8. Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Ednard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und Aeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgent 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 3 2. Lesepreis., Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von ſedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ ken angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei E 1— ntgegennahme * eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende— hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 3 3———-—— 5 auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 M. 59 Pf. 2 Mer.— Pf. „ 3*„. 3„=„„„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zuruͤckſendung 5 der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen 4 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß de Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſ der Leſer zum Erſatz des wanſen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage keſgeſeß und wir beſonders darauf gaufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen„ der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die ſelben von mir geliehen auch dafür zu ſtehen haben. Taschenbibliothek der ausländischen Klassiker, in neuen Verdeutschungen. No. 75. Walter Scott's Romaue. Acht und dreyſsigstes Bändchen. Walter Scott's Ro meanee. Aus dem Englischen Acht und dreyſsigstes Bändchen. Der Alterthümler. Erster Theil. ———-:— Zwickau, im Verlage der Gebrüder Schumann. 1823. Der AIterthümler. Roman vom Verfaseer des Waverley. Deutsch von Heinrich Döring. In vier Theilen. Erster Theil. „Ich kannt' Anselmo. Er war schlau und klug. Klug heit und Last besass er gleichermassen; Doch störrig, wie ein eigensinnig Kind, Eirgötzt, ihn Spielwerk, wie's Aie Jugend liebt: Lin Fabelbuch, Seziert mit manchem Holzsohmitt, das Klimpern einer rostigen Medaille, Irgend ein altei Lied, wie's an der ITiege König Pipin's zuerst Sesungen ward.“* —— Zw ic ka u, im Verlage der Gebrüder Schumann, 1 8 2 3. 3 8 222—V———:AnAnnnnnnn L Der Alterthümler. Vorbericht. Mit diesem Werke schliefst sich die Reihe der dichterischen Darstellungen, welche bestimmt waren, den Zustand der Sitten Schottlands in drey verschiedenen Perioden zu schildern. Wa- verley umfafste das Zeitalter unsrer Väter, Guy Mannering unsre eigne Jugendperiode, und der Alterthumsforscher führt uns in das letzte Jahrzchend des achtzehnten Säculums. Ich habe, vorzüglich in den beyden letzten Ro- manen, meine Haupipersonen in derjenigen 8 Klasse der Gesellschaft gesucht, die erst zuletzt den Einfluſs der allgemeinen Verfeinerung em- pfindet, welche die Sitten der verschiedenen Völ- ker mit einander vermischt. Unter diese Klasse hab' ich einige Scenen verlegt, worin ich den Versuch machte, die Wirkung der heftigern Leidenschaften zu schildern, weil die geringere Volksklasse weniger gewohnt ist, ihre Gefühle zu unterdrücken. Ich bin im Cegentheil Herrn Wordsworth's Meynung, welcher behauptet, dafs sie dieselben vielmehr in der stärksten und kräftig- stensprache laut werden lassen. Dies ist, wie mich dünkt, vorzüglich bey den Landleuten meiner Heimath der Fall, mit denen ich lange in ver⸗ trautem Umgange gelebt habe. Die alterthüm- liche Kraft und Einfachheit ihrer Sprache, die nicht selten einen Anstrich von der Orientali- schen Beredsambeit] der heiligen Schrift hat, ge- 9 ben im Munde der Cebildetern dem Kummer ein gewisses Pathos, und der Empfindung eine hohe Würde. Es war mir mehr um eine genaue Schilderung der Sitten zu thun, als um eine künstlich ver- bundene Erzählung, und ich mufſs bedauern, daſs ich mich nicht fähig fühlte, diese beyden Erfordernisse eines guten Romans zu verbinden. Die Büberey des Adepten in der vorliegenden Erzählung könnte manchem vielleicht übertrie- hen und unwahrscheinlich vorkommen. Wir haben indeſs neuere und bey weitem bedeuten⸗ dere Beyspiele von der Macht des Aberglaubens, und können den Leser versichern, daſs sich die- ser Theil unsres Romans auf eine Thatsache gründet. Ich habe noch dem Publikum meinen Dank abzustatten, für die ungewöhnliche Theilnahme 1 10 an Werken, die sich nur durch einen gewissen Anstrich von Wahrheit empfehlen konnten, und nehme Abschied, wie Jemand, der sich wohl nicht so leicht wieder um die öffentliche Gunst bewerben möchte. 11 ——VL—ñ———-:—õℳ:ãU———V ℳNR——-n Erstes Kapitel. Hestellt'ne Kutsch','ne Kutsche laſst bestellen; WMer sie bestellt, mag der Besteller heiſsen, Und beym Bestellen gar nichts anders rufen, Als: eine Autsche, Kutsch'! ne Kutsch', ihr Götter!* Chrononhotonthologos. Es war an einem schönen Sommermorgen, ge- gen das Ende des vorigen Jahrhunderts, als ein junger Mann von edlem Anstande, der in dem nordöstlichen Theile Schottlands reisen muſste, sich mit einem Zettel für eine der Postkutschen versah, welche von Edinburg nach Queensferry gehen, wo es, wie schon der Name andeutet, und meine nordischen Leser sämmtlich wissen 12 werden, eine Fähre gibt, um sich über den Forth*) übersetzen zu lassen. Die Kutsche war für sechs Reisende einge- richtet, ausser den sogenannten plinden Passa- gieren, die der Kutscher unterwegs, zum Nach- theile derer, welche ihren rechtmäſsigen Sitz hatten, aufnehmen mochte. Die Zettel, ver- mittelst deren man einen Platz in diesem Fahr- zeug erlangte, wurden von einer alten Frau ver- theilt, die, mit einer Brille auf ihrer langen, schmalen Nase, scharf umherblickte. Sie be- wohnite eine Art von Keller, und auf beyden Seiten der steilen und engen Treppe, die von der Strafse hinabführte, hatte sie Bänder, Zwirn, Nadeln, wollenes Garn, grobes Linnenzeng und andere weibliche Bedürfnisse zum Verkauf, wenn man nämlich Muth und Geschick genug besaſs, in jene unterirdische Wohnung hinabazusteigen, ohne den Hals zu brechen, oder die mannichfa- chen Artikel durch einander zu werfen, welche auf beyden Seiten der Treppe aufgeschichtet wa- ren, und das Gewerbe der Verkäuferin andeuteten. *) Der, Fortk ist ein Brittischer Meerbusen auf der Ost- küste von Schottland, in den sich der sleichnamige Plufs ergiefst, zwischen den beyden Shiren Hadding- ton und Fife.. Anmerk. d. Uebers. „ —— 13 Der an einem hervorragenden Breite angeklebte Zettel meldete: dafs die Queensferry-Diligence Donnerstag den 15. July 17.. präcise um 12 Uhr abfahren würde, damit die Reisenden den Vor- theil hätten, mit der steigenden Fluth über die Strommündung zu fahren. Aber diesmal log jene Ankündigung, wie ein politisches Zeitungs- blatt. Denn obgleich jene Stunde schon auf dem Thurm der St. Aegidiuskirche und auf andern Thürmen ausgeschlagen hatte, so zeigte sich noch immer keine Kutsche. Freilich waren erst die Zettel für zwey Plätze eingelöset, und die Alte mochte wohl mit ihrem Wagenlen- ker die Abrede getroffen haben, die Reisenden in solchen Fällen ein wenig warten zu lassen, bis die übrigen leeren Sitze eingenommen wür- den. Vielleicht hatte er auch bey einem Be- gräbnisse zugegen seyn müssen, und sah sich nun genöthigt, erst das Leichengepränge von sei- nem Wagen wegzuschaffen, oder was sonst die Ursache seyn mochte— genug, er erschien noch zmmer nicht. Der junge Fremdling fing an ungeduldig zu werden, als in dieser verdriefslichen Lage cin Gesellschafter zu ihm trat; es war der Inhaber des zweyten Platzes. Wer sich zu einer Reise anschickt, ist sehr leicht von Andern zu unter- scheiden. Die Stiefeln, der Oberrock, der Re- genschirm, das kleine Bündel in der Hand, der * 14 tief in's Cesicht gedrückte Hut, der feste, ent- schlossene Schritt, die kurzen Antworten auf die Begrülsungen mussiger Bekannten— alles dies sind Zeichen, die Reisende, welche mehrmals in der Postkutsche oder Diligence gefahren sind, leich in der Ferne entdecken„ wenn sich der Euaftlas Cefährte an dem zur Abfahrt bestimmten Orte einfindet. In solchen Pällen pflegt der zu- erst ankommende Reisende, wenn er klug ist, zur Kutsche zu eilen, um sich den besten Platz zu sichern, und sein Gepäck vor der Ankunft des Gesellschafters auf's bequemste zu ordnen. Der junge Mann, der nicht eben viel Klugheit besafs, und überdies, da der Wagen noch nicht angelangt war, sein Vorrecht nicht geltend ma- chen konnte, unterhielt sich indessen damit, den Stand und Beruf des neuen Ankömmlings zu er- rathen. 4 Es war ein wohlgebildeter Mann von etwa sech- zig Jahren, vielleicht auch älter, allein seine ge- sunde Gesichtsfarbe und sein fester Schritt zeigten, dafs seine Kraft und Gesundheit durch die Jahre nicht geschwächt worden war. Er hatte ein ächt Schottisches Cesicht,scharfausgedrückte, fast stren- ge Züge, mit einem Paar schlauen, durchdringen- den Augen und einem Ernst, der ihm zur Gewohn- heit geworden war, und durch einen Zug von spöt- tischer Laune belebt wurde. Sein Anzug war ein- fach und dunkelfarbig, seinem Ernste und seinen — —— 15 Jahren angemessen; eine zierlich aufgeputzte und gepuderte Perücke, die ein groſser Hut mit nie- dergeschlagenen Krämpen bedeckte, gab ihm fast ein amtmäſsiges Anschn. Man hätte ihn für ei- nen Geistlichen halten können; doch hatte er mehr von einem Weltmanne an sich, als man gewöhnlich bey Schottischen Predigern findet, und sein erster Ausruf setzte die Sache völlig ausser Zweifel. 4 Mit raschen Schritten sich nähernd, blickte er unruhig nach dem Zifferblatt der Kirchenthurm- uhr, und indem er sich auf dem Platze, wo der Wagen hätte seyn sollen, umsah, rief er aus: Da steckt der Teufel drein! Ueberall komm' ich zu spät!“ Der junge Mann beruhigte ihn durch die Ver- sicherung, daſs die Kutsche noch nicht angekom- men sey. Der alte Herr, der sich offenbar be- wuſst war, selbst nicht allzu pünktlich gewesen zu seyn, hatte Anfangs nicht den Muth, die Saumseligkeit des Fuhrmanns zu tadeln. Er nahm einem Knaben, der ihm folgte, ein Paket aus der Hand, das einen grofsen Folioband zu ent- halten schien, klopfte ihm freundlich auf die Schulteru, und trug ihm auf, zu seinem Bücher- trödler zu gehen und ihm zu sagen, wenn er. zewuſst hätte, daſs noch so viel Zeit übrig wäre, würd' er den andern Handel auch wohl ab- chlossen haben. Er erinnerte ihn, seinen 16 Auftrag wohl auezurichten; er sey in diesem Fall, fügte er hinzu, der beste Bursche, der jemals einen Duodezband abgestäubt habe. Der Bursche zögerte, vielleicht weil er ein Trinkgeld erwar- tete, allein er hoffte vergeblich darauf. Der alte Herr legte sein Bündel auf einen Pfosten am Eingange der Treppe, und indem er den zuerst angekommenen Reisenden in's Auge ſaſste, war⸗ tete er schweigend einige Minuten auf die An- kunft der Landkutsche. Endlich, nachdem er ein Paar Mal ungeduldig nach dem fortrückenden Minutenweiser derThurm- uhr geblickt, ihn mit seiner Taschenuhr, einer alt- fränkischen, groſsen goldenen Repetiruhr, vergli- chen, und seine Züge zusammengepreſst hatte, um seinem Verdrufs einen gehörigen Nachdruck zu geben, rief er der unterirdischen Krämerin zu: He da, liebe Frau— wie I— 1 heiſst sie denn gleich— Frau Macleuchar!* Frau Macleuchar, welche besorgte, daſs sie einen Angriff abzuwehren hätte„ fand nicht für gut, durch das Ertheilen einer schnellen Antwort den Streit zu beschleunigen. 3 «Prau Macleuchar!“ rief er mit lauterer Stim- me—«die alte Hexe hört nicht, sie ist taub, wie ein Stock— Frau Macleuchar!* 3 aIch hab' erst einen Kunden zu Pedienen!* scholl es aus der Tiefe herauf;«nqein, wahrlich, ——— 17 mein Kind, ich kann' Dir auch nicht um einen Pfennig wohlfeiler lassen.“ Glaubt Ihr denn, rief der alte Herr wieder, «dafs wir hier warten sollen, bis Ihr das arme Dienstmädchen um ihren halbjährigen Lohn und ihre Trinkgelder geprellt habtp Ceprelltp entgegnete Frau Macleuchar, die len Kampf gern auf einen zur Vertkeidigung schicklichen Platz spielen wollte. Ich verachte Eure Worte; Ihr seyd eine unhöfliche Person, und sollt nicht länger da stehen und mich lästern auf meiner eignen Treppe.“ Das Weib versteht sich schlecht darauf, wie man eine Klage fassen muſs,» sagte der alte Herr, indem er seinem Reisegefährten einen schlauen Blick zuwarf.«Liebe Frau,» rief er abermals hinab,«von Lästern ist gar nicht die Rede, son- dern nur von Eurem Wagen.” «Was wollt Ihr 5 entgegnete Frau Macleuchar, als ob sie nichts verstanden hätte. Wir haben Plätze in Eurem Wagen genom- men,“ sagte der junge Mann. «Und sollten nun schon auf halbem Wege seyn„ fiel der alte Herr ungeduldig ein. Wir werden die Fluthzeit verfehlen,“ fuhr er mit Steigendem Zorne fort,«und ich habe wichtige Geschäfte drüben.— Ueber Eure verdammte Kutsche!“ 75. B 18 Die Kutscheb Cott sey bey uns, ihr Herren! Ist denn die noch nicht dapo antwortete die Alte, und ihr kreischender Ton klang nun wie eine Art von Entschuldigung.—«Auf die Kutsche habt- Ihr also gewartetb“ «Wie hätten wir uns denn so lange hier von der Sonne braten lassen sollen— Ihr pflicht- vergessene Frau— Die Alte stieg nun aus ihrer unterirdischen Wohnung empor, bis ihre Nase mit dem Straſsen- pflaster in Einer Linie war, und wischte ihre Brille ab, um nach dem Wagen zu sehen, den sie, wie sie recht gut wuſste, nicht antreflen konnte.„Cott sey bey uns,v rief sie,«hat man je so was gesehen! «Ja, Ihr abscheuliche Frau,“ schmälte der äl- tere Reisende,«das hat schon mancher gesehen, und wird noch mancher sehen, der mit Euch schlumpigen Weibern was zu thun hat!“ Darauf ging er mit groſsem Unwillen vor dem Kellerladen auf und ab, und wie ein Schiff, das, so oft es sich der feindlichen Festung gegenüber befindet, seine volle Ladung abfeuert, so don- nerte er Beschwerden, Drohungen und Vorwürfe auf die verlegene Krämerin hinab. Er wollte eine Postkutsche— einen Miethwagen holen, er wollte einige Pferde nehmen; er wolle, er müsse heute auf dem jenseitigen Ufer seyn, und alle Reisckosten, nebst Ersatz für allen unmittel- 28 4 19 baren und mittelbaren Schaden, der aus der Ver- säumniſs entstände, sollte auf das verruchte Haupt der Frau Macleuchar fallen. Es lag so etwas Komisches in dieser miſslau- nigen Empfindlichkeit, dafs der junge Mann, der nicht so grofse Eile hatte, abzureisen, sich des Lächelns nicht enthalten konnte, um so mehr, da der alte Herr, so aufgebracht er auch war, doch zuweilen selber über seine Heſtigkeit lachen mufste. Als indeſs Frau Macleuchar eben- falls in das Gelächter mit einstimmte, setzte er ihrer unzeitigen Fröhlichkeit schnell eine Gränze. «Frau,» sagte er, indem er ihr ein zerknitter- tes Blatt vorhielt,«ist dies Deine Anzeige b Steht hier nicht, dafs, will's GCott— wie ihr euch heuchlerisch ausdrückt— die Landkutsche nach Queensferry heute um zwölf Uhr abfahren soll, und ist es nicht jetzt schon ein Viertel auf Eins, Du falsches Cesohöpf. noch immer läſst sich kein Wagof blickenf Weiſst Du denn wohl, was es für Folgen haben kann, wenn man die Leute durch falsche Gerüchte hintergehtb Cib Antwort, und sag’ Einmal in Deinem langen, unnützen und schlechten Leben, in wahrhaften und aufrichtigen Worten: Hast Du eine solche Kutschep Ist sie in rerum natura? Oder ist diese nichtswürdige Bekanntmachung nur ein be- trügerischer Anschlag, um den Unvorsichtigen um geine Zeit, Ceduld und seine drey Schillinge 20 gules Geld zu bringen Hast Du eine solche Kutsche, sag' ichb Ja oder nein b «Freylich, bester Herr. Die Nachbaren rings umher kennen die Kutsche schr gut. Sie ist grün und roth gesprenkelt— hat drey gelbe Räder und ein schwarzes—» «Was hilft die genaue Beschreibung? Es ist am Ende nichts als eine ausführliche Lüge.“ «Aber bester Herr,“ erwiederte die bestürzte Frau Macleuchar, die sich von den Angrifſlen sei- ner Beredsamkeit ganz erschöpft fühlte;«nehmt lieber Eure drey Schillinge zurück, und laſst mich in Frieden.“ Cemach, Frau, gemach!“» versetzte der alte Herr;«werden diese drey Schillinge mich nach Queensferry bringen, wie es Deine verrätherische Bekanntmachung versprichtb Oder werden sie den Schaden ersetzen, der mich treſfen kann, wenn mein GCeschäft unverrichtet bleibt, oder mir den Aufwand vergüten, wenn ich die Fluth- zeit versäume, und am Ende einen Tag unter⸗ weges liegen bleiben muſsb Kann ich ein Boot dafür miethen, wofür man in der Regel fünf Schillinge bezahlt.» Der Wortwechsel ward in diesem Augenblicke durch ein polterndes Geräusch unterbrochen, das den ersehnten Wagen ankündigte, den vier keu- chende Mähren so schnell, als es ihnen irgend möglich war, herbeyschleppten. 4 21 Mit unaussprechlicher Freude sah Frau Ma- cleuchar, wie ihr Quälgeist in die Kutsche stieg; als diese indefs fortrollte, steckte er noch einmal den Kopf zum Schlage hinaus, und erinnerte sie mit drohenden Worten, die das Gepolter der Räder übertäubte, daſs, falls der Wagen nicht zu rechter Zeit in Qucensferry einträfe, alle Folgen der Frau Macleuchar zur Last fallen sollten.. 2 Die Kutsche mochte bereits eine oder zwey Meilen zurückgelegt haben, ehe der alte Herr seine Gemiithsruhe völlig wieder erlangte. Er stiefs noch einige Male Klagen aus, und hielt es nicht plos für wahrscheinlich, sondern für 80 gut als gewiſs, daſs man die Fluthzeit versäumen werde. Nach und nach aber legte sich sein Un- muth; er wischte sich die Stirn, die allmählig ihre Runzeln verlor, und holte aus seinem Packe seinen Folianten heraus, den er von Zeit zu Zeit mit dem Kennerblick eines Bücherfreundes be- trachtete, maſs und untersuchte, wobey er zu- gleich Blatt für Blatt genau besah, um sich zu überzeugen, ob das Werk vom Titelblatte bis zum letzten Buchstaben unversehrt und vollstän- dig sey. Sein Reisegefährte nahm sich die Freyheit, ihn über das Buch zu befragen. Der alte Herr sah ihn mit halb spöttischem Blicke an, als glaube er: die Antwort könne den Fragenden kaum in- 22 teressiren, vielleicht verständ' er sie nicht ein- mal, und erwiederte dann: es sey Cordon's Reise durch Nord-Britannien, eine Erläuterung der Römischen Ueberreste in Schottland. Der junge Mann fühlte sich durch den Titel des ge- lehrten Werks vicht zurückgeschreckt, weitere Erkundigungen einzuzichen, welche deutlich be- wiesen, dafs er viel Bildung besaſs, und, wenn auch nicht genau bewandert in der Kenntnifs des Alterthums, doch mit den Werken der Klassiker bekannt genug war, um einen theilnehmenden und verständigen Zuhörer bey Cesprächen über dergleichen Gegenstände abzugeben. Der alte Herr bemerkte mit Vergnügen die Empfänglich- keit und Fassungskraft seines Begleiters, und vertiefte sich in eine weitläufige Abhandlung über Urnen, Vasen, Weihaltäre, Römische Lager und über die Regeln der Lagerkunst. Die Unterhaltung hatte so etwas Besänftigendes für sein Gemüth, daſs zwey Verzögerungen von weit längerer Dauer, als die vor dem Laden der armen Frau Macleuchar, unsrem Alterthumsfor- scher kaum ein Paar Verwünschungen entlockten, die im Grunde mehr der Unterbrechung des Ge- sprächs, als der Verzögerung seiner Reise zu gelten schienen. Die zweyte Zögerung wurde sogar von ihm sel- ber veranlaſst. Denn als er sah„ daſs eins von 25 den Pferden ein Hufeisen verloren hatte, so machte er den Kutscher darauf aufmerksam. «James Martingale,» enigegnete dieser,«lie- fert die Nägel contractmäſsig und unterhält sie; ich bin nicht befugt, deswegen anzuhalten, noch brauch' ich irgend Vorwürfe über dergleichen Zu- fälle anzuhören.“ Wenn Du nicht den Augenblick still hältst, und das arme Thier zur nächsten Schmiede bringst, so sollst Du, wenn es anders irgend ein Frie- densgericht in Mid-Lothian gibt, schon Deine Strafe empfangen.“ Mit diesen Worten öffnete er die Wagenthüre und sprang hinaus, während der Kutscher, sei- nem Befehl gehorchend, vor sich hinmurmelte: wenn die Herren nun die Fluthzeit versäumten, so sey es ihre eigene Schuld; da er seinerseits habe fortfahren wollen. Ich habe so wenig Lust, die verschiedenen Mo- tive, welche oft Handlungen zum Grunde liegen, auseinanderzusetzen, daſs ich eben nicht für ge- wiſs behaupten mag, ob nicht das Mitleid des alten Herrn mit dem armen Thiere durch den Wunsch belebt ward, seinem Reisegefährten ein Piktenlager zu zeigen, welches sich in der Nähe befand, und von dem Alterthumsforscher als höchst merkwürdig und wohlerhalten geschilderz Ward. Wär' ich indeſs genöthigt, seine Beweg- gründe offen darzulegen, so würd' ich so viel 24 sagen, daſs, obgleich der alte Herr den Kutscher in keinem Fall hätte fortfahren lassen, da das unbrauchbar gewordene Pferd leicht noch mehr leiden konnte, dieser wenigstens heftigen Aeus- serungen und Vorwürfen eniging, die, wenn ein minder interessanter Gegenstand die Aufmerk- samkeit des Alterthumsforschers gefesselt hätte, wohl nicht ausgeblieben wären. Mit diesen Unterbrechungen ging so viel Zeit verloren, daſs, als die beyden Reisenden den letzten Hügel jenseits des Haws— so heiſst das an der südlichen Seite von Queensferry gelegene Wirthshaus— hinabstiegen, der scharfe Blick des Alterthumsforschers sogleich entdeckte, die Fluthzeit müsse, nach den mit Seegras bedeckten Steinen und Felsstücken zu schliefsen, welche ringsumher am Strande lagen, bercits vorüber seyn. Der junge Reisende erwartete einen neuen Ausbruch des Unwillens, aber der alte Herr hatte sich entweder, wie Croaker in seinem Lust- spiel: ‚der gutgeartete Mann', sagt, durch die Klagen über sein Ungliick bereits so sehr er- schöpft, dafs er es nicht mehr fühlte, als es wirklich erschien, oder er fand auch vielleicht die Gesellschaft, in der er sich befand, zu an- ziehend, um über irgend eine Verzögerung zu murren. «Der Teufel sitzt in der Landkutsche,“ brach er endlich doch los,«und in der alten Hexe, der 25 sie gehört, obendrein!— Freylich, Zeit und Fluth pflegen nicht zu warten. Ich dächte, mein junger Freund, wir nähmen hier in dem Wirths- hause ein Paar Bissen zu uns. Es ist ein recht honetter Ort, und ich werde mich sehr freuen, wenn ich Ihnen vollends erklären kann, wie man auf verschiedene Art die castra statioa und die castra aestioa, die Standlager und die Sommer- lager verschanzte. Das ist leider von so vielen Historikern verwechselt worden. Hätten sie sich doch nur die Mühe genommen, sich mit eignen Augen davon zu ſiberzeugen, statt daſs sie einan- der stets blindlings gefolgt sind!— Nun, ich glaube; wir werden uns hier ganz wohl befinden, Wir hätten ja ohnedies irgendwo zu Mittage es- sen müssen, und es ist am Ende angenehmer, wenn wir die Ueberfahrt zur Zeit der Ebbe in der Abendkühle machen.“ In dieser christlichen Ergebung, derzufolge man sich bey allen widrigen Vorfällen stets das Beste denkt, langten die Reisenden in dem Wirthshause an. 26 2——— V ʃℳ:— ℳ—ℳ- 2 Zweytes Kapitel. «Herr, auf der Straſse lästern sie mir hier Mein Stückohen Hammelsrücken, das ich trocken Geröstet, und in Hier und Buttermilch, Gehörig untermengt, mir abgeschlagen. Das ist ein Eingriſſ in mein Erb' und Lehn. Das mörtohen WM ein erfreut des Menschen erz. Mein ist das Meinhaus. Sect verkündet's Büschel: Den trinkt und singt! Das ist und bleibe mein Denkspruch.“ Ben Johnson's Neue Sochenke. — Als der alte Herr aus der Land ward er von dem wohlbeleibten, engbrüstigen Wirthe mit jener Mischung von Vertraulich- keit und Ehrerbietung empfangen, welche die kutsche stieg, 8 27 Schottischen Castwirihe von altem Schrot und Korn gegen ihre verehrten Kunden zu zeigen pflegen. «Ey, ist' möglich, Herr Monkbarns,» begann der Wirth, den alten Herrn mit dem Gutsnamen nennend, der dem Ohre eines Schottischen Land- besitzers immer so angenehm klingtaaseyd Ihr es Hätt' ich doch nicht geglaubt, Buch vor dem Schlusse der Sommer-Gerichtssitzung hier zu sehen bo «Du dummer alter Teufel,» entgegnete Monk- barns in seinem Schottischen Dialecte, der jedes- mal, wenn er in Zorn gerieth, bemerkbarer wurde, Du alter Dummkopf, was hab' ich denn damit zu thun, mit den Cänsen, die dahin strö- men, oder mit den Habichten, die ihnen die Federn ausrupfen 5 «Da habt Ihr freylich Recht,“ sagte der Wirth, der allerdings nur nach einer unbestimmten Er- innerung von des Fremden ursprünglicher Be- rufsbildung sprach, sich aber doch nicht gerne den Vorwurf zuziehen wollte, über den Stand und Beruf dieses Mannes, wie jedes andern Ca- stes, falsch zu urtheilen.—„Ja„Ihr haht voll- kommen Recht, aber ich glaubte, Ihr hättet selbst irgend eine Sache bey Gericht zu betreiben. Ich hab' selbst eine— es ist ein Procefs, noch von meinem Groſsvater her, wegen unsers Hinter- hofes. Es ist viel davon im Parlament gesprochen 28 worden— son gegen Mackitchinson— ein ganz bekannter Rechtsstreit. Die Sache ist viermal vor Gericht gewesen, und die klügsten Herren konnten nicht klug daraus werden, und haben sie wieder verschickt. Es ist doch wirk- lich eine schöne Sache, wenn man s bedenkt, wie erahabe sorgfältig die Gerechtigkeit in diesem e erwogen wird!» Haltet Euer Maul, aaer erkacege der alte Herr, nach seiner Art in sehr Suter Laune; «sagt uns lieber, Nashr mir und meinem Rei- segefährten hier zu essen geben könntb» 3 O, da sind zuerst Fische, Seeforellen und Kabliau,» entgegnete Mackitchin, indem er das Tischtuch zierlich faltete, Iiae kön Ihr Hammelsrippen haben, und H ertörichess köstlich eingemacht— kurz, es ist alles vorhan- den, was Ihr nur irgend wünscht.» «Das heifst, mit andern Worten, es ist, aus⸗ ser dem Genannten, nichts r vorhanden, n entgegnete der alte Herr. V hlan denn! nur her mit den Fischen, Hammelsrippen und Tört- chen, wir wollen uns daran gütlich thun. Ahmt 1 nur nicht die bedächtige Langsamkeit nach, die Ihr an den Gerichtshöfen preiset, und verschickt nicht erst die Speisen von diesem zu jenem, hört Ihr? Nun, nun,» sagte Mackitchinson, der durch lange Erfahrung eine gewisse Kenniniſs der Ac. tensprache erlangt hatte,« 4aban soll quam Primum, das heilst peremptorie aufgetragen wer- den.“ Mit selbstgefälligem Eägheln verliefs er darauf das sandbestreute Zimmer, in welchem die Wände mit Kupferstichen von den vier Jahres- zeiten geschmückt waren. Aber ungeachtet seiner Versichenung, gingen die Geschäfte in der Küche nicht sehheller von statten, als am Gerichtshofe, und der jüngere Reisende hatte indessen eine gute Gelegenheit, über den Stand und die Verhältnisse seines Ge- fährten bey den Hausgeflössen Erkundigungen einzuzichen. Er erhielt darüber cinen allgemei- nen Bericht, welcher indeſs der Wahrheit gemäſs war, und ihn iiher den Namen, die Lebensereig- nisse und sontigen Verhältnisse des alten Herrn aufklärte. Wir wollen denselben hier in weni- gen Worten dem Leser mittheilen. Jonathan Oldenbuck, oder Oldinbuck, von Monkbarns, nach der gewöhnlichen Zusam- menziehung schlechtweg Oldbuck genannt, war der jüngere Sohn eines Gutsbesitzers in der Nähe eines lebhaften Seehafens im nordöstlichen Schott- land, den wir Fairport nennen wolleu. Die Fa- milie wohnte seit mehreren Geschlechtsfolgen in der Crafschaft, wo sie freylich durch manche Edelleute von älterm Stamme und ansehnlicherem Vermögen verdunkelt ward. Auch waren die meisten dieser Edelleute in den letzten Zeiten 30 Jacobiten 032hanger des vertriebenen Hauses Stuart, indeſs die Besitzer von Monkbarns sich standhaft für die protestantische Erbfolge erklär- ten. Sie bildeten sich gleichwohl auf ihren Stammbaum eben so viel ein, als diejenigen, in deren Augen sie so gering waren, auf ihre Ab- stammung von Angelsachsen, Normännern oder Celten hielten. Der erste Oldbuck, der sich in Schottland kurz nach der Reformati lederlieſs, stammte von einem der ersten deutschen Buch- drucker ab. Er hattessein Vaterland wegen der, gegen die Bekenner der reformirten Religion ge- richteten Verfolgungen verlassen. Er hatte in der Stadt, in deren Nähe seine Nachkommen wohnten, um so leichter ein As eefunden, als er um der Sache der Protestanten willen litt. Auch fehlte es ihm nicht an Gelde, um das kleine Gut Monkbarns von einem verschuldeten Edel- mann zu kaufen, das ehemals zu den Besitzun- gen eines aufgehobenen Klosters gehört hatte. Seine Nachkommen zeigten sich in der Folge bey allen Aufständen als treue Unterthanen, und einer derselben, der während des Aufstandes im Jahr 1745 die Stelle eines Richters in dem Städt- chen Fairport bekleidete, hatte sich durch seine muthvolle Verfechtung der Sache des Königs rühmlich ausgezeichnet, und dabey in mehrere Ausgaben verwickelt, die ihm aber, nach dem liberalen Benehmen der Regierung gegen ihre 31 Freunde, nie vergütet worden waren. Durch viele Bemühungen erhielt er endlich eine Zoll- beamtenstelle, und hatte, da er ein sehr spar- samer und mäſsiger Mann war, Celegenheit, das väterliche Erbe anschnlich zu vermehren. Er hatte, ausser unsrem Jonathan, noch einen äl- tern Sohn und zwey Töchter, von denen die äl- tere noch in ehelosem Stande lebte, die jüngere aber aus Liebe einen Hauptmann geheirathet hatte, der ausser seinem Degen und Hochländischen Stammbaum nichts besafſs. Armuth störte eine Verbindung, welche Liebe zu einer glücklichen hätte machen können, und Hauptmann Mac In- tyre sah sich, seiner Frau und Kinder wegen, genöthigt, sein Glück in Ostindien zu suchen. Er erhielt das Commando bey einem Feldzuge gegen Hyder-Ali. Das Corps, zu dem er gehörte, ward abgeschnitten, und seine unglückliche Gat- tin erhielt nie Nachricht, ob er gefallen, im Kerker getödtet sey, oder in hoffnungsloser Ge- fangenschaft schmachte. Sie erlag unter der Last ihres Kummers, und hinterlieſs ihrem Bruder Jonathan die Sorge für ihren Sohn und ihre Tochter. Jonathan selbst war von seinem Vater, zum Theil auf den Antrieb einiger Verwandten von mütterlicher Seite, zum Kaufmann bestimmt worden. Allein er hegte die entschiedenste Ab- neigung gegen diesen Stand, und ward daher 32 Schreiber bey ege Rechtsgelehrten. Er lernte hier alle die Förmlichkeiten, welche bey Beleh- nungen üblich waren, kennen, und fand so viel Vergnügen daran, die Ungereimtheiten derselben auszugleichen und ihrem Ursprunge nachaufor- schen, daſs sein Lehrer grofse Hoflnung hegte, einen geseieen Rechtsgelehrten aus ihm zu zichen. Jonathan blieb indefs auf der Schwelle stehen; denn wenn er gleich die Landesgesetzn sowohl ihrem Ursprunge nach, als systematisch, ziemlich genau kennen lernte, so war er doch nicht zu bewegen, sie als. Erwerbmittel zu prao- tischen Zwecken auszuüben. Der Grund davon lag nicht in einem unbe- dachtsamen Uebersehen der Vortheile, die der Besitz des Celdes gewährt.«Väre er gedanken- los oder leichtsinnig, oder gar ein Verschwender, rei suae prodigus, pflegte sein Lehrer zu sagen, .80 wüſste ich wohl, was ich zu thun hätte. Aber er gibt nie einen Schilling aus, ohne sich ge- Wwissenhaft nach dem Agio zu erkundigen— kommt mit einem Sixpence weiter, als mancher Andere mit einer halben Krone, und kann Tage lang über eine alte Parlamentsacte brüten, ch' er einmal an den Strand oder in's Wechselhaus geht. Er will durchaus keins von den Geschäf ten treiben, die ihm ein zwanzig Schillinge in die Tasche brächten. Es ist so eine seltsame Mischung von Mäſsigkeit, Erbwerbfleiſs unnd — ³ 8 4 33 Nachläſsigkeit— ich weils nicht, was ich aus ihm machen soll.“ Das Glück gab ihm indeſs bald die Mittel, seiner eigentlichen Neigung zu leben. Sein Vater starb, und bald darauf sein ältester Bruder. Der letztere, ein Fischer und Vogelsteller, haitte sich bey einer Entenjagd in dem Sumpfe Kittlefitting- Moſs eine heftige Erkältung zugezogen, ohnge- achtet er eine reichliche Flasche Branntewein bey dieser Gelegenheit zu sich genommen. Jo- nathan erbte demazufolge das Landgut, und sah sich dadurch in den Stand gesetzt, die verhafste Rechtsplackerey aufzugeben. Seine Wünsche waren mäſsig, und da sein Gut, bey der allge- meinen Verbesscrung des Zustandes der Land- wirthschaft, immer einträglicher ward, so hatte er bald mehr Einkünſte, als er brauchte, und er hatte, wenn er gleich zu arbeitsscheu war, Geld zu verdienen, doch eine Freude daran, als er sah, daſs es sich allmählig häufte. Die Bürger der nahegelegenen Stadt betrachteten ihn mit einem gewissen Neide, als einen Mann, der sich von ihnen abzusondern schien, und dessen Stu- dien und Vergnügungen in ihren Augen etwas Unbegreifliches hatten. Indefs erhielt sich durch eine Art von erblicher Hochachtung gegen den Gutsherrn von Monkbarns, so wie durch den Umstand, dafs er stets baar bezahlte, sein An- Behn unter dieser Classe seiner Nachbaren. Die 75. 34 Landedelleute, meist reicher als er, aber an Verstand ihm untergeordnet, gingen wenig mit Jonathan Oldbuck um, einer ausgenommen, der mit ihm in freundschaftlichen Verhältnissen stand. Er nahm indeſs zur Gesellschaft des Geistlichen und des Bezirksarztes seine Zuflucht; auch schützten ihn seine eigenen Studien und Vergnügungen gegen die Langeweile, da er mit den Gelehrtesten unter seinen Zeitgenossen in Briefwechsel stand, welche, wie er, zertrüm- merte Verschanzungen mafsen, Grundrisse von zerstörten Burgen entwarfen, unleserliche Inschrif- ten entzifferten, und Abhandlungen über alte Münzen schrieben, und zwar ein Dutzend Seiten üiber jeden Buchstaben der Umschrift. Es war ihm eine Art von heftiger Reizbarkeit eigen, die man in dem Städtchen Fairport zum Theil einer unglücklichen Liebe zuschrieb, und für die Ur- sache seines Weiberhasses hielt. Vielleicht hatte aber die dienstfertige Aufmerksamkeit seiner Schwester und seiner verwaiseten Nichte noch mehr dazu beygetragen, indem er beyde gewöhnt hatte, ihn als den gröfsten Mann auf Erden an- zusehen. Er pflegte sie daher auch als die ein- zigen Weiber zu rühmen, welche er, gut abge- richtet und zum Gehorsam sewöhnt, jemals an. getroffen hätte, wenn es sich gleich nicht läugnen läſst, daſs Fräulein Griselda Oldbuck sich zu- weilen ein wenig sperrte, wenn er die Zügel gar 4 —— 35 zu straff anzog.— Der übrige Theil seines Cha- racters wird im Verfolg der Geschichte klar wer- den; wir schweigen daher darüber, um nicht durch Wiederholung den Leser zu langweilen. Beym Mittagstische wollte Oldbuck eben die Neugierde befriedigen, welche der junge Mann bereits gestillt hatte, und that mit jener Offen- heit, zu der ihn sein Alter und Stand berechtig- ten, einige Schritte, um den Namen, Stand und Reisezweck seines Begleiters zu erfahren. Der junge Mann nannte sich Lovel. Oldbuck meynte, daſs er am Ende gar ein Ab- kömmling von König Richard's Günstling sey. Sein Begleiter erwiederte darauf, dafs er sich dieser Abstammung nicht rühmen könne. Sein Vater sey ein Edelmann in Nordengland, und er reise nach dem in der Nähe von Monkbarns gelegenen Städtchen Fairport, wo er, falls ihm anders der Ort gefiele, sich vielleicht einige Wochen aufhalten würde. «Also eine Reise zum Vergnügen, Herr Lovel bo «Nicht ganz.“. «Vielleicht einiger CGeschäfte wegen mit den Kaufleuten in Fairportb «Geschäftshalber allerdings zum Theil; doch stehen meine Geschäfte mit dem Handel in kei- ner Berührung. Hier erfolgte eine Pause. Herr Oldbuck hatte seine Nachforschung so weit getrieben, als es die gute Lebensart erlaubte, und sah sich nun genö- thigt, ein anderes Gespräch anzufangen. Sonst eben kein Kostverächter, war er doch auf Reisen ein abgesagter Feind von allen unnöthigen Aus- gaben. Als sein Gefährte daher einen Wink von einer Flasche Portwein fallen liefs, so machte er eine höchst abschreckende Schilderung von dem Gemische, das man als solchen verkaufe. Punsch, meynte er, sey weit passender, und er war eben im Begriff zu klingeln, als der Wirth hineintrat. Er hatte schon, nach seiner eignen Ansicht, ein Getränk für seine Cäste bestimmt, und brachte eine groſse Flasche, in Schottland Magnum genannt, welche mit Sägespänen und Spinngeweben bedeckt, und, diesen Zeichen zu- folge, sehr alt war. «Denkt Ihr wohl noch an den Streich, Monk- barns,» fing der Wirth nach einer Weile an, «den Ihr mir, als Ihr das letzte Mal hier war't, spieltet" 3 «Ich, einen Streich 5 entgegnete Oldbuck. «Ihr selbst, Monkbarns. Der Lord von Tam- lowrie, Sir Cilbert Grizzlecleugh, der alte Rofs- balloh und der Schlofsvogt, die waren gerade an einem Nachmittage hier, und tranken. Da triebt Ihr sie mit Euren alten Historien„denen einmal kein Mensch widerstehen kann, hinaus, um das Römische Lager in Augenschein zu nchmen. Ich sag Euch, Herr, fuhr er fort, indem er sich 3 37 zu Lovel wandte, er könnte mit seinen alten Geschichten die Vögel von den Bäumen locken, wenn nur nicht bey mir darüber sechs Mafſs gu- ter Claret weniger getrunken worden wären.“* «Da hör' einer den unverschämten Kerl!“ rief Oldbuck, indem er zu gleicher Zeit lachte.«Aber wilst Ihr was, bringt uns nun eine Flasche Port- wein!“ «Portwein? Bewahre! Portwein und Punsch ist gut für unser einen. Claret, der paſst für Euch, Ihr Herren, und ich behaupte geradezu, dafs keins von den Völkern, von denen Ihr so viel erzählt, weder das eine Getränk, noch das andere gekostet hatlo «Da hört Ihr's, wie zuversichtlich der Schelm spricht!s sagte Monkbarns. Nun, mein junger Freund,“ fuhr er fort,«ich denke, wir ziehen auf jeden Fall den Falerner*) dem schlechten Sabinischen Weine vor.“* Der Wirth war gleich bey der Hand, um den Kork herauszuziehen, goſs dann den Wein in ein Paar ziemlich weite Gläser, und entfernte sich mit der Bemerkung, dafs man den Duft da- von in der ganzen Stube spüre. *) Ein von den Römern sehr geschätzter Wein, dessen Horaz öfters gedenkt. Das Falerner Gebiet lag in Lempanien, und ist die heutige Terra di Lavoro. merl. des Uebers. 8*„ t⸗ 85 38 Mackitchinson's Wein war allerdings schr gut, und ermunterte den alten Herrn so0, daſs er ei- nige lustige Geschichten und Schnurren zum Be- sten gab. Als er sich endlich in eine gelehrte Untersuchung über die alten Schauspieldichter einliefs, fand er seinen Begleiter darin so bewan- dert, daſs die Vermuthung in ihm aufstieg: der junge Mann sey am Ende selbst Schauspieler. «Er reiset,“ sprach er zu sich selbst,«theils in Geschäften, theils zum Vergnügen. Beydes pafst auf die Bühne; sie macht dem Künstler Ar- beit— den Zuschauern Vergnügen, oder soll doch wenigstens das letztere bewirken. Freylich, seinem Benehmen nach, scheint er mir etwas höher zu stehen, als junge Leute dieses Standes. Aber ich erinnere mich doch, gehört zu haben, daſs ein gebildeter junger Mann bey Eröſſnung der kleinen Schaubühne zu Fairport in seiner ersten Rolle auftreten solle.— Wenn er's wärep Lovel heifst erb Je nun, Lovel oder Belville! Das sind so die Namen, welche die jungen Herren bey dergleichen Gelegenheiten anneh- men.— Aber es ist mir doch wirklich leid um ihn.“ Herr Oldbuck war zwar in der Regel sparsam, indeſs nicht kleinlich. Es fiel ihm daher sogleich ein, seinem Reisegefährten eine Ausgabe zu er- sparen, die vielleicht seine Baarschaft überstei- gen konnte. Er machte heimlich die Zeche mit — 59 dem Wirthe ab, und der junge Mann mußste, so schr er auch gegen diese Freygebigkeit prote- stirte, doch endlich dem alten Herrn nachgeben. Da beyde an einander so viel Cefallen gefun- den hatten, schlug Oldbuck vor, die Reise in Cesellschaft fortzusetzen, was Lovel gern annahm. Doch dazu gab der letztere durchaus nicht seine Einwilligung, daſs Oldbuck zwey Drittheile des Miethgeldes für den Wagen bezahlte, was dieser, unter dem Vorwande, daſs er mehr Platz zu sei- ner Bequemlichkeit brauche, thun wollte. Die Reisckosten gingen zu gleichen Theilen, ausser daſs Lovel dem murrenden Schwager einen Schil- ling in die Hand driickte. Denn Oldbuck hielt-. streng auf die alte Sitte, nie mehr als achtzehn Pence auf jeder Station zu geben. So reiseten sie mit einander bis Fairport, und kamen dort am folgenden Tage um zwey Uhr an. Lovel erwartete vielleicht, von seinem Reise- gefährten zum Mittagstische eingeladen zu wer- den, allein Oldbuck wufste wohl, dafs man in seinem Hause auf unerwartete Gäste nicht ein- gerichtet war. Vielleicht hatte er indeſs auch noch andere Cründe, warum er dem jungen Manne diese Aufmerksamkeit nicht bewies. Er bat ihn nur, sobald als möglich, Vormittags einen Besuch in Monkbarns zu machen. Zugleich empfahl er ihn einer Wittwe, die Zimmer zu vermiethen hätte, und einem anständigen Speise- 40 wirthe. Beyden gab er indefs nicht undeutlich zu verstehen, dafs er Herrn Lovel blos als einen angenehmen Reisegesellschafter kenne, und nicht Willens sey, für die Schulden, welche der junge Mann während seines Aufenthalts in Fairport vielleicht machen könne, gut zu sagen. Lovels Cestalt und Benehmen, und ein wohlversehener Koſfer, der bald nachher zu Wasser anlangte, kamen ihm indeſs wahrscheinlich besser zu stat- ten, als die beschränkte Empfehlung seines Rei- segefährten. 41 —L⸗— qℳʃ—q;q́—ê— VMR——————ʃ4ͤö»õB— Drittes Kapitel. aEr hatt' einen HNaufen alten Kram's, Fiel rostige Becher, manch Schellenwamms.” Burns. Als sich Lovel in Fairport eingerichtet hatte, gedachte er des Besuches, zu dem er von seinem Reisegefährten eingeladen worden war. Er wollte ihn nicht früher abstatten, weil, bey aller Laune und gelehrten Bildung des alten Herrn, sich doch in seiner Sprache und in seinem Benehmen gewisse Ansprüche auf Ueberlegenheit zeigten, wozu er, nach Lovels Ansicht, durch den Unter- schied der Jahre nicht berechtigt war. Deshalb erwartete er zuvor die Ankunſt seines Reisege- päckes von Edinburg, um sich geschmackvoll kleiden und sein Aeusseres dem Range anpassen zu können, der ihm, seiner Meynung nach, ge- bührte. 4² Es war am fünften Tage nach seiner Ankunft, als er sich, nach vorläufigen Erkundigungen, welchen Weg er einzuschlagen habe, nach Monk- barns begab. Ein Fuſspfad führte ihn über einen Haidchügel und einige Wiesen gerade auf das Landhaus zu, welches am jenseitigen Abhange jenes Hügels lag, und von dem man einc schöne Aussicht auf die schiffreiche Bucht hatte. Von der Stadt durch eine steile Anhöhe geschieden, die es gegen den Nordwestwind schützte, hatte das Haus eine einsame, gesicherte Lage. Das Aeussere war nicht sehr empfehlend; ein Theil des unregelmälsigen, altfränkischen Gebäudes hatte ehemals zu einem einsamen Pachthause ge- hört, das der Klostervogt bewohnte, da jener Ort in frühern Zeiten im Besitzthum der Mönche Bewesen war. Hier wurden die Getreidevorräthe aufgeschüttet, welche die Mönche von ihren Va- sallen als Crundzins empfingen, woher, wie Herr Jonathan Oldbuck gern erzählte, sich der Name Monkbarns, das heifst Mönchsscheune, her- leitete. Den Ueberresten der Klostervogtey hat- ten die spätern Besitzer, nach ihren jedesmaligen häuslichen Bedürfnissen, verschiedene Sticke an- geflickt, wobey indeſs von ihrer Seite eben 80 wenig auf Bequemlichkeit im Innern, als auf Regelmäſsigkeit der äussern Bauart Rücksicht ge- nommen war. Das Ganze glich einem Gebäude. dessen Aufführung durch den Zauberklang eines J 43 Amphion oder Orpheus plötzlich unterbrochen worden war. Rings um das Haus zog sich eine Hecke von hohen Taxusbäumen und Stechpalmen, wovon einige noch seltsame Proben von der so- genannten ars kopiania, oder der Kunst, die Hecken zu beschneiden, ablegten. So befanden sich dort unter andern die EFiguren eines Arm- stuhls, eines Thurmes und des heiligen Georgs mit seinem Drachen. Herrn Jonathan Oldbucks Geschmack erlaubte es nicht, diese Denkmale einer veralteten Kunst umzuformen; er füuͤhlte sich um so weniger dazu geneigt, als es dem al- ten Cärtner würde das Herz gebrochen haben. Eine hohe breitwipflige Stechpalme war indeſs von der Heckenscheere verschont geblieben, und Lo- vel sah seinen alten Freund, unter ihrem Schat- ten auf einer Rasenbank sitzend, der, eine Brille auf der Nase, in einer Londner Zeitung vertieft war, und sich an den Sommerlöftchen, die durch die rauschenden Blätter säuselten, und an dem fernen Tosen der Wellen ergötzte, welche sich an dem Sandufer brachen. Herr Oldbuck stand sogleich auf, und drückte seinem Reisegefährten herzlich die Hand.«Nun, ich glaubte wahrhaftig,» fing er an,„Sie wären schon anderes Sinnes geworden,«hätten das al- berne Volk in Fairport Ihrer Talente unwürdig gefunden, und sich so ganz im Stillen auf- und davon gemacht, wie mein alter Preund Mac Cribb, 44 der mir mit einer Syrischen Münze über alle Berge ling.”* Hloſlenilich würd' ich mir doch eine solche Beschuldigung nicht zugezogen haben,“ entgeg- nete Lovel. Eben so schlimm, sag“ ich ihnen, wenn sie sich weggestohlen hätten, ohne mir die Freude zu gönnen, Sie noch einmal zu sehen. Ich hätte wahrlich lieber meinen kupfernen Otho einbüfsen mögen.— Aber kommen Sie, ich will Sie in mein Allerheiligstes— in meine Zelle, wie ich's wohl nennen kann, führen; denn ausser zwey faulen Schlumpen vom Weibervolk— so ver- ächtlich pflegte Herr Jonathan Oldbuck das schöne Ceschlecht im Allgemeinen, insbesondere aber seine Schwester und Nichte zu nennen— die sich unter dem eitlen Vorwande der Sippschaft hier in meiner Wohnung niedergelassen haben, leb' ich hier eben so einsiedlerisch, als mein Vorfahr, Johann von Girnell, dessen Crab ich, Ihnen nachher zeigen will.“ Mit diesen Worten deutete der alte Herr nach einer niedrigen Pforte. Eh' er indeſs hineintrat, plieb er plötzlich stehen, und wies auf einige Spuren einer Inschrift, wie er's nannte. Er er- klärte sie für unleserlich, und sagte kopfschüt- telnd:«Ach! wenn Sie wüſsten, Herr Lovel, was ich mir mit diesen verwitterten Buchstaben für Zeit und Mühe gegeben habe. Keine Mutter hat 45 jemals mehr in Kindesnöthen gelitten— und doch alles vergebens; wenn ich gleich fest über- zeugt bin: diese beyden letzten Zeichen bedeuten die Zahlen oder Buchstaben Z V, und lassen nicht undeutlich errathen, wann eigentlich das Gebäude aufgeführt worden ist, da man anders- woher weifs, dafs es von dem Abte Waldimir ungefähr in der Mitte des vierzehnten Jahrhun- derts errichtet ward. Vielleicht liefse sich jene Verzierung in der Mitte von bessern Augen, als die meinigen, auch wohl noch unterscheiden.* Ich denke,“ erwiederte Lovel, mit vieler Be- reitwilligkeit, sich dem alten Herrn gefällig zu zeigen,«es sicht beynahe aus wie eine Bischofs- mütze.“* Da haben Sie wahrlich recht, vollkommen recht. Es ist mir früher noch nie aufgefallen. Da sieht man's, was das für ein Glück ist, wenn man noch junge Augen hat.— Eine Bischofs- mütze! Ja, ja, so sieht es ganz und gar aus.“* Jener Zierrath hatte eben nicht mehr Aehn- lichkeit mit einer Bischofsmiitze, als die Wolke des Polonius*) mit einem Wallfisch oder einem Wiesel. Aber die Einbildungskraft unsers Alter- thumsforschers war einmal im Zuge.«Eine Bi- *) In Shakspearc's Hamlet, Act III. Sc. 2. am Ende. Anmerk. d. Uebers- schofsmütze,» fuhr er fort„ und zeigte den Weg durch ein Labyrinth von unbequemen und dun- keln Cängen, die zuweilen so verwirrt durch einander liefen, daſs er seine Erörterung unter- brechen mufste, um seinem Begleiter einen war- nenden Wink zu geben; diese Mäütze paſst für unsern Abt eben so gut, als für einen Bischof, denn er war ein infulirter Abt— nehmen Sie sich hier bey diesen drey Stufen in Acht— ich weiſs wohl, Mac Cribb will es nicht zugeben, aber es ist so gewiſs, als er meinen Antigonus weggenommen hat. Sie sollen den Namen des Abts von Trotcosey selbst sehen; Abbas Trotto- cosiensis heiſst er in den Parlamentsacten aus dem vierzehnten und fünfzehnten Jahrhundert.— Aber hier ist's ein wenig finster, und die ver- wünschten Weiber lassen immer ihre Wasch- ſässer im Wege stehen. Nun nur diese zwölf Stufen noch, und Sie sind oben.» Herr Jonathan Oldbuck hatte indefs den Cipfel der Wendeltreppe, die zu seinem Wohnzimmer führte, erstiegen, und rief, indem er eine Thür öſſnete, und die davor befindliche Tapetenwand wegschob:«Was macht ihr hier, ihr Schlumpen 5 Ein schmutziges, barfüsiges Stubenmädchen liels den Borstwisch fallen, als sie bey dem fre- velhaften Unternehmen ertappt wurde, das Aller- heiligste— das sanctam sanctorum, wie's der alte Herr nannte, zu säubern„ und flüchtete sich 47 durch die entgegengesetzte Thür vor den Blicken ihres erzürnten Herrn. Ein hübsches junges Mädchen, die diesem Kehrgeschäft vorstand, plieb, nicht ohne eine gewisse Schüchternheit, stehen. «Lieber Oheim,» sagte sie,«es war ja wirk- lich nicht möglich, daſs Sie Ihr Zimmer Jemand zeigen konnten und ich kam nur her, darauf Acht zu geben, daſs Jenny Alles wieder so hin- legte, wie sie's gefunden hatte.“ „Wie kannst Du Dich sowohl, als Jenny, un- terstehen, Dich um meine Sachen zu bekümmern? — CGeh'’ zu Deinem Muster an Deinen Nähtisch, und laſs mich Dich nicht wieder hier ſinden, wenn Dir Deine Ohren lieb sind.— Ich versichre Sie, Herr Lovel,» fuhr er fort, indem er sich zu seinem Begleiter wandte, der letzte Einfall dicser vorgeblichen Freundinnen der Reinlichkeit ist meiner Sammlung eben so verderblich gewe- sen, als der Besuch des Hudibras*) es für Si- dropfel war, und ich vermisse seitdem: Meine Kupferplatte, nebst Almanachen„ Und andern mir sehr werthen Sachen, — *) Ein bekanntes satyrisches Gedicht des Engländers Samuel Butler(tzeb. 1612. gest. 1680), Deutsch von Soltan(Königsberg 1798.) Anmerk, d. Uebers, 48 Meine Mondenuhr, nebst Nazier's Stäben, Meine Stein mit den Himmelszeichen daneben, Kurz, vieles, was ich mir eben nun so Erkauft— meine Wanz' und Laus, meinen Floh. Und so weiter, wie's der alte Butler hat.» Das junge Mädchen hatte sich, während dieser Aufzählung von Verlusten, mit einem höflichen Knicks gegen Lovel, entfernt. «Sie werden in den Staubwolken erslicken, welche die Weiber da erregt haben,» sagte Jo- nathan Oldbuck; aber ich versichre Sie, es war ein sehr alter, friedsamer und ruhiger Staub, nur noch vor einer Stunde, und wär es auch geblieben, hätten ihn nicht die Weibsbilder ge- „slört, die nun einmal Alles in der Welt stören.“ Wirklich kennte Lovel erst nach einigen Au- genblicken durch die dicke Staubluft erkennen, in welcher Höhle sein Freund sich angesiedelt hatte. Es war ein hohes Gemach, von mäſsiger GCröſse, das lange und schmale Citterfenster spär- lich erleuchteten. Die eine Seite nahm ein Bü- cherrepositorium ein, das aber zu klein flir den Vorrath von Werken war, die hier in zwey bis drey Reihen hinter einander aufgestellt standen, während eine sehr bedeutende Anzahl auf dem Boden und den Tischen unter einem bunten Chaos von Landkarten, Kupſers lichen, Pergamentschniz- — 49 zeln, Papierbündeln, Stücken von alten Rüstun- gen, Schwertern, Säbeln, Helmen und Tartschen oder Hochländischen Schilden zerstreut umherlag. Hinter Oldbuck's Sessel, einem alten, mit Le- der iiberzogenen Lehnstuhle, der durch den lan- gen Gebrauch ziemlich abgenutzt war, stand ein ungeheurer eichner Schrank, auf beyden Ecken mit Holländischen Cherubs geziert, deren groſse pausbackige Gesichter zwischen kleinen Enten- flügeln hervorguckten. Oben auf dem Schranke waren Büsten, Römische Lampen und Opferscha- len und einige Figuren von Bronge befindlich. Die Wände des Zimmers bedeckten häſsliche alte Tapeten, worauf die berühmte Hochzeit des Ritters Gawain*) vorgestellt war. Der Braut wan auf jenem Gemälde, hinsichtlich ihrer Häſslich- keit**) vollkommene Gerechtigkeit widerfahren, —u *) Ein perühmter Ritter, der, in den altenglischen Balladen öfters besungenen Tafelrunde des fabelhaf- ten Königs Arthur. Die Ballade, auf welche hier angespielt wird(che marriage Sir Gawainc) befin- det sich in Percy's Relicks of Ancient English FPoetry. Vol. III. p. 10— 22. A. d. Uebers- *²) In der 24 sten Strophe der eben angeführten Ballada heifst es, von jener Schönen: Krumm war die Nas' und aufgestülpt, Und überquer das Kinn; Wo man den Mund vermuthete, Da lag ihr Auge drin.. A. d. VUebers. 75. 5⁰ . obgleich der Ritter, in Betreff seiner äussern Ge- stalt, weniger Ursache hatte, sich vor diesem Ehebunde zu scheuen, als der Dichter der alten Ballade zu verstehen gibt. Der übrige Theil des Zimmers war mit schwarzem Eichenholze getäfelt, auf welchem einige Bildnisse in voller Rüstung hingen, Oldbuck's Lieblingshelden aus der Schot- tischen CGeschichte, und cben so viele starrblik- kende Cesichter mit Knotenperücken. und Tres- senkleidern, Herrn Jonathans achtbare Vorfahren. Ein groſser, altmodischer Eichenüäsch war mit Papieren, Pergamenten, Büchern und noch un- peschriebenen Zetteln und mancherley Spiele- reyen bedeckt, die, den Rost des Alterthums ausgenommen, wenig Empfehlendes zu haben schienen. Mitten unter diesem Oeräthe safs ernst, wie Marius auf den Trümmern Carthago's, eine groſse schwarze Katze, die ein abergläubisches Auge für den Schutzgeist des Ortes, den genius locti der Alten, hätte ansehen können. Der Boden war, wie die Tisch' und Stühle, mit altem Plun- der bedeckt, wo man eben so wenig etwas, das man brauchte, hätte ſinden, als irgend etwas enitdecken können, das zu brauchen gewesen wäre. 2 Es war keine Kleinigkeit, durch diesen Wirr- warr den Weg zu einem Stuhle zu finden, ohne über einen Folianten zu stolpern, oder irgend ein Denkmal Römischer oder Altenglischer JTö- 51 pferkunst umzuwerfen. Selbst wenn man den Stuhl wirklich erreicht hatte, mufste man ihn behutsam von Kupferstichen, alten Sporen und Spangen befreyen, die bey dem plötzlichen Ein- nehmen eines solchen Sitzes theils beschädigt werden, theils selbst beschädigen konnten. Herr Oldbuck machte Lovel darauf aufmerksam, und erzählte, wie drey alte Fufsangeln, die man in einem Moor nahe bey Bannockburn gefunden, einst seinen Freund, Heavysterne, Doctor der Theologie und Professor zu Utrecht, der sich bey einem Besuche rasch und unvorsichtig darauf ge- selzt, bedeutend verletzt hätten. Als Lovel endlich zu einem Sitze gelangt war, wünschte er die merkwürdigen Gegenstände rings umher näher in Augenschein zu nehmen. Sein Wirth, der eben so bereitwillig war, Alles zu erklären, zeigte ihm zuerst einen groſsen Streit- kolben oder Prügel mit einer eisernen Spitze, den man vor einiger Zeit auf Oldbuck's Feldern, in der Nähe eines alten Begräbniſsplatzes gefun- den haben mochte. Er hatte sehr viel Aehnlich- keit mit dem Stabe, dessen sich die Hochländi- schen Schnitter auf ihren jährlichen Wanderun- gen von den Gebirgen herab zu bedienen pflegen-. Oldbuck indefs fühlte sich, nach seiner sonder- baren Gestalt, sehr versucht, ihn für eine von den Keulen zu halten, womit die Mönche ihre Bauern, in Ermanglung kriegerischer Waſlen, 5²2. zum Streite gerüstet hätten. Daher ihr Name Kolbenkerle, das ist Claoigeri oder Keulenträger. Er berief sich dabey auf die Chroniken von Ant- werpen und St. Martin, und Lovel, der nie eine Sylbe davon gehört hatte, konnte gegen diese Autoritäten nichts einwenden. Herr Oldbuck zeigte hierauf einige Daumen- schrauben, deren man sich ehemals bey den Ge- richten bedient hatte, so wie das Halseisen ceines des Diebstahls überführten Uebelthäters, dessen Bestrafung, laut der darauf befindlichen Inschrift, einem benachbarten Baron zuerkannt worden war, statt daſs man jetzt dergleichen Verbrecher nach England schicke und dort zur Arbeit anhalte. Sehr mannichfacher Art waren die übrigen Sel- tenheiten, die der alte Herr vorzeigte; am mei- sten bildete er sich indefs anf seine Bücher was cin. Mit selbstgefälligem Lächeln declamirte er, als er den Gast zu dem überfüllten und bestäub- ten Repositorium führte, Chaucer's*) Verse her: 9* „Er hatte an seines Bettes Wand Lieber Schriften in schwarz- oder rothem Band, Von Aristoteles oder seiner Philosophey, Als Putz, Strohfidel und Psalter dabey.“ — *) Ein berühmter Englischer Dichter, der eigentliche Schöpfer der Englischen Poesie, geb. 1328. gest 1400. Sein vorzüglichstes Werk sind seine Canterbury Tales. (London 1721.) A. d. Uebers. ⸗ 53 Er wiegte dabey sein Haupt, und betonte jeden Gutturalbuchstaben nach dem ächten Angelsäch- sischen Dialect, der sich nur in den südlichern Theilen Schottlands verloren hat. Die Sammlung war in der That merkwürdig, und hätte wohl den Neid eines Liebhabers rege machen können. Doch war sie nicht zu so uner- meſslichen Preisen, als heutzutage, angekauft, die selbst den entschlossensten und ersten aller bekannten Büchernarren zurückgeschreckt haben würden, den berühmten Don Quixote de la Man- cha*) der, nach dem Berichte seines wahrhaften Geschichtschreibers, Cid Hamet Benengeli, Ack- ker und Landgüter für Ritterbücher in Quart und Folio austauschte. In diesem kühnen Unterneh- men hat jener irrende Ritter an manchem Lord und Grafen in unsern Tagen einen Nachfolger gefunden; doch hat man wenigstens nicht gehört, daſs einer von diesen eine Schenke für ein Schloſs angesehen, oder seine Lanze gegen eine Wind- mühle gerichtet hätte. Herr Oldbuck folgte, hinsichtlich des Aufwandes, den heutigen Bücher- sammlern nicht; aber er hatte seine Freude da- *) Der Held eines bekannten Romans des Spanischen Dichters Gervantes(geb. 1547, gest. 1616), den Sol- tau übersetzt hat(Königsb. 1800—1. 6 Thle) A. d. Uebers. ran, seine Sammlung selbst zus ammenzubringen, und schonte seinen Beutel auf Kosten seiner Zeit und seiner Mühe. Er ermunterte jene um- herzichenden Vermittler nicht, die gar zu gern den Verkehr zwischen dem unbekannten Bücher- trödler und dem begierigen Liebhaber anzuknü- pfen pflegen, und von der Unwissenheit des Ei- nen oder der Kenntnifs und dem Geschmack, den der Andere theuer genug hat bezahlen müs- sen, ihren Vortheil ziehen. Wenn er von dergleichen Dingen hörte, so unterliefs er selten, zu bemerken, wie nöthig es sey, den Gegenstand, der die Neugierde feſsle, beym ersten Auffinden in Beschlag zu nehmen, und pflegte dann sein Lieblingshistörchen von Schnupf-David und Caxton's Schachspiel zu er- zählen. «David Wilson,» sagte er, gewöhnlich nur schlechtweg Schnupf-David genannt, weil er den schwarzen Rappé sehr liebte, der war ein Meister in seiner Art, wenn's darauf ankam, in Laden und Buden nach seltenen Werken herumzustö- bern. Er hatte eine Nase wie ein Spürhund, sag ich Euch, und griff zu, wie ein Bullenbeifser. Er entdeckte Euch eine alte Ballade, mit Cothi- schen Lettern gedruckt, mir nichts dir nichts unter einem Schwall von Acten, und fand eine editio princeps unter der Larve eines Schulbuchs. Schnupf-David kaufte das Schachspiel von 1474, - 55 das erste Buch, das in England gedruckt worden, in einer Holländischen Trödlerbude für zwey Croschen. Er verkaufte es an Osborne für zwan- zig Pfund Sterling, und dieser an Doetor Askew für sechzig Cuineen. Bey der Versteigerung von Askew's Bibliothek, fuhr der alte Herr mit stei- gender Lebhaftigkeit fort,«glänzte der köstliche Schatz in seinem vollen Werthe, und ward von einem königlichen Liebhaber für einhundert und siebenzig Pfund Sterling erstanden.— Könnte jetzt ein Exemplar vorkommen,» rief er mit ei- nem tiefen Seufzer und gefalteten Händen,«so ist es Cott allein bekannt, was der Preis davon seyn würde, und doch wurde es ursprünglich für den geringen Werth von zwey Croschen gekauft. — Clücklicher, dreymal glücklicher Schnupf- David, und Heil der Zeit, wo Dein Fleiſs so be- lohnt werden konnte!“— „Auch ich selbst,v fuhr er fort,«so tief ich an Betriebsamkeit, Scharfblick und Geistesgegen- wart unter jenem groſsen Manne stehe, kann Ihnen einige Dinge zeigen— viel sind's freylich nicht— die ich zwar nicht mit bedeutendem Geldaufwande, wie's reiche Leute können, je- doch auf eine Art an mich gebracht habe, wor- aus Sie schen werden, daſs ich mich auch ein wenig auf die Sache verstehe. Sehn Sie hier dies Päckchen Balladen, von denen keine einzige spä- ter ist, als 1700, und einige noch ein hundert 56 Jahr älter. Ich lockte sie einem alten Weibe ab, die sie werther hielt, als ihr Psalmbuch. Für eine Parthie Rauch- und Schnupftaback und das Werkchen:„die vollkommene Syrene“ em- pfing ich jene Balladen. Für diese, etwas ver- stümmelte Copie der„Klage Schottlands' hielt ich mit dem verstorbenen Besitzer dieses Gutes bey ein Paar Dutzend Flaschen starken Ale's red- lich aus, der mir dafür jenes Gedicht in seinem Testament vermachte. Diese kleinen Elzevir- Ausgaben erinnern mich an so manchen Weg zu dunkeln Trödlerbuden. Wie oft hab' ich nicht da um einen halben Pfennig geknickert, damit ich nicht durch ein zu schnelles Gewähren sei- ner Forderung den Trödler auf den Gedanken brächte: ich hätte um einen Schatz gehandelt. Wie oft hab' ich gezittert, es möchte irgend ein Vorübergehender rasch hineintreten und mich überbieten! In jedem armen Studiosus der Theo- logie, der die Bücher im Laden durchsah, glaubt' ich einen Nebenbuhler, oder einen habsüchtigen verkleideten Buchhändler zu erblicken. Und nun, lieber Lovel, mit welcher schlauen Freude be- zahlt man, steckt die Beute ein, und nimmt die gleichgültigste Miene von der Welt an, während einem die Hand vor Freude bebt! Können wir dann die Augen unserer reichern und eifersüch- tigen Nebenbuhler durch den Anblick eines sol- chen Schatzes blenden— er hielt ein schwarzes, —— —— 57 beräuchertes Büchlein empor— können wir uns an ihrer Ueberraschung, ihrer Miſsgunst weiden, während wir uns in den Schleyer des heimlichen Bewuſfstseyns unserer überlegenen Kenntniſs und Gewandtheit hüllen— dann, junger Freund, genieſsen wir die hellen Lebensaugenblicke, wel- che die Beschwerden und Mühen, die unabläſsige Aufmerksamkeit vergüten, die unser Beruf vor allen andern verlangt.“ Lovel hörte dem alten Herrn mit Vergnügen zu, und, wenn er auch nicht Alles, was er sah, gehòrig zu würdigen verstand, so bewunderte er doch Oldbuck's Schätze so sehr, als dieser nur irgend erwarten konnte. Hier war eine Ausgabe als die erste geschätzt; dort stand eine andere, die man als die letzte und beste eben nicht we- niger achtete. Dies Buch war gesucht, weil sich des Verfassers letzte Verbesserungen dabey befanden— jenes, sonderbar genug, weil es sie nicht hatte. Das eine war kostbar als Folio- das andere als Duodezausgabe; einige Bücher hatten besondern Werth, weil sie lang— an- dere, weil sie kurz waren. Das Verdienst des einen beruhte auf dem Titelblatte, das des an- dern in der Zusammenstellung der Buchstaben des Wortes Finis. Kurzum, es gab kein Unter- scheidungszeichen, so unbedeutend und lächer- lich es auch seyn mochte, das nicht jedem Buche einen besondern Werth ertheilt hätte. Nicht wenig anziehend war ein Bogen, beti- telt:«Die Leichenrede, der blutige Mord oder wundervolles Wunder aller Wunder,» in seiner ursprünglichen zerlumpten Hülle, in der er an den Strafsenecken aufgehangen, und dort für den billigen Preis von einem Pfennig ſeil geboten war, wiewohl er jetzt wohl so viel in Colde werth war, als jener Pfennig wog. Unser Alterthumsforscher las mit Entzücken diesen und einige andere Ti- tel ähnlicher Werkchen laut vor, wenn sie gleich mit dem Inhalte in wenigem Zusammenhange standen, und nicht mehr Aehnlichkeit damit hat- ten, als die Abbildungen vor einer Bude voll seltener Thiere, mit diesen selbst. Vorzüglich rühmte sich Herr Oldbuck, im Besitz einer Broschüre zu seyn, die folgenden Titel führte: Höchst seltsame und wundersame Nachricht von einigen furchtbaren Himmelserscheinungen, 80 sich zu Chipping Norton, in der Grafschaft Ox- ford, am 26. July des Jahres 1610 halb zehn Uhr Abends gezeigt, und bis eilf Uhr gedauert haben, während welcher Zeit man feurige Schwerter, seltsame Bewegungen der obern Atmosphäre, nebst ungewöhnlichem Funkeln der Sterne er- plicket; worauf sich alsdann der Himmel cröff- net, und seltsame Erscheinungen an's Licht ge- treten seyen, wie man solche noch nie gesehen. Und ist dieses Alles in einem Briefe Herrn Colley in West-Smithficld mitgetheilet unl von Herrn -— 59 Thomas Brown, Frauen Elisabeth Creenaway und Anna Gutheridge, als welche selbst als Zu- schauer dabéy gewesen, bestätiget worden; so aber Jemand dennoch an der Wahrheit dieses Berichtes zweifeln sollte, der möge nach West- Smithfield reisen, und sich alldort bey dem Wirthe zum Bären, Herrn Nighlingale, des Wei- tern erkundigen.“ aSie werden mich auslachen,» fuhr Herr Old- buck fort, als er diesen ellenlangen Titel been- digt hatte,«allein ich verzeih' es Ihnen. Ich geb' es Ihnen zu, dafs die Reize, die uns den Kopf verdrehen, nicht so offenbar sind, als die Reize eines holden Mädchens in den Augen eines jungen Mannes; aber wenn Sie erst eine Brille tragen, so werden Sie schon klüger werden, und richtiger sehen.— Aber still! Da hab' ich noch ein Denkmal des Alterthums, das Sie mehr schäz- zen werden.“ Mit diesen Worten schlofs Herr Oldbuck eine Schublade auf, zog einen Schlüsselbund hervor, und öffuete mit einem derselben eine Tapeten- thüre. Vier steinerne Stufen führten zu einem kleinen Gemache hinab, aus dem er ein Paar Weingläser mit langen EFüfsen holte, wie man auf Tenier's Cemälden findet, nebst einer Fla- sche alten Canariensect, wie er rühmte, und ei- nem Stückchen Kuchen auf einem kleinen sil- bernen Teller von sehr alter Arbeit. 60 «Von dem Teller sag' ich nichts,» fuhr Herr Oldbuck fort, wiewohl er von dem alten tollen Florentiner, Benvenuto Cellini*) seyn soll.— Aber unsere Vorfahren tranken Sect, Herr Lovel. Sie, als Kenner und Bewunderer der dramati- schen Kunst, werden wissen, wo man Notizen darüber findet.— Nun, auf guten Erfolg Ihrer Kunstleistungen in Fairport!» «Und ich wünsche Ihnen reichen Zuwachs Ih- rer Sammlung,“ entgegnete Lovel,«ohne dafs Sie mehr Mühe dabey haben, als nöthig ist, Ihre Erwerbungen schätzbar zu machen.“ Nach diesem passenden Trankopfer stand Lovel auf, um Abschied zu nehmen, und Herr Old- buck schickte sich an, ihn eine Strecke zu be- gleiten, indem er ihm auf dem Rückwege nach Fairport etwas Merkwürdiges zeigen wollte. *) Ein berühmter Goldschmidt und Bildhauer(geb. 1500, gest. 1570.) der sein an sonderbaren Abentheu- ern und mancherley wunderbaren Schicksalen rei- ches Leben selbst niederschrieb. Er ist in einer Ue- bersetzung und mit einem Anhange von Göthe her- ausgegeben worden.(Tübingen 1803. 2 Bde; auch in Göthes sämmitl. Werken Bd. 15 und 16.) Anm, d. Uebers. 61 —ðℳRͤõ—A— Viertes Kapitel. Der listige Alte ging üben die Miesen, Und gprach, nach freundlichem Mioken und Grüſsen: Sagt, wolltet Ihr wohl so gefällig seyn, Ein Plätzchen bey Euch mir zu räumen ein.“ Der Bettler*). Unsere beyden Freunde gingen durch einen klei- nen Baumgarten, dessen alie, fruchtbeladene Aepfelbäume, wie gewöhnlich in der Nähe alter *) Die Altschottische Ballade, zu der diese vier Verse gehören, befindet sich unter dem Titel: The Haber- lunzie Man in Percy's Relicks of Ancient Englich Poo- err. Vol, I. p. 48. Der Verfasser soll, der Tradi- tion zufolge, König Jacob V. von Schottland gewe- sen seyn, der im J. 1542 starb(Siehe ebend.) Anm. d. Uebers. 6² Klostergebäude, auch hier bewiesen, daſs die Mönche ihre Zeit nicht durchaus mäüfsig verlebt, sondern sich mit der Baumzucht und dem GCar- tenbau beschäftigt hatten. Herr Jonathan Old- buck unterlieſs nicht, seinen Freund darauf auf- merksam zu machen, daſs die damaligen Pflanzer im Besitze jenes Geheimnisses neuerer Zeit ge- wesen wären, demzufolge man verhindert, daſs die Fruchtbäume ihre Wurzeln gerade in die Erde schlagen, sondern sie durch Steine, die man zwischen die frischgepflanzten Bäume in die Erde senkt, sich seitwärts hin auszubreiten. «Au diesem alten Kerl hier,“ sagte er läch- elnd, indem er auf einen Baum hindeutete, awelcher vergangenen Sommer vom Sturme um- geworfen, sich dennoch fruchtbeladen zur Erde senkt, ward die erwähnte Vorrichtung applicirt. — Von jenem Baum dort erzählt man sich eine Ceschichte. Seine Frucht heiſst der Abtsapfel. Die Gemahlin eines benachbarten Freyherrn liebte dieses Obst so schr, daſs sie oft nach Monk- barns kam, um es mit eigener Hand vom Baume zu pflücken. Ihr Gemahl, vermuthlich eifersüch- liger Laune, argwöhnte, dafs eine Neigung, wel- che so sehr an Mutter Eva's Celüsten erinnerte, einen ähnlichen Sündenfall verkündigte. Da die Ehre eines edlen Hauses dabey im Spiel ist, so will ich nichts mehr von der Geschichte sagen, als daſs die Besitzungen von Lochart und Cringle- 63 cut noch jährlich einen hestimmten Tribut an Gerste entrichten missen, als Buſse für die Schuld ähres vermessenen Eigenthümers, der sich erkühnt hatte, seinen Weltkindsverdacht auf die from- men Unterhaltungen des Abts und der Büſserin zu werfen.— Sehn Sie wohl dort das kleine Clockengerust, das sich hinter jenem epheube- kränzten Portal erhebtb Dort war ein hospitium, ein hospitale oder hogpitamentum, wie's in allen alten Schriften und Urkunden angegeben ist, wo- rin die Pilger von den Mönchen aufgenommen wurden. Unser Pfarrer behauptet in seinem sta- tistischen Bericht: das hospitium sey entweder auf den Ländereyen von Haltweary oder von Half- starvet befndlich gewesen; allein er irrt, Herr Lovel. Die Pforte hier heifst noch das Palm- träger-Thor*), und mein Cärtner fand, als er für den Winter-Selleri die Erde umgrub, meh- rere behauene Steine, von denen ich einige als Proben an meine gelehrten Preunde und an die verschiedenen alterthumsforschenden Gesellschaf- ten, welche meine Wenigkeit als Mitglied auf- *) Näulich von den Pilgern zu den Zeiten der Kreuz- zuüge, die mit einem Paimzweig von einer gelobten allfahrt nach Jerusalem aurfschzukehren Pflegten. (S. Shakspeare im zWeyten Theil von König Hein- rich VI. Aet V. Sc. 1.) A. d. Uebers- 64 genommen haben, sandte. Aber ich will vor der Hand nichts mehr darüber sagen, ich behalte mir das bey dem nächsten Besuche vor, um so mehr, da ein wirklich interessanter Gegenstand unsre Aufmerksamkeit bald fesseln wird.“» Während er so sprach, waren sie über einige fruchtbare Wiesen und einen Strich Gemeinde- land, auf eine kleine Anhöhe gekommen.— «Hier, Herr Lovel,» begann der alte Herr,«hier ist eine höchst merkwürdige Stelle!“ «Es ist eine schöne Aussicht,“ entgegnete sein Begleiter, sich umsehend «Allerdings; aber der Aussicht wegen führt’ ich Sie nicht hieher.— Sehen Sie sonst nichts Merkwürdiges? Nicht auf der Oberfläche des Bodens 5 «Nun ja, ich sehe etwas, was einem Craben ähnlich sieht, indefs ist es doch ziemlich un- deutlich." «Undeutlich?— Verzeihen Sie, Herr Lovel, die Undeutlichkeit mufs wohl in Ihren Augen liegen. Nichts kann deutlicher angegeben seyn, ein wahrer ager oder vallum, mit dem dazu ge- hörigen Graben oder fossa.— Undeutlich! Du lieber Himmel! das Mädel, meine Nichte, ein so einfältiges Cänschen, als man nur unter dem Weibsvolke finden kann, die entdeckte auf den ersten Blick die Spuren eines Grabens. Undeut- lich! Nun, die groſsen Lager zu Ardoch oder 65 Burnswark in Annandale mögen freylich deutli- cher seyn, weil es Standlager waren, hier aber war nur ein gelegentliches Feldlager. Undeut- lich! Sie müssen doch bedenken, dafs Narren, Bauern und Dummköpfe das Land umgepflügt, und, wie Vieh oder rohe Wilde, zwey Seiten des Vierecks zerstört, und die dritte sehr beschädigt haben, aber die vierte, sehen Sie selbst, ist noch gänzlich unversehrt.“ Lovel suchte sich zu entschuldigen, und das übelangebrachte Wort wegzuerklären, indem er seine Unerfahrenheit vorschützte. Allein es ge- lang ihm nicht sogleich. Sein erster Ausdruck war zu offenherzig und unbefangen gewesen, als dafs er nicht unsern Alterthumsforscher hätte beunruhigen sollen, und er konnte den üblen Eindruck nicht sogleich vergessen. Ihre Augen, mein Bester,“ fuhr der alte Herr fort, a«sind doch nicht eben sehr geübt, sonst würden Sie einen GCraben von einer ebenen Flä- che füglich unterscheiden können.— Undeutlich! Ey, der gemeine Mann— was sag' ich— jeder Kuhjunge nennt's den Kamp*) von Kinprunes, — *) Das im Original befindliche Schottische Wart Kaim entspricht dem niederdeutschen Kamp, das bekannt- lich ein eingeschlossenes Waideland bedeutet. A. d. Uebers. 75. 66 4 und wenn der Name nicht ein altes Lager oder campum anzeigt, so weiſs ich wahrlich nicht—* Lovel pflichtete seiner Meynung bey, und so gelang es ihm endlich, die gekränkte und beun- ruhigte Eitelkeit des Alterthumsforschers zu be-. säuftigen. «Sie werden unstreitig wissen," hub Herr Old- buck mit Ciceronianischer Beredsamkeit an, dals- unsere Schottischen Alterthumskenner über den Schauplatz des entscheidenden Kampfes zwischen. Agricola und den Caledoniern sehr verschiedener Meynung sind. Einige glauben, es sey Ardoch in Strathallan gewesen, Andere halten Inner- peffrey oder Raedykes in den Mearns dafür; noch 4 Andere wollen die Scene jenes Kampfs nach Blair in Nordschottland verlegen.— Nach allen diesen Untersuchungen,“ fuhr der alte Herr mit ganz pesonders schlauen und freundlichen Blicken fort, „was würden Sie denken, Herr Lovel, ich sage, ¹ was würden Sie denken, wenn der merkwürdige Kampf auf eben dieser Stelle statt gefunden hätte, auf diesem Kamp von Kinprunes, dem Grund und Boden meiner geringen Wenigkeit, die so eben 6 mit Ihnen spricht?n Ilier schwieg der alte Herr einige Augenblicke, um seinen Gast eine so wichtige Mittheilung ge- hôrig verdauen zu lassen, und fuhr dann mirt leb- hafterm Tone fort:. Ja, mein junger Freund, ich müſßste mich in 67 der That sehr irren, wenn diese Stelle nicht mit allen Angaben von jenem berühmten Schlacht- felde übereinstimmte. Es lag in der Nähe der Grampian-Berge*)— sehn Sie wohl, wie sie dort unten am Rande des Horizonts in die Wol- ken steigen?— Es war im Angesicht der Römi- schen Schiffe, in conspectu classis, und wo könnt ein Römischer oder Brittischer Anführer eine schönere Bucht finden, als Sie hier rechter Hand sehen? Es ist erstaunlich, wie blind wir Alter- thumsforscher von Profession bisweilen sind! Sir Robert-Sibbald, Saunders Gordon, dem General Roy, Doctor Stukely— allen ist das entgangen! Ich mochte gegen Niemand ein Wörtchen darü- ber fallen lassen, bis der Boden mir gehörte; denn ich hab' ihn von meinem Nachbar, dem alten John Howie, und es hat lange gedauert, ehe wir mit einander einig werden konnten. Fast schäm' ich mich, es zu sagen, dafs ich ihm end- lich für diese wüste Strecke eben so viel Morgen von meinem besten Weizenboden gab. Aber es galt eine Nationalangelegenheit, und ich fühlte mich reichlich belohnt, als ich den Schauplatz eines so merkwürdigen Ereiguisses mein nennen *) Ein Gebirge in Schottland, das sich auf den südli- chen llebriden erhebt, und eine natürliche Scheide- Vand zwischen den Hoch- und Niederlanden bilder. A d. Uebers. 68 konnte. Wer würde nicht, wie Johnson*) sagt, auf den Ebenen von Marathon**) von Va- terlandsliebe erglühen! Ich liefs nachgraben, um etwas zu entdecken, und am dritten Tage, Herr Lovel, ward ein Stein gefunden, den ich nach Monkbarns schaffen liefs, weil ich einen Gypsabgufs davon zu machen denke. Es ist ein Opfergefäfs, mit den Buchstaben A. D. L. L. die sich ohne gezwungene Interpretation lesen lassen: Agricola Dicavit Libens Lubens.» „Gewiſs, lieber Herr Oldbuck, so verhält es sich. Machen doch die Holländischen Alterthums- forscher Caligula zum Erbauer eines Leuchtthur- mes, blos aus dem Grunde, weil sie die Buch- staben C. C. P. F. folgendermaſsen deuten: Ca- Jus Caligula Pharum Fecit.“» «ᷣSehr richtig,"» entgegnete der alte Herr, und man hat das stets als eine gesunde Interpretation gerühmt. Ich sehe, es wird sich schon noch et- was aus Ihnen machen lassen, auch noch ehe Sie *) Ein bekannter classischer Schriftsteller Englands(geb. 1709, gest 1784) durch sein Lexicon der Engl. Spra- che, seine Ausgabe des Shakspeare u. m. a. Werke berühmt. 3 A. d. Uebers. *¹²) Ein Flccken in Attika, berühmt durch den Sieg, welchen die Athenienser unter Miltiades im dritten Jahre der 7asten Olympiade über die Perser erfoch- ten. A. d. Uebers. 69 eine Brille tragen, wenn Sie gleich anfangs die Spuren dieses schönen Lagers für undeutlich hielten." «Mit der Zeit, Herr Oldbuck, und bey gutem Unterrichte—» «Werden Sie geschickter werden— daran zweifl' ich keinesweges. Ich will Ihnen, wenn Sie mich wieder besuchen, meine unbedeutende Abhandlung über die Lagerkunst, nebst Bemer- kungen über die unlängst auf dem Kamp von Kinprunes entdeckten Spuren alter Befestigungen, zum Lesen mittheilen. Ich glaube darin den un- fehlbaren Prüfstein vorgeblichen Alterthums nach- gewiesen zu haben. Ich habe einige allgemeine Regeln über diesen Punkt, und insbesondere über den in solchen Fällen nöthigen Beweis vorausge- schickt. Bemerken Sie indefs gefälligst, dafs ich mich auf Claudian's Worte berufen könnte: Ille Caledoniis posuit qui castra pruinis. Denn wenn gleich das pruinis auch Reif heifsen kann, dem unsre nordöstliche Küste allerdings etwas ausgesetzt ist, also: Er, der im Cale- donischen Reif das Lager geschlagen, so kann es auch einen Ortsnamen bedeuten, näm- lich Prunes, und da haben Sie das Lager von Kinprunes. Doch davon mag ich nichts wis- sen; denn sonst könnte man mir durch Wort⸗ 70 klauberey mein Lager in die Zeiten des Theodo- sius hinabziehen, der um'’'s Jahr 367, oder un- gefähr in der Zeit, von Valentinian nach Brit- tannien gesendet wurde.— Nein, lieber Freund, ich berufe mich auf den Augenschein. Ist hier nicht die porta decumana, das Hauptthor des Lagers? Hätte der entsetzliche Pflug nicht dort seine Verwüstungen angerichtet, wir würden un- fehlbar das Prätorianische Thor sehen. Links kann man einige Spuren der porta sinistra ent- decken, und rechts noch eine Seite der porta deæxtra fast unversehrt. Wir wollen hier auf die- sem Tumulus, dieser Erhöhung stehen bleiben. Es ist die Grundlage zertrümmerter Gebäude, der Mittelpunkt des Lagers, ohne Zweifel das praetorium, das Feldherrnzelt. Von diesem Platze, der sich jetzt nur durch die grünere Ra- senerhöhung von den übrigen Befestigungen un- terscheidet, mochte Agricola das ungeheure Heer der Caledonier überschauen, das dort an dem Abhange jenes Hügels stand, das Fufsvolk in Reihen hinter einander aufwärts, wo die Beschaf- fenheit des Bodens ihrer Schlachtordnung die meistén Vortheile gewährte, die Reiterey und die covinarit, worunter ich das Fuhrwesen ver- stehe, unten, in der tiefern Ebene— —— Sieh, Lovel, sieh,. Wie sich die mächu'ge Schlacht zieht von den Bergen. — 3 71 Die goldne Rüstung glänzt, wie Drachen- schuppen; In Sturmes Donner schreiten sie einher— Blick' hin, und Du sichst Rom nie wieder. Ja, mein iheurer Freund, es ist nicht nur wahrscheinlich, es ist beynah gewiſs, dafs Agri- cola von diesem Punkte aus sah, was unser Beau- mont*) so trefflich schildert.— Von diesem Prätorium——* Prätorien hin, Prätorien her,“ rief plötzlich eine Stimme, den begeisterten Alterthumsforscher unterbrechend; aich weiſs, wer's Ding gemacht hat!*. Beyde sahen sich zugleich um, Lovel mit Er- staunen, und Oldbuck halb überrascht, halb un- willig über die unhöfliche Störung. Unbemerkt hatte sich ein Zuhörer zu ihnen geschlichen, wäh- rend der Klierthumsforscher voll Begeisterung sprach, und Lovel ihm dabey höfliche Aufmerk- keit erwies. Der Fremde hatte das äussere An- sehen eines Bettlers. Ein niedergeschlagener Hut von unförmlicher Cröſse, ein langer, weilser Bart, *) Ein ausgezeichneter Englischer Schauspieldichter. geb. 1585, gest. 1615. Seine Schauspiele sind mit de- nen seines Freundes, John Fleicher, zusaminen erschienen. Eine Ueberseteung begann Kanne- giefser(Berlin 1808. 2 Bde.) 7² auf welchen das greisc Haupthaar hinabwallte, das alte, doch kräftige und ausdrucksvolle Ge- sicht, welches Clima und Witterung hochbraun gefärbt hatten; ein langer blauer Rock mit einem zinnernen Zeichen am rechten Arme, einige Quer- säcke auf der Schulter, für Lebensmittel, welche er von Leuten, die fast eben so arm waren, wie er selbst, als milde Spenden empüng— Alles dies verrieth den Bettler von Profession, einen aus jener privilegirten Classe von Leuten, welche man in Schottland des Königs Gnadenleute oder gewöhnlich Blauröcke nennt. Was sagt Ihr denn, Adam 55 fragte Oldbuck, in der Hoffnung vielleicht, er habe falsch gehört. «Wovon sprecht Ihrbo. «Von dem Ding hier, edler Herr,“ erwiederte der unverzagte Fremdling. Ich weiſs, wer's ge- macht hat.“* «Ihr wiſst den Teufel davon, ihr alter verrück- ter Kerl!“ rief Oldbuck; es war hier, eh' Ihr geboren waret, und wird bleiben, wenn man Euch gehengt hat.“ «Gehängt oder ersäuft, hier oder dort, todt oder lebendig— ich weiſs, wer's gemacht hat. Ihr— Ihr—» stammelte der Alterthums- forscher halb verwirrt, halb aufgebracht,«was zum Teufel, könnt Ihr alter Landstreicher davon wissen?5 — 75 Und doch weiſs ich allerdings darum, Monk- barns. Was hätt' ich davon, wenn ich eine Liige vorbrächte?— Es sind wohl zwanzig Jahre her, als wir das Ding hier machten, das Ihr ein Prä- torien nennt— ich, ein Paar alte Bettler und ein Paar Maurergesellen, die den langen Deich da unten gebaut haben. Es war bey des alten Drum’s Hochzeit, und da haben wir oft d'rin gesessen beym Regenwetter. Wollt Ihr noch mehr Beweise haben, so dürft Ihr nur die Erde aufgraben, wenn Ihr's nicht schon gethan haht. Da werdet Ihr einen Stein finden— darauf hat einer von den Maurergesellen einen Suppenlöffel ausgehauen„ und, um den Bräutigam zu necken, die Buchstaben A. D. Z. L. darauf gesetzt. Das soll heiſsen: Aiken Drum's langer Löffel — denn Aiken aſs Suppe vor sein Leben gern.“ Lovel blickte verstohlen nach Oldbuck, sah aber gleich darauf, von Mitleid bewegt, zurück. Wer jemals das Gesicht eines scchzehnjährigen Mädchens gesehen, dem eine unerwartete Ent- deckung die glückliche Hoffnung auf treue Liebe raubte, oder ein Kind, dessen Kartenhaus ein boshaſter Spielgenosse umgeblasen hat, dem kön- nen wir versichern, dafs Jonathan Oldbuck von Monkbarns weder klüger noch gefaſster aussah. «Dahinter steckt ein Mifsverständnifs," sagte er, indem er sich schnell von dem Bettler weg- wandte. 8 74 „Von meiner Seite nicht,» entgegnete der drei- ste Bettler. aIch mag nichts wissen von Mifs- verständnissen, es erfolgt gewöhnlich Mifsge- schick daraus.— Der junge Herr, der bey Euch ist, wird von einem Kerl, wieé ich bin, wenig 1 halten; allein— was gilt die Weite? Ich sag ihm, wo er gestern Abends gewesen ist, wenn er es anders gern hat, dafs man in Gegenwart an- derer Leute davon spricht.“ Lovels Wangen färbte die Verschämtheit eines zwey und zwanzigjährigen Jünglings. „Kcehren Sie sich nicht an den alten Schelm,* sagte Oldbuck zu seinem Freunde,«und glauben 1 Sie von Ihnen denke. Erinnern Sie sich an die Wor- te, nicht, dals ich Ihres Standes wegen gering welche der alte Cicero in seiner Rede für den Archias von einem aus Ihrer Brüderschaft sagt:„Quis nostrum tam animo agresti ac duro Jurt, u*— at ich kann mich wahrhaftig auf die lateinischen Worte nicht besinnen, aber der Sinn ist ungefähr dieser: Wer von uns wäre s0 roh und ungebildet, daſs er ungerührt bliebe 8 beym Tode des groſsen Roscius*), einem Tode, —jxix; 4) ) Finer der gröfsten Schauspieler des alten Roms, Geburtein Gallier, der ungefähr 61 Jahre vor Chris Geburt starb. Sein Name wurde späterhin sprüsl wörtlieh jedem Virtuosen beygelegt. A. d. Uebe den wir, selbst bey seinem hohen Alter, so we- nig erwarteten, daſs uns vielmehr die Hloffnung belebte, ein, Mann so anziehend und einzig in seiner Kunst, sollte billig frey seyn von dem ge- meinen Loose der Sterblichkeit“— So sprach der Fürst der Redner von der Bühne und ihren Priestern.* Lovel hörte die Worte des alten Herrn, ohne ie genau zu verstehen. So beschäftigt war seine ſ Seele mit dem Gedanken, wie es dem Beittler, der ihn noch immer mit schlauen, durchdringen- den Blicken betrachtete, gelungen seyn möchte, etwas von ihm zu erforschen. Er grifl in die Ta- sche, um so auf' Schnellste seinen Wunsch aus- zudrucken, dafs die Sache verschwiegen bleiben möchte, und das ziemlich beträchtliche Allmo- sen, das er, seinem Blicke nach zu urtheilen, mehr aus Furcht, als aus Mitleid gab, schien dem Bettler, der sich auf die Physiognomik so ziemlich verstand, vollkommen deutlich zu seyn. Seyd unbesorgt, lieber Herr, ich bin kein Zwi- zchenträger, aber es gibt mehr Augen in der Welt als meine!“ sagte der Bettler, die Cabe einsteckend, so leise, daſs nur Lovel ihn hören onnte, aber mit einem Blicke, der das, was er uekhielt, völlig erklärte.„Ich will in die re gehen,“ fügte er hinzu, indem er sich zu Oldhuck wandte, habt Ihr vielleicht da etwas bestellen, oder auch an Sir Arthurd denn ich 76 trefle wohl noch vor Abend in Knockwinnock ein.* Oldbuck erwachte wie aus einem Traume, und während er in Adams schmutzigen, zerrissenen Hut ein Allmosen warf, riefer mit raschem Tone, indem er seinen Aerger zu verhehlen suchte: „Geht, geht nach Monkbarns— laſst Euch etwas zu essen geben, oder wartet. Wenn Ihr in die pfarre oder nach Knockwinnock geht, so braucht Ihr nichts von Eurer närrischen Geschichte zu sagen.“. „Ichb Cott behüte! Von mir soll kein Mensch ein Wort erfahren: mag das Ding da immerhin von Noah's Zeiten her seyn. Aber, so wie ich höre, habt Ihr John Howie für den wüsten Hü- gel eben so viel von Euren besten Feldern gege- ben. Hat er Euch das Ding wirklich als ein al- tes Werk aufgeschwatzt, so kann der Handel, meiner Meynung nach, nicht bestehen, wenn Ihr's über Euch gewinnen könnt, die Sache vor Gericht anhängig zu machen, und zu erklären, dafs er Euch betrogen hat.. «Impertinenter Schurke,“ murmelte Oldbuck vor sich hin;«man möchte gleich vor KAerger bersten.“ Cleich darauf aber sprach er mit lau- ter Stimme:«Claubt das ja nicht, Adam; es ist blos ein Mifsverständniſs.» 3 „Das glaub' ich wirklich,“ enigegnete sein Plagegeist, der eine ordentliche Freude daran zu 77 haben schien, die offene Wunde zu reiben. Ich habe mir's immer gedacht, und hab's noch neu- lich zu der alten Mutter GCemmels gesagt. Claubt doch ja nicht, Mutter, sagt' ich, dafs der Herr von Monkbarns so toll gewesen wäre, für so ei- nen wüsten Fleck, wofür man nicht gern andert- halb Schillinge bezahlte, ein Stück Feld zu ge- ben, wovon der Morgen fünfzig Schillinge unter Brüdern werth ist; aber verlafst Euch nur dar- auf, sagt ich, der nichtsnutzige Schlaukopf, der John Howie, hat ihn geprellt. Wie kann denn das seyn, sagte Mutter Gemmels, es ist ja doch so ein gelehrter Herr, mit dem sich Nicmand messen kann, und John Howie ist ja so dumm, dafs er kaum weiſs, wie er die Kühe aus dem Carten treiben soll. Je nun, sagt ich, Ihr hört ja, daſs er ihm einen blauen Dunst vorgemacht hat mit seinen alten Mährchen.— Ihr erinnert Euch ja wohl noch, edler Herr, des Schottischen Kupferpfennigs, den Ihr für eine alte Münze hieltet 1 Geht zum Teufel!“» rief Oldbuck. In dem- selben Augenblicke aber fiel es ihm ein, dafs sein Ruf in der Gewalt seines Gegners stehe, und er fügte daher mit sanfterem Tone hinzu: „Nun fort mit Euch nach Monkbarns! Wenn ich zurückkomme, schick' ich Euch eine Flasche Doppelbier in die Küche.“ Der Herr belohn’ es Euch, o sagte Adam mit 78. dem ächten Gewinsel eines Bettlers, und setzte zeinen, mit einer eisernen Spitze verschenen Wanderstab weiter, um sich nach Monkbarns zu begeben.« Aber habt Ihr denn, sprach er, sich wieder umwendend, jemals das Geld wiederbe- kommen, das Ihr dem reisenden Krämer für den Kupferpfennig gabt.* Verwünschter Kerl! Ceh' deiner Wege!“ Schon gut, schon gut! Nun, der Herr segne Euch!— Ihr werdet, hoff' ich, mit John Howie noch fertig werden, und ich denk's noch zu er- leben.* Mit diesen Worten entfernte sich der Bettler, und der alte Herr fählte sich endlich von Erin- nerungen erlöset, die nichts weniger als ange- nehm waren. „Wer ist denn der Alte, der sich so ungenirt benimmt?“ fragte Lovel, als der Bettler ihn nicht mehr hören konnte. „Das ist so eine von den Landplagen;“ entgeg- nete Oldbuck. Ich bin immer gegen die Versor- gung der Armen durch Allmosen gewesen, und halte eine Anstalt für besser, wo man sie zur Arbeitzwingt; ich werd' auch wieder dafür stim- men, damit man diesen Schurken einsperrt. Sol- che bettelnde Cäste werden am Ende eben so bekannt und zudringlich, als Hausthiere. Nicht wahr, Sie wollen wissen, Wer er ist? Je nun, er ist mit allen Hunden gehetzt, war Soldat, 79 Balladensänger, wandernder Kesselflicker und endlich Bettler. Unsre thörichten Landedelleute, die haben ihn verdorben, weil sie seine Spässe belächeln und sich Adam Ochiltree's witzige Ein- fälle wiederholen.“ «Freymüthig ist er offenbar, versetzte Lovel, «und das ist doch die Seele des Witzes.“ « ja, er nimmt sich genug keraus," entgeg- nete Oldbuck;«gewöhnlich schmiedet er irgend eine Lüge, um einen dadurch aufzubringen, solch verwirrtes Zeug, wie er eben jetzt erzählte; aber ich will schon ein Wörtchen darúber reden, wenn ich der Sache erst völlig auf den Crund ge- kommen bin.» «In England,“ sagte Lovel,«würde man nicht so viele Umstände mit ihm machen.“* Freylich, Eure Kirchenvorsteher und Schergen würden der Ader seines Witzes nicht lange freyen Lauf lassen. Aber bey uns ist er, schlimm ge- nug, eine Art von privilegirter Landplage, einer von den Ueberresten jener Altschottischen Bettler, die in einem bestimmten Bezirke die Runde mach- ten, Neuigkeiten umhertrugen, den Balladen- sänger, mitunter auch wohl den GCeschichtsfor- scher machten. Der Schalk weiſs mehr alte Bal- laden und alte Sagen, als irgend Jemand in die- sen und in den vier nächsten Kirchspielen. Bey alle dem mufs man gestehen,» fuhr Oldbuck mit ruhigerem Tone fort, als er Adams gute Eigen- 80 schaften aufzählte, dals der Kerl doch eine gute Laune hat. Er hat sein hartes Loos mit vieler Standhaftigkeit ertragen, und es wäre grausam, wenn man ihm den Trost nicht gönnen sollte, über Leute zu lachen, die über ihm stehen. Für das Vergnügen, mich ein wenig herumgeneckt zu haben, wie Ihr lustigen Herren es nennen würdet, hat er Essen und Trinken für ein Daar Tage ge- wonnen.— Aber ich mußs in der That Abschied von Ihnen nehmen, und einmal zuschen, was der Alte macht, denn er trägt sonst am Ende seine ungereimte Geschichte in der ganzen Ge- tend umher.* Mit diesen Worten empfahl er sich seinem Freunde, und kehrte nach seinem hogpitium zu Monkbarns zurück, indeſs Lovel sich auf den Weg nach Fairport machte, und dort, ohne ir- gend ein Abentheuer, anlangte. 81 —ℳ8——-——V—O:n Fünftes Kapitel. Zauncelot Gobbo. Merkt auf! Nun will ich einmal mit aller Gewalt losbrechen.“* Skabespeare's Kaufmann von Venedig, Act 11. Sg. 2. Das Theater in Fairport war eröffnet, aber kein Lovel erschien auf den Brettern, und genau ge- nommen, war auch gar nichts in dem Wesen und Benehmen des jungen Mannes, das unsern Alterthumsforscher hätte berechtigen können, ihn für einen Schauspieler zu halten. 6. Indessen erkundigte sich Herr Oldbuck doch regelmäſsig bey dem alten Barbier, welcher die drey einzigen Perücken des ganzes Kirchspieles zu besorgen hatte, die, trolz Abgaben und Mode, dennoch gepudert und gekräuselt wurden. Der alte Herr hoffte von Tage zu Tage, etwas von 75. 2 82 Lovels Auftreten zu hören, und hatte sich schon entschlossen, bey der Celegenheit, seinem Freun- de zu Ehren, nicht nur selbst das Theater zu be- suchen, sondern auch seine beyden Hausgenos- sinnen mitzunehmen. Aber der alte Jacob Ca- xon brachte keine Nachricht, die unsern Alter- thumsforscher zu dem entscheidenden Schritte hätte bewegen können, eine Loge zu miethen. Er brachte die Botschaft: es wohne ein junger Mann in Fairport, aus dem die ganze Stadtsammt allen Gevatterinnen und Plaudertaschen— die, weil sie keine eigene Geschäfte haben, auf die der andern Leute ein desto aufmerksameres Auge richten— nicht klug werden könne. Der Fremde besuchte keine Gesellschaft, ja er lehnte sogar die Besuche ab, welche viele Bewohner, durch sein angenehmes Betragen eingenommen, mitun- ter auch wohl aus Neugier, ihm abstatten woll- ten. Nichts war regelmäfsiger und weniger einem Abentheurer ähnlich, als seine Lebensweise; sie war einfach, indeſs durchaus so ordentlich, daſs er von Allen, die mit ihm Umgang hatten, in dieser Hinsicht gelobt ward.— „Das sind keine Tugenden eines Theaterhelden! dachte Oldbuck, und so trotzig er sonst auf sei- ner Meynung beharrte, so hätte er sie hier doch durchaus aufgeben müssen, wenn Caxon nicht hinzugefügt hätte: man habe gehört, daſs der junge Herr zuweilen mit sich selbst spräche, und 8 5 83 in seiner Stube umhertobe, als ob er zum Co- mödiantenvolk gehöre.» Nichts, als dieser einzige Umstand, schien Oldbuck's Vermuthung zu bestätigen, und es blieb eine wichtige und schwierige Frage, was ein gebildeter junger Mann, ohne Freunde, ohne Verbindungen oder irgend eine Beschäftigung in Fairport zu thun habe. Weder Portwein, noch Whist schienen etwas Anziehendes für ihn zu haben. Er lehnte es ab, an der Tischgesellschaft der Freywilligen, die scit Kurzem ein Regiment bildeten, Theil zu nehmen, und vermied die Zu- sammenkünfte der beyden Partheyen, worin auch das Städtchen Fairport getheilt war, zu besuchen. Er war zu wenig Aristokrat, um sich zu den äch- ten Königsfreunden zu gesellen, und auf der an- dern Seite doch auch wieder nicht Democrat ge- nug, um sich mit den sogenannten Volksfreunden zu verbrüdern, die gleichfalls das Slädtchen durch ihre Gegenwart begluckten. Die Kaffeehäuser waren ihm verhafst, und ich muſs leider gestehen, dafs er auch an den Theegesellschaften wenig Gefallen finden konnte. Kurz, alles, was man von ihm wufste, war höchst unbestimmt, und man beschrieb ihn meistens nach Eigenschaften, die er nicht hatte. Eine von diesen Verneinungen war indefs doch wichtig. Niemand wufste etwas Nachtheiliges von ihm, und hätte man etwas gewulst, so wäre die 84 natürliche Neigung, von unserm Nächsten Böses zu reden, bey einem so ungeselligé? Wesen ge- wils durch keine Regung von Theilnahme gehemmt worden. Ein Umstand machte ihn indeſs etwas verdächtig. Er pflegte sich auf seinen einsamen Spaziergängen des Pinsels zu bedienen, und hatte einige Ansichten vom Hafen aufgenommen, in denen weder der Signalthurm, noch die Batterie mit ihren vier Kanonen fehlte. Für einige eif- rige Patrioten war dies Beweises genug, den ge- heimnifsvollen Fremden für einen Französischen Spion zu halten. Der Sheriff der Crafschaft hatte ihn besucht, allein nach seiner Unterredung mit dem Fremden war jeder Argwohn so ganz erlo- schen, daſs er ihn zwey Mal bey sich zu Tische einlud, was indefs Lovel höflich ablehnte. Ue- ber den Inhalt jenes Gesprächs beobachtete der Sheriff ein tiefes Schweigen, selbst gegen seine Vertrauten, seinen Schreiber, seine Frau und seine beyden Töchter, die er sonst gewöhnlich bey allen Amtsgeschäften zu Rath zu ziehen pflegte. Alle diese einzelnen Umstände, die Caxon sehr gewissenhaft Herrn Oldbuck mittheilte, gaben diesem, die vortheilhafteste Meynung von dem jungen Manne.„Es ist ein wohlerzogener, ge- bildeter Mann,“ sagte er zu sich selbst, ader mit den Albernheiten und dem läppischen Bench- men des einfältigen Volks in Fairport nichts zu 7 00 5 thun haben mag. Ich mufs etwas für ihn thun, ich muſs ihn zu Tische bitten. Zugleich will ich an Sir Arthur schreiben, und ihn ersuchen, sich gleichfalls an jenem Tage in Monkbarns einzufin- den. Indefs meine Weiber muſs ich doch auch dabey zu Rathe ziehen.“ Nach vorgängiger Berathung ward Caxon mit einem Briefe nach Knockwinnock geschickt.— „Künftigen Dienstag, als den 17. dieses, 23 n0%, schrieb Oldbuck an Sir Arthur, halt' ich ein Cänobitisches Gastmahl in Monkbarns, und bitte Sie, daran Punct vier Uhr Theil zu nehmen. Kann und will meine schöne Feindin, Fräulein Isabelle, uns gleichfalls mit ihrem Besuche be- ehren, so wird mein Weibsvolk stolz genug seyn auf den Beystand einer solchen Verbündeten in der Sache des Widerstandes gegen strenge Regel und rechtmäfsige Obergewalt. Wo nicht, so schick' ich die Weiber für den Tag in die Pfarre. Ich muls Ihnen einen jungen Bekannten präsen- tiren, dessen Ceist ein besseres Gepräge hat, als die meisten Schwindelköpfe heutiger Zeit, der dabey gegen Aeltere den gehörigen Respect beob- achtet und in den Classikern ziemlich bewandert ist. Da ein solcher junger Mann natürlicherweise das Volk in Fairport verachten muſs, so wünscht' ich ihn gern in eine würdige und geistreiche Ce- sellschaft zu führen. Ich bin u. s. W.“ 86 „Fort mit dem Briefe, Caxon! sagte Herr Oldbuck, indem er dem Boten das Schreiben übergab.«Signatum est atque sigillatum,“ fuhr er fort, eilt nach Knockwinnock, und bringt mir eine Antwort zurück. Aber Ihr müſst so eilen, sag' ich Euch, als ob der Rath versammelt wäre, und auf das Hlaupt der Stadt wartete, und dieses wiederum auf seine frisch gepuderte Pe- rücke." Ach, edler Herr,» antwortete der Bote mit tiefem Seufzer,„die Zeiten sind längst vorbey. Verdammt sey die Perücke, die ein Stadtrichter getragen hat, seit des alten Jervies Zeit, und die pflegte das Stubenmädchen selbst zurecht zu ma- chen mit einem Lichtstümpchen und Brodmehl. Ich habe die Zeiten gesehen, wo der wohlweise Rath von Fairport vielleicht eher den Stadtschrei- ber, oder ein Viertel Branntwein auf den Mann nach der Sitzung, entbehrt haben würde, als eine recht schön frisirte, hübsche Periicke für jeden Kopf. Man darf sich gar nicht wundern. dals die Gemeinden miſsvergnügt werden und sich gegen die Gesctze empören, wenn sie die Obrigkeit und den Kirchspielvorsteher und den Herrn Stadtrichter selbst mit Köpfen sehen, die so nackt und kahl sind, als meine Perücken- slöcke.“* «Und inwendig sieht's nicht viel besser aus, Caxon.— Aber jetat fort. Ihr habt wirklich 87 eine herrliche Ansicht von Staatsgeschäften, und seyd der eigentlichen Ursache der Volksunzufrie- denheit so nah' auf die Spur gekommen, als es der Stadtrichter selbst kaum vermöchte.— Doch nun fort, Caonx!* Auf und davon machte sich nun der Bote— Er humpelte, doch lief er offenbar So schnell, als es ihm irgend möglich war. Wüährend er sich indefs auf der Reise befindet, ist es vielleicht hier am rechten Orte, dem Leser über das Haus, wo er seine Sendung ausrichten sollte, einige Auskunft zu geben. Wir haben bercits früher erwähnt, dafs Herr Oldbuck wenig Umgaug mit der Nachbarschaft hatte, und nur mit einer einzigen Person in freundschaftlichen Verhältnissen stand. Dies war Sir Arthur Wardour, ein Baronet von altem Stamme, Besitzer ansehnlicher Güter, aber da- bey in ziemlich bedrängten Umständen. Sein Vater, Sir Anton Wardour, war ein eifriger Anhänger des Hauses Stuart*) gewesen, und *) Ein sogenannter Jakobit oder einer von den Eid- weigerern(non- jurors), Welche sich nach dem 1688 vertriebenen Könige Jacob III., so nannten. Diese Secte wich darin von der Anglicanischen Kirche ab, daſfs sie den neuen Königen den Eid verweigerte, 88 hatte alle Begeisterung für jene Parthey gezeigt, so lange der Sache nur mit Worten gedient wer- den konnte. Als aber im Jahr 1745 das Hoch- ländische Heer heranzog, schien sich der Eifer des edlen Herrn, der gerade in dem entscheiden- den Augenblicke billigerweise hätte zunehmen sollen, doch ein wenig abzukühlen. Zwar sprach er viel davon, für die Rechte Schottlands und Carl Stuarts in's Feld zu ziehen, aber sein klei- ner Sattel wollte nur auf ein einziges Pferd in seinem Stalle passen, und dies Leibrofs war auf keine Weise dahin zu bringen, vor dem Feuer zu stehen. Vielleicht theilte der edle Herr die Bedenklichkeiten des klugen Thieres, und dachte: was dem Pferde schon so furchtbar vorkomme, könnte dem Reiter nicht sonderlich heilsam seyn. Während nun Herr Anton Wardour unthätig schwatzte, trank und zögerte, brach der rüstige Stadtrichter von Fairport, der Vater unsres Al- terthumsforschers, an der Spitze eines Bürger- haufens, aus seinen Mauern hervor, und beseizte und um nicht für sie, sondern für die Stuarts beten zu dürſen, eigene Versammlungen hielt. Als An- hänger des Prätendenten, hatten sie ihren Sitz vor- züglich in Schottland, wurden aber nach der Nie- derlage desselben(1745) sebr vermindert, und sahen sich nach seinem Tode(1788) genöthigt, für Geortz III. zu beten. 3 A. d Uebers. 89 im Namen König Georg II. das Schlofs Knock- winnock. Herr Anton Wardour wurde nebst seinem Sohne Arthur als Gefangener in den To- wer nach London abgeführt. Da man sie indefs des offenbaren Hochverrathes nicht überführen konnte, so wurden sie bald wieder in Freyheit gesetzt. Sie kehrten auf ihr Schlofs Knockwin- nock zuriick, tranken dort wacker auf die Ge- sundheit der Stuarts, und schwatzten von ihren Leiden für die Sache des Königs. Der junge Sir Arthur gewöhnte sich nach und nach so sehr da- ran, dafs er auch, nach seines Vaters Tode, den Hauscaplan für die Einsetzung des rechtmäfsigen Königs, für den Sturz des Thronräubers und für die Befreyung von ihren grausamen und blutdür- stigen Feinden beten liefs, obgleich schon längst kein GCedanke mehr war, an einen ernstlichen Widerstand gegen das Haus Hannover. Dies Gebet wurde eigentlich mehr der Form nach ge- halten, als daſs ein bestimmter Sinn damit ver- bunden gewesen wäre. Sehr deutlich zeigte sich dies im J. 1770, wo sich Sir Arthur wirklich be- quemte, bey Gelegenheit der streitigen Wahl eines Abgeordneten, den Treueid abzuschwören, um einem begünstigten Milbewerber zu dienen. Ungeachtet er dadurch den Erben der Thronan- sprüche verleugnet hatte, für dessen Wiederein- setzung er wöchentlich betete, dauerten gleich- wohl diese frommen Uebungen fort, und dies 9⁰ war selbst noch nach Erlöschung des Hauses Stuart der Fall, wiewohl Sir Arthur sich in allen bürgerlichen Verhältnissen als einen der eifrig- sten und ergebensten Unterthanen Georg III. zeigte. Seine Lebensweise war derjenigen sehr ähnlich, welche die meisten Landedelleute in Schottland führten. Er jagte und fischte, gab Gastmäler, und wurde seinerseits dazu eingeladen; auch fehlte er nie bey Wettrennen und Wahlversamm- lungen. In spätern Jahren, als er zu träge und ungelenk für die Jagd und ähnliche Belustigun- gen wurde, pflegte er sich dann und wann mit dem Studium der Schottischen Geschichte zu be- schäftigen, und da er nach und nach der Alter- thumskunde Geschmack abgewonnen hatte, wenn er gleich weder tiefe noch genaue Kenntnisse da- rin besaſs, so ward er ein Cehülfe seines Nachbarn, des Herrn Oldbuck von Monkbarns, und nahm an seinen Forschungen entschiedenen Antheil. Indefs stimmten die beyden wunderlichen Her- ren nicht in allen Punctemit einander überein, und verwickelten sich nicht selten in Streitigkei- ten. Sir Arthur hegie in Alterthumssachen einen unbegränzten Glauben, und Herr Oldbuck war, ungeachtet der Geschichte mit dem Feldherrn- zelt in Kinprunes, viel bedenklicher, wenn es darauf ankam, irgend eine Sage als baare, ächte Mänze anzunchmen. Sir Arthur würde geglaubt 91 haben, er mache sich eines Majestätsverbrechens schuldig, wenn er an dem Daseyn eines einzigen Fürsten in dem langen Verzeichnisse der hundert und vier Schottischen Könige zweifle, auf welche König Jacob VI. sein Herrscherrecht gründete, und deren Bildnisse von den Wänden der Gallerie zu Holyrood ernst und düster herabblicken. Herr Oldbuck indefs, ein schlauer und miſstrauischer Mann, und keinesweges ein Verehrer des göttli- chen Erbrechts, erlaubte sich wohl dann und wann seinen Spott über die heilige Liste, und meynte, der Aufzug der Nachkommen des Königs Fergus durch den Tempel der Schottischen Ge- schichte sey eben so nichtig und wesenlos, als das glänzende Puppenspiel der Nachkommen Ban- quo's in Hecate's Höhle*). Ein anderer kitzlicher Punct war der gute Ruf der Königin Maria Stuart, den Sir Arthur tapfer verfocht, während Oldbuck, trotz ihrer Schön- heit und ihrer Leiden, daran zweifelte. Wenn sich ihr Gespräch unglücklicherweise gar auf die neuern Zeiten lenkte? so bot fast jedes Blatt der Geschichte Anlafs zum Streit. Oldbuck war aus Grundsätzen ein standhafter Anhänger der pres- byterianischen Kirche, und gehörte zu den Aelte- — *) In Shabspesre' Macheth. ActIV. Sc.*. A, d. Uebens! * 9² sten; er war ein Freund revolutionärer Grund- sätze, wie auch der protestantischen Erbfolge. Gerade das Gegentheil von alle dem war Sir Sr. thur. Nur in der Treue und Anhänglichkeit an den Landesfürsten stimmten beyde völlig mit 4 einander überein.. 3 So geschah es denn nicht selten, dafs Streitig- keiten ihr Verhältniſs störten, zumal da Oldbuck seine satyrische Laune nicht immer unterdrücken konnte. Bey solchen Gelegenheiten dünkte es Sir Arthur, als ob sich der Abkömmling eines Deutschen Buchdruckers vergesse, und den Stand und Stammbaum seines Geguers nicht gehörig bedenkend, im Streite zu viel herausnehnte. Die Erinnerung an die lehnsherrliche Strenge, die Oldbuck's Vater vor Zeiten gegen ihn und seinen Vater ausgeübt hatte, trat ihm auch zuweilen vor die Seele, und entflammte seine Wangen und seine Worte. Endlich pflegte unser Alterthüm- ler, der seinen werthen Freund in mancher Hin- sicht für etwas nicht viel Bessereés, als einen Tho- ren hielt, zuweilen diese ungünstige Meynung deutlicher zu äussern, als es die Regeln der Höf- lichkeit erlauben.. In solchen Fällen schieden sie oftmals mit tie- fem Croll von einander, ja fast mit dem Ent- schlusse, sich künflig für immer auszuweichen, allein sie kamen, wie der Dichter sagl: «Stets über Nacht zu ruhiger Besinnung,» — 95 und indem beyde fühlten, wie sehr ihr Umgang ihnen zur Gewohnheit und zum Bedürfnisse ge- worden war, so pflegte sich ihr Freundschafts- bruch bald wieder auszugleichen. Oldbuck, dem die Empfindlichkeit Sir Arthurs fast einer kindi- schen Regung zu gleichen schien, zeigte bey sol- chen CGelegenheiten gewöhnlich seinen überlege- nen Verstand, indem er mitleidig die ersten Schritte zur Versöhnung that. Einige Male regte sich freylich der Adelstolz des ahnenreichen Rit- ters gegen den Buchdrucker-Abkömmling auf eine sehr beleidigende Weise. In solchen Fällen würde ein ewiger Bruch erfolgt seyn, wenn nicht Fräulein Isabelle Wardour, die, ausser ihrem damals abwesenden und in Kriegsdiensten ste- henden Bruder, des Ritters einzige Nachkom- menschaft repräsentirte, als freundliche Vermitt- lerin dazwischen getreten wäre. Sie wulste nur zu gut, wie sehr ihr Vater Herrn Oldbuck zu sei- ner Unterhaltung und Aufheiterung bedurfte, und sie war in ihrem Geschäfte als Vermittlerin, das der ironische Muthwille des Einen, oder die stolze Anmafsung des Andern nothwendig mach- te, selten ungliicklich. Unter Isabellens mildem Einflusse vergafs ihr Vater das Unrecht, das Ma- ria Stuart erlitten, und Oldbuck verzieh den lä- sternden Ausfall gegen König Wilhelm. Da sie bey diesen Gelegenheiten gewöhnlich scherzend ihres Vaters Parthey nahm, so pflegte sie Old- 94 buck seine schöne Feindin zu nennen; aber er hielt in der That mehr auf sie, als auf irgend Jemand aus ihrem Geschlechte, das er, wie wir gesehen haben, nicht eben sonderlich bewun⸗ derte. Es gab noch ein anderes Band zwischen unsern beyden Helden, das bald anziehend, bald ab- stofsend auf ihre Vertraulichkeit wirkte. Sir Ar- thur wünschte öfters zu borgen, Herr Oldbuck war nicht immer geneigt zum Leihen. Herr Old- buck wünschte dagegen immer regelmäſsige Zu- rückbezahlung des Geldes, und Sir Arthur war nicht immer, ja nicht einmal oft, im Stande, diesen billigen Wunsch zu befricdigen. Sollten nun zwey so entgegengesetzte Tendenzen ausge- slichen werden, so gab es mitunter wohl mürri- sche Gesichter. Bey alle dem pflegten sie sich doch gegenseitig zu accommodiren, und zogen, wie ein Paar zusammengekoppelte Hunde, zwar nicht ganz einig und bisweilen knurrend, aber es kam doch nicht zum Stillstehen oder gar zum Erwürgen. Eine kleine Mishelligkeit hatte beyde getrennt, als Oldbuck's Bote in Knockwinnock ankam. In seinem altgothischen Gemach, aus dessen Fen- stern man hier auf das bewegte Meer, dort auf eine lange Allee hinaus sah, safs der Ritter, von Zeit zu Zeit in einem Foliobande blätternd„ und dann wieder einen müden Blick auf die schlanken 95 und schattigen Linden werfend, auf deren dunk- lem Grün die Sonnenstrahlen zitterten. Endlich — ein froher Anblick! bewegt sich etwas nach dem Schlosse, und weckt die gewöhnlichen Fra- gen: wer das sey, und was er wohl wolle. Der alte, weifsgraue Rock, der humpelnde Cang, der halb niedergeschlagene, halb aufgestülpte Hut, kündigten den hülflosen Perückenmacher an, und die zweyte Frage ward bald durch die Worte des eintretenden Dieners:«Ein Brief von Monkbarns, gnädiger Herr!“ beantwortet. Sir Arthur empfing den Brief mit gebührender Würde. Nehmt den alten Mann in die Küche, und reicht ihm einige Erfrischung,“ sagte Fräulein Isabelle, einen mitleidigen Blick auf sein graues Haar und seinen müden Gang werfend. «Herr Oldbuck, sagte der Ritter, ladet uns auf künftigen Dienstag, den 17 ten, bey ihm zum Essen ein.— Er scheint wirklich zu vergessen,“ fügte er nach einer Pause hinzu,«dafs er sich neulich nicht eben so höflich gegen mich benom- men hat, als sich's erwarten liefse.“ «Lieber Vater,“ entgegnete Isabelle,«Sie ha- ben so viel vor dem guten Oldbuck voraus, daſs er mitunter wohl ein wenig übler Laune werden kann; aber ich weiſs, dafs er Sie und den Um- gang mit Ihnen schätzt, und nichts würd' ihm so leid seyn, als wenn er es an wirklicher Aufmerk- samkeit gegen Sie fehlen lieſse.“ 96 «Richtig, Isabella, richtlig,» versetzte Arthur, man muls der Herkunft schon etwas nachsehen. So etwas von dem Deutschen bäurischen Wesen steckt noch immer in seinem Blute, ein gewisses verkehrtes Auflehnen gegen Rang und Vorrechte. Du wirst bemerkt haben, dafs er bey einem Streite nie einen Vortheil über mich gewinnt, er müſste denn etwa von seiner vertrauten Bekanntschaft mit Jahrzahlen, Namen und kleinlichen That- sachen Nutzen ziehen; das ist eine ermüdende Genauigkeit des Gedächtnisses, die er seiner ge- meinen Abstammung verdankt.» «Aber, ich dächte, Vater, dafs sie ihm bey geschichtlichen Forschungen doch gute Dienste leisten könnte.“ «Sie führt zu einem unhöflichen Absprechen bey gegenseitigen Erörterungen. Es kann nichts unyernünftiger seyn, als wenn er unsern Schrift- steller Boethius anficht, den ich selbst in einer kostbaren, mit Cothischen Lettern gedruckten Folioausgabe besitze, und sich auf ein altes Per- sament beruft, das er zufällig gerettet hat, als es zum Schneidermaſs verschnitten werden sollte. Auch verleitet diese kleinliche und ärgerliche Genauigkeit zu einer kaufmännischen Behand- lung von Ceschäftssachen, die ein Landeigen- thümer, der doch zwey bis drey Ahnen zählt, unter seiner Würde halten sollte. Ich möcht“ in der That fragen, ob es wohl einen Kaufmanns- 97 diener in Fairport gibt, der sich besser auf Be- rechnung der Zinsen versteht, als Monkbarns b «Aber Sie nehmen doch seine Einladung an, lieber Vaterb“ fragte Isabelle. «I nun ja— ja! Wir sind doch sonst nicht versprochen?— Wer mag denn nur der junge Mann seyn, von dem er spricht? Er sucht selten neue Bekanntschaften anzuknüpfen, und so viel ich weiſs, hat er keine Verwandten.“ Es ist vielleicht ein Verwandter seines Schwa- gers, des Hauptmanns Mac Intyre. «Möglich. Nun, wir wollen's annehmen, das Haus Mac Intyre ist sehr alt im Hochlande. Du magst ihm antworten, Isabelle; ich habe keine Zeit zum Schreiben.“ So war denn diese wichtige Sache abgemacht. Fräul ein Isabelle schrieb, daſs sie nebst ihrem Vater die Ehre haben würde, Herrn Oldbuck ihre Aufwartung zu machen, und fugte dabey scherzend hinzu, daſs sie bey dieser Gelegenheit ihre Feindseligkeiten gegen ihn erneuern werde, weil er sich in Knockwinnock, wo man ihn doch so gern habe, seit langer Zeit nicht habe schen lassen.. 98 ————ℳMW——— ᷣ-———ℳêqꝗꝛç d-——O— Sechstes Kapitel. Ber Wodan, bey dem Gott der Angelsachsen, Von dem der E odanstag*) den Namen führt, Auf Mahrheit will ich halten, bis sich einst Der Tag mir naht, wo ich in's dunkle Grab Hinunter muſs— Cartuwright's Ordensgeistlicher. Lovel, der eine ähnliche Einladung erhalten hatte, war den 17. July pünktlich gegen fünf 2) Das Englische Wort wednessday, alt wensday(unser Mittwoch) ist von IIL odensdar(Wodan's oder Odin’s Tag) abzuleiten. Odin ist bekanntlich in der Nor- dischen Mythologie der Gott der Götter, der erste und älteste Aller, der Jahrhunderte hindurch fort- 8 lebt. S. Nyerup's Wörterbuch der scandinavischen Mythologie. Coppenh. 1816. A. d. Webers. 3 99 Minuten vor vier Uhr in Monkbarns. Der Tag war sehr schwül gewesen und einige groſse Re- gentropfen waren gefallen; doch hatte sich die trübe Wolke verzogen. Herr Oldbuck empfing ihn an seiner Carten- thüre, die er, wie früher erwähnt worden„ das Palmträgerthor zu nennen pflegte. Er trug einen vollständigen Anzug von feinem braunen Tuche, grauseidene Strümpfe und eine zierlich gepuderte Perücke, die der alte Caxon„welcher das Gast- mahl gewittert, schr weislich erst kurz vor der Tischzeit fertig gemacht hatte. «Willkommen bey meinem Symposion, Herr Lovel,“ begann der alte Herr; aber nun muſs ich Sie doch auch meinem unseligen und nichts- nutzigen Weibsvolke vorstellen. Es sind so zu sagen malae bestiae, Herr Lovel.“ «Ich müſfste mich sehr irren, wenn ich nicht fände, daſs die beyden Damen diesen bittern Spott keineswegs verdienen.“ „Larifari!*) Weg mit den Schmeicheleyen! Sie werden sie um nichts besser finden, als das ——————— *) Im Oritzinal steht: tilley-vaöler, ein Wort, das schon bey Shakspeare im zweyten Theil von Heinrich IV. (Aet II Sc. 4) vorkömmt, und dort: nichtiges Ge- wäsche, Schnickschnack bedeutet. Die Ableitung aus titivillitzum(eigentlich Faselabgängsel, dann ei- 100 übrige Weibsvolk.— Aber da kommen sie schon. Ich stelle Ihnen hier, Herr Lovel, meine sehr bescheidene Schwester Griselda vor, welche von der Einfalt und Geduld, die man sich seit Alters mit dem Namen Criselda vereinigt denkt, nichis wissen will— und zu gleicher Zeit meine vor- treffliche Nichte Maria— ihre Mutter hieſs Mary, wurde auch wohl Molly genannt.“— Das ältere Fräulein rauschte in Seid' und Atlas einher, und trug auf dem Kopfe ein Gebäude, wie man's in dem Modenjournal vom Jahr 1770 abgebildet findet— ein Gothisches Schlofs, des- sen gewundene Locken für Thürme, die schwar- zen Haarnadeln für Spanische Reiter und die Flä- gel für Banner gelten konnten. Das Gesicht, gleich den alten Vestabildern mit Thürmen ge- krönt, war grofs und lang, Nase und Kinn spiz- zig, und alles den Zügen des Herrn Jonathan Oldbuck so ähnlich, dafs Lovel, wären sie nicht beyde zugleich erschienen, wie Sebastian und Viola in Shakspeare's heiligem Drey-Königs- Abend*), leicht auf den Cedanken gekommen was Nichtiges, Unbedeutendes) die der Alterthums- forscher im Originale macht, geht in der Uebersez- zung, wegen des fehlenden Wortspiels, verloren. Anmerk. d. Uebers. * Das Lustspiel, welches sich unter dem Titel: Ziwelſih Might in seinen Werken befindet. 1 A. d. Uebers. 101 wäre, seinen alten Freund in Weiberkleidung zu erblicken. Ein altmodisch geblümtes Seiden- kleid zierte die seltsame Gestalt, welche jenen Kopfputz trug, der nach der Bemerkung ihres Bruders sich eher als Turban fur einen wilden Türken oder andern Wütherich geschickt hätte, als zum Hauptschmuck einer räsonablen Person und Christin obendrein. Zwey lange, knöcherne Arme waren an den Ellbogen von dreyfachen Blondenbrausen umgeben; und vorne kreuzweise gefaltet, mit langen hochrothen Handschuhen geschmückt, glichen sie einem ungeheuren See- krebse. Schuhe mit Stelzenabsätzen, und ein seidenes Mäntelchen, nachläſsig über die Schul- tern geworfen, vollendeten das Aeussere des Fräu- leins Griselda Oldbuck. Ihre Nichte, die Lovel schon bey seinem er- sten Besuche im Vorbeygehen erblickt hatte, war ein hübsches junges Mädchen, nach der damali- gen neuesten Mode nett gekleidet. Sie hatte et- was Munteres in ihrem Wesen, das ihr gut stand, und vielleicht von der, ihres Oheims Familie eigenen satyrischen Laune abstammte,“ jedoch beym Uebergange gemildert war. Lovel begrüſste beyde Damen, von denen die ältere seinen Gruſs mit einer langen, stattlichen Verbeugung vom Jahr 1760, die jüngere aber It einem kurzen modischen Mnicds erwie- erte. 102 Während dieser Begrüſsungen trat Sir Arthur, der den Wagen fortgeschickt hatte, mit seiner schönen Tochter am Arme in die Gartenthüre, und bewillkommnete die Damen. «Cönnen Sie mir, Sir Arthur, und Sie, meine schöne Feindin,“» begann Oldbuck,«daſs ich Ih- nen meinen jungen Freund, Herrn Lovel, vor- stelle, der bey dem Scharlachfieber, das jetzt hier zu Lande epidemisch zu seyn scheint, doch so wacker und auständig ist, sich in einer ern- sten Farbe zu kleiden. Aber sehen Sie, wie die Modefarbe, die wir nicht in seinem Anzuge lin- den, ihm in die Wangen gestiegen ist. Sir Ar- thur, Sie werden bey näherer Bekanntschaft fin- den, dafs er ernsthaft, verständig, höflich, ein Freund der Gelehrsamkeit, wohl erfahren, sehr belesen ist, und gründlich bewandert in allen verborgenen Geheimnissen der Bühne und der Coulissen, von David Lindsay'’s bis auf Dibdin's Zeiten.— Er wird abermals roth, das heifſst: ich habe Recht. „Meiz Bruder pflegt sich auf eine wunderliche Weise auszudrücken,“ sagte Fräulein Criselda, sich zu Lovel wendend;«indeſs denkt Niemand Arges bey seinen Worten. Ich bitte darum, las- sen Sie sich durch sein Geschwätz nicht irre machen.— Aber Sie müssen in der Sonnenhitze ein beschwerliches Gehen gehabt haben— ist Ihnen nicht etwas gefällig? Ein Glas Melissen- wein 5* 2 105 Ehe Lovel antworten konnte, fiel Oldbuck rasch ein:«Fort, Hexe! Willst Du meine Gäste mit Deinem höllischen Gebräue vergiften? Denkst Du wohl noch daran, wie's dem Geistlichen ging, den Du verführtest, jenes betrügliche Getränk zu kosten?. 0 pfuy, Bruder! Sir Arthur, haben Sie je so etwas gehört? Er muſs bey allen Dingen seinen eigenen Weg einschlagen, oder er erfindet Ce- schichten.— Aber da geht Jenny zu klingeln; das Essen wird bereits angerichtet seyn.“ Bey seiner strengen Sparsamkeit hielt Herr Old- buck keinèe männlichen Dienstboten. Den eigent- lichen Grund davon verbarg er unter dem Vor- wande, das männliche Geschlecht sey zu edel, als daſs es zu jenen Handlungen persönlicher Dienstbarkeit gebraucht werden könne, die man in den frühern Perioden des gesellschaftlichen Zustandes immer den Weibern auferlegt habe. „Wir haben's bey dem Tom Rintherout gesehen, sagte er, den ich, auf Antrieb meiner weisen Schwester, mit gleicher Weisheit zur Probe nahm, Warum plünderte er die Apfelbäume, nahm Vogelnester aus, zerbrach Gläser, und stahl mir zuletzt noch meine Brille, warum an- ders, als weil er den edlen Wetteifer fuhlte, der die Brust des Mannes schwellt, ihn, mit einer Muskete auf der Schulter, nach Flandern geführt hat, und ihn dort ohne Zweifel zu dem Range 104 eines Sergeanten oder an den Galgen bringen wird? Nun aber bewegt sich Jenny, seine leib- liche Schwester, in demselben Berufe, mit si- cherem, geräuschlosem Schritte— gleichviel, ob mit oder ohne Schuhen„ geht sie so leise, wie eine Katze, und ist gelehrig wie ein Pudel.— Warum Weil sie in ihrem Berufc ist. Bedie- nen müssen sie uns, Sir Arthur,“ fuhr er fort, indem er sich zu dem Ritter wandte; die Wei- ber müssen uns bedienen, sag' ich, das ist das einzige, wozu sie taugen. Alle Gesetzgeber des Alterthums, von Lykurg bis auf Muhamed, den die verderbte Aussprache Mahomet nennt, stim- men darin mit einander überein, ihnen ihren untergeordneten Rang anzuweisen, und nur die verrückten Köpfe unsrer ritterlichen Vorfahren haben ihre Dulcineen zu unbeschränkten Herr- scherinnen erhoben.” Fräulein Wardour widersprach laut dieser höchst ungalanten Lehre, aber die alte Eſsglocke ertönte in diesem Augenblicke. «Lassen Sie mich einer so schönen Widersa- cherin alle Pflichten der Höflichkeit erweisen," sagte Oldbuck, dem PFräulein seinen Arm bie- tend.«Ich erinnere mich, mein Fräulein,» fuhr er fort,«dafs Muhamed allerley Bedenklichkei- ten hatte, wie er seine Moslemim zum Gebete rufen sollte. Er verwarf die Glocken, als christ- liche Einrichtung„ die Trompeten als den Aufruf 105 der CGebern*); endlich nahm er die Menschen- stimme an. Ich hegte gleiche Zweifel wegen meines Tischrufes. Die jetzt gebräuchliche Weise dünkt mir eine heidnische Erfindung, und die Stimme des Weibsvolks verwarf ich als einen gellenden Mifston. Ich habe daher, gegen be sagten Muhamet oder Mahomet, die Glocke an- genommen. Sie pafst auch zu dem Orte, da die Mönche sich auf ihren Ruf in den klösterlichen Speisesaal verfügten, und hat den Vorzug vor Jenny's Zunge, dafs sie zwar nicht ganz so laut und gellend ist, indefs doch augenblicklich schweigt, wenn man das Seil fahren läfst; indeſs wir leider aus Erfahrung wissen, daſs jeder Ver- such, Jenny zum Schweigen zu bringen, nur den gleichgestimmten Klang meiner Schwester und Nichte weckt, um als Chor einzufallen.“ Während dieses Gespräches waren sie in den Speisesaal getreten, den Lovel noch nicht gese- hen hatte. Es war ein getäfeltes Zimmer, in dem einige interessante Gemälde hingen. Jenny wartete bey Tische auf; ausser ihr sah man noch *) Die Gebern oder Guebern, ein Persischer Volks- L stamm, auch Feueranbeter genannt, weil sie diea Element anbeten, oder es vielmehr als Sinnbild ei- nes einigen höchsten Wesens verehren, das sie den ewigen Geist(Yerd) nennen. 1 A. d. Uebers. 106 eine Art von Kellermeisterin, welche am Cre- denztische stand, und das unglückliche Loos hatte, die Vorwürfe des Hausherrn und die nicht so deutlichen, aber nicht minder beissenden An. spielungen seiner Schwester zu vernehmen. Das Gastmahl war eines Alterthumskenners wür- dig. Es bestand aus vielen schmackhaften Alt- schottischen Gerichten, die von den heutigen eleganten Tafeln gänzlich verschwunden sind. Man sah dort die köstliche Solandgans*), deren Geruch so kräftig ist, daſs man sie nicht zu Hause kocht. Unglücklicherweise war sie nur halb gahr, und Oldbuck ereiferte sich darüber dermafsen, dafs er sie fast der nachläſsigen Haushälterin an den Kopf geworfen hätte, die den köstlichen Braten herumreichte. Zum Clücke war ihr das Hotsch-Potsch**) besser gerathen, worüber sie allgemeines Lob einärndeie. «Das hab' ich mir gleich gedacht,» sagte Old- *) Die Solandgans(Soland. Goose) der Pelecanus hassa- nus bey Linné. S. Nemnichs Wörterb. der Natur- geschichte. A. d. Uebers. **) Holch-potch(aus dem Französ. hdehis en pot) ein Schottisches Gericht von kleinen Stücken Hammel- fleisch, mit junzen Erbsen, Rüben, Möhren u s. w. rusammengekocht. Einige Aehnlichkeit damit hat das in Hamburg unter dem Namen H üfsputt be- kannie Gericht. A. d Uebers, 107 buck freudig,«dafs dies Gericht köstlich gerathen würde; denn mein Cärtner, David Dibble— ebenfalls ein alter Hagestolz, wie ich selbst— ist stets auf seiner Hut, dals die verdammten Weiber die Küchengewächse nicht ruiniren. Aber hier ist auch Fisch und Briihe dazu— das ver- stehen die Weiber schon zuzubereiten; sie haben überdies das Vergnügen dabey, sich wöchentlich ein Paar Mal mit der alten Maggy Mucklebackit, unsrem Fischweibe, tüchtig herumzuzanken.— Diese Pastéete von jungen Hühnern, Herr Lovel, ist nach einer Vorschrift bereitet, die mir meine Grofsmutter, seligen Andenkens, hinterlassen hat. Wollen Sie noch ein Glas Wein kosten, so werden Sie finden, daſs er für diejenigen paſst, die mit König Alphons von Castilien*) meynen: Altes Holz zum Verbrennen, alte Bücher zum Lesen, alter Wein zum Trinken, und alte Freun- de, Sir Arthur— ja, Herr Lovel, und auch junge Freunde— zur Unterhaltung.“ *) Alphons X. König von Leon und Castilien, mit dem Beynamen der Astronom oder der Philosoph, zeichnete sich durch seine Liebe zu den Wissenschaf- ien aus. Die unter seinem Namen bekannten astro- nomischen Tafeln rühren von ihm her. Als Regent schwankend und unklug, wurde er von seinem Sohne Sancho des Throns entsetzt, und starb im J. 1286. A. d. Uebers. 108 Als die Tafel aufgehoben war und die Flaschen auf den Tisch gesetzt wurden, brachte Oldbuck die Gesundheit des Königs aus, wobey Lovel und auch der Ritter, trotz seiner Anhänglichkeit an die Jacobiten, mit anstiefs. Was bringen Sie uns denn Neues aus Edinburg, Monkbarns,“ hub Sir Arthur an,„wie steht es dab «Toll, Sir Arthur, rein toll— unheilbar wahn- sinnig. Die schlimmste Art von Verrücktheit, der kriegerische Wahnsinn hat Männer, Weiber und Kinder ergriffen.“9 «Es ist hohe Zeit, denk' ich,» versetzte Fräu- lein Wardour, da wir durch einen Einfall von aussen, und einer innern Empörung bedroht werden.» «Ich hab' es gleich gedacht, daſs Sie sich ge- gen mich mit dem Scharlachheere vereinigen wur- den,“ antwortete Oldbuck;«die Frauen werden, wie Truthähne, immer von einem rothen Lumpen bezwungen.— Aber was sagen Sie, Sir Arthur b Sie träumen ja von stehenden Heeren und deut- scher Bedrückung.“ «Was ich meyne, Herr Oldbuck bo entgeg- nete der Ritter. Ich denke, so viel ich darüber urtheilen kann, wir müssen dem Feinde mit ganzer Kraft widerstehen— cum toto corpore regni, wie der Römer sagt— ich kann mich nicht genau auf die ganze Stelle besinnen— 109 einem Feinde, der uns eine republikanische Re- gierungsform aufdringen will, und von Schwär- mern der schlimmsten Art in unsrem eignen Lande begünstigt und angefeuert wird. Ich habe schon einige Maſsregeln getroffen, sag' ich Ihnen, wie sich's für meinen Rang schickt, und habe den Häschern anbefohlen, den alten, schurki- schen Bettler, den Adam Ochiltree, aufzufangen, der das ganze Kirchspiel gegen Kirche und Obrig- keit einzunehmen sucht. Hat er doch mit klaren Worten zu dem alten Caxvon gesagt: in Howie Kilmarnock's Zuber sey mehr Verstand en thalten, als unter den drey Perücken des Kirchspiels. Aber wir wollen dem Schurken schon mores lehren.* 0O nein, lieber Vater!» rief Fräulein War- dour, anicht den alten Adam. Wir haben ihn so lange gekannt. Wahrlich, den Gerichtsdiener, der ihn verhaftet, den werd' ich nie wieder an- schen.“ „Nun, da sieht man's,» sagte der Alterthums- forscher.«Sir Arthur, der standhafte Tory*), hat *) Die Torie's und Whigs, zwey entgegengesetzte Partheyen, deren Ursprung in die Zeiten Jacobs I. (1621) fallt. Die erstern waren die Vertheidiger der unbeschränkten Gewalt des Königs; die Whigs da- Fßen wollten die Volksrechte geltend machen, und ie königliche Gewalt beschränken. A. d. Uebers. 110 einen allerliehsten Spröſsling der Whigs aufge- zogen. Fräulein Wardour allein kann es mit einem ganzen Landgerichte aufnehmen— was sag' ich, mit einem Landgerichte— mit einer ganzen versammelten Grafschaft. Es ist eine Boadicea, eine Amazone, eine Zenobia.“ Und doch, bey allem Muthe,“ entgegnete Isabelle,«freu' ich mich, dafs unser Volk die Waſſen ergreift. «Die Waſfen? Das will ich glauben! Hast Du wohl die CGeschichte von der Schwester Margare- tha gelesen— sie ist aus einem Kopfe entsprun- gen, der, obgleich nun alt und grau, doch mehr gesunden Verstand und Weltkenntniſs hat, als man heut zu Tage in einer ganzen Synode findet. Erinnerst Du Dich wohl in jenem trefflichen Werk an den Traum der Amme, den sie mit solcher Todesangst Hubble Bubble erzählt. Wenn sie ein Stück breites Linnen auseinander falten wollte, so platzte es, wie die Ladung aus einem grofsen eisernen Mörser, und wenn sie die Hand nach der Spindel ausstreckte, so fuhr ihr diese in der Cestalt einer Pistole in's Gesicht.— Mir ist in Edinburg etwas Aehnliches widerfahren. Ich hatte mit meinem Rechtsfreunde zu sprechen, und fand ihn in einer Dragoner-Uniform, mit Wehrgehenk und Helm, eben im Begrifl, sein Streitroſs zu besteigen, das sein Schreiber, als Scharfschütze gekleidet, vor der Thüre auf und 111 abführte., Ich suchte meinen GCeschäftsführer auf, um ihm Vorwürſe zu machen, daſs er mir den tollen Menschen empfohlen hatte. Der Agent hatte seine Feder, die er in ruhigern Zeiten zwi- schen den Fingern schwang, auf den Kopf ge- steckt, und spielte den Artillerie-Officier. Mein Schnitthändler trug ein Sponton in der Hand, als wolle er damit, statt mit einer rechtmäſsigen Elle, sein Tuch messen. Ich befand mich nicht wohl und schickte nach einem Arzte: Er kam— sein Muth schien keineswegs gering; Und aus dem Säbel, der zur Seiten hing, War's, bey den GCöttern! mir fast klar geworden, Er komme, statt zu heilen, nur zu morden. Ich wandte mich an einen andern Doctor; der schien ebenfalls das Todtschlagen mehr im Groſsen treiben zu wollen, wozu sein Beruf von jeher den Weg geöffuet haben soll. Nach meiner Rück- kehr finde ich nun unsre weisen Nachbarn in Fairport von einem eben so tapfern Humor be- seelt. Ich hasse eine Flinte wie eine angeschos- sene wilde Ente, eine Trommel ist mir mehr zuwider, als ein Quäker, und da rasseln und knallen sie nun auf dem Cemeinde-Anger, daſs mir jede Salve und jeder Wirbel fast das Ohr zersprengt. Lieber Bruder,“ versetzte Fräulein Griselda, sprich doch nicht so von den Freywilligen! Ihre Uniform steht ihnen wahrlich sehr gut. Vorige Woche sind sie zwey Mal bis auf die Haut nals geworden; ich traf sie unterwegs in einem furcht- baren Regenwelter. Viele hatten schon einen bösen Husten. Nein, für ihre Anstrengungen sind sie wohl berechtigt, auf unsern Dank zu rechnen.» «.Und ich weiſs,» sagte Fräulein Maria, daſs mein Oheim zwanzig Guineen gegeben hat, um sie zu equipiren.“ «EÆs war für Lakritzensaft und Kandelzucker," entgegnete Oldbuck,«um den Handel des Orts zu beleben, und die Kehlen der Officiere, die sie sich im Dienste heiser geschrieen haben, ein wenig anzufeuchten.“ Ey, ey, Monkbarns,“» fiel der Ritter ein, «Scyn Sie auf ihrer Hut; man wird Sie bald für einen Theilnehmer der demagogischen Umtriebe halten.* 2 1 Nein, Sir Arthur, ich bin ein zahmer Murrer. Ich mache auf weiter nichts Anspruch, als auf das Privilegium, hier in meinen vier Wänden zu krächzen, ohne in den groſsen Chor mit einzu- stimmen, Ni quito Hey, ni pongo Rey, das heiſst: ich mache keinen König und verletze kei- nen, wie Sancho Pansa*) sagt; aber ich bete *) Der Schildknappe des Ritters Don Quixote de la 113 von Herzen für unsern allergnädigsten Heren, zahle Steuern und Gefälle, und brumme hinter dem Rücken des Einnehmers.— Aber da kommt der Schaafkäse; das ist ein besseres Verdauungs- mittel, als die Politik."* Die Damen hatten indefs das Zimmer verlas- sen. Oldbuck und Sir Arthur verloren sich in verschiedene tiefsinnige Forschungen, woran der jüngere Gast, aus Mangel an gelehrter Kenntniſs, oder aus irgend einem andern Grunde, wenig Antheil nahm. Er war in ein tieſes Nachdenken versunken, als man ihn plötzlich um sein Urtheil fragte. «Wir wollen doch hören, was Herr Lovel sagt," sprach Oldbuck, er ist aus Nordengland, und mufs den Platz genau kennen.“ Sir Arthur zweifelte, dafs ein so junger Mann einem Cegenstande dieser Art eine besondere Aufmerksamkeit gewidmet habe. „Ich bin vom Gegentheil überzeugt,“ sagte Oldbuck. Nun, Herr Lovel, was meynen Siep Zeigen Sie, daſs Sie auch etwas davon wissen ⁵" Lovel befand sich in der lächerlichen Lage. gestehen zu müssen, er wisse nicht, wovon die Rede sey, obgleich man über den Gegenstand ——;—— NMancha in dem bekannten Roman des Spanisehen Schriftstellers Cervantes. A. d. Uebers. 75. H — 114 des Gesprächs fast eine Stunde gesprochen und gestritten hatte. «Nun, da haben wir's!» rief Oldbuck;«Cott weiſs, woran der einmal gedacht hat! Ich hab's mir gleich vorgestellt, daſs es so kommen würde, wenn man das Weibsvolk hinzuliefse. Da kann man sicher sechs Stunden hinterdrein kein ge- scheutes Wort aus einem jungen Manne heraus- bringen! Nun, Herr Lovel, es gab einst ein Volk, die Piken—* «Eigentlich Pikten,“ fiel der Ritter ein. Nein, Pikar, Pihar, Piochtar, Piagh- ter oder Peughtar,"» entgegnete Oldbuck mit lauter Stimme;«sie sprachen GCothisch—* «Aecht Celtisch,“ behauptete Sir Arthur. „Cothisch! Gothisch! da will ich darauf ster- ben!» rief der Alterthumsforscher. «Der Streit, meine Herren,“ sagle Lovel, würde sich, wie mich dünkt, leicht durch Sprachgelehrte schlichten lassen, wenn es noch Ueberreste der Sprache jenes Volks gibt.* Es ist nur ein einziges Wort übrig,“ enigeg- nete der Ritter,«aber es ist entscheidend, wie hartnäckig auch Herr Oldbuck seine Meynung vertheidigen mag.“* «Es spricht allerdings für mich, antwortete Oldbuck;«Herr Lovel mag selbst urtheilen. Ich habe den gelehrten Pinkerton auf meiner Seite.“ 115 Und ich den fleifsigen und gründlichen Chal- mers.** „Cordon ist meiner Meynung.“ Sir Robert Sibbald der meinigen.“ aIch habe Innes fuür mich!“ rief der Alter- thumsforscher. «Und ich Ritson,“ fiel Sir Arthur ein. «Aber, meine Herren,“ sagte Lovel, zich möchte doch gern, ehe Sie ihre Streitkräfte mu- stern, und mich mit Zeugnissen bestürmen, das streitige Wort zuvor kennen.“* Benvall riefen beyde zugleich. «Das heifst caput valli, sagte Oldbuck. «Die Spitze des Walles," übersetzte der Ritter. Es folgte eine tiefe Pause. 4 Es ist eine ziemlich schmale Grundlage, ei- ne Hypothese darauf zu bauen,“ bemerkte der Schiedsrichter.. Behüte, behüte!" rief Oldbuck;«es ficht sich am besten in einem engen Kreise, wenn's gilt, einen tüchtigen Stofs zu geben. «Das Wort ist offenbar Celtisch,“ sagte Sir Arthur,«jeder Hügel im Hochlande fängt mit Ben an.* «Aber was sagen Sie zu dem Val, Sir Arthur 5 Ist das nicht offenbar das Angelsächsische Woll?- aEs ist das Römische vallum,» entgegnete der Ritter;«die Pikten haben diese Hälfte des Worts entlehnt.“» 116 Keineswegs; wenn sie ja etwas entlehnten, so war's das Ben, das sie bey den benachbarten Britten von Strath Cluyd finden konnten.* Die Piken oder Pikten, sagte Lovel,«müs- sen eine höchst arme Sprache gehabt haben, da in dem einzigen Worte, das uns von ihnen übrig geblieben, in zwey Sylben die eine unleugbar erborgt ist. Soll ich offen meine Meynung sagen, so fällt mir dabey der Streit jener beyden Ritter ein, welche um einen Schild kämpften, der auf der einen Seite weiſs, auf der andern schwarz war. Jeder von Ihnen, meine Herren, nimmt die eine Hälfte des Wortes in Anspruch, und scheint die andere aufzugeben. Was mich indeſs am meisten befremdet, ist die Armuth der Spra- che, von der nur so geringe Spuren übrig geblie- ben sind.“ 3 Sie irren,“ entgegnete Sir Arthur; die Sprache war reich, und die Pikten ein groſses und mächtiges Volk. Sie bauten zwey Clocken- thürme, zu Brechin und zu Abernethy. Die Jung- frauen vom königlichen Blute der Pikten wohn ten im Schlosse zu Edinburg, damals strum puellarum genannt.* 4 Eine alberne Legende,“ versetzte Oldbuck, eaus keinem andern Grunde erdacht, als um dem Weibsvolk eine Art von Wichtigkeit zu geben. Es hiefs das Mädchenschlofs quasi luous à non 117 lucendo, weil es jedem Angriſfe widerstand, was die Weiber nie thun.» „ Es gibt ein ächtes Verzeichnifs der Pikten- könige,“ hub der Ritter wieder an,«von Cren- theminachcryme, dessen eigentliche Regicrungs- periode zweifelhaft ist, bis auf Drusterstone her- ab, mit dessen Tode ihre Dynastie erlosch. Die Namen der meisten fangen mit dem Celti- schen Worte Mac an, id est, filius— Sohn. Nun, was sagen Sie dazu, Herr Oldbuckb Da finden wir Drust Macmorachin, Trynel Maclach- lin— der erste aus jenem alten Königsstamme, wie sich dies beweisen läfst— und Cormach Macdonald, Alpin Macmetegus, Drust Mactal- largam— hier ward Sir Arthur von einem hef- tigen Husten unterbrochen— auff, ull, uff— Golarge Macchan— uff, uff— Machanan— uff— Macchananail, Kenneth— uff— Mae- feredith, Eachan Macfungus— und zwanzig an- dere, offenbar Celtische Namen, die ich Ihnen der Reihe nach aufzählen wollte, wenn mich nicht der verdammte Husten plagte.» „Trinken Sie ein Glas Wein, Sir Arthur, und spülen Sie Heidennamen hinab, die dem Teufel selbst in der Kehle stecken bleiben würden.— Der letzte, den Sie anführten, hat den einzigen verständlichen Namen. Von Macfungus stammen sie alle ab. Es sind übrigens luftige Monarchen, 118 die Betrug und Narrheit in irgend einem Hoch- ländischen Gehirn ausgeheckt haben." aIch erstaune, Herr Oldbuck,» entgegnete der Ritter;«xsie werden wissen, oder sollten es we- nigstens, daſs Heinrich Maule von Melgum das Verzeichnifſs der Könige aus den Chroniken von Lochleven und St. Andrews genommen hat, wie er dies in seiner kurzen, aber befriedigenden Geschichte der Pikten erwähnt, welche bey Ro- bert Frecbairn in Edinburg gedruckt, und da- selbst im Jahr des Herrn Ein Tausend Sieben Hundert und Fünf oder Sechs genau weiſs ich's nicht— erschienen ist. Ich besitze sie selbst; sie steht auf meinem Repositorio neben der Duodezausgabe der Schottischen Parlaments- acten.— Was sagen Sie dazu, Herr Oldbuck?“ Ich mufs lachen über Heinrich Maule und seine Geschichte,“ erwicderte jener. «Das sollten Sie wenigstens nicht über Leute, die mehr sind, als Sie!“ sagte Sir Arthur etwas höhnisch. Aber ich begreife nicht, warum ich nicht über ihn und seine Ceschichte lachen soll.“ „Heinrich Maule war ein Edelmann.“ Er hat, wie mich dünkt, in dieser Hinsicht keinen Vorzug vor mir,» entgegnete Oldbuck ziemlich scharf. 3 „Mit Ihrer Erlaubnifs, Herr Oldbuck, er war 119 ein Edelmann aus angeschenem Hause und von alten Ahnen; daher— «Sollte der Abkömmling eines Westphälischen Buchdruckers mit gebührender Hochachtung von ihm sprechen? Das mag Ihre Meynung seyn, Sir Arthur, die meinige ist es nicht. Ich denke, meine Abstammung von dem fleiſsigen Buch- drucker Wolfbrand Oldenbuck, der im Decem- ber des Jahres 1493, unter Protection der Herren Sebaldus Scheyter und Sebastian Kammermeister, den Druck der groſsen Nürnberger Chronik vol- lendet— diese meine Abstammung, sag' ich, ist für mich, als Gelehrten, ungleich rühmlicher, als wenn ich in meinem Stammbaum alle jene streitsüchtigen, gepanzerten Gothischen Frey- herren, von Crentheminach-Cryme an, aufzuzäh- len hätte, von denen kein einziger seinen Namen schreiben konnte.“ «Wenn das etwa ein Spott über meine Ahnen seyn soll," versetzte der Ritter, mit einem Aus- druck von stolzer Würde und Fassung,«so kann ich Ihnen sagen, daſs der Name meines Vorfahrs, Gamelyn von Guardover, der sich miles—(Ritter) nennt, mit eigener Hand in der Ragman-Urkunde geschrieben steht.» «Das beweiset nichts weiter, als dafs er einer von den Ersten war, die das unwürdige Beyspiel der Unterwürfgkeit gegen König Eduard I. von England gahen.— Und Sie wollen noch die un- 120 verletzte Loyalität Ihres Stammes behaupten, Sir Arthur 5 «Es ist genug, Herr Oldbuck lo sprach der Ritter, ungestüm aufspringend und seinen Stuhl zuriickschiebend. Ich werde mich in Zukunft wohl hüten, Jemand mit meinem Umgange zu beehren, der sich für meine Herablassung so un- dankbar zeigt.» «Nach Belieben, Sir Arthur!» entgegnete Old- buck.„Ich habe freylich nicht gewuſst, daſs ich Ihnen für Ihren Besuch in meiner geringen Behausung so sehr verbunden sey, und bin des- halb zu entschuldigen, wenn ich meine Dankbar- keit nicht bis zu knechtischer Unterwürfigkeit ausgedehnt habe.“* «Sehr wohl, sehr wohl, Herr Oldbuck!— Ich wünsche Ihnen gute Nacht, Herr— Herr— gute Nacht!“ 4 Mit diesen Worten stürzte der Ritter so entrii- stet hinaus, als ob der Geist der ganzen Tafel- runde*) seine Brust entflammt hätte, und durch- eilte mit groſsen Schritten das Labyrinth von Cängen, welche in's hesusiner führten. *) Die Versammlung von 50 tapfern und edlen Rit- tern an der Tafel des fabelhaften Königs Arthur, der zu Eude des fünften Jahrhunderts in Brittan. nien geherrscht haben soll. Diese Tafelrunde und die übrigen kühnen Thaten und Abentheuer jenes 121 «Haben Sie jemals so einen alten Trotzkopf gesehen P» sagte Oldbuck, sich schnell zu Lovel wendend. Aber in der tollen Stimmung, worin er sich befindet, darf ich ihn doch am Ende nicht weggehen lassen.“ Mit diesen Worten eilte er dem Ritter nach, dessen Spur ihm das Getöse verschiedener Thüren verrieth, die der Entrüstete, das Theezimmar suchend, öffnete, und bey jedesmaliger Täuschung heftig zuwark. «ie werden zu Schaden kommen! rief der Alterthumsforscher; qui ambulat in tenebris, nes- cit quo vadit— wer im Finstern wandelt, weiſs nicht, wohin er geht— am Ende stürzen Sie die Hintertreppe hinab!“ Die Dunkelheit, welche Sir Arthur umgab, äusserte jene besänftigende Wirkung auf ihn, die sie, wie jede Amme und Wärterin weiſs, auf eigensinnige Kinder zu machen pflegt. Er hielt, wenn sich auch sein Croll nicht gemildert hatte, seine eilenden Schritte an, und Herr Old- buck, der als Besitzer des Hauses natürlich bes- ser mit dem Local bekannt war, holte ihn ein, Königs und seiner Ritter lieferten den romantisehen Dichtern Brittanniens reichhaltigen Stoff. Mehrere Balladen findet man in Peroy's Relicks of Ancient Englich Toeczr.(Vol. III. p. 1— 38.) A. d. Uebers, 122 als er eben im Begriſſe stand, die Thüre des Zim- mers zu öffnen. «Warten Sie einen Augenblick, Sir Arthur,» sprach der Alterthumsforscher, ihm in den Weg tretend.«Nicht so hitzig, lieber alter Freund! Ich gesteh's, ich habe mich über den Ritter Ga- mrelyn etwas zu hart geäussert, aber er ist ja méin alter Bekannter, mein Liebling— ein Waffenbruder von Robert Bruce und Wallace— und ich schwöre auf eine Bibel mit Mönchsschrift: er hat die leidige Urkunde nur in der rechtmäs- sigen und löblichen Absicht unterschrieben, um die falschen Engländer zu hintergehen. Das war ein ächt Schottischer Kunstgriff, lieber Ritter— hundert Andere haben's cben so gemacht. Kom- men Sie! Vergessen und vergeben! Wir haben wirklich dem jungen Mann hier Anlaſs gegeben, uns für ein Paar seltsame alte Thoren zu halten!* «Sprechen Sie für sich selber, Herr Jonathan Oldbuck!“ entgegnete der Ritter mit vieler Ho- heit. «Cut, gut! den Eigensinn mufs man gehen lassen.“ Als Oldbuck diese Worte gesprochen, öffnete sich die Thüre des Besuchzimmers, und herein trat die lange hagere Gestalt des Ritters, dem Lovel und Oldbuck folgten. Alle drey sahen ein wenig verwirrt aus. 123 Ich habe auf Sie gewaritet, lieber Vater,» sagte Fräulein Wardour,«ich dächte, wir gingen dem Wagen entgegen, da der Abend so schön ist.* Sir Arthur nahm den Vorschlag an, der ihm in seiner mifsmuthigen Stimmung höchst vill- kommen war. Er schlug den angebotenen Thee und Kaffee aus, wie's bey vorgefallenem Ver- drufs herkömmlich war, nahm seine Tochter bey der Hand, und zog davon, nachdem er den Da- men mit höflicher Förmlichkeit, und Oldbuck sehr trocken Lebewohl gesagt hatte. «Dem Ritter muſs einmal wieder was im Ko- pfe liegen, sagte Fräulein Griselda. «Meinetwegen! Er ist noch abgeschmackter, als das Weibsvolk!— Was sagen Sie dazu, L.o- velb— Wieb Ist der auch fort bo «Er empfahl sich, lieber Oheim, als Fräulein Wardouvr ihre Sachen nahm. Sie haben es wahr- scheinlich nicht bemerkt.“ «Der Teufel steckt in dem Volke!“ sagte Old- buck. Das hat man nun davon, wenn man sich plagt, und aus der gewöhnlichen Ordnung her- ausbringt, um Gastmahle zu geben, die Kosten gar nicht einmal gerechnet, die das verursacht!* Mit diesen Worten nahm Oldbuck eine Tasse Thee in die eine, und einen Band des Rambler*) *) The Rambler(der Herumstreifer) eine Zeitschrift 124 in die andere Hand, weil er, wenn er in Cegen- wart seiner Schwester aſs oder trank, in einem Buche zu lesen pflegte, um dadurch zu zeigen, daſs er die weibliche Gesellschaft verachte, und ihr keinen Augenblick, in dem er sich belehren könne, aufopfern wollte. O Seged, Kaiser von Aethiopien!» rief er, in jenem Buche lesend, aus,«Du hattest wohl recht! Niemand vermesse sich zu sagen: Dies soll ein glücklicher Tag seyn!“ Oldbuck las beynahe eine Stunde, ohne auf irgend eine Weise von den Frauen unterbrochen zu werden, welche in tiefem Schweigen mit ei- nigen weiblichen Arbeiten beschäftigt waren.— Endlich pochte es leise an die Thüre.„Herein!* rief der Alterthumsforscher. Der alte Caxon steckte seinen greisen Kopf und einen seiner weiſsen Aermel durch die halb geöffnete Thüre, und sprach höchst unterthänig in einem sehr geheimniſsvollen Tone: Ich möchte gerne mit Euch sprechen, edler Herr!* So kommt doch herein, alter Narr, und sagt, was Ihr zu sagen habt!“ alch möchte die gnädigen Fräulein nicht gern erschrecken.“ 4 ——;——Q- des Englischen Sehriftstellers Johnson(geb. 1709. 5 gest 1784) die zu London(1750— 52) in 28o Stücken erschien.. A d. Uebers. —— 125 Erschrecken? Was meynt Ihr dennd Küm- mert Euch nicht um die Fräulein.— Ihr habt am Ende wieder einmal einen Geist geschen 5* „Nein, diesmal war's kein Geist— aber ich bin so unruhig— «Habt Ihr denn jemals gehört, daſs Jemand ruhig gewesen wäre?“ versetzte Oldbuck. Wa- rum soll denn ein alter, stumpfer Puderquast gerade ruhiger seyn, als alle übrigen LeuteP“ Es ist nicht meinetwegen, lieber Herr,“ ent- gegnete Caxon,«aber es droht eine furchtbare Nacht, und Sir Arthur und Fräulein Wardour—“* «Nun, die müssen ja ihren Wagen am Ende des Rasenplatzes gefunden haben, und sind offen- bar längst zu Hause.» Sie sind nicht auf der Fahrstrafse ihrem Wa- gen entgegen gegangen, sondern haben den Weg uber die Sandbänke eingeschlagen." Dies Wort traf Oldbuck wie ein Donnerschlag. Ueber die Sandbänkel“ rief er,«unmöglich!* Ja, das hab' ich dem Cärtner auch gesagt. aber der behauptet, er habe sie um die Muschel- klippe umbiegen sehen. Wenn das wirklich ist, Dasid„sagt' ich, so zweifl' ich gar nicht, sagt' ich— „Einen Kalender her, einen Kalender!“ rief, Oldbuck, in der gröfsten Bestürzung, und ein Taschenkalenderchen wegschleudernd, das seine Nichte ihm reichte, wiederholte er:«Groſser 126 Cott! meine gute, liebe Isabella, hole mir doch sogleich den Fairport-Kalender! Der Kalender ward gebracht, und wegen der Ebbe- und Fluthzeit zu Rathe gezogen.«Ich will selber gehen!“ rief Oldbuck lebhaft bewegt,«ruft mir den Gärtner und den Ackersknecht. Sie sol- len Stricke mitnehmen und Leitern— sollen unterwegs noch Leute zu Hülfe rufen— sollen den Gipfel der Klippen ersteigen und ihnen zu- rufen. Ich gehe selber.“» «WVas gibt's denn bo riefen die beyden Mädchen. «Die Fluth! die Fluth!“ entgegnete der Be- sturzte. «Sollten wir nicht Jenny—» fiel Fräulein Marie ein, die an dem Schrecken ihres Oheims lebhaft Antheil nahm.—„Aber nein, ich will lieber selbst hinlaufen, und dem Fischer Saunders Mucklebakit sagen, dafs er sein Boot in Bereit⸗ schaft hält.» 4 «Dank Dir, liebes Kind! Das war das klägste Wort, was wir gehört haben.— Lauf nur, lauf! Ueber die Sandbänke zu gehen,» fuhr er fort, indem er Stock und Hut nahm,«hat man je et- was Tolleres gehört!» 127 AnAneAnnn Siebentes Kapitel. Fie sahen mit Vergnügen an der Küste Ein&chauspiel wild und neu— die Masserwüste; Die Ii ellen wichen fort auf allen Seiten Und gönnten ihnen sicher fortzuschreiten; Doch als die Eluth sich, nach der Ebbe, naht, E ard schmal und immer schmaler bald der Pfad. Der Bericht des Cärtners David Dibble, wel- cher Herrn Oldbuck in so grofse Unruhe versetzt hatte, bestätigte sich wirklich. Sir Arthur und seine Tochter befanden sich schon auf dem Wege nach Knockwinnock, als sie am Ende des groſsen Rasenplatzes den jungen Lovel erblickten, der eine kleine Strecke vor ihnen wandelte, und ab- sichtlich langsam zu gehen schien, um mit ihnen zusammen zu treffen. Fräulein Isabelle schlug ihrem Vater sogleich vor, einen andern Weg zu nehmen, und, da das VWeiter so schön sey, über 128 4 die Sandbänke zu gehen, die unter einer mahle- rischen Felsenreihe, längs dem Scegestade, hin- liefen, und fast zu allen Zeiten einen angeneh- mern Pfad von Monkbarns nach Knockwinnock darboten, als die Landstrafse. Der Ritter willigte in diesen Vorschlag. Er meynte, es würde unangenehm seyn, dem jungen Manne zu begegnen, den Herr Oldbuck ihnen vorzustellen sich erlaubt habe. Seiner altmodi- schen Höflichkeit war die leichte Manier völlig fremd, mit der man heut zu Tage Jeman- den, nach wochenlanger Bekanntschaft, als ei- nen völlig Fremden zu übersehen pflegt, wenn man in einer Lage ist, oder zu seyn glaubt, wo es unangenehm seyn würde, ihn als einen Bekannien zu grüfsen. Sir Arthur zögerte daher nur einen Augenblick, um einen zerlumpten Knaben, dem er ein kleines Trinkgeld gab, dem Kutscher mit dem Auftrage entgegen zu schicken, dafs er nach dem Schlosse zurückfahren solle. Als der Bote abgesandt war, verliefs Sir Arthur nebst seiner Tochter die Landstrafse, und schlug einen Pfad ein, der, zum Theil mit Haidekraut und hohem Grase bewachsen, sich zwischen Sand- hügeln längs dem Strande hinzog. Die Fluth war keinesweges so weit entfernt, als sie geglaubt hatten; indefs beunruhigte sie dies nicht, da es zu den seltnern Fällen gehörte, wo sie so nahe au den Klippen hinanschwoll, dafs kein trockner ——Vʒꝛ⅓ꝛ ꝛ—·y—x x’’’’’’’’— 129 Pfad übrig blieb. Bey Springfluthen äber, oder wenn die Fluth durch heftige Winde beschleu- nigt ward, geschah es wohl, daſs der Pfad gänz- lich überschwemmt wurde, und man wußste sich von manchen Unglücksfällen zu erzühlen, die bey solchen Gelegenheiten statt gefunden hatten. Doch hielt man diese Gefahren für entfernt und unwahrscheinlich. Sie boten, wie andere Sagen, nur willkommnen Stoff zur Unterhaltung am ländlichen Heerd dar, und es liels sich nicht leicht Jemand dadurch abschrecken, den Weg von Monkbarns nach Knockwinnock über die Sandbänke zurückzulegen. Der Ritter und seine Tochter freuten sich über den angenehmen Spaziergang auf der feuchten, kühlen und dabey festen Sandfläche. Fräulein Isabelle bemerkte zuerst, dafs die letzte Fluth weit über den gewöhnlichen Wasserstrich ange- schwollen war; doch beunruhigte sie dieser Um- stand eben so wenig, als ihren Vater, dem er gleichfalls nicht eniging. Die Sonne warf nun ihre breiten Strahlen auf die Meeresfläche herab, die hochgethürmten Wolkenmassen vergoldend, durch welche sie den Tag über gezogen war, und die jetzt auf allen Seiten sich sammelten, wie Miſsgeschick und Unfälle um ein sinkendes Reich und einen gefallenen Herrscher. Ihr erbleichen- der Glanz aber gab noch immer eine ernste Pracht jener mächtigen Dunstmasse, aus deren gestalt- 7 130 losem Dunkel sich jetzt Pyramiden und Thürme Bildeten, bald mit Gold, bald mit Purpur be- säumt, einige darunter auch wohl in tiefem, dunklem Roth erglühend. Das ferne Meer dehnte sich, unter diesem wechselnden und prachtvollen Baldachin, in einer fast Unglück drohenden Stille aus, undspiegelte die blendenden Sonnenstrahlen und den Farbenglanz der Wolken auf seiner ru- higen Fläche ab. Näher am Ufer plätscherte die Fluth in funkelnden Silberwellen heran, die unmerklich, aber schnell, das Sandgestade er- reichten. Von diesem romantischen Naturschauspiel oder welleicht auch von einem unruhigen Gefühl er- griflen, wandelte Isabelle schweigend neben ih- rem Vater einher, den die Empfindung gekränk- ter Würde noch so lebhaft ergriff, dafs er jedes Gespräch vermied. Den Krümmungen des Ge- stades folgend, gingen sie an mehreren vorsprin- genden Felsenspitzen vorüber, und befanden sich endlich unter einer ungeheuren, fortlaufenden Klippenreihe, welche, wie ein eiserner Gürtel, diese Küste an den meisten Stellen vertkeidigt. Weit vorspringende Felsenriffe, die sich unter der Wasserfläche hindehnten, und ihr Daseyn nur hie und da durch einen ganz nackten Gipfel, oder durch die Brandung verriethen, welche über mheilweis bedeckte Felsen hinwogte, machten die Bay dem Steuermann uud dem Schiffsherrn furckt- 131 bar. Die Felsen, welche sich zwischen der Bay und dem festen Lande gegen zwey bis dreyhun- dert Fufs erhoben, gewährten in ihren Spalten einer zahllosen Menge von Seevögeln ein Obdach, das in schwindelichter Höhe vor der Raubsucht der Menschen gesichert zu seyn schien. Viele dieser Schwärme, die durch ihren Instinkt gelei- tet, bey der Annäherung eines Sturms sich an's Uſer begeben, flogen nun, mit dem gellenden und miſstönenden Geschrey, das Unruhe und Furcht verkündet, ihren Nestern zu. Die Son- nenscheibe ward fast ganz verdunkelt, ehe sie völlig an dem Horizont herabgesunken war, und in düstren Schatten verlor sich die heitere Abend- dämmerung des Sommerabends. Es erhob sich bald darauf ein Wind; aber sein wilder, klagen- der Ton wurde eine Zeitlang in der Ferne gehört, und seine Wirkung war auf der Meeresfläche sichtbar, ehe man noch sein Wehen auf dem Lande fühlte. Die Wassermasse, jetzt finster und drohend, erhob sich nun in breitern Wellen, und sank in tiefere Furchen zurück, wobey die hoch anschwellenden Wogen schäumend über d.e Brandung stiegen, oder sich an dem Seege- stade mit einem Tone brachen, der einem fernen Donner glich. Von der plötzlichen Veränderung des Wetters erschreckt, drückte sich Isabella näher an ihren Vater, und hielt seinen Arm fest. 132 «Ich wünschte,» sagte sie halb leise, als schä- me sie sich, ihre Besorgniſs auszudrücken, ich wünschte, wir wären auf der Landstrafse geblie- ben, oder hätten in Monkbarns den Wagen er- wartet.* Ihr Vater blickte umher, allein er sah keine Zeichen eines nahen Sturms, oder that wenig- stens so, als ob er sie nicht sähe. Wir errei- chen Knockwinnock,“ meynte er, noch che das Ungewitter zum Ausbruche kommt.“ Indeſs ging er doch so rasch voran, daſs Isabella kaum Schritt mit ihm halten konnte. Er fühlte offenbar, daſs Eile nöthig sey, wenn sich seine tröstliche Pro- phezeihung bewähren sollte. Sie befanden sich nun fast in der Mitte einer tiefen, engen Bucht, die von zwey vorspringen- den und unersteigbaren Felsenklippen gebildet ward. Keiner von beyden wagte es, die Besorg- niſs laut werden zu lassen, dafſs sie durch die ungewöhnlich schnell wachsende Fluth vielleicht verhindert werden könnten, das vor ihnen lie- gende YVorgebirge zu umgehen, oder auf den Weg, den sie gekommen waren, zurückzukehren. Als sie schnell fortschritten, sehnlich wün- schend, die ermüdenden Krümmungen längs der Bay bald mit einem geraden und ebenen Pfade zu vertauschen, erblickte Sir Arthur an der Küste eine menschliche Gestalt, die sich ihnen näherte, 133 Gott sey Dank!“ rief er,«wir kommen doch noch glücklich um das Vorgebirge; dieser Mensch kommt auch daher.“ Er verrieth durch diese Worte die erwachende Hoffnung, obgleich er seine Besorgniſs unterdrückt hatte. Ja, Gott sey Dank!“ wiederholte Isabella, kaum hörbar, aber im Innern tief bewegt. Die Cestalt kam indefs näher und gab ihnen einige Zeichen, die sie aber in der neblichten Luft, bey Wind und Staubregen, nicht deutlich unterscheiden konnten. Endlich erkannte Sir Arthur den alten Bettler Adam Ochiltree. Es ist bekannt, daſs selbst die Thiere ihre Feindschaft und Abneigung vergessen, wenn sie sich in einer nahen und gemeinschaftlichen Goe- fahr befinden. Und so war denn der Strand un- ter dem Vorgebirge, den die steigende Fluth, vom Winde beschleunigt, immer schmaler mach- te, gleichsam ein friedliches Gebiet, wo selbst der Friedensrichter und der Landstreicher sich gegenseitig duldeten. „Zurück! zurück!“ rief der Bettler;«warum kehrtet Ihr nicht um, als ich Euch winkte P“ „WVir glaubten,“ antwortete Sir Arthur, sehr bewegt,«wir könnten noch um Halkethead kommen.“ Um Halkethead p'“ sagte Adam;„die Fluth geht schon so weit. Ich bin nur noch mit Müh' und Noth vor zwanzig Minuten herumgekommen. Das Wasser steht da schon drey Fuſs hoch. Vielleicht können wir noch zurück um die an- dere Spitze. Der Himmel steh' uns bey! Es ist ein wahres Glück, wenn's geht, aber wir müssen's wagen.“ 0 CGott, mein Kind!“„Vater, lieber Vater!* riefen Arthur und Isabelle zugleich, als die Furcht ihnen Kraft und Schnelligkeit verlich, und sie umkehrten, die südwärts vorspringende Felsen- spitze zu umgehen. Ich hörte von dem Jungen, den Ihr zu Eurem Wagen geschickt habt, daſs Ihr hier wäret,“ sagte der Bettler, als er, ein Paar Schritte sich hinter dem Fräulein haltend, muthig fortwan- derte.«Dafſs die schöne, junge Lady in Gefahr kommen sollte,“ fuhr er fort, das fiel mir schwer aufs Herz. Ist sie doch immer so gütig gewesen gegen jeden Armen, der zu ihr seine Zuflucht nahm. Als ich nun aber sah, wie die Fluth stieg und schwoll, da dacht' ich, es könne noch gut gehn, wenn ich Euch bey Zeiten eine Warnung gäbe. Aber ich fürchte, ich fürchte, daſs ich mich getäuscht habe. Hat man jemals solche Fluth geschen? Wie das wogt und schwillt! Selbst der Ratton-Felsen, der sonst immer über dem Vasser hervorragt, ist ganz bedeckt.“ 135 Der Ritter blickte nach der Gegend hin, wel- che der Alte bezeichnete. Ein ungeheurer Felsen, der sonst auch bey Springfluthen sichtbar blieb, war jeizt völlig überschwemmt, und seine Stelle verrieth nur die brausende Wogenbrandung, die an geine verborgenen Seiten anschlug. «Nur schnell, schnell, mein schönes Fräulein,“ sagte der Alte,«nur schnell, und es geht viel- leicht noch. Fafst meinen Arm— alt und schwach ist er zwar, hat indefs wohl sonst in manchen dhnlichen Nöthen ausgehalten. Faſst meinen Arm, holdes Fräulein! Seht Ihr den schwarzen Fleck dort unter den brausenden Wogen? Heut früh war er so groſs wie der Mast einer Brigg; nun ist er zwar klein, so lang' er indeſs nur noch so groſs ist, als mein Hutkopf, so werden wir noch wohl um's Vorgebirge kommen, denk' ich.“ Isabella nahm schweigend den Beystand des Alten an, da ihr Vater weniger im Stande war, etwas für sie zu thun. Die schwellenden Wogen hatten jetzt das Cestade so hoch bedeckt, dafs die Wanderer den festen, weichen Sandweg ver- lassen, und einen rauhern Pfad einschlagen muſs- ten, der näher am Fuſse der Felsenwand fortlief, und sich an einigen Stellen über die untern Fel- senschichten erhob. Schwerlich würde Sir Arthur mit seiner Tochter, ohne die Führung und Auf munterung des Bettlers, den Weg längs diesen 136 Sandbänken gefunden haben. Der letztere ge- stand, daſs er wohl öfters bey hohem Wasser hier gewesen sey, aber nie in einer so furchtba- ren Nacht. Es war in der That ein grauenvoller Abend. Mit dem Geheul des Sturmes mischte sich das Gekreisch der Seevögel— gleichsam der Grab- gesang der drey Unglücklichen, welche sich als Todesopfer zwischen der brausenden Fluth und dem unersteigbaren Felsen eingeschlossen fanden, und aufihrem mühseligen und gefährlichen Pfade oft von dem Schaume einer sich hoch empor thür- menden Welle benetzt wurden. Mit jeder Mi- nute gewann ihr Feind, der Tod, mehr Boden. Doch hielten sie noch immer die letzte Lebens- hoffnung fest, und hefteten ihre Blicke auf den schwarzen Fleck, den der Bettler ihnen gezeigt hatte. Er bplickte noch immer deutlich aus der Brandung hervor, bis eine vorspringende Felsen- wand ihn ihrem Aug' entzog. Mit dem Verschwin- den dieses Hoffnungszeichens stieg die Angst der bangen Ungewiſsheit in hohem Grade. Sie dran- gen vorwärts, und erreichten den Vorsprung der Klippe, wo sie den Felsen hätten sehen müssen; allein er war schon von den schäumenden Wogen bedeckt, die, an dem Vorgebirge sich brechend, in schneeweifsen Schaummassen an die„dunkle Stirne der Felsenwand anprallten., — —— 137 Der alte Mann schien sehr bestürzt. Ein Schrey erstarb auf Isabellens Lippen. „Cott erbarme sich unser!“ sprach feyerlich der Alte, und mit einem Ausdruck von tiefem Schmerz rief der Ritter:«O mein Kind! mein Kind! Eines solchen Todes zu sterben!“ „Mein Vater, mein theurer Vater!“ rief Isa- belle, sich an ihn schmiegend;«und auch Ihr,“ fuhr sie fort, indem sie sich zu dem Bettler wandte, auch Ihr habt Euer Leben aufgeopfert, um uns zu retten!“* „Daran ist wenig gelegen,“ entgegnete der Alte. „Ich habe lange genug gelebt, daſs ich des Lo- bens müde bin. Hier oder dort, auf einem Damme oder in einem Schneefall, oder in den tobenden Wellen— gleichviel, wo der alte Bett- ler stirbt!** 1 „Guter Mann,“ sagte Sir Arthur,„wiſst Ihr denn gar keinen Ausweg? Keine Häülfen Ich will Euch reich machen— will Euch ein Pacht- gut schenken— ich will—“ Unsere Reichthümer werden bald gleich seyn,“ versetzte der Bettler, mit einem Blick auf die andringenden Wogen; aja, sie sind es schon; ich habe keine Ländereyen, und Ihr gäbt nun gern all' Euro schönen Güter für ein kleines Felsen- stück, das zwölf Stunden trocken bliebe.“ 138 Während dieses Cesprächs standen sie auf dem höchsten Felsenrande still, den sie erreichen konnten; denn jeder Versuch, weiter vorzudrin- gen, schien nur ihren Untergang zu beschleuni- gen. Hier sollten sie das empörte Meer zwar langsam, doch gewiſs, anrücken sehen, fast den Märtyrern in den ersten Zeiten des Christenthums ähnlich, welche von heidnischen Wuthrichen den wilden Thieren geopfert wurden, und eine Zeitlang Zeugen der ungeduldigen Wuth seyn mufsten, womit jene Thiere auf das Zeichen war- teten, um aus ihren Cittern entlassen zu werden und über ihre Opfer herzufallen. In dieser furchtbaren Pause gewann Isabella Zeit, die Kräfte ihrer starken und muthvollen Seele zu sammeln, welche sie in dieser Bedräng- niſs nicht verlieſsen. «Sollen wir untergehen,“ begann sie, ohne noch den letzten Versuch zu wagen? Cibt es denn keinen Pfad, und wär' er auch noch so gefähr- lich, auf dem wir den Felsen erklimmen, oder wenigstens eine Höhe über der Fluth erreichen können, um den Anbruch des Morgens, oder ir- gend einer rettenden Hülfe zu erwartenb Man wird unsere Lage gewahr werden, und Leute auf- bieten, um uns zu befreyen!“ Sir Arthur, der die Worte seiner Tochter nur halb gehört hatte, wendete sich umwillkührlich 139 und schnell zu dem Alten, als ob die Bettung von ihm abhänge. Der Bettler schwieg einige Augenblicke.«Ich war sonst ein guter Kletterer„“ sagte er endlich, und habe manches Mövennest auf diesen schwar- zen Felsen ausgenommen. Das ist nun freylich lang', lange her. Kein Mensch kann hinauf- klimmen ohne Scil, und wenn ich auch eins hätte, so sind leider Augen, Händ' und Beine nicht mehr wie sonst. Wie könnt' ich ELuch retten?— Aber es war hier sonst ein Pfad— indefs wenn wir ihn auch finden könnten, so wär's doch wohl besser, wir blieben hier.— Nun, Cott sey ge- lobt!“ vief er plötzlich nach einer Pause, es kommt Jemand den Felsen hinab!“ Er erhob seine Stimme, und rief dem kühnen Wanderer einige Warnungen zu, wie sie ihm selbst gemachte Erfahrung und Kenntniſs des Lo- cals augenblicklich eingaben.«Ihr seyd recht, ganz recht! Das ist der Weg. Befestigt das Seil an dem Felsenhorn— das ist der schwarzc Stein. Zweymal herum. Recht so. Jetzt ein wenig mehr nach Osten, nach dem andern Steine zu— da war sonst die Wurzel einer alten Eiche. Macht's nur recht ordentlich— nehmt Euch Zeit! Jetzt tretet zu Lieschens Schürze, das ist der breite, blaue Stein! Recht so! Nun, ich denke, 140 mit Eurer Hülfe bringen wir das Fräulein und den Herrn hinauf!* Der Premdling auf der Felsenhöhe, der Adams Vorschriften genau befolgt hatte, warf ihm nun das Ende des Seils hinab. Adam befestigte es um Isabella, und hüllte sie in seinen blauen Oberrock, um sie, so viel als möglich, zu schüz- zen. Dann falste er selber das oben befestigte Seil, und klimmte, freylich nicht ohne Gefahr, glücklich die Felsenwand hinan ‚„bis er auf dem breiten, flachen Steine an Lovels Seite stand. Mit vereinter Kraft zog dieser und der Bettler das Fräulein hinauf. Lovel stieg nun hinab, um auch dem Ritter beyzustehen, der, gleichfalls vom Seile umwunden, durch den Beystand Adams den Gipfel des Felsens erreichte. Das Gefühl, sich von einem unvermeidlichen Tode gerettet zu schen, äusserte sich in seiner gewöhnlichen Stärke. Vater und Tochter um- schlangen sich, Freudenthränen vergiefsend, ob- gleich ihnen die Aussicht bevorstand, eine stür- 3 mische Nacht auf einer schroffen Felsenwand zu- zubringen, wo kaum Platz genug für die vier Unglücklichen war, die vor Kälte zitternd, jetzt, Fie die umher flatternden Seevögel, ein sichres Asyl vor den unten stürmenden Wogen gefunden zu haben glaubten. 141 Der Schaum der Wellen, die bis an den Fuſs der Felsenwand drangen, spritzte bis zur Felsen- platte hinan, und das betäubende Geräusch, wo- mit die Wogen an die Klippenwand schlugen, klang wie eine Donnerstimme, welche die Flücht- linge, als einen dem Meere geweihten Raub, zu- rückforderte. Es war zwar eine Sommernacht, indeſs liefs sich kaum hoffen, daſs ein so zartes Wesen, als Fräulein Isabella, das Sprühen des Wogenschaumes bis zum Morgen aushaltenwerde. Auch wurde das Aengstliche und Gefahrvolle ihrer Lage noch durch einen starken Regenguſe und heftige Windstöfse vermehrt. «Das Fräulein, das arme Fräulein!“ sagte der Alte;«ich hab' sowohl in der Heimath, als in der Fremde, manche ähnliche Nacht auegshalten; aber, lieber Cott, wie wäre ihr das möglich!“ Er theilte seine Besorgnisse dem jungen Manne leise mit. Ich klettere den Felsen wieder hin- an,“ sagte Lovel;«es ist noch immer so hell, dafs ich sehe, wohin mein Fuſs tritt. Wie ge- sagt, ich will hinanklettern, und mehr Hulfe rufen.“ «Thun Sie das, um Cotteswillen!“ rief der Ritter lebhaft,«thun Sie's ja!“'* aSeyd Ihr toll b' versetzte der Bettler; a das hätte selbst Franz von Fowlsheugh, der verwe- genste Kletterer, den ich in meinem Leben ge- 142 kannt habe, nach Sonnenuntergang nie gewagt. Es ist wahrlich Gottes Gnade und ein groſses Wunder, dafs Ihr nach alle dem, was Ihr wag- tet, nicht schon mitten in dem tobenden Meero liegt. Ich hätt' es nie geglaubt, daſs irgend Je- mand die Klippen so gliicklich hinabkommen könnte, als Ihr, und ich glaube, selbst in mei- ner vollen Jugendkraft hätt' ich mir's zu dieser Zeit und bey solchem Wetter kaum zugetraut.— Aber sich wieder hinaufzuwagen, das heiſst Cott versuchen!“* Seyd unbesorgt,“ sagte Lovel;«ich habe mir, als ich hinabkletterte, jeden Absatz genau ge- merkt. Da ist gar keine Gefahr— Pleibt nur hier, mein guter Freund, bey Sir Arthur und dem Frätrtein.“ «Nun, wenn Ihr gehen wollt,“ sagte der Bett- ler halb trotzig,«so soll mich der T— holen, wenn ich hier bleibe. Wir werden beyde mit einander ein Stückchen Arbeit haben, wenn wir hinaufkommen wollen.“ Nein, bleibt hier bey Fräulein Wardour,“ entgegnete Lovel;«Ihr secht, Sir Arthur ist gänz- lich erschöpft.“ «Bleibt Ihr hier, und ich will selber gehen,“ versetzte der Alte; der Tod mag das grüne Holz verschonen, und lieber das dirrre nehmen.“ 143 Bleibt beyde, ich bitt' Euch dringend,“ sagte Isabelle mit matter Stimme. Ich befinde mich wohl, und kann die Nacht recht gut hier zubrin- gen. Ich habe mich völlig erholt——“ Die Stimme versagte ihr in diesem Augenblick; sie sank zu Boden, und würde vom Felsen ge- stürzt seyn, wenn nicht Lovel und Adam sie au die Seite ihres Vaters halb hingelehnt hätten, der, gänzlich erschöpft, in dumpfer Betäubung auf einem Steine safs. «Wir können sie nicht verlassen,“ sagte Lovel. «WMas fangen wir aber an?— Still! rief da nicht etwas 5⁰ Es war ein Secevogel,“ versetzte Adam, ich kenne das Geschrey.“ „Nein,“ rief Lovel,«es war, bey Cott, eine Menschenstimme!“ Man hörte zu wiederholten Malen einen ent- fernten Ruf, der sich deutlich von dem Toben des Sturmes und dem Gekreisch der Seemöven, die um die Felsenplatte flatterten, unterschied. Lovel und der Bettler riefen ein lautes«Halloh!* und der letztere liefs Isabellens Taschentuch, als ein weithin sichtbares Zeichen, auf seinem Stabe wehen. Obgleich der entfernte Ruf wie- derholt wurde, so schwebten die Bedrängten ei- nige Zeit in Ungewilsheit, ob die Antwort ihnen galt, und ob sie, bey dem einbrechenden Dunkel 144 und zunehmenden Sturme, den ihnen auf der Höhe des Felsens zu Hülfe eilenden Wanderern ihren Zufluchtsort genau würden bezeichnen kön- nen. Endlich erhielten sie eine deutliche Ant- wort auf ihren Ruf, und ihr Muth stieg, als sie sich überzeugten, daſs diejenigen, welche ihnen zu Hülfe eilten, wenigstens ihre Stimme hörten, wenn sie sie auch noch nicht erreichten. 145 —CℳVMV—:2́ꝑ́:ſêVÜêſ„—Aꝑ AA Achtes Kapitel. Dort ist ein Felsen, dessen steiler Abhang Furchtbar hinabschaut in die weite Tiefe. Führ' mich dahin ganz nah' bis an den Rand, Und ich will all' dein Elend dir vergelten. Shakspeare's König Lear. Der Ton menschlicher Stimmen auf der Höhe des Felsens wurde immer lauter, und der Glanz mehrerer Fackeln verstärkte das matte Sternlicht, das noch durch das stürmische Dunkel flimmerte. Obgleich sich die Helfer in der Höhe, und die Bedrängten in der Tiefe, welche sich noch auf dem Felsenvorsprunge, der ihnen ein Asyl bot, befanden, einander verständlich zu machen such- ten, so klang doch, bey dem Geheule des Stur- mes. jeder Zuruf so unvernehmlich und verworren, 75. 146 als das Geschrey der gefiederten Felsenbewohner, welche durch die wiederholten Töne menschli- cher Stimmen, die sie selten vernahmen, beun- ruhigt, einen lauten Chor anstimmten. Auf dem Rande der steilen Felsenwand sah man eine ängstlich geschäftige Cruppe. Oldbuck, der vorderste und eifrigste, wagte sich mit bey- spielloser Verwegenheit bis an den äussersten Klippenrand, und streckte den Kopf, auf wel- chem das übergebundene Taschentuch Hut und Perücke festhielt, über den schwindelichten Ab- grund— eine Kühnheit, bey deren Anblick seine furchtsamern Begleiter zitterten. «Nehmen Sie sich in Acht!“ rief Caxon, seinen CGönner beym Rockschoofse fassend, um ihn, so viel es in seinen Kräften stand, vor Gefahr zu schützen. Um Cotteswillen, nehmen Sie sich in Acht! Sir Arthur ist schon ertrunken, und wenn Sie auch die Klippe hinabstürzen, so gibt's nur noch eine Perücke im Kirchspiel, nämlich die des Herrn Plarrers.“ «Habt die Felsenspitze da im Auge!“ rief Mucklebackit, ein alter Fischer und Schleich- händler. Steffen Wilks bring' das Tau herauf. Ich wette, wir bringen sie bald an Bord— Monk- barns, Ihr steht uns nur im Wege!“ Ich sehe sie!“ rief Oldbuck;«ich sche sie! Da unten auf dem platten Steine. Holla, hols 147 Ich seh' sie ebenfalls,“ sagte der Fischer; ie sitzen da unten, wie Nebelkrähen bey trü- bem Wetter. Aber meynt Ihr ihnen damit zu helfen, wenn Ihr so schreit, wie ein alter Was- serrabe vor dem Sturm?— Steffen, den Mast herauf! Was gilt's, ich kriege sie in die Höhe, wie wir oft die Branntweinfässer hinaufgewunden haben— die Spitzhacke her— bindet die Strick- leiter an den Stuhl— haltet steif und bindet das Tau fest!** Die Fischer hatten einen Mast mitgebracht, den man mit Hülfe mehrerer Landleute, welche Theilnahme oder Neugier herbeygelockt hatte, in dem Boden ſest machte. Eine Segelstange, die durch den aufgerichteten Mast ging, und ein daran herabhängendes Tau, das an beyden Enden durch cinen schweren Block gesteckt war, bil- deten einen Krahn aus dem Sitegreife, vermitlelst dessen man einen wokl befestigten Armstuhl auf die Felsbank, wo die Bedrängten saſsen, hinabliefs. Doch ward ihre Freude über die Anstalten zu ihrer Rettung durch den Anblick des unsichern Luftschiffes, dem sie sich anvertrauen sollten, sehr herabgestimmt. Der herabgelassene Stuhl schwankte einige Schritte weit von dem Platze, wo sie sich befanden, in der freyen Luft, von jedem Windstofse bewegt, und man mufste sich ganz auf die Festigkeit eines Taués verlassen, das bey dem zunehmenden Dunkel cinem dünnen 148 Faden glich. Die Gefahr, sich jenem Armstuhl zu vertrauen, wuchs durch die Besorgniſs, daßs derselbe durch Windstöſse oder durch die Schwin- gungen des Taues gegen die schroffe Felsenwand geschleudert werden könnte. Um die Gefahr so viel als möglich zu vermindern, hatte der ge- schickte Seemann mit dem Stuhle ein anderes daran befestigtes Seil herabgelassen, das von den unten stehenden Männern festgehalten, dasschwan- ken des Stuhles verhüten sollte. In der Höhe von überhangenden Klippen bedroht, tief unten von dem tobenden Abgrunde, konnte nur der Muth, den die Verzweiflung einflöſst, die Ungliücklichen bewegen, in dem wilden Sturm und Regen von diesem gefährlichen Hülfsmittel Gebrauch zu ma- chen. Wie furchtbar indeſs die Gefahr von allen Seiten drohte, wie ungewiſs und bedenklich auch das Rettungsmittel schien, so galt es hier nicht lange Ueberlegung. Lovel war, nachdem er durch einen starken Zug, nicht ohne eigene Gefahr, die Stärke des Tau's geprüft hatte, mit Adam der Meynung: das Fräulein solle sich in den Arm- stuhl setzen und sich auf die theilnehmende Sorg- falt der Männer, die sie hinaufwinden wollten, verlassen. Kettet zuerst meinen Vater!“ rief Tahalle, um Gotteswillen, bringt ihn zuerst in Sicher- heit!“ 3 — 149 «Das kann nicht geschehen,“ entgegnete Lo- vel, Ihr Leben, mein Fräulein, muſs zuerst gerettet seyn; das Tau, das Sie tragen soll, kann—“* «Ich mag nichts von einem so eigennützigen Grunde wissen,“ versetzte Isabella. Ihr müfst darauf hören, bestes Fräulein,“ sprach Ochiltree;«hängt doch unser Aller Leben davon ab. Seyd Ihr oben, so könnt' Ihr's den Leuten schildern, wie's hier auf unsrem Patmos*) aussicht; Euer Vater kann das aber nicht, glaub' ich.“ «Ich seh' es ein,“ sagte Isabella, die Wahr- heit jener Bemerkung fühlend,«und bin bereit, die Gefahr zuerst zu bestehen. Was soll ich unsern Freunden oben sagen b“ „Sie sollen darauf Acht haben,“ enigegnete Adam,«dais ihr Tau nicht an die Felsenwand streift, und sollen es ganz und gut herablassen und hinaufziehen. Wir wollen schon rufen, wenn wir fertig sind.“ ——— *) Eine kleine, zwischen Naxos und Samos im Archi- pelagus gelegene Insel, die jetzt Patino oder Pal- mosa heiſst. Der Evangelist Jobannes wurde dabin verwiesen, und soll dort seine Offenbarung geschrie- ben haben. Es befindet sich noch ein merkwürditzes Kloster des heil. Johannes dort. Anmerk. d. Uebers. 15⁰ Mit der ängstlichen Sorgfalt, die ein Vater für sein Kind hegt, band Lovel mit seinem Taschen- tuche, seiner Halsbinde und des Bettlers leder- nem Gürtel das Fräulein an die Rücklehne des Stuhls, mit vieler Vorsicht jeden einzelnen Kno- ten prüfend. Während dieser Zeit suchte Adam den Vater zu beruhigen. Was macht Ihr mit meinem Kinde 5' rief Sir Arthur bekümmert.„Ihr sollt sie nicht von mir trennen; Isabella, Du bleibst hier— ich befehl' es Dir!“ So schweigt doch, um Cotteswillen,“ entgeg- nete Ochiltree, der Ausrufungen des Ritters über- drüssig;«dankt lieber Gott, daſs klügere Leute da sind, als Ihr, um diese Arbeit zu verrichten.“ «Leben Sie wohl, mein Vater,“ sprach Isa- bella leise;«lebt wohl, meine Freunde!“ Nach Adams Rath die Augen zudrückend, gab sie Lo- vel ein Zeichen, der darauf den Männern oben die Losung zurief. Der Stuhl schwebte empor, und wurde durch die Leine, welche Lovel lenkte, in fester Richtung gehalten. Mit klopfendem Herzen sah er ihr weifses Cewand wehen, bis der Stuhl mit dem Rand der Felsenklippe in glei- cher Hõöhe war. Jetzt nehmt Euch zusammen, Ihr Bursche!“ rief der alte Mucklebackit,«die Segelstange et- was nachgelassen! So!— nun, da sitzt sie im Trocknen!“ „ 151 Ein lauter Ausruf der Freude verkündigte den Leidensgefährten in der Tiefe den glücklichen Erfolg. Sie beantworteten ihn mit einem freudi- gen Halloh. . Oldbuck legte, vor Freuden ganz ausser sich, seinen Ueberrock ab, um das Fräulein einzu- hüllen, und würd' auch Rock und Weste ausge- zogen haben, wenn er nicht durch den alten Caxon daran verhindert worden wäre. «Ey, Cott steh' uns bey,“ sprach dieser,«wol- len Sie denn durchaus den Husten kriegen? Sie werden ihn, weils Gott, in vierzehn Tagen nicht wieder los. Nein, nein! Der Wagen ist nicht weit von hier; ein Paar von unsern Leuten kön- nen ja das Fräulein dahin tragen.“ Ihr habt recht,“ entgegnete Oldbuck, indem er seinen Rock wieder anzog.«Erlauben Sie. mein Fräulein,“ fuhr er fort,«daſs ich Sie zu dem Wagen führe.“ „Nein!“ rief Isabella lebhaft,«um keinen Preis der Welt jkann ich das zugeben, ch' ich meinen Vater in Sicherheit weiſs.“ „Richtig, richtig,“ versetzte Oldbuck;«wünsch ich doch selbst den Sohn des edlen Gamelyn von Guardover auf trocknem Lande zu schen. Jetzt WE' er, glaub' ich, durch einen Eidschwur es béßtaftigen, dafs die Königin Maria nicht besser 15²2 ist, als sie seyn soll, wenn er wieder bey mei- ner Flasche alten Portweins sitzen könnte, den er kaum gekostet hatte, als er davon rannte.“ Der Armstuhl war indeſs wieder niedergelassen worden, und Sir Arthur, den man auf die früher erwähnte Weise sorgfältig daran befestigt hatte, erreichte glücklich die Höhe der Felsenklippe. «Da kommt er ja wahrlich schon!“ rief der Alterthumsforscher.„Nur behutsam, Bursche! Seht Euch vor! Ein Stammbaum mit hundert Aesten hängt an einem schlechten Seile. Hespice Jinem, respice funem— bedenkt das Ende— das Ende des Seils.— Nun willkommen, alter Freund, willkommen auf festem Lande, wenn's auch hier eben weder warm, noch trocken ist.“ Während dieser Worte lag der Ritter in Isa- bellens Armen, welche einigen Landleuten gebot, ihn zu dem Wagen zu bringen, wohin sie in wenigen Augenblicken nachfolgen wolle. Sie Pblieb zögernd an dem Felsenrande stehen, ge- stützt auf den Arm eines alten Landmannes, weil sie wahrscheinlich auch die übrigen Un- glücksgefährten erst in Sicherheit wissen wollte. Wer kommt denn dab“ sagte Oldbuck, der den Stuhl wieder heraufziehen sah. Wie, bist Du’s!“ rief er erstaunt, als er in dem Fackel- Klan⸗ die rauhen Züge und das graue Haar des etllers erkannte; komm, alter Gauner, Mir 153 8 müssen Freunde seyn. Aber wer zum Henker ist denn noch in Eurer Gesellschaft?'* «Einer, der mehr werth ist, als wir beyde, Monkbarns,“ entgegnete der Bettler,«es ist der junge Fremde, der sich Lovel nennt. Hat er sich doch heut Abend so benommen, als ob er mehr Leben als eins hätte, und lieber alles in die Schanze schlagen wolle, als irgend Jemand in Gefahr sehen.— Nehmt Euch ja in Acht, Bursche, wenn Euch an dem Segen eines alten Mannes was gelegen ist. Bedenkt, es ist Kei- ner mehr unten, der das Seil ordentlich lenken «Ja, ja, nehmt Euch in Acht †' rief Oldbuck. „Ist's doch mein schwarzer Schwan— rara avis — mein Phönix aller Reisegefährten! Seht Euch ja vor, Mucklebackit!“ «Wird so wohl in Acht genommen,“ enigeg- nete der Fischer,«als ob's ein Fäſschen vom be- sten Branntwein wäre.“ Lovel hatte indels mehr Gefahren zu beste- hen, als alle seine Vorgänger. Da er nicht so schwer wor, daſs der Stuhl bey dem heftigen Sturmwinde in gerader Richtung hätte aufsteigen koönnen, so ward er hin und hergeschleudert, und muſste jeden Augenblick fürchten, an den Felsen zerschmettert zu werden. Allein er war jung, kühn und gewandt; auch leistete ihm der 154 Wanderstab des Bettlers so gute Dienste, dafs er sich von den vorspringenden Felsenecken ent- fernt halten konnte. Wie ein Federball hin und hergeworfen, überſiel ihn doch keine Furcht, noch ein Schwindel; er behielt vielmehr Beson- nenheit und Geistesgegenwart genug. Erst, als er sich gläcklich auf der Höhe des Felsens be- fand, konnte er sich eines Anfalls von Schwindel nicht erwehren. Doch erholte er sich schnell von seiner leichten Ohnmacht, und warf seine Blicke forschend umher. Sie, der sein Auge so Fera begegnet wäre, hatte sich bereits enitfernt. 3 rem Vater führte, das Schimmern ihres weiſsen CGewandes. Sie hatte so lange verweilt, bis auch der letzte ihrer Unglücksgefährten in Sicherheit war, und der Fischer Mucklebackit sie mit rau- hem Tone durch die Keusserung beruhigt hatte: der junge Mann sey Gott Lob mit ganzen Clie- dern heraufgekommen uud nur von einer leichten Ohnmacht befallen worden. Lovel wulste in- defs nicht, daſs sie auch nur se viel Antheil an seinem Schicksale verrathen hatte. Er hatte nicht mehr gethan, als einem Fremden in jener be- denklichen Lage gebührte, und würde jene Theil- nahme gern durch gröſsere Gefahren, als die be- standenen, erkauft haben.. Den Beitler hatte Isabella beschieden, uoch in derselben Nacht nach Knockwinnock zu kom- Er sah nur noch auf dem Pfade, der sie zu ih- 155 men. Er entschuldigte sich indefs und erschien am andern Tage. Oldbuck drückte ihm etwas in die Hand. Ochiltree besah es beym Fackel- lichte und gab es zurück. «Nein,“ sprach er,«Gold nehm' ich nie, und Ihr würdet's morgen auch wohl bereuen.“— Er wandte sich hierauf zu den Fischern und Land- leuten, und sagte:«WFer von Euch gibt mir heut ein Abendbrod und frisches Erbsenstroh?“ «Ich— ich— ich!“ riefen mehrere Stimmen zugleich. «Cut,“ entgegnete er,«aber ich kann doch nur in Einer Scheune schlafen, und da will ich zu Mucklebackit gehen. Er hat immer eine gute Suppe im Hause; Euch, Kinder, werd' ich wohl ein andres Mal noch daran erinnern, daſs Ihr mir heut' ein Nachtlager und Allmosen versppo- chen habt.“ Mit diesen Worten ging er fort. Oldbuck ergriff Lovels Hand.«Heut Abend lasse ich Sie nicht nach Fairport,“ sprach er; „Sie müssen mit mir nach Monkbarns kommen. Sie haben sich heute als Held gezeigt, als ein ächter Wilhelm Wallace. Kommen Sie, geben Sie mir Ihren Arm. Ich bin freylich keine Stütze, auf die man sich sicher verlassen kann, zumal bey solchem Winde; aber Caxon soll uns behült- lich seyn.— Komm einmal her, Du alter när- rischer Kerl, und tritt auf die andere Seite.— 156 Aber sagen Sie mir nur, wie in aller Welt ha- ben Sie Lieschens Schürze hinabklettern können? Das Lieschen hol der T— 11 Sie hat das Weiberpanier aufgepflanzt, wie alle von ih- rem Geschlechte, um ihre Anbeter und Veréhrer in Tod und Verderben zu locken.“ «Ich bin im Klettern erfahren„“ entgegnete Lovel,«und habe oft die Vogelsteller beobach- tet, wie sie's machen, um die Klippen hinab- zukommen.“ «Wie aber, um des Himmels Willen, ent- deckten Sie denn die Gefahr des Ritters und sei- ner Tochter, die vielleicht noch einmal so viel werth ist, als er p'“ «Ich erblickte sie vom Rand der Felsenklippe.“ «Von der Klippe? hm! Was führte Sie denn — dumosa pendere procul de rupe— dumosa ist freylich nicht das eigentliche Epitheton— was führte sie, sag' ich, in Versuchung, auf die Klippe zu steigen 5“ «Nun, ich sehe gern die Vorzeichen eines herannahenden Sturms,“ versetzte Lovel. Sie kennen ja die klassischen Verse: Suave, mari magno turbantibus aequora pentis u. 8. w.*)— — *) Dec Anfang des zwepten Buchs vom Laerer, nackh v. Knebels Uebecbeizung: 157 Aber da geht der Weg nach Fairport ab. Ich mufs Abschied nehmen.“ „Nicht einen Schritt, nicht einen Zoll breit weichen Sie von mir.“ «Aber, bester Freund, ich mufs wahrlich nach Hause gehen, weil ich gänzlich qurchnäſst bin“ „Sie sollen meinen Schlafrock haben und meine Pantoffeln— wenn Sie auch, falls die Kleider anstecken, ein Alterthumsforscherfieber dabey wegkriegen sollten. Aber ich merke schon, Sie wollen nicht gern einen alten Hagestolz in Unkosten setzen. Nun, es sind noch Ueberreste von der köstlichen Hühnerpastete da, die ohne- dies am bpesten kalt schmeckt; auch noch eine Flasche von meinem alten Portwein, von dem der närrische Baronet erst ein Glas gekostet hatte, als der Ritter Camelyn von Guardover ihm den Kopf verwirrte.“ Mit diesen Worten zog er seinen jungen Freund fort, und sie befanden sich bald vor dem Thore von Monkbarns. Ruhe war beyden vonnöthen. Oldbuck hatte sich über seine Kräfte angestrengt, „Süfs ist'’s, Anderer Noth bey tobendem Kampfe der Winde 4 Auf hochwogigem Meer, vom fernen Ufer zu schauen. A. d. Uebors. 158 und Lovel, obgleich jänger und rüstiger als er, fühlte sich von der Gemüthsbewegung erschöpft. die ihn noch mehr angegriffen hatte, als die ungewöhnliche Anstrengung seiner körperlichen Kräfte. 159 —ℳMRͤ₰nnnnnn Neuntes Kapitel. Sey, wenn du Muth hast, uns als Gast will- kommen, Die Stub', wo's Spuckt, ward stets in Acht genommen. Wofern dein Heldenmuth nicht wankend wird, Menn die Gardine rauscht,'ne Kette Klirrt. Siehst du den Geist nun deinem Bette nahn, Und schauderst nicht, und redest dreist ihn an, Fragst ihn, warum er seiner Gruft entstiegen— Dann öffn' ich dir die Stube mit Vergnügen. M ahre Geschichte. Sie traten in's Speisezimmer, und wurden dort von Fräulein Griselda freudig begrüſst. «Wo ist die Nichte p“ fragie der Alterthums- forscher- 160 „Sich, lieber Bruder, in der allgemeinen Ver- wirrung wollte sie mir nicht folgen, und ging hinaus an's Seeufer. Es wundert mich nur, daſs Du sie nicht gesehen hast.“ «Wie? Was sagst Du da, Schwester P In ei- ner solchen Nacht ging das Mädchen an's Meer? Barmherziger Gott! hat denn das Unglück dieser Nacht noch kein Ende 5“ „Aber so höre doch nur, Bruder! Du bist im- mer so gebieterisch und ungeduldig—* „Dummes Geschwätz!“ rief Oldbuck in grofser Bewegung;«sprich, wo ist meine liebe Marie“ „Nun, wo Du auch seyn solltest— ein Stock- werk höher, in ihrem warmen Bette.“ Das hätt' ich denken können!“ sprach der Alterthumsforscher, von seiner Angst befreyt, mit heitrem Lächeln;«ja, ja, das hätt' ich denken können! Dem faulen Aeſſchen lag wenig daran, ob wir auch Alle ertrunken wären.— Aber wa- rum sagtest Du denn, sie sey ausgegangen 5“ «Du lieſsest mich ja nicht auserzählen. Sie ging allerdings fort, kam aber mit dem Cärtner zu- rück, als sie erfuhr, dafs keiner von Euch den Hals gebrochen hatte, und Fräulein Isabelle si- cher in ihrem Wagen saſs. Sie ist erst seit einer Viertelstunde wieder da, denn jetzt geht's auf zehn. Durch und durch naſs ward das arme — 16„ Ding, und da hab' ich ihr ein Clas Sect in die Hafergrütze gegossen.“ Recht so, Criselda. Ihr Weiber mögt Euch immerhin unter einander mit Euren Tränken brühen. Aber höre, meine würdige Schwester — vor dem Wort würdig darfst Du nicht er- schrecken, es bezeichnet viele löbliche Eigen- schaften, ausser dem Alter, das ebenfalls ehren- voll ist, wenn die Weiber gleich von dieser Ehre nichts wissen wollen— also, vernimm, was ich sage: Schaffe herbey, was von der Pastete und dem Portwein übrig geblieben ist!“ aPastete P Portwein? Bester Bruder, es waren ja nur ein Paar armselige Knochen übrig geblie- ben und kaum ein Tropfen Wein.“ Der Alterthumsforscher machte eine finstre Miene; indeſs besaſs er zu viel Lebensart, um in Gegenwart eines Fremden sein Mifsvergnügen über das Verschwinden eines Gerichts zu äussern, auf das er zuversichtlich gerechnet hatte. Allein Criselda verstand den zürnenden Blick. p«Warum siehst Du nun so mürrisch und finster aus wegen der Paar Knochen b“ begann sie.«Die Wahrheit, zu gestehen, unser Pfarrer kam her, 3 der würdige Mann. Du kannst glauben, er war sehr bekümmert über Eure bedenkliche Lage, wie er sagte, und wollte hier warten, bis wir Nach- richt von Euch bekämen. Er'sprach viel Schönes 75. I. 162 tiber die Pflicht, sich in den Willen der Vorse- hung zu ergeben— ja, ja, das that er, der würdige Mann.“ «Der würdige Mann!“ sagte Oldbuck; gich glaub'’, er wäre ziemlich gefafst, wenn Monkbarns bald auf weibliche Erben gekommen wäre. Nun merk' ich's! Die Pastete und der Portwein ver- schwanden, während er die christliche Pflicht erfüllte, gegen bevorstehendes Unglück Trost einzusprechen!“ Wie kannst Du nur so freveln, lieber Bru- der? Bist Du doch so eben erst einer grofsen Gefahr glücklich entgangen, und Du thust wahr- lich so, als ob wir gar nichts mehr im Hause hätten! Das hättest Du doch unmöglich gut heiſsen können, wenn ich dem wackern Manne, der den weiten Weg von der Pfarre bis zu uns machte, nicht irgend eine Erfrischung vorgesetzt hätte ⁵“ Oldbuck murmelte eine Strophe aus einer Alt- schottischen Ballade vor sich hin: Erst afsen sie die Klöse weiſs, Die schwarzen dann sofort; Da sprach der Mann so vor sich hin: Wer Teufel klopft denn dort?*) *) Die siebente Strophe aus der Altschottischen Bal- &2 165 Criselda eilte hinaus, um den zürnenden Bru- der zu beruhigen, und kam bald mit einigen Ue- berbleibseln des Mittagsmahles zurück. Er ver- langte eine andere Flasche Wein, doch gab er einem Clase köstlichen Branntweins den Vorzug. Da Lovel nicht zu bewegen war, die Sammtmütze und den geblümten Schlafrock anzunehmen, so bat ihn Oldbuck, der sich einige ärztliche Kennt- nisse zu besitzen rühmte, daſs er so schnell als mög- lich zu Bette gehen solle. Exr versprach zugleich, bey Tagesanbruch einen Boten nach Fairport zu senden, und andere Kleider für ihn holen zu lassen. Fräulein Griselda merkte daraus, dafs der Fremde die Nacht dort bleiben sollte, und ihr Erstaunen darüber war so grofs, daſs wenn ihr Kopfputz, den wir früher beschrieben haben, minder schwer gewesen wäre, ihre grauen, sich emporsträubenden Locken ihn sicher herabge- schleudert hätten. «Cott steh' uns bey!“ rief sie mit lauter Stimme. «Nun, was gibt's denn, Criselda?“ fragte Oldbuck. «Ich muſs ein Paar Worte mit Dir sprechen, Bruder.“ lade: Get up and bar the door(Auf, schliefs' die Thüre zu), Welche man in den Scotish Songs(Lond. 1794. Vol. I. p. 226) findet. A. d. Uebers. 164 «Sprechen. Worüber denn? Ich muſs zu Bette gehen, und mein junger Freund hier ebenfalls. Mache nur gleich ein Bett für ihn zurecht.“ Ein Bettb Behüte der Himmel!“ rief Griselda. «Nun, was soll denn das heifsen? Sind denn nicht Betten und Stuben genug in unsrem Hause? Es war ja das alte hospitium der Mönche, wo sicher— ich weiſs es— ein Paar Dutzend Pilger Beherbergt wurden.“ „Wer weils, lieber Bruder,“ versetzte Gri- selda,«wie's die Mönche in jenen alten Zeiten gemacht haben. Aber nun in unsrer Zeit! Betten haben wir freylich genug, und Stuben anch; al- lein in den Betten, das weifst Du selbst, hat Niemand, wer weiſs, wie lange, geschlafen, und die Stuben sind nicht gelüftet. Hätt' ich's vor- her gewuſst, so wär' ich und Marie in die Pfarre gegangen. Fräulein Rebecca sieht uns immer gern, und der Herr Pfarrer auch. Aber nun— Gott steh' uns bey!“. aISt denn nicht die grüne Stube da, Schwester 9“ «Allerdings, und auch gehörig aufgeräumt, aber da drin hat ja Niemand geschlafen, seit der Doctor Heavystern aus Holland bey uns war, und— «Nun' fragte Oldbuck neugierig. Wie? Du kannst noch fragen? Weiſst Du. — Ouassia-Cemisch, sondern Gebräu von meiner 165 denn nicht, was für eine Nacht er hatteb Du wirst doch den jungen Herrn nicht so etwas aus- setzen wollen, denk' ich.“ Lovel vermittelte den Streit durch die Erklä- rung, daſs er sich lieber nach Hause begeben, als seinem Freunde auf irgend eine Weise be- schwerlich fallen wolle. Der Weg nach Fairport sey ihm so bekannt, daſs er sich eben so wenig bey Nacht verirren könne, als bey Tage; auch habe der Sturm nachgelassen. Unter diesen und andern höflichen Entschuldigungen bemühte er sich, einer Gastfreundschaft auszuweichen, die seinem Wirthe lästiger zu seyn schien, als er es sich vorgestellt hatte. Indefs war das Heulen des Windes und das Plätschern des Regens an den Fenstern so heftig, daſs Oldbuck selbst einen Gast, an dem er weniger Antheil genommen hätte, nicht würde haben fortreisen lassen. Ue- berdies meynte er, seine Ehre verlange es, deut- lich darzuthun, daſs er nicht unter dem Weiber- regiment stehe.— «Setzen Sie sich, Freund,“ hub er an,«ich bitte, setzen Sie sich. Wollten Sie sich so davon machen, so möcht' ich in meinem Leben keinen Stöpsel mehr ausziehen, und hier kommt so eben noch eine Flasche ächtes Ale; es ist vom Jahre — anno Domini— Domini— wie gesagt, kein 166— eignen Cerste. Johann von Girnel hat nie irgend einem wandernden Minstrel oder Pilger, der die neuesten Nachrichten aus Palästina brachte, einen bessern Trunk gereicht.— Aber, um jeden Ce- danken an Ihre Abreise zu verbannen, so mögen Sie wissen, dafs Ihr Ruf als tapfrer Ritter für immer dahin ist, falls Sie gehen. Hören Sie also! In der grünen Stube schlafen— aber geh' doch, Schwester, und mach' Alles bereit— also, wie gesagt, in der grünen Stube schlafen, heifst ein Abentheuer bestehen. Der erste, der es bestand, mein Freund, der Holländische Doctor Heavy- stern, hat freylich Angst und Qual genug ausge- standen in dem bezauberten Zimmer; aber was kümmert das einen tapfern Ritter, wie Sie, der fast noch einmal so groſs, und nicht halb so träg' ist, um dem Zauber entgegenzutreten und ihn zu zerstören.“ Wie, es spuckt wohl in dem Cemache?“ versetzte Lovel. Offenbar,“ entgegnete Oldbuck, offenbar. In unsrem Lande hat jedes Haus, wenn's nur ein wenig alt ist, sein Gespenst und irgend eine Stube, wo’s nicht geheuer ist. Sie dürfen nicht glauben, dafs wir unsern Nachbaren darin nachstehen. Freylich kommen jetzt die Gespenster ein wenig aus der Mode, aber ich weiſs noch die Zeit, wo man nicht an der Erscheinung eines Ceistes in „ * mend besorgt sind 9'* 167 einem alten Schlosse zweifeln durfte, ohne Ge- fahr zu laufen, selbst ein Geist zu werden, wie Hamlet sagt. Hätten Sie zum Exempel an der Existenz des Rothkäppchens in dem Schlosse Glen- styrim gezweifelt, so würde Sie der alte Sir Pep- perbrand auf der Stelle herausgefordert, und wenn Sie ihm nicht im Zweykampf überlegen wären, am Ende wie einen Frosch angespiefst haben. Ich entging einer solchen Gefahr mit Müh' und Noth, indem ich Rothkäppchens Daseyn demü- thig anerkannte; denn ich war, selbst in meiner Jugend, eben so wenig ein Freund von Zwey- kämpfen, von der sogenannten monomaæchia, als von abergläubischen Mährchen. Es mag Jeder- mann wissen, wie viel Muth ich gehabt habe. Gott sey Dank, jetzt bin ich alt, und kann mei- ner Reizbarkeit nachgeben, ohne gerade genöthigt zu seyn, sie mit dem Degen zu unterstitzen.“ In diesem Augenblicke trat Fräulein Griselda herein. In ihren Zügen lag eine gewisse ernste Fassung. Herrn Lovels Bett ist bereit, Bruder,“ sagte sie,«reiner Ueberzug— die Stube gut ge- lüftet und ein Feuerchen im Kamin, Ich hoffe, Herr Lovel, Sie werden gut schlafen, wenn nur sonst— Darf ich fragen, mein Fräulein,“ unterbrach sie Lovel,«weshalb Sie meinetwegen so theilneh- 1268 „Mein Bruder hat's nicht gern, wenn man da- von spricht; aber er weiſs es selbst, daſs die Stube einen bösen Ruf hat. Es ist ziemlich all- gemein bekannt, dals der alie Rab Tull, der Stadtschreiber, in jenem Zimmer schlief, als er die wunderbare Mittheilung von wegen des groſsen Processes erhielt. Es hat der Familie viel Geld gekostet, Herr Lovel, denn Processe liefsen sich damals— nämlich zu unsers Grofsvaters Zeiten, ich weiſs nicht, ob ich das schon gesagt habe— eben so wenig ohne Geld führen, als heut zu Tage. Nun fehlte aber ein gewisses Papier, und hatte man das nicht, so stand die Sache schlimm. Mein Bruder weiſs recht gut, was es für ein Pa- pier war, aber ich sehe schon, er wird mir nicht heraushelfen wollen. So viel ist gewiſs, ein wich- tiges Papier war's, und der Cerichtstag vor der Thüre. Da kam denn der Stadtschreiber, der alte Rab Tull, und wollte noch einmal suchen. Ein bischen zerstreut war der alte Mann, das hab' ich mehr als einmal gehört, indeſs brauchte ihn unser Grofsvater gleichwohl zu seinem Sach- walter——“ «Das ist nicht auszuhalten, Criselda!“ fiel Oldbuck ein,«Du hättest, weiſs Cott, die Gei- ster aller Aebte des Klosters von Trotcosey seit Waldimir heraufbeschwören können, in der Zeit, die Du zur Erzählung von diesem einzelnen Ce- spenste brauchst. Gewöhne Dich doch, etwas —— * — 169 kürzer und gedrängter zu erzählen. Du kannst Dir den berühmten Geisterseher Aubrey zum Muster nehmen, der seine Erzählungen immer in möglichster Kürze vorträgt, exempli gratia: Zu Cirenchester war am 5. März 1670 cine Er- scheinung. Auf die Frage, oOb's ein guter oder böser Ceist sey, gab das Gespenst keine Antwort, sondern enischwand plötzlich mit einem seltsa- men Wohlgeruch und lieblichem Klang. Siche seine vermischten Schriften, Pagina 18 glaub'ich ungefähr auf der Mitte der Seite.“ 0 Bruder, denkst Du denn, daſs Jeder so in den Büchern bewandert ist, als Dub Aber magst gar zu gern die Leute verblüfft machen. Das kannst Du mit Sir Arthur und mit dem Herrn Pfarrer thun.“ „Die Natur hat mich bedacht in diesem Puncte, und noch in einem andern, den ich nicht nennen will. Aber trink' ein Glas Ale, Griselda, und fahre fort in Deiner Erzählung— es wird spät.“ „Jenny ist eben darüber, Dein Bett zu wär- men, Bruder, und da mufst Du doch so lange wayten, bis sie damit fertig ist.— Cut, ich blieb in meiner Erzählung stehen, wie unser Crofsvater mit dem alten Rab Tull die wichtige Schrift suchte. Aber wer nichts fand, das waren sie. Als sie nun manche alte lederne Brieftasche durchgestöbert hoter n der Stadtschrei- 3 8 170 ber ein Glas Punsch, um sich den Staub aus der Kehle zu spülen, den er unter den alten Brief- schaften eingeschluckt hatte, In unsrem Hause wurde nie gezecht, Herr Lovel, aber der alte Mann hatte sich durch den Umgang mit den Schöppen und Gerichtsassessoren das Nippen so angewöhnt, daſs er nicht einschlafen konnte, falls er nicht zuvor sein Gläschen trank.— Also, seinen Punsch trank er, und zu Bette ging er; aber— welch' ein schreckliches Erwachen hatt' er um Mitternacht! Seitdem war er nie recht wohl, und vier Jahre nachher rührte ihn an dem- selben Tage der Schlag. Es kam ihm vor, als würden die Bettvorhänge aufgerissen. Da sah er sich denn um, der arme Mann, in der Meynung, es sey eine Katze. Allein er sah— Cott sey bey uns! ich hab’ die Geschichte wenigstens zwanzig Mal erzählt, und jedesmal überläuft mich's kalt— er sah einen stattlichen alten Mann im Mondschein an seinem Bette stehen; seltsam und altfränkisch war seine Kleidung, mit vielen Knöpfen und Bandschleifen verziert, und der Theil seines Anzuges, den ein Frauenzimmer schicklicherweise nicht genau beschreiben kann, war besonders lang und weit, und hatte viele Falten, wie man's an den Hamburger Schiffern sieht. Einen Bart hatt' er auch, und einen Kne- belbart, der aufwärts stand, und Rab Tull er- zählte noch allerley Sonderbares von nm, das 171 mir entfallen ist, denn es ist freylich lange her- Tull besafs für einen Stadtschreiber Muth genug; er fragte den Geist im Namen alles Guten, was sein Begehr sey? Das Gespenst gab die Antwort in einer unbekannten Sprache. Da versucht' es Tull mit dem Ersischen, denn er stammte eigent- lich aus dem Hochlande— die Hügel von Clen- livat waren sein Geburtsort. Aber damit war's nichts. In der Angst fielen ihm ein Paar latei- nische Brocken ein, die er bey seinen Schreibe- reyen brauchte, und kaum waren sie ihm ent- schlüpft, da schallte ihm ein lateinisches Ge- schnatter in die Ohren, dafs Tull, eben kein Held in dieser Sprache, ganz bestürzt wurde. Dreist aber war er, und er besann sich endlich auf das lateinische Wort für die Schrift, die er brauchte. Es klang, wenn mir recht ist, fast wie Karren, und der Ceist schrie unaufhörlich Karr— Karr—* Carta, Du Sprachverderberin!“ rief Oldbuck. „Wenn mein Vorfahr auch keine andere prache in jener Welt gelernt hätte, so würd' er minde- stens sein Latein, wodurch er sich zu seiner Zeit so viel Ruhm erwarb, nicht vergessen haben.“ „Meinetwegen carta,“ versetzte die Schwester, awenn'’s so heifsen mufs, aber ich weifs, daſs die, welche mir diese Geschichte erzählten, Karr sagten. Also carta, rief der Geist, und gab Tull 1 7² ein Zeichen, ihm zu folgen. Der, als ein ächter Hochländer, fafste sich ein Herz, sprang aus dem Bette, und nahm von seinen Kleidungsstük- 4 ken, was ihm eben in die Hände fiel. Dann ging er dem Cespenste nach, Trepp' auf, Trepp' ab, bis zu der Kammer im Thurme, wo ein Haufen alter Schachteln und Kisten lag. Da gab der Geist mit einem Fufs dem Schreiber einen Stoſs, und mit dem andern dem alten Schrank, der jeizt in meines Bruders Studierzimmer steht, verschwand dann, wie eine Tabakswolke, und liefs den ar- men Tull in einem kläglichen Zustande.“ Tenues secessit in auras,“ sagte Oldbuck, 1 et mansit odor— in den Lüften verschwindend, liefs er einen lieblichen Duft zurück— aber die Urkunde ward wirklich gefunden in dem Fache jenes alten, fast vergessenen Schrankes, wo man auch viele andere merkwürdige Papiere enideckte, die wahrscheinlich meinem Ahnherrn, dem er- sten Besitzer von Monkbarns, gehörten. Die auf so seltsame Weise aufgefundene Schrift war die Original-Urkunde von der Erbauung der Abtey zu Trotcosey, und von König Jacob VI. zu West- münster den 17. Januar 1612 eigenhändig unter- zeichnet.“ Aber was denken Sie von der Art, wie die Urkunde entdeckt wurde b'“ entgegnete Lovel, dessen Neugierde rege geworden war.. 1 2 175 „Braucht ich einen Gewährsmann für meine Sage, so hätt’ ich selbst den heil. Augustinus*) auf meiner Seite,“ versetzte Oldbuck. Er er- zählt, wie ein Verstorbener seinem Sohn erschien, der wegen einer bezahlten Schuld verfolgt wurde, und ihm den Ort angab, wo er die Quittung fin- den werde. Ich bin indeſs Lord Bacon's Mey- nung, welcher eine nahe Verwandtschaft zwi- schen der Einbildungskraft und dem Wunder- glauben annimmt. AMan hat viel darüber hin und her gesprochen, der Geist meines Ur-Ur- Keltervaters— es ist eine Schande, dafs man nicht ein gelenkiges Wort für einen so oft vor- kommenden Verwandtschaftsgrad hat— daſs also, wie gesagt, der alte Aldobrand Oldenbuck in dem Zimmer umgehe. Er trug, als eingewanderter Fremdling, seine Landestracht, wovon wir durch Ueberlieferungen eine genaue Beschreibung be- sitzen. Es gibt sogar eine Abbildung von ihm, angeblich von Reginald Elstrack, wo er an der Druckerpresse steht, und eben mit der Heraus- gabe der Augsburgischen Confession beschäftigt *) Ein berühmter Kirchenvater(geb. 354: gest. 430 nach Chr.) und Verkechter der Prädestination, oder des unbedingten göttlichen Ratbschlusses, demzu folge manche Menschen zur Seligkeit, manche zur Ver- dammuiſs bestimmt(prädestinirt) seyen. A. d. Uebers. ist. Er trieb Chemie, war ein guter Mechaniker, und mehr bedurft es in jenen Zeiten nicht, um ihn der Zauberey verdächtig zu machen. Der abergläubische alte Schreiber hatte von allen die- sen Dingen gehört, und glaubte ohne Zweifel daran. Im Schlafe mochte ihn vielleicht das Bild meines Vorfahrs an den alten Schrank erin- nern, den man, voll schnödem Undank gegen Ahnen und Alterthum, auf den Taubenschlag verwiesen hatte. Rechnen Sie noch eine gehörige Uebertreibung hinzu— quantum supicit, sagt der Römer— und Sie haben den Schlüssel des Geheimnisses, 0 Bruder, Bruder!“ rief Griselda, denke doch nur an den Doctor Heavystern aus Utrecht. Sagte er nicht, er möchte um keinen Preis wieder in der grünen Stube schlafen, und wenn er ganz Monkbarns dafür bekäme, so daſs in diesem Falle Marie und ich genöthigt gewesen wären, ihm unser eigenes Zimmer-“* «Je nun, Griselda,“ sagte Oldbuck, der Doc- tor ist ein guter, ehrlicher Deutscher, und hat in seiner Art gewisse Verdienste; nur ist er, wie so viele seiner Landsleute, ein Freund des My- stischen. Er hatte mit Dir den ganzen Abend über Mesmer, Schröpfer, Cagliostro und andere Anhänger geheimer Weisheit gesprochen, und Du ihm dafür Deine Geschichte von der grünen —. 175 Stube zum Besten gegeben. Der Doctor illusris- simus hatte anderthalb Pfund Kälberschnitte zu sich genommen, ein halb Dutzend Pfeifen ge- raucht, und Ale und Branntwein ebenfalls in gehöriger Quantität getrunken— war's da ein Wunder, daſs ihn der Alp dräckte?— Aber es ist Alles bereit, lieber Freund,“ fügte er hinzu, indem er sich zu Lovel wandte.«Kommen Sie, Sie bedürfen der Ruhe, und mein Ahnherr kennt, glaub' ich, die Pflichten der Gastfreundschaft zu gut, als dafs er die Ruhe stören sollte, die Sie durch Ihr tapferes und kühnes Betragen so wohl verdient haben.“ Mit diesen Worten nahm er einen grofsen, altfränkischen Leuchter, dessen Silber, wie er bemerkte, in den Bergwerken auf dem Harz ge- graben worden sey, und der dem vielbesproche- nen Ahnherrn gehört habe. Er führte seinen Cast, Trepp' auf, Trepp' ab, durch viele dunkle Gänge, bis sie endlich zur grünen Stube gelang- ten. 176 ———2*N+———:ͤAAA Zehntes Kapitel. Wann ihre dunkle Todtenhülle Ausbreitet rings die Mitternacht, Und Geister schreiten duroh die Stille, Und Niemand, als die Todten, wacht: Dann naht sioh nimmer, Blutlos kalt, Mir eines Geistes Schreckgestalt; 4 An tiefrem Gram muſs ich mich weiden, An— Bildern längst entschwund'ner Freuden. Spensen. [— Beym Hineintreten in die gräne Stube stellte Oldbuck das Licht auf einen kleinen Tisch, der vor einem ungeheuren Spiegel mit schwarz lackir- ten Rahmen stand. Eine tiefe Bewegung lag, während er rings umsah, in seinen Zügen. «Ich betrete selten dieses Zimmer,“ sprach er nach einer Pause; doch jedesmal ergreift mich — 177 ein schwermüthiges Gefühl. Sie können sich leicht vorstellen, dafs ich keinesweges an die kindischen Mährchen glaube, die meine Schwester Ihnen vorhin erzählte; Alles in diesem Zimmer erinnert mich an eine frühere unglückliche Nei- gung. In solchen Augenblicken, lieber Lovel, fühlen wir, wie sehr die Zeit uns verwandelt. Es sind dieselben Gegenstände, die wir erblicken, dieselben leblosen Dinge, auf welche wir als ei- gensinnige Kinder, als ungestume Jünglinge, als sorgsame Männer, voll weitblickender Entwürfe, schauten. Sie sind unverändert, wie ehemals; aber wenn wir als kalte, fühllose Greise darauf sehen, können wir dann— umgewandelt in uns- rer Stimmung, in unsren Bestrebungen und Ge- fühlen, umgewandelt in Gestalt und Kraft— können wir uns noch dieselben nennenb Blicken wir nicht vielmehr mit einer Art von Verwunde- rung auf unser früheres Selbst zurück, wie auf ein Wesen, das jetzt nichts mehr mit uns gemein hat. Der Philosoph, der vom trunknen Philipp auf den nüchternen sich berief, wählte einen weit weniger verschiedenen Richter, als wenn er von dem jugendlichen Philipp auf den bejahrten sich berufen hätte. Nichts rührt mich so sehr, als die Gefühle, die so schön in einem Gedichte ausgedrückt werden, das man mir vor Kurzem mittheilte:— 75. M Ich weine Thränen, wie ein Kind; Es rührt mich wundersam, Dafs jetzt so nah' die Töne sind, Die früher ich vernahm. So geht's, wenn uns das Alter krümmt; Ein weiser Sinn beklagt Weit minder, was die Zeit ihm nimmt, Als was sie nicht verjagt. Ja, die Zeit heilt jede Wunde, und bleibt auch die Narbe zurück, und schmerzt zuweilen, so fühlen wir doch nicht mehr die Pein, die wir, als sie uns zugefügt ward, empfanden.“ Bey diesen Worten drückte er herzlich Lovel'’s Hand, sagte ihm gute Nacht, und ging hinaus. Schritt vor Schritt konnte Lovrel horchend die Spur seines Wirthes durch die verschiedenen Cänge verfolgen; der Ton der zugeworfenen Thii- ren verhallte nach und nach immer entfernter und dumpfer. Lovel, von den Lebendigen ge- schieden, nahm das Licht, und untersuchte das Zimmer. Das Feuer brannte hell in dem Kamine, und Criselda hatte frisches Holz zurecht gelegt, damit er nach Belieben die Flamme länger unter- halten könne. Das Zim er hatte ein wohnliches Anschen, wenn es eben uch nicht heiter war. Es war mit Tapeten verziert, wie sie im sechzehn- 179 ten Jahrhundert in Arras gewirkt wurden, die der alte Buchdrucker als eine Probe des Kunst- fleifses in seinem Geburtslande mitgebracht hatte. Von den darauf befindlichen Jagdstücken, den laubigen Zweigen der Bäume hatte das Zimmer den Namen der grünen Stube erhalten. Grimmigé Gestalten, in altniederländischer Tracht, mit auſgeschlitzten, bebänderten Wämsern, kurzen Mänteln und weiten Hosen, hielten Windspiele und Heizhunde an der Koppel, oder trieben sie auf das Wild; Andere, mit Fangmessern, Schwer- tern und Alsfranbischen Gewehren, waren im An- griffe auf Eber und Hirsche begriflen, die sie bis auf's Aeusserste gebracht hatten. Auf den Bäumen saſsen Vögel verschiedener Art, alle in den na- türlichen Farben ihres Cefieders. Es schien, als ob die reiche Erfinduugsgabe des alten Chaucer den Niederländischen Künstler begeistert habe, und Oldbuck hatte demgemäfs unter dem Gemä de folgende Verse jenes berühmten Dichters in Mönchsschrift einwirken lassen: Wie dichtgedrängt der Eichenwald hier lacht Darunter sprofst das Gras in voller Pracht; Auch siehst du jeden Baum allhier auf acht Bis neun Fufs ferne von dem andern prangen, Die Zweige d'ran mit frischem Laub behangen. Schnellsprofsten Blätter, als die Sonne schien, Gol dröthlich hier, dort wiederglänzend grun. 180 Auf einer andern Seite des Zimmers las man folgende Verse: Wohl mancher Hirsch und manches Thier, Manch Wild war vor und hinter mir, Von Hirsch' und Rehen, jung und alt, Hindinnen wimmelte der Wald. Und auch gar manch Eichhörnchen safs Im Wipfel hoch, das Nüsse als. Die Farbe des Bettes war ein dunkles, verbli- chenes Grün, den Tapeten ähnlich, aber offen- bar aus neuerer Zeit. Die grofsen, schwerfälli- gen Stühle, mit Rücklehnen von Ebenholz, waren ebenfalls mit gewirkten polsterdecken bekleidet, und ein groſser Spiegel über dem altfränkischen Kaminsimse glich in seiner Verzierung dem eben so alten Putztische. „Ich habe gehört,“ dachte Lovel, als er das Zimmer überblickte,«die Geister sollen sich öf- ters das beste Gemach in dem Hause wählen, wo sie umgehen, und ich kann wirklich den Ge- schmack nicht miſsbilligen, den der Geist des Deutschen Buchdruckerherrn hat.“ Es wurde ihm indeſs so schwer, seine Seele auf die Geschichten zu heften, die man ihm von ei- nem Zimmer erzählt hatte, womit sie, sonder- bar genug, übereinzustimmen schienen, daſs er noch zweifelhaft, als es noch eiſs war, ob. ihr Retter, der für ihr Leber t, nicht vielleicht das seinige eingebüſst habe? Oſfenbar 181 fast bedauerte, nicht jene unruhigen, theils mit Furcht, theils mit Neugier verwandten Regungen zu fühlen, die zu den schauerlichen Wundermäh- ren passen. Das bange Gefuhl hoffnungsloser Leidenschaft unterdrückte jene Empfindungen. Grausames Mädchen, mir zum Schmerz Nahmst du mir Fried' und Ruh'; Entfremdet allem ward mein Herz, Und lieblos, so wie du. Er suchte eine, solchen Gefühlen ähnliche Emplfindung in sich zu erwecken, die unter an- dern Umständen mit seiner Lage verwandt gewe- sen wäre, allein in seinem Herzen war kein Raum für solche schwärmerische Phantasien. Die Er- innerung an Isabella, die ihn nicht erkennen wollte, wenn sie sich nothgedrungen in seiner Gesellschaft befand, und deutlich genug die Ab- sicht verrieth, ihm auszuweichen, hätte allein seine Einbildungskraft beschäftigen können. Aber es knüpften sich noch trübere Erinnerungen da- ran— ihre Lebensgefahr, und der glückliche Beystand, den er ihr hatte leisten können. Doch, wie ward es ihm vergolten? Hatte sie nicht den Felsenhang schon verlassen, als sein Schicksal 182 haätte sie wenigstens Dankbarkeit zu einer gewis- sen Theilnahme an seinem Sehicksale bewegen sollen. Aber nein, selbstsüchtig oder ungerecht konnte sie nicht seyn; bepdes lag nicht in ihrer Natur. Sie wünschte nur, jede Hoffnung ihm zu rauben, und mitleidig eine Leidenschaft zu ersticken, die sie nie erwiedern konnte. Diese verliebten Vernünfteleyen konnten ihn gleichwohl mit seinem Schicksal nicht aussöhnen, denn je liebenswürdiger seine Phantasie ihm Isa- bellens Bild ausmahlte, desto schmerzlicher fühlte er, wie unglücklich ihn die Vernichtung seiner Hoffnungen machen würde. Er glaubte zwar, ihre Vorurtheile in einiger Hinsicht beseitigen zu können; aber selbst im schlimmsten Falle wollte er seinen ursprünglichen Entschluſs: sich, ehe er ihr eine Erklärung aufdränge, vorher zu iiberzeu- gen, obsie dieselbewünsche, nicht aufgeben. Als Oldbuck sie ihm vorstellte, lag eben so viel Verle- genheit, als ernste Ueberraschung in ihrem Wesen, und vielleicht hatte sie, schnell überlegend, diese angenommen, um jene zu verbergen. Er wollte eine Bewerbung nicht aufgeben, die ihm schon so viel Qualen verursacht hatte. So jagte ein schwärmerischer Entwurf den andern, und als er sich schon längst niedergelegt hatte, konnte er doch die Ruhe nicht finden, der er so sehr be- durfte. Voll Verdrufs über die Ungewiſsheit und die Schwierigkeiten, die mit jedem Entwurfe ver- 185 bunden zu seyn schienen, ermannte er sich zu dem kräftigen Entschlusse, das Joch der Liebe abzuschütteln,«wie Thautropfen von einer Lö- wenmähne,“ und wieder zu seinen frühtern Stu- dien und Berufsarbeiten zuriickzukehren, welche durch seine unbelohnte Zuneigung so lange und vergeblich unterbrochen worden. Er suchte sich in diesem Entschlusse durch alle möglichen Grün- de, die ihm sein Stolz und seine Vernunft darbot, zu bestärken. «Sie soll nicht glauben,“ sagte er zu sich selbst, „dafs ich auf Rechnung des zufälligen Dienstes, den ich ihr oder ihrem Vater geleistet, mich ihr aufzudringen wünsche, wozu sie mir von ihrer Seite keine Veranlassung gab. Ich will sie nicht mehr sehen— will in das Land zurückkehren, wo ich, wenn auch kein schöneres Mädchen, doch viele eben so schöne und minder stolze finde, als Isabella. Morgen will ich Lebewohl sagen diesen nördlichen Küsten, und ihr, die so kalt und rauh ist, als der Himmelsstrich, unter dem sie wohnt!“ Als er eine Zeitlang über diesem trotzigen Ent- schlusse gebrütet hatte, erlag endlich die er- schöpfte Kraft, und, trotz Unmuth, Zweifel und Besorgniſs, sank er in Schlummer. Der Schlaf nach heftiger GCemüthsbewegung ist pekanntlich selten ruhig und erquickend. 80 1 84 ward auch Lovel durch tausend bunte und ver- wirrte Träume beunruhigt. Er ward bald ein Vogel, bald ein Fisch— flog in der Luft und schwamm im Wasser. Isabella erschien ihm als Syrene, als ein Paradiesvogel, ihr Vater als ein Triton oder als Seemöve, und Oldbuck bald als ein Merrschwein, bald als Wasserrabe. Das fieberhaft erhitzte Blut schuf immer neue Traum- bilder; die Luft wollte ihn nicht tragen, das Wasser schien ihn zu verbrennen, die Felsen waren weich wie Kissen, als er gegen sie ge- schleudert ward. Alles, was er unternahm, miſs- lang auf seltsame und unerwartete Weise, und was seine Aufmerksamkeit fesselte, erlitt, wenn er es eben näher betrachten wollte, eine wilde und wunderbare Verwandlung, während sich seine Secle immer einigermaſsen der Täuschung bewufst Plieb, von der er, durch Erwachen frey zu wer- den, sich vergeblich bestrebte. Es waren mit Einem Wort die bekannten Symtome des Alp- drückens, welche sich bey Lovel einstellten. Endlich gestalteten sich die verworrenen Phanta- siebilder etwas regelmäfsiger, wenn nicht etwa die Einbildungskraft des jungen Mannes, die nichts weniger als schwach war, allmählig und unmerklich die Scene, die der Schlaf nur gleich- sam in leichten Umrissen hiuwarf, besser ordnete. Vir überlassen die Entscheidung dieser Hypo- these den Gelehrten, und wollen nur so viel sas ie dargestellt hatte. 185 gen, dafs Lovel, nach einer Reihe der verworren- sten Traumbilder, sich der örtlichen Umstände auf's genaueste bewufst wurde. Er erinnerte sich, wo er war, und die sämmtlichen Möbeln der grü- nen Stube mahlten sich vor seinem schlummern- den Auge ab. Er war, oder bildete es sich we- nigstens ein, völlig erwacht in dieser Stube, und warf einen Blick auf die, von Zeit zu Zeit matt auflodernde Flamme des Reisigfeuers, das nach und nach in der Gluthasche zusammenfiel. Un- merklich trat die Sage von Aldobrand Oldenbuck und seinen geheimnifsvollen Besuchen, die er den Bewohnern der grünen Stube abstatten sollte, vor seine Seele, und mit ihr, wie es öfters in Träumen der Fall ist, eine unruhige, bange Er- wartung, die dann gewöhnlich den Gegenstand unsrer Furcht dem geistigen Auge darstellt.— Heller loderte jetzt die Flamme des Kamins em- por, und erleuchtete die ganze Stube. Die Ta- pete rauschte wild an der Wand, bis ihre dun- keln Gestalten sich zu beleben schienen. Die Jäger stiefsen in's Horn, der Hirsch schien zu fliehen, die Eber sich zu wehren, und die Hunde schienen diesen anzufallen, jenen zu Das Geschrey der Hirsche, die von den Hunden zerrissen wurden, d der Hufschlag der Rosse schien zu werden, und jede Gruppe ve Jagdlust die Beschäftigung, w mit rin der Kiusiler 186 Lovel blickte mit banger Furcht auf das selt- same Schauspiel. Endlich schien eine GCestalt unter den Jägern, als er sein Auge fester auf sie heftete, aus der Tapete zu treten, und auf das Bette des Schlummernden loszugehen. Als sie indefs näher kam, verwandelte sie sich, wie es schien. Aus dem Jagdhorn ward ein Buch mit kupfernen Klammern, und die Jägermütze glich einer Pelzkappe, wie sie irgend ein Bürgermeister in Rembrands*) Gemälden trägt. Die Nieder- ländische Tracht blieb; aber die Gesichtsziige, nicht mehr von wilder Jagdlust bewegt, erhielten einen ernsten, finstern Ausdruck, der für den ersten Besitzer von Monkbarns, nach der Schil- derung, die seine Nachkommen Lovel am vorigen Abende gemacht hatten, wohl paſste. Bey dieser Verwandlung verschwand das Gewirre der übrigen Tapetengestalten vor der Einbildung des Träumen- den, dessen Aufmerksamkeit sich allein auf die vor ihm stehende Figur heftete. Lovel bemühte sich, den Furchibaren mit passenden Beschwö- anzureden, aber die Zunge versagte gewöhnlich in ängstlichen Träumen r Mahler der Niederländischen Schule, es 1674 Seine Gemälde, so wie seine 1 on denen es eine grofse Zahl gibt, ¹ eh 1s Entwurf und von acht künst- ck. sind frey u lerischem Aus A. d. Uebers. 187 der Fall zu seyn pflegt, ihre Dienste, und hing, wie gelähmt, am Gaumen. Aldobrand hob sei- nen Finger empor, als geböte er dem Gaste, der sich in das Zimmer eingedrungen, zu schweigen, und öffnete dann bedächtig die Klammern des grofsen Buchs, das er in der linken Hand trug. Als er es auſgeschlagen, wandte er die Blätter hastig um, richtete sich auf, und deutete, das Buch emporhaltend, auf eine Stelle des aufge- schlagenen Blattes. Obgleich die Sprache dem Träumenden unbekannt war, so heftete er doch seine ganze Aufmerksamkeit auf die Zeile, wel- che die Cestalt ihm einprägen zu wollen schien. Die Worte, welche in wunderbarem Lichte zu strahlen schienen, blieben fest in seinem Ge- dächtnisse. Als die Gestalt das Buch wieder zu- schlofs, schienen liebliche Töne in dem Zimmer zu erklingen. Lovel fuhr auf, und war völlig erwacht. Doch tönte die Musik noch immer in seinem Ohr, und er unterschied zuletzt deutlich den Klang einer Altschottischen Melodie. Er richtete sich im Bette auf, und suchte seine Seele von den bangen Traumbildern loszumachen, die ihn die Nacht hindurch beunruhigt hatten. Die Strahlen der Morgensonne drangen durch die halb verschlossenen Fensterladen, und erhellten das Zimmer. Lovel sah sich rings um. Die Ta- peten mit ihren Jägergruppen waren unbeweglich, und zitterten nur, leise angehaucht von dem 188 Morgenwinde, der durch eine spalte des Gitter- fensters darüber hinwegglitt. Lovel sprang auf und hüllte sich in seinen Schlafrock, den er ne- ben sein Bett gelegt hatte. Er trat hierauf an's Fenster, von dem man auf das Meer hinausblicken konnte, dessen dumpfes Rauschen verrieth, daſs es von dem Sturme des vorigen Abends noch un- ruhig war. Der Morgen schien indeſs heiter und freundlich. Das Fenster eines vorspringenden Thurmes war halb offen, und von dont her er- klangen noch einmal die Töne, durch die Lovel im Schlafe gestört worden war. Sie hatten indeſs mit dem Verschwinden des Traumbildes ihren Reiz fast verloren, und er hörte nichts, als eine leidlich auf dem Clavier gespielte Melodie. Eine weibliche Stimme sang mit vieler Einfachheit, doch nicht ohne Geschmack, foldende Verse: Was sitz'st du, Creis, den ernsten Blick Zu jenen Trümmern hingewandtb? Rufst du den alten Glanz zurück, Denkst du vielleicht, wie er entschwand? Kennst du mich nicht? sprach dumpfsein Ton, So lang' genossen, oft verjagt, Von dir, des Stolzes eitlem Sohn, Begehrt, versäumt und angeklagt. 189 Vor meinem Hauch verweht, wie Spreu, Der Mensch und Werke seiner Hand, Und eine Zahl von Reichen, neu Gegründet, sank dahin und schwand. Bedenk'’s! Es rinnt nur kurze Zeit In meinem Stundenglas der Sand, Und endlos wird dir Lust und Leid, Wenn sich die Zeit von dir gewandt. Während das Lied noch gesungen wurde, hatte sich Lovel wieder auf’s Bett geworfen. Er fühlte sich durch den Inhalt auf romantische Weise angesprochen, und die schwierige Aufgabe hin- sichtlich der Bestimmung seines Lebensplans bis zum hellern Tage verschiebend gab er sich der süfsen Sehnsucht hin, welche die Töne in ihm aufregten, und sank bald in einen sanften, er- quickenden Schlaf. Es war schon spät am Mor- gen, als er durch den alten Caxon aufgeweckt wurde, der leise hereinschlich, um sein Geschäft als Kammerdiener zu verwalten. 3 «Ich hab’ Ihren Rock ausgebürstet,“ sagte Ca- xon, als er bemerkte, dafs Lovel erwacht war. Der Bursche hat ihn heut früh von Fairport ge- bracht, denn der Rock, den sie gestern anhatten, ist kaum trocken, wiewohl er die ganze Nacht am Küchenheerd gehangen hat. Die Schuhe hab' ich ebenfalls geputzt. Zu ihren Haaren,“ fügte 190 er mit einem Seufzer hinzu,«brauchen Sie mich freylich nicht. Die jungen Herren tragen nun einmal heut zu Tage nichts als Titusköpfe. Aber das Brenneisen hab' ich doch mitgebracht, wenn Sie vielleicht ein Löckchen über die Stirne haben wollen, ehe Sie zu den Fräulein hinuntergehen.“ Lovel lehnte die Dienste des alten Mannes ab, und begleitete die Weigerung mit einem Ge- schenke, das Caxons Demüthigung hinlänglich versüfste. „Es ist doch Schade, dafs er sein Haar nicht im Zopfe und gepudert trägt!“ sagte der alte Haarkräusler, als er wieder an der Küche safs, wo er sich unter diesem oder jenem Vorwande immer etwas zu schaffen machte.«Jammerschade um einen so häbschen jungen Herrn!“ «Geht, geht, alter Narr!“ versetzte Jenny; Ihr hättet am Ende Lust, sein schönes braunes Haar mit Eurem garstigen Fette zu bestreichen, dafs er aussähe wie die Perücke des alten Herrn Pastors b— Ich merk's schon, Ihr kommt nach dem Frühstück. Da habt Ihr Eure Suppe. Da- rin mögt Ihr manschen und in der Schlipper- milch; das paſst besser für Euch, als wenn Ihr Euch um den Kopf des jungen Herrn bekümmert. Es gibt kein schöneres Haar in ganz Fairport, we- der in der Stadt noch in den Vorstädten, und das so verderben zu wollen— es ist zu arg!“ 191 Caxon seufete über die Verachtuang, worin seine Kunst überall gefallen war. Aber Jenny war eine zu wichtige Person, als daſs man es wagen durfte, sie durch Widerspruch zu belei- digen. Er setzte sich daher ruhig nieder, und verschluckte seine Demüthigung und die Hafer- mehlsuppe obendrein. 192 ———B—:—O:——————— Eilftes kapitel. Dald maſs er jenen Traum, den er enfahren, Des Himmels Lenkung bey, und seinen Schaaren; Hald glaubt' er, daſs, was Tags zuoor ihn rührte, Die Phantasie ihm bunt vorubenführte. 3 Wir laden unsre Leser ein, dem Frühstück des Herrn Oldbuck beyzuwohnen, der freylich Thee oder Caffee nicht duldete, sondern nach alter Sitte— more majorum— sich an kaltem Rinds- braten und einem GClase bittern Weizenbieres zu ergötzen pflegte, das Mumme hieſs, und heut zu Tage nur noch aus den Parlamentsacten, wel- che von dem Einkommen handeln, bekannt ist. Eovel, der sich überreden liefs, den Trank zu versuchen, mufste an sich halten, ihn nicht ab- scheulich zu nennen; er besann sich indefs noch zu rechter Zeit, dafs er dadurch seinen Wirth höchlich beleidigen würde, der das Gebräu all- 193 jährlich nach einer Vorschrift, die er von seinem mehrfach erwähnten Ahnherrn, Aldobrand Old- buck, ererbt hatte, bereiten liefs. Die beyden Fräulein boten indefs Lovel ein einladenderes Frühstück dar, und richteten, während er es mit ihnen genoſs, eine Menge verblümter Fragen an ihn, wie er die Nacht zugebracht habe. «Ich dächte, Bruder,“ sagte Criselda,«Herr Lovel sähe heut nicht ganz wohl aus. Er wird es uns nicht eingestehen wollen, ob er in seiner nächtlichen Ruhe gestört worden. Aber er sieht wahrlich sehr blafs aus, und als er zu uns kam, blühte er wie eine Rose.“ «Sieh, Schwester, diese Rosen hat das Meer und der Wind gestern abgeschlagen, wie ein Bü- schel Meergras oder Seekrapp. Wie, zum Hen- ker, hätt' er dabey seine Farbe behalten sollen ⁵' «Ich bin allerdings noch ein wenig müde,“ sagte Lovel,«aller Bequemlichkeiten ungeachtet, die ich Ihrer Castfreundschaft verdanke.“ 0O Herr Lovel,“ enigegnete das Fräulein mit schlauem Lächeln;«Sie wollen uns nur aus Höf- lichkeit nicht gestehen, was Sie belästigt hat.“ «Ich habe wirklich keine Störung gehabt, mein Fräulein,“ versctzte Lovel;«denn die Musik, womit eine gütige Fee mich beglückte, darf ich nicht mit diescn Namen bezeichnen.“ «Ich hab's mir wohl gedacht, dafs Marie Sie mit ihrem Geklimper aufwecken würde. Sie 7⁵ 79. 194 wuſste freylich nicht, dafs ich einen Spalt in dem Fenster offen gelassen hatte, um die Stube ein wenig auszulüften. Sie haben indefs am Ende mehr gehört, als Mariens Klimpern. Die Männer sind freylich dreist, und gehen auf alles gerade los. Hätt' ich dergleichen erfahren müssen— ich meine so etwas Uebernatürliches— das ganze Haus hätt' ich wach geschrien, mochte daraus werden, was da wollte. Und ich kann wohl sa- gen, der Herr Pfarrer hätt's eben so gemacht. Keine Christenseele, ausser meinem Bruder, hätte so was bestanden, wenn Sie's nicht etwa auch gekonnt haben, Herr Lovel.“ 8. Ein Mann von Herrn Oldbucks Gelehrsam- keit,“ versetzte Lovel,«würde wohl nicht die Unannehmlichkeiterfahren haben, die dem Hernn aus dem Hochlande, von dem Sie uns gestern er- zählten, begegnete.“ «Ich merke schon, Sie wissen, worin die Schwie- rigkeit liegt— in der Sprache. Nicht wahr? Mein Bruder versteht sich so auf gewisse Mittel- chen, dergleichen Poltergeister, Gott weiſs. wo- hin, zu bannen. Aber man will doch nicht un- höflich seyn gegen seine Vorfahren, wenn's auch Gespenster sind. Ich bediene mich, Bruder, sicher noch des Recepts, das Du mir in einem Buche zeigtest, wenn je wieder Jemand in der grünen Stube schlafen soll. Aber ich dächte, Du solltest aus christlicher Liebe die andere Stube 195 einrichten lassen. Etwas feucht und finster ist's freylich darin—** «Nein, Schwester,“ unterbrach sie Oldbuck, «Feuchtigkeit und Dunkel sind schlimmer als Cespenster; die unsrigen sind Geister des Iächts. Magst Du lieber Deinen Zauber versuchen.“ Das will ich gern thun, Monkbarns, wenn ich nur die Ingredienzien hätte, wie's mein Koch- buch nennt. Es war Eisenkraut und Dill— 0 viel weifs ich. Unser Cärtner, David Dibble, wird die Kräuter kennen, wenn er ihnen auch lateinische Namen gibt. Dann waren auch Pfef- ferkörner— nun daran fehlt es uns nicht—“ Hypericon, Du einfältiges Weib!“ donnerte Oldbuck.«Sehen Sie, Herr Lovel, meine weise Griselda erinnert sich eines Zaubers, wovon ich ihr einmal etwas gesagt habe, und das hat ihr Köpfchen, das an abergläubischen Dingen Ge- fallen findet, besser behalten, als alles Nützliche, das sie seit zehn Jahren aus meinem Munde ver- nommen. Aber manches alte Weib, wie sie—“ Altes Weib!“ rief Griselda, aus ihrem ge- wöhnlichen Ton der Unterwürfigkeit ziemlich herausfallend; das ist doch wahrlich nicht höf- lich von Dir, Bruder.“ «Es ist nur gerecht, Griselda. Aber ich zähle zu derselben Classe viele berühmte Namen, von 196 Jamblichus*) an, bis herab auf Aubrey, die die Zeit damit verschwendeten, eingebildete Mittel gegen Krankheiten zu erfinden, die gar nicht exi- stirten. Aber ich hoffe, mein junger Freund, dafs Sie, geschützt durch Zauber oder nicht, ge- sichert durch die Kraft des Hypericon— Mit Eisenkraut und Dill, Wogegen die Hexe nicht kann, was sie will; oder auch selbst wehr- und waffenlos gegen die Angriſfſe unsichtbarer Wesen, daſs Sie, sag' ich, doch noch eine Nacht in der Gespensterstube zu- bringen, und Ihren treuen Freunden noch einen Tag schenken werden.“ Ich wünschte von Herzen, daſs es mir mög- lich wäre,“ versetzte Lovel, allein—“ «Kein Aber, lieber Freund, es liegt mir wirk- lich sehr viel daran.“ «Ich bin Ihnen sehr verbunden, Herr Oldbuck, aber—* *) Ein berühmter Griechischer Philosoph(gest. 330 n. Qlr.), der zugleich in dem Rufe eines Wunderthä- ters stand, und ein Werk über die Aegyptischen My- sterien, so wie über die Pbilosophie des Pythagoras Beschrieben hat. Als Geisterbeschwörer wird seiner unter andern in dem Trauerspiel Manfred gedacht G)e n's Poesien drittes Bdchen. Zwickan 1821. „Der einst heraufbeschwor aus ibren Quellen Eros und Anteros zu Gadara.“ 3 8* A. d. Uebers. — — 197 „Schon wieder Ihr Aber— Ihr verwünschtes Aber! Ich hasse das Aber. Es ist eine ab- scheulichere Buchstabenverbindung, als selbst das Nein. Das Nein ist ein sauertöpfischer, ehr- licher Kerl, der seine Meynung gerad' heraus sagt. Das Aber dagegen ist ein schleichendes, ausweichendes Halbding, das uns den Becher weg- reifst, wenn wir ihn eben an die Lippen setzen. —— Es schwächt Das Gute, das voranging, dieses Aber; Es kommt mir vor, wie ein Gefangenwärter, Der einen argen Missethäter bringt.“ «Wohlan,“» sagte Lovel, augenblicklich ent- schlossen,«Sie sollen sich meines Namens nicht in Verbindung mit einem so schlimmen Worte erinnern. Ich muſs zwar leider Fairport bald verlassen; da Sie es indeſs wünschen, so will ich noch einen Tag hier bleiben.“ «Sie sollen dafür belohnt werden, Freund,* enigegnete Oldbuck.«Zuvörderst will ich Ihnen Johann von Girnells Grab zeigen, und dann wol- len wir längs deh Dünen bis zum Schlosse Knock- winnock hinabgehen, und uns erkundigen, was der alte Ritter macht und meine schöne Feindin — wir müssen das schon aus Höflichkeit thun— und dann—* «Verzeihen Sie, den Besuch, dächt' ich, schö- ben Sie doch lieber bis morgen auf. Ich bin, wie Sie wissen, fremd— 198 «Und eben deshalb doppelt verbunden, Höf- lichkeit zu erweisen, wie mir dünkt. Aber ver- zeihen Sie, dafs ich ein Wort nenne, das viel- leicht nur für einen Sammler von Alterthümern paſst. Ich bin einer aus der alten Zeit— Wo mancher Stutzer Meilenweit ritt, In aller Demuth anzufragen, Ob etwa auf dem letzten Ball Seine Schöne den Schnupfen davon getragen.* «Nun wenn—» sagte Lovel,«wenn Sie den- ken, daſs man's erwartet; indeſs ich glaub' doch, es wäre besser, ich bliebe hier.“ «Nein, nein, lieber Freund; ich bin nicht so altmodischer Art, daſs ich Sie zu etwas treiben möchte, das Ihnen unangenehm ist. Ich merke wohl, es gibt hier eine gewisse remora— irgend eine Ursache des Aufschubs, irgend ein Hinder- niſs, wonach ich kein Recht habe zu fragen. Viel- leicht sind Sie auch noch müde, und da will ich schon etwas finden, um Sie geistig zu unterhal- ten, ohne daſs Sie Ihre Beine anstrengen dürfen. Ich liebe selbst die heftigen Anstrengungen nicht. Ein Spaziergang im Carten einmal des Tags ist Bewegung genug für ein denkendes Wesen. Nur ein Narr oder ein Fuchsjäger verlangt mehr.— Was nehmen wir denn nun gleich vorb Meine Abhandlung über die Lagerkunstb Nein, das spa- ren wir uns für den Nachmittag auf. Oder soll 199 ich Ihnen meine Streitschrift über Ossian's Ge- dichte gegen Mac-Cribb zeigen? Er gehört zu den Verfechtern der Aechtheit; ich bin dagegen. Un- ser Streit fing mit sanften, milden— ich möchte sagen, jungferlichen Worten an; nach und nach wurde er aber immer bitterer und heftiger, und nun sind wir fest in den Styl des alten Scaliger*) gerathen. Ich fürchte der alte Schalk wird su- chen, hinter Ochiltree's Geschichte zu kommen; aber im schlimmsten Fall hab' ich eine tüchtige Antwort für ihn wegen der entschwundenen An- tigonus-Münze. Ich will Ihnen seinen letzten Brief, und meine Antwort zeigen— er ist eine Windfahne!* Mit diesen Worten öffnete der Alterthumsfor- scher eine Schublade, und suchte unter einer Menge alter und neuer Schriften umbher. Aber es ging ihm leider so, wie es vielen Celehrten und Ungelehrten geht; er fühlte den embarras des richesses, wie’s Moliere nennt, das heiſst, mit andern Worten: er konnte, bey dem Reich- thum seiner Sammlung, das, was er eben suchte, nicht finden. „Die verwünschten Papiere!“ rief er, indem er darin herumstöberte;«man sollte glauben, sie *) Ein berühmter Philol und Critiker(geb- 1540⸗ gest. 1609), der wegen der heltigen und wegwerfen- den Art, mit der er seiae Gcgner behandelte, zum Sprüchwort geworden ist. A. d Uebers- 2⁰0 hätten Flügel wie Grashüpfer und flögen davon. Aber— beschen Sie unterdessen diesen kleinen Schatz.* Mit diesen Worten überreichte er Lovel ein eichenes Kästchen, das an den Ecken mit silber- nen Rosetten verziert war. Er öffnete, da sein Gast nicht damit zurecht kommen konnte, den Deckel, und es ward ein dünner Quartband, in schwarzen Schagrin gebunden, sichtbar. «Hier, lieber Freund,“ begann Oldbuck, se- hen Sie das Werk vor sich, wovon ich Ihnen ge- stern Abend erzählte. Es ist die seltene Quart- ausgabe der Augsburger Confession, die Grundlage und zugleich das Bollwerk der Reformation. Sie ward von dem gelehrten und ehrwürdigen Me- lanchthon entworfen, und von dem Churfürsten von Sachsen nebst andern tapfern Herrn verthei- digt, welche für ihren Glauben aufstanden, selbst gegen einen mächtigen und siegreichen Kaiser, und der nicht minder ehrenwerthe und preiswür- dige Aldobrand Oldenbuck, mein glücklicher Vorfahr, hat sie, während der tyrannischen Ver- suche Philipps II., die Staats- und Religionsfrey- heit zu vertilgen, zum Druck befördert. Ja, lie- ber Lovel, dieser treffliche Mann wurde wegen dieses Drucks von seinem undankbaren Vaterlande verbannt, und muſste seine Laren*) hier in. Monk- *) Die Hausgötter bey den Alten. 201 barns aufstellen, unter den Trümmern des Aber- glaubens und der Herrschaft des Pabstthums. Be- trachten Sie sein ehrwürdiges Bildniſs, und ach- ten Sie die ehrenvolle Beschäftigung, worin es ihn zeigt, wie er selbst an der Presse steht, um christliche und politische Weisheit zu verbreiten- Hier sehen Sie auch sein Lieblingsmotto, das den unabhängigen Sinn und das Selbstvertrauen aus. drückt, welches unverdienter Gunst nichts ver- danken will, und worin sich auch jene geistige Ueberlegenheit und der beharrliche Wille aus- spricht, den Horaz empfiehlt. Er war allerdings ein Mann, der fest gestanden haben würde, wenn auch seine Druckerey, seine Pressen, seine Schrif- ten und Formen— groſs und klein Cicero— um ihn her zersprungen wären. Lesen Sie hier dies Motto, wie denn jeder Buchdrucker seinen Wahlspruch hatte, als die herrliche Kunst erfun- den ward. Meines Ahnherrn Spruch waren die Worte: Kunst macht CGunst; das heiſst, die Geschicklichkeit oder Klugheit, womit wir unsre Naturgaben und Vorzüge benutzen, wird uns Schutz und Cönner verschaffen, selbst wo Vorur- theil oder Unwissenheit sie uns entziehen wollte.“ «Und das bedeuten diese Deutschen Worte?* fragte Lovel, der einige Augenblicke nachden- kend geschwiegen hatte.— «Allerdings. Sie sehen wohl ein, dafs die Worte zu dem Bewußstseyn des innern Werthes 202 und zu der Auszeichnung in einer nützlichen und chrenvollen Kunst passen. Wie gesagt, jeder Buchdrucker hatte damals seinen Wahlspruch, seine Devise, wie man's nennen könnte, eben so gut als die tapfern Ritter, die sich in Turnieren und Lanzenstechen hervorthaten. Mein Ahnherr war so stolz auf seinen Wahlspruch, als hätte er ihn auf einem eroberten Schlachtfelde verkundigt, wiewohl dadurch nur Verbreitung von Kenntnissen, aber keinesweges Blutvergieſsen bezcichnet wurde. Einer Tradition zufolge, die sich in unsrer Familie erhalten hat, bestimmte ihn ein eigentlich ro- mantischer Umstand zur Wahl jenes Motto's.“* «Und der wärebo fragte Lovel. «Je nun, es ist wohl ein kleines Fleckchen auf dem Rufe eines klugen und weisen Mannes, den mein verehrter Ahnherr sonst besaſs. Aber— semel insanivimus omnes— ist doch jeder in sei- nem Leben einmal ein Thor! Man sagt, mein Vorfahr habe sich während seiner Lchrjahre bey einem Abkömmling des alten Fust, den die Volkssage unter dem Namen Faust vom Teufel holen läſst, von einem elenden Weibsen anzie- hen lassen, es sey seines Meisters Tochter, Bertha, gewesen., Sie wechselten Ringe mit einander, oder stellten sonst eine alberne Feyerlichkeit an, wie's bey Lichesversprechungen üblich ist, und Aldobrand ging auf die Wanderschaft, um nach herkömmlicher Sitte durch Deutschland zu reisen 20⁰3 und in den berühmtesten Städten zu arbeiten, ehe man sich häuslich niederliefs. Das war eigent- lich eine weise Einrichtung, da solche Wanderer in jeder Stadt von ihren Zunfigenossen als Brüder aufgenommen wurden, und überall ihre Kennt- nisse vermehren oder sie Andern mittheilen konn- ten. Als nun mein Ahnherr nach Nürnberg zu- rückkehrte, war sein alter Meister, sagt man, s0 eben gestorben, und zwey oder drey junge Wer- ber, worunter wohl ein Paar halb verhungerte Spröſslinge von Adelichen gewesen seyn mögen, wünschten sich mit der Jungfrau Bertha zu ver- mählen, der ihr Vater eine Mitgift hinterlassen hatte, die wohl sechzehn Ahnen die Wage halten konnte. Bertha war aber doch eine Art Muster von einem Weibsbilde, und hatte ein Gelübde gethan, nur dem Manne ihre Hand zu reichen, der an ihres Vaters Presse arbeiten könnte. Das war nun freylich zu jener Zeit keine kleine Auf- gabe, und sie wurde dadurch auf einmal ihre adelichen Freyer los, die eben so leicht mit ei- nem Zauberstab, als mit dem Winkelhaken des Setzers hätten umgehen können. Einige gewöhn- liche Buchdrucker machten einen Versuch; doch keiner war im Besitz des Ceheimnisses. Allein— ich mache Ihnen am Ende Langeweile!“ «Nicht im geringsten, Herr Oldbuck, ver- setzte Lovel; fahren Sie fort. Ich höre mit vie- lem Interesse zu.“* 204 Es sind freylich nur thörichte Dinge. Also: Aldobrand kam in der schlichten Tracht, worin er durch Deutschland gewandert war, und Luther, Melanchthon, Erasmus und andere gelehrte Män- ner besucht hatte, die seine Kenntnisse und die Kraft, mit der er dieselben ausbreitete, nicht gering achteten. Indeſs wollte dasjenige, was in den Augen der Weisheit, Religion und Gelehr- samkeit Achtung verdiente, einem einfältigen und gezierten Weibsbilde, wie sich's denken läſst, wenig behagen, und Bertha wollte ihren ehema- ligen Liebhaber, wie er ihr in dem zerrissenen Wamms, der groben Pelzkappe, den benagelten Schuhen und dem ledernen Schurzfell entgegen- trat, gar nicht wiedererkennen. Er machte in- defs seine Ansprüche geltend, zu der Probe zuge- lassen zu werden, und während die übrigen Wer- ber entweder den Wettstreit von sich gewiesen, oder so schlechte Arbeit geliefert hatten, daſs sie der Teufel selbst nicht hätte lesen können, waren alle Augen auf den Fremden gerichtet. Aldobrand nahte sich bescheiden, fing an zu setzen, ohne einen einzigen Buchstaben, Bindestrich oder Kom- ma auszulassen, und brachte die Lettern in die Form, wobey er nicht ein einziges Spatium ver- rückte. Der abgezogene Probebogen war so rein und fehlerfrey, als ob er eine dreymalige Cor- rectur passirt hätte. Ein allgemeiner Beyfall ward Faust's würdigem Nachfolger zu Theil. Das Mäd- x 205 chen sah erröthend ihren Irrthum ein, daſs sie dem Auge mehrzugetrauthatte, als dem Verstande, und der erwählte Bräutigam erkohr sich hinfort das passende Motto: Kunst macht Gunst.— Doch Sie sind ja wahrlich ganz in sich versunken, lieber Lovel. Ich hab' es Ihnen ja gleich gesagt, dafs das eitles Gewäsche für einen denkenden Mann ist.— Ich will Ihnen nun von meinem Streit über Ossian erzählen.“* «Verzeihen Sie,“ sagte Lovel,«ich mufs in Ih- ren Augen recht albern und veränderlich erschei- nen; Sie waren doch der Meynung, daſs ich, den Regeln der Höflichkeit zufolge, dem Ritter einen Besuch abstatten müfste.“* «Hm! ich kann Sie ja entschuldigen, entgeg- nete Oldbuck. Und überdies, da Sie uns so bald verlassen müssen, was kann es Ihnen ver- schlagen, ob sie bey dem Ritter gut stehen?— Meine Abhandlung über die Lagerkunst— das sag' ich Ihnen gleich im Voraus— ist etwas aus- führlich, und wir werden die Zeit, die uns nach Tische übrig bleibt, wohl damit ausfüllen. Wenn wir daher nicht diese Morgenstunde benutzen, 80 geht der Streit über Ossian für Sie verloren. Wir wollen in meine Immergrün-Laube gehen— He, holla! Juchhe! in die Immergrän-Laube; Zuviel Freundschaft und Lieb' ist ein thörichter Glaube- Aber wahrlich, wenn ich Sie genau betrachte,* fuhr der alte Herr fort, aso scheint'’s mir fast, als ob Sie anderer Meynung wären. Nun denn, von ganzem Herzen Amen! Ich mag mit Niemand um sein Steckenpferd streiten, wenn man nur das meinige nicht umrennt. Wer das thut, der mag nur seine Augen in Acht nehmen. Was sagen Sie? In der Sprache der Welt und der niedern Welikinder, wenn Sie sich so tief herablassen wollen, sagen Sie, sollen wir bleiben oder gehen b“ aIn der Sprache der Selbstsucht denn, die wohl die Sprache der ganzen Welt ist— lassen Sie uns auf alle Fälle gehen.“ «Ja, Amen, Amen, sprach der Graf!"*) sagte Oldbuck vor sich hin, während er seine Pantof- feln gegen ein Paar stark besohlte Schuhe ver- tauschte. Auf dem Wege machte er einen klei- nen Abstecher, um seinem Freunde das Grab Johann von Cirnell's zu zeigen, welcher der letzte Klostervogt von Monkbarns gewesen seyn sollte. Unter einer alten Eiche, auf einem Hügel, der sich nach Süden zu sanft herabsenkte, und eine weite Aussicht auf das Meer darbot, lag ein bemooster *) Ein Vers aus einer Alischottischen Ballade, die Beichte der Königin Eleonore betitelt(Oueen Elia- nor's Confession), die sich in einer Uebersetzung von Ursinus in dessen Belladen und Liedern Altengl. und Altschott. Dichtkunst(Berlin 1777. S. 59) be- fandet. A. d. Uebers. 207 Stein, zum Andenken des würdigen Mannes er- richtet. Oldbuck glaubte die erloschenen Buch- staben der Inschrift deutlich lesen zu können, wiewohl Andere kaum etwas davon erkennen woll- ten. Sie lauteten folgendermafſsen: Johann von Cirnell ruht allhier, F Einst dieser Erde Ruhm und Zier. Zu seiner Zeit legt' jede Henne Eyer, Und viele Kindlein gab's in Hof und Scheuer; Den Scheſfel theilt' er in fünf Viertel; Abt und Zünfte Des Kirchspiels kriegten vier— die Weiber stets das fünfte.* „Nicht wahr, das ist eine bescheidene Grab- schriftP» sagte Oldbuck. Wir lernen daraus, dafs unser ehrsamer Klostervogt aus einem Schef- fel, statt vier Viertel, fünf machen konnte, und das fünfſte den Weibern im Kirchspiel gab; die andern vier aber dem Abt und dem Capitel be- rechnete; dafs zu seiner Zeit die Hennen der Weiber immer Eyer legten, und das dank' ihnen der T— 1, wenn sie ein Fünftel von des Abts Kornzinsen bekamen; und daſs es in ehrlicher Männer Hütten nie an Nachkommen ſchlte, ist ein Zusatz zu dem Wunder, den sie sowohl, als ich, fenhunenindei gefunden haben mögen. Aber lassen wir Johann von Girnell, und gehen weiter! Da sind wir auf dem gelben Sande, und 6 2⁰8 das Meer zicht sich, wie ein geschlagener Feind, von eben dem Boden zurück, auf dem es vorige Nacht zum Kampfe aufforderte.“ Mit diesen Worten ging Oldbuck als Wegweiser voran. Auf den Dünen standen die Hütten eini- ger Fischer, deren Boote, die weit auf das Ge- stade gezogen waren, den Geruch des in der glü- henden Sonne zerschmolzenen Pechs nebst den Ausdünstungen des Abfalls der Fische verbreite- ten, so wie anderer widrigen Dinge, die man gewöhnlich in der Nähe der Schottischen Hütten findet. Ungestört von diesem abscheulichen Dunst- kreise, saſs eine Frau, von mittlern Jahren, mit einem Cesichte, das unzähligen Stürmen Trotz geboten zu haben schien, vor der Thür einer Hütte, und flickte ein Netz. Ein eng um den Kopf ge- wundenes Tuch und ein alter Mannsrock, gaben ihr ein männliches Ansehen, das ihre kräftige, hohe Gestalt und rauhe Stimme noch vermehrte. «Was begehren Eure Gnaden für heute,“ sprach oder schrie sie vielmehr Oldbuck zu.«Frische Schellfische und Weifslinge? Eine Steinbutte oder einen Seehasen P“ «Was soll denn die Steinbutte und der Sechase kostenb „ Vier Schillinge und sechs Pence Silbergeld,* versetzte die Najade. 209 Den Teufel und seine GCrofsmutter dazu!» rief Oldbuck; aglaubt Ihr, ich sey nicht recht bey Verstandebs «Und glaubt Ihr,“» entgegnete das kecke Weib, indem sie ihre Arme in die Seite stemmte.„daſs mein Mann und meinn Süleuc in solchem Weiter, als gestern und heut, hinausgehen, nichts für ihre Fische nehmen sollen, und sich obendrein noch schimpfen lassen? Ihr kauft nicht Fische, sondern Menschenleben.* «Nun, damit wir Handels einig werden, will ich Euch einen Schilling für die Steinbutte und den Scehasen zusammen geben. Wenn Ihr alle Eure Fische so gut bezahlt bekommt, so wird die Reise gut seyn für Euren Mann und Eure Söhne.“ «Ey, so wollt' ich doch lieber, dafs das Boot an der Bell-Klippe zerschlige! Einen Schilling für die zwey köstlichen Fische! Das wär' mir eben recht! «Meinetwegen!“ sagte Oldbuck;«bringt die Fische nach Monkbarns. Da werdet Ihr schon sehen, was meine Schwester Euch dafür geben wird!» «Nein, nein! Da will ich doch lieber mit Euch zu thun haben. Ihr seyd zwar auch genau, aber Fräulein Griselda ist's noch viel mehr. Ich will Euch— fügte sie in sanfterem Tone hinzu— ich will Euch die Fische für viertehalb Schillinge lassen.* 75. 0 Achtzehn Pence— keinen einzigen mehr!“ «Achtzehn Pence!“ rief das Fischweib mit ei- nem Tone lauter Verwunderung, der aber, als sie sah, daſs der Käufer sich wegwandie, halb weinerlich wurde. Dafür kann ich Euch die Fische freylich nicht lassen. Wiſst Ihr was,* fügte sie hinzu, als sie sah, daſs er wirklich An- stalt machte fortzugehen, ich geb’ Euch, wenn Ihr mir vierthalb Schillinge zahlt, noch ein halb Dutzend Crabben in den Kauf, daſs Ihr die Brühe damit anmachen könnt.» 3 Ihr sollt eine halbe Krone haben,“ versetzte Oldbuck. «Ich weiſs schon, Euer Cnaden gehen immer so Ihren eigenen Weg. Mag's also drum seyn; doch einen Schnaps bitt' ich mir aus, der ist jetzt so gut als baar Geld, weil die Branntwein- brennereyen nicht im Cange sind.“ «Und sollen auch nie wieder in Gang kommen, hoff' ich, so lang' ich lebe,“ entgegnete der Al- terthumsforscher. „Nun, Ihr haht freylich gut reden,» sagte die Frau, Ihr und andere vornehme Leute; Ihr habt, so zu sagen, Essen, Trinken und Kleider vollauf, sitzt trocken und gemächlich beym Feuer. Wenn Ihr indeſs kein Feuer hättet und nichts zu essen, und keinen trockenen Faden am Leibe. und Kummer und Herzeleid dazu, was noch bey weitem das schlimmste ist— ja seht, hättet Ihr 211 dann ein Paar Zehrpfennige in der Tasche, da würdet Ihr Euch gern einen Schnaps kaufen, der Euch Feuer und Abendbrod ersetzte, und Euch fröhlich machte bis zum andern Morgen.“ «Nun, das ist allerdings wahr!“ versetzte Old- buck. Ist denn Euer Mann heut wieder auf der See, nach den mühsamen Anstrengungen, die er gestern Abend gehabt hat?“ Allerdings. Heute, früh um vier Uhr, ging es fort. Die See arbeitete wie Gescht, vom ge- strigen Sturme, und unser kleines Boot tanzte darin wie ein Kork.“ Ein fleifsiger Mann ist er, das muſs wahr seyn. Nun, so bringt denn die Fische nach Monkbarns. «Das will ich thun— doch nein! Ich will lie- ber Jenny schicken, die läuft schneller, und den Schnaps will ich mir selbst von Fräulein Criselda ausbitten, und dabey sagen, Ihr hättet's befohlen.* Auf ihren gellenden Ruf erschien ein Mädchen, das man für eine Meerjungfer hätte halten kön- nen, als sie durch eine Pfutze zwischen den Fel- sen watete. Die Alte machte sie vorher anstän- dig, wie sie's nannte, indem sie ihr einen kurzen rothen Mantel über den Unterrock warf, der ihre einzige Bekleidung war, und kaum bis an die Rnie reichte. Jenny trug die Fische in einem Körb- chen fort, nachdem Oldbuck ihr eingeschärft 2 12 hatte, zu sagen, daſs sie für den Mittag zurecht gemacht werden sollten. «Das würde lange gedauert haben,“ sagte er, mit selbstgefälligem Lächeln sich zu Lovel wen- dend,«ehe meine Weibsleute einen so vortheil- haften Handel mit der alten Hexe abgeschlossen hätten, wenn sie gleich manchmal Stunden lang mit dem Weibe unter meinen Fenstern streiten, wie drey Seemöven beym Sturme kreischen und sich anspeyen.— Aber kommen Sie! Hier geht der Weg nach Knockwinnock. 2—BAMbVb——ℳ—ℳõb——ℳ——A— Zwölftes Kapitel. Bettler?— ISst's nicht im Staat der einz'ge Freye? Noch freyer, als Schoſofreye selbst, die kein Gesetz erkennen, keinen Oberherrn, Und nur den Glauben, der auf Satzungen Sich gründet— doch Empörer sind sie nicht. Brome. * Wir wollen mit der gütigen Erlaubniſs des Le- sers unsern beyden Wanderern zuvorkommen, da der[Alterthumsforscher alle Augenblicke stehen blieb, um seinem Gefährten irgend eine Merk- würdigkeit zu zeigen, wodurch, so wie durch seine weitläuftigen örtlichen Beschreibungen, die Wanderung ungemein aufgehalten ward. . Ungeachtet der Beschwerden und Gefahren des vorigen Abends, war Isabella zur gewöhnlichen Zeit aufgestanden, und ging an ihre häuslichen Geschäfte, nachdem sie sich erkundigt hatte, wie sich ihr Vater befände, der zwar nicht unpäſslich, aber so müde war, dafs er das Zimmer hüten wollte. Mit unangenehmen Empfindungen warf Isabella einen Rückblick auf die Ereignisse des vorigen Tages. Sie verdankte ihres Vaters Leben, wie ihr eigenes demjenigen, dem sie unter allen An- dern am wenigsten verbunden zu seyn wünschte, weil sie selbst kaum gewöhnliche Dankbarkeitihm ausdrücken konnte, ohne Hoffnungen aufzuregen, die für Beyde hätten verderblich werden können. «Warum trifft mich das Loos,“ sagte sie zu sich selbst,«dafs mir diese Wohlthaten, mit so viel eigener Gefahr verbunden, von einem Manne erzeigt werden, den ich von seiner Leidenschaft zurückzuschrecken unabläfsig bemüht war. Wa- rum muſste ihm der Zufall diesen Vortheil über mich geben? Warum— ach! warum muſs ein halbunterdrücktes Gefühl in meinem Busen, mei- ner ruhigen Vernunft zum Trotze, doch eine Art von Freude wecken, daſs es ihm gelungen ist? Wüährend sich Isabelle diese Vorwürfe machte, kam, statt ihres jungen Reitters, déssen Anblick sie fürchtete, der alte Bettler die Allee herauf, welcher in dem Schauspiel des vorigen Abends cine so bedeutende Rolle gespielt hatte. Sie klingelte nach dem Kammermädchen und sagte:«Führt den alten Mann herauf.* Das Mädchen kam nach einigen Minuten wie- 215 der zurück. Er will um keinen Preis herauf- kommen,“ versetzte die Zofe;«seine benagelten Schuhe hätten, wie er sagt, noch nie einen Tep- pich berührt, und sollten’'s will's Gott auch nie. Soll ich ihn denn in die Gesindestube führen?n «Nein. Warte! Ich muſs mit ihm sprechen.— Wo ist er 5 fügte sie hinzu, da sie ihn, als er- dem Hause näher kam, aus dem Gesichte verlo- ren hatte. Er sitzt in der Sonne, auf der steinernen Bank im Hofe, neben dem Fenster der Unterstube.² Er soll warten— hörst Dub Ich geh' in die Unterstube, und spreche mit ihm am Fenster.* Sie ging hinunter, und fand den Bettler, halb sitzend, halb liegend, auf der Steinbank. Adam Ochiltree schien sich, ungeachtet er alt und ein Bettler war, doch des günstigen Eindrucks bewufst zu seyn, den seine hohe Gestalt, seine gebiete- rischen Gesichtszüge, sein langer weiſser Bart und sein graues Haupthaar machten. Man pflegte ihn selten anders, als in einer Stellung zu sehen, bey der diese persönlichen Vorzüge sich im besten Lichte zeigten. Wie er jeuzt so da lag auf der Bank, mit den gebräunten, tiefgefurchten Wan- gen, mit dem himmelwärts blickenden scharfen Auge, Wanderstab und Ränzel an seiner Seite, und mit dem Ausdrucke von Klugheit und Ironie in seinen Zügen, während er im Hofe umher- schaute, und dann wieder den Blick emporrich- 2 16 tete— in dieser Situation hätte er wohl einem Künstler zum Modell eines alten Cynischen Wei- sen dienen können, der über die Nichtigkeit menschlicher Bestrebungen und über die Unsicher- heit des zeitlichen Besitzes nachdenkt und zu der Quelle hinaufschaut, aus der alles dauernde Gute allein flieſsen kann. Als Isabellens hohe und schöne Gestalt am offenen, mit einem Citter ver- sehenen Fenster erschien, konnte eine lebhafte Einbildungskraft sie wohl für ein gefangenes Fräu- lein halten, das einem Pilger die Geschichte ih- rer Leiden erzählte, damit er jeden tapfern Ritter, den er auf seinen Wanderungen träfe, auffordern möchte, sie aus ihrem harten Gewahrsam zu be- freyen. Nachdem Isabella mit den freundlichsten Wor- ten dem Bettler ihren Dank bezeigt hatte, den dieser indefs, als weit über sein Verdienst, ab- lehnte, fuhr sie fort in einer Art zu sprechen, welche, wie sie glaubte, für seine Besorgnisse fühlbarer seyn sollte. «Ich weiſs nicht,“" sagte sie,«was mein Vater im Sinne hat, für unsern Retter zu thun; er wird indefs gewiſs die Absicht haben, ihm ein ruhiges und gemächliches Leben zu verschaffen, und wenn Ihr im Schlosse bleiben wollt, so will ich Befehl geben—» Der Alte lächelte und schüttelte den Kopf.«Ich würde,“ sprach er,«Euren zierlichen Dienstbo- 2¹· ten nur zur Last und Schande gereichen, und zur Schande bin ich, so viel mir bewufst ist, noch Niemand gewesen.“ Mein Vater würdestrenge Befehle ertheilen—* „Ihrseyd gitig— schr gütig. Aber es gibt doch Dinge, die ein Herr nicht befehlen kann. Ab- halten könnt' er sie wohl, Hand an mich zu le- gen— und das würden sie, glaub' ich, auch nicht wagen. Auch kann er ihnen wohl gebieten, daſs sie mir meine Suppe und ein Stückchen Fleisch dazu geben sollen. Kann denn aber auch Eures Vaters Wort die böse Zunge oder den Blick des Auges hindern, oder ihnen sagen, daſs sie mir mein Essen mit dem freundlichen Blicke geben sollen, wobey man's so gut verdautfe Oder kann er ihnen die Neckereyen und Stichelreden ver- bieten, die mehr schmerzen, als eine Beleidigung, die gerad' herausgesagt wird? Und überdies mufs ich Euch nur gestehen, ich bin der faulste Kerl, der jemals gelebt hat, kanu mich an gar keine Essen- und Schlafenszeit binden, und würd' nur ein schlechtes Beyspiel in einer ordentlichen Haus- haltung geben.“ «Aber was meynt Ihr denn, Adam, zu einem netten Häuschen und Garten, und zu einem täg- lichen Mittagsbrod, wobey Ihr nichts zu thun hättet, als ein wenig in Eurem Garten zu graben, wenn's Euch gefieleb“ «Und wie oft, mein Fräulein, glaubt Ihr denn 218 dafs das geschehen würden— Vielleicht nicht einmal zwischen Lichtmefſs und Weihnachten- Und wenn ich Alles so sauber um mich hätte, wie Euer Vater selbst, so könnt' ich's doch nicht aushalten, immer an einem Orte zu Dleiben, und immer dieselben Balken und Querhölzer, eine Nacht wie die andere, über meinem Kopfe zu sehen. Dann hab' ich aber auch so meine wunderliche Laune, die sich für einen herumzie- henden Bettler, auf dessen Worte Niemand Acht gibt, allenfalls pafst. Nun hat der Herr Ritter aber auch so seine eigene seltsame Art und Weise. Liefs' ich darüber einmal meinem Scherz und Spott freyen Lauf, so würdet Ihr zürnen, und ich — wär' im Stande, mich zu hängen.“ «O, Ihr sollt alle mögliche Freyheit haben,» versetzte Isabella;«ein ordentliches Leben würde gut für Euch seyn— bedenkt Euer Alter.“ «Je nun, damit hat's noch keine Noth. Bin ich doch noch gestern rüstig genug gewesen, und geschmeidig, wie ein Aal.— Sagt, was würde die ganze Gegend anfangen, wenn der alte Adam Ochiltree fehlte, der die Neuigkeiten und Ge- schichten von einem Gute zum andern trägt, den Mädchen Pfeſferkuchen mitbringt, den Jungen ihre Geigen ausbessert, und den Weibern ihre Pfannen flickt, und Schwerter von Binsen und Grenadiermützen für die Kinder macht, und Fliegenwedel für die Gutsherren, und sich darauf 219 versteht, die Küh' und Pferde zu kurieren, und mehr alte Lieder und Mährchen im Kopf hat, als irgend Jemand, und alle Leute froh macht, wohin er kommt! Nein, wahrlich, liebes Fräu- lein, ich kann mein eigentliches Berufsgeschäft nicht aufgeben— das ganze Land würde darun- ter leiden.* «Nun, Adam, wenn Ihr eine so feste Meynung von Eurer Wichtigkeit hegt, dals selbst die Aus- sicht auf ein unabhängiges Leben sie nicht er- schüttern kann, so—» „Nein, Fräulein, so wie jetzt leb' ich unab- hängiger. Ich bitt in jedem Hause nur um ein Oericht, oder auch nur um einen Bissen; wird's mir hier abgeschlagen— je nun, so bekomm' ich's dort. Und so kann ich wohl sagen, daſs ich nicht von einem Einzelnen abhängig bin, sondern vom ganzen Lande. So gebt mir wenigstens das Versprechen, mir Nachricht zu ertheilen, wann Ihr Euch in Ruhe zu setzen wünscht; wenn Ihr älter werdet und nicht mehr im Stande seyd, im Lande umherzu- wandern. Nehmt einstweilen dies.“ «Nein, mein Fräulein; viel Geld auf einmal darf ich nicht nehmen, das ist gegen unsre Re- gel; und dann— es ist zwar nicht höflich, so was nachzusagen— aber es geht das Gerede: das Geld möchte auch wohl nach und nach rar 220 werden bey dem Herrn Ritter; bey seinem Schau- feln und Graben nach Bley und Kupfer hätte er ziemlich in den Tag hinein gewirthschaftet.“— Isabella hatte selber eine Ahnung davon ge- habt; sie ward indeſs betroffen, da sie hörte, daſs ihres Vaters Verlegenheiten schon im Munde der Leute wären, als ob die Lästerung je eine so willkommene Beute fahren liefse, wie die Fehler der Guten, das Sinken der Mächtigen und der Verfall der Wohlhabenden sind. Sie seufzte tief, und sagte: Nein, Adam, wir haben genug, um unsre Schulden zu bezahlen— mögen die Leute sagen, was sie wollen. Euch aber zu vergelten, ist eine unsrer ersten Schulden, darum bitt' ich Euch, nehmt dies Geld von mir an.* „Damit sie mich am Ende berauben und er- morden auf der Landstraſse! Oder, was eben so schlimm ist, daſs ich in ewiger Furcht leber Ich muſs Euch nur gestehen,“ fugte er leiser hin- zu, mit scharfen Blicken sich umsehend, s0 ganz nackt und blofs bin ich nicht. Sollt' ich auch unter Cottes freyem Himmel sterben, so findet man doch so viel in diesem alten blauen Rock eingenähet, dafſs man mich christlich be- graben kann, und die Bursche und Mädchen auch noch was für die Leichenwache kriegen. So ist für des Bettlers Begräbniſs gesorgt, und mehr brauch' ich nicht. Wenn irgend Jemand 221 von meines Cleichen eine Banknote wechselte, wer zum Henker würde wohl so thöricht seyn, mir noch ein Allmosen zu geben. Wie ein Lauf- feuer würd' es sich schnell durch's ganze Land verbreiten, dafs Adam so was gethan hätte, und wenn er sich das Herz aus dem Leibe stöhnte, Niemand würd' ihm einen Knochen reichen.* So kann ich denn gar nichts für Euch thund* sagte Isabella. O ja. Ich komme immer, mir mein Allmo- sen bey Euch zu holen, wie sonst, und ein Bis- chen Schnupftaback, wenn's mir gerade fehlt, und Ihr könnt auch mit dem Polizeydiener spre- chen, daſs er bey mir ein Auge zudrückt; der gibt dann vielleicht auch dem Müller Nethersta- nes ein gut Wort, daſs er den groſsen Hund an die Kette legt. Aber schlagen soll er das arme Thier nicht— thut es doch nur seine Schuldig- keit, wenn es einen Bettler anbellt. Und dann hätt' ich noch was zu sagen— aber Ihr werdet's am Ende für sehr dreist halten, wenn unser eins davon spricht.* 2 Was ist es, Adam? Wenn's Euch betrifft, so will ich's, falls es in meiner Macht steht, gerne thun.“*— „Es betrifft Euch selbst, und steht in Purer Macht. Ich mufs nur damit herausrücken. Ihr seyd so ein liebes, junges Fräulein, und gut, ☛ 222 auch wohl gelehrt dazu— aber den jungen Lo- vel solltet Ihr doch nicht so stolz von Euch wei- sen, als Ihr's neulich thatet, da Ihr mit ihm am Ufer gingt. Ich sah und hört' Euch Beyde, wenn Ihr mich auch nicht gesehen habt. Seyd doch ein wenig freundlich gegen den jungen Menschen; er hat Euch sehr lieb, und verdankt's ihm, und nicht mir, dafs Ihr mit Eurem Vater gestern glücklich gerettet worden seyd.“ Ersprach diese Worte leise, aber vernehmlich, und ging dann, ohne eine Antwort abzuwarten, zu der Thüre, die in die Gesindestube führte. Isabella blieb einige Augenblicke in der Stel- lung, worin sie des Bettlers letzte Worte gehört haite, an das Fenstergitter gelehnt stehen, und konnte sich nicht überwinden, ein einziges Wort tiber einen so kitzlichen Gegenstand zu sagen— bis sie den Bettler aus dem Gesichte verlor. Es lieſs sich schwer bestimmen, was sie thun sollte. Sehr peinlich war es ihr, daſs ihre Zu- sammenkunft mit dem jungen, unbekannten Frem- den das Geheimniſs eines Mannes aus einer Klasse, unter der sie am wenigsten einen Vertrauten hätte suchen mögen, und dem Neuigkeitskrämer der ganzen Cegend Preis gegeben seyn sollte. Zwar hatte sie keinen Crund zu der Vermuthung, daſs der alte Mann absichtlich etwas, das ihr Gefühl beleidigen könnte, thun werde; doch verrieth * 223 schon die blose Freyheit, die er sich genommen, über einen solchen Gegenstand mit ihr zu spre- chen, den gänzlichen Mangel an Zartgefühl, der sich erwarten lieſs. Was ihm aber nun zu thun oder zu sagen einfiele, daraus würde, wie es ihr schien, sich ein so erklärter Freund der Freyheit unfehlbar kein Gewissen machen. Dieser Gedanke war ihr so empfindlich und unangenehm, daſs sie fast wünschte, Lovels und Ochiltree's dienst- fertigen Beystand am vorigen Abend nicht erfah- ren zu haben. In dieser Gemüthsbewegung erblickte sie plötz- lich Oldbuck und Lovel, welche über den Schlofs- hof kamen. Sie zog sich augenblicklich so weit von dem Fenster zurück, dafs sie, ohne gesehen zu werden, bemerken konnte, wie der Alter- thumsforscher, vor dem Gebäude stehen blei- bend, auf die Wappenschilde der ehemaligen Besitzer deutete, und seinem Begleiter viel Merk- würdiges und Gelehrtes davon erzählte, das aber, wie Isabella aus Lovel's zerstreutem Blicke schlies- sen konnte, für ihn so gut als verloren war. Sie mufste jetzt schnell einen Entschlufs fassen, und gab daher einem Diener, den sie herbeyrief, Be- fehl, die Fremden ins Besuchzimmer zu führen, während sie sich auf einer andern Treppe in ihr Gemach begab, um zu überlegen, wie sie sich am schicklichsten zu betragen habe. 224 Oldbuck und Lovel wurden, Isabellens Befeh- len gemäſs, in das Zimmer geführt, worin man gewöhnlich Gäste zu empfangen pflegte. 4 2