Taschenbibliothek der ausländischen Klassiker, neuen Verdeutschungen. N. 76. Walter Scott's Romane. Neun und dreyfsigstes Bändchen. —*— eeaee 2.. Bau. Sale 2 7 C Walter Scott's pPñRonmane. ⸗ 4⁴ Aus dem Englischen * Neun und dreyſsigstes Bändchen.. Der Alterthümler. Zweyter Theil. * ————V——————A—õ Zwicekau, im Verlage der Gebrüder Schumann. 1823. Der Alterthümler. Roman vom Verfasser des Waverley. Deutsch v on Heinrich Döring. In vier Theilen. Zweyter Theil. „Ich kannt' Anselmo. Ep war schlau und klug. Klug heit und List besass er gleichermassen; Doch störrig, wie ein eigensinnig Kind, Ergötzt' ihr Spielwerk, wie's die Jugend liebt: Ein Fabelbach, geziert mit manchem Holaschnittè, Das Klimpern einer rostigen Medaille, Irgend ein altes Lied, wie's an der TEiege König Pipin's zuerst gesungen ward.“ —.— ℳqG————-—-———— Zwic kau, im Verlage der Gebrüder Schumann. 1 8 2 3. —ℳ———— ℳMℳK:Uö—ℳ——— Miſ—— Dreyzehntes Kapitel. Es gab einst eine Zeit, wo ich dich haſste; Und lieben Kann ich dich auch jetzt noch nicht. SFo lästig mir dein Vmgang früher war, Ich will ihn dulden— Doch fordre weiter keinen Lohn von mir. II ie's euch gefällt. Eine höhere Röthe färbte Isabellens Wangen, als sie, sich zuvor sammelnd, nach einiger Zeit zu den beyden Fremden ins Zimmer trat. Ich bin froh, daſs Sie kommen, meine schöne Feindin,“ sprach Oldbuck, sie freundlich be- grüfsend.«Ich hatte einen sehr widerspenstigen oder doch nachläfsigen Zuhörer an meinem jun- gen Freunde hier, als ich mich bemühte, ihn mit der Geschichte des Schlosses Knockwinnock bekannt zu machen. Es scheint, als ob der junge 8 Mann von den Gefahren der letzten Nacht ganz verduzt geworden ist. Aber Sie, Fräulein Isa- bella, sehen ja aus, als ob nichts besser fur Sie pafste, als in der Nacht umherzuschwärmen. Ihre Gesichtsfarbe ist heute viel besser, als bey Ihrem gestrigen Besuche in meinem hospitium. Und Ihr Herr Vater— wie befindet sich mein lieber alter Freund b" «Leidlich, Herr Oldbuck; doch wird er wohl nicht ganz im Stande seyn, fürcht' ich, Ihre Glückwünsche zu empfangen, oder seinen— seinen Dank an Herrn Lovel für dessen beyspiel- lose Anstrengungen abzustatten.“* «Das glaub' ich wohl,“ versetzte Oldhuck, wein gutes Dunenkissen wäre dienlicher fur sein graues Haupt gewesen, als das harte Lager auf dem Fel- senbett, der verdammten Lieschens-Schiürze.“» «Ich hatte nicht die Absicht, mich aufzudrin- gen,“ sagte Lovel, seinen Blick zu Boden sen- kend, mit gepreſster Stimme.«Ich wollte weder dem Herrn Ritter, noch Ihnen, mein Fräulein, beschwerlich fallen durch meine Gegenwart, die auf jeden Fall unwillkommen seyn muſs, da sie so schmerzliche Erinnerungen zurückruft.» «Glauben Sie nicht, dafs mein Vater so unge- recht und undankbar ist,“ entgegnete Isabella. «Ich darf wohl sagen,“ fuhr sie fort, fast eben so verlegen, als Lovel,«ja, ich weiſs gewiſs, mein Vater würde;sich sehr glücklich schätzen; 9 seine Dankbarkeit beweisen zu können— aukf ir- gend eine Art— auf eine solche, mein' ich, die Herr Lovel für schicklich halten könnte, anzu- geben.* Den Henker auch,“ fiel Oldbuck ein.«Was ist das für eine Art von Bestimmunge In der That, es erinnert mich an unsern Herrn Pfarrer, der, förmlich wie er ist, der alte Geck, einst einmal auf die Neigung meiner Schwester sein Glas anstofsen wollte, und für gut fand, hinzu- zusetzen: Vorausgesetzt, mein Fräulein, daſs es eine tugendhafte Neigung ist.— Lassen wir das! Nichts mehr von dergleichen Possen! An einem andern Tage werden wir dem Ritter schon will- kommen seyn, hoff' ich.— Aber, was gibt's denn Neues aus dem Reiche der unterirdischen Finster- niſs und der luftigen Hoffnung? Was sagt der schwarze Berggeist? Hat Ihr Herr Vater kürz- lich gute Nachrichten aus Glen-Withershins erhalten 5 Isabella schüttelte den Kopf.«Ich fürchte, es ist nicht viel Tröstliches, Herr Oldbuck! sagte sie. Da liegen einige Stufen, die man uns neuerlich geschickt hat.“ «Ach, meine lieben hundert Pfund Sterling!* rief Oldbuck,«die ich, auf des Ritters Zureden, an diese glänzende Hoffnung wagte! Eine ganzo Fuhre von Mineralien hätt' ich dafür bekommen können. Wir wollen'’s doch einmal ansehn.“ 10 Mit diesen Worten setzte er sich an den Tisch, auf dem die Mineralien lagen, und untersuchte sie, während er bey jedem Stiicke, das er in die Mand nahm und wieder bey Seite legte, unwill- kührlich murrte. Indessen benulzte Lovel, der gleichsam ge- zwungen mit Isabella unter vier Augen war, die Celegenheit, ihr leise zu sagen:«Mein Fräulein, ich hoffe, Sie werden es der fast unwiderstehli- chen Gewalt der Umstände zuschreiben, dafs Ih- nen Jemand lästig fällt, der Ursache hat, sich für einen unwillkommenen Gast zu halten.» «Herr Lovel,» entgegnete Isabelle mit gleicher Zurückhaltung,«ich traue Ihnen zu, daſs Sie die Vortheile, welche Ihnen die uns geleisteten Dien- ste geben, nicht miſsbrauchen werden. Insofern sie meinen Vater betreffen„ lassen sich diese Dienste nie genug erkennen und vergelten. Könn. ten Sie mich sehen, ohne dafs dadurch Ihre Ru- he gestört würde, Herr Lovel; könnten Sie mich als Freundin, als Schwester betrachten, so würde Niemand— und nach allem„ was ich von Ihnen gehört habe, müfste Niemand mir willkommner seyn, als die; aber—» Oldbuck's Verwünschung des Wörtchens Aber klang in Lovel's Innerem wieder. «Verzeihen Sie, gnädiges Fräulein,» sprach er,«dafs ich Sie unterbreche. Seyn Sie unbe- sorgt, dafs ich Ihnen wieder mit ciner Angele- 11 genheit beschwerlich falle, mit der. ich schon einmal strenge abgewiesen worden bin. Aber fügen Sie zu der Strenge, die meine Gefühle zu- rückstöfst, nicht auch die Härte, mich zwingen zu wollen, daſs ich sie abläugne.* Herr Lovel, Sie setzen mich in nicht geringe Verlegenheit durch Ihr— ich möchte nicht gern ein hartes Wort gebrauchen— Ihre schwärme- rische und hoffnungslose Beharrlichkeit. Es ist Ihre eigene Sache, die ich führe, wenn ich Sie bitte, auf die Ansprüche zu achten, die Ihr Va- terland auf Ihre geistigen Anlagen hat, statt in thörichter und grillenhafter Nachgicbigkeit eine Zeit zu verschwenden, die, durch wirkliche Thä- tigkeit benutzt, zu künftiger Auszeichnung den Grund legen könnte. Ich bitte Sie, einen festen, männlichen Entschlufs zu fassen— 5 «Nicht weiter, mein Fräulein, ich sehe deut- lich—* aSie sind empfindlich, Herr Lovel. Glauben Sie mir, es thut mir wehe, etwas Peinliches zu sagen; aber kann ich anders, wenn ich gerecht gegen mich und redlich gegen Sie seyn will P Ohne meines Vaters Einwilligung werd' ich nie eine Bewerbung von irgend Jemand ermuntern, und wie unmöglich es ist, daſs er die Auszeich- nung, womit Sie mich bechren, begünstigen sollte— das sehen Sie selbst ein, und in der That—» 12 «Nein, Fräulein, sagen Sie nichts mehr. Ist es nicht genug, jede Hoffnung in einer Lage, wie die unsrige in diesem Augenblicke ist, zu ver- nichtenb Warum wollen Sie Ihre Entschliessun- gen weiter hinausdehnen— warum schildern, wie Ihr Betragen seyn würde, wenn die Einwürfe Ihres Vaters entfernt werden könnten?“ «Es ist in der That vergeblich, Herr Lovel, weil sie unmöglich entfernt werden können. Ich, als Ihre Freundin, als diejenige, die Ihnen ihres Vaters Leben und das ihrige verdankt, kann Sie nur bitten, diese unglückselige Neigung zu unter- driicken, und ein Land zu verlassen, das Ihnen keinen Spielraum für Ihre Geistesgaben gibt. Kehren Sie zurück zu dem ebrenvollen Berufe, den Sie aufgegeben zu haben scheinen.“* Wohlan, mein Fräulein, Sie sollen Ihre Wün- sche erfüllt schen. Nur einen einzigen Monat noch haben Sie Geduld mit mir, und wenn ich in dieser Zeit Ihnen nicht Gründe für meinen längern Aufenthalt in Fairport angeben kann, die Sie selber billigen, so will ich Abschied nehmen- von dieser Gegend und von allen meinen Hoſf nungen auf Lebensglück.* «Sagen Sie das nicht, Herr Lovel. Noch man- che Jahre eines verdienten Glücks, das aber auf einer vernünftigern Grundlage ruht, als Ihre jez- zigen Wünsche, liegen vor Ihnen, wie ich hoffe. Ich kann Sie nicht zwingen, meinem Rathe zu 13 folgen— kann meines Vaters Haus dem Manne nicht verschliefsen, der ihm und mir das Leben rettete. Aber je schneller Sie Ihr Gemüth dazu stimmen können, sich in die unvermeidliche Vereitlung zu voreilig gefaſster Wünsche zu fü- gen, desto höher werden Sie in meiner Achtung steigen.— Indessen entschuldigen Sie es, um Ihret- und um meinetwillen, wenn ich das Ge- spräch über einen so peinlichen Gegenstand ab- breche.“ Ein Diener meldete in diesem Augenblicke, dafs der Ritter Herrn Oldbuck in seinem Zimmer zu sprechen wünsche. «Ich will Ihnen den Weg zcigen,“ sagte Isa- bella, die, wie es schien, mit Lovel nicht allein zu bleiben wünschte, und daher Oldbuck zu dem Zimmer ihres Vaters führte. Sir Arthur lag, die Beine in Flanell gewickelt, auf dem Ruhebette. Willkommen, Herr Old- buck, sprach er,«ich hoffe, der gestrige Abend hat Ihnen weniger geschadet, als mir.* Allerdings, Sir Arthur. Ich war ihm nicht so ausgesetzt, und blieb auf der kerra firma— auf festem Lande, während Sie von der Nachtluft im eigentlichsten Sinne des Worts zu leiden hatten. Dergleichen Abentheuer passen indefs besser für einen tapfern Ritter, als für einen demüthigen Landjunker: sich auf den Flügeln des Nacht- windés emporzuschwingen und hinabzusteigen in 14 die Eingeweide der Erde.— Was gibt's denn Neues von unsrem unterirdischen Vorgebirge der guten Hoffnung, der terra incognita von Glen- Withershinsb» «Bis jetzt nicht viel Gutes," sagte der Ritter, sich schnell krümmend, als hätt' ihn das Zipper- lein heftig gezwickt.«Allein Dousterswivel ver- zweifelt nicht.“ 4 «Das wäre!» entgegnete Oldbuck.«Ich aber, mit seiner Erlaubnifs, hab' doch einiges Beden- ken. Erzählte mir doch der alte Doctor H... neulich in Edinburg, als ich ihm unsere Erzstu- fen zeigte, wir würden nie so viel Kupfer finden, um uns ein Paar Knieschnallen daraus machen zu lassen. Die Stufen auf dem Tische da schei- nen mir nicht viel besser zu seyn.“ «Der gelehrte Doctor kann freylich auch irren, wie's mir vorkömmt.“ «Bewahre! Er ist einer unserer ersten Natur- forscher, und Ihr Bettelphilosoph, Herr Douster- swivel, ist, meines Bedünkens, einer jener ge- lehrten Abentheurer, von denen Kircher sagt: Artem habent sine arte, partem sine parte, quo- rum medium est mentiri, vita eorum mendicatum ire. Das heiſst, Fräulein Wardour—* Die Uebersetzung ist unnöthig,» fiel Isabella ein,«ich verstehe im Allgemeinen, was Sie sa- gen wollen; indefs wird sich Herr Dousterswivel, hoff' ich, des Vertrauens würdiger beweisen, als Sie glauben.* 15 aIch zweifle nicht im geringsten daran,“ ver- setzte Oldbuck;«und wir wären auch auf schlim- mem Wege, wenn wir die Erzader, die er seit zwey Jahren prophezeiht hat, nicht fänden. «Sie wagen nicht viel dabey, Herr Oldbuck,* sagte Sir Arthur. „Nur zu viel— nur zu viel, sag' ich Ihnen; und doch wollt ich's um meiner schönen Feindin willen gern verlieren, wenn für Sie nichts mehr dabey auf dem Spiele stände.“ Einige Augenblicke herrschte ein peinliches Schweigen. Denn der Ritter war zu stolz, um die Vereitlung seiner goldenen Träume zu gestehen, und konnie sich gleichwohl nicht län- ger verhehlen, dafs dies das Resultat der Unter- nehmung seyn werde. Ich höre,“ sprach er endlich,«der junge Mann, dessen Muth und Geistesgegenwart wir gestern Abend so viel verdankten, hat mich mit einem Besuche beebren wollen. Ich bedaure, ihn nicht sehen zu können, so wenig als sonst Jemand, Sie, Herr Oldbuck, als alten Freund, ausgenommen.* Der Alterthumsforscher verbeugte sich mit stei- fem Rückgrat für den Vorzug. „Wahrscheinlich lernten Sie den jungen Mann in Edinburg kennen?“ fuhr Sir Arthur fort. Oldbuck erzählte die näheren Umstände, wie sie mit einander bekannt geworden waren, 16 «Meine Tochter kennt Herrn Lovel demzufolge länger, als Sie.“* «Das hab' ich in der That nicht gewuſst.» «Ich sah Herrn Lovel,“ sprach Isabella, mit flüchtigem Erröthen,«als ich im vorigen Früh- jahr bey meiner Tante, Mistrefs Wilmot, war.* «In Yorkshire bo fragte Oldbuck. Was war denn zu jener Zeit sein Geschäft und Beruf, und wie kam es, daſs Sie ihn nicht wiedererkannten, da ich den jungen Mann Ihnen vorstellte?“ Isabella beantwortete die minder schwierige Frage, und überhüpfte die andere. Er war Officier," sagte sie,«und hatte sich ausgezeich- net, wie ich glaube; denn er genoſs überall Achtung, und war ein angenehmer, vielverspre- chender Mann.* «Wenn das der Fall ist, wie kam es denn, daſs Sie nicht gleich mit ihm sprachen, als Sie ihn in meinem Hause sahn. Ich hätte geglaubt, mein Fräulein, Sie besäfsen weniger von dem kleinlichen Weiberstolze.“* «Das hatte seine GCründe, sprach der Ritter mit Würde.«Sie kennen die Meynungen— die Vorurtheile, wie Sie's vielleicht nennen werden — unsres Hauses, in Betreff einer untadelhaften Geburt. Dieser junge Mann scheint der unehli- che Sohn eines angesehenen Mannes zu seyn. Meine Tochter wollte die Bekanntschaft nicht wieder anknüpfen, ehe sie wuſste, ob ich es bil- — 17 ligte, dafs sie in irgend einem Verhäliniſs zu ihm stehe.“ «Der arme junge Mann,“ sagte Oldbuck.„Nun merk' ich, warum er so zerstreut und verlegen war, als ich ihm die Binde der Unehlichkeit auf dem Wappenschilde am Eckthurm erklärte." Ja, sprach der Ritter selbstgefällig,«das ist das Wappen Malcolm's, des Usurpators, wie er gewöhnlich heifst. Der von ihm erbaute Thurm wird noch Malcolms-Thurm genannt. In dem lateinischen Stammbaum unsres Geschlechtes heiſst er Milcolumbus Nothus, das ist, der Ba- stard. Seine zeitliche Anmaſsung unsers Eigen- thumes und das unrechtliche Bestreben, seinen unächten Stamm in Knockwinnock festzusetzen, gab zu vielen Familienzwisten und Unglücksfäl- len Anlaſs. Dadurch mufsten wir wohl bestärkt werden in jenem Abscheu und Widerwillen gegen beflecktes Blut und unehliche Herkunft, und dies hatsich von meinem würdigen Vorfahren aufmich vererbt.“ „Ich kenne die Geschichte, sagte Oldbuck, und habe sie Herrn Lovel, sammt den weisen Maximen und Schlüssen, die man daraus für Ihre häusliche Politik gezogen hat, mitgetheilt. Der arme Junge! Es mag ihn recht geschmerzt haben. Ich hielt sein unachtsames Wesen für Gleichgültigkeit, und war fast böse darüber, und nun seh’ ich, daſs nur sein lebhaft aufgeregtes B 76. 18 Gefühl daran Schuld war. Ich hoffe übrigens, Hlerr Ritter, Sie werden Ihr Leben darum nicht geringer achten, weil es durch— solchen Bey- stand gerettet ward?» «Eben so wenig, als ich von dem, der ihn mir leistete, gering denken werde,“ versetzte Sir Arthur.«Haus und Heerd sollen ihm offen ste- hen, als ob seine Herkunft die makelloseste wäre.“* «Das freut mich, entgegnete Oldbuck. 80 weiſs er doch, wo er ein Mittagsessen finden kann, wenn er dessen bedarf. Aber was für Absichten kann er denn hier in unsrer Gegend haben? Ich mufs ihn doch ein wenig ausforschen; und find' ich, dafs er's braucht, oder— mag er's brau- chen oder nicht— genug, mit meinem besten Rath will ich ihn unterstützen.“ Oldbuck nahm hierauf von Sir Arthur und sei- ner Tochter Abschied, ungeduldig, den jungen Mann, wie er sich vorgenommen hatte, auszu- forschen. Er sagte ihm in abgebrochenen Wor- ten, dafs Isabella, genöthigt, bey ihrem Nater zu bleiben, sich ihm empfehlen lasse. Hierauf faſst' er seinen Arm, und führt' ihn aus dem Schlosse. Knockwinnock hatte äusserlich noch viel von einem freyherrlichen Schlosse. Es befand sich eine Zugbrücke davor, die freylich nie aufgezogen ward, und über einen mit Gesträuch bewachsenen 19 Burggraben hinlief. Die Mauern stiegen theils auf einer Crundlage von röthlichem Granit em- por, theils von dem grünbewachsenen Rande des ausgetrockneten Grabens. Ausser den Bäumen, welche die Allee bildeten, und bereits früher beschrieben worden, standen noch andere von bedeutender Höhe hie und da zerstreut, und schienen die vorgefaſste Meynung zu widerlegen, dafs Bauholz in der Nähe des Meeres nicht ge- zogen werden könne. Die Wanderer standen auf einer kleinen An- höhe still, und betrachteten das Schlofs, dessen Mauern über das au ihrem Fufse befindliche Ge- sträuch dunkle Schatten warfen, während die Fenster der Vorderseite in der Sonne glänzten. Die Empfindungen Beyder waren sehr verschieden. Mit leidenschaftlicher Sehnsucht, die ihre Nah- rung aus Kleinigkeiten zieht, suchte Lovel zu er- rathen, welche von den zahlreichen Fenstern wohl zu Isabellens Zimmer gehören möchten. Oldbuck's Betrachtungen waren bey weitem schwermüthiger, und verriethen sich, als er sich davon wegwandte, durch den Ausruf: Cito pe- ritura— bald wird es fallen und versinken!“ Lovel, aus seinen Träumen aufgestört, sah ihn an, als wolle er ihn um die Erklärung eines Aus- rufs von so übler Vorbedeutung bitten. Oldbuck schüttelte den Kopf. Ja, mein jun- ger Freund, sprach er,«ich fürchte sehr, und es geht mir an's Herz, es sagen zu müssen— dies alte Geschlecht ist seinem Untergange nahe.* « Sie setzen mich in Erstaunen,“ entgegnete Lovel. 4 Umsonst, fuhr Oldbuck fort, der Richtung seiner Ideen und Gefühle folgend, umsonst här- ten wir uns ab, den Wechsel dieser elenden, wandelbaren Welt mit der Cleichgültigkeit zu betrachten, die er verdient; umsonst bemühen wir uns, das selbstgenügsame, unverwundbare Wesen, der teres atque rotundus zu werden, wie's jener Römische Dichter nennt. Die stoi- sche Gleichgültigkeit gegen die Qualen und Be- schwerden des Lebens, wobey uns die Philoso- phie auszurüsten verheiſst, ist eben so eingebil- det, als der Zustand mystischer Ruhe und Voll- kommenheit, nach dem einige tolle Schwärmer streben.* „Verhüte der Himmel, daſs es anders wärel“ entgegnete Lovel mit Wärme.«Möge der Him- mel verhüten, daſs die Philosophie unsere Gefähle so abstumpfen und verhärten könnte, dafs sie durch nichts, was nicht augenblicklich und un- mittelbar aus unserer Selbstsucht entspringt, auf- zuregen wären. Ich wollte lieber, meine Hand wäre so hart als Schwielen, als Horn, das sich vor keiner Verletzung zu fürchten hätte, ch' ich nach der stoischen Unempfndlichkeit strebte, die mein Herz zu einem Mühlstein machte.* — 21 Der Alterthumsforscher warf einen halb mit- leidigen, halb theilnehmenden Blick auf seinen Freund.«Warten Sie, junger Mann,» sprach er mit Achselzucken,«xwarten Sie, bis Ihre Le- bensbarke sechzig Jahre lang von dem Sturm menschlichen Glückswechsels umhergetrieben worden. Dann werden Sie lernen, die Segel auf- zurollen, daſs Ihr Schiff dem Sturme gehorche, oder in der Sprache dieser Welt, Sie werden Miſsgeschick genug erduldet haben und zu erdul- den finden, um Ihre Gefühle und Ihre Theil- nahme vollauf zu beschäftigen, ohne daſs Sie sich um das Schicksal Anderer mehr bekümmern, als Sie gerade nicht vermeiden können.“ «Mag sich's meinetwegen so verhalten, Herr Oldbuck; so gleich' ich Ihnen mehr in Ihrem Leben, als in Ihrer Lehre; denn ich kann mich einer innigen Theilnahme an dem Schicksal dieser Familie einmal nicht erwehren.* «Die verdient sie allerdings,“ versetzte Old- buck.«Sir Arthur's Verlegenheiten sind neuerlich so häufig und drückend geworden, dafs es mich wundert, wie Sie nichts davon wissen. Und nun die thörichten und kostspieligen Unternehmungen, in die er sich durch den Deutschen Landstreicher, den Dousterswivel, einläfst—» E.«Mich dünkt, ich habe diesen Menschen schon einmal gesehen,“ enigegnete Lovel, zals ich, sanz gegen meine sonstige Art, einmal das Caffee- 22 haus in Fairport besuchte. Es war ein langer Mann, mit struppigen Augenbrauen, und seltsam gewachsen, der über wissenschaftliche Gegen- stände, wie es wenigstens mir als Laye vorkam, mehr mit einer dreisten Zuversicht, als gründli- cher Kenntnils sprach, sehr keck im Aufstellen und Verfechten seiner Meynungen war, und wis- senschaftliche Ausdrücke mit einem wunderlichen mystischen Rothwelsch vermengte. Ein einfälti- ger junger Mensch flüsterte mir zu: der Fremde sey ein Illuminat, und habe Verkehr mit der unsichtbaren Welt.* Das ist er,“ rief Oldbuck,«wie er leibt und lebt! Er besitzt gerade practische Kenntnisse ge- nug, um mit Leuten, vor-deren Einsicht er Furcht hat, gelehrt und verständig zu sprechen, und ich muſs gestehen, diese Gabe und seine beyspiel- lose Unverschämtheit gaben mir selbst eine ziem- lich hohe Meynung von ihm, als ich ihn zuerst kennen lernte. Seitdem hab' ich nber erfahren, dafs er sich unter Thoren und Weibern wie ein ausgemachter Charlatan beträgt, von Sympathien, der Cabala, der Wünschelruthe und andern Pos- sen spricht, womit die Rosenkreuzer*) die Leute in früherer Zeit täuschten, und welche man, zu ¹) Die Mitglieder einer geheimen Gesellschaft, zu Hus fange des 179 ten Jahrhunderts, die vorteblich eine 23 unsrer ewigen Schande, heut zu Tage zum Theil wieder hervorgesucht hat. Mein Freund, der Doctor Heavysterne, hat den Menschen im Aus- lande kennen gelernt, und hat mir ganz ohne Absicht— denn er gehört selber zu den Gläubi- gen— ziemlich viel von dem wahren Character des Abentheurers verrathen. Wenn ich nur auf Einen Tag Calif wäre, wie der chrliche Abu Has- san wüinschte, ich wollte diese Gaukler mit Scor- pionengeiſseln aus dem Lande jagen! Sie ver- führen das GCemüth der Unwissenden und Leicht- gläubigen durch ihr mystisches Gewäsche eben so, als ob sie durch Branntwein sie besoſfen gemacht hätten, und plündern dann ihre Taschen mit gleicher Leichligkeit. Nun hat dieser landstrei- cherische Markischreyer eine alte und würdige Familie an den Rand des Verderbens gebracht!* „Wie gelang es ihm denn aber, den Ritter so arg zu hintergehen?“ „Das weiſs ich so genau nicht,“ entgegnete Oldbuck. Sir Arthur ist ein guter, achtbarer Mann, aber sein Verstand ist— wie Sie schon aus seinen schwankenden Meynungen über die allgemeine Verbesserung der Kirche zum Zweck hat- ten, eigentlich aber dem bekannten Stein der Wei- sen nachspürten. Der Stifter dieses Bundes soll ein Würtembergischer Gelehrter, Valentin Andreä, ge- Wesen seyn. 24 Piktensprache sehen— nicht eben der stärkste. Er besitzt seine Güter nur unter der Bedingung, dafs er sie nie veräussern darf, und befand sich von jeher in Verlegenheit. Der Betrüger versprach ihm goldene Berge, und eine Englische Handels- compagnie zeigte sich bereit, ihm bedeutende Summen vorzuschiefsen— auf des Ritters Bürg- schaft, fürcht' ich. Einige Gutsbesitzer in unse- rer Gegend— ich war auch so ein Esel— nah- men kleine Antheile, und Sir Arthur selbst machte grofse Auslagen. Wir wurden durch scheinbare Vorwände, und noch scheinbarere Lügen hinge- halten, und nun, da wir erwachen, sehen wir, dafs alles nur ein Traum war.“ «Ich wundre mich sehr,“ versetzte Lovel,«daſs Sie den Ritter durch Ihr Beyspiel aufmunterten.* «Je nun,“ entgegnete Oldbuck, die dichten, grauen Augenbrauen zu Boden senkend,«ich bin selber ein wenig erstaunt darüber und beschämt zugleich. Aus Gewinnsucht geschah es nicht— denn Niemand macht sich weniger aus dem Gelde, als ich. Aber ich dachte, die kleine Summe könnt' ich schon wagen. Man erwartet— ich weiſs freylich nicht recht warum— daſs ich dem Manne etwas geben werde, der so gut wäre, mir von dem Weibsbild, meiner Nichte Maria M'In- tyre, zu helfen; man denkt vielleicht auch, ich sollte dem Maulaffen, ihrem Bruder, zu seiner Beförderung im Kriegsdienste behülflich seyn. 25 In beyden Fällen würd' ich aus der Klemme ge- kommen seyn, wenn ich da meinen Schlag ge- macht hätte. Ueberdies hatt' ich eine Vermu- thung, daſs die alten Phönizier auf eben dieser Stelle Kupfer gefunden haben. Der listige Schelm, der Dousterswivel, merkte meine schwache Seite, und wuſste gar seltsame Geschichten von Spuren alter Schachte und von Bergwerksarbeiten zu er- zählen, die ganz anders betrieben worden, als in neuern Zeiten— kurz, ich war ein Thor, und damit hat's ein Ende. Was ich verliere, ist nicht der Rede werth, aber Sir Arthur hat sich, wie ich höre, sehr tief eingelassen, und ich bedaure sowohl ihn, als seine arme Tochter, die sein Un- glück theilen muſs.“ ——O———— Vi erzehntes Kapitel. Danf ich des Cchlummers SFohmeichelauge traun, Fo deuten meine Träume auf was Gutes: Mein Hersgeliebter sitat auf hohem Thron. in ungewohnter Geist trägt von der Erde Mich hoch empor mit fröklichen Gedanken. Shalespeare's Romeo und Julie. Die Erzählung von Sir Arthurs unglücklichem Abentheuer hatte Oldbuck einigermafsen von dem Vorsatze abgeleitet, seinen jungen Freund über die Ursache seines Aufenthalts in Fairport zu be- fragen. Doch beschlofs er demungeachtet, seine Absicht auszuführen.«Fräulein Wardour,“ hob er an,«hat Sie schon früher gekannt, Herr Lo- vel, wie ich von ihr höre.“* Lovel erwiederte, er habe das Vergnügen g- 27 habt, sie bey Ihrer Tante, Mistriſs Wilmot, in Vorkshire zu sehen.“ „Das wäre!“ versetzte Oldbuck; haben Sie doch früher gar nichts davon gegen mich erwähnt; auch begrüfsten Sie das Fräulein nicht als eine alte Bekanntschaft.» aIch— ich wuſste nicht, daſs sie es wirklich war, bis wir uns näherten, und da hielt ich es für meine Pflicht, abzuwarten, ob sie mich wie- dererkennen würde.“* «Das zeugt von Ihrem Zartgefühl,» sagte Old- buck;«der Ritter ist ein alter, gar zu pünktli- cher Thor; aber seine Tochter— sag' ich Ihnen — ist über all' die Förmlichkeiten und Vorur- theile hinaus. Doch jetzt— nachdem Sie so manche neue Freunde hier gefunden haben, sind Sie auch jetzt noch Willens, Fairport zu ver- lassen, wie Sie sich's früherhin vorgenommen hatten 55 Darf ich Ihre Frage mit einer andern erwie- dern,“ versetzte Lovel,«so möchte ich wissen, was Sie von Träumen halten? „Von Träumen, wunderlicher, junger Mann? — Wofäür anders kann ich sie halten, als für Täuschungen der Phantasie, wenn die Vernunft den Zügel hat fallen lassen. Ich kann zwischen ihnen und dem Irrwahn der Verrückten keinen Unterschied finden. Die ungezügelten Pferde rennen in beyden Fällen mit dem Wagen davon; 28 nur ist der Kutscher in dem einen Falle betrun- ken, in dem andern eingeschlafen. Was sagt Cicero: Si insanorum visis, fides non est haben- da, cur credatur somnientium visis, quae mullo etiam perturbatiora sunt, non intellige— wenn man den Träumen der Wahnsinnigen nicht glau- ben darf, so begreif' ich nicht, warum man den Träumen der Schlafenden glaubt, die doch bey weitem verwirrter sind.* «Ganz recht, aber Cicero sagt auch, daſs wer den ganzen Tag damit zubringe, den Wurſfspieſs zu werfen, müsse doch zuweilen das Ziel treffen, und so möchten sich doch unter dem Schwarme nächtlicher Traumbilder einige finden, die mit künftigen Ereignissen in einem gewissen Zusam- menhange ständen.“ «Das heifst mit andern Worten: Sie haben nach Ihrer weisen Meynung das Ziel getroflen? Lieber Himmel, wie sich die Welt der Thorheit hingibt! Nun, ich will einmal die Traumdeutung gelten lassen— will an die Auslegung von Träu- men glauben, und sagen: es sey ein neuer Da- niel aufgestanden, sie zu erklären, wenn Sgie mir zuvor beweisen können, dafs Ihr Traum sie zu einem verständigen Betragen hingewiesen habe.“* „Nun, so sagen Sie mir,“ entgegnete Lovel, awarum ich denn während meiner Unentschlos- senheit, ob ich ein vielleicht unbedachtsam be- gonnenes Unternchmen aufgeben solle, in der 29 vorigen Nacht Ihren Ahnherrn sah, der auf einen Sinnspruch deutete, welcher mich zur Beharr- lichkeit ermunterte. Wie hätt' ich an diese Worte, die ich mich nicht erinnere, früher ge- hört zu haben, denken sollen, die obendrein in einer mir unbekannten Sprache sind, und doch eine Lehre enthalten, die ich so gut auf meine eigenen Verhältnisse anwenden konnteb“ Oldbuck brach in ein lautes Gelächter aus. Verzeihen Sie, lieber Freund, aber so täuschen wir uns, wir thörichten Menschen, und suchen ausser uns nach Beweggründen, die aus unsrem eigensinnigen Willen entspringen. Ich finde doch noch am Ende die Ursache ihres Traumgesichtes heraus. Sie waren gestern nach Tische so tief in Gedanken verloren, daſs Sie auf das Gespräch zwischen Sir Arthur und mir wenig Acht gaben, bis es sich auf den Streit über die Pikten lenkte, der so schroff abgebrochen ward. Indeſs entsinne ich mich doch, als ich dem Ritter ein von mei- nem YVorfahr gedrucktes Buch zeigte, und ihn auf das darin befindliche Motto aufmerksam machte— da waren Ihre Gedanken zwar abwe- send; aber Ihr Ohr hat doch unwillkührlich die Töne empfangen und behalten, und Ihre geschäf tige Phantasie, aufgeregt durch die Mährchen meiner Schwester Griselda, wird am Ende diesen Deutschen Brocken in Ihren Traum übergetragen haben. Wenn nun aber die Weisheit des Wa 30 chenden einen so unbedeutenden Umstand er- griſfen hat, um die Beharrlichkeit in einem Un- ternehmen zu entschuldigen, das sie nicht durch bessere Gründe rechtfertigen konnte, so ist das gerade einer von den Gauklerstreichen, welche selbst die Klügsten unter uns dann und wann spielen, um unsere Neigung auf Kosten des Ver- standes zu befriedigen. «Ich gestehe, sagte Lovel, hoch erröthend, „Sie scheinen mir recht zu haben, Herr Oldbuck, und es mufs mich in Ihrer Achtung herabsetzen, daſs ich auch nur augenblicklich einer solchen Kleinigkeit ein gewisses Gewicht beylegen konnte. Allein ich wurde von widerstreitenden Wünschen und Entschlüssen hin- und hergeworfen, und Sie wissen, welche dünne Leine ein Boot ziehen kann, wenn's einmal flott ist, Wozu, wenn's am Ufer läge, kaum ein Tau stark genug seyn würde.“* «Richtig, richtig! So wären Sie also meiner Meynung? Nein, nicht doch! Ich liebe Sie da- rum um so mehr, junger Freund. Wir haben einander nichts vorzuwerfen, und ich muſs mich schämen, wenn ich daran denke, dafs ich mich mit dem verdammten Prätorium so bloſs gegeben habe. Ieh bin gleichwohl noch immer überzeugt, dafs Agricola's Lager in dieser Gegend gewesen seyn müsse.— Und nun, licber Lovel, seyn Sie aufrichtig gegen mich. Warum machten Sie sich von Wittenbery forte WYarum haben Sie Ihre 31 Heimath und Ihre Berufsgeschäfte verlassen, um müſsig in einem Orte, wie Fairport, zu wohnen? Ich fürchte, da ist ein Hang zum Nichtsthun mit im Spiele b' «So ist es; aber ich bin so abgerissen von der ganzen Welt, kenne so wenig Menschen, für die ich mich interessire, oder die an mir einigen Antheil nehmen, dafs eben meine gänzliche Ab- geschiedenheit mir Unabhängigkeit gibt. Wer von seinem Glück oder Unglück ganz allein be- troffen wird, hat wohl Recht, seinen Weg nach eigener Laune zu verfolgen.“* «Verzeihen Sie, mein junger Freund, ver- setzte Oldbuck, indem er, ihm freundlich die Hand auf die Schulter legend, stehen blieb,«nur ein wenig Geduld! Angenommen, dals es Ihnen an Freunden fehlte, die sich für Ihr Fortkommen in der Welt interessiren, daſs Sie auf diejenigen, denen Sie sick verpflichtet fühlen, nicht zurück- blicken, oder nicht vorwärts sehen können auf diejenigen, welchen Sie Schutz geben sollen: so liegt es darum doch nicht minder Ihnen ob, stand- haft den Pfad der Pflicht zu wandeln, denn Ihre Thätigkeit gehört nicht blos der menschlichen Gesellschaft an, sondern auch voll demüthigem Dankgefühl dem Wesen, das Sie zu einem Gliede derselben machte, und Ihnen Kräfte gab, sich und Andern zu nützen. „Aber es fragt sich, ob ich solche Kräfte be- sitzel“ entgegnete Lovel, etwas ungeduldig.«Ich verlange weiter nichts von der menschlichen Ce- sellschaft, als die Erlaubniſs, unschädlich auf dem Lebenspfade wandeln zu dürfen, ohne An- dere zu stoſsen oder gestofsen zu werden. Ich bin Niemanden etwas schuldig— habe Mittel, un- abhängig zu leben, und in dieser Hinsicht so mäſsige Wünsche, dafs selbst diese beschränkten Mittel cher darüber, als darunter sind.“ «Je nun,“ sagte Oldbuck, seinen Weg fort- setzend,«wenn Sie ein so ächter Philosoph sind, und Geld genug zu haben glauben, so ist nichts dagegen zu sagen. Ich darf mir nicht anmaſsen, Ihnen weiteren Rath zu ertheilen, da Sie den Gipfel der Vollkommenheit erreicht haben. Wie ist denn aber Fairport dazu gekommen. dafs ein Weiser, der so groſse Selbstverleugnung besitzt, es zu seinem Wohnsitze auserkohren hate Es ist ja, als ob ein Verehrer des wahren Glaubens sei- nen Stab aus freyer Wahl unter die mannichfa- chen Götzendiener im Lande Egypten gesetzt hätte. Es gibt nicht einen einzigen Menschen in Fair- port, der nicht ein treuer Verehrer des goldenen Kalbes wäre; und ich selbst bin wahrlich von der bösen Nachbarschaft so angesteckt worden, daſs ich auch Lust bekomme, gelegentlich auch ein Götzendiener zu werden.“. Meine Hauptunterhaltung sind literärische Beschäftigungen,“ entgegnete Lovel, und da ich, von Umständen bewogen, die ich nicht näher schildern kann, wenigstens auf einige Zeit den Kriegsdienst verlassen mufs, so hab' ich mich in Fairport niedergelassen, wo ich ganz meiner Nei- gung leben kann, ohne die Versuchungen zu ge- selligem Umgange zu finden, die sich mir unter Umgebungen von feinerer Bildung dargeboten haben würden.“ «Aha, nun merk' ich, wie Sie das Motto mei- nes Vorfahrs anwenden. Sie bewerben sich um die öffentliche Gunst, doch nicht auf dem Wege, den ich Anfangs vermuthete. Sie wollen als Ge- lehrter glänzen, und hoffen, Gunst durch Arbeit und Ausdauer zu erlangen.“. Lovel, der sich durch die Neugierde des alten Herrn fast zu sehr in die Enge getrieben sah, hielt es für’s Beste, ihn bey dem Irrthume zu lassen, wozu er ihm keinen Anlaſs gegeben hatte. Zuweilen war ich allerdings thöricht genug,* erwiederte er,«dergleichen Ideen Raum zu geben.* «Ach, armer Freund, es kann nichts Trübse- ligeres geben, Sie müſsten sich denn, wie es wohl jungen Leuten begegnet, in irgend ein Weibsbild verliebt haben, was, wie Shakspeare schr wahr sagt, nichts weniger ist, als zu Tode gedrückt, gegeiſselt und gehängt werden, Alles. auf einmal." Oldbuck lieſs nicht nach, forschende Fragen. an len jungen Mann zu richten, die er denn 76. 34 auch wohl mitunter gutmüthig selbstbeantwortete. Der alte Herr hatte bey seinen gelehrten Unter- suchungen eine gewisse Vorliebe bekommen, Theorien auf Prämissen zu bauen, die eben nicht auf dem festesten Grunde ruhten, und da er, wie unsere Leser wissen, ziemlich starrsinnig war, so liefs er sich, weder in Thatsachen noch in Meynungen, gern zurecht weisen, selbst von denen nicht, welche die Gegenstände seiner For- schungen hauptsächlich betrafen. „Womit denken Sie denn Ihre Laufbahn als Gelehrter zu eröffnen P' begann er. Hm! hm! ich merke schon— mit der Dichtkunst, nicht wahr? Mit der Dichtkunst, der holden Verführe- rin der Jugend. Ja, ja, das sagt mir die Ver- legenbeit in Ihrem Blick und Benehmen. Doch mit welchem Pfunde wollen Sie denn wuchern? Haben Sie Lust, sich in das höhere Gebiet des Parnassus aufzuschwingen, oder wollen Sie nur um den Fufs des Hügels flattern? Ich habe mich bisher nur in einigen lyrischen Gedichten versucht.“ 1 „Das hab' ich mir gedacht! Erst die Flügel gepruüft und von Zweig zu Zweige gehüpft. Aber Zie werden doch einen kühnern Flug wagen, deùk' ich. Merken Sie wohl, ich will Sie keines- weges ermuntern, bey diesen unfruchtbaren Be- strebungen zu verharren; aber nicht wahr, Sie besorgen keinen Nachtheil von den Launen des Publikums?“— 35 „So ist es,“ versetzte Lovel. «Und sind entschlossen, nicht in eine mühe- vollere Laufbahn zu treten 5 Vor der Hand ist es mein Entschlufs,“ ent- gegnete Lovel. Nun, so bleibt mir nichts übrig, als Ihnen meinen besten Rath und Beystand in Ihren Be- strebungen zu geben. Ich habe selbst zwey Ab- handlungen in der Zeitschrift für Alterthumskunde bekannt gemacht, und bin daher nicht ohne schriftstellerische Erfahrung. Sie sind beyde mit der Unterschrift Forscher unterzeichnet, un- ter der einen hab' ich mich scrutator, unter der andern indagator genannt. Ich darf wohl sagen, die Auſsätze haben zu ihrer Zeit allgemeines In- teresse erregt. Sie sehen daraus, dafs ich kein Neuling in den Gcheimnissen der Schriftstellerey bin, und den Geschmack und Geist der Zeit nothwendigerweise kennen mufs.— Also, noch einmal, womit denken Sie Ihre literärische Lauf- bahn zu beginnenb «Ich bin nicht Willens, so bald etwas drucken zu lassen.“ 0, das geht nicht! Sie Süssen die Furcht vor der Lesewelt bey allen Ihren Unterneh- mungen vor Augen haben. Lassen Sie uns se- hen. Fliegende Blätter— doch nein! Eure fliegende Poesie will bey dem Verleger oft gar nicht vom Platze. Es müiste etwas Gründliches 36 und doch zugleich Anziehendes seyn. Nichts von den romantischen Dichtungen und unregelmäs- sigen Novellen. Ich wünschte, Sie nähmen gleich auf einmal einen recht hohen Flug. Wie wär' es denn mit einem ächten Epost Das groſse, altfränkische historische Gedicht, das sich durch zwölf bis vier und zwanzig Bücher hindurchziehtb Ja, so sey's. Ich will Ihnen zu einem Stoffe verhelfen: Die Schlacht zwischen den Caledoniern und Römern— die Caledoniade oder der abgeschlagene Angriff— s0 müſste der Titel heifsen. Das ist so was für den heutigen Geschmack, und Sie können selbst den Zeitgeist sich darin abspiegeln lassen.“ „Aber Agricola's Angriſf wurde ja nicht zu- rückgeschlagen 5 «Allerdings nicht. Aber Sie sind ja Dichter, frey vom Zunftzwange, und eben so wenig, als Virgil selber, an Wahrheit oder Wahrscheinlich- keit gebunden. Sie lassen die Römer zu einer Niederlage kommen, trolz dem Tacitus.* «Und schlage Agricola's Lager auf dem Kamp von— von— wie heiſst er denn gleicht— trotz Adam Ochiltree? Nicht wahrb“ «Nichts mehr davon, wenn Du mich lieb hast, Freundchen!“ sagte Oldbuck;„aber im Ernste gesprochen, Sie können, ohne es zu wissen, in beyden Fällen Recht haben, trotz der Toga des Historikers und trotz dem plauen Rocke des Bettlers.“ 37 „Ein wackrer Rath!— Nun, ich will mein Bestes thun; Sie werden so gütig seyn, mich mit Ihrer Kenntniſs des Locals zu unterstützen.“ „Versteht sich. Ich schreibe kritische und hi- storische Anmerkungen zu jedem Gesange, und entwerfe selber den Plan zu der Geschichte. Ich glaube einige Ansprüche auf poetischen Geist ma- chen zu können, wenn ich gleich noch nie einen Vers habe zu Stande bringen können.“ „Schade, lieber Herr Oldbuck, daſs es Ihnen nicht gelungen ist, sich eine Fertigkeit zu erwer- ben, die doch von der Kunst unzertrennlich ist.“ «Unzertrennlichb Canz und gar nicht. Das ge- hört nur zum Handwerksmäfsigen. Man kann recht gut ein Dichter seyn, ohne Spondäen und Dactylen, wie die Alten, zu messen, oder die Ausgänge der Verse in Reimen zusammenklappen zu lassen, wie die Neuern— ich sag' Ihnen, eben so gut, wie man ein Baumeister seyn kann, ohne die Arbeit des Steinmetten zu verstehen. Glauben Sie denn, Palladius oqer Vitruv hätten sich je mit der Kalkmulde geschleppt?“ «Demzufolge gehörten freylich zwey Verfasser zu jedem Gedicht, von denen der eine den Plan ersänne, der andere ihn ausführte.“* „Je nun, so unrecht wäre das eben nicht! Auf jeden Fall machen wir den Versuch; nur möcht ich nicht gern meinen Namen dazu hergeben. Es könnte ja in der Vorrede mit irgend einer 38 beliebigen Wendung der Beystand eines gelehr- ten Freundes erwähnt werden. Schriftstellereitel- keit ist mir durchaus fremd.* Lovel ergötzte sich nicht wenig an einer Ver- leugnung, die nicht sehr zu dem Eifer pafste, womit sein Freund die Gelegenheit ergriff, vor dem Publikum öffentlich zu erscheinen, wenn er es gleich auf eine Act that, die den Anschein hatte, als wolle er nicht sowohl in den Wagen, sondern vielmehr hinten aufsteigen. Der Alterthumsforscher war in der That höch- lich erfreut; denn er nährte, wie viele Menschen, die ihr Leben unberühmt mit gelehrten Unter- suchungen hinbringen, insgeheim den Ehrgeiz, seine Arbeiten gedruckt zu sehen, wovon er nur durch Anwandlungen von Miſstrauen gegen sich selber, durch Furcht vor Tadel und durch Ge- wohnheit an Läfsigkeit und Aufschiebung abge- halten worden war. Ich kann ja— dachte er— meine Wurlspieſse hinter dem Schilde meines Verbündeten schleudern; und sollt' er sich auch nicht als einen Dichter erster Gröſse zeigen, so bin ich doch auf keine Weise für seine Mängel verantwortlich, und die guten Anmerkungen kön- nen schon einem an und für sich mittelmäſsigen Texte aufhelfen.— Aber er ist ein guter Dichter — er mufs es seyn. Besflat er doch die ächte parnassische Zerstreutheit, beantwortet selten eine Frage, wenn sie nicht zweymal wiederholt 39 wird, trinkt seinen Thee siedend heifs, und iſst, ohne zu wissen, was er in den Mund steckt. Das aber ist der wahre dioinus alllatus— der gött- liche Hauch, der den Dichter über die Gränzen des Irdischen hinausführt. Auch seine Uebersez- zungen haben einen Anstrich von wilder poeti- scher Begeisterung— ich mufs wirklich heut' Abend den Caxon hinschicken, dafs er sicht, ob das Licht gehörig ausgelöscht ist. Poeten und Schwärmer sind meistens schr nachlässig in die- sem Punkt. „Ja, mein lieber Lovel," fuhr er laut fort, „Sie sollen eine Menge von Noten bekommen; am Ende könnten wir die ganze Abhandlung über die Lagerkunst der Alten in einem Anhange mit- theilen— das wird dem Werke einen bedeuten- den Werth geben. Wir wollen die gute alte Weise, die man heut zu Tage so schmählich vernachläfsigt, wieder erneuern. Sie rufen die Muse an, und ich dächte, sie sollte doch wohl einem Autor günstig seyn, der in einem Zeitalter des Abfalles sich mit festem Glauben an die alie Form der Anbetung hält. Eine Erscheinung müs- sen wir haben, und da könnte denn der Genius von Caledonien dem Galgacus erscheinen, und ihm die Reihe der ächten Schottischen Könige zeigen. In den Anmerkungen will ich mit dem Boethius*) anbinden.— Doch nein! den Punct *) Verfasser einer Geschichte von Schottland. 40 darf ich jetzt nicht berühren, da Sir Arthur oh- nedies Verdrufs genug haben wird. Aber Ossian, Macpherson und Mac-Cribb— die will ich ver- nichten!“ «Wir müssen aber auch an die Verlagskosten denken,“ sagte Lovel, um zu sehen, ob dieser Wink den glühenden Eifer des zudringlichen Ge- hülfen abkühlen werde. «Verlagskosten?“ entgegnete Oldbuck, und schwieg einige Augenblicke, während er unwill- kührlich in der Tasche umhersuchte.«Das ist allerdings wahr. Ich möchte gerne etwas dazu thun. Aber Sie werden wohl Ihr Buch nicht gern auf Subscription herausgeben wollen?“ «Auf keinen Fall,“ versetzte Lovel. «Nein, nein!' sprach Oldbuck, willig seinen Beyfall gebend;«es schickt sich nicht recht. Ich glaub' immer, es findet sich schon irgend ein Buchhändler, der auf mein Urtheil so viel hält. daſs er sich entschliefst, Druck und Papier daran zu wagen, und ich will so viel Exemplare für Sie zu verkaufen suchen, als ich kann.“ O, ich bin kein Lohnschreiber! Ich wünsche nur gegen Verlust gesichert zu seyn.“ «Still, still! das wird sich schon machen. Nur alles auf den Verleger gewälzt. Wenn ich nur Ihre Arbeit erst angefangen sähe! Nicht wahrd Sie wählen reimlose Verse P Es ist grofsartiger, 41¹ prächtiger für ein historisches Süjet, und schreibt sich auch leichter, sollt' ich meynen.“ Während dieses Gesprächs waren sie in Monk- barns angelangt, wo der Alterthumsforscher von Fräulein Griselda im Hausflur scheltend empfan- gen ward. «Gott sey bey uns,“ sprach sie,«ist es doch wahrhaftig, Bruder, als ob nicht Alles schon theuer genug wäre, daſs Du so viel für die Fische gegeben hast— gerade so viel, als das Weib fordert!“* Ey, Schwester, ich dächte doch einen guten Einkauf gemacht zu haben.“ Das ist mir ein schöner Kauf, wenn Du die gröfsere Hälfte von ihrem Gebot gibst. Willst Du Dich der Küche annehmen und selber Eische einkaufen, so muſst Du nicht viel mehr bieten, als ein Viertel. Und das unverschämte Weib hatte noch die Dreistigkeit, einen Schnaps zu fordern. Aber ich und Jenny, wir haben sie gefegt!** «Es ist wahrlich ein Glück für uns,“ sagte Old- „ bouak mit schlauem Blick zu seinem Gefährten, daſs wir den Streit nicht gehört haben.— Nun gut, Criselda, ich hab' einmal in meinem Leben Unrecht gehabt— bin einmal über meinen Lei- sten— ultra crepidam— gegangen; ich geb' es zu. Aber— sey es darum. Wir wollen die Fische verzehren, mögen sie kosten, was sie wol- len. Und nun, lieber Lovel, Sie wissen, ich bat Sie, heute hier zu bleiben. Unser Mahl wird uberdies besser bestellt seyn, als gewöhnlich, da's gestern einen Festtag gab. Ich liebe die Ueberreste eines Festes mehr, als das Fest selbst. Die analecta lob' ich mir, die collectanea der Mahlzeit vom vorigen Tage, wie ich's nennen will, welche bey solchen Gelegenheiten erschei- nen.— Aber da läutet ja Jenny schon die Speise- glocke.“ 43 —́—ò—ò—ℳMͤnnenyͤB—B—OnBm Fünfzehntes Kapitel. Uebergib diesen Brief in Eile— in gröſster Eile! — Reit', Schurke, reit', wenn dir dein Leben lieb ist— hörst du? wenn dir dein Leben lieb ist Altes Indossement wichtiger Brieſe. Wir lassen Herrn Oldbuck und seinen Freund an dem theuer erkauften Fischgerichte sich güt- lich thun, und versetzen uns mit dem Leser in die Hinterstube des Posthauses zu Fairport, wWo die Frau Postmeisterin, in Abwesenheit ihres Ge- mahls, sich eben damit beschäftigte, die mit der Post von Edinburg angekommenen Briefe zu ordnen. In Landstädten ist es nichts Ungewöhnliches, daſs sich um diese Zeit Cevatterinnen und Plau- dertaschen im Posthause einfinden, um aus dem Couvert der Briefe, und, wenn man ihnen nicht zu viel nachsagt, zuweilen auch aus dem Innern allerley Vermuthungen uber den Verkehr und die Angelegenheiten der Nachbarn zu ziehen. So hat- ten sich auch bey der Postmeisterin zwey solche dienstfertige oder hinderliche Gehülfinnen ein- gestellt. „Man sollt's nicht denken, sagte die eine, die Frau eines Fleischers;«da sind ja zehn— eilt— zwölf Briefe an Tennant und Compagnie. Die Leute machen mehr Ceschäfte, als alle übri- gen in der ganzen Stadt.“ „Aber bemerkt Ihr wohl,“ entgegnete die zweyte, eine Bäckersfrau,«dafs sie ganz beson- ders gefaltet und auf beyden Seiten gesiegelt sind. Am Ende sind Wechsel darin, die mit Protest zurückgesandt werden.— Ist denn kein Brief an Jenny Caxon angekommen„ fuhr sie fort, in- dem sie sich an die Postmeisterin wandte;«der Lieutenant ist ja schon scit drey Wochen nicht mehr im Städtchen.“ „Vorigen Donnerstag war einer angekommen.“ „Kam er zu Schiffe 5“ „Allerdings.“ „Nun, so ist er auch von dem Lieutenant ge- wesen. Ich hätt's wahrlich nicht gedacht, daſs er sich so lange um sie bekümmern würde.“ Ey, da ist schon wieder ein Brief,“ sprach die Postmeisterin, Frau Mailsetter,«auch von der See, mit dem Postzeichen Sunderland.“ 45 Alle sprangen auf, um sich des Briefes zu be- mächtigen. «Nein, nein, das geht nicht rief die Post- meisterin. Erinnert Ihr Euch nicht mehr des Verdrusses, den mein Mann mit dem Postsecre- tär zu Edinburg gehabt hat, der ihn wegen des Briefes an Aily Bisset verklagte, den Ihr öffnetet, Frau Shortcaker“ „Ich öffnen?“ versetzte die Bäckersfrau.«Ihr wiſst ja selbst, dafs er aufging, als ich ihn in die Hand nahm. Was kann ich dafürf Die Leute sollten besseres Siegellack nehmen.“ Darin habt Ihr nicht Unrecht,“ entgegnete Frau Mailsetter, die zugleich einen Kramladen hatte.«VWir haben neulich Siegellack bekom- men, das ich mit gutem Gewissen empfehlen kann; wenn Ihr also Jemand wiſst, so bitt' ich. — Aber, wie gesagt, wir verlieren unsern Dienst, wenn wieder dergleichen Klagen zur Sprache kommen.“ «Ey, verlaſst Euch nur auf den Herrn Stadt- richter!** „Nein, nein, weder auf Richter, noch Schöp- pen. Aber gefällig und freundschaftlich will ich gerne seyn. Ihr mögt den Brief von aussen be- trachten. Auf dem Petschaft, seht Ihr wohl, ist ein Anker. Es scheint mit einem Knopfe gemacht worden zu seyn.“ „O lafst doch schen, laſst doch sehen!“ rief 46 die Bäckerin und Fleischersfrau zugleich, und ſielen über den vermeintlichen Liebesbrief her, wie die Hexen im Macbeth über des Steuermanns Daumen, mit einer eben so lebhaften und schwer- lich minder boshaften Neugier. Frau Heukbane, die Fleischersfrau, ziemlich lang von Figur, hielt den Brief gegen das Fenster, und die kurze, stämmige Bäckerin, Frau Shortcake, trat auf die Zehen, um auch an der Untersuchung Theil zu nehmen. t Er ist von ihm!“ sprach jene,«ich lese deut- lich den Namen Richard Traffil unten in der Ecke, und alle Seiten sind voll geschrieben, von oben bis unten.“ «Haltet's doch ein Bischen tiefer!“ rief die Bäckerin lauter, als es bey ihrer Beschäftigung die Klugheit erlaubte. Ein wenig niedriger, sag' ich! Meynt Ihr denn, es könne Niemand Geschriebenes lesen, als Ihr 5“ „Still, still! um des Himmels Willen!“ sprach die Postmeisterin,«es ist Jemand im Laden. Sieh doch einmal zu, Baby!“ Baby'’s Antwort erscholl aus dem Laden mit gellender Stimme:«Es ist Niemand da, als Jenny Caxon. Sie fragt, ob Briefe für sie da sind.“ «Sagt ihr,“ erwiederte die Postmeisterin, ih- ren Cevatterinnen winkend, zsie soll morgen um zehn Uhr wiederkommen. Wir haben noch nicht Zeit gehabt, die Briefe auszusuchen. Sie ist immer 5 — 47 so eilig, als hätten ihre Briefe mehr zu bedeuten, als die des ersten Kaufmanns in der Stadt.“ Die arme Jenny, ein holdes, sittsames Mäd- chen, häüllte sich in ihren Mantel, um den Seuf- zer zu verbergen, den die getäuschte Erwartung ihr ausprefste, und ging geduldig nach Hause, wo ihr krankes Herz noch eine Nacht die betro- gene Hoffnung beklagen sollte. Da steht etwas von einer Nadel darin, und einem Po— Pol, glaub' ich,“ sagte die Bäk- kerin, der ihre lange Gevatterin endlich vergönnt hatte, einen Blick auf den Brief zu thun. Canz recht!“ rief die Fleischersfrau,«Po— Pol— es wird am Ende Pfahl seyn. Es ist doch eine wahre Schande, dafs er nun mit dem armen, cinfältigen Mädchen noch seinen Spott treibt! Er hat so lang' mit ihr Umgang gehabt, und sie ist ihm zu Willen gewesen— daran zweifl' ich gar nicht.“ Nein, ganz und gar nicht,“ versetzte die Bäk- kerin.«Er wirft ihr vor, daſs ihr Vater ein Pe- rückenmacher und Barbier ist, und einen Perük- kenstock vor seiner Thüre stehen hat— das soll wohl der Pfahl seyn, und dafs sie nur eine Nähterin ist. Pfuy, das ist garstig!“ „Stille doch, sülle!“ rief die Postmeisterin. aIhr seyd ganz irre. Es ist ein Vers aus einem Matrosenliede, ich hab' es öfters von ihm gehört. Es heifst darin:„Treu wie die Nadel dem Pol.“* 48 „Nun, ich wünsche heralich, dafs es sich so verhalten möge, aber dafſs ein Mädchen, wie sie, mit einem Officier Briefe wechselt, das schickt sich doch ein für allemal nicht.“ „Das will ich nicht läugnen,“ sagte Frau Mail- setter,«aber für die Post ist's doch ein grofser Vortheil, dafs es Liebesbriefe gibt.— Ey, seht doch, da sind ja sechs Briefe an Sir Arthur War- dour— fast alle mit Oblaten zugemacht, nicht mit Siegellack. Da geht's bald bergab, das könnt Ihr glauben!“ Ja, ja, Geschäftsbriefe werden's seyn,“ ent- gegnete die Fleischerin,«nicht von seinen vor- nehmen Freunden, die siegeln mit ihren Wappen. Der IHlochmuth wird zu Falle kommen. Es ist schon ein Jahr her, daſs mein Mann seine Rech- nung bey ihm stehen hat.“ «Und bey uns ist's auch schon ein halbes Jahr,“ ſiel Frau Shortcake ein. Er kommt mir vor, wie eine verbrannte Kruste.“ «Da ist auch ein Brief von seinem Sohn, dem Capitain,“ sagte die Postmeisterin,«wenn ich nicht sehr irre. Das Siegel hat viel Aehnlichkeit mit dem Wappen von Knockwinnock. Nun, der Herr Sohn wird wohl heim kommen, um zu se- hen, was sich noch aus dem Brande retten läſst.“ Nach dem Ritter kam Oldbuck an die Reihe. Zwey Briefe an Monkbarns!“ sagte die Postmei- sterin.«Die sind von seinen gelehrten Freunden. „ . 49 Seht nur, wie eng sie geschrieben sind, bis an's Siegel. Das geschieht nur, um das doppelte Porto zu ersparen. Ja, ja, das sieht Monkbarns ganz ähnlich.“ «Es ist ein lumpiger Knicker,“ fiel die Flei- scherin ein.«Wenn er im August einen Lämmer- braten kauft, so handelt er Euch wie— wie über n Rindsviertel. Wenn Ihr nur seinen Bruder gekannt hättet! Der ist gar oft zu mir gekom- men, mit einigen wilden Enten in der Jagdta- sche, wenn mein Mann eben nicht zu Hause war.“ cIch will von diesem Monkbarns just nichts Böses sagen,“ versetzte Frau Shortcake. Sein Bruder hat mir nie wilde Enten gebracht, und dieser ist ein guter, ehrlicher Mann. Er nimmt sein Brod von uns, und bezahlt wöchentlich. Er machte nur einen gewaltigen Lärm, als ich ihm ein Rechnungsbuch schickte, und nicht ein Kerb- holz. Das wäre, sagt' er, die wahre und älteste Art, Rechnung zu führen zwischen Handels- leuten und ihren Kunden, und das mag auch seine Richtigkeit haben.“ Aber seht nur hier!“ rief die Postmeisterin. «Das ist ein Anblick! Was würdet Ihr darum geben, wenu Ihr in diesen Brief blicken könntet. An Herrn William Lovel, bey Frau Hadoway in der hohen Strafse zu Fairport, und— recom- mandirt. Das ist der zweyte Brief, den er ge- kriegt hat, seit er hier ist.“ 8 76. D Um des Himmels Willen, laſst sehen, lafst schen! Das ist der, aus dem die ganze Stadt nicht klug werden kann. Und es ist ein hübscher Junge! O gebt her, gebt her P riefen Eva's würdige Töchter aus Einem Munde. „Nein, nein!“ entgegnete die Postmeisterin. Daraus wird nichts, sag' ich Euch. Nur weg mit den Händen! Das ist keiner von den gewöhn- lichen Briefen, wofür wir das Porto allenfalls auftreiben könnten, wenn's ja unglücklich ginge. Das Postgeld ist hoch— fünf und zwanzig Schil- linge. Und da ist ein Befehl von dem Edinburger postsecretair, den Brief durch einen Expressen abzuschicken, wenn der Herr nicht zu Hause wäre. Nein, nein! das muſs säuberlich behan- delt werden.“ „Lafst ihn uns wenigstens von aussen besehen!“ riefen die beyden Gevatterinnen. Die Aussenseite gab keine besondern Aufschlüsse. Der Umschlag war von starkem, dickem Papier, undurchdringlich für die neugierigen Blicke der Gevatterinnen, deren Augen so starr sahen, als ob sie aus ihren Höhlen herausspringen wollten. Das Siegel war stark und bot jedem Versuche, es zu lösen, Trotz. 3 O wenn ich doch wüfste, was der Brief ent- hielte!“ sagte die Bäckerin, indem sie ihn in der Hand wog, ohne Zweifel mit dem Wunsche, dafs das zu feste Siegellack in ihrer Hand schmeb 51 zen möchte. Dieser Lovel ist allen Leuten, die jemals das Steinpflaster zu Fairport betreten ha- ben, durchaus ein Räthsel. Kein Mensch weiſs, was er recht aus ihm machen soll.“ «Nun, wir wollen ein Bischen darüber plau- dern,“ versetzte die Postmeisterin. Kommt, setzt Euch. Baby, bring' einmal geschwind das Thee- wasser.— Ich bin Euch sehr verbunden für Eure Kuchen, Frau Shorteake. Wir wollen den Laden zumachen und die Briefe zur Hand nehmen, bis mein Mann nach Hause kommt, und dann kosten wir die süſse Kalbsmilch, die Ihr mir geschickt habt, Frau Heukbane.“ «Aber wollt Ihr nicht erst den Brief an Herrn Lovel schicken P' sprach die Fleischerin. «Wenn ich nur Jemand wüſßste, den ich schik- ken könnte, ehe mein Mann heim kommt. Der alte Caxon sagte mir, Herr Lovel bleibe den Sanzen Tag in Monkbarns. Er steht sehr in Gunst, weil er Oldbuck und den Ritter aus der See ge- zogen hat.“ «Ueber die thörichten alten Kerle!“ sagte Frau Shortcake, was bewog sie denn, in solcher Nacht in's Wasser zu gehen 5ν aIch habe mir sagen lassen, der Bettler Adam habe sie gerettet!“ entgegnete Frau Heukbane. „Nun, Ihr kennt ja den Adam Ochiltree, den Blaurock. Der soll sie alle Drey aus dem Fisch- teiche gezogen haben. Denn Monkbarns, mülst 8 5² Ihr wissen, hatte sie beredet, da hineinzugehen, um ein Stück von der alten Klostermauer zu sehen.“ Dummes Zeug!“ rief die Postmeisterin. Ich will's Euch sagen, wie ich's von Caxon gebört habe. Der Ritter mit seiner Tochter, seht Ihr, und Herr Loyel, die sollten in Monkbarns spei- sen—. „Aber wollt Ihr denn nicht den Brief durch einen Expressen fortschicken F' ſiel die Fleische- rin ein. Unser Knecht hat auf seinem Klepper schon mehrmals Briefe bestellt; er zäumte ihn eben auf, als ich hieher ging.“ „Aber, Ihr wiſst ja, Frau Heukbane,“ erwie- derte des Postmeisters Ehehälfte, dafs mein Mann das lieber selbst besorgt. Es bringt ihm zimmer eine halbe Guinee ein, wenn er zu Pferde steigt, und er muſs bald kommen, denk ich. Es verschlägt auch am Ende nichts, wenn der Herr den Brief erst morgen früh bekommt.“ „Aber Herr Lovel wird schon wieder in der Stadt seyn, che der Bote hier abgeht,“ versetzte die Fleischerin. Doch— Ihr müſst selbst am besten wissen, was Ihr zu thun und zu lassen habt.“ „Nun, Frau Heukbane,“ entgegnete die Post- meisterin, etwas übelgelaunt, zich halte gewiſs etwas auf gute Nachbarschaft. Leben und leben lassen, das ist mein Wahlspruch. Ich hin ein- 53 mal so einfältig gewesen, Euch die Postverord- nung zu zeigen, die freylich befolgt werden muſs. Aber ich dank' Euch für Euren Knecht, ich brauch' ihn nicht. Ich will den kleinen David auf Eurem Klepper fortschicken, und wir theilen uns dann beyde in die Gebühren.“ «„David? Goit steh' uns bey! Der Junge ist ja noch nicht zehn Jahr alt, und ich muſs Euch nur sagen, unser Pferd ist ein Bischen stätig, und Niemand kann's regieren, als unser Hans.“ «Das bedaur' ich,“ sprach die Postmeisterin. «Dann müssen wir freylich die Zurickkunft mei- nes Mannes abwarten. Ich möcht' es nicht gern auf mich nehmen, daſs ich einem Burschen, wie Eurem Hans, den Brief anvertraute. Und unser David, der gehört doch, so zu sagen, mit zur Post.“ Nun gut, Frau Mailsetter, ich sehe schon, wo Ihr hinauswollt. Aber wenn Ihr den Jungen daran wagt, so wag' ich das Pferd.“ Man vereinigte sich endlich. Der Klepper wurde von seiner Krippe weggeführt, und David, dem man den ledernen Briefsack umgehangen, auf den Sattel gesetzt. Mit weinenden Augen nahm er die Peitsche in die Hand. Hans führte das Thier gutmüthig am Zügel aus der Stadt, und das Knallen der Peitsche, wie der wohlbekannte Ton seiner Stimme, trieben es auf den Weg nach Monkbarns.* 54 Unterdessen blieben die geschwätzigen Nach- barinnen noch eine Weile beysammen, über die erworbene Kunde sich gemeinschaftlich bespre- chend, welche Tags darauf auf hundert Wegen und in eben so vielen Veränderungen nach Fair- port flog. Ihre Mittheilungen und Vermuthungen gaben Anlafs zu einer Menge von seltsamen und widersprechenden Gerüchten. Einige sagten: Tennant und Compagnie seyen dem Bankerott nahe, und ihre Wechsel mit Protest zurickge- sandt worden; andere behaupteten, daſs sie einen Contract von der Regierung erlangt hätten und Briefe von den vorzüglichsten Kaufleuten zu Glas- gow, welche an einer Prämie Theil zu haben wünschten. Einige sagten: der Lieutenant Tafl- ril habe mit Jenny Caxon eine heimliche Ehe geschlossen; Andere dagegen, er habe ihre ge- meine Herkunft und Erziehung ihr vorgeworfen, und wolle nichts mehr von ihr wissen. Es hieſs allgemein, Sir Arthur Wardour sey ohne Rettung verloren, und nur die Klögeren bezweifelten die- ses Gerücht, weil es aus dem Posthause kam. Alle aber waren einig, daſs ein Paket von dem Staatssecretär an Herrn Lovel angekommen sey, dafs ein aus dem Hauptquartier zu Edinburgh als Ordonnanz abgeschickter Dragoner mitge- pracht hatte, der, ohne anzuhalten, durch Fair- port nach Monkbarns gecilt seyn sollte. Ueber die Ursachen einer so ausserordentlichen Sendung —,. 5⁵ an einen friedlichen, eingezogen lebenden Mann waren die Meynungen sehr verschieden. Einige hielten Lovel für einen vornehmen Emigranten, der beordert worden war, einen Aufstand in der Vendée zu erregen, während Andere ihn zu einen geheimen Kundschafter, oder auch zu einem vor- nehmen Oficier machten, der heimlich die Küste untersuchen wolle. Es gab selbst Einige, die ihn für einen Prinzen hielten, der unter strengem Incognito umherreise. Indessen war das Sendschreiben, das den Leu- ten so viel Kopfbrechens machte. nicht geringer Gefahr ausgesetzt. Der kleine David, den das Ge- rücht zu einem Dragoner vergröfsert hatte, ward so lange auf dem Wege nach Monkbarns forigetra- gen, als sein Klepper sich des Peitschenknalls und der Stimme des Fleischerburschen erinnerte. Als David's Leibroſs indeſs fühlte, dafs der Knabe, unfähig, sich mit seinen kurzen Beinen im Gleich- gewicht zu erhalten, hin und her schwankte, wollte es nicht länger der erhaltenen Weisung gehorchen. Anfangs verwandelte es seinen Trab in eineu gemächlicheu Schritt, womit der Reiter ſn nicht unzufrieden war, der, von der anfäng- ichen raschen Bewegung nicht wenig in Verle- genheit-gesetzt, diese Gelegenheit benutzen woll- te, ein Stückchen Pfefferkuchen zu verzehren, das ihm seine Mutter, um ihn zu beruhigen, zuge- steckt haite. Allmählig benutzte indeſs das li- 56 stige Thier dieses Nachlassen der strengeren Zucht, um dem Knaben die Zügel aus der Nnd zu zu- pfen, und das Gras am Rande des Weges abzu- weiden. Bestürzt uber diese Zeichen der Empö- rung, fürchtete sich der arme David eben so sehr, sitzen zu bleiben, als zu fallen, und fing laut an zu weinen. Der Klepper, der diesen Ton ver- nahm, schien zu denken: es sey im Grunde so- wohl für ihn, als für seinen kleinen Herrn am besten, heimzukehren, woher sie gekommen wa- ren, und fing an, nach Fairport zurickzutraben. Das Thier ward unruhig, als der Knabe lauter schrie und die Zügel ihm um den Kopf schlugen, und da seine Nase einmal heimwärts gekehrt war, so setzte es sich in einen scharfen Trab, der den kleinen David, falls er anders im Sattel geblieben wäre, bald zum Stalle des Fleischers Heukbane gebracht haben würde. Als aber der Weg sich kreuzte, erschien plötzlich ein Helfer in der Noth. Es war der Bettler Adam Ochiltree, der dem Pferde schnell in die Zügel grilff, und es zum Stehen brachte. «Wem gehörst Du, Junre?“ fragte er, awo in aller Welt willst denn hiareiten 5˙ «Ich kann nichts dafür— ich bin der kleine David.“ Aber wo willst Du denn hin 5“ Nach Monkbarns will ich.“ 57 «Da bist Du ja auf ganz falschem Wege.“ David konnte vor Seufzern und Thränen nichts antworten. Adam wurde leicht zum Mitleid bewegt, wenn es Kinder anging.«Den Weg wollt' ich eigent- lich nicht gehen,“ dacht' er bey sich, zaber es ist das Beste bey meiner Lebensweise, dafſs ich nicht leicht vom Wege abkommen kann. Man wird mir schon ein Nachtlager in Monkbarns ge- ben, denk' ich. Ich mufs wahrlich mit dem ar- men Jungen forthumpeln; denn er schlägt sich den Kopf entzwey, wenn ihm nicht Jemand das Pferd führt.“ «Nun, Junge,“ rief er,«Du hast ja wohl ei- nen Brief? Laſs doch einmal sehen!“ «Nein, ich darf den Brief Niemand sehen las- sen,“ sagte David schluchzend,«ich soll ihn geradeswegs an Herrn Lovel geben. Ich thue gern alles, was man mir aufträgt, wenn nur das Pferd da besser wäre.“. 4 „ «Du hast ganz recht, Kleiner,“ sagte Adam, und drehte dem widerspenstigen Klepper den Kopf um. Wir wollen das Thier zwischen uns führen, und doch schen, ob wir es nicht bändi- gen können.“— Der Alterthumsforscher hatte mit Lovel nach Tische die Anhöhe von Kinprunes erstiegen. Wie- der ausgesöhnt mit dem herabgewürdigten Platze, 58 besprach er sich mit seinem Gaste, was die Land- schaft zu einer Schilderung von Agricola's Feld- lager in der Morgendämmerung darbieten könne, als er plötzlich den Bettler und dessen Schützling erblickte. Den Teufel,“ rief Oldbuck, da kommt ja der alte Adam! Was hat denn der auſgegabeltt“ Der Bettler erzählte, was ihn bewogen, nach Monkbarns zu gehen, und David, der sich an die buchstäbliche Ausrichtung seines Auftrages hielt, war nur mit Mühe zu bewegen, daſs er den Brief dem Eigenthümer übergab, weil er ihn nicht go- rade auf dem Landgute fand, wohin man ihn go- schickt hatte. „Meine Mutter,“ sprach der Knabe,«hat mir ausdriicklich gesagt, ich muſs zwanzig Schillinge und fünf Schillinge Porto kriegen, und zehn Schillinge. Botenlohn. Da ist die Rechnung. „Laſs schen, laſs sehen,“ entgegnete Oldbuck, indem er die Brille aufsetzte und das zerknitterte Papier untersuchte. Botenlohn für Mann und Pferd auf einen Tag, zehn Schillinge? Ein Tag? Es ist ja keine Stunde. Mann und Pferd? Ich sche nichts vor mir, als einen Affen auf einer verhungerten Katze!“ „Vater wäre selber gekommen, auf dem Fuchs,“ sagte David,«wenn Ihr anders hättet warten wol- len bis morgen Abend.“ 59 «Wief vier und zwanzig Stunden nach der gehörigen Zeit,“ rief Oldbuck;«Du kleiner Gelb- schnabel verstehst Dich schon ziemlich früh auf's Prellen!“ Stille, Monkbarns,“ sprach der Bettler,«zeigt doch nicht Euren Witz gegen ein Kind. Be- denkt, dafs die Fleischersfrau ihren Klepper auf's Spiel setzte, und die Frau den Kleinen da, und zehn Schillinge ist am Ende auch nicht zu viel, denk ich. Ihr waret ja nicht so genau gegen Howie, als Ihr—* Lovel, der auf dem vermeinten Prätorium sitzend, den Brief schnell gelesen hatte, machte dem Streit dadurch ein Ende, dafs er David'’s Forderung bezahlte, und dann sich bey Oldbuck, sichtbar bewegt, entschuldigte, daſs er nicht wieder nach Monkbarns zurickkehren könne. Ich muſs auf der Stelle nach Fairport,“ setzte er hinzu,«und mich jeden Augenblick zur Ab- reise bereit halten. Ihre Cüte gegen mich, Herr Oldbuck, werd' ich indeſs nie vergessen.“ «Sie haben doch nicht etwa schlimme Nach- richten—“* „Sie sind von sehr verschiedener Art,“ versetzte Lovel. Leben Sie wohl! Im Glück oder Un- glück werd' ich Ihr Wohlwollen gegen mich nie vergessen.“ cBleiben Sie nur noch einen Augenblick,“ 6⁰ sprach Oldbuck, ihn zurückhaltend. Wenn— wenn,“ fuhr er fort, sich Gewalt anthuend, awenn etwa eine Geldverlegenheit— ich habe fünfzig oder hundert Pfund, die Ihnen zu Dien- sten ständen, bis— Pfingsten, oder— so lange Sie wollen.“ aIch danke Ihnen, Herr Oldbuck, aber ich bin reichlich versorgt. Entschuldigen Sie mich. Ich kann das Gespräch nicht länger fortsetzen. Ich schreibe Ihnen, oder sehe Sie, ehe ich Fair- port verlasse, falls ich nämlich mich von dort entfernen muſs.“ Mit diesen Worten drückte er dem Alten herz- lich die Hand, wandte sich um, und schritt schnell auf dem Wege fort, der nach der Stadt führte. Das ist doch in der That sonderbar!“ sprach Oldbuck. Es geht etwas mit dem jungen Manne vor, was ich durchaus nicht ergründen kann.— Aber ich mufs nur gehen, und selbst das Feuer in der grünen Stube auslöschen, denn wenn die Dämmerung eingetreten ist, da wagt sich keine von meinen Weibsleuten hinein.“ Wie komm' ich denn nun nach Hause?“ schluchzte David. Es ist eine schöne Nacht,“ sagte der Bettler, indem er den Himmel betrach- tete. Da will ich denn wieder in die Stadt ge- hen, und für den sungen sorgen.“ 61 «Thut das, Adam, thut das!“ entgegnete Old- buck, und einige Augenblicke in der geräumigen Westtasche suchend, fügte er hinzu:«Da habt Ihr einen Sixpence; kauft Euch dafür eine Prise.“ 62 —V—2NL—õ—Mℳlnen—————-':GõðoeAn Sechzehntes Kapitel. Wie durch Zauber bin ich an diesen Schelm ge- bunden. Menn der Schurke mir nicht irgend einen Trank eingegeben hat, der die irkung hat, daſs ieh ihn liebe, so will ich mich hän- gen lassen. Es kann nicht anders seyn; iek muſs einen Arzneytrank eingenommen haben. Shalespeare im sweyten Theil Heinrich IU. Vierzehn Tage lang zog der 4 rthumsforscher regelmäſsig bey dem alten Caxon Erkundigungen ein, ob er nichts von Herrn Lovel gehört habe, und immer lautete die Antwort: man habe in der ganzen Stadt nichts weiter von ihm erfahren kön- nen, als daſs er einen oder ein Paar Briefe zur See erhalten habe, und daſs er sich nirgends se- hen lasse. 63 «Wie lebt er denn, Caxon?“ Je nun, Frau Hadoway macht ihm ein Beef- steak oder eine Schöpsencarbonate zurecht, oder ein junges Huhn, oder was ihr sonst eben beliebt, und das speifst er denn in der kleinen rothen Stube, neben dem Zimmer, worin er schläft. Sie könnte eben nicht sagen, dafs ihm das eine Gericht mehr behage, als das andere; des Mor- gens bringt sie ihm Thee, und seine Rechnung bezahlt er ihr regelmäſsig alle Wochen.“ Ceht er denn niemals aus 5* Er hat's Ausgehen fast ganz aufgegeben, sitzt ganze Tage lang auf seinem Zimmer, und lieset oder schreibt. Er hatte ein ganzes Paket Briefe geschrieben, wollte sie indefs nicht auf die Post geben, obgleich Frau Hadoway sich erbot, sie selbst hinzutragen. Nein, er sandte sie in einem Umschlage an den Sheriff, und Frau Mailsetter glaubt, daſs dieser sie durch seinen Diener nach dem Postamt zu Tannonburgh habe bringen lassen. Ich hab' so meine Gedanken: er hat geglaubt, sie möchten seine Briefe zu Fairport öffnen, und da hat er nicht ganz Unrecht, denn meine eigene Tochter Jenny—“ a Plagt mich nicht mit Eurem Weibsvolk, Caxon!— Aber, was den jungen Mann hetrillt, schreibt er denn weiter nichts als Briefe?' Ey, freylich! ganze Blätter voll, wie Frau Hadoway sagt, über allerley Dinge. Sie wünscht 64 nur, dafs er sich einmal zu einem Spaziergange bewegen lassen möchte, denn er sähe recht elend aus, meynt sie, und mit seinem Appetit sey es so gut als vorbey. Aber davon will er nichts hö- ren— durchaus nicht. Und sonst pflegt er doch viel auszugehen.“ „Das ist nicht recht. Ich kann's mir schon denken, womit er sich beschäftigt; allein zu arg sollt' er's doch auch nicht treiben. Ich will ihn noch heute besuchen. Er ist gewiſs in der Ca- ledoniade vertieft.“ Nachdem Herr Oldbuck diesen männlichen Entschlufs gefafst hatte, rüstete er sich zu dem Unternehmen selbst aus, indem er seine dicken Reiseschuhe anzog, und das Rohr mit dem gol- denen Knopfe in die Hand nahm, und dabey immer Fallstaff's Worte*) vor sich hermurmelte: er müsse behext seyn; sonst könne er sich eine Zuneigung nicht erklären, die ihn immerfort zu dem Fremden hinzöge. Eine Wanderung nach Fairport war für Herrn Oldbuck ordentlich eine Art von Abentheuer ge- worden, und zwar eins, das er nicht oft zu be- stehen pflegte. Besonders verhafst war ihm das Grüfsen auf dem Markte; und doch gab es Pfla- stertreter genug, die ihn mit Fragen über Tages. *) In Shakspeare’s Heinrich dem Vierten. Th. 2. Siche das Motto diests Kapitels. 78 65⁵ neuigkeiten, oder über irgend ein unbedeutendes Geschäft bestürmten. So hatte er sich auch dies- mal kaum auf den Straſsen von Fairport blicken lassen, als es hiefs:«Ey, guten Morgen, Herr Oldbuck! Sie haben ja immer einen scharfen Blick— was denken Sie denn von den Erschei- nungen in der Sonne? Man behauptet, innerhalb vierzehn Tagen wird gewiſs etwas Croſses ge- schehen.“ «Ich wünschte bey Gott, es wäre schon vor- über, damit ich nur nichts davon zu hören brauchte.“ «Mit den neuen Pflanzen, Monkbarns, sind Sie hoffentlich zufrieden? Brauchen Sie vielleicht von Holländischen Blumenzwiebeln, die so eben angekommen sind, oder— doch das nur unter uns— ein Paar Flaschen Kölnisches Wasser. Gestern ist eine von unsern Briggs damit ange- langt.“ «Danke, danke! Bin jetzt nichts benöthigt, Herr Crabtree,“ versetzte der Alterthumsforscher, und schritt keck vorwärts. «Herr Oldbuck,“ sagte der Stadtschreiber, ein in seiner Art wichtiger Mann, der ihm gerad' entgegen kam, und ihn aufzuhalten suchte:«Der Herr Bürgermeister hat vernommen, daſs Sie sich in der Stadt befänden, und wünscht Sie zu spre- chen, ehe Sie wieder von dannen gehen. Er mnöchte gern mit Ihnen über die Wasserleitung 76. 66 sprechen, die man von der Quelle zu Fairwell durch einen Theil Ihrer Besitzungen anzulegen gedenkt!'“ Was der Henker! Warum muſs es denn ge- rade mein Boden seyn, der durchstochen und ruinirt werden soll. Ihr könnt dem Herrn Bür- germeister nur berichten, dafs ich das nicht zu- gebe.“ 3 Der Herr Bürgermeister,“ fuhr der Stadt- schreiber fort,«und der wohlweise Rath würden ihre Einwilligung dazu geben, dals Sie die alten Steine bey der Donagild's Capelle bekämen, an denen Ihnen so viel gelegen ist.“ Wieb Wasb— Ey, das ist was Anderes. Cut, ich werde mich bey dem Herrn Bürger- meister einfinden. Da läfst sich die Sache weiter besprechen.“ „Aber Sie möchten nur Ihre Erklärung von sich geben, wenn Sie die Steine wollen; denn der Rathsherr Harlewalls meynt, die zierlich gear- beiteten Hauptsteine wären recht gut an der Vor- derseite des neuen Rathhauses anzubringen— nämlich die beyden dickbeinigen Figuren, die gewöhnlich Robin und Bobbin heiſsen, eine auf jeder Seite der Thür, und die sogenannte Ailie Dalie oben darüber. Das würde höchst geschmackvoll aussehen, meynt der Rathsherr, und ganz in dem neuen Gothischen Style. „Bewahr' uns der Himmel vor den neuen Go- 67 then! Die Statue eines Templers an jeder Seite eines Griechischen Portals, und eine Madonna oben darauf! O crimini!— Nun, sagt nur dem Bürgermeister, ich wünschte die Steine zu haben, und was die Wasserleitung beträfe, da würden wir schon einig werden. Es ist ein wahres Glück, daſs ich gerad' heute hier bin!“ Sie trennten sich hierauf, gegenseitig mit ein- ander zufrieden. Der pfüffige Stadtschreiber hatte indefs doppelte Ursache, sich seiner eben bewie- senen Gewandtheit zu freuen, weil der ganze Vorschlag, hinsichtlich eines Austausches der al- ten Denkmähler— die der Rath wegschaffen las- sen wollte, weil sie drey Fufs über die Strafse hinausragten— gegen die Gerechtigkeit, das Wasser nach der Stadt durch Monkbarns Besiz- zungen zu leiten, sein eigner Gedanke war. Auf diese Weise mehrfach aufgehalten, ge- langte der Herr von Monkbarns— um uns des Ausdruckes zu bedienen, womit Oldbuck in der ganzen Gegend bezeichnet wurde— endlich zur Frau Hadoway. Diese gute Dame war die Wittwe eines Geist- lichen zu Fairport, und durch den frühen Tod ihres Mannes in die beschränkte häusliche Lage versetzt worden, worin sich die Wittwen der Schottischen Geistlichen nur zu oft befinden. Die Wohnung, welche sie gemiethet hatte, so wie die Möbeln, die sie besafs, vergönnten ihr einen 68 Theil des Hauses wieder zu vermiethen, und da Lovel ein stiller, ordentlicher und annenmlicher Miethsmann war, und zugleich durch seinen Um- gang mit dem Adel und der vornehmen Welt, sehr fein und gesittet, so hatte Frau Hadoway, die vielleicht ein so artiges Benehmen nicht sehr gewohnt seyn mochte, ihren Miethsmann sehr lieb gewonnen, und lieſs es, insofern es die Um- stände erlaubten, an persönlicher Aufmerksam- keit durchaus nicht fehlen. Für den Tisch des armen jungen Herrn— wie sie ihn nannte— irgend ein Gericht zu bereiten, das nicht zu den gewöhnlichen gehörte; ihren Einflufs bey denen, die sich ihres verstorbenen Gatten erinnerten, oder sie um ihret- oder seinetwillen zugleich liebten, dahin zu verwenden, daſs sie etwas sel- tenes GCemüse, oder, wovon sie sonst in ihrer Einfalt glaubte, daſs es ihr Miethsmann gern ge- nieſsen würde, bekäme— das waren Bemühun- gen, denen sie sich gern unterzog, wenn sie die- selben auch vor der Person, welche sie betrafen, sorgfältig geheim zu halten suchte. Dieser Heimlichkeit lag indefs nicht etwa eine Scheu vor dem spöttischen Lächeln gewisser Leute zum Grunde, welche meynen mochten, mit ei- nem hübschen runden Gesicht, ein Paar schwar- zen Augen und dunkelbraunem Haar könne man wohl, wenn das Alles auch einer Frau von fünf und vierzig Jahren gehöre, und von dem Witt- 69 wenschleyer umwallt werde, noch immer auf Eroberungen ausgehen. Solch ein lächerlicher Verdacht war offenbar nie in ihrem eigenen Ko- pfe entstanden; deshalb konnte sie ihn auch in keinem andern voraussetzen. Sie verbarg ihre Aufmerksamkeiten blos aus Zartgefühl gegen ihren Gast, weil sie glaubte, er sey nicht im Stande, sie zu vergelten, unc, vünsche doch dies thun zu können. Es müsse ihm daher wohl thun, ihre Artigkeiten anzunehmen, ohne ihr eine Vergü- tung dafür zukommen zu lassen. Als sich jetzt die Thüre öffnete, und Oldbuck erschien, fühlte sie sich so sehr durch diesen Anblick überrascht, daſs sie nur mit Mühe eine Thräne in ihrem Auge unterdrücken konnte. «Ich freue mich, Sie zu schen,“ sprach sie, «wahrlich, recht sehr freu' ich mich.— Mein armer, junger Herr ist, wie mir's vorkömmt, sehr unwohl, und was sagen Sie dazu, lieber Herr Oldbucke Er will weder Arzt, noch Geistlichen, noch Notar. Was wäre denn das, wenn ein Mensch so, wie mein armer Hadoway zu sagen pflegte, ohne Berathung der drey Facultäten ster- ben sollte!** Immer noch besser, als mit derselben!“ brummte der Cynische Alterthumsforscher vor sich hin.«Ich sag' Ihnen, Frau Hadoway, die Geistlichen leben von unsern Sünden, die Aerzte von unsern Krankheiten, und das Advocatenvolk von unsrem Unglücke.“ «Pfuy, Monkbarns, so etwas von einem Manne, wie Sie, zu hören!— Aber wollen Sie denn nicht hinaufgehen zu meinem armen jungen Herrn? So jung und so wohlgebildet! Von Tag zu Tage hat er immer weniger zu sich genommen, und jetzt rührt er kaum einen Bissen an. Blos aus Gefälligkeit stört er in der Schüssel herum, und seine Wangen werden immer blässer und blässer, daſs er wirklich fast so alt aussicht, als ich, die ich seine Mutter seyn könnte— nicht eben ganz genau, aber es fehlt nicht viel daran.“ Warum macht er sich denn aber keine Be- wegung?“ fragte Oldbuck. „Wir haben ihn endlich dazu beredet; denn er hat sich von Gibby Colightly, dem Bereiter, ein Pferd gekauft. Der Gibby versteht sich ge- wils auf Pferde, und weil er nun so dachte, Herr Lovel wäre ein Büchermann, so sucht er ihm eins aus, das, seiner Meynung nach, vollkom- men ſür ihn passen würde; aber Herr Lovel sah es kaum an, und nahm eins, das eher für einen Cavalleristen pafste. Da ist er denn gestern Morgen und heute vor dem Frühstücke ausge- ritten.— Aber wollen Sie denn nicht gleich zu ihm hinaufgehen b' „Gleich, gleich! Er hat doch sonst keinen Besuch? Cott bewahre, Herr Oldbuck. Hat er doch, als er gesund und guter Dinge war, Niemand 7¹ schen wollen! So kommt denn in seinen jetzi- gen Umständen gewiſs keine Seele in ganz Fair- port zu ihm.“ Schon recht. Ich würde mich auch wundern, wenn es anders gewesen wäre. Zeigen Sie mir die Treppe, Frau Hadoway, damit ich nicht irre gehe, und in ein falsches Zimmer gerathe.“ Die gute Frau fährte nun Herrn Oldbuck die enge Treppe hinauf, indem sie ihn bey jedem Schritt ersuchte, sich in Acht zu nehmen, und ihr Bedauern äusserte, daſs er so hoch steigen müſste. Endlich klopfte sie leise an die Thür ihres Miethmannes.«Herein rief Lovel, und nun schob sie den Herrn von Monkbarns hinein. Das kleine Zimmer war nett und reinlich, auch anständig meublirt, ja sogar mit einigen Ueber- resten von Stickereyen ausgeschmückt, mit denen sich Frau Hadoway in ihrer Jugend beschäftigt hatte. Allein bey seiner Enge war das Zimmer zu stark geheizt, und, wie es Herrn Oldbuck schien, eben kein gesunder Aufenthalt für einen Mann von zarter Leibesconstitution— eine Be- merkung, durch die sogleich sein Entschlufs in Ansehung eines Planes zur Reife kam, den er schon früher hinsichtlich Lovels gefaſst hatte. Einen Schreibtisch vor sich, auf dem Bücher und Papiere in Menge lagen, safs dieser im Schlaf- rock und Pantoffeln auf dem Sopha. Wang' und Stirn waren bleich wie der Tod, indefs runde 72² Flecke einer hektischen Röthe auf der erstern einen starken und schmerzlichen Contrast bilde- ten, ganz verschieden von jenem Ausdrucke einer festen Gesundheit, der ihm früher eigen gewesen war, und seiner Gesichtsfarbe ein tieferes Braun verliehen hatte. Oldbuck bemerkte, dafs die Kleidung, welche er trug, zur tiefen Trauer ge- hörte; auch hing ein ähnliches Cewand auf einem dicht neben ihm stehenden Stuhle. Als der Al- terthumsforscher hineintrat, stand Lovel auf, und ging ihm entgegen. Das ist recht schön von Ihnen,“ sagte er, ihm die Hand schüttelnd und lebhaft für seinen Be- such dankend,«das ist recht schön! Sie kommen einem Besuch zuvor, womit ich Sie belästigen wollte.— Sie müssen wissen, ich bin seit Kur- zem ein Reiter geworden.“ «Das hab' ich eben von Frau Hadoway gehört,“ versetzte Oldbuck;«ich wünsche nur, mein jun- ger Freund, dafs Sie so glücklich gewesen sind, ein ruhiges Pferd zu erhalten. Ich selbst kaufte einmal eins von dem Cibby Golightly, aber das Thier rannte gleich das erste Mal mit mir, zwey Meilen weit, einer Koppel von Hunden nach, mit denen ich eben so wenig zu schaffen hatte, als mit dem Schnee vom vorigen Jahre; und nach- dem ich so, allem Vermuthen nach, der sämmt- lichen Jagdgesellschaft zu unendlichem Spafs ge- dient hatte, beliebt' es dem verwünsc] ien Thiere, —õ 73 mich in einem trocknen Craben abzusetzen— nun ich hoffe, das Ihrige wird ruhiger seyn.“ «Wenigstens hoff' ich, wollen wir unsere Ex- cursionen nach einem bessern Plane und gegen- seitigem Einverständnisser uternehmen.“ „Das heifst wohl mit andern Worten: Sie hal- ten sich für einen guten Reiter?“ Ich möchte mich mindestens nicht gern für einen schlechten gehalten wissen.“ Alle junge Leute halten sich nur zu leicht für Meister in dieser Kunst.— Aber haben Sie denn Erfahrungen gemacht? Clauben Sie mir, mit ei- nem wilden Pferde ist's kein Spaſs.“ «Ich will mich gerade nicht für einen groſsen Reiter ausgeben; allein als ich noch Adjutant war bey Sir***, in dem Cavalleriegefechte bey ****, voriges Jahr, da hab' ich geschen, dafs mancher bessere Reiter als ich abgeworfen wurde. «Sie haben also dem furchtharen Waſffengott in's Auge geschaut— sind bekannt mit dem Zür- nen des waſfenmächtigen Mars? Diese Erfahrung macht das Maas Ihrer Talente für die Epopoe voll. Sie werden sich indefs erinnern, dafſs die Britan- nier auf Wagen fochten— cooinarii nennt sie Tacitus— die schöne Beschreibung, wie sie in. die Römischen Fufsvölker eingebrochen, ist Ih- nen gewiſs nicht unbekannt, wenn gleich der Historiker hinzusetzt, wie wenig günstig der un- ebene Boden für ein Reitergefecht gewesen sey. 74 Was das indeſs für Wagen gewesen seyn müssen, mit denen man auf den ungebahnten Strafsen Schottlands hat fortkommen können— das hat mich, ich gesteh' es, von jeher in Verwunderung gesetzt. Doch, sagen Sie, hat die Muse schon ihren Besuch bey Ihnen abgestattet? Können Sie mir vielleicht schon etwas zeigen 5ν V «Meine Zeit,“ sagte Lovel, mit einem Blick auf seine schwarze Kleidung, aist mir nicht so angenehm vergangen.“ «Vielleicht der Tod eines Freundes 5 «Ja, Herr Oldbuck, und zwar des besten, den ich je zu besitzen mich rühmen durfte.“ «Wirklich?— Nun, fassen Sie sich. Einen 3 Freund durch den Tod verloren zu haben, so lange noch unsere gegenseitigen Blicke nicht er- kaltet waren, so lange die Thränen noch flieſsen durften, unverbittert durch die traurige Rücker- innerung an erstorbene Liebe, oder an Mifstrauen und Verrath— das heiſst vielleicht nur, einem noch schwerern Schicksale entgangen zu seyn. Blicken Sie um sich her! Wie viele werden Sie denn alt geworden sehen, die noch die Liebe 1 derer, mit denen Jugendfreundschaft sie verband, besäſsen? Die Quellen unsres gemeinsamen Ver- gnügens nehmen allmählig ab, so wie wir durch das Thal von Bacha wandeln, und wir graben uns andere Lustbehälter, von denen die ersten Gefährten unsrer Pilgerschaft ausgeschlossen sind. 75 Eifersucht. Neid und Mifsgunst treten dazwi- schen, um Andere von uns zu entfernen, bis endlich Niemand mehr übrig bleibt, als die, welche mehr Gewohnheit, als besondere Zunei- gung an uns knüpft, oder die, mehr durch Bande des Bluts, als durch Sympathie mit uns verwandt, dem alten Manne nur darum GCesellschaft leisten, damit sie bey seinem Tode nicht vergessen wer- den— haec data poena diu viventibus. Ach, Herr Lovel, wenn es Ihr Loos seyn soilte, den kalten, düstern, unfreundlichen Abend des Lebens zu erreichen, so werden Sie sich des Kum- mers Ihrer Jugend nur als eines leichten Gewölks erinnern; das Ihnen augenblicklich die Strahlen der auſgehenden Sonne verbarg. Aber ich lasse diese Worte in Ihr Ohr tönen, und Ihr Herz nimmt keinen Theil daran.“ Ich erkenne Ihre CGüte,“ versetzte der Jüng- ling;«allein die frische Wunde wird demunge- achlet immer sehr schmerzen; und bey meinem gegenwärtigen Kummer— vergeben Sie mir, dals ich es gerade heraus sage— wäre doch die Ue- berzeugung nur ein sehr geringer Trost, dafs das fernere Leben mir nichts mehr zu bieten habe, als eine Reihe von Schmerzen? Erlauben Sie mir, hinzuzufügen: Sie, Herr Oldbuck, haben wohl am wenigsten Ursache zu einer so düstern Le- 76 bensansicht. Sie besitzen ein beträchtliches Ver- mögen— sind allgemein geachtet— können, nach Ihrem eignen Ausdrucke, vacare musis— oder sich Untersuchungen hingeben, die Ihrem Geschmack und Ihrer Neigung zusagen. Sie kön- nen sich ausser dem Hause Ihre Gesellschaft wählen, und innerhalb desselben sind Sie umge- ben von den nächsten und theuersten Anver- wandten.“ «Nun ja, das Weibsvolk stört mich, da ich's einmal ordentlich abgerichtet habe, in meinen Morgenstudien eben nicht. Sie schleichen so leis' im Hause herum, wie Katzen, wenn ich nach dem Essen oder Thee Lust habe, in meinem Lehnstuhl ein wenig zu schlummern. Das ist alles recht gut; 4ber es fehlt mir doch Jemand, mit dem ich meine Ideen austauschen, über dies und jenes mich besprechen könnte.“ «Warum nehmen Sie denn nicht Ihren Neffen zu sich, den Capitain Mac-Intyre, der, wie ich höre, tiherall für einen geistreichen jungen Mann gehalten wird 5 «Wen 5 Meinen Neſfen Hector? Den nordi- schen Hitzkopfe— Behüte mich der Himmel! Da möcht’ ich eben so gern einen Feuerbrand in meinen Holzhof werfen. Das ist ein Alman- zor, ein Chamont— hat einen Hochländischen Stammbaum, so lang als sein Raufdegen, und einen Raufdegen, so lang als die Hauptstraſse 77 von Fairport. Als er das letzte Mal hier war, zog er ihn gegen den Wundarzt. Ich erwarte ihn in diesen Tagen, aber ich will ihn schon scharf auf's Korn nehmen, das versprech' ich Ih- nen. Ihn indeſs zum Hausgenossen zu machen, daſs Tisch' und Stühle zitterten, wenn er auf- träte— nein, daraus wird nichts!— Aber hö- ren Sie, Lovel! Sie sind ein stiller, artiger junger Mann; thäten Sie nicht besser, Ihren Wander- stab auf einen oder ein Paar Monate nach Monk- barns zu setzen— angenommen, daſs Sie diese Gegend nicht sogleich verlassen. Ich will eibe Thür, die nach dem Garten zugeht, wieder ein- richten lassen; das ist mit geringen Kosten ge- macht, denn sie war schon sonst gangbar, und durch diese Thür können Sie dann nach Gefallen in die grüne Stube gelangen, ohne, wenn Sie eben nicht wollen, mit dem alten Manne in die geringste Berührung zu kommen. Was die Kost betriflt, da sind Sie ja, wie Frau Hadoway er- zählt, sehr mäfsig, und werden daher wohl mit meiner geringen Tafel vorlieb nehmen. Ihre Wäsche—“* «Nicht weiter, lieber Herr Oldbuck,“ fiel Lo- vel ein, der ein Lächeln nicht unterdrücken konnte.„Lassen Sie mich, ch' Ihre Gastfreund- schaft mir alle zu erwartende Bequemlichkeiten aufzählt, Ihnen für ein so freundliches Anerbie- ten herzlich danken; doch zugleich bedauern, 78 daſs es nicht in meiner Macht steht, es anzuneh- men. Ehe ich indeſs Schottland für immer ver- lasse, wird sich schon eine Gelegenheit finden, Ihnen einen längern Besuch abzustatten.“ Oldbuck verlor seine Fassung.«Wie b“ sprach er,«ich dächte doch die rechte, für uns Beyde passende Einrichtung getroffen zu haben, und wer weiſs denn, was sich in diesem Fall hätte ereignen können, und ob wir uns je wieder ge- trennt hätten. Bin ich doch Herr meiner Besiz- zung, und es sind überdies keine Erben da, de- nen ich sie durchaus hinterlassen müſste. Nichts hemmt die Regungen meiner Zuneigung, meiner Vorliebe für Jemand insbesondere.— Was sagen Sieb Doch ich sche wohl, das macht jetzt keine Wirkung auf Sie. Aber mit der Caledoniade geht's doch vorwärts?' 0 gewiſs,“ sagte Lovel.«Es fällt mir gar nicht ein, einen so vielversprechenden Plan auf- geben zu wollen.“ «Und das ist er in der That,“ entgegnete der Alterthumsforscher mit wichtiger Miene. Denn wenn er auch die Pläne Anderer in ihrer Man- nigfaltigkeit sehr wohl zu beurtheilen und zu schätzen wufste, so hatte er eine natürliche, wenn auch nicht immer ganz angemessene Meynung von der Wichtigkeit derer, die in seinem eigenen Kopfe entsprungen waren.«Wiie gesagt, fuhr er fort,«das ist eine von den Unternehmungen, 79 die, wenn sie in dem Geiste vollendet werden, in dem sie ausgedacht wurden, die Literatur der jetzigen Ceneration wohl von dem Vorwurſe der Frivolität zu befreyen vermag.“ Ein Klopfen an der Thür unterbrach in diesem Augenblicke das Gespräch. Lovel erhielt einen Brief, und der Diener, wie Frau Hadoway sagte, warte auf Antwort. Die Sache betrifft auch Sie, Herr Oldbuck,“ sagte Lovel, und reichte das Billet, nachdem er es selbst durchlaufen hatte, dem Alterthumsfor- scher hin. Das Schreiben war von Sir Arthur Wardour, und in den artigsten Ausdrücken abgefafst. Er äusserte darin sein Bedauern, daſs er, durch ei- nen Anfall von Podagra zurückgehalten, Herrn Lovel die Aufmerksamkeit nicht habe beweisen können, die dieser durch sein Benehmen bey der neulichen gefahrvollen Lage wohl verdient habe. Er entschuldigte sich zugleich, dafs er nicht per- sönlich erscheine, und hoſſe, Herr Lovel werde das gütigst verzeihen, und an einer kleinen Par- thie Theil nehmen, welche er nach den Ruinen des Klosters der heiligen Ruth auf den folgenden Tag vorschlug. Nachher wolle man in Knock- winnock speisen, und daselbst den Abend zu- bringen. Sir Arthur schlofs damit, dafs er auch die Familie von Monkbarns zu dieser Lustparthie 80 eingeladen habe. Sie wollten sich an einem Schlagbaume treffen, der sich ungefähr gleich weit von allen Punkten befand, von denen die Gesellschaft zusammenkam. «Was ist nun zu machen ũ“ fragte Lovel, mit einem Blick auf den Alterthumsforscher, jedoch im Voraus ziemlich gewiſs, was Oldbuck sagen würde.. «Wir kommen,“ rief dieser,«wir kommen auf alle Fälle. Aber, wie machen wir's denn? — Wir wollen eine Postchaise nehmen. Darin haben ich, Sie, und Maria Mac-Intyre Platz ge- nug; das übrige Weibsvolk kann zu Hause blei- ben. Sie kommen gleich in der Postchaise nach Monkbarns, denn ich nehme sie einmal für den ganzen Tag.“ «Am Ende thät' ich besser, ich ritte,“ Lovel. «Das ist wahr. An Ihren Bucephalus hab' ich gar nicht gedacht. Sie handeln aber nicht klug, lieber Freund. Es könnte Ihnen doch höchstens achtzehn Pence kosten, wenn Sie—“* „ sagte «2u Pferde kommt man indeſs viel schneller fort, und überdies lieb' ich—“ «Nun, wie Sie wollen— wie Sie wollen! 80 nehm' ich denn entweder Griselda oder den Herrn Pfarrer mit; denn ich hab' es gern, wenn die Postpferde was Gehöriges zu schleppen haben. — 81 Also Freytag, um zwölf Uhr pünktlich, treffen wir uns an dem Schlagbaum von Tirlingen.“ Mit dieser Verabredung schieden die beyden Freunde. 76. F 82 Siebzehntes Kapitel. Es klangen, sagt man, Nachts an heil'ger Stätte Der Priester fromme Eymnen und Gebete. Die bange Seele fand dort ein Asyl; Denn wilde Rach' erlosch und Zorngefühl; Beruhigt ward das nagende Gewissen, Der Stolz, gebeugt, zu Thränen hingerissen. Crabbe's Burg. Der Freytagmorgen war so heiter und schön, als ob keine Lustparthie verabredet gewesen wäre, und das ist eine seltene Erscheinung, sowohl in Romanen, als im wirklichen Leben. Lovel, der den mächtigen Einfluſs des schönen Wetters em- fand, und sich im Voraus darauf freute, Miſs Wardour noch einmal zu sehen, trabte, heiterer gestimmt, als er es lange gewesen War, nach dem zur Zusammenkunft bestimmten Orte. — 83 Seine Aussichten kamen ihm in mancher Hin- sicht glänzend vor, und die Hoffnung, wenn auch, wie die Morgensonne, halb verhüllt durch Wol- ken und Nebel, schien doch den Pfad vor ihm freundlich zu beleuchten. Er war, wie sich's, seiner Gemüthsstimmung zufolge, wohl erwarten liefs, der erste auf dem bezeichneten Platze, und er heftete seine Blicke, wie man ebenfalls leicht vermuthen kann, immerfort dergestalt auf den Weg vom Schlosse Knockwinnock, dafs er die Ankunft der Monkbarn'schen Division erst durch das helltönende Posthorn erfuhr, als die Chaise dicht hinter ihm war. In diesem Fuhrwerke be- fanden sich: erstlich, die stattliche Figur des Herrn Oldbuck selbst, dann die nicht minder gewichtige Person Sr. Wohlehrwürden, des Herrn Blattergowl, Pfarrers zu Trotcosey, in dessen Kirchsprengel Monkbarns und Knockwinnock ge- hörten. Se. Wohlehrwürden trugen eine krause Perücke, auf der ein Hut schwebte, der einem gleichschenklichten Triangel glich. Diese Perücke War eigentlich das Ideal von drey andern, wel- che noch im Kirchspiel vorhanden, und nach Herrn Oldbucks Ausdrucke, wie die Verglei- chungsgrade von einander verschieden waren. Sir Arthurs Perücke bildete den Positivus, seine ei- Sene den Comparativ, und die Alles überragende des würdigen Geistlichen machte den Superlativ aus. Da nun der Oberaufseher über diese alter- 84 ihümlichen Kopfputzstücke meynte, oder sich wenigstens das Ansehn gab, als ob er bey einer Gelegenheit, wo alle drey versammelt wären, nicht wohl fehlen dürfe, so hatte er sich in höchsteigner Person hinten auf den Wagen gesetzt, damit er, falls die Herren etwa noch vor dem Essen seiner Dienste bedürften, doch gleich bey der Hand wäre. Zwischen die beyden stattlichen Figuren von Monkbarns und dem Geistlichen war die schmale Gestalt der Marie Mac-Intyre ein- geklemmt worden, indem die Tante lieber hatte zu Hause bleiben, und sich mit Fräulein Beckie Blattergowl bey einem Spielchen vergnügen wol- len, als die Ruinen des alten Klosters St. Ruth zu durchstöbern. Als sich die Familie Monkbarns und Herr Lo- vel gegenseitig begrüſst hatten, kam der Wagen des Baroneis, eine offene Barutsche, an den be- stimmten Platz gerollt, welche mit den dampfen- den Rossen, dem erfah unen Kutscher, den Wap- penschildern und ein P er Vorreitern einen ziem- lich starken Contrast gegen das karrenartige Fuhr- werk bildete, in dem der Alterthumsforscher nebst seiner Begleitung angelangt war. Den Hin- tersitz des Wagens nahmen Sir Arthur und seine Tochter cein. Als Lovels erster Blick Fräulein Wardour traf, färbten sich ihre Wangen beträcht- lich höher, doch bemühte sie sich sichtbar, ihn als blosen Freund zu empfangen, und in dem, 85 was sie auf seinen zitternden Crufs erwiederte, zeigte sich eben so viel Fassung, als Artigkeit. Sir Arthur liefs den Kutscher anhalten, um sei- nem Retter traulich die Hand zu schütteln, und ihm zu zeigen, wie erwinscht ihm diese Celegen- heit käme, ihm seinen Dank persönlich abzustat- ten. Hierauf sagte er, mit einer leichten Wen- dung:«Herr Dousterswivel! Herr Lovel!“ Der letztere nahm nun die nöthige Notiz von dem Deutschen Adepten, der auf dem Vorder- sitz des Wagens, wo gewöhnlich die minder Vor- nehmen sich befinden, Platz genommen hatte. Die demüthige, kriechende Verbeugung, womit der Fremde Lovels flüchtigen Grufs erwiederte, trug viel dazu bey, das innere Mifsbehagen, das der leiztere bey seinem Anblick empfand, zu vermehren, und auch der Alterthumsforscher schien, wenigstens nach einem Zuge um seine schattigen Augenbraunen zu urtheilen, diesen Zuwachs der Gesellschaft eben nicht mit Vergnü- gen zu bemerken. Die Mitglieder der Gesellschaft hatten sich flüchtig begrüfst, als die Wagen noch drey Meilen weiter fuhren, und endlich an einem kleinen Wirthshause, zu den vier Hufeisen be- nannt, hielten, wo Caxon die Thür der Postchaise öffnete und den Tritt herunterliefs, indefls der Theil der Gesellschaft, welcher in der Barutsche Saſfs, ebenfalls mit Hulfe seiner zierlichern Die- nerschaft ausstieg. 86 Hier erfolgten abermalige Begrüſsungen. Die jungen Damen drückten sich die Hand, und Old- buck, der ganz in seinem Elemente war, stellte sich als Führer und Cicerone an die Spitze der Cesellschaft, welche nun zu Fuſs die Wanderung nach dem Gegenstande ihrer Neugier antrat. Er war darauf bedacht, Lovel, als den besten Zu- hörer in der Gesellschaft, dicht neben sich zu behalten, und liefs nur gelegentlich ein erklären- des und belehrendes Wort gegen Miſs Wardour und Marie Mac⸗Intyre fallen, welche die näch- sten im Zuge waren. Den Baronet und den Geist- lichen suchte er eher zu vermeiden, weil er be- merkte, dafs sich beyde einbildeten, sie verstän- den von solchen Dingen mehr als er; und Dou- sterswivel war, abgeschen davon, daſs er ihn als einen Charlatan betrachtete, so nahe mit seinem befürchteten Verluste bey dem Antheile an der Ausgrabungscompagnie verbunden, daſs er seinen Anblick nicht gut ertragen konnte. Die beyden letztern drehten sich daher als Trabanten um Sir Arthur umher, dem sie sich anzuschliefsen schon insofern bewogen fanden, als er die bedeutendste Person in der Gesellschaft war. Nicht selten liegen die schönsten Schottischen Gegenden verborgen in einsamen, abgelegenen Thälern, so dafs man fast in jeder Richtung das Land durchreisen kann, ohne ihre Nähe zu ah- nen, wenn nicht Plan oder Zufall den Reisenden — 87 dahin führen. Ganz besonders ist dies der Fall bey der Gegend um Fairport, welche im Allge- meinen eigentlich offen, uneingeschlossen und öde ist. Allein hie und da findet man doch Thal- gründe, von Bächen oder kleinen Flüssen gebil- det, und in der Landessprache Dens genannt, an deren hohen Felsenwänden Bäume und Ge- sträuche aller Art fortkommen, und mitunter üppig emporschiefsen, was um so angenehmer ist, da es einen unerwarteten Contrast mit dem all- gemeinen Aublick der Gegend bildet. In hohem Grade war dies der Fall an dem Eingange zu den Ruinen des Klosters St. Ruth, der eine Zeitlang einer blosen Schaftrift, längs dem Abhange eines steilen und kahlen Hügels, glich. Nach und nach sah man indefs, so wie der Pfad sich abwärts senkte, und um den Hugel wand, einzelne Bäume, zum Theil krüpplicht oder verküimmert. An den Stämmen hingen Flocken von Wolle, und die Wurzeln verloren sich in Höhlen, worin die Schafe sich auszuru- hen pflegen— ein Anblick, der für einen Be- wunderer des Pittoresken mehr Angenehmes hatte, als für einen Pflanzer oder Forstbeamten. All- mählig gruppirten sich diese Bäume, in deren Mitte Dornen und Haselgebüsche standen, und die Gruppen schlossen sich endlich so dicht an einander, dafs wenn auch hie und da sich unter ihren Zweigen eine breite Oeffnung zeigte, oder ein kleiner Platz sich bildete, auf dem der von den Bäumen verstreute Saame nicht fortkam, die Gegend doch eigentlich waldig genannt werden konnte. Die Seitenwände des Thals wurden im- mer enger; in der Tiefe hörte man das Rauschen eines Giefsbachs, und durch die offenen Zwi- schenräume, die sich hie und da in dem Walde gebildet hatten, sah man, wie die klaren und Hlüchtigen Wellen unter dem Laubgewölbe da- hinrollten. Oldbuck gab sich nunmehr das volle Ansehn eines Cicerone, und bat die Gesellschaft sehr dringend, nicht einen Fuſsbreit von dem Pfade, den er ihr bezeichnete, abzuweichen, damit sie alles, was sie zu sehen wünschte, in ganzer Voll- kommenheit erblicken möge. «Sie dürfen sich glücklich. schätzen, Fräulein Wardour, daſs Sie gerade mich zum Führer ha- ben!“ rief der Veteran, indem er durch Kopf- nicken und eine Bewegung der Hand den Tonfall der folgenden, mit vielem Nachdruck gesproche- nen Verse bezeichnete: Ich kenne jedes grünende Gelände, Thal oder Schlucht in diesem wilden Forst, Und jedes, auch das kleinste, Laubgemach.“ „Aber so hol' doch der Henker die Zweige! Sie haben Caxons Arbeit fast ganz zersört, und meine — — — Perücke beynah' in den Fluſs geworfen.— Doch das kommt vom Recitiren zu ungelegener Zeit her!“ Was ist's denn auch für ein groſser Schade?“ sagte Mils Wardour. Haben Sie doch Ihren treuen Diener in der Nähe, der dem ganzen Un- heil gleich wieder abhelfen kann. Und wenn Sie dann erscheinen mit dem in seinem Glanz her- gestellten Hauptschmuck, dann möcht' ich wohl in die Worte ausbrechen: So sinkt das Tagsgestirn in's Bett des Meers. Doch bald erhebt es sein benetztes Haupt; Mit neuem Strahlenglanz und goldverbrämt Flammt es empor—* „Genug, genug!“ entgegnete Oldbuck. lch hätt' es wissen sollen, dafs ich mich hierin mit Ihnen nicht messen kann. Aber hier ist Etwas, das hoffentlich den Lauf Ihrer satyrischen Ader hemmen wird, denn, so viel ich weifs, sind Sie ja eine grofse Bewundrerin der Natur.“ Wirklich zeigte sich der Gesellschaft, die ihm durch die Oeflnung einer niedrigen, verfallenen Mauer gefolgt war, plötzlich ein höchst überra- schender und interessanter Anblick. Man stand nämlich ziemlich hoch auf einer Seite des Thales, das sich plötzlich in eine Art von Amphitheater geöffnet hatte, um einem tie- 9⁰ fen, klaren See, der mehrere Morgen Landes umfaſste, und einer darum gelegenen schmalen FEläche Platz zu machen. Die Ufer erhoben sich überall steil, hier von Felsen unterbrochen, dort mit niederem Gestrüpp bewachsen, welches die Einförmigkeit des grünen Weidegrundes ange- neum unterbrach. Unten stürzte sich der See in den rauschenden Ciefsbach, der sogleich vom Eintritte in das Thal die Wanderer begleitet hatte. An dem Puncte, wo er aus dem mütterlichen See hervorkam, standen die Ruinen, welche man eigentlich besuchen wollte. Sie waren nicht von bedeutendem Umfange, allein ihre eigenthüm- liche Schönheit, verbunden mit dem wilden und einsamen Character des Orts, wo sie standen, lieh ihnen ein Interesse und eine höhere Bedeutsam- keit, als es oft bey architectonischen Ueberresten gröſserer Art der Fall ist, wenn sie näher an ge- wöhnlichen Cebäuden stehen, und minder ro- mantische Umgebungen haben. Die östlichen Fenster der Kirche waren noch ganz erhalten, mit allen ihren Zierrathen und Bildwerk, und die Seiten, getragen von leichten, fliegenden Schwibbogen auf luftigen Säulen, welche von der Wand, an der sie standen, abgelöset, und mit Zinnen und Bildhauerarbeit verziert waren, ga- ben dem Gebäude etwas Mannigfaltiges und Ge- fälliges. Das Dach, so wie das westliche Ende der Kirche dagegen Waren ganz verfallen; die ——;— — 9¹ letztere schien die eine Seite eines Vierecks aus- gemacht zu haben; die beyden andern bildeten die Klostergebäude, die vierte die Cärten. Das Gebäude war auf dieser Seite, welche dem Bache gegenüber lag, auf einem steilen Felsenabhang gegründet. Denn der Ort hatte auch gelegent- lich zu militärischen Zwecken gedient, und war während Montrose's Kriegen, unter vielem Blut- vergieſsen, eingenommen worden. Der Grund, den früher die Gärten eingenommen hatten, wur- de noch durch einige Obstbäume bezeichnet. In einer weitern Entfernung von den Gebäuden sah man einzelne Eichen, Ulmen und Wallnuſsbäu- me, welche sämmilich eine bedeutende Höhe erreicht hatten. Der übrige Raum zwischen den Ruinen und dem Hügel war eine glatte, grüne Fläche, die durch das tägliche Weiden der Schafe weit besser in Ordnung gehalten wurde, als wenn sie der Sichel unterworfen gewesen wäre. Die ganze Gegend hatte jenen Ausdruck von Ruhe, der das Gemütb anspricht, ohne durch Einför- migkeit lästig zu werden. Das dunkle, tiefe Bassin, worin der klare See mit seinen plauen Wellen ruhte, spiegelte die Wasserlilien zurück, welche auf seiner Oberfläche wuchsen, und die Bäume, welche hie und da von dem Ufer ihre Zweige ausstreckten, bildeten einen angenehmen Contrast mit dem flüchtig dahinrauschenden Ba- che, der aus dem Sce wie aus einem Geſängnisse 9² hervorstürzte, und durch das Thal hinrollte, in- dem er sich um den Felsen, auf dem die Ruinen standen, wand, und an jedem Steine oder jeder Baumwurzel, die ihn in seinem Lauf aufzuhalten schien, sich schäumend brach. Einen ähnlichen Contrast sah man zwischen der glatten, grünen Wiese, auf der die Ruinen standen, und den hie und da zerstreuten hohen Bäumen, in Ver- gleich mit den nicht weit davon sich erhebenden steilen Klippen, welche zum Theil mit niederem Gesträuch, zum Theil mit purpurfarbnem Haide- kraut bedeckt waren, oder auch ihre grauen Gi- pfel kühn erhoben, bedeckt mit Schlingkraut und andern Pflanzen, welche selbst in den unfrucht- barsten Felsenspalten Wurzel schlagen. Hier fand die Gelehrsamkeit in jenen unauf- geklärten Zeiten einen Zufluchtsort, Herr Lovel,“ sagte Oldbuck, um den sich die Gesellschaft jetzt versammelt hatte, den romantischen Anblick, der sich ihr so unerwartet darbot, bewundernd. Hier ruhten die Weisen aus, welche der Welt müde waren, und sich entweder der künftigen, oder dem Dienste der ihnen nachfolgenden Ge- neration geweiht hatten.— Jetzt werd' ich Ihnen sogleich die Bibliothek zeigen. Sehn Sie wohl dort die starke Mauer, mit den viereckigen Fen- steröffnungen?— Dort war sie, und, wie ein altes Manuscript, das ich selbst besitze, versi- chert, fünf tausend Bände stark. Wohl möcht'* ——— —. 93³ ich in diesem Augenblicke mit dem gelehrten Leland klagen, der, den Untergang der Kloster- bibliotheken bedauernd, gleich der Rahel, wenn sie um ihre Kinder weint, ausruft: dafs, wenn auch die päbstlichen Gesetze, die Decretalen, Clementinen, und dergleichen Teufelszeug, ja, wenn auch Heytesburgs Sophismen, sammt dem Porphyrius, der Logik des Aristoteles, der Theo- logie des Duns Scotus und andern solchen Lap- palien— vergeben Sie mir diese Ausdräcke, Fräulein Wardour— aus unsern Bibliotheken zum Besten der Gewürzkrämer, Seifensieder u. s. w. ausgeschieden worden wären, wir das leicht hätten verschmerzen können!— Aber unsere alten Chroniken, unsre ehrwürdigen Geschichts- werke, unsere gelehrten Commentare und ur⸗ sprünglichen Documente zu so entehrenden, un- würdigen Diensten zu verdammen— das wiirdigt unsere Nation herab, und entehrt uns selbst in den Augen der Nachwelt auf ewige Zeiten. O über diese Nachläſsigkeit, die unsrem Lande so verderblich ist!** Und der Johann Knox, unter dessen Einflufſs und Auspicien das patriotische Unternehmen aus- geführt wurde—** Der Alterthumsforscher, durch diese Aeusse- rung gleichsam wie ein Vogel in seiner eigenen Schlinge gefangen, wandte sich schnell um, und hustete, um das flüchtige Erröthen zu verbergen 94 dessen er sich nicht erwehren konnie.«Was diesen Apostel der Schottischen Reformation be- trifft,“ entgegnete er,«:ο—* Allein Fräulein Wardour brach diese gefähr- liche Unterhaltung schnell mit den Worten ab: Was war denn das für ein Schriftsteller, Herr Oldbuck, den Sie vorhin anführten?“ «Der gelchrte Leland, Fräulein Wardour, der seinen Verstand darüber verlor, dafs er lei- der Zeuge war von der Zerstörung der Kloster- bibliotheken in England.“ Am Ende,“ sagte Sir Arthur,«mögen doch durch dieses Mifsgeschick so manche Alterthums- forscher neuerer Zeit den ihrigen gerettet haben, der gewiſs ertrunken seyn würde, wenn ein sol- ches Meer von Gelehrsamkeit nicht durch Ablei- tung vermindert worden wäre.“ «Nun, Cott sey Dank, damit hat's keine Ge- fahr. Sie haben uns ja kaum einen Löffel voll gelassen.“ Mit diesen Worten führte Oldbuck die Gesell- schaft am Ufer hinab, auf einem zwar steilen, aber sichern Pfade, der sie bald auf die Wiese brachte, wo die Ruinen standen. «Hier lebten sie,“ sprach er,«mit nichts an- derem beschäftigt, als der Erforschung des ent- ferntesten Alterthums, mit dem Copiren von Manuscripten und der Abfassung neuer Werke zur Belehrung der Nachwelt—“ 95⁵ «Und,“ fügte der Baronet hinzu,«mit Ausü- bung religiöser Gebräuche, auf eine des Priester- thums würdige, pomphafte und ceremonielle Weise—“* «Mit Ew. Excellenz Erlaubnifs,“ sagte der Deutsche, sich tief verbeugend, die Mönche pflegten in ihren Laboratorien auch mancherley seltsame Experimente anzustellen, sowohl in der Chemie, als in der magia naturalis.“ «Ich dächte,“ versetzte der Geistliche,«sie müfsten mit Einsammlung des Zehnten und an- derer Einkünfte aus den drey Pfarreyen vollauf zu thun gehabt haben.“ «Und wurden bey alle dem gar nicht von dem Weibsvolke gestört!“ setzte Fräulein Wardoun, dem Alterthumsforscher winkend, hinzu. «Richtig, meine schöne Feindin,“ sagte Old- buck. Das war ein Paradies, wo keine Eva Zutritt hatte; man muſs sich wundern, wie es die guten Väter verlieren konnten.“ Unter solchen Bemerkungen über die Beschäf- tigung der ehemaligen Bewohner dieser Ruinen, gingen sie eine Zeitlang von einem Heiligthume zum andern, und Oldbuck entwarf mit vieler Wahrscheinlichkeit den Crundriſs des Gebäudes, wobey er zugleich der Gesellschaft die halb ver- loschenen Inschriften auf den Crabsteinen oder unter den leeren Nischen der Heiligenbilder vor- las und erklärte. Wie kömmt es,“ fragte Fräulein Wardour den Alterthumsforscher,„dafs die Tradition uns so mangelhafte Nachrichten über die ehemaligen Bewohner dieser stattlichen Gebäude aufbewahrt hat, die doch mit so vielem Geschmack erbaut worden sind, und deren Besitzer zu ihrer Zeit Leute von Macht und Einflufs waren P. Hat doch das kleinste Schlofs eines freybeuterischen Barons oder Edelmanns, der von der Lanze und Klinge lebte, seine eigene sage, und die Hirten der Gegend wissen auch sehr genau die Thaten und Namen seiner Bewohner anzuführen. Nun fragt aber einmal einen Landmann über diese schönen und groſsen Ruinen, über diese Thürme, Bogen und Fensterwölbungen, und er wird Euch mit drey Worten antworten: Die Mönche haben sie vor langen Zeiten erbaut!“— Die Frage war etwas Kkitzlich. Sir Arthur sah zum Himmel empor, als hoffe er von dort aus inspirirt zu werden. Oldbuck schob seine Perücke hin und her. Der Geistliche war der Meynung: seine Pfarrkinder wären zu tief durchdrungen von der wahren presbyterianischen Lebre, als daſs sie Erinnerungen an die papistischen Bedrücker des Landes fest halten sollten, diese Schöſslinge des grofsen, Alles überschattenden Baums der Ungerechtigkeit, dessen Wurzeln in den sieben Hügeln der Verdammniſs zu suchen wären. Lo- vel glaubte die Frage qurch die Betrachtung der- 97 jenigen Ereignisse aufgelöset zu haben, welche den tiefsten Eindruck in dem GCeiste des gemei- nen Mannes zurückzulassen pflegen. Zu diesen aber gehörten, seiner Behauptung zufolge, nicht solche, welche dem ruhigen Laufe eines befruch- tenden Baches, sondern der ungestumen Wuth einer wild daher brausenden Fluth gleichen. Die Abschnitte, nach denen die Zeit gewöhnlich ab- gemessen wird, beziehen sich meistens auf Pe- rioden der Angst und Noth, und werden z. B. nach einem Erdbeben, oder dem Ausbruch eines Bürgerkrieges datirt. Leben aber vorzugsweise solche Begebenheiten in dem Andenken des ge- meinen Volks, so dürfen wir uns wohl, schlofs er, nicht wundern, daſs man des wilden Kriegers gedenkt, während friedliche Aebte und Kloster- bewohner in Vergessenheit sinken. «Mit Ihrer allerseitigen Erlaubniſs, meine Herren und Damen, und mit Ihrer besonders, Sir Arthur und Fräulein Wardour, so wie mit der dieses würdigen Geistlichen und meines gu- ten Freundes, Herrn Oldbuck, der mein Lands- mann obendrein ist, und des guten jungen Herrn Lovel— ich denke, das kommt alles her von der Ehrenhand—“* „Von was für einer Hand, Herr Dousterswivel P'“ fragte der Alterthumsforscher. «Von der Ehrenhand, mein lieber Herr Old- buck. Das ist ein groſses, furchlbares Geheim- 76. 98 nifs, dessen sich die Mönche zur Verbergung ih. rer Schätze bedienten, als sie durch die soge- nannte Reformation aus ihren Klöstern vertrieben wurden.“ Ey,“ sagte Oldbuck,«davon möcht' ich gerne mehr hören; hinter dergleichen Ceheimnisse mufs man zu kommen suchen.“ „Sie werden mich zwar auslachen, lieber Herr Oldbuck, allein die Ehrenhand ist, sag' ich Ih- nen, in dem Lande, wo Ihre Vorfahren lebten, eine ganz bekannte Sache. Diese Hand wird nämlich einem Menschen abgeschnitten, der Mordes wegen gehangen worden; dann an einem Feuer von Wachholderholz geräuchert— man Lann auch etwas Eibenbaum dazu nehmen, bilft's nichts, so schadet's auch nichts— dann nchmen Sie etwas Fett von einem Pär, einem Dachs und einem groſsen Eber, und auch von einem Säug- ling, der aber noch nicht getauft seyn mufs. Aus dem Allen bereiten Sie ein Licht und stecken es in die Ehrenhand, zur rechten Zeit und Stunde, und mit den gehörigen Ceremonien, und derje- nige, der dann nach Schätzen sucht, wird, wo es auch sey, nimmermehr welche finden.“ „Auf diesen Schlufs,“ sagte der Alterthums- forscher.«getraue ich mir selbst einen körper- lichen Eid abzulegen. In Westphalen war es also Sitte, Herr Dousterswivel, sich eines sol- chen eleganten Leuchters zu bedienen 5“ 99 Ohne Ausnahme, Herr Oldbuck, wenn man nämlich wünschte, dafs Niemand von dem, was man eben vorhatte, sprechen sollte. Die Mönche pflegten es gewöhnlich zu thun, wenn sie ihre grofsen Kelche und andere Gefäſse, oder Ringe und Edelsteine verbergen wollten.“ «Demungeachtet aber habt Ihr, Rosenkreuzer, Mittel, glaub' ich, den Zauber zu lösen, und das zu entdecken, was die armen Mönche mit so viel Sorg' und Unruhe zu verstecken suchten.“ «Ach, lieber Herr Oldbuck,“ entgegnete der Adept, geheimniſsvoll den Kopf schüttelnd,„Sie gehören auch zu den Ungläubigen. Hätten Sie nur die groſse Schüssel von massivem Silber und das silberne Kreuz gesehen, das. wir— nämlich Herr Schröpfer*) und meine Wenigkeit— für den Baron von Plunderbausen, oder den Frey- herrn, wie Sie ihn nennen, gelunden haben, Sie würden, denk' ich, auch geglaubt haben.“ Freylich wohl! Wer sieht, der glaubt! Aber worin bestand denn Eure Kunst, Euer Ccheim- nils, Herr Dousterswivel 5* *²) Ein berüchtigter Betrüger in der Mitte des vorigen- Jahrhunderts, der durch seine Geisterbeschwörungen viel Aufschn machte. Wahrscheinlich das Werkzeng einer Parthey, die ihn nachher verliefs, erschofs er sich, aus Verzweillung über das Mifslingen seiner geheimen Pläue, im J. 177 in dem Rosenthale bey Lcipzig. 8 A. d. Uebers. 100 Hm! Herr Oldbuck, das gehört nun wieder zu meinen kleinen Geheimpissen, die ich nicht ausschwatzen darf— Sie müssen mir's nicht übel nehmen. So viel kann ich Ihnen sagen: es gibt mancherley Wege— allerdings mancherley. Ein Traum, zum Exempel, den Sie dreymal träu- men—* „Das freut mich,“ fiel Oldbuck ein,«ich habe einen Freund— mit einem Seitenblick auf Lovel — der erhält immer Besuche von der Königin Mab*).“ «Dann gibt es auch Sympathien und Antipa- phien, eigenthümliche und natürliche, so wie ungewöhnliche Kräſte verschiedener Kräuter, und dann auch die kleine Wünschelruthe.“ «Ich möchte lieber eins von all' den Wundern seben, statt davon zu hören,“ sagte Fräulein Wardour. «Alle die Kirchenschätze und Kostbarkeiten, die hier liegen mögen, aufzufinden, verehrtes Fräulein, dazu ist's jetzt nicht an der Zeit, al- lein, um Ihnen gefällig zu seyn, so wie meinem Gönner, Herrn Arthur, und dem ehrwürdigen *) Die Königin Mab(Queen Mab) auch wohl die Fee Mab(ihe fairy Mab) genannt, kommt bey Shakspeare mehrfach vor. Man seche unter andern die schöne Beschreibung, welche Mercutio von ihr macht(Ro- meo und Julie. Act I. Sc. 4.) A. d. Uebers-. 101 Herrn Pfarrer, dem guten Herrn Oldbuck und dem jungen Herrn Lovel, der ebenfalls ein guter Herr ist, so will ich Ihnen zeigen, daſs es mög- lich ist— sehr leicht möglich, sag' ich— die in der Tiefe verborgenen Quellen zu entdecken, ohne Spaten, Hacke oder dergleichen dabey nö- thig zu haben.“ «Hm!“ sagte Oldbuck, amir ist einmal von dem Kunststücke etwas zu Ohren gekommen; hier zu Lande möcht' es indeſs nicht sehr ein- träglich seyn. Nach Spanien und Portugall soll- ten Sie damit gehen. Da könnten Sie cher Ihre Rechnung finden.“ «Aber, liebster Herr Oldbuck, da ist ja die Inquisition und das Auto da Fe. Da würd' ich verbrannt werden, denn ich bin ja nur ein sim- pler Philosoph, und kein Zauberer.“ «Dann würden sie ihre Kohlen nur verschwen- den,“ entgegnete Oldbuck,«aber“— fuhr er leiser fort, sich zu Lovel wendend—«wenn sie für solche unverschämte Bursche noch Halseisen und Pranger haben, so wäre das eine passendere Strafe für sie.— Indefs, mit ansehen können wir's ja. Er zeigt uns sicher eine von seinen Taschenspielerkunsten.“ Der Deutsche hatte sich wirklich in ein klei- nes, unfern von den Ruinen befindliches Gehölz begeben, und schien dort eifrig dasjenige zu su- chen, was ihm zu seinem Unterachmen passend 102 zu seyn dünkle. Nachdem er mehrere Aeste ge- prüft, abgeschnitten Dund weggeworfen hatte, wählte er einen kleinen Zweig von einer Hasel- staude, dessen Ende eine gabelförmige Cestalt hatte. Dieser sollte, seinem Vorgeben nach, die zu dem Experiment erforderlichen Eigenschaften besitzen. Er nahm hierauf das gabelförmige Ende der Ruthe an jeder Spitze zwischen den Daumen und Zeigefinger, und hielt die Ruthe empor. S0 schritt er dann in dem verfallenen Gemäuer lang- sam hin und her, und die übrige Gesellschaft folgte ihm in Procession verwundert nach. Am Ende gibt's gar kein Wasser hier, wie's scheintb“ sagte der Adept, nachdem er einige Male um verschiedene Theile des Gebäudes her- umgegangen war, ohne irgend eine Spur ent- deckt zu haben.«Ich glaube, die Schottischen Mönche fanden das Wasser für das Klima zu kalt, und tranken lieber guten Rheinwein— doch— Sich da!“ Die Umstehenden bemerkten, dafs sich die Ruthe zwischen seinen Fingern drehte, obgleich er behauptete, sie sehr fest zu halten. «Hier ist offenbar Wasser genug„— sagte er, und indem er sich, so wie die Bewegung der Ruthe zu- oder abzunehmen schien, bald hier, bald dorthin wandte, begab er sich ich in einen leeren, dachlosen Raum, wo temals die Klosterküche gewesen var, und hier Bewegte sich die Ruthe endlich gerade niederwärts. 103 Hier ist die Stelle!“ sagte der Adept.«Wenn man hier nicht Wasser findet,«so mag mich je- der einen unverschämten Betrüger nennen.“ «Ich nehme mir die Freyheit,“ flusterte der Alterthumsforscher Lovel zu;«mag man Wasser inden oder nicht.“ Ein Diener, der eben einen Korb mit Erfri- schungen gebracht hatte, wurde jetzt zu der Hütte eines Holzwächters in der Nahe gesandt, um ei- nen Spaten und eine Hacke zu holen. Nachdem man die lockern Steine und das Gestrüpp von der Stelle, welche der Deutsche bezeichnet, wegge- räumt hatte, zeigte sich bald eine regelmälsige Mauer. Es dauerte auch nicht lange, so begann, nach einiger Auflockerung des Bodens, zur gros- sen Freude des Philosophen und zum Erstauuen der Damen, so wie des Geistlichen, Sir Arthurs und Lovels, und zur Beschämung des ungläubigen Alterthumsforschers, das Wasser reichlich her- vorzusprudeln. Indeſs protestirte der letztere demungeachtet gegen das Wunder. «Es ist nichts als ein Pfiff,“ flüsterte er Lo- vel'n in's Ohr. Der Schalk hat sich schon frü- her von der Existenz des alten Brunnens über- zeugt. Geben Sie nur Acht, was er nun zuerst vorbringen wird. lIeh müßfste mich sehr irren, oder es ist nur ein Vorspiel zu ernsthafterer Be- trügerey. Schen Sie nur, wie stolz der Schurke thut, wie er sich so viel damit weiſs, dals ihm 104 das gelungen ist, und wie der arme Sir Arthur den Schwall von Unsinn so hinnimmt, den er ihm mit den Crundsätzen seiner geheimen Wis- senschaft aufbürdet.“ «Sie sehen hiebey, mein verehrter Cönner, meine werthen Damen, und auch Sie, mein wür- diger Doctor Blattergowl und Herr Lovel, und auch Sie, Herr Oldbuck, werden gefälligst be- merken, daſs die Kunst keinen ärgern Feind hat, als die Unwissenheit. Betrachten Sie den kleinen Haselzweig, er ist cigentlich zu nichts nütze, als ein Kind zu züchtigen—“ Für Dich möcht' ich eine Knotenpeitsche ha- ben!“ flüsterte Oldbuck bey Seite. „Geben Sie ihn indefs in die Hände eines Phi- losophen, so veranlafst er die wichtigsten Ent- deckungen. Allein das ist noch nichts, Sir Arthur — noch gar nichts, meine Damen, noch nichts, Herr Lovel uud Herr Oldbuck. Hätte Jemand Geist und Muth genug— ganz andre Dinge wollt' ich ihm zeigen, als einen Wasserquell— ich wollte—* Ganz ohne Geld wird das wohl nicht gesche- hen können,“ sagte der Alterthumsforscher,« nicht wahr 5“ Ich brauche nur wenig,“ versetzte der Adept, es ist kaum der Rede werth.“ 3 «Ich glaubte, viel!“ entgegnete der Alterthums- forscher trocken.«Indessen will ich Ihnen Allen, 5„, 105 ohne Wünschelruthe, eine treffliche Wildpret- pastete und eine Flasche ächten Londner Madera zeigen, und das soll, wie ich mir wenigstens vor- stelle, Herrn Dousterswivels Kuust so ziemlich aufwiegen.“ Das Mahl wurde sogleich, wie Herr Oldbuck sich ausdrückte, Fronde super viridi, oder ge- nauer bestimmt, unter einer groſsen alten Eiche, die Abts-Eiche genannt, aufgetragen, und die Gesellschaft nahm rings umher Platz, dem In- halte des Korbes volle Ehre erweisend. 106 —-—BͤnnͤNAAR Achtzehntes Kapitel. I ie wenn ein Greif sich durch die öde IIi' ild- ni ſs Geftügelt schwingt, und über Herg und Moor Den Arimaspier*) verfolgt, der diebisch Das Gold, das jener streng bewachet, entwendet: Fo wülhend stürzte Satan— Milton's verlornes Paradies. Als die Collation beendigt war, nahm Sir Arthur den Faden des Gesprächs über die Geheimnisse der Wünschelruthe, über die er sich vorher mit 8 Dousterswivel unterhalten hatte, wieder auf. «Vielleicht dürfte nun, begann er,«mein Freund, Herr Oldbuck, vorbereitet seyn, mit *) Nach Prinius ein Seythischer oder Sarmatischer Volksstamm, A. d. Uebers. 107 gröſscrem Antheil die Geschichten zu vernehmen, die Sie uns in Betreff der letzten Entdeckungen, die von den Mitgliedern Ihres Bundes in Deutsch- land gemacht worden sind, erzählt haben.“ «Ach, Sir Arthur, von dergleichen Dingen darf man vor solchen Herren nicht sprechen, denn der Mangel an Gläubigkeit, oder wie Sie's nen- nen, an Glauben, ist es eben, der dem groſsen Unternehmen schadet.“ Nun, so lassen Sie wenigstens meine Tochter die Geschichte vorlesen, die sie über Martin Waldeck niedergeschrieben hat.- «Das ist allerdings eine ganz wahre Geschichte, aber Fräulein Wardour ist so schlau und witzig, dafs sie leicht einen Roman daraus gemacht ha- ben kann, wie ihn auf Ehre nur Göthe oder Wieland im Stande gewesen wären zu schreiben. «Wenn ich die Wahrheit gestehen soll, Herr Dousterswivel,“ versetzte Fräulein Wardour,:so sehien mir das Romantische in dieser Sage so vorherrschend äber die Wahrscheinlichkeit, daſs ich, die ich einmal das Zauber- und Feenwesem sehr liebe, der Begierde nicht widerstehen konn- te, die Geschichte in ihrer Art vollends auszu- bilden. Hier ist sie, und wenn Sie nicht lieber warten wollen, bis sich die Hitze des Tages ein wenig gelegt hat, und sich sonst für meine schlechte Composition interessiren, so ist vielleicht Sir Ar- 108 thur, oder Herr Oldbuck so gefällig, sie uns vor- zulesen.“ Ich nicht,“ entgegnete Sir Arthur;«lautes Vorlesen war nie meine Sache.“ «Ich ebenfalls nicht,“ sagte Oldbuck;«ich habe meine Brille vergessen. Aber es ist ja noch Herr Lovel da. Der hat scharfe Augen und eine gute Stimme. Herr Blattergowl— das weiſs ich schon— liest auch nicht gern, um dem Verdacht zu entgehen, dafs er auch seine Kanzelvorträge ablese. 8 Das CGeschäft wurde demzufolge Herrn Lovel übertragen. Er empfing das Papier, welches die Schrift der schönen Hand enthielt, deren Besitz für ihn das höchste Glück der Erde gewesen seyn würde, mit einigem Zittern, so wie es Fräulein Wardour nicht ohne Verlegenheit ihm hinreichte. Allein es galt hier, seine innere Bewegung zu unterdrücken, und indem er das Manuscript flüchtig durchlief, als wolle er sich mit dem In- halte im Allgemeinen bekannt machen, sammelte er sich, und las der Gesellschaft folgende Er- zühlung vor: Martin Waldecks Abentheuer. Die einsamen Gegenden des Harzwaldes, vor- züiglich aber die des Brockens oder Blocksberges, 109 * sind der Lieblingsschauplatz für Hexen-, Spuck- und Geistergeschichten. Die Beschäſtigung der Einwohner, welche meistens Bergleute oder Forst- aufseher sind, ist von der Art, das sie zum Aber- Slauben besonders geneigt macht, und die Natur- erscheinungen, von der sie bey der Betreibung ihres einsamen oder unterirdischen Gewerbes Zeu- gen sind, werden von ihnen nicht selten der Einwirkung von Geistern, oder einer Zaubermacht zugeschrieben. Unter den mancherley Sagen, welche in jener wilden Gegend im Umlaufe sind, ist eine vorzüglich beliebt, nach welcher den Harz eine Art von Schutzgeist bewohnt, in der Gestalt eines wilden Mannes, von riesenhaftem Körperbau, das Haupt mit Eichenzweigen um- flochten, und einen ähnlichen Cürtel um den Leib tragend. In der Hand hält er gewöhulich einen, mit der Wurzel ausgerissenen Fichten- stamm. So viel ist gewiſs, dafſs manche Leute behaupten, eine solche Gestalt mit einem Schritte von einem Berge zum andern schreiten gesehen zu haben, wenn ein kleines Thal die beyden Hö- hen von einander schied. Die Thatsache der Er- scheinung wird auch so allgemein angenommen, dafs neuere Zweifler sie blos auf Reehnung eines optischen Betrugs haben schieben können.“ In ältern Zeiten war der Verkehr dieses Gei- stes mit den Bewohnern der Gegend noch ver- traulicher, und den Traditionen zufolge, gefiel — 1 10 es ihm, mit der diesen erdgebornen Mächten ge- wöhnlich zugeschriebenen Laune, in die Angelegen- Leiten der Menschen, bald zu ihrem Nutzen, bald zu ihrem Schaden, sich einzumischen. Al- lein man bemerkte auch, daſs selbst seine Ge- schenke oft im Laufe der Zeit denen, welchen sic verliehen worden, Unheil brachten, und es war vicht ungewöhnlich, dafs die Seelenhirten bey der Obhut ihrer Heerden lange Predigten hielten, welche sich stets mit der Warnung schlossen, weder mittel- noch unmittelbar mit dem Harzgeiste irgend einen Verkehr zu unter- halten. Die Abentheuer Martin Waldeck's wur- den jüngern Leuten öfters von den Alten erzählt, wenn jene über eine Gefahr spotteten, welche sie für eingebildet hielten. kin herumzichender Kapuziner hatte die Kan- zel einer mit Stroh gedeckten Kirche in dem Dörfchen Morgenbrod, im Harædistrict gelegen, in Besitz genommen, und predigte von derselben gegen die Cottlosigkeit der Einwohner, ihre Ver- Lindung mit bösen Geistern, Hexen und Zaube- wern, besonders aber mit dem Waldgeiste des Ilarzes. Luthers Lehren hatten sich bereits unter den Landleuten der Gegend auszubreiten ange- fangen— denn das Ereigniſs wird unter Karl V. Regierung versetzt— und sie spotteten anfangs iber den Eifer, womit der chrwördige Mann sei- ue Sätze verfocht. Endlich aber, als seine Hef. 111 tigkeit mit dem Widerstande wuchs, nahm auch der ihrige nach dem Verhältnisse seiner Heftig- keit zu. Die Einwohner mochten es nicht hören, daſs ein bekannter ruhiger Geist, der den Brocken seitso vielen Jahren bewohnt hatte, mit Baalpeor, Astaroth und Beelzebub in eine Cathegorie ge- worfen, und ohne weitere Untersuchung zu dem bodenlosen Tophet verurtheilt würde. Die Furcht, der Geist möchte sich dafür an ihnen rächen, dafs sie ein so illiberales Urtheil mit angchört hätten, vermehrte noch das Nationalinteresse in Bezug auf denselben. Ein herumzichender Klo- sterbruder, sagten sie, der heut da, morgen dort ist, kann immerhin sagen, was ihm beliebt; al- lein wir, die alten und festen Bewohner der Ge- gend, sind der Willkühr des beleidigten Geistes stets ausgesetzt, und müssen gelegentlich Alles enigelten. Durch dergleichen Betrachtungen ge- reizt, kam es so weit, dafs die Landleute, nach beleidigenden Reden, endlich Steine ergriffen, und den Mönch aus dem Kirchspiel vertrieben, damit er anderswo gegen Ceister predigen möge. Drey junge Männer, welche bey diesem Vor- ſalle thäligen Antheil genommen hatten, befan- den sich auf dem Rückwege nach ihrer Hütte, wo sie sich mit Kohlenbrennen für die Schmela- öfen miihsam nährten. Unterwegs lenkte sich ihr Gespräch schr natürlich auf den llarzgeist und die Lehre des Kapuziners. Max und Ceorg 112 Waldeck, die beyden ältern Brüder, behaupte- ten, wenn gleich des Kapuziners Reden unbeson. nen und tadelhaft wären, weil er so anmaſsend über den eigentlichen Character und Aufenthalt des Geistes spreche, so sey es doch im höchsten Crade gefährlich, seine Geschenke anzunehmen, oder auf irgend eine Weise Verkehr mit ihm zu haben. Mächtig sey er allerdings, meynten sie, indefs doch auch launisch und veränderlich, und es liefe doch selten auf ein gutes Ende hinaus, wenn man sich mit ihm einliefse. Gab er nicht dem tapfern Ritter Eckbert von Rabenwald jenes berüchtigte schwarze Rofs, wodurch er auf dem groſsen Turnier zu Bremen alle Kempen überwand, und stürzte sich nicht eben dies Rofs nachher mit seinem Reiter in einen so tiefen Abgrund, daſs man beyde nie wiedergesehen hat. Gab er nicht der Dame Certrude Trodden ein wunderbares Zaubermittel, um Butter zu machen, und wurde sie nicht von dem Ober-Criminalgerichte des Landes als Hexe verbrannt, weil sie sich dieses Ceschenks gerühmt hatteb— Aber diese und manche andere Beyspiele von dem schlechten En- de, das es meistens mit den Geschenken des Harzgeistes genommen, schienen nicht den min- desten Eindruck auf den jüngsten der drey Brü- der, Martin Waldeck, zu machen. Martin war jung, leidenschaftlich und hitzig, dabey ausgezeichnet in allen Fertigkeiten eines 113 Bergbewohners, und kühn und unerschrocken, weil er die Gefahren, welche seine Lebensweise mit sich brachte, genau kannte. Er lachte da- her seine Brüder wegen ihrer Furchtsamkeit aus. «Schwatzt doch nicht so thöricht in den Tag hinein," sagte erz der Ceist ist ein guter Geist, er lebt unter uns, als wenn er unsers Cleichen wäre; er hält sich auf den einsamen Cipfeln der Berge oder in den Höhlen auf, wie ein Waid- mann oder Ziegenhirt, und wer den Harzwald liebt und seine wilden Gegenden, der kann un- möglich gleichgültig seyn gegen das harte Loos, das den Kindern dieses Bodens zugefallen ist. Aber, gesetzt auch, er wäre so boshaft, als ihr ihn machen wollt, wie könnte er denn Macht und Gewalt über Menschen haben, die sich blos- seiner Gaben bedienen, ohne sich dadurch seiner Willkühr zu unterwerfen? Wenn Ihr Eure Koh- len für die Schmelzöfen verkauft, ist das Geld, das der alte gottlose Aufseher Blasius Euch zahlt, nicht eben so gut, als ob Ihr's von dem Herrn Pfarrer aelbst empfingtb Es sind daher nicht die Geschenke des Ceistes selbst, die Euch Unheil bringen, sondern Ihr seyd nur für den Gebrauch, den Ihr davon macht, verantwortlich. Und wenn mir der Geist in diesem Augenblick erschiene, und zeigte mir sine Cold- oder Silberader— ich grübe frisch darauf los, ch' er den Rücken ge- wandt hätte, und würde denken: ich stehe unter 76. 114 dem Schutze eines Cröfsern, als er ist, so lang' ich einen guten Gebrauch von den Schätzen mach- te, die er mir zeigte.“ Der ältere Bruder meynte: schlecht gewonne- ner Reichthum werde selten gut angewendet, worauf aber Martin mit keckem Selbstvertrauen behauptete, dafs der Besitz aller Schätze des Harzes seine Sitten, Denkungsart und seinen Character nicht im mindesten verändern würde. Die Brüder baten Martin, nicht so freventlich zu sprechen, und es gelang ihnen nur wit Mübe, seine Aufmerksamkeit von dem Gegenstande ab- und auf eine sich nähernde Eberjagd hinzulenken. Unter solchen Gesprächen erreichten sie ihre armliche Hütte, welche an ein enges, rauhes und romantisches Thal stiefs, in der einsamsten Ce- gend des Brockens. Sie lös'ten ihre Schwester von dem Anschüren des Kohlenfeuers ab, welches eine fortwährende Aufmerksamkeit verlangt, und vertheilten die Nachtwache bey dem brennenden Ofen, wie gewöhnlich, unter sich selbst, so dafs immer einer der Brüder schlafen konnte. Max Waldeok, der alteste, welcher die bey- den ersten Stunden der Nacht wachte, wurde schr beunruhigt durch ein groſses Feuer auf der gegenüberliegenden Seite des Thals, um welches verschiedene Cestalten mit seltsamen Geberden zu tanzen schienen. Anfangs wollt' er seine Brü- der rufen, als er aber an den kühnen, verwege- 115 nen Character des jüngsten dachte, und den äl- tern, ohne auch jenen zugleich zu ermuntern, nicht füglich wecken konnte; da er zugleich glaubte, dafs das, was er sähe, wohl ein Spuck des Geistes seyn könnte, vielleicht eine Folge der kecken Reden, deren sich Martin am Abend zu- vor bedient hatte, so hielt er für's Beste, sich in den Schutz des Gebets zu begeben, und mit Angst und Bangigkeit die seltsame, beunruhigende Erscheinung zu betrachten. Nachdem das Feuer einige Mal angeblasen worden war, erlosch es allmählig gänzlich, und die übrige Zeit von Maxens Wache wurde blos durch die Erinnerung jenes Schrecknisses gestört. Georg trat nun an Maxens Stelle, der sich zur Ruhe begeben hatte. Die Erscheinung eines gro- fsen, flammenden Feuers auf der enigegenge- setzten Scite des Thals zeigte sich abermals den Blicken des wachenden Köhlers. Wie fruherhin, umgaben es Gestalten, die, so viel man an den dunkeln Umrissen erkennen konnte, irgend eine geheimniſsvolle Ceremonie zu verrichten schie- nen. GCeorg besafs, wenn er auch eben so vor- sichtig war, als sein älterer Bruder, doch einen kühnern Character. Er beschlofs, den wunder- baren Gegenstand genauer zu untersuchen. Nach- dem er das Flüſschen, welches das Thal durch- zog, durchwatet hatte, klimmte er an dem jen- seitigen Ufer hinauf, und näherte sich dem Feuer 161 bis auf einen Bogenschufs, das, wie es schien, cben so hell brannte, als da er es zuerst bemerkt hatte. Die Gestalten rings herum glichen den Phanto- men, die man oft in unruhigen Träumen erblickt, und plötzlich stand der Gedanke in ihm ſest, den er gleich anfangs gehegt hatte: ste möchten doch wohl nicht dieser Welt angehören. Unter diesen seltsamen Cestalten unterschied Georg die eines Riesen, dessen ganzer Körper mit Haaren bedeckt war; er hielt eine ausgerissene Tanne in der Hand, mit der er von Zeit zu Zeit das lo- dernde Feuer anzuschären schien. Seine ganze Kleidung bestand in Eichenzweigen, die er sich um Haupt l Lenden gewunden hatte. Georg eutsank der Muth, als er in dem Riesen die wohl- bekannte Erscheinung des Harzgeistes wiederfand, wie sie ihm oft von den Hirten und Jögern be- schrieben worden war, wenn sie ihn hatten über die Berge schreiten sechen. Schon im Begriſle zu flichen, besann er sich plötzlich, schalt seine Feigheit, und sprach die Worite aus den Psalmen Davids:«Alle guten Ceister loben Gott den Iierrn!“ einen Vers, den man in der Gegend für so mächtig hält, als einen Exorcismus. Als er sich hierauf abermals nach der Stelle umsah, wo er das Feuer erblickt hatte, war es verschwunden. Nur der blasse Schein des Mondes beleuchtete jetzt diese Seite des Thals, und als Georg, des- 117 sen Haar sich emporsträubte, mit bebenden Schrit- ten und schweiſstriefend an den Ort kam, wo er einige Augenblicke zuvor das Feuer geschen hatte, und der durch eine alte Eiche kenntlich war, so zeigte sich auch nicht die mindeste Spur von dem, was er erblickt hatte. Das Moos und die Wald- blumen waren unversengt, und die Zweige der alten Eiche, die eben erst in Flammen und Rauch gehüllt erschienen, waren feucht von dem nächt- lichen Thau. Georg kehrte mit bebenden Sehritten zur Hütte zurück, und, wie vorhin sein älterer Bruder, beschlofs auch er, nichts von dem zu sagen, was er gesehen hatte, um nicht in Mariin jene ver- wegene Neugier zu wecken, die, wie er meynte, sehr nah' an Ruchlosigkeit gränze. Die Reihe des Wachens war nun an Martin. Der Haushahn hatte sich schon hören lassen, und die Nacht war fast vorüber. Als er den Ofen betrachtete, worin das Holz, welches verkohlt werden sollte, lag, sah er erstaunt, dafs das Feuer nichtagehörig unterhalten worden war; denn bey seinem Gange und dessen Folgen hatte Georg den Haupigegenstand seiner Wache ver- gessen. Martin'’s erster Gedanke war, die Schla- fenden zu wecken; alleim als er bemerkte, dafs beyde Brüder ungewöhnlich fest und tief schlie- fen, wollte er ihre Ruhe nicht stören, und machte sich selbst auf, um ohne ihre Hülſe den Ofen ☛ 118 mit dem nöthigen Brennholze zu versorgen. Al- lein, was er auch zusammenbrachte, es war doch, dem Anschein nach, zu der beabsichtigten Wirkung untauglich, denn das Feuer schien cher abzunehmen, als sich zu verstärken. Martin ging nun an einen Ort, wo er einige Baumäste auſge- häuft hatte, welche ganz vorzüglich trocken wa- ren; als er indefs damit zurückkehrte, war das Feuer gänzlich erloschen. Dies war ein bedenk- liches Uebel, das sie mit dem Verluste ihres Handels für mehr als einen Tag bedrohte. Ver- drüſslich über seine fruchtlosen Bemühungen, wollte er Licht anzünden, um das erloschene Peuer wieder anzumachen; aber der Zunder war feucht, und so blieb auch diese Bemühung ohne Erfolg. Eben im Begriff, seine Brüder zu wecken, da die Sache dringend war, schimmerte ein Licht- glanz nicht nur durch das Fenster, sondern auch durch jede Spalte der schlecht zusammengefügten Hütte, und er ward dadurch veranlafst, dieselbe Erscheinung zu beobachten, welche vorher die Wache seiner Brüder gestört hatte. Sein erster Cedanke war, dafs die Mühlhäuser, ihre Neben- huhler im Handel, mit denen sie manchen Zwist gehabt hatten, sich vielleicht auf ihre Gränzen gewagt haben möchten, um Holz zu stehlen. Er peschlofs daher, seine Brüder zu wecken, um jene fur ihre Kühnheit zu bestrafen. Allein nach kurzem Nachdenken und einem Blick auf die . 119 Geberden und Bewegungen derer, welche hier im Feuer zu arbeiten schienen, mufste er jenen CGedanken bald fahren lassen, und trotz seiner Zweifelsucht in solchen Dingen, das Canze für eine übernatürliche Erscheinung halten. Mögen es Menschen seyn, oder böse Ceister,* sagte der unerschrockene Waldbewohner,«wel- che sich dort mit so wunderlichen Geberden her- umdrehen— gleichviel! Ich gehe hinüber, und biutt' um Licht, mir mein Feuer wieder anzu- zünden.“ Den Gedanken, die Brirder zu wecken, gab er auf, weil man glaubte, daſs solche Abentheuer, wie das, welches er bestehen wollte, blos von Einer Person auf einmal bestanden werden könn- ten. Dann besorgte er aber auch, seine Brüder, von Natur furchtsam, möchten ihn an dem Yer- suche hindern, den er nun einmal ausführen wolle. Daher nahm denn der unerschrockene Martin Waldeck seinen Jagdspiefs von der Wand, und machte sich auf, sein Abentheuer allein zu bestehen. Eben so glücklich, wie sein Bruder Georg, nur mit gröfserem Muthe, gelangte Martn über das Fläfschen, stieg die Anhöhe hinauf, und nä- herte sich der Ceisterversammlung bis auf einen solchen Punkt. dafs er in der Gestalt des Anfüh- rers deutlich die Attribute des Harzgeistes unter- scheiden konnte. 120 Zum ersten Mal in seinem Leben überfiel ihn ein kalter Schauer, allein der Gedanke, daſs er das, was jetzt wirklich statt finden sollte, längst ersehnt habe, stärkte seinen wankenden Muth, und durch Stolz ersetzend, was ihm an Entschlos- senheit abging, näherte er sich ziemlich stand- haft dem Feuer. Die Gestalten aber, welche dasselbe umgaben, schienen immer wilder, phan- tastischer und übernatürlicher zu werden, je nä- her er sich hinzuwagte. Ein gellendes, unnatürliches Gelächter empfing ihn, welches in seinen betäubten Ohren schreck- licher klang, als irgend eine Verbindung ungleich- artiger und trauriger Töne, die er sich denken konnte. «Wer bist Dub» fragte der Riese, indem er versuchte, seinen rauhen und wilden Zügen eine gewisse ernste Würde zu geben, ohne dabey die gewaltsamen Zuckungen eines höh nischen Celäch- ters ganz unterdrücken zu können. «Martin Waldeck, der Waidmann! versetzte der kühne Jüngling;«und wer bist Du 55 a Der König der Wüsten und der Schachte,“ entgegnete das geisterartige Wesen.«VWVarum wag- test Du, meine Geheimnisse zu belauschen 5 «lIch wollte Licht holen, um mein Feuer anzu- zünden, erwiederte Martin beherzt, und noch kiihner fragt' er abermals:«Was sind es denn für Mysterien, die Ihr hier feyert?* — 4 4— 121 „Wir feyern,» versetzte der gefällige Dämon, die Vermählung des Hermes mit dem schwarzen Drachen. Aber— nimm das Feuer, das Du ho- len willst, und geh'! Kein Sterblicher, dem sein Leben lieb ist, darf uns lange zusehen!* Der Köhler stach mit'seinem Speer in ein gros- ses Stück brennendes Holz, das er nur mit Mühe aufheben konnte, und kehrte um, seine Hütte zu erreichen, indefs ein abermaliges schreckli- ches Gelächter ihm nachschallte, Buud in dem engen Thale furchlbar wiederklang. Als Martin in seiner Hütte angelangt war, liefs er, sciner Bestürzung ungeachtet, sich's angele, gen seyn, die glühende Kohle unter das Hlolz zu schieben, damit das Feuer des Ofens wieder an- glimmen möchte; allein nach vielen Anstrengun- gen mit den Blasebälgen und Schürstangen er- losch die Kohle, die er von dem Ceisterlglier erhalten hatte, gänzlich, ohne eine der andern in Gluth zu bringen. Er sah sich um. und be- merkte, dafs das Feuer auf der Höhe noch immer brannte, obgleich die, welche um dasselbe ge- schäftig gewesen, verschwunden waren. Er sah nun wohl ein, daſs der Geist ihn zum Besten ge- habt, und kolgte der angehorenen Verwegenheit seines Characters. Entschlossen, das Abentheuer ganz zu bestehen, schlug er abermals den Weg. nach dem Feuer ein, aus dem er, ohne dals es der Geist wehrte, auf dieselbe Art wieder eine 122 glühende Kohle nahm; doch gelang es ihm eben- falls nicht, das Feuer damit anzuzünden. Seine Keckheit wuchs, da er so ungestraft davon ge- kommen war, und er beschlofs, denselben Ver- such zum dritten Male zu wagen. Es glückte ihm damit, wie die beyden ersten Male; als er indels das Stück Kohle ergriflen hatte, und sich damit entfernen wollte, hörte er mit derselben übernatürlichen und furchtbaren Stimme sich die Worte zurufen:«Wag' es nicht zum vierten Male!“ 3 Da der Versuch, das Feuer wieder anzuzünden, auch diesmal miſslang, so gab ihn Martin gänz- lich auf, und warf sich auf sein Lager von durren Blättern, entschlossen, erst am folgenden Morgen scinen Brüdern das nächtliche Abentheuer mit- zutheilen. Aus dem tiefen Schlafe, worin ihn Mädigkeit und innere Bewegung versenkt hatten, ward er durch laute Ausbrüche der Freude und Ueberraschung geweckt. Seine Brüder, welche bey ihrem Erwachen sehr erstaunt Sewesen waren, das Feuer erloschen zu finden, hatten sogleich Anstalten getroffen, es Wieder zu unterhalten, und bey dieser Gelegenheit in der Asche drey grolse Stäcke Metall entdeckt, welche sie, da die Fandleute auf dem Harz sich fast sämmtlich sehr gut auf Mineralogie verstehen, bald für das rein- nie Cold erkannten. Freylich ward ihr froher Glückwunsch elwas 123 gemäſsigt, als sie von Martin die Art und Weise erfuhren, wie er zu dem Schatze gekommen sey, und nach dem, was sie selbst in Betreff der nächtlichen Erscheinung erfahren, mulsten sie ihm vollen Glauben schenken. Demungeachtet konnten sie der Versuchung, den Reichthum ih- res Bruders zu theilen, nicht widerstehen. Mar- rin Waldeck, der sich nun als Haupt der Fami- lie ansah, kaufle Ländereyen und Waldungen, haute ein Schlofs, erhielt einen Adelsbrief, und wurde, zum groſsen Verdrufs des alten Adels in der Nachbarschaft, mit allen Vorrechten dessel- ben beliehen. Sein Muth, den er sowohl in Staatskriegen, als in Privatfehden bewies, und die Menge der besoldeten Dienstmannen, die er hielt, sicherten ihn einige Zeit gegen den Hafs, deu er sich durch seine plötzliche Erhebung und durch sein anmafsendes Benehmen zugezogen hatte. Martin's Beysbicl zeigte deutlich, wie wenig der Mensch die Wirkung eines unerwarteten Glücks auf seine Deukungsart und Gesinunungen vorausschen kann. Die bösen Neigungen seiner Natur, von der Armuth bisher zurückgehalten und unterdrückt, erhoben sich nun freyer, und tleugen, unter dem Eiuflusse der Versuchung und den Mitteln, sie befriedigen zu können, ihre unseligen Früchte. Eine Leidenschaft weckle die andere; der Geiz rief den Stolz hervor, und dem 124 Stolze folgten Crausamkeit und Herrschsucht.— Martin’'s Character, schon von Natur kühn und verwegen, war durch das Glick noch trotziger und anmaſsender geworden. Daher ward er nicht nur dem Adel, sondern auch den niederen Stän- den verhaſst, welche mit doppeltem Unwillen die drückenden Vorrechte des Reichs-Lehnadels so gewissenlos von Jemand ausgeübt sahen, der sich aus der niedrigsten Klasse des Volks empor- geschwungen hatte. Sein Abentheuer, obgleich sorgfältig verhehlt, ward doch allmählig bekannt, und die Geistlichkeit brandmarkte bereits den als einen Genossen des bösen Feindes, der, da er seinen Beichthum auf eine so seltsame Art erworben hatte, ihn nicht mindestens dadurch zu heiligen gesucht hatte, daſs er nicht wenigstens einen Theil der Kirche weihte. Von öffentlichen und geheimen Feinden umringt, beläsligt von tausend Fehden, von der Kirche mit dem Banne bedroht, sehnte sich Martin Waldeck, oder wie wir ihn jelzt nennen müssen, der Baron von Waldeck, reuevoll nach den Mühen und Drang- salen seiner unbeneideten Armuth zuruck. In- deſs verliefs ihn unter so bedenklichen Umstän- den sein Muth keinesweges, ja er schien sich, je drohender die Gefahr rings um ihn her wurde, zu vermehren, bis endlich ein Zufall seinen Sturz beschleunigte. Durch einen ſeyerlichen Aufruf des regierenden 125 Herzogs von Braunschweig waren alle Deutsche Edle von freyer und ehrenvoller Abkunft zu ci- nem Turnier eingeladen worden, und Martin Waldeck, glänzend bewaffnet und gerüstet, und von seinen beyden Brüdern, nebst einem eben so glänzenden Gefolge begleitet, hatte die Keck- heit, unter dem ritterlichen Adel des Landes zu erscheinen„und begehrte in den Schranken ein- gelassen zu werden. Dies wurde für die höchste Anmaſsung gehalten. Tausend Stimmen riefen zugleich: Wir wollen keinen Kohlenbrennersich inn unsre ritterlichen Spiele mischen sehen!“ Zur höchsten Wuth gereizt, zog Martin sein Schwert, und stiefs den Herold nieder, der sich, in Ueber- einstimmung mit dem allgemeinen Rufen der Menge, seinem Eintritt in die Schranken wider- setzte. In diesem Augenblicke waren hunderte von Schwerternn entblöfst, um eine That zu rächen, die man in jenen Zeiten für nicht viel geringer, als das Verbrechen des Kirchenraubes oder Kö- nigsmordes hielt. Waldeck, der sich mit Löwen- muth vertheidigt hatte, ward endlich ergriſfen, und auf der Stelle von den Schrankenrichtern zu der Strafe verurtheilt, daſs ihm, weil er den Frieden des Landesherrn gebrochen, und sich an der geheiligten Person eines Waſſenherolds vergrif- fen habe, die rechte Hand abgchauen, dann aber auch der Adelsrechte, deren er sich unwürdig semacht, beraubt, undl aus der Stadt getrieben 126 werden soelle. Als ihm seine Waffen abgenom- men waren, und die Verstümmelung an ihm voll- zogen worden, überliefs man ihn dem Pöbel, der ihn mit drohenden Schimpfworten verfolgte, ihn einen Schwarzkünstler und Bösewicht hiefs, und sich gendlich thätlich an ihm vergriff. Seinen Brückern— denn sein übriges Cefolge hatte sich unterdessen längst zerstreut und geflüchtet— gelang es mit vieler Mühe, ihn den Händen des Pöbels zu entreissen, der ihn halb todt von dem Blutverlust und den erlittenen Mifshandlungen hatte liegen lassen. Die sinnreiche Grausamkeit ihrer Feinde ging so weit, dals wan ihnen nicht erlaubte, sich eines andern Mittels zur Hinweg- schaffung des Unglücklichen zu bedienen, als eines solchen Karrens, wie sie ehemals zu führen pflegten. Auf diesen legten sie ihren Bruder, fast die Hoffnung aufgebend, irgend einen Zu- fluchtsort zu erreichen, che der Tod ihn von sei- nem Elende erlöste. Als die Waldecker in diesem bläglichen Auf- zuge der Gränze ihres Geburtsortes sich näherten, bemwerkten sie in einem Hohlwege zwischen zwey Bergen eine GCesialt, die sich ihnen näherte, und beym ersten Anblicke einem alten Manne glich. Allmählig aber vergröſserten sich ihre Glieder, der Mantel sank von den Sebultern herab, der Pilgerstab verwandelte sich in den entwurzelten Fichtenstamm, und der Harzgeist stand in seiner 127 ganzen Furchlbarkeit vor ihnen. Als er dem Karren nahte, auf dem der unglückliche Wak- deck lag, verzerrten sich seine Gesichtszüge zu ei- nem Crinsen, worin sieh Bosheit und Verachtung ausdrüchte. Wie ist Euch denn das Feuer bekommen, das Ihr mit meinen Kehlen angezündet?“ fragte er den Leidenden. 4 Indefs die beyden Brüder vor Schreck bewe- gungslos da standen, schien Martin's alter Muth wieder zu erwachen. Er erhob sich von dem Karren, zog die Augenbraunen furchtbar zusam- men, und ballte die Faust, als drohe er dem Gespeust und sey Willens, es zum Kampf heraus- zufordern. Der Geist aber verschwand mit seinem gellenden, furchlbaren Gelächter, und liefs Mar- tin erschöpft und dem Tode nah zurück. Die erschrockenen Brüder lenkten nun ihr Fuhr- werk nach den Thürmen eines Klosters, welches sich seitwärts am Wege aus dem Dunkel eines Tannenwaldes erhob. Ein barfüfsiger und lang- pärtiger Kapuziner nahm sie dort mitleidig auf, und Martin lebte nur noch so lange, dafs er seine erste Beichte seit den Tagen seines plötzlichen Glücks ablegte, und die Absolution von demsel- ben Geistlichen empfing, den er gerade an dem nämlichen Tage vor drey Jahren aus dem Dörf- chen Morgenbrod vertrieben hatte- Diese drey Jahre seines unbeständigen Glücks standen ver- 2s muthlich in geheimem Zusammenhange mit der Zahl seiner Cänge nach dem Geisterfeyer auf deffi Hiugel. Martin's Leichnam wurde in dem Kloster be- erdigt, wo er gestorben war, und seine Bräder, welche das Ordenskleid annahmen, lebten bis zu ibrem Tode in frommer Andacht, überall Werke der Lieb' und Barmherzigkeit ausübend. Seine Ländereyen, auf welche Niemand Ansprtiche machte, lagen ôöde, bis sic der Kaiser als Lehn an sich zog, und die Ruinen des Schlosses, das Waldeck nach seinem eigenen Namen benannt batte, werden von Bergleuten und Jägern, als Wohnsitz böser Geister, noch immer geflohen. So stellen uns die Abentheuer Martin Waldecks in einem Beyspiele das Ungliick und Elend dar, welches schnell erworbener und übel angewand- ter Reichthum nach sich zu ziehen pflegt. 129 Neunzehntes Kapitel. Ein wilder Streit fand zwischen meinem Vetter, Dem Capitain, hier statt, und diesem Kriegen; Ich weiſs nicht recht den Grund— am Ende doch nur Ansprüche, Rangstreit des Coldatenstandes. Ein hner Kampf. Die aufmerksamen Zuhörer dankten der holden Bearbeiterin dieser Volkssage auf's Verbindlichste. Nur Oldbuck rümpfte ein wenig die Nase, und bemerkte: Fräulein Wardours Kunst habe einige Achnlichkeit mit der der Goldmacher, weil sie sich bemüht habe, eine gesunde und schätzbare Moral aus einem armseligen und lächerlichen Mährchen zu ziehen. Wic ich höre, ist's jetet Mode,"sagte er,«dergleichen excentrische Dich- lungen zu bewundern; was mich anlangt— 76. 1 » 13⁰0 Ich trag' ein Englisch Herz im Busen, Das GCeistern trotzt und rasselnden Gebeinen.“ „Mit Ihrer Erlaubnifs, lieber Herr Oldbuck.* begann der Deutsche,«Fräulein Wardour hat die Geschichte, wie sie's mit allem, was sie be- rührt zu machen pflegt, nach ihrer Art recht hübsch gewendet. Die Geschichte mit dem Harz- geiste, wie er auf den einsamen Bergen umher- streift, den ungeheuren Fichtenstamm als Spazier- stock in der Hand, und die groſsen grünen Büsche um Haupt und Lenden— die ist wahn, so ge- wiſs ich ein ehrlicher Mann bin.» Das ist freylich ein Satz, der sich nicht bestrei- ten läſst,» sagte der Alterthumsforscher trocken. In diesem Augenblicke wurde das Gespräch durch die Aukunft eines Fremden unterbrochen. Es war ein hübscher junger Mann, von etwa fünf und zwanzig Jahren. Er trug militärische Kleidung, der sein Blick und Benehmen so ziem- lich entsprach. Der gröſsere Theil der Gesellschaft begrüſste ihn zu gleicher Zeit. „Mein lieber Hektor!“ sagte Fräulein Mae- Intyre, indem sie aufstand und dem Fremden die Mand reichte. „Hektor, Priamus Sohn, von wannen kommst Dubo sprach Oldbuck. von Fiſe, mein Cebieter, entgegnete der junge Kricger. Als er hierauf die übrige Gesell- schaft begrüſst hatte, vorzüglich aber Sir Arthur und dessen Tochter, fuhr er fort:«Ich hörte, als ich nach Monkbarns ritt, um Ihnen meine Auf- wartung zu machen, von einem Diener, daſs ich die ganze Gesellschaft hier versammelt finden würde, und so ergriff ich denn vergniigt die Ge- legenheit, so vielen meiner Freunde auf einmal mein Compliment machen zu können. Auch einem neuen Freunde, wackrer Troja- ner, sagte Oldbuck.«Herr Lovel, das ist mein Neffe, der Capitain Mac-Intyre— Hektor, ich empfehle Herrn Lovel Deiner Bekanntschaft." Der junge Krieger betrachtete Lovel mit keckem Blick, und grüfste ihn, eigentlich mehr kalt, als herzlich, und da Lovel in dieser Kälte zugleich eine gewisse Verachtung zu finden glaubte, so erwiederte er den Grufs mit stolzer Zurückhal- tung. Es schien gleich bey der ersten Bekannt- schaft eine Art von Vorurtheil Beyde von einander zu entfernen. Die Bemerkungen, welche Lovel während des übrigen Theils der Lustparthie machte, schienen ebenfalls nicht geeignet, ihn mit diesem neuen Gesellschaftsmitgliede auszusöhnen. Capitain Mac-Intyre machte nämlich, mit der seinem Al- ter und Stand eigenthümlichen Galanterie, so- gleich Fräulein Wardour den Hof, und bewieſs bey jeder Gelegenheit jene Zeichen von Aufmerksam- keit, welche Lovel ihr um Alles in der Welt ebenfalls erwiesen hätte, wenn er sich nur nicht durch die Furcht, ihr zu miſsfallen, davon hätte 13² abschrecken lassen. Mit hoffnungsloser Nieder- geschlagenheit in dem einen Augenblicke, und mit gereizter Empfindlichkeit in dem andern, sah er, wie der junge hübsche Krieger sich alle Vorrechte eines Cavaliere servente anmaſste und ausübte. Er trug Fräulein Wardours Handschuhe, war ihr beym Umnehmen des Shawls behülflich, bot ihr im Gehen den Arm, räumte mit vieler Aufmerksamkeit jedes Hinderniſs auf dem Wege fort, und unterstützte sie, wo der Pfad rauh und beschwerlich wurde. Er richtete das Gespräch immer an sie, und, wenn es die Umstände er- laubten, ausschliefslich.. Alles dies konnte zwar, wie Lovel recht gut wulste, auf Rechnung jener Art von egoistischen Galanterie geschoben werden, durch die sich heut zu Tage manche junge Leute das Ansehn zu geben pflegen, als wüſsten sie die Aufmerksamkeit der schönsten Dame in einer Gesellschaft vorzugs- weise zu beschäftigen, so dafs sie die übrigen kaum eines Blickes würdigen. Indeſs glaubte er doch in dem Benehmen des Capitains Mac-Intyre so etwas von einer ganz besondern zärtlichen Zu- neigung zu bemerken, was die Eifersucht eines Liephabers allerdings wecken konnte. Fräulein Wardour liefs sich seine Aufmerksamkeiten gefal- len, und wenn auch ihre Unbefangenheit bewieſs, daſs sie auf eine Art geschehen, die man nicht ohne Ziererey zurückweisen konnte, so fühlte sich doch Lovel tief gekränkt, dies milanschen zu müssen. 133 Die Unruhe, welche sich bey diesen Betrach- tungen seiner bemächtigte, machte ihn sehr un- empfänglich für die trocknen antiquarischen Un- tersuchungen, womit Oldbuck, der auf seinen Antheil ganz besonders rechnete, ihn unerbittlich verfolgte. Er unterwarf sich, mit allen Zeichen der Ungeduld, dem Anhören einer Vorlesung über die klösterliche Bauart, in allen ihren Sty- len, von dem massiven Sächsischen bis zu dem zierlichen Cohischen, und von diesem wieder zur gemischten und zusammengesetzten Architec- tur unter Jacob dem Ersten, wo, nach Oldbuck's Meynung, alle Ordnungen durch einander gewor- fen worden, und Säulen von den verschiedensten Formen sich entweder neben einauder erhoben, oder über einander aufgethürmt wurden, gleich- sam als sey alle Symmetrie vergessen, und die Crundprincipien der Kunst in ein allgemeines Chaos aufgelöst worden. Was kann herzzerreissender seyn,“ sagte Old- buck voll Enthusiasmus,«als einen solchen Ue- belstand mit ansehen zu müssen, und ihm gleich- wohl durchaus nicht abhelfen zu können!* Lovel antwortete darauf mit einem unwillkühr- lichen Seuſzer. «Ich sche, mein werther junger Freund und Geistesverwandter, Sie fühlen diese Verirrungen eben so tief, als ich. Haben Sie dergleichen je betrachten können, ohne daſs der Wunsch in 134 Ihnen aufstieg, gleich zu zerstören, zu vernichten, was so entehrend ist Entehrend?' sagte Lovel, ain welcher Hin- sicht denn 55 „Nun, ich meyne, nachtheilig für die Kunst.* Wob Wie denn Zum Beyspiel an dem Porticus des Orforder Schulgebäudes, wo, mit unermelslichem Auf- wande, der unwissende, phantastische Baumei- ster alle fünf Ordnungen der Architectur an der Vorderseite Eines Gebäudes hatanbringen wollen. Durch diese und ähnliche Augrille nöthigte Oldbuck seinen Freund Lovel, ohne zu ahnen, wie er ihn damit quäle, wenigstens theilweise aufmerksam zu seyn, wie ein geschickter Angler durch seine Schnur immer einen Einflufs auf die heftigsten Bewegungen seiner gefangenen Beute behält. 1 Die Gesellschaft befand sich jetzt auf der Rück- kehr zu dem Orte, wo man die Wagen zurück- gelassen hatte. Unzählige Mal wünschte Lovel, auf dem kurzen Wege, erschöpft durch die un- aufhörlichen Demonstrationen seines würdigen Gefährten, alle Ordnungen und Unordnungen der Architectur, welche seit dem Bau des Tem- pels Salomonis erfunden und zusammengestellt worden, zum T— oder sonst wohin, um nur nie wieder etwas von ihnen zu hören. Ein un- bedeutender Zufall kühlte indels seine Hitze und Ungeduld ein wenig ab.— 135 Fräulein Wardour nämlich und ihr selbst er- wählter Ritter gingen auf dem schmalen Pfade den Uebrigen voraus. Wahrscheinlich wollte die junge Dame sich nun wieder der übrigen Gesell- schaft anschliefsen, und das téte-ä-téte mit dem jungen Offcier abbrechen; denn sie stand augen- blicklich still, und wartete, bis Oldbuck her- beykam. „Ich möchte gern von Ihnen etwas über das Alter dieser interessanten Ruinen erfahren,“ sprach sie. Man würde dem saooir faire des Fräuleins Un- recht thun, wenn man glauben wollte, sie habe nicht gewuſst, daſs die Antwort auf diese Frage unermeſslich lang ausfallen müsse. Der Alter- thumsforscher, aufhorchend wie ein Schlachtrofs bey dem Schalle der Trommeten, versenkte sich nun gleich in mehrere Gründe für und wider das Jahr 1273, welches in einer Schrift über die ar- chitectonischen Alterthümer Schottlands erst neu- erlich als das Erbauungsjahr des Klosters St. Ruth festgesetzt worden war. Er zählte die Namen von allen Aebten her, welche dem Kloster vor- gestanden, von den Edlen, welche es mit Lände- reyen beschenkt, und den Fürsten, welche unter den jerzt unbedeckten Kreuzgängen ihren letzten langen Schlaf geschlafen hatten. So wie ein Schwefelfaden den andern, in sciner Nähe befind- lichen entzündet, so grifl der Baronet sogleich 136 den Namen eines seiner Vorfahren auf, der in Oldbucks Verzeichnisse vorkam, und verlor sich in ein Gespräch über dessen Kriege, Eroberun- gen und Siegstrophäen, indefs Se. Wohlehrwür- den, der Herr Doctor Blattergowl, durch die Er- wähnung eines Geschenkes an Ländereyen, cum decimis inclusis tam vicariis quam garbalibus es nunquam antea separatis, veranlafst wurden, eine Erklärung gehörig zu erläutern, welche das Ze- hentgericht in Betreff der obigen Clausel, die einmal in einem Proceſs dieser Art vorgekommen war, gegeben hatte. Die drey Reduer liefen, wie ein Kleeblatt von Wettrennern, auf ihr Ziel los, unbekümmert, ob einer dem andern in den Weg käme und ihn aufhielte. Oldbuck haran- guirte, der Baronet declamirte, Herr Doctor Blattergowl gab eine Auslegung der Gesetze in simpler Prosa. Lateinische Floskeln aus den Lehnsbriefen mischten sich mit hochtrabenden Redensarten, und der barbarischen Sprache der Schottischen Zehentgerichte in verworrenem Ge- töse durch einander. e Das war doch noch ein Muster von einem Prä- laten,“ sagte Oldbuck, in Bezug auf den Abt Adhemar;«von seiner strengen Sittenlehre, sei- nen Buſsübungen, verbunden mit seinem von Na- tur menschenfreundlichen Character, und der körperlichen Schwäche, der er bey seinem hohen Alter und seiner streng ascetischen Lebensweise unterworfen war—* 1 137 Ein plötzlicher Husten verhinderte ihn, weiter zu sprechen. Sir Arthur aber fiel ihm in die Rede, oder fuhr vielmehr darin fort—«erhielt er den Beynamen Hell in Harneſs(die gehar- nischte Hölle). Er führte ein rothes Wappen- schild mit einer schwarzen Binde, was seitdem aber abgekommen ist, und fiel in der Schlacht bey Verneuil in Frankreich, nachdem er sechs Engländer mit eigener Hand getödtet hatte.“ Der Geistliche fuhr nun in seinem langsamen prosaischen Tone fort, und setzte auseinander, wie der oben angeführte Proceſs verhandelt wor- den sey. Anfänglich durch die Heftigkeit seiner Mitbewerber um den Preis eines Redners gewisser- maſsen überwältigt, erhielt er doch nach und nach über dieselben cine Art von Uebergewicht. Da ihm indefs endlich der Athem ausging, spann- ten Oldbuck und der Baronet ihre Segel von neuem auf, und die drey Fäden der Unterredung wanden sich, um uns eines Seilerausdrucks zu bedienen, in einen einzigen Strang der Verwir- rung zusammen. 80 uninteressant dieses Geschwätz auch seyn mochte, so schien doch Fräulein Wardour dem- selben licber ihre Aufmerksamkeit schenken, als dem Capitain Mac-Intyre Gelegenheit geben zu wollen, seine vorige Privatunterhaltung wieder anzuknüpfen. Dieser konnte sein Miſsvergnügen darüber nicht lange verbergen, und überlieſs sie, nachdem er noch ein Weilchen gewariet hatte, 138 ihrem schlechten Geschmacke. Er bot seiner Schwester den Arm, und folgte mit ihr, in eini⸗ ger Entfernung, der Gesellschaft nach. «Ich finde, Marie,“ sagte er,«Eure Nachbar- schaft hat, während ich entfernt war, weder an Annehmlichkeit zu-, noch an Gelehrsamkeit ab- genommen.* «Wir hatten Deine Geduld und Weisheit nö- thig, lieber Hektor, um noch mancherley zu lernen.“ «Sehr verbunden, Schwester. Allein Ihr habt ja eine viel weisere, wenn auch nicht so lebhafte und muntere Vermehrung Eurer Gesellschaft er- halten, als Euer unwürdiger Bruder Euch seyn kann.— Wer ist denn dieser Herr Lovel, der bey unsrem alten Onkel so sehr in Gunst stehtp Gegen Fremde scheint er nicht eben besonders zuvorkommend.* «Herr Lovel, lieber Hektor, ist ein junger Mann von sehr guter Erziehung.“ «Nun, das heifst mit andern Worten: er macht sein Compliment, wenp er in's Zimmer tritt, und trägt eben kein Kleid, das ein Loch im El- lenbogen hat. «Mit nichten, Bruder! Es heiſst ganz was an- deres, und will so viel sagen, dals sein Beneh- men, wie seine Unterhaltung der Denkart und Erziehung eines Mannes aus höherm Stande an- gemessen ist.9 «Aber ich möchte doch wissen, was er durch 139 Rang und Geburt für eine Stelle in der Gesell- sckalt einnimmt, und mit welchem Rechte er sich in diesem Cirkel befindet, wo er, wie es scheint, einheimisch istbn Wenn Du meynst, wie es zugeht, daſs er uns in Monkbarns besucht, so mufst Du den Onkel deshalb fragen, und der wird ohne Zweifel ant- worlen, dafs er in seinem Hause solche Gesell- schaft um sich sieht, die ihm eben behagt; willst Du Dich aber mit Deiner Frage an Sir Arthur wenden, so wirst Du hören, daſs Lovel dem Fräulein Wardour, und dem Ritter selbst einen Dienst von der höchsten Wichtigkeit geleistet hat. 5 Wie? 8So wäre die romantische Geschichle wirklich wahr? Der tapfere Ritter macht am Ende wohl, wie sich das bey solchen Gelegen- heiten zu ereignen pflegt, Ansprüche auf die Hand der jungen Dame, die er aus der Gefahr errettet hatb Das ist so, ich weiſs es, in der Regel bey jedem Romane. Einsylbig genug war sie, als wir zusammengingen, und es schien mir, als gähe sie von Zeit zu Zeit Acht, ob auch ihr ga- lanter Ritter irgend einen Anstoſs an unsrem Ge- spräche nähme.“* Lieber Hektor, wenn Du wirklich noch eine Neigung für Fräulein Wardour hegst—* „Wenn, Marie? Ist denn hier noch von ei- nem Wenn die Redeb? „Ich muls Dir gestehen, daſs Deine Beharr- lichkeit so gut als hoffnungslos ist.“ — 140 Warum denn hoffnunglos, Schwester?“ fragte der Capitain Mac-Intyre.«In der Lage, worin ihr Vater sich beßndet, kann Fräulein Wardour doch eben nicht Ansprüche auf ein bedeutendes Vermögen machen, und was die Familie betrifft, da steht, denk' ich, die von Mac-Intyre nicht tiefer als die ihrige.“ „Aber, lieber Hektor,“ fuhr Marie fort, Sir Arthur betrachtet uns doch immer als Glieder der Familie Monkbarns.» «Das mag er nach Belieben thun, aber jeder verständige Mensch sicht leicht ein, daſs das Weib den Rang des Mannes erhält, und daſs meines Vaters Stammbaum von fünfzehn untadel- haften Ahnen, auch meine Mutter geadelt habe, gesetzt auch, daſs ihre Adern mit Buchdrucker- schwärze angefüllt gewesen wären. Esich Dich, um des Himmels Willen, vor, lieber Hektor! Eine einzige Keusserung dieser Art könnte Dich, wenn irgend Jemand sie dem Onkel zufällig hinterbrächte, auf immer in sei- ner Cunst stürzen, und Dir alle Aussicht auf seine Erbschaft unwiderbringlich rauben.“ «Sey es drum! Ich habe einen Stand gewählt, ohne den die Welt bisher nicht hat bestehen kön- nen, und den sie auch wenigstens in einem Jahr- hunderte noch nicht wird entbehren lernen. Mag der alte Onkel sein Vermögen und seinen bür- gerlichen Namen immerhin an Dein Schürzen- band hängen, magst Du seinen neuen Cünstling, „ 141 wenn Du Lust hast, heirathen, und mögt Ihr dann beyde, will's Gott, ein recht ordentliches, ruhiges Leben führen!— Meine Parthie ist ge- nommen! Ich werde Niemand schmeicheln einer Erbschaft halber, die mir eigentlich schon mei- ner Geburt nach zukäme.“* Fräulein Mac-Intyre ergriff ihres Bruders Hand, und bat ihn dringend, seine Heftigkeit zu mäs- sigen. „Wer schadet Dir denn, oder sucht Dir zu schaden P“ versetzte sie;«ist es nicht Deine ei- gene heftige GCemüthsartb Kämpfst Du nicht mit Gefahren, die Du Dir selbst erschaffen hast?— Der Onkel hat sich bisher immer so mild und väterlich gegen uns gezeigt, seit wir als Waisen seiner Vorsorge anvertraut wurden; warum glaubst Du, daſs er sich in Zukunft anders gegen uns Be- nehmen sollte ⁵ Es ist ein trefflicher, alter Mann,“ versetzte der Capitain,«das geb' ich zu, und müſste mich selbst verachten, wenn ich ihn beleidigen sollte; aber sein ewiges Cerede von Dingen, die nicht einen Schufs Pulver werth sind, seine Nachför- schungen und Erörterungen über alte Töpfe, Tie- gel und Pfannen— wie gesagt, die erschöpfen meine Geduld. Ich fühle in mir so etwas von- Hotspur's*) Character.* *) Eine bekannte Rolle in SRaks eare's Heinrich den — Niorten. Sle P A. d. Uebers. 142 «Nur zu viel, licber Bruder, nur zu viel!“* entgegnete Marie. aIn wie viel Verlegenheiten und— Du erlaubst mir, dafs ich's gerad' heraus sage— nicht eben immer chrenvoller Art, hat Dich Dein trotziges und heftiges Temperament schon versctzazt! Warum durch solche Wolken den Himmel unsrer Häuslichkeit trüben? Zeige Dich, so lang' Du in unsrer Nähe weilst, gegen unsern alten Wohlthäter als einen freundlichen, heitern, edelmüthigen Verwandten, und sey nicht mehr so rauh, so ungestüm und trotzig.“* «Gut, verseitzte der Capitain Mac-Intyre; ich will Deinen Lehren folgen, und mich höf- lich zeigen gegen Euren neuen Freund.“ Mit diesem Entschlusse, den er in der That vor der Hand aufrichtig meynte, schlofs er sich der Gesellschaft an, die vor ihm her ging. Das langweilige Gespräch war unterdessen beendigt worden, und Sir Arthur sprach nun über politi- sche Neuigkeiten und über die militärische Lage des Landes— Gegenstände, über die Jedermann eine Meynung haben zu können glaubt. Zufällig wurde dabey auch eines Cefechts gedacht, wel- ches das Jahr zuvor statt gefunden hatte. Lovel, der sich in's Cespräch mischte, machte darüber eine Bemerkung, von deren Wahrheit der Capi- tain nicht überzeugt zu seyn schien, wiewohl er seine Zweifel ziemlich artig und bescheiden äus- serte. 145 Du mufst diesmal doch gestehen, daſs Du Un- recht hast, Hektor, sagte sein Onkel,«ob ich gleich weifs, daſs Niemand weniger gern Unrecht hat, als Du. Damals warst Du ja aber in Eng- land, und Herr Lovel ist wahrscheinlich selbst dabey gewesen.“ «So spreche ich also mit Jemand vom Militair 5 entgegnete Mac-Intyre;«darf ich fragen, bey welchem Regimente Herr Lovel stehtP“ Lovel gab die Zahl des Regiments an. Es ist doch seltsam, daſs wir uns nie zuvor gesehen haben, Herr Lovel. Ich kenne Ihr Re- giment recht gut, und habe selbst einige Male mit demselben zusammengestanden.“ Lovel's Wangen färbte ein leichtes Roth. Ich habe zuletzt nicht bey dem Regimente gedient,* erwiederte er;«in dem letzten Feldzuge war ich bey dem Stabe des Generals Sir.**. „Nun, das ist noch seltsamer! Denn wenn ich auch nicht unter dem General*** selbst gestan- den habe, so kenn' ich doch die Namen der Of- ficiere, welche sich in seiner Nähe befanden, sehr gut; doch auf den Namen Lovel kann ich mich nicht besinnen.“ Bey dieser Bemerkung erröthete Lovel aber mals so auffallend, daſs die ganze Gesellschaft auf ihn aufmerksam wurde, indefs ein spöttisches Lächeln den Triumph des Capitain Mac-Intyre zu verkündigen schien. Das ist doch wunderbar,“ sagte Oldhuck zu sich selbst;«indefs so schnell geb' ich meinen Phönix von der Postchaisengesellschaft nicht auf. In all' seinen Gesprächen, seinem Benehmen sieht man den feinen, rechtlichen Mann.* Lovel hatte unterdessen sein Taschenbuch her- vorgezogen, und indem er einen Brief heraus- nahm, dessen Couvert er abzog, reichte er ihn dem Capitain Mac-Intyre hin. Sie kennen hoffentlich die Hand des Cenerals?ν sagte er.«Ich gestehe, daſs ich wohl eigentlich diese übertriebenen Ausdrücke von Achtung ge- gen meine Person nicht zeigen sollte.* Der Brief enthielt eine Artigkeit, welche ihm der Ceneral wegen eines von ihm vor Kurzem geleisteten militärischen Dienstes sagte. Capitain Mac-Intyre konnte, nach einem flüchtigen Ue- berblicke, nicht läugnen, daſs er von der Hand des Generals sey; doch äusserte er. indem er ihn zurückgah, ganz kalt, daſs die Addresse fehle. Die Addresse, Capitain Mac-Intyre,* erwie- derte Lovel in demselben Tone,«steht Ihnen zu Diensten, sobald Sie sich darum bemühen wollen.* Das werd' ich nicht unterlassen,“ versetzte der Capitain. „Still, still!o rief Oldbuck. Was soll das heifsen? Ist denn Irene hier?— Wir verbitten uns alles Renommiren, ilr Junken! Seyd ihr darum aus dem Krieg in der Fremde hier ange⸗ langt, dafs ihr in unsrem friedlichen Lande häus- licken Zwist stiften wollte Ihrseyd ja wie die 145⁵ Fleischerhunde, die, wenn der Ochse aus den Schragen geführt ist, uber einander selbst herfal- len, und ehrliche Leute, die eben dabey stehen, in die Beine beifsen! Sir Arthur äusserte, er könne nicht glauben, dafs sich ein Paar junge, wohlerzogene Leute so weit vergessen sollten, über einen unbedeutenden Gegenstand, wie doch ein Briefcouvert offenbar sey, sich zu erhitzen. Die beyden Streitenden sagten: das sey auch durchaus nicht ihre Absicht, und betheuerten mit glühenden Wangen und flammendem Blick, daſs sie in ihrem ganzen Leben noch nie so ruhig ge- wesen wären. Der Zwist wurde einigermafsen dadurch gedämpft, daſs man— fast nur zu viel — von den Pflichten der Ceselligkeit sprach, und Lovel, dem es nicht entging, daſs sich mancher kalte und Argwohn verrathende Blick auf ihn hef- tete, und der zugleich innerlich fühlte, daſs seine ausweichenden und unbestimmten Antwor- ten wohl einer falschen Deutung fähig gewesen seyn möchten, entschlofs sich kurz, auf das Ver- gnügen zu resigniren, das er sich von einem zu Knockwinnock verlebten Tage versprochen hatte. Er schützte daher ein heftiges Kopfweh vor, das sich durch die Hitze des Tages bey ihm ein- gestellt habe, indem er seit seiner letzten Un- päfslichkeit wenig aus dem Hause gekommen sey, und machte Sir Arthur eine förmliche Entschul- 76. K 146 digung, der, über den neuern Verdacht die frü- her geleisteten Dienste vergessend, mit nicht mehr Wärme, als eben die kalte Höflichkeit erfor- derte, darauf drang, daſs er sein Versprechen er-, füllen möchte. Als Lovel von der Gesellschaft Abschied nahm, schien ihm das Betragen des Fräuleins Wardour ängstlicher, als es ihm bisher vorgekommen war. Mit einem Blick auf Mac-Intyre, den nur Lovel bemerkte, verrieth sie diesem den Gegenstand ihrer Besorgniſs, und mit bedeutungsvollem Tone äusserte sie: sie hoffe doch, daſs es kein unan- genehmes Geschäft sey, welches sie Alle des Ver- gnügens seiner Gesellschaft beraube. Er aber ver- sicherte: es sey keinesweges ein Geschäft, sondern nur die Rückkehr eines Uebels, das ihn dann und wann heimzusuchen pflege. Das beste Mittel in solchen Fällen ist Vor⸗ sicht,» sagte Fräulein Wardour, und ich, wie jeder Freund von Herrn Lovel, will hoflen, daſs er diese nicht aus der Acht lassen werde.“* Lovel verbeugte sich, über und über erröthend, und Fräulein Wardour wandte sich um, gleich. sam als fühle sie, dafs sie wohl zu viel gesagt, und stieg in den Wagen. Lovel mufste nun auch von Oldbuck Abschied nehmen, der indeſs mit Caxons Hülfe seine etwas zerstörte Perücke wie der hergestellt hatte, und den Rock abbürstete, an dem sich noch mancherley Spuren von dem rau- hen Pfade zeigten, auf dem sie gewandelt waren. 2 147 Ey, ey ly rief Oldbuck,«Sie wollen uns doch nicht etwa verlassen, blos wegen Hektors unbe- sonnener und indiscreter Neugier und Heftigkeit? Es ist ein unbedachtsamer Bursche, und war ein eigensinniges Kind, als die Wärterin ihn noch auf dem Arme trug. Da hat er mir seine Koral- len und Glöckchen, oder womit er sonst spielte, an den Kopf geworfen, wenn ich ihm ein Stick- chen Zucker nicht geben wollte.— Sie sind zu verständig, um sich aus dem Benehmen eines so störrischen Burschen viel zu machen. Denken Sie nur an den Wahlspruch unsers Horaz: aequam servare mentem. Ich will dem Hektor schon mores lehren, und Alles wieder in's Gleiche bringen.“* Lovel bestand demungeachtet auf seinem Ent- schlusse, nach Fairport zurückzukehren. «Sie müssen Ihre Aufwallungen beherrschen lernen, junger Mann,“ fuhr der Alterthumsfor- scher mit ernsterm Tone fort. Ihr Leben ist Ihnen blos zu nützlichen und edlen Zwecken ver- liehen, und Sie müssen es erhalten, um die Li- teratur Ihres Vaterlandes zu verherrlichen, wenn anders nicht die Vertheidigung desselben oder der Unschuld Sie auffordert, dies Leben auf's Spiel zu setzen. Das Duell, ein dem gebildeten Alter- mhume völlig unbekannter CGebrauch, ist unter all' den Thorheiten, welche die Gothischen Stäm- me eingeführt haben, die gröſste, strafbarste und verderblichste.— Also kein Wort mehr von die- gen absurden Streitigkeiten! Ich will Ihnen die Abhandlung über den Zweykampf zeigen, die ich bey der Gelegenheit geschrieben habe, als der Stadtschreiber und Burgermeister zu Mucklewhame sich die Adelsprivilegien anmafsten und sich ge- genseitig herausforderten. Ich wollte meinen Versuch drucken lassen, mit der Unterschrift: Pacijic ator; allein es war nicht nöthig, denn der Stadtrath mischte sich in die Sache. aIch versichre Sie, lieber Herr Oldbuck," ent- gegnete Lovel,«es ist zwischen dem Capitain und mir gar nichts vorgefallen, was eine so eh- renwerthe Verwendung nöthig machte.* Desto besser; im andern Falle bin ich bereit, der Secundant von beyden Theilen zu werden.* Mit diesen Worten stieg der alte Herr in den Wagen, in dessen Nähe Fräulein Mac-Intyre ih- ren Bruder aus demselben Grunde zurückgehalten hatte, aus welchem der Eigenthümer eines beis- sigen Hundes ihn immer dicht neben sich zu halten sucht. Allein bald gelang es Hektor'n, ihre Vorsicht fruchtlos zu machen; denn da er zu Pferde war, üng er an Jangsamer und hinter dem Wagen her zu reiten, bis er an eine Stelle kam, wo der Weg sich um eine Ecke wandte. Hier bog er schnell um mit seinem Pferde, und sprengte in der entgegengesetzten Richtung davon. In wenigen Minuten hatte er Lovel'n einge- holt, der, vielleicht des Capitains Absicht erra- mhend, sein Pferd ganz langsam hatte gehen las- 149 sen. Der junge Krieger, dessen hitzaiges Tempe- rament durch die schnelle Bewegung noch mehr aufgeregt seyn mochte, hielt sein Pferd plötzlich neben Lovel'n an, und fragte ihn, nachdem er flüchtig an den Hut gegriffen hatte, mit anmas- sendem Tone: Wie soll ich den Ausdruck ver- stehen, Sir, dafs Ihre Addresse mir zu Diensten stehe?⁵ „Auf die einfachste Weise! Dafs ich nämlich Lovel heiſse, und mich gegenwärtig zu Fairport aufhalte, wie Sie aus dieser Karte sehen werden.“ „Und das ist alle Auskunft, die Sie mir geben wollen?“ Ich sehe wahrlich nicht ein, mit welchem Rechte Sie mehr von mir fordern könnten.* «Ich finde Sie in Gesellschaft meiner Se* we- ster, Sir, und habe daher ein Recht, darnach zu fragen, wer es ist, der sich an sie anschliefst.» «Ich aber bin so frey, Ihnen dies Recht strei- tig zu machen. Die Gesellschaft, in der Sie mich antreffen, ist mit der Auskunft zufrieden, die ich ihr über meine Angelegenheiten zu geben für gut fand, und so steht Ihnen, als einem blosen Fremden, kein Recht zu, mehr erfahren zu wollen.»* „Herr Lovel, wenn Sie dienten, wie sie gesagt haben—* „Wenn!'“ versetzte Lovel,«wenn ich ge- dient habe— da ich doch sage: ich habe ge- dient?“ 150 «Ja, Sir, so hab' ich mich ausgedrückt— wenn Sie gedient haben, so müssen Sie wissen, dafs Sie mir auf eine oder die andere Art GCenug- thuung schuldig sind.» „IsSt das Ihre Meynung, Capitain, so will ich sie Ihnen auf die Art geben, wie dies Wort ge- wöhnlich unter Leuten von Stande genommen wird. «Sehr wohl, Sir!“ entgegnete Hektor, indem er sein Pferd umwandte, und in vollem Gallopp der Gesellschaft nachsprengte. Man war hier schon uüber seine Abwesenheit unruhig geworden, und die Schwester, welche dem Postillion befohlen hatte, anzuhalten, steckte den Kopf zum Schlage heraus, um zu schen, wo ihr Bruder wäre.. „Was soll denn das einmal vorstellen,“ sagte der Alterthumsforscher;«bald vorn, bald hinten zu reitenb Warum bleibst Du nicht neben dem Wagen 9⁴ Ich hatte meinen Handschuh vergessen,“ sagte Hektor. «Deinen Handschuh vergessen b enigegnete Oldbuck;«Du willst am Ende wohl sagen, Du hast ihn hingeworfen?— Warte, junger Mensch, ich will Dich schon in Ordnung halten! Du sollst diesen Abend mit mir nach Monkbarns!“— Mit diesen Worten befahl er dem Postillion zuzufahren. 4 151 ——————— zZwanzigstes Kapitel. Verlierst Du deine Ehr' in diesem Kampf, Fo rühme dich niocht ferner, ihr zu dienen Verlaſs der Waſſen nie verletzten Dienst. Des Kriegers ehrenvoller MName falle Von dir, so wie ein Blitz den Zorbeerkranz Von einem unverdienten Haupte schleudert. Am andern Morgen früh liess sich ein junger Mann bey Herrn Lovel melden, der schon auf- gestanden war und den Besuch annahm. Er ge- Rörte zum Militair, war ein Freund des Capitain Mac-Intyre, und hielt sich in diesem Augen- plicke in Rekrutirungsgeschäften zu Fairport auf- Lovel und er waren entfernt mit einander bekannt aIch glanbe,“ sagte Herr Lesley— s0 hiefs der Ankömmling—«Sie werden wohl die Ursa- che errathen, warum ich Ihnen schon so früh beschwerlich falle.* 15² «Wahrscheinlich sind Sie von dem Capitain Mac-Intyre abgeschickt b— So ist's. Er hält sich für beleidigt durch die Art und Weise, womit Sie gestern sich geweigert, auf gewisse Fragen zu antworten, die er sich für berechtigt hielt, in Betreff eines Mannes zu thun, den er mit seiner Familie in traulichen Verhält- nissen fand.“ «Verzeihen Sie mir! Würden Sie. Herr Les- ley, wohl auf Fragen geantwortet haben, welche man in einem so hochfahrenden Tone und auf so unhöfliche Weise an Sie gerichtet hätte «Vielleicht nicht! Deshalb also, und da ich die Hitze meines Freundes Mac-Intyre bey der- gleichen Gelegenheiten kenne, ist es mein herz- licher Wunsch, Frieden zu stiften. Nach Herrn Lovels anständigem, geselligem Betragen, wird es gewiſs Niemand geben, der nicht wünschte, jede Spur von Verläumdung entfernt zu sehen, welche sich unwillkührlich an einen Mann heftet, über dessen persönliche Verhältnisse die hinläng- liche Aufklärung fehlt. Wollen Sie mir daher nicht erlauben, um eine freundliche Ausgleichung zu bewirken, daſs ich dem Capitain Mac-Intyre Ihren wahren Namen vertraue, denn wir müssen glauben, daſs Lovel nur ein angenommener ist—» «Sie verzeihen, Sir! Dicsen Schlufs kann ich nicht zugeben.“ «Oder dafs es wenigstens,» fuhr Lesley fort, 153 anicht der Name ist, den Sie immer geführt ha- ben. Wollen Sie die Guͤte haben, mich über diesen Umstand aufzuklären, was Sie, meiner Ansicht nach, schon Ihrem eigenen Character schuldig sind, so glaub' ich dafür gutsagen zu können, daſs sich der unangenehme Vorfall völ- lig ausgleichen läſst. «Das heifst, mit andern Worten, HerrLesley, wenn ich mich dazu verstehe, Fragen zu beant- worten, zu denen Niemand ein Recht an mich hat, und die mir Capitain Mac-Intyre jetzt, bey Strafe seines Zorns, zur Beantwortung wirklich vorgelegt hat, so wird der Herr Capitain Mac- Intyre allerdings geruhen, zufrieden zu seyn. Die ganze Sache ist mit Einem Worte abgemacht, Ilerr Lesley. Unbedenklich würd' ich mein Ge- heimnifs, wenn ich eins hätte, Ihrer Ehre anver- trauen, allein die blose Neugier von irgend Je- mand zu befriedigen— dazu fühl' ich keinen Beruf. Capitain Mao-Intyre traf mich in einer Cesellschaft, die schon an und für sich aller Welt, insbesondere aber ihm, Bürge seyn konn- te, daſs ich kein gemeiner Mensch sey. Meiner Meynung nach, hatte er durchaus kein Recht, weiter zu gehen, oder nach dem Stammbaum, Range oder sonstigen Verbältnissen eines Fremden sich zu erkundigen, der, ohne eine genauere Verbindung mit ihm oder den Seinigen zu suchen, zufällig mit seinem Onkel speiste und mit seiner Schwester spazieren ging.* 154 eIn diesem Falle bin ich beauftragt, Ihnen im Namen des Capitains zu sagen, dafs Sie Ihre fer- nere Besuche zu Monkbarns, und alle Verbindung mit Fräulein Mac-Intyre, als ihm unangenehm und zuwider, auf der Stelle abbrechen möchten.* aIch werde Herrn Oldbuck besuchen,“ entgeg- nete Lovel,«wenn's mir eben einfällt, ohne da- bey auf die Drohungen des Nellen die mindeste Rücksicht zu nehmen. Ich hege indeſs eine zu groſse Achtung vor dem Namen des Fräuleins— obgleich unsre Bekanntschaft die allerentfernteste jst— als daſs ich ihn in eine solche Verhand- lung mit verwickeln sollte.* d In diesem Falle verlangt der Capitain Mac- Intyre, daſs Herr Lovel, wenn er nicht für eine sehr zweydeutige Person gehalten seyn wolle, diesen Abend um sieben Uhr, bey dem Dorn- strauche in dem kleinen Thale, dicht bey den Ruinen des Klosters St. Ruth, sich ihm stelle.* «Ich werde ihm auf alle Fälle aufwarten. Doch ist noch cine Schwierigkeit zu beseitigen. Ich bedarf eines Freundes, der mich begleitet, und das ist in Fairport, wo ich wenig oder gar keine Bekanntschaften habe, keine leichte Sache. In- deſs— der Capitain kann sicher darauf rechnen, dafs ich mich zur besummten Zeit dort einfinden werde.* 3 Lesley hatte schon seinen Hut genommen, und befand sich schon an der Thüre des Zimmers, als 15⁵ er, gleichsam durch das Sonderbare von Lovel's Lage bewogen, wieder umkehrte, und ihn folgen- dermafsen auredete: „Herr Lovel, alle diese Umstände kommen mir so seltsam vor, dabs ich nicht umhin kann, den Gegenstand nochmals zu berühren. Ich dächte, Sie mufsten in diesem Augenblicke selbst einsehen, dafs es unpassend ist, ein Incognito zu beobachten, welches— davon bin ich überzeugt, keinen, Sie entehrenden Grund haben kann. Eben dieses GCeheimnisses wegen wird es Ihnen schwer werden, sich den Beystand eines Freundes in ei- ner so bedenklichen Lage zu verschaffen; ja, was noch mehr ist, manche Leute möchten es wohl gar dem Capitain als cinen Don Quixote's-Streich auslegen, wenn er sich Ihnen stellt, da Ihr Stand und Ihre Verhältnisse noch so in Dunkel gehüllt sind." Ich merke, was Sie sagen wollen, Herr Les- ley,“ versetzte Lovel,«und wenn ich gleich durch das Bittere, was darin liegt, beleidigt werden könnte, so bin ich es doch nicht, denn ich weiſs, es ist gut gemeynt. Meiner Ansicht nach, kann indefs derjenige, der sich während der Zeit, da er eine Gesellschaft besucht hat, nichts Unziem- liches oder Unedles erlaubte, wohl Ansprüche machen auf die Rechte eines gebildeten Mannes. Einen Freund, wie ich ihn jetzt brauche, werd' ich hollentlich schon finden; und gesetzt auch, 156 er besäſse weniger Erfahrung in dergleichen An- gelegenheiten, als ich wünschte, so bin ich über- zeugt, daſs mir das nicht schaden kann, da Sie auf der Seite meines Gegners ebenfalls anwesend sind.“ 3 Das ist wohl wahr,» sagte Lesley;«indefs mufſs ich schon um meiner selbst willen wünschen, eine so schwere Verantwortlichkeit mit einem fähigen Beystande auf der andern Seite zu theilen. — Nun ist aber so eben die Kanonenbrigg des Lieutenants Taffril auf der Rhede angelangt, und er selbst wohnt im Hause des alten Caxons. Ich denke, Sie sind wohl eben so gut mit ihm bekannt, als ich überzeugt bin, dafs, so wie ich Ihnen gleich diesen Dienst geleistet hätte, wenn ich nicht schon auf der Seite Ihres Gegners stände, auch er sich nicht zweymal darum bitten lassen wird.“ «Beym Dornstrauche also, Herr Lesley, diesen Abend um sieben Uhr.— Die Waffen sind doch wohl Pistolenps «Allerdings. Mac-Intyre hat die Stunde ge- wählt, wo er sich am besten von Monkbarns ent- fernen kann. Er war diesen Morgen schon um fünf Uhr bey mir, damit er wieder zurück seyn, und den Onkel besuchen könnte, so wie dieser aufgestanden wäre.— Leben Sie wohl, Herr Lovel!“ Mit diesen Worten verlieſs Lesley das Zimmer. 157 Lovel war so entschlossen, als es nur ein Mensch seyn kann; allein Niemand wird wohl einen so entscheidenden Augenblick, ohne Ernst und Be- sorgniſs, herannahen sehen. In wenig Stunden konnte er in einer andern Welt sich beünden, und wegen einer Handlung zur Rechenschaft ge- zogen werden, die sich bey ruhigerem Nachden- ken in moralischer Hinsicht durchaus nicht ent- schuldigen liefs, oder er muſste in dieser Welt, wie Kain, mit dem Zeichen des Brudermordes auf der Stirne, umherirren. Und alles dies lieſs sich durch ein einziges Wort von seiner Seite ver- meiden. Allein der Stolz flüsterte ihm zu, daſs, wenn er dieses Wort jelzt spräche, man es einem Bewegungsgrunde zuschreiben würde, der ihn noch weit meb entehren müſste, als die krän- kendsten Ursachen, die man seinem Schweigen unterlegen möchte. Jedermann, Fräulein War- dour nicht ausgenommen, müfste ihn dann für einen elenden, feigen Prahler halten, der aus Furcht vor dem Duell mit dem Capitain, eine Erklärung gäbe, die ihm Lesley'’s sanftes und ruhiges Zureden nicht habe abnöthigen können. MacIntyre's unhöfliches Benehmen gegen ihn persönlich, die Anmaſsungen, die er sich gegen Fräulein Wardour erlaubt hatte, so wie die un- gerechten, hochmüthigen und unhöflichen Era- gen, mit denen er einen ihm völlig Fremden be- lästigt, schienen seine Weigerung, in Betrell des 158 Verlangten, vollkommen zu rechtfertigen. Mit Einem Worte, er war, wie sich's von einem jun- gen Manne seiner Art erwarten lieſs, entschlos- sen, der ruhigen Vernunft kein Gehör zu geben, und blos den Eingebungen seines beleidigten Stolzes zu folgen. Mit diesem Vorsatze suchte er den Lieutenant Taffril auf. Dieser empfing ihn mit der Artigkeit eines Man- nes von guter Erziehung, und mit dem freymü- thigen Wesen eines Seemannes. Mit nicht ge- ringem Erstaunen vernahm er die Erzählung, welche mit der Bitte schlofs, ihm als Secundant seinen Beystand zu leisten. Als Lovel zu Ende war, stand Taffrill auf, und ging ein Paar Male in dem Zimmer auf und ab. «Das ist ein seltsamer Vorfall,» sagte er, sund in der That—* «Ich weiſs, Herr Taſfril,» unterbrach ihn Lo- vel,«wie wenig ich ein Recht habe, eine solche Bitte an Sie zu thun; indeſs bleibt mir bey dem Drang der Umstände fast kein anderer Ausweg ubrig. «Erlauben Sie mir eine Frage,“ sagte der See- mann. Kömmt in den Verhältnissen, die Sie nicht offen darlegen wollen, vielleicht etwas vor, dessen Sie sich zu schämen hätten* «Nein, auf Ehre! Es kommt nichts vor, was ich mir nicht getraute, vielleicht in kurzer Zeit der ganzen Welt bekannt zu machen.* 159 Hoffentlich grändet sich das Geheimniſs auch nicht auf falsche Scham, hinsichtlich des gerin- gen Standes Ihrer Freunde oder Verwandten d „Nein, auf mein Wort nein!» versetzte Lovel. aIch, meines Theils, habe wenig Sinn für sol- che Thorheiten, sagte Taffril;«auch kann ich nicht leicht in diesen Verdacht fallen, denn, was meine Verwandtschaft betrifft, so könnte man fast sagen, ich sey selbst erst von dem Maste aus- gegangen; und nächstens werd' ich eine, in den Augen der Welt wahrscheinlich höchst niedrige Verbindung schliefsen, und zwar mit einem lie- benswürdigen Mädchen, dem ich von Herzen gut bin, und mich mit demselben zu einer Zeit ver- sprochen habe, wo mir das Glück, durch das ich jm Dienste so schnell avancirte, auch nich: im Traume eingefallen ist.“ „Clauben Sie mir, Herr Taffril, der Stand mei- ner Eltern möchte seyn, welcher er wollte, nie würd' ich ihn aus falschem Stolz verleugnen. Al- lein meine Lage ist gegenwärtig so beschaffen, daſs ich mich über meine Familienverhältnisse nicht deutlicher erklären kann.“* „Schon gut,“» sagte der biedere Seemann. Ihre Hand, Freund! ich hélfe Ihnen durch, so gut ich kann, wenn die Sache gleich nicht die ange- nehmste ist. Unsere Ehre muſfs uns, denk' ich, nächst dem Vaterlande, das Theuerste auf der Welt seyn. Sie sind ein vernünftiger junger 160 Mann, der Hektor aber mit seinem langen Stamm- baume und seinem Familienstolze ist in vieler Hinsicht ein Narr! Sein Vater war Soldat, ich bin Seemann, und er selbst wird am Ende nichts Bes- seres werden, wenn nicht etwa sein Onkel— doch ob Jemand sein Glück zu Lande zu machen sucht, oder zur See, das läuft am Ende auf eins hinaus, denk' ich.“ «Ich gebe Ihnen vollkommen Recht, sagte Lovel. «Wissen Sie was, entgegnete sein neuer Ver- bändeter,«wir wollen zusammen speisen, und die Sache vollends in Richtigkeit bringen.— Mit den Waflfen wissen Sie doch gehörig umzugehen? Nicht besonders,» versetzte Lovel. «Das thut mir leid! Man sagt, Mac-Intyre sey ein guter Schütze.“ «Es thut mir ebenfalls leid,» sagte Lovel,«so- wohl um seinet- als meinetwillen. Ich muſs dem- nach bey der Selbstvertheidigung mein Ziel neh- men, so gut ich kann.“ «Gut," entgegnete Taffril,«ich will den Schiffs- chirurgen mitnehmen; das ist ein junger, behen- der Mann, der sich auf's Zusammenflicken einer Schufswunde trefflich versteht. Ich werd' es auch meinen Landsmann Lesley, der ebenfalls recht- lich denkt, wissen lassen, daſs der Wundarzt beyden Theilen zu Diensten stehen soll.— Sagen Sie, kann ich sonst vielleicht noch etwas für Sie thun, auf den Fall eines Unglücks d 161 Um eine Kleinigkeit möcht' ich Sie noch er- suchen,“ sagte Lovel. Dies kleine Päckchen enthält den Schlüssel zu meinem Schreibepulte, und also auch zu meinem unbedeutenden Geheim- nisse.— In cben dem Schreibepulte befindet sich ein Brief—» eine plötzliche Aufwallung des Ge- fühls wurde hier in seinem Tone bemerkbar— aich bitte Sie recht sehr, ihn eigenhändig an sei- ne Addresse abzugeben.“ „Ich verstehe,“ eutgegnete der Seemann.— «Schämen Sie sich nicht, Freund. Ein liebendes Herz mag immerhin sich einen Augenblick in den nassen Augen spiegeln, wenn sich das Schifl zum Gefecht anschickt. Verlassen Sie sich dar- auf, Taffril wird jeden Ihrer Aufträge, wie die eines sterbenden Bruders, ausrichten. So wäre denn alles in Richtigkeit. Wir wollen die Waf fen gehörig in Stand setzen, und um ver Uhr da speisen wir beyde mit dem Schiffschirurgus in Grämes-Arms, gleich am Wege—* Lovel gab seine Zustimmung, und die beyden Freunde trennten sich nach abgemachtem Ge- schäfte.— Es war ein schöner Sommerabend; der Schat- ten des hochgewachsenen Dornbusches erstreckte sich weit über den grünen Rasenplatz in dem en- gen Thale, welches die Waldung umgab, in de- ren Umbreis die Klosterruinen standen. Lovel und der Lieutenant Taffril, nebst dem L 76. 16² Wundarzte, fanden sich dort ein, mit einem Vorsatze, der zu dem sauften, milden, friedli- chen Character der Gegend und Zeit wenig paſste. Die Schafe, welche während der glühenden Tages- hitze sich in die Spalten und Höhlen der felsigen Seitenwände des Thals zurückgezogen hatten, preiteten sich nun auf den Höhen aus, um ihre Abendweide zu halten, und blöckten einander mit jenen melancholischen Tönen zu, welche, indem sie eine Landschaft beleben, zugleich ihre Einsamkeit fühlbar machen. Taffril und Lovel kamen in tiefem Gespräch daher, und hatten, um nicht entdeckt zu werden, ihrePferde durch den Diener des Lieutenants nach der Stadt zurückgesandt. Der Gegner war noch nicht auf dem Kampſplatze erschienen. Als sie indefs an der bezeichneten Stelle angekommen waren, sahen sie an dem Dornbusche eine Gestalt sitzen, die, trotz ihres Alters, noch eben so kräf- tig schien, als die alten, mit Moos bedeckten Zweige des Gesträuchs, das sie umschattete. Es war der alte Ochiltree. «Das ist verdriefslich,“ sagte Lovel,«wie sok- len wir den alten Burschen los werden 5 Hier, Vater Adam!“ rief Taffril, der den Bettler kannte;«hier ist eine halbe Krone für Euch. Ihr müfst aber sogleich nach den vier Huf- eisen gehen— nach der kleinen Schenke, Ihr kennt sie ja!— und dort fragen nach einem 165 Diener in blau- und gelber Livrec. Ist er noch nicht dort, so wartet Ihr auf ihn, und sagt ihm, wir gedächten seinen Herrn etwa in einen Stunde zu treſfen. Auf jeden Fall aber bleibt Ihr dort, bis wir nachkommen und Euch mitnehmen.— Frisch, frisch, die Anker gelichtet!* aIch dank' Euch schönstens für Eure milde Gabe,“ sagte Ochiltree, das Geldstück in die Tasche steckend;«aber— Ihr müſst nicht böse werden— Euren Auftrag kann ich jetzt nicht ausrichten.“ «Warum denn nicht? Was hält Euch abb“ aIch möchte gern mit dem jungen Herrn Lovel ein Wörtchen sprechen.“ «Mit mirb“ fragte dieser erstaunt,«was habt Ihr mir zu sagen? Fafst Euch kurz! Der Bettler führte ihn ein Paar Schritte seit- wärts.«Seyd Ihr,“ begann er, dem Herrn von Monkbarns vielleicht etwas schuldig?“ „Schuldigb Bewahre!— Aber wie kommt Ihr denn darauf? Ihr müſst wissen, daſs ich heute bey dem Sheriff war— nun, ich wandle überall umher, wie ein irrender Geist— wer, meynt Ihr wohl, dafs da angefahren kam in einer Postchaise?— Monkbarns. Nun weiſs ich aber wohl, daſs der Herr um einer Kleinigkeit willen nichtzwey Tage hinter einander eine Postchaise nimmt—* «Immerhin; was geht das aber mich an 5* 164 Sollt's gleich hören, gleich!— Nun, Monk barns ging mit dem Sheriff auf sein Zimmer— was arme Leute waren, die muſsten draussen warten. Leute von Stande sind freylich nur un- ter einander höflich—» «Aber, um des Himmels willen, mein alter Freund—* «Warum heifst Ihr mich nicht lieber zum Teu⸗ fel gehen, Herr Lovelb Das würde sich besser passen zu dem Handel, den Ihr vorhabt, als wenn Ihr vom Himmel sprecht!“ Ich habe hier ein Privatgeschäft mit dem Lieu- tenant Taffril.* «Gut, gut! Mit Herrn Daniel Taffril kann ich schon ein wenig frey von der Leber weg sprechen. Hab' ich doch schon dies und jenes für sein Schiff gemacht; denn ich arbeit Euch in Holz, wie ein Zimmermann.“ «Ihr seyd entweder verrückt, Adam, oder wollt mich verrückt machen!“ «Keins von beyden,“ sagte Adam, indem er plötzlich den gedehnten, weinerlichen Ton des Beitlers in einen kurzen und entscheidenden ver- wandelte. Der Sheriff schickte nach seinem Schreiber, und da der Bursche nicht immer Herr über seine Zunge ist, so erfuhr ich, daſs er ei- nen Verhaftsbefehl gegen Euch aufsetzen sollte. Da dacht' ich nun Anfangs, es sey Schulden hal- ber; denn alle Welt weiſs ja, daſs der Herr von 165 Monkbarns Niemanden gern die Hand in seine Börse stecken läſst— Aber jetzt mufs ich wahr- lich schweigen, denn dort kommen ja Mac-Intyre und Herr Lesley! Am Ende möchte doch wohl Monkbarns Absicht recht gut, die Eure aber schlechter seyn, als sie sollte.* Die Gegner traten auf einander zu, und be- grüfsten sich, den Umständen gemäſs, mit ern- ster Höflichkeit. „Was hat denn der alte Kerl hier zu thun?? sagte Capitain Mac⸗Intyre. „Ich bin kein alter Kerl,» versetzte Adam, „ich bin ein alter Soldat und Kriegskamerad Eu- res Vaters, und habe mit ihm im 42. Regiment gedient.* Du magst gedient haben, wo Du willstlo enk gegnete der Gapitain; das gibt Dir kein Recht, Dich hier aufzudringen! Darum Marsch! oder— Mit diesen Worten hob er den Stock empor, mehr in der Absicht, den Alten zu schrecken, als ihn zu schlagen. Allein Ochiltree's Muth er- wachte bey dieser Beschimpfung. Hinweg mit Eurer Gerte, Capitain!“ rief erz ich bin, wie gesagt, ein alter Soldat, und er- trage viel von Eures Vaters Sohne, nur keinen Schlag, das sag' ich Euch, so lang mein Piken- stock noch seine Dienste leistet!“ Der alte Mann richtete sich jetzt in seiner ganzen Körperlänge cmpor, und irotz seines An- 166 zugs, der eigentlich mehr dem eines Pilgers, als der Kleidung eines gewöhnlichen Bettlers glich, hatte seine Gestalt, sein Benehmen und der nach- drucksvollé Ton seiner Stimme eher etwas von ei- nem pilgernden Klosterbruder oder predigenden Einsiedler, der den jungen Leuten um ihn her seinen Rath ertheilt, als von einem Manne, der von der Barmherzigkeit Anderer lebt. Seine Rede war freylich ungeschmückt, wie seine Kleidung, allein eben so kühn und freymüthig, als sein Anstand stolz und würdevoll war. Warum kommt Ihr hieher, Ihr jungen Leute?? sagte er zu den erstaunten Zuhörern.«Etwa, um mitten unter den schönsten Werken Cottes sei- nen Gese'zen Hohn zu sprechen Habt Ihr darum verlassen die Werke von Menschenhand, die Häuser und Städte, die nichts sind, als Erd' und Staub, gleich denen, welche sie erbauten, um auf diesen friedlichen Bergen, an diesen stillen Gewässern, welche dauern werden, so lang' et was Irdisches besteht, Euer Leben zu vernichten, welches nur von kurzer Dauer ist, und wofür Ihr eine lange Rechenschaft ablegen müſste O wenn Ihr Brüder, Schwestern, Väter habt, die Euch lieben, für Euch sorgen, wenn Ihr Freunde habt, die Euch wie ihr zweytes Selbst betrachten, wollt Ihr sie denn durchaus bruder-, kinder-, freund- los machen? Es ist ein schlechter Kampf, dem Ihr entgegengeht, und wer gewinnt, hat am mei- 167 sten verloren. Bedenkt das wohl, ihr Jünglinge! Ich bin nur ein armer Mann, aber auch ein alter Mann, und wenn wegen meiner Armuth mein guter Rath sein Gewicht verlöre, so sollte mein graues Haar und mein treuherziges Gemüth es zwanzigfach vermehren. Kehrt nach Hause zu- rück, als brave Bursche! Es kann wohl gesche- hen, dafs die Franzosen in Kurzem über uns herfallen. Da wird'’s dann genug zu fechten ge- ben, und der alte Adam bleibt gewils nicht zu- rück, wenn er nur sonst sein Gewehr noch über einen Zaun legen kann, und hofft's noch zu er- leben, wer von Euch beyden das Beste thut, wo es wahrhaft gute Sache gilt.» In dem unerschrocknen, freymüthigen Beneh- men, der kühnen Denkungsart und in den männ- lich rauhen Worten des Alten lag etwas, was seine Wirkung auf beyde Partheyen, vorzüglich auf deren Secundanten, nicht verfehlte. Der Stolz der letztern lockte sie nicht zu einer blutigen Entscheidung; sie warteten vielmehr sehnlich auf eine Gelegenheit, die beyden Gegner mit einan- der zu v söhnen. Das mufs wahr seyn, Herr Lesley,“ sagte Taffril,«der alte Adam spricht wie ein Orakel. Unsere Freunde sind wohl gestern zu hitzig, und dann ein wenig unbesonnen gewesen- Heute sollten sie kälter seyn, oder wir sollten es we- nigstens zu ihrem Besten seyn. Ich dächte, ein 168 Wort lieſse sich wohl auf beyden Seiten vergessen und vergeben. Wir drückten uns die Hände, feuerten die albernen Knallbüchsen in die Luft, und speiſsten dann Abends in traulicher Gesell- schaft zu Grämes-Arms.*— «Dazu möcht' ich auch von Herzen rathen!* versetzte Lesley;«denn, bey aller Erhitzung auf beyden Seiten, seh' ich doch, aufrichtig gestan- den, keinen vernünftigen Grund zum Streite.* «Ihr Herren,“ sagte Mac-Intyre kalt,„Alles das hätte früher bedacht werden sollen. Nach meiner Ansicht mögen Personen, welche eine Sache dieser Art so weit geführt haben, als wir, und sie nun auf sich beruhen lassen, immerhin ein lustiges Abendmahl in Grämes-Arms ein- nehmen; wenn sie indefs am andern Morgen auf⸗ stehen, da möchte ihr Ruf wohl so schlecht be- schaffen seyn, als die Kleider unsres Freundes hier, der hier seine unnöthige Beredsamkeit aus- kramt. Was mich betrifft, so fühl' ich mich verpflichtet, Euch aufzufordern, ohne weitern Verzug zum Werke zu schreiten.“ „Und ich," versetzte Lovel,«bitte, da ich ei- nen solchen Verzug nie gewünscht habe, die Vorkehrungen zum Kampfe so schnell als mög- lich zu treffen.“* «Jüpglinge, Jünglinge!» rief der alte Ochil- tree; da er indeſs sah, daſs man nicht mehr auf ihn achtete, fögte er hinzu:„Tollköpfe sollt' ich Euch nennen, aber Euer Blut komme über Euch!* 169 Der alte Mann trat von dem Platze weg, den die Sckundanten sogleich ausmaſsen; allein er sprach immer vor sich hin, von Unwillen und Angst erfüllt, und in dem Cefühle peinlicher Erwartung. Ohne weiter auf seine Gegenwart oder seine Vorstellungen zu achten, trafen Lesley und Taffril die nöthigen Anstalten zum Zwey- kampfe. Es wurde bestimmt, daſs beyde Theile in dem Augenblicke, wo Lesley sein Schnupf- tuch fallen lieſs, zugleich feuern sollten. Das unglückliche Zeichen war gegeben, und Beyde schossen in dem nämlichen Augenblicke- Mac-Intyre's Kugel streifte nur die Seite seines Gegners, ohne Jaſs Blut flos. Lovel's Kugel trak besser ihr Ziel; der Capitain wankte und sank. Er richtete sich indeſs auf dem Arme em- por und rief:«Es ist nichts! Das andere Pistol!⸗ Allein in demselben Augenblicke fügte er mit schwächerem Tone hinzu: lch glaub', ich habe genug, und fürchte leider, ich verdien' es. Herr Lovel, oder wie Sie sonst heifsen mögen, fliehen Sie— retten Sie sich! Alle sind Zeugen, daſs ich es war, der den Streit begann!“ Er stützte sich auf scinen Arm, und fuhr fort:„Ihre Hand, Lovel— ich halte Sie für einen Mann von Stande — vergeben Sie mir mein rohes Benehmen, wie ich Ihnen meinen Tod vergebe— 0 meine arme Schwester!“— Jetzt erschien der Wundarzt, um auch seine 170 Rolle bey der Tragödie zu spielen, und Lovel schaute auf das Unglück, daſs er, wenn auch wider Willen, angerichtet hatte, mit starren, verwilderten Blicken. Aus diesen Betrachtungen weckte ihn der Bettler, der ihn bey der Hand ergriff. «Was starrt Ihr den Sterbenden an po rief er; «hin ist hin! Das Vergangene läfst sich nicht ungeschehen machen!— Aber Ihr müſst ſort— fort von hier, wenn Ihr Euer junges Blut vor ei- nem schmachvollen Tode retten wollt. Da seh“ ich schon Leute kommen, die Euch festhalten und in's Gefängnifs schleppen werden!* Er hat Recht, vollkommen Recht!“ sagte Taffril;«auf der Landstrafse dürfen Sie sich jeiat nicht sehen lassen. Verbergen Sie sich im Walde, bis es Nacht wird. Meine Brigg soll indessen segelfertig seyn, und um drey Uhr Morgens wird, wenn die Fluth günstig ist, ein Boot auf Sie bey der Muschelklippe warten. Aber jetzt fort— fort, um's Himmels willen!“ «Ja, flieht, flieht! wiederholte der Verwun- dete, dessen Worte ein convulsivisches Aechzen erstickte. «Kommt mit mir,» sagte der Bettler, Lovel fast mit Cewalt fortziehend. Der Plan des Capi- tains ist der beste. Ich bring' Euch an einen Ort, wo Ihr Euch unterdeſs so sicher verbergen könnt, 171 qafs man Euch selbst mit Spürhunden nicht auf- zufinden vermöchte.“ Fort, fort!» drängte der Lieutenant Taffril; „länger hier zu bleiben, wäre offenbarer Wahn- sinn.*— Noch mehr Wahnsinn war's, hieher zu kom- men!“ sagte Lovel, ihm die Hand drückend. Doch— leben Ssie wohl!* Mit diesen Worten folgte er dem alten Ochil- tree in die einsamern Gegenden des Waldes. 17² *——V—B;ℳꝰͤ—ℳ—ℳ:n—MℳAnUnAn Ein und zwanzigstes Kapitel. —— Fohl ist der Geist des Herren Abts Lebendig, schlau, durochdringend wie das Feuen, Auf Zauberstufen kömmt er bis zur Hölle, Und wäre Gold dort im Besitz des Teufels, Er brächte sicher einiges— in Höhlen Liegt es verstecht, die Miemand kennt, als ich, Das under eines Königreichs. Lovel folgte dem Bettler fast unwillkührlich, der ihn mit schnellem Schritte, vom gebahnten Pfade abwärts, durch wildverwachsenes Gestrüpp und Buschwerk führte, und sich öfters horchend un zah, ob ihn irgend Jemand verfolgte. Sie stie- gen bald in das Flufsbette hinab, bald schlugen sie einen schmalen Weg ein, den die Schafe (welche man, aus einer in Schottland ziemlich allgemeinen Nachläſsigkeit gegen diese Art von Eigenthum, in dem jungen Anfluge des Holzes 173 weiden läfst), dicht an dem Rande der überhan- genden Felsenwände, sich zu ihrer Nahrung ge- bahnt hatten. Lovel warf dann und wann einen Blick auf den Weg, den er Tags zuvor in Gesell- schaft von Sir Arthur, dem Alterthumsforscher und den jungen Damen zurückgelegt hatte. Wenn auch tausend Besorgnisse damals seine Seele be- schäftigten und quälten, was w trd' er nicht da- rum gegeben haben, hätt' er das Gefühl der Un- schuld damit wieder erkaufen können, das allein tausend Uebeln die Wage halten kann. Damals,“ dacht' er bey sich selbst,«als ich noch schuldlos und von Allen, die mich umga- ben, geschätzt war, damals hielt ich mich für unglücklich; was bin ich denn nun, befleckt mit dem Blute des jungen Mannes? Das Gefühl des Stolzes, welches mich zu der That trieb, hat mich nunmehr verlassen, wie es der böse Feind, sagt man, immer macht, wenn er den Sünder zur That verlockt hat.“ Selbst seine zärtliche Neigung zu Fräulein Wardour schwieg vor den ersten Gewissensbis- sen, und es schien ihm, als würd' er jede Qual verschmähter Liebe ertragen haben, wenn er sich damit hätte von dem Bewuſstseyn der Blutschuld befreyen können, das ihn jetzt so schwer drückte. Sein Führer störte ihn auf keine Weise in die- sen Betrachtungen, sondern schritt durch das Dickicht vor ihm her, indem er bald die herab- 174 hängenden Zweige wegbog, bald seinen Begleiter zu eilen bat, auch wohl mitunter, wie es ein- sam lebende und vernachlässigte Alte zu thun pflegen, einige Worte vor sich hin murmelte, die Lovel, selbst bey aller Aufmerksamkeit, kaum verstanden haben würde, und die, wenn er sie auch verstanden hätte, zu abgebrochen waren, um einen eigentlichen Sinn zu geben. Endlich fing Lovel, erschöpft durch die Fol- gen seiner letzten Unpäſslichkeit, so wie durch die Empfindungen, welche jetzt seine Seele be- stürmten, und durch die Anstrengung, mit der er seinem Führer auf einem so ungebahnten We- ge folgen muſste, an zu wanken, und wäre nie- dergesunken, wenn sich nicht ein Paar Schritte weiter ein Felsenrand gezeigt hätte, der mit nie- derem Buschholze bedeckt war. Er erblickte zu- gleich eine Höhle, deren Eingang so schmal war, als die Oeffnung eines Fuchsbaues, und von einer Felsenspalte gebildet, welche die Zweige einer, in dem obern Theile des Felsens wurzelnden alten Eiche beschatteten, deren Aeste sich zum Theil weit über die Klippe hinausstreckten, wodurch sie dem Auge verborgen war. Sie hätte selbst den Blicken desjenigen entgehen können, der sich schon vor ihrem Eingange befunden hätte, so wenig zugänglich zeigte sich dieser. Der Bettler trat mit seinem Gefährten in die Höhle, welche im Innern höher und geräumiger 175 und in zwey Cänge abgetheilt war, die, in einem rechten Winkel sich durchschneidend, eine Art von Kreuz bildeten, und demzufolge vielleicht einem Einsiedler in fruheren Zeiten zum Aufent- halt gedient haben mochten. In verschiedenen Gegenden Schottlands findet man ähnliche Höhlen, z. B. die Höhle von Cor- ton, bey Roslin, in einer den Freunden roman- tischer Natur wohlbekannten Gegend. Ein schwa- ches, dämmerndes Licht am Eingange, welches in den innern Abiheilungen gänzlich erlosch, erhellte die Höhle, in der sich Lovel und der Bettler befanden. «Wenig Leute kennen diesen Ort,» sagte Adam, «zwey von meinen Bekannten, der alte Jack und der lange Linker, ausgenommen. Ich habe selbst so bey mir gedacht: wenn du einmal recht alt und kraftlos wirst, und Gottes freye Luft nicht länger geniefsen kannst, da willst du mit einem kleinen Vorrath von geräuchertem Fleisch hier hineinkriechen, und Niemand mehr zur Last fallend, dich hinstrecken, wie ein alter Hund seine unnütze Last in einen Busch oder Erdbruch schleppt, und keiner Seele ein Zeichen gibt, ob er lebt oder todt ist. Wenn dann die Hausfrau in einem einsamen Pachthofe die Hunde bellen hört, da wird sie wohl sagen: Horch, da kommt der alte Adam!— und dann geht sie an's Thor, um den alten Blaurock hereinzulassen, aber es 176 jst Adam nicht, von dem hört und sieht man nichts mehr!“ Er führte hierauf Lovel'n, der ihm ohne Sträu- ben folgte, in einen der innern Cänge der Höhle. Hier,“ sagte er,«ist eine alte Treppe, die zu der verfallenen Kirche oben führt. Die Mönche sollen, wie man hie und da sagt, in alten Zeiten den Ort ausgehöhlt haben, um ihre Schätze hier zu verbergen, oder um durch diesen Gang Nachts solche Dinge in's Kloster zu schaffen, welche am Tage nicht füglich hätten hineingebracht werden können. Andere behaupten, es wäre der Aufent- halt eines Heiligen gewesen, der sich auf dieser Treppe zum Cottesdienste in die Kirche begeben hätte. Der Herr von Monkbarns wird Euch viel davon zu erzählen wissen, wie von den meisten Sachen der Art, wenn er nur erst den Ort kennt. Mag indefs der Ort den Menschen gedient haben, oder zur Verehrung Cottes bestimmt gewesen seyn, so viel ist gewifs, daſs zu meiner Zeit manche Sünde darin begangen worden, an der ich selber Antheil genommen habe. Manche gute Hausfrau wird sich gewundert haben, dafs ihr Hahn am Morgen nicht krähte, wie sonst; aber er war des Nachts schon in der Höhle gebraten worden. Achl und wäre das nur noch das Schlimmste ge- wesen!— Wenn Saunders Aikwood— der da- mals Förster war, und der Vater von dem Ringan, der's jetzt ist— wenn, sag' ich, der des Nachis 377 amherstrich, nach dem Wilde zu sehen, so hört er oft unser Geräusch tief unter der Erde, und sah durch die Oeffnungen der Höhle das Licht an den Sträuchen und Bäumen flackern. Da fie- len ihm denn alle Gespenstergeschichten aus sei- ner Jugend ein, und er pflegte mir selber, mit Schauder und Entsetzen, von dem zu erzählen, was er gchört und gesehn; aber ich wuſst' es besser, als er— wir hatten manchen Raub zu verstecken, und manche Unthat zu verhehlen. Nun, es ist nicht mehr als billig, daſs die, wel- che ein leichtsinniges und schlechtes Leben ge- führt, und in ihrer Jugend die Milde der Men- schen miſsbraucht haben, in ihrem Alter sie an- sprechen müssen.* Indeſs Ochiltree so seine Streiche und jugend- lichen Heldenthaten erzählte, und zwar in einem Tone, worin sich bald Scherz, bald Reue aus- drückte, hatte sich sein unglücklicher Zuhörer auf dem in den Felsen gehauenen Sitz des Ein- siedlers niedergelassen, und sich der Erschöpfung des Körpers und Ceistes hingegeben, welche nach einer Reihe von Ereignissen, durch welche beyde angegriſfen worden sind, gewöhnlich einzutreten pflegt. „Der arme Mensch!“ sagte der alte Adam; „wenn er in dieser dunstigen Höhle einschläft, s0 möcht' er leicht nicht wieder erwachen, oder wenigstens eine ernstliche Krankheit davon tra- 76. 178 gen. Es ist ein ganz anderer Fall, als wie bey unser Einem, der schlafen kann, wo er will, ohne dafs es ihm was schadet.— Steht auf, Herr Lovel, und nehmt Euch zusammen. Ich denke, mit dem Capitain steht's am Ende so schlecht nicht, als es aussieht; und dann— seyd Ihr doch nicht der Erste, dem ein solches Unglück begegnet ist! Ich habe manchen Menschen töd- ten sehen— hab' auch wohl selbst mitgeholfen, obgleich kein Streit zwischen uns statt fand; und wenn es nichts Unrechtes ist, Menschen zu töd- ten, mit denen wir nicht in Zwist leben, aus keiner andern Ursache, als weil sie ein andres Feldzeichen tragen, und eine andere Sprache re- den, so seh' ich eben nicht ein, warum man ei- nem Menschen nicht verzeihen sollte, der seinen Feind tödtet, welcher bewaffnet im Felde er- scheint, und zwar in der Absicht, ihn um'’s Le- ben zu bringen. Daſs es recht sey, will ich nicht behaupten! Bewahre der Himmel! auch nicht, dafs es keine Sünde wäre, etwas zu nehmen, was man nicht ersetzen kann— und das ist doch der Odem des Menschen, der durch die Nase aus- und eingeht— aber es ist doch eine Sünde, bey der man Vergebung hoffen darf, wenn man sie aufrichtig bereut. Wir sind ja alle sündige Men- schen; indefs— wenn Ihr einem alten, grauen Sünder glauben wollt, der des Uebels viel auf der Welt geschen hat— die heil'ge Schrift ent- 179 hält ja so Wele Verheiſsungen, die auch den Schlechtesten von uns zu retten vermögen, wenn er nur ächte Reu' und Glauben zeigt. Mit diesen und ähnlichen Trostsprüchen suchte der Bettler Lovel's Aufmerksamkeit und Theil- nahme zu beschäftigen, bis nächtliches Dunkel an die Stelle der Dämmerung trat. „Nun will ich Euch an einen beduemern Ort führen," sagte Ochiltree,«wo ich so manches Mal das Gekreisch der Nachteulen mit angehört, und das Mondlicht durch die Fenster der alten Ruinen habe schimmern sehen. Hieher kommt in der Nacht kein Mensch, und wenn sich ehe- mals die Häscher und Polizeydiener hieher ver- irrten auf ihren Nachforschungen, so ist das ziemlich lange her. Sie sind übrigens, trotz ih- rer Verhaftsbefehle und königlichen Schlüssel, eben nicht beherzter, als andere Leute. Dem Himmel sey Dank, daſs sie mir nichts mehr au- haben können; denn ich bin nichts weiter, als ein alter Mann und ein Bettler, und mein Zeichen ist ein guter Schutz. Dann ist auch Fräulein Isa- bella Wardour eine feste Burg— Ihr kennt sie ja—* Lovel seufete. Nun, seyd nicht niederge- schlagen,“ fuhr Adam fort,« die Kugeln gehen vielleicht wieder einmal gerade. Cönnt dem Fräulein Zeit, ihr eignes Herz zu prüfen. Sie ist die Krone der Mädchen in der ganzen Gegend, 8 und meine gute Freundin.— Ich geh' am Zucht- hause eben so ruhig vorüber, als Sonntags an der Kirche. Den wollt' ich schen, der dem alten Adam jeizt auch nur ein Haar krümmen sollte, Gerades Weges geh' ich jetzt in den Flecken, und kümmere mich um den Amtmann eben so wenig, als um einen Dachs.* Indeſs der Bettler so sprach, war er bemüht, einige iockere Steine in einem Winkel der Höhle loszumachen, die den Eingang zu der Treppe, von der er gesprochen, verdunkelten. Hierauf trat er hinein, und Lovel folgte schweigend nach. „Es ist hier ein hinlänglicher Luftzug, sagte der Bettler; die Mönche haben weislich dafür gesorgt, weil es ihnen meistens an Athem fehlte, und haben oben Oeffnungen angebracht, durch welche die Luft streichen kann.“* Lorel fand wirklich die Treppe luftig genug; und wenn auch schmal, war sie nicht verfallen und nicht lang. Sie kamen bald an einen engen Gang, der innerhalb der Seitenwand des Chors der Kirche herumlief, und vermittelst künstli- cher, in dem Blätterschmucke der Gothischen Architectur angebrachter Oeffnungen, Licht und Luft erhielt.. Dieser geheime Gang läuft rund um einen groſsen Theil des Gebäudes,» sagte der Bettler, wund durch den Platz, den ich von Monkbarns das Refractorium— Refectorium wollt' er ver- 181 muthlich sagen— habe nennen hören, und dann weiter fort bis zu des Priors eigner Wohnung. Er konnte von dort aus die Mönche belauschen, wenn sie beym Essen waren, konnt' auch auf- passen, ob sie ihren Ceschäften, dem Absingen der Psalmen u. s. w. gehörig vorständen, und wenn das Alles in gehöriger Ordnung war, So konnt' er in jenem Gewölbe dort irgend ein hüb- sches Mädchen zu sich nehmen; denn es waren wunderliche Heilige, die Mönche, wenn auch viel auf ihre Rechnung gelogen worden ist.— Unsere Leute hatten viel Mühe, den Weg an ei- nigen Orten zu verbauen, und an andern oſfen zu lassen, damit nicht etwa Unberufene den Ein- gang in die Höhle finden möchten. Denn das wär' in der That ein verwünschter Streich gewe- sen, bey dem unsre Hälse leicht hätten in Gefahr kommen können.“— Sie kamen nun an eine Stelle, wo der Cang sich zu einem kleinen Cirkel erweiterte, der ge- rade groſs genug war, um einen steinernen Sitz zu fassen. Eine dort angebrachte Nische trat in den Chor hinaus, und da die Seiten derselben, aus durchbrochenem Steinwerk bestehend, eine Art von Citter bildeten, so konnte man von hier aus den Chor völlig übersehen. Vielleicht war es, wie Adam meynte, eine Art von Wachposten, von dem Aht selbst, wo er, ohne gesehen zu wer- den, die Mönche betrachten und sich überzeugen 182 konnte, ob sie die heiligen Gebräuche, von de- ren Ausübung ihn sein Rang befreyte, pünktlich verrichteten. Da diese Nische nur Eine von ei- ner ganzen regelmäfsigen Reihe war, die sich längs der Wand des Chors hinzog, und, von un- ten betrachtet, sich in keiner Hinsicht von den übrigen unterschied, so war dieser geheime Stand- punct, den überdies noch die steinerne Bildsäule des Erzengels Michael mit dem Drachen verdeckte, vollkommen gesichert. Der Gang, der über die- sen Sitz hinaus wieder seine vorige Breite erhielt, hatte sich noch weiter erstreckt, allein die Frey- beuter, welche sich in den Ruinen des Klosters aufzuhalten pflegten, hatten für gut befunden, ihn aus Besorgnifs mit Steinen aus den umherlie- genden Trümmern zu verbauen. «Hier ist's doch besser,“ sagte Adam, indem er sich auf der steinernen Bank niedersetzte und den Schofs seines blauen Rocks darauf legte, mit der Bitte, Lovel möchte ebenfalls Platz nehmen. Hier ist es besser, als unten. Die Luft ist frisch und mild, und der Duft der Blumen in dem Ge- stein, und der Kräuter, die überall in den Träm- mern wachsen, ist weit erquickender, als der dumpfe Dunstkreis da unten. Die Blumen rie- chen Nachts besonders gut, und man findet sie meist nur an verfallenen Gebäuden. Wissen Sie vielleicht einen Grund davon janzugeben, Herr Lorel?n 1 Lovel verneinte es. «Sie gleichen, wie mir's vorkommt, fuhr der Bettler fort,«den milden Gaben mancher Men- schen, deren Werth man im Unglück erst ei- gentlich erkennt; oder man könnte sie auch als ein Gleichniſs betrachten, das uns lehren sollte, die nicht zu verachten, welche in dem Dunkel der Sünde und in den Kengsten der Versuchung wandeln; denn Cott sendet Wohlgerüche, um uns auch in der trübsten Stunde zu erquicken, und Blumen und Gesträuche müssen aufsein Wort die Trümmer der Gebäude schmücken.— Aber ich möchte wohl wissen, was dem Himmel bey dem Anblicke, den wir hier vor uns haben, wohl am angenehmsten ist, und gewesen seyn mag— ob die sanften Lichtstreifen des Mondes, die sich so ernst und ruhig über den Fufsboden der alten Kirche verbreiten, und durch die groſsen Pfeiler und künstlich durchbrochenen Fenster blicken, gleichsam als zitterten sie durch das Laub der Lichen, wenn dies ein Windhauch bewegt; oder wenn die Kirche erleuchtet war mit Ampeln und Kerzen, und die Cymbeln und Pauken darin er- tönten, wie die heilige Schrift sagt, und ein fröh- licher Lobgesang erscholl von Stimmen der Män- ner und Frauen, und von musikalischen Instru- menten begleitet.— Sollte das wirklich dem Herrn so angenehm gewesen seyn, da doch die heilige Schrift auch deutlich sagt: sie sind ein 184 Abscheu vor mir!— Ich denke so, Herr Lovel, wenn zwey zerknirschte Herzen, wie wir, unser Flehen hinauf richten dürften zu—» «Still!“ fiel Lovel schnell ein, indem er den Bettler am Arm faſste.«War mir's doch, als hätt' ich Jemand sprechen hören!“ «Ich höre nicht gut,“ sagte Adam leise;«indefs wir sind ganz sicher hier. Woher kam denn der Schall 5 5 pyel deutete auf die Thüre im Chor, welche an dem westlichen Theile des Gebäudes mit rei- chen Zierrathen prangte, und über welcher ein schön gearbeitetes Fenster angebracht war, wo- durch das Mondlicht hereinfiel. „Das kann Niemand von unsern Leuten seyn,* flüsterte Adam, eben so leis' und vorsichtig, als früherhin.„Es sind überhaupt nur ein Paar, die diesen Ort kennen, und die sind mehrere Meilen entfernt, wenn sie sich anders noch auf ihrer be- schwerlichen Pilgerschaft befinden. Dafs Polizey- beamte um diese Zeit hier nachforschen sollten, daran ist nicht zu denken, und den alten Weiber- mährchen von Ceistern meſs' ich keinen Glauben bey, wenn gleich der Ort dazu gar nicht unpas- send wäre.— Mögen'’s indefs Bewohner dieser oder jener Welt seyn, sie kommen wahrlich mit einem Lichte herein.“ 1 WVährend der Bettler so sprach, verdunkelten allerdings die Schatten von zwey menschlichen 185 Gestalten den Eingang des Chors, durch den man zuvor auf die vom Monde erhellie Wiese hatte sehen können; und die kleine Laterne, welche die eine der Gestalten trug, Hlimmerte bleich in dem ziemlich klaren Mondlichte, wie etwa der Abendstern bey einbrechender Dämmerung. Der erste und natürlichste Gedanke war der, dafs trotz allem Protestiren Ochiltree's, die, wel- che zu einer„ugewöhnlichen Zeit den Ruinen sich näherten, Niemand anders seyn konntell, als Polizeybeamte, welche Lovel aufsuchten. In- defs bestätigte die Art ihres Benehmens diese Vermuthung auf keine Weise. Der Alte gab Lo- vel einen Wink und flüsterte ihm zu, sich ruhig zu verhalten, und die Bewegungen der Heranna- henden von ihrem Schlupfwinkel aus zu beobach- ten. Auf den Fall, dafs sie genöthigt wären, sich zwaückzuzichen, hätten sie ja noch die geheime dreppe und die Höhle hinter sich, durch welche sie schr leicht, eh' eine Gefahr ihnen nahte, den Wald erreichen konnten. Sie verhielten sich demaufolge so still als möglich, und beobachteten mit der gespanntesten Aufmerksamkeit jede Be- wegung der nächtlichen Wanderer. Die beyden Gestalten traten, nachdem sie eine Weile leise mit einander gesprochen, in die Mitte des Chors, und die eine Stimme, welche Lovel sogleich am Ton und Dialekt für Dousterswivel's erkannte, sagte etwas lauter, wiewohl immer 186 noch mit gedämpftem Tone: Wahrlich, bester Herr, wir hätten keine passendere Zeit und Stunde zu unsrem grofsen Unternehmen wählen können. Sie sollen sehen, dafs alles, was Herr Oldbuck sagt, leeres Gewäsche ist, und daſs er von dem, was er spricht, nicht mehr versteht, als ein klei- nes Kind. Er denkt, mein' Seel', für seine arm- seligen hundert und dreyfsig Pfund so reich zu werden, wie ein Jude, aber ich versichre Ihnen auf Ehre, ich könnte mich nicht weniger drum kümmern, wenn's hundert Stüber wären. Ihnen aber, bester Herr, der Sie sich so freygebig und würdig benehmen, will ich alle Geheimnisse, in deren Besitz ich bin, enthüllen— das Geheim- niſs des groſsen Pymander nicht ausgenommen.* Der Andere,“ flüsterte Adam,«ist, allem An- schein nach, Sir Arthur Wardour; denn ich wüſste nicht, wer ausser ihm, um diese Zeit mit dem Deutschen Schwarzkünstler hieher kommen sollte. Er mufs behext seyn, der Mann, und läſst sich am Ende gar weiſs machen, daſs Kalk Käse sey.— Doch wir wollen sehen, was sie beginnen.“ Diese Unterbrechung und der leise Ton, mit dem Sir Arthur sprach, machte, daſs Lovel die Antwort desselben nicht völlig verstehen konnte. Doch vernahm er die drey letzten, mit vielem Nachdruck gesprochenen Worte:«sehr grofse Kosten!“ worauf Dousterswivel erwiederte:«Nun, 187 Kosten verursacht's freylich, groſse Kosten! Aber wer kann denn erndten, ohne zu säen d Die Ko- sten sind die Saat, und reiche Metalladern und Silperplatten die Ernte; und das ist doch nicht zu verachten, meyn' ich. Nun, Sir Arthur, diese Nacht haben Sie nur ein kleines Samenkorn von zehn Guineen, gleichsam wie eine Prise Taback ausgestreut, und wenn Sie nicht demungeachtet eine grofse Ernte halten, das heifst, eine groſse Ernte für die kleine Prise Samen— denn Alles in der Welt mufs doch sein Verhältniſs haben— so können Sie dreist sagen: der Hermann Dou- sterswivel ist ein Betrüger.— Nun sehen Sie, werthester Herr— denn ich will vor Ihnen hin- fort Kein Geheimnifs haben— sehen Sie diese kleine Silberplatte; Sie wissen doch, daſs der Mond den ganzen Thierkreis binnen acht und zwanzig Tagen durchläuft— doch, das weils ja jedes Kind! Also, wie gesagt, ich nehme diese silberne Platte, wann er in dem fünfzehnten Hause ist, welches Haus sich in der Spitze der Wage befindet, und auf der einen Seite grab' ich die Worte éin: Schedharschemoth Schar- tachan, d. h. Kenntnifs der Kenntnifs des Mon- des, und mache ein Bild, wie eine fliegende Schlange mit dem Kopfe eines türkischen Hahns. Daun zeichne ich auf dieser Seite hier die Monds- tafel, welche ein Quadrat ist von neun, mit sich selbst multplicirt, mit ein und achtzig Zahlen 288 auf jeder Seite, der Diameter Neun.— 8o ist's fertig! Dessen bediene ich mich dann bey jedem Viertel des Mondes, und ich finde durch das nämliche Verhältnifs der Kosten, die ich auf Räucherungen verwende, und die sich, wie Neun, zu dem Producte von Neun mit sich selbst mul- tiplicirt, verbalten, dasselbe Resultat. Aber diese Nacht werd' ich wohl nicht mehr finden, als zwey bis drey Mal neun; denn es beſindet sich eben eine drohende Macht in dem Hause der Aufsteigung.“ «Aber, Dousterswivel,» sagte der einfältige Baronet,«sieht denn das nicht aus, wie Magie? Ich bin ein treuer, wenn gleich unwiürdiger Sohn der bischöflichen Kirche, und mag mit dem bö- sen Feinde nichts zu thun haben.*. «Bewahre! Auch nicht ein Bischen Magie ist darin— auch nicht ein Bischen! Es gründet sich Alles auf den Einflufs der Planeten und auf die Sympathie und Macht der Zahlen.— Ich will Ihnen aber noch ein besseres Stückchen zeigen. Daſs kein Geist dabey vorkäme, wag' ich nicht zu behaupten, wegen der Räucherungen; wenn Sie indefs Muth haben, so soll er nicht unsicht- har bleiben.“— 1 Ich bin gar nicht so neugierig, ihn zu schen,* versetzte der Baronet, dessen Muth, nach dem wankenden Ton seiner Stimme zu schliefsen, schon einen bedeutenden Stoſs erhalten hatte. 189 „Das thut mir wirklich leid!“ entgegnete Dou- sterswivel,«ich hätte Ihnen so gern den Geist gezeigt, der wie ein wilder Kettenhund diesen Schatz bewacht— ich weiſs schon mit ihm um- zuspringen.— Sie wollen ihn also nicht sehen?* „Nein, nein!“ rief der Baronet, in dem Tone erzwungener Fassung; gich denke, wir haben nicht viel Zeit— „Bitt' um Vergebung! es ist noch nicht zwölf Uhr, und Punkt Zwölf ist unsre Planetenstunde. Unterdessen könnten Sie sich den Geist nach Ge- fallen betrachten. Ich mache nur, sehn Sie, ein Fünfeck in einem Cirkel, und innerhalb dessel- ben meine Räucherungen; dann befinden wir uns darin, wie in einem festen Schlosse. Sie halten das Schwert, indefs ich die nöthigen Formeln spreche. Dann sehen Sie die festen Mauern offen, wie das Ther einer Stadt, und erblicken zuerst einen Hirsch, von drey Jagdhunden verfolgt, die ihn erhaschen und zu Boden reissen, wie bey des Churfürsten grofser Parforcejagd; dann kommt ein häſslicher, kleiner, schwarzer Neger, der ih- nen den Hirsch entreiſst, und in einem Nu ist plötzlich Alles vorbey.— Nun hören Sie Hörner erklingen, dafs die ganzen Ruinen wiederhallen; die spielen, sag' ich Ihnen, Jagdstückchen, wie’s Fischer nur' auf der Hoboe hervorzubringen vermag. Dann kommt ein Herold, oder, wie wir sagen, ein Ehrenhold, der ebenfalls in's Horn 3 19⁰ stöſst, und hierauf erscheint der groſse Peolphan, der sogenannte mächtige Jäger des Nordens, auf sceinem rabenschwarzen Rosse— und das Alles wollen Sie wirklich nicht sehen b“ aIch fürchte mich eben nicht— keineswegs! allein man kann doch nicht wissen— es können sich Unfälle bey dergleichen Gelegenheiten er- eignen— Unfälleb— Nun ja, mitunter wohl! wenn der Cirkel nicht gehörig gezogen ist, oder der Zuschauer seine Furcht zu sehr äussert, oder auch das Schwert nicht recht fest und gerade vor sich hin hält. Da nimmt denn der groſse Jäger sei- nen Vortheil wahr, zieht den Beschwörer aus dem Kreise heraus, und zerrt ihn etwas an der Gurgel umher. Dergleichen Fälle bat man freylich. Bey allem Vertrauen auf meinen Muth und Ihre Geschicklichkeit, Herr Dousterswivel, dächt' ich doch, wir liefsen's mit der Erscheinung be- wenden, und schritten lieber zu unsrem Ceschäfte.n „Nun, ich bin's von ganzem Herzen zufrieden; auch ist's jetzt Zeit! Halten Sie einmal das Schwert, bis ich den kleinen Spahn hier ange- zündet habe.“ Dousterswivel machte nun ein Feuer an, ver- mittelst eines Häufleins von Spähnen, welche mit harzigen Substanzen bestrichen waren, damit sie desto besser brennen sollten, und als die Flamme endlich hell aufloderte, und die Ruinen rings 191 umher in ihrem Wiederscheine glänzten, warf er eine Hand voll Spezereyen hinein, welche ei- nen sehr starken Ceruch verbreiteten. Der Gei- sterbanner und sein Zögling wurden dadurch so afficirt, dafs sie niefsen muſsten, und als end- lich der Rauch um die Pfeiler des Gebäudes sich verbreitete, und in jede Spalte und Oeffnung drang, brachte er dieselbe Wirkung auch bey dem Bettler und Lovel hervor. «War das ein Echopn sagte der Baronet, über das Niesen erstaunt, das sich von oben herab vernehmen liefs,«oder sollte— fuhr er fort, indem er sich zu dem Adepten hinneigte— sollte vielleicht der Ceist, von dem Sie sprachen, über unsern Versuch, seine verborgenen Schätze zu heben, spotten? „Ne— ne— nein!“ murmelte der Deutsche, dem's nun selbst anfing eben so bange zu werden, als seinem Zögling;«ich will nicht hoffen—* In diesem Augenblicke vernahm man ein hef- ugeres Niesen, das der Bettler durchaus nicht unterdrücken, und das auch nicht füglich für ein Echo gehalten werden konnte. Es wurde von ei- nem halb unterdrückten Husten begleitet. Wo- durch denn die beyden Scnatzgräber in die höchste Bestürzung geriethen. Gott sey uns gnädig!“ rief der Baronet. „Alle guten Ceister loben Gott den Herrn!* 1öhnte der erschrockene Adept. Ich glaube 19² doch,* fuhr er nach einer kleinen Pause fort, es wurde besser seyn, wenn wir bey Tage— lassen Sie uns lieber jetzt gehen!* Elender Betrüger!“ sagte der Baronet, in dem durch diese Aeusserung ein Verdacht rege ward, der selbst seine Furcht besiegte, und der mit dem Gefühle der Verzweiflung zusammenhing, das sich wegen der Ahnung seines bevorstehenden Ruins seiner bemächtigte. Ihr gauklerischer Marktschreyer! dies ist nur ein Kunstgriff, um Euch von der Erfüllung Eures Versprechens los- zumachen— Ihr habt Euch dergleichen Kunst- griſſe schon öfters bedient. Aber beym Hlimmel! ich will in dieser Nacht dasjenige erfahren, wor- auf ich hoffte, als ich mich von Euch zu meinem Verderben bethören liefs. Fangt an! Mag Teufel oder Hexe kommen— den Schatz sollt Ihr mir zeigen, oder gerade heraus bekennen, dafs Ihr ein Schurke und Betrüger seyd, oder ich schwör's Euch zu, als ein verzweifelnder und zu Crunde gerichteter Mann: ich will Euch an einen Ort senden, wo Ihr Geister genug schen sollt!“ Der Schatzgräber, der aus Furcht vor den über- natürlichen Wesen, von denen er sich hier um- ringt glaubte, und für sein Leben zugleich zitterte, das der Willkühr eines Verzweifelnden blosge- stellt war, stotterte die Worte hervor: Aber, ich bitte Sie, bester Herr, das ist keine gute Be- handlung— bedenken Sie, daſs die Geister—* 193 In diesem Augenblicke liefs Adam, dem der Auftritt höchst lustig vorkam, einen gedehnten, weinerlichen Ton von sich hören, demjenigen zhnlich, dessen er sich zu bedienen pflegte, wenn er um ein Allmosen bat. Dousterswivel sank auf die Knie, und stöhnte: „Bester Herr, lassen Sie uns gehen, oder wenig- stens mich!¹* „Nein, Betrüger!“ sagte der Ritter, das Schwert entblöſsend, welches zum Behuf des Exorcismus mitgebracht worden war; diese Ausflucht soll Dich nicht retten! Monkbarns hatmich schon lam ge vor Deinen Streichen gewarnt— ich muſs den Schaiz schen, ech' ich diesen Ort verlasse, oder Du muſst Dich selbst für einen Betrüger erklären; wo nicht, so stofs' ich Dich mit diesem Schwerte durch und durch, und wenn alle Geister der Hölla sich um uns versammeln sollten! „Aber ich bitte Sie, um des Himmels Willen, verehrter Gönner, seyn Sie doch ruhig! Sie sollen ja alle Schätze bekommen, von denen ich nur ir⸗ gend weiſs— ja, ja, das sollen Sie! Aber spre- chen Sie nur nicht von den Geistern; sie können das cinmal nicht leiden, und werden böse—* Der Bettler war eben im Begriff, abermals sei- nen stöhnenden Ton hören zu lassen, allein Lovel hielt ihn davon ab, weil er, das an Verzweiftung gränzende Benehmen Sir Arthur's bemerkend, all- mählig ein ernsteres Interesse an der Sache nahm, 76. 1 94 Dousterswivel, auf zwiefache Weise durch die Furcht vor dem Bösen und durch Sir Arthurs Ent- rüstung in die Enge getrieben, spielte seine Rolle als Geisterbeschwörer herzlich schlecht; denn er konnte es nicht zu dem Grade von Selbstvertrauen bringen, der zur Täuschung seines Gefähnten er- forderlich war. Er rollte indeſs die Augen, mur- melte einige Deutsche Beschwörungsformeln, ver- zerrte das Gesicht, wiewohl dies mehr aus innerer Angst geschah, als in der Absicht zu betrügen, und begab sich zuletzt in eine Ecke des Gebäudes, wo ein platter Stein auf dem Boden lag, dem das Bild eines bewaffneten Kriegers in knieender Stel- lung eingegraben war. „llier!“ murmelte er Sir Arthur zu, hier— hier ist er, Cott sey uns gnädig!" Sir Arthur, der, nachdem der erste Anfall von abergläubischer Furcht vorüber war, alle seine Kräfte aufgeboten zu haben schien, um das Aben- theuer zu dem erwünschten Ende zu bringen, lei- stete dem Adepten treulich Beystand, den Stein umzuwälzen, welches dann vermittelst eines He- bels und der vereinten Anstrengung von beyden Seiten gelang. Kein übernatürliches Licht brach indefs aus der Erde hervor, um den Schatz zu be- zeichnen; auch war nicht das Mindeste von Gei- stern, mochten sie der Erd' oder der Hölle an- gehören, zu schauen. Als indeſs Dousterswivel mit Zittern und Beben einige Steine weggeräumt hatte, und einige Schaufeln Erde herauswarf— 195 denn man hatte sich mit den zum Graben nöthi- gen Werkzeugen versehen— so hörte man etwas klingen, wie Metall. Dousterswivel hob sogleich die Substanz., welche den Klang hervorgebracht hatte, auf, und rief:«Herr Patron! Herr Patron! das ist er, das ist er wirklich! Ich hoffe, wir werden diese Nacht noch alles beendigen.“— Bey diesen Worten blickte er indefs scheu und furcht- sam umher, als-ob er besorge, der Rächer seiner Betrügerey werde aus irgend einem Winkel her- vorbrechen. Lafst mich's sehen!» sagte Sir Arthur;«denn* setzte er mit düsterem Tone hinzu,«ich mufs mich mit eigenen Augen überzeugen!“ Er betrachtete nun den Cegenstand bey dem Licht der kleinen Laterne. Es war ein kleines Kästchen, dessen Form indeſs Lovel, weil er zu entfernt war, nicht genau erkennen konnte, das aber, nach den Ausrufungen des Baronets zu schlieſsen, Goldstücke enthalten muſste. «Nun,» sagte der Baronet,«das ist ein guter Anfang, und wenn er uns ein verhältniſsmäfsiges Glück in der Folge verspricht, so will ich mich dem Abentheuer nicht entzichen. Die sechshun- dert Pfund, welche ich geliehen, müssen, die übrigen Forderungen an mich hinzugerechnet, mich zu Grunde richten.— Claubt Ihr, dafs sich, wenn wir den Versuch wiederholen, dies abwen- den läfst, so will ich bey dem nächsten Mondes-. 196 wechsel die nöthigen Vorschüsse leisten— mö⸗ gen sie herkommen, wo sie wollen.“ «Bester Herr Patron,“ versetzte Dousterswivel, „lassen Sie uns davon jetzt nicht sprechen, und helfen Sie mir nur den Stein wieder an seinen Ort legen; dann wollen wir ruhig unsere Wege gehen.* Demaufolge zog er, als der Stein wieder an sei- nen alten Platz geschafft war, Sir Arthur, der sich jetzt abermals seiner Führung überliefs, mit sich fort von einem Orte, wo des Deutschen böses Cewissen und abergläubische Furcht ihn hinter jedem Pfeiler Gespenster erblicken lieſs, welche ihm mit der Bestrafungseiner Verrätherey drohten, Hat man je so was gesehen! sagte Adam, als Beyde, wie ein Paar Schatten, durch das Thor verschwunden waren, wodurch sie eintraten.— Hat irgend ein Mensch in seinem Leben so was gesehenb— Aber, was können wir für den ar- men Teufel, den Baronet, thun? In der That, er zeigte diesmal mehr Feuer, als ich ihm zugetraut hätte; ich dachte wahrlich, er würde dem Land- streicher den Degen durch den Leib jagen! In der Nacht damals, bey Lieschens Schürze, da war Sir Arthur nicht halb so kühn; indeſs sein Blut war auch nicht so in Bewegung, das macht allerdings einen Unterschied. Ich habe schon so manchen gesehen, der einen Andern im Aerger niedergestofsen haben möchte, und doch zu an. derer Zeit nicht gern gegen Crummie’s Horn ge- klappert hätte.— Was ist nun aber zumachen?“ 197 Ich denke,“ sagte Lovel, des Baronets Ver- trauen zu dem Burschen ist durch diesen Umstand wieder völlig hergestellt worden; denn unstreitig ist das schon Alles vorher angeordnet gewesen.“ „Ihr meynt das Geld? Ja, ja, das sieht dem Schelm ähnlich. Wer selbst versteckt, hat gut finden! Er wird ihm seine letzte Guinee abneh- men, und sich dann auf und davon machen in seine Heimath, det Landstreicher! Ich hätt' ihm gar zu gern mit meinem Pikenstocke eins auf den Weg gegeben; er hätt's als den Segen von einem alten, längst verstorbenen Abt ansehen könuen. Doch es ist besser, wenn man nicht zu rasch verfährt. Mit Gewalt läſst sich nichts ausrichten. Ich treff ihn doch noch wohl einmal anderswo.“* „Aber wie wär's, wenn Ihr Herrn Oldbuck da- von Nachricht gäbtb“ versetzte Lovel. Würde nicht viel helfen. Monkbarns und Str Arthur sind einander zwar in mancher Hinsicht schr ähnlich, in mancher aber auch nicht. Monk- barns läfst sich auch weiſs machen, daſs irgend ein altes Kupferstück eine Römische Münze ist, oder dafs da, wo man einen Damm aufgeworfen hat, cin alter Lagerplatz gewesen ist. Ich hab ihm — Cott verzeih mir's— selbst dergleichen Ge- schichten aufgeheftet. Und bey alle dem hat er gar keine Nachsicht mit andern Leuten, denen er wohl öfters rauh und hart genug ihre Thorheit vorwirft, so, als ob er selbst ganz frey davon wäre, Er hört wohl aufmerksam zu, wenn man 198 ihm Geschichten erzählt von Wallace, oder dem blinden Heinrich, oder David Lindsay, aber mit Geistern, Feen und Zauberern mufs man ihm nicht kommen. Den alten Caxon hätt' er fast ein- mal zum Fenster hinausgeworfen, als er ihm eine Cespenstergeschichte erzählte. Je mehr er nun Sir Arthur vor dergleichen Dingen warnte, desto mehr würde sich dieser damit beschäftigen.“ «Was meynt Ihr denn aber,“ sagte Lovel, wenn wir Fräulein Wardour von dem Vorfalle unterrichteten P «Das arme Kind! Wie könnte sie ihren Vater hindern, seine Lieblingsneigung zu befriedigen? Und was würd' es am Ende auch helfen? Ersucht in der Gegend rings umher sechs hundert Pfund aufzutreiben, und in Edinburg ist ein Advokat, der ihm schon mit den Gesetzen ziem lich stark zu Leibe gegangen ist, um ihn zur Bezahlung die- ses Geldes zu nöthigen, und wenn er die Summe nicht aufbringt, so muſs er entweder ins Geſäng- niſs, oder aus dem Lande.— Er ist ein Verzwei- felnder, der nur von diesem Zufalle Rettung er- wartet. Warum sollten wir also das arme Mäd- chen plagen, da sie nicht im Stande ist, zu hel- fen?— Auch wünscht' ich ausserdem, gerad' herausgesagt, nicht, dafs das Ceheimniſfs dieses Orts bekannt würde. Es ist doch recht hübsch— das müſst Ihr selbst zugeben— wenn unser eins so ein Loch hat, wo man sich verstecken kann. Ich denke zwar, es jelzt nicht mehr nöthig zu 199 haben, und hoffe zu Gott, dafs ich nichts thun werde, was es mir nöthig machte; aber es kann doch Niemand wissen, in was für Versuchung er geräth.— Kurz, es wär' mir nicht lieb, wenn Jemand den Ort kennen lernte. Das Sprichwort sagt: Heb' ein Ding nur sieben Jahre auf, und Du wirst den Nutzen davon schon finden! Brauch' ich die Höhle nicht für mich, so kann's doch für wen anders geschehen 1 Dies Argument, an dem Adam Ochiltree, trotz seiner moralischen und religiösen Brocken, viel- leicht aus alter GCewohnheit, ein persönliches In- teresse zu nehmen schien, liefs sich von Lovel nicht gut widerlegen, da er den Vortheil des Ge- heimnisses, das der Alte so eifersüchtig zu be- wahren schien, in diesem Augenblicke genofs. Dieser Vorfall leistete indeſs Lovel einen groſsen Dienst, indem er seine Gedanken von dem un- glücklichen andern, der ihn betroffen, ablenkte, und ihm die Fassung wiedergab, welche ihn bey der ersten Betrachtung desUnglücksverlassen hatts. Bey einiger Ueberlegung fand er, daſs eine ge- fährliche Wunde nicht deshalb auch tödtlich seyn müsse, dafs er von dem Orte weggerissen worden, noch che der Wundarzt eine Meynung über den Zustand des Capitains geäussert habe, und dafs ihm, gesetzl auch, das Schlimmste sey wahr, noch die Erfüllung von Pflichten obläge, welche, wenn sie ihm auch das Gefühl der Unschuld und die Ruhe des Herzens nicht wiederzugeben vermöch 200 ten, doch Gründe genug darhöten, ein Leben zu ertragen, welches er zu einer Reihe wohlthätiger Handlungen machen könne. Diese Gedanken beschäftigten Lovel, als end- lich die Zeit heranrückte, wo es, nach Adams Berechnung, der den Lauf der Gestirne auf seine besondere Weise beobachtete, ohne sich dabey einer Uhr oder eines Zeitmessers zu bedienen, nöthig ward, dafs sie ihren Schlupfwinkel ver- liefsen, um sich nach der Seecküste zu begeben, und dort, der Verabredung gemäſs, das Boot des Lieutenants Taffril zu erwarten. Sie schritten auf demselben Wege zurück, der sie zu dem geheimen Beobachtungsplätzchen des Abis geführt hatte, und als sie aus der Grotte wieder in den Wald traten, verkündigten die Vögel schon durch ibhren zwitschernden Gesang den Anbruch des Morgens. Dies wurde noch durch die lichten, glänzenden Wolken bestätigt, welche, als die Wanderer aus dem dichten Gesträuch heraustraten, und eine freye Aus- sicht über den Horizont gewannen, auf der See schwebten. Der Morgen, der, wie man sagt, den Musen so günstig ist, hat dieses Lob vermuthlich durch die Wirkungen erhalten, die er auf die Phantasie und die Empfindungen der Menschen Auesert. Selbst denen, welche, wie Lovel, die Nacht schlaflos und unruhig zugebracht haben, bringt der Hauch des Morgens neue Stärke und Erquik⸗ kung für Seele und Körper, So schritt auch Lovel, 201 in Begleitung des treuen Bettlers, mit erneuter Kraft und Munterkeit durch das bethaute Gras, und über die Dünen hin, welche das Thal von St. Ruth, wie die in der Nähe der Ruinen beſindliche Wal- dung in der Sprache des Volks genannt wird, von der Seeküste trennen. Der erste Strahl der Sonne, wie sie mit ihrer glänzenden Scheibe aus den Wogen des Meers auftauchte, fiel auf die kleine Brigg, welche in der Bucht lag. Dicht am Strande wartete schon das Boot, und Taffril selbst, in seinen Mantel gehüllt, saſs am Steuerruder. Er sprang, als er den Bettler und Lovel kommen sah, schnell an's Land, und bat den letztern, ihm treuherzig die Hand schüttelnd, nicht den Muth sinken zu las- sen.«Mac-Intyre's Wunde, äusserte er, αsey zwar bedenklich, allein keinesweges tödtlich.⸗ Durch seine Veranstaltung war Lovel's Gepäck schon heimlich an Bord gebracht worden, und Taffril meynte, wenn jener es sich nur in seinem Schiffe wolle gefallen lassen, so dürfte am Ende eine kurze Kreuzfahrt die einzige unangenehme Folge jenes Duells seyn. Ueber seine Zeit und Bewegungen könne er grölstentheils selbst bo- stimmen, nur dürfe er sich nicht von seiner Sta- Mon entfernen. „Wenn wir an Bord sind,“ sagte Lovel, so wollen wir das Weitere besprechen.“ Er vandts sich hierauf zu Adam, und mollse 2 02 ihm ein Celdstück in die Hand drücken. Der Bettler wiefs es indefs zurück. «Die Leute," sagte er,«sind hier entweder verrückt geworden, oder sie wollen mir meinen ganzen Handel und Wandel verderben. Zu viel Wasser ruinirt den Müller, sagte das Sprichwort. Ich hab' in den letzten zwey bis drey Wochen mehr Geld bekommen, als ich in meinem Leben geschen habe. Behbaltet nur Euer Silber! Ihr werdet's schon noch brauchen, mehr als ich, der ich uberhaupt nicht viel bedarf. Einen blauen Rock erhalt' ich alle Jahr, und etwas Celd dazu, und zwar von dem König— CGott segn' ihn!— Wir dienen ja Einem Herrn, Capitain Taffril, das wifst Ihr! Mein Bischen Essen und Trinken bettl' ich mir zusammen— kann auch wohl, wenn's Noth thut, einen Tag ohne beydes aus- halten. Wenn ich nur etwas habe, um Tabak zu kaufen, und manchmal einen Schnaps bey kaltem Wetter, ob ich gleich kein Säufer bin. Nehmt also nur Eure Banknote zurück, und gebt mir einen blanken Schilling!“. Diese grillenhaften Aeusserungen Adams stan- den mit der vermeintlichen Ehre seines Vaga- bundenlebens in genauem Zusammenhange, und er liefs sich durch keine Ueberredung und Bitte davon abbringen. Lovel mufste daher seine Note wieder einstecken; allein er ergrifl die Hand des Beitlers, und dankte ihm auf's innigste für den wichtigen Dienst, den er ihm geleistet habe, 203 indem er ihn zugleich dringend bat, in Betreff dessen, was sie gemeinschaftlich diese Nacht mit- angesehen hatten, das tiefste Stillschweigen zu beobachten. «Habt's gar nicht nöthig, mir das einzuschär- fen,“ sagte Ochiltree,«ich habe über jene Höhle noch nie ein Wort gesprochen, wenn ich gleich mancherley Seltsames darin mitangesehen habe.* Das Boot stiefs ab. Der Alte blickte demsel- ben mit sichtbarer Theilnahme nach, wie es, von sechs starken Ruderern regiert, nach der Brigg hin flog, und Lovel sah noch, wie Adam seine blaue Mütze, zum Zeichen des Abschiedes, in die Luft schwenkte. Er wandelte hierauf langsam an dem sandigen Ufer hin, als ob er einen seiner gewöhnlichen Spaziergänge mache. Zwey und zwanzigstes Kapitel. Raimond, in seinem Zimmer eingeschlossen, Betrachtet solche Wmagestück als Possen: Daſs all' sein Gut bereits in Rauoh verflogen, Vnd ihn die Hoyfnung abermals betrogen. Falls nur der dritte Tiegel halten sollte, So oꝑfert Töpf und ꝑfannen er dem Golde, Altes Schauspicl- — Es mochte ungefähr eine Woche nach den, in dem vorigen Kapitel erwähnten Abentheuern ver- gangen seyn, als Herr Oldbuck einst in sein Früh- stückzimmer trat, und fand, daſs die Weiber α ihnen obliegenden Geschäfte gänzlich vernach- lässigt hatten. Da war kein Brod geröstet, und auch der silberne Krug nicht gereinigt, aus dem er seine Mumme zu trinken pflegte. „Der tolle, verwünschte Bursche!“ sagte er zu sich selbst; nun, da er ausser Gefahr ist, kann 205 ich unmöglich länger bey seiner Lebensweise ein Auge zudrücken. Es geht ja Alles drunter und drüber, als ob in meinem Stillen, regelmäſsigen Hause die Saturnalien ausgerufen wären. Ich frage nach meiner Schwester— keine Antwort! Ich rufe, ich schreye nach meinen Hausgenossen, und geb' ihnen mehr Namen, als die alten Römer ihren Goitheiten zu geben pflegten— endlich beliebt's denn Jenny, deren gellende Stimme ich wenig- stens schon seit einer halben Stunde in den un- terirdischen Regionen der Küche vernommen ha- be, mir zu antworten, aber herauf kommt sie demungceachtet nicht, so daſs ich denn das Ge- spräch, auf Kosten meiner Lunge, fortsetzen mufs!» Hlier begann er wieder mit lauter Stimme zu rufen: Jenny! Wo ist Fräulein Oldbuckb“ „Fräulein Griselda ist in dem Zimmer des Ca- pitains.“9 „Dacht' ich's doch! Und meine Nichte, wo ist die P“ „Fräulein Marie macht dem Capitain den Thee.* Dacht' ich's doch! Wo ist denn Caxonbn „Der ist in der Stadt, und holt des Capitains Jagdflinte und seinen Hühnerhund.»* eWer soll denn nun meine Periicke frisiren, du einfältige Creatur. Ihr wiſst, daſs Sir Arthur und Fräulein Wardour uns gleich nach dem Frühstück besuchen wollen, und lafst da den Ca- xon eine solche alberne Botschaft ausrichten? 206 „Wer kann denn was dafürd Sie werden doch nicht wollen, daſs wir dem Capitain widerspre chen, der sterbenskrank ist!» «Sterbenskrank! Wer was? Ist er denn wie- der schlechter geworden 55 „Schlechter eben nicht, so viel ich weiſs.» „Nun, so muſs er besserseyn!— Aber was soll der Hund hier und die Flinten Jener wird mir am Ende Alles ruiniren, die Speckkammer aus- leeren, die Katze zerzausen— und die Flinte ei- nem ehrlichen Mann das Lebenslicht ausblasen sollen. Ich dächte, der Capitain hätte genug mit dem Schießsgewehr gespielt, und könnt's nun satt haben!“ In diesem Augenblicke trat Fräulein Oldbuck in das Zimmer, an dessen Thür der Alterthums- forscher sich mit Jenny unterhielt, die sich ein Paar Treppen tiefer befand, und die Antwort wie- der heraufschrie. «Liebster Bruder,» sagte die alte Dame,«Du wirst Dich ja heiser schreyen, wie ein Rabe; ist denn das eine Manier, wenn sich eine kranke Person im Hause befindet?“ Die kranke Person möchte am liebsten im ganzen Hause den Herrn spielen. Ich habe kein Frühstück bekommen, und ohne Perücke werd' ich wahrscheinlich auch gehen müssen. Ich soll, wie es scheint, weder Hunger noch Kälte fühlen, um nur nicht den kranken Herrn zu stören, der sich denn doch so wohl befindet, daſs er nach 2⁰⁷ seiner Flinte und nach seinem Hunde schickt, ob er gleich recht gut weiſs, daſs ich dergleichen Dinge nicht leiden kann, seitdem unser ältester Bruder, der arme Willibald, an einer Erkältung der Füfse gestorben ist, die er sich in dem Kittle- fitting Moor zuzog.— Aber das hat alles nichts zu bedeuten, und ich werde wohl am Ende noch dem Herrn Hektor mit eigner Hand sollen von seinem Lager aufhelfen, damit er mir meine Tau- ben und Hühner so zum Spafs wegschiefsen kann. Ich denke, jetzt sollen doch die ferae naturae ein wenig Ruhe vor ihm haben.“ Fräulein Mac-Intyre trat indessen herein, und fing an, wie gewöhnlich, des Onkels Frühstück zu besorgen, mit jener Eilfertigkeit, womit man, wenn man sich in irgend einem Ceschäft verspä- tet, die verlorene Zeit wieder einzubringen sucht. Allein es half ihr diesmal nichts. «Nimm Dich doch in Acht,» rief Oldbuck,«Du einfältiges Wesen! Das steht ja zu nahe am Feuer — die Flasche wird springen! Das geröstete Brod soll auch wohl halb verbrennen, um ein Brand- opfer für die Juno abzugeben, oder wie der Hund heifst, den Dein Bruder wohlweislich in mein Haus gebracht hat, damit doch Ihr Weiber etwas zu spielen habt!» «Seyn Sie nicht böse auf das arme Thier, lieber Onkel! Es ist angebunden gewesen in der Woh- nung meines Bruders zu Fairport, und hat sich zweymal losgerissen, und ist ihm nachgelaufen. Sie würden den treuen Hund ebenfalls nicht von der Thüre weggejagt haben; er winselte so kläg- lich, als fühlt er des armen Hektors Unglück, und ist kaum von der Thüre seines Herrn wegzu- bringen.“* «Caxon ist ja aber nach Fairport geschickt, um den Jagdhund und die Flinte zu holen!* „Nein, lieber Onkel, er sollte eigentlich einige Kleidungsstücke holen, und Hektor wünschte, daſs er bey der Celegenheit auch seine Flinte mitbringen möchte.“* Da sieht man's, dafs kein Geschäft ganz thö- richt ist, wo nur ein Haufen von: Weibern sieh der Sache annimmt.— Aber wozu denn Kleider? Und wer soll denn nun meine Perücke frisiren? Am Ende mag Jenny,“ fuhr er fort, indem er sich im Spiegel betrachtete, einmal einen Versuch machen, sie ein wenig aufzustutzen.— Doch nun wollen wir uns zum Frühstück setzen, und gehen, wie's schmeckt. Ich könnte zu Hektor wohl sagen, wie Newton zu seinem Hunde Diamant, als die Bestie— ich kann die Hunde einmal nicht leiden — das Licht auf seine Berechnungen warf, an denen der Philosoph zwanzig Jahre lang gearbei- tet hatte: Diamant, Diamant, du weiſst nicht, welches Unheil du angerichtet hast!* „Ich versichre Sie, Sir, dafs meinem Bruder die Hitze recht leid thut, die ihn übereilte; er bpekennt offen, daſs sich Herr Lovel sehr brav benommen—* 209 „Ja, nun ist's auch eben die rechte Zeit, da er den jungen Mann aus dem Lande getrieben hat! Ich sage Dir, Marie, Hektor ist eben so wenig im Stande, als Ihr Weibsleute, den ganzen Um- fang des Verlustes zu ermessen, den er der Ce- genwart und den Nachkommen bereitet— aureum quidem opus— ein Gedicht über einen solchen Gegenstand, mit erklärenden Noten alles dessen, was dunkel und was klar, und was keins von bey- den ist, sondern in der Dämmerung der Schotti- schen Klterthümer liegt.— Die Celtischen Pane- gyristen, ja, ja, die hätten einmal sollen Augen machen! Fingal, wie sie ihn nennen, zusammem gezogen aus Fin-Mac-Coul, wäre vor dem Lichte meiner Forschung sogleich verschwunden, und hätte sich in scine Wolke gehüllt, wie der Geist von Loda*). Eine solche Gelegenheit findet sich für einen alten Mann, wie ich bin, schwerlich wieder— und das ist nun Alles verloren wegen der Laune eines aufbrausenden Hitzkopfs! Doch jch will mich in mein Schicksal fügen— des Himmels Wille geschehe!“ So fuhr der Alterthumsforscher während des ganzen Frühstücks fort, zu griesßramen, wie's ——— son gehalten.(S. The Poems of Owsian. London 1790. A, d. Uebere, 76. 210 die Schwester nannte, und verbitterte, trotz alles Honigs, Zuckers und Confekts bey einem Schot- tischen Theetische, den Uebrigen allen Genuſs. Allein Griselda kannteschon seine Art und Weise. „Monkbarns, sagte sie in vertraulichem Gesprä- che mit Fräulein Rebecca Blattergowl,«bellt wohl, aber er beiſst nicht!“ So lang' sein Neffe nicht ausser Gefahr war, hatte er wirklich sehr viel gelitten, allein jetzt, da sich jener ganz wohl befand, fühlte er sich freyer, und brach nun in Klagen über die Unruhe in seinem Hause und über die Störung in seinen antiquarischen Untersuchungen auf die eben er- wähnte Weise aus, wobey er zugleich seinen Un- muth an Weibern, Soldaten, Hunden, Flinten und überhaupt an allem auslieſs, was ihm gera- de in den Wurf kam. Diesen Ausbruch seines Unmuths hemmte das plötzliche Ceräusch eines heranrollenden Wagens. Oldbuck, alle jene Verdrieſslichkeiten augenblick- lich vergessend, rannte Trepp' auf, Trepp' ab; denn beyde Bewegungen waren nothwendig, eh' er Fräulein Wardour und ihren Vater an der Thüre seines Hauses empfangen konnte. Herzliche Grüfse fanden von beyden Seiten statt, und Sir Arthur fragte, in Beziehung auf seine frühern schriftlichen Erkundigungen, nach dem Befinden des Capitains. «Er befindet sich besser, als er's verdient!“ war die Antwort;«besser, als es Jemand verdient, — 211 der Cottes und des Königs Frieden bricht, und uns Alle dadurch in Unruhe versetzt.“ Der junge Mensch ist allerdings unvorsichtig gewesen,“ sagte Sir Arthur, aindeſs, dächt' ich, wäre man ihm doch insofern Dank schuldig, als er den verdächtigen Character des jungen Lovel enthüllt hat.* Verdächtigen Character? Er ist nicht verdäch- tiger, als sein eigener Der junge Mann war zwar ein wenig halsstarrig und unbesonnen, und wei- gerte sich, auf Hektors nicht eben höfliche Fragen Lu antworten— das ist aber auch Alles!— Glau- ben Sie mir, Sir Arthur, Lovel weifs seine Ver- trauten besser zu wählen, und Sie, Fräulein War- dour— sechen Sie mich nur immerhin an, allein es ist doch wahr! In meinem Busen hat er das Geheimnifs seines Aufenthalts in Fairport ausge- schüttet, und was mich betrifft, so werd' ich nichts unversucht lassen, ihm bey dem Verfolgen des Zweckes, den er sich vorgesetzt hat, behulf- lich zu seyn.“* Bey dieser freymiüthigen Erklärung von Seiten des Alterthumsforschers, wechselte Fräulein War- dour mehr als einmal die Farbe, und traute kaum ihren eigenen Ohren. Niemand konnte sich zu ei- nem Vertrauten in einer Liebesangelegenheit— und dafür mufste sie doch das genannte Geheim- nifs halten, weniger schicken, als gerade Old- buck, und sie konnte sich nicht genug wundern und zugleich ärgern über die seltsame Verkettung 212 von Umständen, durch die ein Ceheimnifs von so zarter Natur in den Besitz von Personen gekommen war, die sich zu einem solchen Vertrauen auch nicht im mindesten eigneten. Dann fürchtete sie aber auch die Art und Weise, wie Oldbuck sich mit ihrem Vater über die Angelegenheit bespre- chen würde; denn daraufschien seine Absicht ohne Zweifel hinauszugehen. Sie wufste nur zu gut, daſs der wackre Mann, so sehr er seine eignen Vorur- theile liebte, hinsichtlich Anderer, in diesem Punkte eben nicht nachsichtig war, und fürchtete daher einen sehr unangenehmen Auftritt, falls es zwischen Beyden zu einer Erklärung kommen soll- te. Mit steigender Besorgniſs hörte sie, daſs ihr Vater eine besondere Unterredung wünschte, wor- auf Oldbuck sogleich aufstand, und jenen in sei- ne Bibliothek führte. Sie blieb, um sich mit den Damen von Monkbarns zu unterhalten, allein in jener Zerstreutheit Macbeths, als er, um sein bö- ses Gewissen zu verbergen, die Bemerkungen der Begleiter des Königs über den Sturm der vorigen Nacht anhört und beantwortet, indeſs seine ganze Seele auf das Mordgeschrey lauscht, das, wie er vrufste, die erheben würden, welche in das Ge- mach des schlafenden Dunkan träten*). Allein die Unterhaltung der beyden Männer drehte sich um einen ganz andern Gegenstand, als Fräulein Wardour befürchtete. 8 *) Shakspeare’s Machetk. Act II. Se, 3. A. d. Uebers- — 213 „Herr Oldbuck, sagte gir Arthur, als sie sich, mit vielen Ceremonien, endlich in dem Aller- heiligsten— dem sogenannten sanctum sanctorum des Alterthumsforschers— gesetzt hatten— Sie, der Sie mit meinen Familienverhältnissen genau bekannt sind, werden sich wohl über die Frage wundern, die ich an Sie zu thun so eben im Begriff bin.* „Wenn sie in Hinsicht des Geldes geschieht, Sir Arthur, so muſs ich bedauern, allein—* Sie betrifft allerdings Geldangelegenheiten, NHerr Oldbuck.* „In der That, Sir Arthur,* fuhr Oldbuck fort, „bey dem jetzigen Stande des Geldmarktes, und da die Actien so niedrig stehen—* Sie verstehen mich falsch, Herr Oldbuck,* sagte der Baronet; ich wünschte Ihre Meynung zu hören, in Betreff einer peträchtlichen Summe, welche ich vortheilhaft anlegen möchte.* 3 Wie zum Teufel! rief der Alterthumsforscherz da er indefs fühlte, dafs dieser unwillkührliche Ausruf der Verwunderung nicht eben sehr höflich war, so sucht' er ihn dadurch zu mildern, daès er seine Freude über Sir Arthurs Lage zu erken- nen gab, die es ihm gestatte, eine Summe Ge des anlegen zu können, Was jetzt nicht so leicht Jemanden möglich sey. „Was das Anlegen des Geldes betrifft,» sagte er nach einer Pause,«so sind die Fonds, wie ge- sagt, schr niedrig; mit Ländereyen wäre eher ein 214 gutes Geschäft zu machen. Indeſs— würden Sie nicht besser thun, wenn sSie sich erst von Ihren Lasten befreyten, Sir Arthurb— Ich habe ja noch einen Wechsel und drey Handschriften von Ih- nen,» fuhr er fort, indem er aus dem rechten Schubfache seines Schreibepultes ein rothes Erin- nerungsbuch hervorholte, dessen Anblick Sir Ar- thur, nach früher gemachten Erfahrungen, scheute. Mit den Interessen würden diese zusammen betra- gen— nun, wir wollen doch einmal nachsehen— «Etwa tausend Pfund,» unterbrach ihn Sir Ar- thur schnell;«Sie haben mir den Betrag schon letzthin angegeben."— «Es sind aber seitdem noch Interessen von ei- nem andern Posten aufgelaufen, Sir Arthur, und so ist der Betrag eilf hundert und dreyzehn Pfund, sieben Schillinge, fünf und drey Viertel Pence— aber sehen Sie selbst nach, ob die Summe ihre Richtigkeit hat.» Es wird schon richtig seyn. entgegnete der Baronet, das Buch zurückschiebend, auf ähnliche Weise, wie Jemand, den man, einer alträteri- schen Höflichkeit zufolge, nachdem er längst ge- sättigt ist, noch zum Essen nöthigt, zu danken pflegt. In drey Tagen, vielleicht noch eher, sollen Sie den ganzen Betrag haben, wenn Sie ihn in Barren annehmen wollen.“ «In Barren? Wier Sie meynen am Ende gar Bley? Was der Teufel! Haben Sie endlich die Ader gefundente Was soll ich denn aber mit Bley 215 für tausend Pfund machen? Die alten Aebte von Trotcosey hätten allenfalls ihre Kirche und ihr Kloster damit decken können, aber ich—* Wenn ich von Barren spreche„» sagte der Ba- ronet, aso versteh' ich darunter edle Metalle— Cold und Silber.* Wirklich? Und aus welchem Eldorado soll denn der Schatz kommenb?“ „Es liegt nicht weit von hier, entgegnete Sir Arthur mit Nachdruck, und Sie könnten am En- de selbst ein Zeuge von dem ganzen Processe seyn — doch unter einer kleinen Bedingung.“ Und die wäreb“ fragte der Alterthumsforscher. Wenn Sie mich freundschaftlich unterstützen, und mir etwa ein hundert Pfund vorschiefsen wollen.* 3 Oldbuck, der schon in Gedanken Capital und Interessen von einer Schuld einzustreichen glaubte, die er fast für verloren gehalten hatte, wunderte sich nicht wenig, als er sich in seiner Erwartung 80 getäuscht fand, rief mit einem Tone, worin sich halb Schmerz, halb Erstaunen ausdrückte: Hundert Pfund vorschiefsen? Ja, Sir, das wünscht' ich,“ fuhr Sir Arthur fort. «Sie sollen indefs völlige Sicherheit haben, daſs Sie in zwey bis drey Tagen wiederbezahlt werden.“ Hatte Oldbuck's untere Kinnlade noch nicht ihre gehörige Lage wieder erhalten, um das Neinl hervorzubringen, oder schwieg er aus Neugierde— genug, es erfolgte von seiner Seite eine Pause- 216 Ich würd' Ihnen nicht den Vorschlag thun,* fuhr Sir Arthur fort,«mich Ihnen so hoch zu ver- pflichten, wenn ich nicht sichre Beweise hätte, dafs die Aussichten, die ich Ihnen eröffnet habe, zich realisiren werden, und ich versichre Sie, Herr Oldbuck, es ist meine Absicht, Ihnen bey dieser Gelegenheit mein Vertrauen und meine Erkenntlichkeit für Ihre mir schon öfters erwie- sene Cüte zu zeigen.“ 4 Oldbuck äusserte, er sey dem Ritter dafür ver- bunden, indeſs vermied er doch, sich durch ir- Bend ein Versprechen zu künftigem Beystande anheischig zu machen. „Herr Dousterswivel, sagte Sir Arthur, hat entdeckt—* „Sir Arthur," fiel Oldbuck mit unwilligem Blicke ein,«ich habe Sie schon so oft vor den Streichen dieses schändlichen Marktschreyers ge- warnt, daſs ich mich wirklich wundern mufs, wie Sie ihn in diesem Augenblicke erwähnen können.» Aber hören Sie doch nur!» unterbrach ihn Sir Srthur, das schadet Ihnen ja nichts! Daſs ich mich kurz fasse, Dousterswivel beredete mich, ein Experiment mit anzusehen, das er in den Ruinen des Klosters St. Ruth angestellt hat.— Was glauben Sie wohl, dafs wir fanden P“ «Vermuthlich wieder Wasser, dessen Quelle- der Schurke schon vorher entdeckt hatte.“ «Bewahre der Himmel! Ein Kästchen mit Cold- und Silbermünzen. Hier sind sic!“— —— 217 Mit diesen Worten zog Sir Arthur ein groſses Widderhorn mit einem kupfernen Deckel hervor, welches eine beträchtliche Anzahl von Münzen, meistens silberne, doch einige goldene darunter, enthielt- Des Alterthumsforschers Augen funkel- ten, wie er sie vor sich auf dem Tische ausschüttete. «Nun, auf meine Ehre, rief er,«da sind ja Schottische, Englische und fremde Münzen aus dem fünfzehnten und sechzehnten Jahrhundert, manche darunter rari et rariores— etiam raris- simi! Hier das Mützenstück von Jacob V, dort das Einhorn von Jacob II— auch die Goldmünze der Königin Maria mit ihrem Bildniſs und dem des Dauphin.— Und das Alles wäre wirklich in den Ruinen von St. Ruth gefunden worden 5 ½ «Zuverlässig! Hab' ich's doch mit eigenen Au- gen gesehen!* Gut,v erwiederte Oldbuck;«aber nun muſs ich auch noch das wann, wo und wie vernehmen.* Was das Wann betriſfft,» entgegnete Sir Arthur,«so war's um Mitternacht beym letzten Vollmonde; das Wo, wie ich schon gesagt, in den Ruinen des Klosters St. Ruth, und das Wie war ein nächtliches Experiment Dousterswivels, das er blos in meinem Beyseyn unternahm.“ «Ich möchte indefs doch wissen, welcher Ent- deckungsmittel er sich dabey bediente.“ Es war eine blose Räucherung,* nagte der Ba- ronet,«die freylich durch den Einflufs der pla- netarischen Stunde unterstützt ward.-* 218 « Blose Räucherung?— oſfenbarer Unsinn! Pla- netarische Stundep— offenbare Narrenspossen!— Sapiens dominabitur astris!— Mein werther Sir Arthur, der Bursche hat Sie offenbar zum Besten gehabt, über der Erde und unter der Erde, und würde Sie auch in der Luft zum Besten gehabt haben, wenn er dabey gewesen wäre, als Sie in jener Nacht die Halket-Klippe hinaufgewunden wurden.“* aIch bin Ihnen sehr verbunden, Herr Oldbuck, für die geringe Meynung, die Sie von meinem Verstande hegen, indefs glauben werden Sie mir doch, denk' ich, dafs ich das gesehen habe, was ich, wie ich Ihnen sage, wirklich sahb?» «Unstreitig, Sir Arthur,” entgegnete der Alter- thumsforscher,«nur mit der Einschränkung: daſs ich glaube, Sir Arthur wird nichts sagen geschen zu haben, als was er glaubt gesehen zu haben.* Wohlan denn ," versetzte der Baronet, so wahr der Himmel über uns ist, ich hab' es mit meinen eignen Augen angesehen, dafs diese Mün- zen um Mitternacht in dem Chore des Klosters St. Ruth ausgegraben worden sind. Was Douster- swivel betrifft, so dünkt mich doch, obgleich die Entdeckung seiner Weisheit zuzuschreiben ist, daſs es ihm an Muth gefehlt haben würde, die Sache auszuführen, wenn ich ihm nicht zur Seite gestanden hacte.“* «Wirklich Po sagte Oldbuck, mit einem Tone, wie Wenn man das Ende einer Geschichte abzu- a19 warten wünscht, ehe man sich eine Bemerkung darüuber erlaubt. «Ja, ja, in der That,“ fuhr Sir Arthur fort, «Sie können mir'’s glauben, ich war sehr auf mei- ner Hut— wir hörten einige ganz seltsame Töne — so viel ist gewils— und diese kamen unter den Ruinen hervor." «Das glaub' ich, vermuthlich hatte sich da ir- gend ein Gehülfe Dousterswivels versteckt.» «Nein, nein!“ entgegnete der Baronet; die Töne, so übernatürlich und furchtbar sie klangen, glichen doch mehr einem hektigen Niesen, als sonst etwas Anderem. Hierauf hörte ich deutlich ein tiefes Aechzen, und Dousterswivel versicherte, er habe den Geist Peolphan, den grofsen Jäger des Nordens, gesehen— schlagen Sie nur dar- über ihren Nicolaus Remigius oder den Petrus Thyracus nach, Herr Oldbuck— und der Geist habe die Bewegung desSchnupftabaknehmens und, die Wirkungen davon nachgemacht.“ «Wenn auch so etwas von einer solchen Per- son ein wenig seltsam scheint,» sagte der Alter- thumsforscher, 80 ist es am Ende doch ganz à propos; denn die Büchse, welche die Münzen enthält, sicht offenbar einer alten Schottischen Schnupftabaksdose sehr ähnlich.— Blieben Sie denn aber da, trotz des Schreckens, den Ih- nen, dächt' ich, das niesende Gespenst einjagen mufsteps 2290 „Ein minder verständiger und consequenter Mann, als ich, hätte sich wahrscheinlich aus dem Staube gemacht; allein ich ahnte eine Be- trügerey, und eingedenk der Pflicht, die ich mei- ner Familie schuldig bin, meinen Muth unier allen Umsltänden zu behaupten, bestürmt' ich Dousterswivel mit heftigen Drohungen, das ein- mal Begonnene fortzuseizen, und ein Beweis von seiner Geschicklichkeit und Redlichkeit sind die- se Gold- und Silbermünzen, von denen ich die- jenigen auszuwählen bitte, welche als Medaillen am besten in Ihre Sammlung passen.“* Ich nehme sie an, Sir Arthur, wenn Sie so gut seyn wollen,“ entgegnete Oldbuck, doch unter der Bedingung, dats ich den Werth dersel- ben nach Pinkerton's Katalog und seiner Schäz- zung bestimme, und dann auf ihre Rechnung in dem rothen Erinnerungsbuche abschreibe—„ „Nein, nein! versetzte Sir Arthur, ich wünschte, dafs Sie diese Münzen blos als freund- schaftliches Geschenk betrachten— auf die Schäz- zung Pinkerton's möcht' ich mich unter Allen am wenigsten verlassen, denn der hat ja die alten und glaubwürdigsten Autoritäten angegriffen, auf denen, wie auf erhabenen grauen Pfeilern, der Werth der Schottischen Alterthümer beruht.* ½ «Ey,“ erwiederte Oldbuck,„Sie meynen ver- muthlich den Maire und Boethius, den Jachin und Boas, nicht der Geschichte, sondern der Be- trügerey. Ich muſs indeſs, nach allem, was 221 Sie mir erzählt haben, Ihren Freund Douster- swivel für eben so unzuverlässig, als einen von jenen. halten.* «Warum wollen Sie denn alte Streitigkeiten wieder aufwecken, Herr Oldbuck? sagte der Baronet. ˙ie denken am Ende, weil ich der alten Geschichte meines Vaterlandes Glauben beymesse, so hab' ich weder Augen noch Ohren, um die sich zutragenden neuern Ereignisse ge hörig zu prüfen 5 „Verzeihen Sie, Sir Arthur; allein es scheint mir, als ob der Schreck, dar jenen würdigen Mann, Ihren Gehülfen, befel, blos verstellt, und nichts weiter, als ein Kunstgriff war, der in seinen gcheimniſsvollen Plan paſste. Was aber die Münzen selbst anlangt, so sind sie, in Betreff ihres Alters und hinsichtlich des Landes, dem sie angehören, so verschieden und unter einander gemischt, daſs ich sie nicht für einen ächten Fund halten kann, und sie denen ver- gleichen möchte, welche im Hudibras*) auf dem Tische des Advocaten liegen: Zur Schau gestellt, Nesteyern gleich, Damit, ihr eignes legend, die Clienten Fürseine falsche Meynungihn bezahlen könntem *) Ein komisches Heldengedicht des Engländers But- ler(geb. 1612. gest. 1680.) deutsch von Soltau. Kä- nigsh. 1798.. A. d. Uebers. 222 Das ist so ein Pfff, liebster Arthur, den sich alle Gewerbe erlauben. Darf ich fragen, wie höch Ihnen diese Entdeckung zu stehen kommts «Ungefähr zehn Cuineen. «Und Sie haben so viel gewonnen, dafs man es am wirklichen Gewichte auf zwanzig schätzen kann, und für solche Narren, wie wir sind, istis am Ende noch mehr werth; wir zahlen schon et- was der Curiosität wegen. Auf den ersten An- blick muſste Ihnen das allerdings ein lockender Vortheil scheinen. Aber wieviel sollen Sie denn für's nächste Mal daran wagen 5 Hundert und fünfzig Pfund. Den dritten Theil der Summe hab' ich ihm bereits gegeben, und mit dem Uebrigen, dacht' ich, sollten Sie mich unterstützen.“ 8 „Unmöglich kann das schon der letzte Streich seyn— dazu scheint er mir nicht bedeutend ge- nug. Er wird uns wahrscheinlich diesmal noch gewinnen lassen, wie's listige Gauner mit uner- fahrenen Spielern zu machen pflegen. CGlauben Sie denn wirklich, Sir Arthur, daſs ich Sie hie- bey unterstützen werden“ „Cewifs, Herr Oldbuck; ich hoffe, dafs ich mich in meinem Vertrauen zu Ihnen diesmal nicht täusche.* «Nun, so erlauben Sie mir wenigstens, mit Dousterswivel selbst zu sprechen. Kann ich Ih- nen durch einen Geldvorschufs einen offenbaren Dienst leisten, so soll es aus alter, nachbarli- 223 cher Freundschaft geschehen; allein ich denke immer, wir können den Schauz heben, ohne ei- nes solchen Vorschusses zu bedürfen, und in die- sem Falle werden Sie doch dagegen hoffentlich nichts einzuwenden haben?' «Nicht das mindeste.“ Aber wo ist denn Dousterswivel?“ fragte der Alterthumsforscher. Ich will Ihnen nur die Wahrheit gestehen— er ist unten in meinem Wagen; da ich aber wuſste, daſs Sie gegen ihn eingenommen sind, 80o—* «Das bin ich, Cott sey Dank, gegen Niemand, Sir Arthur,“ versetzte Oldbuck,«nur gegen die Systeme, nicht gegen die Personen richtet sich mein Tadel.“* Er klingelte hierauf nach Jenny.„Sir Arthur und ich,“ sagte er,«lassen Herrn Dousterswivel — den Herrn, der unten in Sir Arthurs Wagen sitat— unser Compliment machen, und ihn bit- ten, heraufzukommen, weil wir ihn zu sprechen wünschten.“ Jenny eilte fort, und richtete den Auftrag aus. In Dousterswivels Plan hatte es keinesweges ge- legen, Herrn Oldbuck mit in sein vorgebliches Ceheimnifs zu zichen. Er hatte sich ganz auf Sir Arthur verlassen, und geglaubt: dieser würde die Sache auf die gehörige Weise zu Stande bringen, ohne daifs die Art der Anwendung des Geldes da- bey zur Sprache kommen dürfte, und er wartete 224 unten blos in der Absicht, sich so schnell als möglich in den Besitz des Depositums zu setzen, weil er einsah, dafs seine Rolle bald ausgespielt seyn werde. Als er indeſs jetzt eingeladen ward, vor Sir Arthur und Herrn Oldbuck zu erscheinen, so beschloſs er muthig, sich auf seine Unver- schämtheit zu verlassen, womit er, wie der Leser bemerkt haben wird, von Natur nicht spärlich begabt worden war. 5 — Mnnnmnanmim MAA! HIMrauan Amnn! * ' 8 9 10 11 12 13 14 15 16 1 9 L 12 ö“