habe. Aber Ihr seyd der Sohn eines Kriegers, wenn schon eines Aufrührers, und sollt nicht sterben wie ein Hund — ich will Euch die Schmach ersparen.“ 8 «Wie ich auch sterben mag,“ erwiederte Mor- ton,«ich will als der Sohn eines tapfern Mannes sterben, und die Schmach, von der Ihr redet, soll auf die fallen, die unschuldiges Blut ver- gieſsen.“ «So schliefst denn Eure Rechnung mit dem Himmel ab in fünf Minuten.— Bothwell, führt ühn in den Hof, und laſst Eure Leute bereit seyn!“ — — 6 1 Das Schreckliche dieses Cesprächs und seines Erfolgs hatte allen, die Sprechenden ausgenom- men, ein stummes Entsetzen eingeflöfst. Nun aber brachen alle Umstehenden in Geschrey und Klagen aus. Die alte Dame, die, trotz aller ihrer Vorurtheile des Standes und des Parthey- geistes, die Gefühle ihres Geschlechts nicht ab- gelegt, erhob eine laute Fürbitte: 3 0 Herr Oberst,“ rief sie,«schonet sein junge Blut! Ueberlaſst ihn den Gerichten!— Vergeltet nicht meine Gastfreundschaft, indem Ihr Men- schenblut auf der Schwelle meines Hauses ver- gieſst!* „Oberst Graham,“ sagte der Major,«Ihr mülst diese Cewaltthat verantworten. Wie alt und hinfällig ich bin— glaubt nicht, dafs ich den Sohn meines Freundes ungestraft vor meinen Au- gen werde morden sehn! Ich werde Freunde finden, die Euch zur Rechenschaft ziehn werden!“ «Gebt Euch zufrieden, Major Bellenden,“ er- wiederte Claverhouse, ohne die mindeste Bewe- gung:«ich will es verantworten. Und Ihr, gnädige Frau, solltet mir die Pein ersparen, eine so dringende Fürbitte für einen Verräther uner- füllt zu lassen, wenn Ihr bedächtet, wie viel edles Blut Eures eignen Hauses durch seines Gleichen vergossen worden ist.“ Oberst Graham,“ antwortete die Matrone, zitternd vor Angst,«ich überlasse die Rache 62² Gott, der sie sein nennt! Das vergoſsne Blut dieses jungen Mannes wird die nicht ins Leben zurück rufen, die mir theuer waren. Und wie kann es mich trösten, wenn ich denke, daſs es noch eine andre verwittwete Mutter gibt, kinder- los gleich mir, durch eine blutige That, auf der Schwelle meines Hauses vollzogen!* «Das ist reine Tollbeit!» rief Claverhouse. Ich mufs meine Pllicht gegen Kirche und Staat erfüllen. Hier sind tausend Schurken fast in ollnem Aufstand, und Ihr wollt, daſs ich einen jungen Schwärmer begnadige, der allein hin- reicht, ein ganzes Königreich in Flammen zu setzen! Es kann nicht seyn— führt ihn weg, thwell!“ Sie, die diese entsetzliche Entscheidung am meisten anging, hatte zweymal zu sprechen ver- sucht, aber ihre Stimme hatte ihr gänzlich versagt. Ihre Seele konnte keine Worte finden, ihre Zunge keine aussprechen. Jetzt sprang sie auf, und wollte vorwänts eilen, aber ihre Kräfte verlieſsen sie, und sie wäre auf den steinern Boden geſal- len, wenn nicht Hannchen Dennison sie aufgo- fangen hätte. Hülfe!» rief diese.«Hälfe, um Cotteswillen! Mein Fräulein stirbt!“ Bey diesem Ausrufe trat Evandale vor, der während des vorhergehenden Auftritts bewegungs- los, auf sein Schwert gelchnt, da gestanden hatte, 63 und sagte zu Claverhouse:„Herr Oberst, wollt Ihr mir wohl ein Wort in Gebeim vergönnen, che Ihr in dieser Sache weiter geht?* Claverhouse sah ihn überrascht an, stand aber sogleich auf, und trat mit dem jungen Edelmann an die Scite, wo folgendes kurzes Gespräch zwi- schen ihnen vorfil. Ich brauche Euch wahrscheinlich nicht zu erinnern, Herr Oberst, dafs Ihr, als im vorigen Jahre in der Sache im Staatsrathe unsre Familie Euch einen Dienst leistete, einige Verbindlich- keit gegen uns zu haben glaublet? „Gewifs nicht, mein lieber Evandale,“ erwie- derte Claverhouse. Ich bin nicht der Mann, 4r solche Schulden vergiſst. Ihr werdet mich freuen, wenn Ihr mir zeigt, wie ich Euch meine Dankbarkeit beweisen kann.“ 4 „Ich werde die Schuld für entrichtet ansehn, wenn Ihr dieses jungen Mannes Leben schont.“ «Evandale,“ sagte Graham, lebhaft überrascht, „Ihr seyd toll— rein toll! Was geht Euch diese Aufrührer-Brut anb Sein Vater war der gefähr- lichste alte Rundkopf in ganz Schottland, kalt, entschlossen, kriegskundig, und unerschiitterlich 9. in seinen fluchwiürdigen Crundsätzen. Der Sohn scheint sein wahres Ebenbild zu seyn. Ihr be- greift nicht, welch Unheil er anrichten kann; zch kenne die Menschen, Evandale— wär'’ er ein unbedeutender, schwärmerischer, bäurischer 64 Tölpel, denkt Ihr, ich würde unserer Wirthin und den Ihrigen eine solche Kleinigkeit, wie sein Leben, verweigert haben? Aber der Bursche hat Feuer, Eifer und Bildung— und die Buben brauchen nichts, als einen solchen Anführer, ihre blinde, schwärmerische Kühnheit zu leiten. Ich sage es nicht, um mich der Erfüllung Eurer Bitte zu entziehn, sondern nur, um Euch auf die möglichen Folgen aufmerksam zu machen. Ich werde nie mein Wort zu umgehn suchen, noch mich weigern, eine Gefälligkeit zu erwiedern.— Wenn Ihr sein Leben fordert, so soll er's haben.“* «Haltet ihn in enger Gefangenschaft,“ antwor- tete Evandale,«aber wundert Euch nicht, wenn ich bey der Bitte beharre, ihn nicht tödten zu lassen. Ich habe die dringendsten Gründe dazu.“ „So sey's denn,“ erwiederte Claverhouse; aber, junger Mann, solltet Ihr wünschen, Euch einst im Dienst des Königs und des Vaterlandes emporzuschwingen, so lafst es Euer erstes Be- streben seyn, alle Eure Leidenschaften, Neigun- gen und Gefühle dem öflfentlichen Vortheile und der Erfüllung Eurer Pflicht zu unterwerfen. Dies sind die Zeiten nicht, dem Geschwätz eines Craubarts oder den Thränen einfältiger Weiber die Mafsregeln heilsamer Strenge aufzuopfern, zu denen uns die Gefahren ringsumher zwingen. Und erinnert Euch, dafs, wenn ich aus Rück- sicht gegen Euer dringendes Verlangen in diesem 6⁵ Punkt nachgebe, meine jetzige Cefälligkeit mich vor künftigen Gesuchen ähnlicher Art sicher stellen mufs.“ Er trat darauf zu dem Tische und faſste Morton scharf ins Auge, als ob er hätte beobachten wol- len, welchen Eindruck die Pause eines furcht- baren Schwankens zwischen Leben und Tod, während welcher alle Umstehenden ein kalter Schauer zu überrieseln schien, auf den Gefangnen selbst machte. Morton behauptete einen Grad von Standhaftigkeit, die nur ein Gemüth, das nichts auf Erden zu lieben und zu hoffen zurück lieſs, in einem solchen Augenblicke zeigen konnte. „Seht Ihr ihn?“ sagte Claverhouse halb leise zu Evandale. Er steht da, schwankend auf der Gränze zwischen Zeit und Ewigkeit, eine Lage, furchtbarer als die gräſslichste Gewiſsheit. Aber seine Wange allein ist nicht erblaſst, sein Auge das einzige ruhige, sein Herz, das einzige, das seinen gewöhnlichen Pulsschlag behalten, und nur seine Nerven beben nicht.— Betrach- tet ihn genau, Evandale! Wenn dieser Mann an der Spitze eines Heeres von Aufrührern steht, so werdet Ihr viel zu verantworten haben für Euer Thun an diesem Morgen.“— Drauf sprach er laut:„Junger Mann, Euer Leben ist für jetat sicher, auf die Fürbitte Eurer Freunde!— Bringt ihn fort, Bothwell, und laſst ihn ordentlich be- 72. E 66 wachen, und ihn mit den andern Gefangenen weiter bringen.“ Wenn mein Leben,“ sagte Morton— denn der Gedanke, daſs er seine Rettung einem begün- stigten Nebenbuhler verdankte, war ihm uner- träglich—«mir auf Lord Evandale's Bitte gewährt ist—— Führt den Gefangnen hinweg, Bothwell,“ kiel der Oberst ein.«Ich habe keine Zeit, em- pfindsanze Reden zu halten oder anzuhören.“ Bothwell zog Morton mit Cewalt hinaus, und sprach zu ihm, als er ihn in den Hof führte: „Hattet Ihr noch drey Leben in der Tasche, aus- ser dem in Eurem Leibe, Junker, dafs Ihr Eurer Zunge erlauben konntet, so damit fortzurennen? Kommt, kommt, ich will nur dafür sorgen, daſs Ihr dem Obersten aus dem Wege kommt, denn wahrhaftig, Ihr würdet nicht fünf Minuten lang bey ihm seyn, ohne daſs es heifsen würde: An den nächsten Baum, oder in den nächsten Cra- ben! 80 kommt denn nur zu Ruren Miigefan- genen!" 5 ii diesen Worten zog der Wachtmeister, dem es, trotz seiner Rohheit, doch nicht an- Theilnahme für einen so muthigen jungen Mann fehlte, Morton in den Hof, wo drey andere Ge- fangene(zwey Männer und eine Frau), welche Loord Erandale mitgebracht, von einigen Drago- nern bewacht, warteten⸗ 67 Unterdefs nahm Claverhouse Abschied von der Dame vom Hause. Allein es ward dieser Letztern schwer, ihm zu vergeben, daſs er ihre Fürsprache vernachlässigt hatte. «Ich habe bisher geglaubt,“ sagte sie, das Schloſs Tillietudlem biete jedem, der in Lebens- gefahr ist, eine sichere Zuflucht dar, selbst wenn er den Tod noch so sehr verdient hätte— aber ich sehe wohl: alte Früchte werden unschmack- haft— unsere Leiden und unsere Dienste sind schon etwas Altes.“ «Ich werde sie nie vergessen, ich versichere Euch, meine gnädige Frau!“ antwortete Claver- house. Nichts, als was mir als heilige Pflicht erschien, konnte mich anstehen machen, eine Bitte zu gewähren, die von Euch und dem Major kam. Kommt, liebe gnädige Frau, laſst mich hören, dafs Ihr mir vergeben habt, und wenn ich heut' Abend zurichkehre, bring' ich Euch eine Heerde Whigs mit, zwey hundert Mann stark, und beguadige fünfzig davon Euretwegen.“ «Es wird mich freuen, von Eurem Siege zu hören,“ sagte der Major;«aber nehmt von einem alten Kriegsmann den Rath an: Schonet des Bluts, wenn die Schlacht vorüber ist. Und noch cin- mal, lafst mich Euch bitten, für den jungen orton meine Bürgschaft anzunehmen.“ «Wir machen das aus, wenn ich zurückkom- me,“ erwiederte Claverhouse.„Unterdefs verlaſst: Euch darauf, sein Leben ist sicher.“ 68„ Während dieses Cesprächs hatte Evandale sich ängstlich nach Edithe umgesehn, aber die Vor- sicht Hannchen Deunisons hatte schon dafür ge- sorgt, dafs ihre Herrin in ihr eignes Zimmer gebracht worden war. Langsam und zõgernd folgte er Claverhouses ungeduldigen Aufforderun- gen. Dieser war nach einem höflichen Abschiede von Frau Margarethen und dem Major schon in den Hof geeilt. Die Gefangenen waren bereits mit ihren Wächtern aufgebrochen, und die Offi- ciere und ihre Diener schwangen sich auf ihre Pferde und folgten ihnen nach. Alle eilten vor- wärts, die Hauptmacht einzuholen, denn man glaubte in nicht mehr als zwey Stunden dem Feinde gegenüber zu stehn. 69 —ℳV—ö———-ℳ ß----—OO Vierzehntes Kapitel. Fchweift, meine Hunde, herrenlos, IThr, meine Falken, hin und her! Mein Lehnsherr nehme hin mein Land, „ Denn nie zur Heimath kehr' ich mehr! Aus einer alten Ballade. Wir verliefsen Morton, wie er, nebst seinen drey Mitgefangenen, unter der Bedeckung eines Reiterhaufens weiter gebracht ward; dieser Hau- fen bildete den Nachtrab des Regiments, das unter Claverhouse stand, und ward von dem Wachimeister Bothwell befehligt. Ihr Weg ging nach dem Gebirge, wo die aufrührerischen Pres- byterianer unter Waſfen' seyn sollten. Sie waren noch keine Viertelstunde weit gekommen, als Claverhouse und Evandale, von ihren Ordon- nanzen gefolgt, vorübersprengten, um ihre Stel- 70 len in dem schon vorausmarschirten Regimente einzunehmen. Kaum waren sie vorbey, als Both- well seine Reiter halten und Morton die Ketten abnehmen lieſfs. «Königliches Blut muſs Wort halten, sagte er;«ich versprach Euch, Ihr solltet höflich be- handelt werden, so weit es von mir abhange. Korporal Inglis, laſst diesen Herrn neben dem andern jungen Gefangenen reiten; Ihr könnt sie so leise mit einander sprechen lassen, als sie Lust haben. Aber laſst sie durch zwey Glieder mit geladenen Carabinern bewachen. Suchen sie zu entwischen, so schiefst sie nieder.— Ihr könnt das nicht, Euch unhöflich behandeln, nennen,“ fuhr er, sich gegen Morten wendend, fort;«das ist Kriegsgebrauch„wie Ihr wiſst.— Und hört, Inglis, paart mir auch den Pfaflen und das alte Weib; die passen vortrefflich zu- sammen, hol' mich, der Henker! Die braucht nur ein einziges Glied zu bewachen. Hört Ihr ein Wort von ihrem Cewinsel, oder ihrem fana- tischen Unsinn, gebt ihnen ein Paar Hiebe mit der Schwertkoppel! Ein Pfaffe, der still seyn muſs, ist gestraft genug. Er mufs platzen vor Galle, wenn er nicht heraus damit darf.“ Nachdem er alles so angeordnet, stellte er sich an die Spitze seiner Schaar, und Inglis machte mit sechs Dragonern den Nachtrab aus. Darauf setzten sie sich sämmtlich in Trott, in 75 71 der Absicht, die Hauptmacht des Regiments ein- zuholen. Morton, auf den tausend verwirrende Gefühle einstürmten, sah gänzlich gleichgültig diesen verschiedenen Einrichtungen zu, die zu seiner sichern Verwahrung getroffen wurden, und war es sogar gegen die Erleichterung, die ihm die Abnahme der Ketien verschaffte. Er empfand jene Leere und Oede des Herzens, die auf den Sturm der Leidenschaft folgt, und nicht länger von dem Stolze und dem Bewufstseyn des Rechts unterstützt, das ihm seine Antworten an Claver- house eingegeben, überblickte er mit tiefer Nie- dergeschlagenheit die offenen Stellen des Waldes, durch welche der Weg sich zog, der mit jeder Wendung ihm ein Bild verschwundenen Glückes und getäuschter Liebe zurückrief. Von der Höhe, auf die sie jetzt kamen, konnte er die alte Burg zum ersten und zum letzten Male gewahren, wenn er kam oder heimkehrte, und es ist unnöthig hinzuzusetzen, daſs er hier zu verweilen gewohnt war, und mit dem Vergnügen eines Liebenden nach den Zimmern blickte, die fern aus dem hohen Walde ragten, und ihm die Wohnung der Liebsten zeigte, die er bald zu sehen hofſte, oder eben verlassen hatte. Unwillkührlich wendete er sein Haupt, um einen letzten Blick auf einen Ort zu werfen, der ihm einst so theuer war, und eben so unwillkührlich suels er einen tiefen Seuf- zer aus. Er ward durch ein lautes Stöhnen seines Unglücksgefährten beantwortet, der vielleicht von äahnlichen Betrachtungen bewegt, seinen Augen die nämliche Richtung gegeben hatte. Dies Zei- chen des Mitgefühls ward von Seiten des Gefan- genen freylich mehr auf rohe als empfindsame Weise gegeben, aber es war dennoch der Aus- druck eines bekümmeynten Gemüths, und stimmte darum zu Mortons Seufzer. Beyder Blicke be- gegneten sich, und Morton erkannte Luthbert Headriggs einfältiges Gesicht, dessen klägliche Miene Kummer um das eigene Loos, vermischt mit der Theilnahme an der Lage seines Gefähr- ten, ausdriickte. Nun, meiner Treu,“ hob der einstmalige Pfleger der Felder von Tillietudlem an,«'s ist doch eine seltsame Zeit, in der ehrlichg Leute qurch das Land geschleppt werden, wie ein Welt- wunder!“ „Es thut mir leid, Euch hier zu sehen, Luth- bert,“ sagte Morton, der über seinen Schmerz nicht das Mitgefühl für Anderer Unglück vergaſs. Mir auch, Junker Heinrich,“ erwiederte Luth- bert, um Euch und mich. Aber wenn’s uns auch noch so leid thut, das wird uns beyden nichts helfen, so weit ich sehen kann. PFrey- lich,“ fuhr er fort, undaschien scin Herz durch Sprechen zu erleichtern, obwohl er wuſste, daſs es ihm nichts nütze:«freylich, ich sollte eigent- „ 73 lich gar nicht hier seyn, denn ich habe niemals ein Wort gegen den König oder gegen einen Pfarrer gesagt; aber meine Mutter, das arme Weib! konnte das alte Maul nicht halten, und da miissen wir nun beyde dafür büfsen, wie es scheint.“ Eure Mutter ist auch gefangen P fragte Morton, der kaum wufste, was er sprach. «Freylich ist sie's; sie reitet hinter Euch drein, wie'ne Braut, mit dem alten Kerl von Pfaffen, Jem GCabriel Pauker. Scht Ihr, wir waren kaum in Milnwood zum Hause hinausgejagt, und Euer Oheim und die Haushälterin schlugen die Thür hinter uns zu, und verrammelten sie, als hätten wir die böse Krankheit am Leibe, da sagt' ich zu meiner Mutter: Was fangen wir nun ank Nun wird uns im ganzen Lande Thor und Thür verschlossen seyn, da Ihr die alte Edelfrau belei- digt habt, und gemacht, daſs die Reiter den jungen Milnwood fortgeführt haben. Aber sie antwortete: Sey Du nicht niedergeschlagen; son- dern gürte Dich zu dem groſsen Werke der Zeit, und gib wie ein Mann Zeugniſs auf dem Berge des Bundes!“ 3 So ginget Ihr wahrscheinlich ineine geistliche Versammlung P fragte Morton. Hört nur?" fuhr Luthbert fort.— Seht, weil ich nun gar nicht wuſste, was ich thun sollte, ging ich mit ihr zu so einem unklugen alten 74 Weibe, wie sie selber ist, und da gab's denn ein Bischen Wassersuppe und Haferkuchen, und eine Menge Cebete wurden hergesagt, und eine Menge Psalmen gesungen, ehe ich einhauen durf- te, so dafs ich vor Verdruſs fast verhungerte. Seht, heut' Morgen mußst ich auf, als der Tag graute, und wohl oder übel, mufst' ich mit ihnen fort zu einer groſsen Versammlung ihrer Leute, und da predigte der Kerl da, der Pauker, ihnen vom Hügel was vor, und wusch ihnen die Köpfe, und liefs sie Zeugniſs ablegen.— Hört, Junker Heinrich, der Kerl schrie Euch einmal seine Predigt her; Ihr hättet ihn eine halbe Meile weit hören können. Er brüllte wie eine Kuh, die in einen fremden Stall geführt werden soll. Seht,“ fuhr er fort, sich durch die Erzählung seines Unglücks erleichternd, und ohne sich darum zu bekümmern, ob sein Geſährte seinen Reden zu- hörte oder nicht,«eben als ich mich nach dem Ende sehnte, hiefs es auf einmal: die Dragoner kommen! Einige liefen davon, und Andere riefen Halt! und Andere schrieen: nieder mit den Phi- listern! Ich wollte meine Mutter nehmen und auch ausreissen, che die Rothröcke kämen, aber da hätt' ich Euch eben so gut unsern alten Zug- ochsen ohne Treiberstock vorwärts gebracht— nicht einen Schritt war sie fortzuschleppen. Nun scht, das Thal, in dem wir waren, war eng, und es war ein dicker Nebel; so würden uns wohl 75 die Dragoner verfehlt haben, wenn wir nur hät- ten das Maul halten können; aber als wenn der alte Pauker nicht schon Lärm genug gemacht hätte, um die Todten zu erwecken, ſingen sie nun an, einen Psalm zu schreyen, dafs Ihr's hättet drey Meilen in der Runde hören können. Nun, daſs ich's kurz mache, da kam auf einmal der junge Lord Evandale herbeygesprengt, so schnell als das Pferd nur fort konnte, und zwan- zig Rothröcke hinter ihm her. Ein Paar Kerle wollten fechten. Pistol und Degen in der einen Hand, und die Bibel in der andern; aber sie kriegten bald was auf die Müttze. Viel Schaden geschah indels doch nicht, denn Lord Evandale rief immer, sie sollten uns aus einander jagen, aber Blut schonen.“ Und Ihr wehrtet Euch nichtꝰꝰ fragte Morton, der in diesem Augenblicke fühlen mochte, daſs er sich dem Lord Evandale wohl um geringere Ursach willen gestellt haben würde. Ne, bewahre,“ erwiederte Luthbert,«ich war nur für die Alte bange, und schrie um Cnad' und Barmherzigkeit. Aber da kamen zwey Roth- röcke auf uns los, und einer wollte meine Mutter mit der flachen Klinge hauda; da zog ich vom Leder, und sagte, sie sollten's mal wagen! Nun kehrten sie sich aber zu mir, und fuhren mit ihren Schwertern auf mich ein, und nun wehrt ich mich, so gut ich konnte, bis Lord Evandale 76 Herankam. Da schrie ich, ich wäre ein Dienst- mann von Tillietudlem— Ihr wiſst, man sagt, er habe ein Auge auf das gnädige Fräulein— und der liefs mich die Klinge wegwerfen, und meine Mutter und ich mufsten uns nun gefangen geben. Ich denke, sie hätten uns wohl ent- schlüpfen lassen, aber der Pauker ward dicht neben uns gefangen. Denn Andres Wilsons Pferd, auf dem er ritt, hatte früher einem Dragoner gehört; und je mehr der Pauker es spornte, um davon zu kommen, je schneller lief das dumme Thier auf die Dragoner zu, sobald es sie sah.— Nu seht, wie meine Mutter mit dem erst zusam- men kam, war der Teufel los; sie zogen Euch gegen die Soldaten los, und brockten ihnen eine Suppe ein, die sich gewaschen hatte.— Nun war alles vorbey! Sie führten uns alle drey fort, um ein Exempel'zu statuiren, wie sie's nennen.“ Es ist ein schändlicher, unerträglicher Druck, sagte Morton, halb für sich.«Dieser arme, fried- liche Mensch, der plos aus kindlichem Gehorsam die Versammlung besuchte, wird gefesselt, wie ein Räuber oder Mörder, und soll vielleicht ster- ben, wie ein solcher, ohne daſs ihm einmal das Recht eines gericheichen Verhörs wird, das un- sere Gesetze dem ärgsten Missethäter gewähren! Nur Zeuge solcher grausamen Willkühr zu seyn, reicht hin, das Blut des zahmsten Sclaven in Aufruhr zu bringen, und um so mehr darunter zu leiden! „Ja, gewils,“ versetzte Luthbert, der, was Mor- ton im Zorn über seine ungerechte Behandlung hervorgestoſsen, gehört und zum Theil verstanden hatte; es ist nicht recht, von vornehmen Leuten ühel zu reden; das sagte meine alte Herrschaft auch immer, und die konnte wohl auch so sagen, denn sie gehörte ja selber zu den Vornehmen. Und ich hörte sie auch immer ganz geduldig an, denn nachher lieſs sie uns immer einen Mehl- brey geben, oder eine Kohlsuppe, oder so was, wenn sie uns von unsern Pflichten vorgepredigt hatte. Aber der Henker soll den Brey, oder den Kohl, oder überhaupt das holen, was uns die Herren in Edinburg geben! Nicht einen Schluck kaltes Wasser haben wir von ihnen gekriegt! Und doch köpfen und hängen sie unter uns, und schleppen uns hinter ihren hundsföttischen Dra- gonern her, und nehmen uns Hab und Gut, als ob wir vogelfrey wären. Ich kann eben nicht sagen, dafs mir das gefiele.“* Es würde auch sehr seltsam seyn, wenn dem so wäre,“ erwiederte Morton mit unterdrückter Bewegung. „Und was mir am schlimmsten von Allem ge- fällt,“ fuhr Luthbert fort,«das is, daſs die Prahl- hänse, die Rothröcke, unter unsere Mädchen kommen, und uns unsere Liebsten wegnehmen. Das Herz ward mir ganz schwer, als ich heut so aur Essenszeit durch die Felder nach Tillietudlem 78 ritt, und den Rauch aus meinem eigenen Schorn- stein steigen sah, und wuſste, es säfs' da jemand Anders, als meine alte Mutter am Herde. Aber wahrhaftig, das Herz ward mir noch schwerer, als ich den verfluchten Reiter, den Thomas Hal- liday, Hannchen Dennison vor meinen eigenen Augen küssen sah. Ich begreife gar nicht, wie die Weiber so unverschämt seyn können, und so was thun; aber in die Rothröcke sind sie wie vernarrt. Ich habe oft gedacht, selber ein Reiter zu werden, wenn ich sah, daſs ich mit Hannchen nicht anders fertig werden konnte. Und doch darf ich sie wohl auch nicht gar zu sehr her- untermachen; denn es war doch am Ende um meinetwillen, daſs sie sich von dem Thomas die Bandschleifen so zerknullen liefs.“ Um Euretwillen? fragte Morton, der einer Geschichte, welche eine besondere Aehnlichkeit mit der seinigen hatte, seine Theilnahme nicht versagen konnte. „ „Ja wohl, lieber Junker,“ versetzte Luthbert; „denn der Kerl erlaubte dem armen Dinge, als sie so schön mit ihm that— vor den Teuſel! sie hätt' es doch lieber lassen sollen!— zu mir zu kommen. Da sagte sie mir denn: Cott be- fohlen! und wollte mir Geld in die Hand drücken. Wahrhaftig, ich glaube,'s war die Hälſte von ihrem Lohn, denn die andere Hälfte hat sie für —— — 29 putz und Flitterstaat verquengelt, uns neulich nach dem Papagey schiefsen zu sehn.“ «Und nahmt Ihr es denn, Luthbert?“ fragte Morton. „I behüte, Milnwood; ich war so ein Narr, es hinter ihr her zu werfen; ich war so voller Aerger, dafs ich ihr nichts schuldig bleiben wollte, weil ich gesehn hatte, daſs der Bube sie leckte und küfste. Aber ich Narr habe mir nur selber geschadet. Es hätte meiner Mutter und mir von rechtem Nutzen seyn können, und sie wird's doch nur an Fähnchen und anderem dum- men Zeuge vertrödeln.“ Eine lange Pause folgte; Luthberten beschäf- nigte wahrscheinlich die Reue, dafs er seiner Liebsten Güte zurückgewiesen, und Heinrich Mor- ton sann nach, was für Mittel wohl das Fräulein gebraucht haben mochte, Lord Evandale zu sei- ner Fürsprache zu bewegen, oder unter welchen Bedingungen er sie ihr gewährt haben möchte. «Wäre es nicht möglich,“ flüsterte ihm die erwachende Hoſſnung zu,„daſs er ihren Einfluſs auf Lord Evandale voreilig und ungerecht be- urtheilt hätte? Durfte er sie tadeln, wenn sie vielleicht seinetwegen sich zur Verstellung herab- gelassen, und dem jungen Edelmanne erlaubt: hätte, Hoffnungen zu hegen, die sie nie zu er- füllen gedächte? Oder wie, wenn sie den Edel- muth, den Lord Evandale besitzen sollte, in. 8⁰ Anspruch genommen und es ihm zur Ehrensache gemacht hätte, einen begünstigten Nebenbuhler zu beschützen b“ Aber immer und immer wieder kamen ihm die Worte in das Gedächtniſs zuriick, die er heute vernommen, und er fühlte einen Schmerz, wie den Biſs einer Natter:«Nichis wollte sie ihm verweigern!“ War es möglich, uneingeschränk- ter den Vorzug, den sie ihm gab, zu erklären? Die Sprache der Liebe hatte für das jungfräuliche Zartgefühl keinen stärkern Ausdruck.«Sie ist ganz und auf immer für mich verloren! Nichts pleibt mir mehr als— Rache für mein eigenes Unrecht, und für das, was stündlich an meinem Vaterlande verübt wird.“ Wahrscheinlich hatte Luthbert unterdeſs einen ähnlichen Ideengang gehabt, wenn auch in etwas vergröberter Form; denn er flüsterte auf einmal seinem Begleiter zu:«Wär's denn wohl unrecht, wenn wir uns von den Kerlen losmachten, so- bald es gehen wollte 5 Nicht im mindesten,“ erwiederte Morton, «und wenn sich eine Gelegenheit, es zu thun, darbietet, werde ich wenigstens sie gewiſs nicht entschlüpfen lassen.“ «Das freuet mich, daſs Ihr das sagt, versetzte Luthbert. Ich bin nur ein geringer, einfältiger Kerl, aber ich kann mir nicht vorstellen, daſs was Böses dabey wäre, wenn wir uns mit Gewalt 8¹⁴ losmachten, sobald wir's vernünftiger Weisc können. Ich bin nicht der Kerl darnach, sich zu fürchten, wenn's an'’s Treffen geht, obgleich unsere alte gnädige Frau gesagt haben würde, das hiefse, sich des Königs Gewalt widersetzen.“ «Ich will mich jeder Gewalt auf Erden wider- setzen,“ erwiederte Morton,«die mit Willkühr meine verbrieften Rechte als freyer Mann ver- letzt; und ich bin enischlossen, mich nicht un- gerechter Weise in ein Gefängniſs, oder vielleicht an den Galgen schleppen zu lassen, wenn es mir möglich ist, diesen Menschen durch List oder Gewalt zu entfliehen.“ «Ja, so denke ich gerade auch, vorausgesetat, daſs wir eine ordentliche Gelegenheit, uns los- zumachen, haben. Aber Ihr sprecht da von ver- brieften Rechten. Das sind Dinge, die nur für Eures Gleichen, für Edelleute sind, ich, der ich nur ein Landmann bin, komme damit nicht durch.“ «Der Freybrief, von dem ich rede,“ versetzte Morton,«gehört auch dem geringstenSchottländer an. Es ist die Freyheit von Raub und Knecht- schaft, die schon der stel Paulus verlangt, wie Ihr wohl in der Schrift fen habt, und die jeder Mann, der frey geboren ist, vertheidigen soll, für sich und seine Landsleute.“* «Nun, das weiſs der Himmel,“ antwortete Luthbert,„da hätte ich lange warten können, 72. 3 che meine Herrschaft oder meine Mutter so einc kluge Lehre in der Bibel gefunden hätten. Die Eine blieb nur immer dabey, dem Kaiser zu geben, was des Kaisers ist, und die Andere ver- lor über ihr Geschwätz alle GCedanken. Ich bin ganz dumm im Kopfe geworden, so haben die beyden Alten auf mich eingeredet; wenn ich nur einen Edelmann wüſste, der mich in seine Dienste nähme, da wollte ich ein ganz anderer Mensch werden. Ich hoffe, Ihr werdet daran denken, was ich Euch gesagt habe, Herr Junker, wenn wir erst aus diesem Hause der Knechtschaft ganz erlöst sind, und mich au Eurem Kammerdiener nehmen. Nicht wahr?“ Mein Kammerdiener?“ antwortete Morton. Ach, mein Freund, das würde eine traurige Be- förderung seyn, selbst wenn wir frey wären!“ „Ich weifſs, was Ihr sagen wollt— Ihr meint, weil ich auf dem Lande aufgewachsen bin, so würde ich Euch Unehre machen vor den Leuten; aber Ihr müfst wissen, ich bin gar nicht auf den Kopf gefallen. Es ist keine Arbeit, die ich nicht leicht gelernt habe, ausgenommen Lesen, Schrei- ben und Rechnen. Aber im Ballspiel habe ich nicht meines Gleichen, und auf den Degen ver- stehe ich mich so gut, wie der Corporel Iglis da. Ich wollte ihm gleich eins versetzen, so groſs und breit er auch hinter uns her reitet.— Aber 8 83 wie ist das denn? Ihr bleibt ja wohl nicht im Landen" fuhr er, sich selbst unterbrechend, fort. «Wahrscheinlich nicht,“ erwiederte Morton. «Cut, daraus mach' ich mir nicht viel. Seht, da brächt' ich meine Mutter zu ihrer Schwester, der Muhme Crete, ins Hospital nach Glasgow. Dann wär'’ ich doch sicher, daſs sie sie niemals als eine Hexe verbrennten, oder als eine alte Aufrührerin aufhängten, oder daſs es ihr niemals an Essen und Trinken fehlte. Denn der Herr Aufseher soll recht gutthätig gegen solche arme Leute seyn. Und Ihr und ich, wir gingen und versuchten unser Glück, wie die Männer, von denen in dem alten Mährchen steht, wie Hanns der Riesentödter, und Valentin und Orson. Und dann kämen wir zurück in das liebe Schottland, und ich nähme dann die Pflugschaar wieder zur Hand, und machte Euch Furchen auf den Fel- dern von Milnwood, daſs es eine Herzenslust seyn sollte, sie anzusehn!“ Ich fürchte, meie guter Luthbert,“ versetzte Morton, es ist wenig Anschein, daſs wir je wieder zu unserer alten Lebensweise zurückkehren werden!“ «Ey was, lieber Herr,“ antwortete Luthbert, «es ist immer gut, wenn man sich das Herz nicht schwer werden lälst, wenn auch das Schiff noch so zerbrochen ans Land kömmt.— Aber was ist denn da wieder los?— Ich will verdammt seyn, wenn meine Mutter da nicht wieder predigt! Ich verstehe mich schon auf ihre Tonweise.'˙S klingt gerade, als wenn der Wind durch die Vorraths- kammer bläst. Und da pricht der Pauker auch wieder los! Goitt sey uns gnädig! Wenn die Sol- daten bös werden, schlagen sie sie beyde todt, und uns zur Gesellschaft.“ Ihr ferneres Gespräch ward in der That durch blöckende Töne unterbrochen, die sich hinter ihnen hören lieſsen, und in welchen die Stimme des Predigers mit der der alten Frau verschmolz, wie das Gebrumme der Baſspfeife mit dem Ge- quick einer zerbrochnen Geige. Anfangs hatten die beyden Leidensgefährten sich begnügt, mit einander in leisen Ausbrüchen des Jammers und des Unmuths zu klagen; aber das Gefühl des erlittenen Unrechts wurde schärfer und drücken- der, indem sie es einander mittheilten, und enalich vermochten sie nicht mehr, ihren Zorn- zurückzuhalten. „Wehe, wehe, und dreysnal- wehe über Euch bplutdürstige, gewaltthätige Verfolger l rief Ehren- Gabriel Pauker:«VWeh und dreyfach weh über Euch, bis zum Bruche der Siegel, dem Geschmet- ter der Trompeten, und dem Ausgusse der Phiolen:* 2 Ja, weh über Euch, bis zum Tage des Ge- richts,l rief die alte Magdali mit spitzigschnei- „ 8⁵ dendem Tone, einfallend, wie die zweyte Stimme in einem Canon. «Ich sag' Euch,“ fuhr der Geistliche fort,«daſs Euer Aufmarschieren und Reiten, daſs Euer Wie- hern und Zieren, daſs Euere bplutigen, barbari- schen und unmenschlichen Grausamkeiten, und dafs Eure heidnische Weise die Gewissen armer Geschöpfe durch seelenverdammende, lügneri- sche Eide zu betäuben, zu tödten und zu verfüh- ren, aufgestiegen sind von der Erde zum Himmel, wie ein schändlich und gräſslich ausgeschriener Meineid, um die Rache zu beschleunigen“—— Hier unterbrach ihn ein heftiger Husten.— Und ich,“ rief Magdalis in demselben Tone und fast zu gleicher Zeit, ich sage mit diesem meinem alten Athem, der da zu Grunde gerichtet ist durch Engbrüstigkeit und dies unbändige Reiten“—-— «Der Henker, ich wollte, sie müfste galop- piren,“ sagte Luthbert,«da müſste sie doch das Maul halten.“ «Mit diesem alten, kurzen Athem,“ fuhr Mag- dalis fort,«will ich Zeugniſs ablegen gegen den- Abpfall, die Abtrünnigkeit, die Entweihung und den Verfall des Landes— gegen die Beschwer- den und die Ursachen des Zornes.“ «Still, ich bitte Dich, still, gute Frau!“ sagte der Prediger, der sich eben von seinem heftigen Hustenanfall erholte, und nun durch Magdalis bessern Wind seine Bannsprüche umhergestreut sah;«still, und nehmt einem Diener des Altars nicht das Wort aus dem Munde! Ich sage, ich erhebe meine Stimme und verkünde Euch, daſs, bevor das Spiel ausgespielt ist, ja, daſs, che jene Sonne untergegangen, Ihr lernen werdet, dafs kein verzweifelter Judas, gleich Euerm Bi- schof Sharp, der an seinen Ort gebracht ist, dafs kein Heiligthum schändender Holofernes, gleich dem blutdürstigen Claverhouse, dafs kein ehr- geiziger Diotrephes, gleich dem Knaben Evan- dale, daſs kein habgieriger und weltlichgesinnter Demas, wie der, den Ihr Wachtmeister Both- well nennt, der die armen Wittwen beraubt und plündert, dafs weder Eure Carabiner, noch Eure pistolen, noch Eure Schwerter, noch Eure Rosse, noch Eure Sattel, Zügel, Steigbügel, Futterbeutel, noch Sprungriemen den Pfeilen widerstehen wer- den, die da geschmiedet werden, und dem Bogen, der da gegen Euch gespannt ist.“ «Nein,“ wiederholte Magdalis, nimmermehr werden sie ihnen widerstehen. Verworfen sind ssie allesammt, Besen der Zerstörung, die zu nichts taugen, wenn sie den Schmutz aus dem Tempel gefegt haben, als ins Feuer geworfen zu werden; Geifseln, aus kleinen Knoiten bestehend, geknüpft zur Züchtigung derer, die da ihr welt- Tich Hab und Gut mehr lieben, als das Kreuz und den heiligen Bund, und die, wenn das Werk gethan ist, dem Teufel zur Ruthe dienen werden.“ 87 Ich will verdammt seyn,“ sagte Luthbert zu Morton,«wenn meine Muiter nicht so gut wie der Pfarrer predigt!— S ist nur Schade, daſs er so den Husten hat, denn der meldet sich im- mer, wenn er gerade im besten Zuge ist, und das lange Geschrey, was er beut' Morgen voll- führt hat, ist ihm auch nicht zuträglich gewesen. Ich wollte, er überschrie sie, und hätte nachher alles allein zu verantworten. Es ist nur ein Glück, daſs der Weg hier zu rauh ist, als daſs die Dragoner vor dem Pferdegetrampel viel Acht haben können auf ihre Reden; wenn wir aber auf ebenen Boden kommen, dann werden wir wohl was erleben.“ Luthberis Vermuthung traf nur zu bald ein. Die Worte der Gefangenen waren von dem Lärm der Hufschläge auf dem rauhen, felsigen Wege übertönt worden; nun aber kamen sie auf sum- pfigen Boden, wo das Zeugniſs der beyden Eiferer dieser rettenden Begleitung ermangelte. Kaum hatten daher die Rosse den Rasen und Anger betreten, und Gabriel Pauker von Neuem begon- nen:«Also erhebe ich meine Stimme, wie ein Pelikan in der Wildniſs“— Magdalis aber hin- zugesetzt:«Und ich die Stimme, gleich dem Sper- ling auf dem Dache“y— so rief der Corporal von hinten:«Hollah! Haltet die Mäuler, oder ich will sie Euch stopfen!“ 88 Ich schweige nicht auf die Befehle des Fleisch- lichen,“ versetzte Gabriel. „Noch ich,“ fuhr Magdalis fort,«auf das Ge- heifs einer irdischen Scherbe, und wäre sie o0 roth angemalt, wie ein Ziegelstein vom Thurm zu Babylen und nennte sich Corporal.“ Halliday!“ rief der Corporal, hast Du keine Knebel bey Dir? Wir müssen ihnen die Mäuler stopfen, sonst sprechen sie uns alle zu Tode.“ Ehe eine Antwort erfolgen, oder sein Gebot vollzogen werden konnte, kam ein Dragoner auf den Wachtmeister Bothwell, der eine beträcht- liche Strecke vorausgeritten war, zugesprengt. Dieser hatte kaum die Befehle, welche jener brachte, vernommen, als er sogleich zurückritt, und sich an die Spitze seines Häufleins stellend, seinen Reitern befahl, mit geschlossenen Glie- dern und schweigender Behutsamkeit so schnell als möglich vorwärts zu reiten, da sie bald im Angesicht des Feindes seyn würden. — — 89 ————-—ℳͤ——— Fünfzehntes Kapitel. Quantum in nobis fanden wir für gut, Auf daſs wir schonten theures Christenblut, Zu prüfen es durch friedliche Vergleiche, Vielleicht der böse Geist der Zwietracht weiche. Zu sehn, ob wir ein gütlich Mittel fänden, Den blut gen Zweykamf ohne Streich zu enden. Butler. Der raschere Trab der Reiter raubte den eifern- den Gefangenen bald, wenn auch nicht die Lust, doch den Kthem, länger zu predigen. Sie waren nun schon über eine Viertelstunde aus den Hol- zungen heraus, die sie von Zeit zu Zeit noch antrafen, nachdem sie bereits den Wald von Tillietudlem hinter sich hatten. Nur einzelne Birken und Eichen beschatteten noch die engen Schluchten, oder bedeckten in zwanghaften Ge- 99 büschen die tiefen Ebenen des Moores. Aber auch diese verschwanden nach und nach, und ein weites, wüstes Land lag vor ihnen, das, zu dunkeln Haidechügeln anschwellend, zwischen- durch von tiefern Riemen durchschnitten war, durch welche im Winter Waldströme sich ge- waltsam Bahn brachen; im Sommer aber dienten sie dürftigen Bächlein zum weiten Bette, die sich mühselig über Steinhaufen und Kies, den Nach- lafs ihres winterlichen Tobens, hinwegwanden; gleich wie ein Prasser noch von den Folgen sei- ner ehemaligen Ausschweifungen und Thorheiten zu Crunde gerichtet wird. Diese wüste Gegend schien sich weiter auszudehnen, als das Auge reichen konnte; ohne Erhabenheit, selbst ohne die Würde einer Gebirgswildnifs, nur durch das ungeheuere Miſsverhältniſs ergreifend, in wel- chem sie mit den begünstigtern, für Anbau und menschliche Nachhülfe empfänglichern Theilen des Landes zu stehen schien, und darum den Betrachtenden das Gefühl der Allmacht der Natur aufdringend, und die Ueberzeugung, wie unwirk- sam die gerühmten Mittel der Verbesserung wer- den, welche der Mensch besitzt, wenn sie die Ungunst des Klimas und Erdreichs bezwingen sollen. 4 Es ist bemerkenswerth, daſs solche ausgedehnte Wüsten selbst denjenigen Wanderern, die sie in beträchtlicher Anzahl durchziehen, ein Gefühl 9¹ der Einsamkeit erweckt, so sehr wird die Einbil- dungskraft von dem Mifsverhältniſs zwischen der Oede rund umher und der Reisegesellschaft er- griſfen. So mögen die Clieder einer Caravane von tausend Wanderern, die durch die Wüsten von Africa oder Asien zieht, ein Gefühl des Al- leinseyns haben, welches dem einzelnen Reisen- den unbekannt bleibt, den sein einsamer Weg durch ein betriebsames und angebautes Land führt. Nicht ohne seltsam bewegte Empfindungen sah daher Morton den, Reiterhaufen, zu dem seine Wächter gehörten, in einiger Entfernung einen steilen und gewundenen Pfad mühsam ersteigen, der sich von der Ebene nach den Hügeln hinauf- schlang. Die Anzahl der Reiter, die furchtbar schien, so lange sie sich noch durch enge Hohl- wege drängten, und zwischen den Bäumen theil- weise sich zeigend und verschwindend, sich gleichsam vervielfältigte, erschien nun sehr zu- sammengeschmolzen, als ein einziger Blick sie übersehen, und sie in einer Landschaft von so unermeſslichen Verhältnissen betrachten konnte. Sie glichen hier mehr einer Heerde Hornvieh, als einem Haufen Soldaten, als sie so langsam den Hügel hinaufkrochen, und ihre Anzahl schien gering und verächtlich.«Wahrlich,“ sagte Mor- ton für sich,«einige wenige entschlossene Männer können jeden Engpafs hier im Gebirge gegen 9² solchen kleinen Haufen vertheidigen, wenn näm- lich ihre Tapferkeit ihrer Begeisterung gleich kommt.“ 1 Während er diese Bemerkung machte, hatte die schnelle Bewegung der Reiter, die ihn be- wachten, sie schon in die Nähe ihrer Cefährten gebracht, und ehe noch die Vordersten davon den Gipfel des Hügels erreicht hatten, den sie hin- aufstiegen, hatte sich ihnen schon Bothwell mit seinem Nachtrabe und seinen Gefangenen ange- schlossen. Die groſsen Schwierigkeiten des We- ges, der abwechselnd steil und sumpfig war, verhinderte das schnelle Weiterkommen der Rei- ter, besonders der Nachhut; denn die Pferde der Erstern wühlten den Morast des Weges auf, und machten ihn so tief, daſs die ihnen Folgenden zuletzt gezwungen waren, den gebahnten Pfad zu verlassen, und sich auf gut Glück einen bessern zu suchen. Bey dieser Gelegenheit wurden die Drangsale des Predigers und der alten Magdalis noch ver- mehrt, als die rohen Soldaten, die sie bewachten, sie zwangen, mit aller Gefahr, die so ungeübte Reiter laufen, über Gräben und Cewässer zu setzen, oder ihre Pferde durch Moräste und Sümpfe zu treiben. Mit der Hülfe des Herrn bin ich über Mauern gesprungen,“ rief die alte Magdalis, als ihre rohen Begleiter sie zwangen, über die Torfein- 93 fassung einer verlassenen Hürde zu sprengen, bey welchem Unternehmen ihr Kopfzeug weit davon flog, daſs nun ihr graues Haar im Winde flatterte. aIch bin in tiefen Morast gesunken, in grund- lose Tiefen,“ schrie Pauker,«ich bin in tiefes Wasser gerathen, die Wellen flieſsen über mir zusammen! als sein Pferd bis an die Steigriemen in eine Pfütze gerieth, und von unten schwarze Ströme emporsprangen und dem gefangenen Geistlichen Antlitz und Kleider besprützten. Diese Ausrufungen erweckten das schallende Gelächter ihrer Begleiter, bald aber fanden Er- eignisse Statt, die Alle ernsthaft genug machten. Die vordern Heihen des Regiments hatten bey- nahe den Gipfel des steilen Hügels, von dem wir vielfach gesprochen, erreicht, als einige Reiter, die bald als zu denen gehörig erkannt wurden, welche man auf Kundschaft ausgesandt hatte, in vollem Galopp auf sie zugesprengt kamen. Ihre Rosse schnaubten, und die Männer schienen eiligst zu fliehen. Ihnen folgten auf dem Fuſse fünf bis sechs Reiter, mit Schwert und Pistolen bewaffnet, die oben auf dem Berge stillhielten, und die heranrückende Leibwache betrachteten. Einige, die Schiefsgewehre hatten, safsen ab, und wohlbedächtig zielend, feuerten sie auf die vor- derste Reihe des Regiments, wodurch zwey Rei- ter, und einer von ihnen bedeutend, verwundet wurden. Sie schwangen sich darauf wieder auf 94 ihre Pferde und verschwanden hinter dem Berg- rücken; ihr Ruckzug zeigte aber so viel Kaltblu- tigkeit, dals man deutlich ersehen konnte, die Annäherung einer so beträchtlichen Streitkraft schrecke sie nicht, und es sey hinter ihnen eine hinlängliche Anzahl von Kriegern zu ihrem Schutze gerüstet. Dieser Vorfall veranlafste durch den ganzen Reiterhaufen einen Stillstand, und während Cla- verhouse selbst den Bericht seines Vortrabs, der so zu der Hauptmacht zurückgetrieben worden war, vernahm, ritt Lord Evandale, nach dem Berggipfel vor, über welchen die feindlichen Rei- ter sich zurtickgezogen hatten; der Major Allan, der Fähnrich Graham und die übrigen Officiere aber waren beschäftigt, das Regiment von dem schlechten Boden hinwegzubringen und es am Abhange des Berges in zwey Linien, von denen eine die andere deckte, aufzustellen. Darauf ward der Befehl zum Vorwärtsgehn gegeben, und in wenig Minuten stand die erste Linie auf dem Gipfel und sah nach der andern Seite hinunter. Die zweyte Linie nebst dem Nachtrabe und der Gefangenen war dicht hinter ihr, so daſs Morton und scine Mitgefangenen gleicher Weise beob- achten konnten, welcher Widerstand der anrük- kenden Reiter harrte. Der Berg, auf welchem die königliche Leib- wache jetzt stand, senkte sich jenseits in einen 95 sanften, wohl tausend Schritte langen Abhang, der sich zuletzt in eine sumpſige Ebene verlor. Der Boden, obgleich an einigen Stellen ungleich, machte dennoch dic Bewegungen der Reiterey niezzt unmöglich. Durch die ganze Länge des Thales zog sich ein natürlicher oder künstlicher tiefer Craben, dessen Ufer voll Quellen und was- sergefüllte GCruben waren, woraus man Torf und Braunkohlen zu stechen pflegte; auch stand hier und dort zerstreutes Erlengehölz, das die Feuch- tigkeit so liebt, daſs es fortfährt, da als zwerg- haftes Gebüsch zu leben, wo der ungünstige, schwammige Boden ihm nicht verstattet, als Baum aufzuschiefsen. Jenseits dieses Canals oder Grabens stieg der Boden wieder zu einem Hügen empor, an dessen Fufs die Kriegsmacht der Kufrührer sich anfge- stellt hatte, um, wie es schien, das schützende Sumpfthal zu vertheidigen, und des Kampfes gewärtig. Das Puſgvolk war in drey Reihen aufgestellt. Die erste Linie stand, ziemlich gut mit Schieſs- gewehren bewaffnet, fast dicht am Rande des Sumpfes, so daſs sie, Feuer gebend, der feind- lichen Reiterey, wenn sie den andern Hugel hinabkam, beträchtlichen Schaden zufügen muſste, und ihr vollends in dem Versuch, sich über den Morast zu wagen, hinderlich seyn konute. Hinter dieser ersten Linie stand eine Abtheilung Piken- 96 männer, zur Unterstützung der Vordern bestimmt, im Fall die Dragoner den Durchritt durch das Moor erzwingen sollten. Dahinter befand sich die dritte Reihe, die aus Landleuten bestand, und mit Sensen, Heugabeln, Aexten, Knütteln, Ochsenziemern, Beilen oder andern ländlichen Werkzeugen bewaffnet war, welche die Wuth in kriegerische Waſffen verwandelt hatte. An jeder Seite des Fufsvolks stand ein kleiner Haufen Reiter aufgestellt, ein wenig hinter den Sumpf, als hätten sie sich trochnen und guten Boden zum Kampf ausersehn, wenn es der feind- lichen Reiterey gelingen sollte, sich einen Weg zu bahnen. Sie waren meist schlecht bewaffnet, noch schlechter beritten, aber voll Eifer für die Sache. Es waren gröſstentheils kleine Landeigen- thümer oder wohlhabende Pächter, die vermögend genug waren, zu Pferde zu. dienen. Einige von ihnen, die vorhin die königliche Vorhut zurück- getrieben hatten, kamen nun langsam wieder zu ihrem Haufen geritten. Es schien, als Müren sie die Einzigen des Insurgentenheeres, in denen Be- wegung sey. Alle Andern standen fest und re- ſungslos, wie die grauen Steine, die um sie her auf der Haide zerstreut lagen. Die ganze Anzahl der Insurgenten mochte ohn- gefähr tausend Mann betragen. Von diesen be- standen aber kaum hundert aus Reitern, und kaum die Hälfte war erträglich bewaffnet. Die 97 Treſſlichkeit ihrer Stellung jedoch, ihr Bewuſst- seyn, einen verzweifelten Schritt gethan zu haben, ihre Ueberzahl, vor Allem aber ihr begeisterter Eifer, ersetzte in den Augen ihrer Anführer den Mäagel an Waflfen und kriegerischer Uebung. Am Abhange des Hügels, der sich über ihrer Schlachtlinie erhob, sah man Weiber und Kin- der, welche ihr, der Verfolgung widerstrebender, Eifer in die Wildniſs getrieben hatte. Sie schie- nen dort zu stehen, um dem Kampfe zuzusehn, durch welches ihr eigenes Geschick, wie das ihrer Väter, Männer und Söhne, entschieden werden sollte. Durch das laute Geschrey, das sie erhoben, als sie die glänzenden Reihen ihrer Feinde auf der jenseitigen Anhöhe erblickten, feuerten sie, gleich den Frauen der alten Deutschen, ihre Verwandten an, dasjenige bis auf das Aeusserste zu verfechten, was ihnen das Theuerste war. Solche Ermunte- rungen schienen auch volle und kräftige Wirkung zu haben, denn ein wilder Ruf, welcher bey Er- scheinung der Soldaten von Glied zu Glied lief, verkündete den Entschlufs der Insurgenten, bis auf den letzten Mann zu streiten. Als die Reiter auf dem Gipfel des Berges auf- gestellt standen, erschallten ihre Trompeten und Pauken, drohend und herausfordernd, in kühnen, kriegerischen Tönen, welche durch die Wüste hallten, wie der schmetternde Ruf des Würg- 72. G 98 engels. Zur Antwort vereinten die Wandrer ihre Stimmen, und sangen in feyerlicher Weise die ersten Verse des sechs und siebenzigsten Psalms: Gotft ist in Juda bekannt, in Israel ist sein Name herrlich! Zu Salem ist sein Gezelt und seine Wohnung zu Zion. Daselbst zerbricht er die Pfeile des Bogens, Schild, Schwert und Streit.— Du bist herrlicher und mächtiger, denn die Raubeberge!“ Ein Geschrey, oder vielmehr ein feyerlicher Zuruf begleitete den Schlufs der Verse. Nach einer Todtenstille begannen die Insurgenten, wel- che in der Vernichtung der Assyrer eine Weissa- gung für den Ausgang ihres eigenen Kampfes fanden, von Neuem:. Die Stolzen müssen beraubt werden, und ent- schlafen, und alle Krieger müssen die Hände lassen sinken!"² Von Deinem Strafruf, Cott Jakobs, sinken in Schlaf beyde, Roſs und Wagen!“ Ein zweyter Beyfallsruf folgte und darauf ein tiefes Stillschweigen. 3 Während diese feyerlichen tausendstimmigen Klänge zwischen den öden Hügeln nachhallten, blickte Claverhouse mit grofser Aufmerksamkeit in den Grund hinab, und auf die Schlachtord- nung, welche die Wandrer angenommen; ent- schlossen, wie! es schien, den Angriff abzu- warten.. — — — — 99 Die Kerle,“ sagte er,«müssen einige alte Sol- daten unter sich haben; ein Bauer hat diesen platz nicht ausgesucht.“ «Man sagt als gewiſs, dafs Burley unter ihnen sey,“ antwortete Lord Evandale,«auch Hack- stoun von Rathillet, Paton von Meadow-Head, Claland und andere kriegserfahrne Männer.“ «Das habe ich gleich aus der Art geschlossen,“ erwiederte Claverhouse,«mit welcher jene Reiter über den Graben sprengten, als sie auf ihren Standort zurückkehrten. Es war leicht zu sehen, daſs einige rundköpfige Soldaten, ächte Söhne. des alten Bundes, darunter wären. Wir müssen die Sache eben so klug als kühn anfangen. Evan- dale, lafst die Officiere sich auf jener Anhöhe versammeln!“* 4 Er trat zu einem kleinen moosbewachsenen Steinhaufen, wahrscheinlich die Ruhestätte eines Celtischen Häuptlings der Vorzeit, und bald stan- den die Officiere um ihn versammelt. Ich habe Euch nicht als einen förmlichen Kriegsrath zusammenberufen, meine Herren,* hob Claverhouse an, denn nie werde ich auf Andere die Verantwortlichkeit wälzen, welche mein Rang mir auferlegt. Ich möchte nur Eure Meinungen wissen, und wie's die meisten Men- schen machen, wenn sie Rath begehren, behalte ich mir die Freyheit vor, meinem eigenen zu folgen.— Was sagt Ihr, Fähnrich Craham, 100 sollen wir die Kerle angreifen, die da unten brüllen? Ihr seyd der Jüngste und Hitzigste, darum redet zuerst.“ «So lange ich die Ehre habe, die Standarte der Leibwache zu tragen,“ entgegnete der junge Gra- ham,«soll sie mit meinem Willen sich nie vor Aufrührern zurückzichen. Ich sage: Darauf, in Cottes und des Königs Namen!“ Und was sagt Ihr, Allan d» fuhr Claverhouse fort.«Denn Evandale ist so bescheiden, dafſs er nimmermehr sprechen wird, ehe Ihr gesagt, was Ihr zu sagen habt.“ „Die Kerle,“ erwiederte der Major, ein alter, erfahrner Krieger,«haben Drey oder Vier gegen Einen von uns. Ich würde nicht darnach fragen, wären wir auf ebenem Boden, aber ihre Stellung macht sie furchtbar stark, und sie zeigen eben keine Lust, sie zu verlassen. Ich denke daher, mit Erlaubniſs des Fähnrichs Graham, wivziehen uns nach Tillietudlem zurück, besetzen den Paſs zwischen den Hügeln und dem offenen Lande, und schicken zum Lord Rofs, der mit einem Regimente Fufsvolk in Glasgow liegt, nach Ver- stärkung. Auf die Weise schneiden wir sie von dem Thale des Clyde ab, und zwingen sie, ent- weder aus ihrer Verschanzung herauszukommen, und uns auf ebenem Boden eine Schlacht zu liefern, oder sie bleiben hier, und wir greifen sie an, 2o bald Fufsvolk zu uns stöfst, und wir -— — 101 im Stande sind, uns zwischen diesen Sümpfen, Pfuhlen und Gräben mit Erfolg zu bewegen.“ Pah!“ rief der junge Graham;«was hilft eine feste Stellung, wenn nur ein Haufen psalmsin- gender alter Weiber sie schütztbn «Ein Mann,“ versetzte der Major,«ſicht darum nicht schlechter, wenn er auch Bibel und Psalm ehret. Diese Kerle werden hartnäckig seyn wie Stahl: ich kenne sie von Alters her!* «Still, Ihr Herren!“ sagte Claverhouse.«Das sind unzeitige Erörterungen.— Euer Rath würde mir gefallen, Major Allan, hätten unsere Schur- ken von Kundschaftern, die es auch noch theuer bezahlen sollen, uns bey Zeiten von des Feindes Anzahl und Stellung benachrichtigt. Da wir uns aber einmal in Schlachtordnung gezeigt haben, so würde unser Rückzug aussehn wie arge Furcht, und die Losung eines allgemeinen Aufstandes im Westen seyn. Und in diesem Falle könnten wir nicht mehr auf Unterstützung von Lord Roſs rechnen, da er leicht von uns abgeschnitten wer- den könnte, ehe wir uns mit ihm zu vereinigen im Stande wären, oder ehe er uns erreichen könnte. Ein Rückzug würde in der königlichen Sache eine eben so schlimme Wirkung haben, wie der Verlust einer Schlacht;— und an den Unterschied in Hinsicht unsrer persönlichen Ce- fahr, denkt kein Cavalier, dessen bin ich gewiſs. Es muſs doch in dem Morast irgend eine Stelle 102 zu finden seyn, durch welche wir uns den Weg bahnen können, und sind wir nur einmal auf festem Boden, so ist hoffentlich kein Mensch unter der Leibwache, der daran zweifelt, daſs unsere Schwadronen, wenn auch gering an Zahl, noch zweymal so viel ungeschickte Bauernlümmel in den Staub treten können.— Was meint Ihr, Lord Evandale 5 Ich denke,“ erwiederte dieser,«wir werden einen plutigen Tag haben, mög' er ablaufen, wie er wolle. Wir werden manchen braven Kerl verlieren und wahrscheinlich genöthigt seyn, viele von diesen miſsleiteten Menschen hinzumetzeln, die bey allem doch so gut Schotten und Unter- Khanen König Karls sind, als wir.“ «Empörer! Empörer! die nicht verdienen, Schotten oder Unterthanen zu heiſsen,“ fiel Cla- verhouse ein: aber sprecht, wo wollt Ihr hinaus 9 «Unterhandelt mit diesen unwissenden, irre geleiteten Menschen.“ .r Unterhandeln mit Empörern, die die Waffen in den Händen haben? Nie, so lange ich lebe!“ rief der Oberst. «Sendet wenigstens einen Trompeter und eine Waſſenstillstandsfahne an sie ab,“ fuhr Lord Evandale fort,« und lafst sie auffordern, die Waſlen niederzulegen, und auseinander zu gehen, gegen das Versprechen der Begnadigung. Ich —,— 103 habe oft gehört, wenn das vor der Schlacht bey den Pentlandhügeln geschehen wäre, so würde viel Blut erspart worden seyn.“ Ja,“ versetzte Claverhouse;« aber wer Teufel denkt Ihr, wird diese Aufforderung den unbän- digen, verzweifelten Schwärmern überbringen wollen? Sie erkennen keine Kriegsgesetze. Ihre Führer, die sämmtlich zu den Mördern des Erz- bischofes gehören, fechten mit einem Stricke um den Hals, und sind im Stande, den Abgesandten zu tödten, blos um ihre Anhänger mit Blut zu besudeln, wie sich selbst, und ihnen, wie sich, jede Hoffnung auf Verzeihung zu nehmen.“ Ich selber will gehen,“ sprach Evandale, awenn Ihr mir es erlauben wollt. Ich habs oft mein Blut gewagt, um fremdes zu vergieſsen, lalst mich's jetzt wagen, um Menschenleben zu schützen.“ EIhr nicht sollt diese Botschaft verrichten, Herr Rittmeister,“ erwiederte Claverhouse.«Euer Rang und Eure Stellung machen Euch dem Lande zu einer Zeit, wo gute Grundsätze so selten sind, zu wichtig. Hier aber ist meines Bruders Sohn, Richard Graham; der fürchtet weder Schufs noch Hieb, als wenn der Teufel ihn fest gemacht hätte, wie die Schwärmer von seinem Oheim iwissen wollen; er soll eine Stillstandsfahne nehmen, und mit einem Trompeter nach dem Moore hin- 104 abreiten und sie auffordern, ihre Walfen nieder- zulegen und aus einander zu gehen.“ Mit Freuden, Herr Oberst,“ versetzte der Fähnrich;«ich will meine Halsbinde an eine Lanze binden, statt einer weifsen Flagge. So ein schönes Spitzen-Fähnchen haben die Kerle in ihrem Leben noch nicht gesehn.“ «Herr Oberst,“ sagte Evandale, während jener sich zum Aufbruch rüstete, dieser junge Mann ist Euer Neffe und wahrscheinlich Euer Erbe. Um Cotteswillen, laſst mich gehn! Ich gab den Rath und muſs für die Cefahr stehen.“ «Und wäre er mein einziger Sohn,“ erwiederte Claverhouse, hier wär's nicht Zeit, ihn zu schonen. Ich hoffe, meine persönlichen Neigun- gen werden meiner Dienstpflicht nie in den Weg treten. Wenn Richard Graham fällt, so trifft der Verlust meist nur mich; müsset Ihr sterben, so würde König und Vaterland leiden.— K ommt, Ihr Herren, jeder auf seinen Posten! Wenn unser Aufruf abgewiesen wird, so greifen wir gleich an, und— wie das alle Schotlsche Wap- pen sagt: Gott schülze das Recht!* 105 Sechzehntes Kapitel. Wie manchen Stoſs, wie manchen Sohlag, Mit Lanz' und Schwert sah dieser Tag! Hudibras. Der Fähnrich Richard Graham ritt, die selbst- gemachte Flagge in der Hand, den Hügel hin- unter, und liefs sein wohlabgerichtetes Pferd nach der Tonweise, die er pfiff, munter springen. Der Trompeter folgte. Fünf bis sechs Reiter, die einigermafsen das Ansehn von Oflcieren hat- ten, kamen von jedem Hügel des Presbyterianer- Heeres vorgeritten, vereinigten sich in der Mitte, und näherten sich dem Graben, der durch die Schlucht lief, so sehr es der Morast erlauben wollte. Auf diesen Haufen ritt Graham zu, blieb aber diesseits des Sumpfes. Die Blicke beyder Hccrhaufen waren auf ihn gerichtet, und ohne 106 ihren Muth herabsetzen zu wollen, dünkt es uns wahrscheinlich, daſs der Wunsch auf beyden Seiten allgemein war, durch diese Cesandtschaft Gefahr und Blutvergiefsen verhüten zu sehn. Als der junge Craham denen, die sich durch ihr Vorreiten, den Abgeordneten zu empfangen, als die Anfährer zu erkennen zu geben schienen, gegenüber stand, liefs er seinen Trompeter das Zeichen geben, daſs er eine Unterredung begehre. Die Insurgenten hatten kein Instrument der Kriegsmusik, um gebührend zu antworten; einer von ihnen fragte daher mit lauter, starker Stim- me, warum er sich ihrem Lager nähere? Der Fähnrich erwiederte:«Euch aufzufordern, im Namen des Königs und des Obersten Johann Gra- ham von Claverhouse, der beauftragt ist von dem verehrungswerthen Staatsrath von Schottland, die Waffen niederzulegen, und das Volk zu entlassen, das Ihr den Gesetzen Gottes, des Königs und des Reichs zuwider zum Aufruhr verleitet habt!* Kehre zu denen zurück, die Dich senden,“ antwortete der feindliche Anführer,«und sage ihnen, dafs wir jetzt unter den Waſſen sind, um des gebrochenen Bundes und der verfolgten Kir- che willen; sage ihnen, daſs wir dem zügellosen und meineidigen Karl Stuart, den Ihr König nennt, entsagen, gleichwie er dem Bunde ent- sagte, den er doch wieder und wieder beschworen 8 hatte, zu vollzichen, aus allen Kräften, Wahr 107 haft, treulich und aufrichtig, all sein Lebelang, da er keine Feinde hatte, als die Feinde des Bundes, und keine Freunde, als die Freunde desselben. Aber statt seinen Eid zu erfüllen, zu dem er Cott und Engel zu Zeugen gerufen, war sein erster Schritt, nach seiner Rückkehr ins Königreich, das göttliche Vorrecht des Allmäch- tigen frevelhaft an sich zu reissen, indem er jene scheufsliche Acte aufstellte, durch welche er sich selber zum Oberherrn der Kirche erklärte. Ferner vertrieb er ohne Anklage, ohne Beschuldigung, ohne den ordentlichen Pchtsgang, Hunderte von berufenen, treuen Predigern, und rifs dadurch das Brod des Lebens den armen hungrigen Ce- schöpfen Gottes aus dem Munde, um ihnen die kraft- und saftlose, laue, ungesalzne Speise der vierzehn falschen Prälaten, und ihrer schmarotze rischen, weltlichen, fleischlichen und schänd- lichen Creaturen, die sich Geistliche nennen, in die Gurgel zu stopfen.“ Ich bin nicht gekommen, Euch predigen zu hören,“ antwortete der Officier.«Mit einem Worte will ich wissen, ob Ihr auseinander gehen wollt, mit der Vergünstigung einer allgemeinen Begnadigung, von welcher nur die Mörder des Erzbischofs von St. Andreas ausgeschlossen seyn sollen; oder ob Ihr den Angriff des königlichen Rehments erwarten wollt, der sogleich erfolgen soll.* „ 108 «Mit einem Worte denn,“ versetzte der Spre- cher,«wir stehen hier, das Schwert um die Hüften gegürtet, wie Männer, die da wachen in der Nacht. Wir stehen Alle für Einen Mann, gleich Brüdern im Rechtthun. Das Blut dessen, der uns angreift in unserer guten Sache, komme über sein eigenes Haupt! Kehr' also zu denen zurück, die Dich gesendet, und möge Cott ihnen und Dir die Einsicht geben, dafs Ihr auf bösen Wegen wandelt.“ aIst nicht Euer Name Hanns Balfour von Bur- ley P“ fragte der Fähnmait, der sich zu erinnern begann, den Wortlührenden schon geschen zu haben. «Und wenn es so wäre,“ entgegnete der Spre- cher,«hast Du etwas dagegen zu sagen?? Nur das,“ erwiederte der Fähnrich,«dafs ich nicht Euch, der Ihr im Namen des Königs und meines Obersten ausgeschlossen seyd von der Be- gnadigung, sie anbiete, sondern allein diesen Landleuten. Nicht mit Euch und Euers Gleichen habe ich also zu unterhandeln.“ «Du bist ein junger Soldat, Freund,“ versetzte Burley,«und kaum ausgelernt in Deinem Ge- werbe; sonst würdest Du wissen, daſs der Waf- fenstillstandsherold nur durch seine Officiere mit einem Heere unterhandeln kann; und daſs er, wenn er sich anders zu handeln erkühnt, scin sicheres Geleit verwirkt.“ „ „ 109 Bey diesen Worten nahm Baurley sein Schiefs- gewehr aus dem Riemen und spannte den Hahn. Die Drohungen eines Mörders sollen mich nicht abschrecken, meine Pflicht zu thun,“ sprach der Fahnrich Graham. Hört mich, Ihr guten Leute, im Namen des Königs und meines Ober- sten, verspreche ich volle Verzeihung Euch Allen, ausser“—— Ich warne Dich redlich!“ rief Burley, das Gewehr anlegend. «Volle Verzeihung All u,“ fuhr der junge Mann fort, zu den Truppen der Insurgenten gewendet, «nur nicht—— «So sey Cott Deiner Seele gnädig— Amen!* rief Burley. Bey diesen Worien drückte er ab, und Richard Graham sank vom Pferde. Der Schufs war tödt- lich. Der arme junge Mann hatte nur noch Kraft, indem er auf dem Boden sich wand, mit bre- chender Stimme zu sagen:«Meine arme Muiter!* ehe er das Leben aushauchte. Sein erschrockenes Pferd rannte zu dem Regimente zurück, und kaum weniger bestürzt, folgte ihm sein Be- gleiter. Was habt Ihr gethanb“ rief einer von den Anfübrern unter Balfours Waffengefährten. „ Meine Pflicht!» antwortete Balfour fest. „Steht nicht geschrieben: Du sollst selbst erschla- gen in deinem Eiferp Jetzt waga einmal Einer 110 vom Waſlenstillstande oder Verzeihung zu sprechen!" Claverhouse sah seinen Neſſen fallen. Er wandte sein Auge auf Evandale, während eine unbeschreiblich schmerzliche Bewegung über seine heitern Züge zuckte, und sagte kurz: a Ihr seht den Erfolg!“ „Ich will ihn rächen oder sterben!» rief Evan- dale, und sein Pferd spornend, sprengte er wüthend den Berg hinunter, gefolgt von seinen Leuten und denen des Ermordeten, die, ohne Befehl zu erwarten, hinunter eilten. Jeder wollte der Vorderste seyn, den jungen Officier zu rächen, und ihre Glieder geriethen bald in Unordnung. Sie hatten die erste Linie der Königlichen gebil- det. Umsonst rief Claverhouse:«Halt! Halt! Dieser Ungestüm muſs uns verderben!“— Alles, was er bewirken konnte, indem er längs der zweyten Linie dahin sprengte, bat, befahl und selbst mit dem Schwerte drohte, war, dafſs er sie abhielt, einem so gefährlichen Beyspiel zu folgen. «Allan,“ sagte er, als er die Reiter etwas be- deutet hatte,«führt sie langsam den Hügel hin- unter, dem Lord Evandale beyzustehn, der es nöthig genug brauchen wird.— Bothwell, Du bist ein kaltblütiger, kühner Kerl“— 4 „Ja,“ murmelie Bothwell;«in einem solchen Augenblicke füllt es ihm ein.“— 1 111 Führe zehn Mann das Thal rechis hinauf, fuhr der Befehlshaber fort;«laſs kein Mittel un- versucht, durch den Sumpf zu kommen. Falle den Aufrührern in die Seite und in den Rücken, wenn sie vorn mit uns zu thun haben.“ Bothwell gehorchte, und brach eiligst mit sei- ner Schaar auf. Unterdefs war das Unglick, welches Claver- house fürcktete, über Lord Evandale eingebro- chen. Die Reiter, die mit ihm sich dem Feind entgegen gestürzt hatten, wurden in ihrem regel- losen Ritt durch den unwegsamen Boden ge- hemmt. Einige blieben in dem Moraste stecken, als sie versuchten hindurch zu sprengen, andere wichen zurück und blieben am Rande, wieder andere ritten abseits, um eine Stelle zu suchen, die zum Uebergang günstiger sey. Unterdeſs feuerte das feindliche Fufsvolk, die erste Reihe knieend, die zweyte gebickt und die dritte auf- recht stehend, ununterbrochen und zerstörend auf sie ein. Mancher Sattel war leer und die Unordnung der Reiter zehnfach vermehrt. Dem Lord Evandale war es während der Zeit gelungen, an der Spitze einiger wohlberittenen Leute über den Graben zu setzen; kaum war er aber jen- seits, als er von der feindlichen Reiterschaar links angegriffen ward, welche durch die geringe Anzahl der Gegner, die sich durch das Moor ge-. arbeitet, ermuthigt, mit der gröfsten Wuth und 112 mit dem Geschrey auf sie einstürzte: Nieder mit den unbeschnittnen Philistern! Nieder mit ihnen! Der junge Edelmann focht wie ein Löwe; aber die Meisten der ihm Gefolgten waren ge- tödtot, und er selbst entging diesem Schicksale nur durch das Gewehrfeuer, das Claverhouse, der inzwischen mit der zweyten Linie bis an den Graben gekommen war, sowirksam auf den Feind losbrennen liefs, daſs Reiter und Fuſsvolk einen Augenblick zu wanken begannen, und Lord Evan- dale sich dem ungleichen Kampfe entzichen, und, sich fast allein findend, sich über den Sumpf zurückziehen konnte. Aber die Insurgenten wur- den, trotz des Verlustes, den sie durch Claver- houses erstes Cewehrfeuer erlitten, bald gewahr, dafs sowohl in Hinsicht der Ueberzahl, als der Stellung, der Vortheil so entschieden auf ihrer Seite sey, dafs es nur einer kurzen, entschlosse- nen Vertheidigung bedurfte, um die Leibwache ganz aus dem Felde zu schlagen. Die Führer flogen durch die Reihen, ermahnten sie standhaft zu seyn, und machten ihnen bemerklich, wie wirksam ihr Feuer seyn müsse, da Mann und Roſs ihm zu gleicher Zeit ausgesetzt sey; denn die Reiter schossen ohne abzusitzen, wie es bey ihnen üblich war. Claverhouse sah seine besten Leute fallen, und die Unmöglichkeit, das Feuer mit gleicher Wirksamkeit zu erwiedern, einsehend, 113 machte er mehrere verzweifelte Versuche, an verschiedenen Stellen durch den Sumpf zu kom- men, um auf festem Grunde den Kampf kräftiger zu erneuern. Aber bey dem nachdrücklichen Feuer der Insurgenten und den natürlichen Hin- dernissen des Ueberganges schlugen alle seine Versuche fehl. Wir müssen uns zurückzichen,“ rief er Evan- dale zu,«wenn Bothwell sie nicht etwas von uns abziehen kann. Inzwischen führt die Leute aus dem Feuer, und laſst Einige sich hinter die Büsche stecken, dafs sie den Feind aufhalten ¹* Diese Befehle wurden befolgt; ungeduldig sah man Bothwells und seiner Schaar Erscheinung entgegen. Aber der Wachtmeister hatte ebenfalls mit Miſsgeschick zu kämpfen. Seine Bewegung war dem scharf beobachtenden Blick Burleys nicht entgangen; er ritt sogleich nach der näm- lichen Seite mit den Reitern des linken Flügels, so dafs Bothwell, als er, nach einem langen Wege durch das Thal, endlich eine Stelle fand, an der er mühsam genug über den Sumpf konnte, sich einem stärkern Feinde gegenüber sah. Sein kühner Sinn ward durch diesen unerwarteten Widerstand keinesweges erschreckt. „ «Folgt mir, Kinder!» rief er seinen Leuten zu.«Niemals soll es heifsen, daſs wir diesen Plärrenden Rundköpfen den Rücken zeigten.“ 22. H 114 Und wie entflammt von dem Geiste seiner Ahnen, warf er sich mit dem Geschrey:«Both- well! Bothwell!“ in den Sumpf und sich, von seiner Schaar gefolgt, glucklich durcharbeitend, grifl er Burley mit solcher Wuth an, daſs er die Feinde auf eine kurze Strecke zurücktrieb, und drey Mann mit eigner Hand tödtete. Burley überblickte schnell die Folgen einer Niederlage auf diesem Punkte, und wohl einsehend, daſs seine Leute, trotz ihrer Uebermacht, sich weder jm Fechten noch im Reiten mit jenen messen konnten, warf er sich selbst jenem entgegen, und focht Mann gegen Mann mit ihm. Jeder der beyden Kämpfenden ward als der Vorfechter seiner Parthey angesehn, und es er- folgte ein Aaftritt, der häufiger in Romanen, als in der wirklichen Geschichte Statt findet. Die Reiter auf beyden Seiten lieſsen alsbald vom Kampf ab, und sahen zu, als ob das Schicksal des Tages durch das Gefecht dieser beyden furcht- baren Krieger entschieden werden solle. Die Kämpfenden selbst schienen derselben Meinung zu seyn; denn nachdem sie einige hef- tige Hiebe und Stöſse gewechselt hatten, hielten sie ein, als ob sie sich das Wort gegeben hätten, um, durch die Anstrengung erschöpft, neuen Athem zu sammeln, und sich zu einem Zwey- kampfe zu rüsten, worin sich jeder bewufst zu seyn schien, seinen Mann gefunden zu haben. 8 115 Ihr seyd der mörderische Schurke Burley,“ sprach Bothwell, sein Schwert krä ig fassend, und die Zähne zusammendrückend:«Ihr seyd mir einmal enigangen, aber“— hier schwor er einen Eid, zu füchterlich, um ihn niederzu- schreiben— Dein Kopf ist so viel Silber werth, als er schwer ist, und er soll an meinem Sattel- bogen mit mir heim gehen, oder mein Sattel soll es ohne mich.“ Ja,“ erwiederte Burley, mit finstrer, grim- miger Bedächtlichkeit,«ich bin der Hanns Bal- four, der Dir versprach, Deinen Kopf so zu le- gen, dafs Du ihn nimmer wieder aufheben soll- test; und Gott thue mir desgleichen, oder mehr, wenn ich mein Wort nicht löse.“ «*Also ein Bett auf der P ide, oder tausend Mark,“ rief Bothwell, auf Burley mit voller Kraft ausholend. «Das Schwert des Herrm und Gideons!» ant- wortete Balfour, indem er den Schlag abwehrte und erwiederte. Selten waren zwey Streiter sich einander wohl so gleich als Fechten und Reiter, so gleich an Körperkraft, entschlofsnem Muthe und unver- söhnlichem Ingrimm. Als beyde eine Zeitlang verzweifelt gefochten, beyde mehrfach, aber ziem- lich leicht, verwundet waren, fingen sie an, mit einander zu ringen, mit der rasenden Anstren- gSung eines tödtlichen Hasses. Bothwell packte 2* 116 seinen Gesnir bey dem Wehrgehenk, das über dessen Schultern hing, während dieser ihn am Koller gefafst hatte: so stürzten sie beyde zu len. Burleys Gefährten eilten zu seinem Bey- stande herbey, allein die Dragoner warfen sie zurück, und der Kampf ward wieder allgemein. Nichts aber konnte die Aufmerksamkeit der bey- den Ringenden ablenken, oder sie dahin bringen, die verderbliche Umklammerung zu lösen, in der sie sich auf dem Boden wälzten, an einander reissend, wüthend kämpfend und schäumend mit der hartnäckigen Ausdauer zweyer wohl ab- gerichteter Doggen. Mehrere Pferde gingen im Schlachtgewühl über sie weg, ohne dals sie einander losliefsen, bis endlich Bothwells rechter Arm durch den Huf- schlag eines Rosses gebrochen wurde. Mit einem tiefen, unterdrückten Stöhnen lieſs er nun seinen Gegner los, und beyde Kämpfer standen wieder auf den Füſsen. Bothwells rechte Hand hing regungslos an seiner Seite, aber mit der linken grifl er.nach der Stelle, wo sein Dolch hing. Doch dieser war während des Ringens ihm aus der Scheide gefallen, und mit einem Blick, in dem Wuth und Verzweiflung verschmolz, stand er ganz wehrlos da, als Burley, mit wilder Freude lachend, sein Schwert erhob, und es dem Gegner durch den Leib stieſs. Bothwell empfing den Streich ohne zu fallen: er hatte nur eine Streif- wunde bekommen. Er versuchte keinen fei Widerstand, und Burley einen nlie usatlicher Verachtung und ingrimmigen Hasses zu- fend, sprach er: Gemeiner Bauernkerl, D Blut eines Königsstammeés vergossen!" «Stirb, Elender stirb! rief Balfour, den wirksamer wiederholend, und seinen Fufs auf den Leib des Gefallenen setzend, durchstach er ihn zum dritten Male:„Stirh. Bluthund! stirb wie Du gelebt hast! Stirb, wie eine Bestie um- kommt— nichts hoffend— nichts glaubend— «Und nichts fürchtend,“ sagte Bothwell, seine letzte Kraft zusammenraffend, und ver- schied, als die Worte über seine Lippen waren. Ein flüchtiges Pferd beym Zügel ergreifen, sich darauf werfen, und zu den Seinigen zurückeilen, war bey Burley das Werk eines Augenblicks. Und da der Fall Bothwells den Aufrührern all den Muth gegeben, den er seinen Waffengecähr- ten genommen, blieb der Ausgang dieses Seitew- gefechts nicht lange unentschieden. Mehrere Dragoner wurden getödtet, die übrigen über den Sumpf zurückgetrieben und auseinander gejagt; der siegreiche Burley setzte nun mit den Seinigen auch uüber den Graben, gegen Claverhouse die- selbe Bewegung auszuführen, welche Bothwell auf dessen Befehl gegen ihn hatte machen sollen. Er ordnete nun seine Schaar in der Absicht, den rechten Flügel der Königlichen anzugreifen, und schickte der Hauptmacht die Nachricht von sei- nem Siege, indem er sie zugleich auffordern lieſs, im Namen GCottes über den Sumpf zu gehen, und das preisliche Werk des Herrn durch einen all- gemeinen Angriff des Feindes zu vollenden. Unterdessen hatte Claverhouse einigermafsen der Verwirrung abgeholfen, die durch den ersten unregelmäſsigen und unglücklichen Angriff ent- standen war, und das Handgemenge wieder in einen ordentlichen Kampf mit Schiefsgewehren verwandelt. Dabey waren von Seiten der König- lichen besonders diejenigen Reiter thätig, die abgesessen, sich hinter den, den Rand des Sum- pfes bedeckenden, Erlenbüschen verborgen hat- ten, unter deren Schutz sie ihre geringe Anzahl verstecken, und den Feind durch ein dichtes und nachdrückliches Feuer beunruhigen konnten. Während Claverhouse noch hoffte, Bothwells Seitenbewegung werde endlich einen allgemeinen Angriff erleichtern, kam ein Dragoner auf ihn zugesprengt, dessen blutiges Gesicht und ermat- tetes Pferd bezeugten, daſs er von schwerer Arbeit komme. 3 Was gibt's, Halliday* rief ihm Claverhouse enigegen; denn er kannte den Namen jedes Ein- zelnen aus seinem Regimente.«Wo ist Both- well?* „Bothwell liegt’“ erwiederte der Reiter, und mancher wackre Kerl mit ihm.“ 119 „Dann hat der König einen tapfern Soldaten verloren,“ versetzte Claverhouse mit seiner ge- wöhnlichen Fassung; die Feinde sind wohl über den Sumpf? «Mit einer grofsen Reiterschaar, die der ein- gefleischte Teufel anführt, der Bothwell geté t hat,“ antwortete der erschrockne Reiter. Still, still, erwiederte Claverhouse, den Fin- ger auf den Mund legend.«Niemand als mir ein Wort davon!— Lord Evandale, wir missen weichen! Das Schicksal will es so. Zieht die Leute aus dem Scharmützel zusammen! Laſst Allan die Schaaren ordnen, und zieht in zwey Haufen den Berg hinauf, von denen immer der eine hält, während der andere zurückweicht. Ich will die Schurken im Zaume halten mit der Nach- hut, und ihnen von Zeit zu Zeit die Spitze bieten. Sie werden gleich über den GCraben seyn, denn ich sehe ihre ganze Linie in Bewegung und sich zum Uebergang rüsten. Verliert daher keine Zeit!“ Wo ist Bothwell mit seiner Schaar Po fragte Lord Evandale, erstaunt über die Kaltblütigkeit des Befehlshabers. «Gut aufgehoben,“ sagte Claverhouse ihm ins Ohr.«Der König hat einen Diener verloren, und der Teufel einen gewonnen. Aber fort zur Arbeit, Evandale!„Sputet Euch und bringt die Leute zusammen. Ihr und Allan müſfst sie in 120 Ordnung halten. Dieser Rückzug ist etwas Neues für uns Alle, aber die Reihe soll auch bald wie- der an uns kommen.“ Evandale und Allan eilten an ihr Geschäft, aber che sie noch das Regiment geordnet, um sich in zwey Haufen zuriückzuziehen, war der Feind in ronser Anzahl über den Graben gekommen. Cla- verhouse, welcher Einige der tuchtigsten und geprüftesten Leute bey sich behalten hatte, warf sich selbst den Herüberdringenden entgegen, während sie noch mit dem unsichern Boden zu kämpfen hatten. Ein Paar wurden getödtet, An- dere in den Morast geworfen, und Alle gehindert, so daſs sie verringert und entmuthigt durch den erlittenen Verlust sich nach dem Hügel zurück- zuziehen begannen. Aber schnell von dort aus verstärkt und unter- stützt, zwangen sie Claverhouse bald, seiner Schaar zu folgen. Nie zeigte sich indessen ein Mann des Namens eines Soldaten würdiger, als er an diesem Tage. An seinem schwarzen Pferde und weiſsem Federbusche kenntlich, war er stets der Vorderste bey den wiederholten Angriſffen, die er bey jeder günstigen Gelegenheit machte, die Verfolgenden aufzuhalten, und den Rückzug der Seinigen zu decken. Alle hielten auf ihn, er aber schien gegen jeden Schufs gesichert zu seyn. Die abergläubigen Schwärmer, die ihn wie einen Mann hetrachteten, welcher von dem bösen 121 Feinde mit übernatürlichen Vertheidigungsmit- teln ausgestattet sey, behaupteten, sie hätten die Kugeln von seinen Stiefeln und seinem Büflel- wamms abprallen sehen, wie Hagel von einem Granitfelsen, als er mitten im Sturme der Schlacht hin und her gesprengt. Mancher Whig lud sein Gewehr mit einem zerhackten Silberthaler, in dem Glauben, eine silberne Kugel nur könne den Verfolger der heiligen Kirche niederwerfen, gegen welchen Bley keine Kraft hätte. «Versucht's mit dem kalten Stahl!“ hiefs es bey jedem erneuerten Angrifle.«Pulver ist gegen ihn verloren. Es ist, als ob Ihr auf den alten bösen Feind selbst schösset.“* 8 Aber trotz dieses lauten Geschreyes war die Furcht der Aufrührer so groſs, daſs sie überall vor Claverhouse wie vor einem übernatürlichen Wesen wichen, und nur Wenige wagten, mit ihm handgemein zu werden. Dennoch konnte er nichts, als sich fechtend zurückziehn. Die Krie- ger hinter ihm hielten nicht mehr Stand, als die Feinde in immer gröſserer Anzahl über densumpf strömten, und bey jedem weitern Vordringen der- selben ward es dem Major Allan und Lord Evan- dale unmöglicher, sie aufzuhalten und die Ord- nung zu bewahren. Ihr Rückzug ward immer eiliger und verworrener, und gewann, je näher sie dem Gipfel des Hügels kamen, von welchem sie zur unglücklichen Stunde hinuntergestiegen 122 waren, mehr und mehr das Ansehn einer Flucht. Jeder wollte zuerst durch den Bergrücken vor dem unaufhörlichen Feuer der Verfolgenden ge- schützat seyn; auch konnte kein Einzelner begrei- fen, warum er gerade der Letzte im Rückzug seyn, und so sein eigenes Leben für das der An- dern opfern sollte. Mit dieser Betrachtung gaben mehrere Reiter ihren Pferden die Sporen und flohen über Hals über Kopf, und die Andern wurden so verwirrt, daſs ihre Officiere alle Au- genblicke erwarteten, sie diesem Beyspiele folgen zu sehen. Mitten unter diesen blutigen, schrecklichen Auftritten, unter dem Stampfen der Rosse, dem Stöhnen der Verwundeten, dem unablässig fort- dauernden Feuer der Feinde und dem lauten Geschrey, das jeder Kugel folgte, die einen Rei- ter niedergerissen— mitten unter diesen verwir- renden und geſährlichen Auftritten, indem man fürchten mufste, von den entmuthigten Truppen gänzlich verlassen zu seyn, konnte Evandale nicht umhin, die Fassung seines Obersten zu bemerken. Sein Auge war am Morgen dieses Tages bey Frau Margarethens Frühstück nicht muntrer, sein Be- tragen nicht gehaltner. Er hatte sich Evandale genähert, ihm einige Befehle zu ertheilen und von ihm cinige Mann zur Verstärkung der Nach- hut zu fordern.. „Wenn das noch fünf Minuten dauert,“ sagte 123 er leise,«so überlassen unsere Schurken Euch, dem alten Allan und mir die Ehre, den Kampf auf unsre eigne Hand auszufechten. Ich muſs etwas thun, die Schiitzen zu zerstreuen, die uns so scharf zusetzen, oder wir bestehen alle mit Schande. Versucht nicht, mir zu Hülfe zu kom- men, wenn Ihr mich hinunter eilen schet, son- dern bleibt an der Spitze Eurer Leute. Sucht in Cottes Namen davon zu kommen, wie Ihr könnt, und sagt dem Könige und im Staatsrath, ich sey gefallen in der Erfüllung meiner Pflicht!“ Darauf hiefs er ohngefähr zwanzig rüstige Krie- ger ihm folgen, und machte mit dieser kleinen Schaar einen so verzweifelten und unerwarteten Angriff, daſs er die Verfolgenden eine Strecke weit zurücktrieb. In der Verwirrung des Gefechts faſste er Burley ins Auge, und gab ihm in der Absicht, die Uebrigen bestürzt zu machen, einen so heftigen Hieb auf den Kopf, daſs die stählerne Sturmhaube zerbrach, und der Mann selbst zwar unverwundet, aber betäubt vom Pferde Bel. Man hat es nachher als ein Wunder angeschen, daſs ein so kräftiger Krieger, wie Burley, unter dem Streiche eines, dem Anscheine ua so zart ge- bauten Mannes, wie Claverhouse war, hatte sin- ken können, und der'gemeine Glaube schrieb die Kraft, die ein entschlofsner Geist auch einem schwächeren Arme geben kann, übermenschlicher Hülfe zu. 124 Claverhouse war aber bey diesem letzten An- griff mitten unter die Feinde gerathen„ und war völlig umringt. Lord Evandale sah die Gefahr seines Obersten, da seine Schaar gerade Halt machte, während die, welche Allan befehligte, sich zurückzog. Ohne auf Claverhouses uneigen- nützigen Befehl des Gegentheils zu achten, gebot er den Seinigen, ihm hinunter zu folgen, und ihren Obersten zu retten. Einige begleiteten ihn, die Meisten zauderten, Viele entflohen. Mit den Wenigen gelang es ihm, jenen zu retten. Seine Hülfe kam zur rechten Zeit: ein Landmann hatte des Obersten Pferd mit einer Sichel verwundet, und wollte eben den Streich wiederholen, als Evandale ihn niederhieb. Als sie aus dem Ge- dränge waren, blickten sie umher. Allans Ab- theilung war ganz hinter dem Berge verschwunden; des Officiers Ansehn war nicht hinreichend ge- wesen, sie zu halten. Evandales Schaar hatte sich zerstreut, und war in gänzlicher Ver- wirrung. 3 «Was ist zu thun, Herr Obrist bo fragte Evan- dale. „Wir sind die Letzten im Felde, glaub' ich,“ antwortete Claverhouse,«und wenn ein Mann so lange ficht, wie er kann, ist's ihm keine Schande, zu entflichen. Hektor selber würde sagen: Hol' der Henker die Hintersten, wenn nur zwanzig gegen Tausende sind.— Rettet Euch, 125 Kinder, und sammelt Euch, so bald Ihr könnt! — Kommt, Lord Erandale, dies gilt auch für uns! Mit diesen Worten spornte er sein wundes Roſs, und das edle Thier eilte vorwärts, ohne Schmerz und Blutverlust zu achten, als wüfste es, daſs seines Reiters Leben an seiner Ceschwin- digkeit hinge. Einige wenige Officiere und Sol- daten folgten ihm, doch regellos und stürmisch. Die Flucht des Obersten gab allen Nachzüglern, die im Weichen noch immer Widerstand leiste- ten, die Losung, so schnell als möglich zu ent- fliehen, und das Schlachtfeld den siegreichen Aufrührern zu überlassen. 126 -———-:——-———-———————ℳV——UM Siebenzehntes Kapitel. Doch sieh! durch blitzendes Kriegsgeschoſs, Was stürmt dort zur Iüste ein flächliges HR5? Campbell. Während des hitzigen Geſechtes, dessen Ver- lauf wir erzählt haben, war Morton mit Luthbert, dessen Mutter und dem ehrwürdigen Mann, Ga- briel Pauker, oben auf dem Berge geblicben, nahe bey dem Crabhügel, auf welchem Claver- house seinen Kriegsrath gehalten, so dafs sie die Schlacht zu ihren Füfsen übersehen konnten. Der Corporal Inglis war mit vier Dragonern zu ihrer Bewachung zurückgeblieben; man kann aber leicht denken, dafs diese mehr auf das wech- selnde Glück der Schlacht, als auf ihre Gefan- genen Acht hatten- 127 „Wenn die Kerls bey der Stange bleiben,“ sagte Luthbert,«so können wir hoffen, unsern Nacken wieder aus der Schlinge zu ziehen; aber — ich traue nicht recht; sie verstehen wenig mit den Waſfen umzugehen.“ Viel brauchen sie's auch nicht, Luthbert,“ antwortete Morton.„Sie haben eine feste Stel- lung, haben Waſlen in den Händen, und sind den Angreifenden an Zahl dreyfach überlegen. Wenn sie jetzt nicht für ihre Freyheit fechten können, so verdienen sie und die Ihrigen, sie auf immer zu verlieren.“ 0 Himmel, was für ein herrlicher Anblick ist das!» rief Magdalis.«Mein Geist ist gleich dem, des gesegneten Elihu; er glüht in mir, meine Eingeweide sind wie Wein, der Luft haben will— sie wollen springen, wie neue Flaschen. O möge er auf sein Volk sehen an diesem Tage des Cerichts und der Erlösung!— Aber Du, was fehlet Dir, köstlicher Herr Cabriel Pauker? Ich sage, was fehlet Dir, der Du warest ein Naza- rener, reiner als Schnee, weiſser als Milch, röth- licher als ein Sulphur“(wahrscheinlich wollte sie sagen Saphir)—«ich sage, was fehlet Dir jetzt, dats Duschwärzer bist, als eine Kohle, dafſs Deine Schönheit verschwunden ist, und Deine Lieblich- keit verwelkt, gleich einer Torfscherbe? Wahr- lich jetzt ist's an der Zeit, aufzustehen und zu handeln, und laut zu schreyen, und nicht zu 128 schonen, und zu ringen für das arme Volk da unten, das da Zeugniſs gibt mit seinem Blute und dem Blute seiner Feinde!" Diese Aufforderung enthielt einen Vorwurf ge- gen Pauker, der, wie vortrefflich er auch auf der Kanzel, wenn der Feind fern war, zu donnern wuſste, und so hartnäckig er auch seyn konnte, selbst wenn er in dessen Macht war, wie wir geschen haben, durch das Schiefsen, Geschrey und Cetöse, das aus dem Thale heraufschallte, zu sehr in Furcht gejagt war, um die Gelegenheit zu einer Predigt wahrzunehmen, wie Magdalis von ihm erwartete, oder nur fur den glücklichen Ausgang der Schlacht beten zu können; manchem chrchen Mann würde es in einer Lage, in der er weder fliehen noch fechten konnte, eben so gegangen seyn. Er hatte jedoch eben so wenig gänzlich seine Geistesgegenwart, als die eifer- süchtige Sorgfalt für, seinen Ruf, als ein reiner And gewaltiger Verkündiger des Wortes, ver- oren. Schweigt, Weib!“ sagte er, und störet mich nicht in meinen innern Betrachtungen, und in dem Kampfe, den ich kämpfe.— Aber wahr- haftig, das Schiefsen der Feinde wird ärger; es könnte leicht eine Kugel zufällig hierher kom- men. Ich verberge mich hinter dem Grabstein, als einem starken Bollwerke.“ 129 , 8 ist doch im Grunde eine Memme,“ sagte Luthbert, dem es selbst gar nicht an jenem Muthe fehlte, der aus Nichtbeachtung der Gefahr besteht:'s ist doch eine feige Memme, der kann sich nicht mit Rumbleberry messen! Mei- ner Treu, der Rumbleberry focht wie ein flie- hender Dragoner! Schade, dafs der arme Mann auf den Holzstoſs mufste; aber er soll so freudig und siegend hingegangen seyn, gerade wie ich zum Essen, wenn ich hungrig bin: so wie alle- weile, zum Beyspiel. Aber, sapperment! das sieht ja da unten schrecklich aus, und doch ist man nicht im Stande, ein Auge davon zu wenden!“ So hielten also Morton und Luthbert lebhafte Neubegierde, und die alte Magdalis ihr glühen- der Eifer an die Stelle gefesselt, von welcher sie am besten den Ausgang der Schlacht beobachten konnten, und Paukern blieb der Zufluchtsort allein überlassen. Alle Wechsel des bereits von uns beschriebenen Kampfes wurden von ihnen von der Spitze der Anhöhe wahrgenommen, ohne dafs sie jedoch das Vorgehende ganz deutlich zu unterscheiden vermochten. Dafs die Presbyteria- ner sich tapfer vertheidigten, ging aus dem dicken Dampfe hervor, der, häufig durch leuchtende Blitze durchzuckt, sich über das Thal verbreitete, und die Kämpfenden in schwefeldunstende Fin- sternifs einhüllte. Aber das fortdauernde Feuern 72. 1 7 150 auf dem diesseitigen Ufer des Morastes verkün- digte, daſs auch der Feind beym Angriff beharrte, dafs der Kampf hitzig war, und dafs von der Dauer eines Treffens, in welchem sich ungeübte Bauern gegen wohlgeordnete und vortrefflich be- waffnete Truppen zu vertheidigen hatten, Alles zu fürchten sey. Endlich sah man leere Pferde, die an ihren Schabraken für Dragonerpferde zu erkennen wa ren, flüchtig aus dem Gewühl kommen. Bald darauf zeigten sich unberittene Dragoner, die, den Kampfplatz verlassend, über den Bergrücken stürzten, der GCeſahr der Schlacht zu entfliehen. Als die Zahl dieser Flüchtlinge sich vermehrte, schien das Schichsal des Tages nicht länger zwei- felhaft. Darauf ward man einen groſsen Hlaufen ewahr, der aus dem Rauche hervortrat, sich unordentlich am Abhange des Hügels aufstellte, und mit Mühe von seinen Ocieren aufgehalten ward, bis endlich auch Evandales Schaar in vol- lem Rückzuge erschien. Der Ausgang des Ce- fechtes schien nun entschieden, und die Freude der Gefangenen war so groſs, als sich es bey ihrer sich nahenden Befreyung erwarten lieſs. Einmal ist ihnen der Streich gelungen,“ meinte Luthbert,«und nun nicht wieder!“ „Sie Hliehen— sie flichen!“ rief Magdalis mit Entzücken. O die grausamen Zwingherren! Nun reiten sie, wie sie nie noch geritten! O die fal- 131 schen Egyptier— die stolzen Assyrier— die Philister— die Edomiter— die Meabiter— die Ismaeliter! Der Herr hat scharfe Schwerter über sie gebracht, auf dafs sie Futter werden für die Vögel des Himmels und die wilden Thiere des Feldes. Seht, wie die Wolken hinter ihnen her- ziehen, und das Feuer hinter ihnen herblitzt, und dieses und jene vor den Auserwählten des Bundes hergehen, wie die Wolkensäule, und die Feuersäule, welche das Volk Israel aus dem Lande Egypten führte! Das ist fürwahr ein Tag der Erlösung für die Gerechten, und ein Tag der Ausgiefsung des Zornes über die Verfolger und die Gottlosen!“— «Cott steh' uns hey, Mutter!* sagte Luthbert. So haltet doch licber Euer Plappermaul, und steckt Euch hinter den Steinhaufen„wie Pauker, der ehrliche Mann! Die Kugeln der Whigs machen wenig Unterschied, und können eben 80 gut einer Psalm singenden alten Frau das Cehirn ausknallen, als einem fluchenden Dragoncr.* «Fürchte nichts für mich, Luthbert,“ erwie- derte die Alte, Sanz in Verziickung über den Sieg ihrer Parthey:«fürchte nichts für mich! Ich will stehen wie Deborah oben auf diesem Stein- haufen, und meinen Straſgesang erheben gegen diese Männer von Haroseth der Heiden, deren Roſshufen brechen„wie sie sich bäumen!“ „ 13²2 Die begeisterte Alte würde in der That ihren Vorsatz ausgeführt haben, und auf den Grabhügel steigend, wie sie sagte, dem Volke ein Zeichen und Banner geworden seyn, wenn nicht Luthbert mit mehr kindlicher Zärtlichkeit als Achtung sie so kräftig zurückgehalten hätte, als seine gebun- denen Arme es ihm erlaubten. „Sapperment,“ sagte er zu Morton, als es ihm gelungen war, die Alte zurückzuzichen, habt Ihr je einen Menschen so fechten sehen, wie den Teufelskerl Claverhouse? Dreymal hatten sie ihn dort schon fast unter, und dreymal machte er sich los. Aber ich denke, Junker, wir werden bald selbst los und ledig seyn; der Inglis und die Andern kucken sich schon oft genug uber die Schultern, als hielten sie den Weg rückwärts für sicherer, als den nach vorn.“ Luthbert hatte Recht; denn kaum sahen der Korporal und seine Gefährten die Flüchtlinge eine kleine Strecke weit von dem Orte, wo sie standen, entfernt, als sie ihre Gewehre auf die vordringenden Sieger losdrückten, und den Uebri- gen folgten. Morton und die Alte, deren Hände frey waren, versäumten nicht, die Bande Luth- berts und des Geistlichen sogleich zu lösen, denen beyden um die Arme, in der Gegend der Ellenbogen, ein Strick gebunden war Während sie damit beschäftigt, jagte der Nachtrab der Dragoner, der noch einige Ordnung bewahrt 133 hatte, dicht unter dem oft erwähnten Grabhügel weg. Die Reiter verriethen alle Hast und Be- stürzung gezwungen Weichender, hielten sich aber immer noch zusammen. Claverhouse sprengte voran, das entblöſste Schwert, Gesicht und Klei- der von Blut gefärbt. Sein Pferd war ebenfalls mit Blut und Schaum bedeckt, und taumelte vor Schwäche. Lord Evandale, der in einem nicht. viel bessern Zustande war, schlofs den Zug, in- dem er noch immer die Soldaten ermahnte, sich zusammen zu halten und nichts zu fürchten. Mehrere waren verwundet, und Einige sanken von den Pferden, als sie den Hügel erstiegen. Magdalis Eifer brach bey diesem Anblick noch einmal aus, und wie sie mit unbedecktem Haupte, die grauen Haare im Winde Hfatternd, auf der Haide stand, bot sie kein übles Bild einer al- ten Bachantin, oder einer Thessalischen Zaube- rin, von Seherwuth ergriflen, dar. Als sie Cla- verhouse an der Spitze der Flichtigen erblickte, rief sie mit bitterm Hohn: Wartet! wartet! Ihr wolltet ja immer so gern bey den Zusam- menkünften der Frommen seyn, und rittet durch alle Meere von Schottland, eine Versammlung aufzufinden. Willst Du nicht warten, und noch ein Wort hören?. Willst Du nicht verziechen bis zur Nachmittagspredigt?— VWeh über Euch!“* fuhr sie mit plötzlich verändertem Tone fort: „Dafs man dem Thiere die Celenke zerschnitte, 1534 auf dessen Schnelligkeit Du vertrauest! Hinweg mit Dir, der Du so viel Blut vergossen, und nun das Deinige retten willst!— Hinweg mit Dir, Du spottender philister, Du fluchender Semei, hinweg mit Dir! Das Schwert ist gezogen, das Dich bald einholen wird, reite so schnell als Du willst!* Claverhouse, der, wie man leicht denken kann, zu beschäftigt war, um auf ihre Vorwürfe zu merken, eilte über den Hügel, begierig, den Ucberrest seiner Leute aus dem Feuer zu bringen, und die Fliüchtigen von Neuem unter seiner Fahne zu sammeln. Als aber die Letzten der ihm Fol- genden bey dem Grabhügel vorüber ritten, traf ein Schufs Lord Evandales Pferd, das sogleich unter ihm zusammen sank. Zwey der Presbyte- rianischen Reiter, welche an der Spitze der Ver- folger waren, sprengten herzu, den Gefallenen zu tödten, denn bis jetzt war noch kein Quartier gegeben. Morton aber stürzte herbey, sein Leben zu retten, einmal dem Antriebe seiner natür- lichen Grofsmuth folgend, und dann auch, um die Verbindlichkeit zu tilgen, welche ihm Lord Evandale den nämlichen Morgen auferlegt, und dic ihm so viele Qual verursacht hatte. Gerade als er den Schwerverwundeten sich unter seinem Pferde hervorwinden half, kamen die beyden Reiter herbey, von denen der Eine rief:«Nieder mit dem vermaledeyten Rothrock!“ indem er 135 weit gegen den jungen Edelmann ausholte. Mor. ton wehrte mit Mühe den Streich ab, und rief dem Reiter, der niemand Anders als Burley war, zu:«Cebt diesem Mann um meinetwillen Quar- tier!“ Und als er sah, daſs jener ihn sogleich nicht erkannte, setzte er hinzu:«Um Heinrich Mortons willen, der Euch neulich Zuflucht ge- währte!“ „Heinrich Morton 5 wiederholte Burley, die blutige Stirn mit der blutigern Hand abwischend. „Sagte ich's nicht, der Sohn von Silas Morton würde aus dem Lande der Knechtschaft kommen, und nicht lange seyn ein Bewohner der Zelte Chams? Du bist ein Brand, den man aus dem Feuer gerissen.— Aber dieser erbeutete Apostel der Bischöfe— er soll des Todes sterben. Wir müssen sie tödten vom Aufgange bis zum Nieder- gange der Sonne. Es ist uns geheilſsen, sie zu erschlagen, wie die Amalekiter, und gänzlich zu zerstören all' ihre Habe und nicht zu schonen, weder Mann noch Weib, weder Kind noch Säug- ling. Darum hindre mich nicht,“ fuhr er fort, indem er von Neuem versuchte, Lord Evandale nieder zu hauen,«denn dieses Werk darf nicht lässig gethan werden!“ Ihr sollt, Ihr dürft ihn nicht tödten, zumal da er nicht im Stande ist, sich zu wehren,“ rief Morton, und stellte sich vor Lord Evandale, als wollte er jeden Streich, der auf ihn gerichtet 136 würde, auſfangen: Ich verdanke ihm mein Le- ben heut Morgen— mein Leben, das gefährdet war, weil ich Euch Zuflucht gewährt, und sein Blut zu vergieſsen, wenn er keinen wirksamen Widerstand leisten kann, wäre nicht blos eine, vor Gott und Menschen abscheuliche Grausam- keit, es wäre ein schändlicher Undank gegen ihn und gegen mich. Burley schwieg einige Augenblicke.«Du bist noch,“ sprach er,«in dem Vorhofe der Heiden, und ich bemitleide Deine menschliche Blindheit und Schwäche! Kräftige Speise taugt nicht für Kinder, und der gewaltige, zermalmende Rath- schlufs, auf welchen ich mein Schwert gezogen, taugt nicht für diejenigen, deren Herzen noch jn Hütten von Thon wohnen, deren Fuſstritte sich noch in dem Netze sterblichen Mitleids ver- wickelm, und die sich in die Cerechtigheit klei- den, die da ist wie schmutzige Lumpen. Aber der Wahrheit eine Scele gewinnen, ist besser, als eine in den Abgrund senden. Darum geb'’ ich diesem Jünglinge Quartier, so es anders bestätigt wird durch den Kriegsrath des Heeres GCottes, das er an diesem Tage gesegnet hat mit einem Zeichen der Erlösung.— Du bist unbewaffnet— harre hier meiner Rückkunft. Noch mufs ich diese Sünder, die Amalekiter, verfolgen und sie zu vernichten trachten, bis sie gänzlich vertilgt sind vom Angesichte der Erde, von Herila bis gen Sur.“ 137 Bey diesen Worten gab er seinem Pferde die Sporen, und setzte den Flüchtlingen nach. „Luthbert,“ sagte Morton,«ich bitte Dich, fang so schnell als möglich ein Pferd auf. Ich will Lord Evandales Leben nicht diesen hart- herzigen Menschen anvertrauen.— Ihr seyd ver- wundet, edler Herr! Seyd Ihr auch im Stande, Ruern Rückzug fortzusetzen?“ fügte er, gegen den Gefangenen gewendet, hinzu, der, halb be- täubt durch den Sturz, nun anſing, sich zu erholen. aIch denke wohl,“ sagte er; zaber ist es möglich?— Euch verdanke ich mein Leben, Herr Morton 5 „Schon aus Menschlichkeit hätte ich mich fur Euch verwenden miissen,“ versetzte Morton; agegen Euch aber, edler Herr, habe ich nur eine heilige Schuld der Dankbarkeit abgetragen.“ Luthbert kam in diesem Augenblick mit einem Pferde zurück. „Um Cotteswillen, sitzt auf, sitzt auf, gnädi- ger Herr,“ sagte der gutherzige Bursche,«und reitet davon wie ein fliegender Habicht; denn ich stehe dafür, sie tödten Verwundete und Ge- fangene.“ 8. Lord Evandale bestieg das Pferd, während Luthbert dienstfertig den Steigbügel hielt. Laſs das, guter Bursche!“ sagte jener;« Deine Höflichkeit könnte Dir das Leben kosten!“— 138 Herr Morton,“ fuhr er, sich zu Heinrich wen- dend, fort, sjetzt bin ich Euer Schuldner! Verlaſst Euch darauf, ich werde Euern Edelmuth nie vergessen.— Lebt wohl!“ Er wendete sein Pferd und ritt rasch nach einer Seite, wo er am wenigsten der Verfolgung ausgesetzt schien. Kaum war er fort, als meh- rere Aufrührer, die zu den Vordersten der Ver- folgenden gehörten, herbeygesprengt kamen, und Morton und Luthbert Rache drohten, weil sie einem Philister, wie sie den jungen Edelmann nannten, zur Flucht behülflich gewesen seyen- „Was hätten wir thun sollen ⁵“ rief Luthbert- „Hätten wir sollen einen Mann aufhalten, der zwey Pistolen und einen Säbel hatter Hättet Ihr nicht selber schneller herbeykommen können, anstatt nun mit uns zu zanken b“ Schwerlich würde diese Entschuldigung ange nommen worden seyn, aber Pauker, der sich nun von seinem Schrecken erholt hatte, und von dem gröſsten Theil der Wandrer schr verehrt ward, nehst Magdalis, welche die eigene Sprache der- selben so gut als der Prediger selbst verstand, wurden ihre beredten Fürsprecher. „Rührt sie nicht an!l“ rief Pauker in seinen besten Bafstönen:«thut ihnen nichts zu Leide! Dieser ist der Sohn des berühmten Silas Morton, durch welchen der Herr grofse Dinge vollbracht in diesem Lande, als zuerst abgestreift ward das 139 Joch der Bischöfe, und die Fülle des Wortes sich hier ergofs, und der Bund sich erneute; ein Held und ein Streiter in jenen gesegneten Tagen, wo da war Kraft und Stärke, und Ueber- zeugung, und Bekehrung der Sünder und Buſßse, und Gemeinschaft der Heiligen, und die Speze- reyen im Garten Edens in voller Blüthe standen!“ „Und dies ist mein Sohn Luthbert,“ fiel Mag- dalis ein, der Sohn seines Vaters Judas Headrigg, der da war ein frommer, ehrenwerther Mann, und von mir, Magdalis Headrigg, einer unwür- digen Bekennerin und Anhängerin des reinen Evangeliums, und Eine von den Eurigen. Steht nicht geschrieben: Ihr sollt nicht verderben das Geschlecht der Kahatiter unter den Levitenb Capitel 4. Vers 18.— Aber o, stehet hier nicht als müssige Schwätzer, sondern verfolgt den Sieg, mit dem Gottes Vorsehung Euch gesegnet!“ Kaum war dieser Haufen vorüber, als ein an- derer kam, gegen welchen man sich ebenfalls rechtfertigen muſste. Pauker, dessen Furcht ganz verschwunden war, seitdem das Schiefsen auf- gehört hatte, übernahm noch einmal das Amt des Fürsprechers, und ward, im Bewuſstseyn, wie sehr seine ehemaligen Mitgefangenen seines Schutzes bedürften, so dreist, sich keinen gerin- gen Theil an dem Verdienste des Sieges zuzu- schreiben, indem er Morton und Luthbert zu Zeugen auſforderte, ob nicht die Schlacht sich 140 plötzlich gewendet, als er, wie Moses auf dem Berge Cottes, gebetet habe, dafs Israel siegen möge über Amaleck; aber er wuſste auch von ihnen herauszustreichen, wie sie seine Hände gehalten, als sie ihm zu schwer geworden, wie Aaron und Hur die des Propheten gestützt hätten. Wahrscheinlich sprach pauker seinen Ungliicks- gefährten diesen Antheil an dem günstigen Er- folge nur zu, daſs sie nicht seinen eignen fleisch- lichen, selbstsüchtigen Abfall verrathen sollten, durch welchen er allzuviel Sorge für seine Sicher- heit beurkundete. Diesc kräftigen Zeugnisse zu Cunsten der be- freyten Cefangenen flogen mit vielen Uebertrei- bungen in dem siegreichen Heere von Mund zu Mund. Die Sache wurde verschieden erzählt: aber allgemein ward behauptet, der junge Morton von Milnwood, der Sohn des tapfern Bundes- kriegers Silas Morton, begleitet von dem herr- lichen Cabriel Pauker, und einem besonders andächtigen christlichen Weibe, eben so tüchtig wie Jener, die Worte des Schreckens und des Heiles zu lehren und auszulegen, sey angelangt, für die gute alte Sache zu streiten, und mit ihm cine Verstärkung von hundert wohlbewaflneten Jünglingen. 141 —-—--———-———— 2 Achtzehntes Kapitel. Als die Kanzel, eine geistliche Trommelart, Mit Fäusten, statt Stöcken, geschlagen ward. Hudibras. Die Reiterey der Insurgenten kam inzwischen ermädet und erschöpft durch die ungewohnte Anstrengung von der Verfolgung zurück, und das Fufsvolk, durch Arbeit und Hunger eben so ermattet, versammelte sich auf dem eroberten Schlachtfelde. Ihr Sieg war jedoch für sie Alle eine wahrhafte Herzstärkung, und schien sogar Nahrung und Erquickung zu ersetzen. Er war wirklich glänzender, als sie es hatten hoffen dürfen; denn ohne groſsen Verlust auf ihrer Seite, hatten sie ein Regiment auserlesener Sol- daten, welches noch dazu von dem ersten Krieger Schottlands befehligt ward, dessen Name ihnen 14² so lange ein Schrecken gewesen war, förmlich in die Flucht geschlagen. Ihr Glück schien sie aufs Lebhafteste zu überraschen und sie schwin- deln zu machen, so sehr hatte mehr Verzweiflung als Hoffnung sie vermocht, zu den Waſlen zu greifen. Ihre Versammlung war meist zufällig gewesen, und so hatten sie sich, als sie von dem anrückenden Regimente gehört, eilig geordnet und Anführer gewählt, die Eifer und Muth em- pfahlen, ohne anderweitige Eigenschaften zu be- rücksichligen. Dieser ordnungslose Zustand hatte die Folge, dals nun das ganze Heer sich in einen allgemeinen Ausschufs aufzulösen schien, um zu bedenken, welche Schritte zur Benutzung ihres Sieges gethan werden sollten. Keine Meinung konnte so ausschweifend ersonnen werden, daſs sie nicht von Einigen begünstigt und vertheidigt worden wäre. Diese schlugen vor, man solle nach Glasgow gehn, jene nach Hamilton, Einige wollten nach Edinburg, Andere nach London. Einige meinten, man solle Abgesandte aus ihrer Mitte an Karl II. schicken, die ihn überzeugen sollten, daſs er auf Irrwegen wandle; andere wollten, weniger barmherzig, ihm einen Nach- folger auf dem Throne geben, oder Schottland für einen Freystaat erklären. Ein freyes Parla- ment des Volks und eine freye Kirchenversamm- lung waren das, was die Gemäfsigsten und Ver- ständigsten begehrten. Unterdefs schrien die 143 Soldaten nach Brod und andern Bedürfnissen, aber während Alles über Hunger und Ungemach klagte, that Keiner einen Schritt, der Noth ab- zuhelfen. Kurz, das Lager der Verbündeten war selbst im Augenblicke des Sieges in Cefahr, zu- sammenzustürzen wie ein Sandhaufen, weil ih- nen die nothwendige Ueberlegung und Einigkeit ſehlte. In diesem bedrängten Zustande fand Burley die Seinigen, als er von der Verfolgung zurück- kehrte. Mit dem schnellen Blicke eines Mannes, der gewohnt ist, Verlegenheiten zu begegnen, schlug er vor, hundert der rüstigsten Leute zum Wachtdienst auszulesen— daſs ferner eine kleine Anzahl der bisherigen Führer einen leitenden Ausschuſs bilden sollten, bis man ordentliche Officiere gewählt haben würde— und daſs, den Sieg zu krönen-, Cabriel Pauker aufgefordert werden solle, durch ein zeitgemäſses Wort an das Heer, das von Cott, gewährte Glück voll- kommen zu machen. Er rechnete sehr und nicht ohne Grund darauf, in dieser letzten Malsregel ein Mittel zu finden, die Aufmerksamkeit des groſsen Haufens zu fes- seln, während er mit cimigen Wenigen der An- führer einen geheimen Kriegsrath hielt, ungestört von den streitenden Meinungen und dem unver- ständigen Geschrey der Menge. 144 pauker übertraf noch Burleys Erwartungen; zwey tödtlich lange Stunden predigte er in einem Athemzuge, und schwerlich wärg, eine andere Lunge, oder eine andere Lehre, als die seinigen, im Stande gewesen, die Aufmerksamkeit der Zu- hörer so lange unter solchen Umständen zu fes- seln. Er war ein Meister in Einer Art von roher, leichtfafslicher Beredsamkeit, die den Predigern der damaligen Zeit eigen war, und welche, ob- wohl sie von einer Versammlung von einigem Geschmack mit Verachtung verworfen werden würde, für die Caumen seiner Zuhörer ein Ku- chen von ächtem Sauerteige war. Er sprach über den Text aus Jesaia, Kapitel 49: Nun sollen die Gefangenen dem Riesen genommen werden, und der Raub des Starken los werden; und ich will mit deinen Haderern hadern, und deinen Kindern helfen; und ich will deine Schinder speisen mit ihrem eignen Fleische, und sollen mit ihrem eigenen Blute, wie mit süfsem Weine trunken werden, und alles Fleisch soll erfahren, dafs ich bin der Herr, dein Heiland und dein Erlöser, der Mächtige in Jakob.“ Die Rede, welche er über diesen Text hielt, hatte fünfzehn Hauptsätze, von denen ein jeder mit sieben Anwendungen verschen war, zwey des Trostes, zwey des Schreckens, zwey, welche die Ursachen des Abfalls und des Zorns erklärten, und eine, welche die verheifsne und ersehnte 145 Erlösung verkündigte. In dem ersten Theil seiner Rede sprach er von seiner und seiner Gefährten Befreyung, 29 nahm Gelegenheit, einige Worte zum Preise des jungen Morton zu sagen, von dem er, als von einem Helden des Bundes, grofse Dinge weissagte. Im zweyten Theil verbreitete er sich über die Strafen, die auf die verfolgenden Machthaber fallen würden. Bisweilen ward er ganz vertraulich und behaglich; dann wieder laut, kräftig und prahlerisch; einige Stellen seiner Rede hätte man erhaben nennen können, wäh- rend er in andern bis zum Burlesken herabsank. Bisweilen verfocht er mit groſser Lebhaftigkeit das Recht jedwedes freyen Mannes, Cott nach seinem eigenen Gewissen zu verehren; und kurz darauf schob er alle Schuld und alles Elend des Volks auf die entsetzliche Nachlässigkeit der Obern, mit der sie nicht allein unterlassen hät- ten, den Presbyterianismus als Nationalreligion festzusetzen, sondern auch geduldet hätten, daſs Sectirer aller Arten ihr Wesen trieben, als da seyen Papisten, Prälatisten, Erastianer, die sich des Namens Presbyterianer anmaſsten, Indepen- denten, Socinianer und Quäker, welche Pauker alle mit Einem Fegen aus dem Lande vertrieben haben, und so die Schönheit des Heiligthums wieder hergestellt wissen wollte. Darauf ver- handelte er aufs nachdrücklichste die Lehre von dem Widerstande und von der Waflenergreifung 7². K 146 gegen Karl den Zweyten, der, wie er sagte, statt ein nährender Vater der Kirche zu seyn, nur seine eignen Bastarde nährte. Er breitete sich darauf über das Leben und die Unterhaltungen dieses muntern Fürsten aus, von denen allerdings Wenige geeignet waren, die Prüfung eines 30 unhölflichen Redners zu bestehen, der ihn mit den schmähenden Namen, Jerobeam, Omri, Ahab, Sallum, pekah und denen aller andern bösen Fürsten, von welchen die Chroniken be- richten, belegte, und mit einer unversteckten Schriftanwendung schlofs:«Und das Thal Tophet, so da heifsen soll, das Würgethal, ist bestimmt scit lange; und es ist auserschen für den König; er hat es tief gemacht und weit; und die Säulen darin sind Feuer und viel des Holzes, aber der Athem des Herrn entzündet sie gleich einem Strome von Schwefel.“ Pauker hatte kaum geendet, und den Felsen- block, der ihm zur Kanzel diente, verlassen, als seine Stelle von einem Prediger ganz anderer Art eingenommen ward. Der ehrwürdige Ga- briel war schon bey Jahren und wohlbeleibt; er hatte eine überlaute Stimme und ein Vollmonds- gesicht, in dessen stumpfen, leblosen Zügen der Körper mehr über qden Geist vorherrschte, als es einem rechten Geistlichen geziemte. Der Jüng- ling aber, der ihm mit seiner Erbauungsrede folgte, war kaum zwanzig Jahre alt, und seine 147 magern Züge verriethen, dafs seine ohnehin schon schwächliche Gesundheit durch Nachtwachen, Fasten, harte Gefangenschaft und die Beschwer- den eines unsteten Lebens vollends zu Grunde gerichtet war. So jung er war, war er doch schon zweymal mehrere Monate lang eingekerkert gewesen, und hatte mannichfache Verfolgungen erdulden müssen, was ihm groſsen Einfluſs unter seinen Glaubensgenossen gab. Seine matten Au- gen schweiften über die Versammlung und über das Schlachtfeld, und sein Blick erglänzte plötzlich von triumphirender Freudigkeit; sein bleiches, aber bedeutendes Gesicht überzog sich mit einem flüchtigen, krankhaften Roth. Er faltete die Hände, erhob das Cesicht gen Him- mel empor, und schien in ein stilles Dankgebet versunken zu seyn, ehe er das Volk anredete. Als er nun begann, schien seine schwache, ge- brochne Stimme Anfangs unſähig, seine Cedanken auszudrücken, aber die tiefe Stille der Versamm- lung, die Begierde, mit welcher das Ohr jedes Wort auffing, wie die hungernden Israeliten den himmlischen Manna einsammelten, hatten eine erregende Wirkung auf den Redner. Seine Worte wurden deutlicher, sein Vortrag eindringlicher und kräftiger, es schien, als ob sein frommer Eifer die leibliche Schwäche und Gebrechlichkeit besiege. Seine natürliche Beredsamkeit war zwar nicht frey von der, seiner Secte eigenen, Rohheit, 148 aber sein angeborner Geschmack bewahrte ihn vor den plumpen und lächerlichen Verirrungen seiner Zeitgenossen; und die Sprache der Schrift, die in ihrem Munde oft durch falethe Anwen- dung herabgewürdigt ward, wirkte in Macbriars Ermahnungen prächtig und feyerlich; gleich den Strahlen der Sonne, welche durch die mit Heili- gen- und Märtyrerbildern bemalten Fenster eines alten Cothischen Domes brechen. Er schilderte den trostlosen Zustand der Kir- che während ibrer letzten Drangsale mit den beweglichsten Zügen. Er. verglich sie mit Hagar, die das hinschwindende Leben ihres Kindes in der wasserlosen Wüste bewacht; mit Judäa, die unter ihrem Palmbaume über die Zerstörung ihres Tempels trauert; mit Rahel, die um ihre Kinder weint, und den Trost von sich weist. Aber seine Rede schwang sich zu roher Erhabenheit auf, als er die Männer anredete, die noch rauchten vom Blute der Schlacht. Er ermahnte sie, der groſsen Dinge eingedenk zu seyn, welche GCoit für sie gethan habe, und die Bahn zu verfolgen, die ibnen der Sieg eröffnet. „Eure Gewänder sind gefärbt,“ sprach er, aber nicht mit dem Safte der Kelter; Eure Schwerter sind mit Blute benetzt, aber nicht mit dem Blute von Lämmern und Ziegen. Der Staub der Wüste, auf der Ihr steht, ist gedüngt mit geronnenem Blute, aber nicht mit dem Blute der Stiere; 149 denn der Herr hat ein Opfer in Bozrah, und ein groſses Blutbad im Lande Idumäa. Es waren nicht die Pestlinge der Heerde, die jungen Thiere zum Brandopfer, deren Leiber liegen gleich dem Dünger auf dem gepflügten Felde des Landman- nes; dies ist nicht der Geruch von Myrrhen, von Weibrauch oder von süſsen Kräutern, was in Eure Nasen steigt; diese blutigen Rumpfe, die Leichname von Männern, welche den Bogen und Speer hielten, die da grausam waren, und kein Erbarmen zeigten, deren Stimmen brüllen gleich dem Meere, die auf Rossen daher ritten, ein Jeglicher zur Schlacht gerüstet— es sind die Leichname der mächtigen Kriegsleute, die da kamen gegen Jakob am Tage der Erlösung, und das ist der Rauch des verzehrenden Feuers, das sie vernichtet hat.— Und diese wilden Berge, so Euch umringen, sind nicht ein Heiligthum, mit Zedernholz belegt, und mit Silber verziert, noch seyd Ihr dienende Priester am Altare mit Rauchfafs und Fackeln, sondern Ihr haltet in Euern Händen das Schwert und den Bogen und die Waffen des Todes. Aber ich sage Euch und verkünde Euch, als noch der alte Tempel stand in seiner ersten Herrlichkeit, ward kein ange- nehmeres Opfer dargebracht, denn das, so Ihr an diesem Tage dem Herrn geweihet, indem Ihr erlegtet den Zwingherrn und Bedrücker, und der Felsen Euer Altar war, und der Himmel Euer 150 gewölbtes Heiligthum, und Euer gutes Schwert das Opfermesser. Darum lasset Ihr nicht stehen den Pflug in der Furche! Gehet nicht rückwärts auf dem Pfade, den Ihr betreten habt, gleich den berühmten Helden der Vorzeit, welche Gott erhob zur Verherrlichung seines Namens, und zur Erlösung seines betrübten Volkes! Steht nicht still auf der Bahn, die Ihr lauſet, auf dafs das Ende nicht schlimmer sey, als der Anfang! Darum pflanzet auf ein Banner im Lande, lafst die Trompete ertönen auf den Bergen! Der Schä- ſer verweile nicht länger in seiner Hürde; der Säemann höre auf, auf dem gepflügten Felde zu säen; sondern haltet scharfe Wacht, spitzet die Pfeile, putzet die Schilde! Ernennet Hauptleute von Tausenden, und Hauptleute von Hunderten, und von Fünfzigen, und von Zehnen! Lasset die Fufsknechte kommen, wie das Rauschen des Windes, und die Reiter gleich dem Klange von vielen Gewässern! Denn die Wege der Verderber sind gehemmt, ihre Ruthen sind verbrannt, und das Angesicht ihrer Männer der Schlacht hat sich zur Flucht gewendet. Der Himmel ist mit Euch gewesen und hat zerbrochen den Bogen der Ge- waltigen! Darum sey das Herz eines Jeglichen Sleich dem Herzen des tapfern Maccabäus, die Hand eines Jeglichen gleich der Hand des gewal- tigen Simson, das Schwert eines Jeglichen gleich déem Schwerte Gideons, das sich nimmer von der —— —— 151 Schlacht wandie: denn das Banner der reinen Lehre ist ausgebreitet auf den Bergen in seiner ersten Lieblichkeit, und die Pforten der Hölle vermögen nichts mehr dagegen.“ „Wohl dem, der da vertauschet an diesem Tage sein Haus für einen Helm, und verkaufet sein Kleid für ein Schwert, und sein Loos wirft zu den Loosen der Kinder des Bundes, bis über sie kommt der Segen der Verheissung. Und wehe, wehe dem, der um fleischlicher Zwecke willen und selbstsüchtig sich dem groſsen Werke ent- zicht: denn der Fluch wird mit ihm seyn, ja der grimmige Fluch des Meroz, weil er nicht kam, dem Herrn beyzustehn gegen die Cewal- tigen!* „Auf Jenn, an's Werk! Das Blut der Märtyrer, so auf den Richtstätten raucht, schreyet um Rache; die Gebeine der Heiligen, so auf den Heerstrafsen bleichen, fordern Vergeltung; die Seufzer der unschuldigen Gefangenen auf wüsten Inseln des Meeres und aus den Kerkern der Vesten der Zwingherren ächzen nach Erlsung; die Gebete der verfolgten Christen, die sich in den Einöden und in Höhlen vor dem Schwerte ihrer Verfolger verbergen, erschöpft vor Hunger, umkommend vor Kälte, ohne Feuer, Obdach und Kleider, weil sie Gott mehr dienen als Menschen— alle sind mit Euch, bitten, wachen, pochen und stürmen für Euch die Pforten des 1 52 Himmels. Der Himmel selbst wird für Euch streiten, wie die Sterne in ihren Läufen stritten wider Sissera. Darum der, so da will unsterb- lichen Ruhm gewinnen in dieser Welt, und ewige Glückseligkeit in der künftigen, trete ein in den Dienst Gottes und nehme das Handgeld von seinem Diener— einen Segen nämlich— auf sich und sein Haus und seine Kinder, bis ins neunte Clied, ja den Segen der Verheiſsung für immer und ewiglich! Amen.“ Die Beredsamkeit des Predigers ward durch das tiefe Cemurmel des Beyfalls belohnt, das durch die bewaffnete Versammlung am Schlubs einer Ermahnung schallte, die sich so gut eignete für das Ceschehene und für das, was noch zu thun übrig blieb. Die Verwundeten vergaſsen ihrer Schmerzen, die Schwachen und Hungrigen ihrer Ermüdung und ihrer Entbehrungen, als sie der Lehre horchten, die sie zugleich ſiber die Bedürfnisse und Bedrängnisse der Welt erhob, und ihre Sache zu der Sache der Cottheit machte. Viele drängten sich um den Prediger, als er von der Anhöhe, auf welcher er gestanden, herunter stieg, und ihn mit Händen anfassend, an wel- chen das Blut noch klebte, gelobten sie ihm mit heiligen Eiden, sich als des Himmels treue Krie- ger zu betragen. Erschöpft durch seine eigene Begeisterung, und durch den brennenden Eifer, der ihm seine Rede eingegeben, konnte der 153 prediger nur in gebrochenen Tönen antworten: «Cott segne Euch, meine Brüder— es ist seine Sache!“— Haltet Euch tapfer, und fechtet wie Männer!— Das Schlimmste, was uns treffen kann, ist nur ein kurzer, blutiger Weg zum Himmel.* Balfour und die andern Führer waren während der, dieser geistlichen Erbauung gewidmeten, Zeit auch nicht müssig gewesen. Wachtfeuer waren angezündet, Schildwachen ausgestellt und Anstalten getroffen, die Krieger mit den Lebens- mitteln zu stärken, die in der Eile aus den nächsten Pächterhäusern und Dörfern zusammen zu bringen gewesen waren. Sobald dem gegen- wärtigen Bedürfnisse abgeholfen war, fingen sie an, für die Zukunft zu sorgen. Es wurden Hauſen ausgesandt, die Nachricht ihres Sieges zu verbrei- ten, und mit CGüte oder Gewalt einzutreiben, was sie am dringendsten brauchten. Hierin glückte es ihnen über alle Erwartungen, denn sie fanden in einem Dorſe einen kleinen Vorrath Nahrungsmittel für Menschen und Pferde, nebst Schiefspulver, der für die königlichen Truppen bestimmt gewesen war. Dieser Clücksfall ver- sorgte sie und belebte ihre Hoffnungen aufs Neue, dafs, wenn auch zuerst einige aus ihrer Mitte in ihrem Eifer nachgelassen hatten, sie nun ein- müthig beschlossen, sämmtlich unter den Waf- 154 fen zu bleiben, und sich und ihre Sache dem Ausgange des Krieges anheim zu stellen. Wie man auch von der Ueberspannung und engherzigen Bigotterie vieler ihrer Glaubenssätze denken mag, unmöglich kann man den Ruhm eines frommergebenen Muthes einigen hundert Landleuten versagen, die ohne Führer, ohne Geld, ohne Vorräthe, ohne festen Entwurf ihrer Handlungsweise, und beynahe ohne Waſſen, nur durch ihren inwohnenden Eifer, und den Ab- scheu gegen den Druck der Machthaber bewogen, cinen ollenen Krieg einer wohlbefestigten Re- gierung zu erklären wagten, welche von einem aufs Beste eingerichteten Heere und von der Ban- zen Kraft dreyer Königreiche gehalten ward. 155 ——ð—+—Q»————ℳℳℳℳℳMℳℳ—:—— ℳzäêèkͤ— Neunzehntes Kapitel. Da seh' mal einer, ob ein alter Mann was thun kann! Heinrich II.. Wir nI en nun nach dem Schlosse Tillietudlem zurückkehren, wo seit dem Abmarsche der Leib- wache am Morgen dieses ereigniſsvollen Tages Stille und Angst herrschten. Den Versicherungen Lord Evandales war es nicht gelungen, Edithens Befürchtungen zu heben. Sie wuſste, wie edel- müthig, wie treu er seinem Worte war; aber es war zu deutlich, dals er den, für welchen sie sich verwendete, für einen begünstigten Nebenbuhler hielt, und hiefſs es nicht mehr von ihm erwarten, als das menschliche Herz leisten kann, wenn sie hätte glauben wollen, er werde über Mortons Sicherheit wachen, und ihn aus allen Gefahren retten, denen seine Gefangenschaft und der Arg- 156 wohn, den er ecinmal gegen sich erweckt, ihn wiederholt aussetzen mufstenP Sie überliefs sich demnach den quälendsten Besorgnissen, ohne die tausendfachen Trostgründe zu beachten, ja fast ohne sie anzuhören, mit denen Hannchen Den- nison nach und nach vorrückte, wie ein geschick- ter Feldherr, der mit den verschiedenen Abthei- lungen seiner Truppen in regelmäſsiger Ordnung heranrückt. Zuvrderst hatte Hannclten die vollkommenste innere Ueberzeugung, dafs dem jungen Milnwood kein Leid widerfahren würde; und sollte es ja geschehn, so war ja schon Trost in dem Cedanken, dafs Lord Evandale doch die beste und schick- lichste Parthie für das Fräulein sey; sodann war ja eine Schlacht im Werke, worin bessgter Lord Evandale leicht getödtet werden konnte, und qann war ja die Geschichte auf einmal aus. Und bekamen die Whigs die Oberhand, so konnten Morton und Luthbert ins Schlofs kommen, und ihre Herzliebsten mit Gewalt entführen. „Ich hab's auch vergessen Euch zu sagen, guaä- diges Fräulein,“ fuhr das Mädchen fort, indem sie das Schnupftuch vor die Aunen hielt: ader arme Luthbert ist in den Händen der Philister, so gut wie der junge Milnwood, und er ward diesen Morgen als Gefangener hergebracht, und ich that mik dem Thomas Halliday gern ein wenig schön und schmeichelte ihm, daßs er mich cin 157 Bischen zu dem armen Menschen gehen liels. Aber Luthbert war nicht so dankbar, als er hätte seyn sollen, und“— seizte sie mit verändertem Tone hinzu und nahm schnell ihr Schnupftuch von dem Gesichte weg—«ich will mir auch nicht länger die Augen darum verderben. Es würden noch immer junge Bursche genug übrig bleiben, wenn man auch die Hälfte davon hängte.“ Die übrigen Bewohner des Schlosses waren auch in miſsmuthiger und sorglicher Stimmung. Frau Margarethe glaubte, der Oberst Graham habe, indem er eine Hinrichtung vor der Thür ihres Hauses befahl, und indem er sich weigerte, auf ihre Bitte GCnade zu gewähren, nicht nur die, ihrem Rnge gebührende, Achtung verletzt, son- dern habe auch in ihre herrschaftlichen Rechte eingegriſlen. „Der Oberst hätte bedenken sollen, Herr Bru⸗ der,» sagte sie, dafs die Herrschaft von Tillie- tudlem die peinliche Gerichtsbarkeit hat, und dafs daher, wenn der junge Mensch auf meinem Gebicte hiagerichtet werden sollte— was ich jedoch als cine sehr unziemliche Sache betrachte, da es im Besitz von Frauen ist, denen solche Trauerspiele nicht willkommen seyn können— aber hätte es doch geschehen sollen, so muſste er nach den gemeinen Rechten meinem Gerichts- 158 voigt überliefert, und in seiner Gegenwart ge- richtet werden.“* „Kriegsrecht, Frau Schwester,“ antwortete der Major, ageht über alle andern Rechte. Aber ich muſs gestehen, der Oberst Graham liefs es schr an Räcksichten auf Euch fehlen, und ich fühle mich auch eben nicht übermäfsig geschmei- chelt, dafs er dem jungen Evandale gewährte— wahrscheinlich, weil er ein Lord ist, und Ein- flufs im Staatsrathe hat— was er so einem alten Diener des Königs, als ich bin, abschlug. Aber so lange das Leben des armen jungen Menschen jn Sicherheit ist, tröste ich mich mit den Schlufs- zeilen eines Liedchens, das leicht so alt seyn mag, als ich selbst.* Und hiermit trällerte er den Vers: „Und bläst auch der Winter grimmig und kalt Durch graues Gelock und den Mantel so alt; Frisch auf, mein wackrer Reitersmann, Ein Becher mit Sekt erwärmt dich dann. Ich mufs heute Euer Cast seyn, Frau Schwe- ster. Ich mufs hören, welch einen Ausgang die Geschichte am Loudonhügel nimmt, obwohl ich nicht begreifen kann, dafs sich die Leute gegen ein Reiterregiment halten könnten, wie das, was wir heute Morgen bewirthet.— Ach! leider Gottes sind die Zeiten vorbey, wo's mir schlecht 159 gefallen haben würde, so hier zu Hausc zu sitzen, und auf Nachrichten von einem Treffen zu war- ten, das ein Paar Meilen von uns geliefert wird. Aber wie das alte Lied sagt: Das schönste Schwert verrostet mit der Zeit, Den stärksten Bogen bricht die Macht der Stunden; Nichts ist so kräftig, dafs es nicht im Streit Mit Zeit und Jahren endlich überwunden.“* Es freut uns sehr, daſs Ihr bey uns bleiben wollt, Herr Bruder,“ versetzte Frau Margarethe; ich werde mein altes Vorrecht gebrauchen, und nach meinem Hauswesen sehen, das durch das Mahl etwas in Unordnung gebracht ist, obwohl es unhöflich ist, Euch allein zu lassen.* „O,“» antwortete Major Bellenden, Umstände szind mir so verhafst, wie ein stolperndes Pferd. — Vebrigens, wenn Ihr auch bey mir bliebet, Eure Gedanken würden doch nur bey Eurer kal- ten Küche und bey Euren übriggeblichenen Pasteten seyn. Wo ist denn Edithe?“ „Auf ihrem Zimmer. Sie ist etwas unpäſslich. wie ich höre, und hat sich einen Augenblick niedergelegt. Sobald sie erwacht, soll sie einige Tropfen nehmen.“* Pah! pah! Die Soldaten sind's, die sie krank gemacht haben,* erwiederte der Major. Sie 160 ist's nicht gewohnt, es so mit anzusehn, daſs ein Bekannter herausgeführt wird, um erschossen zu werden, und ein Anderer davon marschirt, und sich an Orte begibt, von wo er vielleicht nie den Rückweg wieder findet. Sie würde sich bald daran gewöhnen, wenn der Bürgerkrieg wieder ausbräche."* «Cott verhüt’ es, Herr Bruder! rief Frau Margarethe. „Ja, der Himmel verhüt’ es, Ihr habt Recht. — Und,— unterdessen will ich eine Parthie Trictrac mit Harrison spielen.“ «Er ist ausgeritten, meldete Gudyill,«zu schn, ob er nicht etwas von der Schlacht hören kann.“ Pie verdammte Schlacht!“ rief der Major. „8 9 bringt ja das ganze Haus so in Unordnung, als hätte man so etwas hier zu Lande noch nicht erlebt.— Und doch gibt'’s hier einen Ort, der Kilsythe heifst, Hanns!* 8 —a, gnädiger Herr,“ versetzte Gudyill,«und einen, der Tippermoor heiſst, wo ich meines seligen gnädigen Herrn Hintermann war.“ „Und Alford, Hanns, wo ich die Reiterey be- fehligte; und Innerlochy, wo ich Adjutant des groſsen Marquis*) war; und Alt-Farn und die Deebrücke!“ *.) Montrose. 16¹1 «Und Philippshaugh, Ihro Gnaden, fügte Hanns hinzu. Hm!“ versetzte der Major;«je weniger wir 1 Jor;«] davon sprechen, je besser, Hanns!“ «Da er sich aber einmal schon im Gespräch ſber Montroses Feldzug völlig eingeschifft, so ſing er an, mit seinen Gefährten so rüstig weiter zu segeln, dafs sie ein Paar Stunden den furcht- baren Feind, Zeit genannt, abhielten, mit wel- chem alte Krieger, am ruhigen Schlusse eines arbeitsvollen Lebens, gewöhnlich in unaufhör- lichen Feindseligkeiten leben. Es ist häufig bemerkt worden, daſs die Zeitun- gen wichtiger Ereignisse sich mit einer Schnel- ligkeit verbreiten, die fast unglaublich ist, und daſs Nachrichten, richtig in der Hauptsache, aber falsch in den Nebenumständen, dem sichern Berichte vorausgehen, als wenn sie von den Vögeln durch die Luft getragen wären.— Diese, der Wirklichkeit vorgreifenden, Gerüchte gleichen beynahe den«Schatten der kommenden Thaten“ des Hochländischen Sehers. Harrison stiefs auf seinem Ritt auf mehrere solche Berichte über den Ausgang des Trelſfens, und schlug mit groſsem Schrecken seinen Rück- weg nach Tillietudlem ein. Sein erstes Geschäft war, den Major aufzusuchen, den er mitten in einer weitläufigen Erzählung von der Belagerung 72. L 162 und dem Sturm von Dunbar mit den Worten unterbrach: «Gott gebe, Herr Major, dafſs wir nicht eine Belagerung von Tillietudlem erleben, ehe wir ein Paar Tage älter werden.“ „Wie ist das, Harrison?— Was Teufel, meint Ihrb“ rief der erstaunte Major. „Wahrhaftig, Herr Major, s wird überall: und allgemein gesagt, Claverhouse wäre ganz auſgerieben, ja er selbst geblieben. Die Solda- ten sollen alle auseinander gejagt seyn, und die Aufrührer eiligst des Wegs kommen, und Allen Tod und Verderben drohn, die nichts mit dem Bunde zu thun haben wollen.“ „Nimmermehr mag ich glauben;» rief der Major aufspringend.,„daſs die Leibwache vor Aufrührern flieht!— Aber,“* fuhr er, sich selbst unterbrechend, fort:«was will ich denn 5 Habe ich nicht selbst Aehnliches erlebt?— Schickt meinen Pike und ein Paar andere Diener nach. Nachrichten aus, und lafst alle Leute im Schlosse und im Dorfe, denen man trauen kann, zu den Waflen greifen. Dieser alle Thurm kann sie schon ein Bischen aufhalten, wenn wir nur Le- bensmittel und Mannschaft hätten. Er beherrscht den Paſs zwischen dem Gebirge und dem platten Lande. ˙S ist ein Glück, dafs ich gerade hier bin.— Ccht, Harrison, mustert die Mannschaft! Ihr, Gudyill, scht, was wir für Lebensmittel — — 163 haben, oder welche wir uns noch verschaffen können, und haltet Euch fertig, wenn die Nach- richten sich bestätigen, so viel Ochsen zu schlach- ten, als wir einsalzen können. Der Brunnen hat immer Wasser.— Es sind oben auf den Zinnen noch ein Paar altfränkische Kanonen; hätten wir nur was zu verschiefsen, so wollten wir schon: machen.“ «Die Soldaten haben einige Pulverfässer diesen Morgen in der Meyerey zurückgelassen, bis zu ihrer Rückkehr,“ sagte Harrison. «So macht denn, und bringt sie ins Schlofs, verselzte der Major,«und alles, was Ihr von Piken, Schwertern, Pistolen und Gewehren finden könnt. Nichts Spiuiges lalst mir liegen! Ein Glück, daſs ich hier bin.— Ich will nun gleich mit meiner Schwägerin sprechen.“ Frau Margarethe Bellenden ward höchst be- stürzt über die so unerwartete und so beunruhi- gende Nachricht. Die ansehnliche Kriegerschaar, die heute Morgen ihre Mauern verlassen, hatte ihr stark genug geschienen, alle Mifsvergnügten in Schottland in die Flucht zu schlagen, wenn sie sich gesammelt hätten, und ihr erster Ge- danke war, wie wenig sie im Stande sey, einem Heere zu widerstehen, das stark genug war, Claverhouse und seine auserlesene Schaar zu schlogen. 164 „Wieh uns, weh uns!“ rief sie:«Was kann uns alles das helfen, was wir zu thun vermögen, Herr Schwager? Was kann Widerstand anders zuwege bringen, als einen sichern Untergang diesem Hause und meinem Kinde Edithab Denn Cott weifs, dafs ich nicht an mein altes Leben denke!“* Ey, Frau Schwester, erwiederte der Major, aIhr müſst nicht so niedergeschlagen seyn! Der platz ist fest, die Aufrührer sind unwissend und schlecht versehen. Meines Bruders Haus soll keine Diebes- und Aufrührerhöhle werden, so lange der alte Bellenden darin ist. Meine Hand ist schwächer als sie war, aber Dank meinen grauen Haaren, ich verstehe mich noch etwas auf den Krieg.— Da kommt ja Pike mit Nach- richten! Nun was gibt's, Pike? Gibt's wieder so zne Philippshaugher Geschichter Heb“ Ja, ja,“ erwiederte Pike gefats„ asie sind gänzlich zerstreut Ich dachte diesen Morgen gleich, s würde nicht viel Gutes herauskommen aus der neumodischen Weise, die Gewehre um- zuhängen* „Wen hast Du dennm gesprochen? Wer gab Dir denn die Nachricht?“ fragte der Major. 0 mehr als ein halb Dutzend Reitersleute, die alle spornstreichs nach Hamilton ritten, als wie um die Wette; nu, das Ziel werden sie 165 wohl gewinnen; gewinne die Schlacht, wer Lust hat!“ «Fahrt fort mit Euren Vorbereitungen, Harri- son! Bringt das Pulver herein, und das Vieh geschlachtet! Schickt hinunter in den Flecken, und lafst an Fleisch zusammen holen, was Ihr finden könnt. Wir dürfen keinen Augenblick verlieren.— Thätet Ihr nicht besser, liebe Schwä- gerin, mit Edithen nach Charewood zu gehen, so lange wir Euch noch dahin schicken können 5 «Nein, Herr Bruder,“ erwiederte die alte Dame, mit blassen Wangen, aber groſser Fas- sung. Weil Ihr denn das alte Haus halten wollt, so will ich mein Schicksal darin erwarten. Zwey- mal in meinem Leben bin ich daraus geflohen, und immer habe ich’s von den Tapfersten und Liebsten verlassen wiedergefunden, wenn ich zurückkehrte; darum will ich jetzt hier bleiben, und hier meine Pilgerfahrt enden.“ Im Grunde möcht'’ es auch das Beste für Edi- then und Euch seyn,“ entgegnete der Major.«Die Whigs werden nun wohl das ganze Land zwischen Tillietudlem und Glasgow in Aufruhr bringen, und so würde weder Eure Reise nach Charewood, noch Euer Aufenthalt dort sicher seyn.“ So sey es also,“ erwiederte Frau Margarethe; aund Euch, mein theurer Herr Bruder, als dem nächsten Verwandten meines seligen Mannes, überliefere ich durch dieses Sinnbild“— hier- 166 mit überreichte ste ihm den goldknopſigen Stab des verstorbenen Grafen von Torwood— adie werrschaft, und den Oberbefehl, und die Schirm- voigtey meiner Burg Tillietudlem und deren Zu- behörungen, mit aller Gewalt, diejenigen, so solche angreifen, zu tödten, zu erschlagen, oder ihnen Schaden zuzufügen, gleichwie mir besagte Gewalt zusteht. Und ich hoffe, Ihr werdet sie so vertheidigen, wie ein Haus es werth ist, in welchem Seine allergnädigste Majestät nicht ver- schmähte“—— Pah! Frau Schwester,“ fiel der Major ein, „mwir haben jetzt keine Zeit von dem König und seinem Frühstück zu sprechen.“ Und schnell das Zimmer verlassend, eilte er, mit aller Leb- haftigkeit eines fünf und zwanzigjährigen Mannes, den Zustand der Besatzung zu untersuchen, und die Maſsregeln, welche zur Vertheidigung des platzes erforderlich waren, zu leiten. Das Schlofs Tillietudlem war wohl im Stande, sich gegen einen Angriſl zu wehren, denn es hatte, ausser sehr dicken Mauern und ganz schma- len Fenstern, einen festen Burghofwall, mit Thürmchen auf der einzig zugänglichen Seite, da es an der andern sich aus einem steilen Abgrunde erhob. Nur schweres Geschütz konnte sie nicht aushalten. Besonders aber hatte die Besatzung Aushungerung und Sturm zu fürchten. Was ihr Geschütz anbelangte, 8o standen oben auf der 167 Burg einige alte Stücke, die den altmodischen Namen Feldschlangen, Falconette und Falco- nettchen führten. Diese lieſs der Major mit Hanns Gudyills Hülfe reinigen und laden, und richtete sie so, daſs sie den Weg bestrichen, welcher über den jenseitigen Hügel führte, den die Aufrührer kommen mufsten. Zugleich lieſs er einige Bäume niederhauen, welche die Wir- kung des Geschützes hätten hindern können, im Fall dessen Anwendung nothwendig ward. Von den Stämmen dieser Bäume, nebst andern Bau- stoffen, lieſs er auf dem Pfade, der sich von der Landstrafse ab, zum Schlosse herauf wand, Ver- schanzungen auflühren, von denen eine die an- dere vertheidigte. Das groſse Hofthor wurde noch stärker verrammelt, und nur ein Pförtchen blieb zum Durchgange offen. Was es am meisten zu fürchten hatte, war die Schwäche der Besatzung; denn allen Bemühungen des Verwalters war es unmöglich gewesen, mehr als neun Männer unter Walſlen zu bringen, ihn und Gudyill mit einge- schlossen; so sehr war die Mehrzahl auf Seiten der Insurgenten. Mit dem Major Bellenden und seinem treuen Diener Pike bestand die Besatzung aus eilf Mann, und die Hälfte davon waren Greise. Man hätte das Dutzend voll machen können, wenn Frau Margarethe hätte erlauben wollen, daſs Cänse-Cilbert noch einmal zu den Wallen grille. Aber als Gudhyill dies vorschlug, erschrack sie so sehr davor, und die entsetzliche Erinnerung an die frühern Thaten des ungliick- lichen Reitersmannes ergriff sie so lebhaft, dafs sie erklärte, lieber solle das Schlofs verloren gehen, als daſs er mit in die Wehrmannschaft desselben aufgenommen werden dürfe. Mit sei-- nen zehn Mann beschlofs aber der Major, das- Schlofs bis aufs Aeusserste zu vertheidigen. Diese Rüstungen zur Cegenwehr wurden niclit ohne den Lärm gemacht, der Pey solchen Gele- genheiten gewöhnlich ist. Die Weiber schrieen, das Vieh brüllte, die Hunde heulten, die Män- ner rannten hin und her, ohne Unterlafs fluchend und schwörend. Das Hin- und Herschleppen der alten Kanonen auf den Zinnen erschütterte die Burg; der Hof hallte wieder von dem eiligen Laufen der Boten, die mit Sendungen von Wich- tigkeit gingen und wiederkamen, und in das Getöse kriegerischer Zurüstung mischten sich die Klagetöne der Frauen. Eine solche Babylonische Verwirrung hätte die Todten aus dem Schlaf wecken könn ind es dauerte daher auch nicht lange, so Kdithe Bellenden aus ihren Träumereyen auf Ort. Sie- schickte Hannchen fort, sich nach de Ursache des Lärms zu erkundigen, welcher das Schloſs in seinen Grundsteinen erschütterte; aber als Hamuchen einmal in dem geschäftigen Gewühle war, hatte sie so viel zu fragen und zu hören, 169 dafs sie ganz vergaſs, in welchem Zustande der ängstlichsten Ungewiſsheit sie ihre junge Herr- schaft zurückgelassen. Da sie keine Taube nach Kunde auszuschicken hatte, als ihre Rabenbotin nicht zurückkam, so war Edithe gezwungen, sich selbst aus der Arche ihrer Kammer in die Sündfluth der Verwirrung hinaus zu wagen, die das ganze Schlofs überschwemmte. Sechs Stim- men erhoben sich auf einmal, ihr zu melden, dafs Claverhouse sammt seiner ganzen Mannschaft getödtet sey, und dafs zehntausend Whigs im Anzuge seyen, das Schlofs zu belagern, angeführt von Hanns Balfour von Burley, dem jungen Miln- wood und Luthbert Headrigg. Diese sonderbare Zusammenstellung schien die Falschheit der gan- zen Geschichte darzuthun, und doch zeigte der allgemeine Lärm im Schlosse, dafs wirkli Ge- fahr gefürchtet werde. Wo ist meine Groſsmutter?» war Edithens zweyte Frage. In ihrem Betzimmer,“ war die Antwort. Dies war ein, an die alte Kapelle stoſsendes Gemach, wo die gute alte Dame die Stunden, welche nach den Vorschriften der bischöflichen Kirche der Andacht gewidmat sind, so wie auch die Jahrestage des Todes ihrer Verlornen, ihres Mannes und ihrer Kinder, verlebte, über- haupt alle Stunden, die durch vaterländische 17⁰ oder häusliche Drangsale zu einer innigern und feyerlichen Anrufung Gottes aufforderten. „Und wo ist denn mein Oheim?“ fragte Edithe sehr unruhig. Auf den Schlofszinnen, Fräulein,“ war die Antwort;«er richtet die Kanonen.“ Auf die Zinnen also ging sie, unterwegs von tausend Hindernissen aufgehalten. Dort fand sie den alten Krieger, mitten in seinem eigentlichen Element, befehlend, verweisend, ermunternd, unterrichtend, und alle die zahlreichen Pflichten eines guten Befchlshabers ausübend. „Um Cotteswillen, was gibt es, Oheim b rief Edithe. „Wasses gibt, Kindps crwiederte der Major ruhig, indem er, mit Brillen auf der Nase, die Stellung einer Kanone untersuchte.«Was es gibt? — Ey— Hanns, den Brohk etwas höher!— Cibt?— Siehst Du, Claverhouse ist geschlagen, Kind, und die Whigs kommen mit Macht auf uns los. Weiter gibt's nichts.» „Crofser Cott!» rief Edithe, deren Blick in dem Augenblicke auf den Wes ſiel, der an dem plufs herauf lief:«Da unten kommen sie!“ Da unten? Wo' rief der Alte, und indem seine Augen dieselbe Richtung nahmen, sah er eine grofse Schaar Reiter des Weges kommen. Zu den Kanonen, Kinder! war sein erster Ausruf.„Sie sollen uns Zoll bezahlen, wenn 171 sie da durch wollen. Aber halt— halt! Gewiſs ist's ein Theil der Leibwache.“ „O nein, Oheim, nein!» erwiederte Edithe. „Scht nur, wie unordentlich sie reiten, und wie schlecht sie sich in Reihen halten! Das können nicht die schönen Soldaten seyn, die uns heute Morgen verliefsen.“ Ach, liebes Mädchen,“ antwortete der Major, „Du kennst den Unterschied noch a3cht zwischen Kriegern vor der Schlacht und nach einer Nie- derlage. Aber zur Leibwache gehören sie, denn ich sche Roih und Blau, und die königliche Standarte. Ich bin nur froh, dafs sie die davon gebracht haben.“ Seine Meinung ward bestätigt, als die Reiter näher kamen, und endlich an dem Wege unter dem Schlosse Halt machten. Ihr Anführer liefs ihnen Zeit, zu verschnaufen und ihre Pferde zu füttern, und ritt eiligst den Hügel allein hinauf. «Es ist Claverhouse, sicherlich,“ sagte der Major.«Ich bin nur froh, dafs er entkommen ist, aber seinen berühmten Rappen hat er ver- loren. Meldet's der gnädigen Frau, Hanns Gu- dyill, und besorgt einige Erfrischungen, und Iiafer für die Soldaten-Pferde. Und wir, Edithe, wollen in die Halle gehen, und ihn dort sprechen. Ich fürchte, wir werden nicht viel Gutes hören.* —— 17 2 ——MOõ—— Zwanzigstes Kapitel. [ꝭ— 3 Und sorglos, ungebrochnen Muths, Durch's Thal er nordwärts ritt; So sah er aus im Drang der Jehlacht, Mo er als Fieger stritt. Harchyknute. Der Oberst Graham von Claverhouse, begrülste die Familie, welche in der groſsen Schlofshalle versammelt war, mit derselben Heiterkeit und derselben anmuthigen Höflichkeit, die sein Be- nehmen heute Morgen geziert. Er hatte die Be- sonnenheit gehabt, die Unordnung seines Anzugs zu verbessern, und die Spuren der Schlacht von Gesicht und Händen zu waschen, und erschien in seinem Aeussern nicht verstörter, als wenn er von einem Morgenritte zurückkehrte. Ich bin bekümmert, Herr Oberst,“ sagte die 173 ehrwürdige alte Dame, und die Thränen perlten über ihr Gesicht:«tief bekümmert!“ Und auch ich bin bekümmert, meine theure gnädige Frau,“ erwiederte Claverhouse, daſs die- ses Miſsgeschick Euer Bleiben in Tillietudlem gefährlich machen kann, besonders in Erwägung der Gastfreundlichkeit, die Ihr noch eben an den königlichen Truppen geübt, und Eurer bekannten Ergebenheit gegen den Monarchen. Ich komme auch besonders hierher, um Euch und Fräulein Bellenden zu hitten, meine Begleitung nach Glas- gow anzunenmen, wenn Ihr den Schutz eines armen Flüchtlings nicht verschmähen wollt. Von da will ich Euch sicher nach Edinburg oder nach Schlofs Dunbarton senden, wie'’s Euch am besten dünkt.“ Ich dank' Euch vielmals, Oberst Graham,“ versetzte Frau Margarethe.«Aber mein Schwager, der Major, hat sich verantwortlich gemacht, dies Haus gegen die Empörer zu halten; und geliebt es Cott, so sollen sie nimmer wieder Margarethen Bellenden von ihrem eignen Herde treiben, so lange noch ein braver Mann sagt, er könne ihn vertheidigen. Und Major Bellenden will das unternehmen?“ snagte Claverhouse hastig, und sein dunkles Auge erglänzte freudig, als er auf den alten Kriegs- mann blickte. Aber wie kann ich noch fragen? 174 Es paſst ja so gut zu seinem übrigen Leben!— Aber habt Ihr auch die Mittel, lieber Majord“ «Alles bis auf Mannschaft und Lebensmittel, womit wir schlecht versehen sind,“ antwortete der Major. Was die Mannschaft anbelangt, versetzte Claverhouse, aso will ich Euch ein Dutzend bis zwanzig Kerle zurücklassen, die eine Bresche gegen den Teufel vertheidigen würden. Es ist von der äussersten Wichtigkeit, daſs Ihr dies Schlofs, wenn auch nur eine Woche, vertheidigt, und unter der Zeit müfst Ihr entsetzt werden.“ Für diese Zeitstehe ich, Herr Oberst,“ erwie- derte der Major.«Mit fünf und zwanzig Mann, und einem Vorrath Ammunition halt ich's, und wenn wir vor Hunger an unsern Schuhsohlen kauen sollten. Aber ich hoſfe, wir werden aus der Umgegend Lebensmittel bekommen können.“ Und Herr Oberst, wenn ich eine Bitte wagen dürfte,“ hob Frau Margarethe wieder an, so würd' ich Euch ersuchen, daſs der Wachimeister Franz Stuart die Hülfsmacht befehligen möchte, mit der Ihr die Güte haben wollt, die Besatzung unserer Leute zu verstärken. Es wird ihm zu sciner Beförderung neue Ansprüche geben, und jch habe ein Vorurtheil für ihn wegen seiner hohen Geburt.“ 4 „Mit des Wachtmeisters Kriegsthaten ist es aus, gnädige Frau,“ gab ihr Graham in unver- 175 ändertem Tone zurück:«er bedarf jetzt keiner Beförderung mehr, die ein irdisches Gebieten geben kann.“ «Verzeiht mir,“ sagte der Major, indem er Claverhouse beym Arme nahm, und ihn von den Damen weg, abseits füͤhrte:«allein ich bin be- sorgt für meine Freunde. Ich fürchte, Ihr habt noch mehr und wichtigeren Verlust erlitten. Ich bemerke, dafs ein anderer Officier Eures Neſfen Fahne trägt.“ «Ihr habt Recht, Major Bellenden,“ antwortete Claverhause gefafst,«mein Neffe ist nicht mehr. Er starb in seiner Pflicht, wie es ihm zukam.“ «Crofser Cott,“ rief der Major,«wie traurig! Der schöne, tapfre, muthige Jüngling!“ Er war wirklich alles dies,“ erwiederte Cla- verhause.«Der arme Richard war mir theuer, wie ein ältester Sohn, mein Augapfel und mein bestimmter Erbe. Aber er starb in seiner Pflicht, und ich— ich, Major Bellenden“— hier schüt- telte er kräftig des Majors Hand—«ich lebe, ihn zu rächen¹* «Oberst Graham,“ versetzte der gefühlvolle Alte, und seine Augen füllten sich mit Thränen: es ist mir lieb, dals Ihr dies Unglück mit sol- cher Standhaftigkeit ertragt.“ «lch bin kein selbstischer Mann,“ enigegnete Claverhouse,«was auch die Welt von mir sagen möge. Ich bin weder selbstisch in meinen Hoff- „ 6 1 7 nungen, noch in meinen Besorgnissen, wader in meinen Freuden noch Schmerzen. Nicht meiner selbst wegen bin ich streng gewesen, nicht mei- ner selbst wegen ehrgeizig, nicht zu meinem Vortheil habe ich genommen. Den Dienst mei- nes Herrn und das Wohl des Landes habe ich stets im Auge gehabt. Meine Strenge ist vielleicht pisweilen Grausamkeit geworden, aber ich habe zum allgemeinen Besten und nicht zum eignen gehandelt, und nun will ich für meinen eigenen Schmerz nicht empfänglicher seyn, als ich für den der Andern gewesen bin.“ „Ich bin erstaunt über Eure Seelenstärke bey alle den unangenehmen Umständen dieses Er- eignisses,“ hob der Major wieder an. «Ja,“ entgegnete Claverhouse,«meine Feinde im Staatsrath werden dies Unglück mir zur Last legen— ich verachte ihre Anklagen. Sie werden mich bey meinem Monarchen verläumden— ich kann ihre Beschuldigungen zurückweisen.— Die Feinde des Staats werden frohlocken iber meine Flucht— es wird bald eine Zeit kommen, ihnen zu zeigen, daſs sie's zu früh thaten. Dieser ge- fallne Jüngling stand zwischen einem gierigen Verwandten und meiner Erbschaft, denn Ihr wifst, meine Ehe ist kinderlos— aber Friede mit ihm! Das Vaterland kann ihn eher entbehren, als Euren Freund Lord Evandale, der, nach tapferm Kampfe, geblieben ist, wie ich fürchte.“ 177 «Was für ein unglückseliger Tag!“ rief der Major aus, Ich hörte davon, aber dem Gerücht ward widersprochen; es wurde auch hinzugesetzt, der Ungestüm dieses jungen Cayaliers habe den Verlust des Gefechts veranlafst.“ «Nicht doch, Herr Major,“ versetzte Graham. Die lebenden Officiere mag der Tadel treffen, wenn er einen treffen muſs, aber die Lorbeern sollen unversehrt auf dem Grabe der Gebliebenen blühen. Ich weifs übrigens nicht gewiſs, ob Lord Evandale wirklich todt ist; aber ich fürchte, er ist entweder gefangen, oder getödtet. Er hatte sich indessen aus dem Gewühl gerettet, als wir uns das Letztemal sprachen; wir waren eben im Begriff, das Schlachfeld mit einer Nachhut von kaum zwanzig Mann zu verlassen, diesübrigen waren bereits alle zerstreut.“ 3 «Sie haben sich aber doch bald wieder gesam- melt,“ sagte der Major, indem er aus dem Eea- ster nach den Dragonern sah, die unten am Bache ihre Pferde fütterten, und sich selbst er- frischten. Ja,“ antwortete Claverhouse,«meine Kerle kommen nicht sehr in Versuchung, auszureissen, oder sich weiter zu zerstreuen, als sie der erste Schreck jagt. Es ist eben keinc groſßse Freund- schaft und Artigkeit zwischen ihnen und den Bauern hier zu Lande. Jedes Dorf, durch das sie kommen, ist im Stande, über sie herzufallen, 72. M 178 und so Werden die Schurken durch eine heilsame Furcht vor Schiefsen, Piken, Heugabeln und Be- senstielen zu ihren Fahnen zurückgetrieben.— Aber jetzt lafst uns über Eure Pläne und Bedürf- nisse sprechen, und uber die Mittel, mit Euch in Verbindung zu bleiben. Euch die Wahrheit zu sagen, ich zweifle, ob ich mich lange werde in Glasgow halten können, selbst wenn ich mich mit Lord Roſs vereinigt habe. Denn dies vor- übergehende und zufällige Siegsglück der Schwär- mer wird den Teufel in allen westlichen Craf- schaften in Aufruhr bringen.“ gie überlegten darauf des Majors Vertheidi- gungsplan gemeinschaftlich, und verabredeten, auf welche Weise sie den Zusammenhang unter sich erhalten wollten, im Fall ein allgemeiner Aufstand Statt finden sollte, wie es zu erwarten war, Claverhouse erneuerte sein Anerbieten, die Damen nach einem sichern Ort zu geleiten, aber alles erwogen, meinte der Major, würde Tillie- tudlem so sicher als ein andrer Ort seyn. Der Oberst nahm darauf einen höflichen Ab- schied von Frau Margarethe und Fräulein Bellen- den, indem er ihnen versicherte, obwohl er sie jetzt, wider Willen, in einer so gefährlichen Lage verlassen müsse, solle sein erstes Geschäft seyn, sich in ihrer Meinung als ein guter Ritter wieder herzustellen, und sie könnten sich darauf 179 verlassen, bald von ihm zu hören, oder ihn selbst wieder zu sehen. Voller Furcht und Besorgniſs war Frau Marga- rethe kaum im Stande, auf eine Rede zu ant⸗ worten, die mit ihren gewöhnlichen Ausdrücken und Gefählen so übereinstimmend war. Sie be- gnügte sich, Claverhouse Lebewohl zu sagen, und ihm für den Beystand zu danken, den er ihnen zurückzulassen versprochen. Edithe wünschte schnlichst, über Heinrich Mortons Schicksal etwas zu erfahren, aber sie konnte keinen Vorwand zu einer Erkundigung finden, und tröstete sich mit der Hoffnung, dafs ihr Oheim in seiner langen geheimen Unterredung mit Claverhouse davon gesprochen habe. Darin aber täuschte sie sich; denn der alte Kriegsmann war so ganz mit den Pflichten seines neuen Amts beschäftigt, dafs er kaum ein einzig Wort mit Claverhouse gespro- chen hatte, was nicht kriegerische Angelegen- heiten betraf; und wahrscheinlich würde er cben so vergefslich gewesen seyn, hätte das Schicksal seines eigenen Sohnes, statt dessen seines Freun- des, auf dem Spiele gestanden. 4 Claverhouse ritt nun den Felsen hinunter, auf welchem das Schloſs lag, um mit seiner Schaar wieder aufzubrechen, und Major Bellenden be- gleitete ihn, um die Abtheilung, welche er auf der Burg lassen wollte, in Empfang zu nehmen. 180 lIch werde Euch den Inglis hier lassen,“ sagte Claverhouse; adenn in meiner Lage kann ich keinen Officier entbebren. Alles, was wir durch unsere vereinten Bemühungen thun können, ist, unsere Leute zusammen zu halten. Doch sollte einer unserer vermiſsten Officiere sich sehen las- sen, so ermächtige ich Euch, ihn hier zu behal- ten, denn meine Kerle unterwerfen sich nicht leicht dem Befehle eines Andern.“ Die Reiter standen nun aufgestellt; er rief sechzehn Mann namentlich auf, und übergab sie dem Commando des Corporals Inglis, den er auf der Stelle zum Sergeanten erhob. „Ihr Herren,“ schlofs er,«ich lasse Euch hier zurück, das Haus einer Edeldame zu vertheidigen, unter dem Oberbefehl ihres Schwagers, des Ma- jors Bellenden, einem treuen Diener des Königs. Betragt Euch wacker, mäſsig, ordentlich und gehorsam, und jeder von Euch soll gut belohnt werden, wenn ich zurückkomme, das Schlofs zu entsetzen. Bey Meuterey, Feigheit„ Pflichtver- säumniſs, oder der geringsten Beleidigung der Wirthin und der Ihrigen, wird der Profoſs und der Strick— Ihr wiſst, ich halte Wort in Gutem wie im Schlimmen.“ Er berührte seinen Hut, als er ihnen Lebe- wohl bot, und schüttelte dem Major die Hand mit Herzlichkeit.. : 181 Cott befohlen, mein tapfrer, alter Freund!» sagte er.«Euch wünsche ich Glück, und bessere Zeiten uns Beyden.“ Die Reiter, welche er anführte, waren nun noch einmal durch die Bemühungen des Majors Allan in einige Ordnung gebracht, und obwohl ihres Glanzes beraubt, und mit besudeltem Cold- schmuck, hatten sie doch wieder ein besseres und kriegerisches Ansehn bekommen, wie sie das Schlofs Tillietudlem zum zweyten Male ver- lieſsen, als wie sie von der Niederlage dahin zurückkehrten. Der Major Bellenden, der nun seinen eigenen Hülfsmitteln überlassen war, schickte mehrere Vedetten aus, Lebensmittel, besonders Mehl, herbeyzuschaffen, und sich von den Bewegungen des Feindes in Kenntniſs zu setzen. Alle Nach- richten, welche sie darüber einziehen konnten, liefen darauf hinaus, dafs die Insurgenten diese Nacht auf dem Schlachtfelde zu bleiben gedäch- ten. Aber auch sie hatten einzelne Haufen und Leute ausgesandt, Vorräthe zusammen zu brin- gen, und diejenigen, welche zu gleicher Zeit im Namen des Königs sich widersprechende Befehle erhielten, kamen in groſse Noth und Verlegen- heit. Diese geboten, Lebensmittel nach dem Schlosse Tillietudlem zu senden, jene forderten, dafs sie Vorräthe ins Lager der goltseligen Be- kenner der wahren Religion, die für die Sache 182 des beschwornen Glaubensbundes aufgestanden seyen, nach Drumclog am Loudonhügel liefern sollten. Jede Aufforderung schlofs mit der Dro- hung, die Nichterfüllung mit Feuer und Schwert zu strafen, denn keine Parthey konnte auf den Eifer und die Treue der Aufgeforderten so fest pauen, daſs sie hätte hoffen können, diese wür- den auf andere Weise sich von ihrem Eigenthum trennen. So wuſsten die armen Leute nicht, auf welche Seite sie sich neigen sollten, und in der That gab es Einige, die sich auf mehr als eine wendeten. In diesen kitzlichen Zeiten muſs der Cescheid- teste verwirrt werden,“ sprach Nicolas Blane, der kluge Wirth im Bierhause, aber nur hübsch mit stillem Winde gefahren!— Hannchen, was haben wir für Mehl in der Vorrathskammer.“ „Vier Scheſfel Hafermehl, zwey Scheffel Cer- tenmehl und zwey Scheſfel Erbsenmehl,“ war Hannchens Antwort. Gut, Kind„“ erwiederte Niclas, tief seufzend. „Baldrian soll das Erbsen- und Gerstenmehl ins Lager von Drumclog bringen. Er ist ein Whig, und ist bey der alten Wirthin Ackerknecht ge- wesen— Kuchen von solchem Gemengsel werden ihren bäurischen Magen schon bekommen. Er muſs sagen, es wäre die letzte Unze Mehl im Hause, oder wenn er sich ein Gewissen daraus macht, zu lügen— er wir d ja aber nicht:'s jst 183 zum Besten des Hauses;— so mag er warten, bis Dunkan Glen, der alte versoſſne Reitersknecht, das Hafermehl nach Tillietudlem hinaufbringt, mit meiner unterthänigsten Empfehlung an die gnädige Frau und den Herrn Major; denn dann habe ich doch nicht so viel mehr, mir eine Suppe davon zu machen. Und macht Dunkan seine Sache gut, so will ich ihm ein Clas Branntwein geben, dafs die blaue Flamme ihm aus dem Munde schlagen soll.“ „Aber was wollen wir denn selber essen, Va- ter, wenn wir alles Mehl weggeben, was wir in der Vorrathskammer haben?“ „Wir müssen uns ein Weilchen mit Weizen mehl behelfen,“ erwiederte Niclas mit ergebungs- voller Miene. Es schmeckt nicht übel, obwohl es nicht so herzhaft ist, und ein Schottischer Magen mehr an'’s Hafermehl gewöhnt ist. Die Engländer leben meist davon; die Puddingmen- schen*) wissen's einmal nicht besser.“ Während die Klugen und Friedliebenden, wie Niclas, auf beyden Achseln trugen, griſfen die- jenigen, welche mehr Gemein- oder Partheygeist hatten, überall zu den Waffen. Der Königlich- gesinnten gab's nicht Viele im Lande, aber diese waren angesehn durch Vermögen und Einfluſs, meistentheils Landeigenthümer von alter Her- C—C—OOÓÿ—— *) Die Rlofsmenschen. 184 kunft, die mit ihren Brädern, Vettern und An- gehörigen bis ins neunte Glied, so wie mit ihrem Hausgesinde eine Art von Landwehr bildeten, stark genug, ihre Burgen gegen einzelne Haufen der Empörer zu vertheidigen, sich ihren Forde- rungen, Kriegsvorräthe zu liefern zu widersetzen, und diejenigen, welche von Andern ins Lager der Presbyterianer gesandt wurden, aufzufangen. Die Nachricht, dafs das Schlofs Tillietudlem gegen die Insurgenten vertheidigt werden sollte, ermu- thigte die Anhänger des Königs, welche es als eine Veste ansahn, in welcher sie Zuflucht finden konnten, Falls es ihnen unmöglich werden sollte, den Krieg, den sie wagen wollten, länger zu führen. Die Städte, Dörfer, Pächter und kleinere Guts- besitzer stellten dagegen für die Presbyterianische Sache zahlreiche Streiter. Sie waren es, die durch den Druck der Zeiten am meisten gelitten. Ihre Gemüther waren erbittert, erbofst, und zur Verzweiflung getrieben durch die verschiedenen Erpressungen und Grausamkeiten, welche sie hatten dulden müssen; und wiewohl sie keines- weges unter sich einig waren, weder über den Zweck dieses furchtbaren Aufstandes, noch über die Mittel, durch welche dieser Zweck erreicht werden sollte, so glaubten doch die Meisten, die Vorsehung eröffne ihnen hier ein Thor, die Ge- wisseusfreyheit, deren sie so lange berauhbt ge- 185 wesen, zu erlangen, und das Joch einer Tyran- ney abzuschütteln, welche Leib und Seele in Banden hielt. Vieler dieser Männer griſſen daher zu den Waffen, und rüsteten sich, um, nach dem Ausdruck ihrer Zeit und Parthey, ihr Loos zu denen der Sieger vom Loudonhügel zu werfen. 186 —-—-—-—n—M—. Ein und zwanzigstes Kapitel. 5 Ananias: Der Mann gefällt mir nicht. Er ist ein Heide, Und führt die Sprache eines Cananiters. Plage. Ihr müſot die Stund' abwarten, wenn erscheinett Fein guter Geist; nicht recht ist's ihn zu tadeln. Der Alchimist. Wir kehren zu Heinrich Morton zurück, den wir auf dem Schlachtfelde verliefsen. Er saſs an einem Wachtfeuer und verzehrte seinen An- theil von den Lebensmitteln, die man unter dem leere vertheilt hatte. Er war in liefes Nach. denken verloren über den Weg, der nun vor ihm lag, als Burley plötzlich zu ihm trat, begleitet * 187 von dem jungen Prediger, dessen Ermahnungen nach dem Siege solche kräftige Wirkung gethan. „Heinrich Morton,“ hob Balfour sogleich an, ader Kriegsrath des Heeres Gottes hat Euch, im Vertrauen, dafs der Sohn Silas Mortons kein lauer Laodiceer, kein gleichgultiger Gallio seyn könne, an diesem grofsen Tage zu einem seiner Hauptleute ernannt, und gewährt Euch ein Stim- menrecht im Rath nebst aller Gewalt, die sich für einen Befehlshaber christlicher Krieger ziemt.* „Herr Balfour,v erwiederte Morton ohne Zö- gern,«ich erkenne diesen Beweis des Vertrauens; und es ist nicht zu verwundern, dafs ein ange- bornes Cefühl bey den Unbilden meines Vater- landes, die nicht zu erwähnen, die ich selbst erduldet habe, mich gencigt genug machen, mein Schwert für Freyheit und Gewissensunabhängig- keit zu ziehen. Aber ich gestehe Euch, ehe ich mich entschlieſse, eine Befehlshaberstelle unter Euch anzunehmen, müssen meine Bedenklich- keiten gegen die Grundsätze, auf welche Ihr Eure Sache stützt, gehoben seyn.“ „Und könnt Ihr an unsern Grundsätzen zwei- feln,“ versetzte Burley,«da wir die Verbesserung der Kirche und des Staats bezwecken, den Wie- deraufbau des verfallenen Heiligthums, die Samm- lung der zerstreuten Heiligen und die Vertilgung des Mannes der Sünde? 188 «Ich will Euch offen gestehn, Herr Balfour, entgegnete Morton,« Vieles aus einer solchen Sprache, die, wie ich bemerke, bey Andern so wirksam ist, ist an mir gänzlich verloren. Es ist gut, dafs Ihr dies wiſst, che wir weiter uns mit einander einlassen.“ Hier seufzte der junge GCeistliche tief auf. Ich thue Euch weh, mein Herr!ꝰ fuhr Morton fort;«aber vielleicht nur, weil Ihr mich nicht aushörtet. Ich verehre die Schrift so innig als Ihr, oder irgend ein Christ nur thun kann. Ich sche mit der demitthigen Hoffnung hinein, aus ihr eine Vorschrift für meine Handlungsweise, oder eine Lehre des Heiles zu ziehen. Aber ich erwarte dies durch Erforschung ihres Inhalts im Allgemeinen, und des Geistes, welcher in dem Ganzen wehet, zu finden, nicht aber, indem ich einzelne Stellen aus ihrem Zusammenhange reisse, oder indem ich Worte der Schrift auf Umstände und Ereignisse anwende, mit denen sie oft kaum in irgend einer Beziehung stehen.“ Der Ceistliche, der Ephraim Macbriar hieſs, schien über diese Erklärung bestürzt und erstarrt zu seyn, und war im Begriff, dagegen zusprechen. «Still, Ephraim,“ sagte Burley; bedenkt, er ist nur ein Knabe in Windeln.— Höre mich, Morton! Ich will mit Dir reden in der weltlichen Sprache, jener fleischlichen Vernunft, die anjetzo Deine blinde, mangelhafte Lehrerin ist. Was 189 ist der Gegenstand, für welchen Du Dein Schwert zu ziehen bereit bist? Ist es nicht, daſs Kirche und Staat verbessert werden sollen durch die freye Stimme eines freyen Parlaments, und durch Gesetze, die inskünftige die ausübende Gewalt verhindern, Blut zu vergieſsen, die Menschen zu martern und einzukerkern, ihr Vermögen zu erschöpfen und das Cewissen der Bürger mit Füfsen zu treten, nach ihrem sündhaften Be- lieben?— Allerdings,“ erwiederte Morton.«Dies halte ich für rechtmäfsige Ursache zum Kriege, und ich will dafür fechten, so lange ich ein Schwert schwingen kann.“ „Nein,“ fiel Macbriar ein,«Ihr behandelt die Sachen zu zart, und mein Gewissen erlaubt mir nicht, die Ursachen des göttlichen Zornes zu schminken oder zu übertünchen.“ Ruhig, Ephraim Macbriar!“ unterbrach ihn Burley wieder. aIch will nicht ruhig seyn,“ fuhr der junge Mann fort. Ist es nicht die Sache des Meisters, der mich gesandt hatf Ist es nicht eine profane, Erastianische Zerstörung seines Ansehns, eine Anmaſsung seiner Macht, eine Verläugnung sei- nes Namens, den König oder das Parlament an seine Stelle zu setzen, als den Herrn und Lenker seines Haushalts, als den ehebrecherischen Ge- mahl seiner Braut?' 190 «Ihr sprecht gut, aber nicht weise,“ flüsterte Burley, ihn auf die Seite zichend. Eure eignen Chren haben ja heute Nacht im Kriegsrathe ge- hört, wie zerrissen und zertheilt diese zerstreuten Ueberreste sind, und Ihr wollet nun einen Vor- hang der Trennung zwischen ihnen aufziehen 2 Wollt Ihr eine Mauer aufbauen mit ungelösch- tem Kalkb? Wenn ein Fuchs dagegen anläuft, wird sie einfallen.“ «Ich weiſs,“ gab der junge Geistliche zur Ant- wort,«dals Du getreu bist, redlich und eifrig, bis zum Erschlagen. Aber glaube mir, diese weltliche List, dieses Schicken in die Sündigen und Schwachen, ist selbst ein Abfall, und ich fürchte, der Himmel wird uns nicht würdigen, noch mehr zu Seinem Ruhme zu thun, wenn wir uns um weltliche Kunst und einen fleischlichen Arm bewerben. An das heilige Ziel müssen wir dringen, qurch heilige Mittel.“ 8 «Ich sage Dir,“ entgegnete Balfour,«Dein Eifer ist zu strenge in diesen Dingen. Wir be- dürfen noch des Beystandes der Laodiceer und der Erastianer. Wir müssen eine Zeitlang dul- den, dafs sich die Lauen und Weltlichgesinnten unter uns mischen. Die Söhne Zerujahs sind noch zu stark für uns.“ Ich sage Dir, das gefällt mir nicht,“ versetzte Macbriar. Gott kann Befreyung bewirken durch Wenige, wie durch die Menge-. Das Heer der 19¹ Getreuen, das auf dem Pentlandhügel vernichtet ward, empfing nur die schuldige Strafe dafür, daſs es die fleischliche Sache des Zwingherrn und Bedrückers Karl Stuart anerkannt hatte.“ «Gut also,“ antwortete Balfour,«Du kennst den heilsamen Beschlufs, den der Kriegsrath gefafst hat, eine Erklärung ergehen zu lassen, die zarten Gewissen Aller zu befriedigen, die unter dem Joche unsrer jetzigen Unterdrücker seufzen. Kehre zurück in den Kriegsrath, wenn Du willst, und bestimme ihn, jene Erklärung zu widerrufen und eine beschränktere ergehen zu lassen. Aber verweile hier nicht länger, und hindere mich nicht, diesen Jüngling zu gewinnen, für welchen meine Seele sich abmüht. Sein Name allein wird Hunderte zu unsern Bannern rufen.“ Thue, was Du willst,“ versetzte Macbriar, daber ich will Dir nicht beystehen, den Jüngling irre zu leiten, noch verursachen, daſs sein Leben gefährdet werde, wenn es nicht durch Mittel seyn kann, die ihm ewige Belohnung zusichern.“ Der listige Balfour entliefs darauf den unge- duldigen Prediger und kehrte zu seinem Neu- bekehrten zurück. Um uns in den Stand zu setzen, uns eine um. ständliche Erzählüng, durch welche Gründe es ihm gelang, Morton für die Sache der Aufrührer zu gewinnen, zu ersparen, ergreifen wir diese —— 19²2 Celegenheit, einen Umrifs von dem Manne, der sie benutzte, zu machen, und von den Gründen zu reden, die ihn bestimmten, sich Mortons Uebertritt zu seiner Sache zu so eifrigem Geschäft zu machen. Johann Balfour von Kinloch, oder Burley— denn er wird unter beyden Namen in den Ge- schichtsbüchern und Urkunden jener ungliüickli- chen Zeit erwähnt— war aus einem guten Hause in der Crafschaft Fife gebürtig, nicht ohne Ver- mögen und von Jugend auf ein Kriegsmann. In seinen frühern Jahren hatte er wild und zügellos eelebt, aber früh schon die offenkundige Lieder- lichkeit abgelegt, und sich den strengsten Lehren des Calvinismus zugewendet. Unglücklicherweise waren die Gewohnheiten der Ausschweifung und Unmäſsigkeit eher aus seinem düstern, mürri- schen und unternehmenden Gemüthe ausgerottet, als die Laster der Rachgier und Ehrsucht, die, trotz seiner Glaubensmeinungen, fortdauernd keine geringe Herrschaft über seine Seele übten. Kühn in Entwürfen, rasch und gewaltsam in der Ausführung, und das KAeusserste wagend in der hartnäckigsten Widerspenstigkeit, hegte er den Ehrgeiz, sich an die Spitze der Presbyterianer zu stellen. Um zu dieser Höhe unter den Whigs zu ge- langen, hatte er eifrigst ihre Versammlungen besucht, und mehr als einmal sie angeführt, 193 wenn sie bewaffnet erschienen, und die Kriegs- völker geschlagen, die ausgeschickt wurden, sie auseinander zu jagen. Endlich gelang es seiner wilden Schwärmerey, zu der sich, wie Einige behaupteten, auch Rachsucht gesellte, der An- führer jenes Haufens zu werden, der den Primas von Schottland, als den Urheber aller Leiden der Presbyterianer, ermordete. Die gewaltsamen Maſsregeln, welche die Regierung ergriff, um diese That zu rächen, nicht allein an den Voll- bringern, sondern an allen Bekennern des Glau- bens, wozu jene gehörten, zusammengenommen mit den langen frühern Bedrückungen, von denen sich anders, als durch Waſfengewalt, zu befreyen nicht zu hoffen war, veranlaſste den Aufstand, der, wie wir bereits erzählt haben, mit der Nie- derlage Claverhouses in dem blutigen Treffen am Loudonhügel begann. Trotz des Antheils, den Burley an dem Siege hatte, sah er sich doch noch fern von dem Ziele, das sein Ehrgeiz erstrebte, vorzüglich war daran die Verschiedenheit der Meinungen Schuld, wel- che die Aufrührer über die Ermordung des Erz- bischofs Sharpe hegien. Die Heftigern unter ihnen billigten die That, als eine Handlung der Gerechtigkeit gegen den Verfolger der Kirche des Herrn, anf unmittelbare Eingebung der Cottheit vollbracht; aber der gröſsere Theil der Presby- terianer betrachtete sie als ein höchst strafwür- 72. 1 194 diges Verbrechen, obgleich sie zugaben, des Erz- bischofs Strafe sey seinen Vergehungen ange- messen. Die Insurgenten waren noch in einem andern Punkte uneins, der schon oben berührt worden ist. Die Hitzigern und Ueberspanntern der Schwärmer verdammten diejenigen Prediger und Gemeinden, die sich auf irgend eine Art dazu verstanden hatten, ihren Cottesdienst mit Begün- stigung der Regierung zu üben, als einer nieder- trächtigen Entsagung der Rechte der Kirche schuldig. Dies, behaupteten sie, sey entschie- dener Erastianismus, oder Unterwerfung der Kir- che Cottes unter die Vorschriften einer weltlichen Macht, und darum wenig besser als Anerkennung der Bischöfe, oder als das Papstthum. Die Ge- mälſsigtern wollten ferner des Königs Rechte auf den Thron nicht angreifen, und erkannten seine Obergewalt in weltlichen Angelegenheiten an, so lange sie mit der schuldigen Rücksicht auf die Freyheiten der Unterthanen und in Ueberein- stimmung mit den Reichsgesetzen ausgeübt ward. Aber die Glaubensprincipien der wildern Bande, welche sich nach ihrem Führer, Richard Came- ron, Cameronianer nannten, gingen zuletzt so weit, daſs sie den regierenden König anzuerken- nen verweigerten, noch einen seiner Nachfolger, der den feyerlichen Bund oder Covenant nicht genehmigen würde. Der Samen der Zwie- 195 tracht war daher dick gesäet unter diesen un- glücklichen Männern, und Balfour, wie schwär- merisch er auch selbst war, und wia sehr er an den allerheftigsten der erwähnten Meinungen hing, sah das Verderben der allgemeinen Sache voraus, wenn während einer Zeit, wo Einigkeit so wichtig war, jeder auf der Seinigen bestehen wollte. Er miſsbilligte darum den redlichen, geraden und heiſsen Eifer Macbriars, wie wir gesehen haben, und wünschte aufs Lebhafteste, den Beystand der gemäſsigtern Parthey der Pres- byterianer bey dem Umsturze der bestehenden Regicrung zu gewinnen, indem er hoffte, nachher schon im Stande zu seyn, ihnen vorzuschreiben, was an deren Stelle treten solle. Er war, in dieser Rücksicht, besonders eifrig, sich des Beytritts Heinrich Mortons zur Sache der Aufrührer zu sichern. Das Andenken des Vaters desselben war allgemein unter den Pres- byterianern geschätzt; und da nur wenige Männer von gutem Stande sich zu den Insurgehien gesellt hattan, so konnte es dem jungen Mann bey sei- nem Herkommen und seinen Aussichten nicht fehlen, zu einem der Führer erwählt zu werden. Durch Mortons, des Sohnes seines alten Waflen- gefährten, Vermittlung, glaubte Burley einigen Einflufs auf den freydenkendern Theil des Hecres zu gewinnen, und sich endlich so sehr in Gunst zu setzen, dafs er zum Oberbefehlshaber erwählt 196 würde. Dies war das Ziel seines Ehrgeizes. Er hatte deswegen, ohne zu warten, bis ein Andrer die Sache in Anregung brächte, dem Kriegsrath die Fähigkeiten und die Cesinnung Mortons ge- rühmt, und leicht seine Erhebung zu der be- schwerlichen Stelle eines Anführers in diesem uneinigen, zuchtlosen Heere erlangt. Die Gründe, mit welchen Balfour, sobald er den weniger listigen und starrköpfigen Gefährten los war, in Morton drang, diese gefährliche Be- förderung anzunehmen, waren schlau berechnet, und triftig genug. Er suchte zwar weder zu leug- nen, noch zu verbergen, dafs die Meinungen, die er selbst über Kirchenherrschaft hege, mit denen des Predigers, welcher sie eben verlassen, ganz üibereinstimmten. Aber er behauptete, wenn die Angelegenheiten des Volks in einer so ver- zweifelten Lage wären, s0 dürften diejenigen, die überhaupt das Beste ihres bedrückten Vater- landes wünschten, unbedeutende Meinungsver- schiedenheiten nicht abhalten, die Schwerter für dasselbe zu ziehen. Manche Anlässe der Thei- lung, bemerkte er, wie zum Beyspiel der, wel- cher die Indulgenz gegeben, entständen aus Umständen, die aufhören würden, sobald ihr Versuch, das Land zu befreyen, glücklich aus- fallen würde, da die Presbyterianer dann, als gieger, nicht nöthig hätten, einen solchen Ver- gleich mit der Regierung zu machen, und jeder 197 Streit über die Rechtmäfsigkeit jener Unterwer- fung mit der Vernichtung der Forderung von selber ein Ende haben müfste. Er sprach viel und mit Nachdruck von der Nothwendigkeit, die- sen günstigen Augenblick zu benutzen, von der Gewifsheit, dafſs sich alle westlichen Grafschaf- ten mit ihnen vereinigen würden, und von der schweren Schuld, welche diejenigen auf sich lüden, welche die Noth des Vaterlandes und die wachsende Tyranney, die darin herrschte, sehend, aus Furcht oder aus Gleichgültigkeit ihre thätige Hulfe der guten Sache entzögen.. Es bedurfte dieser Cründe nicht, um Morton zu bestimmen, sich in eine Verbindung einzu- lassen, die nur irgend eine Aussicht zur Befreyung des Landes eröffnete. Er hegte aber starke Zwei- fel, ob der jetzige Versuch durch die gehörigen Streitkräfte unterstützt würde, und ob Weisheit und Geistesfreyheit genug unter den Verbündeten herrsche, um aus den errungenen Vortheilen Nutzen zu ziehen. Erwog er aber, welch Un⸗ recht er selbst erlitten hatte, und das, was er täglich an seinen Mitbürgern hatte ausüben sehn; bedachte er die gefährliche Stellung, worin er bereits selbst der Regierung gegenüber stand, so hielt er sich in jeder Hinsicht für berufen, sich mit den bewaffneten Presbyterianern zu ver- einigen. Indem er indessen gegen Burley seine Einwil- 198 2 ligung, ein Anführer der Insurgenten und ein Mitglied ihres Kriegsraths zu werden, aussprach, that er es nicht ohne Bedingung. aIch bin bereit,“ sagte er,«alles, was in mei- nen beschränkten Kräften steht, zur Befreyung meines Vaterlandes beyzutragen. Aber mifsver- steht mich nicht. Ich miſsbillige im höchsten Grade die That, aus welcher dieser Aufstand zuerst entstanden zu seyn scheint, und keine Gründe würden mich bewegen können, Theil daran zu nehmen, wenn man ihn mit solchen Maſsregeln fortführen wollte, als womit man ihn begonnen hat.“ Das Blut fuhr Burley ins Gesicht und überzog seine sonnenverbrannte Stirn mit einer rothen, düstern Gluth.„ «Ihr meint,“ sagte er mit einer Stimme, die keine Bewegung verrathen sollte:«Ihr meint den. Tod des Jakob Sharpe ⁵ Offenherzig gesprochen,“ versetzte Morton, aden meine ich.“ Ihr bildet Euch also ein,“ erwiederte Burley, «dals der Allmächtige in den Zeiten der Noth nicht seine Werkzeuge gebraucht, seine Kirche von ihrem Bedrücker zu befreyen? Ihr seyd der Meinung, die Cerechtigkeit der Strafe bestehe nicht in der Cröſse des Verbrechens dessen, der sie erleidet, nicht in seiner Schuld, nicht in der nützlichen und heilsamen Wirkung, welche das 199 Beyspiel auf andere Uebelthäter machen mufs, sondern Ihr haltet dafür, daſs sie allein in dem Kleide des Richters steckt, nur in der Gerichts- stube sitzt, und lediglich mit der timme des Urtheilssprechers redete Ist nicht eine gerechte Strafe auch gerecht vollzogen, sey es auf dem Blutgerüst oder in der Haide? Und wo die be- stellten Richter aus Feigheit, oder weil sie ihr Loos zu den Abgeſallnen geworfen haben, dulden, daſs diese frey im Lande schalten, und hohe Stellen einnehmen, und ihr Gewand färben mit dem Blute der Heiligen, ist's nicht wohlgethan, dafs ein jeder wackere Mann sein Schwert für die allgemeine Sache ziehtb «Ich will diese einzelne Handlung nur in fern beurtheilen,“ versetzte Morton,«als nothwendig ist, Euch ganz mit meinen Grundsätzen bekannt zu machen. Ich wiederhole daher, daſs Eure Vertheidigung mein Urtheil nicht befriedigt. Daſs der Allmächtige auf seinen geheimnifsvollen We- gen einen blutigen Menschen zu einem verdien- ten blutigen Ende führt, rechtfertigt die nicht, welche ohne irgend eine Vollmacht auf sich nehmen, die Werkzeuge der Strafe zu seyn, und sich vermessen, sich die Vollstrecker der gött- lichen Sache zu nennen.“ „Und waren wir das nicht, unterbrach ihn Burley im Ton wilder Schwärmerey:«waren wir nicht— waren nicht ein Jeder, der die verbün- dete Kirche von Schottland anerkannte, durch jenen Bund verpflichtet, den Judas niederzuhauen, der die Kirche des Herrn für ein Jahrgeld von fünfzig tausend Mark verkauft hatte P Hätten wir ihn auf dem Wege getroffen, als er von London kam, und dort ihn erschlagen mit der Scheide unsers Schwertes, so hätten wir nur unsere Pflicht als Männer gethan, die ihrer Sache getreu sind, und ihren, im Himmel niedergeschriebenen Eiden. War nicht die Vollstreckung selbst ein Zeugniſs unsrer Vollmacht? Lieferte ihn nicht der Herr in unsere Hände, als wir nur nach einem ge- ringern Werkzeuge der Verfolgung aussahen? Beteten wir nicht, dafs uns befohlen werde, wie wir handeln sollten, und ward es nicht in unsere Herzen gebracht, als wäre es hineingeschrieben mit der Schärfe eines Diamants: Ihr sollet ihn gewiſs greifen und erschlagen? Dauerte nicht das Trauerspiel eine volle halbe Stunde, ehe das Opfer vollzogen warb Und war es nicht auf einer offenen Haide, mitten unter den Streifwachen ihrer Besatzungen, und doch— wer störte das groſse Werkb— Bellte nur ein Hund während der Verfolgung, des Ergreifens, des Erschlagens und des Zerstreuens? Wer also will sagen— wer wagt es zu sagen, daſs hier nicht ein mäch- tigerer Arm als unserer sich offenbart habepn Ihr täuscht Euch selbst, Balfour,“ entgegnete Morton. Solche Umstände leichten Gelingens 201 der That und der Flucht sind oft mit den ent- setzlichsten Verbrechen verbunden gewesen. Aber es ist nicht an mir, Euch zu richten. Ich habe nicht vergessen, dafs auch zu der frühern Be- freyung Schottlands die Bahn durch eine Gewalt- that gebrochen ward, die niemand entschuldigen kann: es war die Ermordung Cummings durch den Arm des Robert Bruce*); und wenn ich daher auch diese Handlung verdamme, wie ich es thue, und thun muſs, so will ich doch gern glauben, daſs Ihr Gründe habt, welche sie in Euren Augen rechtfertigen, obgleich nicht in den meinen, oder in denen der ruhigen Vernunft. *) Robert Bruce schloſs mit Johann Cumming ein Bünd- nifs gegen Eduard I. von England, der ihr Vaterland unterjocht hatte. Ehe der Aufstand noch ausgebro- chen war, verrieth Cumming seinen Verbündeten dem König, als sich jener gerade am Hofe zu London befand. Eduard verschob die Gefangennehmung des Robert Bruce, um sich zu gleicher Zeit des Bruders desselben zu bemächtigen, den er gleichfalls erwar- tete. Unterdessen aber benachrichtigte der Graf von Montgomery den Bruce von der drohenden Gefahr, indem er ihm, da er sich nicht zu schreiben ge- traute, ein Paar goldne Sporen schickte. Robert ver- stand den Wink, ritt noch in selbiger Nacht aus London und eilte nach Dumfries, Cummings Wohn- ort. Bey seiner Ankunft war dieser gerade in der Kirche. Bruce hielt ihm hier seine schändliche That vor, und als jener längnete, erhob er das Schwert gebon ihn und ermordete ihn. Den roten Februar 1305. 2⁰02 Ich erwähne dies nur, weil ich wünsche, Ihr sähet ein, dafs, indem ich mich mit Männern vereinige, welche in einen oflenen Krieg verwik- kelt sind, den sie nach den Gesetzen gebildeter Völkerschaften zu führen gedenken, ich diesen Schritt thue, ohne auf irgend eine Weise die Gewaltthat zu billigen, die ihm die erste Ent- stehung gab.“ Balfour bifs sich in die Lippen und unter- drückte mit Mühe eine heftige Antwort. Er sah mit getäuschter Erwartung, daſs sein junger Waflenbruder in seinen Grundsätzen eine Klar- heit des Urtheils, und eine Festigkeit des Geistes besafs, die ihm wenig Hoffnung lieſsen, den Ein- fluſs auf ihn gewinnen zu können, welchen zu erlangen er sich geschmeichelt. Nachdem er einige Augenblicke geschwiegen, sagte er mit ruhiger Fassung:«Mein Betragen liegt offen vor Cott und Menschen. Die That ward nicht in einem Winkel vollbracht. Ich stehe hier bewaff- net, sie zu rechtfertigen, und es ist mir gleich, wo, oder von wem ich dazu aufgefordert werde, sey es im Rathe, auf dem Schlachtfelde, auf dem Richtplatze, oder am Tage des jüngsten gröſsten Gerichts. Ich will jetzt nicht länger mit einem darüber streiten, der noch ausserhalb des Vorhangs steht. Wollet Ihr aber als ein Bruder das Loos zu den unsern werfen, so kommt mit mir in den Kriegsrath, der noch versammelt 203 ist, den künftigen Weg des Heeres zu bestim- men, und zu erwägen, wie unser Sieg benutzt werden könne.“ Morton stand auf und folgte schweigend, wenig erbaut von seinem Verbündeten, und besser zu- frieden mit der Gerechtigkeit der Sache, die er ergriffen, als mit den Maſsregeln oder Bewegungs- gründen Vieler, welche ihr anhingen. b 204 ———ℳ—ℳ——————HMV—— 2 Zwey und zwanzigstes Kapilel. Und so oiel Zelt' ihr hier seht auf der Ebne SFo viel Factionen herrschen hier. Troiles und Creſsidda. Einige hundert Schritte vom Schlachtfelde lag, in einer Aushöhlung des Hügels, eines Schäfers Behausung, eine armselige Hütte, welche die Anführer der Presbyterianer, als den einzigen eingeschlossenen Ort in der Nähe, gewählt hatten, darin Rath zu halten. Nach dieser Hütte führte Burley Morton, der, als er näher kam, durch das vielfältige Geschwirr von Tönen, das heraus- schallte, überrascht ward. Der ruhige, besorgte Erust, welchen man als herrschend in einer Ver- sammlung, die über so wichtige Angelegenheiten und in einem so kritischen Augenblick berath- schlagte, hätte voraussetzen sollen, schien wilder 4 205 Zwietracht und lautem Aufruhr gewichen zu seyn, worin der neue Verbündete eine üble Vorbedeu- tung für ihre künftigen Schritte sah. Als sie vor der Hütte standen, sahen sie die Thür zwar offen, aber durch eine Menge von Landleuten besetzt, welche, obwohl nicht Mitglieder des Rathes, sich kein Bedenken daraus niachten, sich zu Bera- thungen zu drängen, die so wichtig für sie waren. Durch Schelten, Drohungen, und selbst durch einige Gewalt zwang Burley, dessen finstres, strenges Gemüth ein gewisses Uebergewicht über . 8 8 8 diese ordnungslosen Schaaren behauptete, die Zudringlichen, sich zurückzuziehen, und nach- dem er Morton in die Hütte geführt, versperrte er ihrer unverschämten Neugier die Thür. In einem weniger aufgeregten Augenblicke würde den jungen Mann der sonderbare Auftritt, von dem er jetzt Zuhörer und Zuschauer ward, höch- lich unterhalten haben. Das Innere der düstern, verfallnen Hütte ward durch etwas Stachelginst, das auf dem Heerde brannte, zum Theil erleuchtet. Der Rauch, der keinen gehörigen Auszug hatte, wirbelte umher, und bildete über den Köpfen der versammelten Rathsmänner einen Wolkenhimmel, so undurch- dringlich, wie ihre spitzfindige Theologie, durch welchen, wie Sterne durch den Nebel, einige flackernde Lichter düster schimmerten, oder vielmehr Binsen, in Tals getaucht, ein Eigen- 4 206 thum des armen Besitzers der Hütte, der sie mit nassem Thon an den Wänden befestigt hatte. Dies gebrochne, trübe Licht zeigte manches, von geistlichem Stolze geblähtes, manches, von wil- der Schwärmerey verfin-tertes Cesicht, und einige, deren ängstliche, irrende, unstäte Blicke ver- riethen, daſs sie sich unvorsichtigerweise in eine Sache verwickelt, die sie gut zu Ende zu bringen weder Muth noch Haltung genug hatten, und die sie sich doch auch zu verlassen schämten. Es war wirklich die unentschlossenste, uneinigste Versammlung. Die Thätigsten waren diejenigen, die mit Burley an der Ermordung des Erzbischofs Theil genommen und von denen vier bis fünf ihren Weg nach dem Loudonhügel genommen hatten, nebst einigen andern Männern von eben so beharrlichem, unbiegsamen Eifer, die sich auf verschiedene Weise unverzeihliche und nimmer auszugleichende Releidigungen gegen die Regie- rung hatten zu Schulden kommen lassen. Zu ihnen gehörten auch ihre Prediger, Männer, welche die, ihnen von der Regierung angebotene, Duldung verschmäht hatten, und ihre Heerde lieber in der Wildniſs versammeln, als in Tem- peln den Cottesdienst verrichten wollten, die von Menschenhänden erbauet, da man daraus hätte schlieſsen können, sie räumten ihren Beherr- schern das Recht ein, sich in die Obergewalt der Schottischen Kirche zu mischen, Die übrigen 207 Räthe bestanden aus kleinen Landedelleuten oder wohlhabenden Pächtern, die durch den unerträg- lichen Druck dahin gebracht waren, die Waſffen zu ergreifen, und sich mit den Insurgenten zu vereinigen. Auch diese wurden von ihren Geist- lichen begleitet, von denen viele, welche die Duldung benutzt hatten, sich nun anschickten, sich den Maſsregeln der Heftigern zu widersetzen. Diese hatten vorgeschlagen, eine Erklärung er- gehen zu lassen, worin sie Zeugniſs ablegten gegen die Gebote und Lehren der sogenannten Indul- genz, als sündlich und gesetzwidrige Befehle. Diese kitzliche Frage war in dem ersten Entwurf zu dem Manifest, welches sie zur Rechtfertigung ihres Aufstandes bekannt machen wollten, mit Stillschweigen übergangen worden, aber während Balfours Abwesenheit hatte man sie von Neuem zur Sprache gebracht, und zu seinem groſsen Aerger fand er nun beyde Partheyen in vollem Geschrey dariber. Macbriar, Pauker und andere Prediger der Wanderer waren im schönsten Zuge polemischer Erörterungen mit Peter Ffundtext, dem geduldeten Pfarrer des Kirchspiels von Miln- wood, der, wie es schien, sich auch mit dem Schwerte gegürtet hatte, aber ehe er berufen wurde, für die gute Sache des Presbyterianismus im Felde zu fechten, sein Dogmen herzhaft im Rathe vertheidigte. Es war das Getöse dieses Streites, den hauptsächlich Pfundtext und Pauker 208 führten, und das Geschrey ihrer Anhänger, was in Mortons Ohren drang, als er sich der Hütte näherte. In der That, da beyde Geistliche mit Worten und Lungen wohlbegabt, und beyde hitzig, feurig und unduldsam in der Verfechtung der eignen Lehre waren, beyde auch die Texte vollkommen im Kopfe hatten, womit sie ein- ander unbarmherzig beschossen, und jeder voll- kommen von der Wichtigkeit des bestrittenen Gegenstandes überzeugt war, so gab der Lärm des Kampfes demjenigen wenig nach, der ein wirkliches Handgemenge zu begleiten pflegt. Burley, der au der Uneinigkeit, welche dieser ungestüme Zungenkrieg verrieth, groſses Aerger- niſs nahm, trat sogleich zwischen die Streitenden, durch einige allgemeine Bemerkungen über die Unzeitigkeit der Zwietracht, durch einige der Eitelkeit jeder Parthey schmeichelnde Worte, und die Benutzung des Ansehns, welches sein Antheil an dem heutigen Siege ihm gegeben hatte, gelang es ihm endlich, sie dahin zu bringen, daſs sie die weitern Erörterungen der Stréftfrage ver- schoben. Aber obwohl Pauker und Pfundtext für jezt zum Stillschweigen gebracht waren, fuhren sie fort, einander wie zwey Hunde anzublicken, die, durch den Befehl ihrer Herren in ihrem Kampfe getrennt, sich jeder unter den Stuhl sei- nes Gebieters zurückgezogen haben, indem Einer des Andern Bewegungen bewachen, und beyde ——— 2⁰9 von Zeit zu Zeit durch Knurren, qurch die ge- sträubten Haare auf Rücken und Ohren, durch die rothe Gluth ihrer Augen verrathen, daſs ihr Streit nicht verglichen ist, und daſs sie nur war- ten, bis etwa eine allgemeine Bewegung der Gesellschaft ihnen Gelegenheit geben wird, ein- ander noch einmal an den Kehlen zu packen. Balfour benutzte die augenblickliche Stille, dem Rathe Heinrich Morton von Milnwood vor- zustellen, als einen Jüngling, der von dem Ge- fühl des Unglücks der Zeit tief ergriffen und bereit sey, Gut und Leben für die herrliche Sache zu wagen, für welche sein Vater, der berühmte Silas Morton, in seinen Tagen ein herzerschiit- terndes Beyspiel gegeben. Morton ward sogleich mit dem brüderlichen Händedruck von seinem einstigen Pfarrer, Pfundtext, und von denjenigen unter den Aufrührern begrüfst, die sich zu der gemäſsigtern Parthey hielten. Die Andern mur- melten etwas von Erastianismus, erinnerten ein- ander flüsternd, daſs Silas Morton, einst ein tapferer und würdiger Diener des Bundes der Gläubigen, ein Abtrünniger geworden sey, an dem Tage, als die Laugesinnten den Crund legten zur Unterdrückung der Kirche und des Landes, indem sie die Gewalt Karl Stuarts anerkannten, und dadurch einen Riſs machten, durch welchen der jetzige Tyrann hereingedrungen. Sie fügten indessen hinzu, dafs sie an diesem groſsen Tage 72. 0 210 des Aufrufs nicht die Cemeinschaft mit einem verweigern wollten, der die Hand an den Pflug legte. So ward also Morton in sein Amt als Führer und Rath eingeführt, wenn nicht mit allgemeiner Zustimmung seiner Gefährten, doch wenigstens ohne daſs sich eine verwerfende Stim- me gegen ihn erhob. Auf Burleys Antrag schrit- ten sie nun dazu, unter sich den Befehl über die versammelten Schaaren, die sich täglich ver- mehrten, zu vertheilen. Hierbey wurden die- jenigen Insurgenten. die zu Pfundtexts Kirchspiel und Cemeinde gehörten, Mortons Führung über- geben: eine Verfögung, die beyden Theilen willkommen war, da er, sowohl durch seine persönlichen Eigenschaften, als weil er unter ihnen aufgewachsen war, ihr Vertrauen besafs. Als dies Ceschäft geordnet war, muſste be- stimmt werden, wie der Sieg zu benutzen sey- Mortons Herz schlug hoch auf, als er das Schlofs Tillietudlem als einen der wichtigsten Orte nen- nen hörte, dessen man sich bemächtigen müsse. Es beherrschte, wie wir schon oft erwähnt haben, den Pafs zwischen dem wüsten und dem frucht- baren Lande, und muſste, wie leicht einzusehen war, den Adlichen und Bösgesinnten der Graf- schaft eine Schutzwehr und ein Sammelplatz werden, wenn die Aufrührer weiter gingen, ohne es anzugreifen. Dieser Schritt ward besonders von Pfundtert und denjenigen seiner Auhänger dringend empfohlen, deren Wohnungen und An- gehörigen der feindlichen Rache ausgesetzt waren, wenn dieser feste Ort im Besitz der Königlichen plieb. Ich erachte,“ sagte Pfundtext, denn wie die andern Geistlichen jener Zeit, stand er nicht an, über kriegerische Angelegenheiten, troiz seiner gänzlichen Unwissenheit darin, seine Stimme zu geben:«ich erachte, daſs wir nehmen und nie- derreissen diese feste Burg des Weibes, der Frau Margarethe Bellenden, und sollten wir eine Festung dagegen bauen, und einen Berg dagegen aufthürmen. Denn das Ceschlecht ist ein auf rührerisches und blutiges Geschlecht, und seine Hand hat schwer geruht auf den Kindern des heiligen Bundes, spät und frune. Sein Angel- haken ist in unsern Nasen gewesen, und sein Zügel zwischen unsern Kinnbacken.“ «Was haben sie für Mittel, sich zu vertheidi- genb fragte Burley.«Der Platz ist fest, allein zwey Weiber, denk' ich, können ihn nicht gegen ein Heer halten.“ Da ist unter Andern Hanns Gudyill, der Edel- frau erster Kellermeister, fuhr Pfundtext fort, „der sich rühmt, ein Kriegsmann gewesen zu seyn von Jugend auf, und der das Banner erhob gegen die gute Sache mit dem Belialssohne Jakob Graham von Montrose.“ „Pah!» erwiederte Balfour verächtlich:«ein Kellermeister! „Da ist ferner der alte Bösgesinnte,“ sprach Pfundtext weiter,«der Major Bellenden aus Charewood, dessen Hände oft in das Blut der Heiligen getaucht sind.“ «Wenn es Milo Bellenden, der Bruder Sir Arthur's ist,“* sagte Balfour,«das ist Einer, dessen Schwert nie in der Schlacht weicht; aber er muſs schon sehr bejahrt seyn.“ „Es hiefs in der Umgegend, als ich da vorbey ritt,“ begann ein Andrer aus dem Rathe,«sie hätten, sobald sie von dem uns gewährten Siege gehört, die Thore der Burg schliefsen lassen, Mannschaft eingenommen, und sich mit Geschütz versehn. Es war immer ein übermüthiges, hös- gesinntes Haus! «Mit meinem Willen,“ erwiederte Burley, «lassen wir uns nicht in eine Belagerung ein, die Zeit kosten würde. Wir müssen rasch vorwärts, und unsern Vortheil verfolgen, indem wir Glas- gow besetzen; denn ich glaube nicht, daſs die Truppen, welche wir heut geschlagen, selbst wenn das Regiment des Lords Roſs sich mit ihnen vereinigt, es für sicher halten, unsre Ankunft abzuwarten.“ «Jedennoch,“ hob Pfundtext wieder an, kön- nen wir ein Banner wehen lassen vor der Burg, in die Trompete blasen und sie auffordern, heraus- 5 213 zukommen. Vielleicht übergeben sie das Schloßs unserm Erbarmen, obwohl sie ein aufrührerisches Volk sind. Und wir wollen die Frauen auffor- dern, herauszukommen aus ihrer Veste, nämlich Frau Margarethe Bellenden nebst ihrer Enkelin, und Hannchen Dennison, welche ein Mädchen ist mit einem verführenden Auge, und die andern Mägde, und wir wollen ihnen sicheres Geleit geben, und sie in Frieden nach der Stadt schicken, selbst nach Edinburg. Aber den Hanns Gudyill, den Hugo Harrison und den Milo Bellenden wol- len wir fesseln mit eisernen Ketten, wie sie selbst es vor Zeiten gemacht mit den heiligen Märtyrern.* aWer spricht von sicherm Geleit und von Frie- den?“ rief eine gellende, gebrochne, und sich überschreyende Stimme aus dem Haufen. «Ruhig, Bruder Habakuck!» sagte Macbriar zu dem Sprecher, in einem besänftigenden Tone. «Ich will nicht ruhig seyn,“ begann die selt- same, unnatürliche Stimme von Neuem;«ist es jetzt an der Zeit, von Ruhe zu sprechen, wenn die Erde erbebt und die Berge sich öffnen, und die Flüsse sich verwandeln in Blut, und das zweyschneidige Schwert aus der Scheide gezogen ist, geronnenes Blut zu trinken, als wär' es Wasser b Und Fleisch zu verzehren, als wie das Feuer verzehrt die dürre Stoppel?n Während dieser Worte drängte sich der Redner in die Mitte des Kreises, und Mortons erstaunten — 2e 214 Blicken bot sich eine Gestalt dar, die einer solchen Stimme und einer solchen Sprache ange- messen war. Die Lumpen eines Kleides, das einst schwarz gewesen, darüber die Fetzen eines Schäfermantels, gewährten eine Bedeckung, wel- che kaum die Forderungen des Anstands befrie- digte, noch viel weniger aber warm oder bequem war. Ein langer, schneeweiſser Bart hing auf seine Brust hinab, und mischte sich mit strup- pigem, nie durchkämmtem, greisem Haupthaan, das in zerzausten Büscheln um das wilde, sticre Gesicht hing. Seine Züge schienen durch Man- gel und Hunger ausgemergelt zu seyn, daſs sie kaum noch einem menschlichen Anblick glichen. Die Augen grau, wild und irrend, verriethen deutlich eine verwirrte Einbildungskraft. Er hielt ein verrostetes Schwert in der Hand, das mit Blut gefärbt war, wie seine langen dürren Hände, an deren Fingerspitzen die Nägel wie Adlers- klauen hervorragten. 3 «Gott im Himmel! Wer ist dasbo fragte Mor- ton Pfundtext leise, überrascht, bestürzt, ja erschrocken iiber die grausige Erscheinung, die eher einem wieder auferstandenen Kannibalen- priester, oder Druiden, mit Blut von Menschen- opfern befleckt, als einem irdischen Wesen glich. «Es ist Habakuck Mucklewrath»*), antwortete *) Deutsch: Vielzorn. 215 Pfundtext, ebenfalls leise.«Die Feinde haben ihn lange in Vesten und Schlössern gefangen ge- halten, bis sein Verstand von ihm gewichen ist. Seitdem ist er, fürcht' ich, von einem bösen Geiste besessen. Demohngeachtet wollen unsare heftigen Brüder haben, daſs er von dem Geiste rede, und daſs sein Ausgufs sie befruchte.“ Hier ward er von Mucklewrath unterbrochen, der mit einer Stimme, welche die Dachbalken zittern machte, schrie:«Wer spricht von Frie- den und sicherem Geleite? Wer spricht von Erbarmen gegen das blutige Haus der Bösgesinn- ten 5 Ich sage: Nehmet die Kinder, und schleu- dert sie gegen die Steine! Nehmet die Töchter und die Mütter des Hauses, und werfet sie von den Zinnen ihrer Burg, daſs die Hunde sich mästen von ihrem Blute, wie sic einst thaten vom Blute der Jesabel, des Ahab Ehegespons, und daſs ihre Gebeine die Felder düngen, selbst in dem Erbtheile ihrer Väter!» Er redet wahr,“ sprachen mehrere mürrische Stimmen aus dem Hintergrunde;«vwir werden mit geringen Diensten in der groſsen Sache gesegnet werden, wenn wir jetzt schon mit des Himmels Frieden uns vertragen.“ „Das ist abscheulich, ist frech, ist gottlos!“ rief Morton, unfähig, seinen Unwillen zurück- zuhalten. Was für Heil könnt Ihr in einer Sache —— — 216 erwarten, in welcher Ihr auf die Rasereyen eines blutdürstigen Wahnsinnigen hört!" «Still, junger Mann!* sagte Pauker,«und spare Deinen Tadel für Dinge, wovon Du Rechenschaft geben kannst. Nicht Dir geziemt es zu beur- theilen, in welche Gefäſse der Geist ausgegossen weé den könne!“ 3 „Wir urtheilen von dem Baume nach den Früchten, erwiederte Pfundtext„ und wollen das nicht für göttliche Eingebung erkennen, was den göttlichen Gesetzen widerspricht.“ «Ihr vergesset, Bruder Pfundtext,“ sagte Mac- briar,„dafs wir jetzt in jenen spätern Tagen leben, wo Zeichen und Wunder sollen verviel- fältigt werden.“ Pfundtext wollte antworten, aber che er noch ein Wort hervorbringen konnte, fiel der wahn- witzige Prediger mit einem Geschrey ein, das jeden Widerspruch übertönt hätte. «Wer redet von Zeichen und Wundern? Bin ich nicht Habakuck Mucklewrath, dessen Name ist verwandelt in Magor Missabib, weil ich ein Schrecken geworden bin mir selbst und Allen, so mich umgeben? Ich hörte es— wann hört ich’s? War'’s nicht in der Burg Baſs, die hinaus hängt in das wilde, weite Meerb Und es heulte in den Winden, und es brüllte in den Wogen, und es schrie, und es pfiff, und es klang mit dem Geschrey und dem Pfeifen und dem Klange 217 der Seevögel, als sie schwammen und flogen, und sanken und untertauchten auf dem Schooſse der Gewässer. Ich sah es— wo sah ich esb War es nicht von den hohen Thürmen Dumbartons, als ich westwärts blickte, auf das fruchtbare Land, und vorwärts nach den wilden Hochlandshügeln, als sich die Wolken sammelten, und der Sturm kam, und die Blitze des Himmels zuckten, Feuer- massen, breit wie die Banner eines Heeres?— Was sah ich? Todte Leichname und verwundete Rosse, das tobende Gewühl der Schlacht und Gewänder, in Blut gewälzt.— Was hört ich?— Die Stimme, so da rief: Erschlage,— erschlage — schmettre nieder,— erschlage Alles— lals dein Auge nicht Erbarmen haben! Erschlage Alle, Alt und Jung, die Jungfrau, das Kind und das Weib, dessen Haupt grau ist! Besudle das Haus, und fülle die Höfe mit den Erschlagnen!“ aWir empfangen den Befehl,“ riefen Mehrere aus der Versammlung.«Sechs Tage hat er nicht gesprochen, noch Brod gebrochen, und nun ist seine Zunge gelöset!— Wir empfangen den Befehl!— Wie er gesagt hat, also wollen wir thun!“— Erstaunt, verletzt und von Entsetzen ergriſfen durch das, was er gesehn und gehört, wandte sich Morton aus dem Kreise und verlieſs die Hütte. Ihm folgte Burley, der seine Bewegungen mit den Augen bewacht hatte. 218 «Wohin geht Ihr?» sprach er, ihn beym Arme fassend. Irgend wohin, es gilt mir gleich; aber hier bleibe ich nicht länger.“ «Bist Du so bald müde, junger Mannd“ erwie- derte Burley.«Kaum hast Du Deine Hand auf den Pflug gelegt, und willst ihn schon verlassen? Ist dies Deine Anhänglichkeit an der Sache Dei- nes Vaters 5* «cKeine Sache,“ entgegnete Morton mit Un- willen, keine Sache kann gedeihen, die so ge- fuhrt wird. Die eine Parthey erklärt sich für die Rasereyen eines blutgierigen Tollhäuslers, ein anderer Führer ist ein alter Schulfuchs, ein Dritter“— Hier stockte er, und Burley fel ein: «Ist ein verzweifelter Mörder, willst Du sagen, wie Hanns Balfour von Burley? Ich kann Deine Miſsdeutung ohne Empfindlichkeit ertragen. Du erwägest nicht, daſs es nicht Männer von nüch- ternen, selbstsüchtigen Gemüthern sind, die auf- stehen in diesen Tagen des Zornes, Gericht zu halten und Erlösung zu bringen. Hättest Du nur die Herren Englands gesehen während des Parlaments vom Jahre 1642, deren Reihen mit Seklirern und Schwärmern gefüllt waren, wilder als die Wiedertäufer von Münster, Du würdest noch mehr Grund gehabt haben, Dich zu ver- wundern. Und doch waren diese Männer unhc- 219 siegt im Felde, und ihre Hände vollbrachten Wunderdinge für die Freyheit des Landes. „Aber ihre Angelegenheiten wurden weislich geführt,“ erwiederte Morton,«und die Gluth ihres Eifers verzehrte sich in ihren Ermahnungs- und Erbauungsreden, ohne Theilungen in ihrem Rathe zu veranlassen, oder Grausamkeit in ihrem Betragen. Ich habe meinen Vater oft sagen und versichern hören, dals ihn nichts mehr wundre, als der Widerspruch zwischen der Ueberspan- nung ihrer Glaubensmeinungen und der Weisheit und Mälsigung, mit welcher sie Geschäfte und Kriege führten. Aber in unserm Rathe scheint Alles wilde Verwirrung.“ «Du mufst Geduld haben, Heinrich Morton,“ versetzte Burley,«Du mufst die Sache Deines Glaubens und Deines Vaterlandes nicht verlassen um eines wilden Wortes, um einer ausschwei- fenden Handlung willen. Höre mich: ich habe bereits den Verständigern unserer Freunde vor- gestellt, es seyen der Räthe zu viele, und daſs wir nicht erwarten können, daſs die Midianiter durch eine so groſse Anzahl uns überliefert wer- den. Sie haben auf meine Stimme gehört, und unsere Versammlungen werden in Kurzem auf eine solche Anzahl beschränkt seyn, die gemein- schaftlich rathschlagen und handeln kann, und darunter sollst Du eine freye Stimme haben, so 220 wie auch in unsern Kriegsgeschäften und in der Beschützung derer, denen Erbarmen gezeigt wer- den soll. Bist Du nun zufrieden 5 5 Es wird mich ohne Zweifel freuen,“ antwor- tete Morten,«zur Milderung der Schrecknisse des Bürgerkrieges beytragen zu können, und ich will das Amt, das ich angenommen, nicht auf- geben, bis ich Schritte thun sehe, die mein Gewissen empören. Aber zu grausamen Hinrich- tungen nach erflehter GCnade, zu Metzeleyen ohne Verhör, werde ich nie die Hand bieten, werde ich nie Zustimmung geben. Und Ihr könnt darauf rechnen, daſs ich mich mit Leib und Seele widersetzen werde, so standhaft und ent- schlossen, wenn unsere Leute sie versuchen, als wenn sie das Werk des Friedens sind.“ Balfour winkte ungeduldig mit der Hand. «Du wirst finden,“ sagte er,«daſs das wider- spenstige, hartherzige Geschlecht, mit dem wir es zu thun haben, mit Scorpionen gezüchtigt werden muſs, ehe sein Herz gedemüthigt wird, und ehe es hinnimmt die Strafe für seine Bös- artigkeit. Das Wort ist gegen sie ergangen: Und ich will ein Schwert über Euch bringen, das rächen soll den Streit meines Bundes.— Aber was gethan wird, soll mit Ernst gethan werden und mit Vorsicht, wie der treffliche Jakob Melvin verfuhr, der Gericht hielt über 221 den Tyrannen und Bedrücker, den Cardinal Beaton“*). 8 «Ich gestehe Euch,“ versetzte Morton, daſs ich noch mehr Abscheu gegen kaltblütige, vor- herbedachte Grausamkeit fuhle, als gegen die, welche in der Gluth des Eifers und des Zornes verübt wird.“ «Du bist noch ein Jüngling,“ entgegnete Bal- four,«und weifst noch nicht, wie leicht in der Wagschale einige Tropfen Blut sind, im Ver- gleich mit dem Gewicht und der Bedeutung dieses grofsen Zeugnisses eines ganzen Volkes. Aber sey unbesorgt! Du selbst sollst stimmen und richten in diesen Dingen; vielleicht werden wir wenig Veranlassung finden, darüber zu streiten.“ Mit diesem Versprechen mufste sich Morton für jetzt begnügen, und Burley verliefs ihn, in- dem er ihm rieth, sich niederzulegen und etwas —— ²) David Beaton, seit 153:) Erzbischof von St. An- dreas, wollte sich 1542 durch ein untergeschobnes Testament der Vormundschaft über Marien Stuart bemächtigen, ward aber von Jakob Hamilton, Gra- fen von Arwan, verdrängt, behielt indessen immer noch grofsen Einflufs. Er zog sich den allgemeinen Hafs zu. Im Jahre 1546 ward er auf seinem Schlosse von 16 Verschwornen, unter der Anführung des von ihm beleidigten Edelmannes Leslie, ermordet- zu ruhen, da das Heer wahrscheinlich morgen in aller Frühe aufbrechen würde. 4 Und Ihr,“ sagte Morton,«geht Ihr nicht auch zur Ruhe P» «Nein,“ erwiederte Burley,« meine Augen dürfen den Schlummer noch nicht kennen. Dies ist kein leicht zu vollbringendes Werk. Ich muſs noch den Ausschufs der Führer wählen lassen, und will Dich bey früher Zeit morgen wecken, daſs Du bey ihrer Berathung gegenwärtig seyest.“ Er ging und überliefs Morton der Ruhe. Der Ort, an welchem sich dieser befand, eignete sich für diesen Zweck nicht übel: eine bedeckte Schlucht, unter einem grofsen Felsen, der sie vor dem Winde schützte. Dickes Moos, das den Boden bedeckte, bildete ein Lager, weich genug für Einen, der so viel Drangsal und Kum- mer ausgestanden hatte. Morton wickelte sich in den Reitermantel, den er behalten hatte, streckte sich auf die Erde nieder, und hatte nicht lange traurige Gedanken über den Zustand des Landes, und über seine eigne Lage nach- gehangen, als eine tiefer und gesunder Schlum- mer ihn davon befreyte. Die übrigen Krieger schliefen, in einzelnen Haufen zerstreut, auf der Erde, und hatten sich auf dem Schlachifelde Betten gewählt, wo sie 6 223 gerade Schutz und Bequemlichkeit fanden. Einige der vornehmsten Hauptleute hielten noch mit Burley wachsam Rath über ihre Angelegenhei- ten, und einige bestellte Wächter suchten sich munter zu erhalten, indem sie Psalmen sangen, oder den Erbauungsübungen derer zuhörten, welche höhere Gaben besafsen. 1 ſſſſſſſſſſſſſſfſſſſſnſſiſſiſtnnnnſinſnnnninnnmm 13 16 17