deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literat 4 von* Ednard Oikmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 3 Aeihß- und Aeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur. pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morz 7 Uhr bis Abends 8 lIhr offen. 3 4 2. Lesepreis. Bei Nuefnr eines geliehenen Buches wird jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 S den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegenna 4 eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Sun. ] binterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſta 8 wird.— 5 b 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden 3 eträgt: 3 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher —— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 5, Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendr der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorg 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene u defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß 1 i 6— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, v lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. ind jenigen, welche di dafür zu ſtehen haben. Taschenbibliothek der ausländischen Klassiker, i n ₰. neuen. Verdeutschungen. N.„1. Walter Scott's Romanue. Vier und drey ſsigstes Bändchen. köll. * Walter Scott'’s R o m anhn Aus dem Englischen. Vier und dreyſsigstes Bändchen. Die Presbyterianer. Erster Theil. —-—————ℳòêòêℳuö— Zwickau, im Verlage der Gebrüder Schumann. 1823. Die Presbyterianer. Dritte der Erzählungen meines Wirths. Von Walter Scoift. Aus dem Englischen von Ernst Bertnol d. 2 Erster Theil. 2—L—W—WM2 V O—§ℳ——⸗uniꝰ—₰ennen Zwickau, im Verlage der Cebrüder Schumann. 1 8 2 5. Ahora bien, dixo el Cura. traedme, senor huésped, aquesos libros, que los quiero ver. Que me place, respondiò el,„ entrando, en su apo- sento, sacdò dél una maletilla viefa cerrada con una cadenilla, abriendola, halld en ella tres libros grandes unos papeles de muy buena letra escritos de manos.— Dox Qurxorr, Parte I. Cap. 32. Sehr wohl, sagte der Pfarrer; ich bitt' Euch, Herr Wirth, bringt mir diese Bücher, ich möchte siessehr gerne sehen. Herzlich gern, antwortete jener, ging in sein Zimmer, und brachte ein altes kleines Felleisen heraus, mit Schlofs und Kette. Er öffnete es, und langte drey groſse Bücher hervor, nebst einigen reinlichen und zierlichen Handschriften. —V—V——V——W———8 Die Presbyterianer. H⸗ Erstes kapiltel. Einleitung. Warum des Todes finst'res Haus Durchstöhret er in seinen Tiefen? Holt den verfährten Raub heraus, Und weckt, die längst vergessen schliefen? Langhorne. Die meisten Leser, sagt die Handschrift des jungen Pattieson, haben sich wohl schon einmal an dem lärmenden Ausbruch der Freude ergötzt, wenn an einem schönen Sommerabend eine Dorf- schule geschlossen wird. Dann kann man den ungebrochnen Lebensmuth der Kindheit, den die mühseligen Stunden des Lernens so lange ge- 8 fesselt gehalten, sich, wie sich es trifft, in Ge- schrey, Gesang und Gelärm aussprechen hören, wenn die kleinen Buben auf den Dorſplätzen in Haufen zusammentreten und die Spicle für den Abend verabreden. Aber Einer ist unter ihnen, der das Gefühl der Erlösung bey der Beendigung der Schule theilt, dessen Empfindungen jedoch dem Auge des Beobachters weniger bemerklich, und weniger geeignet sind, seine Theilnahme zu erregen. Ich meine den Lehrer selbst, der, von dem Cetöse betäubt, fast erstickt in der engen, dumpfen Schulstube, den ganzen Tag zugebracht hat(er allein, gegen ein Heer), den Muthwilligen zu zähmen, den Trägen zur Thätigkeit zu reizen, den Dummen klug zu machen, und den Trotzigen geschmeidig; und dessen Ceist durch das Anhören desselben traurigen, hundertmal auswendig wie- derholten, und nur durch die verschiedenen Feh- ler der IHersager veränderlen, Textes, verwirrt und erschöpft ist. Selbst die Blüthen des klassi- schen Genius, an denen die Phantasie des Ein- samen sich am liebsten ergötzte, sind ihm herab- gewürdigt, weil sie in seiner Einbildungskraft sich mit Thränen Fehlern und Strafe verbinden, so daſs er die Eklogen Virgils und die Oden des Horaz nur noch in der abgeschmackte Cestalt, und in dem eintönigen Vortrag eine heulenden Schuljungen kennt. Kommt nun zu diesem Seelenleiden noch ein zarter Körper, und —.,— 9 ein Geist, dessen Ehrgeiz ein ehrenvolleres Loos verlangt, als das, der Tyrann der Schuljugend zu seyn, so kann sich der Leser einen schwachen Begriff machen von dem seligen Gefühle, das ein einsamer Spaziergang an einem erfrischenden, schönen Sommerabende einem Manne gewähren mufs, dessen Kopf wüst ist durch den Eifer, mit dem er die mühselige Arbeit eines öflent- lichen Lehrers versehen, und dessen Neryven fast zerrissen sind. Mir sind diese Abendstreifereyen die glück- lichsten Stunden eines unglückseligen Lebens geworden, und wenn je ein geneigter Leser Freu- de daran findet, diese nächtlichen Schöpfungen durchzusehen, so möge er wissen, daſs der Plan, welcher ihnen zu Grunde liegt, gewöhnlich in solchen Stunden entworfen ward, wenn die end- liche Erlösung von Arbeit und Gelärm und die stille Cegend um mich her, meinen Geist zur erfindenden Dichtkunst fähig machten. Meine liebste Zuflucht in diesen Stunden der goldnen Muſse finde ich an den Ufern des Baches, der sich durch das Thal windet, und vor den Fenstern des Schulhauses von Gandercleugh vor- erflieſst. In der ersten Viertelstunde werde wohl oft in meinen Träumereyen gestört, alle e Crüfse durch Scharrfüfse und gezogene Mützen zu erwiedern, denn ein Theil meiner Schüler streift am Ufer herum, Forellen und Gründlinge im Kleinen Bache zu ſischen, oder Binsen und wilde Blumen am Rande zu suchen. Aber über diesen Raum hinaus erstrecken die kleinen Fischer nicht leicht nach Sonnenuntergang ihren Weg, denn das Thal weiter hinauf, hennſer sich an einem einsamen platze der eigen dazu an dem steilen, mit Haidekraut bewachsenen„ Ufer aus- gesprengt scheint, ein verödeter Cottesacker. Diesem in der Dämmerung zu nahen, fürchten sich die feigen Bursche. Für mich aber hat dieser Ort einen unaussprechlichen Reiz. Er ist lange das Lieblingsziel meiner Wallfahrten ge- wesen, und wenn mein gütiger Vorgesetzter nicht sein Versprechen vergifst, so werde ich(und wahrscheinlich ist der Tag nicht ferne mehr) zuletzt dort ausruhen von meiner irdischen Pil- gerschaft*). Es ist ein Ort, der all die feyerlichen Gefühle erweckt, mit denen man einen Kirchhof betritt, ——— ohne die minder wohlthuenden aufzuregen, er seit vielen Jahren sehr selten gebrau so sind die wenigen Hügel, die sich i ebenen Boden erheben, wie dieser, mi sammtnen Rasen bedeckt. Die Denkma über sieben oder acht, sind halb in gesunken, und mit Moos überwachs neu errichteter Grabstein stört die ruhige Heiter- keit unserer Betrachtungen durch das Andenken an kürzlich empfundenen Schmerz, und kein dick und faul erschieſsendes Cras zwingt unserer Phan- tasie die Erinnerung auf, daſs es seine unliebli- che Ueppigkeit den eiternden, verfaulten mensch- lichen Jeberresten verdankt, die unten gähren. Die Zeitlosen, mit denen der Rasen durchwirkt ist, und die Clockenblumen, die über ihn hän- gen, empfangen ihre reine Nahrung vom Thaue des Himmels, und ihr frisches Aufsprossen erregt uns keine erniedrigende oder ekelhafte Erinne- rungen. Der Tod ist zwar hier gewesen, und wir sehen seine Spuren, aber sie haben aufgehört schrecklich zu seyn, weil die Zeit, wo sie sich eindrückten, uns fern liegt. Die, welche unten schlafen, sind nur durch den Gedanken mit uns eerbunden, daſs sie einst waren, was wir nun n d, und daſs, wie ihre Ueberreste Eins ge- orden sind mit der Muitter Erde, auch die unsrigen einmal dieser Umbildung unterworfen seyn werden. Obwohl jedoch der neueste dieser 12 pescheidenen Grabsteine schon seit einem Zeit- raume von vier Ceschlechtsfolgen mit Moos be- deckt ist, so werden doch die, welche darunter liegen, noch in ehrwurdigem Andenken gehalten. Es ist wahr, auf dem gröſsesten, und für einen Freund der Alterthümer merkwürdigsten, dieser rabmäler, auf dem ein mannhafter Ritter in seinem Eisenkleide und mit dem Schilde vor der Brust, abgebildet ist, hat die Zeit schon das Familienwappen verlöscht, und die wenigen, un- leserlichen Buchstaben können nach Guidünken von dem Entziflerer gedeutet werden: Herr Jo- hann von Hamel, oder Johann von La- mel. Und es ist auch wahr, dafs von einem andern künstlich gearbeiteten Denkmale, das mit einem verzierten Kreuze, einer Bischofsmiitze und einem Hirtenstab versehen ist, nur die Sage berichtet, daſs ein gewisser namenloser Bischof hier begraben liegt. Aber auf zwe y andern Stei- nen, die daneben stehen, kann Man noch in roher, ungebundner Rede, und in rohern Reimen die Geschichte derer lesen, die unter ihnen ruhen. Die Grabschrift sagt uns, dafs sie zu jenen ver- folgten Presbyterianern gehörten, deren traurige Geschichte in die Zeiten Karls des Zweyten und seines Nachfolgers fiel*). „ Jakob, der siebente König von Schottland dieses Namens, und der zweyte nach der Zählung der Könige von England.: 13 Nach der Schlacht bey den Pentlandhügeln ward ein Haufen der Empörer in diesem Thale von einer kleinen Abtheilung der königlichen Truppen angegriſfen, und drey oder vier von jenen wurden entweder in dem Treflen getödtet, oder zu Gefangenen gemacht, und nachher, als mit den Waſfen in der Haud ergriflene Aufrührer, erschossen. Die Landleute haben nicht aufge- hört, den Grabsteinen, wWelche diese Opfer der Episcopalverfassung decken, eine Ehrfurcht zu beweisen, welche sie gegen die prächtigsten Denkmäler nicht hegen; und wenn sie sie ihren Söhnen zeigen und ihnen das Schicksal der Dul- der erzählen, so fügen sie die Ermahnung hinzu, bereit zu seyn, wenn die Zeit sie rufen sollte, gleich ihren wackern Vätern, für Religion und Freyheit dem Tode zu trotzen. Obgleich ich weit entfernt bin, die besondern Glaubenssätze derjenigen zu verehren, die sich die Nachfolger dieser Männer nennen, und deren Unduldsamkeit und engherzige Bigotterie wenig- stens eben so offenbar ist, als ihr religiöser Eifer, so kann ich doch nicht umhin, das Gedächtniſs dieser Dulder zu achten, von denen so viele den kühnen Geist eines Hampden mit dem duldenden Eifer eines Hooper oder Latimer vereinten. Auf der andern Seite würde es auch ungerecht seyn, zu vergessen, wie auch Viele von denen, die am thätigsten das, was sie einmal als Aufrührer und u 14 Empörergeist betrachteten, zu unterdrücken such- ten, als die Reihe an sie kam, fur ihre religjösen und politischen Meinungen zu leiden, denselben frommen Feuereifer zeigten, der in ihnen das Gepräge ritterlicher Treue, wie in jenen eines enthusiastischen Freyheitsgefühles trug. Es ist oft von dem Schottischen Volkscharacter bemerkt worden, daſs die Hartnäckigkeit, die einen seiner Bestandtheile ausmacht, ihn sich in Widerwär- tigkeiten am vortheilhaftesten zeigen läfst, worin er mit dem wilden Feigenbaume unserer vater- ländischen Hügel verwandt ist, der sich von keinem Winde aus seiner geraden Richtung nach einer Seite beugen läſst, sondern seine Zweige mit gleicher Kühnheit nach allen Seiten ausbrei- tend, dem Sturme keine Wetterseite bietet, und wohl gebrochen, aber nie gebeugt werden kann. Man bemerke, daſs ich von meinen Lands- leuten rede, wie sie sich meinem Auge gezeigt. In fremden Gegenden, höre ich, sollen sie ge- schmeidiger seyn. Aber es ist Zeit, von dieser Abschweifung zurückzukehren. Einst an einem Sommerabend, als ich mich bey einer solchen Streiferey, wie ich sie be- schrieben habe, dieser verödeten Wohnung der Todten näherte, ward ich etwas überrascht, in- dem ich einen Ton vernahm, verschieden von denen, die dieser Einsamkeit sonst wohl ein slilles Leben geben, das sanfte Cemurmel des 15 Baches, und die Seufzer des Windes in den Zwei- gen dreyer gigantischer Eschen, die auf dem Kirchhofe stehen. Jetzt hörte ich deutlich den Schlag eines Hammers, und es ergriff mich einige Unruhe, daſs die beyden Eigenthümer, deren Besitzung durch meinen lieben Bach getrennt wurde, jetzt den Gedanken, mit dem sie schon lange umgegangen, verwirklichten, und einen Gränzgraben durch das Thal zögen, die Biegungen der natürlichen Gränze durch eine unschöne gerade Linie zu ersetzen*). Als ich näher rrat, ward ich auf das Angenehmste überrascht. Ein alter Mann saſs auf dem GCrabsteine eines der ermordeten Presbyterianer, eifrig beschäftigt, mit einem Meiſsel die Buchstaben der Inschrift tiefer zu graben, die, indem sie den Hingeopferten in der Schriftsprache die verhiefsnen Segnungen *) Ich halte es für nöthig, den Leser zu unterrichten, dafs die Grenze zwischen den an einander stoſsenden erblichen Besitzungen seiner Gnaden, des Herrn von Gandercleugh, und seiner Gnaden, des Herrn von Gusedub, eine Art von asger war(oder eigentlich murus) von Granitblécken, gemein hin, ein Stein- damm, genannt gespite viridi, d h. oben mit Rasen bedeckt. Ihre Cnaden geriethen in Streit wegen zwey Ruthen morastigen Landes, und nachdem Klet Rechtshandel einige Jahre lang von den Richtern des Landes gelührt worden, ist er nach der grofsen Stadt London verlegt und vor die Versammilung der Pairs daselbst 2. ſele. Wo er, so zu sagen, erhn,e in pendente ist— J der Zukunft verkündigte, die Mörder leiden- schaftlich verwünschte. Eine blaue Mütze von ungewöhnlicher Grölfse bedeckte das graue Haupt des frommen Arbeitsmannes. Sein Anzug bestand aus einem weiten, altfränkischen Kleide von einem groben Tuche, das meist von ältern Land- leuten getragen wird, mit Weste und Unterklei- dern von demselben Zeuge. Dem ganzen Anzuge, obwohl er ausgebessert war, sah man es an, daſs er lange Zeit gedient hatte.— robe, mit starken Zwecken beschlagene Schuhe, Kamaschen von dickem schwarzen Tuch, vollenden seine Kleidung. Etwas abseits weidete zwischen den Gräben ein Pferd, des Alten Reisegefährte, dessen ausser- ordentliche Weiſse, die vorstehenden Knochen und fahlen Augen, sein Alter verriethen. Das Geschirr war das allereinfachste; es bestand aus einem Paar Gebifsstangen, mit einem hänfnen Strick oder Halfter, und einem Kissen von Stroh, statt Zaum und Sattel. Ueber dem Hals des Thieres hing ein Sack von grober Leinwand, wahrscheinlich um des Reiters Handwerkszeug fortzubringen, oder was er sich sonst veranlaſst finden möchte, mitzunehmen. Obwohl ich den alten Mann nie zuvor gesehen hatte, erkannte ich doch leicht aus seiner son- derbaren Beschäftigung und aus der Art seines Anzuges, in ihm einen frommen Wanderer, von 17 dem ich schon oft hatte reden hören, und der in mehreren Theilen Schottlands unter dem Na- men des Todtengreises bekannt war. Wo dieser Mann geboren, oder welches sein wirklicher Name war, habe ich nie erfahren können, noch weiſs ich mehr, als etwas sehr Allgemeines von den Cründen, die ihn bestimm- ten, seine Heimath zu verlassen, und die irrende Lebensweise anzunehmen, die er führte. Nach der Meinung der Meisten war er entweder aus der Grafschaft Dumfries oder Galloway gebürtig, und stammte in gerader Linie von denen Helden des Bundes der Gläubigen*) ab, deren Thaten und Leiden seine liebste Beschäftigung waren. Wäh- rend einer Zeit seines Lebens sollte er eine kleine, geringe Pachtung gehabt haben; aber jetzt hatte er schon lange dieser, so wie jedem Erwerbs- zweige, entsagt, sey es, dafs Geldverlust, oder dafs häusliches Ungemach ihn bestimmt. Um mit der Schrift zu reden— er verliefs Haus, Hof und Freunde, und wanderte umher bis an seinen Todestag, wie man sagt, einen Zeitraum von dreyſsig Jahren. Während dieser langen Pilgerschaft richtete er in seiner frommen Begeisterung seinen Weg s0 *) Covenant hieſs der Bund, den die Schotten im Jahre 1638 zur Vertheidigung ihrer Kirchenverfassung errichteten, oder vielmehr nur erneuerten. B ein, daſs er immer jährlich wieder zu den näm- lichen Cräbern der unglücklichen Männer kam, die durch das Schwert oder durch den Scharf- richter, während der Regierung der beyden letz- ten Könige aus dem Hause Stuart, gefallen waren. Es sind diese äusserst zahlreich in den westlichen Provinzen Ayr, Galloway und Dum- fries, allein es gibt ihrer auch in andern Theilen Schottlands, wo nur immer die Fliichtigen foch- ten und fielen. Oft sind ihre Gräber fern von menschlichen Wohnungen, in entlegnen Haiden und Wildnissen, in denen die Umhergetriebnen Schutz und Verborgenheit gesucht. Aber wo sie auch seyn mochten, der Alte fand sie sicher, wenn seine jährliche Runde ihn in ihren Bereich brachte. In den einsamsten Bergschluchten hat- ten ihn oft die erstaunten Jäger beschäftigt ge- funden, die alten Steine vom Moose zu entkleiden, und mit seinem Meiſsel die halbverlöschten In- schriften wieder herzustellen, mit denen diese einfachen Denkmäler gewöhnlich geschmückt sind. Ein frommer Eifer bestimmte den Creis, so viele Jahre seines Lebens dem Ceschäfte zu widmen, das Gedächtniſs der verstorbenen Käm- pfer der Kirche lebendig zu erhalten. Er glaubte eine heilige Pflicht zu erfüllen, indem er vor die Augen der Nachwelt die schon erlöschende Kunde des Eifers und des Leidens ihrer Vorfahren brächte, und dadurch gleichsam das Wachfeuer 1 19 anschürte, das die künftigen Ceschlechter ermah- nen sollte, ihre Religion bis auf das Blut zu vertheidigen. Auf allen seinen Wanderungen schien der Greis niemals irgend eines Beystandes durch Geld zu bedürfen, noch einen zu empfangen. Es ist wahr, er brauchte äusserst wenig, denn wohin er auch kam, fand er eine Wohnung bereit in dem Hause irgend eines Cameronianers*) von seiner eignen Sekte, oder von andern frommen Leuten. Diese Gastfreundlichkeit, die ihm mit Ehrfurcht gewährt ward, vergalt er stets, indem er die Grabsteine(wenn es deren dort gab), die den Angehörigen oder Vorfahren des Wirthes ge- setzt waren, ausbesserte. Der Umstand, daſs man den Wanderer ge- wöhnlich in den Ringmauern irgend eines Dorf- kirchhofes sah, stets mit so frommem Tagewerk beschäftigt, oder mitten in den Haiden, über den einsamen Crabstein gebeugt, den Kiebitz und Nachtraben aufscheuchend durch das Klingen des Meiſsels und Schlägels, sein altes weifses Roſs neben ihm grasend, erwarb ihm, von sei- —iãq»ᷓ-ʒ *) Von dem Stifter der Sekte„Archibald Cameron, so Benannt. Dieser war der Erste, der sich von den- jenigen Dresbyterianern absonderte, welche die Iu-. dulgenz angenommen hatten, die Karl II. zur Be. * stätigung des Supremats in Kirchensachen ertheilte. nem Auſenthalte bey den Verstorbenen, unter dem Volke den Namen des Todtengreises. Der Character eines solchen Mannes konnte wenig Anlagen, selbst zur unschuldigsten, Freude in sich haben. Jedoch fanden ihn die, welche von seiner Glaubenssekte waren, heiter. Die Abkömmlinge der Verfolger, oder diejenigen, von denen er glaubte, daſs sie sich Anhänglich- keit an ähnliche Glaubenslehren zu Schulden kommen lieſsen, und die Religionsspötter, die ihn bisweilen angriſfen, nannte er gewöhnlich das Gezücht der Schlangen.“ In der Unterhal- tung war er ernst und spruchreich, nicht ohne äussere Strenge. Jedoch soll er nie den Ausbruch einer heftigen Leidenschaft gezeigt haben, ausser ein einzig Mal, als ein boshafter Bube, der der Schule entwischt war, mit einem Steinwurf die Nase eines Cherubs beschädigte, dessen Cesicht der alte Mann eben im Begriff war, aufzufrischen. Ich hin sonst kein Freund der Ruthe, trotz des Grundsatzes Salomo's, für welchen ihm die Schul- jugend wenig Dank zu sagen hat, aber bey dieser Celegenheit fand ich für gut, zu zeigen, daſs ich das Kind nicht hafste. Allein ich mufs zuriickkehren zu den Umständen, die bey meiner ersten Unterredung mit diesem merkwürdigen Enthusiasten Statt fanden. Indem ich den Todtengreis anredete, versäurntG ich nicht, seinen Jahren und Grundsätzen Ach * r 21 tung zu beweisen, das Gespräch mit einer ehr- erbietigen Entschuldigung, wegen der Unter- brechung in seiner Arbeit, zu beginnen. Der alte Mann hielt ein, mit dem Meiſfsel zu arbeiten, nahm seine Brille von der Nase, wischte sie ab, und antwortet Jann, indem er sie wieder auf setzte, mit Höflichkeit. Ermuthigt durch seine Freundlichkeit, that ich ihm einige Fragen, die Dulder betreflfend, mit deren Crabsteinen er hier beschäftigt war. Von den Thaten der Mitglieder des heiligen Bundes oder Covenan ts zu spre- chen, war die Freude, wie Thre Denkmäler her- zustellen, das Geschäft seines Lebens. freygebig in der Mittheilung aller kleinen Um- stände, die er über sie, ihre Kriege, und ihre Wanderungen gesammelt hatte. Man hätte glau- ben sollen, er wäre ihr Zeitgenosse gewesen, und hätte selbst die Auftritte geschen, von denen er erzählte; so verschmolzen waren seine Cefühle und Meinungen mit den ihrigen, und so schr hatte sein Bericht die Umständlichkeit eines Augen; eugen. d W r.» sagte er in einem begeisterten Tone, «wir sind die einzigen wahren Whigs! Fleisch- liche Männer haben sich diesen stolzen Namen angemalst; sie folgten dem, deſs Reich von dieser Welt ist! Welcher von ihnen wollte sechs Stun- den lang auf nassem Bergesrücken sitzen, eine geistliche Predigt zu hören p Wahrlich, kaum * Er war eine Stunde würden sie's aushalten! Sie sind nicht um ein Haar besser, als die, die sich nicht schämen, den drohenden Namen: blutdürstige Torys, anzunehmen! Selbstsüchtig sind sie alle, nach Reichthum streben sie, nach Macht und weltlicher Ehre, und vergessen, was gelitten und gethan ist von den mächtigen Männern, die vor dem Rifs standen am Tage des Grimmes. Kein Wunder, daſs sie fürchten, es möge in Erfül- lung gehen, was der ehrwürdige Cottesmann Peden sagte— jener wahrhafte Diener des Herrn, aus dessen Munde kein Wort auf den Boden fällt— daſs die Franzosen so schnell in den Thälern von Ayr seyn werden und in den Häusern von Calloway, wie die Männer aus den Hoch- landen im Jahre 1677. Und nun greifen sie zu Bogen und Speer, und sollten doch klagen um das sündige Land und den gebrochnen Bund!—» Ich beruhigte den alten Mann, indem ich seinen eigenthümlichen Meinungen nicht wider- sprach, und da ich lebhaft wiinschte, das Ge- spräch mit ihm zu verlängern, drang ich in ihn, sich der Castfreundschaft zu bedienen, die Herr Cleishbotham steits bereit ist, Jedem zu gewähren, der ihrer bedarf. Auf unserm Wege nach des Schulmeisters Hause gingen wir in die Herberge, wo ich ganz sicher war, um diese Abendstunde meinen Vorgesetzten zu finden. Nach einigen gegenseitigen Höflichkeitsbezeugungen bewogen 23 wir den Alten mit Mühe, seinem Wirth mit einem cinzigen Clase Liquor Zuspruch zu thun, und dieses nur unter der Bedingung, daſs es ihm vergönnt seyn sollte, eine Gesundheit auszubrin- gen. Er betete darauf ungefähr fünf Minuten lang still, und trank dann, mit gezogener Mütze und gen Himmel gerichteten Augen auf das An- denken derer Helden der Schottischen Kirche, die zuerst ihr Banner auf den Bergen erhoben. Da keine Ueberredung ihn bewegen konnte, ein zweytes Glas zu sich zu nehmen, begleitete ihn mein Vorgesetzter zu Hlause, und richtete ihn in dem Propheten Zimmer ein, wie es ihm gefällt, das Cemach zu nennen, das kaum ein Belt faſst, und das häufig ein Zufluchtsort für die armen Reisenden ist*). *) Er hätte hinzusetzen kännen: und für den Rei- ahen auch; deun, Dank meinem Gestirn! die Grofsen der Erde haben auch Herberge in meiner armen Wohnung genommen. Und, während des Dienstes meines Stubenmädchens Dorothee, die gar lustig und schön anzusehen war, pflegten seine Gna- den, der Junker von Smakawa, auf seinen Reisen aus und nach der Hauptstadt, immer mein Prophe- tenzimmer der gewölbten, gesprenkelten Stube im Wirthshause zum Wallace vorzuzichen, und einige Flaschen zum Besten zu geben, wie er scherzhaft zu sagen pflegte, um das Hausrecht zu erlangen, wirk- lich aber nur, um sich für den Abend meine Ge- sellsckaft zu sichern. J C. Den folgenden Tag nahm ich Abschied von dem Alten, der durch die ungewöhnliche Theil- nahme, mit der ich seine Bekanntschaft suchte, und seinen Erzählungen zuhörte, geriihrt schien. Nachdem er nicht ohne Mühe sein altes weiſses Pferd bestiegen, nahm er mich bey der Hand und sagte:«Der Segen des Herrn sey mit Euch, junger Mann! Meine Stunden sind wie die Aehren des Spätherbstes, und Eure Tage sind noch im Frühling; und doch mögt Ihr leicht noch vor mir niedergelegt werden in den Speicher des Todes, denn seine Sichel mähet die Saat oft, che sie reif ist; und auf Euren Wangen ist eine Farbe, die, wie die Rosenknospe, häuſig dient, den WMurm der Zerstörung zu bergen. Deswegen ar- peitet, als einer, der da nicht weiſs, wann sein Meister ruft. Und wenn es mir zu Theil wird, mach dicsem Dorfe zurückzukommen, nachdem Ihr hingegangen seyd in Eure cigentliche Hei- math, dann sollen diese alten, welken Hände Euch einen Gedächtnifsstein setzen, dafs Euer Name nicht aussterbe unter dem Volke.“ Ich dankte dem Alten für seine freundliche Absicht, und die Vorstellung, daſs ich bald in den Fall kommen könnte, seiner Gefälligkeit zu bedurfen, entlockte mir einen Seufzer, der jedoch weniger der Klage, als der Ergebung galt. Aber 3 obwohl er, nach aller menschlichen Wahrschein- lichkeit, nicht irrte, indem er voraussetzte, daſs 25 mein Lebenslauf in der Jugend scin Ziel finden würde, hatte er doch die Zeit seiner eignen Pil- gerschaft auf Erden überschätzt. Es sind nun schon einige Jahre her, daſs er nicht mehr aut den Gräbern gesehen wird, und Moos und Lei- chenkraut die Steine decken, die zu reinigen das Geschäft seiues Lebens gewesen. Es war im Anfange dieses Jahrhunderts, dafs er scine irdi- sche Arbeit beschloſs; man fand ihn auf der Landstrafse bey Lockerby, in der Grafschaft Dum- fries, erschöpft und eben sterbend. Das alte weiſse Pferd, der Cefährte aller seiner Reisen, staud an der Seite seines verscheidenden Herrn. Man fand bey ihm eine Summe Geldes, hin- reichend für ein anständiges Begräbnifs, was zum Beweis dienen kann, dafs sein Tod weder durch Cewalt, noch durch Noth beschleunigt ward. Das gemeine Volk hält sein Andenken noch in grofser Achtung, und Viele sind der Meinung, dafs die Steine, welche er ausbesserte„ der Nach- hülſe des Meiſsels nicht mehr bedürfen. Sie behaupten selbst, daſs auf den Cräbern, auf welchen die Todesart der Märtyrer berichtet wird, die Namen derselben seit dem Verscheiden des Todtengreises unvertilgbar leserlich dastanden, die der Verfolger dagegen, auf den nämlichen Monumenten eingehauen, gänzlich verlöscht seyen. Es ist kaum nöthig zu sagen, dafs dies ein süſser Wahn ist, und daſs seit der Zeit des 26 frommen Wanderers die Denkmäler, denen er seine Sorgfalt widmete, dem Verfall und der Zerstörung zueilen, wie alles Irdische. Meine Leser werden von selbst begreifen, daſs ich, indem ich die Mittheilungen, die ich so glücklich war, von dem Alten zu erhalten, zu einer gedrängten Erzählung verschmolz, weit entfernt war, seine Meinungen und seine Dar- stellungsweise mir anzueignen, oder auch nur die, häußg vom Partheygeist entstellten, That- sachen nach seiner Art wiederzugeben. Vielmehr bin ich bemüht gewesen, diese durch Verglei- chung der Darstellungen beyder Partheyen, und durch Benutzung der sichersten Quellen der Ueberlieferung, so treu und wahrhaft, als mög- lich, mitzutheilen. Von Seiten der Presbyterianer habe ich mehrere solcher Pächter aus den westlichen Districten befragt, die durch die Cüte der Grundherren, oder auf andere Weise, im Stande gewesen waren, sich im Besitz der Weiden zu erhalten, auf denen ihrer Groſsväter Heerden Nahrung ge- funden. Ich mufs gestehen, daſs ich seit einiger Zeit diese Quelle meines Unierrichts sehr wenig ergiebig fand. Ich habe mich darum nun an jene demüthigen Wanderer gewendet, welche die gewissenhafte Höflichkeit unserer Vorfahren reisende Kaufleute nannte, die wir aber neuer- dings, uns hierin, wie in wichtigern Dingen, die 47⁷ Ansichten und Meinungen unsern reichern Nach- baren aneignend, Tabulettkrämer oder Hausirer zu nennen gelernt haben. Auch Leinwebern, die in der Absicht, ihre Winterarheit los zu werden, im Lande umherziehn, mehr noch Schneidern, die wegen ihrer sitzenden Lebensart, und bey der Sitte unsrer Cegend, sich eine Zeit lang in den Familien aufzuhalten, für die sie arbeiten, als die Besitzer einer ganzen Reihe von Volkssagen betrachtet werden können, verdanke ich viele Erläuterungen zu den Erzählungen des Todten- greises, und zwar ganz im Geiste und im Ge- schmack derselben. Mehr Schwierigkeit macht es mir, Materialien aufzufinden, dem Einfluſs der Partheylichkeit zu entgehen, welche auffallend aus diesen Berichten hervorleuchtete, um mich in den Stand zu setzen, eine unbefangene Darstellung der Sitten jener ungliücklichen Zeit zu liefern, und zugleich den Verdiensten beyder Partheyen Gerechtigkeit wi- derfahren zu lassen. Allein die Bekanntschaft mit mehr als einem Abkömmlinge alter, ehren- werther Familien, die, zwar selbst in die niedrere Region des Lebens verwiesen, doch noch mit Stolz zurückschauen auf die Zeit, in der ihre Vorfahren fochten, und fielen für das verbannte Haus Stuart, hat mir Mittel in die Hände gegeben, die Erzählungen des leidenschaftlichen Greises und seiner Cameronianischen Freunde zu mil- 28 dern. Ich könnte mich in dieser Sache sogar schr ehrwürdiger Authorität rihmen; denn man- cher unvereideter Bischof, dessen Ansehn und Einkommen so apostolisch war, als die grimmigsten Widersacher des Bischofthums nur verlangen konnten, hat sich, wenn er an den demüthigen Mahlzeiten im Wirthshause zum Wallace Theil nahm, herabgelassen, mich von Dingen in Kenntniſs zu setzen, die das, was ich von Andern gehört, berichtigten. Es fanden sich. auch noch hier und da ein Paar Edelleute, die, abwohl sie mit den Achseln zuckten, sich gerade nicht schämten, daſs ihre Väter in den verfol- genden Schaaren Earlshall's und Claverhouse's gedient hatten. Von den Jägern und Hagereutern dieser Herren habe ich auch manches Wissens- würdige gehört, denn das Amt dieser Leute pflegt mehr als irgend eines erblich zu seyn. Nach Allem kann ich kaum fürchten, daſs, indem ich die Wirkungen beschreibe, die ent- gegengesetzte Grundsätze auf gute und böse Men- schen beyder Partheyen hervorbrachten, mich zu dieser Zeit der Verdacht treffen könne, einer von beyden unrecht gethan oder ihr übel gewollt zu haben. Wenn die Erinnerung früher erlitte- ner Schmach, eine ausserordentliche Diensttreue, und Verachtung und Haſs ihrer Geguer, Ilärte und Willkühr bey der einen Parthey verursachte, so kann dagegen nicht geläugnet werden, dabs, 29 wenn der Eifer für das Haus GCottes nicht die Sektirer verzehrte, er doch wenigstens, um das Wort Drydens nachzuahmen, keinen geringen Theil ihrer Redlichkeit, Mäſsigung und Sittlich- keit verschlang. Wir können mit Sicherheit hoſſen, daſs die Geister der Tapfern und Treuen von jeder Seite lange schon mit Staunen und Mitleid herabsehen auf die Mifsverständnisse und Irrthümer, die sie zu Hafs und Feindschaft ent- flammten in diesem Thale der Finsternifs, des Blutes und der Thränen. Friede sey mit ihrer Asche! Lafst uns an sie denken, wie die Heldin unsers einzigen Schottischen Trauerspiels ihren Gemahl auffordert, an ihren hingeschiedenen Vater zu denken: O störe nicht die Asche unsrer Väter Noch einmal auf! daſs unversöhnlich sie. Schwer war die Schuld, und schwer war auch die Bufse! ————— Zweyltes Kapitel. Fährt hundert Rosse, wenn der Tag anbricht, An's Schloſsthor, daßſs sie unsres IMillens harren! Douglas. UInter der Herrschaft der letzten Stuarts zeigte sich auf Seiten der Regierung ein ängstliches Bestreben, durch jedes Mittel, das in ihrer Macht lag, dem strengen puritanischen Geist entgegen zu arbeiten, der hauptsächlich während der repu- blikanischen Verfassung vorgeherrscht hatte, und alle die alterthümlichen Einrichtungen wieder zu beleben, welche den Vasallen an den Lehns- herrn, und beyde an die Krone knüpften. Häufige Musterungen und Versammlungen des Volkes, theils zu militärischen Uebungen, theils zu Lust- 91 barkeiten oder Festen, wurden von oben her angeordnet. Diese Einmischung war, am gelin- desten zu sprechen, unpolitisch; denn, wie es gewöhnlich bey ähnlichen Fällen zu geschehen pflegt, die Gewissen, die erst nur zweifelhaft gewesen waren, wurden in ihren Ansichten be- stärkt, statt sich der Macht zu beugen; und die Jugend beyderley Geschlechts, für welche die Pfeife und Handtrommel in England, und der Dudelsack in Schottland, sonst eine unwider- stehliche Versuchung gewesen wäre, vermochten es nun über sich, ihr Trotz zu bieten, in dem stolzen Bewufstseyn, sich weltlichen Machthabern zu widersetzen. Menschen zu Tanz und zum Fröhlichseyn zu zwingen, ist kaum auf Sklaven- schiffen gelungen, wo es früherhin bisweilen versucht ward, damit die ungliicklichen Gefaa⸗ genen die Glieder bewegten, und während der wenigen Stunden, die ihnen vergönnt waren, auf dem Verdeck in der freyen Luft zuzubringen, die Circulation des Blutes hergestellt wurde. Der Eifer der strengen Calvinisten wuchs im nämli- chen Verhältnifs, als die Regierung ihre Bemü- hungen, ihn zu mildern, verdoppelte. Dieje- nigen, die unter denselben auf eine besondere Heiligkeit Anspruch machten, zeichneten sich aus durch eine jüdische Beobachtung der Sabbath- feyer, durch eine hochmüthige Verdammung aller männlichen Zeitrertreibe, aller harmlosen Vergnügungen, besonders der unheiligen Sitte des vermischten Tanzens, das heifst, wenn Jüng- linge und Mädchen in Gesellschaft zusammen tanzen(denn ich glaube, sie gaben die Unschuld dieser Lust zu, wenn sie von einem Geschlecht allein genossen ward). Sie hintertrieben selbst, so viel es in ihrer Macht stand, die altberkömm- lichen Feste der Waffenschau, wo die ganze Lehnsmannschaft der Crafschaft zusammen be- rufen ward, und jeder Kreisvasall mit so vielen gerüsteten Männern sich einfinden muſste, als er durch die Lehnspflicht zu stellen verbunden war, und das zwar unter hohen, festgesetzten Strafen. Die Puritaner waren diesen Versamm- lungen um so abgeneigter, als die Statthalter und Landvögte, unter denen sie gehalten wurden, von obenher befehligt waren, keine Mühe zu scheuen, sie den jungen Leuten, aus denen sie bestanden, so angenehm als möglich zu machen, weil man leicht voraussetzen konnte, daſs alle diese Vergnigungen, des Morgens kriegerische Uebungen, und des Abends zum Beschlufs Tanz und Spiel, für sie einen verführerischen Reiz haben miüſsten. Die Prediger der Presbyterianer, und die strengeren Eiferer unter diesen Letztern, bemüh- zcn sich daher, durch Warnungen, Ermahnungen und Drohungen die Folgeleistung dieser Aufge- bote zu hindern, wohl wissend, dafs sie nicht 33 allein das Ansehn, sondern auch die Gewalt der Regierung schwächten, wenn sie die Verbreitung jenes Gemeingeistes hinderten, der so leicht Jünglinge verbindet, welche sich zu Waffenübun- gen oder zu kriegerischen Spielen vereinigen. Sie waren auf das Eifrigste bedacht, diejenigen, die nur irgend eine Entschuldligung ihres Ausblei- bens aufbringen konnten, von der Theilnahme an solchen Festlichkeiten abzuhalten, und waren ungemein strenge gegen die, welche sich von ploſser Neugierde verleiten lieſsen, den Waffen- spielen und Vergnügungen als Zuschauer bey- zuwohnen, oder gar aus Lust an körperlichen Uebungen daran Theil zu nehmen. Diejenigen der Landedelleute, welche diesen Lehren zuge- than, waren selbst nicht immer in der Lage, ihnen zu folgen. Das Gesetz befahl, und der hohe Rath, in dessen Händen die ausübende Gewalt in Schottland sich befand, war streng in Ausübung der verhängten Strafen gegen die Kronsvasallen, die nicht zu der regelmäſsigen Waflenschau kamen. Die Gutsherren mufsten daher ihre Söhne, Pächter und Lehnsleute mit der Anzahl von Pferden, Knechten und Lanzen, zu der die Lehnspflicht sie verband, zu den Ver- sammlungen senden; und häufig geschah es, daſs die wehrhaften jungen Männer, trotz des stren- gen Befehls ihrer Eltern: gleich, nachdem die Musterung vorüber, nach Hause zurückzukehren, 71. 34 der Versuchung nicht widerstehen konnten, an den darauf folgenden Spielen Theil zu nehmen, oder nicht zu, vermeiden wuſsten, die Gebete mit anzuhören, die bey solchen Gelegenheiten in der Kirche abgelesen wurden, sich also auf diese Weise in das, der Meinung ihrer Angehö- rigen nach, verfluchte Wesen mischten, das ein Gräuel ist vor den Augen des Herrn. Am Morgen des 5ten Mays, im Jahre 1679, wo unsre Geschichte beginnt, hielt gerade in einem öden Bezirk der Grafschaft Lanark, der den Namen«der Oberwerder von Clydesdalen führt, auf einer weiten Ebene, unweit eines Fleckens, dessen Name keineswegs von Belang für unsre Erzählung ist, der Oberrichter die Wallenschau. Als die Musterungen vorüber wa- ren, traten die jungen Männer, wie es ublich war, zu allerhand Spielen zusammen, unter denen das Vornehmste ein Vogelschiefsen war, wobey man sich in frühern Zeiten der Armbrust, später des Feuergewehrs bediente. Der Vogel war mit bunten Federn bedeckt, so dafs er einem Papagey glich. Er war auf eine Stange aufge- steckt, und diente zum Ziel, auf welches die Schützen ihre Büchsen und Flinten, aus einer Entfernung von sechzig bis siebzig Schritt, nach der Reihe losfeuerten. Der, dessen Kugel das Ziel traf, erhielt für den übrigen Theil des Tage den stolzen Namen eines Papageyhauptmanns g 35 und wurde gewohnlich im Triumph in das an- sehnlichste Wirthshaus der Umgegend geführt, wo dann, unter seinem Vorsitze, der Abend fröhlich verzecht ward. Man kann leicht denken, daſs auch die Frauen aus der ganzen Nachbarschaft sich hier einfan- den, um diesem ritterlichen Wettstreit beyzu- wohnen, diejenigen ausgenommen, die sich zu der strengen puritanischen Lehre hielten„, und denen es daher sündlich geschienen hätte, der unheiligen Kurzweil der Verlornen einen Blick zu widmen. Kutschen, Jagdwagen und Drosch- ken gab es nicht in jenen einfachen Zeiten. Der Oberstatthalter der Grafschaft, der Herzogsrang hatte, machte allein Anspruch auf die Pracht einer Carosse, die, ein ungeheurer Kasten, mit acht Sitzen inwendig, mit sechs auswendig ver- sehen, und ganz mit verblichnen Vergoldungen und Bildnerwerk bedeckt, an Gestalt der Arche Noah in den Bilderbüchern glich, und von acht lang geschweiften Flandrischen Stuten gezogen ward. Die innern Sitze nahmen die hohen Herr- schaften, zwey Kammerfrauen, zwey Kinder, der Kaplan und ein Stallmeister ein, von welchen beyden letztern jeder in einer Art Seitenbehält- nisse, die durch die ausbauchenden Kutschthüren gebildet wurden„ und von ihrer Gestalt, die Stiefel hiefsen, eingeklemmt und verschanat saſs. Ein Kutscher und drey Fuhrknechte, die kurze 56 Degen und dreyzöpſige Perücken trugen, Büchsen hinten hängen und Pistolen im Sattelbogen hat- ten, lenkten das Fuhrwerk. Auf dem Fuſsbrett hinter diesem beweglichen Hause standen, oder hingen vielmehr, in dreyfacher: Reihe sechs Diener in reichen Livreen, bewaffnet vom Wirbel bis zur Zehe. Die übrigen Edelleute, Männer und Frauen, Alt und Jung, waren zu Pferde, von ihrer Die- nerschaft begleitet, aber aus den oben angeführ- ten Gründen war die Gesellschaft mehr gewählt, als zahlreich. Nahe bey jenem ungeheuren Lederkasten, den wir zu beschreiben versucht, zeigte sich der sitt- same Zelter der Frau Margarethe Bellenden, und auf ihm die steife, altmodische Gestalt dieser ehrwürdigen Dame, die auch hier ihren Vorrang vor dem übrigen Theile des benachbarten Adels behauptete. Noch immer trug sie die Wittwen- trauer, die sie niemals abgelegt seit der Hin- richtung ihres Ehegemahls, eines Anhängers Montroses. 4 3 Ihre Enkelin und einzige irdische Sorge, die schönhaarige Editha, die allgemein für das lieb- lichste Mädchen der Grafschaft galt, erschien an der Seite der alten Verwandtin, wie der Frühling neben dem Winter. Ihr schwarzer Spanischer Zelter, den sie mit ungemeiner Anmuth lenkte, ihr muntres Reitkleid und ihr goldbesctzter Sattel 37 — Alles war sehr sorgfällig bereitet worden, da- mit sie sich zu ihrem Vortheile zeige. Aber die Fülle dichter Locken, die sich unter ihrem Hute vordrängten, und nur durch ein grünes Band verhindert wurden, ihr über die Schultern zu wallen, ihre Züge, sanft und jung- fräulich, aber nicht ohne einen gewissen Aus- druck lieblicher Schalkhaftigkeit, welche ihre Zartheit vor dem Vorwurf der Geistlosigkeit schützte, den man bisweilen Blondinen und plauäugigen Schönen macht— alles dies zog die. Bewunderung der Jünglinge mehr auf sich, als der Glanz ihres Anzuges, oder die Gestalt ihres Rosses. Das Gefolge dieser vornehmen Dame war, da es nur aus zwey Dienern zu Pferde bestand, ihrer Herkunft und der Sitte jener Zeiten keinesweges angemessen. Der Grund war aber, daſs die gute alte Dame sich genöthigt geschen hatte, alle ihre männlichen Dienstboten zur Musterung zu schik- ken, um die Mannschaft vollzählig zu machen, die ihre Herrschaft bey dieser Gelegenheit stellen muſste, worin sie um alles in der Welt nicht hätte zurückbleiben mögen. Der alte Verwalter, der in stählerner Pickelhaube und Reiterstiefeln ihr Häuflein anführte, hatte Blut geschwitzt, wie er sagte, unter der Arbeit, alle Bedenklichkeiten und Ausflüchte der Pächter zu besiegen, welche in solchen Pällen Mannschaft, Pferde und Ge- 38 schirr liefern sollten. Zuletzt ward ihr Streit beynahe ein offener Kriegsausbruch; denn der erzürnte Episcopale übergoſs die Widerspenstigen mit einer ganzen Fluth Drohungen, und ward dafür von ihnen mit allem Unheil einer calvi- nistischen Bannsprechung überschüttet. Was war zu thun? Die Ungehorsamen zu züchtigen, wäre freylich leicht genug gewesen. Die Obrigkeit würde sogleich bereit gewesen seyn, Strafen auf- zuerlegen, und einen Haufen Reiter zu schicken, sie einzutreiben. Aber das wäre Jäger und Hunde in den Garten rufen gewesen, um den Hasen zu tödten. Denn,“ sagte Harrison zu sich selbst, die Kerls haben so schon wenig genug, und wenn ich ihnen nun die Rothröcke auf den Leib schickte, dafs sie ihnen das Bischen noch vollends nehmen, wie käme denn meine gnädige Frau zu ihrem Pachtgelde auf Lichtmefs, was in den besten Zeiten schon so schwer zusammen zu bringen ist? So waffnete er also den Vogelsteller, den Falk- ner, den Laufer und den Ackerknecht vom Hofe, nebst einem alten zechlustigen, groſssprecheri- schen Kellermeister, der mit dem verstorbenen Sir Richard unter Montrose gedient hatte, und jeden Abend die Hausgenossen von seinen Kriegs thaten bey Kilsyth und Tippermoor unterhielt, der Einzige von dem Haufen, der mit dem min- 39 desten Eifer ans Werk ging. So gelang es dem chrlichen Harrison, der auch noch ein Paar Wilddiebe angeworben hatte, die Mannschaft, die Frau Margaretha Bellenden, als Besitzerin von Tillietudlem und andern Herrschaften, stel- len muſste, vollzählig zu machen. Als er aber am Morgen des verhängnilsvollen Tages scin Häuflein vor dem eisernen Schlofsthore musterte, erschien die Mutter Luthberts, des Ackerknechts, mit den Reiterstiefeln, dem ledernen Koller und den übrigen Kleidungsstücken, die ihm für diesen Tag waren überliefert worden, beladen. Sie ver- sicherte dem Verwalter feyerlichst: sie wisse nicht, ob's Kolik sey oder Gewissensangst, aber Luthbert sey die Nacht über sehr krank gewesen, und den Morgen gings auch nicht viel besser. Cottes Finger, setzte sie hinzu, walte hier sicht- barlich, und ihr Junge sollte einmal nicht auf solche Irrwege gerathen. Umsonst ward mit Strafe oder Entlassung gedroht: die Mutter blieb hartnäckig, und Luthbert, den man einer Unter- suchung unterwarf, um sich über seinen Krank- heitszustand Gewifsheit zu verschaffen, wollte oder konnte nur durch tiefes Stöhnen antworten. Magdalis, die früher im Schlosse lange gedient hatte, und bey der Edelfrau sehr in Gunst stand, behauptete kühnlich, die gnädige Frau selbst habe sie geschickt, und gegen solchen Schutz lieſs sich nichts einwenden. In dieser Noth gab 40 dem Kellermeister sein guter Geist ein Mittel ein.— Ich habe manchen braven Kerl unter Montrose tapfer fechten sehn,“ sagte er, der noch unter dem Gänse-GCilbert stand; warum nehmt Ihr denn nicht den Gänse-Cilbertb“ Dieser war ein halb blödsinnigér Bursche, von sehr kleiner Gestalt, der, unter der Oberaufsicht der alten Hühnerfrau, das Federvieh hüthete. Denn in einer Schottischen Haushaltung jener Zeit fand eine wunderliche Geschäftseinrichtung Statt. Man holte den Zwerg sogleich vom Stop- pelfelde, steckte ihn, eilig in den Lederkoller, schnallte ihn an ein grofses Schwert, cher, als das Schwert an ihn, stürzte seine kurzen Beine in die Reiterstiefeln und setzte ihm eine stählerne Helmhaube auf, unter weleher er fast zu crliegen schien. So ausgerüstet, ward er auf ein Pferd gehoben, und zwar, auf seine dringende Bitte, auf das sanfteste des ganzen Trosses, und da Gudyill, der alte Kellermeister, bey der Muste- rung sein Vordermann, ihn anstiefs, und ihm beystand, so ging es während derselben erträg- lich genug, denn der Oberrichter wollte es mit der Mannschaft einer so wohlgesinnten Frau, wie Dame Margaretha war, nicht allzustreng nehmen. Dies war die Ursache, warum das persönliche Gefolge der Dame an einem so wichtigen Tage nur aus zwey Dienern bestand. Bey jeder andern —— —C—C—O—O———— — 41¹ Celegenheit würde sie sich sehr geschämt haben, öffentlich so zu erscheinen. Aber für die Sache des Königs war sie stets bereit, jedes Opfer zu bringen. Sie hatte in den Bürgerkriegen jener unglücklichen Zeiten, ausser ihrem Gemahl, noch zwey vielversprechende Söhne verloren; denn als Karl der Zweyte durch das westliche Schottland zog, um Cromwell auf dem unglück- lichen Schlachtfelde von Worcester zu begegnen, hatte er in Person in ihrer Burg Tillietudlem ge- frühstückt, eine Begebenheit, die seitdem als ein wichtiger Zeitabschnitt in dem Leben der Dame Margarethe galt. Selten setzte sie sich nachher, sowohl zu Hause als auswärts, zum Frühstück, ohne alle Umstände des königlichen Besuchs zu erzählen, und auch des Kusses zu gedenken, welchen seine Majestät ihr auf jede Wange gegeben: bisweilen vergaſs sie aber zu erwähnen, dafs er zwey rothbäckigen Dienst- mädchen, die für diesen Tag zu Kammerfrauen umgeschaffen waren, und ihr Gefolge ausmach- ten, dieselbe Gunst erwies. Diese Beweise königlicher Gunst waren ent- scheidend, und wäre Frau Margarethe nicht schon ohnehin durch den Stolz auf ihre hohe Geburt, durch den Einfluſs der Erzichung, und durch den Hafs gegen die Parthey der Gegner, durch welche sie solches häusliche Trübsal hatte erdul- den müssen, cine treue Anhängerin des König- 42² thums gewesen; dieses königliche Frühstück, und dieser königliche Kufs zur Belohnung, waren wichtig genug, um sie auf ewig an die Sache der Stuarts zu knüpfen. Jetzt hatten diese, dem An- scheine nach, gesiegt, aber der Eifer der Dame Margarethe war ihnen auch in den schlimmsten Zeiten treu geblieben, und bereit, dieselben harten Schicksale noch einmal zu erdulden, wenn ihre Wagschale noch einmal steigen sollte. Ge- genwärtig ergötzte sie sich nun von ganzem Herzen an dem kriegerischen Schauspiele der Streitkräfte, die zur Vertheidigung der Krone bercit waren, und unterdrückte, so gut sie konnte, die Demüthigung, welche sie wegen dem unwür- digen Abfall ihrer eignen Dienstleute fühlte. Mancherley Höflichkeiten wurden zwischen den Damen und den anwesenden Herren aus den verschiedenen alten, königlich gesinnten Fami- lien gewechselt. Frau Margarethe ward von Allen sehr hoch geachtet, und während der Musterung ritt kein einziger Jüngling von Stande bey ihnen vorüber, der sich nicht straffer setzte, und sein Pferd zusammen nahm, um seine Kunst und Gewandtheit im Reiten vor Fräulein Editha Bellenden aufs Beste zu zeigen. Aber die jungen Herren, wie ausgezeichnet sie auch durch ihre hohe Abkunft und ihre Treue gegen den König seyn mochten, konnten doch die Aufmerksamkeit Editha's nicht mehr fesseln, als es die gewöhn- 45 lichen Gesetze der Höflichkeit durchaus verlang- ten. Sie hörte gleichgültig auf die Schmeiche- leyen, die ihr gesagt wurden, von denen freylich auch die Meisten langweilig genug ausſielen, obwohl sie mit Fleifs aus den mühseligen und dickleibigen Romanen Calprenedes und der Scuderi entlehnt worden waren, die Spiegel feiner Sitte, vor denen die Jugend der damaligen Zeit sich gar gern schmückte, bis die Thorheit den Ballast über Bord warf, und ihre ungeheuren Schiffe, solche, zum Beyspiel, wie die Romane Cyrus, Cleopatra u. s. w., mit kleinen Schnell- seglern vertauschte, die so wenig Wasser brau- chen, oder, um deutlicher zu sprechen, so wenig Zeit wegnehmen, als das kleine Fahrzeug, auf welchem der geneigte Leser sich jetzt einzu- schiffen gewagt. Es stand übrigens in den Sternen geschrieben, daſs Fräulein Editha nicht bis zum Schlufs des Tages diesen Gleichmuth behaupten sollte. * ————õ————--——ℳqꝛℳ—-—-— êℳêℳêqℳMGn Drittes Kapitel. So Ro G als Reuter wurden todesbang, Und apf' und Krieger fiel mit schwerem Klang. Glück der Hofnung. † Als die kriegerischen Uebungen vorüber, und zwar so erträglich ausgefallen waren, als sich es bey dem Ungeschick der Mannschaft und der Pferde erwarten liefs, verkündete ein lauter Ruf, daſs die Mitbewerber das eben beschriebene Vogelschieſsen beginnen wollten. Die Stange, die oben ein Querholz hatte, an welchem der Papagey befestigt war, wurde unter dem Jubel der Gesellschaft aufgerichtet; und selbst die- jenigen, welche den Waſlenübungen, aus Abnei- gung gegen die königliche Sache, der sie dienen sollten, mit boshaftem Spott und Hohn zugesehen . 45 hatten, konnten sich nicht entbrechen, an dem beginnenden Wettkampf einen lebhaften Antheil zu nehmen. Alles drängte sich um den Schiefs- stand, und machte Bemerkungen über die Gestalt eines jeden Preisbewerbers, wie Einer nach dem Andern auftrat, sein Gewehr abschofs, und sein guter oder schlechter Anstand das Gelächter oder den Beyfall der Zuschauer erregte. Als aber ein schlanker junger Mann herantrat, sehr einfach gekleidet, aber doch einen Anspruch auf Fein- heit und Vornehmheit nicht verbergend, das Gewehr in der Hand, einen dunkelgrünen Mantel über die Schulter gehängt, und dessen Federhut und Spitzenkrause allerdings einen höhern Rang anzudeuten schien, lief ein Gemurmel durch die Zuschauer, das zwar Theilnahme verkündigte, von dem es aber schwer zu unterscheiden war, ob es dem jungen Ritter günstig sey, oder nicht. —«Ey, sehe doch Einer, solcher Leute Kind, bey solchen gottlosen Narretbeyen!" riefen die ältern Puritaner, deren Neugierde ihre frommen Crundsätze in so weit besiegt, als sie sie ver- leitet hatte, auf den Spielplatz zu kommen. Aber die Mehrzahl sah dem Wettkampfe weniger mürrisch zu, und begnügte sich, dem Sohne eines verstorbenen Anführers der Presbyterianer das beste Glück zu wünschen, ohne eben strenge zu untersuchen, ob sich es auch für ihn zieme, um den Preis zu werben. 46 Ihre Wünsche wurden erfüllt. Der grüne Schütze traf den Vogel beym ersten Abfeuern seiner Büchse, und war der erste Glückliche an diesem Tage, so nahe manche Kugel auch am Ziele hingestreift hatte. Ein lautes Beyfallge- schrey erscholl. Aber der Erfolg war noch nicht entscheidend, da alle die, welche noch hinten standen, nun auch ihr Glück versuchen sollten, und endlich Alle, die das Ziel getrollen, den Wettkampf unter sich erneuern muſsten, bis Einer von ihnen eine, entschiedene Ueberlegen- heit zeigte. Nur zwey der nachfolgenden Schützen trafen das Ziel. Der Erste war ein junger, schwer- fällig gebauter Mann niedern Standes, der das Gesicht in seinen grauen Mantel verhüllte, der Zweyte ein tapfrer junger Edelmann, ausgezeich- net durch seine schöne Gestalt, und durch fest- lichen Schmuck. Während der Musterung hatte er sich in der Nähe der Frau Margaretha und des Fräuleins gehalten, und hatte sie, als Erstre fragte: ob denn kein junger Mann von guter Herkunft und biedrer Gesinnung hier sey, der den beyden Burschen den Preis streitig machen wolle? mit angenommener Gleichgültigkeit ver- lassen. In einer halben Minute sprang der junge Lord Evandale vom Pferde, borgte von einem Diener eine Büchse, und traf das Ziel, wie wir bereits erzählt haben. Die Erneuerung des Weit- streits unter den, bisher glücklichen, drey 47 Schützen erregte die gröfste Theilnahme. Die Staatscarosse des Herzogs ward nicht ohne Mühe in Bewegung gesetzt, und näherte sich dem Kampfplatze. Reuter und Reuterinnen wendeten ihre Pferde in gleicher Richtung, und Alle waren auf den Ausgang dieses Wettkampfes der Ge- schicklichkeit gespannt. Nach hergebrachter Sitte mufste das Loos bey diesem zweyten Versuche die Folgereihe der Schützen bestimmen. Das erste fiel dem jungen Landmanne zu, welcher, als er sich stellte, halb sein derbes Gesicht enthüllend, zu dem grünen Ritter sprach:«Seht, Junker Heinrich, wenn es ein andrer Tag wäre, so möcht' ich um Euret- willen lieber fehlen, aber Hannchen Dennisen sieht auf uns, so mufs ich mein Bestes thun.* Er legte an, und seine Kugel pfiff so dicht beym Ziele vorbey, daſs man den hängenden Vogel, auf den sie es abgesehen hatte, schwanken sah. Aber er war doch verfehlt, und mit gesenktem Blicke zog er sich von allem weitern Antheil zurück, und verlor sich eilig unter der Menge, als ob er fürchte, erkannt zu werden. Der grüne Jäger näherte sich darauf, und seine Kugel traf den Papagey zum zweytenmale. Alles jauchzte, und aus den äussersten Kreisen erscholl der Ruf: die gute alte Sache lebe hoch! Während die Beamten bey diesem Jubelruf der Miſsvergnügten die Stirn runzelten, trat der junge Lord Evandale vor und war noch einmal glücklich. 3 Das Beyfallsgeschrey und die Gliickwünsche der Wohlgesinnten und des adlichen Theiles der Versammlung folgte seinem Schufs, aber es war noch eine dritte Prüfung nothwendig. Der grüne Schütze, als ob er die Sache schnell zur Entscheidung bringen wolle, nahm darauf sein Pferd von einem Manne, der es hielt, schwang sich hinauf, nachdem er zuvor sorgfältig Gurt und Sattel untersucht hatte, und winkte den Umstehenden mit der Hand, ihm Platz zu machen. Hierauf gab er dem Pferde die Spornen, sprengte dahin, und indem er an der Stelle, von der er feuern wollte, die Zügel anzog, und sich seitwärts auf den Sattel wandte, drückte er sein Gewehr los und traf glücklich den Vogel. Lord Evandale folgte seinem Beyspiele, obwohl viele der Umstehenden meinten, es sey eine Neuerung in dem einmal herkömmlichen Gebrauch, die er nicht nachzuahmen nöthig habe. Aber ent- weder war seine Geschicklichkeit geringer, oder sein Pferd war nicht so gut abgerichtet. Das Thier wendete sich, indem sein Herr losdrückte, und die Kugel verfehlte das Ziel. Diejenigen, welche sich früher über die Ge- schicklichkeit des grünen Schützen gewundert, bemerkten nun mit Vergnügen seine Artigkeit. Er lehnte alles Verdienst des letzten Schusses 8 49 von sich ab, und schlug seinem Gegner vor, daſs dieser nicht für einen Treffer gelten solle, und daſs sie den Wettstreit zu Fufs erneuern wollten. «e2u Pferde würde ich vorziehn,“ erwiederte der junge Lord,«wenn mein Pferd so gut zu- geritten wäre, und so abgerichtet, als wahr- scheinlich das Eurige zu dieser Uebung ist.» «Wollt Ihr mir die Ehre erweisen,“ versetzte der Jüngling,«Euch meines Pfordes bey dem näch- sten Versuche zu bedienen, und mir dafür das Eurige zu leihen b Lord Evandale schämte sich, dies höfliche Anerbieten anzunchmen, da er fühlte, wie sehr er dadurch den Werth des Sieges verringern würde; unfähig jedoch, den Wunsch, seinen Ruhm als Schütze zu retten, zu unterdrücken, entgegnete er etwas miſsmüthig und gezwungen, er entsage zwar allen Ansprüchen auf die Ehre dieses Tages, wenn aber der Sieger nichts dagegen einzuwenden habe, so wolle er gern sein ver- bindliches Anerbieten annehmen, und das Pferd mit ihm wechseln, um noch einen Schufs zun Ehre der Frauen zu versuchen. Als er dies sprach, sah er dreist nach Fräulein Bellenden, und die Sage erzählt, die Augen des jungen Jägers hätten, obwohl verstohlner, die- selbe Richtung genommen. Des Lords letzter Versuch war so unglücklich, als der erste, und 71. nur mit Mühe behauptete er den Ton spöttischer Gleichgültigkeit, den er bis dahin angenommen. hatte. Aber im Bewuſstseyn, dafs die Empfind- lichkeit eines Verlierenden immer lächerlich sey, gab er soinem Gegner das Pferd, auf dem er seinen letzten mifslungenen Versuch gemacht, zurück, und empfing sein eignes wieder. Er dankte zu gleicher Zeit seinem Nebenbuhler, daſs er, wie er sagte, sein Lieblingspferd wieder bey ihm zu Ehren gebracht, denn er hätte sich sonst fast verleiten lassen, dem armen Thiere die Schuld des Miſslingens aufzubürden, die allein auf den Reiter falle, wie nun er, so wie Jedermann, einsehen müsse. Nachdem er diese Worte mit einem Tone ausgesprochen hatte, worin der gedemiithigte Stolz sich in den Schleyer der Gleichgültigkeit verbarg, bestieg er sein Pferd und ritt davon. Wie es der gewöhnliche Weltlauf ist, selbst der Beyfall und die Aufmerksamkeit derjenigen, deren Wünsche den Lord Evandale begleitet hatten, wendeten sich, nach seiner entschiednen Niederlage, seinem siegreichen Nebenbuhler zu. «Wer ist erb wie heiſst er bo lief von Mund zu Mund unter dem gegenwärtigen Adel, von welchem er Wenigen bekannt war. Sein Stand und seine Herkunft waren bald heraus gebrach und da sie ihn in die Klasse der Gesellschaft erhoben, von der ein vornehmer Mann, ohne 51 seiner Würde zu nahe zu thun, Notiz nehmen darf, so traten vier von des Herzogs Freunden mit der gehorsamen Eile, die der arme Malvolio*) an seiner erträumten Dienerschaft beschreibt, hervor, um den Sieger jenem vorzustellen. Als sie ihn im Triumph durch das Gedränge der Zuschauer führten, während sie ihn mit Olück- wünschen betäubten, kam er auch dicht bey Krau Margaretha und ihrer Enkelin vorbey. Der Papagey-Hauptmann und das Fräulein wurden beyde hochroth, als die Letztere mit verlegner Höflichkeit die tiefe Verbeugung erwiederte, welche ihr der Sieger, bis auf den Sattelknopf sich neigend, im Vorbeyreiten machte. «So kennst Du den jungen Mann 5 5 fragte Frau Margarethe. «Ich— ich— habe ihn gesehn, liebe Grofs- mutter, bey meinem Oheim, und sonst noch bisweilen, stammelte Fräulein Editha. Ich höre,“ fuhr Frau Margarethe fort, ader junge Mensch ist der Neſſe des alten Milnwood?“ Der Sohn des verstorbenen Obersten Morton von Milnwood, der bey Dunbar und Inverkeithing mit groſsem Muth ein Reiterregiment befehligte,“ sagte ein Herr, der neben Frau Margarethe zu Pferde hielt. *) Siche Shakspeare's: Was Ihr wollt. 5² «Ja, und vorher focht er für die Verbindeten bey Marston-Moor und Philippshauhg,“ fügte Frau Margarethe hinzu, und seufzte bey diesen Worten, die ihr ihres Cemahles Tod so traurig in das Gedächtniſs riefen. „Ganz recht, edle Frau, versetzte der Beglei- ter lächelnd; aber es wäre gut, wenn jetzt das alles vergessen wäre.“ „Er sollte daran denken, Cilbertscleugh,“ er- wiederte Frau Margarethe,«und sich nicht in eine Gesellschaft drängen, wo sein Name unan- genehme Erinnerungen erwecken muſs.“ a«Ihr vergeſst, liebe gnädige Frau,“ entgegnete jener,«dafs der junge Mann hicher gekommen ist, um die Lehnspflicht für seinen Oheim zu verschen. Ich wollte, jedes Gut in der Grafschaft hätte so einen hübschen Burschen zu schicken.“ «Sein Oheim,» hob Frau Margaretha wieder an,«ist wohl auch so ein Rundkopf*), wie weiland sein Vaterb“ «Es ist ein alter Knauser, antwortete Cilberts- cleugh,«bey dem ein Stick Geld jede politische Meinung überwiegt; darum schickt er auch wahrscheinlich, obgleich ganz wider Willen, *) Die Puritaner wurden wegen ihres, run Kopf abgeschnittenen, Haares mit diesem 8 benannt. 53 den jungen Mann zur Waflenschau, um die Celdstrafe zu vermeiden. Uebrigens glaube ich, der Junker ist auch froh, einmal aus dem fin- stern alten Hause von Milnwood entkommen zu seyn, wo er keinen Menschen sieht, als den alten griesgrämischen Oheim und die hochbe- günstigte Haushälterin.“ «Wilſst Ihr, wie viel Mannschaft und Pferde das Gut Miluw ood zu stellen hatp Luhr die alte Dame in ihrem Examen fort. Z2wey Reuter in voller Rüstung, antw riet Cilbertscleugh. «Unser Gut, Vetter Cilbertscleugh,» Sagfe r. Margarethe, und richtete sich stolz empor, hat jeder Zeit acht Mann zur Musterung gestellt, und oft freywillig dreymal so viel. Ich erinnere mich, wie seine Majestät, der König Karl, als er sein Frühstiick in Tillieiudlem zu nchrnen geruhte, sich besonders erkundigte“—— «Des Herzogs Wagen seizt sich in Bewegung,“* unterbrach sie der Vetter, den, wie alle Freun- de der Dame, ein Schrecken überlief, wenn sie auf den königlichen Besuch zu sprechen kam: «Wollt Ihr nicht Euren Rang behaupten, gnädige Frau, und zuerst nach ihm aufbrechen? Ver- gönnt Ihr mir, Euch und dem Fräulein das Geleit zu gebenp Allerley unruhiges Gesindel treibt sich in der Gegend herum, und man sagt, sie belei- 4 Se digten und entwafſneten die Wohlgesinnten, die in kleiner Anzahl reisen.“ «Wir danken Euch, Vetter Cilbertscleugh,“ sagte Frau Margarethe.«Aber wir haben ja das Geleit meiner eignen Leute, wir brauchen daher weniger, als irgend jemand, unsere Freunde zu belästigen. Wollt Ihr die Cüte haben, Harrison zu befehlen, daſs er etwas schneller mit unsern Leuten herankomme? Er reitet ja, als ob er einen Leichenzug führte!“ Der Vetter Gilbertscleugh eilte, der Dame Willen dem getreuen Verwalter zu überbringen. Der cehrliche Harrison hatte gute Gründe, an der Weisheit dieses Befehls zu zweifeln, aber da er einmal gegeben war, muſste ihm gehorcht werden. Er setzte sich dem gemäſs in kurzen Calopp; ihm folgte der Kellermeister, mit einer so militärischen Haltung, wie sie sich für Einen, der unter Montrose gedient hatte, ziemte, und mit Blicken, deren wilder Trolz durch einige Maſs Branntwein beträchtlich vermehrt war, die er während den Pausen der Musterung auf des Königs Wohl und das Verderben des Bundes ge- leert hatte. Unglücklicherweise hatte dieser kräf- tige Trank die Gedanken, wie erforderlich es sey, seinem Hintermanne, dem armen Cänse- Gilbert, in seinen Nöthen beyzustehen, von seiner Gedächtniſstafel hinweggespühlt. Kaum hatten sich die Pferde in Trapp gesetzt, als Cilberts * 55 Reitstiefeln, welche des armen Jungen Beine nicht fest zu halten vermochten, einer um den. andern dem Pferde in die Seiten zu schlagen anfingen. Da diese nun mit langstachlichen Spornen bewaffnet waren, so war es mit der Ge- duld des Thieres bald zu Ende; es sprang und stolperte, während das Geschrey des armen Cil- berts nicht das Ohr des achtlosen Kellermeisters erreichte, zum Thcil verhallend in der Höhlung der Helmhaube, in welcher sein Kopf vergraben war, zum Theil übertönt durch die Kriegslieder vom tapfern Graham, die Herr Gudyill mit der ganzen Kraft seiner Lunge pfifl. Das Ende war,, dafs das Pferd sich der Sache selber annahm, und nachdem es eine Zeitlang, zur groſsen Er- ötzung aller Zuschauer, allerley Kreuz- und Peerchſnge gemacht hatte, ausrifs und auf den grofsen, bereits beschriebenen Familienwagen losrannte. Cilberts Lanze, die aus ihrer Schlinge zeglitscht war, hatte sich in gerader Richtung zu seinen Händen hinabgesenkt, welche durch einen 8 kräftigen Grifl in die Mähnen des Pferdes, als die Muskeln nur aushalten konnten, eine un- rühmliche Sicherheit suchten. Sein Helm war ihm völlig über das Gesicht gefallen, so daſs er weder vor, noch hinter sich sehen konnte. Und wenn er es auch gekonnt hätte, würde es ihm wenig geholfen haben, denn das Thier, als wäre es mit den Uebelgesinnten im Bunde, rannte 56 ganz unbändig auf die Staatskutsche des Herzogs los, welche die vorgestreckte Lanze von einem Fenster zum andern zu durchbohren drohte, mit Gefahr, auf diesem Wege eben so Viele zu durch- stofsen, als Rolands berühmter Speer, der, nach dem Italienischen Heldensänger, so viele Mauren aufspiefste, als ein Franzmann Frösche. Beym Anblick der unglücklichen Richtung die- ses Anlaufes stiefs Alles, was das Fubrwerk von Innen und von Aussen enthielt, ein Geschrey des Schreckens und des Zornes aus, welches zum Glück die gesegnete Folge hatte, das drohende Mifsgeschick zu verhüten. Gänse-Cilberts lau- nisches Rofs ward durch den Lärm bestürzt: es stolperte, als es sich schnell umwendete, aber sobald es sich erholt hatte, schlug es aus und stürzte gewaltsam wieder zusammen. Die groſsen Stiefeln, die ursprüngliche Ursache des ganzen Unglücks, behaupteten den Ruf, den sie an den Füfsen besserer Reiter erworben, indem sie bey jedem Sturze dem Pferde einen neuen Spornstich gaben, und bey ihrem mächtigen Gewichte in den Steigbügeln hängen blieben. Nicht so der arme Cilbert, der endlich förmlich aus den weiten, gewichtigen Beinschienen herausgeworfen ward, und, zu der unendlichen Ergötzung der Zuschauer, seinem Pferde über den Kopf flog. Seine Lanze und sein Helm waren ihm im Fallen verloren, und sein Unglick voll zu machen, kam 57 Frau Margarethe Bellenden, die noch nicht wufſste, daſs es Einer von ihren Reisigen war, der hier zur UInterhaltung diente, früh genug herbey, zu sehen, wie ihrem Waflenmännlein die Löwen- haut, das heiſst, das lederne Wamms, in den man ihn gesteckt, war abgestreift worden. Da man sie mit der Verwandlung nicht bekannt gemacht hatte, und sie die Ursache nicht errathen konnte, war ihr Erstaunen und ihr Zorn unbe- schreiblich, und sie ward durch die Entschul- digungen und Erklärungen des Verwalters und des Kellermeisters eben nicht besänftigt. Sie begab sich eilig nach Hause, höchst gereizt durch das Geschrey und Gelächter der Versammelten, und gesonnen, ihren ganzen Zorn an dem wider- spenstigen Ackerknecht, dessen Sitelle Gilbert so unglücklich ersetzt hatte, auszulassen. Die meisten Edelleute zerstreuten sich nun, und der seltsame Unfall, der die Reiterey von Tillietudlem betroffen, gab ihnen auf dem Heimwege Stoff zur lustigsten Unterhaltung. Die Reiter verlieſsen gleichfalls in kleinen Haufen den Sammelplatz, diejenigen ausgenommen, welche ihr Glück beym Vogelschiefsen versucht hatten, und nun, nach alter Sitte, vor dem Abschied mit ihrem Haupt- mann eine Flasche leeren muſsten. —2ꝰ3ͤͤͤꝰꝛ₰Åeöeͤün—O Viertes Kkapitel. Wie glänzt' er stets bey Fest und Spiel! Wie sicher traf sein Pfeil das Ziel! Wie strahlte er im I affenkleide, Und Stahlgeschmeide! WMer soll nun Preis und Kränze haben, Da er begraben 5 Elegie auf Halbert Simson- Dieser Gesellschaft von Reiterey, die sich nach dem kleinen Flecken begab, eilte Nicolaus Blane, der Stadtpfeifer, auf seinem weiſsen Klepper voran, bewaffnet mit Dolch und Schwert und mit einem Hute, von dem so viel Bänder herab- wallten, daſs sich wenigstens sechs Dorfschönen zum Jahrmarkt oder zum Kirchgang hätten da- mit schmücken können. Niclas, ein schmucker, 59 straffer, wohlgebaueter, langaufgeschofsner Bur- sche, hatte sich durch sein Wohlverhalten den Dienst des Stadtpfeifers erworben, mit allen den damit verknüpften Vortheilen, namentlich: den Besitz des sogenannten Pfeiferfeldes, eines Stickes Acker, das ohngefähr einen Morgen grofs war, jährlich fünf Mark und eine neue Livrey von den Stadtfarben, die Hoffnung, an den Wahltagen der Rathsherren einen Thaler zu bekommen, wenn nämlich der Gewählte im Stande und Willens war, so freygebig zu seyn; ferner die Vergünstigung, allen achtbaren Häusern in der Nachbarschaft im Frühjahr einen Besuch zu machen, um die Herzen der Bewohner mit seiner Musik zu ergötzen, und sein eignes mit ihrem Doppelbier und Branntwein zu stärken, und sie um eine kleine Cabe Saatkorn zu bitten. Zu diesen unschätzbaren Vortheilen kam, daſs Ni- clas, sey es durch die Vorzüge seiner Person oder seines Amtes, das Herz einer hübschen Wittwe gewann, die das beste Wirthshaus im Flecken hielt. Ihr erster Mann war ein strenger Presbyterianer gewesen; viele der Strenggläubigen nahmen daber ein Aergerniſs an dem Gewerbe seines Nachfolgers, den seine Wittwe zu ihrer zweyten Hälfte gewählt. Aber sein gutes Dop- pelbier behauptete so fortdauernd seinen unbe- strittenen Ruf, daſs die alten Kunden ihm un- unterbrochen den Vorzug gaben. Die Sinnesart des neuen Wirthes war überdies so geschmeidig, dafs er, aufmerksam am Steuer sitzend, sein Schiffchen sicher durch die Stürme der Zeiten lenkte. Er war ein gutgelaunter, verschlagner, eigennütziger Mensch, ganz gleichgültig bey Streitfragen über Kirche und Staat, und nur be- dacht, die Kunden aller Art sich geneigt zu machen. Aber seine Sinnesart und der Zustand des Landes werden am besten beurtheilt werden können, wenn wir dem Leser die Anweisungen mittheilen, die er seiner Tochter gab, einem Mädchen von ohngefähr achtzehn Jahren, und durch welche er sie in die Geschäfte einweihen wollte, die bisher seine Frau so treulich versehn. Ohngefähr sechs Monate aber vor dem Beginnen unsrer Erzählung hatte man die gute Frau auf den Kirchhof getragen. 2 Hannchen,“ sagte Niclas Blane, als das Mäd- chen ihm seine Dudelsäcke abnehmen half, das ist nun der erste Tag, an dem Du in der Schenk- stube die Stelle Deiner guten Mutter einnehmen sollst. Das war eine gar sanftmüthige Frau, höflich gegen die Kunden, und hatte einen guten Namen bey Whigs und Torys und in der ganzen Nachbarschaft. Es wird Dir wohl schwer werden, ihre Stelle zu versehen, absonderlich an einem so mühseligen Tage, wie der heutige, aber des Himmels Wille muſs geschehn! Hannchen, was Milnwood verlangt, das muls er allerdings haben, 61 denn er ist einmal Papagey-Haupimann, und auf alte Cewohnheiten muſs man halten. Wenn er die Zeche nicht selber bezahlen kann, denn ich weiſs schon, er wird gar kurz gehalten, will ich schon Mittel und Wege finden, daſs der Oheim Schande halber mich bezahlen mufs. Der Pfarrer spielt Würfel mit dem Fähndrich Gra- ham. Gegen die Beyden sey ja recht höflich und bedient! Geistliche und Officiere können Einen viel zu Leide thun in unsern Zeiten, wenn sie was gegen Einen haben. Die Dragoner werden nach Bier rufen: sie wollen nicht Mangel daran leiden und müssen's auch nicht. Es sind wilde Kerls, aber sie zahlen doch auf eine oder die andere Art. Ich kriegte die Kuh ohne Hörner, gerade die beste in unserm Stalle, von dem schwarzen Franz Inglis und dem Wachtmeister Bothwell für zehn Schottische Pfund, und das Geld haben sie mit Einem Male vertrunken.» «Aber, Vater,“ fiel Hannchen ein,«die Leute sagen, die beyden Spitzbuben hätten die Kuh der Wirthin in Bellsmoor weggetrieben, weil sie am Sonntag Nachmittags eine Predigt auf dem Felde mit angehört hat.“ I, Du einfältiges Ding,» sagte ihr Vater,«was geht's uns an, wie sie zu dem Vich kamen, das sie uns verkaufen? Das mögen sie mit ihrem Gewissen ausmachen.— Höre weiter, Hannchen! Merke auf den finstern, sauerköpfischen Kerl, der da in der Ecke sitzt, und jedermann den Rücken zukehrt. Er sieht aus, wie Einer von den Hägelleuten*), denn ich sah wohl, daſs er ganz bestürzt ward, als er die Rothröcke be- merkte. Ich glaube, er wäre wohl lieber weiter geritten, aber sein Pferd war schon so sehr überarbeitet. 8' ist übrigens ein prächtiger Wal- lache! Da mußste er bleiben, er mochte wollen oder nicht. Bediene Du ihn sorgsamlich, Hann- chen, aber mache nicht viel Redens, daſs Du ihm nicht die Soldaten auf den Leib bringst, wenn Du ihm viele Fragen thust. Aber eine Stube für sich allein soll er nicht haben, es könnte sonst heiſsen, wir wollten ihn verbergen. — Was Dich selber angeht, Hannchen, so sey Du hübsch höflich gegen Jedermann, und gib nicht Acht auf all das dumme Zeug und Geschwätz, was die jungen Burschen Dir vormachen. Leute in der Schenke müssen sich viel gefallen lassen. Deine Mutter verstand es, Cott hab' sie selig! sie konnte so viel einschlucken, als nur irgend ein Weib— aber handgreiflich dürfen sie nicht werden! und wenn Einer unhöflich gegen Dich werden will, so ruf mich nur. Höre noch! wenn's ihnen in's Oberstübchen kommt, so fan- *) Hill- folx— Hügelleute wufden die verfolgten Pres- byterianer genannt, von den geistlichen Versamm- lungen, die sie auf den Hügeln hielten. 63 gen sie an vom Kirchenwesen zu sprechen und Staatssachen, und dann gerathen sie leicht an einander. Lafs Du sie nur machen! Der Zorn macht sie inwendig trocken: je mehr sie streiten, je mehr Bier trinken sie. Aber dann gibst Du ihnen am besten ein Kännchen Dünnbier; es erhitzt sie weniger, und sie merken den Unter- schied nicht.“ «Aber, Vater,“ sagte Hannchen, wenn sie sich prügeln, wie neulich, soll ich Euch denn nicht rufen b «Beyleibe nicht, Hannchen! der Mittelsmann kömmt dabey immer am schlimmsten weg. Wenn die Kriegsleute vom Leder ziehen, so ruf Du den Korporal und die Wache. Wenn das Landvolk zu den Zangen und Ofengabeln greift, so hole Du die Obrigkeit. Aber auf keinen Fall rufe mich. Ich bin müde von allem Dudeln und Blasen heute, und nun rechne ich darauf, meine Mahlzeit in der Speisckammer in Ruhe zu ver- zehren. Ja, da fällt mir's eben ein: der Herr von Lickitup, ich meine den ehemaligen, möchte gern ein Gläschen und einen salzigen Hering. Zupf' ihn am Ermel, und flüstre ihm ins Ohr: ich würde es gern sehen, wenn er mit mir äſse. Er war zu seiner Zeit ein guter Kunde, und es fehlt ihm nur am Besten, sonst würde er's noch seyn; er trinkt aber noch eben so gern, als je. Und wenn irgend ein armer Schelm kommt, den 64 Du kennst, und der dursten muſs, weibs ihm an Celde fehlt, und der noch weit zu Hause hat, so scheue Dich nicht, ihm einen Schluck und ein Stück Haferkuchen zu geben. Uns wird's darum nicht abgehn, und einem Hause, wie unserm, läſst das gut. Und nun, Kind, geh, und bediene die Leute, aber erst bring mir mein Essen und zwey Schoppen Bier und die Flasche Branntwein!— Nachdem er so seine häuslichen Sorgen aut Hannchens Schultern niedergelegt, seizte er sich mit dem ehemaligen Besitzer von Lickitup, der einstmals sein Gönner gewesen, jetzt aber froh war, sein Tischgenosse seyn zu dürfen, fern von dem Lärm der Schenkstube zur Mahlzeit, um den übrigen Theil des Abends in Ruhe zu ge- nieſsen. In Hannchens Gebiete war alles in voller Thätigkeit. Die Ritter von der Vogelstange ge- nossen und vergalten die gastfreundliche Bewir- thung ihres Hauptmannes, welcher selbst zwar der Flasche wenig zusprach, aber Sorge trug, daſs der Becher unter den Uebrigen mit gehöriger Schnelligkeit die Runde machte, weil diese sonst sich nicht geziemend bewirthet geglaubt hätten. Nach und nach schmolz die Gesellschaft zu- sammen, und bestand endlich nur aus Vier bis Fünfen, die auch schon davon zu sprechen an- fingen, daſs es Zeit zum Aufbruche sey. An 65 einem andern Tische, in einiger Entfernung, safsen die zwey Dragoner, von denen Niclas Blane gesprochen hatte, ein Wachtmeister und ein GCemeiner von Claverhouses Garderegiment. Selbst die Unterofficiere und Gemeinen in dieser Reiterschaar wurden nicht wie gewöhnliche Söld- linge betrachtet, sondern standen eher den Frän- kischen Musquetieren gleich, und mufsten mehr als Freywillige angesehen werden, die nur in der Hoffnung, eine Officierstelle zu bekommen, im Fall sie sich auszeichneten, gemeine Soldaten- dienste verrichteten. Viele junge Männer aus guten Häusern befan- den sich in ihren Reihen, was nicht wenig zu dem Stolz und dem Selbsigefühl dieser Schaar beytrug. Ein auffallendes Beyspiel davon war der Wachtmeister, von dem hier die Rede ist. Eigentlich hieſs er Franz Stuart, doch ward er gewöhnlich Bothwell genannt, weil er von dem letzten Crafen dieses Namens abstammte; nicht von dem ruchlosen Liebhaber der unglücklichen Königin Maria, sondern von Franz Stuart, Gra- fen von Bothwell, der durch seinen aufrühreri- schen Geist und mehrere Verschwörungen die frühere Regierungszeit Jakobs des Sechsten be- unruhigte, und der endlich geächtet, und in grofser Armuth starb. Der Sohn dieses Grafen hatte Karl dem Ersten sehr angelegen, ihn wieder in seines Vaters Cüter einzuselzen; aber die 71. E 66 Hlände der Edeln, denen sie zugetheilt waren, hielten sie zu fest, als daſs man sie ihnen hätte entreissen können. Der Ausbruch des Bürger- krieges brachte ihn ganz herunter, indem ihm auch nun der kleine Jahrgehalt, den Karl J. ihm bewilligt hatte, entzogen ward. So starb er in der äussersten Dürftigkeit. Sein Sohn mulste, nachdem er auswärts und in Britannien gedient, und die verschiedensten Abentheuer erlebt hatte, sich an einer Unterofficierstelle in der Leibwache genügen lassen, obgleich er in gerader Linie von dem königlichen Hause abstammte, denn der Vater des geächteten Grafen von Bothwell war ein väterlicher Sohn Jakobs des Fünften gewesen. Eine grofse Körperkraft und kriegerische Ge- wandtheit, so wie seine ausgezeichnete Abstam- mung empfahlen ihn der Aufmerksamkeit seiner Obern. Aber er hatte einen hohen Crad der Zügellosigkeit und Unterdrückungssucht, welche die Gewehnheit, als Werkzcuge der Regierung Geldstrafen einzutreiben, sich in die Häuser zu legen, oder auf. anderweitige Art die widerspen- stigen Presbyterianer zu belästigen, unter diesen Kriegern nur zu allgemein gemacht hatten. Sie waren an Sendungen dieser Art so sehr gewöhnt, daſs sie sich für ermächtigt hielten, ungestraft alle Ausschweifungen zu begehen, und schienen keine Gesetze und keine Macht anzuerkennen, als die Befchle ihrer Obern. Bey solchen Ge- 67 legenheiten war Bothwell gewöhnlich an der Spitze. Wahrscheinlich würden Bothwell und sein Gefährte nicht so lange ruhig geblieben seyn, hätte sie nicht die Rücksicht auf die CGegenwart ihres Fähnrichs zurückgehalten, der die kleine Abtheilung befehligte, die in dem Flecken lag, und der eben jetzt mit dem Pfarrer des Orts Würfel spielle. Aber kaum waren beyde von ihrer Unterhaltung plötzlich abgerufen, um mit der Obrigkeit wegen eines dringenden Ceschäfls zu sprechen, als Bothwell seine Verachtung gegen den übrigen Theil der Gesellschaft zu erkennen gab. «IsSt es nicht ganz seltsam, Halliday,v sagte er zu seinem Gefährten, dafs diese Zechbrüder den ganzen Abend hier geschwärmt haben, ohne auf des Königs Gesundheit getrunken zu habenb" «Das haben sie gethan,“ antwortete Halliday: ich habe es gehört, wie vorhin der Grünspecht des Königs Gesundheit ausbrachte.“ «That er dasb» versetzte Bothwell.« Nun, Tom, dann sollen sie auf das Wohl des Erz- bischofs von St. Andreas trinken, und zwar auf mhren Knieen. «Ja, mein' Seel, das sollen siel» erwiederte Halliday;«und wer sich weigert, den wollen wir auf die Wache führen, und er soll auf dem 68 hölzernen Pferde reiten lernen, mit Carabiuern an jedem Fufſse, daſs er grade sitzt.“ «Recht, Tom,“ fuhr Bothwell fort, und da- mit wir alles nach der Reihe thun, will ich den Anſang machen mit dem griesgrämischen Kerl mit der blauen Mütze, der da in der Ecke sitzt.“ Hiermit stand er auf, nahm sein Schwert in der Scheide unter den Arm, um der Unverschämt- heit, zu der er gesonnen war, mehr Nachdruck zu geben, stellte sich gerade vor den Fremden hin, von dem Niclas Blane gegen seine Tochter geäussert hatte, er gehöre wohl zu den Hägel- leuten, oder den widerspenstigen Presbyterianern. «Ich bin so kühn, von Eurer Gewissenhaftig- keit zu erheischen, Theurer,“ sprach der Reiter, mit erkünstelter Feyerlichkeit, und dem näseln- den Tone eines Landpredigers,«„dafs Ihr Euch erheben wollt von Eurem Sitze, Theuerster, und Eure Beine beuget, bis Eure Kniee auf dem Boden ruhen, Theurer, und daſs Ihr ausleeret dies Trinkmaſs, von den Weltmenschen Nöfsel genannt, voll des stärkenden Wesens, das die Fleischlichgesinnten Branntwein nennen, auf das Wohlseyn und die Ehre seiner Gnaden, des Erzs bischofs von St. Andreas, des würdigen Ober- hirten von Schottland.) 8 Alle warteten auf des Fremden Antwort. Seine Züge, bis zur Wildheit strenge, und der Blick 69 seiner Augen, der zwar nicht eigentlich verdreht war, aber doch dem Schielen nahe kam, und der seinem Gesicht den düstersten Ausdruck gab; seine kräftige vierschrötige, obwohl cher kleine Gestalt— Alles schien einen Mann anzukündi- gen, der nicht leicht groben Scherz verstehen, oder Beleidigungen ungeahndet erdulden möchte. «Und was wird die Folge seyn, wenn ich nicht geneigt seyn sollte, Euer unhöfliches Verlangen zu erfüllen py fragte er. «Die Folge davon wird seyn, Geliebter," fuhr Bothwell mit demselben spöttischen Tone fort, „fürs Erste, dafs ich Dir den Rüssel, das heiſst, die Nase, zwicken werde. Zweytens, Geliebter, werde ich meine Faust auf Deine verdrehten Sehwerkzeuge bringen; und zum Schluſs, Theurer, meine flache Schwertklinge auf den Schultern des Widerspenstigen noch absonderlich zu ge- brauchen wissen.“ Steht es sopv versetzte der Fremde; aso gebe mir her den Becher!“ Er nahm ihn in die Hand, und sprach mit einem ganz eigenthümlichen Ausdruck in Stimme und Cebehrde: Der Erz- bischof von St. Andreas und der Platz, den er jetzt würdig einnimmt! möge jeder Bischof in Schoitland bald werden, wie der hochwürdige Herr Jakob Sharpe!“ „Er hat die Probe bestanden!“" rief Halliday frohlockend. 3 70 «Ja, aber auf Umwegen,“ antwortete Both- well.«Weiſs der Henker, was der verdammte Rundkopf damit sagen will.“ Ihr Herren,“ hob Morton an, dem bey ihrer Unverschämtheit die Geduld riſs,«wir sind hier als gute Unterthanen und bey einer fröhlichen Gelegenheit versammelt. Wir sind zu der Er- wartung berechtigt, daſs wir nicht durch solche Streitigkeiten gestört werden.“ Bothwell wollte eben eine trotzige Antwort geben, als Halliday ihn leise erinnerte, dafs die Soldaten strenge Befchle erhalten hätten, die zur Musterung gesendete Mannschaft auf keine Weise zu beleidigen. Er mafs daher Morton nur mit dreisten, ibermüthigen Blicken, und sagte:«Gut, Herr Papagey, ich will Eure Herr- schaft nicht stören; ich denke, sie wird um Mitternacht doch zu Ende seyn.— Ist's nicht wunderlich, Halliday,» fuhr er, gegen seinen Gefährten gewendet, fort,«daſs sie so viel We- sens daraus machen, ihre Vogelflinte loszuknal- len auf ein Ziel, das ein jedes Weib oder jeder Knabe treffen könnte, wenn sie nur einen Tag vorher sich übtenb Wollte der Herr Papagey- Hauptmann, oder einer von seiner Compagnie, einen Gang machen auf’ Schwert, oder auf den Säbel, oder auf Degen und Dolch, daſs der ersteo Tropfen Blut ein Celdstück gelte, so wär' doch noch was dran; oder— Schwerenoth! möchten 7¹ die Zechbrüder doch ringen, Stangen werfen, oder Steine schleudern, wenn sie solche Dinger tragen“— hier stiefs er mit der Fufsspitze ver- ächtlich an Mortons Schwert—«die sie nicht zu ziehen wagen.“ Mit Mortons Geduld und Vorsicht war es nun aus. Eben wollte er auf Bothwells unverschämte Bemerkung eine sehr zornige Antwort geben, als der Fremde vortrat. «Das ist mein Streit,“ sagte er, und im Namen der guten Sache will ich ihn selbst aus- machen! Höre, Freund!?(zu Bothwell)«willst Du mit mir ringenb «Von ganzer Seele, Theurer!“ antwortete Bothwell. Ja, ich will ringen mit Dir, bis Einer fällt, oder Beyde!“ Cut,» versetzte sein Cegner; so wahr ich meine Sache auf Ihn stelle, der helfen kann, sollst Du ein Beyspiel werden für alle solche höhnende Philister. Mit diesen Worten warf er seinen groben grauen Reiterrock von den Schultern, und seine starken, nervigten Arme, mit einem Blicke un- erschütterlicher Entschlossenheit ausstreckend, war er zum Kampfe bereit. Den Krieger er- schreckte keineswegs die kräftige Cestalt seines Gegners mit ihrer breiten Brust, ihren mächti- gen Schultern und kühnen Blicken; er pffff mit Srofser Fassung, während er sein Wehrgehänge 72² abschnallte und seinen Rock auszog. Die Umstehenden erwarteten voller Spannung den Ausgang. Im ersten Gange schien der Reiter einen Vor- theil zu haben: im zweyten ebenfalls, doch konnte keiner als entscheidend angesehen wer- den. Er hatte offenbar seine ganze Kraft auf einmal angestrengt wider einen Gegner, der grofse Ausdauer, Kraft, Cewandtheit und guten Athem hatte. Beym dritten Angriffe hob der Landmann den Krieger förmlich von dem Boden auf, und warf ihn mit solcher Gewalt auf die Erde, dafs er einen Augenblick lang betäubt und bewegungslos lag. Sein Waſfengefdhrte Halliday z0g auf der Stelle sein Schwert. Ihr habt meinen Wachimeister getödtet, rief er dem siegreichen Ringer zu,«und bey Allem was heilig ist, Ihr sollt dafür büſsen!* Zurück!» riefen Morton und die Uebrigen « Es ist ehrlich zugegangen dabey. Euer Ca- merad suchte seine Niederlage, und er hat sie gefunden. «Das ist auch wahr!» sagte Bothwell, indem er sich langsam erhob. Steckt Euer Schwert ein, Tom; hätte ich doch nicht gedacht, daſs es unter den Rundköpfen Jemand gäbe, der den besten Beiter aus des Königs Leibwache auf den Boden eines lumpigen Wirthshauses niederstrek- 73 ken sollte.— Hört, Freund, gebt mir Eure Hand!o— Der Fremde hielt seine Hand hin.— «Ich verspreche Euch,“ fuhr Bothwell fort, die Hand derb drückend,«es wird eine Zeit kom- men, wo wir uns wieder begegnen, und dann versuchen wir dieses Spiel och einmal, aber im Ernst.* «Und ich verspreche Euch,» antwortete der Fremde, den Druck der Hand mit gleicher Kraft erwiedernd,«wenn wir uns das nächstemal tref- fen, will ich Euer Haupt so iief legen, als ich's jeitzt gelegt habe; allein es soll nicht mehr in Eurer Macht stehen, es wieder aufzurichten.“ «Gut, Theurer! verseizte Bothwell.„Wenn Du ein Whig bist, so bist Du ein starker und tapferer, und damit— gute Nacht! Du wündest wohl thun, wenn Du aufsäſsest, ehe der Fähn- rich die Runde macht: denn ich gebe Dir mein Wort, er hat schon Leute angefallen, die weni- ger verdächtig aussahen.“ Der Fremde schien zu glauben, daſs er den Wink nicht vernachlässigen dürfe. Er warf seine Zeche hin, ging in den Stall, sattelte und führten einen kräftigen Rappen hervor, den Ruhe und: Futter ganz wieder hergestellt hatten. Parauf sagte er, zu Morton gewendet: lch reite gen Milnwood, wo, wie ich höre, Ihr zu Hause seyd. Wollt Ihr mir das Vergnü- 74 gen Eures Geteites und Eurer Cesellschaft ver- gönnen?“ Cern, antwortete Morton, obwohl in des Mannes Wesen eine finstre, unerschütterliche Strenge lag, vor der sein Gemüth zuräckschau- derte. Seine Gefährten brachen, nach höflichem Abschiede, gleichfalls auf, und ritten auf ver- schiedenen Wegen nach Hause. Einige blieben noch eine Strecke Weges mit ihnen zusammen, bis auch sie, Einer nach dem Andern, sich ver- loren, und die beyden Reisenden allein weiter ritten.— Die Gesellschaft hatte das Bierhaus noch nicht lange verlassen, als Trompeten und Pauken er- tönten. Die Reiter eilten bey diesem uner- warteten Aufruf bewaffnet auf den Marktplatz, während der Fähnrich Craham und der oberste Beamte des Fleckens, Angst und Eifer auf den Gesichtern, und von sechs Soldaten der Stadt- wache gefolgt, i in Niclas Blane’s Stube traten. «Besetzt die Thüren!» waren des Fähnrichs arsten Worte. Lafst Niemand aus dem Hause! 80, Bothwell, was ist das P Habt Ihr denn das Là rmacichen nicht gehörtd“ Er wollte eben ins Quartier gehen,„ erwie derte sein Waffengefährte;«er hat einen schlim. men Fall gethan.“ „Wahrscheinlich in einer Rauferey bv sagte Craham.«Wenn Ihr auf diese Weise Eure Pflicht versäumt, wird Euch Euer königliches Blut schwerlich schützen.“ Wie hätt' ich meine Pflicht versäumt?n fragte Bothwell mürrisch. „Ihr hättet im Quartier seyn sollen, Wacht- meister Bothwell,» antwortete jener. Eine goldne Celegenheit habt Ihr verloren. Es sind Nachrichten angekommen, dafs der Erzbischof von St. Andreas auf eine wunderbare und schänd- liche Weise ermordet ist von einem Haufen Aufrührer. Sie verfolgten ihn und holten seinen Wagen im Magusmoor ein, unweit der Stadt St. Andreas, rissen ihn heraus, und machten ihn nieder mit Schwerter und Dolchen.* Alle standen höchst bestürzt bey dieser Bot- schaft. Hier ist die Beschreibung der Mörder,“ fuhr Oraham fort, einen öffentlichen Aufruf hervor- ziehend.«Eine Belohnung von tausend Mark ist auf jeden Kopf gesetzt.“. «Die Gesundheit! die Gesundheit! die Wen- dung, die er nahm!“ sagte Bothwell zu Halliday. „Jetzt verstehe ich ihn! Sapperment, daſs wir ihn nicht aufgehalten haben! Gehe, sattle unsre Pferde, Halliday! Sagt, Herr Fähnrich, ist nicht 76 Einer unter den Leuten sehr stark und vierschrö- tig, breit von Brust, dünn am Leibe, mit einer Habichtsnase?n «Wart, wart,» sagte der Fähnrich,„ laſst mich die Schrift ansehen: Haxtoun von Rathillet, schlank, groſs, schwarzlockig“— „Das ist nicht mein Mann! rief Bothwell. Johann Balfour, genannt Burley, Adlernase, rothes Haar, fünf Fufs acht Zoll— „Er ist es, das ist mein Mann!» unterbrach ihn Bothwell.«Schielt furchtbar mit einem Auge.“* Recht,» fuhr Graham fort:«reitet einen starken Rappen. den er dem Bischof bey der Ermordung genommen hat.» Mann und Pferd,“ rief Bothwell;«alles triſft zu. Er war in diesem Zimmer, es ist kaum eine Viertelstunde her.“* Einige eilige Untersuchungen bekräftigten vol- lends die Meinung, dafs der scheue, ernste Fremde Johann Balfour von Burley gewesen sey, gegenwärtig der Anführer eines Haufens Mörder, welche in der Wuth ihres miſsleiteten Eifers den Primas ermordet hatten, auf den sie zufällig stieſfsen, als sie einen andern Mann suchten, gegen den sie Feindschaft hegten. Ihre gereizte 4 77 Einbildungskraft sah in dieser zufälligen Begeg- nung einen Fingerzeig der Vorsehung, und sie tödteten den Erzbischof mit Kaltblütigkeit, und besonderer Grausamkeit in dem GClauben, daſs der Herr, wie sie sich ausdrückten, denselben in ihre Hand gegeben hätte. 3 „Zu Pferde, zu Pferde, Kinder!“ rief Fähnrich Graham.«Der Kopf dieses Mordhundes ist so viel werth, als sein Gewicht in Golde.“ 78 ——MBMyͤAARUAUA Fünftes Kapitcl.— Erwache, Jüngling!— nioht um ird'sche Noth— ist Gottes Kirche, die Gefahr bedroht. Wo hoch die Gläub'gen ihre Banner sch wingen, Wirst Sieg Du, oder Ehr' im Tod erringen! Jalrob D. Morton und sein Cefährte waren schon ziemlich weit von dem Flecken entfernt, che Einer den Andern anredete. Es war, wie wir schon be- merkt haben, etwas Abstofsendes in dem Wes des Fremden, was Morton hinderte, eine Unt redung anzuknüpfen, und jener schien keine Lust zum Sprechen zu haben, bis er endlich plötzlich anhob: Was hat Eures Vaters Sohn mit solchen unheiligen Mummereyen zu thun, 1 worin ich Euch ſinde? «Ich thue meine Plflicht als Unferthan, und suche ein unschuldiges Vergnügen nach meinem Gutdünken,» antwortete Morton, ein wenig beleidigt. EÆs sey Eure Pflicht, meint Ihr, oder die Pflicht ingend eines christlichen Jünglings, die Waflen zu führen für diejenigen, die das Blut von Cot- tes Heiligen in der Wildniſs vergossen haben, als wäre es Wasser gewesen? Oder es sey ein rechtmäſsiges Vergnügen, die Zeit mit Schiefsen nach einem Federbüschel zu verschwenden, und den Abend zuaul ringen mit Weintrinken in Schenken und Markitflecken, wenn Er, der da mächtig ist, in das Lan kömmt, mit der Wanne n Seiner Hand, Weizen von der Spreu zu sichten 5 4 «Ich schliefse aus Purer Art, Euch auszu- drücken,“ sagte Morton, daſs Ihr 2u denjenigen gehört, die für gut befunden, sich gegen die Regierung aufzulehnen. Ich muſs Euch erinnern, dafs Ihr unnöthigerweise eine geſährliche Sprache in der Gegenwart eines, Fueh gänzlich Frem- den führt, Bund daſs es in unsrer Heit mir nicht sicher scheint solche Reden anzuhören.“* «Du kannst es nicht ändern, Heinrich Morton,“ versetzte der Cefährte.«Dein Meister will Dich gebrauchen, und wenn er ruft, muſst Du gehor- samen. Wohl glaube ich, Du hast noch nicht die Stimme eines ächten Predigers gehört, oder 80 Du würdest schon eher gewesen seyn, was Du sicherlich einst werden wirst.“ «Wie Ihr selbst, sind auch wir der Presbyte- rianischen Glaubenslehre zugethan,“ erwiederte Morton. 3 Denn seines Oheims Hausgenossen hielten sich zu einem jener zahlreichen presbyterianischen GCeistlichen, welche, bey der Befolgung gewisser Anordnungen von der Regierung, ungestört ihre Predigten verrichten durften. Die Indulgenz, wie man diese Erlaubniſs nannte, verursachte eine groſse Spaltung unter den Presbyterianern, und diejenigen, welche sie angenommen, wurden aufs Strengste von den gewissenhaftern Glaubens- genossen getadelt, die jene Bedingungen ve warfen. Der Fremde nahm daher Mortons Ver- sicherung mit groſser Verachtung auf. Das ist nur eine Zweydeutigkeit, eine arm- selige Zweydeutigkeit,“ sagte er.«Ihr höret am Sahbath eine kalte, weltliche, der Zeit dienende, Rede von Einem, der seinen hohen Beruf so sehr vergifst, dafs er sein Apostelamt von der Gunst der Höflinge und der falschen Priester annimmt, und das nennt Ihr Cottes Wort hören! Von allen Angeln, womit der Teufel, in diesen Tagen des Blutes und der Finsterniſs, die Seelen fischt, ist diese schwarze Indulgenz die verderblichste. Eine schreckliche Zerstörung ist sie gewesen; den Hirten hat man damit geworfen, und die 81 Heerden zerstreuet auf den Bergen; einen christ- lichen Banner gegen den andern erhoben, und die Kriege der Finsternifs gefochten mit den Schwertern der Kinder des Lichts.“ «Mein Oheim,» sagte Morton,«ist der Mei- nung, daſs wir unter den geduldeten Geistlichen einer vernünftigen Gewissensfreyheit genießsen, und ich mufs mich bey der Wahl eines Orts für den Gottesdienst nothwendig nach der sei- nigen richten.“ «Euer Oheim,» sprach der Reiter,«ist einer von denen, welchen ein einziges Lamm in der eignen Heerde zu Milnwood lieber ist, als die ganze christliche Heerde. Er ist Einer von denen, die da niedergefallen wären vor dem goldnen Kalbe zu Bethel, und den Staub aufgeſischt hät- ten, als es zermalmt und auf das Wasser ge- worfen worden. Dein Vater war ein Mann von anderm Schlage." «Mein Vater,“ versetzte Morton,«war aller- dings ein tapfrer, wackrer Mann. Aber Ihr müfst gehört haben, daſs er für das königliche Haus focht, für welches ich heute die Waffen trage.“* «Ja, und hätte er es erlebt, diese Zeiten zu sehen, er würde der Stunde geflucht haben, in der er das Schwert für ihre Sache gezogen. Doch mehr davon ein ander Mal. Ich gebe Dir mein sichres Wort, Deine Stunde wird schlagen, und dann werden die Worte, die Du jetat gehört hast, 71. 35 wie Pfeile mit Widerhaken in Deinem Busen stecken. Mein Weg geht dorthin!“ Er zeigte auf einen Hohlweg, der zwischen einer Reihe wilder und öder Hügel hinanstieg; aber als er eben sein Pferd auf den rauhen Pfad lenken wollte, der von der Landstrafse ab nach jener Richtung lief, erhob sich eine alte Frau, die, in einen rothen Mantel gehüllt, am Kreuz- wege saſs, und sagte, sich ihm nähernd, mit einem geheimniſsvollen Tone:« Seyd Ihr von unsern Leuten, so geht diesen Abend nicht den Hohlweg hinauf, so lieb Euch Euer Leben ist. Es liegt ein Löwe auf dem Pfade. Der Pfarrer von Brotherstone und sechs Soldaten halten den Pafs besetzt, und wollen das Leben von unsern armen Wanderern haben, die sich auf den Weg wagen, um zu Hamilton oder Dingwall zu kommen.“* «Haben die Verfolgten sich gesammelt?“ fragte der Fremde. 1 «Ohngefähr sechzig bis siebenzig zu Pferde und zu Fufs,“ antwortete die Alte.«Aber ach! sie sind kläglich bewaffnet, und noch schlechter mit Lebensmitteln versehen.“ Gott wird den Seinen helfen,“ versetzte der Reiter.«Welchen Weg muss ich nehmen, um zu ihnen zu stofsen 5 «Diesen Abend ist's unmöglich, antwortete die Frau. Die Reiter halten genau Wache. Auch 83 sollen gar seltsame Neuigkeiten aus dem Osten gekommen seyn, daſs sie mehr als je wüthen in ihrer Grausambeit. Ihr müſst heut' Nacht irgend- wo Obdach suchen, bevor Ihr nach dem Moore geht, und müfst Euch verbergen, bis der Tag grauet, und dann könnt Ihr den Weg über den Drake-Anger nehmen. Als ich die schrecklichen Drohungen der Unterdrücker hörte, nahm ich meinen Mantel um, und setzte mich an die Straſse, um unsere armen, zerstreuten Wanderer zu warnen, wenn einer etwa des Weges käme, che sie in die Netze der Verderber fielen.“ «Habt Ihr ein Haus in der Nähe,“ fragte der Fremde,«und könnt Ihr mich darin verbergen 5 lch habe eine Hütte am Wege,“ antwortete die Frau;« ohngefähr eine halbe Stunde von hier. Aber darin liegen vier Belialssöhne, Dragoner genannt, die mir Haus und Wirthschaft nach ihrem Belieben verderben, weil ich nicht in den eitlen, saft- und kraftlosen Gottesdienst des fleischlich gesinnten Mannes, Johannes Halbtert, gehem will.“ «Gute Nacht, gute Frau! Habe Dank für Dei- nen Rath,“ sagte der Fremde, indem er weiter ritt. «Der Segen der Verheissung komme über Euch!“ versetzte die Alte;«möge er Euch schüz- zen, der Euch schützen kann* 84 Amen!» erwiederte der Reisende.«Denn wo ich diese Nacht mein Haupt verberge, kann keines Sterblichen Weisheit mich lehren.* «Eure bedrängte Lage thut mir äusserst leid,“* sagte Morton;«und hätte ich ein Haus oder Ob- dach, das ich mein neunen könnte, würde ich mich lieber der äussersten Strenge der Gesetze aussetzen, als Euch in solcher Noth verlassen. Aber mein Oheim fürchtet so sehr die Strafen und Geldbufsen, mit denen das Gesetz diejenigen bedroht, welche den verfolgten Presbyterianern Schutz und Obdach geben, oder mit ihnen Ge- meinschaft halten, dafs er es uns Allen streng verboten hat, mit ihnen zu verkehren.» 3 « Es ist, so wie ich es erwartet habe,» ent- gegnete der Fremde.«α Allein Ihr könntet mich ja wohl ohne sein Wissen aufnehmen. Eine Scheune, ein Heuschober, ein Karrenschuppen— irgend ein Platz, wo ich mich ausstrecken könn- te, würde mir, bey meinen Cewohnheiten, eben so viel werth seyn, als ein silbernes Tabernakel mit Planken von Zedernholz belegt.“ aIch versichere Euch,“ sagte Morton, sehr verlegen, daſs ich nicht im Stande bin, Euch in Milnwood, ohne meines Oheims Wissen und Willen, aufzunehmen. Und könnte ich’'s auch, so würde ich's nicht für recht halten, ihn ohne sein Vorwissen in eine Gefahr zu verwickeln, 8⁵ die er mehr als irgend eine andere fürchtet und scheuet.“ «Gut, erwiederte der Fremde.« Ich habe nur noch ein Wort zu sagen. Habt Ihr je von Eurem Vater Hans Balfour von Burley nennen hören 5 3 «Seinen alten Freund und Wafſengefährten, der sein Leben rettete in der Schlacht im Long- marsten-Moor, mit Gefahr seines eignen? Oft, sehr oft!¹ «Ich bin dieser Balfour. Dort steht Deines Oheims Haus. Ich sehe das Licht durch die Bäume. Der Bluträcher ist hinter mir, und mein Tod gewifs, wenn ich dort nicht Zuflucht finde.— Nun wähle, junger Mann! Weiche Dei- nes Vaters Freunde von der Seite, wie ein Dieb in der Nacht; überliefere ihn dem blutigen Tode, von dem er Deinen Vater rettete; oder setze Deines Oheims weltliche Güter der Cefahr aus, welche bey diesem verkehrten Geschlecht die- jenigen erwartet, die einem Christenmenschen ein Stück Brod geben, oder einen Schluck frisches Wasser, wenn er umkömmt und umsonst nach Labung lechzt.» Tausend Erinnerungen bestürmten Mortons Seele. Sein Vater, dessen Andenken ihm heilig war, hatte oft bey den Verbindlichkeiten gegen diesen Mann verweilt, und beklagt, daſs sie nach langer Waſlenbrüderschaft sich endlich etwas 86 gespannt von einander getrennt, als das König- reich Schottland sich in zwey Religionspartheyen theilte, von denen die eine Karl dem Zweyten, nach seines Vaters Hinrichtung, anhing, die an- dere sich mehr zu einer Vereinigung mit den siegreichen Republikanern hinneigte. Der finstre Glaubenseifer Burleys fesselte ihn an diese letz- iere; in Unmuth trennten sich die Kriegsgesellen, und sahen einander nie wieder. Dieser Umstände hatte der verstorbene Oberst Morton oft gegen seinen Sohn erwähnt, und immer schmerzlich bedauert, dafs er nie auf irgend eine Weise den Beystand hätte vergelten können, den ihm Burley bey mehr als einer Gelegenheit geleistet. Mortons Entschlufs ward beschleunigt, als der vorüberwehende Nachtwind aus der Ferne die dumpfen Töne einer Pauke vor sein Ohr brachte, welche immer näher zu kommen, und einen auf sie zueilenden Reiterhaufen anzukündigen schien. „Es muſs Claverhouse seyn, mit dem Ueber- reste seines Regiments,v sagte er. Was kann diesen nächtlichen Marsch veranlafst haben? Wenn Ihr weiter geht, so fallt Ihr ihnen in die Hände. Wenn Ihr zurückkehrt nach dem Flek- ken, so kommt Ihr durch Crahams Schaar in nicht mindere Cefahr. Der Weg zu den Hügeln ist besetzt. Ich mufs Euch in Milnwood beher- bergen, oder Euch einem sichern Tode aussctzen, 87 Aber die Strafe des Gesetzes falle auf mich, nicht auf meinen Oheim, wie es auch billig ist. Folgt mir!“ Burley, der diesen Entschlufs mit grofser Fassung erwartet hatte, folgte ihm nun still- schweigend. Das Schlofs zu Milnwood, das der Vater des jetzigen Besitzers erbaut hatte, war ein anstän- diges Wohnhaus, dem Gute, zu dem es gehörte, angemessen, aber seitdem der jetzige Eigenthii- mer es sein nannte, war es gar sehr in Verfall gekommen. In einiger Entfernung davon stand das Wirthschaftsgebäude. Hier stand Morton still. „Ich mufs Euch hier einen Augenblick ver- lassen,» flüsterte er,«um Euch ein Bett im Hause zu verschaffen.“ aIch mache mir nicht viel aus solchen Weich- lichkeiten,» entgegnete Burley.„Seit dreyfsig Jahren hat dieses Haupt öfters auf dem Rasen, oder auf dem ersten besten harten Steine, als auf Wolle oder Dunen geruht. Ein Trunk Bier, ein Stück Brod, mein Abendgebet, und ein Lager auf trocknem Heu, waren mir so lieb, als ein gemaltes Zimmer und eine Fürstentafel.“» Morton bedachte im nämlichen Augenblicke, daſs der Versuch, den Flüchtigen in das Haus einzuführen, die Gefahr der Entdeckung bedeu- tend vermehren würde. 4 88 Nachdem er also mit einem Feuerzeuge, das er mit Fleiſs im Stalle gelassen, Licht ange- zündet, und die Pferde gebunden hatte, wies er Burley zum Nachtlager eine Bettstelle an, die auf einem Heuboden stand, und in der ein Knecht geschlafen, den vor Kurzem sein Oheim in einem Anfall seines, mit jedem Tage wach- senden, Geizes entlassen hatte. Auf diesem, nun leerstehenden, Boden liefs Morton seinen Be- gleiter, mit der Warnung, sein Licht in Schatten zu stellen, damit man keinen Widerschein durch das Fenster sehen könne. Zugleich versprach er, so bald als möglich mit den Erfrischungen zu- rückzukehren, die sich in dieser späten Stunde würden auftreiben lassen. Was diesen letztern Umstand anbetraf, so hatte er keineswegs gute Hoffnungen; denn die Möglichkeit, sich auch nur die allergewöhnlich- sten Lebensmittel zu verschaffen, hing ganz davon ab, in weleher Laune er seines Oheims einzige Vertraute, die alte Haushälterin, treffen würde. Lag sie schon im Bette, was sich vermuthen lieis, oder war sie übel gestimmt, was nicht unwahrscheinlich war, so fand Morton den Erfolg wenigstens zweifelhaft. Den schmutzigen Geiz, der in seines Oheims Haushaltung herrschend war, im Herzen ver- wünschend, meldete er sich durch sein gewöhn- liches leises Klopfen an die verriegelte Thüre, 89 mit dem er, wenn er einmal über die bestimmte, sehr frühe Stunde, in der man zu Milnwood schlafen ging, hinaus, ausser dem Hause war aufgehalten worden, Einlaſs zu verlangen pflegte. Es war ein furchtsames Pochen, dessen Ton schon das Ceständniſs einer Uebertretung ver- rieth, und eher Gehör zu erbitten, als zu fordern schien. Nachdem er es mehrmal wiederholt hatte, erhob sich die Haushälterin von ihrem Sitze am Kamin in der Halle, und unmuthig zwischen den Zähnen murmelnd, und das ge- würfelte Halstuch über den Kopf schlagend, sich vor der Zugluft zu schützen, kam sie den stei- nernen Gang herab. Sorglich wiederholte sie mehr als einmal:«Nun, wer ist denn da noch so spät in der Nachtb“ ehe sie Stangen und Riegel wegschob, und vorsichtig die Thür öffnete. «Ey, Junker Heinrich, das ist ja eine aller- liebste Zeit in der Nacht,“ sagte die Alte, mit der herrischen Unverschämtheit eines verhätschel- ten Lieblingsdienstboten;«eine prächtige, herr- liche Zeit in der Nacht, ein friedliches Haus zu stören, und ruhige Leute vom Schlafengehn ab- zuhalten, weil sie auf Euch warten müssen. Euer Oheim ist schon seit drey Stunden in seinem Bett, und Robin hat sein Cliederreissen und ist auch schon zu Bette; da hab' ich denn selber Euretwegen aufsitzen müssen, so sehr ich auch den Husten habe." 9⁰ Hier räusperte sie sich ein Paar Mal, um noch mehr zu bekräftigen, was sie ausgestanden habe. «Ich bin Euch sehr verbunden, Liese, und danke Euch herzlich.“ «Ey, seht doch, wir wollen gar fein und ma- nierlich seyn! Andere Leute nennen mich Frau Wilson, und Milnwood selbst ist der Einzige, der mich Liese nennt, und er hat mich auch so oft Frau Liese genannt, als anders.“ «Gut also, Frau Liese, sagte Morton; es thut mir wirklich leid, daſs Ihr so lange habt aufbleiben müssen, um mich herein zu lassen.“ «Und nun, da Ihr drinnen seyd, Junker Hein- rich, warum nehmt Ihr nicht Euer Licht und gcht zu Betto Und nehmt Euch in Acht, daſs Ihr das Licht nicht ablaufen lafst, wenn Ihr durch das getäfelte Zimmer geht, dass ich nicht das ganze Haus wieder scheuern mufs, um die Fettflecken herauszubringen!“ «Aber, Liese, ich mufs wirklich noch etwas zu essen haben, che ich zu Bette gehe, und ein Glas Bier.* «Essen?— und Bier, Junker? Mein' Seel', Ihr seyd schwer zu bedicnen! Denkt Ihr, wir haben nicht von Eurem groſsen Papageykrieg ge- hört, und dafs Ihr da so viel Pulver verknallt habt, dafs wir damit härten alles Geflügel todt schiefsen können, was wir zwischen hier und Lichtmeſs brauchen? Und wie Ihr dann in des 9¹ pfcifers Bierhaus gezogen mit all den saubern Zeisigen aus der Nachbarschaft, und da gesessen und gezecht mit Kreti und Pleti bis in die Nacht hinein, alles auf Eures armen Oheims Kosten wahrscheinlich— und nun kommt Ihr nach Hause und schreyet nach Bier, als wenn Ihr hier Herr und Meister wäret!“. Höchst ärgerlicll, aber für seinen Gast besorgt, und bedacht, ihm wo möglich Erfrischung zu verschaffen, unterdrückte Morton seinen Unmuth und versicherte der Frau Wilson mit munterm Wesen, er sey wirklich hungrig und qurstig. «Und was das Vogelschiefsen anbelangt, Frau Wilson,“ setzte er hinzu, 80 habe ich auch Euch sagen hören, Ihr wäret dabey gewesen. Ich wollte, Ihr wäret heute mitgekommen, uns zu- zusehen.“ Ach, Junker Heinrich,» erwiederte die Alte, ich wollte, Ihr finget nicht noch an, zu lernen, den Weibern süfse Worte ins Ohr zu blasen; nun, so lange Ihr's nur bey solchen alten Frauen versucht, wie ich bin, mag's hingehn. Aber hütet Euch vor den jungen Dämchen, mein Jüngel- chen! Papageyhauptmann! ey, seh' doch einer! nun haltet Ihr Euch wohl für'nen rechten Kerl! Und wahrhaftig!"» fuhr sie fort, ihn mit dem Licht beleuchtend:«gegen das Auswendige läſst sich nichts sagen, wenn's Inwendige nur eben so ist!— Da fällt mir ein, wie ich noch so ein junger Kuck- in⸗die-Welt war, und den Herzog sah— der, der nacher in London geköpft ward, — die Leute sagen, es wäre nicht viel an ihm gewesen— aber's war doch Jammerschade um den armen Herrn! Nun ja, der gewann den Papagey; denn mit dem gnädigen Herrn traten nur ein Paar Leute auf, und versuchten sich; ja, es war ein hübscher Herr, und wie nun die Edelleute zu Pferde stiegen und Capriolen mach- ten, da waren der gnädige Herr so nahe bey mir, als ich bey Euch, und da sagten sie zu mir: Nimm Dich in Acht, mein schönes Kind ꝗja, das waren ihre eignen Worte), nimm Dich in Acht, mein schönes Kind, mein Pferd ist nicht das sanfteste!— Nun, da Ihr sagt, Ihr habt noch nicht genug gegessen und getrunsen, so sollt Ihr doch sehen, daſs ich Euch nicht etwa vergessen habe; denn ich halt's nicht für gut, wenn junge Leute mit einem leeren Magen zu Bette gehen.“ Um der Frau Wilson Gerechtigkeit wider- fahren zu lassen, müssen wir ihr nachrühmen, dafs ihre nächtlichen Predigten bey solchen Ge- legenheiten nicht selten mit diesem weisen Grundsatz endigten, der meist die Vorrede zu einem etwa bessern Male, als die gewöhnlichen, war, wie sie es auch jetzt vor Morton hinsetzte. Die Wahrheit zu sagen, war der Hauptzweck ihres Brummens, ihre Wichtigkeit und ihre Macht zu zeigen, sonst war Frau Wilson im Crunde 93⁵ keine bösartige Frau, die ihren alten und ihren jungen Herrn(die sie beyde unbeschreiblich quälte) mehr als alles in der Welt liebte. Sie sah nun dem Junker Heinrich, wie sie ihn nannte, mit groſsem Wohlgefallen zu, als er sich ihre gute Schüssel schmecken lieſs. Mög' es Euch recht gut bekommen, mein liebes Junkerchen! Ich dächte, so was hättet Ihr doch nicht bey Stadtpfeifers gegessen? Die Frau war ein geschicktes Weib, und konnte für Leute ihrer Art wohl was Cutes zurichten, freylich nicht, wie eine Herren-Haushälterin. Aber die Tochter muſs ein einfältiges Ding seyn. Was für einen Deckel sie letzten Sonntag in der Kirche. auf dem Kopfe hatte! Den Staat wird ihr wohl Keiner so leicht nachmachen! Aber mir fallen die alten Augen zu. Eilt nur nicht so mit dem Essen, mein lieber Junker! Denkt nur auch daran, Euch das Licht zu putzen! Da ist ein Krug Doppelbier und ein Glas Nelkenwasser. Ich gebe das nicht Jedermann. Ich hebe mir es auf, wenn ich mein Magendrücken bekomme, aber für Euch, junges Blut, ist’'s besser, als Branntwein. Nun gute Nacht, Junker Heinrich, und nehmt Euch nur mit dem Licht in Acht!“ Morton versprach, ihre Ermahnungen pünkt- lich zu beobachten, und bat sie, sich nicht zu beunruhigen, wenn sie noch einmal die Thür 94 gehen hörte, da-er, wie sie wüſste, noch einmal nach seinem Pferde zu schen habe. Frau Wilson entfernte sich, und Morton wollte eben seine Lebensmittel zusammen nehmen und zu seinem Gaste eilen, als die Alte noch einmal ihr zitterndes Haupt zur Thür hineinsteckte, und ihn ermahnte, er möchte nicht vergessen, ehe er sich zur Ruhe legte, seinen heutigen Wandel zu prüfen, und um des Himmels Schutz während der Stunden der Einsternifs zu bitten. So war sonst allgemein in Schottland die Art und Weise einer gewissen Klasse von Diestleuten, und vielleicht wird man dieselbe noch in einigen Haushaltungen der entlegeneren Grafschaften finden. Sie machten ein nicht abzulösendes Clied der Familie aus, zu der sie gehörten, und da sie gar icht an die Möglichkeit denken konnten, in ihrem Leben entlassen zu werden, schlossen sie sich natürlich jedem Einzelnen der- selben aufrichtig an. Auf der andern Seite waren sie wieder, wenn iibergrofse Nachsicht oder Be- quemlichkeit der Herrschaft sie verzog, sehr geneigt, übellaunig, selbstgenügsam oder herrsch- süchtig zu werden, so dafs jene wohl bisweilen wünschten, die treuen Murrköpfe mit neuen Dienstboten von freundlicherm, wenn auch min- der zuverlässigem, Wesen vertauschen zu können. ——;— r 99 ——ℳ——-—-———ℳ————õ——— ℳêℳqꝛℳqℳ—— Nꝗ Sechstes Kapitel. Ja, dieses Mannes Stirn, gleich einem Titelblatt, Verkündigt eines trag'schen Buches Art. Shafspeare's Heinrich II. in der Schlegelschen Uebersetzung. Als Morton sich endlich von der Haushälterin Gegenwart erlöst sah, sammelte er, was ihm von seinem Mahle übrig war, um es seinem verborgenen Caste zu bringen. Er hielt es nicht für nothwendig, ein Licht mitzunehmen, da er mit jeder Biegung des Weges genau bekannt war, und es war ein Glück, daſs er das nicht that, denn kaum war er über die Schwelle getreten, als lauter Hufschlag ihm sagte, dafs die Reiter- schaar, deren Pauken sie schon vorher gehört, auf der Landstraſse vorüber ritt, die sich um 96 die Anhöhe bog, auf welcher das Schlofs Miln- wood lag. Er hörte deutlich den Anführer des Trupps sagen: halt! eine stumme Pause folgte, nur zuweilen unterbrochen von dem Wichern oder Stampfen eines ungeduldigen Rosses. «Wessen Haus ist dies 5 fragte eine Stimme im Tone des Gebieters. «Milnwood gehört es, Euer Gnaden zu dienen,“ war die Antwort. «Gehört der Besitzer zu den Gutgesinnten 55 fuhr der Frager fort. «Er hat sich den Gesetzen der Regierung unter- worfen, und hält sich zu einem geduldeten Geistlichen.“* «Hm! Geduldet? Nichts als eine Larve für die Verrätherey, die man höchst unweise denen zu- gestanden, die zu feige sind, ihre Grundsätze offen zu zeigen. Sollen wir nicht einige von unsern Leuten hineinschicken, und das Haus durchsuchen lassen, ob vielleicht Einer von den plutigen Schurken, die die heidnische Metzeley begangen, darin verborgen ist 5 Ehe Morton noch sich von dem Schreck erholen konnte, in den ihn dieser Vorschlag gesetzt, fiel ein dritter Sprecher ein:«Ich halte es für un- nöthig. Milnwood ist ein kränklicher, gräm- licher alter Mann, der sich nie in politische Dinge mischt, und seine Geldsäcke und Schuld- briefe mehr als alles in der Welt liebt. Sein 97 Neffe aber war, wie ich höre, auf der Waflen- schau heute, und gewann den Papagey; das zeigt eben keinen blinden Schwärmer. Sie liegen ge- wiſs Alle schon in den Betten, und eine Störung in der Nacht könnte den armen alten Mann bis zum Tode erschrecken.“ «Gut,» versetzte der Anführer,«wenn dem so ist, so würde es verlorne Zeit seyn, das Haus zu durchsuchen: ohnehin haben wir mit der Zeit Haus zu halten. Nun, ihr Herren von der Leib- wache, vorwärts, Marsch!» Einige Trompetenstöſse, die sich mit dem Hufschlage der Pferde und dem Waffengeklirre mischten, verkündigten, dafs die Reiter sich von Neuem in Bewegung gesetzt. Der Mond trat hervor, als der Vortrab der Colonne eine Anhöhe erreichte, auf welcher der Weg sich wand, und zeigte von Weitem das Blinken der Helme; durch das Zwielicht konnte man in undeutlichen Umrissen die dunkeln Cestalten der Rosse und der Reiter erkennen. Sie stiegen den Hügel ganz hinan, und zogen in so langer Reihe über den Gipfel desselben, dafs man auf eine beträcht- liche Anzahl schliefsen mufste. Wie der Letzte von ihnen verschwunden war, eilte der junge Morton zu seinem Gaste. Als er in dessen Zufluchtsort trat, fand er jenen auf seinem niedrigen Lager sitzend, mit einer oflnen Bibel in der Hand, worin er aufs Eifrigste zu 71. G 98 lesen schien. Sein Schwert, das er in der ersten Bestürzung bey der Ankunft der Dragoner gezogen hatte, lag entblöfst auf seinen Knieen, und das Lichtstümpfchen, welches neben ihm auf einer alten Lade stand, die als Tisch diente, warf ein schwaches, bpleiches Licht auf finstere, rauhe Züge, deren Wildheit durch einen Ausdruck von glühender Begeisterung etwas Feyerliches und Erhabenes erhielt. Die Stirn war die eines Man- nes, in dem ein fester, alles bemeisternder CGrundsatz alle andern Leidenschaften und Ce- fühle überwältigt hat, gleich der im Frühling hoch anschwellenden Fluth, wenn die Klippen, an denen sie sonst zerschellt, dem Auge ver- schwunden sind, und ihr Daseyn nur durch den gischenden Schaum der Wellen verrathen wird, die darüber hin sprudeln und stürzen. Er richtete sich auf, als Morton ihn einige Augenblicke betrachtet hatte. «Ich sche, sprach Morton,“» auf das entblöfſste Schwert blickend,«Ihr habt die Reiter gehört. Ihr Vorbeyreiten hielt mich eine Zeitlang auf.» «Ich habe kaum auf sie geachtet," erwiederte Balfour.«Meine Stunde ist noch nicht gekom- men. Daſs ich eines Tages unter ihren Händen fallen, und zu den Heiligen versammelt werde, die sie hingeopfert haben— das weiſs ich wohl. Und ich wollte, junger Mann, die Stunde wäre gekommen. Sie sollte mir so willkommen seyn, 99 wie die Hochzeit dem Bräutigam. Aber wenn mein Meister mehr der Arbeit hat für mich auf Erden, so darf ich seine Aufträge nicht murrend verrichten.“ Efst und erfrischt Euch,» sagte Morton;«mor- gen verlangt Eure Sicherheit, dafs Ihr diesen Ort verlaſst, um die Hügel zu erreichen, und Ihr müſfst aufbrechen, sobald Ihr die Spur durch die Sümpfe unterscheiden könnt.“ Junger Mann,“ versetzte Balfour,„Ihr seyd meiner schon müde, und würdet's wohl noch mehr seyn, wenn Ihr wüſstet, was für ein Werk ich kürzlich vollbracht habe. Und ich verwundre mich nicht, dafs dem so ist, denn es gibt Zeiten, wo ich meiner selbst müde bin. Meint Ihr nicht, es sey eine harte Prüfung für Fleisch und Blut, berufen zu werden zur Vollstreckung der gerech- ten Richtersprüche des Himmels, So lange wir noch in diesem Leibe wohnen, und in unsrer Blindheit Sinn und Mitgefuhl haben für fleisch- liche Leiden, welche Regungen unser eignes Fleisch erbeben machen, wenn wir auf eines Andern Leib einen Streich führen? Und denkt Ihr, wenn ein mächtiger Tyrann von seinem Platze gestofsen wird, die Werbzeuge seiner Strafe könnten zu allen Zeiten auf ihren Antheil von dem Sturze mit festen„ unerschütterten Nerven zurücksehenb Müssen sie nicht zuweilen an der Wahrheit der Eingebung irre werden, 100 die sie gefühlt haben, und die sie geleitet P Müssen sie nicht zuweilen an dem Ursprunge des mächtigen Antriebes zweifeln, womit ihre Gebete um göttliche Führung unter Noth und Bedrängniſs beantwortet und bekräftigt wurden, und in ihrer Angst und Furcht die Antworten der Wahrheit mit irgend einem argen Betrug des bösen Feindes verwechseln d «Ich tauge wenig dazu, Herr Balfour, von solchen Dingen mit Euch zu sprechen,“ erwie- derte Morton;«aber ich gestehe, ich würde den göttlichen Ursprung éiner Eingebung sehr be- zweifeln, die mir ein Betragen vorzuschreiben schien, das gegen die Gefühle der Menschlich- keit wäre, die der Himmel uns als das allge- meine Gesetz unsers Wandels vorgeschrieben hat.*— Balfour schien ein wenig bestirzt und sprang hastig auf, faſste sich aber schnell und antwortete ruhig:«Ihr müfst so denken, denn Ihr seyd noch in dem Kerker des Gesetzes, in einer Höhle, finstrer als die, in welche Jeremias geworfen ward, und finstrer selbst als der Kerker des Mal- cajah, des Sohnes Hamelmelechs, wo Schlamm war statt des Wassers. Aber das Siegel des Bun- des ist auf Eurer Stirne, und der Sohn des Ge- rechten, der den Blutigen widerstand, als das Banner auf den Bergen wehte, soll nicht ganz verloren seyn, wie einer von den Kindern der 101 Finsternifs. Glaubt Ihr, in diesen Tagen der Noth und der Trübsal werde nichts von uns be- gehrt, als die Befolgung des sittlichen Gesetzes, so weit unser schwaches Fleisch es verstattet? Meint Ihr, wir hätten blos unsere tblen Leiden- schaften, unsere verderbten Neigungen zu be- zwingen? Nein! wenn wir unsere Lenden gegürtet haben, sind wir berufen, den Kampf kühn zu wagen, und wenn wir das Schwert gezogen, ist uns befohlen, den Cottlosen niederzustrecken, und wäre es unser Nachbar, und den Mächtigen und Grausamen, und wär's unser Verwandter und Herzensfreund.“ «Das sind Gesinnungen, deren Eure Feinde Euch beschuldigen, versetzte Morton,«und sie machen die grausamen Maſsregeln, welche die Regierung gegen Euch genommen, verzeihlich, ja sie entschuldigen sie. Man behauptet, Ihr mafstet Euch ein inneres Licht an, Ihr ver- schmähtet die Verordunungen der anerkannten Obrigkeit, die Landesgesetze, und selbst die allgemeinen Gebote der Menschlichkeit, wenn sie dem widersprechen, was Ihr den Geist in Euch nennt.» Man thut uns unrecht,» antwortete Balfour. «Sie sind es, die Meineidigen, die alle Gesetze verletzen, göttliche und menschliche, und uns nun verfolgen, weil wir dem feyerlichen Bunde zischen Gott und dem Königreiche Schottland, 102 dem Covenant, anhangen, den sie alle be- schworen haben in alten Zeiten, ausgenommen einige bösgesinnte Päpstler, alle die ihn jetat verbrennen auf den Marktplätzen, und ihn hohn- lachend mit Füſsen treten. Als dieser Karl Stuart in die Königreiche zurückkehrte, haben ihn da die Bösgesinnten zurückgebrachte Sie versuchten es mit gewaffneter Hand, aber es mifslang, denk' ich. Konnten Jakob Graham von Montrose und seine hochländischen Banden ihn wieder auf den Thron seiner Väter setzen b Ich denke, ihre Häupter auf dem Markte zu Edinburg haben lange genug andere Mährchen erzählt! Es waren die Werkmeister des göttlichen Werks, die Wieder- hersteller der Schönheit des Tabernakels, die ihn zurückriefen auf den hohen Platz, von welchem sein Vater fiel. Und was ist unser Lohn gewesen? Wie der Prophet sagt: wir sehnten uns nach Frieden, aber es kam nichts Gutes; und nach einer Zeit des Heils, und sahen Verwirrung. Das Schnauben seiner Rosse ward gehört von Dan; das ganze Land erzitterte vor dem Wiehern seiner Starken; denn siesind gekommen und haben auf- gezehrt das Land, und alles so darin ist.“ «Herr Balfour,» sagte Morton,«ich will Euren Klagen gegen den Staat weder beystimmen, noch mag ich sie widerlegen. Ich habe dem Waffen- bruder meines Vaters eine alte Schuld zu be- zahlen gesucht, als ich Euch Obdach in Eurer 103 Noth gab, aber verzeiht mir, ich kann mich selbst weder in Eure Sache, noch in Streit ein- lassen. Ich will Euch der Ruhe überlassen. Ich wünschte herzlich, es stünde in meiner Macht, Euch mehr Bequemlichkeiten zu verschaffen.“ Aber ich sche Euch doch morgen, che ich abreise? Ich bin nicht der Mann, dessen Scele nach Verwandten und Freunden dieser Welt jammert. Als ich meine Hand an das Werbk legte, da schlofs ich ein Bündniſs mit meinen irdischen Neigungen, daſs ich nicht zurücksehn sollte auf die Dinge, die ich hinter mir liefs. Aber der Sohn meines alten Waffenbruders ist mir wie mein eigner, und ich kann ihn nicht anschauen ohne den innigen, festen Glauben, daſs ich eines Tages sehen werde, wie er sein Schwert umgürtet in der theuern und herrlichen Sache, für welche sein Vater gefochten und geblutet.“9 Mit dem Versprechen, daſs er wiederkommen wollte, wenn es Zeit für den Flüchtigen sey, seine weitere Reise anzutreten, schied Morton von seinem Gaste. Er suchte einige Stunden Ruhe; aber seine Einbildungskraft war so lephaft angeregt von den Ereignissen dieses Tages, dafſs er keines erquicken- den Schlummers genieſsen konnte. Ein schreck- liches Traumgesicht zeigte sich ihm, worin sein neuer Bekannter eine Hauptgestalt zu seyn schien. Auch die schöne Gestalt Editha Bellendens mischte 104 sich in dieses Cesicht, weinend, mit aufgelöstem Haar, und mit Mienen, die ihn um Hülfe und Beystand anflehten, den er ihr nicht zu gewäh- ren vermochte. In fiebrischer Bewegung und mit einem Herzen voll der bangsten Ahnung, fuhr er aus dem beängstigenden Schlummer empor. Schon traten die Umrisse der fernen Berge aus dem blendenden Clanze des Frühlings hervor, und der Tag dämmerte mit aller Frische eines Frühlingsmorgens. «Ich habe zu lange, geschlafen,“ rief er be- stürzt: ich mufs eilen, den unglücklichen Flücht- ling weiter zu befördern.“ Er kleidete sich so schnell als möglich an, öffnete leise die Hausthür und eilte zu der Her- berge des Fremden. Er näherte sich auf den Zehen; denn die entschlofsne Sprache und Ce- sinnung dieses ausserordentlichen Mannes hatte eine Regung in ihm erweckt, die fast der Furcht ähnlich war. Balfour schlief noch. Ein Licht- strahl fiel auf sein offenes Lager, und zeigte Morton die heftige Bewegung seiner wilden Züge, wie sie nur cine gewaltige innere Angst verur- sachen konnte. Er war nicht entkleidet. Seine beyden Arme lagen auf der Bettdecke, die rechte Hand fest geballt, und bisweilen, wie es bey wilden Träumen zu geschehen pflegt, zu dem vergeblichen Versuche, loszuschlagen, sich er- hebend; die linke lag ausgestreckt, und machte ——QOO————-yy;— 10⁰5 von Zeit zu Zeit die Bewegung, mit der man einen zurückstöfst. Grofse Schweiſstropfen stan- den auf seiner Stirn, und dies Zeichen innerer Angst ward durch die abgebrochnen Worte be- kräfligt, die er hervorstiels:«Wir haben dich, Judas— wir haben dich! Umfasse nicht meine Kniee— umfasse nicht mieine Kniee! Haut ihn nieder!— Einen Priester 5— Ja, einen Baals- priester— er soll gebunden werden und geschla- gen, und wär' es am Bache Kischon.— Feuer- gewehre helfen nichts gegen ihn— schlagt— stofst mit dem kalten Eisen!— Macht seiner Qual ein Ende— macht seiner Qual ein Ende, und wär' es nur um seiner grauen Haare willen!* Sehr bestürzt iiber den Sinn dieser Worte, die dem Manne selbst im Schlafe mit jener wilden Kraft zu entfahren schienen, welche eine Gewalt- that begleitet, schüttelte Morton ihn bey der Schulter, ihn zu wecken. Die ersten Worte, die er ausstiefs, waren:«Führt mich, wohin Ihr wollt, ich will die That bekennen.“ Ein Blick umher erweckte ihn völlig; er nahm schnell die finstre, strenge Fassung seines ge- wöhnlichen Benchmens wieder an, und ehe er mit Morton redete, knieete er nieder und sprach ein Meſsgebet für die leidende Kirche von Schott- land aus, flehend, das Blut ihrer gemordeten Heiligen und Märtyrer möge kostbar seyn in den Augen des Hlimmels, und der Schild des All- 106 dchtigen möge sich ausbreiten über ihre zer- streuten Ueberreste, welche um Seines Namens willen in der Wildniſs wohnten. Rache, schnelle, volle Rache an den Unterdrückern war der Schlufs seines Gebetes, das er laut, in starker, nach- drucksvoller Sprache vortrug, und das noch feyer- licher ward durch die eingestreuten Worte der heiligen Schrift. Als er geendet hatte, stand er auf, faſste Mor- tons Arm und ging mit ihm nach dem Stalle, wo der Wandrer, um Burley mit dem Namen zu nennen, durch den seine Glaubensgenossen häufig bezeichnet wurden, sein Pferd sattelte, und sich zum Aufbruch rüstete. Hierauf bat er jenen, einen Flintenschufs weit mit ihm in den Wald zu gehen, und ihm den rechten Weg nach der Haide zu zeigen. Morton willfahrte ihm gern, und sie gingen eine Zeitlang stillschwei- gend unter dem Schatten einiger schönen alten Bäume neben einander her, auf einem wilden Pfade, der eine Viertelstunde lang durch den Wald lief, und dann nach dem wüsten, kahlen Landstriche führte, der sich bis zu dem Fufse der Hügel hin ausdehnte. Plötzlich aber fragte Burley Morton: ob die Worte, die er gestern gesprochen, über Nacht Früchte in seinem Gemüthe getragen hättenb Morton antwortete: daſs er bey der Meinung verharre, die er früher gehabt, und daſs er — 107 entschlossen sey, wenigstens so lange als möglica die Pflichten eines guten Christen mit denen eines friedlichen Unterthans zu vereinigen. «Das heiſst mit andern Worten, erwiederte Balfour,«Ihr wünscht dem Mammon und Gott zu gleicher Zeit zu dienen? Ihr wollt an einem Tage die Wahrheit mit dem Munde bekennen, und den andern Tag in den Waflen seyn, um den Befehl der fleischlichen, tyrannischen Macht- haber zu erfüllen, um das Blut derer zu ver- giefsen, die Alles um der Wahrheit willen ver- galsen? Meint Ihr,“ fuhr er fort,«Ihr könntet Pech angreifen, ohne Euch zu besudeln? Euch vermischen mit den Cottlosen, den Papisten, den Prälatisten, mit den Abtriinnigen und Spöt- tern, Theil nehmen an ihren Vergnügungen, die gleich sind den Speisopfern, welche man Cötzen darbringt, vielleicht auch wohl Gemeinschaft halten mit ihren Töchtern, wie die Kinder Got- tes mit den Töchtern der Menschheit in der Welt, vor der Sündfluth, und doch frey bleiben von Verunreinigung? Ich sage Euch, alle Gemein- schaft mit den Feinden der Kirche ist verflucht und abscheulich vor dem Herrn! Berühre nicht — kaste nicht— greife nicht an!— Und gräme Dich nicht, junger Mann, als wärest Du allein berufen, Deine fleischlichen Neigungen zu zäh- men und der Lust zu entsagen, so eine Schlinge ist vor Deinen Füſsen. Ich sage Dir, der Sohn 108 Davids hat dem ganzen Geschlechte der Menschen kein besseres Loos verkindet.“ Darauf bestieg er sein Pferd, und sich zu Mor- ton wendend, wiederholte er die Worte der Schrift:«Ein schweres Joch ward auferlegt den Söhnen Adams, von dem Tage, wo sie kommen aus Mutterleibe, bis zu dem Tage, wo sie heim- kehren zur Mutter aller Dinge: von dem, der da einhergeht in blauer Seide, und der da eine Krone trägt, bis zu dem, den eitel Leinen- Kleider decken— CGrimm, Neid, Verwirrung und Unruhe, Strenge, Kampf und Todesfurcht zur Zeit der Ruhe!* Als er diese Worte gesprochen, trieb er sein Pferd an, und verschwand bald in dem Gebüsch des Waldes. «Lebe wohl, finsterer Schwärmer!“ sagte Mor- ton, ihm nachblickend.«Wie gefährlich könnte mir in mancher Gemüthsstimmung die Gesell- schaft eines solchen Gefährten werden! Wenn mich auch sein Eifer für ergrübelte Glaubens- lehren unergriſflen läſst, oder vielmehr für eine besondere Art von Cottesverehrung, fuhr er nachdenkend fort,«wär' ieh ein Mann und ein Schottländer, wenn ich mit Gleichgultigkeit die Verfolgung mit ansähe, die weise Männer zum Wahnsinn treibrb War es nicht die Sache der bürgerlichen und der Religionsfreyheit, für die mein Vater focht? Und thue ich wohl, unthätig 109 zu verharren, oder mich auf die Seite der Un- terdrücker zu stellen, wenn es eine verninftige Hoffnung gibt, dem unerträglichen Unrechte ab- zuhelfen, unter welchem meine unglücklichen Landsleute erliegen?“ Aber wer verbürgt mir denn, daſs diese Leute, durch die Verfolgung wild gemacht, in der Stunde des Sieges nicht eben so grausam, eben so un- duldsam seyn würden, als die, welche jetzt sie miſshandeln? Welche Mäſsigung, welches Er- barmen könnte man wohl von diesem Burley erwarten, der einer ihrer vornehmsten Helden ist b Gewiſs, es klebt frisches Blut an ihm, eine eben begangene Cewaltthat quält sein Gewissen, das selbst seine Begeisterung nicht beschwichti- gen kann! Ich bin es mide, rings umher nichts zu sehn, als Gewaltthätigkeit und Wuth, die bald die Maske der gesetzlichen Obermacht um- bindet, bald die des Glaubenseifers einnimmt. Ueberdrüssig bin ich meiner Heimath— meiner selbst— meiner abhängigen Lage— meiner niedergedrückten Gefühle— dieses Flusses— dieser Wälder— dieses Hauses— nur Edithas nicht! Aber sie kann nimmer mein werden. Warum sollte ich ihren Tritten nachschleichen? Warum meine Täuschung nähren, und vielleicht auch die ihre? Sie kann nimmer mein seyn! Ihrer Mutter Stolz— die entgegengesetzten Mei- nungen unsrer Häuser— mein elender abhängiger 110 Zustand! Alles straft die eitle Hoffnung Lügen, daſs wir je vereint werden könnten! Warum also die qualvolle Täuschung hinhalten 5“ «Aber ich bin kein Sclave,“ fuhr er laut fort, und richtete sich empor,«kein Sclave, in einer Hinsicht gewifs nicht. Ich kann fort von hier, meines Vaters Schwert ist mein, und Europa liegt offen vor mir, wie vor ihm, und hundert Andern meiner Landsleute, die es mit dem Ruhm ihrer Thaten erfüllt. Vielleicht kann ein glück- licher Zufall mich zu den Männern emporheben, die dort die protestaniischen Helden glorreich führen, zu unsern Ruthwen's, unsern Losley's, Monroe'’s, und wenn nicht— nun dann— eines Kriegers Leben, oder eines Kriegers Grab!“ Als er diesen Entschlufs gefaſst hatte, stand er vor der Thür von seines Oheims Hause, und nahm sich vor, keine Zeit zu versäumen, ihn damit bekannt zu machen. «Noch einen Blick aus Edithas Augen, noch einen Gang an Edithas Seite, und mein Ent- schlufs schmölze dahin! Ich will einen unwi- derruflichen Schritt thun, und dann sie zum Letztenmale sehn!" In dieser Stimmung trat er in das getäfelte Zimmer, wo sein Cheim schon bey seiner Mor- genkost safs, einer ungeheuren Schüssel voll Hafermehlsuppe, mit einer angemessenen Zugabe von Buttermilch. Die geliebte Haushälterin — — 111 wartete auf und stand hinter ihm, auf seine Stuhllehne gestützt, in einer Stellung, die zwi- schen Freyheit und Ehrerbietung die Mitte hielt. Der alte Herr war in seinen jungen Tagen aus- serordentlich lang gewesen, jetzt aber hatte er diesen Vorzug verloren, denn er war so zusam- men gekrümmt, daſs einst ein muthwilliger Nach- bar, bey einem Streite über die Gestalt einer Brücke, die über einen ansehnlichen Bach ge- schlagen werden sollte, den Vorschlag machte, Milnwood ein hübsches Stück Geld für sein ge- krümmtes Rückgrath zu bieten, weil ihm ja doch alles feil sey. Einwärts gebogne Füfse von unge- wöhnlicher Gröfse, lange dürre Hände mit Nägeln, die selten das Messer fühlten, ein runzeliges, faltiges Cesicht, dessen Länge mit der des ganzen Mannes im Verhältniſs stand— dazu ein Paar kleine, scharfe, graue Mäckler-Augen, die ewig nur ihren Vortheil zu erspähen schienen— so war die höchst ungefällige Aussenseite des Herrn Morton von Milnwood. Da es unverständig ge- wesen wäre, ein so unwürdiges Behältniſs zur Wohnung einer freyen, wohlwollenden Gesin- nung zu machen, so hatte die Natur seine Gestalt mit einer, dieser vollkommen ähnlichen Scele ausgestattet, das heiſst einer niedrigen, selbsti- schen und begehrlichen. Als dieser liebenswürdige Mann die Gegen- wart seines Neflen gewahr ward, eilte er, ehe er ihn anredete, den Löffel voll Suppe, den er eben zum Munde fühfte, zu verschlingen, aber die brühheiſse Suppe erregte ihm bey dem Durch- gange zum Magen so heftigen Schmerz, dafs die üble Laune, mit der er seinen Vetter eben em- pfangen wollte, noch mehr gereizt ward. «Hol' der Henker den, der das gemacht hat,“ war sein erster Ausruf, der der Suppenschüssel gelten sollte. «Die Suppe ist wohl gut,“ sagte Frau Wilson, «wenn Ihr Euch nur wolltet die Zeit nehmen, sie langsam zu essen! Ich habe sie selber ge- macht. Aber wenn die Leute keine Ceduld haben, mögen sie sich die Kehle pflastern lassen.“ «Halt's Maul, Liese! ich wollte mit meinem Neflen sprechen. Nun, was soll das heilsen, mein schöner Herr? Was ist das für'ne Art herumzuschludern? Du bist vorige Nacht erst um Mitternacht zu Hause gekommen 55 «Ohngefähr, glaube ich, erwiederte Morton in einem gleichgültigen Tone. «Ohngefähr?— was ist das für'ne Manier zu antworten, Bursche? Warum kamst Du nicht heim, als andre Leute vom Schieſsplatze gingen 5 5 a Ihr wiſst ja sehr wohl, warum, Oheim,“ versetzte Morton. Ich hatte das Glück, den Tag der beste Schütz zu seyn, und blieb, wie es bräuchlich ist, die andern: jungen Männer zu bewirthen.* 4 1 113 «Hat Dich der Henker geplagt, Jungen? Uud Du kommst und sagst mir das ins Gesicht? Tractamente willst Du geben, und kannst nicht zu einem eignen Mittagsessen kommen, wenn Du nicht aufliegst bey einem armen alten Manne, wie ich binb Aber wenn Du mich in Kosten setzest, sollst Du mir's abarbeiten! Ich weiſs nicht, warum ich Dich nicht hinter den Pflug stelle, da der Ackerknecht fortgegangen ist. Es würde Dir besser anstehen, als das grüne Fähn- chen zu tragen, und Dein Geld für Pulver und Bley wegzuwerfen. Das würde Dir ein ehrlicher Beruf seyn, und Dich in Brod setzen, ohne daſs Du jemand auf der Tasche zu liegen brauchtest." «Sehr lebhaft wünsche ich, einen solchen Be- ruf zu lernen, Oheim, aber den Pflug zu treiben, verstehe ich nicht." Und warum denn nichtb ˙s ist leichter, als Dein Schiefsen und Knallen, was Du so gern thust. Der alte David pflügt jetzt, Du kannst in den ersten zwey oder drey Tagen mit hinterher gehen, aber nimm Dich nur in Acht, daſs Du die Ochsen nicht zu sehr antreibst! Und dann wirst Du selber den Pflug führen können. Jung lernt sich's am besten, dafür stehe ich Dir. Wir aben schweren Boden und der David ist zu alt, der kann das Pflugmesser nicht tief genug bringen.*. 7¹. 6 H „Verzeiht, dafs ich Euch unterbreche, Oheim; allein ich habe mir selbst schon einen Plan ge- macht, der Euch ebenfalls von der Last und den Unkosten meiner Gegenwart befreyen wird.“» «Ey sich doch! selber einen Plan gemacht? Das wird was Schönes seyn!“ sagte der Oheim mit höhnischem Lachen. Lafs doch einmal hören, Bursche!“ Es wird in zwey Worten gesagt seyn. Ich denke dies Land zu verlassen und im Auslande zu dienen, wie mein Vater that, ehe diese un- seligen Unruhen zu Hause ausbrachen. Sein Name wird in Ländern, wo er diente, nicht so ganz vergessen seyn, dafs er seinem Sohne nicht die Gelegenheit eröffnen sollte, sein Glück als Soldat zu versuchen.“ 3 «Cott sey uns gnädig!» rief die Haushälterin. „Junker Heinrich will in die Fremde? Nein, nein, ach nein, das darf nimmermehr ge- schehen!* Milnwood, der weder den Cedanken noch die Absicht hatte, sich von seinem Neffen zu trennen, der ihm äberdies in mehreren Hinsich- ten nützlich war, war äusserst bestürzt über diese plötzliche, selbstständige Erklärung des jungen Mannes, an dessen unbegfänzte Unterwürſigkeit er gewöhnt war. Er faſste sich aber sogleich und sagte: 115 «Und wer soll Dir denn die Mittel geben, junger Mensch, zu Deiner Ritterfahrtb Ich ge- wiſs nicht, das kannst Du versichert seyn. Ich kann Dich kaum zu Hause erhalten. Und dann auch heyrathen, vermuthlich, wie's Dein Vater thatb Und Deinem Oheim eine Heerde Kinder auf den Hals schicken, die im Hause herum tobten und lärmten in meinen alten Tagen, und am Ende, wenn sie flügge wären, davon flögen, wie Du, so bald man verlangte, daſs sie Hand an die Arbeit legen sollten.“ «Ich denke nicht daran, je zu heyrathen,“ antwortete Heinrich. «Da hör' einmal einer,“ rief die Haushälterin. «Es ist eine Stnd' und Schande, wenn ein hüb- scher junger Bursche so spricht; denn alle Welt weiſs ja, sie müssen heyrathen oder was Schlim- meres thun.* «Halt's Maul, Liese! sagte ihr Herr. Und Du, Heinrich, schlag' Dir das dumme Zeug aus dem Kopfe! Das kommt davon, wenn man ODich einmal einen Tag lang Soldaten spielen läſst. Denke d'ran, Bursche, dafs Du kein Geld zu solchen dummen Plänen hast.“ «Verzeiht, Oheim, ich werde sehr wenig brau- chen; und wenn Ihr so gut seyn wollt, und mir die goldne Kette geben, welche der Markgraf 116 meinem Vater nach der Schlacht bey Lützen überreichte.— Gott sey bey uns, die goldne Kette!“ rief der Oheim. Die Kette von Gold!“ wiederholte die Haushälterin, beyde ausser sich über die Kühn- heit des Vorschlags. «Ein Paar Glieder will ich behalten,» fuhr Morton fort,«zum Andenken an den, der sie gewann, und an den Ort, wo sie gewonnen wur- de. Der Ueberrest aber wird mir Mittel geben, diese Laufbahn zu betreten, auf der mein Vater diese Auszeichnung erwarb.“ «Barmherziger Gott!» sagte die Wirthschafte- rin, amein Herr trägt sie alle Sonntag.“ «Sonntags und Sonntag,“ setzte Milnwood hin- zu, so oft ich meinen schwarzen Sammetrock anziche. Und der Herr Mactrikit meint,'s wär' eine Art Erbstück, das mehr dem Haupte der Familie angehörte, als dem leiblichen Erben. Sie hat drey Tausend Glieder. Ich habe sie tau- sendmal gezählt. Drey hundert Pfund Sterling ist sie werth.“ «Das ist mehr, als ich brauche, Oheim. Wollt Ihr mir nur den dritten Theil des Geldes geben, und fünf Glieder der Kette, so habe ich über genug für meine Absicht, und der Ueberrest sey Kuch eine kleine Entschädigung für die Kosten und Mühe, die ich Euch verursacht habe,“ 117 «Der Junge ist verrückt!“ rief der Alte. Du lieber Gott, wie wird es meinen Sachen gehn, wenn ich einmal begraben liege! Er würde die Krone von Schottland wegwerfen, wenn er sie hätte.» «Ja, Herr,“ sagte die alte Haushälterin,«Ihr seyd selber mit Schuld, das muſs ich sagen. Ihr müſst ihn auch nicht gar zu kurz halten; und seht, weil er doch nun einmal ins Bierhaus ge- gangen ist, müſst Ihr die Zeche auch bezahlen.“ «Wenn'’s nicht über zwey Thaler ist,» ver- setzte der alte Herr, sich mühsam entschlieſsend. «Ich will's selber mit dem Niclas Blane aus- machen, so bald ich in die Schenke komme,“ sagte Liese. Ich komme wohlfeiler dazu, als Ihr, oder Junker Heinrich. Darauf flüsterte sie Heinrich zu: Kergert ihn nur nicht mehr; ich bezahle die Zeche vom Buttergelde, aber nur kein Wort mehr davon; aber Ihr,“ setzte sie laut hinzu,«Ihr müſst nicht sprechen, dafs der junge Herr hinter dem Pfluge hergehn soll; es gibt arme, elende Whigs genug im Lande, die es gern für ein Stück Brod thun— es stehtihnen auch besser an, als seines Cleichen.“ «Ja, und dann kommen uns die Dragoner auf den Hals,“ erwiederte Milnwood,«weil wir so einem aufrührerischen Sektlirer Obdach und Un- 118 terhalt geben. In schöne Noth wollt Ihr uns bringen! Aber setze Dich zum Frühstück, Hein- rich, und hänge dann das neue grüne Kleid weg und ziehe Deinen grauen Hausrock an. Der An- zug ist häuslicher und wirthschaftlicher, und sicht schicklicher aus, als das Cebaumel an den Hosen und die Bänder da.“ Morton verlieſs das Zimmer, überzeugt, daſs er jetzt sein Vorhaben nicht ausführen könne, und vielleicht nicht ganz unzufrieden mit den Hindernissen, die sich seiner Entfernung aus der Nachbarschaft von Tillietudlem enigegen zu stel- len schienen. Die Haushälterin folgte ihm in das anstofsende Zimmer, klopfte ihn auf den Rücken, und bat ihn, gut zu seyn und seine schönen Sachen einzuschliefsen. «Ich will Euren Hut nehmen,“ sagte die dienst- fertige Alte;«ich will Krause und Bänder weg- legen. Aber auf keinen Fall müſst Ihr wieder davon reden, ausser Landes zu gchen, oder die goldne Ketle zu verkaufen, hört IhrP Euer Oheim hat seine einzige Freude daran, Euch zu sehen, und die Glieder der Kette zu zählen, und Ihr wiſst ja wohl, alte Leute können nicht ewig leben, und dann ist Kette und Land und Alles Euer auf einmal, und Ihr könnt jedes Fräulein in der Grafschaft heyrathen, die Euch gefällt, und ein schönes Haus halten in Miluwood, denn 119 Vermögen ist genug da. Ist denn das nicht des Wartens werth, mein Täubchen?“ Es war etwas in dem letzten Theile ihrer Rede, was so lieblich in Mortons Ohren klang, dafs er der Alten herzlich die Hand schüttelte, und ihr versicherte, er sey ihr für ihren guten Rath sehr verbunden, und wollte ihn wohl er- wägen, bevor er zur Ausfuhrung seines frühern Entschlusses einen weitern Schritt thäte. 120 —.-——ℳʃℳꝗ˖ꝛ. HO--ͤ——ᷣnO — Siebentes Kapitel. Von siebzehn Jahren bis zu achtzig schier, EWohnt ich, nun wohn' ich ferner nicht mehr hier. Um siebzehn ziemt's, daſs mit dem Glück man buhle, Doch achtzig ist zu alt für diese Sohule. II ie es Euch gefällt. Sohlegelsche Ueberretzung. — Wir mässen nun unsere Leser nach dem Schlosse Tillietudlem führen, zu dem Frau Margarethe z Bellenden zurückgekehrt war, höchst unmuthig und bekümmert über den unerwarteten, und wie sie meinte, unauslöschlichen Schimpf, der ihrer Würde durch den öffentlichen Unfall Gänse- Gilberts widerfahren war. Der unglückliche 121 Wehrmann hatte bereits den Befehl erhalten, seine gefiederte Schaar in die entferntesten Ge- genden der Gemeinweide zu treiben, und auf keinen Fall durch seine Erscheinung in ihrer Nähe den Kummer oder Zorn seiner Gebieterin zu wecken, so lange der erlittne Schimpf noch in frischem Andenken war. Das Erste, was Frau Margarethe zu thun hatte, war, eine feyerliche Gerichtssitzung zu halten, wobey auch Harrison und der Kellermeister zu- gegen seyn muſsten, theils als Zeugen, theils als Beysitzer, um die Weigerung Luthbert Headriggs, des Ackerknechts, und den Beystand und die Auf- hetzung, welche er von seiner Mutter erhalten, als die Grundursachen des, die Ritterschaft von Tillietudlem betroffenen Mifsgeschicks, förmlich zu untersuchen. Als die Schuld vollkommen ausgemacht und erwiesen war, beschlofs Frau Margarethe, die Schuldigen selbst ins Gebet zu nehmen, und wenn sie keine Reue fände, die Strafe bis zu einer Verbannung aus ihrem Ce- biete zu erhöhen. Fräulein Bellenden allein wagte etwas für die Angeklagten zu sagen, aber ihre Fürsprache war diesmal nicht so wirksam, als sie es in andern Fällen gewesen seyn würde. Denn sobald Editha gehört hatte, dafs der unglückliche Reiter selbst nicht verletzt sey, hatte ihr böser Genius ihr eine unwiderstehliche Lach- lust eingeflöſst, die, trotz ihrer Grofsmutter Zorn, 122 oder vielmehr, wie es zu geschchen pflegt, durch den Zwang gereizt, auf ihrem Heimwege zu wie- derholten Malen wieder ausgebrochen war; bis endlich die alte Dame, ohne von den erdichteten Ursachen, womit das Fräulein die unzeitige Lach- lust entschuldigen wollte, sich täuschen zu lassen, ihr mit bittern Worten vorwarf, dafs sie gleich- gültig gegen die Ehre des Hauses sey. Auf Edithas Verwendung ward daher diesmal wenig gehört. Als ob sie hätte gleich zeigen wollen, wie sehr sie zur Strenge gestimmt sey, nahm Frau Margarethe, statt des Stockes mit dem elfenbei- nern Knopfe, mit dem sie gewöhnlich zu gehen pflegte, einen mächtig grolsen Stab mit einem goldnen Knopfe, welcher ihrem Vaten, dem ver- storbenen Grafen von Torwood, gehört hatte, und den sie nur bey besonders feycrlichen Ce- legenheiten trug. Auf diesen furchtbaren Herr- scherstab gestützt, trat sie in die Hütte der Missethäter. Es war etwas in dem Wesen der alten Magda- lis, das ihr Bewufstseyn, die Gebieterin beleidigt zu haben, verrieth, als sie sich von ihrem Rohr- ztuhle am Herde erhob. Ihr Gesicht sprach nicht die treuherzige Freude aus, wie wenn ihr sonst die Ehre des Besuchs derselben zu Theil ward. Sie ging ihr mit einer gewissen Feyerlichkeit und Verlegenheit entgegen, einem Angeklagten gleich, 2 129 der zum ersten Male vor seinem Richter erscheint, dem er jedoch seine Unschuld zu betheuern ent- schlossen ist. Ihre Arme waren gekreuzt, ihr Mund war zu einem Ausdruck von Ehrerbietung verzogen, doch mit Trotz vermischt; ihre ganze Seele schien auf die feyerliche Zusammenkunft gespannt. Mit einer. tiefen Verbeugung, und stum- men, ehrfurchtsvollen Bewegung deutete sie auf den Stuhl, auf welchem Frau Margarethe bis- weilen sich niederzulassen geruhte, und sich ein halbes Stündchen lang die Neuigkeiten aus dem Flecken und der benachbarten Gegend erzählen liefs, denn die gute Dame klatschte gern ein wenig. Aber jetzt war diese viel zu aufgebracht, um sich so herabzulassen. Sie wies die Einla- dung mit einer stolzen Bewegung der Hand zu- rück, und sich in die Höhe richtend, stellte sie mit einem Tone, der die Schuldige zu Boden werſen sollte, folgendes Verhör an: «lst es wahr, Magdalis, was ich von Harrison, Cudyill und meinen andern Leuten höre, daſs Ihr Euch unterfangen habt, gegen die Treue, die Ihr Gott, Eurem Könige und mir, Eurer ange- bornen Hlerrin und Gebieterin, schuldig scyd, Euren Sohn von der Waflenschau abzuhalten, die der Oberstatthalter der Grafschaft verordnet hat- ted Und dafs Ihr seine Wehrr und Rüstung in einem Augenblick zurückgebracht habt, wo es unmöglich war, einen schicklichen Stellverireter *† 124 für ihn zu finden, wodurch der Herrschaft Tillie- tudlem, in der Person ihrer Gebieterin und ihrer Inwohner, ein Schimpf und eine Schande wider- fahren, wie mein Haus nimmer erlitten hat, sei den Tagen Malcolm Commore’s?“”“ 8 Magdalis war an tiefe Ehrerbietung gegen ihre Gebieterin gewöhnt. Sie zögerte mit der Ant- wort, und ein verlegner Husten zeugte von der Mühe, die es ihr kostete, sich zu vertheidigen. «Gewiſs, gnädige Frau— hm, hm— gewiſs und wahrhaftig, es thut mir leid, sehr leid, wenn ich Euren Miſsfallen erregt— allein— meines Sohnes Krankheit“— Sprecht mir nicht von Eures Sohnes Krankbeit, Magdalis. Wäre er wirklich unpafs gewesen, so wäret Ihr in aller Früh auf das Schlofs ge- kommen, und hättet Euch etwas geholt, das ihm gut gethan hätte. Es gibt wenig Uebel, gegen die ich nicht Arzneymittel besäſse, und das wilst Ihr sehr wohl.“ 0 ja, gnädige Frau, Ihr habt Wunder an vielen Kranken gethan. Das letzte Mittel, das Ihr dem Luthbert schicktet, als er das Leibweh hatte, wirkte wie ein Zauber.“ Nun, warum kommt Ihr denn nicht, und wendet Euch an mich, wenn es Noth thutb Aber es hatte keine Noth, Ihr falsches Weib, Ihr!“ „Euer Cnaden haben mir noch nie so ein böses Wort gesagt. O dafs ich's erleben muſs, 125 das von Euch zu hören,“ fuhr sie fort, in Thrä- nen ausbrechend: ich, die ich im Dienste des Hauses Tillietudlem geboren bin! Wahrhaftig, das ist eine himmelschre ende Lüge, wenn einer sagt, Luthbert wollte nicht seinen letzten Bluts- tropfen versprützen für Euch, oder für das gnä- dige Fräulein, oder für's alte Schlofs. Lieber wollt' ich ihn darunter begraben sehn, als daſs er’s da fehlen lieſse— aber ihr Gereite und Waſlenschauerey, gnädige Frau, davon halt' ich nichts. Ich wülste nicht, daſs das irgendwo ge- boten würde.“ «Nirgends geboten Wiſfst Ihr nicht, daſs Ihr gehalten seyd, mir zu dienen in Schimpf und Ernst, zu Schutz und Wacht, wenn Ihr gebüh- rend dazu gefordert werdet? Und Eure Dienste sind nicht umsonst. Ihr habt ja Land dafür, denk' ich, und Haus und Hof, und Weide für Eure Kuh. Wenige haben's weiter gebracht, als Ihr, und Ihr wollt murren, wenn mir Euer Sohn einen Tag dienen soll 5 „Nein, gnädige Frau, nein, das ist's nicht,“ versetzte Magdalis sehr verlegen;«aber man kann nicht zweyen Herren auf einmal dienen, und wenn die Wahrheit nun einmal heraus muſs, es ist Einer, dessen Geboten ich eher gehorchen muſs, als Euer Gnaden ihren. Wahrhaftig, weder König, noch Kaiser, noch irgend wem auf Erden gehorchte ich eher.“ „Was wollt Ihr damit sagen, Ihr altes thö- richtes Weib? Denkt Ihr, dals ich etwas gegen das Gewissen befehleb“— «Das sag' ich nicht, gestrenge Frau, das heiſst,. nicht gegen Euer Gnaden Gewissen, denn Ihr seyd nun einmal nach den Grundsätzen der Prä- latisten erzogen; aber jeder mufſs im Lichte scines eignen Cewissens wandeln. Und meines 8 fuhr die Alte fort, immer kühner werdend, je mehr das Gespräch sich belebte,«meines sagt mir, dafs ich Alles cher verlässen soll, Haus, Hof und Weide, und Alles erdulden, als daſs ich, oder einer von den Meinigen, stritte für eine ungerechte Sache.“ Ungerecht b' ricf die Edelfrau;« die Sache ungerecht, wozu Ihr berufen werdet von Eurer 4 3 rechtmäfsigen Herrin und Gebieterin, auf den 3 Befehl des Königs, durch den Aufruf des Staats- raths, durch das Aufgebot des Oberstatthalters und des Oberrichters 5* «Ach, gnädige Frau, ohne allen Zweifel! Aber wenn Euer Cnaden erlauben: Ihr werdet Euch erinnern, es war einmal ein König, den die Schrift Nebukadnezar nennt, der lieſs ein goldnes Bild setzen im Thal Dura, wie sie's da unten auf dem Felde auch gemacht haben, wo die Wehrmannschaften zusammen kommen mufsten, und er sandte nach den Fürsten, Landpflegern, und nach den Hauptleuten und Richtern, nebst 127— den Schatzmeistern, den Räthen und Vögten, dafs sie zusammen kommen sollten, das Bild zu weihn, und befahl ihnen, niederzufallen und anzubeten bey dem Schall der Posaunen, Flöten, Harfen, Hörner, Psalter und allerley Saitenspiel.“ Und was soll das alles, Ihr thörichtes Weibe Was hat Nebukadnezar mit der Waffenschau von Clydesdale zu thun 5“ «Cerade so viel, gnädige Frau,“ fuhr Magdalis standhaft fort, dafs die bischöfliche Kirche gleich ist dem güldnen Bilde im Thale Dura, und wie Sadrach, Meschach und Abednega in den glühenden Ofen geworfen wurden, weil sie sich weigerten, niederzufallen und anzubeten, so soll auch Luthberth Headrigg, Ihr Gnaden armer Ackerknecht, nicht, wenigstens nicht mit seiner alten Mutter Willen, sich bücken und knieen im Hause der Bischöfe und Pfarrer, noch das Schwert umgürten, um für ihre Sache zu fechten, weder beym Schall der Pauken, Orgeln und Sackpfeifen, noch sonst bey einem Spiele.“ Frau Margarethe vernahm mit dem gröſsten Unwillen und Erstaunen diese Auslegung der Schrift. Ich sehe,“ rief sie endlich, nach eini- gen Augenblicken stummer Ueberraschung,«wo- her der Wind kommt! Der bése Geist des Jahres sechzehn hundert und zwey und vierzig treibt wieder sein Wesen so lustig, wie je, und jedes alte Weib aus dem Küchenwinkel will Glaubens- 128 lehren erklären, trotz den Cottesgelehrten und den heiligen Kirchenvätern.“ «Wenn Euer Gnaden die Bischöfe und Pfarrer meinen, so muſs wahr seyn, die sind nur Stief- väter der Kirche von Schottland gewesen. Und da Euer Gnaden einmal gesagt haben, daſs es geschieden seyn muſs, so darf ich Euch frey sagen, was ich sonst noch in meinem Sinne denke. Euer Gnaden und der Verwalter haben gern gewollt, daſs mein Sohn Luthbert mit in der Scheune helfen sollte, bey der neumodischen Maschine*), womit sie das Korn von der Spreu reinigen. Aber das ist gottlos, wenn man so dem Willen der göttlichen Vorsehung entgegen ist, und zu Euer Gnaden Nutzen, den Wind durch Menschenkunst macht, anstatt ihn durch Gebet zu erflehen, oder geduldig zu warten, welchen Wind die Vorsehung auf die Tenne schicken will. Denn, gnädige Frau,—— «Das Weib könnte einen vernünftigen Men- 8 schen unsinnig machen!“ rief Frau Margaretha. *) Wahrscheinlich etwas den Kornwannen Aehnliches, die man jetzt, das Getreide zu sichten, anwendet, die jedoch erst, in ihrer jetzigen Gestalt, ohngefähr seit dem Jahre 1730 im Gebrauch sind. Sie wurden von den strengen Sektierern bey ihrer ersten Ein- führung aus deuselben Gründen verschmäht, die oben die ehrliche Magdalis anführt. v 129 Dann setzte sie in ihrem vorigen gebieterischen und gleichgültigen Tone hinzu: Gut, Magdalis, ich will damit enden, womit ich hätte anfangen sollen! Ihr seyd zu gelehrt und zu voll von gött- licher Weisheit, als daſs ich mit Euch streiten sollte. Ich habe Euch nur das zu sagen: ent weder Luthbert muſs bey der Musterung erschei- nen, wenn er durch den Beamten gebührend aufgefordert wird, oder er und Ihr verlaſst mein Gebiet, je eher, je besser. Es ist kein Mangel an alten Weibern und Ackerknechten„ und wenn es wäre, so wollte ich lieber, die Felder von Tillietudlem trügen nichts als Windhafer und Lerchenbäume, als dals Empörer gegen den König sie pfliigten.“ Ja, gnädige Frau,“ versetzte Magdalis, ich bin hier geboren und dachte zu sterben, wo mein Vater starb; und Eure Gnaden sind mir eine gütige Herrschaft gewesen, das werde ich nie läugnen, und werde auch nimmer aufhören zu beten für Euch und für Fräulein Editha, und daſs Ihr möget dahin gebracht werden, zu sehen, dafs Ihr auf falschen Wegen wandelt. Aber dennoch“—— «Auf falschen Wegen P“ fiel Frau Margarethe ein.„Ich auf falschen Wegen, Ihr grobes Weibb“ vJa, ja, gnädige Frau, wir sind blind, die Wir da leben in diesem Thale der Thränen und 71. 1 130 der Finsterniſs, und irren Alle, groſse Leute so wie kleine. Aber, wie ich sage, mein schwacher Segen soll Euch begleiten und die Eurigen, wo jch auch bin. Es wird mir weh thun, zu hören von Eurem Trübsal, und freudig zu hören von Eurem Heil, so des Leibes, wie der Scele. Aber nimmermehr können mir die Gebote der irdi- schen Gebieterin mehr gelten, als die Gebote des himmlischen Meisters, und so bin ich bereit zu leiden, um der Gerechtigkeit willen.“ Es ist gut,“ sagte Frau Margaretha, ihr im groſsen Unmuth den Rücken zukehrend. Ihr kennt meinen Willen. Magdalis! Ich will ein- mal keine Whigs in der Herrschaft Tillietudlem haben. Am Ende kämen sie mir auf mein eig- nes Zimmer gerückt, ihre Erbauungsstunden zu halten.“ Nach diesen Worten enifernte sie sich mit stolzem Anstande, und Magdalis, den Gefühlen nachgebend, die sie— denn sie war nicht we- niger stolz, als ihre Gebieterin— während der Unterredung mit ihr unterdrückte, erhob ihre Stimme und weinte laut. Luthbert, den seine, wirkliche oder vorgeb- liche, Krankheit noch immer im Bette hielt, lag, während des Gesprächs lauernd, und tief in die Decke geschmiegt, zitterndl und bebend, daſs Frau Margaretha, auf welche er mit angestamm- ter Ehrfurcht sah, ihn entdecken und ihm selber 131 einige von den bittern Vorwürfen geben möchte, womit sie seine Mutter überhäuft hatte. 80 wie er glaubte, die gnädige Herrschaft könne ihn nicht mehr hören, sprang er auf in seinem Neste. «Dafs Euch die schwere Noth— Mutter, wenn ich so sagen dürfte,“ fuhr er seine Mutter an: aüber Euer verwünschtes Plappermaul, wie der selige Vater immer sagte. Konntet Ihr die Edel- frau nicht gehen lassen mit Eurer Bibelweisheitb Und ich war auch so ein Einfaltspinsel, und lieſs mich von Euch beschwatzen, und blieb hier zwischen den Bettlacken liegen, wie ein Murmel- thier, statt zur Waflenschau zu gehn, wie andere Leute. Vor den Henker, ich habe Euch doch einen Possen gespielt, denn ich war aus dem Fenster, als Ihr einmal den alten Rücken wen- detet, und husch fort, und hinunter nach dem Vogelschiefsen; auch ich habe mit Zweyen dar- nach geschossen. Die Edelfrau hab' ich betrogen auf Euer Zureden, aber mein Mädchen wollt' ich nicht betrügen. Mag sie nun heyrathen, wen sie will, mit mir ist's aus. Das ist ein noch ärgerer Spectakel, als es mit Herrn Gudyill setzte, wie ich Weihnachten nicht mit den Andern essen durfte, als bekiimmerte sich der liebe Gott oder ein Mensch darum, wenn ein armer Bauer- junge Pleischklöſse oder saures Hafermus ifſst.“ .«Ostill, mein Sohn„still! erwiederte Magda- lis. Du verstehst diese Sache nicht. Es war 192 verbotenes Fleisch, bestimmt den Festtag zu feyern, was den protestantischen Christen unter- sagt ist.“ „Und nun,“ fuhr der Sohn fort,«habt Ihr uns die Herrschaft selbst auf den Hals gebracht. Hätte ich nur gleich was anzuziehn gehabt, ich wäre aus dem Bette gesprungen, und hätte ihr gesagt, ich wollte aufsitzen, wann sie wollte, bey Tag und bey Nacht, wenn sie uns nur das Häuschen liefse, und den Garten, der den besten Kohl trägt in der ganzen Gegend, und das Stückchen Weide.“ „O mein theurer Sohn,“ sagte die Alte,«murre nicht gegen die Vorsicht Gottes; murre nicht, da Du leidest für die gute Sache.“ Was weils ich, ob die Sache gut oder schlecht ist, Mutter„ versetzte Luthbert,«trotz aller Ce- lehrsamkeit, die Ihr darüber auskramt. Das geht über meinen Verstand. Ich sehe gar nicht den groſsen Unterschied zwischen den beyden Wegen, den die Leute darin finden wollen. Es ist wohl wahr, die Pfarrer lesen dieselben Worte immer zweymal; aber wenn's gute Worte sind, warum nicht? Eine gute Geschichte wird darum nicht schlechter, weil man sie noch einmal hört, denk' ich. Man versteht sie darum nur noch besser. Nicht Jedermann kann's so leicht fassen, wie Ihr, Mutter.“ — — 133 0O mein lieber Luthbert, das ist eben das gröſste Unglück von allen. O wie oft hab' ich Dir den Unterschied dargethan zwischen der reinen, evangelischen Lehre, und einer, die durch menschliche Erfindungen verderbt ist! O mein Sohn, wenn's nicht Deiner eignen Seele wegen ist, um meiner grauen Haare willen“— «Nun, Mutter, was macht Ihr denn so viel Lärm darum P Ich habe immer gethan, was Ihr wolltet, bin den Sonntag in die Kirche gegangen, wo Ihr wolltet, und habe für Euch gearbeitet jeden andern Tag. Und das ist eben, was mir auf dem Herzen liegt, wenn ich denke, wie ich Euch nun ernähren will in diesen schlimmen Zeiten. Ich weifs nicht, ob ich anderswe, o ich den Boden nicht kenne, werde pflügen kön- nen, wenigstens habe ich nie einen andern ver- sucht, und es wird mir nicht recht zur Hand seyn. Und die benachbarten Gutsbesitzer werden uns nicht aufnehmen dürfen, wenn wir hier als Nonenormisten weggejagt werden.“ «Nonconformisten, Kind, nennen uns die Weltlichgesinnten,“ seufzte Magdalis. „Nun ja— wir werden wohl recht weit weg von hier müssen, vielleicht an zwanzig Meilen weit. Ich könnte wohl Dragoner werden, ich kann ja reiten, und ein Bischen fechten, aber da werdet Ihr wieder kommen mit Eurem Segen und mit Euren grauen Haaren.“ 134 Hier wurden Magdalis Seufzer lauter. „Nun ja, ich sagte auch nur so; Ihr seyd ja auch zu alt, um Euch noch auf die Feldwagen zu packen, wie die Korporalsfrau. Nur weils ich nicht recht, was aus uns werden soll. Am Ende mufs ich wohl noch nach dem Gebirge, zu den wilden Whigs, wie sie heifsen, und dann habe ich nichts anders zu erwarten, als todt ge- schossen zu werden, wie eine wilde Ente in einem Teiche, oder dafs sie mich mit einem hänfenen Halsband in den Himmel schicken.“ α mein lieber Luthbert, lafs ab von solchen feeischlichen, selbstsüchtigen Reden, die ein Miſstrauen andeuten gegen die Vorsehung. Ich habe den Sohn des Gerechten sein Brod nicht erbetteln schen, sagt die Schrift, und Dein Vater war ein stiller, ehrbarer Mann, obwohl ein wenig weltlich in seinem Thun und Treiben, und zu sehr bekümmert um irdische Dinge, wie Du, mein Kind.“ a Nun, Mutter,“ fing Luthbert nach einem kleinen Nachdenken wieder an,« ich sehe nur Einen Weg, aber das ist eine kalte Kohle, die wir anblasen müssen. Ihr habt's vielleicht erra- then, Mutter, daſs Fräulein Editha und Junker Heinrich Morton sich ein Bischen gut sind, Jun- ker Heinrich, der eigentlich Milnwood heiſst. Seht, da habe ich zuweilen ein Buch, oder auch vielleicht ein Briefchen zwischen ihnen hin und 135 her getragen. Ich that immer, als wüfste ich nicht, was dahinter wäre, aber ich wuſst' es recht gut. Bisweilen hat'’s sein Gutes, wenn man ein Bischen dumm aussieht, und ich habe sie oft des Abends auf dem Fuſswege durch das Gehölz zusammen gehen sehen, aber keine Menschen- seele hat's je von mir erfahren. Ich weiſs wohl, ich bin ein Bischen vernagelt, aber ich bin so ehrlich, wie unser alter Zugochse— der arme Kerl, ich soll ihn nun nicht mehr vorspannen; aber ich hoffe, wer nach mir kömmt, der wird ihn auch so gut halten, als ich. Aber— was ich sagen wollteb? Ja, wir wollen nach Milnwood, und dem Junker Heinrich unser Unglück erzählen. Sie brauchen dort einen Ackerknecht, und der Boden ist wie unsrer. Gewifs, Junker Heinrich nimmt sich meiner an. Das ist gar ein gutherzi- ger Herr! Ich werde wohl wenig Lohn kriegen, denn der alte Milnwood, sein Oheim, hält das Seine so fest, wie der Teufel. Aber immer kriegen wir doch ein Stück Brod und eine warme Suppe und Dach und Fach, und das ist für's Erste genug. Packt also Eure Siebensachen zu. sammen, Mutter; denn weil wir denn doch ein- mal fort müssen, so möchte ich nicht, daſs wir warten, bis Meister Harrison und der alte Gu- dyill kämen, und uns zeigten, wo der Zimmer- mann ˙s Loch gelassen hat.“ — 136 8—ℳVℳ—M————————ℳℳ—ℳ Achtes Kkapitel. Den Teufel mag er ein Puritaner, oder etwas anders seyn— er ist nur ein Heuchler. Shakspeare's: Was Ihr wollt, oder 2swölfte Nacht.. Es war Abend, als Junker Heinrich Morton eine alte Frau erblickte, die, in einen bunten Mantel gehüllt, und auf einen grau gekleideten rüstigen Burschen, mit einem einfältigen Gesichte, ge- stützt, sich dem Schlosse Milnwood näherte. Die alte Magdalis machte ihren Knix, aber Luthbert trat vor, und redete Morton an. Und zwar hatte er es mit seiner Mutter vorher ausgemacht, daſs er die Sache nach seiner Art einleiten solle, denn so willig er seiner Mutter ihre Verstandes- überlegenheit einräumte, und in gewöhnlichen Fällen ihrer Leitung folgte, so meinte er doch — 137 diesmal: wieder ins Brod und in der Welt weiter zu kommen, könne er mit seinem Bischen Ver- stande viel mehr ausrichten, als sie mit dem ihren, obgleich sie wie ein Prediger von Allem schwadroniren könne. Demnach knüpfte er ein Gespräch mit dem jungen Morton an: Ein schöner Abend für's Getreide, lieber Herr! Das Feld gen Abend wird heute gut vor- wärts kommen.“ «Kllerdings, Luthbert; aber was bringt denn Eure Mutter— ist es nicht Eure Mutter?“(Luth- bert nickte.) Was bringt denn Eure Mutter und Euch noch so spät herüber zu uns P5 Ja, Herr, was alte Weiber auf die Beine bringt; die liebe Noth, bester Herr! Ich suche einen Dienst, lieber Herr!** 3 «Einen Dienst, Luthbert, zu dieser Jahrszeit? Wie kommt das 5** 1 Magdalis konnie sich nicht länger halten. Cleich stolz auf ihre Sache, wie auf ihr Leiden, begann sie mit einem erzwungnen demütthigen Tone: Es hat Coit gefallen, edler Herr, uns mit einer Heimsuchung auszuzeichnen“—— «Plagt Euch der Henker!“ flüsterte Luthbert seiner Mutter zu.«Kommt Ihr schon wieder mit Euren Geschichtenb? Im ganzen Lande dürfen sie ja uns nicht die Thür öflnen, wenn sie's hören.“ Drauf sagte er laut zu Morton: Meine 138 Mutter ist alt, lieber Herr; sie hat sich ein Bis- chen vergessen in ihren Reden gegen die gnädige Frau, und die läfst sich nicht gerne widerspre- chen— und Niemand hat's gern, der nicht mufs, — besonders von ihren eignen Leuten, und Herr Harrison, der Verwalter, und Gudyill, der Kel- lermeister, waren uns eben nicht grün; und wenn man in Rom ist, läſst sich's nicht gut mit dem Papste streiten, so dachte ich,'s wäre bes- ser, wir machten uns davon, che das Schlimmste zum Schlimmen käme. Und hier ist ein Brief- chen für Euer Gnaden von Jemand, der Euch mehr davon sagen wird.“ Morton nahm den Brief, und vor Ueberraschung und Freude bis an die Ohren roth werdend, las er diese Worte:«Könnt Ihr etwas für diese armen, hülflosen Leute thun, so verbindet Ihr E. B.“ Mehrere Augenblicke vergingen, che er Fas- sung genug gewann, zu fragen:«Und was wollt Ihr eigentlich, Luthbert Und wie kann ich Euch nützlich seyn P“ Arbeit, lieber Herr, Arbeit und einen Dienst will ich, und ein Bischen Obdach für meine Mutter und mich. An Vorräthen fehlt's uns nicht, wenn wir nur einen Karren hätten, sie herüber zu bringen. Milch und Mehl, und grüne Waaren genug; denn ich habe Euch gar gesunden Appetit und meine Mutter auch, Gott geb's ihr lange zu 139 Gute! Und den Lohn und das— das überlass' ich dem Herrn und Euch. Ich weils, Ihr werdet nicht zugeben, daſs einem armen Jungen Un- recht geschicht, wenn Ihr's ändern könnt.“* Morton schüttelte den Kopf:«Wohnung und Kost glaub' ich Euch versprechen zu können, Luthbert, aber mit dem Lohne wird's schwer halten, fürcht' ich.“ «Ich lass' es lieber darauf ankommen, Herr Junker, als daſs ich hinunter gehe nach Hamil- ton, oder so weit.“ «Gut. Geht in die Küche, Luthbert, ich will sehen, was ich für Euch thun kann.“ Die Unterhandlung war nicht ohne Schwierig- keit. Morton hatte zuvörderst die Haushälterin auf seine Seite zu bringen, die, wie gewöhnlich, tausend Einwendungen machte, um das Vergnü- gen zu genieſsen, gebeten zu werden; war sie aber einmal auf seiner Seite, so lieſs sich der alte Milnwood leicht bewegen, einen Knecht anzunehmen, dessen Lohn seiner eignen Bestim- mung überlassen ward. Ein Nebengebäude ward demnach der alten Magdalis und ihrem Sohne zur Wohnung angewiesen, und sie sollten einst- weilen, bis sie sich selbst eingerichtet hätten, an der kärglichen Mahlzeit, die für die Haus- genossen bereitet ward, Theil nehmen; Morton erschöpfte seine sehr geringe Baarschaft, und machte Luthbert, unter dem Namen von Mieth- 140 geld, ein Geschenk, um zu zeigen, welchen Werth für ihn die mitgebrachte Empfehlung habe. «Nun wären wir also wo untergekommen sagte Luthbert zu seiner Mutter.„So gut und wohnlich ist'’s freylich nicht, als dort, indessen 's lebt sich überall; und hier sind wir ja auch unter hübschen, andächtigen Leuten von Eurem Glauben, Mutter. Da wird's keinen Streit darum geben.“ «Von meinem Clauben, mein Sohn? O Du bist mit Blindheit geschlagen, gleich ihnen! O Luthbert, sie sind noch im Vorhofe der Heiden, und werden nie weiter kommen, fürcht'’ ich. Sie sind nicht viel besser, als die Prälatisten selber. Sie besuchen den Cottesdienst, den der verblendete Mann hält, der Peter Pfundtext, der einst ein herrlicher Verkündiger des Wortes war, aber jetzt ein abgeſallner Seelenhirt ist, und um eines Jahrgeldes, und um des häuslichen Wohlseyns willen, den rechten Weg verlassen hat. O mein Sohn, häitest Du nur in Dein Herz die göttlichen Lehren Eingang finden lassen, die Du im Thale von Bengonnar— aus dem Munde des theuren Rumbleberry's, des gelicbhten Jüng- lings, der als Märtyrer auf dem Grosmarkt vor Lichtmeèfs hat leiden müssen— gehört hast. Hörtest Du nicht, als er sagte, der Erastianismus wäre so schlimm, als die Bischofssekte, und die Indulgenz so schlimm, als der Erastianismus 5* 141¹ «Hat je einer so was erlebt!“ unterbrach sie Luthbert. Man wird uns bald wieder aus dem Hause werfen, und dann können wir sehen, wo wir bleiben. Aber lafst Euch ein Wort sagen, Mutter: hör' ich noch einmal das Geschnacke — vor den Leuten, mein'’ ich, denn ich selber bekümmere mich nicht mehr um das Geschwätz, ich schlafe nur dabey ein— aber hör'’ ich's nur einmal noch vor den Leuten, wollte ich sagen, daſs Ihr von Pfundtext und Rumbleberry sprecht, und von göttlichen Lehren und Cottlosen, so werd' ich Soldat, oder Unterofficier, oder Haupt- mann, wenn Ihr mich noch mehr plagt, und lasse Rumbleberry und Euch zum Henker gehn. Ich habe nichts Gutes von seinen Lehren gekriegt, wie Ihr's nennt; sondern Leibweh hab' ich ge kriegt, als wir da vier geschlagne Stunden im nassen Moore sitzen mufſsten. Die gnädige Herr- schaft half mir mit ihrem Gesalbe, aber wahr- haftig, hätte sie gewufst, wie ich zu dem Uebel gekommen war, sie würde wohl nicht so eilig damit gewesen seyn.“ Magdalis seufzte innerlich über den verstockten und unbuſsfertigen Sinn ihres Sohnes, wie sie's nannte, aber sie wagte nicht weiter in ihn zu dringen, noch auch die Warnung, die er ihr gegeben, ganz zu vernachlässigen. Sie kannte die Gemüthsart ihres verstorbenen Mannes, dem dieses überlebende Pfand ihrer Verbindung in 142 vielen Stücken ähnlich war, und bedachte, daſs er, wenn er sich auch ihrem gerühmten, über- legnen Scharfsinn meistentheils unterwarf, er doch, wenn er aufs Aeusserste getrieben ward, einen Anfall von Hartnäckigkeit bekam, die sich weder durch Vorstellungen, noch durch Schmei- cheleyen, noch durch Drohungen überwinden lieſs. Bey der blofsen Möglichkeit, Luthbert möchte seine Drohung ins Werk setzen, zitternd, bewachte sie ihre Zunge sorgfältig, und sogar wenn Pfundtext in ihrem Beyseyn als ein ge- schickter und fruchtbringender Prediger gerühmt ward, war sie vernünftig genug, den Wider- spruch zu unterdrücken, der ihr auf der Zunge bebte, und ihre Gesinnungen auf keine Weise, als durch tiefe Seufzer auszudrücken, welche einer lebhaften Erinnerung an die rührendsten Stellen seiner Predigten zugeschrieben wurden. Wie lange sie ihre Gefühle hätte unterdrücken können, wäre schwer zu bestimmen. Ein uner- warteter Zufall befreyte sie von der Nothwen- digkeit. 3 Der Besitzer von Milnwood hielt auf alle alten Gebräuche, durch welche etwas erspart werden konnte. Darum war in seinem Hause die Ge- wohnheit beybehalten, die fünfzig Jahre früher in Schottland allgemein gewesen war, daſs die Diensthoten, nachdem sie das Essen aufgetragen, an dem untern Ende des Tisches Platz nahmen, 143 und in der Gesellschaft ihrer Herrschaft genossen, was ihnen zugetheilt ward. Am nächsten Tage nach Luthberts Ankunft, dem dritten nach Er- öffnung unserer Erzählung, trug der alte Robin, der Kellermeister, Kammerdiener, Läufer, Cärt- ner, und wer weiſs, was sonst noch, in Miln- woods Hause war, eine unendliche Schüssel Brühe auf, die mit Hafermehl und Grünkohl verdickt war. Nur ein aufmerksamer Beobachter konnte in diesem Suppenmeere ein Paar kurze dünne Hammelrippchen hin und her schwimmen sehen. Zwey ungeheure Körbe standen auf beyden Seiten dieser Schüssel, der eine mit Brod von Gerste und Erbsen, der andere mit Haferkuchen. Ein groſser gekochter Lachs würde in unsern Tagen eine bey weitem reichlichere Haushaltung anzei- gen; zu jener Zeit aber ward er in den ansehn- lichen Flüssen Schottlands in solchem Ueberfluſs gefangen, daſs er gewöhnlich den Dienstboten zur Kost angewiesen ward, die sogar bisweilen sollen in ihrem Dienstcontract ausgemacht haben, dafs man ihnen eine so widrige und magenver- derbende Speise nicht mehr als fünfmal die Woche geben dürfe. Die groſse schwarze Schenk- kanne mit sehr dünnem Bier von Milnwoods eignem Gebräue war den Dienstboten Preis ge- geben, so wie auch Kuchen und Suppe. Aber die Hammelsrippen waren für die Herrschaft be- stimmt, Frau Wilson mit eingeschlossen, und 144 ein Maaſs Doppelbier, das allenfalls den Namen verdiente, stand für sie allein seitwärts in einem silbernen Kruge auf der Tafel. Ein ungeheurer Käse, aus einem Gemisch von Schaf- und Kuh- milch bereitet, und ein Gefäfs mit gesalzner Butter, waren gleichfalls für die ganze Tischge- sellschaft. Dieses köstliche Mahl einzunehmen, safs an der obern Stelle der Tafel der alte Herr selbst, zwischen seinem Neffen auf der einen, und seiner lieben Haushälterin auf der andern Seite. Nach einem breiten Zwischenraume und unterwärts des scheidenden Salzfasses, saſs der alte Robin, ein magerer, halbverhungerter Diener, von Glieder- reissen gekrümmt und verkrüppelt; eine schmuz- zige Hausmagd, die durch lange Gewohnheit und täglicne Wiederholung unter den Händen ihres Herrn und der Frau Wilson zu einem unem- pfindlichen Gleichmuthe gekommen war; ein Drescher, ein weiſsköpfiger Kuhjunge und Luth- bert, der neue Ackerknecht, nebst seiner Mutter, machten den übrigen Theil der Tischgenossen aus. Die andern Arbeiter, die zu dem Gute gehör- ten, wohnten in eignen Häusern, gliicklich we- nigstens, daſs sie, wenn auch ihre Mahlzeit nicht köstlicher war, als die, welche wir eben be- schrieben haben, sie doch bey derselben sich satt essen konnten, ohne von den scharfen, neidischen, 14 grauen Augen Milnwoods bewacht zu werden, der jeden Bissen, den seine Leute verschluckten, so genau mafs und beobachtete, als ob er ihn hätte von den Lippen bis in den Magen mit sei- nen Blicken verfolgen wollen. Diese scharfe Aufsicht kam Luthbert nicht zu Gunsten, denn sein Herr fafste ein starkes Vorurtheil wider ihn, als er die stumme Geschwindigkeit, mit welcher jener die ihm zugetheilten Speisen unsichtbar machte, bemerkte. Von Zeit zu Zeit wandte sich Milnwoods grimmiger Blick von dem unge- heuren Esser auf seinen Neflen, dessen Wider- wille gegen die Feldarbeit die Hauptursache war, dafs er eines Ackerknechis bedurfte, und der noch dazu die unmittelbare Veranlassung gewesen war, dafſs er diesen Vielfraſs gemiethet Mütte. Dir Lohn geben?“* sagte er für sich.«Du werst in einer Woche mehr essen, als Du in einem Monat verdienen kannst.“ Dies unfreundliche Cemurmel ward durch ein lautes Klopfen am Hofthor unterbrochen. Es war allgemeiner Gebrauch in Schottland zur Zeit der Mittagsmahlzeit, das Thor des Hofes, oder in Ermanglung desselben, die Hausthür, zu ver- schlieſsen und zu verriegeln, und nur Cäste von Wichtigkeit, oder Leute, die ein dringendes Ge- schäft hatten, verlangten und erhielten zu solcher Zeit Einlafs. Alle waren daher bey dem heftigen und wiederholten Pochen, womit man an die 71. 146 Thür stürmte, überrascht, ja, in Erwägung der Zeitumstände, bestiürzt. Frau Wilson lief selbst an das Thor, und nachdem sie durch eine ge- heime Oeflnung, wie sie häufig für diesen Zweck in den Schottischen Thorwegen angebracht waren, diejenigen erkannt hatte, welche so ungestüm Einlafs begehrten, kam sie, ganz ausser sich, die Hände ringend, zurück und rief:«Die Rothröcke, die Rothröcke!“ Robin— Ackerknecht— Wie heiſst Ihr denn? — Drescher— Nelfe Heinrich, das Thor auf— das Thor auf!“ rief der alte Milnwood, und raffte eilig einige silberne Löffel, die auf dem obern Ende des Tisches lagen, zusammen, und steckte sie in die Tasche; die unterhalb des Salzfasses waren, von Horn.«Sprecht nur freundlich mit ihnéen, Leute, sie lassen sich nicht drohen. Um Cottes willen sprecht freundlich; wir werden ausgeplundert— rein ausgeplindert!“ Während die Dienstboten die Reiter, deren Flüche und Drohungen schon Zorn über die Zö- gerung verriethen, herein lielsen, nahm Luthbert Gelegenheit, seiner Mutter zuzuflüstern: Nun, Alte, macht Euch taub— Ihr habt uns ja oft genug taub gemacht. Lafst mich für Euch reden, ich mag mich nicht um Altweibergeschwätz um meinen Hals bringen lassen, und wenn Ihr auch meine Mutter seyd.“ 8 „O lieber Junge, ja; ich will still seyn, wenn’s 147 Dir sonst schlimm gehen könnte,“ antwortete Magdalis, gleichfalls flisternd;«aber bedenke Lieber, wer Gotteswort verläugnet, den wird sein Wort wieder verläugnen....» Ihre Ermahnung ward durch den Eintritt der Soldaten von der Leibwache unterbrochen. Es waren vier Reiter, unter Bothwells Anführung. Sie stürmten herein, machten auf dem steinern Fuſsboden ein furchtbares Getöse mit den Huf- eisen unter ihren groſsen Reitstiefeln, und dem dröhnenden Geklirr ihrer langen schweren Säbel. Milnwood und seine Haushälterin zitterten in wohlgegründeter Furcht vor den Entpressungen und Plünderungen, womit solche Haussuchungen verbunden waren. Heinrich Morton hatte noch mehr Grund, unruhig zu seyn; denn er erinnerte sich, daſs er wegen Burley's Beherbergung dem Geselze verantwortlich war. Die Wittwe Magdalis Headrigg stand in ängst- licher Unentschlossenheit, zwischen der Furcht für ihres Sohnes Leben und dem übertriebenen, begeisterten Eifer schwankend, der ihr Vorwürfe machte, dafs sie eingewilligt hatte, ihre Glau- bensmeinungen auch nur stillschweigend zu ver- läugnen. Die andern Dienstboten bebten, ohne zu wissen, warum. Luthbert allein safs mit der unbeschreiblich gleichgültigen und dummen Miene da, die ein Schottischer Landmann zu Zeiten so gut, als eine Larve für eine nicht ge- 148 ringe Schlauheit und List zu gebrauchen weits; er fuhr fort, mit vollem Löffel seine Suppe zu schlürfen, und indem er den groſsen Napf, worin diese war, vor sich geschobet natte, verhalf er sich in der allgemeinen Verwirrung zu einem siebenfachen Antheil. «Was steht Euch zu Diensten, Ihr Herren?“ sprach Milnwood, sich vor den Söldnern der Ge- walt tief verneigend. Wir kommen in des Königs Namen,“ ant- wortete Bothwell.«Was zum Henker, lafst Ihr uns so lange vor dem Thore warten 5* «Wir waren bey Tische,“ versetzte Milnwood, und das Thor war verschlossen, wie's auf den Gütern hier zu Lande präuchlich ist. Aber ge- wiſs, Ihr Herren, hätte ich gewuſst, daſs Diener unsers guten Königs vor dem Thore ständen— Doch, Ihr trinkt ja wohl ein Gläschen Bier oder Branntweinb— oder einen Schluck Canarien- sekt— oder Wein 5— Er machte zwischen jedem Anerbieten eine lange Pause, wie ein geiziger Bieter in einer Versteigerung, der immer zaudernd sein Gebot für einen geliebten Gegen- stand erhöht. „Wein für mich! rief Einer. „Mir lieber Bier,“ sagte ein Andrer,«wenn’s nämlich rechter guter Gerstensaft ist.“ «Besserer ist nie gebrauet worden,“ versetzte Milnwood; vom Weine kann ich das nicht 149 rühmen, er ist nur leicht und matt, meine Herren!* «Durch Branntwein läfst sich das gut machen,“ sagte der Dritte. Ein Clas Branntwein auf drey Gläser Wein, so knurrt's nicht im Magen.“ Branntwein, Bier, Sckt und Wein,“ sprach Bothwell, alles wird gekostet, und was am besten schmeckt, dabey bleiben wir. Das wäre vernünftig gesprochen, und wenn's der verfluch- teste Whig in ganz Schottland gesprochen hätte.“ Hastig, aber mit einem widerstrebenden Zuk- ken der Gesichtsmuskeln, zog Milnwood zwey mächtige Schlüssel heraus und übergab sie der Haushälterin. «Die Haushälterin,“ fuhr Bothwell fort, in- dem er einen Sessel herbeyzog, und sich darauf warf,«ist weder so jung noch so hübsch, daſs Jemand in Versuchung kommen könnte, ihr in den Keller zu folgen, und's ist auch vor'n Teufel niemand hier, statt ihrer zu schicken. Was ist denn das po unterbrach er sich, mit der Gabel in der Brtihe suchend, und eine Hammelrippe auffischend.«Fleischb Ich könnte auch wohl ein Bissen essen. Uh, das ist zäh, als ob's des Teufels Croſsmutter gekocht hätte!» «Wenn etwas Besscres im Hause ist— her!“ satte Milnwood, bestürzt über diese Zeichen von Mitsbilligung. 15⁰ «Nein, nein!“ erwiederte Bothwell. Es ist nicht der Mühe wérth, ich muſs nun an mein Geschäft gehn. Wie ich höre, Herr Morton, haltet Ihr Euch zu dem presbyterianischen Pfarrer Pfundtext 5. Milnwood eilte, seiner Bejahung eine Entschul- digung folgen zu lassen;«Nach der Erlaubnifs seiner allergnädigsten Majestät und der Regie- rung; denn ich würde nie ctwas wider die Ge- setze thun— ich habe gar nichts gegen die Fest- setzung eines gemäſsigten bischöflichen Kirchen- wesens. Seht,'s ist nur, weil ich auf dem Lande erzogen bin; unsere Prediger sind eine schlichte, einfältige Art Menschen— da kann ich ihre Lehren besser fassen, und mit Eurer Erlaubniſs, Herr Wachtmeister, es ist auch eine wohlfeilere Einrichtung für's Land.“ 4 «Gut, das geht mich nichts an,“ erwiederte Bothwell;«es ist ihnen erlaubt, und damit ist's abgethan. Freylich, wenn ich die Cesetze zu geben hätte, es sollte kein einziger Rundkopf von dem ganzen Packe auf einer Schottischen Kanzel bellen; allein ich muſs den Befehlen gehorchen. Da kommt ja zu trinken. Setzt es hin, gutes Altchen!» Er goſs ungefähr die halbe Flasche Wein in einen hölzernen Becher und leerte ihn auf einen Zug. 5 «Ihr habt Eurem guten Weine unrecht gethan, 151 mein Freund, er ist besser, als Euer Branntwein, aber auch der ist gut. Wollt Ihr mit mir auf des Königs Gesundheit trinken ⁵ «Mit Vergnügen,“ erwiederte Milnwood; aber in Bier— denn ich trinke niemals Wein. Ich halte nur ein klein wenig für geehrte Freunde.“ «Wie ich bin, nicht wahr 59 fragte Bothwell, und die Flasche Heinrich zuschiehend, setzte er hinzu:«Hier, junger Mann, trinkt Ihr des Kö- nigs Gesundheit!“ Heinrich füllte schweigend ein mäſsiges Clas, ohne auf die Winke und Stöſse seines Oheims zu achten, der ihm anzudeuten schien, daſs er seinem Beyspiel folgen, und Bier dem Weine vorziehn sollte. «Nun,“ sagte Bothwell,«haben Alle Gesund- heit getrunken d Wer ist das alte Weib dan? Gebt ihr ein Glas Branntwein: sie soll auf des Königs Wohhl trinken!“* «Mit Eurer Gnaden Erlaubniſs,“ hob Luthbert mit einem äusserst dummen Gesicht an: das ist meine Mutter. Sie ist stocktaub, lieber Herr; aber wenn's Euer Cnaden gefällt, ich bin bereit, für sie so viele Gläser Branntwein zu trinken, als Ihr für nothwendig haltet.“ «Darauf wollt' ich schwören,“ antwortete Both- well.„Du siehst mir gerade aus, wie einer, der's mit dem Branntwein hält. Lange selber zu, Bursche; alles ist frey, wohin ich komme. Tom, lals dem Mädchen auch einen guten Becher voll zukommen, so ein schmutziges Ding wie sie auch ist. Schenkt rund herum noch einmal ein! Dies bring' ich unserm edeln Befehlshaber, dem Oberst Graham von Claverhouse!— Was Teufel stöhnt da das alte Weib? Sie sicht so verstockt aus, wie nur je ein Erzwhig auf seinem Berge. Hört, gute Frau, entsagt Ihr dem Covenant 5 Was für ein Covenant meinen Euer Gnaden 5 fiel Luthbert ein.«Meint Ihr den Covenant der Werke, oder den der GCnade b“ «Irgend einen; alle Covenants, die je ausge- brütet wurden,“ antwortete der Reiter. «Mutter,“ schrie Luthbert, indem er sich ge- behrdete, als spräche er mit einer Tauben:«der Herr will wissen, ob Ihr dem Covenant der Werke entsagt «Von ganzem Herzen, Luthbert, sagte Magda- lis,«und bete, daſs meine Füfse von seiner Schlinge erlöst werden mögen.“ «EN,“ versetzte Bothwell,«dies alte Mütter- chen ist ja freymüthiger geworden, als ich erwartet hatte. Noch einmal den Becher herum, und dann an's Geschäft!— Ihr habt ohne Zweifel Alle von dem schrecklichen und grausamen Morde gehört, der von zehn bis eilf bewaflneten Schwärmern an dem Erzbischof von Andreas begangen ist? Alle waren bestürzt und sahen einander an. Endlich sagte Milnwood: sie hätten etwas von „ 153 solchem Unglück gehört, indessen gehofft, es sey nicht wahr. «Hier ist die öffentliche Bekanntmachung der Regierung, alter Herr! Was denkt Ihr davon Po «Denken, Herr?— Was— was nur dem Staatsrathe beliebt, das man davon denken soll,“ stammelte Milnwood. Ich will Eure Meinung genauer ausgedrückt haben, mein Freund,“ sagte der Dragoner, sich in die Brust werfend. Milnwoods Augen überliefen eiligst das Blatt, um die strengsten Ausdrücke der Miſsbilligung, von denen es voll war, heraus zu lesen, und es halfen ihm dabey nicht wenig die ausgezeichnet gedruckten Worte. «Ich halte es für einen— blutigen und ab- scheulichen— Mord und Todtschlag— von teuf- lischer und unversöhnlicher Grausamkeit einge- geben— höchst verabscheuungswürdig und— eine Schande für das Land.“ «Cut gesagt, alter Herr!“ hob der Frager wie- der an. Das bring' ich Euch, und ich wünsche, Ihr mögt Eure guten Grundsätze genieſsen. Ihr müſst mir danken mit einem tüchtigen Schluck, dals ich sie Euch gelchrt habe; aber Du muſst mir in Seckt Bescheid thun— saures Bier be- kommt einem treuen Magen schlecht.— Nun kommt die Reihe an Euch, junger Mann. Was denkt Ihr von dieser Sache?" 154 aIch würde nicht Anstand nehmen, Euch zu antworten,“ erwiederte Heinrich,«wenn ich nur wüſste, welch Recht Ihr zu der Frage habt.“ «Cott bewahre uns,“ rief die alte Haushälterin, eso was einen Soldaten zu fragen! Jedermann weiſs ja, die können im ganzen Lande thun, was sie wollen, mit Mann und Weib, mit Vieh und Menschen.“ Der alte Herr rief mit eben dem Schreck über seines Neffen Kühnheit:«Schweig, Bursche, oder antworte dem Herrn bescheidentlich! Willst Du des Königs Ansehn in’ der Person eines Unter- officiers von der Leibwache beschimpfen? «Schweigt Ihr Alle! schrie Bothwell, und schlug heftig mit der Hand auf den Tisch. Jeder sey still und höre mich.— Ihr wollt wissen, Herr Junker, welch Recht ich habe, Euch zu fragen,“ fuhr er, zu Heinrich gewendet, fort: „Meine Cocarde und mein Säbel sind mein Pa- tent, und ein besseres, als je der alte Cromwell seinen Rundköpfen gegeben hat; und wenn Ihr mehr davon wissen wollt, so seht nur in diese Verordnung, die Seiner Majestät Officiere und Soldaten ermächtigt, verdächtige Leute aufzu- spüren, auszuforschen und zu ergreifen. Und darum frage ich Euch noch einmal um Eure Meinung von dem Tode des Erzbischofs Sharpe; es ist ein neuer Prüfstein, der uns sagt, von welchem Metalle die Leute sind.“ * 155 Heinrich hatte unterdessen überlegt, dafs er ohne Nutzen das Haus seines Oheims in Gefahr bringen würde, wenn er es unternähme, sich der willkührlichen Cewalt, die in so rohe Hände gelegt war, zu widersetzen. Er überlas demnach den Bericht und versetzte gefaſst:«Ich nehme keinen Anstand zu sagen, daſs die Urheber dieses Meuchelmordes, nach meiner Meinung, eine unbesonnene und schlechte That begangen haben, was ich um so mehr beklage, da ich voraus sehe, dafs man eine Veranlassung darin finden wird, gegen viele Menschen zu handeln, die keinen Antheil an der That haben, und eben so weit entfernt sind, sie zu billigen, als ich selber.“ Während Heinrich so sprach, schien Both- well, der seine Augen scharf auf ihn gerichtet hatte, plötzlich sich seiner Züge zu erinnern. «Aha, Freund Papagey-Hauptmann! ich den- ke, ich hab’ Euch schon einmal gesehen, und zwar in sehr verdächtiger Cesellschaft.“ Ich habe Euch drüben im Wirthshause ge- sehn,“ antwortete Heinrich. „Und mit wem verliefst Ihr das Wirthshaus, mein Junkerchen— war's nicht Johann Balfour von Burley, einer von den Mördern des Erz- bischofs 55 «Ich verlieſs das Wirthshaus mit dem Manne, den Ihr nennt,“ erwiederte Heinrich;«ich ver- schmähe es zu verläugnen. Aber ihn für einen 156 Mörder des Primas zu halten, war ich um so entfernter, als ich zu jener Zeit von dem began- genen Verbrechen nicht einmal etwas wuſste.“ «Gott sey mir gnädig, ich bin zu Grunde ge- richtet! Ganz zu Grunde gerichtet und verloren!* rief Milnwood. Der Junge wird sich um den Hals reden, und mich um all' mein Hab' und Gut bringen, bis auf den grauen Rock, den ich auf dem Leibe habe.“ Aber Ihr wuſstet,“ fuhr Bothwell, gegen Hein- rich gewendet, fort, ohne auf des Oheims Un- terbrechung zu achten: daſs er ein widerspen- stiger Presbyterianer, ein Verräther war, und kanntet das Verbot, mit solchen Leuten Gemein- schaft zu halten. Ihr wuſstet, dafs es Euch, als einem treuen Unterthanen, unter den strengsten Strafen verboten war, diesen überwiesenen Ver- brecher zu beherbergen, zu unterstützen, oder mit ihm mündlich, schriftlich oder durch Bot- schaft zu verkehren, so wie ihm Essen und Trin- ken, Dach und Fach oder Herberge zu geben. Ihr wuſstet das Alles, und doch brachet Ihr das Cesetz?“* Heinrich schwieg. „Wo trenntet Ihr Euch von ihm P“ sprach Bothwell weiter:«Auf der Landstraſse?b Oder beherbergtet Ihr ihn vielleicht in diesem Hause?" «In diesem Hause!“ rief der Cheim.«Nicht für sein Leben hätte er's wagen dürfen, einen Verräther in mein Haus zu bringen.“ 157 «Wagt er es zu läugnen 5“ sagte Bothwell. Da Ihr es mir als ein Verbrechen Schuld gebet,“ versetzte Heinrich,«wiirdet Ihr mir es verdenken, wenn ich irgend etwas sagte, was mich anklagen könnte ⁵» « meine Ländereyen, meine schönen Lände- reyen!» rief Milnwood. Zweyhundert Jahre lang haben sie dem Hause Morton gehört, alles soll nun zerstieben und zerfliegen!“ «Nein, Oheim,“ erwiederte Heinrich, Ihr sollt nicht meinetwegen leiden. Ich gestehe,“ fuhr er, gegen Bothwell gewendet, fort,«ich habe jenem Manne ein Nachtquartier gegeben, als einem alten Waffenbruder meines Vaters. Allein es war nicht allein ohne meines Oheims Wissen, sondern seinem ausdrücklichen, allge- meinen Verbot entgegen. Wenn mein Zeugniſs gegen mich vollgültig ist, wird es, hoff' ich, auch genug seyn, meines Oheims Unschuld zu beweisen.“ «Hört, junger Mann,“ hob der Kriegsmann, in einem etwas mildern Tone, wieder an: Ihr seyd ein ganzer Kerl, und es thut mir Leid um Euch; auch Euer Cheim ist ein Ehrenmann, der es mit seinen Cästen besser meint, als mit sich selber, wie ich sehe; denn uns gibt er Wein, und selber trinkt er sein dünnes Bier. Sagt mir Alles, was Ihr von diesem Burley wiſst, was er sprach, als Ihr Euch von ihm trenntet, wohin 158 er ging und wo man ihn wohl finden könnte, und, bey meiner armen Seele! ich will über Euren Antheil an der Geschichte so durch die Finger schen, als es meine Pflicht nur immer erlaubt. Es stehen tausend Mark auf des Mör- ders Kopf— und man könnte leicht—— Nun, heraus damit! Wo trenntet Ihr Euch von ihm p «Entschuldigt mich, daſs ich diese Frage un- beantwortet lasse,“ erwiederte Morton.„Die- selben dringenden GCründe, die mich bestimmten, ihn mit groſser Gefahr für mich und meine Freunde aufzunehmen, würden mir gebieten, sein Geheimniſs zu ehren, wenn er mir wirklich eins anvertraut hätte.“ So weigert Ihr Euch also, mir eine Antwort zu geben?“ fragte Bothwell. «Ich habe keine zu geben,“ erwiederte Heinrich. «Vielleicht könnte ich Euch lehren, eine zu finden, wenn ich Euch ein Stückchen brennenden Schwefelfaden zwischen die Finger binden lieſse,“ versetzte Bothwell. «O um des Himmels willen, lieber Herr,“ sagte Frau Liese heimlich zu Milnwood: agebt ihm Celd, sie wollen nur Geld haben, sie er- morden den Junker Heinrich und dann Euch selber.“ Milnwood stöhnte vor Bestürzung und Kummer, und mit einem Tone, als wolle er eben den Geist aufgeben, rief er:«Wenn zwanzig— Pfund 159 — zwanzig— die unglückliche Ceschichte bey- legen können— Mein Herr,“ wiederholte Liese dem Wacht- meister,«will zwanzig Pfund Sterling geben.“ Pfund Schottisch*)— Du Gans!»— fiel Miln- wood ein; denn die Todesangst des Geizes lieſs ihn die gewohnte Achtung vor der Haushälterin vergessen. «Zwanzig Pfund Sterling,“ fuhr Frau Wilson fort,«wenn Ihr die Güte haben wolltet, des jungen Menschen Fehltritt zu übersehen. Er ist so trotzig, Ihr könnt ihn in Stücken reissen und Ihr werdet kein Wort aus ihm herauskriegen. Und was könnt'’ es Euch helfen, seine hübschen Fingerchen zu verbrennen.“ «Je nun,“ sprach Bothwell unschlüssig. Ich weiſs nicht— manche von meinem Handwerk würden das Geld nehmen und die Gefangenen oben drein. Aber ich habe ein Gewissen, und wenn Euer Herr das Anerbieten genehmigen will und Bürge werden, seinen Neffen zu stellen, und wenn jeder im Hause den GClaubenseid ablegen will, so könnt' ich allenfalls...» ja, ja, lieber Herr,“ rief Frau Wilson, welchen Eid, welchen Schwur Ihr nur wollt!“* Dann flüsterte sie ihrem Herrn zu:«Macht, Herr, *) Ein Pfund Schottisch ist noch nicht der zwölfte Theil eines Pfundes Sterlinge. 160 und holt das Celd, oder sie stecken uns das Haus über dem Kopfe an.“ Der alte Milnwood warf einen kläglichen Blick auf seine Rathgeberin, und entfernte sich so langsam, wie ein Holländisches Uhrwerk, seine gefangenen Goldstücke in Freyheit zu setzen, und sie an das verderbliche Licht zu bringen. Unterdessen fing der Wachtmeister Bothwell an, den Glaubenseid mit all der Feyerlichkeit abzu- nehmen, die sich erwarten lieſs, fast gerade, wie er noch jetzt im königlichen Zollhause geschwo- ren zu werden pflegt. Ihr, wie heifst Ihr, Alte 5“ Elisabeth Wilson, werther Herr.“ Ihr, Elisabeth Wilson, erkläret, bekräftiget und beschwöret feyerlich, daſs Ihr es den Unter- thanen für unerlaubt haltet, sich unter dem Vor- wande der Verbesserung, oder aus irgend einem andern Vorwande, in Bündnisse und Vereinigun- gen einzulassen——»). Hier ward die Feyerlichkeit durch einen Streit zwischen Luthbert und seiner Mutter unterbro- chen, der lange flüsternd geführt ward, und endlieh hörbar wurde.. Still, Mutter, still!'s wird sich schon machen lassen; still nur,'s wird schon gehn.“ cIch will nicht still seyn, Luthbert,“ erwie- derte die Mutter.„Ich will meine Stimme erhe- ben und nicht schonen; ich will verwirren die 161 sündigen Menschen, und selbst den Mann im Scharlachkleide, und meine Stimme soll Junker Heinrich erlösen aus den Netzen des Vogel- stellers.» «Nun sind die Schleusen los,“ rief Luthbert; hemme die Fluth, wer's kann! Ich sehe sie schon hinter einem Dragoner auf dem Wege ins Gefängniſs; und mich seh' ich schon einem Pferde unter den Bauch gebunden. Ja, sie hat ihre Rede schon fertig. Da stehet sie— nun kommt's heraus, und wir sind alle verloren mit Kind und Kegel.“ «Und Ihr wollt herkommen.2 begann Magdalis, indem sie ihre welke Hand erhob, und die schar- Sohnes Ermahnungen sie vermocht hatten: und Ihr wollt herkommen mit Euren seelenverder- benden, heiligenverführenden und gewissenver- wirrenden Eiden und Schwüren, mit Euren Schlingen und Fallstricken p Wahrlich, umsonst spannt Ihr das Neiz aus vor den Augen des Vogels!“ Ey, was der Henker, Alte!“ sagte der Kriegs- mann.«Seht da ein Wunder! Das alte Weib hat Zunge und Ohren wieder bekommen, und nun kann's an uns kommen, taub zu werden. 71. 3 L Aber seyd stille und bedenkt, mit wem Ihr sprecht, Ihr alte Gans!* Mit wem ich rede? O das leidende Land weiſs nur zu wohl, wer Ihr seyd! Gottlose An- hänger der Bischöfe seyd Ihr, unreine Stützen seiner schwächlichen, schmutzigen Sache, plut- dürstige Raubthiere, und eine Last auf Erden.“ «Bey meiner armen Seele,“ rief Bothwell, so erstaunt, wie ein Bullenbeisser seyn müfste, wenn eine Glucke gegen ihn ihre Jungen ver- theidigen wollte:«in meinem Leben hab' ich noch nicht solches schönes Zeug gehört. Könnt Ihr uns nicht mehr davon zum Besten geben?“ „Noch mehr solche Wortebn sprach Magdalis, und als sie durch Räuspern ihre Stimme gerei- nigt, fuhr sie fort: Ich will Zeugniſs ablegen gegen Euch, einmal für allemal. Philister seyd Ihr und Edamiter, Leoparden seyd Ihr, und Füchse, Nachtwölfe, die, ehe der Morgen graut, die Gebeine zernagt haben; elende Hunde, die rings um die Leute gehn;— stoſsende Kühe, und grimmige Stiere von Baschan; stechende Schlangen, im Namen und Wesen verwandt mit dem groſsen rothen Drachen; Offenbarung Jo- hannis. Kapitei 12, Vers 3 und 4. Hier hielt die alte Magdalis ein, wahrschein- lich mehr, weil es ihr an Athem, als weil es ihr an Stoff gebrach. 163 «Eine verſſuchte alte Hexe!“ sagte einer von den Dragonern;«knebelt ihr das Maul, und ins Hauptquartier mit ihr! Schämt Euch, Andreas,“ versetzte Bothwell; «hbedenkt, dafs die sute Frau zum schönen Ce- schlecht gehört, und sich blos des Vorrechts ihrer Zunge bedient. Aber hört einmal, Mätterchen, nicht jeder Stier von Baschan, und nicht jeder rothe Drache würde so höflich seyn, als ich, oder sich begnügen, Euch dem Gerichtsdiener zu übergeben, daſs er mit Euch ans Wasser ginge und Euch ein Bischen untertauchte. Indessen nehm' ich den jungen Mann mit ins Hauptquar- tier. Ich würde es segen meinen Obersten nicht verantworten können, wenn ich ihn in einem Hause lieſse, wo ich so viel verrätherisches und fanatisches Zeug gehört habe.“ «Da seht Ihr, Mutter, was Ihr gemacht habt,“ flüsterte Luthbert. Die Philister, wie Ihr sie nennt, schleppen den Junker Heinrich weg; der Teufel hol' Euer Geschwätz!» «Halt's Maul, Du feiger Schlingel,“ sagte die Mutter, und bringe keinen Tadel auf mich; wenn Ihr, Du und die hirnlosen Fresser da, die da stehen und die Cottlosen angallen, wie die Kuh das neue Thor, wenn Ihr Zeugniſs ablegtet mit Euren Händen, wie ich Zeugniſs abgelegt mit meiner Zunge, sie sollten nimmermehr den 164 herrlichen Jüngling fort in die Gefangenschaft führen!“ Während dieses Streites hatten die Kriegsleute bereits ihren Gefangenen gebunden. Milnwood kam in diesem Augenblicke zurück. Bestürzt, als er diese Vorbereitungen sah, reichte er schnell, jedoch nicht ohne manchen schweren Seufzer, die Coldbörse, die er als Lösegeld für seinen Neſlen hatte versprechen müssen, hin. Der Kriegsmann nahm den Beutel mit einer gleich- gültigen Miene, wog ihn in der Hand, warf ihn in die Höhe, und fing ihn wieder auf. Dann sagte er, den Kopf schüttelnd:«*⁸ steckt manche lustige Nacht in diesem Coldfinkenneste, aber, Gott straf' mich! ich wag's doch nicht dafür; das alte Weib hat zu laut gesprochen und vor allerley Leuten. Hört, alter Herr,“ fuhr er, zu Milnwood gewendet, fort,«ich mufs Euren Neflen mit ins Hauptquartier nehmen; ich kann also mit gutem Gewissen nicht mehr nehmen, als mir für das Celeit gebührt.“ Er öffnete die Börse, gab jedem der Dragoner ein Geldstück und nahm drey für sich. ³ Nun,“ setzte er hin- zu, habt Ihr den Trost, dafs Euer Vetter, der junge Papageyhauptmann, sorgsam un höflich behandelt werden wird, und das übrige Geld geb' ich Euch zurick.“ Milnwood streckte begierig seine Hand aus. 165 «Aber Ihr wiſst,“ fuhr Bothwell fort, immer noch mit dem Beutel spielend,«jeder Hausherr ist verantwortlich für die Religion und die Treue seiner Hausgenossen, und meine L eute sind nicht verbunden, zu verschweigen, was wir für eine schöne Predigt von dem alten puritanischen Weibe gehört haben; Ihr müſst einsehn, daſs es Euch eine schwere Geldstrafe zuziehn wird, wenn Ihr angegeben werdet.“ Lieber Herr Wachtmeister— edler Herr Hauptmann,“ rief der erschrockne Geizhals, ich bin gewifs, es ist Niemand in meinem Hause, so viel ich weiſs, der ein Kergerniſs geben könnte.“ «Nun,“ versetzte Bothwell,„Ihr sollt sie selbst ihr Zeugniſs ablegen hören, wie sie's nennt. Du, Bursche,“ sagte er zu Luthbert, atritt zurück, und lafs Deine Mutter nach Herzenslust reden. Ich sehe, sie hat wieder geladen und Pulver auf die Pfanne geschüttet, seit ihrem letzten Ab- feuern.“ «Mein Cott, edler Herr,“ erwiederte Luthbert, a's ist nicht der Mühe werth, dafs Ihr um eines alten Weibes Zunge willen so viel Aufhebens macht. Mein Vater und ich, wir haben uns nie viel aus dem Gerede meiner Mutter gemacht.“ «Sey Du still, Bürschchen, so lange Dir's noch gut geht,“ erwiederte Bothwell. Ich merke, Du bist kluger, als Du scheinen willst. Kommt, Mütterchen, Euer Herr will nicht glauben, daſs Ihr ein so herrliches Zeugniſs geben könnt.“ Magdalis Eifer bedurfte dieses Sporns nicht, um sich noch einmal in vollen Lauf zu setzen. Wehe den Willfährigen und ſteischlichen Selbstsiichtigen,“ hob sie an,«die ihr Gewissen betäuben und ersticken, indem sie nachgiebig sind gegen boshafte Erpressungen, und den Mam- mon der Ungerechtigkeit geben den Belialssöhnen, daſs sie Frieden mit ihnen machen! Es ist eine sündhafte Nachgiebigkeit, ein schädliches Bünd- niſs mit dem Feinde. Es ist das Böse, so Me- nahan beging im Angesicht des Herrn, als er dem Pfuhl, König von Asyrien, tausend Ceniner Silber gab, auf dafs seine Hand mit ihm sey; so steht geschrieben im zweyten Buch der Könige Kapitel 15, Vers 18. Es ist die böse That des Ahas, als er Celd sendete dem Tiglath Pilasser, siehe dasselbige Buch der Könige Kapitel 16, Vers 8. Und wenn es selbst dem frommen Hiskia als ein Abfall zugerechnet wurde, dafs er dem Sanherib nachgab und ihm Celd schickte, und sich erbot, zu tragen, was ihm auferlegt wurde (siehe dasselbige Buch der Könige Kapitel 18, Vers 14 und 15); so ist es gleicher Weise mit denjenigen, die unter diesem halsstarrigen und abtrünnigen Geschlechte Steuern und Gebühren, Schatzungen und Celdbuſsen zahlen den gierigen und ungerechten Zöllnern, und Erpressungen 167 und Lohn den gedungenen Pfaffen— den stum- men Hunden, die nicht bellen, die nur liegen und schlafen, und sich der Trägheit ergeben— und Gaben darbringen, um unsern Unterdrük- kern und Verderbern zu helfen und zu dienen. Sie sind alle, wie jene, so mit ihnen das Loos werfen, wie jene, die den Tisch decken dem Volke und einen Labetrunk geben der Menge.“* «Das ist eine hübsche Lehre für Euch, Herr Morton,“ sagte Bothwell zu Milnwood. Wie gefällt Euch dasb Oder wie meint Ihr, das es dem hohen Rathe gefallen wird? Ich denke, wir werden wohl das Meiste im Kopfe behalten, ohne daſs wir eine Feder nöthig haben und eine Schreib- tafel, wie Ihr sie mit in Eure heiligen Versamm- lungen bringt. Nicht wahr, keine Schatzungen will sie zahlen, Andres 5" 3 «Schwere Noth, ja, und sie schwört, es sey Sünde, dem Kriegsvolke einen Krug Bier zu geben, oder einen davon mit an den Tisch zu lassen.“ «Da hört Ihr's,“ fuhr Bothwell zu Milnwood fort; aber das ist Eure Sache.“— Bey diesen Worten reichte er ihm mit gleichgültiger Miene den Beutel mit dem verminderten Inhalt zurück. Mlilnwood, der von all dem Mifsgeschick, das auf ihn einstürmte, ganz betäubt zu seyn schien, estreckte unwillkührlich die Hand darnach aus. «Seyd Ihr verrückt?v raunte ihm die Haushäl- terin zu.«Sagt ihm, sie möchten's behalten. Sie werden's doch bekommen, im Bösen oder Guten, und für uns ist's ein Glück, wenn wir sie ruhig machen.“ „Ich kann's nicht, Liese, ich kann's nicht,“ seufzte Milnwood in der Betrübnifs seines Her- zens. Ich kann mich von dem Celde nicht trennen, ich hab's so oft gezählt; und den Schurken!“ 8 Dann muſs ich's thun,“ erwiederte die Haus- hälterin,«oder alles geht drunter und drüber. Mein Herr,“ fuhr sie fort, sich an Bothwell wen- dend,«kann ohnmöglich etwas aus der Hand eines so ehrenwerthen Herrn, wie Ihr seyd, zu- rück nehmen. Er bittet Euch flehentlich, das Geld zu behalten und so gut gegen seinen Neffen zu seyn, als Ihr könut. Macht nur einen günsti- gen Bericht von unsern Gesinnungen bey der Re- gierung, und lafst uns das abgeschmackte Ce- 4 schwätz eines alten Weibes nicht enigelten.“ Hier sah sie Magdalis grimmig an, um sich für die Anstrengung zu entschädigen, die ihr ihr freundliches Betragen gegen die Kriegsleute kostete. „ Das alte aufrührerische Thier ist erst seit gestern Nachmittag im Hause, und soll mir nicht wieder über die Schwellen, wenn ich sie nur einmal heraus habe.* „ 169 «Ja, ja,“ sagte Luthßert,«ich hab's ja voraus gesagt. Ich wufste wohl, wir würden bald wieder unser Bündel schnüren müssen, wenn Ihr nur drey Worte zu Ende sprechen könntet. Ich hätte wetten wollen, daſs es so kommen würde, Mutter!* «Still, mein Sohn,“ erwiederte sie;«trag' un- ser Kreuz ohne Murren! Nicht wieder über ihre Schwelle? Wohlan, ich werde nie wieder dar. über kommen; es ist kein Zeichen auf ihrer Schwelle, dafs der Engel der Zerstörung vorüber gehen sollte. Sie werden noch seine Hand schwer fühlen, die so viel an das Ceschöpf und so wenig an den Schöpfer denken; so viel an weltliche Güter, und so wenig an den gebrochnen Bund; so viel an diese Paar Stücke von gelbem Unrath, und so wenig an das reine Cold der heiligen Schrift; so viel an die eignen Freunde und Ver- wandten, und so wenig an die Auserwählten, die geprüft werden mit Plagen, Hetzen, Suchen, Jagen, Verfolgen, Fangen, Kerker, Marter, Ver- bannung, Köpfen, Hängen, Rädern und Vier- theilen; nebst den Hunderten, die aus ihrer Wohnung getrieben sind in die Wüste, in die Gebirge, in die Haiden, die Moore, die Süm- pfe und Schachten, wo sie Gottes Wort geniefsen, wie heimlich verzehrtes Brod!“ «Die gehört zum Covenant, Wachtmeister,“ sagte Einer von den Soldaten;«sollen wir sie picht mitnehmen?“ 170 „Den Henker auch!“ erwiederte Bothwell leise; aseht Ihr denn nicht ein, dafs es besser ist, sie bleibt, wo sie ist, so lange wir einen so ehren- werthen Bürgen, so eine Goldquelle hier haben, wie den Herrn Morton von Milnwood, der ihre Vergehungen büfsen kann? Lafst nur die Alte immerhin was Neues aushecken; die ist zu zähe, als daſs mit ihr selbst was anzufangen wäre.— Nun,“ setzte er laut hinzu,«noch einmal ge- trunken! Milnwood und sein Haus, und ein baldiges frohes Wiedersehn!— Was wohl nicht so weit entfernt seyn wird, wenn er solch fana- tisches Volk bey sich behält.“ Er befahl darauf seinen Leuten aufzusitzen, und nabm das beste Pferd aus Milnwoods Stall für des Königs Dienst, den Gefangenen wegzu- schaffen. Frau Wilson packte ihrem jungen Herrn für seine gezwungene Reise mit weinenden Augen ein kleines Bündel, und während sie ge- schäftig hin und her ging, fand sie Gelegenheit, von den Uebrigen unbemerkt ihm etwas Geld in die Hand zu stecken. Bothwell und die Reiter hielten sonst Wort, und liefsen es nicht an Höf- lichkeit fehlen. Sie banden den Gefangenen nicht, sondern beguigten sich, sein Pferd in die Mitte zu nehmen. Unter fröhlichem Gelächter ritten sie nun von dannen, und liefsen in Miln- woods Hause groſse Verwirrung zurück. Der alte Merr, durch den Verlust seines Neflen und die ——— 171 fruchtlose Aufopferung von zwanzig Pfund Ster- ling ganz zu Boden gedrückt, that den ganzen Abend nichts, als sich in seinem groſsen lerdhr- nen Armsessel hin und her wiegen, hundertmal die jammernden Worte wiederholend: αᷣα Zu CGrunde gerichtet von allen Seiten! CGanz zu Crunde gerichtet! Mit Leib und Gut! Leib und Gut!* Der Schmerz der Frau Elisabeth Wilson ward zu gleicher Zeit gemehrt und gemindert durch den Strom von Schmähungen, mit dem sie Mag- dalis und Luthbert auf der Stelle aus Milnwood vertrieb. Ich wollte, der Teufel führ' Dir in die Glie- der, Du altes Schandmaul! Den schmucksten Jungep in Clydesdale hast Du ins Unglück ge- bracht durch Dein unsinniges Gewäsch.“ „Ceht nur,“ erwiederte Magdalis;«ich sche, Ihr seyd noch in den Banden der Sünde und in der Galle der Bosheit, denn Ihr murret über Euer Bestes und Herrlichstes, in dessen Sache der Euch Alles gab, was Ihr habt. Aber ich sage Euch, ich that so viel für Junker Heinrich, als ich für mein eignes Kind gethan haben würde; denn sollte Luthbert würdig befunden werden, Zeugniſs abzulegen auf dem Grasmarkt*)—* *) Der Plat. der Hinrichsang in Edinhurg. —— 17². «Damit ist's schon auf gutem Wege,“ ffel Liese ein,«wenn Ihr beyden Euch nicht anders besinnt.“ Und wenn,“ fuhr Magdalis fort, ohne auf die Unterbrechung zu achten,«und wenn die blut- dürstigen Docgs und die schmeichelnden Ziphyten kämen, und wollten mich fangen und prüfen, mit dem Versprechen seiner Erlösung um sündi- ger Willfährigkeit, so würde ich dennoch ver- harren, und Zeugniſs ablegen gegen die Päpstler, die Prälatisten, Antinoministen, Erastianisten, Lapsarianisten, Sublapsarianisten, und die Sün- den und Fallstricke der Zeit. Ich wollte schreyen, wie ein Weib in Kindesnöthen, gegen die schänd- liche Vergünstigung, die ein Stein des Anstoſses gewesen ist für die Lehrer— ich wollte meine Stimme erheben wie ein gewaltiger Prediger—" So seyd doch still, Mutter!“ fiel Luthbert ein, und zog sie mit Gewalt fort.«Macht doch die Frau nicht taub mit Eurem Zeugniſs! Ihr habt nun genug gepredigt für eine ganze Woche; Ihr habt uns um Haus und Hof gepredigt, und aus dem neuen Zufluchtsorte, ehe wir einmal darin recht eingesessen waren. Und den Junker Heinrich habt Ihr in das Gefängniſs gepredigt, und dem Herrn zwanzig Pfund aus der Tasche, von denen er sich so ungern zu trennen scheint. Aber nun lafst's eine Weile gut seyn, und pre- digt mich nicht an den Strick. Kommt nur, 175 kommt nur fort! Hier im Hause haben sie genug von Eurem Zeugnisse gehört, um es eine Zeitlang nicht zu vergessen.“ Mit diesen Worten zog er die alte Magdalis fort, auf deren Zunge noch die Worte: Zeugniſs — Covenant— Cottlose— Abfall— bebten, um sich sogleich von neuem auf den Weg zu machen, eine andere Freystätte zu suchen. «Das aberwitzige, garstige, verriickte Weib!“ rief die Haushälterin, als sie sie ziehn sah.«Sie glaubt wohl gar, sie ist besser als andere Leute, die alte Hexe; nnd bringt so viel Unheil in ein stilles, friedliches Haus! Wenn sich's für mei- nen Stand geschickt hätte, alle meine zehn Nägel sollten auf ihrer Haut zu sehen seyn.“ 17 4 74 ———'————-————ʃ̃—ℳ K * Neuntes Kapitel. Teh bin der Sohn des Krieg's, war oft im Felde schon, Und meine Munden zeig' ich überall. Die ward mir für'’n Maid, und die im blut- gen Fereit, Als wir den Fransmann begrüſsten mit Trom- melschall. Burns. Seyd nicht so niedergeschlagen! sagte der Wachtweister Bothwell zu seinem Gefangenen, als sie nach dem Hauptquartier ritten.«Ihr seyd cin schmucker, hübscher Junge, und guter Leute Kind. Das Schlimmste, was geschehen könnte, wären Hiebe mit dem Steigbügelriemen ‚ und das begegnet manchem chrlichen Kerl. Ich sag's 175 Euch gerade heraus, das Gesetz könnte Euch wohl an den Hals kommen, wenn Ihr Euch nicht unterwerft, und Euch nicht mit einer Geldstrafe auf Eures Oheims Unkosten löst. Er kann ja bezahlen.“ «Das ist's, was mich mehr als alles andre quält,“ erwiederte Heinrich.« Er trennt sich höchst ungern von seinem Gelde, und da ich ganz ohne seine Mitwirkung jenem Mann Obdach für eine Nacht gab, so wünschte ich sehnlich, daſs mir, wenn ich der höchsten Strafe entgehe, eine auferlegt wurde, die ich allein zu tragen vermöchte.“ «Inun,“ versetzte Bothwell,«vielleicht schlägt man Euch vor, unter eines von den Schottischen Regimentern zu gehen, die im Auslande dienen. Und das ist kein übler Dienst. Sind Eure Freunde thätig, und es tretes einige Lücken ein, so könnt Ihr bald Officier werden.“ Ich weifs nicht,“ erwiederte Morton, ob solch ein Urtheil nicht das beste wäre, was mir begegnen könnte.“ Ey dann seyd Ihr auch kein wahrer Whig,“ sagte der Wachtmeister. 3 «Ich habe mich bis jetzt noch in keine Parthey im Staate eingelassen,“ versetzte Heinrich;«ich bin ruhig zu Hause geblieben, und habe bis- weilen ernsthaft daran gedacht, unter eines un- serer ausläudischen Regimenter zu gehen.“ „Habt Ihrb" entgegnete Bothweli. Nun, das macht Euch Ehre! Ich habe selber lauge Zeit unter der Schottischen Leibwache in Frankreich gedient. Der Teufel, das ist der Ort, Manns- zucht zu lernen! Kein Mensch bekümmert sich drum, was Ihr thut, wenn Ihr ausser Dienst seyd. Aber fehlt Ihr einmal beym Verlesen— da könnt Ihr sehn, wie es Euch ergeht. Sapperment! liefs der alte Hauptmann Montgommery mich nicht sechs Stunden in Einem Strich oben auf dem Arsenal in meinem Stahlpanzena Eisenhandschuh und schwerem Helm, in der brennenden Son- nenhitze, Wache stehen, daſs ich gebraten war, wie eine Taube im Port-royal? Ich schwor, der Franz Stuart sollte es sein Lebtage nicht wieder an der Antwort fehlen lassen, und sollte er auch die Karten zehnmal aus der Hand werfen müssen. Ach,'s ist ein schönes Ding um die Mannszucht!“ „ Sonst geſiel Euch der Dienst gutd“ fragte Heinrich. „Ueber die Maſsen wohl!» antworteéte Both- well. Weiber, Wein, Gelage— alles könnt Ihr beynahe umsonst haben; und wenn Ihr's über Euer Gewissen bringen könnt, einem fetten priester weifs zu machen, daſs er auf dem Wege sey, Euch zu bekehren, so verhilft er Euch selbst zu dergleichen Vergnügen, nur um bey Euch einen Stein im Brette zu bekommen. Könntet 177 Ihr wohl unter Euren rundköpfigen Whigs einen so gefälligen Pfaffen finden P“ «Keinesweges, ich gestehe es gern,“ entgegnete Heinrich;«aber worin bestand denn eigentlich Euer Dienstb“ «Den König mufsten wir bewachen, Freund- chen,“ antwortete Bothwell;«für die Sicherheit des grofsen Ludwigs sorgen, und dann und wann einen Tanz mit den Hugenotten machen, das heifst: den Protestanten. Da hatten wir freye Hand; und fünoden Dienst hier zu Lande ist mir'’s eine gute Schule gewesen. Aber hört, Ihr scheint ein buon camerado zu seyn, wie die Spa- nier sagen. Ich muſs Euch nur ein Paar von Eures alten Oheims Goldstücken in den Beutel stecken. Das ist Soldatenbrauch! 80 lange wir selber was haben, können wir einen braven Kerl nicht Mangel leiden sehn.“ Mit diesen Worten zog er seine Börse hervor, nahm etwas heraus und bot es Heinrich an, ohne es zu überzählen. Der junge Mann dankte, es anzunehmen, und da er es nicht gerathen fand, den Wachtmeister, trotz dessen anscheinender Freygebigkeit, wissen zu lassen, dafs er einiges Geld besitze, versicherte er ihn blos, er könne ohne Schwierigkeit Unterstützung von seinem Oheim erhalten. .e Gut,“ sagte Bothwell. Wenn das der Fall ist, so müssen diese goldnen Männerchen noch 7¹. 178 ein Bischen länger als Ballast in meiner Börse bleiben. Ich habe mir's zur Regel gemacht, ich gehe nie aus der Schenke(der Dienst müſste mich denn rufen), wenn mein Beutel noch so schwer ist, dafs ich ihn über das Schild werfen kann. Wenn er so leicht ist, daſs der Wind ihn zurück bläst, dann— gespornt und gesattelt— wir mäüssen ein Mittel finden, ihn wieder voll zu machen.— Aber was ist das für ein Schlofs, das von dem steilen Felsen herab aus dem dicken Walde hervorsieht?. Es ist das Schlofs Tillietudrem,“ sagte einer der Soldaten; die alte Frau Margarethe Bellen- den wohnt da, die bestgesinnte Frau im ganzen Lande, und eine Soldaten-Freundin. Ich habe einen Monat dort gelegen, als so ein verdammter Whig-Hund aus einem Versteck auf mich ge- schossen hatte, und ich wollte wohl noch eine solche Wunde aushalten, wenn ich wieder in so gutes Quartier käme.“ Wenn das ist,“ erwiederte Bothwell,«so will ich ihr im Vorbeygehn meine Aufwartung machen, und sie um einige Erfrischungen für Mannschaft und Pferde ersuchen. Ich bin schon wieder so aurstig, als ob ich gar nichts in Milnwood ge- trunken hätte. Es ist doch ein gutes Ding in dieser Zeit,“ fuhr er, zu Heinrich gewendet, fort, des Königs Soldat braucht bey keinem Hause vor- bey zu gehn, ohne eine Erfrischung zu begehren- 4179 In solchen Häusern, wie Tillie— wie heiſst's b — gibt man uns aus gutem Willen; in den Häu- sern der bekannten Schwärmer greifen wir mit Gewalt zu, und unter den gemäſsigtén Presby- terianern und andern verdächtigen Personen gibt man uns aus Furcht. So wird unser Durst immer auf eine oder die andre Weise gestillt.“ «Und Ihr wollt also hin auf das Schloſsb' fragte Heinrich ängstlich. «Freylich will ich das thun,“ antwortete Both- well. Wie könnte ich meinen Vorgesetzten Sünstigen Bericht von den guten Grundsätzen der ehrwürdigen Dame abstatten, wenn ich nicht ihren Sekt vorher gekostet hätteb Und Sekt wird sie mir vorsetzen, das ist so gut wie gewiſs. Das ist einmal der Trost und Hort der alten hochadlichen Wittwen, so wie matter Wein der Labetrunk Eurer Landjunker ist.“ «Wenn Ihr durchaus dahin wollt,“ hob Hein- rich wieder an,«so beschwöre ich Euch, nennt meinen Namen nicht, und setzt mich nicht den Blicken einer Familie aus, die ich kenne. Laſst mich unterdessen mich in den Mantel einer Eurer Reiter hüllen, und nennt mich nur im Allge- meinen einen Gefangenen unter Eurer Aufsicht.“ «Von Herzen gern,“ erwiederte Bothwell. Ich habe versprochen, Euch höflich zu behandeln, und mag mein Wort nicht brechen.— Höre, Andreas, schlage einen Mantel um den Gefan- 180 genen, und nennt seinen Namen nicht, und sagt auch nicht, wo wir ihn fest genommen haben, wenn Ihr nicht Lust habt, einen Ritt auf dem hölzernen Pferde zu machen.“ gie kamen nun an einen gewölbten Thorweg, der mit Schiefsscharten versehn und von Thürmen geschützt war, von welchen der eine ganz in Trümmern lag, ausgenommen, dafs das untere Stockwerk noch stand und nun dem Landmann, der den andern Thurm bewohnte, zum Kuhstall diente. Das Thor war, während der bürgerlichen Unruhen, von Monk's Kriegsleuten niedergerissen und nie wieder aufgebaut, war also Bothwell und seinen Begleitern kein Hinderniſs. Der Weg, der dazu führte, wand sich, schmal, steil, und mit groſsen runden Steinen gepflastert, an der Seite des schroffen Felsens im Zickzack herauf, und liefs die Hinaufreitenden bald die Burg mit zhren äussern Bollwerken, die sich hoch und steil über ihren Häuptern erhob, sehen, bald verbarg er qurch seine Krümmungen ihnen den Anblick. Die Ueberreste der alten Festungs- werke, welche sichtbar wurden, waren noch so stark, dafs Bothwell ausrief:«Es ist gut, daſs das Schloſs in so treuen Händen ist! Wahrhaftig, wenn's der Feind hätte, ein Dutzend alte Weiber könnten es mit ihren Spinnrocken gegen einen ganzen Haufen Dragoner vertheidigen, wenn sie nur halb so viel Feuer hätten, wie die alte Frau, 18¹ die wir heute in Milnwood fanden. Bey meiner armen Seele,“ fuhr er fort, als sie nun dicht vor dem grofsen Doppelthurm und denen ihn um- gebenden Bollwerken und Streichwehren hielten, «das ist ein capitaler Platz! Erbaut, sagt die In- schrift, wenn mir der Rest von meinem Latein nicht ganz und gar entwischt ist, durch Sir Ralph von Bellenden im Jahre 1350; ein hübsches Alter! Ich muſs die alte Dame mit gebührenden Ehren grüſsen; es wird mir aber sauer werden, mir ein Paar von den schönen Redensarten zurück- zurufen, worein ich zu pfuschen pflegte, als ich noch mit dergleichen Leuten Umgang hatte.“ Während er so mit sich selbst redete, hatte der Kellermeister die Soldaten durch eine Schiefs- scharte gesehen, und seiner Cebieterin angekün- digt, daſs ein Dragoner-Haufen mit einem Ge- fangenen am Thore warte. «Ich bin gewiſs und versichert,“ sagte Gudyill, adafs der sechste Mann ein Cefangener ist; denn sein Pferd wird geführt und die beyden Dragoner, die voran reiten, haben ihre Gewehre aus dem Ruhriemen genommen und auf den Schenkeln gestemmt. Das war auch unsre Weise, die Ge- fangenen zu bewachen in den Tagen des groſsen Marquis.“ «Soldaten P' sagte die Edelfrau;«wahrschein- lich brauchen sie Erfrischungen. Geht, Gudyill, heifst sie willkommen, und laſst ihnen an Le- 182 bensmitteln und Futter geben, was sich im Schlosse findet.— Wartet! Sagt meiner Kam- merfrau, sie solle mir meinen schwarzen Schleyer und Mantel bringen. Ich will selber herunter gehen und sie empfangen; man kann ihnen nicht zu viel Achtung erzeigen in Zeiten, wo sie so viel thun für des Königs Ansehn. Und hört, Gudyill, Hannchen Dennison soll sich schnell in Putz werfen, und vor meiner Nichte und mir hergehn; die drey andern Mägde gehn hinter uns. Sagt auch meiner Nichte, sie möchte gleich zu mir kommen!“ In vollem Anzuge und nach ihrer Anordnung begleitet, schritt Frau Margarethe nun mit adli- chem Anstand und groſser Würde in den Hof zhres Schlosses. Der Wachtmeister Bothwell gruſste die ernste, ehrwürdige Hausfrau mit einer Sicherheit, die etwas von dem leichten, sorg- losen Benehmen der Wüstlinge zur Zeit Karls des Zweyten hatte, und gar nichts von dem rohen und linkischen Wesen eines Dragoner-Wacht- meisters verrieth. Seine Sprache auch, wie seine Sitten, schienen sich für diese Zeit und Gele- genheit zu verfeinern; indessen hatte er wirklich auch in dem Wechsel eines abentheuerlichen und ruchlosen Lebens, bisweilen einen Umgang gehabt, der besser zu seiner Abkunft, als zu seiner gegenwärtigen Stellung pafste. Auf die Frage der Dame Margarethe, ob sie ihm und —— 183 seinen Gefährten irgend einen Dienst leisten könnte, antwortete er mit einer höflichen Ver- beugung: da sie diesen Abend noch einige Meilen weiter zu reiten hätten, so würde ihnen die Er- laubniſs, vor weiterm Aufbruch, ihre Pferde ein Stündchen hier ruhen zu lassen, äusserst will- kommen seyn. «Ich gebe sie Euch mit Vergnügen,“ erwiederte Frau Margarethe,«und ich hoffe, meine Leute werden dafür sorgen, daſs es weder Pferden noch Mannschaft an gehöriger Erquickung fehle.“ Wir wissen wohl, gnädige Frau,“ versetzte Bothwell,«daſs die Diener des Königs im Schlosse Tillieiudlem nie einen andern Empfang gefunden haben.“ «Wir haben uns stets beeifert, Herr Wacht- meister,“ antwortete Frau Margarethe, die das Compliment wohlgefällig angehört hatte,«unsre Pflicht treulich und redlich zu erfüllen, und zwar gegen unsere Könige, wie gegen ihre An- hänger, besonders gegen ihre treuen Soldaten. Es ist noch nicht allzulange her, und ist wahr- scheinlich Seiner jetzt regierenden Majestät noch in iohem Andenken, dafs sie selbst mein armes Ilaus mit ihrer Gegenwart beehrt, und in einem Zimmer dieses Schlosses gefrühstückt haben. Meine Kammerfrauen sollen dies Cemach Euch zeigen, Herr Wachtmeister. Wir nennen es bis auf die- zen Tag das Königszimmer.“ „ 8 184 Bothwell hatte unterdessen seine Leute ab- sitzen lassen, die Pferde einer Abtheilung, und den Gefangenen einer andern übergeben, so daſs er selbst die Unterredung, welche die Edelfrau so herablassend eröffnet hatte, ungestört fort- setzen konnte. «Da der König die Ehre gehabt hat, Eure Gastfreundschaftzu erfahren;“ sagte er,«so kann ich mich nicht wundern, daſs sie sich auch auf diejenigen erstreckt, die ihm dienen, und deren Hauptverdienst in ihrer Treue gegen ihn besteht. Ich aber stehe mit Seiner Majestät noch in näherer Verbindung, als dieser grobe rothe Rock anzu- deuten scheint.“ „Sob» erwiederte Frau Margarethe.«Ihr habt wahrscheinlich zu seinem Haushalte gehört?“ «Nicht eigentlich zu seinem Haushalte, gnä- dige Frau, eher zu seinem Hause; eine Verbin- dung, die mir Anspruch auf die Verwandtschaft mit den besten Familien in Schottland gibt, die von Tillietudlem nicht ausgeschlossen.“ „Herr Wachtmeister,“ sagte die alte Dame, bey den Worten, die sie für einen unverschäm- ten Scherz hielt, sich in die Höhe richtend: ich verstehe Euch nicht.“ Es ist eine Thorheit für einen Mann in mei- ner Lage, davon zu reden„“ versetzte der Reiter; aber Ihr müſst von der Geschichte und dem Mifsgeschick meines Groſsvaters gehört haben, 185⁵ gnädige Frau, des Franz Stuart, dem Jakob I., welcher Geschwisterkind mit ihm war, den Titel Bothwell gab, den jetzt mir meine Waffengefähr- ten als Beynamen geben. Er brachte ihm am Ende nicht mehr Vortheil, wie mir.“ In der Thatb» sagte Frau Margarethe mit lebhafter Theilnahme und Ueberraschung. Ich habe allerdings stets gehört, daſs der Enkel des letzten Grafen in dürftigen Umständen sey, aber ich konnte nicht denken, daſs er so tief im Dienste stände. Welches Miſsgeschick hat Euch bey solchen Verbindungen dahin gebrachtb— «Nicht viel, was dem gewöhnlichen Weltlaufe entgegen wäre, gnädige Frau,“ entgegnete Both- well, die Frage beantwortend, ehe sie einmal ausgesprochen war.«Ich habe meine glücklichen Augenblicke gehabt, so gut wie Andere, habe mit Rochester gezecht, mit Buckingham am Spiel- tisch gesessen, und bey Tangiers an Sheffield's Seite gefochten. Aber mein Glück war nie von Dauer; ich konnte aus meinen lustigen Brüdern nie nittzliche Freunde machen. Vielleicht,“ setzte er mit einiger Bitterkeit hinzu,«merkte ich nicht hinlänglich, wie sehr der Abkömmling der Schottischen Stuarte geehrt wurde, indem er zu den Schmausereyen der Wilmof's und Villier's gezogen ward.“ «Aber Eure Schottischen Freunde, Herr Stuartp Eure so zahlreichen als mächtigen Verwandten b⸗ * 186 «Ey nun, gnädige Frau, ich glaube wohl, einige hätten mich gern zu ihrem Hegereiter ge- macht, weil ich ein ziemlich guter Schütze bin; einige hätten mich wohl als ihren Mörder dingen mögen, weil ich mein Schwert zu führen ver- stehe, und hier und da war Einer, der, wenn er gerade keine bessere Gesellschaft hatte, auch mich wohl zu seinem Zechbruder gemacht hätte, weil ich meine drey Flaschen Wein ausstechen kann.— Aber ich weiſs nicht, wie's kommt, mufs ich zwischen Dienst und Dienst bey meinen Verwandten wählen, so halte ich doch den mei- nes Vetters Karl für den anständigsten von allen, wenn der Lohn auch nur geringe ist, und die Livrey eben nicht glänzend.“ «Es ist Schimpf und Schande,“ erwiederte Frau Margareihe. Warum wendet Ihr Euch nicht an Seine Majestätb Es müſste den König wundern, wenn er hörte, dafs ein Spröſsling seines erlauch- ten Hauses»—— «Verzeiht, gnädige Frau,“ ſiel der Wacht- meister ein;«ich bin ein Soldat, und gerade heraus mit der Sprache; daher werdet Ihr mich entschuldigen, wenn ich sage:«Seine Majestät ist mehr beschäftigt, selbst Spröfslinge zu setzen, als die zu ernähren, die seines-Groſsvaters Groſs- vater gepflanzt hat“ 8 «Nun gut, Herr Stuart,“ versetzte Frau Mar- garethe;«aber eins miſst Ihr mir versprechen: 187 bleibt die Nacht in Tillietudlem. Morgen er- warte ich Euren Obersten, den tapfern Claver- house, dem König und Vaterland so viel Dank schuldig sind für seine Anstrengungen gegen die Menschen, die gern in der Welt das Oberste zu unterst kehren möchten. Ich will mit ihm über Eure baldige Beförderung sprechen, und ich bin überzeugt, er fühlt zu sehr, was dem Blute ge- bührt, das in Euren Adern flieſst, und was er dem Gesuche einer Frau schuldig ist, die von seiner allergnädigsten Majestät so besonders aus- gezeichnet wurde, als daſs er nicht besser Sorge für Euch tragen sollte, als er bis jetzt gethan.“ Ich bin Euer Gnaden sehr verbunden, und will gern mit meinem Gefangenen hier bleiben, weil Ihr es verlangt, besonders da ich ihn so am chesten dem Obersten Graham vorstellen kann, um seine entscheidenden Befehle uber den jungen Menschen zu empfangen.“ «Wer ist denn Euer Gefangner?“ fragte Frau Margarethe. «Ein junger Mann von guter Familie, hier aus der Nachbarschaft, der so unvorsichtig gewesen ist, einem von den Mördern des Erzbischofs Zu flucht zu geben, und dem Hunde zum Enikom- 8 men behülflich zu seyn.“ 0 pfui über ihn!“ sagte Frau Margarethe. „Ich verzcihe gern die Kränkungen, die ich von diesen Schurken erlitten habe, obschon einige, 188 Herr Stuart, von der Art sind, nicht leicht ver- gessen zu werden. Aber wer den Vollstreckern einer so grausamen und überlegten Mordthat, an einem einzelnen Manne verübt, an einem alten Manne, und an einem Manne von des Erzbi- schofs heiligem Amte, Vorschub thun kann— pfui über ihn!— Wünscht Ihr ihn in Sicher- heit zu haben, ohne Euren Leuten viele Mühe zu machen, so will ich Harrison oder Gudyill sagen, sie sollen Euch den Schlüssel zu unserm Haupigefängnisse suchen. Es ist nicht geöſſnet worden seit dem Siege von Kilsythe, wo mein seliger Gemahl zwanzig Whigs hineinwerfen lieſs. Ungesund kann's nicht seyn, es ist nur zwey Stockwerk unter der Erde; noch dazu ist, glaube ich, ein Luftloch darin.“ «Verzeiht, gnädige Frau,“ antwortete der Wachtmeister,«das Gefängniſs ist gewiſs ganz vortrefflich, aber ich habe versprochen, höflich mit dem jungen Menschen zu seyn, und will schon dafür sorgen, dafs er so bewacht werde, dafs keine Entwischung möglich ist. Er soll so sicher seyn, als ob er an lHänden und Füfsen gefesselt wäre.“ (cdut, Herr Stuart,“ hob die Edelfrau wieder an:«Ihr wilst am besten, was Ihr zu thun habt. Ich wünsche Euch herzlich gute Nacht, und übergebe Euch der Sorge meines Verwalters Har- —— 8 189 rison. Gern bäte ich Euch, uns GCesellschaft zu leisten, aber ein— ein— ein—» «O, es bedarf keiner Entschuldigung. Ich fühle, der grobe rothe Rock König Karls des Zweyten mufs die Vorrechte des rothen Blutes des Königs Jakob des Fünften vernichten.“ «In meinen Augen gewils nicht, ich versichere Euch, Herr Stuart; Ihr thut mir Unrecht, wenn Ihr das glaubt. Ich spreche morgen mit Eurem Obersten, und Ihr werdet bald in einem Range stehen, wo es nicht mehr nöthig ist, Abwei- chungen auszugleichen.“ Ich glaube, gnädige Frau,“ antwortete Both- well,«Eure Güte wird sich getäuscht sehen; allein ich bin Euch für Eure Absicht sehr ver- bunden, und werde auf alle Fälle mit Herrn Harrison einen vergnügten Abend haben.“ Frau Margarethe nahm darauf einen höflichen Abschied, und zwar mit aller Ehrerbietung, die sie königlichem Blute, und wenn es auch nur in den Adern eines Unterofficiers von der Leibwache flofs, schuldig war. Sie versicherte ihm vorher noch einmal, daſs alles, was in dem Schlosse Tillietudlem zu haben sey, von Herzen ihm und seinen Begleitern zu Diensten stehen solle. Der Wachtmeister verfehlte nicht, die Dame beym Wort zu nehmen, und vergaſs gern seine vornehme Abkunft bey einem fröhlichen Gelage, während welchem Harrison sich beeiferte, den „ 19⁰ 8 besten Wein aus dem Keller zu holen, und seinen Gast durch jenes verführerische Beyspiel munter zu machen, was beym Trinken mehr als Vorschrift gilt. Der alte Gudyill gesellte sich bald zu einer Gesellschaft, welche so sehr nach * seinem Geschmacke war, gerade wie David im zweyten Theile Heinrichs des Vierten sich in die Bachanalien seines Herrn, des Richters Shallow, mischt. Er lief in den Keller, nicht ohne Ge- fahr, den Hals zu brechen, um ein geheimes Behältniſs zu plündern, das, wie er sich rühmte, nur ihm allein bekannt war, und das nie, wäh- rend seiner Amtsführung, einem andern, als einem wahren Königsfreunde, eine Flasche her- gegeben hatte. «Als der Herzog hier speiste,“ sagte er, in- dem er sich, weil Bothwells Stammbaum ihn etwas furchtsam machte, in einiger Entfernung von dem Tische niedersetzte, bey jedem Absatz seiner Rede aber eine halbe Elle näher rückte. —„Ja, da wollte meine gnädige Prau durchaus eine Flasche Burgunder haben.(Hier rückte er seinen Stubl etwas vor.) Aber ich weiſs nicht, wie es kam, Herr Stuart, ich traute ihm nicht! Ich argwohnte, er möchte wohl nicht der Regie- rung so ergeben seyn, als er glauben machen wollte; der Familie ist nicht zu trauen. Ja, der alte Herzog Jakob verlor das Herz, eche er den Kopf verlor; und die Worcester-Geschichte 1 19¹ war eine unschmackhafte Schüssel, weder ge- backen noch gekocht, noch kalt zu essen.“(Mit dieser witzigen Bemerkung hatte er seine Paral- lele vollendet, und fing nun, wie ein geschickter Ingenieur, einen Zickzack an, um sich dem Ti- sche mehr und mehr zu nähern.) Seht, Herr, jemehr die gnädige Frau schrie: Burgunder für seine GCnaden! alten Burgunder! vom besten Burgunder! vom Neun und dreyfsiger— je mehr dachte ich bey mir selbst: der Henker hole den Tropfen, der in seine Kehle flieſst, ehe ich weiſs, was er für Grundsätze hat. So lange kann er sich mit Sekt und anderm Weine begnügen! Nein, nein, Ihr Herren, so lange ich Keller- meister im Schlosse Tillietudlem bin, stehe ich dafür, dafs keine treulose und verdächtige Per- sonen in unsern Vorrathskammern oben auf seyn sollen. Aber find' ich einen redlichen Freund des Königs und seiner Sache, und einer ge- mälſsigten bischöflichen Verfassung; find' ich einen Mann, sag' ich, der'’s mit Kirche und Krone treulich hält, wie ich bey meines Herrn Leben, während Montrose's Zeiten— da ist nichts in dem Keller, das ich für ihn zu gut hielte.“ Unterdessen hatte er sich in dem belagerten Platze festgesetzt, oder mit andern Worten, sei- nen Stuhl dicht an den Tisch gerückt. Und nun, Herr Franz Stuart von Bothwell, 19² habe ich die Ehre, auf Eure Cesundheit zu trinken. Ich wünsche Euch eine Offcierstelle und viel Glück, wenn Ihr dies Land reinigt von Whigs, Rundköpfen, Schwärmern und Cove- nantern!* Bothwell, der, wie man leicht glauben kann, schon lange aufgehört hatte, in der Wahl seiner Gesellschaft sehr bedenklich zu seyn, die mehr seinem Geschmack und seiner Lebensstellung, als seiner Abkunft angemessen war, that denm Kellermeister gern Bescheid, indem er willig den köstlichen Wein pries. Herr Gudyill, wel- cher nun ein ordentliches Mitglied der Gesell- schaft geworden war, fuhr fort, sie mit neuen Reizmitteln zur Lust zu verschen, bis der Tag graute. 195 nnnn 4 Zehntes Kapit el. Glaubst Du, ich woll' im Hoot an Deiner Jeiten, Nur über glatten Meeresspiegel gleiten? Des Schiffs vergessen, und an's Ufer eilen, I enn I inde sausen und wenn Stürme heulen? 1 Prior. Während Frau Margarethe mit dem ahnenrei- chen Dragoner-Wachtmeister das Gespräch hielt, das wir auf den vorhergehenden Seiten berichtet haben, hatte ihre Enkelin, welche ihre Begei- sterung für Alle, die vom königlichen Blute abstammten, nicht theilte, nur einen einzigen Blick auf denselben geworfen, der dhr eine großse, kräftige Gestalt zeigte, mit rauhen, zerstürmten Zügen, welchen Stolz und Leichtsinn einen Aus- 71. N△ 194 druck gegeben hatte, in dem sich Miſsmuth mit der sorglosen Lustigkeit der Verzweiflung ver- schmolz. Die andern Kriegsleute konnten ihre Aufmerksamkeit noch weniger fesseln, aber von dem Gefangenen, eingehillt und unkenntlich, wie er da stand, konnte sie ihre Blicke nicht abwenden, obwohl sie sich selbst tadelte, daſs sie einer Neugierde nachgab, die dem Beobach- teten offenbar peinlich zu seyn schien. «Ich wollte,“ sagte sie zu Hannchen Dennison, der ihr zugegebenen Dienerin,«wir wülſsten, wer der arme Mensch ist.“ «Ich dachte auch eben daran, gnädiges Fräu- lein. Aber Luthbert Headrig kann's nicht seyn. Der ist nicht so schlank, und stämmiger.“ «Er kann indessen doch einer von unsern armen Nachbaren seyn,“ fuhr das Fräulein fort, an dem wir Antheil nehmen müssen.“ Ich will bald erfahren, wer's ist, wenn die Reiter nur erst in Ruhe sind. Ich kenne einen darunter recht gut, den Hübschsten und den Jüngsten darunter.“ «Ich glaube, Du kennst alle junge Leute in der Runde,“ versetzte das Fräalein. «O nein,“ erwiederte Hannchen,«nein, liebes Fräulein, so ausgedehnt ist meine Bekanntschaft denn doch nicht! Freylich, man mufs wohl die 195 Leute von Ansehn kennen lernen, wenn sie immer stehen und einen angaſfen, in der Kirche und auf dem Markte. Aber bis zum Sprechen kenn' ich wenig junge Leute, ausser die, hier aus dem Hause, und die drey Stenisons und den Thomas Rand, und den jungen Müller, und die fünf Howisons in Neithersheils, und den langen Thomas Gilry, undo—— 0 halt ein, ich bitte Dich, mit Deiner Liste von Ausnahmen, die sehr lang zu werden droht; sag' mir nur, woher Du den jungen Soldaten kennst!“ «I. Herr Gott, Fräulein Edithe, es ist ja der Thomas Halliday, der Reiter Thomas, wie sie ihn nennen. Er ward verwundet von den Hügel- leuten bey der Zusammenkunft im Outerside- Moore, und lag hier, bis er geheilt war. Ich mag ihn fragen, was ich will, und Thomas gibt mir Antwort, dafür stehe ich.“ «So sieh' einmal zu,“ sagte das Fräulein,«ob Du Gelegenheit finden kannst, ihn nach dem Namen des Gefangenen zu fragen, und komm auf mein Zimmer, und sage mir, was Du ge- hört hast.“ Hannchen Dennison ging auf ihre Botschaft weg, kam aber bald mit einem Gesichte zurück, auf dem Schreck und Bestürzung sich malten, 196 und das einen lebhaften Antheil an dem Ceschick des Gefangenen verrieth. Was ist denn b» fragte Edithe ängstlich: „Sollte es wirklich Luthbert seyn? Der arme Mensch!* Luthbert, liebes Fräulein? Nein, Luthbert ist's nicht,“ schluchzte das treue Kammermäd- chen, ahnend, welchen Schmerz ihre Nachrichten ihrer jungen Gebieterin verursachen würden; „denkt nur, liebes Fräulein,'s ist der junge Milnwood selbst! «Der junge Milnwood' rief Edithe, heftig er- schrocken; es ist unmöglich— durchaus un- möglich! Sein-Oheim hält sich zu den Geistlichen, die gesetzlich geduldet werden, und steht in gar keiner Verbindung mit dem widerspenstigen Vol- ke; und er selbst hat nie Theil an dieser unse- ligen Spaltung genommen; er ist gewiſs ganz unschuldig; er müſste denn für ein verletztes Recht aufgestanden seyn.“ 0O mein liebes Fräulein,“ erwiederte die Dienerin,«heut zu Tage wird nicht gefragt, was recht ist, oder unrecht. Und wenn er so unschul- dig wäre, wie ein ungebornes Kind, so würden sie schon was ausfindig machen, wenn sie wollten. Aber Thomas Halliday sagt,'s könnte ihm an's Leben gehn, denn er hätte einen von den fünf 8 197 Herren beherbergt, die den alten Kert, den Erzbischoff erschlagen haben.“ «An's Leben!“ rief Editha, schnell aufsprin- gend, und fuhr mit heftigem, zitternden Tone fort:«das kann nicht seyn— darf nicht seyn— ich will mit ihm sprechen— man soll ihn nicht kränken!“. «O mein theures, gnädiges Fräulein, denkt an Eure Groſsmutter, denkt an die Gefahr und an die Schwierigkeit; er wird unter strengem Verwahrsam gehalten, bis Claverhouse morgen kömmt, und wenn er sich nicht völlig rechtfer- tigen kann, so werden sie, wie der Thomas sagt, einen kurzen Proceſs mit ihm machen. Nieder- gekniet!— Achtung!— Feuer!— gerade wie sie's mit dem alten tauben Hans Macbriar mach- ten, der keine von allen den Fragen verstand, die sie ihm vorlegten, und um's Leben kam, weil er nicht hören konnte.“ «Hannchen,“ sagte das Fräulein,«wenn er sterben müfste, so sterb' ich mit ihm; jetat ist's nicht Zeit von Gefahren und Schwierigkeit zu sprechen! Ich nehm' einen Mantel um, und schleiche mit Dir herunter, wo sie ihn gefangen halten. Ich will mich der Schildwache zu Füfsen werfen, ſehnall den Mann bitten bey seiner Seelen Seligkeit“—-— 198 I, Gott behüte!“ fiel das Mädchen ein; unser gnädiges Fräulein sich dem Reiter Thomas zu Füfsen werfen, und mit ihm von seiner Seele sprechen! Der arme Schelm würde kaum selber wissen, ob er eine hat oder nicht, wenn er nicht bisweilen dabey schwöre. Das darf nimmermehr geschehen, aber was seyn muſs, muſs seyn, und treue Liebe werd' ich nicht verlassen! Wenn Ihr den jungen Milnwood durchaus sehen müſst— aber ich weiſs nieht, wozu das gut seyn soll, es wird Euch beyden nur das Herz noch schwerer machen— nun, ich nehme alle Gefahr auf mich, und will sehen, ob ich den Thomas herum kriege. Aber Ihr müſfst mich's auf meine Weise machen lassen, und kein Wort sprechen. Er hält an der Morgenseite des Thurms bey Milnwood Wache.“ «Geh, geh, hole meinen Mantel!* sagie Edithe. «Laſs mich nur il sehn! Ich finde schon ein Mittel, ihn aus der Gefahr zu ziehn. Eile, lannchen, wenn Du je Gutes von mir hoſſst!" Hannchen eilte und kehrte bald mit einem Mantel zurück, womit sich Edithe so verhüllte, daſs ihr Gesicht völlig, ihre Gestalt gröfsten Theils, verborgen war. Dies was die gewöhn- liche Art, wie Damen dieses und der ersten Hälfte des folgenden Jahrhunderts ihr Mantel- tuch oder Plaid, wie es die Schottländer nennen, 199 trugen, so daſs der ehrwirdige Kirchenrath, in der Meinung, diese Verhüllung begu stige Ge- heimnisse und Bänke mancher Art, mehr als einmal ein förmliches Verbot dieses Gebrauches des Mantels ergehn lieſs. Aber die Mode bewies auch diesmal, dafs sie stärker sey, als Gesetze; denn während man fortfuhr, den Plaid zu tragen, gebrauchten die Frauen aus allen Ständen ihn bey Gelegenheit, als einen verhüllenden Schleyer. Als nun Edithe Gesicht und Gestalt auf diese Weise versteckt, fafste sie den Arm ihrer Diene- rin, und eilte mit zitternden Schritten nach Mortons Gefängniſs. Dies war ein kleines Gemach in einem von den Thürmen, das auf einen Gang stiefs, wo die Schildwache auf und nieder ging. Denn der Wachtmeister Bothwell, der gewissenhaft sein Wort hielt, und auch vielleicht einiges Mitleid mit des Gefangenen Jugend und einnehmendem Betragen fühlte, hatte die Demüthigung, die Wache in das eigne Zimmer desselben zu stellen, von ihm abgewendet. Halliday ging daher, mit seinem Karabiner im Arm, in der Gallerie auf und ab, erquickte sich von Zeit zu Zeit durch einen Trunk Bier, das in ei er ungeheuren Flasche, an dem einen Ende des Ganges, auf einem Tische stand, und trällerte dazwischen das muntere Schottische Liedchen: 200 Zwischen Johnston und Dundee, da bring' ich’s dahin, Dafs gern Du sollst mit dem Kriegsmann ziehn!“ Hannchen Dennison empfahl ihrer Gebieterin noch einmal, ihr freye Hand zu lassen: Ich weiſs den Reiter schon zu behandeln,“ sagte sie; «so rauh wie er ist— ich weiſs schon, wie's im Grunde steht. Aber Ihr dürft kein Wort sprechen.“ E Sie öffnete demnach die Thür des Ganges, gerade als die Schildwache ihr den Rücken zu- kehrte, und in die Weise, die er summte, ein- fallend, sang sie in neckendem Tone bäurischer Koketterie: «Wenn mit dem armen Kriegsmann ich zieh', Vergeben die Freunde und Mutter mir nie. Ein Junker, ein Freyherr ziemt besser wohl mir, Drum nimmer freywillig zieh' weg ich mit Dir.“ 3 «Eine schöne Herausforderung, vor'n Teufel,“ rief die Schildwache, sich umkehrend;«und gar zwey auf einmal! Aber ein Soldat läſst sich nicht leicht schlagen mit seinem Patrontaschenriemen.“ 201 Darauf das Lied wieder aufnehmend, wo das Mädchen stehn geblieben: «Mit mir zu ziehn bringt Glück Dir und Heil, Ein Theil hast vom Brode, vom Beti ein Theil, Beym Klange der Trommeln marschiren bald wir, O willst Du freywillig nicht ziehen mit mir?» Komm, mein hübsches Mädchen, und küsse mich für mein Lied.“ «Das sollte mir einfallen, Herr Halliday!* antwortete Hannchen, mit einem Blicke und einem Tone, der gerade so viel Verachtung des Vorschlages ausdrückte, als gerade nöthig war. «Und ich versichere Euch, Ihr werdet nicht viel von meiner Gesellschaft haben, wenn Ihr Euch nicht artiger betragt. Ich bin nicht mit meiner Freundin hierher gekommen, um solches dum- mes Zeug mit anzuhören, und Ihr solltet Euch schämen, das solltet Ihr! «Nun, nun; was für dummes Zeug führt Euch denn hierher, Jungfer Dennison?n «Meine Base hat im Ceheim zu sprechen mit Eurem Gefangenen, dem jungen Herrn Heinrich Morton, und ich komme mit ihr, um zu ihm zu gehn.“ 202 „Den Teufel auch! erwiederte der Soldat. Und sagt doch einmal, Jungfer Dennison, wie wollt Ihr denn mit Eurer Base hinein kommen? Durch das Schlüsselloch zu kriechen, seyd Ihr doch ein Bischen zu dick; und vom Thüre öfnen, kann doch wohl die Rede nicht seyn.“ «Die Rede braucht nicht davon zu seyn, aber geschehen kann es,“ versetzte das standhafte Mädchen. «Ey, das wollen wir doch einmal sehen, mein allerliebstes Hannchen,“ sagte der Reiter; und indem er von Neuem anfing, auf der Gallerie auf und ab zu gehn, sang er: Geh doch zu dem Born hin, Hannchen, Hannchen! Siehst Dein süfses Bild d'rin, Herzens-Hannchen!* So wollt Ihr uns also nicht hinein lassen, Herr Hallidayb Nun, meinetwegen; gute Nacht! Ihr habt mich zum letztenmale gesehn und den guten Freund auch,“ sprach Hannchen, zwischen Zeigeſinger und Daumen einen Silberthaler em- porhaltend. Gib ihm Cold, gib ihm Gold,“ flüsterte das Fräulein ängstlich- 203 «Silber ist gut genug für seines Cleichen, die nichts weiter darnach fragen, ob ein hübsches Mädchen ihnen zunickt oder nicht. Und das Schlimmste wäre, dafs er denken würde, es wäre mehr dahinter, als eine Base von mir. Wahrhaftig, wir haben's Silber nicht überflüssig, geschweige das Cold!“ Nachdem sie dies ihrer Gebieterin zugeflüstert, erhob sie die Stimme und sagte:«Meine Basc will nicht länger warten, Herr Halliday; also— gute Nacht!“ „Halt einmal— halt einmal,“ sprach der Reiler.«Wir wollen unterhandeln; wenn ich Eure Base hinein lasse zu meinem Cefangenen, so müſst Ihr hier warten, und mir Gesellschaft leisten, bis sie wieder herauskommt; so sind wir alle zufrieden gestellt.“ «Ey, dafs mir der Teufel in den Beinen säfse!“ erwiederte Hannchen. Denkt Ihr denn, meine Base und ich, wir wären hierher gekommen, unsern guten Namen zu verlieren, wenn wir uns hinstellten und schwatzten mit solchen Cesellen, wie Ihr und Euer Gefangner seyd, ohne daſs jemand dabey wäre, der sähe, dafs es chrlich zuginge P Ey ja, da sicht man doch, was für ein Unierschied ist zwischen der Leute Versprechen und Halten! Ihr hattet immer Lust, den armen Luthbert zu verachten, aber wenn ich den um etwas gebeten hätte, und Wenn's ihn an den Cal- 204 gen gebracht hätte, er würde sich nicht zweyma besonnen haben.“ 5 Der verdammte Kerl!“ rief der Dragoner. „Er wird schon in allem Ernst an den Galgen kommen, hoffe ich. Ich sah ihn heute in Miln wood, sammt dem alten puritanischen Thiere, seiner Mutter, und wenn ich hätte denken kön- nen, daſs er mir schon wieder sollte in den Bart geworfen werden, ich hätte ihn meinem Pferde an den Schwanz gebunden;— Ursache genug hatten wir, ihn mitzunehmen.“ 0 gut, gut; seht nur zu, ob Ihr's nicht erle- ben werdet, dafs Ihr noch mit dem Luthbert zu thun kriegt, wenn Ihr ihn dahin bringt, mit so vielen andern ehrlichen Leuten in die Haide zu gehn. Er weiſs sein Ziel prächtig zu treffen. Beym Vogelschieſsen war er der Dritte. Und auf sein Wort kann man rechnen, wie auf sein Aug' und seine Hand, wenn er auch nicht so viel Redens davon macht, wie einige von Euren Bekannten. Aber mir ist alles einerley! Kommt, Base, wir wollen gehn.“ «Wartet, Hannchen,“ sagte der Soldat, und setzte unentschlossen hinzu: Der Henker soll mich holen, wenn ich mehr Umstände mache, als ein Andrer, wo ich einmal was gesagt habe. — Wo ist der Wachtmeister?* 205⁵ „Der sitzt mitten unter Flaschen,“ antwor- tete Hanncken,«mit dem Verwalter und dem Gudyill.“ S0, so, da ist er gut aufgehoben! Aber wo sind meine Cameraden?“ Die trinken mit dem Vogelsteller, dem Falk- ner und den andern Leuten.“ Haben sie Bier genug? „Sechs Kannen, so gut als es je aus dem Kes- sel kam,“ antwortete das Mädchen. «Nun gut also, mein schönes Kind,“ sagte der nachgebende Kriegsmann. Die sitzen fest bis zur Ablösungsstunde, und vielleicht noch drüber hinaus. Und wenn Ihr mir versprechen wollt, das nächste Mal allein zu kommen“—— „Vielleicht, vielleicht auch nicht,“ erwiederte Hanuchen. Aber wenn Ihr den Thaler bekommt, ist's Euch wohl eben so lieb.“ „Ich will verdammt seyn, wenn das wahr ist,» antwortete Halliday, nahm aber das Geld.«Doch — es ist immer etwas für die Gefahr; denn wenn Claverhouse hörte, was ich gethan habe, er liefse mir ein Pferd machen, so hoch wie der Thurm von Tillietudlem. Aber es nimmt jeder im Re- gimente, was er bekommen kann, und vollends Bothwell mit seinem königlichen Blute gibt uns ein gutes Beyspiel. Und wenn ich mich auf Dich verliefse, Du schelmische kleine Hexe, so könnte ich leicht um Mühe und Lohn kommen; der Kerl,“ auf das Stick Geld blickend,«ist treu, so lange er aushält. S0 kommt, ich mach' Euch die Thür auf— betet und seufzt aber nur nicht lange mit dem Junker, Ihr müſst fix und fertig seyn, wenn ich an die Thür klopfe, und schnell heraus, als ob's hieſse: aufgesessen! Marsch!“ Mit diesen Worten schloſs Halliday die Thür des Gemachs auf, liefs Hannchen und ihre vor- gebliche Base hinein, verschloſs sie hinter ihnen, und kam sogleich wieder in den gleichmäſsigen Schritt und das zeittödtende Pfeifen einer Schild- wache auf ihrem Posten- Die langsam sich öffnende Thür zeigte Morton in der Stellung tiefer Niedergeschlagenheit, beyde Arme auf den Tisch gelehnt, und das Haupt darauf ruhend. Er erhob das Gesicht, als die Thür sich aufthat, und zwey weibliche Cestalten erblickend, fuhr er äusserst bestürzt in die Höhe. Edithe blieb nicht weit von der Thüre stehn, und als ob die Bescheidenheit jetzt den Muth nieder- gedrückt hätte, den ihr nur Verzweiflung gegeben, war sie weder im Stande zu sprechen, noch wei- ter vorzutreten. Alle Entwürfe von Häülfe, Be- freyung oder Trost, die sie dem Geliebten hatte vorlegen wollen, schicnen auf einmal aus ihrem 207 Gedächtnifs verschwunden zu seyn. An ihre Stelle war eine peinliche Gedankenverwirrung getreten, in welcher die Angst vorherrschend war, sich in den Augen des Freundes durch einen Schritt, der ihm vielleicht übereilt und unmäd- chenhaft erscheine, erniedrigt zu haben. Sie hing regungslos und fast ohne Bewuſstseyn auf dem Arm der Dienerin, die vergebens sie aufzu- richten und zu ermuthigen suchte, indem sie ihr zuflüsterte:«Wir sind nun drinnen, Fräulein, und nun müssen wir die Zeit benurzen, so gut wir können; denn der Wachtmeister oder Unter- officier wird gewiſs die Runde machen, und es wär' doch schade, wenn der arme Halliday für seine Gefälligkeit gestraft werden sollte.“ Morton war unterdessen furchtsam näher ge- treten. Ihm ahnete die Wahrheit; denn welches andre weibliche Wesen in diesem Hause, ausser Edithe selbst, hätte Theil an seinem Unglück nehmen können? Aber er erschrack vor dem Gedanken, in einen Irrthum zu fallen, den die ungewisse Dämmerung und gänzliche Verhüllung so leicht möglich machte, und der der Geliebten nachtheilig hätte werden können. Hannchen, durch Geistesgegenwart und Vorwitz ganz zu der übernommenen Rolle geeignet, eilte, das Eis zu brechen. 2⁰8 „Herr Morton,“ hob sie an,«Fräulein Edithe ist sehr bekümmert über Eure gegenwärtige Lage und—— Mehr brauchte sie nicht zu sagen. Er war an ihrer Seite, fast zu ihren Füſsen, drückte ihre Hände, die sie ihm nicht entzog, und überschüt- tete sie mit dem Ausbruche seines Dankes, seiner Erkenntlichkeit, der in den abgerissenen Worten kaum verständlich seyn würde, da wir nicht auch den Ton, die Geberde, und die leidenschaftli- chen, hastigen KAeuſserungen eines tiefen und stürmischen Gefühls schildern können, die sie begleiteten. Einige Minuten lang stand Edithe so bewegungs- los da, wie ein Heiligenbild, das die Huldigung eines anbetenden Verehrens empfängt, und als sie sich so weit erholt hatte, dafs sie ihre Hände aus denen Heinrichs ziehen konnte, vermochte sie nur leise die Worte zu sagen:«Ich habe einen sonderbaren Schritt gethan, Herr Morton— einen Schritt,“ fuhr sie gefafster, und mit star- ker Anstrengung ihre Gedanken sammelnd, fort, der mich vielleicht Eurem eignen Tadel aussetzt; — aber ich babe Euch schon lange erlaubt, die Sprache der Freundschaft gegen mich zu gebrau- chen— vielleicht sollt' ich noch mehr sagen; zu lange, um Euch verlassen zu können, wenn alle Welt Euch zu verlassen scheint. Wie kommt 209 Ihr in dieses Gefängniſs? Was kann gethan wer- den? Kann mein Oheim, der Euch so hoch schätzt, hann Euer eigner Verwandter Milnwood Euch nicht nützlich seyn? Gibt's kein Mittel? Und was für einen Ausgang kann das haben b „ Sey er, welcher er wolle,“ antwortete Hein- rich, indem er sich von Neuem der Hand be- mächtigte, die vorhin sich ihm entzogen, nun aber in der seinen ruhen blieb: sey er, welcher er wolle, mir ist dieses Ereigniſs von diesem Augenblick an das glücklichste cines lästigen Le- bens. Euch, meine Edithe— verzeiht, ich sollte Euch mein Fräulein nennen, aber das Unglück hat seine Vorrechte— Euch verdanke ich die wenigen seligen Momente, die ein finsteres Da- seyn erhellen; und wenn ich jetzt es von mir werfen muſs, so wird die Erinnerung an dieses Glück mein Trost in der letzten Leidensstunde seyn.“ «Aber ist's denn wirklich so, Herr Morton? Seyd Ihr, der sich so wenig in diese unseligen Streitigkeiten mischte, nun plötzlich so tief Aen verwickelt worden, daſs nichts Ceringeres a 8—— Sie stockte, unvermögend das Wort auszu- sprechen, das folgen sollte. «Nichts Geringeres, als mein Leben, wollt Ihr sagen by erwiederte Morton mit ruhigem, aber 71. 0 210 schwermüthigem Tone. aIch glaube, das wird ganz auf meinen Richter ankommen. Meine Iwächter sprachen von der Möglichkeit, die Strafe in einen Eintritt in ausländische Regimen- ter zu verwandeln. Ich glaubte, die Wahl würde mir nicht schwer werden, aber jetzt, mein Fräulein, nachdem ich Euch noch einmal ge- schen, fühl' ich, dafs Verbannung mir bittrer seyn würde, als der Tod.* „Und ist's denn wahr,“ begann Edithe wieder, «seyd Ihr so tollkühn und unbesonnen gewesen, mit einem von den elenden, grausamen Männern Gemeinschaft zu halten, die den Erzbischoff ermordet haben 5 alch wuſste noch nicht, daſs dies Verbrechen begangen war,“ versetzte Morton,«als ich ei- nem dieser unvorsichtigen Männer, einem alten Freunde und Waffenbruder meines Vaters, un- glücklicherweise ein Nachtlager und Schutz gab. Aber diese Unwissenheit wird mir wenig helfen. Denn wer, ausser Euch, mein Fräulein, wird mir glauben? Und was das Schlimmste ist— ich weils nicht, ob ich, auch wenn mir das Verbrechen bekannt gewesen wäre, es über mich hätte gewinnen können, dem Flüchtigen unter den obwaltenden Umständen eine Freystätte zu versagen.“ „Und von wem,“ fragte Edithe ängstlich, oder 211 unter wessen Leitung wird die Untersuchung Eu. res Betragens geführt werden 5 5 Wie man mir zu verstehen gegeben, vom Obersten Graham von Claverhouse, enigegnete Morton,«einem Mitgliede jener Militair-Gom- mission, in deren Hände allein es dem König, dem hohen Rathe und unserm Parlamente, das sonst besser auf unsere Freyheiten zu halten wuſste, beliebt hat, unser Gut und unser Leben zu geben.“ 4 „Claverhouse!“ wiederholte Edithe mit beben- der Stimme. ᷣ Barmherziger Himmel, Ihr seyd verloren, ehe man Euch verhört hat! Er schreibt meiner Grofsmutter, er werde morgen früh bey uns eintreffen auf seinem Wege in das Gebirge, wo sich tollkühne Menschen gesammelt haben, und sich, angefeuert durch einige der Mitschul- digen an der Ermordung des Erzbischofs, zur Gegenwehr rüsten sollen. Seine Ausdrücke mach- ten mich schaudern, selbst da ich noch nicht ahnen konnte, daſs— daſs ein Freund—5 „Seyd meinetwegen nicht zu sehr bekümmert, meine theuerste Edithe,“ sagte Heinrich, als er, sie unterstützend, sie in seinen Armen hielt: „Claverhouse ist zwar finster und hart, aber auf jeden Fall ist er brav, redlich und ein Mann von Ehre. Ieh bin eines Kriegsmanns Sohn, und will meine Sache führen, wie ein Kriegsmann. 212 Er wird vielleicht eine freymitthige und unge- küinstelte Vertheidigung günstiger aufnehmen, als es ein hinterlistiger, heuchlerischer Richter thun würde. Und in der That, in einer Zeit, wo die Gerechtigkeit in allen ihren Zweigen so von Grund aus verdorben ist, möchte ich lieber mein Leben durch eine offenbare militärische Gewalt- that verlieren, als mich durch die Gaukeley eines willkührlich handelnden Rechtsgelehrten, der die Kenntniſs der Gesetze, die uns schützen sollen, nur dazu benutzt, sie zu unserm Verder- ben zu verdrehen, darum betrügen lassen.“ Ihr seyd verloren— ach! verloren, wenn Ihr Eure Sache gegen Claverhouse führen müſst, seufzte Edithe. Mit Stumpf und Stiel ausrotten, war sein mildester Ausdruck. Der ungliückliche Primas war sein genauer Freund und früher sein Gönner.«Keine Entschuldigung, keine Ausflucht,“ sagt der Brief,«soll irgend einen, der mit dieser That zu schaffen hatte, noch diejenigen, dic jenen Beystand und Schutz gaben, vor der vollen, strengen Strafe des Gesetzes retten, bis ich diesen gräſslichen Mord durch so viele Leben gerächt habe, als der Creis weilse Haare auf seinem ehrwürdigen Haupte hatte.— Von ihm ist weder Erbarmen noch Gunst zu hoffen.“ IHlannchen Dennison, die bisher geschwiegen hatte, wagte es nun, ihren Rath zu geben, da 213 das Uebermaſs des Schmerzes die beyden Lieben- den unvermögend machte, selbst ein Rettungs- mittel zu ersinnen. «Nehmt's mir nicht übel, gnädiges Fräulein, und Ihr, Herr Junker, wir haben hier keine Zeit zu verlieren. Lafst Milnwood mein Kleid an- ziehn und meinen Mantel nehmen; ich will mich in dem dunkeln Winkel ausziehn, wenn er ver- spricht, sich nicht umzusehn; er kann dann bey dem Thomas Halliday vorbeygehn; den hat sein Bier halb blind gemacht. Ich kann ihm einen guten Weg aus dem Schlosse angeben, und Ihr, gnädiges Fräulein, geht ruhig auf Euer Zimmer; und ich hülle mich in den grauen Mantel, drücke den Hut ins Gesicht, und spiele den Gefangnen, bis der Weg rein ist; dann ruf ich den Thomas herein, der soll mich schon heraus lassen.“ «Euch heraus lassen P versetzte Morton.«Mit Eurem Leben würdet Ihr dafür büſsen missen.“ «Warum nicht gar!» erwiederte Hannchen. «Thomas darf niemand sagen, daſs er jemand hineingelassen hat, um seiner selbst willen, und ich will ihm schon was angeben, wie er die Flucht sonst entschuldigen soll.“ «Willst Du, Du Hexebꝰ rief die Schildwache, plötzlich die Thüre öffnend.«Wenn ich halb blind bin, so bin ich doch nicht taub, und ihr hättet nicht so laut vom Entwischen reden sollen, 24 wenn Ihr hättet durchkommen wollen. Kommt nur, kommt Jungfer Hanne, rechts um kehrt Euch, Marsch— fort! Sapperment!— Und Ihr, Frau Base— ich will Euch nicht nach Eurem wahren Namen fragen, wenn Ihr mir gleich den garstigen Schelmstreich habt spielen wollen. Aber ich mufs reine Bahn hier machen! Zum Rückzug geblasen, oder ich hole die Wache!“ Ich hoffe, guter Freund,“ sagte Morton, ängst- lich besorgt,«Ihr werdet dieser Sache nicht erwähnen, und Euch auf mein Wort verlassen, dafs ich für Eure Verschwiegenheit erkenntlich seyn werde. Wenn Ihr unsre Unterredung mit angehört habt, werdet Ihr wissen, dafs wir den raschen Vorschlag dieses gutmüthigen Mädchens nicht angenommen haben.“ «Ja, verhenkert gutmiithig ist die, das muſs wahr seyn,“ versetzte Halliday!«Was das Uebri- ge anbelangt, so merke ich schon, wie die Sachen stehen, und schäme mich so gut, was nachzu- tragen, oder hinterdrein zu schwatzen, als ein Andrer. Aber der kleinen schelmischen Hexe, der Hannchen, mag's der Teufel danken! Ruthen hätte sie verdient, dafs sie einen ehrlichen Kerl in die Patsche hat bringen wollen, weil er so einfältig ist, an dem Bischen Gesichtchen Ge- fallen zu finden.“ Hannchen wufste. sich nicht besser zu recht- 215 fertigen, als durch die letzte Entschuldigung, auf die sich ihr Geschlecht gewöhnlich nicht verge- bens verläſst: sie drückle ihr Taschentuch vor das Gesicht, schluchzte heftig und weinte, oder that wenigstens so. Nun aber,“ fuhr der Reiter etwas erweicht fort,«wenn Ihr noch was zu sagen habt, so sagt's in zwey Minuten, und macht, daſs Ihr fort kommt. Denn käm' es Bothwell in sein be- rauschtes Gehirn, die Runde eine halbe Stunde früher zu machen, so würd' es für uns Alle eine schöne Geschichte geben.“ Lebt wohl, Edithe,“ flüsterte Morton, und nahm eine Festigkeit an, von der seine Seele nichts wuſste:«verweilt nicht länger hier; über- lafst mich meinem Schicksal; es kann nicht un- erträglich seyn, da Ihr Antheil daran nehmt. Gute Nacht, gute Nacht! Verweilt nicht hier, bis man Euch entdeckt!“ Mit diesen Worten überlieſs er sie ihrer Be- gleiterin, die sie halb aus dem Zimmer führte, halb trug. «Jedermann hat seinen Geschmack, das muſs wahr seyn, sagte Halliday. Aber der Teufel soll mich holen, wenn ich das allerliebste Mädchen hätte kränken können, und hätt' es für alle Whigs seyn sollen, die jemals den Bund be- schworen!* 216 Als Edithe ihr Zimmer wieder erreicht hatte, gab sie sich so ganz ihrem Schmerze hin, daſs Hannchen Dennison unruhig ward, und alles aufbot, was ihr einfiel, sie zu trösten. «Nehmt es Euch nur nicht gar zu sehr zu Herzen, liebes Fräulein,“ sagte die treue Diene- rin:«wer weiſs, was noch für Hülfe für den jungen Milnwood kommen kann! Er ist so brav, und so schön, und ein angesehener Edelmann; sie machen's mit seines Gleichen nicht, wie mit den armen Teufeln, die sie in der Haide fangen. Die hängen sie auf, wie Zwiebeln. Vielleicht kann sein Oheim etwas für ihn thun, vielleicht will auch Euer Grofsoheim ein gutes Wort für ihn einlegen. Er ist ja gut bekannt mit allen den Rothröcken.“ Du hast Recht, Hannchen, Du hast Recht,“ erwiederte Edithe, sich aus der Betäubung, in die sie versunken war, herausreissend. Es ist keine Zeit zum Verzweifeln, sondern zum Han- deln. Du mufst mir einen schaffen, der noch heute Nacht mit einem Briefe zu meinem Oheim reitet.“ «Nach Charewood, Fräulein? Es ist schon so spät, und es liegt anderthalb Meilen weit und drüber, das Thal hinunter. Ich weiſs nicht, ob wir die Nacht noch einen Boten und ein Pferd finden werden, zumal da sie eine Schildwache 217 vor's Thor gestellt haben. Der arme Luthbert, der ist fort, der arme Mensch! Der würde alles in der Welt gethan haben, wenn's ꝛch's verlangt hätte, und nie gefragt haben, warumb Ich habe noch nicht Zeit gehabt, mit dem neuen Acker- burschen Bekanntschaft zu machen; ich höre auch, der heyrathet die Lehne Murdieson, so ein häſsliches Ding wie das auch ist.“ «Du muſst einen finden, Hannchen! Leben und Tod hängt daran.“ «Ich wollte wohl selber gehn, gnädiges Fräu- lein; ich könnte aus dem Fenster in der Speise- kammer und den alten Eibenbaum hinunter klettern. Ich habe wohl schon früher den Spaſs gemacht. Aber die Strafse ist doch gar zu un- sicher jetzt, und ganz voll Rothröcke, der Whigs nicht zu gedenken, die auch nicht viel besser sind, ich meine die jungen Burschen, wenn sie einen in der Haide so ganz allein finden. Um den Gang ist mir's nicht zu thun. Ich könnte Euch Meilen im Mondschein gehn.“ Weiſst Du denn Niemand, der mir für Geld und gute Worte diesen Dienst leistete 5 fragte Edithe in groſser Augst. Ich weiſs niemand,“ antwortete Hannchen nach kurzem Besinnen,«als den Gänse-Cilbert. Der weiſs aber vielleicht den Weg nicht, und der ist doch so leicht zu finden, wenn er auf 218 der Fahrstraſse 5leibt, und sich nur den Weg nach Cappercleugh merkt, und wenn er nicht in Whomlelirn-Pfuhl einsinkt, oder wenn er nicht den Abhang bey der Teufelsschlucht her- unterfällt, oder nicht etwa eine von den hockri- gen Stufen auf dem Paſs von Walkwarg verfehlt, oder wenn er nicht etwa von den WVhigs ins Ce- birge geschleppt wird, oder den Rothröcken in die Hände fällt— Wir müssen alles wagen,“ sagte Edithe, das Verzeichnifs aller der Unfälle, die Cilberts sichre Ankunft ans Ziel der Reise verhindern könnte, unterbrechend. Allem muſs getrotzt werden, wenn Du keinen bessern Boten finden kannst.— Cehe, sage dem Burschen, er soll sich bereit halten, und laſs ihn so heimlich aus dem Schlosse, als Du kannst. Wenn er einem begegnet, soll er sagen, er bringe einen Brief an den Major Bellenden in Chareword, ohne sonst einen Namen zu nennen.“ «Gut, gut, Fräulein,“ erwiederte Hannchen. Der Junge wird seine Sache schon machen; und die Hühnerfrau soll unterdefs die Gänse in Obhut nehmen, ich will sie schon darum bitten. Und dem Cilbert will ich sagen, das gnädige Fräulein wollten ihn wieder bey der gnädigen Frau zu Cnaden bringen und ihm einen Thaler geben.“ 219 Zwey, wenn er seine Botschaft gut ausrich- tet,“ setzte Edithe hinzu. Hannchen ging, den Gänse-GCilbert aus seinem Schlummer zu wecken, dem er gewöhnlich sich, wie seine anvertraute Heerde, nach Sonnenunter- gang zu überlassen pflegte. Während ihrer Abwesenheit nahm Edithe ihr Schreibzeug hervor, und als jene zurück kam, war folgender Brief vollendet: Mein theurer Oheim! Diese Zeilen sollen Euch sagen, wie sehr ich zu wissen wünsche, wie's mit Kurer Gicht geht, da wir Euch nicht bey der Waflenschau gesehen haben, was meine Mutter und mich sehr besorgt gemacht hat. Wenn sie Euch die Reise nicht verbietet, würden wir uns sehr freuen, Euch morgen zum Früuhstück bey uns zu sehen, da Oberst Graham von Claverhouse unterwegs bey uns einspricht, und wir sehr gern Euren Beystand hätten, cinen so ausgezeichneten Kriegsmann zu empfangen und zu unterhalten, dem es in der Cesellschaft von Frauen wahrscheinlich nicht sehr gefallen wird. Auch bitte ich Euch, lieber Oheim, Eurer Haushälterin, der Frau Carfort, zu sagen, sie möchte mir doch mein gutes seidnes Kleid mit den Hänge-Aermeln schicken. Sie 220 wird es in der dritten Schublade des Nufsbaum- schrankes in dem grünen Zimmer, das Ihr so gütig seyd, das meine zu nennen, finden. Auch bitte ich Euch noch, lieber Oheim, mir den zweyten Band des grofsen Cyrus zu senden. Ich bin bey der Gefangenschaft des Philidaspes stehen geblieben, Seite siebenhundert und drey und dreyſsig. Vor Allem aber bitt' ich Euch dringend, morgen vor acht Uhr hier zu seyn, was Ihr, da Euer Schimmel so gut ist, leicht könnt, ohne vor Eurer gewöhnlichen Zeit auf- zustehen. Indem ich Cott bitte, Eure Gesund- heit zu erhalten, verbleibe ich Eure gehorsame und Euch liebende Nichte Edithe Bellenden. Nachschrift: Eine Abtheilung Soldaten hat heute Abend Euren Freund, den jungen Herrn Heinrich Mor- ton von Milnwood, als Gefangenen hierher ge- bracht. Ich glaube, Ihr werdet für den jungen Mann sehr besorgt seyn, und melde es Euch darum, im Fall Ihr etwa mit dem Obersten Craham seinetwegen sprechen wollt. Ich habe meiner Groſsmutter seinen Namen nicht genannt, weil ich ihre Vorurtheile gegen seine Familie kenne.. 221 Als sie diesen Brief gesiegelt und Hannchen übergeben, eilte die treue Dienerin, denselben den lländen Cänse-Cilberts anzuvertrauen, der schon bereit stand, aus dem Schlosse zu klet- tern. Sie gab ihm darauf verschiedne Anwei- sungen über den Weg, besorgt, er möchte sich leicht verirren, da er ihn nur ohngefähr fünf bis sechsmal gemacht hatte, und eine gleich kleine Dosis Gedächtniſs als Verstand besafs. Darauf mufste er aus dem Speisekammerfenster auf den buschigen Eibenbaum steigen, der dicht davor stand, und sie hatte die Freude, ihn glück- lich auf die Erde kommen, und anfangs auch den rechten Weg einschlagen zu schen. Sie kehrte hierauf zu ihrem Fräulein zuriick, sie zu bewegen, sich niederzulegen, und sie durch die Versicherung, daſs Cilberts Sendung den besten Erfolg haben werde, so viel als möglich zu be- ruhigen; konnte aber nicht umhin, im Vorbey- gehn noch einmal zu beklagen, dafs der treue Luthbert, der den Auftrag doch noch sicherer ausgerichtet haben würde, nicht mehr im Stande wäre, ihr zu dienen. Clücklicher als Bote, denn als Reiter, kam Qänse-Gilbert gegen Tagensanbruch vor des Majors Wohnung an, mehr durch seinen guten Stern, als durch seine Geschicklichkeit: denn er hatte sich nicht öfter als neunmal verirrt, M. 2 22 und so auf ceinem Wege von zwey Meilen ohn- gefähr zehn Stunden zugebracht; sein Anzug aber trug die Spuren jedes Grabens, jedes Sum- pfes und jeder Pfütze, die zwischen Tillietudlem und Chareward anzutreffen waren.